Decision ID: 468d2f06-61a9-590a-bfd6-f57194476ed8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass die aus Russland (Tschetschenien) stammenden Beschwerdeführen-
den, eine Mutter mit zwei Kindern, am 6. September 2020 in der Schweiz
um Asyl ersuchten,
dass sie zuvor in Deutschland am 6. November 2015 Asylgesuche gestellt
hatten, welche – den eingereichten Dokumenten zufolge – letztinstanzlich
abgewiesen wurden (vgl. Beschwerde-Beilagen: Bescheid des Bundes-
amts für Migration und Flüchtlinge [BAMF] vom 6. Januar 2017, Protokoll
und Urteil des Verwaltungsgerichts Dresden vom 21. Oktober 2019, Be-
schluss des Sächsischen Oberverwaltungsgericht vom 14. Mai 2020),
dass das SEM mit der seinerzeit durch das HEKS vertretenen Beschwer-
deführerin 1 am 16. September 2020 das sogenannte Dublin-Gespräch
führte (vgl. Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/ 2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist [Abl.
L 180/31 vom 29. Juni 2013]; nachfolgend: Dublin-III-VO),
dass die Beschwerdeführerin 1 bei diesem Gespräch zur Person befragt
wurde und abschliessend die Gelegenheit erhielt, sich zur mutmasslichen
asylverfahrensrechtlichen Zuständigkeit Deutschlands zu äussern,
dass sie im Rahmen des insoweit gewährten rechtlichen Gehörs erklärte,
sie wolle nicht nach Deutschland zurückkehren, weil sie von dort aus nach
Russland ausgeschafft würde,
dass sie auf Fragen zum medizinischen Sachverhalt antwortete, ihr gehe
es gesundheitlich, vor allem auch psychisch schlecht, sie habe deswegen
jedoch nie in Deutschland ärztliche Hilfe in Anspruch genommen aus Angst
davor, ihre Kinder im Falle einer Behandlung «an das Jugendamt zu ver-
lieren»,
dass sie hinsichtlich ihrer beiden Kinder erklärte, diese seien physisch ge-
sund, nur «ihr Sohn habe gewisse psychische Probleme in Deutschland
gehabt»,
dass das SEM am 17. September 2020 ein auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-
III-VO gestütztes Übernahmeersuchen an die deutschen Behörden rich-
tete,
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dass die deutschen Behörden dem Übernahmeersuchen am 22. Septem-
ber 2020 explizit zustimmten,
dass das SEM mit Verfügung vom 29. September 2020 auf die Asylgesu-
che der Beschwerdeführenden nicht eintrat, ihre Wegweisung nach
Deutschland anordnete und sie aufforderte, die Schweiz spätestens am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen,
dass es gleichzeitig die Aushändigung der editionspflichtigen Akten ge-
mäss Aktenverzeichnis verfügte und feststellte, einer allfälligen Beschwer-
de komme keine aufschiebende Wirkung zu,
dass sich die Beschwerdeführenden gegen die ihnen am 2. Oktober 2020
eröffnete Verfügung mit Rechtsmitteleingabe vom 8. Oktober 2020 (Post-
stempel) an das Bundesverwaltungsgericht wandten und in verfahrens-
rechtlicher Hinsicht um unentgeltliche Rechtspflege (Art. 65 Abs. 1 und
Abs. 2 VwVG) ersuchten,
dass der Instruktionsrichter, gestützt auf Art. 56 VwVG, den Vollzug der
Überstellung mit superprovisorischer Massnahme vom 12. Oktober 2020
sofort aussetzte,
dass er das Gesuch der Beschwerdeführenden um unentgeltliche Rechts-
pflege angesichts der unzureichenden Erfolgsaussichten des Rechtsmit-
tels mit Zwischenverfügung vom 13. Oktober 2020 abwies und von ihnen
einen Kostenvorschuss erhob,
dass der Kostenvorschuss fristgerecht bezahlt wurde,
dass die Beschwerdeführenden in einer Stellungnahme vom 21. Oktober
2020 das Ergebnis der mit Zwischenverfügung vom 13. Oktober 2020 vor-
genommenen summarischen Prüfung beanstandeten,
dass auf ihre Stellungnahme sowie auf die Begründung ihres Rechtsmittels
– soweit entscheiderheblich – in den nachfolgenden Erwägungen einzuge-
hen ist,

und zieht in Erwägung,
dass sich die Beschwerde gegen einen Nichteintretensentscheid im Sinne
von Art. 31a Abs. 1 AsylG richtet und deshalb lediglich zu prüfen ist, ob die
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Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE
2012/4 E. 2.2 m.H.),
dass die Beschwerde zudem offensichtlich unbegründet ist, weshalb über
sie in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Rich-
ters bzw. einer zweiten Richterin – und nur mit summarischer Begründung
– zu entscheiden ist (vgl. Art. 111 Bst. e und Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass die Beschwerdeführenden vor ihrer Einreise in die Schweiz bereits in
Deutschland um Asyl ersucht hatten und demzufolge die deutschen Behör-
den für die Durchführung ihres Asylverfahrens zuständig sind (vgl. Art. 3
Abs. 1 und Art. 13 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass deren Zuständigkeit auch über ein allenfalls rechtskräftig abgeschlos-
senes Asylverfahren hinaus bestehen bleibt und erst mit dem Vollzug der
Wegweisung endet (vgl. Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO),
dass systemische Schwachstellen im deutschen Asylverfahren und in den
Aufnahmebedingungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO zu
verneinen sind,
dass Deutschland Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen nachkommt,
dass nichts darauf hindeutet, dass Deutschland den Grundsatz des Non-
Refoulement missachten und die Beschwerdeführenden zwingen würde,
in ein Land auszureisen, in welchem sie einer Gefahr im Sinne von Art. 3
Abs. 1 oder 2 AsylG ausgesetzt wären,
dass angesichts der von Deutschland eingehaltenen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen auch zu erwarten ist, dass das Land die von den Beschwer-
deführenden geltend gemachten Fluchtgründe materiell überprüft bezie-
hungsweise überprüft hat,
dass – selbst im Fall nicht grundlos geäusserter Befürchtungen vor einer
Ausschaffung nach Russland – davon auszugehen ist, dass die deutschen
Behörden rechtmässig handeln,
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dass die Beschwerdeführenden in ihrer Rechtsmitteleingabe vom 8. Okto-
ber 2020 und ihrer Eingabe vom 21. Oktober 2020 im Wesentlichen be-
haupten, sie hätten – was offensichtlich sei, denn sonst hätte ihnen Asyl
gewährt werden müssen – in Deutschland kein «faires Verfahren» erhal-
ten,
dass das Bundesverwaltungsgericht keine Kompetenz hat, die Rechtmäs-
sigkeit der Asylentscheide eines anderen Dublin-Mitgliedsstaats zu über-
prüfen,
dass dies angesichts der klaren Zuständigkeitsregelung von Art. 3 Abs. 1
und Art. 13 Dublin-III-VO auch dann gilt, wenn es zu unterschiedlichen Be-
urteilungen durch die Justizbehörden der jeweiligen Staaten kommt,
dass die Beschwerdeführenden dadurch, dass sie die vermeintlichen Ver-
säumnisse der deutschen Behörden besonders drastisch schildern und in-
terpretieren, keine Zuständigkeit der schweizerischen Behörden erzwingen
können,
dass auf ihre Begehren, «die verfahrensrelevanten Dokumente (Protokolle,
Entscheide und Rechtsmitteleingaben) des deutschen Verfahrens inhalt-
lich zur Kenntnis zu nehmen und sich ein Bild zur materiellen Würdigung
der Vorbringen der Beschwerdeführerin in Deutschland zu machen», daher
nicht einzugehen ist (vgl. hierzu S. 2 der Eingabe vom 21. Oktober 2020),
dass die Beschwerdeführenden auch der Vorinstanz angesichts der asyl-
verfahrensrechtlichen Zuständigkeit Deutschlands nicht vorwerfen können,
die «Gesamtsituation» nicht ernsthaft geprüft zu haben (vgl. hierzu S. 8 der
Beschwerdeschrift),
dass die Beschwerdeführenden – falls sie glauben, in Bezug auf die Situa-
tion in Russland/Tschetschenien über neue aktuelle Beweismittel und Be-
urteilungsgrundlagen zu verfügen – diese neuen Tatsachen vor den deut-
schen Behörden geltend zu machen haben (vgl. hierzu S. 6 der Beschwer-
deschrift),
dass den Beschwerdeführenden nach alledem die Möglichkeit zur hiesigen
Behandlung ihrer Asylgesuche versagt wird,
dass es auch keine Gründe gibt, welche die Vorinstanz zu einem Selbst-
eintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO bzw. gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asyl-
verordnung 1 (AsylV 1; SR 142.311) hätten verpflichten können,
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dass solche Gründe auch nicht in den von der Beschwerdeführerin 1 den
deutschen Behörden verschwiegenen psychischen Problemen und der et-
waigen medizinischen Behandlungsbedürftigkeit liegen, ist Deutschland
doch, ebenso wie die Schweiz, unter anderem verpflichtet, Dublin-Rück-
kehrenden den Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung zu ge-
währen (vgl. Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013),
dass mögliche gesundheitliche Einschränkungen auch den Wegweisungs-
vollzug nicht in Frage stellen, zumal die mit der Überstellung beauftragten
Behörden die besonderen Bedürfnisse der betroffenen Personen, ein-
schliesslich ihrer unterwegs notwendigen medizinischen Versorgung, be-
rücksichtigen müssen (vgl. Art. 31 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass die Vorinstanz angesichts der vorstehenden Erwägungen zu Recht
und ohne Ermessensfehler auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden
nicht eingetreten ist und ihre Wegweisung verfügt hat (vgl. Art. 31a Abs. 1
Bst. b und Art. 44 AsylG),
dass die Beschwerde demnach abzuweisen ist,
dass der am 12. Oktober 2020 gemäss Art. 56 VwVG angeordnete Voll-
zugsstopp dahinfällt,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m.
Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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