Decision ID: c3a27ab8-7f84-50e9-8ad3-e0156d7e2dd7
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die A._ S.A., Zweigniederlassung Zürich (fortan: Zweigniederlas-
sung) bezweckt insbesondere die Ausübung aller direkten Versicherungs-
und Rückversicherungsaktivitäten sowohl in (...) als auch im Ausland. Die
Zweigniederlassung ist versicherungsaufsichtsrechtlich für die Bereiche
Krankheits- und Unfallversicherung registriert. Ihr Hauptsitz befindet sich
in (...) (fortan: Hauptsitz), wobei die Zweigniederlassung und ihr Hauptsitz
Teil des global tätigen Versicherungskonzerns A._ sind.
B.
Während des verfahrensrelevanten Zeitraums bezog sich die Geschäftstä-
tigkeit der Zweigniederlassung hauptsächlich auf eine weltweit vertriebene
Versicherungslösung, die sich an Unternehmen mit international tätigen
Mitarbeitern (Expats) richtet. In geringerem Umfang war die Zweignieder-
lassung auch im Geschäft mit internationalen Versicherungspolicen für In-
dividualkunden tätig. Als Versicherer realisierte die Zweigniederlassung
von der Steuer ausgenommene Versicherungsumsätze und war demzu-
folge für die Inlandsteuer nicht als Mehrwertsteuerpflichtige registriert.
C.
Mit Schreiben vom 23. Dezember 2013 sowie Ergänzungen vom 31. Ja-
nuar 2014 wandte sich die Zweigniederlassung an die ESTV, informierte
diese über die während der Jahre 2008 bis 2012 aus dem Ausland bezo-
genen Dienstleistungen und meldete die Höhe der zu entrichtenden Be-
zugsteuer. Dazu erklärte die Zweigniederlassung, sie beziehe steuerbare
Leistungen seitens der A._ Services Ltd. ([...]; fortan: Konzern-Ser-
vicing-Gesellschaft). Die gemäss der Dienstleistungsvereinbarung Nr. 3 er-
brachten und von ihr bezogenen Leistungen würden zwar weitgehend un-
ter die Kategorie der Steuerausnahme für Versicherungsvertreter und –
makler fallen, einige Dienstleistungen seien aber als steuerbar zu qualifi-
zieren. Soweit bestimmte Leistungen (z.B. IT-Supportsysteme) keine ei-
genständigen Leistungen bildeten, müssten sie zudem proportional auf die
beiden Kategorien (steuerbar/von der Steuer ausgenommen) aufgeteilt
werden. Für die als steuerbar qualifizierten Leistungen sei die Bezugsteuer
zu entrichten. Basierend auf einer Dienstleistungsvereinbarung Nr. 5 weise
der Hauptsitz ihr überdies einen Teil seiner Verwaltungskosten zu. Diese
Leistungen seien steuerbar und würden ebenfalls der Bezugsteuer unter-
liegen.
A-5786/2018
Seite 3
Gemäss dieser Selbstdeklaration ergaben sich für die Steuerperioden
2008 bis 2009 unter dem Titel Dienstleistungsbezüge aus dem Ausland zu
entrichtende Steuern in Höhe von CHF 76'214.90 (2008) und
CHF 91'498.26 (2009).
D.
Die ESTV teilte der Zweigniederlassung mit Schreiben vom 8. Oktober
2015 mit, dass sämtliche von ihr gemeldeten Dienstleistungsbezüge als
steuerbare Backoffice-Tätigkeiten zu qualifizieren seien und stellte der
Zweigniederlassung zwecks Nachbelastung der Steuer infolge Dienstleis-
tungsbezugs aus dem Ausland für die Steuerperioden 2008 und 2009 je
eine Ergänzungsabrechnung zu, i.e. CHF 213'200.69 (2008) und
CHF 268'015.03 (2009).
E.
Auf Verlangen der Zweigniederlassung erliess die ESTV am 28. Septem-
ber 2017 eine Verfügung, womit sie die Steuernachforderung gemäss den
Ergänzungsabrechnungen für die Steuerperioden 2008 und 2009 bestä-
tigte. Zur Begründung führte die ESTV im Wesentlichen aus, dass die von
der Zweigniederlassung bezogenen Dienstleistungen weitgehend typi-
schen Backoffice-Leistungen entsprechen würden und die Zweigniederlas-
sung überdies keine Nachweise dafür erbracht habe, dass es sich bei den
von der Konzern-Servicing-Gesellschaft bezogenen Dienstleistungen um
solche handle, die auf einer Vertreter-/Maklertätigkeit der Letzteren grün-
den würden.
F.
Mit Schreiben vom 27. Oktober 2017 erhob die Zweigniederlassung gegen
die Verfügung vom 28. September 2017 Einsprache und beantragte deren
Aufhebung. Neu stellte sie sich auf den Standpunkt, dass sämtliche von ihr
bezogenen Dienstleitungen von der Steuer ausgenommen seien und dem-
nach keine Steuer anfalle; eventualiter beantragte sie, die Höhe der Steuer
sei auf Basis ihrer Selbstdeklaration festzusetzen.
Zur Begründung ihres neuen Standpunkts brachte die Zweigniederlassung
im Wesentlichen vor, dass zwischen ihr und der Konzern-Servicing-Gesell-
schaft gar kein Leistungsfluss stattfinde. Vielmehr würde die Konzern-Ser-
vicing-Gesellschaft ihre Leistungen an den Hauptsitz erbringen, was dem
Jahresbericht 2012 der Konzern-Servicing-Gesellschaft entnommen wer-
den könne. Die Zweigniederlassung beziehe demnach gar keine Leistun-
gen von der Konzern-Servicing-Gesellschaft, sondern vom Hauptsitz und
A-5786/2018
Seite 4
diese Leistungen seien in Anwendung einer wirtschaftlichen Sichtweise als
von der Steuer ausgenommene Versicherungsleistungen zu qualifizieren,
womit keine Steuer anfalle.
Ihre Sichtweise der zwischen den drei Gesellschaften bestehenden Leis-
tungsverhältnisse begründet die Zweigniederlassung damit, dass sie we-
der über das Eigenkapital noch über das Personal und die Infrastruktur
verfüge, um das Versicherungsgeschäft selbständig durchführen zu kön-
nen. Die Mitarbeiter in der Schweiz seien weder fähig noch berechtigt,
Preise zu berechnen oder Angebote bzw. Vertragsunterlagen vorzuberei-
ten. Die Tätigkeit via Zweigniederlassung erfolge lediglich aus regulatori-
schen Gründen und der Abschluss der Verträge via Zweigniederlassung
erfolge der Form halber. Auch die Verbuchung des Versicherungsgeschäfts
in der Schweiz auf Stufe der Zweigniederlassung werde einzig aus versi-
cherungsaufsichtsrechtlichen und direktsteuerlichen Gründen vorgenom-
men. Die Versicherungsprämien würden jedoch direkt vom Hauptsitz fak-
turiert. Abgesehen vom Inkasso und der Verbuchung der Prämien übe die
Zweigniederlassung keinerlei Aktivitäten aus. Infolge der fehlenden finan-
ziellen Autonomie der Zweigniederlassung sowie aufgrund der Risikoallo-
kation trage der Hauptsitz das versicherungsrechtliche Risiko. Es sei der
Zweigniederlassung deshalb gar nicht möglich, auf eigene Rechnung zu
handeln. Deshalb sei vorliegend nicht auf die zivilrechtliche Ausgestaltung,
sondern auf den tatsächlich wirtschaftlich ablaufenden Sachverhalt abzu-
stellen. Wirtschaftlich gesehen werde die Versicherungsleistung vom
Hauptsitz erbracht; dieser sei wirtschaftlicher Versicherer. Die Zweignie-
derlassung handle auf Rechnung des Hauptsitzes, also auf fremde Rech-
nung, weshalb ein indirektes Stellvertretungsverhältnis vorliege. Dies habe
zur Folge, dass das Leistungsverhältnis zwischen der Zweigniederlassung
und dem Hauptsitz gleich zu qualifizieren sei wie dasjenige zwischen der
Zweigniederlassung und den Versicherungsnehmern. Qualifizierten die
von der Zweigniederlassung an die Kunden erbrachten Leistungen als
steuerausgenommene Versicherungsleistungen, so gelte dies auch für die
von der Zweigniederlassung von Seiten des Hauptsitzes bezogenen Leis-
tungen.
G.
Mit Einspracheentscheid vom 6. September 2018 wies die ESTV die Ein-
sprache der Zweigniederlassung ab und hielt fest, die Zweigniederlassung
schulde der ESTV für die Steuerperioden 2008 bis 2009 Mehrwertsteuern
in Höhe von CHF 481’215.- zuzüglich des gesetzlich geschuldeten Ver-
zugszinses ab 15. April 2009 (mittlerer Verfall).
A-5786/2018
Seite 5
Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, nicht der Hauptsitz, son-
dern die Zweigniederlassung sei Vertragspartnerin der Konzern-Servicing-
Gesellschaft.
Indirekte Stellvertretung liege vor beim Handeln im eigenen Namen, aber
auf fremde Rechnung. Die Zweigniederlassung sei Vertragspartnerin der
Schweizer Kunden und verpflichte sich gegen den Erhalt von Prämien ein
Risiko zu decken. Die Zweigniederlassung handle also im eigenen Namen.
Die Tatsache, dass lediglich aus regulatorischen Gründen eine Zweignie-
derlassung in der Schweiz gegründet worden sei und der Abschluss der
Verträge via Zweigniederlassung erfolge, ändere nichts daran, dass diese
ein eigenständiges Steuersubjekt und gegenüber Schweizer Kunden Leis-
tungserbringerin sei.
Die Zweigniederlassung handle jedoch nicht auf fremde Rechnung. Denn
erstens sei nicht nachgewiesen, dass der Hauptsitz die Prämie den
Schweizer Kunden direkt fakturiere. Zweitens würden die wirtschaftlichen
Effekte bei Schadenfällen nicht unmittelbar beim Hauptsitz entstehen.
Wenn überhaupt sichere der Hauptsitz das finanzielle Risiko der Zweignie-
derlassung, das diese im Zusammenhang mit Schweizer Kunden eingehe,
ab. Dies sei aber nicht mit einer indirekten Stellvertretung vergleichbar, viel-
mehr würde dies als anderweitiges Rechtsverhältnis zwischen der Zweig-
niederlassung und dem Hauptsitz qualifiziert werden. Die von der Zweig-
niederlassung geltend gemachte fehlende finanzielle Autonomie sowie die
Risikoallokation könne deshalb nicht per se dahingehend interpretiert wer-
den, dass sie auf fremde Rechnung handle. Indirekte Stellvertretung liege
zudem nur vor, wenn sowohl ertrags- als auch aufwandseitig Versiche-
rungsleistungen gegeben seien. Nur dann könne von zwei gleichartigen,
aufeinander folgenden Leistungsverhältnissen gesprochen werden. Das
Vorliegen einer Versicherungsleistung zwischen der Zweigniederlassung
und dem Hauptsitz sei jedoch nicht aktenkundig.
H.
Mit Schreiben vom 8. Oktober 2018 erhebt die Zweigniederlassung (fortan:
Beschwerdeführerin) Beschwerde gegen den Einspracheentscheid der
ESTV vom 6. September 2018 und stellt folgende Anträge:
1. Der Einspracheentscheid vom 6.9.2018 sei aufzuheben.
2. Die Steuerforderungen für die Steuerperioden 2008 bis 2009 seien wie
folgt festzusetzen:
A-5786/2018
Seite 6
2.1 Die Steuerforderung der ESTV für die Steuerperiode 2008 sei
auf CHF 0.- festzusetzen. Der Beschwerdeführerin sei unter Be-
rücksichtigung der für die betreffende Steuerperiode bereits ab-
gelieferten Steuer ein Betrag von CHF 213'200.69 zuzüglich Ver-
gütungszins zurückzuerstatten.
2.2 Die Steuerforderung der ESTV für die Steuerperiode 2009 sei
auf CHF 0.- festzusetzen. Der Beschwerdeführerin sei unter Be-
rücksichtigung der für die betreffende Steuerperiode bereits ab-
gelieferten Steuer ein Betrag von CHF 268'015.02 zuzüglich Ver-
gütungszins zurückzuerstatten.
2.3 Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Bundes.
3. Eventualiter seien die Steuerforderungen für die Steuerperioden 2008
bis 2009 wie folgt festzusetzen:
3.1 Die Steuerforderung der ESTV für die Steuerperiode 2008 sei
auf CHF 76'214.90 festzusetzen.
3.2 Die Steuerforderung der ESTV für die Steuerperiode 2009 sei
auf CHF 91'498.26 festzusetzen.
3.3 Der Beginn des Zinslaufes für Verzugszinsen sei auf den Zeit-
punkt der ersten Zahlung durch die Beschwerdeführerin im No-
vember 2015 festzusetzen.
3.5 Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Bundes.
4. Subeventualiter sei der Beginn des Zinslaufes für Verzugszinsen auf
den Zeitpunkt der ersten Zahlung durch die Beschwerdeführerin im
November 2015 festzusetzen.
Zur Begründung bringt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen vor, sie
beziehe keine steuerbaren Leistungen aus dem Ausland, da sie keine Ein-
gangsleistungen von der Konzern-Servicing-Gesellschaft erhalte. Vielmehr
würden die genannten Leistungen dem Hauptsitz erbracht, denn nur die-
sem könnten sie zugeordnet werden. Die Beschwerdeführerin begründet
diese Sichtweise insbesondere damit, dass der Hauptsitz der wirtschaftli-
che und damit faktische Versicherer gegenüber den Schweizer Kunden sei.
Die Beschwerdeführerin selbst sei gar nicht in der Lage, den schweizeri-
A-5786/2018
Seite 7
schen Kunden Versicherungsdienstleistungen aus eigener Kraft anzubie-
ten. Die Beschwerdeführerin beziehe demnach vom Hauptsitz von der
Steuer ausgenommene Versicherungsleistungen und verkaufe diese in ei-
genem Namen und auf fremdes Risiko an die schweizerischen Kunden
weiter. Mehrwertsteuerlich liege damit eine indirekte Stellvertretung vor.
Zur Begründung des Eventualantrags verweist die Beschwerdeführerin auf
die in ihrem Schreiben vom 23. Dezember 2013 vorgebrachte Argumenta-
tion (vgl. Sachverhalt Bst. C).
Ihren Subeventualantrag, wonach der Beginn des Zinslaufes für Verzugs-
zinsen auf den Zeitpunkt der ersten Zahlung durch die Beschwerdeführerin
im November 2015 festzusetzen sei, begründet die Beschwerdeführerin
damit, dass sich die ESTV – nachdem sich die Beschwerdeführerin im De-
zember 2013 ein erstes Mal zur Deklaration der Dienstleistungsbezüge aus
dem Ausland an die ESTV gewandt habe – bis zum 8. Oktober 2015 Zeit
gelassen habe, um der Beschwerdeführerin zu antworten (vgl. Sachverhalt
Bst. D). Nach Erhalt des genannten Schreibens habe die Beschwerdefüh-
rern den Betrag von CHF 516'120.31 (betreffend die Steuerperioden 2008
bis 2012) unter Vorbehalt unverzüglich bezahlt. Vorher sei keine formlose
Überweisung möglich gewesen, da die Beschwerdeführerin nicht im Mehr-
wertsteuerregister eingetragen sei. Das Verfahren sei seitens der ESTV
verzögert worden, woraus folge, dass sämtliche Verzugszinsen, welche für
den Zeitraum vor der Zahlungsmöglichkeit eingefordert worden seien, Bus-
sen-Charakter hätten.
I.
Mit Vernehmlassung vom 27. November 2018 beantragte die ESTV, die
Beschwerde sei unter Kostenfolge zulasten der Beschwerdeführerin voll-
umfänglich abzuweisen.
Zur Begründung verweist die ESTV im Wesentlichen auf ihre Ausführun-
gen im Rahmen des Einspracheentscheides vom 6. September 2018. Zum
im Rahmen der Beschwerde neu gestellten Subeventualantrag führt die
ESTV aus, es sei zutreffend, dass die Beschwerdeführerin per 10. Novem-
ber 2015 eine Zahlung in Höhe von CHF 516'120.31 geleistet habe. Zutref-
fend sei auch, dass sich die Ausstellung einer Nachbelastung für den von
der Beschwerdeführerin ursprünglich noch unbestrittenen Anteil an Bezug-
steuern zwecks Abklärung des gesamten Sachverhalts verzögert habe. Die
Beschwerdeführerin behaupte jedoch nicht, die ESTV hätte in rechtsmiss-
A-5786/2018
Seite 8
bräuchlicher Absicht gehandelt. Ebenso wenig mache die Beschwerdefüh-
rerin geltend, sie hätte sich bei der ESTV danach erkundigt, wie sie den
von ihr unbestrittenen Teil an Bezugsteuern begleichen könne. Die Be-
schwerdeführerin äussere sich des Weiteren nicht dazu, weshalb der Zin-
senlauf für die von ihr u.a. im Dezember 2013 nachgemeldete Bezugsteuer
für die Steuerperiode 2008 erst im November 2015 zu laufen beginnen
solle.
J.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien sowie die eingereichten Un-
terlagen wird – soweit entscheidwesentlich – im Rahmen der nachfolgen-
den Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt Beschwerden gegen Verfü-
gungen nach Art. 5 VwVG (Art. 31 VGG). Soweit das VGG nichts anderes
bestimmt, richtet sich das Verfahren nach den Vorschriften des VwVG
(Art. 37 VGG).
1.2 Die Beschwerdeführerin ficht einen Einspracheentscheid der ESTV be-
treffend die Nachbelastung von Mehrwertsteuern an. Der Einspracheent-
scheid stellt eine Verfügung im Sinne von Art. 5 VwVG dar. Eine Ausnahme
in sachlicher Hinsicht nach Art. 32 VGG liegt nicht vor und die Vorinstanz
ist eine Behörde im Sinne von Art. 33 VGG. Das Bundesverwaltungsgericht
ist somit zur Beurteilung dieser Beschwerde sachlich und funktionell zu-
ständig (Art. 31 VGG). Die Beschwerdeführerin ist zur Beschwerdeführung
berechtigt (Art. 48 VwVG), hat die Beschwerde frist- und formgerecht ein-
gereicht (Art. 50 und 52 VwVG) und den Kostenvorschuss rechtzeitig be-
zahlt (Art. 63 Abs. 4 VwVG), weshalb auf die Beschwerde einzutreten ist.
1.3 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid in
vollem Umfang überprüfen. Die Beschwerdeführerin kann neben der Ver-
letzung von Bundesrecht und der unrichtigen oder unvollständigen Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts auch die Rüge der Unange-
messenheit erheben (Art. 49 VwVG).
A-5786/2018
Seite 9
1.4
1.4.1 Die für die Entscheidfindung (Rechtsanwendung) vorzunehmende
Tatsachenfeststellung setzt voraus, dass die Sachlage korrekt und voll-
ständig ermittelt wurde. Das Verwaltungsverfahren und die Verwaltungs-
rechtspflege werden deshalb grundsätzlich von der Untersuchungsmaxime
beherrscht (Art. 12 VwVG; vgl. auch E. 1.3). Demnach muss die entschei-
dende Behörde den Sachverhalt von sich aus abklären. Sie trägt die Be-
weisführungslast (sog. subjektive oder formelle Beweislast). Der Untersu-
chungsgrundsatz wird im Mehrwertsteuerverfahren indes dadurch relati-
viert, dass der steuerpflichtigen Person spezialgesetzlich statuierte Mitwir-
kungspflichten auferlegt werden (vgl. Art. 13 VwVG; BVGE 2009/60
E. 2.1.2). Dazu zählt namentlich das im Mehrwertsteuerrecht geltende
Selbstveranlagungsprinzip (BGE 137 II 136 E. 6.2; Urteile des BGer
2C_353/2013 vom 23. Oktober 2013 E. 3.3, 2C_970/2012 vom 1. April
2013 E. 4.1).
1.4.2 Im Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht gilt der Grundsatz
der freien Beweiswürdigung (BGE 130 II 485 E. 3.2). Die Beweiswürdigung
endet mit dem richterlichen Entscheid darüber, ob eine rechtserhebliche
Tatsache als erwiesen zu gelten hat oder nicht. Der Beweis ist geleistet,
wenn das Gericht gestützt auf die freie Beweiswürdigung zur Überzeugung
gelangt ist, dass sich der rechtserhebliche Sachumstand verwirklicht hat.
Gelangt das Gericht nicht zu diesem Ergebnis, kommen die Beweislastre-
geln zur Anwendung. Dabei ist – in analoger Anwendung von Art. 8 ZGB –
im Fall der Beweislosigkeit zuungunsten jener Partei zu urteilen, welche
die Beweislast trägt. Im Steuerrecht gilt, dass die Steuerbehörde die Be-
weislast für die steuerbegründenden und -erhöhenden Tatsachen trägt,
während die steuerpflichtige Person für die steueraufhebenden und -min-
dernden Tatsachen beweisbelastet ist (statt vieler: BGE 140 II 248 E. 3.5;
Urteil des BGer 2C_353/2013 vom 23. Oktober 2013 E. 3.3; Urteil des
BVGer A-4308/2015 vom 18. Februar 2016 E. 1.4.2 mit Hinweisen).
2.
2.1 Am 1. Januar 2010 ist das Bundesgesetz vom 12. Juni 2009 über die
Mehrwertsteuer (MWSTG; SR 641.20) in Kraft getreten. Mit dem Inkrafttre-
ten dieses Gesetzes wurden die Bestimmungen des bis dahin gültigen
Bundesgesetzes vom 2. September 1999 über die Mehrwertsteuer
(aMWSTG; AS 2000 1300 ff.) aufgehoben (vgl. Art. 110 MWSTG). Art. 112
MWSTG legt jedoch fest, dass die aufgehobenen Bestimmungen sowie die
darauf gestützt erlassenen Vorschriften – unter Vorbehalt von Art. 113
A-5786/2018
Seite 10
MWSTG – weiterhin auf alle während deren Geltungsdauer eingetretenen
Tatsachen und entstandenen Rechtsverhältnisse anwendbar bleiben.
Die vorliegend zu beurteilende Sache betrifft die Steuerperioden 2008 bis
2009. Somit ist in materieller Hinsicht das aMWSTG (mitsamt der zugehö-
rigen Verordnung vom 29. März 2000 zum aMWSTG [aMWSTGV, AS 2000
1347]) in den in den Jahren 2008 bis 2009 gültigen Fassungen massge-
bend. Hinsichtlich des Verfahrensrechts ist demgegenüber das MWSTG
anzuwenden (Art. 113 Abs. 3 MWSTG).
Soweit im Folgenden auf die Rechtsprechung und Literatur zum MWSTG
verwiesen wird, liegt der Grund darin, dass diese im vorliegenden Fall auch
für das aMWSTG einschlägig ist.
2.2
2.2.1 Der Bund erhebt eine allgemeine Verbrauchssteuer nach dem Sys-
tem der Netto-Allphasensteuer mit Vorsteuerabzug (Mehrwertsteuer;
Art. 130 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft
vom 18. April 1999 [BV, SR 101] und Art. 1 Abs. 1 aMWSTG). Die Erhebung
der Mehrwertsteuer erfolgt namentlich nach dem Grundsatz der Wettbe-
werbsneutralität mit Anrechenbarkeit der Vorsteuer sowie unter Berück-
sichtigung der Überwälzbarkeit und der Wirtschaftlichkeit der Erhebung
(Art. 1 Abs. 2 aMWSTG).
2.2.2 Der Grundsatz der Wettbewerbsneutralität verlangt, dass ein moder-
nes Verbrauchssteuersystem wie die Mehrwertsteuer nach Möglichkeit in
seinen Auswirkungen neutral sein muss. Das heisst, es darf den Wettbe-
werb zwischen den Unternehmen nicht beeinträchtigen und hat das Gleich-
behandlungsgebot zu beachten. Die Mehrwertsteuer muss deshalb umfas-
send sein und alle Waren und Dienstleistungen im Inland gleichmässig er-
fassen. Andererseits muss vermieden werden, dass eine Steuerkumulation
entsteht, weil die Waren und Dienstleistungen auf allen Stufen der Produk-
tion und Verteilung und bei der Einfuhr besteuert werden. Diesem Zweck
dient der Vorsteuerabzug. Damit wird die Wettbewerbsneutralität der Mehr-
wertsteuer dem Grundsatz nach verwirklicht, indem sichergestellt wird,
dass die Endbelastung beim Konsumenten immer gleich hoch ist, und zwar
unabhängig davon, auf welchem Weg die Ware oder Dienstleistung zu ihm
gelangt (vgl. BGE 125 II 326 E. 6a, BGE 124 II 193 E. 8a, mit Hinweisen;
Urteile des BVGer A-3502/2016 vom 19. Dezember 2016 E. 2.1.2 und
A-1382/2015 vom 11. August 2015 E. 3.2; DIEGO CLAVADETSCHER, in: Kom-
A-5786/2018
Seite 11
mentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über die Mehr-
wertsteuer, Zweifel/Beusch/Glauser/Robinson [Hrsg.], 2015 [nachfolgend:
Kommentar zum MWSTG], Art. 1 Rz. 156 ff.; FELIX GEIGER, in: MWSTG
Kommentar, Schweizerisches Bundesgesetz über die Mehrwertsteuer mit
den Ausführungserlassen sowie Erlasse zum Zollwesen, Geiger/Schlucke-
bier [Hrsg.], 2. Aufl. 2019 [nachfolgend: MWSTG Kommentar], Art. 1
Rz. 29; vgl. auch ALOIS CAMENZIND et al., Handbuch zum Mehrwertsteuer-
gesetz [MWSTG], 3. Aufl. 2012, Rz. 105 ff.).
2.3
2.3.1 Der Empfänger hat den Bezug einer Dienstleistung zu versteuern,
wenn er nach Art. 24 aMWSTG steuerpflichtig ist (Art. 10 aMWSTG) und
sofern:
a. es sich um eine unter Artikel 14 Absatz 3 aMWSTG fallende Dienst-
leistung handelt, die ein im Inland nicht steuerpflichtiger Unternehmer
mit Sitz im Ausland im Inland erbringt, der nicht nach Artikel 27 für
die Steuerpflicht optiert; oder
b. es sich um eine unter Artikel 14 Absatz 1 aMWSTG fallende steuer-
bare Dienstleistung handelt, die der Empfänger mit Sitz im Inland aus
dem Ausland bezieht und zur Nutzung oder Auswertung im Inland
verwendet.
Unter Art. 14 Abs. 3 aMWSTG fallen u.a. Leistungen in den Bereichen Wer-
bung, Beratungen/Management, Inkasso und Datenverarbeitung (vgl.
Art. 14 Abs. 3 Bst. c und d aMWSTG; Urteil des BVGer A-135/2011 vom
27. September 2011 E. 2.3).
Steuerpflichtig ist – soweit vorliegend relevant – der Empfänger der Dienst-
leistung im Inland, sofern er entweder nach Art. 21 aMWSTG steuerpflich-
tig ist oder im Kalenderjahr für mehr als CHF 10'000.- solche Leistungen
bezieht (Art. 24 aMWSTG; vgl. auch Art. 5 Bst. d aMWSTG; Urteil des
BVGer A-5114/2012 vom 17. Dezember 2013 E. 2.3.1). Als Empfängerin
der Dienstleistung kann auch eine Betriebsstätte im Inland gelten (vgl. Ur-
teil des BVGer A-3409/2010 vom 4. April 2011 E. 2.1).
Auf diese Weise sollen Wettbewerbsvorteile für ausländische Anbieter ver-
mieden werden. Die Bezugsteuer trägt zur lückenlosen Erfassung der Leis-
tungen am Ort des Verbrauchs bei. Mittels der Bezugsteuer werden Leis-
tungen, die aus dem Ausland bezogen werden, auf die gleiche Weise mit
der Steuer belastet, wie wenn sie im Inland (von einer steuerpflichtigen
A-5786/2018
Seite 12
Person) bezogen worden wären. Der Unterschied besteht insbesondere
darin, dass die Steuer direkt beim Leistungsempfänger erhoben wird und
nicht beim leistungserbringenden Unternehmen, das dann die Steuer auf
den Leistungsempfänger überwälzen kann. Die Bezugsteuer kann als Vor-
steuer geltend gemacht werden, wenn die Leistungen weiterveräussert
werden (Urteile des BVGer A-904/2017 vom 18. Dezember 2017 E. 2.2.2,
A-5114/2012 vom 17. Dezember 2013 E. 2.3.1; ALOIS CAMENZIND et al.,
Handbuch zum Mehrwertsteuergesetz [MWSTG], 3. Aufl. 2012, N. 2092).
2.3.2 Als Empfänger der Dienstleistung gilt grundsätzlich der Vertrags-
partner des leistenden Unternehmers. Es ist unbeachtlich, für wen die
Dienstleistung bestimmt ist bzw. wer die Dienstleistung verbraucht. Kauft
beispielsweise eine Schweizer Managementgesellschaft zentral Marketin-
gleistungen ein und verrechnet diese sodann einer ausländischen Kon-
zerngesellschaft weiter, so gilt mit Bezug auf das erste Leistungsverhältnis
die Managementgesellschaft als Leistungsempfängerin; die Marketingleis-
tung ist somit im Inland steuerbar. Mit Bezug auf das zweite Leistungsver-
hältnis gilt die ausländische Konzerngesellschaft als Leistungsempfänge-
rin; die Marketingleistung ist ausserhalb des Anwendungsbereichs des
MWSTG und unterliegt nicht der Schweizer Mehrwertsteuer. Mit Bezug auf
die Pflichtverteidigung gilt nicht der Angeklagte als Leistungsempfänger,
sondern der Staat, der den Pflichtverteidiger beauftragt hat (BGE 141 IV
344, E. 3 f.; Urteil des BGer 5A_504/2015 vom 22. Oktober 2015, E. 3; vgl.
zum Ganzen: FELIX GEIGER, in: MWSTG Kommentar, Art. 8 Rz. 8).
Ob die Betriebsstätte – und eben nicht der im Ausland gelegene Hauptsitz
– Empfängerin der Leistung ist, hängt von der Zweckbestimmung ab, die
sich in erster Linie aufgrund von Art und Verwendung der Dienstleistung
ermitteln lässt; wer (Sitz oder Betriebsstätte) den Auftrag erteilt hat oder die
Rechnung bezahlt, ist lediglich ein Indiz für die Zurechnung der bezogenen
Leistungen (GEIGER, in: MWSTG Kommentar, Art. 8 Rz. 16; NIKLAUS
HONAUER, in: Kommentar zum MWSTG, Art. 8 N. 9). Problematisch sind
insbesondere jene Fälle, in denen sich eine einheitlich fakturierte Dienst-
leistung sowohl auf den Hauptsitz als auch auf die Betriebsstätte bezieht.
Bei dieser Konstellation drängt sich eine gesonderte Fakturierung der Leis-
tungen für den Hauptsitz und die Betriebsstätte auf, was auch aus direkt-
steuerlichen Gründen angezeigt sein kann (MARKUS WEIDMANN/DANIEL BA-
DER, Die mehrwertsteuerliche Stellung der Betriebsstätten - Die Einheit des
Unternehmens im nationalen und internationalen Verhältnis, in: Archiv für
Schweizerisches Abgaberecht [ASA] 78 S. 801 ff., S. 831).
A-5786/2018
Seite 13
2.3.3 Dienstleistungsbezüge aus dem Ausland sind nur dann zu versteu-
ern, wenn die betreffende Dienstleistung eine (objektiv) steuerbare Leis-
tung bildet. Nicht zu versteuern ist folglich der Bezug von steuerausgenom-
mene Leistungen im Sinne von Art. 18 aMWSTG und der Bezug von steu-
erbefreiten Leistungen (BGE 142 II 113 E. 5; Urteil des BGer
2C_1076/2015 vom 9. Dezember 2016 E. 4.1; Urteil des BVGer
A-904/2017 vom 18. Dezember 2017 E. 2.2.1).
2.3.4 Von der Mehrwertsteuer ausgenommen sind nach Art. 18 Ziff. 18
aMWSTG Versicherungs- und Rückversicherungsumsätze einschliesslich
der Umsätze aus der Tätigkeit als Versicherungsvertreter oder Versiche-
rungsmakler.
2.3.4.1 Der Begriff der Versicherungs- bzw. Rückversicherungsumsätze
wird weder im aMWSTG noch im MWSTG definiert. Gemäss der bundes-
gerichtlichen Rechtsprechung zur Versicherungsaufsicht ist eine Versiche-
rung durch folgende fünf begriffsnotwendige Merkmale gekennzeichnet:
1. das Vorhandensein eines Risikos oder einer Gefahr; 2. die Prämie als
Leistung des Versicherungsnehmers; 3. die Leistung des Versicherers;
4. die Selbständigkeit der Operation; und 5. die Kompensation der Risiken
nach den Gesetzen der Statistik bzw. die Planmässigkeit des Geschäfts-
betriebs (BGE 114 Ib 244 E. 4.a, 107 Ib 56; Urteile des BGer 2C_833/2016
vom 20. Februar 2019 E. 3.3.2, 2C_410/2010 vom 21. Januar 2011 E. 3,
2C_506/2007 vom 13. Februar 2008 E. 6.2; Urteil des BVGer A-5934/2018
und A-5937/2018 vom 4. Februar 2020 E. 2.4.1, BVGE 2011/5 E. 6; aus-
führlich: ROLF NEBEL, in: Honsell/Vogt/Schnyder [Hrsg.], Kommentar zum
Schweizerischen Privatrecht, Bundesgesetz über den Versicherungsver-
trag [VVG], 2001, Art. 101 N. 4 ff.). Diese Definition des Versicherungsbe-
griffs hat die ESTV ausdrücklich in ihre Praxis übernommen (vgl. MWST-
Branchen-Info 16 "Versicherungswesen", gültig ab 1. Januar 2010,
Ziff. 1.2).
2.3.4.2 Von der Mehrwertsteuer ausgenommene Umsätze aus der Tätig-
keit als Versicherungsvertreter oder Versicherungsmakler erzielt, wer zwei
Voraussetzungen kumulativ erfüllt. In subjektiver Hinsicht hat der Leis-
tungserbringer als Versicherungsmakler oder Versicherungsvertreter zu
gelten. In objektiver Hinsicht muss es sich um sog. berufstypische Leistun-
gen eines Versicherungsmaklers oder Versicherungsvertreters handeln.
Nicht berufsspezifische Tätigkeiten, wie etwa Dienstleistungen im Bereich
der Organisation, Administration, Koordination oder Geschäftsführung blei-
ben der Steuer unterworfen (vgl. Urteile des BGer 2C_434/2009 vom
A-5786/2018
Seite 14
17. Juni 2010 E. 2.3.1, 2C_612/2007 vom 7. April 2008 E. 6.6; Urteile des
BVGer A-5934/2018 und A-5937/2018 vom 4. Februar 2020 E. 2.4.2;
A-4516/2008 vom 5. Januar 2011 E. 4.3.2 mit Hinweisen).
2.3.4.2.1 Versicherungsvertreter oder Versicherungsmakler können
natürliche oder juristische Personen sein, die im Interesse von
Versicherern oder potentiellen Versicherungsnehmern
Versicherungsverträge anbieten und/oder abschliessen oder andere
Vorbereitungshandlungen zum Abschluss von solchen durchführen (vgl.
Branchenbroschüre Nr. 15 "Versicherungswesen", gültig vom 1. Januar
2008 bis 31. Dezember 2009, Ziff. 2.4). Um eine Tätigkeit als
Versicherungsvertreter handelt es sich nach der Praxis dann, wenn jemand
im Auftrag von Versicherern Abschlüsse von Versicherungsverträgen
gegen Provision vermittelt (Urteile des BGer 2C_434/2009 vom 17. Juni
2010 E. 2.4; 2C_284/2008 vom 23. September 2008 E. 3.3 f.).
Demgegenüber ist der Versicherungsmakler im Auftrag des
Versicherungsnehmers tätig und ist insbesondere auch berechtigt,
gegenüber den Versicherern als Interessensvertreter des
Versicherungsnehmers aufzutreten (Urteile des BVGer A-6671/2015 und
A-6674/2015 vom 9. August 2016 E. 2.3.4.1). Jedenfalls wirken beide als
Intermediäre zwischen Versicherern und Versicherungsnehmern auf den
Abschluss von Versicherungsverträgen hin (vgl. Urteil des BGer
2C_612/2007 vom 7. April 2008 E. 6.1; Urteil des BVGer A-4516/2008 vom
5. Januar 2011 E. 4.3.2.1 mit Hinweisen).
2.3.4.2.2 Zu den berufstypischen Aufgaben der Versicherungsvertreter
bzw. -makler gelten nach der vom Bundesgericht ausdrücklich bestätigten
Praxis der ESTV die Ermittlung des Versicherungsbedarfs, d.h. die Analyse
der Risiken sowie die Erarbeitung eines Konzepts zur Risikobewältigung,
die Definition der Anforderungen an die Versicherungsbedingungen, die
Ausschreibung und Evaluation der Offerten samt Preis- und Leistungsver-
gleichen, die Verhandlung mit den Versicherern, die Ausarbeitung und Kon-
trolle der Vertragsdokumente, die laufende Überprüfung des Konzepts, die
Unterstützung bei der Schadenabwicklung und die Unterstützung im Zu-
sammenhang mit dem Prämieninkasso (vgl. Branchenbroschüre Nr. 15,
a.a.O., Ziff. 2.4; Urteil des BGer 2C_612/2007 vom 7. April 2008 E. 6.3;
Urteile des BVGer A-6671/2015 und A-6674/2015 vom 9. August 2016
E. 2.3.4.2, A-1533/2006 vom 18. Mai 2010 E. 2.2 mit Hinweisen [bestätigt
durch Urteil des BGer 2C_552/2010 vom 10. Mai 2011]).
A-5786/2018
Seite 15
Vorausgesetzt ist ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den erbrach-
ten Leistungen und dem Abschluss von Versicherungsverträgen. So hat
das Bundesgericht die Leistungen eines von verschiedenen Krankenkas-
sen gegründeten Vereins, welcher für seine Mitglieder bestimmte administ-
rative Dienstleistungen im Bereich der Krankenversicherung erbrachte
(z.B. Führung der Dossiers der Versicherten, Zahlungsverkehr, Informatik,
Buchhaltung), der Steuer unterworfen. Es begründete dies damit, dass die
Erbringung solcher Dienstleistungen zwar durchaus zu den Aufgaben ei-
nes Versicherungsagenten gehören könnte. Doch habe der Verein keine
Versicherungsverträge vermittelt, und es habe daher an einem unmittelba-
ren Zusammenhang zwischen solchen Verträgen und den erbrachten Leis-
tungen gefehlt (Urteil des BGer 2C_612/2007 vom 7. April 2008 E. 6.6; be-
stätigt in einem die PTT-Betriebe betreffenden Urteil 2C_284/2008 vom
23. September 2008 E. 3.4; Urteil des BVGer A-6671/2015 und
A-6674/2015 vom 9. August 2016 E. 2.3.4.2).
2.3.5 Wenn der Erwerber von Dienstleistungen nach Art. 10 aMWSTG, de-
ren Wert CHF 10'000.- pro Kalenderjahr übersteigt, nicht als Steuerpflich-
tiger eingetragen ist, hat er sich innert 60 Tagen nach Ablauf des Kalen-
derjahrs unaufgefordert bei der ESTV anzumelden und die Dienstleis-
tungsbezüge abzurechnen (Art. 45 Abs. 1 Bst. c i.V.m. Art. 46 aMWSTG;
NICOLAS BUCHEL, in: mwst.com, 2000, Art. 24 N. 6). Die Steuer ist innerhalb
von 60 Tagen nach Ablauf der Abrechnungsperiode (hier das Kalender-
jahr) zu entrichten, wobei bei verspäteter Zahlung ohne Mahnung ein Ver-
zugszins geschuldet ist (Art. 47 Abs. 1 und 2 aMWSTG).
2.4
2.4.1 Als Betriebstätte gilt eine feste Geschäftseinrichtung, in der eine Ge-
schäftstätigkeit oder ein freier Beruf ganz oder teilweise ausgeübt wird. Na-
mentlich Zweigniederlassungen gelten als Betriebsstätten (vgl. Wegleitung
2008 zur Mehrwertsteuer, gültig vom 1. Januar 2008 bis 31. Dezember
2009, Rz. 8).
2.4.2 Aus mehrwertsteuerlicher Sicht werden Hauptsitz und Betriebsstät-
ten, welche in unterschiedlichen Ländern gelegen sind, nicht als Betriebs-
einheit, sondern als je voneinander verschiedene, selbständige (potenti-
elle) Steuersubjekte behandelt. Der grenzüberschreitende Leistungsaus-
tausch zwischen einer Betriebsstätte und dem Sitz der Gesellschaft gilt
demnach als Aussenumsatz (zum Ganzen: BVGE 2008/39 E. 4; vgl. Urteil
des BVGer A-3409/2010 vom 4. April 2011 E. 2.2). Werden zum Beispiel
A-5786/2018
Seite 16
Leistungen zwischen der schweizerischen Betriebsstätte eines ausländi-
schen Unternehmens und seinem ausländischen Hauptsitz ausgetauscht,
unterliegen die von der schweizerischen Betriebsstätte bezogenen Leis-
tungen in der Regel der Bezugsteuer, sofern sie nicht von der Steuer aus-
genommen sind.
Die Theorie der Behandlung von Hauptsitz und Betriebsstätte bzw. Zweig-
niederlassung als separate Steuersubjekte (Dual-Entity-Prinzip) steht im
Widerspruch zum schweizerischen Zivilrecht, das sie als Teil einer einzigen
juristischen Person definiert (REGINE SCHLUCKEBIER, in: MWSTG Kom-
mentar, Art. 10 Rz. 141 ff.; WEIDMANN/BADER, a.a.O., S. 821). Eine Zweig-
niederlassung ist ein kaufmännischer Betrieb, der rechtlich Teil einer
Hauptunternehmung ist, von der er abhängt, und der in eigenen Räumlich-
keiten dauernd eine gleichartige Tätigkeit wie jene ausübt, wobei er über
eine gewisse wirtschaftliche und geschäftliche Unabhängigkeit verfügt
(BGE 142 II 113 E. 7.1 f.; BGE 117 II 85 E. 3 S. 87 mit Hinweisen). Eine
Zweigniederlassung bildet mithin zusammen mit dem Hauptsitz eine recht-
liche Einheit und ist selbst nicht rechtsfähig (Urteile des BGer 4A_510/2016
vom 26. Januar 2017 E. 3.2; 4A_27/2013 vom 6. Mai 2013 E. 2.2).
2.5
2.5.1 Im Rahmen der Beurteilung, ob ein mehrwertsteuerlich relevanter
Leistungsaustausch vorliegt, stellt sich in Fällen mit mehreren involvierten
Parteien die Vorfrage, wer als Leistungserbringer und wer als Leistungs-
empfänger zu gelten hat (vgl. dazu Urteile des Bundesgerichts
2C_442/2009 vom 5. Februar 2010 E. 2.4.1, 2A.215/2003 vom 20. Januar
2005 E. 6.4 und 6.5; Urteile des Bundesverwaltungsgerichts A-135/2011
vom 27. September 2011 E. 2.2, A-2967/2008 vom 11. August 2010
E. 2.3.1, A-6143/2007 vom 28. Mai 2009 E. 2.2.2.2). Das Handeln wird
grundsätzlich demjenigen mehrwertsteuerlich zugerechnet, der nach aus-
sen, gegenüber Dritten im eigenen Namen auftritt (Urteil des BVGer
A-6367/2011 vom 14. August 2012 E. 2.2.4). Damit sind allenfalls auch
Stellvertretungsverhältnisse zu klären, wobei Art. 11 aMWSTG zwischen
direkter und indirekter Stellvertretung unterscheidet.
2.5.2 Wer Lieferungen oder Dienstleistungen ausdrücklich im Namen und
für Rechnung des Vertretenen tätigt, so dass das Umsatzgeschäft direkt
zwischen dem Vertretenen und dem Dritten zustande kommt, gilt als blos-
ser Vermittler (Art. 11 Abs. 1 aMWSTG; direkte Stellvertretung). Handelt
bei einer Lieferung oder Dienstleistung der Vertreter zwar für fremde Rech-
nung, tritt er aber nicht ausdrücklich im Namen des Vertretenen auf, so liegt
A-5786/2018
Seite 17
sowohl zwischen dem Vertretenen und dem Vertreter als auch zwischen
dem Vertreter und dem Dritten eine Lieferung oder Dienstleistung vor
(Art. 11 Abs. 2 aMWSTG; indirekte Stellvertretung). Nach der Rechtspre-
chung ist die Fiktion dieser zwei Umsätze bei der indirekten Stellvertretung
(eigentlicher Leistungserbringer an indirekten Stellvertreter und indirekter
Stellvertreter an Leistungsbezüger) sowohl auf die Lieferung von Gegen-
ständen als auch auf Dienstleistungen anwendbar. Im Ergebnis bedeutet
dies, dass auch derjenige als Erbringer einer Leistung gilt, der sich darauf
beschränkt, den Gegenstand oder die Dienstleistung eines Dritten im eige-
nen Namen weiter zu fakturieren. Damit einer steuerpflichtigen Person eine
Leistung mehrwertsteuerlich zuzurechnen ist, braucht sie diese folglich
nicht zwingend auch physisch selbst zu erbringen. Es genügt, dass sie sich
mit allen Eigenschaften einer steuerpflichtigen Person in die Umsatzkette
einfügt und dabei nicht als blosse Vermittlerin (direkte Stellvertreterin) auf-
tritt (statt vieler: Urteil des BVGer A-6314/2011 vom 27. Februar 2013
E. 2.2).
2.6
2.6.1 Im Mehrwertsteuerrecht stellt jede einzelne Leistung grundsätzlich
ein selbständiges Steuerobjekt dar und wird für sich besteuert (Urteil des
Bundesgerichts 2A.452/2003 vom 4. März 2004 E. 3.1; Urteil des BVGer
A-1262/2013 vom 5. November 2013 E. 2.2).
2.6.2 Leistungen, die miteinander verbunden sind (sog. Leistungskom-
plexe), werden mehrwertsteuerlich jedoch dann als einheitlicher wirtschaft-
licher Vorgang betrachtet, wenn sie wirtschaftlich derart eng zusammenge-
hören und ineinandergreifen, dass sie ein unteilbares Ganzes bilden. Da-
bei wird zwischen einer Gesamtleistung und einer Hauptleistung mit ak-
zessorischer Nebenleistung unterschieden (vgl. Art. 36 Abs. 4 aMWSTG;
statt vieler: Urteil des BGer 2A.40/2007 vom 14. November 2007 E. 2.2;
Urteil des BVGer A-1262/2013 vom 5. November 2013 E. 2.2).
2.7 Die mehrwertsteuerliche Qualifikation von Vorgängen hat nicht in erster
Linie aus einer zivil- bzw. vertragsrechtlichen Sicht, sondern nach wirt-
schaftlichen, tatsächlichen Kriterien zu erfolgen (sog. wirtschaftliche Be-
trachtungsweise). Die zivil- bzw. vertragsrechtliche Sicht ist demnach nicht
entscheidend, hat aber immerhin Indizwirkung (statt vieler: Urteile des
BGer 2A.47/2006 vom 6. Juli 2006 E. 3.2, 2A.304/2003 vom 14. November
2003 E. 3.6.1; BVGE 2007/23 E. 2.3.2, mit Hinweisen; Urteil des BVGer
A-6642/2017 vom 5. November 2018 E. 4.5).
A-5786/2018
Seite 18
3.
3.1 Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin ge-
genüber den Kunden in der Schweiz im eigenen Namen auftritt und damit
Erbringerin der Versicherungsleistungen ist (E. 2.5.1). Unbestritten ist des
Weiteren, dass die Beschwerdeführerin Dienstleistungen aus dem Ausland
bezieht, um ihre Versicherungsleistungen erbringen zu können. Bestritten
ist hingegen zunächst (den Hauptantrag betreffend), ob die Beschwerde-
führerin von der Konzern-Servicing-Gesellschaft mit Sitz in (Bezeichnung
des Landes) direkt diverse Dienstleitungen bezieht, um damit ihre Dienst-
leistungen für die schweizerischen Endkunden erbringen zu können oder
ob die Dienstleistungen der Konzern-Servicing-Gesellschaft zuerst dem
Hauptsitz in (Bezeichnung des Landes) erbracht werden, welcher die ge-
nannten Leistungen daraufhin gemeinsam mit eigenen Leistungen (Ver-
waltungsleistungen [vgl. Sachverhalt Bst. C]) als von der Bezugsteuer aus-
genommenes Paket an die Beschwerdeführerin weiterleitet.
3.2
3.2.1 Wie im Sachverhalt in Buchstabe C schon ausgeführt, besteht zwi-
schen der Konzern-Servicing-Gesellschaft und der Beschwerdeführerin die
(multilaterale) Dienstleistungsvereinbarung Nr. 3, welche ab dem 1. Januar
2010 wirksam wurde. Laut dem Schreiben der Beschwerdeführerin vom
12. September 2017 existiert für die Jahre vor 2010 zwar kein schriftlicher
Vertrag. In ihrem Schreiben vom 23. Dezember 2013 führte die Beschwer-
deführerin jedoch aus, dass vor dem 1. Januar 2010 andere Vereinbarun-
gen mit einem ähnlichen Inhalt in Kraft gewesen seien. Damit ist – analog
der Vorinstanz – davon auszugehen, dass die Dienstleistungsvereinbarung
Nr. 3 bereits vor ihrer Geltung seitens der Parteien gelebt wurde, was sei-
tens der Beschwerdeführerin unbestritten geblieben ist. Dementsprechend
kann auch zur Beurteilung der Steuerperioden 2008 und 2009 auf die
Dienstleistungsvereinbarung Nr. 3 abgestellt werden.
Appendix 2, Exhibit 3, der Dienstleistungsvereinbarung Nr. 3 definiert, dass
die Beschwerdeführerin von der Konzern-Servicing-Gesellschaft Leistun-
gen in den Bereichen HR, Rechtliches, IT, Finanzen, Aktuariat, «Treasury»,
«Facilities», «Sales and Marketing», «Underwriting», «Account Manage-
ment and Administration» sowie «Claims and Billing» bezieht. Die vertrag-
schliessenden Parteien einigen sich darüber hinaus, dass die von der Kon-
zern-Servicing-Gesellschaft erbrachten Leistungen möglichst exakt den je-
weiligen Leistungsempfängern zugeordnet werden sollen. Unterschieden
wird zwischen «reimbursable services», d.h. Leistungen, die dem jeweili-
A-5786/2018
Seite 19
gen Leistungsempfänger belastet werden, und «reimbursable costs», wo-
bei es sich um Rechnungen für Leistungen handelt, die nicht direkt von der
leistungsempfangenden Partei, sondern von einer «advancing party» be-
vorschusst werden. Die «advancing party» ist in der Folge dafür verant-
wortlich, dass die Kosten dem jeweiligen Leistungsempfänger zugeordnet
werden.
3.2.2 Als Empfänger der Dienstleistung gilt grundsätzlich der Vertrags-
partner des leistenden Unternehmers. Es ist unbeachtlich, für wen die
Dienstleistung bestimmt ist bzw. wer die Dienstleistung verbraucht. Ob die
Betriebsstätte – und eben nicht der im Ausland gelegene Hauptsitz – Emp-
fängerin der Leistung ist, hängt jedoch von der Zweckbestimmung ab, die
sich in erster Linie aufgrund von Art und Verwendung der Dienstleistung
ermitteln lässt; wer (Sitz oder Betriebsstätte) den Auftrag erteilt hat oder die
Rechnung bezahlt, ist lediglich ein Indiz für die Zurechnung der bezogenen
Leistungen (E. 2.3.2).
Vertragspartnerin der Konzern-Servicing-Gesellschaft und Empfängerin
der Dienstleistungen der Letzteren ist gemäss der Dienstleistungsverein-
barung Nr. 3 die Beschwerdeführerin. Mangels Rechtsfähigkeit kann die
Beschwerdeführerin, bei welcher es sich bekanntlich bloss um eine Zweig-
niederlassung handelt, zwar nicht sich selbst verpflichten, sondern immer
nur die Rechtsperson, welcher sie angehört (i.e. eigentlicher Vertrags-
partner ist der Hauptsitz), doch ist die Tatsache, dass nicht der Hauptsitz,
sondern explizit die Beschwerdeführerin in der Dienstleistungsvereinba-
rung Nr. 3 als Vertragspartnerin und Leistungsempfängerin aufgeführt ist,
ein gewichtiges Indiz dafür, dass die Beschwerdeführerin Empfängerin der
Dienstleistungen der Konzern-Servicing-Gesellschaft ist. Des Weiteren
sind die Dienstleistungsbezüge, um die es hier geht, unbestrittenermassen
für den Schweizer Markt bestimmt und fliessen damit in Versicherungsleis-
tungen, welche die Beschwerdeführerin in eigenem Namen den Kunden in
der Schweiz erbringt. Auch dies spricht dafür, dass die Beschwerdeführerin
– ohne Umweg über den Hauptsitz – die Dienstleistungen der Konzern-
Servicing-Gesellschaft direkt empfängt.
3.3
3.3.1 Die mehrwertsteuerliche Qualifikation von Vorgängen hat nicht in
erster Linie aus einer zivil- bzw. vertragsrechtlichen Sicht, sondern nach
wirtschaftlichen, tatsächlichen Kriterien zu erfolgen (E. 2.7).
A-5786/2018
Seite 20
3.3.2 Die Beschwerdeführerin begründet ihren Hauptantrag im Wesentli-
chen damit, dass sie keine Leistungen von der Konzern-Servicing-Gesell-
schaft und damit keine der Steuer unterliegende Leistungen beziehe. Viel-
mehr würden die genannten Leistungen dem Hauptsitz erbracht, denn nur
diesem könnten sie zugeordnet werden. Die Beschwerdeführerin begrün-
det diese Sichtweise insbesondere damit, dass der Hauptsitz der wirt-
schaftliche und damit faktische Versicherer gegenüber den Schweizer Kun-
den sei. Die Beschwerdeführerin selbst sei gar nicht in der Lage, den
schweizerischen Kunden Versicherungsdienstleistungen aus eigener Kraft
anzubieten. Die Beschwerdeführerin beziehe demnach vom Hauptsitz von
der Steuer ausgenommene Versicherungsleistungen und verkaufe diese in
eigenem Namen und auf fremdes Risiko an die schweizerischen Kunden
weiter. Mehrwertsteuerlich liege damit eine indirekte Stellvertretung vor.
Deshalb sei vorliegend nicht auf die zivilrechtliche Ausgestaltung, sondern
auf den tatsächlich wirtschaftlich ablaufenden Sachverhalt abzustellen (vgl.
Sachverhalt Bst. H).
Wie erwähnt (E. 3.1), ist an sich unbestritten, dass die Beschwerdeführerin,
die den Kontakt zu den Schweizer Kunden hält und die Versicherungsver-
träge in eigenem Namen unterzeichnet, gegenüber den Schweizer Kunden
mehrwertsteuerlich als Erbringerin der Versicherungsleistungen auftritt.
Die Beschwerdeführerin weist diesbezüglich aber auf die regulatorischen
Vorgaben hin, die zu ihrer Gründung und Existenz geführt hätten. Nur aus
aufsichtsrechtlichen und formellen Gründen schliesse sie die Versiche-
rungsverträge mit den Schweizer Kunden ab und verbuche das Schweizer
Geschäft für sich. Aus Sicht der Leistungsempfänger trete jedoch der
Hauptsitz bzw. der dahinterstehende Konzern als wirtschaftlicher und da-
mit tatsächlicher Erbringer der Versicherungsleistungen auf. Hieraus fol-
gert die Beschwerdeführerin in einem zweiten Schritt, dass die Leistungen
Dritter, die mit den Versicherungsleistungen zusammenhängen, dem
Hauptsitz zugeordnet werden müssen. Leistungsempfänger der Dienstleis-
tungen der Konzern-Servicing-Gesellschaft sei somit der Hauptsitz. Als
blosse Zweigniederlassung könne die Beschwerdeführerin zivilrechtlich
gesehen gar keine Verträge abschliessen. Als Vertragspartei der Versiche-
rungsverträge und somit als Erbringer der Versicherungsleistungen komme
demnach aus zivilrechtlicher Perspektive einzig der Hauptsitz in Frage.
3.3.2.1 Dass der Hauptsitz der wirtschaftliche und damit faktische Versi-
cherer gegenüber den Schweizer Kunden sei und diesem daher die Dienst-
leistungsbezüge von der Konzern-Servicing-Gesellschaft zuzuordnen
seien, begründet die Beschwerdeführerin vorab mit dem Aussenauftritt. Es
A-5786/2018
Seite 21
sei ohne weiteres ersichtlich, dass aus Sicht der Versicherungsnehmer die
A._-Gruppe bzw. der Hauptsitz die Versicherungsleistungen er-
bringe und nicht die Beschwerdeführerin. Die Beschwerdeführerin will ih-
ren eigenständigen Aussenauftritt aufgrund von vier Indizien verneint wis-
sen.
 Erstens trete die A._ lediglich als Gruppe, i.e. als global tä-
tiger Versicherungskonzern auf. Die einzelnen Konzerngesellschaf-
ten sowie die Zweigniederlassungen hätte keinen eigenen Aussen-
auftritt.
 Zweitens sei die A._ eine weltweit tätige Versicherungs-
gruppe, die Versicherungslösungen für Auslandaufenthalte anbiete.
Es sei ohne weiteres ersichtlich, dass aus Sicht der Versicherungs-
nehmer die Gruppe bzw. der Hauptsitz die Versicherungsleistung
erbringe und nicht die vier-Personen-starke Zweigniederlassung in
der Schweiz.
 Drittens müssten die Versicherungsprämien auf ein Konto bei einer
Bank in (Bezeichnung einer Stadt) überwiesen werden, welches auf
den Hauptsitz laute (mit Verweis auf Beilage 33 der Beschwerde).
 Viertens seien versicherungsrechtliche Ansprüche an eine Adresse
der A._ -Gruppe in (Bezeichnung eines Landes) zu richten.
3.3.2.2 Vorab ist der Beschwerdeführerin zu entgegnen, dass ihre Argu-
mentation einem offensichtlichen Widerspruch unterliegt. Entweder tritt sie
gegenüber den Versicherungsnehmern in eigenem Namen nach aussen
auf und ist Erbringerin der Versicherungsleistungen – was an sich unbe-
stritten ist (auch bei Vorliegen indirekter Stellvertretung) – oder eben nicht.
Träte hingegen der Hauptsitz gegenüber den Versicherungsnehmern als
Leistungserbringer auf – wie seitens der Beschwerdeführerin vorgehend
argumentiert – würden die Schweizer Kunden die Versicherungsleistungen
direkt aus dem Ausland beziehen, womit die Argumentation, es liege hin-
sichtlich der Versicherungsleistungen indirekte Stellvertretung vor, dahin-
fiele.
Mit ihrem Vorbringen, der Hauptsitz sei der tatsächliche Leistungserbringer
und trete gegenüber den Schweizer Kunden auch als solcher auf, vermag
die Beschwerdeführerin jedoch ohnehin nicht zu überzeugen. Erstens kann
aus den in E. 3.3.2.1 dargelegten Indizien 1, 2 und 4 keinesfalls der
Schluss gezogen werden, der Hauptsitz sei Leistungserbringer. Vielmehr
A-5786/2018
Seite 22
geht hieraus hervor, dass den Kunden in der Schweiz durchaus bewusst
sein dürfte, dass es sich bei der A._ um einen weltweit tätigen Kon-
zern handelt, bei welchem bestimmte Funktionen zentral von einzelnen
Konzerngesellschaften wahrgenommen werden. Damit ist jedoch nicht ge-
sagt, dass sie den Hauptsitz als ihren unmittelbaren Leistungserbringer
wahrnehmen.
Entgegen dem Vorbringen der Beschwerdeführerin (Indiz 3) lässt sich
sodann der Beilage 33 der Beschwerde nicht entnehmen, ob es sich beim
Inhaber bzw. Begünstigten des genannten Kontos, auf welches die
Prämien geleistet werden, tatsächlich um den Hauptsitz handelt. Die
Vorinstanz weist in diesem Zusammenhang zutreffend darauf hin, dass die
Frage der Zahlstelle ohnehin nicht einheitlich geregelt sei. So seien
gemäss einem anderen aktenkundigen Vertrag die Prämien an A._
international in (Bezeichnung eines Landes) zu überweisen, wobei mit dem
Begriff «A._ international» offensichtlich einzig eine Marke gemeint
sei (mit Verweis auf act. 6, Beilagen: Seite 39 und 51 des betreffenden
Vertrags sowie act. 14, Beilage 18).
Die Argumentation der Beschwerdeführerin, aufgrund des Aussenauftritts
sei der Hauptsitz als der wirtschaftliche und damit faktische Versicherer
gegenüber Schweizer Kunden zu betrachten, überzeugt demnach nicht.
3.3.2.3 Dass der Hauptsitz der wirtschaftliche und damit faktische Versi-
cherer gegenüber den Schweizer Kunden sei und diesem daher die Dienst-
leistungen der Konzern-Servicing-Gesellschaft zuzuordnen seien, begrün-
det die Beschwerdeführerin sodann damit, dass ihre Existenz einzig versi-
cherungsaufsichtsrechtlich bedingt sei. Die FINMA verlange, dass der
Hauptsitz Prämieneinnahmen und die dazugehörenden Aufwände sowie
die versicherungsmathematischen Aktiven und das Deckungskapital der
Schweiz zuordne, sodass Schweizer Kunden ihre Ansprüche auf Versiche-
rungsleistungen gegebenenfalls in der Schweiz vollstrecken könnten. Die
Zweigniederlassung (i.e. die Beschwerdeführerin) verfüge jedoch über kein
Eigenkapital und weder über Personal noch Infrastruktur, um das Versiche-
rungsgeschäft selbständig durchführen zu können. Aus der beiliegenden
Rechnung sei ersichtlich (mit Verweis auf Beschwerdebeilage 37), dass die
Prämien eines schweizerischen Versicherungsnehmers, welche schliess-
lich bei der Beschwerdeführerin verbucht worden seien, direkt vom Haupt-
sitz fakturiert würden. Somit handle es sich beim tatsächlichen wirtschaftli-
chen Versicherer nicht um die Beschwerdeführerin, sondern um den
Hauptsitz. Damit stehe fest, dass die Arbeiten der Beschwerdeführerin im
A-5786/2018
Seite 23
Zusammenhang mit den Versicherungsverträgen auf Rechnung des
Hauptsitzes erfolgen würden. Die Beschwerdeführerin verfüge über keiner-
lei unternehmerische Autonomie bzw. sei fremdbestimmt durch den Haupt-
sitz. Das monetäre Risiko der Versicherungsansprüche trage der Haupt-
sitz. Durch die fehlende finanzielle Autonomie sowie aufgrund der Risikoa-
llokation sei es nicht möglich, dass die Beschwerdeführerin auf eigene
Rechnung handle. Sie handle auf Rechnung des Hauptsitzes. Da der
Hauptsitz die Versicherungsgesellschaft sei, empfange er die Leistungen
der Konzern-Servicing-Gesellschaft, da diese Dienstleistungen nur von
ihm verwendet werden könnten.
3.3.2.4 Vorab ist der Beschwerdeführerin hierzu zu entgegnen, dass – wie
schon unter E. 3.3.2.2 ausgeführt – auch gemäss Beschwerdebeilage 37
(Prämienrechnung) die Prämien an A._ International in (Bezeich-
nung eines Landes) zu überweisen sind, womit offenbleibt, welche Gesell-
schaft der A._-Gruppe bzw. welche Zweigniederlassung nun Be-
günstigte ist. Auf der Rechnung aufgeführt ist die Mehrwertsteuernummer
der Konzern-Servicing-Gesellschaft, welche gemäss der Dienstleistungs-
vereinbarung Nr. 3 auch das Inkasso übernimmt. Damit ist demnach kei-
nesfalls bewiesen, dass der Hauptsitz die Prämien fakturiert bzw. verein-
nahmt, wie seitens der Beschwerdeführerin vorgebracht wird.
Wie die Vorinstanz in ihrem Einspracheentscheid ausführt, ist zutreffend,
dass bei Zweigniederlassungen ausländischer Versicherungsgesellschaf-
ten das geforderte Mindestkapital sowie die erforderlichen Eigenmittel für
die Geschäftstätigkeit in der Schweiz an den ausländischen Hauptsitz an-
knüpfen (Art. 15 Abs. 1 Bst. c des Bundesgesetzes betreffend die Aufsicht
über Versicherungsunternehmen vom 17. Dezember 2004 [VAG;
SR 961.01]). Gleichzeitig wird jedoch – wie die Beschwerdeführerin selbst
vorbringt – versicherungsaufsichtsrechtlich verlangt, dass Prämieneinnah-
men und die dazugehörenden Aufwände sowie die versicherungsmathe-
matischen Aktiven und das Deckungskapital der Schweiz zugeordnet wer-
den, sodass Schweizer Kunden ihre Ansprüche auf Versicherungsleistun-
gen gegebenenfalls in der Schweiz vollstrecken könnten. Mit anderen Wor-
ten wird gerade auch versicherungsaufsichtsrechtlich verlangt, dass die
Beschwerdeführerin auf eigene Rechnung handelt. Ob die Gründung einer
Betriebsstätte, i.e. der Beschwerdeführerin, lediglich aus regulatorischen
Gründen erfolgte und ob diese sodann lediglich aus regulatorischen Grün-
den im eigenen Namen und auf eigene Rechnung handelt, ist für die mehr-
wertsteuerliche Beurteilung nicht von Relevanz. Wie sich die Beschwerde-
A-5786/2018
Seite 24
führerin bei der Ausübung ihrer Geschäftstätigkeit organisiert, i.e. unter an-
derem, über wieviel qualifiziertes Personal sie selbst verfügt bzw. in wel-
chem Umfang sie Tätigkeiten auslagert, die der eigenen Leistungserstel-
lung dienen, ist zudem Sache ihrer unternehmerischen Freiheit. Die Be-
schwerdeführerin kann ohne weiteres ausgelagerte Tätigkeiten direkt von
Dritten beziehen, i.e. ohne dass diese über den Hauptsitz «laufen».
Es gibt nach dem Gesagten keine Hinweise dafür, dass die Beschwerde-
führerin für Rechnung des Hauptsitzes handeln würde.
3.3.2.5 Damit ist nicht vom Vorliegen des seitens der Beschwerdeführerin
ins Feld geführten indirekten Stellvertretungsverhältnisses zwischen dem
Hauptsitz, der Beschwerdeführerin und den Schweizer Versicherungskun-
den auszugehen. Vielmehr erbringt die Beschwerdeführerin die Versiche-
rungsleistungen in der Schweiz sowohl im eigenen Namen als auch auf
eigene Rechnung. Die von der Konzern-Servicing-Gesellschaft bezogenen
Dienstleistungen sind dementsprechend nicht dem vermeintlichen fakti-
schen Versicherer, i.e. dem Hauptsitz, zuzuordnen, sondern die Beschwer-
deführerin ist Empfängerin der genannten Dienstleistungen (vgl. E. 3.2.2).
3.3.3 Völlig haltlos sind die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführerin
im Rahmen des Hauptantrags betreffend die infolge der Besteuerung der
Dienstleistungsbezüge anfallende taxe occulte sowie betreffend die rechts-
ungleiche Behandlung direkter Konkurrenten. Es ist gesetzgeberisch ge-
wollt, dass Erbringer von der Steuer ausgenommener Leistungen die ihnen
für Leistungsbezüge belastete Vorsteuer nicht abziehen können und diese
Vorsteuer dementsprechend verdeckt auf die Empfänger der steuerausge-
nommenen Leistungen überwälzt wird. Dass mittels «Insourcing» die ge-
nannte taxe occulte verringert werden könnte, wie beschwerdeseitig mo-
niert, ist systemimmanent. Es steht der Beschwerdeführerin – wie auch ih-
ren Konkurrentinnen – frei, ihre Strukturen entsprechend anzupassen.
Rechtsungleich behandelt wird sie jedenfalls nicht.
3.4 Damit kann als Zwischenfazit festgehalten werden, dass die Be-
schwerdeführerin Empfängerin der seitens der Konzern-Servicing-Gesell-
schaft in Bezug auf Schweizer Versicherungsnehmer erbrachten Dienst-
leistungen ist und darauf – bei gegebener Steuerbarkeit – die Steuer für
Dienstleistungsbezüge aus dem Ausland abzurechnen hat.
A-5786/2018
Seite 25
4.
4.1 Streitig ist sodann (den Eventualantrag betreffend), ob sämtliche von
der Beschwerdeführerin seitens der Konzern-Servicing-Gesellschaft bezo-
genen Dienstleistungen der Steuer unterliegen oder nur diejenigen, die die
Beschwerdeführerin seinerzeit mit Schreiben vom 23. Dezember 2013 als
steuerbar deklariert hat (vgl. Sachverhalt Bst. C). Die Beschwerdeführerin
verweist zur Begründung des Eventualantrags vollumfänglich auf die im
Schreiben vom 23. Dezember 2013 vorgebrachte Argumentation.
4.2 Im Schreiben vom 23. Dezember 2013 führte die Beschwerdeführerin
unter anderem aus, basierend auf der Dienstleistungsvereinbarung Nr. 5
weise der Hauptsitz ihr einen Teil seiner Verwaltungskosten zu. Diese Leis-
tungen seien steuerbar und würden der Steuer für Dienstleistungsbezüge
aus dem Ausland unterliegen (vgl. Sachverhalt Bst. C). Die Beschwerde-
führerin führte sodann aus, die Krankenversicherungspolicen, die im Na-
men der Beschwerdeführerin abgeschlossen würden, würden durch Mitar-
beiter der Konzern-Servicing-Gesellschaft an die Beschwerdeführerin ver-
mittelt. Entsprechend würden die Administration der Policen, die Schaden-
bearbeitung sowie die Nachbetreuung der Kunden, die allenfalls in den Ab-
schluss neuer oder in die Anpassung bestehender Versicherungsverträge
münde, auch durch Mitarbeiter der Konzern-Servicing-Gesellschaft im Na-
men der Beschwerdeführerin geleistet. Nach Ansicht der Beschwerdefüh-
rerin seien demnach die folgenden auf Basis der Dienstleistungsvereinba-
rung Nr. 3 von der Konzern-Servicing-Gesellschaft bezogenen Dienstleis-
tungen von der Steuer ausgenommen: «Sales and Account Management
Support», «Full client operation Support», «Underwriting and Pricing»,
«Legal and Compliance» und «Actuarial Support». Denn bei diesen be-
stehe ein direkter Bezug zu Versicherungsverträgen, die durch die Be-
schwerdeführerin abgeschlossen worden seien und es handle sich dabei
um berufstypische Tätigkeiten von Versicherungsvertretern bzw. Versiche-
rungsmaklern. Die Beschwerdeführerin unterteilt sodann die weiteren von
der Konzern-Servicing-Gesellschaft bezogenen Dienstleistungen in ge-
mischt verwendete bzw. steuerbare und gelangt zum Schluss, dass sie
Steuern in der im Eventualantrag definierten Höhe schuldet.
4.3 Von der Mehrwertsteuer ausgenommene Umsätze aus der Tätigkeit als
Versicherungsvertreter oder Versicherungsmakler erzielt, wer zwei
Voraussetzungen kumulativ erfüllt. In subjektiver Hinsicht hat der
Leistungserbringer als Versicherungsmakler oder Versicherungsvertreter
zu gelten. In objektiver Hinsicht muss es sich um sog. berufstypische
Leistungen eines Versicherungsmaklers oder Versicherungsvertreters
A-5786/2018
Seite 26
handeln (E. 2.3.4.2). Versicherungsvertreter oder Versicherungsmakler
wirken als Intermediäre zwischen Versicherern und Versicherungsnehmern
auf den Abschluss von Versicherungsverträgen hin; sie führen also
diejenigen Parteien zusammen, die letztlich miteinander einen
Versicherungsvertrag abschliessen sollen. Um eine Tätigkeit als
Versicherungsvertreter handelt es sich nach der Praxis dann, wenn jemand
im Auftrag von Versicherern Abschlüsse von Versicherungsverträgen
gegen Provision vermittelt (vgl. E. 2.3.4.2.1).
Im vorliegenden Fall ist die Konzern-Servicing-Gesellschaft unbestrittener-
massen im Auftrag der Beschwerdeführerin und anderen Mitgliedern des
Konzerns tätig (vgl. Dienstleistungsvereinbarung Nr. 3). Zu prüfen ist somit
vorab in subjektiver Hinsicht, ob die Konzern-Servicing-Gesellschaft Versi-
cherungsvertreterin ist und als solche u.a. im Auftrag der Beschwerdefüh-
rerin Abschlüsse von Versicherungsverträgen gegen Provision vermittelt.
Die Beschwerdeführerin beschränkt sich diesbezüglich darauf vorzubrin-
gen, die im Namen der Beschwerdeführerin abgeschlossenen Versiche-
rungsverträge würden durch Mitarbeiter der Konzern-Servicing-Gesell-
schaft an die Beschwerdeführerin vermittelt. Belege hierzu werden keine
genannt und sind aus den Akten auch nicht ersichtlich. In Ziffer 11 der
Dienstleistungsvereinbarung Nr. 3 ist gar vermerkt, dass mit diesem Ver-
trag kein Angestellten-/Agentur- oder Vertretungsverhältnis begründet
wird. Damit ist zu Ungunsten der beweisbelasteten Beschwerdeführerin
davon auszugehen, dass es sich bei der Konzern-Servicing-Gesellschaft
nicht um eine Versicherungsvertreterin handelt, womit deren Leistungen
auch nicht von der Steuer ausgenommen sein können.
4.4 Dementsprechend schuldet die Beschwerdeführerin der Vorinstanz die
mit Einspracheentscheid vom 6. September 2018 festgelegten Steuern für
Dienstleistungsbezüge aus dem Ausland.
5.
5.1 Streitig ist sodann (den Subeventualantrag betreffend), ob der Beginn
des Zinsenlaufes für Verzugszinsen auf den Zeitpunkt der ersten Zahlung
durch die Beschwerdeführerin im November 2015 festzusetzen ist.
5.2 Die Beschwerdeführerin begründet ihre Position im Wesentlichen da-
mit, dass sich die ESTV – nachdem sich die Beschwerdeführerin im De-
zember 2013 ein erstes Mal zur Deklaration der Steuern für Dienstleis-
tungsbezüge aus dem Ausland an die ESTV gewandt habe – bis zum
A-5786/2018
Seite 27
8. Oktober 2015 Zeit gelassen habe, um der Beschwerdeführerin zu ant-
worten (vgl. Sachverhalt Bst. D). Nach Erhalt des genannten Schreibens
habe die Beschwerdeführerin den Betrag von CHF 516'120.31 (betreffend
die Steuerperioden 2008 bis 2012) unter Vorbehalt unverzüglich bezahlt.
Vorher sei keine formlose Überweisung möglich gewesen, da die Be-
schwerdeführerin nicht im Mehrwertsteuerregister eingetragen sei. Das
Verfahren sei seitens der ESTV verzögert worden, woraus folge, dass
sämtliche Verzugszinsen, welche für den Zeitraum vor der Zahlungsmög-
lichkeit eingefordert worden seien, Bussen-Charakter hätten (vgl. Sachver-
halt Bst. H).
5.3 Die einzig für Dienstleistungsbezüge aus dem Ausland steuerpflichtige
Person hat sich innert 60 Tagen nach Ablauf des Kalenderjahres unaufge-
fordert bei der ESTV anzumelden, die Dienstleistungsbezüge abzurechnen
und die in diesem Zeitraum entstandene Steuerforderung zu begleichen,
andernfalls ohne Mahnung ein Verzugszins geschuldet ist (E. 2.3.5).
Vor dem Hintergrund dieser klaren Regelung vermag die Argumentation
der Beschwerdeführerin nicht zu überzeugen. Es wäre an ihr gewesen,
sich – in Bezug auf die Steuerperiode 2008 – bereits anfangs 2009 an die
ESTV zu wenden und sich um die Begleichung ihrer Steuerschuld zu küm-
mern, andernfalls die Verzugszinsen ohne weiteres zu laufen beginnen.
Die Beschwerdeführerin hat sich indessen in Bezug auf sämtliche dekla-
rierten Dienstleistungsbezüge zu spät bei der ESTV gemeldet (z.B. betref-
fend die Steuerperiode 2008 knapp 5 Jahre zu spät) und sich auch danach
nicht erkundigt, wie sie den von ihr unbestrittenen Teil der geschuldeten
Steuern begleichen kann. Dementsprechend ist die Beschwerde auch im
Subeventualantrag abzuweisen.
6.
Der vorinstanzliche Entscheid erweist sich damit als rechtmässig und die
Beschwerde ist vollumfänglich abzuweisen.
7.
Ausgangsgemäss sind die Kosten des Verfahrens in Höhe von
CHF 5’500.- der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG
und Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]) und dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu
entnehmen. Parteientschädigungen sind keine auszurichten (vgl. Art. 7
VGKE).
A-5786/2018
Seite 28