Decision ID: 81c2b1c8-8504-5bbd-bc52-614bda62fbf4
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherte) war seit 1. April 2011 im Kantonsspital B._ als
Fachfrau Gesundheit EFZ (nachfolgend: FaGe) angestellt und dadurch bei der Trust
Sympany, Sympany Versicherungen AG (nachfolgend: Sympany), Basel, gegen die
Folgen von Unfällen versichert, als sie am 12. Juli 2011 während eines
Unihockeytrainings abrupt stoppte und sich das rechte Knie verdrehte (act. 1, 4). Die
Erstbehandlung fand gleichentags im Kantonsspital Graubünden statt, wo der
untersuchende Arzt eine Kniedistorsion rechts mit Verdacht auf eine laterale
Seitenbandläsion feststellte, eine konservative Therapie verordnete und der
Versicherten bis 15. Juli 2011 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestierte (act. 2).
Danach folgte eine hausärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung über 100% bis 14.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
August 2011. Eine zwischenzeitlich am 18. Juli 2011 im Kantonsspital Graubünden
durchgeführte MRI-Untersuchung des rechten Knies hatte eine mindestens
höchstgradige bis subtotale Ruptur des vorderen Kreuzbandes (nachfolgend: VKB)
sowie eine bereits deutliche mucinöse Degeneration des Innenmeniskushorns ohne
Nachweis einer darüber hinaus sicher abgrenzbaren Rissmorphologie ergeben (act.
10). Am 15. August 2011 nahm die Versicherte die Arbeit wieder zu 50% auf (act. 3, 5).
Eine weitere MRI-Untersuchung in der Radiologie C._ vom 19. Oktober 2011
bestätigte die Ruptur des VKB mit typischer Infraktion des Tibiaplateaus posterolateral
und des Femurcondylus anterolateral. Es zeigte sich ausserdem ein begleitender
Korbhenkelriss des Innenmeniskus sowie eine Zerrung des medialen
Seitenbandapparates mit begleitendem Gelenkerguss (act. 11). Die behandelnde Ärztin
des Kantonsspitals Graubünden schrieb die Versicherte ab 20. Oktober 2011 zu 100%
arbeitsunfähig (act. 9). Am 21. Oktober 2011 wurde bei ihr im Kantonsspital
Graubünden arthroskopisch eine Refixation des medialen Meniskus durchgeführt (act.
13 f.). Am 18. Januar 2012 folgte, ebenfalls im Kantonsspital B._, eine
arthroskopische Kreuzbandoperation mit VKB-Plastik (act. G 18 f.). Die Versicherte war
nach wie vor 100% arbeitsunfähig (act. G 18, 20 f.). Postoperativ zeigte sich bei ihr
subjektiv ein protrahierter Verlauf, insbesondere mit störenden Giving-way-Zeichen
(act. 23 f.). Auf Zuweisung ihres Hausarztes, Dr. med. D._, FMH Allgemeine Medizin
(act. 26), wurde sie am 9. April 2012 durch Dr. med. E._, Arzt Orthopädie, Spital
F._, untersucht, der eine Insuffizienz des VKB-Ersatzes Knie rechts Grad II bei
Verdacht auf eine unvollständige Einheilung des refixierten medialen Meniskus und eine
Läsion des lateralen Meniskus diagnostizierte und eine neue MRI-Untersuchung
empfahl (act. 27). Diese wurde am 13. April 2012 in der Radiologie C._ durchgeführt
(act. 28 f.). Dr. D._ bescheinigte der Versicherten weiterhin eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit (act. 31). Am 20. April 2012 diagnostizierte Dr. E._ arthroskopisch
eine unvollständige Einheilung des refixierten medialen Meniskus Knie rechts, einen
Längsriss am Hinterhorn des lateralen Meniskus sowie einen Zyklop am VKB-Ersatz. Er
führte zugleich eine Teilmeniskektomie medial und lateral sowie ein Debridement am
tibialen VKB-Ansatz und Notch durch (act. 32 f.). Am 9. Mai 2012 beurteilte der
beratende Arzt der Sympany, Dr. med. G._, die Versicherte in einer adaptierten
Tätigkeit per sofort zu 100% arbeitsfähig, im Pflegeberuf hingegen bei gutem Verlauf
frühestens im Juli 2012 (act. 34). Nachdem die Versicherte der Sympany ebenfalls am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
9. Mai 2012 mitgeteilt hatte, dass es ihr immer besser gehe (act. 35, vgl. auch act. 36),
berichtete sie am 21. Juni 2012 über eine Zustandsverschlechterung mit wiederholtem
Einknicken sowie immer stärkeren Schmerzen (act. 38). Auf Zuweisung von Dr. E._
war am 14. Juni 2012 eine weitere MRI-Untersuchung in der Radiologie C._
durchgeführt worden (act. 39 f.). Am 25. Juli 2012 liess sich die Versicherte durch Dr.
med. H._, FMH Allgemeinchirurgie und Unfallchirurgie, untersuchen, der sie einer
konsiliarischen Untersuchung durch Dr. med. I._, Facharzt FMH für Chirurgie spez.
Unfallchirurgie, Klinik J._, zuwies (act. 44, 48). Dr. I._ sah die Versicherte am 2.
August 2012 (act. 51). Am 22. August 2012 führte Dr. H._ bei der Versicherten eine
Arthroskopie durch, wobei er bei der Diagnose einer Knieinstabilität mit rezidivierenden
Giving-ways das laxe VKB entfernte und eine Spongiosaplastik durchführte. Die
Versicherte wurde weiterhin zu 100% arbeitsunfähig geschrieben (act. 52 ff., 55 f.). Am
14. November 2012 ersuchte Dr. H._ Dr. med. K._, FMH Anästhesie, um
Vorschläge für die weitere Vorgehensweise (act. 59, vgl. act. 60). Zuvor hatte er die
Versicherte für eine weitere MRI-Untersuchung der Radiologie C._ zugewiesen,
welche, durchgeführt am 6. November 2012, eine Unterflächenläsion von der Pars
intermedia bis zum Hinterhorn des medialen Meniskus und einen kleinen schräg
verlaufenden radiären Einriss an der Pars intermedia am Übergang zum Hinterhorn des
lateralen Meniskus gezeigt, jedoch keine Anhaltspukte für degenerative
Veränderungen, eine aseptische Knochennekrose oder einen Gelenkerguss ergeben
hatte. Auch die übrigen Binnenstrukturen waren normal gewesen (act. 63). Die
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung der Versicherten von 100% wurde verlängert (act.
66). Mit Bericht vom 3. Januar 2013 ersuchte Dr. H._ zudem Dr. med. L._, FMH
Rheumatologie, die Versicherte zu untersuchen (act. 69), wobei er die Diagnose stark
persistierender Knieschmerzen rechts im Sinne eines neuropathischen
Schmerzsyndroms anführte und ein Hyperflexionstrauma mit massivsten
einschiessenden und elektrisierenden Schmerzen bis in den Kopf im Oktober 2012 in
der Schiene (Knieorthese, vgl. act. 74, 81) in Folge eines Sturzes erwähnte. Seither sei
eine Verschlimmerung des Zustandes mit zunehmenden Schmerzen und einer
Beweglichkeitsverschlechterung im rechten Knie eingetreten (act. 69). Die
Untersuchung durch Dr. L._ fand am 8. Januar 2013 statt (act. 70). Auf dessen
Vorschlag hielt sich die Versicherte vom 4. Februar bis 9. März 2013 zur stationären
Rehabilitation in der Klinik Valens auf (act. 81). Danach wurde ihr eine 100%-ige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsunfähigkeit mit therapeutischem Arbeitsversuch ab April 2013 (vgl. act. 75, 79)
und unter ärztlicher Kontrolle bescheinigt (act. 77, vgl. auch act. 82, 85). In der Folge
liess sich die Versicherte wiederholt wegen Schmerzen behandeln (vom 21. bis 30. Mai
2013 in der Klinik für Chirurgie und Orthopädie des Spitals F._ [act. 89 ff.]; vom 3. bis
10. Juni 2013 durch Dr. K._ [act. 93]; vom 5. bis 15. November 2013 in den
interdisziplinären Diensten, Palliativzentrum, des Spitals M._ [act. 102] und
anschliessend durch Dr. med. N._, Oberärztin, Schmerzzentrum des KSSG [act.
110]). Die Versicherte wurde nach wie vor zu 100% arbeitsunfähig geschrieben (act. 89
ff., 94, 97 f., 104 f., 107 f.).
A.b Nachdem Dr. H._ gegenüber der Sympany mit Bericht vom 3. März 2014 zu
verschiedenen Fragen Stellung genommen (act. 109) und Dr. N._ am 15. Januar 2014
einen Verlaufsbericht abgegeben hatte (act. 110), legte die Sympany den Schadenfall
Dr. G._ vor. Dieser bestätigte in der bisherigen Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit,
hingegen müsste durch eine polydisziplinäre Begutachtung die Arbeitsfähigkeit in einer
leichten körperlichen Tätigkeit geprüft werden, welche nicht 0% betrage (act. 112).
A.c Die Sympany beauftragte Dr. med. O._, FMH Physikalische Medizin und
Rehabilitation, Vertrauensärztin SGV, Zertifizierte Medizinische Gutachterin SIM, Dr.
med. P._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, sowie Dr. med. Q._, FMH
Neurologie, beide ebenfalls Zertifizierte Medizinische Gutachter SIM und Dr. P._ auch
Vertrauensarzt SGV, mit einer polydisziplinären (orthopädischen, neurologischen und
psychiatrischen) Begutachtung, unter anderem zur Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
der Versicherten (act. 115). Die Schlussfolgerungen der beteiligten Fachärzte wurden
im Rahmen einer interdisziplinären Konsensbeurteilung am 27. Oktober 2014 erarbeitet
(act. 122). Die Gutachter kamen unter anderem zum Schluss, dass sich der
ausschliesslich die Arbeitsfähigkeit limitierende Gesundheitsschaden durch die
eingeschränkte Belastbarkeit des rechten Kniegelenks bei Status nach VKB-Ruptur
bzw. -Plastik und ausgeprägter muskulärer sowie koordinativer Insuffizienz formulieren
lasse. Für die zuletzt ausgeführte Tätigkeit als FaGe lasse sich aus
versicherungsmedizinischer Sicht keine Arbeitsfähigkeit mehr attestieren. In einer
optimal dem Leiden angepassten, sehr leichten bis leichten, primär im Sitzen
auszuübenden Tätigkeit sei aus interdisziplinärer versicherungsmedizinischer Sicht eine
unlimitierte Arbeitsfähigkeit von 100% zu attestieren. Betreffend weitere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Heilbehandlungen wurde aus orthopädisch-rheumatologischer Sicht eine intensive,
aktive und nachhaltige Physiotherapie zur muskulären Rekonditionierung mit
begleitendem Koordinationstraining empfohlen. Von einem operativen Vorgehen mit
erneuter VKB-Plastik wurde abgeraten. Eine psychiatrische-psychotherapeutische
Behandlung wurde als diskutierbar bezeichnet, wenngleich festgestellt wurde, dass
aktuell keine erhebliche (objektive) Psychopathologie und keine psychische Störung mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestünden (Versicherungsmedizinisches
Gutachten: act. 122 Teil I S. 79; Versicherungsmedizinische Konsensbeurteilung: act.
122 Teil IV S. 2 f.).
A.d Basierend auf der gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung gewährte die
Sympany der Versicherten mit Schreiben vom 17. Februar 2015 das rechtliche Gehör
für einen Verfügungsentwurf, worin sie die Einstellung der Taggeldleistungen per 1.
März 2015 sowie - bei einem errechneten Invaliditätsgrad von 0.6 % - die Verneinung
eines Rentenanspruchs in Aussicht stellte. Hinsichtlich des Anspruchs auf weitere
Heilbehandlungsleistungen verwies sie auf die gutachterlich als indiziert bezeichneten
therapeutischen Massnahmen und legte eine nochmalige Prüfung eines Anspruchs auf
Heilbehandlungen im Herbst 2015 fest. Es wurde ausserdem erklärt, dass die
Integritätsentschädigung im jetzigen Zeitpunkt noch nicht festgelegt werden könne. Zur
Beurteilung des Erreichens des Endzustandes sei nach konsequentem Umsetzen der
therapeutischen Massnahmen eine Reevaluation nach ca. einem Jahr zu empfehlen.
Auch der Anspruch auf eine Integritätsentschädigung werde im Herbst 2015 nochmals
genau geprüft. Die zur Diskussion stehenden psychischen Beschwerden seien mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht unfallbedingt, weshalb für diese Beschwerden
keine Leistungen erbracht werden könnten (act. 124). Die Versicherte nahm mit
Schreiben vom 27. Februar 2015 zum Verfügungsentwurf Stellung (act. 125) und legte
eine Stellungnahme von Dr. H._ vom 26. Februar 2015 bei (act. 127).
A.e Mit Verfügung vom 10. März 2015 entschied die Sympany im Sinne des
Verfügungsentwurfs vom 17. Februar 2015 (act. 128).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Mit Schreiben vom 16. März 2015 erhob Dr. H._ gegen die Verfügung vom 10.
März 2015 Einsprache. Er erklärte, dass die Versicherte zum jetzigen Zeitpunkt auch in
einer angepassten Tätigkeit nicht arbeitsfähig sei (act. 133). Nachdem die Sympany Dr.
H._ mit Schreiben vom 19. März 2015 darauf hingewiesen hatte, dass die Versicherte
die Möglichkeit habe, gegen die Verfügung vom 10. März 2015 Einsprache zu erheben,
sofern sie mit dieser nicht einverstanden sei (act. 134), erhob die Versicherte selbst mit
Eingabe vom 26. März 2015 Einsprache. Auch sie erklärte sich mit der Annahme einer
zumutbaren 100%igen Arbeitsfähigkeit in einer den Unfallfolgen angepassten Tätigkeit
nicht einverstanden (act. 135).
B.b Mit Schreiben vom 20. August 2015 stellte die Sympany Dr. H._ einen
Fragenkatalog zu, welchen dieser am 31. August und 2. November 2015 beantwortete
(act. 142, 144). Am 18. November 2015 nahm sodann Dr. G._ zu den Fragen eines
Anspruchs auf weitere Heilbehandlungen, des Erreichens des Endzustands sowie des
Bestehens eines Integritätsschadens Stellung (act. 145).
B.c Mit E-Mail vom 2. Dezember 2015 verwies die Sympany die Versicherte auf die
gesetzliche Schadenminderungspflicht und ersuchte sie, die gutachterlich empfohlenen
Therapiemassnahmen mit ihrem Arzt zu besprechen und umgehend wahrzunehmen
(act. 146).
B.d Mit Einspracheentscheid vom 3. Dezember 2015 wies die Sympany die
Einsprache der Versicherten ab und bestätigte ihre Verfügung vom 10. März 2015 (act.
147).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) mit einer von Dr. H._ verfassten Eingabe vom 30. Dezember
2015 Beschwerde mit den sinngemässen Anträgen, es seien weitere
Physiotherapiekosten und allfällige weitere Heilbehandlungskosten zu übernehmen, es
sei ein weiteres Gutachten bezüglich Arbeitsfähigkeit zu veranlassen und gestützt
darauf der Rentenanspruch nochmals zu prüfen (act. G 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 18. April 2016 beantragte die Sympany (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde, die Bestätigung des
Einspracheentscheids sowie die Abweisung des Begehrens um erneute medizinische
Abklärungen und Gutachten (act. G 7).
C.c Mit Schreiben vom 17. Mai 2016 stellte die Beschwerdeführerin ein Gesuch um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung (act. G 9), welches ihr das Versicherungsgericht
mit Schreiben vom 8. Juni 2016 bewilligte (act. G 14).
C.d Mit Replik vom 26. August 2016 stellte die Beschwerdeführerin, vertreten durch
Rechtsanwalt Dr. iur. R. Pedergnana, folgende Rechtsbegehren: Die Verfügung der
Beschwerdegegnerin vom 10. März 2015 betreffend Leistungen der Unfallversicherung
sei aufzuheben, eventualiter an die Vorinstanz zurückzuweisen. Es sei ein gerichtliches
Gutachten anzufertigen. Eventualiter sei ein gerichtliches Gutachten zur
Leistungsfähigkeit in angepasster Tätigkeit zu erstellen und gestützt darauf eine Rente
zu sprechen. Im Übrigen werde an den Rechtsbegehren gemäss Beschwerdeschrift
festgehalten, unter Kosten- und Entschädigungsfolge (act. G 20). Der Replik wurden
insbesondere ein Kurzbericht der behandelnden Physiotherapeutin vom 26. August
2016 (act. G 20.1), eine Überweisung der Beschwerdeführerin von Dr. H._ an Dr.
med. R._, Chefarzt Kniechirurgie, Klinik S._, vom 4. Juni 2016 (act. G 20.2), ein
Gesuch von Dr. H._ an die Sympany vom 17. Juni 2016 um Kostengutsprache für
das orthopädische Konsilium in der Schulthessklinik (act. G 20.4) sowie die Ablehnung
einer Kostengutsprache vom 5. Juli 2016 durch die Sympany beigelegt (act. G 20.3).
C.e Mit Schreiben vom 7. September 2016 erteilte die Beschwerdegegnerin nach
nochmaliger Prüfung Kostengutsprache für ein ambulantes orthopädisches Konsilium
bei Dr. R._ (act. G 23.1).
C.f Mit Duplik vom 27. September 2016 hielt die Beschwerdegegnerin an der
Beschwerdeabweisung fest (act. G 23).
C.g Mit Schreiben vom 11. Dezember 2017 ersuchte das Versicherungsgericht den
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin um Einreichung des Ergebnisses des
Konsiliums bei Dr. R._ und räumte ihm die Gelegenheit ein, zu diesem Stellung zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nehmen (act. G 25). Am 19. Dezember 2017 wurde der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin darauf hingewiesen, sich auch zur Frage der Arbeitsfähigkeit bzw.
zum Rentenanspruch nochmals äussern zu können (act. 26).
C.h Mit Schreiben vom 10. Januar 2018 reichte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin einen Operationsbericht von Dr. H._ vom 8. Dezember 2017
über eine am 7. Dezember 2017 bei der Beschwerdeführerin durchgeführte
Kreuzbandoperation mit vorderer Kreuzbandplastik all inside mit Fremdtransplantat ein
(act. G 27.1). Mit Schreiben vom 29. Januar 2018 nahm die Beschwerdegegnerin zu
den neu eingereichten Akten Stellung und hielt an den bisherigen Eingaben fest (act. G
29).

Erwägungen
1.
Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde bildet der Einspracheentscheid
vom 3. Dezember 2015 (act. 147), dem die Verfügung vom 10. März 2015 (act. 128) zu
Grunde liegt. In dieser verneinte die Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf weitere
Taggelder sowie - mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades - den
Anspruch auf Rentenleistungen ab 1. März 2015, bejahte demgegenüber weiterhin
einen Anspruch auf Heilbehandlungsleistungen und kündigte die nochmalige Prüfung
eines Anspruchs auf weitere Heilbehandlungsleistungen sowie eines solchen auf eine
Integritätsentschädigung im Herbst 2015 an. Schliesslich verneinte die
Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf Versicherungsleistungen bezüglich
psychischer Beschwerden. Die Fragen der Einstellung von Heilbehandlungsleistungen
sowie der Integritätsentschädigung bildeten mithin nicht Streitgegenstand der
Verfügung vom 10. März 2015 und sind daher auch in diesem Verfahren nicht zu
prüfen. Auf den Beschwerdeantrag, es seien weitere Physiotherapiekosten und
allfällige weitere Heilbehandlungskosten zu übernehmen, kann damit nicht eingetreten
werden.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden
daher, nachdem ein Unfallereignis aus dem Jahr 2011 zur Diskussion steht, die bis 31.
Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
3.
3.1 Ist die versicherte Person infolge des Unfalls voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art.
6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG; SR 830.1]), so hat sie Anspruch auf ein Taggeld (Art. 16 UVG). Ist die
versicherte Person infolge des Unfalls mindestens zu 10 Prozent invalid, so hat sie
Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Wenn von der Fortsetzung der
ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes der
versicherten Person mehr zu erwarten ist und damit in Bezug auf die Unfallrestfolgen
ein medizinischer Endzustand vorliegt, ist der sog. "Fallabschluss" vorzunehmen;
Heilbehandlungs- und Taggeldleistungen sind einzustellen und es ist der Anspruch der
versicherten Person auf eine Invalidenrente und Integritätsentschädigung zu prüfen
(vgl. Art. 19 Abs. 1 UVG; BGE 134 V 114 E. 4.1). Die namhafte Verbesserung bezieht
sich in erster Linie auf die Besserung der Arbeitsfähigkeit (BGE 134 V 115 E. 4.3).
Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf
oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die
zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art.
6 ATSG). Ist eine versicherte Person wieder in der Lage, in ihrer angestammten
Tätigkeit oder nach einer langen Dauer der Arbeitsunfähigkeit (mehr als sechs Monate;
vgl. UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2015, Art. 6 N 74) in
einer anderen zumutbaren Tätigkeit vollzeitlich erwerbstätig zu sein, so wird der Fall in
der Regel abzuschliessen sein, selbst wenn die Befindlichkeit der versicherten Person
durch die Fortsetzung der medizinischen Behandlung noch verbessert werden könnte
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 2. November 2009, 8C_432/2009, E. 5.1;
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ALEXANDRA RUMO-JUNGO/ANDRÉ PIERRE HOLZER, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2012, S. 101).
3.2 Die Einstellung der Taggeldleistungen bzw. der diesbezügliche Eintritt des
Zeitpunktes des Fallabschlusses muss allerdings nicht in jedem Fall mit der Einstellung
der Heilbehandlungsleistungen einhergehen. Allein mit Blick auf eine adaptierte
Tätigkeit und die diesbezügliche 100%ige Arbeitsfähigkeit mag es zwar zutreffen, dass
eine namhafte Besserung durch eine weitere Heilbehandlung ausser Betracht fällt.
Letztlich vermag jedoch die Arbeitsfähigkeit nur eine, wenn auch massgebende,
beispielhafte Bezugsgrösse darzustellen. Sie ist insbesondere von Bedeutung, wenn
und solange sie im konkreten Fall als Massstab für eine namhafte Besserung des
Gesundheitszustandes überhaupt tauglich ist. Dies ist insbesondere dort nicht der Fall,
wo ein unfallbedingter Gesundheitsschaden zu einer Funktionseinbusse führt, die für
den Beruf der versicherten Person nicht von Relevanz ist und daher von vornherein
nicht oder kaum zu einer Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit führt (vgl. dazu Urteil
des Bundesgerichts vom 10. Juli 2014, 8C_354/2014, E. 3.2 am Schluss). In diesen
Fällen ist die Frage nach der zu erwartenden namhaften Besserung des
Gesundheitszustandes umfassend, d.h. auch anhand der im Alltag zu erwartenden
Steigerung der Funktionsfähigkeit, zu beantworten.
3.3 Dr. O._ und Dr. G._ stellten sich übereinstimmend auf den Standpunkt, dass
bei Durchführung einer intensiven, aktiven und nachhaltigen Physiotherapie zur
muskulären Rekonditionierung insbesondere im Bereich der rechten unteren Extremität
mit begleitendem Koordinationstraining von einer namhaften Verbesserung des
Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin auszugehen sei (act. 122 Teil I S. 78;
act. 145). Ausserdem erachtete Dr. O._ nach entsprechender muskulärer
Rekonditionierung eine erneute Beurteilung des Integritätsschadens für indiziert (act.
122 Teil I S. 79). Dr. H._ bezeichnete die Frage des Vorliegens eines Endzustandes
bezüglich weiterer Heilbehandlungen ebenfalls als offen, auch wenn er darauf hinwies,
dass die aktive Physiotherapie bis anhin zu einer Verschlechterung geführt habe und
(nur) die Durchführung einer Osteopathie empfiehlt, von welcher er sich eine leichte
Besserung, v.a. Verbesserung der Beweglichkeit und auch Verringerung der
Schmerzen, erhoffe (act. 144, 148). Wie bereits erwähnt, stellte die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin vor diesem Hintergrund die Heilbehandlungsleistungen vorerst
noch nicht ein. Im Sinn der Erwägung 3.1 hielt Dr. O._ in ihrem Gutachten allerdings
fest, es sei hinsichtlich der empfohlenen therapeutischen Bemühungen ausdrücklich
darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin bereits aktuell aus orthopädisch-
rheumatologischer Sicht in einer optimal ihrem Leiden angepassten Tätigkeit zu 100%
arbeitsfähig sei. Die postulierte zu erreichende namhafte Verbesserung des
Gesundheitszustands beziehe sich auf eine Verbesserung der
Kniegelenksbeweglichkeit sowie der Koordination und Stabilisation im Bereich des
rechten Kniegelenks unter Durchführung der Physiotherapie und somit dem Erreichen
einer Arbeitsfähigkeit in einer dem Leiden nicht mehr optimal angepassten Tätigkeit
(act. 122 Teil I S. 78). Wie die nachfolgenden Erwägungen bezüglich eines allfälligen
Rentenanspruchs zeigen werden, ist bei der Beschwerdeführerin per 1. März 2015 von
einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit auszugehen (vgl.
Erwägung 6.3.2). Die Beschwerdegegnerin durfte insofern im vorgenannten Zeitpunkt
den Fallabschluss vornehmen und den Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine
allfällige Invalidenrente prüfen.
3.4 Laut Akten liefen bei Fallabschluss keine Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung (vgl. act. 151). Auch über allfällige spätere
Eingliederungsmassnahmen ist bis zum Erlass des angefochtenen
Einspracheentscheids vom 3. Dezember 2015, der die zeitliche Grenze der richterlichen
Überprüfungsbefugnis bildet (vgl. BGE 129 V 169 E. 1), nichts bekannt. Die
Beschwerdegegnerin musste einen allfälligen Entscheid der Invalidenversicherung über
eventuelle Eingliederungsmassnahmen nicht abwarten (vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 28. Mai 2009, 8C_306/09, E. 4.3).
4.
4.1 Angesichts der in Erwägung 3.1 angeführten gesetzlichen Bestimmungen bildet die
Unfallkausalität Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der
Unfallversicherung, also auch für eine Invalidenrente. Eine Leistungspflicht des
Unfallversicherers besteht demnach nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und
adäquat kausal mit einem versicherten Unfallereignis zusammenhängen (vgl. Art. 6
Abs. 1 UVG; BGE 129 V 181 E. 3; RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 53 ff.). Vorab ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mithin zu prüfen, welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin
als unfallkausal zu beurteilen und damit für die Festlegung eines Rentenanspruchs
relevant sind.
4.2 Der Beweis des natürlichen Kausalzusammenhangs ist in erster Linie mit den
Angaben medizinischer Fachpersonen zu führen (Urteil des Bundesgerichts vom 21.
August 2015, 8C_331/2015, E. 2.2.3.1). Die Frage nach dem adäquaten
Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den
von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu beurteilen ist (BGE 129 V 181 E. 3.1,
123 III 110, 112 V 30). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen).
4.3 In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass ein den
Beweisanforderungen grundsätzlich genügendes medizinisches Gutachten (BGE 125 V
351 f. E. 3a und b) nicht stets in Frage gestellt werden kann und kein Anlass zu
weiteren Abklärungen besteht, nur weil die behandelnden Ärzte und Ärztinnen zu einer
unterschiedlichen Beurteilung gelangen oder an vorgängig geäusserten abweichenden
Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich lediglich, wenn objektiv feststellbare
Gesichtspunkte vorgebracht werden, welche im Rahmen der Begutachtung unerkannt
geblieben waren und die geeignet sind, zu einer anderen Beurteilung zu führen (Urteil
des Bundesgerichts vom 29. Juli 2008, 9C_830/2007, E. 4.3 mit Hinweisen). Die
Beschwerdegegnerin hat sich hinsichtlich Festlegung der natürlich kausalen
Unfallrestfolgen auf die gutachterliche Konsensbeurteilung von Dr. O._, Dr. Q._
und Dr. P._ vom 27. Oktober 2014 (act. 122 Teil IV) und deren Teilgutachten vom 25.,
28. bzw. 29. Oktober 2014 (act. 122 Teil I [Versicherungsmedizinisches Gutachten], II,
III) gestützt, während sich die Beschwerdeführerin auf die Ausführungen von Dr. H._
beruft. Bezüglich des interdisziplinären Gutachtens ist vorweg zu nehmen, dass das
versicherungsmedizinische Gutachten von Dr. O._ eine detaillierte und vollständige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und das neurologische sowie psychiatrische Teilgutachten von Dr. Q._ bzw. Dr.
P._ eine fachspezifische Wiedergabe der massgebenden Vorakten enthält und deren
jeweilige Beurteilungen gestützt auf eigene Untersuchungen ergangen sind. Die
medizinische Situation wird in umfassenden und ausführlichen Darlegungen beurteilt,
d.h. die gutachterlichen Schlussfolgerungen bezüglich der im konkreten Fall
massgebenden medizinischen Fragen sind sorgfältig begründet. Es wurden
insbesondere die Ansichten von Dr. H._ verwertet und diskutiert. Die von der
Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden wurden berücksichtigt und gewürdigt.
Insofern genügt das Gutachten den Anforderungen der Rechtsprechung (BGE 125 V
351 f. E. 3a und b) und es kann grundsätzlich auf die darin gemachten Feststellungen
abgestellt werden. Nachfolgend gilt es mithin zu prüfen, ob objektiv feststellbare
Gesichtspunkte vorliegen, welche geeignet sind, zu einer anderen Beurteilung zu
führen.
5.
5.1 Anlässlich des Unfallereignisses vom 12. Juli 2011 erlitt die Beschwerdeführerin
unbestrittenermassen strukturelle Verletzungen im Bereich des rechten Knies in Form
einer Ruptur des VKB und eines begleitenden Korbhenkelrisses des Innenmeniskus
(act. 11, 13), worauf bei ihr zunächst im Kantonsspital Chur am 21. Oktober 2011
arthroskopisch eine Refixation des medialen Meniskus mit Meniskusnaht
vorgenommen wurde (act. 13 f.). Am 18. Januar 2012 folgte - ebenfalls im
Kantonsspital Chur - eine arthroskopisch assistierte VKB-Plastik mittels ipsilateraler
Semitendinosussehne (act. 18 f.). Im Verlauf beschrieb die Beschwerdeführerin
wiederholt störende Instabilitäten bzw. Giving-way-Zeichen (act. 23 f., 27). Eine MRI-
Untersuchung in der Radiologie C._ vom 13. April 2012 brachte eine fortbestehende
Rissbildung des medialen Meniskus sowie einen Zustand nach VKB-Plastik mit
allenfalls angedeuteter Elongation der Bandstrukturen zum Vorschein (act. 28 f.). Am
20. April 2012 führte Dr. E._ bei der Beschwerdeführerin arthroskopisch eine
Teilmeniskektomie medial und lateral am rechten Kniegelenk durch. Das VKB
präsentierte sich ihm völlig stabil geführt, weshalb er einen erneuten VKB-Ersatz nicht
als indiziert erachtete (act. 32 f., 39). Bei der Beschwerdeführerin zeigten sich weiterhin
rezidivierende Instabilitäten im rechten Knie. Dieses knicke dauernd weg (act. 43 f., 48).
Anlässlich einer erneuten MRI-Untersuchung vom 14. Juni 2012 in der Radiologie C._
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wurden eine komplexe Läsion am residuellen Hinterhorn des medialen Meniskus sowie
ein kleiner vertikaler Einriss am Übergang vom Hinterhorn zur Pars intermedia lateral
festgestellt (act. 46). Dr. I._ erhob anlässlich einer klinischen Untersuchung der
Beschwerdeführerin vom 2. August 2012 eine vordere Instabilität mit einer deutlich
vermehrten sagittalen Translation im Vergleich zur Gegenseite, welche die subjektiv
störende Instabilitätssymptomatik erkläre. Es bestehe zudem auch ein eindrückliches
Pivot Shift-Zeichen (act. 51). Auch Dr. H._ stellte in einem ärztlichen
Zwischenzeugnis sowie einem Bericht an die Beschwerdegegnerin vom 12. bzw. 16.
August 2012 bei den Befunden eines Lachmanns rechts 2+ (Rolimeter 8 mm) sowie
eines positiven Pivotshiftings die Diagnose einer symptho¬matischen vorderen
Knieinstabilität rechts (act. 44, 48). Am 22. August 2012 entfernte Dr. H._ bei der
Beschwerdeführerin arthroskopisch die Sturzinterenzschraube und das laxe VKB. Der
Bohrkanal femoral und tibial wurde mit Spongiosa gefüllt (act. 52 f.). Eine weitere MRI-
Untersuchung vom 6. November 2012 bestätigte die am 14. Juni 2012 erhobenen
Meniskusläsionen. Anhaltspunkte für degenerative Veränderungen konnten keine
gefunden werden (act. 63). Die Beschwerdeführerin benutzte zur Stabilisierung des
rechten Knies eine Knieorthese (act. 74). Sowohl Dr. H._ als auch Dr. L._ hielten in
ihren Berichten vom 26. August 2012 sowie vom 3. und 10. Januar 2013 bezüglich der
Muskulatur des rechten Beins der Beschwerdeführerin eine Atrophie fest (act. 53, 69 f.).
Auch Dr. O._ stellte laut ihrem versicherungsmedizinischen Gutachten vom 25.
Oktober 2014 bei der seitengleichen Umfangmessung beider unteren Extremitäten eine
deutliche Seitendifferenz zu Ungunsten von rechts fest, welche sie als reine
Inaktivitätsatrophie beurteilte, welche wiederholt seit dem Jahr 2012 beschrieben
werde ("muskuläre und koordinative Insuffizienz"). So habe insbesondere auch Dr.
H._ darauf hingewiesen, dass er zum damaligen Zeitpunkt klinisch ein "suffizient
stabiles" VKB habe objektivieren können und von einem erneuten Kreuzbandersatz
abgeraten habe. Er habe ausdrücklich betont, das Hauptproblem liege seiner Ansicht
nach in einer mangelnden muskulären Kraft und Koordination. Im Rahmen der aktuellen
Begutachtung habe die Beschwerdeführerin angegeben, sie habe "absolut keinen
Halt", wenn sie die Kniegelenksorthese ablege, "dann schiftet das Bein weg". Dies sei
insofern objektiv nachvollziehbar, als das VKB am 22. August 2012 entfernt worden sei.
Somit fehle ein wesentlicher Stabilisator gegen eine anteriore Translation und
Innenrotation der Tibia gegenüber des Femurs und auch die Roll-Gleit-Bewegung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kniegelenks sei negativ beeinflusst. Es sei also bei der Beschwerdeführerin nicht nur
der Bandapparat des Kniegelenks mit nachfolgender Instabilität geschwächt, sondern
es bestünden auch erhebliche Defizite in der muskulären Führung, sodass gesamthaft
das von der Beschwerdeführerin angegebene Giving-way-Phänomen (Weggleiten bzw.
Wegknicken des Kniegelenks schon bei geringfügiger, normaler Belastung)
nachvollziehbar sei. Um dies zu vermeiden, trage die Beschwerdeführerin - gemäss
eigenen Angaben konsequent - eine Kniegelenksorthese (act. 122 S. 59 f.).
Nachvollziehbar und mit den weiteren ärztlichen Beurteilungen übereinstimmend
resultierte daraus für Dr. O._ als konkrete Unfallrestfolge eine eingeschränkte
Belastbarkeit des rechten Kniegelenks (act. 122 S. 66), was auch von der
Beschwerdegegnerin anerkannt wird.
5.2 An dieser Stelle ist anzufügen, dass bei der Beschwerdegegnerin entsprechend
den Ausführungen in Erwägung 5.1, d.h. bei der Diagnose einer ausgeprägten
Instabilität des VKB am rechten Knie, am 7. Dezember 2017 durch Dr. H._ eine
vordere Kreuzbandplastik mit Fremdtransplantat durchgeführt worden ist (act. G 27.1).
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin schildert in seinem Schreiben vom 10.
Januar 2018 bereits eine dadurch erzielte Beweglichkeitsverbesserung des Knies und
die Fähigkeit, ohne Stöcke gehen zu können. Es könne jedoch auch noch abgewartet
werden, ob sich die Situation in den nächsten drei Monaten weiter verbessere (act. G
27). Wie bereits erwähnt bildet der angefochtene Einspracheentscheid vom 3.
Dezember 2015 die zeitliche Grenze der richterlichen Überprüfungsbefugnis (vgl. BGE
129 V 169 E. 1). Vor dem Hintergrund der durchgeführten Operation und der
offensichtlichen Erwartung einer dadurch zu erzielenden Beschwerdeverbesserung
würden sich jedoch bei Berücksichtigung des nachträglich eingereichten
Operationsberichts ohnehin hinsichtlich der Kausalitätsfrage im Vergleich zur
Beurteilung in Erwägung 5.1 höchstens eine Beurteilung zulasten der
Beschwerdeführerin und - wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen - bezüglich eines
Rentenanspruchs kein anderes Resultat ergeben.
5.3
5.3.1 Laut medizinischen Akten liegt bei der Beschwerdeführerin ausserdem eine
neuropathische Schmerzproblematik mit Bewegungseinschränkung vor, welche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erstmals von Dr. H._ in einem ärztlichen Zwischenbericht an die
Beschwerdegegnerin vom 21. Dezember 2012 diagnostiziert wurde (act. 68). Laut
Überweisungsbericht von Dr. H._ an Dr. L._ vom 3. Januar 2013 stürzte die
Beschwerdeführerin im Oktober 2012 in der Schiene, wobei sie ein
Hyperflexionstrauma mit massivsten einschiessenden und elektrisierenden Schmerzen
bis in den Kopf erlitten habe. Seither bestehe eine Verschlimmerung des Zustandes mit
zunehmenden Schmerzen und einer sich verschlechternden Beweglichkeit des rechten
Knies. Dr. H._ hielt als Befunde ein sehr empfindliches Knie rechts, empfindliche,
praktisch unberührbare Narben sowie eine Beweglichkeit am 20. Dezember 2012 mit
einer Flexion/Extension von 55/0/0° und eine Hypersensibilität im lateralen
Kniegelenksbereich fest (act. 69). Anlässlich der rheumatologischen Untersuchung
durch Dr. L._ vom 8. Januar 2013 demonstrierte die Beschwerdeführerin eine massiv
eingeschränkte Beweglichkeit des rechten Kniegelenks mit einer Flexion/Extension von
40/0/0°. Auch Dr. L._ stellte im Untersuchungsbericht vom 10. Januar 2013 eine
Hyperästhesie im gesamten Kniebereich, v.a. über der Narbe fest (act. 70). Laut
Austrittsberichten der Klinik Valens sowie der Ärzte der Interdisziplinären medizinischen
Dienste und des Palliativzentrums des Spitals M._ vom 28. März bzw. 19. November
2013 litt die Beschwerdeführerin sodann infolge der Schmerzen und Allodynie im
rechten Knie unter einer Ein- und Durchschlafproblematik (act. 81, 102, vgl. auch act.
109). Dr. H._ beschrieb ausserdem in seinem Bericht an die Beschwerdegegnerin
vom 3. März 2014, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der Schmerzen unter
Konzentrationsstörungen, einer raschen Ermüdbarkeit und Reizbarkeit leide (act. 109).
5.3.2 Schmerzen sind primär ein subjektives Phänomen. In Anbetracht der sich
diesbezüglich naturgemäss ergebenden Beweisschwierigkeiten genügen die
subjektiven Schmerzangaben der versicherten Person für die Annahme struktureller
Unfallrestfolgen nicht; vielmehr wird im Rahmen der sozialversicherungsrechtlichen
Leistungsprüfung verlangt, dass die Schmerzangaben durch damit korrelierende,
fachärztlich schlüssig feststellbare Befunde hinreichend mit einer objektiv
nachweisbaren Organpathologie erklärbar bzw. objektivierbar sind (vgl. Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilung des Bundesgerichts] vom 2. Dezember 2001, I 53/02, E. 2.2, mit Hinweis auf
Urteil des EVG vom 9. Oktober 2001, I 383/00, E. 2b). Die Gutachter äussern sich im
versicherungsmedizinischen Gutachten bzw. den Teilgutachten ausführlich und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
umfassend zur Frage, inwiefern hinsichtlich der neuropathischen Komponente bzw. der
Schmerzproblematik und den damit zusammenhängenden Beschwerden - der
Beweglichkeitseinschränkung sowie den Schlaf- und Konzentrationsstörungen - von
objektivierbaren, überwiegend wahrscheinlich natürlich kausalen Unfallrestfolgen
ausgegangen werden könne.
5.3.3 Neben dem Regelfall einer strukturellen Läsion bzw. schlecht verheilten
strukturellen Läsion als objektivierbares Korrelat, gibt es darüber hinaus auch
anerkannte unfallkausale Schmerzsyndrome, wie das Complex Regional Pain
Syndrome (komplexes regionales Schmerzsyndrom; abgekürzt CRPS; auch Morbus
Sudeck genannt), die auftreten, obwohl die Verheilung einer strukturellen Läsion
grundsätzlich günstig verlaufen ist (vgl. dazu ALFRED M. DEBRUNNER, Orthopädie,
Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl. Bern 2005, S. 695 ff.). Die Diagnose eines CRPS
erfolgt anhand der Budapest-Kriterien, welche aus einer Konsensuskonferenz im Jahr
2006 resultieren (vgl. https://sbg.crps-netzwerk.org/cms/wp-content/uploads/2016/01/
budapest-kriterien-neu.pdf., abgerufen am 12. Januar 2018). Typischerweise treten die
Beschwerden innerhalb kurzer Zeit nach einem auslösenden Ereignis - nach der
Rechtsprechung wird für eine Leistungspflicht des Unfallversicherers eine Latenzzeit
von sechs bis acht Wochen vorausgesetzt - auf vgl.<http://
rheumatologie.universimed.com/artikel/komplexes-regionales-
schmerzsyn-drom-typ-1-crps-1>, abgerufen am 12. Januar 2018; Urteil des EVG vom
6. September 2006, U 23/06, E. 2.3 mit Hinweis). Angesichts des vorliegend
dysproportional starken und langanhaltenden regionalen Schmerzes im Vergleich zum
auslösenden Ereignis zog Dr. O._ im versicherungsmedizinischen Gutachten vom 25.
Oktober 2014 nachvollziehbar ein CRPS differentialdiagnostisch in Erwägung (act. 122
Teil I S. 57). Sie wies zunächst auf ein Telefongespräch vom 6. November 2012 hin,
worin die Beschwerdeführerin der Beschwerdegegnerin erzählt hatte, es bestehe der
Verdacht auf einen Morbus Sudeck (act. 58). Allerdings hatte sie bei einem nächsten
Telefongespräch vom 30. November 2012 erklärt, ein Morbus Sudeck habe nicht
bestätigt werden können. Den vorliegenden medizinischen Akten entnimmt Dr. O._
zutreffend, dass Dr. N._ in einem Bericht an die Beschwerdegegnerin vom 15. Januar
2014 die Diagnose eines "komplexen chronischen Schmerzsyndroms im Bereich des
Knies" gestellt hatte, dies mit der Bitte um Kostengutsprache für eine Hypnosetherapie
vom 24. Februar 2014 (act. 111). Ein komplexes regionales Schmerzsyndrom werde
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
jedoch auch von ihr nicht postuliert. Dr. O._ erhob im Rahmen ihrer Begutachtung
seitengleich normale Verhältnisse bezüglich Hautkolorit, Behaarungsmuster,
Schweisssekretion und Temperatur. Ebenso wenig nachweisbar waren trophische
Störungen oder eine auffällige Schwellung bzw. ein Ödem (act. 122 Teil I S. 46 f.). Vor
diesem Hintergrund kam Dr. O._ zum überzeugenden Schluss, dass sich weder
retrospektiv (basierend auf der Aktenlage) noch im Rahmen der aktuellen
Begutachtung ein CRPS bei der Beschwerdeführerin objektivieren lasse. Die
Beschwerdeführerin beklagte zwar an sich typisch für ein CRPS stärkste Schmerzen
bei Berührung im Rahmen der Sensibilitätsprüfung mit einem Pinsel. Hierbei handelt es
sich indessen ausgerechnet um denjenigen Befund, der - anders als die vorgenannten,
unauffälligen Befunde - subjektiv beeinflussbar ist. Damit übereinstimmend hatte auch
Dr. K._ in einem Bericht vom 1. Juli 2013 nur die - nicht objektiv nachweisbaren -
subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin eines starken Dauerbrennens im Knie-
und Unterschenkelbereich rechts, die Entwicklung einer ausgeprägten Allodynie sowie
ein permanentes Kältegefühl festzuhalten vermocht. Eine Schwellung oder
Farbveränderung hatte er ausserdem nicht feststellen können (act. 95).
5.3.4 Angesichts der neuropathischen Schmerzsymptomatik umfasste die
interdisziplinäre Begutachtung sodann die am 18. August 2014 durch Dr. Q._
durchgeführte neurologische Teilbegutachtung betreffend das Vorliegen eines
objektivierbaren neurologischen Defizits. Die dabei durchgeführte Elektromyographie-
(EMG)-Untersuchung ergab keine Hinweise für eine neurogene oder myopathische
Ursache der von Dr. Q._ letztlich als Inaktivitätshypotrophie beurteilten
Verschmächtigung des Muskelreliefs am rechten Bein. Dr. Q._ stellte ausserdem fest,
dass sich die Überempfindlichkeit der Knieregion im weiteren Verlauf semizirkulär auf
den rechten Unterschenkel ausgedehnt habe; die angegebene, an eine
Berührungsallodynie erinnernde Symptomatik jedoch bei der aktuellen neurologischen
Untersuchung nicht habe objektiviert werden können. Die angezeigte Region folge
weder einem peripheren Nervenversorgungsgebiet oder Dermatom noch einem
zentralen Muster. Gegen ein neurologisches Defizit sprechend, beobachtete Dr. Q._
schliesslich ein Gangbild mit ausgeprägter Zirkumduktion, welches bei Inkonstanz und
fehlenden klinischen Befunden einer zentralen oder peripher neurogenen Störung als
ausgesprochen demonstrativ auf ihn gewirkt habe. Im Ergebnis seiner neurologischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtung stellte Dr. Q._ mithin nachvollziehbar fest, dass kein unfallkausaler
neurologischer Gesundheitsschaden objektivierbar sei (act. 122 Teil II S. 15).
5.3.5 Für Dr. O._ und Dr. Q._ sprachen sodann bestimmte Beobachtungen in
der Untersuchung sowie andere Hinweise - ohne Verbindung zu einer konkreten
Pathologie - gegen eine objektivierbare massive Schmerzproblematik, hingegen laut
Dr. O._ für das Imponieren einer erheblichen Selbstlimitation und Inkonsistenz (act.
122 Teil I S. 44, 47, 54; act. 122 Teil II S. 15). So waren die Gutachter darüber
verwundert, dass sich die Beschwerdeführerin trotz der beklagten massiven
Überempfindlichkeit das betroffene Bein vollständig und sorgfältig rasiert hatte,
andererseits jedoch ein grotesk anmutendes Schmerzgebaren bei der oberflächlichen
Hautberührung mit einem Pinsel demonstriert und im Widerspruch zu ihren eigenen
Angaben - sie ertrage inzwischen weder enge Hosenbeine noch eine Bettdecke; jede
Berührung schmerze (vgl. act. 109) - eng anliegende Jeans getragen habe (act. 122 Teil
I S. 54, act. 122 Teil II S. 15). Dr. O._ schloss daraus auf das Fehlen eines erhöhten
Leidensdrucks, wie er durch eine hochgradige Schmerzintensität (subjektiv bis zu VAS
8/10, vgl. act. 122 Teil I S. 39, act. 70, act. 102 S. 5) objektiv zu erwarten wäre (act. 122
Teil I S. 54). Dasselbe folgerten die Gutachter aus dem Fehlen einer
schmerzmodulierenden Medikation (dies auch im Sinne einer Bedarfsmedikation) bzw.
einer suffizienten neuropathischen Schmerzmedikation (act. 122 Teil I S. 56 f., act. 122
Teil II S. 15). Zwar gebe die Beschwerdeführerin konform zu den vorliegenden Akten
und zur wiederholten Dokumentation der behandelnden Ärzten an, keine der bisher
durchgeführten medikamentösen Therapiemassnahmen hätten zu einer anhaltenden
Besserung der geklagten Beschwerden geführt (vgl. dazu act. 70 S. 4, act. 84, act. 102
S. 5, act. 122 Teil III S. 17). Dabei stützten sich die behandelnden Ärzte jedoch
offensichtlich auf die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin. Dr. O._ stellte
fest, dass Bestimmungen der Medikamentenspiegel und somit eine Objektivierung, ob
die Beschwerdeführerin die schmerzmodulierende Medikation tatsächlich und
insbesondere auch in den verordneten Dosierungen eingenommen habe, nicht erfolgt
seien (act. 122 Teil I S. 57). Zweifel am Ausmass der subjektiv geklagten Beschwerden
hegte Dr. O._ zudem aufgrund des Fehlens angemessener Therapiemassnahmen
und von Eigenaktivität zur Schmerzlinderung. Im Rahmen der Begutachtung
beobachtete sie ausserdem, dass die Beschwerdeführerin unter Angabe einer
Schmerzintensität von VAS 5.5/10 während insgesamt zwei Stunden und 30 Minuten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
andauernder Anamneseerhebung entspannt auf einem Stuhl gesessen, sehr oft
gelächelt und vereinzelt sogar gelacht habe. Deutlich erkennbare Anzeichen von
deutlichen Schmerzen hätten nicht objektiviert werden können. So sei insbesondere
auch keine Bewegungsunruhe zu erkennen gewesen. Auch die von der
Beschwerdeführerin angegebenen Schlafstörungen, welche mindestens seit dem
Aufenthalt in der Klinik Valens im Februar/März 2013 dokumentiert seien (jedoch rein
basierend auf den subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin und ohne
Durchführung schlafmedizinischer Untersuchungen) könnten objektiv nicht
nachvollzogen werden. So seien bei ihr während der Begutachtung keinerlei Anzeichen
einer vermehrten Müdigkeit (wie mangelnde Konzentration, Nervosität, Gähnen,
erhöhte Tagesschläfrigkeit/Sekundenschlaft etc.) zu objektivieren gewesen (act. 122
Teil I S. 54 f.).
5.3.6 Die von Dr. H._ zu den Feststellungen von Dr. O._ und Dr. Q._ in seiner
Stellungnahme vom 28. Dezember 2015 angeführten Erklärungen vermögen die
ausgeprägte Berührungsempfindlichkeit und die Schmerzen nicht zu objektvieren und
damit die Beweiskraft der gutachterlichen Ausführungen nicht zu erschüttern. Laut Dr.
H._ hat die Beschwerdeführerin die Enthaarung ihm gegenüber damit erklärt, dass
sie wegen der Schmerzen mindestens 30, anstatt 10 Minuten wie auf der anderen Seite
benötige. Wegen der chronischen Schmerzen müsse sie ja nicht auch ihre weibliche
Würde hergeben. Die engen Jeans habe die Beschwerdeführerin damit begründet,
dass die Orthese direkt auf der Haut getragen werde. Sie benötige ein Mehrvolumen,
wodurch die Jeans spannen würden. Würde sie keine Orthese tragen, wären die Jeans
nicht eng anliegend und würden somit auch keine Schmerzen verursachen. Sie sei
jedoch auf die Orthese angewiesen und müsse daher die Schmerzen tolerieren.
Bezüglich Medikation hielt Dr. H._ fest, dass die herkömmlichen starken
Medikamente nicht oder sehr schlecht wirken würden. Die Beschwerdeführerin
verspüre von diesen Medikamenten nur die Nebenwirkungen. Deswegen seien zur
analgetischen Therapie durch die Schmerztherapeuten und Anästhesisten in den
Spitälern F._ und T._ interventionelle Methoden durchgeführt worden, welche aber
auch nicht geholfen hätten. Neuropathische Schmerzen seien extrem schwierig zu
behandelnde chronische Schmerzen. Hinsichtlich des von Dr. O._ anlässlich der
Begutachtung festgestellten Verhaltens, habe die Beschwerdeführerin Dr. H._
erklärt, sie habe sich in den zweieinhalb Stunden maximal konzentrieren müssen, habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich sehr zusammengenommen und habe alles richtig machen wollen. Sie sei danach
total müde und ausgelaugt gewesen (act. G 1; vgl. dazu auch act. 122 Teil III S. 17). Dr.
H._ zeigt zwar hinsichtlich der in Erwägung 5.3.5 dargelegten Feststellungen von Dr.
O._ und Dr. Q._ Erklärungen für eine gegenteilige Interpretation auf. Doch basieren
letztlich auch diese nur auf subjektiven Klagen und Angaben der Beschwerdeführerin,
welche Dr. H._ - wie von der Beschwerdegegnerin im Einspracheentscheid vom 3.
Dezember 2015 zutreffend festgestellt - nicht mit objektiven Befunden zu belegen
vermag.
5.3.7 Dr. O._ begründet sodann ausführlich und schlüssig, weshalb sie die von ihr
erhobene hochgradige Funktionseinschränkung des rechten Kniegelenks mit aktiv als
maximal möglich demonstrierter Extension/Flexion auf 10/0/30° objektiv als nicht
nachvollziehbar erachtet (act. 122 Teil I S. 60 ff.). Die Beschwerdeführerin gebe an,
dass es nach der Operation vom 22. August 2012 kontinuierlich zu einer deutlichen
Besserung der Beweglichkeit bei gleichzeitiger Beschwerderegredienz gekommen sei.
Dies jedoch nur bis zum angeblichen Ereignis vom Oktober 2012. Gemäss Aktenlage
habe die Beschwerdeführerin am 9. April 2012 das rechte Kniegelenk noch auf
0/3/125° strecken bzw. beugen können (act. 27) und im Austrittsbericht des Spitals
F._ vom 26. August 2012 (act. 53) werde darauf hingewiesen, dass der
Bewegungsumfang bei der passiven Funktionsprüfung in Flexion nur geringgradig
eingeschränkt gewesen sei bei "gut möglicher" Extension. Es verwundere, dass sich
die Beschwerdeführerin trotz des angeblich eindrücklichen Ereignisses - ursprünglich
ein Sturzereignis, anlässlich der Begutachtung ein Hängenbleiben mit der rechten
Fussspitze an einem Pflasterstein - zeitnah offensichtlich in keine ärztliche Behandlung
begeben habe. So fänden sich keine ereignisnahen ärztlichen Dokumentationen. Auch
sei sie nicht in der Lage, das Datum des Ereignisses zu benennen. Dies obwohl sie
hinsichtlich sonstiger Vorkommnisse nicht nur das Datum, sondern auch die Uhrzeit
angeben könne. Insbesondere auch Dr. H._ habe in seinem Schreiben vom 14.
November 2012 (vgl. act. 59) kein allfälliges traumatisches Ereignis vom Oktober 2012
erwähnt und beschreibe klinisch die deutliche Quadrizepsatrophie rechts sowie eine
aktive Beugefähigkeit des rechten Kniegelenks auf 85° bei "guter Streckung“. Auch
anlässlich des Telefongesprächs mit der Beschwerdegegnerin vom 6. November 2012
habe die Beschwerdeführerin kein solches erwähnt (act. 58); ebensowenig sei in der
Indikation für die MRI-Untersuchung des rechten Kniegelenks vom 6. November 2012
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ein Ereignis vom Oktober 2012 aufgeführt (vgl. act. 63). Erstmals am 3. Januar 2013
und somit mehrere Wochen später weise Dr. H._ auf eine "erneute Distorsion in 2012
mit Hyperflexionstrauma und starken bis in den Kopf einschiessenden elektrisierenden
Schmerzen" hin, wobei er - widersprüchlich zu den aktuellen Angaben der
Beschwerdeführerin - einen Sturz postuliere. Die Kniegelenksbeweglichkeit sei nun für
Extension/Flexion mit 0/0/55° angegeben worden, wobei unklar sei, ob es sich hierbei
um aktive oder passive Bewegungsausmasse handle (vgl. act. 69). Den Ausführungen
von Dr. O._ ist hinzuzufügen, dass Dr. H._ auch im gleichentags zuhanden der
Beschwerdegegnerin ausgestellten ärztlichen Zwischenzeugnis vom 14. November
2012 (act. 60), welches offensichtlich auf den Befunden einer aktuellen Untersuchung
bzw. Behandlung der Beschwerdeführerin beruhten, kein traumatisches Ereignis
vermerkt hat.
5.3.8 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Dr. O._ und Dr. Q._ gestützt auf
eigene Untersuchungen und eine umfassende Aktenkenntnis einleuchtend und
überzeugend darlegen, weshalb die von der Beschwerdeführerin subjektiv geklagte
Schmerzproblematik mit begleitender Bewegungseinschränkung sowie dadurch
verursachten Schlaf- und Konzentrationsstörungen nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit als objektivierte somatische Unfallrestfolgen
betrachtet werden können. Es liegen keine objektiven Gesichtspunkte vor, die ihre
Überlegungen unvollständig erscheinen liessen. Dass die von Dr. H._ vorgebrachten
Erklärungen die Beurteilung der Gutachter nicht in Frage zu stellen vermögen, wurde in
den Erwägungen 5.3.6 und 5.3.7 dargelegt. Schliesslich enthalten auch die übrigen
medizinischen Akten keine Hinweise für eine unfallkausale, schmerzverursachende
Gesundheitsstörung, welche eine von den subjektiven Leidensangaben unabhängige
objektive Befunderhebung erkennbar machen würden. Die im Zusammenhang mit der
Schmerzproblematik von den Ärzten gestellten Diagnosen - Hypersensibilität (act. 81);
neuropathischer Schmerz nach multiplen Traumata sowie mehreren Knieoperationen
(act. 87, 89); chronisch neuropathische Schmerzen Knie und Unterschenkel rechts bei
verschiedenen Statusdiagnosen (act. 95); chronifiziertes Schmerzsyndrom Knie rechts,
Chronifizierungsstadium II nach Gerbershagen mit/bei/nach gemischt nozizeptiv/
neuropathischer Schmerzstörung mit Allodynie im rechten Knie, Schmerzen im Knie
rechts sowie im ventralen rechten Unterschenkel und im linken Knie sowie
verschiedenen operativen Eingriffen (act. 102, 109 ff.) - vermögen das Fehlen des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nachweises einer objektivierbaren Unfallrestfolge nicht zu ersetzen. Die genannten
Diagnosen definieren einzig ein körperliches Befinden, welches zusätzlich
objektivierbarer Untersuchungsergebnisse bedürfte, damit von einer überwiegend
wahrscheinlichen somatischen Unfallrestfolge ausgegangen werden könnte. Mangels
solcher basieren die Diagnosen jedoch nur auf den für einen überwiegend
wahrscheinlichen Beweis ungenügenden subjektiven Beschwerden der
Beschwerdeführerin. Mit dem Begriff "neuropathisch" wird nichts anderes erklärt, als
dass die Beschwerden Nervenschmerzen entsprechen. Die Chronifizierungsstadien
nach Gerbershagen umschreiben einzig den zeitlichen Schmerzverlauf sowie die
räumliche Schmerzlokalisation, belegen indessen keine konkreten somatischen
Befunde. Syndromdiagnosen bzw. die Entwicklung eines chronischen
Schmerzsyndroms sind vielschichtig. Bei einem Syndrom handelt es sich laut ROCHE
LEXIKON (Medizin, 5. Aufl. München 2003, S. 1791) um ein sich stets mit etwa den
gleichen Krankheitszeichen, d.h. einer Symptomatik mit weitgehend identischem
"Symptommuster" manifestierendes Krankheitsbild mit unbekannter, vieldeutiger,
durch vielfältige Ursachen bedingter oder nur teilweise bekannter Ätiogenese. Zur
fraglichen Diagnose führt mithin eher das vom jeweiligen Patienten subjektiv
angegebene "Symptommuster" als ein objektiv erhobener bzw. traumatisch bedingter
organischer Befund. Der Zusatz "chronisch" festigt die Unklarheit der Ätiologie bzw.
untermauert die Bedeutung einer Syndromdiagnose. Im Verlauf einer Chronifizierung
wird das Verhältnis zwischen organischem Gesundheitszustand und erlebter
Behinderung immer ungewisser. Andere Faktoren, wie zum Beispiel das Individuum
selber mit seiner Psyche, die Arbeitsumstände, das soziale Umfeld, das medizinische
und legale System sowie ökonomische Umstände spielen eine massgebende Rolle
(vgl. BÄR/KIENER, Medizinische Mitteilungen der Suva Nr. 67 vom Dezember 1994, S.
45 ff.). Eine Statusdiagnose sagt schliesslich lediglich aus, welcher Umstand bzw.
welche Erkrankung dem aktuellen Zustand vorausgegangen ist. Zusammenfassend ist
mithin festzuhalten, dass die Schmerzproblematik der Beschwerdeführerin inklusive
ihrer Begleiterscheinungen (Bewegungseinschränkung, Schlafstörungen,
Konzentrationsstörungen) nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit als somatische Unfallfolge der ursprünglichen Knieverletzung rechts
betrachtet werden kann.
5.4
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 25/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.4.1 Bei der Festlegung des Rentenanspruchs ebenfalls nicht zu berücksichtigen
ist eine psychische Gesundheitsschädigung der Beschwerdeführerin.
5.4.2 Wie bereits erwähnt, umfasste die von der Beschwerdegegnerin in Auftrag
gegebene interdisziplinäre Begutachtung auch die durch Dr. P._ am 14. August 2014
vorgenommene psychiatrische Teilbegutachtung (act. 122 Teil III). Weitere fachärztlich
psychiatrisch-psychotherapeutische Berichte liegen keine in den Akten. Mit den von
Dr. P._ persönlich erhobenen klinischen Untersuchungsergebnissen mit
Anamneseerhebung, Symptomerfassung und Verhaltensbeobachtung liegt jedoch eine
beweiskräftige Beurteilung vor (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 16. Oktober 2013,
9C_344/2013, E. 3.1.5 mit Hinweisen). Dr. P._ vermochte anhand der feststellbaren
psychopathologischen Befunde, der Angaben der Beschwerdeführerin zum Tages- und
Wochenablauf resp. ihren Aktivitäten und ihrer Beschwerdeschilderung keine
depressive Episode (ICD 10: F 32, resp. F 33) festzustellen. Unter Berücksichtigung der
vorhandenen Akten wie auch der Ergebnisse der Begutachtungen von Dr. O._ und
Dr. Q._ erachtete er jedoch die Diagnose einer chronischen Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren (ICD 10: F 45.41) als erfüllt, zumal die
diagnostischen Kriterien für die Feststellung dieser Störung vergleichsweise weit
gefasst seien. Dr. P._ zeigte nachvollziehbar und schlüssig auf, inwiefern die Kriterien
hinsichtlich der konkreten Umstände der Beschwerdeführerin basierend auf den
vorliegenden Akten und seinen persönlichen Untersuchungsergebnissen erfüllt seien
(act. 122 Teil III S. 18 ff.). Das Teilgutachten von Dr. P._ beinhaltet sodann
Ergänzungen in differential-diagnostischer Hinsicht. Insbesondere in Anbetracht der
von Dr. O._ und Dr. Q._ mehrfach festgestellten Auffälligkeiten respektive der
Unerklärbarkeit der von der Beschwerdeführerin u.a. beklagten neuropathischen
Beschwerden (vgl. Erwägungen 5.3.4 und 5.3.5) könnte laut ihm das von der
Beschwerdeführerin präsentierte Bild auch als sogenannte Entwicklung körperlicher
Symptome aus psychischen Gründen (ICD 10: F 68.0) verstanden werden (act. 122 Teil
III S. 22). So werde diese Störung wie folgt definiert: "Körperliche Symptome, vereinbar
mit und ursprünglich verursacht durch eine belegbare körperliche Störung, Krankheit
oder Behinderung werden wegen des psychischen Zustandes der betroffenen Person
aggraviert oder halten länger an. Der betroffene Patient ist meist durch Schmerzen
oder die Behinderung beeinträchtigt; er wird beherrscht von mitunter berechtigten
Sorgen über längerdauernde oder zunehmende Behinderung oder Schmerzen."
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 26/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.4.3 Abgesehen davon, dass Dr. P._ durch die Störungen ICD 10: F 45.41 resp.
differentialdiagnostisch ICD 10: F 68.0 keine Arbeitsunfähigkeit als gegeben annimmt,
verneint er einen überwiegend wahrscheinlich natürlichen Kausalzusammenhang
zwischen den psychischen Störungen und dem Unfall vom 12. Juli 2011. Ein
natürlicher Kausalzusammenhang sei lediglich möglich. Der Krankheitsverlauf der
Beschwerdeführerin sei, soweit aus versicherungs-psychiatrischer Sicht unter
Berücksichtigung der Aktenlage wie auch der Begutachtungsergebnisse von Dr. O._
und Dr. Q._ einschätzbar, vergleichsweise ungewöhnlich (act. 122 Teil III S. 23 f., S.
28). Die weiteren Darlegungen von Dr. P._ bezüglich der Gewichtung unfallfremder
Faktoren am psychischen Beschwerdebild vervollständigen bzw. untermauern seine
Schlussfolgerung. Das psychische Beschwerdebild der Beschwerdeführerin resp. die
gestellten psychischen Störungen (ICD 10: F 45.41, resp. F 68.0) seien ein
Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren, wobei überwiegend wahrscheinlich auch
psychosoziale Faktoren ihren Teil zur Entstehung beigetragen haben dürften. Eine
eindeutige Gewichtung der unfallfremden Faktoren am heutigen psychischen
Beschwerdebild könne nicht vorgenommen werden. Es falle jedoch auf, dass die
Beschwerdeführerin nach dem Unfall vom 12. Juli 2011 in ihrem Privatleben trotz der
bestehenden Beschwerden diverse zukunftsweisende Entscheidungen habe treffen
können wie Heirat, Mutterschaft etc. Bei der Beschwerdeführerin könne
möglicherweise eine "Symptomausweitung" angenommen werden, wofür die von Dr.
O._ festgestellten Auffälligkeiten und Diskrepanzen (vgl. dazu Erwägung 5.3.5; act.
122 Teil III S. 21 f.) sprechen würden. Ergänzend zu den schlüssigen Darlegungen von
Dr. P._ ist festzuhalten, dass weder von der Beschwerdeführerin bzw. ihrem
Rechtsvertreter eine unfallkausale psychische Problematik geltend gemacht wird noch
eine solche sich aus den übrigen medizinischen Akten ergibt. Angesprochen bzw.
angedeutet wird eine psychische Problematik überhaupt nur im Bericht von Dr. K._
an Dr. H._ vom 8. Mai 2013 (act. 84). Erläuternde Aussagen bezüglich einer
psychischen Problematik enthält der Bericht keine. Insgesamt lässt sich mithin bei der
Beschwerdeführerin keine natürlich kausale psychische Unfallfolge ausmachen. Die
Beurteilung der adäquaten Kausalität kann demzufolge ausbleiben.
5.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass im Rahmen der nachfolgenden
Bemessung der unfallbedingten Invalidität lediglich die somatische Beeinträchtigung
einer Instabilität (muskuläre sowie koordinative Insuffizienz) des rechten Kniegelenks
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 27/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bzw. eine daraus resultierende eingeschränkte Belastbarkeit miteinbezogen werden
kann (vgl. dazu act. 122 Teil I S. 66).
6.
6.1 Im Folgenden gilt es zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin wegen ihrer
Unfallrestfolgen Anspruch auf eine Invalidenrente im Sinn von Art. 18 ff. UVG hat. Der
Grad der für den Rentenanspruch massgebenden Invalidität ist gemäss Art. 16 ATSG
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln, bei dem das Einkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Erwerbseinkommen, das sie
erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
6.2
6.2.1 Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist im Sinn von Art. 16 ATSG
rechtsprechungsgemäss entscheidend, was die versicherte Person im Zeitpunkt des
frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte (BGE 135 V 59 E. 3.1). Dabei
wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und realen
Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer
Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden
fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
erstellt sein (BGE 134 V 325 f. E. 4.1, 129 V 224 E. 4.3.1; Urteil des EVG vom 20. Mai
2005, U 423/04, E. 2.3; RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 126 f.).
6.2.2 Insofern ging die Beschwerdegegnerin für die Festlegung des
Valideneinkommens 2015 (allfälliger Rentenbeginn per 1. März 2015) richtig von den
Angaben des Kantonsspitals B._ vom 16. Februar 2015 aus, wo die
Beschwerdeführerin im Zeitpunkt des Unfalls als FaGe angestellt war und wonach
diese im Jahr 2015 mit drei Jahren Berufserfahrung Fr. 4'570.-- monatlich verdient
hätte (act. 123). Gestützt auf diese Entscheidgrundlage errechnete die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 28/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin ein Valideneinkommen von Fr. 59'410.-- (Fr. 4'570.-- x 13). Der
Vertrag mit dem Kantonsspital Graubünden war zwar angeblich per 30. Juni 2012
befristet. Ein Berufswechsel war jedoch offenbar nie geplant (vgl. act. 35 f.).
6.3
6.3.1 Grundlage der Bemessung des Invalideneinkommens bilden die
Arbeitsfähigkeitsgradschätzung und die Umschreibung der trotz der
Gesundheitsbeeinträchtigung noch möglichen und zumutbaren Tätigkeiten. Auch
bezüglich dieser Grundlagen ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4).
6.3.2 Die Beschwerdegegnerin anerkennt angesichts der gutachterlichen
Beurteilung von Dr. O._ (act. 122 S. 66), dass der Beschwerdeführerin die
angestammte Tätigkeit als mit einer umfassenden Belastung der Beine (u.a. durch
täglich längere Gehwege, längeres Stehen, Lagern oder Heben von Patienten) wegen
der verbleibenden Unfallfolgen im Bereich des rechten Kniegelenks nicht mehr
zugemutet werden kann. Hingegen erachtet sie gestützt auf die Beurteilung von Dr.
O._ eine unlimitierte Arbeitsfähigkeit von 100% in einer adaptierten Tätigkeit als
zumutbar. Als optimal dem Leiden angepasst definiert die Gutachterin sehr leichte bis
leichte, primär im Sitzen auszuübende Tätigkeiten ohne das Bewältigen längerer
Gehstrecken, ohne das mehr als seltene Bewältigen von Treppen, ohne das Bewältigen
von Leitern, ohne das Arbeiten in unebenem/abschüssigem Gelände, ohne das
Arbeiten in kniender/kauernder Position und ohne repetitive, stereotype
Bewegungsabläufe im Bereich des rechten Kniegelenks (act. 122 Teil I S. 66 f.). Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. O._ bzw. das von ihr definierte
Zumutbarkeitsprofil bezüglich einer kniegelenksadaptierten Tätigkeit erscheint ohne
weiteres schlüssig und überzeugend. Konkrete Einwendungen gegen die
Arbeitsfähigkeitsschätzung erhebt auch der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin in
seinen Eingaben keine. Mit dem definierten Zumutbarkeitsprofil bzw. den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 29/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
festgehaltenen Einschränkungen wird der instabilen Kniegelenkssituation rechts
umfassend unter sämtlichen Aspekten Rechnung getragen, indem die Bewegungen
und Positionen, welche ein erhöhtes Risiko für Giving-ways bedeuten, bestmöglichst
ausgeschaltet sind. Ausserdem findet mit einer sehr leichten bis leichten, primär im
Sitzen ausgeübten Tätigkeit gar keine Belastung des Kniegelenks mehr statt. Dr. O._
sieht die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin nur in qualitativer Hinsicht
eingeschränkt. Unter den erwähnten limitierenden Bedingungen ist denn auch eine
volle Arbeitsfähigkeit als gegeben zu erachten. Indem der Instabilität umfassend
Rechnung getragen wird, bleibt kein Raum mehr für eine zusätzlich notwendige
Reduktion des Arbeitsfähigkeitsgrades. Die Instabilität steht vor allem in einem
wesentlichen Zusammenhang mit der Belastung und Bewegung. Bezüglich des rechten
Kniegelenks ist mithin im Folgenden von der Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. O._
und dem von ihr beschriebenen Zumutbarkeitsprofil auszugehen.
6.3.3 Im Folgenden gilt es gestützt auf die Restarbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin von 100% in einer adaptierten Tätigkeit das zumutbare
Invalideneinkommen zu ermitteln. Für die Festsetzung des trotz unfallbedingter
Behinderung realisierbaren Verdienstes (Invalideneinkommen) ist nach der
Rechtsprechung primär von der beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in
welcher die versicherte Person konkret steht. Ist kein solches tatsächlich erzieltes
Erwerbseinkommen vorhanden, namentlich weil die versicherte Person nach Eintritt
des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich zumutbare neue
Erwerbstätigkeit angenommen hat, wird in aller Regel auf die Tabellenlöhne gemäss
der vom Bundesamt für Statistik periodisch durchgeführten Lohnstrukturerhebung
(LSE-Tabellenlöhne) zurückgegriffen (UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/
Basel/Genf, Art. 16 N 54; BGE 139 V 592 E. 2.3, 129 V 475 f., 124 V 321 ff.). In der
angestammten Tätigkeit als FaGe ist die Beschwerdeführerin nicht mehr arbeitsfähig
und es ist vorliegend nicht ersichtlich, inwiefern sie in der Ausbildung erlernte
Qualifikationen in einer adaptierten Tätigkeit im Kompetenzniveau 2 weiter verwerten
könnte. Somit stehen ihr lediglich Tätigkeiten als Hilfsarbeitskraft offen. Damit ist auf
die Tabelle TA1, privater Sektor, Total, Frauen, Kompetenzniveau 1 der LSE 2014
abzustellen. Im Jahr 2014 betrug der durchschnittliche Jahreslohn für Frauen im
Kompetenzniveau 1 Fr. 4'300.--. Angepasst an die betriebsübliche wöchentliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 30/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitszeit von 41.7 Stunden und die Nominallohnentwicklung bis 2015 (0.5%) ergibt
sich ein Bruttolohn von Fr. 54'060.-- (Fr. 4'505.-- x 12).
6.3.4 Zu prüfen bleibt, ob von diesem Tabellenlohn ein Abzug vorzunehmen ist. Mit
dem Tabellenlohnabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich beeinträchtigte
Personen, die selbst bei leichten Hilfsarbeitertätigkeiten behindert sind, im Vergleich zu
voll leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren arbeitnehmenden Personen
lohnmässig benachteiligt sind und deshalb mit unterdurchschnittlichen Lohnansätzen
rechnen müssen. Sodann wird dem Umstand Rechnung getragen, dass weitere
persönliche und berufliche Merkmale einer versicherten Person wie Alter, Dauer der
Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie
Beschäftigungsgrad, Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können (BGE 129 V 481
E. 4.2.3). Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin auch bei sehr leichten bis
leichten Verweistätigkeiten zusätzlich eingeschränkt ist (primär im Sitzen auszuübende
Tätigkeit ohne das Bewältigen längerer Gehstrecken, ohne das mehr als seltene
Bewältigen von Treppen, ohne das Bewältigen von Leitern, ohne das Arbeiten mit
Rutsch-/Absturzgefahr, ohne das Arbeiten in unebenem/abschüssigem Gelände, ohne
das Arbeiten in kniender/kauernder Position und ohne repetitive, stereotype
Bewegungsabläufe im Bereich des rechten Kniegelenkes; vgl. act. 122, S. 66), wirkt
sich lohnsenkend aus. Insgesamt erweist sich vorliegend ein Tabellenlohnabzug von
5% als angemessen. Damit resultiert ein Invalideneinkommen von Fr. 51‘357.--.
7.
7.1 Ausgehend von einem Invalideneinkommen von Fr. 51‘357.-- und einem
Valideneinkommen von Fr. 59'410.-- resultiert eine Erwerbseinbusse von Fr. 8‘053.--
und ein rentenbegründender Invaliditätsgrad von gerundet 14% (Fr. 8‘053.-- / Fr.
59‘410.-- x 100).
7.2 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde dahingehend gutzuheissen, dass der
angefochtene Einspracheentscheid vom 3. Dezember 2015 aufgehoben und der
Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. März 2015 eine unbefristete Invalidenrente
entsprechend einem 14%igen Invaliditätsgrad zugesprochen wird. Zur Festsetzung
und Ausrichtung der Rente ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 31/31
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bezüglich des Antrags auf Vergütung weiterer Heilbehandlungskosten ist auf die
Beschwerde nicht einzutreten.
7.3 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
7.4 Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b Honorarordnung (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1‘000.-- bis Fr.
12‘000.--. In der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit erscheint eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 3‘500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
angemessen.