Decision ID: 24a8b00c-46a3-4b4e-ba37-96fc36b85e1b
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin ass. iur. Katrin Napierkowski, advoswiss GmbH,
Flüelastrasse 51, 8047 Zürich,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Nichteintreten auf neues Leistungsgesuch
Sachverhalt:
A.
A._ meldete sich im Juni 2004 (IV-act. 1) erstmals für den Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung (IV) bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an und beantragte
eine Rente. Sie machte geltend, an Schwellung, Entzündung und massiven Schmerzen
in den Fingergelenken sowie an Rücken- und Hüftschmerzen zu leiden. Das Zentrum
für Medizinische Begutachtung (ZMB) Basel nannte in einem Gutachten vom
8. November 2005 (IV-act. 27-19 f.) insbesondere die Diagnosen Spondylarthropathie
bei Befall der peripheren Gelenke, mit sehr diskretem Befall des CP-Gelenks III der
rechten Hand, sowie bilaterale Sakroiliitis, in partieller Remission. Eine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit bestehe nur für körperlich schwere, rücken- und händebelastende
Tätigkeiten. Es scheine sich eine Schmerzfehlverarbeitung angebahnt zu haben, der
man aber keinen eigentlichen Krankheitswert beimesse. Gestützt auf dieses Gutachten
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom 3. Januar 2006 (IV-act. 31) einen
Leistungsanspruch, was das beschwerdeweise angerufene Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen mit Entscheid IV 2006/90 vom 3. April 2007 (IV-act. 59) bestätigte.
Auf eine dagegen erhobene Beschwerde trat das Bundesgericht mit Entscheid
9C_296/2007 vom 20. Juni 2007 (IV-act. 62) wegen verspäteter Einreichung nicht ein.
B.
B.a Am 7. September 2010 (Postaufgabe 8. September; IV-act. 66) meldete sich die
Versicherte erneut zum IV-Leistungsbezug an. Die IV-Stelle teilte ihr mit Schreiben vom
10. September 2010 (IV-act. 68) mit, sie müsse glaubhaft machen, dass sich ihre
Invalidität seit dem Gerichtsurteil vom 20. Juni 2007 in einer für den Anspruch er
heblichen Weise geändert habe, und setzte ihr dafür eine Frist. Am 21. September
2010 (IV-act. 69-1 f.) wandte sich Dr.med. B._, Facharzt FMH für Physikalische
Medizin und Rehabilitation, an die IV-Stelle. Er habe die Versicherte in den ver
gangenen Jahren jeweils ein- oder zweimal gesehen. Nach seinen Beobachtungen
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über diese Zeit habe sich ihr Zustand verschlechtert. Sie reagiere zunehmend mit
Panikattacken. Er glaube, es liege eine Angsterkrankung vor. Ihre entzündliche
rheumatische Erkrankung dauere seit Jahren an. Es sei nicht gelungen, sie gänzlich zu
unterdrücken. Im Jahr 2004 sei sie stationär im Kantonsspital St. Gallen (KSSG) und im
Jahr 2008 im Universitätsspital Zürich behandelt worden. Er denke, sie sei auch in
angepasster Tätigkeit über 50% arbeitsunfähig. Bei den Akten findet sich sodann ein
Bericht der Rheumapoliklinik des Universitätsspitals Zürich vom 11. September 2008
(IV-act. 70), in dem insbesondere von einer ankylosierenden Spondylitis mit aktiv
entzündlichem axialem und peripherem Befall und einer sekundären fibromyalgiformen
Ausweitung der Symptomatik berichtet wurde.
B.b Die zuständige Ärztin des IV-internen Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) stellte
sich am 18. Oktober 2010 (IV-act. 73) auf den Standpunkt, es könnten weder eine
wesentliche Verschlechterung der bisherigen Befunde noch relevante neue Diagnosen
festgestellt werden. Die IV-Stelle trat daraufhin mit Verfügung vom 20. Dezember 2010
(act. G 1.4.1) mangels glaubhaft gemachter Veränderung auf das Leistungsgesuch
nicht ein.
C.
C.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde der Versicherten vom
15. Januar 2011 (Postaufgabe 17. Januar 2011; act. G 1). Sie beantragt eine erneute
Prüfung der Sache. Seit mehreren Jahren könne sie nicht einmal die Hausarbeit er
ledigen, weil Rücken, Schultern, Hände und Knochen schmerzten und die Hände an
schwellten. Ihre Ärzte würden ihre Situation kennen und wissen, dass sie sich in den
vergangenen Jahren verschlechtert habe, darum verstehe sie nicht, weshalb ein
Mensch in ihrer Verfassung abgelehnt werde. Mit der Beschwerde wurden Schreiben
von Dr. B._ vom 9. August 2010, 21. September 2010 und 29. November 2010
(act. G 1.1 bis 1.3) eingereicht. Am 1. März 2011 ging dem Gericht auf Veranlassung
der Beschwerdeführerin neben bereits aktenkundigen Berichten ein weiterer von
Dr. B._ vom 31. August 2010 (act. G 4.1) zu.
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in ihrer Beschwerdeantwort vom 14. März
2011 (act. G 6) die Abweisung der Beschwerde. Hinweise auf invaliditätswirksame
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psychische Beeinträchtigungen lägen nicht vor. Die Beschwerdeführerin lasse sich
weder psychiatrisch behandeln noch nehme sie Psychopharmaka zu sich. Sie vermöge
nicht glaubhaft zu machen, dass sich der Invaliditätsgrad in einer für den Anspruch
erheblichen Weise geändert habe. Die Feststellungen des Rheumatologen vermöchten
eine psychiatrische Fachabklärung auf Kosten der IV nicht zu rechtfertigen.
C.c Am 24. März 2011 (act. G 8) kündigte Rechtsanwältin ass.iur. Katrin Napierkowski
die Interessenwahrung der Beschwerdeführerin an. Am 20. April 2011 reichte sie die
Replik ein. Darin beantragt sie die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache einer Invalidenrente. Eventualiter sei die Sache zur ergänzenden medi
zinischen Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, jeweils unter
Kosten- und Entschädigungsfolge. Im Weiteren ersucht sie um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung. Der behandelnde Rheumatologe attestiere der
Beschwerdeführerin eine Verschlechterung des Zustands. Diese Aussage habe auch
der Hausarzt der Beschwerdeführerin, Dr. med. C._, gegenüber der Rechtsvertreterin
in einem Telefongespräch bestätigt. Die Einschätzungen der behandelnden Ärzte
dürften nicht als unbeachtlich beiseitegeschoben werden. Zudem beschreibe die
Beschwerdeführerin selbst, dass sich ihr Gesundheitszustand in den vergangenen
Jahren verschlechtert habe. Dr. B._ weise im Übrigen darauf hin, dass er der
Beschwerdeführerin wegen Panikattacken das Medikament Temesta verschrieben
habe. Auch habe er ihr Surmontil Tropfen gegeben mit der Empfehlung, die Dosis
schrittweise zu steigern. Damit lägen Hinweise auf eine invaliditätswirksame
psychische Beeinträchtigung vor. Dr. B._ sei auch der Ansicht, drei der so genannten
Foerster'schen Kriterien seien erfüllt. Dass ein Sachverhalt zwischen einer
Begutachtung aus dem Jahr 2005 und heute bei einer chronisch aktiven Erkrankung
mit allen Folgen sowohl körperlicher als auch psychischer Natur unverändert sei, sei
nicht nachvollziehbar. Mit der Einschätzung von Dr. B._ und Dr. C._ sei eine
Verschlechterung des Zustands glaubhaft gemacht. Die Beschwerdeführerin erachte
eine Arbeitsfähigkeit als nicht mehr oder lediglich sehr gering gegeben und beantrage
die Ausrichtung einer Rente oder eventualiter die Rückweisung zur ergänzenden
Abklärung. Mit der Replik reichte die Rechtsvertreterin ein Schreiben von Dr. B._ vom
20. April 2011 (act. G 12.7) zu den Akten.
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C.d Die Beschwerdegegnerin hält in ihrer Duplik vom 29. April 2011 (act. G 15) an
ihrem Antrag auf Beschwerdeabweisung fest. Was die Einnahme des Medikaments
Temesta betreffe, so möge dies wohl ein Hinweis auf eine psychische Erkrankung sein,
eine wirkungsvolle therapeutische Behandlung eines Gesundheitsschadens mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit (schwere Angsterkrankung) bedürfte gemäss Auskunft eines
RAD-Arztes jedoch einer um einiges höheren Medikation oder vielmehr einer Um
stellung auf ein anderes Medikament. Unabdingbar wäre von Seiten der Beschwerde
führerin die Beibringung eines psychiatrischen Arztberichts, der eine Verschlechterung
dokumentieren würde. Im Übrigen wäre die psychiatrische Beeinträchtigung als IV-
fremd zu taxieren.
C.e In einer weiteren Stellungnahme vom 23. Mai 2011 (act. G 17) lässt die
Beschwerdeführerin rügen, dass die Beschwerdegegnerin nicht auf die Argumente
bezüglich Erfüllung der Foerster-Kriterien eingehe. Dr. B._ habe die Versicherte
aufgrund der geringen Sprachkenntnisse und der geringen Schulbildung keinem
Psychiater zugewiesen, weil es erfahrungsgemäss schwierig sei, solche Patienten
mittels Psychotherapie erfolgreich zu behandeln.
C.f Der Beschwerdeführerin wurde das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege (Be
freiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege) am
24. Mai 2011 (act. G 20) bewilligt.

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht nicht auf das Gesuch
der Beschwerdeführerin vom September 2010 um Ausrichtung einer Invalidenrente ein
getreten ist. Die materielle Beurteilung des Rentenanspruchs bildet nicht Gegenstand
der angefochtenen Verfügung vom 20. Dezember 2010, weshalb auf die ent
sprechenden Anträge der Beschwerdeführerin nicht einzutreten ist. Im Fall der Gut
heissung wäre die Beschwerdegegnerin lediglich anzuweisen, die Sache materiell zu
prüfen.
2.
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2.1 Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so
wird gemäss Art. 87 Abs. 4 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV;
SR 831.201) in der bis Ende 2011 gültig gewesenen, nachfolgend zitierten Fassung
(seit 1. Januar 2012 inhaltlich unverändert Art. 87 Abs. 3 IVV) eine neue Anmeldung nur
geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss Abs. 3 (seit 1. Januar 2012: Abs. 2) erfüllt
sind. Nach jener Bestimmung muss in einem Revisionsgesuch glaubhaft gemacht
werden, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch erheblichen Weise
geändert hat. Diese Eintretensvoraussetzung soll verhindern, dass sich die Verwaltung
immer wieder mit gleich lautenden und nicht näher begründeten, d.h. keine Ver
änderung des Sachverhalts darlegenden Gesuchen befassen muss (BGE 130 V 71
E. 3.2.3).
2.2 Nach der Rechtsprechung ist unter Glaubhaftmachung im Sinn von Art. 87 Abs. 3
IVV kein Beweis nach dem im Sozialversicherungsrecht allgemein massgebenden Grad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 121 V 45 E. 2a) zu verstehen. Gemäss
dem Zweck der Eintretenshürde von Art. 87 Abs. 3 IVV muss es sich bei der Glaubhaft
machung um eine deutlich reduzierte Beweisanforderung handeln. Es genügt, dass für
den geltend gemachten rechtserheblichen Sachumstand wenigstens gewisse Anhalts
punkte bestehen, auch wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist, dass
eine eingehende Sachverhaltsabklärung die behauptete Veränderung nicht bestätigen
wird. Grundsätzlich unterliegt das Glaubhaftmachen nach Art. 87 Abs. 3 IVV weniger
strengen Anforderungen als im Zivilprozessrecht (SVR 2003 IV Nr. 25 E. 2.2 mit Hin
weisen, Urteil 9C_688/2007 des Bundesgerichtes vom 22. Januar 2008).
2.3 Aufgrund des klaren Wortlauts des Art. 87 Abs. 3 IVV ("Im Gesuch ist glaubhaft zu
machen") steht fest, dass eine versicherte Person, die sich nach einer früheren
Leistungsverweigerung bei der IV-Stelle neu anmeldet und eine Rente verlangt, die
"Glaubhaftmachungslast" (im Sinn einer Beweisführungslast) trägt. Sie muss also jene
Indizien beschaffen und der IV-Stelle vorlegen, mit denen sie ihre Behauptung einer
anspruchserheblichen Gesundheitsverschlechterung glaubhaft machen will. Sie kann
sich nicht darauf beschränken, eine solche Veränderung zu behaupten. In diesem Ver
fahrensstadium gilt demnach der Untersuchungsgrundsatz nicht.
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2.4 Zeitlicher Ausgangspunkt für die Beurteilung einer anspruchserheblichen
Änderung des Invaliditätsgrads ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts auch
bei einer Neuanmeldung nach vorangegangener Abweisung die letzte rechtskräftige
Verfügung, die auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer
Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines
Einkommensvergleichs beruhte (vgl. BGE 130 V 71).
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin hat in der angefochtenen Verfügung zu Recht den
Verlauf seit Januar 2006 (Datum des Erlasses der ursprünglichen
Abweisungsverfügung) bzw. die Glaubhaftmachung der geltend gemachten, seither
eingetretenen gesundheitlichen Verschlechterung geprüft.
3.2 Zur somatischen Situation der Beschwerdeführerin ist folgendes festzuhalten:
3.2.1 Bei der ersten MEDAS-Abklärung im September 2005 gab die
Beschwerdeführerin an, zirka 2003 erstmals Schmerzen und Schwellungen in den
unteren Extremitäten verspürt zu haben. Im Dezember 2003 wurde erstmals eine
Spondylarthropathie diagnostiziert. Im Begutachtungszeitpunkt klagte die
Beschwerdeführerin über Schmerzen im Nackenbereich mit Ausstrahlung in die
Schultern und über schmerzhaft geschwollene Fingergelenke. Alle sechs Wochen
erhalte sie Infusionen von Remicade, die nur kurzfristig helfen würden. Die Gutachter
schlossen auf eine Schmerzverarbeitungsstörung bzw. die Entstehung eines
sekundären fibromyalgischen Syndroms.
3.2.2 Gegenüber dem Hausarzt der Beschwerdeführerin hielt Dr. B._ am
9. August 2010 (IV-act. 69-5) fest, im September 2009 habe er einen Wurstfinger II
rechts feststellen können, im Oktober 2009 dann keine sichere Schwellung an den
Händen mehr. Auch bei Berichterstattung scheine ihm die Synovitis im Vergleich zu
früher, insbesondere zu 2003 und 2004, an den peripheren Gelenken geringer zu sein.
Er gehe davon aus, dass nach wie vor eine gewisse entzündliche Aktivität vorhanden
sei. Obwohl Dr. B._ der medikamentösen Behandlung mit Humira eine gewisse
Wirksamkeit zubilligte, sprach er sich im Schreiben vom 31. August 2010 (IV-act. 69-3)
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explizit nicht gegen einen von der Beschwerdeführerin offenbar wegen
Nebenwirkungen gewünschten Unterbruch der Behandlung aus. Gegenüber der IV-
Stelle machte Dr. B._ im Schreiben vom 21. September 2010 (IV-act. 69-1)
schliesslich keine Verschlechterung der entzündlichen rheumatischen Erkrankung
geltend; diese dauere seit Jahren und es sei bisher nicht gelungen, die Entzündung
gänzlich zu unterdrücken.
3.2.3 Konkrete Hinweise auf eine Verschlimmerung der rheumatischen
Problematik finden sich auch im Schreiben der Rheumapoliklinik des Universitätsspitals
Zürich vom 11. September 2008 (IV-act. 70) nicht. Die Diagnose der ankylosierenden
Spondylitis mit aktiv entzündlichem axialem und peripherem Befall wurde bestätigt und
die medikamentöse Umstellung auf Humira empfohlen. Diese wurde schliesslich auch
vorgenommen. Aufgrund der sekundären fibromyalgieformen Ausweitung der
Symptomatik sei nicht mit einer vollständigen Regredienz der Beschwerden zu
rechnen. Betreffend die axiale Situation wurde bereits im ZMB-Gutachten eine
Spondylarthrose L5/S1 erhoben und von einer entzündlichen Erweiterung mit
periartikulärer Sklerosierung der linken Sakroiliacalfuge im Sinn einer bilateralen
Sakroiliitis bei Spondylarthropathie berichtet. Da die Beweglichkeit der Wirbelsäule gut
erhalten war, wurde eine Progression der entzündlichen Erkrankung im Bereich der
axialen Skelettstrukturen jedoch ausgeschlossen (IV-act. 27-13 unten). Auch in der
Untersuchung der Universitätsklinik Zürich 2008 wurde – soweit schmerzbedingt
beurteilbar – von normaler Beweglichkeit in allen Wirbelsäulensegmenten
ausgegangen. Die auf die ISG-Arthritis zurückgeführten Schmerzen waren 2005 bereits
vorhanden (Sakroiliitis; vgl. auch den Bericht von Dr. med. D._, Facharzt FMH für
Rheumatologie und Allgemeine Innere Medizin, vom 23. November 2004; IV-act. 22-2
ff.). Weiteres entzündliches Geschehen an der Wirbelsäule war nicht erkennbar.
3.3 Zur psychischen Situation:
3.3.1 Im ZMB-Gutachten wurde angenommen, dass sich bei der
Beschwerdeführerin durch die ausgeprägte Schmerzsymptomatik eine ängstlich
gefärbte Anpassungsstörung entwickelt habe (IV-act. 27-14). Der Psychiater schloss
eine psychische Erkrankung aus; er ging lediglich davon aus, dass die
Beschwerdeführerin mit ihrer Erkrankung psychisch überfordert sei und sich selbst
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limitiere. Obwohl verschiedene Ängste thematisiert wurden, gelangte er nicht zur
Diagnose einer Angststörung. Auch eine eigentliche Schmerzverarbeitungsstörung im
Sinn einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung konnte er nicht erheben (IV-act.
27-18).
3.3.2 Nach Lage der Akten fand seither weder eine psychiatrische Therapie noch
eine weitere psychiatrische Beurteilung statt. Dr. B._ äusserte im Schreiben an den
Hausarzt vom 9. August 2010 den Verdacht auf eine Angsterkrankung. Diesbezüglich
hielt er die Angabe der Beschwerdeführerin fest, sie habe manchmal "plötzlich
furchtbar Angst" (IV-act. 69-5). Sie habe ihm Beschwerden geschildert, die an eine
Panik-Attacke erinnert hätten. Er habe ihr deswegen ein Rezept für Temesta Expidet
1 mg mitgegeben. Aus dem Schreiben von Dr. B._ vom 31. August 2010 ergibt sich,
dass er der Beschwerdeführerin riet, regelmässig das Antidepressivum Tolvon
einzunehmen, und er auch eine Behandlung mit Surmontil begonnen hat (IV-act. 69-3).
Gegenüber der IV-Stelle erwähnte Dr. B._ am 21. September 2010, die Be
schwerdeführerin reagiere zunehmend mit Panikattacken; er glaube, es liege eine
Angsterkrankung vor. Bei der letzten Arbeitgeberin (Kündigung offenbar 2004, vgl. IV-
act. 27-5 und 9-1 ff., insbes. 9-8) sei sie wegen der Synovitiden an den Händen nicht
mehr imstande gewesen, die geforderte Tätigkeit auszuführen, es sei ihr gekündigt
worden. Deshalb stelle er, Dr. B._, sich vor, dass sie zur psychischen Stabilisierung
unbewusst aus der Krankheit einen Gewinn gezogen habe (Kriterium ausgeprägter
Krankheitsgewinn). Diese Hinweise betreffend Kriterien für die Prognosestellung und
die Beurteilung der Zumutbarkeit einer Erwerbstätigkeit nach Foerster genügen nicht
zur Glaubhaftmachung einer Verschlechterung der psychischen Situation. In erster
Linie obliegt es dem Psychiater, bei Schmerzstörungen bzw.
Schmerzverarbeitungsstörungen eine Zumutbarkeitsbeurteilung mit Rücksicht auf die
sog. Foerster-Kriterien vorzunehmen. Dr. B._ stellte – mangels psychiatrischer
Qualifikation – keine sauber begründete psychiatrische Diagnose, erhob keine Befunde
bzw. beschrieb den Psychostatus nicht und führte auch keine psychiatrischen Tests
durch. Seine Hinweise vermögen eine psychiatrische Beurteilung nicht zu ersetzen.
Ohne nähere Erläuterung, so auch ohne Hinweise auf die spezifischen Ängste bzw.
angstauslösende Situationen, wies er auf eine Angststörung und Panikattacken hin. Der
Psychiater des ZMB hatte Ängste der Beschwerdeführerin im Jahr 2005 gezielt und
detailliert erfragt (siehe S. 16 des Gutachtens) und die entsprechenden Schilderungen
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festgehalten. Neben verschiedenen Ängsten im Zusammenhang mit konkreten
äusseren Situationen (etwa Angst beim Allein-Zuhause-Sein, Angst, verfolgt zu werden
etc.) wurden Ängste vor der Krankheit und vor einem möglichen Tod erwähnt.
Entgegen der Annahme von Dr. B._ ist Angstempfinden also nicht neu aufgetreten.
Das Antidepressivum Tolvon nahm die Beschwerdeführerin bereits 2004 ein (IV-act.
22-2; 14-2), dies nach ihren Angaben zur Behandlung von Schlafproblemen (IV-act.
27-17). Dazu dient gemäss Anwendungsempfehlung des Arzneimittel-Kompendiums
der Schweiz (www.kompendium.ch, besucht am 1. Juni 2012) in der von Dr. B._ ver
schriebenen tiefen Dosis von 1 mg auch Temesta – zur Behandlung psychiatrischer
Störungen liegt die Dosierungsempfehlung gemäss Kompendium bei 3 bis 7.5 mg
täglich. Auch die von Dr. B._ verschriebene Dosis von initial 5 Tropfen Surmontil liegt
weit unter der empfohlenen initialen Dosis zur Behandlung von Depressionen
(1 Tropfen entspricht 1 mg, die initiale Dosis beläuft sich gemäss Kompendiums-
Empfehlung auf 25-75 Tropfen). Die Beschwerdegegnerin betont zudem zu Recht, dass
das Verschreiben von Antidepressiva oder Schlafmitteln nicht ausreicht, eine
Progredienz der psychischen Belastung bzw. das Entstehen einer eigentlichen, krank
heitswertigen psychischen Problematik hinreichend glaubhaft zu machen. Der ent
sprechende Anhaltspunkt ist jedenfalls zu unspezifisch.
3.3.3 Dr. B._ wies im Schreiben vom 20. April 2011 (act. G 12.7) darauf hin,
dass er die Beschwerdeführerin trotz der von ihm vermuteten psychischen Problematik
keinem Psychiater zuweise, weil die Erfahrung zeige, dass es schwierig sei, solche
Patienten mit geringen Sprachkenntnissen und geringer Schulbildung mittels einer
Psychotherapie erfolgreich zu behandeln. Auch wenn Dr. B._ einer nachhaltigen
Verbesserung mittels Psychotherapie keine guten Chancen prognostiziert, so ist doch
nicht ersichtlich, weshalb selbst auf eine Abklärung durch eine psychiatrische, nötigen
falls türkischsprachige Fachperson (bzw. Dolmetscherbeizug) bis anhin verzichtet
wurde. Sollte tatsächlich eine grundsätzlich krankheitswertige und damit behandlungs
bedürftige psychische Problematik bestehen, so wäre zumindest die Medikation fach
ärztlich einzustellen. Auch der Hausarzt der Versicherten, Dr. C._, hat derartiges
bisher offenbar nicht veranlasst.
3.3.4 Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin macht in der Replik geltend,
Dr. C._ habe ihr gegenüber telefonisch bestätigt, dass sich der Zustand der
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Beschwerdeführerin in den vergangenen Jahren verschlechtert habe. Diese un
differenzierte und unbestätigte Aussage lässt den erforderlichen Beweiswert vermissen,
weshalb darauf nicht näher einzugehen ist.
3.4 Wie oben erläutert, trägt die Beschwerdeführerin anders als bei einer
gewöhnlichen erstmaligen IV-Anmeldung bei der Wiederanmeldung nach vorgängiger
Leistungsablehnung die Beweisführungslast im Sinn der Pflicht zur Glaubhaftmachung
der Verschlechterung. Diese Glaubhaftmachung, die in der Regel einer entsprechenden
fachärztlichen Bestätigung bedarf, gelingt ihr weder in Bezug auf die somatischen noch
auf die geltend gemachten psychischen Beeinträchtigungen. Dr. B._ räumte in
seinem Schreiben vom 20. April 2011 selbst ein, dass eine psychiatrische Beurteilung
verlangt werden müsse, wenn es darum gehen sollte, der IV glaubhaft darlegen zu
können, dass die Beschwerdeführerin eine psychische Krankheit habe. Der
vorinstanzliche Nichteintretensentscheid ist jedenfalls nicht zu beanstanden. Sollte der
Beschwerdeführerin die ihr obliegende Beweisführung mit dem geforderten
Beweismass zu einem späteren Zeitpunkt gelingen, steht ihr eine nochmalige
Anmeldung frei.
4.
4.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die angefochtene Verfügung nicht zu
beanstanden und die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
4.2 Der Beschwerdeführerin wurde die unentgeltliche Rechtspflege am 20. April 2011
bewilligt. Wenn ihre wirtschaftlichen Verhältnisse es gestatten, kann sie jedoch zur
Nachzahlung verpflichtet werden (Art. 123 der Schweizerischen Zivilprozessordnung
[ZPO; SR 272] i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des st. gallischen Gesetzes über die Verwaltungs
rechtspflege [VRP; sGS 951.1]).
4.2.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Der
unterliegenden Beschwerdeführerin sind die Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 600.--
bis
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aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist sie von der Bezahlung zu
befreien.
4.2.2 Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten
der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin. Die Parteientschädigung wird vom Ver
sicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Be
deutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61
lit. g ATSG). Die Rechtsvertreterin wurde erst im Rahmen des zweiten Schriften
wechsels mandatiert und reichte die Replik sowie eine kurze Triplik ein. Mit Blick auf
vergleichbare Fälle erscheint eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 2'000.-- an
gemessen. Diese ist um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes,
sGS 963.70). Somit hat der Staat die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin
pauschal mit Fr. 1'600.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP