Decision ID: 99d5c511-57fa-5b3e-8d13-7e0f607846a4
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 10. Februar 2016 beim Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Sargans zur Arbeitsvermittlung an (act. G 3.1/A5). In
der Arbeitsmarktstrategie vom 12. Februar 2016 vereinbarten der Versicherte und die
Personalberaterin des RAV Sargans, dass er jeden Monat mindestens acht persönliche
Arbeitsbemühungen zu tätigen habe, wovon mindestens vier auf schriftliche
Bewerbungen zu entfallen hätten (act. G 3.1/A8).
A.b Das RAV Sargans hiess mit Verfügung vom 18. April 2017 das Gesuch des
Versicherten für ein Ausbildungspraktikum (Praktikumsvereinbarung) bei der B._ AG
gut. Das Praktikum dauerte vom 24. April 2017 bis 30. Juni 2017 mit einem
Beschäftigungsgrad von 100% (act. G 3.1/A53).
A.c Mit Verfügung vom 19. Juni 2017 stellte das RAV Rapperswil-Jona den
Versicherten für sieben Tage in der Anspruchsberechtigung ein. Der Versicherte habe
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für die Kontrollperiode Mai 2017 keinen Nachweis der persönlichen
Arbeitsbemühungen eingereicht, weswegen davon auszugehen sei, dass er keine
Bewerbungen getätigt habe (act. G 3.1/A67).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 19. Juni 2017 erhob der Versicherte mit Schreiben vom
30. Juni 2017 Einsprache und beantragte die Reduktion der Einstellung in der
Anspruchsberechtigung von sieben auf ein bis zwei Tage (act. G 3.1/A75).
B.b Mit Einspracheentscheid vom 4. Juli 2017 hiess das RAV Rapperswil-Jona die
Einsprache teilweise gut, hob die angefochtene Verfügung auf und stellte den
Versicherten ab 1. Juni 2017 für fünf Tage in der Anspruchsberechtigung ein. Die
teilweise Gutheissung der Einsprache begründete das RAV damit, dass das Praktikum
den Versicherten sehr gefordert und motiviert habe und er sich deshalb voll und ganz
auf die Herausforderung konzentriert habe. In Anwendung des SECO-Einstellrasters
könne deshalb die Einstellung in der Anspruchsberechtigung auf fünf Tage reduziert
werden (act. G 3.1/A79).
C.
C.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 25. Juli 2017
(Datum Postaufgabe) mit dem Antrag, die Einstellung von fünf auf ein bis zwei Tage zu
reduzieren (act. G 1). Der Beschwerdeführer macht geltend, dass ihn nach bald einem
Jahr Arbeitslosigkeit mit weit über 100 Bewerbungen die Herausforderung, in einer für
ihn neuen Branche zu arbeiten, sehr motiviert habe. Er habe sich engagiert und
versucht, sich so schnell wie möglich in die Materie einzuarbeiten. Dass er sich
während der Praktikumszeit weiterhin bewerben müsse, habe er nicht realisiert.
Deshalb habe er im Mai 2017 keine weiteren Bewerbungen mehr geschrieben. Er sehe
ein, dass dies ein Unterlassen seiner Pflicht darstelle (act. G 1).
C.b Der Beschwerdegegner beantragt in der Beschwerdeantwort vom 11. September
2017 mit Verweis auf den Einspracheentscheid vom 4. Juli 2017 die Abweisung der
Beschwerde. Dem Beschwerdeführer hätte bewusst sein müssen, das von ihm ab Mai
2017 wieder Arbeitsbemühungen erwartet würden, zumal er noch keine Anstellung in
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Aussicht gehabt habe und lediglich ein von der Arbeitslosenversicherung finanziertes
Praktikum habe absolvieren können (act. G 3).
C.c Mit Schreiben vom 31. Mai 2018 räumte die Verfahrensleitung dem
Beschwerdegegner Gelegenheit ein, zur Frage der örtlichen Zuständigkeit für den
Erlass der Verfügung vom 19. Juni 2017 und des Einspracheentscheides vom 4. Juli
2017 Stellung zu nehmen, nachdem im Zeitpunkt beider Entscheide der Versicherte
beim RAV Sargans zur Arbeitsvermittlung angemeldet war und dort die
Kontrollpflichten erfüllte. Im Weiteren hielt die Verfahrensleitung im Schreiben fest,
dass eine örtliche Unzuständigkeit zur Aufhebung des angefochtenen Entscheides
führen würde (act. G 6).
C.d Der Beschwerdegegner nahm mit Schreiben vom 14. Juni 2018 fristgerecht
Stellung und führte aus, dass einzelne Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter für
mehr als ein RAV tätig seien und unter den RAV ein Kapazitätenausgleich stattfinde. Da
die Verfahren vollständig schriftlich stattfänden und alle Dokumente zentral in St.
Gallen verarbeitet würden, habe die Zuteilung der Sachbearbeiterinnen und
Sachbearbeiter zu den RAV bezüglich der Verfahren betreffend Einstellung der
Anspruchsberechtigung und Beurteilung der Vermittlungsfähigkeit keine praktische
Bedeutung. Auf die Abstimmung von Briefkopf und Kontaktdaten mit der RAV-
Zuordnung der versicherten Person werde seit mehreren Jahren aus praktischen
Gründen verzichtet. Es sei allerdings ohne weiteres möglich, den Anschein zu
erwecken, der betreffende Entscheid stamme von einem anderen RAV. Diese RAV-
übergreifende Tätigkeit sei seit fast zehn Jahren üblich. Ferner sei die Aufhebung des
Einspracheentscheides wegen örtlicher Unzuständigkeit nicht im Interesse des
Beschwerdeführers. Er müsste nach Erlass einer Verfügung des zuständigen RAV
erneut Einsprache erheben und nochmals Beschwerde gegen den zu erwartenden
Einspracheentscheid erheben (act. G 7).

Erwägungen
1.
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1.1 Das Bundesgesetz über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) weist gemäss Art. 85 Abs. 1 lit. g die
Kompetenz zur Einstellung in der Anspruchsberechtigung den kantonalen Amtsstellen
zu. Die örtliche Zuständigkeit der kantonalen Amtsstelle zum Erlass einer Verfügung
richtet sich für die Arbeitslosenentschädigung nach dem Ort, wo die versicherte Person
die Kontrollpflichten erfüllt (Art. 119 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIV; SR 837.02]).
Massgebend ist der Zeitpunkt der Verfügung (Art. 119 Abs. 2 AVIV). Die Kantone
können Aufgaben und Verfügungskompetenz der Amtsstelle nach Art. 85 AVIG anderen
kantonalen Durchführungsstellen, namentlich den RAV (Art. 85b Abs. 1 AVIG),
übertragen. Eine solche Kompetenzdelegation einzelner Aufgaben hat in einem
formellen, den Publikationsvorschriften des jeweiligen Kantons unterliegenden Erlass
zu erfolgen (BGE 129 V 485; THOMAS NUSSBAUMER, Arbeitslosenversicherung, in:
Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Band XIV, Soziale Sicherheit, 3. Aufl., Rz
893 mit Hinweisen).
1.2 Art. 3 Abs. 2 des kantonalen Gesetzes über Arbeitslosenversicherung und
Arbeitsvermittlung (sGS 361.0) ermächtigt die Regierung, Standorte, Zuständigkeit und
Organisation der RAV durch Verordnung zu regeln. Die kantonale Verordnung über
Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung (sGS 361.11) verweist in Art. 3 Abs. 2
für Standorte und Einzugsgebiet der RAV auf den Anhang dieses Erlasses. Art. 3 Abs. 3
dieser Verordnung hält sodann fest, dass in besonderen Fällen Stellensuchende
vorübergehend einem bestimmten RAV zugewiesen werden können, auch wenn ihre
Wohnsitzgemeinde nicht in dessen Einzugsgebiet liegt. Nach Art. 4 Abs. 1 lit. e der
kantonalen Verordnung hat das RAV die Aufgabe, Einstellungen in der
Anspruchsberechtigung zu verfügen. In ausserordentlichen Situationen handelt das
Amt für Wirtschaft und Arbeit für das RAV, insbesondere wenn dieses überlastet ist
oder dessen Verfügungen angefochten werden (Art. 1 Abs. 2 der kantonalen
Verordnung).
1.3 Nach Art. 35 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) hat der Versicherungsträger seine
Zuständigkeit von Amtes wegen zu prüfen. In einem Beschwerdeverfahren hat die
Rechtsmittelinstanz nebst der Prüfung der eigenen Zuständigkeit auch jene der
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Vorinstanz zu prüfen (UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf
2015, Art. 35 Rz 10 mit Hinweisen).
2.
2.1 Der Beschwerdeführer wohnt in C._, das zur politischen Gemeinde D._ gehört.
Zum Einzugsgebiet des RAV Sargans zählt gemäss Anhang zur kantonalen Verordnung
über Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung unter anderem auch die
politische Gemeinde D._. Der Beschwerdeführer meldete sich folgerichtig beim RAV
Sargans zur Arbeitsvermittlung an und erfüllte dort seine Kontrollpflichten (act. G 3.1/
A5). Eine Zuweisung zu einem anderen RAV aufgrund besonderer Umstände im Sinne
von Art. 3 Abs. 3 der kantonalen Verordnung fand somit nicht statt. Zuständig für den
Erlass einer Verfügung bzw. eines Einspracheentscheids betreffend Einstellung in der
Anspruchsberechtigung wäre daher vorliegend das RAV Sargans. Soweit das RAV
Sargans aus Kapazitätsgründen bzw. infolge Überlastung nicht in der Lage ist, die
entsprechende Verfügung bzw. den Einspracheentscheid zu erlassen, sieht die
kantonale Verordnung in Art. 1 Abs. 2 ein Handeln des Amtes für Wirtschaft und Arbeit
vor. Demgegenüber fehlt es an einer gesetzlichen Grundlage, dass ein anderes
kantonales RAV Verfügungen und Einspracheentscheide für nicht bei ihm angemeldete
Versicherte erlassen könnte. Das RAV Rapperswil-Jona war folglich weder für den
Erlass der Verfügung vom 19. Juni 2017 noch für den Erlass des Einspracheentscheids
vom 4. Juli 2017 örtlich zuständig. Die örtliche Unzuständigkeit bildet zwar in der Regel
keinen Nichtigkeitsgrund (vgl. Max IMBODEN/RENÉ A. RHINOW, Schweizerische
Verwaltungsrechtsprechung, Band I, 1986, S. 242 mit Hinweisen), führt jedoch im
Rahmen einer Anfechtung eines Entscheides zur Aufhebung desselben.
2.2 Daran ändert nichts, dass gemäss Ausführungen des Beschwerdegegners eine
solche RAV-übergreifende Tätigkeit zwecks Kapazitätenausgleich seit fast zehn Jahren
üblich sein soll. Das Versicherungsgericht selbst hat sich, soweit ersichtlich, noch nie
zustimmend zu dieser Praxis geäussert. Auch der vom Beschwerdegegner zitierte
Entscheid AVI 2016/28, bei dem offenbar ebenfalls ein nicht für die Kontrollpflichten
zuständiges RAV die Einstellung verfügt hatte, enthält keine Ausführungen zur örtlichen
Zuständigkeit der verfügenden Stelle.
3.
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3.1 Weiter bringt der Beschwerdegegner vor, aus der Definition des Einzugsgebiets
der RAV, die für Stellensuchende möglichst kurze Wege für die persönlichen
Beratungsgespräche ermöglichen soll, könne nicht geschlossen werden, die örtliche
Zuständigkeit der RAV für ausschliesslich schriftliche Verfahren sei ebenfalls auf deren
Einzugsgebiet beschränkt. Eine derartige Betrachtungsweise hätte keinerlei
praktischen Nutzen oder Vorteil für die Versicherten und wäre damit überspitzt
formalistisch (act. G 7).
3.2 Art. 29 Abs. 1 der Bundesverfassung (BV; SR 101) verbietet überspitzten
Formalismus als besondere Form der Rechtsverweigerung. Eine solche liegt vor, wenn
für ein Verfahren rigorose Formvorschriften aufgestellt werden, ohne dass die Strenge
sachlich gerechtfertigt wäre, wenn die Behörde formelle Vorschriften mit übertriebener
Schärfe handhabt oder an Rechtsschriften überspannte Anforderungen stellt und den
Rechtssuchenden den Rechtsweg in unzulässiger Weise versperrt. Überspitzter
Formalismus ist nur gegeben, wenn die strikte Anwendung der Formvorschriften durch
keine schutzwürdigen Interessen gerechtfertigt ist, zum blossen Selbstzweck wird und
die Verwirklichung des materiellen Rechts in unhaltbarer Weise erschwert oder
verhindert (BGE 142 V 152 S. 158, E. 4.2).
3.3 Im vorliegenden Fall fehlt eine gesetzliche Grundlage, dass das RAV Rapperswil-
Jona Verfügungen anstelle des für den Beschwerdeführer zuständigen RAVs erlassen
kann. Da es sich bei einer Verfügung um einen hoheitlichen Akt handelt, kann diese nur
eine durch Gesetz ermächtigte Behörde erlassen. Dass die Verwaltung zur Einhaltung
des Grundsatzes der Gesetzmässigkeit verpflichtet wird, stellt keinen überspitzten
Formalismus dar, sondern erfüllt rechtsstaatliche und demokratische Funktionen (vgl.
ULRICH HÄFELIN/GEORG MÜLLER, Grundriss des Allgemeinen Verwaltungsrechts, 3.
Aufl., 1998, Rz 296 ff.).
4.
In Gutheissung der Beschwerde ist daher der angefochtene Einspracheentscheid des
RAV Rapperswil-Jona vom 4. Juli 2017 aufzuheben.
5.
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Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).