Decision ID: ce174557-1a39-4926-a934-658cb549bc0c
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 06.06.2017 Art. 57a Abs. 1 IVG, Art. 42 ATSG, Art. 23 Abs. 1 IVG. Vor dem Erlass einer Taggeldverfügung ist dem Versicherten in geeigneter Form das rechtliche Gehör zu gewähren. Um die Höhe des IV-Taggeldes bestimmen zu können, muss mit überwiegender Wahrscheinlichkeit feststehen, wann die Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers eingetreten ist (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 6. Juni 2017, IV 2014/451). Entscheid vom 6. Juni 2017 Besetzung Präsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-Studerus; Gerichtsschreiberin Annemarie Haase Geschäftsnr. IV 2014/451 Parteien A._, Beschwerdeführer, gegen IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand Taggeld Sachverhalt
Entscheid Versicherungsgericht, 06.06.2017
A.
A.a A._ füllte am 28. Mai 2013 das Meldeformular zur Früherfassung aus. In diesem
gab er an, zuletzt zu 100% als Produktmanager bei der B._ SA gearbeitet zu haben,
bevor im Januar 2002 seine 50-70%ige Arbeitsunfähigkeit eingesetzt habe. Er sei seit
2000 drei Mal in stationärer Behandlung gewesen (IV-act. 1). Seiner Anmeldung legte er
ein Schreiben von Dr. C._, Assistenzarzt des Psychiatrie-Zentrums D._, bei,
gemäss welchem er vom 28. Mai bis 28. Juni 2013 zu 50% arbeitsunfähig war (IV-act.
2). Nach einem am 1. Juli 2013 durchgeführten Frühinterventionsgespräch wurde der
Versicherte am 2. Juli 2013 dazu aufgefordert, sich bei der IV anzumelden (IV-act. 4).
A.b Daraufhin meldete sich der Versicherte am 4. Juli 2013 zum Bezug von Leistungen
der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen (nachfolgend IV-
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Stelle) an. Im entsprechenden Formular hielt er fest, er sei jeweils von Dezember bis
März mit einem Pensum von 20% als Skilehrer tätig. Ausserdem sei er vom 23. Januar
bis 28. Januar 2012 als Chauffeur bei der E._ GmbH zu einem Bruttolohn von Fr.
4'556.-- tätig gewesen (IV-act. 5). Dem Anmeldeformular lag ein Schreiben von Dr.
med. F._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 27. August 2011 bei, gemäss
welchem der Versicherte, der seit Anfang 2004 bei Dr. F._ in Behandlung war, unter
einer nicht-organischen Insomnie (ICD-10 F51.0), rezidivierenden depressiven
Episoden (ICD-10 F33.1), einer Angststörung (am ehesten vom Typ soziale Phobie,
ICD-10 F40.1/8), einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom im Erwachsenenalter (ICD-10
F90) und einem Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F10.24) litt (IV-act. 6).
A.c Am 29. Juli 2013 ging der durch die G._ ausgefüllte Fragebogen für
Arbeitgebende bei der IV-Stelle ein, gemäss welchem der Versicherte saisonal und
teilzeitlich seit 2008/2009 bis 2012/2013 als Skilehrer gearbeitet hatte. In der Saison
2011/2012 hatte er Fr. 1'929.50 und in der Saison 2012/2013 Fr. 1'742.80 verdient.
Gesundheitsprobleme des Versicherten waren nicht bekannt (IV-act. 13).
A.d Im Bericht vom 2. August 2013 gab med. prakt. H._, Oberärztin der Psychiatrie-
Dienste I._, folgende Diagnosen an: Kombinierte Persönlichkeitsstörung (ICD-10
F61), rezidivierende depressive Störung mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1),
psychische und Verhaltensstörung durch Alkoholabhängigkeitssyndrom, derzeit
abstinent (ICD-10 F10.2). Sie hielt fest, dass beim Versicherten seit dessen 20.
Lebensjahr eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen und
narzisstischen Anteilen bestehe. Aufgrund der vom Versicherten geschilderten
Beschwerden sei davon auszugehen, dass dessen Arbeitsfähigkeit seit mehreren
Jahren in einem erheblichen Masse eingeschränkt sei. Als Verkaufs- und
Marketingleiter sei der Versicherte in seiner Arbeitsfähigkeit zu 50% eingeschränkt (IV-
act. 19). Gemäss einem am 14. August 2013 bei der IV-Stelle eingegangenen Bericht
von J._, Psychotherapeutin, vom 24. November 2008 war der Versicherte vom 25.
August bis 14. November 2008 für einen Alkoholentzug und wegen Depressionen
stationär in der Klinik K._ gewesen (IV-act. 23). Aus den am 19. August 2013
eingereichten Berichten des Spitals L._ vom 30. November und 4. Dezember 2000
ging hervor, dass der Versicherte aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit im November
2000 in der Klinik L._ hospitalisiert gewesen war (IV-act. 25).
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A.e Nachdem die IV-Stelle der E._ GmbH einen Fragebogen für Arbeitgebende
zugesandt hatte, erklärte diese am 26. August 2013 telefonisch, dass der Versicherte
nie bei ihr angestellt gewesen sei, sondern lediglich eine Woche als Chauffeur
ausgeholfen habe (IV-act. 24, 26).
A.f Vom 27. Januar bis 17. April 2014 nahm der Versicherte an einem OKP-Kurs bei
der Stiftung für Arbeitsgestaltung in M._ teil (IV-act. 27, 32).
A.g Am 22. Mai 2014 stimmte der Versicherte einer beruflichen Abklärungsmassnahme
vom 2. Juni 2014 bis zum 30. August 2014 bei einem Pensum von zunächst 50% zu
(IV-act. 48). Die IV-Stelle teilte ihm am 6. Juni 2014 unter anderem mit, dass er
während der Dauer der Massnahme ein Taggeld erhalte (IV-act. 50). Mit einer
Verfügung vom 13. Juni 2014 sprach die IV-Stelle dem Versicherten für die vom 2. Juni
bis 31. August 2014 dauernde Abklärung ein Taggeld von Fr. 5.60 zu. Grundlage dieses
Taggeldes bildete ein durchschnittliches Tageseinkommen von Fr. 7.--. Dabei war die
IV-Stelle von einem jährlichen Valideneinkommen des Versicherten als Ski-und
Tennislehrer im Jahr 2012 von Fr. 2'428.-- ausgegangen (IV-act. 51 f.). Diese
Taggeldverfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
A.h Der Eingliederungsverantwortliche berichtete am 30. Juli 2014, die ersten zwei
Monate der beruflichen Abklärung seien zwar erfolgreich verlaufen, doch habe der
Versicherte das Pensum von 50% aus gesundheitlichen Gründen nicht wie geplant
steigern können. Da die Ziele des Eingliederungsplans in den ersten drei Monaten nicht
hätten erreicht werden können, beantrage er, die Abklärung um drei weitere Monate,
also vom 1. September bis 28. November 2014, zu verlängern (IV-act. 57, vgl. auch IV-
act. 53, 56). Daraufhin teilte die IV-Stelle dem Versicherten am 6. August 2014 mit,
dass sie die Kosten für die Verlängerung der beruflichen Abklärung ab dem 31. August
bis 30. November 2014 übernehme (IV-act. 61). Die entsprechende Taggeldverfügung
erging am 5. September 2014. Laut dieser Verfügung hatte der Versicherte vom 1.
September bis 30. November 2014 einen Anspruch auf ein IV-Taggeld von Fr. 5.60 (IV-
act. 64).
B.
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B.a Der Versicherte (nachfolgend Beschwerdeführer) erhob am 23. September 2014
Beschwerde gegen die Taggeldverfügung vom 5. September 2014. Er beantragte
sinngemäss die Aufhebung der Verfügung sowie die Neuberechnung und
Neuverfügung des Taggeldes unter der Berücksichtigung seines letzten Einkommens
vor dem Eintritt seiner Arbeitsunfähigkeit im Jahr 2002 bei der B._ SA. Zur
Begründung führte er sinngemäss aus, seine Nebentätigkeit als Skilehrer im Jahr 2012
sei zu Unrecht als Grundlage für die Berechnung des IV-Taggeldes herangezogen
worden. Diese Tätigkeit habe in keinem Zusammenhang mit dem Ausbruch seiner
Krankheit gestanden. Vielmehr habe er sich unmittelbar nach der Aufgabe seiner
langjährigen Tätigkeit als Produkt- und Gebietsverkaufsleiter, in deren Rahmen er
zuletzt monatlich Fr. 7'500.-- verdient habe, im Jahr 2002 wegen Depressionen und
massiven Schlafstörungen in ärztliche Behandlung begeben. Die letzten zwölf Jahre
habe er seine Krankheit mit dem Verzehr seines Vermögens und mit Gelegenheitsjobs
finanziert; seit vier Jahren unterstütze ihn seine Partnerin mit monatlich Fr. 1'000.-- (act.
G 1).
B.b In ihrer Beschwerdeantwort führte die Beschwerdegegnerin am 5. Februar 2015
aus, sie habe erstmals am 13. Juni 2014 ein Taggeld im Zusammenhang mit der
beruflichen Abklärung verfügt. Diese vom Beschwerdeführer nicht angefochtene und
bereits in Rechtskraft erwachsene Verfügung habe sich auf dieselben Grundlagen wie
die nun angefochtene Verfügung gestützt. Die angefochtene Verfügung vom 5.
September 2014 stelle, da sie aufgrund der Verlängerung der beruflichen Abklärung
erlassen worden sei, lediglich eine Folgeverfügung der Verfügung vom 13. Juni 2014
dar. Dem Beschwerdeführer sei somit bereits zum Erlasszeitpunkt der ursprünglichen
und nicht angefochtenen Taggeldverfügung bekannt gewesen, auf welche Angaben
sich die Beschwerdegegnerin bei der Berechnung des Taggelds gestützt habe. Da im
konkreten Fall kein Arztzeugnis vorliege, welches eine Arbeitsunfähigkeit als Produkt-
und Gebietsverkaufsleiter ab Ende des Arbeitsverhältnisses mit der B._ SA
bestätigen könne, sei zu Recht auf das letzte Einkommen als Skilehrer abgestellt
worden (act. G 11).
B.c Am 16. Februar 2015 bewilligte das Versicherungsgericht die unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von Gerichtskosten) für das vorliegende Beschwerdeverfahren
(act. G 12).
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B.d In seiner Replik vom 16. März 2015 hielt der Beschwerdeführer sinngemäss fest,
seine gesundheitliche Beeinträchtigung sei bereits im Jahr 2000 eingetreten. Damals
habe er sich, weil er den gesteigerten Anforderungen als Produkt- und
Gebietsverkaufsleiter bei der B._ SA nicht mehr gerecht geworden sei, zur
Behandlung in die psychosomatische Abteilung der Klinik L._ in Behandlung
begeben. Trotzdem hätten seine nicht alkoholindizierten Angststörungen und
Sozialphobien zugenommen, woraufhin er sein Arbeitsverhältnis aufgelöst und sich in
psychotherapeutische Behandlung begeben habe. Dies habe Dr. phil. N._,
Psychologin und Psychotherapeutin FSP, denn auch am 8. März 2015 bestätigt (vgl.
act. G 14.1). Das zugesprochene Taggeld sei auch deshalb falsch, weil er im Jahr 2012
nicht nur als Skilehrer, sondern zur selben Zeit auch bei der E._ GmbH als Chauffeur
gearbeitet habe. Die erste Taggeldverfügung habe er nicht angefochten, da er aufgrund
einer Aussage seines Eingliederungsberaters davon ausgegangen sei, dass er für die
berufliche Massnahme überhaupt keine Taggelder erhalten werde. Ausserdem habe er
nicht widerspenstig wirken und stattdessen seinen guten Willen zeigen wollen (act. G
14).
B.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 16).

Erwägungen
1.
Würde man den Art. 57a Abs. 1 Satz 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (SR 831.20; IVG) nur nach seinem Wortlaut interpretieren, würde
jedem Endentscheid über ein Leistungsbegehren, also auch der Verfügung über einen
Taggeldanspruch während einer beruflichen Abklärung, ein Vorbescheid vorausgehen.
Der angefochtenen Verfügung vom 5. September 2014, mit welcher dem
Beschwerdeführer ein Taggeld zugesprochen worden ist, ist jedoch kein Vorbescheid
vorausgegangen. Dies lässt sich durch den - dem Wortlaut des Art. 57a Abs.1 Satz 1
IVG zuwiderlaufenden - Art. 73bis Abs. 1 Verordnung über die Invalidenversicherung
(SR 831.201; IVV) erklären, laut dem sich die Vorbescheidspflicht auf Fragen
beschränkt, die in den Aufgabenbereich der IV-Stellen gemäss Art. 57 Abs. 1 lit. c bis f
IVG fallen. Da Fragen in Bezug auf die Zusprache von Taggeldern in den
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Aufgabenbereich der Ausgleichskassen fallen, geht die Praxis davon aus, dass diese
nicht der Vorbescheidspflicht unterstehen. Im Falle einer Taggeldverfügung ergeht
demnach weder für die von der IV-Stelle festgelegte Dauer der Taggeldberechtigung
noch für die Höhe des Taggeldes ein Vorbescheid. Da auch kein Einspracheverfahren
vorgesehen ist, wird das rechtliche Gehör weder ex ante noch ex post gewährt, womit
sowohl Art. 57a Abs. 1 Satz 2 IVG als auch Art. 42 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (SR 830.1; ATSG) ignoriert werden.
Eine gesetzliche Grundlage für eine solche Missachtung des Anspruchs auf rechtliches
Gehör fehlt, weshalb die IV-Stelle (bzw. die intern zuständige Ausgleichskasse) dem
Versicherten vor Erlass einer Taggeldverfügung in anderer geeigneter Form das
rechtliche Gehör zu gewähren hat (vgl. zum Ganzen: Urteil des Versicherungsgerichts
St. Gallen vom 16. September 2014, IV 2013/302 E. 1). Indem der Beschwerdeführer
bereits am 13. Juni 2014 eine Taggeldverfügung erhalten hat, mit der ihm mit
denselben Berechnungsgrundlagen ein Taggeld von Fr. 5.60 zugesprochen worden ist
(IV-act. 52), hat er gewusst, was ihn bei unveränderter Sachverhaltslage für eine
allfällige 2. Taggeldphase erwarten würde. Damit ist das rechtliche Gehör in Bezug auf
die angefochtene Taggeldverfügung in geeigneter Form gewahrt worden, da das
Beharren auf einer separaten Ankündigung eine überspitzt formalistische Anwendung
des Art. 42 Satz 1 ATSG wäre.
2.
2.1 Eine versicherte Person hat gemäss dem Art. 22 Abs. 1 IVG während der
Durchführung einer Eingliederungsmassnahme im Sinne des Art. 8 Abs. 3 IVG einen
Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie an wenigstens drei aufeinanderfolgenden Tagen
wegen der Massnahme verhindert ist, einer Arbeit nachzugehen, oder wenn sie in ihrer
gewohnten Tätigkeit zu mindestens 50% arbeitsunfähig ist. Zu den
Eingliederungsmassnahmen gehören gemäss dem Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG unter
anderem auch die Massnahmen beruflicher Art, das heisst insbesondere die
Berufsberatung, die erstmalige berufliche Ausbildung und die Umschulung. Die
Grundentschädigung des Taggeldes beträgt 80% des letzten ohne eine
gesundheitliche Einschränkung erzielten Erwerbseinkommens (Art. 23 Abs. 1 IVG). Hat
die versicherte Person vor mehr als zwei Jahren zum letzten Mal eine Erwerbstätigkeit
ohne gesundheitliche Einschränkung ausgeübt, so ist gemäss Art. 21 Abs. 3 IVV auf
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das Erwerbseinkommen abzustellen, das sie durch die gleiche Tätigkeit unmittelbar vor
der Eingliederung erzielt hätte, wenn sie nicht invalid geworden wäre.
2.2 Bei der vom 1. September bis 30. November 2014 dauernden Massnahme hat es
sich um eine berufliche Massnahme im Sinne des Art. 7a IVG gehandelt, die aufgrund
ihrer Dauer gemäss Art. 17 IVV zu einem Taggeldanspruch geführt hat. Die
Beschwerdegegnerin hat demnach den Anspruch des Beschwerdeführers auf
Taggelder für die Zeit der Durchführung der beruflichen Massnahme zu Recht bejaht
(vgl. IV-act. 64). Das Bestehen des Taggeldanspruches an sich ist denn auch nicht
umstritten. Vielmehr hat der Beschwerdeführer die Bemessung der Höhe Taggeldes
beanstandet und geltend gemacht, es sei auf sein letztes Einkommen als Produkt- und
Gebietsverkaufsleiter bei der B._ SA abzustellen (act. G 1). Bevor die Höhe eines
Taggeldes bestimmt werden kann, ist zunächst darauf hinzuweisen, dass einem IV-
Taggeld genau wie beispielsweise einer IV-Rente ein spezifisches
Versicherungsverhältnis zugrunde liegt, welchem eine eigene Definition des
versicherten Gutes innewohnt. Im Falle des IV-Taggeldes ist das versicherte Gut
gemäss Art. 23 Abs. 1 IVG nicht wie etwa bei dem rentenrechtlichen Art. 28 IVG die
Erwerbsfähigkeit der versicherten Person, sondern das Erwerbseinkommen, welches
die versicherte Person zuletzt ohne gesundheitliche Einschränkungen (bzw. ohne die
Verhinderung durch die berufliche Eingliederungsmassnahme) erzielen könnte. Der
versicherungsspezifische Schaden ist dabei der aus der beruflichen Abklärung selbst
oder der aus der Arbeitsunfähigkeit während der Abklärung resultierende
Einkommensverlust in Bezug auf die letzte ohne gesundheitliche Einschränkung
ausgeübte Tätigkeit. Erst wenn dieser Schaden eintritt, ist die vorgesehene
Versicherungsleistung - nämlich das IV-Taggeld - geschuldet.
2.3 Es stellt sich also die Frage, welches der verschiedenen bekannten
Erwerbseinkommen des Beschwerdeführers als versichertes Gut gemäss Art. 23 Abs. 1
IVG i.V.m. Art. 21 Abs. 3 IVV zu qualifizieren ist, also welche Tätigkeit der
Beschwerdeführer zuletzt ohne eine Einschränkung seiner Gesundheit ausgeübt hat.
Weiter ist zu klären, ob er seitdem in eben dieser Tätigkeit durchgehend arbeitsunfähig
gewesen ist. Der Beschwerdeführer hat geltend gemacht, er sei seit Anfang 2002
infolge gesundheitlicher Probleme in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt, weshalb er
auch seine Tätigkeit als Produkt- und Gebietsverkaufsleiter bei der B._ SA Anfang
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2002 niedergelegt habe (act. G 1, G 14, IV-act. 1). Dem Auszug aus der
Krankengeschichte der Klinik K._ ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer
erstmals in der Rekrutenschule Schlafprobleme entwickelt und sich anschliessend
sozial immer mehr zurückgezogen hatte (IV-act. 23 S. 4 f.). Med. pract. C._ ist am 2.
August 2013 davon ausgegangen, dass der Beschwerdeführer seit seinem 20.
Lebensjahr an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung leide und dass die
Arbeitsfähigkeit als Produkt- und Gebietsverkaufsleiter oder einer ähnlichen Tätigkeit
seit mehreren Jahren erheblich eingeschränkt sei (IV-act. 19). Dr. N._ hat am 8. März
2015 angegeben, der Beschwerdeführer sei im Frühjahr 2002 wegen akuter
Angstzustände und Schlafstörungen bei ihr in psychotherapeutischer Behandlung
gewesen; nach einem Rehabilitationsaufenthalt habe er damals zu einem Psychiater
gewechselt (act. 14.1). Dieser Psychiater ist offenbar Dr. F._ gewesen, welcher am
27. August 2011 festgehalten hat, der Beschwerdeführer befinde sich seit 2004 bei ihm
in Behandlung (IV-act. 6). Damit liegen Indizien dafür vor, dass sich die
gesundheitlichen Probleme des Beschwerdeführers bereits vor langer Zeit entwickelt
und im Jahr 2002 tatsächlich zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit als Produkt-
und Gebietsverkaufsleiter bei der B._ SA oder einer ähnlichen Tätigkeit geführt haben
könnten. Eine seit dem Ende der Berufstätigkeit bei der B._ SA anhaltende
Arbeitsunfähigkeit - bezogen auf die damals bei der B._ SA ausgeübte oder auf eine
vergleichbare Tätigkeit - kann jedoch damit nicht bewiesen werden. Andererseits
beweisen die Akten aber auch nicht das Gegenteil, nämlich dass der Beschwerdeführer
zwischenzeitlich wieder zu 100% für eine Tätigkeit, die jener bei der B._ SA
ausgeübten entsprochen hätte, arbeitsfähig gewesen wäre. Der massgebende
Sachverhalt ist also nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit abgeklärt.
2.4 Die Beschwerdegegnerin hat in ihrer Beschwerdeantwort festgehalten, der
Beschwerdeführer habe gegen die Taggeldverfügung vom 13. Juni 2014, welche auf
denselben Grundlagen basiere, wie die angefochtene Taggeldverfügung vom 23.
September 2014, kein Rechtsmittel erhoben. Weiter hat die Beschwerdegegnerin
ausgeführt, die angefochtene Verfügung stelle lediglich eine "Folgeverfügung eines
bereits einmal rechtskräftig verfügten Sachverhaltes" dar (act. G 11). Es scheint, als
habe die Beschwerdegegnerin mit ihrer Aussage erklären wollen, die angefochtene
Verfügung könne, da sie nach Art. 17 Abs. 2 ATSG lediglich eine Revisionsverfügung
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der Taggeldverfügung vom 13. Juni 2014 darstelle und sich der Sachverhalt in Bezug
auf die Höhe des Taggeldes nicht verändert habe, nicht mehr vollumfänglich neu und
insbesondere nicht mehr in Bezug auf die Höhe des Taggeldes überprüft werden. Im
schweizerischen Sozialversicherungssystem werden Taggeldleistungen - im Gegensatz
zu den Invalidenrenten, welche auf unbestimmte Zeit zugesprochene Dauerleistungen
darstellen - jedoch als vorübergehende, nach Tagen bemessene Leistungen erbracht
(vgl. UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Auflage 2015, Rz 12 und 19 zu Art. 15). Die
Tatsache, dass IV-Taggelder also stets zeitlich beschränkt ausgesprochen werden,
führt dazu, dass Art. 17 Abs. 2 ATSG auf diese Leistungen nicht anwendbar ist (vgl.
auch BGE 133 V 57 E 6.6.1 ff.). Der damit einhergehende grössere Handlungsspielraum
der IV-Stellen, die in Bezug auf den Erlass neuer Taggeldverfügungen nicht an die
Revisionsvoraussetzungen nach Art. 17 Abs. 2 ATSG gebunden sind, bringt jedoch mit
sich, dass jede neue Taggeldverfügungen einer vollumfassenden Neuüberprüfung zu
unterziehen ist. Im konkreten Fall bedeutet dies, dass die angefochtene Verfügung
weder bezogen auf die Höhe des Taggeldes noch anderweitig an die bereits
rechtskräftig gewordene Taggeldverfügung vom 13. Juni 2014 gebunden ist.
2.5 Die Beschwerdegegnerin hat demnach in Erfüllung des Untersuchungsgrundsatzes
(Art 43 Abs. 1 ATSG) abzuklären, ob der Beschwerdeführer bereits vor dem Ende
seines Arbeitsverhältnisses bei der B._ SA und seitdem durchgehend bis heute für
eine Tätigkeit als Produkt- und Gebietsverkaufsleiter oder ähnliche Tätigkeiten
arbeitsunfähig gewesen ist. Sollte dies der Fall sein, hätte sie gemäss Art. 23 Abs. 1
IVG i.V.m. Art. 21 Abs. 3 IVV zu ermitteln, welchen Lohn der Beschwerdeführer mit
einer Tätigkeit als Produkt- und Gebietsverkaufsleiter unmittelbar vor der Eingliederung
hätte erzielen können. Sollte der Beschwerdeführer nicht durchgehend in einer
Tätigkeit als Produkt- und Gebietsverkaufsleiter bei der B._ SA oder einer ähnlichen
Tätigkeit arbeitsunfähig gewesen sein oder erst nach dem Ende seines
Arbeitsverhältnisses bei der B._ SA in einer solchen Tätigkeit arbeitsunfähig
geworden sein, so wäre das Erwerbseinkommen aus jener Tätigkeit massgebend,
welche er zuletzt ohne gesundheitliche Einschränkungen ausgeübt hätte. In diesem Fall
wäre die Beschwerdegegnerin wohl zu Recht davon ausgegangen, dass das
Einkommen des Beschwerdeführers als Skilehrer das versicherte Gut gemäss Art. 23
Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 21ter Abs. 1 IVV und somit Berechnungsgrundlage für die
Taggeldbemessung sei.
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2.6 Demnach ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die Sache ist zur
weiteren Abklärung des Sachverhalts an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IV). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Damit erweist sich die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von den
Gerichtskosten) als gegenstandslos.