Decision ID: 7b72cfd9-d702-53ad-afc5-4c11001181f0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Tamile mit letztem Aufenthalt in B._
(Nordprovinz), verliess sein Heimatland eigenen Angaben gemäss am
19. Oktober 2015 und gelangte am 15. November 2015 in die Schweiz, wo
er am 19. November 2015 um Asyl nachsuchte.
A.b Am 25. November 2015 nahm das SEM im Rahmen der Befragung zur
Person (BzP) die Personalien des Beschwerdeführers auf und befragte ihn
zum Reiseweg.
A.c Am 4. Mai 2017 und am 11. Juli 2017 hörte das SEM den
Beschwerdeführer zu seinen Asylgründen an. Dabei machte er im
Wesentlichen geltend, zwei seiner Onkel seien Mitglieder der LTTE
(Liberation Tigers of Tamil Eelam) gewesen und hätten als Offiziere Dienst
geleistet. Sein Grossvater sei von Leuten erschossen worden, die mit
einem Hubschrauber gekommen seien. Nach dem Tod der beiden Onkel
habe die Familie in den Zeitungen Todesanzeigen publiziert, woraufhin sie
Probleme erhalten habe. Seine Grossmutter und die anderen Onkel, die
auch «aktiv» gewesen seien, hätten Sri Lanka verlassen müssen; nur seine
Mutter sei in der Heimat geblieben. Im Juni 2008 seien acht Personen auf
vier Motorrädern zu ihnen gekommen; diese hätten zur «Field Bike Group»
gehört und seien teilweise maskiert gewesen. Sie seien bewaffnet
gewesen und hätten seinen Bruder und ihn zur Seite genommen; damals
sei seine Mutter befragt worden. Die Leute hätten sich nach ihren Brüdern
erkundigt, und seine Mutter habe gesagt, sie habe keinen Kontakt zu
diesen. Daraufhin sei sie mit Füssen getreten worden; später habe sich an
der Stelle, an der sie getreten worden sei, ein Tumor gebildet, der 2013
operativ entfernt worden sei. Als er habe intervenieren wollen, sei er auf
den Hinterkopf geschlagen worden und habe das Bewusstsein verloren.
Als er zu sich gekommen sei, sei er im Spital gewesen. Sein Bruder sei
oberhalb des rechten Auges verletzt worden und seine Mutter sei auf der
Intensivstation gelegen. Seit diesem Ereignis gehe es seiner Mutter
psychisch schlecht; er habe sich danach ständig gefürchtet. Angesichts
dessen sei er zu einem Psychiater gegangen, der ihm empfohlen habe,
Sport zu treiben, um auf andere Gedanken zu kommen. Er habe (...) und
(...) trainiert und an Sportanlässen teilgenommen. Dabei habe er zwei
Soldaten (C._ und D._) kennengelernt, die ihn zu
rekrutieren versucht hätten. Er habe ihnen gesagt, dass er kein Interesse
habe und befürchte, dass im Militärcamp Menschen gefoltert würden. Weil
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er das Angebot abgelehnt habe, sei er von einem der Soldaten geschlagen
worden. Nach diesem Vorfall sei er immer wieder telefonisch bedroht
worden.
Die beiden Soldaten seien am 12. Juli 2014 mit einem
Geheimdienstbeamten (E._) zu ihm gekommen und hätten ihn
festgenommen. Sie hätten ihn zu einem Stadion gefahren und erneut
versucht, ihn zu rekrutieren. Es seien noch andere junge Männer dort
gewesen; einer von ihnen habe ihm gesagt, die Soldaten würden sie mit
einem Jeep transportieren, und er werde zu entkommen versuchen. Er
habe es mit einem anderen Jungen geschafft, aus dem Stadion zu
entkommen. Sie hätten sich in einem Kleidergeschäft versteckt und mit
dem Telefon des Ladenbesitzers ihre Familien kontaktiert. Seine Eltern
hätten einen Anwalt beigezogen, der zum Polizeiposten von B._
gegangen sei. Er habe mit E._ gesprochen, die Leute hätten von
seinem Vater Geld verlangt.
Am 27. November 2014 sei der Heldentag gefeiert worden. Die Armee sei
auf den Campus der Universität gegangen, wo die Studenten geschlagen
worden seien. In seinem Dorf seien Lampen angezündet worden;
E._ und vier andere Personen seien zu ihm gekommen, weil sie ihn
verdächtigt hätten, etwas damit zu tun zu haben. Sie hätten ihn derart auf
sein Geschlechtsteil geschlagen, dass er noch tagelang Schmerzen
gehabt habe. E._ sei am 19. April 2015 zusammen mit anderen
Männern wieder zu ihm gekommen und er sei festgenommen worden. Man
habe ihn in ein nahe des Polizeipostens liegendes Gebäude gebracht und
ihm vorgeworfen, er habe den Annai-Poopathi-Gedenktag gefeiert; man
habe ihm unterstellt, er habe bei den Feierlichkeiten eine führende Rolle
gespielt. Er habe auf einen Stuhl sitzen müssen, man habe ihn gefesselt
und ein Tuch beziehungsweise eine Plastiktüte über seinen Kopf gelegt.
Man habe Wasser über sein Gesicht gegossen, so dass er kaum mehr
habe atmen können. Seine Familie habe wiederum den Anwalt kontaktiert,
der zu dem Haus gekommen sei. Seine Eltern hätten erneut Geld bezahlen
müssen und der Anwalt habe gesagt, für diese Summe werde man drei bis
sechs Monate lang in Ruhe gelassen. Er habe des Weiteren gesagt, er (der
Beschwerdeführer) müsse das Land verlassen. Bis zu seiner Ausreise
habe er sich versteckt.
Der Beschwerdeführer führte aus, dass Menschen mit einem
Familienhintergrund wie dem seinigen in Sri Lanka immer noch Probleme
hätten. Von solchen Familien werde immer wieder Geld verlangt. Als er im
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Versteck gelebt habe, sei sein Vater (am 1. Oktober 2015) von
Unbekannten geschlagen worden, als er mit dem Motorrad unterwegs
gewesen sei. Die Männer hätten gefragt, wo er (der Beschwerdeführer) sei,
und sein Vater habe geantwortet, er wisse es nicht. Sein Onkel F._
sei am 21. August 2015 von den Behörden angegriffen und geschlagen
worden. Sein Onkel G._ habe auch Probleme mit den Behörden
gehabt und sei mit seiner Familie nach H._ gegangen. Seine im
Ausland lebenden Onkel hätten versucht, seine Eltern nach Europa zu
holen, diese wollten aber in Sri Lanka bleiben. Im Falle einer Rückkehr
nach Sri Lanka befürchte er, dass man ihn verschwinden lassen werde.
Bereits am Flughafen von Colombo würde er befragt werden;
möglicherweise würde ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet. Falls er
nach B._ zurückkehren würde, hätte er wieder Probleme mit
E._ und dessen Leuten. Vor seiner Ausreise sei er wiederholt
telefonisch bedroht worden. Man habe ihm viele Fragen gestellt und ihm
unterstellt, er habe Kontakte zu den Bewegungsleuten und versuche, eine
Gruppe zu gründen. Man habe ihm gesagt, man werde ihn ins (...)-
Gefängnis bringen; sollte er Anzeige erstatten, werde man ihn töten.
Nachdem er die Anrufe nicht mehr entgegengenommen habe, seien (im
Jahr 2014) Steine auf die Fenster ihres Hauses geworfen worden. Danach
habe er die Anrufe wieder angenommen. Die Behörden hätten ihn
mehrmals zu Befragungen mitgenommen und ihn nach zwei bis drei Tagen
wieder freigelassen.
A.d Der Beschwerdeführer gab beim SEM zahlreiche Beweismittel ab (vgl.
SEM-act. A24 Ziff. 1 – 18 [Beweismittelumschlag)].
B.
Mit Verfügung vom 13. Januar 2020 – eröffnet am 15. Januar 2020 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine
Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung
an.
C.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 14. Februar 2020 erhob der
Beschwerdeführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde. In dieser wird beantragt, es sei die Verfügung des SEM
aufzuheben und es sei die Vorinstanz anzuweisen, den Beschwerdeführer
als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl in der Schweiz zu gewähren.
Eventualiter sei ihm die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren.
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Subeventualiter sei die Sache zur vollständigen und richtigen Feststellung
des Sachverhalts und neuem Entscheid an das SEM zurückzuweisen. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht wird beantragt, es seien keine Verfahrens-
kosten zu erheben und das SEM sei anzuweisen, dem Beschwerdeführer
für das Verfahren vor dem Bundeverwaltungsgericht eine Partei-
entschädigung auszurichten. Es sei dem Beschwerdeführer zu gestatten,
sich für die Dauer des Verfahrens in der Schweiz aufzuhalten und die
kantonale Migrationsbehörde sei anzuweisen, für die Dauer des
Beschwerdeverfahrens von Vollzugsmassnahmen abzusehen. Es sei dem
Beschwerdeführer gegenüber allfälligen Stellungnahmen des SEM das
Replikrecht einzuräumen.
Der Eingabe lagen mehrere Beweismittel bei (vgl. S. 15 derselben).
D.
Der Instruktionsrichter forderte den Beschwerdeführer mit
Zwischenverfügung vom 26. Februar 2020 auf, bis zum 12. März 2020
einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– einzuzahlen, unter der Androhung,
bei ungenutzter Frist werde auf die Beschwerde nicht eingetreten.
E.
Am 2. März 2020 wurde zugunsten des Bundesverwaltungsgerichts ein
Kostenvorschuss von Fr. 750.– eingezahlt.
F.
In seiner Vernehmlassung vom 16. März 2020 hielt das SEM an seinem
Standpunkt fest. Das Bundesverwaltungsgericht brachte dem Beschwer-
deführer die Vernehmlassung am 18. März 2020 zur Kenntnis.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht
Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu
den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des
Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme
im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist
daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines
Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwer-
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deführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG liegt nicht vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz
teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung
beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde
legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG).
Nachdem der Kostenvorschuss fristgerecht geleistet wurde, ist auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Ein Replikrecht zur vorinstanzlichen Vernehmlassung musste dem
Beschwerdeführer nicht eingeräumt werden, da das SEM sich inhaltlich
nicht zur Beschwerde äusserte, und es ihm offen gestanden wäre, sich im
Rahmen von Art. 32 Abs. 2 VwVG einzubringen, falls er wesentliche
Nachträge zu seiner Beschwerde gehabt hätte.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder
wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt
sind oder begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich
die Gefährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie
Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3
Abs. 2 AsylG).
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3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für
gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in
wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich
sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte
oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, in den
Vorbringen des Beschwerdeführers würden sich chronologische, substanz-
und kongruenzbezogene Mängel finden. Die von ihm geltend gemachte
persönliche Verfolgung ab dem Jahr 2014 sei als widersprüchlich und
unsubstanziiert dargelegt anzusehen. So habe er zwischen 2008 und 2014
aufgrund der geleisteten Zahlungen einerseits keine persönlichen Probleme
gehabt, anderseits hätten Hausdurchsuchungen stattgefunden, wobei
auch Geld und Schmuck mitgenommen worden seien. Er habe nicht sagen
können, wie oft und wann sein Vater Geld habe bezahlen müssen. Es wäre
zu erwarten gewesen, dass er nach Kriegsende entsprechend nachgefragt
hätte, als er persönlich in den Fokus der Verfolger geraten sei. An einer
Stelle habe er angegeben, er habe bereits im Jahr 2013 Probleme gehabt,
um sodann anzugeben, er könne sich an keine grossen Geschehnisse in
diesem Jahr erinnern. Durch seine Weigerung, der sri-lankischen Armee
zu dienen, sei er 2014 in den Fokus der Verfolger gelangt. Er habe aber
auch gesagt, die Verweigerung stehe nicht im Zusammenhang mit der
damit beginnenden Verfolgung. Die Verweigerung des Dienstes sei nach
der angeblichen Geldzahlung kein Thema mehr gewesen. Da ihm 2014
eine Identitätskarte (ID) und ein Reisepass ausgestellt worden seien und
er seine Heimat 2015 verlassen habe, sei nicht davon auszugehen, dass
ihm in diesem Zusammenhang bei einer Rückkehr asylrechtlich relevante
Nachteile erwachsen würden.
Der Beschwerdeführer habe in verschiedener Hinsicht widersprüchlich und
unsubstanziiert geschildert, dass er in diesem Zeitraum massiv bedroht
worden sei. Es sei unklar geblieben, wann die telefonischen Drohungen
begonnen hätten. Einerseits habe er gesagt, diese hätten nach seiner
«Dienstverweigerung» begonnen, anderseits habe er gesagt, er könne
diesen Zeitpunkt kaum eingrenzen. Auf die Frage, wer ihn bedroht habe,
habe er zuerst geantwortet, er wisse es nicht, auf Nachfrage habe er
pauschal angegeben, es seien Geheimdienstleute, regierungsfreundliche
Bewegungsleute und Leute vom Militär gewesen; anfänglich habe
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E._ ihn bedroht. Später habe er im Widerspruch dazu gesagt, er sei
von C._ und D._ bedroht worden, letztmals eine Woche vor
seiner Ausreise. Erneut darauf angesprochen, habe er gemeint, er habe
E._ Stimme wiedererkannt, die Namen der weiteren Drohenden
seien ihm entfallen, und er sei nicht sicher, ob C._ und D._
ihn telefonisch bedroht hätten. Es sei nicht nachvollziehbar, dass man ihn
teilweise mehrmals täglich bedroht haben solle, ohne etwas von ihm zu
fordern. Bezüglich der Konsequenzen habe er sich dahingehend wider-
sprochen, dass er einmal gesagt habe, es seien Steine auf das Haus der
Familie geworfen worden, während er an anderer Stelle gesagt habe, es
sei ein Molotov-Cocktail gewesen.
Der Beschwerdeführer habe nicht angeben können, von wann bis wann
und wie oft er befragt worden sei. Pauschalisierend habe er gesagt, nach
dem Vorfall mit C._ und D._ sei er «jeden zweiten Tag» für
zwei bis drei Tage mitgenommen worden. An anderer Stelle habe er
gesagt, er sei bis zu seiner Ausreise befragt worden, wogegen er auch
behauptet habe, er habe sich von April bis Oktober 2015 versteckt. Bei der
BzP habe er vorgebracht, er habe bis zur Ausreise in B._ gewohnt.
Es sei nicht nachvollziehbar, dass er sich während dieser Zeit zwar
versteckt haben wolle, sich aber an der A-Level-Prüfung der Schule
exponiert habe.
Das vom Beschwerdeführer weitgehend pauschal Vorgebrachte sei nur mit
wenigen Realkennzeichen versehen und enthalte spärlich persönliche
Eindrücke. Seine Aussagen wiesen insgesamt nicht die Qualität auf, die zu
erwarten wäre, hätte er das Geschilderte tatsächlich erlebt. An einer Stelle
habe er gesagt, er sei zwei Stunden lang gefoltert worden, während er an
anderer Stelle angegeben habe, er sei zirka drei Stunden lang gefoltert
worden. Er habe den Tag einerseits so dargestellt, dass er bis eine Stunde
vor seiner Freilassung gefoltert worden sei (also bis 16 oder 17 Uhr). Dies
wären aber deutlich mehr als drei Stunden nach seiner Festnahme, die
gegen 10 oder 11 Uhr am Vormittag erfolgt sei. Einmal habe er gesagt, sein
Anwalt sei zwei Stunden nach seiner Festnahme an den Ort der
Folterungen gekommen, ein anderes Mal habe er geltend gemacht, er
wisse nicht, wann der Anwalt gekommen sei. Zunächst habe er geltend
gemacht, am Ort der Mitnahme sei ihm vorgeworfen worden, er habe den
Annai-Poopathi-Gedenktag gefeiert, an anderer Stelle habe er gesagt, die
Frage nach dem Grund seiner Mitnahme sei ihm nicht beantwortet worden.
Einerseits habe er erst später erfahren, dass an diesem Tag der Gedenktag
gefeiert werde, der auch der Todestag seines Onkels sei, andererseits
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wolle er dies schon zuvor gewusst haben. Schliesslich habe er angegeben,
er habe von seinem Anwalt erfahren, weshalb er mitgenommen worden
sei, er habe aber nicht sagen können, wie sein Anwalt zu dieser Information
gekommen sei. Unerklärlich sei auch, weshalb man ihm Stunden lang hätte
Fragen stellen sollen, die er nicht verstanden habe.
Unverständlich sei auch sein mangelhafter Wissensstand in Bezug auf
allfällige Ereignisse nach seiner Ausreise. Obwohl er mit seinem Onkel in
Verbindung stehe, wolle er sich nicht nach dem Wohlergehen der Familie
erkundigt haben. Die Frage, ob er über seinen Anwalt etwas Schriftliches
beschaffen könne, habe er pauschal damit beantwortet, dass er nicht
wisse, wie er mit ihm in Kontakt treten könne.
Der Beschwerdeführer habe vorgebracht, Ziel der Drohenden sei es
gewesen, Geld zu verdienen. Man habe ihm von Anfang an gesagt, er dürfe
die Drohungen nicht bei den Behörden anzeigen, ansonsten man ihn töte.
Demzufolge sei davon auszugehen, dass auch bei angenommener
Glaubhaftigkeit der Vorbringen nicht von einer staatlich orchestrierten
Verfolgung auszugehen sei. Vor diesem Hintergrund sei angesichts der
Präsenz eines einflussreichen und gut vernetzten Anwalts nicht nachvoll-
ziehbar, dass er nicht versucht habe, seinen angeblichen Problemen auf
dem Rechtsweg Einhalt zu gebieten.
Da der Beschwerdeführer die geltend gemachte Verfolgung substanzarm
und teilweise erfahrungswidrig geschildert habe, könne den von ihm
eingereichten Beweismitteln, die Vorfälle in seiner Verwandtschaft, die sich
zu Kriegszeiten zugetragen hätten, belegen sollten, kein gesonderter
Beweiswert zuerkannt werden. Die seine Eltern und seinen Onkel betref-
fenden medizinischen Unterlagen enthielten keine Hinweise auf die von
ihm geltend gemachten Übergriffe. In der Bestätigung, mit der ein
Spitalaufenthalt seines Vaters belegt werden solle, sei von einem «Sturz»
und nicht von einem Angriff die Rede.
Der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft gemacht, vor seiner Ausreise
aus Sri Lanka asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt
gewesen zu sein. Er sei bis im Oktober 2015 dort wohnhaft gewesen und
zu diesem Zeitpunkt bestehende Risikofaktoren hätten kein
Verfolgungsinteresse der heimatlichen Behörden ausgelöst. Es sei nicht
ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr in den Fokus der Behörden
geraten und verfolgt werden sollte.
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4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe
am 19. November 2015 um Asyl nachgesucht und die BzP habe am
25. November 2015 stattgefunden, als seine Erinnerungen noch frisch
gewesen seien. Da die BzP aufgrund einer internen Weisung verkürzt und
gewisse Punkte nicht vertieft worden seien, sei sein Anspruch auf recht-
liches Gehör und ein faires Verfahren verletzt worden. Er habe sich erst-
mals eineinhalb Jahre nach seiner Einreise in die Schweiz zu seinen
Fluchtgründen äussern dürfen. Es sei verfehlt, wenn ihm allfällige Erinne-
rungslücken oder Ungereimtheiten zur Last gelegt würden.
Der Beschwerdeführer sei zudem noch minderjährig gewesen, als die
Hausdurchsuchungen bei seiner Familie stattgefunden hätten und sein
Vater habe Geld bezahlen müssen. Er habe gewusst, dass seine Familie
die LTTE unterstützt habe und die Probleme damit zusammenhingen. Er
habe seinen Vater nicht über die Hintergründe fragen dürfen; dieser habe
ihm gesagt, er müsse bezahlen, um die Familie zu schützen. Nachdem er
erwachsen geworden sei, habe er bei seinem Vater nachgefragt; so habe
er bei der Anhörung Ausführungen dazu machen können.
Der zweite Teil der Anhörung habe rund vier Jahre nach den telefonischen
Drohungen stattgefunden. Während er in der Schweiz gewesen sei, habe
er versucht, seinen Kopf zu befreien und nicht mehr an die Erlebnisse in
der Heimat zu denken. Dieser Teil der Anhörung habe sechs Stunden ge-
dauert. Dass man sich nach so langer Zeit bei nachlassender Konzen-
tration nicht mehr an Einzelheiten von im Jahr 2013 Geschehenem
erinnern könne, sei nicht aussergewöhnlich. Er habe zugegeben, dass er
sich nicht mehr an ein spezielles Ereignis von damals erinnern könne. Man
könne ihm nicht vorhalten, seine Vorbringen seien deshalb generell
unglaubhaft.
Die beabsichtigte Zwangsrekrutierung vom 12. Juli 2014 habe keinen
Zusammenhang mit der am 19. April 2014 durchgeführten Hausdurch-
suchung. Er sei am 10. Juli 2014 volljährig geworden, vorher hätte man ihn
nicht rekrutieren können. Als er während eines Turniers aufgrund seiner
sportlichen Leistungen angesprochen worden sei, hätten die Militärs
vermutlich nicht gewusst, dass er noch minderjährig gewesen sei.
Ein Kollege habe ihm gesagt, wie er vorgehen müsse, um neue Identitäts-
und Reisepapiere zu erhalten. Am Schalter des Passbüros habe er eine ID
beantragt; er habe eine Fotografie, seinen Geburtsschein und eine Kopie
der verlorenen ID einreichen sowie eine Gebühr bezahlen müssen.
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Innerhalb von drei Stunden habe er die ID erhalten, danach sei er zum
Passbüro gegangen, wo er wiederum eine Gebühr habe bezahlen und
Dokumente habe vorweisen müssen. Es treffe nicht zu, dass man vor
Erhalt dieser Dokumente den Militärdienst absolvieren müsse.
Die Familie sei 2013 bedroht worden, er habe damals noch kein eigenes
Telefon gehabt. Nach der Verweigerung des Militärdienstes sei er persön-
lich am Telefon bedroht worden. An die exakten Daten der Drohanrufe
könne er sich nicht mehr erinnern. Er besitze die damalige SIM-Karte heute
noch und könne sie einreichen. Er vermute, dass E._ ihn bedroht
habe, da er glaube, ihn an der Stimme erkannt zu haben. Er habe ihn von
den Hausdurchsuchungen her gekannt und er sei auch bei den Fest-
nahmen immer dabei gewesen. Im April 2015 habe man ihm vorgeworfen,
eine Feier für seinen in den 90er-Jahren verstorbenen Onkel organisiert zu
haben. Er wisse bis heute nicht, wer ihn wirklich angerufen habe. Am
Telefon sei er gefragt worden, wo er sich aufhalte und was er mache. Da
er nach Antworten für die ersten Fragen gesucht habe, habe er die weiteren
Worte nicht mitbekommen. Er habe nicht gesehen, was man gegen das
Haus der Familie geworfen habe. Tatsache sei, dass ein Teil des Hauses
gebrannt habe. Da der Angriff von den Behörden ausgegangen sei, hätten
sie keine Anzeige erstattet. Dass der Beschwerdeführer gesagt habe, er
sei «jeden zweiten Tag» mitgenommen worden, sei als pauschaler Spruch
zu deuten. Auf Tamilisch sage man dies, wenn man von ständigen
Problemen spreche. Er sei ständig mitgenommen worden und könne sich
an die genaue Anzahl nicht erinnern. In Sri Lanka würden Leute oft so
lange schikaniert, bis sie «freiwillig» den Militärdienst leisteten. Während
der Zeit, als er sich versteckt gehalten habe, sei er bei jedem Ortswechsel
an den Checkpoints befragt worden; auch weitere Drohanrufe habe er
während dieser Zeit erhalten. Erst bei der Anhörung habe er auch die Orte
erwähnt, an denen er sich nur wenige Tage aufgehalten habe. Während
der Zeit, als er untergetaucht sei, habe er für die Prüfungen an der Schule
gelernt. Er sei zur Prüfungshalle gegangen und zur Prüfung zugelassen
worden, da er nicht offiziell gesucht worden sei. Die Teilnehmenden seien
nicht öffentlich erwähnt worden, so dass er sich nicht vor einer Verhaftung
gefürchtet habe.
Die Teilnehmenden am Annai-Poobathi-Gedenktag seien weggerannt, als
die Sicherheitsleute erschienen seien. Die Behörden seien zu ihm ge-
kommen, weil sie vermutet hätten, er habe den Anlass organisiert, weil am
gleichen Tag sein Onkel gestorben sei. Alle im Dorf hätten gewusst, dass
seine Familie die LTTE unterstützt habe. Er sei nicht bei dieser Feier
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gewesen und könne nicht sagen, wie lange er gefoltert worden sei. Er sei
geschlagen worden und habe versucht, die Schläge abzuwehren, ohne
damit zu provozieren, dass er noch härter geschlagen würde. Die Sicher-
heitsleute hätten das Haus vom Vor- bis zum Nachmittag durchsucht, er
sei indessen nicht die ganze Zeit gefoltert worden. Er habe das Bewusst-
sein verloren und den Anwalt gesehen, als er wieder zu sich gekommen
sei. Er habe bei der Anhörung gesagt, dass man ihm erst am Zielort gesagt
habe, er habe angeblich an der Gedenkfeier teilgenommen. Er habe
gewusst, dass diese an jenem Tag begangen worden sei, jedoch nicht,
dass dies in seiner Gegend gewesen sei. Wie der Geldfluss verlaufen sei,
habe er vom Anwalt nicht detailliert erfahren.
E._ sei Singhalese und habe den Beschwerdeführer ohne Über-
setzung befragt, was keine Seltenheit sei. Würde man ihn suchen, würde
man ihn sicher zuerst bei seinem Onkel und seinem Bruder suchen,
weshalb diese vom SEM in Betracht gezogenen innerstaatlichen Flucht-
alternativen ausschieden. Ausserdem würde er seine Verwandten in
Gefahr bringen. Er habe seinen Onkel nicht gefragt, wie die Sicherheitslage
zu Hause sei, sondern, wie es den Angehörigen gesundheitlich gehe. Als
er den negativen Entscheid des SEM erhalten habe, habe er seinen sri-
lankischen Anwalt kontaktieren wollen; dieser sei aber verstorben. Sein
Bruder sehe ihm sehr ähnlich und sei zurzeit ebenfalls untergetaucht.
E._ sei Beamter des CID und solche Leute könne man in Sri Lanka
nicht anzeigen. Eine solche Anzeige würde nicht anhand genommen, und
E._ würde sofort informiert. Aufgrund eines fingierten Vorwurfs
könne E._ jedermann verhaften lassen, weshalb der Beschwerde-
führer im Falle einer Anzeigeerstattung noch mehr Schwierigkeiten gehabt
hätte.
Die Situation des Beschwerdeführers habe sich mit der Wahl von Gotabaya
Rajapakse zum Präsidenten verschlimmert. Im Falle einer Rückkehr
würden man ihn nicht nach einer kurzen Festnahme wieder freilassen.
Selbst im Falle einer Freilassung müsste er sich ständig fürchten, da er
vom sri-lankischen Militär mit dem Tod bedroht worden sei.
5.
5.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, das SEM habe den Anspruch
des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör verletzt, weil es am
25. November 2015 nur eine verkürzte BzP durchgeführt habe.
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5.2 Die Anhörung als wichtigste Konkretisierung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör stellt nicht nur ein persönlichkeitsbezogenes Mitwir-
kungsrecht der Asylsuchenden dar, sondern dient gleichzeitig auch der
materiellen Sachverhaltsabklärung, die im Asylverfahren grundsätzlich von
Amtes wegen durchzuführen ist (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Dem
Beschwerdeführer wurde das diesbezügliche rechtliche Gehör vorliegend
durch die einlässliche Anhörung zu seinen Asylgründen vom 4. Mai und
11. Juli 2017 in ausreichendem Masse gewährt, gab er doch vor Abschluss
der Anhörung an, es gebe keine noch nicht erwähnten Gründe, die gegen
seine Rückkehr nach Sri Lanka sprächen (vgl. SEM-act. A27/27 S. 24).
Gemäss dem zum Zeitpunkt der Einreichung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers geltenden aArt. 26 Abs. 3 AsylG konnte das SEM die
Asylsuchenden in der Vorbereitungsphase zu ihrer Identität, zum Reise-
weg und summarisch zu den Gründen befragen, warum sie ihr Land ver-
lassen haben, musste es aber nicht. Durch die Tatsache, dass das SEM
vorliegend aufgrund der damals äusserst zahlreich gestellten Asylgesuche
nur eine verkürzte BzP durchführte, wurde der Anspruch des Beschwerde-
führers auf rechtliches Gehör und ein faires Verfahren nicht verletzt. Der
Tatsache, dass er erst rund eineinhalb Jahre nach dem Verlassen seines
Heimatlandes zu seinen Asylgründen angehört wurde, ist indessen im
Rahmen der Beurteilung der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen Rechnung
zu tragen.
5.3 Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung hat das SEM
den rechtserheblichen Sachverhalt genügend festgestellt, weshalb der
Subeventualantrag auf Rückweisung der Sache an das SEM zum
Neuentscheid abzuweisen ist.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom
23. Februar 2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
6.2 Der Beschwerdeführer brachte bei der Anhörung vor, zwei Soldaten der
sri-lankischen Armee hätten gesehen, dass er im Sport gut gewesen sei,
weshalb das Militär versucht habe, ihn zwangsweise zu rekrutieren (vgl.
SEM-act. A23/21 S. 4). Am 14. Juni 2014 habe er an einer Sportveran-
staltung teilgenommen, bei der er gut abgeschnitten habe. Eine Woche
später hätten ihn die beiden Soldaten angerufen und ihm gesagt, er müsse
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zur Schule kommen. Sie hätten gefragt, ob er «bei den Soldaten mit-
machen wolle». Als er geantwortet habe, er sei noch nicht 18-jährig und
habe kein Interesse, habe C._ ihn geschlagen. Am 12. Juli 2014
seien die beiden Soldaten mit E._ gekommen und hätten ihn
festgenommen. Er sei zu einem Stadion gebracht worden, von wo aus ihm
zusammen mit einem anderen Jungen die Flucht gelungen sei. Nachdem
seine Familie einen Anwalt beigezogen und sein Vater Geld bezahlt habe,
sei die Sache mit der Rekrutierung erledigt gewesen (vgl. SEM-act. A23/21
S. 11 f.). Kurz vor Abschluss der Anhörung brachte der Beschwerdeführer
erstmals vor, er hätte zwei bis drei Tage lang ein militärisches Training
absolvieren sollen und habe durchgehend dortbleiben müssen; man habe
ihn dazu von der Schule abgeholt (SEM-act. A27/27 S. 23). Dieses kurz
vor Abschluss der Sachverhaltserstellung geltend gemachte Ereignis lässt
sich mit den vorhergehenden Schilderungen nicht vereinbaren und erweckt
Zweifel an den Vorbringen.
6.3 Gemäss den Angaben des Beschwerdeführers sei er immer wieder
telefonisch bedroht worden, nachdem er den beiden Soldaten gesagt
habe, er habe kein Interesse, der Armee beizutreten (vgl. SEM-act. A23/21
S. 11). Die Frage, ob er sich an einem anderen Ort in Sri Lanka hätte
niederlassen können, beantwortete er dahingehend, dass man ihm am
Telefon gesagt habe, seine Eltern würden Probleme haben, falls er an
einen anderen Ort ginge. Er wisse nicht, wer ihn angerufen habe, die
Personen hätten Tamilisch mit einem starken Akzent gesprochen; später
habe er Anrufe von Personen erhalten, die gut Tamilisch gesprochen hätten
(vgl. SEM-act. A23/21 S. 13 f.). Im weiteren Verlauf der Anhörung sagte er
indessen, er sei am Telefon von C._ und D._ bedroht
worden (vgl. SEM-act. A27/27 S. 16). Auch die Stimme von E._
habe er wiedererkennen können (vgl. SEM-act. A27/27 S. 20). In der
Beschwerde wird hingegen angegeben, der Beschwerdeführer vermute
nur, dass E._ ihn bedroht habe, da er glaube, dessen Stimme
erkannt zu haben. Diese nicht stimmigen Angaben zu den Urhebern der
Drohungen bestätigen die Zweifel an seinen Vorbringen. Es erübrigt sich
in diesem Zusammenhang sodann, die vom Beschwerdeführer zur Edition
offerierte SIM-Karte aus dem Jahr 2014 anzufordern, da die Personen, die
ihn damals angerufen haben sollen, nicht mehr eruiert werden können und,
selbst wenn dies möglich wäre, nicht festgestellt werden könnte, was
telefonisch besprochen wurde.
D-858/2020
Seite 15
6.4
6.4.1 Widersprüchlich sind auch die Aussagen zur mehrstündigen Fest-
haltung des Beschwerdeführers am Annai-Poobathi-Gedenktag (19. April
2015). So gab er an, er habe bei der Festnahme mit E._ sprechen
können, die anderen Personen hätten mit ihm Singhalesisch gesprochen,
weshalb er nichts habe verstehen können. Auf Nachfrage bestätigte er, er
habe nichts verstanden (vgl. SEM-act. A27/27 S. 7 f.). Kurz danach brachte
er vor, die Leute, die ihn festgenommen hätten, hätten den Todestag seines
Onkels als Vorwand für seine Festnahme genommen; durch das, was sie
während der Inhaftierung gesagt hätten, habe er das verstehen können. Er
habe während der Inhaftierung Zweifel an deren Grund gehabt und Rück-
fragen gestellt. Bei seiner Festnahme hätten die Männer auch Tamilisch
gesprochen, so dass er habe verstehen können, was sie gesagt hätten.
Kurz danach sagte er indessen, nur E._ habe auch Tamilisch
sprechen können, die anderen vier Personen hätten nur Singhalesisch
gesprochen (vgl. SEM-act. A27/27 S. 9 f.). Einerseits gab der Beschwerde-
führer an, er habe erst nachträglich erfahren, dass am Tag seiner Fest-
nahme der Gedenktag gewesen und dass dieser Tag auch der Todestag
seines Onkels gewesen sei (vgl. SEM-act. A27/27 S. 5), anderseits machte
er geltend, er habe dies bereits bei der Festnahme gewusst und ent-
sprechend kombiniert (vgl. SEM-act. A27/27 S. 10). Zudem verstrickte er
sich hinsichtlich der Sprachkenntnisse der Personen, die ihn festge-
nommen haben sollen, in Widersprüche.
6.4.2 Gemäss den Angaben des Beschwerdeführers sei das Haus seiner
Familie am 19. April 2015 durchsucht worden (vgl. SEM-act. A23/21 S. 18).
Er sei zuhause gewesen, als die Behördenmitglieder zwischen 10 und 11
Uhr morgens gekommen seien und ihn aufgefordert hätten, sie zur
Polizeiwache zu begleiten. Er habe Rückfragen gestellt und sei geschlagen
worden (vgl. SEM-act. A27/27 S. 4 f.). Die Leute, die ihn abgeholt hätten,
seien sicherlich weniger als zehn Minuten lang im Haus gewesen. Auf
Nachfrage, weshalb er von der bereits geltend gemachten Hausdurch-
suchung nichts (mehr) gesagt habe, erklärte er, er habe dies ja zuvor schon
erwähnt (vgl. SEM-act. A27/27 S. 15). Es ist indessen nicht glaubhaft, dass
die drei Männer, die ins Haus gekommen seien, sich einerseits mit ihm
beschäftigt haben sollen, weil er sie zuerst nicht habe begleiten wollen,
anderseits in den nicht einmal zehn Minuten auch noch das Haus
durchsucht haben sollen. Die in der Beschwerde geschilderte Version der
Vorkommnisse lässt sich ferner mit den Angaben des Beschwerdeführers
bei der Anhörung nicht vereinbaren und bestärkt die Zweifel an deren
Glaubhaftigkeit. Er erwähnte bei der Anhörung zu keinem Zeitpunkt, dass
D-858/2020
Seite 16
die Sicherheitsleute alle Familienmitglieder (gemäss seinen Angaben bei
der Anhörung sei nur seine Mutter zuhause gewesen [vgl. SEM-act. A27/27
S. 13]) in ein Zimmer gesperrt und das Haus durchsucht hätten; sie hätten
sogar Leute durchsucht, die am Haus vorbeigegangen seien. Die Sicher-
heitsleute seien mehrere Stunden lang in und vor dem Haus gewesen;
während dieser Zeit sei er zwei bis drei Stunden lang gefoltert worden (bei
der Anhörung sagte er, die Leute seien nicht einmal zehn Minuten im Haus
gewesen [vgl. SEM-act. A27/27 S. 15]). Aufgrund der Schläge habe er das
Bewusstsein verloren, als er wieder zu sich gekommen sei, habe er seinen
Anwalt gesehen (bei der Anhörung erklärte er, er habe während der Folter
beinahe das Bewusstsein verloren und seine Peiniger hätten zugewartet,
bis sie ihn zu seinem Anwalt gebracht hätten [vgl. SEM-act. A27/27 S. 12]).
Der in der Beschwerde dargelegte Ablauf der Geschehnisse steht somit in
verschiedener Hinsicht im Widerspruch zu den Aussagen des Be-
schwerdeführers bei der Anhörung.
6.4.3 Der Beschwerdeführer sagte schliesslich vorerst aus, sein Anwalt sei
zwei Stunden nach seiner Festnahme zum Gebäude gekommen, in dem
er festgehalten worden sei. Während diesen zwei Stunden sei er gefoltert
worden (vgl. SEM-act. A23/21 S. 12). Zu einem späteren Zeitpunkt gab er
jedoch an, er habe den Anwalt erst am Nachmittag getroffen und wisse
nicht, seit wann dieser dort gewesen sei, wo er festgehalten worden sei.
Im Widerspruch zu seiner vorhergehenden Angabe, er sei bis zum Ein-
treffen des Anwalts, der zwei Stunden nach der Inhaftierung gekommen
sei, gefoltert worden, machte er später zudem geltend, man habe zirka eine
Stunde vor seiner Freilassung mit der Folter aufgehört (vgl. SEM-act.
A27/27 S. 7). Auch diese Angaben lassen sich nicht miteinander verein-
baren.
6.4.4 Insgesamt betrachtet bestehen mithin überwiegende Zweifel an den
vom Beschwerdeführer geltend gemachten Vorkommnissen des 19. April
2015, weshalb das geschilderte Vorbringen als unglaubhaft zu werten ist.
6.5 Der Beschwerdeführer brachte vor, dass man in Richtung seines
Hauses Steine geworfen habe, welche die Fenster beschädigt hätten, weil
er Telefonanrufe abgelehnt habe; danach habe er die Anrufe wieder ent-
gegengenommen (vgl. SEM-act. A23/21 S. 16). Später gab er an, Unbe-
kannte hätten einen Molotov-Cocktail geworfen, weshalb die Fenster des
Hauses zerbrochen seien. Als er erneut angerufen worden sei, habe man
ihm gesagt, das nächste Mal werde das Haus beschädigt werden (vgl.
SEM-act. A27/27 S. 21). In der Beschwerde wird in Abweichung zu den
D-858/2020
Seite 17
Angaben des Beschwerdeführers ausgeführt, ein Teil des Hauses habe
gebrannt und er habe die enorme Hitze auf der Haut gespürt, als er sich
der Feuerstelle genähert habe. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb der
Beschwerdeführer während der ausführlichen Anhörung ein derart be-
ängstigendes Ereignis wie einen Hausbrand nicht hätte erwähnen sollen.
Auch dieses Vorkommnis erscheint demnach unglaubhaft.
6.6 Nach seinen Wohnorten gefragt, sagte der Beschwerdeführer vorerst,
er habe bis zu seiner Ausreise am 17. Oktober 2015 in B._ gelebt
(vgl. SEM-act. A23/21 S. 5). Im weiteren Verlauf der Anhörung sagte er
hingegen, er habe sich nach dem 19. April 2015 bei Kollegen in B._
und I._ versteckt (vgl. SEM-act. A23/21 S. 12). Zu einem späteren
Zeitpunkt führte er sodann aus, er habe sich auch bei seinen Verwandten
in I._ aufgehalten (vgl. SEM-act. A27/27 S. 18). Kurz vor Abschluss
der Anhörung nannte er schliesslich weitere Orte, an denen er sich ver-
steckt haben will (vgl. SEM-act. A27/27 S. 26). Die in der Beschwerde ver-
tretene Auffassung, die Angaben des Beschwerdeführers zu seinen Aufent-
haltsorten seien nicht widersprüchlich, trifft mithin offensichtlich nicht zu.
6.7 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer sei
bei den Checkpoints befragt worden, als er seine Aufenthaltsorte vor seiner
Ausreise gewechselt habe. Da er nicht sicher gewesen sei, ob C._,
D._ oder E._ seine Festnahme angeordnet hätten, habe er
sich immer vor den Checkpoints gefürchtet. Angesichts dieser Ausführun-
gen befremdet das Verhalten des Beschwerdeführers, der sich zur Able-
gung eines Teils der A-Level-Prüfungen zur Schule begeben haben will,
umso mehr, da er sich nicht darauf hätte verlassen können, dass sein
Erscheinen zu den Prüfungen von den Behörden unbemerkt geblieben
wäre.
6.8 Nicht zu überzeugen vermögen auch die Ausführungen des Be-
schwerdeführers, wonach er mit seiner in Sri Lanka verbliebenen Kern-
familie keinen Kontakt pflege. Gemäss seinen Angaben habe er über
seinen in J._ lebenden Onkel eine Kopie seiner ID organisieren
können, er will aber nicht wissen, ob sein Onkel mit seiner Familie in
Kontakt steht. Er habe sich beim Onkel auch nicht über das Befinden seiner
engsten Angehörigen erkundigt. Kurz danach gab er jedoch an, er habe
seinen Onkel zwar danach gefragt, dieser habe ihm die entsprechenden
Fragen jedoch nicht beantwortet. Ebenso sagte er, er wisse nicht, wie es
D-858/2020
Seite 18
seinen Eltern gehe (vgl. SEM-act. A27/27 S. 2 f.). Angesichts der Be-
deutung der Familienbande in der tamilischen Gesellschaft können diese
Angaben des Beschwerdeführers nicht als glaubhaft erachtet werden.
6.9 Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer erst eineinhalb Jahre nach
seiner Ausreise aus dem Heimatland und teilweise mehrere Jahre nach
den geltend gemachten Ereignissen zu seinen Asylgründen angehört
wurde, vermag die vorstehend nicht abschliessend aufgezeigten zahl-
reichen, gravierenden Unstimmigkeiten in seinen Aussagen ebenso wenig
zu erklären, wie seine teilweise ausweichenden und den Fragen ange-
passten Ausführungen zu seinen Asylgründen.
6.10 Hinsichtlich der vom Beschwerdeführer beim SEM eingereichten
Beweismittel ist einleitend auf die zutreffenden Ausführungen in der ange-
fochtenen Verfügung zu verweisen. Den beiden Bestätigungen, wonach
die Mutter und der Vater des Beschwerdeführers sich in den Jahren 2013
beziehungsweise 2015 in ärztliche Behandlung begeben mussten, ist nicht
zu entnehmen, dass dies auf erlittene Übergriffe zurückzuführen war. Mit
der Todesurkunde des Grossvaters des Beschwerdeführers vom
16. Januar 2004 kann belegt werden, dass dieser im April 1991 bei einem
militärischen Angriff ums Leben kam, dessen Hintergründe können damit
indessen nicht belegt werden. Mit den die Verwandten des Beschwerde-
führers betreffenden Dokumente kann aufgezeigt werden, dass sich diese
seit langer Zeit in J._ und K._ aufhalten. Hinweise auf die
vom Beschwerdeführer geltend gemachten persönlich erlittenen Verfol-
gungsmassnahmen können den Dokumenten jedoch nicht entnommen
werden.
6.11 Dem Standpunkt des SEM, der Beschwerdeführer habe nicht
aufzeigen können, weshalb die sri-lankischen Behörden ein gesteigertes
Interesse an seiner Person haben sollten, ist beizupflichten. Er machte
zwar geltend, man habe ihm am Telefon immer wieder vorgehalten, er
beabsichtige eine Organisation aufzubauen, die dem Staat gefährlich
werden könnte, was indessen nicht zu überzeugen vermag. Eigenen
Angaben zufolge pflegte der Beschwerdeführer keinerlei Kontakte zu
Personen, die Verbindungen zu den ehemaligen LTTE hatten, was bei den
Behörden einen entsprechenden Verdacht hätte erwecken können. Seinen
Angaben gemäss sollen die Sicherheitsbehörden ihn beobachtet be-
ziehungsweise überwacht haben, weshalb diesen – sollte die Angabe
zutreffen – bewusst gewesen sein müsste, dass der Beschwerdeführer
D-858/2020
Seite 19
politisch nicht aktiv war und am tatkräftigen Wiederaufbau der LTTE kein
Interesse hatte.
6.12 Zusammenfassend ist festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, eine im Heimatland erlittene oder ihm dort in absehbarer
Zeit drohende asylrechtlich relevante Verfolgung zu belegen oder glaubhaft
zu machen.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen (vgl. dort E. 8) und festgestellt, dass aus Europa
respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht
generell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter
ausgesetzt seien (vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der
Beurteilung des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in
Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risiko-
faktoren. Dabei handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen
oder vermeintlichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE,
Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und Vorliegen
früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im
Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu
den LTTE (sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.1 -
8.4.3). Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden,
unterliegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitäts-
papiere nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka
zurückgeführt werden oder die über die Internationale Organisation für
Migration (IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut
sichtbaren Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O.,
E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret
glaubhaft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefähr-
dung der betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass
insbesondere jene Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften
Nachteilen im Sinn von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-
lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt sind, den
tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
7.2 Wie bereits vorstehend festgehalten, ist es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen, ein zum Zeitpunkt der Ausreise bestehende behördliches
Interesse an seiner Person glaubhaft zu machen. Der Umstand, dass zwei
D-858/2020
Seite 20
seiner Onkel Mitglieder bei den LTTE gewesen seien, dürfte den heimat-
lichen Behörden ebenso bekannt sein, wie der Umstand, dass diese vor
der Geburt des Beschwerdeführers ums Leben gekommen seien. Er selbst
und seine Eltern sowie sein jüngerer Bruder waren nicht Mitglieder der
LTTE und er konnte nicht glaubhaft machen, dass er von den sri-lankischen
Behörden ernsthaft verdächtigt wurde, sich am Wiederaufbau dieser
Organisation zu beteiligen. Der Beschwerdeführer brachte weder bei der
Anhörung noch zu einem späteren Zeitpunkt glaubhaft vor, er sei in einer
Art und Weise aktiv gewesen, die es nahelegen würde, dass ihm seitens
der sri-lankischen Behörden ein überzeugter Aktivismus mit dem Ziel der
Wiederbelebung des tamilischen Separatismus zugeschrieben werden
könnte.
7.3 Der Umstand, dass der Beschwerdeführer offenbar nicht im Besitz
eines sri-lankischen Reisepasses ist und von der Schweiz aus nach Sri
Lanka zurückkehren wird, führt nach konstanter Praxis für sich allein
gesehen nicht zur Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft. Auch aus den
Bombenanschlägen in Sri Lanka vom 21. April 2019 und dem ausge-
rufenen Notstand, der am 22. August 2019 wieder aufgehoben wurde, lässt
sich in Bezug auf den hinduistischen Beschwerdeführer keine ihm drohende
asylrechtlich relevante Verfolgung ableiten. Die im Beschwerdeverfahren
eingereichten Berichte über die Lage in Sri Lanka, die keinen konkreten
Bezug zum Beschwerdeführer aufweisen, vermögen an dieser Ein-
schätzung nichts zu ändern.
7.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer weder
Vor- noch Nachfluchtgründe nachgewiesen oder zumindest glaubhaft
gemacht hat. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in der
Beschwerde und die eingereichten Beweismittel im Einzelnen einzugehen,
da sie an der Würdigung des Sachverhalts nichts zu ändern vermögen.
Das SEM hat die Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint und das
Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
D-858/2020
Seite 21
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3
9.3.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend
darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement
nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden
D-858/2020
Seite 22
Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerde-
führers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG
rechtmässig.
9.3.2 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts lassen
weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch die allgemeine
Menschenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungsvollzug als
unzulässig erscheinen (vgl. Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2
f. [als Referenzurteil publiziert]). Auch der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte (EGMR) hat – wie vom SEM zutreffend erwähnt –
wiederholt festgestellt, dass nicht generell davon auszugehen sei, zurück-
kehrenden Tamilen drohe in Sri Lanka eine unmenschliche Behandlung.
Eine Risikoeinschätzung müsse im Einzelfall vorgenommen werden (vgl.
Urteil des EGMR R.J. gegen Frankreich vom 19. September 2013,
10466/11, Ziff. 37). Aus den Akten ergeben sich keine konkreten
Anhaltspunkte dafür, der Beschwerdeführer hätte bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu
befürchten, die über einen sogenannten «Backgroundcheck» (Befragung
und Überprüfung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden
oder dass er dadurch persönlich gefährdet wäre. Nach neuesten Erkennt-
nissen des Bundesverwaltungsgerichts lässt auch der Vorfall rund um die
Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Sri Lanka im vorliegenden
Fall keine andere Einschätzung zu, da kein konkreter Grund zur Annahme
besteht, die allgemeinen politischen Entwicklungen in Sri Lanka könnten
sich zum heutigen Zeitpunkt auf den Beschwerdeführer auswirken. Der
Vollzug der Wegweisung erweist sich mithin als zulässig.
9.4
9.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete
Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die
vorläufige Aufnahme zu gewähren.
9.4.2 Das SEM hat die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs bejaht.
Seine Schlussfolgerungen sind im Ergebnis nicht zu beanstanden. Der
bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und den LTTE
ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka weder
Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. An dieser Einschätzung
vermögen auch die am Ostersonntag 2019 erfolgten Anschläge auf
D-858/2020
Seite 23
Kirchen und Luxushotels nichts zu ändern. Auch unter Berücksichtigung
des Vorfalls im Zusammenhang mit der Mitarbeiterin der Schweizerischen
Botschaft und der aktuellen politischen Situation rund um Präsident
Gotabaya Rajapaksa, dessen Auflösung des Parlaments sowie den beab-
sichtigten Neuwahlen sieht das Bundesverwaltungsgericht keine Veran-
lassung, den Wegweisungsvollzug sri-lankischer Staatsangehöriger tamili-
scher Ethnie als generell unzumutbar einzustufen.
9.4.3 Die Ausführungen in den eingereichten Beweismitteln zur allge-
meinen Lage der tamilischen Bevölkerung in Sri Lanka vermögen an der
Einschätzung, wonach nicht von einer in Sri Lanka herrschenden Situation
allgemeiner Gewalt auszugehen ist, nichts zu ändern. Es besteht kein
Grund zur Annahme, dass sich die jüngsten politischen Entwicklungen
konkret auf den Beschwerdeführer auswirken könnten. Gemäss nach wie
vor gültiger Rechtsprechung ist der Wegweisungsvollzug zumutbar, wenn
das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere
Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes
sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation)
bejaht werden kann.
Der Beschwerdeführer, der über eine langjährige Schulbildung sowie über
erste Berufserfahrung als (...) (Heimatland) beziehungsweise (...) (Schweiz)
verfügt, lebte von Geburt bis zur Ausreise in der Nordprovinz (zuletzt im
Distrikt I._). Gemäss seinen Angaben leben seine Eltern, sein
Bruder sowie noch mindestens ein Onkel im selben Distrikt (vgl. SEM-act.
A23/21 S. 7 und A27/27 S. 3 f.). Sein Vater und auch der Onkel (dieser in
L._) verfügen über eigene Geschäfte (vgl. SEM-act. A23/21 S. 6), mit
denen sie sich den Lebensunterhalt offenbar gut sichern konnten. Damit
verfügt der Beschwerdeführer in seiner Heimat über ein Beziehungsnetz, auf
dessen Unterstützung er nach einer Rückkehr – sofern notwendig – bei der
Suche nach einem Arbeitsplatz und der Reintegration zurückgreifen kann.
Seinen Angaben gemäss lebe seine Familie in relativ guten Verhältnissen,
sodass er nicht befürchten muss, in eine existenzielle Notlage zu geraten.
Der in der Beschwerde geltend gemachte Umstand, wonach der Be-
schwerdeführer in der Schweiz gut integriert und arbeitstätig sei, ist bei
volljährigen abgewiesenen Asylsuchenden im Rahmen der Beurteilung der
Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs von untergeordneter
Bedeutung und vermag vorliegend den Vollzug nicht als unzumutbar
erscheinen zu lassen.
D-858/2020
Seite 24
9.4.4 Bezüglich der sich derzeit in zahlreichen Ländern ausbreitenden
Corona-Pandemie ist festzuhalten, dass in Sri Lanka gemäss öffentlich
zugänglichen Quellen der erste Fall einer Covid-19-Erkrankung Ende
Januar 2020 und somit rund einen Monat bevor in der Schweiz der erste
Fall gemeldet wurde, diagnostiziert wurde. Die Krankheit hat sich in Sri
Lanka weit weniger als in der Schweiz ausgebreitet, wobei unter Hinweis
auf die Dunkelziffer in beiden Ländern nicht alle Fälle bekannt sein dürften.
Jedenfalls führt die Tatsache, dass auch Sri Lanka von Covid-19-
Erkrankungen betroffen ist, nicht zur Annahme der Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs.
9.4.5 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich somit sowohl in genereller
als auch in individueller Hinsicht nicht als unzumutbar.
9.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als
möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit dies-
bezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Der in der gleichen Höhe geleistete Kostenvorschuss wird
zur Bezahlung der Verfahrenskosten verwendet.
12.
Angesichts des Ausgangs des Verfahrens wird der Antrag, das SEM sei
D-858/2020
Seite 25
anzuweisen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundes-
verwaltungsgericht eine Parteientschädigung auszurichten, gegenstands-
los.
(Dispositiv nächste Seite)
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