Decision ID: ec9d7122-faef-482d-867a-8cf832febe4e
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. E. Ronald Pedergnana, Rorschacher Strasse 21,
Postfach 27, 9004 St. Gallen,
gegen
Suva Militärversicherung, Laupenstrasse 11, Postfach 8715, 3001 Bern,
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Beschwerdegegnerin,
betreffend
Invalidenrente
Sachverhalt:
A.
A._ erlitt am 10. Mai 1990 während einer Schiessübung im Rahmen eines
militärischen Wiederholungskurses ein akustisches Trauma. Dr. med. B._, Facharzt
für Oto-Rhino-Laryngologie, berichtete am 27. August 1990, dem Versicherten sei beim
Schiessen im Stand der Gehörschutz aus dem linken Ohr gefallen. Bis er diesen
wenige Sekunden später wieder eingesetzt gehabt habe, hätten die Kameraden weiter
geschossen. Der Truppenarzt habe dem Versicherten ein Medikament abgegeben, das
er jedoch nicht eingenommen habe, weil er es nicht gekannt habe. Dr. B._ erläuterte
weiter, der Versicherte habe ihn erstmals am 13. Juni 1990 aufgesucht, weil er vorher
für einen Arztbesuch keine Zeit gehabt habe (MV-act. 5). Nach einer Abklärung bei der
Kreisärztin teilte die Militärversicherung dem Versicherten am 26. November 1990 mit,
dass der errechnete Hörverlust von rechts 0,7 Prozent und links 0,6 Prozent nicht als
erheblicher Integritätsschaden zu qualifizieren sei (MV-act. 11).
B.
B.a Am 18. August 2000 reichte der Versicherte dem Bundesamt für
Militärversicherung eine Krankheits- und Unfallmeldung ein (MV-act. 15).
Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, bestätigte am 13. September
2000, der Versicherte leide wegen eines Knalltraumas im Militär an einem Tinnitus im
linken Ohr (MV-act. 16). Weitere Abklärungen der Militärversicherung vom 16. Oktober
2000 ergaben, dass der Versicherte beim Abschluss der Behandlung im Juni 1990
einen leichten, stationären Pfeifton gehört habe, der subjektiv seither angehalten habe.
Heute würde ihn der Pfeifton im Ohr im Gegensatz zur Situation im Jahr 1990 in seiner
Lebensgestaltung beeinträchtigen. Der Ton würde bei Unterhaltungen mit mehreren
Personen stören und sich auch bei der Arbeit als Inhaber eines Möbelgeschäftes
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bemerkbar machen. Der Versicherte müsse sich heute viel mehr konzentrieren und
Lärmquellen mit Hall meiden. Das Pfeifen wirke sich vor allem in ruhiger Umgebung
störend aus. Er habe deswegen aber keine Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. Er
lasse sich alternativ-medizinisch behandeln, wisse aber, dass die Militärversicherung
diese Kosten nicht übernehme (MV-act. 18).
B.b Dr. med. D._, Facharzt FMH für Ohren-, Nasen-, Halskrankheiten, spez. Hals-
und Gesichtschirurgie, diagnostizierte am 12. September 2001 einen Hochtonverlust
sowie einen Tinnitus links nach Knalltrauma im Militär im Jahr 1990. Der Versicherte
werde seit diesem Vorfall von einem sehr heftigen Tinnitus links geplagt. Deswegen
habe er oft Mühe, die Leute (auch am Telefon) zu verstehen. Eine medikamentöse
Behandlung sei nach elf Jahren kaum mehr erfolgversprechend; es könne wohl keine
Linderung mehr erzielt werden. Für eine Hörgeräteversorgung sei der Hörverlust zu
gering. Diskutiert werden könnte die Anpassung eines so genannten Tinnitus-Maskers.
Allerdings sei die Akzeptanz eines solchen Geräts beim Versicherten wohl gering (MV-
act. 26). Dr. med. E._, Facharzt FMH für Oto-Rhino-Laryngologie, berichtete am
17. Dezember 2001 über eine Untersuchung vom 7. September 2001 und
diagnostizierte einen chronischen dekompensierten Tinnitus links (MV-act. 31).
B.c Am 26. März 2002 erfolgte eine Untersuchung zur Beurteilung des
Integritätsschadens durch Dr. med. F._, Facharzt FMH für Innere Medizin, vom ärzt
lichen Dienst der Militärversicherung. Dr. F._ hielt fest, bezüglich Hörverlust und
Tinnitus sei von einem stabilen Zustand auszugehen, der durch medizinische
Massnahmen nicht mehr gebessert werden könne. Der Versicherte habe von einem
dauernd bestehenden Pfeifen im linken Ohr, das vom Umgebungsschall nicht
verdrängt werde, mit dem Lärm des Verkehrs auf einer Autobahn vergleichbar sei und
auf einer in zehn Einheiten unterteilten Lärmskala bei einem Wert von mindestens
Sechs bis Sieben einzustufen sei, berichtet. Der bei Ruhe besonders stark störende
Ton könne auch durch Lesen oder konzentriertes Arbeiten nicht zum Verschwinden
gebracht werden. Er sei immer durch den lauten, durchdringenden Pfeifton gestört
gewesen, der sich bei Umgebungslärm, Musik, Nebengeräuschen,
Schreibmaschinenlärm und Türenschlagen noch verstärke. Für Entspannung während
seiner Berufsarbeit als Geschäftsführer eines Möbelgeschäfts finde er keine Zeit. Öfters
werde er auch nachts am Einschlafen gehindert. Wenn er todmüde sei, könne er zwar
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einschlafen, wache aber gegen vier Uhr morgens wieder auf und könne dann wegen
des Tinnitus nicht mehr einschlafen. In den letzten Jahren sei die Intensität des Tinnitus
zwar gleich geblieben. Er sei aber empfindlicher geworden und müsse sich immer mehr
zusammennehmen, um bei Umgebungslärm und wenn er Gespräche in einer Gruppe
nicht verstehe, die zunehmende Aggressivität im Griff zu behalten. Seit ungefähr zehn
Jahren leide er auch an einem gesteigerten Hörempfinden. Normale Geräusche würden
ihn derart stören, dass er oft die Kraft nicht aufbringe, die Überempfindlichkeit zu
beherrschen. Dr. F._ gelangte zum Schluss, es liege ein mittelschwerer bis schwerer
chronischer, dekompensierter linksseitiger Tinnitus mit störender Hyperakusis nach
einem Knalltrauma mit leichter bis mittelgradiger Hochtonschwerhörigkeit links
oberhalb 4000 Hertz vor (MV-act. 34).
B.d Dr. med. G._, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie, vom Chefärztlichen
Dienst des Bundesamtes für Militärversicherung gelangte nach seiner Beurteilung am
8. April 2002 zum Schluss, die beim Versicherten als Folge eines Knalltraumas in
Erscheinung getretene Innenohrschädigung stelle einen Integritätsschaden von fünf
Prozent dar (MV-act. 36). Nachdem der Beginn der Integritätsschadenrente aufgrund
des fachärztlichen Berichts von Dr. D._ vom 12. September 2001 auf den
1. September 2001 festgesetzt worden war (vgl. MV-act. 38), sprach die
Militärversicherung dem Versicherten mit Verfügung vom 22. August 2002 ab dem
1. September 2001 eine Integritätsschadenrente von fünf Prozent bzw. Fr. 131.60 pro
Monat auf unbestimmte Zeit zu (MV-act. 44). Eine dagegen erhobene Einsprache
wurde ebenso wie die gegen den Einspracheentscheid vom 13. Februar 2003 erhobene
Beschwerde an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen abgewiesen
(Entscheid MV 2003/1 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
21. Januar 2004; vgl. MV-act. 93).
B.e Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens hatte der Versicherte einen Arztbericht von
Dr. D._ vom 10. Mai 2003 eingereicht, in welchem über eine depressive
Grundstimmung berichtet worden war. Dr. D._ hatte festgehalten, die sehr
belastenden Ohrgeräusche hätten im Lauf der Zeit zu einer eigentlichen psychischen
Dekompensation geführt, die seiner Ansicht nach psychologisch behandelt und
beurteilt werden müsse (vgl. Entscheid MV 2003/1, a.a.O., S. 5 f.). Sodann hatte der
Versicherte einen Bericht von Dr. med. H._, Fachärztin FMH für Psychiatrie und
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Psychotherapie, vom 16. Januar 2004 eingereicht, in welchem über eine Untersuchung
vom 14. Januar 2004 berichtet worden war. Dr. H._ hatte über multiple psychische
Beschwerden, die auf ein Hörtrauma zurückzuführen seien, bzw. über eine
zunehmende psychische Dekompensation, welche den Versicherten in seiner
subjektiven Befindlichkeit, seiner Beziehungsfähigkeit und seiner Leistungsfähigkeit
„massiv“ beeinträchtigen würde, berichtet (MV-act. 99). Am 21. Juni 2004 empfahl
Dr. med. I._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin vom ärztlichen Dienst der
Militärversicherung, einen ausführlichen Bericht bei Dr. H._ einzuholen (MV-act. 101).
Am 30. Juni 2004 teilte Dr. H._ mit, die Behandlung sei am 12. Januar 2004 (gemeint
wohl: 14.) abgeschlossen worden (IV-act. 104).
B.f Berufliche Massnahmen in Form eines Computer- und eines Computer-
Intensivkurses (vgl. MV-act. 87 und 106) wurden im Juni 2005 abgeschlossen (vgl. MV-
act. 110).
B.g Am 28. März 2006 erstattete Dr. D._ einen Verlaufsbericht, in dem er ausführte,
der Versicherte sei während der Arbeit stets gereizt und habe oftmals Mühe, den
rechten Umgang mit den Kunden zu finden. Kleinigkeiten würden ihn rasch stark
verärgern. Er scheine nicht depressiv zu sein, weshalb eine psychiatrische Behandlung
wenig sinnvoll sei (MV-act. 120). Auf Anfrage der Militärversicherung um einen
ausführlichen Bericht teilte Dr. D._ am 30. Juni 2006 mit, es lägen eine Hochtonsenke
links und ein „unerträglicher“ Tinnitus links vor. Volle Arbeitsfähigkeit sei nicht mehr zu
erwarten (MV-act. 123).
B.h Am 11. Juli 2006 teilte Dr. med. J._, Facharzt FMH für Chirurgie und Kreisarzt der
Suva Militärversicherung, mit, eine gewisse Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit durch
die militärversicherte Gehörschädigung sei nachvollziehbar. Um das genaue Ausmass
beurteilen zu können, müsse eine Abklärung des Arbeitsplatzes mit Erstellung eines
Arbeitsprofils durchgeführt werden (MV-act. 124). Anlässlich der Abklärung durch den
Aussendienst bekundete der Versicherte Interesse an einer Untersuchung und
allfälligen Behandlung durch die Tinnitusklinik und hielt dafür, lediglich noch zu 50
Prozent arbeitsfähig zu sein (MV-act. 125.3). Anlässlich des Erstgesprächs
diagnostizierte Dr. med. K._, Oberärztin in der Tinnitusklinik, einen chronischen,
dekompensierten Tinnitus, den Verdacht auf eine Hyperakusis sowie den Verdacht auf
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eine mittelgradige depressive Episode und empfahl eine stationäre Behandlung (MV-
act. 133). Aufgrund persönlicher Vorbehalte des Versicherten gegenüber Dr. K._ kam
der stationäre Aufenthalt in der Folge jedoch nicht zustande (MV-act. 137). Stattdessen
beauftragte die Militärversicherung Prof. Dr. med. L._, Klinik für Ohren-, Nasen-,
Hals- und Gesichtschirurgie des Universitätsspitals Zürich, ein fachärztliches
Gutachten zu erstellen (MV-act. 139).
B.i In seinem Gutachten vom 23. Juli 2007 diagnostizierte Prof. L._ einen Status nach
Knalltrauma links mit teilweise dekompensiertem Tinnitus und Hochton-Schwer
hörigkeit. Die Entwicklung der Tinnitus-bedingten Beeinträchtigung sei eher
ungewöhnlich, da sie den Versicherten in den ersten zehn Jahren zu keinen weiteren
medizinischen Konsultationen bewegt habe. Seine Angaben seien teilweise
widersprüchlich gewesen. Einerseits habe er glaubhaft Schlafstörungen und
Beeinträchtigungen im Alltag geschildert, andererseits habe der Leidensdruck nicht
einmal dazu geführt, die Tinnitus-Fragebögen auszufüllen. Er scheine eine robuste
Persönlichkeit zu besitzen, ohne Anzeichen für eine Depression und mit durchaus
erhaltener Genussfähigkeit, was nicht vollständig zu einer Arbeitsunfähigkeit aufgrund
einer Tinnitusbelastung passe. Es empfehle sich eine tiefere psychologisch-
psychiatrische Analyse zur Eruierung der Ursachen der eher ungewöhnlichen
Entwicklung und der Zusammenhänge mit der Persönlichkeit des Versicherten sowie
zur Beantwortung der Frage nach der Arbeitsfähigkeit. Aufgrund des Hörschadens oder
des Tinnitus allein sei die Arbeitsfähigkeit jedenfalls nicht beeinträchtigt (MV-act. 141).
Die Kreisarzt-Stellvertreterin Dr. med. M._, Fachärztin FMH für Innere Medizin, Suva
Versicherungsmedizin hielt unter Berücksichtigung des Gutachtens von Prof. L._ und
der übrigen medizinischen Akten am 3. August 2007 dafür, dass eine psychiatrische
Abklärung unnötig sei. Ein Psychiater dürfte ihrer Meinung nach kaum in der Lage sein,
im Nachhinein Vorgänge, die sich in den letzten 17 Jahren abgespielt hätten, zu
erkennen und deren Rolle auf die psychische Gesundheit objektiv zu beurteilen, zumal
das Verlangen des Versicherten nach einer Rente „so vordergründig“ sei. Zudem
hätten zwei erfahrene Fachärzte, welche regelmässig mit Tinnitus-Erkrankten zu tun
hätten, den Eindruck erhalten, der Versicherte wirke nicht depressiv. Bezüglich
Arbeitsfähigkeit könne allgemein ausgeführt werden, dass Arbeitsplätze mit
Lärmexposition und sehr ruhige Arbeitsplätze nicht, andere Tätigkeiten hingegen
vollumfänglich zumutbar seien (MV-act. 142.1).
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B.j Mit Verfügung vom 30. August 2007 verneinte die Militärversicherung einen
Anspruch auf Taggeld- oder Invalidenrentenleistungen (MV-act. 144).
C.
Dagegen erhob der Versicherte am 12. September 2007 Einsprache (MV-act. 145),
welche mit Entscheid vom 24. Januar 2012 abgewiesen wurde (MV-act. 155).
D.
D.a Gegen den Einspracheentscheid vom 24. Januar 2012 richtet sich die am 2. März
2012 (Postaufgabe) erhobene (act. G 1) und am 15. Mai 2012 (act. G 5) und am 18. Juni
2012 (act. G 7) ergänzte Beschwerde, mit der sinngemäss die Zusprache einer
Invalidenrente sowie eventualiter die Rückweisung der Angelegenheit an die
Militärversicherung zu weiteren Abklärungen beantragt wird.
D.b Die Beschwerdegegnerin schliesst insbesondere unter Hinweis auf BGE 138 V 248
auf Abweisung der Beschwerde (act. G 11, G 14 und G 16).
D.c Die Möglichkeit für einen zweiten Schriftenwechsel wurde von den Parteien nicht
genutzt.

Erwägungen:
1.
1.1 Ist ein Versicherter infolge einer versicherten Gesundheitsschädigung
arbeitsunfähig, so hat er gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Militärversicherung (MVG; SR 833.1) Anspruch auf ein Taggeld. Kann von der
Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des
Gesundheitszustands mehr erwartet werden und hinterlässt die
Gesundheitsschädigung nach der zumutbaren Eingliederung eine voraussichtlich
bleibende oder länger dauernde Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit, so ist an Stelle
des Taggeldes eine Invalidenrente auszurichten (Art. 40 Abs. 1 MVG).
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1.2 Im Verfahren betreffend Leistungen der Militärversicherung gilt grundsätzlich der
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit. Dieser Grad übersteigt einerseits
die Annahme einer blossen Möglichkeit bzw. einer Hypothese und liegt andererseits
unter demjenigen der strikten Annahme der zu beweisenden Tatsache. Die
Wahrscheinlichkeit ist insoweit überwiegend, wenn der begründeten Überzeugung
keine konkreten Einwände entgegenstehen. Gilt es, zwischen mehreren Möglichkeiten
zu entscheiden, ist diejenige überwiegend wahrscheinlich, welche sich am ehesten
zugetragen hat (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl. 2009, Art. 43 N 30, mit
Hinweisen). Daraus folgt allerdings nicht, dass der massgebende Sachverhalt nur
soweit mittels Beweisen zu erheben ist, bis gestützt darauf eine Überzeugung
begründet werden kann, der keine konkreten Einwände entgegenstehen. Der
Beweisgrad beeinflusst mit anderen Worten nicht die Pflicht zur umfassenden
Sachverhaltsabklärung von Amtes wegen gemäss Art. 43 Abs. 1 bzw. Art. 61 lit. c des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1). Der relevante Sachverhalt ist vielmehr in jedem Fall so umfassend als
möglich zu erstellen, ohne dass dabei bereits dem Beweisgrad Rechnung getragen
würde. Der Beweisgrad wirkt sich erst auf die Beweiswürdigung aus, nicht bereits auf
die Beweiserhebung.
2.
2.1 Vorliegend ist eine Verfügung angefochten, mit der ein Anspruch sowohl auf
Taggeldleistungen als auch auf eine Invalidenrente verneint wurde. Dieser Verfügung
wie auch dem dieselbe bestätigenden Einspracheentscheid liegt die Annahme
zugrunde, der nach dem Knalltrauma im Jahr 1990 aufgetretene und fachärztlich
bestätigte Tinnitus beeinträchtige die Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht
derart, dass dadurch ein Anspruch auf eine Invalidenrente begründet werde. In
medizinischer Hinsicht stützt sich der Entscheid insbesondere auf das Gutachten von
Prof. L._ und die Beurteilung der Kreisarzt-Stellvertreterin Dr. M._. Der Facharzt
Prof. L._ hatte aus rein otorhinolaryngologischer Sicht eine wesentliche
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit aufgrund des Tinnitus – zumindest in
quantitativer Hinsicht – verneint, jedoch eine psychiatrische Begutachtung angeregt.
Die Kreisarzt-Stellvertreterin Dr. M._ erachtete eine solche allerdings als überflüssig,
weil sich Inkonsistenzen bei der Begutachtung durch Prof. L._ gezeigt hatten und
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weil es einem Psychiater ihrer Meinung nach nicht möglich sei, beweiskräftige
Aussagen zum Verlauf während der vergangenen (mittlerweile über 20) Jahre zu
machen. Zudem hätten zwei erfahrene Gutachter eine depressive Störung als
unwahrscheinlich erachtet.
2.2 Die Kreisarzt-Stellvertreterin Dr. M._ verkannte, dass die Frage nach dem Verlauf
bzw. der Entwicklung der vom Beschwerdeführer behaupteten erheblichen
psychischen Beeinträchtigung nicht die einzige Frage ist, die anhand eines
psychiatrischen Gutachtens zu beantworten wäre. Primär ist vielmehr von Interesse, ob
der Beschwerdeführer heute an einer relevanten psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigung leidet und ob ein kausaler Zusammenhang zwischen
derselben und dem als nachgewiesen erachteten Tinnitus besteht. Obwohl Prof. L._
über eine reiche Erfahrung bei der Untersuchung von Tinnitus-Patienten zu verfügen
scheint und daher auch die Zusammenhänge zwischen der für dieses Beschwerdebild
typischen Vermischung von otorhinolaryngologischen und psychischen Befunden
kennt, hat er keine abschliessende Beurteilung abgegeben, sondern sich vielmehr auf
sein Fachgebiet beschränkt und darauf hingewiesen, dass der Verlauf eher
ungewöhnlich sei und eine psychiatrische Abklärung empfohlen. Gründe dafür, die vom
erfahrenen Gutachter empfohlene zusätzliche Abklärung nicht durchzuführen, sind
nicht ersichtlich. Weder sprechen die Tatsache, dass Prof. L._ depressive Symptome
verneint hat, noch die anzunehmende Unmöglichkeit, den bisherigen Verlauf aus
psychiatrischer Sicht vollständig erfassen und dokumentieren zu können, dagegen,
eine psychiatrische Begutachtung durchzuführen. Immerhin dürften von einem solchen
Gutachten verbindliche Aussagen zum aktuellen psychischen Gesundheitszustand und
zum Zusammenhang einer allfälligen psychischen Beeinträchtigung und dem Tinnitus
erwartet werden. Es handelt sich dabei um eine nahe liegende, für die vollständige
Ermittlung des relevanten Sachverhalts notwendige Beweiserhebungsmassnahme, zu
der die Beschwerdegegnerin aufgrund von Art. 43 Abs. 1 ATSG verpflichtet gewesen
wäre.
2.3 Daran ändert auch BGE 138 V 248 grundsätzlich nichts. Bei der so genannten
Adäquanzprüfung, also der Beurteilung, ob eine bestimmte
Gesundheitsbeeinträchtigung in einem adäquaten Kausalzusammenhang zu einem
bestimmten versicherten Ereignis steht, handelt es sich um eine juristische
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Wertungsfrage, die – wie alle anderen rechtlichen Würdigungen auch – einen
hinreichend abgeklärten Sachverhalt voraussetzt. Bevor nicht ein psychiatrischer
Gutachter sich zu allfälligen psychischen Gesundheitsbeeinträchtigungen und allenfalls
deren Zusammenhang mit dem Tinnitus geäussert hat, kann die Adäquanzprüfung
nicht zuverlässig vorgenommen werden. Gerade auch angesichts des komplexen
Zusammenwirkens von otorhinolaryngologischen und psychischen Beeinträchtigungen
bei chronischem Tinnitus scheint zudem eine Adäquanzprüfung nicht schematisch
vorgenommen werden zu können. Wesentlich ist, wie Prof. L._, überzeugend
dargelegt hat, welchen (so genannten) Persönlichkeitswert der Tinnitus hat, also wie
sich das chronische unangenehme Pfeifen auf die Persönlichkeit des
Beschwerdeführers auswirkt. Für die Beantwortung dieser Frage, die in hohem Mass
auch medizinische Komponenten aufweist, ist den gesamten Umständen Rechnung zu
tragen. Die blosse Beurteilung hauptsächlich des Ereignisses vor mehr als 20 Jahren
anhand fix vorgegebener Kriterien wird dem nicht gerecht (vgl. in diesem
Zusammenhang auch die Kritik von Ueli Kieser an BGE 138 V 248 in: AJP 11/2012,
S. 1643 ff., sowie diejenige aus medizinischer Sicht von Dr. med. Jörg Jeger in: Jus
letter vom 27. August 2012). Die Einholung eines unabhängigen psychiatrischen
Gutachtens ist jedenfalls vorliegend zwingend erforderlich.
3.
Da es nicht Sache des Versicherungsgerichts ist, Abklärungen, die im
Verwaltungsverfahren versäumt wurden, nachzuholen, ist die Angelegenheit zur
Einholung eines versicherungsexternen psychiatrischen Gutachtens und allenfalls einer
Konsensbeurteilung zwischen dem psychiatrischen Consiliarius und Prof. L._ sowie
weiteren notwendigen Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben. Da die Rückweisung zu weiteren Abklärungen
hinsichtlich Kosten- und Entschädigungsfolgen praxisgemäss als vollständiges
Obsiegen der Beschwerde führenden Partei zu qualifizieren ist, hat die
Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer mit einer aufgrund des einfachen
Schriftenwechsels und des unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwands reduzierten
Pauschale von Fr. 2’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu
entschädigen.
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Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39