Decision ID: b9785de4-6a11-4755-a4e9-993c7cb15546
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine eritreische Staatsangehörige tigrinischer
Ethnie, ersuchte am 16. Juli 2016 in der Schweiz um Asyl. Anlässlich der
Befragung zur Person vom 3. August 2016 (BzP; Protokoll in den SEM-
Akten A5/11) und der Anhörung vom 26. Oktober 2017 (Anhörung; Proto-
koll in den SEM-Akten A17/20) machte sie im Wesentlichen Folgendes gel-
tend:
Sie habe in B._, Subzoba Adi Keyh, Zoba Debub, wo sie auch ge-
boren und aufgewachsen sei, die Schule bis zur 11. Klasse besucht. Da-
nach sei sie für den Besuch des 12. Schuljahres nach Sawa gegangen.
Dort sei sie zunächst militärisch ausgebildet worden. Die Zeit in Sawa sei
schwierig gewesen. Sie sei disziplinarischen Strafmassnahmen und Ver-
suchen von sexuellen Übergriffen durch ihren Vorgesetzten ausgesetzt ge-
wesen. Während eines einmonatigen Urlaubs habe sie beschlossen, nicht
mehr in den Dienst zurückzukehren. Zunächst sei sie gesucht worden; um
Nachteilen zu entgehen, habe sie dann gemeinsam mit ihrer Familie den
Entschluss gefasst, zu heiraten. Bis zu ihrer Verlobungszeit, habe sie sich
bei Verwandten in C._ versteckt und dann der Verwaltung in
B._ die Verlobung gemeldet, um aus dem Militär entlassen zu wer-
den. 2011 habe sie geheiratet, Probleme im Zusammenhang mit dem Mili-
tärdienst habe sie dann nicht mehr gehabt. Ihr Ehemann habe ebenfalls
Nationaldienst geleistet. Im vierten Monat 2016, als er sich urlaubshalber
zu Hause aufgehalten habe, sei er von zwei Soldaten mitgenommen wor-
den. Drei Tage später seien die Soldaten zu ihr zurückgekehrt und hätten
ihr mitgeteilt, ihr Ehemann sei geflohen. Sie hätten sie bedroht und unter
Druck gesetzt, ihren Ehemann beizubringen, andernfalls sie verhaftet
werde. Deshalb habe sie noch am gleichen Tag ihren Sohn zu ihrer Mutter
gebracht und Eritrea verlassen.
B.
Die Beschwerdeführerin reichte eine Kopie ihrer Identitätskarte sowie Ko-
pien der Identitätskarten ihrer Eltern zu den Akten. Am 25. März 2021
reichte sie das Original ihre Identitätskarte nach.
C.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2019 – eröffnet am 29. Juli 2019 – verneinte die
Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin und lehnte
ihr Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie ihre Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
E-4262/2019
Seite 3
D.
Die Beschwerdeführerin gelangte mit Rechtsmitteleingabe ihres Rechts-
vertreters vom 22. August 2019 an das Bundesverwaltungsgericht. Sie be-
antragt die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung. Die Vorinstanz sei
anzuweisen, sie als Flüchtling anzuerkennen und ihr Asyl zu gewähren.
Eventualiter sei die Verfügung des SEM aufzuheben und wegen Unzuläs-
sigkeit sowie Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige
Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Verfügung des SEM aufzu-
heben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und um unentgeltliche Verbeiständung in der Person ihres
Rechtsvertreters.
Als Beilagen liess sie die im separaten Beilagenverzeichnis aufgeführten
Dokumente zu den Akten reichen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 3. September 2019 hiess die zuständige In-
struktionsrichterin des Bundesverwaltungsgerichts die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung
gut, setzte MLaw Reto Ragettli, Advokat, als amtlichen Rechtsbeistand der
Beschwerdeführerin ein und lud die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
F.
F.a Die Vorinstanz hält in ihrer Vernehmlassung vom 16. September 2019
mit ergänzenden Erwägungen an der angefochtenen Verfügung fest und
beantragt sinngemäss die Abweisung der Beschwerde.
F.b Mit Eingabe vom 17. Oktober replizierte die Beschwerdeführerin innert
Frist und reichte eine Bestätigung ihrer Schwangerschaft vom 15. Oktober
2019 sowie eine Kostennote zu den Akten.
G.
Die Beschwerdeführerin liess am 24. Oktober 2019 eine ärztliche Überwei-
sung an das (...) vom (...) ins Recht legen.
H.
Am (...) wurde die Tochter der Beschwerdeführerin, D._, geboren.
E-4262/2019
Seite 4
I.
Mit Eingabe vom 30. April 2020 teilte die Beschwerdeführerin unter ande-
rem mit, bedingt durch die Corona-Epidemie sei ihr Arzttermin (...) abge-
sagt worden. Es liege aktuell noch kein Arztbericht vor. Sie bemühe sich
jedoch um einen neuen Termin und werde über den weiteren Verlauf der
Behandlung informieren.
J.
Mit Schreiben vom 1. Juli 2021 teilte die Beschwerdeführerin mit, dass sie
ihren Lebenspartner am (...) in einer religiösen Zeremonie geheiratet habe.
Die gemeinsame Tochter D._ sei mit Verfügung des SEM vom 22.
Juni 2021 in die Flüchtlingseigenschaft ihres Vaters einbezogen und es sei
ihr Asyl gewährt worden. Ende September 2021 erwarte sie ihr zweites
Kind.
K.
Am (...) brachte die Beschwerdeführerin ihren Sohn, E._, in der
Schweiz zur Welt.
L.
Im Rahmen eines zweiten Schriftenwechsels zog das SEM am 25. Januar
2022 die angefochtene Verfügung teilweise in Wiedererwägung, hob die
Ziffern 4 und 5 des Dispositivs auf und ordnete – aufgrund der Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs – die vorläufige Aufnahme der Be-
schwerdeführerin und ihres Sohnes E._ in der Schweiz an.
M.
M.a Am 4. Februar 2022 gewährte die Instruktionsrichterin der Beschwer-
deführerin die Möglichkeit, innert Frist einen allfälligen Rückzug ihrer Be-
schwerde mitzuteilen.
M.b Mit Eingabe vom 7. Februar 2022 hielt die Beschwerdeführerin an ih-
rer Beschwerde fest.
N.
Mit Verfügung des SEM vom 20. April 2022 wurde der Sohn der Beschwer-
deführerin, E._, ebenfalls in die Flüchtlingseigenschaft seines Va-
ters einbezogen und es wurde ihm Asyl gewährt.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM. Dabei entschei-
det das Gericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel und auch vorliegend
endgültig (vgl. Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31-33 VGG und
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG. Entsprechend kön-
nen mit der Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens gerügt werden sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts.
4.
Im Rahmen des Schriftenwechsels hat die Vorinstanz die Beschwerdefüh-
rerin wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufge-
nommen. Ein rechtlich geschütztes Interesse an der Frage, ob dem Vollzug
der Wegweisung allfällige weitere Hindernisse entgegenstehen ist ange-
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Seite 6
sichts der alternativen Natur der Wegweisungsvollzugshindernisse zu ver-
neinen (BVGE 2009/51 E. 54). Betreffend die Dispositivziffern 4 und 5 der
angefochtenen Verfügung ist die Beschwerde demzufolge gegenstandslos
geworden und von der Geschäftskontrolle abzuschreiben.
5.
5.1 Von der Beschwerdeführerin wird im Sinne eines Subeventualantrages
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz beantragt mit der Begründung, der rechtserhebliche
Sachverhalt hinsichtlich der Misshandlungen in Sawa sei nicht vollumfäng-
lich abgeklärt worden sei (Beschwerdeschrift S. Ziff. 30). Die Beschwerde-
führerin beabsichtige, sich aufgrund ihrer Traumatisierung in medizinische
Behandlung begeben und werde einen entsprechenden Arztbericht nach-
reichen. Da der psychische Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
sowie deren Traumatisierung von der Vorinstanz offensichtlich in ungenü-
gendem Mass berücksichtigt worden sei, habe nach der Rückweisung eine
erneute Anhörung der Beschwerdeführerin unter Beisein einer Fachperson
für Traumatisierungen stattzufinden (Replik S. 3), gegebenenfalls, sei von
Amtes wegen ein psychiatrisches Gutachten anzuordnen.
5.2
5.2.1 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet ei-
nen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
5.2.2 Eine Sichtung des Anhörungsprotokolls ergibt, dass die Beschwerde-
führerin bei einigen Fragen emotional reagierte und teilweise kaum antwor-
ten konnte (bspw. A17 F85 ff.). Gemäss den Anmerkungen der Hilfswerk-
vertretung (nachfolgend: HWV) war sie in offensichtlich schlechter psychi-
scher Verfassung. Dennoch kann der wesentliche Sachverhalt als erstellt
gelten respektive lässt er sich in Berücksichtigung dieser Umstände hinrei-
chend feststellen. Das Gericht teilt die Auffassung, die Sachbearbeiterin
habe die Betroffenheit der Beschwerdeführerin ungenügend beachtet
nicht. Dass die Frage, ob sie – die Beschwerdeführerin – in der Lage sei,
die Anhörung fortzuführen oder ob sie eine Pause wünsche (ebd. F85), nur
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auf Anregung der HWV hin gestellt worden sei, geht aus dem Anhörungs-
protokoll nicht hervor. Vielmehr äusserte die Befragerin selbst den Ein-
druck, dass die Erzählungen die Beschwerdeführerin "sehr mitnehmen"
würden (ebd. F87).
5.2.3 Eine Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz ist nach dem
Gesagten nicht gerechtfertigt und der subeventual gestellte Rückwei-
sungsantrag ist abzuweisen. Soweit im Sinne eines Beweisantrages die
Einholung eines psychiatrischen Gutachtens begehrt wird, ist dieser eben-
falls abzuweisen, weil der Sachverhalt entscheidreif festgestellt werden
kann. Im Übrigen wurden die angekündigten medizinischen Berichte bis
heute nicht nachgereicht.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3
AsylG).
7.
7.1 Die Vorinstanz begründet ihren abweisenden Entscheid zunächst mit
der fehlenden Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Asylvorbringen. Als
deren Kernelement qualifiziert sie die von der Beschwerdeführerin ange-
führte Mitnahme ihres damaligen Ehemannes, da ab diesem Zeitpunkt die
Schwierigkeiten begonnen hätten, derentwegen sie schliesslich ausgereist
sei. Den Grund, weshalb man ihn mitgenommen habe, habe sie aber nicht
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konsistent angeben können. Zudem mangle es ihren diesbezüglichen An-
gaben an Detailreichtum, Substanz und Genauigkeit. Bei der BzP habe sie
noch angegeben, ihr damaliger Ehemann sei im Militärdienst gewesen. Er
habe sich urlaubshalber zu Hause befunden, als die Soldaten gekommen
seien, weil er seinen Urlaub um zwei Wochen überzogen habe. Demge-
genüber habe sie bei der Anhörung explizit erklärt, der überzogene Urlaub
könne nicht der Grund für die Mitnahme gewesen sein. Sie habe keine Ver-
mutung, weshalb er von den Soldaten mitgenommen worden sei. Er habe
seinen (...)beruf ausserhalb des Nationaldienstes geleistet und sei jeweils
nach Hause gekommen, wenn er nicht gearbeitet habe.
Dass man sie drei Tage nach dessen Festnahme aufgefordert habe, ihren
Ehemann innert zwei Tagen beizubringen, ansonsten sie inhaftiert werde,
habe sie erstmals an der Anhörung vorgebracht. Warum sie die Fristanset-
zung nicht bereits bei der BzP erwähnt habe, sei nicht nachvollziehbar. Zu-
dem habe sie die Frage, weshalb die Soldaten ihn mitgenommen hätten,
mit nur einem Satz und ohne weitere Details beantwortet. Auch weiteren
diesbezüglichen Erzählungen fehle es an Lebhaftigkeit, persönlichen Ein-
drücken und Realkennzeichen.
Auch die Schilderungen ihrer Ausreise seien äusserst unpräzise und ohne
tiefere Inhalte ausgefallen. Es erscheine unrealistisch, dass sie ihre illegale
Ausreise aus Eritrea in nur einem Tag habe organisieren und in die Tat
umsetzen können.
Des Weiteren gebe es Unstimmigkeiten beziehungsweise schwerwie-
gende Widersprüche in ihren Berichten zu Erlebnissen, die sie nicht als
Ausreisegründe dargelegt habe. Diese seien aufgrund der zeitlichen Dis-
tanz zur Ausreise mangels Kausalität auch nicht flüchtlingsrechtlich rele-
vant. Die Beschwerdeführerin habe bei der BzP nicht erwähnt, dass sie
während ihrer Zeit in Sawa Schwierigkeiten mit ihrem Vorgesetzten erlebt
und deswegen später die Fortführung des Militärdiensts verweigert habe.
Ferner habe sie nicht angeführt, dass sie zu Hause mehrfach von den Be-
hörden gesucht worden sei, weshalb sie sich bis zur Hochzeit versteckt
habe. Es sei nicht erklärbar, dass sie dazu nicht bereits in der BzP wenigs-
tens Andeutungen gemacht, sondern verneint habe, mit der Armee oder
der Polizei Probleme gehabt zu haben.
Schliesslich sei sie aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea – es lägen
keine zusätzlichen Anknüpfungspunkte vor – nicht in flüchtlingsrechtlich re-
levanter Weise verfolgt.
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7.2 Den Ausführungen des SEM hält die Beschwerdeführerin im Wesentli-
chen entgegen, sie habe auch bei der BzP keinen Grund für die Mitnahme
ihres damaligen Ehemannes angegeben. Sie habe lediglich in Beantwor-
tung der ihr gestellten Fragen angegeben, wie lange er bereits zu Hause
gewesen sei, als die Soldaten gekommen seien. Dass der überzogene Ur-
laub der Grund der Mitnahme gewesen sei, habe sie nicht gesagt. Bei der
Anhörung habe sie erklärt, keine Vermutung zu haben, weshalb er mitge-
nommen worden sei, beziehungsweise der überzogene Urlaub sei nicht
der Grund gewesen. Was seine Tätigkeit anbelange, bedeute der Begriff
"ausserhalb des Militärs", dass er seine Tätigkeit als (...) im zivilen Teil des
Nationaldienstes ausgeübt habe. Sowohl bei der BzP als auch bei der An-
hörung habe sie angegeben, dass die Soldaten sie drei Tage nach der
Festnahme aufgesucht und gedroht hätten, sie zu inhaftieren, sollte sie ihn
nicht herbeischaffen. Bei der Anhörung sei ihr jedoch die detaillierte Frage
gestellt worden, weshalb sie – im Gegensatz zur BzP – die Frist erwähnt
habe. Die Tatsache, dass ihr mit einer Inhaftierung gedroht worden sei, sei
das Kernelement ihres Vorbringens, nicht jedoch die Frist. Dass sie aufge-
fordert worden sei, ihren damaligen Ehemann herbeizubringen, habe sie
bereits bei der BzP vorgebracht.
Sie bestreitet ferner die Einschätzung der Vorinstanz, wonach es ihren
Schilderungen zur Mitnahme und Suche ihres Ehemannes sowie zu den
Drohungen an Detailreichtum, Substanz und Genauigkeit fehle. Ebenso
wenig seien die Schilderungen ohne persönliche Note erfolgt. So werde im
Anhörungsprotokoll mehrmals vermerkt, dass sie geweint habe. Auch die
HWV habe bemerkt, dass es ihr aufgrund ihrer Traumatisierung schwer-
falle, über die Erlebnisse zu berichten.
Im Zusammenhang mit der nur eintägigen Organisation ihrer illegalen Aus-
reise weist die Beschwerdeführerin auf den Zeitdruck hin, der damals auf
ihr gelastet habe. Sie habe sofort handeln müssen, um einer allfälligen In-
haftierung zu entkommen. Des Weiteren habe sie genauen Datumsanga-
ben zum Reiseweg machen, Ortschaften benennen und die Aufenthalts-
dauer an diversen Orten angeben können. Sie habe auch die Finanzierung
ihrer Reise dargelegt und wie sie in die Schweiz habe einreisen können.
Schliesslich sei es nicht verwunderlich, dass sie erst bei der Anhörung die
Schwierigkeiten mit ihrem Vorgesetzten in Sawa geltend gemacht habe.
Sie sei bei der BzP von einem reinen Männerteam befragt worden und
habe aus Scham nicht von den Misshandlungen erzählt. Auch bei der An-
hörung habe sie explizit erklärt, sie könne nicht darüber sprechen.
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In ihrer Vernehmlassung räumt die Vorinstanz ein, dass die Beschwerde-
führerin bei der BzP nicht konkret angegeben habe, dass die Soldaten ih-
ren Ehemann wegen des überzogenen Urlaubs zu Hause gesucht und mit-
genommen hätten, allerdings gehe dies implizit aus ihren Angaben hervor.
Ergänzend zeigt sie sich erstaunt darüber, dass der Zeitpunkt des Urlaubs
nicht mit den in Eritrea üblichen Schulferien übereinstimme.
Die in der Beschwerde erwähnte persönliche Betroffenheit in Form von Trä-
nen beziehungsweise ihre Emotionen sprächen nicht zu Gunsten der
Glaubhaftigkeit ihrer Schilderung allfälliger sexueller Belästigungen und
der dadurch angeblich entstandenen Traumatisierung. Sie seien vielmehr
Ausdruck ihres Unwohlseins während ihrer Zeit in Sawa. So habe sie auch
mehrmals bei Fragen und Erklärungen zu anderen Themen aus der Zeit
der 12. Klasse geschluchzt oder geweint.
Auch ihre Ausreise habe die Beschwerdeführerin, entgegen ihren Erklärun-
gen in der Beschwerde, nicht substantiiert und realitätsnahe geschildert.
Dass sie gewisse Namen von (allseits bekannten) Orten auf ihrer Route
habe aufzählen können, dürfe von einer Maturandin erwartet werden. Die
sonstige inhaltliche Beschreibung der Ausreise genüge jedoch den Anfor-
derungen an eine glaubhafte Schilderung nicht.
7.3 In ihrer Replik wiederholt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen die
Einwände in der Beschwerde. Ergänzend verweist sie darauf, dass sie bei
der BzP angewiesen worden sei, nur auf Fragen zu antworten; vieles sei
so unerwähnt geblieben. Schliesslich seien verspätete Vorbringen von
frauenspezifischen Fluchtgründen nicht per se ein Hinweis auf Unglaub-
haftigkeit, sondern entschuldbar.
8.
8.1 Nach eingehender Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungs-
gericht zum Schluss, dass die Einwände gegen die vorinstanzliche Begrün-
dung hinsichtlich der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Er-
eignissen in Sawa begründet sind, nicht jedoch hinsichtlich dem eigentli-
chen Ausreiseanlass, der Festnahme ihres damaligen Ehemannes und der
damit zusammenhängenden Drohung gegen sie.
Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet im Gegen-
satz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Eine Behaup-
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tung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von ihrer Wahr-
heit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält, obwohl
nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht es für die Glaubhaft-
machung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber
in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um-
stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. Ent-
scheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die Gründe, die für eine
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht;
dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3
E. 6.5.1).
8.2
8.2.1 Das Gericht sieht keinen Grund, an den von der Beschwerdeführerin
geschilderten Ereignissen während ihrer Ausbildung in Sawa und dem Ent-
scheid, zu heiraten, um nicht in den Nationaldienst zurückkehren zu müs-
sen, zu zweifeln. Das SEM verkennt zum einen, dass die Beschwerdefüh-
rerin selbst diese Umstände nicht als Ausreisegrund angab, weshalb sie
grundsätzlich auch nicht Anlass hatte, die Übergriffe während der Zeit in
Sawa im Rahmen der summarischen Befragung bereits anzugeben. Auch
ihr Einwand, an der BzP seien nur Männer gewesen, ist eine nachvollzieh-
bare Erklärung. Unabhängig davon, ob das Vorbringen im Rahmen der An-
hörung überhaupt als verspätet betrachtet werden kann, ist zum andern
auf die langjährige Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zu
verweisen, wonach Vorbringen auch glaubhaft sein können, wenn sie ver-
spätet vorgetragen werden, sofern vollziehbare Gründe dafür ersichtlich
werden. Namentlich können Folteropfer oder Opfer von Vergewaltigungen
bekanntermassen grosse Probleme haben, über die erlittenen Übergriffe
zu sprechen (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.3 m.w.H.). Hinzu kommt, dass der
sinngemässe Einwand, die zu Gunsten der Glaubhaftigkeit sprechenden
Elemente seien nur ungenügend in eine Abwägung eingeflossen, berech-
tigt ist. Es ergeben sich aus dem Anhörungsprotokoll nämlich auch zahlrei-
che Hinweise, die zu Gunsten der Sachdarstellung der Beschwerdeführe-
rin hinsichtlich der Ereignisse in Sawa sprechen. So wiederholte sie mehr-
fach, wie sie nach der 12. Klasse nicht mehr nach Sawa habe zurückkeh-
ren wollen und aus welchen Gründen (A17 F80 ff.), und ihre Not wirkt nach-
vollziehbar, weil sie authentisch schildert, dass sie damit auch ihre Zu-
kunftspläne habe aufgeben müssen, obwohl sie eine der vorbildhaftesten
Schülerinnen gewesen sei (ebd. F81, F86f.). Auch macht sie mehrfach
deutlich, sie habe nicht freiwillig, sondern nur geheiratet, um den Militär-
dienst umgehen zu können (ebd. F90, F113 ff., F118 sowie F128). Dass ihr
die (unfreiwillige) Heirat – bereits ab der Verlobungszeit – mehrere Jahre
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Seite 12
lang ein unbehelligtes Leben ermöglicht habe, hebt sie ebenfalls wiederholt
hervor (ebd. F126, F129 f., F130, F132, F137), und es ist nicht ersichtlich,
inwiefern sie diesbezüglich einen Sachverhalt konstruieren sollte. Die Dar-
stellung der Beschwerdeführerin deckt sich im Übrigen in diesem Zusam-
menhang mit der Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts in seinem
Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017, worin unter anderem
festgehalten wird, dass gemäss einem nicht offiziell publizierten Dekret des
Provisional Government of Eritrea (Proklamation 11/1991) verheiratete
Frauen und Mütter keinen Nationaldienst leisten müssten (E. 12.4,
m.w.H.). Konkret und nicht nacherzählt wirken auch die Schilderungen, wie
sich der Anführer der Haili und andere Vorgesetzte verhalten hätten (A17
F89). Dass es auch – zumindest zu versuchten – sexuellen Übergriffen
gekommen ist, braucht nicht ernsthaft bezweifelt zu werden, nur weil die
Beschwerdeführerin, so das SEM, auch bei anderen Schilderungen aus
der Zeit in Sawa geweint habe. Dass die Erinnerungen an ihre Zeit in Sawa
die Beschwerdeführerin belasten, wird nicht zuletzt von der befragenden
Person selbst festgestellt (ebd. F87). Auch die HWV hielt unter anderem
fest, dass gerade im Zusammenhang mit den Schilderungen der sexuellen
Übergriffe in Sawa die Beschwerdeführerin gepresst geatmet und lauter
gesprochen habe, sehr aufgebracht gewirkt und Tränen in den Augen ge-
habt habe. Schliesslich ist notorisch, dass sexuelle Übergriffe im eritrei-
schen Nationaldienst, vor allem in der militärischen Grundausbildung, häu-
fig vorkommen, und Frauen davon besonders betroffen sind (vgl. BVGE
2018 VI/4 E. 5.2.1, S. 18 f.).
8.2.2 Auch hinsichtlich des geltend gemachten Ausreisegrundes – die Mit-
nahme und Suche nach dem damaligen Ehemann der Beschwerdeführerin
sowie die in diesem Zusammenhang gegen sie ausgestossene Drohung –
überzeugen die Vorhalte des SEM nicht überall. Es relativiert in der Ver-
nehmlassung selbst den angeblichen Widerspruch hinsichtlich des geltend
gemachten Festnahmegrundes. Auch hat die Beschwerdeführerin nicht
einmal implizit dargetan, der überzogene Urlaub sei der Grund für die Fest-
nahme gewesen. Sondern sie gab nur einerseits an, ihr Mann habe einen
Monat lang Urlaub gehabt, und dann auf die Frage, wie lange er schon zu
Hause gewesen sei, als die Soldaten gekommen seien, geantwortet, einen
Monat und zwei Wochen (A5 Ziff. 7.02). Zum Grund für die Festnahme gab
sie konstant an, diesen nicht zu kennen, was ihr im Übrigen nicht angelas-
tet werden kann. Soweit das SEM der Beschwerdeführerin schliesslich ent-
gegenhält, sie habe an der BzP nicht erwähnt, dass ihr die Soldaten eine
Frist gesetzt hätten zur Beibringung ihres Ehemannes, ist festzustellen,
dass sie bereits dort angab, von den Soldaten bedroht worden zu sein (A5
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Seite 13
F.7.02 am Schluss). Im Anschluss daran wurden ihr keine weiteren Fragen
mehr gestellt und sie hatte keinen Anlass, eine zweitägige Frist zu nennen.
Auch bei der Anhörung hat sie erst auf eine entsprechende Frage hin von
der Frist gesprochen (A17 F149).
Demgegenüber lässt sich der Widerspruch, der sich daraus ergibt, dass
die Beschwerdeführerin anlässlich der BzP angab, ihr Mann habe Militär-
dienst geleistet und sei nie entlassen worden (A5 Ziff. 7.02), und ihrer spä-
teren Angabe, er sei ausserhalb des Nationaldienstes als Lehrer tätig ge-
wesen, nicht gänzlich aufklären, selbst wenn man zu ihren Gunsten davon
ausgehen würde, ihr Mann sei nie aus dem Nationaldienst – wo er in einer
zivilen Einheit als Lehrer tätig gewesen wäre – entlassen worden. Ihre Aus-
sage an der Anhörung, er sei nicht im Nationaldienst gewesen, ist nämlich
klar (A17 F177). Auch hätte erwartet werden können, dass die Beschwer-
deführerin ihre Angaben zur Festnahme des Ehemannes und der an-
schliessenden Drohung detaillierter hätte schildern können, zumal diese
Umstände unmittelbar zu ihrer Ausreise geführt hätten. Es kann diesbe-
züglich vollumfänglich auf die Erwägung in der angefochtenen Verfügung
verwiesen werden (ebd. S. 5, zweiter Abschnitt). Bezeichnenderweise wird
dieser zutreffenden Würdigung auf Beschwerdestufe nichts Substanzielles
entgegengebracht, und es kommt sogar noch zu einem Widerspruch, in-
dem die Beschwerdeführerin nun angibt, die Soldaten seien bereits nach
zwei Tagen zurückgekehrt. Die Einschätzung wird dadurch bestätigt, dass
die Beschwerdeführerin an keiner Stelle geltend machte, die eritreischen
Behörden seien zurückgekehrt oder hätten sich auch nur bei ihrer Familie
nach ihrem Verbleib erkundigt, in deren Nähe sie auch nach ihrer Heirat
gelebt habe (etwa A17 F27und F54). Dies obwohl sie vielfältigen Kontakt
zu ihrer Familie im Heimatstaat, aber auch anderen Verwandten in der
Schweiz und im Ausland pflegt (ebd. F24, F42f., F44f.).
8.3 Zusammenfassend konnte die Beschwerdeführerin demnach glaubhaft
machen, dass sie die zwölfte Klasse in Sawa begonnen und den militäri-
schen Teil absolviert hat, während dem sie mit willkürlichen Bestrafungen
und sexuellen Übergriffen konfrontiert war. Ebenfalls glaubhaft ist, dass sie
geheiratet hat, um nicht mehr nach Sawa zurückkehren zu müssen und
sich damit tatsächlich auch dem Zugriff der eritreischen Behörden entzie-
hen konnte. Nicht glaubhaft ist jedoch die Festnahme ihres Ehemannes
respektive insbesondere die Drohung seitens der Soldaten, die Beschwer-
deführerin werde inhaftiert, sollte sie ihren Ehemann nicht binnen zweier
Tage beibringen. Dieser Sachverhalt ist der folgenden Würdigung zu
Grunde zu legen.
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9.
9.1 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn
ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der
Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht –
mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen.
Es müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vor-
handen sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor
Verfolgung und damit den Entschluss zur Furcht hervorrufen würden. Da-
bei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrach-
tungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der betroffenen
Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichba-
ren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen
ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive)
Furcht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
9.2 Zutreffend ist die Feststellung des SEM, dass die Ereignisse in Sawa
im Jahr 2009 keinen zeitlichen und sachlichen Kausalzusammenhang zur
Ausreise der Beschwerdeführerin aus Eritrea erst im Jahr 2016 haben. Ein
solcher gilt praxisgemäss in der Regel nach einer Zeitspanne von sechs
bis zwölf Monaten anzunehmen als unterbrochen (vgl. bspw. Urteil des
BVGer E-411/2020 vom 12. August 2021 E. 6.5 m.H. auf BVGE 2010/57
E. 4.1 sowie BVGE 2009/51 E. 51 E. 4.2.5). Bezeichnenderweise macht
die Beschwerdeführerin diese Vorkommnisse auch nicht als Ausreisegrund
geltend. Auch für den heutigen Zeitpunkt ist ihre allfällige subjektive Furcht
– sie könnte (noch immer beziehungsweise wieder) im Fokus der eritrei-
schen Behörden stehen, weil sie damals nicht nach Sawa zurückgekehrt
ist – unbegründet. Es ist auch bei einer hypothetischen heutigen Rückkehr
nicht davon auszugehen, sie käme deswegen nun wieder in deren Fokus,
obwohl sie verheiratet und Mutter ist. Der Einzug in den Nationaldienst für
sich alleine ist entgegen dem Einwand in der Beschwerde sodann nicht
asylrelevant (vgl. Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 5.1).
9.3
9.3.1 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht
sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG gel-
tend. Diese begründen die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3
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AsylG, führen jedoch zum Ausschluss des Asyls. Stattdessen werden Per-
sonen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE
2009/28 E. 7.1).
9.3.2 Bezogen auf Eritrea reicht gemäss aktueller Praxis des Bundesver-
waltungsgerichts eine illegale Ausreise allein zur Begründung der Flücht-
lingseigenschaft nicht aus. Vielmehr ist eine flüchtlingsrechtlich relevante
Verfolgungsgefahr nur dann anzunehmen, wenn zusätzliche Anknüpfungs-
punkte vorliegen, welche zu einer Schärfung des Profils führen (vgl. Refe-
renzurteil D-7898/2015 a.a.O. E. 4.1 und 5.1 f.).
9.3.3 Auch unter dem Aspekt zusätzlicher Anknüpfungspunkte kommt den
Ereignissen in Sawa und dem anschliessenden Fernbleiben keine Rele-
vanz zu. Es ist nicht ersichtlich, weshalb die Beschwerdeführerin deswe-
gen bei einer heutigen Rückkehr in den Augen des eritreischen Regimes
nun plötzlich als missliebige Person gelten würde, nachdem sie ihre Heirat
als Fernbleibegrund akzeptiert hatten. Andere zur illegalen Ausreise hinzu-
kommende Faktoren sind nicht ersichtlich, zumal sie den geltend gemach-
ten Ausreisegrund nicht glaubhaft machen konnte. Aus diesen Gründen ist
der illegalen Ausreise der Beschwerdeführerin aus ihrem Heimatstaat pra-
xisgemäss – unabhängig von ihrer Glaubhaftigkeit – keine flüchtlingsrecht-
liche Relevanz beizumessen.
9.4 Nach dem Gesagten ist zusammenfassend festzustellen, dass die
Furcht der Beschwerdeführerin vor einer asylrelevanten Verfolgung im
Falle einer Rückkehr nach Eritrea objektiv nicht begründet ist und sie die
Flüchtlingseigenschaft auch nicht aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe
erfüllt. Im Ergebnis hat die Vorinstanz demnach zu Recht festgestellt, sie
erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und ihr Asylgesuch abgelehnt. Die
Frage, ob die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft gestützt auf
Art. 51 Abs. 1 AsylG erfüllt sprengt den Rahmen des vorliegenden Verfah-
rens; es steht ihr frei, ein entsprechendes Gesuch einzureichen.
10.
10.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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10.2 Im Zeitpunkt der Verfügung hat das SEM die Wegweisung zu Recht
angeordnet, zumal die Beschwerdeführerin weder über eine ausländer-
rechtliche Bewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen verfügte. Mittlerweile hat sich ihre persönliche Situation insofern we-
sentlich geändert als sie in der Schweiz mit ihrem ordentlich hier aufent-
haltsberechtigten (Niederlassungsbewilligung) Partner lebt und mit ihm
zwei Kinder hat. Damit ist ein potenzieller Anspruch auf Erteilung einer Auf-
enthaltsbewilligung ersichtlich (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4.2, Entscheide
und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK]
2001/21 E. 9.a). Angesichts dessen, dass weder aus den Akten ersichtlich
noch geltend gemacht wird, es sei bei der zuständigen kantonalen Behörde
bereits ein Gesuch um Erteilung einer ausländerrechtlichen Bewilligung
eingereicht worden, erübrigt sich an dieser Stelle eine weitere Auseinan-
dersetzung mit der Frage, ob die Wegweisung aufgrund fehlender Zustän-
digkeit aufzuheben ist, zumal in der Beschwerde zwar die Aufhebung der
vorinstanzlichen Verfügung beantragt, im Zusammenhang mit der ange-
ordneten Wegweisung allerdings nur hinsichtlich des angeordneten Weg-
weisungsvollzugs Anträge gestellt werden. Gleichzeitig steht es der Be-
schwerdeführerin jederzeit offen, bei der zuständigen kantonalen Behörde
ein Gesuch um Erteilung einer ausländerrechtlichen Bewilligung einzu-
reichen.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
und vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist somit
abzuweisen.
12.
12.1 Es verbleibt der Entscheid über die Verfahrenskosten und allfällige
Entschädigungen. Die Beschwerdeführerin ist bezüglich ihrer Anträge auf
Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Gewährung von Asyl und Aufhe-
bung der Wegweisung unterlegen. Bezüglich der Anordnung des Wegwei-
sungsvollzugs hat sich die Vorinstanz ihrem Rechtsbegehren hingegen
wiedererwägungsweise unterzogen. Praxisgemäss ist bei dieser Aus-
gangslage von einem (faktischen) hälftigen Unterliegen respektive Obsie-
gen der Beschwerdeführerin auszugehen.
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hätte die Beschwerdeführerin die
Verfahrenskosten zur Hälfte zu tragen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen
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ihr Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwi-
schenverfügung vom 3. September 2019 gutgeheissen wurde und keine
Anhaltspunkte bestehen, dass sich ihre finanzielle Situation seither mass-
geblich verändert hat, wird auf die Auferlegung von Verfahrenskosten ver-
zichtet.
12.3 Sodann ist der vertretenen Beschwerdeführerin im Umfang des Ob-
siegens eine angemessene Parteientschädigung für die ihr aus der Be-
schwerdeführung erwachsenen notwendigen Kosten zuzusprechen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 sowie Art. 15 und Art. 5 des Reglements
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.310.2]).
Der Rechtsvertreter reichte mit Eingabe vom 7. Februar 2022 eine aktuelle
Kostennote ein. Hierin wird ein Vertretungsaufwand von insgesamt Fr.
3'360.– geltend gemacht, ausgehend von einem zeitlichen Aufwand von 10
Stunden und 55 Minuten (655 Minuten) zu einem Stundenansatz von Fr.
300.– und Barauslagen von Fr. 85.–. Zudem wies er daraufhin, dass keine
Mehrwertsteuerpflicht bestehe. Der zeitliche Vertretungsaufwand erscheint
den konkreten Verfahrensumständen angemessen. Der ausgewiesene
Stundenansatz bewegt sich zudem im Rahmen von Art. 10 Abs. 2 VGKE.
Die reduzierte Parteientschädigung, die durch das SEM zu vergüten ist, ist
somit auf Fr. 1'680.– festzusetzen.
12.4 Soweit die Beschwerdeführerin unterliegt, ist dem amtlich eingesetz-
ten Rechtsbeistand ein Honorar auszurichten. Ausgehend von einem Stun-
denansatz von Fr. 220.– ist dem amtlichen Rechtsbeistand demzufolge ein
Gesamtbetrag von Fr. 1'243.– (hälftiges Honorar inklusive hälftige Ausla-
gen) durch das Gericht zu vergüten.
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