Decision ID: 8c4b4d3b-5d8d-5459-8746-6b81ccd4b9fd
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 30. Januar/2. Februar 2007 bei der
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum Leistungsbezug an
(eingereicht durch Mitarbeiter einer Stelle "B._"). Er gab an, er habe in der Schweiz
von Oktober 2000 bis November 2005 als S._ gearbeitet und leide seit dem 2.
November 2005 an einer Lumboischialgie bei DH L5/S1 links (IV-act. 1 f.). Am 27.
September 2005 (IV-act. 11-5) war ihm sein Arbeitsverhältnis infolge schlechter
Auftragslage auf Ende November 2005 gekündigt worden. Letzter Arbeitstag war der 5.
November 2005 gewesen (IV-act. 11-1). In einer Schadenmeldung UVG war am 16.
November 2005 (IV-act. 33-108) angegeben worden, der Versicherte sei am 2.
November 2005 während der Arbeit beim Heruntertragen einer Maschine ausgerutscht
und die Treppe heruntergefallen und habe sich eine Rückenprellung zugezogen.
A.b In einem IV-Arztbericht vom 28. Februar 2007 (IV-act. 21) gab Dr. med. C._,
Facharzt für Allgemeinmedizin, an, es lägen beim Versicherten folgende Diagnosen mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit vor: ein lumbovertebrales Schmerzsyndrom bei
Diskopathie L5/S1 mit Ischialgien links und konsekutiver Instabilität im dritten Segment,
eine Osteochondrose und Spondylarthrose, mässig, in der LWS, eine depressive
Verstimmung sowie eine Zervikobrachialgie rechts. Der Versicherte sei in seiner
bisherigen Tätigkeit seit dem 2. November 2005 bis auf weiteres zu 100 %
arbeitsunfähig. Leichte, nicht rückenbelastende Tätigkeiten seien ihm anfänglich mit
einer Arbeitsfähigkeit von 50 % zumutbar, falls aus psychischen Gründen keine andere
Beurteilung erfolge. Der Versicherte sei im Verlauf der Krankheit zunehmend nervös
und gegenüber seiner Umgebung aggressiv geworden, weshalb er mit Verdacht auf
eine Depression an eine Fachärztin der Psychiatrie überwiesen worden sei.
A.c Gemäss den Akten der Kollektiv-Krankenversicherung hatte die Klinik für
Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen schon am 8. Juni 2004 (IV-act. 18-10 f.)
eine LDH L5/S1 links nach caudal luxiert bei akutem Lumboischialgiesyndrom links
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
diagnostiziert. Ein CT LWS vom 29. Mai 2004 (Eintrittstag; Austritt: 3. Juni 2004) hatte
auch ein massives Wurzelödem für die Nervenwurzel S1 links gezeigt. Der Versicherte
war bis 13. Juni 2004 arbeitsunfähig geschrieben worden. Am 23. November 2005 (IV-
act. 18-8 f.) hatte die Klinik berichtet, ein MRI der LWS vom 10. November 2005 habe
eine kleinste, subligamentäre LDH L5/S1 links mit gering möglicher Affektion der
Wurzel S1 links bei ventral betonter Osteochondrose L5/S1 und Verschmälerung der
Bandscheibenhöhe gezeigt. Der Bandscheibenvorfall sei praktisch vollständig
verschwunden. Es könne davon ausgegangen werden, dass der Versicherte wie vor
dem Sturz wieder vollkommen beschwerdefrei sein werde. Nach notfallmässiger
Untersuchung vom 14. Dezember 2005 war in einem Bericht vom 22. Dezember 2005
(IV-act. 18-6 f.) festgehalten worden, die Motorik sei weiterhin erhalten und ein
Caudasyndrom ausgeschlossen worden. Über den Verlauf nach einer periduralen
Nervenwurzelinfiltration S1 links vom 21. Februar 2006 war der Klinik bis zu einem
Bericht vom 16. Februar 2007 (IV-act. 18-2) nichts bekannt geworden. - Gemäss den
Suva-Akten hatte Dr. C._ am 29. November 2005 (IV-act. 33-105) eine Kontusion im
Bereich der LWS diagnostiziert. Eine Hämatombildung oder eine ossäre Läsion hätten
nicht vorgelegen. Nach kreisärztlicher Beurteilung vom 31. August 2006 (IV-act. 33-65
f.) hatten sich organische Unfallfolgen nicht nachweisen lassen, hingegen
vorbestehende deutliche degenerative Veränderungen der LWS. Die
Leistungseinstellung der Unfallversicherung (Verfügung vom 7. September 2006,
Einspracheentscheid vom 8. Januar 2007) wurde am 16. August 2007 gerichtlich
beurteilt (Abweisung der Beschwerde; IV-act. 33-15 ff.). Die aktuell noch geklagten
lumbalen Beschwerden seien jedenfalls nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf
den Unfall zurückzuführen, sondern somatisch gesehen bestenfalls mit den Befunden
degenerativer Art zu erklären.
A.d In einem IV-Arztbericht vom 24. April 2007 (IV-act. 25) hatte Dr. med. D._,
Spezialarzt FMH für Chirurgie, Wirbelsäulenleiden, Schleudertrauma und orthopädische
Traumatologie, als Diagnosen ein lumbovertebrales Syndrom bei Diskopathie L5/S1 mit
Ausstrahlung links und konsekutiver Instabilität in diesem Segment, ein sensibles
Wurzelreizsyndrom S1 links und eine kleine subligamentäre Diskushernie L5/S1 links
genannt. Er behandle den Versicherten seit dem 8. September 2006; dieser sei als
S._ seit dem 2. November 2005 arbeitsunfähig. In einer leichten wechselbelastenden
angepassten Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit 50 %.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.e Am 21. Januar 2008 veranlasste der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) der
Invalidenversicherung die Anfrage nach einer allfälligen psychiatrischen Behandlung
und die Einholung aktueller Verlaufsberichte (IV-act. 35).
A.f Im Austrittsbericht der Rehaklinik E._ vom 14. Februar 2008 (IV-act. 46) über den
Aufenthalt des Versicherten vom 14. Januar bis 11. Februar 2008 wurden als
Diagnosen erwähnt (erstens) eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, (zweitens)
eine mittelgradige depressive Episode, (drittens) ein lumbovertebrales Syndrom,
(viertens) interscapuläre muskuläre Schmerzen intermittierend sowie (fünftens)
Spannungskopfweh. In der letzten Aufenthaltswoche habe der Versicherte
überraschend von mehrfachen, stark traumatisierenden Erlebnissen in der Jugend
während des Krieges erzählt. Da vorwiegend aus psychiatrischen Gründen
Arbeitsunfähigkeit bestehe, sei er in der Tagesklinik angemeldet worden. - Dr. C._
berichtete am 28. Februar 2008 (IV-act. 40), die Arbeitsfähigkeit des Versicherten
werde zurzeit anlässlich des Aufenthalts in der Rehaklinik beurteilt.
A.g Nach einem Vorgespräch gab die Tagesklinik des Psychiatrischen Zentrums F._
am 4. März 2008 (IV-act. 46-6 ff.) bekannt, die Behandlung in der Rehaklinik habe nach
Angaben des Versicherten eine deutliche Verbesserung gebracht. Zur
Aufrechterhaltung der erreichten (stabilen) Fortschritte werde er ambulant behandelt
werden.
A.h Dr. D._ gab am 13. Mai 2008 (IV-act. 45) an, der Gesundheitszustand des
Versicherten sei stationär.
A.i Dr. med. G._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, teilte im IV-Arztbericht vom
20. Mai 2008 (IV-act. 46) mit, sie behandle den Versicherten seit dem 1. Februar 2007.
Es bestünden bei ihm eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung und eine darauf
folgende depressive Entwicklung mit im Vordergrund stehender Nervosität, verbaler
Aggressivität, Gedankengrübeln und Schlafstörungen. Aufgrund der andauernden
depressiven Grundstimmung sei zurzeit lediglich eine Tätigkeit im geschützten Rahmen
zu 50 % zumutbar.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.j Die Klinik H._ erstattete am 15. April 2009 (IV-act. 60) ein bidisziplinäres
Gutachten. Als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit lägen vor (erstens,
seit Frühjahr 2004) ein chronisches lumbospondylogenes Syndrom beidseits bei
mittelgradiger/ausgeprägter Osteochondrose L5/S1 und bei Status nach
lumboradikulärem Syndrom S1 links, (zweitens, seit ca. Februar 2004) eine
Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion, (drittens, seit ca. Beginn 2006)
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung sowie (viertens, erstmals im
Frühsommer 2007 beschrieben) ein chronisches rezidivierendes
Thorakovertebralsyndrom bei segmentalen Dysfunktionen am Übergang vom kranialen
zum mittleren Drittel der Brustwirbelsäule. Die Beweglichkeit der LWS sei etwa hälftig
eingeschränkt gewesen. Für die frühere Arbeit in der S._ wäre der Versicherte
theoretisch nicht mehr arbeitsfähig. Andere, körperlich leichte bis allenfalls
mittelschwere wechselbelastende Tätigkeiten (mit genannten Voraussetzungen) seien
ganztags mit einer aufgrund der psychischen Symptomatik um maximal 20 %
verminderten Leistungsfähigkeit zumutbar (IV-act. 60-9). Im psychiatrischen
Teilgutachten vom 3. Februar 2009 war unter anderem noch dargelegt worden, aus rein
psychiatrischer Sicht wäre nach einem Arbeitstraining mit stufenweisem Aufbau -
erforderlich wegen der langen Arbeitsabsenz und der psycho-physischen
Dekonditionierung mit subjektiv negativer Einschätzung der Leistungsfähigkeit und
daraus folgender reduzierter Leistungsmotivation - in absehbarer Zeit eine
Arbeitsfähigkeit von 80 % (ca. 6.75 Stunden Präsenzzeit pro Tag) zumutbar;
längerfristig sei eine weitere Steigerung vorstellbar. Über die Evaluation der
funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL) vom August 2008 war berichtet worden, die
Leistungsbereitschaft des Versicherten sei schlecht gewesen, das Leistungsverhalten
nicht adäquat, die Schmerzbeschreibung undifferenziert, die Konsistenz schlecht. Er
habe sich sehr auffällig verhalten, sich stets extrem langsam bewegt, die Augen stets
halb geschlossen gehalten und auf gewisse Aufforderungen überhaupt nicht reagiert.
Bei der Anamnese habe er sich nur sehr gebrochen und einsilbig mitteilen können, bei
der Schmerzbefragung jedoch sehr wortreich und ausführlich. Nach einer Beurteilung,
die auf den von Selbstlimitierung geprägten Tests beruhe und daher nur eine Aussage
über die mindestens zumutbare Arbeitsbelastung erlaube, seien dem Versicherten
mindestens leichte, wechselbelastende Arbeiten ohne vorgeneigte und rotatorische
Arbeitsbelastungen und ohne Anforderungen an das Gleichgewicht ganztags mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kurzpausen von insgesamt ca. einer Stunde pro Tag zumutbar (IV-act. 60-28). - Auf
Ergänzungsfragen des RAD (IV-act. 61 f.) antworteten die Gutachter am 1. Juli 2009
(IV-act. 67), der Versicherte sei in der körperlich zum Teil schweren Arbeit als S._ seit
dem 2. September (wohl: November) 2005 durchgängig nicht mehr arbeitsfähig
gewesen. In einer leidensangepassten Tätigkeit könne aufgrund der Akten ab Februar
2007 eine Arbeitsfähigkeit von 50 % angenommen werden. Mit der empfohlenen
stationären Rehabilitation sollte im Herbst 2009 und allerspätestens Ende 2009 eine
Arbeitsfähigkeit von 80 % erreicht werden können, unter fortgesetztem Training
innerhalb eines Jahres nach der Begutachtung sogar eine volle Arbeitsfähigkeit. Diese
gutachterlich angegebenen Arbeitsfähigkeiten übernahm der RAD gemäss seiner
Stellungnahme vom 13. August 2009 (IV-act. 68).
A.k Die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen veranlasste in der
Folge eine berufliche Abklärung für die Zeit vom 19. April bis 16. Juli 2010 (Mitteilung
vom 14. April 2010, IV-act. 75). Die Institution I._ gab im Schlussbericht vom 14. Juli
2010 (IV-act. 79) an, der Versicherte habe sich willig und kooperativ gezeigt und die
ihm aufgetragenen Arbeiten qualitativ erfüllt. Die grosse Schwierigkeit sei das Tempo.
Der Versicherte funktioniere sehr verlangsamt (zwei bis drei Mal langsamer als ein
Gesunder). In diesem Zustand sei es sogar schwierig, einen geschützten Arbeitsplatz
für ihn zu finden. Möglich sei eine Präsenzzeit von vier Stunden. Alle halbe Stunde
brauche er eine Pause von 5 bis 15 Minuten. Der durchschnittliche Leistungsgrad in
dieser Präsenzzeit betrage 10 bis 20 %.
A.l Dr. C._ gab im IV-Arztbericht vom 6. August 2010 (IV-act. 80-1 f.) an, mit der
Wiederaufnahme einer Arbeitstätigkeit durch den Versicherten könne nicht gerechnet
werden. Er legte Arztberichte des Departements Innere Medizin (Gastroenterologie/
Hepatologie) am Kantonsspital St. Gallen vom 2. März 2010 (IV-act. 80-3 ff.;
diagnostiziert unter anderem leichte Antrumgastritis, Polypektomie, depressive
Störung), von Dr. D._ vom 17. Januar 2009 (IV-act. 80-8 ff.) und von Dr. med. J._,
Spezialarzt FMH für Otorhinolaryngologie, Hals- und Gesichtschirurgie, vom 8. Mai
2009 (IV-act. 80-11 ff.; diagnostiziert unter anderem Funktionsstörung des posturalen
Kontrollsystems, geringgradige kognitiv-mnestische Funktionsstörung, mittelgradige
depressive Episoden, anhaltende Schmerzstörung bei V.a. analgesic overuse-
Syndrom) bei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.m Die IV-Eingliederungsverantwortliche hielt am 16. August 2010 (IV-act. 84) fest,
weitere Eingliederungsmassnahmen seien nicht möglich, da sich der Versicherte
subjektiv nicht arbeitsfähig fühle. Mit Mitteilung vom 20. August 2010 (IV-act. 86) wurde
die Arbeitsvermittlung abgeschlossen.
A.n Am 18. August 2010 (IV-act. 87) erstattete Dr. G._ einen Verlaufsbericht. Es
lägen eine anhaltende depressive Störung auf dem Hintergrund eines chronischen
Schmerzsyndroms, mittelschwerer bis periodisch schwerer Ausprägung, eine
narzisstische Persönlichkeitsstörung und eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung vor. Es sei zu einer Intensivierung der Schmerzsituation mit einer
zunehmenden dissoziationsähnlichen Symptomatik und schwerer
Selbstwertproblematik gekommen. Leidensangepasste Tätigkeiten seien lediglich in
einem geschützten Rahmen an maximal zwei Stunden pro Tag zumutbar. - Das
Medizinische Zentrum K._ (Zweigstelle des Medizinischen Zentrums L._; med.
pract. M._, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Dr. phil. N._, Klinischer
Psychologe und Supervisor), gab am 3. September 2010 (IV-act. 93) bekannt, es lägen
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, eine mittelgradige depressive Episode,
ein lumbovertebrales Syndrom bei Diskopathie L5/S1 mit Ausstrahlung li. und
konsekutiver Instabilität in diesem Segment, ein sensibles Wurzelreizsyndrom S1 li. und
eine kleine subligamentäre Diskushernie L5/S1 li. vor. Mit einer Wiederaufnahme der
Arbeitstätigkeit könne beim Versicherten nicht gerechnet werden. - Dr. D._ schätzte
gemäss seinem Bericht vom 22. Oktober 2010 (IV-act. 96) die Arbeitsfähigkeit des
Versicherten in einer leidensangepassten Tätigkeit aus somatischer Sicht nach wie vor
auf 50 %. - Der RAD stellte am 9. Dezember 2010 (IV-act. 97) fest, die berufliche
Abklärung habe ergeben, dass die gutachterlich als zumutbar betrachtete
Arbeitsfähigkeit nicht umsetzbar gewesen sei.
A.o Nachdem ein RAD-Arzt am 23. Februar 2011 (IV-act. 104) dafürgehalten hatte, die
Arbeitsunfähigkeit des Versicherten könne aus psychiatrischer Sicht nicht
nachvollzogen werden, es sei nicht klar, ob sein als kontraproduktiv geschildertes
Verhalten krankhaft oder missbräuchlich sei, und es sei, da weitere medizinische
Abklärungen nicht zielführend seien, eine Observation durchzuführen, wurde ein
entsprechender Auftrag erteilt (IV-act. 106). - Die beauftragte Unternehmung erstattete
am 7. April 2011 (IV-act. 110) Bericht. Danach sei der Versicherte vom 29. März bis 1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
April 2011 überwacht und dabei bei verschiedenen Tätigkeiten beobachtet worden,
namentlich beim T._, beim Fahren eines Autos und beim Tragen von Taschen und
eines Zeitungsbündels. Er habe sich normal und ohne sichtbare körperliche und
psychische Einschränkungen oder Beschwerden bewegt; es hätten keine
Schonhaltungen beobachtet werden können. Der Versicherte habe sehr aufmerksam,
körperlich fit und kontaktfreudig gewirkt.
A.p Der RAD-Arzt erklärte daraufhin am 29. April 2011 (IV-act. 111), es sei davon
auszugehen, dass beim Versicherten keine Einschränkungen bestünden, die einer
angepassten vollen Tätigkeit entgegenstünden. Anhand der Videosequenzen seien bei
ihm in medizinischer Hinsicht eine starke Beugehaltung in der Lendenregion mit
gestreckten Beinen über mindestens eine Minute, ein In-die-Hocke-Gehen (und so
Verweilen) ohne Zeichen eines Schmerzerlebens und ohne Schonverhalten, ein rascher
Wechsel der Körperstellungen ohne Anzeichen von erlebten Schmerzen, ein Gang in
unebenem, glitschigem Gelände ohne Einschränkung und das Auffangen eines
drohenden Sturzes durch Ausbalancieren, problemloses manuelles Arbeiten, freie und
rasche Kopfdrehungen, ein der Situation angepasster Antrieb und ein
altersentsprechendes Aussehen mit situativ angepasster unauffälliger Mimik und Gestik
zu sehen gewesen. Eine leichte depressive Verstimmung könne durch das
Observationsmaterial zwar nicht ausgeschlossen werden, doch lasse sich während der
Beobachtungsphase sicherlich die beklagte mittelschwere bis schwere, durch
allgemeine und starke Verlangsamung gekennzeichnete depressive Störung widerlegen
bzw. es habe die bei der beruflichen Abklärung in der I._ im Sommer 2010 gezeigte
allgemeine Verlangsamung nicht vorgelegen. Da es keinen Hinweis auf eine
Veränderung seit dem Befund gemäss dem bidisziplinären Gutachten vom 15. April
2009 gebe, könne eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von mehr als 20 % mit
Sicherheit ausgeschlossen werden (IV-act. 111).
A.q Nach einem Vorbescheid vom 12. Mai 2011 (IV-act. 114 f.) wandte der Versicherte,
vertreten durch den am 16. Februar 2011 beauftragten O._ (IV-act. 102), am 14. Juni
2011 (IV-act. 116) - unter Beilage eines Berichts (wohl des Medizinischen Zentrums
K._, unter anderem Dr. D._, Dr. med. P._, Facharzt für Psychiatrie FMH, Dr.
N._) vom 4. Mai 2011 - ein, sämtliche behandelnden Ärzte hätten eine erhebliche
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit festgestellt. Im genannten Bericht vom 4. Mai 2011
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(IV-act. 116-9 ff.) war festgehalten worden, aus anästhesistischer Sicht sei der
Versicherte in einer angepassten Tätigkeit zu 40 % arbeitsfähig, aus
wirbelsäulenchirurgischer zu 50 %, aus orthopädisch-chirurgischer zu 40 % und aus
rheumatologischer Sicht zu 100 %. Psychiatrisch weise der Versicherte kognitive
Defizite auf. Aus der Gesamtsicht aller Facetten der Persönlichkeit und aufgrund der
Beobachtungen während der Beschäftigungsversuche (I._) sei dem Versicherten eine
Arbeitstätigkeit nicht zuzumuten (IV-act. 116-9 ff.). Mit einer Verfügung vom 18. Juli
2011 (IV-act. 117) wies die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen
das Rentengesuch des Versicherten ab. - Auf eine Beschwerde vom 22. August 2011
(IV-act. 118) mit dem Antrag auf Zusprache einer ganzen Invalidenrente hin wurde die
Verfügung vom 18. Juli 2011 mit Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen vom 8. Oktober 2013 (IV-act. 124) aufgehoben und die Sache zur weiteren
medizinischen Abklärung an die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St.
Gallen zurückgewiesen. Weil keine Rehabilitation in der von den Gutachtern der Klinik
H._ hierfür vorausgesetzten Art stattgefunden habe, könne nicht ohne weiteres von
der prognostizierten Steigerung der Arbeitsfähigkeit von 50 auf 80 % ausgegangen
werden. Weder auf diese Einschätzung noch auf jene des RAD-Arztes vom 29. April
2011 könne abgestellt werden. Ausserdem wäre vor Erlass einer Verfügung (bei mehr
als zwei Jahren Abstand) eine Verlaufsbegutachtung unter Einbezug der
Observationsergebnisse angezeigt gewesen.
B.
B.a Nachdem ein Verlaufsbegutachtungsauftrag von der Klinik H._ retourniert
worden war, wurde das Institut für interdisziplinäre Begutachtung Neurologicum
Zürichsee (fortan kurz Neurologicum) beauftragt (IV-act. 138). Der Gutachter der
Rheumatologie gab in seinem Gutachten vom 26. Juni 2014 (IV-act. 154) bekannt, es
bestünden beim Versicherten als Hauptdiagnosen eine Osteochondrose L5/S1 ohne
Nachweis einer segmentalen Instabilität und ein Status nach radikulärem Syndrom S1
links bei Diskushernie L5/S1 2004. Bezüglich einer dem Rückenleiden angepassten
(d.h. den Beschreibungen entsprechenden) Tätigkeit gebe es keine Begründung für
eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Die objektivierbaren radiologischen Befunde
am Bewegungsapparat hätten sich seit 2009 nicht verändert. Mindestens damals
schon habe aus rein rheumatologischer Sicht volle Arbeitsfähigkeit für eine angepasste
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeit bestanden. - Der Gutachter der Psychiatrie hatte in seinem Fachgutachten (vom
5. Mai 2014; IV-act. 155) erklärt, eine Diagnose mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit sei
nicht zu erheben gewesen; ohne Einfluss sei eine Dysthymia. Die Arbeitsfähigkeit
könne zurzeit nicht mit notwendiger Sicherheit beurteilt werden. Die Videoaufnahmen
gäben keinen Aufschluss über das tatsächliche aktuelle Funktionsniveau und gäben zu
psychiatrisch relevanten Momenten nur sehr begrenzt Aufschluss. Die Aktenangaben
würden mit dem aktuellen Befund nur teilweise übereinstimmen; am ehesten sei die nur
begrenzte Mitwirkung des Versicherten verantwortlich gewesen. Es sei von einer unter
kontinuierlicher Behandlung stattgefundenen Besserung des psychischen
Zustandsbildes auszugehen, wobei mit notwendiger Sicherheit nur eine chronische
depressive Entwicklung im Sinn einer Dysthymia festgestellt werden könne.
B.b Der RAD hielt am 31. Juli 2014 (IV-act. 159) fest, in einer adaptierten Tätigkeit sei
der Versicherte voll arbeitsfähig.
B.c Am 21. August 2014 (IV-act. 160) teilte der Rechtsvertreter des Versicherten mit,
gemäss einem Bericht von Dr. G._ vom 10. August 2014 sei der Versicherte schwer
erkrankt und nicht arbeitsfähig. Da es zur Verschlechterung des gesundheitlichen
Zustands gekommen sei, werde er bald in einer Klinik behandelt werden. Dr. G._
hatte dargelegt (IV-act. 161), es seien wiederholte unberechenbar auftretende
Dekompensationen zu beobachten. Der Gutachter der Psychiatrie habe das Verhalten
des Versicherten sehr präzis beschrieben. Auf die Observation angesprochen reagiere
dieser schwer narzisstisch gekränkt und intensiv pathologisch paranoid-aggressiv. Die
Ehefrau werde inzwischen von der IV bei einer Umschulung unterstützt. Die repressiven
Druckmethoden der IV dienten der Stabilisierung der Gesamtsituation nicht.
B.d Am 14. Oktober 2014 (IV-act. 164) reichte der damalige Rechtsvertreter des
Versicherten einen Bericht der Klinik Q._ vom 14. November 2014 (IV-act. 165) ein.
Darin wurden als Diagnosen benannt: eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig schwere Episode, eine komplexe chronifizierte posttraumatische
Belastungsstörung mit massiven Intrusionen, Flashbacks, Albträumen und
psychosenahen Verfolgungsideen, Benzodiazepinabhängigkeit, Opiatabhängigkeit
durch Targin und eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung. Es sei von einer
Retraumatisierung - wahrscheinlich durch den Unfall und eventuell auch durch die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Observation - gekommen. Der Versicherte gebe an, die Observation durch
verschiedene Versicherungen nicht mehr auszuhalten und die erste Person, die ihn
beobachte, umzubringen. Von einer weiteren Observation sei abzuraten.
B.e In einem IV-Verlaufsbericht vom 11. Dezember 2015 (IV-act. 194; die Ärztin war im
Übrigen am 24. Februar 2015, IV-act. 183, zu einer Stellungnahme zum Bericht der
Klinik Q._ aufgefordert worden; Antwort IV-act. 184) gab Dr. G._ an, es träten beim
Versicherten häufig schon in wenig stressigen Umständen psychophysische
Dekompensationen auf. Betont paranoides Denken und verbale Aggressionsausbrüche
hätten sich intensiviert, die Frustrationstoleranz sei deutlich gesunken, eine
konfrontative therapeutische Arbeit sei nicht möglich, sondern kontraproduktiv. Dem
Versicherten seien nur Arbeiten in therapeutisch geführtem geschütztem Rahmen
möglich, anfänglich an zwei Stunden an zwei Tagen pro Woche. Die Leistungsfähigkeit
sei zu 50 % vermindert.
B.f Auf Vorschlag des RAD (IV-act. 196) wurde eine bidisziplinäre Begutachtung unter
Einschluss der Beurteilung des medizinischen Verlaufs seit der Begutachtung vom Mai
2014 vorgesehen (IV-act. 198, 200). Das Neurologicum gab in seinem Gutachten vom
21. November 2016 (IV-act. 219; vgl. auch IV-act. 220; Untersuchungen je vom Mai
2016) an, nach bidisziplinärem Konsens lasse sich eine die Arbeitsfähigkeit
beeinträchtigende Störung nur auf rheumatologischem Fachgebiet nachweisen. Die
bisherige Tätigkeit sei unter diesem Aspekt (seit Juni 2014 [d.h. dem Zeitpunkt des
Vorgutachtens als Vergleichszeitpunkt]; bis zur Begutachtung ohne Veränderung) nicht
mehr möglich. In einer körperlich leichten bis gelegentlich mittelschweren
wechselbelastenden Tätigkeit ohne längerdauernde Zwangshaltungen der Wirbelsäule
und ohne repetitives Heben oder Tragen von Lasten über 7.5 kg bzw. ohne Arbeit mit
Einzellasten über 15 kg liege aber keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vor. Aus
psychiatrischer Sicht seien ein erhebliches Beschwerdeverdeutlichungsverhalten und
erhebliche Inkonsistenzen festzustellen. Eine retrospektive Einschätzung sei immer nur
mit grosser Zurückhaltung möglich. Es sei durchaus möglich, dass zu Zeiten etwa der
Behandlung in der Klinik Q._ sehr gravierende Beschwerden bestanden hätten und
die entsprechenden Diagnosen hätten gestellt werden müssen, dass diese jedoch
möglicherweise vorher (2011) nicht vorgelegen hätten und hinterher (d.h. zurzeit) nicht
vorlägen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.g Der RAD hielt am 20. Dezember 2016 (IV-act. 223) fest, aus rheumatologischer
Sicht habe seit November 2005 keine längerdauernde Arbeitsunfähigkeit (gemeint wohl
in adaptierter Tätigkeit) vorgelegen, aus psychiatrischer Sicht lasse sich der Verlauf
aufgrund der aktuell ausgeprägten Beschwerdeverdeutlichung des Versicherten und
der Inkonsistenzen retrospektiv nicht genügend rekonstruieren.
B.h Mit Vorbescheid vom 10. Januar 2017 (IV-act. 226) stellte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle dem damaligen Rechtsvertreter des Versicherten
eine Abweisung dessen Leistungsgesuchs in Aussicht. Dieser wandte am 9. Februar
2017 (IV-act. 231) ein, auf das Gutachten des Neurologicums könne nicht abgestellt
werden. Zahlreiche Psychiater hätten festgestellt, dass der Versicherte voll
arbeitsunfähig gewesen sei und sei. Mindestens eine befristete Rente sei auszurichten.
Der bei der zweiten Begutachtung explorierende Gutachter der Psychiatrie des
Neurologicums scheine vom Observationsmaterial übermässig beeindruckt gewesen
zu sein; dieses könne zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht gebraucht werden. Die
Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hierzu seien zu beachten.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen habe entschieden, dass weitere
Abklärungen erforderlich seien. Einzig der genannte Psychiater behaupte, der
Versicherte aggraviere, simuliere und sei psychisch nicht erkrankt, und er sei voll
arbeitsfähig. Eine Simulation oder Aggravation lasse sich aber nur in einem Spital
abklären, wo der Versicherte unter 24-stündiger Beobachtung stehe. Eine solche
Abklärung werde vorgeschlagen. Der Gutachter der Rheumatologie am Neurologicum
sei bei der zweiten Begutachtung befangen gewesen. Der Versicherte habe ausserdem
Anrecht auf einen Leidensabzug. Er (der Rechtsvertreter) habe in der Zwischenzeit
fachärztliche Stellungnahmen zum Gutachten veranlasst. Er legte einen Bericht des
Medizinischen Zentrums K._, vom 19. April 2016 (unter anderem Dr. D._, med.
pract. M._, Dr. N._; IV-act. 231-13 ff.) bei, wonach dem Versicherten aufgrund der
Beobachtungen während der Beschäftigungsversuche auch angepasste Tätigkeiten
nicht zumutbar seien.
B.i Mit Verfügung vom 17. Februar 2017 (IV-act. 232) wies die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen das Leistungsgesuch des
Versicherten ab.
C.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde vom 16. März 2017. Der
Beschwerdeführer beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei
ihm eine Invalidenrente zuzusprechen, eventuell sei eine Oberbegutachtung, wenn
möglich in einem Spital, zu veranlassen, subeventuell sei die Sache zu weiteren
Abklärungen einschliesslich der Durchführung von Eingliederungsmassnahmen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im Lauf der zehn Jahre seit der Anmeldung
habe sich sein gesundheitlicher Zustand erheblich verschlechtert, was die
behandelnden Fachärzte bestätigt hätten. So hätten ihm Dr. C._ am 6. März 2007
[soweit ersichtlich nicht aktenkundig] und 28. Februar 2008 volle Arbeitsunfähigkeit, Dr.
G._ am 28. August 2008 [soweit ersichtlich nicht aktenkundig] eine Arbeitsfähigkeit
von 50 % in geschütztem Rahmen, Dr. D._ am 28. Februar 2008 eine volle und am
13. Mai 2008 eine 50-prozentige Arbeitsunfähigkeit und die I._ am 14. Juli 2010 und
der RAD am 9. Dezember 2010 eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiert. Für 2005 bis
2010 sei also volle Arbeitsunfähigkeit bestätigt worden. Nach der Begutachtung 2011
und der Abweisung des Anspruchs vor allem aufgrund des Observationsmaterials seien
weitere Abklärungen angeordnet worden. Der bei der ersten Begutachtung tätige
Experte der Psychiatrie des Neurologicums habe festgestellt, er könne keine sicheren
Angaben zur Arbeitsunfähigkeit machen. Dr. G._ habe am 21. August 2014 [soweit
ersichtlich nicht aktenkundig; ev. gemeint 10. August 2014] wiederum volle
Arbeitsunfähigkeit für ihn angegeben, ebenso wie die Klinik Q._ am 14. November
2014. Auf das zweite Gutachten des Neurologicums könne nicht abgestellt werden. Der
Rheumatologe sei vorbefasst gewesen. Die Untersuchung beim Psychiater sei nicht
nach der Regel durchgeführt worden; die Assistentin des Arztes habe die Fragen bei
der Testdurchführung selber beantwortet. Es habe sich ausserdem bei der
Begutachtung nur um eine Momentaufnahme gehandelt. Die Ärzte des Medizinischen
Zentrums K._ hätten im beigelegten Bericht vom 15. Februar 2017 (beigelegt auch
mit dem Datum vom 27. Februar 2017, unterschiedlich signiert) festgestellt, dass sich
der Psychiater mit den Vorberichten, vor allem jenen der Klinik Q._ und von Dr.
G._, zu wenig befasst habe. Auch mit den Berichten von Dr. J._ hätten sich die
Gutachter nicht befasst. Gemäss dem ebenfalls beigelegten Bericht von Dr. G._ vom
10. März 2017 sei er (der Beschwerdeführer) schwer psychisch krank. - Dr. G._ hatte
im letztgenannten Bericht erklärt, der Beschwerdeführer stehe seit 1. Februar 2007 in
Behandlung. Er leide an einer rezidivierenden depressiven Störung auf dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hintergrund einer infantil-narzisstischen Persönlichkeitsstörung und eines chronischen
lumbovertebralen Schmerzsyndroms. Aufgrund schwerer persönlichkeitsstruktureller
Defizite reagiere er konsequent pathologisch bzw. mit einer massiven narzisstischen
Kränkung und paranoid-aggressiv mit einem intensiven Selbsthassempfinden und mit
selbst- und fremdaggressiven Phantasien. - Nach einem Bericht der
Krankenversicherung vom 10. März 2017 empfahl deren Vertrauensarzt, Kosten der
IPPB (Integrierte psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung) zu übernehmen.
D.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 30. Mai 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen habe im
Entscheid vom 8. Oktober 2013 festgestellt, dass es hinreichende Anhaltspunkte gebe,
um die vom Beschwerdeführer behaupteten Beeinträchtigungen in Zweifel zu ziehen.
Damit sei auch gesagt, dass auf die medizinischen Einschätzungen der behandelnden
Ärzte kein Verlass sei. Für das vorliegende Verfahren verbindlich habe das Gericht auch
die Observation als rechtmässig und die erhobenen Beweismittel als verwertbar
bezeichnet. Durch die Observation habe gezeigt werden können, dass der
Beschwerdeführer über ein sehr viel höheres Funktionsniveau verfüge, als aufgrund der
Einschätzungen der behandelnden Ärzte zu erwarten wäre. Es hätten keinerlei objektive
Anhaltspunkte für die sonst dramatisch präsentierten Beschwerden dokumentiert
werden können. Damit sei grundsätzlich auf die Einschätzungen der Gutachter
abzustellen. Bei beiden bidisziplinären Gutachten hätten keine Diagnosen gestellt
werden können, die Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit haben könnten. Die Rüge der
Befangenheit des begutachtenden Rheumatologen sei, da der Beschwerdeführer auf
die Information über die begutachtenden Ärzte hin nicht opponiert habe, nicht mehr zu
hören. Ohnehin handle es sich nicht um eine Ober-, sondern um eine
Verlaufsbegutachtung, bei der es gerade von Vorteil sei, dass eine versicherte Person
durch den gleichen Arzt untersucht werde, da dieser sich ein präziseres Bild von
allfälligen Veränderungen machen könne. Was der Beschwerdeführer mit seiner
Angabe meine, dass die "Assistentin des Arztes" die Fragen selber beantwortet habe,
sei nicht klar. Es mache den Anschein, dass er damit die anwesende Dolmetscherin
meine. Dass die Dolmetscherin aber in direktem verbalem Kontakt mit dem Gutachter
stehe, sei notwendig und nicht zu beanstanden. Es sei davon auszugehen, dass sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Gutachter der Psychiatrie sehr wohl mit den Vorberichten befasst habe. Er sei nicht
umhingekommen, auf die erheblichen Diskrepanzen hinzuweisen. Die Ursache der
unterschiedlichen Beurteilung durch die behandelnden Ärzte und durch die Gutachter
liege in zwei Faktoren, nämlich im therapeutischen Ansatz der Ersteren und in einer
nicht authentischen Beschwerdepräsentation durch den Beschwerdeführer. Auch die
neu eingereichten Arztberichte seien vor diesem Hintergrund zu werten. Medizinisch
ergebe sich nichts wesentlich Neues, formell hingegen, dass die betreffenden Ärzte als
befangen zu gelten hätten, da sie für den Beschwerdeführer Stellung bezogen hätten.
E.
E.a Mit Replik vom 24. Juni 2017 legt der Beschwerdeführer dar, er sei überzeugt,
dass die Beschwerdegegnerin seine Sache willkürlich behandelt habe. Das Gutachten
sei mehr als sechs Monate nach der Begutachtung und somit unzuverlässig verfasst
worden. Der Gutachter der Rheumatologie sei vorbefasst und sein
Begutachtungsresultat im Voraus bekannt oder mindestens zu vermuten gewesen. Bei
den abweichenden Einschätzungen (der Arbeitsfähigkeit) handle es sich nicht nur um
solche des Hausarztes oder behandelnden Psychiaters, sondern auch um Berichte von
Spitälern und medizinischen Zentren, bezüglich derer BGE 125 V 351 nicht anwendbar
sei. Nach neuster Rechtsprechung sei die Observierung als solche nicht erlaubt.
Ausserdem könne entsprechendes Material in keiner Weise eine genügende Aussage
über die Arbeitsfähigkeit machen. Einige Minuten Observation könnten bestimmt
keinen Beweis für ein höheres Funktionsniveau des Beschwerdeführers erbringen. Bei
der psychiatrischen Begutachtung habe der Experte einen Test durchführen wollen. Da
er (der Beschwerdeführer) übermüdet gewesen sei, sei er nicht in der Lage gewesen,
richtige Antworten zu geben. Die Dolmetscherin habe das selbständig erledigt. Auf die
Testergebnisse könne daher nicht abgestellt werden. Der bei der zweiten
Begutachtung tätige Psychiater sei der einzige, der seine psychische Erkrankung
bestritten habe. Er (der Beschwerdeführer) stehe seit zehn Jahren in psychiatrischer
Behandlung, in letzter Zeit sogar wöchentlich, denn es gehe ihm psychisch schlecht.
E.b Am 13. Juli 2017 hat O._ für den Beschwerdeführer einen Bericht von Dr. med.
R._, Innere Medizin/Rheumatologie FMH, vom 11. Juli 2017 eingereicht, wonach der
Beschwerdeführer allein wegen rheumatologischer Beschwerden zu 60 %
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
arbeitsunfähig sei. - Dr. R._ hatte (bei den Angaben zum Leiden des
Beschwerdeführers) festgehalten, anlässlich eines Gerichtsverfahrens sei eine neue
medizinische Begutachtung verlangt worden. Die Beschwerden des
Beschwerdeführers würden sich bei langem Sitzen, beim Vornüberneigen und beim
Tagen von Lasten verstärken. Die Einnahme von Medikamenten habe vorübergehend
eine leicht lindernde Wirkung.
F.
In ihrer Duplik vom 8./11. September 2017 hält die Beschwerdegegnerin dafür, sie
habe das Abklärungsverfahren stets beförderlich behandelt. Es fehle auch eine
nachvollziehbare Begründung dafür, dass die Gutachten unzuverlässig verfasst worden
sein sollten. Die Verwertbarkeit des Observationsmaterials sei vorliegend rechtskräftig
beurteilt und bejaht worden. Auch bei Anwendung der vom Bundesgericht in einem
Grundsatzentscheid skizzierten Kriterien zur Verwertbarkeit solchen Materials zeige
sich, dass dieses keinem Verwertungsverbot unterstehe und bei der Beweiswürdigung
voll zu berücksichtigen sei, denn der Beschwerdeführer sei weder einer systematischen
noch ständigen Überwachung ausgesetzt gewesen und habe einen relativ
bescheidenen Eingriff in die grundrechtliche Position erlitten. Nicht nur der als Zweiter
begutachtende Psychiater des Neurologicums, sondern schon der erste Gutachter
habe lediglich eine Dysthymia diagnostiziert, die sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit
auswirke. Dr. R._ habe wenig auffällige somatische Befunde erhoben. Seine
Einschätzung stütze sich wesentlich auf die Beschwerdeschilderungen des
Beschwerdeführers. Er habe betont, dass die psychische Seite das somatische Leiden
erheblich überlagere. Es ergebe sich aus dem Bericht weder, dass die Beurteilung des
Gutachters der Rheumatologie falsch gewesen wäre, noch, dass seither eine
wesentliche Verschlechterung eingetreten wäre.

Erwägungen
1.
Im Streit liegt die Verfügung vom 17. Februar 2017, mit welcher die
Beschwerdegegnerin das Leistungsgesuch des Beschwerdeführers vom 30. Januar/2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Februar 2007 abwies. Der Beschwerdeführer beantragt im Hauptstandpunkt die
Ausrichtung einer Rente. - Mit Mitteilung vom 20. August 2010 war die
Arbeitsvermittlung abgeschlossen worden, nachdem eine berufliche Abklärung vom 19.
April bis 16. Juli 2010 einen nur geringfügigen Leistungsgrad ergeben hatte.
2.
2.1 Nach Art. 28 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen,
erhalten oder verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen
sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG)
sind (lit. c).
2.3 Art. 8 Abs. 1 ATSG umschreibt Invalidität als die voraussichtlich bleibende oder
längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist
der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem
nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.3.1 Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine
Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann daher nur relevant sein, wenn sie Folge
einer fachärztlich einwandfrei diagnostizierten Gesundheitsbeeinträchtigung ist (vgl.
Bundesgerichtsentscheid 9C_125/2015 E. 5.3, BGE 130 V 396). Die subjektiven
Angaben der versicherten Person genügen für die Begründung einer (teilweisen)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidität allein nicht; vielmehr muss verlangt werden, dass die Angaben durch damit
korrelierende, fachärztlich schlüssig feststellbare Befunde hinreichend erklärbar sind
(vgl. zu Schmerzleiden BGE 130 V 352 E. 2.2.2).
2.3.2 Die funktionellen Folgen der Gesundheitsschädigung sind qualitativ zu erfassen
und quantitativ einzuschätzen (vgl. BGE 141 V 281 E. 3.1). Nach der jüngsten
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 143 V 418 E. 7.1 f.) sind grundsätzlich (bei
Ausnahmen nach dem jeweiligen Beweisbedarf) sämtliche psychischen Erkrankungen
einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen, denn bei
sämtlichen psychischen Störungen bestehen trotz variierender Prägnanz der
erhebbaren Befunde im Wesentlichen vergleichbare Beweisprobleme. Für die
Beurteilung des funktionellen Leistungsvermögens sind nach dem genannten BGE 141
V 281 in der Regel diverse Standardindikatoren beachtlich, die in zwei Kategorien
systematisiert werden, nämlich einerseits in der Kategorie des funktionellen
Schweregrads und anderseits in jener der Konsistenz. Zum funktionellen Schweregrad
sind die Komplexe "Gesundheitsschädigung" (mit den Aspekten der Ausprägung der
diagnoserelevanten Befunde, des Behandlungs- und Eingliederungserfolgs oder der
entsprechenden Resistenz und der Komorbiditäten), "Persönlichkeit" (mit
Persönlichkeitsdiagnostik und persönlichen Ressourcen) und "Sozialer Kontext" zu
berücksichtigen. In der Kategorie der Konsistenz geht es um Gesichtspunkte des
Verhaltens, namentlich um eine gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in
allen vergleichbaren Lebensbereichen und um behandlungs- und
eingliederungsanamnestisch ausgewiesenen Leidensdruck (vgl. BGE 141 V 281 E.
4.1.3). Soweit die festgestellte Leistungseinschränkung auf Aggravation oder einer
ähnlichen Erscheinung beruht oder unter dem Einfluss der Folgen der Erzielung eines
sekundären Krankheitsgewinns steht (der rechtlich grundsätzlich unbeachtlich zu
bleiben hat, vgl. BGE 130 V 352), liegt nach der Rechtsprechung regelmässig keine
versicherte Gesundheitsschädigung vor. Hinweise darauf ergeben sich (im
Zusammenhang mit einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung entwickelt)
namentlich, wenn: eine erhebliche Diskrepanz zwischen den geschilderten Schmerzen
und dem gezeigten Verhalten oder der Anamnese besteht; intensive Schmerzen
angegeben werden, deren Charakterisierung jedoch vage bleibt; keine medizinische
Behandlung und Therapie in Anspruch genommen wird; demonstrativ vorgetragene
Klagen auf den Sachverständigen unglaubwürdig wirken; schwere Einschränkungen im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Alltag behauptet werden, das psychosoziale Umfeld jedoch weitgehend intakt ist (BGE
141 V 281 E. 2.2).
2.3.3 Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beschreiben und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind im
Weiteren eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (vgl. BGE
132 V 99 f. E. 4, BGE 141 V 281 E. 5.2.1). - Die Rechtsanwender überprüfen die
ärztlichen bzw. gutachterlichen Angaben frei, insbesondere darauf hin, ob die Ärzte
ausschliesslich funktionelle Ausfälle berücksichtigt haben, welche Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung sind (vgl. Art. 7 Abs. 2 erster Satz ATSG), sowie, ob
die versicherungsmedizinische Zumutbarkeitsbeurteilung auf objektivierter Grundlage
erfolgt ist (vgl. Art. 7 Abs. 2 zweiter Satz ATSG; BGE 141 V 281 E. 5.2.2).
2.3.4 Hinsichtlich der Beweiserhebung durch eine Observation (verdeckte
Datenerhebung in systematischer Weise und für konkrete Zwecke), die im Auftrag eines
Unfallversicherers (Sozialversicherungsträger) durch einen Privatdetektiv erfolgt war,
hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in einem Urteil gegen die
Schweiz vom 18. Oktober 2016 (61838/10) erkannt, dass hierfür keine ausreichende
gesetzliche Grundlage bestehe und durch eine solche Observation deshalb Art. 8
EMRK (Recht auf Achtung des Privatlebens) verletzt worden sei (vgl. § 77). Das
Bundesgericht hat in der Folge entschieden, dass das trotz Art. 59 Abs. 5 IVG auch im
Bereich der Invalidenversicherung gelte (mit der Folge, dass solche Handlungen
ebenfalls Art. 8 EMRK bzw. den einen im Wesentlichen gleichen Gehalt aufweisenden
Art. 13 BV verletzten; vgl. BGE 143 I 377, Bundesgerichtsurteil vom 9. Mai 2018,
8C_605/2017). - Was die Verwertbarkeit des auf die betreffende Art erlangten
Beweismaterials betrifft, hat der EGMR festgehalten, Art. 6 EMRK garantiere zwar das
Recht auf eine faire Verhandlung, lege aber keine Regeln über die Zulässigkeit eines
Beweismittels oder über die Art fest, wie es eingeschätzt werden müsse. Das sei in
erster Linie Sache des nationalen Rechts und der nationalen Gerichtshöfe (vgl. § 92).
Der EGMR prüfe nur (aber immerhin), ob das Verfahren als Ganzes fair gewesen sei
(vgl. § 93). Die Frage, ob die Verwertung eines in Verletzung von Art. 8 EMRK
erhobenen Beweismittels eine Verletzung (des so umschriebenen Rechts von Art. 6
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
EMRK) bewirke, müsse mit Blick auf alle Umstände einschliesslich (der Frage) der
Beachtung der Verteidigungsrechte des Betroffenen und der Qualität und Bedeutung
des Beweismittels bestimmt werden (vgl. § 94), insbesondere sei zu prüfen, ob
Gelegenheit zur Bestreitung der Authentizität des Beweises und zur Ablehnung dessen
Verwendung gegeben worden sei (vgl. § 95). Das Bundesgericht legte zur
Verwertbarkeit rechtswidrig erlangter Beweismittel in BGE 143 I 377 (E. 5.1.1) dar, ein
Beweisverwertungsverbot finde sich im Sozialversicherungsrecht nicht. Mangels
dortiger fachspezifischer Kodifizierung sei die Rechtsprechung aus dem Bereich des
Strafprozesses eingeflossen. Dort (vgl. Art. 141 Abs. 2 StPO, wonach Beweise, die
Strafbehörden in strafbarer Weise oder unter Verletzung von Gültigkeitsvorschriften
erhoben haben, nicht verwertet werden dürfen, es sei denn, ihre Verwertung sei zur
Aufklärung schwerer Straftaten unerlässlich) sei eine Interessenabwägung anzustellen:
Je schwerer die zu beurteilende (Straf-) Tat sei, umso eher überwiege das öffentliche
Interesse an der Wahrheitsfindung das private Interesse des Angeklagten daran, dass
der fragliche Beweis unverwertet bleibe (vgl. für das Strafprozessrecht BGE 131 I 272
E. 4.1.2). Eine gegen Art. 8 EMRK verstossende Videoaufnahme sei zu (straf-)
prozessualen Zwecken so lange verwertbar, als der Beschuldigte die aufgezeichneten
Handlungen aus eigenem Antrieb und ohne äussere Beeinflussung gemacht habe und
ihm dabei keine Falle gestellt worden sei (so wiederum BGE 131 I 272 E. 4.2). In der
Invalidenversicherung habe der Gesetzgeber eine Observationsmöglichkeit durch eine
Privatdetektei ausdrücklich installieren wollen, diese jedoch nicht hinreichend
legiferiert, was allerdings durch eine geplante ATSG-Revision behoben werden solle.
Ferner rechtfertige es sich mit Blick auf die seit 2011 in Kraft stehende Regelung in der
Schweizerischen Zivilprozessordnung (vgl. Art. 152 Abs. 2 ZPO, wonach rechtswidrig
beschaffte Beweismittel nur berücksichtigt werden, wenn das Interesse an der
Wahrheitsfindung überwiegt), für den Entscheid über die Verwertbarkeit des
rechtswidrig erlangten Beweises hauptsächlich die Interessenabwägung zwischen
privaten und öffentlichen Interessen als massgebend zu betrachten (vgl. E. 5.1.1).
Anzumerken ist, dass eine gezielte verdeckte Observation in der ZPO mit ihrem
Numerus clausus der Beweismittel als solches allerdings gar nicht vorgesehen ist. In E.
5.1.3 (des genannten BGE 143 I 377) erwog das Bundesgericht weiter, im
Sozialversicherungsrecht sei wohl insoweit von einem absoluten Verwertungsverbot
auszugehen, als es sich um Beweismaterial handle, das im nicht öffentlich frei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einsehbaren Raum (vgl. dazu BGE 137 I 327) zusammengetragen worden sei. Das
Ergebnis könne indessen verwertet werden, wenn das Beweismaterial nicht im nicht
öffentlich frei einsehbaren Raum zusammengetragen worden ist, die betroffene Person
weder einer systematischen noch ständigen Überwachung ausgesetzt war, wenn
Handlungen aufgezeichnet wurden, die sie aus eigenem Antrieb und ohne äussere
Beeinflussung machte und wenn ihr keine Falle gestellt worden ist (E. 5.1.1, vgl. dazu
auch die Bundesgerichtsurteile vom 14. Mai 2018, 9C_462/2017 E. 2.3, und vom 14.
November 2017, 9C_261/2017 E. 4.1).
3.
Der vorliegend zu beurteilende medizinische Sachverhalt erstreckt sich über den
langen Zeitraum von 2005 bis 17. Februar 2017. - Zu beachten ist bei der zunächst
vorzunehmenden Würdigung der ärztlichen Beurteilungen in den verschiedenen (sechs)
Phasen (E. 4.1 bis 4.6) vorweg, dass (abgesehen von der RAD-Beurteilung vom 29.
April 2011) erstmals das Gutachten des Neurologicums von 2014 Kenntnisse aus der
Observation (dazu unten E. 4.5.6) von März/April 2011 berücksichtigen konnte.
4.
4.1 Zunächst (Phase 1) hatte sich der Beschwerdeführer wegen einer Lumboischialgie
zum Leistungsbezug angemeldet, nachdem er gemäss Unfallmeldung am 2. November
2005 auf einer Treppe gestürzt war. Ein MRI vom 10. November 2005 hatte ergeben,
dass sich der früher (2004) gefundene Bandscheibenvorfall praktisch vollständig
zurückgebildet hatte. Die Klinik für Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen hielt am
23. November 2005 fest, es sei damit zu rechnen, dass der Beschwerdeführer mit
anfänglich zurückhaltender und später etwas verstärkter Physiotherapie wieder
vollständig beschwerdefrei werden könne (vgl. IV-act. 18-9). Nach einer
notfallmässigen Untersuchung am 14. Dezember 2005, bei welcher der
Beschwerdeführer von einem Verhebetrauma vom 13. Dezember 2005 berichtet hatte,
war das Beschwerdebild regredient erschienen (IV-act. 18-7). Am 21. Februar 2006 war
eine Nervenwurzelinfiltration erfolgt, worauf sich der Beschwerdeführer offenbar lange
Zeit (mindestens bis zum Datum des Berichts vom 16. Februar 2007) in der Klinik nicht
mehr gemeldet hat. Nach kreisärztlicher Beurteilung vom 31. August 2006 hatten sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
damals in der Folge keine organischen Unfallfolgen mehr (hingegen noch
vorbestehende deutliche degenerative Veränderungen L5/S1) nachweisen lassen. Es
war im entsprechenden Bericht zudem festgehalten worden, nach der Infiltration sei es
zu einer deutlichen Schwäche im Bereich des rechten Beins, jedoch auffallenderweise
nicht zu einer akuten Schmerzlinderung gekommen. Es hatte somit eine mögliche
Diskrepanz vorgelegen.
4.2 Im August 2008 sowie Februar und März 2009 (Phase 2) wurden der
Gesundheitszustand und die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers ein erstes Mal
bidisziplinär begutachtet. In somatischer Hinsicht ergaben sich dabei gemäss dem
Gutachten der Klinik H._ vom 15. April 2009 in erster Linie ein chronisches
lumbospondylogenes Syndrom beidseits und daneben ein chronisches rezidivierendes
Thorakovertebralsyndrom. Als angepasst umschriebene Tätigkeiten wurden als
ganztags zumutbar betrachtet. Rheumatologisch wurde daher diesbezüglich keine
Einschränkung festgelegt. - Allerdings wurde aufgrund der psychischen Symptomatik
eine um maximal 20 % verminderte Leistungsfähigkeit angenommen (IV-act. 60-9). Die
im psychiatrischen Teilgutachten vorgenommene Einschätzung, wonach (erst) nach
einem Arbeitstraining mit stufenweisem Aufbau - als erforderlich bezeichnet wegen der
langen Arbeitsabsenz und der psycho-physischen Dekonditionierung mit subjektiv
negativer Einschätzung der Leistungsfähigkeit und daraus folgender reduzierter
Leistungsmotivation - in absehbarer Zeit eine Arbeitsfähigkeit von 80 % (ca. 6.75
Stunden Präsenzzeit pro Tag) zumutbar wäre, wurde bidisziplinär offenbar nicht
entsprechend übernommen. Es wurde allerdings eine drei- bis vierwöchige stationäre
Rehabilitation (mit Infiltrationen der Intervertebralgelenke und psychologischer/
psychiatrischer Betreuung) empfohlen. - Nachträglich (bei Beantwortung von
Ergänzungsfragen des RAD) wurde die Beurteilung am 1. Juli 2009 dann insofern
geändert, als in einer leidensangepassten Tätigkeit ab Februar 2007 eine
Arbeitsfähigkeit von lediglich 50 % und erst nach der empfohlenen stationären
Rehabilitation (von neu sechs bis maximal neun Monaten) im Herbst 2009 und
allerspätestens Ende 2009 eine Arbeitsfähigkeit von 80 % angenommen werden könne,
unter fortgesetztem Training innerhalb eines Jahres nach der Begutachtung sogar eine
volle Arbeitsfähigkeit. - Die nachträgliche Änderung der Beurteilung wurde nicht
begründet, weshalb sie nicht nachvollziehbar erscheint. - Des Weiteren ist das
Gutachten zu einem Zeitpunkt vor der Rechtsprechung nach BGE 141 V 281 (am 3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Juni 2015) erstellt worden, was allerdings nicht bedeutet, dass es deswegen den
Beweiswert per se verlöre (vgl. BGE 141 V 281 E. 8; vgl. Bundesgerichtsentscheid vom
18. Mai 2017, 8C_842/2016). Wird das Gutachten nach den entsprechenden Vorgaben
betrachtet, ist zunächst festzuhalten, dass eine Anpassungsstörung mit längerer
depressiver Reaktion und eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert
wurden. Diese Diagnosen seien unter Berücksichtigung der vom Beschwerdeführer als
bedrohlich empfundenen Belastungsfaktoren durch die anstehende Kündigung des
Arbeitsplatzes (allerdings bereits vor dem Unfall erfolgt) und die Exacerbation der
lumboischialgieformen Symptomatik durch den Unfall und die materielle Unsicherheit
nach der Einstellung der UV-Zahlungen samt schwelender Versicherungsproblematik
mit nachfolgendem Paarkonflikt gestellt worden. Das habe zu ausgeprägten
dysfunktionalen Verhaltensmustern mit Symptomausweitung, Selbstlimitierung,
regressivem Verhalten, einer fixierten Schonhaltung und einer psychogen überlagerten
Gangstörung mit schliesslich Verharren in einer Krankenrolle mit subjektiver
Leistungsinsuffizienz und vorwiegend psychischer Dekonditionierung geführt. Die
Entwicklung sei überwiegend durch psychosoziale Faktoren bedingt (vgl. IV-act. 60-21
f. und 25). Bei der EFL war festgestellt worden, dass die Leistungsbereitschaft des
Beschwerdeführers schlecht, das Leistungsverhalten nicht adäquat, die
Schmerzbeschreibung undifferenziert und die Konsistenz schlecht gewesen seien. Der
Beschwerdeführer habe sich sehr auffällig verhalten, etwa sich stets extrem langsam
bewegt. Wenn er sich gemäss dem Gutachten bei der Anamnese nur sehr gebrochen
und einsilbig mitteilen konnte, bei der Schmerzbefragung jedoch sehr wortreich und
ausführlich, lag darin ebenfalls eine gewisse Inkonsistenz. Es wurde auch
Selbstlimitierung festgestellt. Bei diesen Gegebenheiten sind auch unter dem
Blickwinkel der jüngeren Rechtsprechung zur Objektivierung der psychischen
Gesundheitsschäden entscheidende Vorbehalte gegen den Beweiswert einer
Beurteilung mit Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers erheblichen Ausmasses zu
machen. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang im Übrigen, dass das in der
nachträglichen Änderung der gutachterlichen Beurteilung als bedeutsam betrachtete
Arbeitstraining aus psychiatrischen und nicht etwa aus somatischen Gründen für
erforderlich gehalten worden war. - Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
hat dem Gutachten denn auch schon in seinem Entscheid vom 8. Oktober 2013 bei
damaliger Aktenlage den Beweiswert (bei Annahme eines Attests von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsunfähigkeit von 50 %) abgesprochen, wenn auch aus anderen als den oben
genannten Gründen (noch keine Rehabilitation, wie für 80 % Arbeitsfähigkeit
vorausgesetzt).
4.3 Bei der beruflichen Abklärung von April bis Juli 2010 (Phase 3) zeigte der
Beschwerdeführer eine selbst für einen geschützten Arbeitsplatz kaum ausreichende
Leistung. Von den behandelnden Stellen wurde er ganz oder teilweise arbeitsunfähig
geschrieben (Medizinisches Zentrum K._, 3. September 2010: 100 %; Dr. D._, 22.
Oktober 2010: 50 %). - Die RAD-Beurteilung vom 29. April 2011 nach Kenntnisnahme
von den Ergebnissen der Observation vom 29. März bis 1. April 2011 stellte eine
Aktenbeurteilung dar, ohne dass der Beschwerdeführer vom RAD selber untersucht
worden wäre. Deshalb war die Einschätzung nicht ausreichend beweiskräftig.
4.4 Im Februar/März 2014 (psychiatrische Expertise des Neurologicums) und im Mai
2014 (rheumatologische Expertise des Neurologicums) wurde der Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers erneut begutachtet (Phase 4), und zwar unter Berücksichtigung
der Observationsergebnisse.
4.4.1 Rheumatologisch gesehen ergab sich keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
Die objektivierbaren Befunde hätten sich seit der Begutachtung von 2009 nicht
verändert. Damals sei aber ein deutlich stärkeres demonstratives Verhalten gezeigt
worden, während die aktuellen klinischen Befunde deutlich weniger ausgeprägt und
deutlich besser mit den radiologischen Befunden korrelierend seien. Die Annahme
einer Arbeitsfähigkeit von lediglich 50 % sei nicht nachvollziehbar. Der Gutachter
erkannte im Übrigen mit Recht, dass die spätere Korrektur der
Arbeitsfähigkeitsschätzung der Vorgutachter der Klinik H._ auf dieses Ausmass an
Arbeitsunfähigkeit nicht nachvollziehbar ist (wie oben dargelegt). Das
Begutachtungsergebnis des Gutachters der Rheumatologie des Neurologicums vom
26. Juni 2014 ist schlüssig begründet und es kann darauf abgestellt werden, auch was
die zurückliegende Zeit betrifft.
4.4.2 Unter psychiatrischem Aspekt wurde vom Neurologicum festgehalten, die
Arbeitsfähigkeit sei nicht mit notwendiger Sicherheit feststellbar. Diagnostiziert wurde
allerdings lediglich eine Dysthymia, welche ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit sei.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 25/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eine affektive Störung finde sich zurzeit nicht; abgesehen von einer fluktuierenden
gereizten Dysphorie habe der Beschwerdeführer keine affektiven Besonderheiten
gezeigt. Eine depressive Episode habe nicht mit nötiger Sicherheit diagnostiziert
werden können; ihr Vorliegen scheine jedoch eher unwahrscheinlich zu sein. Die
Psychomotorik des Beschwerdeführers sei intakt gewesen. Eine somatoforme
Schmerzstörung oder eine narzisstische Persönlichkeitsstörung würden nicht vorliegen.
Die auf dem Observationsvideo festgehaltenen Aktivitäten seien mit dem Vorliegen von
invalidenversicherungsrechtlich relevanten Defiziten im Antrieb nicht und mit
entsprechenden konzentrativen Defiziten nur in begrenztem Ausmass vereinbar.
Hingegen gäben sie keinen Aufschluss über die affektive Lage des Beschwerdeführers
und seien daher mit der Diagnose einer Dysthymia vereinbar. Die
Beschwerdeschilderung sei mit Nachdruck und spürbarer Demonstrativität erfolgt. Die
Angaben über die subjektiven Defizite hätten zum weitgehend blanden
psychopathologischen Befund differiert. - Obwohl keine abschliessende Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers erfolgte, kommt den gutachterlichen
Angaben zum Befund und der Auseinandersetzung mit den abweichenden Diagnosen
bei der Beurteilung des damaligen Zustands des Beschwerdeführers Gewicht zu.
4.5 Nachdem Dr. G._ im August 2014 von einer Verschlechterung mit
unberechenbar auftretenden Dekompensationen und intensiv pathologisch paranoid-
aggressiven Reaktionen berichtet hatte, der Beschwerdeführer von 2. Oktober bis 14.
November 2014 in der Klinik Q._ hospitalisiert gewesen war und Dr. G._ im
Dezember 2015 angegeben hatte, es sei dem Beschwerdeführer lediglich noch Arbeit
in therapeutisch geführtem geschütztem Rahmen möglich, erfolgte im Mai 2016 (Phase
5) eine Verlaufsbegutachtung durch das Neurologicum.
4.5.1 Aufgrund der rheumatologischen Begutachtung vom Mai 2016 wurde
festgehalten, es habe sich keine Veränderung im Vergleich zur Vorbegutachtung 2014
ergeben. Der Gutachter berücksichtigte die Angaben des Beschwerdeführers zu den
(unveränderten und neu angegebenen) Beschwerden. Er benannte die vorgefundenen
Unterschiede (Bewegungseinschränkung der LWS nun etwas akzentuierter
demonstriert mit allerdings eindeutiger aktiver Gegeninnervation bei passiver
Bewegungsprüfung; normale Kraftprüfung der radikulären Kennmuskeln, während 2014
noch eine generelle Schwäche demonstriert worden sei). Die klinischen und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 26/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
radiologischen Befunde hätten keine relevanten neuen Aspekte gezeigt. - Die
Begutachtung erscheint vollständig und ihr Ergebnis nachvollziehbar begründet.
4.5.2 Die psychiatrische Exploration fand ebenfalls im Mai 2016 statt. Der Gutachter
hat gemäss seinem Teil des Gutachtens die Vorakten zur Kenntnis genommen und den
Beschwerdeführer befragt. Um ihm Gelegenheit zu geben, allenfalls auf Formulierungen
Einfluss zu nehmen oder anknüpfende Tatsachen mitzuteilen, erfolgte während des
Gesprächs das Diktat seiner Angaben. Der Gutachter nahm die Anamnese auf. - Er
legte dar, das vom Beschwerdeführer (bei der Begutachtung) gezeigte Verhalten stehe
in deutlichem Kontrast zum Verhalten, das in den Observationsvideos dokumentiert sei.
Deshalb sei eine diagnostische Festlegung nicht möglich bzw. die Gesamtbewertung
mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet (vgl. IV-act. 219-33). Zwei wesentliche
Faktoren würden die diagnostische Einschätzung in Frage stellen bzw. eine definitive
Zuordnung nicht zulassen. Nämlich zum einen dieser genannte diametrale Gegensatz
und zum andern das Ergebnis des SFSS-Tests (vgl. IV-act. 219-23). Dieser Test
(Strukturierter Fragebogen Simulierter Symptome) hatte mit einem Wert von 54 ein
deutlich über dem cut off von 16 liegendes Ergebnis geliefert. Damit ist nach
gutachterlicher Beurteilung eine Beschwerdeverdeutlichung vor allem auf den Skalen
neurologischer Beeinträchtigung, affektiver Störung und amnestischer Störung
wahrscheinlich gemacht (vgl. IV-act. 219-30 f.). - Der Experte hält weiter fest, die
Angaben zu Erlebnissen in der Heimat (erst nach längerem Untersuchungsgespräch
und nach Nachfragen) seien durchgehend inkonsistent gewesen (vgl. IV-act. 219-22). -
Der Gutachter hatte als Beurteilungsgrundlage die Befunde erhoben. Dabei fand er
abgesehen von einer etwas angespannten Stimmungslage keine Anhaltspunkte für
pathologische Zustände. Der Beschwerdeführer sei moros gewesen, aber nicht
melancholisch (vgl. IV-act. 291-21 f.), mit wechselnden Klagen und einem deutlichen
Ausdruck des Gequält-Seins (vgl. IV-act. 219-23). Funktionseinschränkungen auf
psychiatrischem Fachgebiet seien eigentlich nicht zu erkennen gewesen (vgl. IV-act.
219-34). Die geklagten Beschwerden hätten sich nicht objektivieren lassen; die
Zusammenschau der klinischen Befunde, der Testpsychologie und der
Observationsvideos liessen die Annahme einer gravierenden psychischen Störung
nicht zu (vgl. IV-act. 219-39). Im Vordergrund stehe eine morose, offenbar chronische
dysthyme Verstimmung nach Art einer Dysthymia, wobei allerdings die Beobachtungen
in Zeiten, zu denen der Beschwerdeführer observiert worden sei, keinerlei Anzeichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 27/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für eine solche Verstimmung geboten hätten (vgl. IV-act. 219-32). - Der Gutachter
erklärte, zurzeit liege keine krankheitswertige Störung auf dem Gebiet der Psychiatrie
vor, welche die geltend gemachten Beschwerden erklären könnte (vgl. IV-act. 219-39).
Zu stellen sei die rein deskriptive Diagnose einer chronischen Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren (vgl. IV-act. 219-32). Mit hinreichender
überwiegender Wahrscheinlichkeit könne für das psychiatrische Fachgebiet keine
Diagnose mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit festgestellt werden (vgl. IV-act.
219-32). Es bestehe zurzeit keine krankheitswertige Störung auf psychiatrischem
Fachgebiet und keine Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung (vgl.
IV-act. 219-41 f. und IV-act. 219-37; allerdings eine massive jahrelange
Dekonditionierung, vgl. IV-act. 219-37). Die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung lasse sich zurzeit sicherlich nicht stellen, auch nicht jene einer
ausgeprägten affektiven Störung (aus dem Bereich der depressiven Episoden oder
einer bipolaren Störung; vgl. IV-act. 219-23, ebenfalls IV-act. 219-32); auch eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung lasse sich nicht positiv belegen bzw.
bestehe zurzeit nicht (vgl. IV-act. 219-23 und 32 f.). - Was die zurückliegende Zeit
betrifft, legte der Gutachter dar, in der Vergangenheit, insbesondere in der Klinik Q._,
seien sehr weitgehende diagnostische Festlegungen zum Vorliegen einer
posttraumatischen Belastungsstörung und einer erheblichen Depressivität des
Beschwerdeführers getroffen worden. Naturgemäss könne retrospektiv keine
Einschätzung der damaligen Situation erfolgen, doch müsse deutlich festgestellt
werden, dass die bei der Begutachtung gemachten Angaben des Beschwerdeführers
zu den damals geschilderten Zusammenhängen inkonsistent gewesen seien (vgl. IV-
act. 219-34 f.). Jedenfalls für die Zeit bei der Observation 2011 und für jene bei der
Begutachtung (also Mai 2016) sei keine gravierende psychische Störung anzunehmen.
Dass in der Zwischenzeit eine gravierende Störung bestanden habe, sei damit nicht
ausgeschlossen (vgl. IV-act. 219-41). - Auch diese (Teil-) Begutachtung kann als
umfassend betrachtet werden; namentlich stützte der Experte Ergebnisse und
diagnostische Feststellungen (nebst den testpsychologischen Befunden und der
Aktenkenntnis samt Observationsvideos) auf die erhobenen klinischen Befunde. Die
Schlussfolgerungen sind begründet worden. Sie haben den Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit für sich. - Im bidisziplinären Konsens wurde
bestätigt, dass aus psychiatrischer Sicht keine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 28/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bestehe (vgl. IV-act. 219-44). Das Gutachten insgesamt und sein Ergebnis voller
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit sind nach dem Dargelegten beweiskräftig.
Hieran ändern die Beanstandungen nichts:
4.5.3 Der Beschwerdeführer lässt verschiedene Einwände erheben, so etwa, der
Gutachter der Rheumatologie sei - da es sich (im Mai 2016) um seine zweite
Begutachtung (nach derjenigen vom Mai 2014) gehandelt habe - vorbefasst und das
Ergebnis des Gutachtens von vornherein absehbar gewesen. - Ausstands- oder
Ablehnungsgründe müssen so früh wie möglich geltend gemacht werden. Wenn dies
schon vorher möglich gewesen wäre, ist es nicht angebracht, sie erst im
Rechtsmittelverfahren vorzubringen. Wird die sachverständige Person nicht
unverzüglich als befangen abgelehnt, wenn die betroffene Person vom
Ablehnungsgrund Kenntnis erhält, verwirkt sie den Anspruch auf spätere Anrufung der
Verfahrensgarantie (vgl. BGE 137 V 210 E. 6.1.1, BGE 132 V 93 E. 7.4.2;
Bundesgerichtsurteil vom 12. November 2013, 8C_545/2013 E. 4.3). Dass der gleiche
Gutachter der Rheumatologie beigezogen wird wie bei der ersten Begutachtung durch
das Neurologicum, wurde dem Beschwerdeführer am 20. Januar 2016 bekannt
gegeben. Erst nach der Begutachtung, auf den Vorbescheid hin, liess der
Beschwerdeführer allerdings den Einwand der Befangenheit vorbringen. Des Weiteren
ist darauf hinzuweisen, dass die Anordnung einer (erneuten) Begutachtung (auch) in
rheumatologischer Hinsicht deshalb vorgesehen worden war, weil von psychiatrischer
Seite im Verlauf seit der letzten Begutachtung auch rezidivierende
Schmerzexazerbationen der vorbestehenden lumbalen Symptomatik beschrieben
worden seien und eine eventuelle Verschlechterung der somatischen Situation nicht
verpasst werden wollte (vgl. RAD IV-act. 196-2). Fraglich war daher ein allfälliger
rheumatologischer Verlauf seit der letzten Begutachtung. Eine Beurteilung der Frage,
ob sich seit einer Begutachtung eine allfällige Veränderung des Sachverhalts im
Zeitablauf ergeben habe, ist sinnvollerweise wieder beim gleichen Gutachter in Auftrag
zu geben ist, zumal von ihm damit nicht verlangt wird, seine eigenen Erhebungen und
Folgerungen einer (selbst-) kritischen Neubeurteilung zu unterziehen (vgl.
Bundesgerichtsurteil vom 18. Juni 2014, 9C_441/2014 E. 2.2.3; vgl. auch
Bundesgerichtsurteil vom 20. August 2008, 8C_89/2007 E. 6.2). Der Umstand, dass ein
Sachverständiger sich schon einmal mit einer Person befasst hat, schliesst denn auch
seinen späteren Beizug als Gutachter nicht von vornherein aus. Er tut dies nur, wenn
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 29/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umstände vorliegen, die den Anschein der Befangenheit objektiv zu begründen
vermögen (vgl. Bundesgerichtsurteil 21. August 2015, 9C_700/2014 E. 4.2.2, BGE 132
V 93 E. 7.2.2). Vorliegend gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass das Ergebnis der
rheumatologischen Begutachtung nicht mehr als offen hätte betrachtet werden können.
4.5.4 Hinsichtlich der psychiatrischen Begutachtung wendet der Beschwerdeführer
des Weiteren ein, wegen Übermüdung sei er bei einem psychiatrischen Test nicht in
der Lage gewesen, richtige Antworten zu geben, und die Dolmetscherin habe das
selbständig erledigt. Auf einen solchen Sachverhalt gibt es keinen Hinweis. Das
Gutachten ist ausserdem das Ergebnis einer Beurteilung verschiedener Erhebungen
insgesamt.
4.5.5 Der Beschwerdeführer bringt ferner vor, der bei der zweiten Begutachtung tätig
gewesene Psychiater sei der einzige, der seine psychische Erkrankung bestritten habe
und der behaupte, er aggraviere, simuliere und sei psychisch nicht erkrankt, sondern
voll arbeitsfähig. Zahlreiche Psychiater und Ärzte hätten bei ihm volle Arbeitsunfähigkeit
festgestellt, und zwar nicht nur der Hausarzt oder die behandelnde Psychiaterin,
sondern auch Spitäler und medizinische Zentren. - Es trifft zu, dass mehrere Ärzte und
die berufliche Abklärungsstelle (sowie ihr folgend in einer damaligen Stellungahme der
RAD) dem Beschwerdeführer eine volle oder hälftige Arbeitsunfähigkeit attestiert
haben. Alle medizinischen Berichte und Gutachten sind jedoch bei der
Beweiswürdigung je auf ihre Aussagekraft hin zu prüfen.
4.5.6 Konkret ist darauf hinzuweisen, dass die Atteste der behandelnden Stellen ohne
Kenntnis von den Ergebnissen einer Observation des Beschwerdeführers durch die
Beschwerdegegnerin abgegeben wurden, was ihren Beweiswert (ggf. rückblickend)
schwächt. Das Versicherungsgericht hat am 8. Oktober 2013 eine medizinische
Abklärung unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse angeordnet (bei damaliger
Annahme einer gesetzlichen Grundlage, E. 2.2; vgl. zur Bindungswirkung von
Erwägungen mit Ausnahme von allenfalls zulässigen Noven das Bundesgerichtsurteil
vom 27. März 2018, 8C_824/2017 E. 2.2 m.H.; vgl. zum Eingriff in Rechtskraft von
Verfügungen bei Praxisänderungen BGE 120 V 128 E. 3c, BGE 112 V 387 E. 3c, BGE
141 V 585 E. 5.2). Zwar ist gemäss jüngerer Rechtsprechung nun davon auszugehen,
dass Observationen auch im Bereich der Invalidenversicherung keine genügende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 30/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gesetzliche Grundlage haben, doch hindert das ihre Verwertbarkeit vorliegend wie
entschieden nicht. Es wurden alltägliche Verrichtungen aufgezeichnet, welche aus
eigenem Antrieb erfolgten; dem Beschwerdeführer wurden keine Fallen gestellt. Von
einer systematischen oder ständigen Überwachung ist ebenfalls nicht auszugehen.
Massgebend sind schliesslich nicht die Observationsergebnisse als solche, sondern
die medizinischen Beurteilungen, die nun in Kenntnis der entsprechenden Umstände
abgegeben wurden.
4.5.7 Das aufgezeichnete Verhalten des Beschwerdeführers wurde denn auch aus
medizinischer Sicht gewertet und es wurde festgehalten, dass ein lockeres Gangbild
und diverse Betätigungen des Beschwerdeführers beobachtet worden seien, unter
anderem in gebückter Haltung und in der Hocke, jeweils ohne Anhaltspunkte für
Schmerzschonung oder eine Bewegungsbeeinträchtigung, für depressive
Antriebshemmung oder depressive Mimik (vgl. IV-act. 219-19 f.). Dass die
Diskrepanzen nicht ersichtlich sein sollten, wie im Bericht des Medizinischen Zentrums
K._ vom 15. Februar 2017 bzw. 27. Februar 2017 angegeben, erscheint angesichts
der Aktenlage nicht erklärlich. Auch wenn der Beschwerdeführer von den
behandelnden Ärzten zu Aktivitäten angehalten worden ist, ändert das nichts an den
genannten medizinisch relevanten Beobachtungen seines unauffälligen Verhaltens
ausserhalb der Untersuchungssituation. Darauf, dass der betreffende Gutachter der
Psychiatrie den Erkenntnissen aus der Observation übermässige Bedeutung
zugemessen haben könnte, besteht kein Hinweis. Dass er hinsichtlich der
retrospektiven Beurteilung früherer medizinischer Einschätzungen Zurückhaltung übte,
bietet nicht Grund zur Beanstandung wegen einer ungenügenden Auseinandersetzung
mit den abweichenden Standpunkten, sondern zeigt seine sachgerechte Einschätzung,
dass medizinische Angaben zu einem lang zurückliegenden Zustand naturgemäss
schwieriger zu machen sind. Auch der Bericht von Dr. J._ ist im Gutachten (IV-act.
219) erwähnt worden; eine weitere Auseinandersetzung war bei den vorhandenen
Gegebenheiten nicht erforderlich.
4.5.8 Ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer seine Beschwerden erheblich verdeutlicht schildert und darstellt,
sind die auf den entsprechenden Anamnese- und Beschwerdeaufnahmen basierenden
ärztlichen Berichte entsprechend zu relativieren. Dasselbe gilt auch für die Ergebnisse
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 31/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der bei der Begutachtung erfolgten psychologischen Tests. - Ein Gutachter mag zudem
zwar bei seiner Untersuchung eine Momentaufnahme des Gesundheitszustands
machen, doch stützt er sich daneben auf eine umfassende Aktenkenntnis. Dieser
Umstand verleiht der Beurteilung bedeutendes Gewicht. - Dass das Gutachten (IV-act.
219) erst aus einiger Zeit nach der Begutachtung datiert, schadet dem Beweiswert
nicht, denn es haben sich keine Indizien für einen Mangel gezeigt. - Bei diesen
Gegebenheiten kann der Beschwerdeführer schliesslich auch aus dem Umstand einer
jahrelangen psychiatrischen Behandlung nichts für sich ableiten.
4.5.9 Was den Bericht des Medizinischen Zentrums K._ vom 19. April 2016 im
Besonderen betrifft, fällt auf, dass darin verschiedentlich durch entsprechende
Überschriften Angaben zu Veränderungen nach dem 4. Mai 2011 bezeichnet wurden,
während solche Fakten ausblieben. Namentlich wurde unter dem Titel "neue
Arbeitsversuche ab 04.05.11" nebst verschiedenen Versuchen an der Arbeitsstelle
2005 (gemäss Arbeitgeberbescheinigung nicht ersichtlich) lediglich derjenige bei der
I._ im Jahr 2010 genannt (vgl. IV-act. 231-16). Bei den als "(neue) Diagnosen ab
04.05.2011" (IV-act. 231-14) beschriebenen Leiden deutet nichts auf eine Änderung
hin. Neue Bilder wurden erklärter Weise nicht gemacht (IV-act. 231-16). Beim Thema
Verlauf bzw. Verschlechterung der Symptomatik seit 2009 wurden zwar
Verschlechterungen beschrieben (z.B. deutliche Zunahme der Schmerzen und der
Depression), allerdings ohne zeitliche Angaben. Allfällige Erhebungen oder
Untersuchungen wurden - soweit ersichtlich - nirgends datiert, weder bei den
"(veränderten) Befunden ab 04.05.11" aus anästhesiologischer, noch aus
wirbelsäulenchirurgischer oder aus psychosomatischer Sicht (IV-act. 231-16 f.), auch
nicht der Medikamentenspiegel (IV-act. 231-16). Unter dem Titel durchgeführter
Behandlungen ab 04.05.11 wurden ausdrücklich neu durchgeführte psychosomatische
Interventionen erwähnt, dann allerdings nur offenbar vom Beschwerdeführer
angegebene Beschäftigungen aufgezählt (z.B. etwas lesen, Aufgabenhilfe bei Kindern;
IV-act. 231-17). Die volle Arbeitsunfähigkeit wurde 2016 wiederum mit den
Beobachtungen bei den gescheiterten Arbeitsversuchen (wie erwähnt I._, 2010)
begründet (IV-act. 231-18). Auf diesen Bericht kann daher nicht abgestellt werden.
4.6 Aufgrund des nach der zweiten Begutachtung durch das Neurologicum (im Mai
2016) abgegebenen Berichts von Dr. G._ vom 10. März 2017 und des Berichts der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 32/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Krankenversicherung vom 10. März 2017 ergibt sich auch für die Zeit nach der
Begutachtung von Mai 2016 (Phase 6) nichts vom oben Dargelegten Abweichendes. -
Der Bericht von Dr. R._ schliesslich stammt vom 11. Juli 2017 und kann vorliegend
nur insofern von Bedeutung sein, als zu prüfen ist, ob er geeignet sei, die Beurteilung
des Sachverhalts bis zum Zeitpunkt des Verfügungserlasses - hier 17. Februar 2017 -
zu beeinflussen (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 4. Juli 2012, 9C_67/2012 E. 2.2, BGE 99
V 98). Das ist nicht der Fall.
5.
5.1 Zusammenfassend ist nach dem Dargelegten festzuhalten, dass anlässlich der
Begutachtungen des Neurologicums in den Jahren 2014 und 2016 beim
Beschwerdeführer keine für eine adaptierte Tätigkeit relevanten Gesundheitsschäden
festgestellt wurden, worauf angesichts der stichhaltigen Grundlagen und
Begründungen für die betreffenden Zeitpunkte abgestellt werden kann.
5.2 Was den Sachverhalt in der Zeit vor diesen Gutachten betrifft, äusserten die
Gutachter des Neurologicums selbst sich zurückhaltend. Auch dies ist wie erwähnt
nachvollziehbar. Weitere diesbezügliche Erkenntnisse können denn auch von keinen
weiteren Abklärungen mehr erwartet werden. - Angesichts der gesamten Aktenlage
kann aber mit überwiegender Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass
rheumatologisch gesehen bereits zum Zeitpunkt der kreisärztlichen (objektiven und
begründeten) Beurteilung keine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit für adaptierte
Tätigkeit mehr bestand, denn schon bei einem MRI der LWS vom 10. November 2005
hatte sich gezeigt, dass der Bandscheibenvorfall praktisch vollständig verschwunden
war. Der degenerative Befund ist als nicht schwerwiegend zu bezeichnen; der Kreisarzt
hatte im Übrigen das Ausbleiben der Schmerzlinderung nach Infiltration als eine
auffällige Reaktion bezeichnet. Auf die Berichte von Dr. C._ vom 28. Februar 2007
und von Dr. D._ vom 24. April 2007 (beide mit Attest einer Arbeitsunfähigkeit von 50
%) kann nach dem oben Dargelegten nicht abgestellt werden, zumal auch die
Rehaklinik E._ am 14. Februar 2008 das Schwergewicht einer Arbeitsunfähigkeit in
psychischen und nicht in somatischen Gründen sah. - Die (ehemaligen) psychiatrischen
Beurteilungen ihrerseits sind bei der nun gegebenen Aktenlage nach der Observation
und angesichts der zwei Begutachtungen durch das Neurologicum auch für eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 33/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
relevante Arbeitsunfähigkeit in adaptierter Tätigkeit in der zurückliegenden Zeit nicht
(auch nicht etwa für April 2009) beweisend. Zwischen den Schilderungen über die beim
Beschwerdeführer vorhandenen Befunde im Bericht des Medizinischen Zentrums K._
vom 4. Mai 2011 (unter anderem starke Schmerzen im LWS-Bereich mit Ausstrahlung
in beide Beine, die sich nach einer halben Stunde Sitzen oder langsamem Gehen
verstärkten), und seinem bei der zeitnah erfolgten Observation vom März/April 2011
beobachteten Verhalten bestand nach gutachterlichen Angaben eine erhebliche
Diskrepanz. Ausserdem war wie erwähnt schon bei der damaligen Begutachtung in der
Klinik H._ festgestellt worden, dass die Leistungsbereitschaft des Beschwerdeführers
schlecht war, sein Leistungsverhalten nicht adäquat, die Schmerzbeschreibung
undifferenziert und die Konsistenz schlecht, was unter dem Aspekt der Indikatoren
(oben E. 2.3.2) zu berücksichtigen ist.
5.3 In Bezug auf die Verhältnisse nach der Begutachtung vom Mai 2016 ist
festzuhalten, dass bis zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung nicht
von einer Veränderung des Sachverhalts auszugehen ist, weshalb es beim Ergebnis der
gutachterlichen Beurteilung voller Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers für
adaptierte Tätigkeiten bleibt.
6.
Bestand demnach keine ein Jahr lang andauernde relevante Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit und - angesichts der ab August 2006 bis Februar 2017
anzunehmenden vollen Arbeitsfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten - auch keine
Invalidität des Beschwerdeführers, so erweist sich die angefochtene Verfügung als
rechtmässig.
7.
7.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
7.2 Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von 200 bis 1000 Franken festgelegt. Als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 34/34
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unterliegende Partei hat der Beschwerdeführer die Gerichtskosten zu bezahlen (vgl.
Art. 95 Abs. 1 VRP). Diese sind ermessensweise auf Fr. 600.-- zu veranschlagen. Mit
dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist die geschuldete Gerichtsgebühr
getilgt.