Decision ID: c9441d4e-2107-51b7-9492-239132ffdb0c
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sudanesischer Staatsangehöriger – verliess
sein Heimatland gemäss eigenen Angaben im Mai oder Juni 2015 und hielt
sich zwischen Mitte 2019 bis zum 15. Januar 2022 in Malta auf. Am 23. Ja-
nuar 2022 gelangte er über Italien illegal in die Schweiz, wo er gleichentags
um Asyl nachsuchte.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 2. Oktober 2019 in
Malta ein Asylgesuch gestellt hatte.
C.
Am 27. Januar 2022 fand die Personalienaufnahme (PA) statt. Am 8. Feb-
ruar 2022 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer im Rahmen des Dub-
lin-Gesprächs vom 8. Februar 2022 das rechtliche Gehör zu einem allfälli-
gen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach
Malta, welches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung des Asylge-
suchs zuständig sei. Dabei bestritt der Beschwerdeführer die grundsätzli-
che Zuständigkeit Maltas nicht. Er machte geltend, in Malta aufgrund der
Teilnahme an einer Demonstration im (Flüchtlings-)Camp verhaftet worden
zu sein und deswegen grundlos für ein Jahr und fünf Monate im Zentralge-
fängnis, in einem kleinen Raum mit vierzehn anderen Inhaftierten, inhaftiert
gewesen zu sein. Er sei ausserdem krank und habe in Malta keine medizi-
nische Versorgung erhalten. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis sei
er in einem Camp untergebracht worden und habe finanzielle Unterstüt-
zung in Höhe von 130 Euro im Monat erhalten. Die maltesischen Behörden
sollen ihm mitgeteilt haben, dass er aufgrund seiner Teilnahme an der De-
monstration und als Sudanese keinen Asylentscheid erhalte. Die örtlichen
Behörden hätten ihm zudem ein Dokument ausgestellt, welches ihm die
Bewegungsfreiheit im Land ermöglichte. In gesundheitlicher Hinsicht sei er
seit zehn Jahren angeschlagen und leide namentlich an Nierensteinen,
Schlafproblemen und Rückenschmerzen. In Malta habe man diese Be-
schwerden untersucht, jedoch keine Behandlung durchgeführt.
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D.
Am 8. Februar 2022 ersuchte das SEM die maltesischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers. Die maltesischen Behörden hiessen
dieses Gesuch gleichentags gut.
E.
Mit Verfügung vom 17. Februar 2022 – eröffnet am 18. Februar 2022 – trat
das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte
die Wegweisung nach Malta, beauftragte den zuständigen Kanton mit dem
Vollzug, händigte ihm die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeich-
nis aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid
komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Mit Eingabe vom 25. Februar 2022 erhob der Beschwerdeführer gegen
diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er bean-
tragt, die Verfügung sei vollständig aufzuheben und das SEM anzuweisen,
auf das Asylgesuch einzutreten und in der Schweiz ein materielles Asylver-
fahren durchzuführen. Eventualiter sei die Verfügung vollständig aufzuhe-
ben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Weiter beantragt er, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu er-
teilen und es seien die Vollzugsbehörden unverzüglich anzuweisen, von
einer Überstellung des Beschwerdeführers nach Malta abzusehen, bis das
Bundesverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung
entschieden hat. Ferner ersucht er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung einschliesslich Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR. 142.31]).
Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung
legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
BVGE 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
2.3 Die Beschwerde erweist sich, wie nachstehend gezeigt, als offensicht-
lich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit
Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111
Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit sum-
marischer Begründung (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG), zu behandeln.
3.
3.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, die Vorinstanz habe den Unter-
suchungsgrundsatz verletzt, indem sie den entscheidungsrelevanten
Sachverhalt nicht umfassend abgeklärt habe. Namentlich würden das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen in Malta entgegen der Vorinstanz
massive Mängel aufweisen. Mit Verweis auf verschiedene Berichte sei das
maltesische Asylsystem in vielerlei Hinsicht mangelhaft. Namentlich wür-
den Schutzsuchende ohne gesetzliche Grundlage und unter prekären Be-
dingungen inhaftiert und festgehalten, kein angemessenes Asylverfahren
beziehungsweise gar keinen Zugang zum Asylverfahren erhalten, und im
Fall einer Ausreise aus Malta ohne Erlaubnis der Einwanderungsbehörden
würde der Asylantrag als zurückgenommen gelten und die betroffenen Per-
sonen hätten bei einer Rücküberstellung nach Malta zu befürchten, erneut
grundlos verhaftet oder in ihr Heimatland rücküberführt zu werden. Indem
die Vorinstanz sich nur mit einer textbausteinförmigen, oberflächlichen und
pauschalen Passage zu dieser komplexen Situation von Geflüchteten in
Malta äussere, verkenne sie die faktische Lage und setze sich nicht mit
den erwähnten Problemen auseinander.
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3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts kann nach Art. 106 Abs. 1 AsylG gerügt werden. Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten-
widriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt
worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid we-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.3 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung nachvollziehbar
dargelegt, weshalb sie eine Überstellung nach Malta als zuständigen Dub-
lin-Mitgliedstaat als zulässig erachtet und ist in ihren diesbezüglichen Aus-
führungen auch auf allfällige Mängel im maltesischen Asylsystem, etwa die
Aufnahmebedingungen, der Zugang zum Asylverfahren und die medizini-
sche Versorgung sowie die Einhaltung der völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen durch Malta eingegangen. Die Verfügung enthält auch – im angemes-
senen Rahmen der Begründung eines Nichteintretensentscheids – eine
Darstellung des Sachverhalts, die ausreicht, um nachzuvollziehen, wes-
halb die Vorinstanz die Vorbringen des Beschwerdeführers als nicht genü-
gend substantiiert beziehungsweise nicht genügend auf seinen Einzelfall
individualisiert erachtete, als dass sie auf das Gesuch hätte eintreten müs-
sen. Alleine der Umstand, dass der Beschwerdeführer eine andere Auffas-
sung, namentlich zur Situation von Asylsuchenden im maltesischen Asyl-
system, vertritt, begründet noch keine Verletzung von verfahrensrechtli-
chen Vorschriften. Die Ausführungen des Beschwerdeführers tangieren
denn auch im Wesentlichen materielle, und nicht formelle Aspekte. Im Üb-
rigen zeigt die Beschwerdeeingabe, dass eine sachgerechte Anfechtung
der vorinstanzlichen Verfügung ohne weiteres möglich war. Die Rüge der
Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes ist demgemäss unbegründet
und der Antrag auf Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neube-
urteilung ist abzuweisen.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
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Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.3 Nachdem die maltesischen Behörden dem Übernahmeersuchen ge-
stützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO am 8. Februar 2022 ausdrück-
lich zugestimmt haben, steht die Zuständigkeit Maltas grundsätzlich fest.
Sie wird vom Beschwerdeführer auch nicht bestritten.
5.
5.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen, einen
bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten An-
trag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser
Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). Dieses wird
im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August
1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und das SEM kann das Asylge-
such gemäss dieser Bestimmung "aus humanitären Gründen" auch dann
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behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre.
5.2 Der Beschwerdeführer macht im Wesentlichen geltend, dass die Zu-
stände in der Unterbringung auf Malta äusserst schlecht gewesen seien
und das Asylsystem in Malta gravierende Mängel aufweise. Dem jüngsten
AIDA-Bericht aus dem Jahr 2020 sei zu entnehmen, dass es gängige Pra-
xis der maltesischen Behörden sei, Schutzsuchende zu inhaftieren. Der
Beschwerdeführer sei selbst ungefähr siebzehn Monate im Gefängnis in-
haftiert worden, weil er mit anderen Personen die schlechten Bedingungen
in den Unterkünften kritisiert habe. Die Haft werde häufig nicht als solche
deklariert, weshalb er auch keine entsprechenden Beweise habe abgeben
können. Derselbe Bericht erwähne ausserdem, dass sich Asylsuchende
nach einer Dublin-Überstellung nach Malta mit einem stillschweigenden
Rückzug ihres Asylgesuchs konfrontiert sähen, was die betroffene Person
anfällig für eine Rückführung durch die Einwanderungsbehörden mache.
Weiter zeige der Bericht der CPT (European Committee for the Prevention
of Torture and Inhuman or Degrading Treatment or Punishment) vom März
2021 systemische Mängel im maltesischen Asylsystem auf. Die Bedingun-
gen für Flüchtlinge vor Ort (Unterbringung, Lebensbedingungen, Behand-
lung von vulnerablen Personen) seien derart problematisch, dass dies ei-
ner unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung gleichkomme, was
eine Verletzung von Art. 3 EMRK darstelle. Der Beschwerdeführer habe in
Malta eine Beschränkung der Freiheit sowie eine unmenschliche und er-
niedrigende Behandlung erlebt, was sich auch mit den erwähnten Berich-
ten decke. Im Falle einer Überstellung könne eine erneute Inhaftierung und
Wegweisung aus Malta nicht mit erforderlicher Sicherheit ausgeschlossen
werden. Die Vorinstanz hätte aus diesen Gründen das Selbsteintrittsrecht
gemäss Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO ausüben sollen.
6.
6.1 Nachfolgend ist im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu prüfen, ob
wesentliche Gründe für die Annahme bestehen, das Asylverfahren und die
Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Malta würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 4
der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17
Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist.
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6.2 Malta ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben. In seiner bisherigen Rechtsprechung hat das Bun-
desverwaltungsgericht systemische Schwachstellen im maltesischen Asyl-
system, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be-
handlung nach Art. 4 der EU-Grundrechtecharte mit sich bringen, regel-
mässig verneint (vgl. Urteile des BVGer F-508/2022 vom 7. Februar 2022
E. 7.1.2 und D-3114/2021 vom 21. Juli 2021 E. 5.3 m.H. auf BVGE 2012/27
E. 7.4 und weitere Urteile des BVGer).
6.3 Die Vermutung, Malta beachte die den betroffenen Personen im Ge-
meinsamen Europäischen Asylsystem zustehenden Grundrechte in ange-
messener Weise, kann jedoch widerlegt werden. Es ist im Einzelfall zu prü-
fen, ob die betroffene Person wegen Zugehörigkeit zu einer Kategorie mit
spezifischer Verletzlichkeit im Falle einer Überstellung nach Malta Gefahr
laufen würde, wegen der dortigen Mängel des Asylverfahrens und der Auf-
nahmebedingungen eine Verletzung ihrer Grundrechte zu erleiden (vgl.
BVGE 2012/27 E. 7.4).
6.4 Wie das SEM in der angefochtenen Verfügung zutreffend festgehalten
hat, steht es dem Beschwerdeführer nach erfolgter Überstellung nach
Malta offen, den Zugang zum Asylverfahren und die Leistungen gemäss
den EU-Richtlinien einzufordern. Der Beschwerdeführer hat – schon ange-
sichts der konkreten Übernahmezusicherung Maltas – kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dargetan, die maltesischen Behörden würden sich wei-
gern, ihn wiederaufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen
Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den
Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Malta
werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und
ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder
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seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder
in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwun-
gen zu werden. Gleiches gilt auch für die befürchtete Inhaftierung bei der
Überstellung nach Malta. Die entsprechenden Befürchtungen in der Be-
schwerdeschrift (unter Verweis auf die zwei erwähnten Berichte) sind all-
gemeiner Natur, ohne Bezug zu seiner Person. Ferner vermochte er mit
seinen Ausführungen zu den Mängeln im maltesischen Asylverfahren keine
Anhaltspunkte aufzuzeigen, die darauf hinweisen würden, Malta enthalte
dem Beschwerdeführer dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zu-
stehenden minimalen Lebensbedingungen vor. Was sodann die geltend
gemachte Inhaftierung während rund siebzehn Monaten betrifft, stellt dies
(lediglich) eine Parteibehauptung dar und ist nicht weiter belegt, weder der
Haftaufenthalt an sich noch die Hintergründe beziehungsweise der kon-
krete Haftgrund. Diesbezüglich hat die Vorinstanz jedoch zutreffend und
mit Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts fest-
gestellt, dass der Zugang zu wirksamen Rechtsmitteln und die Einhaltung
von rechtsstaatlichen, verfahrensrechtlichen Prinzipien in Malta gewähr-
leistet ist (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-3114/2021 E. 5.5, F-6198/2020
vom 18. Dezember 2020 E. 6.1). Es ist demnach davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer sich bei Bedarf nötigenfalls an die maltesischen Be-
hörden wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem
Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie) und im Rahmen all-
fälliger behördlicher Verfahren jeglicher Art auch der Zugang zu rechtlicher
Unterstützung gewährleistet ist.
6.5
6.5.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen.
Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene Person sich in
einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium und bereits in
Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem sicheren Tod rech-
nen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl.
BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäi-
schen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine weitere vom
EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR
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Seite 10
Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10,
§§ 180–193 m.w.H.).
6.5.2 Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforder-
liche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die
unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psy-
chischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Auf-
nahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die
erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls
einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2
Aufnahmerichtlinie). Das Bundesverwaltungsgericht geht im Einklang mit
dem SEM davon aus, dass Malta über eine ausreichende medizinische Inf-
rastruktur verfügt (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-2328/2021 vom 26. März
2021 E. 5.2 und F-463/2021 vom 9. Februar 2021 E. 6.9 je mit weiteren
Hinweisen). Es liegen keine Hinweise vor, wonach Malta dem Beschwer-
deführer eine adäquate medizinische Behandlung verweigern würde (vgl.
hierzu etwa Urteile F-6198/2020 E.6.2.3, E-3973/2020 E. 7.4.2, E-
3503/2018 vom 21. Juni 2018 S. 8 oder D-935/2018 vom 23. Februar 2018
S. 7).
6.5.3 Der Beschwerdeführer leidet eigenen Angaben zufolge an Nieren-
steinen, Rückenschmerzen und Schlafproblemen. Er wurde in der Schweiz
zweimal ärztlich untersucht. Gemäss den zwei in den Akten liegenden Arzt-
berichten (medbase B._ vom [...] und [...]) wurden beim Beschwer-
deführer eine Magenschleimhautentzündung und einen Lumbago («He-
xenschuss») diagnostiziert, jedoch keine Nierensteine. Der zuständige Arzt
ordnete gleichzeitig eine Untersuchung des Bauchraums an. Medikamente
– abgesehen von der Abgabe von schmerzlinderndem Paracetamol – wur-
den ihm nicht verschrieben. Der Beschwerdeführer macht nicht geltend,
sein Gesundheitszustand würde einer Überstellung nach Malta entgegen-
stehen beziehungsweise er wäre nicht reisefähig. Dies ist gestützt auf die
Akten denn auch nicht ersichtlich. Demzufolge vermag sein Gesundheits-
zustand die Annahme einer Unzulässigkeit der Überstellung im Sinne der
erwähnten (restriktiven) Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen. Mit der Vo-
rinstanz ist somit festzustellen, dass es sich beim Beschwerdeführer nicht
um eine besonders vulnerable Person handelt.
6.5.4 Schliesslich bleibt anzumerken, dass die schweizerischen Behörden,
die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, den me-
dizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der
Überstellung des Beschwerdeführers Rechnung zu tragen haben und die
E-930/2022
Seite 11
maltesischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifi-
schen medizinischen Umstände informieren werden (vgl. Art. 31 f. Dublin-
III-VO).
7.
Der Vorinstanz kommt bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 Er-
messen zu (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.) und den Akten sind keine Hinweise
auf eine gesetzeswidrige Ermessensausübung (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a
AsylG) durch das SEM zu entnehmen. Das Bundesverwaltungsgericht ent-
hält sich unter diesen Umständen weiterer Ausführungen zur Frage eines
Selbsteintritts. Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwen-
dung der Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Malta
der für die Behandlung des Asylgesuches des Beschwerdeführers zustän-
dige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
8.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da er
nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung
ist, wurde die Überstellung nach Malta in Anwendung von Art. 44 AsylG
ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
9.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtlos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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