Decision ID: 4dbf08a3-7eff-5479-94ab-23b5be7ea113
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 12./17. März 2003 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an und beantragte namentlich eine Rente (act. 1). Dr. med.
B._, Allgemeine Medizin FMH, berichtete am 13. Mai 2003 (act. 12-1 bis 4), es
bestünden seit 1998 rezidivierende Lumbalgien. Er diagnostizierte chronische
Lumboischialgien links bei St. n. Diskushernienoperation L5/S1 rechts 30.3.99. Nach
einem Autounfall vom Juni 1999 seien die Beschwerden exazerbiert. Bis 1992 sei die
Versicherte erwerbstätig gewesen, seither sei sie im Haushalt tätig. Die Versicherte
arbeite in ihrem Haushalt mit [...] Kindern voll, aber mit Schmerzen. Für grössere
Reinigungsarbeiten benötige sie eine Hilfe (Einschränkung um 10 bis 20 %). Alle
rückenschonenden Tätigkeiten seien zumutbar. Eine Abklärung an Ort und Stelle vom
24. Mai 2004 (act. 39) - die Versicherte hatte sich inzwischen am 1. März 2004 einer
transforaminalen lumbalen intersomatischen Fusion L5/S1 unterzogen - ergab, dass sie
im Haushalt zu 70 % eingeschränkt sei. Dr. B._ berichtete am 29. Juni 2004 von
einer der Versicherten zumutbaren Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten von 50 %.
Die Klinik für Orthopädische Chirurgie gab am 16. August 2004 an, die Versicherte sei
noch bis anfangs September 2004 voll arbeitsunfähig und ob andere Tätigkeiten
zumutbar seien, lasse sich mangels Erreichens des Endzustands noch nicht beurteilen,
aber auch, die bisherige Tätigkeit sei ihr noch an zweimal zwei bis drei Stunden pro
Tag zumutbar (entsprechend einer Arbeitsfähigkeit von 60 %). Die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle sprach der Versicherten daraufhin am 20. Januar
2005 (act. 51) ab 1. März 2002 eine ganze Rente zu (Invaliditätsgrad 73 % bei
Aufteilung in 10 % Erwerbstätigkeit mit voller Arbeitsunfähigkeit und 90 %
Haushalttätigkeit mit einer Einschränkung von 70 %). - Ein Revisionsverfahren vom Mai
2005 endete mit der Feststellung vom 6. März 2007 (act. 74), dass keine
rentenbeeinflussende Änderung vorliege. - In einem weiteren Revi-sionsverfahren von
Amtes wegen ab Juli 2008 wurden am 15. Mai 2009 eine erneute Abklärung an Ort und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stelle (act. 96) und eine medizinische Begutachtung durchgeführt. Im Gutachten vom
25. Januar 2010 (act. 104) bezeichnete das Ärztliche Begutachtungsinstitut (ABI) als
(Haupt-) Diagnose ein chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom ohne akute
radikuläre Symptomatik, mit residuellem sensiblem Ausfallsyndrom S1 mit fehlendem
Achillessehnenreflex rechts sowie mit einem Status nach TLIF L5/S1 am 01.03.2004
und Status nach Fenestration bei Diskushernie L5/S1 rechts 1999. Als Diagnose ohne
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurde eine Schmerzverarbeitungsstörung genannt. Für
körperlich leichte, adaptierte Tätigkeiten bestehe eine vollzeitliche Arbeitsfähigkeit mit
einer um 20 % reduzierten Leistung, entsprechend einer zumutbaren Arbeitsleistung
von 80 %. Für Tätigkeiten mit darüber hinausgehendem Belastungsprofil bestehe eine
volle Arbeitsunfähigkeit. Die Einschränkung im Haushalt betrage aus medizinischer
Sicht 30 %. Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle hob mit Verfügung vom 23. März
2010 (act. 114) die Verfügung vom 20. Januar 2005 wiedererwägungsweise auf und
stellte die Rente ein (auf eine Rückforderung verzichtete sie). Die gegen diese
Verfügung gerichtete Beschwerde vom 10. Mai 2010 (vgl. act. 120) wurde mit
Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 14. Dezember 2010
(act. 134) insofern gutgeheissen, als die Aufhebung der Rente auf den 1. Mai 2010 hin
vorzunehmen sei.
A.b Am 11./13. Mai 2011 (act. 136) meldete sich die Versicherte erneut bei der
Invalidenversicherung an. - Dr. B._ erklärte im Arztbericht vom 8. Juni 2011 (act.
147), die Versicherte leide nach wie vor unter dauernden Rückenschmerzen. Hinzu sei
nun eine schwere depressive Verstimmung mit Suizidgedanken gekommen. Die
Versicherte befinde sich in psychiatrischer Behandlung und sei von der betreffenden
Stelle voll arbeitsunfähig geschrieben worden. - Am 15. August 2011 (act. 149) machte
eine Rechtsvertreterin für die Versicherte unter Beilage verschiedener Arztberichte (act.
150 ff.) eine deutliche Verschlechterung vor allem der psychischen Komponente deren
Gesundheitszustands geltend. Dr. med. C._, Facharzt FMH für Neurochirurgie, hatte
in zwei Arztberichten vom 2. und vom 17. Februar 2011 (act. 150 f.) nebst den
lumbalen Leiden auch Zervikalgien diagnostiziert. Die Klinik D._ hatte der
Versicherten am 23. Mai 2011 eine volle Arbeitsunfähigkeit für die Zeit vom 12. April bis
31. Mai 2011 attestiert (act. 152-1, bei Behandlung bis 21. Mai 2011), das Psychiatrie-
Zentrum E._ am 7. Juni 2011 eine solche während des Monats Juni 2011 (act.
152-2). Dr. B._ hatte am 29. Juli 2011 (act. 153-1) berichtet, die Aberkennung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente habe die Versicherte sehr getroffen. Sie sei in eine schwere Depression mit
Suizidgedanken gefallen. Sicherlich könnte sie ganz leichte Arbeiten machen, doch
brauche sie ja schon im Haushalt Hilfe und sei zudem durch die mangelnde
Schulbildung schwer im Nachteil. Am 15. August 2011 gab Dr. B._ bekannt, es gehe
der Versicherten wieder viel schlechter, so dass sie erneut in die Klinik D._ habe
eingewiesen werden müssen (act. 153-2).
A.c Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle teilte am 31. August 2011 (act. 159) mit,
berufliche Massnahmen seien zurzeit nicht möglich.
A.d Gemäss einem FI-Gesprächsprotokoll (act. 160) gab Dr. B._ dem Regionalen
Ärztlichen Dienst (RAD) der Invalidenversicherung am 24. August 2011 unter anderem
an, die psychische Problematik habe sich seit Frühjahr 2011 verstärkt. Er ergänzte
schriftlich, von der Psyche her, aber nicht vom Rückenleiden her, könne ein
Wiedererlangen der Arbeitsfähigkeit erwartet werden.
A.e Dr. med. F._, Fachärztin, Psychiatrie-Zentrum E._, gab am 5. September 2011
(act. 161) bekannt, die Versicherte habe eine stationäre psychiatrische Behandlung [ab
12. April 2011] nach ca. fünf Wochen wegen eines Gehirntumors ihres Sohnes
abgebrochen und habe sich nach dessen Operation wieder zur ambulanten
Weiterbehandlung gemeldet. Am 11. August 2011 sei sie dabei in schwer depressiver
Verfassung gewesen, so dass eine stationäre Massnahme indiziert gewesen sei (ab 15.
August 2011 erfolgt). Im IV-Arztbericht vom 12. Oktober 2011 (act. 164) gab sie an, es
liege eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode, ohne
psychotische Symptome vor. Seit dem 7. April 2011 sei die Versicherte aus
psychiatrischer Sicht voll arbeitsunfähig.
A.f In einem Austrittsbericht der Klinik D._ vom 23. Juni 2011 betreffend den
stationären Aufenthalt der Versicherten vom 12. April 2011 bis 21. Mai 2011 (act. 170,
act. 205-16 ff.) war nebst einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig
schwere Episode, ohne psychotische Symptome, eine noch nicht näher bezeichnete
kognitive Störung diagnostiziert worden. Die Versicherte stehe in komplexer und
schwieriger sozialer Situation. - Im Austrittsbericht vom 30. Dezember 2011 über die
zweite Phase der stationären Behandlung vom 15. August 2011 bis 3. Dezember 2011
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(act. 171, act. 205-12 ff.) wurde festgehalten, die Versicherte sei wegen
Rückenbeschwerden seit Jahren nicht mehr arbeitsfähig und nun, da die Rente
gestrichen worden sei, in finanziellen Schwierigkeiten, welche sie im Alltag ständig sehr
belasteten. Unter weniger Stress habe sie gute Copingstrategien für ihre
Schmerzproblematik, und auch sonst gute Ressourcen. Bei Austritt sei sie im
Grundaffekt aufgehellter und deutlich stabiler gewesen. Psychomotorisch sei sie
unauffällig gewesen. Suizidale Gedanken seien nur noch selten vorhanden.
A.g Dr. B._ hielt am 27. Februar 2012 (act. 175-1 bis 6) dafür, die Versicherte sei seit
Jahren, mindestens seit 2011, voll leistungsunfähig. Sie leide an dauerndem Grübeln,
Schlafstörungen, Depression und permanenten Schmerzen. Als Diagnose lägen unter
anderem Zervikalgien vor.
A.h In einem Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt
gab die Versicherte am 2. März 2012 (act. 176) unter anderem an, sie wäre ohne
Behinderung voll erwerbstätig. Sie habe von März bis Mai 2011 RAV-
Stellenbewerbungen unternommen. Das jüngste Kind sei 15-jährig. Fast alle Tätigkeiten
im 4-Personen-Haushalt würden durch Dritte erledigt.
A.i Dr. F._ berichtete am 27. März 2012 (act. 179), bei der letzten Konsultation (bei
ca. vierwöchigen Intervallen) habe sich die Versicherte in einer mittelgradig depressiven
Stimmungslage gezeigt. Es sei eine dritte Wirbelsäulenoperation geplant. - Im IV-Arzt-
bericht vom 9. August 2012 (act. 190) gab die Ärztin unter anderem an, aufgrund der
chronischen Rückenschmerzen und der vielen psychosozialen Belastungsfaktoren sei
die Versicherte in eine zusehends depressive Symptomatik mit Antriebsmangel,
Niedergeschlagenheit und Schlafproblemen geraten. - Von Dr. C._ ging ein auf den
13. April 2012 nochmals datierter (also für dieses Datum wiederholter) Bericht vom 17.
Februar 2011 (act. 183-4 f.) ein. Der Arzt hatte darin Dr. B._ um Zuweisung der
Versicherten an die Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen ersucht.
A.j Der RAD befürwortete am 10. Oktober 2012 (act. 191) eine bidisziplinäre
(orthopädische/psychiatrische) Begutachtung, denn eine volle Arbeitsunfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht erscheine nicht nachvollziehbar.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.k In ihrem Gutachten vom 24. März 2013 (act. 197, über die Begutachtung vom 15.
Februar 2013) hielten Dr. med. G._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, und Dr. med. H._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates FMH, interdisziplinär (act. 197-37 f.) fest, es lägen eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwergradige Episode, eine
chronische Lumboischialgie L5/S1, weniger L4/L5, bei degenerativen Veränderungen
ossärer und diskogener Art an der lumbalen Wirbelsäule sowie eine chronische
Cervicobrachialgie bei degenerativen Veränderungen ossärer und diskogener Art an
der cervicalen Wirbelsäule vor. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien akzentuierte
Persönlichkeitsanteile mit ängstlich/abhängigen Anteilen und ein Naevus unklarer
Dignität paraskapulär rechts. Seit Mitte Dezember 2012 weile die Versicherte wieder in
der psychiatrischen Klinik. Zurzeit bestehe wegen der stark ausgeprägten depressiven
Symptomatik im Sinn eines eigenständigen Krankheitsbildes in keiner Tätigkeit eine
Arbeitsfähigkeit, und zwar seit April 2011 nicht mehr. Der RAD schloss sich der
Beurteilung an (act. 200).
A.l Im IV-Arztbericht vom 6. Mai 2013 (act. 205-1 bis 7) erklärte die Klinik D._
(Psychiatrie-Dienste I._), es bestünden eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome, und ein chronisches
lumbo-vertebrales Schmerzsyndrom. Bei Austritt [am 8. März 2013] habe die
Versicherte eine deutlich aufgehellte Grundstimmung besessen, aber von
Schwankungen berichtet. Sie habe auffällige Gedächtnisschwierigkeiten und habe in
den Therapien eine verringerte Konzentrationsspanne gezeigt. Sie sei weiterhin voll
arbeitsunfähig. Im beigelegten Austrittsbericht vom 11. März 2013 (act. 205-8 ff.)
betreffend die stationäre Behandlung vom 12. Dezember 2012 bis 9. März 2013 hatte
die Klinik D._ (Psychiatrie-Dienste I._) angegeben, es lägen eine schwere
depressive Episode ohne psychotische Symptome und ein (komorbides) chronisches
lumbovertebrales Schmerzsyndrom vor. Die Versicherte sei wegen eines schweren
Erschöpfungszustands während dreier Monate stationär behandelt worden. Trotz
zahlreicher medikamentöser Behandlungsversuche habe nur eine Teilremission erreicht
werden können.
A.m Am 20. August 2013 stellte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle der
Gutachterin der Psychiatrie verschiedene Fragen (act. 211). Dr. G._ antwortete am
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
13. September 2013 (act. 215-3), sie habe auf S. 35 irrtümlich von einer mittelgradigen
depressiven Episode im Sommer 2008 geschrieben. Fast durchgängig sei der
Schweregrad als schwer bezeichnet worden; eine Ausnahme mache der Bericht des
Psychiatrischen Zentrums vom 27. März 2012. Gründe für das Leiden gebe es viele.
Schon vor April 2011 habe die Versicherte immer wieder an Depressionen gelitten und
die Vulnerabilität hierfür sei gesteigert. Die Einstellung der Rente der IV habe zu einer
grossen Verunsicherung mit existenziellen Ängsten geführt. Das Auftreten solcher
Episoden sei aber bei rezidivierender Erkrankung auch ohne nennenswerte äussere
Belastungsfaktoren möglich.
A.n Mit Vorbescheid vom 24. September 2013 (act. 218 f.) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle der Versicherten die Abweisung des
Leistungsgesuchs in Aussicht.
A.o Die Versicherte liess hiergegen am 5. November 2013 (act. 224) einwenden, sie sei
durchgehend als arbeitsunfähig eingeschätzt worden. Am 20. Juli 2013 habe sie einen
Autounfall erlitten, welcher die Kopf-, Nacken- und Schulterschmerzen verstärkt habe.
A.p Am 7. November 2013 (act. 225) verfügte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
im Sinn des Vorbescheids.
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt Dr. iur. E. Ronald
Pedergnana für die Betroffene am 14. November 2013 erhobene Beschwerde. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, eine ganze Rente zu
sprechen, eventualiter sei ein neues Gutachten zu erstellen. Der Beschwerdeführerin
sei die unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung zu gewähren. Das
Gutachten (vom 24. März 2013) sei in orthopädischer Hinsicht nicht verwertbar. Der
Gutachter habe die Vorakten nicht gewürdigt und nicht alle Beschwerden
berücksichtigt. Zudem habe er sich auf die Diagnose einer Fibromyalgie versteift, sie
aber in der Diagnoseliste nicht aufgeführt. Er sei sich seiner Beurteilung nicht sicher
und in gewisser Weise überfordert gewesen. Die Gutachterin der Psychiatrie habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entgegen der Behauptung der Beschwerdegegnerin nicht bestätigt, dass
psychosoziale Belastungsfaktoren wie die Renteneinstellung wesentlich zur
Verschlechterung beigetragen hätten, sondern sie habe nur die Möglichkeit eines
solchen Vorgangs festgestellt und zugleich erwähnt, dass eine schwere depressive
Episode auch ohne diese Faktoren auftreten könne. Die Beschwerdegegnerin habe ihre
Feststellungen so umformuliert, dass ein anderer Sachverhalt entstehe. Lägen keine
schlüssigen medizinischen Angaben vor, bedinge das regelmässig Aktenergänzungen.
Es sei nicht zulässig, stattdessen anderen Motiven und Umständen den Vorzug zu
geben. Die Beschwerdegegnerin habe ferner den Unfall vom 20. Juli 2013 in ihrer
Gesamtbeurteilung übergangen. Gemäss dem Bericht der Psychiatrie-Dienste I._ sei
die Beschwerdeführerin wegen der ausgeprägten somatischen Komorbidität zur
somatischen Rehabilitation in die Klinik Valens überwiesen worden. Es sei ein weiteres
Gutachten unter Berücksichtigung der Unfallfolgen durchzuführen.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 8. Januar 2014 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Es gebe keine Hinweise darauf, dass der Gutachter der
Orthopädie die Beschwerdeführerin nicht umfassend und kompetent untersucht habe.
Er komme nachvollziehbarerweise zum Schluss, dass bei der Beschwerdeführerin
keine neurologischen Schäden, sondern degenerative Veränderungen im
Rückenbereich vorlägen. Bezüglich der Fibromyalgie habe er festgehalten, sie könne
lediglich zur Diskussion gestellt werden, weil die neuen Diagnosekriterien noch nicht
anerkannt seien. Ob dieses Leiden vorliege oder nicht, könne offen bleiben, da es für
sich allein nicht invalidisierend sei. Es lägen weder neurologische noch wesentliche
Schädigungen im muskulo-skelettalen Bereich vor und die Arbeitsunfähigkeit in
rückenadaptierten Tätigkeiten aus somatischer Sicht sei, was als grosszügig zu
betrachten sei, auf 20 % festgelegt worden. Es handle sich demnach um ein mit einer
somatoformen Schmerzstörung vergleichbares syndromales Leiden, zumal das ABI
eine Schmerzverarbeitungsstörung diagnostiziert habe. Es lägen keine Hinweise dafür
vor, dass die schwere depressive Episode eine eigenständige psychische Erkrankung
darstelle, die nicht im Zusammenhang mit der Schmerzstörung und vor allem mit der
schwierigen psychosozialen und soziokulturellen Situation stehe. Wie Dr. G._ erklärt
habe, habe die Einstellung der Rente zu einer grossen Verunsicherung mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
existenziellen Ängsten geführt und die Entwicklung einer schweren depressiven
Episode begünstigt. Die diagnostizierte Depression sei daher nicht invalidisierend,
zumal auch keine Foerster'schen Kriterien in invalidisierendem Schweregrad ersichtlich
seien. Vielmehr sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin psychiatrisch
betrachtet voll arbeitsfähig sei, wie das bereits das ABI festgestellt habe. Weitere
medizinische Abklärungen seien unnötig. Das geltend gemachte Unfallereignis vom 20.
Juli 2013 habe keine gravierenden Auswirkungen gehabt, da keine Unfallverletzungen
aktenkundig seien.
D.
Am 13. Januar 2014 entsprach die Gerichtsleitung dem Gesuch um Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung).
E.
E.a Mit Replik vom 16. Januar 2014 bringt der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
vor, das orthopädische Gutachten habe sich nicht mit den Vorakten
auseinandergesetzt, denn sonst hätte der Gutachter - im Wissen darum, dass der
operative Eingriff nicht zu einem befriedigenden Resultat geführt habe - weitere
Abklärungen in die Wege geleitet. Der Gutachter [...] sei ausserdem befangen und
habe die Beurteilung mit gezogener Handbremse vorgenommen. Die
Beschwerdegegnerin leite aus einer einzigen anamnestischen Aussage der
Beschwerdeführerin ab, dass keine invalidisierende Depression vorliege, und übergehe
die Diagnosestellung der Gutachterin der Psychiatrie.
E.b Mit Eingabe vom 27. März 2015 teilt der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
mit, sie befinde sich wieder in der Klinik. Der Austrittsbericht sei abzuwarten. - Am 31.
Juli 2015 reicht er einen Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik J._ vom 16. Juli
2015 ein. Der behandelnde Psychiater med. prakt. J._ habe ausführlich begründet,
weshalb die Beschwerdegegnerin im ersten Arbeitsmarkt nicht mehr leistungsfähig sei.
Es sei eine schwere strukturelle Störung der Ich-Regulation vorhanden. Der
Rechtsvertreter legt dar, somatische und psychosomatische und psychiatrische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Befunde würden so ineinander greifen, dass es nicht möglich sei, die Sache der
Beschwerdeführerin irgendwo zu fassen. Unter Konfliktdruck reagiere sie mit
Externalisierung von Verantwortung bzw. der Alltagsbewältigung. Der Psychiater solle
es richten, der Arzt solle operieren, der Anwalt solle zum Recht verhelfen. Das sei nicht
nur extrem nervig, sondern ein Wesenskern der Persönlichkeitsstörung, welche die
Beschwerdeführerin für den ersten Arbeitsmarkt völlig untauglich mache. Das habe der
RAD bereits im Januar 2012 festgestellt. Die Handhabung des Falls durch die
Beschwerdegegnerin sei unverständlich und volkswirtschaftlich schädlich, denn
ökonomische Unsicherheit bzw. die Aufhebung der Rente bei einer Person, die sich
ohnehin bereits nur knapp psychisch über Wasser halten könne, trage zweifellos zur
Dekompensation bei. Aus ihrem Handeln würden notwendige Klinikaufenthalte folgen. -
Im genannten Austrittsbericht betreffend die Hospitalisation vom 9. Februar 2015 bis
30. April 2015 war festgehalten worden, es lägen eine rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome, eine
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit histrionischen, narzisstischen, ängstlich-
vermeidenden und emotional instabilen Anteilen sowie eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung vor. Die chronischen neuropathischen Schmerzen, belegt durch
frühere orthopädische Befunde mit entsprechenden Operationen, hätten sich zu einem
chronischen Schmerzerleben im Sinn einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung entwickelt. Die Diagnose der Persönlichkeitsstörung ergebe sich aus
dem Interaktionsverhalten und dem Abwehrmuster der Beschwerdeführerin. Sie
schwanke zwischen Aggression und Regression. In den Austrittsberichten der Klinik
D._ und den Gutachten seien die traumatisierenden Ereignisse in der Kindheit und
Jugendzeit im Hinblick auf die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung viel zu wenig
mit einbezogen worden. Deprivationserleben im Sinn von fehlenden emotional
tragenden Beziehungserfahrungen in der Primärfamilie, schwere frühe Verlusterlebnisse
und körperliche Gewalterfahrungen in der Ehe hätten sich auf die
Persönlichkeitsentwicklung so ausgewirkt, dass sich ein allgemeines Bedrohungsgefühl
und eine schwere Vulnerabilität in der Persönlichkeit manifestiert hätten. In der Folge
habe sich ein unbewusster Versorgung-versus-Autarkie-Konflikt ausgebildet. Unter
Konfliktdruck reagiere die Beschwerdeführerin entsprechend mit einer Externalisierung
von Verantwortung für die Lösung bzw. ihrer Alltagsbewältigung. Es bestehe der
Wunsch, die professionellen Helfer sollten ihr Leben in Ordnung bringen. Sie reagiere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ferner mit der neurotischen Symptombildung einer Pseudodemenz, was sich immer
wieder in kognitiven Einschränkungen im Alltag zeige. Dabei seien die Einflüsse von
depressiven Symptomen und die sedierende Nebenwirkung von Tramadol zu
berücksichtigen. Es sei nicht vorstellbar, dass die Beschwerdeführerin auf dem ersten
Arbeitsmarkt nochmals vermittelbar sein werde, und zwar aufgrund ihres
Sozialverhaltens, der mangelnden Sprachkenntnisse, der mangelnden
Copingstrategien in Konfliktsituationen und der (im Sinn einer feindlichen Aussenwelt)
verschobenen Wahrnehmung der Realität. Im Hinblick auf die geänderte
Rechtsprechung zur somatoformen Schmerzstörung sei zu erwähnen, dass das
Interaktionsverhalten, die verschobene Realitätswahrnehmung und das
Konfliktverhalten im Rahmen einer kombinierten Persönlichkeitsstörung die Aspekte
darstellten, die für die Arbeitsfähigkeit limitierend seien. Ferner sei bei einer solchen
Persönlichkeitsstörung eine schwere strukturelle Störung der Ich-Regulation
vorhanden.
F.
In ihrer Duplik vom 24. Juli 2015 (Eingang: 13. August 2015) hält die
Beschwerdegegnerin dafür, die psychosozialen Belastungsfaktoren hätten einen
erheblichen Einfluss auf das von der Beschwerdeführerin präsentierte Beschwerdebild.
Soziale Belastungen, die direkte negative Folgen zeigten, müssten gemäss dem
Bundesgericht bei der Bemessung der Invalidität ausgeklammert bleiben. Eine von den
psychosozialen Faktoren abschichtbare psychische Pathologie sei nicht ersichtlich.
Deshalb sei nicht von einer invalidisierenden Gesundheitsschädigung auszugehen. Der
Austrittsbericht vom 16. Juli 2015 sei nicht von Relevanz, weil nur die tatsächlichen
Verhältnisse bis zum Verfügungszeitpunkt zu berücksichtigen seien.
G.
Mit Eingabe vom 24. August 2015 stellt sich der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin auf den Standpunkt, es stünden bei der Beschwerdeführerin
gerade keine sozialen Probleme im Vordergrund, die abgeschichtet werden müssten.
Das Sezieren des sozialen Anteils eines psychischen Problems, das den Blick freigebe
auf die unverstellte psychische Grundlagenproblematik, brächte ganz neue
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Perspektiven in die Psychiatrie. Der eingereichte Austrittsbericht beschreibe keine
neuen tatsächlichen Verhältnisse, denn die psychische Befindlichkeit habe sich nicht
verändert, sondern er liefere eine umfassende psychiatrische Erklärung für die
Unfähigkeit der Beschwerdeführerin, eine verwertbare Leistung zu erbringen.

Erwägungen
1.
1.1 Mit der angefochtenen Verfügung vom 7. November 2013 hat die
Beschwerdegegnerin das Leistungsgesuch der Beschwerdeführerin vom Mai 2011
(Neuanmeldung nach einer rechtskräftig gerichtlich beurteilten wiedererwägungsweisen
Aufhebung einer am 20. Januar 2005 ab 1. März 2002 zugesprochenen ganzen Rente
mit Wirkung ab 1. Mai 2010; damals strittig: Sachverhalt bis 23. März 2010)
abgewiesen. Zu beurteilen ist der Sachverhalt, wie er sich bis zum Zeitpunkt des
Erlasses dieser Verfügung entwickelt hat.
1.2 Die Beschwerdeführerin lässt einzig Rentenleistungen beantragen. Berufliche
Massnahmen wurden als wegen des Gesundheitszustands nicht möglich betrachtet.
Streitgegenstand bildet daher der allfällige Rentenanspruch. Ergäbe sich allerdings,
dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in Frage stünde, so
gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob die Verwaltung
den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige Pflicht der
Beschwerdeführerin zu Massnahmen korrekt in Anspruch genommen habe.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Art. 4 Abs. 1 IVG versichert zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwerbsunfähigkeit führende Gesundheitsschäden (worunter soziokulturelle Umstände
nicht zu begreifen sind). Eine (durch eine Gesundheitsschädigung bedingte)
Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit muss in jedem Einzelfall unabhängig von der
Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem
Ausmass bestimmt sein (vgl. BGE 127 V 294, insbesondere E. 5a und 4c, BGE 99 V
28). Beeinträchtigungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei
Aufbietung allen guten Willens, Arbeit in ausreichendem Masse zu verrichten, zu
vermeiden in der Lage wäre, sind nicht als Auswirkungen einer krankhaften (dort:
seelischen) Verfassung zu betrachten (BGE 102 V 165).
2.3 Die Bestimmung der Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit ist in allen Fällen das
Resultat der - einem objektivierten Massstab folgenden - Beurteilung, ob die
versicherte Person trotz des ärztlich diagnostizierten Leidens einer angepassten Arbeit
zumutbarerweise ganz oder teilweise nachgehen kann (vgl. BGE 141 V 281 E. 3.7.3;
vgl. auch BGE 127 V 294, BGE 139 V 547).
2.4 Steht fest, dass ein solcher Krankheitszustand mit (unüberwindlichem, d.h. ganze
oder teilweise Unzumutbarkeit einer Tätigkeit bewirkendem) Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit vorliegt, ist unerheblich, ob auch soziale, invalidenversicherungsfremde
Faktoren als (Teil-) Ursache bei dessen Entstehung eine wesentliche Rolle gespielt
haben (vgl. BGE 139 V 547 E. 3.2.2).
2.5 Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beschreiben
und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten
die versicherte Person arbeitsunfähig ist. In die gesetzliche Begriffsumschreibung der
Arbeitsunfähigkeit (nach Art. 16 ATSG) ist der Aspekt der zumutbaren Arbeit integriert;
denn in dem Umfang, wie eine versicherte Person von funktionellem
Leistungsvermögen und Vorhandensein/Verfügbarkeit psychischer Ressourcen her
eine (Rest-)Arbeitsfähigkeit aufweist, ist ihr die Ausübung entsprechend profilierter
Tätigkeiten zumutbar, es sei denn, andere als medizinische Gründe stünden der
Bejahung der Zumutbarkeit im Einzelfall in invalidenversicherungsrechtlich erheblicher
Weise entgegen, was jedoch nur in sehr engem Rahmen der Fall sein kann (vgl. BGE
132 V 393).
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 In somatischer Hinsicht lässt sich festhalten, dass gemäss dem Gutachten von Dr.
H._ vom 24. März 2013 für eine körperlich angepasste Tätigkeit von einer
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin von 80 % auszugehen ist, welche ganztägig,
aber mit vermehrten betriebsunüblichen Pausen umzusetzen ist. Eine relevante
Veränderung im Vergleich zum Zustand bei der Begutachtung von 2010 sei nicht
eingetreten. Diagnostisch gesehen handle es sich bei den Leiden um eine chronische
Lumboischialgie und eine chronische Cervicobrachialgie. Der Gutachter der Orthopädie
hat die Anamnese erhoben, die geklagten Beschwerden erfragt und die Vorakten,
darunter auch die bildgebenden medizinischen Aufzeichnungen, zur Kenntnis
genommen. Er hat die orthopädischen Befunde und einen neurologischen Status
erhoben. Die Beurteilung wurde somit nach einer umfassenden Begutachtung
vorgenommen. Bei der Beschwerdesituation der Beschwerdeführerin standen die
lumbal lokalisierten Schmerzen deutlich im Vordergrund, vor Schmerzen im Nacken.
Von der HWS war am 2. Februar 2012 ein MRI gemacht worden, das jüngste Bild der
LWS stammt vom Januar 2011. Das kann als ausreichend betrachtet werden.
3.2 Den Diagnosen nach zu schliessen erlangte erst nach der ABI-Begutachtung vom
Januar 2010 eine Cervicobrachialgie Relevanz. Den vom ABI zugezogenen Akten des
Kantonsspitals St. Gallen hatte zwar entnommen werden können, dass die
Beschwerdeführerin von zunehmenden Zervikalgien und Lumbalgien mit Ausstrahlung
ins linke Bein nach einem Autounfall vom 6. Dezember 2008 (offenbar frontale Kollision)
berichtet hatte. Ein HWS-Röntgenbild war jedoch vollkommen unauffällig ausgefallen
(act. 104-32). Im Bereich der HWS war am 23. Dezember 2008 keine Druck- oder
Klopfdolenz der Dornfortsätze zu verzeichnen, die Beweglichkeit der HWS unauffällig
gewesen. Bei der ABI-Begutachtung selber waren keine entsprechenden Beschwerden
beklagt worden (ausserdem waren keine Verspannungen der Nackenmuskulatur
tastbar). Nach der Aktenlage wurden erstmals im Februar 2011 von Dr. C._ nebst
den lumbalen Schädigungen auch Zervikalgien diagnostiziert. Dr. H._ hielt fest, es
bestünden an der cervicalen Wirbelsäule degenerativ bedingte Beschwerden. Die
Angaben der Beschwerdeführerin, die auf eine C8-Problematik schliessen lassen
würden, würden zwar durch die bildgebenden Verfahren nicht bestätigt. Es hätten sich
jedoch Veränderungen auf den Höhen C5/C6 und C6/C7 gezeigt, und zwar ohne
Nachweis einer Komprimierung neuraler Elemente. Die geltend gemachte Verstärkung
der Schmerzproblematik liess sich nach Auffassung von Dr. H._ klinisch nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vollumfänglich objektivieren. Das Begutachtungsergebnis einer Arbeitsunfähigkeit von
20 % in adaptierter Tätigkeit ist damit insgesamt nachvollziehbar begründet worden.
Für den Begutachtungszeitpunkt (vom 15. Februar 2013) ist dem orthopädischen
Gutachten Beweiswert zuzumessen. - Dass der Gutachter mit der Beschwerdeführerin
in seiner früheren Aufgabe [...] vorbefasst war (er hat einmal eine Begutachtung
vorgeschlagen, ein andermal einen innert zwei gesetzten Vergleichszeitpunkten
medizinisch unveränderten Zustand festgestellt), rechtfertigt nicht, auf das Gutachten
nicht abzustellen. Selbst ein Anschein von Befangenheit des Gutachters (bzw. von
Voreingenommenheit, so dass das Begutachtungsergebnis für ihn nicht mehr offen
gewesen wäre) lässt sich nicht ausmachen.
3.3 Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie habe am 20. Juli 2013, also nach der
Begutachtung durch Dr. H._, einen weiteren Verkehrsunfall (sie sei seitlich von einem
LKW gerammt worden) erlitten, nach welchem die Kopf-, Nacken- und
Schulterschmerzen verstärkt aufgetreten seien. Zu einem solchen Unfall fehlen bis
anhin jegliche Akten, namentlich liegt auch kein Bericht der Klinik Valens vor, wohin die
Beschwerdeführerin zugewiesen worden war und im August 2013 eingetreten ist (bei
massgeblichem Zeitpunkt des Verfügungserlasses im November 2013). Ferner gibt es
auch von einer "Schmerz-Spezialeinrichtung" (erwähnt in act. 205-9) keinen Bericht
(von act. 185-3 fehlt im Übrigen ein Rest). Wie es sich damit verhält, kann jedoch offen
bleiben, wie sich aus dem Folgenden ergibt.
4.
4.1 Was den psychiatrischen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin betrifft, hat
Dr. G._ aufgrund der Begutachtung vom Februar 2013 eine rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig schwergradige Episode, diagnostiziert. Akzentuierte
Persönlichkeitsanteile mit ängstlich/abhängigen Anteilen seien ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit. Wegen der stark ausgeprägten depressiven Symptomatik im Sinn
eines eigenständigen Krankheitsbildes bestehe aber seit April 2011 keine
Arbeitsfähigkeit mehr.
4.2 Der RAD schloss sich dieser Beurteilung an. Die Beschwerdegegnerin hält
indessen dafür, die diagnostizierte Depression sei nicht invalidisierend. Sie stelle keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eigenständige psychische Erkrankung dar (sondern eine Erkrankung, die im
Zusammenhang mit der Schmerzstörung und vor allem mit der schwierigen
psychosozialen und soziokulturellen Situation stehe).
4.3 Was den fraglichen Gesundheitsschaden der Beschwerdeführerin betrifft, hat nicht
allein die Gutachterin eine rezidivierende depressive Störung diagnostiziert, sondern
diese diagnostische Einschätzung stimmt mit den Angaben der ebenfalls fachärztlichen
behandelnden Stellen überein (im Einzelnen s. unten E. 5.2).
4.4
4.4.1 Die Gutachterin begründete die Diagnose mit depressiver Stimmung der
Beschwerdeführerin, Interessen- und Freudeverlust, vermindertem Antrieb, gesteigerter
Ermüdbarkeit, Verlust des Selbstwertgefühls, unangemessenen Schuldgefühlen,
wiederkehrenden Gedanken an den Tod, verminderter Konzentrationsfähigkeit,
Schlafstörung und Appetitverlust. Sie beschrieb als Befund (act. 197-33 f.) unter
anderem, die Beschwerdeführerin habe vom äusseren Erscheinungsbild her vorgealtert
und müde gewirkt. Der Antrieb sei reduziert und schwunglos gewesen, die Gangart
unsicher und verspannt wirkend. Beim Aufstehen habe sie immer wieder über
Schwindelgefühl geklagt. Im Ausdrucksverhalten sei sie flach, müde wirkend, spärlich
und ausdrucksarm gewesen. Vom Willen her habe sie negativistisch gewirkt. Das
formale Denken sei einfallsarm, teilweise gehemmt und verlangsamt gewesen. Die
Stimmung sei depressiv, gedrückt, hoffnungslos, mutlos, pessimistisch und verzagt bis
verzweifelt gewesen. Aufmerksamkeitskonzentration und Merkfähigkeit hätten während
des eindreiviertelstündigen Gesprächs nachgelassen. Die Beschwerdeführerin sei
teilweise schwer besinnlich gewesen und es hätten Merkfähigkeits- und
Zeitgitterstörungen bestanden. Suizidalität sei verneint worden, doch habe es
inkonkrete Suizidgedanken gegeben.
4.4.2 Auch in den übrigen Akten werden erhebliche depressive Befunde beschrieben:
Das Psychiatrie-Zentrum E._ hatte im Bericht vom 12. Oktober 2011 (act. 164-2,
allerdings unter Anamnese) festgehalten, die Beschwerdeführerin habe sich im Juni
2011 in einer mittelgradig depressiven Stimmung gezeigt. Wegen der Entwicklung in
Richtung einer schweren depressiven Stimmungslage mit latenter Suizidalität habe sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Beschwerdeführerin wieder in stationäre Therapie begeben (bzw. sei dorthin
zugewiesen worden, act. 179-1 f.). Beim Befund war dargelegt worden, die Stimmung
der Beschwerdeführerin sei schwer depressiv gewesen, fast durchgehend weinerlich,
der Affekt sei labil gewesen. Es habe Hoffnungs-, Rat- und Kraftlosigkeit bestanden.
Die Beschwerdeführerin habe über Ein- und Durchschlafstörungen und reduzierten
Appetit, manchmal Übelkeit geklagt. Formal im Denken sei sie auf die psychischen und
physischen Leiden und auf ihre schwierige soziale Situation eingeengt gewesen.
Psychomotorisch sei sie unruhig gewesen und seit längerem sei eine latente
Suizidalität bekannt. Die Klinik D._ hatte in ihrem Bericht vom 30. Dezember 2011
(act. 205-13) festgehalten, die Beschwerdeführerin sei offen im Interaktionsverhalten,
sie beginne während des Gesprächs öfters zu weinen, Aufmerksamkeit, Konzentration
und Gedächtnis schienen nicht beeinträchtigt, sie klage über Vergesslichkeit in der
letzten Zeit und über Grübelneigung, im Affekt wirke sie weinerlich, traurig, sorgenvoll
und müde, sie habe sich in der letzten Zeit sozial zurückgezogen, psychomotorisch
wirke sie unruhig; bei Austritt sei sie im Grundaffekt aufgehellter, deutlich stabiler
gewesen, die Vergesslichkeit habe objektiv weniger gewirkt, soziale Interaktionen seien
vermehrt vorhanden gewesen, psychomotorisch sei die Beschwerdeführerin unauffällig
gewesen und suizidale Gedanken seien nur noch selten vorhanden gewesen. Im
Bericht vom 9. August 2012 des Psychiatrie-Zentrums E._ (act. 190-4) war erklärt
worden, im Interaktionsverhalten sei die Beschwerdeführerin offen und freundlich
gewesen, Konzentration, Auffassung und Aufmerksamkeit seien unauffällig, die
Stimmung mittelgradig bzw. schwer depressiv gewesen, die Beschwerdeführerin
berichte über Grübelneigung und immer wieder über sozialen Rückzug, sie sei
psychomotorisch ruhig gewesen, im Affekt habe sie oft weinerlich und traurig,
sorgenvoll und niedergeschlagen gewirkt, sie habe zeitweise Schlafprobleme und
zeitweise eine passive Todessehnsucht, manchmal auch aktive Suizidgedanken. Die
Arbeitsunfähigkeit wurde mit der depressiven Symptomatik mit erheblichem
Morgentief, stark verminderter Belastbarkeit, Antriebsmangel, Niedergeschlagenheit
und Gedankenkreisen begründet. Im Bericht vom 11. März 2013 (act. 205-9 f.; vgl.
auch act. 205-3) hatte die Klinik D._ bekannt gegeben, die Beschwerdeführerin habe
bei Eintritt mitgeteilt, seit dem Austritt aus der Schmerzklinik nur noch in der Wohnung
zu liegen und nicht mehr aufzustehen, sich um nichts mehr kümmern zu können, keine
Kraft und Lust zu haben, den Alltag zu bewältigen, und sich sozial zurückgezogen zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
haben. Sie sei wenig auskunftsbereit gewesen und habe Schwierigkeiten, den Zustand
bzw. die Stimmung zu beschreiben. Sie habe Zukunftsängste geäussert und affektiv
bedrückt und verzweifelt gewirkt. Es seien Suizidgedanken vorhanden; ein
diesbezüglicher Versuch sei aus der Vergangenheit bekannt. Aus dem Verlauf hatte die
Klinik berichtet, die Beschwerdeführerin habe trotz hoch dosierter antidepressiver
Medikation eine anhaltende schwere depressive Symptomatik gezeigt und sei nicht im
Stande gewesen, am aktivierenden Therapieprogramm teilzuhaben. Nach einem
Wechsel der Medikation habe sich eine teilweise Besserung abgezeichnet, doch sei es
der Beschwerdeführerin bei nur teilweiser Remission und der komorbiden
ausgeprägten Schmerzproblematik nur beschränkt gelungen, am Therapieprogramm
teilzunehmen. Sie sei während der ganzen Hospitalisation durch ausgeprägte
Vergesslichkeit aufgefallen (das sei wohl bedingt durch die Auswirkungen der
depressiven Störung und der Schmerzmedikation).
4.5 Hinsichtlich des Beweiswerts des Gutachtens ist kritisch zu bedenken, dass die
erhobenen Befunde wesentlich auf den Angaben der Beschwerdeführerin selbst
basieren und fraglich ist, ob eine ausreichende Objektivierung erfolgt sei, da doch nicht
ersichtlich ist, dass entsprechende Tests (etwa Hamilton Depressionsskala o.Ä.)
gemacht oder etwa fremdanamestische Auskünfte eingeholt worden wären. - Die
psychiatrisch behandelnden Fachpersonen und die Gutachterin gehen im Weiteren von
einer Situation starken Schmerzes aus, wobei auch diesbezüglich nicht erkennbar ist,
ob der angenommene Schmerzmittelgebrauch geprüft worden sei (durch
Serumspiegelmessungen, bei denen allerdings zu beachten ist, dass der Blutspiegel
aus individuellen Gründen - etwa infolge von unterschiedlicher Resorption oder Non-
Responder-Einflüssen - offenbar um bis zu Faktor 20 variieren kann [so jedenfalls J.
John Mann, Drug Therapy, The Medical Mana¬gement of Depression, in New England
Journal of Medicine, October 27, 2005, 1829]; vgl. Ergebnis der ABI-Messungen für
frühere Zeit).
4.6 Die Gutachterin ist zudem davon ausgegangen, dass die Beschwerdeführerin seit
der Jugend an einer rezidivierenden depressiven Störung leide, hatte diese ihr doch
angegeben, schon seit dem Teenager-Alter depressiv gewesen zu sein. Der Hausarzt
habe immer wieder Antidepressiva abgegeben (act. 197-32). Weder in dessen noch in
anderen in den Akten enthaltenen Berichten vor April 2011 ist allerdings ein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entsprechender Hinweis auf eine im Jugendalter aufgetretene depressive Erkrankung
(bzw. entsprechende Behandlung) zu finden. In einem Bericht des Palliativzentrums am
Kantonsspital St. Gallen vom 20. Dezember 2006 etwa wurden bei der Medikation nur
Analgetika und keine Psychopharmaka bezeichnet. Nicht ausgeschlossen ist indessen,
dass Antidepressiva unter den erwähnten anderen, nicht näher nennbaren
Medikamenten gewesen sein könnten, die zu einer starken Müdigkeit geführt hätten
(act. 69-12). Bei der psychiatrischen ABI-Begutachtung vom Januar 2010 waren
allerdings keine Hinweise für eine depressive Störung vorgefunden worden. In
psychiatrischer oder psychologischer Behandlung war die Beschwerdeführerin damals
nach eigenen Angaben noch nie gewesen (act. 104-12 f.). Es war dort eine
Schmerzverarbeitungsstörung diagnostiziert worden. - Die Gutachterin der Psychiatrie
berichtigte ihre ursprüngliche zeitliche Angabe, dass einzig im Sommer 2008 einmal
nur eine mittelgradige Episode, ansonsten aber eine schwere Depression angegeben
worden sei (act. 197-35), nachträglich (act. 215-3: mittelgradige Depression einzig im
Februar 2012 bescheinigt). Es ist aber dennoch anzunehmen, dass sie bei der
Begutachtung insgesamt von einer sehr lange anhaltenden (nämlich in die Jugend
zurückreichenden) depressiven Symptomatik ausgegangen ist, worauf sich in den
früheren Akten wie dargelegt kaum Hinweise finden.
4.7 Was den Arztbericht der Psychiatrischen Klinik J._ betrifft, welcher rund zwanzig
Monate nach Erlass der angefochtenen Verfügung, am 16. Juli 2015, erstattet wurde,
kann ferner - auch wenn Veränderungen im Zeitablauf nicht auszuschliessen sind -
angenommen werden, dass er im Wesentlichen einen medizinischen Sachverhalt
beschreibt, welcher schon zum vorliegend massgeblichen Zeitpunkt bestand,
mindestens insofern, als eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert und dargelegt wird,
in den Austrittsberichten der Klinik D._ und in den Gutachten seien die
traumatisierenden Ereignisse in der Kindheit und Jugendzeit viel zu wenig mit
einbezogen worden. Begründet wird diese Diagnose mit Deprivationserleben im Sinn
von fehlenden emotional tragenden Beziehungserfahrungen in der Primärfamilie,
schweren frühen Verlusterlebnissen und körperlichen Gewalterfahrungen in der Ehe. Zu
den diagnostischen Kriterien von Persönlichkeitsstörungen gehört allerdings unter
anderem der Nachweis, dass die Abweichung stabil und von langer Dauer ist und im
späten Kindesalter oder der Adoleszenz begonnen hat, was angesichts des Umstands,
dass sie bis dahin nicht erkannt wurde, Abklärungen bzw. eine Verifizierung nahelegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
würde. Die Arbeitsunfähigkeit wird zudem mit dem Sozialverhalten (Interaktions- und
Konfliktverhalten, Abwehrmuster) der Beschwerdeführerin, den mangelnden
Sprachkenntnissen, den mangelnden Copingstrategien in Konfliktsituationen und der
(im Sinn einer feindlichen Aussenwelt) verschobenen Wahrnehmung der Realität
begründet. Ferner bestehe bei einer solchen Persönlichkeitsstörung eine schwere
strukturelle Störung der Ich-Regulation. Damit enthält diese psychiatrische Beurteilung
gewisse Abweichungen von den übrigen Berichten psychiatrischer Fachpersonen und
der Gutachterin Dr. G._ (namentlich in Bezug auf Ich-Störungen, die dort durchwegs
verneint wurden; das Interaktionsverhalten, vgl. act. 190-4; und eventuell die
Copingstrategien, vgl. act. 205-13), wenn auch festzuhalten ist, dass die Gutachterin
immerhin von ängstlich/abhängigen Anteilen der Persönlichkeit ausgegangen ist.
5.
5.1 Die Veranlassung ergänzender diesbezüglicher Abklärungen ist indessen nicht
erforderlich. Abgesehen davon, dass von entsprechenden Massnahmen keine
zusätzlichen Erkenntnisse mehr erwartet werden können, zumal der massgebliche
psychiatrische Sachverhalt bereits längere Zeit zurückliegt, lässt die vorhandene
Aktenlage zu, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit vom Eintritt und dem Anhalten
einer die Arbeitsfähigkeit ganz vernichtenden rezidivierenden depressiven Störung der
Beschwerdeführerin meist schwergradigen Ausmasses über den gesamten, zu
beurteilenden Zeitraum hinweg auszugehen:
5.2 Diese Beurteilung hat die Gutachterin der Psychiatrie, Dr. G._, vorgenommen
und sie fügt sich ohne Widerspruch in die übrigen fachärztlichen Einschätzungen ein.
Innerhalb des Zeitraums von April bis Dezember 2011 wurde der Beschwerdeführerin
sowohl vom Psychiatrie-Zentrum E._ (im Bericht vom 5. September 2011 für den
Zeitpunkt vom 11. August 2011 und im IV-Arztbericht vom 12. Oktober 2011) wie auch
von der Klinik D._ (Austrittsbericht vom 23. Juni 2011 betreffend den stationären
Aufenthalt vom 12. April 2011 bis 21. Mai 2011 und Austrittsbericht vom 30. Dezember
2011 über die zweite Phase der stationären Behandlung vom 15. August 2011 bis 3.
Dezember 2011) eine rezidivierende depressive Störung, jeweils schwere Episode ohne
psychotische Symptome, attestiert. - Am 9. Februar 2012 lag nach Angaben des
Psychiatrie-Zentrums E._ eine - immerhin - mittelgradig depressive Stimmungslage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vor. - Auch anlässlich der ab dem 12. Dezember 2012 erfolgten neuerlichen stationären
Behandlung ging die Klinik D._ von einer schweren (depressiven) Episode der
Beschwerdeführerin aus (IV-Arztbericht vom 6. Mai 2013 und Austrittsbericht vom 11.
März 2013 betreffend den Aufenthalt vom 12. Dezember 2012 bis 9. März 2013). - Im
(späteren) Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik J._ vom 16. Juli 2015 betreffend
die Hospitalisation vom 9. Februar 2015 bis 30. April 2015 schliesslich wurde ebenfalls
dieselbe Diagnose gestellt, dazu aber wie erwähnt noch diejenigen einer kombinierten
Persönlichkeitsstörung mit histrionischen, narzisstischen, ängstlich-vermeidenden und
emotional instabilen Anteilen sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung.
5.3 Die behandelnden Ärzte befinden sich bezüglich deren Angaben zwar einerseits in
einer Vertrauensstellung zu den Patienten. Der Beweiswert ihrer ärztlichen
Beurteilungen wird aber anderseits dadurch gestärkt, dass sie auf einer längeren
Beobachtungszeit beruhen.
5.4 Vorliegend fällt nebst den übereinstimmenden fachärztlichen Diagnosestellungen
und Einschätzungen namentlich ins Gewicht, dass die Beschwerdeführerin nach der
Aktenlage zwischen dem 12. April 2011 und dem Verfügungszeitpunkt am 7. November
2013 dreimal psychiatrisch hospitalisiert gewesen ist, und zwar für jeweils beträchtlich
lange Zeiträume von immerhin rund fünfeinhalb, sechzehn und zwölf Wochen. Wie
erwähnt hat die Klinik D._ am 11. März 2013 zudem davon berichtet, dass die
Beschwerdeführerin die anhaltende schwere depressive Symptomatik trotz hoch
dosierter antidepressiver Medikation gezeigt habe. Ein Wechsel der Medikation habe
[nur, aber immerhin] eine teilweise Besserung gebracht. Die aufgefallene ausgeprägte
Vergesslichkeit haben die behandelnden Ärzte damals auf die Auswirkungen der
depressiven Störung und der Schmerzmedikation zurückgeführt.
5.5 Bei diesen Gegebenheiten ist auf das Gutachten vom 24. März 2013 abzustellen
und mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer längerdauernden, trotz
fachgerechter Behandlung anhaltenden invalidisierenden depressiven Störung (in einer
Ausprägung meist schweren Grades) auszugehen. Ob diese allenfalls als Reaktion auf
belastende soziale und wirtschaftliche Umstände entstanden sei oder nicht, ist nach
dem oben Dargelegten unerheblich.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.6 Entsprechend dem Ergebnis des Gutachtens vom 24. März 2013 ist eine volle
Arbeitsunfähigkeit seit April 2011 anzunehmen. Auch für den Zeitraum zwischen den
Klinik¬aufenthalten vom Dezember 2011 bis Dezember 2012 gilt nichts wesentlich
anderes. Dem Bericht des Psychiatrie-Zentrums E._ vom 27. März 2012 ist zu
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin seit der Entlassung aus der Klinik (d.h. also
seit dem 3. Dezember 2011) wöchentlich einmal durch eine Psychiatrie-
Pflegefachperson besucht wurde. Vom Einsatz dieser Psychiatrie-Spitex wurde auch
im IV-Arztbericht des Zentrums vom 9. August 2012 noch berichtet. Die
Beschwerdeführerin war damals zudem weiterhin in mehrwöchigen Abständen
psychiatrisch behandelt worden. Im Dezember 2012 wurde sie wie erwähnt erneut
hospitalisiert. Dass sich der Sachverhalt nach dem Klinikaustritt vom März 2013 bis
zum vorliegend massgeblichen Beurteilungszeitpunkt vom 7. November 2013 im Sinn
einer Verbesserung der Arbeitsfähigkeit relevant (d.h. mit eine ganze Rente
ausschliessender Wirkung) verändert hätte, ist ebenfalls nicht anzunehmen. Hierauf
gibt es keinen Hinweis. Wie aus dem späteren Verlauf bekannt ist, erfolgte im Februar
2015 vielmehr eine weitere psychiatrische Hospitalisation für die Dauer von nochmals
rund drei Monaten.
5.7 Allfällige (auch vorübergehende) Sachverhaltsentwicklungen nach dem 7.
November 2013 bilden nicht mehr Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens.
6.
6.1 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die (nebst den
Anforderungen nach lit. a) während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind (lit. b)
und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. c).
Ein wesentlicher Unterbruch der Arbeitsfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person
an mindestens 30 aufeinanderfolgenden Tagen voll arbeitsfähig war (Art. 29ter IVV;
Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S K. vom 26. März 2004, I
19/04).
6.2 Gemäss Art. 29bis IVV werden bei der Berechnung der Wartezeit nach Art. 28 Abs.
1 lit. b IVG früher zurückgelegte Zeiten angerechnet, wenn eine Rente nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verminderung des Invaliditätsgrades aufgehoben wurde, dieser jedoch in den
folgenden drei Jahren wegen einer auf dasselbe Leiden zurückzuführenden
Arbeitsunfähigkeit erneut ein rentenbegründendes Ausmass erreicht. - Vorliegend ist
die früher zugesprochen gewesene (ganze) Rente wiedererwägungsweise aufgehoben
worden. Zudem handelt es sich bei der psychiatrisch bedingten Arbeitsunfähigkeit ab
April 2011 nicht um ein Wiederaufleben der Einschränkung aus dem früheren - nämlich
somatischen - Grund. Die Beschwerdeführerin war aber dennoch schon vor April 2011
in einer adaptierten Tätigkeit zu 20 % arbeitsunfähig. Die einjährige Wartezeit gilt als
eröffnet, sobald eine Arbeitsunfähigkeit mindestens diesen Ausmasses vorliegt (AHI
1998 S. 124 E. 3c). Das Wartejahr ist demnach nach neun Monaten mit einer
Arbeitsunfähigkeit von 20 % und drei Monaten mit einer solchen von 100 % (ab 7. April
2011) abgelaufen, also im Juli 2011.
6.3 Die Beschwerdeführerin war bei Ablauf der Wartezeit (auch in adaptierter Tätigkeit)
voll arbeitsunfähig und damit voll erwerbsunfähig, weshalb sie Anspruch auf eine ganze
Rente hat.
6.4 Nach dem seit 1. Januar 2008 geltenden Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der
Rentenanspruch frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung
des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG. Nach Art. 29 Abs. 3 IVG wird die
Rente vom Beginn des Monats an ausbezahlt, in dem der Rentenanspruch entsteht. Es
ist davon auszugehen, dass mit der Gesetzesänderung keine Änderung des Zeitpunkts
des Eintritts des Versicherungsfalls (dieser weiterhin geregelt in Art. 4 Abs. 2 und 28
IVG), sondern nur des Rentenbeginns (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 19. Oktober 2015, IV 2013/52 E. 1.2) vorgenommen worden ist.
- Der Versicherungsfall ist vorliegend im Juli 2011 eingetreten. Da die massgebliche
Anmeldung aber vom 11./13. Mai 2011 datiert, konnte die ganze Rente erst am 1.
November 2011 entstehen und ist ab diesem Zeitpunkt auszubezahlen.
7.
7.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 7. November 2013 gutzuheissen. Der
Beschwerdeführerin ist ab 1. November 2011 eine ganze Rente zuzusprechen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.2 Angesichts des Obsiegens der Beschwerdeführerin wird die Bewilligung der
unentgeltlichen Prozessführung (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) vom 13. Januar 2014 nicht in Anspruch
genommen.
7.3 Es rechtfertigt sich, der Beschwerdegegnerin die Gerichtskosten, die nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festgelegt werden (Art. 69 Abs.
1bis IVG), gesamthaft aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP/SG, sGS 951.1). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 600.-- erscheint angemessen.
7.4 Die Beschwerdeführerin hat bei diesem Ausgang des Verfahrens gegenüber der
Beschwerdegegnerin Anspruch auf Ersatz der Parteikosten, die vom Gericht ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen werden (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff.
VRP/SG). Der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand angemessen erscheint
eine Parteientschädigung von Fr. 4'000.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer).