Decision ID: d7765d8a-f214-5b69-b27d-fe34f3440efd
Year: 2007
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Regierungsstatthalter von Aarwangen bewilligte mit Gesamtentscheid vom
25. April 2005 den Neubau von vier Mehrfamilienhäusern mit 20 Wohnungen und
unterirdischer Auto-Einstellhalle auf Parzelle Aarwangen Grundbuchblatt Nr. E._.
Die Parzelle liegt im Perimeter der Überbauungordnung Nr. H._
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F._strasse / G._strasse (ÜO)1, Sektor 4 / W2. Die ÜO regelt die
Detailerschliessung und Aussenräume, insbesondere auch die Anordnung der
Aussenparkplätze entlang der Stichstrassen.
2. Nachdem die Gemeinde festgestellt hatte, dass Aussenparkplätze in Abweichung
von der Baubewilligung vom 25. April 2005 erstellt worden waren, forderte sie die
Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 17. Oktober 2006 auf, ein
Projektänderungsgesuch einzureichen und die Bauarbeiten einzustellen. Die
Beschwerdegegnerin reichte am 18. bzw. 19. Oktober 2006 bei der Gemeinde ein
Projektänderungsgesuch für die Umgestaltung der oberirdischen Besucherparkplätze ein.
Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden am 15. Dezember 2006 Einsprache. Mit
Verfügung vom 23. April 2007 erteilte die Gemeinde eine „Zusatzbewilligung“ für die
Umgestaltung der Besucherparkplätze.
3. Gegen diese Verfügung reichten die Beschwerdeführenden am 25. Mai 2007
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie
beantragen die Aufhebung der „Zusatzbewilligung“ vom 23. April 2007 und die Erteilung
des Bauabschlags. Die Beschwerdegegnerin beantragt sinngemäss die Abweisung der
Beschwerde. Die Gemeinde beantragt die Abweisung der Beschwerde. Das Rechtsamt,
welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, verzichtete auf die Durchführung
eines Beweisverfahrens.
4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Überbauungordnung Nr. H._ F._strasse / G._strasse vom 16. Dezember 2002 (ÜO), genehmigt durch das Amt für Gemeinden und Raumordnung des Kantons Bern (AGR) am 15. September 2003 2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Die BVE prüft die Eintretensvoraussetzungen von Amtes wegen.
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der
Beschwerde gegen die „Zusatzbewilligung“ zuständig. Beschwerdebefugt sind die
Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden sind als unterlegene
Einsprecher durch den vorinstanzlichen Bauentscheid beschwert und daher zur
Beschwerdeführung legitimiert.
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. a) Die im nachträglichen Projektänderungsgesuch vom 18. bzw. 19. Oktober 2006
beantragte und in der angefochtenen Verfügung vom 23. April 2007 bewilligte
Umgestaltung der oberirdischen Besucherparkplätze sieht insbesondere die Verlegung von
vier Parkplätzen von der I._strasse an den J._weg (unmittelbar neben
Eingang zu Haus 1) vor. Diese Anordnung der Besucherparkplätze weicht vom
rechtskräftig bewilligten Zustand4 und von der ÜO ab. Davon geht auch die Gemeinde in
der angefochtenen Verfügung vom 23. April 2007 und in ihrer Stellungnahme vom 27. Juni
2007 aus. Es ist umstritten und im vorinstanzlichen Verfahren unklar, wie solche
Abweichungen von einer Überbauungsordnung behandelt werden sollen.
b) Änderungen einer Überbauungsordnung haben grundsätzlich im gleichen Verfahren
zu erfolgen wie deren Erlass. Entweder ist das ordentliche Verfahren gemäss Art. 94 ff.
BauG oder - für geringfügige Planänderungen - das vereinfachte Verfahren gemäss
Art. 122 BauV5 durchzuführen. Auch Änderungen einer Überbauungsordnung sind also
grundsätzlich im Plan- und nicht im Baubewilligungsverfahren zu prüfen und vom Amt für
Gemeinden und Raumordnung des Kantons Bern (AGR) genehmigen zu lassen (Art. 94
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 4 Gesamtentscheid des Regierungsstatthalters von Aarwangen vom 25. April 2005 betreffend Baubewilligung für den Neubau von vier Mehrfamilienhäusern mit 20 Wohnungen und unterirdischer Auto-Einstellhalle 5 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
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Abs. 3 in Verbindung mit Art. 61 Abs. 1 BauG beziehungsweise Art. 122 Abs. 3 BauV). Das
gilt auch für eine Überbauungsordnung, mit welcher - wie im vorliegenden Fall - die
Erschliessung geregelt wird. Das Verfahren und die Zuständigkeit zum Erlass von
Strassenplänen der Gemeinden richtet sich ebenfalls nach den Vorschriften des
Baugesetzes für kommunale Überbauungspläne (Art. 38 Abs. 3 SBG).
c) In Übereinstimmung mit diesem Grundsatz steht die Praxis zu
Ausnahmebewilligungen von einer Überbauungsordnung. Die Ausnahmebewilligung
gemäss Art. 26 BauG ist insbesondere als Ergänzung und Korrektiv zu den allgemeinen
baurechtlichen Vorschriften (Nutzungsvorschriften in Zonenplan und Baureglement)
geeignet. Überbauungsordnungen sind jedoch detaillierte, auf ein eng begrenztes Gebiet
zugeschnittene Vorschriften. Sie sind naturgemäss individuell und tragen an sich schon der
Einzelfallgerechtigkeit Rechnung. Zwar sind Ausnahmen von Überbauungsordnungen nicht
gänzlich ausgeschlossen, da auch eine Überbauungsordnung eine Bauvorschrift im Sinn
von Art. 26 BauG ist. Die ausführliche Regelung der zulässigen Bauweise für ein einzelnes
Grundstück führt jedoch dazu, dass Ausnahmen von einer bereits auf die speziellen
Verhältnisse abgestimmten baurechtlichen Ordnung nur mit Zurückhaltung bewilligt werden
können.6
d) Es ist kein Grund ersichtlich, welcher im vorliegenden Fall ein Abweichen von diesen
Grundsätzen rechtfertigen könnte. Für die von der Beschwerdegegnerin beabsichtigte
Umgestaltung der oberirdischen Besucherparkplätze (insbesondere die Verlegung der vier
Parkplätze von der I._strasse an den J._weg) und die damit verbundene
Änderung der ÜO steht das Bau- und Ausnahmebewilligungsverfahren nicht zur
Verfügung.
3. Im Übrigen sprechen auch die folgenden Gründe gegen die Erteilung einer
Baubewilligung auf dem Ausnahmeweg.
a) Falls ein Bauvorhaben eine Ausnahme benötigt, ist zusammen mit dem Baugesuch
ein Ausnahmegesuch mit den zu dessen Beurteilung erforderlichen Angaben einzureichen. Falls sich erst im Lauf des Verfahrens herausstellt, dass eine Ausnahme
6 siehe dazu: Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 3. Auflage, Band I, Bern 2007, Vorbemerkungen zu Art. 26 bis 31 N. 1a bis 3; Daniel Gallina, Die Ausnahme bestätigt die Regel, in KPG-Bulletin 2002 S. 50 ff, insbesondere S. 55 f., mit Hinweisen
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erforderlich ist, besteht die Möglichkeit eines nachträglichen Ausnahmegesuchs.7 Das
Dispositiv (die Entscheidformel) des Bauentscheids hat einen Entscheid über die verlangten Ausnahmebewilligungen zu enthalten (Art. 36 Abs. 2 BewD8). Laut Art. 26 BauG können Ausnahmen von einzelnen Bauvorschriften bewilligt werden, wenn
besondere Verhältnisse es rechtfertigen und wenn keine öffentlichen Interessen beeinträchtigt werden. Ausnahmen dürfen überdies keine wesentlichen nachbarlichen
Interessen verletzen, es sei denn, die Beeinträchtigung könne durch Entschädigung
vollwertig ausgeglichen werden. Diese Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein.
b) Die Beschwerdegegnerin hat kein Ausnahmegesuch gestellt. In den Erwägungen der
angefochtenen „Zusatzbewilligung“ der Gemeinde wird zwar nebenbei bemerkt, dass
„allenfalls die ÜO zuerst hätte geringfügig geändert werden müssen, um auf ein
Ausnahmegesuch verzichten zu können“. Eine Prüfung der Voraussetzungen für eine
Ausnahme im vorliegenden Fall fehlt jedoch ebenso wie ein Entscheid über die
Ausnahmebewilligung im Dispositiv. Ausnahmegründe beziehungsweise besondere
Verhältnisse im Sinn von Art. 26 BauG wurden weder von der Beschwerdegegnerin
geltend gemacht noch von der Gemeinde geprüft. Es sind auch keine solchen ersichtlich.
Die Verlegung der Parkplätze mag zwar aus Sicht der nordwestlichen Gartensitzplätze der
Häuser 1 und 2 erwünscht sein und zu einer Aufwertung der entsprechenden Parterre-
Wohnungen führen. Der Wunsch nach einer Ideallösung oder wirtschaftliche Interessen
stellen jedoch gerade keine besonderen Verhältnisse im Sinn von Art. 26 BauG dar.9
4. Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde gutzuheissen
ist. Die „Zusatzbewilligung“ der Gemeinde vom 23. April 2007 ist aufzuheben. Bei diesem
Ausgang des Verfahrens erübrigt es sich, die weiteren Rügen zu prüfen.
5. a) Gemäss Art. 108 Abs. 1 VRPG10 sind die Verfahrenskosten im
oberinstanzlichen Beschwerdeverfahren der unterliegenden Partei aufzuerlegen. Die
7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 34 N. 12 und 13 8 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 9 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 26/27 N. 4; BVR 2002 S. 1 E. 3d mit Hinweisen; BVR 2003 S. 534 E. 5 10 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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Beschwerdegegnerin hat daher die Verfahrenskosten für vorliegenden
Beschwerdeentscheid, bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 800.-, zu tragen.
b) Die amtlichen Kosten für das erstinstanzliche Baubewilligungsverfahren von Fr. 1'402.80 hat in jedem Fall die gesuchstellende Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 52
Abs. 1 BewD).
c) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennote des Anwaltes der
Beschwerdeführenden gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die Beschwerdegegnerin hat
somit den Beschwerdeführenden die Parteikosten von Fr. 3’828.- zu ersetzen.