Decision ID: 81344e41-1a07-55ee-91a0-6c55f02b2096
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Tamile mit letztem Wohnsitz in B._
(C._ Distrikt, Nordprovinz), verliess sein Heimatland eigenen Anga-
ben gemäss am 19. Juni 2017 und gelangte am 21. Juni 2017 in die
Schweiz, wo er am gleichen Tag um Asyl nachsuchte.
A.b Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 21. Juni 2017 mit, er werde
in Anwendung von Art. 4 Abs. 3 der Verordnung über die Durchführung von
Testphasen zu den Beschleunigungsmassnahmen im Asylbereich vom
4. September 2013 (TestV, SR 142.318.1) für den Aufenthalt und das Ver-
fahren dem Verfahrenszentrum Zürich zugewiesen.
A.c Am 26. Juni 2017 nahm das SEM die Personalien des Beschwerde-
führers auf und befragte ihn zum Reiseweg.
B. Das SEM führte mit dem Beschwerdeführer am 5. Juli 2017 ein persön-
liches Gespräch gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die
Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig
ist (Neufassung) (ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; nachfolgend: Dublin-III-
VO) durch. Er wies auf entsprechende Frage darauf hin, dass er manchmal
ohnmächtig werde und zum Schlafen Medikamente einnehme.
B.a Am 20. Juli 2017 führte das SEM mit dem Beschwerdeführer in Anwe-
senheit der ihm zugewiesenen Rechtsvertretung die Erstbefragung nach
Art. 16 Abs. 3 TestV durch. Er machte im Wesentlichen geltend, er habe
nach seinem Schulbesuch begonnen, als (...) zu arbeiten. Bis im Jahr 2013
habe er auch (...) und mit einem eigenen (...) (...) transportiert. Sein Wa-
gen sei 2013 entwendet worden. Nach 2013 habe er mit verschiedenen
Firmen und Regierungsorganisationen zusammengearbeitet und Kriegs-
opfern geholfen. Hauptsächlich habe er für die TNA (Tamil National Alli-
ance) und die RDS (Rural Development Society) gearbeitet. Diese ehren-
amtlichen Tätigkeiten habe er bis 2015 ausgeführt.
Sein Vater habe bis im Jahr 2006 als (...) für die LTTE (Liberation Tigers of
Tamil Eelam) gearbeitet. Auch weitere Verwandte seien für diese Organi-
sation tätig gewesen. Im Juli 2012 sei ein Freund seines Bruders umge-
bracht worden, worauf sie eine Protestkundgebung durchgeführt hätten.
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Die Armee habe ihn festgenommen, in ein Camp nach D._ ge-
bracht, befragt und schlecht behandelt. Er sei dort fünf Tage festgehalten
worden. Während der Wahlen vom September 2013 habe er der TNA ge-
holfen. Sein Bruder, seine Kollegen und er seien vom CID (Criminal Inves-
tigation Department) in D._ in einem kleinen Zimmer inhaftiert wor-
den. Man habe ihnen vorgeworfen, sie hätten Verbindungen zum Terroris-
mus, und es sei Anklage erhoben worden. Der CID habe ihm seinen (...)
weggenommen und ihn 22 Tage inhaftiert. Da seine Mutter eine Kaution
geleistet habe, sei er freigelassen worden. Er habe Flüchtlingen, vor allem
Waisenkindern, geholfen und dabei Anweisungen von «(...)» E._
erhalten. Im August 2014 sei er vom CID festgenommen und über
E._ befragt worden (er habe gehört, dieser habe früher die LTTE
unterstützt), der im November 2014 liquidiert worden sei. Die Leute des
CID hätten ihn damals gefoltert. Danach habe er weiterhin den Menschen
geholfen und Propagandaarbeit geleistet. 2015 sei er vom CID erneut ver-
haftet worden, als er sich bei einem Freund aufgehalten habe. Er sei in ein
Camp gebracht und über verteilte Flugblätter befragt worden. Man habe
ihn gefoltert und verwundet. Nach 17-tägiger Haft sei er freigekommen,
nachdem sein Onkel eine Kaution (Schmiergeld) bezahlt habe. Seine Mut-
ter habe ihn aus Sicherheitsgründen zu einem Onkel geschickt. Im Februar
2016 seien Sicherheitsleute zu ihm nach Hause gekommen und hätten
viele seiner Sachen beschlagnahmt. Er habe drei Monate lang im Dschun-
gel gelebt, danach habe er sich während sieben Monaten bei seiner Tante
versteckt. Nachts sei er öfters zuhause gesucht worden. 2017 habe seine
Mutter ihm geraten, er solle Sri Lanka verlassen. Zu seiner gesundheitli-
chen Verfassung gefragt, sagte der Beschwerdeführer, er habe Mühe mit
dem Einschlafen und leide öfters unter Albträumen und Kopfschmerzen.
Nachdem zirka drei Viertel des Protokolls zurückübersetzt worden waren,
beklagte sich der Beschwerdeführer über Kopfschmerzen, die es ihm ver-
unmöglichten, der Rückübersetzung weiter zu folgen. Infolgedessen wurde
der Rest des Protokolls am folgenden Tag zurückübersetzt.
B.b Der Beschwerdeführer übermittelte dem SEM am 17. Juli 2017 seine
Geburtsurkunde.
B.c Dem SEM wurden vom (...) zwei Kurzaustrittsberichte der Notfallsta-
tion Medizin vom 6. und 12. Juli 2017 zugestellt. Einem Formular «medizi-
nische Informationen» vom 25. Juli 2017 ist zu entnehmen, dass der Be-
schwerdeführer an einem Vitamin-D-Mangel, einer unklaren Rhabdomyo-
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lyse, an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), einem abnor-
men Befund der Blutchemie sowie Synkope und Kollaps leide. Im Formular
«medizinische Informationen» vom 28. Juli 2017 wird bezüglich des Be-
schwerdeführers eine schlafanstossende Medikation empfohlen. Aufgrund
einer angedachten neurologischen Untersuchung sollte mit der Medikation
vorerst zugewartet werden. Eine psychotherapeutische (traumaspezifi-
sche) Behandlung sei indiziert.
B.d Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 30. August 2017 gemäss
Art. 17 Abs. 2 Bst. b TestV zu seinen Asylgründen an (Anhörung). Er
machte im Wesentlichen geltend, er habe erstmals im Juli 2012 Probleme
mit den heimatlichen Behörden gehabt. Damals sei ein Freund seines Bru-
ders (ein Anhänger der LTTE) ermordet worden und er habe deshalb an
einem Hungerstreik teilgenommen. Man habe ihn im September 2012 zu-
sammen mit vielen Personen festgenommen, in ein Camp gebracht und
sechs Tage lang festgehalten; er sei geschlagen und getreten worden. Da
mehrere Politiker der TNA, unter ihnen «Bruder» F._, gekommen
seien, habe man seinen Bruder, andere Festgenommene und ihn entlas-
sen. Weil sie im September 2013 bei den Lokalwahlen geholfen hätten,
seien sein Bruder, einige Kollegen und er vom CID festgenommen worden.
Sein Bruder habe Verbindungen zu den LTTE gehabt und die Behörden
hätten dies gewusst. Er selbst sei gefragt worden, ob er politisch aktiv sei
und welche Verbindungen er habe. Man habe ihn beschuldigt, Verbindun-
gen zu Terroristen zu haben. Es seien ihm Fragen zu einem ehemaligen
LTTE-Mitglied gestellt worden, das ebenfalls im Wahlkampf geholfen habe.
Ende 2013 habe er für die TNA bei der Betreuung von Flüchtlingen mitge-
holfen und im August 2014 habe er mit E._ zusammengearbeitet.
Deshalb sei er verhaftet, fünf Tage lang inhaftiert und zu E._ befragt
worden, wobei er geschlagen worden sei. Er sei mit einem heissen Löffel
und mit Zigaretten verbrannt worden und trage heute noch Narben davon.
Ab Oktober 2015 habe er Flugblätter verteilt und im November 2015 sei er
vom CID festgenommen, etwa eine Woche festgehalten und verhört wor-
den, wobei er erneut intensiv geschlagen worden sei. Danach habe er sich
drei Monate lang bei seinem Onkel in G._ aufgehalten. Im Februar
2016 habe er das Haus seiner Familie verlassen; im selben Monat hätten
die Behörden dort Flugblätter, Computer und eine Fax-Maschine beschlag-
nahmt. Später habe er drei Monate im Dschungel und sieben (evtl. auch
zehn) Monate bei einer «Tante» in H._ gelebt. Zum Verschwinden
seines Vaters gefragt, sagte der Beschwerdeführer, seine beiden Onkel
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hätten an mehreren Orten nach ihm gesucht und auch bei Hilfsorganisati-
onen nachgefragt. Er selbst habe später die TNA um Hilfe gebeten und
glaube, sein Vater sei bei den Behörden inhaftiert.
Nach der Fortsetzung der Anhörung im Anschluss an die Mittagspause gab
der Beschwerdeführer an, es gehe ihm nicht gut. Er habe während der
Pause einen Apfel erhalten, was ihn an die Zeit, die er im Wald verbracht
und Obst gegessen habe, erinnert habe. Er könne sich nicht mehr konzent-
rieren, es komme alles wieder in ihm hoch. Nach einer weiteren Pause gab
er an, es gehe ihm immer noch schlecht, aber er könne Antwort geben. In
Absprache mit der zugewiesenen Rechtsvertretung wurde die Anhörung
abgebrochen. Auf Nachfrage der Rechtsvertretung ergänzte der Be-
schwerdeführer, er werde in Sri Lanka gesucht. Nach seiner Ausreise habe
seine Mutter einen Schein-Unfall gehabt, sie sei gezielt attackiert worden.
Vor sechs Tagen hätten drei Männer seinen Bruder auf der Strasse ange-
halten und nach ihm gefragt. Deshalb lebe seine Familie derzeit bei einer
Grosstante in I._.
B.e Mit Zuweisungsentscheid vom 4. September 2017 wies das SEM den
Beschwerdeführer für das erweiterte Verfahren dem Kanton J._ zu.
B.f Am 9. März 2018 führte das SEM mit dem Beschwerdeführer eine er-
gänzende Anhörung durch. Dabei erklärte er, er sei vor etwa sechs Mona-
ten bei einer Psychiaterin gewesen, die ihm geraten habe, er solle nicht zu
viel über das Geschehene nachdenken und nur das erzählen, was ihm
möglich sei. Im Weiteren führte er aus, er habe E._ im August 2014
kennengelernt. Als er in K._ den Verletzten geholfen habe, habe
E._ ihn angesprochen und gesagt, es gebe auch in L._
Menschen, denen man helfen solle. E._ habe zuvor der Bewegung
geholfen und sei im November 2014 getötet worden. Im Jahr 2015 habe er
(der Beschwerdeführer) Flugblätter verteilt, in denen gestanden sei, dass
Tamilen umgebracht worden und welche Politiker dafür verantwortlich
seien. Deshalb habe der CID sie inhaftiert. Da seine Mutter und sein Onkel
eine Kaution bezahlt hätten, habe man ihn freigelassen. Im September
2013 sei er letztmals gefoltert worden, als er für die TNA Propaganda ge-
macht habe. Er sei 22 Tage in einem Gefängnis gewesen – zuerst sei er
etwa zehn Tage in D._ festgehalten worden, dann habe man ihn
irgendwo hingefahren. Er habe sich auf einen Tisch legen müssen und sei
mit Palmenrinde auf die Fersen geschlagen worden. Man habe ihn am Ge-
nitalbereich «gezogen» und mit einem kurzen, feinen Holzstab geschla-
gen. Man habe ihm den rechten Daumennagel rausgerissen. Während den
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22 Tagen sei er mit sechs anderen Leuten in einer kleinen, dunklen Zelle
gewesen, in der sie geschlafen hätten. Zum Essen habe man sie heraus-
gelassen; es habe immer Reis und Rindfleisch gegeben, das sie nicht es-
sen würden. Wenn seine Mutter Essen gebracht habe, hätten sie nicht er-
laubt, dass es zu ihm gebracht worden sei. Man werde mit seinem Namen
gerufen und wenn man etwas zu spät komme, werde man mit einem ge-
zwirnten Schlauch geschlagen. Man habe ihn gefragt, was er für eine Ver-
bindung zur TNA habe. Sie hätten die Wahlpropaganda mit einem ehema-
ligen Kämpfer gemacht und man habe wissen wollen, in welcher Bezie-
hung er mit dieser Person stehe. Dieser Mann habe ihnen lediglich gesagt,
wo sie Propaganda machen sollten. Er habe die Panadol-Tabletten, die
man ihm gegeben habe, gesammelt und habe daran gedacht, sich damit
das Leben zu nehmen. Sie hätten es herausgefunden und ihm die Tablet-
ten weggenommen. Als er freigelassen worden sei, sei er nach D._
gebracht worden. Dorthin seien seine Mutter, die sich wegen seines Ver-
schwindens an die lokale Menschenrechtskommission gewandt habe, und
ein Onkel gekommen, welche die Kaution bezahlt hätten. Seine Mutter
habe ihn mit nach Hause genommen und dort sei er während sechs Mo-
naten von Doktor M._ medizinisch betreut worden. Als die Sicher-
heitskräfte bei ihm im Februar 2016 zu Hause Dinge (Telefon, Computer,
Portemonnaie, Dokumente) beschlagnahmt hätten, sei er bei einem
Freund gewesen, der einen (...) besitze. Seine Mutter habe ihn angerufen
und er sei zu einem Onkel nach G._ gegangen, wo er sechs Monate
lang geblieben sei. Danach habe er nach H._ gehen wollen, sei
aber zuerst nach D._ gegangen, wo seine Familie ein Stück Land
habe. Dort habe er sich während sechs Monaten in einem Weizenfeld auf-
gehalten und in «Baumhütten» geschlafen. Dann sei er nach H._
gegangen und habe zirka sechs Monate bei einer Freundin seiner Mutter
gelebt. Nach seiner ersten Inhaftierung 2012 habe er Unterstützung durch
die PLOTE (People’s Liberation Organisation of Tamil Eelam) gehabt und
sich ruhig verhalten, weshalb er gedacht habe, man werde ihn nicht mehr
aufsuchen. Sein älterer Bruder und der jüngere Bruder seines Schwagers
seien bei der PLOTE gewesen. Letzterer habe ihm gesagt, es wäre hilf-
reich, wenn er in der Politik wäre, und er habe gehofft, damit seinen Vater
ausfindig machen zu können. Der Anführer der PLOTE habe ihm verspro-
chen, er werde das Schicksal seines Vaters traktandieren, falls er ins Par-
lament gewählt werde.
C.
Mit am folgenden Tag eröffneter Verfügung vom 8. Juli 2019 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
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und lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung aus
der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
D.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 8. August 2019 liess der Be-
schwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben. In dieser wird beantragt, die Verfügung der Vo-
rinstanz sei aufzuheben und diese sei anzuweisen, den Beschwerdeführer
als Flüchtling anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei
die Vorinstanz anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling anzuer-
kennen und vorläufig aufzunehmen. Subeventualiter sei die angefochtene
Verfügung aufzuheben und die Sache zur vollständigen Feststellung des
Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Dem Beschwerdeführer
sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren, insbesondere sei von
der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen und ihm die Unter-
zeichnende als amtliche Beiständin zuzuordnen.
Der Eingabe lagen ein Bericht des International Rehabilitation Council for
Torture Victims (IRCT), sechs Fotografien betreffend Folterungen des Be-
schwerdeführers, Informationen der Schweizerischen Flüchtlingshilfe
(SFH) vom 30. August 2017, eine Schnellrecherche der SFH-Länderana-
lyse vom 12. Januar 2018 und die Identitätskarte des Beschwerdeführers
bei.
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 22. August 2019 hiess der Instruktionsrich-
ter das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut und
ordnete dem Beschwerdeführer lic. iur. Angelika Stich als amtliche Rechts-
beiständin bei. Die Akten übermittelte er zur Vernehmlassung an das SEM.
F.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 2. September 2019 an sei-
nem Standpunkt fest.
G.
In der Stellungnahme vom 30. September 2019 liess der Beschwerdefüh-
rer an seinen Anträgen festhalten. Der Replik lagen eine Bestätigung sei-
ner Sozialberaterin, wonach er für eine psychotherapeutische Behandlung
an die (...) [..], Psychiatriezentrum) überwiesen worden sei, sowie sieben
Fotografien von Narben des Beschwerdeführers bei.
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H.
Mit Schreiben vom 28. Oktober 2019 wurde eine Überweisung des Be-
schwerdeführers von Dr. med. N._ vom 9. Oktober 2019 an das
Psychiatriezentrum (...) eingereicht. Am 30. Dezember 2019 wurde ein
Eintrittsbericht der (...) vom 8. November 2019 eingereicht. Der weiteren
Eingabe vom 20. März 2020 lag ein Verlaufsbericht der (...) vom 9. März
2020 bei. Diagnostiziert wurde beim Beschwerdeführer eine rezidivierende
depressive Störung (gegenwärtig mittelschwere Episode).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, der Beschwer-
deführer habe zum Kerngeschehen voneinander abweichende Angaben
gemacht. Bei der Erstbefragung habe er gesagt, er sei 2013 vom CID we-
gen seiner Tätigkeiten für die TNA verhaftet worden. Nach einer Einver-
nahme sei er wegen Verbindung zum Terrorismus angeklagt und während
22 Tagen in einem gegenüber (...) gelegenen Gefängnis des CID inhaftiert
und mit sechs Personen in einem dunklen, engen Zimmer festgehalten
worden. Auf Nachfrage habe er dies explizit so bestätigt. Während der er-
gänzenden Anhörung habe er zuerst ebenfalls gesagt, er sei während
22 Tagen mit sechs Personen in einer kleinen, dunklen Zelle festgehalten
worden. Plötzlich habe er gesagt, er sei nach zehn Tagen vom gegenüber
(...) gelegenen Gefängnisgebäude anderswohin gebracht worden. Erst am
neuen Ort sei er mit sechs weiteren Personen in einem kleinen, dunklen
Zimmer festgehalten worden. Darauf angesprochen, habe er ausweichend
geantwortet. Er habe auch nicht mehr sagen können, ob im Rahmen dieser
Festnahme irgendwelche rechtlichen Schritte gegen ihn eingeleitet worden
seien. Als er sich zu erklären versucht habe, habe er weitere Unklarheiten
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geschaffen, da er nicht habe angeben können, ob sein Bruder oder er und
sein Bruder des Terrorismus beschuldigt worden sei(en).
Bei der Erstbefragung habe er gesagt, die letzte Haft im Jahr 2015 habe
17 beziehungsweise 14 Tage gedauert. Im Rahmen der Anhörung habe er
gesagt, er sei 2015 fünf respektive sieben oder acht Tage festgehalten wor-
den. Darauf angesprochen habe er gesagt, er habe die Tage nicht gezählt;
erstaunlicherweise habe er aber auf die vorhergehende Frage geantwortet,
er sei 17 Tage in Haft gewesen. Seine Angabe zu den Geldern, die für
seine Freilassungen bezahlt worden seien, seien auch unstimmig gewe-
sen. In der Erstbefragung habe er gesagt, 2013 sei er gegen eine Kaution
von 40'000 Rupien freigelassen worden, in der ergänzenden Anhörung
habe er angegeben, seine Angehörigen hätten damals 15 Millionen Rupien
bezahlt. Darauf angesprochen, habe er geltend gemacht, die 40'000 Ru-
pien seien bei einer späteren Freilassung im Jahr 2014 bezahlt worden. In
der Erstbefragung habe er aber gesagt, er sei bei der zweiten Freilassung
gegen Bezahlung von 500'000 Rupien freigekommen. Auch zu seiner Ver-
bindung zu E._ habe er widersprüchliche Angaben gemacht, indem
er bei der Erstbefragung und der ergänzenden Anhörung gesagt habe, er
habe nach der Inhaftierung vom September 2013 mit ihm zusammengear-
beitet. Im August 2014 sei er festgenommen und zu E._ befragt
worden, den er im August 2014 kennengelernt habe. Im Rahmen der An-
hörung habe er jedoch angegeben, er sei bereits während der Haft von
2013 über E._ befragt worden.
Der Beschwerdeführer habe auch nicht übereinstimmend darlegen kön-
nen, wann er sein Zuhause verlassen und wo er sich danach wie lange
aufgehalten habe. Bei der Erstbefragung habe er angegeben, er sei im
Februar 2016 von zuhause weggegangen und habe danach bei einer
Freundin seiner Mutter in H._ gewohnt. Später habe er vorge-
bracht, er sei im November 2015 weggegangen, habe sich drei Monate
lang im Dschungel bei den (...) versteckt, wo seine Grossmutter ihn mit
Nahrungsmitteln versorgt habe. Des Weiteren habe er angegeben, er habe
drei Monate bei seinem Onkel in G._ gelebt, nachdem der CID im
Februar 2016 das Haus durchsucht habe. Im Februar 2016 habe er das
Haus in G._ verlassen und anschliessend habe er sich drei Monate
im Dschungel versteckt, wonach er nach H._ gegangen sei. Im
Rahmen der Anhörung habe er ausgesagt, er habe das Zuhause verlas-
sen, nachdem der CID das Haus durchsucht habe. Danach habe seine
Mutter ihn nach G._ geschickt, wo er drei Monate geblieben sei.
Weitere drei Monate habe er danach im Dschungel gelebt – er habe sich
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dann korrigiert und gesagt, er habe weniger als drei Monate im Dschungel
gelebt. Anschliessend habe er bis zur Ausreise zehn Monate in H._
gelebt. Im Rahmen der ergänzenden Anhörung habe er wiederum gesagt,
er habe das Elternhaus im Februar 2016 verlassen. Daraufhin habe er sich
sechs Monate beim Onkel, sechs Monate im Wald beziehungsweise auf
den Feldern seiner Grossmutter und schliesslich sechs Monate in
H._ aufgehalten. Seine Aussagen seien innerhalb der einzelnen
Befragungen und über die drei Befragungen hinweg äusserst widersprüch-
lich. Im Rahmen der Anhörung habe er thematisiert, es gehe ihm nicht gut,
weil er in der Pause einen Apfel erhalten habe, was ihn retraumatisiert
habe, da er im Dschungel nur Früchte gegessen habe. Bei der Erstbefra-
gung habe er jedoch gesagt, seine Grossmutter habe ihn mit Nahrungsmit-
teln versorgt.
Bezüglich seiner Identitätspapiere habe der Beschwerdeführer beim Dub-
lin-Gespräch gesagt, seine Identitätskarte (ID) sei bei seinem Onkel in Sri
Lanka. Im Rahmen der Erstbefragung habe er gesagt, ID und Führerschein
seien in seinem Zimmer gewesen, er könne sie nicht finden. Auf Nachfrage
habe er gesagt, wegen der Probleme sei niemand bereit, dort nachschauen
zu gehen. Danach habe er angedeutet, er habe die ID nicht mehr gesehen,
nachdem der CID das Haus durchsucht habe. Kurz darauf habe er festge-
stellt, die ID sei beim CID. Auf die Diskrepanz hingewiesen, habe er gesagt,
die Dolmetscherin beim Dublin-Gespräch habe mit einem anderen Akzent
gesprochen, was die widersprüchlichen Angaben jedoch nicht erkläre.
Bei der Erstbefragung habe er angegeben, sein Bruder und er hätten für
die TNA gearbeitet. Die TNA habe die Flüchtlingshilfe organisiert, an der er
sich beteiligt habe. TNA-Politiker hätten ihm versprochen, ihm bei der Su-
che nach seinem Vater behilflich zu sein, hätten dies aber nicht gekonnt,
da sie bei der Wahl verloren hätten. Des Weiteren habe er angegeben, der
CID habe gewusst, dass sein Bruder und er Kontakte zu den LTTE gehabt
und der TNA geholfen hätten, um kurz danach diese Verbindung zu vernei-
nen. Auf Nachfrage bei der Anhörung habe er seinen Bruder nicht mehr als
TNA-Sympathisanten, sondern als Mitglied der PLOTE bezeichnet, das
LTTE-Leuten Identitätskarten ausgestellt habe. Auch habe er gesagt, be-
züglich der Suche nach seinem Vater habe er Kontakt mit Angehörigen der
PLOTE gehabt.
Die Vorbringen des Beschwerdeführers könnten angesichts der zahlrei-
chen Widersprüche nicht geglaubt werden.
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Der Beschwerdeführer habe bezüglich der von ihm geleisteten Freiwilligen-
arbeit nur oberflächlich erläutert, wie diese organisiert gewesen sei. Be-
züglich der RDS habe er gesagt, es handle sich um eine Regierungsorga-
nisation, die der Bevölkerung helfe; was die Abkürzung bedeute, habe er
nicht sagen können. Über E._ habe er kaum Auskunft geben kön-
nen, obwohl er mit ihm zusammengearbeitet habe. Auch auf mehrfache
Nachfrage hin, habe nicht geklärt werden können, wie lange er ihn gekannt
habe.
Vergleiche man die Struktur seiner Schilderungen zu seinem politischen
Profil und den geltend gemachten Verfolgungen, zeichne sich eine erstaun-
liche Diskrepanz ab. Seine Erlebnisse während den Festnahmen habe er
bei der ergänzenden Anhörung detailliert geschildert, sein politisches En-
gagement und sein daraus folgendes Profil habe er hingegen nicht über-
zeugend darlegen können. Als Grund für die erste Verhaftung im Jahr 2012
habe er lediglich angegeben, er habe eine Protestkundgebung mitorgani-
siert und an einem Hungerstreik teilgenommen. Die zweite Verhaftung
2013 sei erfolgt, weil er der TNA geholfen habe. Zudem wüssten die Leute,
dass er Verbindungen zu ehemaligen LTTE-Mitgliedern habe. Er habe
keine der auf seine Verbindungen und Tätigkeiten abzielenden Fragen prä-
ziser und detaillierter beantworten können. Bezüglich der Haft von 2015
habe er erzählt, er habe Flugblätter herausgebracht. Sein Bericht lasse
kaum Detailwissen über das politische Geschehen und die Hintergründe
der Flugblattaktion erkennen. Er habe auch nicht darlegen können, wes-
halb er in den Fokus des CID geraten sei.
Er habe davon gesprochen, dass seine Mutter seinetwegen Schwierigkei-
ten habe. Im Rahmen der Erstbefragung habe er gesagt, seine Mutter habe
tags zuvor einen Motorradunfall erlitten, sei verletzt worden, und der Un-
fallverursacher habe Fahrerflucht begangen. In der Anhörung habe er ge-
sagt, seine Mutter sei gezielt attackiert worden. Zudem sei sein Bruder
sechs Tage vor der Anhörung von drei Männern angehalten worden, die
nach ihm (dem Beschwerdeführer) gefragt hätten. Da seine Vorbringen
nicht geglaubt werden könnten, sei nicht ersichtlich, weshalb Mutter oder
Bruder hätten behelligt werden sollen.
Der Beschwerdeführer sei bis im Juni 2017 in Sri Lanka wohnhaft gewesen
und habe nicht glaubhaft gemacht, Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt
gewesen zu sein. Da er nach Kriegsende acht Jahre in Sri Lanka gelebt
habe, hätten im Zeitpunkt der Ausreise bestehende Risikofaktoren kein
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Verfolgungsinteresse der Behörden ausgelöst. Es sei nicht ersichtlich,
weshalb er bei einer Rückkehr in den Fokus derselben gelangen sollte.
4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer habe
bezüglich der Haft von 2013 bis zur ergänzenden Anhörung die Differen-
zierungen bezüglich des Haftortes nicht erwähnt. Seine Aussagen seien im
Kontext der diagnostizierten PTBS zu sehen. Er schildere eindrücklich, wie
er während der 22-tägigen Haft beim CID behandelt worden sei. Seine Er-
zählungen enthielten spontane und detaillierte Schilderungen, wie er bei
der Befriedigung von essenziellen Bedürfnissen gedemütigt und misshan-
delt worden sei. Auffallend sei, dass er teilweise in der Vergangenheits-,
teilweise in der Gegenwartsform spreche. Es entstehe der Eindruck, die in
der Vergangenheit liegenden Ereignisse seien heute noch sehr präsent.
