Decision ID: 8dd1f1a9-c9f7-491b-bfa6-ef960e5cbc51
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
Erben des S. _ sel.,
bestehend aus:
- A._ und
- B._
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt B._,
gegen
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Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Hilflosenentschädigung
Sachverhalt:
A.
S._ (Jg. 1925) meldete sich am 26. Februar 2009 zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung an. Im entsprechenden Formular gab er an, beim Anziehen
müsse ihm wegen seiner Rückenschmerzen (Bandscheibenoperation) geholfen
werden. Dasselbe gelte beim Aufstehen/Absitzen/Abliegen, weil er an einer durch eine
Blutarmut bewirkten Schwäche und an Wasser in den Beinen leide. Beim Essen sei er
nicht auf Hilfe angewiesen. Bei der Körperpflege müsse ihm geholfen werden. Nach
dem Verrichten der Notdurft müsse ihm wenn nötig bei der Nachreinigung geholfen
werden. Bei der Fortbewegung im Freien sei er auf Hilfe angewiesen. Ausserdem
benötige er eine dauernde medizinisch-pflegerische Hilfe (Wechseln der Bandagen an
den Beinen, Kontrolle der Medikamente). Wegen seiner Lungenprobleme benötige er
eine Sauerstofftherapie (ca. 22 Std. täglich 0 -Zufuhr). Deshalb müsse er dauernd
überwacht werden. Dr. med. C._ hatte im selben Formular am 23. Februar 2009
folgende Diagnosen angegeben: hypertensive und valvuläre Herzkrankheit, chronisch
obstruktive Pneumopathie, Anaemie unklarer Aetiologie und chronische
Niereninsuffizienz. Sie hatte die Angaben des Versicherten bezüglich des Bedarfs nach
Hilfe in einigen alltäglichen Lebensverrichtungen bestätigt.
B.
Am 23. April 2009 erfolgte eine telefonische Abklärung der Hilflosigkeit des
Versicherten. Gemäss dem entsprechenden Protokoll gab der Versicherte dabei an,
beim An- und Auskleiden sei er im Bereich des Oberkörpers selbständig. Beim
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Anziehen der Socken, der Hosen usw. brauche er aber die Hilfe seiner Ehefrau, denn er
sei wegen seiner Rückenprobleme und wegen der Oedeme sehr eingeschränkt in
seiner Beweglichkeit. Beim Aufstehen/Absitzen/Abliegen sei er im Normalfall
selbständig. Er benötige aber einen Stuhl mit Armlehne oder einen Gehstock. Ab und
zu sei die Hilfe der Ehefrau notwendig. Ins Bett und aus dem Bett komme er
normalerweise selbständig. Beim Essen benötige er keine Hilfe. Bei der Körperpflege
sei er wegen seiner Unbeweglichkeit für den unteren Teil des Körpers auf Hilfe
angewiesen. Das Verrichten der Notdurft gehe immer noch grundsätzlich selbständig.
Da nur selten Hilfe nötig sei, habe man die Anschaffung eines Closomaten noch nicht
in Betracht gezogen. Bei der Fortbewegung im Haus bestehe kein Bedarf nach Hilfe.
Im Freien jedoch sei er auf Hilfe angewiesen, da er ständig eine Sauerstoffflasche
hinter sich herziehen müsse. Ausserdem komme es zu teilweise erheblichen
Schwächeanfällen. Deshalb sei es ihm nicht mehr möglich, selbständig Kontakte
ausserhalb des Hauses zu pflegen. Er bedürfe keiner ständigen persönlichen
Überwachung. Tagsüber könne er ohne Probleme ein bis zwei Stunden allein zuhause
sein. Er nehme seine Medikamente selbständig ein. Allerdings müsse ihn seine Ehefrau
teilweise daran erinnern. Der Versicherte unterzeichnete dieses Protokoll am 3. Mai
2009. Die Ausgleichskasse wies das Begehren des Versicherten mit einer Verfügung
vom 19. Mai 2009 ab. Sie begründete diesen Entscheid damit, dass nur in drei von
sechs alltäglichen Lebensverrichtungen ein regelmässiger und erheblicher Bedarf nach
Hilfe bestehe. Eine dauernde persönliche Überwachung sei nicht notwendig.
C.
Der Versicherte liess am 8. Juni 2009 Einsprache gegen diese Verfügung erheben. Sein
Rechtsvertreter machte geltend, die Abklärung sei lediglich telefonisch erfolgt. Sie sei
offenbar ungenügend gewesen. Die Abklärungsperson habe nur wenige Fragen gestellt
und mehrheitlich mit dem Versicherten, nicht jedoch mit dessen Ehefrau gesprochen.
Das Telefongespräch habe zu einem Zeitpunkt stattgefunden, in dem der Versicherte
gerade wieder das Spital habe aufsuchen müssen. Es sei eine gehörige
Haushaltabklärung nachzuholen. Der Versicherte sei keineswegs beim Aufstehen/
Absitzen/Abliegen, beim Essen und bei der Notdurftverrichtung selbständig. Bei
richtiger Betrachtung sei eine dauernde persönliche Überwachung notwendig. Die
behandelnden Ärzte könnten das bestätigen. Am 14. Juli 2009 führte der
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Rechtsvertreter des Versicherten ergänzend aus, der Gesundheitszustand habe sich
aufgrund der schweren Lungenkrankheit weiter verschlechtert. Es bestehe ein Bedarf
nach dauernder persönlicher Überwachung. Ausserdem sei inzwischen eine Gicht in
den Hand- und den Kniegelenken aufgetreten. Das Ergebnis der telefonischen
Abklärung sei nicht mit der Ehefrau des Versicherten abgesprochen worden. Sie hätte
die Angaben des Versicherten sicher berichtigt. Es sei ein Bericht von Dr. med. D._
vom Spital Rorschach einzuholen. Die Ausgleichskasse wies die Einsprache am 6.
August 2009 ab. Sie führte zur Begründung aus, sie habe den Sachverhalt
rechtsgenüglich abgeklärt. Der Versicherte habe das Formular unterzeichnet und damit
die Wahrheit seiner Angaben bestätigt. Es sei deshalb nicht ersichtlich, weshalb nicht
darauf abgestellt werden sollte. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass dieses Formular
unsorgfältig ausgefüllt worden wäre. Zudem seien auch noch telefonische Abklärungen
durchgeführt worden. Eine Abklärung an Ort und Stelle hätte keinen zusätzlichen
Erkenntnisgewinn gebracht, so dass darauf habe verzichtet werden können.
D.
Der Versicherte liess am 8. September 2009 Beschwerde erheben und die Zusprache
einer Entschädigung bei einer mittelgradigen Hilflosigkeit beantragen. Er legte einen
Bericht von Dr. med. E._ vom Spital Rorschach vom 2. September 2009 bei, laut
dem in den vier alltäglichen Lebensverrichtungen An- und Auskleiden, Aufstehen/
Absitzen/Abliegen, Körperpflege und Fortbewegung und Kontaktaufnahme ein Bedarf
nach Hilfe oder persönlicher Überwachung bestand. Dr. med. E._ hatte weiter
angegeben, die Situation des Versicherten habe sich im Vergleich mit den Angaben zu
Beginn des Jahres 2009 deutlich geändert, da sich der Allgemeinzustand
verschlechtert habe. Der Rechtvertreter des Versicherten wies darauf hin, dass
inzwischen eine Gehhilfe notwendig sei und dass nun eine Gicht vorliege, die auch das
selbständige Essen zunehmend erschwere.
E.
Die Ausgleichskasse wandte am 5. Oktober 2009 ein, Dr. med. E._ habe die
Behauptung, auch beim Aufstehen/Absitzen/Abliegen bestehe eine Hilfsbedürftigkeit,
nicht nachvollziehbar begründet. Insbesondere fehle ein medizinischer Befund, der eine
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Hilfsbedürftigkeit in dieser Lebensverrichtung als plausibel erscheinen liesse. Die
Angaben des Versicherten, er könne selbständig aufstehen, wenn er sich auf die
Armlehne oder auf einen Gehstock stützen könne, seien somit nicht widerlegt. Eine
blosse Erschwerung oder Verlangsamung begründe noch keine Hilflosigkeit.
F.
Am 12. Oktober 2009 wurde mitgeteilt, dass der Versicherte am 6. Oktober 2009
verstorben sei. Weiter wurde ausgeführt, es hätte an der Ausgleichskasse gelegen, den
Sachverhalt genügend abzuklären. Hätte sie sich mit dem behandelnden Arzt in
Verbindung gesetzt, wäre das Beschwerdeverfahren nicht nötig gewesen. Die
telefonische Abklärung sei ungenügend gewesen und der Versicherte sei nicht mehr in
der Lage gewesen, das Protokoll mit ausreichender Urteilskraft zu prüfen. Die
Begründung von Dr. med. E._ sei durchaus nachvollziehbar und ausreichend. Sollte
das Gericht anderer Meinung sein, müsse ein ausführlicher medizinischer Bericht vom
Spital Rorschach angefordert werden. Am 26. Januar 2010 ersuchte der
Rechtsvertreter des verstorbenen Versicherten für sich als Sohn und für die Witwe
darum, das Beschwerdeverfahren in ihrem Namen fortzusetzen.
G.
Die Ausgleichskasse verzichtete am 29. Januar 2010 auf eine Stellungnahme.

Erwägungen:
1.
Altersrentner haben einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung, wenn sie in
mindesten mittlerem Grad hilflos sind (Art. 43 Abs. 1 AHVG). Für die Bemessung der
Hilflosigkeit sind die Bestimmungen der Invalidenversicherung sinngemäss anwendbar
(Art. 43 Abs. 5 AHVG). Gemeint ist Art. 37 Abs. 1 und Abs. 1 lit. a und b IVV. Gemäss
Art. 37 Abs. 2 IVV ist eine Hilflosigkeit als mittelschwer zu betrachten, wenn die
versicherte Person in den meisten alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in
erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (lit. a) oder wenn sie in
mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise
bis
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auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies einer dauernden persönlichen
Überwachung bedarf (lit. b). Praxisgemäss betreffen die massgebenden alltäglichen
Lebensverrichtungen folgende sechs Bereiche: An- und Auskleiden, Aufstehen/
Absitzen/Abliegen, Essen, Körperpflege, Verrichten der Notdurft und Fortbewegung
(vgl. Rz 8010 KSIH in der Fassung gültig ab 1. Januar 2008). Eine dauernde persönliche
Überwachung liegt vor, wenn eine Drittperson mit kleineren Unterbrüchen bei der
versicherten Person anwesend sein muss, weil diese nicht allein gelassen werden kann
(vgl. Rz 8035 KSIH).
2.
Der Sachverhalt - im vorliegenden Fall also das Ausmass der Unfähigkeit des
verstorbenen Versicherten, den alltäglichen Lebensverrichtungen ohne regelmässige
und erhebliche Hilfe nachzukommen, und ein allfälliger Bedarf nach Überwachung - ist
von der Beschwerdegegnerin von Amtes wegen zu erheben gewesen (vgl. Ueli Kieser,
ATSG-Kommentar, 2.A., N. 9 zu Art. 43 ATSG). Die Untersuchungspflicht ist erfüllt,
wenn ein bestimmter Sachverhalt mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit feststeht (vgl. Ueli Kieser, a.a.O., N. 17 zu Art. 43 ATSG). Die
Beschwerdeführer machen sinngemäss geltend, die Beschwerdegegnerin habe die
Sachverhaltserhebung abgebrochen, bevor der relevante Sachverhalt mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit festgestanden habe. Die
Beschwerdegegnerin habe es nämlich unterlassen, eine Abklärung an Ort und Stelle
durchzuführen und dabei auch die Ehefrau zu befragen oder alternativ einen Bericht
des behandelnden Arztes einzuholen. Die Abklärung einer möglichen Hilflosigkeit an
Ort und Stelle durch die IV-Stelle St. Gallen erschöpft sich erfahrungsgemäss in einer
Befragung an Ort und Stelle. Entgegen dem Sinn und Zweck des Beweismittels
'Augenschein' wird die Ausübung der sechs alltäglichen Lebensverrichtungen nicht
bewusst und konsequent beobachtet, weil das in aller Regel gar nicht erforderlich ist.
Ob eine solche Befragung an Ort und Stelle oder telefonisch stattfindet, hat für ihren
Beweiswert also kaum eine Bedeutung. Die telefonische Befragung kann deshalb meist
ohne weiteres die Befragung an Ort und Stelle ersetzen. Der verstorbene Versicherte
hat sowohl im Gesuchsformular (26. Februar 2009) als auch anlässlich der
telefonischen Befragung (23. April 2009) präzise, kohärente und übereinstimmende
Angaben gemacht. Die Angaben im Gesuchsformular sind zudem durch eine Ärztin des
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Spitals Rorschach als zutreffend bezeichnet worden. Dass ein bevorstehender erneuter
Spitalaufenthalt den Versicherten daran gehindert hätte, zutreffende Angaben zu
machen, ist nicht plausibel. Unter diesen Umständen ist davon auszugehen, dass diese
Angaben überwiegend wahrscheinlich richtig gewesen sind, den damaligen Zustand
also überwiegend wahrscheinlich korrekt wiedergegeben haben. Es hat keine
Notwendigkeit bestanden, die Angaben des Versicherten noch mittels einer Befragung
der Ehefrau zu verifizieren. Es steht demnach mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Versicherte mindestens bis 23. April 2009 nur in drei
alltäglichen Lebensverrichtungen (An- und Auskleiden, Körperpflege und
Fortbewegung) hilflos gewesen ist und dass er keiner dauernden persönlichen
Überwachung bedurft hat. Bis zu diesem Zeitpunkt hat also keine
anspruchsbegründende mittelgradige Hilflosigkeit vorgelegen.
3.
In der Einsprache vom 8. Juni 2009 hat der Rechtsvertreter des Versicherten noch
nicht auf eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes hingewiesen. Das ist erst in
der Einsprachebegründung vom 14. Juli 2009 geschehen. Der Rechtsvertreter des
Versicherten hat dort geltend gemacht, die Verschlechterung habe ihre Ursache in der
schweren Lungenkrankheit und ausserdem sei nun auch noch eine Gicht aufgetreten.
Da der Versicherte bereits am 6. Oktober 2009 gestorben ist, muss die
Verschlechterung unvermittelt eingetreten und schnell vorangeschritten sein. Es ist
deshalb davon auszugehen, dass erst die Verschlechterung des Gesundheitszustandes
ab Mitte 2009 zu der von Dr. med. E._ am 2. September 2009 angegebenen
Hilflosigkeit in vier alltäglichen Lebensverrichtungen (neu auch beim Aufstehen/
Absitzen/Abliegen) geführt hat. Das wird auch durch die Aussage von Dr. med. E._
bestätigt, laut der sich die Situation im Vergleich zu den Angaben des Versicherten zu
Beginn des Jahres 2009 deutlich verändert hatte. Es steht somit fest, dass der
Versicherte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erst im Laufe des Frühsommers oder
Sommers 2009 mittelgradig hilflos geworden ist. Das bedeutet aber nicht, dass er
damit noch einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung begründet hätte. Gemäss
Art. 43 Abs. 2 AHVG entsteht der Anspruch auf eine Entschädigung nämlich erst,
wenn die Hilflosigkeit mittleren Grades ununterbrochen während mindestens eines
Jahres bestanden hat. Der Versicherte hätte also erst im Frühsommer 2010 einen
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Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung begründet. Die Beschwerdegegnerin hat
demnach im Ergebnis zu Recht einen Anspruch des Versicherten auf eine
Hilflosenentschädigung verneint, obwohl der Beschwerdeführer wohl noch vor dem
Erlass des angefochtenen Einspracheentscheides mittelgradig hilflos geworden ist. Die
Beschwerde muss deshalb abgewiesen werden.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53