Decision ID: 11ecd223-4ed5-539d-ba84-1f26e9e282bf
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die
Y._
AG mit Sitz in
Z._
war der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, Ausgleichskasse, als beitragspflichtige Arbeitgeberin ange
schlossen und rechnete mit ihr die paritätischen und FAK-Beiträge ab (vgl. Urk. 6/203-204). Mit Urteil vom 7. Juli 2011 (vgl. Urk. 14) löste das Handelsge
richt des Kantons Zürich die Gesellschaft auf und ordnete ihre Liquidation nach den Vorschriften über den Konkurs gemäss Art. 731b Abs. 1 Ziff. 3 des
Obliga
tionenrechts
(OR) an (Mängel in der Organisation der Gesellschaft). Die
Aus
gleichskasse
meldete im Konkursverfahren am 20. Januar 2012 eine Forderung für geschuldete Beiträge von Fr. 70'221.50 zur Kollokation an (Urk. 6/164). Am 23. März 2012 wurden der Kollokationsplan und das Inventar zur Einsicht auf
gelegt (Urk. 6/174). Am 29. März 2012 teilte das Konku
r
samt
A._
der
Aus
gleichskasse
mit, dass sie im Konkurs der
Y._
AG vermutlich voll zu Schaden kommen werde (Urk. 6/176). Am 16. Oktober 2012 stellte das Kon
kursamt der Ausgleichskasse diverse Verlustausweise aus (Urk. 6/181).
1.2
Mit Verfügung vom 12. April 2013 (Urk. 6/184) verpflichtete die
Ausgleichs
kasse
X._
, den ehemaligen
Verwaltungsrat
der
Konkursitin
, zur Bezahlung von Schadenersatz für entgangene Beiträge in der Höhe von Fr. 72'150.80, und zwar in solidarischer Haftung mit
B._
. Die dagegen von
X._
erhobene Einsprache (Urk. 6/186) hiess die Ausgleichskasse mit Entscheid vom 30. Juni 2014 (Urk. 2 = Urk. 6/198) teilweise gut und redu
zierte die geforderte Schadenersatzsumme auf Fr. 68'554.05.
Die Einsprache des verfügungsweise solidarisch mitverpflichteten
B._
akzeptierte die Ausgleichskasse mit der Begründung, dass er aufgrund seiner Stellung innerhalb der
Y._
AG
beziehungsweise
mangelnder
Organ
eigenschaft
nicht ins Recht gefasst werden könne, hob die gegen ihn gerichtete Schadenersatzverfügung auf und schrieb das
Einspracheverfahren
mit Entscheid vom 30. Juni 2014 (Urk. 16/1) als gegenstandslos geworden ab (vgl. auch Urk. 16/2).
2.
Mit Eingabe vom 28. Juli 2014 (Urk. 1) erhob
X._
Beschwerde gegen den ihn betreffenden
Einspracheentscheid
vom 30. Juni 2014 (Urk. 2) mit dem sinngemässen Antrag, es sei der angefochtene
Einspracheentscheid
aufzuheben. Die Ausgleichskasse beantragte in ihrer Beschwerdeantwort vom 19. August 2014 (Urk. 5), es sei die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die Schaden
ersatzforderung auf Fr. 58'158.05 zu reduzieren.
Replicando
führte
X._
aus,
dass die Schadenersatzforderung der Ausgleichskasse auf Fr. 40'000.--
zu reduzieren sei.
Duplicando
hielt die Ausgleichskasse an ihrem Antrag fest (Urk. 12), wovon
X._
am 5. November 2014 Kenntnis gegeben wurde. Von Amtes wegen wurde
n
ein Handelsregisterauszug
(
Urk.
14) und der
Ein
spracheentscheid
vom 3
0.
Juni 2014 sowie eine diesbezügliche Aktennotiz (
Urk.
16/1-2) beigezogen.
Auf die Ausführungen der Parteien ist, soweit für die
Entscheidfindung
erfor
der
lich, in den Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach
Art.
52
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenver
sicherung
(AHVG) hat ein Arbeitgeber, der durch absichtliche oder
grobfahrläs
sige
Missachtung von Vorschriften einen Schaden verschuldet, diesen der
Aus
gleichskasse
zu ersetzen. Ist der Arbeitgeber eine juristische Person, so können subsidiär gegebenenfalls die verantwortlichen Organe in Anspruch genommen werden (BGE 123 V 12 E. 5b; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.5). Haben mehrere Arbeitgeber oder mehrere Organe einer juristischen Person einen Schaden ver
ursacht, haften sie solidarisch (BGE 114 V 213 E. 3 mit Hinweisen).
1.2
1.2.1
Der Schaden gilt als eingetreten, sobald anzunehmen ist, dass die geschuldeten Beiträge aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht mehr erhoben wer
den können (BGE 126 V 443 E. 3a, 121 III 382 E. 3bb, 388 E. 3a, je mit Hin
weisen). Dies trifft dann zu, wenn die Beiträge im Sinne von Art. 16 Abs. 1 AHVG verwirkt sind (vgl. beispielsweise BGE 112 V 156, 98 V 26) oder wenn ihre Entrichtung wegen Zahlungsunfähigkeit des beitrags
pflichtigen Arbeitge
bers nicht mehr möglich ist (vgl. beispielsweise BGE 121 V 234, 240). Im ersten Fall gilt der Schaden als eingetreten, sobald die Beiträge verwirkt sind (BGE 123 V 12 E. 5b, 170 E. 2a, 112 V 156 E. 2, 108 V 189 E. 2d, je mit Hinweisen). Im zweiten Fall gilt der Scha
denseintritt als erfolgt, sobald die Beiträge wegen der Zahlungsunfähigkeit des Arbeitgebers nicht mehr im ordent
lichen Verfahren nach Art. 14 ff. AHVG erhoben werden kön
nen (BGE 123 V 12 E. 5b, 170 E. 2a, 121 III 382 E. 3bb, 113 V 256, 112 V 156 E. 2).
1.2.2
Der Schadenersatzanspruch verjährt zwei Jahre, nachdem die zuständige
Aus
gleichskasse
vom Schaden Kenntnis erhalten hat, jedenfalls fünf Jahre nach
Eintritt des Schadens. Diese Fristen können unterbrochen werden. Der Arbeit
geber kann auf die Einrede der Verjährung verzichten (
Art.
52
Abs.
3 AHVG; vgl. auch BGE 131 V 4 oben).
1.2.3
Im Falle eines Konkurses oder Nachlassvertrages mit Vermögensabtretung hat die Kasse nicht notwendigerweise erst Kenntnis des Schadens im Sinne von
Art.
52
Abs.
3 AHVG, wenn sie in die Verteilungsliste und Schlussrechnung des Konkursamtes oder Liquidators Einsicht nehmen kann oder einen Verlustschein erhält; denn wer im Rahmen solcher Verfahren einen Verlust erleidet und auf Ersatz klagen will, hat praxisgemäss in der Regel bereits dann ausreichende Kenntnis des Schadens, wenn die Kollokation der Forderungen eröffnet bezie
hungsweise der Kollokationsplan (und das Inventar) zur Einsicht aufgelegt wird. In diesem Zeitpunkt ist oder wäre der Gläubiger im Allgemeinen in der Lage, den Stand der Aktiven, die Kollokation seiner Forderung und die voraussicht
liche Dividende zu kennen (BGE 126 V 443 E. 3a, 119 V 89 E. 3, je mit Hin
weisen).
1.2.4
Die
Y._
AG
wurde - wie bereits erwähnt - mit Urteil des
Handelsgerichts
des Kantons Zürich vom 7. Juli 2011 aufgelöst (Urk. 14). Im nachfolgenden Konkursverfahren wurden am 23. März 2012 der Kollokationsplan und das Inventar zur Einsicht aufgelegt (Urk. 6/174). Am 29. März 2012 teilte das Kon
ku
r
samt
A._
der Ausgleichskasse mit, dass sie im Konkurs der
Y._
AG vermutlich voll zu Schaden kommen werde (Urk. 6/176). Damit wurde die zweijährige Verjährungsfrist von Art. 52 Abs. 3 AHVG ausgelöst. Mit dem Erlass der Schadenersatzverfügung vom 12. April 2013 (Urk. 6/184) wahrte die Beschwerdegegnerin diese Frist. Die streitgegenständliche Forderung ist somit nicht verjährt.
2.
2.1
Voraussetzung für eine Haftung nach
Art.
52 AHVG ist zunächst das Vorliegen eines Schadens. Dieser besteht darin, dass der AHV ein ihr gesetzlich geschul
deter Beitrag entgeht. Die Höhe des Schadens entspricht dabei dem Betrag, dessen die Kasse verlustig geht (Thomas Nussbaumer, Die Ausgleichskasse als Partei im Schadenersatzprozess nach Artikel 52 AHVG, ZAK 1991 S. 383 ff. und 433 ff.). Verwaltungs- und Betreibungskosten, Veranlagungs- und Mahn
ge
bühren sowie die Verzugszinsen bilden Bestandteil des Schadens, welcher der Ausgleichskasse zu ersetzen ist (BGE 121 III 382 E. 3bb; vgl. auch BGE 109 V 95 oben, 108 V 189 E. 5). Im Hinblick auf die in
Art.
14
Abs.
1 AHVG normierte Beitrags- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers gehören auch die
Arbeit
geberbeiträge
zum massgeblichen Schaden (BGE 98 V 26 E. 5).
2.2
2.2.1
Die Beschwerdegegnerin stützte ihre Forderung gegenüber dem Beschwerdefüh
rer im Wesentlichen auf die Jahresabrechnungen der
Y._
AG für die Jahre 2009 (Urk. 6/23) und 2010 (Urk. 6/146), die vom Revisor der
Ausgleichs
kasse
geprüft beziehungsweise erstellt wurden (Revisionsbericht vom 3. Januar 2012 [Urk. 6/150/1-2]). Im Weiteren liegen die Beitragsübersicht vom 13. August 2014 (Urk. 6/203) und der Kontoauszug desselben Datums (
Urk.
6/204) sowie zahlreiche Mahnungen (vgl. etwa Urk. 6/6, 6/33-36, 6/40-41, 6/44-45, 6/47-50 und 6/53), Betreibungsbegehren (vgl. etwa Urk. 6/51, 6/54 und 6/76-77)
,
Zahlungsbefehle (vgl. etwa Urk. 6/57, 6/59, 6/62, 6/64, 6/66, 6/68)
und Verlustausweise (vgl.
Urk.
6/181)
bei den Akten.
Aus den Jahresabrechnungen für die Jahre 2009 und 2010 (Urk. 6/23 und 6/146) sowie aus dem Revisionsbericht vom 3. Januar 2012 (Urk. 6/150/1-2)
, auf den abzustellen ist,
ist ersichtlich, dass die
Y._
AG im genannten Zeitraum Lohnzahlungen von insgesamt Fr. 694'471.15 (= Fr. 405'671.15 + Fr. 287'800.--)
tätigte
. Dabei ist
anzumerken
, dass die effektiv ausgerichteten Lohnsummen durchaus noch höher gewesen sein könnten, wurde der Beschwer
deführer
doch
- nach erfolgter Anzeige des Amtes für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich (Urk. 6/141/1; vgl. auch Urk. 6/42) mit Strafbefehl der Staats
anwaltschaft
C._
vom 28. Februar 2011 (Urk. 6/141/2-5) we
gen mehrfachen vorsätzlichen Beschäftigens eines
Ausländers
ohne Bewilligung bestraft.
Der von der Beschwerdegegnerin ermittelte Ausstand resultiert aus der Gegen
überstellung der gemäss Kontoauszug und Beitragspflicht geschuldeten Sozial
versicherungsbeiträge zuzüglich Nebenkosten und der von der
Y._
AG geleisteten Zahlungen (Urk. 6/203-204). Danach best
and
ein Saldo von Fr. 72'150.80 zu Gunsten der Beschwerdegegnerin.
2.2.2
Im angefochtenen
Einspracheentscheid
reduzierte die Beschwerdegegnerin den vom Beschwerdeführer geforderten Schadenersatz auf Fr. 68'554.05 (Urk. 2 S. 2). Dabei berücksichtigte sie, dass der Beschwerdeführer led
iglich bis zum 3.
August 2010 Verwaltungsrat der
Y._
AG war, weshalb sie ihn lediglich für die Beiträge für das Jahr 2009 sowie teilweise für das Jahr 2010 (bis Juni 2010) ins Recht fasste.
Im vorliegenden Prozess reduzierte die Beschwerdegegnerin ihre Forderung wei
ter auf Fr. 58'158.05 (Urk. 5 S. 2). Sie stellte dabei auf die in der Beschwerde
schrift erhobene
(allerdings nicht weiter belegte)
Behauptung des Beschwerde
führers ab, wonach die Lohnsumme 2010 maximal Fr. 210'000.-- betragen habe (vgl. Urk. 1). An der Lohnsumme für das Jahr 2009 hielt sie dem
gegenüber fest.
2.2.3
Der Beschwerdeführer stellte sich in
masslicher
Hinsicht auf den Standpunkt, dass die Lohnsummen im Jahr 2009 maximal Fr. 300'000.-- und im Jahr 2010
wie besagt
maximal Fr. 210'000.-- betragen habe (Urk. 1).
2.3
Die Jahresabrechnung 2009 (Urk. 6/23) wurde von der
Y._
AG selbst erstellt. Es ist kein Grund ersichtlich, weshalb von dieser eigenen Meldung, die - wie ausgeführt - vom Revisor überprüft wurde (zu Gunsten des Beschwerde
führers) abgewichen werden sollte (zu
r Anmerkung, wonach die effektiv ausge
richteten
Lohnsummen
noch höher gewesen sein könnten
vgl. oben E. 2.
2.
1
so
wie
die Akten der Kantonspolizei Zürich
[Urk. 6/42]). Für das Jahr 2010 redu
zierte die Beschwerdegegnerin - wie ausgeführt - die mutmassliche Lohnsumme
mit Blick auf die Angaben des Beschwerdeführer
auf Fr. 210'000.
, welche Schätzung
a
ngesichts der Umstände (Nichtmeldung der Lohnsumme 2010; Be
schäftigung von Schwarzarbeitern und nicht auffindbare beziehungsweise nicht existente Lohnbuchhaltung)
jedenfalls nicht zu hoch ausgefallen ist.
Die eigentliche Berechnung der auf dieser Basis
geschuldeten
Beiträge bezie
hungsweise die entsprechende Schadensberechnung wurde
n
vom Beschwerde
führer zu Recht nicht in Zweifel gezogen. Sie erweist sich als korrekt und ist aufgrund der Akten ausgewiesen. Mangels offenkundiger Berechnungsfehler ist somit die (in der Beschwerdeantwort zu Gunsten des Beschwerdeführers) ange
passte Schadensberechnung der Ausgleichskasse von Fr. 58'158.05 (vgl. Urk. 5 S. 2) zu bestätigen.
3.
3.1
Art.
14
Abs.
1 AHVG und
die
Art.
34 ff.
der Verordnung über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung
(AHVV)
schreiben vor, dass der Arbeitgeber bei je
der Lohnzahlung die Arbeitnehmerbeiträge in Abzug zu bringen und zusammen mit den Arbeitgeberbeiträgen der Ausgleichskasse zu entrichten hat. Die Arbeit
geber haben den Ausgleichskassen periodisch Abrechnungsunterlagen über die von ihnen an ihre Arbeitnehmer ausbezahlten Löhne zuzustellen, damit die entsprechenden paritätischen Beiträge ermittelt und verfügt werden können. Die Beitragszahlungs- und Abrechnungspflicht des Arbeitgebers ist eine gesetzlich vorgeschriebene
öffentlichrechtliche
Aufgabe. Die Nichterfüllung dieser
öffent
lichrechtlichen
Aufgabe bedeutet eine Missachtung von Vorschriften im Sinne von
Art.
52
Abs.
1 AHVG und zieht die volle Schadendeckung nach sich (BGE 118 V 193 E. 2a; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6).
3.2
Aus den Akten ist ersichtlich, dass die
Y._
AG - ganz abgesehen davon, dass sie auch Schwarzarbeiter beschäftigte - den ihr als Arbeitgeberin obliegen
den
Zahlungsverpflichtungen in den Jahren 2009 und 2010 nur unvollständig nachkam. Die Beschwerdegegnerin sah sich deshalb gezwungen, die Gesell
schaft wiederholt zu mahnen und zahlreiche Schuldbetreibungsverfahren ein
zuleiten (vgl. dazu E. 2.2.1). Schliesslich blieben geschuldete Sozialversiche
rungsbeiträge (inklusive Nebenkosten) in der Höhe von Fr. 72'150.80 unbezahlt, wovon vorliegend Fr. 58'158.05 relevant sind (vgl. E. 2.2 und 2.3). Es bedarf keiner weiteren Ausführungen, dass die
Y._
AG Vorschriften im Sinne von Art. 52 Abs. 1 AHVG verletzt hat, weshalb der von ihr verursachte Schaden grundsätzlich voll zu decken ist.
Zu prüfen bleibt, inwieweit diese Missachtung
öffentlichrechtlicher
Arbeitgeber
pflichten
auf grobfahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten des Beschwerdefüh
rers zurückzuführen ist.
4.
4.1
Die wesentliche Voraussetzung für die Schadenersatzpflicht besteht nach dem Wortlaut des
Art.
52 AHVG darin, dass der Arbeitgeber absichtlich oder
grob
fahrlässig
Vorschriften verletzt hat und dass durch diese Missachtung ein Scha
den verursacht worden ist (BGE 108 V 183 E. 1a). Absicht beziehungsweise Vorsatz und Fahrlässigkeit sind verschiedene Formen des Verschuldens.
Art.
52 AHVG statuiert demnach eine Verschuldenshaftung, und zwar handelt es sich um eine Verschuldenshaftung aus öffentlichem Recht. Die Schadenersatzpflicht ist im konkreten Fall nur dann begründet, wenn nicht Umstände gegeben sind, welche das fehlerhafte Verhalten des Arbeitgebers als gerechtfertigt erscheinen lassen oder sein Verschulden im Sinne von Absicht oder grober Fahrlässigkeit ausschliessen. In diesem Sinne ist es denkbar, dass ein Arbeitgeber zwar in vorsätzlicher Missachtung der AHV-Vorschriften der Ausgleichskasse einen Schaden zufügt, aber trotzdem nicht schadenersatzpflichtig wird, wenn beson
dere Umstände die Nichtbefolgung der einschlägigen Vorschriften als erlaubt oder nicht schuldhaft erscheinen lassen (BGE 108 V 183 E. 1b; ZAK 1985 S. 576 E. 2 und S. 619 E. 3a).
4.2
4.2.1
Grobe Fahrlässigkeit liegt praxisgemäss vor, wenn ein Arbeitgeber das ausser Acht lässt, was jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter glei
chen Umständen als beachtlich hätte einleuchten müssen. Das Mass der zu ver
langenden Sorgfalt ist abzustufen entsprechend der Sorgfaltspflicht, die in den
kaufmännischen Belangen jener Arbeitgeberkategorie, welcher die betreffende Person angehört, üblicherweise erwartet werden kann und muss. Dabei sind an die Sorgfaltspflicht einer Aktiengesellschaft hinsichtlich der Einhaltung gesetz
licher Vorschriften grundsätzlich strenge Anforderungen zu stellen. Ähnlich ist zu differenzieren, wenn es darum geht, die subsidiäre Haftung der Organe eines Arbeitgebers zu ermitteln (BGE 108 V 199 E. 3a S. 202; ZAK 1985 S. 51 E. 2a, 620 E. 3b; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.6 S. 529).
4.2.2
Nicht jedes einem
Unternehmen als
solchem anzulastende Ver
schulden muss auch ein solches seiner sämtlichen Organe sein. Vielmehr hat man abzuwägen, ob und inwieweit eine Handlung der Firma einem bestimmten Organ im Hin
blick auf dessen rechtliche und faktische Stellung innerhalb des Unternehmens zuzurechnen ist. Ob ein Organ schuldhaft gehandelt hat, hängt demnach ent
scheidend von der Verantwortung und den Kompetenzen ab, die ihm von der juristischen Person übertragen wurden (BGE 108 V 199 E. 3a S. 202; ZAK 1985 S. 620 E. 3b; vgl. BGE 132 III 523 E. 4.5 S. 528). Gehören dem Verwaltungsrat mehrere Personen an, so ist für jede von ihnen einzeln zu prüfen, ob sie am Schaden der Ausgleichskasse ein Verschulden trifft. Obliegt die Ge
schäftsfüh
rung einem Mitglied des Verwaltungsrats, so han
deln weitere Mitglieder schuldhaft, wenn sie die nach den Umständen gebotene Aufsicht nicht ausüben. Setzt sich der Verwaltungsrat aus nur zwei Mitgliedern zusammen, so beurteilen sich die Anforderungen an die gegenseitige Kontrolle nach einem strengen Mass
stab (in BGE 119 V 86 nicht publizierte E. 2c des Urteils des Bundesge
richts H 94/91 vom
4.
März 1993, nicht veröffentliche Urteile H 171/87 vom
7.
Dezember 1987 und H 25/87 vom
4.
August 1987).
5.
5.1
Der Beschwerdeführer brachte zu seiner Entlast
ung im Wesentlichen vor, dass er
sich sehr wohl darum bemüht habe, die ausstehenden Beiträge zu bezahlen. Die
Y._
AG habe aber nicht über die dazu notwendigen liquiden Mittel ver
fügt. Aufgrund einer abrupten Kontosperrung bei
D._
im Dezember 2009 seien 90 % des Umsatzes weggefallen. Die Suche nach Investoren sei ergebnis
los verlaufen. Es sei auch nicht zutreffend, dass er Schwarzarbeiter beschäftigt habe (Urk. 1 und 9).
5.2
Vorweg ist festzuhalten, dass im vorliegenden Prozess nicht zu untersuchen ist, ob die Liquidation der
Y._
AG allenfalls hätte vermieden werden können oder ob am vorliegenden Verfahren nicht beteiligten Drittpersonen diesbezüg
lich irgendein Schuldvorwurf gemacht werden könnte. Es ist insbesondere nicht zu prüfen, ob die vom Beschwerdeführer genannte Kontensperre bei
D._
rechtens
war oder nicht.
V
ielmehr
ist einzig zu entscheiden
, ob die
Y._
AG die ihr als Arbeitgeberin obliegenden Pflichten verletzt hat und ob gegebe
nenfalls ein qualifiziertes Verschulden des Beschwerdeführers zu bejahen ist.
5.3
5.3.1
Der Beschwerdeführer war vom 30. September 2008 bis 3. August 2010
einzel
zeichnungsberechtigter
Verwaltungsrat
der
Y._
AG (Urk. 14)
.
Bei der
Y._
AG handelte es sich um ein kleines Unternehmen mit nur weni
gen (legal beschäftigten) Angestellten (vgl. Urk. 6/23, 6/146 und 6/150/1-2). Bei derart leicht überschaubaren Verhältnissen muss von jedem Verwaltungsrat einer Aktiengesellschaft verlangt werden, dass er den Überblick über alle wesent
lichen Belange des Unternehmens hat.
Der Beschwerdeführer muss sich demnach den Vorhalt gefallen lassen, dass die
Y._
AG der Beschwerdegegnerin vorliegend relevante Sozialversiche
rungsbeiträge (inklusive Nebenkosten) von Fr. 58'158.05 schuldig blieb (vgl. E. 2.3), im Jahr 2009 aber Lohnzahlungen von Fr. 405'671.15 (Urk. 6/23) und bis Mitte 2010 Lohnzahlungen von rund Fr. 210'000.-- (geschätzt
mit Blick auf
Angaben des Beschwerdeführers [vgl. oben E. 2.3 und insbesondere Urk. 1
]
) ausrichtete. Mit anderen Worten wurde den Lohnzahlungen Priorität vor der Beitragsentrichtung eingeräumt. Wie aus der Jahresabrechnung 200
9 ersichtlich ist, räumte die
Y._
AG insbesondere auch den Lohnzahlungen an den Beschwerdeführer selbst Priorität ein (vgl. Urk. 6/23). Indem der Beschwerde
führer nicht gegen diese Praxis der
Y._
AG einschri
tt beziehungsweise selbst diese
Vorgehensweise wählte, verletzte er seine
öffentlichrechtlichen
Pflichten
als Verwaltungsrat
einer
Aktiengesellschaft.
Er hätte nämlich dafür sorgen müssen, dass di
e
Y._
AG
nur Löhne ausrichtet, für die die Gesell
schaft auch die entsprech
enden Sozialversicherungsbeiträge zu leisten imstande ist (für viele etwa:
Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherung
sgerichts H 26/06 vom 10. April
2006 E. 4.3 mit Hinweis
).
5.3.2
Soweit der Beschwerdeführer in Abrede stellte, dass er beziehungsweise die
Y._
AG Schwarzarbeiter beschäftigt habe, ist ihm entgegenzuhalten, dass
seine Bestreitung aktenwidrig ist. Der Beschwerdeführer wurde - wie ausgeführt -
mit Strafbefehl de
r Staatsanwaltschaft
C._
vom 28. Februar 2011 (Urk. 6/141/2-5) wegen des mehrfachen vorsätzlichen Beschäftigens eines Ausländers ohne Bewilligung bestraft. D
i
ese strafrechtliche Verurteilung
ist
im vorliegenden K
ontext nicht streitentscheidend
; der ihr zugrunde liegende Sach
verhalt mag allerdings erklären, weshalb die Buchhaltungsunterlagen der
Y._
AG derart unergiebig sind.
Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe liegen jedenfalls nach dem Gesag
ten nicht vor.
6.
Unter den gegebenen Umständen ist das Verhalten beziehungsweise die Passivi
tät des Beschwerdeführers ohne
Weiteres
auch als adäquat kausal (BGE 119 V 406 E. 4a) für den bei der Beschwerdegegnerin eingetretenen, vorliegend rele
vanten Schaden von Fr. 58'158.05 (vgl. E. 2.3).
Demzufolge ist der Beschwerdeführer in teilweiser Gutheissung der Beschwerde zu verpflichten, der Beschwerdegegnerin Schadenersatz in der Höhe von Fr. 58'158.05 zu bezahlen.