Decision ID: c82fc4a3-0af5-4929-b47c-8d1c1eeb96f7
Year: 2009
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Die Bundesanwaltschaft eröffnete am 16. Dezember 2004 ein  Ermittlungsverfahren gegen A. und einen Mitbeschuldigten wegen des Verdachts auf Sich-Bestechen-Lassen (Art. 322quater StGB) sowie  Amtsführung (Art. 314 StGB). Am 11. März 2005 dehnte die  das Verfahren gegen A. auf den Tatbestand des  (Art. 312 StGB) aus. Im Rahmen der Voruntersuchung verfügte der Eidgenössische Untersuchungsrichter im Weiteren die Ausdehnung auf die Tatbestände der Veruntreuung (Art. 138 StGB), der Unterdrückung von Urkunden (Art. 254 StGB), der Urkundenfälschung im Amt (Art. 317 StGB) und der Widerhandlung gegen das ANAG (heute: AuG).
B. Die Bundesanwaltschaft erhob am 18. August 2009 bei der Strafkammer des Bundesstrafgerichts Anklage gegen A. wegen Urkundenfälschung im Amt (Art. 317 StGB), versuchter Urkundenfälschung im Amt (Art. 317 i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB), Sich-Bestechen-Lassens (Art. 322quater StGB),  Vorteilsannahme (Art. 322sexies StGB) sowie Widerhandlung gegen das ANAG (heute: AuG) (act. 6).
C. A. erhob mit Eingabe vom 4. September 2009 Beschwerde bei der
I. Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts und stellte folgenden  (act. 1):
Die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, umgehend das Strafverfahren gegen den Be-
schwerdeführer betreffend all diejenigen Sachverhalte einzustellen, weswegen zwar in den
Vorverfahren die Strafverfolgung eröffnet oder ausgedehnt worden ist, welche aber keinen
Niederschlag in der Anklageschrift an das Bundesstrafgericht gefunden haben, unter Kos-
ten- und Entschädigungsfolge.
In der innert erstreckter Frist (act. 5) eingereichten Beschwerdeantwort vom 7. Oktober 2009 beantragte die Bundesanwaltschaft, die Beschwerde sei abzuweisen und die ausgelösten Anwalts- und Gerichtskosten seien dem Beschwerdeführer oder dessen Verteidiger aufzuerlegen (act. 7).
Mit Replik vom 16. Oktober 2009 hielt A. an dem in der Beschwerde  Antrag fest und schloss auf Abweisung der Anträge der  (act. 11).
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Auf die Ausführungen der Parteien sowie die eingereichten Akten wird,  erforderlich, in den rechtlichen Erwägungen Bezug genommen.

Die I. Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. 1.1 Gegen Amtshandlungen und wegen Säumnis des Bundesanwalts ist die
Beschwerde nach den Verfahrensvorschriften der Art. 214 – 219 BStP an die I. Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zulässig (Art. 105bis Abs. 2 BStP i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. a SGG i.V.m. Art. 9 Abs. 2 des  vom 20. Juni 2006 für das Bundesstrafgericht; SR 173.710). Die  steht den Parteien und einem jeden zu, der durch eine  oder durch die Säumnis des Bundesanwalts einen ungerechtfertigten Nachteil erleidet (Art. 214 Abs. 2 BStP). Beschwerden gegen Säumnis  keiner Frist; sie können erhoben werden, solange die Säumnis andauert (vgl. BÄNZIGER/LEIMGRUBER, Das neue Engagement des Bundes in der Strafverfolgung, Bern 2001, N 259, 268; Entscheid des  BB.2004.36 vom 20. Januar 2005, E. 1.2, m.w.H.).
1.2 Bei der Anklageerhebung im Verfahren gegen den Beschwerdeführer wur-
de lediglich ein Teil der ihm vorgeworfenen Straftaten zur Anklage , ohne über die restlichen, gegen ihn bestehenden Vorwürfe zu . Der Beschwerdeführer ist somit von einer allfälligen Säumnis des Bundesanwaltes betroffen und als Partei zur Beschwerde legitimiert. Auf die Beschwerde ist demnach einzutreten.
2. 2.1 Der Beschwerdeführer wirft der Beschwerdegegnerin Säumnis vor, da sie
die Einstellungsverfügung betreffend diejenigen Sachverhalte unterlassen habe, weswegen die Strafverfolgung zwar eröffnet oder ausgedehnt  sei, die aber nicht mehr Gegenstand der vorliegenden Anklageschrift seien. Es fehle an jeder Stellungnahme bezüglich dieser Sachverhalte.  auf vorangehend gestellte Einstellungsbegehren habe die  nicht reagiert. Gemäss telefonischer Nachfrage sehe die  momentan keinen Handlungsbedarf. Damit verletze sie das Grundrecht auf rechtliches Gehör sowie das fair trial-Gebot gemäss Art. 6 Ziff. 1 EMRK, wonach der Beschwerdeführer das Anrecht habe, dass alle ihm zur Last gelegten Sachverhalte innerhalb angemessener Frist  werden. Zudem seien die Art. 120 ff. BStP verletzt, da die Einstellung
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vor dem Verfahren vor der Strafkammer hätte verfügt werden müssen (act. 1).
2.2 Unter Säumnis ist eine Unterlassung durch die Ermittlungs- und Untersu-
chungsbehörden zu verstehen (BÄNZIGER/LEIMGRUBER, a.a.O., N. 258, 268). Es kann sich dabei um eine formelle Rechtsverweigerung oder eine ihr nahe stehende Rechtsverzögerung handeln. Gemäss Art. 29 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 1 EMRK hat jede Person Anspruch auf Beurteilung innert angemessener Frist, wobei das Verbot der formellen Rechtsverweigerung und das Verbot der Rechtsverzögerung darin enthalten sind (vgl. /SCHWERI/HARTMANN, Schweizerisches Strafprozessrecht, 6. Aufl.,  2005, S. 16/17 N. 3). Eine formelle Rechtsverweigerung liegt vor, wenn eine Behörde auf eine entsprechende Eingabe fälschlicherweise nicht  oder eine solche ausdrücklich oder stillschweigend nicht an die Hand nimmt und behandelt, obwohl sie dazu verpflichtet wäre (STEINMANN, Die schweizerische Bundesverfassung, Kommentar, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2008, Art. 29 BV N. 10; HAUSER/SCHWERI/HARTMANN, a.a.O., S. 17 N. 4, je m.w.H.), und insbesondere bei vollständigem Fehlen eines Entscheides der zuständigen Behörde (TPF 2008 86 E. 2.4 S. 88). Eine Rechtsverzögerung der Behörde liegt vor, wenn ihr Entscheid über Gebühr verschleppt wird (STEINMANN, a.a.O., Art. 29 BV N. 11 f.; HAUSER/SCHWERI/HARTMANN, a.a.O., S. 17 N. 6; TPF 2008 86 E. 2.3 S. 87/88; Entscheid des  BB.2008.48 vom 16. September 2008, E. 4.2, je m.w.H.).
2.3 Die Voruntersuchung wurde mit Schlussverfügung vom 12. Dezember 2008
abgeschlossen. Diese Verfügung war der I. Beschwerdekammer gemäss Art. 119 Abs. 3 BStP kommuniziert worden. Der Beschwerdeführer bringt in der Beschwerde und wiederholt in der Replik vor, dass schon mehrfach schriftliche Anträge um (Teil-) Einstellung der Strafverfolgung gestellt  seien, und zwar schon anlässlich des Abschlusses der  und am 28. Juli 2009 (act. 1, S. 3, Ziff. 1, S. 5, Ziff. 7; act. 11, S. 1, Ziff. 1, S. 2, Ziff. 4, S. 3, Ziff. 6). Die konkreten Anträge werden zwar vom Beschwerdeführer nicht mittels Kopien belegt, jedoch seitens der  nicht bestritten. Die I. Beschwerdekammer kann daher von der vom Beschwerdeführer geschilderten Sachlage ausgehen.
Die Beschwerdegegnerin reagierte daraufhin nur insoweit, als sie am
18. August 2009 gegen den Beschwerdeführer Anklage bezüglich , ihm zur Last gelegter Straftaten erhob. Die Frage nach der Einstellung derjenigen ihm vorgeworfenen Straftaten, die nicht in der Anklage enthalten sind, blieb somit nach wie vor unbeantwortet. Hierbei ist zusätzlich , dass im Zeitpunkt der Teilanklage die Beschwerdegegnerin bezüg-
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lich des verbleibenden Teils des Strafverfahrens zumindest klar über  Schicksal kommunizieren muss, falls keine gleichzeitige Erledigung – sei dies durch Einstellung oder Abtrennung – erfolgt. Denn diesbezüglich besteht seitens der beschuldigten Partei ein Interesse auf Information und Klarheit (vgl. VEST, Die schweizerische Bundesverfassung, Kommentar, 2. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2008, Art. 32 BV N. 23).
Nach der Teilanklage, und zwar am 24. August 2009, führte der Verteidiger
des Beschwerdeführers mit der Beschwerdegegnerin ein Telefongespräch, welches beide Parteien in ihren Eingaben aus ihrer Sicht schildern (act. 7; act. 11; act. 11.1). Unabhängig vom konkreten Inhalt des Gesprächs,  aufgrund der äusserst widersprüchlichen Darlegungen der Parteien nicht eruierbar ist, steht zumindest fest, dass wiederum die (fehlende)  der nicht zur Anklage gebrachten Sachverhalte das Thema des  war und das Gespräch in Anbetracht der Beschwerde vom 4.  2009 offensichtlich zu keinem Ergebnis führte.
Nebst der Behauptung, dass dem Verteidiger des Beschwerdeführers wäh-
rend dem Telefongespräch die Einstellung der nicht zur Anklage  Sachverhalte vor der Hauptverhandlung in Aussicht gestellt worden sei (act. 7, S. 2, Ziff. 4), was vom Verteidiger vehement bestritten wird (act. 11, S. 2, Ziff. 3), liegt seitens der Beschwerdegegnerin einzig die Bemerkung in der Beschwerdeantwort vor, dass eine Teileinstellung des Strafverfahrens vor der Hauptverhandlung nie bestritten gewesen und nicht bestritten sei (act. 7, S. 3, Ziff. 5). Tatsache ist jedoch, dass bis anhin weder eine  noch eine klare Information gegenüber dem Beschwerdeführer, mithin keine verbindliche Antwort, bezüglich der nicht angeklagten Sachverhalte erfolgte. Ausgehend von den (Teil-) Einstellungsanträgen ist die  demnach seit langer Zeit säumig. Dieses Verhalten der  verletzt nicht nur den Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV (vgl. STEINMANN, a.a.O., Art. 29 BV N. 25-27; Entscheid des Bundesstrafgerichts BB.2008.90 vom 12. Mai 2009, E. 1.1, Abschnitt 4 f. e contrario), sondern stellt auch eine formelle  oder zumindest eine Rechtsverzögerung und damit eine Verletzung von Art. 29 Abs. 1 BV dar (vgl. STEINMANN, a.a.O., Art. 29 BV N. 10; zum Ganzen TPF 2008 86 E. 2.4 S. 88, m.w.H.; HAUSER/SCHWERI/HARTMANN, a.a.O., S. 17 N. 7).
2.4 Aufgrund der vorangehenden Ausführungen ist die Beschwerde gutzuheis-
sen. Die Beschwerdegegnerin, welche der I. Beschwerdekammer im  der Beschwerdeantwort implizit die Einstellung der gegen den  nicht zur Anklage gebrachten Sachverhalte in Aussicht
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stellt (act. 7, S. 3, Ziff. 5), wird angewiesen, diese Einstellungsverfügung ohne Verzug zu erlassen (vgl. STEINMANN, a.a.O., Art. 29 BV N. 10 in fine).
3. 3.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die Beschwerdegegnerin die unter-
liegende Partei. Ihr dürfen aber in der Regel keine Gerichtskosten auferlegt werden (Art. 245 Abs. 1 BStP i.V.m. Art. 66 Abs. 4 BGG), weshalb keine Gerichtskosten zu erheben sind. Die Bundesstrafgerichtskasse ist , dem Beschwerdeführer den geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'500.-- zurückzuerstatten.
3.2 Die Beschwerdegegnerin hat den obsiegenden Beschwerdeführer für das
vorliegende Beschwerdeverfahren mit einer Parteientschädigung von Fr. 1'500.-- (inkl. Auslagen und MwSt.) zu entschädigen (Art. 245 Abs. 1 BStP i.V.m. Art. 68 Abs. 1 und 2 BGG i.V.m. Art. 3 des Reglements vom 26. September 2006 über die Entschädigungen in Verfahren vor dem ; SR 173.711.31).
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