Decision ID: 101ac8e7-cb06-5203-921f-3d8600b9e188
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Christa Rempfler, Falkensteinstrasse 1,
Postfach 112, 9006 St. Gallen,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Urs Glaus, Oberer Graben 44, Postfach,
9001 St. Gallen,
betreffend
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
A.
A.a S._, geboren 1967, war als Chauffeur bei der Firma A._ angestellt und in
dieser Eigenschaft bei der Suva gegen Berufs- und Nichtberufsunfälle versichert, als er
am 13. August 2002 als Lenker seines Personenwagens im Ausland einen
Verkehrsunfall erlitt. Der Versicherte wurde in das klinische Krankenhaus B._
eingeliefert. Dort wurde ein Polytrauma mit Milzriss, einer Fraktur des rechten
Oberschenkelknochens, einer Symphysensprengung, linksseitigen Rippenbrüchen,
einer Subluxation des Sakroiliakalgelenks links sowie einer Schädelhirnprellung
diagnostiziert. Dem Versicherten musste die Milz entfernt werden (vgl. Austrittsbericht
vom 11. September 2001; act. G 12.3/27 [Übersetzung aus der Muttersprache]). Dem
Versicherten war zuvor schon 1995 wegen Niereninsuffizienz eine Niere transplantiert
worden. Nach rund einmonatiger Hospitalisation im Heimatland wurde der Versicherte
am 11. September 2001 mit der Rega in die Schweiz überführt (vgl. act. G 12.3/11 f.)
und danach bis zum 1. Oktober 2001 im Regionalspital Lugano und anschliessend bis
zum 19. Oktober 2001 in der Clinica San Rocco in Lugano weiterbehandelt (vgl.
act. G 12.3/31 und 34). Mit Verfügung vom 13. November 2001 (act. G 12.3/33)
anerkannte die Suva ihre Leistungspflicht und richtete Taggelder aus und übernahm die
Kosten für die Heilbehandlungen. Die Taggelder wurden jedoch wegen grobfahrlässiger
Verursachung des Unfalls durch den Versicherten (Nichtanpassen der Geschwindigkeit
an die Strassenverhältnisse; Sicherheitsgurte nicht getragen) um 20 % gekürzt. Nach
seiner Rückkehr an seinen Wohnort wurde der Versicherte ab dem 23. November 2001
durch Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, weiterbehandelt
(act. G 12.3/45). Am 4. Februar 2002 machte der Versicherte am Schalter der Suva St.
Gallen zum Heilverlauf folgende Angaben (act. G 12.3/41): Wegen der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Oberschenkelfraktur rechts betrage die Traglast maximal 10 kg. Auch die rechte Hüfte
sei noch schmerzhaft. Zudem gab er belastungsabhängige Beschwerden in beiden
Fussgelenken und in den Knien an. Im Bereich Hals/Nacken habe er bis auf ein
gelegentliches Ziehen in der Nacht eigentlich keine Probleme. Weiter sei er
vergesslicher geworden und habe Probleme mit der Konzentration. Zudem trete beim
Lesen jeweils ein Augenflimmern auf. Am 3. Juni 2002 wurde der Versicherte in der
Klinik für Orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen ambulant untersucht.
Mit Bericht vom 4. Juni 2002 (act. G 12.3/52) hielt Dr. med. D._, Oberassistenzärztin,
fest, dass der Versicherte über noch mässige Schmerzen im Bereich des distalen
Oberschenkels sowie Kniegelenks rechts unter Belastung sowie über zeitweise
auftretende tief lumbale Rückenschmerzen, welche jedoch schon vor dem Unfall
bestanden hätten, klage. Ab dem 1. Juli 2002 wurde der Versicherte von Dr. C._ für
leichte Arbeit wieder zu 50 % arbeitsfähig geschrieben (vgl. act. G 12.3/55 und 59), war
zu diesem Zeitpunkt jedoch stellenlos. Ab dem 16. Dezember 2002 bestand aus Sicht
von Dr. C._ wieder eine Arbeitsfähigkeit von 100 % für leichte Arbeit (vgl.
act. G 12.3/67), weshalb die Suva die Taggeldzahlungen auf dieses Datum hin
eingestellt hat (vgl. act. G 12.3/97). Da der Versicherte über vermehrte Vergesslichkeit
klagte, wurde er von Dr. C._ am 16. März 2003 zur Beurteilung durch die
sozialpsychiatrische Beratungsstelle St. Gallen angemeldet (vgl. act. G 12.3/68). In
deren Auftrag wurde er am 15. Oktober 2003 in der kantonalen psychiatrischen Klinik
Wil neuropsychologisch untersucht. Mit Bericht über diese Untersuchung vom 22.
Oktober 2003 (act. G 12.3/83) diagnostizierte lic. phil. E._, Psychologin FSP, partielle
neuropsychologische Teilleistungsschwächen (ICD-10: F07.8), welche hauptsächlich
exekutive und Aufmerksamkeitsfunktionen beträfen; dies bei einer aktuell
eingeschränkten allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit. Insgesamt seien keine
Hinweise zu verzeichnen, die eindeutige Rückschlüsse auf unfallbedingte kognitive
Einbussen zuliessen. Es sei zu vermuten, dass es sich bei den meist nur diskreten
Schwächen um eine normale Variante der Hirnentwicklung handle, die wahrscheinlich
vorbestehend sei. Mit Bericht an die Suva vom 25. März 2004 (act. G 12.3/82) hielten
Dr. med. F._ und Dr. med. G._ von der Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle fest,
dass weder klinisch noch testpsychologisch eine posttraumatische Belastungsstörung
habe nachgewiesen werden können. Die in der testpsychologischen Untersuchung
festgestellten Teilleistungsstörungen könnten auch Symptome einer leicht- bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mittelgradigen depressiven Störung sein, weshalb der Versicherte antidepressiv
behandelt würde. Ab dem 1. April 2004 war der Versicherte wieder zu 50 % als
Chauffeur bei der Firma A._ tätig (act. G 12.3/84). Nach eigenen Angaben des
Versicherten am 15. November 2004 (act. G 12.3/93) war er bis zum 31. September
2004 zwischenzeitlich zu 70 % bei der Firma H._ (früher Firma A._) tätig, musste
jedoch wegen Rückenproblemen das Arbeitspensum per 1. Oktober 2004 auf 50 %
reduzieren. Mit medizinischer Beurteilung vom 3. Mai 2005 (act. G 12.3/98) schätzte Dr.
med. I._, Kreisarzt Suva St. Gallen, den unfallbedingten Integritätsschaden für den
Verlust der Milz auf 10 %. Mit Verfügung vom 9. Mai 2005 (act. G 12.3/99) wurde dem
Versicherten für den Verlust der Milz gestützt auf eine Integritätseinbusse von 10 %
eine Integritätsentschädigung von Fr. 10'680.-- zugesprochen. Am 1. Dezember 2006
trat der Versicherte eine neue 100 %-Stelle als Chauffeur bei der J._ an
(act. G 26.1/21 – 13/20).
A.b Mit Unfallmeldung vom 29. März 2007 (act. G 12.4/1) meldete der Versicherte der
Suva, er habe am 23. Februar 2007 einen weiteren Unfall erlitten. Er habe von hinten
auf die Ladefläche seines Transportfahrzeugs/Bus steigen wollen und sei dabei über
ein Paket gestolpert. Er sei auf die rechte Schulter, den Kopf und die rechte Hüfte
gefallen und habe die Arbeit während rund 10 Minuten unterbrechen müssen. Mit
Arztzeugnis UVG vom 24. April 2007 (act. G 12.4/2) diagnostizierte Dr. med. K._,
FMH Innere Medizin, den der Versicherten am 26. Februar 2007 konsultiert hatte, eine
Kopf-, Schulter- und Hüftprellung rechts nach Stolpersturz am 23. Februar 2007.
Ferner bescheinigte Dr. K._ dem Versicherten eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % vom
27. Februar 2007 bis zum 1. März 2007. Auf Veranlassung durch Dr. K._ wurde am 3.
April 2007 durch Dr. med. L._, Facharzt medizinische Radiologie FMH, ein MRI des
Schädels durchgeführt. Dabei wurden zwei ältere Hirnkontusionsherde frontal
nachgewiesen. Frische Blutungen wurden nicht nachgewiesen. Ferner bestand
differenzialdiagnostisch ein Verdacht auf gliomatös narbige Veränderungen in der
weissen Hirnsubstanz (act. G 12.4/3). Die Suva übernahm die Kosten der
Heilbehandlung für diesen Unfall. Eine Taggeldzahlung entfiel, da keine
Arbeitsunfähigkeit bestand, welche den dritten Tag nach dem Unfall überdauerte (vgl.
act. G 26.1/21 – 11/20). Am 20. Mai 2007 wurde der Versicherte wegen
Unzuverlässigkeit (u.a. unbegründetes Fernbleiben vom Arbeitsplatz, Verursachung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eines Sachschadens mit anschliessender Fahrerflucht) fristlos entlassen (act. G 26.1/21
– 8/20).
A.c Mit Schadenmeldung UVG für arbeitslose Personen vom 16. November 2007 (act.
G 12.3/102) meldete der Versicherte einen Rückfall zum Unfall aus dem Jahr 2001.
Gemäss Arztzeugnis vom 13. Oktober 2007 (act. G 12.3/103) und Bericht vom 4.
Dezember 2007 (act. G 12.3/105) von Dr. K._ klagte der Versicherte über anhaltende
Schmerzen im Nacken, Rücken und rechten Oberschenkel, welche seit dem Unfall im
August 2001 bestünden. Der Versicherte habe Ende Oktober einen Kanal gereinigt.
Nachdem er in den Schacht hinunter gestiegen sei, habe er einen Eimer getragen. Eine
Bewegung unter Belastung habe seine Rückenschmerzen erneut verstärkt. Dr. K._
schrieb den Versicherten ab dem 22. Oktober 2007 bis auf weiteres zu 100 %
arbeitsunfähig wegen Krankheit (act. G 12.3/104.1). Der Versicherte wurde von Dr.
K._ an Dr. med. M._, Spezialarzt FMH für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie, überwiesen. Mit Bericht vom 10. Dezember 2007 (act. G 12.3/106)
berichtete Dr. M._ über seit dem Unfall chronisch auftretende und immer wieder
exazerbierende Lumbalschmerzen, vor allem beim Sitzen, weniger beim Gehen, sich
verstärkend beim Tragen von Lasten von 10 kg oder mehr, ferner über Schmerzen am
rechten Oberschenkel beim Tragen von Lasten ab ca. 20 kg aber auch nach einer
Gehstrecke von einer Stunde. Seit einem Sturz auf die rechte Schulter am 27.
November (richtig: 23. Februar) 2007 würden immer wieder Schmerzen in der Schulter
auftreten, vor allem bewegungsabhängig beim Hochheben des Armes mit
Aussendrehung. Dr. M._ diagnostizierte bei Status nach Polytrauma
Restbeschwerden: Chronisch rezidivierende Lumbalgie (funktionell?);
Belastungsbeschwerden nach Femurfraktur rechts, nach Metallentfernung;
Posttraumatische AC-Gelenkspathologie Schulter rechts, Verdacht auf zusätzliche
Scapularissehnenläsion; Internistisch: Status nach Nierentransplantation 1995, Beta-
Thalassämie, Status nach Hepatitis A. Am 18. Dezember 2007 wurde auf Veranlassung
durch Dr. M._ in der Klinik Stephanshorn, ein Artho-MRI der rechten Schulter und
eine lumbo-vertebrale Kernspintomographie durchgeführt (Bericht von Dr. med. N._,
FMH medizinische Radiologie, vom 19. Dezember 2007; act. G 12.3/108). Mit
Arztzeugnis vom 7. Februar 2008 (act. G 12.3/113.1) bescheinigte Dr. M._ dem
Versicherten eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % für eine leichte Arbeit im Sinne von
Wechselbelastung mit maximaler Gewichtsbelastung von 15 kg. Am 15. Februar 2008
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wurde der Versicherte in der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen
untersucht. Mit Bericht vom 4. März 2008 (act. G 12.3/115.1) stellten Dr. med. O._
und Dr. med. P._ folgende Diagnosen: 1. Verdacht auf Schlafapnoe-Syndrom mit
verstärkter Tagesmüdigkeit und nächtlichem Schnarchen sowie
Abwesenheitszuständen am Tage; 2. Rechtsseitige Kopfschmerzen ungeklärter
Aetiologie DD: Spannungskopfschmerzen; 3. Status nach Nierentransplantation 1995
bei Verdacht auf tubulo-interstitielle Nephropathie (aktuell immunsuppressive Therapie
mit Sandimmun); 4. Status nach Polytrauma mit Commotio cerebri 2001; 5. Beta-
Thalassämie. Ein Elektroenzephalogramm (EEG) zeigte einen unauffälligen Befund. Mit
ärztlicher Beurteilung vom 5. März 2008 (act. G 12.3/116) nahm Dr. med. Q._,
Facharzt FMH für Chirurgie, Suva Versicherungsmedizin Luzern, zur Frage Stellung, ob
noch Folgen des Polytraumas vom 13. August 2001 bestehen. Dr. Q._ gelangte zur
Einschätzung, dass der Beschwerdeverlauf bezüglich des Bewegungsapparats
komplikationslos verlaufen sei. Eine Verschlimmerung der Beschwerden am
Bewegungsapparat sei weder nachgewiesen noch wahrscheinlich. Die heutigen
Rückenbeschwerden stufte er als unfallfremd ein. Orthopädisch liege deshalb kein
Rückfall vor. Es bestehe theoretisch immer noch eine volle Vermittelbarkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt. Da nach dem Sturz vom 23. Februar 2007 keine
posttraumatische Läsion im Schulterbereich festgestellt worden sei, könnten die
Beschwerden auch nicht auf den neuen Unfall zurückgeführt werden. Obwohl
unbestritten sei, dass der Versicherte beim Unfall 2001 auch eine Contusio cerebri
frontal erlitten habe, hätte neuropsychologisch am 15. Oktober 2003 keine erheblichen
Residuen nachgewiesen werden können. Hirnorganisch sei eine spätere
Verschlechterung unwahrscheinlich und im Schädel-MRI vom 3. April 2007 auch nicht
nachgewiesen.
A.d Mit Verfügung vom 7. April 2008 (act. G 12.3/121) lehnte die Suva eine
Leistungspflicht für die als Rückfall zum Unfall vom 13. August 2001 gemeldeten
Schulter- und Rückenbeschwerden ab, weil gemäss der medizinischen Beurteilung
durch Dr. Q._ vom 5. März 2008 kein sicherer oder wahrscheinlicher
Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 13. August 2001 und den geklagten
Beschwerden bestehe.
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die vom Versicherten gegen die Verfügung erhobene Einsprache (act. G 12.3/122)
wurde von der Suva mit Einspracheentscheid vom 4. Juni 2008 (act. G 12.3/127)
abgewiesen.
C.
C.a Mit Schreiben vom 4. Juli 2008 (act. G 1) und Ergänzung vom 28. August 2008
(act. G 5) erhob der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Christa
Rempfler, Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 4. Juni 2008 an das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen. Er lässt beantragen, die Verfügung vom
7. April 2008 und der Einspracheentscheid vom 4. Juni 2008 seien aufzuheben und die
Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, ihm die gesetzlichen Leistungen für seine
Beschwerden (insbesondere Schulter- und Rückenbeschwerden) seit dem 22. Oktober
2007 auszuzahlen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Ferner sei ihm die
unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und Rechtsanwältin Rempfler als
unentgeltliche Rechtsvertreterin einzusetzen. Mit der Beschwerdeergänzung vom 28.
August 2008 wurde ein neues Arztzeugnis von Dr. K._ vom 25. August 2008 (act.
G 6.1/14) eingereicht. Darin führt dieser Arzt neu aus: "Aus internistischer Sicht bin ich
der Meinung, dass ein Kausalzusammenhang zwischen der Arbeitsunfähigkeit von
Herrn Softic ab dem Oktober 2007 und seinen Unfällen besteht, weil die Schmerzen
seit dem Jahre 2001 bestanden und durch den Zwischenfall im Oktober 2007 verstärkt
wurden." Mit Bezug auf die Schlaflosigkeit, die Konzentrationsstörungen, die erhöhte
Ermüdbarkeit, die Vergesslichkeit und die Kopfschmerzen könne auf Grund des
zeitlichen Zusammentreffens des Beschwerdebeginns mit dem Unfall im Jahre 2001
seines Erachtens eine Unfallfolge zumindest vermutet werden. Mit Schreiben vom 1.
September 2008 (act. G 7) wurde dem Gesuch um unentgeltliche Prozessführung vom
Vizepräsidenten des Versicherungsgerichts entsprochen. Mit Beschwerdeantwort vom
31. Oktober 2008 (act. G 12) beantragt die Beschwerdegegnerin, vertreten durch
Rechtsanwalt Dr. iur. Urs Glaus, St. Gallen, die Abweisung der Beschwerde. Mit Replik
vom 26. Januar 2009 (act. G 20) hält die Rechtsanwältin des Beschwerdeführers an
ihren Anträgen gemäss Beschwerde unverändert fest. Am 23. Februar 2009 reichte der
Rechtsanwalt der Beschwerdegegnerin eine Duplik ein (act. G 24). Weiter wurden die
IV-Akten des Beschwerdeführers beigezogen und beiden Parteien zur Einsicht
zugestellt (act. G 27). Mit Schreiben vom 15. April 2009 (act. G 33) nahm die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsanwältin des Beschwerdeführers zu den IV-Akten Stellung. Der Rechtsanwalt
der Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine ausführliche Stellungnahme (act. G 35).
D.
Aus den beigezogenen IV-Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer vom 11. Juli
2007 bis zum 8. Januar 2008 in Behandlung bei Dr. med. R._, FMH Psychiatrie und
Psychotherapie, war. Mit Bericht vom 3. Mai 2008 (act. G 26.1/23) diagnostizierte Dr.
R._ ein organisches amnestisches Syndrom (ICD-10 F04), eine organische
depressive Störung (ICD-10 F06.4) und eine organische Persönlichkeitsstörung (ICD-10
F07.0). Zudem stufte sie den Beschwerdeführer ab dem 11. Juli 2007 bis auf Weiteres
als zu 100 % arbeitsunfähig ein. Im Auftrag der IV wurde der Beschwerdeführer zudem
von der MEDAS Zentralschweiz, Luzern, polydisziplinär begutachtet. Mit Bericht vom
11. November 2008 zuhanden der MEDAS (act. G 26.1/43 – 39/54) diagnostizierten Dr.
Dr. h.c. T._ und Dr. med. U._ vom Interdisziplinären Zentrum für Schlafmedizin am
Kantonsspital St. Gallen eine obstruktive Schlaf-Apnoe schweren Grades. Diese führe
zu Konzentrationsstörungen und Tagesschläfrigkeit, was die Tätigkeit des
Beschwerdeführers als Chauffeur einschränke. Mit Schreiben vom 24. November 2008
(act. G 26.1/43 – 41 ff./54) berichtete Dr. med. V._, FMH Rheumatologie /
Physikalische Medizin und Rehabilitation, Klinik St. Anna, über das im Auftrag der
MEDAS Zentralschweiz durchgeführte rheumatologische Konsilium vom 14. August
2008. Danach stünden für den Versicherten Kreuzschmerzen im Vordergrund. Klinisch
lasse sich ein mässiges Lumbovertrebralsyndrom nachweisen, im MRI zeige sich eine
Diskopathie L4/5 (= Dehydrierung der Bandscheibe mit Bandscheibenprotrusion und
wahrscheinlich Anulusriss). Dr. V._ führte aus, dass normalerweise bei Vorliegen
eines leichten Lumbovertebralsyndroms bei klinisch möglicherweise mitbeteiligter
Diskopathie L4/5 eine körperlich leichte bis mittelschwere Tätigkeit grundsätzlich
zumutbar wäre. Die komplexen Frakturen im Rahmen des Polytraumas 2001 führten
jedoch zu statischen Problemen, welche zusammen mit den Rückenschmerzen eine
rheumatologisch begründete Verminderung der Arbeitsfähigkeit bewirkten. Dr. V._
stufte die Arbeitsunfähigkeit aus rein rheumatologischer Sicht für die bisherige Tätigkeit
(Auslieferdienst Pakete) mit 100 % ein. In einer körperlich leichten Tätigkeit bestehe
demgegenüber bloss eine Arbeitsunfähigkeit im Ausmass von 30 % (act. G 26.1/43 –
45/54). Dr. med. W._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, der den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer am 13. August 2008 im Auftrag der MEDAS psychiatrisch
untersuchte, diagnostizierte mit Schreiben vom 17. August 2008 (act. G 26.1/43 –
48 ff./54) ein organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma (F07.2), eine unter
Therapie teilweise remittierte organische depressive Störung (F06.4) entsprechend
einer leichten depressiven Episode ohne somatisches Syndrom (F32.00);
Nikotinabhängigkeit (F 17.24) und eine Agoraphobie mit Panikstörung (F40.01). Dr.
W._ betrachtet das organische Psychosyndrom ausdrücklich als Folge des im
Kontrast-MRI von 2007 nachgewiesenen Schädeltraumas (act. G 26.1/43 – 50/54). Die
diagnostizierte Depression könnte einerseits ebenfalls eine mögliche Folge des
Schädelhirntraumas darstellen, andererseits aber auch durch die Reaktion auf die
Belastungen durch den Unfall bedingt sein (act. G 26.1/43 – 51/54). Mit Bezug auf die
Arbeitsunfähigkeit sei der Beschwerdeführer aus psychiatrischer Sicht in der bisherigen
Tätigkeit als Chauffeur zu 100 % arbeitsunfähig. Auch in einer Verweistätigkeit bestehe
noch eine Arbeitsunfähigkeit im Umfang von 30 %, additiv zu den anderen körperlich
bedingten Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit (act. G 26.1/43 – 52 f./54). Im
Gesamtgutachten der MEDAS vom 15. Dezember 2008 (act. G 26.1/43 – 1 ff./54) von
Dr. med. X._ und Dr. med. Y._ gingen die Gutachter aufgrund der kumulierten
rheumatologischen und psychiatrischen Defizite in einer adaptierten Tätigkeit von einer
Restarbeitsfähigkeit von 40 % aus. Die Arbeitsfähigkeit von 0 % in der angestammten
Tätigkeit wurde von den Gutachtern aufgrund der psychiatrischen Einschätzung auf
den 13. August 2001 zurückdatiert. Die Gutachter gingen ferner davon aus, dass auch
in einer adaptierten Tätigkeit die Restarbeitsfähigkeit ab dem 13. August 2001 aus
psychiatrischer Sicht nur noch 70 % betragen habe. Die von den Gutachtern attestierte
Restarbeitsfähigkeit von 40 % wurde auf das Datum der Schlussbesprechung vom 2.
Dezember 2008 datiert (act. G 26.1/43 – 36/54).

Erwägungen:
1.
Strittig ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht eine Leistungspflicht für die seit
Oktober 2007 aufgetretenen Beschwerden des Beschwerdeführers abgelehnt hat.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss Bundesgesetz über die
Unfallversicherung (UVG, SR 832.20) setzt zunächst voraus, dass zwischen dem
Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod) ein
natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ob zwischen einem schädigenden Ereignis
und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist
eine Tatfrage, worüber die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen
der diesen Instanzen obliegenden Beweiswürdigung nach dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
zu befinden haben. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt dabei für die
Begründung eines Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1,
118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen). Weiter ist das Vorhandensein des adäquaten
Kausalzusammenhangs zu prüfen. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als
adäquate Ursache eines Erfolgs zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der
Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von
der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolgs also durch das
Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 177 E. 3.2, 125 V 456 E. 5a mit
Hinweisen). Während es Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist, den natürlichen
Kausalzusammenhang zu beurteilen, obliegt es dem Gericht, die Frage nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang zu beantworten (BGE 123 III 110 E. 3a). Im Bereich
klar ausgewiesener organischer Unfallfolgen im Sinn von nachweisbaren strukturellen
Veränderungen (organisches Substrat konnte mit Bild gebenden
Untersuchungsmethoden [Röntgen, Computertomogramm, EEG] nachgewiesen
werden) spielt die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine
Rolle. Sie ist bei ausgewiesener natürlicher Kausalität ohne Weiteres zu bejahen (BGE
134 V 109 E. 2.1, 127 V 102 E. 5b/bb, mit Hinweisen).
2.2 Gemäss Art. 11 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202)
werden Versicherungsleistungen auch für Rückfälle und Spätfolgen gewährt.
Praxisgemäss handelt es sich bei einem Rückfall um das Wiederaufflackern einer
vermeintlich geheilten Krankheit, sodass es zu ärztlicher Behandlung, möglicherweise
sogar zu (weiterer) Arbeitsunfähigkeit kommt, während von Spätfolgen dann
gesprochen wird, wenn ein scheinbar geheiltes Leiden im Laufe längerer Zeit
organische oder psychische Folgen bewirkt, die zu einem andersgearteten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Krankheitsbild führen können. Rückfälle und Spätfolgen können eine Leistungspflicht
des (damals haftbaren Unfallversicherers) nur dann auslösen, wenn zwischen den
erneut vorgebrachten Beschwerden und der seinerzeit durch den Unfall erlittenen
Gesundheitsschädigung ein natürlicher und ein adäquater Kausalzusammenhang
besteht (Urteil des Bundesgerichts vom 11. September 2007, 8C_44/2007; BGE 118 V
293 E. 2c; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 327 f. E. 2). Festzuhalten ist in diesem
Zusammenhang, dass die für den Grundfall an sich massgebenden kausalen Faktoren
mit der Zeit wegfallen können, weshalb der Unfallversicherer bei einem Rückfall nicht
automatisch an seiner damaligen Leistungszusage behaftet werden kann. Eine allfällige
Beweislosigkeit hinsichtlich des natürlichen Kausalzusammenhangs wirkt sich zum
Nachteil des Versicherten aus, da dieser aus dem unbewiesenen Sachverhalt Rechte
ableiten wollte (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 E. 3b; Urteil des Bundesgerichts vom 11.
September 2007, 8C_44/2007, E. 1.2). Ferner ist zu beachten, dass umso strengere
Anforderungen an den Wahrscheinlichkeitsbeweis des natürlichen
Kausalzusammenhangs zu stellen sind, je grösser der zeitliche Abstand zwischen
Unfall und Eintritt gesundheitlicher Störungen ist (RKUV 1997 Nr. U 275 S. 191 E. 1c).
2.3 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht von Amtes wegen für
die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den
Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 122 V 157 E. 1a und 121 V 204 E. 6c, je mit
Hinweisen). Der Untersuchungsgrundsatz schliesst die Beweislast im Sinn der
Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Die erwähnte Beweislastregel, wonach im
Fall der Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem
unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte, greift deshalb erst Platz,
wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes auf
Grund einer Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die
Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 261 E. 3b
mit Hinweisen).
2.4 Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt
der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und
Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das
Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle
Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und
danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige
Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei
einander widersprechenden Arztberichten den Prozess nicht erledigen, ohne das
gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die
eine und nicht die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des Beweiswerts
eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten
begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert eines ärztlichen Gutachtens ist
grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der
eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten
(BGE 125 V 351 E. 3a mit Hinweisen).
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin stützt sich bei ihrer Auffassung, wonach bezüglich der
ab Oktober 2007 aufgetretenen Beschwerden kein Rückfall zum Unfallereignis vom
13. August 2001 vorliege, auf die ärztliche Beurteilung durch Kreisarzt Dr. Q._ vom
5. März 2008 ab (act. G 12.3/116). Dieser verneinte das Vorliegen einer
Verschlimmerung bezüglich der Beschwerden am Bewegungsapparat. Dass seit dem
Unfall auch Nacken- und Rückenschmerzen bestünden, sei nicht aktenkundig.
Radiologisch zeigten sich auch keine traumatischen Läsionen an der LWS sondern
lediglich altersentsprechende degenerative Veränderungen. Am 4. Februar 2002 habe
der Beschwerdeführer explizit erklärt, er habe mit dem Hals/Nacken eigentlich keine
Probleme. Im Kantonsspital St. Gallen seien am 3. Juni 2002 nur tief lumbale
Beschwerden erwähnt worden, welche jedoch bereits vor dem Unfall bestanden
hätten. Die heutigen Rückenbeschwerden seien demnach unfallfremd. Orthopädisch
liege somit kein Rückfall vor. Es bestehe weiter eine volle Vermittelbarkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt. Beim als Unfall gemeldeten Sturz vom 23. Februar 2007 sei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Bereiche der rechten Schulter keine posttraumatische Läsion nachgewiesen
worden, weshalb die Beschwerden auch nicht auf den neuen Unfall zurückgeführt
werden könnten. Zwar sei unbestritten, dass der Versicherte beim Unfall am 13. August
2001 auch eine Contusio cerebri frontal erlitten habe. Neuropsychologisch hätten
jedoch am 15. Oktober 2003 keine erheblichen Residuen nachgewiesen werden
können. Hirnorganisch sei eine spätere Verschlimmerung unwahrscheinlich und
konkret im Schädel-MRI vom 3. April 2007 auch nicht nachgewiesen. Auch der
Hausarzt gehe bezüglich der Konzentrationsstörungen eher von einem psychischen
Problem aus. Die Rechtsanwältin des Beschwerdeführers stützt sich demgegenüber
vor allem auf die Einschätzung von Dr. K._ ab. Mit Bericht vom 4. Dezember 2007
(act. G 12.3/105) führte dieser Arzt aus, dass der Beschwerdeführer an Schmerzen
leide, die möglicherweise oder sogar wahrscheinlich durch seine Unfälle bedingt seien.
Da klinisch und anamnestisch keine sicheren Hinweise auf eine neurologische
Erkrankung bestünden, beurteile er die Konzentrationsstörungen und die damit
verbundenen Ängste als psychisch bedingt. Im nach Vorliegen des
Einspracheentscheids von der Rechtsanwältin nachgereichten Zeugnis vom 25. August
2008 (act. G 6.1/14) bejahte Dr. K._ die Kausalität zwischen den vom
Beschwerdeführer geklagten Schmerzen und dem Unfall vom 13. August 2001 mit der
Begründung, dass die Schmerzen seit 2001 bestünden und durch den Zwischenfall im
Oktober 2007 verstärkt worden seien. Was die vom Beschwerdeführer geklagten
Schlaflosigkeit, die Konzentrationsstörungen, die erhöhten Ermüdbarkeit, die
Vergesslichkeit und die Kopfschmerzen anbelangt, könne ein Kausalzusammenhang
aufgrund des zeitlichen Zusammentreffens des Beschwerdebeginns mit dem Unfall im
Jahre 2001 zumindest vermutet werden.
3.2 Bezüglich der als Rückfall geltend gemachten Rückenschmerzen ist zu
bemerken, dass nach dem Unfall beim Beschwerdeführer keine Rückenverletzung
diagnostiziert wurde. Zudem ergibt sich aus den Akten, dass der Beschwerdeführer
bereits am 4. Juni 2002 anlässlich einer Untersuchung in der Klinik für Orthopädische
Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen über zeitweise auftretende tief lumbale
Rückenschmerzen berichtete, welche jedoch bereits vor dem Unfall bestanden hätten
(act. G 12.3/52). Aufgrund der Aktenlage erweist sich die Beurteilung durch Dr. Q._,
wonach die Rückenbeschwerden unfallfremd seien, als korrekt. Nach Erlass des
Einspracheentscheids wurde jedoch im Auftrag der Invalidenversicherung von der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
MEDAS Zentralschweiz ein polydisziplinäres Gutachten erstellt. Grundsätzlich ist auf
den Sachverhalt bis zum Erlass des Einspracheentscheids abzustellen. Ein späteres
Gutachten darf jedoch berücksichtigt werden, wenn sich Rückschlüsse auf die Zeit vor
Erlass des Einspracheentscheids ziehen lassen. Bezüglich der vom Beschwerdeführer
geklagten Schmerzen führte der Rheumatologe Dr. V._ aus, dass für den
Beschwerdeführer zur Zeit der Untersuchung Kreuzschmerzen im Vordergrund
gestanden seien. Diese würden sich durch eine degenerativ bedingte Diskopathie L4/
L5 erklären. Nach Einschätzung von Dr. V._ sei es durch die komplexen Frakturen im
Rahmen des Polytraumas zu statischen Störungen gekommen, welche zusammen mit
den Rückenschmerzen aus rheumatologischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit begründen
würden. Dr. V._ führte jedoch weiter aus, dass eine schwierig von den Diagnosen
abzugrenzende generelle Schmerzausweitung bestehe auch mit wechselnden
Gelenkbeschwerden "mal hier und mal da". Im Status finde sich dafür keine
wesentliche Pathologie und eine eindeutige Diagnose sei nicht möglich. Vor diesem
Hintergrund erscheint eine Unfallkausalität der geklagten Schmerzen zwar möglich,
jedoch nicht überwiegend wahrscheinlich. Die Beschwerdegegnerin hat somit in Bezug
auf die Beschwerden am Rücken auch unter Berücksichtigung des MEDAS-
Gutachtens einen Rückfall zum Unfall vom 13. August 2001 zu Recht verneint. Die
Einschätzung von Dr. K._, auf die sich die Anwältin des Beschwerdeführers primär
abstützt, führt zu keinem anderen Ergebnis. Dr. K._ bezeichnete die Unfallkausalität
der Schmerzen am 4. Dezember 2007 als möglich oder sogar wahrscheinlich (act.
G 12.3/105). Diese vage Einschätzung genügt nicht zum Nachweis einer
Unfallkausalität mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit. Die Einschätzung vom 25. August 2008 ist ohnehin von
beschränkter Beweiskraft, weil sie erst in Kenntnis des ablehnenden
Einspracheentscheids getroffen wurde. Zudem begründet Dr. K._ darin die
Unfallkausalität einzig mit den subjektiven Angaben des Beschwerdeführers, die
Schmerzen seien seit dem Unfall vorhanden.
3.3 Bezüglich der psychischen Beschwerden lag bis zum Erlass des
Einspracheentscheids keine medizinische Beurteilung vor, welche eine Unfallkausalität
bejaht hätte. Erst im MEDAS-Gutachten wird ein Kausalzusammenhang zwischen dem
Unfall vom 13. August 2001 und den geklagten psychischen Beschwerden bejaht. So
besteht nach Auffassung des Psychiaters Dr. W._ ein organisches Psychosyndrom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach Schädel-Hirntrauma (act. G 26.1/43 – 50/54). Dieses wird in ICD-10
folgendermassen definiert: "Das Syndrom folgt einem Schädeltrauma, das meist
schwer genug ist, um zur Bewusstlosigkeit zu führen. Es besteht aus einer Reihe
verschiedenartiger Symptome, wie Kopfschmerzen, Schwindel, Erschöpfung,
Reizbarkeit, Schwierigkeiten bei Konzentration und geistigen Leistungen,
Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen und verminderter Belastungsfähigkeit für
Stress, emotionale Reize oder Alkohol." Da der Beschwerdeführer beim Unfall am 13.
August 2001 nachweislich ein Schädel-Hirntrauma erlitten hatte, sich auch im MRI vom
3. April 2007 noch ältere Hirnkontusionsherde nachweisen liessen und sich der
Beschwerdeführer über andauernde Müdigkeit und Störungen bei Aufmerksamkeit und
Gedächtnis beklagt (vgl. act. G 26.1/43 – 30/54), erscheint die Diagnose
nachvollziehbar. Dr. W._ führt jedoch selber aus, dass das organische
Psychosyndrom nicht besonders ausgeprägt sei. Weiter fällt auf, dass die Diagnose
eines organischen Psychosyndroms anlässlich der Abklärung durch die
Sozialpsychiatrische Beratungsstelle St. Gallen und der neuropsychologischen
Untersuchung in der kantonalen psychiatrischen Klinik Wil im Jahr 2003 nicht erhoben
wurde (vgl. act. G 12.3/82 und 83). Auch die Psychiaterin Dr. R._ stellte im Bericht an
die Invalidenversicherung vom 3. Mai 2008 (act. G 26.1/23) andere Diagnosen, nämlich
ein organisches amnestisches Syndrom und eine organische Persönlichkeitsstörung.
Diese wurden von Dr. W._ jedoch explizit ausgeschlossen. Übereinstimmung
zwischen Dr. R._ und Dr. W._ besteht lediglich bei der Diagnose einer organischen
depressiven Störung. Zudem führt auch das vom Kantonsspital St. Gallen
diagnostizierte obstruktive Schlaf-Apnoe-Syndrom nach Angaben der Ärzte zu Konzen
trationsstörungen und Tagesschläfrigkeit (act. G 26.1/43 – 39/54). Gemäss
Pschyrembel (Medizinisches Wörterbuch, 260. A., 2004) äussert sich ein Schlaf-Apnoe-
Syndrom klinisch durch folgende Symptome: "abnorme Tagesmüdigkeit, diskontinuierl.
lautes Schnarchen (bei obstruktivem Sch.), Konzentrations- u. Gedächtnisstörungen,
Persönlichkeitsveränderungen, morgendl. Kopfschmerz, Potenzstörungen, imperativer
Schlafzwang." Im Hauptgutachten der MEDAS wird zwar ausgeführt, dass die
Diagnose eines organischen Psychosyndroms von Dr. W._ in Kenntnis der Diagnose
eines Schlaf-Apnoe-Syndroms gestellt wurde (act. G 26.1/43 – 32/54). Dr. W._ führt
jedoch in keiner Weise aus, inwiefern die Symptome des Schlaf-Apnoe-Syndroms von
einem organischen Psychosyndrom abgegrenzt werden können. Vor diesem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hintergrund erscheint es zwar möglich, jedoch nicht überwiegend wahrscheinlich, dass
aus psychiatrischer Sicht noch Unfallfolgen bestehen. Für die vom Beschwerdeführer
geklagten Konzentrationsstörungen und die Müdigkeit kann ebenso wahrscheinlich das
Schlaf-Apnoe-Syndrom verantwortlich sein. Zur diagnostizierten Depression führt
Dr. W._ aus, dass diese irgendwann nach dem psychiatrischen Konsilium der
Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle St. Gallen vom 26. September 2003 begonnen
habe. Die Depression sei wahrscheinlich auch eine Folge der vielfältigen körperlichen
Beschwerden, der Schmerzen und des Verlusts der Arbeit, des Einkommens und der
Anerkennung (vgl. act. G 26.1/43 – 51/54). Auch bezüglich der diagnostizierten De
pression ist deshalb eine überwiegend wahrscheinliche Unfallkausalität nicht
anzunehmen. Somit besteht für die psychiatrischen Beschwerden des
Beschwerdeführers keine Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin nach UVG.
3.4 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass sich im Zusammenhang mit dem Unfall vom
13. Januar 2001 keine Unfallfolgen mehr mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nachweisen lassen.
4.
Es bleibt zu prüfen, ob eine Leistungspflicht für den Unfall vom 23. Februar 2007
(Stolpersturz in Lieferwagen) besteht. Dabei hatte sich der Beschwerdeführer eine
Prellung des Kopfs, der rechten Hüfte und der rechten Schulter zugezogen (vgl. act.
G 12.4/2). Die Suva übernahm die Kosten der Heilbehandlung für diesen Unfall. Eine
Taggeldzahlung entfiel, da keine Arbeitsunfähigkeit eintrat, welche den dritten Tag nach
dem Unfall überdauerte (vgl. Art. 16 Abs. 1 UVG; act. G 26.1/21 – 11/20). Das nach
dem Unfall vom 23. Februar 2007 von Dr. L._ erstellte MRI des Schädels vom 3. April
2007 zeigte keine frischen Verletzungen (vgl. act. G 12.4/3). Somit sind im Kopf/
Hirnbereich keine Folgen des Unfalls vom 23. Februar 2007 nachweisbar. Zu den
Beschwerden im Schulterbereich findet sich in den Akten ein Schreiben von Dr. M._
an Dr. K._ vom 29. April 2008 (act. G 12.3/125). Darin führt Dr. M._ aus: "Die im
MRI vom 18.12.2007 beschriebenen Veränderungen an der Supraspinatussehne sind
ohne weiteres mit einer Unfallfolge vereinbar, wenn auch nicht beweisend. Meines
Erachtens sollte unter diesen Voraussetzungen die SUVA die Behandlung der
Schulteraffektion übernehmen." Diesen Ausführungen von Dr. M._ lässt sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entnehmen, dass eine unfallkausale Schulterverletzung zwar möglich, jedoch nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist. Somit ist die Beurteilung von Dr.
Q._, wonach im Schulterbereich keine Unfallfolgen bestehen, nachvollziehbar. Die
Beschwerdegegnerin trifft somit auch für die Folgen des Ereignisses vom 23. Februar
2007 keine Leistungspflicht mehr.
5.
Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Dem
Beschwerdeführer wurde die unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt. Der Staat
ist zu verpflichten, für die Kosten der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers
aufzukommen. Die Rechtsanwältin hat eine Kostennote über Fr. 6'923.-- eingereicht
(act. G 33.1). Die Rechtsanwältin begründet das von ihr beantragte Honorar mit dem
Zeitaufwand zu einem Ansatz von Fr. 220.-- pro Stunde und mit einzeln aufgeführten
Barauslagen. Gemäss Art. 22 der Honorarordnung für Rechtsanwälte und
Rechtsagenten (HonO; sGS 963.75) ist im Bereich der Verwaltungsrechtspflege jedoch
eine Pauschalentschädigung zuzusprechen. Ein Honorar nach Zeitaufwand ist nur in
den in Art. 23 HonO genannten Fällen zuzusprechen. Gemäss Art. 22 Abs. 1 lit. a HonO
beträgt das pauschale Honorar vor Versicherungsgericht Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--.
Für ein aussergewöhnlich kompliziertes Verfahren kann das Honorar bis zum
Doppelten erhöht werden (Art. 22 Abs. 2 HonO). Praxisgemäss wird im Bereich der
Unfallversicherung von einer mittleren Entschädigung von Fr. 4'000.--
ausgegangen. Vorliegend sind keine Gründe ersichtlich, die für ein aussergewöhnlich
kompliziertes Verfahren sprechen. Da die Rechtsanwältin neben der Einreichung einer
Beschwerde und einer Replik nachträglich noch die IV-Akten des Beschwerdeführers
studieren und dazu Stellung nehmen musste, rechtfertigt es sich, bei der Pauschale
von einer erhöhten Pauschale von Fr. 4'500.-- auszugehen. Dabei ist zu
berücksichtigen, dass dem unentgeltlichen Rechtsbeistand lediglich ein um 20 %
reduziertes Honorar zusteht (vgl. Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes, sGS 963.70). Die
Parteientschädigung ist deshalb auf Fr. 3'600.-- (80 % von Fr. 4'500.--; inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG