Decision ID: 12379b8a-30d1-591e-8a08-f1a244db66d5
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie, mit letztem Wohnsitz in B._, Jaffna, verliess seinen Heimat-
staat eigenen Angaben zufolge am (...) 2016 und gelangte am 23. Februar
2016 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte.
B.
Am 1. März 2016 wurde der Beschwerdeführer zu seiner Person, dem Rei-
seweg und summarisch zu seinen Gesuchsgründen befragt (Befragung zur
Person BzP). Am 19. Juli 2018 erfolgte die Anhörung zu den Asylgrün-
den; am 31. Januar 2019 wurde er ergänzend angehört.
In Bezug auf seinen persönlichen Hintergrund machte der Beschwerdefüh-
rer geltend, er sei in B._ geboren und dort mit seinen Eltern und
Geschwistern aufgewachsen. Seine Familie lebe heute noch dort; sein Va-
ter sei getrennt von der Familie. Er habe die Schule bis zum Abschluss des
A-Levels besucht.
Zu seinen Gesuchsgründen brachte er vor, er habe sich mit seiner Familie
während des Krieges an verschiedenen Orten aufhalten und immer wieder
umziehen müssen. Er selbst sei im Jahr 2009 gegen Kriegsende insgesamt
vier Mal von der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) zwangsrekrutiert
worden. Die ersten drei Male habe er jeweils nur einen Tag bei den LTTE
verbracht; das vierte Mal insgesamt 15 Tage. Nach einer kurzen Militäraus-
bildung sei er an die Front gebracht worden. Von dort aus sei ihm die Flucht
erneut gelungen. Danach sei er mit seiner Familie in das Flüchtlingslager
in C._ gegangen. Dort hätten die Behörden verlangt, dass sich Mit-
glieder und Unterstützer der LTTE zu erkennen geben. Aus Angst davor,
wegen seiner kurzen Haare ohnehin erkannt zu werden, habe er sich bei
den Behörden gemeldet, wobei er angegeben habe, dass er nur für einen
Tag zwangsrekrutiert worden sei. Die zuständige Person habe entschie-
den, ihn nicht in ein Rehabilitationszentrum zu schicken, weil er jung ge-
wesen sei. Nach einiger Zeit habe er gemeinsam mit seiner Familie aus
dem Flüchtlingslager nach Hause zurückkehren können. Bei Kriegsende
sei sein älterer Bruder, ein LTTE-Kämpfer, von der sri-lankischen Armee
(SLA) festgenommen worden; seither gelte er als verschollen. Als seine
Familie in diesem Zusammenhang im Jahr 2011 eine Vermisstenanzeige
habe aufgeben wollen, seien sie von den Behörden angewiesen worden,
stattdessen die Ausstellung eines Totenscheins zu beantragen. Dieses
Vorgehen habe seine Familie jedoch abgelehnt. Nach diesem Vorfall seien
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sie erheblich unter Druck gesetzt, verhört und wiederholt aufgesucht wor-
den. Zudem hätten sie mehrere Vorladungen erhalten. Sie hätten keine
Ruhe vor den Beamten gehabt und befürchtet, dass auch ihm – dem Be-
schwerdeführer – etwas passieren könnte, wenn seine eigene LTTE-Ver-
gangenheit ans Tageslicht kommen würde. Deshalb habe er in einer Hütte
auf den Reisfeldern seines Onkels in D._ in E._ gelebt und
seine Mutter nur selten besucht. Im Jahr 2013 sei er gemeinsam mit seiner
Mutter zu einer Menschenrechtskommission in F._ gegangen, um
seine Ausreise zu organisieren. Sie hätten dem singalesischen Mitarbeiter,
der seinen Fall betreut habe, über die vier Zwangsrekrutierungen der LTTE
sowie von seinen Problemen mit dem Criminal Investigation Department
(CID) berichtet. Obwohl sie viel Geld für die geplante Ausreise bezahlt hät-
ten, habe es nicht geklappt, weil sie von diesem Mann betrogen worden
seien. Im Juli 2015 sei er – der Beschwerdeführer – sodann einmal von
Beamten des CID zu einer Befragung in ein Camp nach G._ mitge-
nommen worden, wobei er während zweier Tage zu allfälligen eigenen Ver-
bindungen zu den LTTE befragt worden sei; dabei sei ihm auch eine Ohr-
feige verpasst worden.
Seine Mutter habe regelmässig an Kundgebungen und Protestaktionen
teilgenommen, welche von Menschenrechtsorganisationen in Gedenken
an die im Krieg verschollenen Personen veranstaltet worden seien. Auch
er habe an solchen Veranstaltungen teilgenommen, letztmals im Januar
2016. Dabei sei er anlässlich seiner Kundgebungsteilnahme von dort an-
wesenden Behördenangehörigen angehalten und seine ID-Karte überprüft
worden. In der Folge seien die Behörden zu ihm nach Hause gekommen
und hätten ihn zu einer Befragung mitnehmen wollen. Nachdem seine Mut-
ter den Männern versichert habe, dass er nicht mehr an Kundgebungen
der erwähnten Art teilnehmen würde, seien diese wieder gegangen. Auf-
grund der Gefahr, jederzeit von den Behörden angehalten, kontrolliert und
überprüft zu werden, habe er sich nicht mehr sicher in seinem Heimatstaat
gefühlt. Er sei daher ausgereist und in die Schweiz gelangt. Nach seiner
Ausreise aus Sri Lanka sei seine Mutter einige Male von CID-Angehörigen
aufgesucht worden, die nach ihm gefragt hätten.
Zur Stützung seiner Angaben reichte der Beschwerdeführer einen heimat-
lichen Ausweis für Flüchtlinge aus dem Jahr 2009 und eine Relief As-
sistance Card aus dem Jahr 2009 je im Original, eine Kopie des Return
Form-Formulars des Hochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR)
aus dem Jahr 2009, zwei Kopien von Reisepässen, eine Kopie einer be-
hördlichen Vorladung, einen Zeitungsausschnitt vom 26. Januar 2016 im
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Original, mehrere Kopien von Quittungen und Zahlungsbestätigungen so-
wie eine Bestätigung eines lokalen Dorfverantwortlichen vom März 2016 in
Kopie zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 12. November 2019, eröffnet am 15. November 2019,
verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete seine Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 16. Dezember 2019 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragte, es sei die ange-
fochtene Verfügung aufzuheben und es sei ihm unter Zuerkennung der
Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren, eventualiter sei er vorläufig in der
Schweiz aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er, ne-
ben der Feststellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde, um
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung und um Beiordnung eines amtlichen
Rechtsbeistandes.
Seiner Eingabe legte der Beschwerdeführer drei Fotos von einer Kundge-
bung im Jahr 2016 sowie die Bestätigung seiner Fürsorgeabhängigkeit bei.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Dezember 2019 stellte die Instruktions-
richterin fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten könne. Das Gesuch um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung hiess sie – unter dem Vorbehalt einer nachträgli-
chen Veränderung der finanziellen Verhältnisse – gut und verzichtete auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses. Ebenfalls hiess sie das Gesuch
um Gewährung der amtlichen Verbeiständung gut und forderte den Be-
schwerdeführer auf, eine Rechtsvertretung zu bezeichnen und zu bevoll-
mächtigen. Das SEM wurde gleichzeitig zur Vernehmlassung eingeladen.
F.
Am 30. Dezember 2019 zeigte die rubrizierte Rechtsvertreterin dem Bun-
desverwaltungsgericht die Übernahme der Rechtsvertretung des Be-
schwerdeführers an und beantragte im Namen des Beschwerdeführers die
Einsetzung als amtliche Rechtsbeiständin.
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G.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Januar 2020 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch gut und ordnete die rubrizierte Rechtsvertreterin amtlich für
das vorliegende Verfahren bei.
H.
Am 15. Januar 2020 liess sich das SEM zur Beschwerde vernehmen. Dazu
nahm der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 4. Februar 2020 Stellung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.
4.1 Die Vorinstanz erachtete die Ausführungen des Beschwerdeführers in
mehrfacher Hinsicht als unglaubhaft. Zunächst sei das Vorbringen, dass er
im Jahr 2009 vier Mal von den LTTE zwangsrekrutiert worden sei, wider-
sprüchlich und unsubstanziiert geblieben. Es ergäben sich zahlreiche Wi-
dersprüche zwischen den Aussagen in der BzP und der Anhörung respek-
tive zwischen den beiden Anhörungen. So habe er beispielsweise während
der BzP nur eine Zwangsrekrutierung erwähnt, wogegen bei der Anhörung
von vier gesonderten Vorfällen die Rede gewesen sei. Unterschiedlich dar-
gestellt habe er zudem den Ereignisablauf, wie er jeweils von den verschie-
denen Standorten wieder weggekommen sei und ob er dabei geflüchtet
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oder freigelassen worden sei. Ebenso wenig überzeugend und wider-
sprüchlich sei sein Vorbringen, dass er in diesem Zusammenhang im Jahr
2015 von den Behörden mitgenommen und zu allfälligen Aktivitäten bei
den LTTE befragt worden sei. Insbesondere habe er das Ereignis weder
zeitlich korrekt einordnen können noch habe er kohärente Angaben zur
Dauer gemacht, die er im Camp verbracht habe. Wenig überzeugend sei
zudem, dass er plötzlich Jahre später von den Behörden auf allfällige ei-
gene Aktivitäten in früheren Jahren für die LTTE angesprochen worden sei,
zumal er bei Kriegsende anlässlich seines Aufenthaltes in einem Flücht-
lingscamp überprüft und ohne Auflage von weiteren Massnahmen, wie zum
Beispiel dem Absolvieren einer Rehabilitation, wieder auf freien Fuss ge-
setzt worden sei. Sein weiteres Vorbringen, dass er Probleme mit den Be-
hörden anlässlich seiner Teilnahme an einem Protestanlass im Januar
2016 gehabt habe, sei nicht nachvollziehbar, zumal er eigenen Angaben
zufolge zu diesem Zeitpunkt bereits bemüht gewesen sei, möglichst unauf-
fällig zu leben. Dass die Behörden nach diesem Anlass zu ihm nach Hause
gekommen seien, mit der Absicht ihn mitzunehmen, ihr Ansinnen dann
aber nicht in die Tat umgesetzt hätten, weil seine Mutter ihnen versichert
habe, dass er nicht mehr an solchen Anlässen teilnehmen werde, sei rea-
litätsfremd. Schliesslich vermöchten die eingereichten Beweismittel ein be-
hördliches Interesse an seiner Person und eine Suche nach ihm weder zu
belegen noch glaubhaft zu machen. Insgesamt sei das geltend gemachte
Engagement des Beschwerdeführers zugunsten von Verschollenen in die-
sem Umfang nicht glaubhaft.
Seine übrigen Vorbringen, namentlich hinsichtlich des ständigen Wohnort-
wechsels zur Zeit des Bürgerkrieges, der Verweigerung der Behörden im
Jahr 2011, die Vermisstenanzeige im Zusammenhang mit dem Verschwin-
den seines Bruders entgegenzunehmen und die im Zusammenhang mit
seinem verschollenen Bruder stehenden wiederholten Behördenkontrollen
seien nicht asylrelevant. Diese von ihm beschriebenen Nachteile seien auf
die in der Heimatregion allgemeine schwierige Sicherheitslage während
der Kriegshandlungen und der Zeit danach zurückzuführen. Den angeführ-
ten, zum Teil mehrere Jahre vor der Ausreise zurückliegenden, Benachtei-
ligungen sei zudem die Mehrheit der in der Heimatregion lebenden Bevöl-
kerung ausgesetzt gewesen. Den Akten können sodann keine Hinweise
darauf entnommen werden, dass der Beschwerdeführer im Zusammen-
hang mit den Ereignissen bei Kriegsende und in der Zeit danach von gezielt
gegen ihn gerichteten Verfolgungsmassnahmen seitens der Behörden be-
troffen gewesen sei, welche über das übliche Mass derjenigen Benachtei-
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ligungen hinausgegangen wären, die ein Grossteil der Bevölkerung in sei-
ner Wohnregion zu diesem Zeitpunkt zu gewärtigen gehabt habe. Solche
behördlichen Massnahmen, namentlich die angeführten Kontrollen und
auch allfällige Vorladungen zu Befragungen im erwähnten Kontext würden
vorliegend die erforderliche Intensität für eine Asylrelevanz nicht erreichen.
Die Probleme mit einem singalesischen Sachbearbeiter der Menschen-
rechtsorganisation wegen eines von diesem nicht zurückgezahlten Vor-
schusses für seine geplante Ausreise seien ebenfalls nicht asylrelevant.
Bei diesen Gründen handle es sich zum einen um Probleme rein privater
Natur, welche als solche nicht geeignet seien, die Asylrelevanz im Sinne
von Art. 3 AsylG zu entfalten. Zum anderen habe der Beschwerdeführer
nach eigenen Angaben keine Hilfe bei den Behörden gesucht. An diese sei
er jedoch zu verweisen.
Ebenfalls nicht ersichtlich seien Risikofaktoren, die im Falle einer Rückkehr
ein behördliches Interesse am Beschwerdeführer begründen würden.
4.2 Auf Beschwerdeebene hält der Beschwerdeführer dem entgegen, dass
seine Vorbringen glaubhaft seien. Zwar treffe es zu, dass er bei der BzP
nur eine einzelne Zwangsrekrutierung erwähnt habe. Er sei allerdings an-
gehalten worden, sich kurz zu fassen, woran er sich gehalten habe. Soweit
die Vorinstanz ihm vorwerfe, keine konkreten Angaben zu den Zeitpunkten
der Zwangsrekrutierungen machen zu können, sei darauf hinzuweisen,
dass diese Zeit für ihn und seine Familie äusserst belastend gewesen sei.
Die Ungenauigkeiten stünden im Zusammenhang mit diesen Erlebnissen.
Die vorinstanzliche Erwägung, wonach er widersprüchliche Angaben dazu
gemacht habe, wie er sich den verschiedenen Zwangsrekrutierungen je-
weils habe entziehen können, versucht der Beschwerdeführer mit dem Hin-
weis auf sprachliche Missverständnisse zu entkräften. Weiter könne der
Vorinstanz nicht gefolgt werden, wenn sie seine Ausführungen des Aufent-
haltes im LTTE-Camp als pauschal und stereotyp würdige; er habe wäh-
rend der verschiedenen Anhörungen auf jede diesbezügliche Frage genau
geantwortet und sehr detailliert über die Zeit der Zwangsrekrutierung be-
richtet. In Bezug auf den Vorwurf der Vorinstanz, wonach die Befragung
durch Beamte des CID im Jahr 2015 nur unpräzis geschildert worden sei,
entgegnet der Beschwerdeführer, dass diese Befragung schon mehr als
viereinhalb Jahre zurückliege und es ihm schwerfalle, den Zeitpunkt genau
festzulegen, weil er nicht gerne an die Ereignisse in Sri Lanka zurück-
denke. Was den Vorwurf anbelange, dass er die Dauer dieser Festhaltung
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durch das CID in der BzP auf zwei Tage festgelegt habe, in den Anhörun-
gen hingegen nur von einer mehrstündigen Befragung gesprochen habe,
so sei dieser Widerspruch auf die Kürze der BzP und seine damals beste-
hende Nervosität zurückzuführen, die Angaben in der Anhörung seien zu-
treffend. Unberechtigt sei auch der Vorwurf der Vorinstanz, er habe ver-
schiedene Angaben zu seinem Aufenthaltsort nach der Festnahme durch
die Behörden gemacht; die Angabe in der BzP, wonach er ab 2009 bis zur
Ausreise immer in B._ gelebt habe, habe sich einzig auf seine offi-
zielle Wohnadresse bezogen. Soweit die Vorinstanz ihm vorhalte, es sei
nicht nachvollziehbar, warum er im Jahr 2015 zu allfälligen Aktivitäten für
die LTTE befragt worden sein solle, verkenne sie die Verhältnisse in Sri
Lanka im Jahr 2015 gänzlich; die sri-lankischen Behörden und die Mitar-
beiter des CID hätten Menschen mit angeblicher Verbindung zu den LTTE
unbedingt ausfindig machen wollen. Angesichts des Umstands, dass sein
Bruder bei den LTTE gewesen sei, er – der Beschwerdeführer – angege-
ben habe, zwangsrekrutiert worden zu sein und er zudem an Demonstrati-
onen gegen das Vergessen teilgenommen habe, sei er in den Fokus der
Behörden gerückt. Unberechtigt sei auch der Vorhalt, es sei widersprüch-
lich, dass er im Januar 2016 an einer Demonstration teilgenommen habe,
obwohl er darum bemüht gewesen sei, unauffällig zu leben; im Jahr 2016
habe er sich aufgrund des Regierungswechsels von Mahinda Rajapaksa
zu Maithrinpala Sirisena ein wenig sicherer gefühlt, weshalb er das Risiko
einer Teilnahme an der Demonstration für vertretbar gehalten habe.
Ebenso sei nicht nachvollziehbar, warum die Vorinstanz es als unglaubhaft
ansehe, dass die Angehörigen des CID aufgrund der flehentlichen Bitte
seiner Mutter davon abgesehen hätten, ihn mitzunehmen; er habe nach-
vollziehbar dargelegt, dass seine Mitnahme den CID-Beamten womöglich
unangenehm gewesen wäre, weil es Schaulustige gegeben habe. Zusam-
menfassend sei festzuhalten, dass seine Aussagen ein kohärentes und de-
tailreiches Bild der Verfolgungssituation ergeben würden.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten zur
Auffassung, dass die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwer-
deführers zu Recht verneint hat und folglich auch das Asylgesuch abzu-
lehnen war. Es kann vorab auf die zutreffenden Ausführungen in der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. act. A20/13, Ziff. II).
5.2 Mit Blick auf die Ausführungen in der Beschwerdeschrift ist zunächst
festzuhalten, dass die Erklärungen, die der Beschwerdeführer im vorlie-
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genden Verfahren zur Frage der Glaubhaftigkeit vorbringt, isoliert betrach-
tet jeweils nachvollziehbar erscheinen. Stellt man sie jedoch in den Ge-
samtkontext der Aussagen während des vorinstanzlichen Verfahrens, er-
scheint die Würdigung der Vorinstanz dennoch als zutreffend. Besonders
ins Gewicht fällt in diesem Zusammenhang, dass nicht nur zwischen den
Aussagen des Beschwerdeführers in der BzP und während der vorinstanz-
lichen Anhörungen Widersprüche bestehen (vgl. die insoweit zutreffende
Würdigung der Vorinstanz, die in E. 4.1 zusammenfassend wiedergegeben
ist). Vielmehr stimmen auch die Angaben des Beschwerdeführers im vor-
liegenden Beschwerdeverfahren teilweise nicht mit seinen Ausführungen
im vorinstanzlichen Verfahren überein.
5.3 Als wesentlichen Grund für sein "politisches Profil" verweist der Be-
schwerdeführer auf den Umstand, dass er von den LTTE im Jahr 2009
viermal zwangsrekrutiert worden sei und dass sein Bruder Mitglied der
LTTE gewesen sei. Vor dem Hintergrund, dass der Beschwerdeführer die-
sen Aspekt zumindest auf Beschwerdeebene ins Zentrum seiner Ausfüh-
rungen rückt, rechtfertigen sich einige zusätzliche Ausführungen hierzu: Zu
konstatieren ist in diesem Zusammenhang zunächst, dass die Angaben
des Beschwerdeführers zur LTTE-Zugehörigkeit seines Bruders und des-
sen Verbleib während des ganzen Verfahrens konsistent geblieben sind
(vgl. act. A4/12, F7.02 und A17/18, F34). Der Bruder gilt offenbar seit dem
Jahr 2009 als verschollen. In Bezug auf seine eigene Verbindung zu den
LTTE vermag der Beschwerdeführer jedoch kein relevantes Profil glaubhaft
zu machen.
5.4 Betreffend die vorgebrachten Zwangsrekrutierungen des Beschwerde-
führers während der Endphase des Bürgerkrieges im Jahr 2009 hat die
Vorinstanz zutreffend verschiedene Widersprüche festgestellt. Ihr ist in die-
sem Zusammenhang zunächst beizupflichten, dass der Beschwerdeführer
in der BzP lediglich eine Zwangsrekrutierung erwähnte, und nicht von vier
gesonderten Vorfällen sprach (vgl. act. A4/12, F7.01). Die Erklärung auf
Beschwerdeebene, dass er aufgrund des Zeitdrucks nur das für ihn
schwerwiegendste Ereignis erwähnt habe, überzeugt angesichts der Be-
deutung dieser Vorkommnisse nicht. Bezüglich der Beschreibung der vier-
ten "Zwangsrekrutierung" sind sodann zwar einige Realkennzeichen in den
mündlichen Ausführungen des Beschwerdeführers festzustellen (vgl. act.
A19/14, F30; F52). Auffällig ist aber, dass er die vier Mitnahmen überhaupt
nicht zeitlich einzuordnen weiss, was nicht damit erklärt werden kann, dass
die Ereignisse für ihn schmerzhaft sind (vgl. Beschwerde, Ziff. 23). Zudem
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Seite 11
erwähnte er die Zwangsrekrutierungen erst, als er gefragt wurde, ob er Mit-
glied der LTTE gewesen sei (vgl. act. A17/18, F71); im Rahmen der freien
Schilderung seiner Asylgründe äusserte er sich dazu nicht (vgl. act.
A17/18, F34). Schliesslich ist zu erwähnen, dass der Beschwerdeführer
sich in der Tat widersprüchlich dazu äusserte, wie er sich bei der vierten
Zwangsrekrutierung wieder von den LTTE entfernt haben will. So brachte
er einerseits vor, die LTTE hätten ihn wieder nach Hause geschickt
(vgl. act. A17/18, F71 f.); dies steht aber im Widerspruch zu den Aussagen
in der ergänzenden Anhörung, als er von einer Flucht mit Schüssen etc.
berichtete (vgl. act. A19/14, F51 ff.). Auf Vorhalt hin vermochte der Be-
schwerdeführer diesen Widerspruch nicht aufzulösen (vgl. act. A19/14,
F63) und auch auf Beschwerdeebene setzt er sich damit nicht näher aus-
einander.
5.5 Die vier Zwangsrekrutierungen durch die LTTE werden auf Beschwer-
deebene ausführlich und detailliert geschildert (vgl. Beschwerde, Ziff. 2 ff.).
Es sind keine Gründe dafür ersichtlich, warum diese detaillierte Beschrei-
bung nicht bereits in den Anhörungen möglich war, wurde dem Beschwer-
deführer doch mehrfach Gelegenheit dazu gegeben (vgl. act. A17/18, F73
ff.). Auch sind im Kontext dieser Zwangsrekrutierungen weitere Widersprü-
che festzustellen: So machte der Beschwerdeführer geltend, einmal in
H._ und dreimal in I._ zwangsrekrutiert worden zu sein (vgl.
act. A17/18, F75); in seiner Beschwerdeschrift berichtet er hingegen aus-
führlich von einer ersten Zwangsrekrutierung in E._ (vgl. Be-
schwerde, Ziff. 2). Ferner brachte der Beschwerdeführer in den Anhörun-
gen vor, sich nicht in eigentlichen LTTE-Camps aufgehalten zu haben (vgl.
act. A17/18, F80), auf Beschwerdeebene machte er hingegen geltend, er
sei nach der zweiten Zwangsrekrutierung ins "LTTE Camp von H._"
gebracht worden (vgl. Beschwerde, Ziff. 3).
5.6 Ungeachtet der vorangegangenen Erwägungen ist sodann festzuhal-
ten, dass der Beschwerdeführer sich eigenen Angaben gemäss nach
Kriegsende in einem Flüchtlingscamp aufgehalten hat und dort zu seinen
Tätigkeiten für die LTTE befragt wurde. Er will dort eine kurze Zwangsrek-
rutierung (von einem Tag) erwähnt haben und wurde nach eigenen Anga-
ben aufgrund seines noch jungen Alters entlassen, ohne ein Rehabilitie-
rungsprogramm durchlaufen zu haben. Aus den von ihm geschilderten wei-
teren Behelligungen lässt sich nicht schliessen, dass er aufgrund seiner
Angaben im Camp im Jahr 2009 in irgendeiner relevanten Weise in den
Fokus der sri-lankischen Behörden geraten ist.
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5.7 Sodann hat die Vorinstanz zutreffend ausgeführt, dass die vom Be-
schwerdeführer geschilderte Befragung im Jahr 2015, in deren Rahmen er
zu eigenen Aktivitäten für die LTTE befragt worden sein soll, an sich bereits
mit den von der Vorinstanz aufgeführten Widersprüchen behaftet ist (vgl.
act. A20/13, S. 5). Zudem ist dieses Vorbringen an sich nicht geeignet, auf-
zuzeigen, dass die Behörden ein verfolgungsrelevantes Interesse an ihm
haben.
5.8 Was die Teilnahme an Demonstrationen, namentlich an einer solchen
im Januar 2016, welche die im Krieg Verschollenen zum Thema gehabt
habe, anbelangt, kann ebenfalls auf die zutreffenden vorinstanzlichen Er-
wägungen verwiesen werden (vgl. act. A20/13 S. 5). Der Beschwerdefüh-
rer macht auch auf Beschwerdeebene erneut geltend, er habe sich ab ei-
nem bestimmten Zeitpunkt (wohl nach (...) 2015) nur noch bei seinem On-
kel in E._ aufgehalten und nur ab und zu seine Mutter besucht.
Demgegenüber berichtete er in der BzP, in der ersten Anhörung und auch
in seiner Beschwerde davon, dass er im Jahr 2016 an besagter Demonst-
ration teilgenommen haben will, was denn auch den unmittelbaren Grund
für die Ausreise gebildet haben soll (vgl. act. A17/18, F42-57; Beschwerde,
Ziff. 15), weil einige Tage nach der Demonstration einige Männer in einem
weissen Van vorbeigekommen seien, um ihn für eine Befragung abzuholen
(vgl. Beschwerde, Ziff. 16). Dass der Beschwerdeführer sich ausgerechnet
an diesem Tag zuhause aufgehalten haben will, obschon er ansonsten auf
dem Reisfeld seines Onkels gelebt haben will, scheint nicht plausibel. Zu-
dem scheint es auch nach Ansicht des Gerichts als nicht realistisch, dass
Beamte des CID im Hause der Familie vorgesprochen haben, auf Bitte der
Mutter hin jedoch vom Beschwerdeführer abgelassen haben, um danach
wieder zu versuchen, seiner habhaft zu werden. Zu der in diesem Zusam-
menhang eingereichten Vorladung konnte der Beschwerdeführer keine
substanziierten Angaben machen (vgl. act. A17/18, F8-16). Im Übrigen
wird er in dieser Vorladung auch nicht namentlich genannt. Seine Mutter,
welche ebenfalls an besagter Demonstration teilgenommen haben und auf
dem von ihm eingereichten Zeitungsartikel abgebildet sein soll, wurde im
Übrigen offensichtlich bisher von den Behörden nicht behelligt; Entspre-
chendes wurde jedenfalls in Bezug auf die Mutter nicht geltend gemacht
(vgl. act. A17/18 F26).
5.9 Aufgrund der vorstehenden Ausführungen kann nicht davon ausgegan-
gen werden, dass das Interesse der sri-lankischen Sicherheitsbehörden
am Beschwerdeführer zum Zeitpunkt seiner Ausreise besonders ausge-
prägt gewesen wäre und über allgemeine Sicherheitskontrollen (vgl. act.
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A20/13 S. 7) hinausgegangen ist. Die Erwägungen der Vorinstanz, wonach
sich auch aus den übrigen Vorbringen keine asylrelevanten Vorkommnisse
ableiten würden (insbesondere hinsichtlich der ständigen Wohnortswech-
sel zur Zeit des Bürgerkrieges vor dem Jahr 2009, der Zeit im Flüchtlings-
lager im Jahr 2009, der Verweigerung der Behörden, die Vermisstenan-
zeige im Zusammenhang mit dem Verschwinden seines Bruders entge-
genzunehmen, der wiederholten Behördenkontrollen und der erwähnten
Probleme mit dem singalesischen Sachbearbeiter der Menschenrechtsor-
ganisation), werden in der Beschwerde nicht beanstandet. Die entspre-
chenden Erwägungen der Vorinstanz überzeugen, auf diese ist zu verwei-
sen (vgl. act. A20/13 S. 6 ff, vgl. E. 4.1) so dass sich diesbezüglich weitere
Erörterungen erübrigen.
5.10 Zutreffend verneinte das SEM sodann auch das Vorliegen von Risiko-
faktoren, welche zum heutigen Zeitpunkt zur Bejahung einer begründeten
Furcht vor zukünftiger Verfolgung im Falle der Rückkehr führen könnten
(vgl. hierzu Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 8.5.5 [als Referenzur-
teil publiziert]). Der Beschwerdeführer weist in seiner Person keine Fakto-
ren im Sinne eines besonderen Profils auf, die im Falle einer Wiederein-
reise ein behördliches Interesse vermuten liessen. Es ist auch nicht davon
auszugehen, dass er aufgrund verwandtschaftlicher Verbindungen – na-
mentlich aufgrund des seit dem Jahr 2009 verschollenen Bruders – asylre-
levante Verfolgung zu befürchten hätte. Zudem gab der Beschwerdeführer
im Rahmen seines Asylverfahrens zu Protokoll, legal mit seinem eigenen
Reisepass ausgereist zu sein und dabei keinerlei Schwierigkeiten gehabt
zu haben (vgl. act. A4/12, F4.02). Allein aus der tamilischen Ethnie und der
mittlerweile mehrjährigen Landesabwesenheit kann der Beschwerdeführer
auch keine Gefährdung ableiten. Es ist somit nicht anzunehmen, dass ihm
persönlich im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG drohen.
5.11 An dieser Einschätzung vermag auch die aktuelle – zwar als volatil zu
bezeichnende – Lage in Sri Lanka nichts zu ändern. Das Bundesverwal-
tungsgericht ist sich der Veränderungen in Sri Lanka bewusst, beobachtet
die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei seiner Ent-
scheidfindung. Weder aus dem Machtwechsel im Jahr 2019 noch aus dem
Vorfall betreffend eine Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft in Sri
Lanka vermag der Beschwerdeführer etwas zu seinen Gunsten abzuleiten.
Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise, wonach speziell der Be-
schwerdeführer einer erhöhten Gefahr ausgesetzt wäre. Ebenso gibt es
E-6685/2019
Seite 14
zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem Macht-
wechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer Verfol-
gungsgefahr ausgesetzt wären.
6.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer aufgrund
des Dargelegten die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt und das SEM sein
Asylgesuch zu Recht abgelehnt hat.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
E-6685/2019
Seite 15
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Ak-
ten ergeben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaf-
fung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Es ergeben sich aus den Akten keine konkreten Anhaltspunkte
dafür, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die
über einen sogenannten «Background Check» (Befragung und Überprü-
fung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass
er persönlich gefährdet wäre.
8.2.4 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt sodann zur Einschätzung,
dass sich die jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka nicht in rele-
vanter Weise auf den Beschwerdeführer auswirken dürften. Die allgemeine
Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum
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Seite 16
heutigen Zeitpunkt weiterhin nicht generell oder bezogen auf eine be-
stimmte Ethnie als unzulässig erscheinen. Vielmehr bedarf es weiterhin ei-
ner konkret drohenden Gefahr im Einzelfall.
8.2.5 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt, dies gilt auch unter
Berücksichtigung der aktuellen Ereignisse und Entwicklungen. Nach einer
eingehenden Analyse der sicherheitspolitischen Lage in Sri Lanka ist das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss gekommen, dass der Wegwei-
sungsvollzug in die Ostprovinz zumutbar ist, wenn das Vorliegen der indi-
viduellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz eines tragfähigen
familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine ge-
sicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Urteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.4).
8.3.3 In Bezug auf das Vorliegen individueller Zumutbarkeitskriterien kann
mit Verweis auf die Akten festgehalten werden, dass es sich beim Be-
schwerdeführer um einen gesunden Mann mit einem tragfähigen familiären
und sozialen Beziehungsnetz im Heimatstaat handelt. Im Lichte seiner
Schul- und Ausbildung ist davon auszugehen, dass es dem Beschwerde-
führer durchaus möglich ist, sich wieder eine Existenz aufzubauen. Zutref-
fend hat die Vorinstanz sodann darauf verwiesen, dass trotz der jüngsten
politischen Geschehnisse keine gänzlich unsichere, von bewaffneten Kon-
flikten oder anderen unberechenbaren Unruhen dominierte Lage im Hei-
matstaat herrscht, aufgrund derer Rückkehrer unabhängig ihres individuel-
len Hintergrunds konkret gefährdet sind. An dieser Einschätzung vermag
auch der Machtwechsel mit der erfolgten Präsidentschaftswahl vom
16. November 2019 nichts zu ändern.
E-6685/2019
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8.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Auch steht die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvollzug nicht ent-
gegen. Ihr ist im Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen
Behörden Rechnung zu tragen, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der
Situation im Heimatstaat angepasst wird.
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit In-
struktionsverfügung 20. Dezember 2019 sein Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheis-
sen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich seine finan-
zielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist von der Auflage
von Verfahrenskosten abzusehen.
10.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde auch das Gesuch des Be-
schwerdeführers um amtliche Verbeiständung gutgeheissen und Cora
Dubach antragsgemäss amtlich beigeordnet. Die amtlich eingesetzte
Rechtsvertreterin hat keine Honorarnote zu den Akten gereicht. Auf eine
entsprechende Nachforderung kann indes verzichtet werden, da der not-
wendige Vertretungsaufwand aufgrund der Akten zuverlässig abgeschätzt
werden kann. Die Rechtsvertreterin wurde erst nach Beschwerdeerhebung
mandatiert. Unter Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfak-
toren (Art. 8–11 VGKE) ist das amtliche Honorar für die am 4. Februar 2020
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eingereichte Replik auf Fr. 200.– festzusetzen und durch die Gerichtskasse
zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
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