Decision ID: 04c9185f-12aa-5a73-8200-46502a3a761f
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
R._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Reto Joos, Rechtsanwälte Roos/
Roos-Niedermann, Postgasse 5, 9620 Lichtensteig,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
R._ meldete sich am 19. Dezember 2005 zum Bezug einer Invalidenrente an. Dr.
med. A._ berichtete der IV-Stelle am 30. Dezember 2005, der Versicherte leide an
einer schweren depressiven Entwicklung, an einer koronaren Herzkrankheit und an
einem chronisch persistierenden Asthma bronchiale. Der Versicherte sei seit dem 30.
Januar 2005 mit kurzen Unterbrüchen in seiner angestammten Tätigkeit zu 100%
arbeitsunfähig. Tätigkeiten mit vermehrter Dampf-, Rauch- oder Staubexposition seien
zu vermeiden. Insgesamt sei die Arbeitsfähigkeit aber durch die Depression
eingeschränkt. Diesem Bericht von Dr. med. A._ lag u.a. ein Austrittsbericht der Klinik
Gais vom 13. September 2005 bei. Der Versicherte hatte sich vom 22. Februar bis 18.
März 2005 zur Rehabilitation stationär dort aufgehalten. Die Ärzte der Klinik Gais hatten
folgende Diagnose gestellt: mittelschwere depressive Episode mit somatischem
Syndrom und hypochondrischen Ängsten, koronare Herzkrankheit mit Zustand nach
Stenteinlage sowie Spannungskopfschmerzen. Der Versicherte hatte den Ärzten der
Klinik Gais angegeben, nach einem Schwächeanfall mit Sturz am Arbeitsplatz in einer
Restaurantküche sei ein massiver Kraftverlust eingetreten. Er könne sich kaum mehr
konzentrieren und er fühle sich nicht mehr leistungsfähig. Die Angst, einen Herzinfarkt
zu erleiden, und die Beschäftigung mit seinen Kopfschmerzen schränkten ihn während
der Arbeit stark ein. Seit etwa einem Jahr leide er ausserdem an Ein- und
Durchschlafstörungen und er grüble oft über seine Beschwerden sowie darüber nach,
dass er dem Stress als Koch nicht mehr gewachsen sein könnte. Die Ärzte der Klinik
Gais hatten bei der Erhebung des Psychostatus festgestellt, dass hypochondrische
Ängste bestanden, dass der Versicherte teilweise Panikattacken unterworfen war und
dass Hinweise auf eine zwanghafte Ordentlichkeit, allerdings ohne ausgeprägte
Zwangssymptome, vorlagen. Wahninhalte, Sinnestäuschungen oder Ichstörungen
hatten nicht festgestellt werden können. Affektiv war der Versicherte bei getrübter
Grundstimmung verzweifelt und hoffnungsarm gewesen. Die Schwingungsfähigkeit war
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingeschränkt gewesen und beim Versicherten war eine deutliche innere Unruhe und
Reizbarkeit zu erkennen gewesen. Er hatte im Antrieb reduziert und psychomotorisch
unruhig gewirkt. Die mittelschwere depressive Symptomatik hatte sich nach der
Einleitung einer antidepressiven medikamentösen Therapie langsam gebessert.
Geblieben waren ausgeprägte Ängste vor erneuten pektanginösen Beschwerden und
die Spannungskopfschmerzen.
B.
B.a Das Gasthaus B._ teilte der IV-Stelle am 25. Januar 2006 mit, der Versicherte sei
vom 1. September 1993 bis zum 31. Januar 2006 als Hilfskoch beschäftigt worden.
Aktuell würde der Lohn Fr. 58'500.- betragen. Die Ärzte des Psychiatrischen Zentrums
Wattwil berichteten der IV-Stelle am 14. Februar 2006, es bestehe eine mittelgradige
depressive Episode. Der Versicherte sei seit dem 5. Mai 2005 als Hilfskoch zu 100%
arbeitsunfähig. Der Gesundheitszustand sei besserungsfähig. Der Versicherte klage
über Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Interesselosigkeit, Nervosität,
Kopfschmerzen, linksseitig thorakale und Schulterschmerzen sowie über einen sozialen
Rückzug. Er habe hohe Ansprüche an seine Tätigkeit und gerate dadurch in
arbeitsintensiven Zeiten unter Druck. Die Arbeit als Hilfskoch sei nicht mehr zumutbar.
In einer strukturierten Tätigkeit in stressreduzierter Umgebung, die leicht zu lernen sei,
wäre dem Versicherten eine tägliche Arbeitszeit von acht Stunden zumutbar. Am 9.
Februar 2006 berichtete die Klinik Gais der IV-Stelle, mit Cipralex und Seroquel sei es
während des stationären Aufenthalts zu einer langsamen Besserung und zu einer
Stabilisierung der Störung gekommen. Die hypochondrischen Ängste vor erneuten
pektanginösen Ereignissen hätten jedoch weiterbestanden. Der Versicherte habe unter
einem konstant bestehenden Spannungskopfschmerz gelitten. Im Rahmen
erfolgreicher medizinischer Massnahmen seien körperlich leichte Arbeiten mit
ausgeglichener Arbeitsbelastung vorstellbar. Ausgeprägte Stresssituationen sollten
vermieden werden. Eine Stellungnahme zur aktuellen Arbeitsfähigkeit sei nicht möglich.
Die psychiatrische Klinik Wil, in der sich der Versicherte seit dem 10. Januar 2006
aufhielt, berichtete am 6. März 2006, der Versicherte leide an einer schweren
depressiven Episode mit psychotischen Symptomen, an sonstigen Formen einer
chronischen ischämischen Herzkrankheit und an einer chronischen migräniformen
Cephalea. Seit Mai 2005 bestehe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Erst im Verlauf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Hospitalisation habe der Versicherte über akustische Halluzinationen berichtet.
Innere Stimmen forderten ihn auf, die eigenen Kinder zu töten. Auf die Frage nach der
Prognose gaben die Ärzte der psychiatrischen Klinik Wil an, inwieweit sich der
Krankheitsverlauf zukünftig bezüglich Symptomausprägung progressiv und/oder
gegebenenfalls fluktuierend darstellen werde, sei neben beeinflussbaren
Umweltfaktoren (z.B. Erhalt eines stabilen sozialen Gefüges) von der medikamentösen
Langzeitwirkung und den psychotherapeutischen Erfolgen abhängig. Im Verlauf der
stationären Behandlung habe die Schwingungsfähigkeit deutlich zugenommen, die
Kontaktaufnahme habe sich verbessert, die somatischen Beschwerden seien langsam
in den Hintergrund gerückt bei gleichzeitiger vertrauensvoller Darstellung belastender
psychischer und psychotischer Störungen. Eine begleitete, gut strukturierte
Industriearbeit wäre dem Versicherten möglich. Bei genügender Erholungszeit wären
die Leistungs- und Konzentrationsanforderungen während vier bis sechs Stunden
erfüllbar. Am 3. Mai 2006 gab die psychiatrische Klinik ergänzend an, es hätten sich
weitere psychotische Inhalte eruieren lassen. Der Versicherte gebe an, täglich
kommentierende, dialogisierende und imperative Stimmen zu hören. Diese seien
phasenweise begleitet von übersteigerten Ideen und Befürchtungen, durch bekannte/
unbekannte Personen (u.a. auch als Besitzer der Stimmen) beobachtet zu werden.
Diese Symptomatik bestimme seit längerer Zeit, wahrscheinlich bereits vor 2005, den
Alltag des Versicherten. Das starke Bemühen, derartige paranoid-halluzinatorische
Phänomene abzuwehren, verstärke die vorbestehenden somatischen Beschwerden im
Sinne einer Somatisierung. Unter Amisulprid bestehe eine teilweise Coupierung der
Symptome, zumindest eine Frequenzabnahme von akustischen Halluzinationen und
Beobachtungsideen.
B.b Am 11. Mai 2006 teilte die psychiatrische Klinik Wil dem Ambulatorium für
Sozialpsychiatrie in Wattwil mit, dass der Versicherte an einer paranoid
halluzinatorischen Psychose, aktuell depressive Begleitsymptomatik, leide. Der
Versicherte berichte weiterhin, allerdings in einem wesentlich niedrigeren Ausmass
(statt täglich noch maximal dreimal wöchentlich), von den bekannten akustischen
Halluzinationen. Die Verfolgungs-/
Beobachtungsideen seien nahezu vollständig beseitigt. Insbesondere könne sich der
Versicherte inzwischen ausreichend von derartigen Phänomenen distanzieren. Nach
einer anhaltenden Stimmungsaufhellung zeigten sich nur noch vereinzelt depressive
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Züge. Erst im Verlauf der stationären Behandlung habe der Versicherte begonnen, von
akustischen Halluzinationen zu berichten. Später habe der Versicherte vertrauensvoll
von weiteren psychotischen Inhalten berichtet, so dass keinesfalls länger von isoliert
vorkommenden akustischen Halluzinationen im Rahmen einer depressiven
Grunderkrankung habe ausgegangen werden können. Aufgrund der
eigenanamnestischen Angaben sei von einer mindestens mittelgradigen depressiven
Episode bei zum Teil vorbestehenden multiplen psychosomatischen und somatischen
Beschwerden auszugehen. Im Rahmen dieser depressiven Entwicklung habe sich das
Stimmenhören als isoliertes psychotisches Symptom herausgebildet. Psychotische
Symptome liessen sich aktuell psychodiagnostisch weder ausschliessen noch
nachweisen. Das Verhalten zeige keine Ambivalenz, wie sie für psychotische Zustände
typisch sei. Eine Simulation psychotischer und/oder dissoziativer Symptome lasse sich
nicht ganz ausschliessen. Im Verhalten und in der Kommunikation gebe es zur Zeit
keine Hinweise auf psychotische Symptome. Diese schienen auf das Erleben des
Stimmenhörens beschränkt zu sein.
C.
C.a Die IV-Stelle beauftragte am 2. April 2007 das Ärztliche Begutachtungsinstitut ABI
in Basel mit einer interdisziplinären Abklärung. Die Sachverständigen des ABI führten in
ihrem Gutachten vom 18. Januar 2008 aus, bei der psychiatrischen Abklärung habe der
Versicherte angegeben, er sehe mehr oder weniger täglich die Bilder einer Frau und
eines Mannes, die ihm sagten, er solle seine Familie töten. Diese verrückten Dinge
habe er seit dem zweiten Monat seines Klinikaufenthalts gesehen und gehört. Er
nehme regelmässig Seroquel, Solian, Zoloft und Cymbalta ein. Alle zwei bis drei
Wochen habe er ein psychotherapeutisches Gespräch. Der älteste Sohn sei geistig
behindert und besuche eine heilpädagogische Schule, die beiden jüngeren Söhne
besuchten Regelklassen. Er sei leicht reizbar, rege sich schnell auf und werde dann
gegenüber den Kindern und gegenüber der Ehefrau verbal aggressiv. Seine Kinder und
seine Ehefrau hätten Angst vor ihm. Er habe das Interesse an sexuellen Kontakten
verloren. Meist gehe er um Mitternacht ins Bett und um drei Uhr sei er schon wieder
wach. Er habe kein Interesse, gross etwas zu unternehmen. Er erledige kleinere
Einkäufe und kleinere Arbeiten im Haushalt. Wenn er zuhause sei, lese er
schweizerische und albanische Zeitungen und er sehe fern. Am Abend mache er oft
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einen Spaziergang. Er begleite seine Kinder regelmässig zum Fussballspielen. Zu
seiner Schwester und deren Familie halte er regelmässigen Kontakt. Von den Kollegen
habe er sich etwas zurückgezogen. Er sei verschlossener geworden. Aufgrund der
Schmerzen und aufgrund des Asthmas könne er nicht mehr arbeiten. Er habe sich vom
Hilfskoch zum Koch hochgearbeitet. Mit seiner Leistung sei man immer zufrieden
gewesen.
C.b In seiner Beurteilung wies der psychiatrische Sachverständige darauf hin, dass der
Bericht der psychiatrischen Klinik Wil widersprüchlich sei. Die Klinikärzte hätten eine
paranoid-halluzinatorische Psychose diagnostiziert. Sie hätten aber auch erwähnt, dass
der Versicherte erst im Verlauf der Hospitalisation die Symptome angegeben habe,
dass diese Symptome gut auf Neuroleptika angesprochen hätten und dass der
Versicherte in einem deutlich besseren psychischen Gesundheitszustand entlassen
worden sei. Während des stationären Aufenthalts sei eine testpsychologische
Untersuchung durchgeführt worden, wobei die Hinweise auf eine Psychose fraglich
gewesen seien, keine Grundsymptome festgestellt worden seien und auch der
Verdacht einer Aggravation geäussert worden sei. Der psychiatrische Sachverständige
führte weiter aus, der Versicherte klage noch immer über akustische und optische
Halluzinationen. In der Affektivität und im Denken bestünden keine Einschränkungen
und Auffälligkeiten. Eine schizophrene Störung zeige sich aber nicht nur im
Wahnerleben, sondern auch in typischen Denkstörungen und in Störungen der
Affektivität, der Entscheidungsfähigkeit, der Ambivalenz usw. Alle diese
Grundsymptome fehlten beim Versicherten, so dass die Diagnose einer psychotischen
Störung nicht gestellt werden könne. Im Alltag sei der Versicherte durch einen geringen
sozialen Rückzug, eine Libidoverminderung und eine leichte Reizbarkeit nicht
wesentlich eingeschränkt. Bei der psychiatrischen Untersuchung sei die Stimmung des
Versicherten ausgeglichen gewesen. Ausser den Klagen über die optischen und
akustischen Halluzinationen hätten keine psychopathologischen Symptome festgestellt
werden können. Im Vordergrund stehe eine rezidivierende depressive Störung, die
gegenwärtig leicht ausgebildet sei. Die depressive Störung sei der Grund für den
stationären Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik Wil gewesen. Dem Austrittsbericht
lasse sich entnehmen, dass sich die Depression während des Klinikaufenthalts
wesentlich zurückgebildet habe. Es stelle sich die Frage, ob der Versicherte allenfalls
von Mitpatienten beeinflusst angefangen habe, über diese "Erscheinungen" zu klagen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
um seinen schlechten Gesundheitszustand zu verdeutlichen. Allenfalls könnte es sich
auch um optische und akustische Halluzinationen im Rahmen einer depressiven
Erkrankung handeln. Es falle auf, dass der Versicherte die verordneten
Psychopharmaka nicht einnehme, obwohl er das Gegenteil angegeben habe. Auch
dies spreche gegen eine schwere psychiatrische Störung. Die bestehende leichte
depressive Störung sei durch eine antidepressive Therapie behandelbar. Die geklagten
somatischen Symptome könnten nicht vollständig objektiviert werden, so dass eine
psychische Überlagerung angenommen werden müsse. Es handle sich um eine
somatoforme Schmerzstörung. Aus psychiatrischer Sicht sei es dem Versicherten
zumutbar, ganztags einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, wobei die Leistungsfähigkeit
um 20% vermindert sei. Der neurologische Sachverständige gab im Gutachten an, der
Versicherte leide an chronischen täglichen Kopfschmerzen vom Spannungstyp,
überlagert von migräniformen Exazerbationen (DD: analgetikainduzierte
Kopfschmerzen), an einer vorwiegend tendomyogen bedingten Zervikalgie, an einer
Lumbalgie und an einer leicht verminderten Vibrationsempfindung im Bereich der
oberen und unteren Extremitäten sowie an einer verminderten Schmerzempfindung im
Bereich des ganzen linken Fusses unklarer Aetiologie (DD: sensible Polyneuropathie).
Schwere und anhaltend mindestens mittelschwere körperliche Tätigkeiten und
Tätigkeiten in lärmiger Umgebung seien nicht mehr zumutbar. Körperlich leichte
Tätigkeiten in wechselnder Stellung (sitzend, stehend, gehend) seien ganztags
zumutbar. Empfehlenswert wäre ein Analgetikaentzug. Der kardiologische
Sachverständige berichtete, beim Versicherten bestehe eine diffuse koronare
Herzkrankheit mit erhaltener linksventrikulärer Pumpfunktion bei St. n. mehrfachen
PTCA-Interventionen und persistierenden Angina pectoris-Beschwerden ohne
objektiven Ischämienachweis. Der Versicherte sei einsetzbar für eine sitzende Tätigkeit
ohne körperliche Belastung mit gelegentlichem Gehen.
C.c Die Gesamtdiagnose aller beteiligten Fachgebiete lautete: rezidivierende
depressive Störung (gegenwärtig leichte Episode), anhaltende somatoforme
Schmerzstörung, chronische koronare 3-Ast-Erkrankung, chronische tägliche
Kopfschmerzen vom Spannungstyp, überlagert von migräniformen Exazerbationen,
vorwiegend tendomyogen bedingte Zervikalgie, Lumbalgie, ausserdem – ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – metabolisches Syndrom, Asthma bronchiale und
unspezifische leichte Sensibilitätsstörung an den Extremitäten. In ihrer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesamtbeurteilung hielten die Sachverständigen fest, der Versicherte sei
polydisziplinär betrachtet für eine körperlich anhaltend mindestens mittelschwere
Tätigkeit (inklusive als Koch im Restaurant) arbeitsunfähig. Für körperlich leichte bis
intermittierend mittelschwere Arbeiten bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 80%. Die
Arbeitsunfähigkeit als Koch bestehe seit dem 5. Mai 2005. Da kein schweres
psychisches Leiden vorliege, sei dem Versicherten die Willensanstrengung zumutbar,
einer regelmässigen Erwerbstätigkeit im Rahmen der von somatischer Seite
festgestellten Möglichkeiten nachzugehen. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
psychiatrischen Klinik Wil sei nicht nachvollziehbar.
D.
Die IV-Stelle ermittelte ausgehend von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 80% und von
einem weiteren Abzug vom statistischen Durchschnittseinkommen von 10% einen
Invaliditätsgrad von 28%. Mit einem Vorbescheid vom 19. Februar 2008 teilte sie dem
Versicherten mit, dass sie beabsichtige, sein Rentenbegehren abzuweisen. Der
Versicherte wendete am 13. März 2008 ein, seit 2005 begleiteten ihn die körperlichen
und psychischen Beschwerden tagtäglich. Auch an eine leichtere Tätigkeit sei nicht zu
denken. Mit einer Verfügung vom 8. April 2008 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren
ab.
E.
Der Versicherte liess am 9. Mai 2008 Beschwerde erheben und beantragen, es sei ein
Beweisverfahren zur Neubestimmung des Invaliditätsgrades durchzuführen und
anschliessend sei ihm mindestens eine Dreiviertelsrente zuzusprechen. Zur
Begründung liess er geltend machen, gemäss den übereinstimmenden Diagnosen in
den verschiedenen medizinischen Berichten leide er an einer depressiven Störung,
einer somatoformen Schmerzstörung, einer koronaren Herzkrankheit, an chronischen
migräneartigen Spannungskopfschmerzen sowie an einem Asthma bronchiale. Im
Bericht der psychiatrischen Klinik Wil sei eine paranoid-halluzinatorische Psychose
diagnostiziert worden. Das ABI habe diese Diagnose in Frage gestellt. Damit sei zu
prüfen, welche Diagnose glaubwürdiger sei. Die Ärzte der Institutionen in Wil und
Wattwil seien mit seinem Krankheitsbild bestens vertraut, da sie sich mehrfach und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
über einen längeren Zeitraum persönlich mit ihm befasst hätten. Deshalb könnten sie
das Krankheitsbild gut beurteilen. Sie seien Fachexperten und deshalb fähig, eine
zuverlässige Beurteilung abzugeben. Die Begründung für die paranoid-
halluzinatorische Psychose in den Berichten der psychiatrischen Klinik Wil vom 3. und
vom 11. Mai 2006 sei plausibel, glaubwürdig und nachvollziehbar. Die ABI-
Sachverständigen hätten sich auf eine knapp einstündige Begutachtung und auf das
Studium der medizinischen Akten gestützt. Deshalb hätten sie ihn weit weniger gut
einschätzen können. Aufgrund des Informationsvorsprungs müsse der Einschätzung
der Experten der Institutionen in Wil und Wattwil der Vorrang gegeben werden. Er habe
nicht die Einnahme wirksamer Medikamente verweigert, sondern nur die nicht
wirkenden Medikamente in Absprache mit dem Hausarzt abgesetzt. Es sei somit von
einer paranoid-halluzinatorischen Psychose auszugehen. Zumutbar seien somit nur
noch körperlich leichte, strukturierte und leicht zu erlernende Tätigkeiten in einer
stressreduzierten und begleiteten Umgebung. In einer solchen Tätigkeit sei er maximal
vier bis sechs Stunden täglich arbeitsfähig. Das Valideneinkommen 2007 betrage Fr.
59'143.50. Das zumutbare Invalideneinkommen müsse mittels einer Expertise ermittelt
werden. Es dürfte kaum mehr als die Hälfte des von der IV-Stelle berücksichtigten
Invalideneinkommens betragen.
F.
Die IV-Stelle beantragte am 9. Juli 2008 die Abweisung der Beschwerde. Sie machte
geltend, der Einschätzung des ABI komme ein grosses Gewicht zu, weil es sich um
eine spezialisierte, erfahrene Gutachterstelle handle und weil ein polydisziplinärer
Ansatz zur Anwendung gekommen sei. Der Versicherte übersehe, dass sich der
psychiatrische Sachverständige auf eine umfassend erhobene Anamnese und auf die
Vorakten habe abstützen können. Der Verweis darauf, dass der Versicherte seine
Psychopharmaka nicht einnehme, spreche deutlich gegen eine schizophrene Störung.
Die Arbeitsfähigkeitsschätzung des ABI verstosse allerdings gegen die
bundesgerichtliche Praxis, denn diese gehe davon aus, dass die leichte depressive
Störung und die somatoforme Schmerzstörung durch eine zumutbare
Willensanstrengung überwunden werden könnten. Bei einer uneingeschränkten
Arbeitsfähigkeit resultiere aus dem "Leidensabzug" von 10% ein Invaliditätsgrad von
10%.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
G.
In der Replik vom 29. August 2008 liess der Versicherte einwenden, die Ärzte der
Kliniken in Wil und Wattwil hätten seine Gesundheit und seine Persönlichkeit bestens
gekannt, während der psychiatrische Sachverständigen des ABI seine Informationen
nur aus den Akten und aus einer knapp einstündigen Besprechung habe schöpfen
können. Da er bisher keine Psychopharmaka erhalten habe, die seine psychotischen
Störungen behoben hätten, sei es legitim gewesen, die ihm verschriebenen
Medikamente abzusetzen. Die psychotische Störung müsse genauer abgeklärt werden.
Aufgrund der zahlreichen dem ABI-Gutachten widersprechenden Arztberichte stehe
fest, dass er keine normale Arbeitsstelle mehr bekleiden könne. Deshalb könne er nur
noch einen Minimallohn erzielen.
H.
Die IV-Stelle verzichtete am 9. September 2008 auf eine Duplik.

Erwägungen:
1.
Gemäss Art. 16 ATSG ist das Einkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt
der Invalidität und nach der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen).
1.1 Ausgangspunkt der Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens ist die
Arbeitsfähigkeit der versicherten Person. Die Beeinträchtigungen der körperlichen
Gesundheit, also insbesondere die Koronarerkrankung, die Zervikalgie, die Lumbalgie
und das Asthma haben nur eine sogenannt "qualitative" Arbeitsunfähigkeit zur Folge,
d.h. sie verengen nur den für den Beschwerdeführer noch in Frage kommenden
Ausschnitt aus dem Arbeitsmarkt. Innerhalb dieses verbleibenden Ausschnitts besteht
eine Arbeitsfähigkeit von 100%. Es muss sich um eine körperlich leichte, höchstens
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
intermittierend mittelschwere Tätigkeit handeln. Der allgemeine und ausgeglichene
Arbeitsmarkt weist derartige Arbeitsplätze auf. Wäre die Gesundheitsbeeinträchtigung
auf den Körper beschränkt, so wäre der Beschwerdeführer in einer adaptierten
Erwerbstätigkeit uneingeschränkt arbeitsfähig. Nun kommt aber eine Beeinträchtigung
der psychischen Gesundheit hinzu. Die ärztlichen Einschätzungen weichen hier nicht
nur in bezug auf die Diagnose, sondern auch in bezug auf die Arbeitsfähigkeit
voneinander ab. Einigkeit besteht nur darin, dass jedenfalls eine Depression vorliegt
und dass die körperlichen Beschwerden psychisch überlagert sind. Während die
behandelnden Ärzte immer eine mindestens mittelschwere Ausprägung der Depression
angegeben haben, ist der psychiatrische Sachverständige des ABI zur Auffassung
gelangt, es liege nur eine leichte Depression vor. Entgegen der Auffassung des
Beschwerdeführers ist diese Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen des
ABI nicht dadurch in ihrer Überzeugungskraft eingeschränkt, dass nur ein etwa
einstündiger Untersuch stattgefunden hat, denn dieser Untersuch hat auf der
Grundlage der durch die umfangreichen medizinischen Vorakten erlangten Kenntnis
des Falles des Beschwerdeführers ausgereicht, um eine überzeugende Diagnose
stellen zu können. Die behandelnden Psychiater hatten also keinen wie auch immer
gearteten Informationsvorsprung gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen
des ABI. Obwohl der Beschwerdeführer die ihm verschriebenen Antidepressiva
nachweislich nicht eingenommen hatte, sind die anlässlich der Begutachtung
beobachteten und von ihm selbst geschilderten Depressionssymptome so wenig
ausgeprägt gewesen, dass sie nur eine leichtgradige Krankheitsausprägung angezeigt
haben. Die behandelnden Psychiater haben sich nicht zur Compliance des
Beschwerdeführers bei der Einnahme der verschriebenen Antidepressiva geäussert.
Das lässt darauf schliessen, dass sie die korrekte Einnahme unterstellt haben. Deshalb
ist es durchaus möglich, dass die Einstufung der Depression als mittelschwer oder
sogar als schwer teilweise darauf zurückzuführen ist, dass die behandelnden
Psychiater nicht die erwartete Wirkung der Antidepressiva haben beobachten können
und deshalb in der Annahme, der Beschwerdeführer sei medikamentös bestmöglich
versorgt, eine grundsätzlich stark ausgeprägte Depression angenommen haben. Die
Stärke der Depression – und damit deren Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers – kann für die Bemessung des Invalideneinkommens nur in dem
Ausmass relevant sein, als sie auch bei bester medikamentöser Behandlung nicht mehr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vermindert werden kann. Die Einnahme der dem Beschwerdeführer verschriebenen
Antidepressiva kann ohne weiteres als zumutbar betrachtet werden. Unter diesen
Umständen ist die Einschätzung der Stärke der Depression durch den psychiatrischen
Sachverständigen des ABI deutlich überzeugender als die Einschätzung durch die
verschiedenen behandelnden Psychiater, zumal behandelnde Ärzte erfahrungsgemäss
dazu neigen, den Gesundheitszustand ihres Patienten pessimistischer einzuschätzen
als unabhängige medizinische Sachverständige. Besonders bei psychischen
Beeinträchtigungen wie etwa der Depression oder der somatoformen Schmerzstörung
besteht diesbezüglich naturgemäss ein grosser Ermessensspielraum, denn die Stärke
der Symptome kann nur beobachtet und den Schilderungen des Patienten
entnommen, aber nicht gemessen werden.
1.2 Der Beschwerdeführer scheint davon auszugehen, dass die Diagnose einer
paranoiden Psychose – entweder für sich allein oder im Zusammenwirken mit der
Depression und der somatoformen Schmerzstörung – ohne weiteres die behauptete
hohe Arbeitsunfähigkeit auslöse. Akustische Halluzinationen beeinträchtigen aber nicht
notwendigerweise die Arbeitsfähigkeit, sofern sie vom Patienten kontrolliert werden
können oder sofern sie medikamentös herabgemindert oder beseitigt werden können.
Die psychiatrische Klinik Wil hat in ihrem Bericht vom 11. Mai 2006 die durch den
Beschwerdeführer geklagten psychotischen Symptome in einen Zusammenhang mit
der depressiven Entwicklung gestellt und darauf hingewiesen, dass sich die durch die
akustischen Halluzinationen ausgelöste Angst und die Anstrengung, diese
Halluzinationen abzuwehren, in einer Somatisierung ausgewirkt hätten. Allerdings
konnten die Ärzte der psychiatrischen Klinik Wil das Auftreten von Halluzinationen beim
Beschwerdeführer psychodiagnostisch nicht nachweisen. Sie schlossen nicht aus,
dass die angegebenen psychotischen und dissoziativen Symptome simuliert sein
könnten. Der psychiatrische Sachverständige des ABI hat die Diagnose einer paranoid
halluzinatorischen Psychose nicht übernommen. Er muss also davon ausgegangen
sein, dass der Beschwerdeführer gar keine Halluzinationen habe. Begründet hat er dies
damit, dass bereits die psychiatrische Klinik Wil das Fehlen der Grundsymptome einer
derartigen Psychose habe eingestehen müssen. Es fehlten sämtliche Symptome wie
die typischen Denkstörungen, die Störungen der Affektivität und der
Entscheidungsfähigkeit, die Ambivalenz usw. Für die Richtigkeit dieser Einschätzung
spricht der Umstand, dass der Beschwerdeführer erstmals zwei Monate nach Beginn
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der stationären Behandlung in der psychiatrischen Klinik Wil im Frühjahr 2006 über
akustische Halluzinationen zu berichten begonnen hatte. Obwohl er den Ärzten der
psychiatrischen Klinik Wil angegeben hatte, er habe bereits 2005 an dieser
Symptomatik gelitten, hatte er weder während des stationären Aufenthalts in Gais noch
gegenüber seinem Hausarzt je eine entsprechende Andeutung gemacht. Zudem hatte
der Beschwerdeführer während des Aufenthalts in der psychiatrischen Klinik nur
akustische Halluzinationen (Stimmen) angegeben. Gegenüber dem psychiatrischen
Sachverständigen des ABI hat er dann zusätzlich auch noch über optische
Halluzinationen geklagt. Wäre es dem Beschwerdeführer, wie die Ärzte der
psychiatrischen Klinik Wil angenommen haben, nur aufgrund des mit den
behandelnden Klinikärzten aufgebauten Vertrauensverhältnisses möglich geworden,
über die Halluzinationen zu berichten, dann ist nicht einzusehen, warum er nicht ihnen,
sondern erst dem psychiatrischen Sachverständigen des ABI erstmals zusätzliche
optische Halluzinationen angegeben hat. Dass diese erst nachträglich hinzugekommen
wären, ist vom Beschwerdeführer nicht behauptet worden. Trägt man auch noch der
Tatsache Rechnung, dass der Beschwerdeführer die verschiedenen Neuroleptika nicht
oder nicht korrekt eingenommen hat, obwohl ihm die Halluzinationen angeblich grosse
Angst einflössen, so bestehen berechtigte Zweifel daran, dass der Beschwerdeführer
effektiv an akustischen oder an optischen Halluzinationen leidet bzw. je gelitten hat. Es
ist also von der Möglichkeit auszugehen, dass er stattdessen diese Halluzinationen
während des stationären Aufenthalts in der psychiatrischen Klinik Wil erfunden hat, um
die aggravierend geschilderten anderen Beschwerden als überzeugend erscheinen zu
lassen. Von weiteren psychiatrischen Abklärungen ist kein näherer Aufschluss über die
Existenz der behaupteten optischen und akustischen Halluzinationen seit 2005 zu
erwarten, denn andernfalls hätte der psychiatrische Sachverständige des ABI diese
Abklärungen vorgenommen. Selbst wenn man die Auffassung des psychiatrischen
Sachverständigen des ABI, es liege keine paranoid halluzinatorische Psychose vor, als
nicht überwiegend wahrscheinlich qualifizieren wollte, so gilt das doch auf jeden Fall
auch für die gegenteilige Auffassung der behandelnden Psychiater. Da es sich bei
dieser Krankheit um einen leistungsbegründenden Sachverhalt handeln würde, trägt
der Beschwerdeführer den Nachteil der Beweislosigkeit. Das bedeutet, dass die
behaupteten Halluzinationen als wichtige Teilursache der Depression und der
Somatisierung fehlen. Im übrigen hatten die Ärzte der psychiatrischen Klinik Wil in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ihrem Bericht vom 11. Mai 2006 einen deutlich gebesserten Gesundheitszustand beim
Austritt angegeben. Dies spricht für die Richtigkeit der Einschätzung der Schwere der
Depression und der somatoformen Schmerzstörung durch den psychiatrischen
Sachverständigen des ABI. Demnach steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer in psychiatrischer Hinsicht nur an
einer leichten Depression und an einer ebensolchen somatoformen Schmerzstörung
leidet. Die vorhandenen medizinischen Akten belegen auch für die Zeit vor der
Begutachtung keine höhere Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers, so dass sich
auch diesbezüglich die Angaben im Gutachten des ABI als überwiegend
wahrscheinlich richtig erweisen.
1.3 Gemäss den überzeugenden Angaben im Gutachten des ABI ist der
Beschwerdeführer durchgehend seit dem Ablauf des Wartejahres in einer körperlich
leichten bis intermittierend mittelschweren Erwerbstätigkeit zu 80% arbeitsfähig. Die
von der Beschwerdegegnerin unter Verweis auf die einschlägige Bundesgerichtspraxis
(vgl. die in der Beschwerdeantwort angegebenen Bundesgerichtsentscheide) selbst
angestellte Arbeitsfähigkeitsschätzung (Arbeitsfähigkeit 100%) überzeugt nicht, denn
die Sachverständigen des ABI haben dem Umstand, dass eine objektiv zumutbare
Willensanstrengung zur Überwindung der Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung unterstellt
werden muss, korrekt Rechnung getragen werden. Der Beschwerdeführer leidet
nämlich nicht nur an einer Depression oder an einer somatoformen Schmerzstörung,
sondern an einer Kombination aus diesen beiden Krankheiten. Hinzu kommen diverse
Beeinträchtigungen der körperlichen Gesundheit, die im Zusammenwirken mit den
psychischen Beeinträchtigungen durchaus geeignet sind, die Arbeitsfähigkeit zu
reduzieren. Es ist deshalb plausibel, dass der Beschwerdeführer seine
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung nur zum Teil durch eine objektiv zumutbare
Willensanstrengung überwinden könnte. Entgegen der von der Beschwerdegegnerin
offenbar vertretenen Auffassung ist nämlich nicht generell jede durch eine
somatoforme Schmerzstörung oder durch eine Depression ausgelöste
Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung durch eine objektiv zumutbare Willensanstrengung
vollständig überwindbar. Vielmehr ist das Ausmass der Überwindbarkeit in jedem
Einzelfall durch den medizinischen Sachverständigen zu ermitteln. Bei der Bemessung
des zumutbaren Invalideneinkommens des Beschwerdeführers ist somit von einem
Arbeitsfähigkeitsgrad von 80% auszugehen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.4 Der Beschwerdeführer geht keiner Erwerbstätigkeit mehr nach. Sein
Invalideneinkommen ist deshalb praxisgemäss anhand eines statistischen
Durchschnittseinkommens zu ermitteln. Da das sogenannte Wartejahr im Jahr 2006
abgelaufen wäre, ist auf die vom Bundesamt für Statistik herausgegebene
Lohnstrukturerhebung 2006 abzustellen. Da der Beschwerdeführer seine verbliebene
Arbeitsfähigkeit in vielen Branchen verwerten könnte, ist auf das
Durchschnittseinkommen aller Branchen abzustellen. Der entsprechende Zentralwert
aller Hilfsarbeitereinkommen belief sich gemäss der Tabelle TA1 auf Fr. 4732.-,
umgerechnet von 40 auf den schweizerischen Durchschnitt von 41,7
Wochenarbeitsstunden Fr. 4933.10 bzw. 59'197.-. Dieser Betrag liegt über dem
Valideneinkommen für 2006 von Fr. 58'500.- und ist deshalb praxisgemäss (vgl. BGE
134 V 322 ff.) zu kürzen, indem zur Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens
nicht vom aufgewerteten Zentralwert, sondern von Fr. 58'500.- ausgegangen wird. Bei
einem dem Arbeitsfähigkeitsgrad entsprechenden Beschäftigungsgrad von 80%
resultiert ein Einkommen von Fr. 46'800.-. Der Beschwerdeführer weist insbesondere
aufgrund seiner Nachteile gegenüber gesunden Konkurrenten für einen adaptierten
Arbeitsplatz einen erheblichen indirekt krankheitsbedingten Nachteil auf. Ein
potentieller Arbeitgeber würde nämlich mit überdurchschnittlichen Krankheitsabsenzen
des Beschwerdeführers rechnen, er würde berücksichtigen, dass der
Beschwerdeführer sowohl in bezug auf die Tagesarbeitszeit (Überstunden) wie in
bezug auf den Arbeitsplatz selbst (leicht bis intermittierend mittelschwer) sehr
unflexibel ist und dass er seitens der Kollegen und der Vorgesetzten besonderer
Rücksichtnahme bedarf usw. Alle diese Nachteile stellen aus betriebswirtschaftlicher
Sicht zusätzliche Lohnkosten dar. Diesen Kostennachteil müsste der Beschwerdeführer
dadurch kompensieren, dass er seine Arbeitskraft zu einem unterdurchschnittlichen
"Preis" anbieten würde, m.a.W. sein zumutbares Invalideneinkommen liegt unter dem
auf 80% reduzierten Zentralwert aller Löhne (gesunder) Hilfsarbeiter. Die Nachteile des
Beschwerdeführers sind insbesondere aufgrund der Vielzahl von Beeinträchtigungen
der Gesundheit erheblich. Ein zusätzlicher Abzug von 15% erscheint als angemessen.
Damit resultiert ein zumutbares Invalideneinkommen von Fr. 39'780.-. Die
Erwerbseinbusse von Fr. 18'720.- entspricht einem Invaliditätsgrad von 32%. Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb im Ergebnis zu Recht einen Invalidenrentenanspruch
des Beschwerdeführers verneint.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Im Sinne der vorstehenden Ausführungen ist die Beschwerde abzuweisen. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Gerichtsgebühr bemisst sich nach dem
Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Praxisgemäss erweist sich eine
Gerichtsgebühr von Fr. 600.- als angemessen. Grundsätzlich hat der vollumfänglich
unterliegende Beschwerdeführer diese Gerichtsgebühr zu bezahlen. Da ihm aber die
unentgeltliche Prozessführung bewilligt worden ist, wird er von der Bezahlung dieser
Gerichtsgebühr befreit. Sollten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse in der Zukunft
einmal gestatten, wäre er allerdings zur Nachzahlung der Gerichtsgebühr verpflichtet
(Art. 288 Abs. 1 ZPG i.V.m. Art. 99 Abs. 2 VRP). Da der Beschwerdeführer
vollumfänglich unterliegt, hat er keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung durch
die Beschwerdegegnerin. Stattdessen hat sein Rechtsbeistand einen Anspruch auf
Deckung der Kosten der Rechtsvertretung durch den Staat. Gemäss Art. 61 lit. g ATSG
sind die Parteikosten nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit
des Prozesses zu bemessen. Diese Kriterien würden im vorliegenden Fall Parteikosten
von Fr. 3500.- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) rechtfertigen. Die
Entschädigung des unentgeltlichen Rechtsbeistandes beträgt gemäss Art. 31 Abs. 3
des st. gallischen Anwaltsgesetzes 80% dieses Betrages. Der Staat hat den
Rechtsbeistand also mit insgesamt Fr. 2800.- zu entschädigen. Auch hier gilt, dass der
Beschwerdeführer bei einer zukünftigen Verbesserung seiner wirtschaftlichen Situation
zu einer Rückzahlung verpflichtet wäre.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG