Decision ID: caccef43-8647-53f8-b0f3-6c6585d76bd1
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 8. Februar 2007 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-
act. 1). Dr. med. B._, Medizinisch-soziale Hilfsstelle, diagnostizierte im Bericht vom
13. April 2007 eine (seit dem 17. Lebensjahr bestehende) Polytoxikomanie, eine
Störung des Sozialverhaltens durch multiplen Substanzgebrauch, einen Alkoholabusus,
einen Verdacht auf rezidivierende Panikattacken mit Hyperventilation, eine grössere
axiale Hiatushernie, eine chronisch nicht erosive Gastritis sowie eine Hepatitis C
seropositiv (IV-act. 12). Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) gelangte in der
Stellungnahme vom 30. Juli 2007 zur Auffassung, es läge bei der Versicherten ein
primäres Suchtgeschehen vor. Es gäbe keine Diagnosen ausserhalb des
Suchtgeschehens, die einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätten (IV-act. 19). Nach
durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Vorbescheid vom 4. September 2007, IV-
act. 24) verfügte die IV-Stelle am 10. Oktober 2007 die Abweisung des
Leistungsgesuchs (IV-act. 25).
A.a.
Im August 2010 erlitt die Versicherte zu Hause eine Schnittverletzung des linken
Unterarms (Schadenmeldung vom 6. August 2010, fremd-act. 1-31). Am 15. November
«2011» (richtig: 2010) meldete sie sich erneut zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-
act. 30). Die IV-Stelle führte am 24. September 2012 eine Abklärung im Haushalt der
Versicherten durch. Die Abklärungsperson hielt im Bericht vom 22. Oktober 2012 fest,
die Versicherte wäre im Gesundheitsfall zu 60 % erwerbstätig. Im Haushaltsbereich
ermittelte sie eine 14%ige Einschränkung (IV-act. 75). Dr. med. C._, Facharzt für
Chirurgie, berichtete am 23. November 2012, die Versicherte leide an einem
posttraumatischen Neurom mit neurogenen Beschwerden Typ CRPS obere linke
A.b.
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Extremität sowie an einer Polytoxikomanie. Es bestehe eine massive Reduktion der
Leistungsfähigkeit aufgrund der Schmerzen mit Beeinträchtigung der körperlich-
geistigen Leistungsfähigkeit. Eine Tätigkeit sei der Versicherten nicht zumutbar (IV-
act. 76). Die RAD-Ärztin Dr. med. D._, Fachärztin für Allgemeine Medizin, gelangte
nach Durchsicht des Berichts vom 23. November 2012 zum Schluss, medizinisch
theoretisch bestehe eine 60%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
(Stellungnahme vom 10. Dezember 2012, IV-act. 77). Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren (Vorbescheid vom 12. Dezember 2012, IV-act. 80) verfügte die
IV-Stelle am 11. Februar 2013 die Abweisung des Leistungsgesuchs. Die Ermittlung
des Invaliditätsgrads nahm sie im Rahmen der gemischten Methode vor (IV-act. 81).
Die dagegen erhobene Beschwerde vom 14. März 2013 (IV-act. 86-2 ff.) hiess das
Versicherungsgericht mit Entscheid vom 11. Juli 2014, IV 2013/123, teilweise gut. Es
hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur Durchführung einer
polydisziplinären Begutachtung und zu neuer Verfügung an die IV-Stelle zurück (IV-
act. 103).
Am 26. Februar und 27. März 2015 wurde die Versicherte im Auftrag der IV-Stelle
polydisziplinär (internistisch, orthopädisch, neurologisch und psychiatrisch) in der
SMAB AG Swiss Medical Assessment- and Business-Center begutachtet. Eine
neuropsychologische Begutachtung fand am 12. Mai 2015 in der Klinik für Neurologie
am Kantonsspital St. Gallen (KSSG) durch Dr. phil. E._, Psychologin FSP/
Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP, statt (zum neuropsychologischen
Teilgutachten vom 13. Mai 2015 siehe IV-act. 136-88 ff.). Die SMAB-Gutachterinnen
und -Gutachter diagnostizierten mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: einen Status
nach Schnittwunde (8. November 2009) am linken Unterarm mit Verletzung des Ramus
superficialis Nervi radialis links und Neurombildung, Zustand nach Revision mit
Neurolyse (11. August 2010), Zustand nach Implantation eines Neurostimulators, heute
ausgeschaltet; ein CRPS II am linken Arm im Abklingen und ein Impingement rechte
Schulter. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierten sie u.a. einen
Residualzustand bei langjähriger Polytoxikomanie (ICD-10: F19.7), aktuell, im Zeitpunkt
der Untersuchung, alkoholisiert (BAK 2.0 Promille), einen Verdacht auf rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig weitgehend remittiert (ICD-10: F33.4), leichte bis
mittelschwere kognitive Funktionsstörungen und einen alkoholbedingten leichten
A.c.
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Tremor. Für die bisherige Tätigkeit in der Herstellung von Ohrprothesen bescheinigten
der orthopädische SMAB-Gutachter und die neurologische SMAB-Gutachterin eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit, da die Versicherte dabei auf die Gebrauchsfähigkeit beider
Hände angewiesen sei. Bezogen auf eine den Leiden der Versicherten angepassten
Tätigkeit bescheinigten die SMAB-Gutachterinnen und -Gutachter eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit (Gesamtgutachten vom 22. Juni 2015, IV-act. 136-1 ff.). Die RAD-Ärztin
Dr. med. D._ hielt die gutachterliche Beurteilung für beweiskräftig (Stellungnahme
vom 1. Juli 2015, IV-act. 137).
Mit Vorbescheid vom 14. Juli 2015 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 139). Dagegen erhob diese am 14.
September 2015 Einwand (IV-act. 142-1 ff.) und reichte eine kritische Stellungnahme
zum SMAB-Gutachten von Dr. med. Dr. phil. F._, u.a. Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom 28. August 2015 ein (IV-act. 142-9). Die SMAB-Gutachterinnen
und -Gutachter äusserten sich hierzu am 5. Oktober 2015 und hielten an der bisherigen
Arbeitsfähigkeitsschätzung fest (IV-act. 147). Mit neuerlichem Vorbescheid vom
30. November 2015 zeigte die IV-Stelle der Versicherten an, dass das Rentengesuch
abgewiesen werde (IV-act. 154). Am 1. Februar 2016 verfügte sie die Rentenabweisung
(IV-act. 156). Die dagegen erhobene Beschwerde vom 1. März 2016 (IV-act. 157-2 ff.;
zur u.a. eingereichten Beurteilung von Dr. med. G._, Fachärztin für Neurologie, vom
8. Februar 2016 siehe IV-act. 160) hiess das Versicherungsgericht mit Entscheid vom
11. April 2017, IV 2016/78, teilweise gut und wies die Sache zur ergänzenden
Abklärung in Form einer umfassenden polydisziplinären (internistischen,
neurologischen, orthopädischen, psychiatrischen und neuropsychologischen)
Begutachtung und zu neuer Verfügung im Sinn der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurück. Dabei verpflichtete es die IV-Stelle dafür zu sorgen, dass
die neuropsychologische Begutachtung durch eine Fachpsychologin/einen
Fachpsychologen für Neuropsychologie FSP erfolge (IV-act. 171).
A.d.
Im Verlaufsbericht vom 15. Juli 2017 führte der behandelnde med. pract. H._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, aus, der Gesundheitszustand der
Versicherten habe sich verschlechtert. Sie leide an einer rezidivierenden depressiven
Störung, derzeit schwergradigen und chronifizierten Episode (ICD-10: F33.2). Seit im
Jahr 2013 nach einer Unterarmfraktur ein Morbus Sudeck im linken Arm und im Jahr
A.e.
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2016 im linken Schienbein ebenfalls ein CRPS aufgetreten sei, habe sich die
rezidivierende depressive Störung deutlich verschlechtert. Die Versicherte habe sich
mittlerweile körperlich und psychisch aufgegeben. Med. pract. H._ hielt die
Versicherte für vollständig arbeitsunfähig (IV-act. 186; siehe auch den Bericht von med.
pract. H._ vom 6. Oktober 2017, IV-act. 193). Der behandelnde Dr. med. I._,
Oberarzt Orthopädie an der Klinik J._ am Kantonsspital St. Gallen (KSSG), gab im
Bericht vom 14. September 2017 (Datum Posteingang IV-Stelle) an, die Versicherte
leide an einem Status nach Osteosynthesematerial-Entfernung an der proximalen Tibia
links (6. Juli 2017) und an einem Status nach CRPS am linken Unterarm nach einer im
Jahr 2013 erlittenen Schnittverletzung. Das Ausmass der Verminderung der
Leistungsfähigkeit hänge vom postoperativen Verlauf ab (IV-act. 188). Am 6. Dezember
2017 wurde das bisherige Elektrostimulationssystem für den linken Arm der
Versicherten ersetzt wegen Fehlfunktion der einzelnen Komponenten. Zusätzlich wurde
der Versicherten eine Elektrode lumbal für die neuropathischen Schmerzen im linken
Bein implantiert (Bericht des ibsw Institut für Bewegungsapparat und Schmerz
Winterthur AG vom 12. Dezember 2017, IV-act. 208; zum Operationsbericht vom
6. Dezember 2017 siehe IV-act. 207).
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte am 5., 8. und 16. Mai 2018 in der
PMEDA AG Polydisziplinäre Medizinische Abklärungen polydisziplinär (internistisch,
neurologisch, orthopädisch, psychiatrisch und neuropsychologisch) begutachtet. Die
PMEDA-Gutachter stellten folgende Diagnosen, denen sie eine Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit beimassen: eine Gonarthrose links mit Funktionsstörung bei
stattgehabter Tibiakopfosteotomie; eine Funktionseinschränkung der linken Hand und
eine Instabilität der rechten Schulter. Als «Diagnose ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit» nannten sie u.a. psychische und Verhaltensstörungen durch multiplen
Substanzkonsum mit Abhängigkeitssyndrom (ICD-10: D19.2), eine mögliche
leichtgradige depressive Episode (ICD-10: F32.0) und eine minimale kognitive Störung
bei fortgesetztem polyvalentem Suchtmittelkonsum, aktueller Nachweis von Kokain.
Für eine suchtmittelkonsumunabhängige Gesundheitsstörung mit minderndem Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten bestehe kein ausreichender Anhalt.
Die PMEDA-Gutachter bescheinigten der Versicherten für die angestammte Tätigkeit
eine 50%ige Arbeitsfähigkeit wegen der aus orthopädischer Sicht bestehenden
A.f.
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Einschränkungen. Für eine leidensangepasste Tätigkeit bescheinigten sie eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit (polydisziplinäres Gutachten vom 14. August 2018, IV-act. 227). Die
RAD-Ärztin Dr. D._ hielt das PMEDA-Gutachten für beweiskräftig (RAD-
Stellungnahme vom 29. August 2018, IV-act. 235).
Mit Vorbescheid vom 28. September 2018 stellte die IV-Stelle die Abweisung des
Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 238). Dagegen erhob die Versicherte am
19. November 2018 Einwand und brachte darin verschiedene Mängel gegen die
Beurteilung der PMEDA-Gutachter vor. Des Weiteren machte sie geltend, eine
Restarbeitsfähigkeit sei auf dem Arbeitsmarkt nicht verwertbar, und reichte Berichte
der behandelnden medizinischen Fachpersonen ein (IV-act. 245). Nachdem die IV-
Stelle Verlaufsberichte der behandelnden medizinischen Fachpersonen eingeholt hatte
(Verlaufsberichte von Dr. C._ vom 7. Dezember 2018, IV-act. 247, und von med.
pract. H._ vom 3. Januar 2019, IV-act. 249), vertrat die RAD-Ärztin Dr. D._ nach
einer Würdigung der Akten die Auffassung, es könne an der Beurteilung der PMEDA-
Gutachter festgehalten werden (Stellungnahme vom 25. Februar 2019, IV-act. 255). Die
Versicherte reichte am 10. April 2019 einen Bericht der in der Klinik für
Gastroenterologie/Hepatologie am KSSG behandelnden Ärzte ein (IV-act. 257-4 f.).
Diesem Bericht könne entnommen werden, dass sich der Verdacht auf eine
Leberzirrhose bestätigt habe. Aufgrund dieses Befundes sei offenkundig, dass sie (die
Versicherte) keine Ressourcen habe, um einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können
(IV-act. 257). Auf Empfehlung der RAD-Ärztin Dr. D._ (Stellungnahme vom 25. April
2019, IV-act. 258) holte die IV-Stelle einen Bericht der am KSSG behandelnden Ärzte
vom 20. Mai 2019 ein. Darin führten diese aus, die Versicherte leide aktuell an einer
kompensierten Leberzirrhose Child A 5, MELD 7. Aktuell stelle die Malnutrition eine
Komplikation der Leberzirrhose dar. Aufgrund der chronischen psychosozialen
Belastungssituation mit Polytoxikomanie und Schmerzsyndrom sowie der Malnutrition
sei eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zu erwarten. Abgesehen vom Hinweis, dass
wahrscheinlich die psychische Diagnose führend für die Arbeitsunfähigkeit sei, hielten
die Ärzte weitere Aussagen zur Arbeitsfähigkeit nicht für möglich (IV-act. 261). Die
RAD-Ärztin Dr. D._ führte in der Stellungnahme vom 1. Juli 2019 aus, die
Leberproblematik habe bereits anlässlich der Begutachtung im Sommer 2018
bestanden und sei in die gutachterliche Beurteilung eingeflossen. Die Ärzte des KSSG
A.g.
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B.
sähen die Arbeitsfähigkeit durch die psychosozialen und psychischen Probleme
eingeschränkt (Polytoxikomanie). Diese Problematik sei im PMEDA-Gutachten
eingehend durch den begutachtenden Psychiater diskutiert worden. Der
Gesundheitszustand habe sich somit nicht mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
verschlechtert. Es könne weiterhin am PMEDA-Gutachten festgehalten werden (IV-
act. 272). Am 4. Juli 2019 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des Rentengesuchs (IV-
act. 273).
Gegen die Verfügung vom 4. Juli 2019 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 5. September 2019. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter Kosten- und
Entschädigungsfolge deren Aufhebung und die Zusprache einer ganzen Rente
spätestens ab 1. November 2011. Eventualiter sei die Sache zur erneuten Abklärung an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Zur Begründung bringt sie im Wesentlichen
vor, sie habe anlässlich der PMEDA-Begutachtung unter Einfluss von Kokain und
weiteren Substanzen gestanden, was die Abklärungen massiv beeinträchtigt habe. Das
PMEDA-Gutachten sei unvollständig und nicht nachvollziehbar. Eine konkrete bzw.
substanziierte Auseinandersetzung mit früheren medizinischen Beurteilungen habe
nicht oder nur sehr marginal stattgefunden. Die gutachterlich bescheinigte
Arbeitsfähigkeit entspreche nicht der tatsächlichen Leistungsfähigkeit. Aufgrund der
Unterstützung, die sie (die Beschwerdeführerin) benötigen würde, um überhaupt einer
Erwerbstätigkeit nachgehen zu können, sei offenkundig, dass die verbleibende
Arbeitsfähigkeit (sofern denn eine solche überhaupt bestehe, was bestritten werde) auf
keinen Fall wirtschaftlich verwertet werden könne. Des Weiteren rügt die
Beschwerdeführerin den von der Beschwerdegegnerin vorgenommenen
Einkommensvergleich (act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 15. Oktober
2019 die Abweisung der Beschwerde. Sie vertritt den Standpunkt, dass der
Sachverhalt mit dem PMEDA-Gutachten spruchreif abgeklärt worden sei. Die von der
Beschwerdeführerin gegen dessen Beweiskraft erhobene Kritik sei unzutreffend. Der
Drogenkonsum habe bei der Beschwerdeführerin bis jetzt noch zu keinen
invalidisierenden psychischen oder neuropsychologischen Leiden geführt. Der
B.b.
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Einkommensvergleich sei in der angefochtenen Verfügung korrekt vorgenommen
worden (act. G 3).
Dem Gesuch der Beschwerdeführerin um Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) wird am 24. Oktober 2019 entsprochen (act. G 4).
B.c.
In der Replik vom 15. Januar 2020 hält die Beschwerdeführerin unverändert an
ihrer Beschwerde fest. Ergänzend macht sie hinsichtlich der von den behandelnden
medizinischen Fachpersonen diagnostizierten Malnutrition geltend, dass sie bei einer
Grösse von 1.70 m gerade mal 45 kg wiege. Sie sei völlig kraftlos und ermüde zudem
bei der geringsten Anstrengung schnell. Die PMEDA-Gutachter hätten sich hierzu nicht
geäussert (act. G 10).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet stillschweigend auf eine Duplik (act. G 12).B.e.
Mit Schreiben vom 4. Dezember 2020 orientiert das Versicherungsgericht die
Parteien über seinen Beschluss, die asim Begutachtung, Universitätsspital Basel
(nachfolgend: asim), ein polydisziplinäres (internistisches, neurologisches,
orthopädisches, psychiatrisches und neuropsychologisches) Gerichtsgutachten
erstatten zu lassen (act. G 14). Nachdem die Parteien dagegen keine Einwände
erhoben haben, beauftragt das Versicherungsgericht am 6. Januar 2021 die asim mit
der Erstellung des polydisziplinären Gerichtsgutachtens (act. G 15). Im
polydisziplinären Gutachten vom 10. August 2021, dem Untersuchungen vom 6.,
7. und 21. Mai 2021 zugrunde liegen, stellen die asim-Sachverständigen folgende
Diagnosen, denen sie einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit beimassen: 1. eine
emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typus (ICD-10: F60.31), DD:
komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kombinierte Persönlichkeitsstörung
[ICD-10: F61.0]); 2. eine langjährige Drogenabhängigkeit seit dem 13. Lebensjahr
(ICD-10: F12.25, F10.25, F14.2 und F14.1); 3. eine einfache Aufmerksamkeits-/
Hyperaktivitätsstörung mit Persistenz ins Erwachsenenalter (ICD-10: F90.0); 4. eine
leichte bis mittelschwere neuropsychologische Störung bei Diagnosen 1. bis 3.; 5. ein
subacromiales Impingement rechte Schulter; 6. eine Funktionseinschränkung der linken
Hand bei u.a. Status nach Schnittverletzung am 8. November 2009 und 29. Dezember
B.f.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist das Rentengesuch der
Beschwerdeführerin vom 15. November 2010 (IV-act. 30; zur unrichtigen
Datumsangabe in der Anmeldung siehe vorstehende lit. A.b am Anfang).
2011; 7. eine medial betonte Gonarthrose links und 8. ein feinschlägiger Tremor der
oberen Extremitäten beidseits, multifaktorieller Ätiologie. Sie bescheinigten der
Beschwerdeführerin für jede Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit. Eine Eingliederung im ersten Arbeitsmarkt sei der
Beschwerdeführerin seit November 2009 nicht mehr möglich gewesen. Faktisch
bestehe eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit jedoch sicher schon seit der Pubertät
(act. G 21, insbesondere S. 10 ff. des Gesamtgutachtens).
Der RAD-Arzt K._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hält die
gerichtsgutachterliche Beurteilung in der Stellungnahme vom 18. August 2021 für
plausibel und nachvollziehbar. Im Gegensatz zur pauschalen Einschätzung im PMEDA-
Gutachten habe der psychiatrische asim-Gutachter ausführlich und plausibel
nachvollziehbar begründet, warum bei der Beschwerdeführerin aufgrund ihrer
traumatischen lebensgeschichtlichen Entwicklung in Kindheit und Jugend eine schwere
Persönlichkeitsstörung mit nachfolgendem Substanzkonsum vorliege. Aus
versicherungsmedizinischer Sicht könne vollumfänglich auf das aktuelle
polydisziplinäre Gutachten der asim abgestellt werden (act. G 23.1).
B.g.
In der Eingabe vom 25. August 2021 bringt die Beschwerdeführerin vor, die
gerichtsgutachterliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei überzeugend (act. G 26).
B.h.
Die Parteien verzichteten auf eine Stellungnahme (act. G 29 f.) zur Rechnung der
asim vom 9. September 2021 im Betrag von Fr. 22'405.75 (act. G 28).
B.i.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
1.1.
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während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens
40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens
40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Mit dem am 11. Juli 2019 und folglich nach der angefochtenen Verfügung vom
4. Juli 2019 ergangenen BGE 145 V 215 hat das Bundesgericht seine bisherige Praxis
(siehe etwa BGE 124 V 268 E. 3c sowie die weiteren in BGE 145 V 220 E. 4.1
erwähnten Urteile), wonach primäre Abhängigkeitssyndrome bzw.
Substanzkonsumstörungen zum vornherein keine invalidenversicherungsrechtlich
relevanten Gesundheitsschäden darstellen können und ihre funktionellen Auswirkungen
deshalb keiner näheren Abklärung bedürfen, fallen gelassen. Es hat entschieden, dass
fortan - gleich wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen - nach dem
strukturierten Beweisverfahren zu ermitteln ist, ob und gegebenenfalls inwieweit sich
ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyndrom im Einzelfall auf die
Arbeitsfähigkeit der versicherten Person auswirkt. Dabei muss im Rahmen des
strukturierten Beweisverfahrens insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im
konkreten Einzelfall Rechnung getragen werden. Diesem kommt nicht zuletzt deshalb
eine Bedeutung zu, weil bei Abhängigkeitserkrankungen - wie auch bei anderen
psychischen Störungen - oft eine Gemengelage aus krankheitswertiger Störung sowie
psychosozialen und soziokulturellen Faktoren vorliegt. Letztere sind auch bei
Abhängigkeitserkrankungen auszuklammern, wenn sie direkt negative funktionelle
Folgen zeitigen (Urteil des Bundesgerichts vom 3. Februar 2020, 8C_453/2019, E. 3.2
mit Hinweisen). Diese neue Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der
Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden und somit auch im
vorliegenden Fall massgebend (Urteil des Bundesgerichts vom 3. Februar 2020,
8C_453/2019, E. 3.3 mit Hinweis).
1.2.
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2.
Mit den Parteien (siehe act. G 26 und zur ausführlichen Würdigung durch den RAD-Arzt
K._ vom 18. August 2021 act. G 23.1) ist festzustellen, dass das Gerichtsgutachten
der asim sämtliche Anforderungen an eine beweiskräftige Expertise erfüllt und
namentlich die bezüglich der Arbeitsunfähigkeit gezogenen Schlüsse einleuchten.
Demgegenüber bestehen am im Verwaltungsverfahren eingeholten PMEDA-Gutachten
vom 14. August 2018 (IV-act. 227) erhebliche Mängel, die dessen Beweiskraft
erschüttern. Es kann diesbezüglich auf die Ausführungen des Versicherungsgerichts im
Beweisbeschluss vom 4. Dezember 2020 (act. G 14) und auf die kritische Würdigung
des RAD-Arztes K._ vom 18. August 2021 (act. G 23.1) verwiesen werden. Auf der
Grundlage der gerichtsgutachterlichen Arbeitsfähigkeitsbeurteilung ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.3.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.4.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
1.5.
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seit November 2009 über keine Arbeitsfähigkeit mehr verfügt (act. G 21, insbesondere
S. 14 ff. des Gesamtgutachtens). Es ist deshalb im Rahmen eines
Einkommensvergleichs (zur Qualifikation der Beschwerdeführerin als vollzeitlich
Erwerbstätige siehe das Feststellungsblatt vom 30. November 2015, IV-act. 153) von
einem Invalideneinkommen von Fr. 0.-- auszugehen. Beim Fehlen eines
Invalideneinkommens bzw. jeglicher Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen
(ersten) Arbeitsmarkt resultiert zwangsläufig unabhängig von der Höhe des
Valideneinkommens ein 100%iger Invaliditätsgrad und folglich ein Anspruch auf eine
ganze Rente. Ausführungen zur konkreten Höhe des Valideneinkommens erübrigen
sich deshalb. Da der Rentenanspruch erst am 15. November 2010 (wieder) geltend
gemacht wurde, entsteht er in Nachachtung von Art. 29 Abs. 1 IVG am 1. Mai 2011 (zur
Ausbezahlung der Rente vom Beginn des Monats an, in dem der Rentenanspruch
entsteht, siehe Art. 29 Abs. 3 IVG).
3.
Gemäss vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen und der
Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Mai 2011 eine ganze Rente zuzusprechen. Zur
Festsetzung und Ausrichtung der Rentenleistung ist die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Die
unterliegende Beschwerdegegnerin hat die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.-- zu
bezahlen.
3.2.
bis
Die Kosten des polydisziplinären Gerichtsgutachtens von insgesamt Fr. 22'405.75
(act. G 28) hat die Beschwerdegegnerin vollumfänglich zu tragen (Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 6. September 2016, IV 2013/259,
E. 5.4.1 ff.; BGE 143 V 269).
3.3.
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis
Fr. 15'000.--. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat keine Honorarnote
3.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/13
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