Decision ID: e9826b43-0015-47ae-879a-c6fa38d6b596
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._, geboren 1980, war von April 2011 bis Mai 2013 bei der Z._ GmbH als Telesales Agent Outbound tätig (Urk. 10/10). U
nter Hin
weis auf
Rückenschmerzen mit konstanter Migräne meldete sich die Ver
sicherte am 22. März 2013 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 10/4). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab und verneinte nach ergangenem Vorbescheid (Urk. 10/13) mit Verfügung vom 22. August 2013 einen Anspruch der Versicherten auf berufliche Massnahmen und eine Invalidenrente (Urk. 10/14), weil das Wartejahr nicht erfüllt war.
1.2
Am 21. Juli 2014 meldete sich die Versicherte zur Früherfassung (Urk. 10/16) und am 5. August 2014 sodann unter Hinweis auf Panikattacken und starke Rücken
schmerzen zum Leistungsbezug an (Urk. 10/18).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizi
nische und erwerbliche Situation ab und zog Akten der Krankentag
geld
ver
siche
rung bei (Urk. 10/23).
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Urk. 10/65-79) verneinte die IV
Stelle mit Verfügung vom 13. Oktober 2016 einen Leistungsanspruch der Ver
sicherten (Urk. 10/82 = Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am
10. November 2016
Beschwerde (
Urk.
1)
gegen die Ver
fügung vom 13. Oktober 2016 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben (S. 1 Ziff. 1) und es sei ihr eine Rente zuzusprechen (S. 1 Ziff. 2), eventuell seien ergänzende psychiatrische Abklärungen vorzunehmen (S. 1 Ziff. 3).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 28. Dezember 2016 (Urk. 9) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde der Beschwerdeführerin am 9. Januar 2017 zur Kenntnis gebracht (Urk. 11).
Mit Beschluss vom 21. April 2017 wurde antragsgemäss (vgl. Urk. 1 S. 1 Ziff. 5) die unentgeltliche Prozessführung bewilligt (Urk. 14).
Das Gericht holte sodann bei Dr. med.
A._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, ein psychiatrisches Gutachten ein, das am
10. Januar 2018
erstattet wurde (Urk.
23
; vgl. Beschluss vom
2
. J
uni 2017
, Urk. 1
7).
Die Beschwerdeführerin nahm m
it Schreiben vom
1. Februar 2018 Stellung
(Urk.
27
) und die Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom
9. April 2018
(Urk. 3
0
)
.
Dies
e
wur
de
n
jeweils der anderen Partei am
17. April 2018 zur Kenntnis gebracht (Urk. 31).

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsren
te und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken.
Rechtsprechungsgemäss ist bei psy
chi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein seelisches Leiden mit Krank
heitswert besteht, welches die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG;
BGE 139 V 547
E. 5;
131 V 49
E. 1.2;
130 V 352
E. 2.2.1).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt grundsätzlich eine lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte psychiatri
sche Diagnose voraus (BGE 130 V 396; 141 V 281 E. 2.1). Eine fach
ärztlich fest
gestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleich
bedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beein
trächtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diag
nose und grundsätz
lich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objekti
vierten Mass
stab zu beurtei
lende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeits
leistung zu erbringen (vgl. BGE 127 V 294 E. 4c; 139 V 547 E. 5.2
BGE 143 V 409
E. 4.2.1).
1.4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorak
ten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
1.5
Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nach der Pra
xis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschätzung der medizinischen Fachleute ab, deren Aufgabe es ist, ihre Fachkenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen bestimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu andern Schlussfolgerungen gelangt. Abweichende Beurteilung kann ferner gerechtfer
tigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen anderer Fachleute dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüssigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die Überprüfung durch eine weitere Fachperson im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es, dass es ohne eine sol
che vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abweichende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 351 E. 3b/aa).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin legte in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) dar, dass
keine Invalidität im Sinne des Gesetzes vorliege, welche die Arbeitsfähigkeit längerfristig einschränke. Bei der Beschwerdeführerin seien mehrere Diagnosen festgestellt worden, allerdings sei sie trotz dieser Einschränkung jahrelang unun
terbrochen arbeitstätig gewesen. Die ausgewiesenen Diagnosen würden keine anhaltende Arbeitsunfähigkeit begründen (S. 1).
Die im eingeholten psychiatrischen Gutachten vom 10. Januar 2018 (Urk. 23) gestellten Diagnosen seien ohne weitere Ausführungen nicht nachvollziehbar (Urk. 30). Diverse Befunde, welche die Gutachterin zur Diagnosestellung heran
gezogen habe, hätten während der Untersuchung scheinbar nicht objektiviert werden können (S. 1 f.). Die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) vermöge zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu überzeugen (S. 2). Schliesslich vermöchten die Ausführungen der Gutachterin bezüglich psychosozialer Fakto
ren – aus näher dargelegten Gründen - nicht zu überzeugen (S. 3).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1), sie sei seit April 2014 zu 100 % arbeitsunfähig, was durch die Berichte der behandelnden Psychiaterin und des Psychotherapeuten nachgewiesen sei (S. 1 ff.).
Aus dem eingeholten psychiatrischen Gutachten vom 10. Januar 2018 gehe klar hervor, dass sich das Störungsbild entgegen der Behauptung der Beschwerde
gegnerin schwerwiegend und längerfristig sowohl im beruflichen als auch im pri
vaten Alltag auswirke und mindestens seit April 2014 eine vollständige Erwerbs
unfähigkeit bestehe (Urk. 27).
2.3
Streitig und zu prüfen ist
die Arbeitsfähigkeit und damit der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin.
Dabei hat keine Prüfung im Rahmen einer Neuanmeldung zu erfolgen, zumal die anspruchsverneinende Verfügung vom 22. August 2013 (Urk. 10/14) mangels Erfüllens des Wartejahres und ohne Abklärung des medizinischen Sachverhalts erfolgte.
3.
3.1
Dr. med. B._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete am 30. Juni 2014 (Urk. 10/23/11-12) und nannte folgende Diagnosen:
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10 F33.11)
-
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
-
Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (ICD-10 F60.31)
-
komplexe PTBS
-
anamnestisch Bulimia nervosa ab 11. Lebensjahr (ICD-10 F50.2)
Sie führte aus, dass sich erste Beschwerden bereits in der Kindheit manifestiert hätten. Seit März 2014 bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Angesichts der komplexen Problematik müsse mit einer längeren Behandlung gerechnet werden. Die Prognose sei offen. Es finde eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behand
lung mit anfangs zwei Wochenstunden, derzeit noch eine Wochenstunde sowie eine medikamentöse Behandlung statt (S. 1). Es sei zu einem stabilen Arbeits
bündnis gekommen, die Beschwerdeführerin erscheine regelmässig zu den Terminen. Es habe eine leichte Abnahme der Panikattacken erreicht werden können. Bei für die Beschwerdeführerin besonderen Belastungen bestünden allerdings Rückfälle (S. 2).
3.2
Dr. B._ berichtete am 8. Januar 2015 (Urk. 10/33), nannte die bekannten Diagnosen (vgl. vorstehend E. 3.1) und führte aus, der Antrieb der Beschwerde
führerin sei leicht reduziert, es bestünden jedoch auch impulsive Verhaltenswei
sen. Es seien Konzentrationsstörungen, hingegen keine Gedächtnisstörungen vor
handen. Es bestünden Paramnesien in Form von Flashbacks frühkindlicher traumatisierender Erlebnisse, Albträume, formalgedankliches Gedankenkreisen, Ich-Störungen in Form von Depersonalisationserleben in sozialen Situationen und ein niedriges Selbstwertgefühl. Die Beschwerdeführerin sei inhaltlich einge
engt auf die soziale Situation (S. 2 Ziff. 1.4). Es finde eine stützende Psychothe
rapie mit einer Wochenstunde, bei Bedarf mit zwei Wochenstunden sowie eine medikamentöse Behandlung statt (S. 2 Ziff. 1.5). In ihrer Tätigkeit als Call-Center-Mitarbeiterin sei die Beschwerdeführerin seit dem 4. April 2014 bis auf weiteres zu 100 % arbeitsunfähig (S. 2 Ziff. 1.6). Es bestünden Einschränkungen in der Konzentration sowie der Affekttoleranz (Weinkrämpfe), welche eine Erwerbstä
tigkeit unmöglich machten (S. 2 Ziff. 1.7).
3.3
Dr. med. C._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatolo
gie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) der Beschwerdegegnerin, berichtete am 5. Januar 2016 über die orthopädische Untersuchung der Beschwerdeführerin vom 1. Dezember 2015 (Urk. 10/54) und nannte folgende Diagnosen mit Auswir
kung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 8 f. Ziff. 7):
-
c
hronische Schmerzen und schmerzhafte Bewegungseinschränkung der
Halswirbelsäule (
HWS
) sowie anamnestisch Parä
sthesien beider Arme im Versorgungsgebiet der C8-Wurzel bei radiologisch eher geringgradigen dege
nerativen Veränderungen (Nativ-
Röntgenaufnahmen einschliesslich Funktionsaufnahmen und MRI der HWS vom
21. Mai
2015)
-
c
hronische Schmerzen der
Brustwirbelsäule (
BWS
)
und
der Lendenwirbel
säule
(
LWS
)
bei radiologisch leichtgradigen degenerativen Veränderunge
n der LWS (MRI der LWS vom 12. August
2015)
-
aktiv provozierbare, dorsale Schultersubluxation rechts bei habitueller multidirektionaler Instabilität der Schultergelenke beidseits
-
c
hronische, belastungsabhängige Knieschmerzen b
eidseits
bei klinischem V
erdacht auf
retropatellare Chondromalazie mit leichter intraartikulärer Ergussbildung bei
-
Z
ustand nach
operativ behandelter Patellaluxation rechts und mul
tiplen, jeweils operativ behandelten Bandverletzungen b
eidseits
im Jugendalter (im Rahmen des Handballsports)
-
bekannter kongenitaler Hypermobilität
-
c
hronische Instabilität beider
oberen Sprunggelenke
(
OSG
)
bei Z
ustand nach
multiplen OSG-Distorsionstraumen und bekannter kongenitaler Hypermobilität
Er führte aus, unter
Berücksichtigung der aktuellen, erst am Untersuchungstag bekannt gewordenen, noch nicht abgeschlossenen medizinischen Abklärung des diffusen Schmerzsyndroms
sei
die seit April 2014 durchgehend bescheinigte
100%ige
Arbeitsunfähigkeit im Moment aus somatisch-orthopädischer Sicht vor
erst noch nachvollziehbar, zumal auch eine psychische
Komorbidität vorliege (S. 9 Ziff. 9)
.
Bei der erst 35-jährigen
Beschwerdeführerin seien
anhand der vorliegenden medizinischen Berichterstattung und der körperlichen Untersuchung vom 1.
De
zember
2015 die o
ben genannten
, somatischen Gesundheitsschäden ausgewiesen, welche die Arbeitsfähigkeit allerdings nur auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt insoweit beeinträchtig
t
en, als alle körperlich schweren und mittelschweren Tätig
keiten dauerhaft nicht möglich s
eien.
In ihrer bisherigen b
eziehungsweise
zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Mitarbeit
erin im Telefon
marketing bestehe
hingegen medizintheoretisch
eine
100%ige
Arbeits
fähigkeit seit April 2014, da es sich bei dieser Tätigkeit um eine körperlich sehr leichte, höchstens minimal belastende Tätigkeit
hand
l
e
, welche sowohl überwiegend im Sitzen als auch in wechselbe
lastender, frei wählbarer Körpe
rposition ausgeübt werden könne
. Aus orthopädi
scher Sicht handl
e
es sich bei der zuletzt ausgeübten Tätigkeit um eine in diesem speziellen Fall optimal angepasste Tätigkeit. Der
Gesundheitszustand ha
be
sich seit April 2014 unter Berücksichtigung der vorliegenden Arztberichte nicht wes
entlich geändert, allerdings sei
die medizinische Abklärung im Moment noch nicht vollständig abgeschlossen.
Vor einer abschliessenden RAD-Stellungnahme sollten die aktuellen Arztberichte von
Dr. D._
(Schmerztherapeut) und
Dr. E._
(Hämatologe) eingeholt werden, damit sie mitberücksichtigt werden könn
t
en
(S. 9 Ziff. 10)
.
3.4
Med. pract. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, RAD der Beschwerdegegnerin, berichtete am 5. Januar 2016 über die Untersuchung der Beschwerdeführerin vom 1. Dezember 2015 (Urk. 10/55 = Urk. 3/2) und nannte folgende
Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(S. 6 Ziff. 9):
-
Borderline-Persönlichkeitsstörung
(ICD-10
F60.31
;
gebessert)
Er führte aus, dass die Beschwerdeführerin
nach telefonischer Entschuldigung mit halbstündiger Verspätung ein
getroffen sei
und
angegeben habe, alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zirka
eine Stunde angereist
zu sein. Es gebe k
ein Anhalt für Müdigke
it oder erhöhte Ermüdbarkeit,
für Sinnestäuschungen
, I
ch
S
törungen und inhaltliche Denkstörungen. Affektiv
sei sie schwingungsfähig sowie unauffällig in Mimik,
Gestik und Antrieb.
Die Beschwerdeführerin sei a
uf
merksam und konzentriert über die gesamte zweieinhalbstündige Untersuchungs
zeit.
Es gebe k
ein
en
klinische
n
Anhalt für Gedächtnisstörungen
, k
eine erkenn
baren Ermüdungserscheinungen und keine „black-o
uts" im Laufe der Unter
suchung. Die Beschwerdeführerin neige
zu einer Defizit-orientierten Dar
stellung, während ihre Ressourcen erst erfragt werden müss
t
en
(S. 4 Ziff. 8)
.
Die schlimme
n biografischen Belastungen seien
unübersehbar. Die Persönlich
keits
entwicklung
sei
geprägt von den schweren Traumatisierungen. Daher
wür
den sich
die Kriterien für eine
posttraumatische Belastungsstörung (
PTBS
)
und eine Borderline-Persönlichkeitsstörung
überschneiden.
Erfreulicherweise
habe die Beschwerdeführerin tr
otzdem die Schule und
die Lehre regulär abschliessen
und
seit ihrem 1
8.
Lebensjahr konstant in ihrer Partnerschaft leben
können
.
Der beruf
liche Lebenslauf zeig
e
einen ungebrochenen Berufsweg von 1999 bis Anfang 201
4.
Die folgenden psychosozialen Belastungen durch die Erkrankun
gen des Ehemannes, die Alleinverantwortung des
Geldverdienens und die geschil
derte übermässige Arbeitsübernahme (bis 14 oder 15 Stunden)
hätten die Beschwerdeführerin
Anfang 2014 dekompensieren und arbeitsunfähig werden
lassen
.
Auffallenderweise
sei die Beschwerdeführerin nicht u
nter Borderline-ty
pischen Symptomen wie Selbstverletzungen
dekompensiert
. Derartige Selbstver
letzungen
könne sie
bereits seit 3 Jahren (mit Hilfe ihres Mannes) unterlassen. Möglicherweise
habe b
ei
der Beschwerdeführerin
früher eine Borderline-Persön
lichkeitsstörung
bestanden
. Sie schein
e
einige Borderline-Kriterien zu erfüllen, aber nicht das Kriterium von intensiven, aber unbeständigen Beziehungen. Es s
eien
auch keine übertriebenen Bemühungen erkennbar, das Verlassenwerden zu vermeiden. Erfreulicherweise
gebe
es seit drei Jahren keine Se
lbstverletzungen mehr. Daher könne
von einer erfreulichen Besserung der Borderline-Symptome ausge
gangen werden (S. 5 Ziff. 9).
Die behandelnde Psychiaterin Dr. B._
diagnostizier
e
eine „komplexe post
traumatische Belastungsstörung" und
kodiere
eine PTBS, obwohl eine „komplexe" P
TBS keine ICD-Diagnose darstelle
. Jenseits dieser Klassifizierungs
fragen
sei
unübersehbar, dass
die Beschwerdeführerin
in ihrer Persönlichkeits
ent
wicklung durch die biografischen Traumatisierungen
beziehungsweise
Belastun
gen geschädigt w
o
rde
n sei
. Ob diese Belastungen/Traumatisierungen zum Vollbild einer PTBS geführt
hätten
, bleib
e
fraglich. Zu den einschlägigen ICD
Kriterien gehör
t
en unter anderem „aufdringliche Nachhallerinnerungen". Es
sei
bei
der Beschwerdeführerin
jedoch schwer, „normale" Erinnerungen von PTBS-typischen „aufdringlichen Nachhallerinnerungen" zu unterscheiden
(Krite
rium B). Fernerhin kö
nn
e
sie sich an die Belastungen erinnern und zeig
e
keine anhalten
den Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität und Erregung, weder in der RAD-Untersuchung, noch im Alltagsleben, wo sie seit einem Jahr regelmässig zum Angeln
gehe
(Kriterium D). Angesichts der unbestrittenen biografischen Belastungen erschein
e
es klassifikatorisch einfacher, diese trauma
tischen Symp
tome unter der Diagnose der Persönlichkeitsstörung zu sub
summieren
(S. 5 f. Ziff. 9)
.
Auf der anderen Seite
s
eien
die Ressourcen und das positive Funktionsbild zu beachten
.
Trotz der Belastungen/Traumatisierungen/Persönlichkeitsstörung
habe die Beschwerdeführerin
ununterbrochen bis 2014 arbeitstätig bleiben
können. Diese Diagnosen hätt
en sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit ausgewirkt.
Die Beschwerdeführerin könne
weiterhin ihren Hobbies nachgehen
(
Nail-Design, Fischen, Coiffeuse und Sorge für ihre sechs Haustiere
)
. Sie
habe
sogar eine Umschulung zur Nail-Designerin
beantragt
, was auf eine gewisse Arbeitsfähigkeit schliessen l
a
ss
e (S. 6 Ziff. 9)
.
Bei der Beschwerdeführerin seien
mehrere Diagnosen festgestellt
worden
, aller
dings
sei
sie trotz dieser Gesundheitsstörungen jahrelang ununterbrochen arbeits
tätig
gewesen
. Diese Diagnosen
hätten
keine anhaltende Arbeitsun
fähigkeit
begründet
. Sie
sei
unter heftigen psychosozialen Belastungen (Erkrankungen des Ehemannes, Geldknappheit, drohender Wohnungsverlust, Betreibungen)
dekom
pensiert
mit Schwindelsymptomen (nicht mit Borderline
-typischen Selbstver
letzungen).
Infolge dieser Belastungssymptome
habe
sie ab
April 20
14 psychiatri
sche Unterstützung bei
Dr. B._ gesucht (S. 6 Ziff. 11).
Auch wenn es durchaus nachvollziehbar
sei
, unter derartigen Belastungen und einer reaktiven übermässigen Arbeitsübernahme (bis 15
Stunden
pro Ta
g) zu dekompensieren, so würden
derartige Faktoren jedoch IV-fremd
bleiben. Inzwi
schen zeige die Beschwerdeführerin au
ch wieder ein erfreuliches positives Funk
tionsniveau
(S. 7 Ziff. 11)
.
In der bisherigen Tätigkeit als Call-Agentin sei die Beschwerdeführerin seit April 2014 aufgrund psychosozialer Belastungen zu 100 % arbeitsunfähig. In einer angepassten Tätigkeit ohne häufige Überstunden sei sie zu 100 % arbeitsfähig (S. 7).
3.5
Med. pract. D._, Facharzt für Anästhesiologie, berichtete am 15. Januar 2016 (Urk. 10/57) und nannte folgende Diagnosen (S. 1):
-
Asthma bronchiale
-
chronisch rezidivierende Migräne
-
unklare neurologische Symptomatik mit transienten Lähmungen und Hypästhesien
-
degenerative HWS-Veränderungen mit Nervenwurzelreizungen C4 neuro
foraminal, C5 rezessal, C6 neuroforaminal, C7 rezessal und neuroforami
nal, C8 rezessal
-
Knie beidseits Arthrosen und Status nach multiplen Operationen mit Kreuzband- und Seitenbandplastik
Er führte aus, dass seit vier Jahren zunehmend Kribbelparästhesien und Schmer
zen in den Armen und Händen rechtsbetont sowie chronische Schmerzen in bei
den Knien bestünden (S. 1). Es bestehe mindestens eine 20%ige Arbeitsunfähig
keit für die zuletzt ausgeführte Tätigkeit als Telefonmarketing (S. 2).
Am 18. März 2016 (Urk. 10/63) führte Dr. D._ aus, der Gesundheitszustand sei verschlechtert. Es bestehe eine Zunahme der Kribbelparästhesien im rechten Arm, neuerdings auch links. Neu würden der Beschwerdeführerin die Beine im Sitzen einschlafen (S. 1). Es müsse von einem Dauerzustand ausgegangen werden (S. 2).
3.6
Die RAD-Ärzte Dr. C._ und med. pract. F._ nahmen am 6. und 8. April 2016 Stellung (Urk. 10/64 S. 8 f.) und führten aus, dass sich die von Dr. D._ angege
bene vollständige Arbeitsunfähigkeit offenkundig ausschliesslich auf die Anga
ben der Beschwerdeführerin selbst stütze ohne Begründung durch objektive, somatisch-funktionelle Einschränkungen. Somit bleibe es aus bidisziplinärer Sicht bei der versicherungsmedizinischen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit, wie sie bereits am 2- Dezember 2015 formuliert worden sei.
3.7
Dr. B._ berichtete am 15. Mai 2016 (Urk. 10/72/2-3) und führte aus, dass sie zwar der Schwierigkeit der Diagnose einer PTBS zustimme, aber trotzdem eine komplexe PTBS diagnostiziere. Als komplexe PTBS werde ein psychisches Krank
heitsbild bezeichnet, das sich infolge schwerer, oft anhaltender Traumatisierung in der Kindheit (hier sexueller Missbrauch) entwickeln könne. Es könne sich in
zeitlicher Verzögerung nach Monaten und auch Jahrzehnten entwickeln. Im Unterschied zur PTBS sei es durch ein breites Spektrum kognitiver, affektiver und psychosozialer
Symptombildungen gekennzeichnet
und
werde
benutzt um trauma-assoziierte Borderline-Stö
rungen zu beschreiben
(
i
m DSM-V schon vor
handen
,
im ICD-11 in Vorbereitung
). Zu erwähnen sei diesbezüglich, dass die Symptome der komplexen PTBS vielfältige Überschneidungen zur Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigten, was bei der Beschwerdeführerin zutreffe.
Es habe eine Besserung der Borderline-typischen Dekompensations-Symptome beobachtet werden können, dies seit dem Beginn der therapeutischen Behand
lung. Die Gefühle von Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen in Beziehungen hätten verbessert werden können (Beziehung zu Partner, Therapeutische Beziehung), was zu einer affektiven Stabilisierung, Verbesserung der Selbstzu
wendung und Selbstwertes beigetragen habe (S. 1).
Zusätzlich bestünden
weiter, und eher zunehmend, neben den schwerwiegenden psychosozialen Problemen der komplexen PTBS, ein ne
gatives Selbstkonzept sowie ein gestörtes Körperbil
d. Chronische Traumatisierungen, wie bei
der Beschwerdeführerin
sexueller Missbrau
c
h in der Kindheit über Jahre,
würden
in Phasen
fallen
, in denen wichtige Schemata über Sel
bst, Körper und Welt gebildet würden. Dazu sei
auch zu signalisieren, dass bei
der Beschwerdeführerin
eine Doppeldiagnose im Sinne einer somati
sch-psychischen Störung diagnost
iziert w
orden sei
, was die Diagnose der komplexen PTBS in diesem Sinne bestätig
e
. Durch Erfahrung der Traum
aforschung wisse
man heute, dass Patienten lange im Alltag „funktionieren" könn
t
en
und
kaum Erinnerungen h
ätt
en
,
um dann durch eine neue biographische Erfahrung destabilisiert zu werden. Im Falle
der Beschwerdeführerin seien
psychosoziale Auslöser
beobachtet worden
. Es
könne
dann häufig auch zu Fehldiagnosen von neurotischen Störungen, Anpassungs
störungen und pathologischer Trauerreaktion kommen, da man von einer reiferen Ich-Struktur ohne „Frühstörungsanteil" ausgeh
e
und fälschlicherweise von der Alltagskompetenz der Patienten überzeugt
sei (S. 2)
.
3.8
G._
, Psychotherapeut ASP, berichtete am 15. Mai 2016 (Urk. 10/72/4
9) und führte aus, dass die
Argumentationsweise
des RAD
im Prinzip nachvoll
ziehbar und bei neurotisch strukturierten Patienten auch sinnvoll
sei. Sie negiere aber die Tatsache,
dass psychische Krankheiten im Formenkreis der PTBS und der Borderline-Störung aus Gründen, welche in der Persönlichkeits-Struktu
r dieser Patienten lägen, die
Unters
cheidung zwischen inneren und äusseren Leiden äus
serst schwierig beziehungsweise
unmöglich machen
würden
. Gemeinsam
sei
den aufgeführten psychischen K
rankheiten (PTBS und Borderline-
Störung sowie ver
wandten Störungen) die ungenügende Fähigkeit der Patienten zur inneren Konfliktverarbeitung
(S. 1)
.
Die
allgemein anerkannten Feststellungen
würden
auch und gerade im Fall
der Beschwerdeführerin
, wo sowohl eine komplexe PTBS als auch eine Borderline-Störung fest
gestellt worden sei
, die der Ablehnung zugrunde liegende Trennung von primär psychischem und primär psychosozialem Leiden unmöglich
machen
und es
sei
, auf der Grundlage dieser Unterscheidung von „Innen und Aussen", welche die nicht ausreichend ausgebildeten Ichgrenzen der
Beschwerdeführerin
nicht berücksichtig
t
en, unmöglich, dem Leiden der
Beschwerdeführerin ange
messen gerecht zu werden (S. 2).
D
ie Durchdringung von psychischen und sozialen Konflikten
sei
deshalb Teil der psychischen Krankheit der
Beschwerdeführerin
und es
sei
genau deshalb nicht angebracht, die im RAD-Bericht so stark betonten Unterscheidungen zu treffen. Denn für
die Beschwerdeführerin
(und ähnli
ch strukturierte Patienten) gelte
, dass sie in vielen Bereichen ihres Lebens darauf angewiesen
sei
, die Zustände ihrer inneren Welt im Körper und in der Alltagswirklichkeit abzuhandeln, was die Unterscheidung von somatischem Geschehen, sozialem und psychischem
Konflikt nicht sinnvoll und unmöglich mache (S. 2).
3.9
RAD-Arzt med. pract. F._ nahm am 4. Juli 2016 Stellung (Urk. 10/80 S. 4 f.) und führte aus, im versicherungspsychiatrischen Überblick trage der Psycho
therapeut keine neuen medizinischen Fakten vor. Er betonte defizitorientiert die Belastungen in der Jugend und schildere kaum die von der Psychiaterin angege
benen Verbesserungen. Ihr positives Funktionsbild werde kaum erwähnt. Sein Bemühen, eine Borderline-Störung von einer PTBS zu differenzieren, sei akade
misch interessant, angesichts der hier vielfältigen Überschneidungen aber prak
tisch wenig relevant.
3.10
Dr. B._ und der Psychotherapeut Herr G._ berichteten am 3. November 2016 (Urk. 3/5) und führten aus, die Beschwerdeführerin sei aktuell zu 100 % arbeitsunfähig. Es liege eine komplexe psychopathologische Symptomatologie aus verschiedenen psychiatrischen Störungen vor (komplexe PTBS, emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline-Typ, Angststörung, Essstörung). Die Diagnosen stünden in enger Wechselwirkung und seien Ursache der massiv ein
geschränkten Funktionsfähigkeit im Alltag. In der bisherigen Behandlung dieser Störungen sei es gelungen, eine Stabilisierung der Beschwerdeführerin auf tiefem Niveau zu erreichen und darüber hinaus eine Krankheitseinsicht zu erreichen, was zur Folge habe, dass die Beschwerdeführerin eine trauma-spezifische Behandlung durch die H._ suche. Die entsprechenden Vorgespräche hätten statt
gefunden, die Beschwerdeführerin warte nun auf einen freien Platz für eine ambulante Intensiv-Behandlung.
4.
4.1
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV ist mit jenem exter
ner medizinischer Sachverständigengutachten vergleichbar, sofern sie den pra
xisgemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Allerdings kann auf das Ergebnis versiche
rungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD
Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom 3. Oktober 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf
BGE 139 V 225
E. 5.2;
135 V 465
E. 4.4 und E. 4.7).
An der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit insbesondere des psychiatrischen RAD
Untersuchungsberichts mit den darin enthaltenen Schlussfolgerungen bestanden zumindest geringe Zweifel. So sprach die vom RAD erwähnte Erwerbs
biographie nicht ohne Weiteres für eine tadellose Eingliederung im Erwerbsleben, sondern konnte durchaus auch ein Hinweis auf eine relevante psychiatrische Störung sein, zumal der RAD nicht zu den häufigen Stellenwechseln der Beschwerdeführerin Stellung nahm. Auch erschien es nicht ohne Weiteres als überzeugend, dass keine (komplexe) PTBS vorliege, zumal die Traumatisierungen in der Kindheit unbe
stritten sind und die Begründung des RAD, es lägen keine Nachhall
erinnerungen vor, angesichts der Ausführungen des Psychotherapeuten nicht nachvollziehbar ist. Ob eine depressive Erkrankung vorliegt, konnte durch die vorhandenen medi
zinischen Akten ebenfalls nicht beurteilt werden. Nach dem Gesagten vermochten die RAD-Untersuchungsberichte den Anforderungen an eine medizinische Exper
tise (vgl. vorstehend E. 1.6) nicht zu genügen.
D
as Gericht
erachtete daher
den medizini
schen Sachverhalt als ungenügend abgeklärt, weshalb es ein psychiatrisches Gerichtsgutachten bei Dr.
A._
einholte (vgl. Beschluss vom
2
. J
uni 2017
, Urk. 1
7
).
4.2
Dr. A._ erstattete ihr psychiatrisches Gutachten am 10. Januar 2018 gestützt auf die Akten sowie die Untersuchungen der Beschwerdeführerin vom 28. November und 12. Dezember 2017 (Urk. 23). Sie nannte folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 22 Ziff. 5.1):
-
e
motional instabile Persönlichkeitsstö
rung vom Borderline-Typ (ICD-10
F60.31
-
p
osttraumatische Belastungsstörung (ICD-10
F43.1)
-
r
ezidivierende depressive Störung, aktuell leichte depressive Episode (ICD
10
F33.0)
Zu den Diagnosen führte die Gutachterin aus, dass bei
der Beschwerdeführerin
in der Vergangenheit immer wieder
eine emotional instabile Persönl
ichkeitsstörung vom Borderline-Typ im Sinne von
ICD-10 F60.31 diagnostiziert
worden sei
. Dieses
sei aus
Sicht der
Gutachterin gerechtfertigt.
Bei der
Beschwerdeführerin sei
neben den allgemein gültigen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung die deut
liche Tendenz vorhanden
, impul
siv zu handeln, ohne Berücksichtigung
von Konsequenzen, dabei bestehe
eine wechselnde und instabile Stimmung. Die Fähigkeit vorauszuplanen
sei
eher gering und die Ausbrüche intensiven Ärgers könn
t
en oft zu gewalttätigem und explosivem Verhalten führen
(S. 22)
.
Ausser
dem s
eien
bei ihr in ausgeprägter Form das eigene Selbstbild, eigene Ziele und innere Präferenzen unklar und gestört.
Die Beschwerdeführerin
sei
aufge
wachsen in einem Milieu permanent bestehender Bedrohung, wo sie praktisch nicht unter
stützt und gefördert w
o
rde
n sei
. Sie
habe
kaum ein eigenes Selbstbild entwickeln
können
, ihr Selbstwert und die Fähigkeit
,
tiefe und stabile Beziehungen
einzuge
hen, seien
bei ihr nur margin
al ausgebildet. Folge seien
eine häufige Kategori
sierung in schwarz und weiss, Beziehungen
wü
rden entweder idealis
iert oder gefürchtet und entwert
et, entsprechend
sei
der Affekt oft sprung
haft und unkon
trollierbar. Häufige Begleitsymptome und mitunter auch vorüber
gehend auftre
tende Phänomene s
eien
Substanzkonsum, Essstörungen und auch Selbstver
letzungen, aus einem schlussendlich gescheiterten Versuch heraus die Affekte zu kontrollieren. Auch diese Phänomene
seien
bei der
Beschwer
deführerin
jahrelang der Fall
gewesen
.
Das Störungsbild der
Beschwer
de
führerin sei
im Grunde genommen von Jugend an vorhanden
gewesen
, teilweise aufgrund verschiedener Lebensumstände einigermassen kompensiert, teilweise aber schlicht und ergrei
fend durch eine entsprechende Lebensform nicht deutlich sicht
bar
gewesen
(schon jahrelang sozialer Rückzug mit symbiotischer Beziehung zum Ehemann, zahlreiche Stellenwechsel und dazwischen immer wieder längere Pausen, wo die
Beschwerdeführerin
nicht berufstätig
gewesen sei
, Abbruch zahlreicher Beziehungen, insbesondere zur Ursprungsfamilie
; S. 23
).
Ebenfalls im Vorfeld mehrfach diagnostiziert worden
sei
eine posttraumatische Belastungsstörung im Sinne von ICD-10
F43.1.
Auch diese Diagnose k
ö
nn
e
aus Sicht der
Gutachterin
bestätigt werden. Die Grundvoraussetzung für die Aus
bil
dung dieses Störungsbildes, nämlich ein belastendes Ereignis oder eine Situation aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmasses (kurz oder anhaltend),
sei
bei der
Beschwerdeführerin
in jedem Fall gegeben. Zum einen
hätten
über Jahre hinweg massive tätliche Übergriffe in Form von Schlägen von Kleinkind an bis Jugendlich
bestanden
, zuerst durch den leiblichen Vater und später durch den Stiefvater, ohne dass die
Beschwerdeführerin
hier in irgendeiner Weise geschützt w
o
rde
n sei
. Die Traumatisierungen
seien
repetitiv
gewesen
und obwohl sie für die
Beschwerdeführerin im Jugendalter absehbar gewesen seien
, ha
be
sie keine Chance
gehabt, diesen zu entgehen.
Ebenfalls repetitiv und schutz
los
sei
sie ausserdem jahrelang sexuellen Übergriffen durch den Stiefvater ausge
liefert
gewesen
. Auch hier
sei sie schutz-
und wehrlos
gewesen
.
I
n der Folge
sei
es bei der
Beschwerdeführerin,
glaubhaft geschildert, schon damals bis heute anhaltend, zu einer Hypervigilanz und Hyperarousal
gekommen
mit dem Gefühl, dass erneut Übergriffe
stattfinden könnte
n. Dieses
habe
mitunter die Form regel
rechter Angst- und Panikattacken
angenommen
und
habe
bei der
Beschwer
de
führerin
sukzessive zu einem immer ausgeprägteren sozialen Rückzug
geführt
, ausser der heute sehr symbiotischen Beziehung zum Ehemann. Ebenfalls gla
ub
haft und nachvollziehbar komme
es bei der
Beschwerdeführerin
zeitlebens aus
serdem immer wieder, insbesondere bei speziellen Triggern (Biergeruch, nackte Füsse, spezielle Gerüche, Annäherung von hinten) zu Flashbacks und Nachhall
erinnerungen an die traumatisierenden Ereignisse. Di
ese Gefühle und Erinnerun
gen hätt
en die persönliche Entwicklung der
Beschwerdeführerin
nachhaltig geprägt und bis heute einen Einfluss, der sie in der Ausübung ihrer sozialen, häuslichen und beruflichen A
ktivitäten erheblich einschränke. Ohne Zweifel seien
damit aus Sicht der
Gutachterin
die Diagnosekriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung erfüllt
(S. 23 f.)
.
Ebenfal
ls im Vorfeld diagnostiziert wor
de
n sei
eine Panikstörung im Sinne von ICD-10 F41.
0.
Aus Sicht der
Gutachterin
hand
le
es sich hier im Kontext der oben gestellten und beschriebenen Diagnosen und Beschwerden allerdings nicht um ein eigenständiges Krankheitsb
ild, sondern die Symptomatik sei
eher im Kontext der bereits gestellten Diagnosen zu sehen und hier zu subsummieren
(S. 24 Mitte)
.
Aus den beschriebenen Störungsbildern heraus entwickelt, aber doch als
eigenes Krankheitsbild, bestehe
aus Sicht der
Gutachterin
eine rezidivierende depressive Störung, wobei hier aktuell lediglich eine leichte depressive
Episode beschrieben werden könne
. Da der
Beschwerdeführerin
aufgrund ihrer psychiatrischen Grund
problematik nur wenig psychische Kompensationsmech
anismen zur Verfügung stünden,
führ
t
en unterschiedliche Belastungen, bei mangelnder emotionaler Regulationsfähigkeit, immer wieder schnell zu depressive
n
Episoden unterschie
d
licher Ausprägung. Dieses sei
ebenfalls in der Vergangenheit immer wieder beschrieben
worden
. Aktuell
sei
das depressive Zustandsbild unter der Entlastung durch die Krankschreibung, die therapeutischen Prozesse und die überwiegend doch stabile Beziehung zum Ehemann, nur wenig aus
geprägt. Beschrieben wer
den könne
aber doch eine insgesamt gedrückte Stimmung, ver
min
derter Antrieb, vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, negative und pessimistische Zukunftsperspektiven sowie immer wieder auf
treten
de Suizidgedanken. Auch bestünden
doch gewisse Schlafstörungen
(S. 24 unten)
.
Die Beschwerdeführerin sei
in einer klassischen Broken-Home-Situation geboren und aufgewachsen
.
Al
s positiv erlebte Bezugsperson
sei
lediglich die Grossmutter auf
getaucht
, die allerdings verst
orben sei
, als die
Beschwerdeführerin
erst sieb
zehn Jahre alt
gewesen sei
. Abgelöst
worden sei
diese positiv erlebte Bezugsper
son offensichtlich durch einen Lehrmeister, der
der Beschwerdeführerin
gegen
über sehr wohlgesonnen
gewesen sei
und dafür
ge
sorgt
habe
, dass sie von zu Hause ausziehen und in einer geschützten Umgebung ihre Ausbildung
habe
abschliessen k
önnen
. In der Folge ha
be
die
Beschwerdeführerin
im Grunde sämt
liche Kontakte zur Ursprungsfamilie völlig abgebrochen und sich hier sehr vehe
ment
distanziert.
Sie
habe
bereits im Alter von neunzehn Jahren ihren heutigen Ehemann kennen
gelernt
. Dieses
sei
der erste Partner überhaupt und die Beziehung anfangs offensichtlich im Rahmen der erlebten Traumatisierungen sehr schwierig
gewesen
. Inzwischen
sei
daraus eine ausgesprochen symbiotische Beziehung entstanden, die für die
Beschwerdeführerin
inzwischen quasi den Kon
takt zur Aussenwelt aufrechterha
lt
e
. Aber auch hier schein
e
es erhebliche Span
nungen zu geb
en und die Emotionsregulation laufe
auch
hier
m
itunter begleitet von aggressiven Impulsausbrüchen bis hin zu körperlicher Gewalt
(S. 25 unten)
.
Mit der Unterstützung
des besagten Lehrmeisters sei
es
der
Beschwerdeführerin
zwar
gelungen,
eine Lehre zur Coiffeuse abzuschliessen, sehr früh
hätten
sich aber auch hier Einschränkungen
gezeigt
, einerseits im Sinne von zahlreichen körper
lichen Beschwerden, die sie schliesslich zur Berufsaufgabe
ge
zw
u
ngen
hätten
, aber auch Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich, eine immer wieder auftretende hohe körperliche Erschöpfung, Erschöpfungsgefühle, Schmerzen, zunehmende soziale Ängste etc. Dies
habe dazu geführt
, dass
die Beschwerde
führerin
von 2000 bis 2013 zwar stets im Bereich Telefonmarketing gearbeitet ha
be
, au
fgrund diverser Problembereiche seien
die Anstellungen häufig aber nur kurz und begleitet von monatelangen Unterbrüchen
gewesen
, was durch die Berufstätigkeit des Ehemannes einerseits finanziell, aber auch moralisch unter
stützt w
o
rde
n
und deshalb überhaupt nur möglich
gewesen sei
. Aufgrund zahl
reicher Erkrankungen des Ehemannes, die schliesslich zu einer langjährigen Arbeitsunfähigkeit
ge
führt
hätten
,
sei
die
Beschwerdeführerin
offensichtlich der
art unter Druck
geraten,
den Familienunterhalt zu siche
rn, dass sie von da ab versucht habe,
die Arbeitsleistung auch über einen längeren Zeitraum a
ufrecht
zuerhalten. Damit scheine
dann ein Circulus vitiosus ausgelöst worden zu sein mit Zunahme der Symptomatik
,
verminderter Belastbarkeit, zunehmenden part
nerschaftlichen Konflikten, Überforderungsgefühlen, sozialen Ängsten, Depression, Zunahme der körperlichen Problematik etc. So
sei
es schliesslich zu einem psychophysischen Zusammenbruch
gekommen
mit Krank
schreibung und erstmaliger Aufnahme einer psychiatrisch/psyc
ho
therapeutischen Behandlung ab April 2014 (S. 26 oben)
.
D
ie
Beschwerdeführerin
habe
sich inzwischen unter der Behandlung, sowohl ihren eigenen Angaben zufolge, als auch nach Angaben der Therapeuten, inso
fern stabilisieren
können
, dass sie
Konflikte besser bewältigen könne
, es weniger zu aggressiven Impulsausbrüchen und damit insgesamt zu einer emotionalen St
a
bilisierung gekommen sei. Sie lebe
inzwischen in einer Art Nischenleben mit symbiotischer Beziehung zum Ehemann und unabhängig davon praktisch völlig erloschenen Sozia
lkontakten. Das Ehepaar verlasse
das Haus in aller Regel nur gemeinsam, sämtliche Freizeitakt
ivitäten, wenn auch spärlich, wü
rden aus
schliesslich
zu zweit getätigt. Ein Grossteil
der Sorgen
der
Beschwerdeführerin
dreh
e
sich inzwischen um die Gesundheit des zehn Jahre älteren und offensic
ht
lich multimorbiden Ehemannes (S. 26 unten).
Trotz der offensichtlich be
stehenden guten Motivation der Beschwerdeführerin für Veränderung sei d
ie Ressourcenlage
der Beschwerdeführerin
insgesamt eher gering
.
Prognostisch
ein
ungünstiger Faktor im Rahmen der symbiotischen Beziehung bei ansonsten sozialer Verarmung
sei
sicherlich der schlechte gesund
heitliche Zustand des deutlich älteren Ehemannes. Unter einer ursachenspezifi
schen Behandlung, wie sie am Ambulatorium für Menschen mit Traumafolgestörungen angeboten w
e
rd
e
,
sei
aber durchaus mit einer weiteren Stabilisierung und möglicherweise auch Verbesserung des Gesamtzustandes zu rechnen. Ob dadurch allerdings eine relevante Verbesserung der Arb
eitsfähigkeit erreicht werden kö
nn
e
,
sei
zu bezweifeln und mü
ss
e
erst noch abgewartet werden
(S. 27 oben)
.
Aufgrund der durch die komplexen Störungsbilder der
Beschwerdeführerin
her
vorgerufenen Symptome
sei
die Beschwerdeführerin
in ihrer psychischen, und damit indirekt auch körperlichen, Belastbarkeit deutlich eingeschränkt. Aus Sicht der
Gutachterin
sei
eine Arbeitsfähigkeit sowohl für die letzte Tätigkeit im Tele
marketing, als auch für sämtliche Verweistätigkeiten, zumindest momentan, nicht gegeben. Soweit dies aus den Schilderungen der
Beschwerdeführerin
nachvollzo
gen werden k
önne
, und auch den Berichten und Arbeitsunfähigkeitszeugnissen aus der Akte zu entnehmen
sei
, besteh
e
diese eingeschränkte b
eziehungsweise
aufgehobene Arbeitsfähigkeit durchgängig seit April 201
4. Obwohl
sich das Zustandsbild durch die Entlastung und Herauslösung aus dem Berufsleben und auch
durch
die therapeutischen Massnahmen inzwischen tendenziell eher leicht verbessert ha
be
, k
önne
noch nicht von einer Restarbeitsfähigkeit gesprochen wer
den. Seit April 2014
sei
es, soweit beurteilbar, nie zu einer derart deutlichen Ver
besserung des Gesamtzustandsbildes
gekommen
, dass intermittierend von einer Arbeitsfähigkeit hätte ausgegangen werden können
(S. 27 unten)
.
Zur
Abgrenzung der Funktionseinschränkungen, welche auf die Gesundheits
schädigung zurückzuführen sind, von den (direkten) Folgen nicht versicherter Faktoren
führte die Gutachterin aus, dass
hier ganz klar unterschieden werden
müsse
, ob invaliditätsfremde Faktoren zu einer psychischen Erkrankung geführt h
ätt
en oder aber, ob invaliditätsfremde Faktoren die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin
im nicht-medizinischen Sinn einschränk
ten. Hier könne
gesagt werden, dass invaliditätsfremde Faktoren im engeren Sinne, wie sie auf
gelistet s
eien
(Arbeitslosigkeit, schwierige wirtschaftliche Lage, mangelnde Sprachkompetenzen etc.) in der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der
Gutachterin
, die
Beschwerdeführerin
betreffend, keinen Niederschlag gefunden h
ätt
en. Es
sei
aber durchaus so, dass invaliditätsfremde Faktoren wie der Verlust des Arbeits
platzes, die Krankheit des Ehemannes und damit dessen Ausfall aus dem Erwerbs
leben etc. zur psychischen Dekompensation der
Beschwerdeführerin
geführt und damit
eine Kaskade in Gang gesetzt hätt
en, die schliesslich zur Arbeitsunfähigkeit geführt ha
be (S. 32 Mitte).
Wie bereits im Rahmen des psychopathologischen Befundes beschrieben,
habe
es im Rahmen der Untersuchung, bis auf eine Situation am Ende der Untersuchung mit einem leicht demonstrativen Verhalten die körperlichen Beschwerden betreffend, nie Anlass zur Annahme
gegeben
, dass die
Beschwerdeführerin
aggraviere oder gar simul
iere. Vielmehr scheine
es so, dass die
Beschwerdeführe
rin
aus Schamgefühl heraus einzeln
e Symptome überhaupt nicht nenne und hier dissimul
ier
e
.
Zu nennen wäre die vom Therapeuten berichtete immer wieder bestehende Suizidalität oder aber die ausgeprägten affektiven Impulsausbrüche.
Erwähnenswert
seien
an dieser Stelle auch die Ergebnisse der La
borunter
suchungen. Hieraus lasse
sich ableiten, dass die
Beschwerdeführerin
die verord
neten Medikamente in den entsprechenden Dosierungen einn
ehme
. Des
W
eiteren geh
e
aus den Laborergebnissen hervor, dass die
Beschwerdeführerin
nicht regel
mässig Alkohol konsumier
e
und neben den verordneten Medikamenten kein zus
ätzlicher Substanzkonsum bestehe
, zumindest was das ü
bliche Drogen
screening anbelange. Damit würden
insgesamt die Glaubwürdigkeit und auch die gute Compliance
der Beschwerdeführerin
unterstrichen
(S. 32 f.)
.
Soziale Belastungen hätten bei der Beschwerdeführerin nicht direkt negative funktionelle Auswirkungen. Vielmehr führten die psychosozialen Belastungen indirekt dazu, dass sich das Zustandsbild, insbesondere im Rahmen der rezidivierenden depressiven Störung, immer wieder verschlechtere, auch kämen die Symptome der Persönlichkeitsstörung unter Belastung mehr zum Tra
gen
(S.
33 Mitte).
Aus Sicht der
Gutachterin verfüge
die
Beschwerdeführerin
nur über sehr wenige vorhandene und mobilisierbare Ressourcen. Eine grosse Stütze
sei
sicherlich der Ehemann, auch wenn die Beziehung, nicht zuletzt durch die grosse psychische Abhängigkeit der
Beschwerdeführeri
n von ihm, doch erheblich belastet
sei
und es hier immer wieder zu massiven Auseinandersetzungen komm
e. Eine weitere Ressource seien
die guten Beziehungen im therapeutischen Kontext
. Die Beschwer
deführerin
geh
e
regelmässig in die psychiatrisch/psychotherapeutische Behandlung und schein
e
hier offensichtlich doch zumindest auf dieser therapeu
tischen Ebene eine Beziehung aufgebaut zu haben
. Sie erlebe
diese subj
ektiv als hilfreich und dies habe
offensichtlich auch dazu geführt, dass es insgesamt doch zu einer leichten Stabili
sierung gekommen zu sein scheine
mit einer etwas ver
besserten Konfliktlösung und auch etwas weniger auftretenden Suizidfantasien
(S. 33 unten)
.
Die Symptome und damit die Auswirkungen der drei psyc
hiatrischen Haupt
diagnosen gingen
fl
iessend ineinander über und seien
von
einander untrennbar. Es führe
insgesamt zu negativen Interaktionen und entsprechend immer wieder auch zu einem Circulus vitiosus
(S. 34 oben)
.
Seit ihrer ersten grossen psychischen Dekompensation im April 2014 geh
e
die
Beschwerdeführerin
regelmässig in psychiatrisch/psychotherapeutische Behand
lung, daneben finde auch eine regelmässige Schmerztherapie statt. Im Rahmen dieses Settings
sei
es
der Beschwerdeführerin
inzwischen
gelungen
, zumindest in Ansätzen, ein besseres Krankheitsverständnis zu entwickeln und sie möchte dieses auch im Rahmen einer störungsspezifischen ambul
anten Behandlung angehen und habe
sich hierfür am Ambulatorium vorgestellt und angemeldet. Zusammen mit den Laborbefunden, die auf eine regelmässige Ein
nahme der
verordneten Medikamente hinweise
, bei gleichzeitigem Fehlen von Nachweisen nic
ht verordneter Medikamente, könne
davon ausgegangen werden, dass die
Beschwerdeführerin
in jedem Fall gut im Rahmen der aktuellen Thera
pien kooperier
e (S. 34 Mitte)
.
Unabhängig von der Arbeitsunfähigkeit zeig
t
en sich bei der
Beschwerdeführerin
auch erhebliche Einschränkungen sowohl im Haushalt, als auch in
den sozialen Aktivitäten. Es sei
glaubhaft und nachvollziehbar, dass die
Beschwerdeführerin
gemeinsam mit dem Ehemann nur basale Haushaltsarbeiten erledig
e
und im Übrigen ein kompletter sozialer Rückzug stattgefunden
habe
, wo ausser zum Ehe
mann und einem einzelnen Freund Beziehungen nur im th
erapeutischen Kontext möglich seien.
Das einzige von der
Beschwerdeführerin
neu un
d überhaupt betriebene Hobby sei
das Angeln. Hierzu zieh
e
sich d
ie
Beschwerdeführerin
stets in Begleitung des Ehemannes an ruhige Orte am See zurück. Häufig besteh
e
dieses Angeln lediglich darin, eine Stunde schweigend dazusitzen und ohne einen Fang
nach Hause zu gehen. Es scheine
sich hier überwiegend um eine Rückzugsmög
lichkeit zu handeln, wo ab und zu budget
schonend auch Fische gefangen wü
rden
(S. 35 oben)
.
Vor der aktuellen Krankschreibung ab April 2014
sei die Beschwerdeführerin
immer wieder berufstätig
gewesen
mit einem Pensum von 100
%
. Während die Gesamtproblematik noch kompensiert
ge
blieb
en sei,
solange die
Beschwerde
führerin
dabei immer wieder Arbeitspausen
habe
einlegen k
önnen
und oft mehrere Monate nicht berufstätig
gewesen sei
,
sei
die Dekompensation dann in dem Rahmen
gekommen
, dass die
Beschwerdeführerin
aus finanziellen Gründen länger berufstätig
gewesen
und damit offensichtlich an die Grenze ihrer Belast
barkeit
gekommen sei
. Es
sei
daher davon auszugeben, dass der Gesundheitsscha
den durchaus auch schon vor Eintritt der aktuelle
n Arbeitsunfähigkeit, das heisse
vor April 2014, bestanden ha
be (S. 35 Mitte)
.
5.
5.1
Die Würdigung der medizinischen Akten ergibt, dass das psychiatrische Gerichts
gutachten von Dr.
A._
(vorstehend E. 4.2) auf für die strittigen Belange umfassenden U
ntersuchungen beruht und die von der
Beschwerdeführer
in
geklagten Beschwerden in angemessener Weise berücksichtigt. Sodann wurde es in Kenntnis und in Auseinandersetzung mit den Vorakten erstattet, so insbe
son
dere auch mit den
vorbestehenden
RAD-Untersuchungsberichten und den zusätz
lich angeforderten Berichten des Ambulatoriums der H._.
Auch der konkreten medizini
schen Situation trägt es Rechnung. Dr.
A._
leitete die gestellten Diagnosen nach ausführlicher psychopathologischer Befundaufnahme (vgl.
Urk.
23
S.
20
ff. Ziff. 3) anhand der ICD-Kriter
ien sorgfältig her (
Urk.
23
S.
22 ff. Ziff. 5).
Das psychiatrische Gutach
ten leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge ein und die vor
genommenen Schlussfolgerungen zu Gesundheitszustand und Arbeitsfähig
keit werden ausführlich begründet. Die Beurteilung ist nach dem Gesagten für die Beantwortung der gestellten Fragen umfassend. Das psychiatrische Gutachten von Dr.
A._
erfüllt somit die praxisgemässen Kriterien für beweiskräf
tige ärztliche Entscheidungsgrundlagen (vgl. vorstehend E. 1.
6
) vollumfänglich, so dass für die Entscheidfindung darauf abgestellt werden kann.
5.2
5.2.1
Gemäss der für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychoso
ma
tische Leiden entwickelten Rechtsprechung des Bundesgerichts ist die tatsächli
che Arbeits- und Leistungsfähigkeit der versicherten Person grundsätzlich in einem strukturierten, ergebnisoffenen Beweisverfahren anhand von auf den funktio
nellen Schweregrad bezogenen Standardindikatoren zu ermitteln (BGE
141 V 281). Mit
BGE 143 V 418
hat das Bundesgericht erkannt, dass grundsätz
lich sämt
liche psychischen Leiden einem strukturierten Beweisver
fahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen seien, wobei es je nach Krankheits
bild allenfalls gewisser Anpassungen hinsichtlich der Wertung einzelner Indika
toren bedürfe. Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechts
frage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellungen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeitsunfähigkeit schliessen lassen (E. 7).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens sind als Standardindikatoren die folgenden Aspekte massgebend (BGE 141 V 281 E. 4.1.3):
Funktioneller Schweregrad
-
Gesundheitsschädigung
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz
-
Komorbiditäten
-
Persönlichkeit: Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Ressourcen
-
sozialer Kontext
Konsistenz (Gesichtspunkte des Verhaltens)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichba
ren Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck
Diese
Standardindikatoren erlauben - unter Berücksichtigung leistungshindern
der äusserer Belastungsfaktoren einerseits und Kompensationspotenzialen (Ressourcen) anderseits - das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzu
schätzen (BGE 141 V 281 E. 3.4-3.6 und E. 4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_260/2017 vom 1. Dezember 2017 E. 4.2.3).
Die Anerkennung eines renten
be
gründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Aus
wir
kungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchs
grundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und wider
spruchs
frei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es daran, hat die Folgen der Beweislosigkeit (nach wie vor) die materiell beweisbe
lastete versicherte Person zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 547 E. 2).
5.2.2
Beweisrechtlich entscheidend ist der Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4):
Der Indikator einer gleichmässigen Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen zielt auf die Frage ab, ob die diskutierte Ein
schränkung in Beruf und Erwerb (bzw. bei Nichterwerbstätigen im Aufga
benbe
reich) einerseits und in den sonstigen Lebensbereichen (z.B. Freizeitgestal
tung) anderseits gleich ausgeprägt ist. Dabei ist das bisherige Kriterium des sozialen Rückzugs (wiederum) so zu fassen, dass neben Hinweisen auf Ein
schränkungen auch Ressourcen erschlossen werden; umgekehrt kann ein krank
heitsbedingter Rückzug aber auch Ressourcen zusätzlich vermindern. Soweit erhebbar, empfiehlt sich auch ein Vergleich mit dem Niveau sozialer Aktivität vor Eintritt der Gesundheitsschädigung. Das Aktivitätsniveau der versicherten Person ist stets im Verhältnis zur geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit zu sehen (BGE
141 V 281 E. 4.4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.1).
Die Inanspruchnahme von therapeutischen Optionen, das heisst das Ausmass, in welchem Behandlungen wahrgenommen oder eben vernachlässigt werden, weist (ergänzend zum Gesichtspunkt Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder
resistenz unter dem Komplex "Gesundheitsschädigung") auf den tat
sächli
chen Leidensdruck hin. Dies gilt allerdings nur, solange das betreffende Verhalten nicht durch das laufende Versicherungsverfahren beeinflusst ist. Nicht auf fehlenden Leidensdruck zu schliessen ist, wenn die Nichtinan
spruchnahme einer empfohlenen und zugänglichen Therapie oder die schlechte Compliance klarer
weise auf eine (unabwendbare) Unfähigkeit zur Krankheits
einsicht zurück
zu
führen ist. In ähnlicher Weise zu berücksichtigen ist das Verhalten der versi
cher
ten Person im Rahmen der beruflichen (Selbst-) Ein
gliederung. Inkonsisten
tes Verhalten ist auch hier ein Indiz dafür, die geltend gemachte Einschränkung sei anders begründet als durch eine versicherte Gesundheits
beeinträchtigung (BGE
141 V 281 E. 4.4.2; vgl. Urteil des Bundes
gerichts 9C_296/2016 vom 29. Juni 2016 E. 4.1.2).
5
.3
D
r.
A._
diagnostizierte eine
emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (ICD-10 F60.31), eine
posttraumatische Belastungsstörung (ICD
10 F43.1) sowie eine rezidiviere
nde depressive Störung, aktuell leichte
depressive Episode (ICD-10 F
33.0
). Es ist somit aus rechtlicher Sicht zu beurtei
len, ob aufgrund dieser psychiatrischen Diagnosen eine Arbeitsun
fähigkeit aus
ge
wiesen ist.
In E. 8.1
von BGE 143 V 148
hat das Bundesgericht festgehalten, dass das struk
turierte Beweisverfahren wie es in
BGE 141 V 281
definiert wurde (vgl.
vor
ste
hend E. 5.2
), einer Aufteilung von Einbussen auf einzelne Leiden ent
gegensteh
t
, da es auf einer ergebnisoffenen Gesamtbetrachtung in Berück
sichtigung der Wechselwirkungen basier
t
. Demnach
fallen
Störungen unabhängig von ihrer Diagnose bereits dann als rechtlich bedeutsame Komor
bidität in Betracht
,
wenn ihnen im konkreten Fall ressourcen
hemmende Wirkung beizumessen
ist
. Bei der Prüfung des funktionell
en Schweregrades des Leidens der
Beschwerdeführer
in
ist somit von
sämtlichen
psychiatrischen Diagnosen, namentlich der
Persönlich
keitsstörung vom Borderline-Typ, der
posttraumatischen Belastungs
störung sowie der rezidivierenden depressiven Störung, aktuell
leichte
depressive Episode, auszugehen.
5.4
Zum Komplex Gesundheitsschädigung ist in Bezug auf den Indikator Ausprä
gung der diagnoserelevanten Befunde festzuhalten, dass bei
der
Beschwerdeführer
in
aufgrund des spezifischen Störungsbildes diverse Einschränkungen bestehen, die im Rahmen der psychiatrischen Begutachtung durch Dr.
A._
anhand des Mini-ICF Ratings für Aktivitäts- und Partizipationsstörungen bei psychischen Erkrankungen eruiert worden sind. So ist
die
Beschwerdeführer
in
in der
Anpassung an Regeln und Routinen, in der
Planung und Strukturierung von Auf
gaben sowie in
ihrer
Flexibilität und Umstellungsfähigkeit
deutlich
einge
schränkt.
Dabei verhindern – wie Dr. A._ nachvollziehbar und überzeu
gend schildert - die spezifischen Ängste, insbesondere die Angst vor Menschen, verbunden mit Angst- und Panikattacken und einzelnen dissoziativen Zuständen inzwischen weitestgehend die Teilnahme der Beschwerdeführerin an einem gere
gelten Sozialleben, weshalb die damit verbundenen Regeln und Routinen kaum eingehalten werden können. Durch die sehr schnelle Überlastung kommt sie in ein ausgeprägtes Stresslevel und wird unorganisiert und fahrig, sodass Aufgaben nur bedingt geplant und strukturiert werden können.
Das Zurückgreifen auf
ihre
fachlichen Kompetenzen ist mindestens leicht eingeschränkt, deutlich einge
schränkt ist
sie
in
ihrer Durchhaltefähigkeit sowie auch in
ihrer
Selbstbehaup
tungs
fähigkeit
.
Bereits wenige Termine pro Woche führen zu einer psychischen Überlastung mit Anstieg der Spannung, vereinzelten Weinkrämpfen, dissoziati
vem Erleben und Zunahme von Angst- und Panikattacken.
Die Kontaktfähigkeit zu Dritten
sowie
die Gruppenfähigkeit
sind praktisch erloschen; dies aufgrund der sozialen Ängste, der Tendenz zu sozialem Rückzug und aufgrund der Impulsivi
tät. Einzige Kontaktpersonen sind der Ehemann und ein guter Freund. Familiäre Beziehungen werden ansonsten keine gepflegt beziehungsweise sind von der Beschwerdeführerin abgebrochen worden. D
ie Fähigkeit zu familiären und inti
men Beziehungen sowie die Spontanaktivitäten sind zudem deutlich einge
schränkt.
Die Beschwerdeführerin ist schliesslich nur bedingt verkehrsfähig (Urk. 23 S. 27 ff. Ziff. 7).
In Bezug auf den Indikator Behand
lungs- und Eingliederungserfolg oder
–
re
sistenz ist festzuhalten, dass die vo
n der
Beschwerdeführer
in
in Anspruch genommenen psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungen trotz offensichtlich bestehender Motiva
tion bisher zu keiner richtungsweisenden Ver
besserung geführt haben
(Urk. 23 S. 27 oben)
.
Ferner nimmt die Beschwerde
führerin die verordneten Medikamente in den entsprechenden Dosierungen ein, was die Laboruntersuchung bestätigte (S. 32 Ziff. 10.2). Des Weiteren steht die Beschwerdeführerin seit längerem (mindestens seit November 2016, Urk. 3/5) auf der Warteliste für eine Spezialbehandlung am Ambulatorium für Traumafolge
störungen (Urk. 3/5, Urk. 23 S. 26, S. 34). Zwar konnte unter der inzwischen bereits durchgeführten Behandlung insgesamt eine emotionale Stabi
lisierung erreicht werden (Urk. 23 S. 26, S. 33). Trotzdem ist gemäss der überzeu
genden Einschätzung durch Dr. A._ aufgrund der Dauer und der Schwere der Erkrankung und der seit Jahren bestehenden adäquaten Behandlung nicht davon auszugehen, dass sich das Zustandsbild der Beschwerdeführerin schnell zurückbilden wird. Allenfalls kann nach Aufnahme der ursachenspezifi
schen Behandlung langsam eine Verbesserung des Gesamtzustan
des und damit eine Teilarbeitsfähigkeit erreicht werden. Damit ist aber gestützt auf die Ausführungen von Dr. A._ nicht vor Ablauf von ein bis zwei Jahren zu rechnen (S. 29). Insgesamt ist somit der Indikator Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder-resistenz in dem Sinne als erfüllt zu erachten, dass die Beschwerdeführerin die nötigen und verschriebenen medikamentösen und psychotherapeutischen Therapien in kooperativer, motivierter und ausreichender Art und Weise bereits seit 2014 in Anspruch nimmt. Dass sie seit bald 1,5 Jahren auf einen Therapieplatz für Traumafolgestörungen wartet, ist ebenfalls dahinge
hend zu werten, dass die Beschwerdeführerin trotz der attestierten Einschränkun
gen alles unternimmt, um die schweren psychischen Beschwerden therapeutisch anzugehen. Auch wenn Dr. A._ eine allfällige Verbesserung des Gesund
heitszustands nach Durchführung der ursachenspezifischen Behandlung in Win
terthur nach Ablauf eines oder zweier Jahre prognostiziert, ist trotzdem zum jetzigen Zeitpunkt der Prüfung des Rentenanspruchs davon auszugehen, dass die bisherigen Therapien und Therapiebemühungen ausreichend waren und sind. Wie sich der Gesundheitszustand im Verlauf nach Erhalt eines Therapieplatzes und Durchführung der notwendigen spezifischen Behandlung verändert, hat Gegen
stand eines Revisionsverfahrens zu sein.
In Bezug auf die Komorbidität ist schliesslich festzuhalten, dass die Symptome
der drei Diagnosen fliessend ineinander übergehen, was insgesamt zu negativen Interaktionen und entsprechend auch immer wieder zu einem Circulus vitiosus führt (S. 34 Ziff. 10.7).
Zum Komplex Persönlic
hkeit ist festzuhalten, dass die
Beschwerdeführer
in
heute kaum mehr Zugriff auf
mobilisierende
Ressourcen
hat. Die e
inzige
n
ver
bleiben
de
n
Ressource
n
sind der Ehemann der Beschwerdeführerin und die Beziehungen im therapeutischen Kontext. Die Beziehung zum Ehemann ist jedoch – durch die grosse psychische Abhängigkeit der Beschwerdeführerin von ihm – erheblich belastet und es kommt immer wieder zu massiven Auseinander
setzungen.
Weitere Ressourcen sind nicht ersichtlich
(S. 33 Ziff. 10.6, vgl. auch S. 26 f.).
Insgesamt sind somit bei
der
Beschwerdeführer
in
kaum persönliche Ressourcen erkennbar.
Zum Komplex sozialer Kontext ist festzuhalten, dass
die
Beschwerdeführer
in gemeinsam mit dem Ehemann nur basale Haushaltarbeiten erledigt und im Übri
gen ein kompletter sozialer Rückzug stattgefunden hat, wo ausser zum Ehemann und einem einzelnen Freund Beziehungen nur im therapeutischen Kontext mög
lich sind. Das einzige von der Beschwerdeführerin neu und überhaupt betriebene Hobby ist das Angeln, wobei sie sich hierzu stets in Begleitung des Ehemannes an ruhige Orte am See zurückzieht. Es scheint sich demnach überwiegend um eine Rückzugsmöglichkeit zu handeln (S. 35 Ziff. 10.14, S. 18 Ziff. 2.6.1, S. 28). Demnach sind bei der
Beschwerdeführer
in
ka
um soziale Ressourcen erkennbar.
I
mmerhin verfügt
sie – dank der Hilfe des Ehemannes -
über eine
gewisse
Tages
struktur (
S. 18 f. Ziff. 2.6.2
).
Zu prüfen ist weiter die Konsistenz.
Hinsichtlich des Gesichtspunkts der gleich
mässigen Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebens
be
re
ichen ist festzuhalten, dass die
Beschwerdeführer
in
sowohl im sozialen
und im häuslichen
Kon
text als auch im beruflichen Kontext gleichmässig eingeschränkt ist
(S. 28, S. 33, S. 34 f.). Im Rahmen der Untersuchung gab es, bis auf eine Situation am Ende der Untersuchung mit einem leicht demonstrativen Verhalten die körperlichen Beschwerden betreffend, nie Anlass zur Annahme, dass die Beschwerdeführerin aggraviert oder simuliert (S. 20 Ziff. 3, S. 32 Ziff. 10.2).
Hin
sichtlich des Gesichtspunkts des behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesenen Leidensdrucks ist schliesslich
festzuhalten, dass die
Beschwerde
führer
in
seit
lange
r
Zeit diverse Behandlungsansätze in
Anspruch nimmt und seit mindestens November 2016 auf einen traumaspezifischen Therapieplatz wartet (S. 18, S. 21 f., S. 26 f.).
Abgesehen
von einer leichten Stabilisierung, etwas ver
besserter Konfliktlösung und etwas weniger auftretenden Suizidfantasien ist es jedoch noch zu keiner Besserung des Gesundheitszustandes gekommen, so dass zum jetzigen Zeitpunkt von einer (Teil)Arbeitsfähigkeit ausgegangen werden könnte (S. 33 unten). Damit liegt zum Überprüfungszeitpunkt ein behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidensdruck vor. Eine allenfalls prognostische Verbesserung des Gesundheitszustandes zufolge der vorgesehenen Traumabehandlung (S. 27, S. 34) ist angesichts der Schwere der diagnostizierten Störungen, der bisherigen kooperativen, motivierten und ausreichenden Inan
spruchnahme von Therapien erst nach Durchführung der genannten Behandlung zu überprüfen und allenfalls im Rahmen einer Rentenrevision zu berücksichtigen. In Anbetracht der gestellten Diagnosen, der ausgewiesenen Einschränkungen und der Therapiebemühungen gereicht jedenfalls die von Dr. A._ vorsichtig geäusserte Prognose einer allfälligen Teilarbeitsfähigkeit nach einem bis zwei Jahren zusätzlicher traumaspezifischer Therapie nicht dazu, den Indikator des Behandlungserfolgs oder des Leidensdrucks zu verneinen.
Daran ändert auch der Umstand,
wonach unter einer ursachenspezifischen Behandlung im Ambulato
rium der H._ mit einer weiteren Stabilisierung und möglicherweise Verbesserung des Gesamtzustandes zu rechnen sei, nichts (S. 27, S. 34).
5.5
Zusammengefasst führt die Prüfung der einzelnen Indikatoren zum Schluss, dass dem psychiatrischen Gerichtsgutachten von Dr.
A._
, wonach die diagnostizierten psychischen Leiden eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit um
10
0 % bewirken (vgl. vorstehend E. 4.2), schlüssig und widerspruchsfrei gefolgt werden kann und somit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit feststeht, dass
sowohl in der angestammten wie auch
in
einer angepassten Tätigkeit
seit
mindestens April 2014
eine Arbeits
un
fähigkeit von
10
0 % besteht
(vgl. Urk. 23 S. 27 f.)
.
Hinsichtlich des Beginns der Arbeitsunfähigkeit hielt Dr. A._ fest, die Einschränkungen bestünden im Mindesten seit April 2014 und hätten aller Wahrscheinlichkeit nach auch bereits viele Jahre zuvor schon dazu geführt, dass die Beschwerdeführerin immer wieder Berufspausen eingelegt hat (S. 28 unten).
5.6
5.6.1
Die IV-Stelle argumentierte in ihrer Stellungnahme vom 9. April 2018, werde eine Diagnose lediglich aufgrund psychosozialer Faktoren aufrechterhalten, könne eine dadurch begründete Arbeitsunfähigkeit aus rechtlicher Sicht nicht berück
sichtigt werden, auch wenn aus medizinischer Sicht der Diagnose Krankheitswert zukommen könne. Dr. A._ verpasse darzulegen, inwiefern die bestehen
den psychosozialen Faktoren sich zurzeit auf den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin noch auswirkten (Urk. 30 S. 3).
In Bezug auf die psychosozialen Faktoren führte Dr. A._ aus, invalidi
tätsfremde Faktoren im engeren Sinne wie Arbeitslosigkeit, schwierige wirt
schaftliche Lage, mangelnde Sprachkompetenzen etc. hätten in der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit keinen Niederschlag gefunden. Es sei aber durchaus so, dass invaliditätsfremde Faktoren wie der Verlust des Arbeitsplatzes, die Krankheit des Ehemannes und damit dessen Ausfall aus dem Erwerbsleben zur psychischen Dekompensation der Versicherten geführt und damit eine Kaskade in Gang gesetzt hätten, die schliesslich zur Arbeitsunfähigkeit geführt habe (Urk. 23 S. 32).
5.6.2
Mit Urteil des Bundesgerichts
8C_582/2017
E. 5.1
vom 2
2. März 2018 wurde aus BGE 127 V 294 E. 5a wie folgt zitiert
:
"Was das "sozio-kulturelle Umfeld" als weiteren Grund für das Unvermögen des Beschwerdeführers, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, anbetrifft, wird in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde sinngemäss geltend gemacht, dass invaliditäts
fremde Faktoren insofern von Bedeutung sind, als sie zur Entstehung oder Ver
schlimmerung des psychischen Gesundheitszustandes beitragen oder den Erfolg therapeutischer Massnahmen gefährden. An dieser Auffassung ist so viel richtig, dass sich solche Umstände im Rahmen der Invaliditätsbemessung unter dem Gesichtspunkt zumutbarer Willensanstrengung zu ihrer Überwindung regel
mäs
sig nicht klar vom medizinischen Leiden selber trennen lassen. Indessen gebietet sich mit Blick auf die in Erw. 4a dargelegte Rechtsprechung, insbesondere Praxis 1997 Nr. 49 S. 252, die Präzisierung, dass
Art.
4
Abs.
1 IVG zu Erwerbs
unfähig
keit führende Gesundheitsschäden versichert, worunter soziokulturelle Umstände nicht zu begreifen sind. Es braucht in jedem Fall zur Annahme einer Invalidität ein medizinisches Substrat, das (fach) ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beein
trächtigt. Je stärker psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgepräg
ter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren her
rühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu unter
scheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde Depression im fach
medizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen Leidens
zustand. Solche von der soziokultu
rellen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbststän
digte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfä
higkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo der Gutachter dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben (vgl. AHI 2000 S. 153 E. 3). Ist anderseits eine psychische Störung von Krankheitswert schlüssig erstellt, kommt der Frage zent
rale Bedeutung zu, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, von der versicherten Person trotz des Leidens willensmässig erwartet werden kann zu arbeiten (eventuell in einem geschützten Rahmen; vgl. Praxis 1997 Nr. 49 S. 255 E. 4b) und einem Erwerb nachzugehen (...)."
5.6.3
Gemäss dem
Urteil des Bundesgerichts 9C_537/2011 vom 2
8.
Juni 2012 E. 3.2
(
mit Hinweisen
) können, we
nn und soweit psychosoziale und soziokulturelle Fak
toren zu einer eigentlichen Beeinträchtigung der psychischen Integrität führen, indem sie einen verselbständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner – unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden – Folgen verschlimmern, sie sich mittelbar i
nvaliditäts
begründend auswirken.
5.6.4
Zwar ist der IV-Stelle insofern zuzustimmen, dass Dr. A._ festhielt, dass invaliditätsfremde
Faktoren wie der Verlust des Arbeitsplatzes
sowie
die Krank
heit des Ehemannes und damit dessen Ausfall aus dem Erwerbsleben zur psychi
schen Dekompensation der Versicherten geführt und damit eine Kaskade in Gang gesetzt hätten, die schliesslich zur Arbeitsunfähigkeit geführt habe (Urk.
23 S.
32)
. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich der nunmehr von Dr. A._ beschriebene Gesundheitszustand und die attestierte Arbeits
unfähigkeit vollstän
dig oder teilweise in ebendiesen invaliditätsfremden Faktoren erschöpfen.
Dabei ist in einem ersten Schritt zu unterscheiden, ob das vorliegend diagno
sti
zierte Störungsbild
einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, besteh
t
,
oder ob es da
von psychiatrisch zu unterscheidende Befunde
umfasst. In einem zweiten Schritt ist darauf einzugehen, wie die psychosozialen Belastungsfaktoren der Krankheit und Arbeitsunfähigkeit des Ehemannes vorliegend einzuordnen sind.
5.6.5
Entgegen der Auffassung der IV-Stelle ist
vorliegend von einem Krankheits
ge
schehen auszugehen, das zwar schon seit der Jugend und mithin vor April 2014 bestanden hat (Urk. 23 S. 23, S. 35 Ziff. 15 letzter Abschnitt), sich aber im jetzigen Überprüfungszeitpunkt durch relevante medizinische Befunde in dem Sinne, dass ein invalidisierender Gesundheitszustand vorliegt, auszeichnet. So stellte Dr. A._ in Bezug auf die Persönlichkeitsstörung eine deutliche Tendenz, impulsiv zu handeln mit wechselnder und instabiler Stimmung, Ausbrüche intensiven Ärgers, die oft zu gewalttätigem und explosivem Verhalten führten, sowie eine geringe Fähigkeit vorauszuplanen fest. Auch sind bei der Beschwer
deführerin in ausgeprägter Form das eigene Selbstbild, eigene Ziele und innere Präferenzen unklar und gestört. Aufgrund des Milieus mit permanenter Bedro
hung hat die Beschwerdeführerin kein eigenes Selbstbild entwickeln können und die Fähigkeit, tiefe und stabile Beziehungen einzugehen sind nur marginal aus
gebildet. Beziehungen werden idealisiert oder gefürchtet und entwertet, der Affekt ist oft sprunghaft und unkontrollierbar (S. 22 f.). In Bezug auf die post
traumatische Belastungsstörung ist das erforderliche belastende Ereignis zweifel
los in Form der physischen und sexuellen Gewalt von Kleinkind bis Jugendliche gegeben. Ebenfalls – und dies im Gegensatz zur Einschätzung der IV-Stelle (Urk. 30 S. 1 f.) – ist ferner gestützt auf die nachvollziehbaren und plausiblen Ausführungen von Dr. A._ davon auszugehen, dass bei der Beschwer
deführerin schon damals bis heute anhaltend eine Hypervigilanz und Hypera
rousal mit dem Gefühl, erneute Übergriffe könnten stattfinden, vorliegen mit regelrechten Angst- und Panikattacken und dem immer ausgeprägteren sozialen Rückzug. Des Weiteren kommt es bei der Beschwerdeführerin
glaubhaft
immer wieder, insbesondere bei speziellen Triggern (Biergeruch, nackte Füsse, spezielle Gerüche, Annäherung von hinten), zu Flashbacks und Nachhallerinnerungen an die traumatisierenden Ereignisse. Diese Gefühle und Erinnerungen haben die per
sönliche Entwicklung der Versicherten nachhaltig geprägt und bis heute Einfluss auf die sozialen, häuslichen und beruflichen Aktivitäten (S. 23 f.).
Damit umfasst das Störungsbild mit Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, PTBS und depressiver Störung klare
psychiatrisch
e
Befunde, psychosoziale Belastungsfaktoren in Form der Krankheit und Arbeitslosigkeit des Ehemannes finden keine Erwähnung. Auch werden die
Diagnose
n – entgegen der Auffassung der IV-Stelle (Urk. 30 S. 3) –
nicht
lediglich aufgrund psychosozialer Faktoren aufrechterhalten,
zumal die Diagnosen gemäss der überzeugenden Einschätzung Dr. A._s seit der Jugend und damit vor der Erkrankung des Ehemannes bestehen.
An dieser Stelle ist auf die Kritik der IV-Stelle an der Diagnose der PTBS einzu
gehen. Die IV-Stelle hielt fest, es werde im Gutachten nicht beschrieben, wie stark sich die möglichen Intrusionen tatsächlich äusserten, womit nicht klar sei, ob die Diagnose einer PTBS erfüllt sei und die Beschwerdeführerin könne sich nicht an Albträume erinnern (Urk. 30 S. 2). Die Vorbringen der IV-Stelle sind haltlos: So nannte die Beschwerdeführerin explizit als anhaltend einschränkendes Symptom, sie habe immer wieder Bilder an die früheren schrecklichen Erlebnisse im Kopf und durch bestimmte Trigger kämen die alten Erinnerungen mit Ekel an den Stiefvater hoch (Urk. 23 S. 17). Entsprechend führte Dr. A._ im Rahmen der Diagnosestellung ausdrücklich auf, es komme glaubhaft und nachvollziehbar bei Triggern (Biergeruch, nackte Füsse, spezielle Gerüche, Annäherung von hin
ten) zu Flashbacks und Nachhallerinnerungen (Urk. 23 S. 24, dies im Gegensatz zu S. 21, wo sie das Wort «scheint» erwähnte, dem jedoch angesichts der explizi
ten Erwähnung auf S. 24 keine Bedeutung zukommt). Zudem trifft es nicht zu, dass sich die Beschwerdeführerin nicht an Albträume erinnert. Dr. A._ führte an, die Beschwerdeführerin habe sehr viele Albträume. Der Mann würde erzählen, dass sie viel schreie und um sich schlage. Zwar erinnere sie sich selbst kaum daran, realisiere aber, dass sie dann morgens jeweils sehr müde und kaputt sei (S. 15 f. unten). Dass sich die Beschwerdeführerin kaum erinnert, entspricht nicht der Behauptung der IV
Stelle, dass sie sich gar nicht erinnere. Vielmehr erscheinen die Ausführungen betreffend Albträume als plausibel und nach
voll
ziehbar. Ob die IV-Stelle sodann angesichts ihrer Ausführungen zu Intrusionen
ohne Nennung von Quellen
suggerieren wollte, Dr. A._ hätte die Beschwerdeführerin mit Reizen konfrontieren müssen, um eine intensive psychische Belastung erkennbar zu machen (vgl. Urk. 30 S. 2 oben), kann offen gelassen werden. Jedenfalls entspricht ein solches Vorgehen nicht den
Qualitäts
leitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten
2016 (beispielsweise der
Schweizerische
n
Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP
zudem erscheint ein solches Vorgehen als
unethisch
.
Schliesslich zielt auch die übrige Kritik der IV
Stelle am Gutachten von Dr. A._ (Urk. 30 S. 2 f.) ins Leere, insbesondere ist es für die Attestierung von gewalttätigem und explosivem Ver
halten als Symptom der Persönlichkeitsstörung nicht erforderlich, dass sich sol
ches in der Begutachtungssituation zeigt. Diesbezüglich führte Dr. A._ überzeugend aus, fremdanamnestisch habe der behandelnde Psycho
therapeut über ausgeprägte Affektlabilität mit aggressiven Impulsausbrüchen bis hin zu körperlicher Gewalt im Rahmen von Auseinandersetzungen mit dem Lebens
partner berichtet. Dies sei von der Versicherten spontan nicht berichtet worden und könne als Idealisierung im Rahmen der symbiotischen Beziehung zum Ehe
mann oder auch aufgrund von Schamgefühlen erklärt werden (S. 20 unten). Dem ist nichts weiter beizufügen.
5.6.5
In Bezug auf den zeitlichen Verlauf führte Dr. A._ aus, dass sich bei der Beschwerdeführerin aufgrund der zahlreichen Gewalterfahrungen im Arbeitsall
tag bereits sehr früh Einschränkungen gezeigt hätten, einerseits im Sinne von zahlreichen körperlichen Beschwerden, andererseits im Sinne von Schwierigkei
ten im zwischenmenschlichen Bereich, welche zu immer wieder auftretender hoher körperlicher Erschöpfung, Erschöpfungsgefühlen, Schmerzen und zunehmenden sozialen Ängsten geführt hätten (Urk. 23 S. 26 oben). Zwar habe die Beschwerdeführerin von 2000 bis 2013 stets im Bereich Telefon
marketing gearbeitet, aufgrund der Problembereiche seien die Anstellungen häufig aber nur kurz und begleitet von monatelangen Unterbrüchen gewesen, was durch die Berufstätigkeit des Ehemannes finanziell und moralisch unterstützt worden und daher überhaupt nur möglich gewesen sei. Aufgrund zahlreicher Erkrankungen des Ehemannes und der langjährigen Arbeitsun
fähigkeit sei die Beschwerde
führerin derart unter Druck geraten, den Familien
unterhalt zu sichern, dass sie von da ab versucht habe, die Arbeitsleistung auch über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Damit sei ein Circulus vitiosus ausgelöst worden mit Zunahme der Symptomatik, verminderter Belastbarkeit, zunehmenden partner
schaftlichen Konflikten, Überforderungsgefühlen, sozialen Ängsten, Depression und Zunahme der körperlichen Problematik. So sei es schliesslich zu einem psychophysischen Zusammenbruch mit Krankschreibung und erstmaliger Auf
nahme einer psychiatrisch/psychotherapeutischen Behandlung ab April 2014 gekommen (S. 26, S. 35 Ziff. 15).
Somit konnte die Gesamtproblematik zwar kompensiert bleiben, solange die Beschwerdeführerin Arbeitspausen einlegen konnte, das heisst, solange sie vom Ehemann in finanzieller und moralischer Hinsicht unterstützt wurde. Dabei zeigen sich die zahlreichen Stellenwechsel und Arbeitsunterbrüche auch aus dem IK-Auszug (Urk. 10/39). Als jedoch die stützende Hilfe des Ehemannes wegfiel, erfolgte die psychische Dekompensation, indem die schweren psychischen Störungen vorliegende lange andauernde Arbeitsunfähigkeit auslösten. Die Schlussfolgerung, wie sie die IV-Stelle zu ziehen scheint (vgl. Urk. 30 S. 3), die Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin basiere ganz oder teilweise auf der Erkrankung und Arbeitslosigkeit des Ehemannes, ist jedoch angesichts der Gesamtumstände nicht gerechtfertigt. Relevant ist nämlich, dass nicht die Belastung durch die Krankheit des Ehemannes und dessen Arbeitsunfähigkeit zum jetzigen Überprüfungszeitpunkt bei der Beschwerdeführerin Ein
schränkun
gen hervorrufen, welche die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Vielmehr basieren die Einschränkungen auf mit Befunden untermauerten schweren psychischen Störungsbildern (vgl. vorstehend E. 5.6.4). Dies zeigt sich auch darin, dass die Beschwerdeführerin seit November 2016 versucht, eine trauma
spezifische Behandlung zu beginnen (vgl. Urk. 3/5). Im Übrigen hielt das Bundesgericht im Urteil
9C_116/2018 vom 1
7. April 20
18 E. 3.2.2 letzter Satz
fest, dass die psychi
sche Erkrankung nicht jegliche Relevanz im Sinne eines rein invaliditätsfremden Geschehens verliert, nur weil sie auch auf psychosoziale Faktoren zurückgeführt werden kann.
6.
6.1
Es bleibt damit die Prüfung der erwerblichen Auswirkungen dieser Ein
schrän
kungen vorzunehmen.
6.2
Ein Rentenanspruch
entsteht gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG unter an
der
em erst bei einer während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch bestehenden Arbeitsunfähigkeit von durchschnittlich mindestens 40 % (vgl. vorstehend E. 1.2). Da
die
Beschwerdeführer
in
in
ihrer
zuletzt ausgeübten Tätigkeit in
einem Callcenter
seit
mindestens April 2014
zu
10
0 % arbeitsun
fähig ist (vgl. vorste
hend
E. 5.5
), begann die einjährige Wartefrist per dann zu laufen.
M
ithin ist
der
frühestmögliche Rentenbeginn
im April 2015 (vgl. auch Art. 29 IVG beziehungs
weise die Anmeldung vom 5. August 2014, Urk. 10/18).
6.3
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkom
men), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog. Valideneinkommen). Der Einkom
mensver
gleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die b
eiden hypo
thetischen Erwerbsein
kommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegen
übergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditäts
grad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Ein
kommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2 mit Hinweisen).
6.4
Bei der Invaliditätsbemessung kommt der allgemeinen Methode des Ein
kom
mensvergleichs gemäss
Art.
28a
Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art.
16 ATSG grundsätzlich Vorrang zu. Insoweit die fraglichen Erwerbseinkommen ziffern
mässig nicht genau ermittelt werden können, sind sie indes nach Mass
gabe der im Einzelfall bekannten Umstände zu schätzen und die so gewonnenen Annähe
rungswerte miteinander zu vergleichen. Wird eine Schätzung vorge
nommen, so muss diese nicht unbedingt in einer ziffernmässigen Festlegung von Annähe
rungswerten bestehen. Vielmehr kann auch eine Gegenüberstellung blosser Pro
zentzahlen genügen. Das ohne eine Invalidität erzielbare hypotheti
sche Erwerbs
einkommen ist alsdann mit 100 % zu bewerten, während das Inva
lideneinkom
men auf einen entsprechend kleineren Prozentsatz veranschlagt wird, so dass sich aus der Prozentdifferenz der Invaliditätsgrad ergibt (sog. Pro
zentvergleich; Urteil des Bundesgerichts 8C_131/2011 vom 5. Juli 2011 E.
10.2.1 mit Hinweis auf BGE 114 V 310 E.
3a).
Der Invaliditätsgrad ist namentlich dann durch Prozentvergleich zu ermitteln, wenn Validen- und Invalideneinkommen sich nicht hinreichend genau oder nur mit unverhältnismässig grossem Aufwand bestimmen lassen und in letzterem Fall zudem angenommen werden kann, die Gegenüberstellung der nach Mass
gabe der im Einzelfall bekannten Umstände geschätzten, mit Prozentzahlen bewerteten hypothetischen Einkommen ergebe ein ausreichend zuverlässiges Resultat. Diese Berechnungsweise ist insbesondere anwendbar, wenn die konkreten Verhältnisse so liegen, dass die Differenz zwischen Validen- und Invalideneinkommen die für den Umfang des Rentenanspruchs massgebenden Grenzwert
e von 70, 60, 50 und 40 % (Art. 28 Abs.
2 IVG) eindeutig über- oder untersch
r
eitet (Urteil des Bun
des
gerichts 8C_333/2013 vom 11.
Dezember 2013 E. 5.3 mit Hinweisen).
6.5
Die
Beschwerdeführer
in arbeitete von 2000 bis 2013 insgesamt an 18 Stellen, wobei die Dauer der Anstellung im Durchschnitt ungefähr sechs Monate betrug (vgl. Urk. 10/9-10, Urk. 10/15, Urk. 10/17, Urk. 10/28-32, Urk. 10/36, Urk. 10/39, vgl. auch Urk. 23 S. 13). Es kann v
orliegend offe
n bleiben, in welchem Pensum die
Beschwerdeführer
in
vor Eintritt des Gesundheitsschadens erwerbstätig und wie hoch
ihr
erzieltes Ein
kommen
war. Ein stabiles Arbeitsverhältnis, sofern es dies überhaupt gegeben hat, liegt bereits mehrere Jahre zurück, weshalb es sich unter diesen Umständen rechtfertigt, sowohl für die Bemessung des Vali
den- als auch des Invalideneinkommens auf die statistischen Werte der
LSE
abzustellen, wobei beide Vergleichseinkommen ausgehend vom selben Tabel
lenlohn zu er
mitteln sind.
Somit kann hier von der ärztlich ge
schätzten Ar
beitsunfähigkeit ohne Weiteres auf einen entsprechenden Invaliditäts
grad geschlossen und damit ein Prozentver
gleich vorgenommen werden (BGE 134 V 322 E. 4.1; Urteile des Bun
desgerichts 9C_192/2014 vom 23. September 2014 E. 3.2 und 8C_450/2014 vom
24. Juli 2014 E. 7.3).
Der Invaliditätsgrad beträgt demnach 100 %, womit der Beschwerdeführerin ab dem 1. April 2015 eine ganze Inva
liden
rente zusteht (vgl. vorstehend E. 1.2).
Mit dieser Feststellung und in Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung aufzuheben.
7.
7.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV
Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art.
6
9 Abs.
1
bis
IVG) und auf Fr. 1’0
00.-- anzusetzen
und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens
der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen.
7.2
Nach § 34 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialver
sicherungsgericht (GSVGer) hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Partei
kosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens be
messen (§ 34 Abs. 3 GSVGer). Vorliegend ist die Prozessentschädigung
beim mass
geblichen Stundena
nsatz von Fr. 145.-- auf Fr. 1‘800
.
--
(inkl. Barauslagen
und Mehrwertsteuer) festzulegen und von der Beschwerdegegnerin zu bezahlen.
7.3
Die Kosten de
r Begutachtung durch Dr.
A._
in der Höhe von insgesamt Fr.
7
'
578
.
5
0
(Fr. 6'750.-- + Fr. 828.50; Urk. 26/1-2, Urk. 21-22
) sind von der Beschwerdegegnerin zu tragen und somit dem Gericht zurückzuerstatten, war doch der Sachverhalt im Zeitpunkt des Ver
fügungserlasses ungenügend erstellt
(vgl. vorstehend E. 4.1)
.