Decision ID: a1f74524-ee3b-4b62-ad95-ad6b322a35c3
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Mit rechtskräftig gewordenem
Einspracheentscheid
v
om
4.
Februar 2014 for
der
te
die
Arbeitslosenkasse
Unia
von der 1982 geborenen
X._
Arbeits
losen
taggelder
im Betrag von
Fr.
4‘881.85, welche sie für die Zeit von Juni bis Okto
ber 2013 zu viel ausgerichtet hatte, als unrechtmässig bezogen zurück (
Urk.
6/4).
Am 2
5.
März 2014 überwies die Arbeitslosenkasse die Sache zum Entscheid über da
s
Erlassgesuch an das Amt für Wirtschaft und Arbeit (
Urk.
6/1). Dieses lehnte den Erlass der Rückerstattungsschuld mit Verfügung vom
5.
Mai 2014
(
Urk.
6/8)
und bestätigendem
Einsprache
entscheid
vom 2
3.
Juli 2014 (
Urk.
2) ab.
2.
Gegen letzteren erhob
X._
am
7.
August 2014 Beschwerde
und bat um
Prüfung einer einvernehmlichen Lösung im Sinne einer rückwirkenden Muta
tio
n des Vermittlungsgrades und eventualiter um ganzen oder teilweisen Erlass der Rückerstattungsschuld (
Urk.
1 S. 3). Der Beschwerdegegner schloss in der Ver
nehm
lassung vom
8.
September 2014 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
5).
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit für die
Entscheidfindung
erforderlich, nachfolgend eingegangen.
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Da der Streitwert
Fr.
20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Be
schwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (
§
11
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
1.2
1.2.1
Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur Rechts
verhältnisse zu überprüfen beziehungsweise zu beurteilen, zu denen die zu
stän
dige Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich – in Form einer Verfü
gung be
ziehungsweise eines
Einspracheentscheids
– Stellung genommen hat. Insoweit
bestimmt die Verfügung beziehungsweise der
Einspracheentscheid
den
beschwer
d
e
weise
weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem
Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und
insoweit keine Verfügung beziehungsweise kein
Einspracheentscheid
ergangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1; 125 V 413 E. 1a).
1.2.2
Anfechtungsgegenstand dieses Verfahrens ist der
Einspracheentscheid
vom 2
3.
Juli 2014, welcher einzig den Erlass der Rückerstattungsschuld zum Inhalt hat.
Der Rückerstattungsentscheid vom
4.
Februar 2014 ist unangefochten in Rechts
kraft erwachsen. Ein Zurückkommen auf denselben bedürfte eines
Rück
kom
menstitels
im Sinne einer
Revision (
Art.
53
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) oder einer
Wieder
er
wägung
(
Art.
53
Abs.
2 ATSG). Ein vergleichsweises Zurückkommen auf einen rechtskräftigen Entscheid – wie von der Beschwerdeführerin vorgeschlagen – ist
gesetzlich nicht vorgesehen und könnte – wie im Falle der Wiedererwägung (BGE
133 V 50) – ohnehin nicht gerichtlich durchgesetzt werden. Zudem wäre nicht der Beschwerdegegner, sondern die Arbeitslosenkasse
Unia
hierfür zu
ständig.
Entsprechend ist auf den Antrag 1 der Beschwerdeführerin nicht einzutreten.
2.
2.1
Laut
Art.
95
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenver
sicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG) richtet sich die Rückforde
rung ausser in den Fällen nach
Art.
55 und
Art.
59c
bis
Abs.
4 AVIG nach
Art.
25 ATSG. Gemäss
Art.
25
Abs.
1 ATSG sind unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuerstatten. Wer Leistungen in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht zurückerstatten, wenn eine grosse
Härte vorliegt.
2.2
Nach der Rechtsprechung liegt guter Glaube nicht schon bei Unkenntnis des Rechtsmangels vor. Vielmehr darf sich der Leistungsempfänger nicht nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit schuldig ge
macht haben. Daraus erhellt, dass der gute Glaube von vornherein entfällt, wenn
die zu Unrecht erfolgte Leistungsausrichtung auf eine arglistige oder
grobfahr
lässige
Melde- und Auskunftspflichtverletzung zurückzuführen ist. An
derseits kann sich der Rückerstattungspflichtige auf den guten Glauben berufen, wenn sein fehlerhaftes Verhalten nur eine leichte Fahrläs
sigkeit darstellt (BGE 112 V 97 E. 2c, 110 V 176 E
. 3c; ARV 2003 Nr. 29
E
. 1.2 mit Hinweisen).
3.
3.1
Streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführerin die festgestellte
Rücker
stattungsschuld
im Betrag von
Fr.
4‘881.85
für
zuviel
bezahlte Taggelder im Zeitraum Juni bis Oktober 2013
zu erlassen ist
.
3.2
D
e
r Beschwerdegegner
verneinte das Vorliegen des guten Glaubens zusam
men
gefasst damit, dass die Beschwerdeführerin bei gebotener Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen, dass ihr die Taggelder nicht in der ausgerichteten Höhe zugestanden wären. Zwar sei der Fehler unbestrittenermassen auf Seiten der
Arbeitslosenkasse eingetreten. Dies entbinde die Beschwerdeführerin jedoch nicht
von der gebotenen Kontrolle. Jedenfalls hätte ihr klar sein müssen, dass
die
Arbeitslosentaggelder keinesfalls höher hätte
n
ausfallen dürfen, als der Lohn, den sie bei einem 60%-Pensum an ihrer letzten Arbeitsstelle verdient hätte (
Urk.
2).
3.3
Die Beschwerdeführerin hielt im Wesentlichen entgegen, dass sie der Meinung gewesen sei,
der Taggeldanspruch berechne sich unabhängig vom
angestrebten Arbeitsp
ensum (vgl. dazu Einsprache vom 1
3.
Mai 2014 S.
2) gestützt
auf den tatsächlich erzielten Ver
dienst vor der Arbeitslosigkeit,
welcher sich aus
Fest
lohn,
Boni und Gra
tifikation zusa
mmengesetzt habe. Deshalb habe
sie den ver
sicherten Verdien
st als realistisch erachtet
. Zudem habe sie
auf
die sorgfältige Arbeit der Arbeitslosenkasse vertraut.
Daher
sei der Fehler für sie zunächst eben gerade nicht erkennbar gewesen. Zudem seien ihr die rechtlichen Rahmenbe
ding
ungen der Taggeldberechnung nicht bekannt gewesen, nehme sie
die
Arbeits
losenversicherung doch zum ersten Mal in Anspruch. Auch sei sie durch die Mutterschaft und
die durch den Arbeitgeber verschuldete Arbeitslosigkeit stark belastet gewesen (
Urk.
1 S. 2).
4.
4.1
Bei der Prüfung des gute
n Glaubens ist praxisgemäss
zu unterscheiden zwi
schen dem guten Glauben als fehlendem Unrechtsbewusstsein und der Frage, ob sich jemand unter den gegebenen Umständen auf den guten Glauben berufen
kann oder ob er bei zumutbarer Aufmerksamkeit den bestehenden
Rechtsman
gel
hätt
e erkennen sollen (BGE 122 V 221 E. 3; AHI 2003 S. 161 E
. 3a; ARV 2001 Nr. 18
E
. 3b; alle mit weiteren Hinweisen).
Nach Lage der Akten resultierte die Rückerstattungsschuld aus dem Umstand, dass die Arbeitslosenkasse im Zeitraum Juni bis Oktober 2013
Arbeitslosentag
gelder
basierend auf dem versicherten Verdienst für das zuvor ausgeübte 80%-Pensum ausgerichtet hatte, obwohl sich die Beschwerdeführerin der Stellenver
mittlung gemäss ihrer Anmeldung lediglich für 60
%
zur Verfügung gestellt hatte (vgl.
Urk.
6/4, 6/35, 6/37/1).
Der Beschwerdegegner behauptete zu Recht nicht, die Beschwerdeführerin sei sich der Unrechtmässigkeit des zu hohen Taggeldbezugs bewusst gewesen.
Für eine derartige Annahme fehlt es an jeglichem Hinweis. Jedoch ist mit dem
Be
schwerdegegner
davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei zumutba
rer Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen, dass
ihr
die von Juni bis Oktober 2013 auf der Basis des bisherigen 80%-Pensums ausgerichteten Taggelder nicht in voller Höhe zugestanden wären.
Zwar ist den
einspracheweisen
Vorbringen der Beschwerdeführerin (
Urk.
6/9) insofern zuzustimmen, als weder dem Informationsschreiben vom 2
6.
Juli 2013 (
Urk.
6/5) noch den Taggeldabrechnungen (
Urk.
6/35) explizit zu entnehmen ist, auf welches Pensum sich der versichert
e
Verdienst bezi
eht, respektive, dass sich der versicherte Verdienst
unter anderem
nach dem gesuchten Beschäftigungs
grad
und dem daraus
folgenden Verdienstausfall
berechnet. Jedoch findet sich im Informationsschreiben vom 2
6.
Juli 2013 im Zusammenhang mit den
War
te
tagen
immerhin der Hinweis, dass der versicherte Verdienst zum Beispiel auf
grund einer verminderten Vermittlungsbereitschaft herabgesetzt wird (
Urk.
6/5).
Insbesondere aber
sprach sich das Bundesgericht bereits wiederholt
klar
dafür aus, dass der versicherten Person bewusst sein muss, dass sich der Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung bei einer Senkung des gesuchten Beschäftigungsgra
des
entsprechend
verringert (vgl. Urteile des Bundesgerichts C 2/07 vom
6.
März 2007 E. 3.2, C 70/03 vom 2
3.
Januar 2003 E. 4.2).
Befand sich die Beschwerdeführerin diesbezüglich in einem Irrtum, hilft ihr das bei der Frage nach dem guten Glauben nicht weiter.
Bei gebotener Aufmerk
samkeit hät
te
ihr nicht nur
der Hinweis im Informationsschreiben vom 2
6.
Juli 2013 zum Zusammenhang zwischen der Höhe des versicherten Verdienstes und
dem Arbeitsausfall beziehungsweise dem angestrebten
Pensum auffallen müs
sen.
Es muss ihr auch vorgeworfen werden, dass sie
den
Berechnungsgrundla
gen
der ihr regelmässig ausgerichteten Zahlungen zu wenig Beachtung schenkte. Hätte
sie denselben ein Mindestmass an Aufmerksamkeit geschenkt,
wäre sie
mit ü
berwiegender Wahrscheinlichkeit
(zum Beweisgrad der überwie
genden Wahr
scheinl
ichkeit: BGE 126 V 353 E. 5b mit Hinweisen; vgl. BGE 130 III 321 E.
3.2 und
3.3)
auf die Frage gestossen, inwiefern das angestrebte
Ar
beitspensum
leistungs
relevant
ist
,
und es wären
ihr
Zweifel an der
Korrektheit der
Höhe der ausge
richteten Taggelder
gekommen. Entsprechend hätte sie
sich
zumindest
über die Anspruchsgrundlagen erkundigen müssen
.
Sodann
hätte sie auch ohne Fachkenntnisse und eingehende Prüfung der Ab
rechnungen der Arbeitslosenversicherung erkennen müssen, dass
sich
der
den
Taggeldzahlungen zugrunde gelegte
versicherte Verdienst von
Fr.
5‘598.-- (
Urk.
6/35)
auf das 80%- anstelle
ein
es
60%-Pensum
s
bezog
und gar höher lag, als der im Jahr 2013 bis zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses am 2
8.
Mai 2013 bezogene Verdienst
(
Urk.
6/39 S. 2;
Fr.
5‘100.—x 13 : 12 =
Fr.
5‘525.--)
.
Die ausgerichteten Taggelder lagen
zudem deutlich
über dem Lohn, welchen die Beschwerdeführerin in einem 60%-Pensum bei ihrer letzten Arbeitgeberin er
zielt hätte (
Urk.
6/39 S. 2;
Fr.
5100.-- x 13 : 12 : 4 x 3 =
Fr.
4‘143.75).
Auch dies hätte ihr bei gebührender Aufmerksamkeit auffallen müssen.
Die
erhöhte Belastung infolge der Mutterschaft
und
infolge der Arbeitslo
sigkeit vermögen die Beschwerdeführerin vom Nachweis des guten Glaubens
ebenfalls nicht
zu befreien.
Wenn die Beschwerdeführerin den ihr regelmässig ausgerichteten Zahlungen keine weitere Beachtung schenkte und
sich, da ihr der mitgeteilte versicherte Verdienst als „realistisch“ (
Urk.
1 S.
2) erschien, ohne weitere Erkundigungen beziehungsweise Überlegungen auf ihre unrichtige Annahme stützte, das ange
strebte Pensum sei für die Höhe der Taggelder nicht relevant, kann das nicht bloss als entschuldbare, leichte Nachlässigkeit gewertet werden. Der Beschwer
deführerin ist die Gutgläubigkeit beim Taggeldbezug und damit eine für den Erlass der gestellten Rückerstattungsforderung unerlässliche Voraussetzung ab
zu
sprechen.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.