Decision ID: 5654a1bf-e2cd-4035-9abc-e30aa814db6c
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) ersuchte im Januar 2015 unter Hinweis auf
Hüftprobleme und eine seit dem 13. Oktober 2014 bestehende vollständige
Arbeitsunfähigkeit um Leistungen der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV; IV-
act. 1). Zu diesem Zeitpunkt war er seit mehreren Jahren vollzeitlich als Mitarbeiter
Zustellung für die B._ AG tätig (IV-act. 7).
A.a.
Am 21. Januar 2015 unterzog der Versicherte sich in der Orthopädie der Klinik
C._ (nachfolgend: Orthopädie) bei der Diagnose ausgeprägte Hüftdysplasie beidseits
(links symptomatisch) einer periacetabulären Becken-Osteotomie links mit Arthrotomie
und Taillierung des Kopf-Halsübergangs (IV-act. 10-6; vgl. auch Operationsbericht in
act. G 1.1.3). Wegen postoperativer linksseitiger Fussheberparese sowie sensiblem
Defizit fand am 22. Januar 2015 im Zentrum für Paraplegie der Klinik C._
(nachfolgend: Zentrum für Paraplegie) eine neurologische und neurophysiologische
Untersuchung statt, welche die Diagnose Läsion des Nervus ischiadicus links mit
fehlendem Nervenkontinuitätsnachweis des Nervus peronaeus zum Musculus tibialis
anterior und inkompletter Nervus tibialis Lähmung ergab (IV-act. 10-9). Einem
Sprechstundenbericht der Orthopädie vom 19. März 2015 ist zu entnehmen, dass der
Verlauf bezüglich Hüfte erwartungsgemäss sei. Bezüglich der Ischiadicusschädigung
erfolge weiterhin eine Spitzfussprophylaxe (IV-act. 21).
A.b.
Die IV-Stelle teilte dem Versicherten am 15. April 2015 mit, dass zurzeit aufgrund
seines Gesundheitszustandes keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen möglich
seien (IV-act. 27).
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 21. Mai 2015 startete der Versicherte mit Unterstützung des betrieblichen
Case Management (vgl. IV-act. 15) bei der B._ mit 30% in einer angepassten
Tätigkeit im Stempeldienst (IV-act. 68-2). Dieses Pensum konnte er per 10. August
2015 auf 50% erhöhen, neu reinigte er auch Fahrzeuge und führte kleinere
Zustellungen aus (IV-act. 54 i.V.m. 68-2). Gemäss Sprechstundenbericht der
Orthopädie vom 14. August 2015 war er seitens der Hüfte zu diesem Zeitpunkt
beschwerdearm mit noch leicht persistierenden Beschwerden im Bereich der Leiste
nach Belastung (IV-act. 42). Die Fachärzte Neurologie hielten mit Bericht vom 25.
August 2015 in Anbetracht des Hoffman-Tinel-Zeichens als Korrelat eines
Nervenwachstums und der Besserung der Sensibilitätsstörung sowie beginnenden
Reinnervationszeichen im Musculus biceps femoris ein weiteres Abwarten für
gerechtfertigt (IV-act. 78). Per 5. Oktober 2015 konnte der Versicherte seine
Arbeitstätigkeit bei der B._ auf 60% steigern, neu stellte er zusätzlich zum
Stempeldienst Betreibungsurkunden zu (IV-act. 68-2).
A.d.
Am 22. Oktober 2015 fand ein Gespräch zwischen dem Versicherten und der IV-
Eingliederungsberaterin statt. Dabei äusserte er den Wunsch, wieder 100% in der
Zustellung zu arbeiten. Sofern dies nicht möglich sein sollte, müsse oder wolle er im
Büro arbeiten. Dafür würde er eine Weiterbildung benötigen (IV-act. 63-3).
A.e.
Mit Mitteilung vom 12. November 2015 sprach die IV-Stelle dem Versicherten die
von ihm am 30. August 2015 beantragte Fussheberorthese als Hilfsmittel zu (IV-act. 65;
Antrag in IV-act. 44).
A.f.
Mit Verlaufsbericht vom 20. November 2015 erklärten die zuständigen Ärzte vom
Zentrum für Paraplegie, klinisch zeige sich eine gewisse Besserung mit gebesserter
Sensibilität und einem nach distal gewanderten Hoffmann-Tinel-Zeichen, das nun am
Verlauf des Nervus peroneus auslösbar sei als Anhalt für eine zunehmende
Nervenaussprossung. Elektrophysiologisch seien die Befunde stabil. Aufgrund der
langen Reinnervationsstrecke sei mit einem protrahierten Verlauf von etwa drei Jahren
zu rechnen (IV-act. 79). Dem Bericht der Orthopädie vom 25. November 2015 ist zu
entnehmen, dass der Versicherte einen geschalteten Lastwagen fahren müsste, um
seine Arbeit behalten zu können. Dies sei aufgrund des Fallfusses und der dadurch
A.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
fehlenden Stabilität und Koordination des Fusses wahrscheinlich nicht möglich (IV-act.
80).
Am 1. Dezember 2015 gewährte die IV-Stelle dem Versicherten
Frühinterventionsmassnahmen in Form von Berufsberatung (IV-act. 67). Das
Erstgespräch fand am 18. Dezember 2015 statt (IV-act. 97-1 f.). Gemäss
Sprechstundenbericht der Orthopädie vom 29. Dezember 2015 bestand nach wie vor
eine Nervenläsion mit klinisch vor allem Symptomatik eines Fallfusses, aber auch
Instabilität bezüglich Pronation und Supination im oberen Sprunggelenk links (IV-act.
81).
A.h.
Die zuständige Ärztin vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) hielt am 23. Februar
2016 gestützt auf die Akten dafür, dass die Arbeitsfähigkeit adaptiert 60% betrage und
auf 100% gesteigert werden können sollte. Die Arbeitsfähigkeit als Paketbote betrage
0%, mit einer dauerhaften, mindestens 20%igen Einschränkung müsse gerechnet
werden (IV-act. 83). Dem Verlaufsbericht der Orthopädie vom 29. Februar 2016 ist zu
entnehmen, dass es dem Versicherten betreffend Hüfte in der Zwischenzeit gut gehe.
Er könne Lasten heben und tragen ohne Schmerzen zu haben. Auch bezüglich
Beweglichkeit für alltägliche Verrichtungen sei er schmerzfrei. In punkto
Nervenschädigung zeige sich noch keine Erholung (IV-act. 89). Aus dem Schlussbericht
der IV-Berufsberatung vom 13. April 2016 geht hervor, dass vom Versicherten der
Logistikfachmann als Ausbildungsziel favorisiert werde, was unterstützt werden könne
(IV-act. 98; vgl. auch Verlaufsprotokoll in IV-act. 97). Am 14. April 2016 fand ein
Standortgespräch des Case Management der B._ statt, welches ergab, dass der
Versicherte seit dem 11. April 2016 zu 70% eingesetzt werden könne. Die B._ könne
ihm bis zum Ende der Lohnfortzahlungspflicht diese adaptierte Tätigkeit anbieten.
Darüber hinaus könnten keine Stellenprozente geschaffen werden, weshalb beim
aktuellen Stand keine Weiterbeschäftigung möglich sei. Aber im Rahmen des
Arbeitsversuchs über die IV könne der Versicherte für weitere sechs Monate bei der
B._ beschäftigt werden (IV-act. 102). Am 14. April 2016 unterzeichnete der
Versicherte je einen IV-Eingliederungsplan Arbeitsplatzerhalt (IV-act. 99) und
Frühinterventionsmassnahmen betreffend den Weiterbildungskurs zum
Logistikfachmann vom 12. August 2016 bis 24. Februar 2018 (IV-act. 100; vgl.
entsprechende Mitteilungen der IV vom 20. April 2016 in IV-act. 104 und 105).
A.i.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Mitteilung vom 22. April 2016 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für
orthopädische Spezialschuhe (IV-act. 108).
A.j.
Im Oktober/November 2016 unterzeichneten der Versicherte, die IV-
Eingliederungsberaterin und die B._ einen Eingliederungsplan für einen
Arbeitsversuch vom 1. Januar bis 30. Juni 2017 als Mitarbeiter Disposition/
Sachbearbeitung. Dies auf der Grundlage einer 70%igen Arbeitsfähigkeit, welche
während des Arbeitsversuchs auf 80 - 100% gesteigert werden sollte (IV-act. 114; vgl.
auch Mitteilung vom 23. November 2016 in IV-act. 120). Da bei der B._ keine
Anschlusslösung zustande kam, meldete der Versicherte sich per Ende dieses
Arbeitsversuches beim zuständigen Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum zur
vollzeitlichen Stellensuche an (vgl. IV-act. 133-9). Am 10. August 2017 erteilte die IV-
Stelle zusätzliche Kostengutsprache für die Wiederholung von Kursen im Basiswissen
(IV-act. 127). Mit Mitteilung vom 24. August 2017 sprach sie dem Versicherten
Arbeitsvermittlung zu (IV-act. 129; vgl. auch Eingliederungsplan vom 19. Juli/23. August
2017 in IV-act. 128).
A.k.
Am 14./19. November 2017 unterzeichneten der Versicherte und die B._ einen
Arbeitsvertrag, gemäss welchem er ab 1. November 2017 mit 50%igem Pensum in der
Zustellung / Logistics angestellt wurde (IV-act. 134). Am 5. Januar 2018 zog die IV-
Eingliederungsberaterin das Fazit, dass er bei der B._ in einem 50%-Pensum
eingegliedert sei, über eine Erhöhung auf 70 - 80% werde Ende Februar 2018
entschieden. Er werde sich weiterhin auf 100%-Stellen bewerben, dabei werde er vom
RAV unterstützt (IV-act. 133-11). Vor diesem Hintergrund verneinte die IV-Stelle am 9.
Januar 2018 einen Anspruch auf weitere berufliche Massnahmen (IV-act. 136).
A.l.
Mit Vorbescheid vom 23. Januar 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
dass kein Rentenanspruch bestehe, da es ihm in einer dem Leiden angepassten
Tätigkeit möglich wäre, ein rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen (IV-act.
139).
A.m.
Der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. D._, erklärte der IV-Stelle am 14.
Februar 2018, dass noch kein Abschluss gemacht werden könne, da die Arbeitszukunft
des Versicherten noch offen sei (IV-act. 141). Gleichentags wandte sich auch der
A.n.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Versicherte gegen den Vorbescheid und wies darauf hin, dass sein Fuss für immer so
bleiben werde. Das bereite ihm im Alltag und in seiner Tätigkeit sehr viele
Schwierigkeiten (IV-act. 142).
Per 1. März 2018 wurde der Beschäftigungsgrad im Arbeitsverhältnis des
Versicherten mit der B._ auf 70% erhöht (IV-act. 147).
A.o.
Am 16. März 2018 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid die
Rentenablehnung (IV-act. 149 = act. G 1.1.2).
A.p.
Gegen diese Verfügung vom 16. März 2018 richtet sich die Beschwerde vom 1.
Mai 2018. Darin wurde durch den Rechtsvertreter des Versicherten (nachfolgend:
Beschwerdeführer) unter Kosten- und Entschädigungsfolgen beantragt, Letzterem ab
Oktober 2015 mindestens eine Viertelsrente auszurichten. Eventualiter seien
medizinische Abklärungen, insbesondere ein medizinisches Gutachten anzuordnen.
Zur Begründung wurde geltend gemacht, die vom Beschwerdeführer ausgeübte
Tätigkeit sei ideal leidensangepasst und schöpfe die verbliebene Resterwerbsfähigkeit
voll aus. Die B._ sei aufgrund der jahrelangen guten Leistungen des
Beschwerdeführers und des tragischen Unfalls bereit, ihm bei einer Präsenzzeit von
70% und einer Leistungsfähigkeit von 50 - 60% einen Lohn von Fr. 45'500.-- zu zahlen.
Die Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit betrage jedoch maximal 60%. Die
Verfügung beruhe auf einer unvollständigen Aktenlage (act. G 1). Mit der Beschwerde
wurden diverse bisher nicht aktenkundige Arztberichte eingereicht (act. G 1.1.3 bis
1.1.16).
B.a.
Am 29. Mai 2018 reichte der Rechtsvertreter dem Gericht ein Schreiben des
Vorgesetzten des Beschwerdeführers vom 25. Mai 2018 ein (act. G 4 und 4.1).
B.b.
Am 30. Mai 2018 ersuchte die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die
Orthopädie um eine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer
optimal dem Leiden angepassten, mehrheitlich sitzenden Tätigkeit (IV-act. 159). Med.
pract. E._, Assistenzarzt Orthopädie, antwortete am 15. Juni 2018 dahingehend,
dass aktenanamnestisch eine mehrheitlich sitzende Tätigkeit ohne weite Gehstrecken
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu 100% möglich sein müsste (IV-act. 163). Die zuständige RAD-Ärztin hielt am 20.
Juni 2018 gestützt hierauf fest, die Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten betrage
100% (IV-act. 164).
Mit Beschwerdeantwort vom 9. Juli 2018 ersuchte die Beschwerdegegnerin um
Abweisung der Beschwerde. Dem Beschwerdeführer sei es zumutbar, mit einer
vollzeitlich ausgeübten Tätigkeit ein dem Einkommen eines Hilfsarbeiters
entsprechendes und rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen (act. G 6).
B.d.
Am 27. Juli 2018 liess der Beschwerdeführer die Replik einreichen, an den
Anträgen gemäss Beschwerde festhalten und ausführen, der Bericht der Orthopädie
vom 15. Juni 2018 sei nicht beweistauglich. Er führe bei der B._ eine
wechselbelastende Tätigkeit mit Gehen, Stehen und Sitzen aus. Die Briefzustellung
(selten Paketzustellung) mache etwa 50% aus. Die restliche Zeit verbringe er im Büro
und in der Halle. Im Büro erledige er sitzend administrative Arbeiten am PC. In der
Halle bearbeite er stehend schadhafte Pakete. Die Wechselbelastung sei ideal, wenn er
zu lange sitze, beginne sein Bein zu schmerzen und zu ermüden. Er erleide täglich
Muskelkrämpfe im Bein. Diese würden nur bei langem Sitzen und Liegen auftreten.
Eine rein oder mehrheitlich sitzende Tätigkeit wäre nicht ideal leidensangepasst. Auch
sei ein Leidensabzug vom Invalideneinkommen von mindestens 10% vorzunehmen
(act. G 9).
B.e.
Die Beschwerdegegnerin erstattete am 2. August 2018 die Duplik, worin sie an
ihren Anträgen festhielt und unter anderem erklärte, in einer Tätigkeit im Büro könnte
mit ausfahrbarem Stehpult und entsprechender Matte dem zu langen Sitzen Abhilfe
geschaffen werden (act. G 11).
B.f.
Am 4. September 2018 reichte der Rechtsvertreter dem Gericht seine Honorarnote
ein (act. G 13 und 13.1). Am 7. September 2018 nahm die Beschwerdegegnerin dazu
Stellung (act. G 15).
B.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
2.
Die Beschwerdegegnerin hat die Befragungen des RAD am 29. Mai und am 19.
Juni 2018 (IV-act. 158 und 164) und der Orthopädie am 30. Mai 2018 (Anfrage in IV-act.
159; Antwort vom 15. Juni 2018 in IV-act. 163) und damit erst nach
Beschwerdeerhebung, d.h. lite pendente, vorgenommen. Es gilt deshalb zu prüfen, ob
sie mit diesem Vorgehen das Prinzip des Devolutiveffekts verletzt hat.
1.1.
Als ordentlichem Rechtsmittel kommt der Beschwerde nach Art. 56 des Bundes
gesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1)
Devolutiveffekt zu. Die formgültige Beschwerdeerhebung begründet die Zuständigkeit
des kantonalen Versicherungsgerichts, über das in der angefochtenen Verfügung
geregelte Rechtsverhältnis zu entscheiden. Somit verliert die Verwaltung die Herrschaft
über den Streitgegenstand, und zwar insbesondere auch in Bezug auf die tatsächlichen
Verfügungs- und Entscheidgrundlagen. Die Beschwerdeinstanz hat den
rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen zu ermitteln und ist nicht an die
Begehren der Parteien gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG). Das Prinzip des
Devolutiveffekts des Rechtsmittels erleidet insofern eine Ausnahme, als gestützt auf
Art. 53 Abs. 2 ATSG die Beschwerdegegnerin die angefochtene Verfügung bis zu ihrer
Stellungnahme in Wiedererwägung ziehen kann. In diesem Rahmen sind
Abklärungsmassnahmen der Verwaltung lite pendente nicht schlechthin
ausgeschlossen. Hinter dieser Ausnahmeregelung steht der Gedanke der
Prozessökonomie im Sinn der Vereinfachung des Verfahrens. So sind punktuelle
Abklärungen in der Regel zulässig (vgl. hierzu BGE 127 V 231 ff. E. 2b/bb).
1.2.
Da es sich bei der von der Beschwerdegegnerin schriftlich durchgeführten
Befragung des RAD und der Orthopädie um punktuelle Abklärungen handelt, ist von
einer solchen Ausnahme auszugehen. Folglich sind die Befragungen mitsamt
Beantwortung vom Gericht zu berücksichtigen.
1.3.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der
Rentenanspruch des Beschwerdeführers.
2.1.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
2.3.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.4.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Vorab ist zu klären, ob die Beschwerdegegnerin den medizinischen Sachverhalt
genügend abgeklärt hat.
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
Für die Bestimmung der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit kann
vorliegend ausnahmsweise auf die Berichte der behandelnden Ärzte abgestellt werden,
weil es sich um eine klar abgegrenzte Gesundheitsschädigung handelt, die von den
behandelnden Ärzten in deren Berichten umfassend geschildert worden ist und weil die
Akten insgesamt - wie sich nachfolgend ergibt - eine ausreichend zuverlässige
Einschätzung der dem Beschwerdeführer noch möglichen und zumutbaren
Arbeitstätigkeit erlauben. Gemäss der Stellungnahme der Orthopädie vom 15. Juni
2018 müsste dem Beschwerdeführer aktenanamnestisch eine mehrheitlich sitzende
Tätigkeit ohne weite Gehstrecken zu 100% zumutbar sein (IV-act. 163). Soweit der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers dieser Stellungnahme zur Arbeitsfähigkeit die
Beweiskraft absprechen möchte und darauf hinweist, dass der unterzeichnende Arzt
nicht der behandelnde Arzt sei, so ist er darauf hinzuweisen, dass der
Beschwerdeführer in der Orthopädie an der Klinik C._ von verschiedenen Ärzten
betreut worden ist. Die 16 aktenkundigen Berichte sind von 15 verschiedenen Ärzten
unterzeichnet worden (vgl. act. G 1.1.3, IV-act. 10-6 ff., 21, 41, 42, 49-5 f., 80, 81, 89,
91, act. G 1.1.7, IV-act. 122, act. G 1.1.9, 1.1.12 und 1.1.13, IV-act. 163). Alle
Orthopäden haben ihre Beurteilungen schriftlich festgehalten und alle diese Berichte
standen med. pract. E._ zur Verfügung. Wenn der Operateur der Hüfte- und
Beckenchirurgie, Prof. Dr. med. F._, diese Einschätzung einem Assistenzarzt nicht
zugetraut hätte, hätte dieser sie auch sicherlich nicht verfassen dürfen. Zu Recht weist
die Beschwerdegegnerin in ihrer Duplik in diesem Zusammenhang auf ein Urteil des
Bundesgerichts vom 14. Juli 2009, 9C_323/2009 E. 4.3.1 f. hin, wonach das Absehen
von eigenen Untersuchungen nicht an sich ein Grund ist, um einen ärztlichen Bericht in
Frage zu stellen (act. G 11). Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Orthopädie vom
15. Juni 2018 deckt sich sodann auch mit der Einschätzung des Vorgesetzten des
Beschwerdeführers vom 25. Mai 2018, welcher dessen Einschränkung auf das Gehen
beschränkt, indem er feststellt, dieser benötige für seine Arbeiten mehr Zeit und
Pausen als ein vergleichbarer Mitarbeiter, weil ihm das Laufen grosse Mühe bereite
(act. G 4.1). Dies wiederum steht in Einklang mit den von den zuständigen Ärzten der
Orthopädie und des Zentrums für Paraplegie anlässlich der Verlaufssprechstunden
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erhobenen klinischen Befunden des flüssigen Gangbildes mit deutlichem Steppergang
links und dem voraussichtlich bleibenden Nervenschaden im linken Bein (vgl.
beispielsweise act. G 1.1.11 und 1.1.12). Und auch der Hausarzt erklärte am 18. April
2018 damit vereinbar, der Beschwerdeführer benötige generell deutlich mehr Zeit für
alle Tätigkeiten, die Gehen oder Laufen beinhalten. Er leide an Fussschmerzen beim
Treppensteigen und ermüde schnell und habe Schmerzen beim Gehen in der am 21.
Januar 2015 operierten linken Hüfte (act. G 1.1.14) - wobei letzteres nicht
nachvollziehbar von den Berichten der Hüftsprechstunde der Orthopädie abweicht (vgl.
die jüngsten Berichte vom 19. Dezember 2016 und 13. November 2017 in act. G 1.1.9
und 1.1.12), welche jeweils eine Einschränkung aufgrund der zur Fusshebung
benötigten Orthese beschrieben, jedoch keine Schmerzen. Dr. D._s Einschätzung
einer 50 - 60%igen Leistungsfähigkeit bezieht sich offensichtlich auf die vom
Beschwerdeführer ab 1. November 2017 effektiv ausgeübte Tätigkeit bei der B._. Die
von Dr. D._ erwähnten Schlafstörungen und Ermüdung (act. G 1.1.14) haben
aktenkundig zu keiner Behandlung geführt, weshalb diesbezüglich keine Hinweise auf
einen grossen Leidensdruck vorliegen. Anlässlich der zweitletzten aktenkundigen
neurologischen und neurophysiologischen Untersuchung vom 29. August 2016
berichtete der Beschwerdeführer explizit über eine Schmerzfreiheit (act. G 1.1.8), und
dem Bericht zur jüngsten Untersuchung vom 17. März 2017 sind keine
Schmerzangaben zu entnehmen (act. G 1.1.11). Und auch in der Fusssprechstunde
vom 23. Januar 2018 erklärte der Beschwerdeführer, dass er unter keinen Schmerzen
leide (act. G 1.1.13). Der Bericht der Orthopädie vom 15. Juni 2018 ist zusammen mit
den übrigen Berichten der behandelnden Ärzte in einer nachvollziehbaren und
überzeugenden Aktenwürdigung vom RAD als beweiskräftig qualifiziert worden.
Folglich steht gestützt auf die medizinischen Akten mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer
uneingeschränkt arbeitsfähig für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten ist.
Diese Einschätzung muss sodann spätestens ab der Ausweitung der angepassten
Arbeitstätigkeit für die B._ per 10. August 2015 auf 50% gelten. Dem Protokoll des
Case-Managements der B._ ist zu entnehmen, dass in jenem Rahmen die Leistung
des Beschwerdeführers in angepassten Tätigkeiten bereits ab dem 21. Mai 2015 mit
100% beziffert wurde (IV-act. 54). Am 14. August 2015 hatte der Beschwerdeführer
zum zweiten Mal nach der Operation vom Januar 2015 die Hüft-Sprechstunde besucht
und es wurde die dritte neurologische und neurophysiologische Untersuchung
durchgeführt. Der Beschwerdeführer konnte in beiden Sprechstunden über einen
erfreulichen Verlauf berichten, bezüglich Hüfte litt er noch unter leicht persistierenden
Beschwerden nach Belastung und bezüglich des Nervenschadens hatte sich das
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gefühl im Bereich des Oberschenkels wie auch des proximalen Unterschenkels
verbessert. Die Schwellung sei nicht mehr aufgetreten. Die Lyrica Medikation habe der
Beschwerdeführer reduzieren können, hierunter sei er schmerzfrei (vgl. IV-act. 42-1 und
78-1). Dem Verlaufsprotokoll Eingliederungsberatung ist zu entnehmen, dass die Case
Managerin der B._ der IV-Eingliederungsberaterin am 19. November 2015 explizit
mitgeteilt hat, dass der Beschwerdeführer in angepasster Tätigkeit 100% arbeitsfähig
sei (IV-act. 133-2). Aus dem Standortprotokoll der B._ vom 26. November 2015 geht
damit übereinstimmend hervor, dass der Beschwerdeführer zu 60% im Innendienst
beschäftigt werde. Ab Februar 2016 bestehe die Aussicht, dass der Standort G._ die
Zustellung der Betreibungsurkunden nachmittags übernehme, wo der
Beschwerdeführer dann zu weiteren 10% beschäftigt werden könnte. Ansonsten seien
die Möglichkeiten einer angepassten Tätigkeit ausgeschöpft (IV-act. 68-1). Der
Beschwerdeführer selber war zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt, dass er im Büro
100% arbeiten könnte (IV-act. 133-3, Eintrag vom 26. November 2015). Am 4. März
2016 teilte der Beschwerdeführer der Eingliederungsberaterin der IV mit, es bleibe beim
60%igen Pensum, da ihm keine anderen Tätigkeiten angeboten werden könnten (IV-
act. 133-5). Ab dem 11. April 2016 wurde er gemäss Standortprotokoll vom 14. April
2016 dann mit 70%igem Arbeitspensum bei der B._ weiterbeschäftigt bis zum 31.
Dezember 2016 (vgl. IV-act. 102 und 133-6, Eintrag vom 13. Mai 2016). Gemäss
damaligem Stand war eine Weiterbeschäftigung über das Ende der
Lohnfortzahlungspflicht hinaus nicht möglich, da keine zusätzlichen Stellenprozente in
der adaptierten Tätigkeit geschaffen werden konnten (IV-act. 102-1). Limitierung für
eine Pensumserhöhung war also ab August 2015 nicht die gesundheitliche Verfassung
des Beschwerdeführers, sondern die fehlende Möglichkeit der Arbeitgeberin, ihm
angepasste Tätigkeiten anzubieten. Denn sobald der Standort G._ die Zuständigkeit
für die Zustellung der Betreibungsurkunden erhielt, konnte der Beschwerdeführer diese
zusätzliche Arbeit übernehmen. In Würdigung der gesamten Akten ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer,
wenn ihm die B._ zusätzliche geeignete Tätigkeiten hätte anbieten können, mit
vollem oder sicherlich annähernd vollem Pensum hätte arbeiten können. Hierfür spricht
auch das Folgende: Neben der genannten 70%igen Arbeitstätigkeit ab dem 11. April
2016 besuchte der Beschwerdeführer ab dem 12. August 2016 einen
Weiterbildungskurs zum Logistikfachmann am H._ welcher für drei Semester
vorgesehen war (IV-act. 100) und jeweils freitagabends von 18.00 Uhr bis 21.15 Uhr
und samstagmorgens von 08:00 Uhr bis 11.15 Uhr stattfand. Dies entspricht gut 15%
des durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitspensums von 42 Stunden. Zusätzlich
lernte der Beschwerdeführer seinen Angaben zufolge täglich ein bis zwei Stunden (IV-
act. 133-6, Eintrag vom 29. August 2016). Nach dem Ende des Arbeitsversuchs bei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B._ am 30. Juni 2017 meldete der Beschwerdeführer sich beim zuständigen
Regionalen Arbeitsvermittlungsamt zur vollzeitlichen Stellensuche an (vgl. IV-act.
133-9). Der Beschwerdeführer realisierte nach dem Gesagten vom 11. April 2016 bis
30. Juni 2017 - und wiederum ab 1. März 2018 - ein 70%iges Arbeitspensum, besuchte
ab dem 12. August 2016 zusätzlich eine Weiterbildung im Umfang von 15% und lernte
wiederum zusätzlich ein bis zwei Stunden pro Tag, womit er nahezu ein vollzeitliches
Arbeitspensum erfüllt hat. Der Beschwerdeführer selber begründete denn auch die
fehlende Steigerung des Arbeitspensums während dem Arbeitsversuch nicht mit
gesundheitlichen Einschränkungen, sondern damit, dass er die restliche Zeit fürs
Lernen und für Therapien benötigt habe (IV-act. 133-8, Eintrag vom 31. Mai 2017). Der
Vorgesetzte während des Arbeitsversuchs erklärte der IV-Stelle, der Beschwerdeführer
arbeite zuverlässig und mit einer guten Qualität, von einer verminderten
Leistungsfähigkeit war nicht die Rede (IV-act. 133-9, Eintrag vom 31. Mai 2017). Der
Einschätzung einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten ab August
2015 steht auch die Stellungnahme des RAD vom 23. Februar 2016 nicht entgegen,
welche zu diesem Zeitpunkt lediglich eine 60%ige Arbeitsfähigkeit in adaptierten
Tätigkeiten postulierte (vgl. IV-act. 83). Denn diese Einschätzung wurde im
Zusammenhang mit der Befürwortung einer Umschulung abgegeben und basiert auf
der effektiv ausgeübten Tätigkeit. Diese wiederum wurde wie vorstehend aufgezeigt
durch die fehlenden Möglichkeiten der Arbeitgeberin resp. den Zeitaufwand des
Beschwerdeführers für Therapien und Lernen begrenzt, nicht durch die Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers.
Soweit der Beschwerdeführer sich auf den Standpunkt stellt, die von ihm seit 1.
November 2017 ausgeübte Tätigkeit in der Spezialzustellung der B._ sei ideal
leidensangepasst (vgl. insbesondere Ausführungen in der Replik act. G 9 Ziff. 9 und
10), kann ihm nicht gefolgt werden. So erklärte er selber - in Abweichung von der
Schilderung in der Replik (act. G 9 Ziff. 9 und 10) - anlässlich des Praktikums als
Sachbearbeiter in der Logistikabteilung der B._, sitzen gehe gut (IV-act. 133-6,
Eintrag vom 26. Oktober 2016). Dieses Praktikum mit sitzender Bürotätigkeit wurde bis
zum 30. Juni 2017 weitergeführt. Während des gesamten Zeitraums wurde die
Leistungsfähigkeit des Versicherten nie als eingeschränkt beschrieben. Auch aufgrund
der medizinischen Aktenlage (vgl. vorstehend Erwägung 3.1) ist mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass eine vorwiegend sitzende Tätigkeit seinem
Leiden besser angepasst wäre. Diesbezüglich weist die Beschwerdegegnerin zurecht
darauf hin, dass bei einer sitzenden Tätigkeit mithilfe eines Stehpultes
Wechselbelastung geschaffen werden kann (vgl. act. G 11).
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Schliesslich ist basierend auf einer vollen Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten der
Invaliditätsgrad anhand eines Einkommensvergleichs festzulegen (vgl. Erwägung 2.3).
Da der hypothetische Rentenbeginn am 1. Oktober 2015 war, sind die
Vergleichseinkommen für dieses Jahr zu bestimmen (Anmeldung vom Januar 2015; am
12. Oktober 2015 bestandenes Wartejahr; vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG).
Von weiteren medizinischen Abklärungen sind sodann in antizipierender
Beweiswürdigung angesichts der klaren medizinischen Aktenlage keine neuen
objektiven entscheidrelevanten Erkenntnisse zu erwarten. Den Nachteil der
Beweislosigkeit im Sinne des fehlenden Nachweises einer Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit auch in adaptierten Tätigkeiten hat der Beschwerdeführer zu tragen
(vgl. BGE 139 V 563 E. 8.1). Soweit dieser eine unvollständige Sachverhaltsermittlung
von Seiten Beschwerdegegnerin moniert (vgl. act. G 1 Ziff. 22), kann ihm nicht gefolgt
werden. Es ist zwar korrekt, dass diese im Verfügungszeitpunkt nicht über sämtliche
Berichte der Orthopädie und des Zentrums für Paraplegie verfügt hat. Diese hätten
jedoch vom Beschwerdeführer bereits im Einwandverfahren beigebracht werden
können, führten ohnehin zu keiner anderen Beurteilung und lagen dem Gericht,
welchem volle Kognition zukommt, vor.
3.4.
Massgebend für das Valideneinkommen ist, was die versicherte Person aufgrund
ihrer beruflichen Fähigkeiten und persönlichen Umstände nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit im massgebenden Zeitpunkt des allfälligen
Rentenbeginns verdient hätte. Für die Bestimmung des Valideneinkommens wird
grundsätzlich am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der realen
Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da erfahrungsgemäss die
bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre (BGE 139 V 28
E. 3.3.2, 125 V 58 E. 3.1; Urteile des Bundesgerichts vom 18. März 2015,
8C_590/2014, E. 5.1, und 21. August 2013, 8C_196/2013, E. 3.1). Der
Beschwerdeführer hat den Beruf des Heizungsmonteurs erlernt. Ein knappes Jahr nach
Beendigung der Lehre hat er am 1. März 2006 bei der B._ die Tätigkeit
aufgenommen (IV-act. 1-4). Dabei erzielte er leicht schwankende Einkommen (vgl.
Auszug aus dem Individuellen Konto der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen in IV-
act. 6-1). Die Arbeitgeberin gab am 27. Januar 2015 das Einkommen, das der
Beschwerdeführer im Jahr 2015 ohne Gesundheitsschaden erzielt hätte, mit
Fr. 69'289.30 an (IV-act. 7-3 Ziff. 2.11). Angesichts des Umstandes, dass der
Beschwerdeführer im Gesundheitsfall mit überwiegender Wahrscheinlichkeit an seiner
4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Arbeitsstelle verblieben wäre, ist dieses Einkommen als Valideneinkommen
heranzuziehen.
Art. 16 ATSG umschreibt das Invalideneinkommen als hypothetisches Einkommen.
Nach der ständigen Verwaltungspraxis und Rechtsprechung steht der Beizug von
Tabellen und vergleichbaren Übersichten im Vordergrund. Nur unter besonderen
Voraussetzungen wird das Invalideneinkommen dem nach Eintritt der gesundheitlichen
Einbusse noch erzielten Einkommen gleichgesetzt. Dabei wird kumulativ vorausgesetzt,
dass ein besonders stabiles Arbeitsverhältnis den Bezug auf den allgemeinen
Arbeitsmarkt erübrigt, dass die verbleibende Arbeitsfähigkeit zumutbar voll
ausgeschöpft wird und dass nicht ein Soziallohn ausgerichtet wird. Ein allfälliger
Soziallohnanteil ist für die Bestimmung einer allfälligen Invalidität auszuscheiden (Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Auflage, Zürich·Basel·Genf 2020, Art. 16 N 66 ff.). Diese
Voraussetzungen sind beim Beschwerdeführer nicht erfüllt, zumal er die ihm
verbleibende Arbeitsfähigkeit nicht voll ausschöpft (vgl. vorstehend Erwägung 3) und er
gemäss seinen Ausführungen in der Beschwerde und den Angaben seines
Vorgesetzten möglicherweise zum Teil einen Soziallohn bezieht (vgl. act. G 1 Ziff. 16
und 20 sowie act. G 4.1, wobei die vom Vorgesetzten erwähnten
(Einarbeitungs-)Kompetenzen durchaus auch als Hinweis auf einen angemessenen
Leistungslohn ohne Soziallohnanteil gewertet werden könnten). Die
Beschwerdegegnerin rechnete anhand des statistischen Zentralwerts der
Hilfsarbeiterlöhne aller Branchen mit einem Invalideneinkommen von Fr. 66'719.-- (vgl.
IV-act. 138). Der Beschwerdeführer stützt sich auf die TA1 für B._-, Kurier- und
Expressdienste, Level 1, was bei vollzeitlichem Pensum zu einem Invalideneinkommen
von Fr. 68'004.-- führen würde (act. G 1 Ziff. 27). Angesichts des Umstandes, dass sich
das Valideneinkommen in derselben Grössenordnung befindet und keine Gründe für
die Gewährung des praxisgemäss höchstzulässigen Abzugs vom Tabellenlohn von
25% (vgl. etwa BGE 126 V 25) vorliegen, kann die genaue Bemessung sowohl des
Invalideneinkommens als auch eines allfälligen Abzugs vom Tabellenlohn offenbleiben.
Die rentenbegründende Schwelle von 40% wird bei Weitem nicht erreicht. Folglich hat
die Beschwerdegegnerin einen Rentenanspruch des Beschwerdeführers zu Recht
verneint.
4.2.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 16. März 2018 nicht zu
beanstanden und die Beschwerde abzuweisen.
5.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte