Decision ID: d98508b9-b81a-4c1e-94be-be0f7e2ebaef
Year: 2022
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. A2. stellte mit einem E-Mail vom 26. Februar 2021 bei der Ausgleichskasse Appenzell
Ausserrhoden ein formloses Begehren um Ausrichtung von Ergänzungsleistungen
(act. 7.1/1). Ende Mai 2021 liess sie der Ausgleichskasse das offizielle Gesuchsformular
zusammen mit diversen Unterlagen zukommen (act. 7.1/2 ff.). Am 10. August 2021 reichte
sie auf entsprechende Aufforderung der Ausgleichskasse hin weitere ergänzende Unterlagen
nach (act. 7.1/10). Mit Verfügung vom 13. August 2021 wies die Ausgleichskasse das
Gesuch um Ergänzungsleistungen ab, woran sie auch nach erhobener Einsprache mit
Entscheid vom 7. Oktober 2021 festhielt (act. 7.1/25; act. 7.1/28).
B. Gegen die nämliche Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde von A1. und A2.,
vertreten durch AA., vom 5. November 2021, mit dem eingangs zitierten Rechtsbegehren
(act. 1). Die Vernehmlassung der Vorinstanz mit dem Antrag auf Beschwerdeabweisung
wurde am 9. Dezember 2021 erstattet (act. 6). Die Beschwerdeführer machten von dem
ihnen eingeräumten Recht zur Replik keinen Gebrauch.
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Erwägungen
1. Gegen Einspracheentscheide der Ausgleichskasse als zuständigem Versicherungsträger
kann Beschwerde beim kantonalen Versicherungsgericht geführt werden (Art. 1 Abs. 1 des
Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2006 über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlasse-
nen- und Invalidenversicherung [ELG, SR 831.30] i.V.m. Art. 56 und 57 des Bundesgesetzes
vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG,
SR 830.1]). Örtlich zuständig ist das Versicherungsgericht des Kantons, in dem die
versicherte Person oder der Beschwerde führende Dritte zur Zeit der Beschwerdeerhebung
Wohnsitz hat (Art. 1 Abs. 1 ELG i.V.m. Art. 58 Abs. 1 ATSG). Die Beschwerdeführer haben
Wohnsitz in B., womit die örtliche Zuständigkeit des ausserrhodischen Versicherungsgerichts
gegeben ist. Sachlich zuständig ist das Obergericht (Art. 57 ATSG i.V.m. Art. 28 lit. b des
Justizgesetzes vom 13. September 2010 [bGS 145.31]). Nachdem die übrigen formellen
Voraussetzungen zur Beschwerdeerhebung ebenso erfüllt sind, ist auf die Beschwerde
einzutreten.
2. 2.1
Nach Art. 4 Abs. 1 lit. a ELG haben u.a. Personen mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt
in der Schweiz Anspruch auf Ergänzungsleistungen, die eine Alters- und Hinterlas-
senenversicherung (AHV) beziehen. Die jährliche Ergänzungsleistung hat dem Betrag zu
entsprechen, um den die anerkannten Ausgaben die anrechenbaren Einnahmen übersteigen
(Art. 9 Abs. 1 ELG). Was zu den anerkannten Ausgaben gezählt wird, ist in Art. 10 ELG
geregelt, was zu den anrechenbaren Einnahmen in Art. 11 ELG. Vermögenswerte sind nach
Massgabe von Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG als Einnahmen zu veranschlagen.
2.2
Anspruch auf EL haben gemäss Art. 9a Abs. 1 ELG nur Personen, deren Reinvermögen die
folgenden Werte nicht überschreitet:
- bei alleinstehenden Personen 100'000 Franken;
- bei Ehepaaren 200'000 Franken;
- bei rentenberechtigten Waisen und Minderjährigen mit einem IV-Taggeld 50'000 Franken.
2.3
Meldet sich eine Person für die jährliche Ergänzungsleistung an, ist für den Anspruch das
Vermögen massgebend, das am ersten Tag des Monats vorhanden ist, ab dem die
Ergänzungsleistung beansprucht wird (Art. 2 Abs. 2 der Verordnung vom 15. Januar 1971
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über die Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV;
SR 831.301). Gestützt auf diese Bestimmung prüfte die Vorinstanz den EL-Anspruch der
Beschwerdeführer zu Recht ab dem 1. Februar 2021, nachdem das Gesuch am 26. Februar
2021 gestellt wurde.
3. Gemäss unbestrittenem Sachverhalt verfügt A2. gegenüber der C. GmbH, bei welcher sie
als Gesellschafterin und Geschäftsführerin amtet (vgl. Handelsregisterauszug; act. 7.1/13),
über eine Kontokorrentforderung im Betrag von Fr. 86'130.--. Die Vorinstanz ist der
Auffassung, die Summe müsse bei der Berechnung des Reinvermögens im Sinne von Art. 9a
Abs. 1 ELG berücksichtigt werden. Die Beschwerdeführer vertreten demgegenüber die
Ansicht, der Betrag sei ausser Acht zu lassen, weil gemäss der Covid-Gesetzgebung nicht
ungeschmälert darüber verfügt werde könne.
4. Was die von den Beschwerdeführern angesprochene Covid-Gesetzgebung betrifft, ist ins-
besondere auf folgende rechtlichen Grundlagen hinzuweisen: Gemäss Art. 12 des Bundes-
gesetzes vom 25. September 2020 über die gesetzlichen Grundlagen für Verordnungen des
Bundesrates zur Bewältigung der Covid-19-Epidemie (Covid-19-Gesetz; SR 818.102) kann
der Bund auf Antrag eines oder mehrerer Kantone Härtefallmassnahmen dieser Kantone
unterstützen für Einzelunternehmen, Personengesellschaften oder juristische Personen mit
Sitz in der Schweiz (Unternehmen), die vor dem 1. Oktober 2020 gegründet worden sind
oder ihre Geschäftstätigkeit aufgenommen haben und am 1. Oktober 2020 ihren Sitz im
jeweiligen Kanton hatten und die aufgrund der Natur ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit von den
Folgen von Covid-19 besonders betroffen sind und einen Härtefall darstellen [...] (Abs. 1).
Die Gewährung einer Härtefallmassnahme setzt voraus, dass das unterstützte Unternehmen
für das Geschäftsjahr, in dem die Härtefallmassnahme ausgerichtet wird sowie für die drei
darauffolgenden Jahre keine Dividenden und Tantiemen ausschüttet oder deren
Ausschüttung beschliesst und keine Rückerstattung von Kapitaleinlagen vornimmt oder
beschliesst (Abs. 1ter). Gemäss dem ehemaligen Art. 6 der Verordnung vom 25. November
2020 über Härtefallmassnahmen für Unternehmen im Zusammenhang mit der Covid-19-
Epidemie hatte ein Unternehmen gegenüber dem Kanton zu bestätigen, dass es keine
Dividenden oder Tantiemen beschliesst oder ausschüttet oder Kapitaleinlagen rückerstattet
und keine Darlehen an seine Eigentümer vergibt (lit. a). Die Verordnung vom 25. März 2020
zur Gewährung von Krediten und Solidarbürgschaften infolge des Coronavirus (Covid-19-
SBüV; SR 951.261), welche bis zum 18. Dezember 2020 galt, bestimmte in Art. 6 Abs. 3:
Während der Dauer der Solidarbürgschaft ausgeschlossen sind: die Ausschüttung von Divi-
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denden und Tantiemen sowie das Zurückerstatten von Kapitaleinlagen (lit. a); die Gewäh-
rung von Aktivdarlehen oder die Refinanzierung von als Aktivdarlehen ausgestalteten Privat-
und Aktionärsdarlehen, mit Ausnahme der Refinanzierung von seit dem 23. März 2020
aufgelaufenen Kontoüberzügen bei derjenigen Bank, die den nach dieser Verordnung
verbürgten Kredit gewährt (lit. b). Das Bundesgesetz vom 18. Dezember 2020 über Kredite
mit Solidarbürgschaft infolge des Coronavirus (Covid-19-SBüG; SR 951.26), welches per
19. Dezember 2020 in Kraft trat, hält in Art. 2 Abs. 2 fest: Während der Dauer der Solidarbürg-
schaft sind ausgeschlossen: Dividenden und Tantiemen sowie die Rückerstattung von Kapi-
taleinlagen (lit. a); die Gewährung von Darlehen oder die Rückzahlung von Darlehen von
Gesellschafterinnen und Gesellschaftern oder von nahestehenden Personen (lit. b). Auf
kantonaler Ebene ist schliesslich die vorläufige Verordnung vom 19. Januar 2021 über
Härtefallmassnahmen für Unternehmen im Zusammenhang mit der Covid-19-Epidemie
(bGS 911.2) zu nennen. In Art. 3 Abs. 1 lit. a der Verordnung wird namentlich bestimmt: Der
Kanton kann Härtefallmassnahmen gewähren, wenn das Unternehmen die Anforderungen
nach Art. 2 bis 6 der Covid-19-Härtefallverordnung erfüllt.
5. Vorliegend war der C. GmbH mit Verfügung des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit
vom 17. März 2021 ein A-fonds-perdu-Beitrag in der Höhe von Fr. 23'000.-- gewährt worden
(act. 7.1/3). Bereits im März 2020 war der Gesellschaft ausserdem seitens der D. Bank eine
Kreditlimite im Betrag von Fr. 39'000.--eingeräumt worden (act. 7.1/2). Zufolge der
erhaltenen finanziellen Unterstützungsleistungen ist es der C. GmbH – namentlich aufgrund
von Art. 12 des Covid-Gesetzes – untersagt, Kapitaleinlagen oder Darlehen für das
Geschäftsjahr, in dem die Härtefallmassnahme ausgerichtet wird sowie für die drei
darauffolgenden Jahre an Gesellschafter zurückzuzahlen. Zwischen den beiden Parteien ist
dies auch nicht weiter streitig. Es besteht deshalb mithin auch Einigkeit, dass es A2. durch
Gesetz verboten ist, die Rückzahlung ihrer Kontokorrentforderung gegenüber der
Gesellschaft zu veranlassen. Fraglich bleibt nun aber eben, wie das betreffende Guthaben
der Beschwerdeführerin aus EL-rechtlicher Sicht zu behandeln ist. Das Bundesgericht hat
diesbezüglich festgehalten, da Ergänzungsleistungen die Deckung der laufenden
Lebensbedürfnisse bezwecken, dürften nur tatsächlich vereinnahmte Einkünfte und
vorhandene Vermögenswerte berücksichtigt werden, über die der Leistungsansprecher
ungeschmälert verfügen kann. Vorbehalten bleibe der Tatbestand des Verzichts auf
Einkünfte oder Vermögenswerte (Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG; BGE 127 V 248 E. 4; Urteile des
Bundesgerichts 9C_135/2020 vom 30. September 2020 E. 5.5; 9C_333/2016 vom 3. Novem-
ber 2016 E. 3; 9C_901/2014 vom 16. März 2015 E. 3.4.1). Mit anderen Worten: Die
Anrechnung eines Sachwertes im Rahmen von Art. 11 Abs. 1 lit. c ELG beruht auf der Fiktion,
dass er jederzeit in liquides Vermögen umgewandelt werden und als solches verzehrt werden
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kann. Ist indessen die Umwandlung in liquide Mittel nicht möglich oder der Zugriff darauf
verwehrt, entfällt die Anrechnung (JÖHL/USINGER-EGGER, Ergänzungsleistungen zur
AHV/IV, in: Soziale Sicherheit, SBVR Bd. XIV, 3. Aufl. 2016, S. 1842 ff. Rz. 161 f.; Urteil
des Bundesgerichts 9C_447/2016 vom 1. März 2017 E. 4.2.1). Hinsichtlich dieser von Lehre
und Praxis entwickelten Grundsätze ist hier ohne Zweifel festzustellen, dass der
Beschwerdeführerin der Zugriff auf das Guthaben von Fr. 86'130.-- verwehrt ist, und zwar
– wie jene dies korrekt vorgebracht hat – bis mindestens ins Jahr 2024. Was die Vorinstanz
betrifft, begründete letztere die Anrechnung beim Vermögen vor allem damit, dass auf die
von den Steuerbehörden ermittelten Vermögenswerte abgestellt werden müsse. Sie leitet
dieses Verständnis offenbar aus Art. 17a ELV (bzw. den entsprechenden Bestimmungen in
der Wegleitung über die Ergänzungsleistungen zur AHV und IV) ab, wonach das
anrechenbare Vermögen nach den Grundsätzen der Gesetzgebung über die direkte
kantonale Steuer für die Bewertung des Vermögens im Wohnsitzkanton zu bewerten ist.
Diese Bestimmung enthält indes keine Aussage darüber, welches Vermögen tatsächlich
anrechenbar ist. Dafür ist die Steuerveranlagung nicht ausschlaggebend. Das Bundesgericht
hat in dieser Hinsicht ausdrücklich festgehalten, aus der steuerrechtlichen Behandlung eines
Vermögenswertes könne nicht auf dessen ergänzungsleistungsrechtliche Relevanz
geschlossen werden, sei doch bei dieser die Liquidität resp. Verfügbarkeit des fraglichen
Vermögenswertes für den Lebensunterhalt entscheidend (Urteil des Bundesgerichts
9C_333/2016 vom 3. November 2016 E. 4.4). Nicht gefolgt werden kann der Vorinstanz
auch, soweit sie geltend macht, die Beschwerdeführerin würde doppelt profitieren, wenn sie
einerseits Unterstützungsgelder erhalte und andererseits der Betrag von Fr. 86'130.-- in der
EL-Berechnung nicht berücksichtigt werden dürfe. Letztlich handelt es sich bei der
Beschwerdeführerin und der Gesellschaft C. GmbH um zwei unterschiedliche Rechts-
subjekte.
6. Zusammenfassend handelt es sich beim Kontokorrentguthaben von A2. gegenüber der C.
GmbH um einen Betrag, über welchen jene nicht ungeschmälert verfügen kann. Die
Vorinstanz hat die betreffende Summe bei der Ermittlung des Reinvermögens im Sinne von
Art. 9a ELG zu Unrecht miteinberechnet. Dies führt zur Aufhebung des angefochtenen
Entscheides und entsprechender Gutheissung der Beschwerde. Die Angelegenheit ist an die
Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie die beschwerdeführerischen Ansprüche neu
berechne.
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7. 7.1
Bei Streitigkeiten über Leistungen ist das Verfahren kostenpflichtig, wenn dies im jeweiligen
Einzelgesetz vorgesehen ist; sieht das Einzelgesetz keine Kostenpflicht bei solchen Streitig-
keiten vor, so kann das Gericht einer Partei, die sich mutwillig oder leichtsinnig verhält,
Gerichtskosten auferlegen (Art. 61 lit. fbis ATSG). Vorliegend hat man es mit einer Leistungs-
streitigkeit zu tun. Das ELG legt keine Kostenpflicht für das Beschwerdeverfahren fest.
Leichtsinnigkeit oder Mutwilligkeit einer Partei liegt nicht vor. Entsprechend ist dieses
Verfahren kostenlos.
7.2
Den obsiegenden Beschwerdeführern steht keine Parteientschädigung zu, nachdem sie
nicht berufsmässig vertreten sind und ein besonders hoher Aufwand nicht ausgewiesen
erscheint (vgl. dazu BGE 127 V 205 E. 4 b).
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