Decision ID: b476627a-c371-5f9d-bb2e-0c08572bdc7b
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im August 2019 zum Bezug einer Ergänzungsleistung an (EL-
act. 54). Der Anmeldung lag eine Verfügung der Ausgleichskasse vom 15. August 2019
bei, mit der dem EL-Ansprecher für die Zeit ab dem 1. November 2019 eine Altersrente
der AHV zugesprochen worden war (EL-act. 55–6). Gemäss einem Schreiben der
beruflichen Vorsorgeeinrichtung vom 8. Mai 2018 war eine Freizügigkeitspolice per 8.
Mai 2018 aufgehoben worden; die Vorsorgeeinrichtung hatte dem EL-Ansprecher
270’532.05 Franken ausbezahlt (EL-act. 55–1). Der EL-Ansprecher hatte in einer
handschriftlichen Notiz vom 8. August 2019 festgehalten (EL-act. 55–2), er habe 20’000
Franken für Steuern, 10’000 Franken für Operationen, 30’000 Franken für die
Begleichung von Schulden aus den Jahren 2010–2018, 15’000 Franken für „Ferien,
Handy, Tattoos, Zahnarzt, Steuern, Krankenkasse“, 4’000 Franken für Bordellbesuche
und 20’000 Franken für „Ausgang“ ausgegeben. Die Arbeitslosenentschädigung von
etwa 2’300 Franken pro Monat habe nicht zum Leben ausgereicht. Das Geld (gemeint
wohl: die Freizügigkeitsleistung) habe er sich ausbezahlen lassen, weil er den Banken
misstraue. Ihm sei in der Folge ein Betrag von 140’000 Franken gestohlen worden. Das
Untersuchungsamt der Stadt St. Gallen hatte am 28. November 2018 eine
Sistierungsverfügung erlassen (EL-act. 55–3). Dieser liess sich entnehmen, dass der
EL-Ansprecher einen Diebstahl angezeigt hatte, der sich in der Zeit zwischen dem 12.
und dem 18. Oktober 2018 ereignet habe und bei dem ihm eine Geldkassette mit
140’000 Franken aus dem Garten „neben dem Schacht“ gestohlen worden sei. Das
A.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Strafverfahren war sistiert worden, weil die Täterschaft nicht hatte ermittelt werden
können.
Die EL-Durchführungsstelle wies den EL-Ansprecher am 3. September 2019
darauf hin (EL-act. 51), dass sich anhand der von ihm eingereichten Unterlagen nicht
erklären lasse, weshalb von der im Mai 2018 ausbezahlten Freizügigkeitsleistung von
270’352.05 Franken am Ende des Jahres 2018 (gemäss der entsprechenden
Steuerveranlagungsverfügung) nur noch 14’749.28 Franken vorhanden gewesen seien.
Wenn man den gestohlenen Betrag von 140’000 Franken berücksichtige, verbleibe
immer noch ein nicht nachvollziehbarer Vermögensrückgang von 115’782.77 Franken.
Die vom EL-Ansprecher eingereichte handschriftliche Notiz reiche als Beleg für den
hohen Vermögensverbrauch nicht aus. Der EL-Ansprecher müsse weitere Unterlagen
einreichen. Gelinge es ihm nicht, den Verbrauch des Vermögens zu belegen, müsse ein
Vermögensverzicht angenommen und ein hypothetisches Vermögen angerechnet
werden. Am 9. September 2019 reichte der EL-Ansprecher Belege ein, die Zahlungen
im Gesamtbetrag von 115’992.90 Franken auswiesen (EL-act. 50–4 ff.). Zudem
erwähnte er weitere Ausgaben von 5’000 Franken für „Bordell Konstanz“ (EL-act. 50–
3). Die Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle notierte diesbezüglich, man müsse
prüfen, ob der EL-Ansprecher für diese 5’000 Franken „adäquate Gegenleistungen im
Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung“ erhalten habe (elektronische Notiz zu
EL-act. 50–3). Die EL-Durchführungsstelle tätigte dann allerdings keine weiteren
Abklärungen, sondern ignorierte die geltend gemachten Ausgaben für die
Bordellbesuche und errechnete einen verbleibenden nicht erklärbaren
Vermögensrückgang von 3’857.43 Franken (vgl. EL-act. 47). Mit einer Verfügung vom
24. Oktober 2019 sprach sie dem EL-Ansprecher mit Wirkung ab dem 1. November
2019 eine Ergänzungsleistung im Betrag der kantonalen Durchschnittsprämie für die
obligatorische Krankenpflegeversicherung (sog. Minimalgarantie) von 460 Franken pro
Monat zu (EL-act. 42). Dem Berechnungsblatt zur Verfügung liess sich entnehmen,
dass sie nebst dem effektiv noch vorhandenen Sparguthaben von 3’665 Franken ein
„übriges Vermögen“ von 140’000 Franken und einen Vermögensverzicht von 3’857
Franken berücksichtigt hatte, was zur Anrechnung eines hypothetischen
Vermögensverzehrs von 11’002 Franken geführt hatte.
A.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 4. November 2019 machte der EL-Ansprecher geltend (EL-act. 41), er bezahle
für die Wohnungsmiete 700 Franken pro Monat. Da ihm die EL-Durchführungsstelle
das offenbar nicht glaube, weil sie bei der Anspruchsberechnung einen tieferen
Mietzins berücksichtigt habe, habe er nun einen entsprechenden Dauerauftrag
eingerichtet. Sein Sparkonto habe er saldiert. Das Sparguthaben habe sich auf lediglich
noch drei Franken belaufen. Gegen die Verfügung vom 24. Oktober 2019 werde er
noch eine Einsprache erheben, denn es sei unzulässig, die gestohlenen 140’000
Franken als Vermögen anzurechnen. Eine Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle
notierte am 8. November 2019 (EL-act. 36), die drei Franken seien bei der
Anspruchsberechnung nicht zu berücksichtigen, aber das habe keinen Einfluss auf das
Ergebnis. Der EL-Ansprecher wohne als Untermieter in einem möblierten Zimmer und
er könne den Rest der Wohnung mitbenutzen. Der Mietzins für die gesamte Wohnung
betrage 1’325 Franken. Davon könne höchstens die Hälfte als Untermietzins
berücksichtigt werden. Zusammenfassend bestehe kein Anlass für eine Korrektur der
Verfügung vom 24. Oktober 2019. Mit einer „Mitteilung“ vom 11. November 2019
sprach die EL-Durchführungsstelle dem EL-Ansprecher erneut eine Ergänzungsleistung
von 460 Franken pro Monat ab November 2019 zu, wobei sie darauf hinwies, dass die
„Neuberechnung“ nach der Saldierung des Sparkontos keinen Einfluss auf den EL-
Anspruch habe (EL-act. 34). Mit einer Verfügung vom 19. Dezember 2019 erhöhte die
EL-Durchführungsstelle die laufende Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1. Januar
2020 auf 465 Franken pro Monat (EL-act. 25). Dem Berechnungsblatt liess sich
entnehmen, dass sie kein Verzichtsvermögen, aber weiterhin ein „übriges Vermögen“
von 140’000 Franken angerechnet hatte.
A.c.
Bereits am 21. November 2019 hatte der nun anwaltlich vertretene EL-Ansprecher
eine Einsprache gegen die Verfügung vom 24. Oktober 2019 erheben lassen (EL-act.
32). Sein Rechtsvertreter beantragte in einer Einspracheergänzung vom 9. Januar 2020
(EL-act. 18) die Zusprache einer Ergänzungsleistung von 1’324 Franken pro Monat ab
dem 1. November 2019. Zur Begründung machte er geltend, das Barvermögen von
140’000 Franken sei ihm erwiesenermassen entwendet worden. Aufgrund der
Strafuntersuchungsakten sei „klar“ von einem Diebstahl auszugehen. Vielleicht habe
sich der EL-Ansprecher „naiv“ verhalten, als er das Barvermögen im Garten vergraben
habe, aber darin könne kein freiwilliger Verzicht auf das Barvermögen erblickt werden.
