Decision ID: c86a6814-a095-45d6-aac2-025c76abaab9
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden reisten gemäss ihren Angaben am 8. April 2018
in die Schweiz ein und stellten am 10. April 2018 im damaligen Empfangs-
und Verfahrenszentrum (EVZ) C._ Asylgesuche. Am 4. Mai 2018
fanden die Kurzbefragungen zur Person (BzP) im EVZ statt. Eine erste An-
hörung der Beschwerdeführerin zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1
AsylG (SR 142.31) wurde am 23. August 2019 aufgrund sprachlicher Ver-
ständigungsschwierigkeiten mit der Dolmetscherin abgebrochen. Am
19. September 2019 fand eine erneute Anhörung der Beschwerdeführerin
mit einer neuen Übersetzerin statt. Am 25. Oktober 2019 wurde der Be-
schwerdeführer zu seinen Asylgründen angehört.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs
vor, sie sei im Jahr 1385 (2006/2007) zusammen mit ihrem Ehemann im
Zusammenhang mit Protesten gegen den Bau einer Moschee in
D._ von den Sicherheitskräften vorgeladen und festgenommen
worden, dies unter der Anschuldigung, sie seien gegen Gott und den Pro-
pheten. Sie sei einen Tag lang festgehalten worden, ihr Ehemann erst am
nächsten Tag freigelassen worden. Danach sei sie permanent überwacht
worden, und sie habe ihre Anstellung als Dozentin an der Universität ver-
loren. Ein (...)studio, das sie danach eröffnet habe, sei behördlich ge-
schlossen worden. Aus diesem Grund seien sie nach E._ umgezo-
gen. Im Jahr 1389 (2010/2011), einen oder zwei Monate nach der Ausreise
ihrer Tochter F._, seien sie und ihr Ehemann wiederum verhaftet
worden. Die Sicherheitskräfte hätten von ihnen verlangt, mit ihnen zu ko-
operieren und ihnen Informationen darüber zu geben, wer mit ihrer Tochter
zusammenarbeite. Im Jahr 1391 (2012/2013) sei ihr Sohn nach seiner Teil-
nahme an einer Demonstration gegen Rassendiskriminierung in
G._ ins Ausland geflohen. In der Folge hätten die Behörden, die
ihren Sohn gesucht hätten, ihren Ehemann festgenommen. Aus diesen
Gründen seien sie nach G._ zurückgekehrt. Dort habe sie ihren Va-
ter, der ein Richter und eine bekannte Persönlichkeit gewesen sei, bei des-
sen Engagement für die Rechte der Araber und insbesondere der Frauen
unterstützt. Sie habe sich namentlich darum bemüht, Mädchen aus streng
religiösen arabischen Familien eine Ausbildung zu vermitteln. Aus diesen
Gründen sei sie ständig von den iranischen Behörden kontrolliert worden,
die sie aufgefordert hätten, ihren Vater nicht mehr zu unterstützen. Bei der
Beerdigung ihres Vaters im Monat H._ des Jahres (...) ([...]) hätten
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sich viele Leute versammelt, Parolen gerufen, demonstriert und Gedichte
ihres Vaters vorgelesen. Deswegen seien sie und ihr Ehemann von den
Behörden unter der Anschuldigung, Gegner der Regierung zu sein, wiede-
rum festgenommen und zwei Tage lang festgehalten worden. Es seien
auch Bücher und Unterlagen ihres Vaters beschlagnahmt worden. Sie
habe ein schriftliches Geständnis unterzeichnen müssen und sei mit der
Auflage freigelassen worden, mit den Behörden zusammenzuarbeiten so-
wie keine weiteren Zeremonien mehr für ihren Vater abzuhalten. In der
Folge seien sie und ihr Ehemann observiert worden. Etwa drei oder vier
Monate später habe sie auf die Bitte einer Bekannten namens I._
hin, für deren durch eine Vergewaltigung schwanger gewordenen Nichte
bei einer Ärztin einen Termin für eine Abtreibung vereinbart. Einige Tage
später sei sie von I._ telefonisch gewarnt worden, dass diese Ärztin
verhaftet worden sei und sie fliehen solle. Daraufhin hätten sie und ihr Ehe-
mann einen Freund ihres Mannes um Hilfe gebeten. Dieser habe sie in
einem ihm gehörenden, leerstehenden Haus untergebracht. Dort hätten sie
sechs bis sieben Monate verbracht. Währenddessen sei ihr Bruder sowohl
von den Behörden als auch von Stammesangehörigen des Mädchens, für
welches sie den Abtreibungstermin vereinbart habe, nach ihnen gefragt
und bedroht worden. Letztere würden sie beschuldigen, ihre Ehre be-
schmutzt zu haben, weil die Schwangerschaft des Mädchens bekannt ge-
worden sei. Zudem habe sie von ihrem Bruder erfahren, dass die verhaf-
tete Ärztin ein Geständnis abgelegt habe. Schliesslich sei es dem Freund
ihres Ehemanns gelungen, mithilfe eines Schleppers einen Termin bei der
griechischen Botschaft zur Ausstellung von Visa zu organisieren. Sie seien
am (...) 2018 auf dem Luftweg von E._ nach J._ gereist, von
wo aus sie von ihrem Schlepper per Auto in die Schweiz gebracht worden
seien. Vor etwa zwei Monaten (Juli 2019) sei ihr Bruder erneut bedroht
worden. Ihre Tochter K._ habe wegen dieser Angelegenheit eben-
falls in die Türkei ausreisen müssen. Im Iran werde eine Abtreibung als
Tötungsdelikt betrachtet. Sie gehe davon aus, dass sie und ihr Ehemann
getötet worden wären, falls sie im Heimatstaat geblieben wären.
B.b Der Beschwerdeführer verwies zur Begründung seines Asylgesuchs
im Wesentlichen auf die von seiner Ehefrau geschilderten Probleme mit
den iranischen Sicherheitskräften und den Angehörigen einer jungen Frau,
welche sie unterstützt habe. Namentlich bestätigte er die gemeinsamen
Festnahmen in den Jahren 1385, 1389, 1391 und 1396. In E._ hät-
ten weder er noch seine Ehefrau die von ihnen geplanten Ausbildungszen-
tren eröffnen dürften. Auch seine Töchter L._ und K._ seien
von ihren Arbeitsstellen entlassen worden und seine Tochter M._
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habe die von ihr angestrebte Stelle als (...) nicht erhalten. Er habe mit sei-
nem Schwiegervater – der im Iran ein bekannter Politiker, Richter, Dichter
und Religionswissenschaftler gewesen sei – ebenfalls zusammengearbei-
tet und über dessen Aktivitäten Bescheid gewusst. Er habe ihn bei der
Durchführung von Arabischkursen sowie der Veröffentlichung eines von
ihm verfassten Gedichtbandes geholfen. Bei der Beerdigung seines
Schwiegervaters habe er 2000 Exemplare dieses Gedichtbandes verteilt.
In diesen Gedichten sei die ungerechte Behandlung der arabischen Min-
derheit durch das iranische Regime angeprangert worden. Die Sicherheits-
kräfte hätten bei seiner Verhaftung im April/Mai 2017 Kopien von diesen
Bänden in seiner Wohnung gefunden und sein Engagement als verbotene
politische Aktivitäten eingestuft. Nach der Verhaftung hätten die Sicher-
heitskräfte ihn psychisch gefoltert, in dem sie gedroht hätten, seine Ehefrau
und seine Familie zu verletzen. Dadurch hätten sei ihn gezwungen, zu ge-
stehen, dass er sich bewusst gegen das iranische Regime und gegen die
nationale Sicherheit engagiert habe. Sie hätten ihn zu einer Zusammenar-
beit verpflichtet und von ihm verlangt, andere Personen, die mit seinem
Schwiegervater zusammengearbeitet hätten, zu bespitzeln und an sie aus-
zuliefern. Er habe mehrmals auf Aufforderung seiner Kontaktperson hin an
Anlässen teilgenommen. Einer seiner Brüder und seine Schwester hätten
ihren Wohnort wechseln müssen, weil sie von denjenigen, die ihn und
seine Ehefrau verfolgt hätten, ebenfalls belästigt worden seien. Im Übrigen
sei er wegen seiner Zugehörigkeit zur arabischen Minderheit im Iran unter-
drückt worden.
B.c Zum Beleg ihrer Vorbringen reichten die Beschwerdeführenden fol-
gende Beweismittel ein:
− Identitätskarten in Kopie
− Bestätigungsschreiben des "Ahwazi Centre for Human Rights" vom
10. Juli 2019
− Internetartikel betreffend den Vater der Beschwerdeführerin, mit Über-
setzung
− Auszüge aus dem Inhalt des Gedichtbands des Vaters der Beschwer-
deführerin
− Fotos und Screenshots der Trauerfeier des Vaters der Beschwerde-
führerin
− Austrittsbericht des Universitätsspitals C._ vom 27. April 2018
betref-fend den Beschwerdeführer
− zwei CD-ROMs mit Aufnahmen der Beerdigung des Vaters
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Seite 5
C.
Mit Verfügung vom 28. Januar 2020 (eröffnet am 5. Februar 2020) stellte
das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
D.a Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 6. März 2020 er-
hoben die Beschwerdeführenden Beschwerde gegen die Verfügung der
Vorinstanz und beantragte, dieser Entscheid sei aufzuheben und die
Sache zur vollständigen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen; eventualiter sei ihre Flüchtlingseigenschaft
festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren, subeventualiter ihre Flüchtlings-
eigenschaft festzustellen und infolge dessen eine vorläufige Aufnahme
zu gewähren, subsubeventualiter sei die Unzulässigkeit beziehungsweise
Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und eine vor-
läufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten
die Beschwerdeführenden um Gewährung der Einsicht in die Aktenstücke
A6/4, A7 und A18/1, eventualiter des rechtlichen Gehörs zu diesen Doku-
menten und um Einräumung einer angemessenen Frist zur Einreichung
einer Beschwerdeergänzung. Ferner beantragten sie die Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung sowie den Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses.
D.b In der Beilage reichten sie eine Kopie der Beweismitteleingabe vom
18. Oktober 2019 inklusive Beilagen, eine Barcodeliste der schweizeri-
schen Post vom 18. Oktober 2019 sowie einen Ausdruck von Track and
Trace und einen Arztbericht der Universitären Psychiatrische Dienste
N._ vom 9. September 2019 in Kopie zu den Akten.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 6. April 2020 stellte die damalige Instruktions-
richterin fest, das vorliegende Verfahren werde mit demjenigen der Tochter
der Beschwerdeführenden L._ und deren Familie (E-1352/2020)
koordiniert behandelt. Die Anträge auf Gewährung der ergänzenden Akten-
einsicht in die Aktenstücke A6/4, A7 und A18/1 sowie des rechtlichen Ge-
hörs respektive auf Einräumung einer Frist zur Beschwerdeergänzung wur-
den abgewiesen. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde gutgeheissen und
antragsgemäss auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet.
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Schliesslich wurde das SEM zur Einreichung einer Vernehmlassung einge-
laden. Dabei wurde die Vorinstanz um eine Stellungnahme gebeten, inwie-
fern die Akten der in der Schweiz als Flüchtling anerkannten Tochter der
Beschwerdeführenden (F._ , N [...]) für das vorliegende Verfahren
konsultiert worden seien und aus welchem Grund das von den Beschwer-
deführenden eingereichte Beweismittel (Beilage 4 der Beschwerde vom
6. März 2020) nicht in die vorinstanzlichen Akten aufgenommen worden
sei.
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 15. April 2020 hielt die Vorinstanz vollum-
fänglich an den Erwägungen in ihrer Verfügung fest und äusserte sich zu
den von der Instruktionsrichterin aufgeworfenen Punkten.
G.
Mit Instruktionsverfügung vom 17. April 2020 wurden die Beschwerdefüh-
renden zur Einreichung einer Replik eingeladen.
H.
Mit Eingabe vom 24. April 2020 ersuchten die Beschwerdeführenden um
Zustellung des abgeänderten Aktenverzeichnisses des SEM inklusive der
neu zu erfassenden Unterlagen sowie um Erstreckung der Replikfrist.
I.
Die Instruktionsrichterin stellte den Beschwerdeführenden mit Verfügung
vom 30. April 2020 eine Kopie des unveränderten Aktenverzeichnisses der
vorinstanzlichen Akten N 705 549 zu und stellte fest, dass das SEM das
von ihnen erwähnte Beweismittel (Beschwerdebeilage 4) gemäss heuti-
gem Aktenstand nicht in die vorinstanzlichen Akten aufgenommen, jedoch
in seiner Vernehmlassung vom 15. April 2020 dazu Stellung genommen
habe. Ferner wurde die Replikfrist antragsgemäss erstreckt.
J.
Mit Eingabe vom 11. Mai 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine
Stellungnahme zur Vernehmlassung der Vorinstanz zu den Akten, wobei
sie an ihren Beschwerdeanträgen festhielten.
K.
Mit Eingaben vom 29. Juni 2020, 18. September 2020 und 26. November
2021 legten die Beschwerdeführenden weitere Beweismittel ins Recht
(Internetartikel betreffend Proteste im Iran nach dem "Ehrenmord" Ende
Mai 2020, Foto eines Ausdruck der Bank O._ betreffend den Bruder
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der Beschwerdeführerin, inklusive deutsche Übersetzung, Kopie der Iden-
titätskarte dieses Bruders inklusive Übersetzung, zwei Internetartikel be-
treffend Ehrenmorde, Ausdrucke betreffend ein Youtube-Video, zwei Inter-
netartikel betreffend die iranische Rechtsanwältin P._).
L.
Die bisherige Instruktionsrichterin wurde aufgrund ihrer Pensionierung
(per Ende 2021) von der Leitung der Abteilung V durch den Instruktions-
und vorsitzenden Richter Markus König ersetzt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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Seite 8
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung aus, die Vorbrin-
gen der Beschwerdeführenden seien von auffallend vielen Zufällen ge-
prägt. Namentlich hätten die iranischen Behörden angeblich zufällig von
der Abtreibung und der diesbezüglichen Beteiligung der Beschwerdeführe-
rin erfahren und es sei ihrer Bekannten zufälligerweise möglich gewesen,
sie zu warnen, obwohl zu erwarten gewesen sei, dass diese umgehend
verhaftet worden wäre. Es erscheine ebenso zufällig, dass die Ver-
folgungsmassnahmen gegen die Beschwerdeführenden gleichzeitig mit
denjenigen gegen ihre Tochter und deren Familie, aber aus weitgehend
anderen Gründen, eingesetzt hätten, sowie dass sie zeitgleich hätten aus-
reisen können und es ihnen trotz erheblicher Überwachungsmassnahmen
gelungen sei, ihre Ausreise unentdeckt zu organisieren. Im Weiteren hätten
die Beschwerdeführenden angeblich keine Informationen über verschie-
dene Punkte betreffend die Abtreibung, die ihnen hätten bekannt sein müs-
sen, namentlich darüber, ob die Abtreibung tatsächlich stattgefunden habe,
sowie über das Schicksal der Ärztin, des Mädchens und dessen Tante.
Dagegen hätten sie Wissen über Umstände offenbart, die ihnen nicht oder
nicht zwingend hätten bekannt sein können, wie dass die Familie des Mäd-
chens der Beschwerdeführerin Schuld am Bekanntwerden der Abtreibung
gebe. Es sei unklar, woher die Tante gewusst habe, dass die iranischen
Behörden Kenntnis von der Abtreibung erhalten hätten und die Beschwer-
deführenden gefährdet seien. Bei der Behauptung, sie wären mit Sicher-
heit getötet worden, falls man sie erwischt hätte, handle es sich genau ge-
nommen um eine blosse Vermutung. Ohnehin würden sie in ihren Ausfüh-
rungen zu erheblichen Übertreibungen und Verabsolutierungen neigen.
Die Schilderungen betreffend den Vater beziehungsweise Schwiegervater
der Beschwerdeführenden würden der Substanz entbehren. Es sei nicht
nachvollziehbar, weshalb die Beschwerdeführerin für die Demonstrationen
bei dessen Beerdigung hätten verantwortlich gemacht werden sollen,
zumal sie sich anlässlich dieser Zeremonie nicht besonders exponiert
habe. Es sei schleierhaft, wie sie weitere Demonstrationen hätte verhin-
dern können. Es ergebe auch wenig Sinn, dass man sie einerseits zur Zu-
sammenarbeit habe zwingen wollen, ihnen andererseits aber Regimefeind-
lichkeit vorgeworfen habe. Die Beschwerdeführenden hätten offenbar in
der Folge nicht mit den Behörden zusammengearbeitet, ohne dass dies
Konsequenzen für sie gehabt habe. Die Aussage der Beschwerdeführerin,
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die Behörden hätten ihr gesagt, sie habe ihr Todesurteil unterschrieben,
ergebe somit keinen Sinn. Angesichts dessen, dass sie angeblich wegen
den Demonstrationen bereits unter Beobachtung der Behörden gestanden
sei, wäre die Fortführung ihres Engagements für die Frauenrechte und die
Organisation einer Abtreibung fahrlässig gewesen. Auch betreffend die
Folgen der Kundgebungen habe die Beschwerdeführerin auffallende Wis-
senslücken offenbart; namentlich habe sie nicht sagen können, ob neben
ihr und ihrem Ehemann noch weitere Personen verhaftet worden seien.
Schliesslich bleibe festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden mit auf
ihre eigene Identität lautenden iranischen Pässen via den Flughafen von
E._ nach Europa ausgereist seien. Selbst mit der Hilfe einer Dritt-
person dürfte es ausgesprochen schwierig sein, inkognito über den Flug-
hafen von E._ den Iran zu verlassen, da dieser sehr gut bewacht
werde. Es sei davon auszugehen, dass ihre Ausreise von langer Hand ge-
plant gewesen sei, was sich auch darin zeige, dass sie gemeinsam mit
ihrer Tochter und deren Familie ausgereist seien. Aus diesen Gründen
seien die Vorbringen der Beschwerdeführenden als unglaubhaft zu erach-
ten. Die eingereichten Beweismittel würden in erster Linie die Aktivitäten
des Vaters der Beschwerdeführerin und dessen Beerdigung belegen,
woraus sich aber nicht zwingend schliessen lasse, dass die Beschwerde-
führenden individuell in asylrelevanter Weise verfolgt worden seien. Beim
Schreiben des Ahwazi-Zentrums könne es ich um ein reines Gefälligkeits-
schreiben handeln. Es sei nicht bekannt, dass Minderheiten im Iran gene-
rell verfolgt würden. Soweit die Beschwerdeführenden geltend gemacht
hätten, in früheren Jahren festgenommen sowie befragt worden zu sein
und ihren Arbeitsplatz verloren zu haben, sei festzustellen, dass diese Er-
eignisse im Zeitpunkt ihrer Ausreise schon längere Zeit zurückgelegen hät-
ten und nicht Anlass für ihre Flucht gewesen seien. Diese Vorbringen seien
somit nicht asylrelevant. Im Übrigen gebe es keine Anhaltspunkte dafür,
dass den Beschwerdeführenden im Falle einer Rückkehr in den Heimat-
staat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbo-
tene Strafe oder Behandlung drohe, und weder die im Iran herrschende
politische Situation noch individuelle Gründe würden gegen die Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs sprechen. Sie würden im Iran über ver-
schiedene Verwandte verfügen, auf deren Unterstützung sie zählen könn-
ten, sowie über berufliche Erfahrung. Ausserdem könnten sie im Familien-
verband mit der Tochter, deren Asylgesuch ebenfalls abgewiesen worden
sei, zurückkehren. Der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe
sich gemäss dessen Angaben verbessert, so dass er nur noch sporadisch
auf medizinische Hilfe angewesen sei. Zudem handle es sich nicht um eine
lebensbedrohliche gesundheitliche Beeinträchtigung.
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Seite 10
3.2
3.2.1 In ihrer Beschwerdeeingabe rügten die Beschwerdeführenden zu-
nächst eine Verletzung des Akteneinsichtsrechts. Die Vorinstanz habe es
unterlassen, ihnen Einsicht in mehrere Aktenstücke (A6/4, A7/3, A18/1) zu
gewähren. Sie hätten mit Eingabe vom 18. Oktober 2019 ein weiteres Be-
weismittel eingereicht (Quittung betreffend die Herausgabe eines Buches
des Vaters der Beschwerdeführerin). Dieses sei jedoch vom SEM nicht in
die Akten aufgenommen und nicht gewürdigt worden. Zusätzlich zur ge-
meinsam mit den Beschwerdeführenden eingereisten Tochter und deren
Ehemann befindet sich ihre Tochter F._ und deren Ehemann in der
Schweiz (N [...]). Das SEM habe in der angefochtenen Verfügung Letztere
zwar erwähnt, jedoch gehe aus den Akten nicht hervor, ob und inwieweit
die Verfahrensakten dieser Angehörigen beigezogen worden seien. Im
Falle eines Beizugs hätte eine diesbezügliche Notiz erstellt und im Akten-
verzeichnis festgehalten werden müssen. Diesbezüglich seien der An-
spruch auf rechtliches Gehör und insbesondere die Begründungspflicht
ebenso wie die Abklärungspflicht und die Pflicht zur vollständigen und
richtigen Aktenführung schwerwiegend verletzt worden. Eine Verletzung
des rechtlichen Gehörs sei auch darin zu erblicken, dass die eingereichten
Beweismittel nicht vollständig und richtig gewürdigt worden seien. Die
Argumentation, dass sich aus diesen nicht zwingend eine Verfolgung
ableiten lasse, sei absurd, da sie wesentliche Elemente ihrer Vorbringen
belegen würden. Das SEM sei daher verpflichtet, diese zusammen mit den
übrigen Vorbringen zu würdigen. Weiter habe die Vorinstanz verschiedene
zentrale Vorbringen nicht erwähnt und gewürdigt, namentlich, dass bei der
Beerdigung des (Schwieger-)Vaters 2000 Exemplare von dessen Gedicht-
band verteilt worden seien, dass die Behörden bei der Hausdurchsuchung
beim Beschwerdeführer Gedichte seines Schwiegervaters gefunden hät-
ten und dass der Bruder der Beschwerdeführerin im Jahr 2019 von den
iranischen Sicherheitskräften bedroht worden sei. Angesichts dessen, dass
die Vorinstanz ihre gemeinsame Ausreise mit ihrer Tochter L._ als
unglaubhaft erachtet habe, wäre es verpflichtet gewesen, ihnen dossier-
übergreifend das rechtliche Gehör zu diesen Unglaubhaftigkeitsargumen-
ten zu gewähren. Durch eine entsprechende Abklärung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts (Nachfragen) hätte Klarheit geschaffen werden können
und müssen. Demnach habe die Vorinstanz ihre Pflicht zu vollständigen
und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts schwerwie-
gend verletzt. Ferner sei eine Gehörsverletzung darin zu erblicken, dass
ihre Vorbringen massiv zusammengekürzt und wichtige Bestandteile weg-
gelassen, respektive minimiert worden seien.
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Seite 11
3.2.2 Ihre Asylvorbringen seien logisch konsistent, detailliert und stimmig.
Es sei absurd, dass die Vorinstanz gerade dies als Unglaubhaftigkeitsele-
ment hervorhebe. Die Argumentation der Vorinstanz sei von der Befangen-
heit des zuständigen Sachbearbeiters geprägt. Es liege eine schwerwie-
gende Verletzung von Art. 7 AsyIG sowie des Willkürverbots vor. Die Tätig-
keit der Beschwerdeführerin in Zusammenarbeit mit der Ärztin und der er-
wähnten Tante des Mädchens sei mit einem erheblichen Risiko verbunden
gewesen und habe grosse Geheimhaltung bedingt, weshalb sie auf die
Eventualität hätten vorbereitet sein müssen, dass die Behörden davon er-
fahren und eingreifen würden. Demnach sei es keineswegs unglaubhaft,
dass es der Tante des Mädchens gelungen sei, die Beschwerdeführerin zu
warnen. Sie habe somit um ihre konkrete Gefährdung gewusst. Sie habe
sich in erster Linie um den Schutz von ihr und ihrem Ehemann kümmern
müssen und nicht um weitere Detailinformationen über die Abtreibung und
das Schicksal der anderen Beteiligten. Es sei offensichtlich, dass die Be-
schwerdeführerin für das Vermitteln der Abtreibung und das Bekanntwer-
den der Schwangerschaft verantwortlich gemacht werde und somit einen
Teil der Schuld trage. Auch sei klar, dass sämtliche mit der Abtreibung in
Verbindung stehenden Personen unmittelbar dafür verantwortlich gemacht
würden und somit gezielt ins Visier der iranischen Behörden und des
Stamms der Schwangeren geraten seien. Die Beschwerdeführerin habe
nicht vorgebracht, die Ärztin sei freigelassen worden. Die entsprechende
Behauptung des SEM sei aktenwidrig. Die Kernaussagen der Beschwerde-
führerin seien widerspruchsfrei, sachlich nüchtern und konkret: Von Über-
treibungen könne nicht die Rede sein. Die Behauptung, es sei unlogisch,
dass die Behörden sie hätten zur Zusammenarbeit zwingen wollen, sei will-
kürlich. Der Zwang zur Mitarbeit sei eine bei Geheimdiensten beliebte und
übliche Einschüchterungsmassnahme. Die Argumentation, sie hätten sich
bei der Beerdigungszeremonie des (Schwieger)Vaters nicht besonders
exponiert, sei absurd. Das SEM habe ihre diesbezüglichen Vorbringen,
namentlich die Verteilung von Büchern durch den Beschwerdeführer, nicht
vollständig erwähnt und gewürdigt. Aus der eingereichten Quittung betref-
fend das Buch gehe hervor, dass der Beschwerdeführer dieses erneut
habe auflegen lassen. Die Bewertung der Bestätigung des Ahwazi-
Zentrums als Gefälligkeitsschreiben sei willkürlich. Bei der Aussage der
Behörden, die Beschwerdeführerin habe mit der Unterzeichnung des
Geständnisses ihr Todesurteil unterschrieben, handle es sich um eine Aus-
drucksweise, welche versinnbildlichen sollte, dass sie sich damit selbst
schwer belastet habe und dass die entsprechende Unterzeichnung für ein
späteres Todesurteil ausreichen würde. Die diesbezügliche Argumentation
des SEM sei nicht nachvollziehbar. Das schriftliche Eingeständnis habe
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dazu gedient, sie erpressen zu können, falls sie nicht hätte mit den Behör-
den zusammenarbeiten wollen. Im Weiteren sei es absurd, ihnen vor-
zuwerfen, es sei ein grosser Zufall, dass sie zeitgleich mit der Familie der
Tochter hätten ausreisen können. Sie hätten sich monatelang versteckt,
und die Organisation der Ausreise sei sehr schwierig gewesen. Es könne
ihnen nicht vorgeworfen werden, dass die Tochter L._ und deren
Ehemann aufgrund ihrer Probleme ebenfalls hätten fliehen musste. Die
jahrelange Vorverfolgung der Familie und die Angst vor der Verfolgung
durch die iranischen Behörden hätten dazu geführt, dass sie sich aufgrund
der Veränderung der Situation der Tochter L._ und ihres Mannes
zusammen mit dieser zur Flucht entschlossen hätten. Aus der Beschaffung
griechischer Visa könne nichts zu ihren Ungunsten abgeleitet werden. Es
sei nicht unglaubhaft, dass ihre Schlepper solche Einreisebewilligungen
hätten beschaffen können und es könne hieraus nichts zu ihren Ungunsten
ab-geleitet werden. Die Verfolgung durch die iranischen Behörden stehe in
keinem Zusammenhang hierzu. Die Argumentation, der weitere Einsatz
der Beschwerdeführerin für die Frauenrechte sei angesichts ihrer Obser-
vation geradezu fahrlässig gewesen, sei absurd und willkürlich. Es sei
bekannt, dass die katastrophalen und diktatorischen Zustände in zahl-
reichen Teilen der Welt viele Personen nicht davon abhalten würden, sich
für ihre Überzeugungen einzusetzen und damit auch gewisse Gefahren in
Kauf zu nehmen. Dies könne ausserdem auch durch die bei der Beschwer-
deführerin bereits in der Kindheit diagnostizierte Aufmerksamkeits-Defizit-
Störung erklärt werden.
3.2.3 Betreffend die asylrechtliche Relevanz sie festzuhalten, dass sie über
ein herausragendes politisches und ethnisches Profil verfügen würden. Sie
seien arabischer Ethnie und würden aus G._ stammen. Der Vater
der Beschwerdeführerin, den sie unterstützt hätten, sei eine sehr bekannte,
in der Bevölkerung geachtete Persönlichkeit gewesen, die aufgrund ihrer
kritischen Einstellung gegenüber dem iranischen Regime immer wieder in
das Visier der Behörden geraten sei. Sie seien wegen der Vorfälle bei
seiner Beerdigung sowie ihres eigenen politischen Engagements unter
dem Vorwurf des regimekritischen und staatsfeindlichen Verhaltens von
den iranischen Behörden festgenommen worden. Zudem seien sie auch
wegen ihrer Kinder wiederholt ins Visier des iranischen Regimes geraten
und deshalb mehrmals festgenommen worden. Die Beschwerdeführerin
werde schliesslich im Zusammenhang mit der verbotenen Abtreibung ge-
sucht und bedroht. Im Fall einer Verhaftung drohten ihnen die Inhaftierung,
Misshandlungen, die Hinrichtung oder das Verschwindenlassen. Die
Voraussetzungen der begründeten Furcht vor asylrelevanter Verfolgung
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seien somit erfüllt. Im Übrigen habe ihre Tochter K._ in den Iran
zurückkehren müssen. Sie habe dort eine gerichtliche Vorladung für den
22. Februar 2020 erhalten, welcher sie aber keine Folge geleistet, sondern
sich versteckt habe. Es sei offensichtlich, dass ein Zusammenhang zwi-
schen den gegen sie gerichteten Verfolgungsmassnahmen und der Verfol-
gung der Tochter K._ bestehe. Das SEM habe es unterlassen, eine
Gesamtwürdigung unter Beizug der Akten ihrer Tochter F._ vorzu-
nehmen. Zumindest müsse ihnen die Flüchtlingseigenschaft zugesprochen
werden, weil ihnen nach ihrem mehrjährigen Aufenthalt bei der Tochter
F._ und deren Ehemann in der Schweiz unterstellt würde, Staats-
feinde zu sein und sie deshalb damit rechnen müssten, bei einer Rückkehr
in den Iran verhaftet und verfolgt zu werden. Andernfalls müsste wegen der
drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK durch unmenschliche Behandlung,
Folter Misshandlungen und rechtswidrige Inhaftierung die Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs festgestellt werden. Eventualiter müsste der
Wegweisungsvollzug als unzumutbar bezeichnet werden. Sie seien im
Pensionsalter und daher nicht mehr in der Lage, einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen. Sie würden im Iran nicht über ein tragfähiges Beziehungs-
netz verfügen. Ihre Kinder seien auch ausgereist und sie könnten wegen
ihres Profils nicht auf die Unterstützung durch andere Personen zählen.
Aus den Akten gehe zudem hervor, dass sie beide unter zahlreichen ge-
sundheitlichen Problemen leiden würden. Schliesslich sei festzustellen,
dass sie aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe betreffend eine mögliche
Corona-Virus-Infektion gehören würden.
3.3 In ihrer Vernehmlassung stellte die Vorinstanz namentlich fest, sie habe
die Akten der Tochter F._ im Verlauf des Prozesses zur Entscheid-
findung konsultiert, insbesondere den internen Antrag für den positiven
Asylentscheid. Es bestehe kein unmittelbarer Bezug zwischen den Asyl-
gründen der Tochter (beziehungsweise von deren Ehemann) und den Asyl-
gründen der Beschwerdeführenden, so dass sich daraus keine Gefähr-
dung von ihnen ableiten lassen. Die Beweismitteleingabe vom 18. Oktober
2019 sei gemäss internen Abklärungen zwar beim SEM eingetroffen, be-
finde sich aber bedauerlicherweise nicht im Dossier. Die eingereichte Quit-
tung würde aber die Vorbringen der Beschwerdeführenden nicht in einem
andern Licht erscheinen lassen. Dieses Dokument beziehe sich auf den
Schwiegervater des Beschwerdeführers. Dass er mit diesem zusammen-
gearbeitet haben und an seinen Publikationen beteiligt gewesen sein solle,
sei bereits aus den Ausführungen in den Befragungen bekannt gewesen
und in die Entscheidfindung mit eingeflossen.
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3.4 In ihrer Replik hielten die Beschwerdeführenden daran fest, dass die
Vorinstanz es unterlassen habe, die Akten ihrer Tochter F._ umfas-
send und vollständig beizuziehen und zu würdigen. Die Formulierung in
der Vernehmlassung lasse darauf schliessen, dass nur der interne Antrag
beigezogen worden sei. Richtigerweise hätten aber die Aussagen der
Tochter betreffend Probleme, die ihre Familie wegen ihr erlitten habe, be-
rücksichtigt werden müssen. Es wiege schwer, dass die Vorinstanz es auch
auf Beschwerdeebene unterlassen habe, das mit der Eingabe vom 18. Ok-
tober 2019 eingereichte Dokument zu den Akten zu nehmen und sich in
der Vernehmlassung nicht dazu geäussert habe, weshalb sich dieses nach
wie vor nicht in den Akten befinde. Mit der Bestätigung, dass das Dokument
eingetroffen sei, habe das SEM eine schwerwiegende Verletzung der
Aktenführungspflicht und des Anspruchs auf rechtliches Gehör eingeräumt,
die eine Aufhebung der angefochtenen Verfügung und eine Rückweisung
an die Vorinstanz zur Folge haben müsse. Es sei frappant und willkürlich,
dass sich das SEM trotz der schwerwiegenden Rechtsverletzungen wei-
terhin weigere, den Inhalt und die Bedeutung des erwähnten Beweismittels
zu würdigen. Die Behauptung, dieses betreffe lediglich die Veröffentlichung
einer Publikation des Schwiegervaters des Beschwerdeführers sei akten-
widrig. Dies sowie das Ignorieren des Verteilens der Bücher müsse eben-
falls die Aufhebung der angefochtenen Verfügung zur Folge haben. Auch
im Dossier der Tochter L._ habe das SEM eine bei ihm eingereichte
Eingabe unterschlagen und ignoriert. Dies illustriere die oberflächliche und
ungenaue Arbeit der Vorinstanz.
4.
4.1 Im Verwaltungs- und namentlich im Asylverfahren gilt der Untersu-
chungsgrundsatz, das heisst die Behörde stellt den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG; vgl.
Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Für das erstinstanzliche Asylverfahren be-
deutet dies, dass das SEM zur richtigen und vollständigen Ermittlung und
zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts verpflichtet ist und
auch nach allen Elementen zu forschen hat, die zugunsten der asylsuchen-
den Person sprechen. Der Untersuchungsgrundsatz gilt nicht uneinge-
schränkt, zumal er sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht des Asylsuchen-
den findet (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG; vgl. CHRISTOPH AUER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 Rz. 9; BVGE 2012/21
E. 5.1). Die entscheidende Behörde darf sich trotz des Untersuchungs-
grundsatzes in der Regel darauf beschränken, die Vorbringen einer asyl-
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suchenden Person zu würdigen und die von ihr angebotenen Beweise ab-
zunehmen, ohne weitere Abklärungen vornehmen zu müssen. Nach Lehre
und Praxis besteht eine Notwendigkeit für über die Befragung hinausge-
hende Abklärungen insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen der
asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder angebotenen
Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen,
die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen beseitigt werden
können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2.1 S. 734 m.H.a. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 23 E. 5a).
4.2 Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 und
Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbrin-
gen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in
der Entscheidungsfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in der
Entscheidbegründung niederschlagen muss (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG).
Die Begründung eines Entscheids muss so abgefasst sein, dass der Be-
troffene ihn gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann, was nur der Fall
ist, wenn sich sowohl der von der Verfügung Betroffene als auch die
Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen
können. Die verfügende Behörde kann sich auf die wesentlichen Gesichts-
punkte beschränken, hat aber wenigstens kurz die Überlegungen anzufüh-
ren, von denen sie sich leiten liess und auf die sie ihren Entscheid ab-
stützte. Die Begründungsdichte richtet sich dabei nach dem Verfügungs-
gegenstand, den Verfahrensumständen und den Interessen des Betroffe-
nen, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich geschützten In-
teressen des Betroffenen eine sorgfältige Begründung verlangt wird. Indes-
sen ist nicht erforderlich, dass die Behörde sich in der Begründung mit je-
der tatbeständlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand einläss-
lich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wider-
legt (vgl. LORENZ KNEUBÜHLER / RAMONA PEDRETTI, in: Auer/Müller/Schind-
ler [Hrsg.], a.a.O., Art. 35 Rz. 7 ff.; BGE 136 I 184 E. 2.2.1, BVGE 2013/34
E. 4.1, 2008/47 E. 3.2 und 2007/30 E. 5.6). Ausserdem ergibt sich aus dem
Anspruch auf rechtliches Gehör als Ausfluss von dessen Teilgehalt, mit
eigenen Begehren gehört zu werden, ein Anspruch der Parteien darauf,
dass ihren Anträgen auf Abnahme von tauglichen und sachdienlichen Be-
weisen stattgegeben wird. Die Behörde muss jedoch nur diejenigen Be-
weise erheben, die sie für die Feststellung des Sachverhaltes als tauglich
erachtet (Art. 33 Abs. 1 VwVG).
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Seite 16
4.3 Die Eingabe der Beschwerdeführenden an das SEM vom 18. Oktober
2019 sowie das mit dieser eingereichte Beweismittel (Quittung betreffend
Druck des Buches "Q._" des Vaters der Beschwerdeführerin) befin-
det sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht in den Akten der Vor-
instanz. Demzufolge wurde dieses Dokument in der angefochtenen Verfü-
gung nicht erwähnt und gewürdigt.
4.4 Die Vorinstanz richtete in der angefochtenen Verfügung im Rahmen der
Prüfung der Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen der Beschwerdeführenden
ihr Hauptaugenmerk auf die von der Beschwerdeführerin vorgebrachte Ge-
fährdung wegen ihrer Mitbeteiligung an einer Abtreibung. Die Vorbringen
des Beschwerdeführers, namentlich seine Festnahme und Folter im Jahr
2017 sowie die Unterstützung seines Schwiegervaters bei dessen Enga-
gement für die arabische Minderheit im Iran, wurden zwar im Rahmen der
Sachverhaltsdarstellung erwähnt, fanden indessen in den Erwägungen
keine Würdigung. Diese Unterlassung lässt sich aus den Erwägungen der
angefochtenen Verfügung nicht hinreichend nachvollziehen. Ebensowenig
fand in der angefochtenen Verfügung Erwähnung, dass gemäss Aussagen
der Beschwerdeführenden ein Bruder der Beschwerdeführerin und dessen
Sohn nach ihrer Ausreise wegen ihnen von den iranischen Sicherheitskräf-
ten befragt und durch diese sowie arabische Stammesangehörige bedroht
worden seien (A27 F13 ff. S. 3 f.; A28 F7 S. 7). Diesen Sachverhaltsele-
menten kann im Gesamtzusammenhang der Asylvorbringen der Be-
schwerdeführenden nicht von vornherein jede Relevanz für den Ausgang
des Verfahrens abgesprochen werden, weshalb deren unterlassene Wür-
digung eine Verletzung der Begründungspflicht darstellt.
4.5 Die Argumentation der Vorinstanz hinsichtlich der Glaubhaftigkeit ver-
mag namentlich hinsichtlich der Vorkommnisse bei der Beerdigung des Va-
ters der Beschwerdeführerin im Jahre 2017 nicht zu überzeugen. Da die
Beschwerdeführenden diese organisiert hatten, ist nicht unplausibel, dass
sie von den iranischen Behörden mit den Kundgebungen, die bei diesem
Anlass stattfanden, in Verbindung gebracht wurden. Auch wenn diese so-
wie die von den Beschwerdeführenden geschilderten darauffolgenden Re-
pressalien durch die Sicherheitskräfte gemäss ihrer Darstellung nicht un-
mittelbar für ihre Ausreise auschlaggebend waren, ergeben sich aus die-
sen Umständen Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführenden in
den Augen der iranischen Behörden ein oppositionelles Profil haben könn-
ten. Eine sich hieraus ergebende begründete Furcht vor zukünftiger Verfol-
gung kann allenfalls nicht ohne Weiteres ausgeschlossen werden. Die
knappe Argumentation in der angefochtenen Verfügung betreffend diese
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Sachverhaltselemente greift demnach zu kurz. Überdies ist festzustellen,
dass die Schilderungen beider Beschwerdeführenden betreffend ihre Asyl-
gründe sehr detailliert und weitgehend widerspruchsfrei sowie logisch kon-
sistent erscheinen, was als Realitätskennzeichen zu bewerten ist. In der
angefochtenen Verfügung fand indessen keine Auseinandersetzung mit
diesen für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführenden
sprechenden Argumenten statt. Insgesamt lässt diese somit eine umfas-
sende Abwägung der Elemente, die für und gegen die Glaubhaftigkeit des
Vorgetragenen sprechen, vermissen.
4.6 Den Vorbringen der Beschwerdeführenden ist zu entnehmen, dass
mehrere ihrer Söhne und Töchter ihr Heimatland aufgrund von Verfol-
gungsmassnahmen durch die iranischen Behörden verlassen hätten (vgl.
A28/29 S. 3 F5, S. 7 F7, S. 8 F23 ff., S. 15 F87ff.; A29/15 S. 6 F34). Über-
dies gab ihre Tochter L._ in deren parallelem Verfahren zu Proto-
koll, drei ihrer Onkel seien aus politischen Gründen nach R._,
S._ beziehungsweise T._ geflohen (vgl. das Urteil des
BVGer E-1352/2020 vom heutigen Tag E. 4.5). Insgesamt ergeben sich
aus den Akten somit deutliche Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerde-
führenden aus einem familiären Umfeld stammen, das aufgrund ihres op-
positionellen Engagements in den Fokus der iranischen Behörden geraten
ist. Auch diesem Aspekt wurde in der angefochtenen Verfügung nicht hin-
reichend Rechnung getragen. Die Argumentation der Vorinstanz, wonach
kein Kausalzusammenhang zwischen der Ausreise der Beschwerdefüh-
renden und dem Profil ihrer in der Schweiz als Flüchtling anerkannten
Tochter F._ bestehe, greift zu kurz, nachdem die iranischen Behör-
den ihnen aufgrund des Aufenthalts im selben Drittstaat einen nahen Kon-
takt zu dieser unterstellen dürften und ein weiterhin bestehendes Verfol-
gungsinteresse an F._ nicht ausgeschlossen werden kann. Unter
diesen Umständen hätte sich auch eine eingehendere Prüfung der Frage,
ob den Beschwerdeführenden aufgrund des Profils ihrer Angehörigen im
Heimatstaat eine asylrechtlich relevante Reflexverfolgung droht, aufge-
drängt.
4.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass wesentliche Elemente des
Sachverhalts von der Vorinstanz nicht genügend abgeklärt und in den Er-
wägungen der angefochtenen Verfügung nicht alle ausschlaggebenden
Sachverhaltselemente hinreichend gewürdigt wurden. Demnach hat die
Vorinstanz den Untersuchungsgrundsatz sowie die Begründungspflicht
verletzt.
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Seite 18
5.
Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht
in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück.
5.1 Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere
angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und ein
umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen feh-
lende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Be-
schwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus
prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber
nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5 m.w.H.). Die Heilung von Gehörsverletzun-
gen aus prozessökonomischen Gründen ist auf Beschwerdeebene nur
möglich, sofern das Versäumte nachgeholt wird, die Beschwerdeführenden
dazu Stellung nehmen können und der Beschwerdeinstanz für die konkrete
Streitfrage die freie Überprüfungsbefugnis in Bezug auf Tatbestand und
Rechtsanwendung zukommt sowie die festgestellte Verletzung nicht
schwerwiegender Natur ist und die fehlende Entscheidreife durch die Be-
schwerdeinstanz mit vertretbarem Aufwand hergestellt werden kann (vgl.
BVGE 2014/22 E. 5.3 m.w.H.).
5.2 Im vorliegenden Fall erscheint es aus prozessökonomischen Gründen
nicht angebracht, die fehlende Entscheidungsreife durch die Beschwerde-
instanz herzustellen. Dies insbesondere auch deshalb, weil im parallelen
Beschwerdeverfahren E-1352/2020 der Tochter der Beschwerdeführenden
und ihrer Familie ebenfalls eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung
zwecks weiterer Abklärungen und zur Neubeurteilung erfolgt. Es kann nicht
ausgeschlossen werden, dass der Ausgang jenes Verfahrens einen Ein-
fluss auf die Einschätzung der Vorbringen der Beschwerdeführenden ha-
ben wird. Zudem ginge den Beschwerdeführenden bei einer Heilung durch
das Gericht und einem daraufhin allenfalls ergehenden abweisenden Ent-
scheid eine Instanz verloren. Somit erscheint es als angezeigt, die von den
Beschwerdeführenden angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sa-
che zur vollständigen Feststellung des Sachverhalts sowie zur rechts-
genüglichen Prüfung, Begründung und Entscheidung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
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Seite 19
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als mit ihr
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragt worden ist. Die
Verfügung des SEM vom 28. Januar 2020 ist aufzuheben und die Sache
ist in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur vollständigen Sach-
verhaltsermittlung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
7.
Bei dieser Verfahrenskonstellation ist nicht auf die weiteren Beschwerde-
vorbringen einzugehen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Den Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens in Anwendung
von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
(VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise
erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde keine Kostennote zu
den Akten gereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der
Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Die von der Vor-
instanz auszurichtende Parteientschädigung wird in Anwendung der ge-
nannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der massgeblichen
Bemessungsfaktoren sowie der Tatsache, dass der familiäre Hintergrund
der Beschwerdeführenden ihrem Rechtsvertreter – der bereits F._
in ihrem Asylverfahren vertreten hatte – schon aus zwei anderen Verfahren
bekannt war, von Amtes wegen auf insgesamt Fr. 2'500.– (inkl. Mehrwert-
steueranteil und Auslagen) festgelegt.
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