Decision ID: 83bde98e-a67e-4b38-a30e-158af4466351
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1984,
wurde von seinen Eltern erstmals
am
31. Au
gust 1998 wegen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen sowie einer emotio
nalen Störung bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug (Beiträge an Sonderschulung) angemeldet (
Urk.
6/3).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte medizinische Berichte (
Urk.
6/6-8,
Urk.
6/11) ein
.
Mit Verfügung vom 19. Oktober 1999 (
Urk.
6/19) wies die IV-Stelle das
Leistungs
begehren
ab.
1.2
Am 26. Juni 2003 meldete sich der Versicherte erneut bei der Invalidenversiche
rung zum Leistungsbezug (Berufsberatung, Arbeitsvermittlung, Rente) an (
Urk.
6/21).
Die IV-Stelle holte medizinische Berichte (
Urk.
6/27-28), einen Auszug aus dem individuellen Konto des Versicherten (IK-Auszug;
Urk.
6/26) sowie einen
Ar
beitgeberbericht
(
Urk.
6/29) ein.
Mit Verfügung vom 29. Oktober 2003 (
Urk.
6/31) verneinte die IV-Stelle einen Rentenanspruch sowie einen Anspruch des Versicherten auf berufliche Mass
nahmen.
Die vom Versicherten am 27. November 2003 dagegen erhobene Einsprache (
Urk.
6/32) wies die IV-Stelle mit
Einspracheentscheid
vom 29. Januar 2004 ab (
Urk.
6/38).
1.3
Am
2.
Juli 2010 meldete sich der Versicherte erneut bei der Invalidenversiche
rung zum Leistungsbezug (Rente) an (
Urk.
6/
40) und
machte eine Verschlech
terung seines Gesundheitszustandes geltend (vgl.
Urk.
6/45
-46
).
Die IV-Stelle holte
einen
medizinische
n
Bericht (
Urk.
6/
54) ein und auferlegte dem Versicherten mit Verfügung vom 14. Dezember 2010 (
Urk.
6/61) eine Schadenminderungspflicht.
In der Folge
holte sie weitere Arztberichte (
Urk.
6/65,
Urk.
6/72) sowie einen IK-Auszug (
Urk.
6/66-67) ein und veranlasste eine psychiatrische Begutachtung, über welche am 26. Oktober 2011 berichtet wurde (
Urk.
6/76).
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
6/79-83,
Urk.
6/94-113) sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Verfügung vom
1
2.
Oktober
2012 (
Urk.
6/114 =
Urk.
2) ei
ne ganze Rente mit Wirkung ab
1. Juli 2010 zu.
1.4
Das vom Versicherten am 8. September 2010 gestellte Gesuch um
Hilflosenent
schädigung
(
Urk.
6/
57) wies die IV-Stelle mit Verfügung vom 23. Februar 2012 ab (
Urk.
6/91).
2.
Gegen die Verfügung vom 1
2.
Oktober 2012 (
Urk.
2) erhob der Versicherte am 13. November 2012 Besc
hwerde (
Urk.
1) und beantragte, diese sei aufzuheben, so
weit
sie ihm den Anspruch auf eine ganze Rente vor dem 1. Juli 2012
(richtig wohl: 2010)
verweigere (S. 2
Ziff.
1), und es s
eien ihm die gesetzlichen Le
i
s
tun
gen zuzusprechen (S. 2
Ziff.
2).
Mit Beschwerdeantwort vom 13. Dezember 2012 (
Urk.
5) beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde, was dem Be
schwerdeführer am
11. April 2013 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bun
desgesetzes über die Invalidenversicherung; IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so wird nach Art. 87 Abs. 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss Abs. 2 die
ser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat. Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu ver
gewissern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gemachte Veränderung des Invaliditätsgrades auch tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in ana
loger Weise wie bei einem Revisionsfall nach Art. 17 Abs. 1 ATSG vorzugehen
(vgl. dazu BGE 130 V 71; AHI 1999 S. 84 E. 1b mit Hinweisen; vgl. auch AHI 2000 S. 309 E. 1b mit Hinweisen). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine
anspruchsbegrün
dende
Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 130 V 71 E. 3.2.2 und 3.2.3, 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
1.3
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbezü
gers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tat
sächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente nicht nur bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes, sondern auch dann
revidier
bar
, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen Gesundheitszustandes erheblich verändert haben (BGE 130 V 343 E. 3.5 mit Hinweisen). Eine Veränderung der gesundheitlichen Verhältnisse liegt auch bei gleich gebliebener Diagnose vor, wenn sich ein Leiden in seiner Intensität und in seinen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit verändert hat (Urteile des Bun
desgerichts 9C_261/2009 vom 11. Mai 2009 E. 1.2 und I 212/03 vom 28. Au
-
gust
2003 E. 2.2.3). Dagegen stellt die bloss unterschiedliche Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesund
heitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein genommen keinen
Revisi
onsgrund
im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG dar. Zeitliche Vergleichsbasis für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Änderung des Invaliditätsgrades bilden die letzte rechtskräftige Verfügung oder der letzte rechtskräftige
Ein
spracheentscheid
, welche oder welcher auf einer materiellen Prüfung des Ren
tenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Invaliditätsbemessung beruht (BGE 133 V 108; vgl. auch BGE 130 V 71
E. 3.2.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_438/2009 vom 26. März 2010 E. 1 mit Hin
weisen).
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zu
sammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
1.5
Gemäss einem allgemeinen Grundsatz des
Sozialversiche
rungsrechts
kann die Verwaltung eine formell rechtskräftige Verfügung, welche nicht Gegenstand materieller richter
licher Beurteilung gebildet hat, in Wiedererwägung ziehen, wenn sie zweifellos unrichtig und ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (Art. 53 Abs. 2 ATSG; BGE 127 V 466 E. 2c mit Hinweisen).
Von der Wiedererwägung ist die so genannte prozessuale Revision von
Ver
waltungsverfügungen
zu unterscheiden. Danach ist die Verwaltung
gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG
verpflichtet, auf eine formell rechtskräftige Verfügung zurück
zukommen, wenn
erhebliche
neue Tatsa
chen oder neue Beweismittel entdeckt werden, die geeignet sind, zu einer anderen rechtlichen Beurteilung zu führen (BGE 127 V 466 E. 2c mit Hinweisen). Erheblich können nur Tatsachen sein, die zur Zeit der Erstbeurteilung bereits bestanden, jedoch unverschuldeterweise un
bekannt waren oder unbewiesen blieben (BGE 119 V 180 E. 3a, 477 E. 1a, je mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung vom 1
2.
Oktober 2012 (
Urk.
2) gestützt
auf die medizinischen
Abklärungen davon aus, dass dem Beschwerdeführer keine Erwerbstätigkeit zumutbar sei (Verfügungsteil 2 S. 1 unten).
Die Verfügung vom 29. Oktober 2003 werde nicht
wiedererwägungs
weise
aufgehoben, da nicht davon auszugehen sei, dass diese nach den Er
kennt
-
nissen in jenem Zeitpunkt zweifellos unrichtig gewesen sei (
Verfügungs
teil
2 S. 1 f.).
Die Voraussetzungen der prozessualen Revision im Sinne von Art. 53 ATSG seien vorliegend ebenfalls nicht erfüllt.
Der Beschwerdeführer hätte
bereits zum Zeitpunkt der ersten Anmeldung bei der In
validenversicherung Be
lege bei
bringen
können
, die über seine damalige Arbeitsu
n
fähigkeit
hätten
Aufschlu
ss geben können (Verfügungsteil 2 S. 2 Mitte).
2.2
Demgegenüber stellte sich der Beschwerdeführer auf den Standpunkt (
Urk.
1),
aus dem von Dr. med.
Y._
im Jahre 2011 erstatteten psychiatrischen Gut
achten ergäben sich erhebliche, neue, nach Verfügungserlass entdeckte medizi
nische Tatsachen, so dass er – aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen – bereits mit Erreichen des 18. Altersjahres im Jahre 2002 Anspruch auf eine ganze Rente gehabt hätte.
Die Revisionsvoraussetzung des Entdeckens erhebli
cher neuer Tatsachen sei somit zweifelsohne erfüllt, weshalb der Entscheid der Beschwerdegegnerin, wonach die Verfügung vom 29. Oktober 2003 nicht in Re
vision zu ziehen sei, unrichtig sei
(S. 5 f.).
2.3
Streitig und zu prüfen ist der Beginn des Rentenanspruchs in dem Sinne, ob der Beschwerdeführer vor dem 1. Juli 2010 eine Rente der Invalidenversicherung
entsprechend einem Invaliditätsgrad von 100 %
beanspruchen kann.
3.
3.1
Der
Einspracheentscheid
vom 29. Januar 2004 (
Urk.
6/38)
, welcher in prozessu
ale Revision gezogen werden soll,
stützte sich im Wesentlichen auf folgende Berichte:
3.2
In einem am 14. Januar 1998 erstatteten Bericht (
Urk.
6/6/3-4) führten die Ärzte der
Z._
zur neuropsychologischen Abklärung des Beschwerde
führers
vom 5. Januar 1998
aus,
dieser
habe eine gute Arbeitshaltung mit kei
nen Konzentrationsstörungen
während der ganzen
Testzeit
gezeigt.
Leistungs
mässig
sei der Beschwerdeführer durch sein eifriges Mitmachen und seinen Stolz auf vollbrachte Leistungen aufgefallen
(S. 1)
.
Die Stärken des Beschwer
deführers lägen zweifellos im visuell-räumlichen Bereich. Die Testung habe je
doch zum einen eine deutlich reduzierte mündliche Sprachaufnahme und -
ver
arbeitung
und zum anderen eine klare und für das schulische Lernen störende Tendenz zum assoziativen Abschweifen ergeben.
Dementsprechend leide in der grossen
G
ruppe die kognitive Leistungsfähigkeit trotz durchschnittlicher Intelli
genz (S. 2 Mitte).
Als Massnahme werde eine weitere Schulung im Rahmen ei
ner Kleinklasse, eventuell sogar im Rahmen einer Tagesschule empfohlen, um den klar strukturierten Rahmen besser gewährleisten zu können. Diese Struktu
rierung ermögliche dem Beschwerdeführer erst die Entfaltung seiner kognitiven Fähigkeiten, die ihm auch im weiteren Sinne vermehrte Selbständigkeit und Unabhängigkeit biete. Im Hinblick auf seine berufliche Zukunft sei vor allem an einen Beruf im handwerklichen Bereich zu denken (S. 2 unten).
3.3
Die Ärzte der
A._
berichteten
am 2
2.
Mai 2003 (
Urk.
6/20) und nannten folgende Diagnosen (S. 3 oben):
Identitätsprobleme (ICD-10 F93.8)
Cannabismissbrauch (ICD-10 F12.1)
Sie
führten aus, der Beschwerdeführer habe einerseits ausgesprochene Schwierig
keiten im Umgang mit den Jugendlichen seiner Gruppe, in dem er ein nicht altersentsprechendes, aufsässiges, provozierendes Verhalten an den Tag lege, belächelt und abgelehnt werde, sich nicht behaupten und abgrenzen könne, sich leicht beeinflussen lasse und leicht
kränkbar
sei, andererseits eine fehlende Konstanz bei
der Arbeit und im Gruppenalltag, indem er zu spät komme und häufig auf die Kurve gehe. Seine Stimmungsschwankungen,
Selbstwertkrisen und die Orientierungslosigkeit erforderten einen grossen Be
treuungsaufwand (S. 1). Der Beschwerdeführer sei emotional und bezüglich sei
ner Identität wahrscheinlich auf Grund mangelnden Zugehörigkeitsgefühls während seiner Kindheit stark verunsichert. Er wirke in vielen Bereichen noch nicht altersentsprechend entwickelt, sei von den primären Bezugspersonen we
nig abgelöst und sei noch nicht in der Lage, verlässliche Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Bezüglich seines Selbstbildes und seiner Identität sei er stark verunsichert und noch wenig an der Erwachsenenwelt orientiert (S. 2 unten). Der Beschwerdeführer sei ausgesprochen unsicher und emotional labil. Er schwanke zwischen Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, starker Selbst
kritik und leicht euphorischen Stimmungen mit Selbstüberschätzung
und unrea
listischen Zukunftsplänen
(S. 2 f.)
. Es dränge sich eine Neuplatzierung auf, wel
che in noch stärkerem Mass der geringen Belastbarkeit des Beschwerdeführers, seinen Schwächen im sozialen Umgang und in der Erfüllung von Alltagsanfor
derungen Rechnung tragen würden und eine intensive sozialpädagogische und psychotherapeutische Betreuung gewährleisten würden. Somit könnte eine langfristige Fehlentwicklung mit der Gefahr der Ausbildung einer schwerwie
genden psychiatrischen Erkrankung und einer Invalidisierung beim differen
zierten, feinfühligen Beschwerdeführer verhindert werden (S. 3)
.
3.4
Die Ärzte der
A._
berichteten am 26. August 2003 (urk. 6/29), nannten die be
kannten Diagnosen (S. 1
lit
. A) und führen aus, der Beschwerdeführer sei von zirka Juli 2002 bis am 11. April 2003 zu 50
%
arbeitsunfähig gewesen (S. 1
lit
. B). Der Gesundheitszustand sei besserungsfähig und die Arbeitsfähigkeit könne durch medizinische Massnahmen verbessert werden (S. 2
lit
. C).
Sofern eine ge
eignete Behandlung und berufliche Eingliederung erfolgt sei, sei die langfristige Prognose günstig (S. 3
lit
. D
Ziff.
6 unten).
4.
4.1
Der angefochtenen Verfügung vom 1
2.
Oktober 2012 (
Urk.
2) lag
en
im
We
-
sentli
chen
folgende medizinische Berichte zu Grunde:
4.2
Dr. med. univ.
B._
, FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, berich
tete am 9. September 2010 (
Urk.
6/54) und nannte folgende Diagnosen (S. 1 f.):
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit unreifen, haltlosen, narzissti
schen (passiv-aggressiven), asthen
ischen und vermeidenden Anteilen (ICD-10 F61)
einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10 F90), aktuell mit Betonung des Aufmerksamkeitsdefizites, relevantes Auftreten der Störung mit Beginn Schulalter
mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F32.2), ab
Untersuchungsbe
ginn
bis Juli 2010
Zustand nach Cannabismissbrauch (ICD-10 F12.1)
Zustand nach atypischer familiärer Situation in der Kindheit
Zustand nach körperlicher Misshandlung in der Kindheit (durch Stief
-
mut
ter
)
Er führte aus,
diagnostisch lasse sich zusammenfassend aus den Befunden schlussfolgern, dass die beobachtete Symptomatik und geäusserten Beschwer
den nicht auf der Basis einer
Autismusspektrumsstörung
entstanden seien. Aufschlussreicher sei die Diagnostik der Persönlichkeit mit deutlichen Hinwei
sen auf Akzentuierungen mit Störungscharakter. Die allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung seien erfüllt. Prognostisch lasse sich sagen, dass die be
schriebene Symptomatik bis dato weitgehend unbehandelt und seit Beginn des Erwachsenenlebens mindestens stationär geblieben, zweitweise auch schlechter geworden seien. Aktuell bleibe der erstmalige Einsatz einer Psychopharmako
therapie abzuwarten. Es könne jedoch eine Verbesserung des Gesundheitszu
standes im Verlauf des nächsten Jahres erwartet werden (S. 7 f.).
Seit Beginn der Abklärung Anfang Mai 2010 bestehe bis dato eine 100%ige Arbeitsunfähig
keit als Lehrling und für ungelernte Arbeiten aller Art. Die Vorgeschichte zeige eindeutige Hinweise auf ein Vorbestehen der Arbeitsunfähigkeit im selben Ausmass von mindestens 80
%
ab etwa dem 17. Lebensjahr des Beschwerde
führers (S. 9
Ziff.
1.6).
Dr.
B._
berichtete am
3. Februar 2011 (
Urk.
6/65)
führte
Dr.
B._
aus, der Beschwerdeführer habe sich einer regelmässigen integrierten psychiatrischen Behandlung mit der Frequenz einer Wochenstunde u
nterzogen und die vorge
schlagene Medikation bei guter Einsicht und Kooperationsbereitschaft stets ein
genommen (S. 1).
Im Verlaufsbericht vom
29. Juni 2011 (
Urk.
6/72)
führte
Dr.
B._
aus, es habe sich weder an der Diagnose, noch an der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit etwas geändert. Der Beschwerdeführer besuche wöchentlich die integrierte Therapie und habe sich auch laborchemisch auf Alkoholmissbrauch untersuchen lassen. Die Langzeit-Werte liessen rückschliessen
, dass Alkoholmissbrauch ausge
schlossen werden könne (S. 1). Die vermutete Arbeitsfähigkeit betrage im ge
schützten Rahmen zirka 60
%
(S. 2).
4.
3
Dr. med.
Y._
, Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, erstat
tete sein psychiatrisches Gutachten am 26. Oktober 2011 (
Urk.
6/76) ge
stützt auf die Akten und die psychiatrische Exploration des Beschwerdeführers vom 24. Oktober 2011. Er nannte folgende Diagnosen (S.
11
Ziff.
5):
soziale Phobien (ICD-10 F40.1)
Agoraphobie mit Panik (ICD-10 F40.01)
Dysthymie
(ICD-10 F34.1)
Aufmerksamkeitsstörung mit Teilleistungsstörungen (ICD-10 F90.0)
Persönlichkeitsstörung mit
Schizoid
i
e
, Dissozialität und
Suchtmiss
brauch
, emotionaler Labilität und Retardierung, Fremdabhängigkeit, narzisstischer Störung (ICD-10 F61.0)
Er führte aus,
beim Beschwerdeführer bestehe ein ausgesprochener
Poly
-
morphis
mus
von psychischen Störungen, ohne dass eine einzelne im lang
fristigen Verlauf prominent gewesen wäre oder zu einer schweren akuten Krankheitsphase geführt hätte.
Pathologisch auffällig und von prognostischer Bedeutung seien die früh aufgetretenen Störungen, die starken
Milieuauffällig
keiten
und –
wechsel
sowie
das F
ehlen gesunder
A
n
teile in der Persönlichkeit des Beschwerdeführers und im Lebenslauf (S. 11). Hinsichtlich der Arbeitsfähig
keit des Beschwerdeführers gäben die Ängste den Hauptausschlag. Im Zusam
menhang mit der sozialen Unangepasstheit und den Entwicklungsstörungen, insbesondere auch neuropsychologischer Art, hätten sich beim Beschwerdefüh
rer zunehmend soziale Ängste und eine Panikstörung manifestiert. Sie seien bis anhin möglicherweise darum weniger in die psychiatrische Diagnosestellung eingeflossen, weil der Beschwerdeführer seine psychischen Beschwerden baga
tellisiere, selbst nicht von Ängsten, sondern beispielsweise von „Reizüberflu
tung“ spreche, und weil in Bezug auf die Panikstörung das
Vermeidungsver
halten
gegenüber der Paniksy
mptomatik dominiere (S. 12 f.). Der heute 27-jäh
rige Beschwerdeführer habe in seinem ganzen Leben nie eine produktive,
reali
tätsgerechte
Arbeitsleistung erzielt. Eingliederungsversuche im Anschluss an den Volksschulabschluss seien gescheitert. Im klinischen Eindruck seien eben
falls keine gesunden,
realistischen Aspekte zu sehen. Nach mehreren psycho
therapeutischen Versuchen seit dem Schulalter habe sich nun zwar erstmals eine regelmässige und länger dauernde Psychotherapie etabliert und auch die sozialen Verhältnisse hätten sich stabilisiert. Der eigentliche psychische Zustand habe sich jedoch kaum gebessert. Unter diesen Gegebenheiten bestehe beim Beschwerdeführer keine Arbeitsfähigkeit, langfristig gesehen auch nicht in einer betreuten Institution (S. 13 unten).
Der Beschwerdeführer sei aus psychischen Gründen seit mindestens drei Jahren, wahrscheinlich schon seit jeher, generell zu praktisch 100
%
arbeitsunfähig gewesen.
Prognostisch sei auf lange Frist keine Besserung absehbar (S. 14 oben).
Infolge von schweren Angst- und
Per
sönlichkeitsstörungen
habe wahrscheinlich seit jeher keine Erwerbsfähigkeit auf eine genügend lange Dauer bestanden. Der Beschwerdeführer sei weder ausrei
chend schul- noch berufsbildungsfähig gewesen und auch für
behinderungsan
gepasste
Tätigkeiten könne kein zumutbares Belastungsprofil aufgestellt werden
(S. 14 unten)
.
5.
5.1
Gemäss
Art.
53 Abs. 1 ATSG müssen formell rechtskräftige Verfügungen in Revi
sion gezogen werden, wenn nach deren Erlass (unter anderem) erhebliche neue Tatsachen entdeckt werden.
Nicht als neu wird eine Tatsache dann betrachtet, wenn das Vorbringen im
Revisi
onsverfahren
lediglich eine neue Würdigung einer bereits bekannten Tat
sache in sich schliesst (Ueli
Kieser
, ATSG-Kommentar,
2.
Auflage, Zürich 2009,
Rz
14 zu
Art.
53).
A
ls neue Tatsachen im Sinne von
Art.
53 Abs. 1 ATSG
gelten
Tatsachen, welche sich
vorliegend
bis zum Erlass des
Einspracheentscheids
vom 2
9.
Januar 2004
verwirklicht haben, dem Beschwerdeführer jedoch
trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt waren. Die neuen Tatsachen müssen ferner erheblich sein, das heisst sie müssen geeignet sein, die
tatbeständliche
Grundlage des angefochte
nen Entscheids zu verändern und bei zutreffender rechtlicher Würdigung zu ei
ner andern Entscheidung zu führen. Beweismittel haben entweder dem Beweis der die Revision begründen
den neuen erheblichen Tatsachen oder dem Beweis von Tatsachen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt gewesen, aber zum Nachteil der
ge
suchstellenden
Person unbewiesen geblieben sind. Sollen bereits vorgebrachte Tatsachen mit den neuen Mitteln bewiesen werden, so hat
der Beschwerdeführer auch dar
zutun, dass er
die Beweismittel im frühe
ren Verfahren nicht beibringen konnte. Entscheidend ist ein Beweismittel, wenn angenommen werden muss, es hätte zu einem andern Entscheid geführt, falls die
Einspracheinstanz
hievon
Kenntnis gehabt hätte. Ausschlaggebend ist, dass das Beweismittel nicht bloss der
Sach
verhaltswürdigung
, sondern der
Sachver
haltsermittlung
dient. Es genügt daher beispielsweise nicht, dass ein neues Gut
achten den Sachverhalt anders bewertet; vielmehr bedarf es neuer Elemente tatsächlicher Natur, welche die
Entschei
dungsgrundlagen
als objektiv mangel
haft erscheinen lassen. Für die Revision eines Entscheides genügt es nicht, dass die Gutachterin oder der Gutachter aus den im Zeitpunkt des Haupturteils be
kannten Tatsachen nachträglich andere Schlussfolgerungen zieht als das Ge
richt. Auch ist ein Revisionsgrund nicht schon gegeben, wenn die entscheidende Instanz bekannte Tatsachen mög
licherweise unrichtig gewürdigt hat. Notwendig ist vielmehr, dass die unrichtige Würdigung erfolgte, weil für den Entscheid wesentliche Tatsachen nicht be
kannt waren oder unbewiesen blieben (BGE 127
V 358 E. 5b, 110 V 141 E. 2, 293 E. 2a, 108 V 171 E. 1; vgl. auch BGE 118 II 205; Entscheid des Bundesgerichts U 68/06 vom
4.
Januar 2007, E. 2.2).
5.3
Entgegen den Ausführungen des Beschwerdeführers beinhaltet das psychiatri
sche Gutachten von
Dr.
Y._
weder neue
Tatsachen, noch stellt
es ein neues Beweismittel im Sinne von
Art.
53 Abs. 1 ATSG dar.
Erhebliche medizinische Faktoren, die zur Zeit der erstmaligen Rentenprüfung im Oktober 2003 bereits vorhanden, indes (noch) nicht erkannt worden waren, werden darin nicht auf
geführt. Insbesonder
e
bei der
im Jahre 2011
von
Dr.
Y._
diagnostizierten
Persönlichkeitsstörung
und der Attestierung einer vollen Arbeitsunfähigkeit handelt es sich nicht um neue Tatsachen; vielmehr geht die neu gestellte Diag
nose und Beurteilung der Arbeitsfähigkeit auf eine
neue Würdigung des im
Entscheidzeitpunkt
bereits bekannten Besc
hwerdebildes des Beschwerdeführe
rs
durch
Dr.
Y._
im Vergleich zu den Berichten der Ärzte der
A._
von Mai be
ziehungsweise August 2003 (vgl. vorstehend E. 3.3 und E. 3.4) zurück
.
So war der Beschwerdeführer im Zeitpunkt des
Einspracheentscheides
von Januar 2004 gerade mal neunzehn Jahre alt. Damals wurden keine Diagnosen dokumentiert, welche die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit im
invalidenversicherungsrechtli
chen
Sinne
gerechtfertigt hätten. Die Ärzte der
A._
beschrieben den Beschwer
deführer
in ihrem Arztbericht von Mai 2003
als einen stark verunsicherten Adoleszenten, der in vielen Bereichen noch nicht altersentsprechend entwickelt wirke (v
gl. vorstehend E. 3.3
).
Wie aus diesem Bericht der Ärzte der
A._
hervor
geht, war die Persönlichkeit des Beschwerdeführers zu diesem Zeitpunkt noch in der Entwicklung begriffen. Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung nach ICD erfordert jedoch eine zeitliche Konstanz, von welcher beim Beschwerdeführer aufgrund seines Entwicklungsstandes mit neunzehn Jahren
kaum ausgegangen werden konnte
.
Somit ist nicht ersichtlich, dass den Ärzten der
A._
namhafte und entscheidende Befunde oder Aspekte gänzlich verborgen geblieben waren, was jedoch vorauszusetzen wäre, damit von neuen Tatsachen ausgegangen werden könnte. Auch dass die Kenntnis der weiteren Entwicklung des Be
schwerdeführers
Dr.
Y._
rückblickend die Einschätzung erlaubte, die von ihm gestellten Diagnosen hätten beim Beschwerdeführer bereits in der Adoleszenz Gültigkeit gehabt, ist kein Grund für eine prozessual
e Revision
.
Denn
eine ret
rospektiv andere Einschätzung eines gleichgebliebenen Sachverhaltes
reicht
dafür nicht aus.
5.4
Nach dem Gesagten ist kein Revisionstatbestand im Sinne von
Art.
53
Abs.
1 ATSG gegeben, und die Beschwerdegegnerin ha
t
es demnach zu Recht abge
lehnt, ihren früheren Entscheid prozessual zu revidieren.
Die angefochtene Verfügung erweist sich somit als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.
6.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrens
aufwand
und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 7
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen.