Decision ID: f29292d7-72d6-5a14-975c-655d08d33e4d
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
K._,
Beschwerdeführer,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
K._ (Jg. 1969) meldete sich am 30. März 2006 zum Bezug von IV-Leistungen an. Im
Gesuchsformular gab er u.a. an, er habe den Beruf des Landwirts erlernt. Im
Hauptberuf sei er in der Sparte Kanalreinigung tätig, im Nebenberuf führe er einen
landwirtschaftlichen Betrieb. Die A._ gab am 25. April 2006 an, sie beschäftige den
Versicherten als Chauffeur und Maschinisten auf einem Saug- und Spüllastwagen. Der
Stundenlohn habe im Jahr 2003 Fr. 31.- betragen, er belaufe sich auch aktuell noch auf
diesen Betrag. Dr. med. B._ von der Orthopädie am Rosenberg berichtete der IV-
Stelle am 9. Mai 2006, es seien folgende Diagnosen erhoben worden: St. n.
Mehrfragmentfraktur Clavicula links, St. n. primär konservativer Behandlung, dann
Osteosynthese (2004) und Metallentfernung (2005), nach der Claviculaoperation stark
störende Dysaesthesien unterhalb der Inzisionsstelle. Bei einem neurologischen
Konsilium habe man eine sensible periphere Nervenläsion im Bereich des N.
supraclavicularis und des Ramus cutaneus anaterius N. intercostalis C3 bis Th4 links
festgestellt. Diese Beschwerden hätten sich trotz eines angeblich resezierten
Neurinoms nicht gebessert. Schliesslich bestehe eine Rotatorenläsion der linken
Schulter. Für die bisherige Tätigkeit gab Dr. med. B._ eine seit dem 26. Februar 2004
bestehende, zwischen 100% und 50% schwankende Arbeitsunfähigkeit an. Beim
Versicherten stünden die Hyper- und Dysaesthesien an der Schulterregion links im
Vordergrund. Als Kanalarbeiter sei der effektive aktuelle Beschäftigungsgrad von 50%
die oberste Leistungsgrenze, da der Versicherte bei dieser schweren Arbeit immer
wieder Schmerzen an der Schulter links registriere. Der Versicherte sei als Maschinist
auf dem Tiefbau und als Lastwagenchauffeur ausgebildet. Diese Tätigkeiten könnte er
zu 100% ausführen. Der Hausarzt Dr. med. C._ berichtete der IV-Stelle am 15. Mai
2006, der Versicherte gebe an, er habe viel weniger Kraft im linken Arm und ausserdem
Schmerzen bei Belastung. Bei der Arbeit mit erhobenem linkem Arm (über 90°) habe er
praktisch keine Kraft und besonders viel Schmerzen. In Ruhe bestünden keine
Schmerzen, aber schon bei leichter Belastung träten Schmerzen auf. Als Kanalarbeiter
müsse er schwere Schläuche heben, oft über Kopf. Das könne er gar nicht mehr. Er
habe den Landwirtschaftsbetrieb von Milchkühen auf Futterbau, Ackerbau und
Aufzucht von Mastrindern umgestellt, weil er nicht mehr melken könne. Auch bei der
neuen Betriebsart sei er auf 60-70% reduziert. Dr. med. C._ hielt in seiner
Beurteilung fest, bei einer zumutbaren Arbeit sollte der Versicherte keine Arbeiten mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erhobenem linken Arm ausführen und der linke Arm sollte nicht zu stark belastet
werden. Wegen dieser Einschränkungen bestehe eine Einschränkung um ca. 30%. Dr.
med. D._ vom RAD hielt am 15. September 2006 fest, die Funktionsfähigkeit der
linken Schulter könne durch medizinische Massnahmen noch verbessert werden. Der
Zustand sei deshalb aus medizinischer Sicht noch nicht stabil. Die Arbeitsfähigkeit in
der bisherigen Tätigkeit betrage höchstens 50%, zukünftig real wohl eher weniger. In
Verweistätigkeiten ohne relevante Lastenhandhabung und ohne Überkopfarbeiten
bestehe eine volle Arbeitsfähigkeit. Die Funktion der linken Schulter sollte durch
konservative Massnahmen verbessert werden können.
B.
Die Eingliederungsberatung der IV-Stelle hielt am 26. März 2007 fest, der Versicherte
prüfe prioritär den Aufbau einer selbständigen Tätigkeit als Maschinenführer und
Rindermäster. Sie empfahl eine Abklärung des möglichen Ertrags aus der Rindermast
an Ort und Stelle. Die IV-Stelle beauftragte am 16. Mai 2007 das landwirtschaftliche
Zentrum in Flawil mit einer entsprechenden Abklärung. Das landwirtschaftliche
Zentrum berichtete am 16. Juli 2007, der Betrieb des Versicherten umfasse eine Fläche
von 10,5 ha. Ausser 1 ha Getreide werde die gesamte Fläche für die Fütterung der
eigenen Tiere verwendet. Bis Frühling 2007 habe das Milchkontingent rund 65'000 kg
betrage. Im Durchschnitt seien 15 Milchkühe gehalten worden. Die Milchkuhhaltung
habe etwa 2660 AKh beansprucht. Nach dem Unfall des Versicherten sei das
Milchkontingent verkauft worden. Der Versicherte beabsichtige, die bestehende
Remise umzubauen, um 20 bis 30 Mastrinder halten zu können. Die Sachverständigen
des landwirtschaftlichen Zentrums gingen davon aus, dass dies eine realistische
Variante sei, wenn die Umbaukosten tief gehalten werden könnten. Der Mastrindbetrieb
dürfte knapp 1100 AkKh beanspruchen. Anders als bei der Milchkuhhaltung sei es dem
Versicherten bei der Mastviehhaltung möglich, die Arbeit so zu organisieren, dass er
den linken Arm nicht über der Waagrechten einsetzen müsse. Bei Milchviehhaltung
würde das landwirtschaftliche Einkommen rund Fr. 33'000.- betragen. Der Anteil des
Versicherten würde Fr. 12'700.- ausmachen. Der Rest entfiele auf die mitarbeitenden
Familienmitglieder. Bei einer Mastviehhaltung von 20 Tieren würde ein
landwirtschaftliches Einkommen von rund Fr. 13'000.- resultieren. Der Anteil des
Versicherten daran würde Fr. 6600.- betragen. Im Betrieb mit Milchviehhaltung betrage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Leistungsfähigkeit des Versicherten 67%, d.h. der Arbeitsunfähigkeitsgrad belaufe
sich auf 33%. Im Mastviehbetrieb sei der Versicherte zu 28% arbeitsunfähig. Dies
entspreche einem Invaliditätsgrad von 48%. Der zuständige Sachbearbeiter der IV-
Stelle ging gestützt auf dieses Gutachten davon aus, dass der Versicherte gut daran
tun würde, in eine leidensangepasste Erwerbstätigkeit als Arbeitnehmer zu wechseln.
Der Kreisarzt der SUVA hielt am 15. August 2007 fest, von einer weiteren Behandlung
sei keine Verbesserung mehr zu erwarten. Bei einer Erwerbstätigkeit dürften keine
Vibrationen und keine hämmernden Einflüsse auftreten und häufige ziehende oder
stossende Bewegungen mit Drehmomenten mit dem linken Arm seien zu vermieden.
Das gelte auch für repetitive belastende Überkopfarbeiten, für das Heben und Tragen
von Gewichten über 5 kg bis Lendenhöhe, über 2,5 kg bis Kopfhöhe und über 1 kg
über Kopf. Bei einer Berücksichtigung dieser Zumutbarkeitsbeschränkung sei ein
vollschichtiger Einsatz möglich.
C.
Mit einem Vorbescheid vom 15. März 2008 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
dass sie beabsichtige, sein Leistungsbegehren abzuweisen, weil der Invaliditätsgrad
unter 40% liege. Anlässlich der Abklärung vor Ort seien der Haupterwerb mit 82% und
der landwirtschaftliche Nebenerwerb mit 18% gewichtet worden. Im Haupterwerb
bestehe eine 25%ige Einschränkung, was einen Invaliditätsgrad von 20,5% ergebe. Im
Nebenerwerb betrage die Einschränkung 45%, was einem Invaliditätsgrad von 8,7%
entspreche. Der Gesamtinvaliditätsgrad belaufe sich also auf 29,2%. Das
Valideneinkommen betrage Fr. 81'198.-, das zumutbare Invalideneinkommen Fr.
57'650.-. Die Erwerbseinbusse von Fr. 23'548.- entspreche einem Invaliditätsgrad von
29%. Einer internen Notiz der IV-Stelle war zu entnehmen, dass die Annahme einer
Einschränkung im Haupterwerb auf der Verfügung der SUVA vom 5. Dezember 2007
beruhte, mit der dem Versicherten eine Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von
25% zugesprochen worden war. Die SUVA hatte die Invaliditätsbemessung auf die
Haupterwerbstätigkeit beschränkt, da nur diese bei ihr versichert war. Sie hatte einen
Validenlohn am letzten Arbeitsplatz von Fr. 34.- mit einem in einer adaptierten
Erwerbstätigkeit erzielbaren Lohn von Fr. 25.50 verglichen. Die Einbusse von Fr. 8.50
hatte einer Invalidität von 25% entsprochen. Die SUVA erhob am 27. März 2008 "u.a.
im Namen von Herrn K._ einen Einwand". Sie machte geltend, der Versicherte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wünsche die Prüfung eines Anspruchs auf eine befristete Invalidenrente. Der
Versicherte selbst machte am 28. April 2008 geltend, er habe unfallbedingt in der
Landwirtschaft einiges umstellen müssen. Die heutigen Einnahmen seien nicht einmal
mehr 50%. Der IV-Sachbearbeiter erkundigte sich beim RAD nach der "Arbeitsfähigkeit
adaptiert" des Versicherten in der Periode 26. Februar 2005 bis 30. November 2007.
Dr. med. F._ gab am 16. Januar 2009 an, gemäss dem Bericht des RAD vom 15.
September 2006 habe damals eine 100%ige Arbeitsfähigkeit adaptiert bestanden.
