Decision ID: cb7d289b-8b34-4694-aeb2-eebd25f5aaf1
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._, geboren 1964, meldete sich u
nter Hinweis auf
Schwierigkeiten bei Alltagsaktivitäten, Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Therapien sowie mangelndem Selbstwertgefühl am 30. Oktober 2012 bei der Invalidenversiche
rung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab und verneinte nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (Urk. 7/40-43) mit Verfügung vom 4. September 2014 (Urk. 7/44) einen Rentenanspruch der Versi
cherten.
1.2
Am 20. Oktober 2015 meldete sich die Versicherte erneut bei der Invalidenversi
cherung zum Leistungsbezug an und machte eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes geltend (Urk. 7/47). Die IV-Stelle tätigte erwerbliche und medizinische Abklärungen.
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (
Urk. 7/74-87
) verneinte die
IV
Stelle mit Verfügung vom 30. Juni 2017 einen Leistungsanspruch der Ver
si
cherten (Urk. 7/88 = Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am
1. September 2017
Beschwerde (
Urk.
1)
gegen die Verfü
gung vom 30. Juni 2017 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und auf das Leistungsbegehren sei einzutreten (S. 2 Ziff. 1). Ihr sei eine ganze Rente der Invalidenversicherung zu gewähren (S. 2 Ziff. 2). Eventuell seien weitere Abklärungen vorzunehmen (S. 2 Ziff. 3).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 9. Oktober 2017 (Urk. 6) die Abweisung der Beschwerde.
Mit Gerichtsverfügung vom 8. November 2017 wurde antragsgemäss (vgl. Urk. 1 S. 2 Ziff. 4) die unentgeltliche Prozessführung bewilligt und der Beschwer
deführerin die Beschwerdeantwort zugestellt (Urk. 8).

Das Gericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Ge
sundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung ver
bleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliess
lich die
Fol
gen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine
Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht über
windbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wi
e körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken.
Rechtsprechungsgemäss ist bei psychischen Beein
träch
ti
gungen zu prüfen, ob ein seelisches Leiden mit Krankheitswert besteht, welches die ver
sicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG;
BGE 139 V 547
E. 5;
131 V 49
E. 1.2;
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteile des Bundesgerichtes 8C_614/2015 vom 15. Dezember 2015 E. 5
und 9C_125/2015 vom 18. November 2015 E.
5.4.
).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt grundsätzlich eine lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte psychiatrische Diagnose voraus (vgl. BGE 130 V 396; Urteile des Bundes
ge
richts 8C_616/2014 vom 25.
Februar 2015 E. 5.3.3.3 und 9C_739/2014 vom 30. No
vember 2015 E. 3.2). Eine fachärztlich festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invali
dität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätio
logie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Es ist nach einem weit
gehend objektivierten Massstab zu beurteilen, ob und inwiefern der versicherten Person trotz ihres Leidens die Verwertung ihrer Restarbeits
fähigkeit auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offen stehenden ausgeglichenen Arbeits
markt noch sozial-praktisch zumutbar und für die Gesellschaft tragbar sei (BGE 141 V 281 E. 3.7.3; 136 V 279 E. 3.2.1; BGE 127 V 294 E. 4c; vgl. Urteile des Bundes
gerichtes 8C_614/2015 vom 15. Dezember 2015 E. 5 und 8C_731/2015 vom 18. April 2016 E. 4.1).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
IVG
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
des
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6
des Bundesgesetzes über den Allgemei
nen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertels
rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Renten
bezü
gers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tat
sächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Renten
anspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente nicht nur bei einer wesentlichen Änderung des Gesundheitszustandes, sondern auch dann revidier
bar, wenn sich die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebe
nen Gesundheitszustandes erheblich verändert haben (BGE 130 V 343 E. 3.5 mit Hinweisen). Eine Veränderung der gesundheitlichen Verhältnisse liegt auch bei gleich gebliebener Diagnose vor, wenn sich ein Leiden in seiner Intensität und in seinen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit verändert hat (Urteile des Bun
desgerichts 9C_261/2009 vom 1
1.
Mai 2009 E. 1.2 und I 212/03 vom 28. August 2003 E. 2.2.3). Dagegen stellt die bloss unterschiedliche Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen Gesund
heitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein genommen keinen Revi
sionsgrund im Sinne von
Art.
17
Abs.
1 ATSG dar. Zeitliche Vergleichsbasis für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Änderung des Invaliditätsgrades bilden die letzte rechtskräftige Verfügung oder der letzte rechtskräftige Ein
spracheentscheid, welche oder welcher auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Invaliditätsbemessung beruht (BGE 133 V 108; vgl. auch BGE 130 V 71 E.
3.2.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_438/2009 vom 26. März 2010 E. 2.1 mit Hin
weisen).
1.5
Wurde eine Rente
wegen eine
s zu geringen Invaliditätsgrades
verweigert, so
wird nach Art. 87 Abs. 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV
)
eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss
Abs.
2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache mate
riell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der versicherten Person glaub
haft gemachte Veränderung des Invaliditätsgrades auch tatsächlich ein
ge
treten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall nach
Art.
17
Abs.
1 ATSG vorzugehen (BGE 117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechts
kräfti
gen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Ver
ände
rung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Invalidität zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall ob
liegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
1.6
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter
suchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kennt
nis der Vorak
ten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begrün
det sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung vom
30. Juni 2017
(Urk. 2) davon aus,
dass aus ärztlicher Sicht keine neuen, unberücksichtig
ten medizinischen Fakten hervorgebracht worden seien (S. 1). Die beschriebenen Defizite ergäben aus invalidenversicherungsrechtlicher Sicht keine länger andau
ernde oder bleibende Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführe
rin. Bei der vorliegenden Fremd- oder Selbstgefährdung oder Verwahrlosungs
tendenz und aktenanamnestisch bekannter Malcompliance bezüglich der antidiabetischen Behandlung sollte unter Einbezug der Beiständin und Schutz
behörde eine Unterbringung/Betreuung in Erwägung gezogen werden (S. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin
machte demgegenüber geltend (Urk. 1), dass sich ihr Gesundheitszustand sehr wohl in rentenrelevanter Art und Weise verschlechtert habe. Dies zeige sich bereits bei Betrachtung der psychiatrischen Diagnosen. Während im Zeitpunkt der ersten Anmeldung die rezidivierende depressive Störung als mehrheitlich remittiert mit teilweisen leichtgradigen Episoden bestanden habe, sei zum aktuellen Zeitpunkt eine schwere depressive Episode mit mehreren Suizidversuchen bestehend. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Beschwerdegegnerin von einem gleichbleibenden Gesundheitszustand aus
gehe (S. 5 f.).
2.3
Strittig und zu prüfen ist somit, ob seit der anspruchsverneinenden Ver
fügung vom September 2014 (Urk. 7/44) eine erhebliche Verände
rung des Gesund
heits
zu
standes der Beschwerdeführerin eingetreten ist und ihr infol
ge
dessen ein An
spruch auf eine Rente zusteht.
3.
3.1
Der Verfügung vom
4.
September 2014 (Urk. 7/44) lagen im Wesent
li
chen die nach
folgenden medizinischen Berichte zu Grunde.
3.2
Die Ärzte des
Y._
, Chirurgie, berichteten am 1
4.
November 2012 (
Urk.
7/7/1-3) und führten aus, die Beschwerdeführerin sei bis auf weiteres voll arbeitsunfähig (S. 1). Es bestehe eine depressive und intermittierend suizidale Entwicklung (S. 2).
3.3
Die Ärzte des
Y._
, Chirurgie, berichteten mit Austrittsbericht vom 1
4.
November 2012 (
Urk.
7/7/6-9) über die Hospitalisation der Beschwerde
führerin vom 2
7.
August 2012 bis 1
4.
November 2012 und nannten folgende Diagnosen (S. 1):
-
Dickdarmileus bei stenosierender und abszedierender Sigmadivertikulitis
-
Malnutrition
-
normochrome, normozytäre Anämie
-
insulinabhängiger Diabetes mellitus Typ 2
-
depressive und intermittierend suizidale Entwicklung
-
Stein-Leventhal-Syndrom
-
passagere QTc-Verlängerung
-
Status nach autoimmuner Pankreatitis Oktober 2007
Sie führten aus, es werde empfohlen, die antidepressive sowie die antipsychoti
sche Therapie weiterzuführen (S. 4).
3.4
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, berichtete am 2
8.
Dezember 2012 (
Urk.
7/11/7-10) und nannte als Diagnose mit Auswir
kung auf die Arbeitsfähigkeit rezidivierend depressive und suizidale Episoden (ICD-10 F32.3). Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er die Folgenden (S. 1
Ziff.
1.1):
-
Stein-Leventhal-Syndrom
-
Diabetes mellitus, insulinpflichtig
-
Sigmadivertikulose mit rezidivierender Divertikulitis, stenosierende und abszedierende Divertikulitis mit Dickdarmileus November 2012
Er führte aus, dass die Beschwerdeführerin als Verkaufsangestellte seit dem 3
1.
Juli 2012 zu 100
%
arbeitsunfähig sei. Es bestehe eine verminderte psychi
sche und körperliche Belastbarkeit (S. 2
Ziff.
1.6 und
Ziff.
1.7). Künftig könnte eine Tätigkeit in angepasstem Profil erwogen werden (S. 3
Ziff.
1.8). Zurzeit sei keine Arbeitsfähigkeit im allgemeinen Arbeitsmarkt zu erwarten (S. 4).
3.5
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Allgemeine Medizin, berichtete am 2
6.
Juni 2013 (
Urk.
7/28) und nannte folgende Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1
Ziff.
1.1):
-
rezidivierend depressive und suizidale Episoden, bekannt seit Juni 2012
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er die Folgen
den (S. 1
Ziff.
1.1):
-
insulinpflichtiger Diabetes mellitus Typ 2
-
Stein-Leventhal-Syndrom (Adipositas, Hirsutismus, Amenorrhoe)
-
Status nach stenosierender und abszedierender Divertikulitis mit Dick
dar
mileus November 2012
Er führte aus, dass die Beschwerdeführerin seitens des Diabetes mellitus und der postoperativen Heilung arbeitsfähig wäre. Offen seien das Ausmass einer Visus
einschränkung und deren Auswirkung auf eine Berufsausübung. Von einer verminderten beruflichen Belastbarkeit sei aus psychischen Gründen auszuge
hen bei Status nach wiederholten emotionalen Durchbrüchen mit Suizidimpul
sen bei wechselnd depressiver Stimmungslage mit Motivationslosigkeit. Zur Beantwortung der Frage, ob die bisherige Tätigkeit aus medizinischer Sicht noch zumutbar sei, werde eine psychiatrisch-psychosoziale Abklärung vorge
schlagen (S. 2
Ziff.
1.7). Seit dem 3
1.
Juli 2012 bis auf weiteres bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (S. 2
Ziff.
1.6).
3.6
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und für Rheumatolo
gie, und
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erstatteten ihr interdisziplinäres Gutachten am 2
9.
Januar 2014 (
Urk.
7/34,
Urk.
7/36) gestützt auf die Akten sowie die Untersuchung der Beschwerdeführerin. Sie nannten folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 6):
-
Omarthrose links
-
Bewegungseinschränkung des linken Schultergelenks nach Frakturen im Bereich des Humeruskopfes und subkapital
-
rezidivierendes lumbovertebrales Syndrom
-
Osteochondrose von LWK 4/5 mit Pseudolisthesis Stadium I
Als Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie die Fol
genden (S. 6):
-
rezidivierende depressive Störung, seit Herbst 2012 grossteils remittiert mit seltenen leichtgradigen Episoden
-
Diabetes mellitus Typ II, sekundär insulinpflichtig
-
Adipositas
-
Nikotinkonsum von zirka 35 pack years
-
operativ behandelte Sigmadivertikulitis
Sie führten aus, dass beim derzeitigen Ausmass des Übergewichts per se keine optimale Einstellung des Diabetes mellitus vorliegen könne. Es könne derzeit nicht von einer optimierten Stoffwechselsituation und
davon ausgegangen
wer
den
,
dass die Beschwerdeführerin die Insulinpräparate adäquat einsetze. Eine optimierte Behandlung des Diabetes sei dringend indiziert (S.
8). Insgesamt seien die von der Beschwerdeführerin geschilderten Beschwerden bezüglich Umfang und Intensität als auf die objektivierbaren somatisch-pathologischen Befund
e
abstützbar zu beurteilen (S. 9). Die Arbeitsfähigkeit sei
,
aus rein soma
tisch-rheumatologischer Sicht beurteilt, für mittelschwer- und schwergradig körperlich belastende Arbeiten und für solche, die verbunden seien mit dem repetitiven Armeinsatz links oberhalb der Kopfhöhe, sofern der linke Ellbogen nicht abgestützt werden könne, nicht mehr gegeben. Für die früher zumeist im Reinigungsbereich und als Zimmermädchen ausgeübten beruflichen Tätigkeiten könne
,
aus rein somatisch-rheumatologischer Sicht beurteilt, phasenweise (also zeitlich limitiert), aber nicht immer, eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in einem Ausmass von maximal 30
%
begründet werden. Für eine angepasste Verweistätigkeit bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (S. 10 f.). Aus psychiatrischer Sicht habe nie
eine andauernde Einschränkung der Arbeitsfähig
keit bestanden (
Urk.
7/34/14-
15 S. 2).
Bei der aktuellen psychiatrischen Untersuchung finde sich ein unauffälliger Psychostatus. Die Beschwerdeführerin sei nicht verstimmt, nicht suizidal und sie zeige aktive Interessen. Im Weiteren pflege sie eine regelmässige Tagesgestal
tung und helfe ihrer Mutter, welche krank sei. Die depressive Störung sei remittiert (
Urk.
7/34/16-28 S. 7). Aus psychiatrischer Sicht habe nie eine andauernde Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden (S. 9).
3.7
Am 1
7.
März 2014 (
Urk.
7/36) ergänzten
Dr. B._
und
Dr. C._
, dass in der interdisziplinären Einschätzung der Arbeitsfähigkeit, die sowohl die somatisch-rheumatologische Komponente als auch die psychosomatisch-psychiatrische Komponente mitberücksichtige, für die früher im Reinigungsbereich und als Zimmermädchen ausgeübten beruflichen Tätigkeiten zu keinem Zeitpunkt eine anhaltende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründet werden könne. Auf
grund der psychosomatisch-psychiatrischen Aspekte seien von 2007 bis Sommer 2012 phasenweise Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit von ein bis zwei Wochen Dauer denkbar. Aufgrund der somatisch-pathologischen Befunde resultiere anschliessend bis Ende 2012 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Seit Anfang 2013 seien ausschliesslich aufgrund der somatisch-pathologischen Befunde phasenweise (und damit zeitlich limitiert) Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit von maximal 30
%
begründbar. Derartige Phasen der einge
schränkten Arbeitsfähigkeit seien seit Januar 2013 kaum für mehr als zwei Monate a
m
Stück denkbar, so dass auch seither zumeist von einer erhaltenen Arbeitsfähigkeit auszugehen sei. Für eine angepasste Verweistätigkeit könne zu keinem Zeitpunkt eine anhaltende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begrün
det werden.
4.
4.1
Für die Zeit nach der Verfügung vom September 2014
(Urk. 7/44)
finden sich in den Akten die folgenden medizinischen Berichte:
4.2
Die Ärzte des
Y._
berichteten am 1
0.
März 2015 (
Urk.
7/61/4-6) über den stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 2
0.
Februar bis
5.
März 201
5.
Sie nannten folgende Diagnosen (S. 1):
-
insulinabhängiger Diabetes mellitus Typ 2
-
Delir
-
im Rahmen metabolischer Entgleisung
-
Verdacht auf Pyelonephritis rechts
-
kleiner papillärer Blasentumor mit schmalem Stiel an der Vorderwand links
-
Bedeutungsstörung
Sie führten aus, dass die Beschwerdeführerin nach der Stabilisation der Stoff
wechsellage stets wach, kooperativ und orientiert gewesen sei mit jedoch leich
ten kognitiven Defiziten und eingeschränkter Urteilsfähigkeit bezüglich der Wichtigkeit der regelmässigen Insulintherapie. Daher sei bei der KESB ein Antrag auf eine Beistandschaft gestellt worden. Die Beschwerdeführerin lebe in einer schwierigen sozialen Konstellation in symbiotischer Beziehung zu ihrer Mutter. Es sei ein Austritt in die Rehaklinik erfolgt (S. 2).
4.3
Die Ärzte der
D._
berichteten am
9.
September 2015 (
Urk.
7/61/18-21) über die neuropsychologische Testung der Beschwerdeführerin und führten aus, dass sich ein neurokognitives Profil mit vielen unterdurchschnittlichen Werten bei einem geschätzten durchschnittlichen Intelligenzniveau ergebe. Innerhalb der Norm lägen die Bereiche visuelle kogni
tive Wahrnehmung, verbale und visuelle Erfassungsspanne, visuelles Arbeitsge
dächtnis und Konzentrationsfähigkeit (Genauigkeit). Unterhalb bis deutlich unterhalb der Norm lägen die Bereiche Bearbeitungsgeschwindigkeit, verbales Arbeitsgedächtnis, verbale Lernfähigkeit, visuelle Lernfähigkeit und visuelle Merk
fähigkeit, Konzentrationsfähigkeit (Leistung), Daueraufmerksamkeit, Inter
ferenzfestigkeit sowie der gesamte Bereich der Exekutivfunktionen. Im Hinblick auf die Fragestellung ergebe sich tatsächlich ein Bild von kognitiven Defiziten, die über das Mass von kognitiven Beeinträchtigungen, wie sie im Rahmen einer depressiven Störung auftreten könnten, hinausgehen würden. Die Verdachtsdi
agnose eines kleinen Hirnschlages könnte durch das MRI vom
3.
September 2015 gestützt werden. Diese Verdachtsdiagnose sei momentan die
Nahe
liegendste, vor allem, weil die Kognition so plötzlich defizitär geworden sei (S.
2
f.).
4.4
Dr. A._
berichtete am
2.
April 2016 (
Urk.
7/61/22-24)
unter anderem unter Hinweis auf die neuerliche Hospitalisation im Februar 2016 im Y._ (vgl. Urk. 7/61/11-13). Er
führte aus, es sei fraglich, ob die auffallende psychosoziale Geschichte und das selbstschädigende Verhalten der Beschwerdeführerin im Rahmen einer intellektuellen Überforderung, einer Per
sönlichkeitsstörung im Sinne einer Bedeutungsstörung, einer cerebro-vaskulä
ren dementiellen Entwicklung oder einer alkoholischen Encephalopathie zu ver
stehen sei (S. 1). Auffallend seien gelegentlich läppisch-heitere Reaktionen gegen
über dem Arzt und Spitexmitarbeiterinnen auf das Ansprechen ihres zum Teil gesundheitsschädigenden Verhaltens. Eine tägliche Spitexaufsicht sei not
wendig abgesehen von der aktuellen Wundpflege zur Unterstützung bei der Insulintherapie, zur Vermeidung von Therapieabbrüchen bei Motivationsver
lusten und zur Einschränkung von Fehlernährungsattacken. Depressive Stimmungen begleitet von einem Gefühl der Wertlosigkeit hätten die Beschwer
deführerin immer wieder veranlasst, die Medikamente weg zu lassen oder kein Insulin zu spritzen (S. 3).
4.5
Dr.
med.
E._
, Facharzt für Neurologie, berichtete am 1
2.
April 2016 (
Urk.
7/61/25-27) und nannte folgende Diagnosen (S. 1):
-
Verdacht auf vaskuläre Demenz
-
Atrophie
-
rezidivierende depressive Störung
-
Diabetes mellitus Typ 2, insulinpflichtig
Er führte aus, dass aufgrund der Bildgebung, des bisherigen Verlaufs, des heuti
gen EEG-Befundes ohne Hinweise für eine kortikale Demenz und des klinischen Eindruckes nicht an der im Vorfeld gestellten Diagnose einer wahrscheinlich vaskulären Demenz zu zweifeln sei. Eine weiterführende verhaltensneurologi
sche/neuropsychologische Untersuchung mit Einschätzung der Arbeitsfähigkeit sei trotzdem als notwendig zu erachten (S. 2).
4.6
Die Ärzte der
D._
berichteten am 1
0.
Mai 2016 (
Urk.
7/61/1-3) über eine deutli
che und anhaltende Zustandsverschlechterung seit mindestens Februar 2015 und in diesem Zusammenhang über die Diagnosestellung einer vaskulären Demenz. Sie nannten folgende Diagnosen (S. 1):
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
-
intermittierend schwere Episoden mit Lebensüberdrussgedanken und Status nach Suizidversuch mit Insulin-Intoxikation
-
massive soziale Isolierung und Selbstversorgungsdefizit
-
subkortikale vaskuläre Demenz
-
Differentialdiagnose (DD) Mischdemenz bei Status nach Alkoholabusus
Sie führten aus, dass die Beschwerdeführerin seit September 2013 vor dem Hinter
grund einer rezidivierenden depressiven Erkrankung in regelmässiger ambulanter Behandlung in der
D._
sei. Neben multiplen und anhaltenden schweren körperlichen Erkrankungen werde das psychiatrische Zustandsbild auch durch mehrere psychosoziale Faktoren beeinflusst. In den letzten Monaten sei es zu einer deutlichen Verschlechterung des psychischen Zustandsbildes gekommen. Neben der stark schwankenden affektiven Erkrankung mit ausge
prägter Antriebs- und Motivationslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, Insuffizienzgefühl, Hypersomnie sowie rezidivierenden suizidalen Gedanken habe sich zusätzlich eine auffällige Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten gezeigt. In diesem Zusammenhang sei auch ein zunehmendes Selbstpflege- und Selbstfürsorgedefizit aufgefallen. Die Beschwer
de
führerin sei jeweils den Wetterverhältnissen entsprechend inadäquat gekleidet erschienen, was sogar zu Stürzen geführt habe. Zudem sei deutlich geworden, dass die Beschwerdeführerin unter anderem in der Haushaltführung, der Pflege und Betreuung ihrer kranken Mutter zunehmend überfordert und nicht mehr in der Lage sei, ihre administrativen und finanziellen Aufgaben selbständig und adäquat zu erledigen. Ebenso werde durch den Hausarzt
Dr. A._
bestätigt, dass die somatische Behandlung der Beschwerde
führerin insbesondere vor dem Hintergrund eines insulinpflichtigen Diabetes mellitus permanent äusserst unzufriedenstellend und für die Beschwerdeführerin teilweise selbstschädigend verlaufe, da die Beschwerdeführerin trotz täglicher Spitex
betreuung mit diätetischen Vorschriften und entsprechender medika
mentöser Therapie überfordert sei und eine deutlich eingeschränkte Urteilsfä
higkeit bezüglich der Wichtigkeit der regelmässigen Insulintherapie zeige. Es sei für die Beschwerdeführerin schon mehrmals zu lebensbedrohlichen Situationen gekommen. Infolge dieser schweren Selbstversorgungsdefizite und der Bedeu
tungs
störung sei bei der KESB eine Beistandschaft beantragt und installiert worden. Aufgrund dieser über das Mass der zu erwartenden kognitiven Defizite im Rahmen einer depressiven Störung hinausgehenden massiven Verschlechte
rung sei im Verlauf eine ausführliche Diagnostik initiiert worden (S. 2).
4.7
Die Ärzte des
F._
berichteten am
3.
Juni 2016 (
Urk.
7/65/11-14) über die ambulante verhaltensneurologische/neuropsychologische Untersuchung der Beschwerdeführerin und führten aus, dass
sich alters- und bildungsadaptiert formal
leichte bis
zum Teil
mittelschwere kognitive Minderleistungen
zeigten
.
Hinweise auf eine
Intelligenzminderung
hätten sich nicht gefunden
.
Auch Hin
weise auf eine beginnende neurodegenerative Erkrankung ergäben sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht, im Speziellen seien die Kriterien einer
vaskuläre
n
Demenz
zurzeit nicht erfüllt (S. 2)
.
Aufgrund ihres allgemeinen kognitiven Leistungsniveaus im unteren Normbereich sei anzunehmen, dass die Beschwer
deführerin die bestehenden Defizite nicht vollständig zu kompensieren beziehungsweise auszugleichen vermöge. Zwar dürfte eine angepasste Tätigkeit mit geringen kognitiven Anforderungen
grundsätzlich möglich
sein, allerdings sei unter Berücksichtigung der Gesamtsituation ein
Wiedereinstieg
ins Berufsle
ben deutlich erschwert beziehungsweise
nicht realistisch
(S. 3).
4.8
Dr. E._ berichtete am 9. Oktober 2016 (Urk. 7/65/9-10) und führte aus, der Beschwerdeführerin gehe es im Moment eher schlechter. Sie berichte über Epi
soden mit unregelmässigen Bewegungen und Zittern oder Zucken der Beine, weniger häufig auch der Arme. Dies würde jede Nacht auftreten, was sie sehr beunruhige. Tagsüber sei sie dann wegen dem gestörten Nachtschlaf sehr müde (S. 1). In der Nachtschlaf-EEG-Ableitung hätten sich insgesamt fünf Episoden mit unregelmässigen Bewegungen beider Beine gezeigt. Es ergäben sich weder elektroenzephalographisch noch videographisch Hinweise für eine zugrunde
liegende Epilepsie. Die Episoden seien jeweils aus dem Wachzustand heraus aufgetreten, weswegen eine Parasomnie weniger wahrscheinlich erscheine. Im Vordergrund stehe die Differentialdiagnose einer somatoformen Störung (S. 2).
4.9
Dr. A._ berichtete am 3. Dezember 2016 (Urk. 7/63/6-9) und führte aus, das aus der beschriebenen Psychopathologie resultierende inadäquate
Ver
halten
der Beschwerdeführerin sei
nicht mit
einer
Erwerbstätigkeit vereinbar.
Ein Arbeitsversuch in einer
geschützte
n Werkstatt könnte allenfalls hilfreich sein (S. 4 Ziff. 1.7 und Ziff. 1.9).
4.10
Die Ärzte der D._ berichteten am 12. Dezember 2016 (Urk. 7/65/1-8) und führ
ten aus, es sei ein s
tark schwankendes psychisches Zustandsbild mit zunehmend starker Verwahrlosungstendenz und Selbstfürsorgedefiziten
zu beobachten (S. 3 Ziff. 1.4)
.
Aufgrund für die Beschwerdeführerin unüberwindbarer psychischer Erkrankungen sei diese am 1. Arbeitsmarkt aus psychiatrischer Sicht zu 100 % arbeitsunfähig. Eine berufliche Wiederein
gliederung sei aufgrund der organisch-psychiatrischen Erkrankung auch zu keinem späteren Zeitpunkt möglich. Den
noch wäre eine Verbesserung der Tagesstruktur und sozialen Anbindung im Sinne einer Beschäftigung im geschützten Rahmen sehr wünschenswert (S. 4 Ziff. 1.4).
4.11
Med. pract. G._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Regio
naler Ärztlicher Dienst (RAD) der Beschwerdegegnerin, nahm am 16. De
zember 2016 Stellung (Urk. 7/73/5) und führte aus, es könnten keine Gesund
heitsschäden geltend gemacht werden, welche die Beurteilung der Arbeits
fähigkeit gegenüber der Verfügung von September 2014 ändern könnten. Die in den Berichten aufgeführten Gründe für eine Arbeitsunfähigkeit würden nicht auf einem Gesundheitsschaden beruhen.
4.12
Die Ärzte des Y._ berichteten am 18. Januar 2017 (Urk. 7/84) über den stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 7. bis 19. Januar 2017 und führten aus, dass aktuell eine
diabetische Ketoazidose nach Absetzen der Therapie in suizidaler Absicht
bestehe (S. 1). Aus medizinischer Sicht scheine eine mittelfristige Institutionalisierung wünschenswert, was durch den Langzeitzucker und ein daraus ableitbares Selbstversorgungsdefizit unter
strichen werde. Eine adäquate Selbstmedikation scheine auf fragilem Grund zu stehen und müsse zum jetzigen Zeitpunkt durch die Spitex gewährleistet werden (S. 2).
4.13
Die Ärzte der D._ berichteten am 6. April 2017 (Urk. 7/83) und nannten fol
gende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 1):
-
r
ez
idivierende
depr
essive Störung, gegenwärtig
mittelgradig
e Episode
-
bei stark fluktuierendem Zustandsbild und wiederholt schwer depressi
ven Episoden mit akuter Suizidalität mit Insulin-Intoxikation beziehungsweise Insulin Malcompliance (letzter Suizidversuch Januar 2017)
-
Status nach mehrerer intensivmedizinischer Notfallbehandlungen im Waidspital unter anderem bei massivem Selbstfürsorgedefizit
-
Massive soziale
Isolierung
und Selbstversorgungsdefizit
-
dependente Persönlichkeit
mit teilweise sehr auffälligen sozialen und infantilen Verhaltensweisen bei über Jahre bestehender, ausgeprägt symbiotischer Beziehung zur neurologisch und psychiatrisch erkrankten Mutter, ausgeprägtes Selbstwertdefizit, Selbstpflege- und Selbstfürsorgedefizit
-
anhaltende leichte bis mittelschwere kognitive Minderleistungen
Sie führten aus, dass die Beschwerdeführerin auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu 100 % arbeitsunfähig sei. Seit Behandlungsbeginn sei eine zunehmende Verschlechterung des allgemeinen Funktionsniveaus der Beschwerdeführerin zu beobachten. Im Rahmen der klinischen psychiatrischen Befunderhebung sei es schwer, die somatisch bedingten kognitiven Defizite von den möglicherweise strukturell bedingten auseinanderzuhalten. Dennoch zeigten sich ausgeprägte funktionelle Defizite im Alltag, welche durchaus als für die Beschwerdeführerin nicht überwindbare Gesundheitsschädigung zu bewerten seien und eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bedingen würden (S. 3).
4.14
Die Ärzte der D._ berichteten erneut am 29. August 2017 (Urk. 3/4) und führ
ten aus, dass in sämtlichen Berichten seit 2016 auf die rezidivierende depressive Erkrankung mit stark schwankenden Krankheitsphasen hingewiesen worden sei. Ergänzend seien sozialpsychiatrische Defizite im Rahmen der Grunderkrankung ausführlich beschrieben worden. Es sei zudem auf anhaltende kognitive Defizite hingewiesen worden, welche sowohl in bildgebenden Verfahren als auch in mehreren neuropsychologischen Untersuchungen beschrieben worden seien. Der Verdacht auf eine progrediente neurologische Erkrankung im Sinne einer Demenz habe im Verlauf ausgeschlossen werden können. Dennoch bestünden klinisch weiterhin die zum Teil deutlichen kognitiven Minderleistungen. Es könne von einer somatisch mitbedingten und anhaltenden depressiven Ent
wicklung ausgegangen werden (S. 1). Die Kombi
nation aus schweren chroni
schen somatischen und psychiatrischen Erkrankungen ergäbe aus psychiatri
scher Sicht einen erheblichen Gesundheits
schaden, der für die Beschwerde
führerin nicht überwindbar sei. Die Beschwer
de
führerin sei, wie auch der RAD fest
gestellt habe, am allgemeinen Arbeits
markt nicht vermittelbar. Die Beschwer
deführerin sei aufgrund ihres Gesund
heitsschadens dauerhaft zu 100 % erwerbsunfähig (S. 2).
5.
5.1
Strittig und zu prüfen ist, ob sich der Gesundheitszustand der Beschwerde
führerin im relevanten Zeitraum (vgl. E. 2.3 hiervor) verschlechtert und sich dar
aus eine Arbeitsunfähigkeit in der angestammten beziehungsweise einer ange
pass
ten Tätigkeit ergeben hat.
5.2
Im Vergleich zu den der Verfügung vom 4. September 2014 (Urk. 7/44) zugrunde liegenden Berichten, wo im Wesentlichen eine Omarthrose sowie ein rezidivierendes lumbovertebrales Syndrom als mit
Auswirkungen auf die Arbeits
fähigkeit
sowie eine
rezidivierende depressive Störung, seit Herbst 2012 grossteils remittiert mit seltenen leichtgradigen Episoden
, als ohne
Aus
wirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
diagnostiziert worden war, gingen insbeson
dere die Ärzte der D._ gegenwärtig von einer mittelschweren Episode bei stark fluktuierendem Zustandsbild und wiederholt schwer depressiven Episoden mit akuter Suizidalität aus (vgl. vorstehend E. 4.6, E. 4.13). Aufgrund des Absetzens der Diabetes-Therapie in suizidaler Absicht war die Beschwerdeführerin im Zeitraum vom 17. bis 24. Februar 2016 (Urk. 7/61/11
13) wie auch vom 7. bis 19. Januar 2017 sodann hospitalisiert (vgl. E. 4.12). Der Hausarzt Dr. A._ bestätigte, dass die depressiven Stimmungen die Beschwerdeführerin immer wieder veranlassen würden, ihre Medikamente beziehungsweise das Insulin wegzulassen (vgl. vorstehend E. 4.4). Die Ärzte der D._ berichteten im Mai 2016 über eine deutliche und anhaltende Zustandsverschlechterung seit mindestens Februar 2015 und führten aus, dass sich neben der stark schwan
kenden affektiven Erkrankung zusätzlich eine auffällige Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten gezeigt habe, welche mit zunehmenden Selbstpflege- und Selbstfürsorgedefiziten einhergehe. Die Beschwerdeführerin sei trotz tägli
cher Betreuung durch die Spitex überfordert mit der medikamentösen Therapie und es zeige sich eine deutlich eingeschränkte Urteilsfähigkeit bezüglich der Wichtigkeit der regelmässigen Insulintherapie (vgl. E. 4.6). Den Arztberichten ist weiter eine volle Arbeitsunfähigkeit zu entnehmen (vgl. E. 4.9-4.10, E. 4.13
4.14). Eine Verschlechterung erscheint deshalb als wahrscheinlich, zumal aus invalidenversicherungsrechtlicher Sicht nicht die Diagnosen und deren Anzahl entscheidend sind, sondern die Auswirkungen der gesundheitli
chen Beeinträch
tigungen auf die Arbeitsfähigkeit (BGE 136 V 279 E. 3.2.1 mit Hinweis auf BGE 127 V 294; Urteil des Bundesgerichts 9C_526/2014 vom 3. Dezember 2014 E. 5.1).
Die Beurteilung durch med. pract. G._ (vgl. E. 4.11), wonach keine Gesund
heitsschäden geltend gemacht würden, welche die Beurteilung von Sep
tember 2014 ändern könnten, ist nach dem Gesagten nicht nachvollziehbar. Ausserdem ist
die Beschwerdegegnerin
vorliegend
auf die Neuanmeldung ein
ge
treten
, weshalb
sie das Gesuch materiell rechtsgenüglich abz
uklären hat,
selbst wenn sich dann herausstellen sollte, dass keine invalidisierende Be
ein
trächti
gung besteht. Diese Abklärung wurde nicht genügend vorgenommen. Zudem sind die Ausführungen der Beschwerdegegnerin, wonach sie zwar eine Unter
bringung der Beschwerdeführerin aufgrund der vorliegenden Fremd- und Selbstgefährdung oder Verwahrlosungstendenz befürworte, die Beschwerde
führerin hingegen einem Arbeitgeber zugemutet werden könne (vgl. Urk. 7/87 S. 4), weder nachvollziehbar noch überzeugend.
5.3
Eine Abklärung ist auch deshalb notwendig, weil die vorliegenden medizini
schen
Akten keine abschliessende Beurteilung des Invaliditätsgrades der Beschwerde
führerin erlauben:
Die Austrittsberichte des Y._ (vgl. E. 4.2 und E. 4.12) enthalten ihrer Natur entspre
chend keine Angaben zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerde
führerin in der ange
stammten oder einer angepassten Tätigkeit. Den Berichten von Dr. E._ (vgl. E. 4.5 und E. 4.8) ist ebenfalls keine Einschätzung zur Arbeitsfähigkeit zu entnehmen. Vielmehr machte er darauf aufmerksam, dass eine Untersuchung mit Einschätzung der Arbeitsfähigkeit als notwendig zu erachten sei.
Die Berichte von Dr. A._ (vgl. E. 4.4 und E. 4.9) enthalten sodann weder eine näher begründete Einschätzung der Arbeitsfähigkeit noch Angaben zu funktionellen Einschränkungen, sondern lediglich die pauschale Aussage, wonach das aus der beschriebenen Psychopathologie resultierende inadäquate Verhalten der Beschwerdeführerin mit einer Erwerbstätigkeit nicht vereinbar sei.
Damit fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid.
5.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vor
instanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung - da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert - abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Be
gehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abge
lehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der entscheid
re
levante Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. SVR 1995 ALV Nr. 27 S.
69).
Bei ungenügenden Abklärungen durch den Versicherungsträger holt die Beschwer
deinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie einen (im Ver
waltungs
verfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt über
haupt
für gut
achtlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine Administrativ
expertise in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betref
fende Beweis
erhebung erfolgt alsdann vor der - anschliessend refor
matorisch ent
schei
denden - Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Ver
wal
tung. E
ine Rückweisung an den Versicherungsträger
bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig unge
klär
ten Frage begründet ist. Ausserdem bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem
Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurück
zu
weisen, wenn
lediglich eine Klarstel
lung, Präzisierung oder Ergänzung von gut
achtlichen Ausführungen erforderlich ist (B
GE 137 V 210
E.
4.4.1.
4 mit Hin
weisen; Urteil
des Bundesgerichts
8C_815/2012 vom 21. Oktober 2013 E. 3.4, publiziert in SVR
1/2014 UV Nr. 2 S.
3)
.
5.5
Es ist angezeigt, dem Eventualantrag der Beschwerdeführerin entsprechend die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie den Gesundheits
zustand der Beschwerdeführerin und ihre Arbeitsfähigkeit sowie damit zusam
menhängend die Frage, ob sich seit Erlass der leistungsverneinenden Verfügung vom 4. September 2014 eine anspruchsrelevante Veränderung ergeben hat, rechtsgenüglich abkläre und hernach über ihren Leistungsanspruch erneut ent
scheide.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
6.
6.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von
IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind
nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr. 8
00.-- anzusetzen. Ausgangsgemäss sind sie der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6.2
Rechtsprechungsgemäss
entfällt der Anspru
ch auf eine Parteientschädigung
, wenn die Vertretung durch eine Institution der öffentlichen Sozialhilfe über
nommen wird (
Urteil des Bundesgerichts 9C_30/2014 vom 6. Mai 2014 E. 3.2 mit Hinweis auf
BGE 126 V 11 E. 5
). Damit hat die durch die Sozialen Dienste ihrer Wohnge
meinde vertretene Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine Prozess
ent
schädigung.