Decision ID: 51a4df55-a3e2-510e-ab76-e228e5cbdc0a
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 21. Januar 2019 bei der Gemeinde Schüpfen
ein Baugesuch datiert vom 15. Januar 2019 ein für den Abbruch eines bestehenden
Einfamilienhauses und den Neubau eines 5-Familienhauses auf der Parzelle Schüpfen
Grundbuchblatt Nr. F._. Die Parzelle liegt in der Wohnzone W2. Gegen das
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Bauvorhaben erhoben unter anderem die Beschwerdeführenden Einsprache. Mit
Gesamtentscheid vom 15. Mai 2019 erteilte die Gemeinde Schüpfen dem Vorhaben die
Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 17. Juni 2019 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragten, der
Gesamtbauentscheid vom 15. Mai 2019 sei aufzuheben und dem Vorhaben sei der
Bauabschlag zu erteilen bzw. das Baugesuch der Beschwerdegegnerin sei abzuweisen.
Die Beschwerdeführenden machten insbesondere geltend, das Bauvorhaben halte die
erforderlichen Gebäude- und Grenzabstände nicht ein.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die Vorakten
ein und führte den Schriftenwechsel durch. Mit Beschwerdeantwort vom 11. Juli 2019
beantragte die Beschwerdegegnerin, die Beschwerde sei abzuweisen und dem
Bauvorhaben sei die Baubewilligung zu erteilen. Die Gemeinde beantragte mit
Stellungnahme vom 17. Juli 2019 der Gesamtbauentscheid sei zu bestätigen und die
Beschwerde vollumfänglich abzuweisen.
4. Die Parteien nahmen ausserhalb des Verfahrens Vergleichsverhandlungen auf und
konnten eine Einigung erzielen. Die Beschwerdegegnerin reichte mit Schreiben vom
17. September 2019 die Vereinbarung vom 13./16. September 2019 und
Projektänderungspläne ein. Vorgesehen ist eine Verkleinerung des Grundrisses bzw. der
Fläche des Attikageschosses durch Rückversetzung der östlichen Wand. Zudem soll an
der Ostseite anstelle des ursprünglich vorgesehenen Balkons ein nicht begehbares sowie
begrüntes Flachdach erstellt werden. Gemäss Vereinbarung verpflichten sich die
Beschwerdeführenden mit dem Einreichen der Projektänderung zum Rückzug ihrer
Beschwerde. Die Vereinbarung enthält auch eine Einigung über die Tragung der
Verfahrens- und Parteikosten.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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Mit Verfügung vom 19. September 2019 bat die BVE die Gemeinde, sich zur
Projektänderung zu äussern. Mit Schreiben vom 18. Oktober 2019 beantragte die
Gemeinde die Genehmigung der Projektänderung. Zudem reichte sie einen angepassten
Situationsplan ein, den sie bei der Bauherrschaft eingefordert hatte. Auf die
Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er unabhängig von den geltend gemachten Einwänden nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden, deren Einsprache abgewiesen
wurde, sind durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten.
2. Projektänderung
a) Das Bauvorhaben betrifft den Abbruch eines bestehenden Einfamilienhauses und
den Neubau eines 5-Familienhauses. Dieses soll aus zwei Vollgeschossen und einem
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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Attikageschoss bestehen. Mit der Projektänderung vom 17. September 2019 und den
dazugehörigen Projektänderungsplänen (Plan Nr. ROHR_B_GRU_AT1_100 "Grundriss
Attikageschoss", Mst. 1:100, vom 16. September 2019; Plan Nr. ROHR_B_FAS_N-N_100
"Ansicht Nordfassade", Mst. 1:100, vom 16. September; Plan Nr. ROHR_B_FAS_O-O_100
"Ansicht Ostfassade", Mst. 1:100, vom 16. September 2019; Plan Nr. ROHR_B_FAS_S-
S_100 "Ansicht Südfassade", Mst. 1:100, vom 16. September 2019; Plan Nr.
ROHR_B_FAS_W-W_100 "Ansicht Westfassade", Mst. 1:100, vom 16. September 2019,
alle mit Eingangsstempel der BVE vom 18. September 2019 sowie Situationsplan Mst.
1:500, eingegangen bei der Gemeinde am 8. Oktober 2019, gestempelt von der BVE am
22. Oktober 2019) soll der Grundriss bzw. die Fläche des Attikageschosses durch
Rückversetzung der östlichen Wand verkleinert und an der Ostseite anstelle eines Balkons
ein nicht begehbares sowie begrüntes Flachdach erstellt werden.
b) Gemäss Art. 43 BewD4 kann die Bauherrschaft während der Hängigkeit eines
Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der BVE
eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues Baubewilligungsverfahren
eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor, wenn das Bauvorhaben in seinen
Grundzügen gleich bleibt (Art. 43 Abs. 1 BewD). Ein Bauvorhaben ist in den Grundzügen
verändert, wenn ein Hauptmerkmal wie Erschliessung, Standort, äussere Masse,
Geschosszahl, Geschosseinteilung oder Zweckbestimmung wesentlich verändert wird oder
wenn eine Mehrzahl geringer Änderungen dem Bau oder der Anlage eine gegenüber dem
ursprünglichen Projekt veränderte Identität verleiht.5 Erfolgt die Projektänderung im
Baubeschwerdeverfahren, sind die Gemeinde, die Gegenpartei und die von der
Projektänderung berührten Dritten anzuhören (Art. 43 Abs. 3 BewD). Nach der
Bestimmung von Art. 43 Abs. 2 BewD, welche im Beschwerdeverfahren sinngemäss
anwendbar ist, kann die Beschwerdeinstanz das Verfahren ohne erneute Veröffentlichung
fortsetzen bzw. die Änderung des bewilligten Projekts ohne neues Baugesuchsverfahren
gestatten, wenn öffentliche oder wesentliche nachbarliche Interessen nicht zusätzlich
betroffen sind. Sie kann die Sache aber auch zur Weiterbehandlung an die Vorinstanz
zurückweisen. Das geänderte Projekt tritt an die Stelle des ursprünglichen Bauprojekts.
4 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 32 - 32d N. 12a
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Das heisst, dass mit der Vorlage der Projektänderung das ursprüngliche Gesuch im
Umfang der Änderung als zurückgezogen gilt.6
c) Das umstrittene Bauvorhaben bleibt auch nach der Projektänderung in den
Grundzügen gleich. Die Änderungen gegenüber dem ursprünglichen Projekt beschränken
sich auf eine Verkleinerung des Grundrisses bzw. der Fläche des Attikageschosses und
eine Ausgestaltung des Flachdachs als nicht begehbar und begrünt. Die geplanten
Anpassungen können deshalb als Projektänderung behandelt werden. Die
Beschwerdegegnerin hat sich mit den Beschwerdeführenden auf diese Projektänderung
geeinigt. Der Gemeinde wurde Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Dritte sind durch
die Projektänderung nicht neu betroffen. Schliesslich werden durch die Projektänderung
keine öffentlichen oder wesentlichen nachbarlichen Interessen zusätzlich berührt. Die
Voraussetzungen von Art. 43 BewD sind folglich eingehalten und eine erneute Publikation
der Projektänderung war nicht erforderlich. Gegenstand des Verfahrens ist nur noch das
Projekt gemäss der Projektänderung vom 17. September 2019.
d) Gemäss Ziff. 12 der Vereinbarung vom 13./16. September 2019 verpflichteten sich
die Beschwerdeführenden durch Unterzeichnung der Vereinbarung und Einreichen der
Projektänderung zum Rückzug ihrer Beschwerde. Das Beschwerdeverfahren ist deshalb
insofern gegenstandslos geworden. Das Projektänderungsverfahren ist nach wie vor
hängig und wird durch die Gegenstandslosigkeit der Beschwerde nicht hinfällig. Es bleibt
von Amtes wegen zu prüfen, ob die Projektänderung bewilligt werden kann.
3. Bewilligungsfähigkeit der Projektänderung
a) Die Projektänderung vom 17. September 2019 beinhaltet gegenüber dem
ursprünglichen Bauvorhaben zum einen eine Verkleinerung des Grundrisses bzw. der
Fläche des Attikageschosses durch Rückversetzung der östlichen Wand.
b) Die für Attikageschosse massgebende Bestimmung findet sich in Art. 43
Abs. 2 GBR7. Danach darf das Attikageschoss jeweils auf der Hälfte der Gebäudelänge
und -breite auf die Fassade des darunterliegenden Geschosses gestellt werden. Die
6 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 32 - 32d N. 13c 7 Baureglement der Gemeinde Schüpfen vom 18. Oktober 2004
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übrigen Teile sind um wenigstens 2.50 m zurückzusetzen. Es darf nicht höher als 3.00 m
von oberkant Flachdach bis oberkant Attikadach erstellt werden.
c) Das Projekt sieht vor, das Attikageschoss ostseitig auf der gesamten Gebäudebreite
um 2.50 m zurück zu versetzen. Auf der Nord-, West- und Südseite soll das Attikageschoss
jeweils auf der Hälfte bzw. etwas weniger als der Hälfte des Gebäudes bis an den
Fassadenrand gestellt werden und für die übrigen Teile ist eine Rückversetzung von
mindestens 2.50 m geplant. Von oberkant Flachdach bis oberkant Attikadach ist eine Höhe
von etwas weniger als 3.00 m vorgesehen. Die von Art. 43 Abs. 2 GBR vorgeschriebenen
Masse werden damit eingehalten.
d) Zusätzlich ist auf der Ostseite anstelle eines Balkons ein nicht begehbares sowie
begrüntes Flachdach vorgesehen. Die Voraussetzung von Art. 44 Abs. 3 GBR, wonach
Flachdächer von Hauptgebäuden, die nicht als Terrasse genutzt werden, extensiv zu
begrünen sind, ist damit ebenfalls erfüllt.
e) Weitere Gründe, die gegen eine Bewilligung des Vorhabens sprechen, sind nicht
ersichtlich. Die Projektänderung kann daher bewilligt werden.
4. Kosten
a) Die Verfahrenskosten werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 800.00
(Art. 103 Abs. 2 VRPG8 i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV9).
b) Nach Art. 108 Abs. 1 VRPG werden die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei
auferlegt, es sei denn, das prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere
Verlegung oder die besonderen Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu
erheben. Zudem hat die unterliegende Partei der Gegenpartei die Parteikosten zu
ersetzen, sofern nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine
andere Teilung oder die Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das
Gemeinwesen als gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Wer ein Gesuch, eine
8 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 9 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
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Klage oder ein Rechtsmittel zurückzieht, den Abstand erklärt oder auf andere Weise dafür
sorgt, dass das Verfahren gegenstandslos wird, gilt als unterliegende Partei (Art. 110 Abs.
1 VRPG). Die Parteien können jedoch mit Zustimmung der instruierenden Behörde
Abweichendes vereinbaren (Art. 110 Abs. 3 VRPG).
c) Die Parteien haben sich in der Vereinbarung vom 13./16. September 2019 auch über
die Verlegung der Verfahrens- und Parteikosten geeinigt. Danach trägt die
Beschwerdegegnerin die Kosten für das Beschwerdeverfahren und bezahlt den
Beschwerdeführenden innert 30 Tagen seit Unterzeichnung der Vereinbarung eine
Parteientschädigung von Fr. 5'500.00 (inkl. Auslagen und MwSt). Dieser Kostenregelung
kann zugestimmt werden. Die Beschwerdegegnerin hat somit die Verfahrenskosten in
Höhe von Fr. 800.00 zu tragen. Da sich die Parteien aussergerichtlich über die
Parteientschädigung geeinigt haben, werden keine Parteikosten gesprochen.