Decision ID: 61b24474-b462-43fe-b30e-93809c50b355
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 30. März 2015 wegen einer psychischen Störung bei der
Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 1).
A.a.
Die Versicherte hatte am 21. März 2014 die vollzeitliche Arbeit als Mitarbeiterin im
Nähatelier B._ AG aufgenommen (Angaben Arbeitgeberin vom 20. April 2015, IV-
act. 8) und war ab 1. September zu 100%, ab 15. September zu 50% und ab
26. September 2014 wieder durchgehend zu 100% arbeitsunfähig geschrieben
(Fremdakten, act. 1-6 ff., 1-13 ff.). Das Arbeitsverhältnis wurde auf den 31. Januar 2015
gekündigt (IV-act. 8-8).
A.b.
Dr. med. C._, FMH Rheumatologie, hatte im Bericht vom 12. September 2014
ein myofasziales Schmerzsyndrom lumbal und Beckengürtel bei muskulärer
Dysbalance der Rumpf- und Beckenmuskulatur und leichter Degeneration und
medialer Protrusion der Bandscheibe L5/S1 sowie diffuse Arthralgien der oberen
Extremitäten bei Tendenz zu Hypermobilität diagnostiziert. Er hatte festgehalten, die
nach distal ausstrahlenden Schmerzen dürften im Rahmen der myofaszialen
Schmerzsymptomatik (zu erklären) sein. Ein Hinweis auf eine radikuläre Symptomatik
habe sich bei der Untersuchung nicht ergeben. Für eine entzündliche Krankheit habe er
keine Anhaltspunkte. Aus rein medizinischer Sicht sei eine Reduktion der
Arbeitsfähigkeit nicht wirklich gerechtfertigt. Längerfristig sei die Versicherte aus
rheumatologischer Sicht zu 100% arbeitsfähig (IV-act. 53-17 ff.). Prof. Dr. med. D._,
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Facharzt FMH Neurologie, hatte im Bericht vom 24. Oktober 2014 die Diagnose einer
somatoformen Schmerzstörung gestellt und festgehalten, die neurologische klinische
Untersuchung sei unauffällig. Ein MRI Neurocranium zeige insgesamt sechs kleinere
inerte Gliosen. Diese seien möglicherweise noch durch einen Autounfall im Jahr 2013
mit schwerer Heckkollision bedingt, hätten aber keine Krankheitsrelevanz. Seines
Erachtens liege insgesamt eine depressive Entwicklung vor, vermutlich mit einer
somatoformen Schmerzstörung (IV-act. 53-15 f.). Dr. med. E._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, hatte die Versicherte am 12. November 2014
erstmals gesehen und die Diagnosen einer Angst und depressiven Reaktion gemischt
(ICD-10, F43.22) bei Persönlichkeit mit ängstlich vermeidenden Zügen sowie einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung (ICD-10, F45.4) gestellt. Er hatte
ausgeführt, die Versicherte habe wenig Introspektionsfähigkeit, beschreibe zwar
Probleme wie Einsamkeit, Überforderung und Angst, jedoch siedle sie die Ursache im
körperlichen Bereich an. Sie spreche nicht gut Deutsch, kenne wenig Leute, lebe
zurückgezogen und vermeide Aktivität und Klärung. Nach Aufnahme einer vollzeitlichen
Tätigkeit sei sie nach den Sommerferien in F._ innerlich zusammengebrochen und
könne sich nicht mehr aufraffen. Sie sei zur Zeit stark eingeschränkt in der
Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und ermüde sehr schnell. Die Stimmung sei
depressiv gedrückt, so dass sie nicht längere Zeit bei der Sache bleiben könne. Die
Behandlung finde wöchentlich während einer Stunde statt. Die Versicherte habe
anfänglich passiv eine Krankschreibung erwartet, arbeite inzwischen aber gut mit.
Insoweit habe sie aktiviert werden können, sie sei aber noch weit von einer
verwertbaren Arbeitsfähigkeit entfernt. Mittelfristig sei eine Arbeitsfähigkeit von 60%
bis 80% möglich. Es sei eine Intensivierung der Therapie in der Tagesklinik vorgesehen
(Berichte vom 19. Januar 2015, IV-act. 53-9 ff., und vom 16. Februar 2015,
Fremdakten, act. 1-9 ff.).
Die tagesklinische Behandlung erfolgte vom 9. März bis 1. Juli 2015 im
Psychiatrie-Zentrum G._. Zusätzlich zur Angst und depressiven Störung gemischt
und zur anhaltend(en) somatoformen Schmerzstörung wurde zunächst eine
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) diagnostiziert und später der
entsprechende Verdacht formuliert. Der behandelnde Arzt und die behandelnde
Psychologin führten aus, durch die Schmerzstörung sei die Versicherte nicht in der
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Lage, schwere körperliche Tätigkeiten auszuführen. Sie leide an Kraftlosigkeit in Armen
und Beinen, "plötzlich auftretenden Schmerzen vor allem im Hüftbereich" sowie einer
unspezifischen Schwindelsymptomatik. Leider zeichne sich bisher nur ein zögerliches
Ansprechen auf die therapeutischen Bemühungen ab mit Chronifizierungstendenz von
Angst, Depression und somatoformer Schmerzstörung. Zum Abschluss der
Behandlung könne von einer leichten Verbesserung der depressiven Symptomatik
gesprochen werden. Die Ängste hätten sich reduziert und die Versicherte verfüge über
Strategien zu deren Bewältigung. Vor dem Hintergrund der berichteten
Kriegstraumatisierung während der Kindheit und Jugend und der
migrationsspezifischen Probleme sei die Prognose tendenziell eher ungünstig.
Aufgrund der chronifizierten Schmerzen, depressiver und unspezifischer
Angstsyndrome sei lediglich eine Teilarbeitsfähigkeit realisierbar. Eine schrittweise
Steigerung sollte möglich sein (vgl. Berichte vom 18. Mai 2015, IV-act. 13-2 f.,
Abschlussbericht vom 29. Juli 2015, IV-act. 53-5 f., Bericht vom 24. August 2015,
Fremdakten, act. 2-2 f.).
RAD-Ärztin med. pract. H._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
nahm am 1. Juli 2015 Stellung: Aus versicherungsmedizinischer Sicht könne anhand
der aktuellen Aktenlage eine Arbeitsfähigkeit von ca. 50% in adaptierter Tätigkeit -
leichte, wechselbelastende Tätigkeit, ohne Heben und Tragen von Lasten über 10 kg,
keine Nachtarbeit - angenommen werden (IV-act. 15). Die
Eingliederungsverantwortliche vermerkte im Assessmentprotokoll vom 13. August
2015, die Versicherte mache einen müden, desinteressierten und "abgelöschten"
Eindruck. Berufliche Interessen bzw. Motivation seien nicht spürbar (IV-act. 24).
A.e.
Dr. E._ hielt im Arztbericht vom 26. Oktober 2015 fest, die Versicherte leide seit
Jahren an einer schwankenden Befindlichkeit und tue sich schwer mit Veränderungen
und entwicklungsnotwendigen Herausforderungen. Strukturell zeige sie
Einschränkungen in den Bereichen Regulation und Bewältigung (Angst, Panik,
Gereiztheit, Körperbeben, Schlafstörung, Blockade, Antriebslosigkeit, Grübeln,
Rückzug). Ihr Krankheitsverständnis und ihre Behandlungserwartungen seien
dysfunktional. Sie pflege Kontakte vornehmlich zu Verwandten und vermeide
selbständige Schritte. Sie habe wenig Selbstwirksamkeitserfahrungen im Umgang mit
Herausforderungen auch im beruflichen Bereich. Dem Sprung von zwei bis drei
A.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stunden Putzarbeit abends zur vollzeitigen Arbeitskraft im Team tagsüber mit hohen
Leistungserwartungen an Geschicklichkeit und Belastbarkeit sei sie nicht gewachsen
gewesen. Die Versicherte benötige Förderung bzw. Druck von aussen, neige zu
Passivität, Vermeidung. Die Arbeitsfähigkeit sei durch Schwindel, Panik, Vermeidung
sowie kognitive und manuelle Überforderung eingeschränkt. Die bisherige Tätigkeit sei
aus medizinischer Sicht nicht mehr zumutbar. Als Näherin bestehe vom 1. April 2015
bis auf weiteres eine Arbeitsfähigkeit von 50% (IV-act. 34).
Mit Mitteilung vom 27. Oktober 2015 sprach die IV-Stelle der Versicherten
Arbeitsvermittlung zu (IV-act. 32). Die Eingliederungsverantwortliche schloss ihren Fall
am 26. April 2016 ab. Die Versicherte sei nach wie vor zu 50% arbeitsfähig
geschrieben. Sie habe während sechs Monaten im Rahmen der Arbeitsvermittlung
begleitet werden können und vom 6. April bis 19. Mai 2016 im Rahmen eines
Praktikums in einem 50%-Pensum bei einer Tankstelle gearbeitet. Ergebe sich dort
keine Anschlusslösung, sei die Begleitung durch das RAV ausreichend
(Verlaufsprotokoll Eingliederungsberatung, IV-act. 39-2; Mitteilung vom 26. April 2016,
IV-act. 41).
A.g.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte nach Einwand der
Rechtsschutzversicherung vom 2. Juni 2016 gegen die mit Vorbescheid vom 27. April
2016 in Aussicht gestellte Ablehnung eines Rentenanspruchs sowie nach erneuter
RAD-Stellungnahme vom 5. Oktober 2016 (vgl. IV-act. 44, 48 und 54) bidisziplinär
begutachtet (Gutachten vom 10. Dezember 2016, Dr. med. I._, Psychiatrie und
Psychotherapie, und Dr. med. J._, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, Untersuchungen 4. November 2016, IV-act. 63). Die Gutachter
diagnostizierten bzw. bestätigten ein generalisiertes myofasciales Schmerzsyndrom,
degenerative Veränderungen der LWS ossärer und diskogener Art, eine moderate
Hypermobilität (IV-act. 63-19), eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10:
F45.4), eine Angst und depressive Störung gemischt (ICD-10: F43.22) und akzentuierte
Persönlichkeitszüge mit ängstlich-vermeidenden und lethargischen Anteilen (ICD-10:
Z73,1); differenzialdiagnostisch erhob die psychiatrische Gutachterin eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F61.0; zum Ganzen IV-act. 63-33). Aus orthopädischer
Sicht bestehe in einer gut adaptierten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 90% (IV-
act. 63-25). Aus rein psychiatrischer Sicht sei die zumutbare Arbeitsfähigkeit um 30%
A.h.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingeschränkt (IV-act. 34). Unter den gegebenen Umständen ergänzten und verstärkten
sich die Auswirkungen der somatischen und der psychischen
Gesundheitsschädigungen; die Schmerzen beeinflussten die Psyche negativ, wodurch
die körperlich begründeten Schmerzen stärker empfunden würden, was insgesamt die
Leistungsfähigkeit vermindere. Aus Sicht beider Fachgebiete liege eine gewisse
Verlangsamung des Arbeitstempos und eine raschere Ermüdbarkeit vor (IV-act. 63-39).
In diesem Sinne gebe es Wechselwirkungen zwischen den orthopädischen und den
psychiatrischen Diagnosen, die sich aber in Bezug auf die Leistungs- und damit auf die
Arbeitsfähigkeit nicht addierten (IV-act. 63-40). In der bisherigen Tätigkeit als Näherin
liege eine Arbeitsunfähigkeit von 100% vor. Als Reinigungsangestellte sei die
Versicherte zu 30% arbeitsunfähig. In einer angepassten Tätigkeit sei von einer
Arbeitsunfähigkeit von 30% auszugehen. Die aus beiden Fachgebieten resultierenden
Arbeitsunfähigkeiten könnten nicht addiert werden, da die Einschränkungen identisch
seien und die Beschwerdeführerin die notwendigen Pausen zur Erholung sowohl in
körperlicher als auch in psychischer Hinsicht nutzen könne (IV-act. 63-40). Aus
somatischer Sicht sollte es sich um wechselbelastende, körperlich leichte Arbeiten mit
der Möglichkeit des Wechsels zwischen Sitzen, Stehen und Gehen, ohne Tragen von
Lasten über 10 kg und ohne Notwendigkeit von Zwangspositionen der Wirbelsäule,
insbesondere der Inklination und Rotation, handeln. Auch Überkopfarbeiten seien zu
meiden. Aus psychiatrischer Sicht seien ruhigere Tätigkeiten, ohne mehrere
gleichzeitige Anforderungen, ohne starken Zeitdruck und mit einem überschaubaren
geordneten Arbeitsablauf zumutbar (IV-act. 63-41). RAD-Arzt Dr. K._ befand, auf das
Gutachten könne abgestellt werden (Stellungnahme vom 19. Dezember 2016, IV-
act. 64).
Mit Vorbescheid vom 6. Januar 2017 ersetzte die IV-Stelle den Vorbescheid vom
27. April 2016 und stellte der Versicherten erneut die Abweisung des
Leistungsbegehrens betreffend Rente in Aussicht (IV-act. 67). Die Versicherte liess
dagegen am 13. Januar 2017 vorsorglich Einwand erheben (IV-act. 68). Diesen
begründete sie am 8. Februar 2017 (IV-act. 71-1 ff.). Gestützt auf Stellungnahmen von
Dr. E._ vom 26. Januar 2017 (IV-act. 71-7 ff.) und von Dr. L._ vom 27. Januar 2017
(IV-act. 71-9 ff.) machte sie im Wesentlichen geltend, es sei von einer maximal
A.i.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Weiter rechtfertige sich ein leidensbedingter
Tabellenlohnabzug von mindestens 10% (IV-act. 71-1 ff.).
RAD-Arzt Dr. K._ nahm am 13. März 2017 zusammenfassend Stellung, konkrete
Mängel am Gutachten würden nicht vorgetragen. Es bestünden psychosoziale
Beeinträchtigungen und sicherlich belastende Lebensereignisse, die invaliditätsfremd
seien bzw. der normalpsychologischen Verarbeitung unterlägen und daher nicht in die
Beurteilung einzubeziehen seien. Es würden keine medizinischen Faktoren
vorgetragen, welche den Gutachtern nicht bekannt gewesen und von ihnen deshalb
nicht berücksichtigt worden wären (IV-act. 72).
A.j.
Mit Verfügung vom 10. April 2017 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab.
Aus den Stellungnahmen der behandelnden Ärzte würden keine neuen medizinischen
Tatsachen bekannt. Die (psychiatrische) Gutachterin habe die medizinischen
Sachverhalte berücksichtigt, weshalb am Ergebnis der Begutachtung festgehalten
werden könne. Es handle sich lediglich um eine andere Bewertung desselben
medizinischen Sachverhalts durch die behandelnden Ärzte. Aus medizinischer Sicht
bestehe eine 70%-ige Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit. Die Notwendigkeit
vermehrter Pausen sei bereits bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung berücksichtigt
worden. Der Bedarf an besonderer Rücksichtnahme seitens des Arbeitgebers bzw. des
Umfelds begründe keinen Leidensabzug. Das Alter, eine minimale Schulbildung sowie
eine lange Abwesenheit vom Arbeitsmarkt dürften ebenfalls nicht berücksichtigt
werden. Ein Tabellenlohnabzug sei invalidenversicherungsrechtlich nicht begründet.
Bezüglich beruflicher Massnahmen sei auf die Mitteilung vom 26. April 2016 verwiesen
und der Versicherten freigestellt, eine beschwerdefähige Verfügung einzufordern (IV-
act. 73)
A.k.
Gegen die Verfügung vom 10. April 2017 erhebt A._ am 26. April 2017
Beschwerde. Sie beantragt, die angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und
Entschädigungsfolge aufzuheben. Es sei ihr mindestens eine Viertelsrente zu
gewähren. Eventualiter sei die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, zur
Vervollständigung des Sachverhalts weitere medizinische Abklärungen über ihren
Gesundheitszustand vorzunehmen bzw. vornehmen zu lassen. Dr. E._ und Dr. L._
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kämen in ihren Berichten vom 26. Januar 2017 und vom 27. Januar 2017 zum Schluss,
dass sie trotz guter Compliance zu maximal 50% arbeitsfähig sei. Die
Beschwerdegegnerin habe einen Tabellenlohnabzug verneint, da der vermehrte
Pausenbedarf bereits bei der Arbeitsfähigkeitseinschätzung berücksichtigt worden sei.
Auf die weiteren Einschränkungen wie wechselnde Körperhaltung, Gewichtslimit von
10 kg, keine Überkopfarbeiten, kein Schichtbetrieb, keine gleichzeitige mehrfache
Anforderungen, kein starker Zeitdruck, überschaubarer Arbeitsablauf werde nicht
eingegangen. Diese Mehrfacheinschränkung rechtfertige einen Tabellenlohnabzug von
10% (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 18. August 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin,
die Beschwerde sei abzuweisen. Die Beschwerdeführerin lasse ausser Acht, dass
Begutachtungs- und Behandlungsauftrag in einem unvereinbaren Zielkonflikt
zueinander stünden. Abweichende Auffassungen behandelnder Ärzte bildeten
regelmässig keinen Grund, von den Ergebnissen einer Administrativbegutachtung
abzuweichen. Insbesondere eine psychiatrische Exploration könne von der Natur der
Sache her nicht ermessensfrei erfolgen. Sowohl das psychiatrische als auch das
orthopädische Gutachten erfüllten die Anforderungen an ein lege artis erstelltes
Gutachten. Es könne vollumfänglich auf die Stellungnahme des RAD vom 13. März
2017 zu den von der Beschwerdeführerin angerufenen Stellungnahmen von Dr. E._
und Dr. L._ verwiesen werden. Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten
Kriterien für einen Tabellenlohnabzug seien durch die Gutachter bei der Festlegung der
Arbeitsfähigkeit bereits hinreichend berücksichtigt worden. Selbst wenn ein
Leidensabzug von 10% zugestanden würde, würde bei einem Invalideneinkommen von
Fr. 28'576.80 und einem Valideneinkommen von Fr. 43'200.-- ein Invaliditätsgrad von
34% resultieren, welcher keinen Rentenanspruch begründe (act. G 6).
B.b.
Mit Replik vom 14. September 2017 (act. G 8) bringt die Beschwerdeführerin vor,
die Einschätzung von Dr. E._ basiere auf einer über zweijährigen therapeutischen
Begleitung und therapeutischen Bemühungen. Diese könnten im gutachterlichen
Kontext zu wenig überblickt werden. Auf das Gutachten könne deshalb nicht
abgestützt werden. Neben der Arbeitsfähigkeit von maximal 50% habe sie einen
erhöhten Pausenbedarf. Dieser rechtfertige einen Tabellenlohnabzug von mindestens
10%, woraus sich ein rentenbegründender Invaliditätsgrad ergebe (act. G 8).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Streitgegenstand bildet vorliegend ausschliesslich die Frage nach einem
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin, nachdem bei Erlass der Verfügung am
10. April 2017 seit der den Anspruch auf berufliche Massnahmen verneinenden
Mitteilung vom 26. April 2016 (IV-act. 41) rund ein Jahr vergangen war, ohne dass diese
eine anfechtbare Verfügung verlangt oder mit vorliegender Beschwerde Anträge
hinsichtlich beruflicher Massnahmen gestellt hätte (vgl. BGE 134 V 145).
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik.B.d.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60%, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50%, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40% invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
1.2.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
1.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
1.4.
Die Beschwerdeführerin rügt im Wesentlichen, auf das bidisziplinäre Gutachten
von Dr. J._ und Dr. I._ sei nicht abzustellen, zumal ihr die sie behandelnden
Dr. E._ und Dr. L._ eine höhere Arbeitsunfähigkeit von mindestens 50%
attestierten.
2.1.
Bei der Würdigung der Einschätzungen behandelnder und begutachtender
Ärztinnen und Ärzte ist der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, wonach
behandelnde Ärztinnen und Ärzte nicht nur in der Funktion als Hausärzte sondern auch
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
als spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihrer
Patienten aussagen (Urteil des Bundesgerichts vom 27. September 2017,
8C_295/2017, E. 6.4.2, mit weiteren Verweisen). Sie stehen in einem
auftragsrechtlichen Verhältnis zur versicherten Person. Da sie sich zudem in erster Linie
auf die Behandlung zu konzentrieren haben, verfolgen deren Berichte nicht den Zweck
einer den abschliessenden Entscheid über die Versicherungsansprüche erlaubenden
objektiven Beurteilung des Gesundheitszustandes (BGE 135 V 470, E. 4.5). Ein den
Beweisanforderungen grundsätzlich genügendes medizinisches Gutachten kann nicht
stets in Frage gestellt werden, wenn und sobald die behandelnden medizinischen
Fachpersonen nachher zu einer unterschiedlichen Beurteilung gelangen oder an
vorgängig geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich
nur, wenn objektiv feststellbare Gesichtspunkte vorgebracht werden, die im Rahmen
der Begutachtung unerkannt geblieben waren und die geeignet sind, zu einer anderen
Beurteilung zu führen (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Juli 2008, 9C_830/07, E. 4.3
mit Hinweisen). Allein die in masslicher Hinsicht abweichende Einschätzung der
Arbeitsunfähigkeit vermag ein Administrativgutachten nicht in Zweifel zu ziehen (Urteile
des Bundesgerichts 9C_830/2007 vom 29. Juli 2008, E. 4.3 mit Hinweisen, publ. in:
SVR 2008 IV Nr. 62 S. 203, und vom 23. Juni 2015, 9C_853/2014, E. 3.1.2). Mithin ist
nachfolgend zu prüfen, ob das Gutachten im Grundsatz beweistauglich ist und ob sich
aus den Berichten der behandelnden Ärzte objektiv feststellbare Gesichtspunkte
ergeben, welche die Gutachter nicht ausreichend berücksichtigt haben. Weiter ist zu
beachten, dass – behandelnde und begutachtende – Psychiater, die mit der gleichen
Person als Patientin oder Explorandin in verschiedenen Zeitpunkten und Situationen
konfrontiert, zu unterschiedlichen Beurteilungen der psychischen Beeinträchtigungen
und – invalidenversicherungsrechtlich entscheidend – deren Schweregrades mitsamt
den sich daraus ergebenden Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit gelangen können.
Diese in der Natur der Sache begründete, weitgehend fehlende Validierbarkeit
("Reliabilität") psychiatrischer Diagnosen kann nicht automatisch zu
Beweisweiterungen bei sich widersprechenden psychiatrischen Berichten und
Expertisen führen, wenn die gutachterliche Einschätzung die Anforderungen an
beweiskräftige Gutachten erfüllt (Urteil des Bundesgerichts vom 29. September 2009,
9C_661/09, E. 3.2).
Nachdem der Rheumatologe Dr. M._ (Bericht vom 12. September 2014, IV-act.
53-17 ff.) und der Neurologe Prof. D._ (Bericht vom 24. Oktober 2014, IV-
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 53-15 f.) jeweils eine ihrem Fachgebiet zuzurechnende Ursache der geklagten
Beschwerden ausgeschlossen hatten und sich aus den Akten keine wesentliche
internistische Gesundheitsproblematik ergibt, macht die Beschwerdeführerin zu Recht
nicht geltend, es hätte eine polydisziplinäre Begutachtung erfolgen müssen.
Dem orthopädischen Gutachter schilderte die Beschwerdeführerin, sie hätte seit
ca. 2010 unter lumbalen Rückenschmerzen mit teilweiser Ausstrahlung ins rechte Bein
gelitten. Durch einen Auffahrunfall im März 2013 sei es zu einer Verschlechterung der
lumbalen Beschwerden gekommen. Im Juli 2014 seien eine allgemeine Schwäche und
Schmerzen in der Wirbelsäule und in allen Gelenken aufgetreten, später mit
Ausstrahlung auch in die Arme. Aktuell verspüre sie überall Schmerzen, die "immer
wechseln würden". Im Vordergrund stünden lumbal lokalisierte Schmerzen, häufig
kombiniert mit Blockaden im Beckenbereich, abwechselnd links und rechts lokalisiert.
Der Verlauf der Schmerzen sei wellenförmig. Sitzen und Gehen führten nach einer
Stunde und Stehen nach wenigen Minuten zu einer Schmerzverstärkung, Heben und
Tragen auch nur leichter Gegenstände, Wetterwechsel, Kälte und Nässe bekämen ihr
gar nicht gut. Teilweise bestünden auch ein Kribbeln, eine Kraftlosigkeit und "immer
wieder" Schwellungen in den Händen und Beinen (IV-act. 63-12, 20). Der
orthopädische Gutachter prüfte die so genannten Fibromyalgie-Punkte und kam zum
Schluss, da nur sieben davon positiv seien, sei es nicht gerechtfertigt, die Diagnose
(einer Fibromyalgie) zu stellen (IV-act. 63-18, 20). Sodann erhob er eine "moderate
Hypermobilität" (IV-act. 63-18). Weiter führte er aus, klinisch finde sich eine normale
Beweglichkeit der Gelenke der oberen und unteren Extremitäten sowie der Wirbelsäule;
neurologische Reiz- oder gar Ausfallsymptome könnten nicht festgestellt werden (IV-
act. 63-20). Anlässlich der MRI-Untersuchung vom 1. September 2014 hätten lediglich
leichtgradige Veränderungen der untersten Bandscheibe im Sinne einer Dehydrierung
und einer leichten medianen Vorwölbung festgestellt werden können. Die Wirbelkörper
selber und die Facettengelenke seien weitgehend unauffällig gewesen (IV-act. 63-20,
vgl. auch IV-act. 63-20). Es könne davon ausgegangen werden, dass die
Beschwerdeführerin eine verminderte Belastbarkeit der lumbalen Wirbelsäule aufweise;
diese habe durch Bildgebung und Klinik objektiviert werden können (IV-act. 63-20, 22).
Die diskogenen Veränderungen seien leichtgradig, allenfalls an der Grenze zu
mittelgradig, die ossären Veränderungen seien leichtgradig (IV-act. 63-21). Die weiter
angegebenen diffusen Schmerzen am Bewegungsapparat könnten nicht objektiviert
werden (IV-act. 63-21). Es bestehe ein generalisiertes myofasciales Schmerzsyndrom,
das sich allerdings nicht objektivieren lasse und sicher auch durch die Tatsache
beeinflusst werde, dass die Beschwerdeführerin ihren Beschwerden einen recht hohen
Stellenwert beimesse (IV-act. 63-22).
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Der orthopädische Gutachter geht von einer vor allem qualitativ eingeschränkten
Arbeitsfähigkeit aus, welche Tätigkeiten ohne Heben und Tragen von Lasten über 10
kg, ohne Zwangspositionen der Wirbelsäule umfasst (IV-act. 63-25). Dies erklärt sich
mit den objektivierbaren beschriebenen degenerativen Befunden. In Anbetracht
dessen, dass die der Diagnose des myofascialen Schmerzsyndroms zugeordneten
Beschwerden zu keinen organisch objektivierbaren funktionellen Einschränkungen
führen, erscheint nachvollziehbar, dass der Gutachter in quantitativer Hinsicht für die
Tätigkeiten im Nähatelier und in der Reinigung eine quantitative Einschränkung von
30% und in einer besser adaptierten Tätigkeit von 10% attestiert (vgl. IV-act. 63-25).
Dr. L._ hatte sich bereits im Arztbericht vom 26. August 2016 ähnlich geäussert; die
Versicherte könne keine schweren Lasten tragen (max. 10 kg), leide unter
Konzentrationsstörungen und Müdigkeit und könne keinen Zeitdruck aushalten. Unter
Berücksichtigung der genannten nicht im engeren Sinne somatischen
Beschwerdekomponenten hatte sie die Arbeitsfähigkeit auf maximal 50% eingeschätzt
(IV-act. 53-1 ff.). Später schloss sie sich der Beurteilung des orthopädischen
Gutachters ausdrücklich an (Stellungnahme vom 27. Januar 2017, IV-act. 71-9).
3.3.
Gegenüber der psychiatrischen Gutachterin schilderte die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen Überforderung, Erschöpfung, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten,
Ohnmachtsanfälle und Schwindel. Sie habe daher ihre Vollzeitarbeitsstellen bei N._
(2011 bis 2012) und im Nähatelier (ab 21. März 2014, IV-act. 8-1) aufgeben müssen.
Auch die während vier Stunden halbtags ausgeübte Tätigkeit an einer Tankstelle sei ihr
"zu viel" gewesen. Drei Stunden halte sie für möglich (IV-act. 63-27 f.). Die Gutachterin
diagnostizierte eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4), eine
Angst und depressive Störung gemischt (ICD-10: F43.22) sowie akzentuierte
Persönlichkeitszüge mit ängstlich-vermeidenden und lethargischen Anteilen (ICD-10:
Z73,1); differenzialdiagnostisch erhob sie eine kombinierte Persönlichkeitsstörung
(ICD-10: F61.0; IV-act. 63-33). Damit bestätigte sie im Wesentlichen die Diagnosen von
Dr. E._ (vgl. IV-act. 63-34, Arztbericht Dr. E._ vom 26. Oktober 2015, IV-act. 34:
Angst und depressive Reaktion gemischt [ICD-10: F41.2] sowie anhaltende
somatoforme Schmerzstörung [ICD-10: F45.40]; vgl. auch Stellungnahme Dr. E._
vom 26. Januar 2017, wonach die psychiatrische Gutachterin schlussendlich zu
denselben Diagnosen komme, welche auch er gestellt habe). Abweichend beurteilen
der behandelnde Arzt und die Gutachterin indes die Auswirkung der psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigung auf die Arbeitsfähigkeit: Im Bericht vom 23. Mai 2016
hatte Dr. E._ im Wesentlichen festgehalten, die Versicherte bemühe sich und sei sehr
4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
motiviert, ohne dass sich etwas Grundlegendes an ihrer Problematik verändert habe.
Sobald etwas mehr körperliche und psychische Anstrengung verlangt werde, zeige
sich, dass sie mit ihrer 50%igen Arbeitsfähigkeit absolut an ihr Leistungsmaximum
komme. Die Angst- und depressive Reaktion gemischt und die anhaltende
somatoforme Schmerzstörung beeinflussten sich gegenseitig derart, dass auch auf
längere Sicht von einem maximal erreichbaren Arbeitspensum von 50% auszugehen
sei (IV-act. 48-8 f.). An dieser Einschätzung hielt er auch in der Stellungnahme vom 26.
Januar 2017 fest (IV-act. 71-2), während die Gutachterin von einer zumutbaren
Arbeitsfähigkeit von 70% ausgeht (vgl. IV-act. 63-34).
Die Gutachterin beschrieb im Befund unter anderem einen verminderten Antrieb,
eine Schwunglosigkeit, ein lethargisches, spärliches und sparsames
Ausdrucksverhalten, steife, unsichere, insgesamt sehr gleichgültige, teilweise ratlose
Umgangsformen, einen unentschlossenen Willen, ein zurückhaltendes, sehr einsilbiges
und sehr indifferentes Kontakt- und Antwortverhalten, ein nüchternes, teilweise
widersprüchliches und gleichgültiges Denken sowie eine affektarme, nüchterne,
teilweise ratlose, über weite Strecken ernste Stimmung mit wenig Mimik und seltenem
Lächeln. Aufmerksamkeit, Konzentration und Merkfähigkeit wurden als erschwert und
abschweifend erhoben, die Gedächtnisleistung als teilweise schwerbesinnlich. Von der
Persönlichkeit her gebe es Hinweise auf ängstlich-vermeidende und lethargische
Anteile (IV-act. 63-30). Sie legte weiter dar, klinisch hätten im Rahmen der aktuellen
Untersuchung eine leichte Verlangsamung, ängstliche Zurückhaltung und Lethargie
festgestellt werden können. Testpsychologisch habe sich ein leichtes depressives
Syndrom abgebildet. Die Verdachtsdiagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung habe weder klinisch noch testdiagnostisch bestätigt werden können
(IV-act. 63-34). Die geklagten Beschwerden - Rückenschmerzen, Erschöpfung,
Müdigkeit, Schwindel und Konzentrationsstörungen - führt sie auf die diagnostizierte
anhaltende somatoforme Schmerzstörung, auf die Angst und depressive Störung
gemischt sowie auf akzentuierte Persönlichkeitszüge mit ängstlich-vermeidenden und
lethargischen Anteilen zurück (IV-act. 63-34 f.).
4.2.
Die Expertin beurteilt die Ausprägung und Schwere der Befunde insgesamt aus
rein psychiatrischer Sicht als leicht bis mittelgradig (IV-act. 63-34). Dem ist zu folgen.
Zwar erachtet sie die Diagnosekriterien einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung, insbesondere eines andauernden, schweren und quälenden
Schmerzes, trotz der wenig fassbaren Angaben der Beschwerdeführerin als erfüllt (IV-
act. 63-34; vgl. H. Dilling/ H.J. Freyberger, Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation
psychischer Störungen, 7. Aufl., Bern 2014, S. 195), womit ein invalidisierender
4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schweregrad der Auswirkungen auf die Alltagsfunktionen diagnoseinhärent ist
(vgl. BGE 141 V 286, E. 2.1.1). Die Beschwerdeführerin beschrieb indes den Verlauf der
Schmerzen als wechsel- und wellenhaft, von verschiedenen Einflüssen abhängig. Sie
konnte die Intensität auf der bis 10 reichenden Schmerzskala nicht quantifizieren (IV-
act. 63-12), was Dr. L._ auf Defizite bei der Selbsteinschätzung und der deutschen
Sprache zurückführt (Stellungnahme vom 27. Januar 2017, IV-act. 71-9). Der
orthopädische Gutachter vermerkte, dass die Beschwerdeführerin Schwierigkeiten
gehabt habe, genaue Angaben zu machen (IV-act. 63-12); immerhin fand die
Begutachtung in Anwesenheit einer Dolmetscherin statt (IV-act. 63-1). Als
Schmerzmedikation werden Dafalgan (Paracetamol, bei leichten bis mässig starken
Schmerzen, www.compendium.ch) oder Spedifen (Ibuprofen) bei Bedarf, etwa zwei-
bis dreimal in der Woche, angegeben (IV-act. 63-15, 29). Gesamtüberblickend
erscheint im Aktenverlauf aufgrund der Angaben der Beschwerdeführerin eher die
Erschöpfung als die Schmerzen im Beschwerdebild vorrangig, wenngleich die
psychiatrische Gutachterin die Rückenschmerzen ebenfalls als vorrangig bezeichnet
(IV-act. 63-34). Die Beschwerdeführerin steht in monatlicher Behandlung bei Dr. E._
(Bericht Dr. E._ vom 23. Mai 2016, IV-act. 48-8) und erhält seit zwei Jahren das
Antidepressivum Valdoxan. Dieses helfe ihr beim Einschlafen (IV-act. 63-29, wobei sie
gegenüber der Eingliederungsverantwortlichen am 20. Januar 2016 angab, sie nehme
keine Medikamente gegen Depressionen mehr, IV-act. 39-2). Die Intensität der
Therapie, mit der sich die Beschwerdeführerin besser fühle (IV-act. 63-27), lässt nicht
auf einen sehr hohen Leidensdruck schliessen. Insgesamt ist somit nachvollziehbar,
dass die Gutachterin trotz diagnostizierter anhaltender somatoformer Schmerzstörung
nicht von schwer beeinträchtigenden Schmerzen oder anderweitigen schwerwiegenden
psychiatrischen Beeinträchtigungen ausgeht.
Von orthopädischer Seite liegen keine schwerwiegenden Komorbiditäten vor; der
orthopädische Gutachter geht von einer leicht- bis höchstens mittelgradigen
Ausprägung des Gesundheitsschadens aus (vgl. IV-act. 63-21). Betreffend die
Persönlichkeit liegen gemäss psychiatrischem Gutachten ängstlich-vermeidende und
lethargische Züge vor, die auf eine durch kriegerische Auseinandersetzungen
verursachte Persönlichkeitsentwicklungsstörung zurückzuführen seien und sich aktuell
als Persönlichkeitsakzentuierung zeigten (IV-act. 63-35). Dies erscheint in Anbetracht
der erhobenen Befunde (IV-act. 63-30) nachvollziehbar. Zu den Ressourcen führte die
psychiatrische Gutachterin aus, die Beschwerdeführerin habe keine Beeinträchtigung
bei der Anpassung an Regeln und Routinen. Die Fähigkeit zur Planung und
Strukturierung von Aufgaben sei leicht eingeschränkt. Anstehende Aufgaben würden
abhängig von der aktuellen körperlichen Problematik erledigt. Grundsätzlich versorge
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Zusammengefasst berücksichtigt das Gutachten die geklagten Beschwerden und die
sie sich selbständig und brauche im Haushalt lediglich bei schweren Tätigkeiten Hilfe.
Flexibilität und Umstellungsfähigkeit seien leicht eingeschränkt. Die
Beschwerdeführerin habe Schwierigkeiten, sich an neue Situationen anzupassen. Die
Anwendung fachlicher Kompetenzen sei nicht eingeschränkt. Die Entscheidungs- und
Urteilsfähigkeit sei leicht beeinträchtigt, da sich die Beschwerdeführerin von äusseren
Faktoren beeinflussen lasse. Das Durchhaltevermögen und die
Selbstbehauptungsfähigkeit seien mässig beeinträchtigt (IV-act. 63-35). Die
Kontaktfähigkeit zu Dritten sei eingeschränkt; die Beschwerdeführerin ziehe sich
gehäuft zurück und vermeide Kontakte. Auch die Gruppenfähigkeit sei eingeschränkt,
da sie sich häufig zurückziehe. Kaum Probleme bestünden in der Beziehung zu
vertrauten Menschen. Die Fähigkeit zu Spontanaktivitäten sei mässig eingeschränkt;
Hobbys würden vernachlässigt und die Beschwerdeführerin verhalte sich passiv. Die
Unterstützung durch das vorhandene soziale Netzwerk sei vorhanden. Die
Kommunikationsfähigkeit sei aufgrund geringer Sprachkenntnisse eingeschränkt. Die
Motivation sei eher gering. Es lägen soziale Belastungen vor (geringe
Deutschkenntnisse, keine berufliche Ausbildung, Kinderversorgung; zum Ganzen IV-
act. 63-36 f.). Die Beschwerdeführerin äusserte hierzu, sie habe wenig Kontakt mit
deutschsprachigen Menschen, dies finde sie schade. Die finanziellen Verhältnisse seien
ausreichend. Die Partnerschaft sei sehr gut. Ihr Ehemann kümmere sich um alles, auch
um die Schulbelange der Söhne und um gemeinsame Unternehmungen, und helfe ihr
im Haushalt. Auch seine Familie habe grosses Verständnis und unterstütze sie (vgl. IV-
act. 63-29). Es ist demnach von intakten, unterstützenden familiären Ressourcen
auszugehen. Zur Konsistenz hielt der orthopädische Gutachter fest, die von der
Beschwerdeführerin vorgebrachten Beschwerden korrelierten mit ihrem Benehmen.
Während der Befragung und der Untersuchung sei sie in ihren Aussagen und in ihrem
Benehmen konsistent gewesen. Auch ausserhalb der eigentlichen
Untersuchungssituation hätten keine Diskrepanzen oder Widersprüche bemerkt
werden können. Die Schilderungen bezüglich des Tagesablaufs, namentlich im Hinblick
auf die zu erledigenden Haushaltarbeiten, seien in sich konsistent (IV-act. 63-21). Die
fehlende Hand- und Fussbeschwielung bestätigten die Angabe der
Beschwerdeführerin, dass sie nicht mehr sehr aktiv sei (IV-act. 63-24). Auch die
psychiatrische Gutachterin konnte weder klinisch noch testpsychologisch
Diskrepanzen oder Widersprüche ausmachen (IV-act. 63-37). Weiter attestieren die
Gutachter der Beschwerdeführerin eine grundsätzlich gute Kooperation bzw.
Compliance (IV-act. 63-24, 36).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorhandenen Akten. Es ist schlüssig und nachvollziehbar und orientiert sich am für
nicht somatisch objektivierbare Leiden anzuwendenden strukturierten Beweisverfahren
bzw. den massgeblichen Standardindikatoren. Objektivierte medizinische Standpunkte,
die das Gutachten in Frage zu stellen vermöchten, werden in den Stellungnahmen von
Dr. E._ vom 26. Januar 2017 (IV-act. 71-7 ff) und von Dr. L._ vom 27. Januar 2017
(IV-act. 71-9 ff.) nicht vorgebracht. Dass das während der zwei Behandlungsjahre
entstandene Bild der psychischen Erkrankung mittels der medizinischen Akten nicht
vollständig vermittelt werden kann, vermag nach der massgeblichen Rechtsprechung
das Gutachten nicht zu entkräften. Die psychiatrische Begutachtung dauerte über zwei
Stunden, Anamnese und Befunde wurden vergleichsweise detailliert dokumentiert (IV-
act. 63-1). Die Berichte von Dr. E._ sind im Vergleich zum Üblichen ebenfalls
aussagekräftig und umfangreich, so dass der Verzicht der Gutachterin, beim
behandelnden Dr. E._ eine Fremdanamnese einzuholen, gerechtfertigt scheint. Auf
das Gutachten ist daher abzustellen, und es ist gemäss bidisziplinärem Konsens von
einer durch einen erhöhten Pausenbedarf begründeten (IV-act. 63-40) 70%igen
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in ruhigeren, wechselbelastenden, körperlich
leichten Tätigkeiten ohne mehrere gleichzeitige Anforderungen, ohne starken Zeitdruck,
mit einem überschaubaren, geordneten Arbeitsablauf, mit Wechsel zwischen Sitzen,
Stehen und Gehen, ohne Heben und Tragen von Lasten über 10 kg und ohne
Zwangspositionen der Wirbelsäule auszugehen (IV-act. 63-38, 25, 41). Diese
Arbeitsfähigkeit gilt auch retrospektiv, da - wie vorstehend dargetan - die Gutachter
sowie Behandler in der Diagnosestellung grundsätzlich nicht voneinander abweichen
und vorliegend hinsichtlich der Arbeitsfähigkeitsbeurteilung für den gesamten zu
prüfenden Zeitraum die versicherungsrechtliche Einschätzung unverändert
massgebend ist.
6.
In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Näherin wurde der Beschwerdeführerin seit
1. September 2014 eine 100%ige (bzw. zwischenzeitlich 50%ige) Arbeitsfähigkeit
attestiert (Fremdakten, act. 1-6 ff. und 14 ff.). Gemäss Gutachten dauert diese an (IV-
act. 63-38). Das Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG war somit am 1. September
2015 erfüllt. Die Beschwerdeführerin meldete sich am 30. März 2015 zum
Leistungsbezug an, womit am 1. September 2015 auch die Frist gemäss Art. 29 Abs. 3
IVG abgelaufen ist. Ein allfälliger Rentenanspruch besteht somit ab 1. September 2015.
6.1.
Die Beschwerdeführerin erzielte in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Näherin im
Jahr 2014 ein monatliches Einkommen von Fr. 3'600.-- (IV-act. 8-4). Selbst wenn von
einem dreizehnten Monatslohn ausgegangen wird, ist das Jahreseinkommen von
6.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fr. 46'800.-- gegenüber dem Durchschnittseinkommen 2014 gemäss
Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik (BFS), Kompetenzniveau 1,
Frauen von Fr. 53'793.-- im Umfang von 13% unterdurchschnittlich. Die Angabe der
Beschwerdeführerin gegenüber der psychiatrischen Gutachterin, dass sie bereits im
Jahr 2012 eine erst 2011 angetretene Vollzeitstelle aus gesundheitlichen Gründen habe
aufgeben müssen, legt nahe, dass sie bereits damals in ihrer Leistungsfähigkeit
eingeschränkt war. Zudem übte sie die Vollzeitstelle als Näherin lediglich während
einiger Monate aus. Daher ist das Valideneinkommen nach dem erwähnten
Tabellenlohn zu bemessen. Da die Beschwerdeführerin die ihr zugemutete
Arbeitsfähigkeit nicht voll ausschöpft, ist auch das Invalideneinkommen nach dem
Tabellenlohn zu bemessen und ein Prozentvergleich vorzunehmen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 4. Februar 2015, 9C_888/2014, E. 2, mit weiteren Verweisen).
Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen
Durchschnittswerten ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert (Tabellenlohn)
allenfalls zu kürzen. Damit soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass
persönliche und berufliche Merkmale wie Art und Ausmass der Behinderung,
Lebensalter, Dienstjahre, Nationalität oder Aufenthaltskategorie und
Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können (BGE 124 V 321 E.
3b/aa S. 323). Aufgrund dieser Faktoren kann die versicherte Person die verbliebene
Arbeitsfähigkeit auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt möglicherweise nur mit
unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten (BGE 126 V 880 E. 5b/aa in
fine). Der Abzug soll aber nicht automatisch erfolgen. Er ist unter Würdigung der
Umstände im Einzelfall nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen und
darf 25 % nicht übersteigen (BGE 126 V 80 E. 5b/bb-cc; 134 V 327 f. E. 5.2; Urteil
9C_368/2009 vom 17. Juli 2009 E. 2.1; zum Ganzen auch Urteil des Bundesgerichts
vom 23. Dezember 2014, 9C_630/2014, E. 2.1 mit weiteren Verweisen). Nach ständiger
Rechtsprechung können gesundheitliche Einschränkungen, die bereits in der
Beurteilung des medizinischen Zumutbarkeitsprofils enthalten sind, nicht zusätzlich in
die Bemessung des leidensbedingten Abzuges einfliessen und so zu einer doppelten
Anrechnung desselben Gesichtspunktes führen. Dabei rechtfertigt der Umstand, dass
eine grundsätzlich vollzeitlich arbeitsfähige versicherte Person gesundheitlich bedingt
lediglich reduziert leistungsfähig ist, an sich keinen Abzug vom Tabellenlohn. Bestehen
jedoch über das ärztlich beschriebene Beschäftigungspensum hinaus zusätzliche
Einschränkungen, wie beispielsweise ein vermindertes Rendement pro Zeiteinheit
wegen verlangsamter Arbeitsweise oder ein Bedarf nach ausserordentlichen Pausen,
oder ist die funktionelle Einschränkung ihrer besonderen Natur nach nicht ohne
weiteres mit den Anforderungen vereinbar, wie sie sich aus den gewöhnlichen
6.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.