Decision ID: 888552c0-b5c8-4787-9acc-2fb572e8f722
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte schwere Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dietikon vom 10. Juli 2018 (DG180005)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 16. Januar
2018 (Urk. 19) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 45)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der versuchten einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1
Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Vom Vorwurf der mehrfachen versuchten Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Anklage-Ziffer 2.2.) wird der Beschul-
digte freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 21 Monaten Freiheitsstrafe, wovon 15 Tage
durch Haft erstanden sind.
4. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre
festgesetzt.
5. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB für 7 Jahre des
Landes verwiesen.
6. Die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem wird
angeordnet.
7. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger B._
aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist.
Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird der
Privatkläger B._ auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
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8. Auf das Schadenersatzbegehren des Privatklägers B._ im Zusammenhang mit
der geltend gemachten Beschädigung des Autos wird nicht eingetreten.
9. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 1'000.– zuzüglich
5 % Zins ab 27. März 2017 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das
Genugtuungsbegehren abgewiesen.
10. Der am 27. März 2017 durch die Stadtpolizei E._ sichergestellte Radmuttern-
schlüssel (lagernd bei der Bezirksgerichtskasse Dietikon) wird eingezogen und der
Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
11. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 4'500.–; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'500.– Gebühr für das Vorverfahren;
Fr. 2'050.30 Auslagen (Gutachten);
Fr. 200.70 Entschädigung Zeuge.
12. Rechtsanwalt lic. iur. X._ wird für seine Aufwendungen als amtlicher Verteidi-
ger des Beschuldigten aus der Gerichtskasse mit Fr. 14'133.45 (inkl. Barauslagen
und 8.0 % bzw. 7.7 % MwSt.) entschädigt.
13. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten auferlegt.
14. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse genommen;
vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
15. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ für das gesamte Ver-
fahren eine reduzierte Prozessentschädigung von Fr. 2'388.55 (inkl. Barauslagen
und 8.0 % bzw. 7.7 % MwSt.) zu bezahlen.
16. (Mitteilungen.)
17. (Rechtsmittel.)"
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Berufungsanträge: (Prot. II S. 4)
a) der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 66 S. 2 f.)
"1. Der Berufungskläger sei der einfachen Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB sowie der Tätlichkeit im Sinne von Art. 126
Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
2. Eventualiter sei der Berufungskläger der einfachen Körperverletzung mit ei-
nem gefährlichen Gegenstand im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB in
Verbindung mit Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB sowie der Tätlichkeit im Sinne
von Art. 126 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
3. Von den Vorwürfen der versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, der mehrfachen ver-
suchten Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB (Anklage-Ziff. 2.2) und der versuchten einfachen Kör-
perverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB sei der Berufungskläger freizusprechen.
4. Der Berufungskläger sei mit einer Geldstrafe von 240 Tagessätzen
à Fr. 30.– zu bestrafen, wovon ihm 15 Tagessätze, welche er durch Haft er-
standen hat, anzurechnen seien. Von einer Bestrafung des Berufungsklä-
gers in Bezug auf die Tätlichkeit sei Umgang zu nehmen. Eventualiter sei er
hierfür mit einer Busse von Fr. 200.– zu bestrafen.
5. Die Geldstrafe sei aufzuschieben und die Probezeit sei auf zwei Jahre fest-
zusetzen. Eventualiter sei die Busse zu bezahlen.
6. Von der Anordnung einer Landesverweisung sowie einer Ausschreibung der
Landesverweisung im Schengener Informationssystem sei abzusehen.
7. Die Genugtuungs-, Schadenersatz- und Entschädigungsansprüche der
Privatklägerschaft seien abzuweisen.
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8. Die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens seien
dem Berufungskläger zur Hälfte aufzuerlegen, ihm jedoch zu erlassen. Die
Kosten des Berufungsverfahrens, inklusive diejenigen der amtlichen Ver-
teidigung (zzgl. 7.7 % MWST), seien auf die Gerichtskasse zu nehmen."
b) Anschlussberufung der Staatsanwaltschaft (Urk. 51 S. 2, Urk. 67 S. 1)
"1. Der Beschuldigte sei auch der mehrfachen versuchten Drohung im Sinne
von Art. 180 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Anklage-Ziff. 2.2) schul-
dig zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten,
unter Anrechnung der erstandenen Haft von 15 Tagen Dauer.
3. Der Beschuldigte sei im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB für 10 Jahre
des Landes zu verweisen."
c) der Privatklägerschaft B._ (Urk. 52, Urk. 63):
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
1. Mit Urteil der Vorinstanz vom 10. Juli 2018 wurde der Beschuldigte der ver-
suchten schweren Körperverletzung i.S.v. Art. 122 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1
StGB sowie der versuchten einfachen Körperverletzung i.S.v. Art. 123 Ziff. 1
Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gesprochen. Vom Vorwurf der
mehrfachen versuchten Drohung (Anklage-Ziffer 2.2.) wurde er freigesprochen.
Der Beschuldigte wurde mit 21 Monaten Freiheitsstrafe bestraft, wovon 15 Tage
durch Haft erstanden sind. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wurde aufgeschoben
und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt. Weiter wurde der Beschuldigte für
7 Jahre des Landes verwiesen und es wurde die Ausschreibung der Landes-
verweisung im Schengener Informationssystem angeordnet. Der Beschuldigte
wurde zur Leistung einer Genugtuung in Höhe von Fr. 1'000.– sowie zur Ausrich-
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tung einer reduzierten Prozessentschädigung von Fr. 2'388.55 an den Privatklä-
ger B._ verpflichtet. Ferner wurde festgestellt, dass der Beschuldigte gegen-
über dem Privatkläger aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach
schadenersatzpflichtig sei, wobei Letzterer zur genauen Feststellung des Umfan-
ges des Schadenersatzanspruchs auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen
wurde. Auf ein weiteres Schadenersatzbegehren des Privatklägers im Zusam-
menhang mit der Beschädigung des Autos wurde nicht eingetreten (Urk. 45).
2. Gegen das vorinstanzliche Urteil liess der Beschuldigte am 11. Juli 2018
fristgerecht Berufung anmelden (Urk. 36) und am 15. Februar 2019 die Be-
rufungserklärung einreichen (Urk. 47, vgl. Urk. 44/2). In der Folge erhob die
Staatsanwaltschaft mit Schreiben vom 21. Februar 2019 innert angesetzter Frist
Anschlussberufung (Urk. 51), während der Privatkläger B._ auf eine An-
schlussberufung mit Schreiben vom 12. März 2019 verzichten liess (Urk. 52).
3. Zur heutigen Berufungsverhandlung erschienen der Beschuldigte in Beglei-
tung seines amtlichen Verteidigers und der Staatsanwalt. Die Parteien liessen die
eingangs erwähnten Anträge stellen (Prot. II S. 4).
II. Prozessuales
1. Umfang der Berufung
Nach Art. 399 Abs. 4 StPO kann die Berufung auf einzelne Urteilspunkte einge-
schränkt werden. Eine isolierte Anfechtung des Schuldpunktes ist indes nicht
möglich: Bei einem Antrag auf Freispruch gelten für den Fall der Gutheissung au-
tomatisch auch die mit der Tat untrennbar zusammenhängenden Folgepunkte des
Urteils (z.B. Sanktion, Zivilpunkt, Kostenfolgen) als angefochten, also alle Punkte
nach Art. 399 Abs. 4 lit. b - g StPO. Bestätigt das Berufungsgericht den Schuld-
punkt, sind die weiteren Urteilspunkte – soweit nicht explizit angefochten – nicht
zu überprüfen (vgl. SCHMID, StPO Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, Art. 399 N 18;
BSK StPO-EUGSTER, 2. Aufl. 2014, Art. 399 N 7).
Der Beschuldigte ficht folgende Punkte des erstinstanzlichen Urteilsdispositivs an:
die Schuldsprüche betreffend versuchte schwere Körperverletzung und versuchte
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einfache Körperverletzung (Disp. Ziff. 1), die ausgefällte Freiheitsstrafe
(Disp. Ziff. 3) und damit zusammenhängend deren Aufschub unter Ansetzung ei-
ner Probezeit (Disp. Ziff. 4), das Ausfällen der Landesverweisung (Disp. Ziff. 5)
sowie die Ausschreibung im Schengener Informationssystem (Disp. Ziff. 6). Wei-
ter wird die vorinstanzliche Regelung der Zivilforderungen (Disp. Ziff. 7 und 9) so-
wie der Kosten- und Entschädigungsfolgen (Disp. Ziff. 13 bis 15) angefochten
(vgl. Urk. 47 S. 2).
Die Staatsanwaltschaft ficht mit der Anschlussberufung den vorinstanzlichen Frei-
spruch vom Vorwurf der mehrfachen versuchten Drohung (Disp. Ziff. 2), die Sank-
tion (Disp. Ziff. 3 und 4) sowie die Dauer der ausgefällten Landesverweisung
(Disp. Ziff. 5) an (Urk. 51 S. 2, Urk. 67 S. 1).
Unangefochten und damit in Rechtskraft erwachsen sind mithin folgende Punkte
des vorinstanzlichen Urteils (vgl. Prot. II S. 6): Das Nichteintreten auf das Scha-
denersatzbegehren des Privatklägers B._ im Zusammenhang mit der geltend
gemachten Beschädigung des Autos (Disp. Ziff. 8), die Einziehung und Vernich-
tung des sichergestellten Radmutternschlüssels (Disp. Ziff. 10), die erstinstanzli-
che Kostenfestsetzung (Disp. Ziff. 11), sowie die Festsetzung der Entschädigung
des amtlichen Verteidigers (Disp. Ziff. 12). Dies ist vorab mittels Beschluss fest-
zustellen.
2. Verwertbarkeit der Aussagen des Beschuldigten
2.1. Der amtliche Verteidiger macht wie schon vor Vorinstanz geltend, die
polizeiliche Einvernahme vom 27. März 2017 und die staatsanwaltschaftliche
Hafteinvernahme vom 28. März 2017 seien nicht zu seinen Lasten verwertbar,
weil der Beschuldigte trotz erkennbar notwendiger Verteidigung nicht anwaltlich
vertreten gewesen sei. Die Erkennbarkeit der Notwendigkeit der Verteidigung be-
gründet der amtliche Verteidiger damit, dass nach der polizeilichen Einvernahme
des (späteren) Zeugen C._ eine Untersuchung hätte eröffnet werden müs-
sen. Bereits in jenem Zeitpunkt – mithin noch vor der ersten Einvernahme des
Beschuldigten – habe ein hinreichender Tatverdacht gegen den Beschuldigten im
Sinne von Art. 309 Abs. 1 lit. a StPO vorgelegen. Der Beschuldigte sei denn auch
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als Beschuldigter und der Privatkläger als Geschädigter einvernommen worden;
die Beschuldigtenstellung des Beschuldigten habe somit bereits festgestanden
(vgl. Urk. 34 S. 11; Urk. 66 S. 4 ff.).
2.2. Die Staatsanwaltschaft bringt demgegenüber vor, die polizeiliche Einver-
nahme vom 27. März 2017 sei verwertbar; es sei nicht ersichtlich, weshalb eine
Verteidigung anlässlich der ersten polizeilichen Befragung des Beschuldigten
notwendig gewesen sein soll, zumal es hierfür an einer gesetzlichen Grundlage
fehle. In Bezug auf die Verwertbarkeit der staatsanwaltschaftlichen Haftein-
vernahme vom 28. März 2017 hält der Staatsanwalt fest, seither habe sich die
bundesgerichtliche Rechtsprechung geändert. Diese Aussagen könnten den Be-
schuldigten ohnehin nicht überführen, habe er doch in dieser Einvernahme den
Sachverhalt geleugnet. Auch brauche die Hafteinvernahme nicht zu Lasten des
Beschuldigten verwertet zu werden, um seinen Vorsatz hinsichtlich der versuch-
ten schweren Körperverletzung zu erstellen. Gemäss dem von der Verteidigung
angeführten Entscheid des Obergerichts Zürich, SB160241, dürfe als allgemein
bekannt vorausgesetzt werden, dass der Kopf einen der empfindlichsten Körper-
teile eines Menschen darstelle und ein dagegen ausgeführter heftiger Schlag mit
einer Metallstange zu schweren und unter Umständen gar gravierendsten Ver-
letzungen führen könne (Prot. II S. 8).
2.3. Die Vorinstanz erwog mit zutreffender Begründung (Urk. 45 S. 7 ff.), die
polizeiliche Einvernahme sei verwertbar, während die staatsanwaltschaftliche
Einvernahme nicht zu Lasten des Beschuldigten verwertbar sei. Auf diese Aus-
führungen kann in Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO vorab verwiesen werden.
Erneut ist festzuhalten, dass die Befragung des Beschuldigten vom 27. März 2017
im Rahmen des polizeilichen Ermittlungsverfahrens (Art. 306 StPO) erfolgte. Die
Einvernahme begann um 14.55 Uhr und fand damit vor den bzw. in Unkenntnis
der Aussagen des Privatklägers statt, dessen Einvernahme um 15.26 Uhr begann
(vgl. Urk. 3/1 und 4/1). Bei der ersten polizeilichen Befragung ging es darum, ob
der Beschuldigte überhaupt an der fraglichen Auseinandersetzung beteiligt war
und welche Rolle er dabei spielte. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass
es sich um einen Fall notwendiger Verteidigung handeln könnte. Die ermittelnde
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Polizei wusste zwar schon damals, dass der Privatkläger eine Kopfverletzung er-
litten hatte, weshalb er mit der Ambulanz ins Spital gebracht wurde. Sie konnte
aber erst nach der Befragung der Personen davon ausgehen, dass der Beschul-
digte verdächtigt wird. Dass C._, der vor dem Beschuldigten einvernommen
worden war, sich im weiteren Verlauf der Untersuchung nicht als Beschuldigter,
sondern als Zeuge entpuppte, ändert daran nichts. Die zur Eröffnung einer Straf-
untersuchung erforderlichen tatsächlichen Hinweise auf eine strafbare Handlung
müssen erheblich und konkreter Natur sein. Blosse Gerüchte oder Vermutungen
genügen nicht. Der Anfangsverdacht muss auf einer plausiblen Tatsachengrund-
lage beruhen, aus welcher sich die konkrete Möglichkeit der Begehung einer
Straftat ergibt (BGE 141 IV 87 E. 1.3.1; Urteile des Bundesgerichtes 6B_833/2019
vom 10. September 2019 E. 2.4.2 und 6B_798/2019 vom 27. August 2019 E. 3.2
je mit Hinweisen). Eine Strafuntersuchung hätte somit entgegen der Verteidigung
nicht bereits nach der polizeilichen Einvernahme von C._ eröffnet werden
müssen. Der Verwertbarkeit der polizeilichen Einvernahme vom 27. März 2017
steht daher nichts entgegen.
2.4. Demgegenüber kannte die Staatsanwaltschaft anlässlich der Einvernahme
vom 28. März 2017 die konkreten Vorwürfe, welche auch heute in die Anklage
einflossen. Sie warf dem Beschuldigten konkret vor, Todesdrohungen ausgestos-
sen zu haben und mit dem Werkzeug hinter seinen Körper ausgeholt zu haben,
um dem Privatkläger kraft- und schwungvoll von oben herab auf den Schädel zu
schlagen. Er habe noch mindestens zwei weitere Male gegen den Kopf des Pri-
vatklägers schlagen wollen, dieser habe die Schläge jedoch zuerst mit dem linken
und dann mit dem rechten Arm abgefangen (Urk. 3/2 S. 4). Es liegt mit der Vor-
instanz auf der Hand, dass damit der Vorwurf einer zumindest versuchten schwe-
ren Körperverletzung erhoben und eine überjährige Freiheitsstrafe zur Diskussion
stand. Ein Verzicht auf Wiederholung im Sinne von Art. 131 Abs. 3 StPO liegt
nicht vor. Mithin ist die Hafteinvernahme vom 28. März 2017 mit der Vorinstanz
nicht zu Lasten des Beschuldigten verwertbar. Wie nachfolgend darzulegen sein
wird, ändert dies jedoch an der Erstellbarkeit des inneren Sachverhaltes nament-
lich hinsichtlich der versuchten schweren Körperverletzung nichts.
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3. Verwertbarkeit der Aussagen des Privatklägers
3.1. Wie schon vor Vorinstanz machte der amtliche Verteidiger weiter geltend,
die am 27. März 2017 erfolgten Aussagen des Privatklägers dürften nicht zu Las-
ten des Beschuldigten verwertet werden. Diese seien unter Verletzung seiner
Teilnahmerechte erfolgt. Zur Begründung dieser Verletzung führt der amtliche
Verteidiger im Berufungsverfahren nunmehr aus, es habe sich um eine delegierte
polizeiliche Einvernahme gehandelt, weil der Zeitpunkt für die Eröffnung der Stra-
funtersuchung bereits vor dieser Einvernahme des Privatklägers gewesen sei.
Daher finde die Bestimmung von Art. 147 StPO Anwendung (Urk. 34 S. 13 f.;
Urk. 66 S. 6 f.).
3.2. Die Vorinstanz hatte diesen Einwand mit zutreffender Begründung verworfen
(Urk. 45 S. 6), worauf in Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO vorab verwiesen
werden kann. Erneut ist festzuhalten, dass der Privatkläger noch am Tag des Vor-
falls (27. März 2017) polizeilich als Auskunftsperson einvernommen wurde. Es
versteht sich von selbst, dass bis zu dessen Aussage keine Veranlassung be-
stand, den Beschuldigten an der Einvernahme teilnehmen zu lassen. Wie soeben
dargelegt (vgl. oben E. 2.3) befand sich das Verfahren im damaligen Zeitpunkt im
polizeilichen Ermittlungsverfahren, in welchem die Polizei die geschädigten und
tatverdächtigen Personen zu ermitteln und zu befragen hat (Art. 306 Abs. 2 lit. b
StPO). Bei diesen selbständigen Ermittlungen besteht kein Anspruch auf Partei-
öffentlichkeit (BGE 139 IV 25 E. 5.4.3). Auch ist dem Staatsanwalt darin zuzu-
stimmen, dass mangels entsprechenden Auftrags der Staatsanwaltschaft an die
Polizei keine delegierte Einvernahme des Privatklägers im Sinne von Art. 312
Abs. 1 und 2 StPO i.V.m. Art. 306 Abs. 3 StPO vorliegt (vgl. Prot. II S. 9). Ent-
sprechend findet Art. 147 StPO hier keine Anwendung (Art. 147 Abs. 1 Satz 2
StPO). Mangels Teilnahmerechten des Beschuldigten wurden solche somit nicht
verletzt. Im Übrigen verwies die Vorinstanz zu Recht auf die Einvernahme des
Privatklägers vom 10. April 2017 (Urk. 4/2), bei welcher der Beschuldigte audio-
visuell zugeschaltet war, Gelegenheit zur Stellung von Ergänzungsfragen erhielt
und die früheren Aussagen bekräftigte (vgl. Urk. 4/2). Die Aussagen des Privat-
klägers vom 27. März 2017 sind daher mit der Vorinstanz verwertbar.
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III. Sachverhalt
1. Vorgeschichte
Am 27. März 2017, ca. 13.00 Uhr, kam es zwischen dem Beschuldigten und dem
Privatkläger auf der D._-strasse ... in E._ [Ort] zu einer Auseinander-
setzung, weil sich die beiden Autolenker als durch den anderen unrechtmässig
eingeschränkt erachteten. Der Beschuldigte wollte seinen Personenwagen rück-
wärts aus einem Parkplatz in den Verkehr einfügen, während der Privatkläger an
dessen Heck vorbeifahren wollte, ihm jedoch den Weg versperrte. Die weiteren
Umstände bilden den Gegenstand des vorliegenden Verfahrens.
2. Anklagevorwürfe
2.1. Anklageziffer 2.1
Dem Beschuldigten wird zusammengefasst vorgeworfen, er sei nach gegensei-
tigen beleidigenden Gesten und Gebärden aus seinem Fahrzeug ausgestiegen,
an die Fahrerseite des Fahrzeugs des Privatklägers getreten und habe diesen
durch das offene Fenster mit der Faust ins Gesicht und gegen den Kopf geschla-
gen. Der Privatkläger habe dadurch eine Jochbogenprellung links, eine Prellung
hinter dem Ohr sowie eine kleine Rissquetschwunde im Mundbereich erlitten.
2.2. Anklageziffer 2.2
In der Folge sei der Privatkläger aus dem Fahrzeug gestiegen, worauf ihm der
Beschuldigte mehrere Male, zuerst auf Türkisch, gesagt habe, er ficke die Mutter
und die Frau des Privatklägers. Er schneide ihm den "Schwanz" (Penis) ab. Un-
gefähr ein halbes Dutzend Male habe er gesagt, er werde ihn (den Privatkläger)
umbringen. Der Privatkläger habe sich jedoch dadurch nicht beeindrucken lassen
und auch keine Angst dadurch verspürt.
2.3. Anklageziffer 2.3
Schliesslich sei es zwischen den beiden Männern zu einer gegenseitigen tätlichen
Auseinandersetzung gekommen. Der Beschuldigte sei dann zu seinem Perso-
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nenwagen geschritten und habe einen am Ende abgebogenen, eisernen Rad-
mutternschlüssel von ca. 310 mm Länge und ca. 465 Gramm Gewicht geholt und
sei damit zum Privatkläger getreten. Der Beschuldigte habe den Radmuttern-
schlüssel angehoben, hinter seinen Körper ausgeholt und damit dem Privatkläger
kraft- und schwungvoll von oben herab auf den Kopf geschlagen und am linken
Schädelbereich getroffen. In der Folge habe er damit mindestens zwei weitere
Male auf den Kopf des Privatklägers geschlagen. Als der Privatkläger vor den
Schlägen zurückgewichen sei, habe der Beschuldigte noch mindestens zwei wei-
tere Schläge gegen den Kopf ausgeführt. Dem Privatkläger sei es jedoch gelun-
gen, diese mit den Armen abzuwehren, wodurch er zuerst am linken und dann am
rechten Handgelenk getroffen worden sei. Dadurch habe der Beschuldigte dem
Privatkläger eine Rissquetschwunde ca. 3 cm vom Scheitel und Prellungen an
beiden Handgelenken zugefügt.
2.4. Anklageziffer 2.4
Und weiter wirft die Staatsanwaltschaft dem Beschuldigten vor, er habe "zu den
Schlägen" weitere Male zum Privatkläger sinngemäss gesagt, dass er ihn töten
werde. Diese Drohungen habe der Privatkläger angesichts der erfolgten Schläge
nun ernst genommen und befürchtet, weitere Gewalt durch den Beschuldigten zu
erfahren.
3. Standpunkt des Beschuldigten
In seiner Befragung an der Berufungsverhandlung schilderte der Beschuldigte
den Ablauf der Ereignisse bis zum Aussteigen des Privatklägers aus dessen Auto
anders als in seinen bisherigen Ausführungen. So gab er zwar wie bisher an, er
habe den Parkplatz mit seinem Wagen rückwärts verlassen wollen, worauf der
Privatkläger herangefahren sei. Der Beschuldigte brachte jedoch erstmals vor, er
habe dem Privatkläger dann mit seinem Zeigefinger verständlich machen wollen,
dass dieser wegfahren solle. Daraufhin habe dieser über ihn geflucht und ihm
dann den Mittelfinger gezeigt. Der Beschuldigte schilderte wie bisher, der Privat-
kläger sei nicht weggefahren, weshalb er zurück auf das Parkfeld gefahren sei. Er
sei ausgestiegen, weil der Privatkläger nicht weggefahren sei, und habe zu ihm
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gesagt, er habe freie Fahrt, weshalb er nicht wegfahre. Er sei in der Folge vom
Privatkläger auf Kurdisch heftig beschimpft worden. Neu führte der Beschuldigte
jedoch aus, der Privatkläger habe gesagt, wenn er jetzt aussteige, werde er (der
Privatkläger) ihn (den Beschuldigten) töten; weil der Privatkläger so mit ihm gere-
det habe, habe er (der Beschuldigte) Angst bekommen. Der Beschuldigte blieb
dabei, dass er dem Privatkläger lediglich einen Faustschlag verpasst und ihm ge-
sagt habe, er solle nicht fluchen (vgl. Prot. II S. 6-9 mit Prot. I S. 7 und Urk. 3/3
S. 3 sowie Urk. 1/3).
Auch den weiteren Verlauf nach dem Aussteigen des Privatklägers schilderte der
Beschuldigte anders, als in seinen bisherigen Darstellungen. So führte der Be-
schuldigte aus, der Privatkläger habe dann begonnen, sich mit seiner Frau zu
streiten. Auch führte der Beschuldigte nicht mehr aus, er habe gewartet und der
Privatkläger sei auf ihn losgegangen. Vielmehr räumte er ein, zum Auto zurück-
gegangen zu sein, den Schraubenschlüssel mitgenommen zu haben und damit
zum Privatkläger gegangen zu sein (vgl. Prot. II S. 9 f. mit Prot. I S. 9 und Urk. 3/3
S. 3).
Er habe dann den Radmutternschlüssel (zeitweise als Fahrzeugschlüssel oder
Schraubenschlüssel bezeichnet) in die Hand genommen und diesen dem Privat-
kläger gezeigt, um ihn einzuschüchtern bzw. um ihn davon abzuhalten, auf ihn
loszugehen. Er habe den Privatkläger nicht absichtlich mit dem Radmuttern-
schlüssel auf den Kopf geschlagen und erst später festgestellt, dass dieser geblu-
tet habe. Auf die Frage, ob der Privatkläger ihn vor dem Schlag mit dem Radmut-
ternschlüssel angegriffen habe, führte der Beschuldigte jedoch aus, der Privatklä-
ger habe immer angegriffen (vgl. Prot. II S. 10; Urk. 3/3 S. 3).
Der Beschuldigte blieb dabei, keine Drohungen ausgesprochen zu haben (Prot. II
S. 7; Prot. I S. 8; Urk. 3/3). Vielmehr brachte er an der Berufungsverhandlung vor,
der Privatkläger habe zu ihm gesagt, wenn er jetzt aussteige, werde er ihn (den
Beschuldigten) töten (Prot. II S. 9).
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4. Rechtliches
Zu den allgemeinen Beweiswürdigungsregeln ist auf die zutreffenden Ausführun-
gen der Vorinstanz zu verweisen (vgl. Urk. 45 S. 11 ff.). Erneut ist festzuhalten,
dass das Gericht die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Verfahren ge-
wonnenen Überzeugung würdigt (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen unüberwindliche
Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der angeklagten Tat,
so geht das Gericht von der für die beschuldigte Person günstigeren Sachlage
aus (Art. 10 Abs. 3 StPO).
Im Bereich rechtfertigender Tatsachen müssen die Behauptungen des Beschul-
digten trotz fehlender Beweislast plausibel sein, d.h. es muss ihnen eine gewisse
Überzeugungskraft zukommen. Zumindest bedarf eine entlastende Behauptung
gewisser Anhaltspunkte, sei es in Form konkreter Indizien oder einer natürlichen
Vermutung für die Wahrheit einer Darstellung, damit sie als Entlastungstatsache
dem Urteil zugrunde gelegt wird. Ein strikter Beweis kann nicht verlangt werden,
die Behauptung muss aber glaubhaft sein. Wenn die belastenden Beweise nach
einer Erklärung rufen, welche der Beschuldigte eigentlich geben können müsste,
dies jedoch nicht tut, darf der Schluss gezogen werden, es gebe keine mögliche
Erklärung. Nichts anderes kann gelten, wenn der Beschuldigte zwar eine Erklä-
rung gibt, diese aber unglaubhaft oder gar widerlegt ist. Der Grundsatz "in dubio
pro reo" zwingt somit nicht dazu, jede entlastende Angabe des Beschuldigten, für
deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit kein spezifischer Beweis vorhanden ist, als
unwiderlegt zu betrachten. Nicht jede aus der Luft gegriffene Schutzbehauptung
braucht durch einen hieb- und stichfesten Beweis widerlegt zu werden (vgl. Be-
schlüsse des KG ZH vom 5. Oktober 2005, Nr. AC050005 und vom 3. September
1991, Nr. 91/177S; Pra 90 [2001] Nr. 110 S. 643, vgl. auch Urteil des Bundes-
gerichtes 6B_416/2012 vom 26. Oktober 2012, E. 1.3).
5. Würdigung
5.1. Festgestellte Verletzungen
Vorab ist festzuhalten, dass der Privatkläger noch am 27. März 2017, dem Tag
der Auseinandersetzung, durch Ärzte des Spitals ... untersucht und behandelt
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wurde. Bereits mit Schreiben vom 30. März 2017 berichteten die Ärzte auf Anfra-
ge der Staatsanwaltschaft vom 28. März 2017 von den beim Privatkläger festge-
stellten Verletzungen: "Rissquetschwunde ca. 3cm vom Scheitel, Jochbogenprel-
lung links, Prellung hinter dem Ohr rechts nach Fusstritt". Das Vorliegen der in der
Anklage weiter erwähnten kleinen Rissquetschwunde im Mundbereich wurde
nicht erwähnt. Dasselbe gilt für die angeklagten Prellungen an den Handgelenken
(vgl. Urk. 6/4).
Die Ansicht der Verteidigung vor Vorinstanz, der Bericht enthalte keine Unter-
schrift vom Chefarzt und sei lediglich provisorisch und vor kaderärztlichem Visum
ausgestellt (Urk. 34 S. 6; Urk. 66 S. 13) ist mit Blick auf den entsprechenden, bei
den Akten liegenden Bericht unzutreffend. Er ist von med. prakt. F._ (Assis-
tenzarzt ... [Abteilung]) und von Dr. med. G._ (Chefarzt ... [Abteilung]) vor-
behaltlos unterzeichnet (vgl. Urk. 6/4). Entgegen der Ansicht der Verteidigung ist
auf den entsprechenden Bericht abzustellen. Daran ändert auch ihr Hinweis
nichts, dass auf dem Fotobogen der Polizei im Gesicht des Privatklägers keinerlei
Verletzungen zu erkennen seien (Urk. 34 S. 6) und eine Prellung hinter dem Ohr
auf dem Foto nicht erkennbar sei (Urk. 34 S. 7). So sind auf den Fotos nur relativ
deutliche Verletzungen zu erkennen, namentlich die Rötung hinter dem Ohr
(Urk. 1/2 S. 6), eine blutende Verletzung am Kopf (Urk. 1/2 S. 4) und eine leichte
Rötung am Handgelenk (Urk. 1/2 S. 8). Die Fotodokumentation dient nicht der
präzisen medizinischen Dokumentation, sondern soll eine grobe Übersicht ermög-
lichen. Soweit die Verteidigung ausführt, eine Prellung sei nicht erkennbar, son-
dern lediglich Kratzer, verkennt sie, dass die Ärzte den Privatkläger unmittelbar
und persönlich untersuchten. Die Beurteilung bestimmter Verletzungen ist ent-
sprechenden Spezialisten – hier den Ärzten – zu überlassen. Die laienhafte Mei-
nung des Rechtsvertreters anhand von Fotographien vermag diese Einschätzung
offenkundig nicht in Frage zu stellen. Lediglich der guten Ordnung halber ist fer-
ner darauf hinzuweisen, dass vom Jochbogen keine Aufnahme erstellt wurde.
Das frontal aufgenommene Gesicht des Privatklägers (Urk. 1/2 S. 5) schliesst je-
denfalls eine entsprechende Rötung/Schwellung nicht aus. Mit anderen Worten
lässt sich aus der Fotodokumentation entgegen der Ansicht der Verteidigung nicht
- 16 -
schliessen, die Ärzte hätten Verletzungen festgestellt, welche in Tat und Wahrheit
nicht vorlagen.
Es ist aufgrund der zeitlichen Nähe ohne Weiteres davon auszugehen, dass die
Jochbogenprellung links von dem vom Beschuldigten eingestandenen Faust-
schlag stammt und die Rissquetschwunde von dem vom Beschuldigten einge-
standenen Schlag mit dem Radmutternschlüssel.
Die Verteidigung weist jedoch zu Recht darauf hin (Urk. 34 S. 6 f.; Urk. 66 S. 13),
dass die behandelnden Ärzte die vom Privatkläger geltend gemachte Riss-
quetschwunde im Mundbereich nicht erkannten und auch der Privatkläger selbst
mutmasste über deren Ursprung durch einen Faustschlag des Beschuldigten
(Urk. 4/2 S. 12). Zudem soll gemäss dem erwähnten Bericht die angeklagte Prel-
lung hinter dem rechten Ohr nach einem Fusstritt entstanden sein (Urk. 6/4 S. 1).
Zum einen wurde nicht behauptet, es habe einen Fusstritt gegeben. Zum anderen
lässt sich – wie sogleich darzulegen sein wird – ohnehin lediglich ein einziger
Faustschlag ins Gesicht des Privatklägers erstellen. Vor diesem Hintergrund ver-
bleiben angesichts der erstellten Jochbogenprellung links unüberwindliche Zweifel
an einem Kausalzusammenhang zwischen diesem Faustschlag und der Prellung
hinter dem rechten Ohr. Dasselbe gilt für die vom Privatkläger geltend gemachte
Rissquetschwunde im Mundbereich.
Unter diesen Umständen ist entgegen der Ansicht der Vorinstanz nicht erstellt,
dass der Beschuldigte dem Privatkläger eine Rissquetschwunde im Mundbereich
und eine Prellung hinter dem rechten Ohr zugefügt hat.
Dasselbe gilt für die weiter angeklagte Prellung an den Handgelenken. Aus den
Fotos ist zwar eine Rötung auf einem Handgelenk ersichtlich, es ist jedoch auch
hier auf die massgeblichen Feststellungen bzw. nicht erfolgten Feststellungen der
Ärzte abzustellen, welche den Privatkläger unmittelbar untersuchten. Ent-
sprechend ist nicht erstellt, dass der Privatkläger aus der Auseinandersetzung
Prellungen an einem oder beiden Handgelenken erlitt.
- 17 -
5.2. Massgebliche Aussagen
Die Vorinstanz hat die massgeblichen Aussagen des Beschuldigten, des Privat-
klägers, des Zeugen C._ und der Zeugin H._ (der Ehefrau des Beschul-
digten) korrekt wiedergegeben, worauf vorab verwiesen werden kann (Urk. 45
S. 14 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Sie kam im Wesentlichen zum Schluss, die Aus-
sagen des Beschuldigten und der Zeugin H._ seien unglaubhaft, während
jene des Privatklägers und des Zeugen C._ sie überzeugten. Obwohl der
Zeuge C._ lediglich von einem Schlag berichtet habe, überzeugten die
glaubhaften Aussagen des Privatklägers. Der Zeuge C._ habe das Gesche-
hen von einer gewissen Distanz beobachtet und auch die übrigen Verletzungen –
der Verletzung an der Lippe und am Jochbeinbogen – deuteten auf mehrere
Schläge hin, wobei zu Gunsten des Beschuldigten nach einem Schlag gegen das
Jochbein lediglich von einem zweiten Schlag von geringerer Heftigkeit gegen die
Lippe des Privatklägers auszugehen sei (vgl. Urk. 45 S. 18 f.).
Dieser Auffassung kann nicht gefolgt werden. Wie erwähnt lässt sich nicht er-
stellen, dass der Privatkläger eine Rissquetschwunde an der Lippe aus der Aus-
einandersetzung mit dem Beschuldigten erlitt. Die behandelnden Ärzte stellten
eine solche Verletzung am Mund nicht fest und auch der Privatkläger kann sich
an ihren Ursprung nicht erinnern. Entsprechend kann auch nicht mit rechts-
genügender Sicherheit davon ausgegangen werden, dass eine solche Verletzung
in der Auseinandersetzung erlitten wurde.
Auch wenn in diesem Punkt der Darstellung des Beschuldigten gefolgt wird, wo-
nach er lediglich einmal zugeschlagen habe, ist festzuhalten, dass dessen ge-
samte Aussagen keineswegs genügend zuverlässig und glaubhaft erscheinen,
um den Sachverhalt anhand von ihnen zu erstellen. Der Beschuldigte schilderte
das Vorgefallene detailarm, verharmlosend und lückenhaft. Aus seinen Aus-
führungen kann nicht nachvollzogen werden, weshalb er sich veranlasst sah, den
im Fahrzeug sitzenden Privatkläger ins Gesicht zu schlagen. Ihm drohte keine er-
kennbare Gefahr durch diesen. Dasselbe gilt im Übrigen auch für den Schlag mit
dem Radmutternschlüssel, den er aus Furcht vor dem nunmehr stehenden Privat-
kläger ausgeführt haben will. In seiner Einvernahme an der Berufungsverhand-
- 18 -
lung führte der Beschuldigte zwar (erstmals) aus, der Privatkläger habe gesagt,
wenn er jetzt aussteige, würde er ihn (den Beschuldigten) töten (vgl. Prot. II S. 9).
Der Beschuldigte räumte aber ein, den Radmutternschlüssel im Auto geholt zu
haben und damit zum Privatkläger gegangen zu sein. Dies steht im Widerspruch
zu seinen Ausführungen vor Vorinstanz (vgl. Prot. I S. 9), wonach er zum Auto
gegangen sei, den Radmutternschlüssel in die Hand genommen und dort ge-
wartet habe, bis der Privatkläger auf ihn losgegangen sei. Die Aussagen des Be-
schuldigten, er habe sich mit dem Radmutternschlüssel lediglich schützen wollen
und der Privatkläger habe gesagt, wenn er jetzt aussteige, werde er ihn (den Be-
schuldigten) töten, sind vor diesem Hintergrund als Schutzbehauptungen zu quali-
fizieren. Aus den Ausführungen des Beschuldigten erhellt nicht, weshalb er einen
Angriff des Privatklägers auf sich befürchtet bzw. weshalb er aufgrund seiner
Hilflosigkeit wegen seines Gebrechens unter panikartiger Angst gelitten haben
will. So hatte er kurz zuvor furcht- und skrupellos dem im Auto sitzenden und da-
mit in dieser Lage zur Gegenwehr unfähigen Privatkläger unvermittelt mit der
Faust ins Gesicht geschlagen. Seine Darstellung ist widersprüchlich, unlogisch
und erscheint unglaubhaft, weshalb seine Aussagen zur Erstellung des Sachver-
halts nicht herangezogen werden können.
Dasselbe gilt für die Aussagen der Zeugin H._. Als Ehefrau des Beschuldig-
ten hat sie ein offenkundiges Interesse am Prozessausgang. Sie bemühte sich of-
fenkundig, den Beschuldigten in einem guten Licht darzustellen und schilderte,
dass dieser "ganz ruhig" gewesen sei, als er aus seinem Auto gestiegen sei
(Urk. 5/3 S. 4). Einen Faustschlag des Beschuldigten will sie nicht gesehen haben
und sie wisse auch nicht, wer von beiden Kontrahenten aggressiver gewesen sei.
Sie könne sich nicht erinnern, dass der Beschuldigte einen Radmutternschlüssel
aus dem Auto geholt habe und sie habe nicht gesehen, dass der Beschuldigte
dem Privatkläger damit auf den Kopf geschlagen habe (Urk. 5/3), obwohl dies wie
auch der Faustschlag vom Beschuldigten nicht in Abrede gestellt wird. Ihre sol-
cherart geschilderten Aussagen sind daher weder geeignet, den Beschuldigten zu
belasten noch zu entlasten.
- 19 -
Wenn die Vorinstanz die Aussagen des Privatklägers demgegenüber als glaub-
haft einstuft, kann dieser Einschätzung nicht beigepflichtet werden. Auch seine
Aussagen sind nicht zuverlässig genug, um auf sie abzustellen. So will der Privat-
kläger mehrfach vom Beschuldigten mit dem Radmutternschlüssel auf den Kopf
geschlagen worden sein (Urk. 4/1 S. 2 "Er schlug mich mit dem Radschlüssel mit
voller Wucht gegen den Schädel. Er schlug mehrmals zu."), was sich mit der ärzt-
lich festgestellten Verletzung einer Rissquetschwunde am Kopf nicht vereinbaren
lässt. Bei mehreren Schlägen wären deutlich stärkere Kopfverletzungen zu erwar-
ten. Dasselbe gilt für die Behauptung des Privatklägers, er habe die Schläge mit
dem Radmutternschlüssel mit den Armen abgewehrt. Gegebenenfalls hätte er er-
hebliche Verletzungen an den Handgelenken oder Armen erlitten, welche von den
Ärzten dokumentiert worden wären. Zudem ist davon auszugehen, dass eine sol-
che Szene dem unbefangenen Zeugen C._ im Gedächtnis geblieben wäre,
wäre sie doch aufgrund ihrer Brutalität sehr eindrücklich. Das Fehlen eines ent-
sprechenden Geschehens in den Aussagen des Zeugen C._ lässt darauf
schliessen, dass dieses nicht stattfand. Zusammengefasst erscheinen auch die
Ausführungen des Privatklägers übertrieben und nicht zuverlässig genug, wes-
halb entgegen der Vorinstanz darauf nicht abgestellt werden kann.
Im Gegensatz zu allen anderen befragten Personen hat der Zeuge C._ kein
erkennbares Interesse am Verfahrensausgang. Er schilderte den gesamten von
ihm wahrgenommenen Ablauf klar, detailliert, nachvollziehbar und widerspruchs-
frei. Teilweise stützen seine Ausführungen die Version des Beschuldigten wie
beispielsweise hinsichtlich des schikanösen Versperrens der Wegfahrt durch den
Privatkläger oder in Bezug auf einen einmaligen Faustschlag bzw. einmaligen
Schlag mit dem Radmutternschlüssel. Andererseits stützt er die Version des Pri-
vatklägers teilweise, indem er bestätigte, dass der Faustschlag ohne Vorwarnung
bzw. ohne verbale Provokation des Privatklägers erfolgt sei und dass sich Letzte-
rer in der Auseinandersetzung auffallend ruhig verhalten habe, während der Be-
schuldigte aggressiv gewesen sei. Die Aussagen des Zeugen C._ erschei-
nen daher sehr ausgeglichen und neutral. Übertreibungen oder Verharmlosungen
sind nicht erkennbar. Seine Aussagen sind daher zur Erstellung des Sachverhalts
- 20 -
heranzuziehen, zumal die übrigen objektiven Beweismittel, namentlich die festge-
stellten Verletzungen, mit seinen Schilderungen nahtlos übereinstimmen.
5.3. Sachverhaltserstellung
Gestützt auf die massgeblichen Verletzungen und den glaubhaften Aussagen des
Zeugen C._ lässt sich folgender Sachverhalt erstellen:
Der Privatkläger blockierte die Ausfahrt des Beschuldigten kurzfristig. Gestützt auf
die Aussagen des Zeugen C._ ist davon auszugehen, dass sich vor oder hin-
ter dem Privatkläger keine Fahrzeuge befanden. Es ist daher davon auszugehen,
dass der Privatkläger dem Beschuldigten grundlos den Weg versperrte bzw. sei-
nerseits an der Wegfahrt nicht gehindert wurde, womit der Privatkläger den An-
stoss der Auseinandersetzung gab.
Der Zeuge C._ konnte nicht ins Innere der Fahrzeuge sehen. Es erscheint
jedoch naheliegend, dass sich der Privatkläger und der Beschuldigte zunächst mit
Gesten bedachten. Soweit der Beschuldigte geltend macht, er habe den Privat-
kläger seinerseits nicht beschimpft, erscheint dies angesichts seiner widersprüch-
lichen Aussagen unglaubhaft.
Der Beschuldigte stieg in der Folge aus seinem Auto aus, ging zum Fahrzeug des
Privatklägers und schlug mit der rechten Faust durchs offene Fahrerfenster ins
Gesicht des im Fahrzeug sitzenden Privatklägers. Dabei handelte es sich um ei-
nen einmaligen Schlag, bei welchem der Privatkläger die in der Anklage be-
schriebenen Verletzungen erlitt, mit Ausnahme der kleinen Rissquetschwunde im
Mundbereich und der Prellung hinter dem Ohr. Soweit der Beschuldigte geltend
macht, er sei vor dem Faustschlag bzw. auf dem Weg zum Fahrzeug des Privat-
klägers von diesem verbal beschimpft oder bedroht worden, erscheint dies un-
glaubhaft und lässt sich nicht erstellen. Der Zeuge C._ führte hierzu deutlich
und glaubhaft aus: "[Der Beschuldigte schlug] mit der rechten Faust gegen den
Kopf. Er hat ausgeholt und schlug. Es war wuchtig. Es kam ohne Vorwarnung, es
kam zu keinem Wortgefecht vorher." (Urk. 5/4 S. 3).
- 21 -
Unmittelbar nach dem Schlag begab sich der Zeuge C._ zum Privatkläger,
welcher aus dem Auto ausstieg. Die ebenfalls herbeigeeilte Zeugin H._ ver-
hinderte, dass der Beschuldigte und der Privatkläger aufeinander losgingen. Die
beiden sprachen Türkisch miteinander, weshalb der Zeuge C._ den Inhalt
des Gesprächs nicht verstand (Urk. 5/4 S. 4). Aufgrund der Umstände liegt es na-
he, dass sich beide gegenseitig beschimpften. Nicht erstellen lässt sich jedoch,
dass einer den anderen bedrohte. Der Privatkläger war gemäss der glaubhaften
Schilderung des Zeugen C._ trotz des Faustschlages "sehr ruhig", was un-
gewöhnlich erscheint, zumal zu erwarten wäre, dass eine geschlagene Person
wütend wird. Der Zeuge erklärte sich diesen Umstand damit, dass der Privatklä-
ger vom Schlag benommen sein musste. Dieser Umstand erscheint originell und
es leuchtet ein, dass sich der Zeuge daran erinnern konnte und ihn sich als inne-
ren Vorgang mit einer Benommenheit erklärte. Die Schilderung des Zeugen
C._ wirkt durch solche Details sehr glaubhaft. Der Beschuldigte war gemäss
den Aussagen des Zeugen C._ demgegenüber sehr aggressiv und wollte auf
den Privatkläger los, was die Zeugin H._ jedoch verhinderte. Daraufhin ging
der Beschuldigte zum Auto zurück und holte dort einen Radmutternschlüssel. Er
stürmte – so der Zeuge C._ weiter – auf den Privatkläger zu, holte mit dem
Radmutternschlüssel aus und schlug damit auf dessen Schädel. Dabei hielt er
den Radmutternschlüssel am langen Ende. Der Privatkläger begann zu bluten.
Die Zeugin H._ beruhigte den Beschuldigten und die beiden gingen zurück
zu ihrem Auto. Er (der Zeuge C._) hinderte die beiden jedoch in der Folge an
der Wegfahrt (vgl. Urk. 5/4).
Mit diesen glaubhaften Schilderungen des Zeugen ist auch die Sachdarstellung
des Beschuldigten widerlegt, wonach er ängstlich gewesen sei und den Radmut-
ternschlüssel dem Privatkläger zunächst gezeigt habe, um ihn von einem Angriff
abzuhalten. Ebenso ist seine Darstellung widerlegt, wonach der Schlag später
aus einem Gerangel heraus bzw. unter Verteidigung der Zeugin H._ erfolgt
sei.
Mit anderen Worten lässt sich nicht erstellen, dass der Beschuldigte den Privat-
kläger mehr als einmal mit der Faust oder ihn mehr als einmal mit dem Radmut-
- 22 -
ternschlüssel schlug bzw. zu schlagen versuchte. Weiter lässt sich nicht erstellen,
dass der Privatkläger im Mundbereich oder an den Handgelenken verletzt wurde
oder vom Beschuldigten bedroht wurde. Der Beschuldigte ist mithin vom Vorwurf
der Drohung bzw. des Versuchs hierzu freizusprechen.
Im Übrigen ist der Sachverhalt der Anklage erstellt, wobei darauf hinzuweisen ist,
dass der Privatkläger die Auseinandersetzung provozierte, indem er den Be-
schuldigten ohne erkennbaren Grund am Wegfahren hinderte.
5.4. Vorsatz
5.4.1. Rechtliches
Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen und Abgrenzungen zwischen Tät-
lichkeiten i.S.v. Art. 126 Abs. 1 StGB, einfacher und schwerer Körperverletzung
i.S.v. Art. 122 StGB bzw. Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB sowie einem Versuch i.S.v.
Art. 22 Abs. 1 StGB unter Hinweis auf Lehre und Rechtsprechung sorgfältig erör-
tert (Urk. 45 S. 29 ff.). Auf diese Erwägungen kann zwecks der Vermeidung un-
nötiger Wiederholungen verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Im Hinblick auf
die Erstellung des Vorsatzes ist Folgendes festzuhalten:
Eventualvorsatz ist nach ständiger Rechtsprechung gegeben, wenn der Täter die
Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch handelt, weil er den Er-
folg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er ihm
auch unerwünscht sein (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 mit Hinweis; vgl. auch Art. 12
Abs. 2 StGB).
Ob der Täter die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen hat, muss das
Gericht – bei Fehlen eines Geständnisses der beschuldigten Person – aufgrund
der Umstände entscheiden. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten
Risikos der Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflichtver-
letzung, die Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser die
Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die Sorg-
faltspflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die Schlussfolgerung, der Täter habe
die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 134 IV 26 E. 3.2.2 mit
- 23 -
Hinweisen). Das Gericht darf vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen,
wenn sich diesem der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass
die Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkauf-
nahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3; 133 IV 222
E. 5.3 mit Hinweisen). Eventualvorsatz kann auch vorliegen, wenn sich der Eintritt
des tatbestandsmässigen Erfolgs statistisch gesehen nur relativ selten verwirk-
licht. Doch darf in diesem Fall nicht allein aus dem Wissen des Beschuldigten um
die Möglichkeit des Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme und damit auf Even-
tualvorsatz geschlossen werden. Vielmehr müssen weitere Umstände hinzukom-
men (BGE 131 IV 1 E. 2.2 mit Hinweis). Was der Täter wusste, wollte und in Kauf
nahm, betrifft sog. innere Tatsachen, ist damit Tatfrage. Rechtsfrage ist hingegen,
ob im Lichte der festgestellten Tatsachen der Schluss auf Eventualvorsatz be-
gründet ist (Urteil des Bundesgerichtes 6S.280/2006 vom 21. Januar 2007 mit
weiteren Hinweisen auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung). Da sich Tat- und
Rechtsfragen insoweit teilweise überschneiden, hat der Sachrichter die in diesem
Zusammenhang relevanten Tatsachen möglichst erschöpfend darzustellen, damit
erkennbar wird, aus welchen Umständen er auf Eventualvorsatz geschlossen hat
(Urteil des Bundesgerichtes 6B_388/2012 vom 12. November 2012, E. 2).
Die Abgrenzung zwischen Eventualvorsatz und bewusster Fahrlässigkeit kann im
Einzelfall schwierig sein. Sowohl der eventualvorsätzlich als auch der bewusst
fahrlässig handelnde Täter wissen um die Möglichkeit des Erfolgseintritts be-
ziehungsweise um das Risiko der Tatbestandsverwirklichung. Hinsichtlich
der Wissensseite stimmen somit beide Erscheinungsformen des subjektiven Tat-
bestandes überein. Unterschiede bestehen jedoch beim Willensmoment. Der
bewusst fahrlässig handelnde Täter vertraut (aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit)
darauf, dass der von ihm als möglich vorausgesehene Erfolg nicht eintreten, das
Risiko der Tatbestandserfüllung sich mithin nicht verwirklichen werde. Dem-
gegenüber nimmt der eventualvorsätzlich handelnde Täter den Eintritt des als
möglich erkannten Erfolgs ernst, rechnet mit ihm und findet sich mit ihm ab. Wer
den Erfolg dergestalt in Kauf nimmt, "will" ihn im Sinne von Art. 12 Abs. 2 StGB.
Nicht erforderlich ist, dass der Täter den Erfolg "billigt" (Urteil des Bundesgerich-
tes 6S.169/2003 vom 21. November 2003, E. 2).
- 24 -
Die rechtliche Qualifikation von Körperverletzungen als Folge von Schlägen ins
Gesicht hängt von den konkreten Tatumständen ab. Massgeblich sind demnach
insbesondere die Heftigkeit des Schlags und die Verfassung des Opfers (Urteil
des Bundesgerichtes 6B_388/2012 vom 12. November 2012, E. 2.2.1 und 2.4.1
m.w.H.).
5.4.2. Faustschlag
Die Vorinstanz ging davon aus, die vom Privatkläger erlittene Jochbogenprellung
erreiche die erforderliche Schwere für die Erfüllung des objektiven Tatbestands
der einfachen Körperverletzung i.S.v. Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB nicht
(vgl. Urk. 45 S. 30). Dies trifft zu. Zu den rechtlichen Grundlagen kann vorab auf
die Erwägungen im angefochtenen Urteil verwiesen werden (Urk. 45 S. 29 ff.;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Ergänzend und präzisierend ist Folgendes festzuhalten:
Es ist erstellt, dass der Beschuldigte dem Privatkläger einen wuchtigen Faust-
schlag unvermittelt gegen das Gesicht verpasste, nachdem dieser ihm die Aus-
fahrt aus dem Parkplatz versperrte und sie gegenseitig beleidigende Gesten aus-
getauscht hatten. Der Privatkläger war auf den Faustschlag nicht vorbereitet und
musste auch nicht damit rechnen, zumal er auf dem Fahrersitz relativ ungeschützt
und wehrlos war. Auch ist erstellt, dass der Privatkläger dabei letztlich einzig eine
Jochbogenprellung erlitten hat. Doch muss die Energie eines Faustschlages ge-
gen das Gesicht einer Person im Fahrersitz üblicherweise von deren Gesicht
bzw. Kopf absorbiert werden, namentlich wenn die Ausweichmöglichkeiten des
Kopfes der Person aufgrund der Nackenstütze oder aufgrund der Tatsache, dass
die Person angegurtet ist, beschränkt sind. Weil der Faustschlag des Beschuldig-
ten wuchtig war und gegen das Gesicht des im Fahrersitz sitzenden Privatklägers
ausgeführt wurde, ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte das hohe Risiko
einer nicht mehr nur momentanen, harmlosen Störung des Wohlbefindens des
Privatklägers in Kauf nahm. Hinweise dafür, dass der Beschuldigte dem Privat-
kläger direktvorsätzlich körperliche Beeinträchtigungen zufügen wollte, die als ein-
fache Körperverletzungen zu qualifizieren sind, bestehen jedoch keine.
- 25 -
5.4.3. Schlag mit dem Radmutternschlüssel
Wie erwähnt, war der Beschuldigte war gemäss den Aussagen des Zeugen
C._ in der zweiten Phase sehr aggressiv, während der Privatkläger sehr ru-
hig war. Entgegen seiner Darstellung musste der Beschuldigte nicht mit einem
Angriff des Privatklägers rechnen, und dies, obwohl er den Privatkläger zuvor oh-
ne Vorwarnung einen Faustschlag versetzt hatte. Beide Kontrahenten wurden von
der Zeugin H._ zurückgehalten, welche offensichtlich eine Eskalation verhin-
dern wollte. Gleichwohl begab sich der Beschuldigte zu seinem Auto, holte den
Radmutternschlüssel mit ca. 465 Gramm Gewicht und einer Länge von 31 cm,
stürmte damit auf den Privatkläger zu, holte mit dem Radmutternschlüssel aus
und schlug ihm damit – erneut ohne Vorwarnung – auf den Kopf.
Der Privatkläger erlitt dadurch eine blutende Rissquetschwunde ca. 3 cm vom
Scheitel. Diese Verletzung war gemäss Arztbericht nicht lebensgefährlich. Blei-
bende Schäden seien eher unwahrscheinlich bis auf ästhetische Folgen. Dem
Privatkläger wurde für den Tag des Ereignisses eine Arbeitsunfähigkeit attestiert
(Urk. 6/4). Es ist ohne Weiteres davon auszugehen, dass diese Verletzungen vom
Vorsatz des Beschuldigten getragen waren, handelt es sich doch um verhältnis-
mässig geringe Verletzungen im Verhältnis zu Verletzungen, welche durch Schlä-
ge mit Eisenstangen gegen den Kopf üblicherweise entstehen. Angesichts dieser
erlittenen Verletzungen ist mit der Vorinstanz auf eine einfache Körperverletzung
i.S.v. Art. 123 Ziff. 1 StGB zu schliessen.
Weiter kann als bekannt vorausgesetzt werden, dass der Kopf gegenüber Schlä-
gen, Tritten und Stössen besonders sensibel ist. Erst recht gilt dies auch für einen
Schlag mit einer Metallstange bzw. einem Radmutternschlüssel als Tatwerkzeug
auf den Kopf. Dies musste auch dem Beschuldigten bewusst sein.
Der Privatkläger war durch den ersten Schlag bereits benommen bzw. sehr ruhig.
Gleichwohl störte sich der Beschuldigte weiterhin an dessen Verhalten. Zur Be-
endigung der Auseinandersetzung, bei welcher er als einziger aggressiv auftrat,
holte er einen Radmutternschlüssel, stürmte damit auf den Privatkläger zu, holte
aus und schlug ihm den Radmutternschlüssel auf den Kopf. Es ist nicht ersicht-
- 26 -
lich, dass er sich bei seinem Schlag zurückhielt, zumal er offenkundig sehr erbost
war und keineswegs darauf vertrauen konnte, dass der Schlag lediglich eine ein-
fache Körperverletzung bewirken würde. Entsprechend ist sein Verhalten als
schwere Pflichtverletzung zu werten und es bestand eine hohe Wahrscheinlich-
keit, dass der Beschuldigte dem Privatkläger durch den Schlag eine schwere Ver-
letzung zufügt. Der Beschuldigte hat eine solche Verletzung somit in Kauf ge-
nommen.
IV. Rechtliche Würdigung
1. Körperverletzungen
1.1. Zu den durch den Faustschlag erlittenen Verletzungen des Privatklägers
kann auf das oben unter E. III./5.1 Gesagte verwiesen werden. In objektiver Hin-
sicht ist der Tatbestand der Tätlichkeiten i.S.v. Art. 126 StGB damit erfüllt.
Aufgrund des Gesagten (vgl. insb. E. III./5.4.2) ist mit der Vorinstanz beim Faust-
schlag von einer versuchten Tatbegehung einer einfachen Körperverletzung
i.S.v. Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB auszugehen.
Die von der Verteidigung aufgeworfene Frage, ob ein Strafbefreiungsgrund
i.S.v. Art. 177 Abs. 3 StGB vorliegt (Urk. 66 S. 18), wird im Rahmen der Strafzu-
messung zu prüfen sein.
1.2. In Bezug auf den Schlag mit dem Radmutternschlüssel lassen das Vor-
gehen des Beschuldigten bzw. die gesamten Tatumstände (vgl. insb. E. III./5.3.2)
nur den Schluss auf Eventualvorsatz für eine schwere Körperverletzung zu, wes-
halb von einer versuchten, eventualvorsätzlichen Tatbegehung einer schweren
Körperverletzung i.S.v. Art. 122 Abs. 2 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB auszugehen
ist. Dies umfasst den ebenfalls erfüllten Tatbestand der vollendeten einfachen
Körperverletzung i.S.v. Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB, lässt diesen jedoch im Wege
unechter Konkurrenz zurücktreten (vgl. BGE 137 IV 113 E. 1.4.2).
Die Verteidigung bringt im Eventualstandpunkt vor, der Schlag mit dem Radmut-
ternschlüssel sei als einfache Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegen-
- 27 -
stand nach Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB zu qualifizieren. Im Widerspruch dazu
stellt sie sich auf den Standpunkt, ein Radmutternschlüssel sei kein gefährlicher
Gegenstand. Ein Radmutternschlüssel sei im Vergleich zu einer Metallstange
kleiner, dünner und daher auch leichter. Ausserdem habe es vorliegend keine
klaffenden Wundränder gegeben. Deshalb würden sich aus der konkreten Aus-
führung bzw. Verwendung des Gegenstandes keine Anhaltspunkte dafür ergeben,
dass der Radmutternschlüssel als gefährlich einzustufen sei (Urk. 34 S. 26;
Urk. 66 S. 30 ff.). Welche Verletzungen effektiv erlitten wurden, ist mit Blick auf
BGE 101 IV 285 für die Qualifikation eines Gegenstandes als gefährlicher Gegen-
stand im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB irrelevant. Ob ein Gegenstand als
gefährliches Werkzeug zu gelten hat, entscheidet sich nach der Art und Weise
seiner Verwendung, nicht nach den effektiv erlittenen Verletzungen. Das Bundes-
gericht ging bei einem gegen den Kopf geschleuderten Bierglas (BGE 101 IV 285)
bzw. Cocktailglas (Urteil des Bundesgerichtes 6B_590/2014 vom 12. März 2015)
und bei Schlägen mit einer Aluminiumschiene gegen den Oberschenkel, Knöchel
und Fuss eines Geschädigten (Urteil des Bundesgerichtes 6B_487/2018 vom
30. Oktober 2018) von einem gefährlichen Werkzeug aus. Diese Fälle unterschei-
den sich deutlich von dem vorliegenden. Bei Schlägen mit einer Metallstange auf
den Kopf – nicht aus einem dynamischen Geschehen – liegt das hohe Risiko ei-
ner schweren Körperverletzung auf der Hand, im Gegensatz zu Gläsern, die an
den Kopf eines Geschädigten geworfen werden oder zu Schlägen mit Stangen
auf Gliedmassen. Im Übrigen würde der Tatbestand der qualifizierten einfachen
Körperverletzung aufgrund des in tatsächlicher Hinsicht erstellten Vorsatzes auf
schwere Körperverletzung ohnehin konsumiert.
2. Notwehr
2.1. Der Beschuldigte macht zur Rechtfertigung seiner Tat sinngemäss Notwehr
geltend, weil ihm vom Privatkläger die Ausfahrt aus dem Parkplatz versperrt und
er von diesem beschimpft und bedroht worden sei (vgl. Urk. 66 S. 38).
2.2. Wird jemand ohne Recht angegriffen oder unmittelbar mit einem Angriff be-
droht, so ist der Angegriffene und jeder andere berechtigt, den Angriff in einer den
Umständen angemessenen Weise abzuwehren (Art. 15 StGB). Es gilt der Grund-
- 28 -
satz, dass der rechtswidrig Angegriffene zwar berechtigt ist, den Angriff abzuweh-
ren, er muss dies jedoch in einer den Umständen angemessenen Weise tun. Ob
im gegebenen Fall die Reaktion des Beschuldigten diesem Erfordernis entspricht,
ist vorwiegend eine Frage des Ermessens (BGE 99 IV 188). Zu ihrer Beantwor-
tung hat der Richter insbesondere der Schwere des tatsächlichen oder drohenden
(vermeintlichen) Angriffs sowie der Wichtigkeit des gefährdeten Rechtsgutes ei-
nerseits und der Bedeutung des Gutes, das durch die Abwehr verletzt wurde, an-
dererseits Rechnung zu tragen (BGE 79 IV 151). Dass dabei auch die Art des
Abwehrmittels und diejenige seiner tatsächlichen Verwendung von Belang sind,
liegt auf der Hand (BGE 101 IV 120, vgl. zum Ganzen BGE 102 IV 68). Die Ab-
wehr muss demnach in zweierlei Hinsicht den Grundsatz der Verhältnismässigkeit
wahren: Einerseits muss sie dem Angriff angemessen sein, was dann der Fall ist,
wenn dieser nicht mit anderen, weniger gefährlichen Mitteln hätte abgewehrt wer-
den können. Andererseits muss geprüft werden, ob das Verhältnis zwischen dem
Wert des angegriffenen und demjenigen des verletzten Rechtsguts angemessen
ist (vgl. BGE 107 IV 12 E. 3).
2.3. Gemäss erstelltem Sachverhalt wurde der Beschuldigte durch den Privat-
kläger ohne ersichtlichen Grund, jedoch lediglich kurzfristig, am Wegfahren mit
seinem Fahrzeug gehindert. Angesichts der geringfügigen Dauer bestand noch
keine rechtswidrige Beschränkung der Handlungsfreiheit des Beschuldigten
bzw. keine Nötigung und damit kein rechtswidriger Angriff gegen ihn. Zudem ist
die Behauptung, dass er vom Privatkläger bedroht oder verbal beschimpft worden
sei, nicht erstellt bzw. als Schutzbehauptung zu würdigen. Es ist daran zu erin-
nern, dass der Beschuldigte klar als Aggressor auftrat und als erster handgreiflich
gegen den Privatkläger wurde, welcher sich in einer beengten und praktisch wehr-
losen Situation befand.
Ohnehin wäre als Reaktion gegen eine kurzfristige Blockierung der Wegfahrt ein
unvermittelter Faustschlag gegen den im anderen Fahrzeug sitzenden Kontrahen-
ten offensichtlich unverhältnismässig. Jedem vernünftigen Menschen in derselben
Situation bzw. im Falle einer versperrten Wegfahrt wäre zunächst der vorgängige
Versuch einer verbalen Verständigung zuzumuten. Zudem ist nicht erstellt, dass
- 29 -
der Beschuldigte sich vor oder im Moment der Tat in einer beachtenswerten be-
sonderen Aufregung oder Bestürzung im Sinne von Art. 16 StGB befunden hätte,
geschweige denn in einer solchen, die entschuldbar wäre.
Sodann hielt die Vorinstanz zu recht fest, dass auch in Bezug auf die versuchte
schwere Körperverletzung keine Notwehrsituation vorlag. Es bestand gemäss der
Schilderung des Zeugen C._s keine unmittelbare Gefahr eines Angriffs auf
den Beschuldigten oder gegenüber der Zeugin H._ durch den Privatkläger.
3. Fazit
Weitere Rechtfertigungsgründe sind nicht ersichtlich und werden auch nicht gel-
tend gemacht. Entsprechend ist der Beschuldigte der versuchten Tatbegehung
einer schweren Körperverletzung i.S.v. Art. 122 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB sowie
versuchten Tatbegehung einer einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123
Ziff. 1 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung
1. Rechtliches
Die Vorinstanz hat das anwendbare Recht und die theoretischen Strafzu-
messungsregeln korrekt dargetan sowie den Strafrahmen korrekt abgesteckt. Auf
diese Erwägungen kann vorab zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen ver-
wiesen werden (Urk. 45 S. 39 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2. Einsatzstrafe: schwere Körperverletzung
2.1. Zur objektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass die Tat im Rahmen eines
spontanen Konflikts zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger erfolgte.
Die Kontrahenten kannten sich vorgängig nicht, sondern gerieten zufällig beim
Herausfahren des Beschuldigten aus dem Parkplatz aneinander. Auch wenn der
Privatkläger die Wegfahrt des Beschuldigten blockierte, war dieser aufgrund der
Provokation ohne Weiteres bereit, auszusteigen und ihm einen Faustschlag zu
versetzen. Dies lässt auf eine grundsätzliche Bereitschaft zum Konflikt schliessen.
- 30 -
Wenn dem Beschuldigten das Aussteigen des Privatklägers aus dem Fahrzeug
bedrohlich vorkam, dann nur deshalb, weil sich der Privatkläger zuvor in einer
misslichen Lage befunden hatte, in der eine Gegenwehr praktisch unmöglich war.
Gleichwohl blieb der Privatkläger nach dem Aussteigen ruhig, während der Be-
schuldigte aggressiv blieb. Im Rahmen des Wortwechsels, bei welchem die Zeu-
gin H._ auch ihn von einer weiteren Auseinandersetzung abzuhalten ver-
suchte, holte er gezielt einen Radmutternschlüssel, stürmte zum Privatkläger und
schlug ihn damit auf den Kopf. Dem hatte der ruhige Privatkläger nichts entge-
genzusetzen. Er wurde nicht unerheblich verletzt und musste im Spital behandelt
werden. Demgegenüber erlitt der Beschuldigte aus der Auseinandersetzung kei-
nerlei Verletzungen, woraus augenscheinlich ist, wie massiv der Beschuldigte
durch den unvermittelten Einsatz des Radmutternschlüssels dem Privatkläger
überlegen war. Durch sein Verhalten liess der Beschuldigte die grundsätzlich un-
gefährliche Situation bewusst eskalieren. Sein Vorgehen ist mit der Vorinstanz als
brutal zu bezeichnen und es besteht kein nachvollziehbarer Grund, bei einer ver-
balen Auseinandersetzung einen Radmutternschlüssel gegen den Kopf des Kon-
trahenten zu schlagen.
Die Verletzung des Privatklägers erfüllt den objektiven Tatbestand der einfachen
Körperverletzung i.S.v. Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB. Diese Verletzung erscheint
letztlich zufällig milde. Dabei ist zu beachten, dass die Sanität nicht durch den Be-
schuldigten herbeigerufen wurde, sondern sich dieser trotz des Schlages umge-
hend vom Tatort entfernen wollte, daran jedoch vom Zeugen C._ gehindert
wurde.
Zu berücksichtigen ist weiter, dass es nicht das Handlungsziel des Beschuldigten
war, den Privatkläger schwer zu verletzen. Gleichwohl nahm er durch seinen Ge-
waltexzess eine schwere Körperverletzung in Kauf. Er handelte mithin bloss even-
tualvorsätzlich, was verschuldensmindernd zu berücksichtigen ist. Bei der Zu-
fügung der Verletzung handelte er dagegen direktvorsätzlich.
Seine Beweggründe bleiben letztlich unverständlich, hielt er doch stets daran
fest, lediglich aus Notwehr gehandelt zu haben. Diese Behauptungen sind jedoch
– wie oben aufgeführt (vgl. oben E. IV./2) – widerlegt. Letztlich bleibt es dabei,
- 31 -
dass er aus Ärger über eine kurzzeitige Versperrung des Weges beim Ausparkie-
ren und damit aus einem nichtigem Anlass handelte.
2.2. Bei der subjektiven Tatschwere stellt sich die Frage, wie weit dem Täter die
objektive Tatschwere persönlich zugerechnet werden darf. Dabei spielen je nach
Tatbestand etwa die Willensrichtung, mit welcher der Täter gehandelt hat, seine
Beweggründe und Motive eine Rolle (BGE 129 IV 6 E. 6.1). Da die einschlägigen
Gesichtspunkte bereits in die Beurteilung der objektiven Tatschwere eingeflossen
sind, ist auf die vorstehenden Erwägungen zu verweisen. Erneut ist festzuhalten,
dass der Beschuldigte eventualvorsätzlich handelte, was sich zu seinen Gunsten
auswirkt. Weiter leidet der Beschuldigte gemäss ärztlichem Bericht an einer emo-
tional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ, weshalb er seine
Emotionen "äusserst schwierig" kontrollieren kann (Urk. 10/10 Anhang). Aus die-
sem Bericht ergeben sich keine hinreichenden Erkenntnisse, die zu Zweifeln an
der Schuldfähigkeit des Beschuldigten zum Zeitpunkt der Tatbegehung Anlass
geben würden. Doch ist die Persönlichkeitsstörung des Beschuldigten deutlich
strafmindernd zu berücksichtigen.
Somit ist das Verschulden in Bezug auf den Schlag mit dem Radmutternschlüssel
als insgesamt noch leicht einzustufen, was bei einer vollendeten schweren Kör-
perverletzung eine hypothetische Einsatzstrafe von 3 Jahren Freiheitsstrafe recht-
fertigen würde.
Da der tatbestandsmässige Erfolg nicht eintrat und der Privatkläger durch den
Schlag des Beschuldigten mit einem Radmutternschlüssel keine schwere Körper-
verletzung erlitt, ist die verschuldensunabhängige Tatkomponente der versuchten
Tatbegehung zu gewichten. Das Mass der zulässigen Strafreduktion beim vollen-
deten Versuch hängt u.a. von der Nähe des tatbestandsmässigen Erfolges und
den tatsächlichen Folgen der Tat ab. Mit der Beendigung des Schlages hat der
Beschuldigte alles getan, was er nach seiner Vorstellung zur Herbeiführung des
tatbestandsmässigen Erfolges, der schweren Körperverletzung, für notwendig
hielt. Der Privatkläger wurde nicht schwer oder lebensgefährlich verletzt, blutete
jedoch stark und musste ärztlich versorgt werden. Es lag somit nur teilweise am
Beschuldigten, der sich auf einen wuchtigen Schlag beschränkte, dass der Erfolg
- 32 -
nicht eingetreten ist. Eine Reduktion der Einsatzstrafe auf 2 Jahre Freiheitsstrafe
trägt diesem Strafminderungsgrund ausreichend Rechnung.
2.3. Zusammenfassend erscheint angesichts des Verschuldens des Beschuldig-
ten eine Einsatzstrafe für diese Verletzung des Privatklägers von 2 Jahren Frei-
heitsstrafe angemessen.
3. Einzelstrafe: Tätlichkeiten
3.1. Gemäss Art. 177 Abs. 2 und 3 StGB kann der Richter den Täter von Strafe
befreien, wenn der Beschimpfte durch sein ungebührliches Verhalten zu der Be-
schimpfung unmittelbar Anlass gegeben hat oder die Beschimpfung unmittelbar
mit einer Beschimpfung oder Tätlichkeit erwidert worden ist. Voraussetzung der
Strafbefreiung ist, dass die Beschimpfung durch ein verwerfliches Verhalten des
Beschimpften hervorgerufen wurde und dass sie unmittelbar auf die Provokation
erfolgt ist. Das Merkmal der Unmittelbarkeit ist zeitlich zu verstehen, und zwar in
dem Sinne, dass der Täter in der durch das ungebührliche Verhalten erregten
Gemütslage handelt, ohne dass er Zeit zu ruhiger Überlegung hat (Urteil des
Bundesgerichtes 6B_918/2016 vom 28. März 2017, E. 10.1 m.w.H.).
Vorliegend erfolgte der Faustschlag unmittelbar als Folge des Versperrens der
Ausfahrt. Darin ist keine Beschimpfung zu sehen. Es ist weiter erstellt, dass der
Beschuldigte dem Privatkläger, welcher ihn im Auto mit einer Geste beschimpfte,
seinerseits eine beleidigende Geste zeigte, womit das Mass einer zulässigen Re-
torsion bereits erreicht wurde. Ohnehin würde vorliegend eine Strafbefreiung nicht
angemessen erscheinen, wäre doch ein Faustschlag auf eine beleidigende Geste
völlig unverhältnismässig. Der Persönlichkeitsstörung des Beschuldigten ist mit
einer moderaten Strafminderung Rechnung zu tragen.
3.2. Zum Verschulden ist weitgehend auf die Ausführungen zur Einsatzstrafe zu
verweisen, erfolgte doch der Faustschlag im gleichen Kontext wie der Schlag mit
dem Radmutternschlüssel. Ergänzend ist festzuhalten, dass der Privatkläger im
Moment des Faustschlages dem Beschuldigten offenkundig wehrlos ausgeliefert
war und ein Faustschlag am oberen Rand bzw. an der Grenze zur einfachen Kör-
- 33 -
perverletzung anzusiedeln ist. Gleichwohl erfüllen die erlittenen Verletzungen le-
diglich den objektiven Tatbestand der Tätlichkeiten.
Betreffend Motiv und subjektive Tatschwere ist ebenso wie betreffend Vorsatz
und Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit erneut auf die Ausführungen zur schwe-
ren Körperverletzung zu verweisen. Es ist davon auszugehen, dass der Beschul-
digte in Bezug auf die versuchte einfache Körperverletzung lediglich eventualvor-
sätzlich handelte. Da die Tat im gleichen Kontext geschah und sein Verschulden
sich mit der Einsatzstrafe überschneidet sowie zufolge der Persönlichkeitsstörung
des Beschuldigten herabgesetzt ist, rechtfertigt es sich, für die versuchte Tat-
begehung der einfachen Körperverletzung eine Einsatzstrafe von 2 Monaten Frei-
heitsstrafe auszusprechen.
3.3. In Anwendung des Asperationsprinzips ist die Einsatzstrafe von 2 Jahren um
1 Monat auf eine Gesamtstrafe von 25 Monaten zu erhöhen.
4. Täterkomponente
In Bezug auf die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten kann auf die vor-
instanzlichen Erwägungen sowie die Akten verwiesen werden (Urk. 45 S. 42;
Art. 82 Abs. 4 StPO). An der Berufungsverhandlung ergänzte er, er sei mittler-
weile IV-Rentner und beziehe keine Sozialhilfe mehr (Urk. 65 S. 2). Er habe keine
psychischen Probleme. Er sei zwar zu Dr. I._ gegangen, weil er damals psy-
chische Probleme gehabt habe. Mit der Zeit sei dies aber besser geworden. Er
wisse nicht, ob er zur Zeit des Vorfalls im März 2017 noch zu Dr. I._ gegan-
gen sei. Es sei ihm damals normal bzw. nicht allzu schlecht gegangen, er habe
aber immer das Mittel genommen. Er habe die Namen der Mittel, welche er von
Dr. I._ verschrieben erhalten und eingenommen habe, nicht im Kopf. Eines
davon sei Ciprolex [recte: Cipralex], das er auch heute noch nehme (a.a.O., S. 3 f.
und 5).
Die Persönlichkeitsstörung des Beschuldigten wurde bereits im Rahmen des Ver-
schuldens deutlich strafmindernd berücksichtigt, weshalb an dieser Stelle keine
weitere Berücksichtigung mehr erfolgt.
- 34 -
Der Beschuldigte ist nicht vorbestraft (Urk. 46), was strafzumessungsneutral zu
würdigen ist.
Da angesichts der erdrückenden Beweislage ein Bestreiten der beiden Schläge
praktisch aussichtslos gewesen wäre, kann das Geständnis des Beschuldigten
nicht relevant strafmindernd berücksichtigt werden. Demgegenüber ist der leicht
erhöhten Strafempfindlichkeit des Beschuldigten aufgrund seines physischen Ge-
sundheitszustandes durch eine leichte Strafminderung Rechnung zu tragen.
5. Fazit
Zusammenfassend erscheint insgesamt eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten dem
Verschulden des Beschuldigten angemessen. Der Anrechnung der bisher erstan-
denen Untersuchungshaft von 15 Tagen steht nichts entgegen.
VI. Vollzug
1. Unter Verweis auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz
(vgl. Urk. 45 S. 45 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO) ist dem Beschuldigten der bedingte
Vollzug zu gewähren, unter Ansetzung einer Probezeit von 2 Jahren.
2. Daran ändert nichts, dass beim Beschuldigten gemäss dem Bericht seines
Arztes eine Persönlichkeitsstörung vorliegt und es für ihn äussert schwierig ist, bei
einem Konflikt oder einer Diskussion seine Emotionen zu kontrollieren. Auch
wenn gemäss diesem Bericht die Gefahr besteht, er könne in einem unkontrollier-
ten Erregungszustand mit einer zerstörerischen Kraft Gegenstände demolieren,
zerschlagen oder Personen verletzen (Urk. 10/10 Anhang) und er bis heute keine
Einsicht oder Reue zeigt, ist von einer formell noch guten Legalprognose aus-
zugehen, zumal – wie nachfolgend zu zeigen sein wird – dieser Umstand im
Rahmen der auszusprechenden Landesverweisung zu berücksichtigen sein wird.
- 35 -
VII. Landesverweisung und Ausschreibung
1. Landesverweisung
Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen zur Landesverweisung korrekt dar-
getan (Urk. 45 S. 46 ff.). Auf ihre zutreffenden Erwägungen zur Anwendbarkeit
und Härtefallprüfung kann zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen verwiesen
werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Erneut ist festzuhalten, dass der Beschuldigte mit
seinem Verhalten einen Katalogtatbestand erfüllte, was grundsätzlich eine obli-
gatorische Landesverweisung nach sich zieht. Ein Härtefall liegt nicht vor, hat der
Beschuldigte doch einen grossen Teil seines Lebens in der Türkei verbracht, na-
mentlich seine Jugend und auch einen Teil seines Erwachsenenlebens. Er heira-
tete dort und zeugte vier Kinder, welche in der Türkei aufwuchsen. Nachdem er
sich von seiner ersten Ehefrau scheiden liess und zwischenzeitlich mit einer
Schweizerin verheiratet war, liess er sich nach der Erlangung des Aufenthalts-
rechts erneut scheiden, heiratete seine erste Ehefrau und holte diese samt dem
Rest der Familie in die Schweiz. Auch wenn seine Enkelkinder in der Schweiz zur
Welt kamen, kann von einer hiesigen Verwurzelung des Beschuldigten keine Re-
de sein. Er ist trotz seines langen Aufenthalts in der Schweiz weiterhin auf einen
Dolmetscher angewiesen, was von wenig Integration zeugt. Er ist wirtschaftlich
auf eine IV-Rente angewiesen. Eine Wiedereingliederung in der Türkei scheint
nach wie vor möglich, zumal seine Ehefrau ebenfalls Türkin ist und die Kinder er-
wachsen und von ihm nicht abhängig sind. So leben weitere Geschwister des Be-
schuldigten in der Türkei und er besucht seine Verwandten in der Türkei regel-
mässig, zuletzt im letzten Jahr für etwa einen Monat (Urk. 65 S. 4). Sodann kann
der Umstand, dass das schweizerische Gesundheitssystem eines der besten in
der Welt ist, keinen Grund dafür bieten, dass kranke Straftäter wie der Beschul-
digte nicht ausgeschafft werden. Eine Landesverweisung ist für einen Betroffenen
immer mit Nachteilen verbunden, namentlich dem Verlust eines Zugangs zum
schweizerischen Gesundheitssystem sowie den hiesigen Institutionen und der
hiesigen Rechtssicherheit. Auch der Verlust sozialer Kontakte bzw. der Umstand,
zu deren Pflege auf moderne Kommunikationsmittel zurückgreifen zu müssen,
vermag noch keinen Härtefall zu begründen. Demgegenüber ist zu berücksich-
tigen, dass der Beschuldigte ganz massiv gegen das hiesige Gesetz verstiess
- 36 -
und aus nichtigem Anlass einen Menschen verletzte. Die von ihm ausgehende
Gefahr ist derart hoch, dass weder ein Härtefall noch ein ausnahmsweises Ab-
sehen von einer Landesverweisung gerechtfertigt erscheint.
Der Beschuldigte ist deshalb in Anwendung von Art. 66a Abs. 1 lit. b StGB des
Landes zu verweisen. In Anbetracht des Verschuldens, der Brutalität der ausge-
führten Tat und der vom Beschuldigten ausgehenden Gefahr ist die Dauer auf
8 Jahre festzusetzen.
2. Ausschreibung im Schengener-Informationssystem (SIS)
Auch an dieser Stelle kann erneut auf die rechtlichen Ausführungen sowie die zu-
treffende Würdigung der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 45 S. 50; Art. 82
Abs. 4 StPO). Die Voraussetzungen zum Eintrag in das SIS sind erfüllt, zumal die
Türkei kein Mitgliedsstaat ist und die Tatschwere einen Eintrag im SIS ohne
Weiteres rechtfertigt.
VIII. Zivilansprüche
1. Schadenersatz
1.1. Die Vorinstanz stellte fest, dass der Beschuldigte gegenüber dem Privatklä-
ger aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig
sei. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches wur-
de der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
1.2. Die grundsätzliche Schadenersatzpflicht ist eine logische Konsequenz der
Verurteilung des Beschuldigten und angesichts der fehlenden Liquidität des Um-
fangs des Schadens nicht zu beanstanden. Folglich ist festzustellen, dass der Be-
schuldigte gegenüber dem Privatkläger aus dem eingeklagten Ereignis
dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des
Umfanges des Schadenersatzanspruches wird der Privatkläger auf den Weg des
Zivilprozesses verwiesen.
- 37 -
2. Genugtuung
2.1. Die Vorinstanz verpflichtete den Beschuldigten, dem Privatkläger eine Ge-
nugtuung in der Höhe von Fr. 1'000.– zu bezahlen, zuzüglich 5 % Zins ab
27. März 2017.
2.2. Der amtliche Verteidiger beantragte wie schon vor Vorinstanz, das Genug-
tuungsbegehren des Privatklägers sei abzuweisen. Die Verletzungen des Privat-
klägers hätten keinerlei schwerwiegende physische Schäden zur Folge gehabt,
zumal zu keinem Zeitpunkt eine Lebensgefahr bestanden habe (Urk. 34 S. 3;
Urk. 66 S. 3).
2.3. Die Vorinstanz führte die rechtlichen Grundlagen zur Ausrichtung einer Ge-
nugtuung korrekt auf und setzte die erlittenen Verletzungen des Privatklägers so-
wie deren Auswirkungen auf sein weiteres Wohlbefinden in ein angemessenes
Verhältnis zum zugesprochenen Genugtuungsbetrag von Fr. 1'000.– (Urk. 45
S. 54 ff.). Auf ihre zutreffenden Erwägungen kann vollumfänglich verwiesen wer-
den (Art. 82 Abs. 4 StPO). Hervorzuheben ist, dass der Privatkläger zwar die
Auseinandersetzung veranlasste, jedoch keineswegs damit rechnen musste, dass
diese in die vom Beschuldigten vorgenommenen physischen Attacken münden
würde. Sein höchstens geringes Selbstverschulden an der Auseinandersetzung
schliesst die Zusprechung einer Genugtuung nicht aus, selbst wenn dem Be-
schuldigten eine verminderte Schuldfähigkeit attestiert wird. Der Privatkläger erlitt
eine Rissquetschwunde am Kopf, welche stark blutete, sowie zwei Prellungen,
was einer ärztlichen Behandlung bedurfte. Solche Verletzungen sind geeignet, ei-
ne seelische Unbill zu verursachen, wenn auch nur in geringem Umfang. Es ist
dem Privatkläger jedenfalls zu glauben, dass ihn der Vorfall psychisch belastete.
Vor diesem Hintergrund ist die dem Privatkläger von der Vorinstanz zugespro-
chene Genugtuung zu bestätigen; eine höhere Genugtuung könnte denn aufgrund
des Verschlechterungsverbots auch nicht zugesprochen werden (Art. 391 Abs. 2
StPO). Die Genugtuung ist ab dem Zeitpunkt des Ereignisses zu verzinsen. Somit
ist der Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtuung in Höhe
von Fr. 1'000.– zuzüglich 5 % Zins ab 27. März 2017 zu bezahlen.
- 38 -
IX. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Fällt die Rechts-
mittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie darin auch über die
von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428 Abs. 3 StPO).
2.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschuldigten die Kosten der
Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahrens, ausgenommen diejenigen
der amtlichen Verteidigung, vollumfänglich aufzuerlegen. Die Kosten der amt-
lichen Verteidigung des erstinstanzlichen Verfahrens sind einstweilen auf die Ge-
richtskasse zu nehmen; vorzubehalten ist eine Nachforderung gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO.
Soweit die amtliche Verteidigung beantragt, es seien dem Beschuldigten die ihm
aufzuerlegenden Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens definitiv zu erlassen, ist
dem nicht zu folgen. Artikel 425 StPO ist eine Kann-Bestimmung und verlangt
nicht, dass schon mit heutigem Urteil darüber befunden wird. Vielmehr ermöglicht
es diese Bestimmung, den Verhältnissen des Betroffenen erst im Zeitpunkt des
Kostenbezugs Rechnung zu tragen. Auch gibt es keinen verfassungsrechtlichen
Anspruch auf Erlass der Gerichtskosten; selbst im Fall von dauerhaft mittellosen
Betroffenen verbleibt es im Ermessen der zuständigen Behörde, ob sie einem
Gesuch um Erlass von Gerichtskosten ganz oder teilweise Folge gibt (vgl. Urteil
des Bundesgerichtes 6B_500/2016 vom 9. Dezember 2016 E. 3). Da der Be-
schuldigte eine Eigentumswohnung besitzt, welche seinen Angaben zufolge einen
Wert von ca. Fr. 500'000.– aufweist und in welcher Eigenmittel in der Höhe von
ca. Fr. 80'000.– investiert sind und er abgesehen von der Hypothek keine Schul-
den hat (Urk. 65 S. 2; Urk. 3/3 S. 10 f.), rechtfertigt es sich, über die Befreiung von
der Kostentragungspflicht nicht bereits mit heutigem Urteil zu entscheiden.
2.2. Die Vorinstanz verpflichtete den Beschuldigten sodann, dem Privatkläger für
dessen teilweises Obsiegen eine auf zwei Drittel reduzierte Prozessentschä-
digung von Fr. 2'388.55 inkl. Barauslagen und 8.0 % bzw. 7.7 % MwSt. zu bezah-
len. Dieser Betrag erscheint im Hinblick auf den vorliegenden Verfahrensausgang
- 39 -
weiterhin angemessen. Bleibt anzufügen, dass entgegen der Ansicht der amt-
lichen Verteidigung (vgl. Urk. 66 S. 51) ein in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht
nicht unkomplexer Fall vorliegt. Dies ergibt sich bereits aus der Tatsache, dass
deren beiden Rechtsschriften je rund 50-Seiten umfassen (vgl. Urk. 34 und 66).
3.1. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist praxisgemäss auf
Fr. 3'000.– festzusetzen. Diese Kosten sind dem Beschuldigten ausgangsgemäss
zu drei Vierteln aufzuerlegen und im Übrigen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Die Rückzahlungspflicht des Beschuldigten ist im Umfang von drei Vierteln ge-
mäss Art. 135 Abs. 4 StPO vorzubehalten.
3.2. Für das Berufungsverfahren beantragt die amtliche Verteidigung als Ent-
schädigung für ihre Leistungen Fr. 9'754.55 inkl. MwSt von 7.7 % und Auslagen,
zuzüglich des Aufwandes für die Berufungsverhandlung plus Wegzeit (vgl. Urk. 64
S. 1). Die Berufungsverhandlung dauerte samt Eröffnung des Urteils fünf Stunden
und vierzig Minuten (vgl. Prot. II S. 4 und 16). Hinzu kommt eine Stunde für den
Hin- und Rückweg sowie eine angemessene Zeit für die Vor- und Nachbe-
sprechung mit dem Beschuldigten. Die Entschädigung richtet sich jedoch grund-
sätzlich nicht nach dem effektiven Zeitaufwand, sondern nach dem notwendigen
und verhältnismässigen Aufwand (vgl. Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 23 Abs. 1
i.V.m. § 2 Abs. 1 AnwGebV OG; zum Ganzen Leitfaden Amtliche Mandate vom
1. Oktober 2016). In Anbetracht dessen, dass die amtliche Verteidigung die Akten
bereits aus dem vorinstanzlichen Verfahren kannte und im Berufungsverfahren im
Wesentlichen die bereits vor Vorinstanz vorgebrachten Argumente wiederholte,
rechtfertigt es sich, die Entschädigung für die amtliche Verteidigung für das zweit-
instanzliche Verfahren pauschal auf Fr. 10'000.– (inkl. Barauslagen und Mehr-
wertsteuer) festzusetzen (§ 18 Abs. 1 i.V.m. § 17 Abs. 1 AnwGebV OG).