Decision ID: 76cc6294-b99f-4252-a93c-9eb1a967ad3e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 21. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der «Eurodac»-Datenbank ergab,
dass er bereits am 19. Februar 2013 in der Schweiz, am 20. Dezember
2016 in Deutschland und am 10. November 2021 in Belgien Asylgesuche
eingereicht hatte (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 2, 7).
B.
Am 29. Juni 2022 gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer rechtli-
ches Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit einer Überstellung nach Belgien oder Deutschland. Er erklärte, er habe
den Entscheid in Belgien nicht abgewartet, sondern sei nach Frankreich
und von dort aus zusammen mit seinem Cousin weiter in die Schweiz ge-
reist. Er habe gesundheitliche Probleme und in Belgien sei es nicht möglich
gewesen, behandelt zu werden. Auch Deutschland habe er, kurz nachdem
er dort 2016 ein Asylgesuch gestellt habe, wieder verlassen und sich bis
2018 in Österreich aufgehalten, bevor er nach Georgien ausgeschafft wor-
den sei. Seine psychischen Probleme stünden einer Rückkehr nach Bel-
gien entgegen; er brauche dringend eine Behandlung, welche er dort nicht
bekommen habe. Er habe psychische Traumata und Halluzinationen und
nehme regelmässig jeden Tag morgens und abends Medikamente ein
(SEM-act. 14).
C.
Die belgischen Behörden hiessen das Ersuchen der Vorinstanz vom 4. Juli
2022 um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO) am 8. Juli 2022 gut (SEM-act. 15, 18).
D.
Mit Verfügung vom 29. September 2022 – eröffnet am 30. September 2022
– trat die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR
142.31) auf das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz nach Belgien an und forderte den Beschwerdeführer auf, die
Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen.
Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die einer allfälligen Beschwerde von
F-4516/2022
Seite 3
Gesetzes wegen fehlende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den
Kanton D._ mit dem Vollzug der Wegweisung (SEM-act. 29, 31).
E.
Mit Rechtsmitteleingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 6. Oktober
2022 (Poststempel) beantragte der Beschwerdeführer, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben. Ferner stellte er die Begehren, es sei die
Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen, ihm Asyl zu gewähren, die Unzuläs-
sigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs fest-
zustellen sowie die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung, Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, Einsetzung ei-
nes amtlichen Rechtsbeistandes und, eventualiter, Wiederherstellung der
aufschiebenden Wirkung der Beschwerde (Akten des Bundesverwaltungs-
gerichts [BVGer-act.] 1).
F.
Am 7. Oktober 2022 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den
Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(BVGer-act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist - unter Vorbehalt von E. 2.2. nachste-
hend - einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
F-4516/2022
Seite 4
2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5
E. 3.1; 2012/4 E. 2.2, je m.H.). Die Fragen der Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft, der Gewährung von Asyl, der Feststellung der Unmög-
lichkeit, Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs so-
wie der Anordnung der vorläufigen Aufnahme bilden demgegenüber nicht
Gegenstand des angefochtenen Nichteintretensentscheides und damit
auch nicht des vorliegenden Verfahrens, weshalb auf die entsprechenden
Anträge nicht einzutreten ist.
2.3. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Die belgischen Behörden stimmten dem Wiederaufnahmeersuchen der
Vorinstanz innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist zu.
Die Zuständigkeit Belgiens ist somit grundsätzlich gegeben, was vom Be-
schwerdeführer auch nicht bestritten wird.
F-4516/2022
Seite 5
3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grund-
rechtecharta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mit-
gliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um fest-
zustellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund
der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten
Mitgliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so
wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitglied-
staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.4. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM ein Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
4.
Der Beschwerdeführer macht zu Recht nicht geltend, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen in Belgien würden systemische Schwach-
stellen im Sinn der zitierten Rechtsgrundlagen (vgl. E. 3.3) aufweisen (vgl.
dazu auch Urteile des BVGer D-1834/2022 vom 27. April 2022,
D-908/2022 vom 2. März 2022).
5.
Gegen eine Überstellung nach Belgien bringt der Beschwerdeführer einzig
vor, er habe Schmerzen und bitte darum, die angefangene Behandlung im
Krankenhaus fortsetzen zu dürfen.
5.1. Dazu ist Folgendes festzuhalten: Eine zwangsweise Rückweisung von
Personen mit gesundheitlichen Problemen kann nur ganz ausnahmsweise
einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann
F-4516/2022
Seite 6
der Fall, wenn die betroffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder
terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, nach ei-
ner Überstellung mit dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei
soziale Unterstützung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinwei-
sen auf die damalige Praxis des Europäischen Gerichtshofs für Menschen-
rechte [EGMR]). Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft
Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener me-
dizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert
würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
5.2. Aus den Akten ergibt sich im Wesentlichen folgender medizinischer
Sachverhalt: Mit Arztbericht vom 13. Juli 2022 wurde beim Beschwerde-
führer die Diagnose eines Verdachts auf posttraumatische Belastungsstö-
rung festgehalten (SEM-act. 25). Zwecks Abklärung wurde er an einen
Psychiater überwiesen, welcher einen Verdacht auf eine vorbestehende
psychotische Erkrankung sowie eine leichte depressive Episode feststellte.
Zur Therapie verordnete dieser die Fortsetzung und Anpassung der (be-
reits über ein Jahr eingenommenen) Medikation (SEM-act. 26). Aufgrund
einer Schwellung im linken Rippenbogen wurde der Beschwerdeführer so-
dann am 2. September 2022 orthopädisch untersucht und am 5. Septem-
ber 2022 geröntgt (SEM-act. 22, 24). Der im Anschluss erstellte Sprech-
stundenbericht des Spitals D._ vom 16. September 2022 hielt
anamnestisch fest, der Beschwerdeführer berichte, dass die Schwellung
seit etwa drei Jahren bestehe und kontinuierlich an Grösse zugenommen
habe. Die MRT-Untersuchung zeige eine etwa 8 x 5 cm messende Raum-
forderung interkostal. Dabei könne es sich um einen benignen mesen-
chymalen Tumor oder einen lipomatösen Mischtumor handeln. Die Indika-
tion zur Operation sei gegeben, wobei der Fall zunächst am Tumorboard
vorgestellt werden solle, bevor ein Nachkontrolltermin vereinbart werde
(SEM-act. 21).
5.3. Bezüglich der vom Beschwerdeführer angeführten gesundheitlichen
Probleme ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die diagnostizierte Erkran-
kung nicht in Frage stellt und den Sachverhalt als genügend erstellt erach-
tet, um den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers im Hinblick auf
eine Wegweisung nach Belgien beurteilen zu können. Weder sei die indi-
zierte Operation lebensnotwendig noch äusserst dringend. Zudem habe
sich der Beschwerdeführer trotz jahrelanger Kenntnis von der Schwellung
F-4516/2022
Seite 7
am linken Rippenbogen bisher nicht behandeln lassen. Es ist der
Vorinstanz zuzustimmen, dass vorliegend nicht ersichtlich ist, weshalb all-
fällige Folgeuntersuchungen und Behandlungen in der Schweiz stattfinden
müssten, zumal der Zugang zu allen notwendigen medizinischen Untersu-
chungen und Behandlungen in Belgien gewährleistet sein dürfte. Entgegen
den unsubstantiierten und gänzlich unbelegt gebliebenen Vorbringen des
Beschwerdeführers im vorinstanzlichen Verfahren sind keine Anhalts-
punkte ersichtlich, dass die belgischen Behörden sich weigern würden, ihm
dauerhaft die ihm gemäss der Richtlinie des Europäischen Parlaments und
des Rates 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für
die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog.
Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29.6.2013) zustehenden minimalen
Lebensbedingungen sowie die von ihm benötigte medizinische Hilfeleis-
tung zu gewähren. Ferner besteht kein Grund zur Annahme, eine Überstel-
lung würde seine Gesundheit ernsthaft gefährden. Zudem wird er medika-
mentös versorgt. Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der
angefochtenen Verfügung beauftragt sind, werden die belgischen Behör-
den vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen
Umstände des Beschwerdeführers informieren (Art. 31 f. Dublin-III-VO).
6.
Der angefochtene Entscheid verletzt somit keine die Schweiz bindende völ-
kerrechtliche Bestimmung. Das ihr im Übrigen bei der Anwendung von
Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) in Verbindung mit Art. 17 Dublin-III-VO zustehende Ermessen
hat die Vorinstanz gesetzeskonform ausgeübt (vgl. BVGE 2015/9 E. 8). Zu
Recht ist sie auf das Asylgesuch nicht eingetreten und hat die Überstellung
des Beschwerdeführers nach Belgien verfügt. Die Beschwerde ist abzu-
weisen, soweit darauf einzutreten ist. Das Gesuch um Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung ist mit Ausfällung des vorliegenden Endentscheids
gegenstandslos geworden.
7.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
F-4516/2022
Seite 8