Decision ID: cbe2c8ca-bd65-4922-a7ce-c167b41519ef
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1956, war von 1993
bis August 2004 als Elektromon
teur/
Geschäftsführer für die A._
AG tätig gewesen (Urk.
7
/10). Im Feb
ruar 2006 meldete er sich unter Hinweis auf eine morbide Adipositas (BMI über 50 kg/m
2
) zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung an
und beantragte
die Ausrichtung
eine
r
Rente (Urk. 7
/1). Nach Durchführung des
Vorbescheidver
fahrens
wies sie das Leistungsbegehren des Versi
cherten mit Verfügung vom 7. März 2007 ab (Urk. 7
/14). Die gegen die
se
Verfügung erhobene Beschwerde hiess das hiesige G
ericht mit Urteil vom 16. Dezem
ber 2008
(Prozess IV.
2007
.0
0542
)
in dem Sinne gut, dass es die Sache zur Durchführung einer in
terdisziplinären medizinischen Abklärung und anschliessender Neuverfügung an die IV-Stelle zurückwies (Urk.
7
/22).
Nach Einholung diverser ärztlicher Bericht
e - insbesondere eines interdis
ziplinären Gutachtens des
Zentrums
B._
vom 4.
Dezem
ber 2010 (Urk. 7
/44) - wies die IV-Stelle das Leis
tungsbegehren des Versicherten
mit Verfügung vom 25. März 2011 erneut ab (Urk. 7/54
).
Die dagegen erhobene Beschwerde vom
5. Mai
201
1
(Urk.
7
/
55
) wurde
mit Urteil des hiesigen Gerichts vom
21
.
Februar
201
2
(Urk.
7
/
60
)
abge
wiesen
(Prozess IV.
2011
.
00474
).
Das
Bundesgericht
wies eine dagegen
erhobene Beschwerde
mit Urteil 8C_
372
/
2012
vom
13
.
Juni
201
3
ausgehend von einem Invaliditätsgrad von
31
%
ab
(Urk.
7
/
65
).
1.2
Am
1
.
Juni
201
4
(Urk.
7
/
76
) meldete sich der Versicherte unter Hinweis auf psy
chische wie allenfalls auch
somatische
Leiden (Unkonzentriertheit, kleiner Druck, Angststörung und Depression)
erneut bei der Invalidenversicherung zum
Leis
tungsbezug an.
Die IV-Stelle tätigte in der Folge Abklärungen in erwerblicher und medizinischer Hinsicht.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk
.
7
/
138
-139
und Urk.
7
/
143
)
wies
die IV-Stelle mit Verfügung vom
20
.
April
201
7
(Urk. 2) das Leistungsbegehren
ab
.
2.
Dagegen erhob der Versicherte am
22
.
Mai
2017 Beschwerde (Urk. 1) mit den An
trägen, es sei die Verfügung vom
20. April 2017
aufzuheben
und ihm eine ganze Rente zuzusprechen; eventualiter seien ergänzende medizinische Abklärungen (psychiatrisch-neuropsychologisches Gutachten)
anzuordnen. Zudem sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren
(S. 2).
Die IV-Stelle beantragte am
30
.
Juni
2017 (Urk.
6
) Abweisung der Beschwerde
,
was
dem Beschwerdeführer
am
7
.
Juli
2017 (Urk.
8
) zur Kenntnis gebracht wurde.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG]
). Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Rechtsprechungsgemäss ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (vgl.
BGE 139 V 547
E. 5,
131 V 49
E. 1.2,
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 1
8.
November 2015 E. 5.4).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausge
wiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3
der Verordnung über die Invalidenversicherung [
IVV
]
), so ist im Beschwerdeverfah
ren zu prüfen, ob im Sinne von
Art.
17 ATSG eine für den Rentenanspruch rele
vante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hinweis).
1.4
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Be
schwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arz
tes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versi
cherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärzt
lichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre leistungsabweisende Verfügung vom
20
.
April
201
7
(Urk.
2) damit, dass
zwar zweifellos eine gesundheitliche Ein
schränkung nachvollziehbar sei, diese jedoch durch psychosoziale Faktoren aus
gelöst und aufrechterhalten werde. Ohne diese Faktoren läge keine gesundheitli
che Einschränkung vor. Da kein invalidenversicherungsrechtlich
relevanter Ge
sundheitsschaden vorhanden sei, werde das Leistungsbegehren abgewiesen (S. 2).
2.2
Der Beschwerdeführer
stellte sich in
seiner Beschwerde vom 22. Mai
201
7 (Urk.
1) auf den Standpunkt,
dass die depressive Störung wohl auf dem Boden psychoso
zialer Faktoren entstanden sei, mittlerweile aber eine verselbständigte, andau
ernde Depression im fachmedizinischen Sinne sei, mithin eine verselbständigte Störung, die nicht allein durch soziokulturelle und psychosoziale Belastungsfak
toren bedingt sei. Ihm sei somit eine ganze Rente zuzusprechen (vgl. S. 7-11
).
Weiter brachte er vor, dass
ihm
aufgrund seines fortgeschrittenen Alters sowie seiner körperlichen und psychischen Einschränkungen auch bei einer allfälligen teilweisen Erwerbsfähigkeit eine
ganze Rente zuzusprechen sei, da von keiner Verwertbarkeit einer (Rest-) Arbeitsfähigkeit auszugehen sei (S. 11 f.). Ferner be
antragte er ergänzende medizinische Abklärungen (psychiatrisch-neuropsycho
logisches Gutachten), falls ihm das Gericht keine ganze Rente zuspr
e
ch
e
(S. 12).
2.3
Umstritten ist vorliegend, ob
dem Beschwerdeführer
nach der Neuanmeldung auf
grund einer allfälligen Verschlechterung
seines
Gesundheitszustandes nunm
ehr eine Invalidenrente zusteht.
Vorliegend sind die aktuellen Verhältnisse zu vergleichen mit denjenigen, wie sie sich im Zeitpunkt des Erlass
es der Verfügung
vom 25. März 2011 (Urk.
7/54)
ge
zeigt haben.
3.
Das
Bundesgericht
stützte sich in seinem Urteil
8C_372/2012
vom
13. Juni
2013 (Urk. 7/65)
über den bezüglich der Verfügung der Beschwerdegegnerin
vom
25. März 2011 (Urk. 7/54)
zu beurteilenden Leistungsanspruch
nach erfolgter Auseinandersetzung mit den medizinischen Unterlagen
in erster Linie auf
das interdisziplinäre Gutachten des Zentrums
B._
vom 4. Dezember 2010 (Urk. 7/44) ab
(vgl. Urk. 7/65
E.
3
).
Die Gutachter des
B._
ste
llten in ihrem Gutachten
keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit.
Aus psychiatrischer Sicht stellten sie überhaupt keine Diagnose, weder eine Diagnose mit noch ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähig
keit (vgl. Urk. 7/44 S. 24).
Keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hat ihrer Auf
fassung nach insbe
sondere die von ihnen diag
nostizierte morbide Adipositas.
Die Gutachter
hielten fest, dass der Beschwerdeführer unter Berücksichtigung aller Gegebenheiten und Befunde aus interdisziplinärer Si
cht in seiner Arbeits- und Leis
tungsfähigkeit nicht eingeschränkt sei. In d
er zuletzt ausgeübten Erwerbstä
tig
keit als Elektriker respektive Geschäftsführer sei
der Beschwerdeführer als zu 100
% arbeitsfähig einzustufen. Seinem al
lgemeinen Leistungsspektrum ent
spre
chend sei er auch für alle Verweistätigkei
ten ohne repetitives Gewicht
he
ben über 20
kg respektive monotone Arbeitsste
llungen in flektierter LWS-Stellung zu
100
% arbeitsfähig. Das aktuell ermittelte Belastungspro
fil gelte ab sofort. Auch retro
spektiv habe zu keinem Zeitpunkt ein Gesundheitsschaden bestanden, der eine dauerhafte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit hätte begründen können (
S.
28
f.).
Das Bundesgericht erwog
in
seinem
Urteil vom
13
.
Juni
201
3
, dass
bezüglich des somatischen Leidens die Sachverhaltsfeststellung des hiesigen Gerichts im Urteil vom 21. Februar 2012 im Prozess IV.2011.00474
(Urk.
7/
60
), wonach
es sich auf das
B._
-Gutachten stütze und
dem Beschwerdeführer sämtliche
Tätigkeiten ohne repetitives Gewichtheben über 20
kg respektive monotone Arbeitshaltungen in flektierter
LWS
-Stellung vollzeitig zumutbar s
eien
, nicht offensichtlich unrich
tig oder bundesrechtsverletzend und mithin für das Bundesgericht bindend
sei
(
Urk. 7/
65
E. 3.
1 f.
). Ebenso wenig beanstandete das Bundesgericht bezüglich des psychischen Leidens das Abstellen des hiesigen Gerichts auf das
B._
-Gutachten
und
schloss
, dass aus psychischer Hinsicht ein
invalidenversicherungsrechtlich
relevanter Gesundheitsschaden nicht erstellt
sei (
Urk. 7/
65
E. 3.3)
.
Es stellte zu
sammenfassend fest, dass
die Adipositas weder körperliche noch geistige Schäden verursacht
habe,
noch Folge eines bereits bestehend
en Gesundheitsschadens dar
stelle
und eine vollständige Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit gege
ben
sei (
Urk. 7/
65
E. 3.4)
.
4.
4.1
Die rentenabweisende Verfügung vom
20. April 2017
(Urk.
2) beruhte
im We
sentlichen
auf nachstehenden medizinischen Unterlagen.
4.2
Dr.
C._
und
Dr
.
D._
,
Facharzt
für Psychiatrie und Psy
chotherapie,
vom Zentrum
E._
, wo sich der Beschwerdeführer
seit dem 27. August 2012
in ambulanter Behandlung
befand, nannten in ihrem
Bericht
vom
25
.
Juli
201
4
(Urk.
7
/
82)
als
Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
eine
c
hronifizierte
depressive Störung
mit gegenwärtig schwerer Episode
(S. 1). Sie
führten aus, der Beschwer
deführer sei in seiner zuletzt ausgeübten Tätigkeit als gelernter Elektriker
sowie ebenfalls in einer angepassten Tätigkeit
seit 27. August 2012 bis auf Weiteres zu 100 % arbeitsunfähig (S. 3).
4.3
Der behandelnde Dr.
F._
, Facharzt für Allgemeinmedizin, nannte in sei
nem Bericht vom 10. Juni 2014 (Urk. 7/112/7-10)
als
Diagnose
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit seit mindestens 2008 bestehende rezidivierende schwere depressive Episode
n
(
ICD-10 F33.1; vgl.
S.
1). Er führte aus, der Beschwerdeführer sei in seiner zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Elektriker bis auf Weiteres zu 100 %
arbeitsunfähig. Mit Bericht vom 1. Februar 2016 (Urk. 7/122) bestätigte Dr.
F._
seine Einschätzung.
4.
4
Oberarzt Dr.
G._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und Assis
tenzarzt Dr.
H._
von der
Universitätsklinik
I._
, wo sich der Beschwerdeführer
verschiedentlich
stationär, teilstationär so
wie
im stationsersetzenden Setting «Home Treatment» ambulant behandeln liess, nannten in ihrem Bericht vom 20. September 2016 (Urk. 7/136) folgende Diag
nosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(S.
2
):
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode (ICD-10 F32.2); seit circa 2004
-
Anpassungsstörung mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialver
halten nach Trennung von seiner ersten Ehefrau auf dem Boden einer
-
Narzisstischen Persönlichkeitsakzentuierung (ICD-10 F60.9).
Zudem nannten sie
unter anderem
folgende Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 2):
-
Psychische- und Verhaltensstörungen durch Alkohol, schädlicher Ge
brauch (ICD-10 F10.1)
-
Aktenanamnestisch: Psychische- und Verhaltensstörungen durch Seda
tiva oder Hypnotika; Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F13.2); derzeit abs
tinent
Dr.
G._
und Dr.
H._
führten aus, die Prognose erscheine bei einem mehr als zehnjährigen Krankheitsverlauf mit gradueller Verschlechterung des psychischen wie sozialen Zustandes als ungünstig. Es habe für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Elektriker eine Arbeitsunfähigkeit zu 100 % vom 15. Juni bis 22. Juli 2016 bestanden (S. 5). Eine Arbeitsabklärung sei während der Behandlung nicht durch
geführt worden, weshalb keine Aussage über eine behinderungsangepasste Tätig
keit getroffen werden könne (S. 6). Aufgrund der Schwere der Erkrankung bei chronischer Verlaufsnorm und bereits vielen
frustran
verlaufenen Therapieversu
chen erscheine eine Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit nicht gegeben. Sie empfahlen daher eine Berentung durch die Invalidenversicherung, um den schwer kranken Beschwerdeführer vom ökonomischen Druck zu entlasten und ihm so die Möglichkeit zu geben, sich mit Hilfe intensive
r
psychiatrische
r
und psycho
therapeutischer Betreuung einer Verbesserung des krankheitsbedingten Leidens zu widmen (S. 7).
4.5
In seiner Stellungnah
me
vom 30. November 2016 (Urk. 7/137 S. 6 f.)
führte Dr.
J._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurolo
gie, vom Regional
en
Ä
rztlichen Dienst (RAD) auf Anfrage der Beschwerdegegne
rin aus,
aus psychiatrischer Sicht ergäben sich keine Hinweise, an der Konsistenz der Befunde der
I._
zu zweifeln. Psychosoziale Belastungen bestünden in er
heblicher Form. Allerdings bestehe eine krankheitsbedingte Unfähigkeit zur Be
sorgung der eigenen finanziellen Angelegenheiten. Diagnosebezogene funktio
nale Einschränkungen seien bezüglich Konzentration, Antrieb, Gedächtnisfunk
tionen sowie Umstellungsfähigkeit, Durchhalte- und Selbstbehauptungsfähigkeit anzunehmen. Weitere somatische Einschränkungen ergäben sich aufgrund der ausgeprägten Adipositas. Eine Arbeitsfähigkeit als Elektriker sei nicht mehr ge
geben. Es könne von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit ab August 2012 ausge
gangen werden. Ein positives berufliches Belastungsprofil könne aufgrund des bislang therapieresistenten und instabilen Gesundheitszustands nicht formuliert werden. Allenfalls wäre eine geringe Arbeitsfähigkeit in einem geschützten Rah
men denkbar (S. 6). Eine adäquate medikamentöse Behandlung finde statt. Eben
falls nehme der Beschwerdeführer mittlerweile das Angebot des Home-Treat
ments der
I._
in Anspruch und es bestehe eine fürsorgliche Beistandschaft.
Er erscheine
krankheitsbedingt nicht in der Lage, Therapieangebote positiv
für sich zu nutzen. Eine
Schadenminderungspflichta
uflage
könne
aus medizinischer Sicht daher nicht empfohlen werden
(S. 7)
.
5
.
Sowohl die
Ärzte
der
E._
(E. 4.2)
,
der
I._
(E.
4.4
sowie
auch Urk. 7/107, Urk. 7/125 und Urk. 7/134
)
als auch
Dr.
F._
(E. 4.3) diagnostizierten beim Be
schwerdeführer – im Gegensatz zu den
B._
-Gutachtern
,
deren Gutachten
der Verfügung vom 25. März 2011 zugrunde lag
(E.
3
) – einhellig eine depressive Störung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit.
RAD-Arzt Dr.
J._
schloss sich dieser Einschätzung ebenfalls an
(E.
4.5)
. Damit steht fest
, dass sich der Ge
sundheitszustand
des
Beschwerdefüh
rers seit der ursprünglich ren
t
enabweisen
den Verfügung vom 25. März 2011
in einer sich auf die Arbeitsfähigkeit auswir
kenden Weise
verändert hat
.
Davon ist unbe
strittenermassen
auszugehen
(Urk. 2 S. 1).
Im Folgenden ist
daher zu überprüfen, ob der In
validitätsgrad aufgrund des verschlechterten Gesundheitszustandes seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung eine Veränderung erfahren hat
und namentlich, ob der psychischen Erkrankung eine IV-rechtlich relevante Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu
zuerkennen ist.
6.
6.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre leistu
ngsabweisende Verfügung vom 20.
April 2017 (Urk.
2) damit, dass
die
gesundheitliche Einschränkung durch psy
chosoziale Faktoren
wie Schulden, Scheidung, Pfändung des Hauses und de
n
Ver
lust des Führerscheins
ausgelöst
sowie
aufrechterhalten we
rde und
o
hne diese Faktoren keine gesundheitliche
n
Einschränkung
en
vor
lägen
(S.
1 f.
).
Weder die
Einschätzung der
Ä
rzte vom
E._
,
der
I._
noch
jene
des
RAD-Arztes Dr.
J._
stützen die Ansicht der
Beschwerdegegnerin, wonach sich die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkenden Leistungseinschränkungen des Beschwerde
führers in rein psychosozialen Belastungsfaktoren erschöpfen (E. 4.2-4.5). Es
ist
zwar
zutreffend
, dass
sich
in den vorliegenden medizinischen Unterlagen
durch
gehend Hinweise auf
psychosoziale Belastungsf
aktoren
finden
(Urk. 7/82 S.
2 f.
,
Urk.
7/
107 S. 1 und S. 4 f., Urk. 7/125 S. 1 f. und S. 4, Urk. 7/134 S. 4, Urk. 7/136 S. 3 f.
)
,
kein einziger Arzt äussert
e
sich jedoch
ausdrücklich dahingehend, dass
Leistungseinschränkungen
allein
auf diese
psychosoziale
Belastungsfaktoren zu
rückzuführen wären. Von den Ärzten vom
E._
wird eine «
chronifizierte
» de
pressive Störung diagnostiziert (E. 4.2) und die Fachärzte
von der
I._
gehen von einer graduellen Verschlechterung des psychischen Zustandes bei einem mehr als zehnjährigen Krankheitsverlauf aus
mit chronischer Verlaufs
for
m und bereits vie
len
frustran
verlaufenen Therapieversuchen (E. 4.4)
.
Ebenso wenig lässt sich eine solche Einschätzung aus der Stellungnahme
von
Dr.
J._
ersehen
.
Dieser stellte lediglich fest, dass
psychosoziale Belastungen in erheblicher Form bestünden, aber er stellte auch klar, dass
eine
krankheitsbedingte Unfähigkeit hinsichtlich der Besorgung der finanziellen Angelegenheiten bestehe
(vgl. E. 4.5).
Weiter läss
t
sich seiner Stellungnahme entnehmen, dass s
ich ein positives berufliches
Belas
tungsprofil aufgrund des bislang therapieresistenten und instabilen Gesundheits
zustands nicht formulier
en
lässt
und
er
lediglich
eine geringe Arbeitsfähigkeit in einem geschützten Rahmen
in Erwägung zog
.
So sah er
den Beschwerdeführer
krankheitsbedingt nicht in der Lage, Therapieangebote positiv für sich zu nutzen
.
Inwieweit rein
psychosoziale Belastungsfaktoren
eine Rolle spielen,
lässt sich sei
ner Stellungnahme nicht entnehmen. Die
in der Stellungnahme 19. April 2017 (Urk.
7/144 S. 3) des Kundenberaters
der Be
schwerdegegnerin notierte Bemerkung, dass auch der RAD die Aussage stütze, dass der schlechte Gesundheitszustand des Beschwerdeführers durch psychoso
ziale Faktoren ausgelöst sei,
lässt sich
nicht
halt
en
. So finde
t
sich in den Unter
lagen keine vom RAD erstellte Stellungnahme, welche diese Aussage stützt. Fer
ner
liess sich der Beschwerdeführer
seit 2014
mehrfach stationär behandeln, ist grundsätzlich medikamentös eingestellt
,
äusserte mehrfach glaubhaft Suizidge
danken
und ist seit Mai 2015 verbeiständet
(
E. 4.4,
Urk. 7/136 S.
4
und
Urk. 7/115
).
Diese Umstände können
Anhaltspunkte sein für eine
allfällige
Ver
selbständigung de
s
psychischen Leiden
s
unabhängig von
auslösenden
psychoso
zialen Belastungsfaktoren.
6.2
Zusammenfassend
ist festzuhalten
, dass aus den vorliegenden medizinischen Un
terlagen nicht hervorgeht, ob
die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkenden Leis
tungseinschränkungen
des Beschwerdeführers
auf rein psychosoziale Belastungs
faktoren zurückzuführen sind oder ob diese in der psychischen Erkrankung des Beschwerdeführers gründen
.
Es liegen damit keine
genüglichen
medizinischen Unterlagen vor, welche es erlauben, über den Leistungsanspruch des Beschwer
deführers abschliessend zu
entscheiden.
Es rechtfertigt sich daher, die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweis
en, damit sie ein
Gutachten einhole, das die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit unter
Berücksichtigung der somatischen Lei
den
– so waren diese bei der ursprünglichen rentenabweisenden Verfügung aus
schlaggebend für das Ergebnis eines errechneten Invaliditätsgrades von 31 % (vgl. E. 3) –
erlaubt. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen und die angefochtene Verfügung vom
20
.
April
201
7
aufzuheben.
Dabei ist darauf hinzuweisen, dass
gemäss BGE
143 V 418 grundsätzlich sämtli
che psychischen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 zu unterzie
hen sind (Änderung der Rechtsprechung). Für die Beurteilung der
Arbeitsfä
higkeit sind somit systematisierte Indikatoren beachtlic
h, die es – unter Berück
sichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensa
tionspotentialen (Ressourcen) andererseits – erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1).
Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die
funktionellen
Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindika
toren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrschein
lichkeit nachgewie
sen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versi
cherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Diese Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxis
änderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden (Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1 mit Hinweisen).
Das erforderliche Gut
achten wie auch die Bes
chwerdegegnerin werden sich dem
nach auch mit den nunmehr massgebenden
Standardindikatoren auseinander
setzen zu haben. Dabei ist vorliegend insbesondere zu beachten, dass im Rahmen des strukturierten Be
weisverfahrens davon abzusehen ist, einzelne Beschwerden und Störungen ohne
Einzelfallprüfung wegen gr
undsätzlich fehlender invaliden
versicherungsrechtli
cher Relevanz auszu
scheiden (vgl. BGE 143 V 418 E.
8.1). Indes gilt unverändert, dass ein invalidisieren
der psychischer Gesundheitsscha
den nur gegeben sein kann, wenn das klinische Beschwerdebild nicht einzig in psychosozialen und so
ziokulturellen Umständen seine Erklärung findet, sondern davon psychiatrisch unterscheidbare Befunde umfasst (Urteil des Bundesgerichts
9C_732/2017 vom 5. März 2018 E.
4.3.1 mit Hinweis).
7.
7.1
Bei diesem Er
gebnis
erweist sich das Gesuch des Beschwerdeführers um unent
geltliche
Prozessführung
als gegenstandslos.
7
.2
I
m vorliegenden Verfahren
geht es
um die Bewilligung oder Verweigerung von Leistungen,
weshalb
das Verfahren kostenpflichtig
ist
. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und ermessensweise auf Fr.
1’0
00.-- anzusetzen. Entspre
chend dem Ausgang des Verfahrens sind sie von der unterliegenden Beschwer
degegnerin zu tragen.