Decision ID: 92b8e3cd-5c93-4877-af94-985140e51710
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Mai 2012 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 2). Er gab an, er habe keine berufliche Ausbildung
absolviert und er sei nicht erwerbstätig. Im Mai 2012 berichtete die frühere
Arbeitgeberin des Versicherten (IV-act. 21), dieser habe von März 1979 bis und mit
September 2011 als Lagerist und Maschinist für sie gearbeitet. Sein Lohn habe sich im
Jahr 2010 auf 75’358 Franken belaufen. Der Lohn für die Zeit von Januar bis und mit
September 2011 habe 59’897 Franken betragen (was einem Jahreslohn von 79’863
Franken entspricht). Da der Versicherte bereits im Jahr 2009 angekündigt habe, dass er
im August 2011 in die Frühpension und dann in seine Heimat gehen wolle, habe man
seine Arbeitsstelle ausgeschrieben und per 1. Juni 2011 einen Nachfolger eingestellt.
Der Arbeitsvertrag sei dann fristgerecht per 30. September 2011 gekündigt worden.
Der Gesundheitsschaden sei erst nach der Beendigung des Arbeitsverhältnisses
eingetreten. Der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. B._, berichtete im Juni 2012
(IV-act. 30), der Versicherte leide an einer Depression, an einer akuten exazerbierten
rezidivierenden Lumbago, an einem Bandscheibenvorfall L5/S1 rechts, an einer
Bandscheibendegeneration L3–S1, an einer Skoliose der Lendenwirbelsäule, an einer
arteriellen Hypertonie, an einem Status nach einer mikrochirurgischen Fensterung L5/
S1 rechts sowie an einer SLAP-Läsion Grad II–III und an einem Impingement bei einer
Acromioclaviculargelenksarthrose rechts. Bis auf weiteres sei er vollständig
arbeitsunfähig. Die Psychiaterin Dr. med. C._ teilte im März 2013 mit (IV-act. 44), der
Versicherte leide seit Herbst 2011 an einer mittelgradigen depressiven Episode,
weshalb er aus psychiatrischer Sicht nur zu 50–60 Prozent arbeitsfähig sei.
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die medizinische Abklärungsstelle (MEDAS)
Bern am 20. Dezember 2013 ein polydisziplinäres – internistisches, neurologisches,
orthopädisches, neurochirurgisches und psychiatrisches – Gutachten (IV-act. 53). Die
Sachverständigen hielten fest, der Versicherte leide an einem cervicalen, in die linke
Schulter ausstrahlenden Schmerzsyndrom, an einem lumbalen Schmerzsyndrom, an
einer verminderten Belastbarkeit der rechten oberen Extremität sowie – ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einem Morbus Dupuytren, an einem Status
nach einer Kniegelenksarthroskopie links, an Beschwerden im linken
Grosszehengrundgelenk, an einer Fehlstatik der Wirbelsäule, an einer beidseits
verkürzten Ischiokruralmuskulatur, an einer mässigen stammbetonten Adipositas, an
einer depressiven Episode, an einer Hypertonie, an einer Hypercholesterinämie und an
einem Aneurysma der Aorta abdominalis. Die bisherige Tätigkeit sei angesichts der
hohen Gewichtsbelastungen nicht mehr zumutbar. Leichte bis mittelschwere,
wechselbelastende Tätigkeiten seien dagegen uneingeschränkt zumutbar. Am 16.
Januar 2014 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD), das Gutachten der MEDAS Bern sei überzeugend, weshalb auf es abgestellt
werden könne (IV-act. 54). Mit einem Vorbescheid vom 20. Januar 2014 teilte die IV-
Stelle dem Versicherten mit, dass sie vorsehe, seine Begehren um berufliche
Massnahmen und um die Zusprache einer Rente abzuweisen (IV-act. 58). Dagegen
liess der Versicherte am 24. Januar 2014 einwenden (IV-act. 59), er leide an vielfältigen
Beschwerden am ganzen Körper. Er beantrage eine halbe Rente und die Einleitung von
beruflichen Massnahmen sowie die Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung. Im März 2014 fand ein „Assessmentgespräch“ zwischen dem
Versicherten und einer Eingliederungsverantwortlichen statt (vgl. IV-act. 79). Am 8. April
2014 unterzeichneten der Versicherte und die Eingliederungsverantwortliche einen
Eingliederungsplan, laut dem der Versicherte mittels einer Arbeitsvermittlung wieder in
den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert werden sollte (IV-act. 76). Mit einer Mitteilung
vom 23. April 2014 „ersetzte“ die IV-Stelle den Vorbescheid vom 20. Januar 2014
durch die Zusprache einer Arbeitsvermittlung (IV-act. 81). Im Mai 2014 beauftragte die
IV-Stelle E._ mit der Betreuung des Versicherten (IV-act. 83). Im September 2014
konnte der Versicherte einen sechsmonatigen Arbeitsversuch als Mitarbeiter bei einer
Unternehmung für Liegenschaftsbetreuung beginnen (vgl. IV-act. 92). Nach vier
Monaten brach der Versicherten diesen Arbeitsversuch ab; die zuständige Betreuerin
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gab an, er sei mit der Arbeitsaufgabe überfordert gewesen und er habe die Leistung
nicht erbringen können (IV-act. 100). Die zuständige Betreuerin von der E._ teilte der
Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle am 4. Februar 2015 mit (IV-act. 109), dass
der Versicherte unter zunehmenden Schmerzen gelitten habe. Am 4. Dezember 2014
sei eine Aortenerweiterung festgestellt worden; diesbezüglich hätten im Januar 2015
weitere Untersuchungen stattgefunden. Das Anforderungsprofil habe angepasst
werden müssen und es erscheine gesamthaft als sinnvoll, vorerst nur Arbeitsstellen mit
einem Pensum von 50 Prozent zu suchen. In ihrem Schlussbericht vom 20. April 2015
teilte die zuständige Betreuerin von der D._ mit, dass es „mit den verbleibenden
Stunden“ nicht mehr gelungen sei, eine neue Arbeitsstelle für den Versicherten zu
finden (IV-act. 111). Mit einer Mitteilung vom 23. Juli 2015 verweigerte die IV-Stelle
dem Versicherten weitere berufliche Massnahmen; sie informierte ihn gleichzeitig
darüber, dass er bezüglich seines Rentenbegehrens zu einem späteren Zeitpunkt eine
Verfügung erhalten werde (IV-act. 114).
Am 15. Dezember 2015 berichtete Dr. B._ (IV-act. 131–1 ff.), der Versicherte
leide neu auch an einer dilatativen Arteriopathie bei einem infrarenalen Aneurysma der
Aorta abdominalis mit einem maximalen Durchmesser von vier Zentimetern. Er sei
vollständig arbeitsunfähig. Dem Arztbericht lag unter anderem ein Schreiben der
Neurologin Dr. med. F._ vom 6. Januar 2014 bei (IV-act. 131–22 ff.), laut dem beim
Versicherten eine relative Amplitudenminderung des Nervus medianis links ohne eine
Beteiligung sensibler Fasern festgestellt worden war. Die Neurologin hatte festgehalten,
dass dieser Befund der Ausdruck einer leichtgradigen radiculären C7-Symptomatik
links sein könne, da ein vorgängiges MRI einen entsprechenden Befund an der
Halswirbelsäule gezeigt habe. Die Psychiaterin Dr. C._ berichtete am 8. Februar 2016
(IV-act. 135), der Versicherte leide seit Mai 2015 neu an einer Angststörung mit
Panikattacken. Die mittelgradige depressive Episode dauere immer noch an.
Diagnostisch liege auch eine chronische Schmerzstörung mit körperlichen und
psychischen Faktoren vor. Aus psychiatrischer Sicht sei der Versicherte vollständig
arbeitsunfähig. Im Vordergrund stehe nach der Entdeckung eines Aortenaneurysmas
eine ständige Angst, das Aneurysma könnte aufreissen. Im Mai 2016 wurde eine
Ausschaltungsresektion des Aortenaneurysmas durchgeführt (vgl. IV-act. 157–11 f.). Im
Anschluss daran musste ein postoperativer subcutaner Platzbauch behoben werden
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(vgl. IV-act. 157–9 f.). Im August 2016 berichteten die Operateure, dass aus
angiologischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit mehr vorliege (IV-act. 157–3 ff.). Im
Auftrag der IV-Stelle erstattete die Ärztliches Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH am 11.
September 2017 ein polydisziplinäres Verlaufsgutachten (IV-act. 185). Der
psychiatrische Sachverständige hielt fest, der objektive klinische Befund sei abgesehen
von einer leichten Ängstlichkeit und Verunsicherung sowie einer insgesamt bedrückten
Stimmungslage unauffällig gewesen. Diagnostisch seien die Kriterien einer gemischten
Angst- und depressiven Störung erfüllt gewesen. Da diese mit Schlafstörungen
einhergehe und da die Stimmungslage des Versicherten bedrückt sei, könne eine
Arbeitsunfähigkeit von 20 Prozent für sämtliche Tätigkeiten attestiert werden. Im
Vergleich zum Gutachten der MEDAS Bern sei es also zu einer zwischenzeitlichen
Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes des Versicherten
gekommen. Diese Verschlechterung sei auf das nach der Begutachtung durch die
MEDAS Bern entdeckte grössenprogrediente Aortenaneurysma zurückzuführen. Die
von Dr. C._ gestellte Diagnose einer generalisierten Angststörung überzeuge nicht,
da der Versicherte nicht an einer generalisierten Angst leide; seine Ängste bezögen
sich ausschliesslich auf das Aortenaneurysma. Die depressive Störung sei nur
geringgradig ausgeprägt. Insgesamt lasse sich deshalb keine vollständige
Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht attestieren, weshalb die Berichte von Dr.
C._ nicht überzeugten. Der orthopädische Sachverständige führte aus, aus objektiv-
klinischer Sicht habe sich die Beweglichkeit der Wirbelsäule lumbal als klar vermindert
gezeigt. Cervico-thoracal sei die Beweglichkeit dagegen weitgehend frei gewesen.
Auch der ebene Gang sei mit allen geprüften Varianten unauffällig gewesen. An den
oberen und an den unteren Extremitäten hätten sich bis auf eine leichtgradige
Einschränkung im Schulterbereich rechts keine Beeinträchtigungen gezeigt. Auf die
Fragen nach der Lokalisation, den Charakter und den Verlauf der Symptomatik habe
der Beschwerdeführer keine Antworten geben können, die einen Leidensdruck fassbar
gemacht hätten. Die gesamte ausführliche Untersuchung habe völlig problemlos
durchgeführt werden können. Die beklagten Beschwerden liessen sich durch die
klinischen, radiologischen und infiltrativen Befunde nicht vollständig begründen.
Nachvollziehbar sei nur ein gewisser Leidensdruck im lumbalen Bereich bei einer
Degeneration nach einer Discektomie sowie im Bereich der linken Grosszehe.
Angesichts des sehr diffusen beziehungsweise generalisierten Geschehens müsse an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine deutliche nicht-organische Komponente gedacht werden. Die angestammte,
körperlich schwer belastende Tätigkeit sei dem Versicherten nicht mehr zumutbar. Für
körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeiten könne dagegen keine
Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Bezüglich der objektiven Befunde, der Diagnose
und der Arbeitsfähigkeitsschätzung bestehe eine weitgehende Übereinstimmung mit
den Berichten der behandelnden Fachärzte. Der neurologische Sachverständige hielt
fest, der neurologische Status sei altersentsprechend regelrecht ausgefallen. Aus
neurologischer Sicht könne keine wesentliche die Arbeitsfähigkeit einschränkende
Erkrankung festgestellt werden. Der angiologische Sachverständige führte aus, seit der
erfolgreichen Operation sei das Problem mit dem infrarenalen Aortenaneurysma aus
angiologischer Sicht behoben. Weiterhin bestehe aber eine kontrollbedürftige Ektasie
der Aorta ascendens. Aktuell stehe aus angiologischer Sicht die medikamentöse
Kontrolle und Therapie der Risikofaktoren mit einer lebenslangen Einnahme eines
Thrombozyten-Aggregationshemmers und eines Statins mit regelmässigen Kontrollen
im Vordergrund. Aus rein angiologischer Sicht sei der Versicherte uneingeschränkt
arbeitsfähig. Nach der Konsensbesprechung hielten die Sachverständigen fest, der
Versicherte leide aus polydisziplinärer Sicht an einem chronischen lumbo- und thoraco-
vertebralen Schmerzsyndrom, an einem infrarenalen Aortenaneurysma, an einem
Status nach einer Oberbauchrevision, an einer Ektasie der Aorta ascendens auf
maximal 4,2 Zentimeter sowie an einer gemischten Angst- und depressiven Störung.
Als weitere, sich aber nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirkende Diagnosen seien
chronische dorsale Schulterbeschwerden links, ein Status nach einer
Schulterarthroskopie rechts, ein chronisches cervico-vertebrales Schmerzsyndrom,
chronische Beschwerden im Bereich der linken Grosszehe, ein Status nach einer
arthroskopischen medialen Teilmeniscektomie links, ein chronisches unspezifisches
multiloculäres Schmerzsyndrom, ein metabolisches Syndrom und ein Morbus
Dupuytren Strahl IV beidseits zu nennen. Die angestammte Tätigkeit sei dem
Versicherten nicht mehr zumutbar. Für eine körperlich leichte, wechselbelastende
Tätigkeit ohne wiederholtes Heben und Tragen von Lasten über zehn Kilogramm
bestehe dagegen eine Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent. Die RAD-Ärztin Dr. D._
qualifizierte das Gutachten der ABI GmbH als überzeugend (IV-act. 186).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Mit einem Vorbescheid vom 11. Oktober 2017 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit (IV-act. 189), dass sie die Abweisung seines Rentenbegehrens vorsehe. Zur
Begründung führte sie aus, dass der Einkommensvergleich angesichts der von den
Sachverständigen der ABI GmbH attestierten Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent lediglich
einen nicht rentenbegründenden Invaliditätsgrad von 20 Prozent ergeben habe.
Dagegen liess der Versicherte am 7. November 2017 einwenden (IV-act. 193), ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung würde er heute mindestens 80’000 Franken verdienen.
Dieser Betrag müsse als Valideneinkommen herangezogen werden. Beim
Invalideneinkommen müssten „Abzüge“ gemacht werden, weil er nur noch leichte
Arbeiten ausführen könne. Hinzu komme, dass er sich für eine lange Zeit in ständiger
Behandlung befunden habe, weshalb ihm rückwirkend eine ganze Rente für jene Zeit
zugesprochen werden müsse. Selbst die für ihre bagatellisierende Einstellung
bekannten Sachverständigen der ABI GmbH hätten Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit gestellt. Sie hätten allerdings den Rücken- und Kniebeschwerden nicht
ausreichend Rechnung getragen, nur um den Versicherten aus der Rentenberechtigung
kippen zu können. Das sei verfassungswidrig und verstosse gegen die EMRK-
Garantien. Die Begutachtung müsse wiederholt werden. Der Versicherte habe einen
Anspruch auf eine halbe Rente und auf berufliche Massnahmen. Abschliessend
beantrage er die unentgeltliche Rechtsverbeiständung. Mit einer Verfügung vom 23.
November 2017 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des Versicherten ab (IV-act.
196). Bezugnehmend auf die Einwände vom 7. November 2017 führte sie aus, die
Gesundheitsbeeinträchtigung sei erst nach der Auflösung des Arbeitsverhältnisses
eingetreten, weshalb der zuletzt erzielte Lohn nicht als Valideneinkommen
berücksichtigt werden könne. Ein „Leidensabzug“ komme nicht in Frage.
A.d.
Am 28. Dezember 2017 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 23. November 2017 erheben (act. G 1).
Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Zusprache mindestens einer halben Rente, eventualiter die Einholung eines
polydisziplinären Gerichtsgutachtens und schliesslich die Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtspflege und der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das
Beschwerde- und für das „Vorverfahren“. Zur Begründung führte er an, die IV-Stelle
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) sei mit keinem Wort auf seinen Antrag um die
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren
eingegangen, was eine Verletzung seines Anspruchs auf rechtliches Gehör und eine
Verletzung der Begründungspflicht darstelle. Seine Gesundheitsbeeinträchtigung sei
lange vor der Auflösung des Arbeitsverhältnisses, nämlich spätestens im Jahr 2009,
eingetreten. Die Behauptung, er habe sich frühpensionieren lassen wollen, sei
„erstunken und erlogen“. Der Arbeitsversuch habe bewiesen, dass er nur zu 50 Prozent
arbeitsfähig sei. Für die vielen Arztbesuche müsse ein Abzug von zehn Prozent
berücksichtigt werden.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 19. Februar 2018 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie aus, der Antrag des
Beschwerdeführers um eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das
Verwaltungsverfahren sei versehentlich noch nicht behandelt worden. Mangels einer
Verfügungsgrundlage könne dieser Antrag aber nicht zum Gegenstand des
Beschwerdeverfahrens gehören. Eine Rechtsverweigerung liege nicht vor. Die
Sachbearbeiterin habe das Gesuch mittlerweile an die zuständige Stelle weitergeleitet,
weshalb demnächst eine entsprechende Verfügung ergehen sollte. Das Gutachten der
ABI GmbH sei überzeugend. Mit Blick auf die aktuelle Praxis des Bundesgerichtes
müsse aber von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
ausgegangen werden, weil bezüglich der depressiven Störung keine Therapieresistenz
vorliege. Das Valideneinkommen betrage 76’654 Franken, wenn auf den zuletzt
erzielten, an die Nominallohnentwicklung bis zum frühestmöglichen Rentenbeginn
angepassten Lohn abgestellt werde. Ein Tabellenlohnabzug falle nicht in Betracht. Das
Invalideneinkommen betrage folglich 65’177 Franken, womit ein Invaliditätsgrad von 15
Prozent resultiere, der nicht zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung
berechtige.
B.b.
Am 23. Februar 2018 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtspflege für das Beschwerdeverfahren bewilligt (act. G 6).
B.c.
Der Beschwerdeführer liess am 3. April 2018 an seinen Anträgen festhalten (act. G
10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).
B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Da dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf
deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand zwingend jenem des
vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen, das mit der angefochtenen
Verfügung vom 23. November 2017 abgeschlossen worden ist. Das bedeutet, dass nur
zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung hat. Bezüglich des Antrags des Beschwerdeführers um eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren enthält das Dispositiv
der angefochtenen Verfügung keine rechtsgestaltende Anordnung, weshalb ein
allfälliger Anspruch auf eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren nicht zum Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens gehören
kann. Darüber hat zunächst die Beschwerdegegnerin zu verfügen. Der entsprechende
Beschwerdeantrag könnte allerdings auch als eine Rechtsverweigerungsbeschwerde
im Sinne des Art. 56 Abs. 2 ATSG gemeint gewesen sein, auch wenn nicht
nachvollziehbar ist, weshalb der seit vielen Jahren im Sozialversicherungsrecht tätige
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers in diesem Zusammenhang nur moniert hat, die
Beschwerdegegnerin habe den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches
Gehör sowie ihre Begründungspflicht verletzt. Die Begründungspflicht kann nämlich
nicht verletzt sein, wenn gar kein Dispositiv respektive überhaupt keine Verfügung
vorliegt. Zudem hat der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers die
Beschwerdegegnerin nicht vorab darauf hingewiesen, dass sein Antrag um eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren noch immer nicht
behandelt worden sei, obwohl er hätte wissen müssen, dass eine
Rechtsverweigerungsbeschwerde ohne eine vorgängige Mahnung der
Verwaltungsbehörde als (nahezu) aussichtslos qualifiziert werden muss. Hätte der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers also wirklich eine
Rechtsverweigerungsbeschwerde erheben wollen, hätte er zuerst die
Beschwerdegegnerin mahnen müssen, endlich über seinen Antrag um eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren zu entscheiden.
Erst anschliessend hätte er eine Rechtsverweigerungsbeschwerde erheben können, die
er auch als solche hätte bezeichnen müssen. Selbst wenn trotz des nicht
nachvollziehbaren Verhaltens des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers eine
Rechtsverweigerungsbeschwerde im Raum stünde, müsste sie abgewiesen werden,
nachdem die Beschwerdegegnerin das entsprechende Verwaltungsverfahren bereits
am 16. Februar 2018 (vgl. act. G 5.3) fortgesetzt hat. Auf das Begehren um die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusprache einer unentgeltlichen Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren
kann jedenfalls nicht eingetreten werden.
2.
Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität
wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
2.1.
Der Beschwerdeführer hat keine Berufsausbildung absolviert. Nach seiner Einreise
in die Schweiz hat er typische Hilfsarbeiten verrichtet. Weil er aber über 30 Jahre für
denselben Arbeitgeber tätig gewesen ist, hat er zuletzt einen deutlich über dem
statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne liegenden Lohn von 79’863 Franken (im
Jahr 2011) erzielt. Dieser Lohn hat in etwa dem statistischen Zentralwert der
Arbeitnehmer im verarbeitenden Gewerbe mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung
entsprochen. Dieser hat sich nämlich im Jahr 2010 auf 6’152 Franken pro Monat bei
einer standardisierten Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche belaufen
(Lohnstrukturerhebung [LSE] 2010, TA1, Kompetenzniveau 3, Branchen 10–33). Das
entspricht unter Berücksichtigung einer betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit von
41,2 Stunden im Jahr 2011 und der Nominallohnerhöhung 2010–2011 von 0,9 Prozent
(beides in den Branchen 10–33) einem Jahreslohn von 76’723 Franken. Der hohe Lohn
dürfte wohl auf den Umstand zurückzuführen sein, dass der Beschwerdeführer
während seiner langjährigen Tätigkeit für dieselbe Arbeitgeberin Fertigkeiten erlernt hat,
die es für diese Arbeitgeberin gerechtfertigt haben, den Beschwerdeführer wie einen
ausgebildeten Mitarbeiter zu entlöhnen. Zwar hatte der Beschwerdeführer gegenüber
seinem Arbeitgeber offenbar angetönt, dass er sich im Jahr 2011 frühpensionieren
lassen werde und dass er in seine Heimat zurückkehren wolle, wie sich aus dem
Kündigungsschreiben vom 11. März 2011 (IV-act. 21–7) ergibt, aber diese Pläne sind
teilweise durch die damals bereits bestehenden gesundheitlichen Beschwerden
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beeinflusst gewesen. Das Verhalten des Beschwerdeführers nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung ist jedenfalls für die Bestimmung der Validenkarriere
nicht ausschlaggebend. Ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung hätte der
Beschwerdeführer also weiterhin einen in der Höhe des zuletzt erzielten Lohns
liegenden durchschnittlichen Lohn eines ausgebildeten Maschinisten und Lageristen
erzielen können. Da sich der Beschwerdeführer im Mai 2012 zum Bezug einer Rente
der Invalidenversicherung angemeldet hat und da folglich frühestens ab dem 1.
Oktober 2012 eine Rente zugesprochen werden könnte (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG), ist für
die Ermittlung der Vergleichseinkommen auf die statistischen Ergebnisse für das Jahr
2012 abzustellen. In jenem Jahr hat sich der standardisierte Monatslohn eines
Berufsmanns im verarbeitenden Gewerbe auf 6’535 Franken belaufen (Durchschnitt der
statistischen Zentralwerte für die ab dem Jahr 2012 neu definierten Kompetenzniveaus
2 und 3). Bei einer betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41,3 Stunden im
Jahr 2012 entspricht das einem Jahreslohn von 80’969 Franken. Dieser Betrag ist als
Valideneinkommen zu berücksichtigen.
Aus den medizinischen Akten ergibt sich mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit, dass der Beschwerdeführer seine angestammte
Tätigkeit infolge einer Gesundheitsbeeinträchtigung nicht mehr ausüben kann. Mangels
einer beruflichen Ausbildung bleibt ihm nichts anderes übrig, als eine durchschnittliche
Hilfsarbeit zu verrichten. Der Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren
Invalideneinkommens entspricht folglich dem statistischen Zentralwert der
Hilfsarbeiterlöhne im Jahr 2012. Er beträgt also 65’177 Franken (vgl. den Anhang 2 der
von der Informationsstelle AHV/IV herausgegebenen Textausgabe zum IVG, 10. Aufl.
2019). Bleibt die Frage zu beantworten, in welchem Umfang dem Beschwerdeführer
eine ideal leidensadaptierte Hilfsarbeit zugemutet werden kann. Dafür ist auf das
Gutachten der ABI GmbH abzustellen. Die Sachverständigen der ABI GmbH haben den
Beschwerdeführer umfassend persönlich untersucht und sie haben die medizinischen
Vorakten eingehend gewürdigt. Sie haben also über eine umfassende Kenntnis des
massgebenden medizinischen Sachverhaltes verfügt. Anhand der von ihnen erhobenen
objektiven klinischen Befunde haben sie überzeugend begründete Schlussfolgerungen
hinsichtlich der Diagnosen und der Arbeitsfähigkeit gezogen. Diese Schlussfolgerungen
haben sich weitgehend mit jenen der Sachverständigen der MEDAS Bern gedeckt, die
den Beschwerdeführer rund vier Jahre davor polydisziplinär begutachtet hatten. Als
einziger wesentlicher Unterschied fällt ins Auge, dass der psychiatrische
Sachverständige der ABI GmbH eine Arbeitsunfähigkeit von 20 Prozent für sämtliche
Tätigkeiten aufgrund einer gemischten Angst- und depressiven Störung attestiert hat,
während der psychiatrische Sachverständige der MEDAS Bern noch eine
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht attestiert hatte. Der
psychiatrische Sachverständige der ABI GmbH hat diesen Unterschied überzeugend
mit einer zwischenzeitlichen Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes
des Beschwerdeführers infolge des Aortenaneurysmas erklärt, das nach der
Begutachtung durch die MEDAS Bern rasch an Umfang zugenommen hatte und
deshalb operativ hatte behandelt werden müssen. Das Attest einer Arbeitsunfähigkeit
von 20 Prozent wegen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, die durch die
ständigen Sorgen bezüglich des Aortenaneurysmas und der damit einhergehenden
Schlafstörungen verursacht werden, erscheint als eher grosszügig, überzeugt aber
grundsätzlich. Weder die pauschale Kritik des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers
an der ABI GmbH noch die allzu pessimistischen und nicht mit entsprechenden
objektiven klinischen Befunden untermauerten Einschätzungen der behandelnden Ärzte
vermögen hinreichende Zweifel an der Überzeugungskraft des Gutachtens der ABI
GmbH zu wecken. Folglich steht gestützt auf das Gutachten der ABI GmbH mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass dem
Beschwerdeführer eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit im Umfang von mindestens 80
Prozent zugemutet werden kann. Ein sogenannter Tabellenlohnabzug ist nicht
notwendig, da der Beschwerdeführer grundsätzlich fähig ist, vollzeitig zu arbeiten und
seine Arbeitsleistung konstant zuverlässig und ohne vermehrte krankheitsbedingte
Absenzen zu erbringen, denn es liegt ja nur eine geringfügige Leistungsminderung
infolge einer leichtgradig herabgesetzten Konzentrations- und
Aufmerksamkeitsfähigkeit vor. Ein betriebswirtschaftlich-ökonomisch denkender
potentieller Arbeitgeber muss also kein Risiko von starken Schwankungen der
Arbeitsfähigkeit oder von vermehrten krankheitsbedingten Absenzen einkalkulieren.
Zwar könnte die mangelnde Flexibilität betreffend Arbeitszeiten und Arbeitsplatz einen
(geringen) Abzug rechtfertigen, aber der entsprechende Nachteil würde durch die
Fähigkeit des Beschwerdeführers (über-)kompensiert, eine qualitativ
überdurchschnittliche Hilfsarbeit zu verrichten. Dem Beschwerdeführer ist es also aus
betriebswirtschaftlich-ökonomischer Sicht möglich, einen Lohn zu erzielen, der
mindestens jenem eines durchschnittlichen, in einem Pensum von 80 Prozent
erwerbstätigen Hilfsarbeiter entspricht. Das zumutbarerweise erzielbare
Invalideneinkommen beträgt folglich mindestens 80 Prozent von 65’177 Franken, also
52’142 Franken.
Bei einem Valideneinkommen von 80’969 Franken und einem Invalideneinkommen
von mindestens 52’142 Franken resultiert ein Invaliditätsgrad von maximal 35,6
Prozent. Da erst ab einem Invaliditätsgrad von 40 Prozent ein Anspruch auf eine Rente
der Invalidenversicherung entstehen kann, erweist sich die angefochtene Verfügung,
2.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Die Beschwerde ist folglich abzuweisen, soweit auf sie eingetreten werden kann. Die
Gerichtskosten von 600 Franken wären an sich dem unterliegenden Beschwerdeführer
aufzuerlegen. Da ihm aber die unentgeltliche Prozessführung bewilligt worden ist, ist er
von der Pflicht zur Bezahlung der Gerichtskosten befreit. Zufolge der Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung hat der Staat dem Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers eine Entschädigung auszurichten, die 80 Prozent des
erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt. Praxisgemäss beträgt diese
Entschädigung 80 Prozent von 3’500 Franken, also 2’800 Franken. Sollten es seine
wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der Beschwerdeführer zur
Nachzahlung der Gerichtskosten und zur Rückerstattung der Entschädigung für die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP
i.V.m. Art. 123 ZPO).