Decision ID: c0392b42-9c69-5902-87a9-76ff295765d4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin reichte am 16. Juni 2021 in der Schweiz ein Asyl-
gesuch ein. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank
(Zentraleinheit Eurodac) vom 18. Juni 2021 ergab, dass sie am 31. Mai
2021 in Italien registriert worden war. Am 21. Juni 2021 nahm das SEM ihre
Personalien auf und sie bevollmächtigte die ihr zugewiesene Rechtsvertre-
tung.
B.
Am 25. Juni 2021 fand im Beisein der Rechtsvertretung das Dublin-Ge-
spräch statt (Protokoll in den SEM-Akten 1099708 [nachfolgend: A] A16).
Dabei brachte sie vor, sie sei in B._ auf ein Schiff gestiegen. Italie-
nische Polizisten hätten sie nach einem Schiffbruch an Land und später in
ein Lager gebracht. Dort sei die Verpflegung und die medizinische Versor-
gung katastrophal gewesen. Insgesamt seien ungefähr 200 Personen in
diesem Lager gewesen; doch sie habe in den drei oder vier Zelten (mit je
etwa 50 bis 60 Personen) keinen Platz gehabt und habe draussen schlafen
müssen. In das sehr einseitige Essen sei ihr Schlafmittel gemischt worden
und sie habe keine Kleider bekommen. Insgesamt sei sie ungefähr sechs
Tage in Italien gewesen.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zur mutmasslichen Zuständigkeit von
Italien für das Asyl- und Wegweisungsverfahren führte sie aus, sie würde
keinesfalls wieder dorthin zurückkehren. Sie habe auch nie vorgehabt, dort
um Schutz nachzusuchen. Die italienischen Polizisten hätten die Frauen
im Lager sehr schlecht und respektlos behandelt, so habe sie zwei Tage
kein Wasser bekommen. Die wenigen sanitären Anlagen, die beiden Ge-
schlechtern gleichermassen zur Verfügung gestanden hätten, seien so
schmutzig gewesen, dass Frauen es nicht gewagt hätten, diese zu benut-
zen. Ferner sei Italien seinen Schutzpflichten betreffend Corona nicht
nachgekommen; es habe keine Masken, kein Desinfektionsmittel und
keine Seife gegeben. Weiter sei sie, weil sie weder eine Matratze noch eine
Decke erhalten habe, erkältet gewesen. Doch Medikamente habe sie nicht
erhalten. In Mailand habe sie sodann ein Polizist beinahe geschlagen.
Heute gehe es ihr gesundheitlich ausgezeichnet, nur habe sie aufgrund
einer Entzündung Zahnschmerzen; sie sei jedoch schon medizinisch ver-
sorgt worden sei.
E-4238/2021
Seite 3
Die Beschwerdeführerin reichte je eine Kopie von zwei Seiten ihres irani-
schen Reisepasses (gültig bis zum [...] 2022), ihrer Identitätskarte und ih-
res Führerscheins zu den Akten.
C.
Am 28. Juni 2021 ersuchte das SEM die italienischen Behörden gestützt
auf die Eurodac-Daten um Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss
Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO).
D.
Ein am 19. Juli 2021 erstellter Arztbericht diagnostizierte einen «tief kariö-
sen Zahn», eine Behandlung sei nicht erfolgt, weil die Beschwerdeführerin
der kostengedeckten Behandlung nicht zugestimmt habe (A23).
E.
Am 30. August 2021 richtete das SEM ein Verfristungsschreiben an die ita-
lienischen Behörden und machte diese darauf aufmerksam, dass am Tag
zuvor die Frist für die Antwort auf das Aufnahmegesuch (Art. 22 Abs. 1 und
Abs. 7 Dublin-III-VO) abgelaufen sei.
F.
Mit Verfügung vom 15. September 2021 – zwei Tage später eröffnet – trat
die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, ordnete ihre Weg-
weisung aus der Schweiz nach Italien an und forderte sie auf, die Schweiz
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauf-
tragte sie die zuständige kantonale Behörde mit dem Vollzug der Wegwei-
sung und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid
komme keine aufschiebende Wirkung zu. Ferner wurden die editionspflich-
tigen Akten gemäss Aktenverzeichnis der Beschwerdeführerin zugestellt.
G.
Mit Beschwerde vom 23. September 2021 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragt die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsvertretung, die
Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylge-
such einzutreten. Eventualiter sei nach Aufhebung der Verfügung die Sa-
E-4238/2021
Seite 4
che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu er-
teilen und im Sinne einer superprovisorischen vorsorglichen Massnahme
sei von einer Überstellung der Beschwerdeführerin abzusehen, bis das Ge-
richt über die aufschiebende Wirkung entschieden habe. Ferner sei die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses zu verzichten.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, dass das SEM im
Rahmen seiner Prüfung, ob humanitäre Gründe (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-
VO) vorliegen würden, sein diesbezügliches Ermessen unterschritten
habe. So habe es die Situation, in welche die Beschwerdeführerin zurück-
kehren müsste, nicht hinreichend gewürdigt. Asylsuchende, die gestützt
auf die Dublin-III-VO nach Italien zurückkehren müssten, würden – wenn
überhaupt – in äusserst prekären Einrichtungen untergebracht, die regel-
mässig überfüllt seien. Das Personal sei aufgrund von Kostenreduktionen
drastisch abgebaut worden. Verletzliche seien in Gefahr, sexuell ausge-
beutet zu werden. Die Gesundheitsversorgung sei – ob die Beschwerde-
führerin nun in einer solchen Einrichtung oder auf der Strasse leben müsse
– nicht sichergestellt. Weil die Würde des Menschen unantastbar sei, sei
von einer Überstellung der Beschwerdeführerin abzusehen.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
24. September 2021 vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).
I.
Am gleichen Tag setzte die zuständige Instruktionsrichterin den Vollzug der
Überstellung der Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort
einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
E-4238/2021
Seite 5
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, wes-
halb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 2 AsylG).
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5
E. 3.1 und 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
E-4238/2021
Seite 6
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft die Vorinstanz die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-
VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat
für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt sie, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (take charge) – wie
vorliegend – sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kri-
terien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu-
ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es
ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem die antragstellende Person erst-
mals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7
Abs. 2 Dublin-III-VO; vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1
m.w.H.).
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist zu prüfen, ob aufgrund
dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann kein anderer zuständiger Mitgliedstaat bestimmt werden, wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat zum zuständigen Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen gestellten
Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht). Diese Be-
stimmung ist nicht unmittelbar anwendbar, sondern kann nur in Verbindung
mit einer anderen Norm des nationalen oder internationalen Rechts ange-
rufen werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 5).
Droht ein Verstoss gegen übergeordnetes Recht, zum Beispiel gegen eine
Norm des Völkerrechts, so besteht ein einklagbarer Anspruch auf Aus-
übung des Selbsteintrittsrechts (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2). Die Schweiz
E-4238/2021
Seite 7
ist demnach zum Selbsteintritt verpflichtet, wenn eine Verletzung des Non-
Refoulement-Gebots nach Art. 33 FK (SR 0.142.30), Art. 3 EMRK, Art. 7
des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (UNO-
Pakt II, SR 0.103.2) oder Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
genden Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) droht.
Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO wird im schweizerischen Recht durch Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen (AsylV 1
[SR 142.311]) umgesetzt und konkretisiert. Wie das Bundesverwaltungs-
gericht in BVGE 2015/9 festhielt, verfügt das SEM bezüglich der Anwen-
dung der Souveränitätsklausel aus humanitären Gründen gestützt auf
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessenspielraum, der es ihm erlaubt,
zu ermitteln, ob humanitäre Gründe vorliegen, welche einen Selbsteintritt
der Schweiz rechtfertigen. Aufgrund der Kognitionsbeschränkung des Bun-
desverwaltungsgerichts infolge der Aufhebung von Art. 106 Abs. 1 Bst. c
AsylG muss dieses den genannten Ermessenspielraum der Vorinstanz res-
pektieren. Indes kann das Gericht nach wie vor überprüfen, ob das SEM
sein Ermessen gesetzeskonform ausgeübt hat. Dies ist nur dann der Fall,
wenn das SEM  bei von der gesuchstellenden Person geltend gemachten
Umständen, die eine Überstellung aufgrund ihrer individuellen Situation
oder der Verhältnisse im zuständigen Staat problematisch erscheinen las-
sen  in nachvollziehbarer Weise prüft, ob es angezeigt ist, die Souveräni-
tätsklausel aus humanitären Gründen auszuüben. Dazu muss die Vorin-
stanz in ihrer Verfügung wiedergeben, aus welchen Gründen sie auf einen
Selbsteintritt aus humanitären Gründen verzichtet. Tut sie dies nicht, liegt
eine Ermessensunterschreitung vor (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 und 8).
5.
5.1 Die italienischen Behörden haben den vorinstanzlichen Antrag vom
28. Juni 2021 auf Übernahme der Beschwerdeführerin (Art. 13 Abs. 1 Dub-
lin-III-VO) in der dafür vorgesehenen Frist von zwei Monaten (Art. 22 Abs. 1
Dublin-III-VO) nicht beantwortet. Somit ist davon auszugehen, dass dem
Aufnahmegesuch durch die italienischen Behörden stillschweigend statt-
gegeben wurde, was die Verpflichtung nach sich zieht, die Beschwerdefüh-
rerin aufzunehmen und angemessene Vorkehrungen für ihre Ankunft in Ita-
lien zu treffen (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Zuständig-
keit Italiens für das Asyl- und Wegweisungsverfahren der Beschwerdefüh-
rerin steht somit fest und wird in der Beschwerde auch nicht weiter bestrit-
ten. Soweit sie geltend macht, Italien sei nie ihr Ziel gewesen, hat das SEM
zu Recht festgestellt, die Dublin-III-VO räume Schutzsuchenden kein
E-4238/2021
Seite 8
Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl.
BVGE 2010/45 E. 8.3)
5.2
5.2.1 Italien ist Signatarstaat der EMRK, der FoK, der FK sowie des Zu-
satzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301), hat diese Ab-
kommen ratifiziert und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen
Verpflichtungen nach. Ausserdem ist davon auszugehen, Italien anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (Aufnahme-
richtlinie) ergeben.
5.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung
davon aus, dass das italienische Asylsystem – trotz punktueller Schwach-
stellen – keine systemischen Mängel im Sinn von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz
Dublin-III-VO aufweist (vgl. Referenzurteile BVGer D-2846/2020 vom
16. Juli 2020 E. 6.1.2 und E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3; Ur-
teil BVGer F-3769/2021 vom 2. September 2021 E. 5.2). Für eine Ände-
rung der Rechtsprechung besteht auch in Würdigung der Äusserungen der
Beschwerdeführerin zur Lage Asylsuchender in Italien keine Veranlassung.
5.2.3 Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt demnach nicht in
Betracht.
5.3
5.3.1 Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass der Dublin-Staat, in den
eine Überstellung erfolgen soll, bei der Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens die aus dem Völkerrecht fliessenden Verpflichtungen
respektiert. Diese Vermutung kann im Einzelfall widerlegt werden (vgl.
oben E. 4, zweiter Abschnitt). Die beschwerdeführende Person muss je-
doch konkret darlegen, dass eine aktuelle und ernsthafte Gefahr einer Ver-
letzung einer direkt anwendbaren Norm des Völkerrechts droht, wobei es
genügt, wenn eine solche Gefahr glaubhaft gemacht wird (vgl. BVGE
2010/45 E. 7.4 f. und Urteil BVGer D-5698/2017 vom 6. März 2018
E. 5.3.1).
Die Beschwerdeführerin vermag nichts darzutun, was die Vermutung, Ita-
lien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtungen auch in ihrem Fall ein, zu
E-4238/2021
Seite 9
widerlegen vermöchte, wie die Vorinstanz zutreffend erwogen hat. Sie hat
insbesondere zu Recht darauf verwiesen, sie vermöge aus den nur weni-
gen Tagen Aufenthalt in Italien noch nicht zu schliessen, dass ihr die ihr als
Asylsuchende Person zustehenden Aufnahmebedingungen dauerhaft ver-
wehrt würden. Mit der Einreichung eines Asylgesuches in Italien wird sie
Zugang zu den Leistungen gemäss der Aufnahmerichtlinie erhalten. Die
allgemeinen Aufnahmebedingungen für (gestützt auf die Dublin-III-VO zu-
rückkehrende) Asylsuchende in Italien, welche die Beschwerdeführerin in
ihrer Beschwerde besonders rügt, führen praxisgemäss nicht zur Aus-
übung des Selbsteintrittsrechts (vgl. Urteil BVGer E-4086/2021 vom
20. September 2021 E. 6.2). Die Beschwerdeführerin könnte sich nötigen-
falls – allenfalls mit Unterstützung einer der in Italien zahlreichen tätigen
karitativen oder kirchlichen Organisationen – an die italienischen Behörden
wenden, um eine Unterkunft und sozialstaatliche Unterstützung zu erhal-
ten. Sodann kann sie die ihr zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem
Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
Den Akten sind ferner keine Anhaltspunkte für gravierende Gesundheits-
probleme der Beschwerdeführerin zu entnehmen. Anlässlich der Gewäh-
rung des rechtlichen Gehörs zur Überstellung nach Italien gab sie sogar
ausdrücklich zu Protokoll, es gehe ihr in physischer und psychischer Hin-
sicht ausgezeichnet (A16). Gemäss dem zahnärztlichen Bericht vom
19. Juli 2021 hat die Beschwerdeführerin selbst die vorgeschlagene Be-
handlung des entzündeten Zahns verweigert, nachdem die von ihr ge-
wünschte Behandlung nicht zur Verfügung stand (A23). Überdies verfügt
Italien über eine ausreichende medizinische Infrastruktur. Es liegen keine
Hinweise vor, wonach der Beschwerdeführerin dort – nötigenfalls – eine
adäquate medizinische Behandlung verweigert würde. Der Zugang für
asylsuchende Personen zum italienischen Gesundheitssystem über die
Notversorgung hinaus ist derzeit grundsätzlich gewährleistet, auch wenn
es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann (vgl. Referenz-
urteil BVGer D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.2.1).
Nach dem Gesagten konnte die Beschwerdeführerin kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dartun, wonach ihre Wegweisung nach Italien die Ver-
letzung völkerrechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte.
5.3.2 Im Zusammenhang mit der Souveränitätsklausel von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 macht die Beschwerdeführerin insbesondere geltend, das SEM sei
nicht auf die prekäre Lage, in welche sie nach Italien zurückkehren müsse,
E-4238/2021
Seite 10
eingegangen. Damit habe es sein diesbezügliches Ermessen unterschrit-
ten.
Diese Auffassung kann nicht geteilt werden. Das SEM hat sich zwar nicht
tiefgehend zu ihrer Situation als Rückkehrende geäussert. Es ergibt sich
aus der Verfügung, dass das SEM die von der Beschwerdeführerin geltend
gemachten individuellen Umstände zur Kenntnis genommen und auch
nicht bestritten hat. Sodann hat sie sie in ihrer Würdigung auch berücksich-
tigt und ausdrücklich erwogen, dass sich die grundsätzlich gesunde Be-
schwerdeführerin nur für eine sehr kurze Zeit in Italien – ungefähr sechs
Tage – aufgehalten habe. Von der zugegebenermassen in Teilen mangel-
haften Übergangslösung zur Registrierung von illegal eingereisten Perso-
nen könne indes nicht auf die generellen Aufnahmebedingungen für
Schutzsuchende in Italien geschlossen werden und sie gehöre nicht zur
Gruppe von besonders vulnerablen Personen mit gravierenden somati-
schen oder psychischen Problemen. Es ist in diesem Zusammenhang da-
ran zu erinnern, dass nur bei schwer erkrankten Asylsuchenden, die auf
eine lückenlose medizinische Versorgung angewiesen sind, das SEM ver-
pflichtet ist, individuelle Zusicherungen betreffend Gewährleistung der nö-
tigen medizinischen Versorgung und Unterbringung bei den italienischen
Behörden einzuholen (vgl. Referenzurteil BVGer E-962/2019 vom 17. De-
zember 2019 E. 7.4.3).
Das SEM hat den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und vollständig erho-
ben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen Er-
messenspielraum genutzt. Da im vorliegenden Fall keine Hinweise auf ei-
nen Ermessensmissbrauch bestehen, enthält sich das Gericht in diesem
Zusammenhang weiterer Äusserungen. Der eventualiter gestellte Antrag
auf Rückweisung ist abzuweisen.
6.
Das SEM ist zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf
das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten und hat – weil
diese nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewil-
ligung ist – in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach Italien
angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
Das Beschwerdeverfahren wird mit diesem Urteil abgeschlossen. Die An-
träge auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung und auf Befreiung von
E-4238/2021
Seite 11
der Kostenvorschusspflicht erweisen sich als gegenstandslos. Der am
24. September 2021 angeordnete Vollzugsstopp fällt dahin.
8.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, weil die Begehren aussichtlos im
Sinn von Art. 65 Abs. 1 VwVG waren. Die Verfahrenskosten sind der Be-
schwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2])
(Dispositiv nächste Seite)
E-4238/2021
Seite 12