Decision ID: 2f90d326-c44b-49a0-8943-dac7c4a50f43
Year: 2014
Language: de
Court: BS_APG
Chamber: BS_APG_001
Canton: BS
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A_, geb. am [...], gemäss eigenen Angaben Tunesier, wurde am 10. August 2014 von Frankreich her kommend von der Grenzwache kontrolliert und wies sich mit einem niederländischen Asyldokument aus. Gemäss Eurodaceintrag stellte A_ bereits in der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden einen Asylantrag, wobei das Verfahren in den Niederlanden noch nicht abgeschlossen ist. Am 28. September 2012 wurde über A_ eine Ausgrenzung betreffend das ganze Gebiet des Kantons Basel-Stadt ausgesprochen. Am 30. September 2012 erging ein Strafbefehl wegen Ladendiebstahls. An der Anhörung des Migrationsamt gab A_ an, sich in den vergangenen Jahren in der Schweiz, Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich aufgehalten zu haben. Er wolle zurück nach Tunesien und habe gehört, dass die Schweiz dazu Hilfe anbiete. Mit Verfügungen vom 11. August 2014 wurde A_ aus der Schweiz weggewiesen und wurde über ihn Ausschaffungshaft für die Dauer von 3 Monaten verhängt. Am 12. August 2014 erliess die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl wegen rechtswidriger Einreise und verurteile den Ausländer zu einer Freiheitsstrafe von 30 Tagen.
Anlässlich der heutigen Gerichtsverhandlung wurde A_ zur Sache befragt. Er führte dazu aus, er sei in die Schweiz gereist, weil er zurück nach Tunesien wolle und sich dabei Hilfe von der Schweiz erhofft habe. Er habe bereits mit seiner Familie Kontakt aufgenommen, um sich die Papiere schicken zu lassen. Für sämtliche Ausführungen wird auf das Protokoll verwiesen.

Erwägungen
1.
Gemäss Art. 80 Abs. 2 AuG sind die Rechtmässigkeit und Angemessenheit der Haft spätestens nach 96 Stunden durch eine richterliche Behörde aufgrund einer mündlichen Verhandlung zu überprüfen. Diese Frist ist mit der heutigen Verhandlung eingehalten.
2.
Die Ausschaffungshaft setzt einen erstinstanzlichen Weg- oder Ausweisungsentscheid voraus, dessen Vollzug mit der entsprechenden Festhaltung sichergestellt werden soll. Die Verfügung muss (noch) nicht in Rechtskraft erwachsen sein (
Busslinger/Segessenmann
, Ausschaffung im Dublin-Verfahren, in: Rechtsschutz bei Schengen Dublin, Breitenmoser/Gless/Lagodny [Hrsg.], Zürich/St. Gallen 2013, S. 207, 214;
Göksu
, in: Handkommentar AuG, Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Bern 2010, Art. 76 AuG N 2). Eine entsprechende vom Migrationsamt verfügte Wegweisung wurde A_ am 10. August 2014 eröffnet.
3.
3.1
Nach den gesetzlichen Vorschriften kann ein Ausländer zur Sicherstellung des Vollzugs eines eröffneten erstinstanzlichen Weg- oder Ausweisungsentscheids insbesondere in Haft genommen werden, wenn Gründe nach Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 1 i.V.m. Art. 75 Abs. 1 lit. b, c, g oder h oder Absatz 1bis AuG vorliegen, so etwa wenn gegen eine Einreisesperre für das Gebiet der Schweiz verstossen wird (Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 1 i.V.m. Art. 75 Abs. 1 lit. c AuG). Ausserdem kann er in Haft genommen werden, wenn konkrete Anzeichen befürchten lassen, dass er sich der Ausschaffung entziehen will, insbesondere weil er besonderen Mitwirkungspflichten nicht nachkommt (Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 AuG), oder wenn Untertauchensgefahr vorliegt. Dies ist regelmässig der Fall, wenn der Ausländer bereits einmal untergetaucht ist, behördlichen Auflagen keine Folge leistet, hier straffällig geworden ist, durch erkennbar unglaubwürdige und widersprüchliche Angaben die Vollzugsbemühungen der Behörden zu erschweren versucht oder sonst klar zu erkennen gibt, dass er auf keinen Fall in sein Heimatland zurückzukehren bereit ist (BGE 128 II 241 E. 2.1 S. 243; 125 II 369 E. 3 b/aa S. 375). Untertauchensgefahr ist auch zu bejahen bei eigentlichen Täuschungsmanövern, um die Identität zu verschleiern bzw. die Papierbeschaffung zu erschweren (z.B. Verwendung gefälschter Papiere, Auftreten unter mehreren Namen). Das Gleiche gilt bei strafrechtlich relevantem Verhalten, ist bei einem straffällig gewordenen Ausländer doch eher als bei einem unbescholtenen davon auszugehen, er werde in Zukunft behördliche Anordnungen missachten (vgl. auch Art. 75 Abs. 1 lit. g und h AuG). Nach Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 4 AuG kann ein Ausländer auch in Haft genommen werden, wenn sein Verhalten darauf schliessen lässt, dass er sich behördlichen Anordnungen widersetzt.
3.2
Das Migrationsamt begründet die Ausschaffungshaft mit dem Umstand, dass A_ sich nicht an die Anweisungen der niederländischen Behörden gehalten habe, als er aus den Niederlanden ausgereist sei. Zudem habe er keine gültigen Reisedokumente. Da A_ an die Niederlande rückzuführen sei, käme eine selbständige Ausreise nicht in Frage.
3.3
A_ hat in der Vergangenheit bereits mehrmals bewiesen, dass er sich nicht an behördliche Anordnungen hält. So zog er nach eigenen Angaben sein erstes Asylgesuch in der Schweiz zurück, da er „Probleme mit der Polizei gehabt habe“. Als er in Deutschland einen negativen Asylbescheid erhielt, reiste er weiter nach Holland, wo er nun wiederum das Ende des Asylverfahren nicht ordnungsgemäss abwartet. Zudem gab er in den Niederlanden an, Libanese zu sein. Gemäss eigener Aussage habe er sich auch schon als „Sami Hazen“ ausgegeben. Damit hat A_ Behörden bewusst getäuscht und ist bereits wiederholt untergetaucht. Es liegt ein Haftgrund gemäss Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 3 und 4 AuG vor. Mit der Angabe unterschiedlicher Identitäten bei der Stellung von Asylgesuchen liegt ausserdem ein Haftgrund gemäss Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 1 i.V.m. Art. 75 Abs. 1 lit. a AUG vor (Haft wegen Stellens mehrerer Asylgesuche unter verschiedenen Identitäten). Ausserdem hat er mit der Einreise nach Basel gegen die bestehende Ausgrenzung verstossen und damit den Haftgrund des Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 1 i.V.m. Art. 75 Abs. 1 lit. c AuG erfüllt (Haft wegen Verstoss gegen eine Ein- oder Ausgrenzung) und ist auch aufgrund der strafrechtlichen Verurteilung ein Haftgrund gegeben (Art. 76 Abs. 1 lit. b Ziff. 1 i.V.m. Art. 75 Abs. 1 lit. h AuG: Haft wegen Verurteilung wegen eines Verbrechens).
4.
Eine Ausschaffung in die Niederlanden ist zumutbar und rechtlich sowie tatsächlich möglich. Es bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Behörden nicht mit dem nötigen Nachdruck um den Vollzug der Wegweisung bzw. die dazu notwendige Beschaffung der für die Reise notwendigen Dokumente bemühten; das Beschleunigungsgebot ist gewahrt. Ein milderes Mittel zur Sicherstellung des Wegweisungsvollzugs ist nicht ersichtlich und zielführend. Da A_ den Wunsch geäussert hat, direkt nach Tunesien zurück zu kehren, wofür er sich seine Reisedokumente aus der Heimat schicken lassen will, und das Migrationsamt eine Ausschaffung in den Heimatstaat prioritär behandeln würde, rechtfertigt sich die Haftdauer von drei Monaten.
Demgemäss erkennt
die Einzelrichterin
:
://: Die über A_ angeordnete Ausschaffungshaft von drei Monaten vom 10. August 2014 bis zum 9. November 2014 ist rechtmässig und angemessen.
VERWALTUNGSGERICHT BASEL-STADT
Die Einzelrichterin
lic. iur. Barbara Grange