Decision ID: 34a1375f-fd07-5215-a479-0bb95ae05ea6
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der 1972 geborene A._ (Versicherter bzw. Beschwerdeführer) meldete sich am 8. September 2003 bei der IV-Stelle ... zum Leistungsbezug an. Nachdem die IV-Stelle ... die Sache als «Ausstandfall» zur Weiterbearbeitung der IV-Stelle Bern (IVB bzw. Beschwerdegegnerin) übergeben hatte, verneinte diese mit Verfügung vom 30. April 2004 einen Anspruch auf Invalidenversicherungsleistungen (Akten der IVB [act. IIC], 1.1, 1.12, 3). Auf Einsprache hin (act. IIC 5) hob die IVB die Verfügung mit Entscheid vom 22. Juli 2004 (act. IIC 11) auf, traf weitere Abklärungen und wies das Leistungsgesuch bezüglich einer Invalidenrente mit Verfügung vom 30. November 2005 (act. IIC 49) ab. Ein daraufhin angestrengtes Einspracheverfahren (act. IIC 50) wurde zufolge Rechtsmittelrückzugs (act. IIC 55) als erledigt vom Geschäftsverzeichnis abgeschrieben (act. IIC 56).
Nach einer beruflichen Abklärung (act. IIC 65, 90 f.) verneinte die IVB mit Verfügung vom 5. Januar 2007 (act. IIC 94) einen Anspruch auf berufliche Massnahmen. Eine hiergegen erhobene Beschwerde (act. IIC 95/20 f.) wies das Verwaltungsgericht mit Urteil vom 3. August 2007, IV 67699 (act. IIC 103), ab.
B.
In der Folge gewährte die IVB dem Versicherten auf Gesuch hin (act. IIC 104) eine Umschulung (Akten der IVB [act. IIB], 134, 141), die mit einer gescheiterten Abschlussprüfung endete (act. IIB 159, 165). Daraufhin verneinte sie mit Verfügung vom 23. Juli 2015 (act. IIB 232) nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (act. IIB 191, 210, 224) einen Rentenanspruch erneut.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 4. Feb. 2016, IV/15/797, Seite 3
C.
Mit Eingabe vom 11. September 2015 erhob der Versicherte, vertreten durch die B._, Beschwerde und stellte die folgenden Anträge:
«1. Dem Beschwerdeführer seien, nach weiteren Abklärungen, die ihm gesetzlich zustehenden Leistungen der Invalidenversicherung bzw. eine entsprechende Invalidenrente seit wann rechtens zuzusprechen.
2. Es wird zudem beantragt, die Honorare für die ärztlichen Beurteilungen der behandelnden Ärzte Dr.med. C._ und med.prakt. D._ der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen bzw. bei der Bemessung der Parteientschädigung entsprechend zu berücksichtigen.
– unter Kosten- und Entschädigungsfolge –»
In ihrer Beschwerdeantwort vom 18. November 2015 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde.
Die mit der Beschwerdeantwort eingereichten unvollständigen Akten (Akten der Beschwerdegegnerin [act. II], unpaginiert; Akten der Beschwerdegegnerin [act. IIA], 1-48) wurden von der Beschwerdegegnerin am 31. Dezember 2015 aufforderungsgemäss (vgl. Aktennotiz des Instruktionsrichters vom 29. Dezember 2015 [im Gerichtsdossier]) durch erneute Aktenkopien ersetzt (act. IIB 131-238; IIC 1-130).

Erwägungen:
1.
1.1 Die angefochtene Verfügung ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Verfügungen. Der Beschwerdeführer ist im
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 4. Feb. 2016, IV/15/797, Seite 4
vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträgen nicht durchgedrungen, durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Beschwerde – unter Vorbehalt des Nachstehenden – einzutreten.
1.2 Anfechtungsobjekt bildet die Verfügung vom 23. Juli 2015 (act. IIB 232). Streitig und zu prüfen ist einzig der Anspruch auf eine Invalidenrente. Soweit mit der Beschwerde (S. 2 Ziff. I Ziff. 1) sinngemäss beantragt wird, es seien (reformatorisch) weitere Invalidenversicherungsleistungen zuzusprechen, stehen diese Rechtsverhältnisse ausserhalb des Anfechtungs- und Streitgegenstandes, weshalb darauf nicht einzutreten ist.
Das Gericht hat sich nicht darauf zu beschränken, den Streitgegenstand bloss im Hinblick auf die von den Parteien aufgeworfenen Rechtsfragen zu überprüfen. Es kann eine Beschwerde gutheissen oder abweisen aus anderen Gründen, als von der beschwerdeführenden Person vorgetragen oder von der Vorinstanz erwogen. Mit Blick auf die nachfolgenden Erwägungen (vgl. E. 2), den Ausgang des vorliegenden Verfahrens sowie das der Beschwerdegegnerin bekannte Grundsatzurteil des Verwaltungsgerichts vom 23. Dezember 2015, IV/2015/118 [zur Publikation in der BVR vorgesehen]), wurde auf das Einholen weiterer Vernehmlassungen der Parteien verzichtet.
1.3 Die Abteilungen urteilen gewöhnlich in einer Kammer bestehend aus drei Richterinnen oder Richtern (Art. 56 Abs. 1 GSOG). Sie beurteilen offensichtlich begründete oder offensichtlich unbegründete Fälle in Zweierbesetzung (Art. 56 Abs. 3 GSOG).
1.4 Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).
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2.
2.1 Vorab ist in Anbetracht des Wohnsitzes des Beschwerdeführers im Kanton ... unklar, ob die angefochtene Verfügung zulässigerweise durch die Beschwerdegegnerin erlassen wurde. Dies beschlägt keine Sachurteilsvoraussetzung des angerufenen Gerichts (vgl. E. 1.1 hiervor), sondern allein die örtliche Zuständigkeit im Verwaltungsverfahren. Der diesbezüglichen Erwägung (E. 1.2) im VGE IV 67699 (act. IIC 103) kommt dabei keine materielle Rechtskraft zu, zumal dort ein anderes Rechtsverhältnis (Anspruch auf Massnahmen beruflicher Art) betroffen war.
2.2 Zuständig ist in der Regel die IV-Stelle, in deren Kantonsgebiet der Versicherte im Zeitpunkt der Anmeldung seinen Wohnsitz hat. Der Bundesrat ordnet die Zuständigkeit in Sonderfällen (Art. 55 Abs. 1 IVG). Für Sachverhalte mit Auslandbezug ist die Zuständigkeit in Art. 40 Abs. 1 lit. b bis Abs. 2quater der Verordnung vom 17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) ergänzend geregelt. Gemäss Art. 40 Abs. 4 IVV bestimmt das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) bei strittiger Zuständigkeit die zuständige IV-Stelle. Nach Art. 35 Abs. 1 ATSG prüft der Versicherungsträger seine Zuständigkeit von Amtes wegen. Aus der zwingenden Natur der Zuständigkeitsvorschriften folgt, dass die Prorogation, d.h. Abmachungen zwischen den Parteien und Behörden über die Zuständigkeit, grundsätzlich ebenso ausgeschlossen sind wie die sog. Einlassung (vgl. URS MÜLLER, das Verwaltungsverfahren in der Invalidenversicherung, 2010, N. 831; UELI KIESER, Kommentar zum ATSG, 3. Aufl. 2015, Art. 35 N. 10; TVR 2013 Nr. 33). Die örtliche Zuständigkeit der IV-Stelle im Verwaltungsverfahren bestimmt jene des kantonalen Versicherungsgerichts in einem nachfolgenden Rechtspflegeverfahren (Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG).
2.3 Vorliegend ist die örtliche Zuständigkeit der IV-Stelle nicht streitig, der gerichtlichen Überprüfung jedoch zugänglich (vgl. E. 1.2 hiervor). Nach der Anmeldung des Beschwerdeführers bei der IV-Stelle ... im September 2003 (act. IIC 1.12) überwies diese sämtliche Akten im Januar 2004 zur weiteren Bearbeitung mit dem Hinweis an die Beschwerdegegnerin, dass
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es sich um einen «Ausstandfall» handle (act. IIC 1.1). Die Beschwerdegegnerin übernahm daraufhin die Fallbearbeitung und tätigte die erforderlichen Verwaltungsakte, wobei der Wohnsitz des Beschwerdeführers im Kanton ... während des gesamten Verwaltungsverfahrens unverändert blieb.
2.4 Personen, die Entscheidungen über Rechte und Pflichten zu treffen oder vorzubereiten haben, treten in Ausstand, wenn sie in der Sache ein persönliches Interesse haben oder aus anderen Gründen in der Sache befangen sein könnten (Art. 36 Abs. 1 ATSG). Ist der Ausstand streitig, so entscheidet die Aufsichtsbehörde. Handelt es sich um den Ausstand eines Mitgliedes eines Kollegiums, so entscheidet das Kollegium unter Ausschluss des betreffenden Mitgliedes (Art. 36 Abs. 2 ATSG). In Rz. 4029 des Kreisschreibens des BSV über das Verfahren in der IV (KSVI, gültig ab 1. Januar 2003) ist vorgesehen, dass die Sache mit Zustimmung der versicherten Person an eine andere IV-Stelle zur Behandlung zu überweisen ist, wenn Personen, die ein Leistungsbegehren behandeln, befangen zu sein scheinen. Als Beispiel für eine solche Konstellation nennt das Kreisschreiben das Gesuch von Mitarbeitenden der eigenen IV-Stelle, worauf auch in der Lehre teilweise hingewiesen wird (vgl. URS MÜLLER, a.a.O.; UELI KIESER, a.a.O.).
Der Ausstand einer Behörde als solche stellt die gesetzliche Regelung in Frage, aus welcher sich die Zuständigkeit der Behörde ergibt (vgl. Entscheid des Bundesgerichts [BGer] vom 18. Februar 2013, 8C_994/2015, E. 4.1). Im Zusammenhang mit Rekusationen gilt denn auch, dass – allenfalls unter Vorbehalt ganz ausserordentlicher Fälle – nur die für eine Behörde tätigen Personen befangen sein können, nicht eine Behörde als solche. Zulässig sind hingegen Ausstandsbegehren gegen sämtliche Mitglieder einer Behörde, was jedoch voraussetzt, dass gegen jedes einzelne Mitglied spezifische Ausstandsgründe geltend gemacht werden. Dass der Versicherungsträger zugleich Arbeitgeber der versicherten Person ist, genügt hierfür grundsätzlich nicht (Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; heute: Bundesgericht] vom 30. August 2006; U 302/05, E. 4.2 [in: SZS 2007 S. 60]).
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