Decision ID: db5e1133-87b0-5501-a617-d6108b4965af
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am Sonntag, 9. September 2012, führte die Kantonspolizei St. Gallen auf der
Staatsstrasse in dem der Gemeinde A zugehörigen Ortsteil B eine
Geschwindigkeitskontrolle durch. Um 12.34 Uhr stellte sie mittels automatischen
Verkehrsüberwachungsgeräts fest, dass der Lenker des Personenwagens "Z" mit dem
amtlichen Kennzeichen SG 000000 in Fahrtrichtung C die signalisierte
Höchstgeschwindigkeit innerorts von 50 km/h nach Abzug der Sicherheitsmarge um 21
km/h überschritten hatte. Es ist unbestritten, dass X das Fahrzeug lenkte. Seinen
eigenen Angaben vom 25. September 2012 zufolge hatte er die "Innerorts-Tafel" zu
spät gesehen. Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen
entzog ihm mit Verfügung vom 25. Oktober 2012 den Führerausweis wegen einer
mittelschweren Verkehrsregelverletzung für die Dauer eines Monats und auferlegte ihm
die Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 250.--.
B.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe vom 5. November 2012 (Poststempel:
9.11.12) Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Rechtsbegehren, unter
Kosten- und Entschädigungsfolge sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und
anstelle des Führerausweisentzugs sei eine Verwarnung auszusprechen. Die Vorinstanz
verzichtete auf eine Vernehmlassung. Am 20. Dezember 2012 reichte der Rekurrent
eine zusätzliche Eingabe ein. Auf die Rekursbegründung sowie die Ausführungen der
Vorinstanz in der Verfügung vom 25. Oktober 2012 wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 5. November 2012 ist rechtzeitig
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen ist,
der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das
Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG)
und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht,
wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche Gefahr für
die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die Widerhandlung
schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Von einer mittelschweren
Widerhandlung ist immer dann auszugehen, wenn nicht alle privilegierenden Elemente
einer leichten und nicht alle qualifizierenden einer schweren Widerhandlung erfüllt sind
(vgl. Botschaft, in: BBl 1999 S. 4487; VRKE IV-2009/19 vom 26. August 2009, in:
www.gerichte.sg.ch).
3.- In tatsächlicher Hinsicht wurde von der Kantonspolizei St. Gallen festgestellt, der
Rekurrent habe am 9. September 2012 in dem der Gemeinde A zugehörigen Ortsteil B
die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts von 50 km/h nach Abzug der
Sicherheitsmarge um 21 km/h überschritten (vgl. Anzeigerapport vom 2. Oktober 2012,
act. 8/3). Der Bereich "innerorts" beginnt gemäss Art. 1 Abs. 4 der
Signalisationsverordnung (SR 741.21, abgekürzt: SSV) beim Signal "Ortsbeginn auf
Hauptstrassen" (4.27) oder "Ortsbeginn auf Nebenstrassen" (4.29) und endet beim
Signal "Ortsende auf Hauptstrassen" (4.28) oder "Ortsende auf Nebenstrasse" (4.30).
Der Bereich "ausserorts" beginnt beim Signal "Ortsende auf Hauptstrassen" oder
"Ortsende auf Nebenstrassen" und endet beim Signal "Ortsbeginn auf Hauptstrassen"
oder "Ortsbeginn auf Nebenstrassen". Bei der Beurteilung von
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Geschwindigkeitsüberschreitungen darf auf diese Signalisation abgestellt werden
(Urteil des Bundesgerichts 6A.81/2006 vom 22. Dezember 2006, E. 2.4).
a) Im Rekurs wird die Geschwindigkeitsübertretung als solche nicht bestritten. Der
Rekurrent verlangt jedoch eine andere rechtliche Würdigung des Sachverhalts, als sie
die Vorinstanz gestützt auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung getroffen hat.
Seiner Meinung nach handle es sich vorliegend nur um eine leichte Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften, weshalb die Übertretung nur mit einer
Verwarnung, und nicht mit einem Führerausweisentzug zu ahnden sei. Er führt aus,
dass es sich bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung um 21 km/h nicht ohne
Weiteres um eine mittelschwere Widerhandlung handle. Massgebend seien die Frage
der Gefährdung und das Verschulden des Autolenkers. Diese beiden Voraussetzungen
seien in jedem Einzelfall aufgrund der konkreten Verhältnisse zu beurteilen. Das
"Gefährdungspotential" sei im kleinen Ortsteil B nicht mit demjenigen im "effektiven
Innerortsbereich" einer Ortschaft, wie im Dorf A, gleichzusetzen. Die
Höchstgeschwindigkeit im B werde nach einer kurzen Ausserortsstrecke "aus
unerklärlichen Gründen" auf 50 km/h reduziert und sei für den kleinen Weiler nicht
angemessen. Zudem müsse auch der automobilistische Leumund des fehlbaren
Lenkers berücksichtigt werden. Neben der objektiven Geschwindigkeitsüberschreitung
müsse dem Fahrzeuglenker auch ein mittelschweres Verschulden nachgewiesen
werden können. Dementsprechend müsse der optischen Erkennbarkeit des
"Innerortsbereichs" neben der vorhandenen Signalisation eine wesentliche Bedeutung
zuerkannt werden. Sodann moniert der Rekurrent, dass die Vorinstanz diejenige
Massnahme anwenden müsse, die den Zweck erfülle, den Fahrzeuglenker wieder an
seine Pflichten zu erinnern. Aufgrund des Alters und der langjährigen Fahrpraxis hätte
bei ihm jedoch eine Verwarnung genügt. Schliesslich fügt er an, dass seine
Sanktionsempfindlichkeit besonders hoch sei, da er als selbständiger Rechtsanwalt auf
seinen Führerausweis angewiesen sei.
b) Signale sind zu befolgen (Art. 27 Abs. 1 SVG). Das Signal "Höchstgeschwindigkeit
50 generell" nennt die Geschwindigkeit in Stundenkilometern (km/h), welche die
Fahrzeuge auch bei günstigen Strassen-, Verkehrs- und Sichtverhältnissen nicht
überschreiten dürfen. Die signalisierte Höchstgeschwindigkeit wird mit dem Signal
"Ende der Höchstgeschwindigkeit 50 generell" aufgehoben (Art. 22 Abs. 1 i.V.m. 2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anhang SSV). Der Rekurrent anerkennt ausdrücklich, sich im Geltungsbereich des
Signals "Höchstgeschwindigkeit 50 generell" befunden zu haben. Die Frage nach der
Angemessenheit der Signalisation sowie die persönliche Gefahreneinschätzung des
Rekurrenten sind unerheblich. Die entsprechende Geschwindigkeitsbegrenzung ist für
die Verkehrsteilnehmer von Gesetzes wegen verbindlich. Nach der Rechtsprechung ist
bei einer Überschreitung der allgemeinen Innerortshöchstgeschwindigkeit von 50 km/h
um 21 bis 24 km/h ohne Prüfung der konkreten Umstände objektiv zumindest ein
mittelschwerer Fall anzunehmen. Eine Ausnahme davon und damit eine Qualifikation
als leichter Fall kommt lediglich dann in Betracht, wenn der Lenker aus
nachvollziehbaren Gründen gemeint hat, er befinde sich nicht im Innerortsbereich (vgl.
BGE 124 II 97, E. 2c; BGE 126 II 202, E. 1a).
aa) Der Rekurrent machte zuerst geltend, er habe die "Innerorts-Tafel" zu spät gesehen
(vgl. act. 8/4); später behauptete er, das Signal gänzlich übersehen zu haben (vgl. Ziff.
5 der Rekurses). Die chronologisch erste und erfahrungsgemäss für die
Wahrheitsfindung bedeutendere Erklärung des Rekurrenten, die Tafel "zu spät"
gesehen zu haben, ist logisch nicht nachvollziehbar. Entweder sieht ein
Verkehrsteilnehmer eine Tafel, die eine Geschwindigkeitsbegrenzung vorsieht, oder er
sieht sie nicht. Hat er sie "zu spät" gesehen, so muss dies wohl so interpretiert werden,
dass er sie zwar spät, aber dennoch gesehen hat. Unter diesen Umständen hätte es
beim von ihm selbst behaupteten Abstand zwischen der Tafel und der Messstelle von
rund 200 Metern bei einem durchschnittlichen Reaktionsvermögen problemlos möglich
sein müssen, seine Geschwindigkeit in der Zwischenzeit auf das erlaubte Höchstmass
zu reduzieren. Hat er dies nicht getan, so ist daraus zu schliessen, dass er sich trotz
Kenntnis der Geschwindigkeitsbegrenzung bewusst nicht an die erlaubte
Höchstgeschwindigkeit gehalten hat. Bis zur späteren Behauptung des Rekurrenten, er
habe die Tafel "übersehen", ist einige Zeit vergangen, in der er seine Aussagen und die
entsprechenden Konsequenzen nochmals in Ruhe überdenken konnte.
Dementsprechend ist der späteren Aussage weit weniger Gewicht beizumessen.
Sodann ist an dieser Stelle zu beachten, dass der Rekurrent in D wohnhaft ist. A, wozu
auch der Ortsteil B gehört, ist die Nachbargemeinde seines Wohnorts. Er erklärt, dass
er sehr viel mit seinem Fahrzeug unterwegs sei. Es muss dementsprechend davon
ausgegangen werden, dass er sich mindestens in der näheren Umgebung seines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wohnsitzes gut auskennt. Der im ländlichen Raum mager gesäten langjährigen
Verkehrssignalisationen wird er sich problemlos bewusst sein, ohne sich auf die
entsprechenden Tafeln konzentrieren zu müssen. Nirgendwo macht er geltend, nicht
ortskundig zu sein. Die Behauptungen, er habe die Tafel zu spät oder gar nicht
gesehen, erscheinen auch unter diesem Blickwinkel als unglaubwürdig. Ein
ortskundiger Lenker kann damit jedenfalls keinen nachvollziehbaren Grund dafür
glaubhaft machen, dass er sich ausserhalb des Innerortsbereichs wähnte. Dies machte
er im Übrigen weder vor der Polizei noch im Rekurs ausdrücklich geltend. Die
Voraussetzungen einer mittelschweren Widerhandlung sind deshalb auch in subjektiver
Hinsicht erfüllt.
bb) Weiter argumentiert der Rekurrent, dass es sich im B nicht um eine übliche
Innerortssituation handle. Die optische Erkennbarkeit einer solchen sei ferner
wesentlich für die Beurteilung seines Verschuldens. Nach der Bundesgerichtspraxis
gibt es "typische" Innerorts- und Ausserortsstrecken jedoch grundsätzlich nicht.
Ausserortsbereiche unterscheiden sich in dicht besiedelten Agglomerationen kaum von
Innerortsstrecken im Bereich von Weilern oder gegen den Ausgang von Dörfern.
Gerade auf den weniger typischen Innerortsstrecken neigen Fahrzeuglenker häufig zu
nachlassender Aufmerksamkeit bzw. Disziplin. Deshalb ist die Einhaltung der
signalisierten Höchstgeschwindigkeit dort besonders unerlässlich (Urteil 6S.99/2004
vom 25. August 2004, E. 2.4). Eine optische Erkennbarkeit des Innerortsbereichs ist für
die Beurteilung des Verschuldens folglich nicht massgeblich. Im Übrigen besteht der
Ortsteil B durchaus aus einer gewissen Ansammlung von Häusern, die sich
mehrheitlich direkt an der Hauptstrasse befinden oder teilweise über Zufahrten von der
Hauptstrasse her erreichbar sind. Es muss dementsprechend jederzeit beidseitig der
Strasse mit von Liegenschaften und Einfahrten in die Hauptstrasse einbiegenden
(landwirtschaftlichen) Fahrzeugen gerechnet werden. Die Einhaltung und Durchsetzung
der signalisierten Höchstgeschwindigkeit ist dementsprechend unerlässlich.
Schliesslich ist mit der Ortskundigkeit des Rekurrenten davon auszugehen, dass ihm
der Innerortscharakter der Örtlichkeit ohnehin bewusst war.
Unter Berücksichtigung all dieser Umstände liegen also keine nachvollziehbaren
Gründe vor, aus denen der ortskundige Rekurrent annehmen durfte, er habe sich im
Bereich der Messstelle nicht im Innerortsbereich befunden. An der Einordnung als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mittelschwere Widerhandlung ändert auch der Umstand nichts, dass er im
Strafverfahren wegen einfacher Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Ziff. 1 SVG
gebüsst wurde. Die einfache Verkehrsregelverletzung nach Art. 90 Ziff. 1 SVG umfasst
administrativrechtlich die leichte und mittelschwere Widerhandlung gemäss Art. 16a
und 16b SVG. Das straf- und das administrativrechtliche Sanktionensystem sind
insoweit nicht deckungsgleich. Von der strafrechtlichen Sanktion kann deshalb nicht
immer und ohne Weiteres auf die anzuordnende Verwaltungsmassnahme geschlossen
werden (vgl. Urteile des Bundesgerichts 1C_259/2011 vom 27. September 2011, E. 3.4,
und 1C_282/2011 vom 27. September 2011, E. 2.4; VRKE IV-2011/58 vom 24.
November 2011, E. 3b).
Da die Örtlichkeiten dem Gericht bekannt sind und der Rekurrent zudem Fotos der
Einfahrt in den Ortsteil B eingereicht hat (act. 13/1-2), erscheint ein Augenschein nicht
erforderlich; mithin ist der entsprechende Beweisantrag abzuweisen. Auch aus den
voranstehenden Erwägungen ergibt sich keine Veranlassung dazu.
c) Schliesslich macht der Rekurrent geltend, dass er seit 45 Jahren im Besitz des
Führerausweises sei und im jährlichen Durchschnitt mindestens 30'000 Kilometer
fahre. Abgesehen von einer Geschwindigkeitsüberschreitung vor ca. 10 Jahren sei er
nie mit den Strassenverkehrsvorschriften in Konflikt geraten. Sein guter
automobilistischer Leumund müsse ebenfalls in die Beurteilung einfliessen.
Dem ist entgegenzuhalten, dass die minimale Entzugsdauer von einem Monat für eine
mittelschwere Widerhandlung in Art. 16b Abs. 2 lit. a SVG verankert ist. Sodann hält
Art. 16 Abs. 3 Satz 2 SVG nochmals ausdrücklich fest, dass die vom Gesetz
vorgegebene Mindestdauer für einen Führerausweisentzug nicht unterschritten werden
dürfe. Für die rechtsanwendenden Behörden verbleibt folglich kein
Ermessensspielraum und die Entzugsdauer von einem Monat ist nicht zu beanstanden.
4.- Der Rekurs erweist sich damit als unbegründet und ist abzuweisen. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/8
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- ist zu verrechnen. Bei dieser Kostenverlegung hat der
Rekurrent keinen Anspruch auf Entschädigung ausseramtlicher Kosten (Art. 98 VRP).