Decision ID: 2f073eeb-51b5-5b33-8acb-9024432171b5
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Fürsprecher lic. iur. Daniel Küng, Anwaltskanzlei St. Jakob,
St. Jakob Strasse 37, 9000 St. Gallen,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wiedererwägung
Sachverhalt:
A.
A.a A._ bezog vom 1. August 2007 bis 31. März 2008 und vom 5. Mai 2008
(Wiederanmeldung) bis 30. Juni 2009 Leistungen der Arbeitslosenversicherung. Im
Rahmen einer internen Revision stellte die Arbeitslosenkasse im Juli 2011 fest, dass
der Versicherte im Jahr 2009 für die B._ AG tätig gewesen war. Die Kasse forderte
die B._ am 4. Juli 2011 auf, die vollständig ausgefüllten Bescheinigungen über den
Zwischenverdienst für die Monate Januar bis Juni 2009 zuzustellen (act. G 5.1 / 36).
Die B._ reichte diese Unterlagen mit Schreiben vom 18. Juli 2011 ein (act. G 5.1 / 34).
Am 4. August 2011 verfügte die Arbeitslosenkasse, der Versicherte habe Taggelder in
der Höhe von Fr. 8'604.-- zurückzubezahlen. Gemäss dem Lohnjournal der B._ seien
dem Versicherten in den Monaten März bis Juni 2009 folgende Provisionszahlungen
ausbezahlt worden: März 2009: Fr. 3'320.--; April 2009: Fr. 4'800.--; Mai 2009:
Fr. 2'180.--; Juni 2009: Fr. 10.25. Bei Berücksichtigung dieser Zwischenverdienste er
gebe sich eine Rückforderung von Fr. 8'728.95. Nach Verrechnung einer Nachzahlung
in der Höhe von Fr. 124.95 verbleibe der erwähnte Restbetrag von Fr. 8'604.-- (act. G
5.1 / 30).
A.b Mit Eingabe vom 5. September 2011 (Datum Postaufgabe) erhob der Versicherte
Einsprache. Darin machte er geltend, die Arbeitslosenkasse habe den Sachverhalt
nicht korrekt wiedergegeben. Zwar habe er die betreffenden Provisionen erzielt,
indessen seien Storni unberücksichtigt geblieben (act. G 5.1 / 28). Der Versicherte
reichte am 25. Oktober bzw. 25. November 2011 ergänzende Unterlagen nach (act. G
5.1 / 21, 25).
A.c Aufgrund einer Anfrage der Kasse vom 1. Dezember 2011 stellte die B._ am 13.
Dezember 2011 eine Übersicht über die den Versicherten betreffenden
Stornoprovisionen zu. Sie führte aus, es könnten folgende Bruttobeträge berücksichtigt
werden: März 2009: Fr. 3'320.--; April 2009: Fr. 2'220.--; Mai 2009: Fr. 2'120.--; Juni
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2009: Fr. 10.25. Die bereits ausgefüllten Zwischendienstformulare für diese Monate
würden gleich bleiben (act. G 5.1 / 17).
A.d Mit Entscheid vom 21. Dezember 2011 wies die Arbeitslosenkasse die Einsprache
ab. Sie führte aus, aufgrund der fehlenden Berücksichtigung des Zwischenverdienstes
seien die ursprünglichen Abrechnungen für die Monate März bis Juni 2009 zweifellos
unrichtig gewesen und der Rückforderungsbetrag von Fr. 8'728.95 sei von erheblicher
Bedeutung. Gemäss den Angaben der B._ würden die bereits am 18. Juli 2011
zugestellten Bescheinigungen über den Zwischenverdienst unter Berücksichtigung der
Stornoprovisionen gleich bleiben. Die vom Versicherten im Rahmen des
Einspracheverfahrens nachgereichten Unterlagen würden demnach an der Höhe des
Einkommens in den Monaten März bis Juni 2009 nichts ändern (act. G 5.1 / 16). Dieser
Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
A.e Mit Schreiben vom 17. Februar 2012 machte der Versicherte gegenüber der
Arbeitslosenkasse geltend, es sei bis heute nicht klar, was seine Schuld sei, da die
B._ noch nicht alle Unterlagen korrekt eingereicht habe. Er erhebe nochmals
Einsprache. Er bitte, anhand der durch die B._ einzureichenden Unterlagen den
Rückforderungsbetrag von Fr. 8'604.-- zu korrigieren (act. G 5.1 / 12).
A.f Die Kasse behandelte die Eingabe vom 17. Februar 2012 als Wiedererwägungs-
bzw. Revisionsgesuch und trat darauf unter Bestätigung des Einspracheentscheides
vom 21. Dezember 2011 mit Entscheid vom 22. Februar 2012 nicht ein. Sie führte aus,
das Gesuch um Neubeurteilung des Falles sei eindeutig nach Ablauf der
Beschwerdefrist von 30 Tagen erfolgt. Die Eingabe werde daher nicht als Beschwerde
an das Versicherungsgericht weitergeleitet. Es ergäben sich aufgrund des Schreibens
keine Anhaltspunkte für eine zweifellose Unrichtigkeit des Einspracheentscheides. Eine
schriftliche Nachfrage bei der B._ habe ergeben, dass die vom Versicherten
nachgereichten Unterlagen nichts an der Höhe des Einkommens in den Monaten März
bis Juni 2009 ändern würden. Das betreffende Schreiben der B._ sei dem
Versicherten bereits als Beilage zum Einspracheentscheid zugestellt worden. Im
Übrigen seien auch die Voraussetzungen für eine Revision nicht gegeben (act. G
5.1/10).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen den "Wiedererwägungsentscheid" vom 22. Februar 2012 richtet sich die
vorliegende Beschwerde des Versicherten, vertreten durch Rechtsanwalt Daniel Küng,
vom 17. März 2012. Der Versicherte beantragt, der angefochtene
Wiedererwägungsentscheid sei vollumfänglich aufzuheben. Es sei auf die
Wiedererwägung einzutreten, der Einspracheentscheid vom 21. Dezember 2011 und
die ihm zugrundeliegende Verfügung vom 4. August 2011 seien aufzuheben und es sei
die Rückforderung auf einen Betrag von allerhöchstens Fr. 6'368.40 zu reduzieren. Zur
Begründung lässt der Versicherte ausführen, das gemeldete Einkommen habe in den
Monaten März bis Juni 2009 einen Betrag von Fr. 10'315.25 ergeben, was
umgerechnet zur Rückforderung von Fr. 8'728.95 geführt habe. Nachdem die
Beschwerdegegnerin selber Abklärungen getätigt habe, habe die B._ bestätigt, dass
die um die Storni gekürzten Beträge effektiv Fr. 7'625.25 betragen würden. Die
Beschwerdegegnerin könnte nun damit argumentieren, ihr komme bei der
Eintretensfrage ein erhebliches Ermessen zu. Sie dürfe jedoch nicht willkürlich handeln
und müsse das Gebot der Rechtsgleichheit beachten. Dass die B._ bestätigt habe,
dass die ausgefüllten Zwischenverdienstformulare gleich bleiben würden, heisse nichts
anderes, als dass keine weiteren Provisionen erzielt worden seien und nun seien eben
noch Storni hinzugekommen. Es sei nicht zu verstehen, wie die Beschwerdegegnerin
unter diesen Umständen habe zum Schluss gelangen können, der Entscheid vom 21.
Dezember 2011 sei nicht unrichtig (act. G 1).
B.b In ihrer Beschwerdeantwort vom 12. April 2012 beantragt die
Beschwerdegegnerin, auf die Beschwerde sei nicht zu einzutreten. Sie führt aus, im
Wiedererwägungsentscheid sei nahezu wörtlich erneut mitgeteilt worden, was bereits
kurz zuvor im Einspracheentscheid mitgeteilt worden sei. Das Gesuch sei somit nicht
materiell geprüft worden. Eine Wiedererwägung sei unzulässig, wenn kurz nach einem
abweisenden Entscheid erneut in identischer Sache vorgegangen werde. Eine
Anpassung an einen nachträglich erheblich veränderten Sachverhalt sei zwar für
Dauerleistungen möglich, nicht hingegen für eine einmalige Zahlung. Die vertraglich
vereinbarte Möglichkeit einer Rückforderung von Provisionen für den Monat Juni 2009
sei nach Ablauf der vertraglich vereinbarten Frist von 13 Monaten und somit Ende Juli
2010 abgelaufen. Zum Zeitpunkt der Rückforderung seien demnach sämtliche Storni
berücksichtigt gewesen und hätten in einem späteren Einsprache- oder
Wiedererwägungsverfahren nicht mehr erfolgreich vorgebracht werden können. Ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
veränderter Sachverhalt aufgrund einer Rückforderung bzw. wegen eines neuen
Stornos sei von der B._ verneint worden, indem die bereits ausgefüllten
Zwischenverdienstformulare als gleichbleibend bezeichnet worden seien (act. G 5).
B.c Am 6. Juni 2012 reichte der Beschwerdeführer seine Replik ein. Darin ergänzt er
sein Rechtsbegehren dahingehend, es sei eventualiter festzustellen, dass der
Rückforderungsanspruch der Beschwerdegegnerin infolge Verrechnung mit der
Forderung des Beschwerdeführers gemäss Beschwerde vom 4. Juni 2012
untergegangen sei. Der Beschwerdeführer führt sodann aus, die Beschwerdegegnerin
gehe zu Unrecht davon aus, dass die Storni bereits in der Rückforderungsverfügung
berücksichtigt seien. Dies ergebe sich aus dem Schreiben der B._ vom 13.
Dezember 2011. Wären die Storni im Zwischenverdienstformular bereits berücksichtigt
gewesen, hätten sie nicht "nun" berücksichtigt werden können. Es könne zudem keine
Rede davon sein, dass der Beschwerdeführer der B._ zu Unrecht Storni
zurückbezahlt habe. Die B._ habe die Storni in einem Schreiben vom 4. Juni 2012
anhand von konkreten Beispielen begründet (act. G 9). Der Beschwerdeführer legte der
Replik ergänzende Unterlagen bei (act. G 9.1 - 9.3).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 11).

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss Art. 53 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kann der Versicherungsträger auf formell
rechtskräftige Verfügungen oder Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese
zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist.
Nach der Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts (EVG; seit
1. Januar 2007 Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts) kann die Verwaltung
weder von den Betroffenen noch vom Gericht zu einer Wiedererwägung angehalten
werden. Es bestehe kein gerichtlich durchsetzbarer Anspruch auf Wiedererwägung,
weshalb Verfügungen, mit denen das Eintreten auf ein Wiedererwägungsgesuch
abgelehnt wird, grundsätzlich nicht anfechtbar seien (BGE 133 V 52 E. 4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2 Wenn die Verwaltung hingegen auf ein Wiedererwägungsgesuch eintritt, die
Wiedererwägungsvoraussetzungen prüft und anschliessend einen erneut ablehnenden
Sachentscheid trifft, ist dieser auch nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
beschwerdeweise anfechtbar. Die nachfolgende gerichtliche Überprüfung hat sich in
einem solchen Fall indessen auf die Frage zu beschränken, ob die Voraussetzungen für
eine Wiedererwägung der bestätigten Verfügung gegeben sind. Prozessthema ist also
diesfalls, ob die Verwaltung zu Recht die ursprüngliche, formell rechtskräftige
Verfügung nicht als zweifellos unrichtig und/oder ihre Korrektur als von unerheblicher
Bedeutung qualifizierte.
1.3 Hinsichtlich des Entscheids der Verwaltung sind nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung drei Fälle auseinanderzuhalten, nämlich a) ob die Verwaltung auf das
Wiedererwägungsgesuch nicht eintritt, b) ob sie die Wiedererwägungsvoraussetzungen
zwar prüft, diese aber verneint und das Wiedererwägungsgesuch mit einem erneut
ablehnenden Sachentscheid beantwortet oder c) ob sie die
Wiedererwägungsvoraussetzungen prüft und bejaht sowie einen neuen, von der
ursprünglichen Verfügung abweichenden Sachentscheid trifft. Im Falle c) stellen sich
keine Abgrenzungsprobleme. In den beiden andern Fällen kann jedoch auch ein an sich
klares Verfügungsdispositiv nicht ausschlaggebend, sondern höchstens ein Indiz dafür
sein, in welchem Sinn die Verwaltung ein Wiedererwägungsgesuch behandelt hat.
Wiewohl das EVG verschiedentlich auf das auf Nichteintreten erkennende
Verfügungsdispositiv abgestellt hat, ist es in andern Fällen trotz dispositivmässigen
Nichteintretens näher der Frage nachgegangen, wie die Begründung der neuen
Verfügung zu verstehen ist. Dabei hat das EVG festgehalten, dass keine materielle
Neubeurteilung im Sinne von Fall b) vorliegt, wenn die Verwaltung bloss die für die
seinerzeitige Verfügung ausschlaggebend gewesenen Gründe wiederholt und unter
Hinweis darauf darlegt, weshalb auf das Wiedererwägungsgesuch nicht eingetreten
werden könne. Mit andern Worten führt auch eine summarische Prüfung nicht ohne
weiteres dazu, eine Gesuchserledigung im Sinn von Fall b) anzunehmen (Urteil des
Bundesgerichts vom 31. Mai 2002, C 276/01 E. 2a, mit Hinweisen).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Im Zentrum steht somit die Frage, ob es sich beim angefochtenen
Wiedererwägungsentscheid im Ergebnis um einen Nichteintretens- oder um einen
ablehnenden Sachentscheid handelt. Das Verfügungsdispositiv spricht von einem
Nichteintreten auf das Gesuch. Dieser Wortlaut allein ist jedoch nicht ausschlaggebend
(vgl. BGE 117 V 8). Vorliegend ist zu beachten, dass der Beschwerdeführer in seinem
Wiedererwägungsgesuch vom 17. Februar 2012 (act. G 5.1 / 12) nichts vorbrachte, was
nicht schon Gegenstand des Einspracheverfahrens gewesen war. Auch hat die
Beschwerdegegnerin zutreffend darauf hingewiesen, dass sich ihre Begründung im
Wiedererwägungsentscheid an jene im Einspracheentscheid vom 21. Dezember 2011
anlehnt. Zudem hatte die Beschwerdegegnerin vor Erlass des
Wiedererwägungsentscheides keine zusätzlichen Abklärungen getätigt. Es ist somit
klarerweise von einem Nichteintretensentscheid auszugehen. Dies wird vom
Beschwerdeführer an sich auch nicht bestritten.
2.2 Nachdem es sich beim angefochtenen Entscheid um einen
Nichteintretensentscheid handelt, ist gemäss der bundesgerichtlichen Praxis keine
Rechtsmittelmöglichkeit gegeben bzw. kann auf die vorliegende Beschwerde nicht
eingetreten werden. Ein Abweichen von dieser Praxis erscheint vorliegend nicht
geboten. Dem Beschwerdeführer stand nach Erlass des Einspracheentscheides vom
21. Dezember 2011 das ordentliche Rechtsmittel der Beschwerde offen. Er hat kurz
nach Ablauf der Beschwerdefrist ein Wiedererwägungsgesuch gestellt und dabei keine
neuen Tatsachen vorgebracht. Der Rechtsbehelf der Wiedererwägung soll nun aber
gerade nicht dazu dienen, eine unterlassene förmliche Beschwerde nach Ablauf der
Rechtsmittelfirst zu ersetzen (vgl. Ursina Beerli-Bonrand, Die ausserordentlichen
Rechtsmittel in der Verwaltungsrechtspflege des Bundes und der Kantone, Zürich
1985, S. 51 mit Hinweisen).
3.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist auf die Beschwerde, die sich ausschliesslich
gegen das Nichteintreten auf das Wiedererwägungsgesuch richtet, nicht einzutreten.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP