Decision ID: a76c87ae-925a-4024-9427-a6bd28c82f85
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._, geboren 20_, und D._, geboren 20_, wurden im Februar/März 2018
(Posteingang: 5. März 2018) durch ihre Mutter B._ bei der EL-Durchführungsstelle
des Kantons St. Gallen zum Bezug von Ergänzungsleistungen zur IV-Kinderrente des
Vaters angemeldet (EL-act. 62). Der Vater der Kinder, C._, wohnte im Kanton
St. Gallen, die beiden Kinder und deren Mutter wohnten in E._ im Kanton Zürich. Die
Eltern der Kinder waren geschieden und hatten das gemeinsame elterliche Sorgerecht
(EL-act. 52-12). Im März 2018 reichte die Mutter bei der Sozialversicherungsanstalt
(nachfolgend: SVA) des Kantons Zürich eine Anmeldung zum Bezug von
Zusatzleistungen (Ergänzungsleistungen) zur IV-Kinderrente des Vaters ein (EL-act. 55).
Im Anmeldeformular gab sie bei der Frage, ob sie Familienzulagen erhalte, an: "Noch
nicht, Anmeldung läuft". Am 26. März 2018 ging dieses Anmeldeformular bei der EL-
Durchführungsstelle des Kantons St. Gallen (nachfolgend: EL-Durchführungsstelle) ein.
Am 19. Juni 2018 bat die EL-Durchführungsstelle die Mutter, das unvollständig
ausgefüllte Anmeldeformular vollständig auszufüllen und die entsprechenden
Unterlagen beizulegen (EL-act. 54). Die Abteilung Soziales der Gemeinde E._ stellte
am 18. Juni 2018 ein Gesuch um Drittauszahlung von Ergänzungsleistungen zwecks
Verrechnung mit den von der Gemeinde erbrachten Sozialhilfeleistungen (EL-act. 53).
Das ergänzte Anmeldeformular ging am 26. Juni 2018 bei der EL-Durchführungsstelle
ein (EL-act. 52). Dieses enthielt – im Unterschied zum Anmeldeformular der SVA des
Kantons Zürich – keine Frage, die explizit die Ausrichtung von Familienzulagen betraf.
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Gemeinde E._ stellte am 25. Juli 2018 ein Drittauszahlungsgesuch im Betrage
von Fr. 2'586.-- (EL-act. 49-2).
Mit einer Verfügung vom 24. August 2018 sprach die EL-Durchführungsstelle
rückwirkend ab 1. März 2018 Ergänzungsleistungen von Fr. 431.-- monatlich zu (EL-
act. 41). Sie bezeichnete A._ als anspruchsberechtigte Person. In der
Anspruchsberechnung berücksichtigte sie aber beide Kinder. Die
Ergänzungsleistungen wurden der Mutter ausbezahlt. Die Nachzahlung für den
Zeitraum ab 1. März 2018 bis 31. August 2018 im Umfang von Fr. 2'586.-- wurde mit
der Begründung, die Gemeinde E._ habe Vorschussleistungen erbracht, der
Gemeinde E._ ausbezahlt.
A.b.
Im Sommer 2020 fand eine interne Überprüfung des Anspruchs auf
Ergänzungsleistungen infolge einer Änderung des Bundesgesetzes über die
Familienzulagen und Finanzhilfen an Familienorganisationen per 1. August 2020 statt
(undatiert, EL-act. 34). Dabei stellte die EL-Durchführungsstelle fest, dass die Mutter
seit dem 1. Januar 2017 Kinderzulagen für A._ von Fr. 200.-- und für D._ von
Fr. 250.-- monatlich bezog, die von der SVA des Kantons Zürich ausgerichtet wurden.
Die EL-Durchführungsstelle setzte die Ergänzungsleistungen unter Berücksichtigung
dieser Kinderzulagen ab dem Anspruchsbeginn am 1. März 2018 neu fest (vgl. die
Berechnungsblätter, EL-act. 25 ff.). Die entsprechende Verfügung erging am 21. Juli
2020 (EL-act. 23). Die EL-Durchführungsstelle forderte unrechtmässig bezogene
Ergänzungsleistungen von insgesamt Fr. 12'078.-- zurück. Als anspruchsberechtigte
Person bezeichnete sie A._. Einen Anteil von Fr. 2'184.-- für die im Zeitraum ab
1. März 2018 bis 31. August 2018 ausgerichteten Ergänzungsleistungen forderte sie
von der Gemeinde E._ zurück. Der Restbetrag der Rückforderung betrug damit
Fr. 9'894.--. Zur Begründung gab die EL-Durchführungsstelle an, im Rahmen einer
internen Überprüfung habe sie festgestellt, dass die Familienzulagen, welche die Mutter
vom Kanton Zürich für A._ und D._ erhalten habe, bei der Anmeldung zum Bezug
von Ergänzungsleistungen nicht deklariert und deshalb in der Berechnung nicht
berücksichtigt worden seien. Gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. d des Bundesgesetzes über die
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG,
SR 831.30) seien wiederkehrende Leistungen als Einnahmen anzurechnen. Die
Berechnung der Ergänzungsleistungen habe deshalb ab dem Anspruchsbeginn
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
korrigiert werden müssen. Für den Zeitraum ab 1. März 2018 bis 31. August 2018 sei
die Gemeinde E._ rückerstattungspflichtig (vgl. Art. 2 Abs. 1 lit. c der Verordnung
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSV, SR 830.11).
Die Mutter stellte am 12. Oktober 2020 ein Erlassgesuch (EL-act. 21). Sie gab an,
die SVA des Kantons Zürich habe ihr eine falsche "Ansage" gemacht. Sie habe am
Telefon dreimal gefragt, ob sie das "Kindergeld" bei der SVA des Kantons St. Gallen
angeben müsse. Der Herr am Telefon habe gesagt: "Nein, was hat die SVA Zürich mit
der SVA in St. Gallen zu tun". Sie habe geglaubt, es sei richtig, dass sie das nicht
angeben müsse.
A.d.
Mit einer Verfügung vom 15. Oktober 2020 wies die EL-Durchführungsstelle das
Erlassgesuch ab (EL-act. 20). Zur Begründung gab sie an, bei der Anmeldung zum
Bezug von Ergänzungsleistungen seien die Familienzulagen nicht als Einnahme
deklariert worden. Mit der Unterschrift habe die Mutter bestätigt, dass die Angaben auf
dem Anmeldeformular vollständig und wahrheitsgetreu seien. Hinzu komme, dass auf
dem Berechnungsblatt die Einnahmen aus den Kinder-/Familienzulagen mit Fr. 0.--
ausgewiesen worden sei. Unter Einhaltung der Kontrollpflicht wäre die fehlerhafte
Berechnung ohne weiteres erkennbar gewesen. Die zu viel ausgerichteten
Ergänzungsleistungen seien deshalb nicht gutgläubig empfangen worden. Da für einen
Erlass die Voraussetzungen des guten Glaubens und der grossen Härte kumulativ
erfüllt sein müssten, erübrige sich die Prüfung, ob die Rückzahlung eine grosse Härte
bedeuten würde. Sie forderte die Mutter auf, Fr. 9'894.-- zurückzuzahlen.
A.e.
Am 5. November 2020 teilte eine Mitarbeiterin der Abteilung Soziales der
Gemeinde E._ der EL-Durchführungsstelle telefonisch mit (EL-act. 19), dass die
Kinderzulagen für den Zeitraum ab 1. März 2018 bis 28. Februar 2019 an die Gemeinde
E._ ausbezahlt worden seien. Ab dem 1. März 2019 habe die Gemeinde E._ die
Kinderzulagen an die Mutter weitergeleitet. Die Gemeinde E._ werde die
Rückforderung für den Zeitraum ab 1. September 2018 bis 28. Februar 2019
begleichen. Am 17. November 2020 stellte die EL-Durchführungsstelle der Gemeinde
E._ für den betreffenden Zeitraum eine Rückforderung von Fr. 2'584.-- in Rechnung.
Die Gemeinde E._ bezahlte umgehend (EL-act. 17).
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Die Mutter erhob am 17. November 2020 eine Einsprache gegen die Abweisung
ihres Erlassgesuches (EL-act. 15). Sie machte geltend, es sei nicht ihr alleiniges
Verschulden "von der Ergänzungsleistung-Geld". Am 17. Dezember 2020 teilte die EL-
Durchführungsstelle der Mutter mit (EL-act. 9), die Gemeinde E._ habe die
Rückforderung für den Zeitraum ab 1. September 2018 bis 28. Februar 2019 im Betrag
von Fr. 2'584.-- beglichen. Die Restrückforderung belaufe sich damit noch auf
Fr. 7'310.--.
A.g.
Mit einem Entscheid vom 4. Februar 2021 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache gegen die Verfügung vom 15. Oktober 2020 ab (EL-act. 6). Die EL-
Durchführungsstelle bezeichnete A._ als Einsprecherin, die durch ihre Mutter
vertreten sei. Zur Begründung gab sie an, in der EL-Anmeldung seien die
Familienzulagen nicht deklariert worden, obwohl die Mutter davon Kenntnis gehabt
habe. Auch habe die Mutter im Erlassgesuch erklärt, sie habe geglaubt, richtig zu
handeln, indem sie die Zulagen nicht angegeben habe. Bei der Kontrolle der
Berechnungsblätter sei die Nichtanrechnung der Familienzulagen einfach zu erkennen
gewesen (Betrag von Fr. 0.--). In Erfüllung der Meldepflicht hätte A._ bzw. deren
Mutter als Vertreterin die Familienzulagen als Einnahme sofort melden müssen. Indem
sie der Meldepflicht nicht nachgekommen sei, liege eine grobe Nachlässigkeit vor, die
eine Berufung auf den guten Glauben bezüglich des unrechtmässigen
Leistungsbezuges ausschliesse. Die Prüfung der grossen Härte der Rückzahlung
erübrige sich damit. Die Abweisung des Erlassgesuches sei zu Recht erfolgt.
A.h.
Die Mutter wandte sich mit einem Schreiben vom 4. März 2021 (Postaufgabe:
5. März 2021) an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen (act. G 1). Sie gab
an, dass sie mit dem Entscheid der SVA des Kantons St. Gallen nicht einverstanden
sei. Zudem fragte sie, wieso auf dem Einspracheentscheid der Name ihrer Tochter
stehe. Ihre Tochter A._ sei _ Jahre alt. Sie reichte den Einspracheentscheid vom
4. Februar 2021, ein Schreiben der Familienausgleichskasse der SVA des Kantons
Zürich vom 3. August 2019 sowie ein Schreiben der Abteilung Soziales der Gemeinde
E._ vom 15. August 2019 ein. Die Familienausgleichskasse hatte der Mutter am
3. August 2019 mitgeteilt (act. G 1.4), die Abklärungen hätten ergeben, dass
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(rückwirkend) ab Januar 2017 Familienzulagen ausgerichtet würden. Am 11. Juni 2018
habe sie (die Familienausgleichskasse) von der Abteilung Soziales der Gemeinde E._
ein Gesuch um Abtretung der Familienzulagen erhalten. Die laufenden Familienzulagen
ab September 2019 von Fr. 450.-- würden ihr (der Mutter) monatlich ausbezahlt. Die
Nachzahlung von Fr. 14'400.-- für die Zeit ab 1. Januar 2017 bis 31. August 2019
werde der Sozialbehörde überwiesen. Die Abteilung Soziales der Gemeinde E._ hatte
die Mutter am 15. August 2019 darüber informiert, dass die Gemeinde von der SVA des
Kantons Zürich ein Schreiben erhalten habe, wonach rückwirkend ab 1. Januar 2017
Kinderzulagen ausgerichtet würden. Da die beiden Kinder erst ab 1. Juli 2017 und nur
bis Ende Februar 2019 durch die Gemeinde E._, Abteilung Soziales, unterstützt
worden seien, werde sie ihr die Kinderzulagen von Januar bis Juni 2017 und von März
bis August 2019 überweisen.
Das Versicherungsgericht bat die Mutter am 11. März 2021 um eine Erklärung (act.
G 3), ob sie eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 4. Februar 2021
habe erheben wollen. In einer als "Beschwerde" bezeichneten Eingabe vom 21. März
2021 gab die Mutter an (act. G 4), sie "beschwerde" sich gegen den Entscheid der SVA
des Kantons St. Gallen. Sie beantragte sinngemäss die Aufhebung des
Einspracheentscheids und den Erlass der Rückforderung. Zur Begründung gab sie an,
sie habe damals von der SVA des Kantons Zürich das "Kindergeld" rückwirkend
angefordert. Die SVA des Kantons St. Gallen sage, sie habe das "Kindergeld" nicht
angegeben. Der Grund dafür sei, dass sie damals bei der SVA des Kantons Zürich
nachgefragt habe, ob sie das "Kindergeld" angeben müsse. Der Herr am Telefon habe
dies verneint und gesagt, was die SVA St. Gallen mit der SVA Zürich zu tun habe. Sie
habe drei Mal gefragt. Leider wisse sie den Namen dieses Herrn nicht mehr. Die
Gemeinde E._ habe das leider auch nicht "angegeben". Es könne ja nicht sein, dass
sie allein schuld sei, wenn andere ihr falsche Angaben gemacht hätten. Sie habe sich
auf das verlassen und mit gutem Gewissen gedacht, dass ihr das Geld zustehe.
B.b.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am
9. April 2021 unter Verweis auf die Erwägungen im Einspracheentscheid die Abweisung
der Beschwerde (act. G 6).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Im angefochtenen Einspracheentscheid vom 4. Februar 2021 hat die
Beschwerdegegnerin A._ als Einsprecherin bezeichnet, die durch ihre Mutter
vertreten werde. Sie ist also davon ausgegangen, dass A._, vertreten durch ihre
Mutter, ein Erlassgesuch gestellt hat. Im Folgenden ist zu prüfen, ob dies formal korrekt
gewesen ist.
Das Versicherungsgericht gab C._ am 6. Mai 2021 die Gelegenheit, zur
Beschwerde Stellung zu nehmen und im Verfahren Parteirechte wahrzunehmen (act.
G 8). C._ reagierte nicht. Am 10. Mai 2021 gewährte das Versicherungsgericht A._
(nachfolgend: Beschwerdeführerin), vertreten durch ihre Mutter, die Akteneinsicht (act.
G 10). Die Mutter reichte keine Stellungnahme ein.
B.d.
Am 29. November 2021 bat das Versicherungsgericht die Beschwerdegegnerin
um eine Begründung betreffend eine Korrektur des Betrags der IV-Kinderrente ab
1. September 2018 bis 31. Dezember 2018 (act. G 12). Die Beschwerdegegnerin teilte
am 7. Dezember 2021 mit, dass es sich dabei um einen Fehler gehandelt habe. Der
korrigierte, höhere Betrag entspreche demjenigen des Jahres 2019 und sei
fälschlicherweise auch in das Berechnungsblatt ab 1. September 2018 bis
31. Dezember 2018 eingetragen worden (act. G 13).
B.e.
Eine IV-Kinderrente wird zusätzlich zum Bezug einer Invalidenrente ausgerichtet.
Anspruch auf eine IV-Kinderrente haben gemäss Art. 35 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) nämlich die Männer und Frauen, denen eine
Invalidenrente zusteht. Das Kind hat also keinen eigenen Anspruch auf eine IV-
Kinderrente. Wird zu einer IV-Kinderrente eine Ergänzungsleistung ausgerichtet, steht
diese dem Bezüger der Invalidenrente zu, da dieser grundsätzlich EL-
anspruchsberechtigt ist (Art. 4 Abs. 1 lit. c ELG). Ein Kind, für das eine IV-Kinderrente
ausgerichtet wird, hat also weder einen eigenen Anspruch auf die IV-Kinderrente noch
auf eine Ergänzungsleistung. Wohnt das Kind nicht bei dem Elternteil, der eine
Invalidenrente bezieht, ist eine separate EL-Berechnung vorzunehmen (vgl. Rz 3143.01
der Wegleitung über die Ergänzungsleistungen zur AHV und IV, WEL, Stand 1. Januar
2020). Dies ändert jedoch nichts daran, dass die Ergänzungsleistung rechtlich dem
Elternteil zusteht, der eine Invalidenrente bezieht.
1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vorliegend hat die Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistungen A._
zugesprochen (vgl. die Verfügung vom 24. August 2018, EL-act. 41: " A._ hat
Anspruch auf folgende Leistungen"). Die Auszahlung der Ergänzungsleistungen ist an
die Mutter erfolgt. Dies kann nur so interpretiert werden, dass die Beschwerdegegnerin
A._ als anspruchsberechtigt qualifiziert und die Ergänzungsleistungen an die Mutter
als gesetzliche Vertreterin von A._ ausbezahlt hat. Dies ist rechtswidrig gewesen, da
der Vater von A._ eine Invalidenrente bezieht und demzufolge EL-
anspruchsberechtigt ist. Korrekt wäre also gewesen, die Ergänzungsleistungen C._
zuzusprechen und eine Drittauszahlung an die Mutter zu verfügen, da A._ und D._
bei ihr leben. Mit einer Verfügung vom 21. Juli 2020 hat die Beschwerdegegnerin die
unrechtmässig bezogenen Ergänzungsleistungen von A._ bzw. von der Mutter als
der gesetzlichen Vertreterin zurückgefordert, denn auch in dieser Verfügung hat sie
A._ als anspruchsberechtigt bezeichnet (EL-act. 23). Auch diese Verfügung ist
rechtswidrig gewesen. Fehlerhafte Verfügungen sind grundsätzlich anfechtbar und
nicht nichtig (statt vieler Ulrich Häfelin/Georg Müller/Felix Uhlmann, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, N 1088). Nach der Rechtsprechung ist eine Verfügung
nichtig, wenn der ihr anhaftende Mangel besonders schwer ist, wenn er offensichtlich
oder zumindest leicht erkennbar ist und wenn die Rechtssicherheit durch die Annahme
der Nichtigkeit nicht ernsthaft gefährdet wird (BGE 139 II 260, E. 11.2; 129 I 363,
E. 2.1). Die Zusprache der Ergänzungsleistungen (notabene für A._ und D._
zusammen) an A._ statt an ihren Vater stellt keinen Nichtigkeitsgrund dar, da es sich
dabei weder um einen besonders schweren Mangel handelt noch für die
Verfügungsadressatin leicht erkennbar gewesen ist. Ebenso wenig ist die
Rückforderungsverfügung vom 21. Juli 2020 als nichtig zu qualifizieren, denn die
Rückforderung gegenüber A._ ist lediglich die Konsequenz aus der Zusprache der
Ergänzungsleistung an A._. Da die Verfügung vom 24. August 2018 (und auch die
Verfügungen vom 20. Dezember 2018 betreffend den EL-Anspruch ab 1. Januar 2019
und vom 19. Dezember 2019 betreffend den EL-Anspruch ab 1. Januar 2020) sowie die
Rückforderungsverfügung vom 21. Juli 2020 nicht angefochten worden sind, sind sie
formell rechtskräftig und damit verbindlich geworden. Rückerstattungspflichtig ist
damit A._ geworden. Die Mutter hat am 12. Oktober 2020 um den Erlass der
Rückforderung ersucht. Da sich die Rückforderung nicht gegen sie richtet, kann sie das
Erlassgesuch nicht aus eigenem Recht, sondern nur als gesetzliche Vertreterin von
A._ gestellt haben. Das lässt darauf schliessen, dass die Mutter die Einsprache
gegen die den Erlass ablehnende Verfügung vom 15. Oktober 2020 als gesetzliche
Vertreterin von A._ erhoben hat. Damit ist A._ im Einspracheverfahren als
Einsprecherin aufgetreten; sie ist durch ihre Mutter vertreten worden. Der angefochtene
Einspracheentscheid vom 4. Februar 2021 ist damit formal richtig gewesen. Da A._
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Mit der Verfügung vom 24. August 2018 hat die Beschwerdegegnerin rückwirkend ab
1. März 2018 Ergänzungsleistungen von Fr. 431.-- monatlich zugesprochen. Die
Nachzahlung für März bis und mit August 2018 hat sich also auf Fr. 2'586.-- belaufen.
Die Beschwerdegegnerin hat in der genannten Verfügung festgehalten, diese
Nachzahlung gehe direkt an die Gemeinde E._, da diese auf die zu erwartenden
Ergänzungsleistungen die Vorschussleistungen erbracht habe. Die
Beschwerdegegnerin hat dementsprechend eine "Verrechnung" der Nachzahlung mit
einer Forderung der Gemeinde E._ angeordnet. Formal korrekt hat die
Beschwerdegegnerin damit aber nur angeordnet, dass die Nachzahlung von Fr.
2'586.-- der Gemeinde E._ (dritt-)ausbezahlt werde. Mit der Verfügung vom 21. Juli
2020 hat die Beschwerdegegnerin dann die Verfügung vom 24. August 2018 in
Anwendung von Art. 53 Abs. 2 ATSG wiedererwägungsweise aufgehoben und durch
die Zusprache einer tieferen Ergänzungsleistung rückwirkend ab 1. März 2018 ersetzt.
Sie hat ausserdem die Rückforderung der im Sinne von Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG
unrechtmässig bezogenen Ergänzungsleistungen im Umfang von Fr. 12'078.-- verfügt.
Mit diesem Teil der Verfügung vom 21. Juli 2020 hat die Beschwerdegegnerin die
Beschwerdeführerin zur Rückerstattung von Fr. 9'894.-- und die Gemeinde E._ zur
Rückerstattung von Fr. 2'184.-- verpflichtet. Da es sich bei einer Rückforderung nur um
die vollzugsrechtliche Konsequenz einer rückwirkenden Herabsetzung einer
Sozialversicherungsleistung handelt, richtet sich der Rückforderungsteil der Verfügung
vom 21. Juli 2020 nur im Umfang von Fr. 9'894.-- gegen die Beschwerdeführerin, auch
wenn diese – rein materiellrechtlich betrachtet – im Umfang von Fr. 12'078.--
unrechtmässig Ergänzungsleistungen bezogen hat. Die Beschwerdeführerin ist also für
den Teilbetrag von Fr. 2'184.-- nicht rückerstattungspflichtig, selbst wenn die
Gemeinde E._ – rein hypothetisch – diesen Betrag nicht sollte bezahlen können. Das
Erlassgesuch kann sich also nur auf den auf die Beschwerdeführerin entfallenden Teil
der gesamten Rückforderung, nämlich auf Fr. 9'894.-- bezogen haben. Nun hat die
Gemeinde E._ der Beschwerdegegnerin aber nicht nur ihren Teil der Rückforderung,
nämlich Fr. 2'184.--, sondern auch noch Fr. 2'584.-- bezahlt. Dieser Betrag hat aber
durch den Einspracheentscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an
dessen Aufhebung hat (vgl. Art. 59 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1), ist sie zur Erhebung der Beschwerde an
das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen legitimiert gewesen. Da die weiteren
Eintretensvoraussetzungen offenkundig erfüllt sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
Beschwerdeführerin im vorliegenden Verfahren ist deshalb A._, die durch ihre Mutter
(nachfolgend: Vertreterin) vertreten wird.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht aus einer Drittauszahlung von Ergänzungsleistungen an die Gemeinde E._
resultiert. Vielmehr hatte die SVA des Kantons Zürich der Gemeinde E._ die
Kinderzulagen für die Beschwerdeführerin und deren Schwester drittausbezahlt. Aus
welchem Grund die Gemeinde E._ der Beschwerdegegnerin die Fr. 2'584.-- bezahlt
hat, ist für das Gericht nicht nachvollziehbar. Die Gemeinde E._ hat damit jedenfalls
keine eigene Rückerstattungspflicht erfüllt; die Rückforderung hat sich in diesem
(Teil-)Betrag nur gegen die Beschwerdeführerin gerichtet. Daran vermag das Schreiben
der Beschwerdegegnerin vom 17. Dezember 2020 nichts zu ändern, denn dabei
handelt es sich nur um eine Abrechnung, nicht um eine Korrektur der
Rückforderungsverfügung vom 21. Juli 2020 gestützt auf Art. 53 Abs. 1 oder 2 ATSG.
Da die Beschwerdeführerin im Betrag von Fr. 9'894.-- rückerstattungspflichtig ist, ist
das Erlassgesuch unabhängig von den Beweggründen der Gemeinde E._ zur
Bezahlung der Fr. 2'584.-- im Umfang dieses Betrags nicht gegenstandslos geworden.
Im Beschwerdeverfahren ist somit zu prüfen, ob der Beschwerdeführerin die
Rückerstattung unrechtmässig bezogener Ergänzungsleistungen im Umfang von Fr.
9'894.-- zu erlassen ist.
3.
Unrechtmässig bezogene Leistungen, das heisst Leistungen, auf die nach der
massgebenden materiellen Rechtslage an sich kein Anspruch bestanden hat und die
sich – in aller Regel nach einer Korrektur einer früheren Verfügung – nicht auf eine
verfügungsmässige Grundlage stützen können, sind gemäss Art. 25 Abs. 1 Satz 1
ATSG zurückzuerstatten. Zielt die (vorgängige) Korrektur einer früheren formell
rechtskräftigen Verfügung mittels einer (rückwirkenden) Revision im Sinne von Art. 17
ATSG, einer sogenannt prozessualen Revision gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG oder einer
Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG auf eine Herstellung eines der materiellen
Sach- und Rechtslage entsprechenden verfügungsmässigen Zustandes ab, bezweckt
die Rückforderung von unrechtmässig bezogenen Leistungen die Herstellung eines
wirtschaftlich rechtmässigen Zustandes. Der betroffenen Person sollen nach der
Rückerstattung der unrechtmässig bezogenen Leistungen "nur" jene Leistungen
verbleiben, auf die sie angesichts der massgebenden Sach- und Rechtslage einen
Anspruch gehabt hat. Dadurch wird dem Legalitätsprinzip (Art. 5 Abs. 1 der
Bundesverfassung, BV, SR 101) und dem Gleichbehandlungsgebot (Art. 8 Abs. 1 BV)
zum Durchbruch verholfen. Die in Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG vorgesehene Möglichkeit
des Erlasses einer Rückforderung hebelt die für das Sozialversicherungsrecht
elementare Verwirklichung des Legalitätsprinzips und des Gleichbehandlungsgebotes
im Einzelfall aus, denn der Erlass hat zur Folge, dass die betroffene Person nicht "nur"
jene Leistungen, auf die jede andere Person in derselben Lage von Gesetzes wegen
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einen Anspruch gehabt hätte, sondern darüber hinaus auch noch die unrechtmässig
bezogenen Leistungen behalten kann. Diese Durchbrechung des Grundsatzes, wonach
unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuerstatten sind, lässt sich nur mit dem
Schutz eines berechtigten Vertrauens der leistungsbeziehenden Person in die
(vermeintliche) Rechtmässigkeit der bezogenen Leistungen rechtfertigen. Ein solches
berechtigtes Vertrauen liegt nach dem Wortlaut von Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG vor,
wenn die versicherte Person die unrechtmässig bezogenen Leistungen gutgläubig
entgegen genommen hat, das heisst wenn sie effektiv nicht um die Unrechtmässigkeit
der Leistungen gewusst hat und wenn sie bei Aufwendung der gebotenen Sorgfalt
auch nicht um die Unrechtmässigkeit der Leistungen hätte wissen müssen. Da
angesichts der grossen Bedeutung der grundsätzlichen Rückerstattungspflicht für das
Sozialversicherungsrecht bei der Prüfung der Erlassvoraussetzungen ein strenger
Massstab anzulegen ist, scheidet ein Erlass einer Rückforderung aber – über den allzu
engen Wortlaut des Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG hinausgehend – auch aus, wenn die
versicherte Person den unrechtmässigen Leistungsbezug durch eine grobe
Sorgfaltspflichtverletzung, namentlich durch eine grobe Verletzung der Auskunfts- oder
Meldepflicht oder durch eine grobe Verletzung der gesetzlich nicht geregelten
sogenannten Kontroll- und Hinweispflicht, mitverursacht hat. Die erforderliche Sorgfalt
beurteilt sich dabei nach einem objektiven Massstab, wobei aber das der versicherten
Person in ihrer Subjektivität Mögliche und Zumutbare (Urteilsfähigkeit,
Gesundheitszustand, Bildungsgrad usw.) nicht ausgeblendet werden darf (BGE 138 V
218, E. 4, m.w.H.).
4.
Bei der Prüfung, ob eine Rückforderung zu erlassen ist, ist relevant, welcher Grund
zur Rückforderung geführt hat, denn erst wenn der Grund für die Korrektur eines
Berechnungselementes bekannt ist, kann geprüft werden, ob die versicherte Person
diesbezüglich gutgläubig gewesen ist. Ein Vergleich der Berechnungsblätter zur
Korrekturverfügung vom 21. Juli 2020 (EL-act. 25-36) mit jenen zu den ursprünglichen,
korrigierten Verfügungen (EL-act. 36, 39, 42) zeigt, dass die Korrektur die Positionen
Familienzulagen und IV-Kinderrenten betroffen haben: Die Beschwerdegegnerin hat ab
1. September 2018 Familienzulagen von Fr. 5'400.-- statt Fr. 0.-- und ab 1. September
2018 bis 31. Dezember 2018 IV-Kinderrenten von Fr. 20'760.-- statt Fr. 20'568.-- als
anrechenbare Einnahmen berücksichtigt.
4.1.
Beim korrigierten, höheren Betrag der IV-Kinderrenten ist die Ursache ein Fehler
der Beschwerdegegnerin gewesen, da sie versehentlich den Betrag von Fr. 20'760.--,
der demjenigen des Jahres 2019 entsprochen hat, in das Berechnungsblatt betreffend
4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den EL-Anspruch ab 1. September 2018 bis 31. Dezember 2018 eingetragen hat (act.
G 13). Dieser Fehler hat jedoch keinen Einfluss auf den Betrag der Rückforderung
gehabt, denn obwohl der Ausgabenüberschuss um Fr. 192.-- (Differenz zwischen
Fr. 20'760.-- und Fr. 20'568.--) von Fr. 2'020.-- auf Fr. 2'212.-- zu korrigieren ist, hat
die Beschwerdeführerin nach wie vor lediglich einen Anspruch auf
Ergänzungsleistungen in der Höhe der sogenannten Minimalgarantie (Pauschalbetrag
für die obligatorische Krankenpflegeversicherung) gehabt, die vorliegend Fr. 2'448.--
betragen hat (vgl. das Berechnungsblatt, EL-act. 25). Die Korrektur des Betrags der IV-
Kinderrenten hat sich daher auf den Betrag der Rückforderung nicht ausgewirkt und ist
deshalb für den Erlass der Rückforderung nicht relevant.
Bei der Ausrichtung der Familienzulagen hat es sich teilweise um eine
Nachzahlung gehandelt, denn die Familienausgleichskasse der SVA des Kantons
Zürich hat der Vertreterin der Beschwerdeführerin am 3. August 2019 mitgeteilt, dass
rückwirkend ab 1. Januar 2017 Familienzulagen ausgerichtet würden, dass die
laufenden Familienzulagen ab September 2019 ihr ausbezahlt würden und dass die
Nachzahlung betreffend die Zeit ab 1. Januar 2017 bis 31. August 2019 aufgrund eines
Gesuches um Abtretung der Sozialbehörde E._ überwiesen werde. Die
Beschwerdeführerin respektive ihre Vertreterin haben die Nachzahlung der
Familienzulagen, deren rückwirkende Berücksichtigung als anrechenbare Einnahme
und damit den Bezug von zu hohen Ergänzungsleistungen nicht voraussehen können,
sodass die Beschwerdeführerin beim Bezug der Ergänzungsleistungen offensichtlich
gutgläubig gewesen ist. Trotzdem ist die Erlassmöglichkeit nach der Rechtsprechung
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen im vorliegenden Fall
ausgeschlossen: Gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. f und h ELG werden Familienzulagen und
familienrechtliche Unterhaltsbeiträge als Einnahmen angerechnet. Vorliegend kann
offenbleiben, ob die Familienzulagen, die der Vertreterin der Beschwerdeführerin
ausgerichtet worden sind, in der EL-Berechnung für die Beschwerdeführerin (und deren
Schwester D._) Familienzulagen oder Unterhaltsbeiträge darstellen, da diese in
beiden Fällen anrechenbare Einnahmen sind. Das ELG beantwortet die Frage nicht, ob
eine Nachzahlung von Familienzulagen in der EL-Anspruchsberechnung ab dem
Zeitpunkt der Ausrichtung der Nachzahlung als (realer) Vermögenszuwachs oder
rückwirkend ab dem Anspruchsbeginn als – notwendigerweise fiktive – laufende
Leistung anzurechnen ist. Wäre Ersteres massgebend, würde ein EL-Bezüger, der eine
Nachzahlung der Familienzulagen erhalten hat, EL-rechtlich bessergestellt als ein EL-
Bezüger, der die Familienzulage ab Anspruchsbeginn laufend ausbezahlt erhalten hat.
Als Einnahme würde nämlich nur 1/15 des aus dem Nachzahlungsbetrag bestehenden
Vermögens angerechnet − und zwar nur, soweit es den in Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG
4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
festgelegten Vermögensfreibetrag übersteigen würde. Bei der Qualifikation einer
Nachzahlung von Familienzulagen als Vermögenszuwachs würde also ab dem
Zeitpunkt der Ausrichtung dieser Nachzahlung lediglich ein allfälliger
Vermögensverzehr als Einnahme berücksichtigt. Bei einer Qualifikation der
Nachzahlung von Familienzulagen als bereits in der Vergangenheit, ab dem Zeitpunkt
der (rückwirkenden) Anspruchsentstehung laufend ausgerichtete anrechenbare
Leistung werden die Familienzulagen hingegen als vollumfänglich anrechenbare
Einnahmen berücksichtigt. Eine Qualifikation der Nachzahlung als (realer)
Vermögenszuwachs würde also zu einer massiven Besserstellung des betreffenden EL-
Bezügers und damit zu einer offensichtlich unzulässigen Ungleichbehandlung mit EL-
Bezügern führen, denen die Familienzulagen laufend angerechnet worden sind. Eine
solche Ungleichbehandlung von EL-Bezügern, die Familienzulagen erhalten, ist nicht
zulässig. Der Zeitpunkt der Auszahlung von Familienzulagen bewirkt nämlich keine
rechtlich relevante Ungleichheit, denn der Anspruch auf Familienzulagen ist für alle
Berechtigten derselbe; der Zeitpunkt der Auszahlung ist rein zufällig. Um eine
unzulässige Ungleichbehandlung zu verhindern, muss Art. 11 Abs. 1 ELG dahingehend
lückenfüllend ergänzt werden, dass Nachzahlungen anrechenbarer laufender
Einnahmen (rückwirkend) so zu berücksichtigen sind, als wären sie in der
Vergangenheit, ab dem Zeitpunkt der Entstehung des Anspruchs auf diese Leistungen,
laufend ausbezahlt worden. Werden die Familienzulagen rückwirkend als (fiktive)
laufende Einnahmen angerechnet, dient die Rückforderung von Fr. 9'894.-- dem
Zweck, eine dem Sinn und Zweck der Ergänzungsleistungen zuwiderlaufende,
unzulässige Überentschädigung ("Doppelentschädigung" des Betrags von vorliegend
Fr. 450.-- monatlich einmal über die Familienzulagen und einmal über die
Ergänzungsleistungen) zu vermeiden. Das Erlassgesuch kann in einer solchen Situation
nur den von Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG offensichtlich nicht abgedeckten und deshalb
rechtsmissbräuchlichen Zweck verfolgen, eine bereits eingetretene Überentschädigung
definitiv behalten zu können. Auch wenn – rein formal betrachtet – die
Erlassvoraussetzung des guten Glaubens erfüllt ist, weil der EL-Bezüger im Zeitraum,
in dem er die Familienzulage noch gar nicht erhalten hat, objektiv nicht um die
Ausrichtung dieser Zulage hat wissen können und weil er objektiv auch keine
Meldepflicht verletzt haben kann, weil man nicht melden kann, was man nicht wissen
kann, kann das Erlassgesuch nicht bewilligt werden, denn damit würde dem
rechtsmissbräuchlichen Begehren, eine EL-rechtlich unzulässige Überentschädigung
behalten zu können, stattgegeben. Auch wenn es in den meisten Fällen zu einer
Verrechnung der Nachzahlung eines anderen Leistungsträgers mit einer Rückforderung
der nachträglich unrechtmässig gewordenen Ergänzungsleistungen kommt, kann die
Lösung nicht in dieser Verrechnung gesucht, die Erlassmöglichkeit also (in
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausdehnender Interpretation des Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG) nur für Verrechnungsfälle
ausgeschlossen werden. Die Rechtsmissbräuchlichkeit eines Erlassgesuchs, das nur
dazu dienen kann, eine EL-rechtliche Überentschädigung behalten zu können, besteht
nämlich auch in jenen Fällen, in denen, aus welchen Gründen auch immer, keine
Verrechnung erfolgt ist. Das ausschliesslich auf das Behalten einer Überentschädigung
ausgerichtete, rechtsmissbräuchliche Ziel eines Erlassgesuchs zwingt zur Annahme
einer Lücke in Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG, die durch eine Regelung auszufüllen ist, laut
der die Erlassmöglichkeit für jene Rückforderungen nicht gegeben ist, denen eine
(fiktive) Leistungsausrichtung in der Vergangenheit zugrunde liegt (zum Ganzen siehe
Entscheide des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 8. Juli 2021, EL
2019/34 E. 4.2, und vom 23. Februar 2021, EL 2019/31 E. 4.4, m.w.H.). Das bedeutet,
dass der Erlass der aus der Nichtanrechnung der Familienzulagen im Zeitraum
1. September 2018 bis 31. August 2019 resultierenden Rückforderung zum Vornherein
ausgeschlossen ist.
Zu prüfen bleibt ein allfälliger Erlass der aus der Nichtanrechnung der
Familienzulagen im Zeitraum ab 1. September 2019 bis 31. Juli 2020 resultierenden
Rückforderung. Ab dem 1. September 2019 sind die Familienzulagen der Vertreterin
der Beschwerdeführerin laufend ausbezahlt worden. Die Vertreterin der
Beschwerdeführerin hat durch ein Schreiben der Familienausgleichskasse der SVA des
Kantons Zürich vom 3. August 2019 Kenntnis vom Anspruch auf Familienzulagen
erhalten (vgl. act. G 1.4). Sie hätte deshalb der Beschwerdegegnerin noch im August
2019 melden müssen, dass ihr ab dem 1. September 2019 Familienzulagen
ausgerichtet würden. In den in den Verfügungsformularen beispielhaft aufgeführten
meldepflichtigen Änderungen der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse fehlen
die Familienzulagen zwar. Der entsprechende Hinweis bringt jedoch klar zum
Ausdruck, dass alle Änderungen, die zu einer Erhöhung der Einnahmen führen,
meldepflichtig sind (z.B. Erhöhung IV-Rente, Auszahlung von Pensionen, Taggeldern).
Mit einem Blick in die den Verfügungen beiliegenden Berechnungsblätter hätte die
Vertreterin der Beschwerdeführerin zudem erkennen müssen, dass Kinder-/
Familienzulagen eine Einnahmenposition darstellen und demzufolge meldepflichtig
sind. Die Vertreterin der Beschwerdeführerin hat geltend gemacht, dass sie aufgrund
einer unrichtigen Auskunft der SVA des Kantons Zürich die Ausrichtung von
Familienzulagen nicht gemeldet habe. Sie hat ausgeführt, dass sie bei der SVA des
Kantons Zürich angerufen und gefragt habe, ob sie das "Kindergeld" angeben müsse.
Der Herr am Telefon habe dies verneint und gesagt, was die SVA St. Gallen mit der
SVA Zürich zu tun habe. Sie habe dreimal gefragt. Leider wisse sie den Namen dieses
Herrn nicht mehr. Im Weiteren hat sie vorgebracht, die Gemeinde E._ habe das leider
4.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenlos (vgl. Art. 61 lit. f ATSG).
auch nicht "angegeben". In einer antizipierenden Beweiswürdigung ist davon
auszugehen, dass nicht mehr bewiesen werden kann, was der Inhalt dieses Telefonats
mit der SVA des Kantons Zürich gewesen ist. Die Vertreterin der Beschwerdeführerin
hat nämlich keine Angaben dazu machen können, mit wem sie telefoniert hat. Sie hat
auch nicht angegeben, wann dieses Telefonat stattgefunden hat. Von weiteren
Abklärungen betreffend den Inhalt dieses Telefonats ist also kein Beweisfortschritt zu
erwarten, weshalb darauf zu verzichten ist. Ob die Vertreterin der Beschwerdeführerin
tatsächlich eine unrichtige behördliche Auskunft erhalten hat, bleibt damit beweislos.
Was die Gemeinde E._ der Vertreterin der Beschwerdeführerin genau angegeben hat,
hat die Vertreterin der Beschwerdeführerin nicht substantiiert. Unabhängig vom Inhalt
der Auskunft hat es sich bei der Gemeinde E._ – wie im Übrigen auch bei der SVA
des Kantons Zürich – für die Vertreterin der Beschwerdeführerin bei Anwendung
zumutbarer Sorgfalt erkennbar um eine unzuständige Behörde gehandelt, weshalb eine
Berufung auf eine unrichtige behördliche Auskunft als Anwendungsfall des
Vertrauensschutzes gemäss Art 9 BV, der die Meldepflichtverletzung entschuldigen
und damit einen gutgläubigen Bezug der unrechtmässigen Ergänzungsleistungen im
Sinne von Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG begründen könnte, ausgeschlossen ist. Die
Vertreterin der Beschwerdeführerin hat also ihre Meldepflicht in Bezug auf die
Zusprache von Familienzulagen in grober Weise verletzt, da aufgrund der
meldepflichtigen Sachverhaltsveränderungen, die in jeder Verfügung aufgeführt sind,
und aufgrund der expliziten Nennung der Kinder-/Familienzulagen in den
Berechnungsblättern leicht erkennbar gewesen ist, dass Familienzulagen zu den
anrechenbaren Einnahmen zählen und demzufolge zu melden sind. Anhaltspunkte
dafür, dass es der Vertreterin der Beschwerdeführerin aus anderen Gründen nicht
möglich und zumutbar gewesen wäre, der Meldepflicht nachzukommen, bestehen
nicht. Die Beschwerdeführerin, die sich das Verhalten ihrer Vertreterin anzurechnen
lassen hat, ist hinsichtlich der Nichtanrechnung der Familienzulagen ab 1. September
2019 bis 31. Juli 2020 damit nicht gutgläubig gewesen. Ob die Voraussetzung der
grossen Härte gegeben wäre, kann offenbleiben, da die beiden Erlassvoraussetzungen
kumulativ erfüllt sein müssen.
Damit steht fest, dass die Beschwerdegegnerin das Erlassgesuch zu Recht
vollumfänglich abgewiesen hat.
4.5.
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/16
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte