Decision ID: 4da074ec-10a6-4128-a492-2630cc1d3007
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
SWICA Krankenversicherung AG, Rechtsdienst, Römerstrasse 38, 8401 Winterthur,
Beschwerdeführerin,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
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Beschwerdegegnerin,
und
A._,
Beigeladene,
vertreten durch D._, Per Adresse A._,
betreffend
medizinische Massnahmen für A._
Sachverhalt:
A.
A.a A._, Jahrgang 1993, geboren in DE-F._, leidet seit Geburt an einem
kongenitalen Hypoventilationssyndrom sowie Aganglionose und Ganglienzell-
Anomalien (IV-act. 2 f., 20 f.). Gemäss Anhang der Verordnung über Geburtsgebrechen
(GgV; SR 831.232.212) handelt es sich dabei um die Geburtsgebrechen (GG) Ziffer 278
und Ziffer 382. A._ reiste am 1. Juni 1999 in die Schweiz ein. Sie lebt bei der
Pflegefamilie B._. Seit 1999 besucht sie die Schule C._ in DE-G._ (IV-act. 1-1 ff.,
3-1, 12).
A.b Zur Behandlung einer Halbseitenlähmung aufgrund einer Hypothalamusblutung
rechts weilte A._ vom 14. Mai 2008 bis 24. Oktober 2008 im Rehabilitationszentrum
des Kinderspitals Zürich in Affoltern am Albis (IV-act. 2-1 ff.). Vom 30. November 2009
bis 1. Dezember 2009 erfolgte zur Evaluation der nächtlichen Heimbeatmung (zur
Behandlung des GG Ziffer 278) ein stationärer Aufenthalt im Kinderspital Zürich (IV-act.
20-6 ff.).
A.c Im Juli 2009 hatte B._ das Pflegekind zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung (IV) angemeldet (IV-act. 1-1 ff.). Eine Anfrage der IV-Stelle bei der
Abteilung Wirtschaftliche Jugendhilfe der Stadt DE-G._ ergab, dass A._ weder
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bevormundet noch verbeiständet sei. Sorgeberechtigt seien nach wie vor die leiblichen
Eltern, D._ und E._, beide wohnhaft in DE-H._ (IV-act. 6-1). In der Folge
ersuchten die leiblichen Eltern am 15. Oktober 2009 (Eingangsdatum SVA) um
Leistungen der IV für ihre Tochter A._ (IV-act. 6, 8).
A.d Mit Vorbescheid vom 1. April 2010 stellte die IV-Stelle die Abweisung des
Leistungsbegehrens betreffend die Kosten im Zusammenhang mit dem
Rehabilitationsaufenthalt (Physio- und Ergotherapie) in Aussicht. Diese Kosten könnten
nicht im Rahmen von medizinischen Massnahmen nach Art. 12 IVG übernommen
werden. Aus den Akten gehe hervor, dass A._ auch zu einem späteren Zeitpunkt mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht in der Lage sein werde, einer beruflichen
Tätigkeit in der freien Wirtschaft nachzugehen (IV-act. 25). Gleichentags teilte die IV-
Stelle mit, dass die Kosten für die Behandlung der Geburtsgebrechen Ziffer 278 und
Ziffer 382 sowie die ärztlich verordneten Behandlungsgeräte in einfacher und
zweckmässiger Ausführung seit 15. Oktober 2008 bis 31. Oktober 2013 übernommen
werden könnten (Mitteilung vom 1. April 2010, IV-act. 24).
A.e Am 23. April 2010 erhob die SWICA Krankenversicherung AG als vorleistende
Versicherungsträgerin gegen den Vorbescheid vom 1. April 2010 Einwand (IV-act. 29-1
ff.). Mit Verfügung vom 27. Mai 2010 wies die IV-Stelle den Leistungsanspruch wie
angekündigt ab (IV-act. 32).
B.
B.a Gegen diese Verfügung sowie die Mitteilung vom 1. April 2010 richtet sich die
Beschwerde der SWICA vom 24. Juni 2010. Die Beschwerdeführerin beantragt die
Aufhebung der Verfügung und Anpassung der Mitteilung. Die Beschwerdegegnerin sei
zur Übernahme der Behandlungskosten der Geburtsgebrechen Ziffer 278 und Ziffer
382 ab 15. Oktober 2004 (eventualiter 1. Januar 2008) sowie der Kosten des
Rehabilitationsaufenthalts (Physio- und Ergotherapie vom 14. Mai 2008 bis 24. Oktober
2008) zu verpflichten; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der
Beschwerdegegnerin. Zur Begründung macht sie im Wesentlichen geltend, die Frist zur
rückwirkenden Leistungsübernahme bei Geburtsgebrechen betrage fünf Jahre. Daher
habe die Beschwerdegegnerin die Leistungen für die letzten fünf Jahre vor der
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Anmeldung und somit ab 15. Oktober 2004 zu übernehmen und der
Beschwerdeführerin als vorleistende Krankenversicherung die Kosten
zurückzuerstatten. Was die Ablehnung der Kosten des Rehabilitationsaufenthalts
betreffe, so dürfe A._ die Eingliederungsfähigkeit nicht a priori abgesprochen
werden. Ihre zukünftigen Möglichkeiten seien noch offen. Die gesundheitlichen
Einschränkungen würden allenfalls darauf hindeuten, dass ihre Erwerbstätigkeit eher in
einem geschützten Rahmen stattfinden werde, mit der Prognose "keine berufliche
Tätigkeit in freier Wirtschaft" sei jedoch Vorsicht geboten. Zudem sei neben der
Eingliederung in die freie Wirtschaft auch die Eingliederung in andere
Aufgabenbereiche miteinzubeziehen. Dies würde auch einkommenslose Tätigkeiten,
z.B. ehrenamtliche Tätigkeiten ohne geldwerten volkswirtschaftlichen Nutzen sowie
Ausbildung umfassen. Die Möglichkeit, in einer geschützten Werkstätte eine Tätigkeit
zu erbringen, sei einer Erwerbstätigkeit gleichgestellt. Kein gesetzliches Kriterium sei,
dass die Eingliederung in der freien Wirtschaft zu erfolgen habe. Andernfalls würde
auch die Haushalttätigkeit nicht als vergleichbarer Aufgabenbereich betrachtet werden.
Dementsprechend habe die Beschwerdegegnerin auch die Kosten der
Rehabilitationsbehandlung zu übernehmen (act. G 1).
B.b Am 25. Oktober 2010 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. A._ werde lediglich im Rahmen einer geschützten Werkstätte
arbeitsfähig sein. Es fehle damit an dem von Art. 12 Abs. 1 IVG geforderten
überwiegenden Eingliederungscharakter, sodass die Kostenübernahme für die
Rehabilitation zu Recht abgelehnt worden sei (act. G 6).
B.c Am 2. November 2010 reichte die Beschwerdeführerin ihre Replik ein. Die
Beschwerdegegnerin habe sich nicht zur zitierten bundesgerichtlichen Rechtsprechung

geäussert. Im Übrigen werde auf die Erwägungen der Beschwerde verwiesen (act. G 8).
B.d Am 8. November 2010 verzichtete die Beschwerdegegnerin auf eine Duplik und
verwies auf ihre Beschwerdeantwort (act. G 10).
B.e Am 12. November 2010 wurde der leibliche Vater von A._, D._, zum Verfahren
beigeladen. Dieser liess sich nicht vernehmen (act. G 12).
Erwägungen:
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1.
1.1 Die Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung vom 27. Mai 2010 sowie die
Mitteilung vom 1. April 2010. Die Beschwerdeführerin beantragt die Aufhebung der
Verfügung sowie die Abänderung der Mitteilung. Zunächst ist zu prüfen, ob die
Mitteilung vom 1. April 2010 Anfechtungsgegenstand vorliegender Beschwerde bilden
kann.
1.2 Im verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren sind grundsätzlich nur
Rechtsverhältnisse zu überprüfen bzw. zu beurteilen, zu denen die zuständige
Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich in Form einer Verfügung Stellung
genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung den beschwerdeweise
weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem
Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und
insoweit keine Verfügung ergangen ist (BGE 125 V 414 Erw. 1a, 119 Ib 36 Erw. 1b, je
mit Hinweisen). Nach der Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
(EVG; seit 1. Januar 2007 sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts) kann
jedoch das verwaltungsgerichtliche Verfahren aus prozessökonomischen Gründen auf
eine ausserhalb des Anfechtungsgegenstandes, d.h. ausserhalb des durch die
Verfügung bestimmten Rechtsverhältnisses liegende spruchreife Frage ausgedehnt
werden, wenn diese mit dem bisherigen Streitgegenstand derart eng zusammenhängt,
dass von einer Tatbestandsgesamtheit gesprochen werden kann, und wenn sich die
Verwaltung zu dieser Streitfrage mindestens in Form einer Prozesserklärung geäussert
hat (BGE 130 V 503, 122 V 36 Erw. 2a mit Hinweisen).
1.3 Über die Kostengutsprache für die Behandlung der Geburtsgebrechen Ziffer 278
und Ziffer 382 sowie die ärztlich verordneten Behandlungsgeräte in einfacher und
zweckmässiger Ausführung rückwirkend ab 15. Oktober 2008 hat die
Beschwerdegegnerin keine Verfügung erlassen (IV-act. 24). Dementsprechend fehlt es
grundsätzlich an einem beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Es
stellt sich jedoch die Frage, ob das Beschwerdeverfahren ausnahmsweise auf das
Abänderungsbegehren der Mitteilung vom 1. April 2010 ausgeweitet werden kann. Wie
sich nachfolgend zeigen wird, ist die Streitsache nicht spruchreif. Sodann hat sich die
Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort auch nicht zum
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Abänderungsbegehren geäussert (act. G 6). Die Voraussetzungen zur Ausdehnung des
Beschwerdeverfahrens auf die beantragte Abänderung der Mitteilung vom 1. April 2010
sind nicht erfüllt. Auf das Abänderungsbegehren hinsichtlich der Mitteilung kann somit
nicht eingetreten werden.
1.4 Das Gesuch um Abänderung der Mitteilung wurde im Rahmen der Beschwerde
vom 24. Juni 2010 gestellt und ist somit bei der falschen Stelle eingegangen.
Gleichwohl erfolgte der Widerspruch gegen die Mitteilung damit in genügender Art und
Weise. Die Sache ist daher zum Erlass einer entsprechenden Verfügung an die
Beschwerdegegnerin zu überweisen, wobei die nachfolgenden Erwägungen zu
beachten sind.
2.
Sodann ist die Rechtmässigkeit der Verfügung vom 27. Mai 2010 zu prüfen. Strittig ist
der Anspruch auf Übernahme der Kosten des Rehabilitationsaufenthalts bzw. der
Physio- und Ergotherapie für die Zeit vom 14. Mai 2008 bis 24. Oktober 2008.
Zunächst stellt sich jedoch die Frage, ob A._ die versicherungsmässigen
Voraussetzungen zum Bezug der geltend gemachten Leistung erfüllt. Den Akten ist
nicht zu entnehmen, auf welcher Grundlage die Beschwerdegegnerin die
versicherungsmässigen Voraussetzungen zum Leistungsbezug bejaht hat. Vorliegend
kommt eine Anspruchsberechtigung nach Schweizer Recht oder nach
internationalsozialrechtlichen Vereinbarungen der Schweiz in Frage.
3.
3.1 Gemäss Art. 1b des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) in Verbindung mit Art. 1a Abs. 1 lit. b des Bundesgesetzes über die Alters-
und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) sind namentlich natürliche
Personen, die ihren Wohnsitz in der Schweiz haben, nach dem ersteren Gesetz
versichert.
3.2 Laut Art. 6 Abs. 1 Satz 1 IVG haben schweizerische und ausländische
Staatsangehörige sowie Staatenlose Anspruch auf Leistungen gemäss den
nachfolgenden Bestimmungen.
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3.2.1 Nach Art. 6 Abs. 2 IVG sind ausländische Staatsangehörige, vorbehältlich
Art. 9 Abs. 3, nur anspruchsberechtigt, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhnlichen
Aufenthalt (Art. 13 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG; SR 830.1) in der Schweiz haben und sofern sie bei
Eintritt der Invalidität während mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder
sich ununterbrochen während zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben. Für im
Ausland wohnhafte Angehörige dieser Personen werden keine Leistungen gewährt.
3.2.2 Laut Art. 9 Abs. 3 IVG haben ausländische Staatsangehörige mit Wohnsitz
und gewöhnlichem Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz, die das 20. Altersjahr
noch nicht vollendet haben, Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, wenn sie selbst
die Voraussetzungen nach Art. 6 Abs. 2 erfüllen (Satz 1); oder wenn ihr Vater oder ihre
Mutter, falls sie ausländische Staatsangehörige sind, bei Eintritt der Invalidität während
mindestens eines vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbrochen während
zehn Jahren in der Schweiz aufgehalten haben (lit. a), und wenn sie selbst in der
Schweiz invalid geboren sind oder sich bei Eintritt der Invalidität seit mindestens einem
Jahr oder seit der Geburt ununterbrochen in der Schweiz aufgehalten haben. Den in
der Schweiz invalid geborenen Kindern gleichgestellt sind Kinder mit Wohnsitz und
gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die im Ausland invalid geboren sind und
deren Mutter sich dort unmittelbar vor der Geburt während höchstens zwei Monaten
aufgehalten hat (lit. b).
3.3 Gemäss Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 ATSG gelten nicht erwerbstätige
Personen, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben, als invalid, wenn die
Gesundheitsbeeinträchtigung voraussichtlich eine Erwerbsunfähigkeit zur Folge haben
wird. Nach Art. 8 Abs. 1 IVG haben Invalide oder von einer Invalidität unmittelbar
bedrohte Versicherte Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern; der
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen besteht unabhängig von der Ausübung einer
Erwerbstätigkeit vor Eintritt der Invalidität. Dabei ist die gesamte noch zu erwartende
Arbeitsdauer zu berücksichtigen (Abs. 1). Gemäss Art. 22 Abs. 1 der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) entsteht der Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen frühestens mit der Unterstellung unter die obligatorische
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oder freiwillige Versicherung und endet spätestens mit deren Erlöschen. Die
Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in medizinischen Massnahmen
(Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG).
4.
4.1 Nach dem Dahinfallen der allgemeinen IV-rechtlichen Versicherungsklausel per
1. Januar 2001 schreibt Art. 6 Abs. 1 IVG für den Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung grundsätzlich nicht mehr vor, dass die versicherten Personen,
namentlich Schweizerinnen und Schweizer, bei Eintritt der risikospezifischen Invalidität
der Invalidenversicherung unterstanden haben müssen. Vielmehr genügt es, wenn die
invalide Person im Zeitpunkt der Leistungszusprechung versichert ist (vgl. BBl 1999 S.
5011 f. sowie eingehend zu Inhalt und Geschichte von Art. 6 Abs. 1 IVG: Urteil des EVG
vom 12. Januar 2005, I 169/03, Erw. 5; BGE 132 V 184 ff.).
Indes steht die Aufhebung der IV-rechtlichen Versicherungsklausel in Art. 6 Abs. 1 IVG
unter dem Vorbehalt weiterer Gesetzesbestimmungen. Hierzu gehören namentlich die
speziellen Klauseln in Art. 6 Abs. 2 IVG, wonach Ausländerinnen und Ausländer
während des Leistungsbezugs Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt in der Schweiz
und vor dem Invaliditätseintritt mindestens ein volles Jahr Beiträge geleistet oder sich
während zehn Jahren ununterbrochen in der Schweiz aufgehalten haben müssen;
weiter jene von Art. 9 Abs. 3 IVG, wonach ausländische Personen vor Vollendung des
20. Altersjahres, insbesondere ausländische Kinder und Jugendliche, mit Wohnsitz und
gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, namentlich dann einen Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen erwerben, wenn ein Elternteil vor Invaliditätseintritt
während eines Jahres Beiträge bezahlt und sie selbst sich bei Invaliditätseintritt seit
einem Jahr ununterbrochen in der Schweiz aufgehalten haben oder hier invalid geboren
wurden (lit. a und lit. b Satz 1). Demnach haben Ausländerinnen und Ausländer vor
Vollendung des 20. Altersjahrs, deren Gebrechen bereits im Ausland im Sinn des
risikospezifischen Invaliditätsbegriffs behandlungsbedürftig war, nur dann Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen, wenn im Zeitpunkt der Geburt oder des
Invaliditätseintritts ein Elternteil ein Jahr Beiträge an die schweizerische Versicherung
geleistet oder die in der Schweiz wohnhafte Mutter sich für die Geburt vorübergehend
ins Heimatland begeben hat (zu letzterem vgl. Art. 9 Abs. 3 lit. b Satz 2 IVG).
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4.2 Aus dem Gesagten folgt, dass die Bejahung der Anspruchsberechtigung nach
Schweizer Recht u.a. Wohnsitz und Aufenthalt in der Schweiz während des
Leistungsbezugs voraussetzt (Art. 6 Abs. 2 und Art. 9 Abs. 3 IVG). A._ hat sich
während des Leistungsbezugs offensichtlich in der Schweiz aufgehalten. Fraglich ist
hingegen, ob sie auch tatsächlich Wohnsitz in der Schweiz begründet hat.
4.3 Ob jemand seinen zivilrechtlichen Wohnsitz im Inland oder im Ausland hat,
beurteilt sich für die hiesigen Behörden nach dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch
(ZGB; SR 210; BGE 98 V 204 Erw. 2, EVGE 1958 S. 96, 1957 S. 97 Erw. 2). Danach hat
eine Person ihren Wohnsitz am Ort, an welchem sie sich mit der Absicht dauernden
Verbleibens aufhält (Art. 23 Abs. 1 ZGB). Der Wohnsitz bleibt an diesem Ort bestehen,
solange nicht anderswo ein neuer Wohnsitz begründet wird (Art. 24 Abs. 1 ZGB). Der
Wohnsitz von Vater und Mutter gilt als Wohnsitz der unter elterlicher Sorge stehenden
Kinder (Art. 25 Abs. 1 ZGB). Der Grundsatz, dass der einmal begründete Wohnsitz
bestehen bleibt, gilt nicht nur hinsichtlich des freiwilligen Wohnsitzes von Art. 23 Abs. 1
ZGB, sondern auch in Bezug auf den unselbständigen gesetzlichen Wohnsitz von Art.
25 Abs. 1 ZGB. Schliesslich besagt Art. 24 Abs. 2 ZGB, dass der Aufenthaltsort als
Wohnsitz gelte, wenn ein im Ausland begründeter Wohnsitz aufgegeben und in der
Schweiz kein neuer begründet worden ist (BSK ZGB-1, 4. Auflage, 2010, Staehlin, Art.
24 Rz 8 ff.).
4.4 A._ ist in Deutschland als Kind deutscher Eltern geboren worden. Über die
genauen Verhältnisse - sowohl vor als auch nach der Einreise in die Schweiz im Jahr
1999 - geben die vorhandenen Akten keinen Aufschluss. Es ist daher auch nicht
bekannt, ob A._ mit ihren leiblichen Eltern in die Schweiz eingereist ist und diese
anschliessend wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. Ebenso wenig ergibt sich
aus den Akten, ob die leiblichen Eltern jemals in der Schweiz erwerbstätig waren. Fest
steht, dass A._ seit seiner Einreise eine Schule in DE-G._ besucht und die
Wirtschaftliche Jugendhilfe der Stadt DE-G._ mit ihrem Fall im Rahmen einer "Hilfe
zur Erziehung nach § 33 SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz)" betraut ist (IV-act.
8-1). Gemäss Mitteilung per E-Mail einer Mitarbeiterin der Wirtschaftlichen Jugendhilfe
der Stadt DE-G._ steht die elterliche Sorge nach wie vor den in Deutschland
wohnenden Eltern zu. Vormundschaftliche Massnahmen seien nicht angeordnet
worden (IV-act. 6). Gemäss telefonischer Aktennotiz bestehen auch in der Schweiz
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keine vormundschaftlichen Massnahmen (act. G 11). Aufgrund der vorhandenen
Informationen könnte daher ein in Deutschland liegender unselbständiger Wohnsitz
gemäss Art. 25 Abs. 1 ZGB angenommen werden. Nachdem A._ bei Geburt
Wohnsitz in Deutschland erworben hat, bleibt dieser nach Art. 24 Abs. 1 ZGB
bestehen, solange kein neuer Wohnsitz begründet wird. Mit der Einreise in die Schweiz
sowie der Ausübung der Obhut durch die Familie B._ wurde weder der Wohnsitz in
Deutschland aufgegeben noch ein neuer in der Schweiz begründet. Auch Kinder, die
unter der Obhut Dritter stehen, haben ihren Wohnsitz am Wohnsitz der Eltern, solange
diesen noch die elterliche Sorge zusteht. Dies gilt selbst dann, wenn sich ein Kind in
Obhut von Pflegeeltern befindet und diese die Eltern in der Ausübung der elterlichen
Sorge vertreten (BSK ZGB-I, a.a.O., Staehlin, Art. 25 Rz 4). Mangels Wohnsitzes in der
Schweiz, wäre die Anspruchsberechtigung nach schweizerischem Recht zu verneinen.
Zur abschliessenden Klärung der Wohnsitzfrage präsentiert sich die Aktenlage jedoch
als unzureichend. Insbesondere ist es aus beweisrechtlicher Sicht nicht gangbar,
alleine auf eine Amtsauskunft per E-Mail und eine telefonische Auskunft des Sozialamts
oder anderer Behörden abzustellen. Die Beschwerdegegnerin wird daher weitere
Abklärungen treffen müssen. Alsdann wird sie die Wohnsitzfrage und ihre Zuständigkeit
zu beurteilen haben. Gegebenenfalls wird die Beschwerdegegnerin über die weiteren
versicherungsmässigen Voraussetzungen der Art. 6 Abs. 2 bzw. Art. 9 Abs. 3 IVG
befinden müssen.
Für den Fall, dass das Schweizer Recht einen Anspruch ausschliesst, ist zu prüfen, ob
aufgrund internationalsozialrechtlicher Vereinbarungen der Schweiz ein Anspruch
geltend gemacht werden kann.
5.
5.1 Am 1. Juni 2002 ist das Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft
und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit (Freizügigkeitsabkommen,
FZA) in Kraft getreten. Gemäss Art. 20 FZA werden die bisherigen
Sozialversicherungsabkommen zwischen der Schweiz und den Mitgliedstaaten der
Europäischen Gemeinschaft - darunter dasjenige zwischen der Schweiz und
Deutschland (Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der
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Bundesrepublik Deutschland über Soziale Sicherheit vom 25. Februar 1964; SR
0.831.109.136.1; nachfolgend schweizerisch-deutsches Abkommen) - mangels
gegenteiliger Vereinbarung in Anhang II FZA (vgl. Anhang II FZA Abschnitt A Ziff. 1 lit. i)
- insoweit ausgesetzt, als im FZA derselbe Sachbereich geregelt ist (vgl. BGE 130 V 59
Erw. 2.2, 130 V 255 Erw. 2.2, 132 V 62 Erw. 7.2).
5.2 Gemäss Art. 2 FZA dürfen die Staatsangehörigen einer Vertragspartei, die sich
rechtmässig im Hoheitsgebiet einer anderen Vertragspartei aufhalten, bei der
Anwendung dieses Abkommens gemäss den Anhängen I, II und III nicht aufgrund ihrer
Staatsangehörigkeit diskriminiert werden. Nach Art. 8 FZA regeln die Vertragsparteien
die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss Anhang II. Im Anhang II
kamen die Vertragsparteien überein, im Bereich der Koordinierung der Systeme der
sozialen Sicherheit untereinander die gemeinschaftlichen Rechtsakte, auf die Bezug
genommen wird, anzuwenden, wozu namentlich auch die Verordnung Nr. 1408/71
gehört. Die Personen, die im Gebiet eines Mitgliedstaates wohnen und für die diese
Verordnung gilt, haben gemäss Art. 3 Abs. 1 der Verordnung die gleichen Rechte und
Pflichten aufgrund der Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaates wie die
Staatsangehörigen dieses Staates, soweit besondere Bestimmungen der Verordnung
nichts anderes vorsehen. Sofern die streitige Leistung in den Geltungsbereich der
Verordnung fällt, haben Angehörige eines EU-Mitgliedstaates darauf unter den gleichen
Voraussetzungen wie ein Schweizer Bürger Anspruch, selbst wenn sie die vom Gesetz
für ausländische Staatsangehörige vorgesehenen Voraussetzungen nicht erfüllen (vgl.
Art. 80a IVG; BGE 131 V 390 Erw. 5.2 S. 397 und Erw. 7.2 S. 401 mit Hinweisen).
5.3 Demnach ist zu prüfen, ob die vorliegende Streitigkeit vom FZA namentlich in
sachlicher und persönlicher Hinsicht erfasst wird. Nach Art. 4 Abs. 1 Verordnung Nr.
1408/71 gilt diese Verordnung für alle Rechtsvorschriften über Zweige der sozialen
Sicherheit, die unter anderem folgende Leistungen betreffen: Leistungen bei Krankheit
und Mutterschaft (lit. a), Leistungen bei Invalidität, einschliesslich der Leistungen, die
zur Erhaltung und Besserung der Erwerbsfähigkeit bestimmt sind (lit. b). Die
Abgrenzung der in der Verordnung Nr. 1408/71 aufgezählten Risiken erfolgt nach
europarechtlichen Gesichtspunkten und stimmt nicht in jedem Fall mit der Abgrenzung
zwischen den entsprechenden landesrechtlichen Versicherungszweigen überein (vgl.
BGE 132 V 190 Erw. 5.1.1). Namentlich stellen die im Rahmen der
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Invalidenversicherung zu gewährenden medizinischen Massnahmen Leistungen bei
Krankheit und Mutterschaft im Sinn von Art. 4 Abs. 1 lit. a und Art. 18 ff. der
Verordnung Nr. 1408/71 dar (BGE 132 V 49 f., Erw. 3.2.3). Da die Bestimmungen über
die Invalidität in Titel III Kapitel 2 der Verordnung Nr. 1408/71 einzig Geldleistungen
regeln, sind medizinische Sachleistungen, mit Einschluss von Pflegekosten, welche bei
Krankheit oder Mutterschaft erbracht werden, als Leistungen im Sinn von Art. 4 Abs. 1
lit. a der Verordnung zu betrachten, unabhängig von der Art der Rechtsvorschriften, in
denen diese Leistungen vorgesehen sind (Urteil des Gerichtshofs der Europäischen
Gemeinschaften [EuGH] vom 10. Januar 1980 in der Rechtssache 69-79, Jordens-
Vosters, Slg. 1980 75, Rz. 6-9; Urteil des EuGH vom 5. März 1998 in der Rechtssache
C-160/96, Molenaar, Slg. 1998 I-843, Rz. 23-25, Rz. 44; Urteil des Bundesgerichts in
Sachen D. vom 19. April 2007, I 816/06, Erw. 5.6; Ursula Hohn, Rechtsprobleme bei
der Umsetzung des Koordinationsrechts in der Krankenversicherung, in: Thomas
Gächter [Hrsg.], Das europäische Koordinationsrecht der sozialen Sicherheit und die
Schweiz, Zürich 2006, S. 61 ff., 77 f.; Edgar Imhof, Eine Anleitung zum Gebrauch des
Personenfreizügigkeitsabkommens, in: Hans-Jakob Mosimann [Hrsg.], Aktuelles im
Sozialversicherungsrecht, Zürich 2001, S. 19 ff., 81). Demnach sind die vorliegend
strittigen medizinischen Massnahmen in sachlicher Hinsicht als Leistungen bei
Krankheit von der Verordnung Nr. 1408/71 erfasst.
5.4 Gemäss Art. 2 Abs. 1 der Verordnung Nr. 1408/71 gilt diese Verordnung für
Arbeitnehmer und Selbstständige sowie Studierende, für welche die Rechtsvorschriften
eines oder mehrerer Mitgliedstaaten gelten oder galten, soweit sie Staatsangehörige
eines Mitgliedstaates sind oder als Staatenlose oder Flüchtlinge im Gebiet eines
Mitgliedstaates wohnen, sowie für deren Familienangehörige und Hinterbliebene.
5.5 A._ ist weder Arbeitnehmerin noch Selbständige oder Studierende im Sinn des
Art. 2 Abs. 1 der Verordnung Nr. 1408/71. Ein "eigener Freizügigkeitsanspruch" ist
daher grundsätzlich zu verneinen. Ob ihr leiblicher Vater oder ihre leibliche Mutter
jemals in der Schweiz erwerbstätig waren, ist nicht aktenkundig. Es kann daher auch
nicht beurteilt werden, ob sie als Familienangehörige (ihrer leiblichen Eltern, vgl. dazu
nachstehende Erw. 5.6) in den persönlichen Anwendungsbericht der Verordnung Nr.
1408/71 fällt.
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5.6 Zu prüfen ist jedoch, ob A._ als Familienangehörige oder Haushaltangehörige
der Familie B._ im Sinn Art. 1 lit. f der Verordnung zu betrachten ist und daher
gleichwohl in den Anwendungsbereich der Verordnung Nr. 1408/71 fallen könnte. B._
ist deutscher Staatsangehöriger und offenbar in der Schweiz erwerbstätig (IV-act. 1-2
f., 39 Seite 2 unten) und erfüllt somit die persönlichen Voraussetzungen von Art. 2 Abs.
1 der Verordnung Nr. 1408/71.
5.6.1 Im Urteil D. vom 19. April 2007, I 816/06, führte das Bundesgericht
hinsichtlich medizinischer Massnahmen der Invalidenversicherung aus, bei den
Bestimmungen von Titel III Kapitel 1 der Verordnung Nr. 1408/71 über das Risiko
"Krankheit", welche Sach- und Geldleistungen umfassen, handle es sich ebenso wenig
wie beim Diskriminierungsverbot in Art. 3 der Verordnung Nr. 1408/71 um
Verordnungsbestimmungen, die spezifisch auf Erwerbstätige zugeschnitten seien,
weshalb Familienangehörige eines in der Schweiz erwerbstätigen Bürgers eines
Mitgliedstaates sich darauf ungeachtet der Unterscheidung von abgeleiteten und
eigenen Rechten berufen können (Erw. 5.5).
5.6.2 Somit könnte sich A._ - ungeachtet der Unterscheidung zwischen eigenen
und abgeleiteten Ansprüchen - auf das Verbot einer nach Staatsangehörigkeit
unterschiedlichen Behandlung nach Art. 3 der Verordnung Nr. 1408/71 berufen, sofern
sie als Familienangehörige der Familie B._ zu betrachten wäre und die übrigen
Voraussetzungen für den Leistungsanspruch gegeben wären.
5.6.3 Familienangehörige nach Art. 1 lit. f der Verordnung Nr. 1408/71 ist jede
Person, die in den Rechtsvorschriften, nach denen die Leistungen gewährt werden,
oder in den Fällen des Art. 22 Abs. 1 lit. a und des Art. 31 in den Rechtsvorschriften
des Mitgliedstaats, in dessen Gebiet sie wohnt, als Familienangehörige bestimmt,
anerkannt oder als Haushaltsangehörige bezeichnet ist; wird nach diesen
Rechtsvorschriften eine Person jedoch nur dann als Familienangehörige oder
Haushaltsangehörige angesehen, wenn sie mit dem Arbeitnehmer oder dem
Selbstständigen oder dem Studierenden in häuslicher Gemeinschaft lebt, so gilt diese
Voraussetzung als erfüllt, wenn der Unterhalt der betreffenden Person überwiegend
von diesem bestritten wird. Gestatten es die Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats
nicht, die Familienangehörigen von den anderen Personen, auf die sie anwendbar sind,
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zu unterscheiden, so hat der Begriff Familienangehöriger die Bedeutung, die ihm in
Anhang I gegeben wird (lit. i); bei Leistungen für Behinderte, die nach den
Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats allen Staatsangehörigen des Landes gewährt
werden, die die Voraussetzungen hierfür erfüllen: wenigstens der Ehegatte, die
minderjährigen Kinder sowie die unterhaltsberechtigten volljährigen Kinder des
Arbeitnehmers oder Selbstständigen oder Studierenden (lit. ii).
5.6.4 Ob eine Person als Familienangehörige im Sinn der Verordnung Nr.
1408/71 betrachtet werden kann, ist somit primär nach innerstaatlichem
Sozialversicherungsrecht zu beurteilen (vgl. Langer in: Fuchs [Hrsg.], Kommentar zum
Europäischen Sozialrecht, 3. Auflage, 2002, Art. 39 EGV Rz 13; sowie Eichenhofer in:
Fuchs, a.a.O. Art. 1 Rz 25 ff.). Das Schweizer Sozialversicherungsrecht enthält
diesbezüglich jedoch keine explizite Definition. Indessen findet sich in Art. 49 AHVV
eine Umschreibung des Pflegekindbegriffs. Danach gilt als Pflegekind ein Kind, das
sich in der Pflegefamilie tatsächlich der Lage eines ehelichen Kindes erfreut und
dessen Pflegeeltern die Verantwortung für Unterhalt und Erziehung wie gegenüber
einem eigenen Kind wahrnehmen. Das sozialversicherungsrechtlich wesentliche
Element des Pflegekindverhältnisses liegt in der tatsächlichen Übertragung der Lasten
und Aufgaben auf die Pflegeeltern, die gewöhnlich den leiblichen Eltern zufallen; auf
den Grund dieser Übertragung kommt es nicht an (Meyer, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum IVG, 2. Auflage, 2010, S. 411). Leistungen für Pflegekinder werden
im Schweizer Sozialversicherungsrecht in der Regel dann gewährt, wenn die
Pflegeeltern überwiegend für den Unterhalt des Pflegekindes aufkommen (vgl. Art. 49
AHVV, Art. 35 Abs. 2 IVG, Art. 4 Abs. 1 lit. c FamZG, Art. 5 FamZV). Somit wäre
zunächst zu klären, wie das Pflegeverhältnis zwischen A._ und der Familie B._
tatsächlich ausgestaltet ist. Eine Pflegekindschaft kann in vielen Varianten vorkommen,
die sich durch Zweck, Dauer, Struktur der aufnehmenden Stelle bzw. Familie,
finanzielle Grundlage (freiwillige Unterbringung, behördlich Anordnung, Entgeltlichkeit)
unterscheidet (vgl. Hegnauer, Kindesrecht, 5. Auflage, 1999, § 10 Rz. 10.4 ff). Der
Sachverhalt erweist sich diesbezüglich als ungenügend abgeklärt. Die Aufnahme eines
Pflegekindes bedarf nach Art. 316 Art. 1 ZGB i.V.m. Art. 1 Abs. 1 und Art. 4 Abs. 1 der
Verordnung über die Aufnahme von Kindern zur Pflege und Adoption (PAVO; SR
211.222.338) grundsätzlich einer Bewilligung und untersteht der Aufsicht. Die
Beschwerdegegnerin wird dementsprechend bei der zuständigen Behörde weitere
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Abklärungen über Vorliegen und Ausgestaltung des Pflegeverhältnisses einholen
müssen. Möglicherweise hat sie sich dazu an eine vormals (oder immer noch)
zuständige deutsche Behörde zu wenden. Alsdann wird auszulegen sein, ob aufgrund
des konkreten Pflegeverhältnisses von einer Familienangehörigen bzw.
Haushaltangehörigen der Familie B._ ausgegangen werden kann.
6.
6.1 Vorbehalten bleibt ein Anspruch auf Leistungsübernahme im Rahmen der
Leistungsaushilfe nach Art. 19 der Verordnung 1408/71. Nach Abs. 1 dieses Artikels
erhält ein Arbeitnehmer oder Selbständiger der im Gebiet eines anderen Mitgliedstaats
als des zuständigen Staates wohnt und die nach den Rechtsvorschriften des
zuständigen Staates für den Leistungsanspruch erforderlichen Voraussetzungen,
gegebenenfalls unter Berücksichtigung des Art. 18, erfüllt, in dem Staat in dem er
wohnt, Sachleistungen für Rechnung des zuständigen Trägers vom Träger des
Wohnorts nach den für diesen Träger geltenden Rechtsvorschriften, als ob er bei
diesem versichert wäre (lit. a). Art. 19 Abs. 2 bezieht ausdrücklich die
Familienangehörigen eines Erwerbstätigen ein, unabhängig davon, ob sie zusammen
mit dem Erwerbstätigen oder von ihm getrennt in einem anderen Mitgliedstaat als dem
zuständigen Staat wohnen (z.B. zurückgelassene Familienangehörige eines
Wanderarbeitnehmers). Soweit es um die Voraussetzung der Versicherungspflicht und
das grundsätzliche Bestehen eines Leistungsanspruchs geht, wird der Begriff des
Familienangehörigen nach dem Recht des zuständigen Staates bzw. in dem Staat in
dem die Versicherung besteht, in der Regel der Beschäftigungsstaat, bestimmt
(Bieback in: Fuchs, a.a.O., Art. 19 N 10 mit Hinweisen). Somit hat eine in der Schweiz
wohnhafte Person, die im Ausland krankenversichert ist Anspruch auf sämtliche
Sachleistungen bei Krankheit, die das schweizerische Sozialversicherungsrecht
vorsieht. Darunter fallen auch Sachleistungen, für welche nach schweizerischem Recht
die IV oder AHV zuständig ist, sofern sie in den sachlichen Anwendungsbereich von
Leistungen bei Krankheit und Mutterschaft im Sinn von Art. 4 Abs. 1 lit. a der
Verordnung 1408/71 fallen. Der Anspruch auf Leistungsaushilfe besteht auch dann,
wenn die im Ausland versicherten Person überhaupt nicht in der AHV/IV versichert ist
oder bestimmte versicherungsmässige Voraussetzungen nicht erfüllt (vgl. Mitteilung an
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die AHV-Ausgleichskassen und EL-Durchführungsstellen Nr. 229; Bieback in: Fuchs,
a.a.O., Art. 19 N 14).
6.2 Damit A._ Leistungsaushilfe im Wohnstaat (Schweiz) geltend machen könnte,
müssten somit die Leistungsvoraussetzungen nach dem Recht des zuständigen
Staates (Deutschland) voll erfüllt sein, mithin müsste sie (immer noch) in Deutschland
krankenversichert sein. Aufgrund des in Deutschland herrschenden Prinzips der
Familienversicherung, ist nicht auszuschliessen, dass sie in die Krankenversicherung
ihrer leiblichen Eltern miteingeschlossen ist. Ob dem so ist, kann aufgrund der
Aktenlage jedoch nicht beurteilt werden. Die Beschwerdegegnerin wird bei einer
allfälligen Prüfung eines Anspruchs auf Leistungsaushilfe diesbezüglich weitere
Abklärungen treffen müssen.
7.
7.1 Sodann könnte A._ die Anspruchsvoraussetzungen gestützt auf das subsidiär
anwendbare schweizerisch-deutsche Abkommen erfüllen.
7.2 Nach Art. 18 Abs. 2 in der Fassung des Zusatzabkommens vom 9. September
1975 zum Abkommen vom 25. Februar 1964 zwischen der Schweizerischen
Eidgenossenschaft und der Bundesrepublik Deutschland erhalten minderjährige Kinder
deutscher Staatsangehörigkeit Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung,
wenn sie in der Schweiz Wohnsitz haben und, unmittelbar bevor diese Massnahmen in
Betracht kommen, ununterbrochen während mindestens eines Jahres dort gewohnt
haben, und ausserdem, wenn sie in der Schweiz Wohnsitz haben und dort entweder
invalid geboren sind oder seit der Geburt ununterbrochen gewohnt haben.
Voraussetzung ist demnach in jedem Fall, dass die Minderjährige Wohnsitz in der
Schweiz hat (vgl. BGE 106 V 160 Erw. 1a mit Hinweisen).
7.3 Somit knüpft auch das schweizerisch-deutsche Abkommen an den Wohnsitz an.
Diesbezüglich kann auf die vorstehenden Erw. 4.3 f. verwiesen werden.
8.
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Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Anspruchsberechtigung (im Sinn der
versicherungsmässigen Voraussetzungen) von A._ aufgrund der Aktenlage nicht
abschliessend beurteilt werden kann. Die Beschwerdegegnerin wird weitere
Abklärungen zur Frage des Wohnsitzes sowie zur Ausgestaltung des
Pflegefamilienverhältnisses (insbesondere, ob die Pflegefamilie B._ überwiegend für
den Unterhalt von A._ aufkommt) sowie zu den Voraussetzungen des Anspruchs auf
Leistungsaushilfe tätigen müssen. Sinnvollerweise ist der deutsche
Sozialversicherungsträger in das Abklärungsverfahren miteinzubeziehen.
9.
Im Übrigen würde die Aktenlage auch eine materielle Prüfung des Leistungsanspruchs
nicht zulassen. Einerseits erscheint die Frage, ob die Hirnblutung mit einem
(möglicherweise unerkannt gebliebenen) Geburtsgebrechen zusammenhängt und
daher in den Anwendungsbereich von Art. 13 IVG fallen könnte, nicht ausreichend
abgeklärt. Andererseits wäre für die Prüfung eines Leistungsanspruchs nach Art. 12
IVG eine fachärztliche Prognose betreffend die Eingliederungsfähigkeit in eine
Erwerbstätigkeit, insbesondere aber auch in einen Aufgabenbereich - worunter
entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin auch Tätigkeiten in einer
geschützten Werkstätte oder in einer Familie bzw. eine Hilfsarbeit zu zählen sein
dürften - einzuholen.
10.
10.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen, soweit darauf
einzutreten ist. Die angefochtene Verfügung vom 27. Mai 2010 ist aufzuheben, und die
Sache zu weiteren Abklärungen im Sinn der Erwägungen sowie zur neuen Verfügung
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Der Widerspruch gegen die Mitteilung
vom 1. April 2010 ist zum Erlass einer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zu
überweisen. Die Beschwerdeschrift vom 22. Juni 2010 wird zu diesem Zweck der
Beschwerdegegnerin zugeleitet.
10.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
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Fr. 1000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als
volles Obsiegen (BGE 132 V 235 Erw. 6), weshalb die Beschwerdegegnerin die
gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen hat. Der von der
Beschwerdeführerin entrichtete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist dieser
zurückzuerstatten.
10.3 Die obsiegende Beschwerdeführerin hat als mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben
betraute Organisation keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung (BGE 126 V 149
Erw. 4a mit Hinweisen).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht