Decision ID: 62c365c0-77ba-56d9-84f5-b6a1603bc8ad
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 26. Januar 2022 in der Schweiz um Asyl
nach. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssystem (CS-VIS)
ergab, dass Spanien ihm am 5. Dezember 2021 ein bis am 6. Januar 2022
gültiges Schengenvisum ausgestellt hatte.
Anlässlich der Befragung vom 1. Februar 2022 wurde dem Beschwer-
deführer das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensent-
scheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Spanien gewährt, wel-
ches gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung seines Asylgesuchs
zuständig sei. Die grundsätzliche Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates
wurde vom Beschwerdeführer nicht bestritten. Jedoch machte er geltend,
nicht nach Spanien zurückkehren zu wollen, da ihm dort die Ausschaffung
in sein Heimatland drohe. Gesundheitlich gehe es ihm gut.
B.
Am 27. Januar 2022 ersuchte das SEM die spanischen Behörden um Über-
nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO. Die-
sem Gesuch wurde am 31. Januar 2022 entsprochen.
C.
Mit Verfügung vom 1. Februar 2022 (eröffnet am 3. Februar 2022) trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Wegwei-
sung nach Spanien an und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem
Vollzug der Wegweisung. Zudem stellte sie fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
D.
Mit Beschwerde vom 7. Februar 2022 (Poststempel) an das Bundesver-
waltungsgericht beantragte der Beschwerdeführer, die vorinstanzliche Ver-
fügung sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten. In pro-
zessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der aufschiebenden Wir-
kung sowie der unentgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses.
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E.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 8. Februar 2022 setzte die In-
struktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers
einstweilen aus. Gleichentags lagen die vorinstanzlichen Akten dem Bun-
desverwaltungsgericht in elektronischer Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
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3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1)
3.3. Besitzt der Antragsteller ein oder mehrere Visa, die seit weniger als
sechs Monaten abgelaufen sind, aufgrund deren er in das Hoheitsgebiet
eines Mitgliedstaats einreisen konnte, so ist der Mitgliedstaat für die Prü-
fung des Antrags auf internationalen Schutz zuständig, der das Visum er-
teilt hat (Art. 12 Abs. 4 i.V.m. Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.4. Gemäss einem Abgleich mit dem CS-VIS wurde dem Beschwerdefüh-
rer von der spanischen Vertretung in Algerien am 5. Dezember 2021 ein
Schengenvisum ausgestellt, welches vom 8. Dezember 2021 bis 6. Januar
2022 gültig war. Die spanischen Behörden hiessen das Übernahmegesuch
des SEM am 31. Januar 2022 gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO gut.
Die grundsätzliche Zuständigkeit Spaniens ist somit gegeben und wird vom
Beschwerdeführer nicht bestritten.
4.
4.1. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.2. Spanien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
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oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
4.3.
Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt.
5.
5.1. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
5.2. Der Beschwerdeführer macht in seiner Beschwerde geltend, nicht
nach Spanien zurückkehren zu können, da er von dort aus in seinen Hei-
matstaat ausgeschafft werde. In Algerien sei er in grosser Gefahr. Damit
hat er jedoch kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, die spani-
schen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen und seinen Antrag
auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrens-
richtlinie zu prüfen Wie erwähnt, bestehen keine Hinweise darauf, dass
Spanien seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus der EMRK, der FoK
und der FK sowie dem Zusatzprotokoll der FK nicht nachkommt. Dem Be-
schwerdeführer steht es nach erfolgter Überstellung nach Spanien offen,
dort um Asyl nachzusuchen und damit Zugang zu den asylrechtlichen Auf-
nahmestrukturen zu erhalten. Anzumerken gilt es an dieser Stelle, dass die
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Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag
prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.3. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die-
sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine
Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Un-
terschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich des-
halb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
6.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Spanien in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
7.
Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG, weshalb
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen sind (vgl. BVGE 2015/18
E. 5.2 m.w.H.).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 8. Februar
2022 angeordnete Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung ist gegenstandslos geworden.
9.
9.1. Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet einer allfälli-
gen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
9.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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