Decision ID: 6a990006-72a0-5547-a696-4d992a8799eb
Year: 2003
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1941, meldete sich am 30. Oktober 2002 bei der Inva
liden
versicherung zum Bezug von Hilfsmitteln (Künzli
Ortho
Schuhe) an (Urk. 7/7). Mit Verfügung vom 21. Februar 2003 lehnte die Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, das Gesuch mit der Begründung ab, die Schuhe seien nicht von einem Vertragslieferanten abgegeben worden (Urk. 7/3 = Urk. 7/4). Die dagegen
erhobene Einsprache vom 4. März 2003 (Urk. 7/2) wies die IV-Stelle mit Entscheid vom 19. März 2003 (Urk. 7/1 = Urk. 2) ab.
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 19. März 2003 (Urk. 2) erhob
X._
mit Eingabe vom 12. April 2003 Beschwerde und beantragte, die IV-Stelle sei zu verpflichten, die Kosten in der Höhe von Fr. 379.-- für die am 30. Okto
ber 2002 gekauften Künzli
Ortho
Schuhe zu übernehmen (Urk. 1 S. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 26. Mai 2003 schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6). Am 28. Mai 2003 wurde der Schriftenwechsel als ge
schlossen erklärt (Urk. 8).

Der Einzelrichter zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2003 ist das Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozial
ver
sicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 in Kraft getreten. Mit ihm sind zahlreiche Bestimmungen im Sozialversicherungsbereich geändert worden. Weil in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass
gebend sind, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V 467
Erw
. 1), und weil ferner das Sozialversiche
rungsgericht bei der Beurteilung eines Falles grundsätzlich auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 121 V 366
Erw
. 1b), sind im vorliegen
den Fall die neuen Bestimmungen anwendbar.
1.2.
Da der Streitwert Fr. 20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der Be
schwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
2.
2.1
Gemäss Art. 21 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) hat die versicherte Person im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste Anspruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstä
tigkeit oder der Tätigkeit in ihrem Aufgabenbereich, für die Schulung, die Aus
bildung oder zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf. Ferner be
stimmt Art. 21 Abs. 2 IVG, dass Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger
Geräte bedürfen, im Rahmen einer vom Bundesrat auf
zustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche Hilfsmittel haben.
Die Befugnis zur Aufstellung der Hilfsmittelliste und zum Erlass ergänzender Vorschriften im Sinne von Art. 21 Abs. 4 IVG hat der Bundesrat in Art. 14 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) an das Eidgenössische De
partement des Innern übertragen, welches die Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI) mit anhangsweise aufge
führter Hilfsmittelliste erlassen hat. Laut Art. 2 HVI besteht im Rahmen der im Anhang aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fort
bewegung, die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbst
sorge notwendig sind (Abs. 1). Anspruch auf die in dieser Liste mit * bezeich
neten Hilfsmittel besteht nur, soweit diese für die Ausübung einer Erwerbstätig
keit oder die Tätigkeit im Aufgabenbereich, für die Schulung, die Ausbildung, die funktionelle Angewöhnung oder für die in der zutreffenden Ziffer des An
hangs ausdrücklich genannte Tätigkeit notwendig sind (Abs. 2; BGE 122 V 214
Erw
. 2a).
2.2
Gemäss Art. 26
bis
Abs. 1 IVG steht den Versicherten die Wahl unter den medizini
schen Hilfspersonen, den Anstalten und Werkstätten, die Eingliede
rungsmassnahmen durchführen, sowie den Abgabestellen für Hilfsmittel frei, wenn sie den kantonalen Vorschriften und den Anforderungen der Versiche
rung entsprechen. Der Bundesrat kann nach Anhören der Kantone und der zu
ständigen Organisationen Vorschriften für die Zulassung der in Abs. 1 von Art. 26
bis
IVG genannten Personen erlassen (Art. 26
bis
Abs. 2 IVG).
Analog dem freien Arztwahlrecht statuiert Art. 26
bis
Abs. 1 IVG unter anderem auch mit Bezug auf die Abgabestellen für Hilfsmittel ein freies Wahlrecht der Versicherten; doch ist dieses in weiterem Masse eingeschränkt als jenes. Einer
seits steht das Recht auf freie Wahl der Abgabestelle für Hilfsmittel (und ande
rer Leistungserbringer) unter dem Vorbehalt, dass diese "den kantonalen Vor
schriften und den Anforderungen der Versicherung genügen" (Art. 26
bis
Abs. 1 letzter Halbsatz IVG). Anderseits ist der Bundesrat gestützt auf die ihm in Art. 26
bis
Abs. 2 IVG eingeräumte Delegationskompetenz befugt, Vorschriften über die Zulassung von Abgabestellen für Hilfsmittel (und anderer Leistungs
erbringer) zu erlassen. Er hat diese Kompetenz in Art. 24 Abs. 1 IVV an das De
partement des Innern übertragen, welches von dieser Subdelegation aber keinen Gebrauch gemacht hat. Der Vorbehalt der bundesrechtlichen Zulassungsvor
schriften gemäss Art. 26
bis
Abs. 2 IVG fällt daher im Bereich der Abgabe von Hilfsmitteln ausser Betracht.
2.3
Gemäss Art. 27 Abs. 1 IVG ist der Bundesrat befugt, mit der Ärzteschaft, den Berufsverbänden der
Medizinalpersonen
und der medizinischen Hilfspersonen, den
Anstalten und Werkstätten, die Eingliederungsmassnahmen durchführen, sowie den Abgabestellen für Hilfsmittel Verträge zu schliessen, um die Zusam
menarbeit mit den Organen der Versicherung zu regeln und die Tarife festzule
gen. Die Kompetenz zum Abschluss von Verträgen delegierte der Bundesrat in Art. 24 Abs. 2 IVV an das BSV. Die beruflichen Mindestanforderungen, welche die vom Bundesamt gestützt auf Art. 24 Abs. 2 IVV in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 IVG abgeschlossenen Verträge enthalten, gehen folglich den Zulassungs
vorschriften vor, die das Departement aufgrund von Art. 24 Abs. 1 IVV in Ver
bindung mit Art. 26
bis
Abs. 2 IVG erlassen kann (ZAK 1988 S. 90
Erw
. 2b) und ersetzen diese, wo das Departement wie im Bereich der Hilfsmittelabgabe keine solchen erlassen hat. Das in Art. 26
bis
Abs. 1 IVG hinsichtlich der Abgabestellen von Hilfsmitteln (und anderer Leistungserbringer) statuierte freie Wahlrecht der Versicherten steht somit unter dem zusätzlichen Vorbehalt der in einem Vertrag festgelegten beruflichen Anforderungen. Diese gelten für alle Personen (und Stellen), welche Hilfsmittel abgeben, gleichgültig, ob sie dem Vertrag beigetre
ten sind oder nicht.
2.4
Mit dem Schweizerischen Verband der Orthopädie-Techniker (SVOT) als auch mit dem Schweizerischen Fachverband für Orthopädie-Schuhtechnik (OSM) be
steht ein Tarifvertrag (Kreisschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV) über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (KHMI), Randziffer (
Rz
) 1067).
Die in dieser Weise vertraglich realisierte Einschränkung des freien Wahlrechts für die Abgabe von Schuhwerk und orthopädischen Fusseinlagen entspricht der dargelegten gesetzlichen Regelung und ist bundesrechtskonform. Denn mit dem gesetzlich vorgesehenen System der vertraglich anerkannten Abgabestellen für Schuhwerk und orthopädische Fusseinlagen soll eine qualitativ einwandfreie und preiswürdige Hilfsmittelversorgung sichergestellt werden. Dieser Zweck der Beschränkung der Abgabe von Schuhwerk und orthopädische Fusseinlagen auf anerkannte Vertragslieferanten liegt vorab im Interesse der Versicherten selbst, da sie damit vor einer Hilfsmittelversorgung durch unqualifizierte Personen und Unternehmungen zu überhöhten Preisen geschützt werden.
3.
3.1
Es steht fest und ist unbestritten, dass die
Y._ AG
, bei der der Beschwerdeführer am 30. Oktober 2002 ein Paar Künzli
Ortho
Schuhe erwarb, nicht als Vertragslieferant anerkannt ist, und die bezogenen Schuhe auch nicht nach dem
SVOT- oder OSM-Tarif abgerechnet wurden (vgl. Urk. 3/2). Demge
mäss ist sie auch nicht zur Abgabe von Schuhwerk im Rahmen des IVG berech
tigt. Sie steht damit nicht in dem auf Vertragslieferanten eingeschränkten Wahlrecht der Versicherten, weshalb für die von ihr abgegebenen Schuhe keine Leistungspflicht der Invalidenversicherung besteht. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers kann er aus der im IV-Recht geltenden Rechtsfigur der Aus
tauschbefugnis nichts zu seinem Gunsten
abgeleiten
:
3.2
Im Hilfsmittelbereich der Invalidenversicherung hat das Eidgenössische Versi
che
rungsgericht folgenden Grundsatz aufgestellt: Umfasst das vom Versi
cherten selber angeschaffte Hilfsmittel auch die Funktion eines ihm an sich zu
stehenden Hilfsmittels, so steht einer Gewährung von Amortisations- und Kos
tenbeiträgen nichts entgegen; diese sind alsdann auf der Basis der Anschaf
fungskosten des Hilfsmittels zu berechnen, auf das der Versicherte an sich An
spruch hat (Aus
tauschbefugnis; BGE 120 V 292
Erw
. 3c, 111 V 213
Erw
. 2b, 107 V 93; ZAK 1988 S. 182
Erw
. 2b, 1986 S. 527
Erw
. 3a; Meyer-Blaser, Zum Verhältnis
mäs
sigkeitsgrundsatz im staatlichen Leistungsrecht,
Diss
. Bern 1985, S. 87 ff.; vgl. auch Art. 2 Abs. 5 HVI, in Kraft seit 1. Januar 1989). Die Aus
tauschbefugnis kommt somit dann zum Tragen, wenn zwei unterschiedliche, je
doch von der Funktion her austauschbare Versicherungsleistungen in Frage ste
hen, setzt doch die Austauschbefugnis nach der Rechtsprechung einen substitu
tionsfähigen aktuellen gesetzlichen Leistungsanspruch voraus (vgl. BGE 120 V 280
Erw
. 4).
Im vorliegenden Fall sollen nicht Leistungsansprüche, sondern Leistungserbrin
ger (zugelassene und nicht zugelassene) ausgetauscht werden; ein substituti
onsfähiger Leistungsanspruch fehlt. Damit liegt kein Anwendungsfall der Aus
tauschbefugnis vor. Vor allem aber ist zu berücksichtigen, dass bei der Abgabe von Schuhwerk das Wahlrecht zwingend, das heisst anspruchsvoraussetzend, eingeschränkt ist. Deswegen besteht für die Anwendung der Austauschbefugnis im vorliegenden Regelungsbereich kein Raum, würden doch ansonsten der zwingende Charakter dieser Einschränkung und das mit dem in Art. 27 IVG statuierten System verfolgte gesetzgeberische Ziel - die Mindestanforderungen, denen die Leistungserbringer gegebenenfalls zu genügen haben, und die Preise vertraglich festzulegen - umgangen.
3.3
Nach dem Gesagten erweist sich der angefochtene
Einspracheentscheid
vom 19. März 2003 als rechtens, womit die Beschwerde abzuweisen ist.