Decision ID: a6c0e545-f1ae-4fa6-8780-912ad29baa05
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1981, arbeitete ab
dem 1. April 2014 als Schaden
-
s
achbe
arbeiter
bei der
Zweigniederlassung Y._
der
Z._
,
in einer unbefristeten Vollzeitanstellung
(vgl. Arbeits
vertrag vom 26. Februar 2014,
Urk.
7/
I/3 S. 5-6)
. Dieses Arbeitsverhältnis kündigte der Versicherte am 26. Januar 2015 unter Einhaltung der vertragli
chen
Kün
-
digungsfrist
auf den 30. April 2015
(Urk.
7/I/4)
.
Er meldete sich am
20. April 2015
beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Zürich Nansen
-
strasse
per 1. Mai 2015 zur Arbeitsvermittlung an (
Urk.
7/I/1) und er
hob ab diesem Datum Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung
(
Urk.
7/I/2).
Dem Antrag auf Arbeitslosenentschädigung (
Urk.
7/I/2) legte der Versicherte eine St
ellungnahme zum Kündigungsgrund
(
Urk.
7/III/4) und ein ärztliches Zeugnis (
Urk.
7/III/2
S. 1
) bei.
Die
Unia
Arbeitslosenkasse holte bei der Arbeitgeberin eine Stellungnahme zum Kündigungsgrund ein
(Urk. 7/
IV/24-25
)
und
verfügte am 10. Juni 2015 eine
Einstellung
in der Anspruchsberechtigung wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit für die Dauer von 23 Tagen (Urk. 7/
II/1
). Die dagegen am 4.
Juli
2015
unter Beilage
einer Ergänzung zum Arztzeugnis (
Urk.
7/III/2 S. 2)
und
einer
psychologischen
Beurteilung (
Urk.
7/III/3)
erhobene Einspra
che (Urk. 7/
I
I/2
) wies
die
Unia
Arbeitslosenkasse
– nachdem sie beim Versi
cherten eine zusätzliche Stellungnahme der behandeln
den
Psychologin ein
geholt hatte (
Urk.
7/III/1) –
mit
Einspracheentscheid
vom 23. Oktober 2015 ab
(
Urk. 2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 23. Oktober 2015 (
Urk.
2) erhob der Versicherte am 29. Oktober 2015 Beschwerde und beantragte,
es sei
die Schwere des Verschuldens als „leicht“ einzustufen und die Einstelltage auf ein Minimum zu reduzieren (
Urk.
1). Mit Beschwerdeantwort vom 1. Dezem
ber 2015
schloss
die Beschwerdegegnerin
auf
Abweisung der Beschwerde (Urk. 6
), wovon der Beschwerdeführer mit Verfügung vom 4. Dezember 2015 (
Urk.
9) in Kenntnis gesetzt wurde.
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Da der Streitwert
Fr.
20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwerde
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (
§
11
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
).
1.2
Gemäss
Art.
30 Abs.
1
lit
. a
des Bundesgesetzes über die obligatorische Ar
beitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (
AVIG
)
ist die versi
cherte Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie durch ei
genes Verschulden arbeitslos ist. Die Arbeitslosigkeit gilt insbesondere dann als selbst verschuldet, wenn die versicherte Person das Arbeitsverhältnis von sich aus aufgelöst hat, ohne dass ihr eine andere Stelle zugesichert war, es sei denn, dass ihr das Verbleiben an der Arbeitsstelle nic
ht zugemutet werden konnte (
Art.
44 Abs. 1
lit
.
b
der Verordnung über die obligatorische Arbeits
losenversicherung und die Insolvenzentschädigung,
AVIV).
1.3
Nach der Rechtsprechung
ist bei der Frage der Unzumutb
arkeit des Verblei
bens am
Arbeitsplatz ein strenger Mass
stab anzulegen (ARV 1989 Nr. 7 S. 89
E. 1a; vgl. auch Gerhards, Kommen
tar zum Arbeitslosenversicherungsgesetz, Band I, Bern und Stuttgart 1987, N. 14 zu Art. 30).
Ein schlechtes
Arbeits
klima
und Meinungsverschiedenheiten mit Vorgesetzten oder Arbeitskollegen können grundsätzlich keine Unzumutbarkeit der Fortführung de
s Arbeitsver
hältnisses begründen
. Belegt die versicherte Person allerdings durch ein ein
deutiges ärztliches Zeugnis (oder allenfalls durch andere geeignete Beweis
mittel), dass ihr die Weiterarbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich gewesen ist, ist grundsätzlich von einer Unzumutbarkeit aus ge
sundheitlichen Gründen auszugehen (BGE 124 V 234 E. 4b/
bb
; Urteil des Bundesgerichts 8C_943/2012 vom 13. März 2013 E. 2)
.
1.4
Die Dauer der Einstellung bemisst sich nach
dem Grad
des Verschuldens (
Art.
30
Abs.
3 AVIG) und beträgt 1 bis
15 Tage bei leichtem, 16 bis 30
Tage bei mittelschwerem und
31 bis 60
Tag
e bei schwerem Verschulden (Art
45
Abs.
3 AVIV).
Ein schweres Verschulden liegt nach
Art.
45
Abs.
4 AVIV vor, wenn die versi
cherte Person ohne entschuldbaren Grund eine zumutbare Arbeitsstelle ohne Zusicherung einer neuen Arbeitsstelle aufgegeben (
lit
. a) oder eine zu
mutbare Arbeit abgelehnt hat (
lit
. b). Bei Vorliegen eines entschuldbaren Grundes kann der Sanktionsrahmen des schweren Verschuldens
rechtspre
chungsgemäss
unterschritten werden. Unter einem entschuldbaren Grund im Sinne von
Art.
45
Abs.
4 AVIV ist demnach ein Grund zu verstehen, der das Verschulden leichter als schwer erscheinen lässt (BGE 130 V 125 E. 3.5).
2.
Strittig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer zu Recht für die Dauer von 2
3
Tagen in der Anspruchsberechtigung eingestellt wurde.
3.
3.1
Im
Kündigung
sschreiben
vom 26. Januar 2015 (
Urk.
7/I/4) nannte der Be
schwerdeführer keinen Kündigungsgrund. In der
undatierten
Stellungnahme zum Kündigungsgrund gegenüber der Arbeitslosenkasse (Urk.
7/III/4) gab
er
im Wesentlichen
an, er habe gekündigt, weil er es nicht mehr länger ausge
halten habe. Die Arbeitsbedingungen seien von Beginn an schwierig und belastend gewesen. Die Zielvorgaben betreffend die zu bearbeitenden Scha
densfälle pro Tag seien in quantitativer Hinsicht nach seiner Meinung sowie der Meinung der meisten Mitarbeitenden definitiv zu hoch angesetzt und somit unrealistisch gewesen. Er habe trotz allem versucht, die Zielvorgaben möglichst zu erfüllen, was aber sehr schwierig gewesen sei und sich zuneh
mend negativ auf seine körperliche und mentale Verfassung ausgewirkt habe. Zudem hätten die
Teamleiterin und ihre Stellvertreterin eine bedrü
ckende, negative
Büro
atmosphäre kreiert. Im Verlaufe des Januar 2015 habe sich die Situation betreffend den Erwartungsdruck und das Klima im Büro noch eine Spur zugespitzt, so dass er sich
während der Arbeit öfters unwohl gefühlt
habe. Er habe auch
schlecht geschlafen, unter Herzstechen gelitten und das B
üro teilweise zittrig verlassen
. Daraufhin habe er zur Kontrolle und Beratung einen Arzt aufgesucht. Nach reiflicher Überlegung habe er sich dann entschieden, zu kündigen. Er habe nicht länger ausharren und riskieren können, dass es ihm
noch
schlechter gehe
.
3.2
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Allgemeine Medizin, bestätigte mit
ä
rztli
chem Zeugnis vom 28. Januar 2015 (
Urk.
7/III/2), dass der Beschwerdeführer am s
elben Tag wegen gesundheitlicher
Beschwerden infolge schlechter Be
dingungen am Arbeitsplatz seine Sprechstunde aufgesucht habe. Diese Be
s
chwerden bestä
nden schon längere Zeit und hätten neulich zugekommen. Aufgrund der Situation habe sich der Beschwerdeführer veranlasst gesehen, das Arbeitsverhältnis zu beenden.
Am 1. Juli 2015 ergänzte
Dr.
A._
dieses Zeugnis mit dem Hinweis, laut dem Eintrag in der Krankengeschichte vom 28. Januar 2015 habe der Be
schwerdeführer eigene Lösungsvorschläge vorgebracht. Der Eintrag laute: „Der Pat. hat gekündigt und sucht neue Stelle. Begann mit
Fitnesszenter
“. Im Pro
z
edere sei damals vermerkt worden: Bestärkung des Patienten in den ei
genen Lösungsvorschlägen (
Urk.
7/III/2 S. 2).
3.3
Die Psychologin
lic
. phil.
B._
gab
in
der
psychologischen Beurtei
lung vom 30. Juni 2015 zuhanden des Beschwerdeführers (Urk. 7/III/3)
an
, dass dieser an der Sitzung vom 6. Januar 2015 über ver
stärkt negative und belastende Gedanken und körperliches Unwohlsein im Zusammenhang mit dem hohen Leistungsdruck und der schlechten Arbeits
atmosphäre an der Arbeitsstelle geklagt habe. Er habe nach dieser
Sitzung diverse Versuche unternommen, um die Situation
für ihn
zu verbessern und den Druck abzubauen und auszugleichen, was ihm aber nicht gelungen sei. Somit habe er sich gezwungen gesehen,
das Arbeitsverhältnis
aufgrund der anhaltenden starken Belastung zu beenden. Der Beschwerdeführer habe diese Entscheidung getroffen, um seine psychische und körperliche Gesundheit nicht weiter zu gefährden, was sie durchaus habe nachvollziehen und unter
stützen können.
3.4
Im Fragebog
en betreffend Auflösung des Arbeitsverhältnisses vom 9. Oktober 2015
(
Urk.
7/III/1)
gab die Psycholo
gin
lic
. phil.
B._
an
, dass der Beschwerdeführer seit dem 23. September 2013 bei ihr in Behandlung sei. Er habe sie am 24. Mai, 10. Juni, 21. Juli, 26. August,
2.
Oktober und 9.
Dezember 2014 sowie am 6. Januar 2015 aufgesucht und
ihr berichtet, wegen der Situation am Arbeitsplatz unter
negativen und belastenden Ge
danken, Schlafproblemen und allgemeinem körperlichem Unwohlsein
zu lei
den
. Sie habe dem Beschwerdeführer nicht zur Kündigung geraten, könne aber seine Entscheidung unterstützen, da er aufgrund der Arbeitssituation psychisch und körperlich belastet gewesen sei. Die Weiterführung des Ar
beitsverhältnisses hätte den psychischen und körperlichen Gesundheitszu
stand verschlimmert.
3.5
Die zuständige
„
Head
of
Human Resources
“
der
Arbeitgeberin
beantwortet
e
am
5
. Juni 2015
in einer
kurzen
E-Mail
die Fragen der Arbeitslosenkasse zu de
n Kündigungsumständen
(
Urk.
7/IV/24-25) unter Beilage einer am 10. Juni 2014 formulierten Zielvorgabe (
Urk.
7/IV/23). Sie gab an, keine Kenntnis von Spannungen zu haben und dass die vom Beschwerdeführer zu bearbeitenden Fälle im Vergleich mit anderen Mitarbeitern nicht an der oberen Grenze des Machbaren angesiedelt gewesen seien. Der Beschwerdeführer bestritt diese Angaben in seiner Einsprache vom 4. Juli 2015
(
Urk.
7/II/2)
.
4.
4.1
Mit
der
Kündigung vom 26. Januar 2015 per 30. April 2015 (
Urk.
7/I/4) löste
der
Beschwerdeführer von sich aus das Arbeitsverhältnis mit
Z._
auf
,
ohne dass er bereits eine neue Anstellung gefunden hätte
. Da
mit erfüllte er
grundsätzlich
den Tatbestand
der
selbstverschuldeten Arbeits
losigkeit im S
in
ne von Art. 30 Abs. 1
lit
. a AVIG.
Die Frage der Einstellung in der Anspruchsberechtigung beurteilt sich demgemäss danach, ob ein Ver
bleiben an der bisherigen Arbeitsstelle bis zum Auffinden einer neuen zu
mutbar gewesen wäre (vgl. vorstehend E. 1.
2-3
).
4.2
Ein ärztliches Zeugnis (oder
ein anderes
Beweismittel), das belegen würde, dass
dem Beschwerdeführer
die
Weiterarbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich gewesen ist,
liegt nicht vor. Die Psychologin
, bei welcher der Beschwerdeführer s
eit längerem regelmässig
in Behandlung stand
,
un
terstütz
t
e zwar den Entscheid, die Stelle zu kündigen
;
sie hatte
dem Be
schwerdeführer
aber nicht zu diesem Entscheid geraten
.
Der
berichterstat
tende
Allgemeinmediziner,
den der Beschwerdeführer einmalig nach Aus
spruch der Kündigung aufsuchte, gab lediglich
in unbestimmter Formulie
rung
wieder
, was der Beschwerdeführer
ihm damals berichtet hatte
.
Zudem wurde in keinem der eingereichten Arztzeugnisse eine Arbeitsunfähigkeit
(weder allgemein noch mit Bezug auf die Arbeit
in der
Zweigniederlassung Y._
de
r
Z._
)
attestiert oder eine krankheitswertige Diagnose gestellt
.
Vielmehr hat der Beschwerdeführer auch während der Kündigungsfrist klaglos gearbeitet (
Urk.
7/I/3
Ziff.
14).
Aus der knappen Stellungnahme der Arbeitgeberin, die
Angab,
keine Spannun
g
en
oder besonders hohe Arbeitsbelastung wahr
genommen zu ha
ben
-
was der Beschwerdeführer in seiner Einsprache bestritt
, ohne
jedoch das behauptete unerträgliche Arbeitsklima zu belegen -
kann ebenfalls keine Unzumutbarkeit abg
e
leitet werden.
Anzufügen bleibt
, dass ein schlechtes
Ar
beitsklima
grundsätzlich keine Unzumutbarkeit der Fortführung des Arbeits
verhältnisses zu begründen vermag (vgl. E. 1.3).
Zusammenfassend ist daher davon auszugehen, dass dem Beschwerdeführer ein Verbleib am Arbeitsplatz bis zum Antritt einer neuen Stelle
mit überwie
gender Wahrscheinlichkeit
zumutbar gewesen wäre, weshalb eine selbstver
schuldete Arbeitslosigkeit vorliegt und der Beschwerdeführer zu Recht in sei
ner Anspruchsberechtigung eingestellt wurde.
4.3
Zu überprüfen bleibt somit die Dauer der Einstellung
. Wurde – wie vorlie
gend – eine zumutbare Arbeitsstelle ohne Zusicherung einer
neuen aufgege
ben, gelangt
wie bereits erwähnt
grundsätzlich
Art. 45 Abs. 4 AVIV
zur An
wendung, der vom Vorliegen eines schweren Verschuldens ausgeht, wofür Art. 45 Abs. 3
lit
. c AVIV eine Einstellungsdauer von 31 bis 60 Tagen vor
sieht
(vgl. E. 1.4)
.
Die Beschwerdegegnerin hat der –
namentlich in
der Stel
lungnahme des Beschwerdeführers und
den Berichten der behandelnden Psy
chologin
dokumentierte
n
(vgl.
E. 3.1,
E. 3.3
und E. 3.4
)
–
subjektiv wahrge
nommenen
Belastungssituation
an
der Arbeitsstelle
Rechnung getragen, in
dem sie nicht von einem schweren Verschulden, sondern von einem mittle
ren Verschulden im mittleren Bereich ausg
ing
und eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung für 23 Tage verfügte.
Bei der Überprüfung der An
gemessenheit der verfügten Einstellungsdauer ist der Grundsatz zu beachten, dass das Sozialversicherungsgericht sei
n Ermessen nicht ohne triftige Ver
anlassung
,
wie beispielsweise ein im Verwaltungsverfahren noch unbeachtet gebliebener entschuldbarer Beweggrund
, an die Stelle desjenigen der Ver
waltung
setzen darf
(Urteil des Bundesgerichts C 23/07 vom
2.
Mai 2007
E. 2
).
Ein
solcher
triftiger Grund, weshalb von der
nachvollziehbar begründeten Ermessensausübung der Verwaltung abgewichen und – wie vom Beschwer
deführer verlangt – von einem leichten Verschulden auszugehen ist, ist nicht ersichtlich.
Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.