Decision ID: aafae79a-8170-517d-bf83-301dd24d0e89
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Übersicht
a) Am 31. Juli 2019 ereignete sich in der Firma Y. AG in Herisau ein Arbeitsunfall mit
einer Strahlanlage, bei welchem der Mitarbeiter und ausgebildete Polymechaniker
X. verschiedene Verletzungen erlitt. X. war damit beschäftigt, eine Störung bei der
Anlage zu beheben, als sich plötzlich die pneumatisch betriebene Türe zum
Bearbeitungsraum schloss und ihn zwischen Maschinengehäuse und der Türe am
Hals einklemmte (act. B 7/1, 7/7, 7/9).
b) X. wurde am 7. August 2019 zu diesem Vorfall als Auskunftsperson einvernommen
(act. B 7/3).
c) Die Suva, Arbeitssicherheit Luzern, Bereich Gewerbe und Industrie, führte am
5. August 2019 im Betrieb der Y. AG in Anwesenheit mehrerer Mitarbeiter sowie
zweier Angehöriger des kriminaltechnischen Dienstes der Kantonspolizei eine
Schadenabklärung zum vorgenannten Berufsunfall durch. Dabei wurden ver-
schiedene, von der Y. AG zu treffende Massnahmen zur Gewährleistung der
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Arbeitssicherheit und den Schutz der Gesundheit der Mitarbeitenden vereinbart,
welche die Suva mit Schreiben vom 5. August 2019 gegenüber der Y. AG im
Anhang „Feststellungen und Massnahmen“ bestätigte (act. B 7/8). Der von der Suva
erstellte Unfallrapport datiert ebenfalls vom 5. August 2019 (act. B 7/7), der Bericht
des kriminaltechnischen Dienstes vom 7. Oktober 2019 (act. B 7/9).
d) Mit Verfügung vom 23. Januar 2020 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren
betreffend Arbeitsunfall X. vom 31. Juli 2019 ein (U 19 1352, act. B 3, Ziffer 1). Die
Untersuchungskosten wurden auf die Staatskasse genommen (Ziffer 2).
Die vom Beschwerdeführer beanstandeten beiden letzten Absätze der Begründung
der Einstellungsverfügung lauten wie folgt:
„Somit kommen als Hauptursachen nebst technischen Gründen insbesondere Verhal-
tensweisen des Verunfallten selbst in Betracht, nämlich die unterlassene Kontrolle der
Stillsetzung der Anlage einerseits und andererseits die Tatsache, dass sich der Ver-
unfallte eigenmächtig und ohne Beizug einer den Vorgang überwachenden Hilfsper-
son in den Gefahrenbereich begab, indem er seinen Oberkörper in die Öffnung unter-
halb der Senktüre hindurch zur Düse beugte.
Der Unfall ist somit in erster Linie auf eigene Unvorsichtigkeit des Verunfallten
zurückzuführen. Es kann weder diesem noch einer Drittperson eine strafrechtlich rele-
vante Handlung bzw. Unterlassung vorgeworfen werden. Das Verfahren ist daher ein-
zustellen (Art. 319 Abs. 1 StPO).“
B. Prozessgeschichte
a) Die Staatsanwaltschaft leitete dem Obergericht am 10. Februar 2020 (act. B 1)
zuständigkeitshalber eine als „Wiedererwägungsgesuch“ bezeichnete Eingabe von
X. vom 31. Januar 2020 (act. B 2) weiter, worin dieser eine Korrektur der
Erwägungen in der Einstellungsverfügung verlangt.
b) Die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft datiert vom 21. Februar 2020 (act. B 6).
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c) Mit Verfügung der Verfahrensleitung vom 8. April 2020 wurde den Parteien
mitgeteilt, dass vorgesehen sei, den Fall ohne mündliche Verhandlung zu beraten.
Zudem wurde die voraussichtliche Besetzung des Gerichts bekannt gegeben (act. B
9).
Auf die Ausführungen in den vorstehend aufgeführten Eingaben kann verwiesen
werden; soweit für die Beurteilung der Beschwerde erforderlich, ist darauf im Rah-
men der nachfolgenden Erwägungen einzugehen.
d) Der vorliegende Beschluss wurde auf dem Zirkularweg gefasst (Art. 52 Abs. 1
Justizgesetz, JG, bGS 145.31, sowie Art. 2 der kantonalen Verordnung über CO-
VID-19-Massnahmen: Gerichte vom 17. März 2020, bGS 113.2).

Erwägungen
1. Formelles
1.1 Nach Art. 26 JG ist im Kanton Appenzell Ausserrhoden das Obergericht Berufungs- und
Beschwerdeinstanz in der allgemeinen Strafrechtspflege, unter Vorbehalt der Befugnisse
des Einzelrichters (letztere beschränken sich laut Art. 27 JG auf den Bereich des
Zwangsmassnahmerechts). Zuständig ist vorliegend somit eine Abteilung des Oberge-
richts bzw. ein Kollegialgericht. Aus dem Staatskalender Appenzell Ausserhoden
(<https://www.ar.ch> unter Staatskalender/Alle Organisationen/Gerichtsbehörden/Ober-
gericht/Abteilungen) ist ersichtlich, dass das Gesamtgericht strafrechtliche
Beschwerdefälle der 2. Abteilung des Obergerichts zur Beurteilung zugewiesen hat.
1.2 Gegen Verfügungen und Verfahrenshandlungen der Staatsanwaltschaft ist die Be-
schwerde gegeben (Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO). Eine Einstellungsverfügung der Staats-
anwaltschaft stellt eine solche Verfahrenshandlung dar (Art. 393 Abs. 1 lit. a in Verbin-
dung mit Art. 322 Abs. 2 StPO; PATRICK GUIDON, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014,
N. 10 zu Art. 393 StPO; ANDREAS J. KELLER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.],
Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 16 zu Art. 393
StPO). Ausschlussgründe nach Art. 394 StPO liegen keine vor.
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1.3 Die Beschwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert 10 Tagen
schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO).
Der Versand der angefochtenen Verfügung erfolgte am 23. Januar 2020. Die als „Wieder-
erwägungsgesuch“ betitelte Eingabe von X. vom 31. Januar 2020, welche als
Beschwerde entgegenzunehmen ist, wurde am 1. Februar 2020 bei der Post aufgegeben
und erfolgte demzufolge innert der 10-tägigen Beschwerdefrist.
1.4. Mit der Beschwerde können Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und
Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung (lit. a); die un-
vollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts (lit. b); Unangemessenheit (lit.
c) gerügt werden (Art. 393 Abs. 2 StPO). Die Beschwerde wird in einem schriftlichen
Verfahren behandelt (Art. 397 Abs. 1 StPO).
1.5 Beschwerdelegitimation von X.
1.5.1 Der Beschwerdeführer rügt, bis heute stehe nicht fest, weshalb die Störung an
der Strahlanlage aufgetreten sei und aus welchen Gründen sich die Türe zum Bearbei-
tungsraum geschlossen habe. Dennoch werde die Verfahrenseinstellung allein mit seinen
angeblichen Verfehlungen begründet. Zuerst müssten die Schuldfrage und die Gründe für
die Fehlfunktion definitiv geklärt werden. Somit bestehe auch in rechtlicher Hinsicht ein
schützenswertes Interesse an der Wiedererwägung.
1.5.2 Die Staatsanwaltschaft bestreitet die Legitimation des Beschwerdeführers. Die-
ser sei nicht Partei im Sinne von Art. 104 Abs. 1 lit. a StPO. Er sei zwar Unfallopfer,
jedoch nicht Beschuldigter und auch nicht Privatkläger. Der Beschwerdeführer sei zudem
nicht beschwert. Er wünsche sich eine andere Begründung, jedoch sei für die Frage der
Beschwer einzig das Dispositiv massgebend. Ihm werde im Dispositiv kein Vorwurf in
Bezug auf den Arbeitsunfall gemacht.
1.5.3 Die Legitimation richtet sich nach Art. 382 Abs. 1 StPO. Danach kann jede Partei,
die ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung eines Entschei-
des hat, ein Rechtsmittel ergreifen und somit auch eine Einstellungsverfügung anfechten.
Der Rechtsmittelkläger muss selbst und unmittelbar in seinen Interessen tangiert sein
(SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar schweizerische Strafprozessordnung, 3. Aufl. 2018,
N. 2 zu Art. 382 StPO). Parteien im Strafverfahren sind die beschuldigte Person, die Pri-
vatklägerschaft sowie im Haupt- und im Rechtsmittelverfahren die Staatsanwaltschaft (Art.
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104 Abs. 1 StPO). In Art. 105 Abs. 1 StPO werden verschiedene andere Verfahrensbetei-
ligte aufgezählt, darunter die geschädigte Person (lit. a). Werden die in Abs. 1 genannten
Verfahrensbeteiligten in ihren Rechten unmittelbar betroffen, so stehen ihnen die zur
Wahrung ihrer Interessen erforderlichen Verfahrensrechte einer Partei zu (Art. 105 Abs. 2
StPO).
1.5.4 Der Beschwerdeführer ist im Verfahren der Staatsanwaltschaft U 19 1352 weder
Beschuldigter noch Privatkläger. Beschuldigter ist er nicht, weil gemäss Schweizerischem
Strafgesetzbuch (StGB) - im Gegensatz etwa zum Militärstrafgesetz (Art. 95 MStG, SR
321.0) – eine Selbstverstümmelung bzw. Selbstverletzung nicht strafbar ist. Folgerichtig
wird X. in der Einstellungsverfügung auch nicht als Beschuldigter bezeichnet, das Straf-
verfahren richtet sich insofern gegen „Unbekannt“. Was die Privatklägereigenschaft von X.
betrifft, würde diese einen Strafantrag oder eine im Vorverfahren abgegebene Erklärung
als Geschädigter voraussetzen, sich am Strafverfahren als Straf- oder Zivilkläger
beteiligen zu wollen (Art. 118 Abs. 1 bis 3 StPO). Beides liegt nicht vor. Aufgrund der
erlittenen Verletzungen ist der Beschwerdeführer zweifellos Geschädigter im Sinne von
Art. 105 Abs. 1 lit. a StPO und damit Verfahrensbeteiligter. Folglich stehen ihm gestützt
auf Art. 105 Abs. 2 StPO die Verfahrensrechte einer Partei zu, falls er in seinen Rechten
unmittelbar betroffen ist. Sowohl Parteien i.S.v. Art. 104 StPO wie auch andere
Verfahrensbeteiligte nach Art. 105 StPO sind zur Ergreifung von Rechtsmitteln legitimiert,
soweit sie ein rechtlich geschütztes Interesse geltend machen können (VIKTOR LIEBER, in:
Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessord-
nung, 2. Aufl. 2014, N. 18 zu Art. 105 StPO; SCHMID/JOSITSCH, Handbuch des schweizeri-
schen Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2017, S. 249 Rz. 642).
1.5.5 Hat der Beschwerdeführer ein rechtlich geschütztes Interesse daran, dass die
Begründung in der angefochtenen Einstellungsverfügung abgeändert wird? Oder mit an-
deren Worten: Tangiert der gerügte Passus X. unmittelbar in seinen Interessen? Dies
kann verneint werden, denn in der Einstellungsverfügung wirft ihm die Staatsanwaltschaft
kein strafrechtlich relevantes Verhalten oder Verschulden vor. Folglich fehlt es dem Be-
schwerdeführer an der erforderlichen Beschwer und damit an der Beschwerdelegitimation
im Sinne von Art. 382 Abs. 1 StPO.
1.5.6 Somit ist aus den vorgenannten Gründen auf die Beschwerde nicht einzutreten.
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2. Kosten
2.1 Art. 428 StPO regelt die Kostentragungspflicht im Rechtsmittelverfahren. Gemäss dessen
Abs. 1 tragen die Parteien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens. Als unterliegend gilt auch die Partei, auf deren Rechtsmittel
nicht eingetreten wird. Auf die Beschwerde von X. wird mangels Legitimation nicht
eingetreten und er unterliegt somit vollumfänglich. Demzufolge sind ihm die Verfahrens-
kosten, bestehend aus einer Gebühr von CHF 250.00 (Art. 29 Abs. 1 lit. a Ge-
bührenordnung, bGS 233.3), aufzuerlegen.
3.2 Dem unterliegenden Beschwerdeführer steht keine Entschädigung zu (Art. 436 Abs. 1
i.V.m. Art. 429 StPO). Im Übrigen mangelt es bereits an einem entsprechenden Antrag.
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