Decision ID: 6d4939e7-4b0a-5850-919f-acceae32d902
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin, eine türkische Staatsangehörige kurdischer
Ethnie, verliess ihren Heimatstaat gemäss eigenen Angaben am 25. März
2012 und gelangte auf dem Landweg am 28. März 2012 in die Schweiz,
wo sie am darauffolgenden Tag um Asyl ersuchte. Für die Dauer des Asyl-
verfahrens wurde sie dem Kanton B._ zugewiesen. Am 13. April
2012 wurde sie zu ihrer Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den
Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]). In der Folge fand
am 6. Juli 2012 die einlässliche Anhörung zu ihren Asylgründen statt.
A.b Dabei machte sie im Wesentlichen geltend, sie sei gemeinsam mit ih-
rer Mutter – ihr Vater sei im Jahre 2001 bei einem (...)unfall ums Leben
gekommen – in C._, Provinz D._, aufgewachsen. Nach dem
Abschluss der Sekundarschule habe sie während des Gymnasiums in
E._ in einem Internat gelebt. Für ihr Studium sei sie schliesslich
nach F._ gegangen, wo sie in einem Studentenwohnheim gelebt
habe und während eines Jahres als Aushilfe in der (...) tätig gewesen sei.
Zudem sei sie von ihrem in der Schweiz lebenden Cousin des Vaters na-
mens G._ (N [...]) finanziell unterstützt worden. Ihre Onkel väterli-
cherseits hätten sich stets gegen ihr Studium ausgesprochen. Als sie im
Juni 2011 während der Semesterferien nach Hause zurückgekehrt sei, sei
sie von ihrer Mutter darüber informiert worden, dass ihre Onkel sie mit ei-
nem 33-jährigen ihr unbekannten Mann verheiraten wollten. Im (...) 2011
hätte die Verlobung und am (...) 2011 die Heirat stattfinden sollen. Sie habe
ihrer Mutter mitgeteilt, dass sie diesen Mann nicht heiraten wolle. Ihr Onkel
habe dies gehört und auf der Heirat bestanden. Daraufhin habe ihr Onkel
mit seinen Brüdern gesprochen und ihr mitgeteilt, dass sie keine andere
Wahl habe, als diesen Mann zu heiraten. Infolgedessen sei es zu einer
Auseinandersetzung zwischen dem Onkel und ihrer Mutter gekommen.
Diese sei stets gegen die Heirat gewesen, zumal sie (die Beschwerdefüh-
rerin) nicht dasselbe Schicksal erleiden solle wie damals ihre Mutter. Nach
diesem Zwischenfall habe sie versucht, sich umzubringen. Es sei in den
kommenden Tagen zu insgesamt vier Auseinandersetzungen gekommen,
wobei ihr Onkel sie zweimal geschlagen habe. Zudem habe ein Cousin
eine Zigarette auf ihrem Arm ausgedrückt. Ihre Mutter habe schliesslich
eine Kuh und einen Stier verkauft und ihr das Geld für ihre Flucht gegeben.
Sie sei zunächst nach H._ zu einer Freundin gegangen. Im Sep-
tember 2011 sei sie weiter nach I._ geflohen, wo sie ebenfalls bei
einer Freundin Unterschlupf gefunden habe. Sie sei meistens zu Hause
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geblieben, da sie von einer Freundin erfahren habe, dass ihre Verwandten
nach ihr suchten. In ihrem Heimatstaat habe sie sich weder an die Behör-
den noch an Organisationen zum Schutz von Frauen gewandt. Es gehe ihr
psychisch sehr schlecht. Sie sei sowohl in H._ als auch in
I._ in ärztlicher Behandlung gewesen.
A.c Mit Verfügung vom 24. April 2015 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der
Wegweisung an.
A.d Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 21. Mai 2015
wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-3305/2015 vom 4. Januar
2016 ab.
B.
Am 6. Juni 2017 liess die Beschwerdeführerin beim SEM ein Wiedererwä-
gungsgesuch einreichen. Zur Begründung wurde ausgeführt, sie habe
nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts drei Mal stationär behan-
delt werden müssen und am (...) 2016 einen Suizidversuch verübt. Zuletzt
sei eine schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (ICD-
10 F32.3) diagnostiziert worden. Ihr Gesundheitszustand habe sich derart
verschlechtert, dass es ihr individuell nicht zumutbar sei, sich in ihrem Her-
kunftsland selbständig um psychologische beziehungsweise psychiatri-
sche Behandlung zu kümmern. Dies insbesondere, da sie weder über ein
Netz verfüge, welches sie in ihrer instabilen gesundheitlichen Lage be-
treuen könnte, noch über die finanziellen Mittel, welche gewährleisten wür-
den, dass eine entsprechende psychiatrische und psychologische Betreu-
ung rechtzeitig sichergestellt werden könne. Zudem sei sie durch ihren
stark verschlimmerten psychischen Gesundheitszustand arbeitsunfähig
und komplett auf sich alleine gestellt. Eine psychiatrische Behandlung für
eine alleinstehende kurdische Frau in der Türkei sei überdies selbst bei
günstigeren Umständen nicht problemlos möglich. Aufgrund ihres gesund-
heitlichen Zustandes, insbesondere durch tägliche Migräneanfälle, sei sie
überdies nicht mehr fähig, zwischenmenschliche Beziehungen aufzu-
bauen. Jegliche familiäre Unterstützung scheide von vornherein aus. Es
sei davon auszugehen, dass sie bei einer Rückkehr in die Türkei wieder
suizidal werden könnte und sich die psychotischen Episoden verschlim-
mern würden, da sich ihre grösste Angst realisiert hätte. Das depressive
Syndrom, verbunden mit mehreren Suizidversuchen, sei nicht nur im Rah-
men der Ausschaffungsproblematik entstanden, sondern vielmehr auf
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Grund der komplizierten familiären Situation in der Türkei. Eine Rückkehr
in die Türkei wäre für sie ein lebensbedrohender Zustand. Eine mögliche
Verschlechterung des gesundheitlichen Zustands könnte sich unbehandelt
innert weniger Tage stark verschlimmern und schlimmstenfalls in einem er-
neuten – erfolgreichen – Selbstmordversuch enden. Der Wegweisungsvoll-
zug sei daher unzumutbar.
Der Eingabe lagen eine Vollmacht, ein Austrittsbericht der (...) vom (...)
2017, ein Arztbericht der (...) vom (...) 2017, ein Austrittsbericht der Klinik
(...) vom (...) 2016 und ein Arztbericht der Klinik (...) vom (...) 2016 bei.
C.
Das SEM setzte mit Verfügung vom 12. Juni 2017 den Vollzug der Weg-
weisung einstweilen aus.
D.
Mit Eingabe vom 13. Juni 2017 liess die Beschwerdeführerin eine Fürsor-
gebestätigung sowie verschiedene Medienberichte zum Thema Frauenun-
terdrückung und Gewalt in der Türkei einreichen.
E.
In der Folge liess die Beschwerdeführerin am 19. Juni 2017 zwei Berichte
der Schweizerischen Flüchtlingshilfe mit den Titeln "Türkei: Gefährdungs-
profile (Update)" und "Türkei: Aktuelle Situation (Update)", beide vom
19. Mai 2017, einreichen.
F.
Schliesslich liess die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 13. Dezember
2017 mitteilen, dass sie erneut habe stationär behandelt werden müssen,
und reichte einen Austrittsbericht der (...) vom (...) 2017 zu den Akten.
G.
Mit Verfügung vom 10. September 2018 – eröffnet am 11. September 2018
– wies das SEM das Wiedererwägungsgesuch ab, erklärte die Verfügung
vom 24. April 2015 als rechtskräftig und vollstreckbar, erhob eine Gebühr
in der Höhe von Fr. 600.- und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde
komme keine aufschiebende Wirkung zu.
H.
Die Beschwerdeführerin liess durch den rubrizierten Rechtsvertreter mit
Eingabe vom 11. Oktober 2018 beim Bundesverwaltungsgericht Be-
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schwerde erheben und beantragen, der angefochtene Entscheid sei auf-
zuheben und sie sei in Wiedererwägung des Entscheides vom 24. April
2015 infolge Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs vorläufig aufzunehmen. In prozessualer Hinsicht beantragte sie, das
Amt für Migration des Kantons B._ sei superdringlich und superpro-
visorisch mit verfahrensleitender Massnahme anzuweisen, den Vollzug der
Wegweisung auszusetzen, und es sei die aufschiebende Wirkung der Be-
schwerde herzustellen. Zudem sei ihr die unentgeltliche Prozessführung
und Rechtsverbeiständung zu bewilligen.
Der Beschwerde lagen – neben der angefochtenen Verfügung und einer
Vollmacht – die bereits im vorinstanzlichen Wiedererwägungsverfahren
eingereichten ärztlichen Berichte (vgl. Bst. B), ein ärztlicher Bericht von
Dr. J._, (...), vom (...) 2018, ein Medienbericht zum Thema Frau-
enpolitik in der Türkei und eine Fürsorgebestätigung vom 4. Oktober 2018
bei.
I.
Am 12. Oktober 2018 setzte der Instruktionsrichter den Vollzug der Weg-
weisung per sofort einstweilen aus.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 30. Oktober 2018 forderte der Instruktions-
richter die Beschwerdeführerin auf, bis zum 30. November 2018 einen ärzt-
lichen Bericht einzureichen.
K.
In der Folge wurde innert erstreckter Frist mit Eingabe vom 4. Dezember
2018 ein Abschlussbericht der (...) vom (...) 2018 zu den Akten gereicht.
Durch diesen Bericht sei erstellt, dass der Wegweisungsvollzug bezie-
hungsweise der damit verbundene Abbruch des jetzigen therapeutischen
Settings zu einer massiven Verschlechterung des Gesundheitszustandes
der Beschwerdeführerin mit Selbstverletzungen, Lähmungserscheinungen
und Suizid führen würde.
L.
Der Instruktionsrichter stellte mit Instruktionsverfügung vom 13. Dezember
2018 die aufschiebende Wirkung der Beschwerde her und stellte fest, dass
die Beschwerdeführerin den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab-
warten dürfe. Im Weiteren hiess er das Gesuch um Gewährung der unent-
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geltlichen Prozessführung unter Vorbehalt einer nachträglichen Verände-
rung der finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführerin gut und verzich-
tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um amtliche
Rechtsverbeiständung wurde abgewiesen. Gleichzeitig wurde das SEM
eingeladen, sich zur Beschwerde, zur Eingabe vom 4. Dezember 2018 und
zum Bericht der (...) vom (...) 2018 vernehmen zu lassen.
M.
Das SEM reichte innert erstreckter Frist am 14. Januar 2019 eine Ver-
nehmlassung ein.
N.
Mit Instruktionsverfügung vom 16. Januar 2019 wurde der Beschwerdefüh-
rerin Gelegenheit gegeben, bis zum 31. Januar 2019 eine Replik einzu-
reichen.
O.
In der Folge replizierte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin mit Ein-
gabe vom 31. Januar 2019 und reichte gleichzeitig seine Honorarnote zu
den Akten.
P.
Mit Eingabe vom 30. März 2020 liess die Beschwerdeführerin einen Aus-
trittsbericht der (...) vom (...) 2020 (inklusive Laborberichte und EKG)
nachreichen.
Q.
Das SEM übermittelte dem Bundesverwaltungsgericht am 24. Februar
2021 einen ärztlichen Bericht der (...) vom (...) 2021, welcher vom Migra-
tionsamt des Kantons B._ zugestellt worden war. Dem Bericht war
unter anderem zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin einen Arbeits-
vertrag abgeschlossen hat und das Migrationsamt gebeten wurde, diesen
zu genehmigen.
R.
Mit Verfügung vom 25. Februar 2021 forderte der Instruktionsrichter die
Beschwerdeführerin auf, dem Gericht bis zum 12. März 2021 Dokumente
und Informationen, im Wesentlichen den Arbeitsvertrag und ihren Gesund-
heitszustand betreffend, zukommen zu lassen.
S.
Der Rechtsvertreter teilte mit Eingabe vom 11. März 2021 mit, dass der
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Stellenantritt nicht bewilligt worden sei, da sich die Beschwerdeführerin im
ausserordentlichen Verfahren befinde. Sie hätte bei der (...) als (...) gear-
beitet. Beim Geschäftsführer handle es sich um einen Bekannten, der mit
dem Angebot dieser Stelle zur Verbesserung der Gesundheit habe beitra-
gen wollen. Es sei absichtlich kein festes Pensum vereinbart worden, son-
dern die Beschwerdeführerin hätte mit einem sehr tiefen Pensum begon-
nen und die Arbeitstätigkeit wäre je nach Verlauf schrittweise gesteigert
worden. Zweifellos hätte der Stellenantritt einen Fortschritt bedeutet. Die
Bemühungen der (...), eine Zukunftsperspektive aufzubauen, hätten durch
die Nichtbewilligung der Stelle einen Rückschlag erfahren, und die Be-
schwerdeführerin habe darauf sehr deprimiert und verstört reagiert. Wenn
sie innert nützlicher Frist eine Bewilligung erhalte, könne sie diese Stelle
immer noch antreten. Im Weiteren sei die Beschwerdeführerin auf die Fort-
setzung der langjährigen medikamentösen und psychoanalytischen Be-
handlung, welche nur in der Schweiz möglich sei, angewiesen.
Der Eingabe lagen ein Arztbericht der (...) vom (...) 2021, ein Arbeitsver-
trag vom (...) 2020 (recte wohl: [...] 2021) sowie eine Honorarnote bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
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setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbezeich-
nung verwenden wird.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde
ist einzutreten.
2. Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl.
BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt
(vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert
30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und
begründet einzureichen (Art. 111b aAbs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine
nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage in Bezug
auf das Vorliegen von Wegweisungsvollzugshindernissen (vgl. BVGE
2014/39 E. 4.5 m.w.H.).
Das SEM hat die Behandlung der Eingabe vom 6. Juni 2017 als Wiederer-
wägungsgesuch nicht in Abrede gestellt und ist darauf eingetreten, so dass
das Bundesverwaltungsgericht zu prüfen hat, ob die Vorinstanz in zutref-
fender Weise das Bestehen der geltend gemachten Wiedererwägungs-
gründe verneint und an ihrer ursprünglichen Verfügung festgehalten hat.
4.
4.1 Das SEM begründet seinen Entscheid im Wesentlichen damit, dass so-
wohl das SEM als auch das Bundesverwaltungsgericht in ihren jeweiligen
Entscheiden bereits ausführlich auf die rechtliche und gesellschaftliche Si-
tuation der Frauen sowie die Problematik der Übergriffe mit soziokulturel-
lem Hintergrund bis hin zum Ehrenmord eingegangen und zum Schluss
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gekommen seien, dass die Türkei hinsichtlich der geltend gemachten pri-
vaten Verfolgung als schutzwillig und schutzfähig zu erachten und der Be-
schwerdeführerin die Inanspruchnahme dieses Schutzes zumutbar sei.
Sodann sei den Arztzeugnissen zu entnehmen, dass die Beschwerdefüh-
rerin seit 2015 in psychiatrischer Behandlung sei, zum Teil auch stationär.
In diesem Zusammenhang sei festzuhalten, dass das Gesundheitswesen
in der Türkei grundsätzlich westeuropäischen Standards entspreche. Dem-
gemäss könne in der Türkei grundsätzlich jede Krankheit behandelt wer-
den und es seien praktisch alle Medikamente erhältlich. Das Versorgungs-
niveau sei indessen nicht landesweit gleichermassen gut, sei jedoch in den
grösseren Städten im Westen der Türkei ohne weiteres als gut zu bezeich-
nen. Das Gesundheitswesen in der Türkei ermögliche auch psychisch
kranken Menschen den Zugang zu Gesundheitsdiensten und Beratungs-
stellen. Für Patienten mit chronischen psychischen Erkrankungen stünden
jedoch Dauereinrichtungen (offene oder geschlossene psychiatrische An-
stalten, Wohnheime) nur in begrenzter Kapazität zur Verfügung. Dies sei
vor allem auf ein anderes soziokulturelles Verständnis der türkischen und
kurdischen Gesellschaft zurückzuführen, die in erster Linie die Familie als
geeignete Stütze für psychisch Kranke betrachte. Die ambulante Betreu-
ung psychisch Kranker sei jedoch in den Gross- und Provinzhauptstädten
gewährleistet. Der Zugang zu medizinischen Leistungen sei auch für mit-
tellose Personen gewährleistet. Diese könnten eine "Grüne Karte" ("Yesil
Kart") beantragen, die zu unentgeltlichen medizinischen Leistungen in den
staatlichen Gesundheitseinrichtungen berechtige. Darin nicht eingeschlos-
sen seien indessen die Kosten für Medikamente bei ambulanter ärztlicher
Behandlung. Insgesamt liessen die angeführten psychischen Probleme
nicht darauf schliessen, dass sie derart schwerwiegend wären, dass eine
Rückkehr in die Türkei nicht zumutbar und eine Weiterbehandlung in der
Muttersprache der Beschwerdeführerin nicht möglich und zumutbar wäre.
Den Akten sei denn auch zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin so-
wohl in H._ als auch in I._ eine psychotherapeutische Be-
handlung in Anspruch genommen habe. Eine Rückkehr in die Heimat
würde somit keine drastische und lebensbedrohende Verschlechterung
des Gesundheitszustandes nach sich ziehen, weshalb nicht vom Vorliegen
einer medizinischen Notlage auszugehen sei. Schliesslich hätten den Ak-
ten zufolge auch der negative Ausgang des Asylverfahrens und der dro-
hende Wegweisungsvollzug zur Verschlechterung des Gesundheitszu-
standes beigetragen. Das SEM stelle nicht in Abrede, dass sich eine de-
pressive Entwicklung bei Asylsuchenden, deren Asylgesuche abgewiesen
würden, begreiflicherweise nicht selten in diesen Momenten bemerkbar
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Seite 10
mache beziehungsweise durch einen ablehnenden Asylentscheid akzen-
tuiert werde. Dieses Phänomen stehe jedoch dem Wegweisungsvollzug
nicht entgegen. Umso wichtiger sei es, dass durch eine sorgfältige Vorbe-
reitung der Ausreise und eine medizinische Begleitung eine innere Bereit-
schaft zur Rückkehr aufgebaut werde, damit sich die Symptome nicht zu-
sätzlich verschärfen würden. Die für die Ausreise zuständigen kantonalen
Migrationsbehörden hätten zudem die Möglichkeit, gesundheitlichen Prob-
lemen bei der Ausgestaltung der Ausreisemodalitäten Rechnung zu tragen,
indem zum Beispiel eine medizinische Fachperson die ausreisepflichtige
Person während der Rückreise betreuen könne. Hinsichtlich der aufgetre-
tenen Suizidalität sei festzuhalten, dass gemäss konstanter Praxis von ei-
ner zu vollziehenden Wegweisung nicht Abstand zu nehmen sei, solange
konkrete Massnahmen zur Verhütung der Umsetzung einer allfälligen Sui-
ziddrohung getroffen werden könnten. Solches sei vorliegend durch eine
entsprechende fachärztliche sowie medikamentöse Vorbereitung und Be-
gleitung vor und bei der Ausreise möglich. Durch den Aufenthalt in der
Schweiz sei die Beschwerdeführerin in den Genuss einer länger dauern-
den psychiatrischen Behandlung gekommen, welche die medizinische Ein-
gliederung in der Türkei erleichtern dürfte.
Die Beschwerdeführerin halte sich sodann seit März 2012 in der Schweiz
auf. Es sei den Akten nicht zu entnehmen, dass sie in erheblichem Masse
durch das hiesige kulturelle und soziale Umfeld geprägt worden sei und
eine Rückkehr in die Türkei, wo sie die ersten (...) Jahre ihres Lebens ver-
bracht habe, nicht zumutbar wäre. Sie sei während eines Jahres Studentin
an der Universität F._ gewesen, weshalb davon auszugehen sei,
dass sie ein soziales Netz aufgebaut haben dürfte. Ihren Aussagen zufolge
habe sie zwischen (...) 2011 und ihrer Ausreise im März 2012 sowohl in
H._ als auch in I._ bei Studienkolleginnen gewohnt. Sollte
der Kontakt zu diesen beiden Kolleginnen – oder zu anderen Freundinnen
– abgebrochen sein, sei es ihr zuzumuten, diesen wiederaufzunehmen.
Eine Rückkehr in die Türkei sei aus humanitärer Sicht folglich nicht als un-
verhältnismässig zu qualifizieren. Das SEM trage ihrem Gesundheitszu-
stand bei der Ausgestaltung der Ausreisemodalitäten Rechnung; es be-
stehe bei Bedarf die Möglichkeit, die zuständigen Behörden/Institutionen in
der Türkei vorgängig über die besondere Schutzbedürftigkeit und notwen-
dige medizinische Behandlung zu informieren. Es stehe der Beschwerde-
führerin frei, bei der kantonalen Rückkehrberatungsstelle medizinische
Rückkehrhilfe zu beantragen.
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4.2 Dem wird in der Beschwerde entgegnet, die politische Entwicklung in
der Türkei habe sich nach dem negativen Entscheid des SEM immens ver-
schärft. Der gescheiterte Putschversuch im Juli 2016 habe den Weg für
eine autoritäre und patriarchalische Regierung in der Türkei geebnet. Aus
allgemeinen Quellen ergebe sich, dass ein unzureichender Schutz für von
Gewalt und Verbrechen im Namen der Ehre bedrohten Frauen bestehe.
Indem sich die Beschwerdeführerin dem Wort ihres Onkels widersetzt und
gar von zu Hause abgehauen sei, habe sie nach kurdischem sowie türki-
schem konservativen Verständnis die Ehre ihrer Familie beschmutzt. Um
diese Schande wieder reinzuwaschen, würden sich ihre männlichen Fami-
lienmitglieder verpflichtet sehen, sie im Namen der Ehre zu ermorden. In
der Türkei seien Gewalt gegen Frauen und Verbrechen im Namen der Ehre
nach wie vor weitverbreitet. Die Polizei reagiere auf Schutzbegehren von
Betroffenen oft nur ungenügend; für die Polizei und die Gerichte würden
Ahndungen gegen Gewalt an Frauen keine Priorität darstellen. Nach dem
Putschversuch habe es viele Entlassungen und Neuaufstellungen von Po-
lizeikräften gegeben. Dies habe zu einer Beeinträchtigung der Sicherheit
von Frauen geführt, da die Polizei Schutzverfügungen nur ungenügend
umsetze. Die Türkei dürfe nicht als schutzfähig, geschweige denn als
schutzwillig betrachtet werden. Es könne der Beschwerdeführerin nicht zu-
gemutet werden, sich an eine solch instabile "Schutzeinrichtung" zu wen-
den, zumal sie von ihrer Familie gesucht werde. In der Türkei gebe es so-
dann weiterhin nicht genügend Frauenhäuser. Seit der Ausrufung des Aus-
nahmezustands in der Türkei seien viele Frauenzentren geschlossen und
alle Angestellten dieser Schutzstellen entlassen worden. Viele Frauenzen-
tren würden zwangsverwaltet, und die Daten aus den Frauenhäusern seien
beschlagnahmt und in eine zentrale Datenbank aufgenommen worden. Zu-
dem bestünden lange Wartezeiten. Es würde nicht lange dauern, bis sie
(die Beschwerdeführerin) von ihrer Familie entdeckt würde. Frauenhäuser
würden in der Türkei keine sichere Unterbringung darstellen, und es sei ihr
nicht zumutbar, ein solches aufzusuchen.
Aus dem aktuellen Arztbericht von Dr. med. J._ gehe hervor, dass
die Beschwerdeführerin an einer multiplen Persönlichkeit im Sinne einer
schweren dissoziativen Identitätsstörung (ICD-10 F62.0) leide. Diese
schlage sich in schweren Dissoziationen und dissoziativen Leistungsstö-
rungen (recte: dissoziativen Lähmungserscheinungen) nieder. Der Arztbe-
richt halte ausdrücklich fest, dass sie eine Traumatherapie sowie insbeson-
dere eine lebensverlängernde Massnahmen-Psychotherapie benötige.
Dies zeige die Ernsthaftigkeit ihrer Suizidalität auf. Gemäss Dr. J._
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sei die Prognose sowohl ohne als auch mit Behandlung im Falle einer Weg-
weisung fatal für den Gesundheitszustand. Ohne die nötige Behandlung
bestehe die Gefahr einer Desintegration der Persönlichkeit. Die Beschwer-
deführerin leide zudem an einer posttraumatischen Belastungsstörung und
habe panische Angst vor der Wegweisung in die Türkei, da sie ernsthaft
um ihr Leben fürchte. Dr. J._ halte in seinem Austrittsbericht vom
(...) 2017 fest, dass das depressive Syndrom nicht lediglich im Rahmen
der Ausschaffungsproblematik entstanden sei, sondern vielmehr bereits
vorher aufgrund der familiären Situation im Heimatstaat bestanden habe.
Hierzu trete nun akute Angst vor den Konsequenzen im Falle einer Weg-
weisung. Eine Wegweisung würde effektiv eine drastische und lebensbe-
drohliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes hervorrufen. In der
Türkei habe die Beschwerdeführerin keine Unterkunft, und weder die Poli-
zei noch Frauenhäuser würden eine sichere Unterbringung darstellen. Es
könne daher mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden,
dass sie keine lebensverlängernde Massnahme in Anspruch werde neh-
men können. Es sei ihr nicht zuzumuten, sich einer derartigen lebensbe-
drohlichen Lage auszusetzen. Der neue Arztbericht vom (...) 2018 sei – mit
Verweis auf verschiedene Gerichtsentscheide, unter anderem auf den Ent-
scheid des EGMR in Sachen Paposhvili gegen Belgien (Urteil vom 13. De-
zember 2016, Grosse Kammer, Nr. 41738/10) – entscheiderheblich und
müsse zum Prozess zugelassen werden. Im Falle der Wegweisung be-
stehe die konkrete Gefahr, dass die Beschwerdeführerin einer ernsthaften
und rapiden Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes ausgesetzt
sein werde. Die Überflutung der Gefühlswellen aus Angst, Paranoia, Ver-
zweiflung und Depression werde ihre Suizidalität signifikant erhöhen, und
es bestehe eine reale Möglichkeit, dass sich ihr Gesundheitszustand ernst-
haft verschlechtern werde. Der EGMR habe mehrfach entschieden, dass
eine wirksame und vertiefte amtliche Untersuchung stattzufinden habe,
wenn jemand in vertretbarer Weise behaupte, eine nach Art. 3 EMRK ver-
pönte unmenschliche Behandlung zu erleiden. Dieser Anspruch werde
auch aus Art. 13 EMRK abgeleitet. Im Zusammenhang mit dem neuen
Arztbericht vom (...) 2018 müsse das SEM entsprechend dem Entscheid
Paposhvili gegen Belgien allgemeine Berichte von der Weltgesundheitsor-
ganisation oder Nichtregierungsorganisationen sowie Gutachten zur be-
treffenden Person einholen. Die Wegweisung in die Türkei sei nicht mit
Art. 3 EMRK zu vereinbaren und unzumutbar, da die Beschwerdeführerin
einer ernsthaften, rapiden und irreversiblen Verschlechterung ihres Ge-
sundheitszustandes ausgesetzt wäre.
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4.3 In seiner Vernehmlassung hält das SEM an seinen Ausführungen fest
und führt ergänzend aus, der Vollzug der Wegweisung sei auch aus medi-
zinischer Sicht zumutbar, zumal das Gesundheitswesen in der Türkei
grundsätzlich westeuropäischen Standards entspreche, auch wenn das
Versorgungsniveau nicht landesweit gleichermassen gut sei. In den grös-
seren Städten im Westen der Türkei sei es jedoch ohne weiteres als gut zu
bezeichnen. Sodann sei nicht aktenkundig, dass die Beschwerdeführerin
zwischen März 2012 und Mai 2015 in medizinischer oder psychotherapeu-
tischer Behandlung gewesen wäre, weshalb der drohende Wegweisungs-
vollzug massgeblich für ihren Gesundheitszustand verantwortlich sein
dürfte. Der auf Beschwerdeebene eingereichte Arztbericht vermöge an die-
ser Einschätzung grundsätzlich nichts zu ändern. Der behördliche Schutz-
wille bei Übergriffen privater Dritter gegenüber Frauen könne trotz respek-
tive auch nach dem gescheiterten Militärputschversuch vom Juli 2016 in
der Regel als gegeben erachtet werden.
4.4 In der Replik wird ausgeführt, die psychischen Probleme hätten bereits
vor der Wegweisungsverfügung vom 24. April 2015 bestanden. Sodann
seien die Erwägungen im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-3305/2015 vom 4. Januar 2016 durch die seither eingetroffenen Ereig-
nisse überholt. Was die Behandelbarkeit der Erkrankung anbelange, liege
bereits heute der Schwerpunkt der Behandlung auf lebensverlängernden
Massnahmen. Die Beschwerdeführerin sei schwer suizidgefährdet, und bei
ihr seien als Symptome der schweren Erkrankung dissoziative Lähmungs-
erscheinungen aufgetreten, die nicht willentlich gesteuert werden könnten
und die bei einem Wegweisungsvollzug auch nicht einfach von selber ab-
klingen würden. Diese schwere psychische Erkrankung könne nur durch
die Fortsetzung der heutigen engmaschigen Therapie behandelt werden.
Würde diese abgebrochen, wäre die Beschwerdeführerin akut in der Exis-
tenz bedroht.
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus-
ländern (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
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wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.2 Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung
(Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit) sind praxisgemäss alter-
nativer Natur – ist eine von ihnen erfüllt, erweist sich der Vollzug der Weg-
weisung als undurchführbar und die weitere Anwesenheit in der Schweiz
ist gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln
(vgl. etwa BVGE 2011/7 E. 8).
5.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren (vgl. BVGE 2014/26).
Abgesehen von den im Gesetz beispielhaft aufgezählten Faktoren können
namentlich auch die fehlende oder mangelhafte medizinische Behand-
lungsmöglichkeit im Herkunftsland, die Beeinträchtigung des Kindeswohls
bei minderjährigen Gesuchstellern oder eine Kombination von problemati-
schen Faktoren (Alter, Beeinträchtigung der Gesundheit, fehlendes Bezie-
hungsnetz, ungünstige Aussichten bezüglich des wirtschaftlichen Fortkom-
mens etc.) von Bedeutung sein, immer vorausgesetzt, dass sie zu einer
konkreten Gefährdung für Leib und Leben führen (vgl. dazu BVGE 2014/26
E. 7.5; 2011/25 E. 8.5).
6.
6.1 Die gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin waren bereits
Gegenstand des Beschwerdeverfahrens D-3305/2015 gegen den Asylent-
scheid vom 24. April 2015. Das Bundesverwaltungsgericht entnahm den
damals auf Beschwerdeebene eingereichten ärztlichen Berichten (Kurzbe-
richt von Dr. med. K._vom [...] 2015 und Abklärungsbericht von
Dr. med. L._ vom [...] 2015), dass die Beschwerdeführerin an einer
rezidivierenden depressiven Störung (gegenwärtig schwere depressive
Episode ohne psychotische Symptome) und einer posttraumatischen Be-
lastungsstörung, respektive einer akuten Belastungsreaktion leide und ein
Verdacht auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung bestehe. Die Be-
schwerdeführerin brauche eine intensive psychotherapeutische Beglei-
tung, wobei die Anmeldung zu einer stationären Therapie nicht ausge-
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schlossen werden könne. In der Folge hielt das Gericht fest, die Behand-
lung psychischer Probleme sei in der Türkei sowohl stationär als auch am-
bulant möglich und es sei davon auszugehen, die Beschwerdeführerin
werde dort eine adäquate Behandlung erhalten. Einer durch die Rückkehr
bedingten allfälligen weiteren psychischen Dekompensation könne mit ge-
eigneter psychiatrischer und medizinischer Betreuung im Zeitraum der
Rückschaffung begegnet werden. Angesichts ihrer überdurchschnittlichen
Ausbildung und eines bestehenden Umfelds in der Türkei spreche nichts
gegen die wirtschaftliche und soziale Reintegration der Beschwerdeführe-
rin (vgl. Urteil des BVGer D-3305/2015 vom 4. Januar 2016 E. 8.4.2).
6.2 Im Rahmen des Wiedererwägungsverfahrens wurden zur Dokumen-
tation der gesundheitlichen Probleme der Beschwerdeführerin mehrere
ärztliche Bericht eingereicht, auf welche nachfolgend eingegangen wird.
6.2.1 Gemäss dem ärztlichen Bericht der Klinik (...) vom (...) 2016, der sich
auf einen stationären Aufenthalt vom (...) 2016 bis (...) 2016 bezieht, leide
die Beschwerdeführerin an einer rezidivierenden depressiven Störung, ge-
genwärtig schwere bis mittelschwere Episode ohne psychotische Symp-
tome (ICD-10 F33.2). Gleichzeitig bestehe der Verdacht auf eine emotional
instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (ICD-10 F60.31), wo-
bei differenzialdiagnostisch eine kombinierte Persönlichkeitsstörung (ICD-
10 F61.0) in Frage komme. Die Beschwerdeführerin habe wiederholt ihr
als traumatisch einzuordnendes Erleben in der Türkei in ihrer Herkunftsfa-
milie thematisiert. Eine ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Be-
handlung sei dringend angeraten und sollte im Wochenrhythmus stattfin-
den. Ohne Behandlung sei vom Fortbestehen der ausgeprägten depressi-
ven Symptomatik mit fluktuierender Suizidalität und Symptomen einer
emotional instabilen Borderline-Symptomatik mit selbstschädigendem Ver-
halten, mit Behandlung von einer Besserung auszugehen. Angesichts der
ausgeprägten affektiven Symptomatik und der vermuteten Persönlichkeits-
störung sei grundsätzlich jederzeit, insbesondere unter psychosozialen
Stressoren, wie dies die Rückführung in die Türkei gegen den Willen der
Beschwerdeführerin darstellen würde, mit einer Zunahme der Suizidalität
beziehungsweise des suizidalen Verhaltens zu rechnen.
6.2.2 Dem am (...) 2016 erstellten Austrittsbericht der Klinik (...) ist zu ent-
nehmen, dass die Beschwerdeführerin bei Eintritt mit (...) von 100 Punkten
die nahezu maximale Symptomausprägung gemäss dem Beck'schen De-
pressionsinventar (BDI) aufgezeigt habe, was ein Hinweis für eine schwere
depressive Symptomatik sei. Diagnostisch wurde von einer rezidivierenden
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depressiven Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische
Symptome, ausgegangen (ICD-10 F33.2). Sodann werde neben dem Ver-
dacht auf eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-
Typ (ICD-10 F60.31) differenzialdiagnostisch eine posttraumatische Belas-
tungsstörung (ICD-10 F43.1) in Betracht gezogen. Eine psychotherapeuti-
sche Weiterbehandlung sei dringend indiziert.
6.2.3 Im Arztbericht der (...) vom (...) 2017, welcher während des dritten
stationären Aufenthalts der Beschwerdeführerin in jener Klinik erstellt
wurde, wird im Wesentlichen ausgeführt, die Beschwerdeführerin leide an
einer schweren depressiven Episode mit psychotischen Symptomen (syn-
thyme psychotische Symptome; ICD-10 F32.3). Sie habe am (...) 2016 ei-
nen Suizidversuch unternommen. Es bestehe eine ausgeprägte Deperso-
nalisation.
6.2.4 Im nach der Entlassung am (...) 2017 erstellten Austrittsbericht der
(...) vom (...) 2017 wird ergänzend festgehalten, es sei während der letzten
zwei Wochen der Behandlung möglich gewesen, mit der Beschwerdefüh-
rerin auch zukunftsorientierte Gespräche zu führen. In Zusammenschau
der Befunde sei von einem depressiven Syndrom auszugehen, welches
wohl nicht nur im Rahmen der Ausschaffungsproblematik entstanden sei,
sondern auch aufgrund der komplizierten familiären Situation in der Türkei,
welche nachhaltig traumatisierend gewesen sei und deshalb einer zeitna-
hen weiteren psychotherapeutischen/psychiatrischen Intervention bedürfe.
Eine Rückkehr in die Türkei wäre somit ein lebensbedrohender Zustand.
Man könnte die schwere Depression auf Grund der hostilen Umgebung
nicht in den Griff bekommen, und es wäre von einer starken konkomitanten
Suizidalität mit erheblichen Impulsen auszugehen.
6.2.5 Der Austrittsbericht der (...) vom (...) 2017 bezieht sich auf den fünf-
ten stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin in jener Klinik vom (...)
2017 bis zum (...) 2017 und die anschliessende teilstationäre Behandlung
bis (...) 2017. Diagnostisch liege eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig schwere Episode mit psychotischen Symptomen (akustische
Halluzinationen und Zönästhesien [synthym und parathym gemischt]; ICD-
10 F33.3) vor. Differenzialdiagnostisch sei eine andere Erkrankung aus
dem schizophrenen Formenkreis in Betracht zu ziehen. Zudem leide die
Beschwerdeführerin an einer posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-
10 F43.1). Sie habe starke Angst vor der Abschiebung
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6.2.6 Im mit der Beschwerde eingereichten knappen, handschriftlichen
ärztlichen Bericht von Dr. J._, (...), vom (...) 2018 wird eine disso-
ziative Identitätsstörung mit starker Impulsivität und schwerer Selbstverlet-
zung diagnostiziert (ICD-10 F62.0). Es würden schwere Dissoziationen
und dissoziative Lähmungserscheinungen vorliegen. Die Beschwerdefüh-
rerin benötige eine Schwerpunkt-Traumatherapie sowie eine lebensverlän-
gernde Massnahmen-Psychotherapie. Die Prognose sei sowohl mit als
auch ohne Behandlung im Falle einer Ausreise fatal und es käme zu einer
Desintegration der Persönlichkeit.
6.2.7 Im ambulanten Abschlussbericht der (...) vom (...) 2018 wird an der
im Bericht vom (...) 2018 gestellten Diagnose festgehalten. Der Schwer-
punkt der psychotherapeutischen Gespräche habe auf der Vermittlung le-
bensverlängernder Massnahmen, auf Psychoedukation bezüglich der vor-
herrschenden Beschwerden, auf dem Umgang mit Impulsivität und auf der
Reduktion selbstverletzenden Verhaltens gelegen. In einem nächsten
Schritt sei eine traumatherapeutische Behandlung vorgesehen. Die psy-
chotherapeutische sowie psychopharmakologische Behandlung sowie re-
gelmässige Kontrollen des körperlichen Status seien weiterzuführen.
6.2.8 Die Beschwerdeführerin befand sich vom (...) 2020 bis zum (...) 2020
erneut stationär in den (...). Im Austrittsbericht vom (...) 2020 werden in
psychiatrischer Hinsicht eine rezidivierende depressive Störung, gegen-
wärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1), eine andauernde Persönlich-
keitsänderung nach Extrembelastung (nach Trauma während der Kindheit
und Jugend sowie während der Flucht aus der Türkei; ICD-10 F62.0) sowie
soziale Phobien (ICD-10 F40.1) diagnostiziert. Es sei die weitere Betreu-
ung durch die (...) vereinbart worden. Die Beschwerdeführerin sei zeit-
weise impulsiv gewesen, habe sich bei Anforderungen schnell zurückge-
zogen und initial häufig geweint. Im Laufe des stationären Aufenthaltes sei
sie jedoch offener sowie kommunikativer geworden und habe sich gut in
die Gruppe der Mitpatienten integrieren können.
6.2.9 Der ärztliche Bericht der (...) vom (...) 2021 hält fest, dass sich der
psychische Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin aufgrund der zu-
sätzlichen psychosozialen Belastungen mit abgewiesenem Asylstatus und
einer möglichen Ausschaffung in die Türkei deutlich verschlechtert habe.
Es werden eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere
Episode mit psychotischen Symptomen (ICD-10 F33.3) sowie eine andau-
ernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0) di-
agnostiziert.
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Seite 18
6.2.10 Laut dem neusten Arztbericht der (...) vom (...) 2021 leidet die Be-
schwerdeführerin in psychiatrischer Hinsicht aktuell an einer rezidivieren-
den depressiven Störung, gegenwärtig schwere Episode mit psychoti-
schen Symptomen (akustische Halluzinationen und Zönästhesien [syn-
thym und parathym gemischt]; ICD-10 F33.3), einer andauernden Persön-
lichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0) und sozialen
Phobien (ICD-10 F40.1). Als Fixmedikation erhalte sie gegenwärtig Panto-
zol, Pregabalin, Quetiapin und Wellbutrin und als Reservemedikation
Maxalt, Redormin und Valverde. Die Beschwerdeführerin habe eine Reihe
von traumatisierenden Ereignissen erlebt und das Wiedererinnern bringe
enormen psychischen Schmerz und panikartige Erregung mit sich. Dabei
seien emotionale Reaktionen (beispielsweise Angst und Trauer), körperli-
che Reaktionen (motorische Unruhe, erhöhter Puls, Schweissausbrüche)
sowie dissoziative Symptome gut beobachtbar. Täglich habe sie belas-
tende Gedanken oder Erinnerungen an die geschilderten Erlebnisse, die
sie nicht kontrollieren könne. Es werde die Fortsetzung und Kontrolle der
medikamentösen Behandlung empfohlen. Ausserdem brauche die Be-
schwerdeführerin weiterhin therapeutische Unterstützung. Vor allem die
bevorstehende Ausschaffung in die Türkei und die damit verbundene Angst
würden eine grosse psychische Belastung verursachen. Zudem fehle es
ihr an Energie und emotionaler Kapazität, die für die Bewältigung ihres All-
tags nötig seien. Im Falle einer Rückführung in die Türkei sei von einer
Zunahme der Symptomatik auszugehen, da die Konfrontation mit auslö-
senden Bedingungen wahrscheinlich sei und eine Retraumatisierung somit
nicht ausgeschlossen werden könne. Zum aktuellen Zeitpunkt sei bei einer
Rückführung in ein an die belastenden Lebensereignisse erinnerndes Um-
feld mit einer hohen Belastung und psychischen Destabilisierung sowie
suizidalen Handlungen zu rechnen. Bei Abweisung des Asylgesuchs
könnte eine psychische Dekompensation der Beschwerdeführerin erfol-
gen, weshalb zu diesem Zeitpunkt gegebenenfalls eine stationäre Auf-
nahme empfohlen würde.
6.3 Den vorstehend unter der Erwägung 6.2 erwähnten, inhaltlich zusam-
mengefassten ärztlichen Berichten ist zu entnehmen, dass die Beschwer-
deführerin seit Jahren psychisch schwer krank und auf eine medikamen-
töse Behandlung und therapeutische Unterstützung dringend angewiesen
ist. Seit dem Urteil D-3305/2015 vom 4. Januar 2016 musste sie ausser-
dem mehrfach stationär behandelt werden. Ihr Gesundheitszustand ist
nachhaltig instabil und es kommt immer wieder zu schweren Einbrüchen.
Insgesamt ist keine Verbesserung, sondern im Gegenteil eine gewisse Ver-
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Seite 19
schlimmerung und Chronifizierung des psychischen Zustandes der Be-
schwerdeführerin festzustellen. Mit Verweis auf die grundsätzlich zutreffen-
den Erwägungen des SEM zum Gesundheitswesen in der Türkei ist den-
noch davon auszugehen, dass auch die gegenwärtigen psychischen Prob-
leme der Beschwerdeführerin in der Türkei grundsätzlich behandelbar wä-
ren. Präzisierend ist festzuhalten, dass seit dem 1. Januar 2012 auch är-
mere Bevölkerungsschichten, welche zuvor nur durch die sogenannte
"Grüne Karte" Zugang zum Gesundheitssystem und zu Kostenübernahme
hatten, von der allgemeinen Krankenkasse abgedeckt sind (vgl. etwa Re-
public of Turkey, Social Security Institution, Universal Health Insurance,
http://www.sgk.gov.tr/wps/portal/sgk/en/detail/universal_health_ins).
6.4 Was die Ursache der gesundheitlichen Probleme der Beschwerdefüh-
rerin anbelangt, ist den vorstehenden Arztberichten zu entnehmen, dass
diese nicht nur in der Ausschaffungsproblematik, sondern auch in der kom-
plizierten und nachhaltig traumatisierenden familiären Situation in der Tür-
kei begründet ist (vgl. etwa E. 6.2.1, E. 6.2.4 und E. 6.2.10). Wurde im Ur-
teil D-3305/2015 vom 4. Januar 2016 letztlich offengelassen, ob die Vor-
bringen der Beschwerdeführerin hinsichtlich häuslicher Gewalt und dro-
hender Zwangsheirat als glaubhaft zu erachten seien (vgl. a.a.O. E. 5), be-
stehen aus heutiger Sicht keine Zweifel, dass die im ordentlichen Verfahren
geltend gemachten Ausreisegründe der Wahrheit entsprechen (vgl.
Bst. A.b), und vor diesem Hintergrund eine Rückkehr der Beschwerdefüh-
rerin in die Türkei die Gefahr einer Retraumatisierung mit sich bringen
würde (vgl. E. 6.2.10). Darüber hinaus erscheint die subjektiv überaus
grosse Angst der Beschwerdeführerin vor einer Rückkehr vor dem Hinter-
grund der Situation der Frauen in der Türkei objektiv ohne weiteres nach-
vollziehbar. Zwar unternahm die Türkei in den vergangenen Jahren Schritte
zur Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation der
Frauen und im Besonderen zu deren Schutz vor Übergriffen mit soziokul-
turellem Hintergrund (bis hin zum Ehrenmord). Trotz dieser staatlichen Be-
mühungen waren jedoch Ehrenmorde und häusliche Gewalt nach wie vor
verbreitet. Es bestehen zudem Anzeichen dafür, dass die Türkei den Re-
formkurs seit einiger Zeit nicht mehr konsequent verfolgt. Auch wird seit
dem gescheiterten Putsch von Mitte Juli 2016 in der Türkei von einer Zu-
nahme der Gewalt gegen Frauen berichtet (vgl. Referenzurteil des BVGer
E-1948/2018 vom 12. Juni 2018 E. 5.2.2 und 5.2.4). Zudem ist die Türkei
per 1. Juli 2021 aus dem Übereinkommen des Europarats zur Verhütung
und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt vom
11. Mai 2011 (Istanbul-Konvention) ausgetreten, sodass sich der Schutz
von Frauen weiter verschlechtern dürfte (vgl. etwa SRF, Die Türkei ist ab
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heute nicht mehr Teil der Istanbul-Konvention, vom 1. Juli 2021,
https://www.srf.ch/news/international/schutz-von-frauen-gegen-gewalt-
die-tuerkei-ist-ab-heute-nicht-mehr-teil-der-istanbul-konvention). Insge-
samt bestehen nach dem Gesagten erhebliche Zweifel, ob sich im Rahmen
eines Ausschaffungsversuchs eine erneute psychische Dekompensation
der Beschwerdeführerin überhaupt verhindern liesse beziehungsweise ob
eine solche durch eine psychiatrische Behandlung in der Türkei überhaupt
aufgefangen werden könnte. Eine abschliessende Beurteilung dieser
Frage erübrigt sich jedoch angesichts der nachfolgenden Erwägung 6.5.
6.5 Offensichtlich ist, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer schwe-
ren psychischen Erkrankung im Falle einer Rückkehr in die Türkei auf in-
tensive Unterstützung – dies sowohl in finanzieller als auch persönlicher
Hinsicht – durch ein tragfähiges soziales Umfeld angewiesen wäre. Ohne
ein solches ist eine Zustandsstabilisierung und allenfalls später eine ge-
wisse Selbständigkeit der Beschwerdeführerin trotz ihrer überdurchschnitt-
lichen Ausbildung unrealistisch. Ein Unterkommen in einem Frauenhaus
stellt keine zumutbare Option dar, zumal diese Einrichtungen auf akute
Notsituationen und nicht auf eine langfristige Betreuung ausgerichtet sind.
Im Urteil D-3305/2015 vom 4. Januar 2016 ging das Bundesverwaltungs-
gericht noch davon aus, es spreche wegen des zu Schul- und Studienzei-
ten aufgebauten sozialen Netzes der Beschwerdeführerin und ihrer Ausbil-
dung nichts gegen ihre wirtschaftliche und soziale Reintegration (vgl.
a.a.O. E. 8.4.2). Heute, fünf Jahre später, präsentiert sich die Situation an-
ders. Zwar geht auch die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zu
Recht nicht von einem familiären Beziehungsnetz aus, in welches die Be-
schwerdeführerin zurückkehren könnte. Die Erwartung des SEM, sie kön-
ne auf ein während des einjährigen Studienaufenthalts aufgebautes sozia-
les Netz beziehungsweise auf Studienkolleginnen, bei denen sie zwischen
(...) 2011 und März 2012 sowohl in H._ als auch in I._ ge-
wohnt habe, zurückgreifen, erweist sich vor dem Hintergrund der Schwere
ihrer gesundheitlichen Probleme im Verbund mit der langen Landesabwe-
senheit jedoch als illusorisch. Unabhängig davon, dass die Beschwerde-
führerin zu diesen Studienkolleginnen offenbar keinen Kontakt mehr pflegt
(vgl. Akten SEM B1/25 S. 6) und damit entgegen der Ansicht der Vorinstanz
nicht von einem leichthin wiederherstellbaren Beziehungsnetz auszugehen
ist, dürften sich die Lebensumstände dieser Freundinnen in den letzten
Jahren gänzlich verändert haben. Ohnehin bestehen keinerlei Anhalts-
punkte, aufgrund derer geschlossen werden könnte, unter ihren ehemali-
gen Studienfreundinnen würden sich Personen befinden, welche in der
D-5841/2018
Seite 21
Lage und auch willens wären, die psychisch schwer kranke Beschwerde-
führerin bei sich aufzunehmen und sich intensiv – sowohl in zeitlicher als
auch finanzieller Hinsicht – um sie zu kümmern, zumal zum heutigen Zeit-
punkt völlig ungewiss erscheint, ob und innert welcher Frist die Beschwer-
deführerin in ihrer Heimat wirtschaftlich unabhängig würde. Der aktuell in
der Schweiz angestrebte, behutsame Versuch einer Arbeitsaufnahme
(vgl. Bst. Q. ff.), lässt – selbst wenn er erfolgreich verlaufen würde – keine
Rückschlüsse auf allfällige Erwerbsmöglichkeiten in der Türkei zu, zumal
im Falle einer Rückkehr mit einer deutlichen Verschlechterung des Ge-
sundheitszustandes gerechnet werden muss (vgl. E. 6.2 und 6.4). Mut-
masslich wäre die Beschwerdeführerin in der Türkei für unbestimmte Zeit
auf finanzielle und anderweitige Unterstützung durch Dritte angewiesen.
Das Bestehen eines tragfähigen sozialen Beziehungsnetzes, welches be-
reit wäre, ein solches Engagement zugunsten der Beschwerdeführerin zu
leisten, ist nach dem Gesagten zu verneinen.
6.6 In Berücksichtigung der geschilderten Umstände ist zu schliessen,
dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer schweren psychischen Er-
krankung im Verbund mit einem fehlenden tragfähigen Beziehungsnetz bei
einer Rückkehr in die Türkei in eine existenzielle Notlage geraten und mit-
hin im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG konkret an Leib und Leben gefährdet
wäre. Der Wegweisungsvollzug ist daher im jetzigen Zeitpunkt als unzu-
mutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren.
7.
Die Beschwerde ist demnach – da keine Ausschlussgründe gemäss Art. 83
Abs. 7 AIG vorliegen – gutzuheissen und die Verfügung des SEM vom
10. September 2018 ist aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, die
Beschwerdeführerin in teilweiser Wiedererwägung der Verfügung vom
24. April 2015 vorläufig in der Schweiz aufzunehmen (vgl. Art. 44 AsylG
und Art. 83 Abs. 4 AIG). Aufgrund der alternativen Natur der Vollzugshin-
dernisse (vgl. E. 5.2) erübrigt es sich bei dieser Sachlage, auf den in der
Beschwerde erhobenen weiteren Antrag, es sei die Unzulässigkeit des
Vollzuges der Wegweisung festzustellen, einzugehen. Ebenfalls kann auf
eine Auseinandersetzung mit den weiteren Vorbringen in der Beschwerde
und Replik verzichtet werden.
D-5841/2018
Seite 22
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit wird die mit der Zwischenverfügung
vom 13. Dezember 2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung nach-
träglich gegenstandslos.
8.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die bei den
Akten liegenden Honorarnoten vom 31. Januar 2019 und vom 11. März
2021 weisen einen Zeitaufwand von 17.08 Stunden (wovon 10.33 Stunden
Aufwand einer juristischen Mitarbeiterin und 6.75 Stunden Aufwand des
rubrizierten Rechtsvertreters) bei einem Stundenansatz von Fr. 120.– be-
ziehungsweise Fr. 250.– sowie Auslagen von Fr. 45.45 aus. Dieser Auf-
wand und die Stundenansätze erscheinen angemessen. Die von der Vo-
rinstanz auszurichtende Parteientschädigung ist nach dem Gesagten auf
gerundet Fr. 3'200.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzu-
setzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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