Decision ID: 689f7bbd-36e8-4ae9-bbff-c37f22cccfff
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. X._, geboren 1955, wurde am 2. Dezember 1974 der Führerausweis der Kategorien
B und BE und der Unterkategorien D1 und D1E sowie am 1. April 2003 ein solcher der
Kategorie A erteilt (act. 8/8/86 f.). Gemäss Rapport der Kantonspolizei St. Gallen vom
29. Dezember 2015 lenkte er am 10. Dezember 2015 um 8.20 Uhr seinen
Personenwagen mit dem amtlichen Kennzeichen SG 000_ in A._ auf der R._-strasse
in Richtung B._. Beim Rechtsabbiegen in die S._-strasse in Richtung C._ schnitt er
P._, der auf dem rechtsseitigen auch als Radweg dienenden Trottoir der R._-strasse
mit dem Motorfahrrad mit dem amtlichen Kennzeichen SG 001_ in Richtung B._
unterwegs war, den Weg ab. P._ prallte mit seinem Mofa frontal gegen den rechten
hinteren Kotflügel des Personenwagens. An beiden Fahrzeugen entstand Sachschaden
in der Höhe von je CHF 1‘000. Die Beteiligten wurden nicht verletzt (act. 8/8/3-6).
Gestützt auf den Polizeirapport büsste das Untersuchungsamt Gossau X._ mit
Strafbefehl vom 3. Februar 2016 wegen einfacher Verkehrsregelverletzung mit
CHF 300. Der Strafbefehl wurde unangefochten rechtskräftig (act. 8/8/9 f.).
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B. Wegen des Vorfalls vom 10. Dezember 2015 entzog das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt X._ mit Verfügung vom 8. März 2016 den Führerausweis für sämtliche
Kategorien, mit Ausnahme der Spezialkategorien G und M, für die Dauer eines Monats
(act. 8/8/13-15). Die von X._ dagegen erhobenen Rechtsmittel blieben ohne Erfolg;
zuletzt, mit Urteil BGer 1C_625/2017 vom 24. November 2017 trat der zuständige
Abteilungspräsident des Bundesgerichts auf die am 15. November 2017 gegen den
abschlägigen Entscheid des Verwaltungsgerichts VerwGE B 2016/163 vom
18. Oktober 2017 erhobene Beschwerde nicht ein (act. 8/8/20-27, 31-38, 40-50). Mit
Verfügung vom 22. Dezember 2017 gewährte das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt X._ den Aufschub des Vollzugs des einmonatigen
Führerausweisentzugs (act. 8/8/52 f.). Auf einen dagegen erhobenen Rekurs trat der
zuständige Abteilungspräsident der Verwaltungsrekurskommission mit Verfügung vom
5. April 2018 nicht ein (act. 8/8/80-82). Aufgrund der Argumentation von X._ in seiner
Beschwerde vom 15. November 2017 ordnete das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt mit Verfügung vom 22. Januar 2018 eine verkehrsmedizinische
Untersuchung an (act. 8/8/67 f.). Auch die dagegen erhobenen Rechtsmittel blieben
erfolglos. Zuletzt trat der zuständige Abteilungspräsident des Verwaltungsgerichts mit
Entscheid VerwGE B 2018/141 vom 16. Juli 2018 auf die am 12. Juni 2018 gegen den
abschlägigen Entscheid der Verwaltungsrekurskommission vom 31. Mai 2018
erhobene Beschwerde nicht ein (act. 8/8/91-97, 99-104).
C. Am 20. Juli 2018 wurde X._ mittels amtsärztlich verfügter fürsorgerischer
Unterbringung in die Psychiatrie St. Gallen Nord, Klinik Y._, eingewiesen
(act. 8/8/107 f., 114 f.). Mit Verfügung vom 7. August 2018 entzog ihm das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt vorsorglich den Führerausweis für alle
Kategorien (act. 8/8/109-113). Die dagegen erhobenen Rechtsmittel blieben ohne
Erfolg. Zuletzt trat der zuständige Abteilungspräsident des Bundesgerichts mit Urteil
BGer 1C_575/2018 vom 2. November 2018 auf eine von X._ am 31. Oktober 2018
gegen den Nichteintretensentscheid des zuständigen Abteilungspräsidenten des
Verwaltungsgerichts VerwGE B 2018/211 vom 8. Oktober 2018 erhobene Beschwerde
nicht ein (act. 8/8/133-138, 140-144, 148-153). Am 4. März 2019 unterzog sich X._ der
angeordneten verkehrsmedizinischen Untersuchung. Das Gutachten vom 2. Juli 2019
ergab, dass bei X._ eine wesentliche, die Fahreignung beeinflussende psychische
Problematik bestehe (act. 8/8/163-177).
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D. Mit Verfügung vom 17. Juli 2019 entzog das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
X._ den Führerausweis aller Kategorien mangels Fahreignung aus medizinischen
Gründen auf unbestimmte Zeit. Bedingung für die Aufhebung des Entzugs ist die
regelmässige fachärztliche psychiatrisch-psychotherapeutische Kontrolle und
Behandlung während mindestens sechs Monaten; das Einreichen eines ausführlichen
psychiatrischen Verlaufsberichts (inkl. Diagnosen, AMDP-Psychostatus, aktuelle
Medikation inkl. aktueller Bestimmung des Medikamentenspiegels hinsichtlich
Clozapin, Angaben zum Therapieverlauf, zur Prognose und kognitiven Situation); das
Einreichen eines hausärztlichen Verlaufsberichts betreffend allenfalls anderweitig
verkehrsrelevanten Erkrankungen sowie eine verkehrsmedizinische
Kontrolluntersuchung im Rahmen eines Aktengutachtens. Einem allfälligen Rekurs
wurde die aufschiebende Wirkung entzogen (act. 8/8/196-198). Dagegen rekurrierte
X._ am 22. Juli 2019 an die Verwaltungsrekurskommission (act. 8/1). Am
13. August 2019 wies der zuständige Abteilungspräsident das Gesuch um
Wiedererteilung der entzogenen aufschiebenden Wirkung ab (act. 8/9). Mit Entscheid
vom 26. September 2019 wies die Verwaltungsrekurskommission den Rekurs ab. Einer
allfälligen Beschwerde wurde die aufschiebende Wirkung entzogen (act. 2).
E. Gegen den Entscheid der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) vom
26. September 2019 erhob X._ (Beschwerdeführer) am 10. Oktober 2019 Beschwerde
beim Verwaltungsgericht dem Sinn nach mit dem Rechtsbegehren, es sei der
angefochtene Entscheid unter Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung
aufzuheben (act. 1, 3.1 f.). Mit Vernehmlassung vom 23. Oktober 2019 schloss die
Vorinstanz auf Abweisung der Beschwerde (act. 7). Das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt (Beschwerdegegner) verzichtete mit Eingabe vom 28. Oktober 2019 auf
eine Vernehmlassung (act. 10.1).

Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen des
Beschwerdeführers zur Begründung seiner Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
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1. Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Der Beschwerdeführer
ist zur Erhebung der Beschwerde befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP).
Die Beschwerde wurde rechtzeitig erhoben und erfüllt in formeller und inhaltlicher
Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und
Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten. Mit dem Entscheid in der
Hauptsache fällt das Begehren, es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu
gewähren, dahin.
2. Zu prüfen ist, ob die Vorinstanz den Rekurs gegen den vom Beschwerdegegner
gegenüber dem Beschwerdeführer am 17. Juli 2019 verfügten Sicherungsentzug
mangels Fahreignung zu Recht abgewiesen hat.
2.1. Laut Art. 16 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, SVG) sind Ausweise
zu entziehen, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen für ihre Erteilung nicht mehr
gegeben sind (vgl. dazu BGE 141 II 220 E. 3.1.1 mit Hinweisen). Grundvoraussetzung
für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung (vgl. Art. 14 Abs. 1 und 2
lit. b SVG). Ist sie nicht mehr gegeben, weil die körperliche und geistige
Leistungsfähigkeit einer Person nicht oder nicht mehr ausreicht, ein Motorfahrzeug
sicher zu führen, ist der Führerausweis gemäss Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG auf
unbestimmte Zeit zu entziehen. Unter diese Bestimmung fallen alle medizinischen und
psychischen Gründe, welche die Fahreignung ausschliessen. Da der Sicherungsentzug
einen schwerwiegenden Eingriff in den Persönlichkeitsbereich des Betroffenen bewirkt,
setzt er eine sorgfältige Abklärung aller wesentlichen Gesichtspunkte voraus (vgl.
BGer 1C_5/2014 vom 22. Mai 2014 E. 3.2 mit Hinweis auf BGE 133 II 384 E. 3.1 mit
Hinweis, in: Roth/Fiolka, Straf- und Verwaltungsrecht – Wichtige Urteile, in: Probst/
Werro [Hrsg.], Strassenverkehrsrechtstagung 2016, S. 323 ff., S. 350, sowie
BGer 1C_263/2007 vom 18. Januar 2007 E. 3.2 mit Hinweisen). Die Anforderungen an
die Fahreignung sind je nach der betroffenen Ausweiskategorie (Art. 3 ff. der
Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr,
Verkehrszulassungsverordnung; SR 741.51, VZV) unterschiedlich hoch anzusetzen (vgl.
dazu Art. 34 VZV und BGer 1C_79/2007 vom 6. September 2007 E. 3.2). In Ziff. 4
Anhang 1 VZV werden medizinische Mindestanforderungen bei psychischen Störungen
gestellt (erste und zweite medizinische Gruppe). Im Fall von akuten psychotischen
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Störungen sind die Voraussetzungen sicheren Führens von Kraftfahrzeugen aller
Gruppen nicht mehr erfüllt (vgl. Rösler/Römer, Verkehrsmedizinische
Fahreignungsbeurteilung bei psychischen Erkrankungen und
psychopharmakologischer Behandlung, in: Madea/Musshoff/Berghaus [Hrsg.],
Verkehrsmedizin, 2. Aufl. 2012, S. 406 ff., S. 421 ff., und Afflerbach/Ebner/Dittmann,
Fahreignung und psychische Störungen, in: Schweiz Med Forum 2004, S. 701 ff.,
704 f.). An der psychophysischen Leistungsfähigkeit fehlt es, wenn kognitive
Beeinträchtigungen in den Bereichen optische Orientierung, Konzentrationsfähigkeit,
Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Belastbarkeit in einem Ausmass bestehen,
dass eine Teilnahme als Lenker der entsprechenden Fahrzeugkategorie am
Strassenverkehr mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Überforderung darstellen würde
(vgl. Rütsche/D'Amico, in: Niggli/probst/Waldmann [Hrsg.], Basler Kommentar,
Strassenverkehrsgesetz, Basel 2014, Art. 16d Rz. 41). Ein Sicherungsentzug gemäss
Art. 16d SVG setzt in der Regel eine verkehrsmedizinische bzw.
verkehrspsychologische Eignungsuntersuchung (Art. 15d SVG) voraus (vgl.
P. Weissenberger, Kommentar Strassenverkehrsgesetz und Ordnungsbussengesetz,
2. Aufl. 2015, Art. 16d SVG Rz. 22, und B. Liniger, in: Dähler/Schaffhauser, Handbuch
Strassenverkehrsrecht, Basel 2018, § 9 Rz. 14). Der Richter ist an die Auffassung des
Experten gebunden, soweit Fachfragen betroffen sind und soweit nicht triftige Gründe
für eine abweichende Würdigung sprechen. Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht auf einer hinreichend umfassenden
Untersuchung beruht, die Vorbringen der untersuchten Person berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (vgl.
BGer 1C_5/2014 vom 22. Mai 2014 E. 3.3 mit Hinweisen, a.a.O.). Die Wiedererteilung
des Führerausweises kann von der Bedingung abhängig gemacht werden, dass der
Betroffene die Behebung des Mangels nachweist (Art. 17 Abs. 3 SVG).
2.2. Gemäss dem verkehrsmedizinischen Gutachten von Dr. med. E._ und
Dr. med. univ. H._ vom 2. Juli 2019 (act. 8/8/164-177) liegt beim Beschwerdeführer
eine verkehrsmedizinisch relevante, unvollständig remittierte paranoide Schizophrenie
(ICD-10-GM 2019 F20.0, www.dimdi.de, siehe dazu auch Medizinisches
Kodierungshandbuch des Bundesamtes für Statistik BFS, Version 2020,
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Neuenburg 2019, S. 16 ff., www.bfs.admin.ch) mit weitgehend stabilem Verlauf bei
anhaltenden Wahnideen vor. Im Austrittsbericht der psychiatrischen Klinik Y._ vom
15. August 2018 sei eine unregelmässige Clozapineinnahme (Leponex) des
Beschwerdeführers festgestellt worden. Er zeige keine Krankheitseinsicht, weshalb
aktuell nicht davon ausgegangen werden könne, dass er über eine stabil vorhandene
Leistungsfähigkeit und ausreichende Leistungsreserven zum sicheren Lenken von
Motorfahrzeugen verfüge. Erst wenn er den Nachweis eines längerfristigen psychisch
stabilen Zustands mit weitestgehender Symptomfreiheit (inkl. im Referenzbereich
liegender Clozapin-Konzentration nach Medikamentenspiegelbestimmung) erbracht
habe, mache eine erneute verkehrsmedizinische Beurteilung Sinn.
Diese Schlussfolgerungen des Gutachtens sind hinreichend begründet und sachlogisch
nachvollziehbar. Was der Beschwerdeführer dagegen vorbringt (nie schizophren, nie
Therapie nötig, Leponex nie abgesetzt, keine Kollision am 10. Dezember 2015, Tests
zur kognitiven Leistungsfähigkeit bestanden, vgl. act. 1, 3.1 f.), verfängt nicht. Wie die
Vorinstanz in Erwägung 2d des angefochtenen Entscheids (act. 2, S. 5 f.)
nachvollziehbar dargetan hat, scheinen die Ergebnisse der Kurztests zur Überprüfung
der kognitiven Leitungsfähigkeit vom 4. März 2019 (act. 8/8/169) nicht geeignet, eine
Geisteskrankheit auszuschliessen. Auch ist im Gutachten vom 2. Juli 2019
rechtsgenüglich ausgewiesen, dass der Beschwerdeführer seit Jahren an einer
unvollständig remittierten paranoiden Schizophrenie leidet und stationär sowie
ambulant in psychiatrischer Behandlung stand und steht. Ungewiss ist, ob der
Beschwerdeführer die erforderliche Dosis Leponex pro Tag regelmässig einnimmt. Fest
steht, dass er am 10. Dezember 2015 einen Verkehrsunfall verursacht hat (act. 8/8/9 f.).
Daran ändert nichts, dass der Beschwerdeführer dies unter anderem mit den
Argumenten in Abrede stellt (act. 3.2, S. 1 f.), der damalige Unfallbeteiligte sei gar nicht
auf dem Radweg unterwegs gewesen und der damals zuständige Sachbearbeiter mit
staatsanwaltlichen Befugnissen des Untersuchungsamtes Gossau J.R. (bis
31. Dezember 2018, vgl. Staatskalender 2018/19, www.sg.ch) sei ihm wegen eines
Ereignisses im ersten Semester 1975 (nach wie vor) feindlich gesinnt gewesen. Aus
den Akten ergeben sich keinerlei Anhaltspunkte dafür und es wird von
Beschwerdeführer auch nicht weiter substantiiert, inwiefern J. R. befangen gewesen
sein könnte. Vor diesem Hintergrund können der Vorinstanz keine Rechtsfehler
vorgeworfen werden, weil sie gestützt auf die verkehrsmedizinische Begutachtung den
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Sicherungsentzug des Führerausweises für alle Führerausweiskategorien auf
unbestimmte Zeit sowie die verfügten Bedingungen bestätigte. Die Beschwerde ist
abzuweisen.
3. (...).