Decision ID: cb28ada0-8c25-5695-9b9b-a143dc88b520
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (afghanischer Staatsangehöriger, geb. [...]) er-
suchte am 21. Juli 2020 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Fin-
gerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass er am 29. Juni 2020
in Italien illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist war.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 3. August 2020 rechtliches
Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit ei-
ner Überstellung nach Italien, dessen Zuständigkeit für die Behandlung des
Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwerdeführer er-
klärte, er sei über den Iran, die Türkei und Italien in die Schweiz gereist. In
Italien sei er zwangsweise daktyloskopiert und von der Polizei schlecht be-
handelt worden. Zu seiner Gesundheit gab er an, er habe Probleme mit
den Nieren. Es sei ihm Blut und Urin zur Prüfung abgenommen worden.
Ferner leide er unter Schlafstörungen.
C.
Die italienischen Behörden lehnten das Gesuch des SEM vom 3. August
2020 um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 1
der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur
Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
am 4. August 2020 zunächst ab. Dem erneuten Übernahmegesuch des
SEM vom 5. August 2020 (Remonstrationsersuchen) stimmten die italieni-
schen Behörden am 7. August 2020 zu.
D.
Mit Verfügung vom 11. August 2020 (eröffnet am 13. August 2020) trat das
SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte des-
sen Überstellung nach Italien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die
Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen
Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung
zu.
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E.
Mit Beschwerde vom 20. August 2020 (Postaufgabe) gelangte der Be-
schwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen,
sich für das Asylgesuch als zuständig zu erachten; eventuell sei die Sache
zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung an das SEM zurückzuwei-
sen. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei der Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde sei unverzüglich
anzuweisen, von einer Überstellung nach Italien abzusehen, bis das Bun-
desverwaltungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung ent-
schieden habe. Ferner ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung.
F.
Am 21. August 2020 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen su-
perprovisorischen Vollzugstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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Seite 4
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art.
8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mit-
gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.3 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-II-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre.
4.
Vorliegend steht ausser Frage, dass der Beschwerdeführer in Italien illegal
in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten einreiste. Nachdem das Übernah-
meersuchen des SEM zunächst abgelehnt wurde, stellte die Vorinstanz ein
Remonstrationsersuchen, welches die italienischen Behörden am 7. Au-
gust 2020 ausdrücklich guthiessen, womit die Zuständigkeit Italiens grund-
sätzlich gegeben ist.
5.
Der Beschwerdeführer macht in seiner Rechtsmitteingabe im Wesentli-
chen geltend, die Vorinstanz habe es unterlassen, den Sachverhalt in me-
dizinischer Hinsicht als auch in Bezug auf allgemein bekannte Mängel im
italienischen Asylsystem rechtsgenüglich abzuklären, und damit ihre Un-
tersuchungspflicht verletzt. Auch habe sie nicht eingehend begründet, wes-
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halb sie keinen Selbsteintritt vorgenommen und sich lediglich mit einer pau-
schalen Abhandlung begnügt, womit sie ihr Ermessen nicht korrekt ausge-
übt habe.
Aufgrund seiner Angaben anlässlich des Dublingesprächs vom 3. August
2020 und des medizinischen Datenblatts vom 30. Juli 2020 habe die
Vorinstanz von den noch nicht abschliessend geklärten gesundheitlichen
Problemen (Nieren- und Hodenschmerzen, Schlafstörungen) Kenntnis ge-
habt, wobei vor Erlass der angefochtenen Verfügung keine Kontaktauf-
nahme mit der Pflege erfolgt sei. Somit stehe auch nicht fest, was die bis-
herigen Untersuchungen ergeben hätten (Blut- und Urinprobe) und welche
weitere Behandlung er – der Beschwerdeführer – benötige. Die Vorinstanz
halte zwar fest, dass er an Nierenproblemen und Schlafstörungen leide,
gehe aber nicht weiter darauf ein.
Im Urteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 sei das Bundesverwaltungs-
gericht in Anbetracht der derzeitigen Situation des Aufnahmesystems in Ita-
lien und der Änderungen nach Inkrafttreten des "Salvini-Dekrets" zum
Schluss gekommen, dass die Schweizer Asylbehörden für schwer er-
krankte Asylsuchende, die nach der Ankunft in Italien auf medizinische Ver-
sorgung angewiesen seien, individuelle Zusicherungen betreffend Ge-
währleistung der nötigen medizinischen Versorgung und Unterbringung
einholen müssten. Die Vorinstanz habe die italienischen Behörden zweimal
ersucht, ihn – den Beschwerdeführer – aufzunehmen, ohne dabei zu er-
wähnen, dass er unter gesundheitlichen Probleme leide. Dazu wäre sie
aber verpflichtet gewesen. Eine Überstellung nach Italien könne daher nur
erfolgen, wenn der medizinische Sachverhalt abschliessend festgestellt
und bekannt sei, welche Behandlung er benötige, da nicht ausgeschlossen
werden könne, dass es sich dabei um gravierende gesundheitliche Prob-
leme handle.
6.
Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung davon
aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwachstellen –
keine systemischen Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz Dublin-
III-VO aufweist (vgl. u.a. Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember
2019 E. 6.3 sowie Urteil D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.1). Folglich
ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das SEM den rechtserheblichen Sachverhalt
im Hinblick auf allfällige gravierende gesundheitliche Probleme des Be-
schwerdeführers nicht abgeklärt hat und das Selbsteintrittsrecht nach
Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO auszuüben ist.
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7.
7.1 Aus dem medizinischen Datenblatt für interne Arztbesuche im EVZ Ba-
sel vom 30. Juli 2020 (vgl. SEM act 16/1) geht hervor, dass der Beschwer-
deführer an Nierenschmerzen (links) leidet und deswegen eine Blut- und
eine Urinprobe angeordnet wurde. Gemäss seinen Angaben habe er ferner
Hodenschmerzen und leide an Schlafstörungen.
7.2 Es trifft zu, dass das Bundesverwaltungsgericht in seinem Referenzur-
teil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 strengere Kriterien für Dublin-
Überstellungen von schwer erkrankten Asylsuchenden, die sofort nach der
Ankunft in Italien auf lückenlose medizinische Versorgung angewiesen
sind, beschlossen und das SEM verpflichtet hat, individuelle Zusicherun-
gen betreffend die Gewährleistung der nötigen medizinischen Versorgung
und Unterbringung bei den italienischen Behörden einzuholen (vgl.
E-962/2019 E. 7.4.3). Der Beschwerdeführer fällt aber nicht in diese Kate-
gorie, zumal er die von ihm geschilderten Leiden offensichtlich schon seit
längerer Zeit hat, ohne dass beispielsweise seine Reisetätigkeit beein-
trächtigt war oder er deswegen auf eine spezielle und lückenlose medizini-
sche Behandlung angewiesen war. Das SEM war deshalb nicht gehalten,
diese Leiden den italienischen Behörden anlässlich der Überstellungsan-
fragen mitzuteilen. Hinzu kommt, dass Italien grundsätzlich über eine aus-
reichende medizinische Infrastruktur verfügt, die imstande ist, die notwen-
digen Blut- und Urinproben oder allfällige weitere Untersuchungen durch-
zuführen. Der Zugang für asylsuchende Personen zum italienischen Ge-
sundheitssystem über die Notversorgung hinaus ist derzeit grundsätzlich
gewährleistet, auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen
kommen kann (vgl. D-2846/2020 E. 6.2.1 m.H.). Das Bundesverwaltungs-
gericht hat denn auch unlängst eine vom SEM angeordnete Überstellung
eines taubstummen Asylsuchenden mit Nieren- und Herzproblemen (auf
gelegentliche Kontrolle der Nierenwerte und kardiale Untersuchungen an-
gewiesen) nach Italien bestätigt (vgl. D-2846/2020 vom 16. Juli 2020). In-
dem das SEM im vorliegenden Verfahren das Ergebnis der Blut- und Urin-
probe nicht abwartete und den Sachverhalt medizinisch nicht weiter ab-
klärte, hat es seine Untersuchungspflicht demnach nicht verletzt.
7.3 Vor diesem Hintergrund ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
nicht zur Gruppe der besonders verletzlichen Personen im Sinne des Ur-
teils E-962/2019 E. 7.4 gehört. Ein Selbsteintritt aus humanitären Gründen
ist bei dieser Sachlage nicht angezeigt. Die Vorinstanz ist daher zu Recht
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gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwer-
deführers nicht eingetreten und hat zu Recht die Überstellung nach Italien
angeordnet.
7.4 Im Weiteren werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Voll-
zug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, die italienischen Behör-
den – sofern notwendig – vorgängig in geeigneter Weise über allfällige spe-
zifische medizinische Umstände des Beschwerdeführers informieren
(Art. 31 f. Dublin-III-VO).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und mit dem Urteil in
der Sache wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ge-
genstandslos.
9.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu-
weisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
10.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
(Dispositiv nächste Seite)
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