Decision ID: 5b8db7f3-765f-4544-8205-90849ff61ee5
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1968 geborene
X._
ist gelernte Veterinär-Arztgehilfin (Urk. 6/1/1).
A
b 1. Februar 1991
arbeitete sie im Umfang von 60
%
für
Dr.
Y._
i
n
der Tierarztpraxis
Z._
AG
(Urk. 6/15/1)
.
Daneben gründete und betrieb sie zusammen mit ihrer Mutter und dem Arbeit
geber eine Tierauffangstation, betreute nicht vermittelbare Tiere zu Hause bei ihren Eltern, wo sie ebenfalls wohnt, und half auf Abruf beim kantonalen
Vete
rinäramt
bei Wesen
s
tests für Hunde mit (vgl.
Urk.
6/31 und
Urk.
6/80).
Ab dem 22. Juni 2009 wurde sie zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben (Urk. 6/12/3).
Das Arbeitsverhältnis wurde auf Ende Dezember 2009
aufgelöst (Urk. 6/15/1).
Die Versicherte meldete sich a
m 8. Oktober 2009 unter Angabe psychischer Prob
leme bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 6/2).
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
nahm
erwerbliche (Urk. 6/8, Urk. 6/15) und medizinische Abklärungen
(Urk. 6/16, Urk. 6/21,
Urk. 6/23, Urk.
6/25)
vor und holte die Akten
des Krankenversicherers,
der Helsana Versicherungen AG
ein (Urk. 6/12, Urk. 6/13).
Nach erlassenem Vorbe
scheid vom 21. Juni 2010 (Urk. 6/29) verfügte die IV-Stelle am 30. September 2010 die Abweisung des Leistungsbegehrens für berufliche Massnahmen
(Urk. 6/32).
Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Sodann holte die IV-Stelle weitere Arztberichte ein (Urk. 6/33) und liess die
Versicherte
bidisziplinär
psychiatrisch und rheumatologisch
durch die
A._
begutachten (Gutachten
vom 30. Dezember 201
1
; Urk. 6/45
).
Zudem beantwortete
die
A._
mit Schreiben vom 6. März 2012 Fra
gen des Regionalen Ärztlichen Dienstes
(
RAD
;
Urk. 6/48).
Am 7. September 2012 erliess die IV-Stelle einen Vorbescheid und teilte mit, dass sie gedenke, den Anspruch auf eine Invalidenrente
zu verneinen
(Urk. 6/52).
Dagegen liess die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt
Breidenstein
, am 15. November 2012 Einwand erheben (Urk. 6/60) und ein Schreiben
ihrer
Mutter
ein
reichen
(Urk. 6/59
).
Die IV-Stelle
holte weitere Arztberichte ein (Urk. 6/63, Urk. 6/66) und liess am 23. August 2013 eine Abklärung der beeinträchtigten Arbeits
fähigkeit in Beruf und Haushalt durchführen (
Haushaltsabklärungsbericht vom 29. August 2013;
Urk. 6/80).
Darin qualifizierte sie die Versicherte als zu 60 % Erwerbstätige und als zu 40 % im Aufgabenbereich Tätige, wobei sich im Auf
gabenbereich keine Einschränkung ergab (Urk. 6/80/4-6).
Dazu liess die Ver
sicherte am 29. November 2013 Stellung nehmen (Urk. 6/73).
Mit Schreiben vom 16. Februar 2015 liess sie
zudem
mitteilen, dass sich ihr Gesundheitszu
stand verschlechtert habe (Urk. 6/82). Daraufhin holte die IV-Stelle
vom behan
delnden Psychiater
einen
Verlaufsbericht
ein (Urk. 6/84).
D
ie Versicherte
liess
am 27. März 2015
eine Stellungnahme
zu den neu getätigten Abklärungen
ein
reichen (Urk. 6/86)
,
nachdem sie von der IV-Stelle mit Schreiben vom 9. März 2015 dazu aufgefordert
worden war
(Urk. 6/85)
.
Mit Verfügung vom 20. April 2015
verneinte
die IV-Stelle den Anspruch auf eine Invalidenrente (Urk. 6/90
= Urk. 2
).
2.
Gegen die Verfügung vom 20. April 2015 (Urk. 2) liess die Versicherte
, weiter
hin
vertreten durch Rechtsanwalt
Breidenstein
,
am 2
2.
Mai 2015
Beschwerde erheben und beantragen, die Akten seien durch Abklärungen des Gerichts gemäss
Einwandverfahren
zu ergänzen, oder sie seien an die
Beschwerdegegne
rin
zwecks Vornahme dieser weiteren Abklärungen zurückzuweisen. Eventuali
ter sei ihr eine angemessene I
nvalidenre
nte
,
mindestens
eine
Dreiviertelsrente
zuzusprechen
. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin. In prozessualer Hinsicht
liess
sie um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung und Bestellung eines unentgeltlichen Rechts
vertreters in der Person von Rechtsanwalt
Breidenstein
ersuchen
(Urk. 1 S. 1). Mit Beschwerdeantwort vom
1. Juli 2015 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (Urk. 5). Mit Verfügung vom 6. Juli 2015 bewil
ligte das Gericht der Beschwerdeführerin die unentgeltliche Prozessführung, bestellte ihr Rechtsanwalt
Breidenstein
als unentgeltlichen Rechtsvertreter und stellte ihr die Beschwerdeantwort zu (Urk. 7).
Am 8. Juli 2015 ersuchte die Hel
vetia Schweizerische Lebensversicherungsgesellschaft AG
als Personalvorsorge
versicherung
um Zustellung einer Kopie des Urteils (Urk. 8).
Am 9. September 2016 reichte Rechtsanwalt
Breidenstein
die Honorarnote ein (Urk. 12).
Auf die Ausführungen in den Rechtsschriften und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit beziehungsweise - bei Versicherten, die vor der Beeinträchtigung ihrer Gesundheit nicht erwerbstätig waren - die Unmög
lichkeit, sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen (Art. 8
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung; IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmög
lichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7
Abs.
1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück
sichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7
Abs.
2 ATSG).
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a
Abs.
1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog.
Invalideneinkom
men
), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
).
Bei Versicherten, die nur zum Teil erwerbstätig und daneben im Aufgaben
bereich tätig sind, wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach Art. 28a
Abs.
2 IVG festgelegt. Danach wird darauf abgestellt, in welchem Masse sie unfähig sind, sich im Aufgabenbereich zu betätigen. In diesem Fall sind der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad entsprechend der Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen (Art. 28a
Abs.
3 IVG; gemischte Methode der Invaliditätsbemessung).
1.2
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertels
rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28
Abs.
2 IVG).
1.3
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken.
Rechtsprechungsgemäss
ist bei psy
chischen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein seelische
s Leiden
mit
Krank
heitswert
besteht, welche
s
die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein
rentenausschliessendes
Erwerbseinkommen zu erzielen (Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG;
BGE 139 V 547
E. 5,
131 V 49
E. 1.2,
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteile des Bundesgerichtes 8C_614/2015 vom 15. Dezember 2015 E. 5
und 9C_125/2015 vom 18. November 2015 E.
5.4.
).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt grundsätzlich eine lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte psychiatrische Diagnose voraus (vgl. BGE 130 V 396; Urteile des Bundesgerichts 8C_616/2014 vom 25. Februar 201
5
E. 5.3.3.3 und 9C_739/2014 vom 30. November 2015 E. 3.2). Eine fachärztlich festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne
W
eiteres
gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invali
dität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Es ist nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilen, ob und inwiefern der versicherten Person trotz ihres Leidens die Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offen stehenden ausgeglichenen Arbeits
markt noch sozial-praktisch zumutbar und für die Gesellschaft trag
bar sei (BGE 141 V 281 E. 3.7.3, 136 V 279 E. 3.2.1,
127 V 294 E. 4c; vgl. Urteile des Bun
desgerichtes 8C_614/2015 vom 15. Dezember 20
15 E. 5 und 8C_731/2015 vom 18.
April 2016 E. 4.1).
1.4
Das Sozialversicherungsgericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustel
len und alle Beweismittel objektiv zu prüfen, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden, ob sie eine zuverlässige Beur
teilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten. Insbesondere darf es beim Vorliegen einander widersprechender medizinischer Be
richte den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweisma
terial zu würdigen und die Gründe anzu
geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (ZAK 1986 S. 188 E. 2a). Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist im Lichte dieser Grundsätze ent
scheidend, ob es für die Beant
wortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen allseitigen Untersuchun
gen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt - was vor allem bei psychischen Fehlent
wicklungen nö
tig ist -, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinander
setzung mit den
Vorakten
abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge ein
leuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Exper
ten in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszu
räumende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Be
antwortung der Fragen erschweren oder ver
unmöglichen, gegebe
nenfalls deutl
ich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1,
125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; U. Meyer-Blaser, Die Rechtspflege in der Sozialver
sicherung, BJM 1989, S. 30 f.; derselbe in H.
Fredenhagen
, Das ärztliche Gut
achten, 3. Aufl. 1994, S. 24 f.).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
stellte sich in der
angefochtenen
Verfügung auf den Standpunkt, gemäss
dem Gutachten
der
A._
vom 20. Dezember 2011 und den
ergänzenden
Antworten vom
6. März 2012
sei die Beschwerdeführerin seit dem 29. Juni 2009 in ihrer bisherigen Tätigkeit
als Tierarztgehilfin
noch zu 50 %
und in
einer leidensangepassten Tätigkeit zu 70 % arbeitsfähig.
Ausgehend von einer 60%igen Erwerbstätigkeit im Gesundheitsfall errechnete sie im
Erwerbs
bereich
eine
Einschränkung von 4 %
.
Im Aufgabenbereich ver
ne
inte sie eine Einschränkung und schloss so auf
einen Invaliditätsgrad von gerundet 2 %.
Zudem war
sie
der Ansicht, dass d
ie
nach de
r Begutachtung in der
A._
geltend gemachte dauerhafte Verschlechterung des Gesundheitszustandes nicht ausge
wiesen
sei
(Urk. 2)
.
2.2
Die Beschwerdeführerin liess in der Beschwerdeschrift vom 22. Mai 2015
(Urk. 1)
vorbringen
,
sie sei mit der Qualifikation
als Teilerwerbstätige nicht ein
verstanden
.
Sie
sei nie zu 100 % erwerbstätig gewesen, weil sie schon damals psychische Probleme gehabt habe, die sie daran gehindert hätten, eine normale Belastbarkeit an der Arbeitsstelle, im Umgang mit Mitarbeiten
den
und Vorge
setzten zu entwickeln.
Zudem sei das Gutachten
der
A._
nicht umfassend, weil der medizinische Sachverhalt nicht umfassend abgeklärt worden sei, denn es fehlten fremdanamnestische Erhebungen. Auch habe Dr.
med.
B._
, Facharzt für Psychiatrie und P
s
ychotherapie FMH
,
vor Erlass der Verfügung eine Ver
schlechterung des Gesundheitszustandes attestiert, welche unberücksichtigt geblieben sei.
Eventualiter – sollte die
gemischte Methode zur Anwendung gelangen
–
sei einzuwenden
, dass sie
die
ehrenamtliche Tätigkeit aus gesund
heitlichen Gründen auch nicht mehr ausüben könne
,
und sich dies im
Invalidi
tätsgrad
niederschlage
.
3.
Die Beschwerdeführerin arbeitete seit 1991 zu 60
%
in der Tierarztpraxis von
Dr.
Y._
(
Urk.
6/15/1). Daneben gründete und leitete sie
zusammen mit ihrer Mutter und
Dr.
Y._
die Auffangstation, betreute zahlreiche nicht vermittelbare Tiere, half bei der Aufzucht von Jungtieren mit, die sie teilweise mit in die Tierarztpraxis nehmen konnte, und hielt eigene Haustiere.
Gegenüber der Abklärungsperson der IV-Stelle gab die Beschwerdeführerin an,
in Spitzen
zeiten hätten bis zu 100 Tiere versorgt werden müssen. Den Einsatz der Ver
sicherten
vor Eintritt des Gesundheitsschadens
errechnete die IV-Stelle
auf 22,75 Wochenstunden (
Urk.
6/80/6).
Im Vorbescheid vom 7. September 2012 (
Urk.
6/52) hatte die IV-Stelle darauf hingewiesen, dass sie die Beschwerdeführerin als Teil
erwerbstätige qualifiziere
und die Invalidität nach der gemischten Methode bemesse. Der Vertreter der Beschwerdeführerin hatte sich im Einwand vom 15. November 2012 (
Urk.
6/60) gegen die Qualifizierung gewehrt und beantragt, die Beschwerdeführerin sei als Vollerwerbstätige zu behandeln. Dem Einwand lag der Auszug eines Schreibens der Mutter der Beschwerdeführerin bei (
Urk.
6/59), in dem sie ausführte, die Beschwerdeführerin habe schon bei Antritt der Stelle an Müdigkeits- und Erschöpfungszuständen gelitten, und sich deshalb für ein 60%-Pensum ent
schieden.
Gegenüber der
A._
hatte die Beschwerdeführerin gar angegeben, sie habe das Pensum ihrer Erwerbstätigkeit erst vor ungefähr drei Jahren aus gesundheitlichen Gründen red
u
ziert (
Urk.
6/45/12), was indes nachweislich nicht zutrifft.
Im Wissen um die zitierten Aussagen und in Kenntnis der unterschiedlichen Standpunkte der IV-Stelle einerseits und ihres Rechtsvertreters andererseits, gab die Beschwerdeführerin anlässlich der Abklärung ihres Aufgabenbereichs durch die IV-Stelle am 23. August 2013 im Beisein ihrer Mutter und übereinstimmend mit dieser an,
dass sie auch im Gesundheitsfall die angestammte Aufteilung der Tätigkeiten beibehalten hätte. Sie habe das 60%-Pensum freiwillig gewählt, um ihr ehrenamtliches Engagement im
tierschützerischen
Bereich ausüben zu kön
nen.
D
as Einkommen
habe
gereicht, um den Lebensunterhalt zu finanzieren (
Urk.
6/80/3).
Bei dieser Aussage ist die Beschwerdeführerin zu behaften. Die anderslautenden Vorbringen in der Beschwerde vermögen
angesichts der Klarheit der Aussage nicht zu überzeugen. Die ehrenamtliche Tätigkeit im Bereich des Tierschutzes, der Betreuung und Vermittlung herrenloser Tiere und der Aufzucht von Jung
tieren stellt zweifellos eine als massgebenden Aufgabenbereich zu qualifizie
rende Tätigkeit dar, die bei der Invaliditätsbemessung zu berücksichtigen ist (vgl. BGE 141 V 15 E. 4.2 bis 4.4, 130 V 360 E. 3.3
;
Rz
3032 des Kreisschreibens des Bundesamtes für Sozialversicherungen über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung, in der hier massgebenden, 2016 gültig gewesenen Fassung). Der Invaliditätsgrad ist folglich nach der gemischten Methode zu bestimmen.
4.
4
.1
Im Zeitpunkt des Erlasses der zu beurteilenden Verfügung vom 20. April 2015 präsentierte sich der medizinische Sachverhalt im Wesentlichen wie folgt:
Am 29. Juni 2009
war
die Beschwerdeführerin, nachdem sie sich an beiden Armen Schnittwunden zugefügt hatte, von ihrer Mutter notfallmässig ins
Bezirkss
pital
C._
gebracht
worden
, wo sie bis zum 15. Juli 2009 auf der medizinischen Abteilung behandelt wurde (Bericht des Spitals
C._
vom 16. Juli 2009;
Urk.
6/21/7-11). Anschliessend wurde sie auf die psychiatrische Abteilung verlegt und blie
b dort bis zum 27. Oktober 2009
.
Im Bericht vom 23. Oktober 2009
(
Urk.
6/16/5-7) erhoben die Ärzte
die Diagnosen einer rezidi
vierenden depressiven Störung
,
gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1), eine
r
emotional instabile
n
Persönlichkeitsstörung vom
Borderline
-Typ (ICD-10: F60.31) sowie ein
es schädlichen
Gebrauch
s von Alkohol (
ICD-10: F10.1
)
.
Die Beschwerdeführerin leide seit 2004 unter Ängsten und Depressionen.
Seit
ungefähr einem Jahr
sei es zu
vermehrter innerer Anspannung mit
selbstver
letzendem
Verhalten und schädlichem Alkoholkonsum als Selbstmedikation
gekommen
.
D
er Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung vom instabilen Typus
(
Borderline
)
habe sich während der
Hospitalisation
erhärtet.
Im Verlauf sei es zu einer deutlichen
B
esserung des psychischen Zustandes mit einer Reduktion des selbstverletzenden Verhaltens
gekommen
(Urk. 6/16/5).
Die Beschwerdeführerin brauche
jedoch
weiterhin eine medikamentöse Behandlung und eine umfas
sende psychotherapeutische Begleitung. Eine vollständige Erholung sei möglich, jedoch momentan zeitlich nicht absehbar. Sollte sich der psychische Zustand weiterhin
stabilisieren, könn
t
e sie wieder im angestammten Berufsfeld arbeiten
(Urk. 6/16/
6
)
.
4
.2
Nach einer erneuten Selbstverletzung erfolgte die zweite
Hospitalisation
im S
pi
tal
C._
vom 4. November bis zum
22. Dezember 2009
. Im Austrittsbericht vom 2
2.
Dezember 2009
(
Urk.
6/2
1/16-17
)
wurden dieselben Diagnosen
wie im früheren Bericht
aufgeführt
,
wobei die depressive Störung als rezidivierend mit einer gegenwärtig leichten Episode beschrieben wurde (ICD-10: F33.0).
Zum weiteren Vorgehen wurde ausgeführt, die Beschwerdeführerin wolle im Januar 2010 eine
Ausbildung zur Hundetherapeutin beginnen
, weshalb sie eine 14wöchige stationäre Dialektisch-
Behaviorale
Therapie (DBT) abgelehnt habe. Aufgrund der deutlichen Fortschritte werde sie die Therapie bei
Dr.
B._
ambulant machen.
Am
8./
9. März 2010 berichtete
Dr.
B._
der IV-Stelle,
die Beschwerdeführerin sei noch vollständig arbeitsunfähig, m
it einer Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit sei ab dem 1. April 2010 i
m
Umfang von 20 bis 30 % zu rechnen (Urk. 6/23/
1-6
).
4
.3
Nach einer weiteren Selbstzuweisung wegen Selbstverletzungen war die Beschwer
deführerin vom 1
2.
bis 19. Juli 2010 wiederum im Spital
C._
hospitalisiert (
Austrittsbericht vom 20. Juli 2010
;
Urk.
6/33/12-13)
.
Gemäss Auskunft des behandelnd
en
Therapeuten Dr.
B._
ha
tt
e
sie
sich in letzter Zeit mehrfach und täglich
in den
linken Arm geschnitten. Die Situation habe sich insofern verändert, als sie
sich
nun auch nach positiven Belastungen und nicht nur nach negativen
Erlebnissen
schneide. Die Beschwerdeführerin habe in der Woche der
Hospitalisation
vor allem
versucht
,
die Ängste
und
die
Selbst
verletzungstendenzen
mit ihren Ressourcen anzugehen. Es sei zu keinen
Selbst
verletzungen
mehr
gekommen, so dass die Beschwerdeführerin bereits am ersten Wochenende zur Belastungsübernachtung nach Hause
habe
gehen
dürfen
.
Von da aus
habe sie angerufen
und mitgeteilt, dass sie austreten wolle, da es ihrem Vater sehr schlecht gehe (Urk. 6/33/13).
4.4
Im Verlaufsbericht vom 11. November 2010 (
Urk.
6/33/6-9) stellte
Dr.
B._
nebst den bisherigen Diagnosen neu die Diagnose einer bipolaren affektiven Störung
vom Typ II
, gegenwärtig schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F31.4).
Er attestierte eine seit Juni 2009 anhaltende 100%ige Arbeitsunfähigkeit, stellte aufgrund des protrahierten Verlaufs mit deutlicher Verschlechterung des psychischen und körperlichen Zustands eine schlechte Prognose und führte aus, die Beschwerdeführerin weise eine schwerste Form von emotionaler Instabilität bei der kleinsten Problematik auf
,
und es sei unmöglich, mit diesen Symptomen einer Arbeit nachzugehen (
Urk.
6/33/8).
Anderseits erwähnte er, die Beschwerdeführerin habe die abgebrochene Ausbil
dung zu Hundetherapeutin wieder aufnehmen können, und am letzten Wochen
ende die Zwischenprüfung bestanden (
Urk.
6/33/7).
4.5
Am 30. Dezember 2011 erstattete die
A._
das
bidisziplinäre
Gutachten (
Urk.
6/45)
.
Im psychia
trischen Fachgutachten
vom 21. November 2011
bestätigte
Dr. med.
D._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
als Diagnose mit
Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit
das Vorliegen
eine
r
emotional instabile
n
Per
sönlichkeitsstörung
vom
Borderline
-Typ (ICD-10: F60.31;
Urk. 6/45/14)
.
Jedoch bestehe die Persönlichkeitsstörung seiner Meinung nach nicht erst seit 2008, sondern spätestens seit der frühen Adoleszenz. Dass die Beschwerdeführerin mit der Symptomatik erst im Alter von 40 Jahren aufgefallen sei, sei wohl auf die langjährige Stabilisierung durch die erfüllende Berufstätigkeit und das intensive ehrenamtliche Engagement
zurückzuführen
.
Nicht bestätigt werden könne jedoch die Diagnose einer rezidivierenden depressi
ven Störung, da im Verlauf keine gut voneinander abgrenzbaren, durch
Remission voneinander getrennte
n
depressive
n
Episoden erkennbar seien
. Auch die Diagnose einer bipolaren Störung Typ II könne
er
nicht bestätigt
en
, da die Beschwerdeführerin in der Vergangenheit keine manischen und keine gemisch
ten Episoden gezeigt habe. Es handle sich somit ausschliesslich um eine in ihrer Ausprägung fluktuierende emotionale Instabilität (
Urk.
6/45/15).
Trotz des deklarierten erheblichen Leidensdrucks
sei die Beschwerdeführerin bisher nicht bereit gewesen, sich einer störungsspezifischen Behandlung zu unterziehen. Die bisher durchgeführte psychopharmakologische und die hoch
frequente psychodynamisch-psychoanalytisch orientier
t
e Behandlung habe zu keiner zufriedenstellenden Stabilisierung des psychischen Zustandsbildes geführt (
Urk.
6/45/16).
