Decision ID: b293a041-95be-4f09-be59-2e64a09ef5af
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Oktober 2001 zum Bezug einer Rente der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe keine berufliche Ausbildung
absolviert, sondern direkt nach dem Abschluss der obligatorischen Schulzeit eine
Arbeitsstelle bei der B._ AG angetreten, wo er in der Folge 27 Jahre lang gearbeitet
habe (IV-act. 3). Diese berichtete der IV-Stelle im November 2001 (IV-act. 4), dass sie
dem mittlerweile zum Abteilungsleiter aufgestiegenen Versicherten infolge einer
Standortverlagerung gekündigt habe. Ohne eine Gesundheitsbeeinträchtigung würde
der Versicherte einen Lohn von 13 × 5’800 Franken erhalten. Hausarzt Dr. med. C._
gab im Dezember 2001 an (IV-act. 5), der Versicherte leide an einer schweren
therapieresistenten psychischen Erkrankung mit einer depressiven Verstimmung, einer
Psychasthenie und zahlreichen psychosomatischen Beschwerden sowie an einer
cervicalen Discushernie C6/7 links mit einer Wurzelkompression. Seit Dezember 2000
sei er nicht mehr in der Lage, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Der Psychiater Dr.
med. D._ berichtete im Februar 2002 (IV-act. 6), der Versicherte leide an einer
Neurasthenie und an einer depressiv-ängstlich vermeidenden Persönlichkeit. Die
Gespräche mit ihm seien völlig frustrierend. Es gelinge nie, einen Bezug zwischen den
geklagten Beschwerden und dem inneren oder äusseren Erleben zu finden. Der
Versicherte fühle sich seinen Beschwerden völlig ausgeliefert, glaube aber nicht, dass
ihm jemand oder etwas helfen könne. Medikamente bewirkten schon in kleinsten
Dosen massive Nebenwirkungen. Er befinde sich in einem dauernden Zustand der
Erschöpfung, der es ihm nicht erlaube, irgendeiner Tätigkeit nachzugehen. Mit einer
Verfügung vom 4. Juli 2002 sprach die IV-Stelle dem Versicherten rückwirkend ab 1.
Dezember 2001 eine ganze Rente zu (IV-act. 12).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.b Im Mai 2006 forderte die IV-Stelle den Versicherten auf, einen Fragebogen zur
Über¬prüfung des Rentenanspruchs auszufüllen. Der Versicherte gab an, sein
Gesundheitszustand habe sich seit der Rentenzusprache verschlechtert; die
Schmerzen hätten zugenommen (IV-act. 13). Im Juni 2006 berichtete Dr. D._ über
einen im Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesundheitszustand (IV-act. 16). Auch
Dr. C._ berichtete im Juni 2006 über einen stationären Zustand (IV-act. 17). Die IV-
Stelle teilte dem Versicherten deshalb am 20. Juni 2006 mit, dass er nach wie vor einen
unveränderten Anspruch auf eine ganze Rente habe (IV-act. 20). Im Juni 2010 gab der
Versicherte in einem weiteren Fragebogen zur Überprüfung des Rentenanspruchs an,
sein Gesundheitszustand sei gleich geblieben (IV-act. 24). Die Dres. C._ und D._
bestätigten diese Angabe (IV-act. 27 und 29). Am 13. Juli 2010 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass er weiterhin einen unveränderten Anspruch auf eine ganze Rente
habe (IV-act. 31).
A.c Am 14. September 2011 wandte sich Dr. D._ an die IV-Stelle (IV-act. 34). Er
führte aus, kürzlich habe eine Observation eines seiner Patienten ergeben, dass dieser
sich im Alltag völlig anders als in der Behandlung verhalten und ihn dadurch über
seinen psychischen Gesundheitszustand getäuscht habe. Das Verhalten und die
Lebensgeschichte dieses Patienten hätten zahlreiche Parallelen zum Verhalten und der
Lebensgeschichte des Versicherten aufgewiesen, weshalb sich Dr. D._ nun nicht
mehr sicher sei, ob er den Angaben des Versicherten jeweils zu Recht uneingeschränkt
Glauben geschenkt habe. Der Versicherte habe sich letzthin darüber beklagt, dass
seine sexuelle Lustlosigkeit seine Ehefrau belasten würde. Angesichts des vom
Versicherten jeweils geschilderten niedrigen Aktivitätsniveaus und seiner
entsprechenden Unfähigkeit, etwas zum Familienleben beizutragen, könne sich Dr.
D._ nicht vorstellen, dass die Ehefrau eine sexuelle Aktivität erwarte. Vor diesem
Hintergrund stelle sich die Frage, ob sich der Versicherte im Alltag tatsächlich so
verhalte, wie er es jeweils in den Behandlungen schildere. Dr. D._ empfahl eine
Observation zur Beantwortung dieser Frage. Am 26. September 2011 hielt Dr. med.
E._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) fest (IV-act. 35), rein
phänomenologisch habe Dr. D._ die Symptomatik wohl zutreffend als Neurasthenie
beschrieben. Bei der Durchsicht der Akten falle auf, dass Dr. D._ die Behandlung des
Versicherten schon von Beginn weg als frustrierend bezeichnet habe. Offenbar habe
der Versicherte nach der Kündigung durch seinen langjährigen Arbeitgeber einfach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
„schlapp gemacht“. Es bestehe der Verdacht, dass er die behandelnden Ärzte von
Beginn weg habe in die Irre führen wollen, um sich nach dem Stellenverlust nicht mehr
um einen Erwerb kümmern zu müssen. Wenn es gelingen würde, ein vom Klagebild
klar abweichendes Aktivitätsniveau festzustellen, wären die geltend gemachten
massiven Einschränkungen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit widerlegt. Am 25.
Oktober 2011 beauftragte die IV-Stelle die F._ GmbH mit einer verdeckten
Überwachung des Versicherten (IV-act. 40). Am 16. Dezember 2011 erstattete die F._
GmbH einen Observationsbericht (IV-act. 45). Sie führte aus, bei der Überwachung des
Versicherten seien keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen aufgefallen. Am 24.
Januar 2012 nahm Dr. D._ Stellung zum Observationsbericht (IV-act. 49). Er hielt fest,
dieser würde seinen Verdacht einer Aggravation bestätigen. Der Versicherte habe ihm
beispielsweise angegeben, er könne kaum Einkäufe tätigen und höchstens 30–45
Minuten in einer ruhigen Umgebung spazieren gehen. Gemäss dem
Observationsbericht könne er aber problemlos Einkäufe in einem Supermarkt tätigen
und mehrere Stunden in einer belebten Stadt umhergehen, ohne immer wieder eine
Sitzgelegenheit beanspruchen zu müssen. Er habe nie geltend gemacht, dass er auch
bessere Tage habe, an denen er hierzu in der Lage sei, weshalb seine Angaben im
Widerspruch zum beobachteten Verhalten im Alltag stünden. Am 16. November 2011
habe er ganz aufgelöst angerufen und um einen Termin gebeten, weil etwas Schlimmes
passiert sei. Zwei Tage später sei er in der Konsultation immer noch ganz aufgelöst
gewesen, weil er am Morgen des 16. November 2011 zwei Stunden lang von der
Basler Versicherung befragt worden sei. Das Video zum Observationsbericht zeige nun
aber, dass er am Nachmittag des 16. November 2011 seelenruhig durch die Stadt
flaniert sei, was für Dr. D._ völlig überraschend sei. Die Videodokumentation
relativiere gesamthaft das Ausmass und die Schwere der Beschwerden, sei aber zu
wenig aussagekräftig, um die früher gestellten Diagnosen grundsätzlich in Frage zu
stellen. Er empfehle eine weitere Observation. Sollte der Versicherten beim Autofahren
beobachtet werden oder sollte festgestellt werden, dass er auf Sirenen unauffällig
reagiere, dürfte seine Glaubwürdigkeit so sehr angeschlagen sein, dass eine allfällige
Arbeitsunfähigkeit nur noch aufgrund der objektiven Befunde zu bestimmen wäre. Am
28. März 2012 erstattete die F._ GmbH einen zweiten Observationsbericht (IV-act.
52). Sie hielt fest, der Versicherte habe wiederum keine Anzeichen einer
Gesundheitsbeeinträchtigung gezeigt. Allerdings sei er auch nicht beim Lenken eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Motorfahrzeugs beobachtet worden. Seine Reaktion auf Sirenen habe nicht beobachtet
werden können. Am 16. April 2012 führte Dr. D._ bezugnehmend auf diesen zweiten
Observationsbericht aus (IV-act. 54), sein Verdacht auf eine Aggravation habe sich
weiter erhärtet, denn nun sei der Versicherte auch dabei beobachtet worden, wie er
sich ohne Begleitung unauffällig in der Stadt bewegt habe. Das Videomaterial zeige
eine angeregte Unterhaltung kurz vor einer Konsultation bei Dr. D._; in dieser
Konsultation habe sich der Versicherte dann aber wieder mit der üblichen starren,
steifen und leidenden Haltung präsentiert. Dennoch könnten die Observationen die
Diagnosen Neurasthenie und Somatisierungsstörung nicht widerlegen. Mit Sicherheit
leide der Versicherte aber nicht an einer Depression, die eine Arbeitsunfähigkeit
bewirke. Abschliessend empfahl Dr. D._ eine polydisziplinäre Begutachtung. Am 12.
September 2012 beauftragte die IV-Stelle die medizinische Abklärungsstelle (MEDAS)
Interlaken GmbH mit einer polydisziplinären Begutachtung des Versicherten (IV-act.
78).
A.d Am 29. November 2012 berichtete der Psychiater Dr. med. G._ über zwei
Untersuchungen des Versicherten am 2. und 9. November 2012 (IV-act. 87). Er führte
aus, beim Versicherten liege das Bild einer schweren posttraumatischen
Belastungsstörung nach einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung des jüngeren
Sohnes vor. Dadurch sei ein zweites traumatisches Ereignis reaktualisiert worden,
nämlich eine schwere Gewalterfahrung im Alter von vier Jahren. Als weitere psychische
Belastungsfaktoren seien eine Kinderlähmung im zweiten Lebensjahr, ein
Suizidversuch im sechsten Lebensjahr und der als sehr belastend erlebte Tod der
Mutter und des Vaters zu nennen. Im Zusammenhang mit dieser schweren
posttraumatischen Belastungsstörung bestehe eine schwere depressive Störung mit
einem somatischen Syndrom. Die vom Versicherten angegebenen Schmerzen seien
teilweise funktioneller Natur, teilweise aber auch auf organische Ursachen
zurückzuführen. Das Leiden sei insgesamt schwergradig ausgeprägt und führe zu
relevanten Einschränkungen in zahlreichen Lebensbereichen. Es sei zu befürchten,
dass die Störung in eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach einer
Extrembelastung übergehen werde. Der Versicherte sei nicht arbeitsfähig. Gemäss
dem am 12. September 2012 von der IV-Stelle in Auftrag gegebenen und am 8. Mai
2013 erstellten Gutachten der MEDAS Interlaken GmbH (IV-act. 97) litt der
Beschwerdeführer an einer depressiven Störung mit einer aktuell mittelschweren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Episode, an körperlichen Beschwerden aufgrund psychischer Faktoren, an einem
generalisierten Weichteilschmerzsyndrom sowie – ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit – an einem chronischen cervicospondylogenen Syndrom, an einer
arteriellen Hypertonie, an einem Diabetes Typ II bei einer Adipositas und an einer
Hypercholesterinämie. Die Sachverständigen führten aus, aus internistischer und aus
neurologischer Sicht lägen keine Gesundheitsbeeinträchtigungen vor, die die
Arbeitsfähigkeit einschränkten. Aus rheumatologischer Sicht liege eine leichte
Reduktion der zumutbaren Belastbarkeit des Achsenskelettes vor. Zudem sei aufgrund
einer allgemeinen Dekonditionierung von einer Leistungsminderung von 20 Prozent
auszugehen. Bei der psychiatrischen Untersuchung, die auf zwei Termine habe verteilt
werden müssen, habe sich ein ganz auffälliges und bizarres Bild gezeigt. Der Befund
habe sich mit dem vom Hausarzt und vom behandelnden Psychiater beschriebenen
Befund gedeckt. Es handle sich um eine depressive Störung mit einer mittelschweren
Episode und einem mittelschweren somatischen Syndrom mit leichten bis grenzwertig
mittelschweren kognitiven Funktionseinbussen. Differenzialdiagnostisch sei das
Vorliegen einer reaktivierten posttraumatischen Belastungsstörung bei einer
physischen Gewaltanwendung in der frühen Kindheit zu diskutieren. Es bestehe
allerdings eine erhebliche Befundunsicherheit, da die Erlebnisse allein auf den
Aussagen des Versicherten beruhten. Zur Observation lasse sich anmerken, dass eine
schwere depressive Störung ausgeschlossen werden könne. Die Einschätzung des
Psychiaters Dr. D._, dass aufgrund der Observation des Versicherten keine
depressive Erkrankung mehr angenommen werden könne, könne allerdings nicht
geteilt werden. So sei zum Beispiel auch nach einer akuten Krise im Juli 2012 im
Kriseninterventionszentrum H._ eine mittelgradige depressive Episode mit einem
somatischen Syndrom festgestellt worden. Die den diagnostisch beschriebenen
psychiatrischen Erkrankungen entsprechenden Symptome schränkten die
Arbeitsfähigkeit des Versicherten erheblich ein. Er könne lediglich noch ein Pensum
von 50 Prozent verrichten, wobei seine Leistung allerdings um 40 Prozent vermindert
sei. Gesamthaft betrage die Leistungsminderung also 70 Prozent. Nach den Vorakten
und den Angaben des Versicherten sei der Befund seit mindestens dem Jahr 2001
unverändert. Am 18. Juni 2013 notierte der RAD-Arzt Dr. E._ (IV-act. 99), das
Gutachten der MEDAS Interlaken GmbH beruhe auf einer Betrachtungsweise, die nicht
rechtsprechungskonform sei. Die Leistungsfähigkeit sei schon falsch berechnet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
worden, denn 40 Prozent von 50 Prozent seien 20 Prozent und nicht 30 Prozent.
Ohnehin sei aber unverständlich, weshalb die Arbeitsfähigkeit in zwei Schritten
berechnet worden sei. Der psychiatrische Sachverständige habe ein theatralisches
Verhalten beschrieben. Der rheumatologische Sachverständige habe eine somatisch
nicht erklärbare aktive Gegenwehr festgestellt. Der psychiatrische Sachverständige
habe festgehalten, das theatralische und widerspenstige Verhalten sei unbewusst,
dissoziativ, weshalb keine Aggravation und keine Simulation vorliege. Dabei habe er
aber völlig ausser Acht gelassen, dass sich der Versicherte in „beobachteten“
Momenten ganz anders als in „unbeobachteten“ Momenten verhalte und sogar
erwiesenermassen in der Lage sei, sein Verhalten jeweils sofort „umzustellen“, wenn er
die Praxis von Dr. D._ verlasse. Der psychiatrische Sachverständige habe also ein
bewusstseinsnahes Verhalten einfach ignoriert. Zudem habe er sich nicht mit der
bundesgerichtlichen Vermutung der „Überwindbarkeit“ von dissoziativen Störungen
auseinandergesetzt. Gesamthaft betrage der Arbeitsfähigkeitsgrad etwa 50 Prozent.
Der Gesundheitszustand sei unverändert geblieben.
A.e Am 21. August 2013 notierte ein Mitarbeiter des Rechtsdienstes der IV-Stelle (IV-
act. 100), die Berechnung der Arbeitsunfähigkeit durch die Sachverständigen der
MEDAS Interlaken GmbH sei entgegen der Ansicht des RAD-Arztes Dr. E._ korrekt.
Man müsse nämlich die einzelnen Potentiale multiplizieren, also 50 Prozent von 60
Prozent, was 30 Prozent ergebe und einer Arbeitsunfähigkeit von 70 Prozent
entspreche. Allerdings sei Dr. E._ insofern zuzustimmen, als die
Arbeitsfähigkeitsschätzung der MEDAS Interlaken GmbH nicht überzeugend sei und
die bundesgerichtliche Rechtsprechung zu wenig berücksichtige. Bei diesem Fall
passe sehr Vieles nicht zusammen. Die vielen beschriebenen Auffälligkeiten, die
langjährige frustrane Therapie, die mangelhafte Compliance bei der
Medikamenteneinnahme und nicht zuletzt die vom behandelnden Arzt formulierten
Zweifel würden es gebieten, bei der Anerkennung von invalidisierenden Leiden Vorsicht
und Zurückhaltung walten zu lassen. Die Dekonditionierung beeinträchtige die
Arbeitsfähigkeit in einer leichten Tätigkeit entgegen der Angabe des rheumatologischen
Sachverständigen nicht, denn sie würde bald wegfallen, wenn der Versicherte eine
Erwerbstätigkeit aufnehmen würde. Zudem wäre der Versicherte aufgrund seiner
Schadenminderungspflicht gehalten gewesen, sich fit zu halten, weshalb er sich nun
nicht auf die Dekonditionierung berufen könne. Die psychischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsbeeinträchtigungen seien rechtsprechungsgemäss vermutungsweise
überwindbar. Es bestehe der Verdacht einer bewussten oder bewusstseinsnahen
Manipulation. Der psychiatrische Sachverständige habe sich nicht genügend mit den
beiden Stellungnahmen von Dr. D._ zu den Observationsvideos auseinandergesetzt.
Gesamthaft sei die Hypothese einer Täuschung mindestens ebenso wahrscheinlich wie
jene einer erheblichen Erkrankung. Der psychiatrische Sachverständige habe verkannt,
dass der Versicherte das Vorliegen einer invalidisierenden Krankheit zu beweisen habe
und nicht umgekehrt. Gesamthaft bestehe mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine
IV-rechtlich relevante Arbeitsunfähigkeit mehr. Dem über 55 Jahre alten Versicherten
seien Eingliederungsmassnahmen anzubieten. Gleichzeitig sei ein neuer
Einkommensvergleich durchzuführen und die Rente herabzusetzen oder aufzuheben.
Mit einem Vorbescheid vom 17. September 2013 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit (IV-act. 104), dass sie die Rente „einstellen“ werde. Sie wies darauf hin, dass eine
Verbesserung des Gesundheitszustandes ausgewiesen sei. Selbst wenn aber davon
ausgegangen würde, dass es sich dabei nur um eine anderslautende Beurteilung eines
unverändert gebliebenen Sachverhaltes handle, sei die Rente einzustellen, da auch die
Voraussetzungen für eine Einstellung der Rente gestützt auf die Schlussbestimmungen
zum ersten Massnahmenpaket der 6. IVG-Revision erfüllt seien. Dagegen wandte der
Versicherte am 21. Oktober 2013 ein (IV-act. 117), es liege ihm fern, jemanden zu
täuschen. Er sehe nicht ein, weshalb er sich nicht in der Stadt aufhalten dürfe. Er sei
von Dr. G._ und von den Sachverständigen der MEDAS Interlaken GmbH untersucht
und psychologisch getestet worden und könne sich nicht vorstellen, wie er diese Ärzte
hätte täuschen sollen. Den Sachverständigen hätten die Observationsberichte
vorgelegen; trotzdem hätten sie eine Arbeitsunfähigkeit attestiert. Der vorgesehene
Entscheid der IV-Stelle sei ihm deshalb unverständlich. Dr. D._ habe sich bei ihm
entschuldigt und ihm mitgeteilt, dass eine Krankheit ausgewiesen sei. Mit einer
Verfügung vom 7. November 2013 stellte die IV-Stelle die Rente auf das Ende des der
Zustellung der Verfügung folgenden Monats ein (IV-act. 120).
B.
B.a Am 22. November 2013 erhob der Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) Beschwerde gegen die Verfügung vom 7. November 2013 (act. G
1). Er beantragte die Weiterausrichtung der Rente. Zur Begründung führte er aus, das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
medizinische Gutachten müsse höher als die Observationsberichte gewichtet werden.
Seiner Beschwerde legte er eine Stellungnahme von Dr. G._ vom 20. November 2013
zur Verfügung bei (act. G 1.2). Dieser hatte ausgeführt, der Entscheid der IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) sei unverständlich. Diese habe nämlich seinen
ausführlichen Untersuchungsbericht und das Gutachten, das sie selbst in Auftrag
gegeben habe, ignoriert und auf einen Observationsbericht eines medizinischen Laien
abgestellt. Wenn medizinische Laien nun tatsächlich in der Lage sein sollten,
posttraumatische und depressive Störungen zu beurteilen, stelle sich die Frage,
weshalb in Zukunft nicht gleich vollständig auf fachärztliche Gutachten verzichtet
werden solle. Es liege in der Natur der Sache, dass die Erlebnisse, die eine
posttraumatische Belastungsstörung auslösten, häufig nicht belegt werden könnten,
weil nur in seltenen Fällen Polizeiberichte oder ähnliche Dokumente erstellt würden, die
das Ereignis dokumentierten. Dennoch seien erfahrene Fachärzte in der Lage, die
Plausibilität der Schilderungen von Patienten mit einer posttraumatischen
Belastungsstörung zu überprüfen. Dr. G._ habe sich auf die Behandlung von
Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung spezialisiert und verfüge –
anders als Dr. D._ – über eine reichhaltige Erfahrung. Die allermeisten seiner
Patienten, auch solche mit schwersten posttraumatischen Belastungsstörungen,
verhielten sich auf der Strasse unauffällig. Auch mittelgradig depressive Patienten
verhielten sich weitgehend unauffällig. Nur schwergradig depressive Patienten seien
nicht in der Lage, ihre Wohnung zu verlassen. Der psychiatrische Sachverständige der
MEDAS Interlaken GmbH habe sich mit der Möglichkeit einer Manipulation
auseinandergesetzt. Er habe ja explizit darauf hingewiesen.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 17. Februar 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, das Engagement von Dr. G._
habe eine Intensität, die eine sachliche Distanz vermissen lasse und den Anschein der
Befangenheit nähre. Laut der bundesgerichtlichen Rechtsprechung könne eine
invalidisierende posttraumatische Belastungsstörung nur vorliegen, wenn die
versicherte Person glaubwürdig sei und wenn die Störung auf ein Ereignis von
geeigneter katastrophaler Schwere zurückzuführen sei. Die Glaubwürdigkeit des
Beschwerdeführers sei erschüttert. Zu fast jeder durch die Observation überprüfbaren
Tatsache habe er falsche oder stark übertriebene Aussagen gemacht. Diese
Diskrepanz könne nicht durch unbewusste Verdeutlichungen erklärt werden. Bei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Krebserkrankung des Sohnes könne es sich kaum um ein katastrophales Ereignis
handeln. Der psychiatrische Sachverständige der MEDAS Interlaken GmbH habe sich
nicht ausreichend mit dem widersprüchlichen Verhalten des Beschwerdeführers
auseinandergesetzt. Ihm sei es nicht gelungen, das Vorliegen einer mittelschweren
depressiven Störung mit einer erheblichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
schlüssig zu begründen.
B.c Am 5. Mai 2014 hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest (act. G 9).
Eventualiter beantragte er die Rückweisung der Sache zur Durchführung von weiteren
Abklärungen. Weiter beantragte er die Entfernung der DVD „A._ vor SVA“, des
Gesprächsprotokolls vom 15. Juni 2012, der Berichte von Dr. D._ vom 14.
September 2011, vom 24. Januar 2012 und vom 16. April 2012 aus den Akten. Er
führte aus, diese Akten müssten bis zum rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens
unter Verschluss gehalten und anschliessend vernichtet werden. Die MEDAS Interlaken
GmbH habe eine nachvollziehbare und überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung
abgegeben und dabei den Observationsergebnissen ausreichend Rechnung getragen.
Selbst der RAD-Arzt Dr. E._, der kein Psychiater sei, habe eine Arbeitsunfähigkeit
von 50 Prozent als ausgewiesen erachtet. Die Ausführungen des
Rechtsdienstmitarbeiters der Beschwerdegegnerin, gemäss denen keine relevante
Gesundheitsbeeinträchtigung vorliegen solle, seien vor diesem Hintergrund haltlos. Dr.
D._ habe mit seiner Denunziation des Beschwerdeführers das Arztgeheimnis und
wohl auch das ärztliche Standesrecht verletzt. Obwohl er das Vorliegen einer
relevanten psychischen Erkrankung bezweifelt habe, habe er sich gegenüber dem
Beschwerdeführer nie kritisch geäussert und die Behandlung noch bis in den Sommer
2012 hinein weiter fortgeführt. Es sei anzunehmen, dass sich Dr. D._ diese „unnötige
Behandlung“ wohl auch habe bezahlen lassen, was an einen Patientenbetrug grenze.
Die entsprechenden Berichte müssten deshalb aus den Akten entfernt und später
vernichtet werden. Beim Studium der IV-Akten sei aufgefallen, dass diese eine DVD mit
einem Video enthielten, das nicht von der beauftragten F._ GmbH stamme. Es sei
anzunehmen, dass es sich dabei um Aufnahmen mit einem Smartphone handle, die ein
Mitarbeiter der Beschwerdegegnerin erstellt habe, als er dem Beschwerdeführer
zufällig begegnet sei. Diese Aufzeichnungen seien widerrechtlich erstellt worden, denn
ein Sachbearbeiter sei nicht berechtigt, Privatpersonen ohne deren Einverständnis zu
filmen und diese Aufzeichnungen Drittpersonen zugänglich zu machen. Die fragliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
DVD müsse folglich ebenfalls aus den Akten entfernt und später vernichtet werden. Da
kein Revisionsgrund vorliege, sei die revisionsweise Rentenaufhebung nicht zulässig.
Auch die Schlussbestimmung zur IV-Revision 6a könne nicht zur Anwendung kommen,
weil kein davon erfasstes syndromales Leiden vorliege. Am 9. Mai 2014 wies der
Beschwerdeführer darauf hin, dass Dr. D._ die Behandlung sogar noch bis
September 2013 weiter geführt hatte (act. G 10).
B.d Die Verfahrensleitung bewilligte am 21. Mai 2014 die unentgeltliche Rechtspflege
für das Beschwerdeverfahren (act. G 12). Dementsprechend wurde der vom
Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken am 21. Juli 2014
zurückbezahlt.
B.e Die Beschwerdegegnerin hielt am 18. Juni 2014 ebenfalls an ihren Anträgen fest
(act. G 14). Sie führte aus, Dr. D._ sei ihr gegenüber vom Arztgeheimnis befreit
gewesen. Zudem sei er zur Auskunft verpflichtet gewesen. Wenn die
Beschwerdegegnerin legitimiert sei, Dritte mit einer verdeckten Observation zu
beauftragen, müsse sie auch legitimiert sein, selbst eine solche Observation
durchzuführen. Folglich bestehe kein Anlass, die vom Beschwerdeführer erwähnten
Dokumente aus den Akten zu entfernen. Ein Revisionsgrund sei bereits darin zu
erblicken, dass die bei der Rentenzusprache berücksichtigte Discushernie C6/7 nicht
mehr habe nachgewiesen werden können.
B.f Am 21. Juli 2015 beantragte der Beschwerdeführer unter Hinweis auf das Urteil
9C_492/2011 des Bundesgerichtes vom 3. Juni 2015 die sofortige Rückweisung der
Sache an die Beschwerdegegnerin zur Einholung eines neuen, der neuen
Rechtsprechung Rechnung tragenden Gutachtens (act. G 20). Die
Beschwerdegegnerin wandte am 24. September 2015 ein (act. G 24), die geänderte
Rechtsprechung des Bundesgerichtes habe nicht zur Folge, dass „altrechtliche“
Gutachten generell wertlos würden. Vorliegend ergebe sich unter Berücksichtigung der
geänderten Rechtsprechung kein Anlass für eine anderslautende Beurteilung. Allenfalls
sei ein Gerichtsgutachten einzuholen, von dem aber keine neuen Erkenntnisse zu
erwarten seien.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.g Am 8. Februar 2016 ersuchte das Versicherungsgericht die MEDAS Interlaken
GmbH um eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Stellungnahmen von Dr. D._
vom 24. Januar 2012 und vom 16. April 2012 (act. G 28). Der psychiatrische
Sachverständige der MEDAS Interlaken GmbH, Dr. med. I._, antwortete am 9. März
2016 (act. G 29.1), er habe bei seiner klinischen psychopathologischen
Befunderhebung ein sehr bizarres und dramatisch überzeichnetes Darstellen sowohl
der körperlichen als auch der psychischen Beschwerden festgestellt, das er als ein
ausgeprägtes bewusstseinsfernes Überzeichnen auf dem Hintergrund einer schweren
neurotischen Störung eingestuft habe. Der MMPI-Persönlichkeitstest habe die
neurotischen Auffälligkeiten bestätigt. In den Videoaufnahmen fänden sich seines
Erachtens keine Verhaltensauffälligkeiten, die im Widerspruch zu einem einfachen oder
mittelgradig ausgeprägten depressiven Zustandsbild stehen würden. Ein neurotisches
Überzeichnen setze bestimmte situative Bedingungen voraus, zum Beispiel somatische
oder psychiatrische Untersuchungen, therapeutische Gespräche oder vergleichbare
Umstände, in denen die betroffene Person ihre Beschwerden darstelle oder darstellen
müsse. In den festgehaltenen Verhaltenssequenzen fänden sich keine derartigen
Bedingungen. Beim behandelnden Psychiater Dr. D._ habe der Beschwerdeführer
aber ein vergleichbares bizarres Verhalten gezeigt. In seiner ersten Stellungnahme vom
24. Januar 2012 habe Dr. D._ gefolgert, der Beschwerdeführer aggraviere und
täusche seine Beschwerden eventuell vor. Dennoch habe Dr. D._ seine Diagnosen
nicht in Zweifel gezogen. Erst in der zweiten Stellungnahme vom 16. April 2012 habe
Dr. D._ das Vorliegen einer depressiven Störung eindeutig ausgeschlossen. Dieser
Schlussfolgerung könne sich Dr. I._ aber nicht anschliessen. Dr. D._ habe es
versäumt, das bizarre und stark überzeichnete Verdeutlichen als Ausdruck einer

schweren neurotischen Störung in Erwägung zu ziehen. Nachvollziehbarerweise habe
er deshalb zum Schluss gelangen müssen, dieses Verhalten sei als Aggravation oder
gar als Simulation zu interpretieren. Auch so sei seine Schlussfolgerung, es liege keine
Depression vor, die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirke, aber nicht haltbar. Aus
therapeutischer Sicht sei schwerlich nachvollziehbar, dass Dr. D._ sich entschuldigt
und die Therapie fortgeführt habe, ohne sich offiziell von seinen Schlussfolgerungen in
den Stellungnahmen vom 24. Januar 2012 und vom 16. April 2012 zu distanzieren.
B.h Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Stellungnahme zum Schreiben von Dr.
I._ (act. G 32). Die Beschwerdegegnerin nahm am 12. Mai 2016 Stellung (act. G 33).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sie führte aus, Dr. I._ habe in seinem Teilgutachten keine neurotische Störung
diagnostiziert. Seine nachträgliche Stellungnahme stehe in einem Widerspruch zu
dieser Tatsache. Der Versuch von Dr. I._, „die groben Auffälligkeiten zu Gunsten des
Patienten beziehungsweise des Beschwerdeführers zu deuten“, vermöge in keiner
Weise zu überzeugen. Selbst wenn seiner Interpretation gefolgt würde, müsste einem
Leiden, das sich nur in Untersuchungssituationen manifestiere, ein relevanter Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit abgesprochen werden. Der rechtsgenügliche Nachweis einer
rechtlich relevanten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit fehle damit nach wie vor. Der
Beschwerdeführer hielt am 8. Juni 2016 fest, dass kein Widerspruch zwischen dem
psychiatrischen Teilgutachten und der nachträglichen Stellungnahme vorliege, da Dr.
I._ explizit Bezug auf den im Teilgutachten geschilderten Befund genommen habe
(act. G 35).
Erwägungen
1.
Die Auswertung von Daten, die mittels einer strafbaren Handlung beschafft worden
sind, stellt einen Straftatbestand dar (vgl. Art. 179quater StGB betreffend unautorisierte
Aufzeichnungen). Das bedeutet, dass das Gericht die Akten bei der Beweiswürdigung
nicht berücksichtigen kann, die die Beschwerdegegnerin widerrechtlich beschafft hat.
Vielmehr muss es diese anweisen, diese Akten aus dem Recht zu entfernen und
anschliessend zu vernichten. Nach der Ansicht des Beschwerdeführers handelt es sich
bei der Denunziation von Dr. D._ vom 14. September 2011 und bei dessen
Stellungnahmen zu den Observationsberichten der F._ GmbH vom 24. Januar 2012
und vom 16. April 2012 um Dokumente, die in Verletzung des Berufsgeheimnisses (vgl.
Art. 321 StGB) erstellt worden sind. Dabei hat der Beschwerdeführer aber übersehen,
dass er selbst Dr. D._ gegenüber der Beschwerdegegnerin vom Berufsgeheimnis
entbunden hatte (vgl. IV-act. 1–7). Folglich kann gar keine Verletzung des
Berufsgeheimnisses vorliegen, weshalb kein Anlass besteht, die erwähnten
Stellungnahmen von Dr. D._ aus den Akten zu entfernen oder gar zu vernichten. Die
Frage, ob sich Dr. D._ standesrechtlich korrekt verhalten hat, indem er den
Beschwerdeführer trotz erheblichen Zweifeln am Vorliegen einer relevanten Erkrankung
noch rund zwei Jahre lang weiter behandelt hat, ist für dieses Verfahren irrelevant.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auch die von einem Mitarbeiter der Beschwerdegegnerin erstellte DVD ist nicht aus
den Akten zu entfernen oder zu vernichten, denn der Umstand, dass die Aufzeichnung
nicht von einem Auftragnehmer der Beschwerdegegnerin, sondern von einem ihrer
Angestellten erstellt worden ist, kann für die Verwertbarkeit der Aufzeichnung keine
Bedeutung haben. Ohnehin erweist sich die Aufzeichnung aber als für dieses Verfahren
irrelevant. Schliesslich besteht auch kein Grund, das Gesprächsprotokoll vom 15. Juni
2012 aus den Akten zu entfernen, da nicht ersichtlich ist, inwiefern dessen Erstellung
auf eine strafbare Handlung zurückzuführen sein könnte.
2.
2.1 Da dieses Beschwerdeverfahren der Überprüfung der Rechtmässigkeit der
angefochtenen Verfügung vom 7. November 2013 dient, muss der Streitgegenstand
des Beschwerdeverfahrens dem Gegenstand des durch die angefochtene Verfügung
abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen. Die Frage, was der Gegenstand
des Verwaltungsverfahrens gewesen ist, ist mittels einer Interpretation der
angefochtenen Verfügung zu beantworten. Fest steht, dass die Beschwerdegegnerin
mit der angefochtenen Verfügung eine formell rechtskräftig zugesprochene, laufende
Rente der Invalidenversicherung korrigiert hat. Diese Korrektur hat in
verfahrensrechtlicher Hinsicht nur eine Revision (Art. 17 Abs. 1 ATSG), eine so genannt
prozessuale Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG), eine Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2
ATSG) oder eine Rentenaufhebung gestützt auf Abs. 1 der Schlussbestimmungen zur
IVG-Revision 6a sein können, denn weder das ATSG noch das IVG sehen eine andere
Möglichkeit zur Korrektur einer formell rechtskräftigen Verfügung betreffend eine Rente
der Invalidenversicherung vor. Welches Korrekturinstrument die Beschwerdegegnerin
vorliegend angewendet hat, lässt sich der angefochtenen Verfügung vom 7. November
2013 nicht entnehmen, denn die Beschwerdegegnerin hat weder auf Art. 17 Abs. 1
ATSG noch auf Art. 53 ATSG verweisen und nur im Sinne einer Eventualbegründung
Bezug auf Abs. 1 der Schlussbestimmungen zur IVG-Revision 6a genommen. Daraus
kann lediglich abgeleitet werden, dass es sich „primär“ nicht um eine Rentenaufhebung
gestützt auf Abs. 1 der Schlussbestimmungen zur IVG-Revision 6a gehandelt haben
kann. Auch unter Berücksichtigung des Wirkungszeitpunktes lässt sich die Frage nach
dem angewendeten Korrekturinstrument nicht eindeutig beantworten, denn obwohl die
Aufhebung einer Rente auf das Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Monats (vgl. Art. 88bis Abs. 2 lit. a IVV) revisionstypisch ist, erlaubt die
bundesgerichtliche Rechtsprechung (vgl. statt vieler etwa das Urteil 9C_350/2010 vom
11. Juni 2010, E. 1, und den BGE 125 V 368, E. 3, mit Hinweisen) auch eine
wiedererwägungsweise Aufhebung einer Rente der Invalidenversicherung auf das Ende
des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats. Gerichtsnotorisch wendet die
Beschwerdegegnerin diese – juristisch unhaltbare (vgl. RALPH JÖHL, Zur Praxis der
substituierten Begründung der Wiedererwägung bei zu Unrecht ergangenen
Anpassungsverfügungen, in: AJP 2004, S. 1001 ff.) – Rechtsprechung regelmässig an,
weshalb von dem in der angefochtenen Verfügung gewählten Wirkungszeitpunkt der
Rentenaufhebung nicht abgeleitet werden kann, ob es sich um eine Revisions- oder um
eine Wiedererwägungsverfügung handelt. Immerhin spricht der Wirkungszeitpunkt
gegen eine so genannt prozessuale Revision. Da die angefochtene Verfügung auch im
Übrigen keinen Hinweis auf eine prozessuale Revision enthält, ist davon auszugehen,
dass es sich entweder um eine Revisionsverfügung im Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG
oder um eine Wiedererwägungsverfügung im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG handelt.
2.2 Für das Vorliegen einer Revisionsverfügung spricht, dass sich die
Beschwerdegegnerin in der Verfügungsbegründung mit der Frage auseinander gesetzt
hat, ob sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers seit der Rentenzusprache
verbessert habe, denn die Revision im Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG bezweckt gerade
die Anpassung von Renten an nachträgliche Sachverhaltsveränderungen. Die
massgebenden Akten werden in der angefochtenen Verfügung entsprechend als
„Revisionsakten“ bezeichnet. Zudem scheint die Beschwerdegegnerin auf den ersten
Blick davon ausgegangen zu sein, dass die für eine revisionsweise Rentenaufhebung
erforderliche Verbesserung des Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers
nachgewiesen sei. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es sich bei den
„revisionstypischen“ Ausführungen der Beschwerdegegnerin nur um eine juristische
„Verkleidung“ handelt. Für eine Rentenrevision hätte die Beschwerdegegnerin nämlich
den Sachverhalt, wie er sich im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache
präsentiert hatte, mit dem aktuellen Sachverhalt vergleichen und anhand dieses
Vergleichs die Frage beantworten müssen, ob es nach der Rentenzusprache zu einer
relevanten Veränderung gekommen sei. Dieser Frage ist die Beschwerdegegnerin aber
gar nicht nachgegangen. Das mit der angefochtenen Verfügung abgeschlossene
Verfahren hat nämlich von Beginn weg der Beantwortung der Frage gedient, ob der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer tatsächlich an einer relevanten psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigung leide oder ob er die Fachärzte getäuscht habe. Zur
Eröffnung des Verfahrens hat ein Schreiben des behandelnden Psychiaters Dr. D._
geführt, in dem dieser Zweifel am Vorhandensein der bis zu diesem Zeitpunkt auch von
ihm selbst bestätigten Gesundheitsbeeinträchtigung des Beschwerdeführers geäussert
hatte. Die in der Folge durchgeführte Observation, aber auch die Begutachtung durch
die MEDAS Interlaken GmbH haben primär der Beantwortung der Frage gedient, ob
der Beschwerdeführer seine Beschwerden vortäusche. In der angefochtenen
Verfügung hat sich die Beschwerdegegnerin fast ausschliesslich mit der
Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers respektive seiner Angaben auseinander
gesetzt. Aus dem Ergebnis dieser Prüfung hat die Beschwerdegegnerin direkt die
Aufhebung der Rente abgeleitet, ohne sich verbindlich dazu zu äussern, ob es sich bei
dieser Rechtsfolge um eine Anwendung des Art. 17 Abs. 1 ATSG oder des Art. 53 Abs.
2 ATSG auf den vorliegenden Sachverhalt handle. Die Frage, ob der Beschwerdeführer
zuerst an einer relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten und die Fachärzte
später „nur“ über deren Wegfall getäuscht habe (was ein Revisionsgrund wäre) oder ob
er die Fachärzte von Beginn weg getäuscht habe (was ein Wiedererwägungsgrund
wäre), hat sie explizit offen gelassen: „Wenn eine initiale Krise, die zur Berentung
geführt hat, anerkannt werden kann, ...“ (IV-act. 120) Die Beschwerdegegnerin scheint
eher von einer Täuschung schon im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache
ausgegangen zu sein, denn sie hat die Angaben des Beschwerdeführers als insgesamt
nicht überzeugend qualifiziert. Darüber, weshalb sie dies nicht deutlich zum Ausdruck
gebracht und die Rente wiedererwägungsweise aufgehoben hat, kann nur gemutmasst
werden. Möglicherweise hat sie aufgrund von möglichen Beweisproblemen bezüglich
des Zeitpunktes der ursprünglichen Rentenzusprache von einer Wiedererwägung
abgesehen. Jedenfalls hat sie in ihrem Fazit bezeichnenderweise nicht festgehalten,
eine Verbesserung des Gesundheitszustandes sei mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt. Vielmehr hat sie ausgeführt, in „solchen
Situationen“ lasse „die bundesgerichtliche Rechtsprechung“ auf eine Verbesserung
„schliessen“. Bei der angeblichen Verbesserung des Gesundheitszustandes des
Beschwerdeführers handelt es sich also gemäss den Ausführungen der
Beschwerdegegnerin nur um einen juristischen Kunstgriff. Gesamthaft spricht die
Begründung der angefochtenen Verfügung (auch unter Berücksichtigung der gesamten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfahrensgeschichte) trotz der „Verkleidung“ als Revisionsverfügung dafür, dass es
sich um eine Wiedererwägungsverfügung handelt. Entgegen ihrem – allerdings nicht
eindeutigen – Wortlaut ist die angefochtene Verfügung vom 7. November 2013 deshalb
als Wiedererwägungsverfügung zu qualifizieren.
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin hat sich in der angefochtenen Verfügung vom 7.
November 2013 und in ihren Eingaben zuhanden des Versicherungsgerichtes
sinngemäss auf den Standpunkt gestellt, der Beschwerdeführer trage den Nachteil
einer allfälligen Beweislosigkeit hinsichtlich des Vorhandenseins einer relevanten
psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung. Wenn also nicht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt werden könne, dass der
Beschwerdeführer an einer relevanten psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung leide,
könne er keinen Rentenanspruch mehr haben. Dabei dürfte sie an die allgemeine
Beweislastverteilungsregel (vgl. Art. 8 ZGB) gedacht haben, wonach die Partei, die aus
einer Behauptung einen Vorteil für sich ableiten will, den Nachteil zu tragen hat, wenn
sich diese Behauptung nicht beweisen lässt. Wenn beispielsweise eine versicherte
Person eine Rente der Invalidenversicherung beantragt, sich aber nicht beweisen lässt,
dass sie an einer relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung leidet, ist sie bei der
Rechtsanwendung so zu stellen, wie wenn sie nicht an einer
Gesundheitsbeeinträchtigung leiden würde. In einem Korrekturverfahren betreffend
eine formell rechtskräftige Rentenverfügung zu Ungunsten des Rentenbezügers liegt
jedoch eine andere Interessenlage vor, weil bereits ein verbindlicher Leistungsanspruch
besteht und sich das Verfahren entsprechend um die Frage dreht, ob ein Grund
vorliege, diesen verbindlichen Leistungsanspruch nachträglich zu modifizieren. In
einem solchen Verfahren will also der Versicherungsträger (respektive die
Versichertengemeinschaft) einen Vorteil für sich ableiten, weshalb er den Nachteil einer
Beweislosigkeit tragen muss. Kann das Vorliegen eines solchen Grundes nicht
bewiesen werden, bedeutet dies folglich, dass weiterhin ein unveränderter
Leistungsanspruch besteht.
3.2 Dasselbe gilt mit Blick auf den Rechtsanwendungsvorgang: Die Rechtsanwendung
setzt eine Subsumtion eines mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wahrscheinlichkeit belegten Sachverhaltes unter den gesetzlichen Tatbestand voraus.
Liegt hinsichtlich eines Sachverhaltselementes eine Beweislosigkeit vor, ist keine
vollständige Subsumtion möglich, was nur bedeuten kann, dass die gesetzlich für den
Fall, dass sämtliche Tatbestandselemente gegeben sind, vorgesehene Rechtsfolge
nicht eintreten kann. In einem Verfahren betreffend die erstmalige Rentenzusprache
heisst dies, dass das Rentenbegehren abgewiesen werden muss. In einem Verfahren
betreffend eine nachträgliche Korrektur einer formell rechtskräftig zugesprochenen
Rente muss es bei der verbindlich zugesprochenen Leistung bleiben, weil keine
Korrektur möglich ist, solange nicht sämtliche Voraussetzungen bewiesenermassen
erfüllt sind. Aus der Sicht des Rechtssyllogismus kann es dabei keine Rolle spielen, ob
es sich um eine Korrektur zu Gunsten oder zu Ungunsten des Rentenbezügers handelt.
Solange keine vollständige Subsumtion möglich ist, bleibt es bei der verfügten Rente.
Auch die Art der Korrektur – Revision, Wiedererwägung, prozessuale Revision – kann
dabei keine Rolle spielen. Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin würde sich
deshalb vorliegend eine Beweislosigkeit hinsichtlich der Frage, ob der
Beschwerdeführer tatsächlich (noch) an einer Gesundheitsbeeinträchtigung leidet oder
ob er eine solche nur vortäuscht, aufgrund der formell rechtskräftigen Rentenzusprache
zu Gunsten des Beschwerdeführers auswirken.
4.
4.1 Aus den Akten geht hervor, dass der Beschwerdeführer am Morgen des 16.
November 2011 von einem Schadeninspektor der Versicherung Z._ befragt worden
ist. Der behandelnde Psychiater Dr. D._ hat berichtet, dass der Beschwerdeführer ihn
anschliessend angerufen und um einen Termin gebeten habe. Er sei völlig ausser sich
gewesen. Bei der Konsultation zwei Tage später sei er immer noch ausserordentlich
erregt gewesen. Ein Video des von der Beschwerdegegnerin beauftragten verdeckten
Ermittlers zeigt allerdings, wie der Beschwerdeführer am Nachmittag des 16.
November 2011 äusserlich betrachtet völlig ruhig zusammen mit seiner Ehefrau durch
die Stadt geschlendert ist. Ein zweites Video zeigt, dass sich der Beschwerdeführer
alleine durch die Stadt bewegt hat. In einer Sequenz unterhält er sich äusserlich
betrachtet normal mit einem Passanten. Dr. D._ hat in seiner Stellungnahme zum
entsprechenden Observationsbericht angegeben, dieses Gespräch müsse unmittelbar
vor einer Konsultation bei ihm stattgefunden haben. Bei dieser Konsultation habe sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Beschwerdeführer völlig anders, nämlich gewohnt starr und leidend präsentiert.
Diese Ausführungen von Dr. D._ zu den beiden Observationsvideos respektive zu
den Berichten der beiden verdeckten Observationen sind geeignet, bei einem
medizinischen Laien Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Angaben des
Beschwerdeführers zu wecken, denn aus der Sicht eines medizinischen Laien ist nicht
vorstellbar, dass der rasche Wechsel zwischen einem „normalen“ und einem auffallend
anormalen Zustand auf eine Gesundheitsbeeinträchtigung zurückzuführen sein könnte.
Die einzige Erklärung für diese raschen Zustandswechsel scheint eine Simulation, das
heisst ein Vortäuschen von nicht vorhandenen Beschwerden zu sein. Der behandelnde
Psychiater Dr. D._ hat aus fachärztlicher Sicht dieselbe Auffassung vertreten.
Zunächst hatte er zwar nur geltend gemacht, dass sich das Verhalten des
Beschwerdeführers (am Nachmittag des 16. November 2011) nicht mit einer
schwergradigen Depression vereinbaren lasse, dass das Vorliegen einer leicht- bis
mittelgradigen Depression aber nicht ausgeschlossen sei. Nach der zweiten
Observation hat Dr. D._ dann aber die Auffassung vertreten, der Beschwerdeführer
könne an gar keiner psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung leiden, die sich auf
seine Arbeitsfähigkeit auswirke. Diese weiter gehende Schlussfolgerung hat er
allerdings nicht überzeugend begründen können, denn diese hat nur auf der Tatsache
beruht, dass der Beschwerdeführer sich auch alleine in der Stadt fortbewegt hatte. Aus
der Sicht eines medizinischen Laien ist nicht nachvollziehbar, weshalb das äusserlich
betrachtet selbe „normale“ Verhalten abhängig davon, ob der Beschwerdeführer von
seiner Ehefrau begleitet worden ist, einmal nur das Vorliegen einer schwergradigen
Depression und einmal das Vorliegen selbst einer leichtgradigen Depression
widerlegen sollte.
4.2 Psychiater Dr. G._ hat darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse der Observation
das Vorliegen einer leicht- bis mittelgradigen depressiven Störung (und einer
posttraumatischen Belastungsstörung) nicht ausschlössen. Diese Auffassung hat er
nachvollziehbar und grundsätzlich überzeugend begründet. Von einer fehlenden
sachlichen Distanz seiner Ausführungen kann nicht die Rede sein. Allerdings hat er
nicht erklärt, worauf die raschen Zustandswechsel des Beschwerdeführers
zurückzuführen seien. Seine Ausführungen sind deshalb nicht geeignet, die Zweifel an
der Glaubwürdigkeit der Angaben des Beschwerdeführers auszuräumen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3 Der Sachverständige Dr. I._ hat in seinem Teilgutachten nicht explizit Stellung zu
den von Dr. D._ erwähnten auffälligen Diskrepanzen bezüglich des Verhaltens des
Beschwerdeführers während und ausserhalb der Konsultationen genommen. Die
Beschwerdegegnerin hatte es allerdings auch versäumt, ihn um eine solche spezifische
Stellungnahme zu ersuchen. Jedoch hat er darauf hingewiesen, dass das Verhalten des
Beschwerdeführers während der Untersuchung auffällig, theatralisch und bizarr
gewesen sei. Das Verhalten des Beschwerdeführers hat auf ihn also nicht überzeugend
gewirkt. Die Diskrepanz zwischen dem Verhalten und den objektiven Befunden hat Dr.
I._ allerdings nicht auf eine Aggravation oder auf eine Simulation, sondern auf eine
konversionsneurotische Störung zurückgeführt (vgl. IV-act. 97–56). In seiner
Stellungnahme zuhanden des Versicherungsgerichtes hat Dr. I._ sich ausführlicher
mit den von Dr. D._ beschriebenen Diskrepanzen auseinander gesetzt. Er hat
dargelegt, dass diese Diskrepanzen nicht zwingend auf eine Aggravation oder auf eine
Simulation zurückzuführen seien, sondern auch einer neurotischen Störung
entsprechen könnten. Dr. D._ habe sich mit dieser möglichen alternativen Erklärung
nicht auseinander gesetzt und deshalb vorschnell auf eine Simulation geschlossen.
Aufgrund der von ihm während der Untersuchung des Beschwerdeführers gewonnenen
Erkenntnisse gehe er (Dr. I._) davon aus, dass der zweite Erklärungsansatz
(neurotische Störung) zutreffender sei, der Beschwerdeführer also nicht aggraviere
oder simuliere. Bei diesen Ausführungen handelt es sich entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin nicht um eine „Umdeutung“ zugunsten des „Patienten“ von Dr.
I._, denn erstens ist der Beschwerdeführer nie der Patient von Dr. I._ gewesen,
sondern vielmehr von diesem – im Auftrag der Beschwerdegegnerin – begutachtet
worden, und zweitens decken sich die Ausführungen in der Stellungnahme zuhanden
des Versicherungsgerichtes mit den Ausführungen im psychiatrischen Teilgutachten.
Zwar scheint es trotz der nachvollziehbaren und überzeugenden Ausführungen von Dr.
I._ aus der Sicht eines medizinischen Laien schwer vorstellbar, dass die
Verhaltensänderungen des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit
Untersuchungssituationen eine bewusstseinsferne Ursache haben sollen. Bei der Frage
nach den Ursachen der Verhaltensänderungen handelt es sich aber um eine
medizinische Frage, die entsprechend von einem Facharzt zu beantworten ist. Es
verbietet sich deshalb, auf die allgemeine Lebenserfahrung eines medizinischen Laien
abzustellen. Vielmehr muss eine fachärztliche Stellungnahme massgebend sein. Von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den im Recht liegenden psychiatrischen Stellungnahmen vermag jene von Dr. I._ aus
den oben angeführten Gründen als einzige vollständig zu überzeugen. Deshalb ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
seine Gesundheitsbeeinträchtigung nicht vortäuscht und dass er bereits bei der
ursprünglichen Rentenzusprache tatsächlich praktisch vollständig arbeitsunfähig
gewesen und nach wie vor unverändert arbeitsunfähig ist.
4.4 Da eine wiedererwägungsweise Aufhebung einer formell rechtskräftigen
Rentenverfügung gemäss dem Art. 53 Abs. 2 ATSG eine zweifellose Unrichtigkeit
dieser Verfügung voraussetzt und da sich die ursprüngliche Rentenverfügung
vorliegend nicht als zweifellos unrichtig, sondern vielmehr als überwiegend
wahrscheinlich richtig erweist, kommt eine Wiedererwägung nicht in Frage. Angesichts
des Umstandes, dass sowohl die Sachverständigen der MEDAS Interlaken GmbH als
auch die behandelnden Ärzte übereinstimmend eine relevante Veränderung des
Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers seit der Rentenzusprache verneint
haben, müsste auch eine revisionsweise Modifikation der Rentenverfügung (Art. 17
Abs. 1 ATSG) als rechtswidrig qualifiziert werden. Im Ergebnis hat der
Beschwerdeführer also nach wie vor einen Anspruch auf die am 4. Juli 2002
zugesprochene ganze Rente.
5.
Die angefochtene Verfügung ist deshalb in Gutheissung der Beschwerde ersatzlos
aufzuheben. Die unterliegende Beschwerdegegnerin hat die Gerichtskosten zu
bezahlen, die aufgrund des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken
festgesetzt werden. Zudem hat die Beschwerdegegnerin die Kosten für die Rückfrage
bei Dr. I._ von 728.10 Franken zu tragen (vgl. act. G 31). Der anwaltlich vertretene,
obsiegende Beschwerdeführer hat einen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Der
Vertretungsaufwand ist trotz des durch die Rückfrage bei Dr. I._ erweiterten
Schriftenwechsels als durchschnittlich zu bezeichnen, weil die Aktenlage übersichtlich
respektive als für eine invalidenversicherungsrechtliche Streitigkeit
unterdurchschnittlich umfangreich zu qualifizieren ist. Die Parteientschädigung ist
deshalb auf 3’500 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
festzusetzen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte