Decision ID: f6f31c56-1965-5d27-a52f-18126a1beab0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 7. Juli 2020 in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführerin am 2. Dezember 2011
in Frankreich, am 24. Januar 2013 und am 6. März 2017 in Deutschland
sowie am 11. September 2014 (Datum gemäss SEM-Akten: 9. September
2014) in der Schweiz um Asyl ersucht hatte. Ihre Beschwerde gegen die
Nichteintretensverfügung des SEM vom 23. Oktober 2014 wurde mit Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts D-6472/2014 vom 8. Dezember 2014 ab-
gewiesen. In der Folge wurde die Beschwerdeführerin am 8. Januar 2015
nach Deutschland zurückgeführt.
C.
Im Rahmen der Personalienaufnahme (PA) vom 13. Juli 2020 gab die Be-
schwerdeführerin an, sie sei im (...) 2011 aus ihrem Heimatland ausgereist
und via Weissrussland, Polen, Frankreich und Deutschland in die Schweiz
gelangt. Sie habe einen Sohn. Ihre Tochter sei während des Krieges getö-
tet worden. In der Schweiz würden Verwandte leben.
D.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 21. Juli 2020 gewährte das SEM
der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör zur allfälligen Zuständigkeit
Deutschlands für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfah-
rens, zu einer allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sach-
verhalt. Hierbei erklärte die Beschwerdeführerin, sie habe von Deutschland
einen negativen Asylentscheid erhalten. Seit 2011 habe sie den EU-Raum
nicht verlassen. In B._ lebe ein Neffe. Sie habe Angst, dass
Deutschland, wo sie insgesamt sechs Jahre gelebt habe, sie zurück nach
Russland schicken würde. Im damaligen Protokoll oder Entscheid des SEM
habe gestanden, dass sie wieder zurück in die Schweiz kommen solle,
wenn sie in Deutschland nicht aufgenommen würde. Sodann führte sie
aus, sie sei nicht bei bester Gesundheit, aber es gehe. Sie habe Probleme
mit den (...) beziehungsweise (...). Auch habe sie Probleme mit den Ner-
ven und bekomme dann (...), was sie beunruhige. Sie sei zudem psychisch
belastet. Des Weiteren habe sie Probleme mit der (...) und sei (...). In
Deutschland sei eine (...) durchgeführt worden. Dort sei ihr gesagt worden,
dass sie keine (...) habe. Dennoch habe sie immer noch Schmerzen auf
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der (...). Sie sei deswegen noch nicht bei der zuständigen Pflege gewesen,
weil dort nur das Grundsätzliche angeschaut werde. Manchmal nehme sie
Erkältungs- oder Schmerzmedikamente ein.
E.
Am 23. Juli 2020 ersuchte das SEM die deutschen Behörden um Über-
nahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Die deut-
schen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO am 29. Juli 2020 ausdrücklich zu.
F.
Am 29. Juli 2020 ersuchte das SEM die zuständige Pflege im Bundesasyl-
zentrum (BAZ) B._ um Informationen zum Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin. Diese Anfrage wurde am (...) 2020 beantwortet. Wei-
tere medizinische Unterlagen wurden mit Schreiben der Rechtsvertretung
vom 13. August 2020 eingereicht. Dem SEM lagen zum Zeitpunkt seines
Entscheides ein "Medizinisches Datenblatt für interne Arztbesuche im EVZ
B._" mit Einträgen vom (...) 2020 und (...) 2020, Laborergebnisse
vom (...) 2020 sowie die Ergebnisse des (...) vom (...) 2020 vor.
G.
Mit Verfügung vom 14. August 2020 – gleichentags eröffnet – trat die Vor-
instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte ihre Überstellung
nach Deutschland, forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen und beauftragte den Kanton C._ mit
dem Vollzug der Wegweisung. Gleichzeitig wurden ihr die editionspflichti-
gen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt und festgestellt, dass
einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende
Wirkung zukomme.
H.
Die Rechtsvertreterin teilte dem SEM mit Schreiben vom 18. August 2020
die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit.
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Seite 4
I.
Am 18. August 2020 fand das Ausreisegespräch mit der Beschwerdefüh-
rerin statt.
J.
Die Beschwerdeführerin erhob mit Eingabe vom 19. August 2020 gegen
den vorinstanzlichen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsge-
richt und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die
Angelegenheit sei an das SEM zurückzuweisen, eventualiter sei ihr Asyl-
gesuch in der Schweiz zu prüfen. In prozessualer Hinsicht beantragte sie
die Erteilung der aufschiebenden Wirkung, die Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege, den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und die Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes.
Der Beschwerde lagen – neben der angefochtenen Verfügung – ein Schrei-
ben des deutschen Rechtsanwalts D._, E._, vom (...) 2019
sowie ein Beschluss des Oberverwaltungsgerichts für das Land F._
vom (...) 2019 bei.
K.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 24. August 2020 verfügte der In-
struktionsrichter einstweilen die Aussetzung des Vollzugs der Überstellung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend
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aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine offensichtlich unbe-
gründete Beschwerde, weshalb auf einen Schriftenwechsel zu verzichten
und der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3 Im Falle eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si-
tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei-
nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im
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Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet dem-
gegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Ka-
pitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
4.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.5 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder einen Staatenlosen, dessen Antrag ab-
gelehnt wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt
hat oder der sich ohne Aufenthaltstitel im Hoheitsgebiet eines anderen Mit-
gliedstaats aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder-
aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO).
4.6 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre.
5.
Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden grundsätzlich kein Recht
ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3). Den vorliegenden Akten ist zu entnehmen, dass die
Beschwerdeführerin zuletzt am 6. März 2017 in Deutschland ein Asylge-
such eingereicht hat. Am 23. Juli 2020 ersuchte die Vorinstanz die deut-
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schen Behörden um Übernahme der Beschwerdeführerin. Dieses Rück-
übernahmeersuchen hiessen die deutschen Behörden am 29. Juli 2020
gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO gut. Die grundsätzliche Zu-
ständigkeit Deutschlands ist somit gegeben.
6.
6.1 Die Vorinstanz hielt zur Begründung ihres Nichteintretensentscheids
fest, es obliege den deutschen Behörden, die Asylgründe der Beschwer-
deführerin zu prüfen, ihren Aufenthaltsstatus zu regeln oder gegebenen-
falls eine Wegweisung ins Heimatland anzuordnen. Es würden keine Hin-
weise vorliegen, dass Deutschland seinen völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen nicht nachgekommen und das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht
korrekt durchgeführt hätte. Auch weise nichts daraufhin, dass die deut-
schen Behörden der Beschwerdeführerin keinen effektiven Schutz vor
Rückschiebung gewähren würden. Sodann gelte ihr Neffe nicht als Fami-
lienangehöriger im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO. Trotz der Informa-
tion der Pflege, wonach die Besuche bei ihren Verwandten ihrer Psyche
sehr gut tun würden, bestünden keine Hinweise auf ein besonderes Ab-
hängigkeitsverhältnis zwischen ihr und dem Verwandten in der Schweiz.
Es würden dem SEM keine Informationen vorliegen, wonach sie eine vul-
nerable Person sei, welche dringlich auf die Unterstützung ihres Neffen an-
gewiesen sei.
In medizinischer Hinsicht sei die Beschwerdeführerin darauf hingewiesen
worden, sich ihre gesundheitlichen Beeinträchtigungen betreffend beim
Gesundheitsdienst des BAZ B._ zu melden. Abklärungen vom (...)
2020 mit der zuständigen Pflege hätten ergeben, dass sie auf der Visite
beim internen Zentrumsarzt gewesen sei und in der darauffolgenden Wo-
che erneut zur Visite vorgeladen worden sei. Sie habe sich immer wieder
am Schalter gemeldet ihre (...) betreffend. Dem medizinischen Datenblatt
mit Eintrag vom (...) 2020 sei zusätzlich zu entnehmen, dass sie eine (...)
geltend mache, wobei ihre gemessenen (...) als (hoher) Normalwert gelten
würden. Diesbezüglich nehme sie aber zurzeit keine Medikamente ein.
Auch habe sie angegeben, an (...) sowie an einer (...) zu leiden. Letztere
Funktion sei in der internen Arztvisite vom (...) 2020 als normal diagnosti-
ziert worden. Anlässlich dieser Untersuchung sei einzig festgestellt wor-
den, dass sie konstant zu hohe (...) habe, aber eine regelmässige (...).
Des Weiteren sei der Hämato- und Endokrinologieanalyse vom (...) 2020
zu entnehmen, dass alle Laborwerte – mit Ausnahme der (...), welche ge-
ring unter dem Normalwert für die (...) liege – innerhalb der Referenzberei-
che liegen würden. Die Testergebnisse des (...) würden zeigen, dass die
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(...) gemäss Testresultat bei (...) liege. Es sei bei ihr eine (...) diagnostiziert
worden. Des Weiteren habe sie stressbedingt (...) Kilogramm innerhalb der
letzten drei Monate abgenommen, wobei sie daraufhin erneut (...) Kilo-
gramm zugenommen habe. Deutschland verfüge als zuständiger Dublin-
Staat über eine ausreichende medizinische Infrastruktur und sei verpflich-
tet, die erforderliche medizinische Versorgung, welche zumindest die Not-
versorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten
und schweren psychischen Störungen umfasse, zu gewähren. Es würden
keine Hinweise vorliegen, wonach Deutschland der Beschwerdeführerin
eine medizinische Behandlung verweigert hätte oder zukünftig verweigern
würde. Zudem sei kein akuter medizinischer Notfall während der Dauer des
Aufenthaltes im BAZ aktenkundig. Vorliegend könne deshalb zuverlässig
festgestellt werden, dass nicht davon auszugehen sei, dass in casu eine
medizinische Notlage bestehe und sich der Gesundheitszustand bei einer
Rückkehr nach Deutschland drastisch verschlechtern würde. Die (...)
könne die Beschwerdeführerin, sofern notwendig, ebenfalls in Deutschland
therapieren lassen. Für das weitere Dublin-Verfahren sei einzig die Reise-
fähigkeit ausschlaggebend, welche erst kurz vor der Überstellung definitiv
beurteilt werde. Zudem trage das SEM dem aktuellen Gesundheitszustand
bei der Organisation der Überstellung nach Deutschland Rechnung, indem
es die deutschen Behörden vor der Überstellung über den Gesundheitszu-
stand und die notwendige medizinische Behandlung informiere. Dies um-
fasse nach heutiger Kenntnis die diagnostizierte (...) sowie die geltend ge-
machten (...) und den (...). Der Ausbruch des Corona-Virus sei von vo-
rübergehender Dauer und stelle die Prämisse nicht in Frage, dass die Ge-
sundheitsversorgung in Deutschland grundsätzlich gewährleistet sei. Es
sei davon auszugehen, dass sich die Situation im Gesundheitswesen in
allen europäischen Ländern – einschliesslich Deutschland – mit abneh-
mender Zahl der Neuinfektionen normalisieren werde. Der Vollzug der
Wegweisung sei daher trotz geltender Reiseeinschränkungen grundsätz-
lich zulässig und zumutbar. Auch vorübergehende Einschränkungen des
Flugverkehrs oder vorübergehende Einreisebeschränkungen durch die
deutschen Behörden im Zusammenhang mit der aktuellen Situation rund
um das Corona-Virus vermöchten eine grundsätzliche Unmöglichkeit des
Wegweisungsvollzugs nicht zu begründen.
6.2 Die Beschwerdeführerin hält demgegenüber in ihrer Rechtsmittelein-
gabe im Wesentlichen fest, sie habe Tschetschenien im Jahre 2011 verlas-
sen und sei seither nicht mehr dorthin zurückkehrt. Ihr Sohn habe Tschet-
schenien im Jahre 2007 aufgrund von politischen Problemen verlassen
und lebe momentan in der Ukraine. Sie sei (...) Jahre alt, gesundheitlich
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angeschlagen und verwitwet. In ihrem Heimatland würden ein Bruder und
eine Schwester leben, wobei der Bruder (...) und selbst auf Unterstützung
angewiesen sei. Beide Geschwister seien verheiratet und hätten eine ei-
gene Familie. Schon als sie noch in Tschetschenien gelebt habe, sei die
Beziehung zu ihren Geschwistern nicht gut gewesen und der Kontakt zu
ihnen sei seit ihrer Ausreise fast gänzlich abgebrochen. In der Schweiz ver-
füge sie über nahe Verwandte, nämlich über ihre Nichte G._, ihre
Nichte H._ und ihren Neffen I._. In Tschetschenien habe sie
während vieler Jahre mit deren Familie zusammengelebt, dies bis ins Jahre
1997 beziehungsweise bis zum Tod von deren Mutter. Nachher sei sie bis
zu ihrer Ausreise im Jahre 2011 bei anderen Verwandten untergekommen.
H._, I._ und G._ seien für sie wie eigene Kinder und
ihre Bindung sei nach wie vor sehr eng. Eine Rückkehr nach Tschetsche-
nien würde für sie bedeuten, dass sie als ältere und verwitwete Frau nicht
einmal wüsste, wo und bei wem sie leben könnte und wer für ihren Lebens-
unterhalt aufkommen würde. Alle diese Umstände seien vom SEM nicht
ausreichend abgeklärt und in Betracht gezogen worden. Der Sachverhalt
sei insofern ungenügend abgeklärt worden. Weder ihrer persönlichen Situ-
ation noch ihrem Alter und den damit verbundenen Schwierigkeiten bei ei-
ner Abschiebung nach Tschetschenien durch Deutschland sei Rechnung
getragen worden. Dies sei umso bedauerlicher, da aktenkundig sei, dass
sie gesundheitlich angeschlagen sei und während ihres Aufenthaltes in der
Schweiz wiederholt medizinisch habe betreut werden müssen. Sie habe
unter anderem (...) und habe Mühe, sich im Alltag zurechtzufinden. Eine
Rückkehr nach Tschetschenien hätte für sie existentielle Konsequenzen
und sie könnte sich leicht in einer bedrohlichen Situation nach Art. 3 EMRK
befinden. Die letzten Jahre der konstanten Ungewissheit hätten zudem bei
ihr psychische und physische Spuren hinterlassen. Ihre Nichte,
G._, könne den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen bestätigen.
7.
Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die im erstinstanzlichen Verfahren und
auf Beschwerdeebene vorgebrachten Gründe nicht geeignet sind, die
staatsvertragliche Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens zu ändern.
7.1 Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
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Seite 10
(SR 0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Ferner gelten in Deutschland die Richtlinien
2013/32/EU (Verfahrensrichtlinie), 2011/95/EU (Qualifikationsrichtlinie)
und 2013/33/EU (Aufnahmerichtlinie) des Europäischen Parlaments und
des Rates. Es darf davon ausgegangen werden, Deutschland anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den genannten
Richtlinien ergeben.
Den Ausführungen der Beschwerdeführerin im vorinstanzlichen Verfahren
und in der Beschwerdeeingabe lassen sich keine begründeten Hinweise
auf das Vorliegen systemischer Schwachstellen des deutschen Asylsys-
tems im Sinne von Art. 3 Abs. 2 2. Satz Dublin-III-VO entnehmen, die eine
Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne
des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen
würden.
Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt.
7.2 Die vorinstanzliche Verfügung ist auch in Bezug auf die in der Schweiz
anwesenden Familienangehörigen der Beschwerdeführerin zu bestätigen.
So gelten der Neffe und die in der Beschwerde genannten Nichten der Be-
schwerdeführerin ungeachtet der Qualität ihrer Beziehung nicht als Fami-
lienangehörige im Sinne von Art. 2 Bst. g Dublin-III-VO, weshalb sich dar-
aus keine Zuständigkeit der Schweiz ergibt. Zudem geht aus den Akten
auch nicht hervor, dass ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis gemäss
Art. 16 Dublin-III-VO zu diesen Personen besteht, auch wenn die Besuche
der Beschwerdeführerin – gerade auch in psychischer Hinsicht – sehr gut
tun würden (vgl. Bst. F, vgl. Antwortschreiben der Pflege vom (...) 2020
[Akten SEM [...]-20/2]). Das neue Vorbringen in der Beschwerde, wonach
sie (...) und Mühe habe, sich im Alltag zurechtzufinden, ändert nichts an
diesem Ergebnis, zumal nicht dargetan wurde, inwiefern allenfalls dadurch
ein Abhängigkeitsverhältnis zu den in der Schweiz lebenden Verwandten
entstanden sein könnte. Im Übrigen erwähnte die Beschwerdeführerin sol-
che Beschwerden im Rahmen der vorinstanzlichen medizinischen Abklä-
rungen nicht und es ist kaum vorstellbar, dass sich solche erst seit dem
Abschluss des vorinstanzlichen Verfahrens entwickelt hätten.
7.3 Die Vorinstanz hat sodann die Anwendung des Selbsteintrittsrechts im
Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu
Recht verneint.
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Seite 11
7.3.1 Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko
dargetan, wonach die deutschen Behörden sich weigern würden, sie wie-
deraufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter Einhal-
tung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn
auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Deutschland werde in
ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur
Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit
aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie
Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu wer-
den. Ausserdem hat die Beschwerdeführerin nicht dargetan, die sie bei ei-
ner Rückführung erwartenden Bedingungen in Deutschland seien derart
schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Es liegen keine
Hinweise dafür vor, dass die Behandlung ihres Asylgesuchs mangelhaft
gewesen sein könnte und ihre Wegweisung in Verletzung des Non-Refou-
lement-Prinzips verfügt worden wäre. In diesem Zusammenhang ist der
Vollständigkeit halber festzustellen, dass ein definitiver Entscheid über ein
Asylgesuch und die Wegweisung in das Heimatland nicht per se eine Ver-
letzung des Non-Refoulement-Prinzips darstellen. Das Prinzip der Über-
prüfung eines Asylgesuchs durch einen einzigen Mitgliedstaat («one
chance only») dient im Gegenteil der Vermeidung von multiplen Asylgesu-
chen in verschiedenen Staaten (sogenanntes «asylum shopping»; vgl.
BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3). Vorliegend führt die Überstellung der Be-
schwerdeführerin nach Deutschland gemäss den Akten nicht zu einer Ket-
tenabschiebung, welche gegen das Non-Refoulement-Prinzip verstossen
würde, wie es in Art. 33 FK verankert ist (und sich ausserdem aus Art. 4
der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK ableiten lässt).
Die Beschwerdeführerin hat auch nicht geltend gemacht, Deutschland
würde ihr dauerhaft die ihr gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden mini-
malen Lebensbedingungen vorenthalten. Davon ist auch nicht auszuge-
hen. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte sie sich
im Übrigen nötigenfalls an die deutschen Behörden wenden und die ihr
zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl.
Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
Die Beschwerdeführerin machte schliesslich nicht geltend, sie erhalte in
Deutschland keine medizinische Behandlung. Den Akten ist zu entnehmen,
dass in Deutschland bereits medizinische Untersuchungen erfolgten (vgl.
Bst. D). Ihre gesundheitlichen Probleme sind sodann mit Verweis auf die
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Seite 12
zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz (vgl. E. 6.1) nicht derart gravie-
rend, als dass eine Überstellung nach Deutschland eine tatsächliche Ge-
fahr (real risk) einer Verletzung von Art. 3 EMRK mit sich bringen würde
(vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung des EGMR
sowie Urteil des EGMR P. gegen Belgien vom 13. Dezember 2016 [Nr.
41738/10]). Dasselbe gilt für das neu geltend gemachte Vorbringen, sie
habe (...) und Mühe, sich im Alltag zurechtzufinden (vgl. dazu E. 7.2). Die
mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragten Behörden wer-
den den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Mo-
dalitäten der Überstellung der Beschwerdeführerin Rechnung tragen und
die deutschen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifi-
schen medizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
7.3.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 und 8). Die angefochtene Verfügung ist unter
diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten
keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive
Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich
deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
7.3.3 Zusammenfassend besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1.
7.4 Somit bleibt Deutschland der für die Behandlung des Asylgesuchs der
Beschwerdeführerin zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
Deutschland ist verpflichtet, die Beschwerdeführerin wiederaufzunehmen.
8.
Das SEM hat demnach den rechtserheblichen Sachverhalt vollständig und
korrekt erhoben und ist zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten. Weil
die Beschwerdeführerin nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Deutschland
in Anwendung von Art. 44 AsylG zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
9.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
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Seite 13
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
10.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.
11.
Der am 24. August 2020 verfügte Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegenden
Urteil dahin.
12.
Da das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
werden die Anträge um Erteilung der aufschiebenden Wirkung und um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
13.
Die mit der Beschwerde gestellten Gesuche um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung sind abzuweisen, da die
Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aus-
sichtslos zu bezeichnen sind (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG).
14.
Die Verfahrenskosten sind somit gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG der Be-
schwerdeführerin aufzuerlegen und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-4129/2020
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