Decision ID: 8efbd44c-74fe-5fbf-907b-15acf12fbf45
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Arthur Andermatt, Teufener Strasse 8, Postfach,
9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 13. Juni 2008 unter Hinweis auf Kniebeschwerden rechts
zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1-1 ff.).
A.b Am 2. Juli 2008 (IV-act. 10-1 ff.) reichte die B._ AG einen Arbeitgeberbericht ein.
Darin wird ausgeführt, dass die Versicherte vom 19. April 1999 bis 31. Mai 2008 im
Vollzeitpensum als Mitarbeiterin Handarbeiten im Papierweiterverarbeitungsbereiche
verrichtet hat. Dem Arbeitgeberbericht wurden eine Kopie der Kündigung vom 20. März
2008 (IV-act. 10-8), Lohnkontoauszüge der Jahre 2005-2007 (IV-act. 10-9 ff.) sowie
Kopien von ärztlichen Zeugnissen (IV-act. 10-12) beigelegt.
A.c Im Auftrag der IV-Stelle erstattete der die Versicherte seit 7. Oktober 2002
behandelnde Hausarzt Dr. C._ einen Bericht; dieser traf bei der IV-Stelle am
4. Dezember 2008 ein. Dr. C._ diagnostizierte mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
chronische Spannungskopfschmerzen bei Verdacht auf Pseudotumor cerebri, einen
Analgetika induzierten Dauerkopfschmerz, einen Status nach partieller Meniskektomie
lateral am Knie rechts, eine retropatelläre Chondromalacia Grad II rechts sowie eine
Hyperlordose der HWS und der BWS und attestierte eine seit dem 10. April 2008 bis
auf Weiteres bestehende 100 %ige Arbeitsunfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit (IV-
act. 22-1 ff.). Der Hausarzt legte seinem Bericht diverse weitere Arztberichte bei (IV-act.
22-6 ff.).
A.d Nach Abschluss der Früherfassungsphase und einer Beurteilung des IV-internen
Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD), Ostschweiz, teilte die IV-Stelle der Versicherten
mit Schreiben vom 18. Dezember 2008 mit, dass aufgrund ihres instabilen
Gesundheitszustandes aktuell keine Eingliederungsmassnahmen möglich seien (IV-act.
28-1 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.e Nach Einholen diverser Arztberichte des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG)
erachtete der RAD in einer ausführlichen Stellungnahme vom 4. Juni 2009 eine
polydisziplinäre Begutachtung für notwendig (IV-act. 35). In der Folge veranlasste die
IV-Stelle am 15. Juni 2009 eine medizinische Abklärung (IV-act. 37).
A.f Die medizinische Abklärungsstelle (MEDAS) Ostschweiz erstattete am 17.
November 2009 ein polydisziplinäres medizinisches Gutachten unter Einschluss eines
psychiatrischen und orthopädischen Consiliargutachtens mit ambulanten
Untersuchungsdaten vom 24. bis 26. August 2009 (IV-act. 49-1 ff.). Die Gutachter
nannten als Hauptdiagnosen mit Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit einen
Pseudotumor cerebri, einen chronischer Spannungskopfschmerz, eine Gonarthrose
rechts - Zustand nach lateraler Miniskektomie - sowie eine rezidivierende depressive
Störung mit mittelschweren bis schweren depressiven Episoden und attestierten eine
seit dem 10. April 2008 bestehende Arbeitsunfähigkeit von 50 % für eine adaptierte
Erwerbstätigkeit in der angestammten Tätigkeit schätzten die Gutachter die
Arbeitsunfähigkeit auf 75 % (IV-act. 49-17, 49-19).
A.g In der internen Stellungnahme vom 25. Februar 2010 wurde vom RAD ausgeführt,
das Gutachten sei umfangreich, weitgehend konsistent und nachvollziehbar.
Massgebend sei eindeutig die polydisziplinäre Konsensbeurteilung mit einer
Arbeitsfähigkeitsattestierung adaptiert von 50 %. Es könne somit auf das Gutachten
abgestellt werden (IV-act. 51-1).
A.h Mit Vorbescheid vom 1. Juli 2010 stellte die IV-Stelle die Verweigerung beruflicher
Massnahmen in Aussicht. Als Begründung wurde angeführt, dass die Versicherte sich
im Rahmen der durchgeführten Eingliederungsberatung subjektiv nicht arbeitsfähig
gezeigt habe und berufliche Massnahmen somit nicht notwendig seien (IV-act. 62-1 f.).
Mit Verfügung vom 30. September 2010 verneinte die IV-Stelle den Anspruch der Ver
sicherten auf berufliche Massnahmen (IV-act. 66-1 f.).
A.i Mit Vorbescheid vom 8. Oktober 2010 stellte die IV-Stelle bei einem
Invaliditätsgrad von 48 % (Valideneinkommen Fr. 44'590.--, Invalideneinkommen
Fr. 23'410.--) ab 1. April 2009 eine Viertelsrente in Aussicht (IV-act. 69-1 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.j Die Versicherte liess am 15. November 2010 Einwand gegen den Vorbescheid
erheben (IV-act. 77).
A.k Mit Verfügung vom 12. Januar 2011 (IV-act. 93-1 ff.) sprach die IV-Stelle der Ver
sicherten ab 1. Februar 2011 und mit Verfügung vom 14. Februar 2011 (IV-act. 85-1 ff.)
für die Zeit vom 1. April 2009 bis 31. Januar 2011 eine Viertelsrente zu. Begründet
wurden die Verfügungen in Verfügungsteil 2 (IV-act. 80-1 ff.).
B.
B.a Gegen diese Verfügungen richtet sich die am 10. März 2011 erhobene
Beschwerde, in der beantragt wird, die angefochtenen Verfügungen seien aufzuheben,
und es sei der Beschwerdeführerin ab 1. April 2009 eine halbe Invalidenrente
zuzusprechen. Zur Begründung wird im Wesentlichen ausgeführt, das
Valideneinkommen werde mit Fr. 44'590.-- angegeben, beruhend auf der in den Akten
liegenden Lohnabrechnung April 2008 mit einem Bruttolohn von Fr. 3'430.-- x 13 = Fr.
44'590.--. Dieser Validenlohn liege deutlich unter dem gemäss LSE mit
Stundenanpassung errechneten Jahreslohn von Fr. 51'368.-- für Frauen 2008. Nach
Parallelisierung der Einkommen in Nachachtung von BGE 134 V 322 und 135 V 55
resultiere ein Invalideneinkommen von Fr. 22'345.--. Gemäss Verfügungsteil 2 werde
irgendein Abzug vorgenommen; weder aus den Verfügungen noch aus den Akten
ergäbe sich aber Begründung oder Höhe. Praxisgemäss sei bei der
Beschwerdeführerin ein sogenannter Behindertenabzug vorzunehmen, u.a. auch
wegen der nur mehr teilzeitlich zumutbaren Erwerbstätigkeit. Bei einem Abzug von
15 % ergebe sich ein Invalideneinkommen von Fr. 18'994.--. Daraus resultiere eine
Erwerbseinbusse von Fr. 25'596.--, was zu einem IV-Grad von 57 % und somit zu einer
halben Rente führe (act. G 1).
B.b In der Beschwerdeantwort vom 11. Mai 2011 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie aus, das Bundesgericht
habe im Urteil 8C_652/2008 vom 8. Mai 2009, E. 6, festgehalten, dass eine
Parallelisierung dann vorzunehmen sei, wenn der tatsächlich erzielte Verdienst
mindestens 5 % vom branchenüblichen Tabellenlohn abweiche, und nur im Umfang zu
erfolgen habe, in welchem die prozentuale Abweichung den Erheblichkeitswert von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5 % übersteige. Zudem stünden die Voraussetzungen des Parallelisierungsabzuges
und des leidensbedingten Abzuges insofern in einem gegenseitigen
Abhängigkeitsverhältnis, als dieselben einkommensbeeinflussenden Faktoren nicht
sowohl einen Parallelisierungs- als auch einen leidensbedingten Abzug zu begründen
vermöchten. Der Validenlohn betrage Fr. 44'590.--, der anzuwendende Tabellenlohn
Fr. 51'368.--. Der Validenlohn liege um Fr. 6'778.--, also um 15.20 %, tiefer als der
Invalidenlohn. Da nur der Teil berücksichtigt werden dürfe, der 5 % übersteige, könne
im Umfang von 10.20 %, also um Fr. 4'548.--, parallelisiert werden. Die neue Basis für
das Invalideneinkommen betrage Fr. 46'820.--. Angesichts dessen, dass bei der
Berücksichtigung des Minderverdienstes bereits lohnmindernde invaliditätsfremde
Faktoren (wie etwa schlechte Deutschkenntnisse) berücksichtigt worden und die
gesundheitlichen Beschwerden vorliegend bereits in die medizinische
Arbeitsfähigkeitseinschätzung eingeflossen seien sowie bei Teilzeit arbeitenden Frauen
kein Abzug gewährt werde, sei kein weiterer Abzug angebracht. Bei einer
Beschäftigung von 50 % ergebe sich ein Invalideneinkommen von Fr. 23'410.--,
welches um 47.5 % tiefer sei als das Valideneinkommen von Fr. 44'590.--. Der IV-Grad
betrage somit gerundet 48 %. Die angefochtene Verfügung erweise sich damit als
korrekt (act. G 4).
B.c In der Replik vom 30. Juni 2011 lässt die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
festhalten. Sie führt aus, die Meinung der Beschwerdegegnerin, bei Frauen sei generell
kein Teilzeitabzug angebracht, ergebe sich nicht aus der Rechtsprechung. Vielmehr
ergebe sich aus einer Präsenz von 75 % am Arbeitsplatz mit 50 % Leistung aus
betriebswirtschaftlicher Sicht ein Erschwernis, das sich lohnmässig auswirke. Die
Beschwerdeführerin scheine sich auch nicht für einen sogenannten
Teilzeitnischenarbeitsplatz zu eignen und sei nurmehr 50 % arbeitsfähig. Auch die
weiteren Anforderungen an einen Arbeitsplatz mit Wechselbelastung wirkten sich
lohnmässig zusätzlich erschwerend aus. Die Beschwerdeführerin sei lange in der
Papierproduktion tätig gewesen; sie sei beruflich nicht weiter qualifiziert und bald
53jährig. Es sei unzutreffend, dass ihr tiefes Lohnniveau durch invaliditätsfremde
Faktoren bestimmt worden sei, sondern durch den Produktionszweig. Ein sogenannter
Behindertenabzug vom Tabellenlohn sei damit ausgewiesen, dieser sollte nicht unter
10 % liegen. Schon bereits bei einem Abzug von minimal 10 % ergebe sich – auch bei
Parallelisierung gemäss Vorinstanz – eine halbe Rente (act. G 10).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 12).

Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch
auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch
auf eine Viertelsrente.
1.2 Für die Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten ist gemäss
Art. 28a Abs. 1 IVG Art. 16 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) anwendbar. Danach wird für die
Bestimmung des Invaliditätsgrades das Erwerbseinkommen, das die versicherte
Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt
zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden
wäre. Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die
beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt
und einander gegenübergestellt werden; sie können aber auch nach Massgabe der im
Einzelfall bekannten Umstände geschätzt werden (AHI 1998 S. 119).
1.3 Streitig und zu prüfen ist vorliegend, ob die Beschwerdegegnerin den Anspruch
der Beschwerdeführerin auf eine halbe Rente zu Recht abgelehnt hat.
2.
2.1 Gestützt auf die medizinische Aktenlage ist der Invaliditätsgrad zu ermitteln.
Aufgrund des in den Akten liegenden MEDAS-Gutachtens (IV-act. 49-1 ff.) kann
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unbestrittenermassen davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführerin eine
leidensadaptierte Tätigkeit zu höchstens 50 % zumutbar ist.
2.2 Umstritten ist jedoch der Einkommensvergleich zur Berechnung des
Invaliditätsgrads, insbesondere der Leidensabzug.
2.3 Mit dem Valideneinkommen soll dasjenige Einkommen bezeichnet werden,
welches der Versicherte als hypothetisch Gesunder unter Berücksichtigung seiner
Validenkarriere erzielen könnte. Da vorliegend davon auszugehen ist, dass die
Beschwerdeführerin als Gesunde weiterhin im gleichen Umfang in einer ähnlichen wie
der bisherigen Tätigkeit weitergearbeitet hätte, bildet das zuletzt vor Eintritt des
Gesundheitsschadens erzielte Einkommen einen wichtigen Anhaltspunkt für die
Bestimmung des Valideneinkommens. Gemäss Akten ist die Beschwerdeführerin seit
dem 10. April 2008 arbeitsunfähig (IV-act. 10-12, 22-3, 49-19); sie meldete sich nach
einer arthroskopischen rechtsseitigen Knieoperation vom 19. Mai 2008 (IV-act. 49-17)
am 13. Juni 2008 zum Leistungsbezug bei der Beschwerdegegnerin an (IV-act. 1-9).
Vor diesem Hintergrund ist es gerechtfertigt, dem Validenlohn die Einkünfte im Jahr
2007 zugrunde zu legen. Die Beschwerdeführerin erzielte im Jahr 2007 ein Einkommen
von Fr. 44'180.-- (IV-act. 10-9, Lohnkonto 2007, Bruttolohn inkl. fixe Beträge/Honorare
sowie 13. Monatslohn), das als Valideneinkommen bezeichnet werden kann.
2.4 Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht. Ist
kein effektives Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die versicherte Person
nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich zumut
bare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der Rechtsprechung
statistische Werte (Tabellenlöhne) beigezogen werden (BGE 129 V 472 E. 4.2.1,
Bundesgerichtsentscheid i/S C. vom 19. Juni 2008, 9C_81/2008). - Das ist auch hier
am Platz. Die Beschwerdeführerin ist zwar darauf angewiesen, dass eine Tätigkeit
vorwiegend im Sitzen, verbunden mit der Möglichkeit zur Einnahme von
Wechselpositionen (kurzzeitiges Stehen und Gehen), ausgeführt werden kann. In
diesem Rahmen besteht aus polydisziplinäre Sicht eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act.
49-19, 51). Diese Voraussetzungen setzen ihr aber nicht so enge Grenzen, dass auf
einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgegangen werden muss (vgl. Entscheid des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts i/S S. vom 5. September 2006, I 447/06; ZAK 1991 S. 320 f.
E. 3b).
2.5 Das durchschnittliche Bruttoeinkommen von Frauen für einfache und repetitive
Tätigkeiten (Anforderungsniveau 4) im privaten Sektor lag im Jahr 2007 bei
Fr. 51'047.-- (vgl. Anhang 2 der Textausgabe Invalidenversicherung, Gesetze und
Verordnungen mit Querverweisen und Sachregister, Ausgabe 2010, S. 210, basierend
auf der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung LSE des Bundesamtes für Statistik).
2.6 Die Beschwerdeführerin erzielte somit vor Eintritt der Gesundheitsschädigung
einen unterdurchschnittlichen Verdienst. Da keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass
sie sich aus freien Stücken mit einem bescheidenen Einkommensniveau hätte
begnügen wollen, kann für das Valideneinkommen und für den Ausgangspunkt zur
Bestimmung des Invalideneinkommens vom selben Wert ausgegangen werden. Der
Invaliditätsgrad entspricht unter solchen Verhältnissen dem Grad der Arbeitsunfähigkeit
unter Berücksichtigung des Abzuges vom Tabellenlohn (Entscheide des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S M. vom 8. Juni 2005, I 552/04 E. 3.4, und i/
S Z. vom 19. November 2003, I 479/03 E. 3.1).
2.7 Bestehen im Einzelfall Anhaltspunkte dafür, dass die versicherte Person ihre
gesundheitlich bedingte (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur
mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann, ist ein Abzug von den
Tabellenlöhnen zu machen. Mit dem behinderungsbedingten Abzug wird in der Praxis
dem Umstand Rechnung getragen, dass versicherte Personen, die in ihrer letzten
Tätigkeit körperliche Schwerarbeit verrichteten, nach Eintritt des Gesundheitsschadens
auch für leichtere Arbeiten nur beschränkt einsatzfähig sind, dass sie - unabhängig von
der früher ausgeübten Tätigkeit - als gesundheitlich Beeinträchtigte im Rahmen leichter
Hilfsarbeitertätigkeiten nicht mehr voll leistungsfähig sind oder dass weitere
persönliche und berufliche Merkmale wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit,
Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die
Höhe des Lohnes haben können. Bei der Bestimmung der Höhe des Abzuges ist der
Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das Invalideneinkommen unter
Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu schätzen und insgesamt auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen. Dabei ist zu beachten, dass
allfällige bereits bei der Parallelisierung der Vergleichseinkommen beachtete Faktoren
im Rahmen des Leidensabzuges nicht nochmals berücksichtigt werden dürfen (vgl.
zum Ganzen: BGE 134 V 322 E. 5.2 und BGE 126 V 75). - Die medizinisch bedingten
Einschränkungen der Beschwerdeführerin sind bei der Festsetzung der Arbeitsfähigkeit
bereits berücksichtigt worden. Alter, Migrationshintergrund und Ausbildungsstand
bieten ebenfalls nicht Grund für einen Abzug, weil sie sich auf das Validen- wie auf das
Invalideneinkommen gleichermassen auswirken. Es ist aber damit zu rechnen, dass die
Beschwerdeführerin, die als Hilfsarbeiterin nur noch für vorwiegend im Sitzen zu
erfolgende wechselbelastende Tätigkeiten zu 50 % arbeitsfähig ist, im Vergleich zu
gesunden Mitbewerbern um eine entsprechende Stelle auf dem Arbeitsmarkt ein
geringeres Einkommen erzielen wird. Tabellenlöhne werden bei gesunden
Arbeitnehmern erhoben. Insgesamt erscheint ein Tabellenlohnabzug von 10 %
angemessen.
2.8 Der Invaliditätsgrad stellt sich demnach auf 55 % (100 % - 0.50 x 90 %). Unter
Berücksichtigung der Parallelisierungsaussparung von 5 % gemäss BGE 135 V 297 er
gäbe sich zwar ein tieferer Invaliditätsgrad von rund 52 % (Fr. 44'180.-
Valideneinkommen, Fr. 21'030.10 Invalideneinkommen [statt 13.45 nur 8.45 %
Minderverdienst von Fr. 51'047.-- ausgehend]). Da jedoch auch dieser Invaliditätsgrad
über 50 % liegt, ist der Anspruch auf eine halbe Rente der Invalidenversicherung
gegeben. Die Beschwerdegegnerin hat mithin der Beschwerdeführerin zu Unrecht
keine halbe Rente zugesprochen.
3.
3.1 Gemäss den obigen Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen und die
angefochtenen Verfügungen vom 12. Januar 2011 und 14. Februar 2011 aufzuheben.
Die Sache ist zur Festsetzung der Rentenhöhe und zur Ausrichtung einer halben Rente
ab 1. April 2009 an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt vollumfänglich, so dass
ihr die ganze Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist. Der geleistete Kostenvorschuss von
Fr. 600.-- wird der Beschwerdeführerin zurückerstattet.
3.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird
(Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Angemessen erscheint
eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP