Decision ID: cf6a1f2f-e713-4ba0-a102-c70e73d56b88
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat-
staat im Jahr 2016 und suchte am 6. September 2022 in der Schweiz um
Asyl nach.
B.
Der am 8. September 2022 erfolgte Abgleich mit der europäischen Finger-
abdruckdatenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass er am 11. April
2019 in Griechenland um Asyl ersucht hatte und ihm dort am 15. Februar
2021 Schutz gewährt worden war.
C.
Am 12. September 2022 fand die Personalienaufnahme (PA) des Be-
schwerdeführers statt. Gleichentags bevollmächtige er die ihm zugewie-
sene Rechtsvertretung.
D.
Mit Schreiben vom 13. September 2022 informierte das SEM den Be-
schwerdeführer über den angesichts der Schutzgewährung in Griechen-
land beabsichtigten Nichteintretensentscheid und unterbreitete ihm ver-
schiedene Fragen zu seinem dortigen Aufenthalt.
E.
Am 15. September 2022 ersuchte das SEM die griechischen Behörden ge-
stützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal anwesender Dritt-
staatsangehöriger und auf das Abkommen zwischen der Schweiz und
Griechenland über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem Auf-
enthalt vom 28. August 2006 (SR 0.142.113.729) schriftlich um Rücküber-
nahme des Beschwerdeführers. Die griechischen Behörden stimmten dem
Rückübernahmeersuchen am 16. September 2022 zu und teilten mit, ihm
sei am 15. Februar 2021 der Flüchtlingsstatus zuerkannt und eine bis
14. Februar 2024 gültige Aufenthaltsbewilligung ausgestellt worden.
F.
Der Beschwerdeführer nahm mit Eingabe vom 29. September 2022 zum
Schreiben des SEM vom 13. September 2022 Stellung. Dabei brachte er
zusammengefasst vor, er habe auch nach Schutzgewährung unter missli-
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chen Bedingungen (in einer notdürftigen Behausung ohne sanitäre Anla-
gen) auf der Insel B._ gelebt. Behördlicherseits sei keine Unterstüt-
zung erfolgt, das Essen habe er sich aus von Supermärkten entsorgten
Lebensmittel zusammensuchen müssen. Zufolge fehlender Sprachkennt-
nisse sowie mangels vorhandener Arbeitsplätze sei es ihm nicht möglich
gewesen, ein Erwerbseinkommen zu erzielen. Er leide unter psychischen
Problemen, welche noch in Abklärung seien, sowie unter Zahnschmerzen.
G.
Da SEM liess dem Beschwerdeführer am 22. November 2022 einen Ent-
scheidentwurf zur Stellungnahme zukommen. Er äusserte sich dazu mit
Eingabe vom 23. November 2022. Dabei brachte er im Wesentlichen vor,
angesichts der anerkannt menschenunwürdigen Bedingungen in Grie-
chenland, der dort fehlenden staatlichen Unterstützung und der psychi-
schen Erkrankung genügten die Argumente der Vorinstanz für eine Rück-
überstellung nach Griechenland nicht. Er leide – mitunter aufgrund des in
Griechenland erlebten – an Angst, Panik und Schlafstörungen, zudem sei
eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert worden.
H.
Mit Verfügung vom 24. November 2022 – gleichentags eröffnet – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a i.V.m. Art. 6a Bst. b AsylG
(SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein und ord-
nete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
Zur Begründung führte das SEM zusammengefasst aus, der Beschwerde-
führer verfüge über internationalen Schutz in Griechenland. Damit habe er
notfalls einklagbare Ansprüche in Bezug auf Sozialleistungen sowie Zu-
gang zu Wohnraum, Ausbildung, Beschäftigung und medizinischer Versor-
gung. Er habe nicht nachvollziehbar darlegen können, bei welchen Stellen
er sich diesbezüglich um Hilfe bemüht habe. Auch wenn die Lebensbedin-
gungen in Griechenland nicht einfach seien, lägen keine begründeten Hin-
weise für die Annahme vor, der Vollzug der Wegweisung sei unzulässig.
Selbst unter Berücksichtigung der persönlichen Schilderungen zu den Er-
fahrungen in Griechenland vermöchten die eingebrachten Berichte die An-
nahme nicht zu widerlegen, dass Griechenland seinen völkerrechtlichen
Verpflichtungen als Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (nachfolgend: Folter Üb., SR
0.105), des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom
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31. Januar 1967 nachkomme. Die (nur oberflächlich) geschilderten Bemü-
hungen, dass er das ihm Zustehende geltend gemacht habe, seien unbe-
legt geblieben. Entgegen der Behauptung in der Stellungnahme habe das
SEM nicht anerkannt, dass er unter menschenunwürdigen Bedingungen
und ohne staatliche Unterstützung habe leben müssen. Indessen Be-
zweifle es nicht, dass die Lebensumstände und die Meisterung administra-
tiver Hürden in Griechenland herausfordernd sein könnten. Den Akten sei
zu entnehmen, dass beim Beschwerdeführer eine nicht näher bezeichnete
Angststörung und differenzialdiagnostisch eine PTBS habe festgestellt
werden können. Neben mehreren Impfungen sei das Medikament (...) ver-
abreicht worden, welches allerdings seit der Verlegung am 18. November
2022 nicht mehr bezogen worden sei. Aktuell seien keine weiteren Arztter-
mine geplant. Damit lasse die gesundheitliche Situation nicht darauf
schliessen, dass es sich beim Beschwerdeführer um eine äusserst vul-
nerable Person handle. Ungeachtet der Frage der regelmässigen Ein-
nahme der verschriebenen Medikamente seien keine weiteren fachärztli-
chen Abklärungen geplant und die Beschwerden könnten in Griechenland
weiter behandelt werden. Der Zugang zur erforderlichen medizinischen Be-
handlung sei in Griechenland gewährleistet. Damit sprächen weder die in
Griechenland herrschende Situation noch andere Gründe gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
I.
Am 29. November 2022 teilte die zugewiesene Rechtsvertretung dem SEM
die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit.
J.
Mit Eingabe vom 1. Dezember 2022 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfü-
gung vom 24. November 2022 und beantragte dabei, der angefochtene
Entscheid sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asyl-
gesuch einzutreten und das Asylverfahren in der Schweiz durchzuführen;
es sei die Unzulässigkeit respektive die Unzumutbarkeit der Wegweisung
(recte: des Wegweisungsvollzugs) festzustellen, eventualiter sei der ange-
fochtene Entscheid aufzuheben und die Angelegenheit zu weiteren Sach-
verhaltsabklärungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht beantragte er, der Beschwerde sei die aufschiebende
Wirkung zu gewähren und die Vollzugsbehörden seien mittels vorsorgli-
cher Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Entscheid über die
Beschwerde von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. Sodann sei die
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unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, insbesondere sei auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Mit der Beschwerde wurden – nebst einer Kopie der angefochtenen Verfü-
gung – ein Bestätigungsschreiben der (...) vom 21. Januar 2022, zwei grie-
chischsprachige Dokumente sowie ein Schreiben des deutschen Bundes-
amtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) vom 31. März 2022 an die Prä-
sidentinnen und Präsidenten der Oberverwaltungsgerichte und Verwal-
tungsgerichtshöfe eingereicht.
Auf die Begründung der Beschwerdeanträge sowie die Beweismittel wird –
soweit entscheidrelevant – in den nachfolgenden Erwägungen eingegan-
gen.
K.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 2. Dezember 2022 den Ein-
gang der Beschwerde.
L.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
2. Dezember 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Verfügungen des SEM; dabei entschei-
det das Gericht auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vor-
liegend – endgültig (vgl. dazu Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG und
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
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Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
1.4 Der Beschwerde kommt von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung
zu (Art. 55 Abs. 1 VwVG) und das SEM hat der Beschwerde diese nicht
entzogen (Art. 55 Abs. 2 VwVG). Auf das Gesuch, der Beschwerde sei die
aufschiebende Wirkung zu erteilen und es seien diesbezüglich vorsorgli-
che Massnahmen zu treffen, ist daher mangels Rechtsschutzinteresses
nicht einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht diese Punkte insoweit ohne Einschränkung
prüft.
3.3
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Vom Beschwerdeführer wird im Sinne eines Eventualbegehrens die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz beantragt. Indessen sind aus der Beschwerdeschrift keine An-
haltspunkte ersichtlich, welche eine Rückweisung nahelegen würden. So-
weit der Beschwerdeführer auf eine bisher nicht erfolgte Zuweisung an eine
psychiatrische Fachperson verweist, ist aktenkundig, dass ihn das SEM
am 25. Oktober 2022 aufforderte, den medizinischen Sachverhalt zu aktu-
alisieren (vgl. SEM-act. 1194689-20/1; nachfolgend SEM-act. 20). Dieser
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Aufforderung kam er nach. Aus den eingereichten Dokumenten geht her-
vor, dass ihm mehrere Impfungen verabreicht wurden und ihm wegen psy-
chischer Probleme eine medikamentöse Behandlung zur Verfügung stand.
Sodann habe er über gelegentliche Knieschmerzen geklagt (vgl. SEM-act.
21). Auf Nachfrage bei Medic-Help wurde dem SEM mitgeteilt, es seien
aktuell keine Arzttermine geplant, der Beschwerdeführer habe das ihm ver-
schriebene Medikament seit der Verlegung ins BAZ Brugg nicht bezogen
(vgl. SEM-act. 23). Nachdem mit der Beschwerde keine weiteren Beweis-
mittel eingereicht wurden, war weder das SEM zu weitergehenden Abklä-
rungen verpflichtet noch drängen sich solche im heutigen Zeitpunkt – trotz
gegenteiliger Behauptungen in der Beschwerde – auf. Andere Anhalts-
punkte für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung oder Verfahrens-
verletzung sind nicht ersichtlich.
5.
5.1 Gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG wird auf ein Asylgesuch in der
Regel nicht eingetreten, wenn die asylsuchende Person in einen nach
Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG als sicher bezeichneten Drittstaat zurückkehren
kann, in welchem sie sich vorher aufgehalten hat.
5.2 Der Bundesrat bezeichnet Staaten, in denen nach seinen Feststellun-
gen effektiver Schutz vor Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG
besteht, als sichere Drittstaaten (Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG). Mit Be-
schluss des Bundesrates vom 14. Dezember 2007 wurden sämtliche Län-
der der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelsasso-
ziation (EFTA) als sichere Drittstaaten bezeichnet.
5.3 Die Vorinstanz stellt in der angefochtenen Verfügung zutreffend fest,
dass es sich bei Griechenland als Mitgliedstaat der Europäischen Union
(EU) um einen sicheren Drittstaat im Sinne von Art. 6a Abs. 2 Bst. b AsylG
handelt. Den vorinstanzlichen Akten ist sodann zu entnehmen, dass dem
Beschwerdeführer in Griechenland internationaler Schutz gewährt worden
ist und die griechischen Behörden seiner Rückübernahme ausdrücklich zu-
gestimmt haben. Demnach sind die Voraussetzungen für einen Nichtein-
tretensentscheid nach Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG erfüllt, weshalb das
SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht nicht eingetre-
ten ist. Etwas Anderes wird vom Beschwerdeführer – mit Ausnahme seines
Antrags auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Durchführung
des Asylverfahrens in der Schweiz – im Übrigen auch nicht behauptet.
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6.
6.1 Tritt das SEM auf ein Asylgesuch nicht ein, so verfügt es in der Regel
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an; es berück-
sichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK; SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie aufgrund von Situationen wie Krieg, Bür-
gerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind.
7.3
7.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil
E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 einlässlich mit der Situation
in Griechenland auseinandergesetzt und an seiner bisherigen Rechtspre-
chung festgehalten, wonach der Vollzug der Wegweisung nach Griechen-
land für Personen, die dort einen Schutzstatus erhalten haben, grundsätz-
lich zulässig ist. Das Gericht geht nicht von einer Situation aus, in der jeder
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Person mit Schutzstatus in Griechenland eine unangemessene und ernied-
rigende Behandlung im Sinne einer Verletzung von Art. 3 EMRK drohen
würde. Trotz existierender Schwachstellen kann nicht von einem dysfunk-
tionalen Aufnahmesystem gesprochen werden. Gewisse Angebote existie-
ren in Griechenland, die auch für Schutzberechtigte offenstehen, wenn
auch die Kapazitäten kaum ausreichend sein dürften und Infrastrukturhilfen
und Angebote bisher vor allem von internationalen Akteuren, zuvorderst
der EU, dem UNHCR und der IOM abhängen, die – in Zusammenarbeit mit
der lokalen Zivilgesellschaft – Leistungen erbringen und finanzieren. Trotz
dieser schwierigen Verhältnisse geht das Bundesverwaltungsgericht davon
aus, dass schutzberechtigte Personen grundsätzlich in der Lage sind, ihre
existenziellen Bedürfnisse abzudecken. Auch ist davon auszugehen, dass
Rückkehrenden keine menschenunwürdige Behandlung droht, weshalb für
sie kein «real risk» einer völkerrechtswidrigen Behandlung besteht. An die-
ser Einschätzung vermögen auch die vom Beschwerdeführer sowohl im
erstinstanzlichen Verfahren als auch auf Beschwerdeebene angerufenen
Länderberichte und Urteile deutscher Verwaltungsgerichte nichts zu än-
dern (vgl. auch Urteil des BVGer D-1202 vom 8. September 2022 E. 7.3.1).
Dies gilt ebenso für die in der Beschwerde aufgeführten Youtube-Links, so-
weit diese überhaupt noch abrufbar sind.
7.3.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass
eine Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist
(Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 E. 11.3). Die Legalvermutung
der Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung gilt bezüglich Griechen-
land grundsätzlich auch für vulnerable Personen, wie zum Beispiel
Schwangere oder Personen, die an gesundheitlichen Problemen leiden,
die nicht als schwerwiegende Erkrankung einzustufen sind (vgl. a.a.O
E. 11.5.1).
7.4 Es obliegt der betroffenen Person, diese Legalvermutungen umzustos-
sen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die Be-
hörden im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwen-
digen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensumständen
aussetzen würden respektive, dass sie in Griechenland aufgrund von indi-
viduellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in
eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. Referenzurteil E-3427/2021,
E-3431/2021 E. 11.4).
7.4.1 Der Beschwerdeführer hat in Griechenland den Flüchtlingsstatus er-
halten. Demnach kann er sich auf die Garantien in der Richtlinie
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2011/95/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezem-
ber 2011 über Normen für die Anerkennung von Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen als Personen mit Anspruch auf internationalen Schutz,
für einen einheitlichen Status für Flüchtlinge oder für Personen mit Anrecht
auf subsidiären Schutz und für den Inhalt des zu gewährenden Schutzes
(sog. Qualifikationsrichtlinie) berufen (insbesondere die Regeln betreffend
den Zugang zu Beschäftigung [Art. 26], zu Bildung [Art. 27], zu Sozialhilfe-
leistungen [Art. 29], zu Wohnraum [Art. 32] und zu medizinischer Versor-
gung [Art. 30]), auf die sich Griechenland als EU-Mitgliedstaat behaften
lassen muss. Aufgrund der Akten liegen auch keine Anhaltspunkte dafür
vor, dass er für den Fall einer Rückkehr nach Griechenland dort mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbote-
nen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. In Bezug auf das mit der
Beschwerde eingereichte Urteil bringt der Beschwerdeführer selber vor, er
sei freigesprochen worden, was für das Funktionieren der griechischen
Justiz spricht. Er macht sodann geltend, in Griechenland in einer notdürfti-
gen Hütte übernachtet und unter misslichen Umständen gelebt zu haben.
Er vermag jedoch nicht substanziiert vorzutragen, sich während seines
Aufenthalts in Griechenland diesbezüglich vergeblich um Hilfe oder Unter-
stützung seitens der Behörden bemüht zu haben. Auch unter Berücksich-
tigung der Schwächen des griechischen Aufnahmesystems vermag allein
die blosse Möglichkeit, in nicht absehbarer Zeit aus nicht voraussehbaren
Gründen in eine missliche Lebenssituation zu geraten, die hohe Schwelle
eines «real risks» einer Verletzung von Art. 3 EMRK nicht zu erreichen,
womit sich der Vollzug der Wegweisung als zulässig erweist.
7.4.2 Auch unter dem Aspekt der Zumutbarkeit hat die Vorinstanz den Voll-
zug der Wegweisung mit zutreffender Begründung bejaht. Vorliegend hat
der Beschwerdeführer gemäss Eurodac-Treffer seit dem Jahr 2019
(vgl. Bst. B) in Griechenland gelebt. Für die Behauptung, er habe sich nur
in B._ aufhalten dürfen, liegen keine Belege vor. Gemäss der ein-
gereichten Bestätigung der (...) wäre es ihm ermöglicht worden, die grie-
chische Sprache – anstelle der von ihm offenbar gewählten englischen –
zu erlernen. Selbst wenn die Lebensbedingungen in Griechenland für den
Beschwerdeführer eine Herausforderung darstellen und eine adäquate
Eingliederung in die sozialen Strukturen Griechenlands mit nicht zu ver-
kennenden Erschwernissen verbunden ist, liegen keine Hinweise für die
Annahme vor, dass er bei einer Rückkehr nach Griechenland einer exis-
tenziellen Notlage ausgesetzt wäre. Weil er über eine gültige griechische
Aufenthaltsbewilligung verfügt, hat er grundsätzlich Zugang zu Sozialleis-
tungen, zum griechischen Stellenmarkt und zur Gesundheitsversorgung.
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Seite 11
Anspruch hat er ebenso auf diesbezügliche Gleichberechtigung mit grie-
chischen Staatsangehörigen. Insofern darf von ihm erwartet werden, sich
bei Unterstützungsbedarf und der Geltendmachung seines Anspruchs so-
wie allfälligen Verfahrensverletzungen an die griechischen Behörden zu
wenden und die erforderliche Hilfe nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzu-
fordern. Somit dürfte der Beschwerdeführer in der Lage sein, sich bei Be-
darf an geeignete Institutionen sowie NGOs zu wenden.
7.4.3 Hinsichtlich des geltend gemachten medizinischen Sachverhalts ist
festzustellen, dass die psychische Erkrankung des Beschwerdeführers
(PTBS und Angststörung, weshalb er in psychopharmakologischer Be-
handlung ist) sowie die gelegentlichen Knieschmerzen grundsätzlich in
Griechenland behandelbar ist (vgl. Urteil des BVGer D-1202/2022 vom
8. September 2022 mit Hinweis auf D-3218/2022 vom 3. August 2022).
Demnach wird er in Griechenland die notwendigen Medikamente erhalten,
selbst wenn er nicht nahtlos weiter behandelt werden kann. Aus dem Um-
stand, dass er in Griechenland zwar auf B._ behandelt worden sei,
aber nicht nach Athen habe reisen können, vermag er nichts zu seinen
Gunsten abzuleiten, zumal er auch diesbezüglich den Rechtsweg hätte
einschlagen können. Weiter ist es ihm – da er in Griechenland bereits um
medizinische Hilfe ersucht hatte – grundsätzlich möglich, medizinische
Leistungen in Anspruch zu nehmen, wobei es ihm unbenommen bleibt ein
öffentliches Krankenhaus aufzusuchen (vgl. Urteil des BVGer D-
1383/2022 vom 31. März 2022 E. 6.6). Schliesslich ist darauf hinzuweisen,
dass er zumindest vorübergehend die medizinische Rückkehrhilfe, bei-
spielsweise in der Form der Mitgabe von Medikamenten oder der Über-
nahme von Kosten für notwendige Therapien, in Anspruch nehmen kann
(vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. Au-
gust 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Dem psychischen Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers ist auch bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu
tragen.
7.4.4 Aufgrund der Aktenlage ist somit nicht davon auszugehen, der Be-
schwerdeführer gerate bei einer Rückkehr nach Griechenland zwangsläu-
fig in eine seine Existenz gefährdende Situation. Damit ist der Vollzug der
Wegweisung zumutbar.
7.4.5 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer auch unter Be-
rücksichtigung der aktuellen bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtspre-
chung nicht gelungen, die Regelvermutungen umzustossen (vgl. Referenz-
urteil E-3427/2021, E-3431/2021 E. 11.5).
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7.5 Es ist schliesslich auch ohne weiteres von der Möglichkeit des Weg-
weisungsvollzugs auszugehen (Art. 83 Abs. 2 AIG), da sich Griechenland
– wie schon im Rahmen der Prüfung der Voraussetzungen von Art. 31a
Abs. 1 Bst. a AsylG festgestellt (vgl. oben, E. 5.3) – ausdrücklich zu einer
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers bereit erklärt hat.
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit da-
rauf einzutreten ist.
9.
Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ist
mir vorliegendem Endentscheid gegenstandslos geworden.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem die Beschwerdebe-
gehren jedoch nicht als aussichtslos zu bezeichnen waren und aufgrund
der Aktenlage von der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers auszugehen
ist, ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut-
zuheissen und es sind keine Kosten aufzuerlegen (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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