Decision ID: d11a6c16-0863-4e53-a11e-b797ba7da07f
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden sind ethnische Tadschiken und hatten ihren
letzten Wohnsitz in E._. Die Beschwerdeführerin 1 (Ehefrau/Mutter;
nachfolgend: Beschwerdeführerin) stellte am 20. Mai 2019 in der Schweiz
ein Asylgesuch. Der Beschwerdeführer 2 (Ehemann/Vater; nachfolgend:
Beschwerdeführer) und die beiden Kinder (Beschwerdeführende 3 und 4)
reisten der Beschwerdeführerin im November 2019 im Rahmen eines
Dublin-IN-Verfahrens nach und stellten am 19. November 2019 hier-
zulande Asylgesuche.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin führte anlässlich der Personalienaufnahme
vom 28. Mai 2019, ihres Dublin-Gesprächs vom 4. Juni 2019 und ihrer An-
hörung zu den Asylgründen vom 17. Juli 2019 aus, sie stamme aus
E._, wo sie im Jahr (...) ihren Mann geheiratet habe. Im Jahr 2014
hätten sie und ihre Mutter auf dem Bazar von E._ einen Bomben-
anschlag überlebt; sie sei in der Folge psychisch stark von den grausamen
Bildern abgerissener Körperteile beeinträchtigt gewesen. Im Herbst 2014
seien sie deswegen nach F._ umgezogen, wo ihr Mann für die Re-
gierung gearbeitet habe. Ein Jahr später sei ihr Haus von mehreren Ange-
hörigen der Taliban gestürmt worden, die ihren Mann zu einer Zusammen-
arbeit mit ihnen hätten zwingen wollen und ihn geschlagen hätten. Ihr Mann
habe in der Folge einen Drohbrief erhalten, in dem er aufgefordert worden
sei, als Spion für die Taliban zu arbeiten. Er habe dies abgelehnt und die
Familie sei einige Monate später, im April 2016, wieder nach E._
zurückgekehrt. Ungefähr ein Jahr nach der Rückkehr habe der Beschwer-
deführer erneut einen Drohbrief von den Taliban erhalten. Sie hätten sich
daraufhin zur Ausreise entschieden, die am (...) November 2017 geglückt
sei. Die Familie sei daraufhin über den Iran und die Türkei nach Griechen-
land gelangt. Am (...) Mai 2019 hätten sie versucht mit gefälschten Reise-
papieren auf dem Luftweg in die Schweiz zu reisen; dies sei aber nur ihr
geglückt, während der Mann und ihre Kinder an der Ausreise gehindert
worden und deswegen vorerst in Griechenland verblieben seien.
B.b Der Beschwerdeführer gab bei der Personalienaufnahme vom 25. No-
vember 2019 und seiner Anhörung zu den Asylgründen vom 16. Dezember
2019 zu Protokoll, er stamme ursprünglich aus G._ und sei im Jahr
2007 nach E._ umgezogen. Ohne zuvor eine eigentliche Berufs-
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ausbildung absolviert gehabt zu haben, habe er verschiedene Anstellun-
gen ausgeübt und 2010/2011 vorübergehend auch als Dolmetscher für (...)
gearbeitet. Von Februar 2013 bis Ende 2016 sei er bei der Afghanistan
I._ – einer teilweise staatlich subventionierten Firma, die dem
(...)amt unterstellt gewesen sei ‒, als (...) Officer angestellt gewesen; bei
dieser Tätigkeit sei er für die Registrierung von (...) und die Ausstellung
respektive Beglaubigung von (...) zuständig gewesen. In den zehn Mona-
ten vor der Ausreise sei er als (...) Officer für die J._ tätig gewesen.
Am (...) 2015, einen Tag nachdem die Taliban die Kontrolle über F._
übernommen gehabt hätten, seien sieben oder acht Bewaffnete in das
Haus der Familie eingedrungen und hätten ihm unter Schlägen vorgewor-
fen, ein Spion und Mitarbeiter der afghanischen Zentralregierung zu sein.
Er habe den Männern erfolglos zu beweisen versucht, dass er weder
Staatsbeamter sei noch für das Sicherheitsbüro arbeite. Die Männer hätten
schliesslich von ihm abgelassen und angekündigt, dass sie wiederkommen
würden. Er habe daraufhin seinen Arbeitgeber, zunächst vergeblich, um
eine Versetzung nach E._ gebeten. Ungefähr zwei Monate nach
diesem Vorfall sei ein Drohbrief der Taliban beim Haus der Familie depo-
niert worden, in dem er nochmals aufgefordert worden sei, mit ihnen zu-
sammenzuarbeiten. Er habe sich dann erneut an seinen Arbeitgeber ge-
wandt, der einer Versetzung nach E._ nun endlich zugestimmt
habe. Nach der Rückkehr in die Hauptstadt habe er den Arbeitsvertrag
nicht verlängert und Anfang 2017 eine neue Arbeitsstelle bei der Firma
J._ angetreten. Im April 2017 habe er einen zweiten Drohbrief er-
halten, in welchem seine Ermordung angekündigt worden sei, weil er aus
F._ weggegangen sei, ohne die Taliban zu unterstützen. Direkt nach
Erhalt des zweiten Drohbriefs habe er eine Anzeige bei der Polizei einge-
reicht; dabei sei ihm aber gesagt worden, dass es nicht möglich sei, jedem
Gefährdeten einen Beamten zur Seite zu stellen. Daraufhin hätten sie sich
zur Ausreise entschieden, die sich wegen der gesundheitlichen Situation
seiner Frau allerdings bis zum (...) November 2017 verzögert habe.
B.c Die Beschwerdeführenden reichten beim SEM neben ihren Tazkiras
und ihrem Eheschein unter anderem mehrere Fotografien, verschiedene
Bestätigungen und Unterlagen der Arbeitgeber des Beschwerdeführers,
eine Arbeitgeberbestätigung für die Beschwerdeführerin, zwei Drohbriefe
und eine Anzeige bei der Polizei in E._ zu den Akten.
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C.
Am 26. Juli respektive 20. Dezember 2019 wurden die Beschwerdeführen-
den dem erweiterten Asylverfahren zugeteilt.
D.
Mit Verfügung vom 23. Januar 2020 (eröffnet am 27. Januar 2020) stellte
das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen und lehnte ihre Asylgesuche ab. Das SEM ordnete
auch die Wegweisung aus der Schweiz an, nahm die Beschwerdeführen-
den indessen infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig
in der Schweiz auf.
E.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin an das Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2020 (Datum Poststempel) erhoben die Beschwerdeführen-
den Beschwerde gegen den Asylentscheid des SEM. Sie beantragten die
teilweise Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung ihrer
Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung, eventuell die Anordnung
von vorläufigen Aufnahmen als Flüchtlinge; subeventuell sei die Sache zur
Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht ersuchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und Rechtsverbeiständung sowie die Befreiung von der Kostenvorschuss-
pflicht. Mit der Beschwerde wurde unter anderem eine Kostennote der
Rechtsvertreterin zu den Akten gereicht.
Am 27. Februar 2020 wurde für die Beschwerdeführenden eine Fürsorge-
bestätigung nachgereicht.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 3. März 2020 hiess die vormals zuständige
Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und Rechtsverbeiständung gut und setzte MLaw Rachel
Brunnschweiler als amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführenden
ein; zudem bot sie der Vorinstanz die Gelegenheit, sich zur Beschwerde
vernehmen zu lassen.
G.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 11. März 2020 vollumfäng-
lich an seinen Erwägungen fest. Diese Stellungnahme wurde den Be-
schwerdeführenden am 16. März 2020 zur Kenntnis gebracht.
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Seite 5
H.
Mit Eingabe vom 12. Januar 2021 liessen die Beschwerdeführenden um
einen raschen Abschluss des Beschwerdeverfahrens ersuchen.
Die Instruktionsrichterin beantwortete das Schreiben am 14. Januar 2021.
I.
Am 4. Februar 2022 wandte sich die Rechtsbeiständin erneut an das Ge-
richt und erinnerte an das Bedürfnis ihrer Mandanten nach einem baldigen
Verfahrensabschluss.
Der vorsitzende Richter hielt in seinem Antwortschreiben vom 8. Februar
2022 fest, das Beschwerdeverfahren sei zwischenzeitlich aus organisato-
rischen Gründen ihm zur weiteren Behandlung zugeteilt worden. Das Ver-
fahren sei als prioritär vorgemerkt und das Gericht bemühe sich um eine
baldige Urteilsfällung.
J.
Am 31. März 2022 bot der Instruktionsrichter der Vorinstanz Gelegenheit,
sich im Rahmen einer ergänzenden Vernehmlassung zur flüchtlingsrecht-
lichen Relevanz des in ihrer Stellungnahme vom 11. März 2020 themati-
sierten "Risikoprofils" der Beschwerdeführenden nach der zwischenzeitlich
erfolgten Machtergreifung durch die Taliban zu äussern,
K.
Das SEM hielt in seiner ergänzenden Vernehmlassung vom 11. Mai 2022
an seinen Erwägungen fest und wies darauf hin, dass die Glaubhaftigkeit
der geltend gemachten Verfolgung durch die Taliban aus mehreren Grün-
den zu verneinen sei (auf die Prüfung dieser Frage sei im Asylentscheid
vom 23. Januar 2020 noch verzichtet worden); es erübrige sich daher die
Prüfung, ob die zwischenzeitliche Machtergreifung durch die Taliban zu
einer Verschärfung des Risikoprofils des Beschwerdeführers geführt habe.
L.
Der Instruktionsrichter brachte den Beschwerdeführenden die ergänzende
Vernehmlassung des SEM mit Zwischenverfügung vom 13. Mai 2022 zur
Kenntnis, wies sie seinerseits auf potenzielle Unglaubhaftigkeitsindizien
hin, die bei Durchsicht der Akten ersichtlich würden, und bot ihnen die Ge-
legenheit sich zu äussern.
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M.
In ihrer (als "Duplik" bezeichneten) Stellungnahme vom 30. Mai 2022 äus-
serten sich die Beschwerdeführenden zur Aktenlage und zur ergänzenden
Vernehmlassung des SEM. Sie reichten mit ihrer Eingabe eine Kopie des
zweiten Drohbriefs der Taliban mit handschriftlicher Teilübersetzung und
eine aktualisierte Kostennote ihrer Rechtsbeiständin zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
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3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM begründete seine Verfügung im Asylpunkt im Wesentlichen
folgendermassen: Die zu den Akten gereichten Drohbriefe der Taliban wür-
den keinen Beweiswert aufweisen, weil solche Dokumente sehr leicht
fälschbar seien; zudem stimme der Inhalt des ersten Briefs teilweise nicht
mit den Angaben des Beschwerdeführers überein. Abgesehen davon seien
die Beschwerdeführenden angeblich nach Erhalt des ersten solchen
Schreibens noch ungefähr ein halbes Jahr in F._ geblieben, ohne
dass etwas Weiteres vorgefallen wäre. Es bestehe demnach kein hinrei-
chender zeitlicher Zusammenhang zwischen den geltend gemachten Be-
drohungen und dem Weggang aus F._. Zudem habe die angeblich
in F._ erlebte Verfolgung einen Verbleib der Beschwerdeführenden
in dieser Stadt offensichtlich nicht verunmöglicht, weshalb sie auch als
nicht hinreichend intensiv qualifiziert werden könne. Der zweite Drohbrief
sei angeblich im April 2017 in E._ eingetroffen, und auch dieses Mal
seien die Beschwerdeführenden noch rund ein halbes Jahr am Ort des Ge-
schehens verblieben, ohne dass ihnen dort etwas passiert wäre. Diese an-
gebliche Verfolgungssituation sei offenbar nicht gross genug gewesen, um
einen Verbleib in E._ zu verunmöglichen. Der von der Beschwerde-
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führerin erlebte Anschlag in E._ und die daraus resultierenden ge-
sundheitlichen Probleme würden keine flüchtlingsrechtlich relevante Ver-
folgung darstellen.
4.2
4.2.1 In der Beschwerde wurde einerseits moniert, dass das SEM das ein-
schlägige Risikoprofil des Beschwerdeführers nicht hinreichend gewürdigt
habe. Gemäss den Richtlinien des Amts des Hohen Flüchtlingskommissars
der Vereinten Nationen (UNHCR) zur Feststellung des internationalen
Schutzbedarfes afghanischer Asylsuchender seien Personen besonders
gefährdet, welche für internationale Entwicklungs- und Hilfsorganisationen
und die ausländischen Streitkräfte tätig gewesen seien; dies entspreche
auch der konstanten Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts.
Das SEM habe seine Pflicht zur Feststellung des Sachverhalts missachtet,
indem es die Überprüfung des Risikoprofils des Beschwerdeführers unter-
lassen habe. Für Angehörige von Personengruppen mit einem hohen
Risikoprofil, wie es bei dem Beschwerdeführer gegeben sei, seien die
afghanischen Behörden nicht in der Lage eine funktionierende, effiziente
Schutz-Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Dies werde auch dadurch
belegt, dass der Familie nach Erhalt des zweiten Drohbriefs trotz Anzeige
bei der Polizei kein Personenschutz geboten worden sei.
4.2.2 Bekanntlich sei F._ wenige Wochen nach der Invasion durch
die Taliban von den Regierungstruppen zurückerobert worden. Das SEM
habe diese objektive Veränderung der Gefahrenlage bei seinem Entscheid
nicht hinreichend berücksichtigt und schliesse zu Unrecht auf einen Unter-
bruch des Kausalzusammenhangs zwischen der Verfolgung und dem
Weggang nach E._ (und der späteren Ausreise). Dass den Be-
schwerdeführenden in F._ während einiger Monate nichts passiert
sei, sei einzig dem vorübergehenden Machtgewinn der afghanischen Re-
gierung zu verdanken. Zudem hätten die Taliban im Beschwerdeführer
wohl einen wertvollen Informanten gesehen, der ihnen lebend mehr habe
nützen können als tot; sie hätten deshalb – unter der Bedingung der Zu-
sammenarbeit – zunächst von ihm abgelassen; als sie später festgestellt
hätten, dass er die Zusammenarbeit verweigere, hätten sie F._ be-
reits nicht mehr unter ihrer Kontrolle gehabt.
4.2.3 Das SEM habe zu Unrecht Zweifel an der Authentizität der einge-
reichten Beweismittel geäussert, zumal keine konkreten Fälschungsmerk-
male aufgelistet würden. Die Beschreibung der Situation durch den Be-
schwerdeführer und die Formulierung der Briefe würden nur unwesentlich
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voneinander abweichen. Für die Echtheit der Dokumente würden schliess-
lich auch die darauf angebrachten Stempel der Taliban und das hohe Risi-
koprofil des Beschwerdeführers sprechen.
4.2.4 Für den längeren Verbleib in E._ gebe es objektive Gründe,
welche as SEM zu Unrecht nicht berücksichtigt habe, insbesondere den
damals überaus fragilen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin und
die Gefährlichkeit der Flucht nach Europa für die junge Familie.
4.2.5 Es sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer sowohl zum
Zeitpunkt der Flucht als auch aktuell einer Verfolgung seitens der Taliban
im Sinn von Art. 3 AsylG ausgesetzt gewesen sei beziehungsweise – im
Falle einer Rückkehr nach Afghanistan – wäre. Die Beschwerdeführenden
seien deshalb als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen sei Asyl in der
Schweiz zu gewähren.
4.3 In seiner Vernehmlassung vom 11. März 2020 vertrat das SEM die Auf-
fassung, dass der Beschwerdeführer durch seine diversen beruflichen Tä-
tigkeiten zwar tatsächlich über ein minimales Risikoprofil verfüge; er sei
aber dadurch nicht genügend exponiert gewesen, um einem erhöhten Ver-
folgungsrisiko ausgesetzt zu sein. Hinweise auf ein besonders hohes Ri-
siko wie etwa bei Personen, die regelmässig auf Militärbasen gesehen wür-
den oder eng mit Militärangehörigen zusammenarbeiteten, seien beim Be-
schwerdeführer nicht ersichtlich. Im Übrigen sei im zweiten Drohbrief of-
fenbar von einem anderen Arbeitgeber die Rede, was die Zweifel an der
Verfolgungslage zusätzlich verstärke. Zudem wäre gemäss einer der ein-
gereichten Arbeitsbestätigungen auch die Beschwerdeführerin bis zum
31. Dezember 2016 bei I._ angestellt gewesen, was mit ihrer pro-
tokollierten Äusserung nicht vereinbar sei.
4.4 In der ergänzenden Vernehmlassung vom 11. Mai 2022 äusserte sich
das SEM insbesondere zu Unglaubhaftigkeitsindizien, die sich aus den Ak-
ten ergeben würden.
4.5 Die Beschwerdeführenden bestritten in ihrer ausführlichen ergänzen-
den Stellungnahme vom 30. Mai 2022 die von der Vorinstanz behauptete
Unglaubhaftigkeit ihrer Asylvorbringen. Zudem wurde erneut auf das Risi-
koprofil des Beschwerdeführers hingewiesen, das sich seit der Machtüber-
nahme der Taliban im Jahr 2021 noch deutlich erhöht habe.
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Seite 10
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft zunächst der Frage der Glaubhaf-
tigkeit der geltend gemachten Asylgründe.
5.2 Bei Durchsicht der von den Beschwerdeführenden eingereichten
Beweismittel stechen verschiedene Ungereimtheiten ins Auge:
5.2.1 Der Beschwerdeführer hatte in seiner Anhörung geltend gemacht, die
Taliban hätten ihn in F._ dazu aufgefordert, ihnen die Personalien
von Geschäftsmännern bekanntzugeben (vgl. Protokoll A22 ad F57 S. 9:
"Sie hatten mich gebeten, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Sie wollten
unbedingt von mir wissen, welche Geschäftsmänner wo lebten. Ich sollte
ihre Personalien preisgegeben. Mit dieser Information wollten sie dann
diese Geschäftsleute entführen, um an Geld ranzukommen. So haben sie
immer Leute entführt, damit sie Geld bekommen, um ihre Kosten zu
decken"); kurz darauf konkretisierte er auf Frage hin, die von den Taliban
erbetene Hilfeleistung hätte darin bestanden, "dass ich ihnen die Namen-
listen übergebe, von den Personen, die sie gewollt haben" (vgl. a.a.O.
ad F66). Der zu den Akten gereichte angebliche erste Drohbrief der Taliban
hat indessen gemäss der eingereichten Übersetzung den folgenden Inhalt:
"Der Wunsch ist, dass Du mit den islamischen Mujaheddin kooperierst und
sie unterstützest. Du muss uns alle Informationen über die Ab- und Ankunft
der ausländischen Fahrzeugen bekanntgeben".
Entgegen der von den Beschwerdeführenden vertretenen Ansicht (vgl.
Beschwerde S. 5, Eingabe vom 30. Mai 2022 S. 4 f.) weichen diese
Beschreibungen der angeblich verlangten Hilfeleistungen in mehrfacher
Hinsicht voneinander ab: Erstens mit Bezug auf das Objekt (vermögende
Geschäftsmänner vs. ausländische Personen bzw. deren Fahrzeuge),
zweitens bezüglich des Zwecks (Vorbereitung von Entführungen zur Mittel-
beschaffung vs. Bekämpfung von Ausländern) und drittens auch hinsicht-
lich der vom Beschwerdeführer konkret vorzunehmenden Handlungen
(Abgabe von Adresslisten vs. Beschaffung und Bekanntgabe von Informa-
tionen über Transporte "ausländischer Fahrzeuge").
5.2.2 Dass der Beschwerdeführer in der Anhörung angab, gar nicht mehr
genau zu wissen, wie der zu den Akten gereichte erste Drohbrief der Tali-
ban genau formuliert gewesen sei, weil dies "schon lange her" sei (vgl.
Protokoll A22 ad F68; ebenso Beschwerde S. 5: "ungenaue Kenntnis des
Inhalts des Drohbriefes") überzeugt in keiner Weise. Es darf ohne Weiteres
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Seite 11
davon ausgegangen werden, dass sich die Formulierung eines authenti-
schen, eine Verfolgung durch die Taliban auslösenden Schreibens beim
Empfänger sehr deutlich einprägen würde.
5.2.3 Der zweite angebliche Drohbrief der Taliban hält zusammenfassend
fest, der Beschwerdeführer habe die Taliban in F._ enttäuscht und
habe ihre Aufforderungen ignoriert. Nun hätten diese ihr Urteil gefällt und
dieses Urteil werde "sehr schnell vollzogen". Das Dokument schliesst mit
den Worten: "Wo Du wohnst, ist uns auch bekannt und sobald Du in den
Händen der Taliban fällst, werden wir Dich zur Hölle schicken".
Aus Sicht von angeblich enttäuschten Taliban, welche eine Person "zur
Hölle schicken" wollen, macht es allerdings objektiv wenig Sinn, ihr dies
explizit anzukündigen, sie dadurch geradezu zur Flucht zu zwingen und
damit das verfolgte Ziel zu gefährden. In der Stellungnahme vom 30. Mai
2022 wird die Vermutung geäussert, die Taliban hätten den Beschwerde-
führer mit dem zweiten Drohbrief in Angst versetzen wollen, um das Ziel zu
erreichen, "ihn zur Zusammenarbeit zu zwingen, ihn für sie zu rekrutieren"
(vgl. a.a.O S. 5); ein solcher Rekrutierungszweck wäre, wie erwähnt, durch
die absehbare Reaktion des Empfängers (Ausreise) von den Taliban selbst
torpediert worden. Soweit als Ziel der Taliban zusätzlich spekuliert wird, sie
hätten vielleicht auch einfach bezweckt, einen "Kollaborateur weniger im
Land" zu haben (vgl. a.a.O S. 5), liesse sich eine solche Motivation mit dem
von den Beschwerdeführenden vorab vermuteten Rekrutierungszweck
nicht vereinbaren.
5.2.4 Die beiden angeblichen Drohbriefe weisen eine identische Form auf
und tragen die gleiche Unterschrift. Dies ist deshalb überraschend, weil der
eine in E._ und der andere in der im Norden des Landes – Hunderte
von Kilometern entfernt – gelegenen Stadt F._ deponiert worden
sein soll.
In der Stellungnahme vom 30. Mai 2022 wird in diesem Zusammenhang
geltend gemacht, der Beschwerdeführer sei in E._ nicht durch die
dort ansässigen Taliban, sondern durch die Taliban aus F._ verfolgt
worden, weshalb es nur logisch sei, dass beide Drohbriefe von jenen ver-
fasst worden seien (vgl. a.a.O. S. 5). Auch dies vermag das Gericht nicht
zu überzeugen. Falls die enttäuschten Taliban aus F._ den Be-
schwerdeführer tatsächlich in einem anderen Landesteil hätten lokalisieren
können, und es ihnen dabei nicht gelungen wäre, ihn dabei gleich für sei-
nen Verrat zu bestrafen (was beides schon unwahrscheinlich genug er-
schiene), dürfte angenommen werden, dass sie die lokalen Taliban aus
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Seite 12
E._ gebeten hätten, diese Aufgabe für sie zu erledigen. Die Vorstel-
lung erscheint abwegig, sie hätten stattdessen zunächst in ihrer lokalen
F._-Zentrale dem hierfür zuständigen Talib einen Drohbrief in Auf-
trag gegeben, um dieses Dokument nach E._ zu transportieren und
es dann unter der Wohnungstüre der Beschwerdeführenden durchzuschie-
ben.
5.2.5 Die Beschwerdeführerin hatte in ihrer Anhörung unmissverständlich
angegeben, sie habe in Afghanistan nie (ausserhäuslich) arbeiten können;
die Frage, wie die Familie den Lebensunterhalt bestritten habe, beantwor-
tete sie mit den Worten "Mein Mann arbeitete" (vgl. Protokoll Anhörung A56
ad F22 ff., Zitat bei F25). In der eingereichten Arbeitsbestätigung vom
21. Dezember 2016 wird demgegenüber festgehalten, sie habe von Som-
mer 2014 bis Ende 2016 für I._ gearbeitet und dabei USD 4'800 pro
Kalenderjahr verdient. Vom Instruktionsrichter auf diese Unstimmigkeit auf-
merksam gemacht, bestätigen die Beschwerdeführenden, der Ehemann
habe diese falsche Bestätigung bei der Leiterin der I._-Personalab-
teilung in Auftrag gegeben, um die Chancen seiner Frau auf dem irani-
schen Arbeitsmarkt zu erhöhen (vgl. Stellungnahme vom 30. Mai 2022,
S. 5).
Nach dieser Erklärung drängt sich vorab die Frage auf, welche anderen
nicht-authentischen Beweismittel der Beschwerdeführer gegebenenfalls
sonst noch "über seine [...] Kontakte" (vgl. a.a.O. S. 6) hat anfertigen
lassen. Jedenfalls ist es unverständlich, dass die Beschwerdeführenden
beim SEM ein zugegebenermassen fabriziertes Beweismittel zu den Akten
gereicht haben, ohne die Asylbehörde über die aussergewöhnlichen Um-
stände zu informieren, unter denen es angefertigt worden sein soll.
Die kommentarlose Einreichung der inhaltlich gefälschten Bestätigung
stellt die Authentizität aller übrigen eingereichten Beweismittel in Frage.
Das Gericht bezweifelt im Übrigen, dass die Personalchefin der halbstaat-
lichen I._ – die dadurch mindestens ihre Karriere aufs Spiel setzen
würde – sich dazu hergeben würde, einen erfundenen dreijährigen Arbeits-
einsatz mit ihrer Unterschrift zu bestätigen, bloss um der Ehefrau eines
offenkundig in einer tiefen Hierarchiestufe Angestellten (vgl. Protokoll An-
hörung A22 ad F26) das berufliche Fortkommen zu erleichtern.
5.2.6 Das SEM hat festgehalten, dass in der Übersetzung des zweiten
Drohbriefs ein aktueller Arbeitgeber mit der Abkürzung "BBR" erwähnt
werde, von dem in den Befragungen des Beschwerdeführes nie die Rede
gewesen sei (vgl. Vernehmlassung vom 11. März 2020 S. 2). In der Stel-
lungnahme vom 30. Mai 2022 führen die Beschwerdeführenden aus, die
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bei den Akten liegende deutschsprachige Übersetzung sei in diesem Punkt
falsch. Im Originaltext sei deutlich "(...)" statt "BBR" ersichtlich. "(...)" sei
die Abkürzung für die berufliche Funktion, in welcher der Beschwerdeführer
bei seinem Arbeitgeber I._ in E._ angestellt gewesen sei.
Eine durch den Instruktionsrichter in Auftrag gegebene Kontrollüberset-
zung des pastunischen Texts ergibt in der Tat folgenden Wortlaut der
Anrede des Schreibens: "An B._, Sohn von K._, wohnhaft
in der Provinz L._, der in der Provinz F._, im I._ Büro
gearbeitet hat, zurzeit nach E._ geflohen ist und nun im (...) Büro
arbeitet". Die Darstellung der Beschwerdeführenden in ihrer Stellung-
nahme wird dadurch zwar bestätigt. Allerdings erscheint es kaum vorstell-
bar, dass der angeblich in F._ für das Anfertigen von Drohbriefen
zuständige Gotteskrieger, M._, nicht nur die amerikanisch-spra-
chige technische Funktionsbezeichnung "(...) Officer", sondern gar deren
Abkürzung kennen und diese ganz selbstverständlich verwenden würde.
Letztlich weist diese Formulierung damit auf ein fabriziertes, nicht authen-
tisches Beweismittel hin.
5.2.7 Bei der angeblichen Polizeianzeige handelt es sich gemäss Über-
setzung um schriftliche oder mündliche Angaben des Beschwerdeführers
gegenüber dem Kommandanten des zuständigen Polizeipostens. Diese
wurde zwar offenbar mit einer "Anzeige-Nummer" registriert, es scheinen
sich aber aus dem eingereichten Dokument keinerlei Hinweise auf irgend-
welche (Ermittlungs-) Feststellungen der Polizei zu ergeben.
5.2.8 Der Beschwerdeführer gab zu Protokoll, er habe im Jahr 1398 (2010/
2011) vorübergehend in Helmand als Dolmetscher für die H._ ge-
arbeitet (vgl. Protokoll A22 ad F40 und F83). In diesem Zusammenhang
wurden keine Arbeitsbestätigung, sondern Fotografien zu den Akten
gereicht. Auf diesen ist der Beschwerdeführer allerdings in Kampfuniform
(mit dem Emblem der Afghanischen Armee) – und zwar nicht nur mit Sturm-
gewehr im Häuserkampf, sondern auch mit einem Raketenwerfer und
einem grosskalibrigen Patronengurt – abgebildet. Nachdem er selber nie
einen Einsatz als Soldat geltend gemacht hatte, sind diese Beweismittel
nicht geeignet, einen kurzen Einsatz als Dolmetscher der N._ zu
belegen.
5.2.9 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden
in ihrem Asylverfahren zugegebenermassen ein gefälschtes Beweismittel
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Seite 14
zu den Akten gereicht haben. Die angeblichen Drohbriefe der Taliban wei-
sen mehrere formale Auffälligkeiten auf. Das erste Schreiben ist mit den
protokollierten Aussagen des Beschwerdeführers inhaltlich nicht in Ein-
klang zu bringen und das zweite bestätigt letztlich einen konstruiert,
lebensfremd und gänzlich unlogisch wirkenden Inhalt. Auch die Fotografien
im Kampfanzug lassen sich mit den Vorbringen des Beschwerdeführers
nicht vereinbaren. Die eingereichten Beweismittel sind nach dem Gesag-
ten nicht geeignet, einen flüchtlingsrechtlich relevanten Sachverhalt zu be-
legen.
5.3
5.3.1 Sodann stellt das Gericht fest, dass die angeblichen Ankündigungen
und Drohungen der Taliban von diesen objektiv nicht umgesetzt worden
sind. Was die angeblichen Behelligungen in F._ anbelangt, mag
dies dadurch erklärbar sein, dass sie die Kontrolle über das Gebiet bereits
nach kurzer Zeit wieder verloren hätten. Allerdings wurde in den rund sie-
ben Monaten zwischen dem Eintreffen des zweiten Taliban-Briefs vom
9. April 2017 und der Ausreise der Beschwerdeführenden auch die mar-
kant formulierte Ermordungsankündigung nicht verwirklicht. Soweit dieser
Umstand in der Beschwerde auf "Zufall" zurückgeführt wird (vgl. Be-
schwerde S. 6), vermag dies nicht zu erzeugen.
5.3.2 Auch die Erklärung der Beschwerdeführenden, die Ehefrau und die
Kinder hätten sich abwechslungsweise bei einer Schwester oder bei der
Mutter aufgehalten und seien nur noch mit einer "Entourage von Verwand-
ten" in ihrer eigenen Wohnung in E._ gewesen (vgl. Beschwerde
S. 6), ist kaum nachvollziehbar: Entschlossene Taliban hätten sich durch
die Anwesenheit von Verwandten kaum von der Ermordung des Beschwer-
deführers abhalten lassen. Zudem hätte dieser mit einem solchen Vorge-
hen das Leben dieser beiden herzkranken Verwandten (vgl. Protokoll An-
hörung A22 ad F78) aufs Spiel gesetzt.
In der Stellungnahme vom 30. Mai 2022 wurde diesbezüglich ausgeführt,
es seien unter diesen Umständen tatsächlich nicht alle Verwandten bereit
gewesen, der Familie weiterhin beizustehen; in Afghanistan meide man
Leute, die Drohbriefe erhalten hätten. Die Schwiegermutter des Beschwer-
deführers und der Bruder der Beschwerdeführerin hätten aber weiterhin zu
ihnen gehalten. Man habe sich versteckt und sei nur verschleiert aus dem
Haus gegangen; Einkäufe hätten die Verwandten erledigt, und Unterkunfts-
wechsel seien im Schutz der Dunkelheit vorgenommen worden. Es sei wie
in einem Gefängnis gewesen.
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Das Gericht stellt zunächst fest, dass die Schwiegermutter und der Schwa-
ger des Beschwerdeführers kaum als "Entourage" von Verwandten be-
zeichnet werden können. Sodann fällt auf, dass in den Anhörungsprotokol-
len der Beschwerdeführenden jedenfalls von derart dramatischen Lebens-
umständen, die mehr als ein halbes Jahr lang gedauert haben sollen, nicht
die Rede war. Der Beschwerdeführer beantwortete eine entsprechende
Frage mit diesen Worten: "Nein, es ist in dieser Zeit bis zu meiner Ausreise
nichts vorgefallen. Wir waren meist nicht zu Hause gewesen. Auch meine
Frau habe ich ständig woanders hingeschickt. Wenn wir dann zu Hause
waren, ein oder zwei Mal pro Woche, haben wir immer jemanden mitge-
nommen. Entweder waren meine Schwiegermutter mit meinem Schwager
bei uns zu Hause oder eine weitere Familie, damit wir keine Angst haben"
(vgl. Protokoll A22 ad F76). Die Beschwerdeführerin ihrerseits berichtete
nicht von einem mehrmonatigen gefängnisähnlichen Lebensalltag oder
von ständigen Wechseln des Wohnsitzes aus Sicherheitsgründen (vgl.
Protokoll A56 ad F27: "[...] Danach kehrten wir am 13.1.1395 (1.4.2016)
wieder nach E._ zurück. Bis zur Ausreise lebten wir seither an die-
ser Adresse"), ad F104: "Wir blieben nur noch ein paar Monate dort [...]").
5.4 Die übrigen protokollierten Kernvorbringen der Beschwerdeführenden,
insbesondere die Schilderung des Überfalls der Taliban auf ihr Haus in
F._, erwecken auf den ersten Blick einen umfangreichen, teilweise
auch detailreichen Eindruck, was grundsätzlich für die Glaubhaftigkeit
spricht. Bei näherer Betrachtung wirken diese Schilderungen jedoch wenig
lebensecht und teilweise theatralisch überhöht (vgl. etwa die Darstellung,
die Beschwerdeführerin habe den Angriff auf ihren Mann vom ersten Stock
aus mitverfolgt, sei in eine Schockstarre geraten und vom Balkon gefallen,
wobei ihr Kopf "aufgeplatzt" und sie in Ohnmacht gefallen sei; Protokoll
A22 ad F57).
5.5 Bei einer Gesamtwürdigung aller für und gegen die Glaubhaftigkeit
sprechenden Indizien kommt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss,
dass die Zweiteren überwiegen. Insbesondere die konstruiert wirkende
Sachverhaltsdarstellung und die dieser teilweise widersprechenden (in
einem Fall zugegebenermassen fabrizierten) Beweismittel führen zum
Schluss, dass die Kernvorbringen der Beschwerdeführenden als unglaub-
haft zu qualifizieren sind.
6.
6.1 Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, im Jahr 2014 mit ihrer
Mutter ein Bombenattentat auf einem Markt überlebt zu haben, was sie in
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der Folge psychisch stark beschäftigt habe, wirken ihre protokollierten Aus-
sagen zwar vergleichsweise substanziiert, plausibel und lebensecht.
Dieses Vorbringen ist jedoch flüchtlingsrechtlich schon deshalb nicht rele-
vant, weil der inhaltliche und zeitliche Kausalzusammenhang zu der im
November 2017 erfolgten Ausreise offensichtlich nicht gegeben ist (vgl.
BVGE 2009/51 E. 4.2.5).
6.2
6.2.1 In der Beschwerde und insbesondere in der ergänzenden Stellung-
nahme vom 30. Mai 2022 wird grosses Gewicht auf die angebliche Zuge-
hörigkeit des Beschwerdeführers zu einer flüchtlingsrechtlichen Risiko-
gruppe respektive auf sein entsprechendes Risikoprofil gelegt.
6.2.2 Nach dem oben Gesagten ist zunächst festzuhalten, dass der Be-
schwerdeführer weder irgendwelche Schwierigkeiten mit den Taliban noch
die behauptete Tätigkeit als Übersetzer der N._ glaubhaft machen
konnte.
6.2.3 Das mit der Arbeitsbestätigung der I._ vom 31. Dezember
2016 behauptete Curriculum Vitae der Beschwerdeführerin ist falsch. Die
I._-Bestätigung für den Beschwerdeführer datiert vom gleichen Tag
und scheint ebenfalls die Unterschrift der I._-Personalchefin
O._ aufzuweisen, was nicht für die Authentizität des Dokuments
spricht. Beim Vergleich der beiden Unterschriften fällt im Übrigen auf, dass
diejenige auf der Bestätigung des Ehemannes deutlich weniger schwung-
voll wirkt und "abgezeichnet" aussieht.
6.2.4 Ungeachtet solcher inhaltlicher und formaler Fälschungsmerkmale
stellt das Gericht fest, dass die abschliessende Beurteilung der Relevanz
gewisser beruflicher Tätigkeiten (des Ehemannes) faktisch dadurch verun-
möglicht wird, dass nicht klar ist, welche der geltend gemachten Erwerbs-
tätigkeiten (und der zugehörigen Beweismittel) authentisch sind.
6.2.5 Bei dieser Aktenlage ist nicht davon auszugehen, dass die in der
Schweiz vorläufig aufgenommenen Beschwerdeführenden bei ihrer
(hypothetischen) Rückkehr nach Afghanistan in absehbarer Zukunft mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit flüchtlingsrechtlich relevante Nachteile
zu gewärtigen hätten.
6.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass es den Beschwerdeführen-
den nicht gelungen ist, eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinn von Art. 3
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AsylG darzutun. Das SEM hat folglich zu Recht ihre Flüchtlingseigenschaft
verneint und ihre Asylgesuche abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.3 Nachdem das SEM in der angefochtenen Verfügung die vorläufige Auf-
nahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz angeordnet hat, erübri-
gen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Für die subeventualiter
beantragte Rückweisung der Sache an das SEM besteht keine Veranlas-
sung. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem mit Zwischen-
verfügung vom 3. März 2020 ihr Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde
und den Akten keine Hinweise auf eine massgebende Veränderung der
finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, ist auf eine Kostenauflage zu
verzichten.
10.
Mit der Zwischenverfügung vom 3. März 2020 wurde auch das Gesuch der
Beschwerdeführerin um amtliche Verbeiständung gutgeheissen und ihre
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Demnach ist
dieser durch das Gericht ein Honorar für ihre notwendigen Aufwendungen
im Beschwerdeverfahren auszurichten. Der in den Kostennoten vom
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21. Februar 2020 und 30. Mai 2022 ausgewiesene zeitliche Vertretungs-
aufwand (insgesamt 13 3⁄4 Stunden) erscheint angemessen. Allerdings
beträgt der maximale Stundenansatz bei nicht-anwaltlicher Vertretung,
wie in der Zwischenverfügung angekündigt, 150 Franken. Demzufolge ist
der amtlichen Rechtsbeiständin ein Gesamtbetrag von Fr. 2242.– (inkl.
Auslagen) durch die Gerichtskasse zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
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