Decision ID: c219415a-521d-4b33-8ead-dd150326a689
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
gegen
Schweizerische Mobiliar Versicherungsgesellschaft, Bundesgasse 35, Postfach,
3001 Bern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
A.a Der 1966 geborene S._ war bei der A._ als IC-Techniker tätig und dadurch bei
der Schweizerischen Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG (nachfolgend: Mobiliar)
unfallversichert, als er am 1. Juli 2007 bei einem Sturz vom Fahrrad auf die linke
Schulter fiel und sich eine sternoclaviculäre Luxation mit Spontanreposition links
zuzog. Die Erstbehandlung erfolgte im Regionalspital Emmental, wo dem Versicherten
zur funktionellen Nachbehandlung eine Physiotherapie verordnet wurde. Bis 24. Juli
2007 war der Versicherte zu 100% arbeitsunfähig (act. G 3.1/Med. Akten, Gutachten/1;
act. G 3.1/Unfallmeldung, Unfallschein/1, 2; act. G 3.1/Belege, Rechnungen/9). Die
Mobiliar erbrachte für den Unfall vom 1. Juli 2007 die gesetzlichen Leistungen
(Heilkosten- und Taggeldleistungen).
A.b Am 13. März 2008 ging bei der Mobiliar eine Honorarnote von Dr. med. dent.
B._ vom 7. März 2008 für zahnärztliche Behandlungen vom 31. Januar bis 7. März
2008 über insgesamt Fr. 536.30 (Befundaufnahme, Ausfüllen eines UVG-; MV- oder
KVG-Formulars, Zahnröntgenaufnahme, Infiltrationsanästhesie, Extraktion Aufklappung
und Separieren, Wundbehandlung) ein (act. G 3.1/Belege, Rechnungen/10). Im
Zahnschadenformular gemäss KVG vom 7. März 2008 führte Dr. B._ als
unfallbedingten Befund eine Wurzelfraktur des Zahns 26, als Unfalldatum den 1. Juli
2007 und als Befundaufnahme-Datum den 31. Januar 2008 an (act. G 3.1/Med. Akten,
Gutachten/2). Am 30. April 2008 wurden die Kosten der Zahnbehandlungen gemäss
Honorarnote von Dr. B._ vom 7. März 2008 von der Mobiliar übernommen (act.
G 3.1/Belege, Rechnungen/10).
A.c Am 23. Februar 2009 reichte Dr. med. dent. C._ der Mobiliar einen
Kostenvoranschlag für eine definitive Versorgung im Bereich des extrahierten Zahns 26
mittels Sinuslift und Implantat mit Krone in Höhe von insgesamt Fr. 4'925.60 ein (act. G
3.1/4, 5). Mit Schreiben vom 20. März 2008 ersuchte die Mobiliar Dr. B._ um
Einreichung sämtlicher Röntgenbilder (act. G 3.1/Korrespondenz, Aktennotizen/3). Mit
Schreiben vom 23. März 2009 unterbreitete die Mobiliar den Schadenfall ihrem
Vertrauensarzt Dr. med. dent. D._ mit den Fragen, ob es möglich sei, dass sich die
Zahnschädigung erst ein halbes Jahr später bemerkbar gemacht hätte und wie er den
Behandlungsplan von Dr. C._ beurteile (act. G 3.1/Med. Akten, Gutachten/10). Am 1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
April 2009 liess Dr. D._ der Mobiliar seine Antworten zu den ihm gestellten Fragen
zukommen (act. G 3.1/Med. Akten, Gutachten/9), worauf diese dem Versicherten mit
Schreiben vom 8. April 2009 mitteilte, dass sie eine Leistungsausrichtung für die
Zahnbehandlungskosten bei Dr. C._ ablehne. Der zur Diskussion stehende Zahn
habe die behauptete Wurzelfraktur nicht beim Unfall vom 1. Juli 2007 erlitten, sondern
diese habe als pathologischer Befund schon vorher bestanden (act. G 3.1/
Korrespondenzen, Aktennotizen/5). Nach weiteren Korrespondenzen zwischen der
Mobiliar und dem Versicherten sowie der zwischenzeitlichen Einholung einer weiteren
Stellungnahme von Dr. D._ (act. G 3.1/Korrespondenzen, Aktennotizen/12, 15, 21;
act. G 3.1/Med. Akten, Gutachten/11f.), verlangte der Versicherte von der Mobiliar eine
anfechtbare Verfügung (act. G 3.1/ Korrespondenzen, Aktennotizen/25). Mit Verfügung
vom 24. Juli 2009 hielt diese an ihrer Leistungsablehnung fest (act. G 3.1/
Korrespondenzen, Aktennotizen/28).
B.
Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache (act. G 3.1/Korrespondenzen,
Aktennotizen/31, 35) wies die Mobiliar mit Einspracheentscheid vom 22. Oktober 2009
ab (act. G 3.1/Korrespondenzen, Aktennotizen/44).
C.
C.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vom Versicherten am 23. November 2009
erhobene Beschwerde. Der Beschwerdeführer beantragt sinngemäss, der
Einspracheentscheid sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten,
an die aufgrund des Unfalls vom 1. Juli 2007 notwendig gewordene zahnärztliche
Behandlung bei Dr. C._ Leistungen zu erbringen.
C.b In ihrer Beschwerdeantwort vom 7. Januar 2010 beantragt die
Beschwerdegegnerin Abweisung der Beschwerde.
C.c Mit Replik vom 25. Januar 2010 und Duplik vom 29. Januar 2010 halten die
Verfahrensparteien an ihren bisherigen Anträgen fest.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.d Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie die Ausführungen
in den medizinischen Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den nachfolgenden

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.
Streitig ist, ob die Beschwerdegegnerin für den Schaden am Zahn 26 aufzukommen
hat. Insofern setzt sich der angefochtene Einspracheentscheid mit der Frage
auseinander, ob der fragliche Zahnschaden eine natürlich-kausale Folge des Sturzes
vom Fahrrad am 1. Juli 2007 darstellt. Die Beschwerdegegnerin legt darin die
Bestimmung über die Leistungspflicht des Unfallversicherers nach Art. 6 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) zutreffend dar (E. 9).
Gleiches gilt in Bezug auf die Ausführungen über die gemäss Art. 6 Abs. 1 UVG
geltende Voraussetzung des natürlichen und adäquaten Kausalzusammenhangs
zwischen Unfallereignis und Gesundheitsschaden (BGE 129 V 181 E. 3.1 mit
Hinweisen; E. 10, 11, 12). Darauf ist zu verweisen. Zutreffend sind auch die
vorinstanzlichen Erwägungen zu dem im Sozialversicherungsrecht massgebenden
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 E. 5b mit
Hinweisen; SVR 2003 IV Nr. 11 S. 32 E. 1; E. 14), zum Untersuchungsgrundsatz und
den Beweisregeln im Sozialversicherungsprozess (BGE 117 V 263 f. E. 3b; E. 15) sowie
zum Beweiswert und zur Beweiswürdigung medizinischer Berichte und Gutachten
(BGE 125 V 352 E. 3a, E. 16, 17, 18). Darauf wird ebenfalls verwiesen. Zu ergänzen ist,
dass auch eine ärztliche Beurteilung aufgrund der Akten, wie sie vorliegend von Dr.
D._ am 1. April und 9. Mai 2009 erstellt wurde, nicht an sich unzuverlässig ist, wenn
die Akten ein vollständiges Bild über Anamnese, Verlauf und gegenwärtigen Status
ergeben und diese Daten unbestritten sind. Voraussetzung ist ein lückenloser
Untersuchungsbefund, damit der Experte im Stand ist, sich aufgrund der vorhandenen
Unterlagen ein lückenloses Bild zu verschaffen (PVG 1996, 265 E. 3b; RKUV 1988 Nr. U
56 S. 371).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Ein massgebendes Beurteilungskriterium für die Bestimmung der Ursächlichkeit
einer Gesundheitsschädigung bildet zunächst der Unfallmechanismus bzw. die Art und
Weise der Einwirkung auf den betroffenen Körperteil, im konkreten Fall auf das Gebiss.
In der echtzeitlich eingereichten Unfallmeldung vom 4. Juli 2007 ist einzig eine
Unfalleinwirkung auf das linke Schlüsselbein vermerkt. Auch die ärztliche Behandlung
am Unfalltag im Regionalspital Emmental sowie die nachfolgend durchgeführte
Therapie - eine Physiotherapie - bezogen sich einzig auf diesen Körperteil. Eine durch
den Fahrradunfall vom 1. Juli 2007 verursachte Zahnschädigung wurde der
Beschwerdegegnerin erstmals am 7. März 2008, d.h. rund ein Dreivierteljahr nach dem
Unfall, gemeldet. Bereits der dargelegte zeitliche Ablauf lässt die natürliche Kausalität
zwischen dem Schaden am Zahn 26 und dem Unfallereignis vom 1. Juli 2007 als nicht
überwiegend wahrscheinlich erscheinen. Entsprechend erachtete es auch Dr. D._ in
seiner Stellungnahme vom 1. April 2009 lediglich als möglich, dass sich die
Zahnschädigung erst ein halbes Jahr nach dem Unfall bemerkbar gemacht habe. Im
vorliegenden Fall sei aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht von
einem solchen Sachverhalt auszugehen.
2.2 Dem Beschwerdeführer wurde der Zahn 26 im Rahmen der zahnärztlichen
Behandlung bei Dr. B._ vom 31. Januar bis 7. März 2008 extrahiert. Der
gegenständliche Beweis des geschädigten Zahns ist damit nicht mehr zu erbringen.
Viele Zahnschäden sind jedoch am Zahn selber ohnehin nicht sichtbar. In der
Zahnmedizin stellen deshalb bei der Befunderhebung Zahnröntgenbilder eine wichtige,
regelmässig angewendete diagnostische Massnahme und damit ein taugliches
Beweismittel dar. Bei der Beurteilung der Unfallkausalität ist es selbstverständlich von
Vorteil, wenn der Gesundheitszustand eines Zahns - wie im konkreten Fall gegeben -
sowohl prätraumatisch als auch posttraumatisch bildgebend belegt ist. Dement
sprechend hat Dr. D._ laut seiner Stellungnahme vom 1. April 2009 die vorhandenen
Röntgenbilder bzw. Orthopantogramme (OPT) des Zahns 26 vom 24. März 2003, 6.
August 2004, 22. Januar sowie 4. Juni 2007 und vom 31. Januar 2008 verglichen und
festgestellt, dass der Zahn immer gleich ausgesehen habe. Die distale Wurzel sei auf
allen erwähnten Bildern entweder kariös unter der Füllung und/oder unterbrochen/
frakturiert gewesen. Genau lasse sich dies zwar anhand der Röntgenbilder nicht
beurteilen, jedenfalls sei aber der fragliche Zahn nicht in Ordnung gewesen. Gemäss
Zahnschadenformular vom 3. März 2008 ging Dr. B._ anhand des von ihm zur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diagnosestellung angefertigten Röntgenbildes vom 31. Januar 2008 offensichtlich von
einer Wurzelfraktur aus. Unabhängig davon, ob tatsächlich eine solche - oder lediglich
ein kariöser Zustand - vorlag, kann anhand der unbestritten gebliebenen und nicht in
Zweifel zu ziehenden Vergleichsbeurteilung der verschiedenen Röntgenbilder von Dr.
D._ davon ausgegangen werden, dass der Unfall vom 1. Juli 2007 in Bezug auf den
Zahn 26 keine Veränderung des Gesundheitszustands bewirkt hat. Die Verneinung der
Unfallkausalität des am 31. Januar 2008 bestehenden Zahnschadens bzw. dessen
Beurteilung als pathologischer Vorzustand ist damit eine logische Folgerung. Der
genauen Art des Vorzustands kommt letztlich bei dieser Beurteilung keine
massgebende Rolle zu. Die in der Stellungnahme vom 9. Mai 2009 gemachte und
angesichts seiner obigen Aussage - der konkrete Schaden lasse sich nicht beurteilen -,
wenig nachvollziehbare Feststellung von Dr. D._, dass eine unfallbedingte
Veränderung in Form einer Wurzelfraktur auf dem Röntgenbild vom 31. Januar 2008
ganz sicher erkennbar gewesen wäre, vermag an dieser Beurteilung nichts zu ändern.
2.3 Zusammenfassend erscheint die Beurteilung von Dr. D._ schlüssig und es liegen
keine Hinweise vor, welche überwiegend wahrscheinlich für einen unfallkausalen
Schaden am Zahn 26 sprechen würden. Als solcher kann auch der Umstand, dass
Dr. B._ im Zahnschadenformular vom 7. März 2008 als unfallbedingten Befund eine
Wurzelfraktur am Zahn 26 vermerkte, nicht betrachtet werden. Letztlich enthält das
Zahnschadenformular dafür keine konkrete Begründung. Durch den Umstand, dass
Dr. B._ den Zahn 26 im Zahnschadenformular nicht als nicht ersetzt, fehlend
angegeben hat, wird seine Befunderhebung nicht überzeugender. In der zeitlichen
Komponente ist dagegen ein massgebender zusätzlicher Hinweis zu sehen, der gegen
eine überwiegend wahrscheinliche Unfallkausalität spricht. Demgemäss hat die
Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht für die nachgesuchte Behandlung bei Dr.
C._ zu Recht verneint. Aus der Zahlung der Rechnung von Dr. B._ vom 7. März
2008 über Fr. 536.30 lässt sich keine Anerkennung einer weiteren Leistungspflicht
ableiten. Selbst wenn von einer solchen ausgegangen würde, hätte die
Beschwerdegegnerin diese offensichtlich mit der Verfügung vom 24. Juli 2009 –
zulässigerweise - in Wiedererwägung gezogen. Dem Grundsatz, dass bei einmal
anerkannter Unfallkausalität die Leistungspflicht des Unfallversicherers erst wegfällt,
wenn jede kausale Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines
Gesundheitsschadens dahingefallen ist, kommt lediglich im Rahmen der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweislastverteilung (vgl. dazu Th. Locher, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 3.
Aufl. Bern 2003, S. 451) Bedeutung zu, welche bei einer anspruchsaufhebenden
Tatfrage der Unfallversicherer zu tragen hat. Diese Beweisregel greift allerdings erst
Platz, wenn es sich als unmöglich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes
auf Grund der Beweiswürdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die
Wahrscheinlichkeit für sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 263 f. E. 3b
mit Hinweisen), was vorliegend, wie in den Erwägungen 2.1 - 2.3 dargelegt, nicht
zutrifft. Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung
des Einspracheentscheids vom 22. Oktober 2009 abzuweisen. Gerichtskosten sind
keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG