Decision ID: 1a6321f6-48f2-4865-8b2d-2c22ecef085a
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1974
, wurde mit Verfügung der
Sozialversi
cherungs
an
stalt des Kanton Zürich, IV-Stelle, v
om
16
. Juni
2011 (Urk. 6/67/2-11)
mit Wir
kung ab 1.
März
2009 eine ganze Inva
lidenrente
zugesprochen
.
Mit Verfügung
en
vom 19. September 2012 (Urk. 6/98)
und vom 6. Februar 2014 (Urk. 6/107)
sprach
sie dem Versicher
te
n
nach
der Geburt seine
r
Kinder jeweils eine entsprechende
Ki
nderrente zu.
1.2
Während eines am 18. November 2011 (vgl. Urk. 6/73) eingeleiteten Revisions
verfahrens
ersuchte die Staatsanwaltschaft
II
des Kantons Zürich
die IV-Stelle
am
23.
August 2012 (Urk.
6/93)
im Zuge eines Straf
verfahrens
um Zustellung der IV-Akten des
Versicherten
und wies
diese
erstmals
auf einen möglichen unge
recht
fertigten Leistungsbezug
des
Versicherten
hin
.
Es folgten
verschiedene
Recher
chen
(vgl. Urk.
6
/
99, Urk. 6/111-112, Urk. 6/116
, Urk. 6/122
, Urk. 6/144, Urk. 6/147-164
).
Mit Verfügung vom
2
.
Oktober 2015 (Urk. 6/136)
sistierte d
ie
IV-Stelle
die bisherige Invalidenrente per sofort respektive per Ende September 201
5 und
entzog einer allfällig gegen diese
Verfügung
gerichteten Beschwerde die aufschiebende Wirkung
.
1.3
Nach durchgeführtem
Vorbesche
idverfahren
(vgl. Urk. 6
/
223, Urk. 6/226
) hob die IV-Stelle mit Verfügung vom
14
.
Dezember
2018
(Urk. 6/229) die Verfügung vom 16. Juni 2011 sowie
die Rente des Versicherten
in prozessualer Revision
rück
wirkend per
1
.
März 2009
auf und entzog einer allfällig dagegen erhobenen Beschwerde die aufschiebende Wirkung. Darüber hinaus hielt sie fest, dass für die Zeit vom 1.
Oktober
201
3
bis 30. September 201
5
zu Unrecht
bezogene
Renten
zurückzufordern seien, wobei diesbezüg
lich eine separate Verfügung ergehe. Hiergegen erhob der Vers
icherte am 26.
Januar
201
9
beim hiesigen Gericht Be
schwerde (Urk. 6/232/3-
27
), wo
bei ein Entscheid in dieser Angelegenheit noch a
usstehend ist (Verfahren IV.2019
.00
070
).
1.4
Mit Verfügung vom
21
.
Februar 2019
(Urk. 2)
verpflichtete die IV-Stelle den Ver
sicherten, ihr die vom 1.
Oktober
201
3
bis 30. September 201
5 zu Unrecht aus
be
zahlten Rentenbeträge in der Höhe von insgesamt Fr.
74’221
.
--
zurückzu
er
statten.
2.
Dagegen erhob
der Beschwerdeführer
am
19
.
März
2019
(Urk. 1) Beschwerde mit dem Rechtsbegeh
ren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
und es sei fest
zustellen, dass der Beschwerdegegnerin ihm gegenüber kein Rückforderungsrecht zusteht (S. 2)
.
Zudem
sei
das vorliegende Verfahren bis zur rechtskräftigen
Erledigung des Verfahrens IV.2019.00070 zu sistieren und bei Bestätigung der rückwirkenden Rentenaufhebung sei im vorliegenden Verfahren ein zweiter Schriftenwechsel anzuordnen (S. 4 Mitte)
.
Mit Beschwerdeantwort vom
2
.
Mai
2019
(Urk. 5)
schloss die IV-Stelle auf Ab
weisung der Beschwerde
und beantragte
, es sei
dem Antrag auf Sistierung zu folgen und von einer Rückweisung aus formellen Gründen abzusehen. Dies wurde dem Beschwerdeführer am 9. Mai 2019 (Urk. 7) zur Kenntnis gebracht
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art.
49 Abs.
1 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozial
ver
sicherungsrechts (ASTG) hat der Versicherungsträger
über Leistungen, Forde
rungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene Person nicht einverstanden ist, schriftlich Verfü
gungen zu erlassen. Gegen Verfü
gungen – ausgenommen gegen prozess- und verfahrensleitende – kann innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden (
Art.
52
Abs.
1 ATSG).
1.2
In Abweichung von Art. 52 Abs.
1 ATSG teilt die
IV-Stelle der versicherten Per
son den vorgesehenen Endentscheid über ein Leistungsbegehren oder den Entzug oder die Herabsetzung einer bisher gewährten Leistung mittels Vorbescheid mit. Die versicherte Person hat Anspruch auf rech
tliches Gehör im Sinne von Art. 42 ATSG (Art.
57a Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG]). Sie kann innerhalb einer Frist von 30 Tagen Einwände gegen d
en Vorbescheid
vorbringen (Art.
73
ter
Abs.
1 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV
]).
Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung handelt es sich bei Streitigkeiten über Rückforderungen um Leistungsstreitigkeiten (U
rteil des Eidgenössischen Versi
ch
e
rungsgerichts I 721/05 vom 12.
Mai 2006 E. 4)
, weshalb vor Erlass einer Rück
forderungsverfügung das
Vorbescheidverfahren
durchzuführen ist.
1.3
Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des r
echt
li
chen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verf
ügung. Es kommt mit anderen Wor
ten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkreten Fall für den Ausgang der materiellen Streitentscheidung von Bedeutung ist, das heisst die Behörde zu einer
Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (BGE 132 V 387 E. 5.1; 127 V 431 E. 3d/
aa
).
2.
2.1
Der Beschwerdeführer rügt
e
, da über den materiellen Anspruch
(Verfahren IV.2019.00070)
noch nicht rechtskräftig entschieden
und somit der unrecht
mässige Bezug von Leistungen nicht nachgewiesen sei
,
bestehe
kein Rückforde
rungsanspruch. Zudem
liege
eine Verletzung des rechtlichen Gehörs
vor
,
weil
ihm die
Beschwerdegegnerin
vor Erlass der angefochtenen Verfügung nicht im Zuge eines
Vorbescheidverfahrens
mitgeteilt hab
e, welchen Betrag sie zurückfor
dere (Urk. 1 S. 3-5
).
Die Beschwerdegegnerin äusse
rte sich in ihrer Beschwerdeant
wort vom 2.
Mai
2019 (Urk.
5
)
diesbezüglich dahingehend, dass unverkennbar das rechtliche Gehör nicht gewährt worden sei, jedoch von einer Rückweisung aus formellen Gründen abzusehen sei
. Insoweit blieb unbestritten, dass kein
Vorbe
scheidverfahren
durchgeführt wurde
und damit eine Verletzung des rechtlichen Gehörs vorliegt
.
Die
Durchführung eines
Vorbescheid
verfahrens
ist denn auch nicht
aktenkundig.
Es reicht
nicht aus, dass
dem Versi
cherten bereits mit Ver
fügung vom
14. Dezember
2018 (Urk. 6/229)
der Erlass eines separaten Entschei
des betreffend die Rückforderung der – zumindest aus Sicht der IV-Stelle – zu Unrecht bezogenen Rentenbeträge in Aussicht gestellt wurde. Der Versicherte erhielt damit keine Kenntnis v
on der konkret von ihm zurückge
forderten Summe, weshalb es ihm verwehrt blieb, hierzu Stellung zu beziehen.
Der Erlass einer Rückforderungsverfügung ohne
rechtsgenügliche
Anhörung des Verpflichteten im Rahmen eines
Vorbescheidverfahrens
stellt eine schwerwie
gende Verletzung des rechtlichen Gehörs dar, welche einer Heilung grundsätzlich nicht zugänglich ist. Nach der Rechtsprechung kann die Verletzung der Anhö
rungspflicht schon dann schwerwiegend sein, wenn ein nach Erlass des Vorbe
scheids ergangenes Begehren um Aktenedition oder eine Stellungnahme zum Vorbescheid unberücksichtigt geblieben ist, indem auf die vorgebrachten Ein
wendungen nicht eingegangen wurde (BGE 124 V 180 E. 2). Umso schwerwie
gen
der ist es, wenn – wie im vorliegenden Fall
– überhaupt kein
Vorbescheid
ver
fahren
durchgeführt und ohne Gewährung des rechtlichen Gehörs eine Ver
fügung erlassen wird (vgl. Urteile des Bundesgerichts I 584/01 vom 24. Juli 2002 E.
2 und 9C_
356/2011 vom 3. Februar 2012 E.
3.4, jeweils mit Hinweisen). Neben der zwingend vorgeschriebenen Anhörungspflicht stehen auch die Entlastung der Verwaltungsrechtspflegeorgane sowie die Kosten
losigkeit des
Vorbescheid
verfah
rens
– im Gegensatz zur Kostenpflicht im Gerichtsverfahren – einem Verzicht auf
dasselbe entgegen. Bei dieser Ausgangslage ist es dem Gericht verwehrt, die Sache
materiellrechtlich
zu beurteilen.
2.2
Eine Heilung des schwerwiegenden Verfahrensfehlers ist ausgeschlossen. Die Be
schwerde ist demnach - ungeachtet ihrer
materiellrechtlichen
Erfolgsaussichten – in dem Sinne gutzuheissen, dass die angefochtene Verfügung vom
21. Februar 2019
(Urk. 2) aufzuheben und die Sache a
n die Beschwerdegegnerin zurück
zu
weisen ist, damit diese
ein
Vorbescheidverfahren
durchführe und hernach über eine allfällige Rückforderung neu verfüge.
Ein Entscheid über d
ie vom Beschwerdeführer beantragte
Sistierung
des vorlie
genden Verfahrens
bis zur rechtskräftigen Erledigung des Verfahrens IV.2019.00070
sowie die Anordnung eines zweiten Schriftenwechsels
erübrig
en
sich vor diesem Hinter
grund.
3.
3.1
Das Beschwerdeverfahren vor dem kantonalen Ver
sicherungsgericht ist bei Strei
tig
keiten um die Bewilligung oder Verweigeru
ng von Leistungen der Inva
liden
versicherung kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Als solche gilt auch eine Streitigkeit betreffend die Rückforderung unrechtmässig bezogener Leistungen (vgl. Urteil des Bundesgerichts I 721/05 vom 12.
Mai 2006 E.
4). Die Verfahrens
kosten sind auf Fr. 500.-- festzusetzen und ausgangsgemäss
der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
3.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rück
weisung der Sache an die Verwal
tung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb
der
vertretene Beschwerdeführer Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat.
Diese wird ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung
der Streitsache, der Schwierig
keit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
des Ge
setzes über das Soz
ialversicherungsgericht,
GSVGer
).
Unter Berücksichtigung der massgebenden Kriterien ist die Prozessentschädigung auf Fr. 1'000.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.