Decision ID: c8635f9c-1741-4e75-a164-0d317474287d
Year: 2008
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt nicht von Amtes wegen eingehend geprüft habe. So sei sie z.B.
nie von einem IV-Arzt untersucht worden. Die Abklärungen der IV-Stelle seien
nur rudimentär und ungenügend erfolgt, wobei die klare Diagnose und
Einschätzung einer nationalen Kapazität pflichtwidrig ausser Acht gelassen
worden sei. Zudem setze sich die IV-Stelle auch jetzt über die unveränderte
Haltung dieses Arztes hinweg. Prof. ... habe gegenüber ihren Eltern
wiederholt geltend gemacht, es handle sich um das GG 193. Da eine
eingehende Begutachtung durch einen unabhängigen medizinischen
Experten vorliegend unabdingbar sei, werde die Einholung einer Expertise
beantragt.
3. In ihrer Vernehmlassung vom 17. Juni 2008 beantragte die Vorinstanz die
kostenfällige Abweisung der Beschwerde. Dabei führte sie aus, es sei
unbestritten, dass die Versicherte an einem schweren flexiblen Plattfuss mit
talonavicularer Subluxation beidseits leide. Offensichtlich sei ebenfalls nicht
bestritten, dass die vorliegende Diagnose eines Plattfusses mit
Skelettmissbildung nicht dem GG 177 entspreche und medizinische
Massnahmen im Zusammenhang mit dem diagnostizierten Plattfuss nicht
unter Art. 12 IVG gewährt werden könnten. Ferner führte sie aus, dass als
Geburtsgebrechen im Sinne von Art. 13 IVG Gebrechen gälten, die bei
vollendeter Geburt bestünden. Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gelte
nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeitpunkt, in dem ein Geburtsgebrechen als
solches erkannt werde, sei unerheblich. Ziff. 193 im Anhang zur GgV
umschreibe das Geburtsgebrechen „angeborener Plattfuss, sofern Operation
oder Gipsverband notwendig ist“. Nach der Verwaltungspraxis setze die
Anerkennung des GG 193 u.a. voraus, dass die Diagnose in der Regel
innerhalb der ersten Lebenswochen, spätestens innerhalb des ersten
Lebensjahres erfolgt sei (KSME, Rz. 193). Dies beruhe auf der medizinisch
begründeten Annahme, dass das Gebrechen vor der Vollendung des 1.
Altersjahres diagnostiziert und behandelt worden wäre, falls es angeboren
gewesen wäre. Ein Plattfuss könne sowohl angeboren als auch
nachgeburtlich erworben sein. Nach Vollendung des 1. Altersjahres
durchgeführte Abklärungsmassnahmen könnten nicht mehr zuverlässig
Aufschluss über die Abgrenzungsfrage geben, ob das Gebrechen angeboren
oder später erworben worden sei. Hier sei der schwere flexible Plattfuss
beidseits unbestritten erst am 4. Juni 2007 diagnostiziert worden. Ein
Geburtsgebrechen sei vorher nie zur Diskussion gestanden. Dr. med. ..., der
die Versicherte seit 1999 behandle, habe am 28. Januar 2004 ausdrücklich
angegeben, die körperliche Entwicklung sei bisher unauffällig erfolgt. Auch die
Arztberichte des Kantonsspitals Chur vom 5. Juni 2007 und des UKBB vom
17. Juli 2007 äusserten sich nicht zum Vorliegen eines Geburtsgebrechens.
Prof. Dr. ... habe ein Geburtsgebrechen erstmals am 30. August 2007 zur
Sprache gebracht und dementsprechend habe das UKBB im Arztbericht vom
12. November 2007 festgehalten, es handle sich hier um ein
Geburtsgebrechen. Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit sei, im Einklang
mit den Ausführungen des RAD vom 20. November 2007, davon auszugehen,
dass es sich um ein erworbenes Leiden handle. Aus dem Arztbericht des
UKBB vom 17. Juli 2007 gehe nicht hervor, es handle sich um ein
Geburtsgebrechen. Die 1997 geborene Versicherte sei bis 4. Juni 2007 nicht
in ärztlicher Behandlung wegen der Plattfussdeformität beidseits gestanden.
Dies spreche für ein erworbenes Leiden. Die Angabe im Aufnahmeschein vom
30. August 2007 vermöge am Resultat nichts zu ändern, weil diese Angaben
nicht im Geringsten begründet würden. Weitere Abklärungsmassnahmen
seien nicht notwendig, weil diese nichts daran ändern könnten, dass in
Anbetracht des Alters der Versicherten nicht mehr zuverlässig Aufschluss
über die Abgrenzungsfrage gegeben werden könne, ob es sich um ein
angeborenes oder ein später erworbenes Leiden handle. Wenn für den
Leistungsanspruch erhebliche Tatsachen unbewiesen blieben, habe nach
den Regeln der Beweislastverteilung die Versicherte die Folgen der
Beweislosigkeit zu tragen. Wenn die IV nicht zuständig sei, gehöre die
Massnahme in den Bereich der Krankenpflegeversicherung
(Vorleistungspflicht gemäss Art. 113 KVV), wenn ein Leistungsbegehren
sowohl beim Krankenversicherer als auch bei der IV erhoben worden sei.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Gemäss Art. 40 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG) lädt
der Instruktionsrichter Dritte, die durch den Entscheid in ihren schutzwürdigen
Interessen berührt werden, von Amtes wegen oder auf Antrag zur Teilnahme
am Verfahren ein. Da die Krankenversicherung den angefochtenen Entscheid
der IV-Stelle des Kantons Graubünden vom 24. April 2008 zwar erhalten,
darauf aber nicht reagiert hat, muss sie nicht zum Verfahren beigeladen
werden.
2. a) Die Vorinstanz hat in ihrer Vernehmlassung vom 17. Juni 2008 die
gesetzlichen Bestimmungen und Grundsätze über die Leistungspflicht der
Invalidenversicherung bei Geburtsgebrechen (Art. 13 Abs. 1 und 2 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG; SR. 831.20]), zum
Begriff der Geburtsgebrechen (Art. 3 Abs. 2 des Bundesgesetztes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1] und Art. 1
Abs. 1 und Abs. 2, Art. 2 Abs. 3 der Verordnung über Geburtsgebrechen [GgV;
SR 931.232.21]), namentlich zum angeborenen Plattfuss (Ziff. 193 GgV
Anhang) richtig dargelegt und die entsprechende Verwaltungspraxis über die
Anerkennung eines Geburtsgebrechens Nr. 193 korrekt erläutert. Darauf kann
im Einzelnen verwiesen werden.
b) Strittig und zu prüfen ist vorliegend der Anspruch der Versicherten auf
medizinische Massnahmen, die zur Behandlung eines Plattfusses notwendig
sind. Nach Ziff. 193 GgV Anhang sind solche Vorkehren von der
Invalidenversicherung zu übernehmen, falls die Diagnose innerhalb der
ersten Lebenswochen, spätestens innerhalb des ersten Lebensjahres - im
konkreten Fall also bis zum 20. September 1998 - gestellt und die
Talusfehlstellung und die Subluxation im Talonavikulargelenk durch einen
Röntgenstatus dokumentiert wurden (Bundesamtliches Kreisschreiben über
die medizinischen Eingliederungsmassnahmen, KSME, Rz. 193). Demnach
ist vorliegend zu klären, ob bis zu diesem Zeitpunkt hinreichend bestimmte
Anhaltspunkte für ein Geburtsgebrechen nach Ziff. 193 GgV vorlagen, so dass
davon ausgegangen werden könnte, dieses wäre schon im Zeitraum des
ersten Lebensjahres diagnostizierbar bzw. fachärztlich erkennbar und
entsprechend therapierbar gewesen.
c) Gemäss ausführlichem Arztbericht vom 28. Januar 2004 wurde die
Versicherte in den ersten beiden Lebensjahren durch den Kinderarzt Dr. med.
... betreut und befand sich seit dem Jahre 1999 bei Dr. med. ... in ärztlicher
Behandlung. Dieser diagnostizierte einen psychomotorischen
Entwicklungsrückstand, im Besonderen eine Oligophrenie, d.h. eine
Minderung oder Herabsetzung der maximal erreichbaren Intelligenz.
Bezüglich der Frage, ob bei der Versicherten ein Geburtsgebrechen vorliegen
würde, notierte er die Ziffern 402/403 des Anhanges zur GgV, welche sich auf
die erwähnte Entwicklungsstörung bezogen. Zu einem anderen körperlichen
Leiden, geschweige denn zu einem angeborenen Plattfuss, äusserte er sich
nicht und bezeichnete die körperliche Entwicklung der Versicherten allgemein
als unauffällig.
d) Ein schwerer flexibler Plattfuss mit talonavicularer Subluxation beidseits
wurde erstmals im Arztbericht des Kantonsspitals Chur vom 4. Juni 2007
diagnostiziert, d.h. im Zeitpunkt, als die Versicherte bereits über 9 Jahre alt
war. Auch im Arztbericht des UKBB vom 17. Juli 2007 wurde die Diagnose
eines schweren flexiblen Plattfusses gestellt, ein Hinweis auf ein
Geburtsgebrechen Nr. 193 im Sinne des GgV ist jedoch nirgends zu finden.
Erstmals am 30. August 2007, als die Versicherte bereits fast 10 Jahre alt war,
wurde im Aufnahmeschein von Prof. ..., der im Übrigen nicht einmal von ihm
selbst unterzeichnet war, aufgeführt, dass ein Geburtsgebrechen vorliegen
würde. Diesem Bericht folgte dann auch das UKBB und hielt im Arztbericht
vom 12. November 2007 fest, es würde sich beim schweren flexiblen Plattfuss
um ein Geburtsgebrechen nach Ziff. 177.1 (übrige angeborene Defekte und
Missbildungen der Extremitäten, sofern Operation, Apparateversorgung oder
Gipsverband notwendig sind) handeln. In seinem Schreiben vom 20.
November 2007 widerlegte Dr. ... (RAD-Ostschweiz) mit logischen und
nachvollziehbaren Argumenten die gemachten Ausführungen bezüglich
Geburtsgebrechen nach Ziff. 177.1 wie auch nach Ziff. 193 GgV Anhang und
kam zum Schluss, es würde sich im vorliegenden Fall mit „überwiegender
Wahrscheinlichkeit um ein erworbenes Leiden - sicherlich nicht um ein
Geburtsgebrechen, insbesondere nicht um das Geburtsgebrechen gemäss
Ziff. 193 GgV handeln“.
e) In Würdigung der aufgezählten Arztzeugnisse und –berichte ist das Gericht
zur Überzeugung gelangt, dass es aktenkundig zu wenig zuverlässige
Anhaltspunkte gibt, um retrospektiv auf das umstrittene Geburtsgebrechen
(angeborener Plattfuss; Ziff. 193 GgV Anhang) innerhalb der massgeblichen
Frist von einem Jahr seit Geburt (20. September 1997) erkennen zu können.
Zunächst gilt es dazu festzuhalten, dass die Versicherte vor dem 5. Juni 2007
weder jemals einen Arzt wegen ihres Leidens aufsuchte noch im
Kleinkindalter eine Fehlentwicklung bezüglich dieses Leidens festgestellt
werden konnte. Die Eltern sahen sich in der fraglichen Zeit (vom 20.
September 1997 bis 19. September 1998) und auch in den 8 Jahren danach
offensichtlich nicht veranlasst, entsprechende Abklärungen über den
körperlichen Gesundheitszustand des Kindes zu treffen. Selbst als die
Versicherte in den Kindergarten kam und Schwierigkeiten bezüglich ihrer
sprachlichen Entwicklung festgestellt wurden, was dann auch zu
Spezialabklärungen führte, wurde das Vorliegen eines angeborenen
Plattfusses nicht erwähnt. Echtzeitliche Abklärungen oder sonstige
Verdachtsmomente für eine abnormale körperliche Entwicklung der
Versicherten fehlen indessen gänzlich. Der Hinweis, dass bei der
Versicherten ein angeborener Plattfuss vorliege, wurde erstmals von Prof. ...
in einem Aufnahmeschein vom 30. August 2007 - der nicht einmal von ihm
selbst unterzeichnet wurde - aufgeführt. Damals war die Versicherte bereist
9-jährig. Dieser Bemerkung von (möglicherweise) Prof. ..., die im Übrigen
nicht begründet wurde, kann aber nicht die ihr von der Beschwerdeführerin
beigemessene Bedeutung als fundierte Meinungsäusserung einer nationalen
Kapazität zukommen. Dagegen vermag Dr. ... (RAD) im Schreiben vom
November 2007 überzeugend darzulegen, weshalb im vorliegenden Fall mit
hoher Wahrscheinlichkeit nicht von einem Geburtsgebrechen gesprochen
werden kann resp. es nicht möglich ist, den schweren flexiblen Plattfuss unter
Geburtsgebrechen Nr. 193 zu subsumieren. Aus dem Gesagten erhellt, dass
die Vorinstanz weder auf Schilderungen von Prof. ... noch auf die Argumente
des UKBB abstellen musste. Bei der dokumentierten Sach- und Rechtslage
war sie im Gegenteil nicht nur berechtigt, sondern nach dem Wortlaut der Ziff.
193 GgV Anhang resp. dem bundesamtlichen Kreisschreiben über die
medizinischen Eingliederungsmassnahmen (KSME) sogar verpflichtet, das
eindeutige Vorhandensein eines angeborenen Plattfusses bis spätestens
innerhalb des ersten Lebensjahres der Versicherten zu verneinen und
demnach auch einen Anspruch auf medizinische Massnahmen gestützt auf
Art. 13 IVG abzulehnen.
3. a) Am Ergebnis vermag auch der Antrag der Beschwerdeführerin auf weitere
Abklärungen nichts zu ändern, da diese in Anbetracht ihres Alters nicht mehr
zuverlässig Aufschluss darüber geben könnten, ob es sich beim schweren
Plattfuss mit talonavicularer Subluxation beidseits um ein angeborenes oder
ein erworbenes Leiden handelt. Aufgrund der Sachlage steht fest, dass die
Vorinstanz einen Leistungsanspruch gestützt auf Art. 13 IVG zu Recht
verneint hat, weshalb sich weitere Abklärungen denn auch erübrigen.
Aufgrund des Dargelegten erweist sich die Beschwerde als unbegründet und
ist daher abzuweisen.
b) Laut Art. 69 Abs. 1 IVG ist das Beschwerdeverfahren seit 1. Juli 2006 – in
Abweichung von Art. 61 lit. a ATSG – bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kant. Versicherungsgericht
kostenpflichtig. Die Kosten werden hierbei nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00
festgelegt. In Anbetracht des einfachen Schriftenwechsels rechtfertigt es sich
hier, ihr Kosten von Fr. 500.00 aufzuerlegen.