A.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die polizeilichen Ermittlungen hätten keinerlei Hinweise darauf ergeben, dass der EL-
Ansprecher „die Geldsumme selbst oder absichtlich hätte verschwinden lassen“
wollen. Der EL-Ansprecher habe bis und mit Oktober 2019 einen Untermietzins von
850 Franken pro Monat bezahlt. Diese Vereinbarung sei lange vor der Anmeldung zum
EL-Bezug getroffen worden. Der Untermietzins sei nicht übersetzt. Der EL-Ansprecher
stehe in keinem persönlichen Verhältnis zur Wohnungsmieterin. Per November 2019
habe der Untermietzins auf 700 Franken reduziert werden müssen, weil der EL-
Ansprecher zufolge der „Kürzung“ der Ergänzungsleistung nicht über ausreichende
finanzielle Mittel zur Bezahlung des ursprünglich vereinbarten Untermietzinses von 850
Franken pro Monat verfüge. Der Eingabe lagen ein Polizeibericht, Kopien von Fotos
sowie ein Einvernahmeprotokoll bei (EL-act. 19–20 ff.). Diesen Akten liess sich
entnehmen, dass der EL-Ansprecher am 20. Oktober 2018 eine Anzeige wegen
Diebstahls erstattet und angegeben hatte, ihm seien 140’000 Franken gestohlen
worden. Er habe geltend gemacht, dass er am 12. Oktober 2018 um 13 Uhr 140
Banknoten à 1’000 Franken in einer blauen Geldkassette neben dem Sitzplatz der
Parterrewohnung vergraben habe. Auf diese Idee sei er gekommen, weil er den
Wellensittich seiner Mitbewohnerin habe vergraben müssen. Er habe sich gedacht,
dass das Geld dort sicherer als in der Wohnung verwahrt sei. Ein paar Tage später
habe sich herausgestellt, dass die Geldkassette gestohlen worden sei. Jemand habe
ein Loch gegraben und die Geldkassette entwendet. Er habe das Loch zugeschüttet,
damit er nicht darüber stolpere. Er wisse nicht, wer das Geld gestohlen habe. Seines
Erachtens habe ihn niemand beim Vergraben der Geldkassette beobachtet. Der
Polizeibeamte, der die Anzeige entgegen genommen hatte, hatte berichtet, er sei mit
einem Kollegen nach der Anzeigeerstattung zum Wohnort des EL-Ansprechers
gefahren. Dort hätten sie neben dem Sitzplatz ein etwa 30 × 30cm grosses und etwa
25cm tiefes Loch feststellen können, das mit frischer Erde aufgefüllt und mit einem
Stück Rasen zugedeckt gewesen sei. Die Erde sei nochmals entfernt worden, aber im
Loch habe weder eine Geldkassette „noch sonstiges“ entdeckt werden können. Der
EL-Ansprecher habe im Anschluss den Schlüssel für die Geldkassette ausgehändigt.
Danach hätten die Polizisten sowohl die im selben Haus lebende, vom EL-Ansprecher
getrennte Ehefrau als auch die Mitbewohnerin des EL-Ansprechers befragt. Die
Ehefrau habe angegeben, sie habe gar nichts vom Bezug des Freizügigkeitsguthabens
gewusst. Sie hätte doch dazu ihre Zustimmung geben müssen, da ihr ja schliesslich ein
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Anrecht auf einen Teil der Freizügigkeitsleistung zustehe. Sie habe jedenfalls nichts
Auffälliges im Garten beobachten können. Die Mitbewohnerin habe ausgeführt, dass
sie eigentlich keine Aussage machen wolle, da sie nichts zur Sache sagen könne. Sie
wisse nichts von einer Geldkassette und sie habe auch nie eine solche Geldkassette in
der Wohnung gesehen. Es sei eine Frechheit, dass man sie in Dinge hineinziehe, die sie
nichts angingen. Sie habe im Garten nichts Auffälliges beobachten können. Die
Polizisten hatten weiter festgehalten, dass zur Täterschaft keinerlei Hinweise
bestünden. Ein Verdacht, dass der EL-Ansprecher die Geldsumme absichtlich hätte
verschwinden lassen wollen, habe sich nicht erhärtet.
Ein Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle notierte am 24. Januar 2020 (EL-
act. 14), gestützt auf die Strafakten müsse der Verlust des Geldes als überwiegend
wahrscheinlich angesehen werden, weshalb die 140’000 Franken nicht als nach wie vor
vorhandenes Vermögen behandelt werden könnten. Der EL-Ansprecher sei aber ein
sehr hohes Risiko eingegangen, das rechtsprechungsgemäss als ein
Vermögensverzicht qualifiziert werden müsse. Für die Zeit ab Januar 2020 müsse die
Anspruchsberechnung folglich korrigiert werden, da sich ein Verzichtsvermögen
gemäss dem Art. 17a ELV jährlich um 10’000 Franken verringere. Das gehöre aber
nicht zum Gegenstand des Einspracheverfahrens. Mit einem Entscheid vom 11.
Februar 2020 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-act. 10). Zur
Begründung führte sie an, angesichts des hohen Risikos, beim Vergraben des Geldes
beobachtet zu werden, müsse der Diebstahl des Sparvermögens von 140’000 Franken
als ein Vermögensverzicht qualifiziert werden. Der vereinbarte Untermietzins sei
übersetzt, weshalb nur die Hälfte des Wohnungsmietzinses als Ausgabe zu
berücksichtigen sei.
A.e.
Am 12. März 2020 liess der EL-Ansprecher (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 11. Februar 2020 erheben (act.
G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides und die Zusprache einer Ergänzungsleistung von 1’324
Franken mit Wirkung ab dem 1. November 2019. Zur Begründung führte er aus, der
Beschwerdeführer habe nicht auf Vermögen verzichtet, denn die 140’000 Franken
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1. Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des vorangegangenen Einspracheverfahrens entsprechen muss. Das
Einspracheverfahren ist ein („echtes“) Rechtsmittelverfahren gewesen, was bedeutet,
dass sich sein Zweck in der Überprüfung der Verfügung vom 24. Oktober 2019 auf
deren Rechtmässigkeit erschöpft hat und dass folglich der Gegenstand des
Einspracheverfahrens zwingend jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens
entsprochen hat. Mit der Verfügung vom 24. Oktober 2019 hat die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab dem 1. November 2019
eine Ergänzungsleistung zugesprochen. Diese Verfügung hat also ein
Verwaltungsverfahren abgeschlossen, das durch die Anmeldung zum Leistungsbezug
im August 2019 angestossen worden war und das die Prüfung sämtlicher
Anspruchsvoraussetzungen für die erstmalige Zusprache einer Ergänzungsleistung
sowie die Bezifferung aller Berechnungspositionen umfasst hatte. Folglich ist auch in
diesem Beschwerdeverfahren umfassend zu prüfen, ob der Beschwerdeführer einen
Anspruch auf eine Ergänzungsleistung gehabt hat und wie hoch dieser Anspruch
gewesen ist.
2. Der Beschwerdeführer hat sich zwar bereits im August 2019 zum Bezug einer
Ergänzungsleistung angemeldet, aber er hat erst ab dem 1. November 2019 eine
Altersrente der AHV bezogen. Da er in der Zeit vor dem 1. November 2019 keine der im
Art. 4 Abs. 1 ELG genannten Leistungen erhalten hat, hat er die persönlichen
seien ihm gegen seinen Willen gestohlen worden. Das Vergraben des Geldes sei auch
nicht als ein hochriskantes Vorgehen zu qualifizieren, wie die EL-Durchführungsstelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) fälschlicherweise behauptet habe. Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung sei nur beispielsweise eine Spekulation mit einem
völlig unseriösen Gewinnversprechen von 91 Prozent und einem anschliessenden
Totalverlust als eine hochriskante Investition zu qualifizieren. Der Beschwerdeführer
habe aber nicht von Anfang an mit einem Totalverlust des Vermögens rechnen müssen.
Das Risiko sei überschaubar gewesen. Der Untermietzins sei unter Berücksichtigung
der Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt keineswegs übersetzt.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 1. April 2020 unter Hinweis auf die Er
wägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 3).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anspruchsvoraussetzungen erst ab dem 1. November 2019 erfüllt, weshalb ein
allfälliger Anspruch auf eine Ergänzungsleistung nicht vor dem 1. November 2019
entstanden sein kann.
3. Als Ausgaben sind die kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung, die Lebensbedarfspauschale für eine alleinstehende
Person sowie die Mietkosten zu berücksichtigen. Die Beschwerdegegnerin hat zu
Recht keine Beiträge für Nichterwerbstätige an die AHV, an die IV und an die EO
angerechnet, denn der Beschwerdeführer hatte die Beiträge für das Jahr 2019 bereits
vollumfänglich beglichen, bevor ein Anspruch auf eine Ergänzungsleistung entstanden
ist (vgl. EL-act. 47). Als Mietausgabe ist der objektiv geschuldete Untermietzins zu
berücksichtigen. Die Beschwerdegegnerin hat sich auf den Standpunkt gestellt, dieser
objektiv geschuldete Untermietzins müsse deutlich tiefer als der vom
Beschwerdeführer effektiv bezahlte Untermietzins sein, da dieser weit mehr als die
Hälfte des gesamten Wohnungsmietzinses betrage und folglich deutlich übersetzt sei.
Der Mietzins für die Vierzimmerwohnung hat sich auf 1’325 Franken pro Monat
belaufen (vgl. EL-act. 58–1 f.). Die Mieterin dieser Wohnung hat mit dem
Beschwerdeführer einen Untermietvertrag abgeschlossen, der es ihm erlaubt hat, ein
Zimmer für sich allein zu benützen und die Küche, das Bad, das Wohnzimmer, die
Waschküche und den Keller mitzubenützen; der Untermietzins hat 850 Franken
betragen (vgl. EL-act. 58–3 f.). Der Beschwerdeführer hat diesen Untermietzins effektiv
bezahlt (vgl. EL-act. 58–5 f.). Er ist mit der Untervermieterin nicht verwandt und nicht
verschwägert gewesen und er hat nicht mit ihr in einem Konkubinatsverhältnis gelebt.
Selbstverständlich kann beim Fehlen eines entsprechenden Hinweises auch keine
Vertragssimulation unterstellt werden. Der vereinbarte Untermietzins von 850 Franken
pro Monat kann – ohne ein „Schielen“ auf den Wohnungsmietzins – auch nicht als
übersetzt qualifiziert werden, denn ein Mietzins von 850 Franken für ein möbliertes
Zimmer mit einem Mitbenützungsrecht an den „Gemeinschaftsräumen“ einer
Vierzimmerwohnung im Parterre an einer zentralen Lage in der Stadt ist durchaus
ortsüblich. Nur das Verhältnis zwischen dem Wohnungsmietzins von 1’325 Franken
und dem Untermietzins von 850 Franken lässt den Untermietzins als (vermeintlich)
übersetzt erscheinen. Auch dieses Verhältnis kann aber als angemessen qualifiziert
werden, denn der Untermietzins macht 64 Prozent des gesamten Mietzinses aus, was
bedeutet, dass die Untervermieterin mit dem Untermietvertrag einen bescheidenen
ökonomischen Vorteil für sich gewonnen hat. Angesichts der prekären finanziellen Lage
des Beschwerdeführers ist die Untervermieterin letztlich sogar bereit gewesen,
weitestgehend auf diesen Vorteil zu verzichten, denn sie hat den Untermietzins auf 700
Franken reduziert, was lediglich noch knapp 53 Prozent des gesamten
Wohnungsmietzinses entsprochen hat (vgl. EL-act. 41). Zusammenfassend ist kein
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Grund ersichtlich, der ein Abweichen vom effektiv bezahlten Mietzins rechtfertigen
würde. Da allerdings sowohl im Wohnungsmietzins als auch im Untermietzins die
Gebühren für den Radio- und den TV-Anschluss enthalten sind und da diese Gebühren
nicht der Befriedigung des existenziellen Wohnbedürfnisses dienen, sondern zum
allgemeinen Lebensbedarf gehören, ist eine entsprechende Reduktion vorzunehmen. In
der Verwaltungspraxis beträgt der entsprechende Abzug jeweils 20 Franken. Aus
Gleichbehandlungsgründen ist deshalb ein anteiliger Abzug von zehn Franken zu
berücksichtigen, sodass als Mietausgabe ein Betrag von 690 Franken pro Monat
respektive von 8’280 Franken anzurechnen ist. Damit ergibt sich ein Ausgabentotal von
5’520 + 19’450 + 8’280 = 33’250 Franken.
4.
Als laufende Einnahme hat dem Beschwerdeführer lediglich die Altersrente der
AHV von 19’260 Franken pro Jahr zur Verfügung gestanden. Der Beschwerdeführer ist
gemäss dem Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG verpflichtet gewesen, einen Zehntel seines
anrechenbaren Vermögens zur Deckung seines Lebensbedarfs zu verzehren, weshalb
ein entsprechender (hypothetischer) Vermögensverzehr als eine zusätzliche Einnahme
zu berücksichtigen ist. Im Mai 2018 hat die berufliche Vorsorgeeinrichtung dem
Beschwerdeführer ein Freizügigkeitsguthaben von rund 270’000 Franken ausbezahlt.
Davon sind im November 2019 lediglich noch knapp 4’000 Franken übrig gewesen.
Das wirft die Frage nach dem Verbleib des restlichen Vermögens auf. Der
Beschwerdeführer hat auf eine entsprechende Aufforderung hin belegen können, dass
er einen wesentlichen Teil des Vermögens tatsächlich ausgegeben hatte. Zieht man
vom ursprünglichen Betrag von 270’000 Franken den gestohlenen Geldbetrag von
140’000 Franken ab (auf den unten näher einzugehen ist), hat der Beschwerdeführer
gemäss einer Aufstellung der Beschwerdegegnerin den Verbrauch für adäquate
Gegenleistungen des gesamten Restvermögens bis 3’857 Franken belegen können.
Allerdings zeigt ein Vergleich zwischen der Aufstellung der Beschwerdegegnerin (vgl.
EL-act. 47–2) und jener des Beschwerdeführers (vgl. EL-act. 50–3), dass die
Beschwerdegegnerin ohne jede Begründung die Ausgaben von 5’000 Franken für
Bordellbesuche nicht berücksichtigt hat. Eine Sachbearbeiterin hatte diesbezüglich
zunächst noch vermerkt, dass zu prüfen sei, ob der Beschwerdeführer für diese 5’000
Franken adäquate Gegenleistungen erhalten habe (vgl. elektronische Notiz zu EL-
act. 50–3), aber entsprechende Abklärungen sind dann nicht erfolgt. Wenn die
Beschwerdegegnerin der bundesgerichtlichen Auffassung folgend die Ausgaben für
Ferien nicht als einen Verzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG qualifiziert hat,
dann hätte sie auch die Ausgaben für die Bordellbesuche nicht als einen Verzicht
4.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
qualifizieren dürfen, denn in beiden Fällen steht der Vermögenshingabe ein – rein
ökonomisch betrachtet adäquater – Konsumgenuss als Gegenleistung gegenüber. Die
Beschwerdegegnerin hätte folglich den Beschwerdeführer auffordern zu müssen,
Belege für die entsprechenden Ausgaben einzureichen, und sie hätte die Ausgaben im
nachgewiesenen Umfang vom „Verzichtsvermögen“ abziehen müssen. An sich müsste
die Sache zur Vervollständigung der Sachverhaltsabklärung an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden, aber wie aus den nachfolgenden
Erwägungen hervorgeht, spielt es für das Ergebnis keine Rolle, ob ein
Vermögensverzicht von 3’857 Franken berücksichtigt wird, weshalb von weiteren
Abklärungen abgesehen werden kann.
Aufgrund der Akten steht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer einen Teilbetrag der
Freizügigkeitsleistung von 140’000 Franken bar bezogen, zunächst bei sich in der
Wohnung aufbewahrt und dann im Garten vergraben hat und dass die vergrabene
Geldkassette von einer Drittperson ausgegraben und gestohlen worden ist. Über
dieses Geld kann der Beschwerdeführer folglich nicht mehr verfügen. Der Art. 11 Abs.
1 lit. g ELG sieht allerdings vor, dass nicht mehr vorhandenes Vermögen – fiktiv – wie
noch vorhandenes Vermögen anzurechnen ist, wenn der EL-Bezüger darauf verzichtet
hat. Den typischen Fall eines Vermögensverzichtes bildet die Hingabe des Vermögens
ohne eine rechtliche Verpflichtung und ohne eine adäquate Gegenleistung. Ein solcher
Fall liegt beispielsweise vor, wenn Vermögen verschenkt wird. Auch eine hochriskante
Vermögensanlage muss aber unter Umständen als ein Vermögensverzicht qualifiziert
werden, nämlich wenn die Wahrscheinlichkeit eines Verlustes hoch ist. Denn in einem
solchen Fall wird das Vermögen hingegeben, obwohl äusserst fraglich ist, dass man
später das Vermögen noch zurückbekommen werde. Der Verzichtstatbestand ist also
erfüllt, weil ein hohes Risiko besteht, dass man das hingegebene Vermögen definitiv
verlieren wird. Der Beschwerdeführer hat sich gut die Hälfte seines
Freizügigkeitsguthabens in bar ausbezahlen lassen und er hat das Bargeld im Wert von
140’000 Franken verschlossen in einer einfachen Geldkassette bei sich in der Wohnung
aufbewahrt. Damit ist er bereits das Risiko eines Einbruchdiebstahls eingegangen. Das
Risiko wäre deutlich kleiner gewesen, wenn er das Geld beispielsweise in einem
Bankschliessfach aufbewahrt hätte. Das Vergraben des Geldes im Garten am hellichten
Tage an einem Ort, der von zahlreichen Mietwohnungen her frei einsehbar ist, muss
demgegenüber als äusserst leichtsinnig und damit als eine hochriskante
„Vermögensanlage“ qualifiziert werden, denn nach dem Vergraben ist das Geld für
einen Dieb ja deutlich leichter zugänglich gewesen als in der Wohnung des
Beschwerdeführers. Für einen Diebstahl aus der Wohnung hätte der Dieb in diese
4.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einbrechen müssen; für einen Diebstahl aus dem Versteck im Garten musste er
dagegen nur das frei zugängliche Grundstück des Mehrfamilienhauses betreten.
Anders als bei einer „typischen“ hochriskanten Vermögensanlage hat dem hohen
Risiko des Vermögensverlustes nicht einmal eine entsprechend hohe Gewinnaussicht
gegenüber gestanden, denn bestenfalls wäre das Vermögen nur unverändert erhalten
geblieben. Es hätte nicht einmal jenen Zinsertrag abgeworfen, den der
Beschwerdeführer hätte erzielen können, wenn er das Geld auf dem Bankkonto
belassen hätte. Der Polizeibericht und das Einvernahmeprotokoll enthalten keinen
Hinweis auf eine Einschränkung der Urteilsfähigkeit des Beschwerdeführers, die so
stark ausgeprägt wäre, dass man davon ausgehen müsste, er sei nicht in der Lage
gewesen, die Leichtsinnigkeit seines Verhaltens respektive das hohe Risiko seines
Unterfangens zu erkennen. Auch in den übrigen Akten finden sich keine solchen
Hinweise. Das leichtsinnige Verhalten des Beschwerdeführers lässt sich deshalb nicht
rechtfertigen. Das Bundesgericht hat in seinem Urteil 9C_180/2010 vom 15. Juni 2010
festgehalten (E. 5.2), dass eine auf eine strafbare Handlung zurückzuführende
Vermögensverminderung nicht als ein Vermögensverzicht qualifiziert werden könne.
Der Beschwerdeführer könnte sich folglich auf den Standpunkt stellen, der Diebstahl
des Geldes als strafbare Handlung könne zum Vorneherein kein Vermögensverzicht
gewesen sein. Der vom Bundesgericht aufgestellte Grundsatz kann aber zumindest in
der Absolutheit, mit der ihn das Bundesgericht formuliert hat, augenscheinlich nicht
zutreffend sein, denn das würde ja bedeuten, dass selbst das leichtsinnigste Verhalten
eines EL-Bezügers keine Anwendung des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG zur Folge hätte,
wenn der Vermögensverlust „zufällig“ durch eine (beliebige) Straftat mitverursacht
worden wäre. Eine solche Regel lässt sich weder mit dem Wortlaut noch mit dem Sinn
und Zweck des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG vereinbaren. Im vorliegenden Fall ist der
Umstand, dass der Vermögensverlust auf einen Diebstahl zurückzuführen ist, folglich
irrelevant, weshalb das leichtsinnige Vorgehen des Beschwerdeführers als ein
Vermögensverzicht im Sinne des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG zu qualifizieren ist.
Als Vermögen sind folglich das effektiv noch vorhandene Sparguthaben von 3’665
Franken und das gestohlene Geld im Betrag von 140’000 Franken zu berücksichtigen.
Nach Abzug des Freibetrages von 37’500 Franken ergibt sich ein anrechenbares
Vermögen von 106’165 Franken, weshalb ein hypothetischer Vermögensverzehr von
10’616 Franken als Einnahme anzurechnen ist. Würde man den von der
Beschwerdegegnerin ermittelten Vermögensverzicht von 3’857 Franken als
zusätzlichen Vermögenswert berücksichtigen, betrüge der hypothetische
Vermögensverzehr 11’002 Franken. Der Betrag von 140’000 Franken hätte als
Sparguthaben auf der Bank einen Zinsertrag abgeworfen, den die Beschwerdegegnerin
4.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5. Die Ausgaben von 33’250 Franken haben die Einnahmen von 29’946 Franken
beziehungsweise 30’332 Franken um 3’304 Franken respektive um 2’918 Franken
überstiegen. Dieser Ausgabenüberschuss ist tiefer als die kantonale
Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung von 5’520
Franken gewesen, weshalb der Beschwerdeführer gemäss dem Art. 26 ELV in der
damals gültigen Fassung einen Anspruch auf die sogenannte Minimalgarantie von
5’520 Franken gehabt hat. Damit erweist sich der angefochtene Einspracheentscheid
trotz der Korrekturen bezüglich des Mietzinses und des Verzichtsvermögens im
Ergebnis als rechtmässig.
6. Die Beschwerde ist abzuweisen. Gerichtskosten sind gemäss dem nach Art. 83
ATSG massgebenden Art. 61 lit. a ATSG in der bis zum 31. Dezember 2020 gültigen
Fassung keine zu erheben. Der unterliegende Beschwerdeführer hat keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung.