Decision ID: 1f60a396-3d70-507d-8d6b-9d05b9fab9c2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ist syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie
und stammt aus dem Dorf B._ bei der Stadt C._ (arabisch;
kurdisch: C._) im Distrikt al-Malikiya (arabisch; kurdisch: Dêrik; Pro-
vinz al-Hasakah). Gemäss eigenen Angaben verliess er seinen Heimat-
staat am 6. September 2016 in Richtung Irak. Am 12. Juni 2017 reiste er
unkontrolliert in die Schweiz ein und stellte am 18. Juni 2017 beim damali-
gen Empfangs- und Verfahrenszentrum Altstätten ein Asylgesuch. Am
6. Juli 2017 wurde er durch das Staatssekretariat für Migration (SEM) sum-
marisch befragt und am 11. September 2018 eingehend zu den Gründen
seines Asylgesuchs angehört. Zwischenzeitlich wurde er für die Dauer des
Asylverfahrens dem Kanton Glarus zugewiesen.
B.
Der Beschwerdeführer machte anlässlich seiner Befragungen im Wesent-
lichen geltend, er habe Syrien einerseits verlassen, weil er im Jahr 2011,
als er das entsprechende Alter erreicht habe, zum Dienst in der staatlichen
syrischen Armee rekrutiert worden sei, diesen jedoch nicht geleistet habe.
Um sich dem Wehrdienst zu entziehen, habe er sich zunächst bei seinem
Grossvater versteckt gehalten. In diesem Zeitraum hätten die syrischen Si-
cherheitsbehörden mehrfach nach ihm gesucht und, weil sie ihn nicht ge-
funden hätten, seinen Vater bedroht. Später hätten in seiner Herkunftsre-
gion jedoch die Kurden die Macht übernommen, und die syrische Regie-
rung habe sich zurückgezogen. Danach sei er wieder nach Hause gegan-
gen. Nach seiner Einreise in die Schweiz habe er allerdings erfahren, dass
die syrischen Behörden wegen des Militärdiensts nach ihm suchen würden
und seinen Namen im Internet veröffentlicht hätten.
Andererseits sei er gegen seinen Willen durch die syrisch-kurdische militä-
rische Organisation YPG (Yekîneyên Parastina Gel; Volksverteidigungsein-
heiten) zum Wehrdienst verpflichtet worden. Am 7. Juni 2016 sei er bei
einem Checkpoint durch die Militärpolizei der YPG angehalten und zur mi-
litärischen Ausbildung geschickt worden. Nach insgesamt etwa drei Mona-
ten im Dienst der YPG habe er einen Urlaub erhalten, den er unverzüglich
zur Desertion aus dem Dienst bei den YPG und zur Ausreise aus Syrien
genutzt habe. In der Folge hätten Angehörige der YPG seine Familie auf-
gesucht, seine Eltern und seine Schwester geschlagen und versucht, seine
Brüder zum militärischen Dienst zu zwingen.
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Anlässlich seiner Anhörungen gab der Beschwerdeführer Kopien zweier
Seiten seines syrischen militärischen Dienstbüchleins, die Kopie eines Ur-
laubsscheins der YPG, drei Photographien sowie einen Auszug aus dem
Internet zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 29. November 2019 lehnte das SEM das Asylgesuch
des Beschwerdeführers ab. Gleichzeitig ordnete es wegen Unzulässigkeit
des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme in der Schweiz an.
Zur Begründung der Ablehnung des Asylgesuchs führte das Staatssekre-
tariat im Wesentlichen aus, die betreffenden Vorbringen des Beschwerde-
führers seien nicht asylrelevant.
D.
Mit Eingabe an das SEM vom 11. Dezember 2019 ersuchte der Rechtsver-
treter um Einsicht in die Verfahrensakten. Diesem Antrag entsprach das
Staatssekretariat mit Schreiben vom 16. Dezember 2019.
E.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 19. Dezember 2019 focht der Be-
schwerdeführer den Asylentscheid des SEM beim Bundesverwaltungsge-
richt an. Dabei beantragte er hauptsächlich die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz, even-
tualiter seine Anerkennung als Flüchtling und die Gewährung des Asyls,
wobei zumindest die Flüchtlingseigenschaft festzustellen sei. In prozessu-
aler Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie um Beiordnung seines Rechts-
vertreters als amtlicher Rechtsbeistand im Sinne von aArt. 110a des Asyl-
gesetzes (AsylG, SR 142.31). Mit der Eingabe wurde eine Fürsorgebestä-
tigung eingereicht. Auf die Begründung der Beschwerde wird, soweit für
den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
F.
Mit Zwischenverfügung der Instruktionsrichterin vom 8. Januar 2020 wur-
den die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
um Bestellung eines amtlichen Rechtsbeistands ‒ als welcher der bishe-
rige Rechtsvertreter eingesetzt wurde ‒ gutgeheissen.
G.
Mit Vernehmlassung vom 21. Januar 2020 hielt das SEM vollumfänglich an
seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
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H.
Mit Zwischenverfügung vom 23. Januar 2020 wurde dem Beschwerdefüh-
rer in Bezug auf die Vernehmlassung des SEM das Replikrecht erteilt.
I.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 27. Januar 2020 reichte der Be-
schwerdeführer eine entsprechende Stellungnahme sowie eine Honorar-
abrechnung ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor-
den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit
Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe-
rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end-
gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Für das vorliegende Verfahren gilt nach der am 1. März 2019 in Kraft
getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Über-
gangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.
Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf seine frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
Die Beschwerdeeingabe richtet sich ausschliesslich gegen die Ablehnung
des Asylgesuchs, die Feststellung des SEM, der Beschwerdeführer erfülle
die Flüchtlingseigenschaft nicht, sowie die Anordnung der Wegweisung.
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Die Frage des Vollzugs der Wegweisung bildet damit nicht Gegenstand des
Beschwerdeverfahrens.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete die Ablehnung des Asylgesuchs in der angefoch-
tenen Verfügung im Wesentlichen folgendermassen.
Eine Wehrdienstverweigerung oder Desertion vermöge die Flüchtlingsei-
genschaft nicht per se zu begründen, sondern nur dann, wenn damit eine
Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsyIG verbunden sei. Die betroffene
Person habe aus einem der in dieser Norm genannten Gründe (Rasse,
Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder
Desertion eine Behandlung zu gewärtigen, die ernsthaften Nachteilen ge-
mäss Art. 3 Abs. 2 AsyIG gleichkomme. Die syrischen Behörden würden
zum heutigen Zeitpunkt nicht allen Wehrdienstverweigerern oder Deser-
teuren eine regierungsfeindliche Haltung unterstellen. Beim Vorliegen spe-
zifischer politischer Faktoren sei jedoch davon auszugehen, dass die syri-
schen Behörden eine Wehrdienstverweigerung oder Desertion als Stel-
lungnahme für die Opposition einstufen und entsprechend bestrafen wür-
den. Daraus folge, dass im syrischen Kontext eine Bestrafung wegen
Wehrdienstverweigerung oder Desertion nur dann aus Gründen im Sinne
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von Art. 3 AsyIG erfolge, wenn zusätzliche einzelfallspezifische Risikofak-
toren vorlägen.
Im Falle des Beschwerdeführers seien keine einzelfallspezifischen Risiko-
faktoren gegeben, die ein politisches Profil begründen könnten. Weder ent-
stamme er einer oppositionellen Familie, noch habe er je persönliche Prob-
leme mit den syrischen Behörden gehabt. Auch der Umstand, dass er nach
seinem Aufgebot (recte: nach seiner Rekrutierung) im Jahr 2011 noch rund
fünf Jahre lang in Syrien geblieben sei, ohne von den Behörden belangt zu
werden, lasse es als unwahrscheinlich erscheinen, dass seitens des syri-
schen Regimes konkrete Verfolgungsabsichten gegen ihn bestanden hät-
ten. Es existierten somit keinerlei Indizien, die syrischen Sicherheitsbehör-
den hätten ihn als Regimegegner identifiziert und er habe als solcher bei
einer Rückkehr nach Syrien eine über die Bestrafung der Wehrdienstver-
weigerung hinausgehende Behandlung zu gewärtigen. Allfällige Strafmas-
snahmen infolge seiner Wehrdienstverweigerung würden somit keine Ver-
folgung im Sinne von Art. 3 AsyIG darstellen.
Im Übrigen habe der Beschwerdeführer abgesehen von Kopien zweier Sei-
ten seines militärischen Dienstbüchleins sowie eines Screenshots einer
Webseite, auf welcher er – nach seinen Angaben – wegen Wehrdienstver-
weigerung zur Fahndung ausgeschrieben worden sei, kein Dokument ein-
gereicht, das ein angebliches Aufgebot zum Militärdienst belegen würde.
Der Beweiswert der eingereichten Beweismittel sei aufgrund ihrer leichten
Fälschbarkeit sehr gering. Angesichts des zuvor Gesagten würden sich je-
doch Abklärungen zu deren Echtheit erübrigen.
Die Vorbringen des Beschwerdeführers zur Verweigerung des Wehrdiens-
tes in der staatlichen syrischen Armee würden somit die Anforderungen an
die Asylrelevanz gemäss Art. 3 AsyIG nicht erfüllen. Jedoch sei nicht aus-
zuschliessen, dass ihm in Syrien Strafmassnahmen drohten, die gegen Art.
3 EMRK verstossen würden. Diesem Umstand sei bei der Prüfung der Zu-
lässigkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung zu tragen.
Soweit der Beschwerdeführer ausserdem geltend mache, er sei von der
kurdischen militärischen Organisation YPG zwangsrekrutiert worden und
in der Folge desertiert, sei gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts nicht davon auszugehen, dass eine Missachtung von Auffor-
derungen zur Wahrnehmung dieser Dienstpflicht asylrechtlich relevante
Sanktionen nach sich ziehe.
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5.2
5.2.1 Mit der Beschwerdeschrift wird hinsichtlich des Militärdienstes in der
staatlichen syrischen Armee im Wesentlichen geltend gemacht, es ent-
behre der Logik, anzunehmen, ein syrischer Wehrdienstverweigerer werde
von den syrischen Behörden nicht als regimefeindlich angesehen, während
er gleichzeitig bei einer Rückkehr eine unverhältnismässige, gegen die
EMRK verstossende Strafe zu erwarten hätte. Wenn der Beschwerdefüh-
rer als Wehrdienstverweigerer eine solche Behandlung zu erwarten habe,
stehe fest, dass dies im Zusammenhang mit der Dienstverweigerung stehe
und daher asylrelevant sei. Das Vorgehen des SEM sei nicht mit der gel-
tenden Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts vereinbar.
5.2.2 In Bezug auf die Feststellung des SEM in der angefochtenen Verfü-
gung, der im vorinstanzlichen Verfahren geltend gemachten Zwangsrekru-
tierung des Beschwerdeführers durch die syrisch-kurdische militärische
Organisation YPG und dessen Desertion aus dieser Dienstpflicht komme
keine asylrechtliche Relevanz zu, werden auf Beschwerdeebene keine
Vorbringen gemacht. Indem vom Beschwerdeführer im vorliegenden Ver-
fahren somit nicht geltend gemacht wird, er erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft aus dem genannten Grund, ist auf diesen Gesichtspunkt nicht weiter
einzugehen.
5.3 Mit Blick auf die Vorbringen des Beschwerdeführers im Rahmen des
vorliegenden Verfahrens ist zunächst Folgendes festzuhalten: Das in der
angefochtenen Verfügung angewandte Vorgehen des SEM, bei einem
Asylsuchenden syrischer Staatsangehörigkeit, bei dem eine Entziehung
von der Dienstpflicht in der staatlichen syrischen Armee als glaubhaft er-
achtet worden ist, wegen drohender Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle
einer Rückkehr in den Heimatstaat zwar auf die Unzulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs zu schliessen, zugleich jedoch das Vorliegen der Flücht-
lingseigenschaft und die Asylrelevanz zu verneinen, wurde in einem neue-
ren Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts (Referenzurteil E-
2188/2019 vom 30. Juni 2020 E. 6 [zur Publikation vorgesehen]) bereits
als nicht mit der asylrechtlichen Dogmatik und der geltenden Rechtspre-
chung zu Art. 3 AsylG vereinbar zurückgewiesen. Angesichts dessen erüb-
rigt es sich, diese Fragestellung im vorliegenden Fall erneut zu erörtern,
und es ist diesbezüglich auf den soeben erwähnten Entscheid zu verwei-
sen.
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5.4
5.4.1 Der angefochtenen Verfügung ist zu entnehmen, dass die Vorinstanz
es grundsätzlich als glaubhaft erachtet, dass der Beschwerdeführer im
Jahr 2011 – mit dem Erreichen des entsprechenden Alters von achtzehn
Jahren – zum Wehrdienst in der staatlichen syrischen Armee rekrutiert
wurde, in der Folge jedoch bis zur Ausreise aus dem Heimatstaat diesen
Dienst nicht leistete. Demgegenüber stellt sich das SEM auf den Stand-
punkt, es sei nicht davon auszugehen, dass aus diesem Grund seitens der
staatlichen syrischen Behörden ein asylrechtlich relevantes Verfolgungsin-
teresse am Beschwerdeführer bestanden habe oder weiterhin bestehe.
Dieser Einschätzung der Vorinstanz ist im Ergebnis zu folgen, wobei in ers-
ter Linie die folgenden Gründe als entscheidwesentlich zu erachten sind.
Diesbezüglich ist festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht nicht
an die Begründung der Vorinstanz gebunden ist (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es
kann die Beschwerde auch aus anderen Überlegungen als jenen der Vor-
instanz abweisen (sog. Motivsubstitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI, in:
Christoph Auer/Markus Müller/Benjamin Schindler [Hrsg.], Kommentar
zum VwVG, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2019, Art. 62, N 16; ALFRED KÖLZ/
ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwal-
tungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zürich 2013, S. 398).
5.4.2 Nach Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts wurden im Zeit-
raum vor der Ausreise des Beschwerdeführers – welche am 6. September
2016 erfolgt sei – weite Teile des Distrikts al-Malikiya in der Provinz al-Ha-
sakah von der syrisch-kurdischen Partei PYD (Partiya Yekitîya Demokrat;
Demokratische Einheitspartei) und deren bewaffneten Organisation YPG
kontrolliert, während sich die Sicherheitskräfte des staatlichen Regimes
weitgehend zurückgezogen hatten (vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 6.7.5.3 so-
wie das länderspezifische Referenzurteil D-5779/2013 vom 25. Februar
2015 E. 5.9.3). Dies schliesst zwar nicht aus, dass vereinzelte behördliche
Repräsentanten des staatlichen syrischen Regimes in diesem Gebiet da-
mals noch Versuche unternahmen, durch die Zustellung von entsprechen-
den schriftlichen Aufgeboten in gewissen Fällen Rekrutierungen für die
staatliche Armee durchzusetzen. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass
zum fraglichen Zeitpunkt in der Stadt C._ im Distrikt al-Malikiya, in
deren Nähe das Heimatdorf des Beschwerdeführers liegt, für die Sicher-
heitskräfte des syrischen Staats noch die Möglichkeit bestand, entspre-
chende Rekrutierungen durch Zwangsmassnahmen durchzusetzen. Es ist
somit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zu verneinen, dass der Be-
schwerdeführer aufgrund der nicht erfolgten Leistung des Wehrdiensts in
der staatlichen syrischen Armee in seiner Heimatregion, dem Distrikt al-
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Malikiya, zum Zeitpunkt seiner Ausreise der Gefahr einer Verfolgung durch
das syrische Regime ausgesetzt war. Diese Einschätzung wird auch durch
die Aussagen des Beschwerdeführers im Rahmen seiner Anhörung im
vorinstanzlichen Verfahren unterstützt. Nach eigenen Angaben will er sich
nach erfolgter Rekrutierung zum Dienst in der syrischen Armee während
einiger Zeit versteckt gehalten haben. Jedoch begab er sich, nachdem in
seiner Herkunftsregion "die Kurden" – mithin die PYD und die YPG – die
Macht übernommen hätten und die syrische Regierung sich zurückgezo-
gen habe, wieder in sein Heimatdorf im Distrikt al-Malikiya in der Provinz
al-Hasakah, wo er in der Folge seitens des syrischen Regimes bis zur Aus-
reise vollkommen unbehelligt blieb.
5.4.3 Die Behauptung des Beschwerdeführers, er habe nach seiner Ein-
reise in die Schweiz erfahren, dass die syrischen Behörden wegen des Mi-
litärdiensts nach ihm suchen würden und seinen Namen im Internet veröf-
fentlicht hätten, ist zwar nicht als grundsätzlich unglaubhaft zu erachten.
Ungeachtet dessen, dass – wie die Vorinstanz zutreffend festgestellt hat –
die Echtheit des diesbezüglich eingereichten Beweismittels, der Kopie ei-
nes „Screenshot“ einer Webseite, nicht beurteilt werden kann, ist aber an-
zunehmen, dass von den syrischen Behörden lediglich die Tatsache als
solche festgestellt worden ist, dass der Beschwerdeführer nach seiner
Rekrutierung den Wehrdienst nicht geleistet hat. Bekanntermassen wer-
den syrische Staatsangehörige, die sich nach Erreichen des militärdienst-
pflichtigen Alters im Hinblick auf die Ableistung des Wehrdienstes nicht an
das zuständige Kreiskommando wenden, nach Ablauf einer Frist auf eine
Suchliste gesetzt (vgl. SCHWEIZERISCHE FLÜCHTLINGSHILFE [SFH], Syrien:
Fahndungslisten und Zaman al Wasl, Bern 2019, S. 5). Nachdem der Be-
schwerdeführer sich im fraglichen Zeitraum, wie ausgeführt, in einem Ge-
biet aufhielt, welches die staatlichen Sicherheitskräfte der weitgehenden
Kontrolle der kurdischen militärischen Einheiten überlassen hatten, ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass mit der Fest-
stellung der nichterfolgten Dienstleistung nicht zugleich der Vorwurf einer
Dienstverweigerung verbunden ist, welche als Feindlichkeit gegenüber
dem staatlichen syrischen Regime ausgelegt wird.
5.5 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass das SEM zutreffenderweise zur
Einschätzung gelangt ist, der Beschwerdeführer habe keine asylrechtlich
relevante Gefährdung glaubhaft gemacht und erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht. Die Vorinstanz hat folglich das Asylgesuch zu Recht abge-
lehnt.
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6.
6.1 Die Ablehnung eines Asylgesuchs oder das Nichteintreten auf ein Asyl-
gesuch hat in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge
(Art. 44 AsylG). Vorliegend hat der Kanton keine Aufenthaltsbewilligung er-
teilt und zudem besteht kein Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die verfügte Wegweisung
steht daher im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen und wurde
demnach von der Vorinstanz zu Recht angeordnet.
6.2 Im vorliegenden Fall ist im Übrigen anzumerken, dass sich aus den
angestellten Erwägungen nicht der Schluss ergibt, der Beschwerdeführer
sei zum heutigen Zeitpunkt angesichts der allgemeinen Situation in Syrien
in seinem Heimatstaat nicht gefährdet. Indessen ist eine solche Gefähr-
dungslage im Falle des Beschwerdeführers ausschliesslich auf die allge-
meine in Syrien herrschende Bürgerkriegssituation zurückzuführen, wel-
che durch die Vorinstanz mit Verfügung vom 29. November 2019 im Rah-
men der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Undurchführbarkeit
des Vollzugs der Wegweisung berücksichtigt wurde.
7.
Aus den angestellten Erwägungen ergibt sich, dass der – einzig bezüglich
der Ziffern 1‒3 des Dispositivs angefochtene – Asylentscheid des SEM das
Bundesrecht nicht verletzt sowie den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
und vollständig feststellt (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist folglich ab-
zuweisen, soweit auf sie einzutreten ist.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten an sich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Indessen
wurde der mit der Beschwerdeschrift gestellte Antrag auf unentgeltliche
Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung
vom 8. Januar 2020 gutgeheissen. Von einer Veränderung in den finanzi-
ellen Verhältnissen ist nicht auszugehen. Somit hat der Beschwerdeführer
keine Verfahrenskosten zu tragen.
8.2 Aufgrund der mit Zwischenverfügung vom 8. Januar 2020 angeordne-
ten Bestellung des Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand gemäss
aArt. 110a AsylG ist diesem ein entsprechendes Honorar auszurichten (vgl.
für die Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung Art. 7 ff. des
Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Der in der
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Kostennote vom 27. Januar 2020 ausgewiesene Zeitaufwand von 14 Stun-
den wie auch die Spesen in Höhe von Fr. 40.– sind als angemessen zu
bezeichnen. Der geltend gemachte Stundenansatz von Fr. 200.– ist dage-
gen zu kürzen; bei amtlicher Vertretung geht das Bundesverwaltungsge-
richt für nicht-anwaltliche Vertreter praxisgemäss von einem Ansatz von
höchstens Fr. 150.– aus. Demzufolge ist dem amtlichen Rechtsbeistand
ein Honorar von insgesamt Fr. 2'140.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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