Decision ID: 74a9b525-de6b-497a-9b96-771bada59f0e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Am 24. August 2019 kollidierten in der Region Z. (BE) die Gleitschirm-Flug-
schüler A. und B. in ca. 15-30 Meter über Grund, woraufhin der Gleitschirm
von B. unkontrolliert abstürzte. Während A. unverletzt blieb, erlitt B. beim
Absturz schwere Verletzungen, sodass er mehrere Monate im Paraplegiker-
zentrum Nottwil stationär behandelt werden musste (Verfahrensakten,
pag. 10-01-0001 ff.; 11-01-0004 ff.).
B. Am 14. Oktober 2019 wurde die Bundesanwaltschaft (nachfolgend «BA»)
von der Kantonspolizei des Kantons Bern (nachfolgend «Kantonspolizei
Bern») über den Gleitschirmunfall telefonisch informiert. B. wurde von der
Kantonspolizei Bern am 21. Oktober 2019 einvernommen und stellte anläss-
lich der Einvernahme Strafantrag gegen A. Am 31. Oktober 2019 übermit-
telte die Kantonspolizei Bern der BA ihren Bericht vom 28. Oktober 2019
(Verfahrensakten, pag. 10-01-0001 ff., 10-01-0026 ff.).
C. In der Folge eröffnete die BA am 15. Januar 2020 die Untersuchung
Nr. SV.19.1284 gegen A. wegen der Störung des öffentlichen Verkehrs
(Art. 237 StGB) und fahrlässiger Körperverletzung (Art. 125 StGB), beide
i.V.m. Art. 97 des Bundesgesetztes vom 21. Dezember 1948 über die Luft-
fahrt (Luftfahrtgesetz, LFG; SR 748.0; [Verfahrensakten, pag. 01-01-0001).
D. Am 15. Januar 2020 beauftragte die BA die Kantonspolizei Bern unter ande-
rem mit den Abklärungen bezüglich allfällig begangener Sorgfaltspflichtver-
letzungen von B. während des Fluges vom 24. August 2019 (Verfahrens-
akten, pag. 10-01-0016 f.). Nach Vornahme der weiterführenden Ermittlun-
gen hielt die Kantonspolizei Bern in ihrem Bericht vom 3. August 2020 fest,
dass die genaue Unfallursache nicht abschliessend geklärt werden konnte.
Beide Piloten hätten anlässlich der Einvernahmen angegeben, dass sie sich
erst kurz vor dem Zusammenstoss gesehen hätten. Hätten beide Piloten die
Situation richtig eingeschätzt und ein ihrer Fluglage entsprechendes Aus-
weichmanöver vollzogen, hätte die Kollision vermutlich verhindert werden
können. Weiter hielt die Kantonspolizei Bern fest, dass sich der Unfall leicht
oberhalb des Hangs in einem flacheren Geländeabschnitt ereignet habe,
weshalb sich die Frage stelle, ob bei der Unfallstelle eher die Hangflugregel
(wer den Hang links hat muss nach rechts ausweichen) oder die normale
Ausweichregel (beide weichen nach rechts aus) zum Tragen komme. Die
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Frage habe auch der einvernommene Fluglehrer nicht abschliessend beant-
worten können. Der Bereich um die Unfallstelle sei als Soaring-Spot bekannt
und werde entsprechend beflogen. Für die Hangregel spreche, dass dort üb-
licherweise von Hang weggedreht und nicht gekreist werde, was auch die
beiden verunfallten Piloten gemacht hätten. Bei einer Entgegenkommens-
Situation im freien Luftraum hätte B. auch nach rechts ausweichen müssen.
Dies umso mehr, da B. seiner Aussage zufolge den auf sich zufliegenden
Gleitschirm von A. wahrgenommen habe, sich jedoch darauf verlassen habe,
dass sie ausweiche. Die Kantonspolizei Bern konnte jedoch nicht abschlies-
send beurteilen, ob B. aufgrund der Geländeform und seiner Höhe über
Grund die Möglichkeit gehabt habe, nach rechts auszuweichen. Zur Frage,
ob B. durch sein Nichtausweichen trotz Wahrnehmen des Gegenverkehrs
gegen eine der wichtigsten Flugregeln «see and avoid» verstossen habe,
äusserte sich die Kantonspolizei Bern nicht und überliess die Beurteilung
dieser Frage der BA (Verfahrensakten, pag. 10-01-0021 ff.).
E. Gestützt auf den Bericht der Kantonspolizei Bern vom 3. August 2020 dehnte
die BA die Untersuchung Nr. SV.19.1284 mit Verfügung vom 18. Dezember
2020 auf B. wegen Art. 237 StGB i.V.m. Art. 97 LFG aus (Verfahrensakten,
pag. 01-01-0002).
F. Mit Schreiben vom 13. Januar 2021 teilte die BA den Beschuldigten mit, dass
sie die Untersuchung als vollständig erachte und beabsichtige, das Verfah-
ren gegen B. einzustellen und dasjenige gegen A. mittels eines Strafbefehls
abzuschliessen. Des Weiteren gewährte die BA den Beschuldigten unter an-
derem die Möglichkeit, bis zum 25. Januar 2021 Beweisanträge zu stellen
(Verfahrensakten, pag. 03-00-0001 f.).
G. Mit Verfügung vom 12. März 2021 stellte die BA das gegen B. geführte Straf-
verfahren wegen Art. 237 StGB i.V.m. Art. 97 LFG ein (act. 3.2).
H. Dagegen liess A. am 26. März 2021 bei der Beschwerdekammer des Bun-
desstrafgerichts Beschwerde erheben. Sie beantragt die Aufhebung der Ein-
stellungsverfügung vom 12. März 2021 und die Rückweisung der Sache an
die BA zur Fortführung der Strafuntersuchung. Zudem sei die BA anzuwei-
sen, ein Expertengutachten zu den vorliegend anwendbaren Verkehrsregeln
und Verantwortlichkeiten der Parteien in Bezug auf die Kollision einzuholen
(act. 1).
- 4 -
I. Mit Eingabe vom 16. April 2021 teilte die BA dem Gericht mit, dass sie auf
eine Stellungnahme verzichte und verwies vollumfänglich auf die Ausführun-
gen in der Einstellungsverfügung (act. 6). B. liess sich zur Beschwerde mit
Schreiben vom 7. Mai 2021 vernehmen. Er beantragt die Abweisung der Be-
schwerde, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten von A.
(act. 10). Die Beschwerdeantworten wurden A. mit Schreiben vom 10. Mai
2021 zur Kenntnis gebracht (act. 11).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den folgenden Erwägungen Bezug genommen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gegen eine von der BA verfügte Einstellung eines Strafverfahrens können
die Parteien innert 10 Tagen bei der Beschwerdekammer des Bundesstraf-
gerichts Beschwerde erheben (Art. 322 Abs. 2 StPO i.V.m. Art. 37 Abs. 1
des Bundesgesetzes vom 19. März 2010 über die Organisation der Strafbe-
hörden des Bundes [Strafbehördenorganisationsgesetz, StBOG;
SR 173.71]). Gemäss Art. 393 Abs. 2 StPO können mit der Beschwerde
Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und Missbrauch des Er-
messens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung (lit. a), die unvoll-
ständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts (lit. b) sowie die Un-
angemessenheit (lit. c) gerügt werden.
1.2
1.2.1 Zur Beschwerde legitimiert sind die Parteien, sofern sie ein rechtlich ge-
schütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des angefochtenen
Entscheids haben (Art. 322 Abs. 2 i.V.m. Art. 382 Abs. 1 StPO). Die geschä-
digte Person ist grundsätzlich nur insoweit zur Beschwerde legitimiert, als
sie sich im Sinne der Art. 118 f. StPO als Privatklägerschaft konstituiert hat
bzw. als sie noch keine Gelegenheit hatte, sich als Privatklägerschaft zu kon-
stituieren (vgl. BGE 141 IV 380 E. 2.2 S. 383 m.H.; Beschluss des Bun-
desstrafgerichts BB.2016.24 vom 7. Juni 2016 E. 1.2 m.w.H.). Als Privatklä-
gerschaft und somit als Partei des Strafverfahrens (Art. 104 Abs. 1 lit. b
StPO) gilt die geschädigte Person, die ausdrücklich erklärt, sich am Strafver-
fahren als Straf- oder Zivilklägerin oder -kläger zu beteiligen (Art. 118 Abs. 1
StPO). Als geschädigte Person gilt die Person, die durch die Straftat in ihren
Rechten unmittelbar verletzt worden ist (Art. 115 Abs. 1 StPO). Durch eine
Straftat unmittelbar verletzt und damit Geschädigter i.S.v. Art. 115 Abs. 1
- 5 -
StPO gilt, wer Träger des durch die verletzte Strafnorm geschützten oder
zumindest mitgeschützten Rechtsgutes ist (BGE 140 IV 155 E. 3.2 m.w.H.).
Bei Strafnormen, die nicht primär Individualrechtsgüter schützen, gelten pra-
xisgemäss nur diejenigen Personen als Geschädigte, die durch die darin um-
schriebenen Tatumstände in ihren Rechten beeinträchtigt werden, sofern
diese Beeinträchtigung unmittelbare Folge der tatbestandsmässigen Hand-
lungen ist (BGE 141 IV 454 E. 2.3.1; 140 IV 155 E. 3.2; Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1200/2017 vom 4. Juni 2018 E. 2.3.2; je m.w.H.). Die Gefähr-
dungstatbestände des 9. Titels des StGB (Art. 237-239 StGB) dienen mittel-
bar oder unmittelbar dem Schutz des öffentlichen Verkehrs. Art. 237 StGB
bezweckt, das Leben und die körperliche Integrität der Personen zu schüt-
zen, die am öffentlichen Verkehr teilnehmen und setzt die konkrete Gefähr-
dung von Leib und Leben voraus (BGE 134 IV 255 E. 4.1; Urteile des Bun-
desgerichts 6B_1059/2018 vom 17. Januar 2019 E. 2.2; 6B_402/2016 vom
28. November 2017 E. 1.3.1). Der öffentliche Verkehr wird durch Art. 237
StGB akzessorisch geschützt (Urteil des Bundesgerichts 6B_402/2016 vom
28. November 2017 E. 1.3.1; FIOLKA, Basler Kommentar, 4. Aufl. 2019,
Art. 237 StGB N. 6).
1.2.2 Eine allfällige «Zulassung» als Privatklägerschaft bei der Vorinstanz zieht
nicht automatisch die Legitimation zur Beschwerde nach sich. Vielmehr ist
im Einzelfall zu prüfen, ob sie als geschädigte Person im Sinne von Art. 115
Abs. 1 StPO gilt (so bspw. Beschlüsse des Bundesstrafgerichts BB.2016.243
vom 14. Dezember 2016 E. 1.2.4; BB.2013.72 vom 13. September 2013
E. 1.4, nicht publiziert in TPF 2013 164).
1.3 Die Einstellungsverfügung der BA vom 12. März 2021 stellt ein zulässiges
Anfechtungsobjekt dar und die vorliegende Beschwerde erweist sich als frist-
gerecht erhoben. Die Beschwerdeführerin hat sich gegenüber der BA als Pri-
vatklägerin konstituiert (Verfahrensakten, pag. 16-01-0010). Zwar hat sich
die Beschwerdeführerin im Gegensatz zum Beschwerdegegner 2 an der
Gleitschirmkollision vom 24. August 2019 nicht verletzt. Indes hätte sie sich
als an der Kollision Mitbeteiligte verletzen können und war an ihrem Leib und
Leben konkret gefährdet. Damit gilt sie als Geschädigte i.S.v. Art. 115 Abs. 1
StGB und als solche ist sie zur Erhebung der vorliegenden Beschwerde ge-
gen die Einstellungsverfügung befugt. Somit ist auf die Beschwerde einzu-
treten.
2.
2.1 Wegen der Störung des öffentlichen Verkehrs macht sich strafbar, wer na-
mentlich den Verkehr in der Luft hindert, stört oder gefährdet und dadurch
wissentlich Leib und Leben von Menschen in Gefahr bringt (Art. 237 Ziff. 1
- 6 -
StGB). Ebenfalls strafbar ist fahrlässiges Handeln (Art. 237 Ziff. 2 StGB).
Fahrlässig handelt, wer die Folgen seines Verhaltens aus pflichtwidriger Un-
vorsichtigkeit nicht bedacht oder darauf nicht Rücksicht genommen hat.
Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht be-
achtet, zu der er nach den Umständen und nach seinen persönlichen Ver-
hältnissen verpflichtet ist (Art. 12 Abs. 3 StGB). Wo besondere Normen ein
bestimmtes Verhalten gebieten, bestimmt sich das Mass der dabei zu be-
achtenden Sorgfalt in erster Linie nach diesen Vorschriften. Fehlen solche,
kann auf analoge Regeln privater oder halbprivater Vereinigungen abgestellt
werden, sofern diese allgemein anerkannt sind. Das schliesst nicht aus, dass
der Vorwurf der Fahrlässigkeit auch auf allgemeine Rechtsgrundsätze wie
etwa den allgemeinen Gefahrensatz gestützt werden kann (BGE 143 IV 138
E. 2.1; 135 IV 56 E. 2.1; 134 IV 193 E. 7.3; je m.w.H.).
2.2 Die Staatsanwaltschaft verfügt die vollständige oder teilweise Einstellung
des Verfahrens, wenn nach gesetzlicher Vorschrift auf Strafverfolgung oder
Bestrafung verzichtet werden kann (Art. 319 Abs. 1 lit. e StPO). Die Staats-
anwaltschaft und das Gericht können von der Strafverfolgung absehen,
wenn unter anderem die Voraussetzungen von Artikel 52, 53 oder 54 StGB
gegeben sind (Art. 8 Abs. 1 StPO). Nach Art. 54 StGB, der im Wesentlichen
aArt. 66bis StGB entspricht, sieht die zuständige Behörde von einer Strafver-
folgung, einer Überweisung an das Gericht oder einer Bestrafung ab, wenn
der Täter durch die unmittelbaren Folgen seiner Tat so schwer betroffen ist,
dass eine Strafe unangemessen wäre. Die Bestimmung richtet sich somit an
Untersuchungs-, Anklage- und Gerichtsbehörden. In klaren Fällen erlaubt
sie, bereits von einer Strafverfolgung abzusehen, um dem Betroffenen ein
langes und aufwendiges Verfahren zu ersparen, das unter Umständen
ebenso belastend sein kann wie die Verurteilung selbst. Eine Strafbefreiung
hat zu erfolgen, wenn er schon genug bestraft erscheint und die Ausgleichs-
funktion der Strafe bereits erfüllt ist (Botschaft vom 24. April 1991 über die
Änderung des Schweizerischen Strafgesetzbuches und des Militärstrafge-
setzes, BBl 1985 II 1019 f. Ziff. 211; BGE 137 IV 105 E. 2.3). Die Betroffen-
heit des Täters muss schwer und direkte Folge des verübten Deliktes sein
(BGE 117 IV 245 E. 2a S. 247). Nach der Rechtsprechung ist Art. 54 StGB
jedenfalls dann verletzt, wenn die Bestimmung in einem Falle nicht Anwen-
dung findet, wo ein leichtes Verschulden sehr schwere direkte Folgen für den
Täter nach sich zieht, bzw. dort angewendet wird, wo ein schweres Verschul-
den lediglich zu einer leichten Betroffenheit des Täters geführt hat (BGE 119
IV 280 E. 1a). Zwischen diesen beiden Extremen hat die zuständige Behörde
nach Prüfung der konkreten Umstände des Einzelfalles zu entscheiden, wo-
bei sie über ein weites Ermessen verfügt (BGE 119 IV 280 E. 1a; 117 IV 245
E. 2a; RIKLIN, Basler Kommentar, 4. Aufl. 2018, Art. 54 StGB N. 49).
- 7 -
3.
3.1 Die BA stellte die Untersuchung gegen den Beschwerdegegner 2 gestützt
auf Art. 319 Abs. 1 lit. e StPO i.V.m. Art. 8 Abs. 1 StPO und Art. 54 StGB ein.
Ihren Entscheid begründete die BA damit, dass der Beschwerdegegner 2 vor
der Kollision fälschlicherweise davon ausgegangen sei, dass der entgegen-
fliegende Gleitschirm [der Beschwerdeführerin] ausweichen würde, da er
sich als vortrittsberechtigt gesehen habe. Die Kollision habe sich oberhalb
eines flachen Geländeabschnittes im Hang ereignet. Es könne nicht ab-
schliessend geklärt werden, ob auch der Beschwerdegegner 2 gestützt auf
die Ausweichregeln im freien Luftraum die Pflicht gehabt hätte, nach rechts
auszuweichen. In Anwendung des Prinzips «see and avoid» habe jedoch
jeder Pilot die Pflicht, den Luftraum zu überwachen und mögliche Kollisionen
zu vermeiden. Weiter wurde in der Einstellungsverfügung ausgeführt, dass
der Beschwerdegegner 2 ein fortgeschrittener Flugschüler sei und von ihm
aufgrund seines Wissens und Flugerfahrung erwartet werden könne, dass er
die geltenden Regeln in der Luft kenne und entsprechend reagieren könne.
Aufgrund des Fortführens seines Fluges in Richtung der entgegenfliegenden
Beschwerdeführerin und somit dem bewussten Verzicht auf ein Ausweich-
manöver in Anwendung des Prinzips «see and avoid» bestehe der Verdacht
einer Sorgfaltspflichtverletzung. Jedoch liesse das hypothetische Verschul-
den, sofern es bejaht werden könne, eine Strafe mangels erheblichen Dritt-
schadens und in Anbetracht seiner schweren Verletzungen als unangemes-
sen erscheinen. Unter hypothetischer Annahme einer Sorgfaltspflichtverlet-
zung im Zusammenhang mit der Flugregel «see and avoid» sei der Be-
schwerdegegner 2 als unmittelbare Folge seiner Tat schwer verletzt worden
und habe direkte gesundheitliche Konsequenzen erlitten (act. 3.2).
3.2
3.2.1 Die Beschwerdeführerin bringt gegen die Einstellungsverfügung vor, dass
der Beschwerdegegner 2 die Kollision alleine und schuldhaft verursacht
habe. Er sei unter anderem verpflichtet gewesen, in Anwendung des Prinzips
«see and avoid» den Luftraum zu überwachen und mögliche Kollisionen zu
vermeiden. Der Beschwerdegegner 2 habe sich weder auf die Hangflugre-
geln noch auf das Ausweichen nach rechts berufen können. Umso mehr als
er seinen Gleitschirm nicht so nahe an ein vor ihm befindliches Fluggerät
hätte manövrieren dürfen. Erst dies habe zur Kollisionsgefahr geführt. Dies
wäre für den Beschwerdegegner 2 bei genügender Aufmerksamkeit erkenn-
bar und vermeidbar gewesen. Der Beschwerdegegner 2 habe sich unnöti-
gerweise und so stark an sie genähert, dass er sie und sich selber in akute
Lebensgefahr gebracht und erst die Kollision und damit seinen Absturz her-
beigeführt habe. Der Beschwerdegegner 2 habe diverse Flugregeln verletzt
- 8 -
und durch seine Unachtsamkeit die Situation völlig falsch eingeschätzt. Er
habe damit seine Sorgfaltspflichten verletzt und habe den Absturz alleine zu
verantworten. Gegen ihren Strafbefehl werde sie Einsprache erheben und
sie sei sich keiner Regelverletzung bewusst. Wenn ein Verfahren durchge-
führt werden soll, dann müsse dieses gegen beide involvierten Gleitschirm-
piloten geführt werden. Da die Schuldfeststellung des Beschwerdegegners 2
auf das laufende Strafbefehlsverfahren gegen sie Auswirkungen haben
könne, habe sie ein legitimes und notwendiges Interesse daran, dass die
Untersuchung gegen den Beschwerdegegner 2 nicht eingestellt werde, son-
dern zur Abklärung des Sachverhalts an die BA zurückgewiesen werde. Die
Einstellungsverfügung sei verfrüht und stehe der ordentlichen Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts im Weg. Da die BA zum Schluss gelange,
dass den Beschwerdegegner 2 ein hypothetisches Verschulden treffe, sei
die Einstellungsverfügung aufzuheben und die Sache sei an die Vorinstanz
zur Abklärung des Sachverhalts unter «gleichlangen Spiessen» zurückzu-
weisen. Ob ein Gericht von einer Bestrafung des Beschwerdegegners 2 an-
gesichts seiner Verletzungen i.S.v. Art. 54 StGB absehen wolle – dem wäre
sie im Übrigen nicht abgeneigt –, sei eine andere Sache (act. 1, S. 7 ff.).
3.2.2 Der Beschwerdegegner 2 hält dem entgegen, die Beschwerdeführerin habe
das nach den Hangflugregeln vorgeschriebene Ausweichmanöver unterlas-
sen und damit die Kollision verursacht. In der angefochtenen Verfügung
werde zwar ausgeführt, dass er in Verletzung des Prinzips «see and avoid»
falsch reagiert habe. Indes werde darin nicht konkretisiert, wie er hätte rea-
gieren sollen. Rechts von ihm habe sich der Hang befunden. Nach links habe
er nicht ausweichen wollen aus Angst, dass die Beschwerdeführerin vor-
schriftsgemäss nach rechts hätte ausweichen können und eine Kollision erst
recht unvermeidlich geworden wäre. Er habe das Prinzip «see and avoid»
befolgt und sei geradeaus geflogen. Es sei an der Beschwerdeführerin ge-
wesen, nach rechts auszuweichen, womit das Unfallereignis hätte vermie-
den werden können. Damit könne ihm kein strafbares Verhalten vorgeworfen
werden. Selbst im gegenteiligen Fall wäre ihm nur ein sehr leichtes Verschul-
den vorzuwerfen. Aufgrund seiner schweren Betroffenheit durch das Unfall-
ereignis seien alle Voraussetzungen für die Anwendung von Art. 54 StGB
gegeben (act. 10).
3.3 Einleitend ist anzumerken, dass die Frage, ob der Beschwerdeführerin im
Zusammenhang mit dem Flugunfall vom 24. August 2019 eine Sorgfalts-
pflichtverletzung vorzuwerfen ist, nicht Gegenstand des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens bildet. Über diese Frage hat die BA resp. der Sachrich-
ter zu befinden. Auf die diesbezüglichen Ausführungen der Parteien ist des-
halb nicht weiter einzugehen. Vorliegend ist lediglich zu prüfen, ob die BA
- 9 -
das gegen den Beschwerdegegner 2 geführte Strafverfahren in Anwendung
von Art. 319 lit. e StPO i.V.m. Art. 8 StPO und Art. 54 StGB einstellen durfte.
3.4
3.4.1 Der Beschwerdegegner 2 wurde nach dem Unfall vom 24. August 2019 mit
einem Helikopter der REGA in das Spital Y. (BE) überflogen und am 5. Sep-
tember 2019 in das Paraplegikerzentrum Nottwil verlegt, wo er bis zum
28. Februar 2020 hospitalisiert war (Verfahrensakten, pag. 10-01-0003,
11.01-0003). Gemäss Austrittsbericht vom 27. Februar 2020 wurde beim Be-
schwerdegegner 2 unter anderem sensomotorisch inkomplette Paraplegie
sub L1 (AIS D, initial AIS A) mit Berstungsfraktur LWK2 mit bilateralen Stem-
pelfragmenten und traumatischer Dura-Verletzung auf Höhe L2 mit Lamina-
Split, sagittale Split-fraktur LWK1 und Deckplattenimpressionsfraktur LWK3,
sowie neurogene Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörung diagnostiziert.
Der Beschwerdegegner 2 hat mehrere Hochschulabschlüsse und war bis zu
seinem Unfall zu 50 % als Geschäftsführer/Senior Consultant bei seiner ei-
genen Gesellschaft sowie über die C. zu 50 % für die D. beratend tätig. Aus-
hilfsweise arbeitete er als Velokurier in Bern. Seit 5. September 2019 bis
mindestens 1. Juli 2020 war der Beschwerdegegner 2 zu 100 % arbeitsun-
fähig. Die zuständigen Ärzte des Paraplegikerzentrums Nottwil empfahlen
ihm, ab dem 30. März 2020 mit einem therapeutischen Arbeitsversuch im
Informatikbereich mit einem Pensum von 20-30 % zu starten, verteilt auf
mehrere Tage, mit langsamen, schrittweisen Steigerung nach Massgabe sei-
ner Beschwerden. Laut dem Austrittsbericht waren in den folgenden 12 Mo-
naten regelmässige Verlaufskontrollen, weiterführende psychiatrische
Betreuung sowie begleitete berufliche Wiedereingliederung geplant (Verfah-
rensakten, pag. 11-01-0004 ff.).
3.4.2 Die vom Beschwerdegegner 2 erlittenen Verletzungen sind mit den Fällen
der Rechtsprechung betreffend schwere körperliche Beeinträchtigungen als
Folge selbstverschuldeter Verkehrsunfälle unter Verletzung von Art. 90
Ziff. 1 oder 2 bzw. Art. 91 SVG vergleichbar (vgl. RIKLIN, a.a.O., Art. 54 StGB
N. 18, 58). Da der Beschwerdegegner 2 durch die unmittelbaren Folgen des
Unfalls schwer betroffen ist, würde auch ein schweres Verschulden die An-
wendbarkeit von Art. 54 StGB grundsätzlich nicht ausschliessen (vgl. oben
E. 2.2 in fine), weshalb die Prüfung der Schwere des allfälligen Verschuldens
des Beschwerdegegners 2 an dieser Stelle verzichtet werden kann.
3.5
3.5.1 Die als Folge des Vorfalls erlittenen Verletzungen des Beschwerdegegners 2
und deren Schwere, werden von der Beschwerdeführerin grundsätzlich nicht
in Abrede gestellt. Wie oben bereits ausgeführt macht sie jedoch zusammen-
gefasst geltend, der Beschwerdegegner 2 treffe die alleinige Schuld an der
- 10 -
Kollision, wobei sie ein Interesse an der Schuldfeststellung habe, weil diese
Auswirkungen auf das gegen sie geführte Strafverfahren habe. Da die BA
zum Schluss gelangt sei, dass den Beschwerdegegner 2 ein hypothetisches
Verschulden treffe, sei die angefochtene Einstellungsverfügung aufzuheben
und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Nur
so könne gewährleistet werden, dass der Sachverhalt unter «gleichlangen
Spiessen» der Parteien abgeklärt werde. Ob dann von einer Bestrafung des
Beschwerdegegners 2 gestützt auf Art. 54 StGB abgesehen werde, sei eine
andere Sache (act. 1, S. 8 ff).
3.5.2 Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin war die BA nicht verpflichtet,
mit der Erledigung des Verfahrens gegen den Beschwerdegegner 2 abzu-
warten. Leidet der Beschuldigte unter der eigenen Tat i.S.v. Art. 54 StGB,
sollte er so rasch wie möglich vom Druck einer Strafverfolgung befreit wer-
den (RIKLIN, a.a.O., Art. 54 StGB N. 51). Das Strafverfahren gegen den Be-
schwerdegegner 2 wegen des Unfalls vom 24. August 2019 wurde im August
2020 eröffnet und am 12. März 2021 eingestellt. Der Beschwerdegegner 2
befand sich während dieser Zeit weiterhin in (ambulanter) Behandlung und
wurde durch das gegen ihn geführte Strafverfahren zusätzlich belastet. Der
BA kann nicht der Vorwurf gemacht werden, das Verfahren gegen den Be-
schwerdegegner 2 ohne Vornahme von sachverhaltsrechtlichen Abklärun-
gen eingestellt zu haben. Nebst den polizeilichen Abklärungen lagen zum
Zeitpunkt des Erlasses der Einstellungsverfügung die Aussagen der Be-
schuldigten und deren Gleitschirmfluglehrer vor (Verfahrensakten, pag. 12.1-
0001 ff., 12.2-0001 ff., 13.1-0001 ff.). Zudem stand den Strafverfolgungsbe-
hörden die App-Aufzeichnung des Unfallfluges des Beschwerdegegners 2
zur Verfügung (Verfahrensakten, pag. 10-01-0005). Die BA erachtete die Un-
tersuchung am 13. Januar 2021 als abgeschlossen und teilte dies den Be-
schuldigten mit gleichtägigem Schreiben mit (Verfahrensakten, pag. 03-00-
0001 f.).
3.5.3 Nicht ersichtlich ist ferner, inwiefern die Beschwerdeführerin in dem gegen
sie geführten Strafverfahren durch die Einstellung des Verfahrens gegen den
Beschwerdegegner 2 benachteiligt sein soll, insbesondere weshalb es für
das gegen sie geführte Strafverfahren notwendig wäre, den Beschwerde-
gegner 2 in der Rolle des Beschuldigten beizubehalten resp. dessen Schuld
vom Sachrichter feststellen zu lassen und welche Untersuchungshandlun-
gen durch die Einstellung des gegen den Beschwerdegegner 2 geführten
Verfahrens ausgeschlossen wären. Mit der vorliegenden Beschwerde bean-
tragt die Beschwerdeführerin die Aufhebung der Einstellungsverfügung, ver-
bunden mit der Anweisung der BA, weitere Beweise zu erheben, namentlich
ein Expertengutachten zu den vorliegend anwendbaren Luftverkehrsregeln
und Verantwortlichkeiten der Parteien in Bezug auf die Kollision einzuholen
- 11 -
(act. 1, S. 2). Falls nötig, kann solches Gutachten unabhängig vom gegen
den Beschwerdegegner 2 geführten Strafverfahren erstellt werden. Einen
entsprechenden Antrag hätte bzw. kann die Beschwerdeführerin im Rahmen
des gegen sie geführten Strafverfahrens stellen.
3.6 Nach dem Gesagten ist die gestützt auf Art. 54 StGB erfolgte Einstellungs-
verfügung vom 12. März 2021 nicht zu beanstanden; die Beschwerde ist un-
begründet und vollumfänglich abzuweisen.
4.
4.1 Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind die Gerichtskosten der un-
terliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die
Gerichtsgebühr ist auf Fr. 2'000.-- festzusetzen (vgl. Art. 73 StBOG und
Art. 5 und 8 Abs. 1 des Reglements des Bundesstrafgerichts vom 31. August
2010 über die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in Bundesstrafver-
fahren [BStKR; SR 173.713.162]), unter Anrechnung des von ihr geleisteten
Kostenvorschusses in gleicher Höhe.
4.2 Bei diesem Ergebnis hat der Beschwerdegegner 2 einen Anspruch auf an-
gemessene Entschädigung (Art. 436 Abs. 1 i.V.m. Art. 432 StPO). Der Be-
schwerdegegner 2 liess sich zur Beschwerde mit einer vierseitigen Eingabe
vernehmen (act. 10). Sein Rechtsvertreter reichte dem Gericht keine Kos-
tennote ein. Die Entschädigung ist ermessensweise auf Fr. 500.-- (inkl.
MwSt.) festzusetzen (vgl. Art. 12 Abs. 2 BStKR). Die BA hat dem Beschwer-
degegner 2 eine Entschädigung von Fr. 500.-- zu bezahlen (vgl. BGE 141 IV
476 E. 1 und Urteil des Bundesgerichts 6B_582/2020 vom 17. Dezember
2020 E. 4.2.5).
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