Decision ID: 93854dbe-e72d-4353-885a-281a3605097a
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherter) war seit 24. September 2012 bei B._ als
Bauarbeiter angestellt und dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt
(Suva) gegen die Folgen von Unfällen versichert, als er am 11. Januar 2013 beim
Skifahren auf die linke Schulter stürzte (Suva-act. 1). Die Erstbehandlung fand am 19.
April 2013 bei Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, statt, der gestützt
auf einen gleichentags im linken Schultergelenk erhobenen MRI-Befund des
Röntgeninstituts D._ (Suva-act. 11), eine posttraumatische PHS (Periarthritis
humeroscapularis) mit Rotatorenmanschettenruptur links diagnostizierte, dem
Versicherten eine 100%-ige Arbeitsunfähigkeit ab 15. April 2013 attestierte und ein
Konsilium bei med. pract. E._, Oberarzt m.b.F. Orthopädie, veranlasste (Suva-act.
10; vgl. auch Suva-act. 9). Dieses fand am 24. April 2013 statt. Dipl. E._
diagnostizierte im Untersuchungsbericht vom 26. April 2013 - basierend auf dem MRI-
Befund vom 19. April 2013 sowie auf dem Ergebnis einer zusätzlich am 24. April 2013
im Spital F._ durchgeführten Röntgenuntersuchung (Suva-act. 15) - eine antero-
kraniale komplexe retrahierte Läsion der Rotatorenmanschette mit bereits
zweitgradiger Degeneration der Subscapularissehnenmuskulatur, eine AC-
Gelenksarthrose, eine postero-kraniale Tendinitis calcarea Schulter links (dominant) bei
Status nach Schulterdistorsionsereignis beim Skifahren vom 11. Januar 2013 und
empfahl eine arthroskopische Revision mit dem Versuch, die bereits fortgeschritten
retrahierte und beginnend degenerierende Subscapularissehne wieder zu refixieren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Suva-act. 12). Am 14. Mai 2013 wurde der Versicherte durch med. pract. E._ im
Spital G._ arthroskopisch operiert (Suva-act. 24; vgl. auch Suva-act. 28). Dr. C._
hatte ihm am 13. Mai 2013 ein ärztliches Zeugnis über eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit ab 15. April 2013 ausgestellt und vermerkt, dass postoperativ mit
einer fünfmonatigen Arbeitsunfähigkeit zu rechnen sei (Suva-act. 25). Die Suva
anerkannte ihre Leistungspflicht und erbrachte die gesetzlichen Leistungen
(Heilkosten- und Taggeldleistungen, Suva-act. 19, 22 f.).
A.b Anlässlich einer Untersuchung vom 20. August 2013 diagnostizierte med. pract.
E._ beim Versicherten eine regrediente postoperative Kapsulitis. Von der Tätigkeit als
Bauarbeiter sei noch abzusehen. Ab 1. Oktober 2013 könne die Tätigkeit wieder zu
50% mit Einschränkungen aufgenommen werden (Suva-act. 60, vgl. auch Suva-act.
70). Mit ärztlichem Zwischenbericht vom 29. August 2013 bestätigte Dipl. E._ sowohl
die Diagnose der Kapsulitis als auch seine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit (Suva-act.
55). Nachdem sowohl der Versicherte als auch sein Arbeitgeber Bedenken zur
vorgenannten Arbeitsfähigkeit geäussert hatten (Suva-act. 64), ersuchte Dr. C._ die
Suva um eine medizinische Beurteilung und Klärung der versicherungsmedizinischen
Aspekte (Suva-act. 66).
A.c Am 12. November 2013 wurde der Versicherte durch Kreisarzt Dr. med. H._,
Facharzt für Chirurgie FMH, untersucht (Suva-act. 71). Im gleichentags erstellten
Untersuchungsbericht bestätigte dieser einen Zustand nach arthroskopischer
transossärer Rekonstruktion der Rotatorenmanschette (Subscapularis, Supraspinatus,
AC-Gelenksresektion und subacromiale Dekompression) am 15. Mai 2013 sowie als
postoperative Komplikation eine Kapsulitis und nahm eine Arbeitsfähigkeitsschätzung
vor bzw. umschrieb das Zumutbarkeitsprofil einer schulteradaptierten Tätigkeit. Im
Weiteren empfahl er dem Versicherten die Einholung einer ärztlichen Zweitbeurteilung
(Suva-act. 71). Am 22. November 2013 beurteilte Kreisarzt Dr. H._ den
Integritätsschaden und schätzte diesen auf 16% (Suva-act. 78).
A.d Mit Verfügung vom 11. Februar 2014 sprach die Suva dem Versicherten eine
Integritätsentschädigung von Fr. 20'160.-- basierend auf einer Integritätseinbusse von
16% zu (Suva-act. 94).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.e Anlässlich einer Besprechung vom 2. Juli 2014 mit dem Versicherten und dessen
Arbeitgeber teilte die Suva den Fallabschluss bzw. die Einstellung ihrer
Versicherungsleistungen (Heilkostenleistungen und Taggeldleistungen auf der Basis
einer Arbeitsunfähigkeit von 100%) per 31. Juli 2014 mit. Weiter erklärte sie, dass es
dem Versicherten möglich sei, einer Tätigkeit nachzugehen, bei der er eine
unerhebliche Erwerbseinbusse erleiden würde, d.h. dass der mögliche Lohn mit
Unfallfolgen praktisch gleich hoch sei wie der Lohn ohne Unfallfolgen. Die Einbusse
liege eindeutig unter der Erheblichkeitsgrenze von 10%, demzufolge kein Anspruch auf
eine Teilrente der Unfallversicherung entstehe (Suva-act. 123).
A.f Am 14. Juli 2014 verneinte die Suva verfügungsweise einen Rentenanspruch des
Versicherten (Suva-act. 127).
A.g Inzwischen hatte der Arbeitgeber des Versicherten mit Schreiben vom 3. Juli 2014
das Arbeitsverhältnis auf den 31. August 2014 gekündigt (Suva-act. 125).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 14. Juli 2014 erhob der Versicherte, vertreten durch
Rechtsanwalt lic. iur. Markus Roos, Lichtensteig, am 13. August 2014 Einsprache
(Suva-act. 135).
B.b Mit Schreiben vom 10. September 2014 teilte der Rechtsvertreter des Versicherten
der Suva mit, dass nun die Einholung der von Dr. H._ vorgeschlagenen ärztlichen
Zweitbeurteilung gewünscht werde (Suva-act. 138). Diese erfolgte am 20. Januar 2015
durch Prof. Dr. med. I._, Chefarzt der Klinik für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates des Kantonsspitals St. Gallen (nachfolgend:
KSSG), wobei Prof. Dr. I._ eine nochmalige Beurteilung der rekonstruierten
Rotatorenmanschette an der linken Schulter des Versicherten durch ein MRI
ankündigte (Bericht vom 22. Januar 2015, Suva-act. 151). Die radiologische
Untersuchung fand am 27. Januar 2015 in der Radiologie J._ statt. An selbigem Tag
erfolgte eine Nachkontrolle mit MRI-Befundbesprechung durch Prof. Dr. I._ (Bericht
vom 31. Januar 2015, Suva-act. 155; vgl. auch Bericht von Dr. med. K._, Oberarzt
der Klinik für Orthopädische Chirurgie des KSSG, vom 23. April 2015, Suva-act. 160).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c Am 7. Juli 2015 reichte der Rechtsvertreter des Versicherten die
Einsprachebegründung, zusammen mit einem Parteigutachten von Dr. med. L._,
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates,
zertifizierter Gutachter SIM, vom 20. Mai 2015, nach. Es wurde beantragt, die
Verfügung der Suva vom 14. Juli 2014 sei aufzuheben und es sei zu Gunsten des
Versicherten eine Suva-Rente von 62.2% auszusprechen (Suva-act. 161).
B.d Mit Einspracheentscheid vom 13. Oktober 2015 wies die Suva die Einsprache vom
13. August 2014 gegen die Verfügung vom 14. Juli 2014 ab (Suva-act. 167).
C.
C.a Gegen den Einspracheentscheid liess der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) durch Rechtsanwalt Roos am 18. November 2015 Beschwerde
erheben und beantragen, der angefochtene Einspracheentscheid der Suva
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) sei vollumfänglich aufzuheben und es sei zu
Gunsten des Beschwerdeführers eine Invalidenrente von 62.2% auszusprechen, unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 6. Januar 2016 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde sowie die Bestätigung des Einspracheentscheids vom
13. Oktober 2015 (act. G 3).
C.c Mit Replik vom 13. April 2016 hielt der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am
Beschwerdeantrag fest (act. G 9) und reichte einen Bericht der Klinik für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates des KSSG vom 3. März 2016
ein, worin die Ärzte die Diagnose eines zunehmenden anterioren Schulterschmerzes
links gestellt hatten (act. G 9.1).
C.d Mit Duplik vom 11. Mai 2016 erneuerte auch die Beschwerdegegnerin ihren Antrag
auf Beschwerdeabweisung (act. G 11).
C.e Nach Abschluss des Schriftenwechsels am 13. Mai 2016 (act. G 12) teilte der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers dem Versicherungsgericht mit Schreiben vom
14. März 2017 mit, dass der Beschwerdeführer nochmals operiert werden müsse. Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
orthopädische Eingriff könne zur Folge haben, dass sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers verbessere oder verschlechtere, weshalb um Sistierung des
Verfahrens ersucht werde, bis ein Ergebnis des KSSG vorliege (act. G 13). Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers legte ein Schreiben des KSSG vom 9. März
2017 betreffend einen stationären Aufenthalt des Beschwerdeführers für einen
operativen Eingriff bei (act. G 13.1).
C.f Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie die weiteren
Ausführungen in den medizinischen Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den

nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Erwägungen
1.
Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde bildet der Einspracheentscheid
vom 13. Oktober 2015 (Suva-act. 167), dem die Verfügung vom 14. Juli 2014 (Suva-
act. 127) zu Grunde liegt. In der Verfügung nahm die Beschwerdegegnerin zunächst
Bezug auf die Besprechung vom 2. Juli 2014, anlässlich welcher sie dem
Beschwerdeführer die Einstellung der bisher erbrachten Versicherungsleistungen bzw.
die Annahme des Erreichens des medizinischen Endzustandes per 31. Juli 2014
mitgeteilt und die Verneinung eines Rentenanspruchs bereits angekündigt hatte (Suva-
act. 123-2). Anschliessend bestätigte sie die Verneinung einer erheblichen
unfallbedingten Beeinträchtigung der Erwerbsunfähigkeit und damit einen
Rentenanspruch. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers beantragte
demgegenüber in der Beschwerde vom 18. November 2015 (act. G 1) sowie in der
Replik vom 13. April 2016 (act. G 9) eine Invalidenrente basierend auf einem
Invaliditätsgrad von 62.2%, machte in der Replik aber auch geltend, beim
Beschwerdeführer habe sich ein Rückfall ereignet, der aufzeige, dass sich sein
Gesundheitszustand noch nicht stabilisiert habe und der Rentenentscheid der
Beschwerdegegnerin als verfrüht angesehen werden müsse. Er wendet sich damit
gegen den Fallabschluss per 31. Juli 2014. Im vorliegenden Beschwerdeverfahren ist
mithin streitig und zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin im vorgenannten Zeitpunkt
unter Einstellung der vorübergehenden Versicherungsleistungen den Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente prüfen durfte und falls ja, ob sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
richtigerweise einen Rentenanspruch verneint hat. Die von der Beschwerdegegnerin
mit Verfügung vom 11. Februar 2014 zugesprochene Integritätsentschädigung
basierend auf einer Integritätseinbusse von 16% (Suva-act. 94) erwuchs
unangefochten in Rechtkraft, so dass diese nicht Gegenstand des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens bildet.
2.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden daher
die bis 31. Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
3.
3.1 Ist die versicherte Person infolge des Unfalls voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art.
6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG; SR 830.1]), so hat sie Anspruch auf ein Taggeld (Art. 16 UVG). Sie hat zudem
Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Art. 10 UVG). Ist die
versicherte Person infolge des Unfalls mindestens zu 10 Prozent invalid, so hat sie
Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG).
3.2
3.2.1 Angesichts der in Erwägung 3.1 angeführten gesetzlichen Bestimmungen
bildet die Unfallkausalität Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der
Unfallversicherung. Eine Leistungspflicht des Unfallversicherers besteht demnach nur
für Gesundheitsschäden, die natürlich und adäquat-kausal mit einem versicherten
Unfallereignis zusammenhängen (vgl. Art. 6 Abs. 1 UVG; BGE 129 V 181 E. 3;
ALEXANDRA RUMO-JUNGO/ANDRÉ PIERRE HOLZER, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2012, S. 53 ff.). Bei physischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unfallfolgen spielt indessen die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem
natürlichen Kausalzusammenhang sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers
praktisch keine Rolle (BGE 117 V 365 mit Hinweis; SVR 2000 Nr. 14 S. 45).
3.2.2 Anlässlich des Unfallereignisses vom 11. Januar 2013 erlitt der
Beschwerdeführer in der linken Schulter unbestrittenermassen eine Läsion der
Supraspinatussehne sowie der Subscapularissehne (Suva-act. 8, 11), worauf am 14.
Mai 2013 eine arthroskopische Rekonstruktion der Rotatorenmanschette erfolgte
(Suva-act. 24, 28). Als postoperative Komplikation trat eine Kapsulitis auf (Suva-act. 55,
61, 71), in deren Folge der Beschwerdeführer unstreitig unter voraussichtlich
bleibenden (indirekten) Unfallrestfolgen in Form einer schmerzhaften Funktions- bzw.
Bewegungseinschränkung des linken Schultergelenks leidet (Suva-act. 71, 151, 161).
Dementsprechend sprach ihm die Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 11. Februar
2014 eine Integritätsentschädigung basierend auf einer Integritätseinbusse von 16% zu
(vgl. Art. 24 Abs. 1 UVG, Suva-act. 94).
4.
4.1 Der Rentenanspruch entsteht, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen
Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes der versicherten
Person mehr erwartet werden kann und allfällige Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung (IV) abgeschlossen sind. Mit dem Rentenbeginn fallen die
vorübergehenden Leistungen - Heilbehandlung und Taggeldleistungen - dahin (Art. 19
Abs. 1 UVG). Das Erreichen des medizinischen Endzustands bildet demgemäss die
Voraussetzung für die Prüfung der Rentenfrage. Für die Bejahung des medizinischen
Endzustands wird keine vollständige Schmerzfreiheit vorausgesetzt (Art. 19 Abs. 1
UVG; BGE 134 V 112 ff. E. 3 und 4; RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 143, 145).
Ebenfalls nicht verlangt wird, dass eine ärztliche Behandlung nicht länger erforderlich
ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 4. November 2008, 8C_467/2008, E. 5.2.2.2). Es
genügt jedoch für eine weiterdauernde Übernahme der Behandlungskosten nicht, dass
eine Therapie lediglich eine unbedeutende Besserung erhoffen lässt oder dass für eine
namhafte Besserung nur eine weit entfernte Möglichkeit besteht (ALFRED MAURER,
Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. Bern 1989, S. 274). Ob von der Fortsetzung der
ärztlichen Behandlung noch eine namhafte Besserung des Gesundheitszustands
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erwartet werden kann, bestimmt sich insbesondere nach Massgabe der zu
erwartenden Steigerung oder Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit (BGE 134 V 115 E.
4.3; Urteil des Bundesgerichts vom 12. Juni 2009, 8C_25/2009, E. 4.1.1 mit Hinweisen).
Angesichts des Gesagten kann also ein Endzustand auch in einem
Gesundheitszustand mit unfallkausalen Restbeschwerden bestehen, der sich jedoch
zumindest im Zeitpunkt des Fallabschlusses und damit der Rentenprüfung als stabil
bzw. beständig darstellen muss.
4.2 Entgegen dem Einwand des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers (vgl. act. G
9, Ziff. 6) hat die Beschwerdegegnerin den sogenannten Fallabschluss per 31. Juli 2014
nicht zu früh vorgenommen bzw. im vorgenannten Zeitpunkt die Prüfung des
Anspruchs auf eine Invalidenrente vornehmen dürfen.
4.2.1 Nach der Rechtsprechung stellt das Sozialversicherungsgericht bei der
Beurteilung einer Streitsache auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses des streitigen
Einspracheentscheids (hier: 13. Oktober 2015) eingetretenen Sachverhalt ab (BGE 129
V 358 E. 1 mit Hinweisen). Werden Berichte eingereicht, welche - wie derjenige der
Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des KSSG vom 9. März 2017
(act. G 13.1) - auf mögliche nachträgliche Veränderungen, insbesondere als Folge einer
Operation, hinweisen könnten, sind sie nicht relevant. Nach dem Einspracheentscheid
eingetretene Sachverhaltsänderungen mit Auswirkungen auf den Invaliditätsgrad
können indessen im Rahmen einer Rückfall- oder Spätfolgenmeldung vorgebracht
werden und allenfalls Anlass zu einer Neubeurteilung geben.
4.2.2 Im Zeitpunkt des Erlasses des angefochtenen Einspracheentscheids gingen
offensichtlich beide Verfahrensparteien aufgrund der damals vorliegenden
medizinischen Akten zu Recht davon aus, dass per 31. Juli 2014 der Fallabschluss
bzw. die Rentenprüfung vorzunehmen war. Dr. H._ hatte in seiner kreisärztlichen
Stellungnahme vom 12. November 2013 die Einholung einer Zweitmeinung zwecks
Beurteilung und Therapievorschlag angeregt (Suva-act. 71), womit gegebenenfalls sich
aufdrängende Therapiemassnahmen hätten abgewartet werden müssen (vgl. Suva-act.
86). Der Beschwerdeführer lehnte jedoch ein solches Vorgehen zunächst ab (Suva-act.
84). Anlässlich von Besprechungen mit der Beschwerdegegnerin vom 5. Februar und 2.
Juli 2014 teilte der Beschwerdeführer mit, dass der Gesundheitszustand der linken
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schulter seit der kreisärztlichen Untersuchung vom 12. November 2013 unverändert
sei, die bekannten Beschwerden bestünden und keine Therapiebehandlungen mehr
laufen würden bzw. keine weiteren ärztlichen Termine mehr vorgesehen seien (Suva-
act. 93, 123). Im Einspracheverfahren wurde dann doch eine Zweitmeinung bei Dr. I._
eingeholt, dessen Berichte vom 22. und 31. Januar 2015 jedoch keine Vorschläge für
weitere ärztliche Behandlungsmassnahmen enthielten (Suva-act. 151, 155).
Schliesslich stellte auch Dr. L._ in seinem Gutachten vom 20. Mai 2015 unter der
Rubrik "Medizinische Massnahmen" fest, solche seien nur unsicher geeignet, eine
namhafte Besserung des bestehenden Zustands zu erreichen. Nur bei entsprechendem
Leidensdruck mit dem Wunsch nach weiterführenden therapeutischen Massnahmen
mit unsicherem Erfolg wäre zur weiteren Klärung der Schmerzproblematik die
diagnostische Infiltration des Subacromialraums und der Nearthrose des AC-Gelenks
durchzuführen und bei entsprechendem Infiltrationseffekt die erneute arthroskopische
Intervention mit Nachresektion am Acromion und an der lateralen Clavicula zu
diskutieren. Diese Massnahme wäre allenfalls geeignet, eine Verbesserung der
bestehenden Schmerzen, nicht aber der Schulterfunktion zu erreichen. Als
Begleitbehandlung bei entsprechender Schmerzproblematik seien die
bedarfsorientierte analgetische Behandlung mit den, aufgrund der bestehenden
Hypertonie engmaschigeren (dreimonatlichen) ärztlichen Kontrollen sowie
physiotherapeutische Massnahmen über maximal 18 Sitzungen jährlich sinnvoll (Suva-
act. 161-30). Diese Begleitbehandlungen sollten also nicht einer Verbesserung des
Gesundheitszustands dienen, sondern nur dazu, die sich aus einem stationär
bleibenden Gesundheitszustand ergebenden Beschwerden zu mildern oder zumindest
stationär zu halten (vgl. dazu Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG;
seit 1. Januar 2007 sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 20. Mai
2005, U 244/04, E. 3.1; RUMO-JUNGO/ HOLZER, a.a.O., S. 145). Im Übrigen erachtete
offenbar auch Dr. L._ nur bei entsprechendem Leidensdruck des Beschwerdeführers
eine weitere Therapie als erforderlich. Zu wiederholen ist, dass der Fallabschluss nicht
bedeutet, dass eine ärztliche Behandlung nicht länger erforderlich ist. Dessen Zeitpunkt
bestimmt sich vielmehr danach, ob weitere ärztliche Behandlungen eine namhafte
Besserung erwarten lassen (Urteil des Bundesgerichts vom 2. Mai 2014, 8C_888/2013,
E. 4.2.2). Die medizinischen Akten geben verlässlich darüber Aufschluss, dass dies im
Zeitpunkt des Fallabschlusses nicht mehr der Fall gewesen war.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2.3 Im Sinne des Gesagten kann festgehalten werden, dass keine Gründe
bestehen, die eine Sistierung des Verfahrens bis zum Vorliegen des Ergebnisses der
weiteren am 27. April 2017 am KSSG durchgeführten Operation (vgl. dazu act. G 13,
13.1) erforderlich erscheinen lassen. Eine allfällige, durch einen operativen Eingriff
bedingte Verbesserung oder Verschlechterung des Gesundheitszustands wäre im
Rahmen eines Revisionsverfahrens zu beurteilen. Das Sistierungsgesuch ist damit
abzuweisen.
4.2.4 Nachdem im vorliegenden Fall auch keine IV-Eingliederungsmassnahmen zu
berücksichtigen waren (vgl. dazu Suva-act. 110, 164), erwies sich damit der
Fallabschluss per 31. Juli 2014 als rechtens.
5.
5.1 Im Folgenden gilt es zu prüfen, ob der Beschwerdeführer wegen der
Unfallrestfolgen an der linken Schulter Anspruch auf eine Invalidenrente im Sinn von
Art. 18 ff. UVG hat. Hierbei ist der Invaliditätsgrad nach Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich zu ermitteln. Verglichen werden das Einkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen) und das Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie
nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Nachdem der gesundheitliche
Endzustand spätestens per 31. Juli 2014 erreicht war (vgl. Erwägung 4), würde ein
allfälliger Rentenanspruch am 1. August 2014 entstehen. Die Vergleichseinkommen -
Validen- und Invalideneinkommen - sind bezogen auf diesen Zeitpunkt zu ermitteln.
5.2 Für die Festlegung des Valideneinkommens bezogen auf das Jahr 2014 von Fr.
58'500.-- ging die Beschwerdegegnerin von den Angaben des früheren Arbeitgebers
des Beschwerdeführers aus (vgl. Suva-act. 93, 112; 13 x Fr. 4'500.--). Dieser
unbestritten gebliebene Betrag ist nachstehend dem Valideneinkommen zugrunde zu
legen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.3 Grundlage der Bemessung des Invalideneinkommens bilden sodann die
Arbeitsfähigkeitsgradschätzung und die Umschreibung der trotz der
Gesundheitsbeeinträchtigung noch möglichen und zumutbaren Tätigkeiten. Um das
Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4).
5.3.1 Die Parteien sind sich darüber einig, dass dem Beschwerdeführer wegen der
verbleibenden Unfallfolgen im Bereich der linken Schulter die angestammte, körperlich
anspruchsvolle Tätigkeit als Bauarbeiter mit regelmässigem Tragen und Heben von
Materialien von 10-20 kg, aber auch von 30 kg oder mehr, sowie mit Vibrationen und
Schlägen, denen der Schulterbereich ausgesetzt ist (vgl. Suva-act. 32), nicht mehr
zugemutet werden kann. Hingegen erachtet die Beschwerdegegnerin gestützt auf die
Beurteilung von Dr. H._ vom 12. November 2013 eine Arbeitsfähigkeit von 100% in
einer leichten bis mittelschweren Tätigkeit als zumutbar. Diesbezüglich sind aber
spezielle schulterbezogene Einschränkungen zu berücksichtigen: Das Gewicht von zu
hebenden Lasten ist bis Taillenhöhe auf 15 kg, bis Brusthöhe auf 5 kg limitiert. Zu
vermeiden sind ausserdem repetitiv weit ausreichende Tätigkeiten mit der linken
oberen Extremität, ebenso Tätigkeiten, welche mit Impulswirkung verbunden sind, wie
Arbeiten mit stossenden oder vibrierenden Geräten (Suva-act. 71). Dr. I._ bestätigte
in seinem Bericht vom 31. Januar 2015 die Arbeitsfähigkeitsschätzung bzw. das
Zumutbarkeitsprofil der schulteradaptierten Tätigkeit des Kreisarztes uneingeschränkt
(Suva-act. 155). Dies erscheint auch ohne weiteres als schlüssig und überzeugend. Die
Einwirkung auf das linke Schultergelenk durch Belastung, d.h. durch direkte (Heben
und Tragen von Gewichten, weit ausreichende Tätigkeiten mit der linken oberen
Extremität) und indirekte (Stösse und Vibrationen) Bewegung, wird weitgehend
reduziert. Mit dem definierten Zumutbarkeitsprofil mit eingeschränkter Einsetzbarkeit
der linken Schulter wird offensichtlich der Schultergelenksproblematik mit einer
schmerzhaften Kapsulitis mit verminderter Beweglichkeit der linken Schulter
umfassend Rechnung getragen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.3.2 Das von Dr. L._ in seinem Gutachten vom 20. Mai 2015 formulierte
Zumutbarkeitsprofil stimmt in den wesentlichen Eckpunkten mit demjenigen von Dr.
H._ überein. Während Dr. H._ bezüglich Gewichtsbelastung eine Unterscheidung
zwischen Taillenhöhe und Brusthöhe trifft, spricht Dr. L._ anstelle von Taillenhöhe
von Tischhöhe. Das Zumutbarkeitsprofil von Dr. H._ ist zwar weniger differenziert als
dasjenige von Dr. L._, der in Bezug auf das Heben und Tragen von Gewichten
weitere Unterscheidungen hinsichtlich Gewicht (5, 10, 15 kg), Körperhaltung
("abgestützt" oder "nicht abgestützt") und insbesondere bezüglich der jeweils konkret
zumutbaren Häufigkeit der Ausübung (nicht mehr als 5 Minuten, nicht mehr als
manchmal, nicht mehr als selten, ununterbrochen nicht mehr als 1 Minute, in voller
zeitlicher Präsenz) trifft. Prinzipiell werden jedoch dem Beschwerdeführer auch bei
Berücksichtigung der von Dr. H._ formulierten Einschränkungen keine Tätigkeiten
abverlangt, die Dr. L._ als unzumutbar bezeichnet. Auch das Zumutbarkeitsprofil von
Dr. H._ sagt nicht zwingend aus, dass bei den einzelnen Gewichtsbelastungen bzw.
der dabei einzuhaltenden Trag- bzw. Hebehöhe keine weiteren Einschränkungen
bezüglich Häufigkeit der Ausübung einer Tätigkeit bestehen bzw. eine konkrete
Tätigkeit während eines ganzen Arbeitstags ausgeübt werden kann. Es entspricht im
Übrigen durchaus der arbeitsmarktlichen Realität, dass zahlreiche Arbeitsplätze
verschiedene Arbeitsschritte umfassen, welche in Intervallen vorgenommen werden
und nicht nur die ununterbrochene Ausführung eines einzelnen Arbeitsschrittes fordern.
Die Einschränkungen von Dr. L._ bezüglich Häufigkeit der Ausübung einer
bestimmten Tätigkeit werden zudem in den von der Beschwerdegegnerin bei der
Ermittlung des Invalideneinkommens herangezogenen DAP-Arbeitsplätzen weitgehend
berücksichtigt (Suva-act. 111). Das Heben und Tragen von Gewichten über 15 kg bis
Lendenhöhe wird "nie" und bis 10 kg bis Lendenhöhe - wie von Dr. L._
vorgeschrieben - höchstens "manchmal" verlangt. Zwar beinhalten drei DAP-
Arbeitsplätze mehr als "selten" das Heben und Tragen von Gewichten bis 5 kg (vgl.
DAP-Arbeitsplatz Nr. 7148: "manchmal ["Suva-act. 111-12], DAP-Arbeitsplatz Nr. 7468:
"sehr oft" [Suva-act. 111-20], DAP-Arbeitsplatz Nr. 9835: "oft" [Suva-act. 111-24]), dies
jedoch nur bis Lendenhöhe und nicht bis Brusthöhe, wofür Dr. L._ eine Limitierung
vorsieht. Das Heben von Gegenständen über Brusthöhe (über 5 kg und sogar bis 5 kg)
wird schliesslich - entsprechend der Limitierung von Dr. L._ und Dr. H._ - nie
verlangt. Die medizinischen Akten enthalten keine Anhaltspunkte dafür, dass der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Häufigkeit der auszuübenden Tätigkeiten zusätzlich Rechnung getragen werden
müsste. Zumindest erachteten es Dr. H._ und Dr. I._ offensichtlich nicht als
notwendig, diesbezüglich weitere Aussagen zu machen. Auch med. pract. E._ hatte
schliesslich in seinem Bericht vom 26. August 2013 ohne Weiterungen sowie in
Übereinstimmung mit Dr. H._ und Dr. I._ festgehalten, dass Tätigkeiten oberhalb
der Brustlinie zu vermeiden seien, körpernahe Belastung bis maximal 15 kg und
körperferne Belastung bis 5 kg zu empfehlen sei (Suva-act. 60). Selbst der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers äussert sich nicht explizit zur Frage der
Häufigkeit der Ausübung der verschiedenen gewichtsbelasteten Tätigkeiten.
5.3.3 Dr. H._ und Dr. I._ sehen sodann die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers nur in qualitativer Hinsicht eingeschränkt. Unter den erwähnten
limitierenden Bedingungen ist denn auch eine volle Arbeitsfähigkeit als gegeben zu
erachten. Die Funktionseinschränkung an sich ist ein Umstand, dem mit der
Bestimmung des Bewegungsumfangs der linken Schulter (keine weitausreichenden
Tätigkeiten mit der linken oberen Extremität) vollumfänglich Rechnung getragen
werden kann. Auch die Schmerzhaftigkeit der Kapsulitis, welche in einem wesentlichen
Zusammenhang mit der Belastung und Bewegung der linken Schulter steht, wird durch
eine Anpassung des Bewegungsumfangs, aber auch durch eine entsprechende
Verminderung der Belastung gemildert. Bezüglich des rechten Schultergelenks ist
mithin im Folgenden von dem von Dr. H._ beschriebenen Zumutbarkeitsprofil
auszugehen.
5.3.4 Aus dem Gutachten von Dr. L._ ergibt sich nicht für sämtliche Tätigkeiten
eine quantitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (vgl. Suva-act. 161-30 f.). Die
Beschwerdegegnerin weist in der Beschwerdeantwort vom 6. Januar 2016 (act. G 3)
zutreffend darauf hin, dass Dr. L._ einzig bei Tätigkeiten mit Gewichten bis 15 kg und
5 kg, beidhändig bis Tisch- bzw. Brusthöhe, von einer Leistungseinbusse von 33%
ausgehe, diese Arbeiten jedoch lediglich Teilaspekte einer von ihm als zumutbar
eingeschätzten Gesamttätigkeit darstellten und als solche die volle Arbeitsfähigkeit
zumindest nicht im Umfang von 33% einschränkten. Indem die vorgenannten
Tätigkeiten gemäss Dr. L._ "nicht mehr als selten" zumutbar sind, ist ausserdem
nicht nachvollziehbar, wie die beinahe vollständige Ausklammerung derselben zu
einem (gesamthaften) Arbeitsunfähigkeitsgrad von 33% führen könnte. Bereits
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angesichts des Gesagten erscheint mithin ein solcher in keiner Weise als überzeugend
und schlüssig. Dr. L._ bezieht sich sodann im Rahmen seiner
Arbeitsfähigkeitsschätzung auf HERMANN FREDENHAGEN (Das ärztliche Gutachten,
Leitfaden für die Begutachtung im Rahmen der sozialen und privaten Unfall-, Kranken-
und Rentenversicherung, 3. Aufl. Bern 1994), wonach - neben der Ankylose oder
Instabilität - der Schmerzproblematik mit 50% ein wesentlicher Anteil in der Bewertung
der Invalidität von Schädigungen der Schulter beizumessen sei (vgl. FREDENHAGEN,
a.a.O., S. 176). Diese "Gliederung der Invalidität" bzw. Darstellung der "Elemente" einer
Invalidität (vgl. dazu FREDENHAGEN, a.a.O., S. 164, 8. Regionale Beurteilung von
Dauerschäden in der Unfallversicherung, vgl. insbesondere Ziff. 4. und 5.) soll nicht in
Frage gestellt werden. So wurde die Schmerzproblematik - wie von der
Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vom 6. Januar 2016 (act. G 3) richtig
dargelegt - auch von Dr. H._ und Dr. I._ im Rahmen ihrer Zumutbarkeitsbeurteilung
berücksichtigt. Dr. H._ hielt in seinem Untersuchungsbericht vom 12. November
2013 fest, dass beim Beschwerdeführer ein halbes Jahr nach dem operativen Eingriff
ein Ruheschmerz bestehe, der sich bei Bewegung und Belastung intensiviere (Suva-
act. 71-3) und Dr. I._ stellte in seinen Berichten vom 22. und 31. Januar 2015 die
Diagnose "persistierende Schulterschmerzen links" (Suva-act. 151, 155). Die
Bedeutung von Schmerz im Rahmen der Invalidität beantwortet jedoch nicht die Frage
der hier massgebenden und in Art. 6 ATSG definierten Arbeitsunfähigkeit. Die Kriterien
für die Bemessung der Arbeitsunfähigkeit bilden die Gesundheit bzw. deren
Beeinträchtigung sowie die Zumutbarkeit der noch zu leistenden Arbeit im bisherigen
Beruf oder bei langer Dauer in einem anderen Beruf (vgl. dazu UELI KIESER, ATSG-
Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2015, N 7 ff. zu Art. 6). Die "Gliederung der
Invalidität" von FREDENHAGEN (a.a.O., S. 176), wonach der Schmerz als "Element"
bei der Begründung einer Invalidität wegen einer Schultergelenksproblematik 50%
ausmacht, kann nicht dem Begriff der Arbeitsunfähigkeit gemäss Art. 6 ATSG
gleichgesetzt werden, welcher nicht das Ursachenspektrum einer Invalidität regelt,
sondern definiert, wie das Mass der Arbeitsunfähigkeit bestimmt wird. Auch wenn eine
Schmerzproblematik im Rahmen der obgenannten Kriterien Berücksichtigung finden
kann, verdeutlicht bereits die Unterscheidung in Art. 6 ATSG - Arbeitsunfähigkeit im
bisherigen oder in einem anderen dem Leiden angepassten Beruf -, dass der Schmerz
nicht schematisch gewichtet werden kann. Die von Dr. L._ konkret angenommene
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
33%-ige Leistungseinbusse bzw. Arbeitsunfähigkeit ist offensichtlich in Anlehnung an
die von FREDENHAGEN für Gesundheitsschäden im Schultergelenk angegebenen
Richtwerte bzw. "Invaliditätsansätze" erfolgt (vgl. a.a.O., S. 176, 8.4.6
Invaliditätsansätze, Medizinische Invalidität, Riss Rotatorenmanschette, schwer). Weil
sich diese - wie dargelegt - nicht nach dem Arbeitsunfähigkeitsbegriff von Art. 6 ATSG
ausrichten und insbesondere nicht zwischen der Arbeitsunfähigkeit in der
angestammten und einer schulteradaptierten Tätigkeit unterscheiden, kann auch der
konkreten Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. L._ kein Beweiswert zukommen.
5.4 Im Folgenden gilt es basierend auf der Restarbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers von 100% in einer adaptierten Tätigkeit das zumutbare
Invalideneinkommen zu ermitteln
5.4.1 Die Beschwerdegegnerin legte das Invalideneinkommen gestützt auf DAP-
Zahlen, d.h. die Arbeitsplätze Nr. 2861, 7148, 8483, 7468 und 9835 (Suva-act. 111), auf
Fr. 57'882.-- (DAP-Löhne) fest. Im Hinblick auf die geforderte Repräsentativität der
DAP-Profile und der daraus abgeleiteten Lohnangaben hat die Beschwerdegegnerin
nach der Rechtsprechung, zusätzlich zur Auflage von mindestens fünf DAP-Blättern,
Angaben zu machen über die Gesamtzahl der aufgrund der gegebenen Behinderung in
Frage kommenden dokumentierten Arbeitsplätze, über den Höchst- und den Tiefstlohn
sowie über den Durchschnittslohn, der dem jeweils verwendeten Behinderungsprofil
entsprechenden Gruppe. Im Beschwerdeverfahren ist es Sache des angerufenen
Gerichts, die Rechtskonformität der DAP-Invaliditätsbemessung zu prüfen,
gegebenenfalls die Sache an den Versicherer zurückzuweisen oder an Stelle des DAP-
Lohnvergleichs einen Tabellenlohnvergleich gestützt auf die LSE vorzunehmen (Urteil
des EVG vom 28. August 2003, U 35/00, E. 4.2.2). Konkret liegen die von der
Rechtsprechung geforderten Angaben vor. Ausserdem sind die von der
Beschwerdegegnerin ausgewählten fünf DAP-Arbeitsplätze den von Dr. H._ mit Blick
auf die Unfallrestfolgen im Bereich der linken Schulter angeführten
behinderungsbedingten Einschränkungen angepasst. Eingehalten sind einerseits die
festgelegten Gewichtslimiten (bis Taillenhöhe bzw. Lendenhöhe maximal 15 kg, bis
Brusthöhe maximal 5 kg; vgl. dazu Erwägung 5.3.1 f.); ausserdem beinhalten die
verwendeten DAP-Profile weder repetitiv weit ausreichende Bewegungen mit der linken
oberen Extremität noch Arbeiten mit Impulswirkung an vibrierenden oder stossenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gegenständen. Abzüge, wie sie bei der Bemessung des Invalideneinkommens mit
LSE-Löhnen zur Anwendung kommen, sind bei der Bemessung anhand von DAP-
Löhnen nicht statthaft (BGE 129 V 472). Aus dem Einkommensvergleich, d.h. der
Gegenüberstellung des Invalideneinkommens von Fr. 57'882.-- mit dem
Valideneinkommen von Fr. 58'500.--, vermag offensichtlich kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad von mindestens 10% (Art. 18 Abs. 1 UVG) zu resultieren.
5.4.2 Selbst wenn auf die DAP-Löhne nicht abgestellt werden könnte, würde dies
am Ergebnis, wie sich nachstehend zeigen wird, nichts ändern. Die Bemessung anhand
statistischer Löhne würde zu einem vergleichbaren, tendenziell eher höheren
Invalideneinkommen führen. Aus der LSE 2012, TA 1, privater Sektor, Total, Männer
Kompetenzniveau 1 (einfache Tätigkeiten körperlicher oder handwerklicher Art) ist ein
durchschnittliches Monatssalär von Fr. 5'210.-- ersichtlich. Das hieraus errechnete
Jahressalär von Fr. 62'520.-- basiert auf 40 Wochenstunden und ist auf die
betriebsübliche durchschnittliche Arbeitszeit 2014, d.h. auf 41.7 Stunden,
aufzurechnen, woraus sich ein Betrag von Fr. 65'177.-- ergibt. Nominallohnindexiert bis
2014 (Index Männer: 2013: 0.8%; 2014: 0.7%) resultiert ein Jahreseinkommen von Fr.
66'158.--. Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen
Durchschnittswerten ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert allenfalls zu
kürzen. Nach der Rechtsprechung ist ein Abzug vom Invalideneinkommen
gerechtfertigt, wenn im Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass eine versicherte
Person, die gesundheitsbedingt selbst im Rahmen körperlich leichter
Hilfsarbeitertätigkeiten in ihrer Leistungsfähigkeit behindert ist, im Vergleich zu voll
leistungsfähigen und entsprechend einsetzbaren Arbeitskräften lohnmässig
benachteiligt ist und deshalb mit unterdurchschnittlichen Lohnansätzen rechnen muss.
Sodann wird mit dem Tabellenlohnabzug dem Umstand Rechnung getragen, dass
weitere persönliche und berufliche Merkmale einer Person Auswirkungen auf die
Lohnhöhe haben können. Als letztere kommen Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit,
Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad in Betracht (BGE 126
V 75 E. 5a mit Hinweisen). Der Einfluss sämtlicher Merkmale auf das
Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen,
wobei der Abzug auf höchstens 25% zu begrenzen ist (BGE 129 V 481, E. 4.3.2, BGE
126 V 78 ff.). Während die Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vom 6.
Januar 2016 (act. G 3) höchstens einen Tabellenlohnabzug von 10% zubilligt, fordert
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers in der Beschwerde vom 18. November
2015 (act. G 1) und der Replik vom 13. April 2016 (act. G 9) die Berücksichtigung des
höchstzulässigen Abzugs von 25%. Diesen begründet er mit dem Alter des
Beschwerdeführers sowie den geringen Dienstjahren (3 1/2 Monate im Zeitpunkt des
Unfalls). Der Beschwerdeführer war im Zeitpunkt des allfälligen Rentenanspruchs am 1.
August 2014 58 Jahre alt, womit altersbedingte Schwierigkeiten, eine passende Arbeit
zu finden, bestehen könnten (vgl. dazu PHILIPP GEERTSEN, Der Tabellenlohnabzug,
in: UELI KIESER/MIRIAM LENDFERS [Hrsg.], Jahrbuch zum Sozialversicherungsrecht
2012, S. 143 f. sowie die im Beitrag GEERTSEN angeführten Urteile des EVG bzw.
Bundes¬gerichts, a.a.O., S. 144 Fn. 28). Hinsichtlich Gewährung eines Abzugs gilt es
weiter zu berücksichtigen, dass der Durchschnittslohn der Männer seit der LSE 2012
im Kompetenzniveau 1 im Verhältnis zur Nominallohnentwicklung spürbar höher ist als
derjenige der Männer in der LSE 2010 im Anforderungsniveau 4. Dies ist offenbar mit
einer erhöhten Gewichtung von Schwerarbeiterlöhnen über alle Sektoren zu begründen
(vgl. in TA 1 2012 die Legende zur Definition von Tätigkeiten des Kompetenzniveaus 1
"Einfache Tätigkeiten körperlicher oder handwerklicher Art"). Nachdem der
Beschwerdeführer gerade keine schweren Tätigkeiten mehr ausüben kann, ist dem
vorgenannten Umstand ebenfalls mit einem Abzug Rechnung zu tragen. Dagegen
entfällt ein Abzug für den geltend gemachten Sachverhalt der Anzahl Dienstjahre. Tritt
der Beschwerdeführer nach 3 1/2 Monaten eine neue Stelle an, ist nicht davon
auszugehen, dass er einen bisher allenfalls aufgrund der Dienstjahre erlangten
lohnrelevanten Vorteil verliert. Ausserdem ist zu beachten, dass die Bedeutung der
Dienstjahre im privaten Sektor abnimmt, je niedriger das Anforderungsprofil ist (BGE
126 V 79 E. 5a/cc; Urteil des Bundesgerichts vom 2. November 2007, 8C_223/2007, E.
6.2.2). Die Gewährung eines Leidensabzugs von 10% würde die beiden Aspekte des
fortgeschrittenen Alters sowie der erhöhten Gewichtung von Schwerarbeiterlöhnen in
TA1 2012 hinreichend abgelten, womit ein Invalideneinkommen von Fr. 59'542.--
resultierte. Auch bei Beizug der Tabellenlöhne ergäbe sich folglich kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad.
6.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung des
Einspracheentscheids vom 13. Oktober 2015 abzuweisen. Gerichtskosten sind keine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen
Anspruch auf eine Parteientschädigung.