Decision ID: 25634b73-e493-4220-b1a7-e5863900cdba
Year: 2010
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Am 4. November 2004 meldete
Y._
ihren 1996 geborenen Sohn,
X._
, bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, unter Hinweis auf Teilleistungsschwächen in der Schule, Depressionen, Vergess
lichkeit, Gefühlsausbrüche und Schwierigkeiten in der Aufgaben
erledigung zum Leistungsbezug an (Urk. 8/1). Mit Verfügung vom 9. Juli 2007 anerkannte die IV-Stelle das Vorliegen des Geburtsgebrechens gemäss Ziff. 404 Anhang zur Verordnung über Geburtsgebrechen und verfügte die Übernahme der Kosten für dessen Behandlung ab 27. September 2004 bis 30. September 2009 (Urk. 8/20). Mit Verfügungen vom 10., 11. und 12. Juli 2007 erteilte die IV-Stelle Kosten
gutsprache für medizinische Massnahmen (Psychomotoriktherapie und Psycho
therapie; Urk. 8/21-22) sowie für Sonderschulmassnahmen (Urk. 8/23; verlän
gert am 27. Dezember 2007, Urk. 8/34).
Am 20. November 2007 stellte Dr. phil.
Z._
, Fachpsychologe für Neuro
psycho
logie FSP sowie Fachpsychologe für Kinder und Jugendliche FSP, der IV
Stelle Rechnung im Betrag von Fr. 2'112.08 für eine zwischen dem 22. September und 15. Dezember 2004 erfolgte neuropsychologische Abklärung (Urk. 8/27). Mit Verfügung vom 28. März 2008 lehnte die IV-Stelle nach Durchführung des
Vorbescheidsverfahrens
(Urk. 8/28-29, Urk. 8/31-33, Urk. 8/35-37) die Übernahme der Abklärungskosten ab (Urk. 2).
2.
Dagegen beschwerte sich die Mutter von
X._
mit Eingabe vom 17. April 2008 bei der IV-Stelle (Urk. 1), welche das Schreiben an das hiesige Gericht weiterleitete (Urk. 4). Mit Beschwerdeantwort vom 17. September 2008 schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 7), worauf der Schriftenwechsel mit Verfügung vom 23. September 2008 geschlossen wurde (Urk. 9).
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
Da der Streitwert Fr. 20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der Beschwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
2.
2.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (Art. 3 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teils des Sozialversicherungsrechts, ATSG) notwendigen medizi
nischen Massnahmen (Art. 13 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenver
sicherung, IVG). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Mass
nahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist (Art. 13 Abs. 2 IVG).
2.2
Als Geburtsgebrechen gemäss Ziff. 404 Anhang zur Verordnung über Geburts
gebrechen (
GgV
) gelten kongenitale Hirnstörungen mit vorwiegend psychischen und kognitiven Symptomen bei normaler Intelligenz (kongenitales infantiles Psychosyndrom, kongenitales hirndiffuses psychoorganisches Syndrom, konge
nitales hirnlokales Psychosyn
drom), sofern sie mit bereits gestellter Diagnose als solche vor Vollendung des 9. Altersjahres behandelt worden sind.
Nach der verordnungskonformen Verwaltungspraxis (vgl. BGE 122 V 114 f.
Erw
. 1b) gelten die Voraussetzungen von Ziff. 404
GgV
Anhang als er
füllt, wenn vor Vollendung des 9. Altersjahres mindestens Störungen des Ver
haltens im Sinne krankhafter Beeinträchtigung der Affektivität oder der Kon
taktfähig
keit, des Antriebs, des Erfassens (perzeptive, kognitive oder Wahrneh
mungs
störungen), der Konzentrationsfähigkeit sowie der Merkfähigkeit ausge
wiesen sind. Diese Symptome müssen kumulativ nachgewiesen sein, wobei sie nicht unbedingt gleichzeitig, sondern sukzessive auftreten können (
Rz
404.5 des Kreisschreibens über die medizinischen Eingliederungsmassnah
men, KSME, Stand Januar 2008).
2.3
Das vormalige Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG) hat erkannt, dass das Datum der erstmaligen gestellten Diagnose gemäss Ziff. 404
GgV
Anhang eine Anspruchsvoraussetzung nicht nur in dem Sinne darstellt, als sie vor dem 9. Altersjahr erfolgt sein muss, sondern auch einen allfälligen Leistungsbeginn der Invalidenversicherung festlegt. Solange keine Diagnose eines psychoorga
nischen Syndroms (POS) vorliegt, hat die Invalidenversicherung keine medizi
nischen Massnahmen unter Ziff. 404
GgV
Anhang zu übernehmen. Ebenso kann sie nach einmal gestellter Diagnose nicht verpflichtet werden, für die vor dem Diagnosedatum liegende Zeitspanne Leistungen nach dieser Ziffer zu erbringen. Entsprechend hat das EVG Satz 2 von
Rz
. 404.6 KSME ("Die Behandlungskosten werden ab gestellter Diagnose übernommen") als gesetz
mässig bezeichnet (Urteil vom 19. August 2004, I 508/03,
Erw
. 3.6). Zur Über
nahme der Kosten für Abklärungsmassnahmen hat sich das EVG hingegen nicht geäussert.
2.4
Gemäss Art. 78 Abs. 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) wer
den Kosten von Abklärungsmassnahmen von der Versicherung getragen, wenn die
Massnahmen durch die IV-Stelle angeordnet wurden oder, falls es an einer solchen Anordnung fehlt, soweit sie für die Zusprechung von Leistungen unerlässlich waren oder Bestandteil nachträglich zugesprochener Eingliede
rungsmassnahmen bilden.
3.
Im vorliegenden Fall geht es nicht um Behandlungskosten (
Erw
. 2.3 hievor), sondern um die Kosten der neuropsychologischen Abklärung durch Dr.
Z._
, welche von der Beschwerdegegnerin nicht angeordnet wurde. Die entsprechen
den Kosten sind daher dann von der Beschwerdegegnerin zu übernehmen, wenn die Abklärung für die Zusprechung von Leistungen unerlässlich war oder wenn die Abklärung Bestandteil nachträglich zugesprochener Eingliederungsmass
nahmen bildete (Art. 78 Abs. 3 IVV).
4.
4.1
Laut Bericht der Therapiestelle
A._
vom 15. Januar 2003 ergab eine dortige Abklärung des Beschwerdeführers psychomotorische Störungen im Sinne einer therapiebedürftigen psychomotorischen Ungeschicklichkeit (Urk. 8/16 S. 13). In der Folge erhielt der Beschwerdeführer vom 21. Mai 2003 bis 4. November 2004 eine Psychomotorik-Therapie (Urk. 8/19 S. 2).
4.2
Der damalige Kinderarzt des Beschwerdeführers veranlasste im September 2004 eine neuropsychologische Abklärung durch Dr.
Z._
bei Verdacht auf POS und familiärem Vorkommen von ADS/POS. Diese Abklärung fand am 27. September 2004 und am 4. Oktober 2004 statt. Im Bericht vom 7. Oktober 2004 führte Dr.
Z._
aus, es bestünden sich sozial störend auswirkende
Ver
haltenstörungen
mit Wutausbrüchen, depressiven Zügen,
clownhaftem
Verhal
ten, Stimmungsschwankungen und schlechter Einhaltung von Regeln. Weiter lägen eine Störung des Antriebs (An- und Durchtrieb), Wahrnehmungsstörun
gen (Raumerfassungs- und Beobachtungsfähigkeit) und Konzentrationsstörun
gen (Daueraufmerksamkeit, Interferenzfestigkeit und geteilte Aufmerksamkeit) vor. Schliesslich bestünden Merkfähigkeits- und Gedächtnisstörungen mit Beeinträchtigung der komplexen Sprachaufnahme, Sprachverarbeitung und Sprachspeicherung sowie mit Beeinträchtigung des Lernens (sprachlich) und der Erfassungsspanne (visuell-räumlich). Dr.
Z._
führte diese Teilleistungsschwä
chen auf Hirnfunktionsstörungen zurück (Urk. 8/5 S. 3 f.). Die allgemeine kog
nitive Leistungsfähigkeit (IQ) beurteilte er als durchschnittlich (Urk. 8/5 S. 1 und 5).
4.3
Die behandelnde Psychologin
B._
gab im Bericht vom Januar 2006 an, der Beschwerdeführer sei zu Beginn der Therapie im August 2004 durch seine
motorische Unruhe aufgefallen. Auch habe er unter einer Wahr
nehmungsschwäche gelitten, die ihm in allen Bereichen zu einem
Hinder
nis geworden sei. Weiter habe es ihm an der im Schulalltag nötigen Konzentration gemangelt. Durch sein inadäquates Verhalten in der Klasse sei der Beschwerde
führer kaum tragbar gewesen. Verbessert habe sich sein Befinden erst unter Ritalin. Noch immer aber sei er sehr auffällig und den Anforderungen einer Regelklasse nicht gewachsen (Urk. 8/16 S. 11).
4.4
Da sich der damalige Kinderarzt des Beschwerdeführer trotz mehreren Aufforde
rungen seitens der Beschwerdegegnerin nicht vernehmen liess (Urk. 8/4, Urk. 8/7, Urk. 8/9 S. 1, Urk. 8/12, Urk. 8/13, Urk. 8/14), wandte sich seine Mutter Mitte Juni 2007 an Dr. med.
C._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Im Bericht vom 24. Juni 2007 gab die Ärztin an, sie habe den Beschwerdeführer selber noch nicht kennen gelernt und verfüge auch nicht über detaillierte Angaben zur Krankengeschichte. Zur Beantwortung der von der Beschwerdegegnerin gestellten Fragen stütze sie sich demzufolge auf die oben wiedergegebenen Berichten. Dabei diagnostizierte sie ein Aufmerksamkeitsdefi
zithyperaktivitätssyndrom mit altersentsprechend guter kognitiver Entwicklung, Teilleistungsschwächen in der
Visuo
-Graphomotorik und visuell-räumlichen Wahrnehmung sowie starker Ablenkbarkeit, verminderter Konzentrations
spanne, motorischer Unruhe und hoher Impulsivität. Abschliessend bejahte sie die für das Vorliegen eines angeborenen infantilen POS gestellten Voraus
setzungen und verwies dabei weitgehend auf die von Dr.
Z._
im neuropsy
chologischen Abklärungsbericht vom 7. Oktober 2004 erhobenen Befunde (Urk. 8/16 S. 8 f.).
5.
Aus den wiedergegebenen Berichten erhellt, dass der Beschwerdeführer durch sein Verhalten bereits vor dem Herbst 2004 aufgefallen war und in der Folge Psychomotorik-Therapie und Psychotherapie zur Förderung des Schulbesuches in der Regelklasse zugesprochen erhielt. Erst mit der neuropsychologischen Abklärung bei Dr.
Z._
im Oktober 2004 wurden die für die Feststellung eines POS praxisgemäss notwendigen Störungen systematisch untersucht und bejaht. Für die Anerkennung als Geburtsgebrechen und damit die Zusprechung von Leistungen der Invalidenversicherung fehlte es jedoch an einer ärztlichen Bestätigung des POS. Nachdem der damalige Kinderarzt des Beschwerdeführers auf die Aufforderungen der Beschwerdegegnerin zur Einreichung eines Arzt
berich
tes hin nicht reagiert beziehungsweise damit eine von der Beschwerde
gegnerin eingeleitete psychiatrische Abklärung des inzwischen bereits neunjährigen Beschwerdeführers vereitelt hatte (Urk. 8/8, Urk. 8/10, Urk. 8/13), bejahte Dr.
C._
rückwirkend das
Bestehen eines entsprechenden Geburtsgebre
chens. Dabei wies sie im Bericht vom 24. Juni 2007 mehrmals darauf hin, dass sie für die Beantwortung der gestellten Fragen auf die ihr vorliegenden Berich
ten zurückgreifen müsse. Insbesondere tat sie dies bei der Bejahung der Vor
aussetzungen für das angeborene infantile POS mit ausdrücklichem Verweis auf die von Dr.
Z._
im Herbst 2004 erhobenen Befunde.
Gestützt auf die Angaben von Dr.
C._
anerkannte die Beschwerdegegne
rin das Vorliegen eines POS und sprach Leistungen ab 27. September 2004 zu, dem Datum der ersten neuropsychologischen Untersuchung bei Dr.
Z._
(Urk. 8/20-22). Damit bestätigte sie implizit die diagnostische Bedeutung von Dr.
Z._
s Abklärungsergebnissen. Wenn sie nun die Übernahme der Abklä
rungskosten mit der Begründung ablehnt, das Geburtsgebrechen sei aufgrund des Berichtes von Dr.
C._
rückwirkend ausgewiesen, weshalb die neuro
psychologische Abklärung zur Diagnosestellung nicht unerlässlich gewesen sei (Urk. 2 S. 1; vgl. auch Urk. 8/39 S. 1, Urk. 8/41 S. 1), blendet die Beschwerde
gegnerin aus, dass Dr.
C._
mangels Kenntnis der vom früheren Kinderarzt geführten Krankengeschichte, ohne die (echtzeitlichen) Befunde der neuropsy
chologischen Abklärung im Herbst 2004 nicht in der Lage gewesen wäre, das Vorliegen des POS vor dem 9. Altersjahr nachträglich zu bestätigen.
Aus diesen Gründen hat die Invalidenversicherung die Kosten für Dr.
Z._
s neuropsychologische Abklärung zu übernehmen.
6.
Die Kosten des Verfahrens sind auf Fr. 600.
festzulegen und
ausgangsgemäss
von der Beschwerdegegnerin zu tragen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG).