Decision ID: 32dd15c1-ebac-4aa0-9359-eb23b36c3eb1
Year: 2007
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Am 30. Juni 2006, um 11.25 Uhr, lenkte X.Y. seinen Personenwagen "Ford" auf der
U-strasse von E. in Richtung U. Bei der Einmündung in die vortrittsberechtigte Z-
strasse in U. hielt er sein Fahrzeug an und gewährte dem Verkehr auf der Z-strasse den
Vortritt. Danach bog er nach links in die Z-strasse in Richtung U. ein, wobei er den
korrekt von links auf der Z-strasse von U. in Richtung Sch. fahrenden Personenwagen
von S. B. übersah, weshalb es zu einer seitlichen, frontalen Kollision kam. Es entstand
Sachschaden; verletzt wurde niemand.
B.- Mit Schreiben vom 28. Juli 2006 eröffnete das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen, Abteilung Personenzulassung (nachfolgend:
Strassenverkehrsamt), ein Administrativmassnahmeverfahren gegen X.Y. und gewährte
ihm das rechtliche Gehör. Am 1. September 2006 wurde das Verfahren bis zum
Abschluss des Strafverfahrens sistiert.
Mit Bussenverfügung des Untersuchungsamts U. vom 30. August 2006 wurde X.Y.
wegen Verursachens eines Verkehrsunfalls am 30. Juni 2006 zufolge Missachtung des
Vortrittsrechts in Anwendung von Art. 90 Ziff. 1 SVG der Verletzung von Verkehrsregeln
für schuldig erklärt und mit Fr. 400.-- gebüsst. Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
Am 8. Februar 2007 reichte X.Y. durch seinen Rechtsvertreter beim
Strassenverkehrsamt eine schriftliche Stellungnahme ein.
C.- Mit Verfügung vom 22. Februar 2007 entzog das Strassenverkehrsamt X.Y. den
Führerausweis wegen Verursachens eines Verkehrsunfalls infolge Missachtung des
Signals "Kein Vortritt" in Anwendung von Art. 27 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 16b Abs.
1 lit. a und Abs. 2 lit. a SVG für die Dauer von einem Monat.
D.- Gegen diese Verfügung erhob X.Y. durch seinen Vertreter mit Eingabe vom 8. März
2007 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, die angefochtene
Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge aufzuheben und es sei von einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Administrativmassnahme, insbesondere einem Führerausweisentzug abzusehen;
eventualiter sei ausschliesslich eine Verwarnung auszusprechen.
Mit Vermerk vom 3. Mai 2007 verzichtete die Vorinstanz auf eine Vernehmlassung.
E.- In der Rekurseingabe vom 8. März 2007 liess der Rekurrent ein Gesuch um
Durchführung einer mündlichen Verhandlung stellen. Dieses Gesuch zog er mit
Schreiben seines Vertreters vom 7. Juni 2007 zurück.
F.- Auf die Ausführungen des Rekurrenten zur Begründung seiner Anträge wird, soweit

notwendig, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 8. März 2007 ist rechtzeitig eingereicht
worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41bis, 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1,
abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Hinsichtlich des vorinstanzlichen Verfahrens macht der Rekurrent durch seinen
Vertreter eine Verletzung des rechtlichen Gehörs geltend, indem er die Begründung der
Entzugsverfügung als ungenügend erachtet.
a) Der Rekurrent lässt vorbringen, die Vorinstanz habe sich nicht mit den Argumenten
der Eingabe vom 8. Februar 2007 befasst. Ebenso sei das geringe Verschulden nicht
gewürdigt worden. Damit verwehre ihm die Vorinstanz die Ausübung des rechtlichen
Gehörs.
b) Nach Art. 29 Abs. 2 der Schweizerischen Bundesverfassung (SR 101) haben die
Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs
leitet das Bundesgericht in ständiger Rechtsprechung die Pflicht der Behörden ab, ihre
Verfügungen und Entscheide zu begründen (BGE 129 I 232 E. 3.2). Das ergibt sich
auch aus der bis zum 31. Dezember 2004 gültigen Fassung von Art. 35 Abs. 2 der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr
(SR 741.51) sowie aus Art. 24 Abs. 1 lit. a VRP. Auf den vorliegenden Fall bezogen
bedeutet dies, dass die Entzugsverfügung sich mit den wesentlichen Einwendungen
des Rekurrenten kurz auseinander zu setzen hat. Dieser soll aus der Begründung der
Verfügung ersehen, dass seine Vorbringen von Seiten der Vorinstanz tatsächlich
gehört, sorgfältig und ernsthaft geprüft und in der Entzugsverfügung berücksichtigt
worden sind. Insoweit hat die Begründungspflicht einen persönlichkeitsbezogenen
Aspekt, dient der Transparenz der Entscheidfindung und ermöglicht erst die
sachgerechte Anfechtung. Sie zwingt die Vorinstanz aber auch zu einer gewissen
Selbstkontrolle über die Sachlichkeit ihrer Entscheidmotive. Dabei ist die
Begründungsdichte abhängig von der Entscheidungsfreiheit der Vorinstanz und der
Eingriffsintensität der Verfügung (vgl. dazu VRKE IV vom 7. September 2005 in Sachen
M. Sch., S. 3, mit weiteren Hinweisen).
c) In ihrer Argumentation zum Verschulden des Rekurrenten angesichts der
Qualifikation des Sachverhaltes beschränkte sich die Vorinstanz in der Tat auf die
Feststellung, dass unabhängig vom Verschulden zumindest eine mittelschwere
Widerhandlung vorliege. Sie führte jedoch vorhergehend aus, dass die vom
Rekurrenten verursachte Gefahr wegen des Unfalls mit konkreter Gefährdung nicht
mehr als gering eingestuft werden könne. Die Vorinstanz hat damit das nach ihrer
Auffassung für den Ausschluss einer leichten Widerhandlung entscheidende Argument
aufgeführt. Zur weiteren Voraussetzung von Art. 16a Abs. 1 lit. a des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) brauchte sie sich damit nicht
mehr zu äussern, zumal bei Vorliegen einer nicht mehr geringen Verkehrsgefährdung
selbst unter der Annahme eines leichten Verschuldens und ungetrübten Leumunds
nicht mehr von einer leichten Widerhandlung gesprochen werden kann (vgl. VRKE IV
vom 24. Mai 2006 in Sachen O. Sch., S. 6 und vom 27. Juni 2006 in Sachen A. F., S. 7).
Zudem hat die Vorinstanz darauf hingewiesen, dass die gesetzliche
Mindestentzugsdauer nicht unterschritten werden könne. Das Eingehen auf die
Argumente des Rekurrenten in der Eingabe vom 8. Februar 2006, die sich im
Wesentlichen auf die Verhältnismässigkeit der Massnahme beziehen, erübrigte sich
damit. Insgesamt genügt die Begründungsdichte den Anforderungen an das rechtliche
Gehör.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem
Ordnungsbussengesetz (SR 741.03) ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder
Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz
unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und
schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln
eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit.
a SVG). Ist die Verletzung der Verkehrsregeln grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG).
4.- Im Rekurs ist angesichts der rechtskräftigen Bussenverfügung vom 30. August 2006
in tatsächlicher Hinsicht zu Recht unbestritten, dass der Rekurrent am 30. Juni 2006
um 11.25 Uhr das Fahrzeug "Ford" auf der U-strasse in U. gelenkt und dabei zufolge
Missachtung des Vortrittsrechts einen Verkehrsunfall im Kreuzungsbereich mit der Z-
strasse verursacht hat. Zu klären ist jedoch, ob der Rekurrent dabei schuldhaft eine
Verkehrsregel verletzt hat. Die Vorinstanz hat die angefochtene Verfügung
diesbezüglich auf Art. 27 Abs. 1 SVG gestützt. Der Rekurrent macht indes geltend,
dass es zum Unfall gekommen sei, weil ihm durch einen Verkehrskandelaber die Sicht
nach links auf die Z-strasse versperrt gewesen sei. Es liege daher kein Verschulden
vor.
In der rechtskräftigen Bussenverfügung vom 30. August 2006 hat die Strafbehörde
gestützt auf die Darstellung im Polizeirapport vom 11. Juli 2007 und die darin
protokollierten Aussagen des Rekurrenten im Anschluss an den Verkehrsunfall in
tatsächlicher Hinsicht festgehalten, der Rekurrent habe den Unfall "zufolge
Missachtung des Vortrittsrechts" verursacht. An diese Feststellung ist die
Verwaltungsbehörde gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung gebunden. Zwar
beruht die Bussenverfügung allein auf dem Polizeirapport, jedoch musste der
Rekurrent angesichts der Tatsache, dass die Missachtung des Vortritts zu einem
Verkehrsunfall führte und im Verteiler der Bussenverfügung auch die Vorinstanz
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufgeführt war, mit einem Entzugsverfahren rechnen. Unter diesen Umständen durfte
der Rekurrent nicht das Verwaltungsverfahren abwarten, um allfällige Rügen
vorzubringen und Beweisanträge zu stellen, sondern war nach Treu und Glauben
verpflichtet, dies bereits im Rahmen des (summarischen) Strafverfahrens zu tun, sowie
allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu ergreifen (vgl. dazu BGE 123 II 97 E. 3c/aa). Zu
eigenen Sachverhaltserhebungen sind die Entzugsbehörden nur verpflichtet, wenn
klare Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die Sachverhaltsfeststellungen im Strafurteil
unrichtig sind (vgl. BGE vom 1. September 2004, 6A.35/2004, E. 3.3 und BGE vom 26.
Mai 2003, 6A.68/2002, E. 2.1 mit Hinweisen auf BGE 119 Ib 158 E. 3c/aa und 103 Ib
101 E. 2b).
Da der Rekurrent die Bussenverfügung in Rechtskraft erwachsen liess und mit der
Eröffnung eines Administrativverfahrens rechnen musste, ist auf den im Polizeirapport
festgestellten und der Bussenverfügung zu Grunde liegenden Sachverhalt abzustellen
(vgl. VRKE IV vom 9. Januar 2003 in Sachen S.B., E. 2b/aa). Soweit der Rekurrent nun
geltend macht, die Sicht nach links sei ihm versperrt gewesen, kann er daraus nichts
zu seinen Gunsten ableiten, da er dies im Strafverfahren nicht vorgebracht hat und
auch keine konkreten Anhaltspunkte ersichtlich sind, welche seine Argumentation zu
stützen vermöchten. Bei der polizeilichen Befragung gab er sogar ausdrücklich an,
dass die Sicht nicht eingeschränkt gewesen sei und er die ganze Strasse gesehen
habe. Gemäss diesen Aussagen und aufgrund der Photographien der Unfallstelle muss
davon ausgegangen werden, dass sich der Unfall nicht infolge mangelhafter Sicht
ereignet hat und es sich bei den vom Rekurrenten dahingehenden Aussagen um
Schutzbehauptungen handelt. Da sich der rechtserhebliche Sachverhalt mit
hinreichender Klarheit aus den Akten ergibt, kann auch auf den beantragten
Augenschein verzichtet werden.
Dementsprechend steht in Übereinstimmung mit der strafrechtlichen Verurteilung fest,
dass der Rekurrent infolge Missachtung des Vortrittsrechts einen Unfall verursachte
und somit in Übereinstimmung mit der Vorinstanz und entgegen der Ansicht des
Strafrichters in schuldhafter Weise Art. 27 Abs. 1 Satz 1 SVG, wonach Signale und
Markierungen sowie die Weisungen der Polizei zu befolgen sind, verletzt hat. Gemäss
Angaben im Polizeirapport ist auf der U-strasse "Kein Vortritt" signalisiert. Das Signal
"Kein Vortritt" verpflichtet den Führer, den Fahrzeugen auf der Strasse, der er sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nähert, den Vortritt zu gewähren (Art. 36 Abs. 2 Satz 1 der Signalisationsverordnung,
SR 741.21, abgekürzt: SSV).
b) Nicht einzutreten ist in diesem Zusammenhang auf den Einwand des Rekurrenten,
wonach aufgrund von Art. 16 ff SVG sowie Art. 67b und Art. 94 des Schweizerischen
Strafgesetzbuches (SR 311.0, abgekürzt: StGB) ein doppelter Massnahmen- und
Strafdualismus bestehe, was offensichtlich Art. 4 des Zusatzprotokolls Nr. 7 zur
Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101.07)
zuwiderlaufe, da die genannten Strafbestimmungen erst auf den 1. Januar 2007 in Kraft
getreten sind (vgl. AS 2006 S. 3535) und der Strafrichter diese Bestimmungen am 30.
August 2006 zu Recht noch nicht angewandt hat. Davon abgesehen kann das
Fahrverbot gemäss Art. 67b StGB nur dann ausgesprochen werden, wenn der Täter
das Motorfahrzeug als Mittel zur Begehung einer Straftat verwendet hat, damit jedoch
kein Fehlverhalten im Strassenverkehr verbunden gewesen ist (Hansjakob/Schmitt/
Sollberger, Kommentierte Textausgabe zum revidierten Strafgesetzbuch, 2. Auflage, S.
77). Das trifft hier gerade nicht zu. Hinzu kommt, dass die Weisung betreffend Führen
eines Motorfahrzeuges im Sinn von Art. 94 StGB vor allem zur Besserung des
Verurteilten beitragen soll, während der Führerausweisentzug in erster Linie eine
sichernde Massnahme zur Verhütung von neuen Verkehrsgefährdungen darstellt (vgl.
G. Stratenwerth, Schweizerisches Strafrecht, Allg. Teil: Strafen und Massnahmen, 2.
Auflage, S. 156 Rz 77). Nachdem der Strafrichter, wie erwähnt, keine solche Weisung
erlassen hat, steht auch diese Bestimmung einer allfälligen Administrativmassnahme
nicht entgegen.
5.- Umstritten ist, ob die Vorinstanz die Verletzung von Art. 27 Abs. 1 Satz 1 SVG in
Verbindung mit Art. 36 Abs. 2 Satz 1 SSV zu Recht als mittelschwere Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften im Sinn von Art. 16b Abs. 1 lit. b SVG
qualifiziert hat. Die Vorinstanz hält in der angefochtenen Verfügung fest, dass die
schuldhaft verursachte Gefahr (Unfall mit konkreter Gefährdung) nicht mehr als gering
eingestuft werden könne. Es liege deshalb unabhängig vom Grad des Verschuldens
zumindest ein mittelschwerer Fall vor.
a) Gegen die Qualifikation als mittelschwere Widerhandlung wird im Rekurs im
Wesentlichen vorgebracht, die Vorinstanz stelle sich auf den Standpunkt, dass sie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lediglich festzulegen brauche, dass die Verkehrsgefährdung mittelschwer sei und dass
dann keine anderen Argumente mehr irgendwelches Gewicht hätten. Sie verlasse
damit den Boden des Verschuldensstrafrechts. Indem die Vorinstanz dies nicht
beachte, verfalle sie in Willkür. Ebenso sei die Argumentation, dass es zu einer
konkreten Beschädigung gekommen sei und dadurch eine bloss leichte Gefährdung
ausgeschlossen sei, unhaltbar. Es sei offensichtlich gesetzwidrig, jede kleine Beule, die
ein Fahrzeug beispielsweise beim Einparkieren einem anderen Fahrzeug zufüge, ohne
Qualifikation des Verschuldens nur noch als mittelschweren Fall zu werten. Allein die
Gefährdung könne keine Massnahme begründen. Fehle es am Verschulden, dürfe
keine Fahrverbotsstrafe verhängt werden. Diese erst- und einmalige
Verkehrsauffälligkeit sei zu gering und begründe keinen Korrekturbedarf. Der Rekurrent
sei für sein singuläres Versagen bereits durch die Unfallfolgen und die Bussensanktion
genügend ermahnt worden. Daher sei auf jede Strafmassnahme durch
Administrativrecht zu verzichten. Streiten könne man sich einzig darüber, ob eine
Verwarnung notwendig und verhältnismässig sei. Das seit 1. Januar 2005 gültige
Massnahmenrecht habe erklärtermassen nicht zum Ziel, den bewährten, erstmalig
auffälligen Fahrzeuglenker härter zu sanktionieren, als dies unter altem Recht der Fall
gewesen sei.
b) Nach Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG begeht eine leichte Widerhandlung, wer durch die
Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft
und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft. Eine mittelschwere Widerhandlung im
Sinn von Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente
einer leichten und nicht alle qualifizierenden Elemente einer schweren Widerhandlung
gegeben sind (vgl. Botschaft, in: BBl 1999 S. 4487).
aa) Für die Annahme eines leichten Falls setzt das Gesetz ausdrücklich ein geringes
Ausmass der Gefährdung voraus. Im Gegensatz zur bundesgerichtlichen
Rechtsprechung zum bis am 31. Dezember 2004 geltenden Recht (vgl. BGE 125 II 561)
räumt Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG der Schwere der Verkehrsgefährdung wieder eine
eigenständige Stellung ein. Im Recht der Administrativmassnahmen liegen der
gesetzlichen Kategorisierung der Widerhandlungen gegen
Strassenverkehrsvorschriften verschiedene Gefährdungsstufen zugrunde. Von der
konkreten Gefährdung der körperlichen Integrität anderer Personen ist deren abstrakte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gefährdung zu unterscheiden, die "einfach" oder "erhöht" sein kann. Die einfache
abstrakte Gefährdung zieht kein Administrativmassnahmeverfahren nach sich (vgl. Art.
16 Abs. 2 SVG). Eine solche Gefährdung ist nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung aber nur dann anzunehmen, wenn keine anderen Verkehrsteilnehmer
vom Fehlverhalten des Rekurrenten hätten betroffen werden können. Führt hingegen
die Missachtung einer Verkehrsregel zu einer Verletzung eines Rechtsguts, einer
konkreten Gefährdung der körperlichen Integrität oder zu einer erhöhten abstrakten
Gefährdung dieses Rechtsguts, hat dies eine Administrativmassnahme zur Folge (R.
Schaffhauser, Die neuen Administrativmassnahmen des Strassenverkehrsgesetzes, in:
Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2003, St. Gallen 2003, S. 181, Rz. 43 ff.).
Für die Abstufung innerhalb der erhöhten abstrakten Gefährdung ist auf die Nähe der
Verwirklichung der Gefahr abzustellen. Je näher die Möglichkeit einer konkreten
Gefährdung oder Verletzung liegt, umso schwerer wiegt die erhöhte abstrakte
Gefährdung (vgl. BGE 118 IV 285 E. 3a). Eine konkrete Gefahr liegt vor, wenn für einen
bestimmten, tatsächlich daherkommenden Verkehrsteilnehmer oder einen Mitfahrer
des Täters die Gefahr einer Körperverletzung oder gar Tötung bestand. Erst recht ist
eine konkrete Gefahr zu bejahen, wenn es zu einem Unfall gekommen ist, mit anderen
Worten sich die hervorgerufene Gefahr realisiert hat (J. Boll, Grobe
Verkehrsregelverletzung, Davos 1999, S. 12). Zudem ist das Ausmass der
üblicherweise entstehenden Schädigung bei Eintritt der Rechtsgutverletzung mit zu
berücksichtigen (vgl. VRKE vom 6. Juli 2005 in Sachen H. L., E. 4b/bb).
Im Polizeirapport vom 11. Juli 2007 wird festgehalten, dass der Rekurrent vor der
Einmündung in die Z-strasse vor dem Trottoir angehalten habe. Er habe dem Verkehr
auf der Z-strasse den Vortritt gelassen. Im Anschluss sei er linksabbiegend auf die Z-
strasse gefahren. Dabei habe er den korrekt von links fahrenden Personenwagen von
S. B. übersehen. In der Folge sei es zu einer seitlichen, frontalen Kollision gekommen.
Dabei sei niemand verletzt worden. Auf diesen Unfallverlauf ist abzustellen (vgl.
vorstehend E.4).
Bei den Regeln über den Vortritt handelt es sich um Grundregeln des
Strassenverkehrs, deren strikte Beachtung eine unabdingbare Voraussetzung für einen
geordneten Verkehrsablauf ist. Die Missachtung eines für den Vortrittsbelasteten als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"Kein Vortritt" signalisierten und markierten Vortrittsrechts stellt einen Verstoss gegen
eine elementare Verkehrsvorschrift dar und führt, weil sich der vortrittsberechtigte
Verkehrsteilnehmer in der Regel darauf verlässt, dass sein Vortrittsrecht respektiert
wird, erfahrungsgemäss immer wieder zu Unfällen (vgl. VRKE IV vom 1. März 2006 in
Sachen J. M., S. 7). Dies bestätigt der vorliegende Fall. Indem der Rekurrent vor dem
Signal "Kein Vortritt" zwar angehalten, in der Folge aber den Vortritt des von links
kommenden Fahrzeuges missachtet hat, hat er die Gefahr einer Kollision mit diesem
Fahrzeug geschaffen, die sich dann auch konkretisiert hat. Der verursachte Unfall zog
zwar nur Sachschaden nach sich, zeigt aber, dass im Fall einer Realisation der
Gefährdung mit Unfällen zu rechnen ist, die durchaus auch geeignet sind, nebst
erheblichem Sach- auch Personenschaden nach sich zu ziehen. Aus den äusserlich
erkennbaren Folgen der Kollision ergibt sich, dass diese hinsichtlich der Gefährdung
keine Bagatelle darstellte. Bei beiden Fahrzeugen blieb es nicht bei einem minimalen
Sachschaden. So wurde der Schaden im Polizeirapport an beiden Fahrzeugen auf
insgesamt rund Fr. 15'000.-- geschätzt. Von einer kleinen Beule kann daher nicht mehr
gesprochen werden. Dass sich kein schwerer Unfall ereignete, ist glücklichen
Umständen zu verdanken. Insgesamt steht damit fest, dass der Rekurrent durch die
Nichtbeachtung des Vortrittsrechts eine konkrete Gefahr für die Sicherheit anderer,
insbesondere der unfallbeteiligten Lenkerin, geschaffen hat, die nicht mehr als gering
bezeichnet werden kann.
c) Ist die vom Rekurrenten verursachte Gefahr nicht mehr als gering einzustufen, kann
nicht mehr von einer leichten Widerhandlung im Sinn von Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG
ausgegangen werden. Der Grad des Verschuldens kann unter diesen Umständen offen
bleiben. Damit müssen die Argumente des Rekurrenten, die sich auf sein Verschulden
beziehen, nicht geprüft werden. Immerhin sei bemerkt, dass das Übersehen des von
links kommenden Fahrzeuges auch verschuldensmässig ins Gewicht fällt.
Mithin ist von einer mittelschweren Widerhandlung im Sinn von Art. 16b Abs. 1 lit. a
SVG auszugehen, da die Voraussetzungen einer schweren Widerhandlung im Sinn von
Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG offensichtlich nicht erfüllt sind.
6.- Zu prüfen bleibt die von der Vorinstanz verfügte Dauer des Entzugs des
Führerausweises von einem Monat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
a) Bei der Festsetzung der Dauer des Lernfahr- oder Führerausweisentzugs sind
gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG die Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen,
namentlich die Gefährdung der Verkehrssicherheit, das Verschulden, der Leumund als
Motorfahrzeugführer sowie die berufliche Notwendigkeit, ein Motorfahrzeug zu führen.
Die Mindestentzugsdauer darf jedoch nicht unterschritten werden. Gemäss Art. 16b
Abs. 2 lit. a SVG wird der Lernfahr- oder Führerausweis nach einer mittelschweren
Widerhandlung mindestens für einen Monat entzogen.
b) Die Vorinstanz hat dem Rekurrenten in der angefochtenen Verfügung den
Führerausweis für die gesetzlich vorgeschriebene minimale Entzugsdauer von einem
Monat entzogen. Da das Gesetz eine Unterschreitung dieser Mindestentzugsdauer
ausschliesst (Art. 16 Abs. 3 SVG), erübrigt es sich, massnahmemindernde Umstände
wie eine berufliche oder persönliche Angewiesenheit des Rekurrenten auf das Führen
eines Motorfahrzeugs (vgl. zum früheren Recht SJZ 97/2001 S. 524 f.) oder seinen
ungetrübten automobilistischen Leumund zu prüfen. Angesichts der zwingenden Natur
der gesetzlichen Mindestentzugsdauer verbleibt der rechtsanwendenden Behörde
auch kein Ermessensspielraum, innerhalb dessen sie Überlegungen zur
Verhältnismässigkeit der Massnahme im Sinn der Erforderlichkeit zur Besserung des
Betroffenen anstellen könnte (vgl. Botschaft, a.a.O., S. 4486). Daraus folgt, dass die
Mindestentzugsdauer selbst in Ausnahmesituationen im Sinn der bisherigen
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. BGE 120 Ib 504 ff., 115 Ib 159 ff., 118 Ib 233
f.) nicht unterschritten werden kann, abgesehen davon, dass eine solche hier nicht
vorliegt.
Dies mag insbesondere in Fällen unbefriedigend sein, in denen der automobilistische
Leumund des Betroffenen ungetrübt ist und ihn allenfalls nur ein leichtes Verschulden
trifft, der Führerausweis aber entzogen werden muss, weil die Widerhandlung gegen
die Strassenverkehrsordnung mehr als eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorrief. Indessen ergibt sich die dargelegte Abkehr vom verschuldensorientierten
Ansatz bei der Umschreibung der leichten Widerhandlung aus dem klaren Wortlaut der
neuen gesetzlichen Ordnung in Art. 16a SVG und vermag nicht das Gebot der
Rechtsgleichheit oder den Verhältnismässigkeitsgrundsatz zu tangieren, wie dies vom
Vertreter vorgebracht wird. Denn diese Verschärfung ist vom Gesetzgeber gewollt (vgl.
VRKE IV vom 12. Dezember 2006 in Sachen J.T., E. 6b).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die verfügte Entzugsdauer von einem Monat ist damit nicht zu beanstanden.
7.- Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurs abzuweisen ist.
8.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'000.-- ist
angemessen (vgl. Ziff. 362 Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 1'000.-- ist zu verrechnen.