Unter dem Titel „Beurteilung“ führte der Gutachte
r
aus, d
ie Beschwerdeführerin sei
als
Zwilling
auf die Welt gekommen. Über ihre Existenz sei bis zur Geburt nichts bekannt gewesen. Diese Tatsache sei die Erklärung dafür, dass der Zwil
lingsbruder, der sich schneller und erfolgreicher entwickelt
hab
e, von den Eltern bevorzugt worden sei. Seit dem frühen Kindesalter habe eine emotionale Depri
vation und ein wenig förderlicher Bindungsstil der beiden Elternteile bestanden, was mit hohe
r Wahrscheinlichkeit d
e
n
Grund
stein
für die
spätere
Entwicklung
der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom
Borderline
-Typ
gelegt habe
.
Im Schulalter sei die Beschwerdeführerin einer andauernden Belastungs
situation ausgesetzt gewesen
.
S
ie
habe
eine ausgesprochen niedrige Lernmoti
vation
gezeigt
und sich mit Belangen der Realität
nicht
auseinandersetzen wol
len
.
Zur
Teilnahme am Schulunterricht
habe sie sich
gezwungen
gefühlt
.
I
n dieser Situation
habe sie
keinen Weg gesehen, um mit dem dauerhaften Stress umzugehen. So habe sie im Alter von 13 Jahren im Sinne einer inadäquaten Antwort auf die stressreiche psychosoziale Situation regelmässig Schmerzmittel (
Tonopan
) zu konsumieren begonnen
(Urk. 6/45/16)
.
Die Aufnahme in die
ambulante psychiatrische Behandlung sei im Jahr 2004 erfolgt, nachdem die Beschwerdeführerin vier Wochen lang aufgrund einer Fussgelenkfraktur zu Hause
habe
bleiben
müssen
und erstmals
im Leben einen Unterbruch in der heftigen Vielgeschäftigkeit erlebt
hab
e. Die Ängste hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit eine andere Problematik maskiert, denn im weiteren Verlauf
habe die Beschwerdeführerin eine bedeutende affektive Instabilität ent
wickelt
. Sie habe begonnen
,
sich selber zu verletzen
,
und sei im Verhalten zunehmend auffälliger geworden, so dass ihr langjähriges Arbeitsverhältnis im Jahr 2009 aufgelöst worden sei.
Der Arbeitgeber, der die Beschwerdeführerin während 20 Jahren gekannt habe, habe im
Arbeitgeberb
ericht
festgehalten,
die Beschwerdeführerin
werde
eine Arbeit hinter den Kulissen nicht
akzeptieren
können. Auch
habe
er
ihr
ständiges krankheitsbedingtes Fehlen am Arbeitsplatz als jahrelangen „Dauerzustand“
beschrieben
.
Es sei daher anzunehmen, dass die abweichenden Persönlichkeitsmerkmale der Beschwerdeführerin nur dank Ver
ständnis und Toleranz seitens der Arbeitsumgebung sozial getragen worden seien und dadurch
hätten
stabilisiert werden k
önnen
(Urk. 6/45/16-17)
.
Aktuell präsentiere sich die Beschwerdeführerin
mit
einer instabilen Stimmung
dysphorischer
Prägung,
einer
chronische
n
Suizidalität,
einem
chronische
n
Gefühl der inneren Leere und diversen Besonderheiten im Beziehungsverhalten, so
dass bei ihr ein beinahe prototypisches Bild einer emotional instabilen
Per
sönlichkeitsstörung
vom
Borderline
-Typ vorliege.
Bei der Beantwortung der Frage
nach
der Auswirkung dieser Störung auf die Arbeitsfähigkeit bezie
hungsweise auf die Zumutbarkeit einer Verweistätigkeit
müsse berücksichtigt werden, dass sie sich im private
n
Bereich
derart intensiv
mit der Tierhaltung beschäftige, dass nicht angenommen werden könne,
es lägen
derzeit gravie
rende, prinzipiell nicht überwin
dbare psychische Defizite vor
.
In der aktuellen Untersuchung seien keine relevanten psychischen Defizite zum Vorschein gekommen, wobei die leichte Beeinträchtigung im Bereich
der
Konzentrations
fähigkeit höchstwahrscheinlich auf die Einnahme von
Temesta
zurückzuführen gewesen sei. Die motivationale Lage der Beschwerdeführerin hinsichtlich der Wiederaufnahme der Arbeit in einer Angestelltenposition scheine gering, wie
ihr
Verhalten zeige
.
S
eit der Niederlegung der Arbeit im
Jahr
2009
habe sie
keine Stelle gesucht und lediglich
während
zwei
er
Tage
einen Arbeitsversuch in der Tierpraxis einer Kollegin
gemacht
.
Dieses Verhalten sei kongruent mit der
B
emerkung ihres
ehemaligen
Arbeitgebers, dass
sie
eine Arbeit in untergeord
neter Position nicht tolerieren werde, was die Frage nach dem Vorliegen von relevanten
histrionischen
Zügen in der Persönlichkeitsstruktur aufwerfe
(Urk. 6/45/17)
.
Zusammenfassend
sei festzuhalten, dass
sich die Beschwerdeführerin aktuell in einer für sie wenig förderlichen Situation
befinde
,
in der
sie die von ihr gewünschte Leistung nicht erbringen könne, sich aber wünsche, dieses Nicht-Können zu überwinden. Auf die Überwindungsversuche, die zwangsläufig mit einer vermehrten Reflexion bezüglich der
Realität und dem vermehrten Bezug zur Realität einherg
ingen
, reagiere sie dann aber mit
einer
Zunahme der affek
tiven Symptomatik, der chronischen Suizidalität und der Frequenz der
Selbst
verletzungen
. Dies ergebe
einen Teufelskreis
, welcher aktuell nur durch
die
Installation einer störungsspezifischen psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung durchbrochen werden könne. Dabei sollte die Beschwerdeführerin
möglichst
auf die regelmässige Einnahme von destabilisierenden Substanzen wie Benzodiazepine verzichten. Auch die
psychopharmakotherapeutische
Behandlung
, die
sich zu einer Polypharmazie
entwickelt habe,
sollte kritisch revidiert werden
(Urk. 6/45/17)
.
Aus rein psychiatrischer Sicht sei die Beschwerdeführerin in ihrer angestamm
ten Tätigkeit als Tierarztgehilfin zu maximal 50 % arbeitsfähig. Die Minderung der Arbeitsfähigkeit ergebe sich aus der vermindert
en
emotionalen Belastbar
keit, der Störung des sozialen Verhaltens und aufgrund von psychomotorischen Defiziten wie intensive Spannungszustände.
Aus den gleichen Gründen sei die Beschwerdeführerin einem Arbeitgeber höchstens halbtags zumutbar.
Für Arbeiten, die ohne Kundenkontakt, nicht unter Zeitdruck und nicht im
Schicht
betrieb
ausgeführt werden müssten,
sei die Arbeitsfähigkeit höher und betrage 70
%
(Urk. 6/45/17).
Im
rheumatologischen Fachgutachten vom 17. August 2011
wurden aus soma
tischer Sicht keine Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit erhoben
(Urk. 6/45/6
), was die
A._
auf Rückfrage der IV-Stelle am 6. März 2012 aus
drücklich bestätigte (
Urk.
6/48). Gleichzeitig ergänzte sie, dass die attestierte psychisch bedingte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit seit dem 29. Juni 2009 bestehe (
Urk. 6/48).
4.6
A
m 7. September 2012
erliess die IV-Stelle
den Vorbescheid und stellt
e
die Ver
neinung eines Rentenanspruchs in Aussicht (
Urk.
6/52). Nachdem die Beschwer
deführerin dagegen Einwand erhoben hatte (
Urk.
6/57 und 6/60), holte die IV-Stelle einen weiteren Bericht des
behandelnde
n
Psychiater
s
Dr.
B._
vom 25. Februar 2013
(
Urk.
6/63) ein. Darin wiederholte er
die bisher gestellten Diagnosen
eine
r
bipolare
n
affektive
n
Störung Typ II mit gegenwärtig leicht
-/
mittelgradig
er
depressiver
Episode (ICD-10: F31.8)
,
eine
r
emotional instabile
n
Persönlichkeit vom
Borderline
Typ (ICD-10: F60.31)
und
ein
e
s
Status nach schädliche
m
Gebrauch von Alkohol, wobei die Beschwerdeführerin
seit über einem Jahr unter ärztlicher Aufsicht
abstinent sei (ICD-10: F10.1
;
Urk. 6/63/1, Urk. 6/63/5).
Die Beschwerdeführerin sei bewusstseinsklar,
zeitlich,
örtlich, situativ und zur eigenen Person orientiert. Die Aufmerksamkeit und die Konzentration seien deutlich besser. Es seien keine Schreckhaftigkeit und Lärmempfindlichkeit mehr vorhanden. Die kognitiven Fähigkeiten seien unter der aktuellen medikamen
tösen Behandlung deutlich besser geworden. Das Denken sei umständlich und verlangsamt. Die Beschwerdeführerin verletze sich immer noch selbst, zeitweise zwei- bis dreimal wöchentlich. Die Freudlosigkeit, die Angst und die dissoziati
ven Verhaltensstörungen seien nach wie vor vorhanden.
Das
Gedankenkreisen und die paranoiden Gedanken seien unter
medikamentöser Behandlung
prak
tisch verschwunden.
S
eit der Dosisanpassung
seien auch die
manische
n
Phasen verschwunden. Die Beschwerdeführerin gehe auch wieder selber einkaufen. Affektiv bestehe eine leichte Besserung mit einer besseren Modulation. Sie sei nun gut mitschwingend. Der Antrieb und die Psychomotorik seien deutlich besser. Zirkadian bestehe nach wie vor ein Morgentief. Es werde ein sozialer Rückzug beschrieben. Hinweise auf akute Suizidgedanken bestünden keine (Urk. 6/63/5).
Die Beschwerdeführerin sei
bei einem anderen Arbeitgeber
während zwei Stun
den am Tag arbeitsfähig. Ihre Leistungsfähigkeit sei dabei um 50 % vermindert, da sie alles sehr langsam erledige und schnell überfordert sei (Urk. 6/63/
2-
3).
4.7
Mit Schreiben vom 16. Februar 2015 liess die Beschwerdeführerin eine Ver
schlechterung des Gesundheitszustands geltend machen (
Urk.
6/82). Die IV-Stelle forderte daraufhin von
Dr.
B._
einen neuen Bericht an, den dieser am
27. Februar 2015
erstattete (
Urk.
6/84).
Darin führte er aus,
seit September 2013
habe sich
trotz medikamentöser antidepressiver Therapie
eine schwere depres
sive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F32.2
)
entwickelt
. Anfäng
lich sei die
Depression
leicht bis mittelgradig gewesen. Seit April 2014 sei sie mittelgradig bis sch
w
er und seit dem Tod des Vaters
am
31. Juli 2014 schwer
, ohne Remission (Urk. 6/84/3).
D
ie Beschwerdeführerin
sei
deutlich
depressiver geworden.
Sie
schneide
sich
wöchentlich
mit dem Messer und verbrenne sich mit Zigaretten am Unterarm und an den Beinen.
Zu
eine
r
stationäre
n
Dialektisch-
Behaviorale
n
Therapie
sei sie nicht bereit, da sie Angst habe.
Sie
weise
eine stark depressive Symptomatik
auf
mit Ein- und Durchschlafstörungen
und
dissoziativen Zuständen mit Immo
bilität im Bett
.
Sie
wirke
ausge
sprochen
ratlos und hilflos und verspüre eine innere Unruhe und Angstzustände, die sich in einem inneren Vibrieren/Kribbeln äusserten. Die Al
ltagsbewältigung sei erschwert
(Urk. 6/84/4)
.
Im angestammten Beruf bestehe seit dem letzten Bericht und bis auf
Weiteres
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Beispielweise in einem Tierheim, mit nur
minimalem Kontakt zu Menschen, könnte die Beschwerdeführerin eine bis zwei Stunden täglich arbeiten
(
Urk. 6/84/5).
5
.
5
.1
Die Beschwerdegegnerin stützte sich
in der Verfügung vom 20. April 2015 (Urk. 2)
in medizinischer Hinsicht
im Wesentlichen auf das
bidisziplinäre
Gut
achten der
A._
vom 30. Dezember 2011 (Urk. 6/45)
und
auf die Stellungnah
men des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 28. Juni 2013 (Urk. 6/88/4), vom 3. März 2014 (Urk. 6/88/5) und vom 6. März 2015 (Urk. 6/88/6-7), welche sich zu den zwei Verlaufsberichten von Dr.
B._
vom 25. Februar 2013 (
vgl.
Urk.
6/63) und vom 27. Februar 2015 (
vgl.
Urk. 6/84) äusser
te
n.
Unbestritten ist, dass aus rheumatologischer Sicht
keine Diagnose mit Auswir
kung auf die Arbeitsfähigkeit besteht
(vgl. Urk. 6/45/6).
5
.
2
Das
psychiatrische Fachgutachten
der
A._
beruht
auf sorgfältigen eigenen Untersuchungen und berücksichtigt die subjektiven Angaben der Beschwerde
führerin (Urk.
6
/
45
).
Zur Erhebung
der Anamnese standen
dem Gutachter zudem
sämtliche Akten zur Verfügung
.
Das Gutachten setzt sich mit den früheren Einschätzungen des Gesundheitszustandes auseinander (vgl. Urk. 6/45/14-16)
und
erläutert einleuchtend, weshalb es davon abweicht.
Die Schlussfolgerungen
erschein
en
unter Berücksichtigung der Aktenlage und der erhobenen Befund
e plausibel und
sind gut
nachvollziehbar
.
Soweit
der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin gegen das Gutachten einwen
det, es sei nicht vollständig, weil fremdanamnestische Erhebungen fehl
ten (
Urk.
1),
insbesondere hätte die IV-Stelle nach Kenntnis des Gutachtens zur Frage des Krankheitsbeginns Auskünfte beim Psychiater
Dr.
med.
E._
, bei der Mutter der Beschwerdeführerin und bei
F._
, dem Oberstufenlehrer der Beschwerdeführerin einholen müssen (vgl.
Urk.
6/60 und 6/73), ist vorab festzuhalten, dass es g
rundsätzlich Sache der Gutachter
ist zu entscheiden, ob und wel
che Drittauskünfte sie einholen.
U
nabhängig davon, dass fremdanamnestische Angaben hilfreich sein können
und in den
Qualitäts
leitlinien
für psychiatrische Gutachten der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und P
sychotherapie empfohlen werden,
ist
in jedem Einzelfall zu prüfen, ob die von den Gutachtern getätigten Abklärungen für die Beantwor
tung der sich stellenden Fragen genügend sind, auch wenn weitere und umfas
sendere Abklärungen möglich gewesen wären. Das Gutachten muss dem einzel
nen Fall gerecht werden; hingegen ist es nicht Sache der Gutachter, sämtlichen Eventualitäten nachzugehen und sämtliche Personen, die im Leben
d
er zu
begutachtenden Person eine Rolle spielten, zu befragen. Ein solches
Verständnis einer Begutachtung ist weder unter dem Gesichtspunkt des Aufwandes, noch unter dem Aspekt der dafür anfallenden Kosten
,
noch in Berücksichtigung des Persönlichkeitsschutzes vertretbar.
Im vorliegenden Fall kommt hinzu, dass der Gutachter der
A._
den Beginn der Persönlichkeitsstörung entgegen den bisherigen ärztlichen Meinungen klar auf das frühe
Adoleszenzalter
festlegte. Zur Untermauerung brauchte er dafür weder die Auskunft des Sekundarlehrers noch jene von
Dr.
E._
, von dem er wusste, dass er der Beschwerdeführerin nach dem Beinbruch 2004 und den in der Folge aufgetretenen Ängsten
Temesta
verordnet hatte (
Urk.
6/45/12). Ebenso befand er offenbar eine Auskunft der Mutter oder der Eltern der Beschwerdeführerin als entbehrlich, was angesichts der von der Beschwerdeführerin geschilderten
nicht unprobl
ematischen Familienverhältnisse
(vgl.
Urk.
6/45/16) nachvollziehbar ist. Die mit dem Einwand gegen den Vorbescheid eingereichte Eingabe der Mutter der Beschwerdeführerin (
Urk.
6/59) musste die IV-Stelle nicht veranlassen, diese dem Gutachter zur Stellungnahme zu unterbreiten.
Das Gutachten der
A._
erfüllt somit sämtliche Voraussetzungen für ein umfas
sendes, nachvollziehbares Gutachten
im Sinne der Rechtsprechung (BGE 125 V
352 E.
3a). Es überzeugt
hinsichtlich der Krankheitsentwicklung, der
Diagnose
stellung
und
der Arbeitsfähigkeitsbeurteilung. E
s ist
vollumfänglich
darauf abzustellen.
5.3
Nach dem Gesagten ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin im Zeit
punkt der Begutachtung durch die
A._
im August 2011 (
Urk.
6/45/3 und 6/45/8) in der angestammt
en Tätigkeit als Tierarztgehilfin
maximal zu 50
%
und in einer leidensangepassten Tätigkeit ohne Kundenkontakt, ohne Zeitdruck und nicht im Schichtbetrieb zu 70
%
arbeitsfähig war (
Urk.
6/45/17). Die IV-Stelle errechnete ausgehend von einem
Valideneinkommen
von Fr. 43‘315.50 und einem Invalideneinkommen von Fr. 41‘722.-- eine
Erwerbseinbusse
von 3,68
%
und bezogen auf das 60%-Pensum einen Invaliditätsgrad im erwerb
lichen Bereich von 2,21
%
(
Urk.
2). Dieser Einkommensvergleich ist aufgrund der Aktenlage nicht zu beanstanden und wurde von der Beschwerdeführer
in
zu Recht nicht bestritten.
Was die Beschwerdeführerin hinsichtlich der Einschränkungen im Aufgabenbe
reich vorbringt, trifft zu. Aus dem Abklärungsbericht vom 29. August 2013 ergibt sich, dass sie die Leitung der Auffangstation abgeben musste
und dort nicht mehr arbeiten kann
und wegen der krankheitsbedingten
Fahruntauglich
keit
auch bei den Wesenstests
des Veterinäramtes nicht mehr eingesetzt werden
kann
.
Diesbezüglich ist eine Einschränkung ausgewiesen.
Allerdings betreut sie bei sich zu Hause zusammen mit ihrer Mutter nach wie vor zahlreiche Tiere
;
im Zeitpunkt der Abklärung waren es gesamthaft 32 Tiere (
Urk.
6/80/4). Auch wenn diesbezüglich eine gewisse Verlangsamung plausi
bel erscheint, so vermag dieser Umstand keine wesentliche Einschränkung zu bewirken; vielmehr ist es der Beschwerdeführerin analog einer Hausfrau zumutbar, die Aufgaben ihren Kräften entsprechend
ein
zuteilen und mit vermehrten Pausen über den ganzen Tag verteilt zu erledigen. Bei den unaufschiebbaren Tätigkeiten, wie beispiels
weise bei der Fütterung, ist es ihr im Rahmen der Schadenminderungspflicht zumutbar, die Mithilfe der Mutter in Anspruch zu nehmen.
Selbst wenn im Aufgabenbereich eine Einschränkung von 50
%
angenommen würde, ergibt sich - gemessen am Umfang von 40
%
- nur ein Invaliditätsgrad von 20
%
, und zusammen mit jenem im erwerblichen Teil ein
Gesamtinvalidi
tätsgrad
von 22,21
%
, was keinen Rentenanspruch zu begründen vermag.
5.4
Bis zum Zeitpunkt der Begutachtung durch die
A._
im August 2011 hat die Beschwerdegegnerin somit zu Recht einen Rentenanspruch verneint. Das gilt
auch
für den Zeitraum bis Februar 2013, als
Dr.
B._
im Bericht vom 25. Februar 2013 (
Urk.
6/63) eine wesentliche Besserung des Gesundheitszustands beschrieb.
Hingegen ist gestützt auf den Bericht von
Dr.
B._
vom 27. Februar 2015 (
Urk.
6/84), in welchem er eine seit April 2014 eingetretene Verschlechterung des Gesundheitszustands und seit dem Tod des Vaters im Juli 2014 das Vorlie
gen einer schweren Depression attestierte, eine anspruchsrelevante Änderung der Verhältnisse nicht
auszuschliessen
. Entgegen den Ausführungen des RAD kann nicht einfach angenommen werden, durch eine Intensivierung der Thera
pie lasse sich das Leistungsniveau, wie es im Zeitpunkt der Begutachtung durch die
A._
bestanden habe,
innerhalb von zwölf Mon
a
ten wieder herstellen (
Urk.
6/88/6-7). Will die IV-Stelle die Beschwerdeführerin im Rahmen der
Scha
denminderungspflicht
zur
Anhandnahme
einer störungsspezifischen Therapie, zu der die Beschwerdeführerin bis anhin nicht bereit war, verpflichten, so hat sie
ordnungsgemäss
das Mahn- und
Bedenkzeitverfahren
durchzuführen.
Für den Zeitraum ab März 2013 ist die Sache daher an die IV-Stelle zurück
-
zuwei
sen, damit sie die erforderlichen Abklärungen zum Gesundheitszu
stand der Beschwerdeführerin und zur Arbeits- und Erwerbsfähigkeit tätige und hernach über den Leistungsanspruch ab März 2013 neu befinde. Die Beschwerde ist in diesem Umfang teilweise
gutzuheissen
.
6
.
6
.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig.
Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrens
aufwand
und unabhängig vom Streitwert im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben (Art.
69 Abs. 1
bis
IVG) auf Fr.
8
00.-- anzusetzen.
Angesichts des teilweisen Unterliegens sind sie zu einem Viertel der Beschwerdeführerin und zu drei Vierteln der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen.
Der Anteil der Beschwerdefüh
rerin ist zufolge der bewilligten unentgeltlichen Prozessführung einst
w
eilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Die Beschwerdeführerin ist auf
§
16
Abs.
4 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht
(
GSVGer
)
hinzuweisen.
6
.2
Überdies hat die Beschwerdeführerin
im Umfang des Obsiegens
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten (§ 34 Abs. 1
GSVGer
). Der unentgeltliche Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, Rechtsanwalt
Stephan
Breidenstein
, macht
Aufwen
dungen von Fr.
3‘000.25
(inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) geltend (Urk. 1
2
). Dies entspricht einem Zeitaufwand von
12.05
Stunden und Fr.
127.
--
Barauslagen
.
Dieser Aufwand ist dem Umfang des Falles angemessen.
Die Beschwerdegegnerin hat deshalb dem unentgeltlichen Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
somit eine
Prozessentschädigung
von
Fr.
2‘250.-- zu bezahlen, im Mehrbetrag von
Fr.
750.25 ist er aus der Gerichtskasse zu entschä
digen.
Die Beschwerdeführerin ist auch diesbezüglich auf
§
16
Abs.
4
GSVGer
hinzuweisen.