Decision ID: 943a773b-bd81-47b7-af7b-021d123fb269
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 18. Mai 2020 im Bundesasylzentrum in
B._ (BAZ) ein Asylgesuch ein. Dabei gab er an, am 8. Dezember
2004 geboren worden und daher minderjährig zu sein. Für den 9. Juni und
den 22. Juli 2020 wurden durch das SEM Erstbefragungen angesetzt.
Diese wurden jedoch abgesagt, da er zeitweise als untergetaucht galt, sich
in der (...) aufhielt oder gesundheitlich nicht in der Lage war, an der Erst-
befragung teilzunehmen.
B.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der
"Eurodac"-Datenbank ergab, dass dieser am 29. Dezember 2018 in Däne-
mark, am 28. Oktober 2019 in Schweden und am 13. Januar 2020 in den
Niederlanden ein Asylgesuch eingereicht hatte und in diesem Zusammen-
hang daktyloskopisch erfasst worden war.
C.
Im Rahmen eines Informationsaustausches im Sinne von Art. 34 der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestim-
mung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaats-
angehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags
auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufassung) (ABl. L 180/31 vom
29.6.2013; nachfolgend: Dublin-III-VO) holte die Vorinstanz aus diesen
Ländern Informationen ein. Dabei teilten die dänischen Behörden am
28. Mai 2020 und am 19. Juni 2020 mit, der Beschwerdeführer habe bei
der Einreichung seines Asylgesuchs einen anderen Namen und das Ge-
burtsdatum (...) sowie die Staatsangehörigkeit Marokko angegeben. Im
Rahmen der persönlichen Anhörung habe er erklärt, sein korrektes Ge-
burtsdatum sei der (...). Daraufhin hätten die dänischen Behörden ein me-
dizinisches Altersgutachten erstellen lassen. Gemäss Gutachten vom 30.
Januar 2019 sei er zwischen 17 und 19 Jahre alt. Die schwedischen Be-
hörden informierten das SEM am 25. Mai 2020 darüber, er habe dort den
gleichen Namen wie in der Schweiz angegeben, allerdings mit Geburtsda-
tum (...) und Staatsangehörigkeit Marokko. Die niederländischen Behör-
den teilten der Vorinstanz mit, er sei dort unter anderem Namen, mit Ge-
burtsdatum vom (...), Staat unbekannt, registriert worden. Das Asylgesuch
sei noch hängig. Ferner sei der Beschwerdeführer am 31. Dezember 2019
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in Deutschland wegen illegalen Aufenthalts aufgegriffen worden und habe
wiederum eine andere Identität angegeben.
D.
Gemäss vorinstanzlichen Akten galt der Beschwerdeführer seit dem
24. Juni 2020 als verschwunden.
E.
Mit Schreiben vom 30. Juni 2020 informierte das SEM die Rechtsvertretung
des Beschwerdeführers darüber, dass er für das weitere Verfahren als voll-
jährig betrachtet werde und beabsichtigt sei, sein Geburtsdatum im ZEMIS
von Amtes wegen auf den (...) anzupassen. Dabei wurde ihm das rechtli-
che Gehör hierzu sowie zur Zuständigkeit der Niederlande zur Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gemäss Dublin-III-VO, zum
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG sowie zur
Wegweisung in die Niederlande gewährt.
F.
In der Stellungnahme vom 3. Juli 2020 wurde im Wesentlichen ausgeführt,
der Beschwerdeführer gelte als verschwunden und es sei der Rechtsver-
tretung nicht möglich, mit ihm in Kontakt zu treten. Es könne somit keine
Stellungnahme aus dessen Sicht zu den Akten gegeben werden. Aus Sicht
der Rechtsvertretung sei anzumerken, dass sich die beabsichtigte Alters-
anpassung alleine auf die Angaben der dänischen Behörden stütze. Der
Beschwerdeführer habe nie die Gelegenheit gehabt, eine allfällige Erklä-
rung für die unterschiedlichen Personalien anzubringen. Es könne deshalb
nicht ohne Weiteres auf die Volljährigkeit geschlossen werden. Sollte eine
solche dennoch vorgenommen werden, werde neben dem Bestreitungs-
vermerk im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) der Erlass ei-
ner anfechtbaren Ziffer im Dispositiv des Asylentscheids beantragt. Weiter
wurde darauf hingewiesen, dass vorliegend eine Abschreibung des Asyge-
suchs gemäss Art. 8 Abs. 3bis AsylG angezeigt sei, da der Beschwerdefüh-
rer als verschwunden gelte. Das Bundesverwaltungsgericht habe in sei-
nem Urteil F-3339/2019 darauf hingewiesen, dass materielle Entscheide
im Falle von Personen, die während der Untersuchung untergetaucht sind,
gegen Art. 8 Abs. 3bis AsylG verstossen und als nichtig zu erachten seien.
G.
Am 5. Juli 2020 kehrte der Beschwerdeführer ins BAZ zurück.
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H.
Am 6. Juli 2020 änderte das SEM das Geburtsdatum des Beschwerdefüh-
rers im ZEMIS auf den (...) mit einem Bestreitungsvermerk.
I.
Mit Schreiben vom 8. Juli 2020 wurde die Stellungnahme vom 3. Juli 2020
ergänzt. Dabei legte der Beschwerdeführer im Wesentlichen dar, er sei mit
der Anpassung seines Geburtsdatums nicht einverstanden. Bei dieser An-
passung stütze sich das SEM primär auf ein dänisches Altersgutachten,
welches dem Schreiben zur Gewährung des rechtlichen Gehörs nur in dä-
nischer Sprache beiliege. Aufgrund fehlender Kenntnis der dänischen
Sprache sei es weder dem Beschwerdeführer noch der Rechtsvertretung
möglich, dazu Stellung zu nehmen. Das SEM werde deshalb und aufgrund
der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts aufgefordert, eine entspre-
chende Übersetzung vorzunehmen und diese zur erneuten Stellungnahme
vorzulegen. Weiter sei – ebenfalls mit Verweis auf die höchstrichterliche
Rechtsprechung – anzumerken, dass bei der vorliegend beabsichtigten Al-
tersanpassung die tangierten Rechtsgüter im Zusammenhang mit dem
Kindeswohl als hoch zu qualifizieren seien. Zudem beschlage die Frage
der Minderjährigkeit mit Blick auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO sowie der dazu
geltenden Praxis die Frage der Zuständigkeit. Ferner werde das SEM dazu
aufgefordert, den Beschwerdeführer für eine Erstbefragung vorzuladen. Es
liege offensichtlich keine schwerwiegende Pflichtverletzung vor – zwar
habe er sich im Zeitpunkt der Planung der Erstbefragung nicht im BAZ be-
funden, weshalb diese vom SEM vorsorglich abgesagt worden sei, zum
Zeitpunkt der Erstbefragung sei er jedoch wieder im BAZ gewesen, habe
aber von behördlicher Seite nie Kenntnis von der geplanten Erstbefragung
erhalten. Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass das wiederholte Ver-
schwinden des Beschwerdeführers im Rahmen seiner psychischen Belas-
tung zu interpretieren sei. Aus dem Austrittsbericht der PUK gehe hervor,
dass bei ihm eine Anpassungsstörung mit Verdacht auf Posttraumatische
Belastungsstörung (PTBS) sowie Verdacht auf Psychische Störungen und
Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika diagnostiziert werde.
Er sei aktuell in ambulanter Behandlung in der (...). Zu einer allfälligen
Durchführung des Asylverfahrens in den Niederlanden wurde festgehalten,
er wolle nicht zurück, er sei nur zwei Wochen dort gewesen. Ausserdem
sei er minderjährig, weshalb er nicht zurückgeschickt werden könne.
J.
Am 16. Juli 2020 lehnten die niederländischen Behörden ein an sie gerich-
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tetes Übernahmeersuchen des SEM ab mit der Begründung, der Be-
schwerdeführer sei in den Niederlanden als Minderjähriger registriert. Die
Schweizer Behörden hätten weder mit Dokumenten noch mit einem Alters-
gutachten die Volljährigkeit beweisen können. Die Tatsache, dass er in un-
terschiedlichen Dublin-Staaten widersprüchliche Angaben zu seinem Alter
gemacht habe, stelle keinen rechtsgenüglichen Beweis für die Volljährig-
keit dar.
K.
Mit Eingabe vom 21. Juli 2020 machte die Rechtsvertreterin auf den psy-
chischen Zustand des Beschwerdeführers aufmerksam und stellte fest, es
sei fraglich, ob dieser im aktuellen Zustand vernehmungsfähig sei. Er sei
unangemeldet bei der Rechtsvertreterin aufgetaucht und habe erzählt,
dass er vor wenigen Tagen erfahren habe, dass seine Mutter und sein Bru-
der einen Tag zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen seien. Er
habe lange geweint. Er habe mehrmals wiederholt, er stehe unter grossem
Stress und habe ein Chaos im Kopf. Er sei in diesem Zustand zu durchei-
nander, um anlässlich eines Interviews Auskunft zu geben. Gemäss Aus-
trittsbericht der (...) habe die Diagnostik nicht abgeschlossen werden kön-
nen, weshalb als weiteres Prozedere eine differentialdiagnostische Abklä-
rung mit Übersetzungshilfe empfohlen worden sei. Auch eine ambulante
psychiatrische Behandlung sei angeregt worden. Der Beschwerdeführer
befinde sich aktuell in ambulanter Behandlung bei C._, allerdings
würden derzeit noch keine Behandlungsberichte vorliegen. Das SEM ver-
schob daraufhin den Befragungstermin um eine Woche.
L.
Am 27. Juli 2020 wandte sich die Rechtsvertreterin erneut an die Vo-
rinstanz und informierte darüber, dass sich im letzten Gespräch mit dem
Beschwerdeführer Hinweise auf Menschenhandel ergeben hätten. Er habe
erwähnt, als Kind in Algerien von einem Drogenring als Kurier angeworben
worden zu sein. In Europa habe er ebenfalls im Drogenhandel gearbeitet.
In Dänemark sei er ein Jahr im Gefängnis gewesen. Zwischenzeitlich habe
er den Kontakt zu den Tätern abbrechen können, jedoch hätten ihn diese
wiedergefunden, unter Drogen gesetzt und Sex-Videos mit ihm gedreht. In
Dänemark habe er Kontakt zu Leuten gehabt, die sich um Opfer von Men-
schenhandel gekümmert hätten. Der Beschwerdeführer sei auf seinen
Wunsch hin mit der Fraueninformationszentrale (FIZ) vernetzt worden. Er
sei derzeit sehr labil. Wenn es ihm schlecht gehe, nehme er Termine jeweils
nicht wahr.
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M.
Gemäss ärztlichem Bericht vom 24. Juli 2020 wurde beim Beschwerdefüh-
rer eine Anpassungsstörung, eine Posttraumatische Belastungsstörung
sowie eine psychische Störung und Verhaltensstörung durch Sedativa oder
Hypnotika, Schädlicher Gebrauch, diagnostiziert.
N.
Am 6. August 2020 ersuchte das SEM die niederländischen Behörden un-
ter Beilage des dänischen Altersgutachtens mit deutscher Übersetzung um
erneute Prüfung betreffend Übernahme des Beschwerdeführers. Dies
wurde damit begründet, dass dieser gemäss dänischem Altersgutachten
bei seiner Gesuchstellung in der Schweiz bereits über 18 Jahre alt gewe-
sen sei. Das in den Niederlanden registrierte Geburtsdatum könne mit dem
Altersgutachten nicht vereinbart werden. In der Folge hiessen die nieder-
ländischen Behörden am 13. August 2020 das Ersuchen gut.
O.
Am 18. August 2020 bestätigten die dänischen Behörden, dass der Be-
schwerdeführer in Dänemark als Opfer von Menschenhandel angesehen
werde.
P.
Am 24. August 2020 wurde eine Anhörung Menschenhandel durchgeführt.
Jedoch war der Beschwerdeführer aufgrund seines schlechten psychi-
schen Zustands nicht in der Lage und willig, Auskunft zu geben. Es wurde
eine Anhörung zwei Wochen später vereinbart.
Q.
Mit Eingabe vom 14. September 2020 erklärte die Rechtsvertreterin des
Beschwerdeführers, nachdem die Nachbefragung am 24. August 2020
nicht habe durchgeführt werden können, sehe sie sich zu einigen Ausfüh-
rungen veranlasst, und reichte einen Bericht des Danish Center against
Human Trafficking betreffend den Beschwerdeführer vom Juli 2019 und
eine Bestätigung des Verdachts auf Menschenhandel durch den Einwan-
derungsdienst des Dänischen Ministeriums für Einwanderung und Integra-
tion vom 24. Juli 2019 als Beweismittel zu den Akten. Vor dem Hintergrund
dieser Dokumente sei in Bezug auf die abgebrochene Befragung anzumer-
ken, dass der Beschwerdeführer gegenüber der Rechtsvertretung schon
im Vorfeld des Interviews gesagt habe, er sei nicht bereit, über das Erlebte
zu sprechen, es sei ihm alles zu viel und er habe ein Durcheinander im
Kopf. Er ertrage es nicht, über seine Erlebnisse zu berichten, dabei müsse
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er immer Weinen und im Nachgang dazu gehe es ihm während mehrerer
Tage sehr schlecht. Die Rechtsvertretung habe ihn dennoch dazu angehal-
ten, am Interview teilzunehmen, um einen Aktenentscheid zu vermeiden.
Anlässlich der Befragung sei die schlechte psychische Verfassung sehr
deutlich geworden. Seitens des SEM sei vorgeschlagen worden, sie zu
verschieben und im Beisein der Psychiaterin durchzuführen. Aus Sicht der
Rechtsvertreterin sei der Vorschlag des Beschwerdeführers, ihm mehr Zeit
zu geben, für sich alleine genommen nicht zielführend. Dieser versuche
sich – nachvollziehbarerweise – der erneuten Konfrontation mit der Ver-
gangenheit zu entziehen. Er habe seine schlimmen Erfahrungen nicht ver-
arbeitet und es sei davon auszugehen, dass es für ihn retraumatisierend
sei, erneut über diese zu berichten. Nach Ansicht der Rechtsvertretung sei
daher für die erfolgreiche Durchführung eines Interviews unabdingbar,
dass bei ihm zuerst die psychiatrische Diagnostik abgeschlossen und eine
anschliessende Behandlung und Stabilisierung abgewartet werde. Dies sei
bisher noch nicht geschehen. Der Beschwerdeführer habe nur zwei der
fünf angesetzten Termine mit seiner behandelnden Ärztin wahrgenommen
und sich dieser gegenüber noch nicht geöffnet in Bezug auf seine Vorbrin-
gen im Zusammenhang mit Menschenhandel. Ausserdem werde es vo-
raussichtlich gemäss behandelnder Ärztin zu einem Wechsel zu einer Kol-
legin kommen, woraufhin ein erneuter Vertrauensaufbau stattfinden
müsste. Der Beschwerdeführer sei nach Erfahrung der Rechtsvertretung
sehr misstrauisch und brauche lange, um sich zu öffnen. Für sie zeige das
Verhalten des Beschwerdeführers, dass er aktuell nicht in der Lage sei,
nach seinen eigenen Interessen zu handeln und diese zu wahren. In Bezug
auf die Mitwirkungspflicht, welcher er im Asylverfahren unterliege, sei es
relevant zu wissen, inwiefern sein Verhalten durch seine psychische Krank-
heit bedingt und damit entschuldbar sei. Zudem wäre es wichtig zu wissen,
ob und welche zusätzliche Unterstützung er benötige, um seinen Pflichten
nachzukommen und inwieweit er überhaupt aussagefähig sei. Weitere
Massnahmen seitens des SEM, welche der Stabilisierung des Beschwer-
deführers dienten, wären wünschenswert. So wäre mit Blick auf die noch
nicht rechtskräftig festgestellte und von ihm bestrittene Volljährigkeit in Be-
tracht zu ziehen, ihn zumindest im BAZ wieder durch die für die unbeglei-
teten minderjährigen Asylsuchenden zuständigen Sozialpädagogen unter-
stützen und betreuen zu lassen.
R.
Am 16. September 2020 wurde die Anhörung Menschenhandel durchge-
führt. Dabei machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen geltend, er sei
im Alter von sechs Jahren in die Schule gekommen, habe aber nur die erste
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Klasse besucht. Einige Monate später, im Jahr 2011, habe er Algerien ver-
lassen und sei nach Marokko gegangen. Dort habe er nach ungefähr zwei
Wochen Probleme bekommen und sei nach Spanien gereist, wo er bis
2014 oder 2015 geblieben sei. Von Spanien aus sei er nach Frankreich,
Deutschland, Dänemark, Schweden, Holland, Belgien, wieder nach Spa-
nien und dann in die Schweiz gegangen. Diese Reisen seien von einer
Gruppe von Leuten organisiert worden. Er wolle seine Geschichte nicht
noch einmal erzählen, alle Dokumente könnten von seiner Rechtsvertrete-
rin in Dänemark eingeholt werden, er wolle eine entsprechende Vollmacht
zur Akteneinsicht und Schweigepflichtentbindung unterschreiben. Er wün-
sche sich, dass ihm jemand helfe, dass ihm jemand zur Seite stehe. Er
habe zwar überall unterschiedliche Identitäten angegeben, aber die Ge-
schichte, die er erzählt habe, stimme. Er habe seine richtige Identität nir-
gends angeben wollen, weil er kleine Geschwister habe um die er Angst
habe. In der Schweiz habe er fast alles richtig gesagt. Es sei in Europa
immer so, dass man ihn befrage aber ihn nachher wegschicke. Er entschul-
dige sich für sein Verhalten und bedanke sich für die Mühe und die Zeit,
die man sich für ihn nehme. Wenn man ihn zurück nach Hause schicke,
bedeute das für ihn tägliches Leiden. Er sei krank und könne im Moment
keine weiteren Fragen beantworten, vielleicht sei dies zu einem späteren
Zeitpunkt möglich. Die Anhörung musste schliesslich abgebrochen wer-
den, da der Beschwerdeführer nicht mehr bereit und in der Lage war, auf
die Fragen zu antworten.
S.
Am 23. September 2020 gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer
schriftlich das erweiterte rechtliche Gehör und stellte verschiedene Fragen
zu dessen Identität, zu seinen Asylgesuchen in anderen europäischen Län-
dern sowie zu seinen Vorbringen im Zusammenhang mit Menschenhandel.
T.
Mit Stellungnahme zum rechtlichen Gehör vom 30. September 2020 legte
die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers dar, es sei ihr nicht möglich
gewesen, mit diesem in Kontakt zu treten, weshalb keine Stellungnahme
zu den Akten gegeben werden könne. Vorliegend sei eine Abschreibung
gemäss Art. 8 Abs. 3bis AsylG angezeigt, da der Beschwerdeführer seit dem
22. September 2020 aus dem BAZ verschwunden sei. Ferner werde darauf
hingewiesen, dass der Fall nicht entscheidreif sei, da der relevante Sach-
verhalt – wie im Schreiben des SEM vom 23. September 2020 richtiger-
weise ausdrücklich festgehalten – nicht erstellt sei.
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U.
Mit Schreiben vom 1. Oktober 2020 informierte das SEM den Beschwer-
deführer über die Einräumung einer Erholungs- und Bedenkzeit. Dabei
wurde festgehalten, er werde als potenzielles Opfer einer Straftat im Zu-
sammenhang mit Menschenhandel nach Art. 4 Bst. a des Übereinkom-
mens vom 16. Mai 2005 zur Bekämpfung des Menschenhandels (SR
0.311.543) erkannt. Das SEM werde den zuständigen Strafverfolgungsbe-
hörden seinen Fall melden und ihnen sein Dossier übermitteln. Dies
komme jedoch nicht der Einreichung einer Strafanzeige gleich. Ihm werde
eine Erholungs- und Bedenkzeit von 30 Tagen vom 2. Oktober 2020 bis
zum 2. November 2020 eingeräumt. Am Ende dieser Erholungs- und Be-
denkzeit sei der Beschwerdeführer gebeten mitzuteilen, ob er zur Zusam-
menarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden bereit sei. Falls er dies nicht
wünsche, werde er nicht durch die Strafverfolgungsbehörden kontaktiert.
Das Strafverfahren laufe unabhängig vom Asylverfahren. Ferner werde er
darüber informiert, dass er während des gesamten Aufenthalts in der
Schweiz unter dem Schutz der Schweizer Behörden stehe.
V.
Mit Mitteilung vom 20. Oktober 2020 teilte das SEM mit, da er seit dem
22. September 2020 als kontinuierlich verschwunden gelte, werde davon
ausgegangen, dass er de facto auf implizite und stillschweigende Weise
auf die zurzeit laufende Erholungs- und Bedenkzeit verzichte. Ferner
werde davon ausgegangen, dass er zur Zusammenarbeit mit den Behör-
den nicht bereit sei.
W.
Am 29. Oktober 2020 informierte das Bundesamt für Polizei die Vorinstanz
darüber, dass im Moment keine weiteren Schritte eingeleitet würden, da
der Beschwerdeführer nicht mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen-
arbeiten wolle und er keine genauen Angaben zur Täterschaft und zum
Tatort machen könne. Es stehe ihm aber jederzeit zu, sich bei der zustän-
digen Kantonspolizei als Opfer von Menschenhandel zu konstituieren. Wei-
ter wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer sei in verschiedenen Kanto-
nen strafrechtlich verzeichnet, wegen Diebstahl, Raub, Taschendiebstahl,
Entreissdiebstahl und Hausfriedensbruch. In Deutschland sei er ferner in
diversen Bundesländern wegen Diebstählen, Schwarzfahren, Bandendieb-
stahl und Erschleichen von Leistungen verzeichnet.
X.
In ihrer Stellungnahme vom 4. November 2020 legte die Rechtsvertreterin
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im Wesentlichen dar, eine Erholungs- und Bedenkfrist, von welcher der Be-
günstigte keinerlei Kenntnis habe wie in casu, verfehle ihren Zweck. Auch
könne eine Person auf etwas, wovon sie keine Kenntnis habe, nicht ver-
zichten – schon gar nicht implizit oder stillschweigend.
Y.
Mit Verfügung vom 9. November 2020 trat das SEM auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Wegweisung in die Nie-
derlande. Ferner wurden die Personalien des Beschwerdeführers gemäss
ZEMIS festgehalten, mit Bestreitungsvermerk.
Z.
Mit Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht vom 17. November 2020
wurde beantragt, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, das SEM
sei anzuweisen, das Asylverfahren des Beschwerdeführers abzuschrei-
ben, der vorliegenden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu ge-
währen und die Vorinstanz und die Vollzugsbehörden seien im Rahmen
von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Ent-
scheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlun-
gen abzusehen. In prozessualer Hinsicht wurde die Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf Erhebung eines Kosten-
vorschusses beantragt.
AA.
Am 18. November 2020 verfügte die Instruktionsrichterin per sofort die
einstweilige Aussetzung des Vollzugs der Überstellung.
BB.
Mit Instruktionsverfügung vom 4. Dezember 2020 wurde der Beschwerde
die aufschiebende Wirkung zuerkannt und das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen sowie auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses verzichtet.
CC.
Am 1. März 2021 informierte die Rechtsvertreterin darüber, dass der Auf-
enthaltsort des Beschwerdeführers wieder bekannt sei; dieser befinde sich
in der Schweiz in Haft. Ein Kontakt solle zeitnah stattfinden und es werde
darum ersucht, mit dem Urteil zuzuwarten, bis eine allfällige Beschwerde-
ergänzung eingereicht werden könne.
DD.
Mit Beschwerdeergänzung vom 17. Mai 2021 wurde beantragt, aufgrund
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der veränderten Ausgangslage sei die Sache zur vollständigen Feststel-
lung des Sachverhaltes an die Vorinstanz zurückzuweisen.
EE.
Am 4. Juni 2021 wurde eine Bestätigung der Vernetzung des Beschwerde-
führers mit der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) vom
18. Mai 2021 zu den Akten gereicht.
FF.
Am 7. September 2021 verurteilte das Bezirksgericht Bülach den Be-
schwerdeführer zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten und verfügte eine
Landesverweisung für sieben Jahre. Gegen diesen Entscheid legte der Be-
schwerdeführer beim Obergericht des Kantons Zürich Berufung ein.
GG.
Mit Vernehmlassung vom 19. Oktober 2021 hielt die Vorinstanz vollumfäng-
lich an ihren Erwägungen fest. Am 23. November 2021 machte der Be-
schwerdeführer von seinem Replikrecht Gebrauch.
HH.
Mit Beschluss vom 25. Mai 2022 hielt das Obergericht des Kantons Zürich,
I. Strafkammer, fest, das Berufungsverfahren betreffend den Beschwerde-
führer werde bis zum Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts sistiert
und dieses werde ersucht, den begründeten Entscheid dem Obergericht
zuzustellen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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Seite 12
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Zum Zeitpunkt
der Beschwerdeerhebung war er zwar unbekannten Aufenthalts und die
Rechtsvertretung hatte keinen Kontakt zu ihm, weshalb zu diesem Zeit-
punkt kein aktuelles Rechtsschutzinteresse bestand. Aufgrund von Koordi-
nationsbedarf am Gericht betreffend diese Frage wurde die Beschwerde
jedoch als nicht aussichtslos betrachtet (vgl. Instruktionsverfügung vom
4. Dezember 2020). Nachdem der Aufenthaltsort des Beschwerdeführers
aber seit dem 1. März 2021 (und damit vor dem Entscheid des Gerichts in
dieser Sache, vgl. BVGE 2021 VI/2) wieder bekannt war und die Rechts-
vertretung nach Kontaktaufnahme mit ihm am 17. Mai 2021 eine Be-
schwerdeverbesserung eingereicht hat, ist sein Rechtsschutzinteresse ab
diesem und zum aktuellen Zeitpunkt als gegeben zu betrachten.
