Decision ID: cc3fa073-b177-4da2-bed9-c58069d12cc0
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Das kantonale Steueramt Zürich meldete der Ausgleichskasse
medisuisse
am 11. Oktober 2013 für das Steuerjahr 2009 ein Einkommen von
Dr.
med.
X._
aus selbständiger Erwerbstätigkeit im Betrag von Fr. 680‘763.-- (
Urk.
9/1) und für das Steuerjahr 2010 von Fr. 1‘226‘358.-- (Urk. 9/2). Mit Ver
fügungen vom 7. November 2013 setzte die Ausgleichskasse die persönlichen Beiträge (inkl. Verwaltungskosten) von
Dr.
X._
für die Beitragsjahre 2009 und 2010 fest. Ausgehend vom gemeldeten Einkommen im Jahr 2009 von Fr. 680‘763.-- und unter Aufrechnung der persönlichen Beiträge von Fr. 71‘461.30 erhob die Ausgleichskasse für das Jahr 2009 persönliche Beiträge von Fr. 71‘458.80 und Verwaltungskosten von Fr. 285.60 (Urk. 9/3). Ausgehend vom gemeldeten Einkommen im Jahr 2010 von Fr. 1‘226‘358.-- und unter Aufrechnung der persönlichen Beiträge von Fr. 128‘733.70 erhob die
Aus
gleichskasse
für das Jahr 2010 persönliche Beiträge von Fr. 128‘725.20 und Verwaltungskosten von Fr. 514.80 (Urk. 9/4).
Die von Dr.
X._
am
6. Dezember 2013
erhobene Einsprache
(
Urk. 9/6; vgl. auch Urk. 9/7 und Urk. 9/9
)
gegen beide Verfügungen vom 7. November 2013 wies die
Aus
gleichskasse
m
it Entscheid vom 20. März 2015
ab (Urk. 2 [= Urk. 9/10])
.
2.
Dagegen erhoben Dr.
X._
und seine Ehefrau
Y._
am 14. April 2015 Beschwerde und beantragten, der angefochtene Entscheid sei aufzu
h
eben und die Sache sei zur Neubeurteilung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen; eventuell sei für das Jahr 2009 von einem beitragspflichtigen Einkommen von Fr. 418‘434.-- und für das Jahr 2010 von einem beitrags
pflichtigen Einkommen von Fr. 632‘000.-- auszugehen (Urk. 1). Mit
Beschwer
deantwort
vom 22. Juni 2015 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abwei
sung der Beschwerde (Urk. 8). Am 1. Juli 2015 reichten die Beschwerdeführer eine Stellungnahme ein (Urk. 11), welche der Beschwerdegegnerin am 2. Juli 2015 zur Kenntnisnahme zugestellt wurde (Urk. 12). Mit Eingabe vom 19. August 2015 (Urk. 13) reichten die Beschwerdeführer diverse Unterlagen zu den Akten (Urk. 14/1-9). Die
besagte
Eingabe wurde der Beschwerdegegnerin samt Beilagen
am 20. August 2015
zur
Kenntnisnahme zugestellt
(Urk. 15).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Versicherten (vgl.
Art.
1a des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinter
-
las
senenversicherung
, AHVG) sind beitragspflichtig, solange sie eine
Erwerbs
-
tätigkeit
ausüben. Für Nichterwerbstätige beginnt die Beitragspflicht am
1.
Ja
-
nuar
nach Vollendung des 2
0.
Altersjahres und dauert bis zum Ende des Monats, in welchem Frauen das 6
4.
und Männer das 6
5.
Altersjahr vollendet haben (
Art.
3
Abs.
1 AHVG). Die eigenen Beiträge eines nichterwerbstätigen Ehegatten gelten als bezahlt, sofern der Ehegatte Beiträge von mindestens der doppelten Höhe des Mindestbeitrages bezahlt hat (
Art.
3
Abs.
3
lit
. a AHVG). Die Beitragspflicht der Versicherten ist demnach individuell. Entsprechend wer
den auch für jeden beitragspflichtigen Versicherten individuelle Konten geführt, in welche die für die Berechnung der ordentlichen Renten erforderlichen Anga
ben eingetragen werden, insbesondere die Erwerbseinkommen auf denen der Arbeitgeber bzw. der
Selbständigerwerbende
bzw. der als Nichterwerbstätiger Beitragspflichtige Beiträge bezahlt hat (
Art.
30
ter
AHVG).
1.2
Vom Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit werden Beiträge erhoben (Art. 3 f. und 8 f.
AHVG
;
Art.
2 und 3 des Bundesgesetzes über die IV [IVG]; Art. 26 und 27 des Bundesgesetzes über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft [EOG]).
Art.
9
Abs.
2 AHVG umschreibt die Abzüge, die vom rohen Einkommen für die Ermittlung des beitragspflichtigen Einkommens aus selbständiger Erwerbstätigkeit vorgenommen werden.
Hierzu zählen unter anderen die zur Erzielung des rohen Einkommens erforderlichen
Gewinnungs
kosten
(
lit
. a) und die eingetretenen und verbuchten Geschäftsverluste (
lit
. c).
Das Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit und das im Betrieb einge
setzte eigene Kapital werden von den kantonalen Steuerbehörden ermittelt und den Ausgleichskassen gemeldet (
Art.
9
Abs.
3 AHVG). Gemäss der seit dem
1.
Januar 2012 geltenden Fassung von Art. 9 Abs. 4 AHVG (Verbesserung der Durchführung; AS 2011 4745;
BBl
2011 543) sind die steuerrechtlich zulässigen Abzüge der Beiträge von den Ausgleichskassen zum von den Steuerbehörden gemeldeten Einkommen hinzuzurechnen. Das gemeldete Einkommen ist dabei nach Massgabe der geltenden Beitragssätze auf 100
%
aufzurechnen.
1.
3
Nach
Art.
23
Abs.
1 der Verordnung über die Alters- und Hinterlassenen
-
versiche
rung
(AHVV) obliegt es in der Regel den Steuerbehörden, das für die Bemessung der Beiträge
Selbständigerwerbender
massgebende
Erwerbseinkom
-
men
aufgrund der rechtskräftigen Veranlagung für die direkte Bundessteuer und
das im Betrieb investierte Eigenkapital aufgrund der entspre
chenden rechtskräftigen kantonalen Veranlagung unter Berücksichtigung der
interkan
-
tonalen Repartitionswerte zu ermitteln. Die Angaben der Steuerbehör
den hier
-
über sind für die Ausgleichskassen verbindlich (
Art.
23
Abs.
4 AHVV).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog im angefochtenen Entscheid zusammengefasst (Urk. 2), eine Verlustverrechnung des Einkommens aus selbständiger Erwerbstä
tigkeit des Beschwerdeführers mit dem steuerlich veranlagten Verlust aus der selbständigen Erwerbstätigkeit seiner Ehefrau sei nicht möglich. Es lägen zwei eigenständige Einzelunternehmen vor, einerseits eine Arztpraxis, andererseits ein Reitsportzentrum. Eine gemeinsame Betrachtung komme nicht in Frage. Die Steuerverwaltung des Kantons Zürich habe zudem bestätigt, dass der Gewinn aus der Arztpraxis und der Verlust des Reitsportzentrums separat deklariert würden und dass eine Verrechnung nicht möglich sei, da es sich um eigenstän
dige Unternehmen handle.
2.2
Demgegenüber machten die Beschwerdeführer in der Beschwerde vom 14. April 2015 im Wesentlichen geltend (Urk. 1), die Beschwerdeführerin könne nur als
Selbständigerwerbende
qualifiziert werden. Die rückwirkend ohne Verfügung ergangene Aufhebung ihrer Beitragspflicht als
Selbständigerwerbende
per 1. Januar 2009 sei ungültig, da sie rechtswidrig sei. In den Berechnungsmittei
lungen vom 24. April 2013 für die Steuerperioden 2009 und 2010 habe das kantonale Steueramt dem Gewinn des Beschwerdeführers den Verlust der Beschwerdeführerin gegenübergestellt. Auf diese rechtskräftig festgelegten steu
erlichen Veranlagungswerte sei abzustellen.
2.3
Dagegen führte die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vom 22. Juni 2015 aus, die Wiederaufnahme der Beschwerdeführerin als Selbständi
gerwerbende durch die SVA Zürich würde nichts an der Tatsache ändern, dass es sich um eigenständige Unternehmen handle und deshalb eine
Verlustver
rechnung
zwischen den beiden Einzelunternehmen nicht vorgenommen werden könne (Urk. 8).
2.4
Die Beschwerdeführer vertraten in der Stellungnahme vom 1. Juli 2015 nach wie vor die Ansicht, dass einer solchen Verlustverrechnung nichts entgegen
stehe (Urk. 11).
3.
3.1
Vorab ist festzuhalten, dass Anfechtungsgegenstand (
Urk.
2) die persönlichen Beiträge des Beschwerdeführers – und nicht der Beschwerdeführerin - für die Perioden 2009 und 2010 sind. In welcher Form die Beschwerdeführerin ihrer Beitragspflicht (
Art.
3 AHVG) nachkommen muss, ist nicht Gegenstand des vor
liegenden Verfahrens.
3.
2
Unbestritten und ausgewiesen ist, dass der Beschwerdeführer eine selbständige Erwerbstätigkeit als Arzt (Einzelunternehmen, nicht im Handelsregister einge
tragen) ausübt. Die Beschwerdeführerin und Ehefrau des Beschwerdeführers ist in der Arztpraxis ihres Ehemannes angestellt und entrichtet als unselbständig Erwerbende AHV-Beiträge (vgl. z.B. Ur
k. 1 S. 4 und S. 11
und Urk. 14/1-9).
Daneben
betreibt die Beschwerdeführerin ein Einzelunternehmen, welches im Handelsregister unter dem Firmennamen „
Z._
“ mit dem Zweck „Betrieb eines Reitsportzentrums, Pensionsstall, Reitstall, Reit
stunden, Pferdezucht und Handel“ eingetragen ist. Sie ist alleinige Inhaberin mit Einzelzeichnungsberechtigung (Urk. 16). Die Parteien sind sich einig, dass es sich dabei um eine selbständige Erwerbstätigkeit handelt und dass die Arztpra
xis und das Reitsportzentrum eigenständige Einzelunternehmen sind (Urk. 1 S. 4 und S. 10 und Urk. 8 S. 2). Die Eigenständigkeit der beiden Einzelunternehmen erweist sich sodann als
offensichtlich
ausgewiesen.
Streitig und zu prüfen ist einzig, ob eine Verrechnung des Verlusts der Beschwerdeführerin (aus dem Betrieb des Reitsportzentrums) mit dem Gewinn des Beschwerdeführers (aus dem Betrieb der Arztpraxis) zulässig ist oder nicht.
3.
3
Die Steuerbehörde akzeptierte die gegenseitige Verrechnung unter den Ehegat
ten
und besteuerte diese in den Berechnungsmitteilungen vom 24. April 2013 über die direkte Bundessteuer 2009 (Urk. 3/7) und die Staats- und Gemeinde
steuern 2010 (Urk. 3/8) gemeinsam, was Art. 9 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer (DBG)
entspricht
(vgl. aber auch die Rechtsprechung des Bundesgerichts zur Abgrenzung zwischen selbständiger Erwerbstätigkeit und Liebhaberei im Urteil
2A.46/2005
vom 31. August 2005 E. 2.2 mit Hinwei
sen). Aus dem Umstand, dass die Steuerbehörde die gegenseitige Verrechnung akzeptierte, lässt sich für die AHV-Beitragspflicht indes nichts ableiten. Es trifft nicht zu, dass bei der „Festlegung der Beitragspflicht das gesamte steuerliche Veranlagungskonzept zu übernehmen“ wäre (Urk. 11 S. 5). Bei der Festlegung des AHV-rechtlich massgebenden Einkommens aus selbständiger Erwerbstätig
keit ist prinzipiell von einer eigenständigen AHV-rechtlichen Betrachtungsweise auszugehen (Ueli
Kieser
, in: Ulrich Meyer [Hrsg.], Schweizerisches
Bundesver
waltungsrecht
, Band XIV, Soziale Sicherheit, 3. Aufl., Basel 2016, S. 1269
N 221). Dabei ist Art. 9 Abs. 1 DBG (Zusammenrechnung der Einkommen
der Ehegatten) nicht massgebend
; in der AHV gilt das Prinzip der
Individualversi
cherung
(vgl. E. 1.1)
. Dies erkannte auch das Steueramt, welches der
Beschwer
degegnerin
für die Jahre 2009 und 2010 das ausschliesslich vom Beschwerde
führer erzielte Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit – ohne Verrech
nung mit dem Verlust aus der Tätigkeit der Beschwerdeführerin – meldete (Mel
dungen vom 11. Oktober 2013 [Urk. 9/1-2]). Eine Bindung der
Beschwerdegeg
nerin
bestand einzig in Bezug auf diese Meldungen (E. 1.
3
).
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführer (Stellungnahme vom 1. Jul
i 2015 [Urk. 11 S. 3-5]) ist
demnach
Art. 18 Abs. 1 AHVV
nicht anwendbar.
Art. 18 Abs. 1 AHVV
besagt, dass d
ie Geschäftsverluste nach Artikel 9 Absatz 2 Buch
stabe c AHVG abgezogen werden
können
, wenn sie im jeweiligen und dem unmittelbar vorangegangenen Beitragsjahr eingetreten und verbucht worden sind.
Die Verrechnungsmöglichkeit bezieht sich einzig auf Geschäftsverluste aus eigener Erwerbstätigkeit und ni
cht auf solche des Ehepartners.
Eine
Verlustver
rechnung
käme
theoretisch
daher einzig im Verhältnis der beiden von der Beschwerdeführerin ausgeübten Tätigkeiten in Frage. Ob ein Verlust aus einer nebenberuflich ausgeübten selbständigen Tätigkeit mit dem Einkommen aus der unselbständigen Haupterwerbstätigkeit verrechenbar ist, wurde höchstrichterlich allerdings noch nicht entschieden (Ueli
Kieser
, a.a.O., S. 174 N 238) und ist hier nicht zu prüfen.
3.4
Nach dem Gesagten erweist sich die Beschwerde als unbegründet, weshalb sie abzuweisen ist.
4.
Das Verfahren ist kostenlos.