Diese Einschätzung sei plausibel und könne aufgrund des medizinischen Verlaufs auch
für die Zeit vom 26. Februar 2005 bis zur Hospitalisation am 23. November 2005
angenommen werden. Bei einer Schulter-OP sei mit einer anschliessenden
Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten von zwei Monaten, hier also bis Ende 2005
zu rechnen. Ab Februar 2006 könne wieder von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit
adaptiert ausgegangen werden. Die Operation im 06/06 habe nur einen kurzzeitigen
Unterbruch bewirkt. Nach der zweiten Schulter-OP sei von einer längeren
Heilungsdauer auszugehen, so dass bis 02/07 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für
sämtliche Tätigkeiten angenommen werden könne. Seit 03/07 bestehe wieder eine
vollständige Arbeitsfähigkeit. Mit einer Verfügung vom 16. Januar 2009 wies die IV-
Stelle das Leistungsbegehren des Versicherten ab. In der Verfügungsbegründung
führte sie u.a. aus, der RAD habe die Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Erwerbstätigkeit während der Zeit vom 26. Februar 2005 bis zum 30. November 2007
mit 100% festgelegt. Die Arbeitsunfähigkeiten während den Operationen und den
anschliessenden Heilungszeiten lösten keinen Anspruch auf eine befristete Rente aus.
D.
Der Versicherte erhob am 10. Februar 2009 Beschwerde. Er machte geltend, die
Aufteilung Chauffeur 82% und Landwirt 18% sei nicht korrekt. Am 25. Februar 2009
machte er ergänzend geltend, der Invaliditätsgrad sei zu tief und es bestehe ein
befristeter Rentenanspruch nach dem Wartejahr.
E.
Die IV-Stelle verlangte am 27. Mai 2009 ein Nichteintreten auf die Beschwerde,
eventualiter die Abweisung der Beschwerde. Den Nichteintretensantrag begründete sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
damit, dass die minimalen Anforderungen an eine Beschwerde nicht erfüllt seien. Zu
ihrem Eventualantrag führte sie aus, der Versicherte sei in einer adaptierten
Erwerbstätigkeit voll arbeitsfähig. Das sei er auch in der Vergangenheit gewesen. Die
befristete Arbeitsunfähigkeit als Folge der Operationen könne keinen Anspruch auf eine
befristete Rente begründen. Die Aufteilung 82% zu 18% sei anhand der jeweiligen
Einkommen bemessen worden. Sie sei korrekt. Das gelte auch für die anhand eines
Einkommensvergleichs ermittelte Invalidität in der Landwirtschaft von 48%. Der
Einkommensvergleich sei ebenfalls korrekt.

Erwägungen:
1.
Gemäss Art. 61 lit. b ATSG muss eine Beschwerde eine gedrängte
Sachverhaltsdarstellung, ein Rechtsbegehren und eine kurze Begründung enthalten.
Genügt sie diesen Anforderungen nicht, so wird der Beschwerde führenden Person
eine angemessene Frist zur Verbesserung angesetzt. Damit wird die Androhung
verbunden, dass sonst nicht auf die Beschwerde eingetreten werde. Der
Beschwerdeführer hat in seiner Eingabe vom 10. Februar 2009 ausgeführt, er könne
der Verfügung momentan "nicht zuneigen". Die Einteilung der Tätigkeit (Chauffeur
82%, Landwirt 18%) sei nicht korrekt. Er sei deshalb gezwungen, die Verfügung erneut
von einer neutralen Stelle prüfen zu lassen. Er ersuche um eine Fristverlängerung bis
15. April 2009. Darauf hat der verfahrensleitende Abteilungspräsident am 12. Februar
2009 reagiert, indem er dem Beschwerdeführer "für eine ergänzende
Beschwerdebegründung" eine Frist bis 16. März 2009 eingeräumt und den
Beschwerdeführer darauf aufmerksam gemacht hat, dass eine Beschwerde eine
gedrängte Darstellung des Sachverhalts, ein Rechtsbegehren und eine kurze
Begründung enthalten müsse. Er hat aber – entgegen dem mit dem Hinweis auf die
Minimalanforderungen an eine Beschwerde erweckten Eindruck – mit der
Fristansetzung keine Androhung verbunden, dass bei unbenütztem Fristablauf nicht auf
die Beschwerde eingetreten werde. Das kann nur so interpretiert werden, dass der
verfahrensleitende Abteilungspräsident die Eingabe des Beschwerdeführers als im
Sinne von Art. 61 lit. b ATSG ausreichend betrachtet und ihm eine Nachfrist nicht zur
Erfüllung der Minimalanforderungen, sondern nur zur - beantragten - Ergänzung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(den Minimalanforderungen bereits genügenden) Beschwerdebegründung eingeräumt
hat. Der verfahrensleitende Abteilungspräsident muss davon ausgegangen sein, dass
die Minimalanforderungen erfüllt seien, auch wenn er diese Anforderungen in seinem
Schreiben vom 12. Februar 2009 nochmals aufgelistet hat. Die Beschwerdegegnerin
hat den Antrag gestellt, auf die Beschwerde sei mangels Erfüllung der
Minimalanforderungen nicht einzutreten. Sie ist also davon ausgegangen, dass die
Frage des Eintretens auf die Beschwerde durch das Gericht und nicht bereits durch
den verfahrensleitenden Abteilungspräsidenten zu beurteilen sei. Damit stellt sich die
Frage nach der Tragweite der Entscheidung des verfahrensleitenden
Abteilungspräsidenten, die Minimalanforderungen an die Beschwerde gemäss Art. 61
lit. b ATSG als erfüllt zu betrachten. Es gibt zwei mögliche Antworten: Entweder hat der
verfahrensleitende Abteilungspräsident das eigentliche Eintreten auf die Beschwerde
beschlossen, so dass das Gericht nicht mehr auf die Frage des Eintretens
zurückkommen kann, oder er hat nur entschieden, den Schriftenwechsel ablaufen zu
lassen, womit es Sache des Gerichts wäre, vorweg noch über das Eintreten zu urteilen.
