Decision ID: 277d8632-4876-5d34-92fc-3d981dd7c515
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Am 17. Juli 2009 erteilte die Einwohnergemeinde Aeschlen1 dem Beschwerdegegner
eine Baubewilligung für den Anbau eines Autounterstands an die bestehende Garage und
für den Einbau von Sonnenkollektoren auf dessen Dach auf der Parzelle Oberdiessbach
Grundbuchblatt Nr. C._.
1 Bis zur Fusion mit der Gemeinde Oberdiessbach am 1. Januar 2010, war sie zuständige Baubewilligungsbehörde.
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2. Am 10. Januar 2017 erkundigte sich der Beschwerdeführer bei der Gemeinde, ob die
Bauten gemäss der damals erteilten Bewilligung ausgeführt seien und ob für eine
Überdachung im nordwestlichen Bereich der Parzelle des Beschwerdegegners eine
Baubewilligung bestehe. Mit E-Mail vom 16. Januar 2017 teilte die Gemeinde ihm mit, die
freistehendenden Solarpanels seien nicht am bewilligten Standort errichtet und für die
Überdachung bestehe keine Baubewilligung. Falls er eine schriftliche "Klage" einreiche,
werde die Gemeinde eine baupolizeiliche Untersuchung einleiten. Daraufhin reichte der
Beschwerdeführer am 24. März 2017 bei der Bauverwaltung der Gemeinde Oberdiessbach
eine Anzeige wegen rechtswidrigem Bauen ein. Auf Wunsch des Beschwerdeführers
sistierte die Gemeinde das Verfahren bis am 27. November 2017. Nach der
Wiederaufnahme des Verfahrens führte sie einen Augenschein und anschliessend einen
Schriftenwechsel durch.
3. Mit Verfügung vom 4. April 2018 stellt die Gemeinde Oberdiessbach fest, für
verschiedene Bauten auf der Parzelle des Beschwerdegegners bestehe keine
Baubewilligung. Da der baurechtswidrige Zustand aber seit mehr als fünf Jahre erkennbar
sei, müsse der Beschwerdegegner einzig die Solarpanels bis zum 30. Juni 2018 entfernen.
Gleichzeitig wies sie diesbezüglich auf die Möglichkeit eines nachträglichen Baugesuchs
hin und drohte für den Fall der Nichtbefolgung die Ersatzvornahme an. Die Gemeinde
Oberdiessbach auferlegte die Verfahrenskosten im Umfang von Fr. 630.00 den Parteien je
hälftig.
4. Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer am 18. April 2018 Beschwerde
bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt
sinngemäss, die Kostenaufteilung des vorinstanzlichen Entscheides sei aufzuheben und
die gesamten Verfahrenskosten seien dem Beschwerdegegner aufzuerlegen.
5. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet,2 edierte die
Vorakten und führte den Schriftenwechsel durch. In der Beschwerdeantwort vom 3. Mai
2018 beantragt der Beschwerdegegner sinngemäss, die Beschwerde sei abzuweisen. Er
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191).
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weist zudem darauf hin, dass er bei der Gemeinde Oberdiessbach für die Solarpanels ein
nachträgliches Baugesuch eingereicht habe. Die Gemeinde Oberdiessbach beantragt in
ihrer Stellungnahme vom 17. Mai 2018, die Beschwerde sei vollumfänglich abzuweisen.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG3 können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48
BauG und damit zusammenhängende Kostenverfügungen innert 30 Tagen seit Eröffnung
mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden. Der Beschwerdeführer ist als Adressat
der Kostenverfügung durch die angefochtene Verfügung beschwert und daher zur
Beschwerdeführung legitimiert. Auf seine form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde
ist einzutreten.
2. Streitgegenstand
a) Anfechtungsobjekt ist die Verfügung der Vorinstanz. Der Streitgegenstand braucht
sich nicht mit dem Anfechtungsobjekt zu decken, kann aber auch nicht über dieses
hinausgehen. Innerhalb dieses Rahmens bestimmen die Parteien den Streitgegenstand.
Sowohl für das Einleiten eines Beschwerdeverfahrens als auch für dessen Umfang und
eine allfällige vorzeitige Beendigung gelten somit die Verfügungs- oder Dispositionsmaxime
sowie das Rügeprinzip. Die Parteien können den Streitgegenstand im Verlauf des
Verfahrens nicht erweitern, sondern nur einschränken.4
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0). 4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern, Bern 1997, Art. 72 N. 6 bis 8.
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b) Anfechtungsobjekt ist die baupolizeiliche Verfügung der Bauverwaltung der
Gemeinde Oberdiessbach vom 4. April 2018. Die Beschwerde richtet sich aber einzig
gegen die dem Beschwerdeführer auferlegten Kosten. Streitgegenstand bildet
dementsprechend nur die in Ziffer 8 der Verfügung der Gemeinde Oberdiessbach vom
4. April 2018 festgelegte Kostenverteilung.
3. Kostenverursacherprinzip im Baupolizeiverfahren
a) Der Beschwerdeführer rügt sinngemäss, ihm seien für das vorinstanzliche Verfahren
keine Kosten aufzuerlegen, sämtliche Kosten seien vom Beschwerdegegner zu tragen.
b) Das Verwaltungsrechtspflegegesetz enthält für das Verwaltungsverfahren keine
allgemeine Regel über die Kostenverlegung (vgl. Art. 107 Abs. 1 VRPG5). Wer diese
Kosten zu tragen hat, bestimmt sich somit nach dem Verursacherprinzip und den
verschiedenen Sacherlassen.6 Das Baugesetz regelt die Kostentragungspflicht nur für das
Baubewilligungsverfahren (Art. 52 Abs. 1 BewD7) und das nachträgliche
Baubewilligungsverfahren (Art. 52 Abs. 1 BewD analog). Für das Baupolizeiverfahren fehlt
eine entsprechende Bestimmung. Es gilt somit primär das Verursacherprinzip.
Für das Erheben von Gebühren durch das Gemeinwesen genügt dieses Prinzip indessen
als gesetzliche Grundlage nicht, denn nach Art. 69 Abs. 4 Bst. b KV8 ist der Gegenstand
der Abgabe, die Grundsätze ihrer Bemessung und der Kreis der Abgabepflichtigen ausser
für Gebühren in geringer Höhe in einem Gesetz im formellen Sinn zu erlassen. Gemäss
Art. 37 des kommunalen Gebührenreglements9 in Verbindung mit dem Gebührentarif10
erhebt die Gemeinde Oberdiessbach für baupolizeiliche Massnahmen Gebühren von
Fr. 105.– pro Stunde. Damit verfügt diese Gemeinde über eine genügende gesetzliche
Grundlage und durfte dementsprechend für das vorinstanzliche Verfahren Gebühren
erheben. Gemäss Art. 6 des Gebührenreglements schuldet Gebühren und Auslagen, wer
5 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21). 6 Vgl. dazu auch Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 107 N. 1. 7 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1). 8 Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV, BSG 101.1). 9 Gebührenreglement der Einwohnergemeinde Oberdiessbach vom 4. Dezember 2006 (Gebührenreglement). 10 Gebührentarif der Einwohnergemeinde Oberdiessbach vom 24. Januar 2007 (Gebührentarif).
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eine Dienstleistung nach diesem Reglement bestellt oder verursacht. Damit verweist auch
das kommunale Reglement auf das Kostenverursacherprinzip; die Kosten des
vorinstanzlichen Verfahrens sind derjenigen Partei aufzuerlegen, die die Aufwendungen
der Baupolizeibehörde der Gemeinde Oberdiessbach verursachte.
4. Baupolizeiliche Pflichten und Kostenverursachung
a) Die Gemeinde überprüfte auf Grund der Anzeige des Beschwerdeführers, ob der
Beschwerdegegner einen Unterstand mit einer Höhe von 2.2 m, zwei Kamine,
Palisadenwände mit Steinkörben und Solarpanels rechtmässig erstellte. In diesem
Zusammenhang prüfte sie auch die Notwendigkeit von baupolizeilichen Massnahmen.
b) Die Baupolizei ist Sache der zuständigen Gemeindebehörde (Art. 45 BauG). Wird ein
Bauvorhaben ohne Baubewilligung ausgeführt, so verfügt sie die Einstellung der Arbeiten;
sie kann auch ein Benützungsverbot erlassen, wenn es die Verhältnisse erfordern. Die
Baupolizeibehörde setzt sodann dem jeweiligen Grundeigentümer eine angemessene Frist
zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands und gibt ihm gleichzeitig die
Möglichkeit, ein nachträgliches Baugesuch einzureichen (Art. 46 BauG). Die
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands ist zwar die Regel, sie ist allerdings nur
dann anzuordnen, wenn sich die Wiederherstellung als verhältnismässig erweist. Bei
baubewilligungsfreien Bauten und Anlagen hat die Baupolizeibehörde einzuschreiten,
wenn diese die öffentliche Ordnung stören (Art. 1b BauG).
Erhält eine Baupolizeibehörde Kenntnis von unbewilligten Bauten und Nutzungen oder
werden bei der Ausführung eines Bauvorhabens Vorschriften missachtet, hat sie von
Amtes wegen einzuschreiten und ein Wiederherstellungsverfahren durchzuführen (Art. 46
Abs. 1 BauG). Nachbarn, die in schutzwürdigen Interessen betroffen sind, können sich als
Anzeiger am baupolizeilichen Verfahren beteiligen. Sie haben Parteistellung im Verfahren
(Art. 46 Abs. 2 BauG) und können Anträge stellen.11 Sie haben zudem einen Anspruch
darauf, dass das Verfahren mit Erlass einer Verfügung abgeschlossen wird.12
11 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 2 ff. 12 Vgl. BGE 130 II 521 E. 2.5 S. 525 f.; BGer 1A.108/2004 vom 17. November 2004, E. 2.3.
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Falls ein (formell) rechtswidriger Zustand vorliegt, hat die Baupolizeibehörde daher
unabhängig vom Vorliegen einer privaten Anzeige ein Verfahren einzuleiten und den
massgeblichen Sachverhalt abzuklären. Wer für einen baurechtswidrigen Zustand
verantwortlich ist, gilt daher immer als Verursacher eines baupolizeilichen Verfahrens.13 Ein
Anzeiger kann nur dann kostenpflichtig werden, wenn er mutwillig resp. ohne berechtigten
Verdacht ein entsprechendes Verfahren anstösst.
c) Gemäss dem unbestrittenen Sachverhalt liegt für keine der im Rahmen des vor-
instanzlichen Verfahrens überprüften Bauten und Anlagen eine gültige Baubewilligung vor.
Der Beschwerdegegner macht zudem auch nicht geltend, er habe die Bauten ohne
Baubewilligung erstellen dürfen. Insbesondere anerkennt er mit dem Einreichen eines
Baugesuchs auch die Baubewilligungspflicht für die freistehenden Solarpanels. Auf Grund
der vorhandenen Unterlagen liegen schliesslich keine Gründe vor, die Beurteilung der
Gemeinde in Zweifel zu ziehen.
Demzufolge sind sämtliche von der Baupolizeibehörde im Rahmen des vorinstanzlichen
Verfahrens beurteilten Bauten und Anlagen formell rechtswidrig. Entgegen den
gesetzlichen Vorschriften hat der Beschwerdegegner die Bauten und Anlagen erstellt, ohne
vorgängig um eine Baubewilligung zu ersuchen. Dementsprechend hätte die
Baupolizeibehörde der Gemeinde Oberdiessbach unabhängig von einer Anzeige ein
baupolizeiliches Verfahren einleiten müssen. Der Beschwerdegegner hat das
vorinstanzliche Verfahren daher selber verursacht, da er ohne gültige Baubewilligung
baute. Der Beschwerdeführer hat zwar mit seiner Anzeige das vorinstanzliche Verfahren
angestossen, da aber ein rechtswidriger Zustand vorlag, hätte ein solches auch ohne seine
Anzeige angehoben werden müssen. Schliesslich ist es für die Kostenverursachung auch
unerheblich, dass die Gemeinde wegen dem Ablauf von mehr als fünf Jahren, seitdem die
Rechtswidrigkeit erkennbar war, auf die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands
grösstenteils verzichtet. In korrekter Anwendung des Kostenverursacherprinzips hätte die
Vorinstanz dem Beschwerdegegner sämtliche Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens
auferlegen müssen. Die Rüge des Beschwerdeführers und damit die Beschwerde
insgesamt erweist sich daher als begründet. Für das vorinstanzliche Verfahren hat der
Beschwerdeführer keine Kosten zu tragen. Die Kosten des Baupolizeiverfahrens der
13 Ähnlich BDE 120/2015/25, E. 7b und BDE 120/2018/1, E. 7b.
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Gemeinde Oberdiessbach im Umfang von Fr. 630.– sind dem Beschwerdegegner
aufzuerlegen.
5. Kosten des Beschwerdeverfahrens
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdegegner. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 500.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV14).
Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).