1.4 Auf die Beschwerde ist nach dem Gesagten einzutreten.
2.
Der Verfügung des SEM vom 9. November 2020 liegt eine mangelhafte
beziehungsweise unvollständige Rechtsmittelbelehrung zugrunde, beträgt
doch die Rechtsmittelfrist in Verfahren betreffend Datenänderung im
ZEMIS (Dispositiv-Ziffer 4 der angefochtenen Verfügung) 30 Tage (Art. 50
Abs. 1 VwVG). In diesem Sinne liegt eine fehlerhafte Eröffnung vor. Vorlie-
gend hat dies jedoch keine Folgen, bewirkte doch die falsche Rechtsmit-
telbelehrung keine Rechtsnachteile für den Beschwerdeführer, zumal er
den ZEMIS-Eintrag mittels Beschwerde anfechten konnte und seit seiner
Beschwerdeeingabe genügend Zeit hatte, Ergänzungen einzureichen (vgl.
Urteil des BVGer F-5170/2020 vom 16. März 2021, vgl. zum Ganzen UHL-
MANN/SCHILLING-SCHWANK, in: Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art.
38 N 22 f.).
3.
3.1 Die vorliegende Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichtein-
tretensentscheid betreffend das Asylgesuch als auch gegen die ZEMIS-
Eintragung.
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Seite 13
3.2 Mit Beschwerde kann in Bezug auf den Nichteintretensentscheid die
Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich Missbrauch und Überschrei-
ten des Ermessens) sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.3 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.4 Hinsichtlich der ZEMIS-Berichtigung entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht mit uneingeschränkter Kognition (Art. 49 VwVG).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
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Seite 14
4.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder einen Staatenlosen, der seinen Antrag
während der Antragsprüfung zurückgezogen und in einem anderen Mit-
gliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich ohne Aufenthaltstitel im
Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält, nach Massgabe der
Artikel 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. c Dublin-III-VO).
Diese Verpflichtung erlischt, wenn der Gesuchsteller oder eine andere Per-
son gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c oder d Dublin-III-VO das Herrschaftsge-
biet der Mitgliedstaaten während einer Dauer von mindestens drei Mona-
ten verlassen hat, ausser die Person verfüge über einen durch den zustän-
digen Mitgliedstaat ausgestellten Aufenthaltstitel (vgl. Art. 19 Abs. 2 Dublin-
III-VO).
4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht).
4.5 Gemäss Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO ist im Falle eines unbegleiteten
Minderjährigen ohne familiäre Anknüpfungspunkte (zu einem anderen
Mitgliedstaat) der Staat zuständig, in welchem er seinen Antrag gestellt hat.
Diese Bestimmung würde eine vorrangige Zuständigkeit der Schweiz be-
gründen (Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO), da nach der genannten Bestimmung
von Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO unbegleitete Minderjährige von Wiederauf-
nahmeverfahren ausgenommen sind (vgl. ULRICH KOEHLER, Praxiskom-
mentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem, Berlin 2018, N. 33 zu
Artikel 8).
5.
5.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (SR 142.513;
ZEMIS-Verordnung) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord-
nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren
D-5756/2020
Seite 15
Auskunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Infor-
mationen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personen-
daten, nach dem Datenschutzgesetz (DSG, SR 235.1) und dem VwVG.
5.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundes-
organen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen,
dass unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m.
Art. 25 Abs. 3 Bst. a DSG). Ist die Unrichtigkeit erstellt, besteht ein unein-
geschränkter Anspruch auf Berichtigung (vgl. statt vieler Urteil des BVGer
A-7615/2016 vom 30. Januar 2018 E. 3.2, m.w.H.).
5.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be-
streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen (vgl. Urteil des BGer 1C_240/2012 vom 13. August
2012 E. 3.1; BVGE 2013/30 E. 4.1). Nach den massgeblichen Beweis-
regeln des VwVG gilt eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung
sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen
Zweifel bleiben; unumstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich.
6.
6.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung im Wesentlichen
an, die niederländischen Behörden hätten das Ersuchen des SEM um die
Übernahme des Beschwerdeführers gutgeheissen, weshalb die Zuständig-
keit für die Durchführung des Asylverfahrens bei den Niederlanden liege.
Zwar habe der Beschwerdeführer seine Minderjährigkeit geltend gemacht.
Allerdings habe er keine Identitätspapiere eingereicht, welche diese bestä-
tigen würden. Ferner seien seine Angaben zum Geburtsdatum und Alter
oberflächlich ausgefallen, weshalb insgesamt Zweifel an der Glaubhaf-
tigkeit seiner Angaben bestehen würden. Auch habe er in anderen Dublin-
Staaten unterschiedliche Geburtsdaten angegeben. Auf die direkte Frage,
welches denn nun sein richtiges Geburtsdatum sei, habe er geantwortet,
er werde keine weiteren Fragen beantworten. Sein Geburtsschein werde
von seiner Grossmutter aus Algerien in die Schweiz geschickt und in der
Folge eingereicht. Allerdings sei dieser nie beim SEM eingegangen. Auf-
grund des in Dänemark am 30. Januar 2019 durchgeführten Altersgutach-
tens sei er ferner zu diesem Zeitpunkt zwischen 17 und 19 Jahren alt ge-
wesen. Daraus lasse sich schliessen, dass er bei seiner Einreise in die
Schweiz volljährig gewesen sei. Die geltend gemachte Minderjährigkeit
habe somit weder glaubhaft gemacht noch belegt werden können. Seine
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Seite 16
Ausführungen zur Zuständigkeit der Niederlande, er habe sich nur kurz dort
aufgehalten und habe kein Asylgesuch stellen wollen, sondern sei dazu
gezwungen worden, seien sodann nicht geeignet, die Zuständigkeit dieses
Landes zur Durchführung seines weiteren Verfahrens zu widerlegen. Fer-
ner gebe es keine wesentlichen Gründe für die Annahme, dass das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in den Nieder-
landen Schwachstellen aufweisen würden, welche eine Gefahr einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der
Charta der Grundrechte der Europäischen Union und Art. 3 EMRK mit sich
bringen würden. Zu seiner Angst, er könne den Tätern nie entkommen und
diese könnten seiner Schwester Schaden zufügen, sei darauf hinzuweisen,
dass die Niederlande ein Rechtsstaat seien, welcher über eine funktionie-
rende Polizeibehörde verfüge, die sowohl als schutzwillig wie auch als
schutzfähig gelte. Sollte er sich also vor Übergriffen durch die mutmassli-
chen Täter fürchten oder sogar solche erleiden, könne er sich an die zu-
ständigen staatlichen Stellen wenden. Nach seiner Rückführung in die Nie-
derlande könne er bei der zuständigen niederländischen Polizeistelle eine
Strafanzeige einreichen, um die beschriebene Ausbeutungssituation zu de-
klarieren. Dort würden auch diverse Organisationen existieren, die sich Op-
fern von Menschenhandel widmen würden und ihn unterstützen könnten.
Ferner hätten die Niederlande das Übereinkommen zur Bekämpfung von
Menschenhandel ratifiziert. Das SEM gehe nicht davon aus, dass er bei
einer Überstellung in die Niederlande gravierenden Menschenrechtsverlet-
zungen ausgesetzt würde, in eine existenzielle Notlage geraten oder ohne
Prüfung seines Asylgesuchs in sein Heimat- oder Herkunftsland überstellt
werde. Zudem würden dort keine systemischen Mängel im Asyl- und Auf-
nahmesystem vorliegen. Auch ein Selbsteintritt aufgrund Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO sei vorliegend nicht angezeigt. Zu seinem gesundheitlichen
Zustand, insbesondere zu seinen psychischen Diagnosen und den Ausfüh-
rungen der Rechtsvertretung, sei festzuhalten, dass die Niederlande über
eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfüge und verpflichtet sei,
ihm die erforderliche medizinische Versorgung zu gewähren. Die dem SEM
vorliegenden ärztlichen Berichte liessen nicht darauf schliessen, dass er
gesundheitliche Probleme von einer derartigen Schwere habe, dass eine
adäquate Behandelbarkeit in den Niederlanden nicht gegeben wäre oder
die ernsthafte Gefahr bestehen würde, dass er bei einer Rückschaffung
einer rapiden und irreversiblen Verschlechterung seines Gesundheitszu-
standes, verbunden mit übermässigem Leiden oder einer bedeutenden
Verkürzung der Lebenserwartung ausgesetzt wäre. Es würden keine aus-
reichend begründeten Hinweise für die Annahme vorliegen, dass ihm bei
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Seite 17
einer Rückkehr in den Niederlanden eine unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK drohe. Konkrete Anhalts-
punkte, dass er dort Opfer eines Re-Trafficking werden könnte, seien den
Akten ebenfalls nicht zu entnehmen. Im Hinblick auf seinen gesundheitli-
chen Zustand und seine Anerkennung als potenzielles Opfer von Men-
schenhandel gebe es somit keinen Grund zur Annahme, dass eine Über-
stellung einen Verstoss gegen Art. 3 und 4 EMRK bedeuten würde. Folglich
bestehe keine Verpflichtung, die Souveränitätsklausel anzuwenden. Im
Weiteren erachte das SEM den medizinischen Sachverhalt als hinreichend
erstellt, um die Zulässigkeit einer Wegweisung in die Niederlande bestäti-
gen zu können und um festzustellen, dass auch keine ausreichenden
Gründe für die Anwendung von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) vorliegen würden. Eine differential-
diagnostische Abklärung wie vom Beschwerdeführer beantragt sehe das
SEM als nicht notwendig. Da somit die Niederlande für sein weiteres Ver-
fahren zuständig sei und die Schweiz die Souveränitätsklausel nicht an-
wende, trete das SEM auf sein Asylgesuch nicht ein.
6.2 Dem wurde in der Beschwerde und in der Beschwerdeverbesserung
entgegengesetzt, die Anpassung des Geburtsdatums basiere auf einem
Altersgutachten aus Dänemark, welches nach dem Zweisäulenprinzip er-
stellt worden sei. Das Schlüsselbein sei zur Schätzung des Knochenalters
– anders als in der Schweiz – nicht miteinbezogen worden. Zudem stütze
sich die Annahme der Volljährigkeit auf das wahrscheinlichste Alter gemäss
diesem Altersgutachten. In Dänemark sei aufgrund des Altersgutachtens
das vom Beschwerdeführer angegebene Geburtsdatum vom 10. Mai 2002
belassen worden, die Vorinstanz aber setze das Geburtsdatum gestützt auf
dasselbe Altersgutachten auf den 1. Januar 2002 fest. Erst dadurch seien
die Niederlande – wo der Beschwerdeführer einen Eurodac-Hit vom 13.
Januar 2020 aufweise – zuständig, da er beim Zeitpunkt des Asylgesuchs
dort demgemäss volljährig gewesen sei. Dieses Vorgehen werfe Fragen
auf. Weiter wurde darauf hingewiesen, dass das SEM anstatt den Schutz
des Beschwerdeführers im Sinne des Übereinkommens zur Bekämpfung
des Menschenhandels, als Ziel einzig den Abschluss des Dublin-Verfah-
rens vor Augen habe. Dies spiele den Menschenhändlern in die Hände und
höhle das Übereinkommen aus. Die 30-tägige Bedenk- und Erholungszeit
zu einem Zeitpunkt anzusetzen, als der Beschwerdeführer längst ver-
schwunden war, damit die entsprechenden Voraussetzungen für einen
Nichteintretensentscheid erfüllt seien, sei geradezu zynisch. Schliesslich
zeige bereits das am 23. September 2020 durch die Vorinstanz gewährte
umfangreiche rechtliche Gehör mit 32 Fragen deutlich die unvollständige
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Seite 18
Erstellung des rechtserheblichen Sachverhalts im Entscheidzeitpunkt auf.
Ferner wurde anlässlich der Beschwerdeergänzung neu geltend gemacht,
dass der Beschwerdeführer auch während seines Asylverfahrens in der
Schweiz im Jahr 2020 Täterkontakte gehabt habe. So habe er der Rechts-
vertreterin gesagt, egal, wo er hingehe, und unbesehen davon, wie oft er
seine Telefonnummer und sein Facebook-Profil wechsle, gelinge es den
Tätern immer, ihn zu finden. Er bekomme jeweils einen Anruf und jemand
sage, sein «Freund» wolle ihn sprechen. Die Täter hätten ihn bereits in
Dänemark aufgespürt und auch in Schweden. Zirka im August 2020 sei er
von ihnen auch in der Schweiz kontaktiert worden. Die Täter würden je-
weils Geld von ihm verlangen und drohen, seiner kleinen Schwester in der
Heimat etwas anzutun. Da er kein Geld habe und keine Möglichkeit, Geld
zu verdienen, bleibe ihm nur zu stehlen, um die Forderungen der Täter zu
erfüllen. Für den Beschwerdeführer sei die Geheimhaltung seiner Identität
eine Art Lebensversicherung: wenn ihn niemand schützen könne oder
wolle, so könne man ihn zumindest nicht in die Heimat schicken, wenn man
nicht wisse, wer er sei. In der Heimat befürchte er unter anderem, aufgrund
von «Dingen», die ihm die Menschenhändler angetan hätten, qualvoll ge-
tötet zu werden, weil diese «Dinge» im Islam verboten («haram») seien.
Da ihm in Dänemark von seiner Rechtsvertreterin, die ihn sehr unterstützt
habe, geraten worden sei, seine Identität offenzulegen um bessere Chan-
cen im Asylverfahren zu haben, habe er Angst bekommen und Dänemark
verlassen. In Schweden sei es ihm sehr gut gegangen, allerdings hätten
die Täter ihn auch dort aufgespürt, weshalb er keine andere Möglichkeit
gesehen habe, als auch Schweden zu verlassen. Erst anlässlich der drei
Besprechungen im Gefängnis im März und Mai 2021 sei der Beschwerde-
führer in der Lage gewesen, der Rechtsvertreterin einen kohärenten Über-
blick über seine Erlebnisse zu geben. Er sei aktuell im Gefängnis in einem
viel besseren Zustand als davor im BAZ. Seine Sprache und sein Blick
seien klar, seine Erzählungen zusammenhängend, er wirke ausgeruht, fast
entspannt. Darauf angesprochen habe er erklärt, im Gefängnis würde ihm
zwar die Freiheit fehlen, aber er fühle sich sicher. Der stete Druck und die
Angst vor den Tätern würden wegfallen. Auch habe er einen Alltag, könne
arbeiten und sogar etwas Geld zur Seite legen. Der Gefängnispsychiater
habe ihm Lyrica in hoher Dosierung verschrieben. So könne er leben.
Nachts habe er aber dennoch Albträume. Ferner habe eine Vernetzung mit
der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) und ein erstes Ge-
spräch mit dieser stattgefunden. Allerdings werde es einige Zeit in An-
spruch nehmen, bis ein Vertrauensaufbau stattfinden und ein Bericht vor-
gelegt werden könne. Der Beschwerdeführer wäre früher im Verfahren auf
eine Erholungs- und Bedenkzeit in einem geschützten Setting angewiesen
D-5756/2020
Seite 19
gewesen. Durch die verspätete Ansetzung, welche lediglich pro forma er-
folgt sei, sei ihm die Chance genommen worden, sich zu stabilisieren und
genügend Vertrauen in die Behörden und sein neues Umfeld zu gewinnen.
Bei einer Rückweisung des Verfahrens sei die Vorinstanz aufzufordern, ei-
nen Selbsteintritt ernsthaft zu prüfen. Eine Überstellung in die Niederlande
erhöhe die Re-Traffickinggefahr in grossem Ausmass. Der Beschwerdefüh-
rer sei – ungeachtet dessen, von welchem Geburtsdatum ausgegangen
werde – als Minderjähriger Opfer von massivem Menschenhandel gewor-
den. Daher seien auch bei einer allfälligen Altersanpassung seine Rechte
aus dem Übereinkommen zur Bekämpfung des Menschenhandels zu wah-
ren. Art. 3 desselben halte diesbezüglich fest, dass, wenn das Alter des
Opfers nicht bekannt sei und Anlass zur Annahme bestehe, dass es sich
beim Opfer um ein Kind handle, es als Kind zu betrachten sei und ihm bis
zur Feststellung seines Alters besondere Schutzmassnahmen zu gewäh-
ren seien. Eine Altersanpassung sei in solchen Fällen nur mit äusserster
Zurückhaltung empfohlen. Vorliegend entspreche das verwendete Alters-
gutachten nicht dem Schweizer Standard. Zudem stütze sich die Annahme
der Volljährigkeit auf das wahrscheinlichste Alter; das Konzept des wahr-
scheinlichsten Alters sei durch die Gutachter des IRM St. Gallen erst kürz-
lich als unwissenschaftlich verworfen worden und werde seither nicht mehr
verwendet. Es wäre deshalb angebracht, das dänische Altersgutachten
dem IRM St. Gallen zur Stellungnahme zu unterbreiten, damit beurteilt wer-
den könne, wie dieses aus wissenschaftlicher Sicht zu werten sei und zu
welcher Schlussfolgerung man anhand der dort erhobenen Daten gelange.
Der Sachverhalt sei demnach auch im Alterspunkt unvollständig erstellt. Es
werde beantragt, die Sache zur vollständigen Erstellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes an die Vorinstanz zurückzuweisen. Insbesondere
seien ihm dabei die Rechte zu gewähren, welche ihm als Opfer von Men-
schenhandel zustehen würden. Des Weiteren sei die Vorinstanz aufzufor-
dern, die erfolgte Altersanpassung zu überprüfen. Ebenfalls sei sie aufzu-
fordern, unter Berücksichtigung der geschilderten Täterkontakte in der
Schweiz und der vorhandenen Re-Traffickinggefahr die Möglichkeit eines
Selbsteintrittes vertieft zu prüfen.
6.3 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, sie
habe aufgrund der wiederholten Abwesenheiten des Beschwerdeführers
während längerer Zeit keine Befragung zu seiner Person und keine Anhö-
rung durchführen können. Zwei Anhörungen hätten abgebrochen werden
müssen, weil er die Fragen nicht mehr habe beantworten wollen. Ferner
habe er angegeben, er sei der arabischen Sprache nicht mächtig, obwohl
er bei der Einreise diese Sprache als Muttersprache angegeben habe, und
D-5756/2020
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geltend gemacht, er könne nicht viel erzählen, er habe Vieles vergessen.
Auch unter Berücksichtigung der damaligen gesundheitlichen Verfassung
sei von ihm zu erwarten gewesen, dass er zumindest die Grundfragestel-
lungen hätte beantworten können. Dem SEM dürfe keine Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes vorgeworfen werden, wenn es mehrmals ver-
sucht habe, Gespräche durchzuführen, der Beschwerdeführer aber teil-
weise nicht gewillt gewesen sei, die Fragen zu beantworten. Es erachte
seine Pflicht, den rechtsrelevanten Sachverhalt zu eruieren, als erfüllt. Der
Beschwerdeführer habe mehrmals Gelegenheit erhalten, ausführlich auf
die Fragen des SEM einzugehen, habe diese jedoch nicht wahrgenom-
men. Sein teilweise selbstverschuldetes fehlendes Mitwirken sei trotz sei-
ner gesundheitlichen Beschwerden als Verletzung seiner Mitwirkungs-
pflicht zu subsumieren. Betreffend Alter wurde festgehalten, entgegen den
Ausführungen in der Beschwerde sei das Altersgutachten aus Dänemark
nicht ausschlaggebend gewesen für die Beurteilung der geltend gemach-
ten Minderjährigkeit. Der Beschwerdeführer habe in Dänemark, Deutsch-
land, Schweden und den Niederlanden diverse abweichende Personalien
angegeben. Seine Ausführungen hätten den Schluss nahegelegt, dass er
zum Zeitpunkt seines Asylgesuchs in der Schweiz volljährig gewesen sei
und durch die Geltendmachung der Minderjährigkeit seine Wegweisung
habe verhindern wollen. Das SEM habe den (...) als Geburtsdatum ge-
wählt, weil dieses Vorgehen der Amtspraxis entspreche, wenn die Minder-
jährigkeit nicht glaubhaft sei, das tatsächliche Geburtsdatum aber nicht
zweifelsfrei festgestellt werden könne. Dieses sei als das wahrscheinli-
chere Geburtsdatum zu werten als das angegebene. Weiter wurde ausge-
führt, den eingereichten medizinischen Akten sei zu entnehmen, dass er
unter anderem an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)
leide, allerdings nicht, dass er eine verminderte Urteilsfähigkeit aufweisen
würde oder nicht vernehmungsfähig wäre. Wenn ein potentielles Opfer
dem SEM nicht weiterführende Informationen zum Tatort, zur Tathandlung
und zu den Tätern bekannt geben wolle, obwohl ihm im Rahmen mehrerer
persönlicher Anhörungen die Gelegenheit dazu gegeben werde, erachte
das SEM seine Untersuchungspflicht als erfüllt. Im Wissen, dass der Be-
schwerdeführer allenfalls von den Tätern Einschüchterungen erleben
könnte, habe das SEM ihm implizit ab Bekanntmachung des Vorbringens
betreffend Menschenhandel über drei Monate Zeit gegeben, um nähere
Informationen zu erteilen. Auch wenn das wiederholte Verschwinden und
die wiederholt begangenen Delikte in der Schweiz auf den Menschenhan-
del zurückzuführen seien, seien den Behörden die Hände gebunden, wenn
das potentielle Opfer den von den Behörden angebotenen Schutz nicht an-
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Seite 21
nehme. Das SEM sei sodann seinen Verpflichtungen aus dem Überein-
kommen zur Bekämpfung von Menschenhandel nachgekommen, indem es
den Fall von Amtes wegen dem Bundesamt für Polizei gemeldet und den
Beschwerdeführer als potentielles Opfer von Menschenhandel anerkannt
habe. Sein Untertauchen habe zur Folge gehabt, dass er die Erklärung zur
Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden nicht unterzeichnet
habe. Deshalb habe sein Vorbringen nicht an die zuständigen Polizeibe-
hörden in der Schweiz weitergeleitet werden können. Dem Vorbringen in
der Beschwerde, eine Überstellung in die Niederlande würde die Gefahr
des Re-Trafficking in grossem Ausmass erhöhen, könne das SEM nicht
zustimmen. Dafür würden keine konkreten Anhaltspunkte bestehen; auf-
grund seiner Aussagen habe er lediglich in Dänemark, Schweden und der
Schweiz Kontakt zu den Tätern gehabt. Es könne daher eher von einem
Re-Trafficking in der Schweiz ausgegangen werden. Eine Wegweisung in
die Niederlande würde somit keinen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstel-
len und es würden keine Gründe vorliegen, welche einen Selbsteintritt der
Schweiz im Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-Verordnung rechtfertigen
würden.
6.4 Dem wurde in der Replik entgegnet, die Vorinstanz verkenne die Kom-
plexität des Falles. Der Beschwerdeführer sei seit Jahren den Übergriffen
der Menschenhändler ausgesetzt. Dies präge seine Persönlichkeit, sein
Verhalten und seine Bedürfnisse, was wiederum Einfluss auf sämtliche As-
pekte des Asylverfahrens habe. Die Rechtsvertreterin habe seit der erneu-
ten Kontaktaufnahme durch ihn Ende Februar regelmässig Kontakt ge-
pflegt, um das Vertrauensverhältnis aufrecht zu erhalten. Betreffend Ver-
letzung der Mitwirkungspflicht übersehe die Vorinstanz, dass zahlreiche In-
dizien vorliegen würden, die darauf hindeuteten, dass er aufgrund seiner
Verfassung nicht in der Lage gewesen sei, seinen Pflichten nachzukom-
men und seine Rechte wahrzunehmen. Das SEM wäre im Rahmen seiner
Untersuchungspflicht gehalten gewesen, diesen Indizien nachzugehen be-
vor es eine schuldhafte Mitwirkungspflichtverletzung annehme. Die
Rechtsvertreterin habe wiederholt auf den Zustand des Beschwerdefüh-
rers aufmerksam gemacht. Es sei damals nicht einmal im geschützten
Rahmen eines Termins mit der Rechtsvertretung möglich gewesen, mit ihm
ein kohärentes Gespräch zu führen. Spätestens als die Menschenhandels-
vorbringen offengelegt worden seien wäre die Vorinstanz gehalten gewe-
sen, ihr Vorgehen anzupassen und weitere Abklärungen zu treffen bezie-
hungsweise Massnahmen zu ergreifen. Auch wäre es angebracht gewe-
sen, auf die überstürzte Altersanpassung zurückzukommen. Der Be-
schwerdeführer selbst sage ebenfalls, er sei in dieser Zeit nicht er selbst
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gewesen. Er habe Alkohol und Medikamente konsumiert, um seinen Zu-
stand auszuhalten und zu vergessen. Er habe die vergangenen zwei Jahre
in grosser Angst um seine Schwester gelebt, ihm sei immer wieder mit
Nachrichten und Bildern gedroht worden. Die Situation in der Unterkunft
sei auch nicht hilfreich gewesen, er habe dort nicht zur Ruhe kommen kön-
nen. Er habe anfangs allen misstraut, es falle ihm sehr schwer, sich jeman-
dem zu öffnen. Im Gefängnis habe er sich der Rechtsvertretung in einer
ganz anderen Verfassung präsentiert. Der Beschwerdeführer erkläre sein
Verschwinden aus der Unterkunft Ende September 2020 damit, dass ihm
von Landsleuten zugetragen worden sei, sein kleiner Bruder sei in Paris
und bei einem Zusammentreffen mit der Polizei verletzt worden. Er sei des-
halb illegal nach Paris gereist, habe dort seinen Bruder ausfindig machen
können und habe ihn nach Rennes gebracht. In Frankreich hätten die Men-
schenhändler ihn wieder kontaktiert und Geld von ihm gefordert. Er sei da-
her in eine Apotheke eingebrochen und habe 500 Euro gestohlen. In der
Folge habe er Probleme mit der Polizei bekommen und sei für drei Tage in
einem Jugendgefängnis gewesen. Ein Altersgutachten habe dort belegt,
dass er minderjährig sei, weshalb er nicht verurteilt worden sei. Er und sein
Bruder seien in ein Hotel für Minderjährige gekommen und hätten von So-
zialarbeitern Essensgutscheine erhalten. Er habe aber in die Schweiz zu-
rückgewollt. Im Zug in der Schweiz seien er und sein Bruder von der Polizei
erwischt, verhaftet und schliesslich getrennt worden. Aktuell wisse er nicht,
wo sein Bruder sich aufhalte oder was mit ihm geschehen sei. Die Rechts-
vertreterin habe sich bei der Vorinstanz nach dem Verbleib des Bruders
erkundigt, jedoch habe diese unter den angegebenen Personalien keine
Person im System finden können. Gemäss Übereinkommen zur Bekämp-
fung von Menschenhandel sei ein Opfer als Kind zu betrachten, wenn das
Alter nicht bekannt sei und Anlass zur Annahme bestünde, dass es sich
beim Opfer um ein Kind handle. Dies treffe beim Beschwerdeführer zu.
Zweck der entsprechenden Bestimmung sei es, die Rechte der Kinder zu
schützen und sicherzustellen, dass kein Kind, das Opfer von Menschen-
handel geworden sei, durch die Maschen falle und ungerechtfertigt als Er-
wachsener behandelt werde. Dies sei beim Beschwerdeführer geschehen.
Ihm würden aus der widerrechtlichen Altersanpassung schwerwiegende,
nicht wiedergutzumachende Nachteile entstehen. Wie bereits erwähnt
habe er erneut Täterkontakt gehabt. Um die Geldforderungen zu erfüllen,
habe er verschiedene vermögensrechtliche Delikte begangen und sei für
diese in einem Strafverfahren für Erwachsene erstinstanzlich verurteilt wor-
den. Er befinde sich aktuell im Strafvollzug für Erwachsene. Es sei ihm
nicht gelungen, im Strafverfahren die Menschenhandelsthematik einzu-
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bringen. Er habe kein Vertrauen zu seinem Pflichtverteidiger aufbauen kön-
nen. Da gemäss Praxis des EGMR Opfer von Menschenhandel, die Straf-
taten begangen hätten, straffrei bleiben müssten, sei nun eine Berufung
gegen das Strafurteil hängig. Auf sein Geburtsdatum angesprochen erkläre
er, er sei im Jahr (...) geboren, wisse aber nicht genau, ob sein Geburts-
datum der (...) oder der (...) sei. In Dänemark habe er irgendein Geburts-
datum angegeben, in Schweden habe er sein richtiges Geburtsdatum an-
gegeben, Schweden sei von Anfang an sein Ziel gewesen. Angesichts des-
sen, dass der Beschwerdeführer sich betreffend sein genaues Geburtsda-
tum nicht sicher sei, werde beantragt, die Vorinstanz sei anzuweisen, das
Geburtsdatum auf den (...) zu setzen. Es sei nicht nachvollziehbar, wes-
halb bei der Vorinstanz die Identifizierung des Beschwerdeführers als Op-
fer von Menschenhandel mittels einer Befragung derart im Vordergrund ge-
standen habe. Dies obwohl offensichtlich gewesen sei, dass Befragungen
bei ihm massiven Stress verursachen würden. So sei kurz nach Offenle-
gung der entsprechenden Vorbringen ein umfassender Identifizierungsbe-
richt aus Dänemark eingereicht worden, welcher nebst einer eingehenden
Sachverhaltsdarstellung und Einschätzung auch den Namen und die Tele-
fonnummer der identifizierenden Person umfasse. Die Vorinstanz hätte so-
mit keine erneute Identifizierung durchführen müssen. Aus dem Tonfall der
Verfügung gehe ausserdem deutlich hervor, dass die Vorinstanz ihn nicht
als Opfer wahrnehme. Sie habe im vorliegenden Fall das Übereinkommen
zur Bekämpfung des Menschenhandels in mehreren Punkten verletzt.
Schliesslich wurde betreffend Selbsteintritt gemäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-
III-VO ausgeführt, der Beschwerdeführer sei seit seiner Ankunft in Europa
in zahlreichen Ländern von den Tätern gefunden, kontaktiert, bedroht und
unter Druck gesetzt worden. Weshalb die Vorinstanz davon ausgehen
könne, er sei ausgerechnet in den Niederlanden nicht gefährdet, sei nicht
nachvollziehbar. In der Schweiz habe inzwischen ein stabiles Unterstüt-
zungsnetz etabliert werden können, was insbesondere deshalb wichtig sei,
da die Geltendmachung seiner Rechte dem Beschwerdeführer durch seine
Wesensart, welche durch die an ihm begangenen Verbrechen bedingt sei,
stark erschwert sei. In den Niederlanden wäre er erneut auf sich allein ge-
stellt und müsste bei null beginnen. Er stehe stark unter dem Druck der
Täter und könne sich ohne behördliche Hilfe nicht aus dieser Abhängigkeit
befreien. Die Vorinstanz verkenne diese Sachlage und habe ihr Ermessen
unterschritten – ein Selbsteintritt durch die Vorinstanz erscheine angezeigt.
6.5 Der mit der Replik eingereichten Einschätzung der FIZ ist zu entneh-
men, dass die zuständige Beraterin vier Gespräche – in unterschiedlichen
Gefängnissen – mit dem Beschwerdeführer geführt habe. Diesem falle es
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nicht leicht, Vertrauen aufzubauen, insbesondere habe er ein grosses
Misstrauen allen Männern gegenüber, da ihm durch solche grosses Leid
angetan worden sei. Er leide noch immer an Traumafolgestörungen und
Albträumen. Er habe darauf bestanden, nicht über Details zu sprechen be-
treffend die Dinge, die er habe tun müssen, darüber informiere ja der Be-
richt aus Dänemark. Er habe aber erzählt, dass er in B._ von der
Täterschaft immer wieder kontaktiert und bedroht worden sei. Die von ihm
begangenen Straftaten würden in direktem Zusammenhang mit dem Men-
schenhandel stehen. Man drohe, seiner kleinen Schwester etwas anzutun.
Dem Beschwerdeführer falle das Sprechen schwer, es falle ihm aber leich-
ter, wenn er nicht in seiner Muttersprache rede. Auf beiden Armen seien
deutliche Narben von Selbstverletzungen sichtbar, sowohl alte, verheilte,
als auch neue. Nach ihrer Einschätzung sei der Beschwerdeführer ein jun-
ger Mann, der um seine Kindheit beraubt worden sei und tiefste seelische
Verletzungen erlitten habe.
7.
7.1
7.1.1 Betreffend das Alter des Beschwerdeführers ist festzuhalten, dass es
grundsätzlich dem SEM obliegt zu beweisen, dass das aktuell im ZEMIS
eingetragene Geburtsdatum (...) korrekt ist. Der Beschwerdeführer wiede-
rum hat nachzuweisen, dass das von ihm geltend gemachte Datum (...)
richtig beziehungsweise zumindest wahrscheinlicher ist als das im ZEMIS
erfasste, ihm mithin eine höhere Glaubwürdigkeit zukommt als dem bishe-
rigen Eintrag (vgl. Urteil des BVGer A-3051/2018 vom 12. März 2019
E. 5.5). Gelingt keiner Partei der sichere Nachweis, ist dasjenige Geburts-
datum im ZEMIS zu belassen oder einzutragen, dessen Richtigkeit wahr-
scheinlicher ist.
7.1.2 Der Beschwerdeführer hat in verschiedenen europäischen Ländern
unterschiedliche Identitäten und Geburtsdaten angegeben. Ausweisdoku-
mente hat er keine zu den Akten gereicht. Selber sagt er einerseits aus,
sein genaues Geburtsdatum nicht zu kennen, und andererseits, er gebe
absichtlich nicht seine richtige Identität an, um eine Rückschaffung in seine
Heimat zu vermeiden. Es ist somit einerseits festzustellen, dass er die Eru-
ierung seiner Identität und seines Geburtsdatums durch sein Verhalten in
beträchtlichem Masse erschwert, wenn nicht verunmöglicht hat. Allerdings
ist ebenfalls zu berücksichtigen, dass er dieses Verhalten konsistent und
nachvollziehbar begründet. So ergibt sich aus dem oben zusammenge-
fassten Sachverhalt, dass der Beschwerdeführer am 18. Mai 2020 in der
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Schweiz um Asyl ersuchte und in der Folge mehrmals unbekannten Auf-
enthaltes war. Dabei befand er sich vom 23. bis zum 26. Mai 2020 sowie
vom 7. bis zum 14 Juni 2020 in der PUK. Die für den 9. Juni 2020 ange-
setzte Erstbefragung musste aufgrund des PUK-Aufenthalts, jene auf den
26. Juni 2020 angesetzte wegen einer Abwesenheit der Rechtsvertreterin
abgesagt werden. Bereits am 20. Mai 2020, also zwei Tage nach seiner
Asylgesuchstellung, wurde der Beschwerdeführer an die Klinik für Kinder-
und Jugendpsychiatrie (KKJP) überwiesen. Die Vorinstanz wusste somit
von Beginn weg um die schwierige psychische Verfassung des Beschwer-
deführers. Die Rechtsvertreterin wies denn auch wiederholt darauf hin. Der
Beschwerdeführer wurde gemäss eigenen Angaben bereits als Kind Opfer
von Menschenhandel und die Täter haben ihn mutmasslich in verschiede-
nen europäischen Ländern immer wieder aufgespürt und unter Druck ge-
setzt. Die dänischen Behörden bestätigten am 18. August 2020, dass er in
Dänemark als Opfer von Menschenhandel angesehen werde. Eine Anhö-
rung betreffend Menschenhandel wurde am 24. August 2020 aufgrund des
psychischen Zustandes des Beschwerdeführers abgebrochen. In der
Folge reichte die Rechtsvertreterin unter anderem einen Bericht des
Danish Center against Human Trafficking vom Juli 2019 zu den Akten. In
sein Heimatland könne er nicht zurück, da ihm dort der Tod drohe aufgrund
von Dingen, die ihm die Menschenhändler angetan hätten, da jene im Islam
verboten seien. Die Motivation des Beschwerdeführers, seine wahre Iden-
tität nicht anzugeben, begründet durch seine Angst und seinen psychi-
schen Zustand, ist unter Berücksichtigung dieser Sachverhaltselemente
durchaus nachvollziehbar. Dies insbesondere im Hinblick darauf, dass ihm
in Europa bis anhin offensichtlich kein adäquater Schutz gewährt werden
konnte, wobei auch dies bis zu einem gewissen Grad seine Ursache in den
vielen Reisen des Beschwerdeführers hat, welche teilweise durch ihn sel-
ber oder von den Menschenhändlern organisiert, teilweise im Rahmen von
Überstellungen stattfanden. Ferner ist festzuhalten, dass das von der Vo-
rinstanz herangezogene Altersgutachten einerseits ohnehin keine Aussage
zur Minder- oder Volljährigkeit des Beschwerdeführers zulässt und ande-
rerseits gemäss Praxis des Gerichts nicht geeignet zum Beweis der Voll-
jährigkeit ist (vgl. BVGE 2018 VI/3). Es ist somit mit der Rechtsvertretung
festzuhalten, dass der Sachverhalt im Alterspunkt unvollständig erstellt ist.
Dies ist zwar durch das Verhalten des Beschwerdeführers mitverschuldet,
aber auch die Vorinstanz hat nicht genügend von den ihr zur Verfügung
stehenden Möglichkeiten Gebrauch gemacht. So wäre es zum gegebenen
Zeitpunkt tatsächlich sinnvoll gewesen, entweder ein eigenes Altersgutach-
ten zu erstellen oder zumindest das Altersgutachten einem Schweizer Gut-
achter vorzulegen, damit hätte beurteilt werden können, wie dieses aus
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wissenschaftlicher Sicht zu werten ist und welche Schlussfolgerungen –
wenn überhaupt – anhand der dort erhobenen Daten gezogen werden kön-
nen. Andererseits lassen sich aus den sehr spärlichen Aussagen des Be-
schwerdeführers – es konnte keine verwertbare Anhörung mit ihm durch-
geführt werden – keine Schlüsse auf dessen Glaubwürdigkeit ziehen, wo-
bei vom SEM zu wenig Wert auf die Durchführung einer verwertbaren An-
hörung des Beschwerdeführers gelegt wurde.
7.1.3 Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass der Sachverhalt in Bezug
auf das Alter des Beschwerdeführers sowohl hinsichtlich des ZEMIS-Ein-
trages als auch hinsichtlich des Dublin-Verfahrens unvollständig erstellt ist.
Es drängt sich deshalb eine Rückweisung des Verfahrens an die Vo-
rinstanz auf. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass sich der Beschwerdefüh-
rer gemäss Aussagen seiner Rechtsvertretung mittlerweile ein stabiles Un-
terstützungsnetz habe aufbauen können und er sich in einer weitaus bes-
seren psychischen Verfassung befinde als zu Beginn des Verfahrens. Eine
Befragung sollte deshalb zum aktuellen Zeitpunkt möglich sein.
7.2
7.2.1 Der Europäische Gerichthof (EuGH) stellte in mehreren Urteilen fest,
dass ein „unangemessen langes“ Verfahren zur Bestimmung des zustän-
digen Mitgliedstaats dazu führen kann, dass der Mitgliedstaat, in dem sich
die asylsuchende Person aufhält, den Antrag auf internationalen Schutz
nach den Modalitäten von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO selbst prüfen muss
(vgl. EuGH, Rechtssache N.S. u.a., C-411/10 und C- 93/10, Entscheid vom
21.12.2011, Rn 98; EuGH, C-4/11 i.S. Puid, Entscheid vom 14.11.2013,
Rn 35, EuGH, C-578/16 i.S. C. K., H. F., A. S., Entscheid vom 16.02.2017,
Rn 57, 58). Das Verfahren zur Bestimmung des für das Asylgesuch des
Beschwerdeführers zuständigen Mitgliedstaats dauert inzwischen fast zwei
Jahre an.
7.2.2 Das vorliegende Beschwerdeverfahren ist seit mehr als 17 Monaten
hängig. Diese lange Verfahrensdauer hat das Bundesverwaltungsgericht
zu vertreten. Sie ist einerseits dem Umstand, dass vorliegend ein Urteil
betreffend Rechtsschutzinteresse bei Beschwerdeführenden unbekannten
Aufenthalts abgewartet werden musste (BVGE 2021 VI/2), und anderer-
seits der Komplexität des Falles geschuldet.
7.2.3 Die Dauer des Verfahrens (beziehungsweise der Anwesenheit in der
Schweiz) – soweit sie nicht von den betroffenen Personen selbst verur-
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sacht oder verschuldet worden ist – ist einer der Faktoren, die in der Prü-
fung des humanitären Selbsteintritts in Betracht zu ziehen sind (vgl. JEAN-
PIERRE MONNET, La jurisprudence du Tribunal administratif fédéral en ma-
tière de transferts Dublin, in: Breitenmoser/Gless/Lagodny, [Hrsg.], Schen-
gen und Dublin in der Praxis, Aktuelle Fragen, 2015; S. 427 f.). Vorliegend
ist die lange Dauer des Beschwerdeverfahrens nicht dem Beschwerdefüh-
rer anzulasten. Die Vorinstanz ist gehalten, die Gründe für einen Selbstein-
tritt vertieft zu prüfen.
7.3
7.3.1 In einer Gesamtwürdigung dieser Faktoren – unvollständige Abklä-
rung des Sachverhalts in Bezug auf das Alter und die überlange, vom Be-
schwerdeführer nicht (oder zumindest nicht massgeblich) zu vertretende
Verfahrensdauer – erachtet das Bundesverwaltungsgericht es für ange-
zeigt, den Entscheid der Vorinstanz vom 9. November 2020 aufzuheben
und die Sache in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 VwVG zur pflichtgemässen
Sachverhaltsabklärung sowie Ermessensabwägung und ernsthaften Prü-
fung eines Selbsteintrittes aus humanitären Gründen zur Neubeurteilung
im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
7.3.2 Die Beschwerde ist demnach im Sinne der vorstehenden Ausführun-
gen gutzuheissen. Sollte die Vorinstanz an der Volljährigkeit des Be-
schwerdeführers im Zeitpunkt der Asylgesuchseinreichung in der Schweiz
festhalten, wird sie die Möglichkeit eines Selbsteintritts unter Berücksichti-
gung sämtlicher relevanter Faktoren zu prüfen haben. Hierbei und im wei-
teren Verfahren wird die Vorinstanz die sich aus BVGE 2016/27 ergeben-
den Pflichten der Asylbehörden bei Verdacht auf Menschenhandel zu be-
rücksichtigen haben.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung auszu-
richten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechts-
vertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom
Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch
Art. 111ater AsylG).
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10.
Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Daten-
schutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) bekannt
zu geben.
(Dispositiv nächste Seite)
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