Seine Schilderungen wiesen viele Realkennzeichen auf. Zudem habe er
auch Nebensächlichkeiten erwähnt und aus seinen Schilderungen sei
spürbar, welche psychischen und physischen Qualen er erlitten und wie er
nach einem Ausweg gesucht habe. Ferner habe er erklärt, ein Bekannter
habe seine Verletzungen behandelt, der über Kenntnisse in ayurvedischen
Behandlungsmethoden verfüge.
Bei der Erstbefragung habe er erklärt, sein Bruder, Kollegen und er seien
inhaftiert und es sei Anklage erhoben worden. Später habe er präzisiert,
das heisse, er sei vor «Gericht», nämlich zu den Büros des CID gebracht
worden. Er habe nie von einem Gerichtsverfahren gesprochen.
Obwohl der Beschwerdeführer immer wieder offen über seine traumati-
schen Erlebnisse und über seine Gesundheitszustände gesprochen habe,
sei die diagnostizierte PTBS aufgrund erlittener Folter bei der Beurteilung
der Glaubhaftigkeit nicht berücksichtigt worden. Es sei bekannt, dass eine
PTBS zu einer Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten führe. Durch
«Flashbacks» erlebe der Traumatisierte die Ereignisse immer wieder und
befinde sich in einem Zustand vegetativer Übererregbarkeit. Unter diesem
Gesichtspunkt könnten die teilweise unterschiedlichen Angaben zur Anzahl
der Hafttage erklärt werden.
Der Beschwerdeführer habe die während der Haft erlittene Folter anschau-
lich und emotional geschildert. Zur Untermauerung seiner Aussagen zur
Folter reiche er Fotografien ein. Im Bericht des IRCT seien die von ihm
geschilderten Foltermethoden ebenso erwähnt wie die psychischen und
physischen Folgen derselben. Es sei nachvollziehbar, dass die von ihm
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erwähnten psychosomatischen Folgen (Verwirrtheit, Konzentrationsstö-
rungen, Erinnerungslücken, Blackouts und Flashbacks) ihren Ursprung in
den Folterungen hätten. Der Beschwerdeführer sei während den Befragun-
gen verwirrt gewesen, habe das ihm Widerfahrene vergessen wollen und
könne nicht alles im Kopf behalten. Er räume ein, bei der Beantwortung
gewisser Fragen ein Durcheinander gemacht zu haben.
Hinsichtlich der unterschiedlichen Angaben zur Höhe der Kaution und der
ungenügenden Differenzierung zwischen Schmiergeld und Kaution sei auf
die in Sri Lanka bestehenden rechtsstaatlichen Mängel zu verweisen. Der
Beschwerdeführer habe erklärt, man habe ihn nur wegen Geld so lange
festgehalten und mit dem Problem zusammen noch Geld machen wollen.
Hinsichtlich der Zusammenarbeit mit E._ und seinen Tätigkeiten für
die RDS finde in der angefochtenen Verfügung keine inhaltliche Auseinan-
dersetzung statt. Er habe erklärt, dass viele Flüchtlinge keine Häuser ge-
habt hätten und er ihnen geholfen habe. In seinem Heimatdorf hätten sie
diese Leute mit Nahrung versorgt und ihnen beim Bauen von Hütten oder
kleinen Häusern geholfen. Er habe erklärt, die Bevölkerung melde ihre
Schwierigkeiten an die RDS und diese leite sie an die Gemeinden und an
Regierungsstellen weiter. Zu E._ habe er gesagt, er sei durch sei-
nen Bruder mit ihm in Kontakt getreten und dessen Hilfsbereitschaft habe
ihm gefallen. Die Informationen der SFH über die RDS deckten sich mit
den Angaben des Beschwerdeführers. Er habe ausgeführt, weshalb er für
E._ tätig geworden sei, und es sei nachvollziehbar, dass er nur in
beschränktem Umfang über diesen Bescheid gewusst habe. Dieser sei ein
älterer Mann mit Führungsfunktion gewesen, dem der Beschwerdeführer
Respekt und Gehorsam geschuldet habe, weshalb es plausibel sei, dass
er ihm keine Fragen gestellt habe. Hinsichtlich seines Lieferwagens sei gut
darstellbar und nachvollziehbar, wie er auf «kongruente Art und Weise»
Informationen in verschiedenen Sachzusammenhängen wiedergebe.
Der Beschwerdeführer habe sich ab November 2015 für etwa drei Monate
in den (...) beziehungsweise im Dschungel aufgehalten. Da diese lediglich
zwölf Kilometer vom Elternhaus entfernt seien, habe er bei der Erstbefra-
gung gesagt, er habe sein Elternhaus erst im Februar 2016 verlassen, um
zu seinem Onkel zu gehen. Faktisch habe er aber seit November 2015
nicht mehr im Elternhaus gelebt. Eine Person, die keine Folter erlebt habe,
würde nicht auf den Gedanken kommen, einen Apfel in Zusammenhang
mit der eigenen Traumatisierung zu bringen. Das SEM würdige die deutli-
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chen Hinweise auf eine Traumatisierung nicht, obwohl der Beschwerdefüh-
rer erklären könne, weshalb er sich nicht wohl fühle und sich nicht mehr
konzentrieren könne. Er umschreibe in seinen Worten verschiedene für
eine PTBS typische Zustände und Verhaltensweisen.
Seine ID habe sich bei seinem Onkel befunden und werde mit der Be-
schwerde eingereicht.
Der Beschwerdeführer habe mehrmals betont, er sei für die TNA tätig, aber
nicht deren Mitglied gewesen. Er habe gesagt, keine direkten Verbindun-
gen zu den LTTE gehabt zu haben, da alle Kontakte über seinen älteren
Bruder gelaufen seien. Sein Bruder und er hätten zeitweise auch Kontakte
zur PLOTE gehabt. Er habe zudem detailliert Auskunft über das Schicksal
seines Vaters gegeben. Im Sinne einer Gesamtwürdigung und unter Be-
rücksichtigung der durch seine PTBS hervorgerufenen psychosomatischen
Beschwerden sei die im Heimatland durch den CID erlittene Verfolgung als
glaubhaft gemacht zu erachten.
Gemäss der Schnellrecherche der SFH-Länderanalyse vom Januar 2018
seien in Sri Lanka in den Jahren 2016 und 2017 vermehrt Vorfälle mit Ver-
haftungen und Folterungen dokumentiert worden. Insbesondere gefährdet
seien Rückkehrer aus dem Ausland, die eine schwache Verbindung zu den
LTTE gehabt hätten, ohne es den Behörden angegeben oder ein Rehabili-
tationsprogramm durchlaufen zu haben. Der Beschwerdeführer habe
glaubhaft geschildert, für die RDS und die TNA tätig gewesen zu sein und
über seinen Bruder Kontakt zu den LTTE gehabt zu haben. Der erlittenen
Verfolgung liege ein politisches Motiv zugrunde und das SEM habe die von
ihm geschilderte Folter nie explizit als unglaubhaft angesehen. Demnach
habe er aufgrund staatlicher Verfolgung ernsthafte Nachteile erlitten und
es stehe ihm keine hinreichend sichere innerstaatliche Aufenthaltsalterna-
tive offen.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, Erinnerungen an trau-
matische Erlebnisse unterschieden sich grundsätzlich nicht von anderen
Erinnerungsprozessen. Die Aussagepsychologen Ludewig, Baumer und
Tavor verträten gar die Meinung, traumatische Erlebnisse würden in der
Regel gut und langfristig erinnert (vgl. LUDEWIG, TAVOR, BAUMER: Einfüh-
rung in die Aussagepsychologie – Wie können aussagepsychologische Er-
kenntnisse Richtern, Staatsanwälten und Anwälten helfen?“ in: Aussage-
psychologie für die Rechtspraxis, Zürich 2017, S. 98). Weil es aufgrund
einer Traumatisierung zu einem Wiedererleben des Traumas kommen
D-4006/2019
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könne, könnten sich gerade Traumatisierte mit einer PTBS-Symptomatik
besser an traumatische Situationen erinnern als Personen ohne PTBS-
Symptomatik. Das SEM halte es für ungeeignet, eine PTBS herbeizuzie-
hen, um Wissenslücken zu rechtfertigen. Zudem sei anzumerken, dass es
sich beim vom Beschwerdeführer geltend gemachten Krankheitsbild nicht
um eine nach eingehenden Gesprächen und durch einen Psychologen di-
agnostizierte PTBS handle. Der Beschwerdeführer hätte genügend Zeit
gehabt, sich ein ärztliches oder psychologisches Gutachten ausstellen zu
lassen. Den Akten sei nicht zu entnehmen, dass er nach 2017 ärztliche
oder psychologische Hilfe in Anspruch genommen hätte. Seine Ausführun-
gen bezüglich der Substanziierung würden zur Kenntnis genommen. Es
sei zu bemerken, dass sich die Verweise in der Beschwerde auf substan-
ziierte Erzählweise nahezu ausnahmslos auf Aussagen aus der ergänzen-
den Anhörung bezögen. Diese sei rund neun Monate nach seiner Einreise
in die Schweiz erfolgt. Es sei erstaunlich, dass er während den ersten bei-
den Befragungen keine substanziierten Angaben habe machen können
und erst nach mehrmaligem Nachfragen mit einem zeitlichen Abstand von
mehreren Monaten seine Aussagen dahin gestaltet habe, dass sie als sub-
stanziiert gewertet werden könnten. Den eingereichten Fotografien des
Fussrückens, des Schienbeins und der Beininnenseite seien keine Hin-
weise auf die Entstehung der Narben und Verfärbungen zu entnehmen. Es
könne damit nicht belegt werden, dass er tatsächlich Opfer von Folter oder
Misshandlungen geworden sei. Die Befürchtung, die vorhandenen Narben
könnten bei einer Rückkehr nach Sri Lanka den Schluss nahelegen, er sei
während des Krieges in Kampfhandlungen involviert gewesen, teile das
SEM aufgrund seines Alters nicht. Bei Kriegsende sei er noch nicht (...)-
jährig gewesen – deshalb sei es auch unwahrscheinlich, dass eine allfällige
Verbindung von Verwandten zu den LTTE, ein Risikoprofil darstellen
könnte. Auch die geltend gemachten Kontakte zur PLOTE erhöhten das
Risikoprofil nicht, denn diese gelte heute als regierungstreue Partei.
4.4 In der Replik wird entgegnet, die medizinische Information vom 28. Juli
2017, in der die PTBS diagnostiziert worden sei, sei vom (...) diagnostiziert
worden. Es dürfe davon ausgegangen werden, dass der behandelnde Arzt
über die notwendigen Qualifikationen verfügt habe, da er sonst von den
(...) nicht als stellvertretender Oberarzt angestellt worden wäre. Der Arzt
hätte die Diagnose nicht gestellt, wenn er Bedenken an der Authentizität
der durch den Beschwerdeführer geschilderten Symptome gehabt hätte.
Die vom SEM zitierte Fachliteratur stehe auf den ersten Blick nicht im Wi-
derspruch zum Aussageverhalten des Beschwerdeführers. Er habe sich
sehr gut an die Foltererlebnisse erinnern können. Zudem habe das SEM
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die Literatur so verkürzt wiedergegeben, dass sich schlüssige Aussagen
ohne einhergehende Auseinandersetzung mit der Materie nicht ableiten
liessen. Im Aufsatz über Traumata stehe, dass traumatische Ereignisse im
Allgemeinen besonders dauerhaft erinnert würden und die Erinnerungen
oft detailliert seien. Es komme auch bei Erinnerungen an extrem stressrei-
che Ereignisse zu Irrtümern und mit der Zeit zu Vergessensprozessen.
Lege man bei der Interpretation der Unfähigkeit des Beschwerdeführers,
konsistente Angaben zur Haftdauer zu machen, das obenstehende zu-
grunde, schmälere diese seine Glaubwürdigkeit nicht. Er habe die geschil-
derte Folter selbst erlebt, da seine Aussagen zu wesentlichen Sachverhalt-
selementen übereinstimmend ausgefallen seien. Die Schilderungen der
Folter und der Haftbedingungen enthielten überraschende und vom alltäg-
lichen Erleben losgelöste Elemente. Es wäre wünschenswert gewesen,
wenn der Beschwerdeführer nach seiner Zuweisung ins erweiterte Verfah-
ren medizinische Hilfe in Anspruch genommen hätte. Die Vorinstanz hätte
indessen die Möglichkeit gehabt, einen ärztlichen Bericht einzuholen, zu-
mal sie die Diagnose einer PTBS anzweifle.
Entgegen der Meinung des SEM fänden sich auch in den Aussagen des
Beschwerdeführers vom 30. August 2017 viele Realkennzeichen. Er habe
die Inhaftierung vom Jahr 2012 eindrücklich geschildert. Aus dem Protokoll
gehe auch hervor, dass sein damaliger Gesundheitszustand schlecht ge-
wesen sei, weshalb die Befragung abgebrochen worden sei. Aufgrund der
rigiden Normen und (Sexual-)Vorstellungen in der tamilischen Gesellschaft
sei es unwahrscheinlich, dass er die Misshandlungen an seinen Ge-
schlechtsteilen erfinden würde. In allen drei Befragungsprotokollen fänden
sich viele positive Glaubhaftigkeitselemente; das SEM lasse ausser Acht,
dass es dem Beschwerdeführer bei allen Befragungen psychisch schlecht
gegangen sei.
Der Beschwerdeführer habe erklärt, die Haut auf seinem Schienbein sei
verbrannt beziehungsweise aufgeplatzt. Die Wunde an der Oberseite sei-
nes Fusses sei ihm zugefügt worden, indem ein heisses Stahlrohr in seinen
Fuss gerammt worden sei; die Wunde sei lange Zeit nicht verheilt. Die Nar-
ben an den Fusssohlen stammten von den mit Palmenrinde verabreichten
Schlägen und an der rechten Hand sei er mit Zigaretten verbrannt worden.
Er habe während seiner Schilderungen oft mit seinen Händen auf die ver-
letzten Körperstellen gezeigt und die angezeigten Verletzungen stimmten
mit den auf den Fotos dokumentierten Folterspuren überein. Die einge-
reichten Fotografien stünden im Zusammenhang mit der erlebten Folter.
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Die Nichtwürdigung der Beweismittel könnte eine Verletzung des An-
spruchs auf Abnahme und Würdigung von Beweismitteln darstellen.
5.
5.1 Einleitend ist festzuhalten, dass in der Beschwerde geltend gemacht
wird, der Beschwerdeführer leide unter einer PTBS, weshalb nachvollzieh-
bar sei, dass er sich nicht mehr an Vorgefallenes erinnern könne.
5.2 Im Bericht des (...) vom 28. Juli 2017 wird diagnostiziert, der Beschwer-
deführer leide unter anderem an einer PTBS (zurückzuführen auf Folter
und Kopfschläge); eine psychotherapeutische Behandlung sei indiziert.
Weitere Angaben zu diesem Punkt sind dem Bericht keine zu entnehmen.
Beim (...) werden gemäss dessen Webseite eine (...), eine (...) und eine
(...), nicht hingegen eine psychiatrisch/psychologische Sprechstunde an-
geboten. Der den Bericht unterzeichnende pract. med. O._ ist Spe-
zialist für Allgemeine Innere Medizin und verfügt gemäss öffentlich zugäng-
lichen Quellen über keine Fachausbildung in Psychiatrie. Das SEM weist
in der angefochtenen Verfügung somit zutreffend darauf hin, dass die von
einem Spezialisten für Innere Medizin gestellte Diagnose in der gestellten
Form gewagt erscheint (allenfalls hätte die Diagnose «Verdacht auf eine
PTBS» lauten sollen). Zu Beginn der ergänzenden Anhörung vom 9. März
2018 wurde der Beschwerdeführer gefragt, ob er sich seit der letzten An-
hörung in medizinische Behandlung begeben habe. Er bejahte dies und
gab an, er habe einen Termin bei einer Psychiaterin gehabt, die ihm einen
weiteren Termin habe geben wollen – er habe aber keinen erhalten. Er sei
derzeit in keiner Therapie und nehme auch keine Medikamente ein. Dem
Eintrittsbericht des Psychiatriezentrums (...) vom 8. November 2019 ist zu
entnehmen, dass der Beschwerdeführer an einer rezidivierenden depres-
siven Störung leide; eine Abklärung auf das Vorliegen einer PTBS sei vor-
gesehen. Da es im Verlauf der eingeleiteten Behandlung zu einer Besse-
rung der Stimmung des Beschwerdeführers und seiner Konzentrationsfä-
higkeit gekommen sei, habe von einer weiteren Abklärung des Vorliegens
einer PTBS abgesehen werden können (vgl. Verlaufsbericht vom 9. März
2020). Da die den Beschwerdeführer behandelnden Fachärzte für Psychi-
atrie keine PTBS diagnostizieren konnten, scheint die im (...) erfolgte Di-
agnose einer solchen nicht (mehr) haltbar.
5.3 Hinsichtlich der in der Beschwerde erwähnten Möglichkeit der Einho-
lung eines ärztlichen Berichts durch das SEM ist festzustellen, dass der
Beschwerdeführer vom SEM bei der Anhörung vom 30. August 2017 ge-
beten wurde, ärztliche Berichte seiner Konsultationen einzureichen. Im
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Rahmen der ergänzenden Anhörung wurde er gefragt, ob er den Bericht
über das Gespräch mit der Psychiaterin dabeihabe, was er verneinte. Das
SEM forderte ihn auf, dies nachzuholen, worauf die Rechtsvertreterin ant-
wortete, sie werde den Arztbericht von der Psychiaterin einfordern und ein-
reichen. Im Zuweisungsentscheid vom 4. September 2017 wies das SEM
nochmals darauf hin, dass es den Beschwerdeführer aufgefordert habe,
Arztberichte einzureichen. Da es in der Folge der Beschwerdeführer (bzw.
seine Rechtsvertreterin) im Rahmen der ihm gesetzlich obliegenden Mit-
wirkungspflicht unterliess, den vom SEM eingeforderten psychiatrischen
Bericht nachzureichen, und auch keine weiteren Erklärungen dazu abge-
geben wurden, musste das SEM sich nicht veranlasst sehen, von Amtes
wegen zum dritten Mal einen entsprechenden Bericht anzufordern.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
6.2 Einleitend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer seit seiner An-
kunft in der Schweiz (und aller Wahrscheinlichkeit nach bereits zuvor) psy-
chisch belastet ist. Sowohl aufgrund der Befragungsprotokolle, als auch
der ärztlichen Berichte der (...) ergibt sich, dass er mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit in Sri Lanka traumatisierende Ereignisse erlebte. Ohne
dass er in der Schweiz in einer psychiatrischen Behandlung gewesen wäre,
vermochte er in seinen eigenen Worten auf authentische Weise seine Stim-
mungs- und Gefühlslage wiederzugeben. Seine Reaktionen auf die Befra-
gungssituation (Aussage, er habe Mühe über die erlittene Gewalt zu be-
richten; das Essen eines Apfels habe ihn an seine Situation in Sri Lanka
erinnert, da er sich dort eine Zeit lang [oft] von Obst ernährt habe; Weinen
beim Erzählen von ihn besonders bewegenden Begebenheiten; Schilde-
rung seiner Schlafprobleme; Schilderung, was das Berichten über das, was
er gerne vergessen möchte, in ihm auslöse; Annahme, nach der Anhörung
beschäftige sich das Befragungsteam nicht mehr mit seinen Problemen,
ihm aber werde es wieder schlechter gehen) zeigen auf, dass er mit seinen
eigenen Ausdrucksmöglichkeiten nachvollziehbar und verständlich sein
Befinden schilderte. Durch die Berichte der (...) wird der aufgrund der An-
hörungsprotokolle beim Bundesverwaltungsgericht entstandene Eindruck
der gesundheitlichen Situation des Beschwerdeführers bestätigt. Daraus
ist der Schluss zu ziehen, dass die vom Beschwerdeführer geäusserten
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Schwierigkeiten, seine Erlebnisse zu schildern, bei denen er Gewalterfah-
rungen machen musste, nachvollziehbar sind. Dass er sich aufgrund des
verstrichenen Zeitablaufs und des Bestrebens, sich nicht an das Erlittene
erinnern zu müssen, teilweise widersprüchlich äusserte oder gewisse Be-
gebenheiten «durcheinanderbrachte», ist vor diesem Hintergrund zu sehen
und bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Vor-
bringen zu berücksichtigen.
6.3
6.3.1 Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen vier Vorfälle geltend,
bei denen er inhaftiert und behördlicher Gewalt ausgesetzt worden sei.
6.3.2 Bei der Erstbefragung führte der Beschwerdeführer aus, im Juli 2012
sei ein enger Freund seines Bruders umgebracht worden, weshalb sie in
D._ eine Protestkundgebung organisiert und gefastet hätten. Die
Armee habe ihn festgenommen, in ein Camp nach D._ gebracht,
befragt und schlecht behandelt. Er sei fünf Tage lang festgehalten worden
(vgl. SEM-act. 17/21 F144 S. 13 f.). Im Rahmen der Anhörung bestätigte
er, er habe wegen der Ermordung des Freundes seines Bruders – der
LTTE-Anhänger gewesen sei – vom Juli 2012 an einem Hungerstreik teil-
genommen und sei im September 2012 festgenommen und sechs Tage
festgehalten worden. Er sei geschlagen und mit Schuhen getreten, sein
Bruder sei verhört und gefoltert worden. Schliesslich seien einige TNA-Po-
litiker («Bruder» (...) und «Bruder» F._) zum Camp gekommen und
hätten mit den Behörden gesprochen, wonach sie freigelassen worden
seien (vgl. SEM-act. 22/15 S. 2 f. und S. 7 f.). Bei der ergänzenden Anhö-
rung bestätigte er diese Angaben im Wesentlichen und schilderte, wie
seine Mutter reagiert habe, als sie die Verletzungen seines älteren Bruders
gesehen habe (vgl. SEM-act. 30/24 F134 S. 15). In Anbetracht des Um-
standes, dass dieses Ereignis zum Zeitpunkt der Anhörungen rund fünf
Jahre zurücklag, fallen gewisse Erinnerungslücken und voneinander ab-
weichende Angaben zur Anzahl Tage, die er festgehalten wurde, nicht ent-
scheidend ins Gewicht, zumal der Beschwerdeführer die damaligen Ereig-
nisse im Kern im Wesentlichen übereinstimmend schilderte.
6.3.3 Der Beschwerdeführer erklärte bei der Erstbefragung, im September
2013 hätten Lokalwahlen stattgefunden, bei denen er die TNA durch Pro-
paganda-Arbeit unterstützt habe – sein Bruder und er hätten viel für die
TNA getan. Im selben Jahr seien sie mit weiteren Kollegen vom CID inhaf-
tiert und angeklagt worden. Er habe 22 Tage im Gefängnis des CID in
D._ verbracht und sei freigelassen worden, nachdem seine Mutter
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eine Kaution von 40'000 Rupien geleistet habe (vgl. SEM-act. 17/21 F144
S. 13 f. und F154 und F159 S. 15). Während der Anhörung gab er an, er
sei im September 2013 wegen der Hilfe beim Wahlkampf festgenommen
worden. Er sei befragt worden, weil diese Leute gewusst hätten, dass er
Verbindungen zu ehemaligen Mitgliedern der LTTE gehabt habe. Viele An-
hänger der TNA seien ehemalige LTTE-Mitglieder. Auf Nachfrage sagte er,
sein Bruder habe solche Verbindungen gehabt. Damals seien sein Bruder
und dessen Freunde festgenommen worden. Er sei später auch festge-
nommen worden. Er sei Anhänger der TNA, die «Brüder» (...) und
F._ seien Mitglieder. Man habe ihn in einen Raum gebracht, wo sich
sechs Beamte befunden hätten. Diese hätten ihn gefragt, ob er Verbindun-
gen zu den LTTE habe und wie lange er E._ kenne. Auf Nachfrage
sagte er, er kenne E._ seit 2013 (vgl. SEM-act. 22/15 S. 2, 7, und
10 ff.). Bei der ergänzenden Anhörung führte der Beschwerdeführer aus,
er sei 2013 zusammen mit sechs weiteren Personen in einer kleinen dunk-
len Zelle gewesen. Kurz darauf gab er an, er sei zuerst einige Tage in
D._ gewesen und erst später an einen anderen Ort gefahren wor-
den, wo er in dieses «Dunkelzimmer» gebracht worden sei. Vor seiner Frei-
lassung sei er nach D._ zurückgebracht worden, wohin seine Mut-
ter und sein Onkel gekommen seien. Diese hätten 15 Lakhs (15 Millionen
Rupien) bezahlt (vgl. SEM-act. 30/24 S. 6 f.).
Der Beschwerdeführer machte während der Befragungen hinsichtlich der
Fragen, ob er bei dieser Festnahme bereits über E._ befragt wurde
und wie hoch die Kautionssumme war, voneinander abweichende Anga-
ben. Die Tatsache, dass er erst bei der ergänzenden Anhörung darauf hin-
wies, er sei nach etwa zehn Tagen Haft im gegenüber (...) liegenden CID-
Gefängnis an einen anderen Ort gebracht worden, der seiner Meinung
nach ebenfalls in D._ gelegen habe und vom CID geführt worden
sei, muss indessen nicht zwingend als Widerspruch gewertet werden, es
kann sich dabei auch um eine Präzisierung handeln. Wesentlich erscheint
jedoch, dass der Beschwerdeführer bei der ergänzenden Anhörung auf
eindrückliche Weise wiedergab, wie er die 22-tägige Haft empfand und was
ihm dabei widerfuhr. Er schilderte die erlittenen Misshandlungen und die
davon getragenen Verletzungen in anschaulicher Weise und reichte auf
Beschwerdeebene Fotografien ein, welche verschiedene Narben an den
Stellen, von denen er bei der ergänzenden Anhörung gesprochen hatte,
dokumentieren. Der Beschwerdeführer schilderte auch den Gefängnisall-
tag bezüglich des Essens, der Duschmöglichkeiten, der Toilettengänge
und der in ihm aufkommenden Suizidgedanken sowie die Begebenheit, bei
D-4006/2019
Seite 22
der das Wachpersonal die von ihm gesammelten Schmerztabletten ent-
deckte, und der diesbezüglichen Konsequenzen mit zahlreichen Realkenn-
zeichen versehen in einer alles anderen als substanzlosen und stereoty-
pen Weise. Seine Schilderungen wirken authentisch und vermitteln im Zu-
sammenhang mit seiner den Protokollen zu entnehmenden Gestik und sei-
ner erkennbaren inneren Gefühlswelt den Eindruck, als erzähle er von
selbst Erlebtem.
6.3.4 Bei der Erstbefragung gab der Beschwerdeführer an, er habe nach
seiner Freilassung aus der 22-tägigen Haft Flüchtlingen geholfen. Er habe
zusammen mit «Bruder» E._, zu dem er über seinen älteren Bruder
in Kontakt getreten sei, gearbeitet und sei im August 2014 vom CID fest-
genommen worden. Man habe ihn über E._ befragt. Nachdem
E._ im November 2014 getötet worden sei, habe er zusammen mit
anderen Menschen der Bevölkerung noch mehr geholfen. Sie hätten Flug-
blätter verteilt und Propaganda gemacht (vgl. SEM-act. 17/21 F114 S. 14).
Im Rahmen der Anhörung sagte er, er habe Ende 2013 begonnen, den
Flüchtlingen zu helfen. Es sei von der TNA organisiert worden und ab Au-
gust 2014 habe er mit E._ zusammengearbeitet. Man habe ihn fünf
beziehungsweise vier Tage lang inhaftiert, zu E._ befragt und ge-
schlagen (vgl. SEM-act. 22/15 S. 3 und 7). Bei der ergänzenden Anhörung
brachte er vor, er habe E._ im August 2014 kennengelernt. Sie
seien nach K._ gegangen, um zu helfen, und E._ habe ihm
gesagt, er solle auch Menschen an anderen Orten helfen – so habe er
dessen Bekanntschaft gemacht (vgl. SEM-act. 30/24 S. 3 f.).
Der Beschwerdeführer äusserte sich nicht übereinstimmend zur Frage,
wann er E._ kennengelernt habe und war in der Tat nicht in der
Lage, nähere Angaben über ihn zu machen. Unter dem in der Beschwerde
erwähnten Aspekt, dass es sich bei E._ aus Sicht des Beschwer-
deführers um eine Respektsperson mit einer Leitungsfunktion bei der Un-
terstützung der Flüchtlinge handelte, ist jedoch nachvollziehbar, dass er
ihm keine Fragen zu seinem Privatleben und seiner «beruflichen» Vergan-
genheit stellte. Indessen schilderte er sein persönliches Engagement bei
der Unterstützung der tamilischen Binnenflüchtlinge im Wesentlichen
gleichbleibend und realitätskonform. Er war zwar nicht in der Lage, die
wörtliche Bedeutung der RDC – es handelt sich um die Abkürzung eines
englischen Namens – wiederzugeben, aber er umschrieb die Aufgaben
und die Strukturierung derselben. Das Bundesverwaltungsgericht erachtet
das humanitäre Engagement des Beschwerdeführers, das er in keiner
Weise zu überzeichnen versuchte, als glaubhaft.
D-4006/2019
Seite 23
6.3.5 Gemäss den Angaben bei der Erstbefragung sei der Beschwerdefüh-
rer 2015 vom CID erneut verhaftet worden, als er sich bei einem Freund
aufgehalten habe. Man habe ihn in ein Camp des CID gebracht und wissen
wollen, wer die Flugblätter aufgesetzt und verteilt habe. Er sei 17 (bzw. 14)
Tage im Gefängnis von D._ festgehalten worden. Er sei befragt, ge-
foltert und verwundet worden. Seine Mutter und sein Onkel hätten eine
Kaution von 500'000 Rupien geleistet (vgl. SEM-act. 17/21 F144 S. 14 und
17). Bei der Anhörung führte er aus, er habe ab Oktober 2015 begonnen,
Flugblätter zu verteilen, weshalb er im November 2015 vom CID mitge-
nommen und sieben bis acht Tage beziehungsweise fünf Tage in Haft ge-
wesen sei (vgl. SEM-act. 22/15 S. 3 und 7). Im Rahmen der ergänzenden
Anhörung machte er geltend, er sei 2015 vom CID festgenommen worden,
weil sie Flugblätter herausgegeben hätten, auf denen gestanden sei, dass
Tamilen umgebracht worden und welche Politiker verantwortlich seien (vgl.
SEM-act. 30/24 S. 4 f.).
Bezüglich dieses Vorkommnisses weichen die Aussagen des Beschwerde-
führers zur Dauer der Inhaftierung deutlich voneinander ab, so dass ge-
wisse Zweifel daran entstehen. Zur Unterstützung des Wahlkampfes der
TNA an verschiedenen Orten, bei welcher der Beschwerdeführer gemäss
eigenen Aussagen eine untergeordnete Rolle spielte, machte er indessen
im Wesentlichen übereinstimmende Aussagen, sodass das Bundesverwal-
tungsgericht davon auszugehen ist, dass er diesbezüglich von den sri-lan-
kischen Behörden festgenommen und befragt wurde. Obwohl die TNA eine
legale und zu den Wahlen zugelassene Partei ist, werden deren Anhänger
von den Sicherheitskräften bei der Ausübung ihrer politischen Rechte teil-
weise behindert und schikaniert.
6.3.6 Der Beschwerdeführer gab bei der Erstbefragung an, seine Mutter
habe ihn nach der letzten Freilassung zu ihrem Bruder nach G._
geschickt. Im Februar 2016 hätten die Sicherheitskräfte bei ihm zuhause
viele Sachen beschlagnahmt. An diesem Abend habe er in G._ ein
Fest besucht – in derselben Nacht habe er sich in einem Dschungelgebiet
neben den (...) der Familie versteckt (vgl. SEM-act. 17/21 F144 S. 14 und
F185 S. 18). Ebenfalls bei der Erstbefragung gab er an, er habe «sein
Haus» im Februar 2016 verlassen und anschliessend bei einer «Tante» in
H._ gelebt (vgl. SEM-act. 17/21 F51 S. 6). Während der Anhörung
sagte er aus, seine Mutter habe ihn zu ihrem Bruder nach G._ ge-
schickt, nachdem bei ihm im Februar 2016 Unterlagen beschlagnahmt wor-
den seien. Dort habe er sich drei Monate lang beziehungsweise bis Ende
D-4006/2019
Seite 24
Mai 2016 aufgehalten. Anschliessend habe er etwa drei Monate bezie-
hungsweise eher weniger lang in einem Wald gelebt. Bei der Tante in
H._ habe er sich möglicherweise zehn Monate lang aufgehalten
(vgl. SEM-act. 22/15 S. 3 f) Im Rahmen der ergänzenden Anhörung
brachte er vor, er sei bei einem Freund gewesen, als die Sicherheitskräfte
bei ihm zuhause «Dinge» beschlagnahmt hätten. Erst danach sei er zu
seinem Onkel nach G._ gegangen, wo er sechs Monate geblieben
sei. Anschliessend sei er zu einem (...) seiner Familie gegangen, wo er
sich weitere sechs Monate versteckt habe, bis er Anfang 2017 nach
H._ gegangen sei, wo er sich auch sechs Monate aufgehalten habe
(vgl. SEM-act. 30/24 S. 10 f.).
Hinsichtlich der letzten Aufenthaltsorte des Beschwerdeführers konnte bis
heute nicht geklärt werden, wie lange er sich in den Monaten vor dem Ver-
lassen des Heimatlandes an den drei genannten Orten genau aufhielt. Er
benannte die drei Örtlichkeiten zwar übereinstimmend, machte aber klar
voneinander abweichende Angaben zur jeweiligen Dauer des Verweilens
an denselben.
6.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer die
Begebenheiten, bei denen er von den heimatlichen Behörden festgenom-
men, befragt und misshandelt beziehungsweise gefoltert wurde, im Kern
wiederholt gleich darstellte. Er versuchte weder, seine eigene Rolle bei den
den Verhaftungen vorausgehenden Aktivitäten gewichtiger erscheinen zu
lassen, als sie es waren, noch sind seine Vorbringen im Verlauf der Anhö-
rungen gesteigert ausgefallen. Seine Schilderungen der erlittenen Inhaftie-
rungen, Befragungen und Misshandlungen sind in wesentlichen Teilen de-
tailreich und mit Realkennzeichen versehen sowie in einer Originalität aus-
gefallen, die es als überwiegend wahrscheinlich erscheinen lassen, dass
er das Geschilderte tatsächlich selbst erlebte. Während den Anhörungen
führte er in seinen eigenen Worten aus, wie er sich in der jeweiligen Befra-
gungssituation gerade fühlte und welche Emotionen oder gesundheitlichen
Probleme dies in ihm auslöse. Den Protokollen ist zu entnehmen, dass er
seine Angaben durch Gestikulieren verdeutlichte, und bei den Aussagen
zu ihn besonders betroffen machenden Ereignissen wiederholt weinte.
Seine Aussagen zur erlittenen Folter korrelieren mit den von ihm abgege-
benen Fotografien von an seinem Körper vorhandenen Narben und den
eingereichten Berichten der (...), wonach er unter traumatisierenden Ereig-
nissen leide. Die Zweifel an der Glaubhaftigkeit gewisser Aspekte seiner
Vorbringen sind im Vergleich zu den als überwiegend glaubhaft gemachten
Aspekten nicht derart gewichtig, als dass sie in einer Gesamtbetrachtung
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zur Annahme der Unglaubhaftigkeit der vom Beschwerdeführer geschilder-
ten Inhaftierungen, die mit teilweise massiven Misshandlungen verbunden
waren, zu führen vermögen.
7.
7.1 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt
der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit
verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit
ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus
einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung
als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1;
2010/57 E. 2.5; 2010/44 E. 3.).
7.2 Bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft interessiert zwar in erster
Linie die im Zeitpunkt der Ausreise der asylsuchenden Person(en) beste-
hende Verfolgungssituation. Es ist jedoch dann auf die Gefährdungslage
im Moment des Asylentscheides abzustellen, wenn sich die Lage im Hei-
matstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid massgeblich zu Gunsten
oder zu Lasten der asylsuchenden Person(en) verändert hat (vgl. BVGE
2011/51 E. 6.1).
7.3 Der Beschwerdeführer konnte – wie vorstehend ausgeführt (vgl. E. 6)
– glaubhaft machen, dass er vor seiner Ausreise aus Sri Lanka mehrmals
ins Visier der heimatlichen Sicherheitskräfte (Armee, CID) geriet, festge-
nommen und inhaftiert sowie dabei misshandelt oder gefoltert wurde.
Nachdem die Sicherheitskräfte im Rahmen einer Hausdurchsuchung im
Februar 2016 unter anderem Propagandamaterial bei ihm beschlagnahm-
ten und sich bei seiner Mutter nach ihm erkundigten, ist die vom Beschwer-
deführer für den Zeitpunkt der Ausreise geäusserte subjektive Furcht vor
Nachstellungen der heimatlichen Sicherheitsbehörde beziehungsweise vor
einer menschenrechtswidrigen Behandlung bei einer erneuten Festnahme
objektiv nachvollziehbar. Diesbezüglich ist ergänzend darauf hinzuweisen,
dass die Schwelle zur Annahme begründeter Furcht bei Personen, die –
wie der Beschwerdeführer – in der Vergangenheit bereits Opfer von Verfol-
gung geworden waren, ohnehin herabgesetzt ist (vgl. BVGE 2010/9
E. 5.2).
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7.4
7.4.1 Es bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer sich bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka weiterhin vor als asylrechtlich relevant einzustufenden Be-
handlungen durch die heimatlichen Behörden zu fürchten hat.
7.4.2 In seinem Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hielt das
Bundesverwaltungsgericht fest, dass angesichts der in den vergangenen
Jahren aufgetretenen Verhaftungs- respektive Folterfällen von aus Europa
zurückkehrenden sri-lankischen Staatangehörigen tamilischer Ethnie da-
von auszugehen ist, dass die sri-lankischen Behörden gegenüber Perso-
nen tamilischer Ethnie, welche nach einem Auslandaufenthalt nach Sri
Lanka zurückkehren, eine erhöhte Wachsamkeit aufweisen. Da aber ins-
besondere aus statistischen Gründen nicht generell angenommen werden
kann, dass jeder aus Europa respektive der Schweiz zurückkehrende ta-
milische Asylsuchende alleine aufgrund seines Auslandaufenthalts einer
ernstzunehmenden Gefahr vor Verhaftung und Folter ausgesetzt ist, muss
ermittelt werden, ob gewisse Personen aufgrund bestimmter Merkmale
eher Gefahr laufen, von den sri-lankischen Behörden misshandelt zu wer-
den (vgl. a.a.O. E. 8.1 und 8.3 m.w.H.).
7.4.3 In den vom Bundesverwaltungsgericht konsultierten Quellen sind die
folgenden, nicht abschliessend zu verstehenden Risikofaktoren identifiziert
worden: eine tatsächliche oder vermeintliche, aktuelle oder vergangene
Verbindung zu den LTTE, Beziehung zu einer regimekritischen politischen
Gruppe, Teilnahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, das
Vorliegen früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden (übli-
cherweise im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Ver-
bindung zu den LTTE), Fehlen der erforderlichen Identitätspapiere bei der
Einreise beziehungsweise Rückkehrende mit temporären Reisedokumen-
ten, zwangsweise Rückführung nach Sri Lanka oder durch die IOM (Inter-
nationale Organisation für Migration) begleitete Rückführung, (sichtbare)
Narben, gewisse Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land sowie wohl
auch Strafverfahren beziehungsweise Strafregistereintrag (vgl. a.a.O.
E. 8.4 m.w.H.). Vor dem Hintergrund dieser Risikofaktoren kam das Bun-
desverwaltungsgericht im genannten Referenzurteil zum Schluss, dass im
Kern jene Rückkehrenden eine begründete Furcht vor ernsthaften Nach-
teilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen
Behörden zugeschrieben wird, dass sie bestrebt sind, den nach wie vor als
Bedrohung wahrgenommenen tamilischen Separatismus wiederaufleben
zu lassen, und so den sri-lankischen Einheitsstaat zu gefährden; auch nach
dem Machtwechsel im Januar 2016 scheint es nämlich ein wichtiges Ziel
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des sri-lankischen Staates zu sein, jegliches Aufflammen des tamilischen
Separatismus im Keim zu ersticken. Dabei fallen allerdings nicht nur be-
sonders engagierte respektive exponierte Personen unter einen entspre-
chenden Verdacht (vgl. a.a.O. E. 8.5.1). Hingegen sind nicht alle Rückkeh-
renden, die eine irgendwie geartete tatsächliche oder vermeintliche, aktu-
elle oder vergangene Verbindung zu den LTTE aufwiesen, einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Gefahr vor Verfolgung ausgesetzt, sondern nur jene,
die aus Sicht der sri-lankischen Regierung bestrebt sind respektive einen
wesentlichen Beitrag dazu leisten könnten, den ethnischen Konflikt im
Land wieder aufflammen zu lassen. Ob dies zu bejahen und einer Person
mithin die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen ist, ist im Einzelfall zu er-
örtern, wobei eine asylsuchende Person die für diese Beurteilung relevan-
ten Umstände glaubhaft machen muss (vgl. a.a.O. E. 8.5.3). Entsprechen-
des gilt für sri-lankische Staatsangehörige, die sich im Ausland regimekri-
tisch betätigt haben (vgl. a.a.O. E. 8.5.4). Es sind jegliche glaubhaft ge-
machten (stark und/oder schwach) risikobegründenden Faktoren in einer
Gesamtschau und in ihrer allfälligen Wechselwirkung sowie unter Berück-
sichtigung der konkreten Umstände in einer Einzelfallprüfung zu berück-
sichtigen, mit dem Ziel, zu erwägen, ob mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung bejaht werden muss (vgl.
a.a.O. E. 8.5.5).
7.4.4 Der Beschwerdeführer hat glaubhaft gemacht, dass er bereits vor sei-
ner Ausreise aus Sri Lanka Opfer von Verfolgungshandlungen seitens sri-
lankischer Behördenvertreter war. Er geriet nicht zufälligerweise in den Fo-
kus der Behörden, sondern aufgrund seiner Beteiligung an dem Regime
missliebigen Aktionen (Teilnahme an einer Protestkundgebung bezie-
hungsweise an einem Hungerstreik, mit Regimekritik verbundene Propa-
gandatätigkeiten für die TNA, Unterstützung von tamilischen Binnenflücht-
lingen, Zusammenarbeit mit dem politisch aktiveren älteren Bruder) wobei
teilweise auch sein Bruder das eigentliche Ziel der Behörden war. Gemäss
den glaubhaften Angaben des Beschwerdeführers war sein Vater als be-
zahlter Fahrer für die LTTE tätig – dieser dürfte in diesem Zusammenhang
seit dem Jahr 2006 «verschwunden» sein – und weitere Verwandte bezie-
hungsweise Verschwägerte waren Mitglieder oder Anhänger regierungskri-
tischer Parteien oder Organisationen. Damit erfüllt der Beschwerdeführer
den Risikofaktor – wenn auch untergeordneter – Verbindung zu den LTTE
beziehungsweise zu regierungskritischen Parteien. Aufgrund der glaubhaft
gemachten Vorgeschichte ist davon auszugehen, dass das Interesse der
Behörden an ihm weiterhin besteht, was dadurch bestätigt wird, dass ge-
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mäss seinen übereinstimmenden Angaben bei den Anhörungen und sei-
nen Gesprächen mit den Fachpersonen der (...) seine Mutter und sein jün-
gerer Bruder von den heimatlichen Behörden unter Druck gesetzt werden.
Es ist davon auszugehen, dass die heimatlichen Behörden wegen des,
wenn auch gemäss Angaben des Beschwerdeführers eher niederschwelli-
gen, politischen Engagements immer noch an seiner Person interessiert
sind. Schliesslich weist er auch verschiedene Narben auf, die mit den von
ihm geschilderten Folterungen durch Vertreter des sri-lankischen Staates
korrelieren. Auch diese Narben können bei einer Kontrolle des Beschwer-
deführers am Flughafen dazu führen, dass die Behörden auf die vergan-
genen behördlichen Übergriffe aufmerksam und weitere Untersuchungen
gegen ihn veranlassen würden. Damit erfüllt der Beschwerdeführer ver-
schiedene Risikofaktoren, die so zusammenspielen, dass mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit eine ihm erneut drohende flüchtlingsrechtlich relevante
Verfolgung zu bejahen ist. Er hat somit heute noch eine begründete Furcht,
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka asylrelevante, das heisst genügend in-
tensive und gezielt gegen ihn gerichtete Nachteile erleiden zu müssen. Die
Wahrscheinlichkeit, dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka erneut kör-
perlicher Gewalt ausgesetzt würde, ist als erheblich einzustufen. Seine
subjektive Furcht ist aufgrund der bereits erlittenen Verfolgung objektiv
nachvollziehbar. Die drohenden Nachteile würden ihm aus politischen
Gründen zugefügt, weil er aufgrund seines bisherigen Engagements als
regierungskritisch eingestuft wird. Angesichts des Umstandes, dass er von
Mitgliedern staatlicher Behörden (Armee, CID) festgehalten und misshan-
delt wurde, ist in Anbetracht der tatsächlichen Gegebenheiten in seinem
Heimatland nicht davon auszugehen, er könne den Schutz von anderen
Behörden in Anspruch nehmen. Vom Vorhandensein einer innerstaatlichen
Schutzalternative ist demnach nicht auszugehen.
7.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass die relevanten Vorbringen des Be-
schwerdeführers im Sinne von Art. 7 AsylG überwiegend glaubhaft sind
und der Beschwerdeführer die Voraussetzungen für die Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Aus den Akten ergeben
sich keine Anhaltspunkte für eine Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53
AsylG.
8.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die angefochtene Verfügung
vom 8. Juli 2019 ist aufzuheben, der Beschwerdeführer ist als Flüchtling
anzuerkennen und die Vorinstanz ist anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
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Angesichts der Gutheissung des Hauptantrags werden der Eventual- und
der Subeventualantrag gegenstandslos.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts des Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Vorliegend
wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Kosten auf-
grund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Unter
Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren (Art. 8 – 11
VGKE) ist die Parteientschädigung auf insgesamt Fr. 2'300.– (inkl. Ausla-
gen) festzusetzen. Die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer
diesen Betrag als Parteientschädigung zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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