Decision ID: 85f09daf-5689-4521-b60b-7dd83c787685
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Mit zwei Verfügungen vom 18. November 1997 (Urk. 7/2-3) sprach die Sozialver
sicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, dem 1949 geborenen und in Zürich wohnhaften Z._ mit Wirkung ab 1. Mai 1996 eine ganze Rente der Invalidenversicherung nebst einer Zusatzrente für die Ehefrau A._, geboren 1972, zu. Die Zusatzrente wurde infolge Scheidung am 27. Juni 1996 (Urk. 7/25) befristet bis am 31. August 1996 aus
gerichtet. Am 16. Juni 1998 (Urk. 7/5) verfügte die IV-Stelle mit Wirkung ab 1. Oktober 1997 ein Kinderrente zur Rente des Vaters für den am 28. Oktober 1997 geborenen Sohn von Z._, Y._ (vgl. Registerauszug Urk. 7/50 bzw. 7/60). Die Mutter von Y._, X._, geboren 1976, und Z._ heirateten am 27. März 1998 in der Dominikanischen Republik (Urk. 7/51). Am 1. Januar 2001 zog Z._ aus Zürich weg und war seitdem unbekannten Aufenthaltes (Urk. 7/8 und 7/15). Der Aufenthalt der Ehefrau und des Sohnes zu dieser Zeit ist nicht aktenkundig. Die Ausgleichskasse überwies die Rente und die Kinderrente in den folgenden Jahren weiterhin auf das Konto von Z._ bei der C._, Konto-Nr. O._.
1.2
Am 21. September 2007 meldete sich die Ehefrau von Z._ telefonisch bei der Ausgleichkasse und teilte u.a. mit, Z._ sei im Jahr 2002 in Spanien verstorben. Sie selber wohne mit dem Kind in Santo Domingo (Urk. 7/15). Daraufhin stellte die Ausgleichskasse die Zahlungen ein. Nachforschungen nach Z._ bei der C._ und beim Spanischen Konsulat blieben erfolglos (Urk. 7/16-18). Gemäss einer Ster
beurkunde aus Spanien, datierend vom 2. Februar 2011 und bei der Beschwer
degegnerin gemäss Aktenverzeichnis eingegangen am 1. März 2011 war Z._ am 2. April 2001 verstorben (Urk. 7/73). Im Januar 2010 ging bei der Zentralen Ausgleichsstelle ein Gesuch um Gewährung einer Wai
senrente für das Kind von Z._ ein (Urk. 7/65) Mit Verfü
gung vom 27. Juni 2011 sprach die Ausgleichskasse X._ rückwirkend eine Witwenrente vom 1. Februar 2005 bis 31. März 2006 und Y._ eine Waisenrente ab 1. Februar 2005 zu (Urk. 7/80/14-17). Die Nachzahlung von Fr. 63'467.-- verrechnete die IV-Stelle mit den vom 1. Februar 2006 bis 30. September 2007 an den verstorbenen Z._ ausgerichteten Invaliden- und Kinderrenten im Betrag von Fr. 45'438.-- und überwies die restliche Nachzahlung von Fr. 18'029.-- den Anspruchsbe
rechtigten (Urk. 7/80/11-13). Die gegen die Rückforderungs- bzw. Nachzah
lungsverfügung erhobene Beschwerde von X._ und ihres Sohnes, Y._ vom 24. August 2011 hiess das hiesige Gericht in dem Sinne gut, als es die Sache an die IV-Stelle zur Abklärung der Erbenei
genschaft der Beschwerdeführenden zurückwies. Das Gericht stellte im Weiteren fest, dass die Beschwerdegegnerin die angefochtenen Verfügungen innert eines Jahres seit (amtlich bestätigter) Kenntnis des Todestags von Z._ und damit rechtzeitig erlassen hat (Urteil vom 24. Juni 2013, Proz.-Nr. IV.2011.00872, Urk. 7/85).
1.3
Am 9. Juni 2016 erliess die IV-Stelle eine neue Verfügung, worin sie an der Verrechnung der an Z._ zu viel ausbezahlten Renten mit den Witwen- und Waisenrenten festhielt. Zur Begründung wies sie darauf hin, die Beschwerdeführenden hätten trotz Aufforderung zur Mitwirkung kein amtli
ches spanisches Dokument zur positiven oder negativen Erbeneigenschaft bei
gebracht, weshalb sie nach wie vor davon ausgingen, die Beschwerdeführenden seien als Erben des Z._ rückerstattungspflichtig (Urk. 2).
2.
Hiergegen liessen X._ und Y._ mit Ein
gabe vom 8. Juli 2016 Beschwerde erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, den Beschwerdeführenden den Betrag von Fr. 45'838.-- zusätzlich Zinsen zu bezah
len (Urk. 1 S. 10).
Mit Beschwerdeantwort vom 14. September 2016 ersuchte die Beschwerde-gegne
rin um Abweisung der Beschwerde (Urk. 6; den Beschwerde
führenden zugestellt mit Verfügung vom 15. September 2016, Urk. 8).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Das Gerichtzieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 20 Abs. 1 Satz 1 sind des Allgemeinen Teils des Sozialversicherungs
rechts (ATSG) sind unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuerstatten. Rückerstattungspflichtig sind u.a. der Bezüger oder die Bezü
gerin der unrechtmässig gewährten Leistungen und seine oder ihre Erben (Art. 2 Abs. 1 lit. a der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche
rungsrechts (ATSV).
2.
Unbestritten ist, dass die Invaliden- und Kinderrente von Z._ auch nach seinem Tod im April 2001 weiterhin auf sein Konto bei der C._ überwiesen und die Zahlungen erst im September 2007 eingestellt wurden. Ebenfalls unbestritten ist, dass die noch nicht verjährte Rückforderung für den Zeitraum 1. Februar 2006 bis 30. September 2007 den Betrag von Fr. 45'438.-- erreicht. Aus den Akten geht weiter hervor, dass die C._ den Beschwerdeführenden ohne Erbbescheinigung keinen Zugang zu besagtem Konto gewährt (Urk. 7/107).
3.
Strittig und zu prüfen ist somit einzig, ob die Beschwerdegegnerin die Beschwer
deführenden zu Recht als Erben des Z._ betrach
ten und die zu viel ausbezahlten Renten mit den Witwen- und Waisenrenten verrechnen durften.
3.1
Die Beschwerdeführenden machen in ihrer Beschwerde (Urk. 1) im Wesentlichen geltend, die in Nachachtung ihrer Mitwirkungspflicht getätigten Abklärungen hätten ergeben, dass sie in den Zivilstandsregistern in Spanien weder als Ehe
frau noch als Sohn des verstorbenen Z._ aufgeführt seien. Von den spanischen Behörden sei lediglich bestätigt worden, dass dieser kein Testament hinterlassen habe (vgl. Urk. 7/90-91). Es sei deshalb praktisch unmöglich, einen Erbschein oder eine (negative) Bestätigung, dass sie nicht Erben seien, zu erlangen. Zudem seien im spanischen Recht in erster Linie die Kinder Erben, nur wenn weder Abkömmlinge noch Vorfahren lebten, werde der überlebenden Ehegatte gesetzlicher Erbe (vgl. Urk. 1 S. 8 und Urk. 7/92). Im Weiteren sei die Rückerstattungsforderung nach dem Tod von Z._ entstanden und falle nicht in die Erbmasse. Selbst wenn sie als Erben zu betrachten wären, entfalle somit eine Rückerstattungspflicht.
3.2
Die Beschwerdegegnerin hielt an der Rückforderung und Verrechnung fest mit der Begründung, die Beschwerdeführenden hätten keine amtliche Bestätigung eingereicht, welche eine Erbenstellung ausschliesse oder zumindest bestätigen würde, dass kein Erbschein erhältlich sei. Daher ginge sie weiterhin davon aus, dass sie Erben des Z._ seien (Urk. 6).
4.
4.1
Den Beschwerdeführenden ist insofern zuzustimmen, als sie geltend machen, die Rückerstattungsschuld gehöre nicht zum Nachlass, weil die zu Unrecht erfolgten Zahlungen erst nach dem Tod von Z._ erfolgt seien. Es gebe deshalb gar keine Erbschaftsschuld. Die Haftung der Erben umfasst indes
sen auch die so genannten Erbgangsschulden, d.h. jene Verbindlichkeiten, die nach dem Tod des Erblassers entstanden sind. Dazu gehören etwa Begräbnis
kosten, Kosten für die Abwicklung der Erbschaft oder Kosten, die aus der Wei
terführung eines Betriebes für Rechnung der Erbengemeinschaft herrühren. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist in gleicher Weise auch eine Schuld zu beurteilen, welche im Zusammenhang mit der Weiterführung eines Kontos des Erblassers steht. Die entsprechenden Gläubiger sind berechtigt, ihre Forderung gegenüber jedem Erben einzeln geltend zu machen (Urteil des Bun
desgerichts P 32/04 vom 4. Oktober 2004 E. 4.3 mit weiteren Hinweisen Recht
sprechung und Literatur).
4.2
Vorliegend ist der Beschwerdeführende 2 der Sohn des Verstorbenen und damit sowohl nach spanischem wie schweizerischem Recht Erbe. Daran ändert nichts, dass er in Spanien in keinem Zivilstandsregister eingetragen ist. Es wäre seine Sache, allenfalls auf gerichtlichem Weg auch in Spanien eine Anerkennung als Sohn von Z._ zu erwirken und so zu einer Erbbescheini
gung oder einem andern amtlichen Dokument für seine Erbberechtigung zu kommen. Da er von der Beschwerdegegnerin als solidarisch haftender Erbe ein
zeln in Anspruch genommen werden kann, spielt es keine Rolle, ob neben ihm noch weitere Erben existieren, die allenfalls in Spanien zu Erben erklärt worden sind (vgl. Urk. 1 S. 4).
Die Frage, ob auch die Beschwerdeführende 1 als Witwe des verstorbenen Z._ erbberechtigt ist, kann hier offen gelassen werden. Denn wie die folgenden Erwägungen zeigen, ist mit der Verrechnung der Waisenrente des Beschwerdeführenden 2 mit der zu Unrecht ausgerichteten Invaliden- und Kin
derrente seines Vaters der Rückforderungsanspruch der Beschwerdegegnerin gedeckt. Zu prüfen bleibt aber, ob die Verrechnung rechtens ist. Hierzu äussern sich weder die Beschwerdegegnerin noch die Beschwerdeführenden.
5.
5.1
Nach Art. 20 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversi
cherung ([AHVG]; in der Invalidenversicherung anwendbar gemäss Art. 50 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG]), können fällige Leistungen wie die Nachzahlung von AHV-Renten mit Forderungen aufgrund des IVG verrechnet werden.
Eine Verrechnung setzt zwar grundsätzlich voraus, dass Leistung und Forderung des Versicherers die gleiche Person betreffen. Mit Art. 20 Abs. 2 AHVG ist indessen eine eigene Ordnung geschaffen worden, welche teilweise von den all
gemeinen Verrechnungsgrundsätzen des Obligationenrechts abweicht. So wird im Sozialversicherungsrecht zugelassen, dass eine Verrechnung auch dort erfolgt, wo Schuldner und Gläubiger nicht identisch sind. Es reicht aus, dass die Bedingung einer unter versicherungstechnischem oder rechtlichem Aspekt enge Beziehung erfüllt ist, wobei sich diese Beziehung auf die einander gegenüber
stehenden Forderungen beziehen muss. Eine zeitliche Kongruenz der gegenseiti
gen Forderungen in dem Sinne, dass diese den gleichen Zeitraum beschlagen müssen, ist dabei nicht verlangt. Wesentlich für die Zulässigkeit der Verrech
nung ist somit, dass Forderung und Gegenforderung im Zeitpunkt der Verrech
nung fällig sind (Kieser
, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversi
cherungsrecht, AHVG,
3.
Auflage,
S. 221 f. zu Art. 20 AHVG)
mit
weiteren Hinweisen).
5.2
In BGE 138 V 235 (= Pra 2013 Nr.10) ging es um die Frage, ob eine Pensions
kasse die Schadenersatzforderung gegen den bei ihr vorsorgeversicherten Geschäftsführer nach dessen Tod mit der Witwenrente verrechnen durfte. Das Bundesgericht führte u.a. aus, die Witwe verfüge wohl über einen eigenen Anspruch auf Hinterlassenenleistungen; dieses Recht sei indessen aus der Versi
cherteneigenschaft des Verstorbenen abgeleitet. Es bestehe somit ein enger Zusammenhang zwischen der Schadenersatzforderung gegen den verstorbenen Versicherten und der Hinterlassenenrente. Hinzu komme, dass die Witwe als Erbin persönlich für die Schulden des verstorbenen Gatten hafte. In diesem Fall könne die Verrechnung zwischen der Schadenersatzforderung und der Hinter
lassenenrente vorgenommen werden (E. 7.4).
Im vorliegenden Fall liegt eine vergleichbare Konstellation vor. Auch der Waisen
rentenanspruch wird originär erworben (Art. 25 Abs. 1 AHVG), leitet sich aber aus der Versicherteneigenschaft des verstorbenen Elternteils ab (vgl. Kieser, a.a.O., S. 242 zur Art. 25 AHVG). Damit besteht der notwendige enge Zusammenhang zwischen der Waisenrente des Beschwerdeführenden 2 und der Rückforderung der zu viel ausbezahlten Renten. Zudem haftet der Beschwerde
führende 2 als Erbe für die Erbgangsschulden auf das Konto des verstorbenen Vaters, was nebst dem versicherungstechnisch oder juristisch engen Zusam
menhang ebenfalls eine Grundlage für die Verrechnung bietet. In masslicher Hinsicht hat der Beschwerdeführende 2 Anspruch auf die Nachzahlung der Waisenrente im Betrag von Fr. 45'519.-- was unter Verrechnung der zu Unrecht bezahlten Invaliden- und Kinderrenten im Umfang von Fr. 45'438.-- eine Dif
ferenz zu Gunsten des Beschwerdeführenden 2 von Fr. 81.-- ergibt. Diese wurde ihm bzw. seiner Mutter zusammen mit deren Witwenrenten-Nachzahlung bereits am 29. Juni 2011 ausbezahlt (vgl. Urk. 2). Damit besteht kein weiterer Anspruch mehr, was zur Abweisung der Beschwerde führt.
6.
Da es vorliegend nicht um eine Streitigkeit um die Bewilligung oder die Verwei
gerung von IV
Leistungen geht (vgl. BGE 115 V 341 E. 1), ist das Verfahren kostenlos (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG).