Decision ID: f2cded0f-d65b-5c1d-857c-3a67a4a69e8e
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin verliess Afghanistan eigenen Angaben zufolge un-
gefähr im (...) 2016 und gelangte am 1. März 2016 in die Schweiz, wo sie
gleichentags um Asyl nachsuchte. Am 4. März 2016 wurde sie summarisch
zu ihrer Person befragt (BzP; Protokoll in den SEM-Akten A4/11) und am
17. April 2018 zu ihren Asylgründen angehört (Anhörung; Protokoll in den
SEM-Akten A13/17).
Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte sie im Wesentlichen aus, sie sei
afghanische Staatsangehörige und ethnische Usbekin aus B._ im
Bezirk C._, wo sie geboren und aufgewachsen sei. Sie könne we-
der lesen noch schreiben. Ihre Mutter sei gestorben, als sie fünfjährig ge-
wesen sei. Ihr Vater habe kurze Zeit später erneut geheiratet und sei ge-
storben, als sie noch jung gewesen sei. Danach habe sie mit ihrer Stief-
mutter und ihren Halbgeschwistern ([...]) gelebt und in deren Haus als (...)
gearbeitet. Ihre Stiefmutter habe das Geld der Kunden entgegengenom-
men; sie habe mit den Kunden nie Kontakt gehabt. Sie habe jeweils (Tä-
tigkeit). Sie habe das Haus nur äusserst selten verlassen dürfen, neben
der (...) habe sie Hausarbeiten erledigen müssen. Die Stiefmutter habe sie
ständig geschlagen. Sie habe eine (...), weil einer ihrer (...) sie einmal mit
(...) verletzt habe. Einmal habe sie ihre Stiefmutter und (...) von der Absicht
reden hören, sie mit einem älteren Mann zu verheiraten. Sie habe darauf-
hin einem Jungen, den sie an der Wasserstelle getroffen habe und in den
sie verliebt gewesen sei, von diesem Plan erzählt. Eine Woche nach dem
Gespräch zwischen ihrer Stiefmutter und ihren (...) habe der Junge sie mit
seinem (...) abgeholt und nach D._ gefahren. Von dort aus seien
sie mit einem Bus zu einem ihr unbekannten Ort weiter gereist. Die Grenze
zum Iran hätten sie zu Fuss überquert. Der Fussmarsch habe (...) Stunden
und die Reise insgesamt (...) Wochen gedauert. Vor der Überfahrt nach
E._, in der F._, habe sie ihren Freund, der die Reise organi-
siert und finanziert habe, aus den Augen verloren.
B.
Mit am 9. August 2018 eröffneter Verfügung vom 7. August 2018 stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug an.
Zur Begründung führte es im Wesentlichen aus, die Vorbringen der Be-
schwerdeführerin vermöchten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit
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nicht standzuhalten. Insbesondere erstaune, dass sie nicht wisse, woran
ihre Mutter und ihr Vater verstorben seien, und dass sie sich auch nicht
danach erkundigt habe. Zudem seien ihre Aussagen, sie habe nie Kontakt
mit den Kunden gehabt und (Tätigkeit), realitätsfremd. Auch auf mehrma-
lige Nachfragen hin sei sie nicht imstand gewesen, von einem bestimmten
Vorfall mit der Stiefmutter zu berichten, der ihr besonders in Erinnerung
geblieben sei. Ihre Wissenslücken zum Tod ihrer Eltern und ihre realitäts-
fremden Schilderungen zum Leben mit der Stieffamilie erweckten Zweifel
an dem von ihr geltend gemachten Lebenslauf.
Die Beschwerdeführerin sei nicht in der Lage gewesen, die umliegenden
Ortschaften von B._ zu benennen, was erstaunlich sei, zumal sie
beteuert habe, dort geboren und aufgewachsen zu sein. Auch von einer
ungeschulten Person könnten minimale Kenntnisse zu den umliegenden
Dörfern erwartet werden. Sie habe auch nicht angeben können, ob sie in
C._ gewesen sei oder nicht. Ihre Beschreibungen von B._
seien äusserst oberflächlich ausgefallen. Sie habe lediglich eine der (...)
Moscheen beim Namen nennen können. Ihre Wissenslücken und unsub-
stanziierten Beschreibungen in Bezug auf den angeblichen Heimatort
B._ würden die Zweifel an ihrer geltend gemachten Herkunft erhär-
ten. Auch ihre Schilderungen zur geplanten Heirat seien detailarm ausge-
fallen. Sie sei weder in der Lage gewesen, ihre Situation zu veranschauli-
chen, noch habe sie detailliert darlegen können, was sie gedacht habe, als
sie ihre Stieffamilie über die Heirat habe reden hören. Zudem habe sie über
die Familienverhältnisse des für sie vorgesehenen Mannes unterschiedli-
che Aussagen gemacht. Bei der BzP habe sie ausgeführt, er habe (...)
Frauen und (...) Kinder. Bei der Anhörung habe sie indessen ausgesagt,
sie wisse nur, dass er (...) Frauen habe. Auf Vorhalt hin habe sie nicht ver-
mocht, diese Unstimmigkeit nachvollziehbar aufzulösen. Sie habe auch
nicht realitätsnah beschreiben können, wie sie die Situation erlebt habe,
als sie ihrem Freund von den Plänen ihrer Stieffamilie erzählt und wie er
darauf reagiert habe. Sie sei aufgrund ihrer unsubstanziierten und unstim-
migen Aussagen nicht imstande gewesen, die geplante Zwangsheirat
glaubhaft zu machen.
Zudem seien ihre Aussagen zur Ausreise unstimmig. Bei der BzP habe sie
geltend gemacht, ihr Zuhause am Abend verlassen zu haben. Bei der An-
hörung habe sie hingegen ausgesagt, sie sei bereits am Morgen wegge-
gangen. Auf Vorhalt hin habe sie diesen Widerspruch nicht klären können.
Auch habe sie weder zur Fahrt mit dem (...) noch zur weiteren Reise in den
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Iran genauere Angaben zur Reiseroute und dazu, wo sie im Iran angekom-
men sei, machen können. Von einer Person, die angebe, sonst fast nie ihr
Zuhause verlassen zu haben, könnten selbst beim Tragen einer Burka an-
schaulichere Beschreibungen erwartet werden. Des Weiteren seien ihre
Angaben zur Organisation und Finanzierung der Ausreise realitätsfremd
ausgefallen. Sie habe zwar ausgesagt, ihr Begleiter habe die Reise orga-
nisiert und finanziert, aber keine Angaben dazu machen können, woher er
das Geld gehabt habe. Ihre Erklärung, sie habe keine Zeit gehabt, ihn zu
fragen, vermöge nicht zu überzeugen, zumal sie ihn erst in F._ aus
den Augen verloren habe. Sie habe auch nicht anschaulich beschreiben
können, wie sie ihren Begleiter aus den Augen verloren habe, und sie habe
abgesehen davon nur wenig zu ihrem Begleiter zu erzählen vermocht.
Auch diese Vorbringen seien unglaubhaft und es bestünden aufgrund der
Zweifel an ihrem Lebenslauf, der mangelnden Herkunftskenntnisse, der
unglaubhaften Asylgründe und des unglaubhaften Reisewegs unter objek-
tiven Gesichtspunkten vernünftige Zweifel daran, dass die Beschwerdefüh-
rerin jemals in der von ihr angegebenen Region gelebt habe. Die (...) sei
nicht geeignet, an dieser Beurteilung etwas zu ändern.
Die Beschwerdeführerin sei zufolge Ablehnung ihres Asylgesuchs zur Aus-
reise aus der Schweiz verpflichtet. Der Grundsatz der Nichtrückschiebung
gelange folglich nicht zur Anwendung und aus den Akten ergäben sich
keine Anhaltspunkte dafür, dass ihr bei einer Rückkehr mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behand-
lung drohe. Zwar sei die Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des
Wegweisungsvollzugs grundsätzlich von Amtes wegen zu prüfen. Diese
Untersuchungspflicht finde jedoch ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht
der asylsuchenden Person, die im Übrigen auch die Substanziierungslast
trage. Gemäss ständiger Rechtsprechung sei es nicht Aufgabe der Asylbe-
hörden, bei fehlenden Hinweisen nach allfälligen Wegweisungsvollzugs-
hindernissen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen. Mit Verweis
auf den Grundsatz der Rechtsgleichheit könne aus der Sicht des SEM nicht
von der geltenden Praxis abgewichen werden. Die Beschwerdeführerin
habe deshalb die Folgen ihrer unglaubhaften Identitätsangaben und ihres
Sachverhaltsvortrages zu tragen, indem vermutungsweise davon auszu-
gehen sei, einer Wegweisung an ihren bisherigen Aufenthaltsort stünden
keine Vollzugshindernisse entgegen. Bei der Verheimlichung der wahren
Identität stelle sich auch die Frage der Möglichkeit eines allfälligen Weg-
weisungsvollzugs. Im heutigen Zeitpunkt könne jedoch keineswegs gesagt
werden, dieser sei von vornherein nicht möglich oder technisch nicht durch-
führbar.
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C.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 31. August 2018 gelangte die Beschwerde-
führerin durch ihren Rechtsvertreter an das Bundesverwaltungsgericht und
beantragte, die Verfügung vom 7. August 2018 sei aufzuheben und es sei
ihr unter Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren. Even-
tualiter sei wegen Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sa-
che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht beantragte sie unter Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und
die unentgeltliche Rechtsverbeiständung in der Person ihres Rechtsvertre-
ters. Als Beilagen liess sie die im separaten Verzeichnis aufgeführten Do-
kumente zu den Akten reichen.
Auf die Begründung der Rechtsbegehren wird, soweit für den Entscheid
relevant, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
D.
Am 6. September 2018 bestätigte die Instruktionsrichterin dem Rechtsver-
treter den Eingang der Beschwerde und verfügte, die Beschwerdeführerin
könne den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten.
E.
Mit Eingabe vom 7. September 2018 (Datum Poststempel) liess die Be-
schwerdeführerin eine Unterstützungsbedürftigkeitserklärung vom 6. Sep-
tember 2018 einreichen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 7
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet
– im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und
lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen
der asylsuchenden Person. Für die Glaubhaftmachung reicht es jedoch
nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdi-
gung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände ge-
gen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. dazu aus-
führlich BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57
E. 2.3). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Im Asylverfahren – wie auch im übrigen Verwaltungsverfahren – gilt der
Untersuchungsgrundsatz (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Dieser be-
sagt, dass die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Ver-
fahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten
Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat.
Dabei beschränken sich die behördlichen Ermittlungen nicht nur auf jene
Umstände, welche die Betroffenen belasten, sondern haben auch die sie
entlastenden Momente zu erfassen. Die Behörde hat alle für den Entscheid
wesentlichen Tatsachen und Ergebnisse in den Akten festzuhalten. Unrich-
tig ist die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird, etwa weil die Rechts-
erheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht verneint wird und folglich nicht alle
wesentlichen Gesichtspunkte des Sachverhalts geprüft werden, oder weil
Beweise falsch gewürdigt wurden. Unvollständig ist die Sachverhaltsfest-
stellung demgegenüber, wenn nicht alle für den Entscheid rechtsrelevan-
ten Sachumstände berücksichtigt wurden (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1; PAT-
RICK L. KRAUSKOPF/KATRIN EMMENEGGER, in: Praxiskommentar zum Bun-
desgesetz über das Verwaltungsverfahren, Waldmann/Weissberger
(Hrsg.) 2009, Art. 12 VwVG N 19 ff. und N 42, ALFRED KÖLZ/ISABELLE
HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl., Zürich 2013, Rz. 1043 ff.). Gemäss Art. 8
AsylG hat die asylsuchende Person demgegenüber die Pflicht (und unter
dem Blickwinkel des rechtlichen Gehörs im Sinne von Art. 29 VwVG und
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Art. 29 Abs. 2 BV auch das Recht), an der Feststellung des Sachverhaltes
mitzuwirken. Sofern die gesetzlichen Mitwirkungspflichten durch die asyl-
suchende Person nicht verletzt worden sind, muss die Behörde insbeson-
dere dann weitere Abklärungen ins Auge fassen, wenn aufgrund der Vor-
bringen der asylsuchenden Person und der von ihr eingereichten oder an-
gebotenen Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt wei-
terbestehen, die voraussichtlich mit Ermittlungen von Amtes wegen besei-
tigt werden können (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2; 2008/24 E. 7.2; 2007/21
E. 11.1).
5.2 Bei Zweifeln an der Herkunft asylsuchender Personen führt die Vor-
instanz in der Regel eine unabhängige Herkunftsanalyse (Lingua-Analyse)
durch. Dabei werden neben den landeskundlich-kulturellen Kenntnissen
üblicherweise auch die sprachlichen Fähigkeiten der asylsuchenden Per-
son geprüft. Diese Analysen werden ausschliesslich von amtsexternen,
von der Fachstelle LINGUA der Vorinstanz beauftragten Sachverständigen
mit den entsprechenden Sprach- und Länderkenntnissen durchgeführt
(vgl. EMARK 1998 Nr. 34 E. 4b). Gemäss Rechtsprechung sind LINGUA-
Analysen nicht Sachverständigengutachten im Sinne von Art. 12 Bst. e
VwVG (vgl. hierzu Art. 57 - 61 BZP [SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG), sondern
lediglich schriftliche Auskünfte von Drittpersonen im Sinne von Art. 12 Bst.
c VwVG. Sie unterliegen grundsätzlich der freien Beweiswürdigung und
binden die urteilende Behörde nicht. Bei Einhaltung bestimmter Minimalan-
forderungen an die fachliche Qualifikation, Objektivität und Neutralität der
sachverständigen Person, wie auch an die inhaltliche Schlüssigkeit und
Nachvollziehbarkeit der Untersuchung, kann den LINGUA-Analysen im
Vergleich zu gewöhnlichen Parteivorbringen im Einzelfall durchaus erhöh-
ter Beweiswert zugemessen werden (vgl. EMARK 1998 Nr. 34 E. 3-8, insb.
E. 8g; vgl. ferner EMARK 2003 Nr. 14 E. 7; seither ständige Praxis des
Bundesverwaltungsgerichts, vgl. beispielsweise BVGE 2014/12 E. 4.2.1
sowie Urteil des BVGer E-163/2012 vom 7. August 2012 E. 6.1.1). Die
Rechtsprechung definierte ferner Mindeststandards, denen die Gewährung
des rechtlichen Gehörs und der Akteneinsicht betreffend LINGUA-Analy-
sen zu genügen hat (vgl. Urteil des BVGer E-3361/2014 vom 6. Mai 2015
E. 5.1).
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin bringt vor, afghanische Staatsangehörige us-
bekischer Ethnie zu sein und wegen erlittener Misshandlungen und einer
ihr drohenden Zwangsverheiratung aus B._ im Distrikt C._
(Provinz G._), wo sie geboren und aufgewachsen sei, geflüchtet zu
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sein. Im als Referenzurteil publizierten Entscheid D-5800/2016 vom
13. Oktober 2017 kommt das Bundesverwaltungsgericht in Bestätigung
seiner bisherigen Rechtsprechung in BVGE 2011/7 zum Schluss, dass der
Wegweisungsvollzug in diese Region auch heute noch unzumutbar ist
(vgl. E. 7, insb. 7.6). Die Vorinstanz glaubt der Beschwerdeführerin jedoch
weder ihre geltend gemachten Asylvorbringen (insb. die drohende Zwangs-
verheiratung) noch ihre afghanische Staatsangehörigkeit und Herkunft aus
B._. Sie geht vielmehr davon aus, dass die Beschwerdeführerin die
Asylbehörden – in Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht – über ihre Herkunft
zu täuschen versucht habe. Es sei nicht Aufgabe des SEM, bei fehlenden
Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernissen in hypotheti-
schen Herkunftsländern zu forschen.
6.2
6.2.1 Was die geltend gemachten Asylvorbringen anbelangt, enthält sich
das Gericht angesichts der nachfolgend dargelegten Ausführungen zwar
einer abschliessenden Beurteilung. Indessen erscheinen einige Anmer-
kungen angezeigt. So ist der Beschwerdeführerin in Übereinstimmung mit
ihren Entgegnungen in der Rechtsmitteleingabe (Ziff. [...]) zuzustimmen,
dass ihre Aussagen zur Zwangsheirat nicht, wie von der Vorinstanz ausge-
führt, äusserst unsubstanziiert und unstimmig ausgefallen sind. Zur beab-
sichtigten Zwangsverheiratung führte sie aus, sie sei nicht direkt darauf an-
gesprochen worden, sie habe ihre Stieffamilie heimlich belauscht (A13/17
Fragen 42, 45 und 46). Zudem habe sie am Fluss davon erfahren, dass die
Verlobung als Gerücht unter den Bewohnern von B._ kursiert habe
(A13/17 Fragen 32, 40, 44, 45 und 56). Zudem ist ihr auch darin zuzustim-
men, dass allein aufgrund des Umstandes, dass sie auf mehrmalige Nach-
fragen hin immer gleich antwortete, nicht auf eine fehlende Glaubhaftigkeit
ihrer Aussagen geschlossen werden kann. Auf die Frage, was sie gedacht
habe, als sie ihre Stiefmutter und (...) von der beabsichtigten Zwangsheirat
habe sprechen hören, führte sie in durchaus nachvollziehbarer Weise aus,
der Moment sei für sie unbeschreiblich gewesen. Sie sei sich wie eine Last
vorgekommen. Sie habe ihren Freund geliebt und ein glückliches Leben
mit ihm anfangen wollen. Das Schicksal habe ihr dies aber nicht erlaubt
(A13/6 F50). Als zutreffend erweist sich die weitere Entgegnung, die Be-
schwerdeführerin habe keine genaueren Angaben zu ihrem zukünftigen
Verlobten machen können, weil sie die Informationen über ihn lediglich von
anderen Leuten erfahren habe. Sie sagte diesbezüglich immerhin aus, sie
habe erfahren, dass es sich bei ihm um einen (...) handle, der Mitglied der
(...) und mit (...) Frauen verheiratet sei (A13/17 Fragen 39, 47, 53 und 54).
Schliesslich verweist die Beschwerdeführerin zu Recht darauf hin, dass
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sich ihre Vorbringen problemlos in den Kontext ihres geltend gemachten
Herkunftsortes einordnen lassen, insbesondere, was die Stellung der Frau
betrifft.
6.2.2 In Bezug auf die Herkunft der Beschwerdeführerin kommt das Bun-
desverwaltungsgericht zum Schluss, dass die vom SEM für seine Zweifel
angeführten Argumente nicht vollumfänglich zu überzeugen vermögen.
Auch wenn ihre Angaben nicht in allen Punkten nachvollziehbar ausgefal-
len sind, so geht doch die Annahme, die diesbezüglichen Aussagen der
Beschwerdeführerin seien überwiegend unglaubhaft, womit sie ihre Mitwir-
kungs- und Wahrheitspflicht verletzt habe, nach Einschätzung des Gerichts
zu weit. Zu berücksichtigen und von der Vorinstanz nicht bestritten ist ins-
besondere ihre Aussage, sie könne weder schreiben noch lesen, welcher
Umstand zumindest teilweise zu erklären vermag, dass sie nicht in der
Lage war, die umliegenden Ortschaften von B._ zu beschreiben.
Zudem sagte sie aus, sie habe sich praktisch ausschliesslich zu Hause
aufhalten müssen, weshalb es ihr verwehrt war, die umliegenden Dörfer zu
besuchen oder sich mit anderen Leuten darüber zu unterhalten. Sie gab
immerhin zu Protokoll, sie kenne den Namen des Dorfes Qaisar und ihre
Familie habe die grossen Einkäufe in der Ortschaft C._ getätigt
(A13/17 Fragen 81 und 88). Angesichts der weiteren Aussagen der Be-
schwerdeführerin (A13/17 Fragen 85, 86 und 87) erweist sich das Vorbrin-
gen, die Beschwerdeführerin habe nicht gewusst, ob sie in C._ ge-
wesen sei oder nicht, als wenig stichhaltig. Nicht ungewöhnlich erscheint
des Weiteren, dass sie lediglich eine der (...) Moscheen beim Namen nen-
nen konnte, zumal sie diesbezüglich in schlüssiger Weise zu Protokoll gab,
sie kenne nur die Moschee „I._“, die in der Nähe ihres Hauses und
(...) liege (A13/17 Fragen 79, 89, 90, 92, 94 und 96). Vor diesem Hinter-
grund erscheinen die Herkunftsangaben der Beschwerdeführerin nicht der-
art vage und unsubstanziiert, um auf eine gänzliche Unglaubhaftigkeit ihrer
Angaben und eine Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht schliessen zu kön-
nen.
6.3 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass der für den Entscheid we-
sentliche Sachverhalt in Bezug auf die Herkunft der Beschwerdeführerin
unvollständig festgestellt wurde, zumal keine Mitwirkungspflichtverletzung
vorliegt. Aufgrund der Untersuchungspflicht der Asylbehörden ist es Sache
des SEM, die Herkunft der Beschwerdeführerin mit geeigneten Mitteln, na-
mentlich mittels Lingua-Analyse, weiter abzuklären. Dabei erscheint nicht
ausgeschlossen, dass eine Lingua-Analyse Aufschluss darüber geben
kann, ob die Beschwerdeführerin tatsächlich in B._ im Distrikt
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Seite 11
C._ in der Provinz G._ geboren und aufgewachsen ist oder
aber an einem anderen Ort in Afghanistan oder gar in einem anderen Staat
sozialisiert wurde.
7.
7.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese mit verbindlichen Weisungen an
die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz
ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden
müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in
diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch
durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Ein-
zelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss
dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5).
7.2 Wie in E. 6 ausgeführt, ist es im vorliegenden Fall angezeigt, die Her-
kunft der Beschwerdeführerin mit geeigneten Mitteln, namentlich mittels
Lingua-Analyse, weiter abzuklären. Da sich diese Abklärungen voraus-
sichtlich nicht mit geringem Aufwand durchführen lassen, erscheint eine
Aufhebung der angefochtenen Verfügung und eine Rückweisung der Sa-
che an die Vorinstanz gerechtfertigt.
8.
Die Beschwerde ist insofern gutzuheissen, als damit die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung beantragt wird. Die Verfügung vom 7. Au-
gust 2018 ist aufzuheben. Die Sache ist zur vollständigen und richtigen
Sachverhaltsabklärung an das SEM zurückzuweisen mit der Anweisung,
die Herkunft der Beschwerdeführerin mit geeigneten Mitteln, namentlich
mittels Lingua-Analyse, weiter abzuklären. Auf die in der Beschwerde in
reformatorischer Hinsicht gestellten Rechtsbegehren und deren Begrün-
dung ist bei diesem Verfahrensausgang nicht weiter einzugehen, zumal es
Sache der Vorinstanz sein wird, sich damit zu befassen. Sollte sich auf-
grund der Lingua-Analyse herausstellen, dass die Herkunftsangaben der
Beschwerdeführerin zutreffen, wären bei der Prüfung ihrer Asylvorbringen
auch die in E. 6.2.1 vorstehend gemachten Ausführungen zu berücksichti-
gen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 VwVG). Der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen
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Seite 12
Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird somit gegenstands-
los.
9.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Damit wird
auch der Antrag auf amtliche Rechtsverbeiständung in der Person ihres
Rechtsvertreters im Sinne von Art. 110a Abs. 1 AsylG hinfällig. Es wurde
keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten auf-
grund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE)
ist der Beschwerdeführerin zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädi-
gung von insgesamt Fr. 900.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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