Decision ID: 0ebe92a5-4769-55bc-aafe-897f639f8a3c
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) war als Betriebskaufmann bei der B._ AG
angestellt und dadurch bei der Swica Gesundheitsorganisation (nachfolgend: Swica)
gegen die Folgen von Unfällen versichert. Am 8. Oktober 2018 nahm die Swica eine
Bagatellunfall-Meldung UVG der Arbeitgeberin des Versicherten für einen Unfall vom
26. September 2018 auf. Der Versicherte sei im Gelände mit dem Motorrad
ausgerutscht und auf die linke Seite gefallen, wobei er sich die linke Schulter verletzt
habe (UV-act. 31). Die Erstbehandlung hatte am 1. Oktober 2018 durch den Hausarzt
Dr. med. C._, Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, stattgefunden, der die Befunde
"alle Bewegungen voll möglich, aber nur langsam, mit grossem Aufwand, sehr
schmerzhaft, keine Schwellung, kein Hämatom" erhoben und eine Kontusion Schulter
links bei Motorradunfall vom 26. September 2018 mit dringendem Verdacht auf
Rotatorenmanschettenschaden diagnostiziert hatte (UV-act. 15). Am 15. Oktober 2018
wurde der Versicherte durch Dr. med. D._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, FMH Sportmedizin SGSM, untersucht.
Dieser stellte die Verdachtsdiagnose einer traumatischen
Rotatorenmanschettenpathologie links nach Sturz drei Wochen zuvor und erachtete
eine MRT-Untersuchung als angezeigt. Im Untersuchungsbericht vom 17. Oktober
2018 hielt Dr. D._ ausserdem fest, dass sich beim Versicherten anlässlich einer MRT-
Untersuchung im Sommer 2016 eine ganz feine intratendinöse Teilschädigung der
Supraspinatussehne, jedoch keine anderen strukturellen Defekte, und eine AC-Arthrose
gezeigt hätten (UV-act. 2; vgl. zur MRT-Arthrographie des linken Schultergelenks vom
A.a.
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30. Juni 2016 Suva-act. 11). In der durch Dr. med. E._, FMH Radiologie und FMH
Nuklearmedizin, am 17. Oktober 2018 durchgeführten MRT-Arthrographie kam eine
Komplettruptur der Supraspinatussehne und des Rotatorenintervalls, eine partielle
Ruptur der Infraspinatussehne, eine Hypotrophie des Musculus supra- und
infraspinatus, ein intakter Bizeps sowie eine deutliche, gering aktivierte Arthrose des
AC-Gelenks zur Darstellung (UV-act. 12). In einem Bericht vom 24. Oktober 2018 an Dr.
C._ empfahl Dr. D._ eine operative Therapie mit einer arthroskopisch
subacromialen Dekompression und partiellen AC-Resektion, mit einer wahrscheinlich
offenen Rekonstruktion der Supra- und Infraspinatussehne und falls notwendig einer
Tenodese der Bizepssehne und eventuell einer Patchdeckung links (UV-act. 4). Mit
Schreiben vom 25. Oktober 2018 reichte die Klinik F._ der Swica ein
Kostengutsprachegesuch für einen stationären Aufenthalt zur Durchführung einer
entsprechenden Operation ein (UV-act. 3; vgl. auch die Erinnerung vom 23. November
2018 an das pendente Gesuch [UV-act. 14]).
Mit Schreiben vom 5. November 2018 stellte die Swica der Klinik F._ eine
Stellungnahme in Aussicht, sobald die Unterlagen zur Beurteilung ihrer Leistungspflicht
vorliegen würden (UV-act. 7). Dazu forderte sie die medizinischen Unterlagen ein und
führte weitere Abklärungen durch (UV-act. 6 f., 9). Insbesondere legte sie den
Schadenfall ihrem beratenden Arzt Dr. med. G._, Facharzt FMH für Chirurgie, vor
(UV-act. 16). Dieser führte in seiner Beurteilung vom 7. Dezember 2018 (UV-act. 19)
unter anderem aus, dass die in der MRT dargestellten Veränderungen degenerativer
Natur und als vorbestehend zu beurteilen seien. Der Unfall vom 26. September 2018
sei nicht die einzige Ursache der gesundheitlichen Störung. Er habe mit einer leichten
Prellung zu einer vorübergehenden Verschlimmerung eines vorbestehenden
Gesundheitsschadens geführt und könne damit als Mitursache der festgestellten
Beeinträchtigung gesehen werden. Nach zwei Wochen seien jedoch die Unfallfolgen
abgeheilt und der Status quo sine erreicht gewesen, da mit dem geforderten
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit früher oder später die
Beschwerden im aktuellen Ausmass aufgrund der degenerativen Veränderungen auch
ohne den Unfall vom 26. September 2018 aufgetreten wären.
A.b.
Wegen eines von Dr. G._ in der medizinischen Aktenzusammenfassung
aufgeführten, vom Versicherten offensichtlich am 14. März 2016 beim Skifahren
A.c.
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B.
Die gegen diese Verfügung vom Versicherten durch seinen Rechtsvertreter am 10.
September 2019 erhobene Einsprache (UV-act. 40) wies die Swica mit
Einspracheentscheid vom 17. Februar 2020 ab (UV-act. 43).
C.
erlittenen Sturzes mit direkter Distorsion/Kontusion der linken Schulter (UV-act. 19-3)
ersuchte die Swica mit Schreiben vom 21. Dezember 2018 die Schweizerische
Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: Suva) als damaligen Unfallversicherer zu
prüfen, ob sie ihre Leistungspflicht für Rückfälle und Spätfolgen anerkennen könne
(UV-act. 20). Am 14. Januar 2019 legte die Suva den Schadenfall zur Prüfung einer
Rückfallkausalität ihrem Kreisarzt Dr. med. H._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie
und Traumatologie des Bewegungsapparates, vor (UV-act. 32-1), der am 16. Januar
2019 eine Beurteilung einreichte (UV-act. 32-2).
Mit Schreiben vom 20. Februar 2019 teilte die Swica dem Versicherten mit, dass
sie gestützt auf die Beurteilung von Dr. G._ (vgl. Sachverhalt A.b; UV-act. 19) ihre
Leistungen rückwirkend per 10. Oktober 2018 einstellen müsse und ab dem 11.
Oktober 2018 kein Anspruch mehr auf Heilbehandlungen, Kostenvergütungen und
Taggeldleistungen aus der Unfallversicherung bestehe. Ausserdem verwies die Swica
den Versicherten auf die Beurteilung von Dr. H._, der zum Schluss gelangt sei, dass
es sich bei den aktuellen Beschwerden nicht um einen Rückfall zum Ereignis vom 14.
März 2016 handle. Zur Prüfung einer Leistungspflicht ab dem 11. Oktober 2018 sei
somit der Krankenversicherer Ansprechpartner (UV-act. 24). Nach einer Korrespondenz
zwischen dem Versicherten bzw. dessen Rechtsvertreter, Rechtsanwalt MLaw M.
Strehler, Ettenhausen-Aadorf, und der Swica, worin sich der Versicherte insbesondere
mit der Beurteilung von Dr. G._ nicht einverstanden erklärt hatte (UV-act. 27, 29, 34),
erliess die Swica am 10. Juli 2019 eine anfechtbare Verfügung im Sinne ihres
Schreibens vom 20. Februar 2019 (UV-act. 36).
A.d.
Gegen den Einspracheentscheid vom 17. Februar 2020 erhob Rechtsanwalt
Strehler für den Versicherten (nachfolgend: Beschwerdeführer) mit Eingabe vom 19.
März 2020 Beschwerde mit folgenden Anträgen: 1. Es seien der Einspracheentscheid
C.a.
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Erwägungen
1.
Unbestritten ist im vorliegenden Fall, dass der Beschwerdeführer am 26. September
2018 einen Unfall mit Beteiligung der linken Schulter erlitten und die
Beschwerdegegnerin für eine Verletzung an der linken Schulter bis zum 10. Oktober
vom 17. Februar 2020 und somit die Verfügung vom 10. Juli 2019 aufzuheben. 2. Es sei
festzustellen, dass die geklagten Beschwerden des Beschwerdeführers an der linken
Schulter (Komplettruptur Supraspinatus, Partialläsion Infraspinatus etc.) Folgen des
Unfallereignisses vom 26. September 2018 seien und es sei die Swica (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) zu verpflichten, dem Beschwerdeführer die gesetzlichen
Leistungen nach UVG zu erbringen. 3. Eventuell sei die Beschwerdegegnerin zu
verpflichten, eine externe fachärztliche Begutachtung zu veranlassen. 4. Die
Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, den Beschwerdeführer angemessen
ausserrechtlich zu entschädigen (act. G 1). Zusammen mit der Beschwerde reichte der
Rechtsvertreter des Versicherten eine Stellungnahme von Dr. D._ vom 18. März 2020
ein, aus welcher unter anderem hervorging, dass eine Schulteroperation links am 7.
Dezember 2018 durchgeführt worden war (act. G 1.2).
Mit Beschwerdeantwort vom 14. Mai 2020 beantragte die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde, unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 3).
C.b.
Mit Replik vom 6. Juli 2020 hielt der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers an
seinen Anträgen gemäss Beschwerdeschrift fest (act. G 5).
C.c.
Mit Schreiben vom 24. August 2020 verzichtete die Beschwerdegegnerin auf eine
Duplik (act. G 7).
C.d.
Mit Schreiben vom 23. Oktober 2020 ersuchte das Versicherungsgericht den
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers um Einreichung des Operationsberichts oder
einer Entbindungserklärung, um diesen direkt bei Dr. D._ einverlangen zu können
(act. G 9). Am 27. Oktober 2020 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
den Operationsbericht ein (act. G 10, G 10.1). Das Versicherungsgericht brachte diesen
der Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 28. Oktober 2020 zur Kenntnis (act. G 11).
C.e.
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2018 eine Leistungspflicht anerkannt hat. Strittig und zu prüfen ist, ob die
Beschwerdegegnerin zu Recht einen Anspruch des Beschwerdeführers auf über den
10. Oktober 2018 hinausgehende Versicherungsleistungen abgelehnt hat.
2.
Gestützt auf Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG;
SR 832.20) hat der Unfallversicherer bei Vorliegen eines Unfalls (vgl. dazu Art. 4 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]) für einen Gesundheitsschaden nur insoweit Leistungen zu erbringen, als dieser
in einem natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhang zum versicherten Ereignis
steht (André Nabold, N 48 ff. zu Art. 6, in: Marc Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.],
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, Kommentar zum schweizerischen
Sozialversicherungsrecht, 2018 [nachfolgend zitiert: KOSS UVG]; Irene Hofer, N 63 ff.
zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/Susanne Leuzinger/Kurt Pärli [Hrsg.],
Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019 [nachfolgend zitiert: BSK UVG];
Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 53 ff.). Für die
Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im
Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf Angaben ärztlicher Experten oder
Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist
demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis
entwickelten Regeln zu beurteilen ist (KOSS UVG-Nabold, N 53, 59 zu Art. 6; BSK
UVG-Hofer, N 66, 74 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55, 58; BGE 122 V 158 f.
E. b mit zahlreichen Hinweisen; SZS 2018 S. 357 f.). Bei physischen Unfallfolgen spielt
indessen die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine
Rolle (BGE 118 V 291 f. E. 3a).
2.1.
Ist es durch einen Unfall zu keinen neuen unfallbedingten strukturellen Schäden
gekommen, trifft er aber auf einen vorgeschädigten Körper, kommt eine unfallkausale
Gesundheitsschädigung höchstens als vorübergehende oder richtungsgebende
Verschlimmerung des Vorzustandes in Betracht. Die Leistungspflicht des
Unfallversicherers bei einem durch einen Unfall verschlimmerten oder überhaupt
manifest gewordenen Vorzustand entfällt erst, wenn der Unfall nicht (mehr) die
natürliche oder adäquate Ursache des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also
Letzterer nur noch und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Dies trifft
dann zu, wenn entweder der Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall
2.2.
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bestanden hat (Status quo ante), oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem
schicksalsmässigen Verlauf eines krankhaften oder andersartig geschädigten
Vorzustandes auch ohne den Unfall früher oder später eingestellt hätte (Status quo
sine) erreicht ist (vgl. zum Ganzen RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 f. E. 3b, mit Hinweisen;
Urteil des Bundesgerichts vom 6. August 2008, 8C_101/2008, E. 2.2; Rumo-Jungo/
Holzer, a.a.O., S. 54). Von einer richtungsgebenden Verschlimmerung spricht die
Rechtsprechung nur dann, wenn medizinischerseits feststeht, dass weder der Status
quo ante noch der Status quo sine je wieder erreicht werden können (Rumo-Jungo/
Holzer, a.a.O., S. 54; Urteil des Bundesgerichts vom 25. Oktober 2007, 8C_467/2007,
E. 3.1). Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche Kausalzusammenhang muss
das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines
Gesundheitsschadens mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein. Die blosse Möglichkeit
nunmehr gänzlich fehlender ursächlicher Auswirkungen des Unfalls genügt nicht (BGE
129 V 181 E. 3.1 mit Hinweisen; Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des
Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, § 70 N. 58 f.; Rumo-Jungo/Holzer,
a.a.O., S. 4).
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln,
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der
Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht,
auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der
Anamnese abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind. Ausschlaggebend für den
Beweiswert eines ärztlichen Gutachtens ist grundsätzlich weder die Herkunft eines
Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen
Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen). Insofern kann rechtsprechungsgemäss auch Berichten und Gutachten,
welche die Versicherungen während des Administrativverfahrens von ihren eigenen
bzw. beratenden Ärzten und Ärztinnen einholen, Beweiswert beigemessen werden. Auf
deren Ergebnis kann jedoch nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an
ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen. In diesem Fall sind ergänzende
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/19
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3.
Im Folgenden ist zunächst zu prüfen, ob sich der Beschwerdeführer, wie von seinem
Abklärungen vorzunehmen (BGE 139 V 225 E. 5.2, 135 V 465 E. 4.4, 4.6 f.; Urteil des
Bundesgerichts vom 16. September 2014, 8C_385/2014, E. 4.2.2; SVR 2018 IV, Nr. 4,
S. 12, E. 3.2). In Bezug auf behandelnde Hausärzte und Hausärztinnen sowie
behandelnde Spezialärzte und Spezialärztinnen (Urteil des EVG vom 6. April 2006, I
803/05, E. 5.5) ist zu beachten, dass sie in einem auftragsrechtlichen Verhältnis zur
versicherten Person stehen. Da sie sich zudem in erster Linie auf die Behandlung zu
konzentrieren haben, verfolgen deren Berichte in der Regel nicht den Zweck einer den
abschliessenden Entscheid über die Versicherungsansprüche erlaubenden objektiven
Beurteilung des Gesundheitszustandes und erfüllen deshalb kaum je die materiellen
Anforderungen an ein Gutachten gemäss BGE 125 V 352 E. 3a. Aus diesen Gründen
und aufgrund der Erfahrungstatsache, dass behandelnde Ärzte und Ärztinnen mitunter
im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu
Gunsten ihrer Patienten und Patientinnen aussagen, wird im Streitfall eine direkte
Leistungszusprache einzig gestützt auf die Angaben der behandelnden Ärzte und
Ärztinnen kaum je in Frage kommen. Diese Erfahrungstatsache befreit das Gericht
indessen nicht von seiner Pflicht zu einer korrekten Beweiswürdigung, bei der auch die
von der versicherten Person aufgelegten Berichte mitzuberücksichtigen sind. Diese
sind dahingehend zu prüfen, ob sie auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und
Schlüssigkeit der Feststellungen der beratenden Ärzte und Ärztinnen der Versicherer
wecken (BGE 135 V 470 f. E. 4.5 f.; Urteil des Bundesgerichts vom 12. Februar 2010,
8C_907/2009, E. 1.1). Eine ärztliche Beurteilung aufgrund der Akten, wie sie vorliegend
von Dr. G._ erstellt wurde (UV-act. 19), ist sodann nicht an sich unzuverlässig, wenn
ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche
Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die
direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteil
des Bundesgerichts vom 18. Juni 2014, 9C_196/2014, E. 5.1.1). Die Beurteilung von
Dr. G._ wurde in Kenntnis der Vorakten (vgl. "Medizinische
Aktenzusammenfassung" [UV-act. 19-3]) verfasst und enthält eine Begründung der
strittigen Kausalitätsfrage. Rechtsprechungsgemäss kann die Beurteilung des
Kausalzusammenhangs zum Unfallereignis in einem Aktengutachten erörtert werden
(Urteil des Bundesgerichts vom 21. September 2011, 8C_396/2011, E. 5.2 mit
Hinweis). Angesichts der obigen Darlegungen sprechen keine formell-rechtlichen
Gründe gegen den Einbezug der Aktenbeurteilung von Dr. G._ in die
Beweiswürdigung. Ob letztlich auf diese abgestellt werden kann, ist im Rahmen der
nachfolgenden materiell-rechtlichen Beurteilung bzw. Beweiswürdigung zu prüfen.
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Rechtsvertreter in der Beschwerde vom 19. März 2020 geltend gemacht (act. G 1),
beim Unfall vom 26. September 2018 neue, strukturelle Gesundheitsschäden
zugezogen hat. Als solche stehen die in der Arthroskopie vom 7. Dezember 2018 durch
Dr. D._ (act. G 10.1) und bereits in der MRT-Untersuchung vom 17. Oktober 2018
durch Dr. E._ (UV-act. 12) erhobenen und durch Dr. D._ am 7. Dezember 2018
offen rekonstruierten Rupturen der Supraspinatus- und Infraspinatussehne zur
Diskussion. Hätte die operative Behandlung vom 7. Dezember 2018 unfallkausalen
strukturellen Verletzungen gegolten, wäre die Beschwerdegegnerin solange
leistungspflichtig, als im Zusammenhang mit diesen Gesundheitsschäden
Heilbehandlungen (vgl. Art. 10 UVG) stattgefunden und Arbeitsunfähigkeiten (vgl. Art.
16 UVG) bestanden haben. Während jedoch die Beschwerdegegnerin gestützt auf die
Aktenbeurteilung von Dr. G._ vom 7. Dezember 2018 (act. G 3.19) frische bzw. beim
Unfall vom 26. September 2018 neu entstandene Rotatorenmanschettenverletzungen
verneint, solche als degenerativer Natur bezeichnet und lediglich eine vorübergehende
Verschlimmerung des degenerativen Zustandes mit einer Leistungspflicht bis 10.
Oktober 2018 anerkennt, vertritt der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers unter
Hinweis auf die Stellungnahme von Dr. D._ vom 18. März 2020 (act. G 1.2) den
gegenteiligen Standpunkt. Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, vermögen die
Feststellungen von Dr. G._ nicht zu überzeugen respektive sind jedenfalls geringe
Zweifel im Sinn der einschlägigen Rechtsprechung (vgl. Erwägung 2.3) an dessen
(Kausalitäts-)Beurteilung auszumachen.
4.
Der Vergleich bildgebender Untersuchungsergebnisse aus der Zeit vor und nach
dem Unfall stellt für die Abgrenzung Vorzustand bzw. neue unfallbedingte strukturelle
Schädigung eine bedeutsame Beweisgrundlage dar (vgl. dazu BGE 134 V 121 E. 9, 134
V 232 E. 5.1 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 28. Oktober 2009,
8C_216/2009, E. 2; SVR 2007 UV Nr. 25 S. 81 E. 5.4 mit Hinweisen [U 479/05]).
4.1.
Aus der Zeit vor dem Motorradunfall des Beschwerdeführers vom 26. September
2018 liegt ein MRT-Untersuchungsergebnis seines linken Schultergelenks vom 30. Juni
2016 vor (UV-act. 11). Der Radiologe Dr. E._ erhob damals als Befunde eine partielle
gelenksseitige und intratendinöse Ruptur der Supraspinatussehne, eine regelrechte
Bizepssehne, eine deutliche aktivierte AC-Gelenksarthrose mit subakromialer
Einengung sowie eine leichtgradige Bursitis subdeltoidea. Es versteht sich von selbst,
dass in Bezug auf diese Befunde, soweit es sich dabei um strukturelle
Gesundheitsschäden handelt, selbst wenn sie durch den früheren aktenkundigen
4.1.1.
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Skiunfall vom 14. März 2016 entstanden wären (vgl. UV-act. 19), was Suva-Kreisarzt
Dr. H._ in seiner Beurteilung vom 16. Januar 2019 zwar verneint (UV-act. 32), von
vorbestehenden, sicher nicht durch den Unfall vom 26. September 2018 und während
der Zeit der Versicherungsdeckung des Beschwerdeführers bei der
Beschwerdegegnerin entstandenen, Gesundheitsschäden auszugehen ist.
Das vom linken Schultergelenk des Beschwerdeführers nach dem Motorradunfall
gemachte MRT vom 17. Oktober 2018 zeigte laut Untersuchungsbericht von Dr. E._
eine Komplettruptur der Supraspinatussehne und des Rotatorenintervalls, eine partielle
Ruptur der Infraspinatussehne, eine Hypotrophie des Musculus supra- und
infraspinatus, eine intakte Bizepssehne sowie eine deutliche, gering aktivierte Arthrose
des AC-Gelenks (UV-act. 12). In der Arthroskopie vom 7. Dezember 2018 stellte Dr.
D._ folgende Diagnosen: Subacromiale Impingementsymptomatik bei Ausdünnung
und Teilschädigung der Supraspinatussehne und erheblicher AC-Arthrose und
Osteophyten subacromial, traumatische Rotatorenmanschettenschädigung links im
Supra- und Infaspinatus nach Sturzereignis drei Wochen zuvor (act. G 10.1). Gewisse
unterschiedliche Befundsituationen von MRT und Arthroskopie können damit erklärt
werden, dass die Arthroskopie gegenüber der MRT durch den direkten Einblick in die
intraartikulären Strukturen in vielen Fällen eine nochmals feinere diagnostische
Differenzierung zulässt (Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 153 f.;
Alfred M. Debrunner, Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl. 2005, S. 247 f., 725
f.). In seiner Stellungnahme vom 18. März 2020 weist jedoch Dr. D._ ebenfalls auf die
im MRT erhobene Komplettruptur der Supraspinatussehne bis zum Intervall hin (vgl.
demgegenüber "Teilschädigung Supraspinatussehne" im Operationsbericht vom 7.
Dezember 2018, act. G 10.1).
4.1.2.
Dr. G._ nimmt in seiner Beurteilung vom 7. Dezember 2018 (UV-act. 19) keinen
konkreten Vergleich zwischen den kernspintomographischen
Untersuchungsergebnissen vom 30. Juni 2016 und 17. Oktober 2018 vor. Er stellt
lediglich fest, dass sich schon am 30. Juni 2016 deutliche degenerative Veränderungen
im Sinne einer AC-Gelenksarthrose und einer Partialruptur der Supraspinatussehne
gezeigt hätten, und führt die partielle gelenksseitige Ruptur der linken
Supraspinatussehne unter den Diagnosen somit nachvollziehbar als vorbestehend an,
zumindest seit 2016. Er nennt die in der MRT-Untersuchung vom 17. Oktober 2018
erkennbaren Gesundheitsschäden - die Komplettruptur der Supraspinatussehne und
des Rotatorenmanschettenintervalls sowie die partielle Ruptur der Infraspinatussehne
bei deutlich aktivierter Arthrose des AC-Gelenks - und bezeichnet auch diese als
vorbestehend und degenerativer Natur. Angesichts dessen, dass sich die partielle
4.1.3.
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Infraspinatussehnenruptur in der MRT-Untersuchung vom 30. Juni 2016 noch nicht
gezeigt hatte, würde seine Schlussfolgerung zumindest einer weiteren Begründung
bedürfen. Auch in Bezug auf die Supraspinatussehne ist eine neue strukturelle
Unfallverletzung nicht ohne Weiteres ausgeschlossen. Suva-Kreisarzt Dr. H._ stellt in
seiner Beurteilung vom 16. Januar 2019 (UV-act. 32) fest, dass die am 30. Juni 2016
erhobene Partialläsion der Supraspinatussehne im Ansatzbereich lokalisiert gewesen
sei, also nicht im Intermediärbereich, wo sich auf den MRT-Bildern vom 17. Oktober
2018 die Komplettruptur der Supraspinatussehne gezeigt habe. Laut MRT-
Untersuchungsbericht von Dr. E._ vom 30. Juni 2016 hatte damals zwar bereits eine
partielle intratendinöse Ruptur der Supraspinatussehne erhoben werden können, doch
ist in Bezug auf eine solche unbeantwortet, ob allenfalls eine richtungsgebende
Verschlimmerung im Sinne eines Übergangs von einer vorbestehenden partiellen
Ruptur in eine komplette Ruptur stattgefunden haben könnte. Dieselbe unfallbedingte
Konstellation steht - nachdem Dr. D._ zumindest in seiner Stellungnahme vom 18.
März 2020 eine komplette Supraspinatussehnenruptur nicht in Frage gestellt hat (act. G
1.2) - auch im Vergleich mit der arthroskopischen Diagnose vom 7. Dezember 2018 zur
Diskussion.
4.2.
Gegen eine traumatische Ursache der Rotatorenmanschettenläsionen sprechen
sodann für Dr. G._ das seiner Ansicht nach blosse Bagatelltrauma vom 26.
September 2018 sowie das Fehlen von Begleitverletzungen im Sinne eines Hämatoms,
von Prellmarken oder Hautschürfungen. Auch im MRT würden keine
Begleitverletzungen, insbesondere kein Bone bruise, beschrieben, die auf eine frische
Verletzung hindeuten würden (UV-act. 19-5). Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers hält in der Beschwerde vom 19. März 2020 (act. G 1) dagegen,
dass Dr. G._ von falschen Annahmen hinsichtlich der Unfalldynamik ausgehe.
Tatsächlich habe es sich um einen Motorradunfall von erheblicher Schwere gehandelt.
Der Beschwerdeführer sei mit seinem Motorrad auf einem harten, unbefestigten
Landweg mit ca. 60 km/h gefahren, als wegen einer Bodenunebenheit plötzlich das
Hinterrad nach rechts weggerutscht und er auf die linke Seite gestürzt sei und sich in
der Folge mehrfach überschlagen habe. Bei diesem Sturz sei die linke Schulter in
mehrfacher Hinsicht starken Kräften ausgesetzt gewesen. Zunächst hätten erhebliche
Stosskräfte gewirkt, als der Beschwerdeführer versucht habe, den Sturz mit dem linken
Arm abzufangen, und in der Folge sei es beim mehrfachen Überschlagen zu
zahlreichen Verdrehungen des linken Arms und der linken Schulter gekommen. Die
fehlenden Begleitverletzungen seien sodann damit zu erklären, dass der
4.2.1.
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Beschwerdeführer ein Schutzhemd mit Brust- und Rückenpanzer sowie Ellbogen- und
Schulterhartprotektoren getragen habe, weshalb Abschürfungen fast ausgeschlossen
seien.
Insbesondere für Rotatorenmanschettenläsionen werden in den medizinischen
Fachartikeln konkrete Verletzungsmechanismen beschrieben, welche zu einer
traumatischen Sehnenruptur führen können. Als potenziell geeignete
Verletzungsmechanismen werden genannt: das Abscheren des Sehnenansatzes von
innen, sobald der maximal zulässige Rotationswinkel überschritten ist und der
Sehnenansatz mit dem Pfannenrand in Konflikt gerät (sogenanntes inneres
Impingement), z.B. bei einer Schulter(sub)luxation; die passive Traktion, z.B. nach
unten (beim Versuch einen schweren fallenden Gegenstand aufzufangen), ventral oder
medial; die exzentrische Belastung angespannter Anteile der Rotatorenmanschette,
z.B. bei passiv forcierter Aussen- oder Innenrotation bei anliegendem oder
abgespreiztem Arm, z.B. bei einem Sturz vom Gerüst nach vorn mit dem Versuch, den
Fall durch Festhalten abzufangen. Die traumatische Ruptur der Rotatorenmanschette
erfolgt gemäss Literatur also in der Regel nicht durch ein direktes Anpralltrauma,
sondern durch indirekte Gewalteinwirkung bzw. durch eine plötzliche körpereigene
Kraftanstrengung, mit der die mechanische Belastbarkeit des Sehnengewebes
überschritten wird (Swiss Medical Forum, Ausgabe 2019/15-16, Übersichtsartikel,
Revidierte Unterscheidungskriterien, Degenerative oder traumatische Läsionen der
Rotatorenmanschette, mitwirkend Mitglieder der Expertengruppe Schulter- und
Ellbogenchirurgie von Swiss Orthopaedics, zu finden unter https://doi.org/10.4414/smf.
2019.03247, abgerufen am 20. April 2021, S. 263 [nachfolgend zitiert: Swiss Medical
Forum]; http://www.gaertner-servatius.de/krankheiten/-
rotatorenmanschettenruptur_leitlinien.pdf, abgerufen am 20. April 2021 [nachfolgend
zitiert: AWMF-Leitlinien]).
4.2.2.
Das Bundesgericht gibt in seinem Urteil vom 22. Oktober 2019, 8C_446/2019, E.
5.2.2, die vorgenannten Unfallmechanismen wieder und geht gestützt auf eine weitere
Publikation (vgl. E. 5.2.3) davon aus, dass die direkte Krafteinwirkung auf die Schulter
(Sturz, Prellung, Schlag) ein ungeeigneter Hergang für eine
Rotatorenmanschettenschädigung sei, da die Rotatorenmanschette durch den
knöchernen Schutz der Schulterhöhe (Akromion) und durch den Delta-Muskel gut
abgeschirmt sei. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat in seinen
bisherigen Entscheiden auf das vorgenannte Bundesgerichtsurteil abgestellt und ein
(als einziges Element bestehendes) direktes Anpralltrauma der Schulter als
bedeutsamen Faktor gegen eine traumatische Genese einer
4.2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/19
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Rotatorenmanschettenläsion gewertet. In einer Stellungnahme vom 1. Oktober 2020
widersprechen nun vier Experten (Prof. Dr. med. I._, Prof. Dr. med. J._, Prof. Dr.
med. K._, Prof. Dr. med. L._) im Namen der Expertengruppe Schulter- und
Ellbogenchirurgie der M._ der Auffassung des Bundesgerichts und gelangen zum
Schluss, dass ein direktes Schultertrauma durchaus zu einer
Rotatorenmanschettenruptur führen könne (Stellungnahme zu finden unter https://
www.schadenanwaelte.ch/wp-content/uploads/2020/10/Orthopaeden-
Bundesgericht.pdf, abgerufen am 20. April 2021; nachfolgend zitiert: Expertengruppe
Schulter- und Ellbogenchirurgie). Die Expertengruppe Schulter- und Ellbogenchirurgie
gibt an, die aktuelle, internationale Literatur nochmals genau gesichtet und
systematisch nach Artikeln gesucht zu haben, die über akute, rein traumatisch
bedingte Rotatorenmanschettenrupturen berichten. Sie führt die von ihr
durchgesehenen Artikel an und hält fest, ihnen könne zusammenfassend entnommen
werden, dass ein direktes Schultertrauma durchaus ein überwiegend wahrscheinlicher
Mechanismus für eine akute/traumatische Rotatorenmanschettenruptur sein könne und
sogar einer der häufigsten Mechanismen sei. Das Bundesgerichtsurteil sei
demgegenüber nicht wissenschaftlich begründet, basiere auf einer veralteten
Expertenmeinung und ignoriere aktuelle, auf neuster Literatur basierenden Meinungen
von Schulterexperten. Wenn das Bundesgericht seine Entscheide auf aktuellste
wissenschaftliche Erkenntnisse höchstmöglicher Evidenz abstütze, könne das fragliche
Urteil nicht als richtungsweisend angesehen werden. Bereits in dem von der
Expertengruppe Schulter- und Ellbogenchirurgie im Swiss Medical Forum
veröffentlichten Artikel (a.a.O.) hatte sich zwar die Expertengruppe den in fünf Studien
beschriebenen, zur Verletzung führenden Mechanismen einer traumatischen
Rotatorenmanschettenläsion angeschlossen, doch war sie davon ausgegangen, dass
bei einer nicht genannten Schädigung, wie einem Direkttrauma der Schulter ohne
explizit ausgestreckten Arm, ebenfalls eine Rotatorenmanschettenläsion entstehen
könne. Zur konkreten Begründung im Bundesgerichtsurteil - die Rotatorenmanschette
sei durch das darüber liegende Schulterdach (Acromion) und den Deltoideusmuskel vor
einer Gewalteinwirkung geschützt - erklärte die Expertengruppe, dass diese Hypothese
in keinem der von ihr gesichteten Artikeln durch eine biomechanische oder klinische
Studie untermauert werde. Angesichts dessen, dass der Artikel der Expertengruppe im
Swiss Medical Forum im Rahmen der Kausalitätsbeurteilung von
Rotatorenmanschettenläsionen vom Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
bisher als wegweisend erachtet wurde und der Nachweis des natürlichen
Kausalzusammenhangs im Bereich der Medizin in der Regel basierend auf Angaben
ärztlicher Experten oder Expertinnen zu erbringen ist (vgl. Erwägung 2.1), sieht das
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/19
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Versicherungsgericht keinen Grund, künftig nicht auch die plausible und
nachvollziehbare Stellungnahme der Expertengruppe Schulter- und Ellbogenchirurgie
vom 1. Oktober 2020 zu berücksichtigen. Nachfolgend ist mithin zu prüfen, ob der
Beschwerdeführer einen für eine Rotatorenmanschettenläsion typischen
Unfallmechanismus erlitten hat.
In Bezug auf den beschwerdeweise geschilderten Unfallhergang (act. G 1 Ziff. 3
S. 4) weist die Beschwerdegegnerin zutreffenderweise darauf hin, dass den
echtzeitlichen Akten (vgl. dazu UV-act. 2, 15, 31) kein Unfallereignis mit einem
mehrfachen Überschlagen, bei dem es zu zahlreichen Verdrehungen des linken Arms
und der linken Schulter gekommen sei, zu entnehmen ist. Der in der Beschwerde vom
19. März 2020 (act. G 1) beschriebene Unfallhergang wirkt nicht unrealistisch, doch
lässt er sich mit den vorgenannten, aktenkundigen Sachverhalten nicht bestätigen.
Zwar ist einzuräumen, dass ein plötzlich und unerwartet eintretendes bzw. sich schnell
abspielendes Geschehen wie ein Sturz vom Motorrad nicht immer in sämtlichen
Einzelheiten wahrgenommen wird, womit die Erklärung von Dr. D._ in seiner mit der
Beschwerde eingereichten Stellungnahme vom 18. März 2020 (act. G 1.2), der
Beschwerdeführer habe selbst nicht mehr genau sagen können, welche Position der
linke Arm innegehabt habe und ob eine Rotations- und Abstützkomponente vorhanden
gewesen sei, nicht erstaunt. Dass sodann jedoch in der Beschwerde und damit nach
Erlass des Einspracheentscheids vom 17. Februar 2020 explizit ein für eine
traumatische Schädigung der Rotatorenmanschette in allen Details geeigneter und
typischer Unfallmechanismus geltend gemacht wird, lässt diesen wenig glaubwürdig
erscheinen (vgl. dazu BGE 121 V 47 E. 1a mit Hinweisen; KOSS UVG-Nabold, N 11 zu
Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 10 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 29 f.). Die
beantragte Zeugenbefragung ist abzulehnen, weil in Übereinstimmung mit der
Beschwerdegegnerin (act. G 3) nicht anzunehmen ist, dass ihr Beweiskraft zukommen
könnte. Seit dem Unfall sind über zweieinhalb Jahre vergangen und das
Erinnerungsvermögen bezüglich eines bestimmten Ereignisses nimmt
erfahrungsgemäss mit der Zeit ab. Zudem fuhr der damalige Begleiter des
Beschwerdeführers selbst Motorrad, womit eine genaue Wahrnehmung des
Unfallgeschehens und den dabei vorkommenden aktiven und passiven Bewegungen
des Beschwerdeführers bei ihm ebenso fraglich erscheint. Letztlich kann jedoch
offengelassen werden, ob dem Unfall vom 26. September 2018 eine distorsionelle
Komponente zukam. Nicht ausgeschlossen werden kann nämlich ein
Verletzungsmechanismus mit einer direkten Kontusion der linken Schulter, der - wie in
Erwägung 4.2.3 ausgeführt - ebenfalls als geeigneter Unfallmechanismus für eine
4.2.4.
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traumatische Schädigung der Rotatorenmanschette anzuerkennen ist. In der
Bagatellunfallmeldung UVG vom 8. Oktober 2018 ist beschrieben, der
Beschwerdeführer sei im Gelände mit dem Motorrad ausgerutscht und auf die linke
Seite gefallen (UV-act. 31). Gegenüber dem erstbehandelnden Hausarzt Dr. C._ gab
der Beschwerdeführer laut Arztzeugnis UVG vom 24. November 2018 einen Sturz mit
dem Motorrad auf die linke Schulter an (UV-act. 15). Sachverhaltsmässig ist
schliesslich auch dem Bericht von Dr. D._ vom 17. Oktober 2018 über die
Untersuchung vom 15. Oktober 2018 ein Sturz anlässlich einer Motorradtour mit
direkter Kontusion der linken Schulter und sofortiger Funktionseinschränkung zu
entnehmen (UV-act. 2).
Das Fehlen von mit einem Trauma häufig vergesellschafteten Begleitverletzungen
im Sinne von Hämatomen, Prellmarken oder Hautschürfungen wie auch eines im MRT
sichtbaren Bone bruise ist unbestritten (vgl. UV-act. 12, 15). Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers erklärt dies jedoch zumindest nicht unplausibel mit dem vom
Beschwerdeführer getragenen Schutzhemd mit Brust- und Rückenpanzer sowie
Ellbogen- und Schulterartprotektoren (vgl. act. G 1 Ziff. 3 S. 4).
4.2.5.
Zusammenfassend ist mithin festzuhalten, dass die Feststellung von Dr. G._ in
seiner Beurteilung vom 7. Dezember 2018, beim Unfall vom 26. September 2018 habe
es sich um einen Bagatellunfall gehandelt, nicht überzeugt. Vor allem aber ist - wie
dargelegt - im konkreten Fall von einem Unfallmechanismus auszugehen, der zu
traumatischen Sehnenrupturen führen konnte. Ob Dr. G._ in seiner Beurteilung
insbesondere diesen Umstand mitberücksichtig hat, lässt sich dieser nicht entnehmen.
4.2.6.
Zweifel an der Beurteilung von Dr. G._ werden sodann auch durch die
widersprechende Beurteilung des Orthopäden Dr. D._ vom 18. März 2020 (act. G 1.2)
geweckt, der sich insbesondere zur intraoperativen Situation äusserte. Wie bereits
erwähnt, lässt die Arthroskopie durch den direkten Einblick in die intraartikulären
Strukturen in vielen Fällen eine feine diagnostische Differenzierung zu (vgl. Erwägung
4.1.2). Im Operationsbericht vom 7. Dezember 2018 hatte Dr. D._ eine subacromiale
Impingement-Symptomatik bei ebenfalls erheblicher AC-Arthrose und Osteophyten
subacromial diagnostiziert (act. G 10.1). Osteophyten sind degenerative knöcherne
Veränderungen in arthrotischen Gelenken (vgl. Pschyrembel, a.a.O., S. 1324;
Debrunner, a.a.O., 58, 583). In seiner Beurteilung vom 18. März 2020 erklärte Dr. D._
hingegen, dass es keine massive Osteophytenbildung gegeben habe, die zur
vorliegenden Rissbildung geführt habe. Weiter hielt er fest, dass die Sehnenqualität
intraoperativ noch erstaunlich gut gewesen sei. Der Muskelsehnenübergang sei etwas
geschwächt gewesen, doch habe dann die Rekonstruktion problemlos erfolgen
4.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/19
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5.
können, was bei degenerativen Veränderungen häufig nicht der Fall sei. Der
Operationsbefund spreche klar für eine Unfallkausalität der
Rotatorenmanschettenläsionen (act. G 1.2).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der medizinische Sachverhalt gestützt
auf das in Erwägung 4 Ausgeführte nicht spruchreif abgeklärt ist. An der Beurteilung
von Dr. G._ vom 7. Dezember 2018 bestehen in verschiedener Hinsicht Zweifel.
Insbesondere steht ihr die widersprechende medizinische Einschätzung von Dr. D._
entgegen. Nachdem - wie gesagt (vgl. Erwägung 2.3) - bereits geringe Zweifel an der
Schlüssigkeit ärztlicher Feststellungen ergänzende Abklärungen erforderlich machen,
wird die Beschwerdegegnerin solche - gegebenenfalls unter Einbindung der
Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt mittels versicherungsexternem
orthopädischem Gutachten - nachzuholen haben. Die Angelegenheit ist damit zur
Abklärung der Frage der Unfallkausalität der am 7. Dezember 2018 durch Dr. D._
arthroskopisch behandelten Rotatorenmanschettenläsionen links des
Beschwerdeführers an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.1.
5.2.
Sollten die weiteren Abklärungen den Nachweis unfallkausaler
Rotatorenmanschettenläsionen nicht zu erbringen vermögen und wäre - wie von der
Beschwerdegegnerin im angefochtenen Einspracheentscheid vom 17. Februar 2020
angenommen (act. UV-act. 43) - davon auszugehen, dass die nach dem Motorradsturz
aufgetretenen Schulterbeschwerden links Folge eines durch den Unfall lediglich
aktivierten (zuvor stummen) degenerativen Vorzustandes bzw. fortschreitenden
Degenerationsprozesses sind, hätte die Beschwerdegegnerin Leistungen für das
unmittelbar im Zusammenhang mit dem Unfall stehende Schmerzsyndrom zu erbringen
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 26. Februar 2013, 8C_423/2012, E. 5.3, vom 9.
Januar 2012, 8C_601/2011, E. 3.2, und vom 24.Juni 2008, 8C_326/2008, E. 3.2 und 4;
Urteil des EVG vom 14. März 2000, U 266/99, E. 1; vgl. auch Rumo-Jungo/Holzer,
a.a.O., S. 55 f.). Solange der Status quo sine vel ante (vgl. Erwägung 2.2) noch nicht
erreicht wäre, hätte sie gestützt auf Art. 36 Abs. 1 UVG in aller Regel neben den
Taggeldern auch Pflegeleistungen und Kostenvergütungen zu übernehmen, worunter
auch die Heilbehandlungskosten nach Art. 10 UVG fallen. Unter Umständen hätte der
Beschwerdeführer damit Anspruch auf eine, operative Eingriffe miteinschliessende,
zweckmässige Behandlung, wenn diese im Gesamtkontext gesehen letztlich mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit der (vorzeitigen) Beseitigung der von den Unfällen
5.2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/19
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zumindest mitverursachten Schmerzen dient und nicht gesagt werden kann, die
Operation sei auch ohne den durch den Unfall bewirkten Beschwerdeschub
überwiegend wahrscheinlich im selben Zeitpunkt notwendig geworden (Urteile des
Bundesgerichts vom 26. Februar 2013, 8C_423/2012, E. 5.3, und 24. Juni 2008,
8C_326/2008 E. 4).
Im Sinne eines obiter dictum ist zur allfälligen in Erwägung 5.2.1 dargelegten
Sachlage festzuhalten, dass auch hinsichtlich des Status quo sine vel ante gewisse
Zweifel an der Schlüssigkeit der Beurteilung von Dr. G._ bestehen würden und die
frühe Leistungseinstellung per 10. Oktober 2018 nicht überzeugen würde. Sie mutet
ergebnisorientiert an. Laut Dr. G._ hat der Beschwerdeführer nur eine leichte Prellung
erlitten. Die Unfallfolgen seien nach zwei Wochen abgeheilt gewesen (UV-act. 19).
Gerade zwei Wochen nach dem Unfall vom 26. September 2018, also nach der von Dr.
G._ angenommenen Heilung der Kontusionsfolgen, fand die erste Behandlung bei Dr.
D._ statt (UV-act. 2), anlässlich welcher sich beim Beschwerdeführer immer noch
eine bewegungsabhängige Schmerzsymptomatik zeigte und die Untersuchungen
bezüglich einer Rotatorenmanschettenpathologie positiv waren. Dr. D._ hielt im
Bericht vom 17. Oktober 2018 fest, dass eine MRT-Untersuchung durchgeführt werde,
und sprach bereits damals die eventuelle Notwendigkeit einer operativen Therapie an.
Die MRT-Untersuchung vom 17. Oktober 2018 zeigte sodann die
Rotatorenmanschettenläsionen sowie eine gering aktivierte Arthrose, worauf der
Beschwerdeführer am 7. Dezember 2018 durch Dr. D._ an der Rotatorenmanschette
links operiert wurde. Der Begriff "aktiviert" bedeutet in wirksame Form versetzt bzw.
wirksam (Roche Lexikon, a.a.O., S. 40, vgl. auch S. 134) und beschreibt, dass eine
vorbestehende Arthrose symptomatisch geworden ist. Dies kann, wie gesagt, die Folge
eines Traumas sein, womit gegebenenfalls eine traumatisierte Arthrose vorliegt. Dr.
G._ hielt sodann in seiner Beurteilung vom 7. Dezember 2018 fest, dass die vom
Beschwerdeführer subjektiv geklagten Beschwerden hinreichend durch die
Untersuchungsberichte und MRT-Befunde objektiviert seien (UV-act. 19-5 Ziff. 3).
Angesichts dieser Sachlage könnte nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit angenommen werden, der Unfall vom 26. September 2018 habe für
eine ausgelöste Rotatorenmanschettenläsion und Arthrose im Zeitpunkt der
Leistungseinstellung, der ohnehin nur eine sehr kurze Heilungsdauer zuliess, keine
Teilursache mehr dargestellt. Selbst wenn die Operation der Rotatorenmanschette
sowie die Erweiterung des verschmälerten Gelenkspalts einem Vorzustand
zuzuschreiben wären, und dem Sturz vom 26. September 2018 mit einer Kontusion im
weitesten Sinn keine massgebende Bedeutung mehr zugekommen wäre, würde dies
5.2.2.
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6.