Decision ID: 8ff35d7b-0b82-564e-820d-79763d7d10f9
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis für die Kategorien A1, B, D1, BE und D1E seit
23. Dezember 1999. Am Mittwoch, 17. April 2013 um ca. 8.50 Uhr, fuhr er mit einem
Personenwagen auf der Autobahn A1 nach einem kurzen Halt bei der Raststätte
Thurau in Fahrtrichtung Zürich auf dem Überholstreifen. Dieser war auf Höhe des
Autozubringers Wil zwecks Wartungsarbeiten gesperrt. X bediente während der Fahrt
das Handy. Er erkannte die entsprechende Signalisation nicht rechtzeitig und prallte
frontal in das auf dem linken Fahrstreifen abgestellte Unterhaltsdienstfahrzeug mit dem
Prellbock. Dabei verletzte er sich (Prellung am rechten Knie, leichte
Gehirnerschütterung, eventuell leichtes Schleudertrauma) und wurde mit dem
Krankenauto ins Spital Wil gebracht.
Mit Strafbefehl des Untersuchungsamtes Gossau vom 26. März 2014 wurde X der
einfachen Verletzung von Verkehrsregeln (Verursachen eines Verkehrsunfalls zufolge
ungenügender Aufmerksamkeit auf der Autobahn) zu einer Busse von Fr. 1'500.–
verurteilt. Der Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.- Mit Schreiben vom 8. Mai 2014 nahm das Strassenverkehrsamt das am 28. Mai
2013 eröffnete und am 17. Juni 2013 aufgrund des noch hängigen Strafverfahrens
sistierte Administrativverfahren gegen X wieder auf und gewährte ihm das rechtliche
Gehör. Es entzog ihm in der Folge mit Verfügung vom 1. Juli 2014 (zugestellt am 3. Juli
2014) den Führerausweis wegen schwerer Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer von drei Monaten.
C.- Dagegen erhob X mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 16. Juli 2014 Rekurs bei
der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei die Verfügung des Strassenverkehrsamts aufzuheben und es
sei eine Verwarnung auszusprechen; eventualiter sei ihm der Führerausweis für die
Dauer eines Monats zu entziehen. Die Vorinstanz verzichtete am 27. August 2014 auf
eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen im Rekurs wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
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Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 16. Juli 2014 ist rechtzeitig eingereicht
worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege;
sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG)
wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das
Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 (SR 741.03)
ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung
ausgesprochen. Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG),
mittelschweren (Art. 16b SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine
leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden
trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird
dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf
genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine
mittelschwere Widerhandlung liegt vor, wenn durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen wird (Art. 16b
Abs. 1 lit. a SVG). Von einer mittelschweren Widerhandlung ist immer dann
auszugehen, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer leichten und nicht alle
qualifizierenden einer schweren Widerhandlung erfüllt sind (vgl. Botschaft, in: BBl 1999
S. 4487).
3.- Der Rekurrent bestreitet, dass die Voraussetzungen für einen Führerausweisentzug
erfüllt seien. Er macht insbesondere geltend, nicht grobfahrlässig gehandelt zu haben,
weshalb im Einklang mit den Strafbehörden von einer leichten Verkehrsregelverletzung
auszugehen sei, und er zu verwarnen sei. Im Eventualfall sei von einem mittelschweren
Verschulden auszugehen und der Führerausweis für einen Monat zu entziehen (act. 1
Ziff. 8).
bis
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a) Die Verwaltungsbehörde ist an die tatsächlichen Feststellungen im Strafverfahren
grundsätzlich gebunden. Nach ständiger Rechtsprechung darf sie vom Strafurteil nur
abweichen, wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid zugrunde legt, die dem
Strafrichter unbekannt waren, wenn sich die Erhebung zusätzlicher Beweise aufdrängt,
wenn die Beweiswürdigung des Strafrichters eindeutig im Widerspruch zur
Tatsachenlage stand oder wenn der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den
Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat, insbesondere jene nicht,
welche die Verletzung der Verkehrsregeln betreffen (BGE 124 II 103 E. 1c/aa).
b) Im Strafbefehl vom 26. März 2014 wurde festgehalten, dass der Rekurrent einen
Verkehrsunfall verursacht habe, als er auf der Überholspur auf der Autobahn A1 von
Uzwil in Richtung Zürich gefahren sei und dabei die korrekte Signalisation zur Sperrung
der Fahrbahn nicht rechtzeitig erkannt habe. In der Folge habe er nicht mehr anhalten
können und sei frontal in das am Unterhaltsfahrzeug angebrachte Aufprallkissen
geprallt. Die Unaufmerksamkeit und Ablenkung sei auf die Bedienung des Handys
während der Fahrt zurückzuführen (act. 8/11). Die Vorinstanz führte in der
angefochtenen Verfügung mit ausführlicher Begründung aus, der Rekurrent habe
eingestanden, unmittelbar nach der Ausfahrt der Raststätte Thurau und der Weiterfahrt
in Richtung Zürich zwei SMS versandt und keinerlei Vorsignalisation des Spurabbaus
wahrgenommen zu haben. Infolge dieser ungenügenden Aufmerksamkeit habe er einen
Verkehrsunfall verursacht (act. 2/1). Die Vorinstanz und die Strafbehörde gingen folglich
vom gleichen Sachverhalt aus.
4.- Im Strafverfahren wurde der Rekurrent wegen des Ereignisses vom 17. April 2013
der einfachen Verletzung der Verkehrsregeln (Nichtbeherrschen des Fahrzeugs gemäss
Art. 31 Abs. 1 SVG und Art. 3 Abs. 1 der Verkehrsregelnverordnung [SR 741.11,
abgekürzt: VRV] in Verbindung mit Art. 90 Abs. 1 SVG) schuldig gesprochen. Die
Vorinstanz stützte die angefochtene Verfügung ebenfalls auf Art. 31 Abs. 1 SVG und
Art. 3 Abs. 1 VRV. Danach muss der Führer das Fahrzeug ständig so beherrschen,
dass er seinen Vorsichtspflichten nachkommen kann. Er muss seine Aufmerksamkeit
der Strasse und dem Verkehr zuwenden. Er darf beim Fahren keine Verrichtung
vornehmen, welche die Bedienung des Fahrzeugs erschwert, und hat ferner dafür zu
sorgen, dass seine Aufmerksamkeit insbesondere durch Tonwiedergabegeräte sowie
Kommunikations- und Informationssysteme nicht beeinträchtigt wird. Anders als die
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Strafbehörde stufte die Vorinstanz die Verkehrsregelverletzung als schwere
Widerhandlung ein und entzog dem Rekurrenten den Führerausweis gestützt auf
Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG für drei Monate.
a) Bei der rechtlichen Würdigung des Sachverhalts ist die Verwaltungsbehörde
grundsätzlich nicht an das Strafurteil gebunden. Eine Ausnahme besteht dann, wenn
die Rechtsanwendung sehr stark von der Würdigung von Tatsachen abhängt, welche
die Strafbehörde besser kennt als die Verwaltungsbehörde (Urteil des Bundesgerichts
[BGer] 1C_249/2012 vom 27. März 2013 E. 2.2.1 mit Hinweis auf BGE 102 Ib 193
E. 3c). Die Tatbestandsumschreibungen für den Führerausweisentzug und die
strafrechtliche Sanktion stimmen nicht überein. Es bestehen aber gewisse Parallelen.
Die Strafnorm von Art. 90 SVG legt das Schwergewicht auf das Verschulden des
Fahrzeuglenkers und verlangt eine Würdigung des Sachverhalts unter einem
subjektiven Gesichtspunkt, während die verwaltungsrechtlichen Bestimmungen von
Art. 16 ff. SVG mehr auf die objektive Gefährdung des Verkehrs abstellen. Der
Entscheid über die Schwere einer Verkehrsgefährdung ist eine Frage der rechtlichen
Würdigung des Sachverhalts (BGer 6A.86/2006 vom 28. März 2007 E. 3), das heisst
eine Rechtsfrage. Die zu einer Bindung der Verwaltungsbehörde verpflichtende enge
Verknüpfung von Sachverhaltsfeststellung und Rechtsanwendung ist hier nicht
gegeben (BGer 6A.64/2006 vom 20. März 2007 E. 2.3 mit Hinweis auf BGE 102 Ib 193
E. 3c).
b) Es ist unbestritten und aufgrund der polizeilichen Fotodokumentation belegt, dass
auf der Höhe des Signals, welches die Ausfahrt Wil in 1000 Metern ankündigt, und
damit etwa einen Kilometer vor der Fahrbahnverengung bzw. knapp 1.5 Kilometer nach
der Raststätte Thurau beidseitig ein Baustellensignal aufgestellt war. 500 Meter vor der
Unfallstelle – kurz vor der Autobahnausfahrt Wil – wurde sodann der Abbau der linken
Fahrspur mit einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h signalisiert (act. 8/30). Der
Rekurrent gab nach dem Unfall zu Protokoll, keine Signalisation wahrgenommen zu
haben. Er habe zwischen der Raststätte Thurau und der Autobahnausfahrt Wil zwei
SMS geschrieben. Es sei möglich, dass er deswegen die Signalisation des
Unterhaltsdienstes nicht gesehen habe. Zum Unfallzeitpunkt habe er das Natel aber
wieder in der linken Brusttasche versorgt gehabt (act. 8/26 f.). Das Hantieren am Handy
gab er jedoch erst zu, als die polizeiliche Auswertung des Geräts ergeben hatte, dass
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kurz vor dem Unfall zwei SMS abgeschickt worden waren (act. 8/26 f.). Die Aussage
des Rekurrenten vor dem Untersuchungsamt Gossau, die SMS bereits bei der Ausfahrt
Thurau versandt zu haben (act. 8/34), erscheint als Schutzbehauptung. Andernfalls
hätte ihm die Baustellensignalisation etwa 1.5 Kilometer nach der Raststätte Thurau
auffallen müssen. Ebenso lässt sich nicht erklären, weshalb er diesfalls die
angekündigte Baustellenverengung in 500 Metern und die signalisierte
Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h übersehen hat. Es ist deshalb davon auszugehen,
dass er zu jenem Zeitpunkt durch das Schreiben der SMS abgelenkt war und seine
Aufmerksamkeit somit nicht der Strasse zugewendet war. Nichts anderes lässt sich aus
dem Strafbefehl des Untersuchungsamts Gossau vom 26. März 2014 herleiten,
wonach die Unaufmerksamkeit und Ablenkung auf die Bedienung des Handys während
der Fahrt zurückzuführen sei (act. 8/11). Seine Unaufmerksamkeit hatte zur Folge, dass
er mit einem mit gelben Blinkleuchten ausgestatteten Signalisationsanhänger einer
vorschriftsgemäss angekündigten Baustelle zusammenstiess. Der Rekurrent verletzte
damit wichtige Verkehrsvorschriften in objektiv schwerer Weise, da er beim Fahren sein
Mobiltelefon bediente und seine Aufmerksamkeit nicht mehr der Strasse zuwandte (vgl.
BGer 6B_628/2014 vom 30. September 2014 E. 1.5.1 mit Hinweis auf BGer
6B_666/2009 vom 24. September 2009 E. 1.4). Daran ändert nichts, dass vor ihm ein
dunkler Kombi gefahren sei, weshalb er nicht mehr habe reagieren können. Immerhin
passierte dieses Fahrzeug die Baustelle, ohne einen Unfall zu verursachen. Hinzu
kommt, dass an die Aufmerksamkeit des Fahrzeuglenkers noch höhere Anforderungen
zu stellen sind, wenn die Sicht nach vorne durch ein vorausfahrendes Fahrzeug
eingeschränkt ist. Diese erhöhten Anforderungen wurden nicht im Geringsten erfüllt.
Überdies ist fraglich, ob der Abstand zum dunklen Kombi genügend gross war;
andernfalls hätte er den auf dem linken Fahrstreifen abgestellten Absperrlastwagen
sehen müssen. Hätten sich zu gegebenem Zeitpunkt an der betreffenden Stelle
Bauarbeiter aufgehalten, wäre der Rekurrent nicht in der Lage gewesen, einen
Zusammenstoss zu verhindern. Zudem bestand durch den Selbstunfall im Bereich
einer Baustelle auf der Autobahn die naheliegende Gefahr von Folge- bzw.
Auffahrunfällen. Eine erhöhte abstrakte Gefährdung und damit die ernstliche Gefahr für
die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer sind zu bejahen. Unter diesen Umständen ist
nicht leicht verständlich, wie das Untersuchungsamt Gossau zum Schluss kommen
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konnte, es liege lediglich eine leichte Verletzung der Verkehrsregeln nach Art. 90 Abs. 1
SVG, und nicht eine grobe Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG vor.
c) Folglich ist die Vorinstanz mit überzeugender Begründung zu Recht von einer
schweren Widerhandlung gemäss Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG ausgegangen. Zu prüfen
bleibt die Entzugsdauer. Die Vorinstanz entzog den Führerausweis für drei Monate. Für
eine schwere Widerhandlung handelt es sich dabei um die Mindestentzugsdauer
(Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG), die auch bei einem ungetrübten automobilistischen
Leumund nicht unterschritten werden darf (Art. 16 Abs. 3 SVG). Der dreimonatige
Führerausweisentzug ist somit zu bestätigen.
5.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist. Dem
Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist zu verrechnen.