Decision ID: a8ea9602-2e71-4757-86c5-48d75f582b9b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat-
staat am (...) Oktober 2022 und reiste über die Türkei, Bulgarien und Ös-
terreich in die Schweiz. Hier hat er am (...) Oktober 2022 um Asyl ersucht.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (EURODAC)
ergab, dass er am (...) Oktober 2022 in Österreich um Asyl ersucht hatte.
B.
Am 21. November 2022 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zu-
gewiesene Rechtsvertretung.
C.
Am selben Tag fand das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), statt. Im Rah-
men dieses Gesprächs wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Ge-
hör zur mutmasslichen Zuständigkeit Österreichs für sein Asylgesuch und
zu seinem Gesundheitszustand gewährt.
In diesem Zusammenhang führte der Beschwerdeführer aus, er sei unter
anderem via Österreich in die Schweiz gereist. Seinen Reisepass habe er
entweder dort verloren oder er sei ihm von der Polizei abgenommen wor-
den, er wisse es nicht mehr. In Österreich seien ihm seine Fingerabdrücke
abgenommen worden, er habe aber kein Asylgesuch gestellt. Er habe sich
drei Tage dort aufgehalten und sei nach Todesdrohungen durch zwei Per-
sonen – (...) – ausgereist. Eine Rückkehr nach Österreich komme für ihn
deshalb nicht in Frage.
In der Schweiz wohne eine Tante von ihm.
D.
D.a. Gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO ersuchte die Vorinstanz
die österreichischen Behörden am 21. November 2022 um Wiederauf-
nahme des Beschwerdeführers.
D.b. Die österreichischen Behörden nahmen zwar innerhalb der festgeleg-
ten Frist zum Übernahmeersuchen nicht explizit Stellung, liessen den
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schweizerischen Behörden aber ein Dokument vom 7. November 2022 zu-
kommen, gemäss welchem sie sämtliche Rückübernahmeersuchen prü-
fen, aber aus Zeitmangel keine expliziten Zustimmungen mehr versenden
würden.
E.
Mit Verfügung vom 6. Dezember 2022 – tags darauf eröffnet – trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung
nach Österreich. Es beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug
der Wegweisung, händigte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen
Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Mit Eingabe vom 7. Dezember 2022 teilte die damalige Rechtsvertretung
dem SEM die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit.
G.
Mit Beschwerde vom 13. Dezember 2022 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragte der Beschwerdeführer, die Verfügung des SEM sei aufzu-
heben, es sei auf sein Asylgesuch einzutreten und das materielle Asylver-
fahren in der Schweiz durchzuführen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersucht der Beschwerdeführer um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses. Ausserdem sei der Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung zu gewähren.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
13. Dezember 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.2 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das SEM
ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
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zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah-
men des Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet
grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-
III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
4.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO)
4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 konkretisiert; das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Be-
stimmung "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür
gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individu-
elle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt
zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
5.
Der Beschwerdeführer bestreitet zwar nicht, sich vor seiner Einreise in die
Schweiz in Österreich aufgehalten zu haben, indes gibt er an, dort nicht um
Asyl ersucht zu haben. Nachdem die österreichischen Behörden innerhalb
der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahme-
gesuch der Vorinstanz mittels eines Standardschreibens implizit zuge-
stimmt haben, ist die grundsätzliche Zuständigkeit Österreichs gegeben.
Das Vorbringen des Beschwerdeführers, er habe in Österreich kein Asyl-
gesuch stellen wollen, vermag daran nichts zu ändern. Die Dublin-III-VO
räumt den Schutzsuchenden kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden
Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.1 Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, ist Österreich Signatar-
staat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
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Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zu-
satzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt
seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es darf
davon ausgegangen werden, Österreich anerkenne und schütze die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie), ergeben. Gemäss
konstanter Praxis des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich der Wieder-
aufnahmeverfahren liegen im heutigen Zeitpunkt keine Gründe für die An-
nahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antrag-
stellende in Österreich wiesen systemische Schwachstellen im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO auf (vgl. statt vieler Urteil des
BVGer D-4292/2022 vom 8.12.2022 E. 5.1.2).
5.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
6.
6.1 Die Vermutung, dass Österreich als Mitglied des Gemeinsamen Euro-
päischen Asylsystems und Vertragsstaat der vorstehend erwähnten völker-
rechtlichen Abkommen die Menschenrechte beachtet, kann im Einzelfall
widerlegt werden. Die antragstellende Person hat dazu jedoch konkret dar-
zulegen beziehungsweise mindestens glaubhaft zu machen, dass eine ak-
tuelle und ernsthafte Gefahr einer Verletzung einer direkt anwendbaren
Norm des Völkerrechts droht (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.). In diesem Zu-
sammenhang ist zu prüfen, ob allenfalls das Selbsteintrittsrecht nach
Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO (Art. 29a Abs. 3 AsylV 1) – wie be-
antragt – auszuüben ist.
6.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, wonach, die österreichischen Behörden sich weigern würden, ihn
aufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhal-
tung der Regeln der erwähnten Richtlinien zu prüfen.
Auch den Akten sind keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, dass
seine Überstellung nach Österreich zu einer Kettenabschiebung führen
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würde, beziehungsweise die österreichischen Behörden in seinem Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in ein
Land zwingen würden, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit
aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er
Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu wer-
den.
6.3 Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsschrift geltend, er könne
nicht nach Österreich zurück, weil er dort in Gefahr sei. Anlässlich des Dub-
lin-Gesprächs hatte er zu Protokoll gegeben, in Österreich durch zwei Pri-
vatpersonen verfolgt zu werden. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass Ös-
terreich über eine funktionierende Polizeibehörde verfügt, welche sowohl
als schutzwillig wie auch als schutzfähig gilt. Sollte sich der Beschwerde-
führer in Österreich vor Übergriffen durch Drittpersonen fürchten oder so-
gar solche erleiden, kann er sich – wie dies die Vorinstanz zu Recht festhält
– an die zuständigen staatlichen Stellen wenden.
6.4 Auch hinsichtlich der vom Beschwerdeführer im vorinstanzlichen Ver-
fahren erwähnten medizinischen Probleme (er sei psychisch niederge-
schlagen) liegen keine Hinweise vor, wonach Österreich ihm eine adäquate
medizinische Behandlung verweigern würde, zumal er auf Beschwerde-
ebene selbst vorgebracht hat, in Österreich "einfach im Spital" gewesen zu
sein. Weitere medizinische Probleme werden nicht geltend gemacht.
6.5 Nach dem Ausgeführten besteht kein Grund für eine Anwendung der
Ermessensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO (Art. 29a Abs. 3 AsylV 1). So-
mit bleibt Österreich der für die Behandlung des Asylgesuchs des Be-
schwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
6.6 Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat seine Wegweisung nach Österreich angeordnet.
6.7 Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und um aufschie-
bende Wirkung gegenstandslos geworden.
7.
7.1 Die Begehren waren – wie sich aus den obenstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG un-
besehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist.
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7.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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