Decision ID: 82a4bdae-aab9-5a47-836c-2deb6358a86b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer, ein syrischer
Staatsangehöriger kurdischer Ethnie, am 15. September 2014 sein Hei-
matland. Am 12. November 2015 reiste er in die Schweiz ein und stellte
gleichentags ein Asylgesuch.
Am 1. Dezember 2015 wurde der Beschwerdeführer im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) in B._ zu seiner Person, seinem
Reiseweg und summarisch zu seinen Asylgründen befragt (Befragung zur
Person [BzP]). Am 27. November 2017 fand die Anhörung zu den
Asylgründen statt.
B.
B.a Hinsichtlich seines Lebenslaufs legte der Beschwerdeführer dar, er sei
in C._ geboren und aufgewachsen, wo er während sieben Jahren
die Schule besucht und danach als (...) gearbeitet habe. Im Mai 2015 habe
er nach Brauch geheiratet und sei kinderlos. Seine Ehefrau halte sich mit
deren Familie in Ofra in der Türkei auf.
B.b Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer
im Wesentlichen vor, er habe im Quartier D._ in C._ gelebt,
welches zu dieser Zeit unter der Kontrolle der PKK (Partiya Karkerên Kur-
distanê [kurdische Arbeiterpartei]), respektive der Apoci gestanden habe.
Da diese mit der syrischen Regierung zusammengearbeitet hätten, sei das
Quartier selten angegriffen worden. Zudem habe es verschiedene De-
monstrationen von Kurden gegen das syrische Regime gegeben, wobei
zwei seiner Onkel des Öfteren an solchen Kundgebungen teilgenommen
hätten. Er selber habe an sechs oder sieben Demonstrationen teilgenom-
men. Während seiner letzten Teilnahme habe das syrische Regime die De-
monstrierenden beschossen. Danach sei es ruhiger geworden und als die
Apoci ein Demonstrationsverbot erlassen hätten, zu gar keinen Kundge-
bungen mehr gekommen. Einige Monate später habe die Opposition sein
Wohnquartier unter deren Kontrolle gebracht, worauf das syrische Militär
kurze Zeit später die Gegend schwerwiegend bombardiert habe. Auch
seien in der Folge zahlreiche junge Männer verhaftet und für den Militär-
dienst rekrutiert worden. Am 1. April 2013 habe er C._ schliesslich
verlassen und sei nach Kobane geflüchtet. Als Anhänger des Islamischen
Staates (IS) Kobane angegriffen und unter deren Kontrolle gebracht hät-
ten, hätten die Apoci dazu aufgerufen, zu den Waffen zu greifen und gegen
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den IS zu kämpfen. Da er nicht habe kämpfen wollen, sei er in die Türkei
geflohen. Später sei einer seiner Cousins in das Haus seiner Familie in
C._ gezogen. Als das syrische Regime die Kontrolle über die Stadt
wiedererlangt habe, sei zu Beginn des Jahres 2017 bei diesem Cousin eine
Aufforderung für den Reservedienst für ihn abgegeben worden. Er habe
nicht nur befürchtet, vom syrischen Militär eingezogen zu werden, sondern
auch von den Apoci.
Der Beschwerdeführer legte seinen Führerschein sowie Kopien seines Fa-
milienbüchleins zu den Akten. Weiter reichte er Kopien seiner Einberufung
in den Reservedienst, einer schriftlichen Erklärung eines Majors, einer mi-
litärischen Entlassungsbestätigung, einer Bestätigung der Militärdienstleis-
tung sowie eine Kopie seines Militärbüchleins ein.
Auf die weiteren Ausführungen des Beschwerdeführers wird, soweit
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C.
Mit Verfügung vom 13. Mai 2019 – eröffnet am 14. Mai 2019 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht
und lehnte sein Asylgesuch ab. Der Vollzug der Wegweisung wurde zu-
gunsten einer vorläufigen Aufnahme wegen Unzumutbarkeit aufgescho-
ben.
D.
Der Beschwerdeführer focht mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom
13. Juni 2019 die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an
und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben und die Sa-
che zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sach-
verhalts sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Als
Eventualantrag wurde das Begehren gestellt, er sei als Flüchtling anzuer-
kennen und ihm sei Asyl zu gewähren oder er sei als Flüchtling vorläufig
aufzunehmen. Weiter beantragte er, es sei vollumfängliche Akteneinsicht
in die Akte A3 und in die von der Vorinstanz genutzten Quellen zu gewäh-
ren sowie eventualiter dazu eine angemessene Frist zur Beschwerdeer-
gänzung anzusetzen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um die Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung sowie um Verzicht auf Erhebung
eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde wurde eine Bescheinigung
über den Erhalt von Sozialhilfe – datiert vom 24. Mai 2019 – beigelegt.
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E.
Mit Zwischenverfügung vom 26. Juni 2019 verzichtete die damals zustän-
dige Instruktionsrichterin einstweilen auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Über das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung werde zu einem späteren Zeitpunkt entschieden. Gleichzeitig
wurde das SEM zur Vernehmlassung eingeladen sowie aufgefordert, die
Akte A3 und die strittigen Quellen offenzulegen.
F.
Die Vorinstanz reichte mit Eingabe vom 15. Juli 2019 eine Vernehmlas-
sung ein.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Juli 2019 wurde das Gesuch um unent-
geltliche Prozessführung gutgeheissen und dem Beschwerdeführer die
Gelegenheit zur Replik gegeben.
H.
Mit Eingabe vom 26. Juli 2019 replizierte der Beschwerdeführer.
I.
Mit Eingabe vom 16. September 2019 reichte der Beschwerdeführer sein
Militärbüchlein, einen Auszug aus dem Strafregister (ausgestellt am
27. Juni 2019) inklusive deutscher Übersetzung, ein Originalschreiben des
Beschwerdeführers betreffend Erhalt der entsprechenden Unterlagen so-
wie einen Briefumschlag ein. Zudem stellte er den Antrag, sein Geburtsda-
tum auf den 2. Januar 1982 anzupassen.
J.
Der Beschwerdeführer wies mit Eingabe vom 28. Oktober 2019 auf die ak-
tuelle Lage in Syrien hin und legte einen Ausdruck der Karte AFP «accord
russo-turc sur le nord-est de la Syrie» zu den Akten.
K.
Das vorliegende Verfahren wurde aus organisatorischen Gründen auf die
im Rubrum aufgeführte vorsitzende Richterin umgeteilt.
L.
Mit Anfrage vom 21. Mai 2021 wurde das Forensische Institut Zürich gebe-
ten, das Original des Auszugs aus dem Strafregister auf seine Echtheit zu
überprüfen.
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Seite 5
M.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Juni 2021 wurde die Vorinstanz dazu ein-
geladen, sich im Rahmen eines zweiten Schriftenwechsels zu den neu ein-
gereichten Beweismitteln zu äussern, wozu sie mit Eingabe vom 9. Juni
2021 Stellung nahm.
N.
Mit Zwischenverfügungen vom 15. Juni 2021 und 13. Juli 2021 wurde dem
Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur Dokumentenanalyse gewährt
und Gelegenheit zur Duplik geboten. Der Beschwerdeführer liess mit Ein-
gabe vom 26. Juli 2021 Stellung nehmen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
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aArt. Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben, wel-
che vorab zu behandeln sind, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen. Dabei beschrän-
ken sich die behördlichen Ermittlungen nicht nur auf jene Umstände, wel-
che die Betroffenen belasten, sondern haben auch die sie entlastenden
Momente zu erfassen. Die Behörde hat alle sach- und entscheidwesentli-
chen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten festzuhalten. Die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts kann
nach Art. 49 Bst. b VwVG gerügt werden. Unrichtig ist die Sachverhalts-
feststellung beispielsweise dann, wenn der Verfügung ein aktenwidriger
oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt wurde. Unvoll-
ständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn die Behörde trotz der gelten-
den Untersuchungsmaxime (Art. 12 ff. VwVG) den Sachverhalt nicht von
Amtes wegen abgeklärt, oder nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sa-
chumstände berücksichtigt hat (vgl. BENJAMIN SCHINDLER, in: Kommentar
zum VwVG, 2. Aufl. 2019, Art. 49 N. 29). Letzteres ist häufig dann der Fall,
wenn die Vorinstanz gleichzeitig den Anspruch der Parteien auf rechtliches
Gehör verletzt hat (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2 m.w.H.).
3.3 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV haben die Parteien eines Verfahrens An-
spruch auf rechtliches Gehör. Dieser Grundsatz wird in den Art. 29 ff.
VwVG für das Verwaltungsverfahren konkretisiert. Er dient einerseits der
Aufklärung des Sachverhalts, andererseits stellt er ein persönlichkeitsbe-
zogenes Mitwirkungsrecht der Partei dar. Der Anspruch auf rechtliches Ge-
hör verlangt, dass die verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen
tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung
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berücksichtigt, was sich entsprechend in der Entscheidbegründung nieder-
schlagen muss (a.a.O. E. 3.3 m.w.H.).
3.4 Die Begründungspflicht, welche sich aus dem Anspruch auf rechtliches
Gehör gemäss Art. 29 VwVG ergibt, verlangt, dass die Behörde ihren Ent-
scheid so begründet, dass die betroffene Person ihn gegebenenfalls sach-
gerecht anfechten kann und sich sowohl sie als auch die Rechtsmitte-
linstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl.
BVGE 2007/30 E. 5.6). Dabei kann sich die verfügende Behörde auf die
wesentlichen Gesichtspunkte beschränken, hat jedoch wenigstens die
Überlegungen kurz anzuführen, von denen sie sich leiten liess und auf wel-
che sie ihren Entscheid stützt (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2). Nicht erforder-
lich jedoch ist, dass sich die Begründung mit allen Parteipunkten einläss-
lich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wider-
legt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
3.5 Eng mit dem Äusserungsrecht ist der verfahrensrechtliche Anspruch
auf Akteneinsicht (Art. 26 VwVG) – ebenfalls Teilgehalt des rechtlichen Ge-
hörs – verbunden. So können sich die Betroffenen in einem Verfahren nur
dann wirksam zur Sache äussern und geeignet Beweis führen beziehungs-
weise Beweismittel bezeichnen, wenn ihnen die Möglichkeit eingeräumt
wird, die Unterlagen einzusehen, auf welche die Behörde ihren Entscheid
stützt. Das Recht auf Akteneinsicht kann eingeschränkt werden, wenn ein
überwiegendes öffentliches oder privates Interesse an der Geheimhaltung
der betreffenden Akten vorhanden ist (Art. 27 VwVG). Wird einer Partei die
Einsichtnahme in ein Aktenstück verweigert, muss ihr die Behörde indes
von seinem wesentlichen Inhalt Kenntnis sowie die Gelegenheit geben,
sich dazu zu äussern und Gegenbeweismittel zu bezeichnen (Art. 28
VwVG). Dabei hat jeder Beschränkung des Einsichtsrechts eine konkrete,
sorgfältige und umfassende Abwägung der entgegenstehenden Interessen
voranzugehen, wobei der Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu beachten
ist. Je stärker das Verfahrensergebnis von der Stellungnahme der Betroffe-
nen zum konkreten Dokument abhängt und je stärker auf ein Dokument bei
der Entscheidfindung (zum Nachteil der Betroffenen) abgestellt wird, desto
intensiver ist dem Akteneinsichtsrecht Rechnung zu tragen (BVGE 2015/10
E. 3.3 m.w.H.).
3.6
3.6.1 Die Rüge des Beschwerdeführers, das rechtliche Gehör sei verletzt
worden, indem ihm die Akteneinsicht im Rahmen der Entscheideröffnung
teilweise verweigert worden sei, erweist sich insofern als begründet, als
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dem Beschwerdeführer die Einsicht in die Akte A3 zunächst vollständig und
mit unzulässiger Begründung verwehrt worden ist. Das entsprechende Vor-
gehen des SEM war zu beanstanden (vgl. Zwischenverfügung vom
26. Juni 2019). Die Vorinstanz stellte diesbezüglich folglich in ihrer Ver-
nehmlassung fest, dass es sich bei der Akte A3 um einen Rapport der
Grenzwache handle. Der wesentliche Inhalt wurde zusammengefasst: Der
Rapport stamme vom (...) November 2015, wobei der Beschwerdeführer
an diesem Tag um 13:35 Uhr angehalten worden sei. Seine Personalien
seien erfasst worden, die Namen seiner Eltern hingegen nicht. Er habe sich
lediglich mit seinem syrischen Führerschein ausweisen können, welcher in
der Folge mit dem gestellten Asylantrag dem SEM übermittelt worden sei.
Am Grenzübergang (...) sei er mündlich zum Sachverhalt befragt worden,
wobei er in keiner der zur Verfügung stehenden Fahndungsapplikationen
registriert gewesen sei. Weiter sei ein Passierschein erstellt und der Be-
schwerdeführer aus der Kontrolle entlassen worden, wobei das damalige
EVZ B._ informiert worden sei. Die gerügte Verletzung konnte da-
mit im Rahmen des Beschwerdeverfahrens geheilt werden, indem die Vor-
instanz in ihrer Vernehmlassung detailliert den wesentlichen Inhalt der be-
antragten Akte A3 zusammenfasste und der Beschwerdeführer anschlies-
send auf Replikebene dazu Stellung nehmen konnte. Der erfolgten Heilung
auf Beschwerdeebene ist allerdings praxisgemäss im Rahmen der Partei-
entschädigung Rechnung zu tragen.
3.6.2 Soweit sich der Beschwerdeführer darauf beruft, die Vorinstanz habe
die Wegweisung im Sinne eines Real Risks gemäss von Art. 3 EMRK nicht
geprüft, vermag er mit diesem Vorbringen nicht durchzudringen, zumal die
Frage des Real Risks im Rahmen der Zulässigkeit des Vollzugs der ange-
ordneten Wegweisung Prüfungsgegenstand ist, der Beschwerdeführer
aber bereits wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig
aufgenommen wurde und die Wegweisungsvollzugshindernisse praxisge-
mäss nur alternativ geprüft werden.
3.6.3 Bezüglich der Rüge, die bisherige Rechtspraxis sei ungerechtfertigt
geändert und BVGE 2015/3 sei nicht berücksichtigt worden, weil die Vor-
instanz nicht davon ausgehe, dass nicht allen Wehrdienstverweigerer und
Deserteuren einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt sind, gilt es fest-
zuhalten, dass es sich dabei um die Frage der materiellen Würdigung des
Sachverhalts und nicht um mögliche Verfahrensfehler handelt.
3.6.4 Auch die Rüge, das SEM habe sich auf eine ungenügende oder ver-
altete Quellenlage gestützt, vermag nicht zu verfangen, zumal die Vor-
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instanz im Wesentlichen die publizierte und aktuelle Praxis des Bundes-
verwaltungsgerichts umgesetzt hat. Es entspricht nicht der Praxis der
Asylbehörden, sämtliche allgemein bekannten und öffentlich zugängliche
Quellen, die eine Länderpraxis beeinflussen in jedem Einzelfall explizit zu
nennen. Der Verweis auf die publizierte Praxis oder die wesentlichsten
Quellen genügt in aller Regel. Daran vermag auch der Umstand nichts zu
ändern, dass die Vorinstanz im Rahmen der Vernehmlassung weitere auch
jüngere Quellen angab, um den materiellen Einwänden in der Beschwerde
zu begegnen. Im Rahmen der Vernehmlassung wurden sodann sämtliche
Quellen genügend offengelegt.
3.6.5 Auch bezüglich der Rüge, die eingereichten Beweismittel seien nicht
gewürdigt und eine Dokumentenanalyse sei unterlassen worden, vermengt
der Beschwerdeführer die Frage zur Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts mit derjenigen der rechtlichen Würdigung. Die Vorinstanz hat
sich sehr wohl mit der eingereichten Kopie des Aufgebots zum Reserve-
dienst auseinandergesetzt und ist dabei zum Schluss gekommen, dass ei-
ner Kopie ein geringer Beweiswert zukommt, weshalb sie auf eine Doku-
mentenanalyse verzichtete. Allein der Umstand, dass der Beschwerdefüh-
rer eine andere materielle Würdigung des Sachverhalts anstrebt, kann
nicht als Verletzung des rechtlichen Gehörs qualifiziert werden.
3.6.6 Sodann sei die Abklärungspflicht verletzt worden, indem die Anhö-
rung des Beschwerdeführers über zwei Jahre nach Asylgesuchstellung
durchgeführt worden sei und zudem erneut rund eineinhalb Jahre zwi-
schen der Anhörung und dem Entscheid liegen würden. Zwar ist ein relativ
kurzer Zeitraum zwischen den Anhörungen sowie dem Entscheid durchaus
wünschenswert. Es gibt aber keine zwingende, mit Rechtsfolgen verse-
hene gesetzliche Verpflichtung des SEM hierzu. Inwiefern damit eine Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs oder des Untersuchungsgrundsatzes ver-
bunden sein soll mit der Folge einer Rückweisung an die Vorinstanz, ist im
Übrigen nicht zu erkennen.
3.6.7 Der Beschwerdeführer erachtete schliesslich die Anhörungsdauer
von sechs Stunden als offensichtlich zu lang und die maximale Anhörungs-
dauer von vier Stunden sei massiv überschritten worden, wobei die Anhö-
rung weit in den Abend hinein gedauert habe. Zudem sei letztmals eine
Pause zwei Stunden und zehn Minuten vor Schluss erfolgt. Hierzu ist fest-
zustellen, dass die Anhörung um 13:40 Uhr begann und bis 19:40 Uhr dau-
erte. Dabei wurden drei Pausen von je 15, 25 und 20 Minuten in einem
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regelmässigen Rhythmus durchgeführt. Für die Dauer der Anhörung be-
steht keine für die Vorinstanz verbindliche Vorgabe. Wie lange eine Anhö-
rung dauern soll, ist nicht anhand von starren zeitlichen Kriterien, sondern
im Rahmen der individuellen Situation zu beurteilen. In erster Linie ist
massgebend, ob die angehörte Person in der Lage ist, der Anhörung zu
folgen. Das Gleiche gilt für die anberaumten Pausen. Dem Protokoll ist
nicht zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer Mühe bekundet hätte,
sich zu konzentrieren oder das Anhörungsteam überlastet gewesen wäre.
Dies wurde an der Anhörung denn auch nicht geltend gemacht. Die Pausen
sind vor diesem Hintergrund als genügend zu erachten und auch der Um-
stand, dass die Anhörung relativ spät am Abend endete, ist nicht zu bean-
standen.
3.7 Diesen Erwägungen gemäss ist das Gesuch um Kassation der ange-
fochtenen Verfügung abzuweisen, zumal keine Verletzungen der formellen
Rechtsansprüche zu erkennen sind beziehungsweise solche auf Be-
schwerdeebene geheilt werden konnten.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer beantragt in der Eingabe vom 16. September
2019 die Berichtigung seines Geburtsdatums gemäss seinem Militärbüch-
lein auf den 2. Januar 1982.
4.2 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA; SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (SR 142.513;
ZEMIS-Verordnung) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 2 ZEMIS-Verord-
nung hat eine betroffene Person, welche daraus Rechte geltend macht,
sich über ihre Identität auszuweisen und ein schriftliches Gesuch beim
SEM einzureichen. Demzufolge obliegt es dem Beschwerdeführer, einen
entsprechenden Antrag beim SEM einzureichen, zumal sich in den Akten
kein Eingang eines solchen Gesuchs befindet und die Berichtigung des
Geburtsdatums nicht Prozessgegenstand der angefochtenen Verfügung
war.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachtei-
le von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeter Weise be-
fürchten muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungs-
motive durch Organe des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure
zugefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2011/51 E. 6.1 m.w.H.). Dabei genügt es nicht, dass diese Furcht
lediglich mit Vorkommnissen oder Umständen, die sich früher oder später
möglicherweise ereignen könnten, begründet wird. Es müssen hinrei-
chende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Diese objektivierte Be-
trachtungsweise ist zusätzlich durch das von der betroffenen Person be-
reits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen
zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt
war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl.
BVGE 2010/9 E. 5.2; Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizeri-
schen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 1 E. 6.a; 2005 Nr. 21
E. 7.1).
5.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Die Vorinstanz stellte in ihrem ablehnenden Entscheid fest, dass der
Beschwerdeführer in erster Linie aufgrund des syrischen Bürgerkrieges
und der damit zusammenhängenden Gewalteskalationen sowie wegen der
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Seite 12
unhaltbaren Lage für die syrische Bevölkerung ausgereist sei. Diese Vor-
bringen würden offenkundig keine Asylrelevanz aufweisen. Durch seine
mehrmaligen Teilnahmen an kurdischen Demonstrationen seien ihm keine
Konsequenzen entstanden und er habe nicht geltend gemacht, deswegen
behördlich gesucht worden zu sein. Aus diesen Gründen könne nicht von
einer Verfolgungssituation ausgegangen werden.
Das Aufgebot in den Reservedienst sei dem Beschwerdeführer erst nach
seiner Ausreise zugestellt und seinem Cousin überbracht worden. Es lasse
sich somit nicht überprüfen, ob die syrischen Behörden tatsächlich ein sol-
ches Aufgebot überbracht hätten. Zudem sei allgemein bekannt, dass syri-
sche Dokumente aller Art käuflich erworben werden könnten und dement-
sprechend über eine geringe Beweiskraft verfügten. Ferner würden seine
tendenziell vagen Aussagen zum Erhalt der Aufforderung zum Reserve-
dienst zur Annahme führen, dass es sich dabei um eine Gefälligkeit seiner
Verwandten handeln könnte. Auch bei Wahrunterstellung würde das Auf-
gebot keine Asylrelevanz entfalten, zumal er dieses erst nach seiner Aus-
reise erhalten habe und somit nicht von einer eigentlichen Dienstverweige-
rung gesprochen werden könne. Zudem führe eine Wehrdienstverweige-
rung oder eine Desertion nur dann zur Flüchtlingseigenschaft, wenn damit
eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG verbunden sei. Eine solche Ver-
folgung sei vorliegend jedoch nicht erkennbar. Überdies ergäben Quellen-
analysen im syrischen Kontext, dass die syrischen Behörden nicht allen
Dienstverweigerern oder Deserteuren eine regimefeindliche Haltung unter-
stellen würden. Vorliegend seien keine einzelspezifischen Risikofaktoren
zu erkennen, welche ein politisches Profil begründen und demenspre-
chend zur Flüchtlingseigenschaft führen könnten.
6.2 In der Beschwerde wurde moniert, es sei falsch zu behaupten, dass
das eingereichte Aufgebot für den Reservedienst keine begründete Furcht
vor einer asylrelevanten Verfolgung belegen könne, dies lediglich aus dem
Grund, weil sich die Angabe des Beschwerdeführers hinsichtlich des Er-
halts des Aufgebots durch den Cousin nicht überprüfen lasse. Dieses
Sachverhaltselement hätte abgeklärt werden müssen. Weiter dürfe nicht
einzig aufgrund der pauschalen Behauptung der Vorinstanz, alle syrischen
Dokumente seien leicht fälschbar, dem Aufgebot die Beweiskraft abgespro-
chen werden, zumal das Aufgebot offensichtlich ein zentrales Beweismittel
seiner Asylvorbringen darstelle. Wäre dieses Beweismittel gewürdigt wor-
den, hätte sich ergeben, dass sich der Inhalt mit seinen Aussagen während
der Anhörung decken würde. Weiter sei die von ihm detailliert dargelegte
Situation zur relevanten Zeitperiode in C._ im Zusammenhang mit
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dem Aufgebot nicht berücksichtigt worden. Ausserdem sei es nicht nach-
vollziehbar, dass deshalb keine Wehrdienstverweigerung vorliege, weil er
das Aufgebot erst nach dem Verlassen seines Heimatlandes erhalten
habe. Durch seine glaubhaft dargelegte Verweigerung, dem Reservedienst
beizutreten, werde ihm durch die syrischen Behörden eine regimekritische
Haltung vorgeworfen, woraus eine asylrechtlich relevante Verfolgung re-
sultiere. Grundsätzlich müsse eine Wehrdienstverweigerung oder eine De-
sertion zu Asyl führen, da zahlreichen Quellen zufolge solche von den sy-
rischen Behörden als Landesverrat oder als Kritik am Regime verstanden
würden. Überdies dürfe nicht ausser Acht gelassen werden, dass er bei
einer Rückkehr nach Syrien auch Gefahr laufe, von den Apocis rekrutiert
zu werden. Insgesamt würden die erwähnten Tatsachen zur Verschärfung
seines Profils führen. Ausserdem würde er aufgrund seines spezifischen
Profils in Kombination mit seiner illegalen Ausreise die Flüchtlingseigen-
schaft erfüllen.
6.3 Die Vorinstanz führte in ihrer Vernehmlassung aus, der vom Beschwer-
deführer ausgeführte Argumentation, wonach die syrischen Behörden
Wehrdienstverweigerern oder Deserteuren grundsätzlich der Opposition
beschuldigen und dementsprechend bestrafen würden, könne nicht gefolgt
werden. In diesem Zusammenhang könne auf die zitierten und öffentlich
abrufbaren Quellen aus dem Internet verwiesen werden. Schliesslich sei
festzuhalten, dass seine Ausführungen zur Frage 61 der Akte A20 (Anhö-
rungsprotokoll) nicht bezweifelt würden, jedoch seien seine Teilnahmen an
den Demonstrationen nicht asylrelevant.
6.4 In der Replik wurde in materieller Hinsicht geltend gemacht, die Ein-
schätzung der Vorinstanz bezüglich Verfolgungssituation von Wehrdienst-
verweigerern sei deshalb unrichtig, weil sie sich auf veraltete Quellen
stütze. Sodann wurde auf verschiedene Internetartikel – die aktuelle Lage
in Syrien betreffend – hingewiesen.
6.5 Der Beschwerdeführer reichte in der Eingabe vom 16. September 2019
einen Auszug aus dem Strafregister, welcher am 27. Juni 2019 ausgestellt
und am 4. Juli 2019 durch das syrische Aussenministerium beglaubigt wor-
den war, zu den Akten. Daraus geht hervor, dass er am 1. August 2013
wegen Finanzierung terroristischer Banden zu fünf Jahren Haft und einer
Geldstrafe respektive Busse, sowie wegen Demonstrationen gegen die
Regierung zu neun Jahren Haft und einer Busse verurteilt worden sei. Mit
Urteil vom 23. Juli 2018 sei er wegen Verweigerung des Reservedienstes
zu weiteren fünf Jahren Haft verurteilt worden.
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6.6 Gemäss Dokumentenanalyse des forensischen Instituts, würde der
Druck des Strafregisters vom dem Institut zugänglichen – allerdings nicht
mit Sicherheit verifizierten – Vergleichsmaterial abweichen, weshalb An-
haltspunkte für eine Fälschung vorlägen. Ausserdem handle es sich bei
den Stempeln um Nassstempel, jedoch sei unklar, ob es sich dabei um
authentisches Stempelwerkzeug handle.
6.7 Im Rahmen der zweiten Vernehmlassung führte das SEM bezüglich
dem eingereichten Militärbüchlein im Original aus, der alleinige Umstand,
dass der Beschwerdeführer den ordentlichen Militärdienst 2002 abge-
schlossen habe, sei flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Bezüglich des ein-
gereichten Strafregisterausweises überrasche es, dass die erste Verurtei-
lung wegen Demonstrationen gegen die Regierung und Finanzierung ter-
roristischer Banden zu einer langjährigen Haftstrafe und beträchtlichen
Busse bereits am 1. August 2013 und damit noch vor seiner Ausreise er-
folgt sein soll, der Beschwerdeführer dies jedoch nie erwähnt habe. Auch
eine Identifizierung während der Demonstrationen oder Ermittlungen sei
nicht geltend gemacht worden. Es sei fragwürdig, dass er während des
Aufenthaltes in Syrien noch über ein Jahr nach der Verurteilung nichts da-
von erfahren haben will und zudem erst nach Abweisung des Asylgesuches
beziehungsweise sechs Jahre nach der ersten Verurteilung darüber infor-
miert worden sein will. Es passe deshalb ins Bild, dass anlässlich der Aus-
weisprüfung Fälschungshinweise erkannt werden konnten. Die Nachrei-
chung dieses Strafregisterauszugs sei als Versuch zu werten, den im an-
gefochtenen Entscheid gezogenen Schluss, wonach keine zusätzlichen Ri-
sikofaktoren vorliegen würden, umzustossen. An der Qualifikation der feh-
lenden Flüchtlingseigenschaft würden auch die jüngsten Veränderungen
vor Ort, die keinen konkreten Bezug zum Beschwerdeführer hätten,
schliesslich nichts ändern.
6.8 Der Beschwerdeführer führte in seiner Duplik bezüglich der Dokumen-
tenanalyse zum eingereichten Auszug aus dem Strafregister aus, es sei
wesentlich, dass anhand der Auswertungen die Authentizität des Doku-
ments weder dementiert, noch bestätigt werden könne, zumal diese insge-
samt wenig aussagekräftig seien. Für die Echtheit des Dokuments spreche
jedoch, dass es sich dabei nachweislich um Nassstempel handle. Es wäre
anhand der vorhandenen Abklärungen willkürlich zu behaupten, dass das
entsprechende Beweismittel gefälscht sei. Weiter werde auf eine bereits
zu einem früheren Zeitpunkt eingereichte Eingabe hinsichtlich des Erhalts
des Dokuments verwiesen, in welcher detailliert sowie glaubhaft ausge-
führt worden sei, wie der Bruder des Beschwerdeführers den Auszug aus
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dem Strafregister erhalten habe. Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass
der Beschwerdeführer am 1. April 2013 aus C._ geflüchtet sei und
dementsprechend von einem behördlichen Urteil vom 1. August 2013
nichts gewusst haben könne.
7.
7.1 Einleitend ist festzustellen, dass die Schilderungen des Beschwerde-
führers hinsichtlich der allgemeinen Situation und der Belagerung von
C._ beziehungsweise Kobane sowie seiner daraus resultierenden
Flucht nach Kobane und in die Türkei zwar äusserst anschaulich und le-
bensnah ausgefallen, jedoch ausschliesslich der damaligen allgemeinen
Situation denn einer individuellen Verfolgung geschuldet sind (vgl.
act. A20/19, F61, F62) und dementsprechend keine Asylrelevanz zu ent-
falten vermögen.
7.2 Auch werden die Vorbringen des Beschwerdeführers zum Leisten sei-
nes regulären Militärdienstes nicht in Frage gestellt, zumal diese durch das
eingereichte Militärbüchlein sowie das entsprechende Entlassungsschrei-
ben bestätigt werden. Hingegen kann seinen Ausführungen, wonach sein
Cousin väterlicherseits, welcher im Haus der Familie des Beschwerdefüh-
rers in C._ lebt und ein Aufgebot für den Beschwerdeführer zum
Reservedienst erhalten haben soll, nicht gänzlich geglaubt werden. Im Ver-
gleich zu seinen ansonsten sehr ausführlichen Schilderungen (vgl. E. 7.1)
fiel der Umriss dieses Sachverhaltselements dürftig und vage erläutert aus,
dies auch unter Berücksichtigung, dass er nicht persönlich anwesend war
und den Erhalt des Aufgebots lediglich durch Dritte erfuhr. Dennoch wäre
zu erwarten gewesen, dass ihm der Cousin Näheres über die Umstände
des Erhalts des Aufgebots und Informationen zum Überbringer hätte über-
mitteln können. In Anbetracht dessen, dass er sich am 10. Januar 2017
hätte zum Reservedienst melden müssen, erstaunt es, dass nicht nach ihm
gefragt oder nach ihm gesucht worden sein soll (vgl. act. A20/19, F63, F78-
81). Ausserdem wird die Annahme, dass er in der Folge nicht behördlich
gesucht wurde, durch die Tatsache bestätigt, dass der betreffende Cousin
mehrere Monate zuwartete, bis er die Familie des Beschwerdeführers über
das Aufgebot informierte. Im Zusammenhang mit dem Nichterscheinen in
den Reservedienst, wäre zu erwarten gewesen, dass die syrischen Behör-
den sich zumindest nach dem Verbleib des Beschwerdeführers erkundigt
hätten. Des Weiteren erscheint es fragwürdig, weshalb das im Strafregis-
terauszug erwähnte Urteil vom 23. Juli 2018 wegen Wehrdienstverweige-
rung trotz der registrierten Adresse des Beschwerdeführers nicht abgege-
ben wurde und auch noch zum jetzigen Zeitpunkt nicht verfügbar ist.
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7.3
7.3.1 Weiter bestehen erhebliche Zweifel an der Echtheit des Strafregister-
auszugs und damit an den darin erwähnten Verurteilungen. So ist es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen, schlüssig darzulegen, wie sein Bruder
an den Auszug aus dem Strafregister gelangte. Aus seiner unsubstanziiert
und vage gehaltenen Stellungnahme vom 11. September 2019 respektive
16. September 2019 (auf welche in der Replik vom 26. Juli 2021 verwiesen
wird) ist nicht ersichtlich, ob der Bruder persönlich handelte oder eine wei-
tere Person hierzu beauftragte. Auch verbleibt es unklar, welche Schritte
zum Erhalt des Dokuments mitsamt der Beglaubigung durch das syrische
Aussenministerium unternommen worden waren. Ferner fällt auf, dass
keine Quittungen oder Vollmachten – erstere etwa von der Kriminalsicher-
heit C._ oder dem syrischen Aussenministerium – vorliegen, wel-
che die Ausstellung und den Erhalt derselben dokumentieren respektive
legitimieren würden. In diesem Zusammenhang erscheint es überdies äus-
serst realitätsfremd, dass der Bruder als direkter Angehöriger einer wegen
politischen Aktivitäten zu vierzehn Jahren verurteilten Person sich der Ge-
fahr ausgesetzt haben soll, einen Auszug aus dem Strafregister zu organi-
sieren und ihn anschliessend noch beim syrischen Aussenministerium be-
glaubigen zu lassen.
7.3.2 Den Akten ist weiter zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer letzt-
mals im Herbst 2012 an einer Kundgebung teilnahm und am 1. April 2013
– mit zahlreichen anderen Flüchtlingen – C._ nach den Angriffen
durch die syrische Regierung verliess. Dass er – wie dem Auszug aus dem
Strafregister zu entnehmen ist – bereits vier Monate später – am 1. August
2013 zu zwei Haftstrafen von insgesamt vierzehn Jahren von einem Anti-
terror-Gericht verurteilt worden sein soll, erweist sich in keiner Weise als
stringent. Aufgrund der zeitlichen Nähe zwischen seinem Aufenthalt in
C._, seiner Flucht und dem Ergehen der Urteile wäre zu erwarten
gewesen, dass einem solch drastischen Urteil vorgängig, das heisst zwi-
schen den Teilnahmen an den Demonstrationen und der Flucht aus
C._, ein Ermittlungsverfahren zugrunde gelegen hätte und der Be-
schwerdeführer von den Behörden mittels einer gerichtlichen Vorladung
oder eines Haftbefehls über ein Ermittlungsverfahren in Kenntnis gesetzt
worden wäre. Schliesslich müssten bei einer Verurteilung entsprechende
Urteile vorliegen oder zumindest erhältlich gemacht werden können. Ange-
sichts der vorangehenden Erwägungen kann dem Beschwerdeführer nicht
geglaubt werden, dass er zu mehreren Jahren Haft von einem Antiterror-
Gericht in Syrien wegen «Demonstrationen gegen die Regierung» und we-
gen «Finanzierung terroristischer Banden» verurteilt worden sein soll.
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7.3.3 Wie der Beschwerdeführer zutreffend aufführte, kann aufgrund der
Ausweisprüfung durch das forensische Institut Zürich die Echtheit des Do-
kuments weder bejaht noch verneint werden. In diesem Zusammenhang
ist darauf hinzuweisen, dass in Syrien nahezu jedes amtliche Dokument
gegen Bezahlung erhältlich gemacht werden kann. Aufgrund der grassie-
renden Korruption sind nicht nur Fälschungen unterschiedlichster Qualität
erhältlich, sondern es können in Syrien gegen Bezahlung auch formell
echte amtliche Dokumente beschafft werden. Daher ist selbst einem solch
formell echten amtlichen Dokument nur dann eine relevante Beweiskraft
beizumessen, wenn dieses im Kontext eines hinreichend schlüssigen
Sachverhaltsvortrages eingereicht wird (vgl. Urteil des BVGer
D-5750/2017 vom 13. Mai 2019 E. 4.3). Vorliegend ist insgesamt nicht von
einem glaubhaften Sachverhalt auszugehen und zu vermuten, dass es sich
um ein Gefälligkeitsdokument handelt.
7.4 Auch wenn nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann, dass der Be-
schwerdeführer tatsächlich zum Reservedienst aufgeboten wurde, kann
ihm nicht geglaubt werden, dass er deswegen zu einer Haftstrafe von fünf
Jahren verurteilt wurde, zumal die Elemente, welche gegen die Glaubhaf-
tigkeit sprechen, den Elementen, welche dafür sprechen, überwiegen. Ins-
besondere ist aufgrund der Akten und den nachfolgenden Erwägungen
nicht davon auszugehen, dass er über ein massgebliches Risikoprofil ver-
fügt (vgl. E. 7.5).
7.5 Die geltend gemachten Teilnahmen des Beschwerdeführers an den
von ihm erwähnten regimekritischen Kundgebungen sind grundsätzlich
glaubhaft. Hingegen ist – in Anlehnung der vorinstanzlichen Argumentation
– nicht erkennbar, dass ihm dadurch negative Konsequenzen entstanden
wären. Anhand der Aktenlage ist zudem nicht ersichtlich, inwiefern ihn die
syrischen Behörden identifiziert und von seinen Teilnahmen an den Kund-
gebungen erfahren haben sollen. Seinen Schilderungen zufolge habe er
lediglich einige Male im Quartier E._ an friedlichen Kundgebungen
teilgenommen. Demzufolge ist kaum anzunehmen, dass er sich als einfa-
cher Teilnehmer von anderen Teilnehmenden an den von ihm besuchten
Kundgebungen abhob und dadurch den syrischen Behörden aufgefallen
sein soll, insbesondere, da er angab, dass die Kundgebungen einerseits
nicht in seinem Wohnquartier stattgefunden und anderseits auch «mehrere
tausend» Personen teilgenommen hätten. Ferner habe er sich nach den
Teilnahmen von sechs bis sieben Kundgebungen – im Herbst 2012 – ent-
schlossen, nicht mehr teilzunehmen. Auch machte er nicht geltend, dass
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seine Onkel, welche öfter an regimekritischen Kundgebungen teilgenom-
men hätten, von den syrischen Behörden gesucht worden seien oder Prob-
leme erfahren hätten. Sodann geht aus den Akten nicht hervor, dass er aus
einer politisch aktiven Familie stammen würde, welche bereits in den Fokus
der heimatlichen Behörden gestanden haben könnte und dadurch die Iden-
tifikation des Beschwerdeführers erleichtert hätte (vgl. act. A20/19, F61,
S.8f.).
7.6 Schliesslich führte der Beschwerdeführer aus, er befürchte, auch von
den Apocis rekrutiert zu werden. Die Tatsache, dass die kurdischen Streit-
kräfte in Kobane mittels Mikrofonen versucht hätten, junge Männer für den
Kampf zu rekrutieren sowie die Befürchtung des Beschwerdeführers, er-
neut von ihnen in Syrien rekrutiert zu werden (vgl. act. A20/19, F62, F99),
ist zwar nicht in Frage zu stellen. Da er jedoch weder geltend machte, per-
sönlich Rekrutierungsversuchen ausgesetzt worden zu sein, noch von den
Apocis gesucht worden war, kann ihm nicht geglaubt werden, dass er in
konkret individueller Hinsicht eine Verfolgung durch die kurdischen Streit-
kräfte zu befürchten hätte. Ausserdem ist darauf hinzuweisen, dass ge-
mäss Rechtsprechung eine drohende Rekrutierung durch die YPG respek-
tive die PKK nicht geeignet ist, Asylrelevanz zu begründen (vgl. Urteil
D-5329/2014 vom 23. Juni 2015, E. 5.3., als Referenzurteil publiziert).
7.7 Zusammenfassend ergibt sich, dass auch unter Berücksichtigung der
teilweise als glaubhaft eingestuften Elemente keine asylrechtlich relevan-
ten Verfolgungsgründe im Sinne von Art. 3 AsylG ersichtlich sind, weshalb
die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asyl-
gesuch abgelehnt hat.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 Abs. 1 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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8.3 Abschliessend ist festzuhalten, dass sich aus den vorstehenden Erwä-
gungen nicht etwa der Schluss ergibt, der Beschwerdeführer sei zum heu-
tigen Zeitpunkt angesichts der Entwicklung in Syrien nicht gefährdet. Je-
doch ist eine solche Gefährdungslage unter dem Aspekt von Art. 83
Abs. 4 AIG einzuordnen, wonach der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein kann, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Der generellen Gefährdung
aufgrund der aktuellen Situation in Syrien im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG
wurde bereits durch die Vorinstanz mit der Anordnung der vorläufigen Auf-
nahme wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung ge-
tragen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die reduzierten Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem jedoch
das mit der Beschwerde eingegangene Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege mit Verfügung vom 24. Juli 2019 gutgeheissen
wurde, werden keine Verfahrenskosten auferlegt.
9.2 Soweit sich die formelle Rüge der Verletzung des Akteneinsichtsrechts
als berechtigt erwiesen hat, ist dem Beschwerdeführer eine angemessene
(reduzierte) Parteientschädigung für die ihm aus der Beschwerdeführung
im Rahmen der festgestellten Verfahrensmängel erwachsenen notwendi-
gen Kosten zuzusprechen (vgl. Teilurteil D-1549/2017 vom 2. Mai 2018
E. 10.2). Eine Kostennote wurde nicht eingereicht. Der diesbezüglich not-
wendige Vertretungsaufwand lässt sich aber aufgrund der Akten hinrei-
chend zuverlässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 in fine des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]; VGKE). In Anwendung der ge-
nannten Bestimmung und unter Berücksichtigung der massgeblichen Be-
messungsfaktoren (vgl. Art. 8–13 VGKE) ist das SEM anzuweisen, dem
Beschwerdeführer eine Entschädigung für die berechtigte Geltendma-
chung der formellen Rüge von Fr. 200.– auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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