Decision ID: d7f8af8a-7b08-45e6-9d87-5c46c8a340ea
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 10. April 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Die Abklärungen des SEM ergaben, dass er am 6. Oktober 2016 in
Italien und am 12. Juli 2018 in Frankreich als Asylsuchender registriert wor-
den war.
B.
Anlässlich der Befragung vom 28. April 2022 wurde dem
Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintreten-
sentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Frankreich ge-
mäss Dublin-III-VO gewährt (vollständige Referenz: Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o-
der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist [ABl. L 180/31 vom 29.6.2013]).
C.
Am 28. April 2022 ersuchte das SEM die französischen Behörden um
Rückübernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 bst. d
Dublin-III-VO. Diesem Gesuch wurde am 11. Mai 2022 entsprochen.
D.
Mit Verfügung vom 16. Juni 2022 (eröffnet am 21. Juni 2022) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein und wies ihn nach Frankreich
weg, welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines Asylgesu-
che zuständig ist. Gleichzeitig beauftragte es den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Beschwerdeführer die editi-
onspflichtigen Akten aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde ge-
gen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Mit Beschwerde vom 27. Juni 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei aufzu-
heben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten. Eventualiter sei die Verfü-
gung aufzuheben und die Angelegenheit zu weiteren Sachverhaltsabklä-
rungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht
beantragte er die Gewährung der aufschiebenden Wirkung, die Sistierung
des Wegweisungsvollzugs sowie des Beschwerdeverfahrens bis zum Ab-
schluss des Dublin-Verfahren seiner Frau, die Ansetzung einer Nachfrist
F-2788/2022
Seite 3
zur Beschwerdeergänzung sowie die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und die Befreiung von der Kostenvorschusspflicht.
F.
Mit superprovisorischer Verfügung vom 28. Juni 2022 setzte der Instrukti-
onsrichter den Vollzug der Überstellung einstweilen aus.
G.
Am 30. Juni 2022 und am 1. Juli 2022 reichte der Beschwerdeführer Be-
schwerdeergänzungen ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundes-
verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des
Asyls zuständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist
zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend
F-2788/2022
Seite 4
aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine offensichtlich unbe-
gründete Beschwerde, weshalb auf einen Schriftenwechsel zu verzichten
und der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
Das Begehren des Beschwerdeführers um Einräumung einer Nachfrist zur
Begründung der Beschwerdeschrift ist mit den Eingaben vom 30. Juni
2022 und vom 1. Juli 2022 gegenstandslos geworden.
5.
5.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Ge-
mäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem einzigen
Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art. 8–15 Dub-
lin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7 Abs. 1 Dub-
lin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung dieses Staates wird eingeleitet,
sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20
Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens
(Art. 23–25 Dublin-III-VO) – wie vorliegend – findet grundsätzlich keine
(neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl.
zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
5.2. Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 12. Juli 2018 in Frankreich ein
Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb die französi-
schen Behörden am 28. April 2022 um Wiederaufnahme des
Beschwerdeführers gestützt auf Art. 23 Dublin-III-VO. Dem Gesuch um
Übernahme wurde am 11. Mai 2022 zugestimmt. Die Zuständigkeit Frank-
reichs ist somit grundsätzlich gegeben, was vom Beschwerdeführer nicht
bestritten wird.
6.
Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung davon
aus, dass in Frankreich keine systemischen Mängel betreffend die Asyl-
und Aufnahmesituation vorliegen (vgl. Urteil des BVGer E-1076/2022 vom
2. Mai 2022 E. 4.2 m.w.H.). Für eine Änderung dieser Rechtsprechung be-
steht auch unter Berücksichtigung der Vorbringen des Beschwerdeführers
F-2788/2022
Seite 5
zu allfälligen Missständen im französischen Asylsystem keine Veranlas-
sung. Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist demnach nicht ge-
rechtfertigt. Es wird somit vermutet, dass Frankreich seine völkerrechtli-
chen Verpflichtungen einhält. Ob es dem Beschwerdeführer gelingt, diese
Vermutung umzustossen, ist nicht hier zu prüfen, sondern unter dem Blick-
winkelt von Art.17 Abs. 1 Dublin-III-VO (siehe E. 8 unten).
7.
7.1. Der Beschwerdeführer brachte im Rahmen des Dublin-Gesprächs vor,
im September 2021 mit seiner sich zur Zeit in der Schweiz in einem Dublin-
Verfahren befindlichen Landsfrau B._ (N ...) religiös die Ehe ge-
schlossen zu haben. Am (...) hat diese in (...) einen Sohn geboren. Im Be-
schwerdeverfahren machte er insbesondere die Anwesenheit seiner
«Frau» bzw. seiner «Familie» in der Schweiz als Beschwerdegrund geltend
und stützte sich dabei auf Art. 17 Dublin-III-VO in Verbindung mit Art. 8
EMRK.
7.2. Vorauszuschicken ist, dass der Beschwerdeführer keine Zuständigkeit
der Schweiz aus dem dritten Kapitel der Dublin-III-VO ableiten kann. Ge-
mäss Art. 9 und Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO ist nämlich für die Prüfung des
Antrags auf internationalen Schutz derjenige Staat zuständig, in dem ein
Familienangehöriger – ungeachtet der Frage, ob die Familie bereits im Her-
kunftsland bestanden hat – in seiner Eigenschaft als Begünstigter interna-
tionalen Schutzes aufenthaltsberechtigt ist, sofern die betreffenden Perso-
nen diesen Wunsch schriftlich kundtun. Die Eigenschaft «Begünstigter in-
ternationalen Schutzes» des Familienangehörigen muss allerdings zum
Zeitpunkt der Antragstellung des Antragstellers vorgelegen sein (FILZWIE-
SER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, K. 2 zu Art. 9).
Vorliegend hatte B._ noch nie einen solchen Status in der Schweiz.
Schon aus diesem Grund geht eine Berufung auf Art. 9 Dublin-III-VO fehl.
Weiter gilt Gemäss Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO als Familienangehöriger un-
ter anderem der Ehegatte des Antragstellers oder sein nicht verheirateter
Partner, der mit ihm eine dauerhafte Beziehung führt. Unbestrittenermas-
sen ist das Paar im vorliegenden Fall nicht zivilrechtlich verheiratet. Der
geltend gemachte religiöse Eheschluss bleibt unbelegt. Den Akten sind so-
dann keine Hinweise auf das Führen einer eheähnlichen dauerhaften Be-
ziehung im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO zu entnehmen (vgl. E. 7.3
unten). B._ kann somit nicht als Familienangehörige des Beschwer-
deführers im Sinne der Dublin-III-VO eingestuft werden.
F-2788/2022
Seite 6
7.3. Gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat be-
schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten-
losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er
nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung
zuständig ist. Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch
aus humanitären Gründen auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dub-
lin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrecht-
liche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend
(BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
In diesem Kontext ist namentlich der Schutz des Familienlebens gemäss
Art. 8 EMRK im Dublin-Verfahren zu berücksichtigen, soweit eine tatsäch-
lich gelebte Beziehung besteht (BVGE 2021 VI/1 E. 12 f.). Gemäss Lehre
und Praxis kann sich jemand aber nur dann auf den Schutz des Familien-
lebens nach Art. 8 EMRK berufen, wenn eine nahe, echte und tatsächlich
gelebte familiäre Beziehung vorliegt, wobei als wesentliche Faktoren das
gemeinsame Wohnen respektive der gemeinsame Haushalt, die finanzielle
Verflochtenheit, die Länge und Stabilität der Beziehung sowie das Inte-
resse und die Bindung der Partner aneinander zu berücksichtigen sind
(vgl. GRABENWARTER/PABEL, Europäische Menschenrechtskonvention,
6. Aufl., München/Basel/Wien 2016, S. 204 und statt vieler die Urteile des
BVGer D-3768/2020 vom 17. November 2020 E. 6.2 oder E-736/2019 vom
2. November 2020 E. 8.2.2).
Der Beschwerdeführer lernte B._ gemäss eigenen Angaben im Au-
gust 2021 in Griechenland kennen. Von dort seien sie nach einer religiösen
Trauung im September 2021 gemeinsam über Italien in die Schweiz ge-
reist. Bei dieser Ausgangslage kann nicht von einer stabilen, gefestigten
und insbesondere bereits längeren Zeit andauernden eheähnlichen Bezie-
hung im Sinne der genannten Rechtsprechung ausgegangen werden. Ob
B._ ihrerseits in der Schweiz bleiben kann, ist sodann noch unsi-
cher. Sie befindet sich zur Zeit in einem Dublin-Verfahren. Sollten sie und
ihr Kind einen Aufenthaltstitel in der Schweiz erhalten, stünde es dem Be-
schwerdeführer offen und ist es ihm zuzumuten, aus dem Ausland das tat-
sächliche Vorliegen einer anerkennungsfähigen Ehe zu belegen bzw. ein
Ehevorbereitungsverfahren einzuleiten und sich um einen Familiennach-
zug zu bemühen. Ihm musste aufgrund des in Frankreich abgelehnten
Asylgesuchs bewusst sein, dass er grundsätzlich nicht im Dublin-Raum
würde leben können. Eine Beziehung des Beschwerdeführers zu seinem
F-2788/2022
Seite 7
vermeintlichen Sohn besteht im Weiteren erst seit dem Zeitpunkt der Ge-
burt, mithin seit rund drei Wochen, was eine sehr kurze Zeitspanne dar-
stellt. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass sich aus dem
Übereinkommen vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes
(KRK, SR 0.107) praxisgemäss kein Anspruch auf Einreise und Aufenthalt
ergeben kann (vgl. BGE 141 I 91 E. 5.2; BVGE 2014/20 E. 8.3.6).
Damit erscheint es sehr zweifelhaft, ob eine in den Schutzbereich von Art. 8
EMRK fallenden Familienkonstellation im konkreten Fall vorliegt. Diese
Frage kann jedoch offen gelassen werden. Selbst wenn dies der Fall wäre,
würden unter den dargestellten Umständen die öffentlichen Interessen am
Transfer des Beschwerdeführers nach Frankreich die privaten Interessen
an einem Verbleib in der Schweiz überwiegen. Der Ausgang des Dublin-
Verfahrens von B._ ist somit für das vorliegende Beschwerdever-
fahren nach dem Ausgeführten zur Zeit nicht ausschlaggebend, weshalb
der Sistierungsantrag des Beschwerdeführers abzuweisen ist. Das Gleiche
gilt für den Antrag um Rückweisung der Sache zwecks weiterer Sachver-
haltsabklärung.
8.
8.1. Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteleingabe geltend,
nachdem er in Frankreich einen negativen Entscheid erhalten habe, sei er
gezwungen worden, das Camp zu verlassen. Er habe in der Folge auf der
Strasse leben müssen und keinen Zugang zu Essen, Trinken, Unterkunft
und medizinischer Behandlung erhalten. Seine gesundheitliche Situation
habe sich verschlechtert und die Beschwerden hätten erst in der Schweiz
behandelt werden können. In der Folge sei er von verschiedenen Somali-
ern aufgenommen worden und habe monateweise bei diesen leben kön-
nen. Von staatlicher Seite habe er keine Unterstützung erhalten.
8.2. Mit seinen knappen, nicht weiter substantiierten Vorbringen zu der feh-
lenden Unterkunft gelingt es dem Beschwerdeführer nicht, die Vermutung
einer völker- und gemeinschaftsrechtskonformen Behandlung durch die
französischen Behörden zu erschüttern. Hierfür bedarf es konkreter und
ernsthafter Hinweise, die vom Betroffenen glaubhaft darzutun sind
(vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer D-5698/2017 vom 6. März
2018 E. 5.3.1).
8.3. In medizinischer Hinsicht ergibt sich aus den Akten sodann, dass die
abdominalen Beschwerden des Beschwerdeführers in der Schweiz unter-
sucht wurden und dabei auf einen normalen Befund geschlossen wurde.
In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass Frankreich über
F-2788/2022
Seite 8
eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten
sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versor-
gung zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 der Richtlinie 2013/33 EU vom
26. Juni 2013 des Europäischen Parlaments und des Rates zur Festlegung
von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz
beantragen [sog. Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29.6.2013]). Es
liegen insofern keine Hinweise vor, wonach Frankreich dem Beschwerde-
führer eine adäquate Behandlung verweigern würde. Die französischen
Behörden sind verpflichtet, bis zur Rückreise des Beschwerdeführers me-
dizinische Hilfe zu leisten. Folglich droht keine Verletzung von Art. 3 EMRK,
weshalb die Schweiz auch unter dem medizinischen Blickwinkel nicht zum
Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO verpflichtet ist (zu den rest-
riktiven Bedingungen zur Anwendung von Art. 3 EMRK siehe BVGE 2011/9
E. 7; Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.H.).
9.
Andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben würden, von ihrem Selbst-
eintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO Gebrauch zu machen, wer-
den weder geltend gemacht noch sind solche ersichtlich.
10.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen
Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Den Akten sind keine Hin-
weise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unter-
schreiten des Ermessens zu entnehmen (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht enthält sich unter diesen Umständen wei-
terer Ausführungen zur Frage eines Selbsteintritts.
11.
Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den
Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat
selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3). Somit bleibt Frank-
reich der für die Behandlung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers zu-
ständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Frankreich ist verpflichtet,
das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen. Da
das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
F-2788/2022
Seite 9
12.
Demnach ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung des SEM zu
bestätigen. Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abge-
schlossen, weshalb sich die Anträge auf Gewährung der aufschiebenden
Wirkung und auf Befreiung von der Kostenvorschusspflicht als gegen-
standslos erweisen. Der am 28. Juni 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt
dahin.
13.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen waren.
Die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG sind nicht erfüllt. Die Ver-
fahrenskosten sind bei diesem Ausgang des Verfahrens dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
F-2788/2022
Seite 10