Decision ID: c68181ed-1890-507a-8840-227542309a38
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 13. Juli 2021 in der Schweiz ein Asylge-
such.
B.
Am 20. Juli 2021 wurde HEKS - Rechtsschutz Bundesasylzentren Nord-
westschweiz als amtlicher Rechtsvertretung nach Art. 112f ff. AsylG
(SR 142.31) beigeordnet.
C.
Mit Verfügung vom 13. Oktober 2021 – diese wurde am 14. Oktober 2021
der damaligen Rechtsvertretung eröffnet – trat die Vorinstanz auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Wegweisung
nach Spanien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Zudem beauftragte es die zuständige kan-
tonale Behörde mit dem Vollzug der Wegweisung nach Spanien. Gleich-
zeitig wurde die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss Ak-
tenverzeichnis an den Beschwerdeführer verfügt und festgestellt, dass ei-
ner allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wir-
kung zukomme.
D.
Am 15. Oktober 2021 teilte die damalige Rechtsvertretung dem Beschwer-
deführer (per Einschreiben) mit, dass die Beschwerde ihrer Ansicht nach
keine Aussicht auf Erfolg haben werde und dass sie das Mandat nieder-
lege. Dieses Schreiben sowie die Verfügung des SEM wurden dem Be-
schwerdeführer samt Akten am 19. Oktober 2021 zugestellt. Die Mandats-
niederlegung teilte die Rechtsvertretung am 18. Oktober 2021 ebenfalls
dem SEM mit.
E.
Gegen die Verfügung vom 13. Oktober 2021 gelangte der Beschwerdefüh-
rer mit einer Rechtsmitteleingabe vom 26. Oktober 2021 (Aufgabe bei der
Post) an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung, das SEM sei anzuweisen auf das Asylgesuch
einzutreten und das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen. Eventu-
aliter sei die Verfügung des SEM aufzuheben und die Angelegenheit zur
weiteren Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
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Im Weiteren ersuchte er darum, die Beschwerdefrist für die angefochtene
Verfügung sei wiederherzustellen. Zudem beantragte er den Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses, die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung sowie die Ausrichtung einer angemessenen Partei-
entschädigung, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewäh-
ren und der Vollzug der Wegweisung sei zu sistieren.
F.
Am 27. Oktober 2021 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Über-
stellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist gemäss Art. 31 i.V.m. Art. 33 VGG
für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM nach
Art. 5 VwVG zuständig. Diese Zuständigkeit umfasst auch die Beurteilung
von Gesuchen um Wiederherstellung von Fristen im Sinne von Art. 24
Abs. 1 VwVG, welche im Zusammenhang mit solchen Beschwerden ste-
hen.
1.3 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Regel in der Beset-
zung mit drei Richterinnen oder Richtern (Art. 21 Abs. 1 VGG). Da Frist-
wiederherstellungsgesuche im Sinne von Art. 24 VwVG nicht unter die in
Art. 111 AsylG auf dem Gebiet des Asylrechts der Einzelrichterin vorbehal-
tenen Zuständigkeiten fallen, gilt diese Regel auch hier.
2.
2.1 Auf ein Gesuch um Fristwiederherstellung wird eingetreten, wenn unter
Angabe des Grundes innert 30 Tagen nach Wegfall des Hindernisses da-
rum ersucht und die versäumte Rechtshandlung nachgeholt wird (Art. 24
Abs. 1 VwVG).
2.2 Die Verfügung wurde am 14. Oktober 2021 der amtlich beigeordneten
Rechtsvertretung eröffnet (Art. 12a Abs. 2 AsylG). Die Beschwerdefrist von
fünf Arbeitstagen, welche am 15. Oktober 2021 zu laufen begann, ist am
22. Oktober 2021 ungenutzt abgelaufen.
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2.3 Der Beschwerdeführer ersuchte am 26. Oktober 2021 unter anderem
um Wiederherstellung der Beschwerdefrist und holte die versäumte
Rechtshandlung nach. Die Beschwerde vom 26. Oktober 2021 entspricht
auch den Anforderungen nach Art. 52 Abs. 1 VwVG. Somit ist die gesetzli-
che Frist nach Art. 24 Abs. 1 VwVG gewahrt.
2.4 Nach dem Gesagten sind die formellen Voraussetzungen zur materiel-
len Behandlung des Gesuchs um Wiederherstellung der Beschwerdefrist
gegeben, weshalb auf dieses einzutreten ist.
3.
3.1 Die Wiederherstellung von Fristen dient dazu, die Rechtsnachteile zu
beseitigen, die Verfahrensbeteiligte wegen unverschuldeter Fristversäum-
nis erleiden (vgl. STEFAN VOGEL in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], VwVG,
Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, Zürich/
St. Gallen 2008, N 1 zu Art. 24 VwVG).
3.2 Ein Fristversäumnis gilt nur dann als unverschuldet, wenn dafür objek-
tive Gründe vorliegen und der säumigen Partei, beziehungsweise ihrem
Vertreter oder ihrer Vertreterin, keine Nachlässigkeit vorgeworfen werden
kann. Dies ist etwa der Fall bei Naturkatastrophen, bei Militärdienst oder
schwerwiegender Erkrankung. Insbesondere sind jene Hinderungsgründe
als unverschuldet zu erachten, welche auch gewissenhafte Beschwerde-
führende – oder deren gewissenhafte Rechtsvertreter – daran gehindert
hätten, fristgerecht zu handeln. Nicht als unverschuldete Hindernisse gel-
ten Unkenntnis der gesetzlichen Vorschriften, Arbeitsüberlastung, Ferien-
abwesenheit oder organisatorische Unzulänglichkeiten (Urteil des BVGer
A-6531/2011 vom 22. Juni 2012 E. 3.3 mit Hinweisen). Daneben können
auch subjektive Gründe eine Fristwiederherstellung rechtfertigen, welche
dann vorliegen, wenn der – objektiv betrachtet – Handlungsfähige lediglich
deshalb untätig bleibt, weil er die Situation zufolge eines Irrtums oder auf
Grund mangelnder Kenntnisse nicht richtig einzuschätzen vermag. Sodann
kann auch eine Kumulation verschiedener Umstände, die je für sich be-
trachtet das Versäumnis nicht zu entschuldigen vermöchten, die Voraus-
setzungen von Art. 24 VwVG erfüllen. Im Interesse der Rechtssicherheit
und eines geordneten Verfahrens darf ein Hinderungsgrund nicht leichthin
angenommen werden.
3.3 Den Nachweis, dass die Frist wegen eines unverschuldeten Hindernis-
ses nicht gewahrt werden konnte, hat der Gesuchsteller zu erbringen, wo-
bei die entsprechenden Umstände zu beweisen sind und ein blosses
http://links.weblaw.ch/BVGer-A-6531/2011
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Glaubhaftmachen nicht genügt (vgl. URSINA BEERLI-BONORAND, Die aus-
serordentlichen Rechtsmittel in der Verwaltungsrechtspflege des Bundes
und der Kantone, Zürich 1985, S. 227 ff.). Die krankheitsbedingte Unmög-
lichkeit, solche fristwahrenden Massnahmen zu ergreifen oder zu veran-
lassen, muss demnach substanziiert vorgetragen und mit einschlägigen
Arztzeugnissen belegt sein. Dabei genügt die blosse ärztliche Bestätigung
eines Krankheitszustandes und einer sich daraus ergebenden vollständi-
gen Arbeitsunfähigkeit zur Anerkennung eines Hindernisses regelmässig
nicht (vgl. Urteil des BVGer D-3486/2021 vom 9. August 2021 E 4.3
m.w.H.).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer macht in seiner Eingabe vom 26. Oktober 2021
geltend, dass seine Säumnis unverschuldet sei. Er habe den Termin bei
seiner damaligen Rechtsvertretung nicht wahrnehmen können, weil er "ho-
hes Fieber und Migräne" gehabt habe. Seine medizinischen Probleme
seien aktenkundig. Zudem habe es seine Rechtsvertretung unterlassen,
ihn danach nochmals zu kontaktieren. Sie habe ihm den negativen Ent-
scheid der Vorinstanz per Einschreiben zugesandt. Er habe diesen erst am
19. Oktober 2021 erhalten. Aus diesem Grund habe er die fünftägige Be-
schwerdefrist nicht wahren können. Dies dürfe ihm nicht entgegengehalten
werden.
4.2 Die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sowie des Bun-
desgerichts in Bezug auf die Fristwiederherstellung ist sehr restriktiv und
bedingt das Vorliegen klarer Schuldlosigkeit (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI,
a.a.O., S. 205, Rz. 588 mit Hinweisen). Eine objektive Unmöglichkeit in
Krankheitsfällen ist erst anzunehmen, wenn die betroffene Person von der
Rechtshandlung abgehalten wird und auch nicht in der Lage ist, eine Ver-
tretung zu bestellen.
Mit Blick auf die Rechtspraxis ist vorliegend kein begründeter Wiederher-
stellungsgrund dargetan. Vorab ist festzuhalten, dass die amtliche Rechts-
vertreterin die ihr am 14. Oktober 2021 eröffnete Verfügung bereits am
15. Oktober 2021 an den Beschwerdeführer übermittelte und dabei auch
ihre Mandatsniederlegung erklärte, weil die Beschwerde aus ihrer Sicht
keine Aussicht auf Erfolgt habe, ebenfalls wurden die relevanten Akten zu-
gestellt. Damit hat die Rechtsvertreterin den ihr in der amtlichen Rechts-
verbeiständung obliegenden Pflichten Genüge getan (Art. 52b Abs. 5
AsylV1 [SR 142.311]); weitere Vertretungshandlungen waren nicht ange-
zeigt. Die Verfügung des SEM und die Mandatsniederlegung wurde dem
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Beschwerdeführer am 19. Oktober 2021, mithin noch während der laufen-
den Rechtsmittelfrist, zugestellt. Sein Einwand, dass er zu diesem Zeit-
punkt sehr krank gewesen sei und deshalb nicht rechtzeitig habe handeln
können, lässt sich aufgrund der Akten nicht feststellen respektive überprü-
fen. Zum einen liegt kein Arztzeugnis vor, das diese Darstellung der Ge-
schehnisse stützen würde, weshalb nicht beurteilt werden kann, ob es sich
vorliegend um eine ernsthafte Erkrankung im Sinne vorstehenden Ausfüh-
rungen zur objektiven Entschuldbarkeit von Fristversäumnissen handelte.
Zum anderen ergibt sich eine schwere Erkrankung um den 14. Oktober
2021 auch nicht aus den Akten. Gemäss Mitteilung der Pflege im BAZ
B._ vom 1. Oktober 2021 war der Beschwerdeführer zum damali-
gen Zeitpunkt von einer Infektion mit dem Coronavirus genesen. Seine
Zahnschmerzen wegen Karies seien am 24. September 2021 behandelt
worden. Eine Schmerztherapie betreffend die Kopfschmerzen habe er so-
dann nicht wahrgenommen (vgl. act. 32/1). Aus dem Schreiben der
Rechtsvertretung betreffend die Mandatsniederlegung vom 15. Oktober
2021 geht ferner lediglich hervor, dass der Beschwerdeführer krank gewe-
sen sei und den Termin nicht habe wahrnehmen können.
Auch in der Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht substanziiert der
Beschwerdeführer nicht, weshalb es ihm nicht möglich gewesen sein soll,
während der noch laufenden Rechtsmittelfrist Beschwerde zu erheben.
Ihm wäre es zumutbar gewesen, sich entweder beim SEM, dem kantona-
len Migrationsamt oder auch bei seiner vormaligen Rechtsvertretung zu
erkundigen, zumal bereits leichte Fahrlässigkeit den Anspruch auf Wieder-
herstellung der Frist ausschliesst (vgl. z.B. Urteil des BVGer E-1036/2017
vom 29. Januar 2019 m.W.H.). Indem der Beschwerdeführer es unterlas-
sen und offensichtlich keine entsprechenden Bemühungen unternommen
hat, rechtzeitig die Vorkehrungen zu einer fristgemässen Beschwerdeerhe-
bung in die Wege zu leiten, hat er die Folgen dieser Nachlässigkeit zu tra-
gen.
4.3 Das Gesuch ist demnach und unter dem Blickwinkel der hohen Anfor-
derungen an die Gutheissung eines Fristwiederherstellungsgesuches als
unbegründet zu qualifizieren, da das Fristversäumnis nicht als unverschul-
det bezeichnet werden kann.
4.4 Nach dem Gesagten sind die Voraussetzungen für eine Wiederherstel-
lung der versäumten Beschwerdefrist nach Art. 24 Abs. 1 VwVG nicht er-
füllt. Es besteht kein Grund zur Annahme, der Beschwerdeführer sei un-
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verschuldet davon abgehalten worden, die Beschwerde fristgerecht einzu-
reichen. Es ist nicht ersichtlich, dass er aus objektiv oder subjektiv gerecht-
fertigten Gründen nicht zu einer rechtzeitigen Einreichung einer Be-
schwerde in der Lage gewesen wäre. Die Nichteinhaltung der Beschwer-
defrist beruht vielmehr auf einer nicht schützenswerten Nachlässigkeit sei-
tens des Beschwerdeführers.
5.
5.1 Das Gesuch um Wiederherstellung der Beschwerdefrist ist demnach
abzuweisen.
5.2 Die Beschwerde vom 26. Oktober 2021 ist verspätet (vgl. Art. 108 Abs.
2 AsylG) und daher offensichtlich unzulässig, weshalb auf diese nicht ein-
zutreten ist.
6.
Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 27. Oktober 2021 angeordnete
Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses, und das Gesuch um aufschiebende Wirkung werden mit
dem vorliegenden Entscheid hinfällig.
7.
7.1 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind.
7.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem der Beschwerdeführer vorliegend unter-
liegt hat er auch keinen Anspruch auf Parteientschädigung (Art. 64 Abs. 1
VwVG).
8.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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