Richtig kann nur die zweite Antwort sein, denn der Abteilungspräsident ist nur als
Verfahrensleiter und nicht als Einzelrichter tätig gewesen. In dieser Funktion kann er nur
die Eröffnung des Schriftenwechsels und nicht das Eintreten auf die Beschwerde
angeordnet haben. Hätte er die Minimalanforderungen als nicht erfüllt betrachtet und
hätte der Beschwerdeführer trotz der Androhung des Nichteintretens die Beschwerde
nicht verbessert, so hätte der Abteilungspräsident von der Verfahrensleiterrolle in die
Einzelrichterrolle wechseln und das Nichteintreten auf die Beschwerde beschliessen
müssen. Der verfahrensabschliessende Nichteintretensentscheid ist nämlich keine
verfahrensleitende Verfügung, sondern ein Urteil. Es kann nun aber nicht von der
Antwort auf die Eintretensfrage abhängen, ob der Verfahrensleiter (Eintreten) oder der
Einzelrichter bzw. das Gericht (Nichteintreten) zuständig ist. Das bedeutet, dass auch
ein (i.d.R. konkludenter) Eintretensentscheid nur durch den Einzelrichter oder durch das
Gericht gefällt werden kann. Die Aufgabe des Verfahrensleiters ist nicht identisch mit
derjenigen des Einzelrichters. Andernfalls wäre es nämlich ausgeschlossen, einen
Gerichtsschreiber mit der Verfahrensleitung zu betrauen. Der Entscheid eines
verfahrensleitenden Gerichtsschreibers, den Schriftenwechsel ablaufen zu lassen, kann
zum vornherein kein einzelrichterlicher Eintretensentscheid sein. Da der
Abteilungspräsident also am 12. Februar 2009 nur als Verfahrensleiter und nicht als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einzelrichter tätig gewesen sein kann, ist bisher kein definitiver Eintretensentscheid
gefällt worden. Es ist deshalb zu prüfen, ob auf die Beschwerde einzutreten sei. Diese
Frage ist zu bejahen, denn an die Erfüllung der in Art. 61 lit. b ATSG aufgestellten
Minimalanforderungen können insbesondere bei Laien nur bescheidene Anforderungen
gestellt werden. Der Beschwerdeführer hat klargestellt, dass er die Verfügung vom 16.
Januar 2009 als falsch und deshalb als rechtswidrig betrachte und dass er eine
gerichtliche Beurteilung verlange. Er hat eine Begründung für sein
Beschwerdebegehren geliefert, indem er auf die aus seiner Sicht unrichtige Aufteilung
zwischen der Arbeit als Chauffeur und der Arbeit als Landwirt hingewiesen hat. Eine
Sachverhaltsdarstellung ist nicht nötig gewesen, weil die angefochtene Beschwerde
die entsprechenden Informationen enthalten hat. Auf die Beschwerde ist deshalb
einzutreten.
2.
Gemäss Art. 16 ATSG ist das Einkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt
der Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen). Die Ermittlung des Validen- und des zumutbaren
Invalideneinkommens setzt die vorgängige Bestimmung der konkreten Validen- und
Invalidenkarriere voraus.
2.1 Gemäss den Angaben der A._ vom 25. April 2006 ist der Beschwerdeführer mit
einem schwankenden Beschäftigungsgrad von 70-80%, zeitweise bis 100%, als
Chauffeur auf einem Saug- und Spritzlastwagen angestellt gewesen. Die
betriebsübliche Wochenarbeitszeit hat 45 Std. betragen, der Beschwerdeführer hat 6-7
Std. täglich gearbeitet. Nichts deutet darauf hin, dass der Beschwerdeführer ohne den
Gesundheitsschaden in absehbarer Zeit einen anderen Beruf ausgeübt oder zumindest
den Beschäftigungsgrad verändert hätte. Ohne den Gesundheitsschaden hätte der
Beschwerdeführer nämlich auch den Landwirtschaftsbetrieb in der bisherigen Art, d.h.
mit Milchwirtschaft weitergeführt. Solange der Landwirtschaftsbetrieb noch diese
Ausrichtung hatte, erforderte er gemäss den Abklärungen des landwirtschaftlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zentrums 2660 Arbeitsstunden pro Jahr. Allerdings hat das landwirtschaftliche Zentrum
nicht angegeben, wieviele Arbeitsstunden auf den Beschwerdeführer entfallen sind.
Immerhin ist bekannt, dass von dem durch Milchwirtschaft zu erzielenden
landwirtschaftlichen Erwerbseinkommen von Fr. 33'000.- nur Fr. 12'700.- auf den
Beschwerdeführer entfallen sind. Dies entspricht einem jährlichen Arbeitsaufwand des
Beschwerdeführers von etwa 1000 Std. Umgerechnet auf 230 Arbeitstage sind das 4
Std. 20 Min. täglich. Bei einer Fünftagewoche hat sich die gesamte tägliche Arbeitszeit
des Beschwerdeführers also auf 10 Std. 20 Min. bis 11 Std. 20 Min, zeitweise sogar auf
über 14 Std. belaufen. Dabei hat es sich um eine an die Grenze des Zumutbaren
gehende Belastung gehandelt, die aber dadurch gemildert worden ist, dass ein Teil der
Arbeiten auf dem Landwirtschaftsbetrieb am Wochenende und während den Ferien
ausgeführt worden ist, so dass die reale tägliche Arbeitszeit tiefer gewesen ist. Die
Invalidenkarriere beinhaltet somit sowohl die frühere Chauffeurtätigkeit im normalen
Umfang von 6 bis 7 Arbeitsstunden pro Tag als auch die Besorgung des
Landwirtschaftsbetriebes in der früheren Form als Milchwirtschaftsbetrieb (4 Std. 20
Min.). Das Valideneinkommen setzt sich deshalb aus dem bei einem
Beschäftigungsgrad von 75% (Mittelwert der von der A._ angegebenen Belastung)
erzielbaren Einkommen am früheren Arbeitsplatz und dem auf den Beschwerdeführer
entfallenden Anteil des landwirtschaftlichen Einkommens bei Milchwirtschaft
zusammen. Im Gutachten des landwirtschaftlichen Zentrums ist ein (hypothetisches)
Erwerbseinkommen des Beschwerdeführers allein für das Jahr 2007 von Fr. 12'700.-
angegeben worden. Dies zwingt dazu, den Einkommensvergleich anhand der Zahlen
für das Jahr 2007 vorzunehmen, obwohl eine Rente ab 2005 (Ablauf des Wartejahres
nach dem Unfall von 2/04) zur Diskussion steht. Da sich weder im Bereich der
unselbständigen Erwerbstätigkeit noch im (hypothetischen) Milchwirtschaftsbetrieb
zwischen 2005 und 2007 relevante Veränderungen eingestellt haben, die einen Schluss
von der behinderungsbedingten Erwerbseinbusse für 2007 auf diejenigen für 2005 und
2006 verunmöglichen würden, lässt sich eine Abweichung von der Praxis zur zeitlichen
Verankerung des Einkommensvergleichs rechtfertigen. Aus der unselbständigen
Erwerbstätigkeit hätte der Beschwerdeführer bei einem Stundenlohn von Fr. 34.- und
einem Beschäftigungsgrad von durchschnittlich 75% bzw. einer Wochenarbeitszeit von
33 Std. und 45 Min. bei 48 Arbeitswochen ein Einkommen von Fr. 55'080.- erzielt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusammen mit dem Einkommen aus dem Landwirtschaftsbetrieb von Fr. 12'700.-
resultiert ein Valideneinkommen von Fr. 67'780.-.
2.2 Über die Invalidenkarriere ist nur bekannt, dass der Beschwerdeführer seinen
landwirtschaftlichen Betrieb behinderungsbedingt auf Mastviehhaltung umgestellt hat.
