Decision ID: 29a75dec-e19b-4b9f-a140-6d183ad41cbe
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1969 geborene X._ meldete sich am 5. September 2016 (Eingangs
datum) unter Hinweis auf eine schwere Erschöpfungsdepression bei der Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (Urk. 5/1). Diese führte ein Standortgespräch durch (Urk. 5/3) und zog die Akten des Krankentaggeldversicherers bei (Urk. 5/7, 5/13). Zudem holte sie einen Arbeitgeberbericht ein (Urk. 5/11). Nachdem der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) am 3. Februar 2017 Stellung genommen hatte (Urk. 5/15 S. 3), verneinte die
IV-Stelle nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren mit Verfügung vom 22. Mai 2017 einen Anspruch des Versicherten auf eine Invalidenrente (Urk. 2
[= 5/22]).
2.
Dagegen erhob der Versicherte mit Eingabe vom 14. Juni 2017 Beschwerde beim hiesigen Sozialversicherungsgericht und beantragte sinngemäss, ihm sei eine Rente zuzusprechen (Urk. 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 7. September 2017 schloss die IV-Stelle auf Abwei
sung der Beschwerde (Urk. 4), was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 12. September 2017 angezeigt wurde (Urk. 6).

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung,
IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Rechtsprechungsgemäss ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (vgl.
BGE 139 V 547
E. 5,
131 V 49
E. 1.2,
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 1
8.
November 2015 E. 5.4).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausge
wiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, wel
che Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
1.4
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funkti
onelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49
der Verordnung über die Invalidenversicherung (
IVV
)
beurteilen die RAD die medi
zinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmetho
den können sie im Rahmen ihrer medizinischen Fachkompetenz und der allge
meinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich untersuchen. Sie halten die Unter
suchungsergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.5).
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht – ge
-
wissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden ha
-
ben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdigen, wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wer
tung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie wür
digen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundesge
richts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
RAD-Berichte sind versicherungsinterne Dokumente, die von Art. 44 ATSG betreffend Gutachten nicht erfasst werden; die in dieser Norm vorgesehenen Ver
fahrensregeln entfalten daher bei Einholung von RAD-Berichten keine Wirkung (Urteil des Bundesgerichts 8C_385/2014 vom 16. September 2014 E. 4.2.1 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.4).
Praxisgemäss kommt einer reinen Aktenbeurteilung des RAD im Vergleich zu einer auf allseitigen Untersuchungen beruhenden Expertise, welche auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und die Schluss
folgerungen widerspruchsfrei begründet, nicht der gleiche Beweiswert zu (Urteil des Bundesgerichts
8C_971/2012 vom 11. Juni 2013 E. 3.4).
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV ist mit jenem exter
ner medizinischer Sachverständigengutachten vergleichbar, sofern sie den pra
xisgemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen verfügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Allerdings kann auf das Ergebnis versiche
rungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD-Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom 3. Oktober 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf
BGE 139 V 225
E. 5.2;
135 V 465
E. 4.4 und E. 4.7).
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid wurde erwogen, die Abklärungen hätten gezeigt, dass der Versicherte seit Mai 2016 wieder vollständig arbeitsfähig sei, weshalb kein Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung bestehe (Urk. 2).
2.2
Demgegenüber macht der Beschwerdeführer geltend, er sei seit dem 4. Februar 2016 arbeitsunfähig. Er habe stationär behandelt werden müssen und sei nun in ambulanter Behandlung, was zeige, dass er keiner Arbeit mehr nachgehen könne (Urk. 1).
3.
3.1
Im Bericht der Y._ vom 18. April 2016 wurden folgende Diag
nosen aufgeführt (Urk. 5/13 S. 14):
-
schwere depressive Episode (ICD-10: F 32.2)
-
gemischte Hyperlipidämie (ICD-10: E 78.2)
Der Patient sei allseits orientiert, zugewandt und freundlich. Affektiv sei er deut
lich gedrückt. Hinweise auf kognitive oder mnestische Funktionseinschränkun
gen lägen nicht vor. Auch formale oder inhaltliche Denkstörungen, Ich-Störun
gen, Halluzinationen oder Zwänge seien nicht eruierbar (Urk. 5/13 S. 16).
Der Patient werte seinen Aufenthalt als sehr hilfreich, stabilisierend und Gewinn bringend. Objektiv könne bezüglich der depressiven Symptomatik von einer Voll
remission gesprochen werden. Die psychische Stabilität sei jedoch aktuell noch labil, weshalb eine ambulante Behandlung notwendig erscheine (Urk. 5/13 S. 22).
3.2
Im Bericht des behandelnden Psychiaters, med. pract. Z._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 2. Mai 2016 wurde folgende Diagnose genannt (Urk. 5/7 S. 6):
-
schwere depressive Episode (ICD-10: F 32.1)
Der Patient befinde sich seit dem 1. März 2016 in ambulanter Behandlung. Er berichte über eine seit einem Jahr zunehmende Verschlechterung seines psychi
schen Zustandes. Auslöser sei eine seit Längerem bestehende berufliche Überfor
derung (Urk. 5/7 S. 6).
Der Patient sei allseits orientiert. In der Stimmung wirke er deprimiert, im Affekt labil. Im formalen Denken sei er auf die aktuelle Problematik eingeengt. Auf
merksamkeit und Konzentration seien reduziert (Urk. 5/7 S. 6).
Zur Arbeitsfähigkeit wurde festgehalten, diese könne im weiteren Verlauf beur
teilt werden (Urk. 5/7 S. 7).
3.3
Im Bericht des med. pract. Z._ vom 5. Januar 2017 wurde folgende Diagnose aufgeführt (Urk. 5/13 S. 33):
-
bipolare affektive Störung, gegenwärtig depressive Episode (ICD-10: F 31.3)
Der Patient sei allseits orientiert. Die Stimmung sei wechselhaft. Im Affekt wirke er labil. Das formale Denken sei auf die aktuelle Problematik eingeengt. Aufmerk
samkeit und Konzentration seien reduziert, das Gedächtnis sei intakt (Urk. 5/13 S. 32).
Die therapeutischen Bemühungen hätten zu einer langsamen Stabilisierung der Stimmungslage, zur Zunahme des Antriebs sowie der Aktivität und zur Verbes
serung der Schlafqualität geführt. Die Arbeitsfähigkeit könne im weiteren Verlauf beurteilt werden. Eine Wiederaufnahme der Tätigkeit, beispielsweise mit einem Pensum von 25 %, sei im Frühjahr 2017 denkbar (Urk. 5/13 S. 33).
3.4
Am 6. Februar 2017 nahm der RAD Stellung und führte aus, wie aus dem Bericht der Y._ vom 18. April 2016 hervorgehe, habe der stationäre Aufenthalt zu einer vollständigen Remission der depressiven Symptomatik geführt. Daher sei der Versicherte seit der Entlassung aus der Klinik vollständig arbeitsfähig. Nicht nachvollziehbar sei die Einschätzung des behandelnden Psy
chiaters, der lediglich von einer Teilarbeitsfähigkeit ausgehe (Urk. 5/15 S. 3).
4.
Der RAD-Arzt stützte sich bei seiner Beurteilung auf den Bericht der Y._ vom 18. April 2016. In diesem wird überzeugend ausgeführt, dass die Therapien erfolgreich durchgeführt werden konnten und zu einer vollständigen Remission der depressiven Symptomatik führten (Urk. 5/7 S. 15-16). Nicht nach
vollziehbar erscheint demgegenüber, weshalb der behandelnde Psychiater in sei
nem Bericht vom 2.
Mai 2016
nach wie vor eine schwere depressive Episode beschrieb
(
Urk.
5/7 S. 6)
. Dabei liess er nicht nur den Bericht der Y._ unberücksichtigt, sondern unterliess es auch, seine Diagnosestellung mit den erhobenen Befunden zu begründen. Auch sein Folgebericht vom 5. Januar 2017 vermag nicht zu überzeugen. So nannte er trotz praktisch identischer Befunde eine andere Diagnose, ohne jedoch darzulegen, weshalb er von seiner früheren Einschätzung abwich. In beiden Berichten kam er überdies zum Schluss, er könne die Arbeitsfähigkeit des Versicherten erst im weiteren Verlauf beurteilen. Auch aus diesem Grund eignen sich die Berichte nicht, eine langdauernde Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers zu belegen. Zu berücksichtigen ist überdies, dass gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung das sogenannte «Burnout-Syndrom», welches
bei Personen mit bestimmten Persönlichkeitsmerk
malen in psychosozialen Belas
tungssituationen auftreten kann,
keiner Erkran
kung im Sinne der anerkannten internationalen Klassifikationssysteme
entspricht
(Urteil des Bundesgerichts 8C_302/2011 vom 2
0.
September 2011 E. 2.3, vgl. auch Urteile 9C_645/2015 vom
3.
Februar 2016 E. 4.1 und 9C_894/2015 vom 2
5.
April 2016 E. 5.1 mit Hinweisen).
Die IV-Stelle folgte daher zu Recht der Einschätzung des RAD-Arztes und ging davon aus, dass kein invalidisierender Gesundheits
schaden vorliege.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung nicht zu beanstanden, wes
halb die Beschwerde abzuweisen ist.
5.
Die Kosten des Verfahrens sind auf Fr. 500.-- festzulegen und ausgangsgemäss vom Beschwerdeführer zu tragen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG).