Decision ID: c122f5ab-f997-4aff-a1a2-9d92c4a2544c
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
gewerbsmässiger Betrug
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Horgen, Einzelgericht, vom 25. Juli 2011 (GG110024)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis vom 1. Juli 2011 ist
diesem Urteil beigeheftet (Urk. 24).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 79)
1. Die beschuldigte Person ist schuldig des gewerbsmässigen Betruges im
Sinne von Art. 146 Abs. 1 und 2 StGB.
2. Die beschuldigte Person wird bestraft mit neun Monaten Freiheitsstrafe,
wovon 62 Tage durch Haft erstanden sind.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 1'800.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 450.– Kosten Kantonspolizei
Fr. 1'800.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. 25.– Auslagen Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung (ausstehend)
Die Kosten, ausgenommen derjenigen der amtlichen Verteidigung, werden
der beschuldigten Person auferlegt, aber abgeschrieben. Die Kosten der
amtlichen Verteidigung werden auf die Staatskasse genommen; vorbehalten
bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO. Über die Höhe der
Kosten der amtlichen Verteidigung wird separat entschieden.
5. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis vom 1. Juni 2011
beschlagnahmten Fr. 613.95 werden auf Anrechnung an die von der beschul-
digten Person zu zahlenden Verfahrenskosten eingezogen.
6. (Mitteilungen)
7. (Rechtsmittel)
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 124 S. 1)
1. Das Urteil des Bezirksgerichtes vom 25. Juli 2011 sei aufzuheben, und
Frau A._ sei vollumfänglich freizusprechen.
2. Frau A._ sei für die erlittene Untersuchungs- und
Sicherheitshaft als auch den vorzeitigen Strafvollzug bzw. -antritt an-
gemessen zu entschädigen, bzw. es sei ihr eine angemessene Genug-
tuung zuzusprechen, approximativ veranschlagt mit CHF 150.00 pro
Hafttag.
3. Die Kosten des erst- und zweitinstanzlichen Verfahrens seien auf die
Staatskasse zu nehmen.
4. Die Kosten der amtlichen Verteidigung für beide Instanzen seien eben-
falls auf die Staatskasse zu nehmen.
5. Die mit Beschlagnahmeverfügung vom 1. Juni 2011 sichergestellten
CHF 613.95 aus der Barschaft von Frau A._ seien ihr unbeschwert
und vollständig herauszugeben.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 125 S. 1)
1. Die Beschuldigte sei im Sinne des vorinstanzlichen Urteiles schuldig zu
sprechen.
2. Die Beschuldigte sei zu einer Freiheitsstrafe von 12 Monaten zu ver-
urteilen.
3. Die Freiheitsstrafe sei vollumfänglich zu vollziehen.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Gegenstand der Berufung
1. Mit dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil des Bezirksgerichts
Horgen, Einzelgericht, vom 25. Juli 2011 wurde die Beschuldigte A._ des
gewerbsmässigen Betruges im Sinne von Art. 146 Abs. 1 und 2 StGB schuldig
gesprochen und mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von neun Monaten
bestraft, unter Anrechnung von 62 Tagen Haft (Dispositivziffern 1-3). Die Kosten
der Untersuchung und des Gerichtsverfahrens, ausgenommen jene der amtlichen
Verteidigung, wurden der Beschuldigten auferlegt, aber abgeschrieben. Die
Kosten der amtlichen Verteidigung wurden auf die Gerichtskasse genommen,
vorbehalten die Rückzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO (Dispositiv-
ziffer 4). Weiter ordnete das Einzelgericht die Einziehung des beschlagnahmten
Betrages von Fr. 613.95 an, auf Anrechnung an die von der Beschuldigten zu
zahlenden Verfahrenskosten (Urk. 79 S. 47 f.).
2. Gegen dieses Urteil meldete der amtliche Verteidiger im Anschluss an die
mündliche Urteilseröffnung vor Vorinstanz Berufung an (Prot. I S. 16; Art. 399
Abs. 1 StPO). Die Berufungserklärung des Verteidigers vom 22. September 2011
ging innerhalb der gesetzlichen Frist bei der Berufungsinstanz ein (Urk. 110;
Art. 399 Abs. 3 StPO). Fristgerecht mit Schreiben vom 6. Oktober 2011 erhob die
Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis Anschlussberufung (Urk. 114; Art. 400 Abs. 3
lit. b StPO). Mit Brief vom 28. Oktober 2011 teilte der Verteidiger mit, dass die
Beschuldigte aktuell an der ...-Strasse ... in B._ [Stadt im europäischen
Staate C._] wohnt bzw. dort ordentlich gemeldet ist und dass seine Adresse
für die Dauer des Verfahrens als Zustelladresse gelten kann (Urk. 116). Beweis-
anträge wurden seitens der Verteidigung ausdrücklich vorbehalten (Urk. 110 S.
2).
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3. Gegenstand der Berufung
Im Berufungsverfahren ist der ganze erstinstanzliche Entscheid angefochten und
folglich keine Teilrechtskraft eingetreten.
4. Haft und Haftentlassung
4.1 Am 25. Mai 2011, 12.15 Uhr, wurde die Beschuldigte verhaftet
(Urk. 13/2). Im Antrag auf Anordnung der Untersuchungshaft vom 27. Mai 2011
wies der Staatsanwalt unter Hinweis auf die Beurteilung/Bestätigung von Dr.
D._ vom 25. Mai 2011 darauf hin, dass die Beschuldigte medizinische Be-
treuung benötige, da sie offenbar wegen MS Medikamente brauche (Urk. 13/7
S. 3 unten; Urk. 13/3). Am 27. Mai 2011 wurde die Beschuldigte vom Zwangs-
massnahmengericht Horgen in Untersuchungshaft versetzt (Urk. 13/10).
4.2 Das Gesuch der Verteidigung vom 14. Juni 2011 um unverzügliche
Entlassung der Beschuldigten aus der Haft (Urk. 13/12) wies das Zwangsmass-
nahmengericht Horgen mit Verfügung vom 22. Juni 2011 ab (Urk. 13/19).
4.3 Nach durchgeführter Untersuchung erhob die Staatsanwaltschaft am
1. Juli 2011 Anklage beim Einzelgericht Horgen (Urk. 24). Gleichzeitig beantragte
sie die Anordnung von Sicherheitshaft (Urk. 24 S. 8). Nachdem bei der Beschul-
digten am 5. Juli 2011 gesundheitliche Probleme aufgetaucht waren (vgl. Urk. 26),
wies die Staatsanwaltschaft die Beschuldigte gleichentags im Auftrag und in Ab-
sprache mit dem Zwangsmassnahmengericht Horgen in die E._ (E._)
ein (Urk. 27). Bereits am 6. Juli 2011 teilte die Krankenstation der E._ mit,
die Beschuldigte sei hafterstehungsfähig; es bestehe weder eine Selbst- noch
Fremdgefährdung (Urk. 28). Am 7. Juli 2011 wurde die Beschuldigte wieder ins
Gefängnis Zürich zurückverlegt (Urk. 32).
4.4 Mit Verfügung vom 11. Juli 2011 ordnete das Zwangsmassnahmenge-
richt Horgen an, dass die Beschuldigte bis zur Urteilseröffnung, längstens jedoch
bis zum 11. Oktober 2011, in Sicherheitshaft zu bleiben habe. Der Zwangsmass-
nahmenrichter ging davon aus, es liege ein dringender Tatverdacht vor; zudem
seien die Haftgründe der Fluchtgefahr sowie der Fortsetzungs- bzw. Wieder-
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holungsgefahr gegeben, weshalb sich die Prüfung von Ersatzmassnahmen
erübrige. Der Zwangsmassnahmenrichter hielt auch dafür, dass die Sicherheits-
haft (noch) angemessen sei (Urk. 35).
4.5 Am 14. Juli 2011 beantragte die Verteidigung, der Beschuldigten den
vorzeitigen Strafvollzug sowie Kontakte bzw. Besuche ihres Ehemannes und ihres
Vaters zu bewilligen (Urk. 38). Mit Verfügung vom 19. Juli 2011 verweigerte die
Vorinstanz der Beschuldigten den vorzeitigen Strafantritt sowie telefonische
Kontakte mit ihrem Vater und ihrem Ehemann, erteilte für diese beiden Personen
aber eine Dauerbesuchsbewilligung (Urk. 42).
4.6 Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung vom 25. Juli 2011
(Prot. I S. 6 ff.) wies die Beschuldigte in ihrer persönlichen Befragung auf ihre ge-
sundheitlichen Probleme (MS seit sieben oder acht Jahren) hin (Urk. 56 S. 3 f.).
Am Schluss des Plädoyers stellte die Verteidigung den Antrag, die Beschuldigte
sei, "unbeachtlich der Frage, was für ein Urteil ergeht" (Prot. I S. 15), umgehend
aus dem Gefängnis zu entlassen. Nach der mündlichen Urteilseröffnung und -
erläuterung stellte die Verteidigung den Antrag, der Beschuldigten sei der vorzei-
tige Strafvollzug zu bewilligen (Prot. I S. 16).
4.7 Mit Verfügung der Vorinstanz vom 25. Juli 2011 (Urk. 50) wurde - unter
Bejahung der Haftgründe der Flucht- und Fortsetzungsgefahr - die Fortdauer
der Sicherheitshaft angeordnet. Gleichentags bewilligte die Vorinstanz der
Beschuldigten den vorzeitigen Strafvollzug (Urk. 53), und mit Vollzugsauftrag vom
28. Juli 2011 bestätigte das Amt für Justizvollzug den vorzeitigen Strafantritt
(Urk. 58).
4.8 Am 3. August 2011 wurde die Beschuldigte aufgrund ihres schlechten
Gesundheitszustandes in die E._ eingewiesen, wo sie fortan verblieb (Urk.
63 ff.).
Mit Eingabe vom 26. August 2011 (Urk. 81) beantragte die Verteidigung sofortige
Entlassung der Beschuldigten aus der Haft resp. dem vorzeitigen Strafvollzug. Sie
verwies dazu auf deren langjährig behandelnden Arzt und Psychiater aus
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B._, Dr. F._, der die Beschuldigte in der E._ besucht und am
10. August 2011 einen Bericht verfasst hatte (Urk. 82). Die Beschuldigte sei in die
psychiatrische und medizinische Abteilung der Klinik in B._ überführen zu
lassen, weil nur "mit fachlicher Hilfe ihrer langjährigen Ärzte und dem vollen Bei-
stand und Unterstützung der Familie in B._ (Ehemann, 2 Kinder, Eltern und
Schwiegereltern)" damit gerechnet werden könne, dass sich die Beschuldigte
wieder auffange und nicht mit einem Todesfall gerechnet werden müsse. Neben
der psychischen Erkrankung müsse auch der fortgeschrittenen MS-Erkrankung
mit starker Medikamentierung Rechnung getragen werden (Urk. 81 S. 2).
Dem medizinisch-psychiatrischen Befundbericht von Dr. F._ lässt sich ent-
nehmen, dass die Beschuldigte zumindest seit der Jahreswende 2004/2005 an
Encephalomyelitis disseminata (d.h. Multipler Sklerose, [MS]) leidet und ent-
sprechend Medikamente benötigt. Dazu kommt gemäss Dr. F._, dass sie seit
Mitte 2005 an einer zumindest bis mittelgradigen rezidivierenden depressiven
Erkrankung mit diversen Folgen (wie insbesondere Suizidalität und schweren
Gewichtsverlusten) leidet. Aufgrund der rezidivierenden psychiatrischen Erkran-
kung sei ihr ab 2007 eine Invaliditätspension zuerkannt worden. Infolge der
sozialpsychiatrischen Umstände sei es während der Haft zu einem Rückfall in
ein zumindest bis mittelgradiges multisymptomatisch zeichnendes depressives
Störbild (u.a. mit Gewichtsabnahme, Todes-/Selbstmordgedanken, Hass- und
Schuldgefühlen) sowie zu einem neuerlichen Schub der multiplen Sklerose ge-
kommen. Die Beschuldigte könne jederzeit in B._ an einer neuropsychiatri-
schen Abteilung in eine geeignete kombinierte körpermedizinische und psychiatri-
sche Behandlung übernommen werden (Urk. 82).
4.9 Dr. med. G._ von der E._ bestätigte am 12. September 2011
telefonisch die Einschätzung von Dr. F._. Die Beschuldigte sei schwer krank,
leide an MS und habe eine schwere Schizophrenie. Dr. G._ empfahl aus fa-
miliären Gründen eine Verlegung nach B._ (Urk. 99). Gemäss Kurzbericht
der E._ vom gleichen Tag wurde die Beschuldigte wegen einer
paranoiden Schizophrenie behandelt. Ausserdem hatte sie einen akuten
MS-Schub. Der Krankheitsverlauf gestaltete sich sehr schwierig und der Krank-
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heitszustand war kritisch. Sobald Angehörige der Beschuldigten vor Ort waren,
zeigte sich eine passagere (d.h. vorübergehende) klinische Besserung. In Über-
einstimmung mit Dr. F._ wurde aus medizinisch-psychiatrischer Sicht drin-
gend eine Verlegung nach B._ zur weiteren Behandlung empfohlen (Urk. 103
= Urk. 103A).
4.10 Mit Präsidialverfügung vom 13. September 2011 (Urk. 108) wurde das
Haftentlassungsgesuch der Beschuldigten gutgeheissen und die Beschuldigte per
sofort aus der Haft entlassen, dies, obwohl dringender Tatverdacht bejaht, die
Haftgründe der Flucht- und Wiederholungsgefahr nach wie vor als gegeben
erachtet wurden und die Haftdauer in zeitlicher Hinsicht noch nicht unverhältnis-
mässig war (Urk. 108 S. 8 ff.). Die Entlassung erfolgte aufgrund einer Interessen-
abwägung -Interesse der Beschuldigten an persönlicher Freiheit und insbesonde-
re psychischer Integrität einerseits (vgl. vorstehende Erwägung 4.9) und öffentli-
ches Interesse an der Fortsetzung der Sicherheitshaft anderseits -, welche zum
Schluss führte, dass die Verhältnismässigkeit der Haft als Zwangsmassnahme
nicht mehr gegeben war (Urk. 108 S. 14 ff.).
5. Berufungsverhandlung und Beweisergänzung
5.1 Am 1. März 2012 fand die Berufungsverhandlung statt (Prot. II S. 6 ff.),
wobei der Beschuldigten aus gesundheitlichen Gründen das persönliche Erschei-
nen erlassen worden war (Urk. 120-123).
5.2 Anlässlich der Berufungsverhandlung beantragte die Verteidigung, die
Beschuldigte sei aufgrund von psychischen Störungen zur Frage der Schuldfähig-
keit zu begutachten (Prot. II S. 8; Urk. 124 S. 2 f.).
Da die Beschuldigte gemäss Bericht des behandelnden Psychiaters in B._,
Dr. F._ neben Multipler Sklerose (MS) zumindest an einer mittelgradigen re-
zidivierenden depressiven Erkrankung mit diversen Folgen (wie vor allem Suizida-
lität; vgl. Urk. 82) bzw. gemäss Bericht der E._ (E._) an paranoider
Schizophrenie (vgl. Urk. 103, 103A) leidet, wurde dem Antrag der Verteidigung
entsprochen und mit Beschluss vom 12. März 2012 die Einholung eines ärztlichen
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Gutachtens über den körperlichen und geistigen Zustand der Beschuldigten und
deren Schuldfähigkeit zur Zeit der Tat angeordnet (Prot. II S. 11; Urk. 126). Als
Gutachterin bestellte die urteilende Kammer Dr. med. H._, Psychiatrisch-
Psychotherapeutische Praxis I._. Der schriftliche Gutachtensauftrag unter
Übermittlung der vollständigen Prozessakten samt Fragenkatalog erfolgte am
11. April 2012, wobei im Sinne einer beförderlichen Behandlung vorgegeben wur-
de, dass die Begutachtung bis Ende September 2012 zu geschehen habe
(Urk. 127-129).
In der Folge erwies es sich für die Gutachterin als schwierig, mit der Verteidigung
bzw. der Beschuldigten Explorationstermine festlegen zu können, indem die
jeweils drei vorgeschlagenen und reservierten Tage mehrmals nicht bestätigt
wurden und die Gutachterin deshalb neu disponieren musste. Auf eindringliches
schriftliches Ersuchen des Kammerpräsidenten vom 17. August 2012, nunmehr
Hand zu bieten, damit die Begutachtung zeitgerecht vorgenommen werden könne
sowie nach weiteren, vergeblich angebotenen Daten gelang die Exploration
schliesslich Ende Oktober 2012 (Urk. 131-136). Das vom 1. November 2012
datierte Gutachten (Poststempel 2. November 2012) ging am 5. November 2012
beim Gericht ein (Urk. 138).
5.3 Im Einverständnis mit den Parteien wurde das Verfahren nach Erhalt
des Gutachtens schriftlich fortgesetzt, wobei die Parteien auch ausdrücklich auf
eine mündliche Urteilseröffnung und -erläuterung verzichteten (Prot. II S. 11). Mit
Präsidialverfügung vom 6. November 2012 wurde der Verteidigung Frist zur
Stellungnahme zum Gutachten angesetzt; diese erfolgte rechtzeitig innert
erstreckter Frist am 10. Dezember 2012 (Urk. 139-145). Die Staatsanwaltschaft
äusserte sich ebenfalls fristgerecht mit Eingabe vom 19. Dezember 2012
(Urk. 146-148).
II. Prozessuales
1. Die Verteidigung erhebt verschiedene Einwendungen gegen die Ver-
wertbarkeit von Beweismitteln (Urk. 124).
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1.1 Aussagen der Beschuldigten in der polizeilichen Befragung (Urk. 7/1)
Die Verteidigung macht geltend, die Beschuldigte habe alle einmal gemachten
Aussagen widerrufen, weshalb auf ihre im Rahmen der polizeilichen Befragung
vom 25. Mai 2011 getätigten Aussagen nicht abgestellt werden könne (Prot. I
S. 8).
Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass den Akten weder ein ausdrücklicher noch
ein konkludenter Widerruf von Aussagen durch die Beschuldigte zu entnehmen
ist. Vielmehr war es so, dass die Beschuldigte auf Anraten ihres Verteidigers ab
der Hafteinvernahme vom 27. Mai 2011 jegliche Aussagen zur Sache verweiger-
te. Anlässlich der Hafteinvernahme vom 27. Mai 2011 wurde die Beschuldigte ge-
fragt, ob sie zu ihren Aussagen gegenüber der Kantonspolizei vom 25. Mai 2011
etwas ergänzen und/oder korrigieren wolle, was die Beschuldigte ausdrücklich
verneinte (Urk. 7/2 S. 3 und 11). Das kann nur so verstanden werden, dass sie
bei ihren vor der Polizei getätigten Angaben blieb. Daran ändert der Umstand
nichts, dass sie ihre früheren Aussagen weder konkret bestätigte noch sich dazu
äusserte (vgl. Urk. 13/20 S. 5). Darin lässt sich vor allem auch kein Widerruf
erblicken. Ein Widerruf findet sich auch nicht im weiteren Verlauf des Verfahrens.
Die fehlende Unterschrift der Beschuldigten am Ende des Hafteinvernahme-
protokolls und die fehlenden Visa auf jeder Seite (Urk. 7/2; Art 78 Abs. 5 StPO)
beeinträchtigen die Verwertbarkeit ebenfalls nicht, ist doch die Unterschrift nur
Gültigkeitserfordernis, wenn die beschuldigte Person unterzeichnen will. Die
Vorschrift, jede Seite zu visieren, erscheint demgegenüber ohnehin als eine
Ordnungsvorschrift (BSK StPO-Näpfli, Art. 78 N 25 mit Hinweisen). Lehnt die
einvernommene Person ab zu unterzeichnen, ist die Einvernahme mit der dafür
angegebenen Begründung im Protokoll - auch dazu verweigerte die Beschuldigte
vorliegend die Aussage - trotzdem als Beweismittel verwertbar und hat
Urkundencharakter (BSK StPO-Näpfli, Art. 78 N 26 mit Hinweis).
Selbst wenn die Beschuldigte ihre Aussagen vor der Polizei widerrufen hätte,
würde dies nicht ohne Weiteres bewirken, dass diese früheren Aussagen als
unglaubhaft zu qualifizieren wären. Vielmehr führt diese Vorgehensweise häufig
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dazu, die späteren Bestreitungen - bzw. hier das Schweigen zur Sache, das
sinngemäss als Bestreitung gelten muss - als blosse Schutzbehauptungen abzu-
lehnen.
Dass die polizeiliche Einvernahme der Beschuldigten vom 25. Mai 2011 mangels
Teilnahme der Verteidigung nicht gültig sein könnte, bringt die Verteidigung zu
Recht nicht vor. Die Beschuldigte wurde zu Beginn der polizeilichen Einvernahme
formell über ihre Rechte gemäss Art. 158 StPO aufgeklärt. Darauf erklärte sie,
ihre Rechte verstanden zu haben. Aber sie habe nichts gemacht, sie brauche
keinen Anwalt (Urk. 7/1 S. 1). Damit verzichtete die Beschuldigte - die nicht zum
ersten Mal in der Schweiz verhaftet und auch schon von Rechtsanwalt X._
verteidigt worden war - bei der polizeilichen Befragung ausdrücklich auf den Bei-
zug eines Verteidigers. Gleichzeitig entschloss sie sich, Aussagen zur Sache zu
machen. Dass die Beschuldigte in der polizeilichen Befragung ihre Rechte ver-
standen und den Beistand eines Anwalts bewusst abgelehnt hatte, zeigt auch ihre
zu Beginn der Hafteinvernahme geäusserte Meinungsänderung. Als sie am
27. Mai 2011 um 7.40 Uhr für die Hafteinvernahme der Staatsanwaltschaft zuge-
führt wurde, verlangte sie nach Rechtsanwalt X._ und erklärte auf ent-
sprechende Frage, von diesem verteidigt sein zu wollen. Rechtsanwalt X._
konnte kontaktiert werden, so dass die Hafteinvernahme in dessen Beisein mit
etwas Verspätung am gleichen Vormittag stattfinden konnte (Urk. 15/6; Urk. 7/2
S. 1 f.).
Die polizeiliche Einvernahme der Beschuldigten ist damit als Beweismittel zu-
lässig und verwertbar (vgl. BSK StPO-Gless, Art. 139 N 13 ff.).
1.2 Aussagen der Geschädigten J._ (Urk. 8/1 und 8/4)
1.2.1 Die Verteidigung macht zudem geltend, bei der polizeilichen Befragung der
Geschädigten vom 26. Mai 2011 (Urk. 8/1) habe es sich um ein unzulässiges
Vorverhör gehandelt, welches in Missachtung der Teilnahme- und Fragerechte
der Beschuldigten gemäss Art. 147 Abs. 1 StPO durchgeführt worden sei
(Urk. 13/12 S. 2; Urk. 13/20 S. 4; Prot. I S. 8). Dies bewirke Nichtigkeit und damit
Unverwertbarkeit dieser Befragung. Zur Begründung ihrer Ansicht führt die Ver-
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teidigung an, mit der vorbereiteten Verhaftung der Beschuldigten, der Abnahme
von erkennungsdienstlichen Merkmalen und der Übermittlung der Akten respekti-
ve der Rapportierung an die Staatsanwaltschaft sei das Untersuchungsverfahren
eröffnet, und eine Befragung der Geschädigten im Rahmen des polizeilichen
Ermittlungsverfahrens nicht mehr zulässig gewesen (Prot. I S. 9; Urk. 13/20 S. 4).
Die Vorinstanz hat richtig erkannt, dass die Verteidigung damit die Frage nach
dem Wechsel vom polizeilichen Ermittlungsverfahren zum staatsanwaltschaftli-
chen Untersuchungsverfahren aufwirft, welcher unter anderem für die Teilnahme-
und Fragerechte der beschuldigten Person massgebliche Änderungen bringt. Seit
Einführung des sog. "Anwalts der ersten Stunde" hat die beschuldigte Person
gemäss Art. 159 StPO bei ihren eigenen Einvernahmen bereits im Rahmen des
selbständigen polizeilichen Ermittlungsverfahrens nach Art. 306 und 307 StPO
das Recht auf Anwesenheit ihrer Verteidigung. Indes gibt es in diesem Verfah-
rensstadium keine weiteren Teilnahmerechte der beschuldigten Person im Sinne
von Art. 147 StPO. Insbesondere gibt es kein Recht des Beschuldigten oder
seiner Verteidigung, im Rahmen des polizeilichen Ermittlungsverfahrens an Ein-
vernahmen von Auskunftspersonen wie auch Mitbeschuldigten teilzunehmen
(BSK StPO-Rhyner, Art. 306 N 31; BSK StPO-Schleiminger, Art. 147 N 6;
Schmid, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, Art. 179 N 4).
Im Gegensatz dazu haben die Parteien gemäss Art. 147 StPO bei Beweis-
erhebungen durch die Staatsanwaltschaft und die Gerichte, wozu auch durch die
Staatsanwaltschaft an die Polizei delegierte Einvernahmen nach Art. 312 StPO
zählen, das Recht, anwesend zu sein und Fragen zu stellen (BSK StPO-
Schleiminger, Art. 147 N 6). Wird eine solche Einvernahme in Verletzung dieser
Teilnahme- und Fragerechte durchgeführt, so hat dies gemäss Art. 147 Abs. 4
StPO zur Folge, dass die Einvernahme nicht als Beweismittel zulasten der nicht
anwesenden Person verwendet werden darf.
In der Folge prüfte die Vorinstanz, ob die durch die Polizei am 26. Mai 2011
durchgeführte Befragung der Geschädigten J._, wie von der Verteidigung
behauptet, wenn nicht formell, so doch materiell als Akt der staatsanwaltschaftli-
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chen Untersuchung qualifiziert werden muss und daher unter Wahrung der Teil-
nahmerechte der Beschuldigten gemäss Art. 147 StPO hätte erfolgen müssen.
Dies wurde von der Vorinstanz mit zutreffender Begründung verneint, worauf
vollumfänglich verwiesen werden kann (Urk. 42 S. 6-8; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Massgebend ist, dass sich der Gesetzgeber bewusst dafür entschieden hat, die
Möglichkeit selbständiger polizeilicher Ermittlungen beizubehalten. Dazu gehören
namentlich die explizit aufgezählten drei polizeilichen Hauptbehandlungsfelder
bzw. -kompetenzen der Spuren- und Beweissicherung, der Ermittlung und Befra-
gung von Beschuldigten und Geschädigten sowie die Fahndung nach und Siche-
rung von Tatverdächtigen (Art. 306 Abs. 2 lit. a-c), mit andern Worten Standard-
massnahmen der Polizei. Hinzu kommen weitere, nicht ausdrücklich erwähnte
klassische Ermittlungstätigkeiten wie die Ermittlung und Befragung von Tatzeugen
als Auskunftsperson (Art 142 Abs. 2 StPO; Art. 179 Abs. 1 StPO), die Beobach-
tung bzw. Observation von Tatverdächtigen sowie die polizeilichen Zwangsmass-
nahmekompetenzen bei Gefahr in Verzug. Eine abschliessende gesetzliche
Regelung aller möglichen Ermittlungshandlungen und -mittel ist angesichts der
sich ändernden Erscheinungsformen der Kriminalität und der technologischen
Entwicklung nicht möglich (BSK StPO-Rhyner, Art. 306 N 19 f.). Die Ermittlung als
Strafverfolgungstätigkeit der Polizei geht somit klarerweise über den sog. "ersten
Zugriff" (nicht ohne Gefahr verschiebbare Massnahmen wie Feststellung und
Sicherung von Spuren, Beweisen, Zeugen und Tatverdächtigen) hinaus, was sich
auch aus dem Wortlaut von Art. 299 und Art. 306 Abs. 1 und 2 StPO ergibt (BSK
StPO-Rhyner, Art. 306 N 13 und 19). Einen wesentlichen Bestandteil dieses selb-
ständigen Ermittlungsverfahrens der Polizei bildet vorliegend die von der Verteidi-
gung ins Visier gefasste protokollarische Befragung von J._
(Geschädigte sowie Tatzeugin) als Auskunftsperson "sui generis" vom 26. Mai
2011 (Art. 179 Abs. 1 StPO; Urk. 8/1). Aus dem Geschilderten folgt, dass grund-
sätzlich gegen die korrekt ausgeführte (Art. 179 - 181 StPO) erste polizeiliche
Befragung von Personen, die voraussichtlich im Verlaufe der Untersuchung durch
die Staatsanwaltschaft als Zeugen zu befragen sein werden, nichts einzuwenden
ist. Dieses Vorgehen ist vom Gesetzgeber so gewollt und es verstösst auch
weder gegen die Verfassung noch gegen die Konvention.
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Zusammenfassend ist festzuhalten: Bei der polizeilichen Befragung der Geschä-
digten als Auskunftsperson durch die Polizei am 26. Mai 2011 (Urk. 8/1) bestan-
den keine Teilnahmerechte der Beschuldigten. Da mit der Geschädigten später
eine formgültige Zeugeneinvernahme durch die Staatsanwaltschaft durchgeführt
wurde, bei welcher die Beschuldigte im Beisein ihres Verteidigers ihr Anwesen-
heits-, Teilnahme- und Fragerecht (Art. 147 StPO) ausüben konnte (Urk. 8/4), ist
die polizeiliche Befragung der Geschädigten J._ auch beweismässig ver-
wertbar (vgl. auch Art. 32 Abs. 2 Satz 2 BV, Art. 6 Ziff. 3 lit. d EMRK; BGE 125 I
127).
Bereits an dieser Stelle ist sodann zu erwähnen, dass es überdies wesentlich ist,
dass der Auskunftsperson - hier J._ - im Rahmen der späteren
Zeugeneinvernahme nicht einfach die früheren, vor der Polizei gemachten Aus-
sagen zwecks Bestätigung vorgehalten werden dürfen. Gemäss ständiger kassa-
tionsgerichtlicher Praxis, die auch unter dem schweizerischen Strafprozessrecht
noch Geltung hat, geht es darum, eine möglichst spontane und unbeeinflusste
Darstellung zu erhalten (RB 1994 Nr. 99 und seitherige unveröffentlichte
Entscheide; vgl. Donatsch, in Donatsch/Schmid, Kommentar zur Strafprozess-
ordnung des Kantons Zürich, N 9 zu § 144 StPO/ZH). Daher ist die Auskunfts-
person in der späteren Zeugenbefragung anzuhalten, ihre Aussagen zur Sache
zunächst ohne Vorhalt der früheren Aussagen vor der Polizei zu machen. Erst im
Anschluss daran - und zur Behebung allfälliger Unklarheiten, Widersprüche und
Lücken - sind ihr die früheren Aussagen vorzuhalten und ist die Zeugin aufzu-
fordern, dazu Stellung zu nehmen. Dieses Vorgehen wurde bei der Zeugenein-
vernahme von J._ in optima forma befolgt (Urk. 8/4). Welcher
Beweiswert den Aussagen von J._ in der polizeilichen Befragung schliesslich
zuzuerkennen ist, ist eine Frage der Beweiswürdigung (vgl. die nachstehende Er-
wägung III. 5.-9.).
1.2.2 Insoweit die Einwendungen der Verteidigung auf den Kontakt der Polizei
mit der Geschädigten J._ nach erfolgter Anzeige vom 23. Mai 2011, aber vor
der Verhaftung der Beschuldigten vom 25. Mai 2011 abzielen (Urk. 13/20 S. 4;
Prot. I S. 8), ergibt sich das Folgende:
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Es handelte sich um dabei um Vorermittlungen der Polizei. Darunter sind polizeili-
che Massnahmen zu verstehen, welche etwa auf Verdachtsbegründung gerichtet
sind oder auf bloss vagen, noch ungesicherten Anhaltspunkten oder auf einer
blossen Vermutung gründen. Darunter fallen auch Massnahmen zur Aufklärung
von bevorstehenden Straftaten für den Fall, dass sie begangen werden, so etwa
wenn Hinweise vorliegen, dass (allenfalls noch unbekannte) Personen zum
Beispiel einen Raubüberfall oder Einbrüche planen. Die Polizei wird diesfalls
polizeirechtlich und strafprozessual motivierte Massnahmen treffen. Solche
Vorermittlungen kommen in der Praxis häufig vor und sind für die Verhinderung
und Aufklärung von Straftaten von erheblicher Bedeutung. Zulässigkeit und
Grenzen sind zwar nicht unumstritten, doch lässt auch die neue Strafprozessord-
nung Vorermittlungstätigkeit durch die Polizei zu (BSK StPO-Rhyner, Art 306 N 8
mit Hinweisen). Vorermittlungen bezwecken, einen Sachverhalt soweit abzu-
klären, dass über die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens entschieden werden
kann. Die Erkenntnisse aus Vorermittlungen bilden Feststellungen im Sinne von
Art. 306 Abs. 1 StPO, auf deren Grundlage anschliessend das Ermittlungsver-
fahren eröffnet wird. Meistens beschränken sie sich auf das Beobachten und
Zusammentragen von allgemein zugänglichen Hinweisen und Informationen (zum
Beispiel das Beobachten eines als Drogenumschlagplatz bekannten Lokals) und
formlose Befragungen (BSK StPO-Rhyner, Art. 306 N 9 mit Hinweisen).
Vorliegend ging es der Polizei darum zu versuchen, unter Einweihung der Ge-
schädigten durch Überwachung von deren Wohnort am Mittwoch, 25. Mai 2011
der allenfalls zum vereinbarten Treffen mit der Geschädigten erscheinenden Be-
schuldigten, als damals noch unbekannter Frau, habhaft zu werden (Urk. 2 S. 4).
Es handelte sich um eine nicht zu beanstandende polizeitaktische Massnahme.
Dass das Vorgehen der Polizei auf Angaben der Geschädigten (sowie des für die
Geschädigte Anzeige erstattenden Versicherungsfachmannes der K._)
beruhte und den Zugang der Polizei zur Wohnung der Geschädigten sowie
gewisse Instruktionen an diese voraussetzte (betreffend Couvertübergabe,
vgl. Urk. 8/4 S. 6 unten und S. 21), ändert nichts an der Zulässigkeit und
auch Verhältnismässigkeit der konkreten Vorermittlungen. Die Vorermittlungen
- 16 -
tangieren die Verwertbarkeit der polizeilichen Einvernahme von J._ (Urk. 8/1)
nicht.
1.2.3 Die Verteidigung stellt sich weiter auf den Standpunkt, die aus ihrer Sicht
mangelhafte polizeiliche Einvernahme der Geschädigten führe zwingend auch zur
Nichtverwertbarkeit der später erfolgten Zeugeneinvernahme, da die Geschädigte
- einmal unter Strafandrohung befragt - nicht mehr vom Gesagten habe
abweichen können. Der Mangel dieser ersten Einvernahme sei unheilbar (Prot. I
S. 9; Urk. 13/20 S. 4 f.).
Auch dieser Ansicht kann - in Übereinstimmung mit der Vorinstanz - nicht gefolgt
werden. Da die polizeiliche Einvernahme der Geschädigten wie dargelegt korrekt
und unter Beachtung der Gültigkeitsvorschriften erfolgt ist, kann auch keine
Nichtigkeit der späteren Zeugeneinvernahme vorliegen. Selbst wenn man zum
Schluss käme, dass die beanstandete polizeiliche Befragung als formelle Einver-
nahme im Sinne von Art. 147 StPO hätte durchgeführt werden müssen, würde
dies nicht zu einem anderen Ergebnis führen: Die Geschädigte wurde bei der
Polizei als Auskunftsperson und nicht als Zeugin unter der strengen Strafan-
drohung nach Art. 307 StGB befragt. Es besteht somit nicht die Befürchtung, dass
sie im Rahmen der Zeugeneinvernahme in ihrer Aussage nicht mehr frei gewesen
wäre. Zudem war die polizeiliche Einvernahme nicht conditio-sine-qua-non für die
Zeugeneinvernahme, womit auch diesbezüglich keine Unverwertbarkeit vorliegen
würde (vgl. Art. 141 Abs. 4 StPO).
1.3 Zeugenaussagen L._, M._ und N._ (Urk. 9/4, 9/5 und 9/7)
Die Verteidigung bringt vor, auch diese drei Zeugenaussagen seien nicht verwert-
bar, da die Zeugen keine eigenen Wahrnehmungen wiedergeben würden,
sondern sich lediglich auf Aussagen der Geschädigten stützten (Prot. S. I 9).
Diese Zeugen seien somit lediglich "Zeugen vom Hörensagen". Der anlässlich der
Verhaftung anwesende Polizist habe selbst zu Protokoll gegeben, er habe nichts
von dem Gespräch zwischen der Geschädigten und der Beschuldigten gehört
(Prot. I S. 9 f.).
- 17 -
Zeuge ist, wer Tatsachen wahrgenommen hat und darüber berichten kann
(BSK StPO-Bähler, Art. 162 N 1). Zeuge vom Hörensagen ist, wer als Zeuge eine
Aussage über die Mitteilung eines Dritten machen kann. Das Zeugnis vom Hören-
sagen ist ein mittelbares Zeugnis. Der Beweis vom Hörensagen wird vom Gesetz
nicht ausgeschlossen, kann - als alleiniges Zeugnis - jedoch nur verwendet
werden, wenn ein unmittelbarer Zeuge nicht zur Verfügung steht (BSK StPO-
Bähler, Art. 162 N 5).
Sowohl der Versicherungsberater L._ (Urk. 9/5) als auch die beiden
Polizisten M._ und N._ (Urk. 9/4 und 9/7) waren in den zu beurteilenden
Vorfall involviert und haben als Zeugen sowohl eigene (namentlich visuelle)
Wahrnehmungen wiedergegeben als auch solche, die ihnen im Gespräch mit der
Geschädigten mitgeteilt wurden. Letztere sind als Zeugnis vom Hörensagen zu
qualifizieren und daher grundsätzlich nicht zu hören, soweit in Form der Zeugen-
einvernahme der Geschädigten ein unmittelbares Zeugnis vorhanden ist. Als
Indizien und zur Überprüfung der Glaubhaftigkeit der Aussagen der Zeugin
J._ können aber auch solche Aussagen herbeigezogen werden.
2. Mit der Vorinstanz ergibt sich zusammenfassend, dass die Einwendungen
der Verteidigung gegen die durch die Polizei und die Staatsanwaltschaft erhobe-
nen Beweise unbeachtlich sind und die vorhandenen Beweismittel (Urk. 79 S. 4)
zur Erstellung des eingeklagten Sachverhaltes herangezogen werden können.
III. Schuldpunkt, eingeklagter Sachverhalt
1.1 Anklagesachverhalt 1 (Gewerbsmässiger Betrug)
Die Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis wirft der Beschuldigten zusammenge-
fasst vor, sie habe am Donnerstag, 19. Mai 2011, vor dem Verkaufsgeschäft der
O._ in P._ die ledige Rentnerin J._ angesprochen.
Gestützt auf unwahre Angaben zur ihrer Person, ihrer Familie und ihrer Lebens-
situation habe die Beschuldigte J._ eine Notlage vorgetäuscht: Sie heisse
A1._, komme von Q._ [osteuropäischer Staat], sei ohne Papiere in der
Schweiz, habe drei Kinder (zwei Buben und ein Mädchen) sowie einen Ehemann,
- 18 -
der in Q._ Militärdienst leiste, sie lebe mit den Kindern bei einer ... in der
R._ und könne dieser die Miete für die Wohnung nicht bezahlen, weshalb
diese sie auf die Strasse stellen wolle. So habe die Beschuldigte J._, die vor
der O._ nicht viel Geld auf sich gehabt habe, dazu gebracht, sie und ihre
Kinder für den folgenden Tag in ihre Wohnung in P._ zum Mittagessen ein-
zuladen. Anlässlich dieses Mittagessens vom Freitag, 20. Mai 2011, zu welchem
die Beschuldigte alleine erschienen sei, habe die Beschuldigte J._
erzählt, ihre Ausweise seien im Krieg verbrannt, der Mietzins koste Fr. 1'000.--
und sie benötige auch für ihre Kinder etwas Geld, worauf J._ der
Beschuldigten Fr. 1'050.-- übergeben habe (Urk. 24 S. 2 ff.).
Diese Geldübergabe wäre nicht erfolgt, hätte J._ bemerkt, dass ihr die Be-
schuldigte eine falsche Geschichte erzählte, nur um an das Geld zu
kommen (Urk. 24 S. 4).
1.2 Anklagesachverhalt 2 (Versuchter gewerbsmässiger Betrug)
Zudem sei die Beschuldigte am Montag, 23. Mai 2011, ca. 10 Uhr, unangemeldet
und ohne entsprechende Einladung erneut bei J._ in deren Wohnung in
P._ erschienen. Während des Kaffeetrinkens habe die Beschuldigte J._
eine weitere erfundene Geschichte betreffend ihre Familie
erzählt, nämlich, dass ihre 3-jährige Tochter im Spital in S._ sei und eine
Nierentransplantation benötige, welche Fr. 130'000.-- koste und von der Beschul-
digten selbst bezahlt werden müsse, da sie sich illegal in der Schweiz aufhalte.
Die Beschuldigte habe J._ dazu gebracht, sich daraufhin bei der K._ um
die vorzeitige Auflösung ihrer Lebensversicherung zu bemühen, um Fr. 30'000.--
bis Fr. 40'000.-- erhältlich zu machen und der Beschuldigten am 25. Mai 2011
wenigstens eine entsprechende Teilzahlung übergeben zu können, was der Be-
schuldigten nach deren Äusserung auch geholfen hätte. Infolge Intervention des
Mitarbeiters der Versicherung und der von diesem benachrichtigten Polizei habe
J._ darauf verzichtet, die Versicherung aufzulösen. Am 25. Mai 2011, ca.
12.30 Uhr, habe J._ der vereinbarungsgemäss zum Mittagessen bei ihr in
der Wohnung erschienenen Beschuldigten ein Couvert mit Papierschnitzeln statt
mit dem erbetenen Geld übergeben (Urk. 24 S. 4 ff.).
- 19 -
Die Bemühungen von J._ zur Beschaffung von Geld wären nicht
erfolgt, hätte sie bemerkt, dass ihr die Beschuldigte eine falsche Geschichte
erzählte, nur um an das Geld zu kommen (Urk. 24 S. 6).
1.3 Für weitere Einzelheiten kann auf den ausführlich umschriebenen
Sachverhalt in der Anklageschrift (Urk. 24), der weitgehend auf den Darlegungen
von J._ (Urk. 8/1 und 8/4) beruht, verwiesen werden.
2. Standpunkt und Aussagen der Beschuldigten
2.1 Die Beschuldigte bestreitet den eingeklagten Sachverhalt. Anlässlich
der ersten Befragung durch die Polizei am 25. Mai 2011 (Urk. 7/1), wenige Stun-
den nach der Verhaftung, erklärte die Beschuldigte unter anderem, sie sei erst an
diesem Vormittag (25. Mai 2011) ca. zwischen 9.00 und 10.00 Uhr alleine mit dem
Zug von B._ in T._ angekommen mit dem Ziel, für sich und ihre Kinder
zum Beispiel Kleider zu kaufen (Urk. 7/1 S. 3). Das Zugbillet B._-T._,
welches ca. Euro 100.-- gekostet habe, habe sie weggeschmissen. Da sie in den
Geschäften in T._ nichts zum Kaufen gefunden habe, habe sie einfach auf
den Fahrplan geschaut und sei mit dem Zug nach P._ gereist, Ankunft ca.
zwischen 10.00 und 11.00 Uhr, wo sie aber auch nichts gefunden habe. Sie habe
bereits an diesem Nachmittag (25. Mai 2011) wieder nach B._ zurückfahren
wollen, wobei sie das Retourbillet noch hätte lösen müssen (Urk. 7/1 S. 4 f.).
Es stimme nicht, dass sie am Montag, 23. Mai 2011 bei J._ zu Hause gewe-
sen sei. Diese sei eine alte Frau und könne vieles sagen. Sie sei erst heute
(25. Mai 2011) angekommen und vorher zu Hause in B._ gewesen (Urk. 7/1
S. 5). Sie habe die Frau heute zum ersten Mal gesehen; sie habe bei ihr geläutet,
da sie bei ihr auf die Toilette habe gehen wollen. Sie habe nicht gewusst, wer das
sei. Die Frau habe sie nach dem Toilettengang aufgefordert, sich hinzusetzen und
ihr dann ein Couvert gegeben. Sie wisse nicht einmal, was drin sei, sie habe es
nicht einmal aufgemacht. Sie wisse nicht, ob die Frau etwas dazu gesagt habe.
Sie habe es vergessen. Vermutlich habe sie, die Beschuldigte, gefragt, was das
sei und die Frau habe nichts gesagt. Eine Erklärung, weshalb J._ der Be-
schuldigten, die sie gemäss deren Aussage zum ersten Mal sah, ein Couvert hät-
- 20 -
te geben sollen, konnte die Beschuldigte nicht liefern (Urk. 7/1 S. 5 f.). Es sei
niemals zur Rede gekommen, dass es am 25. Mai 2011 zur Übergabe von
ca. Fr. 34'000.-- hätte kommen sollen. Es stimme nicht, dass sie J._ gesagt
habe, Geld für ihr schwerkrankes Kind zu brauchen. Sie, J._, könne vieles
sagen (Urk. 7/1 S. 6 f.).
2.2 Anlässlich der Hafteinvernahme vom 27. Mai 2011 (Urk. 7/2) verzich-
tete die Beschuldigte wie erwähnt darauf, betreffend ihre Aussagen gegenüber
der Kantonspolizei vom 25. Mai 2011 etwas zu ergänzen oder zu korrigieren (Urk.
7/2 S. 3 und 11). Nach wenigen Angaben zur Person verweigerte die Beschuldig-
te die Aussage und zuletzt auch die Unterschrift unter das Einvernahmeprotokoll
mit dem Hinweis, sie wolle nicht unterschreiben (Urk. 7/2 S. 3 ff. und 11 f.).
2.3 Auch fortan verweigerte die Beschuldigte die Aussage zur Sache. Hin-
gegen machte sie teilweise Angaben zu ihrer Person und unterzeichnete die wei-
teren Einvernahmeprotokolle (Urk. 7/3, 7/4, 7/5, 21 und 56).
3. Die beschuldigte Person ist grundsätzlich befugt, sich im Strafverfahren
passiv zu verhalten und (ganz oder teilweise) zu schweigen (Art. 113 Abs. 1
StPO). Sie kann also jede Kooperation verweigern (Urteil des Bundesgerichts
6B_439/2010 vom 29. Juni 2010 E. 5.4). Aussagen, auch jene der Beschuldigten,
sind ordentliche Beweismittel. Fehlt eine solche Aussage, fehlt lediglich ein
solches Beweismittel. Beweismittel unterliegen der freien richterlichen Beweis-
würdigung (Art. 10 Abs. 2 StPO; Urteil des Bundesgerichts 6B_439/2010 vom
29. Juni 2010 E. 5.5). Es versteht sich von selbst, dass der Strafrichter nicht
einfach aus dem Schweigen auf die Schuld schliessen kann. Umgekehrt ist es
allgemein anerkannte Praxis, dass Schweigen die Annahme der Täterschaft nicht
ausschliesst, wenn diese aufgrund vorhandener Beweismittel nicht zweifelhaft ist
(Urteile des Bundesgerichts 1P.641/2000 vom 24. April 2001 E. 3 [deutsche
Übersetzung in: Praxis 90/2001 Nr. 110] und 6B_571/2009 vom 28. Dezember
2009 E. 3.1). Die Täterschaft kann auch ohne Kooperation der Beschuldigten
beweisbar sein (Urteil des Bundesgerichts 6B_439/2010 vom 29. Juni 2010 E. 3).
Sich - wie die Beschuldigte - auf das Aussageverweigerungsrecht zu berufen
hindert daher nicht, eine Täterschaft anzunehmen (Urteile des Bundesgerichts
- 21 -
6B_676/2008 vom 16. Februar 2009 E. 1.3 und 6B_41/2009 vom 1. Mai 2009 E. 3
und 4).
4. Zu den Grundsätzen der Beweiswürdigung und zur Glaubwürdigkeit der
aussagenden Personen hat sich die Vorinstanz zutreffend geäussert. Auf diese
Ausführungen kann verwiesen werden (Urk. 79 S. 10 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Beschuldigten ist anzufügen, dass sie bei
einem Schuldspruch mit strafrechtlichen Konsequenzen konfrontiert wäre,
weshalb ihre Aussagen mit einer gewissen Vorsicht zu würdigen sind. Was die
Zeugen anbetrifft, ist relativierend festzuhalten, dass die rein prozessuale Stellung
ihnen keine spezielle Glaubwürdigkeit verleiht. Es ist jedoch bei keinem der
Zeugen ein Grund erkennbar, weshalb sie die Beschuldigte zu Unrecht belasten
sollten. Sie kannten sie zuvor nicht und haben auch keine persönlichen oder
finanziellen Interessen am Ausgang des Prozesses. Insbesondere hat die
Geschädigte J._ keine Zivilansprüche gestellt.
5. Aussagen der Geschädigten J._
5.1 Polizeiliche Einvernahme (Urk. 8/1)
Am 26. Mai 2011, einen Tag nach dem eingeklagten Ereignis, berichtete die
Geschädigte, sie habe die Beschuldigte am Donnerstag, 19. Mai 2011, zum
ersten Mal gesehen, als sie gegen Abend in der O._ einkaufen gegangen
sei. Als sie die O._ verlassen habe, habe eine junge Frau sie angesprochen
und ihr gesagt, sie sei alleine hier und habe keinen Menschen, der sie anhöre.
Die Frau habe ihr Leid getan und sie habe gedacht, sie nehme sich eine wenig
Zeit für diese. So habe sie sich mit der Frau an ein Tischchen ausserhalb der
O._, wo man nichts konsumieren müsse, hingesetzt. Die Frau habe ihr er-
zählt, sie käme von Q._, sei verheiratet und der Mann sei in Q._ im Mili-
tär. Sie habe drei Kinder, welche mit ihr zusammen in der R._ bei einer ...
wohnten. Sie sei illegal hier in der Schweiz. Auf ihre Frage habe die Frau gesagt,
dass sie in zwei bis drei Monaten ein Visum bekomme. Da sie sich damit nicht
auskenne, habe sie der Frau das so geglaubt und nicht weiter gefragt. Die Frau
- 22 -
habe ihr auch noch gesagt, sie habe Angst, dass die - von der jungen Frau als ra-
biate Person geschilderte - ... sie auf die Strasse stelle. Die Beschuldigte habe
auch gejammert, dass sie kein Geld habe. Sie hätten ca. 15 bis 20 Minuten
miteinander gesprochen. Sie habe die Frau und ihre Kinder für den andern Tag zu
sich nach Hause zum Mittagessen eingeladen. Am Anfang habe die Frau das gar
nicht gewollt, aber schlussendlich eingewilligt (Urk. 8/1 S. 2).
Am Freitag, 20. Mai 2011, sei die Frau alleine ohne ihre Kinder zum Mittagessen
erschienen. Auf ihre Frage, weshalb sie die Kinder nicht mitgenommen habe,
habe die Frau erklärt, diese seien am Spielen und hätten deshalb nicht mit-
kommen wollen. Beim Mittagessen habe die Frau wieder gejammert, dass sie
kein Geld habe, sie müsse ihren Kindern doch etwas zu essen kaufen und Miet-
zins zahlen. Sie habe erzählt, eine Weile schwarz gearbeitet zu haben, aber jetzt
habe sie keine Stelle mehr. Da sie illegal hier sei, könne sie keine Stelle finden.
Sie habe der Frau Fr. 1'000.-- für den Mietzins gegeben, und da diese noch Geld
für die Kinder gewollt habe, habe sie ihr nochmals Fr. 50.-- gegeben. Auf die
Höhe des Betrages angesprochen erläuterte die Geschädigte, sie selber sei auf
diesen Betrag gekommen, nachdem die Frau den Mietzins auf knapp Fr. 1'000.--
beziffert habe. Anfänglich habe sie die Frau ans Sozialamt verwiesen, aber die
Frau habe erklärt, Angst zu haben, da sie ohne Papiere sei. Eigentlich habe die
Frau schon am Donnerstag (19. Mai 2011) Geld gewollt, doch habe sie, die
Geschädigte, kein Geld bei sich gehabt. Am Abend habe sie sich dann überlegt,
dass sie der Frau das Geld geben werde und habe am Freitag Morgen entweder
Fr. 600.-- oder Fr. 700.-- auf der Bank geholt. Das restliche Geld habe sie noch zu
Hause gehabt. Sie habe der Frau am Freitag kein weiteres Geld versprochen. Es
sei ihr aber klar gewesen, dass diese wieder kommen würde und sie habe sich
überlegt, dass sie sie für ca. zwei Monate unterstützen würde. Sie habe damit
gerechnet, dass sie ihr vielleicht nochmals Fr. 2'000.-- geben würde (Urk. 8/1 S. 2
f.). Sie (Geschädigte) habe sich das ganze Wochenende über diese Frau
Gedanken gemacht und gefunden, dass diese ein schweres Leben habe.
Am Montag, 23. Mai 2001, um ca. 10.00 Uhr, habe die Frau an ihrer Tür geklin-
gelt. Sie habe ihr einen Kaffee und ein paar Zwiebacks gegeben. Die Frau sei
- 23 -
sehr bedrückt gewesen und habe ihr erzählt, dass ihre dreijährige Tochter sehr
krank sei und eine Nierentransplantation benötige. Da sie ohne Papiere hier sei,
müsse sie den Ärzten Fr. 130'000.-- für die Operation bezahlen. Die Tochter sei
bereits getestet worden und würde es vertragen. Sie habe der Frau erklärt, ihr
nicht einmal die Hälfte davon bezahlen zu können. Darauf habe diese geant-
wortet, dass sie auch über eine Anzahlung froh sei. Das ganze Gespräch habe
ca. 1 1⁄2 Stunden gedauert und sie hätten die meiste Zeit über das Geld
gesprochen. Die Frau habe das Geld natürlich sofort gewollt und nicht begriffen,
dass sie dies nicht so einfach abheben konnte. Sie habe der Frau aber nicht mit-
geteilt, wo sie das Geld habe. Die Frau habe offeriert, dass sie für sie putzen und
sie besuchen würde. Das habe sie (Geschädigte) aber abgelehnt. Die Frau habe
von ihr das Versprechen verlangt, mit niemandem darüber zu reden (Urk. 8/1
S. 3). Sie habe darauf geantwortet, dass sie sicherlich darüber sprechen werde,
da sie keine Geheimnisse vor ihren nächsten Bekannten habe. Als die Frau
gemerkt habe, dass sie dies sicherlich erzählen werde, habe sie gewollt, dass sie
dies aber erst nachher tun solle. Sie habe sowieso nicht vorgehabt, dies vorher
mit jemandem zu besprechen (Urk. 8/1 S. 4).
Danach gefragt, ob über einen konkreten Betrag gesprochen worden sei, erwähn-
te die Geschädigte, sie habe der Frau einen Betrag zwischen Fr. 30'000.-- und
Fr. 40'000.-- in Aussicht gestellt, da sie den genauen Betrag selber nicht gewusst
habe. Auf die weitere Frage, ob es ein Darlehen oder eine Schenkung gewesen
wäre, antwortete die Geschädigte, die Frau habe Rückgabe des Geldes erwähnt,
wenn sie Geld hätte, aber sie selber hätte es eigentlich als Schenkung angese-
hen. Es sei ihr klar gewesen, dass die Frau es ihr nicht zurückgeben würde. Sie
sei gläubig und es sei ihr der Bibelspruch in den Sinn gekommen "Gib alles den
Armen und dann folge mir".
Weiter führte die Geschädigte aus, die Frau habe fast nicht mehr gehen wollen
und sie habe ihr zu verstehen geben müssen, dass sie gehen sollte. Sie habe sie
auf Mittwoch Mittag (25. Mai 2011) zum Essen eingeladen. Sie habe der Frau
nichts versprochen, aber ihr gesagt, sie müsse es sich nochmals überlegen und
werde ihr Möglichstes tun. Am Nachmittag (23. Mai 2011) habe sie dann ihrer
- 24 -
Versicherung - wo sie ein 3a-Säulen-Konto habe, welches bis 2018 gebunden sei
- telefoniert. Sie sei der Meinung gewesen, dass der Versicherungsagent das
Recht habe zu erfahren, weshalb sie das Geld vorher beziehen möchte. Dieser
habe ihr dann klipp und klar gesagt, dass dies Betrug sei und ihr erklärt, dass
man auch Sans Papiers in einem Spital behandeln würde. Im Lauf des Gesprächs
sei sie dann zur Überzeugung gekommen, dass der Mann Recht habe. Es sei ihr
dann auch in den Sinn gekommen, dass man diese Operation sofort nach den
Tests hätte ausführen müssen und nicht erst noch auf Geld hätte warten können.
Der Mann habe ihr geraten, der Polizei zu telefonieren, aber ihr sei es lieber
gewesen, dass er telefoniere. Am Abend (23. Mai 2011) seien zwei Polizisten bei
ihr vorbeigekommen. Diese hätten sie dann endgültig davon überzeugt, dass die
Frau eine Betrügerin sei. Sie habe mit den Polizisten vereinbart, dass die Polizei
am Mittwoch bei ihr vorbeikommen werde, um die Frau zu verhaften. Sie sei
damit einverstanden gewesen und habe gedacht, wenn nichts hinter dieser
Geschichte sei, würde der Frau auch nichts passieren. Am Dienstag habe sich die
Frau gar nicht gemeldet (Urk. 8/1 S. 4).
Auf die Geschehnisse vom Mittwoch (25. Mai 2011) angesprochen, schilderte die
Geschädigte, dass sie am Morgen noch weg gewesen sei. Als sie um 10.00 Uhr
nach Hause gekommen sei, habe sie die Frau bereits auf der Strasse getroffen.
Sie habe dann nur zu ihr gesagt, dass sie sie auf 12.30 Uhr eingeladen habe.
Diese habe sie noch gefragt, ob sie jemandem etwas erzählt habe und sie habe
geantwortet, dass sie dem Mann, wo sie das Geld geholt habe, etwas gesagt
habe. Dies habe der Frau dann nicht so wirklich gepasst. Sie habe wieder
gejammert wegen ihrer Tochter und sie (Geschädigte) habe erwidert, dass sie
alles bereit habe und alles gut komme. Die Polizei sei dann zu ihr in die Wohnung
gekommen und habe in einem andern Zimmer gewartet. Die Frau sei ziemlich
pünktlich erschienen. Eigentlich habe sie mit dieser noch essen wollen, aber der
Polizist habe geäussert, sie solle ihr das Couvert sofort geben. Sie seien im Gang
gestanden und die Frau habe zu ihr gesagt, sie habe ihr gar keinen Kuss
gegeben und habe dies dann getan. Danach habe sie noch auf die Toilette gehen
müssen. Sie selber sei ins Wohnzimmer gegangen, wo sie auch den Tisch
gedeckt hatte. Als die Frau zurückgekommen sei, habe sie ihr ein gelbes Couvert,
- 25 -
auf dem sie "A1._" geschrieben habe, überreicht mit den Worten, dies sei für
sie. Diese habe das Couvert an sich genommen. Sie wisse nicht einmal, ob sich
die Frau bedankt habe. Jedenfalls sei dann die Polizei sofort ins Wohnzimmer
gekommen und habe die Frau verhaftet. Die Frau habe zur Polizei gesagt, sie
werde wegen nichts verhaftet und habe sie (Geschädigte) nicht mehr angeschaut
(Urk. 8/1 S. 5).
Auf Frage, was sie über die Frau sagen könne bzw. was diese über sich erzählt
habe, führte die Geschädigte aus, diese habe sich ihr als "A1._" vorgestellt -
den Nachnamen habe sie nie gesagt, sie habe auch nie danach gefragt - sie sei
verheiratet und habe drei Kinder, wobei der älteste 9-jährig sei, der mittlere auch
ein Junge, das Alter wisse sie nicht mehr, und die jüngste sei ein 3-jähriges
Mädchen. Das Mädchen heisse U._, an die Namen der Jungen könne sie
sich nicht mehr erinnern. Sie komme von Q._. Sie habe keine
Papiere, da im Krieg alles verbrannt sei. Die Frau sei sehr einschmeichelnd und
erbarmenswürdig gewesen. Sie habe sich von ihr nie bedroht gefühlt, sie habe
sehr Mitleid mit ihr gehabt. Die Frau sei sehr überzeugend gewesen, sie habe ihr
alles geglaubt. Erst als sie mit dem Mann von der K._ gesprochen habe, sei-
en ihr Zweifel gekommen. Sie habe gefunden, dass er der Realität näher
gewesen sei als sie und sie ein bisschen dumm gewesen sei. Bei der ersten
Begegnung habe die Frau gesagt, sie habe Angst, auf die Strasse gestellt zu
werden, nachher sei es die Angst wegen ihrer Tochter gewesen. Sie (Geschädig-
te) sei der Meinung, dass die Frau wirklich vor etwas Angst habe (Urk. 8/1 S. 5).
Einen Ausweis oder sonst etwas habe sie von der Frau nicht verlangt, denn diese
habe ihr ja erzählt, dass sie keine Papiere habe (Urk. 8/1 S. 5). Eine Adresse oder
Telefonnummer der Frau habe sie auch nicht aufgeschrieben. Zwischendurch sei
ihr einmal in den Sinn gekommen, dass sie nicht wisse, wo die Frau wohne. Beim
folgenden Gespräch habe sie es dann vergessen (Urk. 8/1 S. 5 f.).
Darauf angesprochen, ob sie irgendetwas betreffend dieser Operation geprüft
habe, erläuterte die Geschädigte, gemäss der Frau hätte die Operation in
S._ stattfinden sollen. Dies sei ihr zu weit weg gewesen; wenn es in T._
gewesen wäre, wäre sie vorbei gegangen. Die Frau habe ihr gesagt, es laufe al-
- 26 -
les schwarz und deshalb müsse sie dies bezahlen. Sie habe das der Frau ge-
glaubt. Es sei ihr nur komisch vorgekommen, dass die Tochter in S._ sei und
nicht in T._. Sie habe dann die Frau gefragt, ob sie ihre Tochter in S._
besuchen gehe und diese habe geantwortet, die ... müsse hin und wieder nach
S._ und sie könne mitfahren oder sie müsse ein Zugbillet lösen (Urk. 8/1
S. 6).
Danach gefragt, weshalb sie dieser Frau Fr. 34'000.-- habe schenken wollen,
verwies die Geschädigte auf ihren christlichen Glauben. Ausserdem habe sich die
Frau schon sehr bedrückt gegeben und gejammert. Jetzt - so auf weitere Frage -
würde sie es ihr nicht mehr geben. Sie wünsche der Frau einfach, dass sie genug
zum Leben habe. Auch die Fr. 1'000.-- würde sie ihr nicht mehr geben; aber sie
verlange das Geld auch nicht zurück. Hätte sie ihr die Fr. 34'000.-- gegeben, wäre
sie sich arg betrogen vorgekommen; eigentlich auch mit diesen Fr. 1'000.--, aber
dies könne sie verkraften. Das sei ein "Lehrplätz" gewesen. Sie werde sicherlich
nicht mehr so grosszügig sein gegenüber Personen, die sie auf der Strasse an-
sprechen. Eigentlich möchte sie schon wissen, was sie wohin zahle (Urk. 8/1
S. 6 f.).
Wie sie sich erkläre, dass sie der Frau Geld gegeben habe? "Ich habe ihr
geglaubt, dass sie Sans Papier sei und sie wirklich in Not ist. Ich habe mich in
diese Situation versetzt und hatte Mitleid mit ihr. Sie hatte als Sans Papier gar
keine Möglichkeit ehrlich Geld zu verdienen." (Urk. 8/1 S. 7).
Nach dem Durchlesen des Protokolls fügte die Geschädigte an, die Frau sei
irgendwie "klebrig" gewesen. Diese habe sie (Geschädigte) an der Hand ge-
nommen und man werde sie auch nicht "los". Sie habe sich auch häufig wieder-
holt. Aufgrund dieser Art habe sie (Geschädigte) sich schon irgendwie unter
Druck gefühlt. Die Frau habe immer wieder betont, dass sie als Mutter leide und
natürlich auch die Tochter (Urk. 8/1 S. 7).
- 27 -
5.2 Zeugeneinvernahme (Urk. 8/4)
Anlässlich der Zeugeneinvernahme vom 24. Juni 2011, ca. einen Monat nach der
polizeilichen Befragung, erklärte die Zeugin zunächst zur gefühlsmässigen
Beziehung zur Beschuldigten, sie habe eher Mitleid mit dieser (Urk. 8/4 S. 3).
Sodann schilderte die Geschädigte den Sachverhalt aus ihrer Sicht zusammenge-
fasst wie folgt:
Der Beschuldigten sei sie zum ersten Mal am Donnerstag, 19. Mai 2011, begeg-
net, als diese sie vor der O._ in P._ angesprochen habe mit der
Begründung, sie sei auf sich alleine gestellt und brauche jemanden zum Reden.
Sie hätten sich dann beim Ausgang der O._ an einen Tisch gesetzt. Man
könne dort auch sitzen, wenn man nichts konsumiere und zum Beispiel auf
jemanden warte. Sie habe sich mit der Beschuldigten dort hingesetzt, da sie ei-
gentlich habe hören wollen, was mit der Frau sei. Sie habe den Eindruck gehabt,
sich einen Moment Zeit nehmen und die Frau anhören zu können. Diese habe
sich auf ihre Frage als "A1._" vorgestellt und erzählt, sie stamme aus
Q._ und habe drei Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, das jüngste sei drei
Jahre alt. Sie sei ohne Papiere hier. Aufgrund des Krieges in ihrer Heimat sei al-
les - auch die Papiere - verbrannt. Sie lebe "schwarz" in der Schweiz. Sie warte
auf ein Visum. Ihr Mann leiste in der Heimat Militärdienst und verdiene dort nur
das Nötigste für sich selbst. Die ..., bei welcher sie in der R._ wohne, habe
ihr nun gedroht, sie auf die Strasse zu stellen, weil sie den Hauszins nicht bezah-
len könne. Auf die Bemerkung der Geschädigten, sie müsse aufs Sozialamt, habe
die Beschuldigte geantwortet, der Herr Jesus habe sie jetzt zu ihr geschickt. Die
Frau habe damit gerechnet, dass sie ihr gleich Geld geben könne. Sie, die Ge-
schädigte, habe sich vorgenommen, der Frau zu helfen und habe sie deshalb mit
ihren Kindern zum Mittagessen auf den andern Tag eingeladen. Die Frau habe
dies anfangs nicht annehmen wollen (Urk. 8/4 S. 5-9). Das Gespräch vor der
O._ habe ca. 15-20 Minuten gedauert. Sie habe sich genötigt gefühlt, der
Frau etwas zu geben, weil diese sehr in Not gewesen sei. Das habe sie ihr ge-
glaubt, da die Beschuldigte immer wieder gesagt habe, sie habe Angst und sich
sehr bedrückt gegeben habe. Sie habe ihr auch geglaubt, dass sie ohne Papiere
- 28 -
hier sei. Das mit den verbrannten Papieren habe die Frau erst in ihrer Wohnung
gesagt, als sie sie gefragt habe, weshalb sie ohne Papiere gekommen sei (Urk.
8/4 S. 8 f.).
Am Freitag (20. Mai 2011) sei die Beschuldigte allein zum Essen erschienen,
ohne ihre Kinder, die lieber zu Hause spielen wollten (Urk. 8/4 S. 6, 9). Anlässlich
des Essens habe man über die Kinder, deren Alter und dass sie nicht zur Schule
gingen, weil sie "schwarz" hier seien, gesprochen sowie über die finanziellen Nöte
der Beschuldigten. Die Beschuldigte habe erzählt, sie habe eine Stelle in einem
Haushalt (Reinigungsarbeiten) gehabt, sei zur Zeit aber arbeitslos. Sie, die
Geschädigte, habe angenommen, dass dies Schwarzarbeit gewesen sei (Urk. 8/4
S. 10). Schliesslich habe sie der Beschuldigten Fr. 1'050.– in bar gegeben;
Fr. 1'000.– für den ausstehenden Mietzins und Fr. 50.–, nachdem die Beschuldig-
te auch noch Geld für die Kinder gewollt habe. Als Alternative zur Geldübergabe
habe sie der Beschuldigten das Sozialamt genannt, doch habe diese erwidert,
"aber der Herr Jesus hat mich jetzt zu dir geschickt" (Urk. 8/4 S. 11). Die
Beschuldigte habe sich sehr bedürftig gegeben. Nach dem Essen habe sie ihr
beim Abwaschen geholfen und ihr anerboten, sie würde ihr reinigen, wenn sie
Hilfe brauche. Sie, die Geschädigte, habe sich nachher sehr Sorgen um die
Beschuldigte gemacht, weil sie gedacht habe, es gehe ihr nicht gut, sie sei sehr
bedürftig und habe nicht einmal das Nötigste. Ein weiteres Treffen habe man nicht
vereinbart (Urk. 8/4 S. 10 f.). Auf entsprechende Frage führte die Geschädigte
aus, sie hätte der Beschuldigten das Geld nicht gegeben, wenn sie gewusst hätte,
dass die Beschuldigte nicht die Wahrheit sage und die Darstellung betreffend die
... nicht stimme (Urk. 8/4 S. 11 f.).
Am Montag Morgen, 23. Mai 2011, um 10.00 Uhr sei die Beschuldigte erneut bei
der Geschädigten erschienen. Sie habe ihr einen Kaffee angeboten. Die Beschul-
digte habe sehr bedrückt gewirkt und habe ihr erzählt, dass ihre dreijährige Toch-
ter sehr leidend und dringend auf eine Nierentransplantation angewiesen sei. Das
koste sehr viel Geld. Da sie sich illegal in der Schweiz aufhalte, müsse sie die
Operation selbst bezahlen, weshalb sie eine Summe von Fr. 130'000.– benötige.
Die Tochter liege in S._ im Spital. Es müsse eine Anzahlung gemacht wer-
- 29 -
den. Sie, die Geschädigte, habe geantwortet, dass sie so viel Geld nicht habe, sie
könne nicht die Hälfte bezahlen, dass sie aber schauen werde, was sie machen
könne. Sie könne versuchen, im Sinne einer Anzahlung einen Anteil in der Höhe
von Fr. 30'000.– bis Fr. 40'000.– daran zu leisten. Sie habe sich an eine Versiche-
rung bei der K._ erinnert, die sie eventuell kündigen könne. Das habe sie
beabsichtigt. Dass man eine Anzahlung machen müsse, habe sie befremdet, aber
sie habe es zu wenig genau überlegt. Sie habe schon daran gedacht, die Sache
irgendwie zu überprüfen, doch sei es für sie etwas weit gewesen nach S._.
Sie habe nicht daran gedacht, zu telefonieren; man gebe (aufgrund des Arztge-
heimnisses) an fremde Personen ja auch keine Auskunft. Sie habe es schon
überprüfen wollen, aber in S._ - so habe sie gedacht - gelinge das ja eh nicht
(Urk. 8/4 S. 13,15 und 22 f.). Sie habe die Beschuldigte gefragt, wie sie denn ihr
Kind in S._ besuchen könne, worauf diese ihr geantwortet habe, sie könne
jeweils mit der ... mitfahren (Urk. 8/4 S. 6, 11 ff., 23).
Die Beschuldigte habe gewollt, dass sie, die Geschädigte, mit niemandem über
die Sache rede. Sie habe von sich aus erwähnt, sie würde es sagen, denn sie
habe vor ihren Nächsten keine Geheimnisse. Auch habe sie den Eindruck gehabt,
dass der von K._ das Anrecht habe zu erfahren, weshalb sie das jetzt
kündige. Die Reaktion der Beschuldigten sei gewesen: "aber erst, wenn du das
Geld gegeben hast" (Urk. 8/4 S. 14). Die Beschuldigte habe ihr gesagt, sie würde
das Geld so schnell als möglich zurückzahlen, aber daran habe sie, die Geschä-
digte, nicht geglaubt. Für sie wäre es eine Schenkung gewesen, um der Frau aus
ihrer Not zu helfen (Urk. 8/4 S. 15). Wenn sie gewusst hätte, dass ihr die
Beschuldigte nicht die Wahrheit sage, dann hätte sie den Kontakt mit dieser
abgebrochen. Sie habe die Beschuldigte fast zur Wohnung hinaus komplimentie-
ren müssen, diese sei fast wie eine Klette an ihr gehangen. Sie habe dann die
Beschuldigte für Mittwoch, 25. Mai 2011, 12.00 Uhr, noch einmal zum Essen
eingeladen.
Der Vertreter der K._ habe sie gefragt, weshalb sie die Versicherung
kündigen wolle und habe ihr erklärt, dass sie bei einer Auflösung der Versiche-
rung erhebliche Verluste in Kauf nehmen müsse. Sie habe ihm dann den Fall
- 30 -
geschildert. Er habe ihr darauf seine Bedenken hinsichtlich der Glaubwürdigkeit
der Geschichte mitgeteilt und ihr geraten, die Polizei zu informieren. Sie habe sich
alles gut überlegt und sei dann darauf gekommen, dass er der Realität näher sei
als sie. Er habe sie schliesslich davon überzeugen können, die Polizei zu
informieren und habe das für sie übernommen, weil es ihr irgendwie zuwider
gewesen sei, die Polizei zu holen (Urk. 8/4 S. 6 und 19).
Die Polizei sei dann am Abend gekommen und habe mit ihr nochmals über die
Sache gesprochen. Sie habe die Frau zuerst beschreiben müssen. Bei diesem
Gespräch habe sie sich die Sache dann langsam auch etwas realistischer
überlegt und gedacht, er habe recht und sei der Realität näher als sie. Die Polizei
habe ihr dann gesagt, es handle sich sicher um jemanden, der betrüge, und dass
sie fast auf diese Person hereingefallen wäre. Sie habe mit der Polizei abge-
macht, dass zwei Polizisten am 25. Mai 2011 zu ihr in die Wohnung kommen und
das Gespräch hören würden. Die Polizei habe sie dann dahin instruiert, ein
Couvert vorzubereiten und der Beschuldigten dieses gleich zu übergeben
(Urk. 8/4 S. 21).
Am Mittwoch, 25. Mai 2011, habe sie die Beschuldigte ca. um 10.00 Uhr auf der
Strasse gesehen und diese habe schon in die Wohnung kommen wollen. Sie
habe ihr aber gesagt, sie sei erst um 12.00 Uhr dran (Urk. 8/4 S. 7 und 17). Sie
habe ein Couvert bereit gemacht mit einem Zettel drin, dass sie enttäuscht sei,
dass die Beschuldigte sie so angelogen habe sowie ein paar leeren Zetteln, damit
der Beschuldigten nicht auffalle, dass sonst nichts drin sei (Urk. 8/4 S. 7 und 18).
Es sei ein grosses gelbes A4-Couvert gewesen mit der Aufschrift "A1._". Sie
glaube, sie habe dieses inzwischen weggeworfen bzw. ins Altpapier gegeben
(Urk. 8/4 S. 18 und 21 f.). Die Polizisten - ein Mann und eine Frau - seien auf
Umwegen und vor der Beschuldigten ins Haus gekommen. Sie habe diese aufs
Gästezimmer verwiesen. Sie habe ein Mittagessen zubereitet gehabt und eigent-
lich noch mit der Beschuldigten essen wollen. Die Polizei habe aber gewünscht,
dass sie das Couvert vor dem Essen gebe und sie nicht mehr zusammen essen
würden (Urk. 8/4 S. 7 und 16 f.). Sie habe die Beschuldigte bei deren Ankunft
schon etwas kühl begrüsst, sicher etwas anders als sonst. Diese habe ihr noch
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einen Kuss geben wollen, wie auch schon, als sie sie zum ersten Mal zum Mittag-
essen eingeladen hatte. Sie, die Geschädigte, habe der Polizei Folge geleistet,
die Beschuldigte ins Wohnzimmer geführt und ihr das Couvert überreicht. Diese
habe es eigentlich eher gelassen entgegengenommen. Sofort sei die Polizei
gekommen und habe die Beschuldigte verhaftet. Sie habe gedacht, wenn die
Beschuldigte betrüge, sei es gut, wenn die Polizei sie verhafte und sie einen
Denkzettel habe. Wenn nichts hinter der Geschichte stehe, dann sei sie wieder
frei (Urk. 8/4 S. 18 f.).
Der Polizeibeamte habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass die Polizei
herausgefunden habe, dass die Frau nicht A1._ heisse, überhaupt keine
Kinder habe und auch in V._ polizeilich überwacht worden sei, weil sie sich
an ältere Leute heran gemacht habe (Urk. 8/4 S. 6,16, 21).
Auf Ergänzungsfragen des Verteidigers fügte die Geschädigte unter anderem an,
sie habe die Beschuldigte nie nach dem Nachnamen und auch nicht nach der
Adresse in der R._ gefragt. Hingegen habe die Beschuldigte auf Frage ver-
neint, eine Telefonnummer zu haben (Urk. 8/4 S. 22).
5.3 Würdigung der Aussagen von J._
Mit der Vorinstanz (Urk. 79 S. 15) ist festzuhalten, dass die Geschädigte sowohl
bei der Polizei als auch als Zeugin durchgehend konstant, detailreich, lebendig
und bildhaft, zugleich auch sachlich und zurückhaltend ausgesagt hat.
In beiden Einvernahmen hat sie weitgehend frei aus der Erinnerung und auf offe-
ne Fragen berichtet. Auch soweit sie als Zeugin etwas nicht mehr auf Anhieb
wusste bzw. sich erst nach kurzem Nachdenken erinnerte oder erst auf konkreten
Vorhalt antwortete (zum Beispiel, ob die Beschuldigte vor der Verhaftung noch
aufs WC ging), bestätigte sie das bisher Gesagte. Allfällige Abweichungen betref-
fen höchstens wenig bedeutende Nebensächlichkeiten. Nuancen bestärken sogar
die Glaubhaftigkeit von Aussagen und machen diese umso authentischer. Dass
die polizeiliche Einvernahme noch etwas detaillierter ausfiel, lässt sich ohne
weiteres mit der zeitliche Nähe zum Ereignis erklären. Stets war die Geschädigte
- 32 -
um Präzision und Klarheit bemüht. Das gilt sowohl für den dargestellten zeitlichen
Ablauf, die Örtlichkeiten, die Gespräche, das Verhalten der Beschuldigten sowie
ihre eigenen Gedanken und Empfindungen. Die beschriebenen Abläufe sind
logisch und nachvollziehbar. Übertreibungen oder gar Anschwärzungen der
Beschuldigten sind keine ersichtlich. Im Gegenteil verspürte die Geschädigte bis
zuletzt Mitleid mit der Beschuldigten.
Sporadisch warf die Geschädigte während der Zeugeneinvernahme einen Blick
auf einen handgeschriebenen zweiseitigen Zettel, etwa um Daten zu verifizieren.
Diese Notiz erstellte sie im Anschluss an die Verhaftung der Beschuldigten und
vor der polizeilichen Einvernahme (Urk. 8/4 S. 3 und 8/4 Anhang). Es handelt sich
um einen Abriss des Geschehens in ganz groben Zügen, ein Gerüst mit zeitlichen
Eckpfeilern, der nur einen kleinen Bruchteil aller Schilderungen enthält. Auch mit
diesen Notizen stimmen die Aussagen der Geschädigten überein.
Die Aussagen der Geschädigten sind auf der ganzen Linie sehr glaubhaft, zumal
sie sich hinsichtlich der vorhandenen Berührungspunkte auch mit jenen der übri-
gen Zeugen decken. Aufgrund ihrer Darstellungen bleiben keine Zweifel, dass
sich das Geschilderte so zugetragen hat.
6. Zeugenaussage des Versicherungsberaters L._
6.1 Zeugeneinvernahme vom 1. Juli 2011 (Urk. 9/5)
L._ erklärte als Zeuge zusammengefasst, er stehe mit der Geschädigten in
einer geschäftlichen Beziehung und habe nur zwei- oder dreimal telefonisch Kon-
takt mit ihr gehabt. Sie habe ihn wegen eines Policenrückkaufs kontaktiert. Im
Verlauf eines 1 -1 1⁄2 Stunden dauernden Gesprächs am Montag, 23. Mai 2011,
habe er ihr erläutert, dass die Police noch sieben Jahre laufe und sie daher bei
einer vorzeitigen Auflösung grosse Verluste erleiden würde. Doch die Geschädig-
te habe gesagt, dass sie das in Kauf nehmen wolle, es gehe nicht anders
(Urk. 9/5 S. 5). Auf seine Nachfrage habe sie ihm dann erzählt, sie brauche das
Geld für eine Operation. Seine Frage, ob es für sie selber sei oder für
jemand anderen, habe sie nicht beantworten wollen mit der Begründung, ver-
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sprochen zu haben, das nicht zu sagen. Erst nach und nach sei im Gespräch klar
geworden, dass es für eine Person sei, von der sie erst kürzlich in der O._
angesprochen worden sei. Die Person habe ihr beim Mittagessen bei ihr zu
Hause erzählt, sie brauche das Geld für eine Nierentransplantation ihrer Tochter.
Er habe vermutet, dass dies etwas Erfundenes, Unseriöses sei, ein Betrug. Ent-
sprechend habe er ihr gesagt, dass in der Schweiz eine Nierentransplantation
unabhängig von Geld und Aufenthaltsbewilligung möglich sei. Er habe die
Geschädigte gebeten, sich der Polizei anzuvertrauen. Das habe sie zuerst nicht
gewollt, sondern beabsichtigt, das nächste Mal von der Person zu erfahren,
welcher Arzt im Spital S._ zuständig sei. Er habe sie nochmals gebeten, den
direkten Gang zur Polizei zu wählen. Die Geschädigte sei unsicher gewesen,
habe vor allem moralische Bedenken gehabt und sich unter Druck gefühlt, da sie
der Person das (gemeint Hilfe) versprochen habe. Er habe die Geschädigte dann
überzeugen können, die Polizei zu benachrichtigen bzw. habe dies auf ihren
Wunsch hin selbst getan (Urk. 9/5 S. 3 f. und 5 f.).
Nach Beurteilung des Zeugen war die Geschädigte überzeugt und hatte keine
Zweifel an der Geschichte gehegt. Zu dieser Auffassung komme er wegen ihrer
Bereitschaft, einen Verlust in Kauf zu nehmen. Dann müsse (aus ihrer Sicht) eine
Notsituation vorhanden gewesen sein. Die Geschädigte habe an die Darstellung
betreffend Nierentransplantation geglaubt, weil die Person von ihrem dreijähigen
Kind erzählte und dass im Spital S._ alles abgeklärt und vorbereitet sei
(Urk. 9/5 S. 5 f.). Auch habe er bemerkt, dass sie sehr gläubig sei. Sie habe ein-
mal erwähnt, dass die Umstände des Kennenlernens der Person ein Schicksal
von Gott gewesen sei (Urk. 9/5 S. 7).
6.2 Würdigung der Aussagen von L._
Wie bereits die Vorinstanz zutreffend ausführte, erweist sich auch die Aussage
des Zeugen L._ als widerspruchfrei und glaubhaft. Sie deckt sich in allen we-
sentlichen Punkten und auch zeitlich mit der Aussage der Geschädigten. Zwar ist
die Zeugenaussage L._ für sich genommen kein Beweis dafür, dass gerade
die Beschuldigte der Geschädigten die Geschichte mit der Transplantation erzähl-
te, um an ihr Geld zu kommen. Sie beweist aber, dass die Geschädigte
- 34 -
ungeachtet eines namhaften Verlustes versuchte, ihre Police aufzulösen, um im
Hinblick auf eine ihr gegenüber behauptete Nierentransplantation eine hohe
Geldsumme verfügbar zu machen. Die Aussage des Zeugen belegt zudem, dass
die Geschädigte vom Wahrheitsgehalt der Geschichte tatsächlich überzeugt war.
7. Zeugenaussage des Polizeibeamten M._
7.1 Zeugeneinvernahme vom 1. Juli 2011 (Urk. 9/4)
Nach erfolgter Ermächtigung zur Aussage gab der Polizeibeamte M._ fol-
gendes zu Protokoll (Urk. 9/4 in Verbindung mit Urk. 9/3; Art. 170 Abs. 2 StPO):
Er und sein Patrouillenkollege hätten am 23. Mai 2011 Nachtdienst gehabt und
seien kurz nach Arbeitsbeginn aufgeboten worden, um am Wohnort der Geschä-
digten vorzusprechen, nachdem ein Versicherungsberater die Polizeizentrale
kontaktiert habe. Sie hätten nicht genau gewusst, worum es gehe. Die Geschä-
digte habe ihnen dann erzählt, dass sie eine Lebensversicherung habe auflösen
wollen, um für eine Organspende eines Kindes Geld erhältlich zu machen. Sie sei
von einer "A1._" angesprochen worden. Die Geschädigte habe erklärt, dass
sie das Geld aus Mitleid habe geben wollen und weil sie sehr gläubig sei. Er und
sein Kollege hätten der Geschädigten dann zur Vorsicht geraten und sie ermahnt,
nicht alles zu glauben, was ihr erzählt werde. Man habe sich mit dem Hinweis
verabschiedet, sie würden das weitere Vorgehen mit dem Kader besprechen
(Urk. 9/5 S. 4 ff.). Für Einzelheiten verwies der Zeuge auf den Rapport seines
Kollegen W._ vom 23. Mai 2011 (vgl. Urk. 2), den er nach Durchsicht
inhaltlich als richtig bezeichnete. Auf Frage verneinte der Zeuge M._, dass
sie gegenüber der Geschädigten gesagt hätten, die betreffende Frau sei eine
Betrügerin und habe gar keine Kinder (Urk. 9/4 S. 6 und 8). Von sich aus fügte
der Zeuge an, eine Woche vor dem Vorsprechen bei der Geschädigten hätten sie
ein Telefonat erhalten, dass sich vor der O._ in V._ eine weibliche Per-
son aufhalte und Leute anspreche. Diese Person sei durch eine Patrouille vom
Polizeiposten V._ kontrolliert worden. Aufgrund der Personenkontrollkarte
habe sich herausgestellt, dass es sich um dieselbe Person, mithin die Beschuldig-
te gehandelt habe (Urk. 9/5 S. 7).
- 35 -
7.2 Würdigung der Aussagen von M._
Es ist der Vorinstanz (Urk. 79 S. 18) beizupflichten, wenn sie die Aussage des
Zeugen M._ nur als bedingt erhellend einstufte, hatte er doch - aus Interesse
am Fall - vorgängig die Protokolle der polizeilichen Einvernahmen sowohl der
Geschädigten als auch der Beschuldigten gelesen (Urk. 9/4 S. 4 und 8), weshalb
seine Aussage nicht nur eigene Wahrnehmungen, sondern auch Rückschlüsse
aufgrund des späteren Kenntnisstandes beinhaltet haben könnte. Darüber hinaus
verwies der Zeuge mangels genauer Erinnerung öfters auf den Polizeirapport
seines Kollegen, welcher auch die Verantwortung für den damaligen Einsatz
getragen hatte. Aus der Zeugenaussage geht aber klar hervor, dass am
23. Mai 2011 ein Anruf des Zeugen L._ bei der Polizei einging und die Poli-
zeibeamten W._ und M._ daraufhin noch am selben Abend die Ge-
schädigte aufsuchten.
8. Zeugenaussage des Polizeibeamten N._
8.1 Zeugeneinvernahme vom 1. Juli 2011 (Urk. 9/7)
Der Zeuge N._ erklärte zusammengefasst zu Protokoll, die Beschuldigte und
die Geschädigte zum ersten Mal anlässlich der fraglichen Verhaftung am 25. Mai
2011 in der Wohnung der Geschädigten gesehen zu haben. Er habe sich auf-
grund eines Auftrages des Bezirkschefs zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung der
Geschädigten befunden (Urk. 9/7 S. 3 f.). Zu den Umständen der Verhaftung - an
welche er sich sehr genau erinnern könne - führte der Zeuge aus, er und seine
Kollegin hätten sich in einem Zimmer gleich neben dem Eingang aufgehalten,
von welchem aus man durch den offenen Türspalt freie Sicht auf den vier bis
fünf Meter entfernten Esstisch im Wohnzimmer und den Zugang zum WC gehabt
habe. Die Beschuldigte habe erwartungsgemäss kurz nach 12 Uhr an der Tür
geklingelt und sei von der Geschädigten begrüsst und hereingebeten worden. Die
beiden hätten vertraut gewirkt im Umgang miteinander und die Geschädigte habe
die Beschuldigte offensichtlich gekannt. Das habe man gemerkt aus der Art und
Weise, wie die Geschädigte die Beschuldigte begrüsst und in die Wohnung
hereingelassen habe und mit ihr umgegangen sei. Die Beschuldigte habe dann
- 36 -
kurz die Toilette benutzt, bevor sie von der Geschädigten das Couvert - ein
grosses gelbes Couvert - entgegengenommen habe (Urk. 9/7 S. 4 ff.). Die beiden
Frauen hätten sich bei der Übergabe des Couverts unterhalten, worüber habe er
aber aus akustischen Gründen nicht verstanden (Urk. 9/7 S. 9). Die Beschuldigte
habe nicht überrascht darüber gewirkt, dass ihr ein Couvert übergeben wurde.
Nachdem diese Übergabe stattgefunden hatte, habe seine Kollegin die Beschul-
digte dann verhaftet. Den ihm vorgelegten Verhaftsrapport vom 25. Mai 2011
(Urk. 13/2) erachtete der Zeuge als korrekt und vollständig (Urk. 9/7 S. 6).
Zum polizeitaktischen Vorgehen, das zur Verhaftung führte, machte der Zeuge
N._ unter Hinweis auf die nur partielle Entbindung vom Amtsgeheimnis
(Urk. 9/6) keine Angaben (Urk. 9/7 S. 4 und 7 f.).
8.2 Würdigung der Aussagen von N._
Mit Recht bezeichnete die Vorinstanz die Aussage des Zeugen N._ über sei-
ne Wahrnehmungen als widerspruchsfrei und glaubhaft. Seine Erinnerungen an
den Ablauf und die Umgebung, in welcher dieser sich zugetragen hat, scheinen
klar und plausibel. Dies umso mehr, als er angab, den von ihm geschriebenen
Verhaftsrapport nicht noch einmal gelesen zu haben. Insbesondere ist nicht zu
bezweifeln, dass der Zeuge N._ auf die kurze Distanz von wenigen Metern
merken konnte, dass die Geschädigte und die Beschuldigte sich bereits kannten,
als die Beschuldigte die Wohnung betrat, auch wenn er aus akustischen Gründen
den Inhalt von deren Gespräch nicht mitbekam. Aus dem gleichen Grund ist
glaubhaft, dass der Zeuge N._ auch ohne Wissen vom Inhalt des Gesprächs
erkennen konnte, dass die Beschuldigte nicht erstaunt war über den Erhalt des
Couverts (vgl. auch Urk. 79 S. 19).
Zu ergänzen bleibt, dass die Interpretation des befragenden Staatsanwaltes,
welche Ergänzungsfragen der Verteidigung das taktische Vorgehen betrafen und
vom Zeugen daher nicht zu beantworten waren, ausnahmslos zu teilen ist
(Urk. 9/7 S. 7 f.).
- 37 -
9. Würdigung der Aussagen der Beschuldigten
Mit der Vorinstanz sind die Ausführungen der Beschuldigten, soweit sie ausge-
sagt hat (Urk. 7/1, siehe vorne Erwägung III. 2.), als unglaubhaft und reine
Schutzbehauptungen zu qualifizieren (Urk. 79 S. 16 f.).
9.1 Dass die Beschuldigte, die gemäss eigener Aussage (Urk. 21 S. 6 f.; Urk. 56
S. 3 f.) in B._ in finanziell sehr beengten Verhältnissen lebt, mit dem Zug
ausgerechnet nach T._ gereist sein soll, um hier für sich und ihre Kinder
Kleider einzukaufen und gleichentags mit dem Zug wieder nach Hause zu fahren,
ist aus mehreren Gründen völlig realitätsfremd. Fahrpreis (ca. Fr. 100.-- für die
einfache Strecke) und Zeitaufwand (mindestens 8 Stunden für einen Weg) stehen
in keinem Verhältnis zum Warenwert einiger (Kinder)Kleider. Zudem ist notorisch,
dass die Schweiz eine Hochpreisinsel ist, das Preisniveau in der Schweiz, beson-
ders in T._, deutlich höher liegt als im Euroraum und namentlich auch in
C._. Auch die Darstellung der Beschuldigten, sie habe in T._ keine Klei-
der gefunden und sich daher in einen beliebigen Zug gesetzt, um an dem ihr un-
bekannten Ort P._ einzukaufen, widerspricht der Lebenswirklichkeit und ist
nicht glaubhaft. Dass die Beschuldigte auf Rückfrage, in welchen Geschäften sie
denn gewesen sei, gar nicht wusste, wo sie sich aufgehalten hatte und kein
einziges Geschäft in P._ benennen konnte, sondern nur pauschal angab, sie
habe gar kein Geschäft betreten, sondern sei beim See spazieren gegangen
(Urk. 7/1 S. 5 f.), verstärkt die Zweifel am Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen zu-
sätzlich. Vor dem Hintergrund, dass die Beschuldigte weder Verwandte noch
Bekannte in der Schweiz hat und nach ihren Angaben niemanden kennt (Urk. 7/2
S. 8), entfällt auch die mögliche Ausrede allfälliger Besuche.
9.2 Weiter wird die Aussage der Beschuldigten, sie sei erst am Morgen des
25. Mai 2011 eingereist, durch den Rapport einer Personenkontrolle der Kantons-
polizei Zürich vom 18. Mai 2011 widerlegt, aus dem hervorgeht, dass sich die
Beschuldigte bereits bzw. auch an diesem Datum in der Schweiz, nämlich im
Dorfzentrum von V._, aufhielt. Sie konnte beobachtet werden, wie sie eine
ältere Frau ansprach und versuchte, diese in ein Gespräch zu verwickeln
(Urk. 10/3).
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Zwar kein Beweis, aber immerhin ein weiteres Indiz, dass die Beschuldigte schon
längere Zeit in der Schweiz weilte, ergibt sich aus einem Kassabon der O._
AA._, dat. 20.05.2011, 17.04 Uhr, der bei der Kontrolle der Effekten der
Beschuldigten am 25. Mai 2011 sichergestellt werden konnte (Urk. 10/2). Auch
wenn ungeklärt ist, wie die Beschuldigte in den Besitz des Kassabons gekommen
ist und dieser für sich allein betrachtet praktisch keinen Schluss zulässt, bildet er
doch in Kombination mit den übrigen Beweismitteln, mithin im erwiesenen
Gesamtzusammenhang, einen weiteren gut passenden Mosaikstein, zumal sich
die O._ AA._ nur wenige Gehminuten vom Bahnhof der Ortschaft und
gleichzeitig nah dem Zentrum (Altstadt) befindet.
9.3 Schliesslich entbehrt auch ihre Beschuldigten-Version dessen, weshalb sie
in die Wohnung der Geschädigten ging und was dort geschehen sein soll, jeder
Logik und Glaubhaftigkeit. So scheint doch mehr als unwahrscheinlich, dass die
Beschuldigte aus reinem Zufall genau bei jener Wohnung auf die Toilette gehen
wollte, in welcher just zu dieser Zeit zwei Polizisten darauf warteten, eine Frau,
auf die ihre Beschreibung zutraf, nach Übergabe eines Couverts festzunehmen.
Ebenso unverständlich ist, weshalb ihr die bis dahin unbekannte Wohnungs-
besitzerin nach dem Toilettengang von sich aus und wortlos ein Couvert über-
reicht haben soll.
9.4 Im Vergleich zu den zitierten Zeugenaussagen, allen voran den Aussagen
der Geschädigten, die bereits ein umfassendes, klares, in sich stimmiges und
nachvollziehbares Bild ergeben, sowie ergänzend des erwähnten Rapportes und
Kassabons erscheinen die rudimentären Schilderungen der Beschuldigten un-
plausibel und fern jeder Realität, so dass darauf nicht abgestellt werden kann.
10. Abschliessende Würdigung
In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist zusammenfassend festzuhalten, dass
nach Würdigung aller Aussagen, Beweismittel und der Akten der Sachverhalt ge-
mäss Anklageschrift vom 1. Juli 2011 (Urk. 24) im äusseren Ablauf erstellt ist. Es
bestehen keine vernünftigen Zweifel, dass sich die Geschehnisse so abgespielt
haben, wie in der Anklageschrift umschrieben. Es ist daher für die nachfolgende
- 39 -
rechtliche Würdigung vom äusseren Sachverhalt gemäss Anklageschrift auszu-
gehen.
IV. Schuldpunkt, rechtliche Würdigung
1.1 In der Anklage würdigt die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis das Verhalten
der Beschuldigten in rechtlicher Hinsicht als vollendeten gewerbsmässigen Betrug
im Sinne von Art. 146 Abs. 1 und 2 StGB und versuchten gewerbsmässigen
Betrug im Sinne von Art. 146 Abs. 1 und 2 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
1.2 Die Vorinstanz qualifizierte das Verhalten der Beschuldigten als gewerbs-
mässigen Betrug im Sinne von Art. 146 Abs. 1 und 2 StGB (Urk. 79 S. 38).
2. Betrug im Sinne von Art. 146 Abs. 1 StGB
Gemäss Art. 146 Abs. 1 StGB macht sich des Betruges unter anderem schuldig,
wer in der Absicht, sich oder einen andern unrechtmässig zu bereichern, jeman-
den durch Vorspiegelung oder Unterdrückung von Tatsachen arglistig irreführt
und so den Irrenden zu einem Verhalten bestimmt, wodurch dieser sich selbst
oder einen andern am Vermögen schädigt.
2.1 Zum Betrugstatbestand hat sich das Bundesgericht im Entscheid BGE
135 IV 76 E. 5.1 und 5.2 ausführlich wie folgt geäussert:
Angriffsmittel beim Betrug ist die Täuschung des Opfers. Als Täuschung gilt jedes
Verhalten, das darauf gerichtet ist, bei einem andern eine von der Wirklichkeit
abweichende Vorstellung hervorzurufen. Sie ist eine unrichtige Erklärung über
Tatsachen, d.h. über objektiv feststehende, vergangene oder gegenwärtige
Geschehnisse oder Zustände.
Die Erfüllung des Tatbestandes erfordert eine arglistige Täuschung. Betrügeri-
sches Verhalten ist strafrechtlich erst relevant, wenn der Täter mit einer gewissen
Raffinesse oder Durchtriebenheit täuscht. Ob die Täuschung arglistig ist, hängt
- 40 -
indes nicht davon ab, ob sie gelingt. Aus dem Umstand, dass das Opfer der
Täuschung nicht erliegt, lässt sich nicht ableiten, diese sei notwendigerweise nicht
arglistig. Wesentlich ist, ob die Täuschung in einer hypothetischen Prüfung unter
Einbezug der dem Opfer nach Wissen des Täters zur Verfügung stehenden
Selbstschutzmöglichkeiten als nicht oder nur erschwert durchschaubar erscheint
(Ursula Cassani, Der Begriff der arglistigen Täuschung als kriminalpolitische
Herausforderung, ZStrR 117/1999 S. 164; Willi Wismer, Das Tatbestandselement
der Arglist beim Betrug, 1988, S. 117).
Der Tatbestand des Betruges fusst auf dem Gedanken, dass nicht jegliches
täuschende Verhalten im Geschäftsverkehr strafrechtliche Folgen nach sich
ziehen soll. Dem Merkmal der Arglist kommt mithin die Funktion zu, legitimes
Gewinnstreben durch Ausnutzung von Informationsvorsprüngen von der straf-
rechtlich relevanten verbotenen Täuschung abzugrenzen und den Betrugstatbe-
stand insoweit einzuschränken (vgl. zum geschichtlichen Hintergrund der Grenz-
ziehung BSK StGB II-Arzt, 2. A. Basel 2007, Art. 146 N. 1 ff. und 13; Klaus Tie-
demann, in: Strafgesetzbuch, Leipziger Kommentar, Bd. VI, 11. Aufl. 2005, N. 34
ff. vor § 263 dStGB; Manfred Ellmer, Betrug und Opfermitverantwortung, Berlin
1986, S. 31 ff., 214 f.). Dies geschieht einerseits durch das Erfordernis einer
qualifizierten Täuschungshandlung. Aus Art und Intensität der angewendeten
Täuschungsmittel muss sich eine erhöhte Gefährlichkeit ergeben (betrügerische
Machenschaften, Lügengebäude). Einfache Lügen, plumpe Tricks oder leicht
überprüfbare falsche Angaben genügen demnach nicht. Andererseits erfolgt die
Eingrenzung über die Berücksichtigung der Eigenverantwortlichkeit des Opfers.
Danach ist ausgehend vom Charakter des Betrugs als Beziehungsdelikt, bei
welchem der Täter auf die Vorstellung des Opfers einwirkt und dieses veranlasst,
sich selbst durch die Vornahme einer Vermögensverfügung zugunsten des Täters
oder eines Dritten zu schädigen, zu prüfen, ob das Opfer den Irrtum bei
Inanspruchnahme der ihm zur Verfügung stehenden Selbstschutzmöglichkeiten
hätte vermeiden können.
Diesen Gedanken hat die bundesgerichtliche Rechtsprechung schon früh in die
Formel gefasst, dass den Strafrichter nicht anrufen soll, wer allzu leichtgläubig auf
- 41 -
ein Lüge hereinfällt, wo er sich mit einem Mindestmass an Aufmerksamkeit durch
Überprüfung der falschen Angaben selbst hätte schützen können (BGE 72 IV 126
E. 1) bzw. wer den Irrtum durch ein Minimum zumutbarer Vorsicht hätte ver-
meiden können (BGE 99 IV 75 E. 4 a.E.). Ein Täter, der nicht die mangelnden
Geisteskräfte, sondern den offensichtlichen Leichtsinn des Opfers zur Irreführung
missbraucht, erscheine nicht strafwürdiger als derjenige, der durch eine einfache
Lüge zum Ziele gelangt (BGE 99 IV 75 E. 4 a.E.; vgl. Bommer/Venetz, Die
Anfänge der bundesgerichtlichen Praxis zum Arglistmerkmal beim Betrug, in:
Gericht und Kodifikation, Luminati/Linder [Hrsg.], 2007, S. 170 ff.). In diesem
Sinne hat das Bundesgericht erkannt, bei der Beantwortung der Frage, ob Arglist
gegeben sei, sei auch der Gesichtspunkt der Opfermitverantwortung zu berück-
sichtigen (BGE 120 IV 186 E. 1a).
Bei der Berücksichtigung der Opfermitverantwortung ist allerdings nicht aufgrund
einer rein objektiven Betrachtungsweise darauf abzustellen, wie ein durchschnitt-
lich vorsichtiger und erfahrener Dritter auf die Täuschung reagiert hätte. Das
Mass der vom Opfer erwarteten Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr nach einem individuellen Massstab. Es kommt auf die Lage und Schutzbedürftigkeit des Betroffenen im Einzelfall an. Namentlich ist auf geistesschwache, unerfahrene
oder auf Grund von Alter oder Krankheit beeinträchtigte Opfer oder auf solche, die
sich in einem Abhängigkeits- oder Unterordnungsverhältnis oder in einer Notlage
befinden, und deshalb kaum im Stande sind, dem Täter zu misstrauen, Rücksicht
zu nehmen. Der Leichtsinn oder die Einfalt des Opfers mögen dem Täter bei sol-
chen Opfern die Tat erleichtern, umgekehrt handelt dieser hier aber besonders
verwerflich, weil er das ihm entgegengebrachte - wenn auch allenfalls blinde -
Vertrauen missbraucht (Tiedemann, N. 38 vor § 263 dStGB). Auf der anderen
Seite sind allfällige besondere Fachkenntnis und Geschäftserfahrung des Opfers
in Rechnung zu stellen, wie sie etwa im Rahmen von Kreditvergaben Banken
beigemessen wird (vgl. BGE 119 IV 28 E. 3 f.).
Auch unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Eigenverantwortlichkeit des
Betroffenen erfordert die Erfüllung des Tatbestands indes nicht, dass das
Täuschungsopfer die grösstmögliche Sorgfalt walten lässt und alle erdenklichen
- 42 -
ihm zur Verfügung stehenden Vorkehren trifft. Arglist scheidet lediglich aus, wenn das Opfer die grundlegendsten Vorsichtsmassnahmen nicht beachtet. Entsprechend entfällt der strafrechtliche Schutz nicht bei jeder Fahrlässigkeit des
Opfers, sondern nur bei Leichtfertigkeit, welche das betrügerische Verhalten des
Täters in den Hintergrund treten lässt ( 128 IV 18 E. 3a; BGE 126 IV 165 E. 2a;
BGE 122 IV 146 E. 3a mit Hinweisen). Die zum Ausschluss der Strafbarkeit des
Täuschenden führende Opferverantwortung kann daher nur in Ausnahmefällen bejaht werden (Urteile des Bundesgerichts 6S.168/2006 vom 6. November 2006
E. 1.2 und 6S.167/2006 vom 1. Februar 2007 E. 3.4).
Gemäss der Rechtsprechung ist die Verneinung der Strafbarkeit wegen Opfer-
mitverantwortung somit die Ausnahme und wird sehr restriktiv gehandhabt. Entsprechend wurde die Arglist nur in wenigen Fällen verneint (BSK StGB II-Arzt,
Art. 146 N 51, 57, 71).
Arglist wird nach all dem - soweit das Opfer sich mithin nicht in leichtfertiger Wei-
se seiner Selbstschutzmöglichkeiten begibt - in ständiger Rechtsprechung bejaht
 wenn der Täter ein ganzes Lügengebäude errichtet (BGE 119 IV 28 E. 3c)
oder sich besonderer Machenschaften oder Kniffe (manoeuvres frauduleu-
ses; mise en scène; BGE 133 IV 256 E. 4.4.3; BGE 132 IV 20 E. 5.4 mit
Hinweisen) bedient. Ein Lügengebäude liegt vor, wenn mehrere Lügen
derart raffiniert aufeinander abgestimmt sind und von besonderer Hinter-
hältigkeit zeugen, dass sich selbst ein kritisches Opfer täuschen lässt (BGE
119 IV 28 E. 3c). Als besondere Machenschaften (machinations) gelten
Erfindungen und Vorkehren sowie das Ausnützen von Begebenheiten, die
allein oder gestützt durch Lügen oder Kniffe geeignet sind, das Opfer irre-
zuführen. Es sind eigentliche Inszenierungen, die durch intensive, plan-
mässige und systematische Vorkehren, nicht aber notwendigerweise durch
eine besondere tatsächliche oder intellektuelle Komplexität gekennzeichnet
sind (BGE 122 IV 197 E. 3d),
 wenn der Täter blosse falsche Angaben macht (einfachen Lüge), deren
Überprüfung dem Opfer nicht oder nur mit besonderer Mühe möglich oder
- 43 -
nicht zumutbar ist bzw. wenn der Täter das Opfer von der möglichen Über-
prüfung abhält oder nach den Umständen voraussieht, dass dieses die
Überprüfung der Angaben auf Grund eines besonderen Vertrauensverhält-
nisses unterlassen wird (128 IV 18 E. 3a; BGE 126 IV 165 E. 2a; BGE 125
IV 124 E. 3; BGE 122 IV 246 E. 3a). Der Gesichtspunkt der Überprüfbarkeit
der falschen Angaben erlangt nach der neueren Rechtsprechung auch bei
einem Lügengebäude oder bei betrügerischen Machenschaften Bedeutung
(BGE 126 IV 165 E. 2a). Auch in diesen Fällen ist das Täuschungsopfer
somit zu einem Mindestmass an Aufmerksamkeit verpflichtet und scheidet
Arglist aus, wenn es die grundlegendsten Vorsichtsmassnahmen nicht
beachtet hat (BGE 135 IV 76 E. 5.2).
2.2 Auch in der Lehre erwächst dem Konzept der Opfermitverantwortung Kritik,
da dieses die kaum befriedigend zu beantwortende Frage aufwirft, welche
Schwächen eines Opfers - Sorglosigkeit, Bequemlichkeit, Leichtsinn, Leicht-
gläubigkeit, Gier, Aberglaube und Dummheit - nicht geschützt werden sollen und
ob nicht jedes Opfer dem Täter per definitionem unterlegen ist (BSK StGB II-Arzt,
Art. 146 N 63). Es wird daher postuliert - und dies zeichnet sich wie dargelegt
auch in der Rechtsprechung ab - dass die Verneinung der Arglist wegen Opfer-
mitverantwortung nur dort in Frage kommt, wo auf Opferseite eine Geschäftsper-
son steht oder wenn eine ganz extreme Situation vorliegt (siehe BSK StGB II-Arzt,
Art. 146 N 71, 71a und b; zur Kasuistik siehe BSK StGB II-Arzt, Art. 146 N 57 ff.).
Das leuchtet ein, denn die zwischenmenschlichen Beziehungen bauen nach wie
vor auf Vertrauen auf. "Das Strafrecht schützt auch vertrauensselige Personen",
und selbst ein "erhebliches Mass an Naivität" des Opfers schliesst Arglist nicht
aus (BSK StGB II-Arzt, Art. 146 N 68 mit Hinweisen auf die neuere Judikatur).
3. Gemäss der Verteidigung fehlt es an der für einen Betrug nötigen Arglist
(Urk. 13/12 S. 5; Prot. I S. 11 f.), weshalb die Beschuldigte freizusprechen sei.
Einfache Lügen und allenfalls erfundene, herzerweichende Geschichten stellten
kein betrügerisches und damit strafrechtlich relevantes Verhalten dar. Zudem
müsse die Arglist auch unter dem Gesichtspunkt der Opfermitverantwortung ent-
fallen. Die Geschädigte habe nicht das Geringste hinterfragt oder überprüft,
- 44 -
obschon sie genügend Zeit und Abstand (zwischen den Treffen) gehabt habe, das
angeblich Erzählte und Vorgefallene zu verarbeiten, rational zu betrachten und
sich zu informieren (Urk. 13/12 S. 5; Prot. I S. 13 f.). Falls das Gericht wider
Erwarten zum Schluss komme, dass die Beschuldigte arglistig gehandelt habe,
könne dies jedenfalls nur hinsichtlich des ersten Sachverhaltabschnitts bejaht
werden und auch dort nur bezüglich der Fr. 1'000.–, die die Beschuldigte vorgab
für die Miete zu brauchen, nicht jedoch hinsichtlich der Fr. 50.–, die sie für ihre
Kinder erbat (Prot. I S.10 f.). Der Vorwurf des versuchten Betruges hinsichtlich
des zweiten Sachverhaltsabschnittes scheitere dagegen klar an der Opfermitver-
antwortung seitens der Geschädigten (Prot. I S. 13). Gewerbsmässigkeit liege
nicht vor. Die Staatsanwaltschaft unterlasse es genau darzulegen, aus welchen
Gegebenheiten und Handlungen sie Gewerbsmässigkeit herleite. Sie behelfe sich
mit Allgemeinplätzen und Unterstellungen, weshalb diesbezüglich das Anklage-
prinzip verletzt sei (Prot. I S. 11 f.).
Auf die Argumente der Verteidigung ist im Rahmen der nachstehenden Erwägun-
gen einzugehen. Dabei muss sich das Gericht nicht ausdrücklich mit jeder tat-
sächlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen; viel-
mehr kann es sich auf die für die Entscheidfindung wesentlichen Gesichtspunkte
beschränken (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.62/2006 E. 4.2.2 vom 14.11.2006
unter Hinweis auf BGE 126 I 97 E. 2b; BGE 125 II 369 E. 2c, BGE 124 V 180 und
BGE 112 Ia 107 E. 2b).
4. Würdigung Anklagesachverhalt 1 (Gewerbsmässiger Betrug)
4.1 Arglistige Täuschung
4.1.1 Die Vorinstanz hat in rechtlicher Hinsicht zur Frage der Arglist erwogen, die
Beschuldigte habe sich weder besonderer Machenschaften bedient noch der
Geschädigten derart raffiniert aufeinander abgestimmte Lügen erzählt, dass von
einem Lügengebäude gesprochen werden könnte. Hingegen habe sie aufgrund
der Art der erzählten (einfachen) Lügen und der Persönlichkeit der Geschädigten
davon ausgehen können, dass diese ihre Angaben nicht überprüfen würde bzw.
dass die Angaben für diese gar nicht oder nur mit grösster Mühe überprüfbar
- 45 -
waren. Die Vorinstanz hat damit Arglist auf Seiten der Beschuldigten bejaht
(Urk. 79 S. 24 f.).
Dieser Argumentation ist zuzustimmen (Art. 82 Abs. 4 StPO). Zusammenfassend
und teilweise ergänzend ist folgendes festzuhalten:
4.1.2 Auch wenn es sich fraglos um einfache Lügen handelt, ist doch vorauszu-
schicken, dass die Beschuldigte der Geschädigten eine Palette von Unwahrheiten
auftischte, beginnend beim unzutreffenden Namen und der Papierlosigkeit über
den im Ausland diensttuenden und nicht für die Familie sorgenden Ehemann,
Anzahl und Aufenthaltsort ihrer Kinder, ihre Wohn- und Arbeitssituation, die Ver-
mieterin und den geschuldeten Mietzins, etc. Im Ergebnis präsentierte sie der
Geschädigten zumindest eine mehrschichtige Fantasiegeschichte. Darin zeichne-
te sie in eindringlicher und überzeugender Weise das trostlose Bild einer auf sich
allein gestellten, arbeitslosen, dreifachen Mutter, die in wirtschaftlich hoffnungs-
loser Situation und in "schwarzem" Status in der Fremde zu überleben versucht.
4.1.3 Für einen normalen Bürger ist nicht überprüfbar, ob sich eine Person illegal
in der Schweiz aufhält oder über einen geregelten Status verfügt sowie ob diese
Person Kinder hat und gegebenenfalls wie viele. Eine solche Überprüfung wäre
auch nicht zumutbar. Es liegt gerade im Wesen des illegalen Aufenthalts ohne
Papiere, dass die Angaben einer Person, einschliesslich deren Identifikation, nicht
verifiziert werden können und wenn, dann nur von Behörden mit den ent-
sprechenden Abfragemöglichkeiten. Sodann war durch die Beschuldigte voraus-
sehbar, dass die Geschädigte - die die Beschuldigte anhörte, sie unverkennbar
ernst nahm, Mitgefühl bekundete und ihr als "Sans Papier" offensichtlich helfen
wollte, ansonsten sie diese wohl kaum zu sich nach Hause eingeladen hätte - von
einer Überprüfung der Angaben z.B. durch Nachfrage bei den zuständigen
Behörden absehen wird, da sie sonst riskiert hätte, die Beschuldigte als vermeint-
lich illegal anwesende Person den Behörden preis zu geben und damit deren
Ausschaffung zu riskieren. Für die Geschädigte ergab sich die Angst der
Beschuldigten vor Behörden auch daraus, dass diese es wegen ihres illegalen
Status ablehnte, ans Sozialamt zu gelangen.
- 46 -
4.1.4 Die Behauptung der Beschuldigten, ihre Vermieterin sei eine ..., war darauf
ausgerichtet, die Geschädigte von einer Überprüfung ihrer Geschichte
abzuhalten. So konnte sie damit rechnen, dass eine ältere Schweizerin schon
grundsätzlich gewisse Hemmungen haben würde, sich an eine fremde ...-
stämmige Frau zu wenden, um sie über ihre Mieterin zu befragen. Abgesehen
davon wurde durch die ... Nationalität auch eine Sprach- und Mentalitätsbarriere
impliziert und die Beschreibung der ... als rabiate Person diente als zusätzliche
Abschreckung. Da die Geschädigte aufgrund der Angaben der
Beschuldigten davon ausging, diese halte sich illegal in der Schweiz auf, konnte
die Beschuldigte auch darauf vertrauen, dass sie sich nicht nach einem schriftli-
chen Mietvertrag erkundigen würde. Der Abschluss eines Mietvertrages führt
nämlich notorischerweise zu einer Meldepflicht bei den zuständigen Gemeinde-
behörden. Zudem erscheint ein Betrag von Fr. 1'000.– pro Monat für die Miete
einer Wohnung für eine Frau und drei Kinder nicht als überrissen, sondern im
Gegenteil als ein üblicher Mietzins, weshalb die Beschuldigte auch in diesem
Punkt davon ausgehen konnte, dass die Geschädigte diese Angabe nicht über-
prüfen würde.
4.1.5 Weiter spiegelte die Beschuldigte eine zeitliche Dringlichkeit und eine
unmittelbare existenzielle Not vor, indem sie geltend machte, dass sie und insbe-
sondere die drei Kinder innert kürzester Zeit kein Dach mehr über dem Kopf
haben würden, wenn sie die Miete nicht mehr bezahle. Bei Dringlichkeit und in
einer Notlage - insbesondere für kleine Kinder, wobei notorisch ist, dass in
Kinderbelangen die Hilfsbereitschaft allgemein erhöht ist - ist ebenfalls vorher-
sehbar, dass Überprüfungen unterbleiben. Indem sich die Beschuldigte betreffend
die Einladung der Geschädigten zum Mittagessen zuerst zierte und dazu überre-
det werden musste, gaukelte sie der Geschädigten sinngemäss Hemmungen und
Bescheidenheit vor. Zumindest konnte dies von der Geschädigten so aufgefasst
werden, was ihr Mitleid gegenüber der Beschuldigten und ihre Hilfsbereitschaft
zweifellos verstärkte und vertrauensfördernd wirkte.
4.1.6 Daneben spielt auch die Persönlichkeit der Geschädigten eine Rolle und
die Tatsache, dass die Beschuldigte diese Persönlichkeit gezielt missbrauchte.
- 47 -
Die Beschuldigte suchte sich nämlich zunächst bewusst ein älteres Opfer, von
dem sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit erwarten konnte, dass es weniger souve-
rän, dafür mit mehr Mitleid auf die behauptete Situation reagieren würde als der
Durchschnittsmensch. Solche Menschen haben mehr Zeit, sind leichter
ansprechbar und grundsätzlich besser zu beeinflussen, vor allem wenn sich
ergibt, dass sie wie hier alleinstehend und für Kontakte offen sind. Sodann erfass-
te die Beschuldigte sehr schnell, dass die Geschädigte eine tiefgläubige Person
ist und machte sich dies ohne Skrupel zunutze. So suggerierte sie ihr, der Herr
Jesus habe sie, die Beschuldigte, zur Geschädigten geschickt und damit die
Geschädigte auserwählt, Gutes zu tun. Damit stellte die Beschuldigte ihr Ansin-
nen zusätzlich auf eine moralisch-religiöse Ebene, die eine kritische Hinterfragung
durch die Geschädigte faktisch verunmöglichte. Zudem spiegelte sie vor, Angst zu
haben und gab sich sehr bedrückt (vgl. Urk. 8/4 S. 9). Einem Menschen und noch
dazu einer Mutter dreier kleiner Kinder in dringender Not jegliche Hilfe abzu-
schlagen, war der Geschädigten aufgrund ihres Weltbildes unmöglich, was die
Beschuldigte erkannte und gezielt ausnutzte.
4.1.7 Die Arglist auf Seiten der Beschuldigten ist in Anbetracht all dieser
Umstände ohne weiteres zu bejahen. Die Geschädigte wurde getäuscht durch
einfache Lügen, deren Überprüfung ihr einerseits nicht oder nur mit besonderer
Mühe möglich oder nicht zumutbar war bzw. die Beschuldigte hielt die Geschädig-
te von der möglichen Überprüfung ab oder sah nach den Umständen voraus,
dass die Geschädigte die Überprüfung ihrer Angaben vor dem zeitlichen
und existenziellen Hintergrund und angesichts des entstandenen besonderen
Vertrauensverhältnisses unterlassen werde.
Arglist liegt sowohl hinsichtlich der Fr. 1'000.-- für die angebliche Miete vor als
auch - entgegen der Ansicht der Verteidigung (Prot. I S. 10 f.) - für die Fr. 50.--,
welche die Geschädigte der Beschuldigten für die Kinder übergab, hat die
Beschuldigte doch auch bezüglich dieses Betrages mit falschen Angaben, insbe-
sondere der geltend gemachten existenziellen Not, auf die Geschädigte einge-
wirkt und dieses Geld ausdrücklich verlangt. Arglistiges Verhalten wäre nur zu
- 48 -
verneinen, wenn die Geschädigte das Geld für die Kinder ohne jede Aufforderung
und damit von sich aus gegeben hätte.
4.2 Opfermitverantwortung
4.2.1 Eine Opfermitverantwortung auf Seiten der Geschädigten, welche die
Arglist dahinfallen lassen würde, verneinte die Vorinstanz mit der folgenden
Begründung (Urk. 79 S. 26 f.):
Es sei allgemein bekannt, dass es auch in der Schweiz Leute gebe, die in finanzi-
ellen Nöten lebten. Zudem werde gerade auf die Probleme der Sans Papiers in
den letzten Jahren vermehrt aufmerksam gemacht, so z.B. durch die medien-
wirksamen Aktionen des Bleiberecht-Kollektivs. Die Geschichte, die die Beschul-
digte erzählt habe, decke sich mit dem Schicksal vieler Papierlosen und habe von
der Geschädigten daher nicht grundsätzlich in Zweifel gezogen werden müssen.
Was die Persönlichkeit der Geschädigten anbelange, seien einerseits ihr Alter (67
Jahre) und ihre Lebenssituation in Rechnung zu ziehen. Als Pensionärin und
alleinstehende Frau lebe sie zurückgezogener und sei nicht in gleicher Weise mit
den Lebensrealitäten konfrontiert wie jemand, der im Berufsleben stehe und sich
im Geschäftsalltag behaupten müsse. Schon deshalb könne von der Geschädig-
ten nicht das gleiche Mass an Sorgfalt verlangt werden wie von einem geschäfts-
erfahrenen Menschen. Vor allem aber sei der christliche Glaube der Geschädig-
ten in Rechnung zu ziehen. Die Beschuldigte habe mit der zeitlichen Dringlichkeit
und der menschlichen Not direkt an die Hilfsbereitschaft und damit an die christli-
chen Grundwerte der Nächstenliebe und Barmherzigkeit appelliert. Von einem tief
religiösen Menschen, der diesen Prinzipien wie die Geschädigte wirklich nach-
lebe, sei gegenüber einem Menschen in Not viel weniger Misstrauen zu erwarten
als von einem Durchschnittsbürger. Das habe die Beschuldigte erkannt und sich
geschickt zunutze gemacht. Die Geschädigte habe der Beschuldigten das Geld
sodann nicht anlässlich ihrer ersten Begegnung vor der O._ in die Hand
gedrückt, sondern sie erst zu sich nach Hause eingeladen, um sie besser
kennenzulernen. Erst dort habe sie ihr das Geld gegeben.
- 49 -
Aufgrund dieses Gesamtbildes sei die Unvorsicht der Geschädigten keineswegs
so gravierend gewesen, dass dadurch das arglistige Verhalten der Beschuldigten
vollständig in den Hintergrund rücken würde. Eine Opfermitverantwortung sei
deshalb zu verneinen.
4.2.2 Diese Erwägungen und Schlussfolgerungen der Vorinstanz sind uneinge-
schränkt zu teilen, ergänzt durch die nachfolgenden Bemerkungen:
Gemäss der vorstehend zitierten bundesgerichtlichen Rechtsprechung richtet sich
das Mass der vom Opfer erwarteten Aufmerksamkeit auch wesentlich nach einem
individuellen Massstab; es kommt auf die Lage und Schutzbedürftigkeit des
Betroffenen im Einzelfall an, wobei namentlich auf geistesschwache, unerfahrene
oder auf Grund von Alter oder Krankheit beeinträchtigte Opfer, die kaum im
Stande sind, dem Täter zu misstrauen, Rücksicht zu nehmen ist.
Vorliegend gilt nicht ein Massstab wie unter Geschäftspartnern, wo allfällige
besondere Fachkenntnis und Geschäftserfahrung zu berücksichtigen ist, wie etwa
bei Kreditvergaben durch Banken. Auch ist zu beachten, dass hier keinerlei
persönliches Interesse des Opfers vorhanden ist, weder wirtschaftlicher Art
(Gewinnstreben oder Gier bei Spekulationsgeschäften, unrealistische Gewinnver-
sprechungen) noch nicht wirtschaftlicher Natur (zum Beispiel Geldeinsatz für die
Befriedigung von Illusionen wie Schönheit, Gesundheit; dazu auch BSK StGB II-
Arzt, Art. 146 N 57, 86, 71).
Vielmehr ergibt sich, dass die Geschädigte hochspezifische Opfereigenschaften
aufweist: Sie ist Pensionärin, ledig und alleinlebend. Ihre Schulbildung umfasst
8 Jahre. In ihrer Berufszeit übte sie durchwegs untergeordnete und zudienende
Tätigkeiten aus, insbesondere solche, wo das persönliche Wohlbefinden Dritter
im Zentrum steht. So war sie zunächst Angestellte in einem Privathaushalt,
Schwesternhilfe, Service- und Zimmermädchen, bevor sie eine Lehre als
Krankenpflegerin absolvierte, bei der sie sich teilweise etwas überfordert fühlte.
Fortan arbeitete sie während Jahrzehnten in verschiedenen Spitälern und
Krankenheimen und betätigte sich zwischendurch immer wieder auf dem
elterlichen Bauernhof (Urk. 8/4 S. 4 f.). In ihrem Beruf waren neben den erlernten
- 50 -
Fachkenntnissen aus dem Gesundheitsbereich vor allem Hilfsbereitschaft, Ein-
fühlungsvermögen und Hingabe gefragt. Sie ist mit andern Worten sehr empfäng-
lich für hilfesuchende und/oder notleidende Menschen, verfügt über die Fähigkeit,
sich in diese hineinzuversetzen und ist offensichtlich stets bemüht, Gutes zu tun
und Not zu lindern. Nicht minder erscheint ihre Hilfsbereitschaft im Privatleben
und auch noch im Ruhestand (vgl. Urk. 8/2, wonach die Zeugeneinvernahme der
Geschädigten erst gegen Ende Juni 2011 stattfinden konnte, weil sie ab dem
6. Juni 2011 für zwei Wochen als Aushilfe auf einem Bauernhof arbeitete und dort
auch einen Pflegepatienten zu betreuen hatte).
Bei dieser Ausgangslage erstaunt es nicht, dass die Beschuldigte der Geschädig-
ten schon bei der ersten Begegnung vor der O._ Leid tat und sie sich vor-
nahm, der Frau zu helfen. Dabei ging es der Geschädigten nicht nur darum, die
Frau finanziell zu unterstützen, sondern sie wollte sie zudem - samt ihrer Kinder -
bei sich bewirten und ihrer Familie damit auch zwischenmenschliche Wärme an-
gedeihen lassen. Die Geschädigte öffnete Herz und Haus. Dieses persönliche
Engagement zeigt mit aller Deutlichkeit, dass die Geschädigte den unwahren
Angaben der Beschuldigten Glauben schenkte, diese sehr in Not, verängstigt und
bedrückt wähnte, sich in deren Situation hineinversetzte und in Mitleid verfiel.
Denn nach der Darstellung der Geschädigten war die Beschuldigte sehr ein-
schmeichelnd, erbarmenswürdig und sehr überzeugend gewesen, so dass sie ihr
alles glaubte und ihr damit vertraute (Urk. 8/1 S. 5 und 7; Urk. 8/4 S. 5 ff.).
Hinzu kommt die bereits genannte Gläubigkeit der Geschädigten, die auch aktives
Mitglied einer Freikirche ist (Urk. 8/4 S. 5). Eine Freikirche ist eine vom Staat un-
abhängige christliche Kirche. Freikirchen sind als Freiwilligkeitskirche organisiert
und erwarten in der Regel eine persönliche Entscheidung für die Mitgliedschaft im
religionsmündigen Alter. Sie werden durch freiwillige Beiträge ihrer Mitglieder fi-
nanziert und erhalten keine staatlichen Zuschüsse. Für die Christen in Freikirchen
ist Grundlage die Bibel, die als gute Nachricht Gottes an die Menschen verbind-
lich für den Glauben und das Leben ist (http://www.freikirchen.ch [23. Januar
2012]; http://www.freikirchen-....ch/beschreibung.html [23. Januar 2012]).
Danach lebt offensichtlich auch die Geschädigte, die sich vorliegend vom Bibel-
http://www.freikirchen.ch/fileadmin/user_upload/pdf/Was_ist_eine_Freikirche.pdf
- 51 -
spruch "Gib alles den Armen und dann folge mir" leiten liess (Urk. 8/1 S. 4 und 6).
Auch vor diesem Hintergrund ist das Verhalten der Geschädigten zu werten.
Die feste Überzeugung der Geschädigten, dass die Beschuldigte in grosser Not
sei, zeigt sich ferner darin, dass sie sich auch nach der Übergabe von Fr. 1'050.--
Sorgen um die Beschuldigte machte. Obwohl kein weiteres Treffen vereinbart
war, überlegte sich die Geschädigte, dass sie die Beschuldigte - von der sie an-
nahm, dass sie wieder kommen werde - für ca. zwei Monate unterstützen und ihr
(zweckgerichtet) vielleicht nochmals Fr. 2'000.-- geben würde. Sie machte sich
das ganze Wochenende über diese Frau Gedanken und Sorgen und fand, dass
diese ein schweres Leben habe, sehr bedürftig sei und nicht einmal über das
Nötigste verfüge (Urk. 8/1 S. 3; Urk. 8/4 S. 10 f.). Diese tiefe Besorgnis wider-
spiegelt gelebte Barmherzigkeit.
Die Geschädigte offenbarte anhaltend liebenswerte und fürsorgliche Gedanken
und Gefühle gegenüber der Beschuldigten, nicht nur zu Beginn, als sie deren
Leben als schwer taxierte und den gegebenen Betrag bzw. die Beträge, der Bibel
folgend, als Schenkung angesehen hätte. Die Geschädigte wehrte sich auch noch
gegen die aufkommende Erkenntnis, dass es sich bei der Beschuldigten um eine
Betrügerin handle, liess sich nur zögerlich und offenkundig schweren Herzens zur
Anzeigeerstattung überreden und delegierte diese Handlung (Urk. 9/5). Selbst im
Vorfeld der Verhaftung der Beschuldigten überlegte sich die Geschädigte, dieser
würde nichts passieren und sie sei wieder frei, wenn nichts dahinter stehe. Ferner
wollte sie kurz vor dem polizeilichen Zugriff und mithin vor der Couvertübergabe
mit der Beschuldigten noch gemeinsam essen, folgte dann aber den Anweisun-
gen der Polizei. Im Nachhinein äusserte die Geschädigte schliesslich den
Zukunftswunsch, die Frau möge genug zum Leben haben.
Mit andern Worten handelt es sich bei der Geschädigten um ein prägnantes
Beispiel einer äusserst empathischen und tief gläubigen Frau, die auch eine ihr
völlig unbekannte Person als Gutmensch betrachtet, ihr Zeit widmet, vertraut und
deren Erzählungen Glauben schenkt, mit ihr fühlt, sich sehr um sie sorgt, ihr
Innerstes öffnet und bereit ist, das eigene Hab und Gut mit der "bedauernswerten
- 52 -
Kreatur" zu teilen. Auch dem Zeugen L._, der ein 1- bis 1 1⁄2-stündiges Ge-
spräch mit der Geschädigten führte, fiel diese Haltung in all ihren Facetten auf
(Urk. 9/5).
Mehrmals stellte die Geschädigte der Beschuldigten aber auch Fragen, um
Genaueres zu erfahren. Mit ihren jeweils plausiblen Antworten gelang es der
Beschuldigten, allfällige Unsicherheiten oder Zweifel der Geschädigten sogleich
zu zerstreuen. So erklärte die Beschuldigte betreffend ihren illegalen Aufenthalt in
der Schweiz, sie bekomme in zwei bis drei Monaten ein Visum. Da sich die
Geschädigte damit nicht auskannte, glaubte sie der Beschuldigten und fragte
nicht weiter (Urk. 8/1 S. 2). Das ist nachvollziehbar, ging doch die Geschädigte
aufgrund der Angaben der Geschädigten davon aus, diese halte sich schon
länger in der Schweiz auf, wo sie zunächst in der Reinigung schwarz gearbeitet
habe. Als die Geschädigte zur Anwesenheit der Beschuldigten ohne Papiere
Näheres wissen wollte, konterte die Beschuldigte mit dem einleuchtenden
Hinweis, diese seien im Krieg in der Heimat verbrannt. Auch die Ausrede der
allein zum Mittagessen erscheinenden Beschuldigten, die Kinder hätten lieber zu
Hause spielen wollen (als mit Erwachsenen am Tisch sitzen), musste als allge-
mein bekannte Tatsache die Geschädigte nicht argwöhnisch machen.
Durch gewiefte kommunikative Einwirkung schilderte die Beschuldigte sich und
ihre drei Kinder in einem Teufelskreis - unverschuldete Papierlosigkeit, daher
illegale Anwesenheit, deshalb keine Möglichkeit zu regulärer Erwerbstätigkeit und
legalem Verdienst bzw. zu Behördenkontakt betreffend Unterstützung -, gepaart
mit gespielter grosser Angst, wiederholtem und intensivem Jammern sowie aus-
geprägter Bedrücktheit. Mit der so gezeichneten, angeblich grossen finanziellen
Not und der gezielten Beantwortung gestellter Fragen bewirkte sie bei der hilfs-
bereiten, ganz der christlichen Nächstenliebe folgend und überaus arglosen
Geschädigten die tiefe Überzeugung, dies entspreche alles der Wahrheit. Gleich-
zeitig entstand eine Vertrauensbeziehung, wozu auch die Beschuldigte dadurch
beitrug, dass sie der Geschädigte ihre Hilfe im Haushalt anbot und damit die
Bereitschaft signalisierte, nicht nur zu nehmen, sondern innerhalb ihrer Möglich-
keiten auch zu geben. Bei alledem spielte wesentlich mit, dass die Geschädigte
- 53 -
fern vom Geschäftsleben, generell nicht speziell geschäftserfahren und schon
relativ betagt ist und sozial eher isoliert lebt. Bei dieser Beurteilung geht es
selbstverständlich nicht darum, eine Seniorin zu diskriminieren bzw. ihre zivil-
rechtliche Handlungsfähigkeit irgendwie in Frage zu stellen. Aber die Geschädigte
gehört aufgrund ihrer Biografie und Lebenssituation offensichtlich zu den eher
leichtgläubigen und vertrauensseligen Menschen, die betreffend das Vorgehen
von Tätern wie der Beschuldigten, die sich genau auf diese Opfergruppe speziali-
siert haben, besonders gefährdet und daher schutzbedürftig sind. Dass die
Geschädigte beim geschilderten Hintergrund weder den Nachnamen noch die
Adresse der Beschuldigten in der R._ erfragte, erscheint dagegen unterge-
ordnet, abgesehen davon, dass solche Angaben entweder nicht überprüfbar ge-
wesen wären bzw. eine Überprüfung nicht zumutbar gewesen wäre. Hingegen er-
kundigte sich die Geschädigte nach der Telefonnummer der Geschädigten (was
ihr ermöglicht hätte, die Beschuldigte direkt und persönlich erreichen zu können),
wobei die Beschuldigte aber - ebenfalls wahrheitswidrig - verneinte, eine zu
haben (Urk. 8/4 S. 22; Urk. 7/1 S. 7).
4.2.3 Zusammenfassend kann nicht gesagt werden, die Geschädigte habe die
angesichts der konkreten Umstände und ihrer persönlichen Verhältnisse ange-
messenen, grundlegendsten Vorsichtsmassnahmen missachtet. Die Opfermit-
verantwortung der Geschädigten ist zu verneinen.
4.3 Irrtum und Vermögensdisposition
Die arglistige Täuschung muss dazu führen, dass das Opfer sich in einem Irrtum
befindet. Als Vermögensdisposition gilt jede Handlung, Duldung oder Unterlas-
sung des Irrenden, die geeignet ist, eine Vermögensverminderung herbeizuführen
(Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, Schweizerisches Strafgesetzbuch, 10. Aufla-
ge, Zürich 2010, Art. 46 N 15 f.).
Der durch die arglistige Täuschung bei der Geschädigten hervorgerufene Irrtum
betreffend die angebliche Lebenssituation der Beschuldigten führte dazu, dass die
- 54 -
Geschädigte der Beschuldigten Fr. 1'050.-- in bar übergab und damit eine Ver-
mögensdisposition im Sinne von Art. 146 StGB vornahm (vgl. auch Urk. 79 S. 27).
4.4 Vermögensschaden
Die Vermögensdisposition muss kausal zu einem Vermögensschaden führen. Ein
Vermögensschaden im Sinne von Art. 146 StGB ist jede unfreiwillige Beeinträch-
tigung des Vermögens in Form einer Verminderung der Aktiven, einer Vermeh-
rung der Passiven oder entgangenen Gewinns (Donatsch/Flachsmann/Hug/We-
der, Art. 146 N 24). Ob ein Schaden vorliegt, lässt sich relativ leicht beurteilen,
wenn eine im Gegenzug zur Vermögensdisposition in Aussicht gestellte Gegen-
leistung ganz oder teilweise ausbleibt. Wurde die Vermögensdisposition jedoch
wie hier vorgenommen, ohne dass eine wirtschaftliche Gegenleistung erwartet
wurde und hat sich das Opfer damit bewusst selbst am Vermögen geschädigt, so
fragt sich, ob überhaupt ein Schaden besteht. Die Lehre hat bezüglich dieser
Konstellation die Theorie von der sozialen Zweckverfehlung entwickelt. Diese
geht davon aus, dass in solchen Fällen die ideelle Erwartung des Disponierenden
das Schutzobjekt ist. Der Schaden besteht in der Enttäuschung dieser Erwartung
dadurch, dass das Vermögensopfer nicht dem Zweck zugeführt wird, dem es vom
Geschädigten zugedacht war (zum sog. Spenden- oder Bettelbetrug: BSK StGB
II-Arzt, Art. 146 N 108; Andreas Donatsch, Strafrecht III, Delikte gegen den Ein-
zelnen, 9. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2008, S. 215 f.).
Vorliegend gab die Geschädigte der Beschuldigten das erbetene Geld, ohne dafür
eine wirtschaftliche Gegenleistung zu verlangen. Sie fordert das Geld bis heute
nicht zurück (Urk. 8/1 S. 6 f.). Diese Tatsache ändert nichts daran, dass die
Geschädigte das Geld der Beschuldigten unter bestimmten Prämissen und Erwar-
tungen und zu einem bestimmten Zweck gab und es ihr nicht gegeben hätte,
wenn die Beschuldigte sie nicht getäuscht hätte (Urk. 8/4 S. 11 f.). Der Vermö-
gensschaden ist in der sozialen Zweckentfremdung zu sehen (BSK StGB II-Arzt,
Art. 146 N 108). Mit der Vorinstanz ist daher auch ein Vermögensschaden im
Sinne von Art. 146 StGB ist zu bejahen.
- 55 -
4.5 Vorsatz und Absicht unrechtmässiger Bereicherung
Der subjektive Tatbestand erfordert Vorsatz und die Absicht unrechtmässiger
Bereicherung. Vorsätzlich handelt, wer mit Wissen und Willen handelt. In Absicht
unrechtmässiger Bereicherung handelt, wer eine wirtschaftliche Besserstellung
anstrebt, auf die er keinen Rechtsanspruch hat bzw. die im Widerspruch zur
Rechtsordnung steht (Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, Art. 137 N 10 f.). Die
angestrebte Bereicherung als Vermögensvorteil muss sodann gemäss dem
Prinzip der Stoffgleichheit dem Schaden als Vermögensnachteil entsprechen und
sich als dessen Kehrseite darstellen (BGE 134 IV 210 S. 213). Die Bereicherung
ist mit andern Worten das Spiegelbild des Schadens (BSK StGB II-Arzt, Art. 146
N 118).
Die Beschuldigte wusste, dass sie die Geschädigte durch ihre Lügen arglistig
täuschte und dazu veranlasste, ihr Geld zu geben, welches diese ihr nicht
gegeben hätte, hätte sie die tatsächlichen Umstände gekannt. Gerade dies wollte
die Beschuldigte auch. Sodann wollte sie sich mit dem erlangten Geld widerrecht-
lich bereichern. Auf den Vermögensvorteil, um den sie die Geschädigte ent-
reicherte, hatte sie keinerlei Anspruch. Die Beschuldigte handelte somit vor-
sätzlich und in Absicht unrechtmässiger Bereicherung (auch Urk. 79 S. 28).
Auch suchte sich die Beschuldigte gezielt eine Rentnerin aus. Das ergibt sich
schon daraus, dass sie die Geschädigte als "alte Frau" bezeichnete, die vieles
sagen könne (Urk. 7/1 S. 5). Hinzu kommt, dass die Beschuldigte wie erwähnt am
18. Mai 2011 im Dorfzentrum von V._ beobachtet worden war, "wie sie eine
ältere, betagte Frau ansprach und diese in ein Gespräch verwickelte" (Urk. 10/3).
Zudem ist die Beschuldigte mehrfach einschlägig vorbestraft ist, wobei sich die
Opfer ebenfalls in fortgeschrittenem Alter befanden (siehe die nachfolgende
Erwägung IV. 6.4.3). Aufgrund ihrer Erfahrung wusste sie, dass unter den
Rentnern eine grössere Zahl an Menschen zu finden ist, die Fantasiegeschichten
Glauben schenken und gegenüber Müttern in Notsituation freigiebiger sind als die
übrigen Mitglieder der Gesellschaft.
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4.6 Zwischenfazit
In Bestätigung der Vorinstanz ist das Verhalten der Beschuldigten mit Bezug auf
den Geldbetrag von Fr. 1'050.-- (Anklagesachverhalt 1) als vollendeter Betrug
gemäss Art. 146 Abs. 1 StGB zu qualifizieren.
5. Würdigung Anklagesachverhalt 2 (Versuchter gewerbsmässiger Be-
trug)
5.1 Versuch
Die Vorinstanz hat richtig gesehen (vgl. Urk. 79 S. 29; Art. 82 Abs. 4 StPO), dass
beim Anklagesachverhalt 2 mangels Vermögensdisposition und Vermögens-
schaden kein vollendeter Betrug vorliegen kann. Ferner hielt sie zutreffend fest,
dass beim Betrug die Schwelle zur versuchten Tatbegehung überschritten ist,
wenn der Täter mit der Täuschung beginnt (BSK StGB II-Arzt, Art. 146 N 135) und
dass Arglist nicht notwendigerweise entfällt, wenn das Opfer der Täuschung nicht
erliegt (BGE 135 IV 76 E. 5.2). Konsequenterweise prüfte die Vorinstanz anhand
der übrigen Tatbestandselemente, ob die Schwelle zum strafbaren Versuch über-
schritten wurde (vgl. BGE 131 IV 100).
5.2 Arglistige Täuschung und Irrtum
Mit der Behauptung, ihre drei Jahre alte Tochter sei schwer nierenkrank, liege im
Spital S._ und brauche dringend eine sehr kostspielige Nierentransplantati-
on, für welche sie infolge illegalen Aufenthalts und fehlender Krankenversicherung
selber aufkommen müsse, schwenkte die Beschuldigte von einer angeblich bloss
wirtschaftlichen Notlage zu einer Frage um Leben und Tod. Sie tischte der
Geschädigten erneut Unwahrheiten auf und täuschte sie damit über objektiv fest-
stehende Tatsachen. In Wirklichkeit hat die Beschuldigte weder eine Tochter noch
ist diese nierenkrank; sie hält sich nicht illegal in der Schweiz auf und besitzt sehr
wohl eine Krankenversicherung (Urk. 56 S. 3 und 5). Auch durch diese weitere
erfundene Geschichte liess sich die Geschädigte täuschen und erlag einem
Irrtum.
- 57 -
Die Vorinstanz taxierte auch dieses Vorgehen der Beschuldigten als arglistig. Die
Beschuldigte habe aufgrund der Art der erzählten Lügen und der Persönlichkeit
der Geschädigten davon ausgehen können, dass diese ihre Angaben nicht über-
prüfen würde bzw. dass diese gar nicht oder nur mit grösster Mühe überprüfbar
gewesen wären. Zudem habe die Beschuldigte die Geschädigte durch geschickte
Manipulation davon abgehalten, ihre Angaben zu prüfen. Dieser Argumentation ist
zuzustimmen. Zu präzisieren ist, dass die Beschuldigte aufgrund der bereits
erhaltenen Zahlungen nicht nur davon ausgehen durfte sondern sogar wusste,
dass die Geschädigte ob ihren weiteren unwahren Angaben erneut in Mitleid
verfallen, diesen Glauben schenken und von deren Überprüfung absehen würde.
Im einzelnen ist mit der Vorinstanz (Urk. 79 S. 30 ff.) festzuhalten:
Als die Beschuldigte drei Tage später, am 23. Mai 2011, unangemeldet wieder bei
der Geschädigten erschien, konnte sie auf den vorangegangenen erfolgreichen
Täuschungen, dem dadurch bei der Geschädigten bewirkten Irrtum und auf der
gelegten Vertrauensbasis zu dieser aufbauen. Sie hatte in der Geschädigten ein
leichtgläubiges Opfer gefunden und deren Vertrauensseligkeit in einer ersten
Phase anhand einer kleineren Summe "geprüft" (Betrug als Beziehungsdelikt, vgl.
Urteil des Bundesgerichts 6B_748/2008 vom 16. Februar 2009). Sie hatte die
Persönlichkeit der Geschädigten ausgelotet und spürte, dass sie von ihr auch
eine grössere Summe erlangen kann. Ausgehend von den gewonnenen Erkennt-
nissen ging sie in der Folge psychologisch sehr geschickt vor, indem sie den
moralischen Druck auf die Geschädigte massiv erhöhte. Von der rein wirtschaftli-
chen Not wechselte die Beschuldigte zur Frage von Leben und Tod eines kleines
kranken Kindes. Sie gab sich als schwer leidgeprüfte Mutter, sprach während
ca. 1 1⁄2 Stunden eindringlich auf die Geschädigte ein, sass ihr regelrecht auf und
suchte auch Körperkontakt (sie sei irgendwie "klebrig" gewesen, sei fast wie eine
"Klette" an ihr gehangen, habe sie an der Hand genommen, man sei sie fast nicht
"los" geworden, sie habe sie fast aus der Wohnung hinaus komplimentieren
müssen; vgl. Urk. 8/1 S. 3 f. und 7; Urk. 8/4 S. 16). Schon als die Beschuldigte am
20. Mai 2011 zum Mittagessen bei der Geschädigten eingeladen war, war diese
von ihr erstmals geküsst worden (Urk. 8/4 S. 19). Diesem erheblichen Druck
- 58 -
konnte sich die Geschädigte als eine äusserst hilfsbereite und gläubige Person
kaum entziehen, was der Beschuldigten sehr wohl bewusst war und was sie ziel-
strebig ausnutzte. Wiederum bot die Beschuldigte der Geschädigten an, im
Gegenzug für sie zu putzen und sie zu besuchen, und sie stellte auch in Aussicht,
das Geld so schnell als möglich zurückzuzahlen. Dadurch gaukelte sie der
Geschädigten guten Willen und Aufrichtigkeit vor, womit sie den Druck weiter
verstärkte. Zusätzlich unter psychologischen Druck gesetzt wurde die Geschädig-
te durch die Aussage der Beschuldigten, eine Operation würde erst stattfinden,
wenn eine Zahlung geleistet sei. Damit suggerierte sie, dass die Geschädigte
durch jeden Zweifel und jedes Nachfragen eine lebenswichtige Operation ver-
zögern und einem kleinen Kind Leiden oder sogar den Tod bereiten würde. Durch
dieses Vorgehen konnte die Beschuldigte voraussehen, dass die Geschädigte
ihre Angaben nicht überprüfen würde. Die Abklärung der krankenversicherungs-
technischen Umstände von Papierlosen war der Geschädigten nicht zuzumuten.
Sie erfuhr erst vom Versicherungsagenten, dass man auch Sans Papiers in einem
Spital behandeln würde (Urk. 8/1 S. 4). Zudem nötigte die Beschuldigte der
Geschädigten das Versprechen ab, vor der Geldtransaktion mit niemandem über
die Sache zu sprechen (Urk. 8/1 S. 3 f.; Urk 8/4 S. 14). Daran hielt sich Geschä-
digte zunächst auch, lehnte sie es doch ab, dem Berater der K._ auf
dessen Frage nach dem Grund der gewünschten vorzeitigen Auflösung der Ver-
sicherung, was mit einem erheblichen Verlust verbunden gewesen wäre, nähere
Auskunft zu erteilen mit dem Hinweis, Stillschweigen versprochen zu haben. Mit
dem Schweigegebot hielt die Beschuldigte die Geschädigte aktiv von einer Über-
prüfung ihrer Angaben ab. Dieses ganze Vorgehen der Beschuldigten kann nicht
anders denn als arglistig bezeichnet werden. Arglist und Irrtum sind klarerweise
zu bejahen.
Die Geschädigte, die sich ganz ihrem Naturell entsprechend in die Situation der
angeblich verzweifelten und schwer leidenden Mutter versetzte, glaubte der
Beschuldigten und sah die raffiniert gespielte Not für wirklich an. Mit ihrer gezielt
und berechnend vorgebrachten weiteren Fantasiegeschichte hatte die Beschul-
digte erneut ins Schwarze getroffen.
- 59 -
Auch aus der Zeugenaussage des Versicherungsberaters L._ (vorne Erwä-
gung III. 6.) ergibt sich mit aller Deutlichkeit, dass die Geschädigte überzeugt war
und keinen Zweifel an der Geschichte hegte. Dies leitete er einerseits aus ihrer
Bereitschaft ab, einen Verlust in Kauf zu nehmen und dass sie an eine Notsituati-
on mit dem dreijährigen Kind glaubte, für dessen Operation alles abgeklärt und
vorbereitet gewesen sei. Überdies schrieb auch er ihre Überzeugung ihrer tiefen
Gläubigkeit zu (Urk. 9/5). Deshalb brauchte es von seiner Seite während 1 bis 1
1⁄2 Stunden viel Geschicklichkeit und Ausdauer, um die Geschädigte zur Erkennt-
nis zu führen, dass es um etwas Unseriöses gehe und ein Betrug vorliegen könn-
te. Dass die Geschädigte moralische Bedenken äusserte, zuerst nochmals mit der
Beschuldigten (betreffend den Arzt in S._) Rücksprache nehmen und
schliesslich nicht selber an die Polizei gelangen wollte, sondern dies mit ihrem
Einverständnis lieber dem Zeugen L._ überliess, weil es ihr zuwider war, un-
terstreicht ihre Hilfsbereitschaft und die - lange aufrechterhaltene - Loyalität ge-
genüber der Beschuldigten.
Die Geschädigte umschrieb dies so, sie sei im Verlauf des Gesprächs dann zur
Überzeugung gekommen, dass der Mann der Realität näher sei, dass er Recht
habe (Urk. 8/1 S. 4; Urk. 8/4 S. 6 und 19). Aber erst am Abend im Gespräch mit
den zwei Polizisten in ihrer Wohnung gelangte die Geschädigte endgültig zur
Überzeugung, dass die Beschuldigte eine Betrügerin sei (Urk. 8/1 S. 4; Urk. 8/4
S. 21). Es bedurfte mithin eines mehrstufigen Prozesses, bis die Geschädigte die
Täuschung erkennen und sich von ihrer irrigen Vorstellung lösen konnte. Es fiel
ihr offensichtlich schwer, sich in einer Opferrolle zu sehen. Wie schon angetönt,
zeigte sie bis zuletzt immer wieder Mitgefühl mit der Beschuldigten, indem sie
zum Beispiel mit dieser noch das vereinbarungsgemäss zubereitete Mittagessen
konsumieren wollte und auch wiederholt betonte, wenn nichts hinter der
Geschichte sei, werde der Frau nichts passieren und sie sei wieder frei. Ferner
wünschte sie der Beschuldigten, dass sie genug zum Leben habe. Sie sei der
Meinung, dass die Frau wirklich vor etwas Angst habe. Diese Haltung der
betrogenen Geschädigten verdeutlicht zusätzlich, dass die Geschädigte aufgrund
ihrer Persönlichkeit und Lebensgeschichte sowie ihres fortgeschrittenen Alters zu
den Menschen zählt, deren Misstrauens- und Widerstandsfähigkeit gegenüber
- 60 -
Tätern, die auf Ausnützung gerade dieser Personengruppe spezialisiert sind, ein-
geschränkt ist. Diese Menschen sind daher besonders schutzbedürftig und ihre
Ausnützung besonders perfid.
Schliesslich steht zweifelsfrei fest, dass die Bemühungen der Geschädigten, bei
ihrer Versicherung Geld zu beschaffen, nicht erfolgt wären, hätte sie bemerkt,
dass die Beschuldigte ihr eine falsche Geschichte erzählte, nur um an Geld zu
kommen. Sie wäre sich arg betrogen vorgekommen, wenn sie die Versicherung
aufgelöst und der Beschuldigten den daraus resultierenden Geldbetrag
(ca. Fr. 34'000.--) gegeben hätte (Urk. 8/1 S. 6 f.). Daran ändert der Umstand
nichts, dass die Geschädigte die Geldgabe nicht als Darlehen, sondern - aufgrund
ihres christlichen Glaubens und um der Frau, die sich sehr bedrückt gab und
jammerte, aus ihrer Not zu helfen - eigentlich als Schenkung angesehen hätte, da
ihr klar war, dass die Beschuldigte ihr das Geld nicht zurückgeben würde (Urk. 8/1
S. 4 und 6 f.; Urk. 8/4 S. 15). Hätte die Geschädigte indessen gewusst, dass die
Beschuldigte ihr nicht die Wahrheit sagte, hätte sie den Kontakt zu dieser abge-
brochen bzw. ihr das Geld nicht geben wollen (Urk. 8/1 S. 6 und 15).
5.3 Opfermitverantwortung
Zur diesbezüglichen Rechtsprechung sowie namentlich zur Persönlichkeit der
Geschädigten, zu ihrer Schutzbedürftigkeit und zum Vertrauensverhältnis
zwischen der Geschädigten und der Beschuldigten gilt das bisher in Erwägung
IV. 2.2 und 4.2 Gesagte.
Die Verteidigung stellt sich auf den Standpunkt, eine Strafbarkeit wegen Betrugs
sei bezüglich Anklagesachverhalt 2 aufgrund der Opfermitverantwortung der
Geschädigten auszuschliessen. Diese habe es an der elementarsten Sorgfalt
mangeln lassen, indem sie nichts unternommen habe, um die Geschichte mit dem
nierenkranken Kind in S._ zu überprüfen, obwohl dies ohne weiteres möglich
gewesen wäre und es sich nicht um einen Bagatellbetrag gehandelt habe. Weder
habe sie nach dem Namen von Spital oder Arzt, noch nach Offerten oder Rech-
nungen gefragt. Sie habe auch nie anerboten, nach S._ zu reisen und mit
dem Arzt zu sprechen. Die Geschädigte sei ehemalige Krankenpflegerin und ken-
- 61 -
ne die Gepflogenheiten eines Spitals. Daher hätte sie auch wissen müssen, wie
die Finanzierung von Transplantationen vorgenommen werde. Die Behauptung
der Beschuldigten, sie müsse die Operation selbst bezahlen, hätte sie misstrau-
isch stimmen müssen. Ebenso wenig habe sie Abklärungen getroffen, wie einer
angeblich Papierlosen in einem solchen Fall geholfen werden könnte. Die Vertei-
digung zieht sodann einen Vergleich zum Zivilverfahren und verweist auf die dort
herrschenden Beweisregeln und Obliegenheiten des Geschädigten. Das kosten-
günstige Strafverfahren dürfe nicht dazu benutzt werden, ein solches Zivilver-
fahren zu umgehen (Prot. I S. 13 f.).
Übereinstimmend mit der Vorinstanz (Urk. 79 S. 32 f.) kann dieser Ansicht nicht
zugestimmt werden. Wie erwähnt ist bei der Frage nach der Opfermitverant-
wortung ein individueller Massstab anzulegen und anhand der konkreten Situation
und der persönlichen Gegebenheiten zu entscheiden. Eine Opfermitverant-
wortung ist die Ausnahme und kommt nur in krassen Fällen zum Tragen. Eine
solche Ausnahmesituation liegt hier nicht vor.
Mit kommunikativem Geschick und raffiniertem Auftreten hatte die Beschuldigte
den Grundstein zu einer Vertrauensbeziehung zwischen sich und der Geschädig-
ten gelegt. Hilfsbereitschaft und Grossmut der Geschädigten waren anhand einer
namhaften Unterstützung erprobt. Das Opfer zeigte sich als in die gewünschte
Richtung ansprech- und beeinflussbar. Basierend auf diesem ersten Erfolg
präsentierte sich die Beschuldigte als hoch verzweifelte Mutter eines todkranken
Kleinkindes. Die Geschädigte war aufgrund ihres Alters, ihrer Persönlichkeit, ihrer
Lebenssituation und vor allem auch ihres christlichen Weltbildes angesichts der
derart notleidenden jungen Frau, der gegenüber sie erkennbar tiefes Mitleid
empfand und zudem auch Sympathien entwickelt hatte, nicht in der Lage, dieser
mit dem - objektiv - notwendigen Misstrauen zu begegnen und ihre Manipulatio-
nen zu durchschauen. Um die Überprüfbarkeit zu erschweren, bestimmte die
Beschuldigte das rund 100 km entfernte S._ als Schauplatz des dringend
benötigten und bereits geplanten medizinischen Eingriffs. Er ist verständlich, dass
der Geschädigten der Weg dorthin zu weit erschien, um vorbeizugehen und sich
zu erkundigen (Urk. 8/4 S. 23) und dass sie keine telefonische Nachfrage vor-
- 62 -
nahm bzw. in Betracht zog, da man fremden Personen in einem Spital keine Aus-
kunft erteile (Urk. 8/4 S. 13, 15). Zudem zählt die Geschädigte noch zur Generati-
on, die es vorzieht, persönlich an einem Schalter (Behörden, Post, Bank,
Krankenkasse, etc.) vorzusprechen um ein Anliegen anzubringen oder eine Frage
zu klären. Das gilt erst recht für Personen, die - wie die Geschädigte - im früheren
Berufsleben in untergeordneter Charge unmittelbar mit und für Menschen arbeite-
ten und wo das direkt gesprochene Wort im Zentrum steht. Da die Beschuldigte
auf die Frage der Geschädigten, ob und wie sie ihre Tochter in S._ besuche,
auf eine Mitfahrgelegenheit mit der ... verwiesen hatte (Urk. 8/1 S. 6; Urk. 8/4
S. 11 ff.), bestand für die Geschädigte auch kein Anlass, der Beschuldigten ihre
Begleitung nach S._ anzubieten. Mit dieser durchdachten Antwort konnte die
Beschuldigte eine unerwünschte persönliche Intervention seitens der Geschädig-
ten zum vornherein abblocken und einmal mehr bei der Geschädigten allfällig
aufkeimende Zweifel zerstreuen. Aus der nachvollziehbaren Zurückhaltung der
Geschädigten lässt sich keine Opfermitverantwortung ableiten.
Natürlich war die Geschädigte ziemlich unbedarft und - gerade weil sie der
Beschuldigten zu viel glaubte und deren Erklärungen nicht weiter hinterfragte (u.a.
Urk. 8/4 S. 12, 23) - auch leichtsinnig. Aber genau diese Situation hatte die
Beschuldigte mit ihrem hochdramatischen Auftreten und dem eindringlichen
Appell an die herzensgute Geschädigte zuerst gezielt herbeigeführt und in der
Folge schamlos missbraucht und ausgenutzt (vgl. BGE 135 IV 76 Erw. 5.2). Erst
im Nachhinein, als ihr durch den Versicherungsagenten und die Polizei in zeit-
intensiven Gesprächen die Augen geöffnet worden waren, bezeichnete sich die
Geschädigte als "ein bisschen dumm" und räumte auch ein, dass etwa die
behauptete Anzahlung sie befremdet habe, doch habe sie es zuwenig genau
überlegt (Urk. 8/4 S. 12). Ihre mangelnde Skepsis kann der Geschädigten daher
nicht zum Vorwurf gereichen.
Aus der Tatsache, dass die Geschädigte einst als Krankenpflegerin gearbeitet hat
(Urk. 8/4 S. 5), kann nicht abgeleitet werden, dass sie die finanziellen Gepflogen-
heiten bei Transplantationen kennen musste. Zum einen war die Geschädigte
Krankenpflegerin und nicht etwa Krankenschwester. Sie war somit hauptsächlich
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mit der Pflege von Patienten betraut und kaum mit administrativen Dingen
befasst. Zum anderen verbrachte sie den allergrössten Teil ihrer beruflichen
Tätigkeit nicht in Spitälern oder spezialisierten Zentren, wo Transplantationen
stattfinden, sondern in Pflegeheimen und kleineren Spitälern. Sie dürfte somit mit
Transplantationsfragen kaum direkt in Berührung gekommen sein. Seit ihrer
Pensionierung sind zudem einige Jahre vergangen und gerade die Bereiche der
hoch technisierten Spitzenmedizin, der Finanzierung und der Krankenversiche-
rung verändern sich sehr schnell. Dass eine Transplantation sehr kostspielig ist,
ist notorisch, und es erscheint nicht völlig abwegig, dass eine nichtversicherte
Person diese selber bezahlen muss.
Zu Recht hat die Vorinstanz auch den Vergleich der Verteidigung mit dem Zivil-
verfahren und der dort herrschenden Beweislastverteilung verworfen. Vorliegend
geht es gerade nicht darum, Ansprüche der Geschädigten zu beurteilen - zumal
sie darauf verzichtet hat, sich als Privatklägerin zu konstituieren (Urk. 19) -, son-
dern es steht ausschliesslich die Strafbarkeit der Beschuldigten zur Diskussion.
Auf einen Nenner gebracht ist die Auffassung der Vorinstanz zu teilen, dass der
Geschädigten in der konkreten Situation nicht vorgehalten werden kann, elemen-
tarste Vorsichtsmassnahmen nicht beachtet bzw. in eklatanter Weise unverant-
wortungsvoll gehandelt zu haben, so dass das Verhalten der Beschuldigten
daneben derart in den Hintergrund treten würde, dass es als strafrechtlich nicht
mehr relevant erscheinen würde (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6S.167/2006 vom
1. Februar 2007; BGE 135 IV 76 E. 5.2). Vielmehr war es die Beschuldigte,
welche die Geschädigte manipuliert und gezielt deren Schwächen ausgenutzt und
für ihre Zwecke missbraucht hat. Dass ein solches Vorgehen verwerflich ist,
wurde höchstrichterlich entschieden (vgl. BGE 135 IV 76 Erw. 5.2). Würde man im
vorliegenden Fall eine Opfermitverantwortung bejahen, so hiesse das einen
Freipass zu setzen für die gezielte und böswillige Ausnutzung gutgläubiger,
hilfsbereiter Menschen. Dies aber kann nicht Ziel des Konzepts der Opfermitver-
antwortung sein. Vielmehr ist solches Treiben konsequent zu ahnden.
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5.4 Vermögensdisposition und Vermögensschaden
Mangels Vermögensdisposition und Vermögensschaden liegt wie erwähnt eine
versuchte Tatbegehung vor.
5.5 Vorsatz und Absicht unrechtmässiger Bereicherung
Die Beschuldigte handelte auch bezüglich des Betrugsversuches vorsätzlich. Sie
wusste, dass sie die Geschädigte durch ihre Lügen arglistig täuschte und wollte,
dass diese ihr Geld gibt, welches sie ihr in Kenntnis der wahren Umstände nicht
hätte geben wollen. Sodann wollte die Beschuldigte sich mit dem (v)erlangten
Geld widerrechtlich bereichern. Sie wusste, dass sie auf den Vermögensvorteil,
um den sie die Geschädigte entreichern wollte, keinerlei Anspruch hatte. Die
Beschuldigte handelte somit hinsichtlich sämtlicher objektiver Tatbestands-
merkmale des Betruges vorsätzlich und in Absicht unrechtmässiger Bereicherung.
5.6 Zwischenfazit
Mit der Vorinstanz ist das Verhalten der Beschuldigten mit Bezug auf die Summe
von Fr. 30'000.– bis Fr. 40'000.– als versuchter Betrug im Sinne von Art. 146
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB zu qualifizieren.
6. Gewerbsmässigkeit
6.1 Die Vorinstanz würdigt das Verhalten der Beschuldigten als gewerbsmässi-
gen Betrug im Sinne von Art. 146 Abs. 2 StGB.
Die Verteidigung bestreitet die Gewerbsmässigkeit. Zudem sieht sie das Anklage-
prinzip dadurch verletzt, dass die Staatsanwaltschaft sich zur Begründung der
Gewerbsmässigkeit auf Allgemeinplätze berufe, ohne der Beschuldigten ein
konkretes Verhalten vorzuwerfen (Prot. I S. 11 f.).
6.2 Anklageprinzip
Das Anklageprinzip gemäss Art. 325 lit. f StPO verlangt, dass die Anklageschrift
den Sachverhalt möglichst präzise und konzise darstellt. Die vorgeworfenen Ver-
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haltensweisen sind nicht generell zu umschreiben, sondern möglichst zu spezifi-
zieren. Dadurch sollten die dem Beschuldigten zur Last gelegten Delikte in objek-
tiver und subjektiver Hinsicht genügend konkretisiert werden, so dass er bzw.
seine Verteidigung sich in der Hauptverhandlung effektiv dagegen zur Wehr
setzen kann (BSK StPO-Heimgartner/Niggli, Art. 325 N 19). Bei Kollektivdelikten
wie gewerbsmässig begangenen Taten reicht unter Umständen die Angabe des
Deliktszeitraums aus, und es müssen nicht sämtliche Vorgänge hinsichtlich jedes
einzelnen Teilaktes im Detail vorgehalten werden. In solchen Fällen genügt eine
approximative Beschreibung des vorgeworfenen Verhaltens (BSK StPO-Heim-
gartner/Niggli, Art. 325 N 20). Das Anklageprinzip ist gemäss Bundesgericht bei
Vorwürfen der Gewerbsmässigkeit oder der Bandenmässigkeit nicht verletzt,
wenn die vorgeworfenen Akte nicht jeder einzeln in der Anklageschrift erwähnt
sind, da sie im Vorwurf des Kollektivdelikts aufgehen (Urteil des Bundesgerichtes
6B_215/2007 vom 2. Mai 2008 E. 5.2).
In der Anklageschrift wurden nicht nur die beiden vorliegend zu beurteilenden
Anklagesachverhalte bezüglich Ort, Datum, Zeit und Ablauf klar und detailliert
umschrieben, sondern auch präzis dargelegt, aufgrund welcher Umstände die
Anklagebehörde gewerbsmässiges Handeln sieht (Urk. 24 S. 4 und 6). Der Ver-
teidiger hat sich auch dazu geäussert (Prot. I S. 11 f.). Das Anklageprinzip ist
daher vorliegend nicht verletzt.
6.3 Rechtliches zur Gewerbsmässigkeit
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist die Gewerbsmässigkeit bei
berufsmässigem Handeln gegeben. Von einer Berufsmässigkeit ist auszugehen,
wenn sich aus der Zeit und den Mitteln, die der Täter für die deliktische Tätigkeit
aufwendet, aus der Häufigkeit der Einzelakte innerhalb eines bestimmten Zeit-
raums sowie aus den angestrebten und erzielten Einkünften ergibt, dass er die
deliktische Tätigkeit nach der Art eines Berufes ausübt, wobei eine quasi neben-
berufliche deliktische Tätigkeit als Voraussetzung für Gewerbsmässigkeit genügt,
wenn die erforderliche soziale Gefährlichkeit gegeben ist. Wesentlich ist, dass es
der Täter darauf abgesehen hat, durch deliktische Handlungen relativ regelmässi-
ge Einnahmen zu erzielen, die einen namhaften Beitrag an die Kosten zur Finan-
- 66 -
zierung seiner Lebensgestaltung darstellen. Erforderlich ist mithin, dass der Täter
die Tat bereits mehrfach begangen hat, dass er in der Absicht handelte, ein Erwerbseinkommen zu erlangen, und dass aufgrund seiner Taten darauf
geschlossen werden muss, er sei zu einer Vielzahl von fraglichen Delikten bereit gewesen (BGE 123 IV 113 E. 2c; BGE 119 IV 129 E. 3; BGE 116 IV 319 insb. E. 4).
Die geforderte Anzahl Delikte steht dabei in umgekehrter Korrelation zur Kadenz
der Delikte und der Deliktsumme. Delinquiert jemand mehrfach innert sehr kurzer
Zeit und geht es um beträchtliche Summen, so sind weniger Einzeldelikte erfor-
derlich, um ein Gesamtbild der Gewerbsmässigkeit zu ergeben (vgl. BSK Straf-
recht II-Niggli/Riedo, Art. 139 N 91). Irrelevant ist, ob sich die Taten gegen ver-
schiedene Personen richten oder ob nur eine Person - dafür mehrfach - geschä-
digt wird (BSK Strafrecht II-Niggli/Riedo, Art. 139 N 90 und 101; BGE 115 IV 34,
37; BGE 116 IV 319, 334). Hinsichtlich der Erzielung eines Erwerbseinkommens
muss die Absicht erkennbar sein, mit einer gewissen Regelmässigkeit Einkünfte
zu erzielen, die geeignet sind, einen namhaften Teil der Lebenskosten zu decken,
d.h. sich durch strafbare Handlungen den Lebensunterhalt mindestens teilweise
zu finanzieren. Dass tatsächlich ein namhafter Gewinn erzielt wird ist nicht erfor-
derlich (BSK StGB II-Niggli/Riedo, Art. 139 N 92 f., 104; BGE 123 IV 113 S. 117).
Die Prognose, ob eine Bereitschaft zur Begehung einer Vielzahl gleichwertiger
Taten besteht, kann praktisch nur aufgrund des Verhaltens in der Vergangenheit
getroffen werden. So ist in Rechnung zu ziehen, ob und wie häufig der Beschul-
digte in der Vergangenheit delinquierte und ob es sich dabei um Delikte der
gleichen Art handelte. Hat der Täter in der Vergangenheit schon oft gleichartige
Taten begangen, hat er bereits dadurch die Bereitschaft zu weiteren Delikten der
fraglichen Art offenbart. Bei geringer Zahl ist insbesondere auf die Häufigkeit der
verübten Delikte, die dafür eingesetzten Mittel und den dabei erzielten Delikts-
betrag abzustellen. Eine Bereitschaft zur Begehung einer Vielzahl von Delikten
der fraglichen Art ist dann anzunehmen, wenn der Täter den entsprechenden
Tatbestand - hier also Art. 146 StGB - mit einer gewissen Regelmässigkeit zu
erfüllen gedenkt (BSK StGB II-Niggli/Riedo, Art. 139 N 101 ff.).
- 67 -
6.4 Würdigung
6.4.1 In einer ausführlichen und sorgfältigen Würdigung ist die Vorinstanz zum
zutreffenden Schluss gelangt, dass die Beschuldigte gewerbsmässig gehandelt
hat (Urk. 79 S. 36-38). Die nachfolgenden Hinweise verstehen sich als Übersicht
mit wenigen Ergänzungen.
6.4.2 Die Beschuldigte beging zwischen dem 19. Mai 2011 und dem 25. Mai
2011 zwei strafbare Betrugshandlungen an der Geschädigten. Damit delinquierte
sie mehrmals. Dass es sich nur um zwei Delikte handelt, wird durch die minimale
Zeitspanne dazwischen und die angestrebte sehr beträchtliche Deliktssumme
aufgewogen. Die Beschuldigte beabsichtigte, neben den Fr. 1'050.– (gemäss
Anklagesachverhalt 1) weitere Fr. 130'000.– zu erlangen. Wäre sie auch beim
Betrugsversuch (gemäss Anklagesachverhalt 2) erfolgreich gewesen, hätte sie
innert einer Woche Fr. 31'050.– bis Fr. 41'050.– erbeutet. Wer derartige Summen
innert kürzester Zeit betrügerisch erlangt bzw. die entsprechende Absicht hat,
leistet damit unzweifelhaft einen namhaften Beitrag an die eigenen Lebenskosten
bzw. die Summe wäre geeignet, einen namhaften Teil der Lebenshaltungskosten
zu decken, denn es spielt keine Rolle, wofür das Geld tatsächlich verwendet
wurde bzw. worden wäre. Gemäss eigenen Angaben hat die Beschuldigte durch-
schnittlich 500 bis 600 Euro monatlich zur Verfügung (Urk. 56). Sie hätte somit ihr
monatliches Budget um ein Vielfaches steigern können.
6.4.3 Aus den Akten geht hervor, dass der hier zu beurteilende Vorfall keines-
wegs ein Einzelfall ist; die Beschuldigte ist mehrfach einschlägig vorbestraft.
Neben Verurteilungen in C._ wegen schweren und gewerbsmässigen
Betrugs in den Jahren 2003 und 2006, welchen Delikten ein analoges Verhalten
wie das heute zu beurteilende zugrunde liegt und wofür die Beschuldigte mit
12 bzw. 8 Monaten Freiheitsentzug, einen Monat der letztgenannten Strafe unbe-
dingt, bestraft wurde (Urk. 20/7; Beizugsakten StA Winterthur/Unterland
2008/2029, HD Urk. 9/1 und 9/3), hat sie auch in der Schweiz eine Vorstrafe.
- 68 -
Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 21. März 2008
wurde die Beschuldigte ebenfalls wegen Betrugs im Sinne von Art. 146 Abs. 1
StGB schuldig gesprochen und mit einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessät-
zen zu Fr. 30.-- bestraft (Urk. 20/9; vgl. auch Beizugsakten StA Winterthur/
Unterland 2008/2029, HD Urk. 10). Als A1._ mit Herkunft Q._ auftre-
tend, die mit ihren drei Kindern illegal in der Schweiz weile, hatte die Beschuldigte
am 19./20. März 2008 in Winterthur einen 88-jährigen Rentner mit unwahren Be-
hauptungen hartnäckig bedrängt und von diesem insgesamt Fr. 3'000.-- erhalten.
Sie hatte ihm einerseits erklärt, Mietschulden zu haben, und wenn sie diese nicht
bezahle, müsse sie die Wohnung verlassen und stehe dann auf der Strasse.
Überdies hatte sie gegenüber dem Rentner die falsche Behauptung aufgestellt,
ihre Tochter sei schwer krank und es müsse in S._ dringend eine Nieren-
transplantation durchgeführt werden, die Fr. 94'000.-- koste (Beizugsakten
StA Winterthur/Unterland 2008/2029, HD, namentlich HD Urk. 3/2 S. 4).
Am 3. April 2008 hatte die Beschuldigte, alias A1._, mit ähnlichem Vorgehen
und analogen Behauptungen in AB._ eine junge Frau dazu gebracht, ihr
Fr. 1'000.-- auszuhändigen. Die Strafuntersuchung wurde jedoch mit Verfügung
vom 12. August 2008 eingestellt (Beizugsakten StA Winterthur/Unterland
2008/2029, HD Urk. 11 sowie ND).
Ein weiteres Strafverfahren gegen die Beschuldigte in der Schweiz wurde am
1. November 2010 von der Staatsanwaltschaft See/Oberland eingestellt
(Urk. 20/10; vgl. auch Beizugsakten Staatsanwaltschaft See/Oberland 2010/2683,
Urk. 14). Auch damals, im Zeitraum vom 3. bis 7. Juni 2010, hatte sich die
Beschuldigte gegenüber einer 77-jährigen Rentnerin als illegal in der Schweiz
anwesende Mutter (A1._) dreier Kinder ausgegeben, die wegen offener
Mietzinsen gegenüber ihrer Vermieterin, einer alten ..., auf der Strasse zu stehen
drohe und deren jüngstes Kind, ein 3-jähriges Mädchen, schwer krank sei und
dringend einer Dialyse sowie einer Nierentransplantation bedürfe. Das Opfer hatte
der Beschuldigten insgesamt Fr. 2'350.-- übergeben, und weitere Fr. 50'000.--
standen als Forderung der Beschuldigten im Raum.
- 69 -
In zwei der Schweizer Strafverfahren war die angestrebte Deliktsumme mit
Fr. 97'000.– (Beizugsakten Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland 2008/2029,
HD Urk. 3/2 S. 4) bzw. Fr. 52'350.– (Urk. 20/10; Beizugsakten Staatsanwaltschaft
See/Oberland 2010/2683, Urk. 14 ) sehr hoch. Selbst im eingestellten Verfahren
betreffend den Vorfall in AB._ lag die erlangte Geldsumme von Fr. 1'000.--
deutlich höher als die der Beschuldigten monatlich zur Verfügung stehende Ren-
te.
Dass die Beschuldigte eine Bereitschaft zur Begehung einer Vielzahl gleich-
wertiger Taten aufweist bzw. zu weiteren Tatbegehungen bereit war, zeigt - neben
den Vorstrafen - auch ihre konkrete Vorgehensweise. Die Beschuldigte entwickel-
te wie dargelegt ein raffiniertes und erprobtes System und wendete diesen
"modus operandi" jeweils - mit kleineren Abweichungen - an. Sie suchte sich
meistens eine alleinstehende, ältere und wenn möglich gläubige Person (vgl.
Beizugsakten Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland 2008/2029, HD Urk. 3/2)
und verwickelte diese in ein Gespräch. Dann forderte sie in einem ersten Schritt
einen Beitrag an die Miete, da sie und ihre Kinder sonst von ihrer Vermieterin,
einer fremdländischen und fremdsprachigen Person (...), auf die Strasse
gestellt würden. Wenn sie in dieser Phase erfolgreich war und sich die Leicht-
gläubigkeit des Opfers herausgestellt hatte, gelangte sie sich in einer zweiten
Phase wieder an diese Person mit der Behauptung einer äussersten Notlage in
Form einer dringenden Nierenoperation für ihre kleine Tochter. Sodann wandte
die Beschuldigte für ihre betrügerischen Tätigkeiten jeweils beträchtliche zeitliche
und finanzielle Ressourcen auf, und sie scheute auch die damit verbundene
Trennung von ihren Kindern nicht. In den vergangenen Jahren war sie mit einiger
Regelmässigkeit als Kriminaltouristin in der Schweiz unterwegs.
6.4.4 Zwischen dem 18. Mai 2011, als die Beschuldigte dabei gesichtet wurde,
wie sie auf dem Dorfplatz V._ eine betagte Frau ansprach (Urk. 10/3) und
dem 25. Mai 2011, an dem die Geldübergabe durch die Geschädigte hätte statt-
finden sollen, verging eine ganze Woche. Die Beschuldigte nahm somit auch
vorliegend einen erheblichen Zeitaufwand auf sich, um einen Betrug vorzuberei-
ten und umzusetzen. Die Anklageschrift ist einzig in zeitlicher Hinsicht dahin zu
- 70 -
präzisieren, dass sich der "längere Zeitraum" nicht von ca. Mitte Mai bis Juni 2011
erstreckte, sondern vom 18. Mai 2011 (vgl. Observationsrapport betreffend
V._, Urk. 10/3) bis 25. Mai 2011 (vgl. Verhaftsrapport, Urk. 13/2; Anklage-
sachverhalt 1 lit. f und Anklagesachverhalt 2 lit. f).
6.4.5 Mit der skizzierten Vergangenheit sowie der völlig fehlenden Einsicht im
vorliegenden Verfahren offenbart die Beschuldigte klarerweise ihre soziale
Gefährlichkeit. Aus all diesen Umständen ergibt sich, dass die Beschuldigte
gewerbsmässig handelte. Sie delinquierte mehrfach und zeigte dabei durch den
Aufwand, den sie betrieb, die hohe anvisierte Deliktsumme und die mehrfach
erprobte Vorgehensweise ihre Absicht, durch ihr betrügerisches Verhalten relativ
regelmässige Einnahmen zu erzielen und damit einen namhaften Anteil an ihren
Lebensunterhalt zu verdienen. Dadurch und in Anbetracht ihrer Vergangenheit
muss davon ausgegangen werden, dass sie auch bereit war und immer noch ist,
zur Erreichung dieses Zieles mehrfach Delikte der gleichen Art zu begehen.
7. Konkurrenz
Begeht der Täter vollendete und versuchte gleichartige Delikte und handelt er
dabei gewerbsmässig, geht der Versuch im vollendeten gewerbsmässigen
(Kollektiv-) Delikt auf (BGE 123 IV 113 E. 2 d mit weiteren Hinweisen). Es hat
daher nur eine Verurteilung wegen gewerbsmässiger Tatbegehung zu erfolgen.
8. Fazit
In Bestätigung des angefochtenen Urteils ist die Beschuldigte des gewerbs-
mässigen Betruges im Sinne von Art. 146 Abs. 1 und 2 StGB schuldig zu
sprechen.
- 71 -
V. Sanktion
1. Strafrahmen und Strafart
1.1 Gewerbsmässiger Betrug gemäss Art. 146 Abs. 1 und 2 StGB wird mit
Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder mit Geldstrafe nicht unter 90 Tagessätzen
geahndet.
1.2 Die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis erachtet die von der Vorinstanz
ausgesprochene Freiheitsstrafe von 9 Monaten (Urk. 79 S. 43, 47) als zu mild und
beantragt mit Anschlussberufung eine Freiheitsstrafe von 12 Monaten (Urk. 114;
Urk. 125; Urk. 148 S. 3).
1.3 Als Eventualantrag spricht sich die Verteidigung für eine Geldstrafe von
maximal 180 Tagessätzen zu Fr. 30.-- aus (Urk. 143 S. 4).
1.4 Es wurde schon dargelegt, dass die Beschuldigte seit einigen Jahren an
Multipler Sklerose sowie an einer depressiven Erkrankung leidet, weshalb sie seit
2007 eine Invaliditätspension bezieht. Wie zu zeigen sein wird, bewirkten diese
Beeinträchtigungen jedoch keine tatzeitaktuelle Einschränkung oder gar Absenz
der Schuldfähigkeit der Beschuldigten im Sinne von Art. 19 StGB (vgl. die nach-
stehende Erwägung 1.5). Ebenso wenig liegen Verschuldensminderungsgründe
im Sinne von Art. 48 StGB vor.
1.5 Wie eingangs erwähnt, erstattete Dr. med. H._ ein Gutachten über den
körperlichen und geistigen Zustand der Beschuldigten, deren Schuldfähigkeit zur
Zeit der eingeklagten Taten, die Rückfallgefahr sowie eine allfällige Massnahme
(Urk. 138; Erwägung I. 5.).
1.5.1 Für die Exploration waren drei ganze Tage reserviert, nämlich der 29. und
31. Oktober 2012 sowie der 1. November 2012 (Urk. 134). Aufgrund der spärli-
chen Angaben der Beschuldigten zu ihrer Biografie wie auch zu ihrer Deliktanam-
nese gestaltete sich die Exploration, die am 29. Oktober 2012 stattfand, sehr kurz
und war nach rund 2 1⁄2 Stunden beendet (Urk. 138 S. 16 f.). Die Beschuldigte gab
für weite Strecken ihrer Biografie und der Deliktanamnese ausgeprägte Gedächt-
- 72 -
nisstörungen und Amnesien an (Urk. 138 S. 17-21). Neben diesem eigenen
Explorationsgespräch mit der Beschuldigten stützt sich die Gutachterin auf fremd-
anamnestische Angaben des Ehemannes der Beschuldigten vom 29. Oktober
2012 ( 3⁄4 Stunden), die Krankengeschichte des Psychiatrisch-Psychologischen
Dienstes Justizvollzug Kanton Zürich vom Juli/August 2011, die Austrittsberichte
der E._ (E._) von Juli und September 2011 sowie die zur Verfügung ge-
stellten Gerichtsakten inkl. Beizugsakten (Urk. 138 S. 4, 22-26; auch vorne Erwä-
gung I. 4.). Ferner wird im Gutachten der medizinisch-psychiatrische Befundbe-
richt des die Beschuldigte in B._ seit vielen Jahren behandelnden Arztes, Dr.
F._ vom 23. Oktober 2012 in den wesentlichen Zügen dargestellt (Urk. 138
S. 27 f.; Urk. 145/1).
1.5.2 Zum körperlichen Status verwies die Gutachterin auf die aktenkundigen
Berichte der E._.
In psychischer Hinsicht erwähnte die Gutachterin, dass in der Exploration eine
leichte bis mittelgradige Bewusstseinseinengung bestanden habe und der formale
Gedankengang deutlich verlangsamt gewesen sei mit längerer Antwortlatenz. Der
Gedankengang sei jedoch kohärent gewesen und es hätten sich keine Hinweise
auf ein Vorbeireden, Wortneubildungen oder Gedankenabbrüche gezeigt. Der
Antrieb sei deutlich vermindert gewesen. Die Beschuldigte sei meist mit herab-
hängendem Kopf wie in eine eigene Welt versunken im Stuhl gesessen. Einzig
bei Nachfragen zu ihren Kindern habe sie affektiv deutlich aufgehellter und im
Kontakt mit der Gutachterin gewirkt. Sie habe u.a. Vergiftungsideen geäussert
und angegeben, Stimmen zu hören und sie ängstigende Dinge zu sehen, unter
Verweigerung nähergehender Angaben dazu. Die Beschuldigte sei indes zu allen
Qualitäten vollständig orientiert und ihre Auffassung nicht beeinträchtigt gewesen,
da sie das Wesen der Fragen jeweils richtig erfasst und situationsgerecht geant-
wortet habe. Hinweise für Zwänge, Misstrauen oder eine akute Suizidalität konnte
die Expertin keine ausmachen (Urk. 138 S. 29 f.).
- 73 -
1.5.3 Zu Persönlichkeit und Diagnose führte die Gutachterin aus (vgl. Urk. 138
S. 36-38):
Es gelte als gesichert, dass die Beschuldigte zumindest ab ihrem 15. Lebensjahr
[1995], als sie ihren späteren Ehemann kennenlernte, bis zu ihrer MS-Erkrankung
Ende 2004 eine psychisch gesunde Frau ohne irgendwelche psychiatrische Auf-
fälligkeiten gewesen sei. Sie verwies dabei auf die Beschreibung der Beschuldig-
ten durch ihren Ehemann als kontaktfreudig, sympathisch und ausgeglichen. Laut
dem behandelnden Psychiater und in Übereinstimmung mit der Beschuldigten
und ihrem Ehemann zeigten sich deutliche psychiatrische Auffälligkeiten und
ebensolche depressive Symptomatik mit emotionaler Instabilität und wiederholten
suizidalen Krisen im Zusammenhang mit der Ende 2004/Anfang 2005 diagnosti-
zierten MS-Erkrankung, die seither in mehreren Schüben mit Taubheitsgefühl in
den Extremitäten auftrat, eine berufliche Tätigkeit verunmöglichte und Betreuung
durch Dritte erforderte. Auf eine Kortisonstoss-Therapie habe die Beschuldigte
jeweils gut angesprochen unter vollständiger Rückläufigkeit der neurologischen
Defizite. Hingegen habe Dr. F._ übereinstimmend mit den behandelnden
Ärzten in der E._ eine Zunahme der psychischen Auffälligkeiten unter Korti-
sonbehandlung beschrieben. Aus der Literatur sei bekannt, dass hochdosierte
Kortisonbehandlungen zu psychischen Symptomen wie Antriebssteigerungen bis
hin zu maniformen Entgleisungen, psychotischen Symptomen, aber auch depres-
siven Verstimmungen führen könnten. Aufgrund der Magnetresonanztomografie
des Schädels in der E._ August/September 2011 schloss die Gutachterin,
dass die Beschuldigte an einer schweren MS-Erkrankung (Encephalomyelitis dis-
seminata) mit chronisch-progredientem Verlauf leide, welche zu den beschriebe-
nen psychischen Störungen geführt habe mit letztem akutem Schub im Septem-
ber 2012 (Urk. 138 S. 37).
Im Zusammenhang mit dieser schweren neurologischen Erkrankung seien seit
2005 deutliche Persönlichkeitsveränderungen mit emotionaler Instabilität, depres-
siven Verstimmungen, suizidalen Krisen und, wie vom Ehemann beschrieben,
aggressiven Verhaltensweisen aufgetreten (vgl. Urk. 138 S. 23: Vor ihrer MS-
Erkrankung sei seine Ehefrau psychisch völlig unauffällig gewesen, seither sei sie
- 74 -
klagsam, zeige immer wieder sonderbares Verhalten und bediene sich beispiels-
weise beim Einkaufen aus dem Einkaufswagen anderer Kunden, suche grundlos
Streit mit fremden Leuten und reagiere dabei ungehalten und impulsiv). Da sich
diese Persönlichkeitsauffälligkeiten erst nach Ausbruch der MS-Erkrankung ab
2005 präsentierten, geht die Gutachterin von einer Persönlichkeitsveränderung
aufgrund der MS-Erkrankung (DSM-IV:310.1und ICD-10:F07.0) aus.
Hinsichtlich der anlässlich der Hospitalisation in der E._ vom 3. August bis
14. September 2011 und wenige Tage zuvor vom behandelnden Gefängnis-
psychiater neu beschriebenen psychotischen Symptomatik mit Stimmenhören,
Verfolgungsgefühl und Vergiftungsideen konstatierte die Expertin wiederum, dass
die Beschuldigte vor ihrer MS-Erkrankung keine psychiatrischen Auffälligkeiten
und in diesem Zusammenhang auch keine psychotischen Symptome präsentiert
habe, so dass die von der E._ gestellte Diagnose einer paranoiden Schizo-
phrenie nicht gerechtfertigt erscheine, da eine schizophrene Störung nur dann di-
agnostiziert werden könne, wenn die damit verbundene Symptomatik nicht auf ei-
nen medizinischen Krankheitsfaktor zurückgeführt werden könne. Somit geht die
Gutachterin auch hier in Anlehnung an die Persönlichkeitsveränderungen von der
MS als Ursache für die Ende Juli 2011 erstmalig beobachteten psychotischen
Symptome der Beschuldigten (akustische Halluzinationen, Verfolgungsideen,
Vergiftungswahn) aus und gelangt zur Diagnose einer psychotischen Störung
aufgrund des medizinischen Krankheitsfaktors Multiple Sklerose (DSM-IV:293.8
und ICD-10:F06.2). Beide psychischen Störungen bestanden laut der Gutachterin
auch zum Begutachtungszeitpunkt unverändert fort (Urk. 138 S. 37).
Betrachte man hingegen - so die Gutachterin weiter - das psychische Zustands-
bild zum Zeitpunkt der ihr vorgeworfenen Delikte im Mai 2011, so habe der Ehe-
mann für diesen Zeitraum eine emotionale Instabilität, Reizbarkeit und Impulsivität
beschrieben (vgl. Urk. 138 S. 23), welche von der Gutachterin ebenfalls als
Persönlichkeitsveränderung aufgrund der MS-Erkrankung beurteilt wird. Für
diesen Zeitraum würden aber Hinweise auf eine schwere psychische Störung
im Sinne einer schwerwiegenden depressiven Symptomatik oder gar von psycho-
tischen Phänomenen fehlen. Hierfür spreche auch der Umstand, dass die
- 75 -
Geschädigte J._ angab, mehrere längere Gespräche mit der Beschuldigten
geführt zu haben, ohne auf besondere Auffälligkeiten der Beschuldigten hinzu-
weisen. J._ habe lediglich erwähnt, dass die Beschuldigte anlässlich ihrer
Ausführungen zur schwierigen Lebenssituation traurig und niedergeschlagen ge-
wirkt habe. Somit schloss die Gutachterin zum Zeitpunkt der vorgeworfenen Straf-
taten vom 19. Mai 2011 und 23. Mai 2011 eine schwerwiegende psychische Stö-
rung bei der Beschuldigten aus.
Zudem zeigten sich gemäss Feststellungen der Gutachterin schon vor Ausbruch
ihrer MS-Erkrankung zumindest delinquenzfördernde Weltanschauungen in der
Persönlichkeit der Beschuldigten, die im Jahre 2002 in C._ (...) ein
Betrugsdelikt ausgeübt hatte, indem sie gegenüber dem späteren Opfer vorgab,
sich in einer Notsituation zu befinden und Geld zu benötigen, ein Vorgehen,
welches die Beschuldigte gegenüber einem weitern Opfer im April/Mai 2003
wiederholte. Die Diagnose einer dissozialen Persönlichkeitsstörung wäre laut der
Gutachterin nicht statthaft, da die Beschuldigte in ihrer Kindheit und Jugend
- soweit der Gutachterin bekannt - keine Auffälligkeiten im Sinne einer Störung
des Sozialverhaltens präsentierte (Urk. 138 S. 13 f., 38).
Als Zwischenfazit ist festzuhalten, dass diese sehr sorgfältigen und ausge-
wogenen Darlegungen einleuchten und auch mit den Erkenntnissen des Gerichts
im Einklang stehen. Dass die Exploration der Beschuldigten "gerade mal
2,5 Stunden" (vgl. Urk. 143 S. 2) dauerte, ist nicht der Gutachterin zuzuschreiben,
hatte diese doch ganze drei Tage dafür reserviert. Nachdem der Ehemann der
Beschuldigten, wohl die der Beschuldigten am nächsten stehende, mit ihr
seit ca. 15 Jahren zusammenlebende erwachsene Person von der Gutachterin
ebenfalls befragt werden konnte, bestand kein Anlass zu weiteren fremd-
anamnestischen Erkundigungen etwa bei weiteren Familienangehörigen oder
Behörden. Überdies fanden dessen Schilderungen in zahlreichen Aspekten
Eingang ins Gutachten.
Anzufügen ist, dass Frau Dr. med. H._ bei der Begutachtung auch
aktenkundige Hinweise auf entfernte Strafen bzw. nicht (mehr) eingetragene Ver-
urteilungen berücksichtigen durfte. Solche Vorstrafen können im Interesse einer
- 76 -
umfassenden Begutachtung nicht einfach ausgeblendet werden, ohne ein kunst-
fehlerbehaftetes medizinisches Urteil abzugeben. Das gilt namentlich dann, wenn
wie vorliegend in einem erneuten Strafverfahren ein Gutachten über den Geistes-
zustand einer betroffenen Person zu erstatten ist und die Umstände der früheren
Tat(en) für die Beurteilung des Geisteszustandes von Bedeutung sind (BGE 135
IV 87 E. 2.5). Gleiches hat analog für eingestellte Strafverfahren zu gelten. Ent-
scheidend ist, dass die Strafbehörden entfernte Urteile weder bei der Strafzumes-
sung noch bei der Prognosebeurteilung zu Lasten des Betroffenen verwenden
dürfen (Art. 369 Abs. 7 StGB; BGE 135 IV 87 E. 2.4). Dies schliesst ein Abstellen
auf die Schlussfolgerungen der Gutachterin aber nicht aus. Um eine Umgehung
des gerichtlichen Verwertungsverbots gemäss Art. 369 Abs. 7 StGB zu ver-
hindern, muss in der Begutachtung jedoch offengelegt werden, inwiefern die
frühere mit der neu zu beurteilenden Delinquenz im Zusammenhang steht
(Konnexität) und wie stark sich diese zurückliegenden Taten noch auf das gut-
achterliche Realprognoseurteil auswirken (Relevanz; BGE 135 IV 87 E. 2.5). Auch
diese Aspekte sind im Gutachten berücksichtigt.
Es gibt keinen Grund zu einer von der Gutachterin abweichenden Beurteilung.
1.5.4 Betreffend Deliktdynamik hielt die Expertin im Sinne einer Tathypothese
das Folgende fest (vgl. Urk. 138 S. 38-40):
Bei den von der Geschädigten J._ geschilderten Abläufen lasse sich, wie
schon bei früheren Betrugshandlungen der Beschuldigten, welche diese damals
eingeräumt habe, ein deutliches Muster erkennen, indem die Beschuldigte auch
schon zuvor in ... [Stadt in C._] 2002 und 2003 wie auch 2006 und in der
Schweiz 2008 und 2010 nahezu identisch vorgegangen sei. Dabei hob die Gut-
achterin nochmals hervor, dass die ersten Delikte der Beschuldigten 2002 und
2003 vor ihrer MS-Erkrankung mit den daraus resultierenden psychischen Auffäl-
ligkeiten datieren. Das führte die Gutachterin zum Schluss, dass die schon im Ab-
schnitt Persönlichkeit und Diagnostik (vgl. die vorstehende Erwägung 1.5.3) be-
schriebene delinquenzfördernde Weltanschauung für das Anlassdelikt von 2011
wie auch für die vorhergehenden Delikte als handlungsleitender Problembereich
angeführt werden könne. Diese Weltanschauung habe es der Beschuldigten er-
- 77 -
laubt, soziale Regeln und Normen zu missachten, um zu ihrem Ziel zu kommen.
Dabei habe die Beschuldigte deutliche manipulative Fähigkeiten aufgewiesen,
welche es ihr ermöglicht hätten, die Opfer von ihrer vermeintlich misslichen Le-
benssituation zu überzeugen und sie zur Herausgabe grösserer Geldbeträge zu
bewegen. Zudem habe es sich sowohl bei der Anlasstat wie schon bei früheren
Delikten um ein mehrzeitiges Geschehen gehandelt, neben den beschriebenen
manipulativen Fähigkeiten auch Steuerungs- und Planungselemente beinhaltend.
Als Beispiele nannte die Gutachterin die unter Abgabe eines diesbezüglichen
Versprechens eindringliche Aufforderung der Beschuldigten an die Geschädigte,
über die geplante Geldübergabe am 25. Mai 2011 Stillschweigen zu bewahren
sowie den Umstand, dass die Beschuldigte aufgrund von Erfahrungen anlässlich
früherer Delikte (Verhaftung) zwei Stunden vor der geplanten Geldübergabe bei
der Geschädigten auftauchte um sich zu vergewissern, dass diese niemanden
einbezogen habe. Die von der Gutachterin diagnostizierte, auch schon zum Tat-
zeitpunkt vom Ehemann beschriebene Persönlichkeitsveränderung aufgrund der
MS-Erkrankung spielte laut der Gutachterin eine sehr untergeordnete Rolle. Allen-
falls könnte die durch den Ehemann für den Tatzeitraum referierte emotionale
Instabilität und Impulsivität eine geringgradige modulierende Wirkung auf den
Tatentschluss ausgeübt haben. Hingegen zeigen sich nach Auffassung der
Expertin aufgrund des mehrzeitigen und geordneten Vorgehens der Beschuldig-
ten keine Hinweise auf eine höhergradige Deliktrelevanz dieser Persönlichkeits-
veränderung (Urk. 138 S. 40).
Auch diesen kohärenten und überzeugenden Ausführungen der Gutachterin kann
gefolgt werden. Das klar zu Tage tretende Deliktmuster der Beschuldigten und die
mehrstufige, in den erfundenen Behauptungen gesteigerte und lenkende Vorge-
hensweise (zunehmende Notlage, höhere Dringlichkeit, grössere Geldforderung)
wurde im Übrigen schon vorne beim Schuldpunkt im Rahmen der Sachverhaltser-
stellung und rechtlichen Würdigung, namentlich im Zusammenhang mit der Frage
der Gewerbsmässigkeit (vgl. Erwägung IV. 6, 6.4), erörtert.
1.5.5 Was die Schuldfähigkeit im Tatzeitraum betrifft, kam die Gutachterin zum
nachstehenden Ergebnis (vgl. Urk. 138 S. 40 f.):
- 78 -
Basierend auf der beschriebenen Deliktdynamik bescheinigt sie der Beschuldig-
ten zum Zeitpunkt der ihr vorgeworfenen strafbaren Handlungen die uneinge-
schränkte Fähigkeit, das Unrecht ihrer Handlungen zu erkennen. Dafür spreche
der Umstand, dass sich die Beschuldigte als falsche Person ausgegeben und das
Opfer mehrmals eindringlich aufgefordert habe, keine Drittpersonen über die
Gespräche und die geplante Geldübergabe zu informieren, um sich vor einer
strafrechtlichen Verfolgung zu schützen. Im mehrzeitigen Vorgehen wären der
Beschuldigten wiederholt Möglichkeiten offen gestanden, ihr Verhalten zu
reflektieren und allenfalls zu korrigieren. Auch unter der Annahme, dass die
Beschuldigte aufgrund ihrer Persönlichkeitsveränderung im Zusammenhang mit
der MS-Erkrankung zum Tatzeitpunkt emotional instabil gewesen sei und allen-
falls impulsiver als üblich gehandelt habe, sei dieser eventuellen Impulsivität
lediglich modulierende Wirkung zuzuschreiben, indem damit höchstens der Initial-
entscheid, nach T._ zu fahren und jemanden um Geld zu bitten, erklärt wer-
den könnte. Diese Impulsivität könne hingegen für die weiteren Tathandlungen,
welche gemäss Angaben des Opfers über einen längeren Zeitraum angedauert
hätten und sehr geordnet gewesen seien, nicht herangeführt werden. Vielmehr
zeigten sich hier mannigfache Steuerungsfähigkeiten, weshalb die Gutachterin
von einer gezielt durchgeführten Tathandlung ohne Hinweise auf eine Verminde-
rung der Steuerungsfähigkeit ausgeht. Beispielhaft führt sie an, die Beschuldigte
sei in der Lage gewesen, ihren Impuls, jemanden unter Angabe falscher Tat-
sachen um Geld zu bitten, solange aufzuschieben, bis ihr Plan realisierbar
geworden sei, was mehrere Tage in Anspruch genommen habe. Weitere
Hinweise für eine gegebene Steuerungsfähigkeit finden sich gemäss Frau
Dr.med. H._ im Umstand, dass sich die Beschuldigte absicherte und vor ei-
ner Festnahme durch die Polizei schützen wollte, indem sie der Geschädigten ein
Schweigegebot auferlegte und sich am Tag der Verhaftung zwei Stunden vor dem
vereinbarten Termin bezüglich dessen Einhaltung vergewisserte.
Zuletzt hielt die Gutachterin fest, dass die Einsichtsfähigkeit zum Tatzeitpunkt
vollständig erhalten und auch die Steuerungsfähigkeit nicht eingeschränkt
gewesen sei (Urk. 138 S. 40 f.).
- 79 -
Dieses Fazit ist nach dem bisher Gesagten rundweg folgerichtig und in keiner
Weise zu bemängeln. Das mehrschichtige Deliktsgeschehen erforderte bewuss-
tes und spezifisches Vorgehen sowie wiederholt die kognitive Fähigkeit, sich für
einen bestimmten nächsten Schritt zu entscheiden und diesen konkret umzuset-
zen, beginnend mit der Angabe falscher Personalien zur Verhinderung der Identi-
fikation, über das dosierte Vorgaukeln von Schwierigkeiten, Hilflosigkeit, Angst
und grosser Not bis hin zur Abnahme eines Schweigeversprechens zum Schutz
vor strafrechtlicher Verfolgung. Ein zielgerichtetes, konzentriertes und hart-
näckiges Prozedere, reichlich Theatralik, Erfolgseinschätzung und Wachsamkeit
waren gleichermassen gefragt. Anzufügen bleibt, dass auch der Kranken-
geschichte des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes Justizvollzug Zürich
(PPD) vom Juni/Juli 2011 zu entnehmen ist, dass die behandelnden Ärzte klare
Inkongruenzen zwischen den Aussagen und dem Verhalten der Beschuldigten
festgestellt und den Verdacht ausgesprochen hatten, sie habe ihre suizidalen
Äusserungen instrumentalisierend eingesetzt, was zum gutachterlich gezeichne-
ten und auch sonst aktenkundigen Bild der Beschuldigten passt. Ferner ergab
sich, dass die Beschuldigte damals gegenüber dem PDD Ängste vor einer länge-
ren Haftzeit sowie Unruhe und Nervosität im Hinblick auf den bevorstehenden
Gerichtstermin [25. Juli 2011, Prot. I] geäussert hatte. Solche Furcht und Auf-
regung ist indessen üblich bei praktisch allen Betroffenen, mithin nicht persönlich-
keitsspezifisch oder gar krankheitswertig.
1.5.6 Bei der legalprognostischen Einschätzung (Urk. 138 S. 41) stützte sich
die Gutachterin ebenfalls auf die umschriebene delinquenzfördernde Weltan-
schauung der Beschuldigten mit mehreren von der Deliktdynamik her identischen
einschlägigen Vordelikten und ermittelte - völlig zu Recht - ein deutliches struktu-
relles Rückfallrisiko für weitere Betrugshandlungen im bisherigen Spektrum (auch
Urk. 138 S. 32 ff.). Die Gutachterin begründete dies zutreffend auch damit, dass
die bisherige Dynamik weiterhin virulent sei, indem die Beschuldigte in der Straf-
untersuchung überprüfbare falsche Aussagen getätigte habe, etwa zu Zeitpunkt,
Ort und Umstand des Kennenlernens der Geschädigten. Ferner habe sie keinerlei
Bemühungen gezeigt, an der Strafuntersuchung und der Tataufklärung mitzu-
wirken. Weiter wirke sich u.a. die vom Ehemann beschriebene Impulsivität un-
- 80 -
günstig auf die Legalprognose aus. Die Beeinflussbarkeit des strukturellen Risikos
bezeichnete die Gutachterin als gering bis moderat, was bedeute, dass derzeit die
Chancen der Behandlung geringer als die Hemmnisse seien (Urk. 138 S. 35, 41).
Diese Erkenntnisse überzeugen und ergeben sich ergänzend auch aus der vorne
dargelegten Gewerbsmässigkeit des deliktischen Handelns.
1.5.7 Die Gutachterin sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der festge-
stellten delinquenzfördernden Weltanschauung mit manipulativen Tendenzen und
den Anlassdelikten. Hingegen erachtet sie die hirnorganisch bedingten Persön-
lichkeitsveränderungen nicht als primär handlungsrelevant für die der Beschuldig-
ten vorliegend angelasteten Betrugsdelikte, sondern nur allenfalls im Sinne einer
modulierenden Wirkung als möglicher Steigerungsfaktor der Impulsivität. Der
erstmals Ende Juli 2011, also nach den vorgeworfenen Betrugsdelikten,
beschriebenen psychotischen Symptomatik misst die Gutachterin keine Bedeu-
tung für die fragliche Deliktentstehung zu (Urk. 138 S. 41).
Die ungünstige legalprognostische Einschätzung mit langfristig eher unwahr-
scheinlicher Rückfallfreiheit macht aus Sicht der Expertin eine ambulante Mass-
nahme nach Art. 63 StGB einerseits empfehlenswert, erscheint ihr jedoch wenig
zweckmässig, da die Beschuldigte im Ausland lebt und aktuell keinerlei Problem-
einsicht zeigt, weshalb die Gutachterin die Erwartungen an eine solche Behand-
lung als sehr kritisch beurteilt (Urk. 138 S. 42).
Auch diese Konklusionen sind nachvollziehbar und decken sich zudem mit dem
übrigen Beweisergebnis. Weitere Worte erübrigen sich.
1.5.8 Gestützt auf den unter der Überschrift "Massnahmeempfehlungen" sowie
bei der Beantwortung der letzten Frage im Gutachten genannten abschliessenden
Satz "Sollte das Gericht dennoch zum Schluss kommen, dass es eine ambulante
Massnahme nach Art. 63 StGB anordnen möchte, so wäre aufgrund der manipu-
lativen und betrügerischen Tendenzen der Explorandin dringend ratsam, die
Therapie einer forensisch geschulten Fachperson zu übertragen, da sich Hinwei-
se dafür ergeben, dass der aktuell behandelnde Psychiater die Sichtweise der
- 81 -
Explorandin unkritisch übernimmt" (vgl. Urk. 138 S. 42, 45) macht die Verteidi-
gung Voreingenommenheit der Gutachterin geltend (Urk. 143 2 f.).
Diese Auffassung kann nicht geteilt werden. Zum einen ist die fachlich sehr gut
ausgewiesene Gutachterin mit klarer, differenzierter und widerspruchsfreier
Begründung zu nachvollziehbaren und überzeugenden Schlussfolgerungen
gelangt, dies in Kenntnis der abweichenden aktenkundigen ärztlichen Beurteilung
durch den langjährigen Therapeuten/Psychiater der Beschuldigten, Dr. F._.
Es bestand für Frau Dr. med. H._ kein Grund, die Krankengeschichte der
Beschuldigten bei diesem zu erfragen, um ihre eigene Diagnose zu verifizieren.
Insoweit die Gutachterin zu einem nicht mit Dr. F._ bzw. der E._ (betref-
fend deren Diagnose einer paranoiden Schizophrenie) übereinstimmenden Er-
gebnis gelangte, legte sie ihre Ansicht einlässlich dar. Die Akten und die ergän-
zenden Erhebungen der Gutachterin ergeben sodann keinerlei Hinweise für vor
Ende Juli 2011 bei der Beschuldigten beobachtete psychotische Symptome, wes-
halb ein Zusammenhang mit der Deliktentstehung bzw. -begehung auch unter
diesem Aspekt entfällt. Namentlich bestehen nicht die geringsten Anhaltspunkte
für psychotische Symptome in den Tatzeitpunkten vom 19./20. Mai und 23./25.
Mai 2011. Zudem stellen die Angaben von Dr. F._ als behandelnder Arzt und
Therapeut, welcher der Beschuldigten zumindest eine reduzierte Schuldfähigkeit
im Mai 2011 attestiert (Befundbericht vom 23. Oktober 2012; Urk. 145/1 S. 3), le-
diglich Parteibehauptungen dar. Wichtige Entscheide lassen sich keinesfalls da-
rauf abstützen. Befunde von privaten Sachverständigen können nicht beweisbil-
dend sein. Die Ausführungen von Dr. F._ geben auch dem Gericht keinen
Anlass, die Schlüssigkeit des gerichtlichen Gutachtens irgendwie in Frage zu stel-
len (BSK StPO - Marianne Heer, Art 189 N 6 f. mit Hinweisen). Abgesehen davon
basiert ein langjähriges Therapieverhältnis, wie es hier zwischen dem heimatli-
chem Arzt und der Patientin besteht, auf einer Vertrauensstellung des Arztes, so
dass Dr. F._ nicht über die notwendige Objektivität und Unabhängigkeit ver-
fügt und er nicht als unabhängige sachverständige Person gelten kann. Entspre-
chend sind seine Berichte auch aus diesem Grund mit Zurückhaltung zu lesen
(BSK StPO - Marianne Heer, Art 189 N 9 mit Hinweisen). Die gutachterliche An-
- 82 -
deutung auf unkritische Übernahme der Patientensicht erscheint jedenfalls nicht
unberechtigt und macht die Gutachterin nicht voreingenommen.
Die Kritik des Verteidigers an der Gutachterin bzw. an deren Vorgehen geht somit
fehl.
1.5.9 Zusammengefasst ist gestützt auf das Gutachten von Frau Dr. med.
H._ festzuhalten, dass die Beschuldigte zum Tatzeitpunkt an einer Persön-
lichkeitsveränderung aufgrund der MS-Erkrankung litt, wobei dieser
Störung keine primär ursächliche, sondern lediglich eine modulierende Wirkung
auf die Tatdynamik im Sinne von allfälliger Impulsivitätssteigerung zukam. Die
Beschuldigte beging die Tathandlungen bei vollständig erhaltener Einsichtsfähig-
keit sowie ohne Einschränkung der Steuerungsfähigkei . Sie war somit voll
schuldfähig gemäss Art. 19 StGB. Dieser Beurteilung ist nach dem Gesagten
ohne Einschränkung zu folgen. Eine Reduktion der auszusprechenden Strafe
unter diesem Titel rechtfertigt sich nicht. Sodann ist mit der aufgezeigten Begrün-
dung der Gutachterin auf die Anordnung einer Massnahme zu verzichten
(Urk. 138 S. 43-45).
1.6 Wie zu zeigen sein wird, rechtfertigt sich eine Strafe von mehr als einem
Jahr, so dass nur eine Freiheitsstrafe in Frage kommt (vgl. nachfolgende
Erwägung 2.).
2. Strafzumessung
2.1 Zu den theoretischen Grundsätzen der Strafzumessung kann auf die Aus-
führungen der Vorinstanz (Urk. 79 S. 39 f.) sowie auf das Urteil des Bundes-
gerichts 6B_390/2009 vom 14. Januar 2010 E. 2.3.1 (nicht publizierte Erwägung
von BGE 136 IV 1 mit Hinweisen auf die weitere bundesgerichtliche Praxis)
verwiesen werden.
2.2 Tatkomponente
2.2.1 Vorerst ist die objektive Tatschwere als Ausgangskriterium für die Ver-
schuldensbewertung festzulegen und zu bemessen. Es ist zu prüfen, wie stark
- 83 -
das strafrechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt wurde. Darunter
fallen etwa das Ausmass des Erfolges, wie insbesondere der Deliktsbetrag, die
Gefährdung, das Risiko und der Sachschaden etc., sowie die Art und Weise des
Vorgehens. Von Bedeutung ist auch die kriminelle Energie, wie sie durch die Tat
und die Tatausführung offenbart wird (Wiprächtiger, BSK StGB I, 2. Auflage,
Basel 2007, Art. 47 N 69 ff.; Trechsel / Affolter-Eijsten, Art. 47 N 18 ff.). Aus-
gehend von der objektiven Tatschwere hat der Richter dieses Verschulden zu
bewerten. Er hat im Urteil darzutun, welche verschuldensmindernden und welche
verschuldenserhöhenden Gründe im konkreten Fall gegeben sind, um so zu einer
Gesamteinschätzung des Tatverschuldens zu gelangen. Gesetzliche Kriterien,
welche für die Verschuldenseinschätzung von wesentlicher Bedeutung, finden
sich beispielsweise in Art. 11 ff. und 48 StGB. Unter anderem trifft denjenigen ein
geringerer Schuldvorwurf, dem lediglich eventualvorsätzliches Handeln anzu-
lasten ist (Art. 12 Abs. 2 StGB) oder der die Tat durch Unterlassen begeht (Art. 11
Abs. 4 StGB).
Zu erwähnen ist, dass die schweizerische Praxis bei nicht besonders schwerem
Verschulden in aller Regel die Strafen im unteren bis mittleren Teil des vorge-
gebenen Strafrahmens ansiedelt. Strafen im oberen Bereich, insbesondere
Höchststrafen, sind bloss ausnahmsweise und bei sehr schwerem Verschulden
des Täters auszusprechen (Wiprächtiger, BSK StGB I, Art. 47 N 15).
2.2.2 Die Beschuldigte, die sonst keine Beziehungen zu Land und Leuten hat,
reiste einzig in die Schweiz ein um zu delinquieren (Urk. 7/1 S. 8). Sie war mit
andern Worten als blosse Kriminaltouristin hierorts unterwegs. Sie ging plan-
mässig und sehr zielgerichtet vor. Bewusst machte sie sich an eine ältere und
alleinstehende Person heran, ein Vorgehen, das sich für sie in den vergangenen
Jahren schon mehrmals bewährt hatte. Sie appellierte eindringlich und beharrlich
ans Gewissen der gutmütigen und sehr gläubigen Geschädigten und spielte die
Rolle der verzweifelten Mutter mit überzeugendem Auftreten sowie über Tage
hinweg. Nach dem Vertrauensgewinn steigerte sie die Dramatik und ihre Forde-
rung zusehends und übte hartnäckig psychischen Druck auf das Opfer aus, indem
sie in perfider Weise das Überleben eines kleinen Kindes ins Zentrum ihrer
- 84 -
behaupteten massiven Not rückte. Mit intensivem Jammern, tiefer Bedrücktheit
und zugleich einschmeichelnd belagerte sie die Geschädigte regelrecht und
nutzte das ihr entgegengebrachte Vertrauen schamlos aus. Solches Vorgehen
setzt grosse kriminelle Energie voraus. Im Übrigen kann dazu auf die Erwägun-
gen im angefochtenen Urteil verwiesen werden (Urk. 79 S. 40).
Die geplante und gezielte Ausnützung einer älteren, gutmütigen und gläubigen
Person wie der Geschädigten über Tage hinweg ist äusserst verwerflich. Aller-
dings darf dieser Aspekt bei der Strafzumessung nicht erneut berücksichtigt
werden, ergibt sich doch die Bejahung des Tatbestandsmerkmals der Arglist bei
der rechtlichen Würdigung erst im Zusammenhang mit dieser speziellen Täter-
Opfer-Konstellation. Auch darf der Qualifikationsgrund der Gewerbsmässigkeit
aus demselben Grund nicht ein zweites Mal veranschlagt werden. Ansonsten
würden diese Umstände der Beschuldigten gleich zweimal zur Last gelegt (vgl.
zum sog. Doppelverwertungsverbot Urteile des Bundesgerichts 6B_242/2008 vom
24. September 2008 E. 2.1.2 und 6B_294/2010 vom 15. Juli 2010 E. 3.3.2). Das
sog. Doppelverwertungsverbot besagt, dass Umstände, die schon Merkmale des
gesetzlichen Tatbestandes sind, nicht für die konkrete Strafzumessungsent-
scheidung innerhalb des anzuwendenden gesetzlichen Strafrahmens berücksich-
tigt werden dürfen, weder zu Lasten noch zu Gunsten des Täters, bzw. dass
Umstände, die zur Anwendung eines höheren oder tieferen Strafrahmens führen,
innerhalb des geänderten Strafrahmens nicht noch einmal als Straferhöhungs-
oder Strafminderungsgrund herangezogen werden dürfen. Indessen darf der
Richter zusätzlich berücksichtigen, in welchem Ausmass ein qualifizierender oder
privilegierender Tatumstand gegeben ist. Der Richter verfeinert damit nur die
Wertung, die der Gesetzgeber mit der Festsetzung des Strafrahmens vorgezeich-
net hat (BGE 120 IV 67 E. 2b und BGE 118 IV 342 E. 2b). Vorliegend drängt es
sich nicht auf, dem Ausmass der angestrebten und erzielten Einkünfte der
Beschuldigten innerhalb des qualifizierten Tatbestands des gewerbsmässigen
Betrugs zusätzlich Rechnung zu tragen.
Auch der Deliktsbetrag ist ganz beträchtlich. Die Beschuldigte erlangte durch ihr
Vorgehen einen Betrag von Fr. 1'050.–, zudem hatte sie die Absicht, eine Summe
- 85 -
von Fr. 130'000.– zu ertrügen. Der effektive Schaden, der bei der Geschädigten
entstand, war damit beachtlich und der mögliche Schaden ausserordentlich hoch,
auch wenn die Geschädigte ihr im Ergebnis nicht einmal die Hälfte vom Verlang-
ten hätte geben können. Dass es hinsichtlich Anklagesachverhalt 2 beim Versuch
blieb, ist einzig der Wachsamkeit des Versicherungsberaters zuzuschreiben. Dies
reduziert die objektive Tatschwere kaum, hatte doch die Beschuldigte alles getan,
um an die Ersparnisse der Geschädigten zu kommen. Ausgehend vom beim
Betrug geschützten Rechtsgut der Ehrlichkeit (vgl. BSK STGB II-Arzt, Art. 146
N 10 ff.) ist festzuhalten, dass dieses Gut von der Beschuldigten in schwerer
Weise missbraucht wurde. Sie hat die Gutgläubigkeit und Empathie der Geschä-
digten gezielt ausgenutzt, um einen grossen Teil von deren Vermögen zu
erlangen. Damit manifestierte sie ihre Gefährlichkeit und gefährdete spezifisch
auch die soziale Sicherheit ihres Opfers.
In objektiver Hinsicht muss das Verschulden der Beschuldigten angesichts des
konkreten sehr weiten Strafrahmens für gewerbsmässigen Betrug als keineswegs
mehr leicht bezeichnet werden. Würde man, wie die Vorinstanz, von einem
erheblichen objektiven Verschulden ausgehen, müsste eine sehr viel höhere
Strafe resultieren, die sich nicht mehr am unteren Rand des Strafrahmens be-
wegen würde. Insoweit ist die Einschätzung der Vorinstanz etwas zu relativieren.
2.2.3 Bei der Bewertung des subjektiven Verschuldens stellt sich die Frage, wie
dem Täter die objektive Tatschwere tatsächlich anzurechnen ist. Dazu gehören
etwa die Frage der Schuldfähigkeit sowie das Motiv. Auch ist in diesem Zusam-
menhang entscheidend, über welches Mass an Entscheidungsfreiheit der Täter
verfügte. Ferner sind die weiteren subjektiven Verschuldenskomponenten, wie
beispielsweise einige der in Art. 48 StGB aufgeführten Gründe, zu berück-
sichtigen.
2.2.4 Wie dargelegt liegt weder eine reduzierte Schuldfähigkeit vor noch sind
sonst Verschuldensminderungsgründe gegeben. Da die Beschuldigte nicht ge-
ständig ist, bleibt das Motiv grundsätzlich im Dunkeln, doch ist davon auszuge-
hen, dass es ausschliesslich pekuniärer Natur war. Die Beschuldigte lebt zwar in
bescheidenen Verhältnissen, doch kann nicht von einer materiellen Notlage
- 86 -
gesprochen werden, zumal die Verteidigung im Eventualstandpunkt die Aus-
fällung einer Geldstrafe von maximal 180 Tagessätzen à Fr. 30.-- beantragte
(Urk. 143 S. 4). Abgesehen davon setzt ihre deliktische Tätigkeit den Einsatz von
viel Zeit und einigen Finanzen voraus. Die Beschuldigte verfolgte mit ihrem straf-
baren Verhalten somit ein egoistisches Ziel. Soweit ersichtlich handelte sie in
eigener Regie und verfügte somit über Entscheidungsfreiheit.
Die objektive Tatschwere wird durch die subjektiven Komponenten nicht relati-
viert, sondern vielmehr erhöht.
2.2.5 Zusammenfassend ist das Verschulden der Beschuldigten als keineswegs
mehr leicht zu bezeichnen. Die Bemessung der Einsatzstrafe nach Beurteilung
der Tatkomponente hat die Vorinstanz unterlassen (Urk. 79 S. 40 f.; vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_865/2009 vom 25. März 2010 E. 1.6). Es erscheint eine
solche im Bereich von 11-12 Monaten Freiheitsstrafe angemessen.
2.3 Täterkomponente
Die Täterkomponente (vgl. Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB) umfasst das Vorleben, die
persönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat und im Straf-
verfahren. Bei der Beurteilung des Vorlebens fallen einerseits früheres Wohlver-
halten, andererseits Zahl, Schwere und Zeitpunkt von Vorstrafen ins Gewicht.
Unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Verhältnisse ist etwa zu berück-
sichtigen, ob sich der Täter im Strafverfahren kooperativ verhielt, ob er Reue und
Einsicht zeigte, ob er mehr oder weniger strafempfindlich ist.
2.3.1 Biografie
Zur Biografie der Beschuldigten ergibt sich aus den Akten (vgl. Urk. 7/1 S. 7 ff.;
Urk. 21 S. 6 f.; Urk. 56 S. 2 ff.; Urk. 138 S. 17 ff.), dass sie im ehemaligen
AC._ [ost- und mitteleuropäischer Staatenbund] geboren wurde und als
Kleinkind nach B._ zog. Dort besuchte sie acht Jahre die Schule. Eine Be-
rufsausbildung absolvierte sie nicht. Zu ihrem Lebenslauf machte die Beschuldig-
te keine weiteren Angaben (Urk. 21 S. 7). Heute teilt sich die Beschuldigte zu-
sammen mit ihrem Ehemann, ihren Schwiegereltern und ihren zwei Söhnen im Al-
- 87 -
ter von 14 1⁄2 und 13 Jahren eine 3-Zimmer Wohnung in B._ (Urk. 10/6; Urk.
56 S. 2 f. und 5). Bis zu ihrer ersten Schwangerschaft arbeitete sie bei einer Rei-
nigungsfirma. Seither erzielte sie kein Einkommen aus Erwerbstätigkeit mehr.
Aufgrund ihrer Erkrankung an Multipler Sklerose bezieht die Beschuldigte seit ein
paar Jahren eine monatliche Rente von 500 bis 600 Euro. Daneben erhält sie je-
den zweiten Monat total 600 Euro Kinderbeihilfe für ihre beiden Söhne. Der Ehe-
mann der Beschuldigten ist arbeitslos. Die Beschuldigte gibt an nicht zu wissen,
ob er Arbeitslosengeld erhält. Zudem wird die Familie der Beschuldigten ab und
zu von ihrem Schwiegervater unterstützt (Urk. 56 S. 3). Für Krankenkasse, Medi-
kamente und ärztliche Behandlung muss die Beschuldigte nicht aufkommen. Sie
hat weder Vermögen noch Schulden (Urk. 56 S. 4 f.).
Seit mindestens 2005 leidet die Beschuldigte an Multipler Sklerose. Gemäss
eigenen Schilderungen kann sie bei einem Krankheitsschub nicht mehr gehen
und verliert das Körpergefühl. In der Vergangenheit erlitt sie bereits mehrere
Schübe; der letzte aktenkundige Schub ereignete sich im September 2012
(Urk. 145/1 S. 3). Sie wird von einer Neurologin und einem Psychiater betreut. Um
die Krankheitsschübe hinauszuzögern, spritzt sich die Beschuldigte Avonex.
Zudem nimmt sie Cortison und weitere Medikamente (Urk. 56 S. 4), laut ihrem
Arzt und Therapeuten sowie gemäss ihrem Ehemann erhält sie Gilenya (Urk. 138
S. 23; Urk. 145/1 S. 3). Neben MS leidet die Beschuldigte gemäss eigenen
Aussagen an Depressionen (Urk. 56 S. 7). Zum Gesundheitszustand kann im
Übrigen auf Erwägung I. zum Verfahrensgang verwiesen werden sowie auf die
Ausführungen zum Gutachten (Erwägung V. 1.5). Die Erkrankung hielt die
Beschuldigte aber wie gesehen nicht davon ab, (in den vergangenen Jahren und)
im Frühjahr 2011 für längere Zeit ins Ausland zu reisen um strafbare Handlungen
zu begehen.
Aus der Biografie und der aktuellen Lebenssituation der Beschuldigten lassen
sich keine strafzumessungsrelevanten Faktoren ableiten.
- 88 -
2.3.2 Vorstrafen
Was das Vorleben betrifft, kommt bei der Strafzumessung den Vorstrafen grund-
sätzlich eine ausserordentlich wichtige Rolle zu (Wiprächtiger, BSK StGB I,
Art. 47 N 94 ff.; Schwarzenegger / Hug / Jositsch, Strafrecht II, 8. Auflage,
Zürich 2007, S. 100).
Wie bei der Beurteilung der Gewerbsmässigkeit aufgezeigt (vorne Erwägung IV.
6.4.3; Urk. 87), hat die Beschuldigte aus den Jahren 2003, 2006 und 2008 drei
einschlägige Vorstrafen, zwei in C._ und eine in der Schweiz. Dabei ist die
Beschuldigte stets nach ähnlichem Deliktsmuster vorgegangen. Die in C._
begangenen Delikte sind von gravierender Art (schwerer und gewerbsmässiger
Betrug), was sich auch in den Sanktionen von 12 bzw. 8 Monaten Freiheitsentzug
niederschlug. Die von der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland mit Strafbefehl
vom 21. März 2008 ausgefällte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 30.– steht
mit den Vorstrafen aus C._ nicht im Verhältnis. Dabei gilt es aber zu
beachten, dass die Staatsanwaltschaft die Vorstrafen nicht beachtet hat bzw.
diese ihr nicht bekannt gewesen waren, wird im Strafbefehl vom 21. März 2008
doch ausdrücklich festgehalten, dass die Beschuldigte keine Vorstrafen aufweise
(Urk. 20/9). Diese drei Vorstrafen sind unter den gegebenen Umständen stark
straferhöhend zu berücksichtigen.
Zur strafrechtlichen Vorbelastung ergibt sich aus den Akten ferner, dass die
Beschuldigte im Jahre 2006 auch in AD._ [europäischer Staat] wegen Be-
trugs verurteilt worden ist (Vorstrafe gemäss Strafregister C._, Auskunft vom
20. Juni 2011, vgl. Urk. 20/7). Diese Vorstrafe ist in AD._ aber offenbar ge-
löscht worden, enthält doch der Auszug aus dem Bundeszentralregister per
22. Juni 2011 keine Eintragung (Urk. 20/4). Wie bereits erwähnt, dürfen entfernte
Urteile weder bei der Strafzumessung noch bei der Prognosebeurteilung zu Las-
ten der betroffenen Person verwendet werden (Art. 369 Abs. 7 StGB; BGE 135 IV
87 E. 2.4; BGE 6B_390/2009 vom 14. Januar 2010 E. 2.6.3). Dennoch sind sie
unauslöschlicher Teil der Biografie einer Person und werden durch die Entfernung
aus dem Strafregister nicht schlichtweg inexistent. Es ist daher kein Grund er-
sichtlich, diese Vorstrafe im Zusammenhang mit dem Vorleben nicht als solche
- 89 -
(neutral) zu erwähnen, solange sie in einem neuen Strafverfahren weder bei der
Strafzumessung noch beim Entscheid über den Strafaufschub verwertet wird.
Vorliegend wird dieser frühere Vorgang ausdrücklich weder bei der Zumessung
der Strafe noch bei der Prognosestellung (nachfolgende Erwägung VI.) herange-
zogen.
2.3.3 Nachtatverhalten
Bei der Strafzumessung ist, wie erwähnt, auch das Nachtatverhalten eines Täters
zu beachten. Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im Strafverfahren.
Insbesondere wirken ein Geständnis, das kooperative Verhalten eines Täters bei
der Aufklärung von Straftaten sowie die Einsicht und aufrichtige Reue straf-
mindernd (Trechsel / Affolter-Eijsten, Art. 47 N 22 ff.; Wiprächtiger, BSK StGB I,
Art. 47 N 131; Schwarzenegger / Hug / Jositsch, S. 101 ff.). Das Bundesgericht
hielt in seinen Entscheiden BGE 118 IV 349 und 121 IV 202 dafür, ein positives
Nachtatverhalten könne zu einer Strafreduktion im Bereich von einem Fünftel bis
zu einem Drittel führen (Wiprächtiger, BSK StGB I, Art. 47 N 131), was ein Teil
der Lehre allerdings zu Recht kritisch hinterfragt (Schwarzenegger/Hug/Jositsch,
S. 101 f.; Trechsel / Affolter-Eijsten, Art. 47 N 24).
Die Beschuldigte verhielt sich im Strafverfahren korrekt und freundlich, aber nicht
besonders kooperativ. Von einem Geständnis und damit Einsicht in das Unrecht
ihres Verhaltens oder gar Reue kann nicht gesprochen werden. Wenn die
Beschuldigte gegenüber der Gutachterin äusserte, es tue ihr alles sehr leid, so
handelt es sich dabei nicht um Reue im strafrechtlich relevanten Sinn, gab die
Beschuldigte doch gleichzeitig an, nichts gemacht zu haben (Urk. 138 S. 21). Für
das Nachtatverhalten rechtfertigt sich keine Strafreduktion.
2.3.4 Strafempfindlichkeit
Schliesslich ist die Wirkung der Strafe auf das Leben der Beschuldigten zu
berücksichtigen. Mit dieser Formulierung im Gesetz (Art. 47 Abs. 1 StGB) wird
letztlich die Strafempfindlichkeit angesprochen. Die Berücksichtigung der Straf-
empfindlichkeit kommt namentlich in Betracht, wenn der Täter aus medizinischen
- 90 -
Gründen wie Krankheit, Alter oder Haftpsychose besonders empfindlich ist (Urteil
des Bundesgerichts 6S.703/1995 vom 26. März 1996, E. c mit Hinweisen).
Die Beschuldigte ist mit knapp 33 Jahren zwar noch jung, aber seit einigen Jahren
an MS erkrankt. Die von der Beschuldigten deponierten Angaben zu ihrer Person,
insbesondere zu ihrer Gesundheit, liegen schon einige Zeit zurück. Nachdem die
Beschuldigte im weiteren Verfahren jedoch nichts Neues vorgebracht hat, ist nach
wie vor darauf abzustellen. Die Krankheit der Beschuldigten tritt schubweise auf,
wobei diese Krankheitsschübe mittels Medikamenten hinausgezögert werden
können (Urk. 56 S. 4). Die vorliegend zu beurteilende Tat beging die Beschuldigte
offensichtlich in einer Zwischenphase ohne namhafte und erkennbare gesundheit-
liche Beeinträchtigung. Sie war augenscheinlich in der Lage, tagelang allein und
weit entfernt von ihrem Wohnort zwecks Ausübung der strafbaren Tätigkeit her-
umzureisen. Weder aus den eigenen Angaben der Beschuldigten noch aus den
Zeugenaussagen ergeben sich Anhaltspunkte, dass die Beschuldigte im Delikts-
zeitraum irgendwie krank gewesen wäre. Die Krankheit manifestierte sich erst
nach der Verhaftung (vgl. Erwägung I.). Im Zeitpunkt der Tat befand sie sich auch
beruflich, finanziell und familiär in stabilen Verhältnissen: seit Jahren ohne
Erwerbstätigkeit, Rentenbezügerin und ebenfalls seit Jahren verheiratet, mit dem
Ehemann, den zwei Söhnen und den Schwiegereltern im gleichen Haushalt
lebend. Somit lässt sich grundsätzlich keine besondere Strafempfindlichkeit aus
persönlichen und/oder beruflichen Gründen ableiten, die vorliegend zu berück-
sichtigen wäre. Dennoch rechtfertigt es sich, der Beschuldigten ihre langjährige,
immer wieder auftretende Krankheit leicht strafmindernd anzurechnen (Wiprächti-
ger, BSK StGB I, Art. 47 N 117 ff.; Urteil des Bundesgerichts 6P.39/2004 vom
23. Juli 2004 E. 7.4), jedoch ausdrücklich nicht unter dem Titel einer Ein-
schränkung der Schuldfähigkeit im Tatzeitraum.
2.3.5 Aufgrund der Täterkomponente, bei welcher die straferhöhenden Momente
die strafreduzierenden markant überwiegen, ist im Ergebnis eine Straferhöhung
von rund einem Drittel angezeigt.
- 91 -
2.4 Fazit
Geht man von der im Rahmen der Tatkomponente festgesetzten Einsatzstrafe
von 11-12 Monaten Freiheitsstrafe aus, erscheint unter Einbezug der Täter-
komponente eine Freiheitsstrafe von 15 Monaten als dem Verschulden und den
persönlichen Verhältnissen der Beschuldigten angemessen. An diese Strafe sind
gemäss Art. 51 StGB insgesamt 112 Tage Untersuchungs- und Sicherheitshaft
sowie vorzeitiger Strafvollzug anzurechnen (Urk. 13/2; Urk. 53; Urk. 106).
VI. Vollzug
1. Zu den Voraussetzungen für die Gewährung des bedingten Strafvollzuges
gemäss Art. 42 Abs. 1 und 2 StGB kann auf die Ausführungen im angefochtenen
Urteil verwiesen werden (Urk. 79 S. 44 f. mit Hinweisen; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2. Die Vorinstanz hat richtig gesehen, dass die Beschuldigte am 28. November
2006 und damit innerhalb der letzten fünf Jahre vor der Tat zu einer (teilbeding-
ten) Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt wurde, weshalb eine ungünstige
Prognose zu vermuten ist und die Gewährung des bedingten Strafvollzuges nur in
Betracht kommt, wenn besonders günstige Umstände vorliegen und die Vermu-
tung der ungünstigen Prognose umstossen (Urk. 20/7; Art. 42 Abs. 2 StGB).
Solche Umstände sind hier nicht gegeben. Die Beschuldigte weist wie schon
mehrfach erwähnt derzeit drei einschlägige Vorstrafen auf. Diese wirken sich
äusserst nachteilig auf die Legalprognose aus. Bei der aktuell zu beurteilenden
Tat ging die Beschuldigte keineswegs zaghaft, sondern gezielt, hartnäckig und
mehrstufig vor, im Wesentlichen nach dem Deliktsmuster, nach welchem sie seit
Jahren operiert. Sie war weder geständig noch zeigte sie Einsicht und Reue. Seit
über einem Dutzend Jahren ging die Beschuldigte keiner Erwerbstätigkeit mehr
nach. Eine Rückkehr in die Arbeitswelt erscheint angesichts der fehlenden
Berufsausbildung und mangelnden Berufserfahrung sowie ihrer Erkrankung wenig
realistisch. Es wurde denn auch nicht geltend gemacht, dass ein Wiedereinstieg
geplant sei oder gar bevorstehen würde. Zwar lebt die Beschuldigte mit ihrem
Ehemann, den zwei gemeinsamen Kindern und den Schwiegereltern unter dem
- 92 -
gleichen Dach in einem konstanten Familienverband, doch konnte dieser stabile
familiäre Hintergrund sie nicht vor erneuter Delinquenz abhalten. Anzeichen, dass
dieser Hintergrund in Zukunft einen günstigen Einfluss auf die Beschuldigte aus-
üben könnte, sind ebenfalls nicht erkennbar. Ebenso wenig wurde die Beschuldig-
te durch ihre Krankheit, die sich nicht permanent manifestiert sondern in Schüben
auftritt, an den strafbaren Handlungen gehindert. Nicht einmal der Vollzug eines
Monats Freiheitsstrafe im Jahre 2006 in C._ scheint sie beeindruckt zu
haben (Urk. 20/7 S. 2; Beizugsakten StA Winterthur/Unterland 2008/2029, HD
Urk. 9/3 und HD Urk. 2/3 S. 3). Vorstrafen, Tatumstände, mangelnde Einsicht,
fehlende Integration in der Arbeitswelt und strafbares Verhalten trotz stabiler
Familiensituation belasten die Legalprognose gleichermassen und massiv. Das
Rückfallrisiko ist bei diesem Gesamtbild der Täterpersönlichkeit als hoch einzu-
schätzen. Es ist daher von einer eigentlichen Schlechtprognose auszugehen.
Schliesslich rechtfertigt sich die Annahme, dass ein Vollzug der Strafe bei der
Beschuldigten deutlich mehr Wirkung zeigt und sie eher von der Begehung
weiterer Straftaten abhält als eine (teil)bedingte Strafe.
3. In Bestätigung des angefochtenen Urteils (Urk. 79 S. 45 f.) ist die ausge-
sprochene Freiheitsstrafe zu vollziehen.
VII. Beschlagnahme
Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis vom 1. Juni 2011 in
Anwendung von Art. 263 Abs. 1 lit. b StPO beschlagnahmten Fr. 613.95
(Urk. 11/3) sind in Bestätigung der Vorinstanz definitiv einzuziehen und zur
Deckung der Verfahrenskosten zu verwenden (Art. 267 Abs. 3 StPO).
VIII. Kostenfolgen
1. Ausgangsgemäss ist das vorinstanzliche Kostendispositiv (Ziff. 4) zu
bestätigen (Art. 426 Abs. 1 StPO; Art. 425 StPO).
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2. Im Berufungsverfahren unterliegt die Beschuldigte mit ihren Anträgen voll-
ständig. Demnach sind ihr auch Kosten der zweiten Gerichtsinstanz aufzuerlegen,
ausgenommen die Kosten der amtlichen Verteidigung (Art. 426 Abs. 1 StPO). Die
Rückzahlung der Verteidigungskosten bleibt gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO vorbe-
halten.
3. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 4'000.-- festzu-
setzen.