Decision ID: bf2b8a91-d94e-56b0-91b4-2a216e6d63f6
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
IV-Taggeld
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a A._, meldete sich am 5. Dezember 2011 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung (berufliche Integration/Rente) bei der IV-Stelle des Kantons St.
Gallen an (IV-act. 1). Sie gab an, nach der Realschule eine Vorlehre bei der B._ mit
Praktikum begonnen zu haben. Nach ca. sechs Monaten habe sie die Vorlehre wegen
einer Schwangerschaft abgebrochen. Seit Februar 2010 bis heute sei sie Hausfrau. Ihre
Tochter sei im Sommer 2010 geboren. Die Versicherte erklärte weiter, seit ca.
zweieinhalb Jahren an zunehmenden psychischen Problemen zu leiden. Zudem habe
sie wegen eines Snowboardunfalls vor neun Jahren bleibende körperliche
Beeinträchtigungen am Rücken und am linken Arm. Der Anmeldung legte sie einen
Arbeitsvertrag sowie eine Kündigungsbestätigung bei (IV-act. 2). Diesen Dokumenten
war zu entnehmen, dass die Versicherte ab dem 1. August 2009 als Praktikantin
Parfumerie bei der C._ AG befristet angestellt gewesen war. Das Arbeitsverhältnis
war rückwirkend per 1. März 2010 aufgelöst worden.
A.b Die C._ AG reichte am 22. Dezember 2011 den Fragebogen für Arbeitgebende
ein (IV-act. 11). Diesem war zu entnehmen, dass die Versicherte vom 1. August 2009
bis am 1. März 2010 für die C._AG gearbeitet hatte. Die Versicherte hatte das
Arbeitsverhältnis wegen ihrer Schwangerschaft gekündigt. Ihr Jahreslohn hatte Fr.
11'700.--, ihr Monatslohn Fr. 900.-- betragen. Dem Fragebogen lag u.a. das
Kündigungsschreiben der Versicherten vom 6. März 2010 bei. Als Grund für die
Kündigung hatte sie ihre Schwangerschaft und den Umstand, dass sie sich im Team
nicht wohl fühle, angegeben (IV-act. 11 S. 12).
A.c Am 29. Dezember 2011 führte der RAD-Arzt Dr. D._ ein Gespräch mit der
behandelnden Ärztin Dr. E._, Ärztin für Psychiatrie und Neurologie (IV-act. 14).
Dr. E._ gab an, die Versicherte leide unter einer Persönlichkeitsentwicklungsstörung,
einer Somatisierungsstörung und einer depressiven Episode. Diese psychischen
Störungen seien auf komplexe psychosoziale Belastungsfaktoren zurückzuführen.
Aktuell sei die Versicherte wieder etwas stabiler. Sie sei voll arbeitsfähig und in der
Lage, mit Betreuung eine Ausbildung zu absolvieren. Zurzeit arbeite die Versicherte an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
drei Tagen in der Woche im Z._. Es gebe keine Gründe, die gegen einen sofortigen
Beginn der Wiedereingliederung sprechen würden. Der RAD-Arzt hielt am 29.
Dezember 2011 fest, dass die Versicherte die Ausbildung überwiegend wahrscheinlich
wegen ihrer psychischen Probleme abgebrochen habe (IV-act. 13). Ihre eigene
Darstellung, sie habe die Stelle wegen der Schwangerschaft gekündigt, müsse bei
genauerer Betrachtung der Situation als unvollständig bezeichnet werden. Aufgrund
der Entwicklungsstörung sei die Versicherte auf eine gute Struktur und Förderung
angewiesen.
A.d Am 11. Juni 2013 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die Mehrkosten
der erstmaligen beruflichen Ausbildung zur Medizinischen Praxisassistentin bei F._
vom 1. August 2013 bis am 31. Juli 2016 übernehme (IV-act. 42). Der
Eingliederungsberater der IV-Stelle hatte am 17. Mai 2013 notiert, es bestehe ein
Anspruch auf ein kleines Taggeld "ohne Höchstansatz infolge verspäteter
Anmeldung" (IV-act. 39). Am 5./10. Juni 2013 hatte die IV-Stelle die zuständige
Ausgleichskasse mit der Ermittlung des Taggeldanspruchs beauftragt. Sie hatte u.a.
darauf hingewiesen, dass die Versicherte keinen Anspruch auf eine Höchsttaggeld
gemäss der Rz 3103 des Kreisschreibens über die Taggelder der Invalidenversicherung
(KSTI) habe (IV-act. 43). Mit einer Verfügung vom 8. Juli 2013 eröffnete die IV-Stelle der
Versicherten, dass für die Periode 1. August bis 31. Dezember 2013 ein Anspruch auf
ein kleines Taggeld von Fr. 34.60 pro Tag bestehe. Dieser Betrag entspreche dem
durchschnittlichen Lehrlingslohn (IV-act. 47).
B.
B.a Dagegen erhob die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 23. Juli
2013 Beschwerde (act. G 1). Als Begründung machte sie geltend, dass ihr das kleine
Taggeld für den Lebensunterhalt nicht ausreiche. Sie stellte sinngemäss ein Gesuch
um unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten). Der
Beschwerdeschrift legte sie diverse Belege über die anfallenden
Lebensunterhaltskosten sowie die Abrechnung des Sozialamtes für den Monat Mai
2013 bei (act. G 1.2 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b In der Beschwerdeantwort vom 3. September 2013 brachte die IV-Stelle (nach
folgend: Beschwerdegegnerin) vor, dass die Beschwerdeführerin im August 2010 eine
Lehre hätte beginnen und innert drei Jahren abschliessen können, wenn sie sich nach
dem Abbruch der Vorlehre umgehend bei der Invalidenversicherung gemeldet hätte.
Die Beschwerdeführerin habe mit der Anmeldung jedoch ein Jahr und acht Monate
zugewartet. Hinzu komme, dass sie die ihr unterbreiteten Termine immer wieder
verschoben habe, so dass sie auch im August 2012 nicht mit einer Ausbildung habe
beginnen können. Sowohl die verspätete Anmeldung als auch der verspätete Beginn
der Ausbildung seien selbstverschuldet und nicht invaliditätsbedingt erfolgt. Die
Beschwerdeführerin hätte grundsätzlich ihre Ausbildung innert der üblichen Zeit
abschliessen können, wodurch sie nie Anspruch auf ein höheres Taggeld bekommen
hätte. Die Beschwerde sei deshalb unbegründet und abzuweisen.
B.c Am 10. September 2013 bewilligte das Versicherungsgericht die unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten) für das vorliegende Beschwerdever
fahren (act. G 4).
B.d Die Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 6).

Erwägungen:
1.
Der angefochtenen Verfügung ist kein Vorbescheid vorausgegangen, obwohl Art. 57a
Abs. 1 Satz 1 IVG - seinem klaren Wortlaut gemäss - jeden Endentscheid über ein
Leistungsbegehren, also auch die Verfügung über einen Taggeldanspruch während
einer erstmaligen beruflichen Eingliederung, der Vorbescheidspflicht unterstellt. Das
Unterbleiben eines Vorbescheides lässt sich durch den - dem klaren Wortlaut des
Art. 57a Abs. 1 Satz 1 IVG zuwiderlaufenden - Art. 73 Abs. 1 IVV erklären, laut dem
sich die Vorbescheidspflicht auf Fragen beschränkt, die in den Aufgabenbereich der IV-
Stellen gemäss Art. 57 Abs. 1 lit. c bis f IVG fallen. Dazu gehört die Zusprache eines
Taggeldes ebensowenig wie etwa die Festsetzung des Betrages einer bestimmten
Invalidenrente. Die Erklärung für diese Beschränkung auf IV-spezifische Fragen ist
offenkundig: Die IV-Stellen sollen ihr Verwaltungsverfahren mit der Beantwortung der
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-spezifischen Elemente des Leistungstatbestandes definitiv abschliessen und das
Verwaltungsverfahren zur Beantwortung der ausgleichskassenspezifischen Fragen
vollumfänglich den Ausgleichskassen überlassen können, die dann ja auch im Namen
der jeweiligen IV-Stelle die Verfügung erlassen. Die Praxis geht deshalb davon aus,
dass für jene Fragen, die nicht der Vorbescheidspflicht unterstehen, auch kein
Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 42 ATSG bestehe. Einer Rentenverfügung
geht zwar ein Vorbescheid über den Rentenbeginn und über den Invaliditätsgrad
voraus. Sobald die IV-Stelle ihre entsprechenden Abklärungen beendet hat, gewährt
aber die zuständige Ausgleichskasse der versicherten Person kein rechtliches Gehör
zum Ergebnis ihres Verwaltungsverfahrens, d.h. zum frankenmässigen Betrag der
Invalidenrente. Bei den Taggeldverfügungen fehlt der IV-spezifische Teil vollständig, da
nicht einmal über die Dauer der Taggeldberechtigung, die von der IV-Stelle festgelegt
werden muss, ein Vorbescheid ergeht, denn die lit. c bis f des Art. 57 Abs. 1 IVG führen
diese Aufgabe der IV-Stellen nicht auf. Hier besteht also praxisgemäss für den
gesamten Inhalt des Entscheides weder ein Vorbescheidsanspruch noch ein Anspruch
auf rechtliches Gehör. Damit wird sowohl Art. 57a Abs. 1 Satz 2 IVG als auch Art. 42
ATSG ignoriert. Es ist nicht einzusehen, weshalb die Ausgleichskassen für die
Teilelemente des Endentscheides, für deren Ermittlung und Würdigung sie intern
zuständig sind, nicht verpflichtet sein sollten, den Anspruch auf rechtliches Gehör zu
erfüllen, d.h. den zukünftigen Verfügungsadressaten mitzuteilen, was sie festgestellt
und wie sie das Festgestellte gewürdigt haben. Da eine gesetzliche Grundlage für die in
der Praxis übliche Missachtung des Anspruchs auf rechtliches Gehör fehlt, ist im
vorliegenden Fall davon auszugehen, dass die Beschwerdegegnerin (bzw. die intern
zuständige Ausgleichskasse) der Beschwerdeführerin in geeigneter Form das rechtliche
Gehör hätte gewähren müssen, bevor sie die angefochtene Taggeldverfügung erlassen
hat (vgl. Franz Schlauri, Über das Verhältnis von Vorbescheid und rechtlichem Gehör
im Sozialversicherungsverfahren, Bemerkungen zu BGE 134 V 97, in: Riemer-Kafka/
Rumo-Jungo [Hrsg.], Soziale Sicherheit ‒ Soziale Unsicherheit, Festschrift für Erwin
Murer zum 65. Geburtstag, Bern 2010, S. 729 ff., gemäss welchem alle Verfügungen
nach Art. 57a IVG in ein Vorbescheidsverfahren der IV-Stelle einbezogen werden
sollten; vgl. auch das Urteil des Versicherungsgerichts St. Gallen vom 8. November
2011, IV 2009/326 E. 1). Damit erweist sich die angefochtene Verfügung als
gesetzwidrig. Eine "Heilung", d.h. ein Ignorieren dieser Gesetzwidrigkeit käme nur in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Frage, wenn die Beschwerdeführerin dies verlangt hätte, weil sie der beförderlichen
Behandlung ihres Taggeldgesuches den Vorrang vor der (nachträglichen) Gewährung
des rechtlichen Gehörs nach einer Rückweisung der Streitsache an die
Beschwerdegegnerin eingeräumt hätte. Das ist nicht geschehen, so dass eine
"Heilung", d.h. ein Ignorieren der Missachtung des Art. 57a Abs. 1 Satz 2 IVG bzw. des
Art. 42 ATSG, nicht zulässig ist. Im Übrigen erweist sich die angefochtene Verfügung,
wie im Folgenden zu zeigen sein wird, auch aufgrund einer Verletzung der
Untersuchungspflicht als rechtswidrig, so dass eine "Heilung" der Missachtung des
Anspruchs auf rechtliches Gehör keine Verfahrensbeschleunigung zur Folge hätte und
deshalb gar nicht in Frage kommt.
2.
2.1 Gemäss Art. 23 Abs. 2 IVG hat die Beschwerdeführerin, die das 20. Altersjahr vor
dem Beginn der erstmaligen beruflichen Ausbildung zur medizinischen
Praxisassistentin vollendet hat, grundsätzlich einen Anspruch auf eine
Grundentschädigung von 30% des Höchstbetrages des Taggeldes gemäss Art. 24
Abs. 1 IVG, falls sie ohne die (eingliederungsspezifische) Invalidität nach
abgeschlossener Ausbildung spätestens am 1. August 2013 (Beginn der erstmaligen
beruflichen Ausbildung) eine Erwerbstätigkeit aufgenommen hätte. Hätte sie sich
allerdings ohne die Invalidität nach dem 31. Juli 2013 noch in der Ausbildung befunden,
so hätte die Ausrichtung einer Grundentschädigung im Umfang von 30% des
Höchstbetrages des Taggeldes gemäss Art. 24 Abs. 1 IVG eine Überentschädigung zur
Folge, denn diese Grundentschädigung wäre deutlich höher als der Lehrlingslohn, den
die Beschwerdeführerin im fraglichen Zeitraum mit ihrer (fiktiven) Ausbildung erzielt
hätte. Die Beschwerdeführerin wäre durch eine solche Grundentschädigung also
besser gestellt, als wenn sie - ohne Gesundheitsschaden - ihre berufliche Ausbildung
absolviert hätte. In diesem Fall kämen entweder Art. 22 Abs. 1 IVV, der eine
Grundentschädigung von 10% des Höchstbetrages des Taggeldes nach Art. 24 Abs. 1
IVG vorsieht, oder Art. 22 Abs. 2 IVV, der die Grundentschädigung alternativ auf einen
Dreissigstel des fiktiven Lehrlingslohnes festsetzt, zur Anwendung. Tatsächlich hätte
die Beschwerdeführerin eine Ausbildung zur medizinischen Praxisassistentin im fiktiven
"Gesundheitsfall" im Jahr 2008 (Abschluss der obligatorischen Schulzeit) begonnen
und im Jahr 2011, allenfalls verzögert durch die Schwangerschaft im Jahr 2010,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
jedenfalls aber vor dem 1. August 2013 beendet. Demnach sollte eigentlich Art. 23 Abs.
2 IVG zur Anwendung kommen, d.h. die Grundentschädigung sollte 30% des
Höchstbetrages des Taggeldes gemäss Art. 24 Abs. 1 IVG ausmachen. Nun hat die
Beschwerdegegnerin aber gestützt auf Art. 22 Abs. 1 IVV nur eine Grundentschädigung
von 10% des Höchstbetrages des Taggeldes nach Art. 24 Abs. 1 IVG zugesprochen.
Sie hat dieses Vorgehen nicht damit begründet, dass die im fiktiven "Gesundheitsfall"
absolvierte Berufsausbildung noch während des ganzen Jahres 2013 angedauert hätte.
Sie hat vielmehr geltend gemacht, die Beschwerdeführerin habe sich verspätet
angemeldet. Damit habe sie den Beginn der erstmaligen beruflichen Ausbildung
hinausgeschoben. Hätte sie sich früher angemeldet, hätte sie die erstmalige berufliche
Ausbildung zu einem Zeitpunkt beginnen können, in dem die im fiktiven
"Gesundheitsfall" begonnene Ausbildung noch angedauert hätte, womit nur ein
Taggeld gemäss Art. 22 Abs. 1 IVV (10% des Höchstbetrages des Taggeldes gemäss
Art. 24 Abs. 1 IVG) geschuldet gewesen wäre. Die Beschwerdegegnerin geht also
davon aus, dass eine Pflichtverletzung in der Form einer verspäteten Anmeldung eine
Sanktion rechtfertige, die darin bestehe, dass der dem effektiven Sachverhalt
entsprechend an sich massgebende Art. 23 Abs. 2 IVG nicht zur Anwendung komme
und stattdessen auf Art. 22 Abs. 1 IVV abzustellen sei. Eine Gesetzesbestimmung, die
explizit eine Pflicht, sich so bald als möglich für eine berufliche Eingliederung
anzumelden, vorsehen und die Missachtung dieser Pflicht mit der Anwendung von Art.
22 Abs. 1 IVV (statt Art. 23 Abs. 1 IVG) sanktionieren würde, existiert nicht. Die in Art.
16 Abs. 1 IVG geregelte erstmalige berufliche Ausbildung ist eine berufliche
Eingliederungsmassnahme, die unter die Eingliederungspflicht gemäss Art. 7 ff. IVG
fallen kann. Im vorliegenden Fall beruht die Zusprache einer Ausbildung zur
medizinischen Praxisassistentin aber auf einem reinen Leistungsanspruch, da nicht
davon auszugehen ist, dass die Beschwerdeführerin im Ausmass von wenigstens 40%
invalid wäre und damit gemäss Art. 28 IVG einen Rentenanspruch begründen würde,
wenn sie sich nicht beruflich eingliedern lassen würde. Damit kann sich nur die Frage
stellen, ob die Eingliederungspflicht gemäss Art. 7 ff. IVG auch die Pflicht beinhaltet,
sich so zu verhalten, dass der mit dem Anspruch auf eine erstmalige berufliche
Ausbildung akzessorisch verbundene Anspruch auf ein Taggeld möglichst tief ausfällt.
Mit der Eingliederungspflicht bzw. mit dem Grundsatz der "Eingliederung vor
Rente" (vgl. etwa U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A., Vorbemerkungen N. 47) lässt sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dies offensichtlich nicht erklären, da es der Beschwerdegegnerin darum geht, keine
unnötigen Leistungen ausrichten zu müssen. Damit bleibt als mögliche Grundlage der
Vorgehensweise der Beschwerdegegnerin nur die allgemeine
sozialversicherungsspezifische Schadenminderungspflicht. Damit stellt sich die Frage,
ob es zur Schadenminderungspflicht der Beschwerdeführerin gehört hat, sich früher
anzumelden, um so die Ausrichtung des höheren Taggeldes gemäss Art. 23 Abs. 2 IVG
zu vermeiden und die Ausrichtung eines Taggeldes gemäss Art. 22 Abs. 1 IVV zu er
lauben. Diese Frage ist zu verneinen, denn selbst wenn es eine derartige Ausprägung
der sozialversicherungsrechtlichen Schadenminderungspflicht gäbe, würde diese
voraussetzen, dass die Beschwerdeführerin bei pflichtgemässer Sorgfalt um die Folgen
einer Verzögerung bei der Anmeldung zur beruflichen Eingliederung hätte wissen
müssen. Das war angesichts der Komplexität der Bestimmungen zur Koordination
zwischen dem Taggeldanspruch gemäss Art. 23 Abs. 2 IVG und demjenigen gemäss
Art. 22 Abs. 1 IVV offensichtlich nicht der Fall. In diesem Zusammenhang darf nicht mit
der Fiktion der allgemeinen Gesetzeskenntnis operiert werden, denn diese hat nicht
den Zweck, Grundlage einer Schadenminderungspflicht zu bilden. Nichts lässt darauf
schliessen, dass die Beschwerdeführerin um die Folgen einer Verzögerung bei der
Anmeldung zur beruflichen Eingliederung für ihren Taggeldanspruch gewusst hätte
oder hätte wissen müssen. Dies schliesst es aus, die Beschwerdeführerin zu
sanktionieren, d.h. sie so zu stellen, wie wenn sie sich früher angemeldet hätte. Damit
kann offen bleiben, ob eine frühere Anmeldung tatsächlich zu einem früheren Beginn
der erstmaligen beruflichen Ausbildung zur medizinischen Praxisassistentin geführt
hätte. Die Beschwerdegegnerin hat es nämlich unterlassen abzuklären, ab wann der
Gesundheitszustand sich so weit gebessert hatte, dass die Beschwerdeführerin
eingliederungsfähig gewesen ist. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die
Beschwerdeführerin ab 1. August 2013 einen Anspruch auf eine Grundentschädigung
hat, die in Anwendung von Art. 23 Abs. 1 IVG festzusetzen ist. Die Sache ist
demzufolge zur Festsetzung der Grundentschädigung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
2.2 Des Weiteren hat die Beschwerdegegnerin unberücksichtigt gelassen, dass die
Beschwerdeführerin eine knapp dreijährige Tochter und somit gemäss Art. 22 Abs. 2
und 3 IVG Anspruch auf Kindergeld hat, sofern ihr keine gesetzliche Kinder- und
Ausbildungszulagen ausgerichtet werden. Das Kindergeld beträgt für jedes Kind 2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Prozent des Höchstbetrages des Taggeldes nach Art. 24 Abs. 1 IVG. Gemäss Art.
22 Abs. 2 IVV kann die Ausgleichskasse von der versicherten Person den
Nachweis verlangen, dass kein Anspruch auf eine gesetzliche Kinder- oder
Ausbildungszulage besteht. Die Sache ist somit auch zur Abklärung, ob die
Beschwerdeführerin Anspruch auf gesetzliche Kinder- und Ausbildungszulagen hat, an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
2.3 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die Sache ist
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- er
scheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Aus
gang des Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Damit erweist sich die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Be
freiung von den Gerichtskosten) als gegenstandslos.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP