Decision ID: e2574063-9aef-4b61-9ef7-5db3329fd4c7
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1973
,
Mutter einer 1995 geborenen Tochter,
meldete sich am
4.
November 2001
unter Hinweis auf
Verbrennungen am Oberkörper
,
welche die Belastbarkeit und die Bewegung einschränkten
,
bei der Invalidenver
sicherun
g zum Leistungsbezug an (Urk. 8/4
Ziff.
7.2
). Die
Sozialversicherungs
anstalt
des Ka
ntons Zürich, IV-Stelle, sprach
ihr mit Verfügung vom 1
7.
Februar 2003
b
ei einem Invaliditätsgrad von 100
%
eine ganze
R
ente samt Kinderrente ab
1.
September 2002 zu (Urk. 8/27-28
).
Am
1
8.
Mai 2005
und am 1
3.
Oktober 2009 teilte die IV-Stelle
der Versicherten mit, der Rentena
nspruch se
i unverändert (
Urk.
8/46,
Urk.
8
/55)
. Mit Verfügung vom 1
9.
Februar 2010 sprach die IV-Stelle der Versicherten eine
Hilflosenent
schädigung
für eine Hilflosigkeit leic
hten Grades zu (
Urk.
8/61-
63).
1.2
Nach Eingang eines am 2
9.
Oktober 2013
ausgefüllten Revisio
nsfragebogens (
Urk.
8/66
) liess die IV-Stelle unter anderem beim Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) eine psychi
atrische Untersuchung durchführ
en, über welche am 2
5.
Juli 2014 Bericht erstattet wurde (
Urk.
8/76).
Nach
durchgeführtem
Vorbescheid
ver
fahren
(
Urk.
8/79,
Urk.
8/80-81,
Urk.
8/87
)
stellte
di
e IV-Stelle mit Verfü
gung vom 2
3.
Juli 2015
di
e bisher ausgerichtete Rente auf Ende des der Zustel
lung folgenden Monats ein (Urk. 8/
104
= Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am
8.
September 2015
Beschwerde gegen die Verfügung vom
2
3.
Juli 2015
(
Urk.
2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei
ihr eine ganze Rente zuzusprechen. Eventuell sei ein neues Gutachten anzufordern. Subeventuell sei die Angelegenheit zwecks umfassender Abklärung und Anord
nung von Wiedereingliederungsmassnahmen an die Vorinstanz zurückzuweisen (
Urk.
1 S. 2
).
Die IV-Stelle beantra
gte mit Beschwerdeantwort vom
1.
Oktober 2015 (
Urk.
7
) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde
der Beschwerdeführerin am 1
3.
Oktober 2015
zur Kenntnis geb
racht (
Urk.
9
).
Mit Gerichtsverfügung vom 2
7.
Oktober 2015
wurd
en antragsgemäss (vgl.
Urk.
1 S. 2
) die unentgeltliche Prozessführung
und Rechtsvertretung bewilligt (
Urk.
10
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG
).
Sie kann Folge von
Ge
burts
gebrechen
, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung; IVG
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbezü
gers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tat
sächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente nicht nur bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes, sondern auch dann
revidier
bar
, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen Gesundheitszustandes erheblich verändert haben (BGE 130 V 343 E. 3.5 mit Hinweisen). Eine Veränderung der gesundheitlichen Verhältnisse liegt auch bei gleich gebliebener Diagnose vor, wenn sich ein Leiden in seiner Intensität und in seinen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit verändert hat (Urteile des Bundesgerichts 9C_261/2009 vom 1
1.
Mai 2009 E. 1.2 und I 212/03 vom 28. August 2003 E. 2.2.3). Dagegen stellt die bloss unterschiedliche Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesund
heits
zustandes auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein genommen keinen
Revisi
onsgrund
im Sinne von
Art.
17
Abs.
1 ATSG dar. Zeitliche Vergleichsbasis für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Änderung des Invaliditätsgrades bilden die letzte rechtskräftige Verfügung oder der letzte rechtskräftige
Ein
spracheentscheid
, welche oder welcher auf einer materiellen Prüfung des Renten
anspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Invaliditätsbemessung beruht (BGE 133 V 108; vgl. auch BGE 130 V 71 E.
3.2.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_438/2009 vom 26. März 2010 E. 1 mit Hin
weisen).
1.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeits
unfähig ist (BGE 125 V 256 E.
4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person no
ch zugemutet werden kön
nen (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E.
4b/cc).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
1.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundes
gerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die Einstellung der Invalidenrente in ihrer Verfügung (
Urk.
2) damit, der psychische Gesundheitszustand der Beschwerde
führerin habe sich verbessert
,
und die Narbenverhältnisse seien stabil. Aus medizinischer Sicht sei
ihr
daher ihre ursprüngliche Tätigkeit als Filialleiterin
noch im Umfang von 70
%
und eine angepasste Tätigkeit
zu 80
%
zumutbar. Der Invaliditätsgrad liege damit unter 40
%
, weshalb kein Anspruch auf eine Invalidenrente mehr bestehe (S. 2 f.).
2.2
Dagegen machte die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde (
Urk.
1) geltend,
es sei unzutreffend, dass sich
ihr Gesundheitszustand verbessert habe. Auf den
RAD-Bericht vom 2
5.
Juli 2014 könne nicht abgestellt werden, da die gesamte somatische Thematik - namentlich
die
Verbrennungsproblematik
-
ausser Acht gelassen worden sei,
obwohl gerade d
iese Symptomatik zur
Zusprache
eine
r
Hilflosenentschädigung
und einer Rente
geführt habe (S. 7
Ziff.
31
, S. 9
Ziff.
40
).
Es
sei nicht nachvollziehbar, dass
nur wenige Monate nach der
infolge psychischer Probleme gescheiterten
Potentialabklärung
der RAD-Arzt davon ausgehe, dass keinerlei depressive und eine die Arbeitsfähigkeit einschränkende Symptomatik mehr
vorhanden sei (S. 7
Ziff.
32).
Die behandelnde Psychiaterin stelle die gleiche Symptomatik wie anlässlich der ersten Behandlungsphase
der
Jahre 2001 bis 2003 fest
und bestätige eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
.
Am
Englischkurs habe d
ie
Beschwerdeführerin
nur teilgenommen, weil ihre Schwester auch dabei gewesen sei (S. 7 f.
Ziff.
34
, S. 8
Ziff.
36
). Die einmal im Monat stattfindenden Wanderungen
organisiere ihre Mutter
(S. 7 f.
Ziff.
34
, S. 9
Ziff.
42
).
Zudem leide sie
nach wie vor an Essattacken, die zu einer erneuten Gewichtszunahme geführt hätten (S. 9
Ziff.
41). Es sei von einem
seit 2001
unveränderten Gesundheitszustand auszugehen, welcher infolge unvollständiger Diagnoseerhebung anders beurteilt worden sei
(S. 9
Ziff.
43-44).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, ob die von der Beschwerdegegnerin angenommene Verbesserung des Gesundheitszustandes im Sinne eines Revisionsgrundes
ge
mäs
s
Art. 17 ATSG ausgewiesen ist.
3
.
3
.1
Die letzte eingehende Prüfung und hernach Bestätigung des Rentenanspruches mit Mitteilung vom
1
3.
Oktober 2009 (Urk. 8/55
) erf
olgte im Rahmen der im April
2009
eingeleiteten
Rentenrevision
(
Urk. 8
/
47). In diesem Zusammenhang
wurde
die Beschwerdeführerin am
2.
September
2009
beim RAD untersucht
(vgl.
Urk.
8/52-53).
3
.2
Dr.
med.
Y._
, Praktische Ärztin, RAD, erstattete am
7.
Oktober 2009 ihren Untersuchungsbericht (
Urk.
8/53). Sie nannte folgende Diagnosen (S. 3
Ziff.
9):
Status nach Verbrennungen III. Grades (1979) von 50
%
der
Kör
per
ober
flä
che
(Hals, beide Oberarme, Ellbogen, Thorax, rechte Hand)
Status nach multiplen Narbenkorrekturen
muskuläre Hypotrophie Schultergürtel und rechter Arm
Lipodystrophie
beider Oberschenkel
Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (ICD-10 F43.21) und Suizidversuch
chronifizierte
Anpassungsstörung (ICD-10 F43.25) mit gemischter Stö
rung von Gefühlen und Sozialverhalten mit depressiven Reaktionen
Adipositas mit einem BMI von 34
Dr.
Y._
führte au
s
, anhand der Aktenlage, der Anamnese und der in der RAD-Untersuchung vom
2.
September 2009 erhobenen Befunde werde aus medizinischer Sicht nachvollziehbar, dass auch weiterhin eine 100%ige Arbeits
unfähigkeit der Versicherten für jede Tätigkeit bestehe. Aufgrund der physi
schen und psychischen Einschränkungen sei es plausibel, dass unter den gegenwärtigen Umständen keine Beschäftigung erfolgen könne. Es bestehe kein Anlass, die Auferlegung einer Schadenminderungspflicht zu empfehlen, da nicht zu erwarten sei, dass eine wesentliche Verbesserung der Arbeitsfähigkeit durch medizinische Massnahmen zu erzielen wäre. Eine medizinische
Neubeur
teilung
könne in regulärem Zeitabstand erfolgen (S. 3
Ziff.
10).
Die Versicherte sei pünktlich und gepflegt in Begleitung ihres Lebenspartners erschienen, auf dessen Anwesenheit sie während der Untersuchung bestanden habe. Die anfängliche Ängstlichkeit habe sich bald gelegt
,
und die Versicherte sei freundlich
,
kooperativ und zugewandt gewesen (S. 3
Ziff.
8). Die Versicherte habe berichtet, dass jeder Tag verschieden sei. Sie habe häufig Migräne, vor allem bei Stress oder bei Hitze.
Im Sommer müsse sie
den Kopf häufig kalt abspülen. Darüber hinaus bestünden Schmerzen in den Armen. Jede Verrich
tung sei mit Schwierigkeiten verbunden
,
und die psy
chischen Symptome wie die Angst
,
das Haus zu verlassen
,
das Telefon abzunehmen oder Anrufe zu täti
gen
,
er
schwerten ihr Leben beinahe
täglich. Im Rahmen der Therapie gehe sie im Sommer fast täglich Schwimmen und mache gelegentliche Übungen. Sie nehme ab mit E-
Balance und habe in den letzten
Monaten sechs Kilo abge
nommen. Das aktuelle Gewicht liege bei 84 kg (S. 1
Ziff.
1-2).
4.
4.1
Im Rahmen des vorliegenden Revisionsverfahrens holte die IV-Stelle die folgen
den ärztlichen Berichte ein:
Med.
prac
t
.
Z._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, RAD,
konnte
in seinem Untersuchungsbericht
vom 2
5.
Juli 2014
(
Urk.
8/76)
keine psychiatrischen Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nach ICD
10 stellen. A
ls
psychiatrische
Diagnose
ohne Auswirkung auf die Arbeits
fä
hig
keit nach ICD-10 nannte er akzentuierte Persönlichkeitszüge (sozial zurück
hal
tend, ängstlich
; Z73.1
). Als somatische Diagnosen nach Aktenlage führte er
Verbrennungen als Kind mit ausgiebigen Narben und narbigen
Bewegungsein
schränkungen
, eine Adipositas und eine Migräne auf (S. 4
Ziff.
9).
Med.
prac
t
.
Z._
führte aus, w
egen der Narbenkontrakturen sei k
ein häufiges Arbeiten über Kopf und
kein häufiges Heben und Tragen von Lasten über 10 kg möglich, was einem Belastungsprofil für zum Beispiel Bürotätigkeiten entspre
che. In der bisherigen Tätigkeit als Filialleiterin bei
A._
bestehe spätestens seit dem Untersuchungszeitpunkt eine Arbeitsunfähigkeit von 30
%
. In einer angepassten Tätigkeit gemäss dem Belastungsprofil bestehe eine Arbeitsunfä
higkeit von 20
%
. Die Leistungsfähigkeit habe sich verbessert.
Rückblickend erstaune die
Rentenzusprache
, da die Beschwerdeführerin angegeben habe, sie habe damals durch den Brand in der Filiale und einen Chefwechsel
dekompen
siert
(S. 5 f.
Ziff.
11).
Die Beschwerdeführerin habe ausgeführt, ihr Befinden sei unterschiedlich. Mal gebe es gute Tage und dann auch schlechte Tage mit Schmerzen (S. 1
Ziff.
3). So habe sie heute wieder Schmerzen in den Oberarmen, so dass sie sich nicht die Haare waschen
könne. Die Arme schmerzten auch
wenn sie Lasten beim Einkaufen heimtrage. Es komme auch vor, dass sie plötzlich ein Glas fallen lasse. Wenn sie sich überfordere, zum Beispiel mit zu vielen Terminen oder wenn es im Sommer zu warm werde, bekomme sie Migräne im Sinne eines Druckgefühls in der Schläfengegend und ein Kribbeln in einer Gesichtshälfte. Es bestehe eine Lichtempfindlichkeit, jedoch kein Flimmern und kein klopfender Schmerz. Dies werde besser mit einer kalten Dusche und mit bald eingenommen Medikamenten. Mit Hilfe der Adipositas-Sprechstunde habe sie in einem Jahr 10 kg abgenommen und wolle noch weitere 20 kg abnehmen (S. 2
Ziff.
3).
Zum psychopathol
ogischen Befund führte med.
prac
t
.
Z._
aus,
die Beschwer
deführerin sei pünktlich in Begleitung ihres Partners eingetroffen, voll orien
tiert, vorsichtig-freundlich und b
e
reitwillig im Kontakt. Es bestehe ein flüssiger und
zusammenhängender Gedankengang und
ke
in Anhalt für Sinnestäuschun
gen, Ich-Störungen oder
für inhaltliche Denkstörungen. Es habe ein häufiger Blickkontakt stattgefunden
,
und die Beschwerdeführerin sei unauffällig in Mimik, Gestik und Antrieb, aufmerksam und konzentriert und es hätten keine klinisch auffälligen Gedächtnisstörungen bestanden. Sie sei gut im Kopfrechnen und glaubhaft nicht suizidal (S. 3
Ziff.
8). Für Zwangsgedanken und -
handlun
gen
bestehe kein Anhalt. Die Beschwerdeführerin sei zurückhaltend bei neuen Sozialkontakten, spreche das Ladenpersonal nicht an und lasse sich vom Part
ner zur Sozialversicherungsanstalt begleiten. Sie sei Mitglied einer Wander
gruppe und besuche einen Englisch- und Italienischkurs. Im letzten Jahr habe sie 10 kg abgenommen, sie sei nun 88 kg bei 155 cm, was einem BMI von 36.6
entspreche. Sie wolle noch 20 kg abnehmen
. Zur Arbeitsfähigkeit habe die Beschwerdeführerin ausgeführt, sie könne sich vorstellen, zwei halbe Tage zu arbeiten (S. 4
Ziff.
8).
Med.
pra
c
t
.
Z._
führte aus, es lägen wenige Arztberichte vor, da die Beschwer
deführerin selten Ärzte konsultiere. Bei der RAD-Untersuchung vom Juli 2014 habe sich keine nennenswerte depressive Symptomatik gefunden. Unübersehbar zeige sich eine gewisse Ängstlichkeit, besonders vor neuen sozi
alen Kontakten. Diese Ängstlichkeit erscheine verständlich anhand der biogra
fischen Angaben (schon als Kind einnässen und einkoten, Verbrennungen im
6.
Lebensjahr). Allerdings könne sie nun zum Beispiel in Begleitung der Schwester an ei
nem Englischkurs teilnehmen und
auch alleine einkaufen. Auch das fast einstündige Untersuchungsgespräch habe sie ohne grössere erkennbare Schwierigkeiten geschafft. Die Einschränkungen erreichten daher nicht den Grad einer Persönlichkeitsstörung.
Im Vergleich zur RAD-Untersuchung
vom
2.
September 2009 sei eine erfreuli
che Besserung des Gesundheitszustandes zu bemerken. Damals sei ihre Ängst
lichkeit ausgeprägter gewesen als heute.
Sie habe damals darauf bestanden, dass ihr Lebenspartner während der Untersuchung anwesend sein müsse. Für die Abnahme der Ängstlichkeit spreche auch, dass die Beschwerdeführerin inzwi
schen an Sprac
hkursen und
regelmässig am Wanderverein teilnehmen könne (S.
5
Ziff.
10)
.
4.2
Dr.
med.
B._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, führte in ihrem Bericht vom
3.
September 2015 (
Urk.
3/3) aus, die Beschwerde
führerin sei erstmals vom 2
8.
September 2001 bis
6.
Juni 2003 bei ihr in Behandlung gewesen. Schon damals seien massiv überhöhte Anforderungen an sich selber und eine starke sozial phobische und depressive Symptomatik Thema
in der Psychotherapie gewesen
(S. 1).
Die Beschwerdeführerin habe Ende 2006 mit Zeitungsaustragen begonnen. Sie sei jedoch unfähig
,
alleine zu gehen und mache die Tour immer nur mit dem Partner. Teilweise sei die Angst auch so überwältigend, dass sie gar nicht mit
gegangen sei.
Im März 2014 habe sie noch eine Katalogausteilung übernom
men, welche auch gemeinsam erfolge. Die Arbeitszeit betrage etwa vier bis fünf Stunden pro Woche. Nach dem Austragen sei die Beschwerdeführerin jeweils sehr müde und erschöpft und müsse sich zu Hause zuerst etwa eine Stunde hinlegen, bevor sie eine andere Arbeit verrichten könne.
Die seit Jahren bestehende wiederkehrende depressive Symptomatik sei oft reak
tiv auf Konflikt- und Belastungssituationen (zum Beispiel mit der vertrau
ten Umgebung und aktuell auf den Entzug der Invalidenrente mit daraus fol
gender Existenzangst). Teilweise komme es auch ohne äusseren Anlass dazu. Die depressive Symptomatik sei
unterschiedlich stark und lang und oft von
Sui
zidgedanken
begleitet, sei dies als Todeswunsch
,
aber auch als konkreter
Sui
zidplan
(S. 2 oben).
Dr.
B._
führte aus, a
m 1
0.
Oktober 2014 habe die Beschwerdeführerin
sie
erneut wegen einer mittelgradigen bis schweren depressiven Symptomatik aufgesucht. Es habe eine depressive, hoffnungslose, verzweifelte Stimmung bestanden sowie Interesse-, Freud- und Zukunftslosigkeit, unstillbares Weinen und Antriebslosigkeit. Sie sei kaum mehr in der Lage, den Haushalt zu führen
,
und es
bestehe ein sozialer Rückzug auch
gegenüber vertrauten Menschen. Sie leide unter Essattacken, Schlaf
störungen und dem Gefühl der Wertlosigkeit. Es bestünden massive Suizidgedanken.
Die
sozial phobische Symptomatik
herrsche
in dem seit Jahren invalidisierend
en Ausmass weiterhin vor.
Die Symptomatik
sei die gleiche wie bei der ersten Behandlungsphase, das heisse eine rezidivierende depressive Symptomatik bei invalidisierender sozialphobischer Symptomatik (S. 2 Mitte)
.
D
ie depressive
Symptomatik habe sich seit dem Frühling 2015 gebessert
(S. 4 oben).
Dr.
B._
führte aus, es gehe ihr um die Schilderung der Sympto
matik, deren Ausmass und deren Einfluss auf die Funktionsfähigkeit, weshalb sie absichtlich keine Diagnose-Diskussion führe. Es sei davon auszugehen, dass der psychische Gesundheitszustand anlässlich der Begutachtung durch
med
.
prac
t
.
Z._
nicht besser gewesen sei, als zu Beginn der Behandlung bei ihr im Oktober 201
4.
Sofern
dies gerade zu jenem Zeitpunkt der Fall gewesen sein soll
te
, sei diese Besserung nicht anhaltend geblieben, wie sich nun gezeigt habe (S. 4 Mitte).
Zudem habe der Verlauf des psychischen Gesundheitszustandes über die letzten 15 Jahre gezeigt, dass nie eine anhaltende Besserung erfolgt sei, sondern im Gegenteil eine weiter bestehende Invalidisierung und
Chronifizierung
der sozial phobischen Symptomatik (S. 4 unten).
Abschliessend führte
Dr.
B._
aus, sie erachte die Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht weiterhin zu 100
%
arbeitsunfähig.
Weidereing
liede
rungsmassnahmen
seien ihres
Erachtens momentan noch keine Option (S. 5 unten).
5.
5.
1
Die Beschwerdegegnerin stützte die
verfügte
Einstel
lung der Invalidenrente
auf
die
Eischätzung
durch
med.
prac
t
.
Z._
, RAD,
vom Juli 2014 (vorstehend
E.
4.1
) ab, welcher von einem seit der letzten RAD-Begutachtung bei
Dr.
Y._
im Oktober 2009 (vorstehend E. 3.2) verbesserten Gesund
heitszu
stand und da
mit von einer Arbeitsfähigkeit in angestammter Tätigkeit von 70
%
und in jeder angepassten Tätigkeit von 80
%
ausging.
5.2
Dr.
Y._
bestätigte
im Oktober 2009
nach eingehende
r Untersuchung der Beschwerdeführerin (vgl.
Urk.
8/52)
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit auf
grund physischer und psychischer Einschränkungen.
Trotz zweifelsohne vorhandenen körperlichen Beeinträchtigungen
liess
die
Be
schwer
degegnerin
die Beschwerdeführerin im vorliegenden
Revisionsverfah
ren
lediglich psychiatrisch begutachten,
was der Gesamtsituation nicht gerecht wird
. So lässt sich dem Abklärungsbericht betreffend
Hilflosenentschädigung
vom
3.
Januar 2010 entnehmen, dass die Beschwerdeführerin über seit 2003 zuneh
mende Bewegungseinschränkungen berichtete (
Urk.
8/56 S. 2)
, welche dann auch zur
Zusprache
einer
Hilflosenentschädigung
führten (vgl.
Urk.
8/61-
63
).
Auch stellt
das psychi
atrische Gutachten von med.
prac
t
.
Z._
vom Juli 2014 (vorstehend E. 4.1)
keine genügende Grundlage dar, um beurteilen zu können, inwiefern sich der psychiatrische Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
seit
der letztmaligen
Begutachtung durch
Dr.
Y._
im Oktober 2009
tatsäch
lich verändert hat. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der medizinischen Aktenlage, insbesondere auch jener, die zur ursprü
nglichen
Rentenzusprache
führte
, fand
nicht statt. So führte med.
prac
t
.
Z._
aus, ihn erstaune rückbli
ckend die
Rentenzusprache
, da die Beschwerdeführerin angegeben habe, sie habe damals durch einen Brand in der Filiale und einen Chefwechsel
dekom
pensiert
.
Gänzlich unbeachtet
liess
er
die Situationsschilderung im
Abklärungs
bericht
für
Hilflosenentschädigung
(
Urk.
8/56) und
auch eine Stellungnahme zu der
gescheiterten
Potenzialabklärung
im Frühjahr 2014 (vgl.
Urk.
8/71 und
Urk.
8/
73)
fehlt
.
Die Verbesserung des Gesundheitszustandes darin zu sehen, dass die Beschwer
deführerin nun einen Englischkurs zusammen mit ihrer Schwester besucht habe
,
an Wanderungen teilnehme und der Lebenspartner während der Dauer der Untersuchung nicht habe anwesend sein müssen, erscheint gesucht und reicht für eine
verlässliche Beurteilung der Situation namentlich eines seit der letzten Begutachtung im Jahr 2009 veränderten Gesundheitszustandes
nicht aus.
Verlässliche Schlüsse auf die Arbeitsfähigkeit lässt
aber
auch
der nach
Verfü
gungserlass
eingereichte Bericht der seit Oktober 2014 wieder behandelnden Psychiaterin
Dr.
B._
(vorstehend E. 4.2)
nicht
zu. So entbehrt dieser einer Diagnostik und
Dr.
B._
äussert
e
sich, obwohl die Beschwerdefüh
rerin während den Jahren 2003 bis 2014
nicht bei ihr in Behandlung war
und ihr
auch keine anderweitigen psychiatrischen Berichte vorgelegen haben
,
rück
blickend über die letzten 15 Jahre zum Verlauf
der psychischen Erk
r
ankung
.
Nicht nachvollziehbar ist auch, weshalb
Dr.
B._
trotz erwähnter Verbes
serung der depressiven Symptomatik seit Frühling 2015 nach wie vor von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit spricht und
sie
auch
Wiedereingliederungs
massnahmen
als Möglichkeit verwirft,
zumal
ihrem Bericht und im Übrige
n auch dem Bericht von med.
prac
t
.
Z._
doch Anhaltspunkte dafür
zu
entneh
men
sind
, dass die Beschwerdeführerin grundsätzlich einer Wiederaufnahme der Arbeit
, wenn auch vorerst in kleinem Pensum,
nicht abgeneigt wäre.
5
.3
Insgesamt
fehlt es vorliegend an verlässlichen medizinischen Grundlagen zur Beurteilung der
gesundheitlichen Situation und der
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin und damit an der Grundlage für einen Entscheid. Zur Beurteilung ihrer invalidenversicherungsrechtlichen Ansprüche bedarf es daher zusätzlicher medizinischer Grundlagen im Sinne eines psychiatrischen
und somatischen
Gutachtens, welches sich zu den offenen Fragen
äussert
.
D
ie angefochtene Verfügung vom 23
.
Juli 2015
(Urk. 2) ist folglich aufzuheben und die Sache zur Vornahme weiterer Abklärungen im Sinne der Erwägungen und zu erneutem Entscheid über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
6
.
6
.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrens
aufwand
und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 7
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6
.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
die
vertretene Beschwerdeführer
in
Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Die Prozessentschädigung wird vom Gericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (
§
34
Abs.
3 des
GSVGer
). Beim
praxisge
mässen
Stun
denansatz
von
Fr.
220
.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer)
und der als angemessen erscheinenden Kostennote vom
3.
November 2015 (
Urk.
13)
ist vorliegend
die
Entschädigung von
Fr.
2'297.95
(inklusive
Auslagenpauschale von 3
%
und Mehr
wertsteuer)
festzusetzen
, welche entsprechend dem Ausgang des Verfah
rens die unterliegende Beschwerdegegnerin
der
unentgeltliche
n
Rechtsvertrete
r
in
zu bezahlen hat.