Decision ID: 86af3e86-fbd8-5646-b87f-f1fd0a777c0d
Year: 2014
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
2
1. Am 16. November 2011 erteilte das Regierungsstatthalteramt Biel der
Beschwerdegegnerin die Gesamtbaubewilligung für den Neubau von sechs
Einfamilienhäusern. Die Parzellen Twann-Tüscherz (O._) Gbbl. Nr. I._,
J._, K._, L._, M._ und N._ liegen in der
Wohnzone W2 in O._.
Die Beschwerdegegnerin hatte im Baugesuch als Fassadenfarbe „div. Grautöne“
angegeben. Im Juni 2013 brachte sie an den beiden untersten Häuser Fassadenplatten in
zwei Gelbtönen an. Nach Anhörung der Beschwerdegegnerin erliess die Gemeinde am 7.
Juli 2013 eine Baueinstellungsverfügung für die Montage der Fassadenplatten. Am 22. Juli
2013 reichte die Beschwerdegegnerin ein nachträgliches Baugesuch für die
Fassadenfarben Eternit Planea P 613 und P 614 samt Plänen ein, welche vom
Beschwerdeführer 4 und der Beschwerdeführerin 5 unterschrieben waren. Die Gemeinde
führte das kleine Baubewilligungsverfahren ohne Publikation durch (Art. 27 BewD1) und
gab den Beschwerdeführenden 1 und 2 am 30. Juli 2013 Kenntnis von der
Projektänderung. Mit gemeinsamer Eingabe erhoben die Beschwerdeführenden 1 bis 5
Einsprache gegen diese Fassadenfarben. Die Beschwerdeführenden 4 und 5 machten
dazu geltend, sie seien von der Baugesuchstellerin getäuscht worden. Die Gemeinde
verneinte die Einsprachelegitimation der Beschwerdeführerin 3, weil sie nicht direkte
Nachbarin sei. Dem Beschwerdeführer 4 und der Beschwerdeführerin 5 sprach sie die
Einsprachelegitimation ab, weil sie die Pläne unterschrieben hätten. Mit Verfügung vom 26.
September 2013 bewilligte die Gemeinde das Baugesuch und hob die
Baueinstellungsverfügung auf.
2. Dagegen erhoben die Beschwerdeführenden 1 und 2 am 25. Oktober 2013
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE). Mit
separaten Beschwerden vom 29. Oktober 2013 gelangten die Beschwerdeführerin 3, der
Beschwerdeführer 4 und die Beschwerdeführerin 5 an die BVE. Sämtliche
Beschwerdeführenden stellen folgende Rechtsbegehren:
1. Die Verfügung der Baukommission Twann-Tüscherz vom 26. September 2013 sei
vollumfänglich aufzuheben.
2. [Beweisantrag]
1 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
3
3. Die G._ sei anzuweisen, die Fassadenverkleidung in den Farben gemäss
der Baubewilligung Nr. P._ vom 16. November 2011 zu gestalten und die
bereits verbaute[n] Fassadenplatten (Eternit Planea P 613 und P 614)
zurückzubauen.
Die Beschwerdeführenden behalten sich ausserdem im Rahmen einer
Rechtsverwahrung Schadenersatzansprüche vor, welche durch die
Fassadenverkleidung und die weiteren Bauarbeiten entstehen könnten.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, vereinigte die
Beschwerdeverfahren. Es holte einen Fachbericht der kantonalen Kommission zur Pflege
der Orts- und Landschaftsbilder (OLK) ein. Danach führte es im Beisein der Parteien und
einer Vertretung der OLK einen Augenschein mit Instruktionsverhandlung durch.
4. Die Beschwerdegegnerin stellt in ihrer Beschwerdeantwort vom 2. Dezember 2013
folgende Rechtsbegehren:
1. Die Beschwerde der Beschwerdeführer 1 und 2 (...) sowie die Beschwerden der
Beschwerdeführer 3 bis 5 (...) seien abzuweisen, soweit überhaupt darauf
eingetreten wird.
2. Der Entscheid der Einwohnergemeinde Twann-Tüscherz vom 26. September 2013
betreffend Farbänderung der Fassaden sei zu bestätigen.
3. Die Einstellungsverfügung der Einwohnergemeinde Twann-Tüscherz,
Baupolizeibehörde vom 7. Juli 2013 sei aufzuheben, in Übereinstimmung mit dem
Entscheid der Einwohnergemeinde Twann-Tüscherz vom 26. September 2013.
5. Die Parteien erhielten Gelegenheit, sich zum Beweisverfahren zu äussern und
Schlussbemerkungen einzureichen. Die Gemeinde hält in ihrer Stellungnahme vom 13.
Januar 2014 an ihrer Beurteilung fest und beantragt, die Bewilligung der Fassadenfarbe zu
bestätigen. Die Beschwerdeführenden und die Beschwerdegegnerin bestätigen ihre
Standpunkte.
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
4
6. Am 20. Januar 2014 ging beim Rechtsamt der BVE die Kopie der Eingabe von 42
„Bürger und Bürgerinnen des Dorfteils O._“ an das Regierungsstatthalteramt
Biel/Bienne vom 17. Januar 2014 ein. Die unterzeichneten Personen verlangten darin,
dass die Fassaden der Neubauten der Beschwerdegegnerin in einem weniger auffälligen
Farbton erstellt werden.
7. Auf die Rechtsschriften und den Fachbericht der OLK sowie auf das Ergebnis des
Augenscheins wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Anfechtungsobjekt ist die Verfügung der Vorinstanz, in der sie die Fassadenfarben
bewilligte und die Baueinstellung aufhob. Bauentscheide und baupolizeiliche Verfügungen
können nach Art. 40 und 49 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung der Beschwerde
zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die
Beschwerdeführenden 1 und 2 sind als Nachbarn zur Sache legitimiert und haben sich am
vorinstanzlichen Verfahren beteiligt. Sie sind durch die angefochtene Verfügung beschwert
und daher zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten.
c) Die Gemeinde hat in der angefochtenen Verfügung die Einsprachelegitimation der
Beschwerdeführenden 3 bis 5 verneint und ihre Einsprachen nicht behandelt. Im Streit um
die eigene Verfahrenslegitimation ist eine Person, die sich am Verfahren beteiligen will,
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
5
Partei und als Adressatin einer (impliziten) Nichteintretensverfügung formell beschwert. Sie
ist damit zur Anfechtung dieser Verfügung befugt, unbesehen darum, ob sie in der Sache
selber, d.h. im Streit um den Anspruch auf Verfahrensbeteiligung, Erfolg haben wird.4 Die
Beschwerdeführenden 3 bis 5 sind daher zur Beschwerde legitimiert.
d) Die Beschwerdegegnerin bestreitet, dass die Beschwerdeführenden 3 bis 5 an einem
Beschwerdeverfahren bei der BVE „interessiert“ seien, ohne dies aber zu begründen. Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden legitimiert sich mit den in den Vorakten
befindlichen Anwaltsvollmachten, welche für das Verfahren „in Sachen Projektänderung zu
Baubewilligung Nr. P._, G._ (v.a. Änderung der Fassadenfarbe)“ erteilt
wurden.5 Diese Vollmachten umfassen auch ein Beschwerdeverfahren. Die Beschwerden
der Beschwerdeführenden 3 bis 5 wurden somit form- und fristgerecht eingereicht.
e) Die Beschwerdegegnerin beantragt, auf die Beschwerden der Beschwerdeführenden
3 bis 5 sei nicht einzutreten, sofern sie keine genügenden Entschuldigungen für ihr
Nichterscheinen an der Instruktionsverhandlung vom 18. Dezember 2013 beibrächten.
Die Anwesenheit der Beschwerdeführerin 3 wurde vom Rechtsamt der BVE nicht
vorausgesetzt. Erforderlich war einzig, dass ihr Grundstück bei Bedarf zur Abklärung ihrer
Legitimation betreten werden konnte. Im Rahmen ihres Mitwirkungsrechtes war es ihr
freigestellt, persönlich am Augenschein mit Instruktionsverhandlung teilzunehmen (vgl. Art.
22 VRPG) oder sich durch ihren Anwalt vertreten zu lassen. Der Beschwerdeführer 4 und
die Beschwerdeführerin 5 haben Arztzeugnisse eingereicht und sind somit entschuldigt. Im
Übrigen hätte eine Verletzung der Mitwirkungspflicht nicht zur Folge, dass auf das
Rechtsmittel insgesamt nicht mehr eingetreten werden könnte (Art. 20 Abs. 2 VRPG). Die
Nichteintretensfolge würde nur das in Frage stehende Begehren betreffen. Zudem muss
diese Rechtsfolge bei Rechtsmittelverfahren explizit angedroht werden,6 was vorliegend
nicht der Fall war.
f) Auf die Beschwerden der Beschwerdeführenden 3 bis 5 ist daher grundsätzlich
einzutreten. In Bezug auf die streitige Fassadenfarbe kann auf die Beschwerden nur
4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 65 N. 6 5 Vgl. Vollmachten vom 15.08.2013, Vorakten der Gemeinde, Dossier 20-A-2010 6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 20 N. 2 und 4
6
eingetreten werden, wenn den Beschwerdeführenden auch die Sachlegitimation zukommt,
was nachfolgend zu prüfen ist.
2. Einsprachelegitimation der Beschwerdeführerin 3
a) Die Einsprachelegitimation setzt eine unmittelbare Betroffenheit in eigenen
schützenswerten Interessen voraus (Art. 35 Abs. 2 lit. a BauG) und beurteilt sich
unabhängig davon, ob das kleine oder ordentliche Baubewilligungsverfahren durchgeführt
wird. Die schützenswerten Interessen können tatsächlicher oder rechtlicher Natur sein.
Legitimiert sind insbesondere Eigentümer oder dinglich Berechtigte von direkt
angrenzenden Grundstücken oder von solchen, die nur durch eine Strasse vom
Baugrundstück getrennt sind. Darüber hinaus reicht die Nachbarschaft jedoch so weit wie
die allfälligen nachteiligen Auswirkungen des Bauvorhabens. Bei ästhetischen Einwänden
muss eine Sichtverbindung zum Bauvorhaben bestehen. Auch in einem solchen Fall bedarf
es noch einer besonders nahen Beziehung zur Streitsache, welche wesentlich stärker ist
als diejenige der Allgemeinheit.7
b) Das Grundstück der Beschwerdeführerin 3 grenzt zwar nicht direkt an die
Überbauung der Beschwerdegegnerin an, ist aber nur durch das Grundstück der
Beschwerdeführenden 1 und 2 davon getrennt. Es besteht eine direkte Sichtverbindung zu
mindestens drei der neuen Gebäude. Die geplante Fassadenfarbe ist bei der Liegenschaft
der Beschwerdeführerin 3 daher gut wahrnehmbar, wie auch die eingereichten
Fotoaufnahmenbelegen, die von ihrem Grundstück aus aufgenommen wurden.8 Die
Beschwerdeführerin 3 wird daher durch das Bauvorhaben mehr als jedermann betroffen,
so dass sie einsprachebefugt war. Auf die Beschwerde der Beschwerdeführerin ist daher
auch in der Sache einzutreten.
3. Einsprachelegitimation des Beschwerdeführers 4 und der Beschwerdeführerin 5
7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, Band I, 4. Aufl. 2013, Art. 35-35c N. 17 Vgl. BGer 1A.98/1995 E. 2c, in ZBl. 1995 S. 529 8 Beschwerdebeilage Nr. 8; Protokoll des Augenscheins mit Instruktionsverhandlung vom 18.12.2013, S. 13
7
a) Der Beschwerdeführer 4 und die Beschwerdeführerin 5 sind direkte Nachbarn der
Bauparzellen und daher durch das Bauvorhaben unmittelbar betroffen. Der
Beschwerdeführer 4 hat am 16. Juli 2013 den Situationsplan 1:500 und den Fassadenplan
1:100 vom 15. Juli 2013 unterschrieben, die Beschwerdeführerin 5 leistete die Unterschrift
auf diesen Plänen zu einem unbekannten Zeitpunkt. Die Beschwerdeführenden 4 und 5
machen geltend, sie hätten sich bei Unterzeichnung des Plans in einem Irrtum über den
wahren Sachverhalt befunden, weshalb ihre Unterschriften unbeachtlich seien. Die
Baugesuchstellerin habe ihnen anlässlich des jeweiligen Hausbesuchs erklärt, die
Gemeinde wünsche diese Änderung der Fassadenfarbe, was jedoch nicht zutreffe. Die
Beschwerdeführerin 5 bringt ausserdem vor, sie sei betagt und sehbehindert.
b) Es fragt sich, ob die Beschwerdeführenden 4 und 5 mit der Unterzeichnung der Pläne
auf die Einspracherechte verzichtet haben. In Zusammenhang mit den Näherbaurechten
hat die Rechtsprechung festgehalten, dass die Zustimmung zum Näherbau ausdrücklich
und unmissverständlich erteilt werden muss und dass das blosse Unterzeichnen des
Situationsplanes nicht genügt.9 Eine rechtsgültige Zustimmungserklärung darf daher nicht
leichthin angenommen werden.
c) Auf den Plänen, welche die betagten Beschwerdeführenden unterzeichnet haben,
steht oberhalb der Unterschriften lediglich „baugesuch - farbänderung“. Eine ausdrückliche
Zustimmung zur Fassadenfarbe oder eine Erklärung, dass sie damit auf ihre
Einspracherechte verzichten, haben sie jedoch weder auf dem Plan noch anderweitig
abgegeben. Die Beschwerdeführenden 4 und 5 haben daher weder explizit noch implizit
auf ihre Einspracherechte verzichtet und waren daher einsprachebefugt. Auf ihre
Beschwerde ist somit auch bezüglich den Sachvorbringen zur Fassadenfarbe einzutreten.
Ob und inwiefern die Beschwerdegegnerin allenfalls Anlass zu einem Irrtum des
Beschwerdeführers 4 und der Beschwerdeführerin 5 gegeben hat, kann bei diesem
Ergebnis offen bleiben.
4. Bewilligungspflicht der Fassadenfarbe
9 BVR 2003, S. 255 f. E. 2c; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, Band I, 4. Aufl. 2013, Art. 12 N. 12
8
a) Die Beschwerdegegnerin ist der Ansicht, dass die Farbgestaltung grundsätzlich frei
sei und ihr diesbezüglich keine Auflagen gemacht werden könne, weil dazu die gesetzliche
Grundlage fehle. Weiter macht sie geltend, die vom Regierungsstatthalteramt bewilligten
Pläne hätten einen oliv-gelblichen Grauton aufgewiesen, der dem Muster Eternit Planea
P 614 und P 613 sehr ähnlich sei. Die Intensität und der Farbton könnten je nach
Produktionsserie variieren. Die Bewilligungsbehörde habe weder eine Auflage des
Farbtons noch eine Bemusterung am Bauobjekt verlangt. Die Farbtöne Planea P 614 und
P 613 seien daher als mit Gesamtbauentscheid vom 16. November 2011 bewilligt zu
betrachten. Es bedürfe diesbezüglich keiner Projektänderung.
b) Fassadenfarben sind baubewilligungspflichtig, da sie eine Auswirkung auf den Raum,
d.h auf das Orts- und Landschaftsbild haben (vgl. Art. 1a BauG). Der Bauherrschaft steht
es zwar frei, die von ihr bevorzugte Fassadenfarbe im Rahmen des
Baubewilligungsverfahrens zu beantragen. Ob die Fassadenfarbe bewilligungsfähig ist,
muss im konkreten Einzelfall gestützt auf die Ästhetikvorschriften der Gemeinde bzw. auf
Art. 9 BauG beurteilt werden, welche die gesetzliche Grundlage bilden. Verstösst ein
Bauvorhaben gegen Ästhetikvorschriften, ist es gemäss Art. 2 BauG nicht
bewilligungsfähig, da diese Bestimmungen selbständige Bedeutung haben und
grundsätzlich gleichrangig sind wie die übrigen Bauvorschriften.10 Die Fassadenfarbe kann
demnach nicht losgelöst vom baulichen bzw. landschaftlichen Kontext beurteilt werden,
weshalb sich auch keine allgemeingültige Aussage über die Bewilligungsfähigkeit einer
bestimmten Fassadenfarbe machen lässt: die gleiche Farbe kann an einem Ort ohne
weiteres zulässig sein und in einer anderen Umgebung stören.
c) Im Baugesuch für die Neubauten vom 13. März 2011 wurde die Fassadenfarbe mit
„div. Grautönen“ angegeben. Auf den vom Regierungsstatthalteramt bewilligten Plänen
vom 16. November 2011 sind die Gebäude in eher dunklen, gedämpften Farben gehalten,
und zwar alternierend in einem bräunlichen Grau und einem olivfarbigen Ton. Letzterer
lässt sich nicht unter Grautöne subsumieren und steht im Widerspruch zu den Angaben im
Baugesuch.
d) Die Farbtöne auf den Plänen zeigen die vorgesehene Fassadenfarbe zwar nur
ungefähr an. Da diese in der Regel am Objekt noch bemustert werden muss, genügt die
10 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, Band I, 4. Aufl. 2013, Art. 9/10 N. 7
9
Angabe des Grundtones im Baugesuch. Vorliegend können die Fassadenfarben auf den
bewilligten Plänen aber auch im weitesten Sinn nicht als gelb oder gelblichgrün bezeichnet
werden. Die gelben Farbtöne Planea P 613 und P 614 wurden mit Gesamtbauentscheid
des Regierungsstatthalteramtes Biel/Bienne vom 16. November 2011 nicht bewilligt, zumal
sie nicht nur den Plänen, sondern auch den Angaben im Baugesuch widersprechen.
5. Beurteilung der Fassadenfarben
a) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die „ästhetische Generalklausel“ im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können. Derartige Vorschriften
müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst sein als die
Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein anders
formulieren.11
b) Das Baureglement der Gemeinde Tüscherz - O._12 enthält in Art. 30
insbesondere folgende Bestimmungen zur Gestaltung von Bauten und Anlagen:
1 Alle Bauten und Anlagen müssen architektonisch befriedigend gestaltet werden. Sie sind hinsichtlich ihrer Gesamterscheinung, ihrer Einzelheiten und Proportionen so auszubilden, dass zusammen mit den bestehenden oder vorauszusehenden Bauten eine gute einheitliche Gesamtwirkung entsteht und die Schönheit oder erhaltenswerte Eigenart des Strassen-, Orts- und Landschaftsbildes und des Seeufers gewahrt bleiben.
Auf die Schutzwürdigkeit benachbarter Bauten ist angemessen Rücksicht zu nehmen. Geschichtlich und künstlerisch wertvolle Bauwerke, Baugruppen, historische Stätten und Brunnen sind besonders zu beachten. Bauten, welche diesen Anforderungen nicht erfüllen, sind unzulässig, auch wenn sie den übrigen Bauvorschriften entsprechen.
11 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Auflage, Band I, Bern 2013, Art.°9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen 12 Baureglement Tüscherz - O._, vom AGR genehmigt am 12.12.1997, Stand Januar 2012
10
Diese Bestimmungen gehen weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG; ihnen kommt daher
selbständige Bedeutung zu.
c) Der Begriff „gute Gesamtwirkung“ stellt einen unbestimmten kommunalen
Gesetzesbegriff dar, bei dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen
Beurteilungsspielraum haben. Jedoch dürfen auch an das Erfordernis der guten
Gesamtwirkung nicht unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Die gute
Gesamtwirkung ist weder an geringen noch an besonders hohen architektonischen
Qualitäten zu messen. Das bedeutet bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass
das Mittelmass der Umgebung nicht gestört werden darf und sich eine neue Baute oder
Anlage an den qualitativ hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren
hat.13 Schutzobjekt des Ortsbild- und Landschaftsschutzes ist der Aussenraum, soweit er
von einem öffentlichen Standort aus für den Betrachter als Einheit erfassbar ist.14
d) Die Fassaden der sechs Häuser sollen alternierend mit Eternitplatten in den
Gelbtönen Planea P 613 und P 614 verkleidet werden, was bei den untersten zwei
Gebäuden bereits erfolgt ist. Die Gemeinde hat sich für ihren Entscheid massgeblich auf
den Bericht des Netzwerk Bielersee vom 12. Juli 2013 gestützt, welcher festhielt, die zwei
Farbtöne gelb und gelblichgrün könnten je nach Jahreszeit in der grünen Umgebung des
Rebhanges gefunden werden. Die Integration des Bauvolumens in die Landschaft könne
so gelingen.
e) Die OLK hält in ihrem Fachbericht vom 20. November 2013 fest, das bestehende
Quartier weise ein helles Kolorit auf. Gebrochene Weisstöne, beige und gräuliche Farben
herrschten vor. Die eher dunklen Dacheindeckungen erdeten die Bauten. Einzelne
farbliche „Ausreisser“ vermochten den eher homogenen Farbeindruck nicht zu
beeinträchtigen. Die dunklen, teilweise schwarz eingekleideten Bauten fügten sich gut,
beinahe unauffällig in das bestehende Orts- und Landschaftsbild ein. Die Rebmauern und
deren Farbigkeit bildeten ein weiteres, wichtiges landschaftsarchitektonisches Merkmal der
Gemeinde Tüscherz.
13 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, Band I, 4. Auflage 2013, Art. 9/10 N. 4a; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1 14 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, Band I, 4. Aufl. 2013, Art. 9/10 N. 14; VGE 22044 vom 19.08.2005, E. 2.8
11
Zu den Fassadenfarben der Neubauten hielt sie fest, die vorgesehene, fast einheitliche
grelle Farbigkeit und die hellen Dächer der Überbauung seien vom bestehenden Quartier
abweichende Merkmale. Die Farbe Gelb werde unter anderem mit Sonnenlicht
charakterisiert. Sie sei mit Abstand die hellste der vier bunten Grundfarben (Rot, Blau, Gelb
und Grün). Gelb weise eine gute Fernwirkung auf, sei hell und leuchtend. Nicht von
ungefähr werde dieser Farbton als internationale „Warnfarbe“ verwendet. Diese
Eigenschaften potenzierten sich in direktem Sonnenlicht. Das bestehende Orts- und
Landschaftsbild werde massiv beeinträchtigt. Die Siedlung hebe sich gegenüber der
Nachbarschaft ab. Dieses Ungleichgewicht sei nicht angemessen.
f) Anlässlich des Augenscheins führten die Vertreter der OLK zusammengefasst aus,
die bauliche Umgebung der neuen Überbauung bestehe aus individuellen Einzelbauten.
Charakteristisch sei, dass die Häuser nicht geometrisch gesetzt worden seien. Es gebe
keine Repetition, kein Haus sei gleich wie das andere, was auch die Wirkung eines
einzelnen Hauses abschwäche. Charakteristisch seien die dunklen Dächer und die hellen
Fassaden in Weiss- und Beigetönen. In farblicher Hinsicht gebe es zwar einige
„Ausreisser“ (ein fast schwarzes und ein rötliches Gebäude), aber keine knalligen Farben.
Insgesamt entstehe bei den Fassadenfarben ein homogener Eindruck. Die gelbe
Fassadenfarbe sei nicht in dieser vorbestehenden Farbpalette enthalten und steche daher
heraus. Die neue Überbauung unterscheide sich in verschiedener Hinsicht stark von der
bestehenden Bebauung. In architektonischer Hinsicht weiche sie mit ihrer Symmetrie, der
Repetition und der Parallelität vom Bestehenden ab. Und im Gegensatz zur baulichen
Umgebung seien die Dächer der Neubauten hell. Dadurch sei ein Ungleichgewicht
entstanden, das durch die gelbe Fassadenfarbe noch verstärkt werde. Die dichte
Überbauung mit sechs Häusern potenziere die Wirkung der Farbe. Aufgrund der glatten
Oberfläche der gewählten Eternitplatten gebe es mehr Lichtreflexion als bei Fassadenputz.
Im Sonnenlicht sei die gelbe Farbe daher ein extremer „Knaller“. Weiter hielten die
Vertreter der OLK fest, es sei wichtig, dass versucht werde, mit verschiedenen Farbtönen
die Symmetrien und die Kompaktheit der neuen Überbauung etwas aufzubrechen. Im
vorliegenden Fall seien dunklere, erdigere Farbtöne den hellen vorzuziehen.15
g) Die OLK hat überzeugend dargelegt und begründet, inwiefern Fassaden in den
Farben Planea P 613 und P 614 das Ortsbild massiv beeinträchtigen. Das bestehende
15 Protokoll des Augenscheins vom 18.12.2013, S. 5-8, 11
12
Quartier ist bezüglich der vorherrschenden Fassadenfarben in Weiss-, Grau- und
Beigetönen recht einheitlich. Das davon abweichende fast schwarze Gebäude wirkt trotz
seines grossen Bauvolumens von weitem her gesehen unauffällig und nimmt sich dank
dieser Farbe zurück. Zudem haben alle bestehenden Gebäude Umschwung, was die
Siedlung auflockert. Demgegenüber sind die Neubauten sehr kompakt und streng
symmetrisch angeordnet und gleichen einer Terrassensiedlung. Die architektonische
Gestaltung der neuen Überbauung ist zwar vorliegend nicht Verfahrensgegenstand. Wie
die OLK aber zu Recht ausführte, lässt sich die Fassadenfarbe nicht losgelöst von der
Architektur beurteilen, da die Anzahl der Häuser und die Dichte der Überbauung die
Farbwirkung verstärken und die Farbe ihrerseits die Wirkung der Überbauung beeinflusst.
h) Das linke Bielerseeufer ist mit den zusammenhängenden Rebbergen, gut erhaltenen
Winzerdörfern und Wäldern eine äusserst attraktive und sensible Landschaft und
gebietsweise als Landschaft von nationaler Bedeutung eingestuft (BLN-Schutzgebiet
Nr. 1001 „Linkes Bielerseeufer“).16 Der Perimeter des BLN-Gebietes reicht nahe an das
Bauvorhaben heran. Die neuen Gebäude sind vom See und gegenüberliegenden Ufer aus
von weither sichtbar und werden daher auch in Zusammenhang mit dem BLN-Gebiet
wahrgenommen.
i) Die bereits gelb verkleideten Gebäude haben eine enorme Leuchtkraft und
Fernwirkung. Bei Sonneneinstrahlung wirken die Fassaden wegen der glatten, leicht
schimmernden Oberfläche leuchtend und intensiv gelb, wie die Fotos in der
Beschwerdebeilage Nr. 8 und auch die Verkaufsdokumentation auf der Internetplattform
Immoscout zeigen.17 Die Farbtöne wirken von weitem gesehen rein gelb und unterscheiden
sich kaum. Die Gebäude stechen mit diesen grell wirkenden Farben aus der bestehenden
Bebauung heraus, was selbst bei schlechten Witterungsverhältnissen erkennbar ist. Durch
die dichte und relativ grosse Überbauung würde dieser Effekt potenziert und die
Neubauten zu einem dominierenden und störenden Blickfang in dieser schönen
Hanglandschaft. Die Vegetation ändert sich im Jahreslauf, während die bauliche
Umgebung gleich bleibt. Neubauten müssen sich ganzjährig dem Orts- und
Landschaftsbild einfügen. Der von der Beschwerdegegnerin vorgebrachte Vergleich mit
den Farben der Rebenblätter greift deshalb nicht, zumal ein Gebäude immer einen
16 Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung, BLN 17 http://www.immoscout24.ch/en/d/purchase-villa-t%C3%BCscherz-alferm%C3%A9e/2485561?tab=overview; zuletzt besucht am 5.02.2014
13
Gegensatz zur Vegetation darstellt. Die gewählten Fassadenfarben P 613 und P 614
haben eine ausgesprochen störende Wirkung auf das Orts- und Landschaftsbild. Dies
verletzt die kommunale Ästhetikbestimmung (Art. 30 GBR), welche eine gute
Gesamtwirkung und die Wahrung der Schönheit des Orts- und Landschaftsbildes
voraussetzt, und widerspricht selbst dem Beeinträchtigungsverbot von Art. 9 BauG.
Die Fassadenfarben Eternit Planea P 613 und 614 sind daher nicht bewilligungsfähig. Die
angefochtene Verfügung ist aufzuheben.
6. Weiteres Verfahren
In Bezug auf die Fassadenverkleidung gilt nach wie vor die Baueinstellungsverfügung vom
7. Juli 2013. Da dem nachträglichen Baugesuch für die Fassadenfarben P 613 und P 614
der Bauabschlag erteilt werden muss, stellt sich die Frage nach der Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustandes gemäss Art. 46 BauG. Die Gemeinde hat bisher noch kein
Wiederherstellungsverfahren eingeleitet. Es ist Sache der Gemeinde als
Baupolizeibehörde, dieses Verfahren nun durchzuführen und über die Herstellung des
rechtmässigen Zustandes zu entscheiden.
7. Kosten
a) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr.
Für besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren
erhoben werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG). Da die Beschwerden praktisch identisch waren,
wird die Pauschalgebühr auf Fr. 500.– pro Beschwerde festgesetzt, ausmachend total
Fr. 2’000.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 und Art. 20 Abs. 1
GebV18). Darin enthalten sind auch die Kosten der BVE für den Augenschein vom 18.
Dezember 2013. Die Kosten der OLK von Fr. 500.– für den Fachbericht (Rechnung vom
12. Dezember 2012) und von Fr. 300.– für die Teilnahme am Augenschein werden gestützt
auf Art. 11 GebV zusätzlich erhoben. Die Verfahrenskosten betragen somit insgesamt
Fr. 2'800.–.
18 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
14
b) Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Bei
diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdegegnerin und hat die
Verfahrenskosten von Fr. 2'800.– zu tragen.
c) Als unterliegende Partei hat die Beschwerdegegnerin zudem den
Beschwerdeführenden die Parteikosten zu ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die
Kostennote des Anwaltes der Beschwerdeführenden für die vier Beschwerden gibt zu
keinen Bemerkungen Anlass. Die Beschwerdegegnerin hat somit den
Beschwerdeführenden die Parteikosten von insgesamt Fr. 7'204. – (inkl. Auslagen und
MWSt) zu ersetzen, ausmachend Fr. 1'801.– pro Beschwerde.
d) Die Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens von Fr. 1'679.– sind von der
Beschwerdegegnerin zu bezahlen (Art. 52 Abs. 1 BewD. Art. 49 i.V.m. Art. 45 ff. BauG).