Decision ID: 71072fdd-9a50-5488-8051-10bbfbcb28ef
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Juli 2015 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe eine Ausbildung zum Kfz-
Meister und zum Betriebswirt absolviert; ab seiner Einreise in die Schweiz im Jahr 2008
habe er als technischer Experte gearbeitet. Seit Januar 2006 leide er an einer chronisch
obstruktiven Lungenerkrankung (Stadium GOLD IV). Die Arbeitgeberin des Versicherten
berichtete im August 2015 (IV-act. 8), dieser sei seit Januar 2015 krankheitsbedingt
vollständig arbeitsunfähig. In den Monaten Januar bis und mit April 2015 habe sie ihm
80 Prozent des letzten Lohnes von (12 ×) 9’000 Franken pro Monat ausbezahlt; seit Mai
2015 richte sie 90 Prozent jenes Lohnes aus. Der Versicherte führe hauptsächlich
Recherchearbeiten zu technischen Sachverhalten und zu Fahrzeughistorien durch. Er
bearbeite zudem Expertisen zu sehr speziellen Schäden etwa an Motoren und
Getrieben. Es wäre wünschenswert, wenn er diese Arbeiten unter für ihn günstigeren
Umständen weiter verrichten könnte, beispielsweise von zuhause aus. Am 17. August
2015 teilte der behandelnde Pneumologe Dr. med. B._ mit (IV-act. 11), der
Versicherte sei arbeitsunfähig und auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr vermittlungsfähig.
Schon die geringste körperliche Belastung führe zu einer Dyspnoe. Theoretisch
könnten ihm aber Arbeiten in sitzender Position ohne körperliche Belastungen während
sechs bis acht Stunden pro Tag zugemutet werden. Anlässlich eines Gesprächs mit
einer Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle gab der Versicherte im Oktober 2015
an (IV-act. 22), sein Hauptproblem bestehe darin, dass er den Arbeitsweg nicht
zurücklegen könne. Die Arbeit selbst könne er problemlos verrichten, denn dabei
handle es sich um eine reine „Kopfarbeit“. Aktuell stehe eine (weitere) Operation an.
Danach wolle er von zuhause aus weiterarbeiten. Im November 2015 unterzeichneten
der Versicherte und die Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle einen
Eingliederungsplan, mit dem die IV-Stelle dem Versicherten Massnahmen zum
Arbeitsplatzerhalt zusicherte (IV-act. 26).
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A.b Am 23. Juni 2016 berichtete Dr. B._ (IV-act. 38), dem Versicherten könnten
keinerlei körperlich belastende Arbeiten zugemutet werden. Sitzende, administrative
Arbeiten seien ihm dagegen uneingeschränkt zumutbar. Die Arbeitgeberin teilte der IV-
Stelle am 20. Juli 2016 mit (IV-act. 39), dass sie mit dieser Arbeitsfähigkeitsschätzung
nichts anzufangen wisse. Das Arbeitsverhältnis mit dem Versicherten werde deshalb
per Ende Oktober 2016 aufgelöst. Die Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle
notierte am 25. Juli 2016 (IV-act. 40), die Kündigung des Arbeitsverhältnisses habe den
Versicherten überraschend getroffen. Er überlege sich nun, sich bei der
Arbeitslosenversicherung anzumelden oder nach Deutschland zurückzukehren. Er
wünsche jedenfalls keine beruflichen Massnahmen, da er seine Chancen auf dem
Arbeitsmarkt als äusserst gering einschätze. Die Eingliederungsverantwortliche hielt
fest, vor diesem Hintergrund und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass der
Versicherte in einem Jahr das ordentliche Rentenalter erreichen werde, seien keine
weiteren beruflichen Massnahmen angezeigt. Am 26. Juli 2016 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass keine weiteren beruflichen Massnahmen gewährt würden (IV-
act. 42).
A.c Am 17. August 2016 berichtete der Pneumologe Prof. Dr. med. C._ vom
Kantonsspital St. Gallen (IV-act. 44), dem Versicherten seien die angestammte Tätigkeit
als Ingenieur und auch behinderungsangepasste Tätigkeiten im Umfang von 50
Prozent zumutbar. Am 12. September 2016 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen
regionalen ärztlichen Dienst (RAD), da Dr. B._ kein zumutbares Pensum angegeben
habe, sei auf die Angabe von Prof. Dr. C._ abzustellen und von einer seit Januar
2015 bestehenden Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent auszugehen (IV-act. 45). Mit
einem Vorbescheid vom 13. Oktober 2016 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten an
(IV-act. 50), dass sie die Zusprache einer halben Rente mit Wirkung ab dem 1. Januar
2016 vorsehe. Nachdem der Versicherte keine Einwände gegen den vorgesehenen
Entscheid erhoben hatte, verfügte die IV-Stelle am 25. Januar 2017 gemäss ihrem
Vorbescheid (IV-act. 63). Der Betrag der monatlichen Rente belief sich auf 214 Franken
(für die Monate Januar, Februar und März 2016) beziehungsweise auf 210 Franken (für
die Zeit ab April 2016).
B.
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B.a Am 6. Februar 2017 erhob der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde (act. G 1). Er beantragte die Aufhebung der Verfügung vom 25.
Januar 2017. Zur Begründung führte er an, er habe sich gar nie zum Bezug einer Rente
angemeldet. Bis zur Kündigung habe er zu 100 Prozent gearbeitet. Folglich könne er
keinen Rentenanspruch haben.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 25. April 2017
die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie aus (vgl. IV-act.
73), die Rentenzusprache sei rechtmässig. Möglicherweise wolle der Beschwerdeführer
statt der halben Rente und einer halben Arbeitslosenentschädigung lieber eine ganze
Arbeitslosenentschädigung beziehen. Anders könne seine Beschwerde nicht erklärt
werden. Ein solches Vorgehen sei aber rechtsmissbräuchlich.
B.c Am 16. August 2017 liess der nun anwaltlich vertretene Beschwerdeführer an
seinem Antrag festhalten (act. G 13). Zur Begründung führte sein Rechtsvertreter
ergänzend aus, der Beschwerdeführer habe nie eine Rente beantragt. Die Anmeldung
zum Leistungsbezug sei damals auf Anraten der (ehemaligen) Arbeitgeberin erfolgt und
habe auf berufliche Massnahmen abgezielt. Dem Beschwerdeführer könne nicht
entgegen seinem Willen eine Rente zugesprochen werden. Zudem habe er bis zu
seiner Kündigung in einem vollen Pensum weiter gearbeitet. Er könne folglich gar nicht
invalid sein.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 14 f.).

Erwägungen
1.
Eine versicherte Person hat laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG und dem Art. 36 Abs. 1 IVG
einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung, wenn sie beim Eintritt der
Invalidität während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet hat, wenn ihre
Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder
hergestellt, erhalten oder verbessert werden kann, wenn sie während eines Jahres
ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 Prozent invalid
gewesen ist und wenn sie nach dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent
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invalid ist. Für die Bemessung der Invalidität wird gemäss dem Art. 16 ATSG jenes
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre.
2.
2.1 Der Beschwerdeführer hat in seiner Anmeldung zum Leistungsbezug angegeben,
dass er schon seit Januar 2006 und damit schon knapp drei Jahre vor seiner Einreise in
die Schweiz an einer chronischen obstruktiven Lungenerkrankung gelitten habe. Das
wirft die Frage auf, ob er überhaupt die versicherungsmässigen Voraussetzungen für
die Zusprache einer Rente der Invalidenversicherung erfüllt hat. Der Art. 36 Abs. 1 IVG
knüpft allerdings nicht an den Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung, sondern an
den Eintritt der Invalidität an. Diese kann vorliegend frühestens im Januar 2015
eingetreten sein, denn davor hatte der Beschwerdeführer der Arbeit nicht
krankheitsbedingt fern bleiben müssen. In jenem Zeitpunkt hatte er aber bereits seit gut
sechs Jahren Arbeitnehmerbeiträge geleistet, weshalb die versicherungsmässigen
Voraussetzungen vorliegend offenkundig erfüllt sind.
2.2 Der behandelnde Pneumologe Dr. B._ hat überzeugend aufgezeigt, dass die
chronische obstruktive Lungenerkrankung die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
nur für jene Tätigkeiten einschränkt, die mit einer – auch nur geringsten – körperlichen
Anstrengung verbunden sind. Gestützt auf die glaubwürdigen Angaben des
Beschwerdeführers und dessen (früheren) direkten Vorgesetzten steht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der
Beschwerdeführer seine Tätigkeit nach einigen betrieblichen Umstellungen (v.a.
Erstellung von Fotos durch andere Mitarbeiter vor Ort) ohne jede körperliche
Anstrengung hat verrichten können. Das bedeutet, dass ihm seine angestammte
Tätigkeit grundsätzlich uneingeschränkt zumutbar gewesen ist. Allerdings hat es ihm
seine Erkrankung nahezu verunmöglicht, den Arbeitsweg zurückzulegen. Er hat seine
Arbeit also trotz der damals bereits erfolgten betrieblichen Umstellungen nach Januar
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2015 nicht mehr wie gewohnt verrichten können, da er nicht mehr mobil genug
gewesen ist, um den Weg vom Wohn- zum Arbeitsort zurückzulegen. Das bedeutet
aber nicht, dass er ab Januar 2015 arbeitsunfähig gewesen wäre, obwohl die Angaben
der ehemaligen Arbeitgeberin in deren Bericht vom August 2015 diesen Schluss
nahezulegen scheinen. Der Beschwerdeführer hat nämlich von zuhause aus weiter
gearbeitet, bis das Arbeitsverhältnis – per Ende Oktober 2016 – gekündigt worden ist,
wie die Unterlagen belegen, die er zusammen mit der Replik eingereicht hat: Eine
andere Arbeitnehmerin hat ihn im Februar 2015 mit einem Laptop und zwei Monitoren
versorgt, hat ihn anschliessend weiterhin als Bearbeiter von Aufträgen erfasst und hat
von ihm dann die Expertisen in Kopie erhalten (act. G 13.1.3). In den Monaten August
2015 bis und mit Juli 2016 hat der Beschwerdeführer wieder den vollen Lohn erhalten
(act. G 13.1.2 und G 13.1.5). Noch im September 2016 ist er aufgefordert worden, die
ihm zugeteilten Aufträge zu erledigen (act. G 13.1.6 f.). Offenbar hat er in den Monaten
Januar bis und mit September 2016 einen Umsatz von knapp 200’000 Franken
generiert (act. G 13.1.8). Gesamthaft steht deshalb mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer bis zur
Kündigung des Arbeitsverhältnisses von zuhause aus in einem vollen Pensum
weitergearbeitet hat. Das deckt sich mit der von Dr. B._ attestierten
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Zwar hat Prof. Dr. C._ davon abweichend eine
Arbeitsfähigkeit von lediglich noch 50 Prozent sowohl für die angestammte als auch für
eine leidensadaptierte Tätigkeit attestiert. Dieses Attest hat er aber nicht überzeugend
begründet, weshalb nicht darauf abgestellt werden kann. Gestützt auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. B._ und angesichts des Umstandes, dass der
Beschwerdeführer bis zur Kündigung des Arbeitsverhältnisses per Ende Oktober 2016
(abgesehen von kurzzeitigen Absenzen nach zwei Operationen) in einem vollen Pensum
gearbeitet hat, steht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer trotz der im Januar 2015
eingetretenen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes weiterhin
uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen ist. Daran hat sich mit der Auflösung des
Arbeitsverhältnisses nichts geändert, denn diese hat keine Invalidität, sondern eine –
invalidenversicherungsrechtlich irrelevante – Arbeitslosigkeit zur Folge gehabt. Der
Wechsel an eine andere Arbeitsstelle im selben Berufsfeld ist nämlich nicht aus
gesundheitlichen Gründen, sondern aufgrund des fortgeschrittenen Alters des
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Beschwerdeführers und des Konkurrenzverbotes im früheren Arbeitsvertrag
gescheitert. Diese Hinderungsgründe sind nur auf dem tatsächlichen Arbeitsmarkt
relevant gewesen, der aber – zur Vermeidung einer Vermengung von Invalidität und
Arbeitslosigkeit – invalidenversicherungsrechtlich nicht massgebend ist. Für die
Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens muss auf den
allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt abgestellt werden, der sich durch einen
breiten Fächer von verschiedenen Tätigkeiten und durch ein Gleichgewicht zwischen
der Nachfrage nach und dem Angebot an Arbeitskräften auszeichnet. Auf diesem
allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt spielen weder das Alter des
Beschwerdeführers noch das Konkurrenzverbot eine relevante Rolle. Damit steht fest,
dass der Beschwerdeführer im hier massgebenden Zeitraum hinsichtlich seiner
angestammten Tätigkeit uneingeschränkt arbeitsfähig gewesen ist, weshalb er keinen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben kann.
2.3 Bei diesem Ergebnis muss die Frage, ob der Beschwerdeführer auf die Rente der
Invalidenversicherung hätte verzichten können (vgl. Art. 23 ATSG), nicht beantwortet
werden. Der von der Beschwerdegegnerin im Verwaltungsverfahren geäusserte
Verdacht, der Beschwerdeführer wolle durch einen Verzicht auf die Invalidenrente seine
Taggeldleistungen in der Arbeitslosenversicherung „optimieren“, ist offensichtlich
haltlos, denn der Beschwerdeführer hat gar keinen Anspruch auf eine Invalidenrente.
Die angefochtene Verfügung vom 25. Januar 2017 erweist sich als rechtswidrig,
weshalb sie in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben ist.
3.
Die Gerichtskosten von Fr. 600.-- sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wird der von ihm geleistete Kostenvorschuss von
Fr. 600.-- zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine
Parteientschädigung auszurichten. Der für deren Höhe massgebende erforderliche
Vertretungsaufwand ist als deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren, da der
Aktenumfang äusserst gering ist, da deshalb nur ein minimaler Aufwand für das
Aktenstudium notwendig gewesen ist und da der Rechtsvertreter nur die Replik
verfasst hat. Die Parteientschädigung wird auf Fr. 1'500.-- (einschliesslich Barauslagen
und Mehrwertsteuer) festgesetzt.
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