Decision ID: ae761fc6-d025-4814-a6d7-cf5a014da8a3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 21. April 2022 in die Schweiz ein und
suchte gleichentags um Asyl nach. Dabei gab er an, er sei am 27. März
2006 geboren, mithin minderjährig. Am 27. April 2022 bevollmächtigte er
die ihm zugewiesene Rechtsvertretung.
B.
Am 18. Mai 2022 fand die Erstbefragung für unbegleitete Minderjährige
statt, anlässlich welcher der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend
machte, am (...) in B._, Provinz C._, Distrikt D._, ge-
boren worden und Angehöriger der (...) Glaubensgemeinschaft zu sein. Er
habe dort mit seinen Eltern sowie seinen jüngeren Geschwistern, drei Brü-
dern und zwei Schwestern, gelebt. Die Schule habe er bis zur (...) Klasse
besucht. Er habe sein Heimatland zirka einen Monat nach dem Sturz der
vormaligen Regierung durch die Taliban im Jahre 2021 verlassen. Grund
dafür sei gewesen, dass ihn die Taliban für den Krieg in der Provinz
E._ habe rekrutieren wollen. Es sei ihm erlaubt worden, sich noch
zu Hause von den Eltern zu verabschieden, was er dazu genutzt habe, via
D._ zu seinem Onkel nach F._ zu fliehen und von dort aus
das Land zu verlassen.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer eine Kopie seiner Tazkera zu
den Akten.
C.
Die Vorinstanz liess in der Folge vom Institut für Rechtsmedizin des Kan-
tonsspitals G._ eine forensische Altersdiagnostik betreffend das Al-
ter des Beschwerdeführers durchführen. Das diesbezüglich erstellte Gut-
achten vom 1. Juni 2022 stellte ein Mindestalter von (...) ([...]) Jahren und
ein durchschnittliches Lebensalter von (...) Jahren fest.
D.
Am 7. Juni 2020 informierte die Vorinstanz den Beschwerdeführer unter
anderem über das erstellte Altersgutachten, dass sie ferner von seiner Voll-
jährigkeit ausgehe und beabsichtige, das Geburtsdatum im Zentralen Mig-
rationsinformationssystem (ZEMIS) auf den (...) anzupassen. Weiter
räumte sie ihm Gelegenheit ein, innert Frist dazu Stellung zu nehmen.
E-3718/2022
Seite 3
E.
Der Beschwerdeführer nahm mit Schreiben vom 14. Juni 2022 Stellung zur
beabsichtigten ZEMIS-Änderung und beantragte unter anderem, das aktu-
ell eingetragene Geburtsdatum ([...]; im Schreiben fälschlicherweise auf
den [...] datiert) sei nicht zu ändern, andernfalls ein Bestreitungsvermerk
anzubringen und eine anfechtbare Verfügung zu erlassen sei.
F.
Am 22. Juni 2022 informierte die Vorinstanz den Beschwerdeführer über
die Änderung betreffend das Geburtsdatum im ZEMIS sowie die Anbrin-
gung des Bestreitungsvermerks. Sodann stellte sie ihm diesbezüglich eine
anfechtbare Verfügung in Aussicht. Den Antrag auf ein psychiatrisches
Gutachten wies sie ab.
G.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 5. Juli 2022 Rechtsverwei-
gerungsbeschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Unter anderem be-
antragte er, es sei festzustellen, dass betreffend Änderung der Personen-
daten ZEMIS eine Rechtsverzögerung vorliege und das SEM anzuweisen
sei, eine beschwerdefähige Verfügung betreffend Änderung der Personen-
daten im ZEMIS unter Beilage des DDAR-Formulars zur Anpassung der
Geburtsdaten im ZEMIS zu erlassen.
H.
Am 19. Juli 2022 fand eine ergänzende Anhörung im erweiterten Verfahren
statt.
Der Beschwerdeführer führte im Wesentlichen aus, er sei beim Spielen vor
einer Moschee von den Taliban aufgefordert worden, am E._-Krieg
teilzunehmen. Er habe sie überreden können, sich noch kurz zu Hause bei
seinen Eltern zu verabschieden. Zuhause – die Taliban hätten draussen
auf ihn gewartet – habe ihm der Vater gesagt, er solle das Land verlassen
und zu diesem Zweck via D._, wo ihm Freunde des Vaters weiter-
helfen sollten, nach F._ zum Onkel zu gehen. Die Flucht aus dem
Elternhaus sei deshalb gelungen, weil er über eine Mauer im Hof geklettert
sei. Die Taliban hätten dies entdeckt und Schüsse abgegeben, ihn an der
Flucht letztendlich aber nicht hindern können.
E-3718/2022
Seite 4
I.
Am 25. Juli 2022 stellte die Vorinstanz den Entscheidentwurf dem Be-
schwerdeführer zu, welcher mit Schreiben vom 26. Juli 2022 dazu Stellung
nahm.
J.
Mit Verfügung vom 27. Juli 2022 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfüllte die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab
und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob den Vollzug jedoch
wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
K.
Der Beschwerdeführer wurde mit Verfügung vom 9. August 2022 dem Kan-
ton Aargau zugewiesen.
L.
Mit Urteil A-2939/2022 vom 10. August 2022 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Rechtsverweigerungsbeschwerde des Beschwerdefüh-
rers gut und wies die Vorinstanz an, betreffend Änderung der Personenda-
ten des Beschwerdeführers im ZEMIS unverzüglich eine anfechtbare Ver-
fügung zu erlassen.
M.
Gegen die abweisende Verfügung der Vorinstanz vom 27. Juli 2022 erhob
der Beschwerdeführer mit Eingabe 26. August 2022 Beschwerde beim
Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, die Flüchtlingseigenschaft
anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Sache zur
rechtsgenüglichen Begründung sowie zur vollständigen und richtigen
Sachverhaltsfeststellung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner sei ihm
die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses sei zu verzichten. Schliesslich werde um Zusam-
menlegung oder Koordination einer voraussichtlichen Beschwerde im Zu-
sammenhang mit der bei der Vorinstanz noch ausstehenden Verfügung be-
treffend Geburtsdatum im ZEMIS ersucht.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer unter anderem seine Tazkera
in Kopie, zwei Länderberichte sowie diverse Unterlagen des erstinstanzli-
chen Verfahrens zu den Akten.
E-3718/2022
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 Asylgesetz [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 10 der Verordnung über Mass-
nahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus vom
1. April 2020 [Covid-19-Verordnung Asyl, SR 142.318] und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die verfügte Wegweisung. Der Wegweisungs-
vollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerde-
führer zufolge Unzumutbarkeit der Wegweisung vorläufig aufgenommen
hat.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
5.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
6.
Wie sich aus dem Nachstehenden ergeben wird, ist die Frage, ob es sich
beim Beschwerdeführer um eine volljährige oder minderjährige Person
handelt, für die Beurteilung der formellen Rügen sowie die Einschätzung
E-3718/2022
Seite 6
der Glaubhaftigkeit seiner Fluchtvorbringen sowie deren flüchtlingsrechtli-
chen Relevanz, nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Auf die Ausfüh-
rungen in der angefochtenen Verfügung sowie in der Beschwerdeschrift
betreffend das Alter ist im vorliegenden Urteil deshalb nicht vertieft einzu-
gehen. Der entsprechende Eintrag im ZEMIS bildet Gegenstand eines se-
paraten Verfahrens bei der Vorinstanz. Da sich die Spruchreife des vorlie-
genden Verfahrens unabhängig von der Frage des exakten Alters des Be-
schwerdeführers ergibt, drängt sich keine Koordination der Verfahren auf,
weshalb der in diesem Zusammenhang gestellte Antrag abzuweisen ist.
7.
7.1 Die vom Beschwerdeführer erhobenen formellen Rügen, insbesondere
der Verletzung des rechtlichen Gehörs beziehungsweise der Begrün-
dungspflicht sowie der unrichtigen Sachverhaltserstellung, sind vorab zu
behandeln, da sie geeignet sein könnten, eine Kassation der vorinstanzli-
chen Verfügung zu bewirken.
7.2 In der Rechtsmitteleingabe wird unter anderem die Art und Weise der
Durchführung der Erstbefragung moniert. Es wird geltend gemacht, die Be-
fragung habe mit vier Stunden zu lange gedauert. Es trifft zu, dass diese
Dauer für eine Erstbefragung eher unüblich ist. Vorliegend scheint dies
aber dem Umstand geschuldet zu sein, dass der Sachbearbeiter des SEM
den Fokus stark auf die Frage des Alters des Beschwerdeführers legte.
Gemäss dessen eigenen Angaben stand er zum Zeitpunkt der Befragung
kurz vor seinem (...) Geburtstag. Eine vierstündige Befragung ist zwar als
lange zu werten, kann einer Person in ihrem (...) Altersjahr jedoch grund-
sätzlich zugemutet werden. Dies umso mehr, als zwei Pausen von einmal
20 und einmal 25 Minuten (total 45 Minuten) eingelegt wurden, mithin al-
leine aus der Dauer der Befragung keine Verletzung der Verfahrensrechte
ersichtlich ist. Dass, wie der Beschwerdeführer vorbringt, die Art der Fra-
gestellung in erheblicher Weise unstrukturiert gewesen sei, kann das Ge-
richt nicht erkennen und wird vom ihm auch nicht substantiiert dargelegt.
Gleiches gilt für das Vorbringen, es sei Druck auf ihn ausgeübt worden.
Gemäss den Akten war die Rechtsvertretung der Meinung, dass die Stim-
mung anlässlich der Befragung unfreundlich gewesen sei, wobei nicht ak-
tenkundig ist, wie der Beschwerdeführer dies empfunden hatte. Das Au-
genmerk ist ohnehin vielmehr darauf zu legen, ob die Befragung sachlich
geführt wurde, da die herrschende Stimmung einerseits vom subjektiven
Empfinden abhängt und andererseits von diversen Faktoren beeinflusst
werden kann, welche nicht ausschliesslich im Machtbereich der Vorinstanz
liegen. Insgesamt kann nicht festgestellt werden, die Art der Durchführung
E-3718/2022
Seite 7
der Befragung hätte das für eine sich (gemäss vorliegender Sachlage min-
destens) in ihrem (...) Altersjahr befindende Person Zumutbare überschrit-
ten. Dass in diesem Zusammenhang die Verfahrensrechte des Beschwer-
deführers verletzt worden sein sollen, ist nicht festzustellen und die dies-
bezüglichen Rügen erweisen sich als unbegründet.
7.3 Auf das Vorbringen, die dem Beschwerdeführer gestellten Fragen be-
züglich seiner Schulzeit hätten bisweilen suggestive Züge getragen, ist be-
reits deshalb nicht vertieft einzugehen, weil dieser Themenkreis kein zent-
rales Element der Fluchtvorbringen darstellt und auf die hier zu prüfenden
Fragen der Glaubhaftigkeit der Fluchtvorbringen sowie deren flüchtlings-
rechtlichen Relevanz – wie sich aus dem Nachstehenden ergeben wird –
keinen massgebenden Einfluss hat. Soweit der Beschwerdeführer im Zu-
sammenhang mit seinen Verfahrensechten rügt, die Vorinstanz habe keine
angemessene Gesamtwürdigung sämtlicher massgeblicher Elemente vor-
genommen, bezieht er sich im Kern auf die Einschätzung der Glaubhaf-
tigkeit seiner Vorbringen durch die Vorinstanz, welche als materielle Frage
nachfolgend unter E. 11 zu behandeln sein wird.
7.4 Die formellen Rügen erweisen sich insgesamt als unbegründet, wes-
halb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen aufzu-
heben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die diesbezüglichen
Rechtsbegehren sind somit abzuweisen.
8.
8.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
8.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
E-3718/2022
Seite 8
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
9.
Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an
das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht-
lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG stand.
Zur Begründung führt die Vorinstanz einleitend aus, aufgrund der wider-
sprüchlichen Angaben des Beschwerdeführers, in Ermangelung entspre-
chender beweiskräftiger Dokumente sowie angesichts der Ergebnisse des
erstellten Altersgutachtens sei von seiner Volljährigkeit auszugehen bezie-
hungsweise sei es ihm nicht gelungen, seine Minderjährigkeit glaubhaft zu
machen. Zu den Fluchtvorbringen wird in der angefochtenen Verfügung
festgehalten, bereits die beschriebene Kontaktaufnahme durch die Taliban
und die Reaktion des Beschwerdeführers würden unplausibel wirken. Die
Schilderung des Gesprächs und des gemeinsamen Nachhausewegs seien
trotz mehrmaligen Nachfragens unpersönlich, wenig konkret und stereotyp
ausgefallen. Gleiches müsse für die Beschreibung des Aufenthaltes bei
ihm zu Hause sowie der anschliessenden Flucht festgestellt werden. Fer-
ner seien bei den Ausführungen zur Flucht Widersprüche festzustellen. Zu-
dem wäre dem Rekrutierungsversuch die flüchtlingsrechtliche Relevanz
abzusprechen und die im Rahmen der Stellungnahme zitierte Rechtspre-
chung sei vorliegend nicht einschlägig.
10.
In der Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer im Wesentlichen
geltend, die Vorinstanz habe bei der Einschätzung der Glaubhaftigkeit der
Fluchtvorbringen nicht sämtliche – auch persönliche – massgebenden Ele-
mente berücksichtigt und gehe zudem zu Unrecht von seiner Volljährigkeit
aus. Sodann würde die Vorinstanz kleinere marginale Widersprüche bei
der Einschätzung der Glaubhaftigkeit zu stark gewichten. In Anbetracht sei-
nes soziokulturellen Hintergrundes, seiner eher zurückhaltenden bezie-
E-3718/2022
Seite 9
hungsweise stillen Persönlichkeit und allenfalls auch den im Zusammen-
hang mit der Anhörung bestehenden stressbedingten Faktoren seien seine
Asylvorbringen insgesamt als glaubhaft zu bewerten. Schliesslich sei auch
die flüchtlingsrechtliche Relevanz der Vorbringen – gestützt auf die gel-
tende Praxis sowie das Schrifttum – zu bejahen. Der Beschwerdeführer sei
aufgrund seines Alters sowie Geschlechts zwangsrekrutiert worden bezie-
hungsweise wegen seiner Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Bei ei-
ner Rückkehr drohe ihm mindestens eine illegitime Zwangsrekrutierung,
wenn nicht sogar schlimmeres.
11.
11.1 Das Gericht gelangt in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zur Auf-
fassung, dass die Fluchtvorbringen des Beschwerdeführers als unglaub-
haft zu qualifizieren sind.
Mutete die Schilderung der Fluchtgründe – auch unter Berücksichtigung,
dass es sich diesbezüglich um eine summarische Befragung handelt – be-
reits anlässlich der Erstbefragung relativ knapp und überblickartig an, ge-
lang es dem Beschwerdeführer auch anlässlich der ergänzenden Anhö-
rung und trotz der Aufforderung, möglichst detaillierte Angaben zu machen
(vgl. SEM-Akten 26/13 F6 ff.), nicht, diese in genügender Weise zu sub-
stantiieren. Zumindest bemerkenswert ist, dass – obwohl er davon gewusst
haben will, dass wenige Tage zuvor junge Männer von der Taliban mitge-
nommen worden sein sollen – er und andere Kollegen beziehungsweise er
und seine Cousins unbekümmert vor einer Moschee gespielt haben sollen
(vgl. a.a.O. F9 ff.). Bei der Schilderung der Flucht aus dem Elternhaus er-
klärt er das eine Mal, diese sei ihm gelungen, weil das Haus zwei verschie-
dene Türen gehabt habe, ein anderes Mal, er sei über eine Hofmauer ge-
klettert (vgl. SEM Akten a.a.O. F30 sowie A11/14 Ziff. 7.02). Seine Eltern,
die ihm zur Flucht geraten und ihn in den Augen der Taliban zumindest
nicht an der Flucht aus dem Haus gehindert haben, mussten danach keine
nennenswerten Nachteile gewärtigen (vgl. a.a.O. F34 f. und Beschwerde-
schrift S. 12). Im Zusammenhang mit der weiteren Flucht via D._
nach F._ ist sodann nicht nachvollziehbar, dass er vom Vater ange-
halten worden sein soll, sich in D._ an "Freunde" zu wenden, ohne
dass ihm gesagt worden sei, an wen genau er sich wenden soll bezie-
hungsweise entsteht aus der Schilderung des Beschwerdeführers der Ein-
druck, er habe die betreffende Person schlussendlich aus puren Zufall an-
getroffen. Sodann erklärt er einmal, er habe in D._ nach mehreren
Namen gefragt, obwohl er schlussendlich nur nach einer spezifischen Per-
son Ausschau gehalten haben soll, ein anders Mal erklärt er hingegen in
E-3718/2022
Seite 10
unplausibler Weise, er habe gar nicht nach Personen gefragt oder gesucht,
sondern sich in Geschäften vorgestellt und gefragt, ob man ihn kenne (vgl.
a.a.O. F68 ff.). Bemerkenswert scheint sodann, dass die unvorhergese-
hene Flucht aus dem Heimatland und die dazugehörige Beschaffung der
finanziellen Mittel in äusserst kurzer Zeit hätte erfolgen müssen, wobei der
Beschwerdeführer darüber relativ wenig zu berichten weiss (a.a.O. F74 ff.).
Insgesamt kommt das Gericht zum Schluss, dass die Schilderung der
Fluchtgründe viele Inkonsistenzen aufweist und stellenweise unplausibel
wirkt. Die Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe – insbesondere die Hin-
weise auf die Dauer der Befragungen, die sozioökonomischen Verhältnisse
des Beschwerdeführers sowie dessen intellektuellen Fähigkeiten, seine
stille Persönlichkeit, die angebliche Erkältung und die fehlende Ventilation
in den Räumlichkeiten der Vorinstanz – vermögen dies nicht überzeugend
zu erklären. Die Fluchtvorbringen sind in Übereinstimmung mit der Vor-
instanz als unglaubhaft zu qualifizieren. Auf die flüchtlingsrechtliche Rele-
vanz der Schilderungen ist bei dieser Ausgangslage nicht mehr näher ein-
zugehen.
11.2 Aufgrund des Ausgeführten ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht verneint und sein
Asylgesuch abgelehnt hat.
12.
Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
13.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Nachdem das SEM mit Verfügung vom 27. Juli 2022 angesichts der Lage
in Afghanistan die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festgestellt
E-3718/2022
Seite 11
und die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers angeordnet hat, er-
übrigen sich praxisgemäss weitere Ausführungen zur Zulässigkeit und
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. BVGE 2011/7 E. 8, 2009/51
E. 5.4).
14.
14.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses
(Art. 65 Abs. 1 VwVG). Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich,
dass seine Begehren als aussichtslos zu gelten haben. Damit ist eine der
kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht gegeben, weshalb das
Gesuch abzuweisen ist. Der Antrag auf Verzicht auf Erhebung eines Kos-
tenvorschusses ist mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden.
14.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-3718/2022
Seite 12