Decision ID: 35be27bc-6079-45e0-8cc9-c8b623d92460
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 7. April 2008 unter Hinweis auf einen Bandscheibenvorfall
und ein Rückenleiden zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung bei der IV-
Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 3). Der Versicherte war zuletzt vom 7. Juni
1999 bis 31. März 2007 als Koch tätig gewesen, wobei er seinen letzten Arbeitstag
aufgrund seiner Arbeitsunfähigkeit am 21. Juni 2006 hatte (IV-act. 15).
A.b Dr. med. B._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, gab anlässlich des
Gesprächs mit dem RAD vom 22. April 2008 als Diagnose ein lumbovertebrales
Syndrom bei Status nach Diskushernienoperation L5/S1 links am 29. August 2006 und
nach Rezidivhernienoperation L5/S1 am 26. November 2007 mit postoperativer
Schmerzverstärkung bei persistierender Hernie L5/S1 mit foraminaler Einengung an.
Der Versicherte sei nicht imstande, irgendeiner Arbeit nachzugehen (IV-act. 14).
A.c Vom 23. April bis 20. Mai 2008 war der Versicherte in stationärer Behandlung in
der Klinik Valens. Im Austrittsbericht vom 27. Mai 2008 diagnostizierten die Ärzte ein
residuelles sensibles lumboradikuläres Syndrom L5 und S1 links sowie eine
metabolisches Syndrom. Für die Zeit des stationären Aufenthalts wurde eine
Arbeitsfähigkeit von 0% attestiert. Danach sei unter Berücksichtigung der speziellen
Einschränkungen des Versicherten eine volle Arbeitsfähigkeit für eine leichte bis
mittelschwere wechselbelastende Tätigkeit gegeben. Dabei solle vorgeneigtes Stehen
nur manchmal vorkommen und nach Bedarf unterbrochen werden können (IV-act.
22-20 ff.). Im Arztbericht vom 23. Juni 2008 hielt Dr. B._ fest, dass bei der
Unfähigkeit zum Stehen, Sitzen oder Gehen über eine Stunde keinerlei
Arbeitstätigkeiten vorstellbar oder vermittelbar seien (IV-act. 22).
A.d Am 25. September 2008 wurde beim Versicherten eine Spondylodese L5/S1
mittels Axial-LIF mit Retropositionierung von LWK5 um 4mm durchgeführt. Trotzdem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe damit der Gesundheitszustand des Versicherten nicht stabilisiert werden können
(vgl. IV-act. 34 f.).
A.e Vom 17. Februar 2010 bis 1. März 2010 war der Versicherte in der Neurochirurgie
des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) hospitalisiert, wo am 23. Februar 2010 eine
postero-laterale Spondylodese L4 bis S1 mit transpedikulärer Verschraubung und
Implantation eines Capstone-Cages L4/5 durchgeführt wurde (IV-act. 45). Im
Verlaufsbericht vom 10. Juni 2010 gaben die Ärzte des KSSG eine Verbesserung des
Gesundheitszustandes an. Zur Bestimmung der körperlichen Leistungsfähigkeit wurde
die Durchführung einer Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL)
vorgeschlagen (IV-act. 38).
A.f RAD-Arzt Dr. med. C._, Facharzt für Innere Medizin FMH, untersuchte den
Versicherten am 11. August 2010 und hielt im Bericht vom 18. August 2010 fest, dass
der Versicherte in einer leidensangepassten, körperlich leichten bis nur sporadisch
mittelschweren, abwechselnd im Sitzen, Stehen und Gehen auszuübenden Tätigkeit ab
sofort vollumfänglich arbeitsfähig sei. Seine psychischen Ressourcen würden es ihm
erlauben, diese Tätigkeit trotz der von ihm geschilderten Rückenschmerzen
vollschichtig und im Rahmen einer uneingeschränkten Leistungsfähigkeit
wahrzunehmen. Der Versicherte selbst habe dieser Beurteilung zumindest
vordergründig zugestimmt (IV-act. 44).
A.g Nachdem die zuständige IV-Eingliederungsverantwortliche einige Male mit dem
Versicherten gesprochen hatte (IV-act. 46 f.), teilte ihm die IV-Stelle mit Schreiben vom
15. Oktober 2010 mit, dass eine Arbeitsvermittlung nicht möglich sei, da er sich
subjektiv nicht in der Lage fühle, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen (IV-act. 49).
A.h Im Verlaufsbericht vom 16. November 2010 machte Dr. B._ eine
Verschlechterung des Gesundheitszustands geltend. Aufgrund der beklagten
Beschwerden und verminderter Belastbarkeit im Gehen, Sitzen und Stehen sei keine
Arbeitsfähigkeit möglich, die zu einer regelmässigen Arbeitsleistung führen würde (IV-
act. 51).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.i RAD-Arzt Dr. C._ hielt in der Stellungnahme vom 3. Dezember 2010 fest, dass
die vom Hausarzt vorgebrachte Begründung der fehlenden Vermittelbarkeit als IV-
fremd bezeichnet werden müsse. Aus medizintheoretischer Sicht verfüge der
Versicherte in einer leidensangepassten Tätigkeit über eine vollumfängliche
Arbeitsfähigkeit (IV-act. 52).
A.j Mit Vorbescheid vom 7. Januar 2011 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Diesem sei es zumutbar, die Schmerzen
zu überwinden. In einer leidensangepassten Tätigkeit weise er eine vollumfängliche
Arbeitsfähigkeit auf (IV-act. 56).
A.k Mit Einwand vom 17. Februar 2011 beantragte der Versicherte die Aufhebung des
Vorbescheids und die Ausrichtung einer ganzen Invalidenrente rückwirkend ab
November 2008. Weiter sei er durch eine unabhängige Gutachterstelle zu begutachten
(IV-act. 61).
A.l Der Versicherte wurde im Auftrag der IV-Stelle am 19. und 21. September 2011 in
der MEDAS Ostschweiz begutachtet. Im Gutachten vom 21. Dezember 2011 wurde mit
Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit ein chronifizierendes lumbovertebrales
Schmerzsyndrom mit linksbetonten spondylogenen Ausstrahlungen und ein residuelles
sensibles lumboradikuläres Ausfallsyndrom L5/S1 links diagnostiziert. Eine
Arbeitsunfähigkeit in leichten, wechselbelastenden Tätigkeiten ohne Arbeiten in
Wirbelsäulenzwangshaltung, ohne repetitive Wirbelsäulenflexionen/-extensionen sowie
ohne Heben/Tragen von Lasten über 7.5 bis 10 kg könne aus somatischer Sicht nicht
begründet werden. Aus psychiatrischer Sicht bestehe keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit. Eine Arbeitsunfähigkeit in körperlich adaptierten Tätigkeiten sei
spätestens ab dem Begutachtungszeitpunkt nicht mehr nachvollziehbar. Retrospektiv
sei von einer vollen Arbeitsunfähigkeit des Versicherten für jegliche Berufstätigkeiten
auszugehen für eine unbestimmte Dauer vor den jeweiligen operativen Eingriffen sowie
jeweils ca. drei Monate postoperativ (IV-act. 73).
A.m Mit Vorbescheid vom 8. Mai 2012 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Zusprache einer ganzen Rente ab 1. Juni 2007, befristet bis zum 31. August 2010, in
Aussicht (IV-act. 79).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.n Mit Einwand vom 8. Juni 2012 beantragte der Versicherte die Aufhebung des
Vorbescheids und die Ausrichtung einer unbefristeten ganzen Invalidenrente
rückwirkend ab 1. Juni 2007 (IV-act. 81).
A.o Im Bericht der Neurochirurgie am KSSG vom 11. Juli 2012 wurde eine Lockerung
der Spondylodeseschrauben L4 beidseits und S1 links sowie eine Diskus-/
Cageprotrusion auf Höhe L4/5 mit möglicher Kompression der Wurzel L5 rechts
festgehalten. Weiter bestehe eine ossäre Enge L5 links foraminal/extraforaminal mit
einer möglichen Nervenwurzelkompression. Ansonsten gebe es keine sicheren
Hinweise für eine höhergradige Kompression neuraler Strukturen (IV-act. 95).
A.p Dr. med. D._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, diagnostizierte im
Arztbericht vom 20. November 2012 eine depressive Störung, gegenwärtig
mittelschwere Episode, bei chronischen Schmerzen. Die Arbeitsunfähigkeit hänge von
der Beurteilung der Schmerzsymptomatik ab, die Depression verstärke diese
Symptomatik, könne aber nicht isoliert beurteilt werden. Es stelle sich die Frage nach
einer bidisziplinären Begutachtung, um die Wechselwirkung von somatischen und
psychischen Beschwerden richtig beurteilen zu können (IV-act. 96). Im Verlaufsbericht
vom 26. Juni 2013 hält Dr. D._ fest, dass sich die Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer
Sicht nicht verbessert habe (IV-act. 102). In einem weiteren Bericht vom 2. September
2013 führt Dr. D._ aus, dass sich der Gesundheitszustand seit der Begutachtung
grundsätzlich verschlechtert habe. Die Ungewissheit, wie es mit dem Rücken
weitergehe, und der chronische Schmerz hätten eine Zunahme der depressiven
Symptomatik mit sich gebracht. Grundlage sei aber zweifelsohne die gleiche
medizinisch-psychiatrische Sachlage wie 2011, nur eben noch im Verlauf
fortgeschrittener (IV-act. 106).
A.q In der Stellungnahme vom 23. Dezember 2013 halten die RAD-Ärzte fest, es sei
davon auszugehen, dass Dr. D._ eine im Vergleich zum Gutachten von 2011
unveränderte medizinische Sachlage anders beurteile als die damaligen Gutachter. Es
empfehle sich, bezüglich der Arbeitsfähigkeit weiterhin die gutachterlichen
Einschätzungen zu berücksichtigen (IV-act. 110).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.r In einem vom Versicherten eingereichten Arztbericht vom 25. November 2013
diagnostizierte Prof. Dr. med. E._, Facharzt FMH für Neurochirurgie am
Wirbelsäulenzentrum F._, ein ausgeprägtes Failed back surgery Syndrom bei
Zustand nach insgesamt 4 Wirbelsäulenoperationen, Schraubenlockerung S1 links und
L4 beidseits, sowie den Verdacht auf mehrfache Nervenwurzelirritationen bzw.
Kompressionen, Adipositas und ein chronifiziertes Schmerzsyndrom (IV-act. 112).
Gemäss RAD-Stellungnahme vom 6. Januar 2014 ergaben sich daraus keine
medizinischen Aspekte, die im MEDAS-Gutachten nicht schon implizit und explizit
berücksichtigt worden seien (IV-act. 114).
A.s Mit Vorbescheid vom 23. Januar 2014 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Zusprache einer ganzen Rente ab 1. Juni 2007 befristet bis 31. August 2010 in
Aussicht (IV-act. 116).
A.t Dagegen erhob der Versicherte am 28. Februar 2014 Einwand. Er beantragte die
Aufhebung des Vorbescheids und die Ausrichtung einer unbefristeten ganzen
Invalidenrente rückwirkend ab 1. Juni 2007. Das MEDAS Gutachten sei sowohl in
somatischer als auch in psychiatrischer Hinsicht vollständig überholt. Dabei wurde
insbesondere auf den Bericht von Prof. E._ verwiesen (IV-act. 119).
A.u Mit Verfügung vom 10. Juli 2014 sprach die IV-Stelle dem Versicherten ab 1. Juni
2007 befristet bis zum 31. August 2010 eine ganze Rente zu. Gestützt auf den RAD sei
von der bisherigen Einschätzung nicht abzuweichen und es seien auch keine weiteren
medizinischen Abklärungen angezeigt (IV-act. 123 und 125).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegend zu beurteilende Beschwerde
vom 12. September 2014. Der Beschwerdeführer beantragt unter Kosten- und
Entschädigungsfolge die Aufhebung der Verfügung vom 10. Juli 2014 und die
Ausrichtung einer unbefristeten ganzen Invalidenrente rückwirkend ab 1. Juni 2007.
Eventualiter sei die Angelegenheit an die Vorinstanz zurückzuweisen und diese sei zu
verpflichten, zusätzliche medizinische Abklärungen zu tätigen und neu zu verfügen.
Falls nach Durchführung dieser zusätzlichen medizinischen Abklärungen eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit für eine leidensadaptierte Tätigkeit attestiert werden sollte, seien dem
Beschwerdeführer Wiedereingliederungsmassnahmen zuzusprechen. Es sei
keineswegs so, dass sich der Invaliditätsgrad des Beschwerdeführers drei Monate
nach dem letzten Rückeneingriff von 100% auf 0% reduziert habe. Effektiv habe keine
Verbesserung des Rückenproblems verzeichnet werden können. Bis heute sei unklar,
ob ein knöcherner Durchbau der Wirbelsäule erfolgt sei. Dabei verweist der
Beschwerdeführer im Wesentlichen auf den Arztbericht von Prof. E._. Das MEDAS-
Gutachten sei vollständig überholt und unbrauchbar. Zudem habe sich seit der
Begutachtung auch die Sachlage im psychiatrischen Fachgebiet verändert. Der
Beschwerdeführer befinde sich in psychotherapeutischer Behandlung und leide unter
einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode, und
unter einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung. Die Beschwerdegegnerin
habe ihre Abklärungspflicht verletzt (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 31. Oktober 2014 beantragt die Beschwerdegegnerin
die teilweise Gutheissung der Beschwerde. Der Rentenanspruch sei bis zum 31.
Dezember 2011 zu befristen und darüber hinaus zu verneinen. Es wird im Wesentlichen
auf die Stellungnahmen des RAD vom 23. Oktober 2013 und vom 18. März 2014
verwiesen, wonach keine weiteren Abklärungen nötig seien, da die behandelnden
Fachärzte lediglich eine andere Beurteilung des Gesundheitszustandes und
insbesondere der Arbeitsfähigkeit vorgenommen hätten. Der Rentenanspruch sei
zurecht befristet worden. Die volle adaptierte Arbeitsfähigkeit dürfe jedoch frühestens
ab Gutachtenszeitpunkt angenommen werden. Auch bei einer allfälligen
Verschlechterung in psychiatrischer Hinsicht mit der diagnostizierten depressiven
Störung sowie allenfalls einer somatoformen Schmerzstörung sei keine relevante
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit anzuerkennen (act. G 6).
B.c Am 12. November 2014 wurde dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtspflege (Befreiung von Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) entsprochen (act. G 7).
B.d Mit Replik vom 17. Februar 2015 hält der Beschwerdeführer unverändert an der
Beschwerde fest und reichte einen Arztbericht von Dr. med. G._, Oberarzt der
Neurochirurgie am KSSG, vom 21. Januar 2015 ein. Darin hält dieser fest, dass aus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neurochirurgischer Sicht die Voraussetzungen für eine Eingliederung in ein
Arbeitsverhältnis nicht gegeben seien (act. G 13). Mit Schreiben vom 26. Februar 2015
reichte der Beschwerdeführer zwei Schreiben des Medizinischen Zentrums, Medical
Health Center, vom 19. Januar 2015 und 9. Februar 2015 sowie eine Datenkarte der
Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin des KSSG (als Noven) ein (act. G 15).
B.e Mit Duplik vom 2. März 2015 reichte die Beschwerdegegnerin einen Bericht von
Dr. G._ vom 22. Januar 2015 ein. Darin würden die gleichen Feststellungen gemacht
wie schon früher. Dass die Voraussetzungen für eine Eingliederung in ein
Arbeitsverhältnis nicht gegeben seien, werde von Dr. G._ nicht näher begründet. Es
bestehe deshalb kein Anlass, von der bisherigen Einschätzung abzuweichen und an
den bisherigen Ausführungen werde vollumfänglich festgehalten (act. G 17).

Erwägungen
1.
1.1 Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist die Befristung des
Rentenanspruchs des Beschwerdeführers auf den 31. Dezember 2011.
1.2 Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die: a. ihre Erwerbsfähigkeit
oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können; b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind; und c. nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind. Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
1.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40% auf eine Viertelsrente.
1.4 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im
Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der
Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden
können (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit Hinweisen).
1.5 Die Rechtsprechung hat es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als
vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das
im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen
Spezialärzten, die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft,
solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE
125 V 351 E. 3b/bb).
1.6 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach haben Gericht und Verwaltung von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen (Urteil des
Bundesgerichts vom 1. April 2011, 8C_73/2011, E. 4.1). Wenn der entscheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt wurde, kann das Gericht die Angelegenheit zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen.
2.
2.1 Vorab ist die Frage zu beantworten, ob die medizinische Aktenlage eine
rechtsgenügliche Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers erlaubt.
2.2 In medizinischer Hinsicht stützt sich die angefochtene Verfügung vom 10. Juli
2014 im Wesentlichen auf das MEDAS-Gutachten vom 21. Dezember 2011 sowie auf
die Stellungnahmen der RAD-Ärzte.
2.3 Im MEDAS-Gutachten vom 21. Dezember 2011 wurde als Hauptdiagnose mit
Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit ein chronifizierendes lumbovertebrales
Schmerzsyndrom mit linksbetonten spondylogenen Ausstrahlungen und ein residuelles
sensibles lumboradikuläres Ausfallsyndrom L5/S1 links nach Discushernien-Operation
L5/S1 links (29.08.2006), Rezidiv-Discushernien-Operation L5/S1 links (26.11.2007),
Spondylodese L5/S1 mit Axial-LIF (25.09.2008), Spondylodese L4 bis S1 PLIF mit
transpedikulärer Verschraubung und Capstone-Cage L4/5 (23.02.2010), Infiltration der
Pedikelköpfe (10.03.2011; ineffektiv) und breitbasiger Discusprotrusion L3/4 (CT
21.01.2011) bei Status nach Morbus Scheuermann (thorakolumbaler Übergang) und
eine muskuläre Dekonditionierung diagnostiziert. Aus psychiatrischer Sicht wurde
festgehalten, dass aufgrund der erhobenen Befunde nicht davon ausgegangen werde,
dass eine wesentliche depressive Erkrankung vorliege. Zudem könnten aktuell keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychosozialen Belastungen sowie emotionale Konflikte erhoben werden, welche die
Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung bestätigen würden. Somit
könne aus psychiatrischer Sicht keine nennenswerte Erkrankung diagnostiziert werden
(IV-act. 73-13 ff.).
2.4 Gegen dieses Gutachten bringt der Beschwerdeführer vor, dass er mehrere starke
Schmerzmittel nehmen müsse, was auch mit entsprechenden Nebenwirkungen
verbunden sei. Dies zeige, mit welchen Schmerzen er täglich zu kämpfen habe. Die
Ausübung einer ganztägigen Tätigkeit sei unter diesen Umständen ausgeschlossen.
Zudem habe er vom Hausarzt Psychopharmaka verschrieben bekommen, welche er
zwei Mal pro Tag nehme. Nur aufgrund dieser Medikation hätten die Gutachter bei ihm
keine massive Depression vorgefunden, was aber nicht heisse, dass er nicht an einer
solchen leide. Es könne nicht auf die psychiatrische Beurteilung im Gutachten
abgestellt werden, welche auf einer einzigen sechzigminütigen Exploration basiere (IV-
act. 81-4 f.).
2.5 Im Bericht vom 11. Juli 2012 beschrieben die Ärzte der Neurochirurgie des KSSG
eine Schraubenlockerung im Bereich L4 beidseits und S1 links, sowie eine Diskus-/
Cageprotrusion auf Höhe L4/5 mit möglicher Kompression der Wurzel L5 rechts. Eine
höhergradige Kompression neuraler Strukturen habe nicht objektiviert werden können
(IV-act. 95-2). Diese Befunderhebung weicht vom MEDAS-Gutachten ab. Dort wurde
festgehalten, dass die Röntgenaufnahmen eine regelrechte Lage des
Spondylodesematerials ohne Lyse- oder Lockerungszeichen und eine mässige
Spondylarthrose L3/4 zeigen würden (IV-act. 73-16). So kommt auch Prof. E._ mit
einem ausgeprägten Failed back surgery Syndrom bei Zustand nach insgesamt 4
Wirbelsäulenoperationen, Schraubenlockerung S1 links und L4 beidseits und dem
Verdacht auf mehrfache Nervenwurzelirritationen bzw. Kompressionen auf eine vom
MEDAS-Gutachten abweichende Diagnose (IV-act. 112-2).
2.6 In psychiatrischer Hinsicht hielten die MEDAS-Gutachter fest, dass die
Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt sei. Der Beschwerdeführer habe zwar anlässlich
der Begutachtung eine bedrückte und beunruhigte Stimmungslage gezeigt, die aber
aus psychiatrischer Sicht nicht das Mass einer depressiven Erkrankung annehme. Er
reagiere auf eine sehr schwierige Lebenssituation mit Schmerzen und vier Operationen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in einem normalen Rahmen, sei auch verunsichert und wirke leicht verängstigt (IV-act.
73-24).
2.7 Im Arztbericht vom 20. November 2012 hielt der Psychiater Dr. D._ fest, dass die
Grundstimmung des Beschwerdeführers gedrückt sei, er sei klagsam, jammerig und
klage über diverse Schmerzen und in der Folge über gedrückte Stimmung,
Antriebsstörungen, Schlafstörungen, vermindertes Selbstvertrauen und Verlust von
Freude und Interesse. Er diagnostizierte eine depressive Störung, gegenwärtig
mittelschwere Episode bei chronischen Schmerzen (IV-act. 96-2 f.). Im Bericht vom 26.
Juni 2013 hält Dr. D._ fest, dass sich die Depression erst im Laufe der Zeit entwickelt
habe, als der Beschwerdeführer realisiert habe, dass er in seinem Beruf nicht mehr
werde arbeiten können und auch die Schmerzen, trotz diverser Behandlungen und
Operationen, nicht weniger geworden seien. Der Schmerz sei ein dauernder Stressor,
der Nervosität, Aggression und Depression verursache. Dies sei nicht mit einem
psychosozialen Stressor zu verwechseln, sondern normalpsychologisch auf einer bio-
psychischen Ebene (IV-act. 102-6). Auf Nachfrage der IV-Stelle führte Dr. D._ im
Schreiben vom 2. September 2013 zudem aus, dass sich der Gesundheitszustand seit
der Begutachtung grundsätzlich verschlechtert habe. Die Ungewissheit, wie es mit dem
Rücken weitergehe, und der chronische Schmerz hätten eine Zunahme der
depressiven Symptomatik mit sich gebracht. Grundlage sei aber zweifelsohne die
gleiche medizinisch-psychiatrische Sachlage wie 2011, nur eben noch im Verlauf
fortgeschrittener (IV-act. 106-1).
2.8 Damit bestehen für eine Verschlechterung des psychiatrischen
Gesundheitszustands seit der MEDAS-Begutachtung gravierende Anhaltspunkte. Auch
wenn die Beurteilung von Dr. D._ auf der gleichen medizinisch-psychiatrischen
Sachlage wie das MEDAS-Gutachten basiert, beschreibt er eine klare Verschlechterung
des Gesundheitszustandes, wobei auch ein relevanter Einfluss auf die verbleibende
Restarbeitsfähigkeit nicht ausgeschlossen werden kann. Die Beurteilung des RAD,
dass insgesamt von einer unveränderten medizinischen Sachlage und lediglich einer
anderen Beurteilung auszugehen sei (IV-act. 110-1), ist nicht nachvollziehbar, zumal
der RAD selber festhält, dass im Begutachtungszeitpunkt keine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung vorhanden gewesen sei, aufgrund der Berichte von Dr.
D._ jedoch der Verdacht aufkomme, dass im entsprechenden Zeitpunkt eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
somatoforme Schmerzstörung vorliegen könne. Dass die Voraussetzungen für eine
zumutbare Willensanstrengung hinsichtlich einer Schmerzüberwindung gegeben seien
(IV-act. 110-1), basiert auf der mittlerweile mit BGE 141 V 281 überholten sogenannten
Überwindbarkeitspraxis. Eine invalidisierende Wirkung der von Dr. D._ festgestellten
psychiatrischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen kann nicht von vorneherein
ausgeschlossen werden.
2.9 Zusammenfassend ist vorliegend seit der MEDAS-Begutachtung bis zum Erlass
der angefochtenen Verfügung eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes
anzunehmen. Somit kann nicht mehr auf die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit durch die
MEDAS Gutachter abgestellt werden. Die Frage der vorhandenen Restarbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers ist damit vorliegend nicht rechtsgenüglich geklärt. Um den
medizinischen Sachverhalt abzuklären, erscheint eine neuerliche bidisziplinäre
Begutachtung notwendig.
3.
3.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde dahingehend gutzuheissen, dass die
angefochtene Verfügung vom 10. Juli 2014 aufzuheben und die Sache zur
ergänzenden Abklärung und zu neuer Verfügung im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1‘000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (BGE 132 V 215 E. 6.2). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich. Sie hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu
bezahlen.
3.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1‘000.-- bis Fr. 12‘000.--. Die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat am 16. April 2015 eine Honorarnote in
der Höhe von Fr. 7‘976.70 eingereicht (act. G 20). Diese erscheint mit Blick auf
vergleichbare Fälle als zu hoch, zumal auch diverse Schreiben an die
Beschwerdegegnerin im Aufwand aufgelistet sind, welche nicht Teil der
Beschwerdeakten sind und somit auch nicht Teil des Beschwerdeverfahrens bilden.
Dem Aufwand angemessen erscheint mit Blick auf die Praxis des
Versicherungsgerichts vorliegend eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 3‘500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer). Mit der Zusprache einer
Parteientschädigung von Fr. 3‘500.-- erübrigt sich die Frage einer Entschädigung aus
unentgeltlicher Rechtsverbeiständung.