Decision ID: 28bec3e4-3fe2-4ac7-9b8a-5983398ef48b
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend mehrfache qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 16. Oktober 2019 (DG190039)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich vom 23. Mai
2019 (Urk. 16) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 41 S. 26 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der mehrfachen qualifizierten Widerhandlung gegen
Art. 19 Abs. 1 lit. c und d BetmG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren, wovon
268 Tage durch Haft erstanden sind.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Schaffhausen vom
22. März 2018 (VST.2018.250) für eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 40.–
gewährte bedingte Strafvollzug wird widerrufen. Die Geldstrafe wird vollzogen.
5. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. o StGB für die Dauer von
5 Jahren des Landes (Hoheitsgebiet der Schweiz) verwiesen.
6. Die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem wird
angeordnet.
7. Die sichergestellten und bei der Kantonspolizei Zürich, Asservaten-Triage, unter
der BM-Lager-Nr. B02227-2018 aufbewahrten Betäubungsmittel werden einge-
zogen und der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
8. Nach Eintritt der Rechtskraft dieses Entscheids werden sämtliche unter Polis-
Geschäfts-Nr. 73224825, Referenz-Nr. K180716-086, sichergestellten Spuren und
Spurenträger eingezogen und vernichtet.
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9. Die Entscheidgebühr für das gerichtliche Verfahren wird festgesetzt auf:
Fr. 3'600.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 5'000.00 Gebühr für das Vorverfahren;
Fr. 2'469.45 Auslagen Gutachten;
Fr. 5'614.00 Telefonkontrolle;
Fr. 1'120.00 Auslagen Polizei;
Fr. 29'120.25 Kosten amtliche Verteidigung (inkl. MwSt. und Barauslagen); Fr. 46'923.70 Total.
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
10. Die Kosten werden dem Beschuldigten auferlegt, diejenigen der amtlichen Vertei-
digung indessen einstweilen auf die Gerichtskasse genommen. Art. 135 Abs. 4
StPO bleibt vorbehalten.
11. (Mitteilungen)
12. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 3 ff.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 55 S. 2 f.)
1. Es sei davon Vormerk zu nehmen, dass die Ziffern 1., 7., 8., 11. und 12. des
vorinstanzlichen Urteilsdispositivs in Rechtskraft erwachsen sind.
2. A._ sei zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren, unter An-
rechnung von 268 Tagen erstandener Polizei- und Untersuchungshaft.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe sei im Umfang von 27 Monaten unter Anset-
zung einer Probezeit von 3 Jahren bedingt aufzuschieben. Die verbleiben-
den 9 Monate seien zu vollziehen.
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4. Auf den Widerruf des bedingten Strafvollzuges der mit Strafmandat der
Staatsanwaltschaft Schaffhausen vom 22. März 2018 ausgesprochenen
Geldstrafe von 60 Tagessätzen à Fr. 40.– sei zu verzichten, und es sei
stattdessen die Probezeit um 18 Monate zu verlängern.
5. Es sei auf die Anordnung einer Landesverweisung zu verzichten.
6. Die Kosten der Untersuchung sowie des erstinstanzlichen, ohne diejenigen
der amtlichen Verteidigung, die auf die Staatskasse zu nehmen sind, seien
dem Beschuldigten aufzuerlegen, jedoch infolge Unerhältlichkeit sogleich
definitiv abzuschreiben.
Die Kosten des zweitinstanzlichen Verfahrens, inklusive derjenigen der amt-
lichen Verteidigung, seien auf die Staatskasse zu nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 48; schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Ver-
meidung unnötiger Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen im ange-
fochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 41 S. 3 f.).
2. Mit Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 16. Oktober 2019 wurde
der Beschuldigte A._ der mehrfachen qualifizierten Widerhandlung gegen
das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19 Abs. 1 lit. c und d BetmG in
Verbindung mit Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG schuldig gesprochen und mit einer
Freiheitsstrafe von vier Jahren, unter Anrechnung von 268 Tagen Haft, bestraft.
Die Freiheitsstrafe wurde für vollziehbar erklärt. Der mit Strafbefehl der Staatsan-
waltschaft des Kantons Schaffhausen vom 22. März 2018 für eine Geldstrafe von
60 Tagessätzen zu Fr. 40.– gewährte bedingte Strafvollzug wurde widerrufen. Der
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Beschuldigte wurde zudem für fünf Jahre des Landes verwiesen. Die Landesver-
weisung wurde im Schengener Informationssystem ausgeschrieben. Die sicher-
gestellten Betäubungsmittel wurden eingezogen und der Lagerbehörde zur Ver-
nichtung überlassen. Die sichergestellten Spuren und Spurenträger wurden ein-
gezogen und deren Vernichtung angeordnet. Die Kosten des Vorverfahrens und
des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen diejenigen der amtlichen Verteidi-
gung, wurden dem Beschuldigten auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidi-
gung wurden unter Nachforderungsvorbehalt auf die Gerichtskasse genommen
(Urk. 41 S. 26 f.).
3. Gegen dieses Urteil des Bezirksgerichts Winterthur meldete der Beschuldig-
te vor Schranken die Berufung an (Prot. I S. 32). Mit Eingabe vom 11. März 2020
reichte der Beschuldigte die Berufungserklärung ein und beantragte eine Redukti-
on der Freiheitsstrafe auf drei Jahre unter Gewährung des teilbedingten Strafvoll-
zuges, den Verzicht auf den Widerruf und die Anordnung der Landesverweisung
sowie die sofortige definitive Abschreibung der Kosten (Urk. 42). In der Folge
wurde der Staatsanwaltschaft mit Verfügung vom 20. April 2020 Frist angesetzt,
um zu erklären, ob sie Anschlussberufung erhebe oder ein Nichteintreten auf die
Berufung beantrage (Urk. 46). Innert Frist teilte die Staatsanwaltschaft mit, sie er-
hebe keine Anschlussberufung und beantrage die Bestätigung des vorinstanz-
lichen Urteils (Urk. 48).
4. Mit seinen Berufungsanträgen ficht der Beschuldigte Dispositiv Ziffern 2
bis 6 und 10 des vorinstanzlichen Urteils an. Nicht angefochten sind die Dispositiv
Ziffern 1 (Schuldspruch), 7 (Einziehung und Vernichtung der Betäubungsmittel),
8 (Einziehung und Vernichtung der sichergestellten Spuren und Spurenträger)
und 9 (Kostenfestsetzung) des Urteils des Bezirksgerichts Winterthur vom
16. Oktober 2019. Diese sind damit in Rechtskraft erwachsen. Davon ist vorab
Vormerk zu nehmen (Art. 404 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 402 StPO).
5. Beweisanträge für das Berufungsverfahren wurden keine gestellt (Urk. 42;
Urk. 48).
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II. Strafe
1. Vorbemerkungen
1.1. Die Vorinstanz hat den Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von
vier Jahren verurteilt. Der Beschuldigte verlangt mit seiner Berufung eine teil-
bedingte Strafe von drei Jahren.
1.2. Der Beschuldigte hat sich der mehrfachen qualifizierten Widerhandlung
gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19 Abs. 1 lit. c und d BetmG
in Verbindung mit Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG schuldig gemacht. Es liegt daher ein
Fall von Art. 49 Abs. 1 StGB vor. Gemäss neuerer bundesgerichtlicher Recht-
sprechung ist bei einer Mehrzahl von begangenen Delikten im Rahmen der Fest-
legung der angemessenen Sanktion nach der sog. konkreten Methode vorzu-
gehen und in diesem Zusammenhang grundsätzlich für jede konkrete Tat die an-
gemessene Strafhöhe sowie die passende Strafart zu bestimmen (BGE 144
IV 217 ff.). Dabei ist die Bildung einer Gesamtstrafe nur bei gleichartigen Strafen
möglich, während ungleichartige kumulativ zu verhängen sind. Mehrere gleichar-
tige Strafen liegen vor, wenn das Gericht im konkreten Fall für jede einzelne Straf-
tat eine gleichartige Strafe ausfällt bzw. ausfällen würde. Nach der gesetzlichen
Konzeption basiert die Gesamtstrafe begrifflich auf mehreren selbständigen Ein-
zelstrafen, was voraussetzt, dass das Gericht zumindest gedanklich für sämtliche
begangenen Taten eine konkrete Strafe gebildet hat (BGE 144 IV 234). Gleich-
zeitig lässt das Bundesgericht für bestimmte Konstellationen aber nach wie vor
Ausnahmen von der konkreten Methode zu, dies insbesondere dann, wenn ver-
schiedene Delikte zeitlich und sachlich derart eng miteinander verknüpft sind,
dass sie sich nicht sinnvoll auftrennen und für sich allein beurteilen lassen (Urteile
des Bundesgerichts 6B_483/2016 vom 30. April 2018, E. 2.4; 6B_210/2017 vom
25. September 2017, E. 2.2.1; 6B_523/2018 vom 23. August 2018, E. 1.2.2; Urteil
des Obergerichts des Kantons Zürich, II. Strafkammer, vom 10. Januar 2019,
SB180398, E. III./4.). Angesichts der einheitlichen Delikte und Vorgehensweisen
rechtfertigt es sich vorliegend, sämtliche vom Beschuldigten begangenen Delikte
zur Festsetzung der Einsatzstrafe zusammen zu behandeln.
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2. Strafrahmen
Mit der Vorinstanz ist vom Strafrahmen für eine qualifizierte Widerhandlung gegen
das Betäubungsmittelgesetz auszugehen. Demnach reicht der Strafrahmen von
einem bis zu 20 Jahren Freiheitsstrafe, womit eine Geldstrafe von einem Tages-
satz bis höchstens 360 Tagessätzen verbunden werden kann (Art. 19 Ziff. 2
BetmG in Verbindung mit Art. 34 und 40 StGB).
3. Strafzumessung
3.1. Allgemeines
3.1.1. Innerhalb des massgebenden Strafrahmens ist die Strafe nach dem Ver-
schulden des Täters zu bemessen, wobei das Vorleben und die persönlichen
Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters zu berück-
sichtigen sind (Art. 47 Abs. 1 StGB). Das Verschulden wird nach der Schwere der
Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit
des Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt,
wie weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage war,
die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB).
3.1.2. Das Verschulden muss sich jedenfalls auf den gesamten Unrechts- und
Schuldgehalt der konkreten Straftat beziehen. Zu unterscheiden ist zwischen der
Tat- und der Täterkomponente (Heimgartner in: Donatsch/Flachsmann/Hug/-
Weder, Schweizerisches Strafgesetzbuch, 20. Auflage, Zürich 2018, Art. 47 N 6).
3.1.3. Bei der Tatkomponente sind das Ausmass des verschuldeten Erfolges, die
Art und Weise der Herbeiführung dieses Erfolges, die Willensrichtung, mit welcher
der Täter gehandelt hat, und die Beweggründe des Schuldigen zu beachten. So-
dann sind für das Verschulden auch das "Mass an Entscheidungsfreiheit" beim
Täter sowie die Intensität des deliktischen Willens bedeutsam (Donatsch/
Flachsmann/Hug/Weder, a.a.O., Art. 47 N 11). Je leichter es für ihn gewesen wä-
re, die Norm zu respektieren, desto schwerer wiegt die Entscheidung gegen sie
(Wiprächtiger/Keller in: BSK Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, Art. 47 N 85).
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3.2. Tatkomponente
3.2.1. Zunächst ist die objektive Tatschwere als Ausgangskriterium für die Ver-
schuldensbewertung festzulegen und zu bemessen. Es gilt zu prüfen, wie stark
das strafrechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt worden ist. Da-
runter fallen das Ausmass des Erfolges, die Gefährdung, das Risiko sowie die Art
und Weise des Vorgehens. Von Bedeutung ist auch die kriminelle Energie, die
durch die Tat und die Tatausführung offenbart wird, ebenso die Grösse des Tat-
beitrages bei mehreren Tätern und die hierarchische Stellung (Wiprächtiger/Keller
in: BSK Strafrecht I, a.a.O., Art. 47 N 91 ff.). Bei Drogenstraftätern sind bei der
Verschuldensbeurteilung auch die Art und Menge der umgesetzten Drogen mit zu
berücksichtigen. Je grösser die Menge und je schädlicher die Gattung der vom
Täter gehandelten, weitergegebenen oder transportierten Betäubungsmittel, um
so gewichtiger erweist sich die von ihm mit der Tatverübung herbeigeführte ge-
sundheitliche Gefährdung für Dritte. Allerdings darf der Drogenmenge – und damit
verbunden auch der Gefährlichkeit – bei der Strafzumessung keine vorrangige
Bedeutung zukommen. Auch kommt es nicht auf den genauen Reinheitsgehalt
der Droge an, wenn nicht feststeht, dass der Beschuldigte ein ausgesprochen rei-
nes oder ein besonders stark gestrecktes Betäubungsmittel liefern wollte
(Wiprächtiger/Keller in: BSK Strafrecht I, a.a.O., Art. 47 N 93 f.). Neben der Men-
ge und der daraus folgenden Gesundheitsgefährdung sind denn auch bei Dro-
gendelikten die Art und Weise der Tatbegehung zu berücksichtigen (Urteil des
Bundesgerichts 6S.463/2006 vom 3. Januar 2007, E. 5).
Grundsätzlich gilt es zu berücksichtigen wie der Beschuldigte mit den Drogen in
Kontakt gekommen ist und was er damit gemacht hat. Nach der Rechtsprechung
des Bundesgerichts trifft den Transporteur einer bestimmten Betäubungsmittel-
menge ein geringeres Verschulden als denjenigen, der diese Betäubungsmittel-
menge verkauft oder zum Zwecke des Weiterverkaufes erwirbt (Wiprächtiger/
Keller in: BSK Strafrecht I, a.a.O., Art. 47 N 100). Wesentlich bei der Strafzu-
messung ist auch die Stellung des Beschuldigten in der Hierarchie des Drogen-
handels und die Zahl der Geschäfte, welche ein Indiz für die kriminelle Energie
und damit für die Gefährlichkeit des Täters ist (Hansjakob, Strafzumessung in Be-
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täubungsmittelfällen, in: ZStrR 1997, S. 243). Auch ein Beschuldigter ohne Mit-
bestimmungsrecht, der auf einer tiefen Hierarchiestufe nur Anweisungen ausführt,
kann unter Umständen eine wichtige und unabdingbare Rolle innerhalb des Ver-
teilungsnetzes spielen und muss sich somit einem erheblichen strafrechtlichen
Vorwurf aussetzen (BGE 135 IV 191 E. 3.4).
In diesem Zusammenhang ist auch das Doppelverwertungsverbot zu beachten.
Umstände, die schon Merkmale des gesetzlichen Tatbestandes sind, dürfen nicht
für die konkrete Strafzumessungsentscheidung innerhalb des anzuwendenden
gesetzlichen Strafrahmens berücksichtigt werden – weder zulasten noch zuguns-
ten des Beschuldigten. Die Tatbestandserfüllung als solche hat sich bereits im
Eröffnen des gesetzlichen Strafrahmens niedergeschlagen und darf nicht noch-
mals für die Strafmassfindung verwendet werden, ansonsten der gleiche Umstand
einem Beschuldigten zwei Mal zur Last gelegt oder zu Gute gehalten würde.
Der Richter ist aber nicht gehindert zu berücksichtigen, in welchem Ausmass ein
qualifizierender oder privilegierender Tatumstand gegeben ist (Wiprächtiger/Keller
in: BSK Strafrecht I, a.a.O., Art. 47 N 102).
Was die Menge des vom Beschuldigten transportierten reinen Kokain-Hydro-
chlorids anbelangt, machte der Verteidiger vor Vorinstanz noch geltend, es sei bei
den Vorgängen 81, 203 und 207 von einem Reinheitsgehalt von 50 % auszu-
gehen (Urk. 29 S. 11 f.).
Im Gegensatz zum Vorgang 210 konnte bei den Vorgängen 81, 203 und 207 das
Kokain nicht sichergestellt und untersucht werden. Gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung darf in solchen Fällen auf die durchschnittliche Qualität des in
den Handel gelangenden Kokains abgestellt werden (Urteil des Bundesgerichts
6B_1068/2014 vom 29. September 2015, E. 1.5; BGE 138 IV 100 E. 3.5; Urteil
des Bundesgerichts 6B_1039/2009 vom 16. Februar 2010, E. 1.4.3). Vorliegend
bestehen keinerlei Hinweise darauf, dass das Kokain von besonders schlechter
Qualität gewesen ist. Im Gegenteil gelangte das vom Beschuldigten entgegenge-
nommene Kokain direkt in Grossmengen aus Holland in die Schweiz, weshalb der
Reinheitsgehalt höher war als beim Verkauf des gestreckten Produkts an den
Endverbraucher. Jedoch war das vom Beschuldigten entgegengenommene Koka-
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in in Fingerlinge zu 10 Gramm abgepackt. Der Medianwert an reinem Kokain-
Hydrochlorid betrug im Jahre 2018 für Mengen zwischen 1 bis 10 Gramm 68 %
(vgl. sgrm.ch). Wohlwollend ist die Vorinstanz von einem Reinheitsgehalt von
50 % ausgegangen. Aufgrund des Verschlechterungsverbots kann vorliegend
nicht mehr von einem höheren Reinheitsgehalt ausgegangen werden. Die vom
Beschuldigten übernommene und ausgelieferte Menge an reinem Kokain-
Hydrochlorid beträgt demnach 2'132,4 Gramm, was im Rahmen des Berufungs-
verfahrens nun auch von der amtlichen Verteidigung akzeptiert wird (Urk. 55
S. 9).
Der Beschuldigte hat 3'891 Gramm Kokaingemisch bzw. 2'132,4 Gramm reines
Kokain-Hydrochlorid entgegengenommen und ausgeliefert. Bei Kokain handelt es
sich um eine der gefährlichsten der bekannten Drogen. Der vom Bundesgericht
festgelegte Grenzwert von 18 Gramm reinem Kokain-Hydrochlorid reicht aus, um
die Gesundheit vieler Menschen in Gefahr zu bringen (BGE 109 IV 143 E. 3b). Mit
der Entgegennahme und Auslieferung von 2'132.4 Gramm reinem Kokain-
Hydrochlorid hat der Beschuldigte den oben erwähnten Wert um ein Vielfaches
überschritten. Dadurch hat der Beschuldigte die Gesundheit einer grossen Zahl
von Menschen in erhebliche Gefahr gebracht. Entsprechend ist von einem hohen
Gefährdungspotenzial auszugehen. Auch wenn die Menge nicht von vorrangiger
Bedeutung ist, sondern nur ein Faktor von mehreren darstellt, fällt vorliegend er-
schwerend ins Gewicht, dass der qualifizierende Umstand in einem mehrfachen
Ausmass gegeben ist.
Was die Stellung des Beschuldigten innerhalb der Drogenorganisation anbelangt,
führte die Vorinstanz zutreffend an, dass der Beschuldigte nicht bloss ein ein-
facher Läufer war, der Kleinstmengen an Endkonsumenten übergab. Vielmehr
wurden dem Beschuldigten ungewöhnlich hohe Mengen an Kokain übergeben,
die er auszuliefern hatte. Der Beschuldigte war auf direktes Geheiss von B._
tätig, der das Kokain direkt aus den Niederlanden entgegen nahm. Zusammen mit
B._ bzw. auf dessen Anweisung verteilte der Beschuldigte das Kokain an
verschiedene Abnehmer in der Schweiz. Die vom Beschuldigten ausgelieferte
Menge und der direkte Kontakt mit B._ deuten klar auf eine besondere Ver-
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trauensstellung hin. Zudem hätte der Beschuldigte ursprünglich sogar die Drogen
von Holland in die Schweiz transportieren sollen (Prot. I S. 17). All diese Umstän-
de deuten darauf hin, dass der Beschuldigte innerhalb der Schweiz eine tenden-
ziell hohe Stellung im Betäubungsmittelhandel einnimmt. Dagegen spricht – ent-
gegen der Verteidigung (Urk. 55 S. 7 f.) – auch nicht das kleine Entgelt, welches
der Beschuldigte erhielt. Er ist unter Berücksichtigung dieser Faktoren somit –
entgegen den Ausführungen der Verteidigung (Urk. 55 S. 7 f.) – keineswegs in ei-
ner unteren Hierarchiestufe anzusiedeln, was straferhöhend zu berücksichtigen
ist. Ebenfalls straferhöhend ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte vier Mal
Kokain entgegennahm und an diverse Grossabnehmer in der ganzen Schweiz
auslieferte. Mit seinem Handeln leistete er innerhalb des Verteilnetzes einen uner-
lässlichen und nicht zu verharmlosenden Tatbeitrag und offenbarte eine erhebli-
che kriminelle Energie. Dass das Entgelt für die Tätigkeit des Beschuldigten dem-
gegenüber eher bescheiden ausfiel, kann ihm nicht strafmindernd angerechnet
werden.
Bei seinen Transporten vom 12. Juli 2018 und vom 16. Juli 2018 war der Be-
schuldigte in Begleitung seiner Ehefrau, welche das Familienauto fuhr, und einem
bzw. aller seiner Kinder unterwegs (Prot. S. 14). Damit wollte er wohl einen Fami-
lienausflug vortäuschen. Die Darstellung des Beschuldigten, wonach er Angst hat-
te, die Betäubungsmittel mit dem Zug zu transportieren, seine Frau gefahren sei,
da er selbst keinen Führerausweis besitze, sowie die Kinder aufgrund der Betreu-
ungsverhältnisse mitgenommen worden seien, erscheint angesichts der konkre-
ten Umstände weit hergeholt und entsprechend wenig überzeugend. Mit diesem
Vorgehen setzte er seine Kinder jedenfalls einem erheblichen Risiko behördlicher
Repressionen aus und brachte sie direkt mit dem Drogenmilieu in Kontakt, was
als besonders verwerflich einzustufen ist. Zudem mussten die Kinder mitansehen,
wie ihre Eltern von der Polizei verhaftet und abgeführt wurden. Diese Art und
Weise der Tatbegehung wirkt sich erhöhend auf das Verschulden aus.
Insgesamt sind die objektive Tatschwere und damit die Schwere des Verschul-
dens als nicht mehr leicht zu gewichten.
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3.2.2 Bei der subjektiven Tatschwere ist festzustellen, inwieweit dem Täter die
objektive Tatschwere tatsächlich anzurechnen ist. Zum subjektiven Verschulden
gehören etwa die Frage der Schuldfähigkeit, die Intensität des verbrecherischen
Willens, das Motiv sowie das Mass an Entscheidungsfreiheit.
a) Vorliegend bestehen keine Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit.
Dies wurde auch nicht geltend gemacht.
b) Was die Intensität des verbrecherischen Willens anbelangt, handelte der
Beschuldigte mit direktem Vorsatz.
c) Zu seinen Beweggründen für die Tat befragt, erklärte der Beschuldigte in seiner
ersten polizeilichen Einvernahme vom 17. Juli 2018, er habe am letzten Sonntag
C._ getroffen und ihm erzählt, dass er Geld für die Behandlung seines Vaters
im Spital brauche. C._ habe ihm gesagt, er könne ihm nicht einfach Geld ge-
ben. Er müsse etwas dafür tun. Für die Auslieferung des Kokains gemäss Vor-
gang 210 sei ihm eine Belohnung von Fr. 1‘300.– versprochen worden, welche er
von der Person erhalten sollte, welcher er das Kokain übergebe. Das sei sein ers-
ter Auftrag gewesen (Urk. 3/1). In den weiteren Einvernahmen führte der Be-
schuldigte in Übereinstimmung dazu aus, er habe Geld gebraucht, um die Arzt-
rechnung seines Vaters zu bezahlen (Urk. 3/2 S. 7; Urk. 3/3 S. 5; Urk. 3/4 S. 8).
Erstmals in der Einvernahme vom 10. Januar 2019 machte der Beschuldigte gel-
tend, er habe sich für die Behandlung seines Vaters Fr. 6‘000.– ausgeliehen und
hätte Fr. 8‘000.– zurückzahlen müssen. Das Geld habe er nicht zurückzahlen
können. Er habe Drohungen erhalten, dass seiner Familie in Nigeria etwas ange-
tan werde, wenn er das Geld nicht zurückzahle. Er habe zwei Optionen gehabt;
entweder das Geld zurückzuzahlen oder die Transporte auszuführen. Das Geld
habe er sich bei C._ ausgeliehen. Dieser habe ihm nicht gesagt, dass das
Geld von einer Gruppe gekommen sei. Erst als er das Geld nicht habe zurückzah-
len können, hätten sich mehrere Leute bei ihm gemeldet (Urk. 3/18 S. 8). Diese
Darstellung wiederholte der Beschuldigte in der Schlusseinvernahme (Urk. 3/22
S. 8). Anlässlich der Hauptverhandlung vor Vorinstanz führte der Beschuldigte
dann aus, sein Vater sei im Januar 2018 sehr krank geworden. Er habe Freunde
um Hilfe gebeten. Diese hätten ihn an die Gruppe verwiesen. Ursprünglich hätte
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er das Geld nach einem Monat zurückzahlen müssen. Weil er dazu nicht in der
Lage gewesen sei, hätten sie sich auf monatliche Raten von Fr. 500.– oder
1'000.– geeinigt. Er sei dann nach Nigeria gegangen, habe seinen Vater ins
Krankenhaus gebracht und ihm Medikamente gegeben. Nach einer gewissen Zeit
habe er die Raten nicht mehr bezahlen können (Prot. I S. 17). Seinen Vater habe
er am 29. März 2018 in Nigeria ins Krankenhaus gebracht (Prot. I S. 19). Im Feb-
ruar 2018 habe er Fr. 7‘000.– für die Behandlung seines Vaters ausgeliehen und
hätte Fr. 9‘000.– zurückzahlen sollen. Als er nicht mehr habe zurückzahlen kön-
nen, hätten sie ihn kontaktiert und unter Druck gesetzt, indem sie ihm gesagt hät-
ten, es hätte ansonsten Konsequenzen für seine Familie in Nigeria. Das Geld für
die Transporte habe er nicht erhalten; es sei von seinen Schulden abgezogen
worden (Prot. I S. 10). Diese Schilderungen des Beschuldigten sind widersprüch-
lich. Zudem hätte der Beschuldigte demnach erst nach dem ersten Drogentrans-
port vom 12. März 2018 das ausgeliehene Geld nach Nigeria gebracht. Insgesamt
überzeugt die Darstellung des Beschuldigten, wonach er wegen der Rückzahlung
des Geldes derart unter Druck gesetzt und zu den Drogentransporten gezwungen
worden sei, wenig. Dies umso mehr, als man den Beschuldigten – trotz weiterhin
bestehender Schulden – nun angeblich einfach in Ruhe lässt. Der Beschuldigte
führte die Drogentransporte somit einzig aus finanziellen und somit egoistischen
Gründen aus.
d) Der Beschuldigte konsumiert keine Drogen (Urk. 3/1 S. 7). Beschaffungs-
kriminalität fällt somit ausser Betracht.
e) Weiter ist das Mass an Entscheidungsfreiheit des Beschuldigten zu berück-
sichtigen. Je leichter es für ihn gewesen wäre, die von ihm übertretene Norm zu
respektieren, desto schwerer wiegt seine Entscheidung gegen sie und damit sei-
ne Schuld (BGE 127 IV 101 E. 2a). Der Beschuldigte handelte weder in schwerer
Bedrängnis noch unter dem Eindruck einer schweren Drohung. So wurde er zwar
gemäss eigenen Angaben bedroht, was jedoch nicht wirklich überzeugt bzw. es
ist nicht von einer derart die Entscheidungsfreiheit massgeblich einschränkenden
Drohung auszugehen (vgl. Ziffer 3.2.2 c). Es bestehen auch keine Anhaltspunkte
für ein Handeln in schwerer Bedrängnis.
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f) Insgesamt wird die objektive Tatschwere durch die subjektiven Komponenten
nicht relativiert.
3.2.3 Zusammenfassend ist das Verschulden des Beschuldigten in Anbetracht
des vorgegebenen weiten Strafrahmens als nicht mehr leicht zu qualifizieren. Die
Einsatzstrafe aufgrund der Tatkomponente liegt mithin im Bereich von
54 Monaten Freiheitsstrafe.
3.3. Täterkomponente
3.3.1. Die Täterkomponente umfasst das Vorleben, die persönlichen Verhältnisse,
die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters sowie das Verhalten nach der
Tat und im Strafverfahren (vgl. Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB). Bei der Beurteilung
des Vorlebens fallen einerseits früheres Wohlverhalten, andererseits Zahl,
Schwere und Zeitpunkt von Vorstrafen ins Gewicht. Unter dem Gesichtspunkt
der persönlichen Verhältnisse ist etwa zu berücksichtigen, ob sich der Täter im
Strafverfahren kooperativ verhielt, ob er Reue und Einsicht zeigt sowie ob er mehr
oder weniger strafempfindlich ist.
3.3.2. Zum Vorleben und den persönlichen Verhältnissen kann auf die Unter-
suchungsakten und die Erwägungen im angefochtenen Entscheid verwiesen wer-
den (Urk. 41 S. 14 f.). Zusammenfassend ist Folgendes festzuhalten: Der am
tt. Februar 1981 in ... [Ortschaft] (Nigeria) geborene Beschuldigte wuchs zusam-
men mit vier Geschwistern, wovon ein Bruder bereits verstorben ist, bei seinen El-
tern auf. Er besuchte dreieinhalb Jahre die Primarschule in Nigeria, welche er
aus finanziellen Gründen abbrechen musste. Mit zwölf Jahren begann er eine
praktische Lehre als Elektriker, welche er abschloss. Im Alter von siebzehn Jah-
ren reiste er über Libyen und Lampedusa nach Italien und gelangte schliesslich
im Jahr 2000 in die Schweiz. In der Schweiz hielt er sich bis 2006 als Asylbewer-
ber auf und lernte seine jetzige Frau, eine Schweizerin, kennen. Im Dezember
2006 wurde seine jetzige Ehefrau schwanger, worauf sie im Jahr 2007 in Nigeria
heirateten und wieder in die Schweiz zurückkehrten. Heute sind sie Eltern von
drei Kindern, welche in den Jahren 2007, 2012 und 2016 geboren wurden. In der
Schweiz arbeitete der Beschuldigte von 2007 bis 2009 bei D._. Ab 2009 ar-
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beitete er für drei bis vier Jahre für die Firma E._ als Hilfskraft im Strassen-
bau. Von 2012 bis Ende 2015 verrichtete er diese Tätigkeit bei der Firma
F._. Da es Beschwerden bezüglich seines Sohnes in der Schule gab und
aufgrund der Tatsache, dass seine Ehefrau in der Lage war, ein höheres Ein-
kommen zu erzielen, einigte sich das Ehepaar im Jahr 2015 darauf, dass der Be-
schuldigte seine Arbeitstätigkeit einstellen und die Kinderbetreuung übernehmen
soll. Der Beschuldigte hat kein Vermögen, jedoch Schulden im Umfang von
Fr. 20'000.–. Er besitzt die Niederlassungsbewilligung C (Urk. 13/2; Urk. 13/3;
Prot. I. S. 18 ff.). Aus dem Werdegang des Beschuldigten und seinen persönli-
chen Verhältnissen ergeben sich keine strafzumessungsrelevanten Faktoren.
3.3.3. Vorstrafen
Der Beschuldigte wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat
vom 14. September 2011 wegen fahrlässiger grober Verletzung der Verkehrs-
regeln und Fahren in fahrunfähigem Zustand zu 360 Stunden gemeinnütziger
Arbeit verurteilt. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Schaffhausen
vom 22. März 2018 wurde er zudem wegen Hinderung einer Amtshandlung, Fah-
ren im fahrunfähigem Zustand und Führens eines Motorfahrzeuges mit verfalle-
nem Führerausweis auf Probe zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu
Fr. 40.– und einer Busse von Fr. 700.– verurteilt (Urk. 45). Diese beiden Vorstra-
fen sind nicht einschlägig. Zudem liegt die erste Verurteilung bereits einige Jahre
zurück. Jedoch ist bei der zweiten Verurteilung vom 22. März 2018 zu beachten,
dass der Beschuldigte seinen ersten Drogentransport am 12. März 2018 ausführ-
te. Dies zu einem Zeitpunkt, als das Strafverfahren der Staatsanwaltschaft des
Kantons Schaffhausen noch lief. Zudem beging der Beschuldigte seine drei Dro-
gentransporte vom Juli 2018 kurz nach Ausfällung des Strafbefehls und damit
während laufender Probezeit.
Die Vorstrafen, das Delinquieren während laufender Strafuntersuchung und wäh-
rend laufender Probezeit sind straferhöhend zu berücksichtigen. Dabei erscheint
eine Erhöhung der Strafe um 6 Monate – entgegen der Verteidigung (Urk. 55
S. 13) – keineswegs zu hoch.
- 16 -
3.3.4. Nachtatverhalten
Bei der Strafzumessung ist auch das Nachtatverhalten eines Täters zu beachten.
Darunter fallen das Verhalten nach der Tat sowie im Strafverfahren. Insbesondere
wirken ein Geständnis, das kooperative Verhalten eines Täters bei der Aufklärung
von Straftaten sowie die Einsicht und aufrichtige Reue strafmindernd
(Wiprächtiger/Keller in: BSK Strafrecht I, a.a.O., Art. 47 N 169).
Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist ein Geständnis zugunsten
des Täters zu berücksichtigen, wenn es auf Einsicht in das begangene Unrecht
oder auf Reue schliessen lässt oder der Täter dadurch zur Tataufdeckung über
den eigenen Tatanteil beiträgt (BGE 121 IV 202 E. 2d/cc). Diese Praxis beruht auf
der Überlegung, dass Geständnisse zur Vereinfachung und Verkürzung des Ver-
fahrens und zur Wahrheitsfindung beitragen können. Ein Verzicht auf Strafminde-
rung kann sich demgegenüber aufdrängen, wenn das Geständnis die Strafver-
folgung nicht erleichterte, namentlich weil der Täter nur aufgrund der erdrücken-
den Beweislage oder gar erst nach Ausfällung des erstinstanzlichen Urteils ge-
ständig wurde (Urteile des Bundesgerichts 6B_426/2010 vom 22. Juli 2010, E.1.5;
6B_312/2016 vom 23. Juni 2016, E. 1.3.2).
In der ersten Einvernahme gab der Beschuldigte zu, das Kokain gemäss Vorgang
210 transportiert zu haben (Urk. 3/1). Es ist ihm daher zugute zu halten, dass er
betreffend Vorgang 210 von Anfang an ein Geständnis ablegte. Nachdem
man bei seiner Verhaftung bei ihm im Auto 1'201 Gramm Kokaingemisch fand,
hat dieses Geständnis die Untersuchung allerdings nicht wesentlich erleichtert.
Zudem führte der Beschuldigte wiederholt aus, dies sei sein erster Drogentrans-
port gewesen. Erst 14 Einvernahmen später und nach Vorhalt von erdrückenden
Beweismitteln, gab der Beschuldigte den Drogentransport gemäss Vorgang 207
zu (Urk. 3/16). Ebenfalls auf Vorhalt von erdrückenden Beweismitteln gab der Be-
schuldigte dann die Transporte der Vorgänge 203 und 81 zu (Urk. 3/17;
Urk. 3/18). Während der gesamten Untersuchung zeigte der Beschuldigte kein
kooperatives Verhalten, wozu gehören würde, dass beispielsweise aufgrund sei-
ner Aussagen weitere Delikte aufgeklärt oder Mittäter zur Rechenschaft gezogen
werden könnten. Er machte keine Aussagen zu Drittpersonen. Der Hinweis des
- 17 -
Verteidigers, dass der Beschuldigte keine Aussagen zu Drittpersonen machen
wollte, dürfe ihm nicht negativ angelastet werden, da er habe verhindern wollen,
dass B._ von der Aussage erfahre und seine Hintermänner darüber informie-
re (Urk. 28 S. 12), ist als reine Schutzbehauptung zu werten. Sodann äussert sich
der Beschuldigte zwar dahingehend, dass es ihm leid tue, und er entschuldigte
sich (Urk. 3/2 S. 7; Urk. 3/4 S. 13; Urk. 3/22 S. 7). Indes zeigte sich der Beschul-
digte – wie aufgezeigt – während praktisch der gesamten Untersuchung einzig in
Bezug auf den Vorfall geständig, anlässlich welchem er verhaftet wurde, was er ja
nicht vernünftigerweise bestreiten konnte und weshalb sich die bekundete Ein-
sicht und Reue auch nur darauf bezogen haben konnte. Da auch die weiteren Zu-
geständnisse nach vehementem Bestreiten jeweils erst nach Vorhalt von erdrü-
ckenden Beweismitteln erfolgten und er damit auch die Reue diesbezüglich erst
sehr spät bekundete, kann das Nachtatverhalten lediglich marginal strafmindernd
berücksichtigt werden.
3.3.5. Schliesslich ist die Wirkung der Strafe auf das Leben des Beschuldigten zu
berücksichtigen. Damit ist die Strafempfindlichkeit des Täters angesprochen. Die
Berücksichtigung der Strafempfindlichkeit kommt namentlich in Betracht, wenn
der Täter aus medizinischen Gründen wie Krankheit, Alter oder Haftpsychose be-
sonders empfindlich ist (Urteil des Bundesgerichts 6P.161/2004/6S.428/2004 vom
16. März 2005, E. 3.4.6).
Der Beschuldigte macht geltend, bei ihm liege aufgrund der Tatsache, dass er
drei kleine Kinder habe, welche er betreue, eine erhöhte Strafempfindlichkeit vor,
die zu seinen Gunsten zu berücksichtigen sei (Urk. 29 S. 13). Die Rechtspre-
chung betonte wiederholt, dass eine erhöhte Strafempfindlichkeit nur bei ausser-
gewöhnlichen Umständen zu bejahen ist, da die Verbüssung einer Freiheitsstrafe
für jede arbeitstätige und in ein familiäres Umfeld eingebettete Person mit einer
gewissen Härte verbunden ist (vgl. etwa Urteile 6B_375/2014 vom 28. August
2014 E. 2.6; 6B_605/2013 vom 13. Januar 2014 E. 2.4.3; 6B_740/2011 vom
3. April 2012 E. 3.4; je mit Hinweisen). Bei den vom Beschuldigten angeführten
Gründen handelt es sich nicht um aussergewöhnliche Umstände, da familiäre
Gründe grundsätzlich nicht zu einer erhöhten Strafempfindlichkeit führen (Urteile
- 18 -
des Bundesgerichts 6B_738/2014 vom 25. Februar 2015, E. 3.4; 6B_1036/2018
vom 28. November 2018, E. 3.6; 6B_312/2016 vom 23. Juni 2016, E. 1.5.3).
3.3.6. Aufgrund der Täterkomponente ist insgesamt eine minime Strafminderung
angezeigt.
3.4. Ergebnis der Strafzumessung
In Berücksichtigung sämtlicher relevanter Strafzumessungsgründe erscheint die
von der Vorinstanz ausgefällte Bestrafung mit 48 Monaten Freiheitsstrafe als noch
angemessen.
3.5. Die Angemessenheit dieser Strafe ergibt sich auch bei einer Vergleichs-
rechnung mit dem schematisierten Berechnungsmodell von Fingerhuth/Schlegel/-
Jucker (in: Kommentar zum Betäubungsmittelgesetz, 3. Auflage, Zürich 2016
S. 545 f.). Geht man demnach von 2'132 Gramm reinem Kokain-Hydrochlorid aus,
wäre von einer Einsatzstrafe von rund 54 Monaten auszugehen. Beim Beschul-
digten handelt es sich aufgrund seiner Stellung nicht um einen blossen Kurier
bzw. auch nicht um eine Person, die lediglich Hilfstätigkeiten ausführte. Selbst
wenn man beim Beschuldigten davon ausgehen würde, er habe als blosser Kurier
im Inland gehandelt, würde sich ein Abzug im Bereich von 15 % (8 Monate) recht-
fertigen. Hingegen tätigte der Beschuldigte mehr als fünf Geschäfte, weshalb sich
ein Zuschlag in der Grössenordnung bis 15 % (also 8 Monate) rechtfertigt. Als
Zwischenergebnis käme man mithin auf 54 Monate. Für das Geständnis liesse
sich eine Reduktion von 12 Monaten und für die Vorstrafen, Delinquenz während
laufender Strafuntersuchung und Probezeit eine Erhöhung von 6 Monaten recht-
fertigen. Mithin resultierte aufgrund dieser schematischen Berechnung eine Frei-
heitsstrafe von 48 Monaten. Eine solche Vergleichsrechnung – welche nicht
Grundlage der eigentlichen Strafzumessung ist – ist durchaus zulässig (Urteil des
Bundesgerichts 6B_495/2008 vom 27. Dezember 2008, E. 1.4).
3.6. Mithin ergibt sich, dass die von der Vorinstanz gegen den Beschuldigten
ausgefällte Freiheitsstrafe von 48 Monaten im Ergebnis vertretbar ist und kein
Bedarf besteht, in das Ermessen der Vorinstanz einzugreifen. Der Beschuldigte
- 19 -
ist somit in Bestätigung der Vorinstanz mit einer Freiheitsstrafe von 48 Monaten
zu bestrafen.
3.7. Die vom Beschuldigten erstandenen 268 Tage Untersuchungshaft sind an-
zurechnen (Art. 51 StGB).
3.8. Bei einer Freiheitsstrafe von vier Jahren kommt weder der bedingte noch
der teilbedingte Strafvollzug in Frage, weshalb die Strafe zu vollziehen ist.
III. Widerruf
Gemäss Art. 46 Abs. 1 StGB widerruft das Gericht eine bedingt ausgefällte Strafe,
wenn der Beschuldigte während der Probezeit ein Verbrechen oder Vergehen
begeht und deshalb zu erwarten ist, dass er weitere Straftaten verüben wird. Ein
während der Probezeit begangenes Verbrechen oder Vergehen führt nicht zwin-
gend zum Widerruf des bedingten Strafaufschubs. Dieser soll nur erfolgen, wenn
wegen der Begehung des neuen Delikts zu erwarten ist, dass der Beschuldigte
weitere Straftaten verüben wird. Dabei wird keine günstige Prognose verlangt,
sondern das Fehlen einer ungünstigen Prognose. Somit ist eine bedingt ausgefäll-
te Strafe nur zu widerrufen, wenn von einer negativen Einschätzung der Bewäh-
rungsaussichten auszugehen ist, d.h. aufgrund der erneuten Straftat eine eigent-
liche Schlechtprognose besteht. Die Prüfung der Bewährungsaussichten ist an-
hand einer Gesamtwürdigung aller wesentlicher Umstände vorzunehmen. In die
Beurteilung miteinzubeziehen sind neben den Tatumständen auch das Vorleben
und der Leumund sowie alle weiteren Tatsachen, die gültige Schlüsse auf
den Charakter des Beschuldigten und seine Aussichten auf Bewährung zulassen.
Relevante Faktoren sind etwa strafrechtliche Vorbelastung, Sozialisationsbiogra-
phie und Arbeitsverhalten, das Bestehen sozialer Bindungen, Hinweise auf
Suchtgefährdungen usw. Dabei sind die persönlichen Verhältnisse bis zum Zeit-
punkt des Entscheides einzubeziehen. Es ist unzulässig, einzelnen Umständen
eine vorrangige Bedeutung beizumessen und andere zu vernachlässigen oder
überhaupt ausser Acht zu lassen. In die Beurteilung der Bewährungsaussichten
ist im Rahmen der Gesamtwürdigung auch miteinzubeziehen, ob die neue Strafe
bedingt oder unbedingt ausgesprochen wird (BGE 134 IV 140 E. 4).
- 20 -
Der Beschuldigte hat einen Teil der vorliegenden Taten in der Probezeit gemäss
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Schaffhausen vom 22. März 2018
begangen, weshalb ein Widerruf zu prüfen ist.
Wie bereits erwähnt, wurde der Beschuldigte mit Strafbefehl der Staatsanwalt-
schaft Zürich-Limmat vom 14. September 2011 wegen fahrlässiger grober Verlet-
zung der Verkehrsregeln und Fahren in fahrunfähigem Zustand zu 360 Stunden
gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kan-
tons Schaffhausen vom 22. März 2018 wurde er zudem wegen Hinderung einer
Amtshandlung, Fahren im fahrunfähigem Zustand und Führens eines Motorfahr-
zeuges mit verfallenem Führerausweis auf Probe zu einer Geldstrafe von
60 Tagessätzen zu Fr. 40.– und einer Busse von Fr. 700.– verurteilt (Urk. 45).
Im Zeitpunkt, als der Beschuldigte seinen ersten Drogentransport ausführte
(12. März 2018), lief das Strafverfahren bei der Staatsanwaltschaft des Kantons
Schaffhausen noch. Zudem beging der Beschuldigte seine drei Drogentransporte
vom Juli 2018 kurz nach Ausfällung des Strafbefehls und damit während laufen-
der Probezeit. Die Vorstrafen, welche teilweise auch unbedingt ausgefällt wurden,
haben ihn somit nicht von der Begehung neuer Delikte abgehalten. Er zeigte im
vorliegenden Verfahren lediglich teilweise Einsicht und Reue. Es besteht somit die
Gefahr, dass er sich erneut strafbar machen wird. Aus den weiteren Lebensum-
ständen des Beschuldigten ergibt sich, dass er verheiratet ist und drei Kinder hat.
Er war gemäss eigenen Angaben von 2007 bis Ende 2015 erwerbstätig. Seither
will er sich um die Kinder gekümmert haben, während seine Frau einer Erwerbs-
tätigkeit nachging. Dass dem nicht so war, ergibt sich aus den Aussagen des Be-
schuldigten selbst. Er führte aus, er habe noch Arbeit gehabt, als er sich das Geld
ausgeliehen habe; erst danach habe er seine Arbeit verloren (was im Jahre 2018
gewesen sein muss; Urk. 3/22 S. 8). Wiederholt machte er auch geltend, er habe
lange Zeit versucht, eine 100 % Stelle in der Nacht zu erhalten (Urk. 13/2 S. 3)
bzw. er sei auf Arbeitssuche für Nachtarbeit (Urk. 13/3 S. 2) bzw. er habe sich für
eine 60 % Stelle bei der Post (Nachtarbeit) beworben (Prot. I S. 24). Auch im
Strafverfahren bei der Staatsanwaltschaft des Kantons ..., welches vom
19. Januar 2018 bis zum 22. März 2018 lief, gab der Beschuldigte an, er arbeite
mit einem Arbeitspensum von 60 % bei der F._ in Schaffhausen und verdie-
- 21 -
ne Fr. 2‘800.– netto pro Monat (vgl. Beizugsakten). Trotzdem ist dem Beschuldig-
ten zu attestieren, dass er in geordneten Verhältnissen lebt. Derzeit lernt er
deutsch und möchte eine Ausbildung absolvieren (Urk. 13/3 S. 4). Das vorliegen-
de Verfahren und vor allem die 268-tägige Untersuchungshaft sowie der Vollzug
der vorliegend ausgesprochenen Freiheitsstrafe werden dem Beschuldigten eine
genügende Warnung sein. Von einem Widerruf der Vorstrafe ist daher abzuse-
hen. Stattdessen ist die Probezeit um die Hälfte (eineinhalb Jahre) zu verlängern.
IV. Landesverweisung
1. Art. 66a Abs. 1 lit. o StGB sieht für Ausländer, die wegen Widerhandlung
gegen Art. 19 Abs. 2 BetmG verurteilt wurden, unabhängig von der Höhe der
Strafe, die obligatorische Landesverweisung für 5 - 15 Jahre aus der Schweiz vor.
Gemäss Art. 66a Abs. 2 Satz 1 StGB kann das Gericht ausnahmsweise von einer
Landesverweisung absehen, wenn diese für den Ausländer einen schweren per-
sönlichen Härtefall bewirken würde und die öffentlichen Interessen an der Lan-
desverweisung gegenüber den privaten Interessen des Ausländers am Verbleib in
der Schweiz nicht überwiegen. Dabei ist der besonderen Situation von Auslän-
dern Rechnung zu tragen, die in der Schweiz geboren oder aufgewachsen sind
(Art. 66a Abs. 2 Satz 2 StGB). Die obligatorische Landesverweisung wegen einer
Katalogtat im Sinne von Art. 66a Abs. 1 StGB greift grundsätzlich unabhängig von
der konkreten Tatschwere (Urteil des Bundesgerichts 6B_1070/2018 vom
14. August 2019 E. 6.2.1).
2. Für einen Verzicht auf die Landesverweisung gestützt auf Art. 66a Abs. 2
StGB müssen die in dieser Bestimmung erwähnten Voraussetzungen kumulativ
erfüllt sein. Erforderlich ist einerseits, dass die Landesverweisung für den Auslän-
der einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde, und andererseits,
dass die öffentlichen Interessen an der Landesverweisung gegenüber den priva-
ten Interessen des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen. Das
Gericht hat die öffentlichen und privaten Interessen gegeneinander abzuwägen.
Dies kann kriteriengeleitet nach der Bestimmung über den "schwerwiegenden
persönlichen Härtefall" in Art. 31 Abs. 1 der Verordnung vom 24. Oktober 2007
- 22 -
über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (VZAE) erfolgen, wobei dieser
Artikel nicht abschliessend ist. Da die Landesverweisung strafrechtlicher Natur ist,
sind auch strafrechtliche Elemente wie die Aussichten auf soziale Wiederein-
gliederung des Täters in die Interessenabwägung miteinzubeziehen. Zu berück-
sichtigen sind namentlich der Grad der persönlichen und wirtschaftlichen Integra-
tion, einschliesslich familiäre Bindungen des Ausländers in der Schweiz bzw. in
der Heimat, Aufenthaltsdauer und Resozialisierungschancen. Ebenso ist der
Rückfallgefahr und wiederholter Delinquenz Rechnung zu tragen. Dabei dürfen
auch vor Inkrafttreten der Landesverweisung begangene Straftaten berücksichtigt
werden. Obwohl Art. 66a Abs. 2 StGB als "Kann-Vorschrift" formuliert ist, bedeu-
tet das nicht, dass das Gericht frei entscheiden kann, ob es die Bestimmung
zur Anwendung bringt oder nicht. Das Gericht muss von seinem Ermessen im
Rahmen der verfassungsrechtlichen Grundsätze Gebrauch machen. Sind die
Voraussetzungen von Art. 66a Abs. 2 StGB erfüllt, muss es daher nach dem
Grundsatz der Verhältnismässigkeit von einer Landesverweisung absehen (Urteil
des Bundesgerichts 6B_1070/2018 vom 14. August 2019 E. 6.2.2 mit weiteren
Hinweisen).
3.1 Von einem schweren persönlichen Härtefall ist bei einem Eingriff von einer
gewissen Tragweite in den Anspruch des Ausländers auf das in Art. 13 BV und
Art. 8 EMRK verankerte Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens aus-
zugehen. Zum geschützten Familienkreis gemäss Art. 8 EMRK gehört in erster
Linie die Kernfamilie, d.h. die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren minderjähri-
gen Kindern. Andere familiäre Verhältnisse fallen in den Schutzbereich, sofern ei-
ne genügend nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung besteht. Hinweise
für solche Beziehungen sind das Zusammenleben in einem gemeinsamen Haus-
halt, eine finanzielle Abhängigkeit, speziell enge familiäre Bindungen, regelmässi-
ge Kontakte oder die Übernahme von Verantwortung für eine andere Person. Bei
hinreichender Intensität sind auch Beziehungen zwischen nahen Verwandten wie
Geschwistern oder Tanten und Nichten von Bedeutung, doch muss in diesem Fall
ein über die üblichen familiären Beziehungen bzw. emotionalen Bindungen hin-
ausgehendes, besonderes Abhängigkeitsverhältnis bestehen. Das geschützte
Recht auf Achtung des Familienlebens ist berührt, wenn eine staatliche Ent-
- 23 -
fernungs- oder Fernhaltemassnahme eine nahe, echte und tatsächlich gelebte
familiäre Beziehung einer in der Schweiz gefestigt anwesenheitsberechtigten Per-
son beeinträchtigt ist, ohne dass es dieser ohne weiteres möglich bzw. zumutbar
wäre, ihr Familienleben andernorts zu pflegen (Urteil des Bundesgerichts
6B_1070/2018 vom 14. August 2019 E. 6.3.1 und E. 6.3.2 mit weiteren Hinwei-
sen).
3.2 Der Anspruch auf Achtung des Familienlebens gilt nicht absolut. Bei
der Prüfung der Eingriffsvoraussetzungen nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK sind folgende
Elemente zu beachten: (1) die Art und Schwere der begangenen Straftat und ob
sie als Jugendlicher oder Erwachsener verübt wurde; (2) die Aufenthaltsdauer des
Betroffenen im Land; (3) die seit der Tatbegehung vergangene Zeit und das Ver-
halten des Ausländers während dieser; (4) die sozialen, kulturellen und familiären
Bindungen zum Aufnahmestaat und zum Herkunftsland; (5) der Gesundheitszu-
stand sowie (6) die mit der aufenthaltsbeendenden Massnahme verbundene
Dauer der Fernhaltung. Keines dieser Elemente ist für sich allein ausschlag-
gebend. Erforderlich ist vielmehr eine Würdigung der gesamten Umstände im
Einzelfall. Art. 66a StGB ist EMRK-konform auszulegen. Die Interessenabwägung
im Rahmen der Härtefallklausel von Art. 66a Abs. 2 StGB hat sich an der Verhält-
nismässigkeitsprüfung nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK zu orientieren (Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1070/2018 vom 14. August 2019 E. 6.3.3 und E. 6.3.4 mit weiteren
Hinweisen).
4.1 Der Beschuldigte stammt aus Nigeria. Er wurde 1981 in Nigeria geboren und
ist dort zusammen mit vier Geschwistern bei den Eltern aufgewachsen. Nach dem
Besuch von dreieinhalb Jahren Primarschule begann er im Alter von 12 Jahren
mit einer praktischen Lehre als Elektriker, wobei er die Praxis abgeschlossen hat;
die Schule dazu hat er nicht absolviert. Während fünf Jahren lebte er in ... [Stadt
in Nigeria] im Haus seines Lehrmeisters. Mit 17 Jahren begab er sich nach Niger
und Libyen, von wo aus er nach Europa und im Jahre 2000 in die Schweiz ein-
reiste. Damit verbrachte der Beschuldigte die lebensprägenden Jahre, nämlich
seine Kindheit, Jugend und junges Erwachsenenalter in seinem Heimatland bzw.
im Ausland. Im Jahre 2006 lernte der Beschuldigte seine spätere Ehefrau kennen.
- 24 -
Die Heirat fand 2007 in Nigeria statt. In den Jahren 2007, 2012 und 2016 kamen
seine Kinder zur Welt. Von 2007 bis 2009 arbeitete der Beschuldigte bei D._.
Ab 2009 arbeitete er für drei bis vier Jahre als Hilfskraft im Strassenbau bei der
Firma E._. Von 2012 bis Ende 2015 verrichtete er diese Tätigkeit bei der
Firma F._. Ab 2016 will er sich vollzeitlich um die Betreuung der Kinder ge-
kümmert haben. Wie bereits ausgeführt, arbeitete der Beschuldigte mindestens
bis Frühjahr 2018 bei der F._ AG. Diese Arbeitstätigkeit erfolgte wohl tags-
über, weshalb er die Kinder währenddessen kaum betreuen konnte. Zudem er-
wähnte er mehrfach, er habe sich eine Nachtarbeit gesucht und tue dies immer
noch. Selbst wenn er nachts arbeiten würde, könnte er die Kinder nicht mehr voll-
zeitlich betreuen. Die Tatsache, dass der Beschuldigte schon lange Zeit eine
Nachtarbeit sucht, offenbart, dass er nicht gewillt ist, die Kinder vollzeitlich zu be-
treuen. Auch musste die Betreuung der Kinder während des letzten Aufenthalts
des Beschuldigten in Nigeria von knapp 3 Wochen im Dezember 2019/Januar
2020 anderweitig gewährleistet werden. Die Ehefrau des Beschuldigten arbeitet
als selbständige Podologin. Neben seiner Ehefrau und seinen Kindern hat der
Beschuldigte Kontakt zu Freunden/Kollegen, die er von seinen früheren Arbeitstä-
tigkeiten kennt, zu seinen drei Nachbarn und den Geschwistern seiner Ehefrau.
Die Deutschkenntnisse des Beschuldigten sind nicht so gut. Im vorliegenden Ver-
fahren musste der Beschuldigte durchwegs die Dienste eines Dolmetschers in
Anspruch nehmen. Insgesamt lebt der Beschuldigte soweit in geregelten Verhält-
nissen, hat sich in der Schweiz jedoch nur mässig integriert. Seine sozialen Kon-
takte beschränken sich hauptsächlich auf seine Kernfamilie. Eine Verwurzelung in
der Schweiz durch regelmässige Erwerbstätigkeit erfolgte früher. Zur Zeit geht er
keiner ausserhäuslichen Arbeitstätigkeit nach. Auch spricht er keine Landesspra-
che. Hinzu kommen die Vorstrafen des Beschuldigten, welche wohl nicht ein-
schlägig sind, jedoch darauf hin deuten, dass der Beschuldigte bereits vor den
vorliegend zu beurteilenden Vorfällen Mühe bekundete, sich an die hiesige Ge-
setzgebung zu halten. Die persönlichen Interessen des Beschuldigten an einem
Verbleib in der Schweiz ergeben sich hauptsächlich aus dem Umstand, dass sei-
ne Ehefrau und seine Kinder hier leben. Sowohl die Ehefrau als auch die Kinder
besitzen die schweizerische Staatsangehörigkeit. Die Kinder sind noch relativ
- 25 -
klein und besuchen teilweise die Schulen, weshalb es der Familie nicht zuzumu-
ten ist, mit dem Vater nach Nigeria zu ziehen.
4.2 Im Heimatland des Beschuldigten leben noch seine Eltern und drei seiner
Geschwister, welche teilweise auch eine Familie haben. Zu ihnen hat er einen gu-
ten Kontakt und besucht sie, wenn er in Nigeria ist. Der Beschuldigte selbst hielt
sich dort letztmals im Dezember 2019/Januar 2020 auf. Sein Heimatland besuch-
te der Beschuldigte seit 2007 vier Mal. In Nigeria hat er noch alte Schulfreunde,
mit welchen er gelegentlich per Facebook kommuniziert. Durch sein Aufwachsen
und seine praktische Ausbildung in Nigeria während fünf Jahren ist der Beschul-
digte mit der Sprache und der Kultur in Nigeria bestens vertraut. Zudem gehört
er in der Schweiz einem Verein an. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von
Nigerianern, die in der Schweiz wohnen und Personen in Afrika helfen. Wohl
scheint es für den Beschuldigten schwierig, jedoch nicht unmöglich, sich in sei-
nem Heimatland wieder zurechtzufinden. Die Einwände der amtlichen Vertei-
digung, wonach in Nigeria derart schlimme Verhältnisse herrschen würden
(Urk. 55 S. 17 f.), erscheinen sodann angesichts des freiwilligen Besuchs des Be-
schuldigten seiner Familie im Dezember 2019/Januar 2020 massiv übertrieben.
4.3 In Bezug auf die finanziellen Verhältnisse gilt es zu beachten, dass nicht der
Beschuldigte, sondern seine Ehefrau mit einem monatlichen Einkommen von
Fr. 5'000.– bis Fr. 6'000.– die Familie finanzierte. Mit der Wegweisung des Be-
schuldigten würde die Familie ihren Ernährer nicht verlieren.
4.4 Insgesamt ist das Vorliegen eines schweren persönlichen Härtefalles im
Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB gerade noch zu bejahen.
5.1 Steht fest, dass die Landesverweisung zu einer schweren persönlichen Här-
te führen würde, ist in einem zweiten Schritt das private Interesse des Beschuldig-
ten an einem Verbleib in der Schweiz den öffentlichen Interessen an der Landes-
verweisung gegenüberzustellen. Überwiegen die öffentlichen Interessen, muss
die Landesverweisung ausgesprochen werden (Busslinger/Uebersax, Härtefall-
klausel und migrationsrechtliche Auswirkungen der Landesverweisung, plädoyer
5/16, S. 102 ff.). Für das öffentliche Interesse relevant sind die Schwere des De-
- 26 -
likts und das Verschulden, d.h. die ausgesprochene Strafe sowie die vom Täter
ausgehende Gefahr, d.h. die Legalprognose. Für das persönliche Interesse ist
neben dem Umstand, wie lange die Person in der Schweiz lebte, insbesondere
auch ihre berufliche und familiäre Bindung relevant. Je gravierender das Delikt
(mithin die ausgesprochene Strafe), desto höher hat das persönliche Interesse an
einem Verbleib zu sein, damit die Härtefallklausel zu einem ausnahmsweisen
Verzicht auf eine Landesverweisung führt (vgl. dazu Busslinger/Uebersax a.a.O.,
S. 96 ff., S. 97 f., S. 101 f.; Fiolka/Vetterli, Die Landesverweisung nach Art. 66a
StGB, plädoyer 5/16, S. 85 ff.; Raselli, Obligatorische Landesverweisung und Här-
tefallklausel, in: Sicherheit & Recht 3/2017, S. 141 ff.; Heimgartner, a.a.O.,
Art. 66a N 6). Bei qualifiziertem Drogenhandel überwiegt das öffentliche Interesse
an einer Landesverweisung regelmässig, falls keine besonderen persönlichen
oder familiären Bindungen im Aufenthaltsstaat bestehen (BGE 139 I 16 S. 20
E. 2.2.2; Urteile des Bundesgerichts 6B_680/2018 vom 19. September 2018,
E. 1.4 und 6B_131/2019 vom 27. September 2019, E. 2.6)
5.2 Wie bereits ausgeführt, beschneidet eine Landesverweisung die Beziehung
des Beschuldigten zu seiner in der Schweiz lebenden Ehefrau und seinen drei
Kindern stark. Ein darüber hinausgehendes privates Interesse des Beschuldigten
ist allerdings nicht ersichtlich, da er neben seiner Familie hier kaum verwurzelt
und eine Wiedereingliederung im Heimatstaat (wie bereits dargelegt) für ihn mög-
lich und zumutbar ist. Daran ändert auch die Aufenthaltsdauer in der Schweiz
nichts.
Hinzu kommt, dass der Beschuldigte mit vorliegendem Urteil mit einer unbeding-
ten Freiheitsstrafe von vier Jahren zu bestrafen ist. Bei zwei Drogenauslieferun-
gen waren die Kinder (bzw. ein Kind) dabei. Dies zeigt, dass er seine eigenen
Bedürfnisse über seine Verantwortung als Vater und Betreuungsperson stellt.
Aufgrund des Strafvollzugs wird der Beschuldigte nun mehrere Jahre von seiner
Familie getrennt sein. Die Verteidigung führt zwar an, dass die Ehefrau zugunsten
der Kinderbetreuung möglicherweise die Erwerbstätigkeit aufgeben und Sozial-
hilfe beziehen müsse, wenn der Beschuldigte des Landes verwiesen würde
- 27 -
(Urk. 29 S. 20; Urk. 55 S. 21 f.). Indes ist die Situation bezüglich der Kinderbe-
treuung in der Zeit, in der sich der Beschuldigte im Strafvollzug befindet, dieselbe.
Bis zu seiner Entlassung aus dem Strafvollzug (und das ist letztlich der mass-
gebliche Zeitpunkt) wird die Ehefrau die Rolle des hauptbetreuenden Elternteils
übernommen haben. Auch das jüngste der Kinder wird dann schulpflichtig sein,
das älteste allenfalls schon in einer Berufsausbildung. Durch diesen Zeitablauf re-
lativiert sich auch die Einbindung des Beschuldigten als Betreuungsperson in die
Familie – und nachdem diese das Hauptelement der Beziehung des Beschuldig-
ten zur Schweiz ist, auch diese.
5.3 Gegen den Verbleib des Beschuldigten in der Schweiz und für ein öffent-
liches Interesse an dessen Wegweisung spricht die von diesem ausgehende Ge-
fahr für weitere Straftaten. Die vom Beschuldigten erstandene Untersuchungshaft
ist kein Garant, dass er keine weiteren Delikte begehen wird. Gemäss Angaben
des Beschuldigten war die Schuld gegenüber der Gruppe Grund für sein Delin-
quieren. Auch heute noch hat der Beschuldigte angeblich Schulden bei der Grup-
pe, weshalb auch deshalb eine Rückfallgefahr nicht ausgeschlossen werden
kann. Die qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
aus pekuniären Motiven gilt als schwere Straftat, von welcher eine schwerwie-
gende Gefahr für die öffentliche Ordnung ausgeht. Der Beschuldigte beging die
Straftat mehrfach. Er war in grösserem Stil im Drogenhandel tätig. Innert rund vier
Monaten nahm er 3‘891 Gramm Kokaingemisch entgegen und lieferte es aus.
Das Kokain war daher für Dritte bestimmt, womit er die Gesundheit vieler Men-
schen in Gefahr brachte. Die Schwere der vom Beschuldigten begangenen Taten
und damit sein Verschulden sind auch daran zu erkennen, dass er vorliegend mit
einer Freiheitsstrafe von vier Jahren bestraft wird. Das vom Beschuldigten began-
gene Delikt widerspricht dem öffentlichen Sicherheitsinteresse. Zudem weist der
Beschuldigte zwei Vorstrafen auf. Auch wenn diese Vorstrafen nicht einschlägig
sind, zeigen sie doch, dass der Beschuldigte bereits vor den angeklagten Vor-
fällen Mühe bekundete, sich an die hiesige Rechtsordnung zu halten. Zur Zeit der
Begehung der vom Beschuldigten begangenen Straftat war er schon über
37 Jahre alt.
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6. Insgesamt erweist sich die Landesverweisung als angebracht. Es liegt zwar
ein schwerer persönlicher Härtefall vor. Das öffentliche Interesse an der Landes-
verweisung ist indes höher zu werten als das private Interesse des Beschuldigten
an einem Verbleib in der Schweiz. Es ist daher eine Landesverweisung auszu-
sprechen.
7. Die Vorinstanz sprach eine Landesverweisung für die Dauer von fünf Jahren
aus. Das entspricht der minimalen Dauer der Landesverweisung. Aufgrund des
Verschlechterungsverbotes ist die Dauer der Landesverweisung gemäss dem vor-
instanzlichen Urteil zu bestätigen.
8. Am 1. März 2017 ist die Verordnung über die Einführung der Landesver-
weisung in Kraft getreten. Art. 20 der Verordnung über den nationalen Teil des
Schengener Informationssystems und das SIRENE-Büro (N-SIS-Verordnung vom
8. März 2013) wurde dahingehend geändert, dass Drittstaatangehörige nur zur
Einreise- und Aufenthaltsverweigerung ausgeschrieben werden können, wenn der
entsprechende Entscheid einer Verwaltungs- oder einer Justizbehörde vorliegt.
Entsprechend hat das urteilende Gericht zu prüfen, ob die Ausschreibung der
Landesverweisung im SIS anzuordnen ist.
Gemäss Art. 96 des Schengener Durchführungsübereinkommens ist eine Lan-
desverweisung für sogenannte Drittstaatenangehörige – damit sind Personen
gemeint, die keinem Mitgliedsstaat des Übereinkommens angehören – ohne Wei-
teres im SIS einzutragen, wenn diese auf einer Verurteilung wegen einer Straftat
beruht, welche mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr bedroht ist
und wenn die betroffene Person über kein Aufenthaltsrecht in einem anderen Mit-
gliedsstaat verfügt (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C-4656/2012 vom
24. September 2015). Die Voraussetzungen von Art. 24 Abs. 1 und 2 SIS-II-VO
sind enger als die des nationalen Rechts, weshalb eine SIS-Ausschreibung wohl
nur unter diesen Voraussetzungen erfolgen kann. Nach Art. 24 Abs. 2 SIS-II-VO
wird die Ausschreibung nur eingetragen, wenn die Anwesenheit des Drittstaatan-
gehörigen eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung darstellt. Dies ist
insbesondere der Fall a) bei einem Drittstaatangehörigen, der in einem Mitglied-
staat wegen einer Straftat verurteilt worden ist, die mit Freiheitsstrafe von mindes-
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tens einem Jahr bedroht ist; b) bei einem Drittstaatangehörigen, gegen den ein
begründeter Verdacht besteht, dass er schwere Straftaten begangen hat, oder
gegenüber welchem konkrete Hinweise bestehen, dass er solche Taten
im Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaats plant. Sinn dieser Bestimmung ist, dass
die SIS-Ausschreibung nur bei schweren Straftaten erfolgen soll. Nachdem die
vom Beschuldigten begangene qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäu-
bungsmittelgesetz eine Mindeststrafe von einem Jahr vorsieht, sind die Voraus-
setzungen für eine SIS-Ausschreibung erfüllt. Es ist daher die Ausschreibung der
Landesverweisung im Schengener Informationssystem anzuordnen.
V. Kostenfolgen
1. Ausgangsgemäss ist die erstinstanzliche Kostenauflage zu bestätigen.
2. Dem Antrag der Verteidigung, die dem Beschuldigten ausgangsgemäss auf-
zuerlegenden Kosten angesichts dessen wirtschaftlicher Situation sofort und defi-
nitiv abzuschreiben, kann nicht gefolgt werden. Zwar können gemäss Art. 425
StPO Forderungen aus Verfahrenskosten von der Strafbehörde gestundet oder
unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse der kostenpflichtigen
Person herabgesetzt oder erlassen werden. Keinesfalls verlangt aber Art. 425
StPO, dass schon im Urteil darüber befunden wird, ob der minderbemittelte Be-
troffene von der Kostentragungspflicht (allenfalls auch nur teilweise) zu befreien
ist. Vielmehr ermöglicht es die genannte Bestimmung – bzw. legt es deren Wort-
laut gar nahe – dass den Verhältnissen des Betroffenen erst im Zeitpunkt des
Kostenbezugs Rechnung getragen werden kann. Zu bedenken ist in diesem Zu-
sammenhang nämlich, dass die definitive Abschreibung von Gerichtskosten eine
weitreichende Wirkung aufweist und einem Erlass gleichkommt. Die Kosten kön-
nen daher selbst dann nicht mehr geltend gemacht werden, wenn der Schuldner
in der Folgezeit in günstige finanzielle Verhältnisse kommt. Diese Art der Ab-
schreibung sollte daher nur in ausgesprochenen Ausnahmefällen gewährt werden
(vgl. zum alten Recht ZR 103 Nr. 46). Vorliegend ist kein solcher Ausnahmefall
gegeben, wonach es sich rechtfertigen würde, den Beschuldigten gänzlich von
der Kostentragung zu befreien. Es ist nicht auszuschliessen, dass der Beschuldig-
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te dereinst wieder in günstigere finanzielle Verhältnisse kommen kann, sei dies
etwa durch eigenen Arbeitserwerb oder auch Vermögensanfall sonstiger Art, bei-
spielsweise aus eherechtlichen oder erbschaftlichen Ansprüchen. Den Beschul-
digten bereits im jetzigen Zeitpunkt von der Tragung der Untersuchungs- und Ver-
fahrenskosten definitiv zu entbinden, ist daher nicht gerechtfertigt.
3. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 3'000.– anzu-
setzen (Art. 424 Abs. 1 StPO in Verbindung mit § 16 Abs. 1 und §14 Abs. 1 lit. b
GebV OG).
4. Ausgangsgemäss – zumal der Beschuldigte mit seinen Anträgen praktisch
vollumfänglich unterliegt – sind die Kosten des Rechtsmittelverfahrens vollum-
fänglich dem Beschuldigten aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO). Davon ausge-
nommen sind die Kosten der amtlichen Verteidigung. Diese sind unter Vorbehalt
der Rückzahlungspflicht (Art. 135 Abs. 4 StPO) auf die Gerichtskasse zu nehmen.
5. Die amtliche Verteidigung, Rechtsanwalt lic. iur. X._, reichte im Beru-
fungsverfahren eine Honorarnote für ihren Aufwand sowie Barauslagen ein
(Urk. 53 und 57). Sie ist gemäss dem geltend gemachten Aufwand zu entschä-
digen. Dabei ist anzumerken, dass die Ausführungen der amtlichen Vertei-
digung anlässlich der Berufungsverhandlung sich grösstenteils mit dem Partei-
vortrag vor Vorinstanz wörtlich decken. Die Entschädigung für die amtliche
Verteidigung des Beschuldigten ist somit auf pauschal Fr. 3'600.– (inkl. MwSt.)
festzusetzen.
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