Decision ID: 80309d1a-e2ee-453c-b6c7-80b7a37902f1
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 1. März 2005 wegen einer seit 1998 zunehmenden
Fibromyalgie zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung (IV) an (IV-act. 1;
zum Krankheitsbild siehe den Bericht des behandelnden Dr. med. B._, Arzt für
Allgemeinmedizin, vom 6./18. April 2005, IV-act. 12-1 ff.). Mit zwei Verfügungen vom
19. April 2006 wurde einerseits die Arbeitsvermittlung für erfolgreich abgeschlossen
erklärt, da die Versicherte eine neue Anstellung habe antreten können (IV-act. 28), und
andererseits das Rentengesuch bei einem von der IV-Stelle ermittelten 24%igen
Invaliditätsgrad abgewiesen (IV-act. 27). Die beiden Verfügungen erwuchsen in
Rechtskraft.
A.a.
Am 23. März 2016 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug bei
der IV-Stelle an. Zur Begründung für die Anmeldung gab sie an, seit ca. Januar 2015 an
einem chronischen Schmerzsyndrom zu leiden (IV-act. 29). Der behandelnde Dr. med.
C._, Praktischer Arzt, berichtete am 10. April 2016, die Versicherte leide schon seit
vielen Jahren an intermittierenden Wirbelsäulenschmerzen, betont im HWS-Bereich.
Seit September 2015 sei es es zu einer Exazerbation von massiven Beschwerden
gekommen, welche sich dadurch geäussert habe, dass jegliche Bewegungen im Kopf
Schmerzen als Folge hätten auftreten lassen. Das habe zu einer 100%
Arbeitsunfähigkeit geführt. Die weitere Abklärung habe eine breitbasige, rechts
paramedian betonte Diskushernie C5/C6, mit ausgeprägter muskulärer Begleitreaktion
(muskuläre Dystonien, -Dysbalance und lokaler -insuffizienz) der HWS, als auch der
BWS und LWS gezeigt (IV-act. 34). Die RAD-Ärztin Dr. med. E._, Fachärztin für
Allgemeine Medizin, vertrat in der Stellungnahme vom 25. April 2016 den Standpunkt,
A.b.
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dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten seit der Verfügung vom 19. April
2006 nicht verändert habe. In den bildgebenden Verfahren sei zwar eine Diskushernie
C5/6 diagnostiziert worden, jedoch ohne Kontakt zur Nervenwurzel. Neurologische
Abklärungen hätten keine Ausfallsymptomatik ergeben. Die neu festgestellte
Diskushernie habe daher keine langandauernde Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 44).
Im Auftrag des Krankentaggeldversicherers nahm die Versicherte am 23. Mai 2016
an einer interdisziplinären arbeitsspezifischen Abklärung in der Klinik für
rheumatologische und internistische Rehabilitation, Kliniken Z._, teil. Anlässlich der
Abklärung wurden folgende Diagnosen erhoben: ein chronisches zervikobrachiales
Syndrom rechts; ein Thorakolumbovertebralsyndrom; eine Periarthropathia coxae links;
eine Chondropathie am rechten Knie und eine Epicondylopathia humeri radialis
beidseits. Es bestehe aktuell eine verminderte Belastbarkeit des Nackens und des
Schultergürtels beidseits. Aufgrund der begleitenden vegetativen Phänomene zeige
sich auch eine leichte Schwellung des rechten Arms und der rechten Hand, welche die
Belastbarkeit und die Feinmotorik zusätzlich einschränke. In der ergonomischen
Abklärung habe die beobachtete körperliche Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit einer
leichten bis mittelschweren Tätigkeit entsprochen. Rein medizinisch-theoretisch sei
eine solche Belastung in einer leidensangepassten Tätigkeit ganztags möglich mit
zusätzlichen Pausen von insgesamt zwei Stunden pro Tag. Für die zuletzt ausgeübte
Montagetätigkeit sei noch keine Arbeitsfähigkeit ausgewiesen (Abklärungsbericht vom
1. Juni 2016; fremd-act. 2-34 ff.).
A.c.
Mit Vorbescheid vom 30. Mai 2016 zeigte die IV-Stelle der Versicherten an, dass
auf ihr neues Leistungsgesuch mangels glaubhaft gemachter Veränderung der
tatsächlichen Verhältnisse nicht eingetreten werde (IV-act. 47). Dagegen erhob die
Versicherte am 6. Juni 2016 Einwand und brachte darin vor, Dr. C._ könne eine
wesentliche Verschlechterung des Gesundheitszustands bestätigen (IV-act. 48). Die
RAD-Ärztin Dr. E._ bejahte in der Stellungnahme vom 5. September 2016 eine
gesundheitliche Verschlechterung. Für die angestammte körperlich mittelschwere
Montagetätigkeit bestehe keine Arbeitsfähigkeit mehr. Gestützt auf die Beurteilung der
medizinischen Fachpersonen der Kliniken Z._ sei davon auszugehen, dass die
Versicherte bezogen auf leidensangepasste Tätigkeiten über eine 100%ige
A.d.
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Arbeitsfähigkeit verfüge (IV-act. 53; siehe auch die RAD-Stellungnahme vom
11. August 2016, IV-act. 51).
Im Austrittsbericht der Kliniken Z._ vom 19. September 2016, wo sich die
Versicherte vom 8. August bis 3. September 2016 zur stationären Behandlung
befunden hatte, wurde der Versicherten eine 75%ige Arbeitsfähigkeit bezogen auf
leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigt (IV-act. 93-22 ff.).
A.e.
Nach neuerlich durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Vorbescheid vom
7. Oktober 2016, IV-act. 57) verfügte die IV-Stelle am 25. November 2016 die
Abweisung der Gesuche um berufliche Massnahmen und um Rentenleistungen (IV-
act. 60). Dagegen erhob die Versicherte am 10. Januar 2017 Beschwerde (IV-act. 65),
die das Versicherungsgericht mit Entscheid vom 18. Oktober 2017, IV 2017/15,
guthiess. Es hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur ergänzenden
Abklärung sowie zu neuer Verfügung an die IV-Stelle zurück (IV-act. 78).
A.f.
Die Versicherte teilte der IV-Stelle am 13. November 2017 mit, in Absprache mit
ihrer Ärztin werde sie eine Arbeitsstelle mit einem 100%igen Pensum antreten. Deshalb
erachte sie es als sinnvoll, dass zurzeit noch mit der Begutachtung zugewartet werde,
um zu schauen, ob sie im ersten Arbeitsmarkt reüssieren werde (IV-act. 80). Auf
Nachfrage der IV-Stelle berichtete der Rechtsvertreter der Versicherten, diese sei bis
Dezember 2017 erwerbstätig gewesen. Da nicht genügend Arbeit vorhanden gewesen
sei, sei die Anstellung wieder beendet worden. Die Versicherte sei momentan auf dem
RAV gemeldet und suche eine Stelle mit einem 100%igen Beschäftigungsgrad. Sie sei
100% arbeitsfähig und wünsche keine Begutachtung (Telefongespräch vom 23. Januar
2018, IV-act. 82). Daraufhin teilte die IV-Stelle der Versicherten am 19. Februar 2018
mit, das Gesuch um berufliche Massnahmen werde abgewiesen (IV-act. 84). Am
13. März 2018 liess die Versicherte einen verschlechterten Gesundheitszustand
melden. Es sei nun doch angezeigt, das vom Gericht als notwendig erachtete
Gutachten in Auftrag zu geben (IV-act. 85). In der Folge widerrief die IV-Stelle die
Mitteilung vom 19. Februar 2018 (Mitteilung vom 23. März 2018, IV-act. 87).
A.g.
Die seit 21. November 2016 am Psychosomatischen Zentrum Y._ Klinik X._
behandelnden medizinischen Fachpersonen gaben im Bericht vom 9. Mai 2018 an, die
A.h.
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Versicherte sei vom 30. Januar bis 10. März 2017 tagesklinisch behandelt worden. Sie
leide an einer mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10:
F32.11) und an einer generalisierten Angststörung (ICD-10: F41.1). Sie bescheinigten
ihr eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 97).
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte am 17. Oktober, 22. Oktober und
12. Dezember 2018 sowie am 8. Januar 2019 in der estimed AG, MEDAS Zug,
polydisziplinär (allgemeininternistisch, rheumatologisch, psychiatrisch und
neuropsychologisch) begutachtet. Die Experten erhoben folgende Diagnosen, denen
sie eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit beimassen: eine Panikstörung (episodisch
paroxysmale Angst; ICD-10: F41.0); eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung
(ICD-10: F45.40) und leichte kognitive Leistungsschwankungen bei Gedächtnis- und
Aufmerksamkeitsanforderungen. Betreffend Diskrepanzen bzw. Inkonsistenzen könne
Folgendes festgehalten werden: Ausser den nicht nachweisbaren
Medikamentenspiegeln hätten sich keine Inkonsistenzen ergeben. Aus psychiatrischer
und neuropsychologischer Sicht wurde der Versicherten je eine nicht (teil-)additiv
wirkende 20%ige Arbeitsunfähigkeit sowohl für die angestammte Tätigkeit als
Produktionsmitarbeiterin als auch für eine Verweistätigkeit bescheinigt. Die 20%ige
Arbeitsunfähigkeit gelte ab dem Zeitpunkt der Begutachtung (Gesamtgutachten vom
15. Januar 2019, IV-act. 110). In der Stellungnahme des RAD vom 5./.6. Februar 2019
wurde die Ansicht vertreten, das estimed-Gutachten enthalte viele redaktionelle Fehler.
Leider könne auf das Gutachten wegen vieler Mängel nicht abgestellt werden. Als
einzige Gutachtenteile würden die allgemeininternistische und die neuropsychologische
Beurteilung überzeugen. Das rheumatologisch/orthopädische Gutachten sei äusserst
kurz gefasst. Als relevante Akten würden einige Berichte genannt. Der ausführliche
Bericht der Klinik Z._ und die arbeitsbezogene Abklärung würden nicht erwähnt. Aus
rheumatologisch-orthopädischer Sicht habe keine Diagnose, der eine Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit zukomme, gestellt werden können. Die vielen von den
behandelnden medizinischen Fachpersonen gestellten Diagnosen würden weder
diskutiert noch mit den aktuell erhobenen Befunden kommentiert. Ebenso würden die
daraus resultierenden «AUF-Zeiten» nicht kommentiert. Es werde lediglich festgestellt,
dass aktuell keine Arbeitsunfähigkeit aus rheumatologischer Sicht vorliege. Die
ausführliche Abklärung der Klinik Z._ und deren Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
A.i.
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fliesse nicht in die Beurteilung mit ein und werde nicht diskutiert. Demzufolge werde
auch die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit aus rheumatologischer Sicht nicht
berücksichtigt. Da diese Berichte nicht in die Beurteilung miteinfliessen würden, sei
letztlich auch die Stellungnahme zum Verlauf der Arbeitsunfähigkeit seit Beginn der
langandauernden Arbeitsunfähigkeit nicht möglich. Die Konsensbeurteilung sei
mangelhaft. Insbesondere fehle eine ausführliche Auseinandersetzung mit den
Beurteilungen der behandelnden medizinischen Fachpersonen und der von ihnen
bescheinigten «AUF-Zeiten» (IV-act. 113). Die IV-Stelle konfrontierte die Gutachter der
estimed AG mit der Kritik des RAD und ersuchte sie um Beantwortung verschiedener
Rückfragen (Schreiben vom 7. Februar 2019, IV-act. 111). Hierzu nahmen der
orthopädisch-rheumatologische und der psychiatrische Gutachter sowie der ärztliche
Leiter der estimed AG am 25. März 2019 Stellung. Darin führten sie aus, «es mögen
phasenweise Beschwerden bestanden haben, die den Anschein von orthopädischen
Diagnosen bewirkten. Die jeweils behandelnden Ärzte mussten dann im Rahmen ihrer
Fürsorgepflicht Arbeitsunfähigkeiten bescheinigen». Objektiv könne aufgrund des
orthopädisch-rheumatologischen Teilgutachtens jedoch keine rentenrelevante
Diagnose bzw. Erkrankung auf orthopädisch-rheumatologischem Gebiet gestellt
werden. Und laut Aktenlage habe eine solche im Nachhinein gesehen auch nicht
vorgelegen. Der Arbeitsunfähigkeitsverlauf sei im psychiatrischen Teilgutachten
ausführlich dargestellt worden. Es könne «nur nochmal darauf verwiesen werden, dass,
wie dem psychiatrisch Versierten bekannt sein sollte, psychiatrischerseits häufig,
insbesondere retrospektive keine genaue Determinierung der Arbeitsfähigkeit
respektive der Arbeitsunfähigkeit möglich ist, so dass keine weiteren Angaben als im
Teilgutachten ausgeführt weiter gemacht werden können». Im polydisziplinären
Gutachten sei genau dargelegt worden, «wann man eine detaillierte Arbeitsunfähigkeit
retrospektiv nicht mehr beurteilen kann und man deshalb die früheren Bemessungen
übernehmen muss». An dieser in der Konsensbeurteilung festgehaltenen «Bemessung»
gelte es festzuhalten (IV-act. 112). Hierzu führte die RAD-Ärztin Dr. E._ aus, die
Antworten der Gutachter seien sehr knapp gehalten und aus der Sicht des RAD
«unbefriedigend». Die medizinischen Abklärungsmöglichkeiten hätten sich jedoch
erschöpft. Sowohl für die angestammte Tätigkeit als auch für eine Verweistätigkeit
würden folgende Arbeitsunfähigkeiten gelten: 100% Arbeitsunfähigkeit vom
28. September 2015 bis 7. Januar 2016; 50%ige Arbeitsunfähigkeit vom 11. Januar bis
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28. Februar 2016; 100%ige Arbeitsunfähigkeit vom 28. Februar 2016 bis 17. November
2017; 100%ige Arbeitsunfähigkeit vom 13. März bis 30. September 2018. Ab
15. Januar 2019 20%ige Arbeitsunfähigkeit wegen vermehrten Pausenbedarfs
(Stellungnahme vom 4. März 2019, IV-act. 113).
Auf Nachfrage der IV-Stelle teilte ihr der Rechtsvertreter der Versicherten mit, diese
stehe seit Oktober 2018 in einem Arbeitsverhältnis mit einem 100%igen
Beschäftigungsgrad. Der Verlauf sei gut (Telefonnotiz vom 25. April 2019, IV-
act. 118-3). Die IV-Stelle ordnete daraufhin in der Mitteilung vom 3. Mai 2019 an, das
Gesuch um berufliche Massnahmen werde abgewiesen (IV-act. 120).
A.j.
Mit Vorbescheid vom 10. Juli 2019 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 122). Dagegen erhob die
Versicherte am 10. September 2019 Einwand. Sie beantragte die Zusprache einer
Invalidenrente befristet für die Dauer von September 2016 bis Oktober 2017. Der RAD
erachte das Gutachten der estimed AG für wenig plausibel, gehe aber doch auch von
einer Arbeitsunfähigkeit bis Ende Oktober 2017 aus. Es stünden zwei verschiedene
Möglichkeiten zur Verfügung: Entweder sei die beantragte befristete Invalidenrente
auszurichten oder eine neue polydisziplinäre Begutachtung anzuordnen (IV-act. 126).
Mit Verfügung vom 27. September 2019 wies die IV-Stelle das Rentengesuch der
Versicherten ab. Sie machte geltend, es habe von Anfang an von einer guten Prognose
ausgegangen werden können. Die Versicherte habe im Oktober 2017 bereits eine
Arbeitsstelle angetreten. Die Arbeitsunfähigkeit sei somit nicht als längerdauernd und
anhaltend ausgewiesen. Ebenfalls werde im Gutachten festgehalten, dass die
Medikamentenspiegel der Psychopharmaka deutlich unterhalb des therapeutischen
Bereichs gelegen hätten. Dies spreche gegen eine regelmässige Einnahme der
verordneten Medikation. Rheumatologisch-orthopädische Diagnosen, die eine
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit begründen würden, lägen nicht vor. Die
psychiatrischen Diagnosen stünden im Vordergrund. Aufgrund dessen sei mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Versicherte nicht das
Nötige dazu beigetragen habe, ihren Gesundheitszustand zu verbessern (IV-act. 128).
A.k.
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B.

Erwägungen
1.
Gegen die Verfügung vom 27. September 2019 erhob die Beschwerdeführerin am
30. Oktober 2019 Beschwerde. Sie beantragte darin deren Aufhebung und die
Zusprache einer befristeten Invalidenrente von September 2016 bis Oktober 2017.
Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Streitsache zu
weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; alles unter Kosten-
und Entschädigungsfolge. Im Wesentlichen brachte sie zur Begründung vor, es sei zur
Beurteilung des befristeten Rentenanspruchs auf die vom RAD übernommene
gutachterliche retrospektive Arbeitsfähigkeitsschätzung abzustellen (act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte in der Beschwerdeantwort vom 3. Februar
2020 die Abweisung der Beschwerde. Bezüglich der retrospektiven
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung führte sie das Folgende aus: «Die Gutachter machten
deutlich, dass der AUF-Verlauf ausführlich dargestellt worden sei und dass retrospektiv
keine genaue Determinierung der Arbeitsfähigkeit bzw. der Arbeitsunfähigkeit möglich
sei». Im Übrigen sei auf den Austrittsbericht der Kliniken Z._ vom 19. September
2016 zu verweisen, worin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für die Dauer des
Spitalaufenthalts vom 8. August bis 3. September 2016 und weiterhin bis
einschliesslich 4. September 2016 bescheinigt worden sei. Anschliessend sei der
Beschwerdeführerin eine 75%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
bescheinigt worden. Weitere medizinische Abklärungen seien nicht angezeigt (act.
G 4).
B.b.
In der Replik vom 10. März 2020 hielt die Beschwerdeführerin unverändert an der
Beschwerde fest. Sie führte aus, das Versicherungsgericht habe bereits im Entscheid
vom 18. Oktober 2017, IV 2017/15, entschieden, dass der Austrittsbericht der Kliniken
Z._ vom 19. September 2016 nicht beweiskräftig sei (act. G 6).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete stillschweigend auf eine Duplik (act. G 8).B.d.
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Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
der Beschwerdeführerin.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG). Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach
Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG (Art. 29 Abs. 1
erster Satzteil ATSG).
1.1.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
1.4.
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2.
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
Zwischen den Parteien ist zu Recht unbestritten, dass gestützt auf die
gutachterliche Beurteilung von einer 80%igen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
ab dem Zeitpunkt der (psychiatrischen) Begutachtung (17. Oktober 2018, IV-act. 110-5)
auszugehen ist (IV-act. 110-12; vgl. auch die RAD-Stellungnahme vom 4. März 2019,
IV-act. 113-7).
2.1.
Bezüglich der retrospektiven Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ist zu beachten, dass
ein Rentenanspruch der Beschwerdeführerin gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG frühestens am
1. September 2016 entsteht (zur Wiederanmeldung vom 23. März 2016 siehe IV-
act. 29). Die Gutachter gelangten zum Schluss, dass für die retrospektive Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit auf die in den Vorakten dokumentierten Arbeitsunfähigkeiten
abzustellen sei (IV-act. 110-12 und IV-act. 112-3). Aus den Taggeldleistungen der
Krankenversicherung geht hervor, dass die Beschwerdeführerin seit Ende September
2015 bis 27. September 2017 ununterbrochen zwischen 50 bis 100% arbeitsunfähig
geschrieben war (fremd-act. 2-45 ff.). Die seit 21. November 2016 behandelnden
medizinischen Fachpersonen der Klinik X:_ bescheinigten der Beschwerdeführerin im
ausführlich begründeten Bericht vom 27. März 2017 für die Zeit ab 1. Januar 2017 eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit. Sie hielten eine Steigerung auf eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit ab Juni 2017 für möglich (fremd-act. 2-3). Aus dem Bericht vom 8. Mai
2018 geht hervor, dass die Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf 50% im September
2017 erreicht wurde (IV-act. 97). Damit ist die gutachterliche retrospektive Feststellung
der Arbeitsfähigkeit vereinbar (siehe IV-act. 110-12) und nur insoweit zu präzisieren, als
dass für den Monat September 2017 nicht mehr von einer 100%igen, sondern von
einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen ist. Die RAD-Ärztin Dr. E._ schloss
sich dieser Beurteilung grundsätzlich ebenfalls an (IV-act. 113-7). Allerdings ist mit
Blick auf den Zeitpunkt der psychiatrischen Begutachtung (17. Oktober 2018, IV-
act. 110-5) und der Einschätzung der medizinischen Fachpersonen der Klinik X._
2.2.
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vom 8. Mai 2018 (IV-act. 97) nicht nachvollziehbar, weshalb die RAD-Ärztin bis
17. November 2017 von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit ausgeht.
Der Hinweis der Beschwerdegegnerin auf den Bericht der Kliniken Z._ vom
19. September 2016 (act. G 4, Ziff. II, Rz 5) lässt keine Zweifel an der sich auf die
Voraktenlage stützenden retrospektiven gutachterlichen Beurteilung entstehen, zumal
er keine fachpsychiatrische Beurteilung des Gesundheitsschadens und der
Arbeitsfähigkeit enthält (IV-act. 93-22 ff.). Die Beschwerdegegnerin legte weder dar
noch ist ersichtlich, dass dieser Bericht relevante objektive Gesichtspunkte enthält,
welche die estimed-Gutachter ausser Acht gelassen hätten.
2.3.
Unklar bleibt, was die Beschwerdegegnerin mit ihrem Hinweis auf die tiefen
Medikamentenspiegel zuungunsten der Beweiskraft des estimed-Gutachtens ableiten
möchte (IV-act. 128-2), berücksichtigte doch der psychiatrische Gutachter diesen
Umstand ausdrücklich und gelangte - im Rahmen einer umfassenden Ressourcen- und
Konsistenzprüfung - trotzdem zum Schluss, dass psychische Krankheiten vorliegen,
die eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit bewirken, und dass zur retrospektiven
Beurteilung dieser Beeinträchtigung vollumfänglich auf die in den Vorakten
bescheinigten Arbeitsunfähigkeiten abzustellen ist (siehe etwa IV-act. 110-9 ff., IV-
act. 110-113 unten, IV-act. 110-117 ff. und IV-act. 112-3). Allein schon deshalb ist eine
allenfalls reduzierte Compliance bei der Medikamenteneinnahme für sich allein nicht
geeignet, ein krankheitswertiges psychisches Leiden zu verneinen. Anzufügen bleibt,
dass die Beschwerdeführerin seit 21. November 2016 regelmässig in
psychotherapeutischer Behandlung stand (IV-act. 97 und fremd-act. 2-2), was auf
einen erheblichen Leidensdruck schliessen lässt. Der psychiatrische Gutachter empfahl
denn auch, die bestehenden psychiatrisch-psychotherapeutischen Massnahmen
fortzuführen (IV-act. 110-122). Soweit die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen
Verfügung ins Feld führte, die Beschwerdeführerin habe «nicht das Nötige dazu
beigetragen», ihren Gesundheitszustand zu verbessern (IV-act. 128-2), ist darauf
hinzuweisen, dass eine Leistungsverweigerung oder -kürzung wegen Verletzung der
Schadenminderungspflicht grundsätzlich ein Mahn- und Bedenkzeitverfahren
voraussetzt (Art. 21 Abs. 4 ATSG und Art. 7b Abs. 1 IVG). Vorliegend legte die
Beschwerdegegnerin weder dar noch ist erkennbar, dass eine Sanktion einer allfälligen
Schadenminderungspflichtverletzung ohne die vorgängige Durchführung eines Mahn-
und Bedenkzeitverfahrens zulässig wäre. Insbesondere ist keiner der Tatbestände von
Art. 7b Abs. 2 IVG erfüllt, was ein Absehen vom vorgängig durchzuführenden Mahn-
und Bedenkzeitverfahren zuliesse.
2.4.
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3.
Entgegen der nicht näher begründeten Sichtweise der Beschwerdegegnerin (IV-
act. 128-2) erfüllte die Beschwerdeführerin bereits im September 2016 das Wartejahr
im Sinn von Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG, ist doch eine Schmerzexazerbation mit attestierter
Arbeitsunfähigkeit ab September 2015 aktenkundig (IV-act. 34) und im darauffolgenden
Jahr in der angestammten Tätigkeit von einer erheblichen weiteren Arbeitsunfähigkeit
auszugehen (vgl. fremd-act. 2-36, die RAD-Stellungnahme vom 4. März 2019, IV-act.
113-7; und vorstehende E. 2.2). Damit ist eine für den Rentenanspruch massgebliche,
längerdauernde Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen. Da die Wiederanmeldung am
23. März 2016 erfolgte (IV-act. 29), entsteht ein Rentenanspruch am 1. September
2016. Wie bereits ausgeführt (siehe vorstehende E. 2.2) ist bis August 2017 von einer
vollständigen Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Ab September 2017 ist von einer
Verbesserung des Gesundheitszustands und der Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-
act. 92), die gemäss Art. 88a Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung
(IVV; SR 831.201) erst zu berücksichtigen ist, nachdem sie ohne wesentliche
Unterbrechung drei Monate gedauert hat und voraussichtlich weiterhin andauern wird.
Die Beschwerdeführerin hat damit ab 1. September 2016 bis 30. November 2017
Anspruch auf eine ganze Rente.
2.5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen und die angefochtene
Verfügung vom 27. September 2019 aufzuheben. Der Beschwerdeführerin ist mit
Wirkung ab 1. September 2016 bis 30. November 2017 eine ganze Rente
zuzusprechen. Zur Festsetzung und Ausrichtung der Rentenleistung ist die Sache an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat ausgangsgemäss die gesamte
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der von der Beschwerdeführerin geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihr zurückzuerstatten.
3.2.
bis
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
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