Decision ID: 795a5a0d-76c0-4375-8ecd-6f8d8ea79a66
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 7. Abteilung, vom 4. Juni 2020 (DG200007)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 17. Januar
2020 (Urk. 24) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
− des Fahrens in fahrunfähigem Zustand im Sinne von Art. 91 Abs. 2
lit. a SVG in Verbindung mit Art. 2 lit. b der Verordnung über Alkohol-
grenzwerte im Strassenverkehr,
− des Fahrens ohne Berechtigung im Sinne von Art. 95 Abs. 1 lit. a SVG
in Verbindung mit Art. 10 Abs. 2 SVG,
− des unrechtmässigen Bezugs von Leistungen einer Sozialversicherung
oder der Sozialhilfe gemäss Art. 148a Abs. 1 StGB,
− der Hinderung einer Amtshandlung im Sinne von Art. 286 Abs. 1 StGB
sowie
− der Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes im Sinne von Art. 19a
Abs. 1 BetmG.
2. Der bedingte Vollzug bezüglich der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
Zürich-Sihl vom 6. November 2017 ausgefällten Geldstrafe von 90 Tages-
sätzen zu Fr. 50.– wird widerrufen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 8 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis und
mit heute 310 Tage durch Haft und vorzeitigen Strafvollzug erstanden sind,
sowie – unter Einbezug der widerrufenen Strafe – mit einer Geldstrafe von
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130 Tagessätzen zu Fr. 30.– als Gesamtstrafe und mit einer Busse von
Fr. 200.–.
4. Die Freiheitsstrafe und die Geldstrafe werden vollzogen.
5. Die Busse ist zu bezahlen.
Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 2 Tagen.
6. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a StGB für 13 Jahre des Landes
verwiesen.
7. Die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssys-
tem wird angeordnet.
8. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 30. De-
zember 2019 beschlagnahmten Kleider des Privatklägers (Asservat Nr.
A012'877'542) werden nach Eintritt der Rechtskraft dieses Entscheids dem
Privatkläger auf erstes Verlangen innert einer Frist von einem Monat her-
ausgegeben, ansonsten sie der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen
werden.
9. Die folgenden, polizeilich sichergestellten Gegenstände werden eingezogen
und nach Eintritt der Rechtskraft dieses Entscheids durch die Lagerbehörde
vernichtet:
− Fuss eines Bierglases (A012'878'409) − Hemd (A012'878'261) − Tuch (A012'878'272) − E-Zigarette (A012'878'294) − Sonnenbrille (A012'878'330) − Gummiband (A012'878'341) − Schmuckfragment (A012'878'352) − Glasbruchstück (A012'878'385 und A012'878'498) − Metallstück (A012'878'432)
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− Jeanshose (A012'878'794) − 1 Paar halbhohe Schuhe (A012'878'807) − 1 Paar Socken (A012'879'286) − Klingenteil (A012'878'318)
10. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Schadenersatz
von Fr. 3'965.– zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird der Privatkläger mit seinem
Schadenersatzbegehren auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
11. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ Fr. 20'000.–
zuzüglich 5 % Zins ab 1. August 2019 als Genugtuung zu bezahlen.
12. Rechtsanwältin lic. iur. X2._ wird für ihre Bemühungen als amtliche Ver-
teidigerin des Beschuldigten mit pauschal Fr. 22'000.– (inkl. MwSt. und Bar-
auslagen) aus der Gerichtskasse entschädigt.
13. Rechtsanwalt MLaw Y._ wird für seine Bemühungen als unentgeltlicher
Rechtsbeistand des Privatklägers B._ mit pauschal Fr. 15'000.–
(inkl. MwSt. und Barauslagen) aus der Gerichtskasse entschädigt.
14. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 6'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 5'200.00 Gebühr Strafuntersuchung
Fr. 9'824.10 Auslagen (Gutachten)
Fr. 2'470.00 Auslagen (Polizei)
Fr. 232.50 Auslagen Untersuchung
Fr. 22'000.00 Entschädigung amtliche Verteidigung
Fr. 15'000.00 Entschädigung unentgeltlicher Rechtsbeistand
15. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausge-
nommen diejenigen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Ver-
tretung der Privatklägerschaft, werden dem Beschuldigten auferlegt.
16. Die Kosten der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Vertretung
der Privatklägerschaft werden unter Vorbehalt der Nachforderung gemäss
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Art. 135 Abs. 4 StPO und Art. 138 Abs. 1 StPO auf die Gerichtskasse
genommen.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 110 S. 2; sinngemäss)
1. Die Berufung des Beschuldigten sei gutzuheissen und es seien Ziff. 1
(hauptsächlich), Ziff. 3, Ziff. 4, Ziff. 6, Ziff. 7, Ziff. 10, Ziff. 11 und (teil-
weise) Ziff. 15 des angefochtenen Urteils aufzuheben.
2. Der Beschuldigte sei in Gutheissung seiner Berufung vom Haupt-
Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung (Dossier 1) und vom
Vorwurf des unrechtmässigen Bezugs der Sozialhilfe (Dossier 2) frei-
zusprechen.
3. Infolge Freispruchs in diesen Hauptanklagepunkten seien die Verfah-
renskosten hauptsächlich auf die Staatskasse zu nehmen, sei dem Be-
schuldigten eine angemessene Entschädigung und Genugtuung zuzu-
sprechen, sei für die übrigen Delikte eine deutlich mildere Freiheitsstra-
fe auszusprechen, die er bereits erstanden hat, sei keine Landesver-
weisung/Ausschreibung im SIS anzuordnen, sei dem Privatkläger
überhaupt keine Schadenersatzforderung und auch keine Genugtuung
zuzusprechen.
4. Eventualiter wäre der Beschuldigte zumindest deutlich milder zu be-
strafen.
5. Der Beschuldigte sei im Anschluss an die Berufungsverhandlung um-
gehend aus der JVA Pöschwies auf freien Fuss zu entlassen.
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b) Der Vertreterin der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich:
(Urk. 96)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
c) Des Vertreters der Privatklägerschaft:
(Urk. 112 S. 5; sinngemäss)
1. Die Anträge des Beschuldigten und Berufungsklägers (Berufung) seien
in den für den Privatkläger wesentlichen Punkten abzuweisen;
2. Das erstinstanzliche Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 04. Juni
2020 sei in den für den Privatkläger wesentlichen Punkten zu bestäti-
gen;
3. Die Verfahrenskosten des Berufungsverfahrens seien dem Beschuldig-
ten und Berufungskläger zur Bezahlung aufzuerlegen;
4. Der Beschuldigte und Berufungskläger sei zur Bezahlung aufzuerle-
gen;
5. Der Beschuldigte und Berufungskläger sei zur Bezahlung einer Ent-
schädigung an den Privatkläger für Anwaltskosten (Interventionskos-
ten) für das Berufungsverfahren in der Höhe von Fr. 6'504.10 inkl.
MWST gemäss eingereichter Honorarnote von Rechtsanwalt Y._
vom 14. September 2021 zu verurteilen;
6. Die Entschädigung des unentgeltlichen Rechtsbeistands des Privatklä-
gers sei gemäss eingereichter Honorarnote von Rechtsanwalt Y._
vom 14. September 2021 gerichtlich zu bestimmen;
7. Die weiteren Verfügungen seien von Amtes wegen zu treffen;
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen inkl. 7.7% MWST.
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Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirksge-
richtes Zürich, 7. Abteilung, vom 4. Juni 2020, meldete die frühere amtliche Ver-
teidigerin des Beschuldigten, Rechtsanwältin lic. iur. X2._, fristgerecht Beru-
fung an (Urk. 76). Das begründete Urteil der Vorinstanz wurde dem mittlerweile
durch den Beschuldigten neu mandatierten erbetenen Verteidiger, Rechtsanwalt
lic. iur. X1._, am 23. November 2020 zugestellt (Urk. 89/2), worauf dieser am
14. Dezember 2021 die Berufungserklärung einreichte und einen Beweisantrag
stellte (Urk. 93).
1.2. Innert angesetzter Frist gemäss Art. 400 Abs. 3 lit. b StPO verzichtete die
Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich (fortan Staatsanwaltschaft) auf An-
schlussberufung und beantragte die Bestätigung des angefochtenen Urteils
(Urk. 96), während sich der Privatkläger nicht vernehmen liess.
1.3. In der Folge wurden die Parteien am 4. Februar 2021 auf den 20. August
2021 zur Berufungsverhandlung vorgeladen, wobei die Staatsanwaltschaft mit
Zustimmung des Beschuldigten vom persönlichen Erscheinen dispensiert wurde
(Urk. 98 und 99). Hiergegen erhob der Vertreter des Privatklägers am 15. Februar
2021 Einwände (Urk. 100), worauf die Berufungsverhandlung – unter Widerruf der
Dispensation der Staatsanwaltschaft – auf das heutige Datum verschoben wurde
(Urk. 102).
1.4. Bereits am 11. Dezember 2020 war ein Strafregisterauszug über den Be-
schuldigten eingeholt worden (Urk. 91). Sodann wurde mit Präsidialverfügung
vom 14. Juli 2021 dem Beweisantrag des Beschuldigten Folge geleistet
(Urk. 103). Der damit eingeholte Kurzbericht des forensischen Instituts Zürich
wurde am 6. August 2021 erstattet (Urk. 105) und den Parteien zur Kenntnis ge-
bracht (Urk. 107).
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1.5. Zur Berufungsverhandlung sind der Beschuldigte und sein erbetener Ver-
teidiger Rechtsanwalt lic. iur. X1._, Staatsanwältin lic. iur. Stadelmann sowie
Rechtsanwalt MLaw Y._ als Privatklägervertreter erschienen (Prot. II S. 5).
1.6. Aufgrund eines Missverständnisses mit der hiesigen Kanzlei ist die Staats-
anwältin verspätetet und unvorbereitet zur Berufungsverhandlung erschienen. Der
Privatklägervertreter stellte daher vorfrageweise den Antrag, die Berufungsver-
handlung zu verschieben, da die Staatsanwaltschaft so die Anklage nicht gehörig
vertreten könne und daher das Recht auf ein faires Verfahren verletzt sei (Prot. II
S. 8 ff.). Über diesen Antrag wurde – nachdem den Parteien das rechtliche Gehör
gewährt wurde – sofort beraten und entschieden. Der Antrag war abzuweisen, da
die Anklagebehörde zwar verpflichtet werden kann, an der Berufungsverhandlung
teilzunehmen. Sie kann jedoch nicht gezwungen werden, ihren Standpunkt einge-
hend zu begründen oder die Privatklägerschaft aktiv zu unterstützen. Vorliegend
hat die Staatsanwaltschaft nur einen Defensivstandpunkt und sie müsste sich
dann einbringen, wenn die Verteidigung Neues vorbringt, worauf sie sich jedoch
nur bedingt vorbereiten kann. Weiter erweist sich der Fall als nicht besonders
Komplex und die Aktenmenge als nicht sehr gross, sodass davon ausgegangen
werden kann, dass sich die Staatsanwältin an die wesentlichen Punkte noch erin-
nern kann. Schliesslich wäre eine Verschiebung der Berufungsverhandlung auf-
grund des Beschleunigungsgebots nicht angebracht, zumal die Berufungsver-
handlung bereits einmal verschoben wurde.
2. Umfang der Berufung
2.1. Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung auf-
schiebende Wirkung und wird die Rechtskraft des angefochtenen Urteils dement-
sprechend gehemmt.
2.2. Der Beschuldigte ficht mit seiner Berufung die Verurteilungen wegen ver-
suchter vorsätzlicher Tötung (Dispositivziffer 1, 1. Spiegelstrich) und wegen un-
rechtmässigen Bezugs von Leistungen einer Sozialversicherung oder der Sozial-
hilfe (Dispositivziffer 1, 4. Spiegelstrich), damit zusammenhängend die Strafzu-
messung (Dispositivziffern 3 und 4), die Landesverweisung (Dispositivziffer 6
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und 7), die (teilweise) Gutheissung der Zivilforderungen (Dispositivziffern 10 und
11) sowie die Kostenauflage (Dispositivziffer 15) an (Urk. 93).
Da es nicht möglich ist, innerhalb der einzelnen in Art. 399 Abs. 4 StPO erwähn-
ten Teilpunkte eine nur partielle Anfechtung zu verlangen (vgl. ZIMMERLIN, in: DO-
NATSCH/LIEBER/SUMMERS/WOHLERS, StPO Komm., 3. Aufl., Art. 399 N 20), gilt die
ausgesprochene Strafe insgesamt als angefochten, womit auch die Dispositivzif-
fern 2 (Widerruf) und 5 (Vollzug der Busse/Festsetzung Ersatzfreiheitsstrafe) nicht
in Rechtskraft erwachsen sind. Von der Anfechtung der Kostenauflage ist sodann
auch der Umfang des Rückforderungsvorbehalts betroffen (Dispositivziffer 16).
Vor diesem Hintergrund sind vorab lediglich die von der Berufung nicht erfassten
Schuldsprüche (Dispositivziffer 1, 2., 3., 5. und 6. Spiegelstrich), die Anordnungen
betreffend Beweismittel (Dispositivziffern 8 und 9) sowie die Kostenfestsetzung
(Dispositivziffern 12 bis 14) für rechtskräftig zu erklären.
3. Sachverhalt
3.1. Während der Beschuldigte bereits in der Untersuchung hinsichtlich der
Dossiers 3 und 5 die Vorwürfe anerkannte (Urk. D1/3/4 S. 5) und die Verurteilung
durch die Vorinstanz diesbezüglich – wie auch bezüglich des zunächst bestritte-
nen Anklagesachverhalts Dossier 4 – akzeptiert hat, bestreitet er nach wie vor,
den Privatkläger B._ vorsätzlich mit einem Messer im Kopf-/Halsbereich ver-
letzt zu haben (Dossier 1). Überdies bestreitet er auch weiterhin, den Sozialen
Diensten der Stadt Zürich vorsätzlich Gehaltszahlungen verschwiegen zu haben
(Dossier 2). Diesbezüglich ist deshalb zu prüfen, ob sich der Anklagesachverhalt
aufgrund der vorliegenden Beweismittel rechtsgenügend erstellen lässt.
3.2. Die Vorinstanz hat die bei der Beweiswürdigung zu beachtenden allgemei-
nen Beweisregeln zutreffend dargelegt (Urk. 90 S. 8 f.). Hierauf kann vorab ver-
wiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Zu ergänzen bleibt der Hinweis, dass bei
Fehlen eines direkten Beweises auch ein indirekter Beweis die Täterschaft über-
führen kann. So wird beim sogenannten Indizienbeweis aus bestimmten Tatsa-
chen, die nicht unmittelbar rechtserheblich, aber bewiesen sind (Indizien), auf die
zu beweisende, unmittelbar rechtserhebliche Tatsache geschlossen. Eine Mehr-
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zahl von Indizien, welche für sich alleine nur mit einer gewissen Wahrscheinlich-
keit auf die Täterschaft oder die Tat hinweisen und einzeln betrachtet die Mög-
lichkeit des Andersseins offen lassen, können in ihrer Gesamtheit ein Bild erzeu-
gen, das bei objektiver Betrachtung keine Zweifel bestehen lässt, dass sich der
Sachverhalt so verwirklicht hat. Auf das einzelne Indiz ist der In-dubio-Grundsatz
denn auch nicht anwendbar. Der Indizienbeweis ist dem direkten Beweis gleich-
wertig (BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.4; 6B_1427/2016 vom 27. April 2017 E. 3 je
m.w.H.).
3.3. Dossier 1 / Vorwurf der versuchten Tötung
3.3.1. Der Privatkläger erlitt am 1. August 2019, um ca. 12.45 Uhr, an der linken
Halsseite einerseits eine rund 11 cm lange, vom linken Ohr in Richtung Kehlkopf
verlaufende Schnittverletzung und anderseits eine rund 2 cm lange Schnittverlet-
zung vorne am linken Ohr. Hinzu kamen diverse Hämatome und Hautabtragun-
gen am gesamten Körper, insbesondere am Rumpf und an den Armen (vgl. Gut-
achten des rechtsmedizinischen Instituts [IRM], Urk. D1/7/2 S. 4 ff.). Die Anklage-
behörde bezichtigt den Beschuldigten, diese Verletzungen verursacht und dabei
den Tod des Privatklägers zumindest in Kauf genommen zu haben (Urk. 24 S. 2).
3.3.2. Die Vorinstanz kam im Rahmen ihrer Beweiswürdigung zum Schluss, die
stimmigen Aussagen des Privatklägers, welcher den Beschuldigten als Täter be-
zeichne, würden durch die objektiven Beweismittel gestützt. So sei das Bierglas
als Tatwaffe auszuschliessen, nachdem darauf keinerlei DNA des Privatklägers
gefunden worden sei. Hinzu komme, dass das rechtsmedizinische Institut eine
Glasscherbe auch als unpassendes Tatinstrument eingestuft habe. Gemäss IRM
sei von einem Messer als Tatwaffe auszugehen, zumal der Privatkläger nur einen
kleinen Stich verspürt habe, was notorischerweise bei solchen Messerverletzun-
gen der Fall sei. Es lägen auch keine Hinweise auf eine Dritttäterschaft vor. Ins-
gesamt liessen die vorhandenen subjektiven und objektiven Beweismittel keinen
anderen Schluss zu, als dass der Beschuldigte die schweren Halsverletzungen
des Privatklägers (eventual-)vorsätzlich mittels eines Messers verursacht habe
(Urk. 90 S. 14 ff.).
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3.3.3. Der Verteidiger des Beschuldigten rügte heute zusammengefasst, dass die
Beweiswürdigung der Vorinstanz willkürlich erfolgt sei, da es keine Hinweise da-
rauf gebe, dass die Verletzung mit einem Messer zugefügt wurde. Die Verletzung
müsse aufgrund der Spurenlage vielmehr durch das Bierglas entstanden sein,
wobei es sich im dynamischen Geschehen des Gerangels um einen Unfall ge-
handelt habe (Urk. 110 S. 2 ff.).
3.3.4. Vorab ist festhalten, dass gemäss übereinstimmenden Aussagen des Be-
schuldigten und des Privatklägers nur diese beiden Personen in die sich zwischen
den Toiletten und der Bar abspielende, körperliche Auseinandersetzung involviert
waren. Zwar sagte der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung, dass
sich noch eine weitere Person im Toilettenraum befunden habe. Diese habe aber
nicht in das Geschehen eingegriffen (Prot. II S. 23 f.). Auch die Zeugin C._,
die damals die Kasse bediente, bemerkte im massgebenden Zeitpunkt keine
Drittpersonen im betreffenden Gang (Urk. D1/5/5 S. 3 und Urk. D1/5/6). Mithin
kann eine mögliche Dritttäterschaft bereits an dieser Stelle ausgeschlossen wer-
den.
Sodann konnten weder der Privatkläger noch der Beschuldigte eindeutig nach-
vollziehbar erklären, wie es zu den Kopf-/Halsverletzungen des Privatklägers ge-
kommen ist. Der Privatkläger führte jedoch konstant aus, dass er vom Beschuldig-
ten in der Männertoilette geschlagen worden sei, worauf er ihn (ununterbrochen)
festgehalten habe, bis die Polizei gekommen sei (Urk. D1/2/1 S. 3 f.; Urk. D1/2/2
S. 2). Während er bei seiner ersten Befragung, kurz nach der operativen Versor-
gung der Wunden erklärte, er habe keine Ahnung, wie es zur Verletzung gekom-
men sei, er denke, es sei entweder im WC oder auf dem Weg vom WC nach
draussen geschehen (Urk. D1/2/1 S. 4), gab er drei Wochen später zu Protokoll,
er habe einige Sachen vergessen zu erzählen. So habe er den Beschuldigten
schon früher auf dem WC gesehen, als dieser mit einer Frau und einer unbekann-
ten Person darin gewesen sei. Die Frau habe das WC verlassen wollen. Er, der
Privatkläger, habe ihr dann die Tür aufgestossen und sei danach aufs WC gegan-
gen. Später sei er erneut aufs WC gegangen. Er habe die Tür der Kabine nicht
abgeschlossen. Plötzlich sei die Tür heftig gegen seine Schulter gestossen wor-
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den. Er habe dann zurückgeschaut, den Beschuldigten gesehen und gesagt, dass
er noch nicht fertig sei, er solle warten. Als er danach hinaus gekommen sei, habe
ihm der Beschuldigte zwei kräftige Schläge an die linke Stirne bzw. gegen den
linken Backenknochen gegeben. Da habe er ihn am T-Shirt gepackt. Er habe aus
dem WC raus gewollt. Er habe den Beschuldigten am T-Shirt nachgezogen. Im
Korridor habe er seinem Freund, der in der Bar gewesen sei, gesagt, er solle die
Polizei rufen. In diesem Moment habe er wie einen kleinen Stich am Hals gespürt,
mehr sei es nicht gewesen. In diesem Moment hätten alle geschrien, alle seien
laut gewesen. Sie hätten gesagt, er blute und solle den Beschuldigten loslassen,
aber er habe ihn nicht losgelassen, bis die Polizei gekommen sei. Zu Boden ge-
gangen sei er nie. Als er ihn geschlagen habe, habe der Beschuldigte nichts in
den Händen gehabt. Er selbst habe nach den Schlägen keine Konzentration mehr
gehabt, er habe Sterne und Blitze gesehen. Er wisse nicht, womit der Beschuldig-
te ihn geschnitten habe, er habe es auch nicht gesehen. Er selbst habe den Be-
schuldigten nicht geschlagen, sondern nur nach Draussen gezogen. Anlässlich
der Einvernahme vom 5. September 2019 wiederholte der Privatkläger diese
Aussagen im Wesentlichen (Urk. D1/2/4 S. 6 ff.).
Schliesslich gab der Privatkläger auch zu Protokoll, in der Vornacht bis zu jenem
Mittag durchgezecht, insgesamt sehr viel Alkohol getrunken und bei sich zuhause
in den frühen Morgenstunden zusätzlich Kokain konsumiert zu haben (Urk. D1/2/4
S. 3 ff.).
Der Beschuldigte anerkannte vor Vorinstanz, dass der Privatkläger die Verletzung
während ihrer Auseinandersetzung erlitten hat, hält aber dafür, dass der Privat-
kläger die Auseinandersetzung mit einem unprovozierten Angriff begonnen habe
und er, der Beschuldigte, die Verletzung jedenfalls nicht verursacht habe, schon
gar nicht mit einem Messer, da er nie ein Messer auf sich trage. Allenfalls sei der
Privatkläger in die auf dem Boden liegenden Scherben seines (des Beschuldig-
ten) während der Auseinandersetzung zerbrochenen Bierglases gefallen und es
sei ein Unfall gewesen. Er habe dies aber nicht gesehen (Prot. I S. 16 ff.; Prot. II
S. 20 ff.).
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In seiner Hafteinvernahme vom 2. August 2019 (Urk. D1/3/1) hatte er erklärt, er
sei vor der Tat bereits zwei Tage unterwegs gewesen. Er sei kurz auf der Toilette
gewesen, da seien der Privatkläger und ein Kollege von diesem dazugekommen.
Dann habe er den Privatkläger nach einem Kollegen gefragt, worauf dieser ge-
sagt habe: "Wart schnell, ich mache dich kaputt!". Der Privatkläger habe dann fer-
tig uriniert, sei auf ihn losgekommen und habe ihn sofort mit der Faust attackiert.
Der Privatkläger habe ihn packen wollen, der Beschuldigte habe ein Bierglas in
der Hand gehabt. Sie seien fast auf den Boden gefallen, das Glas sei in seiner
rechten Hand gewesen. Das Glas sei kaputt gegangen und auf den Boden gefal-
len. Draussen im Gang hätten sie weitergekämpft. Der Privatkläger habe ihn ge-
gen den Zigarettenautomaten gestossen, so dass er mit dem Kopf daran gestos-
sen sei. Dann habe der Beschuldigte plötzlich bemerkt, dass der Privatkläger
stark blutete. Dann habe er ganz anders reagiert, er habe aufgehört, sich zu weh-
ren und habe sich sofort um den Privatkläger gekümmert und den Leuten gesagt,
dass man ihm sofort helfen solle. Wie es zur Verletzung gekommen sei, wisse er
nicht. Das Glas sei kaputt gegangen, weil der Privatkläger gegen den Beschuldig-
ten geschlagen habe. Er habe sich dann gewehrt, so habe er sich wahrscheinlich
verletzt. Der Beschuldigte habe erst vor der Tür bemerkt, dass der Privatkläger so
verletzt gewesen war und blutete. In welchem Moment das Glas kaputt gegangen
sei, wisse er nicht mehr. Es sei so schnell gegangen, er könne sich nicht mehr an
alles erinnern. Als der Privatkläger ihn geschlagen und getreten habe, habe er
zuerst seine Hände schützend vor sich gehalten. Als er ihn dann gepackt habe, in
dem Moment sei das Glas kaputt gegangen. Der Privatkläger habe ihn zuerst am
Hemd gezogen und ihn dann in den Schwitzkasten genommen. Er habe versucht,
sich zu befreien. In dem Moment sei das Glas kaputt gegangen, er könne sich
nicht mehr genau erinnern. Auf Nachfrage, wie genau dabei das Glas kaputt ge-
gangen sei, erklärte der Beschuldigte, der Privatkläger habe versucht, ihm das
Glas aus der Hand zu nehmen. Der Beschuldigte habe dann auch nicht gewollt,
dass der Privatkläger ihn mit dem Glas verletze. Dann habe er sich aus dem
Schwitzkasten befreit und dabei sei wohl das Glas kaputt gegangen und alles sei
zu Boden gegangen. Wie es zu dieser Verletzung am Hals gekommen sei, wisse
er nicht. Als das Glas kaputt gegangen sei, seien sie nach draussen gegangen.
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Nachdem das Glas kaputt gegangen sei, habe er nur noch seine Fäuste gehabt
und den Privatkläger mit denen geschlagen. Der Privatkläger habe seine Hand
genommen und das Glas aus seiner Hand reissen wollen, genau in dem Moment
sei es kaputt gegangen. Auf die Frage, ob er allenfalls mit einer Scherbe zuge-
schlagen habe, erklärte der Beschuldigte, nicht zugeschlagen, sondern sich nur
gewehrt zu haben. Der Privatkläger sei so nah gewesen, vielleicht sei er dran ge-
kommen, er (der Beschuldigte) müsse sich ja auch irgendwie wehren. Das Glas
sei in der Hand des Beschuldigten kaputt gegangen, dann hätten sie nur noch mit
Fäusten gekämpft. Es sei kaputt gegangen, als der Privatkläger ihn in den
Schwitzkasten genommen habe, er wisse nicht, ob es in seiner Hand kaputt ge-
gangen sei, oder als es auf den Boden gefallen sei. Nachdem ihn der Privatkläger
in den Schwitzkasten genommen habe, habe er ihn am linken Handgelenk gehal-
ten. In der linken Hand habe er das Glas gehalten. Der Beschuldigte habe nicht
gewollt, dass der Privatkläger das Glas nehme und habe also seine Hand wegge-
zogen. In diesem Moment sei es kaputt gegangen. Genauer wisse er es nicht. Es
sei vom Reissen kaputt gegangen. Der Privatkläger habe in die andere Richtung
gezogen am Glas als er. Er könne nicht sagen, ob er das Glas noch in der Hand
gehalten habe, als es zersplitterte. Er könne auch nicht sagen, in welchem Mo-
ment sich der Privatkläger diese Halsverletzung zugezogen habe, er habe es erst
fast draussen vor der Tür bemerkt. Im Korridor habe er den Privatkläger noch ge-
schlagen, sich gewehrt. Erst vor der Tür, fast bei der Tür habe er bemerkt, dass
der Privatkläger stark blutete. Bei der Bartür, nach dem Zigarettenautomaten. Im
Gang hätten sie sich noch gegenseitig geschlagen, er sei im Korridor in Richtung
Tür zu Boden gefallen, nachdem der Privatkläger seinen Kopf auf die Zigaretten-
maschine geschlagen habe. Auch der Privatkläger sei im Korridor gelegen. Im
Toilettenraum seien beide nur gestanden. Auf Nachfrage erklärte er, glaublich
seien der Privatkläger und sein Kollege zuerst auf der Toilette gewesen. Er habe
Alkohol und Kokain konsumiert gehabt, letzteres zuletzt kurz vor dem Vorfall. Er
sei recht besoffen, aber friedlich gewesen.
Am 9. Oktober 2019 wurde der Beschuldigte delegiert polizeilich einvernommen
(Urk. D1/3/2) und anerkannte eingangs der Befragung, den Privatkläger verletzt
zu haben. Er könne sich aber nicht erinnern, wie er ihn verletzt habe. Eigentlich
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habe er ihn nicht verletzt, es sei ein Unfall gewesen. Wie es zu der Verletzung
gekommen sei, wisse er nicht. Sodann schilderte er, dass sich der Vorfall in der
Toilette ereignet habe. Nachher seien sie beide in Richtung Korridor gegangen,
dann habe der Privatkläger seinen Kopf auf die Zigarettenmaschine geschlagen,
dann sei er (der Beschuldigte) kurz zu Boden gegangen. Dann hätten sie weiter
so gekämpft bis zur Bar. Dann habe er bemerkt, dass der Privatkläger stark blute-
te, habe sofort aufgehört, ihn zu schlagen und sich zu wehren. Er habe ihn nicht
geschlagen, er habe nur aufgehört, sich zu wehren. Dann habe er mit seinen
Händen die Wunde gestoppt (a.a.O. S. 2). Er sei sofort erschrocken und habe
auch dermassen reagiert. Er habe Angst gehabt, dass etwas passiere, weil dies
eigentlich ein Unfall gewesen sei (a.a.O. S. 4). Am Ende der Einvernahme präzi-
sierte er seine ersten Antworten dergestalt, dass er lediglich die Verletzung aner-
kenne, nicht jedoch, dass er es gemacht habe. Er wisse nicht, wie der Privatklä-
ger verletzt worden sei. Er habe ihm die Verletzungen nicht zugefügt (a.a.O. S. 8).
In der Einvernahme vom 19. Dezember 2019 (Urk. D1/3/3 S. 6 ff.), konfrontiert mit
dem IRM Gutachten über den Privatkläger, erklärte der Beschuldigte, es sei
schade, dass er sich verletzt habe. Hätte er nicht versucht, das Glas aus der
Hand des Beschuldigten wegzureissen, dann wären keine Scherben entstanden
und hätte er sich nicht verletzen können. Eigentlich sei es seine (des Privatklä-
gers) Schuld. Aber es tue ihm leid. Aber das nächste Mal, wenn er (der Privatklä-
ger) wütend und besoffen sei und jemanden attackiere, wie er den Beschuldigten
attackiert habe, dann überlege er sich vorher vielleicht tausend Mal, jemanden so
zu attackieren, wie er ihn attackiert habe. Es sei gefährlich gewesen. Zum Gut-
achten über sich selbst erklärte er, die Schleimhautverletzung (Unterlippe) sei
vom ersten Faustschlag, die Nase vom zweiten Faustschlag gewesen. Die Nase
habe der Privatkläger nicht richtig getroffen, weil der Beschuldigte seinen Schlag
mit seinen beiden Unterarmen habe blocken können. Er anerkenne auch, Kokain,
Cannabis, Alkohol und MDMA konsumiert zu haben. Ketamin könne sein, falls es
beigemischt gewesen sei. Er habe dies alles vor der Tat konsumiert gehabt, er sei
auch total besoffen gewesen. Konfrontiert mit der Gutachteraussage, dass die
Halswunde am ehesten mit einem Messer zugefügt worden sei, entgegnete der
Beschuldigte, er denke anders. Er denke, dass es mit dem Glas gewesen sei,
- 17 -
welches am Boden kaputt gegangen sei. Also mit einer Scherbe. Er habe nichts
gesehen, aber er denke es. Sodann erklärte er auf Ergänzungsfrage des Privat-
klägervertreters abschliessend, den Privatkläger nicht verletzt und ihn nicht ge-
schlagen zu haben.
3.3.5. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass offenbar beide Beteiligten zum Tat-
zeitpunkt übernächtigt sowie teilweise (Privatkläger) deutlich alkoholisiert waren
und zudem vorgängig Drogen konsumiert hatten (Urk. D1/6/5 und Urk. D1/7/3),
was wohl Mitursache dafür ist, dass sie zur Rekonstruktion des genauen Verlet-
zungshergangs kaum etwas beizutragen vermögen. Sodann bestätigt jedoch das
IRM-Gutachten zur körperlichen Untersuchung des Privatklägers (Urk. D1/7/2)
dessen – im Übrigen konstant und widerspruchsfrei erhobenen – Vorwurf, dass
ihm der Beschuldigte zu Beginn der Auseinandersetzung die Tür der WC-Kabine
kraftvoll in den Rücken gestossen und Faustschläge an den Kopf verpasst habe
(vgl. Gutachten S. 5 f. und 8: drei Zentimeter durchmessende Schwellung an der
Stirn links sowie Bluterguss am oberen Rücken rechts), was überdies zur Darstel-
lung des Privatklägers passt, er sei von den Faustschlägen ganz benommen ge-
wesen. Damit aber ist gleichzeitig erstellt, dass entgegen den – allerdings in sich
ohnehin wenig einheitlichen und hinsichtlich des Auslösers der Gewalthandlungen
wenig nachvollziehbaren – Ausführungen des Beschuldigten die Gewalt initial von
diesem ausging. Überdies erweist sich auch die Erklärung des Privatklägers da-
für, weshalb es überhaupt zur Auseinandersetzung gekommen sei, als sehr viel
plausibler; er habe nämlich einer Frau, die eher unfreiwillig mit dem Beschuldigten
auf der Toilette gewesen war, geholfen. Demgegenüber erscheint die Version des
Beschuldigten einer unvermittelten und ohne Vorwarnung erfolgten Aggression
des Privatklägers wenig überzeugend. Offensichtlich kam es hernach in der Toi-
lette sowie in deren Vorraum zu einer tätlichen Auseinandersetzung – was auch
die durch den Beschuldigten erlittenen Verletzungen erklärt (Urk. D1/6/4 S. 4) –,
wobei das vom Beschuldigten gehaltene Bierglas schon nach kurzer Zeit zu
Bruch ging. Erste Glasbruchstücke wurden nämlich bereits in der Herrentoilette
sichergestellt (vgl. Urk. D1/8/2 S. 4 und 10, Asservat-Nr. 012'878'498), weitere
Glasbruchstücke wurden in einer blutverdächtigen Tropfspur vorgefunden (eben-
da S. 9, Asservat-Nr. 012'878'385) und das restliche Bierglas samt unversehrtem
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Boden (Asservat-Nr. 012'878'409, auf welchem Handflächenabdruck und DNA-
Spur des Beschuldigten sichergestellt werden konnten) lag schliesslich im Vor-
raum zur Herrentoilette (ebenda S. 4 und 10). Auch die Verletzungen müssen be-
reits in der Herrentoilette entstanden sein, da bereits dort erste Blutspuren vorge-
funden wurden (ebenda S. 4 und Fotodokumentation, Urk. D1/1/2 S. 7 f.).
Die Gutachter des Instituts für Rechtsmedizin halten dafür, dass die Verletzungen
aufgrund der Wundmorphologie mit einer scharfen Gewalteinwirkung zu vereinba-
ren seien und Schnittverletzungen entsprächen. Eine Verwendung eines scharfen
Gegenstandes, am ehesten eines Messers, als mutmassliche Tatwaffe sei wahr-
scheinlich. Die am Tatort vorgefundenen Glasscherben eines Bierglases seien
eher unpassend zum vorliegenden Erscheinungsbild der Halswunde, da es sich
um einen einzelnen glattrandigen Schnitt ohne Zackenbildung am Wundrand oder
Abschürfungen am Wundrand und den Wundwinkeln handle. Eine Selbstbeibrin-
gung erscheine unwahrscheinlich (Urk. D1/7/2 S. 9).
Ein Messer wurde am Tatort allerdings nicht vorgefunden und kann auch im bei
den Akten liegenden Video nicht zweifelsfrei identifiziert werden, zumal die These,
dass der wegfliegende Gegenstand vom Beschuldigten stammen muss, wenig
erhärtet erscheint. Denkbar ist durchaus auch, dass er im Gerangel nach der
Flucht des Beschuldigten von D._ (Mann im schwarzen T-Shirt und grüner
Hose) wegfliegt, welcher sich überdies kurz darauf vom Privatkläger und dem Be-
schuldigten abzuwenden und gegen den Boden zu bücken scheint (vgl. Urk.
D1/1/6, 00:00:55). Hinzu kommt, dass sich gemäss Gutachten in Gesicht und
Hals des Privatklägers zahlreiche kleinere, oberflächliche, kratzerartige Hautab-
tragungen befanden, wie sie für Verletzungen durch Glassplitter durchaus typisch
erscheinen (Urk. D1/7/2 S. 5 f. und S. 8). Die vor der Berufungsverhandlung neu
eingeholte Analyse der weiteren vor Ort im Rahmen der Spurensicherung aufge-
fundenen Glasscherben und Metallteile ergab, dass sie mit DNA des Privatklägers
in Kontakt gekommen sind (Urk. 105). Bei dieser Sachlage und da die Gutach-
tensaussage eine Glasscherbe als Tatwaffe nicht ausdrücklich ausschliesst, nur
als weniger wahrscheinlich als ein Messer annimmt, kann vorliegend nicht rechts-
genügend erstellt werden, dass es sich bei der Tatwaffe um ein Messer handelte.
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Denkbar, ja angesichts des dynamischen Tatgeschehens und der vorgefundenen
DNA-Spuren sogar wahrscheinlicher ist, dass die Wunden im Rahmen der tätli-
chen Auseinandersetzung mit einer aus dem Bierglas herausgebrochenen Glas-
scherbe zugefügt wurden. Diese Theorie wird überdies durch die Darstellung des
Beschuldigten gestützt, welcher in seiner Schilderung eine starke Fixierung auf
das Bierglas bzw. dessen Scherben an den Tag legt und auch mehrfach erklärte,
die Verletzungen müssten von den Scherben stammen. Dass er gleichzeitig be-
müht war, jeglichen eigenen Tatbeitrag zu negieren, tut dieser Einschätzung kei-
nen Abbruch. Vor diesem Hintergrund ist der Anklagesachverhalt insoweit zu rela-
tivieren, als nur rechtsgenügend erstellt werden kann, dass die Verletzungen des
Privatklägers durch einen scharfen Gegenstand, mutmasslich Scherben des Bier-
glases verursacht wurden, was jedoch am relevanten Tatvorwurf einer vorsätzlich
versuchten Tötung nichts ändert und auch mit dem Anklagegrundsatz vereinbar
ist.
Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand des
Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 9 und Art. 325 StPO). Das Gericht
ist an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt gebunden (Immutabili-
tätsprinzip), nicht aber an dessen rechtliche Würdigung durch die Anklagebehörde
(vgl. Art. 350 StPO). Die Anklage hat die der beschuldigten Person zur Last ge-
legten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die Vorwürfe
in objektiver und subjektiver Hinsicht genügend konkretisiert sind. Das Akkusati-
onsprinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte der beschuldig-
ten Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Informationsfunktion;
BGE 143 IV 63 E.2.2 m.w.H.). Die Tatwaffe stellt ein wesentliches Element des
Anklagesachverhalts dar und der Beschuldigte muss grundsätzlich nicht damit
rechnen, dass nach Anklageerhebung von einer anderen Tatwaffe ausgegangen
wird. Vorliegend geht der Beschuldigte bzw. sein Verteidiger jedoch selbst von ei-
ner Hypothese aus, die nicht in der Anklage umschrieben ist und legt den Fokus
darauf, dass die Verletzung durch das Bierglas entstanden sein muss. Die Vertei-
digung hat selbst durch ihren Beweisantrag bewirkt, dass nun ein anderes Tat-
werkzeug im Vordergrund steht. Sie bringt selbst ein alternatives Tatwerkzeug ins
Spiel und verteidigt den Beschuldigten gegen diese Variante, insbesondere auch
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gegen die vorsätzliche Verletzung mit einem Bierglas. Die Verteidigungsrechte
des Beschuldigten werden daher durch die Annahme einer alternativen Tatwaffe
nicht verletzt. Hinzuzufügen ist, dass nach dem formell korrekten Vorgehen nach
Art. 333 Abs. 1 StPO der Staatsanwaltschaft Gelegenheit zur Ergänzung der An-
klage gegeben werden müsste, was vorliegend einem Leerlauf gleichkäme, denn
dies würde bedingen, dass das Gericht bei ergänzter Anklage bereits von einem
Schuldspruch ausginge. Die Verteidigung hat sich überdies bereits zur alternati-
ven Tatwaffe Bierglas und zu einer vorsätzlichen Verletzung durch dieses hinrei-
chend geäussert. In Anbetracht dessen, dass sich der Beschuldigte schon über
zwei Jahre in Haft befindet und es bei einer Rückweisung zur Anklageergänzung
zu keinem anderen Ergebnis käme, wäre eine solche im vorliegenden Fall nicht
angebracht. Im Übrigen verletzt auch der von der Verteidigung vorgetragene Um-
stand, wonach in der Anklageschrift nur von einem Stechen, nicht aber von einem
Scheiden die Rede sei (Prot. II S. 35), das Anklageprinzip nicht. Dass es sich um
eine Schnittverletzung handelt und dass die Verletzung durch ein gewaltsames
Einwirken auf den Hals des Privatklägers erwirkt wurde, ist in der Anklage genü-
gend präzise umschrieben.
Dass sich der Privatkläger im Gerangel am Bierglas selbst verletzt hätte, ist so-
dann auszuschliessen: wenn das Glas zu Bruch ging, während der Privatkläger
den Beschuldigten im Schwitzkasten hatte, ist dies anatomisch unmöglich
(Kopf/Hals des Privatklägers hinter/neben dem Beschuldigten, weit weg vom
Glas); ebenso wenn es durch beiderseitiges Reissen am Bierglas zerbrach; auch
ein Sturz in am Boden liegende Scherben kann nicht zu den erlittenen Schnitt-
wunden führen, zumal der Beschuldigte bis zur vorinstanzlichen Verhandlung nie
aussagte, dass der Privatkläger zu Boden gegangen sei und dies selbst vor Vor-
instanz lediglich als denkbare Möglichkeit in den Raum stellte. Damit bleibt nur,
dass der Beschuldigte dem Privatkläger die Verletzungen zugefügt hat. Aufgrund
der Position der Wunden (Ohr-/Halsbereich) und der Länge der Halsverletzung
kann ein zufälliges Unfallgeschehen ausgeschlossen werden. Vielmehr war eine
einigermassen ziel-, sprich gegen den Kopf gerichtete Stoss-/Schneidebewegung
notwendig, die zudem mit einigem Schwung/Kraft ausgeführt wurde, um derartige
Schnittwunden zu verursachen, was Koordination und Verletzungsabsicht (nicht
- 21 -
nur Abwehrbemühungen) bedingt. Mithin ist davon auszugehen, dass der Be-
schuldigte gezielt mit dem Bierglas bzw. dessen Scherben (oder allenfalls einem
nicht vorgefundenen anderen scharfen Gegenstand) gegen den Privatkläger
schlug.
3.4. Dossier 2 / Vorwurf des Sozialhilfemissbrauchs
Der Beschuldigte war in der Vergangenheit (seit dem 1. Juni 2004) anerkannter-
massen wiederholt für längere Zeitperioden durch die Sozialen Dienste der Stadt
Zürich unterstützt worden. So auch in der Zeit vom 1. Januar 2018 bis 30. April
2018 (die Anklageschrift, wie auch die Strafanzeige enthalten diesbezüglich einen
offensichtlichen Verschrieb, indem sie das Jahr 2019 nennen; vgl. Urk. D2/1 S. 2
und Urk. 24 S. 3), wobei er hierfür am 8. Januar 2018 die (routinemässig) nötige
Einkommens- und Vermögensdeklaration abgab (Urk. D2/3/2). Weiter ist unbe-
stritten, dass der Beschuldigte am 2. März 2018 (Fr. 400.– und Fr. 600.–), 7. März
2018 (Fr. 3.30) und 13. März 2018 (Fr. 1'000.–) auf seinem Migrosbank-Konto
Lohngutschriften verzeichnete (total Fr. 2'003.30; Urk. D2/3/8). Gemäss den vor-
liegenden Unterlagen bezog er in dieser Zeit monatliche Direktzahlungen von
Fr. 754.80, zudem wurden seine Miete (Fr. 400.–) und die obligatorische Grund-
versicherung direkt durch die Sozialen Dienste beglichen (Urk. D2/5 S. 32), mithin
bezog er im März und April 2018 im Umfang der nicht deklarierten Lohneingänge
Sozialleistungen, auf welche er bei korrekter Deklaration sozialhilferechtlich kei-
nen Anspruch gehabt hätte.
Der Beschuldigte anerkannte vor Vorinstanz, im März 2018 von seinem Arbeitge-
ber einen Vorschuss erhalten und nicht dem Sozialamt gemeldet zu haben. Dies
sei sein Fehler gewesen, er habe es aber nicht bewusst gemacht um zu betrügen
(Prot. I S. 23). Anlässlich der Berufungsverhandlung machte der Beschuldigte gel-
tend, dass er die Lohnzahlungen der zuständigen Sachbearbeiterin gemeldet ha-
be und sie dies nicht von selbst herausgefunden habe (Prot. II S. 24 f.). Dieser im
Verfahren erst so spät vorgetragene Umstand ist als Schutzbehauptung zu quali-
fizieren, insbesondere das sich seine Zugabe vor erster Instanz mit der Aktennotiz
der fallführenden Sachbearbeiterin vom 4. April 2019 deckt (Urk. D2/5 S. 43). Vor
diesem Hintergrund ist der äussere Sachverhalt als erstellt anzusehen. Inwiefern
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dem Beschuldigten dabei (eventual)-vorsätzliches Vorgehen anzulasten ist, wird
im Rahmen der rechtlichen Würdigung zu prüfen sein.
4. Rechtliche Würdigung
4.1. Dossier 1 / Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung
4.1.1. Art. 111 StGB erfüllt, wer vorsätzlich einen Menschen tötet, ohne dass eine
der besonderen Voraussetzungen nach Art. 112 ff. StGB zutrifft. In objektiver Hin-
sicht setzt Art. 111 StGB die Verursachung des Todes eines lebenden Menschen
voraus, wobei der Täter beliebige Tatmittel einsetzen kann. Mit dem Eintritt des
Todes ist das Delikt vollendet (BSK Strafrecht I-SCHWARZENEGGER, 4. Aufl.,
Art. 111 N 4 f.). Ein Schuldspruch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung bedingt,
dass das Handeln des Beschuldigten für das Opfer auch tödliche Folgen hätte
haben können. Ein Versuch gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB liegt vor, wenn der Tä-
ter, nachdem er mit der Ausführung eines Verbrechens oder Vergehens begon-
nen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende führt (unvollendeter Versuch) oder
der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt oder nicht eintreten
kann (vollendeter Versuch). Mit anderen Worten liegt ein Versuch vor, wenn der
Täter sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale erfüllt und seine Tatentschlos-
senheit manifestiert hat, ohne dass alle objektiven Tatbestandsmerkmale verwirk-
licht sind (BGE 140 IV 150 E. 3.4 S. 152; BGE 137 IV 113 E. 1.4.2 S. 115; je mit
Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 6B_935/ 2017 vom 9. Februar 2018 E. 1.2).
4.1.2. Der Privatkläger erlitt durch die Tat unter anderem folgende Verletzungen,
die chirurgisch zu versorgen waren:
− am linken Ohrläppchen mit drei Einzelknopfnähten chirurgisch  Schnittwunde (vgl. Fotodokumentation Urk. D1/1/3 S. 2 und  Urk. D1/7/2 S. 5)
− an der linken Halsvorderseite circa 11 cm lange, bogenförmig vom  Ohr nach kehlkopfwärts ziehende Schnittwunde (vgl.  Urk. D1/1/3 S. 4 und Gutachten Urk. D1/7/2 S. 6).
Gemäss Gutachten befand sich der Privatkläger zu keinem Zeitpunkt in einer un-
mittelbaren Lebensgefahr. Jedoch konnte diese bei vorliegender aktiver Blutung
nur durch eine ärztliche Versorgung abgewendet werden, andernfalls der Privat-
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kläger, zusätzlich begünstigt durch zu hohen Blutdruck, aus der Halswunde lang-
sam verblutet wäre (Urk. D 1/7/2 S. 10).
Weiter führten die Gutachten aus, Schnitte mit einem spitzen oder scharfen Ge-
genstand gegen den Hals könnten aufgrund der sehr engen räumlichen Lagebe-
ziehungen zu lebenswichtigen Strukturen grundsätzlich zu schwerwiegenden bzw.
tödlichen Verletzungen oder Komplikationen führen. Gemäss Krankenunterlagen
habe beim Privatkläger eine aktive venöse Blutung aus einer oberflächlichen
Halsvene vorgelegen. Eine Verletzung von Nerven, Arterien, der Luftröhre oder
tiefer Venen habe nicht vorgelegen, jedoch lägen diese in unmittelbarer Nähe zur
Schnittwunde. Die Schnittverletzung am Ohr liege in enger räumlicher Beziehung
zur Ohrspeicheldrüse, zur oberflächlichen Schläfenarterie sowie zum Gesichts-
nerv. Verletzungen dieser Strukturen könnten zu bleibenden Schäden wie Ge-
sichtslähmungen, Blutungen oder Speichelproduktionsstörungen führen (a.a.O.
S. 8 f.). Offenbar leidet der Privatkläger zudem seit der Tat an psychischen Fol-
gen, welche wiederholt mehrwöchige, stationäre Behandlungen nötig machten
(Urk. D1/2/3 S. 6, Prot. I S. 27 f. und Urk. D1/64/1).
Angesichts der Ausführungen der Gutachter liegt auf der Hand, dass der Privat-
kläger durch die Schläge/Schnitte mit dem scharfen Gegenstand, mutmasslich
Scherben des Bierglases, ohne weiteres tödliche Verletzungen hätte erleiden
können, wobei es bereits ohne ärztliche Intervention zu diesem Ergebnis hätte
kommen können. Da dieser Erfolg nicht eingetreten ist, bleibt es bei einer ver-
suchten Tatbegehung. Welche Verletzungen aufgrund der Tat tatsächlich einge-
treten sind, wird sodann erst im Rahmen der Strafzumessung zu berücksichtigen
sein. Ob die erlittenen Verletzungen als schwere Körperverletzung zu qualifizieren
sind, kann offen gelassen werden, da dies zur Erfüllung des Tatbestands der ver-
suchten vorsätzlichen Tötung unerheblich ist.
Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen und
Willen ausführt. Vorsätzlich handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat für
möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 StGB). Eventualvorsatz ist gege-
ben, wenn der Täter die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber den-
noch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt und
- 24 -
sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein. Ob der Täter die Tatbe-
standsverwirklichung im Sinne des Eventualvorsatzes in Kauf genommen hat,
muss das Gericht bei Fehlen eines Geständnisses aufgrund der Umstände ent-
scheiden. Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos, die
Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die Beweggründe und die Art der Tat-
handlung. Je grösser die Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist
und je schwerer die Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto näher liegt die
Schlussfolgerung, der Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genom-
men. Das Gericht darf vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen, wenn
sich dem Täter der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die
Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme
des Erfolgs ausgelegt werden kann (BGE 137 IV 1 E. 4.2.3 mit Hinweis; Urteil des
Bundesgerichts 6B_135/2020 vom 16. Juni 2020 E.4.1). Derartige Umstände lie-
gen namentlich vor, wenn der Täter das ihm bekannte Risiko nicht kalkulieren und
dosieren kann und das Opfer keine Abwehrchancen hat (BGE 133 IV 9 E. 4.1;
133 IV 1 E. 4.5; 131 IV 1 E. 2.2; Urteile des Bundesgerichts 6B_873/2018 vom
15. Februar 2019 E. 1.1.2.; 6B_897/2017 vom 24. Juli 2018 E. 2.1; je mit Hinwei-
sen). Eventualvorsatz kann daher nach den Umständen selbst dann anzunehmen
sein, wenn der Eintritt des Erfolgs sowohl objektiv wie nach den subjektiven Vor-
stellungen des Täters bloss möglich oder statistisch gesehen relativ gering war
(BGE 133 IV 1 E. 4.1 und 4.5; Urteile des Bundesgerichts 6B_1225/2019 vom
8. April 2020, E. 1.3.3 und 6B_1059/2019 vom 10. November 2020).
Wie die Sachverhaltserstellung ergeben hat, stach der Beschuldigte mit einem
scharfen Gegenstand, mutmasslich aus einem Bierglas herausgebrochenen
Scherben gegen den Kopf-/Halsbereich des Privatklägers. Dabei kann als Allge-
meinwissen gelten, dass ein scharfer Gegenstand wie Scherben eines kaputten
Bierglases grundsätzlich geeignet ist, erhebliche Verletzungen zuzufügen. Dass
ein schwungvoll bzw. mit Kraft ausgeführter Schlag mit einem scharfen Gegen-
stand wie bspw. einem dünnwandigen, leicht und dabei scharfkantig brechenden
Bierglas an den nicht mit Kleidungsstücken bedeckten Kopf- und Halsbereich ei-
ner Person zu tödlichen Verletzungen führen kann, ist gleichermassen als Allge-
meinwissen vorauszusetzen. Dies war denn auch dem Beschuldigten bekannt
- 25 -
(Urk. D1/3/1 S. 11 f.). Auch dass das eigene Verhalten im Rahmen eines dynami-
schen Ablaufs nicht genügend kontrolliert werden kann, sondern es im Ergebnis
lediglich vom Zufall abhängt, ob damit lebenswichtige Strukturen verletzen wer-
den, ist vorliegend offensichtlich.
Aus dem Dargelegten folgt, dass sich der aus nächster Nähe mit einem scharfen
Gegenstand, mutmasslich einem Bierglas bzw. Scherben davon an den Kopf-/
Halsbereich des Privatklägers schlagende Beschuldigte fraglos des grossen Risi-
kos einer schweren Verletzung des Opfers mit Todesfolge bewusst war. Ob der
Beschuldigte auch im konkreten Moment der Tatausführung an die Möglichkeit
schwerer Verletzungen mit allfälliger Todesfolge dachte, spielt dabei keine Rolle
(vgl. dazu DONATSCH/TAG, Strafrecht I, 9. Aufl., Zürich 2013, S. 113 f.; PK StGB-
TRECHSEL/JEAN-RICHARD, 3. Aufl., Art. 12 N 4 mit Hinweisen). Vielmehr genügt ein
sogenanntes "Mitbewusstsein" im Sinne eines Begleitwissens. Der Täter braucht
sich die betreffenden Merkmale im Moment seines Handelns nicht besonders zu
vergegenwärtigen, ein aktuelles oder gar reflektiertes Bewusstsein ist nicht erfor-
derlich. Ein solches Mitbewusstsein ist dem Beschuldigten ohne Weiteres anzu-
lasten.
Die Verwirklichung des Risikos eines Treffers mit tödlicher Wirkung musste sich
dem Beschuldigten unter den genannten Umständen als so wahrscheinlich auf-
drängen, dass seine Bereitschaft, sie als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise
nur als Inkaufnahme des Erfolgs, mithin einer tödlichen Verletzung des Privatklä-
gers, gedeutet werden kann. Er wollte dies bzw. nahm es zumindest in Kauf.
Entsprechend ist der Beschuldigte der eventualvorsätzlich versuchten Tötung im
Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu spre-
chen.
4.2. Dossier 2 / Vorwurf des Sozialhilfemissbrauchs
4.2.1. Gemäss Art. 148a Abs. 1 StGB macht sich des unrechtmässigen Bezugs
von Leistungen der Sozialhilfe schuldig, wer jemanden durch unwahre oder un-
vollständige Angaben, durch Verschweigen von Tatsachen oder in anderer Weise
- 26 -
irreführt oder in einem Irrtum bestärkt, sodass er oder ein anderer Leistungen der
Sozialhilfe bezieht, die ihm oder dem andern nicht zustehen. Die Variante des
Verschweigens von Tatsachen umfasst dabei auch das rein passive Verhalten
durch Unterlassen der Meldung einer veränderten bzw. verbesserten Lage (Ent-
scheid des Bundesgerichts 6B_1015/2019 vom 4. Dezember 2019).
Liegt ein leichter Fall gemäss Abs. 2 von Art. 148a StGB vor, handelt es sich le-
diglich um eine Übertretung. In Lehre und Rechtsprechung nicht restlos geklärt
ist, wo die Grenze zum leichten Fall anzusiedeln ist. Immerhin scheint dahinge-
hend Übereinstimmung zu herrschen, dass ein leichter Fall nebst einem eher ge-
ringen Deliktsbetrag (gemäss Empfehlungen der Schweizerischen Staatsanwälte-
Konferenz soll von einem leichten Fall ausgegangen werden, wenn die von einer
Sozialversicherung oder der Sozialhilfe deliktisch erwirkten Leistungen oder Ge-
genleistungen den Betrag von Fr. 3'000.– nicht übersteigen; vgl. auch ZR 119/
2020 Nr. 6) auch in weiteren verschuldensrelevanten Elementen (bspw. Delikts-
dauer, Intensität der kriminellen Energie etc.) begründet werden kann (Urteile des
Bundesgerichts 6B_1161 vom 13. Oktober 2020 E. 1.2; 6B_1030/2020 vom
30. November 2020 E. 1.1.3; 6B_1161/2019 vom 13. Oktober 2020 E. 1.2;
6B_1246/2020 vom 16. Juli 2021 E. 4).
4.2.2. Gemäss erstelltem Sachverhalt hat der Beschuldigte die Sozialen Dienste
nicht zeitnah darüber informiert, dass er Anfang März 2018 Lohnzahlungen von
insgesamt Fr. 2'003.30 überwiesen erhalten hat. Gleichzeitig bezog er für März
und April 2018 Sozialhilfeleistungen im diesen Betrag übersteigenden Umfang
(Direkthilfe und Mietzahlungen von monatlich Fr. 1'154.80 zuzüglich die Prämie
der obligatorischen Grundversicherung). Mithin erwirkte der Beschuldigte durch
sein Schweigen, dass ihm Sozialhilfeleistungen ausbezahlt wurden, auf die er
aufgrund eigener finanzieller Mittel keinen Anspruch hatte. Dass der Beschuldigte
die zu viel ausbezahlten Beträge nachträglich zurückzahlte (vgl. Urk. 111/1-2) än-
dert an der Strafbarkeit seines Verhaltens nichts, da der Schaden beim Sozialamt
bereits mit der Auszahlung der Unterstützungsleistungen, auf die der Beschuldig-
te keinen Anspruch hatte, entstand.
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Entgegen der – nicht weiter begründeten (vgl. Urk. 90 S. 21) – Ansicht der Vor-
instanz ist die Tat des Beschuldigten objektiv als leichter Fall im Sinne von
Art. 148a Abs. 2 StGB zu qualifizieren. Die Deliktssumme liegt deutlich unter
Fr. 3'000.–, die Deliktsdauer ist mit zwei Monaten ebenfalls nicht als erheblich zu
werten und indem der Beschuldigte die Lohnzahlungen lediglich passiv ver-
schwieg, kann ihm auch keine erhebliche kriminelle Energie angelastet werden.
In subjektiver Hinsicht machte die Verteidigung geltend, dass der Beschuldigte
bloss fahrlässig gehandelt habe (Urk. 93 S. 5 und Urk. 110 S. 13 f.). Diesbezüg-
lich ist zunächst festzuhalten, dass der Beschuldigte Bestand und Umfang seiner
Deklarationspflicht zweifellos kannte. Im fraglichen Zeitpunkt wurde er schon seit
mehr als zehn Jahren – in der Regel zumindest über die Wintermonate – von den
Sozialen Diensten unterstützt (Urk. D2/1), zudem hatte er regelmässig seine fi-
nanziellen Verhältnisse zu deklarieren, bei welcher Gelegenheit ihm jeweils auch
das Merkblatt "Rechte und Pflichten in der Sozialhilfe" ausgehändigt worden war
(Urk. D2/ 3/1-3). Darin wird ausdrücklich festgehalten, dass alle Veränderungen
der Einkommens- und Vermögensverhältnisse sofort und unaufgefordert bekannt
zu geben sind. Der Beschuldigte bestätigte jeweils unterschriftlich, dass er auf
seine Rechte und Pflichten hingewiesen wurde und diese verstanden habe
(ebenda jeweils S. 10). Nachdem der Beschuldigte über den Winter offenbar re-
gelmässig sehr knapp bei Kasse und entsprechend jeweils auf Soforthilfe und
Vorschüsse der Sozialen Dienste angewiesen war (vgl. Urk. D2/5), ist auszu-
schliessen, dass es ihm entgangen ist, dass er für die Monate März und April
2018 über einen deutlich höheren finanziellen Spielraum verfügte, als in den Win-
ter- bzw. Unterstützungsmonaten sonst üblich. Mithin nahm er mit seinem Verhal-
ten einen Irrtum der Sozialen Dienste über seine wirtschaftliche Lage und mithin
eine Täuschung zumindest in Kauf. Als wiederholter Bezüger von Sozialhilfeleis-
tungen nahm er damit ebenso in Kauf, dass ihm die Sozialen Dienste aufgrund
des Irrtums über seine wirtschaftliche Lage weiterhin Unterstützungsgelder aus-
bezahlen würden, auf welche er angesichts der erhaltenen Lohnauszahlung in
dieser Höhe keinen Anspruch hatte. Vorliegend ist damit auch der subjektive Tat-
bestand von Art. 148a Abs. 2 StGB erfüllt, weshalb der Beschuldigte in diesem
Sinn schuldig zu sprechen ist.
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5. Widerruf, Strafzumessung und Vollzug
5.1. Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB und die an sie gestellten Begründungsanforderungen wiederholt dargelegt
(BGE 136 IV 55 mit Hinweisen). Entsprechendes gilt für die Bildung der Einsatz-
und der Gesamtstrafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB in Anwendung des Asperations-
prinzips (BGE 144 IV 313; BGE 141 IV 61; je mit Hinweisen). Darauf sowie auf die
zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen (Urk. 90 S. 24 ff.) kann verwiesen
werden.
5.2. Die Bildung einer Gesamtstrafe ist nur bei gleichartigen Strafen möglich.
Ungleichartige Strafen sind kumulativ zu verhängen, da das Asperationsprinzip
nur greift, wenn mehrere gleichartige Strafen ausgesprochen werden. Mehrere
gleichartige Strafen liegen vor, wenn das Gericht im konkreten Fall für jeden ein-
zelnen Normverstoss gleichartige Strafen ausfällen würde. Dass die anzuwen-
denden Strafbestimmungen abstrakt gleichartige Strafen androhen, genügt nicht
(BGE 142 IV 265 E. 2.3.2; BGE 138 IV 120 E. 5.2; je mit Hinweisen).
5.3. Das Bundesgericht unterstreicht in seiner jüngeren Rechtsprechung, dass
Art. 49 Abs. 1 StGB keine Ausnahme von der konkreten Methode erlaubt. Es
schliesst die Ausfällung einer Einheitsstrafe im Sinne einer Gesamtbetrachtung
aus (BGE 144 IV 217 E. 3.5.4 mit Hinweisen). Diese Rechtsprechung wurde wie-
derholt bestätigt (so bspw. in BGE 144 IV 313 E. 1.1.2 und Urteile des Bundesge-
richts 6B_712/2018 vom 18. Dezember 2019 E. 3.1bzw. 6B_1033/2019 vom
4. Dezember 2019 E. 5.2 und 5.3). Damit sind nach der "konkreten Methode" für
sämtliche Delikte gedanklich Einzelstrafen zu bilden.
5.4. Bei der Wahl der Sanktionsart ist als wichtiges Kriterium die Zweckmässig-
keit einer bestimmten Sanktion, ihre Auswirkungen auf den Täter und sein sozia-
les Umfeld sowie ihre präventive Effizienz zu berücksichtigen (BGE 134 IV 97
E. 4.2 S. 100 mit Hinweisen). Nach dem Prinzip der Verhältnismässigkeit soll
nach konstanter Rechtsprechung bei alternativ zur Verfügung stehenden und hin-
sichtlich des Schuldausgleichs äquivalenten Sanktionen im Regelfall diejenige
gewählt werden, die weniger stark in die persönliche Freiheit des Betroffenen ein-
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greift (BGE 138 IV 120 E. 5.2; Urteil des Bundesgerichts 6B_125/2018 vom
14. Juni 2018 E. 1.3.2; je mit Hinweis).
Die Geldstrafe stellt die Hauptsanktion dar (BGE 134 IV 97 E. 4.2.2). Sie wiegt als
Vermögenssanktion prinzipiell weniger schwer als ein Eingriff in die persönliche
Freiheit (BGE 138 IV 120 E. 5.2; BGE 134 IV 97 E. 4.2.2). Am Vorrang der Geld-
strafe hat der Gesetzgeber im Rahmen der erneuten Revision des Sanktionen-
rechts entgegen der ursprünglichen Stossrichtung festgehalten (BGE 144 IV 217
E. 3.6 mit Hinweisen).
5.5. Für die Straftat der versuchten vorsätzlichen Tötung (Dossier 1) steht ein-
zig eine Freiheitsstrafe zur Diskussion (Art. 111 StGB und Ziff. 5.6 nachfolgend).
Für die Vergehen (Dossiers 3 und 4) sind gedanklich je Einzelgeldstrafen und
damit eine Gesamtgeldstrafe auszufällen. Von einer Freiheitsstrafe als einzige
zweckmässige Sanktion ist hier – teilweise entgegen der (unbegründet gebliebe-
nen) Einschätzung der Vorinstanz (Urk. 90 S. 28) – nicht auszugehen. Der Be-
schuldigte ist zwar vorbestraft (Urk. 91) und mit Blick auf Dossier 4 auch ein-
schlägig rückfällig geworden, indes sieht Art. 286 StGB einzig Geldstrafe als
Sanktion für die Hinderung einer Amtshandlung vor. Die – nicht einschlägig vorbe-
lasteten – Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz vermögen sodann iso-
liert betrachtet eine Freiheitsstrafe nicht zu rechtfertigen. Im Rahmen der Festset-
zung der Gesamtgeldstrafe ist sodann zu berücksichtigen, dass die Vorstrafe des
Beschuldigten (Verurteilung vom 6. November 2017 durch die Staatsanwaltschaft
Zürich-Sihl zu 90 Tagessätzen à Fr. 50.– wegen Gewalt und Drohung gegen Be-
hörden und Beamte, vgl. Urk. 91) zu widerrufen ist, wurde der Beschuldigte wäh-
rend der Probezeit doch gleich mehrfach, teils sogar einschlägig bzw. hinsichtlich
der Deliktsintensität eskalierend (nach Gewalt und Drohung gegen Beamte nun
ein Tötungsversuch) rückfällig, weshalb ihm im Sinne von Art. 46 Abs. 1 StGB ei-
ne Schlechtprognose zu stellen ist (vgl. hierzu auch die Ausführungen der Vo-
rinstanz in Urk. 90 S. 32). Dies wird vom Beschuldigten denn auch nicht in Frage
gestellt (vgl. die Berufungsanträge, Urk. 93 und Urk. 110). Die widerrufene Strafe
ist gemäss Art. 46 Abs. 1 StGB asperierend in die Gesamtstrafenbildung mit ein-
zubeziehen (vgl. auch BGE 145 IV 146 E. 2.4).
- 30 -
Für die Übertretungen (Dossiers 2 und 5) ist schliesslich eine Gesamtbusse aus-
zufällen.
5.6. Strafzumessung Freiheitsstrafe (Dossier 1)
Das Gesetz sieht für das Delikt der vorsätzlichen Tötung einen ordentlichen Straf-
rahmen von Freiheitsstrafe zwischen fünf und 20 Jahren vor (Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 40 Abs. 2 StGB). Infolge bloss versuchter Strafbegehung ist
ein Strafmilderungsgrund gegeben (Art. 22 Abs. 1 StGB), wobei hier aber keine
aussergewöhnlichen Umstände vorliegen, die ein Verlassen des ordentlichen
Strafrahmens rechtfertigen würden. Entsprechend ist die Freiheitsstrafe innerhalb
des genannten Strafrahmens festzusetzen (BGE 136 IV 55 E. 5.8). Systematisch
wird im Rahmen der Strafzumessung zunächst die der Tatschwere der vollende-
ten Tat entsprechende Einsatzstrafe zu bestimmen und diese hernach in einem
zweiten Schritt, unter Berücksichtigung des Umstandes, dass die Tat nicht über
das Versuchsstadium hinausging, zu reduzieren sein (Mathys, Leitfaden Strafzu-
messung, 2. Auflage, N 121 ff., N 298 ff.), bevor der Einfluss der Täterkomponen-
ten auf die Strafhöhe zu bewerten ist.
5.6.1. Tatkomponenten (vollendete Tat)
Das objektive Tatverschulden ist bei Tötungsdelikten meist ähnlich zu bewerten.
Das Ausmass des Erfolgs ist immer gleich, ein Mensch ist tot. Verschuldenserhö-
hend wäre immerhin der Fall zu werten, wenn das Opfer grausam behandelt wur-
de oder es lange leiden musste, ohne dass der qualifizierte Tatbestand des Mor-
des von Art. 112 StGB vorliegt. Dem objektiven Tatverschulden bei Tötung eines
Menschen wird in der Gerichtspraxis mit hypothetischen Einsatzstrafen im Be-
reich von 10 bis 15 Jahren Rechnung getragen. Besondere Einzelfälle natürlich
vorbehalten. Im vorliegenden Fall ist dem Beschuldigten zu Gute zu halten, dass
er zwar die Auseinandersetzung initial durch Faustschläge ausgelöst, die lebens-
gefährliche Attacke mit dem scharfen Gegenstand gegen den Kopf-/Halsbereich
des Privatklägers aber – entgegen der Annahme der Vorinstanz, welche ihm vor-
warf, gezielt ein Messer zum Einsatz gebracht zu haben – nicht geplant hatte,
sondern vielmehr spontan, aus der Situation agierte, wobei seine Handlung sich
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aufgrund des Verletzungsbildes in einem, maximal zwei Schlägen/Stichen mit be-
sagtem scharfen Gegenstand, mutmasslich dem Bierglas bzw. dessen Scherben,
erschöpft haben muss. Hierzu bedurfte es keiner ausgeprägten kriminellen Ener-
gie. Nach Betrachtung der objektiven Tatschwere erscheint eine Einsatzstrafe von
8 1⁄2 Jahren Freiheitsstrafe als angemessen.
In subjektiver Hinsicht fällt verschuldensreduzierend ins Gewicht, dass lediglich
von Eventualvorsatz auszugehen ist. Dabei ist anzunehmen, dass dem Beschul-
digten die möglichen Folgen zwar grundsätzlich bekannt waren, er diese jedoch
aufgrund der sich rasch und ungeplant entwickelnden Ereignisse zu wenig be-
dachte. Zu berücksichtigen ist überdies eine leichte Verminderung der Steue-
rungsfähigkeit infolge des belegten Alkohol- und Drogenkonsums (vgl. Urk. D1/6/5
und Ziff. 3.3.5 hiervor).
Insgesamt relativiert sich die objektive Tatschwere damit merklich, so dass von ei-
nem gerade noch leichten Verschulden auszugehen ist, wobei für die vollendete
Tat eine hypothetische Einsatzstrafe von circa 7 Jahren angemessen wäre.
Bekannterweise überlebte der Privatkläger die Attacke. Die Verletzungen (vgl.
Ziff. 4.1.2 hiervor) machten aber zunächst zwei Operationen sowie einen mehrtä-
gigen Spitalaufenthalt notwendig (Urk. D1/7/2 S. 2 ff.) und die bis heute spürbaren
psychischen Folgen führten zu weiteren stationären Aufenthalten in psychiatri-
schen Kliniken sowie lange anhaltender Arbeitslosigkeit (Urk. D1/ 64/1). Das kon-
krete Vorgehen des Beschuldigten dürfte wohl in den meisten Fällen mit identi-
schem Ablauf "bloss" mit schweren Verletzungen und ohne Todesfolge enden.
Dass die Todesfolge aber geradezu unwahrscheinlich war, kann wie erwähnt,
insbesondere aufgrund des unkontrollierbaren dynamischen Geschehens keines-
falls gesagt werden. Weiter ist aufgrund seines belegten Verhaltens (Zudrücken
der Stichverletzung nach Bemerken der starken Blutung; Hilferufe) zu Gunsten
des Beschuldigten davon auszugehen, dass er von seinem Opfer abgelassen hät-
te, wenn dieses verletzt am Boden gelegen hätte, es ihm mit anderen Worten
"nur" darum ging, es kampfunfähig zu machen. Insofern lag die Todesfolge ent-
fernetr als beim Täter, der zahlreiche Male heftig auf sein Opfer einsticht oder
ganz gezielt den Herzbereich ins Visier nimmt. Die Folgen der Tat sind für den
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Privatkläger aber zumindest psychisch nach wie vor spürbar, zumal die über zehn
Zentimeter lange Halswunde bzw. die daraus resultierende Narbe auch visuell
sichtbar bleiben wird und nur schlecht kaschiert werden kann. Unter Berücksichti-
gung all dieser Umstände erscheint bei einer Gesamtwürdigung, noch ohne Be-
rücksichtigung der tatunabhängigen Strafzumessungskomponenten eine Strafe
von rund 6 Jahren angemessen.
5.6.2. Hinsichtlich der Täterkomponenten kann auf den im angefochtenen Urteil
wiedergegebenen Lebenslauf des Beschuldigten verwiesen werden (Urk. 90
S. 29). Seit der Tat befindet er sich in Haft bzw. im vorzeitigen Strafvollzug. Sei-
nem Vorleben und den persönlichen Verhältnissen kann insgesamt nichts straf-
zumessungsrelevantes entnommen werden. Leicht strafmindernd kann ihm zu
Gute gehalten werden, dass er sich nach der Tat um die Stillung der Blutung be-
mühte und auch Hilfe von Dritten anforderte. Merklich straferhöhend ist (entgegen
den Ausführungen der Vorinstanz in Urk. 90 S. 29) demgegenüber seine Vorstra-
fe vom 6. November 2017 und die Tatsache, dass er innert der damals verhäng-
ten Probezeit wieder straffällig geworden ist, zu bewerten. Hinzu kommt, dass im
Zeitpunkt der Delinquenz bereits weitere Strafuntersuchungen gegen den Be-
schuldigten pendent waren (Dossiers 2 bis 5), womit insgesamt die Straferhö-
hungsgründe überwiegen.
Für die versuchte vorsätzliche Tötung ist der Beschuldigte somit mit 6 1⁄2 Jahren
Freiheitsstrafe zu bestrafen. Daran anzurechnen sind nebst einem Tag Haft aus
der widerrufenen Vorstrafe (vgl. Urk. 91) weitere 776 Tage Untersuchungs- und
Sicherheitshaft bzw. bis heute erstandener vorzeitiger Strafvollzug aus dem vor-
liegenden Verfahren (total 777 Tage; Art. 51 StGB).
5.7. Strafzumessung Geldstrafe (Dossiers 3 und 4 sowie widerrufene Vorstrafe)
5.7.1. Gemäss der anerkannten Anklageschrift betreffend Dossier 3 fuhr der Be-
schuldigte am Samstag, 22. Juni 2019, um ca. 07.23 Uhr durch die Stadt Zürich.
Im Rahmen einer polizeilichen Kontrolle im E._-tunnel erwies sich, dass er
dabei über keinen in der Schweiz gültigen Führerausweis verfügte. Zudem wies
seine Atemluft einen minimalen Blutalkoholgehalt [recte eine Atemalkoholkonzen-
- 33 -
tration, vgl. Urk. D3/2/S. 4] von 0.67 ‰ [recte mg/l, vgl. Urk. D3/2/S. 4] auf. Sein
diesbezügliches Geständnis wirkt sich nicht strafmindernd aus, wurde der Be-
schuldigte doch in flagranti erwischt. Straferhöhend ist zu berücksichtigen, dass
im damaligen Zeitpunkt die Strafuntersuchung gemäss Dossier 4 bereits lief und
er sich zudem in der Probezeit der Vorstrafe befand. Als Einzelstrafen wären das
Fahren ohne gültigen Ausweis und das Fahren in fahrunfähigem Zustand mit je
60 Tagessätzen zu bestrafen. Da diese Strafen nicht zu kumulieren sind, ist die
Einsatzstrafe für das Fahren ohne gültigen Ausweis wegen des Fahrens in fahr-
unfähigem Zustand um 45 Tagessätze auf 105 Tagessätze zu erhöhen.
5.7.2. Hinsichtlich Dossier 4 (Hinderung einer Amtshandlung) ist mit der Vor-
instanz von mittelschwerem Verschulden auszugehen (Urk. 90 S. 31). Straferhö-
hend wirkt sich die Delinquenz während der Probezeit der Vorstrafe aus, straf-
mindernd ist sodann zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte während der Tat
unter der enthemmenden Wirkung von Trinkalkohol (rückgerechnet maximal 1.59
Gew.‰) und Kokain stand (Urk. D4/7/5), weshalb 10 Tagessätze Geldstrafe als
Einzelstrafe angemessen wären. Asperierend ist die Einsatzstrafe um noch 5 Ta-
gessätze zu erhöhen.
5.7.3. Die heute zu widerrufende Strafe lautete auf 90 Tagessätze Geldstrafe
(Urk. 91). Da sie nunmehr bloss asperierend in die Gesamtgeldstrafe einzubinden
ist, erscheint eine Erhöhung der Einsatzstrafe um 70 Tagessätze als angemes-
sen.
5.7.4. Insgesamt resultiert somit eine (Gesamt-)Geldstrafe von 180 Tagessätzen.
Aufgrund seiner finanziellen Verhältnisse (der Beschuldigte musste bereits vor
seiner Verhaftung über den Winter jeweils durch die Sozialhilfe unterstützt wer-
den, er hat Schulden in Höhe von einigen Tausend Franken und sein letzter Lohn
unterlag einer Lohnpfändung, vgl. Urk. D1/15/5 S. 2 f. und Prot. I S. 12 f.) ist die
Tagessatzhöhe auf Fr. 20.– festzulegen (Art. 34 StGB).
- 34 -
5.8. Strafzumessung Busse (Dossiers 2 und 5)
Die Vorinstanz hat für den vom Beschuldigten anerkannten Kokainkonsum (Dos-
sier 5) eine Busse von Fr. 200.– ausgefällt. Dies wurde im Berufungsverfahren
von keiner Seite gerügt und erscheint dem sehr leichten Verschulden und den fi-
nanziellen Verhältnissen des Beschuldigten angemessen. Hinzu kommt nun neu
eine Busse für den unrechtmässigen Bezug von Leistungen der Sozialhilfe
(Art. 148a Abs. 2 StGB). Der Beschuldigte hat hier vier zeitlich sehr kurz nachei-
nander folgende Zahlungseingänge eines Arbeitgebers im Gesamtumfang von
Fr. 2'003.30 nicht sofort den Sozialbehörden gemeldet, im Übrigen aber keine be-
sondere kriminelle Raffinesse an den Tag gelegt. Da ihm zudem lediglich Eventu-
alvorsatz vorzuwerfen ist, wiegt das Verschulden insgesamt recht leicht, weshalb
– auch angesichts seiner eher prekären finanziellen Verhältnisse – bei isolierter
Betrachtung eine Busse von ca. Fr. 800.– angemessen erschiene. Da die beiden
Bussenbeträge jedoch zu einer Gesamtbusse zu asperieren sind, ist der Beschul-
digte für den Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz und den Sozialhilfe-
missbrauch insgesamt mit einer Busse von Fr. 600.– zu bestrafen.
5.9. Vollzug der Strafen
Angesichts ihrer Dauer ist die Freiheitsstrafe bereits von Gesetzes wegen zu voll-
ziehen (vgl. Art. 42 f. StGB). Dies gilt auch für die Busse, wobei für den Fall der
Nichtbezahlung praxisgemäss eine Ersatzfreiheitsstrafe von 6 Tagen festzusetzen
ist (Art. 105 f. StGB). Hinsichtlich der Geldstrafe besteht grundsätzlich die Mög-
lichkeit der Gewährung des bedingten Vollzugs (vgl. Art. 42 StGB). Allerdings
kann dem Beschuldigten angesichts der Tatsache, dass er innerhalb der (kurzen
zweijährigen) Probezeit der Vorstrafe ein Verbrechen, zwei Vergehen und zwei
Übertretungen begangen hat, keine günstige Prognose gestellt werden (vgl. auch
Ziff. 5.5 vorstehend). Mithin ist auch die Geldstrafe zu vollziehen.
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6. Landesverweisung / SIS-Ausschreibung
6.1. Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen bzw. Voraussetzungen einer
Landesverweisung korrekt dargestellt (Urk. 90 S. 33), worauf verwiesen werden
kann.
6.2. Der Beschuldigte hat eine Katalogtat begangen (Art. 66a Abs. 1 lit. a
StGB). Ein schwerer persönlicher Härtefall ist mit der Vorinstanz zu verneinen.
Der Beschuldigte kam erst mit 17 Jahren in die Schweiz, verbrachte somit mass-
gebliche Kinder- und Jugendjahre in Brasilien. Dort lebt auch heute noch seine
Schwester, die er zuletzt 2019, mithin kurz vor seiner Inhaftierung, für mehrere
Wochen besucht hat. Hinzu kommt, dass er sich hier bislang nicht erfolgreich in-
tegrieren konnte. In wirtschaftlicher Hinsicht verfügt er über keine abgeschlossene
Berufsausbildung (Lehre) und schlägt er sich mit Temporäranstellungen durch,
wobei er in der Vergangenheit über den Winter regelmässig auf Unterstützung der
Sozialhilfe angewiesen war (vgl. Dossier 2 passim), hinzu kommen Schulden in
Höhe von zuletzt ca. Fr. 6'000.– (Prot. I S. 13). Wie anlässlich der Berufungsver-
handlung festgestellt wurde, kann sich der Beschuldigte auf Deutsch zwar ver-
ständigen. Seine Sprachkenntnisse sind jedoch nicht so gut, wie man sie nach ei-
nem 20-jährigem Aufenthalt in der Schweiz erwarten könnte. Über eine eigene
(Kern-)Familie in der Schweiz verfügt der Beschuldigte nicht. Dass er weitere,
gewichtige Beziehungen in der Schweiz pflegen würde, die einen Härtefall be-
gründen könnten, hat er nicht geltend gemacht und ist aus den Akten auch nicht
ersichtlich (vgl. zu den persönlichen Verhältnissen Urk. D1/3/1 S. 13, Urk.
D1/15/5, Prot. I S. 10 ff. und Prot. II S. 12 ff.).
Aufgrund des Gesagten ist der Beschuldigte in Anwendung von Art. 66a Abs. 1
lit. a StGB des Landes zu verweisen.
6.3. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung soll die Dauer der Lan-
desverweisung in einem adäquaten Verhältnis zur Dauer der ausgefällten Frei-
heitsstrafe stehen, wobei die Dauer der Ausweisung nicht symmetrisch zur ver-
hängten Strafe sein muss (Urteil des Bundesgerichts 6B_549/2019 vom 29. Mai
2019 E. 2.3; BGE 123 IV 107 E. 3). Das ergibt sich auch aus dem in der Bundes-
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verfassung verankerten Verhältnismässigkeitsprinzip (Art. 5 Abs. 2 BV; Art. 36
Abs. 2 und 3 BV). Zwar wurde das Verschulden unter Berücksichtigung der denk-
baren Handlungen, die unter den Tatbestand der vorsätzlichen Tötung fallen, als
noch leicht qualifiziert. Es ist jedoch zu betonen, dass der Beschuldigte eines der
schwersten Delikte schuldig zu sprechen ist. Vor diesem Hintergrund erscheint es
angemessen, die Dauer der Landesverweisung auf 10 Jahre festzusetzen.
6.4. Angesichts des Delikts und der konkreten Strafhöhe ist klarerweise davon
auszugehen, dass der Beschuldigte eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und
Ordnung im Sinne von Art. 24 Ziff. 2 SIS-II-Verordnung darstellt (vgl. BGE 146 IV
172 E. 3.2; Entscheid des Bundesgerichts 6B_1102/2020 vom 20. Mai 2021
E. 3.5), weshalb die Ausschreibung der Landesverweisung des Beschuldigten, ei-
nes Angehörigen eines Drittstaats im Sinne des Schengen-Abkommens, im
Schengen-Informationssystem (SIS) verhältnismässig (vgl. Art. 21 SIS-II-
Verordnung) und vorzunehmen ist.
7. Zivilforderung
7.1. Der Privatkläger liess vor Vorinstanz die Zusprechung von Schadenersatz
in Höhe von Fr. 26'328.10 sowie einer Genugtuung von Fr. 20'000.–, beides nebst
Zins von 5 %, beantragen (Urk. 90 S. 4).
7.2. Die Vorinstanz erwog mit Blick auf das Schadenersatzbegehren, dieses sei
hinsichtlich der von der Krankenkasse nicht getragenen Behandlungskosten
(Fr. 3'815.–) und der aufgrund der Tat unbrauchbar gewordenen Kleider
(Fr. 150.– pauschal) ausgewiesen und in diesen Beträgen entsprechend dem Pri-
vatkläger zuzusprechen. Im Übrigen (Lohnausfall) sei das Begehren aber unge-
nügend substantiiert und insofern sei der Privatkläger mit seiner Forderung auf
den Zivilweg zu verweisen (Urk. 90 S. 36 f.). Diesen Ausführungen kann vollum-
fänglich gefolgt werden, zumal sich der Beschuldigte hierzu im Berufungsverfah-
ren nicht substantiiert geäussert und der Privatkläger keine Anschlussberufung
erhoben hat. Entsprechend ist der Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger
Schadenersatz von Fr. 3'965.– zu bezahlen. Im Mehrbetrag ist der Privatkläger
- 37 -
mit seinem Schadenersatzbegehren auf den Weg des Zivilprozesses zu verwei-
sen.
7.3. Was das Genugtuungsbegehren angeht, erwog die Vorinstanz, zur Be-
handlung der durch die Tat erlittenen physischen Verletzungen seien zwei Opera-
tionen und ein längerer Spitalaufenthalt erforderlich gewesen. Noch heute spürbar
und wohl noch lange nicht verheilt seien aber die psychischen Folgen dieses
massiven Eingriffs in die körperliche und seelische Integrität des Privatklägers,
wie dieser anlässlich der Hauptverhandlung eindrücklich geschildert habe. In An-
betracht dieser Umstände und der nachvollziehbaren Belastung erscheine eine
Genugtuung von Fr. 20'000.– angemessen (Urk. 90 S. 37).
7.4. Angesichts des bei der versuchten (eventual-)vorsätzlichen Tötung erlitte-
nen Eingriffs in die physische und – mit deutlich langwierigeren Folgen als die
physischen Verletzungen – psychische Integrität des Privatklägers und der
rechtswidrigen sowie schuldhaften Verursachung derselben durch den Beschul-
digten sind die Voraussetzungen für die Zusprechung einer Genugtuung zweifels-
ohne gegeben. Der von der Vorinstanz festgesetzte Betrag von Fr. 20'000.– be-
wegt sich am oberen Rand der Bandbreite der in ähnlichen Fällen zugesproche-
nen Genugtuungssummen (vgl. Landolt, Genugtuungsrecht, Datenbank, Such-
masken "Kopfverletzung" und "Kopfverletzung, posttraumatische Belastungsstö-
rung", wobei in jüngster Zeit allerdings eine Tendenz zu höheren Genugtuungs-
summen zu erkennen ist). Der Privatkläger trug von der Tat nebst einer langen
und auffälligen Narbe am Hals insbesondere psychische Folgen davon, indem er
seit der Tat von Panikattacken und Albträumen heimgesucht wird und deswegen
auch auf Medikamente angewiesen ist bzw. sogar mehrmonatige, stationäre psy-
chologische Hilfe in Anspruch nehmen musste. Hinzu kommt eine seit der Tat an-
dauernde Arbeitsunfähigkeit, welche die Tatfolgen in die Nähe einer schweren
Körperverletzung rückt (vgl. Art. 122 Abs. 2 StGB). Vor diesem Hintergrund er-
scheint die vorinstanzlich zugesprochene Genugtuungssumme als (gerade noch)
angemessen und ist zu bestätigen.
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8. Kosten- und Entschädigungsfolgen
8.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die erstinstanzliche Kostenauflage
(Dispositivziffern 15 und 16) zu bestätigen.
8.2. Für das Berufungsverfahren sind die Kosten auf Fr. 3'500.– zu veran-
schlagen (Art. 424 Abs. 1 StPO in Verbindung mit § 16 Abs. 1 und § 14 der
Gebührenverordnung des Obergerichts). Die Kosten im Rechtsmittelverfahren
tragen die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens
(Art. 428 Abs. 1 StPO).
8.3. Vorliegend dringt der Beschuldigte mit seinen Anträgen nicht durch. Soweit
die Strafe (auch zufolge Anwendung verschiedener Strafarten) etwas milder und
die Landesverweisung kürzer ausfällt, als vor Vorinstanz, ist dies in der Gesamt-
schau (noch) als unwesentliche Abänderung des angefochtenen Urteils zu qualifi-
zieren (vgl. Art. 428 Abs. 2 lit. b StPO). Vor diesem Hintergrund wird der Beschul-
digte auch für das Berufungsverfahren vollumfänglich kostenpflichtig. Eine Ent-
schädigung für seine Verteidigungskosten ist ihm bei dieser Sachlage nicht zuzu-
sprechen (Art. 436 Abs. 1 StPO in Verbindung mit Art. 429 StPO e contrario). Die
Kosten der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers sind auf die Gerichtskas-
se zu nehmen, unter Vorbehalt der Rückerstattungspflicht (Art. 135 Abs. 4 StPO,
Art. 138 Abs. 1 und Art. 426 Abs. 4 StPO; Urteil des Bundesgerichts 6B_123/2014
vom 2. Dezember 2014 E. 6.3, nicht publ. in BGE 141 IV 10).
8.4. Der unentgeltliche Vertreter des Privatklägers machte Aufwendungen im
Berufungsverfahren in der Höhe von Fr. 5'747.09 geltend (Urk. 113). Da die Beru-
fungsverhandlung, anders als vom Privatklägervertreter geschätzt, nur rund fünf
Stunden dauerte, ist dieser pauschal mit Fr. 5'300.– aus der Gerichtskasse zu
entschädigen.