Decision ID: 267559f2-9d0b-5cab-a521-8b922626642e
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Der Vater von A._ bezog Ergänzungsleistungen zu einer Rente der
Invalidenversicherung (vgl. elektronische Notiz zu EL-act. III/55). Im Mai 2013 wurde die
nicht beim Vater, sondern bei der Mutter lebende A._ zum Bezug von
Ergänzungsleistungen angemeldet (EL-act. III/55). Mit einer Verfügung vom 15.
September 2013 sprach die EL-Durchführungsstelle dem Vater von A._ mit Wirkung
ab dem 1. Mai 2013 eine für A._ gesondert berechnete Ergänzungsleistung im Sinne
des Art. 7 Abs. 1 lit. c ELV zu, deren Betrag sich auf 552 Franken pro Monat belief (EL-
act. III/42). Am 13. Oktober 2015 meldete das Sozialamt der Wohngemeinde, A._
werde nun durch eine Pflegefamilie betreut; der Tagessatz belaufe sich auf 180
Franken (EL-act. III/28). Ein Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle notierte, es
handle sich um ein kantonal bewilligtes Pflegeverhältnis (EL-act. III/27). Mit einer
Verfügung vom 26. November 2015 erhöhte die EL-Durchführungsstelle die laufende
Ergänzungsleistung per 1. Oktober 2015 auf 1’001 Franken pro Monat (EL-act. III/24).
Bei der Anspruchsberechnung hatte sie eine („maximale“) Tagestaxe von 33 Franken
berücksichtigt (EL-act. 25). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle
Rechtskraft.
A.a.
Mit einer Verfügung vom 19. Dezember 2016 passte die EL-Durchführungsstelle
die laufende Ergänzungsleistung an eine Erhöhung der kantonalen
Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung mit Wirkung per
1. Januar 2017 an (EL-act. III/21). Am 6. Januar 2017 liess A._ eine Einsprache gegen
A.b.
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diese Verfügung erheben (EL-act. III/6). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Anrechnung
der vollen Kosten der Pflegefamilie für die Zeit ab dem 1. Januar 2017. Zur Begründung
führte er aus, die kantonale Ergänzungsleistung dürfe nicht so tief bemessen sein, dass
ein EL-Bezüger sozialhilfeabhängig werde. Deshalb müsse die ganze Tagestaxe
berücksichtigt werden. Die EL-Durchführungsstelle wies diese Einsprache mit einem
Entscheid vom 14. März 2017 ab (EL-act. III/3). Das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen wies eine gegen diesen Einspracheentscheid erhobene Beschwerde mit
einem Urteil vom 29. Mai 2018 (EL 2017/17) mit der Begründung ab, bei der Verfügung
vom 19. Dezember 2016 habe es sich um eine gewöhnliche Revisionsverfügung im
Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt. Da sich der Sachverhalt bezüglich der
Tagestaxe per 1. Januar 2017 nicht verändert habe, dürfe angesichts der formellen
Rechtskraft und der damit einhergehenden Verbindlichkeit der Verfügung vom 26.
November 2015 darauf nicht mehr zurückgekommen werden. Mit einem Urteil vom 30.
Januar 2019 (9C_480/2018) hiess das Bundesgericht eine gegen den Entscheid EL
2017/17 des Versicherungsgerichtes vom 29. Mai 2018 erhobene Beschwerde gut. Es
hob den Entscheid EL 2017/17 auf und wies die Sache zur neuen Entscheidung –
einschliesslich einer materiellen Auseinandersetzung mit der Höhe des beanstandeten
Tagessatzes – an das Versicherungsgericht zurück. Zur Begründung verwies es auf
seine Auffassung, wonach eine EL-Verfügung mit Wirkung per 1. Januar nur für ein
Kalenderjahr gültig sei.
Das Versicherungsgericht wies die Sache mit einem Entscheid vom 22. März 2019
(EL 2019/3) an die EL-Durchführungsstelle zurück. Es hielt fest, dass die sogenannte
„Kalenderjahrpraxis“ im Ergebnis auf eine neue Zusprache einer Ergänzungsleistung
per 1. Januar ohne jede Bindung an frühere Verfügungen, Einspracheentscheide und
Gerichtsurteile hinauslaufe. Da sich eine entsprechende „Kalenderjahrpraxis“-
Verfügung in nichts von einer Verfügung betreffend die erstmalige Zusprache einer
Ergänzungsleistung unterscheide, erfordere sie eine ebenso umfassende vorgängige
Sachverhaltsabklärung wie die erstmalige Zusprache einer Ergänzungsleistung. Die EL-
Durchführungsstelle werde deshalb den gesamten Sachverhalt für die Zeit ab dem 1.
Januar 2017 umfassend ermitteln und anschliessend mit Wirkung ab dem 1. Januar
2017 erneut eine Ergänzungsleistung zusprechen müssen. Im Sinne eines obiter dictum
sei darauf hinzuweisen, dass sich die EL-Durchführungsstelle auch mit der Frage
A.c.
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werde befassen müssen, ob der
Art. 1b Abs. 2 der Verordnung über die nach dem Ergänzungsleistungsgesetz
anrechenbare Tagespauschale verfassungs- und gesetzeskonform sei. Die EL-
Durchführungsstelle forderte den Rechtsvertreter von A._ am 9. April 2019 auf,
verschiedene Unterlagen zur finanziellen Situation von A._ ab Januar 2017
einzureichen (EL-act. II/8). Dieser antwortete am 1. Mai 2019 (EL-act. II/6), der
Tagessatz und die Nebenkostenpauschale für die Pflegefamilie hätten sich im Jahr
2017 gegenüber den Vorjahren nicht verändert. A._ verfüge über keinerlei Vermögen;
sie habe kein eigenes Bankkonto. Der Betrag der IV-Kinderrente sei per 1. Januar 2019
auf 632 Franken pro Monat erhöht worden. Mit einer Verfügung vom 10. Mai 2019
sprach die EL-Durchführungsstelle für das Jahr 2017 eine für A._ gesondert
berechnete Ergänzungsleistung von 1’007 Franken pro Monat zu (EL-act. II/3). Dem zur
Verfügung gehörenden Berechnungsblatt liess sich entnehmen (EL-act. II/4), dass die
EL-Durchführungsstelle wiederum nur eine Tagestaxe von 33 Franken angerechnet
hatte.
Am 11. Juni 2019 liess A._ eine Einsprache gegen die Verfügung vom 10. Mai
2019 erheben (EL-act. I/7). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung, die Durchführung von weiteren Abklärungen sowie die Neu
berechnung der Ergänzungsleistung unter Berücksichtigung der notwendigen
Fremdplatzierungskosten. Zur Begründung führte er aus, die EL-Durchführungsstelle
habe es versäumt, sich zur Verfassungs- und Gesetzeskonformität des Art. 1b Abs. 2
der Verordnung über die nach dem Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare
Tagespauschale zu äussern. Die Akten zeigten, dass die EL-Durchführungsstelle den
Rückweisungsentscheid des Versicherungsgerichtes offenbar komplett ignoriert habe.
Das sei absolut stossend. Die EL-Durchführungsstelle habe mit ihrem Vorgehen ein
unnötiges Einspracheverfahren provoziert, weshalb sie verpflichtet sei, den
erforderlichen Vertretungsaufwand im Einspracheverfahren zu entschädigen. Mit einem
Entscheid vom 12. Juli 2019 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache gegen die
Verfügung vom 10. Mai 2019 ab (EL-act. I/4). Zur Begründung führte sie an, sie habe
den massgebenden Sachverhalt vollständig ermittelt. Ein obiter dictum des
Versicherungsgerichtes entfalte keine Bindungswirkung. Sie sei auch nicht verpflichtet,
rechtliche Abklärungen zu tätigen. Die Normenkontrolle sei eine gerichtliche Aufgabe.
A.d.
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B.

Erwägungen
1.
Am 10. September 2019 liess A._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 12. Juli 2019 erheben (act. G 1). Ihr
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung des angefochtenen Einspracheentscheides,
die Neuberechnung der Ergänzungsleistung unter Berücksichtigung der gesamten
Fremdplatzierungskosten sowie die Zusprache einer angemessenen Entschädigung für
das Einspracheverfahren. Zur Begründung führte er aus, die EL-Durchführungsstelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe den Rückweisungsentscheid des
Versicherungsgerichtes nicht umgesetzt. Sie habe zwar den Sachverhalt abgeklärt,
aber sie habe sich nicht einmal im Ansatz die Mühe gemacht, sich mit der Verfassungs-
und Gesetzeskonformität des Art. 1b Abs. 2 der Verordnung über die nach dem
Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare Tagespauschale auseinander zu setzen. Im
Einspracheverfahren habe sich die Beschwerdegegnerin nur unzureichend mit den
Vorbringen der Beschwerdeführerin auseinander gesetzt. Sie habe ihre
Begründungspflicht verletzt. Sie habe es auch versäumt, sich mit dem Antrag um die
Zusprache einer Parteientschädigung für das Einspracheverfahren zu befassen.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 18. Oktober 2019 unter Hinweis auf die
Erwägungen im angefochtenen Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde
(act. G 3).
B.b.
Die Beschwerde betrifft einerseits den für die Beschwerdeführerin gesondert
berechneten Teil der Ergänzungsleistung des Vaters für das Jahr 2017 und
andererseits den Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Parteientschädigung für
das Einspracheverfahren, das mit dem angefochtenen Entscheid abgeschlossen
worden ist. Der Umstand, dass sich die Beschwerdeschrift auf beides bezieht und dass
dieses Beschwerdeverfahren mit einem Urteil abgeschlossen wird, ändert nichts daran,
dass der EL-Anspruch und der Anspruch auf eine Parteientschädigung für das
Einspracheverfahren materiell keinen Zusammenhang aufweisen. Der
Beschwerdeführerin steht es also beispielsweise frei, dieses Urteil nur bezüglich eines
1.1.
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2.
der beiden darin enthaltenen Entscheide anzufechten. Dieser Tatsache wird mit einer
bestmöglichen Trennung der Erwägungen und des Dispositivs Rechnung getragen.
Die Beschwerdeführerin bezieht keine eigene Ergänzungsleistung, sondern sie
erhält lediglich einen – gesondert berechneten – Teil der Ergänzungsleistung ihres
Vaters direkt ausbezahlt. Der eigentliche EL-Bezüger ist also der Vater der
Beschwerdeführerin. Zur Erhebung einer Beschwerde an das kantonale
Versicherungsgericht ist allerdings gemäss dem Art. 59 ATSG nicht nur der Bezüger
einer Sozialversicherungsleistung, sondern jede Person legitimiert, die durch eine
Verfügung oder durch einen Einspracheentscheid berührt ist und die ein
schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Abänderung der Verfügung
respektive des Einspracheentscheides hat. Als Empfängerin eines Teils der
Ergänzungsleistung ihres Vaters ist die Beschwerdeführerin durch den angefochtenen
Einspracheentscheid offensichtlich berührt. Da die Höhe des ihr direkt ausbezahlten
Teils der Ergänzungsleistung ihres Vaters einen unmittelbaren Einfluss auf ihre
finanzielle Lage hat und unter anderem für die Beantwortung der Frage entscheidend
ist, ob die Beschwerdeführerin Sozialhilfeleistungen beziehen muss, hat sie ein
schutzwürdiges Interesse an der Abänderung oder Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides. Sie ist folglich im Sinne des Art. 59 ATSG zur Erhebung einer
Beschwerde gegen den angefochtenen Einspracheentscheid legitimiert. Da auch die
übrigen Eintretensvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Beschwerde betreffend den
für die Beschwerdeführerin gesondert berechneten Teil der Ergänzungsleistung des
Vaters für das Jahr 2017 einzutreten.
1.2.
Hinsichtlich des im Einspracheverfahren streitigen EL-Anspruchs für das Jahr 2017
hat die Beschwerdeführerin eine Verletzung der Begründungspflicht (Art. 49 Abs. 3
ATSG) gerügt. Die Begründungspflicht verfolgt allerdings keinen Selbstzweck. Sie soll
nur sicherstellen, dass der Adressat einer Verfügung oder eines Einspracheentscheides
in Kenntnis der wesentlichen Überlegungen der zuständigen Verwaltungsbehörde
entscheiden kann, ob er die Verfügung oder den Einspracheentscheid anfechten will
und welche Argumente er gegebenenfalls vorbringen soll. Die Beschwerdegegnerin hat
die wesentlichen Gründe für ihren Entscheid dargelegt. Sie hat geltend gemacht, dass
sie sich nicht verpflichtet fühle, Verordnungsbestimmungen auf deren Verfassungs-
und Gesetzeskonformität zu überprüfen, und dass ein obiter dictum in einem
Rückweisungsentscheid des Versicherungsgerichtes keine Bindungswirkung habe. Für
die Beschwerdeführerin ist angesichts dieser Ausführungen völlig klar gewesen, dass
und weshalb die Beschwerdegegnerin nicht weiter hat auf die Frage eingehen wollen,
2.1.
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3.
ob der Art. 1b Abs. 2 der Verordnung über die nach dem Ergänzungsleistungsgesetz
anwendbare Tagespauschale verfassungs- und gesetzeskonform ist. Das hat es der
Beschwerdeführerin erlaubt, sich in Kenntnis der wesentlichen Entscheidmotive für
oder gegen eine Anfechtung des Einspracheentscheides zu entscheiden. Die
ausführlich begründete Beschwerdeschrift belegt, dass es der Beschwerdeführerin
auch möglich gewesen ist, den Einspracheentscheid vom 12. Juli 2019 substantiiert
anzufechten. Eine Verletzung der Begründungspflicht ist deshalb nicht ersichtlich.
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin liegt auch keine Verletzung der
Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) vor, denn wie die Beschwerdeführerin
selbst eingeräumt hat, hat die Beschwerdegegnerin den massgebenden Sachverhalt
(knapp) ausreichend ermittelt. Angesichts des Umstandes, dass die
Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin in Anwendung der sogenannten
„Kalenderjahrpraxis“ für das Jahr 2017 eine Ergänzungsleistung ohne jede Bindung an
frühere Entscheide zugesprochen hat, wäre zwar zu erwarten gewesen, dass die
Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin aufgefordert hätte, ein Anmeldeformular
auszufüllen und sämtliche erforderlichen Belege für die Prüfung ihres Begehrens
einzureichen. Weil die wirtschaftlichen Verhältnisse der Beschwerdeführerin aber sehr
überschaubar gewesen sind, hat der massgebende Sachverhalt auch mit einem
geringeren Aufwand umfassend ermittelt werden können. Das obiter dictum im
Rückweisungsentscheid, mit dem das Versicherungsgericht der Beschwerdegegnerin
nahe gelegt hatte, sich vertieft mit der Verfassungs- und Gesetzeskonformität der
fraglichen Verordnungsbestimmung zu befassen, hat keine Bindungswirkung entfaltet,
weil es sich nur um ein obiter dictum gehandelt hat. Zudem hat sich das obiter dictum
nicht auf eine Frage der Sachverhaltsabklärung, sondern auf eine Frage der rechtlichen
Würdigung des Sachverhaltes bezogen.
2.2.
Gemäss Art. 10 Abs. 2 lit. a ELG können die Kantone die Kosten begrenzen, die
wegen des Aufenthalts in einem Heim als Ausgaben zu berücksichtigen sind. Der Art.
1b Abs. 2 der St. Galler Verordnung über die nach dem St. Galler
Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare Tagespauschale (sGS 351.52) sieht vor, dass
bei einem Aufenthalt in einer bewilligten Pflegefamilie höchstens eine Tagestaxe von 33
Franken, die nur Kost und Logis, aber nicht die Betreuungsleistung der Pflegefamilie
abdeckt, angerechnet werden darf. Diese Regelung beruht offenbar auf dem
Gedanken, dass sich der Anspruch eines Kindes auf eine Betreuung in einer
Pflegefamilie in erster Linie gegen die unterhaltspflichtigen Eltern richtet (vgl. Art. 276
Abs. 1 ZGB) und dass sich daran auch dann nichts ändert, wenn dieser
3.1.
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Unterhaltsanspruch auf das Gemeinwesen übergeht (vgl. Art. 289 ZGB), weil der
Unterhaltsanspruch zivilrechtlicher Natur bleibt und sich nicht in eine Leistung der –
finanziellen oder betreuenden – Sozialhilfe verwandelt, weshalb er auch nicht der
Rückerstattungspflicht gemäss dem Art. 18 Abs. 1 des St. Galler Sozialhilfegesetzes
(sGS 381.1; entspricht dem Art. 18 Abs. 2 des Sozialhilfegesetzes in der bis zum 31.
Dezember 2017 gültigen Fassung) unterliegt (vgl. dazu auch den Entscheid III-2007/2
der Verwaltungsrekurskommission vom 4. April 2008). Das ist in der seit dem 1. Januar
2018 gültigen Fassung des Sozialhilfegesetzes nun explizit so vorgesehen (Art. 18 Abs.
1 lit. c SHG). Gemäss dem am 1. Januar 2020 in Kraft getretenen Art. 4 Abs. 1 der
Verordnung über die Unterbringung von Minderjährigen (sGS 381.21) werden die
Kosten für die Unterkunft und Verpflegung von Minderjährigen in Pflegefamilien
einheitlich für alle Altersstufen in Anwendung des Art. 11 Abs. 1 AHVV (derzeit 33
Franken pro Tag) festgesetzt; diese Kosten sind als Beitrag von den
unterhaltspflichtigen Eltern zu vergüten (vgl. Art. 8 der Verordnung über die
Unterbringung von Minderjährigen). Die weiteren Kosten für die Betreuung sind gemäss
dem Sozialhilfegesetz durch das Gemeinwesen zu tragen, das das Pflegegeld direkt
den Pflegeeltern bezahlt. Insofern fingiert der Art. 1b Abs. 2 der Verordnung über die
nach dem Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare Tagespauschale also eine
„Einnahmequelle“ (nämlich das vom Gemeinwesen direkt den Pflegeeltern bezahlte
Pflegegeld), die im Ergebnis dazu führt, dass von der Ausgabenposition „Tagestaxe“
nur noch ein anrechenbarer Restbetrag von 33 Franken verbleibt. Da die Eltern also
gemäss der geltenden sozialhilferechtlichen Regelung lediglich verpflichtet sind, die
Unterkunfts- und Verpflegungspauschale zu bezahlen, sieht der Art. 1b Abs. 2 der
Verordnung über die nach dem Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare
Tagespauschale – insofern folgerichtig – vor, dass bei einem EL-Bezug der Eltern nur
diese Unterkunfts- und Verpflegungspauschale als EL-anerkannte Ausgabe
angerechnet werden darf.
bis
Diese gesetzliche Konzeption liesse sich nur dann mit dem ELG vereinbaren, wenn
das vom Gemeinwesen direkt den Pflegeeltern bezahlte Pflegegeld einer der im Art. 11
Abs. 1 ELG genannten Einnahmenpositionen zugeordnet werden könnte. Auf den
ersten Blick könnte man meinen, dass dies der Fall sei, weil der Art. 11 Abs. 1 lit. h ELG
familienrechtliche Unterhaltsbeiträge als anrechenbare Einnahmen qualifiziert und weil
das Gemeinwesen das Pflegegeld ja in „stellvertretender“ Erfüllung der im ZGB
verankerten elterlichen Unterhaltspflicht bezahlt. Nun handelt es sich bei diesen
Zahlungen aber nicht um Staatsbeiträge à fonds perdu, sondern um typische, das
heisst grundsätzlich rückerstattungspflichtige Sozialhilfeleistungen, denn der Art. 40b
Abs. 4 SHG sieht vor, dass die an sich unterhaltspflichtigen Eltern abhängig von ihrer
3.2.
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finanziellen Leistungsfähigkeit zu einer Beteiligung an diesen Kosten verpflichtet
werden können. Diese explizite Regelung ist zwar erst am 1. Januar 2020 in Kraft
getreten, aber für die Zeit bis zum 31. Dezember 2019 kann nichts anderes gegolten
haben. Vor dem 1. Januar 2020 fehlte nämlich eine explizite Regelung betreffend die
Rückerstattungspflicht der Eltern für das vom Gemeinwesen direkt an die Pflegeeltern
ausbezahlte Pflegegeld. Das kann nur bedeuten, dass bis zum 31. Dezember 2019 die
generellen Regeln für die Sozialhilfe im Allgemeinen gegolten haben, dass also die
Eltern damals schon zu einer Beteiligung an den Kosten haben verpflichtet werden
können. Denn ohne eine explizite gesetzliche Grundlage kann nicht davon
ausgegangen werden, dass für die Vergütung von Betreuungskosten in Abweichung zu
sämtlichen übrigen finanziellen Leistungen der Sozialhilfe keine Rückerstattungspflicht
gegolten hätte. Sobald also die Sozialhilfe bei einer finanziellen Notlage der an sich
unterstützungspflichtigen Eltern „einspringen“ muss, verwandeln sich die Leistungen
für die Unterbringung von Minderjährigen in einer Pflegefamilie wesensmässig in
Sozialhilfeleistungen im Sinne des Art. 11 Abs. 3 lit. b ELG oder aber in Leistungen mit
einem ausgesprochenen Fürsorgecharakter im Sinne des Art. 11 Abs. 3 lit. c ELG.
Bei einer detaillierten systematischen Interpretation zeigt sich, dass die EL-
Anspruchsberechnung auf den folgenden Überlegungen beruht: Der Art. 10 ELG
definiert das ergänzungsleistungsrechtliche Existenzminimum, das heisst jenen
finanziellen Bedarf, dessen Deckung das ELG bezweckt; der Art. 11 ELG regelt, wie
dieser Bedarf zu decken ist respektive welche Rolle die Ergänzungsleistungen bei der
Deckung dieses Bedarfs spielen, wobei der Art. 11 Abs. 1 ELG vorgibt, welche
Einnahmenquellen einer Ergänzungsleistung vorgehen, während der Art. 11 Abs. 3 ELG
bestimmt, welchen Einnahmenquellen die Ergänzungsleistung vorgeht. Mit anderen
Worten sollen die im Art. 11 Abs. 1 ELG erwähnten Einnahmenquellen einen EL-
Anspruch ausschliessen oder zumindest minimieren, während eine allfällige
Ergänzungsleistung aber jedenfalls eine Notwendigkeit der Ausrichtung der im Art. 11
Abs. 3 ELG erwähnten Leistungen ausschliessen soll. Wer also grundsätzlich einen
Anspruch auf eine Ergänzungsleistung hat, soll keine Sozialhilfeleistungen beziehen
müssen. Sinnvollerweise sind die Sozialhilfegesetze so zu konzipieren, dass sie keine
sozialhilfe- beziehungsweise fürsorgerechtliche Leistungspflicht der zuständigen
politischen Gemeinde für jenen Bedarf vorsehen, der mittels Ergänzungsleistungen
gedeckt werden kann. Wenn aber ein Sozialhilfegesetz eine Leistungspflicht vorsieht,
die mit einem EL-Anspruch konkurrieren könnte, kann es nicht die Aufgabe der EL-
Gesetzgebung sein, hierfür eine spezifische Koordinationslösung zu bieten, denn es
besteht ja bereits die allgemeine EL-Koordinationslösung, dass Sozialhilfeleistungen
bei der EL-Anspruchsberechnung nicht als Einnahmen angerechnet werden dürfen.
3.3.
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4.
Die Beschwerdeführerin hat im vorangegangenen Einspracheverfahren mit der
Begründung die Zusprache einer Parteientschädigung verlangt, die
Reichen die im Abs. 1 des Art. 11 ELG aufgelisteten Einnahmen nicht zur Deckung des
EL-anerkannten Existenzbedarfs aus, kann nur eine Vergütung der ungedeckten
Kosten durch eine entsprechende Ergänzungsleistung in Frage kommen. Der Art. 11
Abs. 3 ELG lässt es nämlich nicht zu, dass diese ungedeckten Kosten vorrangig durch
eine Sozialhilfeleistung (Art. 11 Abs. 3 lit. b ELG) oder durch eine öffentliche oder
private Leistung mit einem ausgesprochenen Fürsorgecharakter (Art. 11 Abs. 3 lit. c
ELG) beglichen werden, das heisst dass die Sozialhilfeleistung der Ergänzungsleistung
vorgeht. Diese bundesgesetzliche Regelung kann vom kantonalen
Sozialhilfegesetzgeber nicht modifiziert werden, denn über die Sozialhilfegesetzgebung
kann augenscheinlich nicht beeinflusst werden, wie die EL-Durchführungsstellen das
ELG anzuwenden haben. Die aus ergänzungsleistungsrechtlicher Sicht systematisch
richtige Lösung kann folglich nur darin bestehen, dass die Ergänzungsleistung die
gesamten Kosten decken muss, die bei einer Betreuung in einer Pflegefamilie
entstehen. Der Art. 1b Abs. 2 der st.gallischen Verordnung über die nach dem
Ergänzungsleistungsgesetz anrechenbare Tagespauschale erweist sich damit als
gesetzwidrig, denn er verstösst gegen den Art. 11 Abs. 3 ELG. Deshalb ist ihm die
Anwendung zu versagen. Daran ändert die vom Bundesgericht im Urteil 9C_884/2018
vom 1. Mai 2019 vertretene Auffassung nichts, weil sich das Bundesgericht nicht mit
dem entscheidenden koordinationsrechtlichen Zusammenspiel zwischen den
Ergänzungsleistungen und der Sozialhilfe auseinandergesetzt und deshalb nicht
erkannt hat, dass die „St. Galler Lösung“ sich nicht mit dem ELG in Übereinstimmung
bringen lässt. Bei der EL-Anspruchsberechnung ist folglich der gesamte mit der
Pflegefamilie vereinbarte Tagessatz von 180 Franken zu berücksichtigen.
Als Ausgaben sind die kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung von 1’128 Franken pro Jahr, die Heimtaxe von 365 × 180 =
65’700 Franken pro Jahr sowie die Pauschale für persönliche Auslagen von 6’432
Franken pro Jahr zu berücksichtigen. Das Ausgabentotal beläuft sich damit auf 73’260
Franken. Das Einnahmentotal beträgt gemäss der nicht zu beanstandenden
Berechnung der Beschwerdegegnerin 7’524 Franken. Damit ergibt sich ein
Ausgabenüberschuss von 65’736 Franken, weshalb die Beschwerdeführerin für das
Jahr 2017 einen monatlichen EL-Anspruch von 5’478 Franken (einschliesslich der
kantonalen Durchschnittsprämie für die obligatorische Krankenpflegeversicherung)
gehabt hat.
3.4.
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Beschwerdegegnerin habe ein unnötiges Einspracheverfahren provoziert, weshalb sie
eine entsprechende Entschädigungspflicht treffe. Die Beschwerdegegnerin hat sich
(aus nicht erkennbaren Gründen) mit diesem Antrag nicht befasst. Diesbezüglich fehlt
es deshalb an einem anfechtbaren Entscheid der Beschwerdegegnerin. Ein „Nicht-
Entscheid“ kann aber nicht mit einer Beschwerde angefochten werden, da die
gerichtliche Beurteilung eines Beschwerdebegehrens einen entsprechenden Streit- und
Anfechtungsgegenstand voraussetzt. Die einzige Ausnahme von diesem Grundsatz ist
im Art. 56 Abs. 2 ATSG zu finden, der die Möglichkeit einer Rechtsverzögerungs- oder
einer Rechtsverweigerungsbeschwerde für den Fall vorsieht, dass sich eine
Verwaltungsbehörde weigert, einen anfechtbaren Entscheid zu erlassen. Die
Beschwerdeführerin hätte sich also nur mit einer Rechtsverweigerungsbeschwerde
gegen den „Nicht-Entscheid“ der Beschwerdegegnerin betreffend den Anspruch auf
eine Parteientschädigung für das Einspracheverfahren wenden können. Das hat sie
aber nicht getan. Auf ihren materiellen Antrag um die Zusprache einer
Parteientschädigung für das Einspracheverfahren kann mangels eines Streit- und
Anfechtungsgegenstandes nicht eingetreten werden. Der Verweis auf eine Verletzung
der Begründungspflicht erweist sich diesbezüglich als unbehelflich, weil eine
Verletzung der Begründungspflicht nur dann im Raum stehen könnte, wenn es einen
Entscheid gäbe, der hätte begründet werden müssen. Auf das sich auf eine
Parteientschädigung beziehende Beschwerdebegehren kann folglich nicht eingetreten
werden.
5.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Die bezüglich des EL-
Anspruchs obsiegende Beschwerdeführerin hat einen Anspruch auf eine
Parteientschädigung für den entsprechenden erforderlichen Vertretungsaufwand.
Dieser war gering, weil der Sachverhalt und die sich stellenden Rechtsfragen dem
Rechtsvertreter aus den früheren Verfahren bereits bestens bekannt gewesen sind. Die
Parteientschädigung ist deshalb auf 1’500 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzusetzen. Für den Vertretungsaufwand im Zusammenhang mit
dem Begehren um die Zusprache einer Parteientschädigung für das
Einspracheverfahren hat die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung hat der Staat dem Rechtsvertreter aber eine Entschädigung von
80 Prozent (Art. 31 Abs. 3 AnwG) auszurichten. Der dafür massgebende
Vertretungsaufwand ist gering gewesen; er würde ein Honorar von 500 Franken
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rechtfertigen. Die Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung ist
deshalb auf 80 Prozent von 500 Franken, also auf 400 Franken festzusetzen. Sollten es
ihre wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird die Beschwerdeführerin zur
Rückerstattung dieser Entschädigung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP
i.V.m. Art. 123 ZPO).