In welchem zeitlichen Ausmass der Beschwerdeführer sich in seinem Betrieb betätigen
will und kann, lässt sich dem Bericht des landwirtschaftlichen Zentrums nicht
entnehmen. Die Beschwerdegegnerin hat sich auf eine hypothetische Invalidenkarriere
des Beschwerdeführers als ausschliesslich unselbständig erwerbstätiger Hilfsarbeiter
berufen. Sie ist also davon ausgegangen, dass der Beschwerdeführer bei Erfüllung
seiner IV-spezifischen Schadenminderungspflicht den Landwirtschaftsbetrieb
aufgegeben hätte. Damit hat sie vorausgesetzt, dass der Beschwerdeführer auch nach
der Umstellung auf Mastviehhaltung nicht alle Arbeiten ausführen könnte oder dass der
Beschwerdeführer mit dieser selbständigen Erwerbstätigkeit seine verbliebene
Arbeitsfähigkeit erwerblich nicht optimal umsetzen würde. Angesichts der Natur der
gesundheitlichen Beeinträchtigung und der auch mit einem reinen Mastbetrieb
verbundenen körperlichen Belastungen (vgl. auch die Ausführungen des
landwirtschaftlichen Zentrums zu den erforderlichen technischen Hilfsmitteln allein für
die Fütterung des Viehs) ist tatsächlich davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
auch in einem reinen Mastbetrieb nicht zu 100% arbeitsfähig und damit auf die Mithilfe
der Familienmitglieder angewiesen wäre. Selbst wenn er auf dem
Landwirtschaftsbetrieb, allenfalls dank technischer Hilfsmittel, zu 100% arbeitsfähig
wäre, könnte er damit nur ein Einkommen erzielen, das unter demjenigen läge, das er
mit demselben Zeitaufwand als Hilfsarbeiter erzielen könnte. Das bedeutet, dass der
Beschwerdeführer zur bestmöglichen Verwertung seiner verbliebenen Arbeitsfähigkeit
tatsächlich zu 100% einer adaptierten unselbständigen Erwerbstätigkeit nachgehen
müsste. Insbesondere aufgrund der langen verbleibenden erwerblichen Aktivitätsdauer
und aufgrund der Tatsache, dass er bereits vor dem Eintritt der Behinderung
überwiegend unselbständig erwerbstätig gewesen ist, ist dem Beschwerdeführer ein
Wechsel in eine vollzeitliche unselbständige Erwerbstätigkeit objektiv zumutbar. Die (in
diesem Punkt hypothetische) Invalidenkarriere beinhaltet also tatsächlich keine
Erwerbstätigkeit im eigenen Landwirtschaftsbetrieb.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Ob es sich bei der adaptierten unselbständigen Erwerbstätigkeit um eine
Hilfsarbeit handeln würde, wie die Beschwerdegegnerin angenommen hat, oder ob in
Erfüllung des Grundsatzes der Eingliederung vor Rente (vgl. dazu U. Kieser, ATSG-
Kommentar, 2.A., Vorbemerkungen N. 47) vorweg eine berufliche Eingliederung
erfolgen müsste, hängt von der Höhe der Erwerbseinbusse ab, die resultieren würde,
wenn ein Hilfsarbeiterlohn als zumutbares Invalideneinkommen angerechnet würde.
Entspräche diese Erwerbseinbusse 40% oder mehr des Valideneinkommens, könnte
die massgebende Invalidenkarriere erst nach der Prüfung und Durchführung einer
(sogenannt höherwertigen) Umschulung definiert und das zumutbare
Invalideneinkommen erst anhand des im neuen Beruf erzielbaren Erwerbseinkommens
bestimmt werden. Die Beschwerdegegnerin, die mit einem Hilfsarbeiterlohn als
Invalideneinkommen gerechnet hat, ist also nicht davon ausgegangen, dass die
definitive Invalidenkarriere des Beschwerdeführers diejenige eines Hilfsarbeiters sei. Sie
hat vielmehr untersucht, ob den Beschwerdeführer aufgrund einer möglichen
rentenbegründenden Erwerbseinbusse von 40% oder mehr eine IV-spezifische
Schadenminderungspflicht in der Form einer beruflichen Eingliederungspflicht treffe. Im
Jahr 2006 hat sich das Durchschnittseinkommen der Hilfsarbeiter aller Branchen
gemäss der praxisgemäss anwendbaren Tabelle TA1 der vom Bundesamt für Statistik
herausgegebenen Lohnstrukturerhebung 2006 auf Fr. 4732.- belaufen. Diese Zahl
beruht allerdings zur Vereinfachung der statistischen Verarbeitung auf einer
Wochenarbeitszeit von 40 Std. Tatsächlich hat die durchschnittliche Wochenarbeitszeit
im Jahr 2006 aber 41,7 Std. betragen. Das entspricht einem Durchschnittslohn der
Hilfsarbeiter von Fr. 4933.11 monatlich bzw. Fr. 59'197.- pro Jahr. Der
Nominallohnindex ist 2007 um 0,9% gestiegen. Das ergibt ein
Durchschnittseinkommen 2007 von Fr. 59'730.-. Obwohl der Beschwerdeführer nicht
mehr in der Lage ist, körperlich schwere Arbeiten auszuführen, besteht keine
Veranlassung, den Durchschnittslohn zu reduzieren. Es gibt nämlich keine statistischen
Erhebungen, die belegen würden, dass körperlich belastende Hilfsarbeiten
durchschnittlich höher entlöhnt würden als körperlich nicht belastende Hilfsarbeiten.
Bei einer ökonomischen Betrachtung ist eine solche Differenz auch nicht zu erwarten,
denn es gibt andere, nicht mit der Körperkraft im Zusammenhang stehende
Leistungskomponenten, welche die Lohnhöhe beeinflussen. Dazu gehören etwa hohe
Anforderungen an die Sorgfalt, an die Aufmerksamkeit, an die Konzentration, an die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zuverlässigkeit usw. Demnach ist dem Valideneinkommen von Fr. 67'780.- ein
zumutbares Invalideneinkommen von Fr. 59'730.- gegenüberzustellen. Die
Erwerbseinbusse von Fr. 8050.- entspricht einer Einbusse von 12%. Es besteht also
keine IV-spezifische Schadenminderungspflicht des Beschwerdeführers in der Form
einer beruflichen Eingliederungspflicht. Das bedeutet, dass zum vornherein kein
Anspruch auf eine Invalidenrente bestehen kann. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb
zu Recht das Gesuch um die Zusprache einer Invalidenrente für die Zukunft
abgewiesen.
3.
Der Beschwerdeführer hat einen Anspruch auf eine zeitlich begrenzte Invalidenrente
geltend gemacht. Er ist im Februar 2004 verunfallt. Das bedeutet, dass das sogenannte
Wartejahr im Februar 2005 erfüllt war. Strittig ist also ein Rentenanspruch ab 1. Februar
2005. Zu diesem Zeitpunkt ist noch Art. 29 Abs. 1 lit. b IVG anwendbar gewesen. Diese
Bestimmung ist am 1. Januar 2008 durch den aktuellen Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG
abgelöst worden. Wenn aus dieser Gesetzesänderung für den Beschwerdeführer
Nachteile resultieren würden, müsste aus Gleichbehandlungsgründen auf dem Weg der
Ausfüllung einer echten, intertemporalrechtlichen Gesetzeslücke die richterliche
Anordnung getroffen werden, dass die Ansprüche des Beschwerdeführers nach der
Rechtslage zu beurteilen seien, die an dem Tag Geltung gehabt habe, in dem sich der
leistungsbegründende Sachverhalt abgespielt hat. In der Literatur wird die Auffassung
vertreten, dass die neue gesetzliche Regelung in Art. 28 Abs. 1 IVG in bezug auf jene
Fälle, in denen eine medizinische oder berufliche Eingliederung zur Zeit nicht möglich
sei oder – bei einer IV-fremden medizinischen Eingliederung – noch laufe, keine
Veränderung der Rechtslage bewirkt habe (vgl. U. Meyer, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die
Invalidenversicherung, 2.A., S. 275 f.). Das bedeutet, dass nach dieser Auffassung der
Wortlaut des Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG ignoriert bzw. lückenfüllend ergänzt wird:
Rentenberechtigt ist nicht nur, wessen Erwerbsfähigkeit nicht durch eine Eingliederung
wiederhergestellt, erhalten oder verbessert werden kann. Rentenberechtigt kann
vielmehr auch eine versicherte Person sein, die aktuell nicht eingliederungsfähig ist,
dies aber in absehbarer Zeit sein wird, oder die sich aktuell in einer IV-fremden, d.h.
nicht zu Taggeldern berechtigenden medizinischen Eingliederung befindet. Es ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
deshalb zu prüfen, ob und gegebenenfalls wie lange der Beschwerdeführer nach dem
31. Januar 2005 noch zu mindestens 40% erwerbsunfähig gewesen ist.
3.1 Dr. med. B._ hat am 9. Mai 2006 – bezogen auf die zuletzt bei der A._
ausgeübte Tätigkeit – folgende Arbeitsunfähigkeiten angegeben: bis 10. April 2005
100%, bis 17. August 2005 70%, bis 4. September 2005 80%, bis 22. November 2005
50%, bis 19. März 2006 100% und seither 50%. Dr. med. B._ hat sich nur bezogen
auf die Situation im Untersuchungszeitpunkt zur Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers in einer adaptierten Erwerbstätigkeit geäussert. Dr. med. C._ hat
am 15. Mai 2006 teilweise abweichende Angaben zur Arbeitsunfähigkeit des
Beschwerdeführers in seiner Tätigkeit bei der A._ gemacht: bis 13. Februar 2005
100%, bis 10. April 2005 50%, bis 22. November 2005 30%, bis 19. März 2006 100%
und ab 20. März 2006 50%. Auch er hat sich nur zur Arbeitsunfähigkeit in einer
adaptierten Erwerbstätigkeit im Untersuchungszeitpunkt geäussert (30%). Dr. med.
D._ vom RAD hat am 15. September 2006 eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers in einer adaptierten Erwerbstätigkeit angegeben. Wie die
beiden behandelnden Ärzte hat er sich dabei nur auf die im Berichtszeitpunkt aktuelle
Situation bezogen. Erst Dr. med. F._ vom RAD hat sich am 16. Januar 2009 erstmals
zur Frage der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer adaptierten
Erwerbstätigkeit in der Zeit unmittelbar nach dem Ablauf des Wartejahres im Februar
2005 geäussert. Er hat für die Periode 26. Februar bis 23. November 2005 eine
vollständig erhaltene Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Erwerbstätigkeit angegeben.
Für die Periode 24. November 2005 bis Ende Januar 2006 (erste Schulteroperation) hat
er eine vollständige Arbeitsunfähigkeit auch für eine adaptierte Tätigkeit bestätigt. Für
die anschliessende Zeit bis 30. November 2006 (zweite Schulteroperation) ist er wieder
– mit einem kurzen Unterbruch im Juni 2006 – von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in
einer adaptierten Tätigkeit ausgegangen. Für die Zeit bis Ende Februar 2007 hat er den
Beschwerdeführer wieder als in allen Tätigkeiten zu 100% arbeitsunfähig qualifiziert.
Danach hat nach Ansicht von Dr. med. F._ durchgehend eine vollständige
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit vorgelegen.
3.2 Ist die Arbeitsfähigkeit in einer behinderungsadaptierten Hilfsarbeit
ausschlaggebend für die Bemessung des - vorläufigen - zumutbaren
Invalideneinkommens, so besteht kein Anspruch auf eine zeitlich beschränkte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidenrente, denn der Beschwerdeführer ist nach dem Ablauf des Wartejahres nur
noch zweimal oder dreimal für kurze Zeit arbeitsunfähig gewesen. Ist hingegen auf die
Arbeitsfähigkeit in der früher bei der A._ ausgeübten Tätigkeit abzustellen, so besteht
ein zeitlich beschränkter, "vorläufiger" Rentenanspruch. Die A._ hat das
Arbeitsverhältnis mit dem Beschwerdeführer erst auf den 31. Mai 2007 gekündigt.
Ginge man davon aus, dass die "vorläufige" Invalidenkarriere bis dahin durch dieses
Arbeitsverhältnis definiert würde, so bestünde ein Rentenanspruch, wenn der
Beschwerdeführer davon hätte ausgehen dürfen, wieder im früheren Ausmass an
seinen Arbeitsplatz zurückkehren zu können, und sich deshalb nicht hätte verpflichtet
fühlen müssen, in Erfüllung einer IV-spezifischen Schadenminderungspflicht schon viel
früher zu kündigen und eine adaptierte Stelle zu suchen und anzutreten. Die frühe
Umstellung des Landwirtschaftsbetriebes auf die weniger arbeitsintensive und der
Behinderung besser Rechnung tragende Viehmast deutet darauf hin, dass das lange
Weiterbestehen des Arbeitsverhältnisses mit der A._ andere Gründe als die Hoffnung
auf eine Rückkehr an den früheren Arbeitsplatz gehabt hat, so dass es dem
Beschwerdeführer zumutbar gewesen wäre, in Erfüllung seiner
Schadenminderungspflicht schon früher zu kündigen und eine adaptierte Hilfsarbeit
anzutreten. Damit kann die Frage, ob die "vorläufige" Invalidenkarriere tatsächlich
anhand der Hoffnung der versicherten Person definiert werden dürfe, den bisherigen
Arbeitsplatz behalten zu können, im vorliegenden Fall an sich offen gelassen werden.
Trotzdem sei darauf hingewiesen, dass die Ausrichtung einer Rente, also auch einer
"vorläufigen", zeitlich beschränkten Rente - anders als die Erfüllung des Wartejahres -
eine Invalidität voraussetzt. Diese Invalidität muss sich notwendigerweise auf einen
objektiven Zumutbarkeitsmassstab, auf dem allgemeinen und ausgeglichenen
Arbeitsmarkt und auf der Erfüllung der IV-spezifischen Schadenminderungspflicht
abstützen, wie die Art. 7, 8 und 16 ATSG zeigen. Diese objektiven Kriterien können
wohl nicht durch eine rein subjektive, ausschliesslich der konkreten Situation der
versicherten Person Rechnung tragende Betrachtungsweise bzw. Invaliditätsdefinition
ersetzt werden. Dies dürfte wohl dazu zwingen, die Invalidenkarriere rückwirkend
anhand der Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Erwerbstätigkeit zu bestimmen, auch
wenn es nachvollziehbar ist, dass die versicherte Person noch auf eine Rückkehr an
den bisherigen Arbeitsplatz vertraut hat. Die Invalidenkarriere darf nicht von der
subjektiven Risikofreudigkeit einer versicherten Person oder von anderen rein
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
subjektiven, die konkrete erwerbliche Situation bestimmenden Momenten abhängen,
weil das im Hinblick auf die Gleichbehandlung aller sich in dieser Lage befindenden
Versicherten problematisch wäre und weil sich ein erhebliches Missbrauchspotential
ergeben würde. Es widerspricht dem Wesen der Invalidität als dem versicherten Risiko
auch hinter der "vorläufigen" Invalidenrente, andere als medizinische Einschränkungen
bei der Verwertung der Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen und ausgeglichenen
Arbeitsmarkt zuzulassen. Aber unabhängig davon besteht die "vorläufige"
Invalidenkarriere des Beschwerdeführers bereits ab Februar 2005 in einer
behinderungsadaptierten und nicht in der bei der A._ ausgeübten Erwerbstätigkeit.
Das bedeutet gestützt auf die überzeugenden Ausführungen von Dr. med. F._ vom
RAD, dass der Beschwerdeführer ab Februar 2005 nicht "vorläufig" invalid gewesen ist
und damit auch keinen Anspruch auf eine "vorläufige", zeitlich beschränkte
Invalidenrente begründet hat.
4.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Beschwerdegegnerin zu Recht einen
Rentenanspruch des Beschwerdeführers verneint hat. Der unterliegende
Beschwerdeführer trägt die Verfahrenskosten. Diese bemessen sich nach dem
Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Dieser Aufwand ist als durchschnittlich zu
werten, so dass praxisgemäss eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- zu erheben ist. Diese
Gebühr ist durch den vom Beschwerdeführer in gleicher Höhe geleisteten Vorschuss
gedeckt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG