Decision ID: 54c35ba2-d4b6-48e6-a544-ddfe82876d4c
Year: 2006
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Die Ehegatten X. und Y. Z. wohnen in der eigenen Wohnung an der A-Strasse in
Flawil. X.Z. ist seit dem 1. Juli 2003 als kaufmännischer Angestellter in Sirnach
beschäftigt. In der Steuererklärung 2003 deklarierten die Steuerpflichtigen ein
steuerbares Einkommen von Fr. 48'412.-- und kein steuerbares Vermögen. Sie
brachten beim Arbeitsweg des Ehemannes die Kosten für ein privates Motorfahrzeug in
Abzug. Die Veranlagungsbehörde liess dagegen für den Arbeitsweg nach Sirnach. nur
die Kosten des öffentlichen Verkehrsmittels zu. Die Steuerpflichtigen wurden für 2003
mit einem steuerbaren Einkommen von Fr. 55'500.-- und ohne steuerbares Vermögen
veranlagt.
B.- Gegen die Veranlagung erhob X.Z. mit Eingabe vom 15. Oktober 2004 Einsprache.
Er beantragte, es seien keine Kosten für öffentliche Verkehrsmittel, dafür die Kosten für
das private Motorfahrzeug gesamthaft zuzulassen. Zur Begründung brachte er vor, die
Fahrt mit dem Auto bringe gegenüber dem öffentlichen Verkehrsmittel eine Einsparung
von gut zwei Stunden pro Tag. Zudem sei er dienstlich auf das private Motorfahrzeug
angewiesen. Die Veranlagungsbehörde traf daraufhin Abklärungen über die
Arbeitsverhältnisse.
Mit Einsprache-Entscheid vom 10. Mai 2005 wies das kantonale Steueramt die
Einsprache ab mit der Begründung, dass der zeitliche Mehraufwand mit dem
öffentlichen Verkehrsmittel bedeutend weniger als 90 Minuten betrage und deshalb die
Benützung des öffentlichen Verkehrsmittels zumutbar sei. Überdies sei das Ausmass
der Dienstfahrten nicht ausgewiesen.
C.- Gegen den Einsprache-Entscheid erhoben X. und Y. Z. mit Eingabe vom 7. Juni
2005 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, die Fahrtkosten
zum Arbeitsort mit dem privaten Motorfahrzeug von Fr. 6'471.-- seien gemäss
Deklaration zum Abzug zuzulassen. Sie begründeten ihren Antrag damit, dass die vom
kantonalen Steueramt angegebenen Wegdistanzen nicht mit den tatsächlichen
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übereinstimmten und mit dem privaten Motorfahrzeug für den Arbeitsweg eine
Einsparung von knapp zwei Stunden pro Tag erreicht werden könne.
Mit Vernehmlassung vom 19. August 2005 beantragte die Vorinstanz, den Rekurs
abzuweisen.
Mit Schreiben vom 12. September 2005 nahmen die Rekurrenten Stellung zur
Vernehmlassung der Vorinstanz.
Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge wird, soweit

notwendig, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 7. Juni 2005 ist rechtzeitig eingereicht
worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 194 Abs. 1 des Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 48 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist
einzutreten.
2.- Im vorliegenden Fall ist streitig, ob der Rekurrent berechtigt ist, die Kosten für die
Fahrt mit dem Privatauto vom Wohnort an der A-Strasse in Flawil zum Arbeitsort an der
F-Strasse in Sirnach für die Zeit ab 1. Juli 2003 zum Abzug zu bringen.
a) Die Rekurrenten behaupten, dass sie durch die Benützung des Privatautos täglich
knapp zwei Stunden für den Arbeitsweg einsparen könnten und dass die von der
Vorinstanz berechneten Distanzen nicht mit den tatsächlichen übereinstimmten. Zudem
seien die Wartezeiten zu beachten, und um das Mittagessen einnehmen zu können, sei
der Rekurrent auf das Auto angewiesen.
b) Nach Art. 39 Abs. 1 lit. a StG können die notwendigen Kosten für Fahrten zwischen
Wohnort und Arbeitsstätte als Berufskosten abgezogen werden. Abzugsfähig sind
grundsätzlich die tatsächlichen Kosten, wenn der Arbeitsort in einer beachtlichen
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Entfernung zum Wohnort liegt (Weidmann/Grossmann/Zigerlig, Wegweiser durch das
st. gallische Steuerrecht, 6. Auflage 1999, S. 41). Für die Fahrten zwischen Wohn- und
Arbeitsort gelten grundsätzlich die Kosten für das öffentliche Verkehrsmittel als
notwendig. Die tatsächlich angefallenen und nachgewiesenen Auslagen bei Benützung
des öffentlichen Verkehrsmittels sind deshalb abziehbar (Art. 18 der Steuerverordnung,
sGS 811.11, abgekürzt: StV). Benützt ein Steuerpflichtiger trotzdem ein privates
Motorfahrzeug, kann er als notwendige Kosten jene Auslagen abziehen, die bei
Benützung der öffentlichen Verkehrsmittel angefallen wären (Art. 18 Abs. 2 StV). Wenn
kein öffentliches Verkehrsmittel zur Verfügung steht oder dessen Benützung dem
Steuerpflichtigen nicht zugemutet werden kann (z.B. bei beachtenswerter Entfernung
von der nächsten Haltestelle, schlechten Bahn- und Busverbindungen, ungünstigem
Fahrplan und übermässig langen Wartezeiten), werden die Kosten des privaten
Motorfahrzeuges gemäss den für die direkte Bundessteuer massgebenden
Pauschalansätzen (Anhang zu Art. 3 der Verordnung über den Abzug von Berufskosten
der unselbständigen Erwerbstätigkeit bei der direkten Bundessteuer, SR 642.118.1, in
Verbindung mit AS 2002 S. 2474) abgezogen (Art. 18 Abs. 3 StV). So gilt unter anderem
die Benützung des öffentlichen Verkehrsmittels als nicht zumutbar, wenn der zeitliche
Mehraufwand durch dessen Benützung bei einmaliger Hin- und Rückfahrt mehr als 90
Minuten pro Tag ausmacht oder eine berufliche Notwendigkeit für das Privatauto
besteht (vgl. St. Galler Steuerbuch 39 Nr. 3 Ziff. 2.2, Fassung 1.1.1999, abgekürzt: SG
StB). Für den Zeitvergleich darf nicht beim privaten Verkehrsmittel stets auf optimale
und bei den öffentlichen Verkehrsmitteln stets auf ungünstige Verhältnisse abgestellt
werden (SGE 2002 Nr. 5).
c) Umstritten sind zunächst die Wegstrecken Wohnort bis Bahnhof Flawil und
Arbeitsort bis Bahnhof Sirnach, die der Rekurrent bei Benützung der öffentlichen
Verkehrsmittel zu Fuss zurücklegen muss. Das Gericht kommt gestützt auf die
Berechnung von TwixRoute und eine Überprüfung mit den Landeskarten des
Bundesamtes für Landestopografie Nrn. 1073 und 1094 (1:25000) zum Ergebnis, dass
die Distanz in Flawil knapp 800 Meter und die Distanz in Sirnach knapp 1'100 Meter
beträgt. Diese Wegstrecken sind zu Fuss in rund 10 bzw. 15 Minuten zurückzulegen.
An öffentlichen Verkehrsmittel (Bahn und Bus) standen dem Rekurrenten im Jahre 2003
zu den Pendelzeiten folgende Verbindungen zur Verfügung, welche alle voraussetzen,
dass in Wil umgestiegen wird:
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Flawil ab 06.40 Uhr 06.58 Uhr 07.24 Uhr
Sirnach an 07.10 Uhr 07.17 Uhr 07.49 Uhr
30 Min. 19 Min. 25 Min.
Sirnach ab 17.08 Uhr 17.40 Uhr 18.08 Uhr
Flawil an 17.38 Uhr 18.17 Uhr 18.38 Uhr
30 Min. 37 Min. 30 Min.
Durchschnittlich ergibt dies einen täglichen Zeitaufwand von 57 Minuten. Rechnet man
den Fussmarsch dazu sowie 2-mal fünf Minuten Wartezeit, so ergibt sich ein täglicher
Zeitbedarf mit dem öffentlichen Verkehrsmittel von 117 Minuten.
Der Zeitbedarf für das private Motorfahrzeug wird vom Rekurrenten mit 15 - 25
Minuten angegeben. Die Vorinstanz rechnet mit 22 Minuten, was als Durchschnitt
realistisch erscheint. Der durchschnittliche zeitliche Mehrbedarf bei Benützung des
öffentlichen Verkehrsmittel beträgt somit 73 Minuten (117 Minuten abzüglich 44
Minuten). Damit liegt der Mehrbedarf unterhalb der Schwelle von 90 Minuten, bei der in
jedem Falle zeitliche Unzumutbarkeit vorliegt. Wird die 90-Minutenschwelle nicht
erreicht, heisst das aber noch nicht, dass die Benutzung des öffentlichen
Verkehrsmittels zumutbar wäre. Ungünstige Verbindung, lange Fusswege, häufiges
Umsteigen, Relation von Reisezeit und Zeitersparnis müssen bei der Beurteilung der
Zumutbarkeit, wenn ein zeitlicher Mehraufwand von deutlich mehr als einer Stunde
ausgewiesen ist, ebenfalls berücksichtigt werden.
In der Streitsache erachtet das Gericht die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel
als unzumutbar. Allein die Wegstrecken, die zu Fuss zurückgelegt werden müssen,
summieren sich mit den notwendigerweise einzurechnenden Wartezeiten auf eine
Stunde pro Tag. Dazu kommt, dass die wenigen Verbindungen immer mit Umsteigen
verbunden sind und die relativ kurzen Fahrzeiten damit unterbrochen werden. Dem
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steht ein Zeitbedarf für Hin- und Rückweg von 44 Minuten mit dem privaten
Motorfahrzeug gegenüber. Das bedeutet, dass der Zeitaufwand mit dem öffentlichen
gegenüber dem privaten Verkehrsmittel mehr als das Zweieinhalbfache beträgt. Ein
solches Ungleichgewicht ist nicht mehr verhältnismässig. Der zeitliche Mehraufwand
von 73 Minuten erweist sich unter diesen Umständen als unzumutbar.
d) Dem Rekurrenten sind die Auslagen für das private Motorfahrzeug zum Abzug
zuzulassen. Allerdings beträgt nach TwixRoute die Wegstrecke vom Wohnort zum
Arbeitsort nicht 28 km, sondern nur 22 km. Es ergeben sich somit bei 115 Tagen für
das halbe Jahr 5'060 km. Zusammen mit dem bereits anerkannten 4'248 km sind somit
9'308 km à Fr. 0.59, das ergibt Fr. 5'492.--, zum Abzug zuzulassen. Die Kosten für das
öffentliche Verkehrsmittel von Fr. 726.-- entfallen. Es ergibt sich somit neu ein
steuerbares Einkommen für 2003 von Fr. 53'500.--. Das entspricht einer
Teilgutheissung des Rekurses.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten zu einem Viertel
den Rekurrenten aufzuerlegen; drei Viertel der Kosten trägt der Staat (Art. 95 Abs. 1
VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 800.-- ist angemessen (vgl. Ziff. 362
Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist zu
verrechnen. Die Finanzverwaltung ist anzuweisen, den Rekurrenten Fr. 400.--
zurückzuerstatten.