Decision ID: be7c0748-1a22-5fa8-8cd8-a79a29df6517
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Das Gesundheitsdepartement des Kantons St. Gallen (GD) bewilligte Dr. A.A.
(1961) am 3. Oktober 2005 die Berufsausübung als Zahnarzt. Am 9. Mai 2012 teilte das
GD Dr. A.A. mit, dass es aufgrund verschiedener Aufsichtsbeschwerden beabsichtige,
ein Disziplinarverfahren zu eröffnen. Im November 2012 gab Dr. A.A. die zahnärztliche
Tätigkeit im Kanton St. Gallen auf; er ist seitdem im Kanton Thurgau tätig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B. Nach Abschluss der Untersuchungen – während derer Dr. A.A. u.a.
Ausstandsbegehren gegen den damaligen Leiter Rechtsdienst des GD und die
zuständige Verfahrensleiterin gestellt hatte – verfügte das GD schliesslich am 28. Mai
2014 gegenüber Dr. A.A. ein definitives und uneingeschränktes Verbot der
selbständigen Berufsausübung als Zahnarzt. Gleichzeitig entzog es ihm die
Berufsausübungsbewilligung als Zahnarzt. Das GD begründete diese Massnahmen mit
Verletzungen der Berufspflichten. Im Übrigen wies das GD die Ausstandsbegehren ab,
auferlegte Dr. A.A. eine Busse von Fr. 10‘000.-- und verpflichtete ihn, die ihm
angezeigten Schadenfälle verzugslos der zuständigen Berufshaftpflichtversicherung zu
melden. Diesbezüglich und hinsichtlich des Bewilligungsentzugs entzog das GD einer
allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung.
C. Mit Eingabe seiner Rechtsvertreter vom 4. Juni 2014 (act. 1) erhob Dr. A.A.
(Beschwerdeführer) gegen die Verfügung des GD (Vorinstanz) Beschwerde beim
Verwaltungsgericht. Er beantragte, hinsichtlich des Bewilligungsentzugs sei die
aufschiebende Wirkung wiederherzustellen (Ziff. 1), die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben (Ziff. 2), eventualiter sei die Angelegenheit zur neuen Beurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen (Ziff. 3); alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Ferner liess der Beschwerdeführer beantragen, es sei ihm eine Nachfrist zur
Sachverhaltsdarstellung und Einreichung der Begründung hinsichtlich der materiellen,
nicht die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung betreffenden Rechtsbegehren
anzusetzen. Mit Vernehmlassung vom 24. Juni 2014 beantragte die Vorinstanz
Abweisung des Begehrens um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung (act. 6).
In der Sache liess sie sich noch nicht vernehmen.
D. Der Präsident des Verwaltungsgerichts erstreckte die Frist zur Einreichung der
Beschwerdeergänzung zunächst bis 7. Juli 2014 mit dem Hinweis, dass das
Verwaltungsgericht im Säumnisfall nicht auf die Beschwerde eintreten werde
(Schreiben vom 6. Juni 2014, act. 4). Auf entsprechendes Gesuch hin erstreckte er die
Frist erneut, und zwar bis 18. August 2014. Hinsichtlich der Säumnisfolgen verwies er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf das Schreiben vom 6. Juni 2014 (act. 10). Ein weiteres Erstreckungsgesuch
adressierten die Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am 18. August 2014 statt an
das Verwaltungsgericht an Rechtsanwalt lic. iur. F.F., in Z. (vgl. act. 15.1): Eine
Kanzleimitarbeiterin hatte das an das Verwaltungsgericht adressierte Schreiben in
einen Umschlag gesteckt und die im Fenster sichtbare Adresse mit einer
abweichenden Postetikette für Einschreibesendungen überklebt. Rechtsanwalt C.C.
holte das Fristerstreckungsgesuch beim Empfänger ab und überbrachte es am
19. August 2014 persönlich dem Gericht (act. 14). Auch Rechtsanwalt F.F. – der
irrtümliche Empfänger – leitete es an das Gericht weiter und verwies darauf, dass er
dem Stadtrat von X. angehöre und ihn eine Pflicht zur Weiterleitung treffe (act. 18.1).
Mit Schreiben vom 20. August 2014 zeigte der Präsident des Verwaltungsgerichts dem
Beschwerdeführer die mutmassliche Säumnis an und gab ihm Gelegenheit, zur
Verspätung und deren Folgen Stellung zu nehmen und allenfalls ein Gesuch um
Wiederherstellung der Frist einzureichen. Mit Eingabe vom 28. August 2014 ersuchte
der Beschwerdeführer um Wiederherstellung der Frist zur Einreichung der
Beschwerdeergänzung; für diese sei eine angemessene Nachfrist festzusetzen. Das
Gesuch sei zu sistieren, bis definitiv über eine allfällige Säumnis entschieden worden
sei (act. 20). Mit Blick auf die Säumnis beantragte der Beschwerdeführer am
8. September 2014, auf das Fristverlängerungsgesuch vom 18. August 2014 sei
einzutreten; eventuell sei ihm eine Notfrist zur Beschwerdeergänzung anzusetzen oder
es sei auf die Beschwerde auch ohne Ergänzung einzutreten. Werde von einer
Verspätung ausgegangen, sei dem bereits gestellten Wiederherstellungsgesuch
stattzugeben (act. 22).
Die Vorinstanz stimmte dem Wiederherstellungsgesuch nicht zu und verzichtete auf
eine Stellungnahme (act. 27). Daran änderte auch eine nachmalige Intervention des
Beschwerdeführers nichts (act. 31.1 und 36).
E. Mit Zwischenentscheid vom 21. November 2014 wies der Präsident des
Verwaltungsgerichts das Gesuch um Wiedererteilung der aufschiebenden Wirkung der
Beschwerde – soweit diese entzogen worden war – ab (act. 35). Eine vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer bzw. Gesuchsteller dagegen erhobene Beschwerde in öffentlich-
rechtlichen Angelegenheiten wies das Bundesgericht ab (BGer 2C_1180/2014 vom
5. Juni 2015).
Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten, den angefochtenen Entscheid und die
Akten wird – soweit notwendig – in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zur Behandlung der gegen einen Entscheid des
Gesundheitsdepartements erhobenen Beschwerde zuständig (Art. 59bis Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP). Der Beschwerdeführer
ist Adressat der angefochtenen Verfügung, durch diese in schutzwürdigen Interessen
betroffen und somit zur Erhebung der Beschwerde legitimiert (Art. 64 in Verbindung mit
Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 4. Juni 2014 erfüllt
unbestrittenermassen die gesetzlichen Anforderungen in zeitlicher und formaler
Hinsicht (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Streitig und
zu entscheiden ist aber, ob der Beschwerdeführer seine Beschwerde noch ergänzen
darf bzw. ob sie den inhaltlichen Anforderungen bereits genügt (Art. 64 in Verbindung
mit Art 48 VRP).
2. Die Beschwerde an das Verwaltungsgericht muss unter anderem eine
Darstellung des Sachverhaltes und eine Begründung enthalten. Fehlt eine Begründung,
so ist dem Beschwerdeführer eine Frist zur Ergänzung der Beschwerde anzusetzen,
verbunden mit der Androhung des Nichteintretens im Säumnisfall (vgl. Art. 64 in
Verbindung mit Art. 48 VRP). Ist aufgrund der Eingabe unklar, ob eine genügende
Begründung vorliegt, wird ebenfalls eine entsprechende Nachfrist zur Ergänzung
angesetzt. Wird innert dieser Frist die Beschwerde nicht ergänzt, so ist nicht ohne
weiteres auf Nichteintreten zu erkennen. Vielmehr hat das Gericht zu prüfen, ob die
erste Eingabe die Eintretensvoraussetzungen erfüllt (Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 923; GVP 1985
Nr. 50).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit verfahrensleitender Verfügung vom 6. Juni 2014 forderte der Präsident des
Verwaltungsgerichts den Beschwerdeführer antragsgemäss auf, die Beschwerde
hinsichtlich der Darstellung des Sachverhalts und der Begründung bis 7. Juli 2014 zu
ergänzen und drohte für den Säumnisfall an, dass auf die Beschwerde nicht
eingetreten werde (act. 4). Auf Gesuch hin (act. 9) erstreckte er die Frist am 8. Juli 2014
bis 18. August 2014 (act. 10). Für die Säumnisfolgen verwies er auf das Schreiben vom
6. Juni 2014. Diese Frist wollte der Beschwerdeführer mit der falsch adressierten
Eingabe vom 18. August 2014 erneut erstrecken.
3. Gemäss Art. 64 in Verbindung mit Art. 58 Abs. 1 und Art. 30 VRP finden die
Bestimmungen der Schweizerischen Zivilprozessordnung (SR 272, ZPO) über die
gerichtliche Vorladung, die Form der Zustellung, die Fristen und die Wiederherstellung
sachgemässe Anwendung, soweit das Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege nichts
anderes bestimmt. Die bundesrechtlichen zivilprozessualen Normen werden durch den
Verweis im kantonalen Verwaltungsrechtspflegegesetz zu subsidiärem kantonalem
Recht (BGer 2C_1107/2015 vom 23. März 2016 E. 2.2; vgl. auch BGer 2C_630/2014
vom 24. Oktober 2014 E. 1.2.2 mit Hinweisen). Während gesetzliche Fristen gemäss
Art. 30bis VRP – vorbehältlich einer anderen Regelung im Gesetz – bei Nichtbeachtung
Verwirkungsfolge haben, wird die Säumnisfolge für richterliche Fristen nicht
ausdrücklich geregelt. Aus Art. 48 Abs. 3 VRP ist indessen zu schliessen, dass die
richterliche Frist zur Ergänzung eines Rechtsmittels ebenfalls die Folge der Verwirkung
nach sich zieht, wenn auf die Möglichkeit, im Säumnisfall auf das Rechtsmittel nicht
einzutreten, hingewiesen worden ist. Dies ergibt sich insbesondere auch aus der
Rechtsprechung zur Frage, wie bei einem Gesuch um eine Erstreckung der
richterlichen Frist zu verfahren ist. Käme dem unbenützten Ablauf nicht
Verwirkungsfolge zu, so wäre auch die Rechtsprechung, nach welcher ein
Erstreckungsgesuch zumindest am letzten Tag der Frist gestellt werden muss, nicht
gerechtfertigt (vgl. BGer 1C_171/2012 vom 13. Juni 2012 E. 2; GVP 2013 Nr. 51;
VerwGE B 2011/225 vom 14. Februar 2012 E. 4.1., 4.2. und 4.4., www.gerichte.sg.ch).
Ebensowenig ist – soweit die Säumnisfolge angedroht worden ist – nach unbenütztem
Ablauf der Frist im Sinn einer Notfrist eine kurze Nachfrist anzusetzen. Vielmehr greift in
diesem Fall ohne weiteres die angedrohte Säumnisfolge (vgl. VerwGE B 2012/21 vom
15. Oktober 2012 E. 3.1, www.gerichte.sg.ch).
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4. Gerichtliche Fristen können aus zureichenden Gründen erstreckt werden,
wenn das Gericht vor Fristablauf darum ersucht wird (Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung
mit Art. 144 Abs. 2 ZPO). Zu entscheiden ist zunächst, ob das Fristerstreckungsgesuch
rechtzeitig eingereicht worden ist.
4.1. Gemäss Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 143 Abs. 1 ZPO müssen
Eingaben spätestens am letzten Tag der Frist beim Gericht eingereicht oder zu dessen
Handen der Schweizerischen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder
konsularischen Vertretung übergeben werden. Darin kommt das sogenannte
«Expeditionsprinzip» zum Ausdruck (Staehelin, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/
Leuenberger, Kommentar ZPO, 3. Aufl. 2016, Art. 143 N 4). Früher zugestellte Eingaben
können bis zu diesem Zeitpunkt ergänzt werden, Unterlagen, die nachher spediert
werden, bleiben hingegen unbeachtlich (Merz, in: Brunner/Gasser/Schwander [Hrsg.],
Kommentar ZPO, Zürich/St. Gallen 2011, Art. 143 N 10). Trotz Aufhebung eines Teils
des Postmonopols schreibt die ZPO für die Fristwahrung die Benutzung der
Schweizerischen Post vor. Werden für die Einreichung private Zustelldienste in
Anspruch genommen, gilt das Datum der Übergabe durch den privaten Dienst an das
Gericht – gleichsam als Vertreter der fristgebundenen Partei – als Datum der
vorgenommenen Handlung (Benn, in: Spühler/Tenchio/Infanger [Hrsg.], Basler
Kommentar ZPO, 2. Aufl. 2013, Art. 143 N 8). Nichts anderes ergibt sich im Übrigen
aus Literatur und Rechtsprechung zur wortgleichen Bestimmung von Art. 48 Abs. 1 des
Bundesgerichtsgesetzes (SR 173.110; vgl. z.B. Amstutz/Arnold, in: Niggli/Uebersax/
Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar BGG, 2. Aufl. 2011, Art. 48 N 9 ff. mit
Hinweisen) sowie zum inhaltlich identischen § 11 Abs. 2 des
Verwaltungsrechtspflegegesetzes des Kantons Zürich (vgl. Plüss, in: Griffel [Hrsg.],
Kommentar VRG, 3. Aufl. 2014, § 11 N 42 ff. mit Hinweisen).
4.2. Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, er habe sich durch die persönliche
Überbringung des Fristerstreckungsgesuchs am 19. August 2014 zum
Erfüllungsgehilfen der Schweizerischen Post gemacht, verkennt er das
Expeditionsprinzip. Er hat das Fristerstreckungsgesuch am letzten Tag der Frist gerade
nicht zu Handen des Gerichts der Schweizerischen Post übergeben, sondern zu
Handen von Rechtsanwalt F.F. Nach erfolgter Zustellung ist es erneut in den
Machtbereich des Beschwerdeführers gelangt und wurde dem Gericht am Tag nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ablauf der Frist durch einen seiner Rechtsvertreter überbracht. Der Vorgang ist nicht
anders zu beurteilen, wie wenn die Sendung überhaupt nie postalisch aufgegeben
worden wäre. Sie wurde letztlich privat überbracht, womit das Datum der Übergabe als
Datum der vorgenommenen Handlung gilt. Diese erfolgte offensichtlich einen Tag zu
spät.
4.3. Der Beschwerdeführer beruft sich ferner auf Art. 11 Abs. 3 VRP, wonach
Eingaben an eine unzuständige Stelle von dieser der zuständigen Stelle übermittelt
werden und die Frist als eingehalten gilt, wenn die Eingabe rechtzeitig einer
unzuständigen Stelle eingereicht wird. Mit «Stelle» sind praxisgemäss alle Gerichte und
Verwaltungsbehörden sowie Private und Organisationen, die öffentliche
Verwaltungsbefugnisse ausüben, gemeint (Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 471 mit Hinweis
u.a. auf GVP 1983 Nr. 109). Ähnliche Bestimmungen finden sich auch in anderen
Verfahrensgesetzen des Bundes und der Kantone (vgl. z.B. Art. 48 Abs. 3 BGG und Art.
21 Abs. 2 des Verwaltungsverfahrensgesetzes, SR 172.021, VwVG).
4.4. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts kommt darin der im Bereich
der Rechtsmittelfristen vorherrschende Gedanke zum Ausdruck, dass der