Decision ID: 29ad35c1-f227-4028-b3be-e2f8c04a39b9
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Oktober 2004 bei der EL-Durchführungsstelle des Kantons
St. Gallen zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu seiner IV-Rente an (Dossier 2, act.
128). Er gab an, an der B._strasse 1, C._, zur Miete zu wohnen. Der monatliche
Bruttomietzins betrage Fr. 640.--. Er lebe alleine. Laut dem Mietvertrag vom 27. Mai
2003 hatte D._ dem Versicherten das Haus an der B._strasse 1 ab dem 1. Juni
2003 auf unbestimmte Zeit zu einem Bruttomietzins (ohne Abstellplatz) von Fr. 640.--
pro Monat vermietet. Mit Verfügung vom 25. November 2004 sprach die EL-
Durchführungsstelle dem Versicherten ab 1. Oktober 2004 eine monatliche
Ergänzungsleistung von Fr. 679.-- zu (davon Fr. 145.-- ausserordentliche
Ergänzungsleistungen für persönliche Auslagen, Dossier 2, act. 125). In der
Anspruchsberechnung hatte sie einen Mietzins von Fr. 7'680.-- pro Jahr berücksichtigt
(12 x Fr. 640.--). Ab dem 1. Januar 2005 fiel der Anspruch auf ausserordentliche
Ergänzungsleistungen weg (Dossier 2, act. 124).
A.a.
Im Formular betreffend die periodische Überprüfung der Ergänzungsleistungen
gab der Versicherte am 24. Mai 2007 an, dass der Mietzins unverändert Fr. 640.-- pro
Monat betrage (Dossier 2, act. 121). Am 10. Mai 2007 bestätigte die Vermieterin
A.b.
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B.
handschriftlich, dass sie den Mietzins von Fr. 640.-- pro Monat in bar erhalte (Dossier
2, act. 119-9). Im Revisionsformular vom 20. Mai 2011 gab der Versicherte an, dass der
Mietzins neu Fr. 8'400.-- betrage (12 x Fr. 700.--, Dossier 2, act. 102). Die Vermieterin
bestätigte am 17. Mai 2011, dass der Mietvertrag vom 1. Juni 2003 (richtig: 27. Mai
2003) weiterhin gültig sei (Dossier 2, act. 101). Seit dem 1. Januar 2011 betrage die
Miete inklusive Nebenkosten, aber ohne Abstellplatz, Fr. 700.-- pro Monat. Der
Mietzins sei jeweils am 10. des Monats in bar zu bezahlen. Diese Mietzinserhöhung war
bei der Neuberechnung der Ergänzungsleistungen aufgrund der Ergebnisse der
periodischen Überprüfung jedoch vergessen worden (Dossier 2, act. 93, act. 91). Im
Januar 2012 reichte der Versicherte den per 1. Januar 2011 abgeänderten Mietvertrag
ein (Dossier 2, act. 91). In der Folge setzte die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistungen unter Berücksichtigung des neuen Mietzinses von Fr. 8'400.--
pro Jahr rückwirkend ab 1. Mai 2011 neu fest (Dossier 2, act. 87 ff.). Im
Revisionsformular vom 29. Mai 2015 erklärte der Versicherte, dass der Mietzins
unverändert Fr. 700.-- pro Monat betrage (Dossier 2, act. 72-3). Die Vermieterin
bestätigte am 22. Juni 2015 den angegebenen Mietzins und erklärte, dass dieser
jeweils am 10. des Monats in bar zahlbar sei (Dossier 2, act. 71-3). Ab dem 1. Januar
2015 rechnete die EL-Durchführungsstelle in der Anspruchsberechnung daher
weiterhin einen Mietzins von Fr. 8'400.-- pro Jahr an (Dossier 2, act. 63 ff.).
Da der Versicherte durch eine Erbschaft zu Vermögen gekommen war (Dossier 2,
act. 59), hob die EL-Durchführungsstelle die Ergänzungsleistungen mit Verfügung vom
24. November 2016 wegen eines Einnahmenüberschusses rückwirkend ab 1. Juni 2016
revisionsweise auf (Dossier 2, act. 52 ff.).
A.c.
Am 9. September 2019 meldete eine Sachbearbeiterin der AHV-Zweigstelle C._
der EL-Durchführungsstelle, sie habe durch Zufall erfahren, dass der Versicherte gar
nie an der B._strasse 1 wohnhaft gewesen sei (Dossier 2, act. 51). Laut telefonischer
Nachfrage bei Frau D._ habe diese den Mietvertrag im Jahr 2003 ausgestellt, weil sie
gedacht habe, dass ihr Ex-Ehemann, welcher an der B._strasse 1 gewohnt habe, zu
seiner Freundin ziehen würde. Ihr Ex-Ehemann sei jedoch in der Wohnung geblieben
und der Versicherte habe dort gar nicht einziehen können. Frau D._ habe bestätigt,
B.a.
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dass sie keine Mietzinszahlungen erhalten habe. Soweit Frau D._ wisse, habe der
Versicherte in E._ oder in F._ gelebt. Auch der Ex-Ehemann habe ihr (der
Sachbearbeiterin) telefonisch bestätigt, dass der Versicherte nie in seiner Wohnung
gelebt habe. Der Versicherte habe sich am 4. September 2019 beim Einwohneramt
C._ telefonisch rückwirkend per 30. August 2018 nach E._ (G._, (...))
abgemeldet.
Am 18. September 2019 forderte die EL-Durchführungsstelle den Versicherten auf,
ihr verschiedene Fragen zu seiner Wohnsituation im Zeitraum 1. Oktober 2004 bis 31.
Mai 2016 zu beantworten (Dossier 2, act. 43). Das Schreiben wurde von der Post mit
dem Vermerk, dass der Empfänger unter der angegebenen Adresse nicht habe
ermittelt werden können, retourniert (Dossier 2, act. 39). Die Gemeinde G._
informierte die EL-Durchführungsstelle am 19. November 2019 darüber, dass der
Versicherte bereits 2003 nach C._ weggezogen sei (Dossier 2, act. 36 f.).
B.b.
Anlässlich eines telefonischen Gesprächs mit einem Mitarbeiter der EL-Durch
führungsstelle vom 27. November 2019 erklärte der Versicherte, dass er aktuell bei
H._ und I._, J._strasse 13, C._, wohne (Dossier 2, act. 35). Er sei viel auf
Reisen. Manchmal sei er im Ausland, manchmal bei seinem Bruder in G._ (E._),
manchmal in K._. Auch in der Zeit vom Oktober 2004 bis Mai 2016 sei er viel auf
Reisen gewesen. Sein Wohnsitz sei aber an der B._strasse in C._ gewesen. Er sei
damals wohl schon länger als drei Monate pro Jahr im Ausland gewesen. Konfrontiert
mit der Aussage der "Vermieterin", wonach er gar nie an der B._strasse 1 gewohnt
habe, habe der Versicherte nur gemeint, das sei ja interessant; er wäre ja schön blöd,
in C._ Steuern zu zahlen, wenn er gar nicht dort wohnen würde. Der Versicherte
sicherte dem EL-Mitarbeiter zu, die Rückfrage vom 18. September 2019 bis 13.
Dezember 2019 zu beantworten.
B.c.
Die Abklärungen der EL-Durchführungsstelle beim kantonalen Einwohnerregister
ergaben, dass der Versicherte vom 1. Juni 2003 bis 1. Oktober 2019 an der
B._strasse 1 in C._ und ab 1. Oktober 2019 an der J._strasse 13 in C._
gemeldet war (Dossier 2, act. 33). H._ und I._ bestätigten am 1. November 2019,
dass der Versicherte bei ihnen in der Liegenschaft J._strasse 13, C._, als
Untermieter ein Zimmer bewohne (Dossier 2, act. 31).
B.d.
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Am 10. Januar 2020 forderte die EL-Durchführungsstelle den Versicherten "ein
letztes Mal" auf, bis zum 31. Januar 2020 sämtliche Fragen gemäss ihrem Schreiben
vom 18. September 2019 zu beantworten. Andernfalls müsse sie davon ausgehen,
dass der Versicherte im Zeitraum vom 1. Oktober 2004 bis 31. Mai 2016 entgegen
seiner ursprünglichen Angaben nicht an der B._strasse 1, C._, gewohnt, sondern
sich überwiegend im Ausland aufgehalten habe. In dem Fall hätte er nie Anspruch auf
Ergänzungsleistungen gehabt und sie wäre verpflichtet, die unrechtmässigen
Ergänzungsleistungen zurückzufordern. Am 3. Februar 2020 ging bei der EL-
Durchführungsstelle der am 30. Januar 2020 ausgefüllte Fragebogen ein (Dossier 2,
act. 27). Der Versicherte hatte angegeben, dass die Gemeinde C._ Frau D._ alles
geglaubt habe, was diese so dahergeredet habe. Den bösen Unterstellungen sei die
Scheidung von Frau D._ von ihrem Ex-Ehemann vorausgegangen. Früher seien die
Eheleute D._ und er Freunde gewesen. Vielleicht habe Frau D._ Angst, weil sie die
Mieteinnahmen nicht ordnungsgemäss versteuert habe. Das Mietverhältnis sei nie
unterbrochen worden, auch wenn er ab und zu bei seiner Ex-Ehefrau in E._
übernachtet habe. Den Eheleuten D._ sei es völlig egal gewesen, ob er nun in der
Wohnung gewesen sei oder nicht; Hauptsache, die Kasse habe gestimmt.
B.e.
Laut den Angaben im kantonalen Einwohnerregister war Herr D._ seit dem 1.
November 1986 an der B._strasse 1, C._, gemeldet (Dossier 2, act. 24). Seit dem
28. September 2015 war zudem eine Frau mit drei Töchtern dort gemeldet. Eine
Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung C._ teilte dem zuständigen EL-Mitarbeiter am
6. Februar 2020 telefonisch mit, dass das Haus nur zwei Wohnungen beinhalte: Eine im
Wohnhaus und eine im ehemaligen "Schopf". In der Wohnung im Wohnhaus habe
ursprünglich die Eigentümerin Frau D._ zusammen mit ihrem Ehemann gewohnt.
Nach der Scheidung sei Frau D._ an die B._strasse 2 umgezogen und ihr Ex-
Ehemann habe die Wohnung im "Schopf" bewohnt. Die so freigewordene Wohnung im
Wohnhaus sei anschliessend umgebaut worden. Später sei eine Familie dort
eingezogen.
B.f.
Am 6. Februar 2020 stellte die EL-Durchführungsstelle Frau D._ diverse Fragen
zum Mietverhältnis (Dossier 2, act. 26). Frau D._ antwortete am 15. Mai 2020, dass
sie den Mietvertrag vom 27. Mai 2003 ausgestellt und unterschrieben habe (Dossier 2,
act. 13). Sie wisse nicht, ob der Versicherte überhaupt in die Wohnung an der
B.g.
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B._strasse 1 eingezogen sei. Sie habe in dieser Zeit andere Probleme (Trennung,
Scheidung etc.) gehabt und sei nicht immer anwesend gewesen. Die Fragen, in
welchem Zeitraum der Versicherte an der B._strasse 1 gewohnt habe und ob es
möglich sei, dass der Versicherte und ihr Ex-Ehemann gleichzeitig (jeweils in ihren
eigenen Wohnungen) im betreffenden Haus gewohnt hätten, beantwortete sie mit
einem Fragezeichen. Anlässlich eines Telefongesprächs vom 5. Juni 2020 erklärte Frau
D._ gegenüber dem EL-Mitarbeiter, dass "dies" 17 Jahre her sei und sie sich wirklich
nicht mehr erinnern könne. Der Versicherte habe damals ganz sicher nicht an der
B._strasse 1 gewohnt. Als sie den Mietvertrag abgeschlossen habe, habe sie in
Scheidung gelebt. Ihr Ex-Ehemann sei mit der Freundin in die Wohnung an der
B._strasse 1 gezogen. Frau D._ bestätigte, dass ihr Ex-Ehemann in den Schopf
eingezogen sei. Das Wohnhaus sei nach ihrem Auszug leer gestanden und renoviert
worden. Später sei dort eine Familie eingezogen. Frau D._ gab an, dass sie wirklich
nicht wisse, ob der Versicherte anfangs kurz dort gelebt habe. Soweit sie sich erinnern
könne, habe sie den Versicherten nie an der B._strasse gesehen. Einen Mietzins
habe sie nie bekommen. Am 16. Juni 2020 fragte der Teamleiter Ergänzungsleistungen
bei Frau D._ nach, ob sie das Schreiben vom 22. Juni 2015 (Bestätigung für
Mietzinszahlungen, siehe Dossier 2, act. 71-3) unterschrieben habe und falls ja, warum.
Frau D._ antwortete am 12. Juli 2020, dass sie das Schreiben vom 22. Juni 2015
tatsächlich unterschrieben habe (Dossier 2, act. 9). Der Versicherte habe gesagt, er
brauche dies. Für was, habe sie nicht gewusst. Sie habe es unterschrieben, ohne dies
zu hinterfragen.
Mit Verfügung vom 16. Juli 2020 hob die EL-Durchführungsstelle die
Ergänzungsleistungen rückwirkend ab 1. August 2005 bis 31. Mai 2016 wegen
Nichterfüllens der Wohnsitzvoraussetzungen auf und forderte vom Versicherten
jährliche Ergänzungsleistungen in der Höhe von Fr. 71'607.-- zurück (Dossier 2, act. 8).
Zur Begründung hielt sie fest, sie nehme die Meldung von Frau D._ zum Anlass,
sämtliche bisherigen EL-Verfügungen prozessualrevisionsweise aufzuheben. Es sei
überwiegend wahrscheinlich, dass er im relevanten Zeitraum nicht an der B._strasse
1 in C._ gewohnt habe. Einen anderen Wohnort in der Schweiz habe er trotz
entsprechender Rückfrage nicht nennen können. Deshalb müsse davon ausgegangen
werden, dass er sich im relevanten Zeitraum mehrheitlich im Ausland aufgehalten habe.
B.h.
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Somit erfülle er die EL-Anspruchsvoraussetzungen nicht. Mit Verfügung vom selben
Tag forderte die EL-Durchführungsstelle die im Zeitraum 2. September 2010 bis 19. Juli
2016 vergüteten Krankheits- und Behinderungskosten in der Höhe von Fr. 10'077.90
zurück (Dossier 1, act. 1).
Am 21. Juli 2020 erhob die EL-Durchführungsstelle Strafanzeige gegen den
Versicherten wegen Betrugs (Art. 146 StGB), Urkundenfälschung (Art. 251 StGB),
unrechtmässigen Bezugs einer Sozialversicherungsleistung (Art. 148a StGB) und
Verletzung der Auskunfts- und Meldepflichten (Art. 31 ELG).
B.i.
Gegen die beiden Verfügungen vom 16. Juli 2020 liess der Versicherte am 17.
August 2020 Einsprache erheben (Dossier 2, act. 4). In der Einsprachebegründung vom
24. September 2020 machte sein Rechtsvertreter geltend, dass sich die EL-Durch
führungsstelle einzig und allein auf eine alles andere als glaubwürdige Meldung von
Frau D._, welche die von ihr eigenhändig unterzeichneten Mietverträge wie auch ihre
unterschriftlich bestätigten Mietzinseinnahmen in Abrede stelle, stütze (Dossier 3, act.
8). Die nicht nachvollziehbaren Äusserungen von Frau D._ und die eigentümliche
Meldung der AHV-Zweigstelle C._ würden durch die unmissverständliche
Wohnsitzbestätigung der Gemeinde C._, wonach der Versicherte seit 1. Juni 2003 in
C._ gemeldet und wohnhaft sei, belegt. Im Übrigen sei der Versicherte während
dieser Zeit auch seinen Steuerpflichten nachgekommen.
B.j.
Mit Entscheid vom 11. November 2020 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache ab (Dossier 3, act. 5). Zur Begründung führte sie aus, aufgrund der
wiederholten und eindeutigen Aussagen von Frau D._ stehe fest, dass der
Versicherte im massgeblichen Zeitraum (August 2005 bis Ende Mai 2016) keinen
Wohnsitz im Sinne von Art. 4 Abs. 1 ELG an der B._strasse 1 innegehabt habe. Auch
ein Wohnsitz an einem anderen Ort in der Gemeinde C._ oder im Kanton St. Gallen
mit entsprechenden Mietzinszahlungen sei nicht belegt. Entgegen der Ansicht des
Versicherten bewiesen allein die Wohnsitzbestätigung und der Umstand, dass er in
C._ seine Steuern bezahlt habe, nicht, dass er in C._ oder im Kanton St. Gallen
einen Wohnsitz im Sinne von Art. 4 Abs. 1 ELG inngehabt habe. Insbesondere wiege
schwer, dass keine Belege dafür vorlägen, dass der Versicherte für seine angebliche
Mietwohnung an der B._strasse 1 jemals einen Mietzins bezahlt habe. Die geltend
B.k.
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C.
gemachten Barzahlungen über einen solch langen Zeitraum seien nicht plausibel. Es
sei verwaltungsnotorisch, dass Mietzinszahlungen über Zahlungsaufträge bei Banken
oder der Post abgewickelt würden. Bei gesamthafter Würdigung seien die Aussagen
von Frau D._ plausibler, dass sie einzig aus Gefälligkeitsgründen sowohl den
Mietvertrag als auch den Erhalt der Mietzinse mehrmals bestätigt habe, obwohl der
Versicherte nie an der B._strasse 1 gewohnt und erst recht nie Mietzinszahlungen
getätigt habe. Mangels Wohnsitzes des Versicherten in C._ oder einem anderen Ort
im Kanton St. Gallen im Zeitraum August 2005 bis Ende Mai 2016 seien die ihm in
diesem Zeitraum ausgerichteten Ergänzungsleistungen und Krankheitskosten zu Recht
mittels prozessualer Revision zurückgefordert worden. Weil sich der
Rückforderungszeitraum auch aus strafbaren Handlungen des Versicherten gemäss
StGB ableite, betrage die Verwirkungsfrist für die Rückforderungen 15 Jahre. Die
angefochtenen Verfügungen seien rechtmässig.
Gegen diesen Entscheid liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
am 9. Dezember 2020 Beschwerde erheben (act. G 1). Sein Rechtsvertreter beantragte
die Aufhebung des Einspracheentscheides. Zur Begründung machte er geltend, dass
der angefochtene Einspracheentscheid die Beweisregeln massiv verletze. Am 21.
Januar 2021 brachte er ergänzend vor, dass sich die EL-Durchführungsstelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) informell und mithin widerrechtlich "wiederholte
und eindeutige Aussagen" von Frau D._ beschafft habe (act. G 3). Zusammen mit
nicht massgeblichen Mutmassungen, "dass Mietzinszahlungen über Zahlungsaufträge
bei Banken oder der Post abgewickelt würden", habe sie ihre Rückforderungen
gerechtfertigt. Die Beschwerdegegnerin habe mit ihrer Vorgehensweise Art. 12 Abs. 1
VRP verletzt. Für die Ermittlung des Sachverhalts hätte sie Beweise erheben müssen.
Frau D._ hätte nicht auf informellem Weg, sondern als Zeugin befragt werden
müssen. Da ihre Aussagen den von ihr unterzeichneten Mietverträgen und schriftlich
bestätigten Zinsbezügen diametral widersprochen hätten, hätte sie die Aussage
verweigern dürfen, wie dies das Verwaltungsrecht des Bundes ausdrücklich vorsehe.
Dies werde im kantonalen Verwaltungsverfahren vernünftigerweise nicht anders sein.
Dieses Verweigerungsrecht von Frau D._ als Zeugin (oder auch als Auskunftsperson)
habe die Beschwerdegegnerin mit ihrem wenig professionellen Vorgehen vereitelt.
C.a.
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Daraus dürfe weder ihr noch dem Beschwerdeführer ein Nachteil erwachsen. Deshalb
seien die Aussagen von Frau D._ und des Beschwerdeführers als nicht existent und
damit als nicht gehört zu betrachten und aus dem Recht zu weisen. Die
Wohnsitzbestätigung sei als Urkunde Beweis genug, dass der Beschwerdeführer in
C._ wohnhaft gewesen sei. Während dieser Zeit habe er auch seine Steuerpflicht
erfüllt. Die Rückforderungen seien nicht gerechtfertigt. Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers hatte am 9. Dezember 2020 ein Gesuch um Sistierung des
Strafverfahrens gestellt (act. G 3.1).
Am 10. Februar 2021 teilte der zuständige Staatsanwalt dem Teamleiter
Ergänzungsleistungen telefonisch mit, dass die Einvernahmen von Frau D._ und des
Beschwerdeführers bereits stattgefunden hätten (Dossier 3, act. 16). Der
Beschwerdeführer habe die Aussage am 17. November 2020 verweigert.
C.b.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 16. Februar 2021 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung verwies sie auf die Erwägungen im
Einspracheentscheid.
C.c.
Am 29. April 2021 nahm der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers Stellung zu
den Vorakten der Beschwerdegegnerin (act. G 11). Er hielt fest, dass die
Beschwerdegegnerin Frau D._ als potentiell Beschuldigte als Auskunftsperson hätte
befragen müssen. Aufgrund ihrer wenig vorteilhaften Position hätte sie fairerweise auf
ihr daraus resultierendes Aussageverweigerungsrecht hingewiesen werden müssen.
Demnach erweise sich alles, was Frau D._ der Beschwerdegegnerin mitgeteilt oder
was die Beschwerdegegnerin auf dem "Latrinenweg" erfahren habe, als null und
nichtig. Die Aufforderung an Frau L._ (gemeint: Frau D._), wegen der undatierten
Ermächtigung wahrheitsgemäss Auskunft zu erteilen, erweise sich geradezu als
amtsmissbräuchlich. Denn als Auskunftsperson sei die irregeleitete Frau D._ gerade
nicht zur Wahrheit verpflichtet. Die polizeilichen Einvernahmen der beteiligten Personen
hätten bereits stattgefunden. Frau D._ sei zwar als Auskunftsperson auf ihr
Aussageverweigerungsrecht aufmerksam gemacht worden. Allerdings sei auch den
Strafbehörden ein entscheidender Fehler passiert. Aufgrund der Strafanzeige und der
Akten müsste eigentlich auch Frau D._ mit einem Strafverfahren rechnen. Wäre dies
dem Staatsanwalt oder dem einvernehmenden Polizisten bewusst gewesen, hätte man
C.d.
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Frau D._ als beschuldigtenähnliche Auskunftsperson sagen müssen, dass sie sich
bei Verfahrenshandlungen von einem Rechtsbeistand begleiten lassen dürfe und dass
sie weder zur Aussage noch zur Mitwirkung verpflichtet sei. Auch ihre Aussagen vor
den Strafbehörden erwiesen sich daher allesamt als unverwertbar. Zusammenfassend
seien sämtliche Aussagen von Frau D._ im Verwaltungs- und Strafverfahren aus dem
Recht zu weisen. Damit entfalle aus beweisrechtlichen Gründen die materiellrechtliche
Grundlage, vom Beschwerdeführer Ergänzungsleistungen zurückzufordern oder ihn
strafrechtlich anzuzeigen.
Am 22. Mai 2021 reichte die Beschwerdegegnerin dem Gericht die Sistierungs
verfügung des Untersuchungsamtes M._ ein (act. G 14). Die Strafuntersuchung
gegen den Beschwerdeführer war bis zum Abschluss des pendenten Verfahrens bei
der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen bzw. bis zum Erhalt der
rechtskräftigen Abschlussverfügung sistiert worden.
C.e.
Am 5. November 2021 forderte das Gericht beim Untersuchungsamt M._ die
Akten des Strafverfahrens an (act. G 16). Am 10. November 2020 war Frau D._
polizeilich einvernommen worden. Sie hatte angegeben, den Beschwerdeführer flüchtig
zu kennen. In der Liegenschaft an der B._strasse 1 befänden sich zwei Wohnungen,
eine 5.5 Zimmer-Wohnung und eine 3.5-Zimmer-Wohnung. Vom 1. Oktober 2004 bis 1.
Juni 2016 habe sie selbst in der 5.5-Zimmer-Wohnung gelebt; in der kleineren
Wohnung habe zeitweise ihr Ex-Ehemann gewohnt. Der Mietvertrag sei zustande
gekommen, weil der Beschwerdeführer gesagt habe, er brauche unbedingt eine
Wohnung. Sie wisse nicht, ob er jemals an der B._strasse 1 eingezogen sei. Die
Wohnung sei möbliert gewesen. Sie selbst sei oft bei einer Kollegin gewesen. Sie habe
nicht gesehen, dass der Beschwerdeführer eingezogen sei. Sie habe etwa dreimal sein
Motorrad an der B._strasse 1 gesehen. Die Bestätigung des Mietvertrages vom 10.
Mai 2007 habe sie ausgestellt, obwohl zum damaligen Zeitpunkt ihr Ex-Ehemann in der
3.5-Zimmer-Wohnung gelebt habe. Sie glaube, der Beschwerdeführer habe gesagt, er
benötige die Bestätigung für ein Postfach. Sie habe das nicht hinterfragt; sie habe sich
zur Ausstellung der Bestätigung überreden lassen. An die Bestätigung des Mietvertrags
vom 17. Mai 2011 könne sie sich nicht mehr erinnern; die Unterschrift sei aber
wahrscheinlich von ihr. Sie könne sich auch nicht mehr daran erinnern, dass sie den
Mietvertrag per 1. Januar 2011 abgeändert hätten. An die Ausstellung der Bestätigung
C.f.
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Erwägungen
1.
vom 22. Juni 2015 könne sie sich hingegen wieder erinnern. Wahrscheinlich habe ihr
der Beschwerdeführer wieder die gleiche Geschichte erzählt, weshalb er die
Bestätigung brauche. Sie habe nichts dafür erhalten, dass sie dem Beschwerdeführer
den Mietvertrag, die Erneuerung des Mietvertrags sowie die jeweiligen Bestätigungen
des Mietvertrags ausgestellt habe. Der Beschwerdeführer habe nie eine
Mietzinszahlung geleistet. Am 17. November 2020 war der Beschwerdeführer
polizeilich einvernommen worden. Er hatte die Aussage verweigert.
Am 3. Januar 2022 nahm der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers Stellung zu
den Strafakten. Er machte erneut geltend, dass die Aussagen von Frau D._ im
Verwaltungs- und im Strafverfahren absolut unverwertbar seien (act. G 26). Der
Stellungnahme lagen zwei Beiträge aus der Aktuellen Juristischen Praxis (AJP; 11/2017
und 3/2018) bei. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Stellungnahme zu den
Strafakten und zur Eingabe des Rechtsvertreters vom 3. Januar 2022 (act. G 27, 29).
C.g.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens ist der
Einspracheentscheid vom 11. November 2020, mit welchem die Beschwerdegegnerin
die Einsprachen gegen die beiden Verfügungen vom 16. Juli 2020 (Rückforderung von
Ergänzungsleistungen und Rückforderung von Krankheitskostenvergütungen)
abgewiesen hat. Mit Verfügung vom 16. Juli 2020 (Dossier 2, act. 8) hatte die
Beschwerdegegnerin den Anspruch auf jährliche Ergänzungsleistungen rückwirkend für
die Zeit vom 1. August 2005 bis 31. Mai 2016 gestützt auf Art. 53 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR
830.1) wegen Nichterfüllens der Wohnsitzvoraussetzungen aufgehoben und vom
Beschwerdeführer einen Betrag von Fr.71'607.-- zurückgefordert. Mit Verfügung vom
gleichen Tag hatte die Beschwerdegegnerin die für den Zeitraum 2. September 2020
bis 19. Juli 2016 vergüteten Krankheitskosten in der Höhe von Fr. 10'077.90
zurückgefordert.
1.1.
Gemäss Art. 4 Abs. 1 lit. c des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen und Invalidenversicherung (ELG, SR 831.30) haben Personen,
die Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben, Anspruch auf
Ergänzungsleistungen, wenn sie ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/17
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ATSG) in der Schweiz haben. Der Wohnsitz einer Person bestimmt sich nach den
Artikeln 23 bis 26 des Zivilgesetzbuches (Art. 13 Abs. 1 ATSG). Ihren gewöhnlichen
Aufenthalt hat eine Person an dem Ort, an dem sie während längerer Zeit lebt, selbst
wenn diese Zeit zum Vornherein befristet ist (Art. 13 Abs. 2 ATSG).
Die Beschwerdegegnerin hat einen Anspruch auf Ergänzungsleistungen
rückwirkend ab 1. August 2005 mangels gewöhnlichen Aufenthalts in der Schweiz
(siehe Verfügung vom 16. Juli 2020) resp. im Kanton St. Gallen (siehe
Einspracheentscheid vom 11. November 2020) verneint. Dabei hat sie sich auf die
Aussagen von Frau D._, der damaligen "Vermieterin" gestützt, wonach der
Beschwerdeführer höchstens zu Beginn des Mietverhältnisses (1. Juni 2003) kurze Zeit
an der B._strasse 1 in C._ gewohnt habe und dass keine Mietzinszahlungen erfolgt
seien. Sie hat weiter geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe keinen anderen
Wohnort in C._ oder dem Kanton St. Gallen nennen können.
1.3.
Formell rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide müssen in Revision
gezogen werden, wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach
deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren
Beibringung zuvor nicht möglich war (sog. prozessuale Revision, Art. 53 Abs. 1 ATSG).
Die Voraussetzungen zur Eröffnung eines Revisionsverfahrens nach Art. 53 Abs. 1
ATSG sind vorliegend erfüllt gewesen: Die AHV-Zweigstelle hat der
Beschwerdegegnerin im September 2019 gemeldet, sie habe durch Zufall erfahren,
dass der Beschwerdeführer gar nie an der B._strasse 1 in C._ gewohnt habe.
Hierbei hat es sich um eine neue Tatsache gehandelt, denn die Beschwerdegegnerin
hat bis zum Zeitpunkt der Meldung im September 2019 aufgrund des eingereichten
Mietvertrags und der wiederholten Bestätigung der Gültigkeit des Mietvertrags und der
Mietzinszahlungen durch Frau D._ davon ausgehen müssen, dass der
Beschwerdeführer an der B._strasse 1 wohne. Diese neue Tatsache ist zudem
erheblich gewesen: Sollte sich herausstellen, dass der Beschwerdeführer im hier
relevanten Zeitraum weder an der B._strasse 1 noch an einem anderen Ort im
Kanton St. Gallen oder sogar der Schweiz gewohnt hat, so müsste für den gesamten
Zeitraum ein EL-Anspruch verneint werden.
1.4.
Die (prozessuale) Revision nach Art. 53 Abs. 1 ATSG setzt eine ursprüngliche
Unrichtigkeit bezogen auf die tatsächlichen Grundlagen des Entscheides voraus (Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, Ausgabe 2020, Rz. 7 zu Art. 53). Die Beschwerdegegnerin
hat die Ergänzungsleistungen jedoch nicht ab Anspruchsbeginn (1. Oktober 2004),
sondern erst ab 1. August 2005 korrigiert. Der Grund hierfür ist wohl gewesen, dass die
Beschwerdegegnerin davon ausgegangen ist, dass sie nur diejenigen Leistungen
1.5.
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2.
zurückfordern könne, die in den letzten 15 Jahren bezogen worden seien (Art. 25 Abs.
2 ATSG), d.h. dass mit Bezug auf die im Zeitraum 1. Oktober 2004 bis 31. Juli 2005 zu
Unrecht ausgerichteten Leistungen bereits die absolute Verjährung resp. Verwirkung
eingetreten sei. Korrekterweise hätte die Beschwerdeführerin jedoch in einem ersten
Schritt die Ergänzungsleistungen rückwirkend ab 1. Oktober 2004 neu festsetzen (da
die ursprüngliche Verfügung vom 25. November 2004 in prozessuale Revision gezogen
worden ist) bzw. einen EL-Anspruch für den Zeitraum 1. Oktober 2004 bis 31. Juli 2005
verneinen müssen. In einem zweiten Schritt hätte sie prüfen müssen, ob die
unrechtmässig bezogenen Leistungen zurückgefordert werden können, denn nur die
Vollzugshandlung "Rückforderung" unterliegt den Verwirkungsfristen nach Art. 25 Abs.
2 ATSG. Obwohl gemäss dem Wortlaut der Verfügung vom 16. Juli 2020 explizit
lediglich der EL-Anspruch ab 1. August 2005 verneint worden ist, ist bei korrekter
Interpretation davon auszugehen, dass mit dieser Verfügung die erste
leistungszusprechende Verfügung vom 25. November 2004 in prozessuale Revision
gezogen worden ist und die Beschwerdegegnerin eigentlich einen EL-Anspruch bereits
ab 1. Oktober 2004 hat verneinen wollen; die Rückforderung der unrechtmässig
bezogenen Leistungen hat sie aufgrund des Eintritts der absoluten Verwirkungsfrist
jedoch erst ab 1. August 2005 als zulässig erachtet. Auf die Höhe der Rückforderung
hat diese "abgekürzte" Vorgehensweise der Beschwerdegegnerin jedoch keinen
Einfluss.
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat geltend gemacht, dass sämtliche
Aussagen von Frau D._ nicht verwertbar seien: Im sozialversicherungsrechtlichen
Verfahren sei sie nicht auf ihr Aussageverweigerungsrecht hingewiesen worden und im
gegen den Beschwerdeführer geführten Strafverfahren hätte sie nicht als
Auskunftsperson, sondern als beschuldigtenähnliche Auskunftsperson einvernommen
werden müssen, da sie eigentlich auch mit einem Strafverfahren rechnen müsse.
2.1.
Hinsichtlich der Verwertbarkeit der Aussagen von Frau D._ im Strafverfahren ist
festzuhalten, dass keine Gründe ersichtlich sind, weshalb diese Aussagen im
sozialversicherungsrechtlichen Verfahren nicht verwertbar sein sollten, zumal Frau
D._ als Auskunftsperson einvernommen und auf ihr Aussageverweigerungsrecht
hingewiesen worden ist (siehe Einvernahmeprotokoll vom 10. November 2020, act. G
17). Mit Bezug auf die Aussagen von Frau D._ im sozialversicherungsrechtlichen
Verfahren ist zunächst darauf hinzuweisen, dass auch Drittpersonen zur
wahrheitsgemässen Auskunft verpflichtet sind (Art. 28 Abs. 3 ATSG; vgl. auch Pärli/
Kunz, in: Basler Kommentar, ATSG, 2019, N 42 zu Art. 28 ATSG; vgl. Kieser, a.a.O., N
2.2.
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78 ff. zu Art. 28 ATSG). Die Auskunftspflicht Dritter gilt allerdings nicht
uneingeschränkt: Eine Auskunftserteilung kann insbesondere verweigert werden, wenn
sich die Drittperson durch die Aussage der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung
aussetzen würde (Art. 13 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP, sGS
951.1] i.V.m. Art. 166 Abs. 1 lit a der Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO, SR
272]; siehe auch Kieser, a.a.O., Rz. 80 zu Art. 28). Ob Frau D._ im vorliegenden Fall
die Auskunft gegenüber der Beschwerdegegnerin hätte verweigern dürfen und ob
dadurch, dass die Beschwerdegegnerin Frau D._ nicht auf die Möglichkeit der
Aussageverweigerung hingewiesen hat, deren Aussagen im
sozialversicherungsrechtlichen Verfahren unverwertbar geworden sind, kann
offengelassen werden. Denn wie nachfolgend aufgezeigt wird (E. 3.3), reichen die
Aussagen von Frau D._ im sozialversicherungsrechtlichen, aber auch diejenigen im
strafrechtlichen Verfahren weder aus, um zu beweisen, dass der Beschwerdeführer im
hier relevanten Zeitraum (1. Oktober 2004 bis 31. Mai 2016) mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nicht an der B._strasse 1 in C._ gewohnt hat,
noch dass er an keinem anderen Ort im Kanton St. Gallen oder gar der Schweiz
gewohnt resp. seinen gewöhnlichen Aufenthalt gehabt hat.
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat weiter geltend gemacht, dass die
Wohnsitzbestätigung vom 18. August 2020 als Urkunde Beweis genug sei, dass der
Beschwerdeführer in C._ wohnhaft gewesen sei. Der Beschwerdeführer habe
während dieser Zeit auch seine Steuerpflicht erfüllt. Diese Ansicht des Rechtsvertreters
ist nicht zutreffend, denn der tatsächliche Wohnsitz und gewöhnliche Aufenthalt einer
Person kann vom gemeldeten Wohnsitz abweichen. Selbstverständlich beweist auch
der Umstand, dass eine Person an einem Ort Steuern bezahlt, nicht, dass sie dort ihren
tatsächlichen Wohnsitz und ihren gewöhnlichen Aufenthalt hat. Die Aussagen von Frau
D._ im sozialversicherungsrechtlichen Verfahren und im Strafverfahren reichen
allerdings nicht aus, um das Gegenteil beweisen zu können, nämlich dass der
Beschwerdeführer im relevanten Zeitraum (1. Oktober 2004 bis 31. Mai 2016) nicht an
der B._strasse 1 gewohnt hat resp. dass er an keinem anderen Ort im Kanton
St. Gallen oder sogar der Schweiz seinen Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt
gehabt hat. Der Beweiswert ihrer Aussagen ist dadurch geschmälert, dass sie dem
Beschwerdeführer über Jahre hinweg Bestätigungen dafür ausgestellt hat, dass er an
der B._strasse 1 wohne und einen Mietzins bezahle. Entweder hat Frau D._ also
damals falsche Angaben gemacht oder ihre jetzigen Angaben, wonach der
Beschwerdeführer nie oder höchstens für kurze Zeit zu Beginn des Mietverhältnisses
an der B._strasse 1 gewohnt habe, sind falsch. Ihre Aussagen im
Verwaltungsverfahren und im Strafverfahren sind eher dürftig gewesen. So bleibt
2.3.
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beispielsweise unklar, was sie tatsächlich dazu bewogen hat, dem Beschwerdeführer,
zu dem sie offenbar kein freundschaftliches Verhältnis gepflegt hat, über Jahre hinweg
falsche Bestätigungen über das Bestehen eines Mietverhältnisses auszustellen.
Allerdings sind auch die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Wohnsitz und
gewöhnlichen Aufenthalt im Zeitraum 1. Oktober 2004 bis 31. Mai 2016 äusserst knapp
geblieben, weshalb nicht mit dem notwendigen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit feststeht, wo er im besagten Zeitraum seinen Wohnsitz und
gewöhnlichen Aufenthalt gehabt hat.
Die Beschwerdegegnerin wird somit weitere Abklärungen vornehmen müssen.
Insbesondere wird sie Frau D._ und den Beschwerdeführer − formal korrekt −
befragen müssen. Mit Bezug auf die Auskunftspflicht des Beschwerdeführers ist darauf
hinzuweisen, dass dieser zur wahrheitsgemässen Aussage gegenüber der
Beschwerdegegnerin verpflichtet ist und auch selbstbelastende Auskünfte zu erteilen
hat (vgl. Pärli/Kunz, a.a.O., N 33 zu Art. 28 ATSG; vgl. Kieser, a.a.O., N 47 zu Art. 28
ATSG; vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 3. September 2014, 9C_258/2014 E. 4.4; zur
Auskunftspflicht Dritter siehe E. 2.2). Des Weiteren wird die Beschwerdegegnerin den
Ex-Ehemann von Frau D._, welcher offenbar während des hier relevanten Zeitraums
die meiste Zeit an der B._strasse 1 in C._ gewohnt hat, zur Wohnsituation befragen
müssen. Falls nötig wird auch die Familie, die im September 2015 an der B._strasse
1 eingezogen ist, Auskunft darüber erteilen können, ob der Beschwerdeführer ab
diesem Zeitpunkt (weiterhin) an der B._strasse 1 in C._ gewohnt resp. seinen
gewöhnlichen Aufenthalt gehabt hat. Allenfalls wird die Beschwerdegegnerin bei der
zuständigen Sachbearbeiterin der AHV-Zweigstelle (N._, Dossier 2, act. 51)
nachfragen müssen, wie sie davon erfahren hat, dass der Beschwerdeführer nie an der
B._strasse 1 in C._ gewohnt haben soll, und ob weitere Personen Auskunft zur
Sache geben können. Und schliesslich wird die Beschwerdegegnerin die im hier
relevanten Zeitraum (1. Oktober 2004 bis 31. Mai 2016) gültigen Reisepässe des
Beschwerdeführers einfordern müssen, da diese Informationen über mögliche längere
Auslandaufenthalte geben könnten. Anzumerken bleibt, dass der Nachweis, dass der
Beschwerdeführer im hier relevanten Zeitraum nie an der B._strasse 1 in C._
gewohnt habe, selbstverständlich nicht ausreichen würde, um einen Wohnsitz und/
oder einen gewöhnlichen Aufenthalt im Kanton St. Gallen oder gar der Schweiz
verneinen zu können.
2.4.
Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten (Art. 25 Abs. 1 Satz 1
ATSG). Der Rückforderungsanspruch erlischt mit dem Ablauf eines Jahres, nachdem
die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber mit dem
2.5.
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3.
4.
Ablauf von fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung. Wird der
Rückerstattungsanspruch aus einer strafbaren Handlung hergeleitet, für welche das
Strafrecht eine längere Verjährungsfrist vorsieht, so ist diese Frist massgebend (Art. 25
Abs. 2 ATSG). Bei den genannten Fristen handelt es sich um Verwirkungsfristen (BGE
140 V 521 E. 2.1). Die Beschwerdegegnerin hat die Meldung von der AHV-Zweigstelle,
wonach der Beschwerdeführer während des Bezugs von Ergänzungsleistungen nie an
der B._strasse 1 in C._ gewohnt habe, im September 2019 erhalten. Die Revisions-
und Rückforderungsverfügungen sind gleichzeitig am 16. Juli 2020 ergangen. Weil die
einjährige, relative Verwirkungsfrist nach der Praxis des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen erst an dem Tag zu laufen beginnt, an dem die der Rückforderung
zugrundeliegende Korrekturverfügung formell rechtskräftig geworden ist, da der
Versicherungsträger erst an dem Tag definitiv Kenntnis von allen Einzelheiten des
Rückforderungsanspruchs hat (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen vom 16. November 2016, IV 2014/559 E. 2.2; Entscheid vom 26. Juni 2017, EL
2016/8 E. 5.2), wäre diese ohne weiteres eingehalten. Die relative Verwirkungsfrist wäre
vorliegend aber auch eingehalten, wenn auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung
abgestellt würde, da die Beschwerdegegnerin erst im September 2019 Kenntnis von
den neuen Tatsachen erhalten hat. Die Beschwerdegegnerin ist davon ausgegangen,
dass sich der Rückforderungsanspruch aus einer strafbaren Handlung des
Beschwerdeführers herleitet und sich die absolute Verwirkungsfrist deshalb auf 15
Jahre verlängert hat. Sollten die weiteren Abklärungen ergeben, dass der
Beschwerdeführer im Zeitraum 1. Oktober 2004 bis 31. Mai 2016 tatsächlich zu
Unrecht Ergänzungsleistungen bezogen hat, so müsste die Beschwerdegegnerin noch
abklären, ob tatsächlich eine strafbare Handlung vorliegt, welche die absolute
Verwirkungsfrist verlängert.
Demnach ist der angefochtene Einspracheentscheid wegen der Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes nach Art. 43 Abs. 1 ATSG in teilweiser Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben und die Sache ist zur Weiterführung des
Verwaltungsverfahrens im Sinne der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.1.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (aArt. 61 lit. a ATSG in der bis 31. Dezember
2020 gültigen, für das vorliegende Verfahren gemäss Art. 83 ATSG noch anwendbaren
Fassung).
4.1.
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