Decision ID: 6f2e23b7-7397-5ad3-a3e1-449e8788403f
Year: 2014
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 1. November 2013 bei der Gemeinde
Münchenbuchsee ein Baugesuch ein für den Abbruch sämtlicher An- und Nebenbauten
zum bestehenden Gasthof "H._" und den Neubau von zwei Mehrfamilienhäusern
mit einer unterirdischen Autoeinstellhalle auf Parzelle Münchenbuchsee Grundbuchblatt
Nr. F._. Die Parzelle liegt in der Kernzone K3A. Gegen das Bauvorhaben erhob
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unter anderen die Beschwerdeführerin Einsprache. Mit Gesamtentscheid vom 14. Juli /
8. August 2014 erteilte die Gemeinde Münchenbuchsee die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 10. September 2014 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die
Aufhebung des Gesamtentscheids vom 14. Juli / 8. August 2014 und die Erteilung des
Bauabschlags. Eventuell beantragt sie die Erteilung der Baubewilligung mit zusätzlichen
Auflagen (insbesondere bzgl. der Parkplätze und des Zulieferverkehrs). In formeller
Hinsicht rügt sie die Verletzung des rechtlichen Gehörs. Materiell bringt sie
zusammengefasst vor, das geplante Vorhaben beeinträchtige das denkmalgeschützte
Objekt G._, verstosse gegen die Zonenvorschriften und verletze den
Strassenabstand. Schliesslich kritisiert sie, ihre Rechtsverwahrung sei zu Unrecht im
angefochtenen Entscheid nicht angemerkt worden.
3. In der Beschwerdeantwort vom 20. Oktober 2014 beantragt die Beschwerdegegnerin
im Wesentlichen die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Eventuell
beantragt sie, die Beschwerde sei insoweit gutzuheissen, als der angefochtene
Gesamtentscheid mit zusätzlichen Auflagen und der angemeldeten Rechtsverwahrung zu
ergänzen sei.
4. In ihrer Stellungnahme vom 17. Oktober 2014 teilt die Gemeinde Münchenbuchsee
ohne einen Antrag zu stellen zusammengefasst mit, seit dem Eingang der Beschwerde
seien zwischen der Bauherrschaft und der Beschwerdeführerin Verhandlungen
aufgenommen worden. Sie stehe mit der Bauherrschaft und der Beschwerdeführerin in
Kontakt und unterstütze die Parteien bestmöglich bei der Erarbeitung einer eventuellen
Lösung.
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5. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte bei der Vorinstanz die Akten ein. Mit Verfügung vom
28. Oktober 2014 sistierte es auf Antrag der Beschwerdegegnerin das
Beschwerdeverfahren bis zur Einreichung einer allfälligen Projektänderung. Mit Eingabe
vom 17. November 2014 reichte die Beschwerdegegnerin eine Projektänderung ein, die
folgende Änderungen umfasste:
- Verschiebung der Einstellhallenzufahrt um ca. 45.00 m in Richtung S._
- Änderung der Nordfassade im Erdgeschoss beim Haus B infolge der
Verschiebung der Einstellhallenzufahrt
- Neueinteilung der Kellerräume sowie der Abstellplätze für Motorfahrzeuge in der
Einstellhalle
- Weglassen der unterirdischen Verbindung zwischen Einstellhalle und
Kellergeschoss "H._" (Liegenschaft G._)
- Neues Lüftungs- und Brandschutzkonzept in der Einstellhalle
- Neuer Veloraum im westlichen Teil der Einstellhalle
- Diverse Anpassungen im Grundriss des Kellergeschosses "H._"
- Fünf zusätzliche Abstellplätze für Motorfahrzeuge und zusätzliche Abstellplätze
für Motorräder in der Einstellhalle
- Weglassen von zwei oberirdischen Besucherparkplätzen und Bäumen im
Bereich der geänderten Einstellhallenzufahrt (Plan EG / Umgebung)
- Verschiebung bzw. teilweises Weglassen der oberirdischen Abstellplätze für
Fahrräder entlang der Löwenstrasse (Plan EG / Umgebung)
- Reduktion der Bruttogeschossfläche für das Gewerbe um rund 38.00 m2
- Verschiebung des Containerplatzes entlang der Löwenstrasse in Richtung
Parzellenmitte (Plan EG / Umgebung)
- Umgestaltung des Kinderspielplatzes im westlichen Teil der Bauparzelle (Plan
Erdgeschoss / Umgebung)
- Neubau von zwei Abstellplätzen für insgesamt 18 Fahrräder im Nahbereich der
denkmalgeschützten Liegenschaft G._
- Neuer Containerstandplatz im Bereich der Nordfassade der denkmalgeschützten
Liegenschaft G._
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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- Veränderte Aussenraumgestaltung in der Umgebung der denkmalgeschützten
Liegenschaft G._ (Weglassen des Hochstammbaums und Hartplatzes
anstelle eines Grünstreifens auf der Nordseite der Liegenschaft G._,
neue Treppengestaltung auf der Westseite der denkmalgeschützten
Liegenschaft G._)
6. Mit Verfügung vom 28. November 2014 nahm das Rechtsamt das sistierte Verfahren
wieder an die Hand und teilte den Verfahrensbeteiligten mit, es beabsichtige den
angefochtenen Entscheid aufzuheben und die Projektänderung gestützt auf Art. 43 Abs. 3
BewD2 zur Weiterbehandlung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Auf die Eingaben der
Parteien wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Die BVE ist zur Beurteilung der Beschwerde zuständig. Bauentscheide können nach
Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE
angefochten werden.
b) Die Beschwerdeführerin, deren Einsprache vom 16. Dezember 2013 abgewiesen
wurde, ist Nachbarin. Sie ist durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und
zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 40 Abs. 2 i.V.m Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG). Auf die
form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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2. Projektänderung
a) Mit Eingabe vom 17. November 2014 hat die Beschwerdegegnerin ein
Projektänderungsgesuch eingereicht. Es umfasst folgende Pläne (alle Pläne mit
Eingangsstempel des Rechtsamts der BVE vom 17. November 2014):
- UG / Einstellhalle, Schnitt A-A, Schnitt C-C, Teilansicht Südfassade, Mst. 1:100,
mit Revisionsdatum vom 12. November 2014
- EG / Umgebung, Schnitt A1, Schnitt B1, Mst. 1:100, mit Revisionsdatum vom
12. November 2014
- Obergeschosse, Schnitt B-B, Mst. 1:100, mit Revisionsdatum vom 12. November
2014
- Dachgeschosse, Mst. 1:100, mit Revisionsdatum vom 12. November 2014
- Fassaden, Mst. 1:100, mit Revisionsdatum vom 12. November 2014
- Brandschutzkonzept UG / Einstellhalle, Mst. 1:100, mit Revisionsdatum vom
12. November 2014
- Konzept Lüftung Einstellhalle, Mst. 1:100, mit Revisionsdatum vom
15. November 2014
b) Nach Art. 43 BewD kann der Baugesuchsteller während der Hängigkeit eines
Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der BVE
eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues Baubewilligungsverfahren
eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor, wenn das Bauvorhaben in seinen
Grundzügen gleich bleibt. Dies ist dann nicht mehr der Fall, wenn ein Hauptmerkmal, wie
Erschliessung, Standort, äussere Masse, Geschosszahl, Geschosseinteilung,
Zweckbestimmung, wesentlich verändert wird oder wenn eine Mehrzahl geringer
Änderungen dem Bau eine gegenüber dem ursprünglichen Projekt veränderte Identität
verleiht.4
c) Im vorliegenden Fall bleibt das ursprüngliche Bauvorhaben in den Grundzügen
gleich. Zwar soll mit der Projektanpassung vom 17. November 2014 die Ein- und Ausfahrt
der Einstellhalle um ca. 45.00 m in Richtung S._ verschoben und diverse
Anpassungen in der Einstellhalle und Aussenraumgestaltung vorgenommen werden. Der
4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 32– 32d N. 12a
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Rahmen einer Projektänderung wird dadurch nicht gesprengt. Die Hauptmerkmale des
ursprünglichen Bauvorhabens werden dadurch nicht wesentlich verändert. Weder sind die
äusseren Masse noch die Zweckbestimmung des ursprünglichen Vorhabens verändert.
d) Nach ständiger Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts tritt das geänderte Projekt
an die Stelle des ursprünglichen Bauvorhabens.5 Das ursprüngliche Projekt steht ab
diesem Zeitpunkt im Umfang der Projektänderung nicht mehr zur Diskussion.
Verfahrensinhalt bildet von nun an allein das geänderte Projekt. Erfolgt eine
Projektänderung im Baubeschwerdeverfahren kann die Beschwerdeinstanz die Sache
selber entscheiden oder zur Weiterbehandlung an die Vorinstanz zurückweisen (Art. 43
Abs. 3 BewD).
e) Vorliegend erfordert die Projektänderung eine erneute materielle Prüfung.
Insbesondere ist durch die Verschiebung der Ein- und Ausfahrt zur Einstellhalle die
Verkehrssicherheit bzw. die Einhaltung der Sichtweiten nach den einschlägigen VSS-
Normen erneut zu prüfen. Die Änderungen haben zudem Auswirkungen auf den
Brandschutz, das hindernisfreie Bauen, den Denkmalschutz sowie die Berechnung der
Parkplätze, Spielplatzfläche und Grünflächenziffer. Zudem ist abzuklären, welche Dritten
(insbesondere Nachbarn) von der Projektänderung berührt sind. Eine Anhörung hat dabei
auch zu erfolgen, wenn die Änderung des Projekts nach Auffassung der Behörde eine
Verbesserung bedeutet.6 Falls öffentliche oder wesentliche nachbarliche Interessen
zusätzlich berührt sind, ist die Änderung zu veröffentlichen.7 Schliesslich fällt auf, dass der
Situationsplan nicht angepasst wurde. Von der Beschwerdegegnerin ist daher im
Projektänderungsverfahren ein korrigierter Situationsplan einzufordern und es sind die
alten Projektpläne als ungültig abzustempeln.8 Die Projektänderung ist damit noch nicht
entscheidreif. Es erscheint angebracht, wenn anstelle der BVE die Gemeinde das
Projektänderungsverfahren weiterführt und über das geänderte Projekt entscheidet. Einer
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz haben sich die Verfahrensbeteiligten nicht
widersetzt. Die Sache wird deshalb zur Fortsetzung des Projektänderungsverfahrens und
5 BVR 2012 S. 463 E. 2.2 mit Hinweisen 6 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 32–32d N. 13 7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 32–32d N. 13 8 Heidi Walther Zbinden, Projektänderungen in KPG-Bulletin 1/2005 S. 8
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zum Entscheid über das geänderte Projekt unter Berücksichtigung des bisherigen
Verfahrens an die Baubewilligungsbehörde zurückgewiesen.
f) Wird eine Beschwerdesache bzw. ein Bauvorhaben an die Vorinstanz zu neuem
Entscheid zurückgewiesen, so muss der angefochtene Entscheid aus prozessualen
Gründen (d.h. gleichgültig, ob er richtig war oder nicht) aufgehoben werden, weil ihm im
Umfang der Projektänderung die Grundlage entzogen worden ist.9 Die hängige
Beschwerde ist insoweit gegenstandslos geworden.10
3. Kosten
a) Die Beschwerdeführerin und die Beschwerdegegnerin haben in ihren Eingaben vom
3. Dezember 2014 im gegenseitigen Einverständnis mitgeteilt, dass die Parteikosten
wettzuschlagen und die Verfahrenskosten der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind.
b) Dementsprechend werden die Verfahrenskosten des Beschwerdeverfahrens
antragsgemäss liquidiert. Die Verfahrenskosten werden in Anwendung von Art. 19 i.V.m.
Art. 21 Abs. 1 GebV11 auf Fr. 800.00 festgelegt (Art. 103 Abs. 1 und 2 VRPG) und der
Beschwerdegegnerin zur Bezahlung auferlegt.
c) Gemäss Art. 52 Abs.1 BewD tragen die Gesuchstellenden die amtlichen Kosten des
Baubewilligungsverfahrens. Die Beschwerdegegnerin trägt demnach auch nach Aufhebung
der Baubewilligung die im Bewilligungsverfahren entstandenen Kosten. Die Kosten des
vorinstanzlichen Bewilligungsverfahrens sind mit dem Entscheid über die Projektänderung
neu zu verlegen.
d) Im gegenseitigen Einverständnis trägt jede Partei ihre eigenen Parteikosten.
9 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 32– 32d N. 13c 10 BVR 2012 S. 463 E. 2.2 11 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21).
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