Decision ID: 726aa49c-dc52-5353-9d49-801da29a3559
Year: 2011
Language: de
Court: CH_WBK
Chamber: CH_WBK_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: civil_law

A. Sachverhalt
A.1. Gegenstand der Untersuchung
1. Im Verlaufe des Jahres 2009 gingen beim Sekretariat der Wettbewerbskommission
(nachfolgend: Sekretariat) Beschwerden verschiedener Wiederverkäufer von Elektrogeräten
ein. 1 Diese Vorbringen richteten sich in erster Linie gegen die Electrolux AG und hatten vor
allem das Verbot von Produktverkäufen über das Internet zum Gegenstand.
2. Die Electrolux AG vertreibt und produziert Haushaltsgeräte für Privat- und Geschäfts-
kunden in den Bereichen Küche sowie Wäschepflege und Reinigung. Die Electrolux AG ist in
der Schweiz mit den Marken Electrolux, AEG und Zanussi am Markt vertreten und beschäf-
tigt derzeit rund 1‘000 Mitarbeiter. Die Electrolux AG ist eine 100%-ige Tochtergesellschaft
der Electrolux-Gruppe mit Sitz in Stockholm.
3. Die V-Zug AG entwickelt, produziert und vertreibt Geräte für Küchen- und Wasch-
räume in der Schweiz und beschäftigt rund 1‘200 Mitarbeiter. Zur V-Zug AG gehören die
Tochterunternehmen SIBIR Group AG und die Gehrig Group AG. Die SIBIR Group AG war
ursprünglich nur für die Herstellung von Kühlschränken bekannt, hat sich mittlerweile jedoch
auch auf Küchen- und Waschräume spezialisiert. Die Gehrig Group AG stellt Küchen- und
Waschraumgeräte für den industriellen Bereich her.
4. Anlass für die Eröffnung der vorliegenden Untersuchung war der Umstand, dass die
Electrolux AG allen ihren Händlern unter Berufung auf ein selektives Vertriebssystem in
schriftlicher Form den Vertrieb von Elektrogeräten der Marke Electrolux über das Internet un-
tersagte. Die Electrolux AG begründete die Einstellung des Online-Handels in ihrem Schrei-
ben an die Händler im Wesentlichen damit, dass es sich bei Produkten der Marke Electrolux
um solche handle, welche im höheren Preissegment anzusiedeln seien und als qualitativ
hochstehende Produkte nicht wie Massenware über das Internet angeboten und vertrieben
werden könnten, da dies dem Image der Marke Electrolux und auch dem Ruf der Fachge-
schäfte abträglich sei.
5. Die V-Zug AG hatte vorgängig zur Eröffnung dieser Untersuchung ihr Vertriebssys-
tem mehrfach umgestaltet und dabei ihren Händlern zunächst schriftlich angekündigt, den
Internethandel einzustellen. Dies wurde ebenfalls damit begründet, dass die V-Zug AG Qua-
litätsprodukte und keine Massenware herstellen würde und diese daher über den qualifizier-
ten Fachhandel vertrieben werden sollten, zumal die damit verbundenen Zusatzdienstleis-
tungen (Beratung, Produktpräsentation und Installation) nach Ansicht der V-Zug AG zum
Image einer guten Marke gehörten. Rund ein halbes Jahr später wurde das Vertriebskonzept
dahingehend geändert, dass der Verkaufskanal Internet unter Einhaltung von definierten
Mindestkriterien weiterhin beliefert werden sollte. Bei näherer Betrachtung der entsprechen-
den Kriterien stellte sich jedoch heraus, dass der Online-Handel auch mit diesem System
stark behindert würde, weil die Mindestvorgaben kaum erreicht werden konnten.
1 Dabei handelte es sich um Händler, welche sowohl über ein stationäres Geschäft als auch über  Online-Shop verfügen.
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A.2. Relevanter Sachverhalt
A.2.1. Verbot resp. Behinderung von Internetverkäufen
6. In casu haben sowohl die Electrolux AG wie auch die V-Zug AG allen ihren Händlern
Restriktionen rund um Internetverkäufe kommuniziert: Die Electrolux AG untersagte allen ih-
ren Händlern mit Schreiben vom Februar 2009 (act. 1) den Verkauf von Produkten der Marke
Electrolux über das Internet. Zudem hat sich die Electrolux AG das Recht vorbehalten, dieje-
nigen Händler, welche sich nicht an diese Vorgabe halten, in letzter Konsequenz nicht mehr
zu beliefern. Wörtlich heisst es im oben genannten Schreiben an die Händler:
(i) „...Falls Sie eine Homepage betreiben, bitten wir Sie, diese anzupassen, damit keine
Produkte* der Marke Electrolux mehr über das Internet bestellt werden können...“ sowie
(ii) „...Internetshops wird untersagt, ab dem 1. März 2009 Produkte* der Marke Electrolux
über das Internet zu verkaufen...“
7. Die V-Zug AG hat demgegenüber per Ende des Jahres 2009 zunächst angekündigt,
den Verkaufskanal Internet nicht mehr zu beliefern (act. 113), hat dann aber ihren Händlern
mit Schreiben vom 27. Mai 2010 die Einführung einer neuen Vertriebspolitik kommuniziert
(selektives Vertriebssystem). Im Rahmen dieses Systems wurden Kriterien für die Beliefe-
rung mit Geräten der Marke ZUG im Wiederverkauf aufgestellt und – je nach Wichtigkeit –
mit einem Punktesystem (dabei sind maximal 140 Punkte zu erreichen) bewertet. Es werden
von der V-Zug AG nur solche Händler beliefert, welche mindestens 70 Punkte erreichen. Die
Punktevergabe sollte nach folgenden von der V-Zug AG definierten Kriterien erfolgen: Bera-
tung, Präsentation und Montageservice. Die nähere Betrachtung der Kriterien zeigt jedoch,
dass es Online-Händlern fast nicht möglich ist, die vorgeschriebenen Kriterien zu erfüllen.
Und dies, obwohl die V-Zug AG das Sekretariat gegenüber explizit darauf hingewiesen hat,
den Verkaufskanal Internet weiterhin beliefern zu wollen (act. 126).
A.2.2. Bedeutung des Verkaufskanals Internet
A.2.2.1. Verbreitung des Internet-Zugangs in der Schweiz
8. Gemäss aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik lässt sich bezüglich Internet-
zugängen zunächst einmal festhalten, dass die privaten Haushalte in der Schweiz weitge-
hend erschlossen sind: Im Jahre 2009 verfügten 85% der Schweizer Haushalte über einen
Internetzugang. 2 Damit liegt die Schweiz über dem Durchschnitt in der EU. Rasant angestie-
gen ist in den letzten zehn Jahren die Anzahl Abonnenten von Hochgeschwindigkeitsan-
schlüssen: Während im Jahr 2000 DSL-Anschlüsse rund 7% ausmachten, waren es im De-
zember 2009 bereits 70%. Weitere 28% der Zugänge laufen über ein Kabelmodem. Im inter-
nationalen Vergleich liegt die Schweiz damit über dem Durchschnitt der OECD-Länder und
zählt diesbezüglich zu den führenden Nationen. 3 Somit kann festgehalten werden, dass die
Schweizer Privathaushalte flächendeckend über (schnelle) Internetzugänge verfügen und
demzufolge sehr gut an das Medium Internet angeschlossen sind.
2 BUNDESAMT FÜR STATISTIK, Indikatoren zur Informationsgesellschaft Schweiz, 2010,
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/16/04/key/approche_globale.indicator.30109.3 01.html (13.4.2011).
3 BUNDESAMT FÜR STATISTIK, Informationsgesellschaft – Indikatoren, Haushalte und Bevölkerung –
Hochgeschwindigkeitsinternet, 2010, http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/16/04/key/approche_globale.indicator.30107.3 01.html (13.4.2011).
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A.2.2.2. Internetnutzung
9. Dem Bundesamt für Statistik zufolge nimmt die Nutzung des Mediums Internet ten-
denziell zu: Von Oktober 2009 bis März 2010 gaben 82,1% der Bevölkerung an, das Internet
in den vergangenen sechs Monaten mindestens einmal benutzt zu haben, wobei im besag-
ten Zeitraum 74,5% der Befragten angaben, das Internet täglich oder mehrmals wöchentlich
zu nutzen. Das Bundesamt für Statistik folgert daraus, dass sich das Internet zu einem all-
täglichen Medium entwickelt habe. 4
A.2.2.3. Internet als Verkaufskanal
10. Am Beispiel des Bereiches Elektronik lässt sich zeigen, dass sich die Marktverhält-
nisse in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt haben: Konsumenten neigen heute
viel häufiger dazu, Produkte online einzukaufen. 5 Diese Tendenz wird durch das Marktfor-
schungsinstitut GfK Switzerland bestätigt, gemäss welchem der Online-Handel bspw. bei
Heimelektronik-Produkten in der Schweiz in den letzten drei Jahren stark gewachsen ist. Der
Anteil am Heimelektronikmarkt habe sich von 8,1 auf 15,3% nahezu verdoppelt. 6 Auch der
Online-Vergleichsdienst www.comparis.ch bestätigt diesen Trend und stellte für das Jahr
2009 ein Wachstum des Online-Handels im zweistelligen Bereich fest. 7 Comparis zufolge
kaufen heute vier von fünf Schweizer Internetnutzern online ein.
11. Diese Tendenz wird auch durch die Langzeitstudie „Der Schweizer Online-Handel –
Internetnutzung 2009“ des Lehrstuhls Gottlieb Duttweiler für internationales Handelsmana-
gement der Universität St. Gallen bestätigt. Dieser Studie zufolge kauften die Schweizer
Konsumenten alleine im Jahr 2008 Produkte im Wert von 5,87 Mrd. Franken via Internet ein,
was einer Steigerung von über 38% in zwei Jahren entspricht. In den letzten zehn Jahren ist
gemäss der Studie der Anteil Online-Käufer in der Schweiz insgesamt von 30% auf 84% ge-
stiegen. 8
A.2.2.4. Internet als Informationsmedium für Kaufentscheidungen
12. Das dem Institut für Handelsforschung an der Universität Köln angegliederte E-
Commerce-Center hat in jüngster Vergangenheit eine Studie mit dem Titel „Das Multi-
Channel-Verhalten der Konsumenten“ publiziert. 9 Danach entwickelt sich das Internet mehr
und mehr zum zentralen Informationsmedium für Kaufentscheidungen. Die wichtigsten Er-
kenntnisse dieser Studie sind die folgenden:
4 BUNDESAMT FÜR STATISTIK, Informationsgesellschaft – Indikatoren, Haushalte und Bevölkerung –
Internetnutzung, 2010, http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/16/04/key/approche_globale.indicator.30106.3 01.html?open=1#1 (13.4.2011).
5 Entsprechendes hat die WEKO bereits bei der Prüfung des Zusammenschlusses Coop/Fust fest-
gehalten und dabei festgestellt, dass die Umsätze, welche mit dem Internethandel erzielt wurden, stark angestiegen sind (RPW 2008/3, 475 ff., Coop/Fust).
6 GFK/VERBAND DES SCHWEIZERISCHEN VERSANDHANDELS, Der Schweizer Online- und Versandhandel
2009, 2010. 7 Siehe http://www.presseportal.ch/de/meldung/100598686/ (13.4.2010).
8 Siehe
http://www.unisg.ch/~/media/sitecore/content/Internet/UeberUns/HSGMediacorner/Medienmitteilun gen/Medienmitteilungen/2009/Februar/Internettag-Onlinehandel-13Februar2009.ashx?fl=de (13.4.2011).
9 SEBASTIAN VAN BAAL/KAI HUDETZ, Das Multi-Channel-Verhalten der Konsumenten, Institut für Han-
delsforschung an der Universität zu Köln, 2008.
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 Bei einem Viertel aller Käufe im stationären Handel haben sich Internetnutzer vorab
in Online-Shops informiert.
 Insbesondere bei Käufen von Produkten aus den Bereichen Unterhaltungselektronik
und Haushalt in stationären Geschäftsstellen werden vorab Informationen in Online-
Shops eingeholt.
13. Laut der Studie sei der sog. Mehrkanal-Einkauf für die Konsumenten zur Selbstver-
ständlichkeit geworden. Das Internet habe seinen festen Platz im Kaufentscheidungsprozess
gefunden, auch wenn schliesslich nicht online gekauft werde. Zu den gleichen Schlussfolge-
rungen kam auch eine gross angelegte Studie aus den USA im Bereich von Möbeln und
Haushaltsgeräten: 10
 Die Mehrheit der befragten Konsumenten identifizieren Webseiten als Hauptinforma-
tionsquelle für die Bedürfnisabklärung im Bereich Möbel und Haushaltsgeräte.
 Über 80% der befragten Konsumenten gaben an, vor dem Kauf von Möbeln oder
Haushaltsgeräten Online-Vergleiche zu tätigen.
14. Auch aus einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik lässt sich entnehmen, dass
(i) das Internet vor allem zu Informationszwecken verwendet wird und (ii) auch ein grosser
Teil der privaten Haushalte das Internet für Preisvergleiche verwendet. 11
15. Die Betrachtung vorstehender Erkenntnisse führt zum Schluss, dass das Internet ein
zentrales Informationsmedium bei Kaufentscheidungen geworden ist und von Internetnutzern
regelmässig genutzt wird.
A.2.3. Prokompetitive Effekte des Mediums Internet
16. Notorisch ist, dass das Medium Internet die Transparenz für die Konsumenten erhöht
hat, d.h. den Konsumenten bei der Suche nach einem Produkt (i) diese grundsätzlich erleich-
tert und (ii) die dafür aufzuwendende Zeit reduziert (vgl. dazu ausführlich Rz 92 ff. hiernach).
Dies kann anhand eines Beispiels aufgezeigt werden: Ein Konsument beabsichtigt, ein Mik-
rowellengerät zu kaufen und verfügt – ausser über den Namen einiger (renommierter) Her-
steller – über keine produktspezifischen Kenntnisse. Um sich ein Bild über die verschiedenen
verfügbaren Modelle und deren Preise zu machen, stehen ihm grundsätzlich zwei Wege of-
fen: Er könnte verschiedene Fachgeschäfte aufsuchen und sich dort entsprechend erkundi-
gen oder er informiert sich diesbezüglich selber im Internet. Die Vorteile des Internets liegen
auf der Hand: Der Konsument kann sich innert kurzer Zeit einen umfassenden Überblick
über die Marktstruktur, die angebotenen Produkte sowie deren Preise verschaffen. Demge-
genüber bestehen bei der erstskizzierten Vorgehensweise die Nachteile, dass der Konsu-
ment einen deutlich grösseren Zeitaufwand in Kauf nehmen muss und darüber hinaus in der
Regel lediglich eine beschränkte Anzahl Produkte miteinander vergleichen kann.
17. Insbesondere bietet das Internet den Konsumenten die Möglichkeit, mit wenigen
Mausklicks – beispielsweise über Vergleichsportale wie www.comparis.ch oder
www.toppreise.ch – die Anbieter und Preise eines Produktes miteinander zu vergleichen.
Dies verschafft einem Konsumenten die einfache und übersichtliche Möglichkeit, sich über
10 Vgl. https://mr.pricegrabber.com/April_CBR_Home_Furniture_and_ApplianceTrends.pdf
(13.4.2011). www.pricegrabber.com ist einer der führenden Online-Einkaufsvergleichsdienste der USA.
11 BUNDESAMT FÜR STATISTIK, Informationsgesellschaft – Indikatoren, Haushalte und Bevölkerung –
Internetnutzung, 2010, http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/16/04/key/approche_globale.indicator.30106.3 01.html?open=302#302 (13.4.2011).
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das Preisniveau eines Produktes zu informieren und die Angebote von Anbietern ohne gros-
sen Aufwand einzusehen und zu vergleichen.
18. Dies hat – branchenunabhängig – transparentere Marktverhältnisse zur Folge. Die
erhöhte Transparenz wiederum führt dazu, dass Konsumenten und Produktanbieter viel bes-
ser über die im Markt angebotenen Preise etc. informiert sind, was den Wettbewerbsdruck
für die Anbieter erhöht. 12
Dies gilt insbesondere, wenn speziell preiskompetitive Anbieter im
Markt aktiv sind (vgl. ausführlich hinten, Rz 84 ff.).
A.2.4. Entscheide ausländischer Behörden
19. Auch in der europäischen Union ist der Online-Handel ein aktuelles Thema, das in
verschiedener Hinsicht zu Diskussionen Anlass gibt. Im Zusammenhang mit der wettbe-
werbsrechtlichen Bedeutung von Behinderungen des Online-Handels sei an dieser Stelle auf
zwei jüngere Entscheide sowohl der deutschen wie auch der französischen Wettbewerbsbe-
hörden hingewiesen. Die wesentlichen Erwägungen der beiden Entscheide werden nachfol-
gend zur Information kurz wiedergegeben. Es ist zu beachten, dass diese beiden Entscheide
noch ergingen, bevor die revidierte Vertikal-GVO 13
(nachfolgend: Vert-GVO) in der EU in
Kraft getreten ist.
20. Das Bundeskartellamt hatte folgenden Fall zu beurteilen: 14
Ein im Grosshandel mit
Kontaktlinsen, Kontaktlinsen-Pflegemitteln und optischen Erzeugnissen aller Art tätiges Un-
ternehmen verlangte im Zeitraum von 2005 bis 2006 von seinen Abnehmern bei der Erstbe-
stellung eine schriftliche Einverständniserklärung, in der sich diese verpflichteten, Kontaktlin-
sen einer bestimmten Marke nicht im Internet zu vertreiben. Daneben schloss die Gross-
händlerin mit gewissen Abnehmern sog. „Jahreskonditionen“ ab, welche ebenfalls den Zu-
satz enthielten, dass der jeweilige Abnehmer besagte Kontaktlinsen nicht im Internet vertrei-
ben werde. In seiner Begründung kam das Bundeskartellamt zu folgenden Schlüssen:
 Das Einfordern schriftlicher Einverständniserklärungen bzw. die Vereinbarung von
Jahreskonditionen, mit denen Kunden sich verpflichten, die in Frage stehenden Kon-
taktlinsen nicht im Internet zu vertreiben, verstösst gegen § 1 GWB 15
(und Art. 81
EGV 16
). Es handelt sich um eine Vereinbarung, die eine spürbare Beschränkung des
Wettbewerbs auf der Ebene des Einzelhandels mit Kontaktlinsen der Grosshändlerin
bezweckt und bewirkt.
 Eine Freistellung nach § 2 GWB i.V. mit den Vorschriften der Vert-GVO kommt nicht
in Betracht. Die Beschränkung des Internethandels stellt eine Kernbeschränkung
gemäss Art. 4 b) bzw. Art. 4 c) Vert-GVO dar. Eine ausnahmsweise sachliche Recht-
fertigung liegt nicht vor. Insbesondere ist der Ausschluss des Internethandels nicht
zur Sicherstellung eines richtigen Gebrauchs oder zum Schutz der Gesundheit der
Träger von den in Frage stehenden Kontaktlinsen erforderlich. Wollte man die Ge-
sundheit der Konsumenten ernsthaft schützen, gäbe es mildere und zugleich geeig-
netere Mittel als ein Komplettverbot des Internethandels.
12 Vgl. auch XAVIER VIVES, Information sharing: economics and antitrust, in: Konkurrensverket – Swe-
dish Competition Authority (Hrsg.), The Pros and Cons of Information Sharing, 2006, 94. 13
Verordnung Nr. 330/2010 der Europäischen Kommission über die Anwendung von Artikel 101  3 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union auf Gruppen von vertikalen Vereinbarungen und abgestimmten Verhaltensweisen (2010/C130/01).
14 BKartA, Beschluss vom 25.9.2009, B 3 – 123/08 – Kontaktlinsen.
15 Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen.
16 Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft.
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 Nach Auffassung der Beschlussabteilung geht es darum, mit dem Internethandel ei-
nen besonders kompetitiven Vertriebskanal möglichst weitgehend einzuschränken,
um so einem allgemeinen Preisverfall vorzubeugen. Dies geschieht zum einen im In-
teresse der stationären Augenoptiker, die sich von den Internetpreisen unter Druck
gesetzt sehen, dient zum anderen aber auch der Sicherung der eigenen Gewinnmar-
ge der Grosshändlerin.
 Eine Freistellung sei auch unter dem Gesichtspunkt des Schutzes vor Freeriding (vgl.
50 hinten) gerade nicht möglich, zumal es bereits an der angemessenen Verbrau-
cherbeteiligung i.S. des § 2 Abs. 2 GWB bzw. Art. 81 Abs. 3 EG-Vertrag fehlen dürf-
te, wenn alle Konsumenten gezwungen werden, für eine Leistung (Beratung im stati-
onären Handel) zu bezahlen, die sie u.U. gar nicht wollen.
21. Der französische Conseil de la Concurrence entschied im Jahre 2008 einen ähnlich
gelagerten Fall in Sachen Vertrieb von Kosmetik- und Hygieneprodukten. 17
Partei dieses
Verfahrens war die Pierre Fabre Dermo-Cosmétique (nachfolgend: PFDC), eine Herstellerin
verschiedener Kosmetika und Körperpflegeprodukte. Die französischen Vertriebsvereinba-
rungen, die PFDC für die Marken Avène, Klorane, Galénic und Ducray schloss, beinhalten
eine Klausel, nach der sämtliche Verkäufe in Räumlichkeiten und in Anwesenheit eines dip-
lomierten Pharmazeuten erfolgen müssen, wodurch de facto sämtliche Verkaufsformen über
das Internet ausgeschlossen werden. Im Oktober 2008 entschied der französische Conseil
de la concurrence im Anschluss an eine Untersuchung, dass die Vertriebsvereinbarungen
von PFDC dadurch, dass sie de facto sämtliche Internetverkäufe verbieten würden, wettbe-
werbswidrige Vereinbarungen darstellten, die sowohl gegen den französischen Code de
Commerce (Handelsgesetzbuch) als auch gegen das EU-Wettbewerbsrecht verstiessen. Der
Conseil war der Ansicht, dass PFDC die geschäftliche Handlungsfreiheit seiner Vertrags-
händler einschränke und die Auswahl der Verbraucher reduziere, und stellte fest, dass dies
einem Verbot des aktiven und passiven Verkaufs gleichkomme. Er entschied daher, dass
das Verbot des Internetverkaufs zwangsläufig bezwecke, den Wettbewerb zu beschränken
und eine Kernbeschränkung darstelle, der eine Gruppenfreistellung nicht zugutekommen
könne. Auch eine Einzelfreistellung nach Art. 81 Abs. 3 EGV könne der Vertriebsvereinba-
rung nicht zugutekommen, da PFDC nicht nachgewiesen habe, dass die Wettbewerbsbe-
schränkung den wirtschaftlichen Fortschritt fördere und unerlässlich sei. PFDC focht diese
Entscheidung vor der Cour d’appel de Paris (Berufungsgericht Paris) an, die dem Gerichts-
hof der Europäischen Union (Rechtssache C-439/09) die Frage stellt, ob das allgemeine und
absolute Verbot von Verkäufen über das Internet eine bezweckte Wettbewerbsbeschränkung
in Form einer „Kernbeschränkung“ darstelle und ob einer solchen Vereinbarung eine Grup-
penfreistellung oder eine Einzelfreistellung nach Art. 81 Abs. 3 EGV zugutekommen könne.
Das Vorabentscheidungsersuchen ist derzeit noch hängig, die Schlussanträge des General-
anwalts ergingen am 3. März 2011 18
, so dass wohl in naher Zukunft mit einem Urteil zu rech-
nen ist.
B. Verfahren
22. Gestützt auf die vorstehende Sachverhaltslage eröffnete das Sekretariat am
14. September 2009 eine Vorabklärung nach Art. 26 KG, die entsprechende Mitteilung an die
Electrolux AG erfolgte gleichentags (act. 2). Die Vorabklärung hatte zunächst einzig das
17 Décision du Conseil de la Concurrence no 08-D-25 du 29 octobre 2008 relative à des pratiques mi-
ses en œuvre dans le secteur de la distribution de produits cosmétiques et d’hygiène corporelle vendus sur conseils pharmaceutiques.
18 Siehe
http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=CJE/11/14&format=HTML&aged=0&lan guage=DE&guiLanguage=en (13.4.2011).
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Vorgehen der Electrolux AG zum Gegenstand, da erst im Laufe der Vorabklärung Informati-
onen zur Vorgehensweise der V-Zug AG ans Licht kamen. Die Vorabklärung sollte die Frage
klären, ob die neue Vertriebspolitik der Electrolux AG aus wettbewerbsrechtlicher Sicht zu
beanstanden ist resp. ob entsprechende Anhaltspunkte vorliegen. Dabei wurde insbesonde-
re der Frage nachgegangen, wie das generelle Verbot des Online-Handels für den Vertrieb
von Produkten der Marke Electrolux aus wettbewerbsrechtlicher Sicht zu beurteilen ist.
23. Am 23. September 2009 wurde ein Fragebogen an die Electrolux AG versandt (act.
5) und mit Schreiben vom 5. Oktober 2009 wurden neun Konkurrenzunternehmen befragt
(act. 6-14). Die entsprechenden Antworten gingen zwischen dem 2. November 2009 und
dem 10. Dezember 2009 beim Sekretariat ein (act. 31; 35; 37; 39; 48; 52; 56; 94; 108).
24. Am 9. Oktober 2009 verschickte das Sekretariat zudem Fragebögen an Händler in
der ganzen Schweiz, welche Produkte der Marke Electrolux im Sortiment führen (act. 15; 16;
19; 33). Bei den befragten Unternehmen handelt es sich einerseits um Anbieter von Haus-
haltsgeräten, welche im rein stationären Fachhandel, im stationären Fach- und Online-
Handel oder nur im Online-Handel tätig sind und andererseits um Küchenbauer. Die Händler
sind im Bereich des Verkaufs, der Installation und der Reparatur von Haushaltsgeräten tätig.
Viele bieten zudem Beratungsdienstleistungen an. Die Küchenbauer übernehmen grundsätz-
lich die gleichen Arbeiten, jedoch in der Regel im Zusammenhang mit der Gesamtplanung
einer Küche. Die Antworten der befragten Marktteilnehmer gingen zwischen dem
12. Oktober 2009 und dem 13. Januar 2010 beim Sekretariat ein (act. 17; 18; 20-25; 28; 29;
32; 34; 36; 38; 40–44; 47; 49–51; 53-55; 57; 86–93; 95-99; 103; 105–107; 109–112; 115;
117; 119; 121; 122).
25. Das Sekretariat holte zusätzliche Informationen ein und analysierte diese. Im Zuge
der Vorabklärung ergaben sich Anhaltspunkte auf eine unzulässige Wettbewerbsbeschrän-
kung seitens der V-Zug AG:
 Im Rahmen der Befragungen durch das Sekretariat teilte die V-Zug AG dem Sekretariat
mit, dass sie ein selektives Vertriebssystem eingeführt habe, dies jedoch nicht genau
der «WEKO-Definition» entspreche (act. 31).
 Die V-Zug AG teilte dem Sekretariat mit Schreiben vom 21. Dezember 2009 mit, dass
sie per Anfang des Jahres 2010 den Online-Handelskanal nicht mehr beliefern werde
(act. 113).
 Das Sekretariat antwortete daraufhin mit Schreiben vom 7. Januar 2010, dass die ange-
kündigte Nichtbelieferung des Online-Handelskanals aus wettbewerbsrechtlicher Sicht
problematisch sein könnte und dass es fraglich sei, ob das beschriebene selektive Ver-
triebssystem den Anforderungen der Bekanntmachung der WEKO vom 28. Juni 2010
über die wettbewerbsrechtliche Behandlung vertikaler Abreden (Vertikalbekanntma-
chung, VertBek) genüge und dass deshalb die angekündigte Verhaltensweise in das
laufende Vorabklärungsverfahren integriert werde (act. 120).
 Schliesslich orientierte die V-Zug AG das Sekretariat mit Schreiben vom 27. Mai 2010
darüber, dass sie ein neues selektives Vertriebssystem eingeführt habe, welches auf ei-
nem Punktevergabesystem basiere (act. 126; vgl. dazu Rz 7 hiervor).
26. Die Ergebnisse der Auswertung sämtlicher Daten und Informationen förderte An-
haltspunkte zu Tage, welche auf eine unzulässige Wettbewerbsbeschränkung hindeuteten
und demzufolge die Eröffnung einer Untersuchung im Sinne von Art. 27 KG nahe legten.
Diese Schlussfolgerung bezieht sich sowohl auf das Verhalten der Electrolux AG als auch
dasjenige der V-Zug AG.
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27. Am 22. Juli 2010 stellte das Sekretariat der Electrolux AG ein Executive Summary
des Schlussberichtes der Vorabklärung sowie einen Katalog mit Zusatzfragen zu und setzte
ihr eine Frist an, zum Executive Summary Stellung zu nehmen und die Zusatzfragen zu be-
antworten (act. 138). Die entsprechende Eingabe der Electrolux AG ging am 6. September
2010 beim Sekretariat ein (act. 146). Der V-Zug AG wurde das Executive Summary mit
Schreiben vom 18. August 2010 zugesandt (act. 143), deren Stellungnahme ging am 10.
September 2010 ein (act. 147).
28. Am 15. September 2010 eröffnete das Sekretariat im Einvernehmen mit einem Mit-
glied des Präsidiums der WEKO die vorliegende Untersuchung. Dies u.a. auch aufgrund des
Pilotcharakters der sich stellenden wettbewerbsrechtlich relevanten Fragen. Beide Unter-
nehmen signalisierten unverzüglich ihre grundsätzliche Bereitschaft zum Abschluss einer
einvernehmlichen Regelung. Das Eröffnungsschreiben wurde der Electrolux AG sowie der V-
Zug AG gleichentags zugestellt (act. 148; act. 149). Die Publikation im SHAB und im Bun-
desblatt erfolgte am 19. Oktober 2010.
29. Mit Schreiben vom 22. Oktober 2010 (act. 154) bzw. 7. Dezember 2010 (act. 160) un-
terbreitete das Sekretariat der Electrolux AG bzw. der V-Zug AG einen Vorschlag für eine
einvernehmliche Regelung i.S.v. Art. 29 Abs. 1 KG zur Stellungnahme. Die entsprechenden
Eingaben der Parteien gingen – innert erstreckter Fristen – am 15. November 2010 (Electro-
lux AG; act. 157) resp. am 19. Januar 2011 (V-Zug AG; act. 167) beim Sekretariat ein. Unter
Berücksichtigung der Bemerkungen der Electrolux AG und V-Zug AG zum Entwurf der ein-
vernehmlichen Regelung, stellte das Sekretariat den Parteien am 26. November 2010 resp.
am 2. Februar 2011 einen überarbeiteten Entwurf für eine einvernehmliche Regelung zu (act.
159; act. 169).
30. Nach neuerlicher Möglichkeit zur Stellungnahmen (act. 161, act. 170) und Gesprä-
chen teilten die Electrolux AG und die V-Zug AG dem Sekretariat mit, dass sie grundsätzlich
bereit seien, die einvernehmlichen Regelungen zu unterschreiben.
31. Mit Schreiben vom 4. Mai 2011 stellte das Sekretariat den Parteien den vorliegenden
Antrag zur Stellungnahme zu (act. 176 und act. 177) und übermittelte am 11. Mai 2011 ein
elektronisches Aktenverzeichnis (inkl. Aktenstücke) sowie mit separater Post die dazugehö-
rigen Passwörter (act. 179, act. 182, act. 180 und act. 181). Gleichzeitig forderte das Sekre-
tariat die Parteien auf, ihm die unterzeichneten einvernehmlichen Regelungen einzureichen.
32. Die Stellungnahmen der Parteien zum Antrag des Sekretariates gingen – innert er-
streckter Fristen – am 23. Juni 2011 ein (act. 190 und act. 192). Die Parteien wiesen darauf
hin, dass sie die einvernehmlichen Regelungen noch nicht unterzeichnen könnten. Das Sek-
retariat nahm mit den Parteien darauf hin noch einmal Verhandlungen auf und passte
schliesslich gewisse Passagen des Antrags an (act. 195 und act. 197). Im Anschluss daran
reichten die Parteien die unterzeichneten Exemplare der einvernehmlichen Regelung ein
(act. 199 und act. 200).
C. Vorbemerkungen
33. In Bezug auf das vorliegende Verfahren gilt es einleitend Folgendes zu erwähnen:
Sowohl die Electrolux AG als auch die V-Zug AG haben das Verbot bzw. die Beschränkun-
gen des Online-Handels ihren Wiederverkäufern in schriftlicher Form angekündigt. Kurz da-
rauf intervenierten die Wettbewerbsbehörden und infolgedessen setzten die Electrolux AG
und die V-Zug AG ihre Vorhaben einstweilen nicht vollständig um. Zudem signalisierten bei-
de Unternehmen dem Sekretariat gegenüber bereits vor der Eröffnung der vorliegenden Un-
tersuchung ihre grundsätzliche Bereitschaft zum Abschluss einer einvernehmlichen Rege-
lung. Aus diesen Gründen verzichteten die Wettbewerbsbehörden darauf, diese Untersu-
chung auch gegen die Wiederverkäufer zu eröffnen.
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34. Aufgrund des Voranstehenden wird in den Erwägungen der Sachverhalt unter der
Annahme analysiert, dass ein Verbot bzw. Behinderungen von Internetverkäufen umgesetzt
wurde. Dies rechtfertigt sich deshalb, weil erstens ohne eine umgehende Intervention der
Wettbewerbsbehörden das Verbot bzw. die Behinderungen des Online-Handels im ange-
kündigten Umfang umgesetzt worden wären; und zweitens, weil damit der im Zusammen-
hang mit Beschränkungen des Online-Verkaufs herrschenden Unsicherheit bis zu einem ge-
wissen Grad begegnet werden kann und dafür ein entsprechendes Informationsbedürfnis
vorhanden ist. In diesem Lichte und der besseren Lesbarkeit halber sind die Erwägungen im
Indikativ gehalten.
35. Die folgenden Erlasse bzw. Entscheide wurden bei der Ausarbeitung dieser Verfü-
gung berücksichtigt: Die revidierte VertBek, die jüngst revidierte Vertikal-GVO (siehe Fn 13
resp. Rz 59 hiernach) und die entsprechenden Leitlinien 19
sowie verschiedende, in jüngerer
Vergangenheit im europäischen Raum ergangene Urteile betreffend den Ausschluss resp.
die Behinderung des Online-Handels (siehe Rz 19 hiervor). Die Berücksichtigung der euro-
päischen Erlasse und Entscheide rechtfertigt sich insbesondere durch den Willen des
schweizerischen Gesetzgebers, die Rechtslage im Bereich von Wettbewerbsverstössen dem
europäischen Recht anzugleichen. 20
Dies gilt insbesondere für den Bereich der vertikalen
Wettbewerbsbeschränkungen. Diesbezüglich gilt es zu unterstreichen, dass der neue
Art. 5 Abs. 4 KG der Schweiz ermöglichen sollte, im Bereich der Vertikalabsprachen eine
vergleichbare Politik wie die europäische Kommission zu verfolgen. 21
Die Absicht war, dass
sich das schweizerische Recht nach jenem der europäischen Union ausrichten sollte, 22
was
insbesondere dadurch ermöglicht wird, dass die beiden Rechtsordnungen ähnliche Ziele ver-
folgen. 23
Mit dieser neuen Bestimmung wollte die Schweiz darauf hinweisen, dass Vertikal-
absprachen über Wiederverkaufspreise und Marktabschottungen nach dem Vorbild der eu-
ropäischen Union in Zukunft strenger behandelt werden. 24

D. Erwägungen
D.1. Geltungsbereich
36. Das Kartellgesetz gilt für Unternehmen des privaten und öffentlichen Rechts, die Kar-
tell- oder andere Wettbewerbsabreden treffen, Marktmacht ausüben oder sich an Unterneh-
menszusammenschlüssen beteiligen (Art. 2 Abs. 1 KG). Als Unternehmen gelten hierbei
sämtliche Nachfrager oder Anbieter von Gütern und Dienstleistungen im Wirtschaftsprozess,
unabhängig von ihrer Rechts- oder Organisationsform (Art. 2 Abs. 1bis KG).
19 Leitlinien der Europäischen Kommission für vertikale Beschränkungen (2010/C130/01).
20 Vgl. Botschaft zu einem Bundesgesetz über Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen
(Kartellgesetz, KG) vom 23. November 1994, BBl 1995 I, 468, 471. 21
Deiss: „La nouvelle proposition qui est maintenant faite par la majorité de la Commission prévoit une présomption d‟illicéité pour les accords verticaux qui, à notre sens, va aussi loin que possible tout en étant soutenable du point de vue de la politique de la concurrence et du point de vue . Elle permet de mener une politique analogue à celle de la Commission européenne.“, Amtliches Bulletin der Bundesversammlung (AB) 2003 S 331.
22 Antrag Triponez: „Ich schlage daher die oben erwähnte Überarbeitung des Minderheitsantrages als
Ergänzung zum Mehrheitsantrag vor. Mit dieser Ergänzung läge unser Kartellgesetz im Ergebnis auf der Linie des EG-Rechtes.“, AB 2002 N 1434.
23 Schiesser, das Gutachten von Prof. Carl Baudenbacher zitierend, AB 2003 S 331.
24 Bührer: „Nicht nur die Europäische Union, sondern auch wir müssen - mit diesem neuen Artikel! -
dazu beitragen, dass dort, wo Preis- und Gebietsabsprachen den Wettbewerb behindern, dies in Zukunft als Missbrauchstatbestand erfasst wird.“ AB 2002 N 1293.
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37. Bei der Electrolux AG, der V-Zug AG sowie den von ihr belieferten Händlern handelt
es sich um Unternehmen im Sinne von Art. 2 Abs. 1 und 1bis KG.
D.2. Vorbehaltene Vorschriften
38. Dem KG sind Vorschriften vorbehalten, die auf einem Markt für bestimmte Waren
oder Leistungen Wettbewerb nicht zulassen, insbesondere Vorschriften, die eine staatliche
Markt- oder Preisordnung begründen und solche, die einzelne Unternehmen zur Erfüllung öf-
fentlicher Aufgaben mit besonderen Rechten ausstatten (Art. 3 Abs. 1 KG). Ebenfalls nicht
unter das Gesetz fallen Wettbewerbswirkungen, die sich ausschliesslich aus der Gesetz-
gebung über das geistige Eigentum ergeben (Art. 3 Abs. 2 KG).
39. In den hier zu beurteilenden Märkten gibt es keine Vorschriften, die Wettbewerb nicht
zulassen. Von den Parteien wurden auch keine solchen geltend gemacht.
D.3. Unzulässige Wettbewerbsabreden
40. Abreden, die den Wettbewerb auf einem Markt für bestimmte Waren oder Leistungen
erheblich beeinträchtigen und sich nicht durch Gründe der wirtschaftlichen Effizienz rechtfer-
tigen lassen, sowie Abreden, die zur Beseitigung wirksamen Wettbewerbs führen, sind unzu-
lässig (Art. 5 Abs. 1 KG).
D.3.1. Wettbewerbsabrede
41. Als Wettbewerbsabreden gelten rechtlich erzwingbare oder nicht erzwingbare Ver-
einbarungen sowie aufeinander abgestimmte Verhaltensweisen von Unternehmen gleicher
oder verschiedener Marktstufen, die eine Wettbewerbsbeschränkung bezwecken oder be-
wirken (Art. 4 Abs. 1 KG; vgl. die Ziffern 1 und 8 VertBek).
42. Eine Wettbewerbsabrede definiert sich daher durch folgende Tatbestandselemente:
a) ein bewusstes und gewolltes Zusammenwirken der an der Abrede beteiligten Unterneh-
men und b) die Abrede bezweckt oder bewirkt eine Wettbewerbsbeschränkung.
D.3.1.1. Bewusstes und gewolltes Zusammenwirken
43. Für die Anwendung von Art. 4 Abs. 1 KG ist es weder von Belang, in welcher rechtli-
chen oder tatsächlichen Form sich das bewusste und gewollte Zusammenwirken nach aus-
sen äussert noch ob sich dieses rechtlich durchsetzen lässt. Entscheidend ist nur, dass zwei
oder mehrere wirtschaftlich voneinander unabhängige Unternehmen kooperieren. 25
Festzu-
halten ist jedoch bereits an dieser Stelle, dass es für die Begriffsbestimmung nicht relevant
ist, welcher Abredetyp (rechtlich erzwingbare oder nicht erzwingbare Vereinbarung oder auf-
einander abgestimmte Verhaltensweise) vorliegt, sondern einzig die damit bezweckte oder
bewirkte Beschränkung der unternehmerischen Handlungsfreiheit. 26
Dabei spielt es keine
Rolle, ob die Beschränkung der unternehmerischen Entscheidautonomie ausdrücklicher
Zweck der Vereinbarung zwischen den beteiligten Unternehmen ist oder sich bloss als mög-
licherweise unbeabsichtigte Wirkung aus einer rechtlich relevanten Abrede ergibt. 27
25 THOMAS NYDEGGER/WERNER NADIG, in: Basler Kommentar, Kartellgesetz, Amstutz/Reinert, 2010, Art. 4 Abs. 1 KG N 81.
26 Vgl. JÜRG BORER, Kartellgesetz, 2005, Art. 4 KG N 3 f.
27 Vgl. zum Ganzen BORER (Fn 26), Art. 4 KG N 3 ff.; BSK KG-NYDEGGER/NADIG (Fn 25) Art. 4 Abs. 1
KG N 71.
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44. Für die Beurteilung der Frage, ob in concreto Abreden i.S.v. Art. 4 Abs. 1 KG vorlie-
gen, konzentrieren sich die nachstehenden Ausführungen auf das generelle Verbot von In-
ternetverkäufen, weil das generelle Verbot als eine qualifizierte Form der Behinderung von
Internetverkäufen zu betrachten ist. Die nachfolgenden Ausführungen gelten jedoch grund-
sätzlich auch für mildere Formen vonr Beschränkungen des Online-Handels.
45. Prima facie handelt es sich bei der Ankündigung, Internetverkäufe generell zu verbie-
ten, um eine einseitige Massnahme und es stellt sich daher die Frage, ob diese vom Anwen-
dungsbereich von Art. 4 Abs. 1 KG erfasst wird. Einseitige Massnahmen können dann unter
den Begriff der Vereinbarungen im Sinne von Art. 4 Abs. 1 KG fallen, wenn sie eine Bin-
dungswirkung entfalten. Aus vertragsrechtlicher Sicht ist zu beachten, dass einseitige Mass-
nahmen durch eine stillschweigende Annahme in ein zweiseitiges Rechtsverhältnis umge-
wandelt werden. Dabei vermag unter Umständen bereits ein auf einem Rechnungsformular
aufgedrucktes Verbot des Wiederverkaufes zu genügen. 28
46. Es gilt daher zunächst einmal zu prüfen, wie sich das generelle Verbot von Internet-
verkäufen auf die Händler auswirkt. Dafür hat das Sekretariat drei Kategorien von Händlern
schriftlich befragt. 29
 Reine Online-Händler, welche kein stationäres Fachgeschäft betreiben, sondern Produk-
te ausschliesslich über einen Online-Shop verkaufen.
 Gemischte Händler, welche ein stationäres Fachgeschäft führen und gleichzeitig Pro-
dukte über einen Online-Shop verkaufen.
 Rein stationäre Fachhändler, die Produkte ausschliesslich in ihrem Fachgeschäft ver-
kaufen und keinen Online-Shop betreiben.
47. Den befragten Händlern wurden verschiedene Fragen rund um die Verkaufskanäle im
Allgemeinen und das generelle Verbot von Internetverkäufen im Speziellen gestellt. Die
Auswertung der verwertbaren Antworten ergab folgendes Bild:
 Von den reinen Online-Händlern und den gemischten Händlern gab die Mehrheit an,
dass der Verkauf von Produkten über das Internet problematisch (geworden) sei seit
dem ausgesprochenen resp. angekündigten generellen Verbot von Internetverkäufen.
 Von den gemischten Händlern gab die Mehrheit an, Verkäufe über das Internet einge-
stellt zu haben bzw. einstellen zu müssen.
 Die grosse Mehrheit der stationären Händler lieferte keine Angaben zu der Frage wie
sich das Verbot von Internetverkäufen auf sie auswirkt. Dies ist im Wesentlichen wohl
darauf zurückzuführen, dass sie vom generellen Verbot des Online-Handels nicht direkt
betroffen sind, dieses aber überwiegend in ihrem eigenen Interesse zu sein scheint (vgl.
Rz 51 ff. und 96).
48. Die Analyse der Antworten der befragten Händler zeigt, dass die Auswirkungen eines
(einseitig kommunizierten) generellen Verbots von Internetverkäufen je nach Händlerkatego-
rie variieren und sich wie folgt zusammenfassen lassen:
 Reine Online-Händler haben gar keine Wahl in Bezug auf die Frage, ob sie das Verbot
einhalten wollen oder nicht, denn sie würden ohnehin nicht mehr mit Produkten beliefert.
28 Vgl. BORER (Fn 26), Art. 4 KG N 9; BSK KG-NYDEGGER/NADIG (Fn 25), Art. 4 Abs. 1 KG N 98 f.
29 Die Befragung erfolgte im Rahmen der Vorabklärung und zu diesem Zeitpunkt stand die Verhal-
tensweise der Electrolux AG im Vordergrund (siehe Rz 22). Die Erkenntnisse aus den Befragungen können jedoch grundsätzlich auf das Verhalten der V-Zug AG übertragen werden.
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 Für gemischte Händler besteht insofern ein Druck, das Verbot einzuhalten, als sie bei
Nichteinhaltung Gefahr laufen würden, überhaupt nicht mehr mit Produkten beliefert zu
werden.
 Für rein stationäre Fachhändler stellt sich die Frage – sofern sie keinen Online-Shop
einzurichten gedenken – nicht, da sie vom Verbot des Internethandels mangels Vorhan-
densein desselben gar nicht betroffen waren.
49. Des Weiteren hat das Sekretariat die befragten Händler gebeten anzugeben, wie
gross der Umsatzanteil von Produkten der Marke Electrolux, gemessen am erzielten Ge-
samtumsatz ist. Bei der grossen Mehrheit der eingegangenen Antworten macht dieser einen
bedeutenden Teil des Gesamtumsatzes aus. Angesichts dessen ist nicht davon auszugehen,
dass gemischte Händler leichthin das Risiko eingehen würden, einen bedeutenden Teil ihres
Umsatzes zu verlieren.
50. Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass das angekündigte generel-
le Verbot von Internetverkäufen zumindest von den gemischten Händlern eingehalten wurde.
Dies, weil die Nichteinhaltung des generellen Verbotes von Internetverkäufen die Nichtbelie-
ferung zur Folge gehabt hätte, welche wiederum zu einer als nicht unerheblich zu bezeich-
nenden Umsatzeinbusse geführt hätte. Daher ist das Kriterium des bewussten und gewollten
Zusammenwirkens bezüglich des generellen Verbots von Internetverkäufen mindestens für
die gemischten Händler als gegeben zu betrachten.
51. Naheliegend ist es jedoch, dass die rein stationären Fachhändler massgeblichen Ein-
fluss daran hatten, dass ein generelles Verbot von Internetverkäufen eingeführt wurde. Dafür
sprechen insbesondere die nachfolgend aufgeführten Gründe:
 Die Hersteller begründeten in ihren Schreiben an die Händler das generelle Verbot von
Internetverkäufen u.a. mit der Wahrung der Interessen von rein stationären Fachhänd-
lern. 30
 Die Auswertung der Antworten der befragten Händler zeigt, dass das generelle Verbot
von Internetverkäufen von einem guten Teil der rein stationären Fachhändlern unter-
stützt wird. Ein grosser Teil dieser Händler 31
gab an, ein generelles Verbot von Internet-
verkäufen zu begrüssen und begründete dies mit dem Argument, dass der Online-
Handel zu einem Preisverfall führen würde, welcher ihre Existenz bedrohe. Überdies
machten zahlreiche dieser Händler geltend, Opfer des sog. Trittbrettfahrerproblems (vgl.
dazu eingehend Rz 146 ff. hiernach) zu sein. 32
52. Diese Gründe lassen darauf schliessen, dass die rein stationären Fachhändler durch
Internetverkäufe unter (Preis-)Druck kamen, in der Folge bei den Herstellern vorstellig wur-
den und diese sich daraufhin dazu entschlossen, Internetverkäufe zu untersagen. Ohne die
Frage abschliessend zu beantworten, kann auf jeden Fall festgehalten werden, dass die
Hersteller sowie die rein stationären Fachhändler ein gemeinsames Interesse daran hatten,
Internetverkäufe einzuschränken resp. auszuschliessen. Erstere, um dem Druck der rein sta-
tionären Fachhändler vorzubeugen, Letztere, um möglichen Margenverlusten Einhalt zu ge-
bieten (vgl. dazu auch Rz 99 ff. hiernach).
53. Somit ist das Vorliegen eines bewussten und gewollten Zusammenwirkens (mindes-
tens) zwischen den Herstellern und den gemischten Händlern zu bejahen, da Letztere – woll-
30 Act. 30; act. 113.
31 Es handelt sich dabei vor allem um kleinere und/oder in ländlichen Regionen domizilierte Händler.
32 Das Trittbrettfahrerproblem bedeutet hier, dass sich Konsumenten vorgängig zum Kauf eines Pro-
duktes bei einem stationären Fachhändler informieren und beraten lassen, das Produkt aber schliesslich bei einem (günstigeren) Online-Händler kaufen.
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ten sie die weitere Belieferung nicht gefährden (insbesondere angesichts der Umsatzstärke)
– eine Zusammenarbeit mit den Herstellern hätten wahrnehmen müssen. Überdies liegen
starke Indizien vor, welche darauf hindeuten, dass das generelle Verbot von Internetverkäu-
fen auch auf ein bewusstes und gewolltes Zusammenwirken zwischen den rein stationären
Fachhändlern und den Herstellern zurückzuführen ist.
D.3.1.2. Bezwecken oder Bewirken einer Wettbewerbsbeschränkung
54. Neben dem Element des bewussten und gewollten Zusammenwirkens der an einer
Abrede beteiligten Unternehmen ist zudem erforderlich, dass eine Wettbewerbsbeschrän-
kung bezweckt wird, eine tatsächliche Beeinflussung des Marktes ist indes nicht notwendig.
Bezwecken in diesem Sinne bedeutet, dass die Abrede oder die abgestimmte Verhaltens-
weise objektiv geeignet sein muss, eine Wettbewerbsbeschränkung durch Ausschaltung
oder Beseitigung eines Wettbewerbsparameters herbeizuführen, 33
unwesentlich sind dabei
die Vorstellungen oder die Absichten der beteiligten Unternehmen. Bewirkt wird eine Wett-
bewerbsbeschränkung dann, wenn tatsächlich eine Beeinflussung auf dem relevanten Markt
stattfindet. Nicht erforderlich ist indes, dass die Wirkung bereits eingetreten ist. Es genügt,
wenn diese mit hinreichender Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft eintreten wird. 34
D.3.1.2.1. Einfluss auf den Wettbewerbsparameter Preis
55. Im Lichte vorstehender Ausführungen lässt sich zunächst einmal festhalten, dass das
Medium Internet den Konsumenten beim Kaufentscheid verschiedene Vorteile bringt, wobei
insbesondere die Möglichkeit, Preise miteinander zu vergleichen, hervorzuheben ist. Die so
geförderte Markttransparenz kann dazu führen, dass (insbesondere rein stationäre) Händler
einem gesteigerten Wettbewerbsdruck ausgesetzt sind. Denn es liegt einerseits auf der
Hand, dass ein gut informierter Konsument gegenüber dem Verkäufer eher über den Preis
verhandelt als ein Kunde, der über die momentan geltenden Preise nicht im Bilde ist. Ande-
rerseits nimmt der Druck auf die Preise eines Händlers tendenziell zu, wenn in einem Markt
mehr und verschiedene Händler ein bestimmtes Produkt verkaufen, insbesondere wenn da-
runter besonders kompetitive Anbieter sind. Somit kann bereits an dieser Stelle festgehalten
werden, dass die positiven Effekte, die vom Medium Internet ausgehen, tendenziell zu kom-
petitiveren Preisen führen resp. vermag ein generelles Verbot von Internetverkäufen das
Preisniveau von Produkten (negativ) zu beeinflussen (vgl. dazu ausführlich Rz 84 ff. hier-
nach).
56. Diese Schlussfolgerung wird auch verdeutlicht durch die vom Sekretariat durchge-
führten Befragungen von Marktteilnehmern: Zur Klärung der Frage, ob das generelle Verbot
des Online-Handels den Wettbewerbsparameter Preis zu beeinflussen vermag, erkundigte
sich das Sekretariat bei 55 Händlern, welche Weisswaren 35
vertreiben, u.a. nach allfälligen
Preisunterschieden zwischen dem stationären Fachhandel und dem Online-Handel. Dabei
zeigte sich, dass die überwiegende Mehrheit die Frage, ob Preisdifferenzen bestehen, bejah-
te. Interessant ist auch, dass sich ein Teil der befragten Händler (rein stationäre Fachhänd-
ler) grundsätzlich negativ zu den bestehenden Preisdifferenzen äusserte (siehe Rz 51). Die-
se Händler gaben an, ein generelles Verbot des Online-Handels zu begrüssen, da dieser zu
einem unerwünschten Preiszerfall führe. Zudem gaben auch die befragten Hersteller in der
Schweiz an, dass der Online-Handel die Verkaufspreise beeinflusst: Rund die Hälfte gab an,
dass Preisdifferenzen zwischen dem Online- und dem stationären Handel bestünden.
33 Vgl. zum Ganzen BSK KG-NYDEGGER/NADIG (Fn 25), Art. 4 Abs.1 KG N 67 ff.
34 ROLAND KÖCHLI/PHILIPPE M. REICH, in: Stämpflis Handkommentar zum Kartellgesetz, Baker & Mc-
Kenzie (Hrsg.), 2007, Art. 4 KG N 24 f. 35
Unter dem Begriff Weisswaren werden Geräte aller Art zur Erledigung der Hausarbeit wie Kochen, Backen, Waschen etc. verstanden.
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57. Angesichts solcher Preisdifferenzen zwischen dem (rein) stationären Fachhandel und
dem Online-Handel und unter Berücksichtigung der prokompetitiven Effekte, welche vom
Medium Internet ausgehen, ist ein generelles Verbot, Produkte über das Internet zu verkau-
fen, grundsätzlich und objektiv geeignet, das Preisniveau und damit (indirekt) den Wettbe-
werbsparameter Preis zu beeinträchtigen. Denn eine solche Massnahme kann dazu führen,
dass ein notorisch (preis-)kompetitiver Verkaufskanal ausgeschaltet wird.
D.3.1.2.2. Neue Regelungen in der EU und in der Schweiz betreffend Online-Verkäufe
58. Die Europäische Kommission hat eine neue Gruppenfreistellungsverordnung
für Ver-
einbarungen zwischen Herstellern und Vertriebshändlern für den Verkauf von Waren und
Dienstleistungen erlassen (Vert-GVO, siehe Rz 35 hiervor). Die Vert-GVO und die dazuge-
hörigen Leitlinien
tragen der Tatsache Rechnung, dass sich das Internet in den letzten Jah-
ren für den Online-Verkauf und den grenzüberschreitenden Handel zu einem der zentralen
Vertriebskanäle entwickelt hat.
59. Die neuen Bestimmungen in der EU nehmen explizit Bezug auf den Online-Verkauf
(vgl. insbesondere die Rz 52-56 der Leitlinien). Es wird vorgeschrieben, dass zugelassene
Vertriebshändler die Produkte, die sie in ihren regulären Geschäften und Verkaufsstellen
verkaufen, auch auf ihren Websites online anbieten dürfen. Insbesondere in selektiven Ver-
triebssystemen ist damit nun klar, dass die Hersteller den Vertriebshändlern für den Internet-
verkauf weder Mengenbeschränkungen auferlegen dürfen noch dass es Einschränkungen in
Bezug auf den Standort der Kunden oder auf die Preise (höhere Preise für online verkaufte
Produkte) geben darf. Ausserdem stellt die EU-Kommission in den Leitlinien klar, dass sie
den Internetverkauf weiterhin grundsätzlich als passive Form des Verkaufs behandelt haben
will. Das Verbot des Internetvertriebs für zugelassene Händler stellt somit grundsätzlich eine
Kernbeschränkung dar. Die neuen Bestimmungen sind am 1. Juni 2010 in Kraft getreten
und werden mit einer einjährigen Übergangsphase bis 2022 gelten.
60. Auch die Wettbewerbskommission (nachfolgend: WEKO) hat ihre Vertikalbekanntma-
chung revidiert und darin neu Internetverkäufe explizit als passive Verkäufe definiert. Im
Lichte des Bestrebens, in der Schweiz im Bereich vertikaler Abreden die gleichen Regeln zur
Anwendung zu bringen wie in der EU, sollen die europäischen Regeln in der Schweiz mög-
lichst gleich zur Anwendung kommen, weshalb das Verbot des Internetvertriebs als grund-
sätzlich geeignet anzusehen ist, das Preisniveau in der Schweiz zu beeinträchtigen.
D.3.1.2.3. Schlussfolgerung
61. Electrolux bestreitet das Vorliegen einer Wettbewerbsabrede i.S.v. Art. 4 Abs. 1 KG
(act. 190, Rz. 35 ff.). V-Zug macht geltend, dass die Ausführungen der WEKO betreffend das
Vorliegen einer Abrede nicht auf V-Zug übertragbar seien.
62. Die vorgenannten Gründe führen jedoch vor Augen, dass das generelle Verbot von
Internetverkäufen objektiv geeignet ist, eine Wettbewerbsbeschränkung zu bezwecken oder
zu bewirken, zumal damit das Preisniveau für die in Frage stehenden Produkte nachhaltig
beeinflusst werden kann, denn
 weit über 80% der Schweizer Bevölkerung verfügt über einen (schnellen) Internetzu-
gang) und dieses Medium hat sich im Zuge der technischen Entwicklung zu einer der
wichtigsten Informationsquellen im Hinblick auf Kaufentscheide von Konsumenten
entwickelt;
 das Medium Internet bietet Konsumenten verschiedene Vorteile, wie bspw. einen ein-
facheren und schnelleren Zugang zu Produktinformationen, insbesondere zu Ver-
kaufspreisen. Darüber hinaus können die Preise verschiedener Anbieter auf Preis-
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vergleichsseiten innert Kürze verglichen werden. Dies führt zu transparenteren
Marktverhältnissen und
 fest steht, dass der besonders preiskompetitive Online-Handelskanal einen gewissen
(Wettbewerbs-)Druck auf die (rein stationären) Händler ausübt und mit dem generel-
len Verbot von Internetverkäufen besagter Druck eliminiert wird, was im Ergebnis da-
zu führt, dass sich die (rein stationären) Händler in der Festsetzung ihrer Preise we-
niger unter Druck sehen und dadurch tendenziell in der Lage sind, die Verkaufspreise
höher anzusetzen, resp. nicht senken zu müssen.
63. Zudem wird ein (generelles) Verbot von Internetverkäufen nach der neuen Gruppen-
freistellungsverordnung für vertikale Vereinbarungen (Vert-GVO) als Kernbeschränkung an-
gesehen, und dies gilt selbst im Rahmen eines selektiven Vertriebssystems. Daher würde
ein generelles Verbot von Internetverkäufen auch in der EU als unzulässig angesehen.
D.3.1.3. Vertikale Abrede
64. Von Art. 4 Abs. 1 KG erfasst werden sowohl horizontale als auch vertikale Abreden.
Als vertikale Abreden gelten erzwingbare oder nicht erzwingbare Vereinbarungen sowie auf-
einander abgestimmte Verhaltensweisen von Unternehmen verschiedener Marktstufen, wel-
che die Geschäftsbedingungen betreffen, zu denen die beteiligten Unternehmen bestimmte
Waren oder Dienstleistungen beziehen, verkaufen oder weiterverkaufen können. Vertikale
Abreden werden zwischen Unternehmen unterschiedlicher Marktstufen getroffen, betroffen
ist somit die „Anbieter-Nachfrager-Beziehung“ 36
.
65. Da in casu die Electrolux AG und die V-Zug AG auf der Herstellerstufe und die von
ihnen belieferten Händler auf der Vertriebsstufe tätig sind (vgl. Rz. 1 ff.), sind die zu beurtei-
lenden Abreden als vertikale zu qualifizieren.
D.3.1.4. Fazit
66. Den vorstehenden Ausführungen zufolge sind bezüglich des generellen Verbots von
Internetverkäufen vorliegend sowohl das Kriterium des bewussten und gewollten
Zusammenwirkens als auch dasjenige des Bezweckens oder Bewirkens einer Wettbewerbs-
beschränkung gegeben. Somit ist in casu vom Vorliegen vertikaler Abreden i.S.v.
Art. 4 Abs. 1 KG auszugehen.
D.3.2. Sanktionierbare Wettbewerbsabrede
D.3.2.1. Einleitende Bemerkungen
67. Bevor im Folgenden auf die Frage eingegangen wird, ob und unter welchen Umstän-
den ein Verbot bzw. Behinderungen von Internetverkäufen als unzulässige (sanktionierbare)
Wettbewerbsabreden i.S.v. Art. 5 Abs. 4 KG qualifiziert werden können, ist festzuhalten,
dass sich diese Frage vorliegend nicht konkret stellt, weil keine Hinweise oder Beweismittel
vorliegen, welche auf sanktionierbare Verhaltensweisen der Electrolux AG und/oder der V-
Zug AG hindeuten.
68. Vor diesem Hintergrund sind die Ausführungen in den folgenden Abschnitten in erster
Linie im vorausschauenden Sinne zu verstehen. Es soll darauf eingegangen werden, ob und
gegebenenfalls unter welchen Umständen ein Verbot oder Beschränkungen des Online-
Handels vom Anwendungsbereich von Art. 5 Abs. 4 KG erfasst werden können. In diesem
36 BSK KG-NYDEGGER/NADIG (Fn 25), Art. 4 Abs. 1 KG N 139.
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Sinne beziehen sich die nachfolgenden Ausführungen auf bekannte Informationen und die
aktuelle (nationale und europäische) Rechtsprechung und Praxis.
69. Ob und inwiefern Behinderungen des Online-Handels allenfalls von Art. 5 Abs. 4 KG
erfasst werden können, ist grundsätzlich anhand der konkreten Umstände des Einzelfalls zu
prüfen. Entscheidend ist dabei jeweils die Wirkung, die herbeigeführt wird bzw. werden kann
und nicht das dafür eingesetzte Mittel.
D.3.2.2. Verbot/Beschränkung des Online-Handels – Abrede i.S.v. Art. 5 Abs. 4 KG?
70. Für die Qualifikation als Preisbindung zweiter Hand ist erforderlich, dass Wiederver-
kaufspreise festgesetzt werden, was geeignet sein muss, wirksamen Wettbewerb zu tangie-
ren. Massgebend ist dabei die Wirkung der Preisfestsetzung und nicht das dafür eingesetzte
Mittel. 37
Entscheidend ist somit, dass die Wiederverkaufspreise direkt oder indirekt beein-
flusst werden und diese von den Abnehmern eingehalten werden resp. diese in der Möglich-
keit beschränkt werden, ihren Verkaufspreis selber zu bestimmen. Wie an anderer Stelle
ausführlich dargelegt wird (siehe Rz 103 ff. hiernach), wird der Preiswettbewerb durch ein
Verbot von Internetverkäufen beeinflusst.
71. Es lässt sich jedoch festhalten, dass es fraglich scheint, ob die Einführung eines
Verbotes von Internetverkäufen – isoliert betrachtet – als Preisbindung zweiter Hand qualifi-
ziert werden kann. Die Einführung eines Verbotes von Internetverkäufen lässt sich indes als
Korrektiv für das (unerwünschte) Preissetzungsverhalten gewisser Wiederverkäufer einstu-
fen. Somit lässt sich in Bezug auf ein Verbot von Internetverkäufen bzw. Beschränkungen
derselben festhalten, dass diese, solange sie nicht von weiteren, qualifizierenden Umstän-
den begleitet werden, nicht ohne Weiteres als Preisbindungen zweiter Hand zu betrachten
sind. Eine Preisbindung zweiter Hand kann aber beispielsweise dann vorliegen, wenn
 neben einem Verbot von Internetverkäufen eine Koppelung an Preisempfehlungen oder
an Vereinbarungen vorhanden ist, welche die Rabattpolitik der Wiederverkäufer beein-
flusst oder
 im Zusammenhang mit einem Verbot von Internetverkäufen Massnahmen wie Drohun-
gen, Einschüchterungen, Warnungen, Strafen, Verzögerungen oder die Aussetzung von
Lieferungen und die Vertragskündigung bei Nichteinhaltung eines bestimmten Preisni-
veaus ausgesprochen resp. umgesetzt werden.
72. Darüber hinaus ist hervorzuheben, dass ein Verbot von Internetverkäufen bereits
dem Gegenstand nach als problematisch zu betrachten ist. Dies ist im Wesentlichen darauf
zurückzuführen, dass Internetverkäufe als passive Verkäufe gelten (was im Übrigen bereits
nach der alten VertBek so auszulegen gewesen wäre) und gemäss Ziffer 10 VertBek insbe-
sondere im Falle von Passivverkaufsverboten an Händler oder Endkunden davon auszuge-
hen ist, dass die Beseitigungsvermutung nach Art. 5 Abs. 4 KG erfüllt ist, sofern diese im Zu-
sammenhang mit der Zuweisung von Absatzgebieten stehen. Damit wäre beim Vorliegen ei-
nes Verbotes von Internetverkäufen bereits ein gewichtiger Teil des Tatbestandes einer un-
zulässigen Gebietsschutzabrede erfüllt, was bereits als ein starkes Indiz für die Existenz ei-
ner unzulässigen Abrede i.S.v. Art. 5 Abs. 4 KG zu betrachten ist.
73. In diesem Zusammenhang gilt es auf die Problematik des grenzüberschreitenden
Warenverkehrs einzugehen. Die wettbewerbsrechtliche Problematik eines Verbots resp. der
Beschränkung des Online-Handel ist insbesondere dann gegeben, wenn dadurch der grenz-
überschreitende Warenverkehr eingeschränkt werden soll, um den Schweizer Markt abzu-
37 Vgl. Zum Ganzen PATRICK L. KRAUSKOPF/OLIVIER SCHALLER, in: Basler Kommentar, Kartellgesetz,
Amstutz/Reinert (Hrsg.), 2010, Art. 5 KG N 493 ff.
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schotten. Dies kann speziell bei Produkten der Fall sein, deren Preisniveau in der Schweiz
dasjenige im europäischen Ausland deutlich übersteigt.
74. Vor diesem Hintergrund und in Anlehnung an die Handhabung der Europäischen
Kommission werden nachstehend beispielhaft einige Konstellationen aufgezählt, bei deren
Vorliegen von einer problematischen Beschränkung des passiven Verkaufs auszugehen ist
und welche die Subsumtion unter Art. 5 Abs. 4 KG (absolute Gebietsschutzabrede) nahe le-
gen. Anhaltspunkte für das Vorliegen einer unzulässigen Wettbewerbsabrede i.S.v. Art. 5
Abs. 4 KG können bspw. die folgenden Umstände darstellen:
 Wenn vereinbart wird, dass der Wiederverkäufer verhindert, dass Kunden aus einem
anderen (Vertrags-)Gebiet seine Website einsehen können oder, dass er auf seiner
Website eine automatische Umleitung auf die Website des Herstellers oder anderer
Wiederverkäufer einrichtet.
 Wenn vereinbart wird, dass der Wiederverkäufer Internet-Transaktionen von Endab-
nehmern unterbricht sobald ihre Kreditkarte eine Adresse erkennen lässt, die nicht im
(Vertrags-)Gebiet des Händlers liegt.
75. Die in diesem Abschnitt genannten Beispiele sind jedoch lediglich im Sinne einer
Veranschaulichung zu verstehen und erheben weder Anspruch auf Vollständigkeit noch
Ausschliesslichkeit. Es ist stets anhand der konkreten Umstände des Einzelfalls zu beurtei-
len, ob eine Abrede den Tatbestand der Preisbindung zweiter Hand resp. des absoluten Ge-
bietsschutzes erfüllt oder nicht. Festgehalten werden kann jedoch an dieser Stelle, dass als
Faustregel gilt: Je mehr und je einschneidendere Einschränkungen ein Hersteller seinen
Wiederverkäufern auferlegt, desto eher ist vom Vorliegen einer Abrede i.S.v. Art. 5 Abs. 4
KG auszugehen.
D.3.2.3. Fazit
76. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es fraglich ist, ob ein Verbot von Inter-
netverkäufen bzw. Beschränkungen derselben für sich genommen als Preisbindungen zwei-
ter Hand qualifiziert werden können. Diese Erkenntnis gilt indes lediglich, solange keine qua-
lifizierenden (erschwerenden) Umstände hinzukommen. Ob solche vorliegen, ist stets an-
hand der konkret vorliegenden Umstände des Einzelfalles zu prüfen, wobei darauf hinzuwei-
sen ist, dass je weitgehender und restriktiver die mit einem Verbot von Internetverkäufen
bzw. Beschränkungen derselben einhergehen, desto eher die Vermutung nahe liegt, dass
eine Preisbindung zweiter Hand vorliegt. Im Zusammenhang mit absolutem Gebietsschutz ist
darauf hinzuweisen, dass ein Verbot von Internetverkäufen als Passivverkaufsverbot zu qua-
lifizieren ist, welches bereits für sich genommen als starkes Indiz für eine unzulässige Wett-
bewerbsabrede i.S.v. Art. 5 Abs. 4 KG zu betrachten ist. Dies gilt umso mehr, wenn durch
Einschränkungen des Online-Vertriebs der grenzüberschreitende Handel eingeschränkt wer-
den soll, um den schweizerischen Markt abzuschotten.
77. Im Konkreten liegen keine Indizien oder Beweismittel vor, welche auf Abreden nach
Art. 5 Abs. 4 KG hindeuten. Die vorliegenden Abreden werden deshalb unter Art. 5 Abs. 1
KG analysiert.
D.3.3. Erhebliche Beeinträchtigung des Wettbewerbs
78. Abreden, die den Wettbewerb auf einem Markt für bestimmte Waren oder Leistungen
erheblich beeinträchtigen und sich nicht durch Gründe der wirtschaftlichen Effizienz rechtfer-
tigen lassen, sind unzulässig (Art. 5 Abs. 1 KG). Bei der Prüfung der Frage, ob eine erhebli-
che Wettbewerbsbeeinträchtigung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 KG vorliegt, sind sowohl quali-
tative als auch quantitative Kriterien zu berücksichtigen. Die Abwägung dieser beiden Kriteri-
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en erfolgt einzelfallweise in einer Gesamtbeurteilung. Dabei kann eine qualitativ schwerwie-
gende Beeinträchtigung trotz quantitativ geringfügiger Auswirkungen erheblich sein. Umge-
kehrt kann eine Beeinträchtigung mit quantitativ beträchtlichen Auswirkungen den Wettbe-
werb erheblich beeinträchtigen, auch wenn sie qualitativ nicht schwerwiegend ist (Ziffer 12
Abs. 1 VertBek). Nachfolgend werden zuerst die qualitativen und anschliessend die quantita-
tiven Kriterien der Erheblichkeit der vorliegenden Abreden analysiert.
79. Gemäss Ziffer 13 VertBek führen vertikale Wettbewerbsabreden, welche nicht unter
Ziffer 12 Abs. 2 lit. a bis e fallen, in der Regel nicht zu einer erheblichen Beeinträchtigung
des Wettbewerbs, wenn kein an der Abrede beteiligtes Unternehmen auf einem von der Ab-
rede betroffenen relevanten Markt einen Marktanteil von 15% überschreitet. Diese Schwelle
wird nach Ziffer 13 Abs. 2 VertBek auf 5% herabgesetzt, wenn der Wettbewerb auf dem re-
levanten Markt durch die kumulativen Auswirkungen mehrerer gleichartiger, nebeneinander
bestehender vertikaler Vertriebsnetze beschränkt wird. Es liegt aber in der Regel kein kumu-
lativer Abschottungseffekt vor, wenn weniger als 30% des relevanten Marktes von gleicharti-
gen, nebeneinander bestehenden vertikalen Vertriebsnetzen abgedeckt wird.
80. Bevor auf die Beurteilung der in Frage stehenden Abreden eingegangen wird, kann
bereits an dieser Stelle festgehalten werden, dass sowohl die Electrolux AG als auch die V-
Zug AG über individuelle Marktanteile im relevanten Markt von je (deutlich) über 15% verfü-
gen (siehe Rz 113 hiernach), sodass über die Frage der Erheblichkeit der Abreden im Rah-
men einer Einzelfallprüfung zu entscheiden ist. Im Übrigen ist davon auszugehen, dass die
Marktanteilsschwelle in casu auf 5% herabzusetzen wäre, zumal die kumulativen Auswir-
kungen der beiden vertikalen Vertriebsnetze der Electrolux AG und der V-Zug AG alleine
(deutlich) mehr als 30% des relevanten Marktes abdecken (siehe Rz 132 ff. hiernach).
D.3.3.1. Qualitative Kriterien
81. Die qualitativen Kriterien einer Wettbewerbsbeschränkung beschlagen die Bedeutung
des von einer Abrede betroffenen Wettbewerbsparameters. 38
Zu untersuchen gilt es in quali-
tativer Hinsicht, wie wichtig die von der Abrede betroffenen Wettbewerbsparameter für die
Konkurrenzverhältnisse sind. 39
Im Fokus der nachstehenden Ausführungen steht der Wett-
bewerbsparameter Preis, welchem auf dem relevanten Markt eine zentrale Bedeutung zu-
kommt.
82. In Bezug auf vertikale Wettbewerbsabreden hat die WEKO im Rahmen ihrer Vertikal-
bekanntmachung Kriterien dargelegt, wann eine Wettbewerbsabrede aufgrund des Gegen-
standes als qualitativ schwerwiegend qualifiziert wird (Ziffer 12 Abs. 2 VertBek).
83. In den nachstehenden Abschnitten wird analysiert, ob ein generelles Verbot des Onli-
ne-Handels als eine qualitativ schwerwiegende Beeinträchtigung des Wettbewerbs zu quali-
fizieren ist. Nachstehend wird zunächst geprüft, ob und inwiefern ein generelles Verbot von
Internetverkäufen den Wettbewerbsparameter Preis betrifft. Danach wird darauf eingegan-
gen, inwiefern die vorliegenden Abreden aufgrund des Gegenstandes gemäss VertBek als
schwerwiegend betrachtet werden müssen.
38 Vgl. BSK KG-KRAUSKOPF/SCHALLER (Fn 37), Art. 5 KG N 186.
39 BORER (Fn 26), Art. 5 KG N 21; vgl. auch BSK KG-KRAUSKOPF/SCHALLER (Fn 38), Art. 5 KG N 174.
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D.3.3.1.1. Preisunterschiede Online-Offline
84. Die allgemeine Konsumerfahrung legt nahe, dass die Verkaufspreise etlicher Produk-
te im Verkaufskanal Internet tiefer sind als die Preise, welche im stationären Fachhandel be-
zahlt werden. Dies wird u.a. auch durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt. 40
85. Dieser Umstand kann sicherlich zum Teil mit tieferen Kosten (reiner) Online-Händler
aufgrund eines tieferen Personalaufwands, tieferer Miet- und Logistikkosten, grösserer Vo-
lumen etc. erklärt werden. Daneben ist – wie weiter unten ausführlich beschrieben (siehe Rz
92 ff. hiernach) – davon auszugehen, dass einfache und schnelle Vergleichsmöglichkeiten
und die damit einhergehende grosse Preistransparenz einen hohen Wettbewerbsdruck nach
sich ziehen, was sich zusätzlich auf die Preise auswirken dürfte.
86. Die folgenden beiden Studien, welche Preisunterschiede eines ganzen Warenkorbes
auf Unterschiede zwischen Online- und Offline-Handel untersuchen, kommen zu vergleich-
baren Ergebnissen:
 Eine Studie der htp St. Gallen Managementberatung gelangt zum Ergebnis, dass ein un-
tersuchter Warenkorb bei klassischen Detailhändlern 26,5% mehr gekostet hat als im In-
ternet (inkl. Versandkosten und eventuell anfallender Zölle). 41
In der Studie wurden Prei-
se von gut 50 ebay Schweiz verkauften Neuwaren von gewerblichen Händlern mit den
Preisen im klassischen Detailhandel miteinander verglichen.
 Zu einem ähnlichen Resultat mit derselben Methode kommt eine Studie von Frontier
Economics betreffend Preise von über 700 Gütern in Deutschland, Frankreich und
Grossbritannien. Die Autoren dieser Studie berechneten eine durchschnittliche Ersparnis
von 17% im Online-Kanal. 42
87. Die Einschätzung, wonach die Verkaufspreise über das Internet tiefer sind als im sta-
tionären Handel, wird durch die Befragungen des Sekretariats im Rahmen des vorliegenden
Verfahrens bestätigt. Das Sekretariat befragte eine Anzahl Händler, welche Weisswaren ver-
treiben, u.a. nach allfälligen Preisunterschieden zwischen dem stationären Fachhandel und
dem Online-Handel. Dabei resultierte folgendes Bild: 43
 Von den verwertbaren Antworten bejahte die überwiegende Mehrheit die Frage, ob
Preisdifferenzen bestehen. Diese bewegten sich zwischen 8% und 46%, die meisten
Händler nannten Unterschiede in der Grössenordnung von 15%.
 Ein nicht zu vernachlässigender Teil der Händler äusserte sich dabei grundsätzlich ne-
gativ zu den Preisdifferenzen. Die Kritik geht dahin, dass der Online-Handel beseitigt
werden solle, da er zu einem unerwünschten Preiszerfall führe.
40 So z.B. ALAN E. WISEMAN/JERRY ELLIG, Market and Non-Market Barriers to Internet Wine Sales:
The Case of Virginia, in: Business and Politics, Vol. 6, 2004. Vgl. auch: U.S. FEDERAL TRADE COMMISSION, Report on Possible Anticompetitive Barriers to E-Commerce: Wine, 2003, http://www.ftc.gov/os/2003/07/winereport2.pdf (13.4.2011); ERIK BRYNJOLFSSON/MICHAEL D. SMITH, Frictionless Commerce? A Comparison of Internet and Conventional Retailers, in: Management Science, Vol. 46, April 2000, 563-585; JAMES D. COOPER, Price Levels and Dispersion in Online and Offline Markets for Contact Lenses, U.S. Federal Trade Commission Working Paper, 2006; FIONA SCOTT MORTON/FLORIAN ZETTELMEYER/JORGE SOLVA-RISSO, Internet Car Retailing, in: The Journal of Industrial Economics, Vol. 49, December 2001, 501-519.
41 Vgl. Studie des Instituts htp St. Gallen Managementberatung,
http://www.presseportal.ch/de/pm/100005381/100570119/ebay_schweiz, (13.4.2011). 42
FRONTIER ECONOMICS, Economic Study of the Consumer Benefits of eBay, London, 2008, http://ec.europa.eu/competition/sectors/media/ebay_frontier_report.pdf (13.4.2011).
43 Vgl. act. 17; 18; 20-25; 28; 29; 32; 34; 36; 38; 40-44; 47; 49-51; 53-55; 57; 86-93; 95-99; 103; 105-
107; 109-112; 115; 117; 119; 121; 122.
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88. Zusätzlich stellte das Sekretariat den acht führenden Herstellern/Importeuren von
Weisswaren in der Schweiz ebenfalls die Frage, ob Preisdifferenzen zwischen dem stationä-
ren Fachhandel und dem Online-Handel bestehen, und wenn ja, in welcher Höhe sich die
Differenzen bewegen. Dabei ergab sich folgendes Bild: Die Hälfte der Befragten gab an,
dass Preisdifferenzen zwischen dem Online-Handel und dem stationären Handel bestehen.
Diese Differenzen bewegen sich gemäss den Antworten der befragten Marktteilnehmer zwi-
schen ungefähr 5% und 35%. 44
89. Schliesslich gehen anscheinend auch die Electrolux AG und die V-Zug AG (zumin-
dest implizit) davon aus, dass im Internet tiefere Preise herrschen. Dies zeigt das Vorbringen
des Trittbrettfahrerproblems zur Rechtfertigung von Einschränkungen des Online-Handels
(vgl. dazu ausführlich Rz 149 ff. unten). So trete ein Trittbrettfahrerproblem auf, weil sich ein
Konsument im stationären Handel beraten lassen könne und das Produkt anschliessend
(günstiger) im Internet bestelle. Wären die Preise im Online-Kanal nicht günstiger, hätte der
Konsument wenige Anreize, das Produkt nach der Beratung im stationären Fachgeschäft on-
line zu beziehen. In diesem Fall könnte er die Ware ebenso gut direkt im Fachgeschäft er-
werben, dessen Personal ihn beraten hat.
90. Gestützt auf die vorstehenden Ausführungen kann festgehalten werden, dass das
Preisniveau im Online-Handel in aller Regel tiefer ist als im stationären Fachhandel. In der
Schweiz bestehen bei Weisswaren-Grosshaushaltsgeräten Preisdifferenzen zwischen 8%
und 46% zwischen dem stationären Fachhandel und dem Online-Handel. Online-Händler
können also als besonders preiskompetitive Anbieter betrachtet werden, welche einen ge-
wissen Wettbewerbsdruck auf die stationären Händler ausüben. Wie nachfolgend gezeigt
wird, erhöht sich dieser Druck aufgrund der durch den Online-Handel angestiegenen Preis-
transparenz zusätzlich.
91. Die Parteien bezweifeln die Übertragbarkeit der Ergebnisse der von der WEKO auf-
geführten Studien auf den konkreten Fall. Dem ist zu entgegnen, dass die Einsichten der von
der WEKO zitierten Studien – mögen sie auch nicht eins zu eins auf den vorliegenden Fall
übertragbar sein – Rückschlüsse für die wettbewerbsrechtliche Beurteilung der in Frage ste-
henden Abreden zulassen. Zudem stellen die Ergebnisse der erwähnten Studien nicht die
alleinige Basis der Aussagen zum Thema der Preisdifferenzen dar. Vielmehr stützt sich die
Würdigung der WEKO auch auf konkrete Befragungen von Marktteilnehmern, welche die Er-
kenntnisse der oben genannten Studien stützen.
D.3.3.1.2. Preistransparenz
92. Eine der Grundannahmen der klassischen Wirtschaftstheorie ist perfekte Information,
d.h., dass alle Marktteilnehmer (Anbieter wie Nachfrager) jederzeit vollständig über alle Prei-
se etc. im Markt informiert sind. Sind die Grundannahmen der Wirtschaftstheorie wie diese
erfüllt, befinden wir uns in einer idealen Welt, in der die Märkte reibungslos funktionieren,
was zu effizienten Marktergebnissen führt. Wenn nun von der Annahme der perfekten Infor-
mation abgewichen wird, was in vielen Fällen durchaus realistisch ist, verlässt man diese
ideale Welt. Eine solche Situation wird in der ökonomischen Theorie in der Regel so model-
liert, dass die Suche nach (Preis)Informationen Kosten verursacht, so genannte Suchkosten.
Suchkosten werden definiert als Kosten, welche für einen Käufer anfallen, um einen geeig-
neten Verkäufer ausfindig zu machen und ein Gut zu erwerben. 45
44 Drei Antworten waren nicht verwertbar. Einzig die V-Zug AG (inkl. Sibir) gab an, dass keine Preis-
differenzen bestehen würden (vgl. act. 31; 35; 37; 39; 48; 52; 56; 94; 108). 45
Mit Kosten müssen dabei nicht unbedingt monetäre Kosten gemeint sein. Bei der  von Konsumenten werden in erster Linie «Zeitkosten» anfallen. Daneben ist aber auch an Fahrkosten (von Geschäft zu Geschäft) etc. zu denken.
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93. Wenn Suchkosten anfallen, kann dies dazu führen, dass die Marktergebnisse nicht
mehr effizient sind und die Gleichgewichtspreise oberhalb der Grenzkosten zu stehen kom-
men. Im Extremfall können von den Firmen gar Monopolpreise gesetzt werden. Müssen In-
formationen erst mühsam beschafft werden, kann es in einem solchen Umfeld also zu ineffi-
zienten Marktergebnissen kommen (im Vergleich zu einer Situation mit vollkommenem Wett-
bewerb). 46
Vereinfacht kann gesagt werden, dass je höher die Suchkosten sind, desto eher
werden ineffiziente Marktergebnisse, sprich überhöhte (oder suprakompetitive) Preise resul-
tieren.
Oder anders ausgedrückt: Je tiefer die Suchkosten sind, desto eher nähern wir uns
der idealen Welt mit tieferen Preisen. 47
94. Es liegt nun auf der Hand, dass die (Preis-)Suchkosten der Konsumenten mit der
Verbreitung des Internets in vielen Bereichen signifikant gesunken sind. Dies ist umso mehr
der Fall, wenn von den Konsumenten Preisvergleichsseiten 48
benutzt werden. Mittels solcher
Preissuchmaschinen kann sich ein Konsument für ein gewünschtes Produkt binnen Sekun-
den einen Überblick über den Markt verschaffen. Er kann sofort sehen, welche Anbieter das
Gut anbieten und welche Preise verlangt werden. Die Suchkosten sind somit äusserst tief,
was zu einer grossen (Preis-)Transparenz für die Konsumenten führt. Aufgrund des Voran-
stehenden kann davon ausgegangen werden, dass durch diese Senkung der Suchkosten
resp. der erhöhten Preistransparenz die in Frage stehenden Märkte reibungsloser funktionie-
ren und die Marktergebnisse sich in Richtung eines effizienten Marktergebnisses mit tieferen
Preisen entwickeln (werden). 49
95. Die Märkte funktionieren infolge der erhöhten Transparenz u.a. darum effizienter, weil
die erhöhte Preistransparenz zu einer grösseren Preiselastizität der Nachfrage – sprich
Preissensibilität der Kunden – und damit zu einem verstärkten Preiswettbewerb führt. 50
Die
höhere Preissensibilität der Konsumenten kann sich im konkreten Fall etwa darin äussern,
dass ein Konsument, der beispielsweise einen freistehenden Kühlschrank kaufen möchte,
dank vorgängiger Information auf dem Internet eine gewisse Vorstellung davon hat, was ein
solches Gerät ungefähr kostet. 51
Wenn nun der Konsument mit diesem Vorwissen in ein sta-
46 Vgl. zum Ganzen JOSEPH E. STIGLITZ, Imperfect Information in the Product Market, in:, Handbook of
Industrial Organization, Schmalensee/Willig (Hrsg.),1989, Vol. 1, 769-847. 47
Vgl. DALE O. STAHL, Oligopolistic Pricing with Sequential Consumer Search, in: The American  Review, Vol. 79, No. 4, September 1989, 700-712; Betreffend differenzierte Güter vgl. J. YANNIS BAKOS, Reducing Buyer Search Costs: Implications for Electronic Marketplaces, in  Science, Vol. 43, No. 12, December 1997.
48 Wie beispielsweise www.toppreise.ch, www.preissuchmaschine.ch oder auch www.comparis.ch.
49 Vgl. zum Ganzen VIVES (Fn 12), 94; JEFFREY R. BROWN/AUSTAN GOOLSBEE, Does the Internet Make
Markets More Competitive? Evidence from the Life Insurance Industry, in: The Journal of Political Economy, Vol. 110, June 2002, 481-507; ERIK BRYNJOLFSSON/ASTRID A. DICK/MICHAEL D. SMITH, A Nearly Perfect Market? Differentiation vs. Price in Consumer Choice, in: Quantitative Marketing and Economics, Vol. 8, No. 1, March 2010, 1-33; BAKOS (Fn 47); JOHN G. LYNCH JR./DAN ARIELY, Wine Online: Search Costs and Competition on Price, Quality, and Distribution, in: Marketing Science, Vol. 19, Winter 2000, 83-103; JUDITH CHEVALIER/AUSTAN GOOLSBEE, Measuring Prices and Price Competition Online: Amazon and Barnes and Noble, in Quantitative Marketing and , 203-222.
50 Vgl. GLENN ELLISON/SARA FISHER ELLISON, Search, Obfuscation, and Price Elasticities on the Inter-
net, in: Econometrica, Vol. 77, No. 2, March 2009, 427-452; LYNCH/ARIELY (Fn 49); BRYNJOLFSSON/DICK/SMITH (Fn 49); LEE BENHAM, The Effect of Advertising on the Price of , in: Journal of Law and Economics, Vol. 15, No. 2, October 1972, 337-352; VIVES (Fn 12), 94.
51 Konsumenten konnten sich auch früher (und können es heute noch) in verschiedenen stationären
Fachgeschäften über das Produktangebot und die geltenden Preise eine Vorstellung machen. Oder Konsumenten können sich bei verschiedenen stationären Fachhändlern per Telefon über die Preise eines bestimmten Produkts informieren. Im Unterschied zur Informationssuche per Internet fallen bei diesen Methoden jedoch ungleich höhere Suchkosten an (man denke z.B. an den , um von Geschäft zu Geschäft zu fahren).
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tionäres Fachgeschäft geht und dort sieht, dass die Kühlschränke mehr kosten als seine
Preissuche ergeben hat, kann oder wird er den Fachhändler auf die Internet-Preise anspre-
chen und nach einer Preisanpassung fragen. Dies übt einen Druck auf den Fachhändler aus,
seine Preise in dieselbe Richtung anzupassen. 52
96. Dieser Umstand wird durch die Befragung des Sekretariats bestätigt. Einige der be-
fragten Händler begrüssen ein Verbot von Internetverkäufen explizit mit der Begründung,
dass der Online-Handel zu einem Preisverfall führe. 53
Ein Händler führte beispielsweise wört-
lich aus:
«[...] Und das ist sowieso eine Schweinerei, dass es Internet handel gibt. Die-
se Händler bewegen sich absolut nicht, und machen sich auch den Rücken
nicht kaput. Wir hingegen haben den ganzen Aufwand, und verdienen damit
viel zu wenig. Der Internet handel sollte total verschwinden !!! Ich finde Elect-
rolux macht es absolut richtig, dass sie sich von Internethandel eher distanzie-
ren, oder sogar zurück ziehen wollen. Solche Internet-Firmen zerstören die
KMU's. Es sollte schon lange einen Preisüberwacher geben der dafür sorgt,
dass die Preise nicht zu tief sinken. Der %-Kampf sollte vom Markt schon lan-
ge verschwinden !!!» 54
Ein anderer vermerkte:
«Der Internethandel ist kein Fachhandel und macht den Markt total kapputt», 55
und ein weiterer:
«Une entreprise qui a un magasin avec service après-vente, qui crée des pos-
tes de travail et forme des apprentis comme la mienne, je suis souvent décou-
ragé par des prix vendus sur le net et nous savons évidement que les marges
sont insignifientes et ne permettent d'avoir des employés ni former des ap-
prentis. Nous appelons cela la concurrence déloyale.» 56
97. In einer empirischen Untersuchung weisen Jeffrey R. Brown und Austan Goolsbee
nach, dass die Offline-Preise von (ziemlich homogenen) Versicherungsverträgen mit dem
Aufkommen von Internet-Vergleichsseiten signifikant gesunken sind (um 8–15%). Die ge-
stiegene Transparenz resp. der intensivierte Wettbewerb aufgrund des Internets, insbeson-
dere durch Preisvergleichsseiten, hatten gemäss dieser wissenschaftlichen Untersuchung
einen signifikanten Einfluss auf das Preisniveau im untersuchten Markt. Der gestiegene Ge-
brauch des Internets resp. von Preisvergleichsseiten scheint zudem für die erwähnten Preis-
senkungen kausal gewesen zu sein. 57
98. Aus den oben genannten Gründen wehren sich Hersteller z.T denn auch gegen eine
Erhöhung der Preistransparenz durch das Internet. Eine solche «Vernebelungs-Strategie»
kann beispielsweise darin bestehen, viele verschiedene Produktvarianten und -modelle des-
52 Der beschriebene Effekt der Preistransparenz wird zusätzlich verstärkt durch die Verbreitung von
Smartphones. Mittels dieser Geräte können Kunden in einem stationären Fachgeschäft vor Ort die Preise eines Geräts mit einer Vielzahl anderer Anbieter über das Internet vergleichen.
53 Act. 20; 25; 86; 97; 115; 119; vgl. in diesem Sinne folgende Aussage eines Fahrradhändlers:«[...]
und der Internethandel, der über die Landesgrenzen hinaus Preistransparenz schafft, zwingen uns, laufend kleinere Reserven einzurechnen. Sonst bleiben wir auf unserer Ware sitzen.», Teurer Franken sorgt noch nicht für günstigere Velos, NZZ vom 10. Februar 2011, 56.
54 Act. 20.
55 Act. 86.
56 Act. 119.
57 Vgl. BROWN/GOOLSBEE (Fn 49).
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selben Produkts anzubieten, was Preisvergleiche erschwert. 58
Auch der nachfolgend be-
schriebene Sachverhalt ist vor diesem Hintergrund zu betrachten: Ein grosser gemischter
Weisswaren-Händler hat vor dem von der Electrolux AG angekündigten generellen Verbot
von Internetverkäufen Produkte dieser Marke unter Angabe des Nettoverkaufspreises auf
dem Internet angepriesen. Seit einiger Zeit wird für Produkte der Marke Electrolux auf der In-
ternetseite des Händlers – im Gegensatz zu Produkten anderer Marken – kein Preis mehr
angegeben. Es ist lediglich noch folgender Hinweis auf eine kostenpflichtige Telefonnummer
ersichtlich: «Tagestiefpreis 0848 822 434». Die Verkaufspreise werden also nicht mehr auf
der Internetseite angegeben, wo sie auf den ersten Blick ersichtlich sind. Auf diese Weise
wird einer Senkung der Suchkosten resp. einer Erhöhung der Preistransparenz durch das In-
ternet entgegengewirkt. Die Produkte des Herstellers Miele werden seit Beginn des Jahres
2011 auf dieselbe Art und Weise «angepriesen». Als weiteres Indiz in diese Richtung kommt
hinzu, dass gewisse Produkte beim Online-Shop eines grossen, bekannten Händlers gar
nicht mehr online bestellt werden können.
99. Mittels solcher Praktiken werden die prokompetitiven Effekte des Online-Handels
weitgehend zunichte gemacht. Die Vernebelung der Preisinformationen führt dazu, dass die
durch den Verkauf über das Internet erreichte Preistransparenz wieder eliminiert wird.
100. Dazu gilt es anzufügen, dass wenn Produkte in einem Online-Shop zum Verkauf  werden, der tatsächlich zu bezahlende Preis anzugeben ist. Dies gebietet die
Verordnung über die Bekanntgabe von Preisen (Preisbekanntgabeverordnung, PBV; SR
942.211), welche statuiert, dass «...Für Waren, die dem Konsumenten zum Kauf angeboten
werden, [...] der tatsächlich zu bezahlende Preis in Schweizerfranken (Detailpreis) bekannt-
zugeben...“ ist (Art. 3 Abs. 1) sowie bestimmt, dass „...Detail- und Grundpreise [...] leicht
sichtbar und gut lesbar sein [müssen]...“ und diese „...in Zahlen bekanntzugeben...» sind
(Art. 8 Abs. 1). Diesen Vorschriften zufolge ist es als problematisch zu erachten, dass der
Konsument den tatsächlich zu bezahlenden Preis (i) nicht leicht bzw. gar nicht sieht und (ii)
diesen auch nicht ohne Weiteres erfahren kann. In diesem Sinne ist von Händlern und Her-
stellern zu fordern, dass sie keine Massnahmen treffen, mit welchen die Bekanntgabe von
Verkaufspreisen auf dem Internet erschwert oder verunmöglicht wird.
101. Die Parteien bezweifeln die Aussagekraft der Ausführungen der WEKO zur Preis-
transparenz. Die V-Zug AG macht insbesondere geltend, dass Transparenz keinen Online-
Handel voraussetze und nicht durch Online-Shops sondern durch den stationären Fachhan-
del geschaffen werde. Dem ist zu entgegnen, dass grundsätzlich beide Absatzkanäle zur
Transparenz für die Konsumenten beitragen. Zu betonen ist jedoch, dass – wie vorstehend
ausführlich dargelegt – die (Preis)Transparenz durch den Onlinevertrieb massiv erhöht wird.
102. Es kann vorerst festgehalten werden, dass die relativ tiefen Preise der Online-
Händler und die durch den Online-Handel insgesamt erhöhte Preistransparenz den Wettbe-
werbsdruck im Markt erhöhen. Versuche der Anbieter, die durch den Online-Handel erhöhte
Preistransparenz zu untergraben, sind als problematisch einzustufen.
103. Vor dem Hintergrund des Voranstehenden wird nachfolgend noch kurz auf die Anrei-
ze der Hersteller zur Einschränkung des Online-Handels eingegangen. Wie oben gezeigt
wurde, hat der Online-Handel das Potenzial, die Verkaufspreise resp. das Preisniveau der
Produkte unter Druck zu setzen. Diese Tendenz zu einem tieferen Endverkaufspreis-Niveau
spüren in einem ersten Schritt die Händler, welche die in Frage stehenden Produkte vertrei-
ben. Eine Aufrechterhaltung eines gewissen Preisniveaus ist aber durchaus (auch) im Inte-
resse der Hersteller: Solange nämlich der Druck auf die Endverkaufspreise gering ist, gera-
ten auch Hersteller in der Regel ebenfalls weniger unter Preisdruck, denn verfügen die
58 Vgl. ELLISON/FISHER ELLISON (Fn 50).
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Händler über eine – aus ihrer Sicht – genügend grosse Marge, 59
dürften sie auch den Ein-
standspreis weniger in Frage stellen. Gerät nun das Preisniveau aufgrund des Online-
Handels unter Druck, schlägt sich dies direkt in tieferen Margen der Händler nieder. Kommen
die Margen der Händler auf diese Weise unter Druck, können die Händler versuchen, dieser
Einbusse durch das Hinwirken auf tiefere Einstandspreise entgegenzutreten. Dies führt
schliesslich zu einem Druck auf die Einstandspreise und damit auf die Margen der Hersteller.
104. Die V-Zug AG führt diesbezüglich aus dass: «Internet-Verkäufe [...] der Marke ZUG
[schaden] und [...] unsere Position beim klassischen Fachhandel [beeinträchtigen]. Wieder-
verkäufer reduzieren deshalb unsere Gerätepräsenz in den Ausstellungen und/oder wech-
seln auf andere Produkte. Damit sind der Erfolg unseres Unternehmens, die Positionierung
der Marke und Arbeitsplätze gefährdet.» 60
105. Ein Indiz, dass der zunehmende Preisdruck bei den Endkundenpreisen zu einem
Druck auf die Einstandspreise und damit auf die Margen der Hersteller führt, ist [...]. Vor die-
sem Hintergrund haben die Hersteller ein Interesse daran, gegen den aufkommenden Wett-
bewerbsdruck durch den Online-Handel, welcher tendenziell zu einem tieferen Preisniveau
führt, entgegenzuwirken.
D.3.3.1.3. Beschränkung des passiven Verkaufs
106. Gemäss Ziffer 12 Abs. 2 lit. c VertBek werden Abreden als qualitativ schwerwiegend
betrachtet, wenn sie Beschränkungen des aktiven oder passiven Verkaufs an Endverbrau-
cher durch auf der Einzelhandelsstufe tätige Mitglieder eines selektiven Vertriebssystems
zum Gegenstand haben; dies gilt unbeschadet der Möglichkeit, Mitgliedern des Systems zu
untersagen, Geschäfte von nicht zugelassenen Niederlassungen aus zu betreiben. Internet-
verkäufe gelten dabei nach Ziffer 3 VertBek grundsätzlich als passive Verkäufe.
107. In der Praxis der EU, welche in den Leitlinien festhält, dass es prinzipiell jedem Händ-
ler erlaubt sein muss, das Internet für den Verkauf von Produkten zu nutzen, wird eine eige-
ne Website in der Regel als Form des passiven Verkaufs angesehen, denn damit werde den
Kunden ein angemessenes Mittel zur Verfügung gestellt, den Händler zu erreichen. Wie die
WEKO in der VertBek festgehalten hat, kommen die europäischen Regeln möglichst auch in
der Schweiz zur Anwendung (Erw. VII).
108. Vor diesem Hintergrund ist das generelle und für sämtliche Wiederverkäufer unter-
schiedslos geltende Verbot, Produkte über das Internet zu verkaufen, als Beschränkung des
passiven Verkaufs zu qualifizieren. Dies, weil ein solches Verbot Webseiten von Händlern
uneingeschränkt erfasst und darüber hinaus auch keine Differenzierung nach den verschie-
denen Kategorien von Händlern vorsieht, d.h. sowohl zu einem allfälligen selektiven Ver-
triebssystem zugelassene wie auch nicht zugelassene Händler erfasst werden.
109. Electrolux AG trägt in diesem Zusammenhang verschiedene Gründe vor, warum die
vorstehend dargelegten Aspekte hinsichtlich der VertBek auf den konkreten Fall nicht an-
wendbar sein sollen (act. 190, Rz 15). Electrolux AG führt insbesondere ins Feld, dass es vor
der Publikation der VertBek keine Anzeichen dafür gegeben hätte, dass die Behinderung des
Onlinevertriebs unzulässig sein könnte (act. 190, Rz 14). Dazu gilt es Folgendes zu sagen:
 Unter den Begriff „Passiver Verkauf“ gemäss Ziffer 3 VertBek fällt die Erfüllung unaufge-
forderter Bestellungen einzelner Kunden (Endkunden oder Händler) aus einem Gebiet
oder einzelner Mitglieder einer Kundengruppe, das bzw. die der Anbieter sich selbst
59 Die Marge eines Händlers ist die Differenz zwischen Endverkaufspreis und Einstandspreis.
60 Act. 113.
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vorbehalten oder ausschliesslich einem anderen Händler zugewiesen hat, d.h. das Lie-
fern von Waren an bzw. das Erbringen von Dienstleistungen für solche Kunden.
 Ziffer 19 VertBek besagt einzig, dass Vereinbarungen, welche vor dem 1. August 2010
in Kraft traten und den Kriterien der aufgehobenen VertBek 61
(nachfolgend: aVertBek)
entsprachen, vom Anwendungsbereich der neuen VertBek ausgenommen sind, wenn
sie mit dieser nicht vereinbar sind.
 Fest steht auf jeden Fall, dass Internetverkäufe auch nach der aufgehobenen VertBek
als passive Verkäufe qualifiziert worden wären, sodass ein entsprechendes Verbot kei-
nesfalls mit der aVertBek vereinbar gewesen wäre.
110. Aus diesen Gründen ist ein generelles Verbot von Internetverkäufen in qualitativer
Hinsicht gemäss Ziffer 12 Abs. 2 VertBek bereits dem Gegenstand nach als erhebliche
Wettbewerbsabrede zu qualifizieren.
D.3.3.1.4. Fazit
111. Im Lichte des Voranstehenden kann festgehalten werden, dass die tendenziell tiefe-
ren Preise, welche im Online-Handel gegenüber dem stationären Fachhandel bezahlt wer-
den und die durch den Online-Handel erhöhte Preistransparenz für die Konsumenten, einen
disziplinierenden Effekt auf den stationären Handel ausüben. Dies wiederum führt dazu,
dass das Preisniveau und damit die Margen für die Händler resp. Hersteller im Markt für
Weisswaren-Grosshaushaltsgeräte unter Druck geraten. Ein Verbot des Online-
Handelskanals würde im Ergebnis dazu führen, dass dieser Preisdruck wegfällt, was mit ei-
nem höheren (resp. nicht sinkenden) Preisniveau einhergehen dürfte. Der Ausschluss resp.
die Einschränkung des Verkaufskanals Internet beeinträchtigt demnach den Wettbewerbspa-
rameter Preis.
112. Somit ist bereits von daher davon auszugehen, dass ein generelles Verbot resp. eine
Behinderung des Online-Handels in qualitativer Hinsicht als schwerwiegend einzustufen ist.
Darüber hinaus wurde dargelegt, dass es sich auch dem Gegenstand nach um qualitativ
schwerwiegende Abreden i.S.v. Ziffer 12 Abs. 2 VertBek handelt.
D.3.3.2. Quantitative Kriterien
113. Nachfolgend wird die Frage geprüft, wie umfassend der Markt von einer Wettbe-
werbsabrede tangiert ist. Je marktumfassender die Wirkung einer Abrede, desto eher ist da-
von auszugehen, dass eine quantitativ schwerwiegende Wettbewerbsbeeinträchtigung vor-
liegt. 62
Bevor dies beurteilt werden kann, muss zuerst der relevante Markt abgegrenzt wer-
den.
D.3.3.2.1. Relevanter Markt
Sachlich relevanter Markt
114. Der sachlich relevante Markt umfasst alle Waren oder Leistungen, die von der Markt-
gegenseite hinsichtlich ihrer Eigenschaften und ihres vorgesehenen Verwendungszwecks als
substituierbar angesehen werden (Art. 11 Abs. 3 lit. a der Verordnung vom 17. Juni 1996
über die Kontrolle von Unternehmenszusammenschlüssen [VKU; SR 251.4]).
61 Siehe Bundesblatt 2007, S. 7597 ff. (abrufbar unter http://www.admin.ch/ch/d/ff/2007/7597.pdf).
62 Vgl. zum Ganzen BSK KG-KRAUSKOPF/SCHALLER (Fn 38), Art. 5 KG N 230 ff.
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115. Nach der Praxis der WEKO kann der Markt für Elektrogeräte in vier Teilmärkte unter-
teilt werden: 63
 Weisswaren (Gross- und Kleinhaushaltsgeräte)
 Braunwaren (Audio, Vision und Foto)
 Grauwaren (PC-Software/-Hardware, Spiele und Kommunikation)
 CDs/DVDs.
116. Anlässlich der vertieften Prüfung des Zusammenschlusses Coop/Fust hat die WEKO
die vorstehende Marktabgrenzung präzisiert und ist dabei im Bereich der Weisswaren von
folgenden Produktgruppen als zwei unterschiedliche relevante Märkte ausgegangen:
 Grosshaushaltsgeräte
 Kleinhaushaltsgeräte
117. Dies deshalb, weil sich die Geräte hinsichtlich ihrer Anschaffungswerte unterschei-
den: Bei Kleinhaushaltsgeräten handelt es sich um Produkte der Preisklasse bis maximal
CHF 200–300. Demgegenüber liegen die Einstiegspreise für Grosshaushaltsgeräte
(Waschmaschinen, Trockner, Spülmaschinen etc.) in der Regel bei nicht unter CHF 600. Zu-
dem werden Kleinhaushaltsgeräte von beinahe allen Konsumenten gekauft, während Gross-
haushaltsgeräte z.B. in Mietwohnungen in der Regel vom Eigentümer zur Verfügung gestellt
und angeschafft werden. Zielpublikum für Grosshaushaltsgeräte sind neben den Endver-
brauchern dementsprechend zu einem guten Teil auch Wohneigentümer. 64
118. Der vorliegende Fall betrifft Grosshaushaltsgeräte wie Waschmaschinen, Trockner,
Kühlschränke etc. Es ist davon auszugehen, dass der Markt für Weisswaren-
Grosshaushaltsgeräte nach dem Bedarfsmarktkonzept weiter unterteilt werden müsste in
Märkte für die einzelnen Gerätekategorien (Waschmaschinen, Geschirrspüler etc.). Da es
auf das Resultat der vorliegenden Untersuchung aber keinen Einfluss hat, kann dies in casu
offengelassen werden. Daher werden im Folgenden Weisswaren-Grosshaushaltsgeräte als
Ganzes als relevanter sachlicher Markt betrachtet.
Räumlich relevanter Markt
119. Der räumliche Markt umfasst das Gebiet, in welchem die Marktgegenseite die den
sachlichen Markt umfassenden Waren oder Leistungen nachfragt oder anbietet (Art. 11 Abs.
3 lit. b VKU, der hier analog anzuwenden ist).
120. In vorliegendem Fall sprechen folgende Umstände für eine nationale Abgrenzung des
geographisch relevanten Marktes:
 Unterschiedliche Normen: Die Norm-Breite für Grosshaushaltsgeräte in der Schweiz ist
55 cm (SMS-Norm), wohingegen in Europa die EURO-Norm von 60 cm (EN 1116) gilt.
In der Schweiz sind Produkte beider Normen im Umlauf, wobei momentan rund 50% der
Geräte der SMS-Norm und ungefähr 50% der EURO-Norm entsprechen. 65
 Unterschiedliche Spannung: In der Schweiz angebotene Elektrogeräte sind allgemein
auf 230 Volt Spannung ausgerichtet. Haushaltsgeräte mit besonderer Heizleistung je-
63 RPW 2008/3, 481, Rz 72, Coop/Fust.
64 RPW 2008/3, 482, Rz 85, Coop/Fust.
65 Vgl. act. 153, Präsentation.
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doch, wie z.B. Kochherde oder Backöfen sind im Unterschied zum Ausland auf eine
Spannung von 400 Volt ausgerichtet. 66
 Gerätetypen/Lebensdauer: In der Schweiz verkaufte Geräte(typen) unterscheiden sich
gemäss Aussagen von Electrolux z.T. von denjenigen, welche im Ausland verkauft wer-
den. Die Geräte, welche für den Schweizer Markt hergestellt werden, scheinen insbe-
sondere [...]. 67
 Einbaugeräte: In der Schweiz werden neben freistehenden Geräten auch viele Einbau-
geräte nachgefragt. Dies scheint im europäischen Ausland nicht gleichermassen der Fall
zu sein.
121. Die oben genannten Gründe legen nahe, dass die Nachfrage nach Weisswaren-
Grosshaushaltsgeräten in der Schweiz im Unterschied zum umliegenden Ausland einige Be-
sonderheiten aufweist. Die angebotenen Geräte/Sortimente in der Schweiz und im benach-
barten Ausland unterscheiden sich denn auch teilweise. Ohne die Frage abschliessend zu
beurteilen, wird deshalb vorliegend in räumlicher Hinsicht von nationalen Märkten ausgegan-
gen.
D.3.3.2.2. Aktuelle und potenzielle Konkurrenz
122. Auf dem relevanten Markt sind im Wesentlichen folgende Anbieter tätig: Die Electro-
lux AG (mit den Marken Electrolux, AEG und Zanussi), die V-Zug AG (mit den Marken V-
Zug, Sibir und Gehrig), die Miele AG, die Bauknecht AG (mit den Marken Bauknecht und
Whirlpool), die Schulthess Maschinen AG und die Siemens-Bosch AG. Daneben gibt es
noch eine Reihe kleinerer Anbieter, wie die Kenwood AG, die Fors-Liebherr AG und die
Candy Hoover AG, doch bieten diese Unternehmen entweder nur bestimmte Produktkatego-
rien an oder sind – im Vergleich mit den sechs grössten Unternehmen – bezüglich der erziel-
ten Umsätze bzw. der Marktanteile von eher untergeordneter Bedeutung. Nachfolgende Gra-
fik gibt eine Übersicht über die Marktanteile der verschiedenen Anbieter.
66 Dem Betrieb eines auf 230 Volt ausgerichteten ausländischen Geräts in der Schweiz steht jedoch
bei fachmännischer Montage an einen 400 Volt Anschluss nichts im Weg: ein solches Gerät bedarf insbesondere keiner technischen Umrüstung.
67 Act. 146, Präzisierungsfragen, 3 u. 14.
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Abbildung 1: Marktanteile Anbieter von Weisswaren-Grosshaushaltsgeräten
Quelle: Erhebungen des Sekretariats
123. Der Abbildung kann entnommen werden, dass die V-Zug AG und die Electrolux AG
mit Marktanteilen von je [20–30]% Marktführer sind, gefolgt von der Miele AG mit [10-20]%
und der Siemens Bosch AG sowie der Bauknecht AG, mit je [0-10]%. Es ist anzunehmen,
dass die V-Zug AG resp. die Electrolux AG in einzelnen Produktsegmenten (wie Waschau-
tomaten, Kochfelder, Kühlschränke etc.) höhere Marktanteile aufweisen als über den gesam-
ten Bereich der Grosshaushaltsgeräte betrachtet (Vgl. auch Rz 118).
124. Betreffend der Marktanteile ist Folgendes anzufügen:
 Gemäss der Ziffer 13 Abs. 1 VertBek führen «Wettbewerbsabreden [...] nicht zu einer
erheblichen Beeinträchtigung des Wettbewerbs, wenn kein an der Abrede beteiligtes
Unternehmen auf einem von der Abrede betroffenen relevanten Markt einen Marktanteil
von 15% überschreitet.» Diese de-minimis Schwelle wird sowohl von der Electrolux AG
als auch von der V-Zug AG klar überschritten.
 In der ökonomischen Literatur ist weitgehend unbestritten, dass vertikale Restriktionen
insbesondere dann schädlich sein können, wenn die beteiligten Unternehmen Markt-
macht haben. 68
Mit den oben erwähnten Marktanteilen der V-Zug AG und der Elektrolux
AG ist davon auszugehen, dass die beiden Unternehmen bereits einzeln über eine star-
ke Stellung im Markt verfügen und es durch die Restriktionen des Online-Handels zu
Auswirkungen im Markt kommt.
125. Gestützt auf die Marktstatistik des Fachverbandes für Haushalt und Gewerbe
Schweiz (FEA) für die Jahre 2008 und 2009, 69
welche Auskunft über die verkauften Stück-
zahlen gibt, ist die Marktentwicklung bei Grosshaushaltsgeräten rückläufig. Diese Entwick-
lung wird durch einen leichten Rückgang im Wohnungsbau dokumentiert, und zwar sowohl
im Neubau- als auch im Renovationsmarkt. Der Absatz von Grosshaushaltsgeräten ist aber
68 Vgl.z.B. MASSIMO MOTTA, Competition Policy, Theory and Practice, 2004, 302 ff. Motta schlägt
diesbezüglich aus praktischen Gründen vor, vertikale Restriktionen dann genauer zu untersuchen, wenn ein beteiligtes Unternehmen Marktanteile von 20-30% hat (MOTTA, Competition Policy, 377 f.).
69 Die Statistiken sind abrufbar unter: http://www.fea.ch.
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in der jüngsten Vergangenheit wieder etwas gewachsen. Der Markt für Grosshaushaltsgerä-
te ist somit als gesättigt bis leicht wachsend zu betrachten.
126. Im Markt für Weisswaren-Grosshaushaltsgeräte kam es in den letzten fünf Jahren zu
keinen Markteintritten. Gemäss der Electrolux AG sind in der Schweiz bereits viele namhafte
Anbieter vertreten. Es könne aber aufgrund von Markteintritten in [europäischen Ländern]
auch in der Schweiz in Zukunft mit Marktzutritten gerechnet werden. 70
[...]. Selbst wenn die
Aussage der Electrolux AG zutreffen sollte, ist aufgrund der starken Marktstellung der füh-
renden Anbieter einschränkend zu erwähnen, dass sich die Marktverhältnisse durch einen
möglichen neuen Mitbewerber – wenn überhaupt – erst längerfristig verändern dürften.
127. Aufgrund der beschriebenen Marktanteile der Electrolux AG und der V-Zug AG und
der relativ stabilen Situation auf dem Markt ist davon auszugehen, dass das Verbot resp. die
Beschränkungen des Online-Handels Auswirkungen auf den in Frage stehenden Markt ha-
ben.
128. Erschwerend kommt in vorliegendem Fall hinzu, dass die Electrolux AG und die V-
Zug AG in zeitlicher Nähe beide eine Einschränkung des Online-Handels mit ähnlichen Aus-
wirkungen implementieren wollten. Die beiden Marktführer haben beide ein generelles Ver-
bot von Internetverkäufen resp. deren Behinderung angekündigt. Diese beiden Anbieter be-
dienen gut 50% des relevanten Marktes mit Weisswaren-Grosshaushaltsgeräten (siehe Rz
113 f. hiervor).
129. Gemäss Ziffer 13 Abs. 2 VertBek liegt kein kumulativer Abschottungseffekt vor, wenn
weniger als 30% des relevanten Marktes von gleichartigen, nebeneinander bestehenden ver-
tikalen Vertriebsnetzen abgedeckt werden. In casu wird der relevante Markt von gleicharti-
gen, nebeneinander bestehenden vertikalen Vertriebsnetzen abgedeckt, deren Marktanteil
insgesamt gut 50% beträgt. Die Unerheblichkeits-Schwelle, welche in der VertBek statuiert
wird, ist also in casu deutlich überschritten.
130. Aufgrund des Voranstehenden, insbesondere der zeitnahen Einführung vertikaler Be-
schränkungen durch die beiden Marktführer, welche beide den Vertrieb über den Online-
Handel ausschliessen resp. einschränken wollten, kann von erheblichen, kumulativen Aus-
wirkungen auf den relevanten Markt ausgegangen werden.
131. Nicht auszuschliessen ist ferner, dass das Vorgehen der beiden Marktführer Electro-
lux AG und V-Zug AG – ohne Eingriff der WEKO – Signalwirkung auf weitere Anbieter der
Branche gehabt hätte. Dies indiziert der Umstand, dass im Verlaufe dieser Untersuchung
weitere in der Schweiz tätige Anbieter dem Sekretariat neue resp. überarbeitete Vertriebs-
systeme zur Prüfung vorgelegt haben, welche grundsätzlich ähnliche Auswirkungen zeitigen
können wie die in Frage stehenden Abreden.
Exkurs: Kumulative Auswirkungen selektiver Vertriebssysteme
132. Es scheint sich um eine branchenweite Tendenz zu handeln, Grosshaushaltsgeräte
vermehrt über selektive Vertriebssysteme zu vertreiben. Es stellt sich somit die Frage, ob
und inwiefern mehrere, nebeneinander bestehende selektive Vertriebssysteme Auswirkun-
gen auf den relevanten Markt haben können.
133. Die Europäische Kommission hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und in
den Leitlinien dargelegt, ob und wann kumulative Wirkungen von mehreren selektiven Ver-
triebssystemen in ein und demselben Markt als problematisch erachtet werden. Die Europäi-
sche Kommission geht davon aus, dass, wenn die meisten grossen Anbieter ihre Produkte
selektiv vertreiben, ein erheblicher Verlust an markeninternem Wettbewerb zu befürchten ist,
70 Act. 146, Präzisierungsfragen, 2 f.
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der zur Folge haben kann, dass bestimmte Kategorien von Händlern vom Markt ausge-
schlossen werden und das Risiko der Kollusion zwischen den grössten Anbietern erhöht
wird. In den Leitlinien wird weiter festgehalten, dass der selektive Vertrieb ein besonders ge-
eignetes Mittel ist, um dem Wettbewerbsdruck zu entgehen, den Discountbetriebe (ob Off-
line- oder Online) auf die Gewinnspannen des Herstellers und der Vertragshändler ausüben.
Der Ausschluss solcher Vertriebsmethoden, ob aufgrund kumulativer Anwendung des selek-
tiven Vertriebs oder aufgrund dessen Anwendung durch einen einzelnen Anbieter mit einem
Marktanteil von über 30%, reduziert die Möglichkeiten der Verbraucher, die mit diesen Ver-
triebsmethoden verbundenen Vorteile wie niedrigere Preise, mehr Transparenz und besserer
Zugang in Anspruch zu nehmen.
134. Die Leitlinien besagen, dass wenn sich aus selektiven Vertriebssystemen, die jedes
für sich genommen nach der GVO freigestellt sind, kumulative Wirkungen ergeben, der Ent-
zug der Freistellung oder eine Erklärung der Nichtanwendung der GVO erwogen werden
kann. Eine kumulative Wirkung ist dabei dann wahrscheinlich, wenn
 solche Systeme mehr als 50% eines Marktes abdecken und
 die Summe der Marktanteile der fünf grössten Anbieter über 50% liegt.
135. Werden diese beiden Schwellen erreicht, gilt es zu würdigen, ob die fünf grössten
Anbieter ihre Produkte über ein selektives Vertriebssystem absetzen. Je stärker die Wettbe-
werber sind, die sich nicht des selektiven Vertriebs bedienen, desto unwahrscheinlicher ist
der Ausschluss anderer Vertriebshändler vom Markt. Setzen alle fünf Anbieter auf selektiven
Vertrieb, können insbesondere Vereinbarungen, bei denen quantitative Kriterien zum Tragen
kommen und die Zahl der Vertragshändler unmittelbar begrenzen oder die qualitative Kriteri-
en anlegen (z.B. die Bedingung, dass der Händler über einen oder mehrere physische Ver-
kaufspunkte verfügen muss), was den Ausschluss bestimmter Vertriebsmethoden bewirkt,
Probleme für den Wettbewerb bereiten.
136. Die Freistellungsvoraussetzungen gemäss Artikel 101 Absatz 3 AEUV sind gemäss
den Leitlinien in der Regel nicht erfüllt, wenn die fraglichen Selektivvertriebssysteme den
Marktzugang neuer Vertriebshändler (insbesondere Discounter oder reine Internethändler,
die den Verbrauchern niedrigere Preise anbieten), die in der Lage sind, die fraglichen Pro-
dukte angemessen zu verkaufen, verwehren und dadurch den Vertrieb zugunsten bestimm-
ter bestehender Kanäle und zum Schaden der Endverbraucher einschränken.
137. Vor diesem Hintergrund und übertragen auf den vorliegenden Fall sind beide vorste-
hend erläuterten Schwellen erfüllt: Einerseits decken die selektiven Vertriebssysteme der
Electrolux AG und der V-Zug AG zusammen mehr als 50% des relevanten Marktes ab und
andererseits übersteigt die Summe der Marktanteile der fünf grössten Anbieter im Markt die
50%-Marke (siehe Rz 113 f. hiervor).
138. Da vorliegend beide Schwellen erreicht sind, gilt es zu prüfen, ob sämtliche der fünf
grössten Anbieter im Markt ihre Produkte über ein selektives Vertriebssystem vertreiben und
wie die Stellung derjenigen Anbieter zu würdigen ist, die über kein selektives Vertriebssys-
tem verfügen. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand verfügt – neben der Electrolux AG und
der V-Zug AG – auch die [...] über ein selektives Vertriebssystem. Die [...], welche ihre Pro-
dukte nicht selektiv vertreiben. Deren Marktanteile sind jedoch, sowohl einzeln wie auch
kombiniert betrachtet, im Vergleich zu denjenigen der Marktführer deutlich geringer: Den
Marktanteilen der nicht selektiv vertreibenden [...] von [...] stehen die deutlich höheren indi-
viduellen Marktanteile der selektiv vertreibenden Electrolux AG [20–30%], V-Zug AG [20–
30%] und [...] gegenüber. Zudem vereinigen die [...] und die [...] gemeinsam [...] der Markt-
anteile auf sich, während dem der gemeinsame Marktanteil der Electrolux AG, der V-Zug AG
und der [...] [50-80%] beträgt. Dies zeigt, dass die Stellung der [...] und der [...] im relevan-
ten Markt als eher schwach einzustufen ist.
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139. Diese Gründe lassen klar darauf schliessen, dass – nach europäischer Praxis – die in
Frage stehenden kumulativen Auswirkungen von selektiven Vertriebssystemen als wettbe-
werbsrechtlich problematisch eingestuft würden. Hält man sich nun die entsprechenden Re-
gelungen in der Schweiz vor Augen, so wird ersichtlich, dass die vorstehende Einschätzung
umso mehr auf den vorliegenden Fall zutrifft (siehe Rz 129 hiervor). Hervorzuheben gilt es
zudem, dass es sich bei der Electrolux AG und der V-Zug AG um die beiden Marktführer
handelt.
D.3.3.2.3. Fazit
140. Aufgrund der Marktanteile der Electrolux AG und der V-Zug AG von einzeln je
[20–30]% und der kumulativen Auswirkungen gleichartiger, nebeneinander stehenden Be-
schränkung des Online-Handels, welche gut 50% des relevanten Marktes abdecken, kann es
als gegeben betrachtet werden, dass in casu quantitativ schwerwiegende Abreden vorliegen.
D.3.3.3. Zwischenergebnis
141. Die Parteien machen geltend, es liege keine erhebliche Beeinträchtigung des Wett-
bewerbs vor. V-Zug begründet dies im Wesentlichen damit, dass die von der WEKO festge-
stellten negativen Auswirkungen auf den Online-Handel sich nur auf ein generelles Verbot
von Internetverkäufen beziehen würden (act. 192, Rz. 52 ff.). Dem ist zu entgegnen, dass
sich die von der WEKO festgestellten Auswirkungen – wie Eingangs erwähnt (Rz 44) – auch
auf Beschränkungen des Online-Handels beziehen. Zudem beabsichtigte die V-Zug erwie-
senermassen ebenfalls die Einführung eines generellen Verbotes von Online-Verkäufen (Rz
33).
142. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die vorliegend zu beurteilenden
Wettbewerbsabreden nicht zur Beseitigung des wirksamen Wettbewerbs führen, diese je-
doch den Wettbewerb auf dem relevanten Markt erheblich beeinträchtigen. In qualitativer
Hinsicht fällt dabei ins Gewicht, dass mit der Beschränkung resp. dem Ausschluss des Onli-
ne-Handels ein besonders preiskompetitiver Verkaufskanal vom Wettbewerb ausgenommen
wird. Zudem nimmt durch die Beschränkung resp. den Ausschluss des Vertriebskanals In-
ternet die Preistransparenz für die Endkonsumenten ab. Diese beiden Umstände haben ei-
nen negativen Einfluss auf den Wettbewerbsdruck und auf das Preisniveau im Markt. Unab-
hängig davon, fällt erschwerend ins Gewicht, dass die Wettbewerbsabreden gemäss Ziffer
12 Abs. 2 VertBek dem Gegenstand nach als qualitativ schwerwiegend einzustufen sind.
Auch in quantitativer Hinsicht sind die Abreden aufgrund der hohen Marktanteile und der
damit verbundenen starken Marktstellung der Electrolux AG resp. der V-Zug AG als schwer-
wiegend einzustufen. Darüber hinaus bestehen die beschriebenen Wettbewerbsabreden auf
demselben Markt parallel nebeneinander und betreffen insgesamt Marktanteile von rund
50%.
D.3.4. Rechtfertigung aus Effizienzgründen
143. Liegt eine den Wettbewerb erheblich beeinträchtigende Abrede vor, ist zu prüfen, ob
diese gemäss Art. 5 Abs. 2 KG gerechtfertigt ist. Laut Art. 5 Abs. 2 KG sind Wettbewerbsab-
reden durch Gründe der wirtschaftlichen Effizienz gerechtfertigt, wenn sie:
a) notwendig sind, um die Herstellungs- oder Vertriebskosten zu senken, Produkte oder Produktionsverfahren zu verbessern, die Forschung oder die Verbreitung von  oder beruflichem Wissen zu fördern oder um Ressourcen rationeller zu nutzen; und
b) den beteiligten Unternehmen in keinem Fall Möglichkeiten eröffnen, wirksamen  zu beseitigen.
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144. In Ziffer 16 Abs. 4 VertBek sind u.a. folgende mögliche Rechtfertigungsgründe aufge-
führt, welche vorliegend von Belang sein könnten:
a) Sicherung der Einheitlichkeit und Qualität der Vertragsprodukte;
b) Vermeidung von ineffizient tiefen Verkaufsförderungsmassnahmen (z.B. ), die resultieren können, wenn ein Hersteller oder Händler von den Verkaufsförderungsbemühungen eines anderen Herstellers oder Händlers profitieren kann (Trittbrettfahrerproblem).
145. Abreden gelten in der Regel ohne Einzelfallprüfung als gerechtfertigt, wenn der Anteil
des Anbieters an dem relevanten Markt, auf dem er die Vertragswaren oder
-dienstleistungen anbietet, und der Anteil des Abnehmers an dem relevanten Markt, auf dem
er die Vertragswaren oder -dienstleistungen bezieht, jeweils nicht mehr als 30% beträgt. Da-
von ausgenommen sind Abreden, welche dem Gegenstand nach als qualitativ schwerwie-
gend zu qualifizieren sind (Ziffer 12 Abs. 2 VertBek) und Abreden, die sich mit anderen ku-
mulativ auf den Markt auswirken und den Wettbewerb erheblich beeinträchtigen (Ziff. 16
Abs. 2 VertBek). Eine solche kumulative Marktauswirkung ist in casu gegeben, da die beiden
Marktführer Electrolux AG und V-Zug AG beide den Online-Handel beschränken. Diese bei-
den Unternehmen verfügen zusammen über Marktanteile von rund 50%. Überdies verfügen
diese beiden Unternehmen je einzeln bereits über Marktanteile von gegen 30% und die vor-
liegenden Abreden sind dem Gegenstand nach als qualitativ schwerwiegend einzustufen. Im
vorliegenden Fall gilt es deshalb im Einzelfall zu prüfen, ob ein Rechtfertigungsgrund vorliegt
(Ziff. 16 Abs. 3 VertBek).
D.3.4.1. Rechtfertigungsgründe
146. Die Parteien haben in casu im Wesentlichen vorgebracht, aus Imagegründen und
aufgrund des Trittbrettfahrerproblems ein rein qualitatives selektives Vertriebssystem einge-
führt zu haben. 71
Von Trittbrettfahrerproblem oder Freeriding spricht man, wenn gewisse
Händler von Leistungen (wie bspw. Präsentation und Beratung) anderer Händler profitieren
können, ohne diese selber auch anzubieten. 72
Vorliegend wurde von den Parteien insbeson-
dere vorgebracht, Kunden liessen sich vor dem Kauf eines Grosshaushaltsgeräts kostenlos
beim stationären Fachhandel von geschultem Personal beraten und würden anschliessend
die Ware bei (reinen) Online-Händlern, welche keine solchen Dienstleistungen anbieten wür-
den, günstiger beziehen. 73
147. Die V-Zug AG macht weiter geltend, dass nicht betreute Verkäufe einen nicht zu un-
terschätzenden Mehraufwand generieren und eine gewisse Gefahr für die Gesundheit der
Konsumenten darstellen würden. 74
148. Auf die Vorbringen der Parteien wird nachfolgend eingegangen. Zuerst wird analy-
siert, inwiefern ein Trittbrettfahrer-Problem zwischen Online- und stationären Händlern be-
steht und anschliessend wird summarisch auf die selektiven Vertriebssysteme der beiden
Anbieter eingegangen. Schliesslich wird das Vorbringen der V-Zug AG im Zusammenhang
mit unbetreuten Käufen kurz beleuchtet.
71 Act. 30; act. 31.
72 Die Leistungen werden in einem solchen Fall zu einem öffentlichen Gut, d.h. es kann kein Markt-
teilnehmer von dessen «Konsum» ausgeschlossen werden. Vgl. zum Ganzen zum Beispiel MOTTA (Fn 68), 313 ff. oder MARINA LAO, Resale Price Maintenance: The Internet Phenomenon and Free Rider Issues, in: Antitrust Bulletin, Vol. 55, No. 2/Summer 2010, 473-512.
73 Act. 153, Präsentation; act. 30; act. 146, Präzisierungsfragen.
74 Act. 153, Präsentation.
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D.3.4.1.1. Trittbrettfahrer-Problematik
149. Freeriding im Zusammenhang mit Beratungsdienstleistungen und Verkaufsbemühun-
gen bedarf als Rechtfertigungsgrund bei Gütern wie Grosshaushaltsgeräten einer näheren
Betrachtung. Dies deshalb, weil das Trittbrettfahrerproblem eher in Märkten anzutreffen ist,
in welchen häufig neue Produktvarianten eingeführt werden. Dies ist im Bereich der Gross-
haushaltsgeräte der Fall. 75
Darüber hinaus handelt es sich bei diesen Geräten um z.T. kom-
plexe, 76
langlebige Güter mit einer Lebensdauer von ungefähr 10–15 Jahren. Diese Umstän-
de führen dazu, dass der Informationsstand eines durchschnittlichen Kunden bezüglich
Grosshaushaltsgeräten in der Regel eher gering ausfallen dürfte und eine gewisse Nachfra-
ge nach Beratungsdienstleistungen besteht. Wie nachfolgend aufgezeigt wird, muss das
Trittbrettfahrer-Problem in vorliegendem Fall differenziert betrachtet werden.
150. Zunächst einmal haben nicht alle Kunden dasselbe Bedürfnis nach Produktberatung
und physischer Produktpräsentation. Hier ist in erster Linie an «professionelle» Kunden wie
Baufirmen/Generalunternehmen und Architekten/Planer oder grössere Immobiliengesell-
schaften und -verwaltungen zu denken, welche regelmässig Mietobjekte für Private oder Ge-
schäftsliegenschaften mit Weisswaren-Grosshaushaltsgeräten ausstatten. Diejenigen Per-
sonen, welche bei solchen Unternehmen in die Beschaffung von Grosshaushaltsgeräten in-
volviert sind, kommen von Berufs wegen immer wieder mit Grosshaushaltsgeräten in Berüh-
rung und verfügen sicherlich über einen höheren Informationsstand als «normale» Endkon-
sumenten. Diese «professionelle» Kundengruppe, welche einen beträchtlichen Teil der in der
Schweiz abgesetzten Grosshaushaltsgeräte beziehen dürfte, wird in der Regel keine hohe
Nachfrage nach Beratung und physischer Präsentation haben und wird in der Regel auch
von auf diese Kundengruppe spezialisierten Händlern betreut. 77
Es ist davon auszugehen,
dass neben den erwähnten «professionellen» Kunden, weitere Bezüger von Grosshaus-
haltsgeräten existieren, welche eher geringe Beratungsdienstleistungen nachfragen.
151. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass eine grosse Anzahl Endver-
braucher nie in den Genuss einer Produktberatung kommt. Hierbei handelt es sich primär um
jene Personen, welche als Mieter eine Wohnung oder ein Haus beziehen, 78
oder um solche,
welche bereits fertig gestellte Immobilien im Eigentum erwerben. Beim Bezug der Wohnung
resp. des Hauses werden dem Endverbraucher die eingebauten Grosshaushaltsgeräte, auf
deren Auswahl er keinen Einfluss nehmen konnte, in der Regel von niemandem erklärt. Dies
stellt in Frage, ob eine Produktberatung zur Gewährleistung des richtigen Gebrauchs von
Weisswaren-Grosshaushaltsgeräten tatsächlich erforderlich ist.
152. Darüber hinaus bieten die Parteien – unabhängig von den Fachhändlern – Beratung
und eine Präsentation ihrer Produkte in Showrooms/Kundencentern an verschiedenen Stan-
dorten in der Schweiz an. Beide Hersteller betreiben über die ganze Schweiz verteilt je unge-
fähr zehn solche Ausstellungen. Kunden, welche sich in einer solchen Hersteller-Ausstellung
die Produkte anschauen und sich beraten lassen, beziehen Geräte anschliessend unter Um-
ständen bei einem stationären Fachhändler ihrer Wahl oder bei einem Online-Händler. In
solchen Fällen kann aber nicht von einem Trittbrettfahren der Online-Händler auf Dienstleis-
tungen von stationären Fachhändlern gesprochen werden, da die Beratung und Präsentation
in diesem Fall vom Hersteller selber angeboten wird. Neben den Ausstellungsräumen bieten
75 Act. 146, Präzisierungsfragen.
76 Dies gilt nicht für alle Typen von Grosshaushaltsgeräten. Ein Tiefkühler oder ein einfaches Stan-
dard-Kochfeld dürften in der Benutzung weniger komplex sein. 77
Selbstverständlich können sich auch die «professionellen» Kunden im Vorfeld eines Gerätebezugs im Internet über die aktuellen Preise ins Bild setzen.
78 Die Wohneigentumsquote beträgt in der Schweiz 34.6% (vgl. Bundesamt für Statistik;
www.bfs.admin.ch).
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die Hersteller auch online z.T. umfassende Beratung und Informationen zu ihren Produkten
an.
153. Weiter zeigt eine genauere Betrachtung, dass die Ansicht, Online-Händler würden auf
den Verkaufsbemühungen der stationären Fachhändler freeriden, eine eindimensionale ist,
welche der Realität nicht vollumfänglich gerecht wird. Vielmehr informieren sich Konsumen-
ten z.T. zuerst online, bevor sie in einem stationären Geschäft ein Produkt erwerben. Eine
umfassende empirische Studie der Universität Köln hat solche Wechselwirkungen unter-
sucht/quantifiziert und kommt zu folgenden Hauptergebnissen: 79
 Bei über 27% der Bestellungen (oder 39% des Umsatzes) in Online-Shops wurde vor
dem Kauf der stationäre Handel aufgesucht, um weitere Informationen zum Produkt ein-
zuholen.
 Bei gut 23% der Käufe (oder über 32% des Umsatzes) im stationären Handel wurden
vor dem Kauf weitere Informationen zum Produkt in Online-Shops eingeholt.
154. Dies zeigt, dass beträchtliche gegenseitige Wechselwirkungen zwischen dem statio-
nären- und dem Online-Handel bestehen. Die Freeriding-Problematik ist demnach nicht ein-
fach einseitig, sondern besteht in beide Richtungen. Betrachtet man den Bereich Haushalt
(Elektrogeräte, Möbel etc.) im Speziellen, so sind die beschriebenen Wechselwirkungen ge-
mäss der erwähnten Studie noch grösser:
 Bei über 32% der Bestellungen in Online-Shops wurde vor dem Kauf der stationäre
Handel aufgesucht, um weitere Informationen zum Produkt einzuholen.
 Bei 39% der Käufe im stationären Handel wurden vor dem Kauf weitere Informationen
zum Produkt in Online-Shops eingeholt.
155. Die Studie der Universität Köln zeigt zudem, dass über einen Online-Shop erhebliche
Kaufimpulse für andere Vertriebskanäle ausgelöst werden. Auch eine vom Verband des
Schweizerischen Versandhandels (VSV) in Auftrag gegebene Studie zum Schweizer Online-
und Distanzhandel führt aus, dass die Zuordnung des Kaufimpulses (online-offline-stationär)
immer schwieriger wird. 80
156. Diese Erkenntnisse werden gestützt durch eine Vielzahl weiterer Studien. So stellten
beispielsweise 36% der Einwohner der EU Preisvergleiche im Internet an und 10% kauften
ein gewünschtes Produkt anschliessend in einem stationären Geschäft. 81
Oder gemäss einer
Untersuchung von Forrester Research im Jahr 2009 haben sich 70% der Onlinekunden im
Internet über ein Produkt informiert und es danach im stationären Fachhandel erworben. 82
Zu
ähnlichen Ergebnissen gelangte auch eine im Bereich von Möbeln und Haushaltsgeräten
durchgeführte Studie aus den USA (vgl. Rz 13 hiervor). Danach informieren sich 81% der
Befragten vor dem Kauf online. Davon wiederum kaufen 50% anschliessend im stationären
Handel ein. 83
79 VAN BAAL/HUDETZ (Fn 9).
80 VERBAND DES SCHWEIZERISCHEN VERSANDHANDELS/GFK, Der Schweizer Online- und Distanzhandel
2009, Meilen/Hergiswil 2010. 81
EUROPÄISCHE KOMMISSION, Report on cross-border e-commerce in the EU, 2009, 9, http://ec.europa.eu/enterprise/newsroom/cf/_getdocument.cfm?doc_id=2277 (13.4.2011).
82 FORRESTER RESEARCH, Profiling the Multichannel Consumer, 2009, zit. in: Ebay, eBay Response to
the Public Consultation on the European Commission’s Review of the Vertical Restraints  and Guidelines, 2009, 20, http://ec.europa.eu/competition/consultations/2009_vertical_agreements/ebay_en.pdf (13.4.2011).
83 WWW.PRICEGRABBER.COM (Fn 10).
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157. Die Liste solcher Studien und Untersuchungen, welche die erwähnten, gegenseitigen
Wechselwirkungen beschreiben, liesse sich fast beliebig erweitern. 84
Dies unterstreicht die
Tatsache, dass ein grosser Anteil der Konsumenten vor und beim Kauf von Produkten so-
wohl den Online-Kanal als auch den stationären Handel beansprucht.
158. Zu den gegenseitigen Wechselwirkungen äusserte sich ein grösserer französischer
Händler von elektronischen Produkten wie folgt: «Le développement du site [internet]
favorise celui des magasins et inversement. À l’inverse, lorsque nous avons ouvert le maga-
sin de Strasbourg en septembre 2001, les ventes du site, dans le Bas-Rhin, sonst passées
de 1,8 à 3,4 % des ventes totales», und weiter : «Il y a une véritable relation entre le site et
les magasins. Ainsi, à l’ouverture du site l’activité magasin a connu une rupture positive de
croissance de 10 %». 85
159. Die vorangehenden Erläuterungen haben gezeigt, dass nicht einfach von einem ein-
seitigen Trittbrettfahren von Online-Händlern gesprochen werden kann. Vielmehr bestehen
zwischen dem Online- und dem stationären Verkaufskanal gegenseitige Wechselwirkungen.
Die beiden Verkaufskanäle werden von einem Teil der Konsumenten also komplementär ge-
nutzt.
160. Schliesslich muss auch die Frage aufgeworfen werden, ob ein potenzieller Kunde,
falls er dies wünscht, im stationären Fachhandel wirklich in jedem Fall eine kompetente Be-
ratung geniesst. Eigene Recherchen von Sekretariats-Mitarbeitern in Filialen grosser Händler
zeigen, dass nicht in jedem Fall eine kompetente und umfassende Beratung im Hinblick auf
den Erwerb eines Grosshaushaltsgeräts der Marken V-Zug und Electrolux erbracht wird. Die
Beratung war zum Teil sehr dürftig, in einem Fall wurde sogar explizit auf das Internet als al-
ternatives Informationsmedium hingewiesen.
161. Die Parteien machen geltend, dass – sollten erhebliche Wettbewerbsabreden vorlie-
gen – diese mit dem Trittbrettfahrerproblem gerechtfertigt werden könnten.
162. Im Lichte des Voranstehenden kann jedoch grundsätzlich festgehalten werden, dass
eine Beschränkung resp. ein Verbot des Online-Handels mit dem Argument des Trittbrettfah-
rens nur bedingt rechtfertigbar ist. Zudem scheint ein Verbot des Online-Handels nicht das
geeignetste und mildeste Mittel 86
zu sein, einem allfälligen Trittbrettfahrerproblem Herr zu
werden. So wäre es bspw. denkbar, dass Aufwendungen, welche stationäre Fachhändler er-
bringen, mit einem fixen Betrag abgegolten werden. 87
Im vorliegenden Fall muss dies jedoch
nicht abschliessend beurteilt werden, da die vorgesehenen einvernehmlichen Regelungen
(vgl. Rz 189) zwischen dem Sekretariat und der Electrolux AG resp. der V-Zug AG – im Ein-
klang mit den einschlägigen europäischen Vorschriften – insbesondere vorsehen, dass
 ein Hersteller im Rahmen eines selektiven Vertriebssystems von seinen Händlern ver-
langen kann, dass diese ein stationäres Fachgeschäft betreiben und
 ein Hersteller an die Online-Präsentation der Produkte gewisse Vorschriften machen
kann.
163. Durch dieses Erfordernisse ist sichergestellt, dass nur zum selektiven Vertrieb zuge-
lassene Händler – von denen angenommen wird, dass sie im Hinblick auf den Verkauf von
84 Für einen Überblick vgl. LAO (Fn 72); GREGORY T. GUNDLACH/KENNETH MANNING/JOSEPH P.
CANNON, Free Riding and Resale Price Maintenance: Insights from Marketing Research and , in: Antitrust Bulletin, Vol. 55, No. 2, Summer 2010, 381-422, 392 ff.
85 Zit. in: JEANNE LUBEK, Les effets économiques de la distribution par Internet. Point de vue de
l’économiste, in : Concurrences, No. 1, 2011. 86
Vgl. BSK KG-KRAUSKOPF/SCHALLER (Fn 38), Art. 5 KG N 342. 87
Vgl. Rz 52 lit. d der Leitlinien (Fn 19).
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Produkten einer Marke gewisse Leistungen erbringen – die Produkte auch online anbieten
können. Wenn alle zugelassenen Händler ein stationäres Fachgeschäft betreiben müssen
und demnach sämtliche Händler auch die Kosten einer physischen Ausstellung und Bera-
tung zu tragen haben, kann nicht mehr von (unfairem) Freeriding zwischen Online- und stati-
onären Händlern gesprochen werden. 88
D.3.4.1.2. Selektiver Vertrieb
164. Als Begründung für ihre Vorgehensweisen führten sowohl die Electrolux AG als auch
die V-Zug AG an, ein (rein qualitatives) Selektivvertriebssystem für den Vertrieb ihrer Pro-
dukte eingeführt zu haben. Gemäss der Electrolux AG funktioniert das selektive Vertriebs-
system nur, wenn keine Online-Verkäufe möglich sind. 89
Die V-Zug AG stellte ihr Vertriebs-
system so um, dass (reine) Online-Händler die für eine Belieferung erforderliche Punktzahl
kaum erreichen konnten (vgl. Rz 7). Auch von der V-Zug AG wurde ursprünglich geltend
gemacht, dass die aufgestellten Kriterien beim Verkauf über das Internet nicht erfüllt werden
könnten. 90
Im Wesentlichen wurden von den Parteien folgende Argumente für die Notwen-
digkeit eines selektiven Vertriebs vorgebracht: 91
 Fachkundige Beratung (durch geschultes Personal);
 Möglichkeit der physischen Besichtigung der Geräte in einer Ausstellung;
 Lieferung und fachmännische Montage vor Ort beim Kunden. Dies sei – je nach Geräte-
art – vor dem Hintergrund des korrekten Anschlusses an Wasser und das
(Stark-)Stromnetz wichtig;
 Wartung und Service bei Gerätedefekten (Austausch defekter Geräte innert kurzer Zeit);
 Die vier oben genannten Punkte seien für die Erhaltung des guten Marken-Images wich-
tig. Negative Erfahrungen bei Beratung und/oder Installation etc. würden auf die Marke
zurückfallen und dieser schaden.
165. Da die vorliegende Untersuchung die Frage der wettbewerbsrechtlichen Behandlung
des Online-Handels zum Gegenstand hat, wird in casu keine wettbewerbsrechtliche Beurtei-
lung der integralen, von den Parteien neu eingeführten, selektiven Vertriebssystemen abge-
geben. Angesichts des Umstandes, dass die Parteien mit dem Sekretariat eine einvernehm-
liche Regelung betreffend die Online-Kriterien ihres jeweiligen (selektiven) Vertriebssystems
abgeschlossen haben (siehe Rz 189) und im Anschluss daran, die Systeme der einvernehm-
lichen Regelung angepasst haben, ist an dieser Stelle festzuhalten, dass die Kriterien betref-
fend den Online-Handel der (selektiven) Vertriebssysteme der Parteien als kartellrechtlich
zulässig zu betrachten sind.
166. Trotzdem werden nachfolgend zwei Voraussetzungen rund um den rein qualitativen
selektiven Vertrieb beleuchtet, welche aus wettbewerbsrechtlicher Sicht als problematisch zu
betrachten sind. Doch davor werden die entsprechenden einschlägigen Bestimmungen er-
läutert.
167. Als selektive Vertriebssysteme werden gemäss Ziff. 4 VertBek Vereinbarungen zwi-
schen Lieferanten und Händlern bezeichnet, wonach der Lieferant die Vertragswaren oder –
dienstleistungen nur an Händler verkaufen darf, die aufgrund festgelegter Merkmale ausge-
88 Vgl. hierzu auch PHILIP MARSDEN/PETER WHELAN, Selective Distribution in the Age of Online Retail,
in: European Competition Law Review, Vol. 31, No. 1, 2010, 26-37. 89
Act. 30. 90
Act. 113. 91
Act. 30; act. 31; act. 146, Präzisierungsfragen. Electrolux macht zusätzlich geltend, dass [...].
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wählt werden und diese Händler die betreffenden Waren oder Dienstleistungen nicht an
Händler weiter verkaufen dürfen, die nicht zum Vertrieb zugelassen sind.
168. Um ein rein qualitatives Vertriebssystem handelt es sich nach Ziff. 4 Abs. 2 VertBek
dann, wenn die Auswahl der Händler ausschliesslich nach objektiven qualitativen Kriterien
erfolgt, die sich nach den Anforderungen des betreffenden Produkts – z.B. in Bezug auf die
Verkäuferschulung, den in der Verkaufsstätte gebotenen Service oder ein bestimmtes Spekt-
rum der angebotenen Produkte – richten.
169. Innerhalb eines selektiven Vertriebssystem ist es zulässig, den Händlern gewisse Be-
schränkungen beim Produktevertrieb aufzuerlegen. So kann z.B. eine Beschränkung des
Verkaufs an nicht zugelassene Händler durch Mitglieder des selektiven Vertriebssystems zu-
lässig sein (vgl. Ziffer 12 Abs. 2 VertBek).
170. Rein qualitative selektive Vertriebssysteme führen gemäss Ziff. 8 Abs. 4 VertBek zu
keiner erheblichen Beeinträchtigung des Wettbewerbs, sofern kumulativ folgende drei Vo-
raussetzungen erfüllt sind:
(i) Die Beschaffenheit des fraglichen Produkts muss einen selektiven Vertrieb erfordern,
d.h., ein solches Vertriebssystem muss ein Erfordernis zur Wahrung der Qualität und zur
Gewährleistung des richtigen Gebrauchs des betreffenden Produkts sein;
(ii) Die Wiederverkäufer müssen aufgrund objektiver Kriterien qualitativer Art ausgewählt
werden. Diese sind einheitlich festzulegen und unterschiedslos anzuwenden;
(iii) Die aufgestellten Kriterien dürfen nicht über das hinausgehen, was erforderlich ist.
171. Zu betonen ist an dieser Stelle, dass ein selektives Vertriebssystem (sei es ein rein
qualitatives oder nicht) keinesfalls Vermutungstatbestände nach Art. 5 Abs. 4 KG, noch Re-
gelungen, welche nach Ziffer 12 Abs. 2 VertBek als qualitativ schwerwiegend betrachtet
werden (was vorliegend der Fall ist), enthalten darf. Solche Wettbewerbsbeschränkungen
würden – unabhängig vom Vorliegen eines selektiven Vertriebssystems – nach Art. 5. Abs. 4
resp. Art. 5 Abs. 1 KG untersucht. In anderen Worten kann ein selektives Vertriebssystem in
keinem Fall eine sog. Hardcore-Beschränkung des Wettbewerbs rechtfertigen.
172. Die WEKO hatte sich in der jüngsten Vergangenheit im Fall Gaba mit der Problematik
von selektiven Vertriebssystemen zu befassen. Dabei hielt die WEKO – in Anlehnung an die
bisherige Praxis der europäischen Behörden – fest, dass selektive Vertriebssysteme insbe-
sondere bei Prestige- und Luxusgütern, bei technisch hoch stehenden Produkten oder bei
Produkten, die besondere Fachkenntnisse bedingen, üblich sind. 92
173. Nachstehend werden einige Aspekte bezüglich der vorgängig genannten Vorausset-
zungen (i) und (ii) für das Vorliegen eines unerheblichen rein qualitativen Selektivvertriebs
nach Ziffer 14 VertBek aufgegriffen. Damit soll insbesondere aufgezeigt werden, dass ein
rein qualitatives selektives Vertriebssystem aus wettbewerbsrechtlicher Sicht bestimmten
Anforderungen zu genügen hat.
Ad (i): Die Beschaffenheit des fraglichen Produkts muss einen selektiven Vertrieb erfordern
174. Wie bereits vorstehend angetönt (siehe Rz 172) und im Rahmen der Trittbrettfahrer-
problematik erwähnt (vgl. Rz 149 ff.), eignen sich u.a. technisch komplexe Geräte, für welche
durchaus eine Beratungsnachfrage bestehen kann, für den rein qualitativen Selektivvertrieb.
Diesbezüglich werden nachfolgend exemplarisch zwei problematische Punkte aufgezeigt.
175. Vertrieb von Produkten verschiedener Marken: Vertreibt ein Unternehmen technisch
vergleichbare Produkte verschiedener Marken und in verschiedenen Preissegmenten, ist
92 Vgl. RPW 2010/1, 82 Rz 147, Gaba.
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nicht einzusehen, weshalb der Hersteller für die Produkte im höheren Preissegment die Not-
wendigkeit des selektiven Vertriebssystems mit der Begründung geltend macht, dass dieses
für die Wahrung der (Produkt-)Qualität und zur Gewährleistung des richtigen Gebrauchs er-
forderlich sei. Mit anderen Worten ausgedrückt: Wenn ein Hersteller für technisch vergleich-
bare Produkte verschiedener Marken unterschiedliche Vertriebssysteme vorsieht, so vermag
alleine das Argument, dass lediglich die im höheren Preissegment positionierten Produkte
eines selektiven Vertriebssystems bedürfen, nicht zu genügen, wenn die Produkte beider
Marken in technischer Hinsicht und hinsichtlich der Gewährleistung des richtigen Gebrauchs
nicht oder kaum voneinander abweichen.
176. Unterschiede Schweiz/Ausland: Problematisch ist ferner der Umstand, dass ein Her-
steller Produkte in der Schweiz selektiv vertreibt, im Ausland jedoch nicht. Dies gilt insbe-
sondere dann, wenn es sich bei den fraglichen Produkten um identische oder zumindest
sehr ähnliche handelt.
Ad (ii): Die Wiederverkäufer müssen aufgrund objektiver Kriterien qualitativer Art ausgewählt
werden. Diese sind einheitlich festzulegen und unterschiedslos anzuwenden
177. Neben dem Umstand, dass Zulassungskriterien zu einem selektiven Vertriebssystem
objektiv und qualitativer Art sein müssen, ist erforderlich, dass die Kriterien diskriminierungs-
frei angewendet werden. In diesem Zusammenhang gilt es Folgendes hervorzuheben:
178. Image: Macht ein Hersteller z.B. geltend, dass ein Verkauf via Online-Handel den mit
der Einführung eines rein qualitativen selektiven Vertriebssystems angestrebten Zielen (Ab-
hebung von der Konkurrenz, Exklusivität einer Marke etc.) zuwider laufe, so erscheinen sol-
che Argumente dann wenig stichhaltig, wenn der Hersteller seine Produkte an bekannte sta-
tionäre Tiefpreishändler liefert, d.h. an Händler, bei welchen der Preis im Fokus steht und
nicht-preisliche Parameter wie Produktpräsentation, Beratung etc. zweitrangig sind. 93
Auf-
grund der Reputation resp. der Gestaltung der Verkaufslokale solcher Händler ist unklar, in-
wiefern diese den von Herstellern geforderten Vorgaben an eine imagegerechte Produktprä-
sentation etc. gerecht werden. 94
Vor diesem Hintergrund erscheint es problematisch, Händ-
ler, welche Produkte mit einem seriösen und professionellen Auftritt über einen Online-Shop
verkaufen, vom Vertrieb auszuschliessen, während die oben erwähnten stationäre Tiefpreis-
händler zum Vertrieb zugelassen werden.
179. Erbringung von Dienstleistungen: Hinzuweisen gilt es darauf, dass es grundsätzlich
auch möglich sein sollte, die von den Herstellern aufgestellten Anforderungen für die Not-
wendigkeit eines selektiven Vertriebssystems (Beratung, Lieferung, Montage und Service
etc.) auf verschiedene Arten zu erbringen, so ist z.B. grundsätzlich denkbar, dass ein reiner
Online-Händler – anstatt die genannten Dienstleistungen selber zu erbringen – mit qualifi-
zierten Fachleuten zusammenarbeitet, um eine fachmännische Beratung, Lieferung, Monta-
ge und Service zu gewährleisten.
180. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Anforderungen an ein rein qualitatives
selektives Vertriebssystem sämtlichen eingehend genannten Voraussetzungen genügen
müssen. Zu beachten ist dabei insbesondere, dass ein solches Vertriebssystem nicht für
sämtliche Produkte in Frage kommt und damit keinesfalls sog. Hardcore-Beschränkungen
des Wettbewerbs gerechtfertigt werden können. Darüber hinaus sei darauf hingewiesen,
dass wenn die Selektionskriterien für ein rein qualitatives selektives Vertriebssystem einmal
festgelegt wurden, diese unterschiedslos, d.h. diskriminierungsfrei anzuwenden sind.
93 Vgl. act. 167; act.172, 10-20 u. Werbebroschüre.
94 Vgl. act. 172, 21-28.
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181. Zurückkommend auf die in den einvernehmlichen Regelungen zwischen dem Sekre-
tariat und den Parteien festgelegten Vorgaben für den Online-Handel (vgl. Rz E.1), welche
aus wettbewerbsrechtlicher Sicht als zulässig zu betrachten sind, erübrigt sich eine weitere
Prüfung dieses Rechtfertigungsgrundes.
D.3.4.1.3. Mehraufwand und Sicherheitsüberlegungen bei nicht betreuten Verkäufen
182. Die V-Zug AG bringt als Argument für die Einschränkung des Online-Handels vor,
dass sog. unbetreute Verkäufe von Haushaltsgeräten einen Aufwand in der Grössenordnung
einer 100%-Stelle jährlich generieren. Zudem würden Defekte aufgrund von Fehllieferungen
und Fehlanschlüssen stark ansteigen.
183. Diesbezüglich ist zunächst fraglich, ob es sich bei solche unbetreuten Verkäufen um
solche in stationären oder Online-Verkaufsstellen handelt. Unbetreute Verkäufe können
nämlich durchaus auch im stationären Handel vorkommen. So ist beispielsweise beim Kauf
eines Grosshaushaltsgeräts in stationären Filialen von einigen national bekannten Händlern
die Lieferung und die Montage beim Kunden eine freiwillige Option, welche der Käufer hin-
zukaufen kann. Die Installation des Geräts kann demnach durchaus auch selber organisiert
resp. vorgenommen werden. In einem solchen Fall verliert der stationäre Händler jedoch die
Kontrolle darüber, ob das Gerät fachmännisch installiert wird oder nicht. Auch in solchen Fäl-
len sind also unbetreute Verkäufe möglich. Das von der V-Zug AG vorgebrachte Argument
ist demnach nicht geeignet, den Ausschluss von Internetverkäufen zu rechtfertigen.
184. V-Zug führt diesbezüglich an, dass unbetreute Verkäufe in erster Linie im Online-
Handel vorkommen.
185. Ein allfälliges Problem mit unbetreuten Online-Verkäufen könnte im Übrigen wohl
auch so angegangen werden, dass ein (reiner) Online-Händler mit qualifizierten Fachleuten
(z.B. einem Sanitärinstallateur) zwecks Montage von Grosshaushaltsgeräten eine Kooperati-
on auf Auftragsbasis eingeht.
186. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass unbetreute Verkäufe sowohl im
Online- als auch im stationären Handel vorkommen. Zudem scheint die Einschränkung des
Online-Handels nicht das mildeste Mittel zu sein, dem angeblichen Problem unbetreuter Ver-
käufe Herr zu werden. Das Vorbringen der V-Zug AG, wonach unbetreute Verkäufe zu einem
Mehraufwand seitens des Herstellers führe, ist im Lichte des Voranstehenden deshalb nicht
geeignet, die vorliegenden Einschränkungen des Online-Handels zu rechtfertigen.
D.3.4.2. Zwischenergebnis
187. Aus oben genannten Gründen und im Lichte der mit den Parteien vorgesehenen ein-
vernehmlichen Regelungen können die beschriebenen Wettbewerbsabreden nicht durch
Gründe der wirtschaftlichen Effizienz gerechtfertigt werden.
D.3.5. Ergebnis
188. Es liegen erhebliche Wettbewerbsabreden nach Art. 5 Abs. 1 KG vor, welche nicht
aus Gründen der wirtschaftlichen Effizienz gerechtfertigt werden können. Die von den Par-
teien Electrolux AG und der V-Zug AG getroffenen resp. praktizierten Behinderungen des
Online-Handels sind deshalb nach Massgabe von Art. 5 Abs. 1 KG unzulässig.
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E. Einvernehmliche Regelungen
E.1. Inhalt der einvernehmlichen Regelungen
189. Im Bestreben, die vorstehend dargelegten wettbewerbsrechtlichen Bedenken bezüg-
lich eines Verbotes bzw. Behinderungen des Online-Handels auszuräumen, hat das Sekreta-
riat mit der Electrolux AG sowie der V-Zug AG einvernehmliche Regelungen 95
mit den fol-
genden Wortlauten abgeschlossen:
Electrolux AG
„A. Vorbemerkungen:
a) Die vorliegende einvernehmliche Regelung im Sinne von Art. 29 Bundesgesetz über
Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen (Kartellgesetz, KG; SR 251) erfolgt im
übereinstimmenden Interesse der Beteiligten, das Verfahren 22-0391 zu vereinfachen,
zu verkürzen und – unter Vorbehalt der Genehmigung durch die Wettbewerbskommis-
sion (WEKO) – zu einem förmlichen Abschluss zu bringen.
b) Die vorliegende einvernehmliche Regelung trägt dem Umstand Rechnung, dass es
sich bei der zugrunde liegenden Untersuchung i.S.v. Art. 27 KG um die erste handelt,
welche Beschränkungen von Online-Verkäufen zum Gegenstand hat und deren Er-
gebnisse über die Branche hinaus Signalwirkungen zeitigen soll. Die Electrolux AG
hat vor diesem Hintergrund bereits vor der Eröffnung dieser Untersuchung ihre Be-
reitschaft signalisiert, die Auswahlkriterien für Online-Verkäufe im Rahmen ihres se-
lektiven Vertriebssystems einvernehmlich mit den Wettbewerbsbehörden zu erarbei-
ten. Das selektive Vertriebssystem der Electrolux AG betrifft den Bereich Haushalts-
grossgeräte der Marke Electrolux (nachfolgend: Vertragsprodukte).
c) Vor diesem Hintergrund soll die vorliegende einvernehmliche Regelung die kartel l-
rechtliche Zulässigkeit von Beschränkungen des Online-Verkaufs im Rahmen von se-
lektiven Vertriebssystemen regeln. Die vorliegende einvernehmliche Regelung äus-
sert sich jedoch nicht zur kartellrechtlichen Zulässigkeit des selektiven Vertriebssys-
tems der Electrolux AG als solches.
d) Die Electrolux AG gedenkt im Falle der Genehmigung vorliegender einvernehmlichen
Regelung durch die WEKO, auf die Ergreifung von Rechtsmitteln zu verzichten. Sollte
die vorliegende einvernehmliche Regelung von der WEKO nicht genehmigt werden, wird
die Untersuchung im ordentlichen Verfahren zu Ende geführt. Ungeachtet davon wird die
Electrolux AG den Wettbewerbsbehörden im weiteren Verlaufe des Verfahrens 22-0391
allfällig benötigte Informationen und/oder Dokumente zukommen lassen.
e) Die Kosten des Verfahrens 22-0391 gehen zu gleichen Teilen zu Lasten der Parteien.
B. Vereinbarungen:
Die Electrolux AG verpflichtet sich:
1) Den zu ihrem selektiven Vertriebssystem zugelassenen Wiederverkäufern den Verkauf von Vertragsprodukten über das Internet grundsätzlich zu gestatten. Zulässig ist es , dass die Electrolux AG Qualitätsanforderungen an die Verwendung des Internets
95 Die nachfolgenden einvernehmlichen Regelungen basieren im Wesentlichen auf den Grundsätzen,
welche für (rein qualitative) selektive Vertriebssysteme anerkannt werden. Die darin enthaltenen Verpflichtungen sind als Eckpunkte für die Vertriebssysteme der Parteien zu verstehen.
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zum Weiterverkauf von Vertragsprodukten stellt sowie von den zugelassenen  verlangt, dass sie über einen physischen Verkaufspunkt verfügen. Diese  beziehen sich ausschliesslich auf die Vertragsprodukte, weitergehende Vorgaben innerhalb des selektiven Vertriebssystems (insbesondere im Zusammenhang mit Produkten anderer Marken) sind zu unterlassen. Zulässig ist auch, dass die  AG von den zugelassenen Wiederverkäufern, welche die Vertragsprodukte über das Internet verkaufen, verlangt, dass auf der Website die Identität (Firma, , Ort) des Wiederverkäufers und der/die Standort(e) des/der physischen (s) klar und auf den ersten Blick ersichtlich sind.
2) Die einzelnen Kriterien für Verkäufe von Vertragsprodukten über das Internet so zu , dass diese messbar sind, d.h. dass ein potenzieller Wiederverkäufer  kann, ob er die festgelegten Kriterien bereits erfüllt oder die dafür aus seiner Sicht nötigen Vorkehrungen treffen kann.
3) Den zum selektiven Vertriebssystem zugelassenen Wiederverkäufern die Verwendung eines Domain-Namens eines Online-Geschäfts, welcher von der Firma oder der  eines Wiederverkäufers abweicht, zu gestatten, solange keine sachlichen Gründe dafür bestehen, dass der Domain-Name für die Marke Electrolux  nachteilig ist und die Website eindeutig die Firma oder Geschäftsbezeichnung  Wiederverkäufers klar und auf den ersten Blick erkennen lässt. In Zweifelsfällen ist ein Domain-Name der Electrolux AG zur Prüfung vorzulegen. Das Ergebnis der Prüfung teilt die Electrolux AG ihren Wiederverkäufern innert Monatsfrist schriftlich und  mit.
4) Sämtliche Vereinbarungen dieser einvernehmlichen Regelung bei Eintritt der Rechtskraft der Verfügung der dieser einvernehmlichen Regelung zugrunde liegenden  (22-0391) vollständig umgesetzt zu haben.“
V-Zug AG
„A. Vorbemerkungen:
a) Die vorliegende einvernehmliche Regelung im Sinne von Art. 29 Bundesgesetz über
Kartelle und andere Wettbewerbsbeschränkungen (Kartellgesetz, KG; SR 251) erfolgt im
übereinstimmenden Interesse der Beteiligten, das Verfahren 22-0391 zu vereinfachen,
zu verkürzen und – unter Vorbehalt der Genehmigung durch die Wettbewerbskommis-
sion (WEKO) – zu einem förmlichen Abschluss zu bringen.
b) Die vorliegende einvernehmliche Regelung trägt dem Umstand Rechnung, dass es
sich bei der zugrunde liegenden Untersuchung i.S.v. Art. 27 KG um die erste handelt,
welche Beschränkungen von Online-Verkäufen zum Gegenstand hat und deren Er-
gebnisse über die Branche hinaus Signalwirkungen zeitigen soll. Die V-Zug AG hat
vor diesem Hintergrund bereits vor der Eröffnung dieser Untersuchung ihre Bereit-
schaft signalisiert, die Auswahlkriterien für Online-Verkäufe im Rahmen ihres selekti-
ven Vertriebssystems einvernehmlich mit den Wettbewerbsbehörden zu erarbeiten.
Das selektive Vertriebssystem der V-Zug AG betrifft den Bereich Haushaltsgrossgeräte
der Marke V-Zug (nachfolgend: Vertragsprodukte).
c) Vor diesem Hintergrund soll die vorliegende einvernehmliche Regelung die kartell-
rechtliche Zulässigkeit von Beschränkungen des Online-Verkaufs im Rahmen von se-
lektiven Vertriebssystemen regeln. Die vorliegende einvernehmliche Regelung äus-
sert sich jedoch nicht zur kartellrechtlichen Zulässigkeit des selektiven Vertriebssys-
tems der V-Zug AG als solches.
22/2009/03310/COO.2101.111.5.147697 45
d) Die V-Zug AG gedenkt im Falle der Genehmigung vorliegender einvernehmlichen Rege-
lung durch die WEKO, auf die Ergreifung von Rechtsmitteln zu verzichten. Sollte die vor-
liegende einvernehmliche Regelung von der WEKO nicht genehmigt werden, wird die
Untersuchung im ordentlichen Verfahren zu Ende geführt. Ungeachtet davon wird die V-
Zug AG den Wettbewerbsbehörden im weiteren Verlaufe des Verfahrens 22-0391 allfäl-
lig benötigte Informationen und/oder Dokumente zukommen lassen.
e) Die Kosten des Verfahrens 22-0391 gehen zu gleichen Teilen zu Lasten der Parteien.
B. Vereinbarungen:
Die V-Zug AG verpflichtet sich:
1) Den zu ihrem selektiven Vertriebssystem zugelassenen Wiederverkäufern den Verkauf von Vertragsprodukten über das Internet grundsätzlich zu gestatten. Zulässig ist es , dass die V-Zug AG Qualitätsanforderungen an die Verwendung des Internets zum Weiterverkauf von Vertragsprodukten stellt sowie von den zugelassenen  verlangt, dass sie über einen physischen Verkaufspunkt verfügen. Diese  beziehen sich ausschliesslich auf die Vertragsprodukte, weitergehende Vorgaben innerhalb des selektiven Vertriebssystems (insbesondere im Zusammenhang mit  anderer Marken) sind zu unterlassen.
2) Die einzelnen Kriterien für Verkäufe von Vertragsprodukten über das Internet so zu , dass diese messbar sind, d.h. dass ein potenzieller Wiederverkäufer  kann, ob er die festgelegten Kriterien bereits erfüllt oder die dafür aus seiner Sicht nötigen Vorkehrungen treffen kann.
3) Den zum selektiven Vertriebssystem zugelassenen Wiederverkäufern die Verwendung eines Domain-Namens eines Online-Geschäfts, welcher von der Firma oder der  eines Wiederverkäufers abweicht, zu gestatten, solange keine sachlichen Gründe dafür bestehen, dass der Domain-Name für die Marke V-Zug nicht objektiv nachteilig ist und die Website eindeutig die Firma oder Geschäftsbezeichnung eines Wiederverkäufers klar und auf den ersten Blick erkennen lässt. In Zweifelsfällen ist ein Domain-Name der V-Zug AG zur Prüfung vorzulegen. Das Ergebnis der Prüfung teilt die V-Zug AG ihren Wiederverkäufern innert Monatsfrist schriftlich und begründet mit. Zulässig ist auch, dass die V-Zug AG von den zugelassenen Wiederverkäufern, welche die Vertragsprodukte über das Internet verkaufen, verlangt, dass auf der Website die Identität (Firma, Geschäftsadresse, Ort) des Wiederverkäufers und der/die Standort(e) des/der physischen Verkaufspunkte(s) klar und auf den ersten Blick ersichtlich sind.
4) Sämtliche Vereinbarungen dieser einvernehmlichen Regelung bei Eintritt der Rechtskraft der Verfügung der dieser einvernehmlichen Regelung zugrunde liegenden  (22-0391) vollständig umgesetzt zu haben.“
E.2. Genehmigung durch die WEKO
190. Die Genehmigung der oben beschriebenen einvernehmlichen Regelungen durch die
WEKO erfolgte in Erwägung folgender Punkte:
 Erstens stellt die Genehmigung keine wettbewerbsrechtliche Beurteilung der integra-
len, von den Parteien neu eingeführten, selektiven Vertriebssystemen dar.
 Zweitens ist die in den einvernehmlichen Regelungen enthaltene Bestimmung, wo-
nach es zulässig ist, von den zugelassenen Wiederverkäufern zu verlangen, dass sie
über einen physischen Verkaufspunkt verfügen vor dem Hintergrund zu betrachten,
dass der vorliegende Fall einen Bereich betrifft, in dem ohnehin die meisten Händler
die in Frage stehenden Produkte (u.a.) über ein stationäres Fachgeschäft vertreiben
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(nämlich die rein stationären und die gemischten Händler). Der Auslöser des vorlie-
genden Verfahrens war denn in erster Linie auch eine Anzeige eines gemischten
Händlers (vgl. Rz 1).
 Drittens behält sich die WEKO vor, zu einem späteren Zeitpunkt die Vertriebssysteme
der Parteien einer kartellrechtlichen Prüfung zu unterziehen, sofern Anhaltspunkte
dafür bestehen, dass diese den Online-Handel in unzulässiger Weise beeinträchti-
gen. Dasselbe gilt, falls sich die vorliegend beurteilten Verhältnisse oder Sachver-
haltselemente inskünftig verändern würden.
 Viertens kann diese Verfügung nicht dahingehend ausgelegt werden, Parallel- oder
Direktimporte zu be- resp. verhindern. D.h. Online-Verkäufe aus der EU in die
Schweiz dürfen aufgrund der vorliegenden Verfügung nicht beschränkt werden.
 Fünftens möchte die WEKO hervorheben, dass sie dem Vertriebskanal Internet eine
hohe Bedeutung zumisst: Grundsätzlich müssen Verkäufe über das Internet möglich
sein. Beschränkungen derselben werden nur ausnahmsweise und unter sehr restrik-
tiven Bedingungen als zulässig erachtet.
F. Kosten
191. Nach Art. 2 Abs. 1 der Verordnung vom 25.2.1998 über die Gebühren zum Kartellge-
setz (Gebührenverordnung KG, GebV-KG; SR 251.2) ist gebührenpflichtig, wer das Verwal-
tungsverfahren verursacht hat.
192. Im Untersuchungsverfahren nach Art. 27 ff. KG besteht eine Gebührenpflicht, wenn
aufgrund der Sachverhaltsfeststellung eine unzulässige Wettbewerbsbeschränkung vorliegt,
oder wenn sich die Parteien unterziehen. Als Unterziehung gilt auch, wenn ein oder mehrere
Unternehmen, welche aufgrund ihres möglicherweise wettbewerbsbeschränkenden Verhal-
tens ein Verfahren ausgelöst haben, das beanstandete Verhalten aufgeben und das Verfah-
ren als gegenstandslos eingestellt wurde (Entscheid des Bundesgerichts, RPW 2002/3,
546 f., Rz. 6.1, BKW FMB Energie AG; Art. 3 Abs. 2 lit. b und c GebV-KG e contrario). Vor-
liegend ist daher eine Gebührenpflicht der Verfügungsadressaten zu bejahen.
193. Demgegenüber entfällt die Gebührenpflicht für Unternehmen, die ein Verfahren ver-
ursacht haben, sich die zu Beginn vorliegenden Anhaltspunkte jedoch nicht erhärten und das
Verfahren aus diesem Grund eingestellt wird (RPW 2002/3, 546 f. Rz 6.1 e contrario, BKW
FMB Energie AG, Art. 3 Abs. 2 lit. b und c GebV-KG).
194. Nach Art. 4 Abs. 2 GebV-KG gilt ein Stundenansatz von CHF 100 bis 400. Dieser
richtet sich namentlich nach der Dringlichkeit des Geschäfts und der Funktionsstufe des aus-
führenden Personals. Auslagen für Porti sowie Telefon- und Kopierkosten sind in den Ge-
bühren eingeschlossen (Art. 4 Abs. 4 GebV-KG).
195. Gestützt auf die Funktionsstufe der mit dem Fall betrauten Mitarbeiter rechtfertigt sich
ein Stundenansatz von CHF 120 bis 250. Die aufgewendete Zeit beträgt total [...] Stunden.
Demnach beläuft sich die Gebühr auf CHF [...].
196. Die Gebühren werden den Verfügungsadressaten zu gleichen Teilen und unter soli-
darischer Haftbarkeit auferlegt (vgl. Art. 1a GebV-KG i.V.m. Art. 2 Abs. 2 AllgGebV).
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