Decision ID: ff324355-720d-4850-a760-97bf0c19705b
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen entzog A._, geb.
2001, mit Verfügung vom 1. September 2017 den Führerausweis für die
Spezialkategorie M für einen Monat und verweigerte ihm den Lernfahrausweis der
Kategorie A1 für die Dauer von sechs Monaten, nachdem er ein Kleinmotorrad gelenkt
hatte, ohne im Besitz des Führerausweises der Kategorie A1 zu sein. Im
Informationssystem über die Verkehrszulassung (IVZ; früher:
Administrativmassnahmen-Register) wurde dieser Vorfall als mittelschwere
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften erfasst. Seit dem 29. April 2019
besitzt A._ den Führerausweis der Kategorie B und seit dem 21. Mai 2019 jenen der
Kategorie A. Am 11. Juli 2020 überschritt er mit seinem Fahrzeug in Rankweil/
Vorarlberg (A) die signalisierte Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h innerorts um
57 km/h (nach Abzug der Messtoleranz). Die Bezirkshauptmannschaft Feldkirch
verurteilte ihn deswegen mit Strafverfügung vom 21. August 2020 zu einer Geldstrafe
von € 555 und belegte ihn mit Bescheid vom 12. Oktober 2020 mit einem
zweiwöchigen Lenkverbot für Österreich.
A.a.
Gestützt auf die Mitteilung der Bezirkshauptmannschaft Feldkirch eröffnete das
Strassenverkehr- und Schifffahrtsamt gegen A._ ein
Administrativmassnahmeverfahren wegen der Geschwindigkeitsübertretung vom
11. Juli 2020. Es teilte ihm am 25. November 2020 mit, dass aufgrund der in Österreich
begangenen Geschwindigkeitsüberschreitung beabsichtigt sei, ihm den Führerausweis
auf Probe wegen einer schweren Widerhandlung für mindestens sechs Monate zu
entziehen und die Probezeit um ein Jahr zu verlängern; gleichzeitig gewährte es das
rechtliche Gehör. Hierzu äusserte sich A._ mit Stellungnahme seines Rechtsvertreters
vom 29. Dezember 2020 (act. G 9/12/21-24 [B 2021/245]). Mit Verfügung vom
4. Februar 2021 entzog das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt den Führerausweis
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
wegen schwerer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer
von fünf Monaten (Ziffer 1) und verlängerte die Probezeit des Führerausweises um ein
Jahr (Ziffer 2; act. G 9/2 [B 2021/245]). Gegen diese Verfügung erhob A._ mit Eingabe
seines Rechtsvertreters vom 16. Februar 2021 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK), den er mit Eingabe vom
4. März 2021 ergänzte (act. G 9/1, 9/7). Mit Entscheid vom 28. Oktober 2021 hob die
VRK die Ziffer 1 der angefochtenen Verfügung (Entzug des Führerausweises auf Probe
für fünf Monate) auf, soweit sie nicht gegenstandslos geworden war (Dispositivziffer 1).
Der Führerausweis auf Probe wurde A._ wegen schwerer Widerhandlung (im Ausland
begangene krasse Geschwindigkeitsüberschreitung) für zwei Wochen entzogen
(Dispositivziffer 2). Die Ziffern 2 (Probezeitverlängerung) und 3 (Kosten) der
angefochtenen Verfügung blieben unverändert (Dispositivziffer 3).
Gegen diesen Entscheid erhob Rechtsanwalt lic. iur. Manfred Dähler, St. Gallen, für
A._ (Beschwerdeführer 1) mit Eingabe vom 17. November 2021 Beschwerde mit den
Anträgen, der angefochtene Entscheid sei wie folgt zu ändern: a) In Ziffer 2: "Der
Führerausweis auf Probe wird dem Rekurrenten wegen mittelschwerer Widerhandlung
[Geschwindigkeitsüberschreitung im Ausland] für zwei Wochen entzogen". b) In Ziffer
5: "Der Staat hat den Rekurrenten angemessen, eventualiter mit mindestens CHF 4'500
einschliesslich Mehrwertsteuer für seine vorinstanzlichen Anwaltskosten zu
entschädigen." Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Staates
(Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt; act. G 1 [B 2021/245]). In der
Beschwerdeergänzung vom 17. Dezember 2021 (act. G 5 [B 2021/245]) bestätigte und
begründete der Rechtsvertreter die gestellten Anträge.
Mit Eingabe vom 17. November 2021 erhob auch das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt (Beschwerdeführer 2) Beschwerde gegen den Rekursentscheid vom
28. Oktober 2021 mit den Rechtsbegehren, die Dispositivziffern 1, 2, 4 und 5 des
Entscheids seien aufzuheben. Es sei ein Führerausweisentzug wegen schwerer
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften von mindestens fünf Monaten
anzuordnen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Vorinstanz (act. G
1 [B 2021/246]). In der Beschwerdeergänzung vom 17. Dezember 2021 bestätigte und
begründete der Beschwerdeführer 2 die gestellten Anträge, wobei er zusätzlich die
Berücksichtigung von Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten des
Beschwerdegegners 2 und der Vorinstanz beantragte (act. G 5 [B 2021/246]).
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdeverfahren B 2021/245 und B 2021/246 betreffen den gleichen
Streitgegenstand und basieren auf denselben Akten. Die Verfahrensbeteiligten treten -
in unterschiedlichen Parteirollen - in beiden Verfahren auf. Es rechtfertigt sich daher,
die beiden Beschwerdeverfahren zu vereinigen und in einem einzigen Entscheid zu
behandeln.
Das Verwaltungsgericht ist zum Sachentscheid zuständig (Art. 59 Abs. 1 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP). Das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt ist als verfügende Behörde zur Erhebung der Beschwerde befugt
(Art. 24 Abs. 2 lit. a des Strassenverkehrsgesetzes; SR 741.01, SVG). Es ist davon
auszugehen, dass der unterzeichnende Abteilungsleiter die Beschwerde im
Einverständnis mit dem Amtsleiter erhoben hat (vgl. Art. 1 Abs. 1 der
In der Vernehmlassung vom 22. Dezember 2021 beantragte die Vorinstanz Abweisung
der Beschwerden. Zur Begründung verwies sie auf die Erwägungen des angefochtenen
Entscheids (act. G 8 [B 2021/245] und G 7 [B 2021/246]). In seiner Vernehmlassung
vom 25. Januar 2022 beantragte der Beschwerdegegner 1 im Verfahren B 2021/245
Abweisung der Beschwerde insofern, als er selbständig Beschwerde gegen den
vorinstanzlichen Entscheid erhoben habe. Die rechtliche Qualifikation der fraglichen
Auslandtat durch die Vorinstanz als schwere Widerhandlung sei zu bestätigen. Im
Weiteren verzichtete er auf eine Vernehmlassung (act. G 11 [B 2021/245]).
B.b.
In der Beschwerdeantwort im Verfahren B 2021/246 vom 7. Februar 2022 beantragte
der Beschwerdegegner 2 Abweisung der Beschwerde, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zulasten des Staates (act. G 12 [B 2021/246]). Der
Beschwerdeführer 2 verzichtete auf eine Stellungnahme hierzu (act. G 14 [B 2021/246]).
Im Schreiben vom 14. Februar 2022 verwies der Beschwerdeführer 1 im Verfahren
B 2021/245 - von einer Vereinigung der Verfahren B 2021/245 f. ausgehend - auf seine
Beschwerdeantwort vom 7. Februar 2022 im Verfahren B 2021/246 (act. G 13 [B
2021/245]).
B.c.
Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten in den vorliegenden Verfahren wird, soweit
für den Entscheid erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
B.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einführungsverordnung zum eidgenössischen Strassenverkehrsgesetz, sGS 711.1 und
Art. 26 Staatsverwaltungsgesetz, sGS 140.1; vgl. auch Ermächtigungsverordnung; sGS
141.41, ErmV). Die Beschwerden wurden mit Eingaben vom 17. November 2021 (act. G
1 [B 2021/245 und 246]) rechtzeitig erhoben und erfüllen zusammen mit den
Ergänzungen vom 17. Dezember 2021 (act. G 5 [B 2021/245 und 246]) in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47
Abs. 1 sowie Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerden ist einzutreten.
2.
Die Vorinstanz hielt im angefochtenen Entscheid fest, in Ziffer 1 Abs. 2, 5 und 6 der
Verfügung vom 4. Februar 2021 sei angeordnet worden, dass dem Beschwerdeführer 1
der Führerausweis und allfällig vorhandene weitere Ausweise vom 4. August 2021 bis
und mit 3. Januar 2022 entzogen würden. Hierbei handle es sich um eine
vollstreckungsrechtliche Anordnung, die separat verfügt werden müsste. Darauf sei
nicht weiter einzugehen, denn der Abgabetermin (4. August 2021) sei vorüber, weshalb
Ziffern 1 Abs. 2, 5 und 6 zufolge Gegenstandslosigkeit aufzuheben seien. Der
Beschwerdeführer 2 werde diesbezüglich nach Eintritt der Rechtskraft der
Sachverfügung allenfalls eine Vollstreckungsverfügung zu erlassen haben (act. G 2 [B
2021/246] S. 4).
3. Qualifikation der Widerhandlung (schwer oder mittelschwer)
Gemäss Art. 16c SVG wird der Führerausweis nach einer Widerhandlung im Ausland
entzogen, wenn im Ausland ein Fahrverbot verfügt wurde (Abs. 1 lit. a) und die
Widerhandlung nach den Artikeln 16b und 16c als mittelschwer oder schwer zu
qualifizieren ist (Abs. 1 lit. b). Beide Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein. Bei
der Festlegung der Entzugsdauer sind die Auswirkungen des ausländischen
Fahrverbots auf die betroffene Person angemessen zu berücksichtigen. Die
Mindestentzugsdauer darf unterschritten werden. Die Entzugsdauer darf bei Personen,
zu denen im Informationssystem Verkehrszulassung (IVZ) keine Daten zu
Administrativmassnahmen (Art. 89c lit. d SVG) enthalten sind, die am Begehungsort im
Ausland verfügte Dauer des Fahrverbots nicht überschreiten (Art. 16c Abs. 2 SVG).
Mit Art. 16c SVG hat der Gesetzgeber die zuvor fehlende gesetzliche Grundlage für
Führerausweisentzüge nach einem im Ausland begangenen Verkehrsdelikt geschaffen
(vgl. BGer 1C_392/2013 vom 23. Januar 2014 E. 2.2 mit Verweis auf 1C_47/2012 vom
17. April 2012 E. 2.2).
Eine leichte Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine
3.1. bis
bis
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes
Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01,
SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt
(Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Eine schwere Widerhandlung begeht, wer durch grobe
Verletzung von Verkehrsregeln eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Die Annahme einer schweren
Widerhandlung setzt kumulativ eine qualifizierte objektive Gefährdung und ein
qualifiziertes Verschulden voraus. In objektiver Hinsicht wird verlangt, dass die
Verkehrssicherheit ernsthaft gefährdet wurde. Dabei genügt nach der Rechtsprechung
eine erhöhte abstrakte Gefährdung, die vorliegt, wenn in Anbetracht der jeweiligen
Verhältnisse des Einzelfalls der Eintritt einer konkreten Gefährdung oder einer
Verletzung naheliegt. Subjektiv erfordert der Tatbestand der groben
Verkehrsregelverletzung ein rücksichtsloses oder sonst schwerwiegend
verkehrswidriges Verhalten, d.h. ein schweres Verschulden, bei fahrlässiger Begehung
grobe Fahrlässigkeit (BGer 1C_50/2017 vom 16. Mai 2017 E. 4.1 mit Hinweisen). Bei
den schweren Widerhandlungen sieht der Gesetzgeber in Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG
für die sogenannten Raser-Delikte eine massiv erhöhte Mindestentzugsdauer von zwei
Jahren vor, welche unabhängig davon gilt, ob der Führerausweis früher bereits (wegen
mittelschwerer oder schwerer Widerhandlung) entzogen war (Rütsche/Weber, in:
Niggli/Probst/Waldmann [Hrsg.], Basler Kommentar Strassenverkehrsgesetz, Basel
2014, N 52 f. zu Art. 16c SVG). Der Führerausweis wird für mindestens zwei Jahre
entzogen, wenn durch vorsätzliche Verletzung elementarer Verkehrsregeln das hohe
Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern eingegangen wird,
namentlich durch besonders krasse Missachtung der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit (Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG). In Art. 90 Abs. 4 SVG, auf
welchen die vorerwähnte Bestimmung verweist, wird sodann aufgelistet, welche
Geschwindigkeitsübertretungen in jedem Fall den Rasertatbestand erfüllen. So liegt
eine qualifiziert grobe Geschwindigkeitsüberschreitung im Sinn von Art. 90 Abs. 3 SVG
vor, wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit um mindestens 50 km/h überschritten
wird, wo die Höchstgeschwindigkeit höchstens 50 km/h beträgt (Art. 90 Abs. 4 lit. b
SVG; BGer 1C_397/2014 vom 20. November 2014 E. 2.2).
bis
bis
Unbestritten blieb im vorliegenden Verfahren, dass der Beschwerdeführer 1 am 11. Juli
2020 innerorts in Rankweil/Österreich die signalisierte Höchstgeschwindigkeit von
40 km/h um 57 km/h (nach Abzug der Messtoleranz) überschritt. Streitig ist, welche
administrativrechtlichen Folgen die in Österreich begangene Tat in der Schweiz hat.
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aus dem gesetzlichen Verweis in Art. 16c Abs. 1 lit. b SVG auf Art. 16b und Art. 16c
SVG und dem Hinweis in Art. 16c Abs. 2 SVG, dass die gesetzlichen Mindestdauern
unterschritten werden dürfen, ergibt sich, dass grundsätzlich die für Inlandtaten
geltenden Vorschriften anzuwenden sind, sofern sich aus Art. 16c SVG nichts
anderes ergibt (vgl. BGer 1C_392/2013 vom 23. Januar 2014 E. 2.2 mit Verweis auf
1C_47/2012 vom 17. April 2012 E. 2.2).
Die Bezirkshauptmannschaft Feldkirch verurteilte den Beschwerdeführer 1 mit
Strafverfügung vom 21. August 2020 wegen Überschreitens der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit zu einer Geldstrafe von € 555 und belegte ihn mit Bescheid
vom 12. Oktober 2020 mit einem zweiwöchigen Lenkverbot für Österreich (act. G 6/2).
Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Dementsprechend wurde im
Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG im Ausland ein Fahrverbot verfügt. Der
Beschwerdeführer 2 hielt in der Verfügung vom 4. Februar 2021 fest, der
Beschwerdeführer 1 erfülle damit gemäss Bundesgerichtspraxis die schwere
Widerhandlung nach Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG, womit die Voraussetzung von
Art. 16c Abs. 1 Bst. b SVG ebenfalls erfüllt sei. Die konkreten Umstände, welche zur
massiven Geschwindigkeitsübertretung geführt hätten, seien nicht relevant. Auch für
Führerausweisentzüge für Widerhandlungen im Ausland gelte das Kaskadensystem der
Artikel 16b und 16c SVG. Danach komme bei einem Rückfall eine höhere (bei
Auslandtaten aber unterschreitbare) Mindestentzugsdauer zur Anwendung, und zwar
unabhängig davon, ob die erste, die zweite oder beide Widerhandlungen im Ausland
begangen worden seien. Vorliegend komme die Kaskadenbestimmung nach Art. 16c
Abs. 2 lit. b SVG zur Anwendung. Die geltend gemachte Betroffenheit sei privater Natur
und nicht in einem solchen Mass ausgeprägt wie z.B. bei einer beruflichen
Angewiesenheit, weshalb eine Entzugsdauer von fünf Monaten als angemessen
erscheine (act. G 9/2 [B 2021/245]).
bis
bis
bis
bis
bis
Im angefochtenen Entscheid ging die Vorinstanz ebenfalls von einer schweren
Widerhandlung im Sinn von Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG aus, weshalb sie die
Voraussetzung von Art. 16c Abs. 1 lit. b SVG als erfüllt erachtete. Es könne nicht
massgeblich sein, aus welchen Gründen resp. gestützt auf welche Kriterien die
österreichische Behörde die zulässige Höchstgeschwindigkeit an der besagten Stelle
auf 40 km/h festgesetzt habe, denn die Gefährdung von Passanten und korrekt
fahrenden Fahrzeuglenkern steige mit der Zunahme der
Geschwindigkeitsüberschreitung. Auf die Intensität dieser Gefährdung habe das Motiv
der Begrenzung der Geschwindigkeit keinen Einfluss (BGer 1C_224/2010 und
3.3.
bis
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1C_238/2010 vom 6. Oktober 2010 E. 3.3). Die Beschwerdeführer 1 und 2 stimmten
darin überein, dass der Führerausweis aufgrund der massiven
Geschwindigkeitsübertretung in Österreich auch in der Schweiz zu entziehen sei (act. G
2 [B 2021/246 S. 8 m.H. auf act. G 9/7 N 17).
Der Beschwerdeführer 1 wendet ein, es sei nicht von einer schweren (Art. 16c Abs. 1
lit. a SVG), sondern von einer mittelschweren Widerhandlung (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG)
auszugehen. Die Qualifikation als Raserdelikt im Sinn von Art. 16c Abs. 2 lit. a i.V.m.
Art. 90 Abs. 4 SVG sei falsch. Die ausländische Behörde verneine im Gegensatz zur
Vorinstanz eine schwere Widerhandlung. Sie habe zu Recht festgestellt, dass die
Übertretung nicht geeignet gewesen sei, besonders gefährliche Verhältnisse
herbeizuführen. Unter Berücksichtigung der Sachverhaltsfeststellung der ortskundigen
ausländischen Behörde seien die Voraussetzungen einer schweren Widerhandlung
nicht erfüllt. Die Vorinstanz habe sich mit der Frage der Erfüllung des objektiven und
des subjektiven Tatbestandes nicht befasst. Art. 90 Abs. 4 SVG beziehe sich auf das
Staatsgebiet der Schweiz und habe keine Gültigkeit für Österreich. Selbst wenn der
Hinweis auf Art. 90 Abs. 4 SVG in Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG auf Auslandtaten
anwendbar wäre, dürfe der Rasertatbestand aus dem blossen Umstand, dass eine
bestimmte Höhe der Geschwindigkeitsüberschreitung vorliege, noch nicht als erfüllt
betrachtet werden. Gemäss Feststellung der ausländischen Behörde sei die
Übertretung nicht geeignet gewesen, besonders gefährliche Verhältnisse
herbeizuführen. Die schweizerische Behörde müsse sich bei ihrem Entscheid
betreffend Administrativmassnahmen nach einer Widerhandlung im Ausland auf die
Sachverhaltsfeststellungen der ausländischen Behörde abstützen. Die Vorinstanzen
seien mangels Intervention gegen die ausländische Sachverhaltsabklärung und
mangels eigener Sachverhaltsabklärung an die Feststellungen der ausländischen
Behörde gebunden, welche die massgebenden Tatsachen wesentlich besser kenne als
die Vorinstanzen. Dies gelte umso mehr, wenn berücksichtigt werde, dass die
Schweizer Administrativbehörden selbst bei einem "Inländer-Fall" an die Feststellungen
der Strafbehörde gebunden seien (act. G 5 [B 2021/245], act. G 12 [B 2021/246] Ziffer
14-20).
3.4.
bis
bis
Im Fahrverbotsentscheid vom 12. Oktober 2020 ging die österreichische Behörde
davon aus, dass Geschwindigkeitsüberschreitungen (im Ortsgebiet um mehr als 40 km/
h) eine der häufigsten Ursachen von zum Teil schweren Verkehrsunfällen darstellen
würden und daher auch aus generalpräventiven Überlegungen streng zu ahnden seien.
3.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unter Berücksichtigung dieser Tatsache und der Wertung des Beschwerdeführers 1
werde angenommen, dass er wegen seiner Sinnesart beim Lenken von Kraftfahrzeugen
die Verkehrssicherheit gefährden werde. Somit sei die Lenkberechtigung
abzuerkennen. Es handle sich indes beim Beschwerdeführer 1 um die erste
Übertretung dieser Art. Sie sei nicht geeignet gewesen, besonders gefährliche
Verhältnisse herbeizuführen. Sie sei auch nicht mit besonderer Rücksichtslosigkeit
gegenüber anderen Strassenbenützern ausgeführt worden. Die Aberkennungsdauer sei
daher mit zwei Wochen festzusetzen (act. G 6/2 [B 2021/245] S. 3 unten). Der
Standpunkt des Beschwerdeführers 1, auf dem in Frage stehenden Strassenabschnitt
habe die von ihm bei schwachem Verkehrsaufkommen begangene
Geschwindigkeitsüberschreitung von 57 km/h keine besondere Gefahr geschaffen,
lässt ausser Acht, dass das potenziell hohe Unfallrisiko sich nicht nur aus der absoluten
Höhe der gefahrenen Geschwindigkeit ergibt, sondern insbesondere auch aus dem
grossen Geschwindigkeitsunterschied zwischen dem Raser und den korrekt fahrenden
Verkehrsteilnehmern, die nicht mit so schnellen Fahrzeugen rechnen müssen (vgl. BGer
1C_397/2014 a.a.O. E. 2.4.1). Diese Wertung ergibt sich sinngemäss auch aus dem
Fahrverbotsentscheid vom 12. Oktober 2020. Unzutreffend erscheint von daher das
Vorbringen des Beschwerdeführers 1, dass die ausländische Behörde eine schwere
Widerhandlung ausdrücklich verneint habe (act. G 5 [B 2021/245] Rz. 18). Sodann
bedarf es keiner konkreten Gefährdung; vielmehr liegt eine ernstliche Gefahr für die
Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer bereits bei einer erhöhten abstrakten
Gefährdung bzw. bei der naheliegenden Möglichkeit einer konkreten Gefährdung vor.
In subjektiver Hinsicht ist schweres Verschulden nach Art. 16c Abs. 1
lit. a SVG gegeben, wenn der Lenker mindestens grobfahrlässig handelt (vgl. BGer
1C_710/2013 vom 7. Januar 2014 E. 2.4 m.H.). Nachdem Art. 16c Abs. 2 lit. a i.V.m.
Art. 90 Abs. 4 lit. b SVG eine Geschwindigkeitsüberschreitung, wie sie vorliegend in
Frage steht, als besonders krasse Missachtung der Höchstgeschwindigkeit und damit
als grobfahrlässiges Handeln wertet, lässt sich als Folge davon Grobfahrlässigkeit - als
subjektives Element des Tatbestandes der schweren Widerhandlung nach Art. 16c
SVG im Ausland (Art. 16 Abs. 1 lit. b SVG) - nicht mit guten Gründen in Abrede
stellen. Das Argument des Beschwerdeführers 1, wonach Art. 90 Abs. 4 SVG sich auf
das Staatsgebiet der Schweiz beziehe und keine Gültigkeit für Österreich habe (act. G
5 [B 2021/245] Rz. 24), erweist sich mit Blick auf den Verweis in Art. 16 Abs. 1 lit. b
SVG auf Art. 16c SVG und damit auch auf Abs. 2 lit. a dieser Bestimmung i.V.m. Art.
90 Abs. 4 SVG als unzutreffend. Die - von keiner Seite in Frage gestellte - Tatsache
allein, dass die ausländische Behörde besonders gefährliche Verhältnisse und
besondere Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Strassenbenützern verneinte (act. G
6/2 [B 2021/245] S. 3 unten), schafft entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers
bis
bis
bis
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4. Entzugsdauer
1 (act. G 5 [B 2021/245] Rz. 25-32 mit Hinweis auf BGE 143 IV 508 und 142 IV 137)
keine aussergewöhnlichen Umstände, welche das Vorliegen einer schweren
Widerhandlung im Sinn von Art. 16c Abs. 1 lit. b SVG zu widerlegen vermöchten. Für
die Annahme einer schweren Widerhandlung bedarf es in subjektiver Hinsicht keiner
(nach den Erhebungen der ausländischen Behörde nicht gegebenen) besonderen
Rücksichtslosigkeit oder besonders gefährlicher Verhältnisse. Vielmehr genügt die - hier
gegebene - vorsätzliche Verletzung elementarer Verkehrsregeln mit hohem Unfallrisiko
im Sinn einer erhöhten abstrakten Gefährdung. Die im vorinstanzlichen Entscheid
vorgenommene Qualifikation der Auslandtat als schwere Widerhandlung lässt sich
damit insgesamt nicht beanstanden.
bis
Hinsichtlich der Entzugsdauer führte die Vorinstanz aus, der Tatortstaat könne eine
Administrativmassnahme allein mit Wirkung für das eigene Staatsgebiet aussprechen,
wenn eine Person mit schweizerischem Wohnsitz im Ausland ein
Strassenverkehrsdelikt begehe. Die im Ausland und in der Schweiz ausgesprochenen
Massnahmen müssten in ihrer Gesamtheit schuldangemessen sein. Daher seien
gemäss Art. 16c Abs. 2 Satz 1 SVG bei der Festlegung der Entzugsdauer die
Auswirkungen des ausländischen Fahrverbots auf die betroffene Person angemessen
zu berücksichtigen. Damit werde dem Umstand Rechnung getragen, dass das
ausländische Fahrverbot die Fehlbaren unterschiedlich stark oder gar nicht treffen
könne, je nachdem, wie oft sie im Tatortstaat unterwegs seien. Massgeblich seien die
Umstände des Einzelfalles (BGE 141 II 256 E. 2.3). Bei Personen, zu denen im
Informationssystem über die Verkehrszulassung (IVZ) keine Daten zu
Administrativmassnahmen enthalten seien, dürfe die Entzugsdauer das am
Begehungsort verfügte Fahrverbot nicht überschreiten (Art. 16c Abs. 2 SVG; BGer
1C_47/2012 vom 17. April 2012 E. 2.2). Handle es sich demgegenüber um
Rückfalltäter, könne die Schweizer Behörde über die Dauer des am Begehungsort
verfügten Fahrverbots hinausgehen (BGE 141 II 256 E. 2.4). Gesamthaft dürfe der
angeordnete Entzug mit der ausländischen Massnahme zusammen nicht strenger
erscheinen als der Entzug, der ausgesprochen worden wäre, wenn die Tat in der
Schweiz begangen worden wäre (act. G 2 [B 2021/246] S. 8 f. m.H. auf Botschaft zur
Änderung des Strassenverkehrsgesetzes [Führerausweisentzug nach Widerhandlung
im Ausland], BBl 2007 S. 7622; Th. Scherrer, Administrativrechtliche Folgen von
"Auslandtaten", in: R. Schaffhauser, Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2003,
S. 252).
4.1.
bis
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Aus Art. 16c Abs. 2 SVG ergebe sich, dass bei der Bemessung der Entzugsdauer
grundsätzlich von den Sanktionsdrohungen gemäss Art. 16b Abs. 2 und Art. 16c Abs. 2
SVG auszugehen sei. Dies gelte nur dann nicht, wenn die am Begehungsort im Ausland
verfügte Dauer des Fahrverbots - im vorliegenden Fall zwei Wochen - nicht
überschritten werden dürfe, weil zu der betroffenen Person im IVZ keine Daten zu
Administrativmassnahmen enthalten seien. Der Beschwerdeführer 1 sei mit einem
Führerausweisentzug nach einer mittelschweren Widerhandlung im IVZ eingetragen,
weshalb für ihn eine Begrenzung des oberen Sanktionsrahmens auf der Höhe des im
Ausland ausgesprochenen Fahrverbots von zwei Wochen nicht in Frage zu kommen
scheine. Die Entstehungsgeschichte der Norm und deren Sinn und Zweck liessen sich
jedoch mit dem Wortlaut nicht in Einklang bringen (vgl. VRKE IV-2017/2 vom 29. Juni
2017 E. 4.a). In der Botschaft zur Änderung des Strassenverkehrsgesetzes
(Führerausweisentzug nach Widerhandlung im Ausland) sei in E-Art. 16c Abs. 2 SVG
nur vorgesehen gewesen, dass bei der Festlegung der Entzugsdauer die Auswirkungen
des ausländischen Fahrverbots auf die betroffene Person angemessen zu
berücksichtigen seien und die Mindestentzugsdauer unterschritten werden dürfe (BBl
2007 7617 ff. und 7625). Während der parlamentarischen Beratung sei ein Antrag
gestellt worden, wonach die Entzugsdauer die am Begehungsort verfügte Dauer des
Fahrverbots nicht überschreiten dürfe. Dieser Antrag sei schliesslich nicht Gesetz
geworden. Es sei entschieden worden, dass die Dauer des ausländischen Fahrverbots
nur bei Personen, die im IVZ nicht verzeichnet seien, die Obergrenze für die
Entzugsdauer in der Schweiz bilde. So werde verhindert, dass Wiederholungstäter wie
Ersttäter behandelt würden und Wiederholungstäter, die im Ausland zum Beispiel die
Geschwindigkeitsvorschriften krass missachteten, gegenüber Wiederholungstätern in
der Schweiz privilegiert behandelt würden. Mit der Gesetz gewordenen Fassung habe
der Gesetzgeber eine faktische Aushebelung des in der Schweiz geltenden
Kaskadensystems verhindern wollen. Das Kaskadensystem gemäss Art. 16b Abs. 2
und Art. 16c Abs. 2 SVG komme dann zur Anwendung, wenn der betroffene
Fahrzeuglenker wiederum eine mittelschwere oder schwere Widerhandlung begehe
und die im Gesetz vorgesehenen Rückfallfristen, welche zwischen 2 und 10 Jahren
dauern und nach dem Vollzug des Führerausweisentzugs beginnen würden, noch nicht
abgelaufen seien. Zu berücksichtigen sei indessen, dass der Beschwerdeführer im
Zeitpunkt des Entzugs des Führerausweises der Spezialkategorie M (Motorfahrräder;
Art 3 Abs. 3 der Verkehrszulassungsverordnung (SR 741.51, abgekürzt: VZV) 16 Jahre
alt gewesen sei und deshalb gar nicht im Besitz eines Führerausweises der Kategorien
B oder A habe sein können. Damit sei auch eine Ausdehnung auf diese beiden
Kategorien gemäss Art. 33 Abs. 4 lit. b VZV nicht möglich. Nach dieser Bestimmung
bis
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könne die Entzugsbehörde mit dem Lernfahr- oder dem Führerausweis einer
Spezialkategorie auch den Lernfahr- oder Führerausweis der Kategorien und
Unterkategorien entziehen. Beim Entscheid darüber habe die Behörde abzuwägen, ob
sich eine Ausdehnung angesichts der Schwere und der Art der begangenen
Widerhandlung rechtfertige. Dabei habe sie sämtliche Umstände des Einzelfalles zu
berücksichtigen (vgl. zum früheren Recht BGE 114 Ib 41 E. 3 [Praxis 77 (1988) Nr. 80]).
Gemäss früherer bundesgerichtlicher Rechtsprechung habe die Anordnung eines
Motorfahrradausweisentzugs ohne Ausdehnung auf einen ordentlichen Führerausweis
nicht zu einem Rückfall führen können (vgl. BGE 128 II 187 E. 1c am Schluss). Es sei
nicht ersichtlich, weshalb diese Praxis nicht auch für das seit 1. Januar 2005 geltende
Administrativmassnahmenrecht gelten solle, was dazu führe, dass das
Kaskadensystem gemäss Art. 16b Abs. 2 und Art. 16c Abs. 2 hier nicht zur Anwendung
gelange. Vor diesem Hintergrund sei die Gesetzesredaktion, wonach der
Führerausweisentzug in der Schweiz nur für Personen, zu denen im IVZ keine Daten zu
Administrativmassnahmen enthalten seien, nicht länger als die Dauer des
ausländischen Fahrverbots ausfallen dürfe, ungenau. Letztlich könne es nur darum
gehen, dass die betroffene Person nicht mit einer Administrativmassnahme wegen
mittelschwerer oder schwerer Widerhandlung eingetragen oder eine entsprechende
Rückfallfrist abgelaufen sei oder die betroffene Person nicht wegen eines
Führerausweisentzugs in der Spezialkategorie M (Motorfahrräder) mit einer
Ausdehnung auf eine Kategorie oder Unterkategorie eingetragen sei. Bei diesen Fällen
könne nicht von einem Rückfall im Sinn des Kaskadensystems ausgegangen werden,
weshalb die Dauer des Führerausweisentzugs nicht über die Dauer des ausländischen
Fahrverbots hinausgehen solle. Es verhalte sich damit nicht anders als bei einer
neuerlichen schweren Widerhandlung gegen die Verkehrsregeln in der Schweiz, wenn
zwar bereits früher Strassenverkehrsvorschriften missachtet worden seien, dieser
frühere Verstoss jedoch lediglich zum Entzug des Führerausweises für Motorfahrräder
geführt habe (da die betroffene Person entweder aus Altersgründen oder freiem
Entschluss nur einen Führerausweis für Motorfahrräder besessen und sich die Frage
der Ausdehnung des Entzugs auf einen ordentlichen Führerausweis gar nicht gestellt
habe); hier komme das Kaskadensystem ebenfalls nicht zur Anwendung und eine
"unhaltbare Privilegierung" des Rückfalltäters mit einer Widerhandlung im Ausland
gegenüber einem Rückfalltäter mit einer Inlandtat könne ausgeschlossen werden. Bei
einem Ersttäter dürfe die schweizerische Behörde keine strengere Wertung vornehmen
als die ausländische Behörde. Dass sie gegebenenfalls nach hiesigen Massstäben ein
längeres Fahrverbot als gerechtfertigt angesehen hätte, spiele keine Rolle. Die Dauer
des am Begehungsort ausgesprochenen Fahrverbots begrenze den
Ermessensspielraum der schweizerischen Behörde nach oben (vgl. BGer 1C_538/2014
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 9. Juni 2015 E. 2.4). Schliesslich könne anderen Einträgen wie etwa einer
Verwarnung (Art. 89c lit. d Ziffer 7 SVG), die die Kaskaden gemäss Art. 16b Abs. 2 und
16c Abs. 2 SVG nicht auszulösen vermöge, verkehrspsychologischen und
verkehrsmedizinischen Untersuchungen (Ziffer 8) oder einer Teilnahme an
Nachschulung (Ziffer 10) keine Bedeutung zukommen mit Bezug auf die Begrenzung
der Entzugsdauer auf die Höhe der Dauer des ausländischen Fahrverbots, weshalb der
generelle Verweis in Art. 16c Abs. 2 SVG auf Art. 89c lit. d SVG auch deshalb an der
Sache vorbeigehe. Der Beschwerdeführer 1 weise im IVZ zwar einen Eintrag wegen
mittelschwerer Widerhandlung auf; diese betreffe jedoch einen Entzug des Ausweises
der Spezialkategorie M. Mithin komme für ihn das Kaskadensystem nicht zur
Anwendung. Entsprechend dürfe der schweizerische Führerausweisentzug die Dauer
des österreichischen Fahrverbots von zwei Wochen nicht überschreiten. An diesem
Zwischenergebnis ändere auch das Bestehen einer Rasernorm mit einer
Mindestentzugsdauer von zwei Jahren nichts. Es gebe keine Hinweise, dass für
Auslandtaten in diesem Bereich Art. 16c SVG nicht gelte. Der Gesetzgeber habe sich
dazu, soweit überblickbar, jedenfalls nicht geäussert. Dass der Beschwerdeführer 1
wesentlich milder zu sanktionieren sei, hänge damit zusammen, dass krasse
Geschwindigkeitsüberschreitungen in Österreich viel weniger streng sanktioniert
würden als in der Schweiz, was hinzunehmen sei (BGE 141 II 256 E. 2.6).
Zusammenfassend sei Ziffer 1 der angefochtenen Verfügung aufzuheben und der
Führerausweis für zwei Wochen zu entziehen. Dass eine Entzugsdauer von zwei
Wochen als angemessen erscheine, ändere nichts daran, dass der Rekurrent fortan mit
einer schweren Widerhandlung gemäss Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG im IVZ verzeichnet
sei. Insbesondere begännen auch die Rückfallfristen gemäss Art 16b Abs. 2 und Art.
16c Abs. 2 SVG für allfällige weitere mittelschwere oder schwere Widerhandlungen zu
laufen. Sollte der Beschwerdeführer 1 in den nächsten fünf Jahren noch einmal gegen
die Raserstrafnorm verstossen, gälte er als unverbesserlich und der Führerausweis
würde für immer entzogen (Art. 16d Abs. 3 lit. b SVG; act. G 2 [B 2021/246] S. 9-12).
bis
bis
bis
Der Beschwerdeführer 2 wendet ein, für die schweizerische Administrativbehörde sei
bei der Prüfung des Führerausweisentzuges irrelevant, nach welchen Regeln die
österreichische Behörde den Vorfall beurteilt habe. Der Umstand, dass die
österreichische Behörde für die schwere Widerhandlung ein Fahrverbot von zwei
Wochen verfügt habe, wohingegen in der Schweiz ein Führerausweisentzug von
mindestens zwei Jahren hätte angeordnet werden müssen, zeige offenkundig, dass
sich die administrativrechtlichen Bestimmungen der beiden Länder deutlich
unterscheiden würden. Vorliegend seien der Entzug des Führerausweises der
4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Spezialkategorie M sowie auch die Verweigerung des Lernfahrausweises der
Unterkategorie A1 zu berücksichtigen, da beide Massnahmen aufgrund der
mittelschweren Widerhandlung im IVZ eingetragen worden seien. Daraus folge, dass
bei der Beurteilung des Führerausweisentzugs von der Sanktionsdrohung gemäss Art.
16c Abs. 2 SVG auszugehen sei. Bei der Verweigerung des Führerausweises der
Unterkategorie A1 handle es sich um eine Administrativmassnahme nach Art. 89c lit. d
Ziffer 1 SVG. Der klare Gesetzeswortlaut von Art. 16c Abs. 2 Satz 3 SVG mit dem
generellen Verweis auf Art. 89c lit. d SVG gehe entgegen der Auffassung der Vorinstanz
nicht an der Sache vorbei; die Verweigerung sei ebenfalls zu berücksichtigen. Auch
wenn der Entzug des Führerausweises der Kategorie M vorliegend ausgeblendet
würde, handle es sich beim Beschwerdeführer 1 aufgrund der Verweigerung der
Unterkategorie A1 nicht um einen Ersttäter. Die Vorinstanz habe mit ihrer Auslegung
von Art. 16c Abs. 2 Satz 3 SVG, wonach die betroffene Person lediglich nicht mit
einer Administrativmassnahme wegen mittelschwerer oder schwerer Widerhandlung im
IVZ eingetragen werden dürfe und somit eine Verweigerung oder Verwarnung nicht zu
berücksichtigen sei, Bundesrecht verletzt. Dies gelte auch für ihren Schluss, dass der
Führerausweisentzug in der Schweiz für Personen, die wegen eines Entzugs eines
Ausweises der Kategorie M ohne Ausdehnung auf eine Kategorie oder Unterkategorie
im IVZ eingetragen seien, nicht länger als die Dauer des ausländischen Fahrverbots
ausfallen dürfe (act. G 5 [B 2021/246]). Der Beschwerdegegner 2 hält dem entgegen,
dass der Beschwerdeführer 2 mit seiner Argumentation eine Interpretation von Art.
16c Abs. 2 Satz 3 SVG anstrebe, die nicht nur den allgemeinen Rechtsgrundsätzen
widerspreche, sondern (auch) am Verbot des überspitzten Formalismus scheitern
müsse. Es dürfe nicht jeder Eintrag im IVZ unbesehen der näheren Umstände als
belastende Vortat im Sinn der erwähnten Bestimmung gelten (act. G 12 [B 2021/246] S.
8 Ziffer 23).
bis
bis
bis
Der Beschwerdegegner 2 beantragt im Verfahren B 2021/246 ein öffentliches Verfahren
unter Anhörung der mündlichen Ausführungen der Parteien, ohne dies näher zu
begründen (act. G 12 [B 2021/246] S. 2). Hierzu ist festzuhalten, dass ein solcher
Antrag im Rekursverfahren vor der Verwaltungsrekurskommission zu stellen ist,
andernfalls der Anspruch als verwirkt zu betrachten ist (vgl. VerwGE B 2019/103 vom
3. Oktober 2019 E. 2; bestätigt durch BGer 1C_599/2019 vom 4. November 2020 E. 5).
Im Übrigen ist auch nicht ersichtlich, inwiefern die Beantwortung der hier zu
beurteilenden Rechtsfragen eines persönlichen Eindrucks des Beschwerdegegners 2
bedarf. Vielmehr ist der Sachverhalt umfassend der schriftlichen Darstellung zugänglich
(vgl. dazu BGer 2C_410/2020 vom 10. November 2020 E. 3.5.1 mit Hinweisen, zur
4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Publikation vorgesehen). Ebenso wenig ist mit Blick auf die nachstehend zu
schildernden Gegebenheiten erkennbar und wird vom Beschwerdegegner 2 auch nicht
weiter substantiiert, welche neuen entscheidrelevanten Erkenntnisse, die sich nicht
bereits aus den Akten ergeben, durch die beantragte mündliche Verhandlung/Anhörung
gewonnen werden könnten. Die Notwendigkeit der Durchführung einer öffentlichen,
mündlichen Verhandlung ist deshalb nicht dargetan. Der entsprechende Antrag des
Beschwerdegegners 2 ist abzuweisen.
4.4.
Der Führerausweis wird für verschiedene Kategorien, Unterkategorien und
Spezialkategorien erteilt (Art. 3 VZV). Der Eintrag des Beschwerdeführers 1 im IVZ
wegen mittelschwerer Widerhandlung betrifft einen Entzug des Ausweises der
Spezialkategorie M (Motorfahrräder) im Alter von 16 Jahren und eine Verweigerung des
Lernfahrausweises für die Unterkategorie A1 (Motorräder mit einem Hubraum von nicht
mehr als 125 cm und einer Motorleistung von höchstens 11 kW) für die Dauer von
sechs Monaten (Verfügung vom 1. September 2017; act. G 9/4/1). Das Mindestalter
zum Führen von Motorfahrzeugen der Spezialkategorie M beträgt 14 Jahre (Art. 6 Abs.
1 lit. a VZV). Im Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung vom 1. September 2017 betrug
das Mindestalter zum Führen von Motorfahrzeugen mit einem Ausweis der
Unterkategorie A1 16 Jahre (Art. 6 Abs. 1 lit. c VZV in der bis 31. Dezember 2020 gültig
gewesenen Fassung; 15 Jahre nach der heutigen Regelung) und zum Führen von
Fahrzeugen der Kategorie B 18 Jahre (Art. 6 Abs. 1 lit. d VZV in der bis 31. Dezember
2020 gültig gewesenen Regelung; 17 Jahre nach der heutigen Regelung). Am 2. August
2017 hatte der Beschwerdeführer 1 ein Kleinmotorrad gelenkt, obwohl er nicht im
Besitz des Führerausweises der Kategorie A1 war. Als Folge davon war am
1. September 2017 wie erwähnt eine auf sechs Monate befristete
Lernfahrausweisverweigerung für die Unterkategorie A1 verfügt und im IVZ eingetragen
worden (act. G 9/4/1).
4.4.1.
3
Ausgehend vom Wortlaut von Art. 16c Abs. 2 SVG bestünde beim geschilderten
Sachverhalt keine Bindung an die am Begehungsort im Ausland verfügte Dauer des
Fahrverbots. Zu klären ist, ob der Wortlaut dem Sinn der Gesetzesbestimmung und
den ihr zugrundeliegenden Wertungen entspricht. Für die Normauslegung sind sodann
auch die Entstehungsgeschichte der Norm und die Materialien zu berücksichtigen (zu
den Regeln der Normauslegung vgl. BGE 140 III 289 E. 2.1 m.H.). Zu klären ist m.a.W.,
4.4.2. bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
inwiefern für die Beurteilung der Frage, ob ein Rückfall gemäss dem Kaskadensystem
im Sinn von Art. 16c Abs. 2 lit. b SVG vorliegt, nach der Art der Fahrzeugkategorie zu
unterscheiden ist, für welche der Führerausweis entzogen worden war. Hinsichtlich der
Frage, ob ein auf Spezialkategorien im Sinn von Art. 3 Abs. 3 VZV (insbesondere
Motorfahrräder) beschränkter Warnungsentzug im Rahmen des Kaskadensystems zu
berücksichtigen sei, kam die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid wie dargelegt
zum Schluss, dass die Praxis gemäss früherer bundesgerichtlicher Rechtsprechung
BGE 128 II 187, wonach die Anordnung eines Motorradausweisentzugs ohne
Ausdehnung auf einen ordentlichen Führerausweis nicht zu einem Rückfall führen
konnte, auch für das seit 1. Januar 2005 geltende Administrativmassnahmenrecht
Gültigkeit habe mit der Folge, dass das Kaskadensystem gemäss Art. 16b Abs. 2 und
Art. 16c Abs. 2 SVG vorliegend nicht zur Anwendung gelange (act. G 2 [B 2021/246] S.
11). Anzumerken ist hierzu vorab, dass der von der Vorinstanz zitierte Entscheid VRKE
IV-2017/2 vom 29. Juni 2017 E. 4.a (act. G 2 [B 2021/246] S. 10 oben) vom Sachverhalt
her nicht einschlägig ist: Der dortige Rekurrent war im Administrativmassnahmen-
Register zwar mit zwei Eintragungen wegen mittelschwerer Widerhandlungen
verzeichnet. Da die Rückfallfristen von zwei Jahren schon lange abgelaufen waren, kam
für ihn das Kaskadensystem nicht zur Anwendung. Entsprechend durfte der
schweizerische Führerausweisentzug die Dauer des österreichischen Fahrverbots von
drei Monaten nicht überschreiten. Vorliegend waren die fünfjährigen Rückfallfristen (Art.
16c Abs. 2 lit. b SVG) im Zeitpunkt der Widerhandlung in Österreich noch nicht
abgelaufen. Was im Weiteren die vom Beschwerdeführer 1 gerügte unvollständige
Aktenkenntnis betreffend den Vorfall von 2017 betrifft (act. G 12 [B 2021/246] S. 7 Rz.
22), ist festzuhalten, dass sich die für das vorliegende Verfahren relevanten
Erkenntnisse aus der bei den Akten liegenden rechtskräftigen Verfügung vom
1. September 2017 ergeben (act. G 12/9/3 f.). Auf diese stellten der
Beschwerdeführer 2 und die Vorinstanz bei ihren Beurteilungen auch ab. Von einer
Gehörsverletzung kann von daher nicht ausgegangen werden.
Vor Inkrafttreten der Teilrevision des SVG 2001 am 1. Januar 2005 sprach sich das
Bundesgericht dafür aus, dass die frühere Anordnung eines
Motorfahrradausweisentzugs nicht Grundlage bilden könne für die Anordnung einer
erhöhten Mindestentzugsdauer wegen Rückfalls. Dies mit der Begründung, dass zur
Erlangung des Führerausweises für Motorfahrräder kein Kurs in Sachen
Verkehrssinnbildung und Gefahrenlehre zu absolvieren sei und es von daher nicht
gerechtfertigt sei, den Motorfahrradführer die gleichen Konsequenzen tragen zu lassen
4.4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wie einen Motorfahrzeugführer, der hinsichtlich der Gefahren im Strassenverkehr
besonders sensibilisiert worden sei (BGE 128 II 187 E. 1c am Schluss). Die
einschlägige Lehre erachtet es als fraglich, ob diese Rechtsprechung angesichts der
vom Gesetzgeber mit der SVG-Revision 2001 beabsichtigten härteren Gangart gegen
rückfällige Fahrzeugführer auf das geltende Recht übertragen werden könne.
Abgesehen davon sei zu bedenken, dass der allenfalls geringere Ausbildungsstand von
Motorfahrradführern bei der Anordnung einer Administrativmassnahme bereits im
Rahmen des Verschuldens zu berücksichtigen sei und zu einem kürzeren
Ausweisentzug führen könne; insofern erscheine eine erneute Berücksichtigung des
geringeren Ausbildungsstands im Rahmen des Kaskadensystems nicht als
gerechtfertigt (B. Rütsche, in: Niggli/Probst/Waldmann [Hrsg.], a.a.O., N 98 zu Art. 16
SVG). Diese Überlegungen lassen sich nicht von der Hand weisen, zumal der
Führerausweis für Motorfahrräder beim Erlass von BGE 128 II 187 gemäss Art. 27 der
dort anwendbaren VZV (Stand 1. Januar 2001) separat geregelt wurde und keine
Ausweiskategorie von Art. 3 VZV darstellte (vgl. auch BGE 128 II 187 E. 1c Absatz 4).
Hinzu kommt im konkreten Fall, dass für die vom Beschwerdeführer 1 im Jahr 2017
begangene Widerhandlung kein Fahrzeug der Kategorie M (Motorfahrrad) verwendet
wurde, für welche der Beschwerdeführer 1 damals über einen Führerausweis verfügte;
vielmehr lag ihr die Benützung eines Motorrades der Unterkategorie A1 ohne
Bewilligung zugrunde. Von daher vermag vorliegend das Argument des allenfalls
geringeren Ausbildungsstands von Motorfahrradführern bei der Anordnung einer
Administrativmassnahme eine Nichtanwendung des Kaskadensystems nicht zu
rechtfertigen, zumal die Verwendung eines Fahrzeugs der Bewilligungskategorie A1
ohne Bewilligung seine Ursache nicht in dem damaligen strassenverkehrsrechtlichen
Ausbildungsstand des Beschwerdeführers 1 hatte; eine Fahrzeugverwendung ohne
Bewilligung lässt sich m.a.W. nicht mit dem strassenverkehrsrechtlichen
Ausbildungsstand begründen. Zu beachten ist überdies, dass die Kaskadenordnung
gemäss Art. 16b Abs. 2 und Art. 16c Abs. 2 SVG am 1. Januar 2005 und damit rund
drei Jahre nach Erlass des von der Vorinstanz angeführten BGE 128 II 187 in Kraft trat.
Mit den Bestimmungen der per 1. Januar 2005 in Kraft getretenen Teilrevision 2001 des
SVG sollten schwere und wiederholte Widerhandlungen gegen SVG-Vorschriften
strenger geahndet werden (BBl 1999, 4464, 4474 und 4485 [zitiert in Rütsche a.a.O., N
98 zu Art. 16 SVG]). Aufgrund der geschilderten Gegebenheiten kann das erwähnte
Urteil für die Beurteilung des vorliegenden Sachverhalts nicht als einschlägig gelten.
Die Vorinstanz hielt im Weiteren dafür, dass der Beschwerdeführer 1 im Zeitpunkt der
Widerhandlung im Jahr 2017 aufgrund der erwähnten Altersgrenze nicht im Besitz
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eines Führerausweises der Kategorien A und B habe sein können, weshalb eine
Ausdehnung auf diese Kategorien gemäss Art. 33 Abs. 4 lit. b VZV nicht möglich sei
(act. G 2 [B 2021/246] S. 10 f.). Hierzu ist festzuhalten, dass die vorerwähnte
Bestimmung den Umfang des Entzugs betrifft und sich daraus zur Frage, ob ein
Führerausweis der Spezialkategorie M vorliegend nach Widerhandlungen im Ausland
kaskadenrelevant ist oder nicht, keine Antwort ableiten lässt. Aus der erwähnten
Bestimmung ergibt sich insbesondere nicht, dass ein Entzug eines Führerausweises
der Kategorie M aufgrund einer mittelschweren Widerhandlung (Fahren ohne
Bewilligung mit einem Fahrzeug der Kategorie A1) nach einer erneuten (schweren)
Widerhandlung nicht zu einer Anwendung der Kaskadenordnung führen kann. Inwiefern
in diesem Zusammenhang ein Verstoss gegen das Verbot des überspitzten
Formalismus vorliegen sollte (act. G 12 [B 2021/246] S. 8 Ziffer 23 f.), ist nicht
erkennbar. Ein solcher Verstoss folgt insbesondere nicht aus dem Umstand, dass die
Widerhandlung von 2017 vom Beschwerdegegner 2 im jugendlichen Alter und noch vor
der Fahreignung für die Kategorie B begangen worden war. Entgegen der Auffassung
des Beschwerdegegners 2 handelte es sich beim Vorfall von 2017 nicht um eine
"Jugendsünde mit Velo oder Mofa" (act. G 12 [B 2021/246] S. 8 Ziffer 24), sondern wie
erwähnt um eine solche mit einem Motorrad der Kategorie A1 ohne Bewilligung (vgl.
zur Bedeutung des Lenkens ohne Berechtigung im Kaskadensystem BGer
1C_560/2020 vom 18. Februar 2021 E. 2). Insgesamt lassen die dargelegten
Gegebenheiten vorliegend keine vom klaren Wortlaut von Art. 16c Abs. 2 Satz 3 SVG
abweichende Auslegung zu, so dass keine Bindung an die in Österreich verfügte Dauer
des Fahrverbots besteht. Der vorinstanzliche Entscheid lässt sich dementsprechend
nicht aufrechterhalten.
bis
4.5.
Art. 16c Abs. 2 SVG sieht vor, dass bei der Festlegung der Entzugsdauer die
Auswirkungen des ausländischen Fahrverbots auf die betroffene Person angemessen
zu berücksichtigen sind, wobei die gesetzlichen Mindestdauern der für Inlandtaten
geltenden Vorschriften (Art. 16c SVG) unterschritten werden dürfen (vgl. BGer
1C_392/2013 vom 23. Januar 2014 E. 2.2 mit Verweis auf 1C_47/2012 vom 17. April
2012 E. 2.2). In der Verfügung vom 4. Februar 2021 erachtete der Beschwerdeführer 2
aufgrund der Widerhandlung in Österreich einen Warnungsentzug für die Dauer von
fünf Monaten als angemessen (act. G 9/2 und vorstehende E. 3.2 zweiter Absatz). Dies
bestätigte er in der vorliegenden Beschwerde, wobei er ausführte, dass den
Beschwerdeführer 1 das Fahrverbot nicht sonderlich hart getroffen habe dürfte, auch
4.5.1. bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
wenn er österreichische Wurzeln und Verwandtschaft in Österreich habe. Er habe die
Möglichkeit gehabt, sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen. Es gelte, das
offensichtliche Missverhältnis in der straf- und administrativrechtlichen Beurteilung der
beiden Länder (relativ tiefe Geldstrafe und kurzes Fahrverbot in Österreich,
Freiheitsstrafe und Führerausweisentzug für mindestens zwei Jahre in der Schweiz) bei
der Entzugsdauer angemessen zu berücksichtigen, zumal der Beschwerdeführer 1 die
Tat im Ausland begangen habe und er in der Schweiz bisher nicht als Raser in
Erscheinung getreten sei. Ebenfalls sei dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die
subjektiven Elemente des Rasertatbestandes im Entscheid der österreichischen
Behörde nicht erörtert worden seien und zudem im Bescheid festgehalten worden sei,
dass die Übertretung nicht geeignet gewesen sei, besonders gefährliche Verhältnisse
herbeizuführen. Aufgrund der Widerhandlung im Ausland sei daher ein
Warnungsentzug (einschliesslich Probezeitverlängerung) für die Dauer von fünf
Monaten auszusprechen (act. G 5 [B 2021/246]).
Von Seiten des Beschwerdeführers 1 wird die Rechtmässigkeit der vom
Beschwerdeführer 2 veranschlagten Entzugsdauer von fünf Monaten bestritten, wobei
er sich zur Festlegung der Entzugsdauer als solcher nur insofern äussert, als er auf die
Bindung an das zweiwöchige österreichische Fahrverbot verweist (act. G 12 [B
2021/246] S. 7). Die Vorinstanz hat sich im angefochtenen Entscheid ebenfalls nicht zur
Entzugsdauer in der Schweiz geäussert, da sie von einer Bindung an die in Österreich
verfügte Entzugsdauer ausgegangen ist. Würde das Verwaltungsgericht in diesem
Verfahren die Entzugsdauer prüfen, wäre der Instanzenzug nicht gewahrt. Die
Vorinstanz wird daher die vom Beschwerdeführer 2 verfügte Entzugsdauer vorweg zu
prüfen und darüber zu entscheiden haben. Hierfür ist die Angelegenheit an sie
zurückzuweisen.
4.5.2.
Somit ist die Beschwerde B 2021/245 abzuweisen. Die Beschwerde B 2021/246 ist
unter Aufhebung der Dispositivziffern 1, 2, 4 und 5 des Entscheids vom 28. Oktober
2021 gutzuheissen und die Angelegenheit zur Prüfung der Dauer des
Führerausweisentzugs an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz (mit noch offenem Ausgang) gilt für die Frage der Auferlegung der
Gerichtskosten wie auch der Parteientschädigung als vollständiges Obsiegen,
unabhängig davon, ob sie beantragt oder ob das entsprechende Begehren im Haupt-
oder im Eventualantrag gestellt wird (VerwGE B 2017/76 vom 16. August 2018 E. 5).
5.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte