Decision ID: 5290a843-56fc-4505-9a5a-377a9a8e006f
Year: 2014
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Deutschland schrieb A. am 7. Mai 2014 im Schengener Informationssystem
zur Verhaftung zwecks Auslieferung aus. Danach halte sich A. vermutlich in
Zürich auf (act. 3.1). Das Bundesamt für Justiz (nachfolgend "BJ") antwor-
tete daraufhin Deutschland am 19. Mai 2014, dass A. eine Niederlassungs-
bewilligung in der Schweiz habe und erbat ein formelles Auslieferungsersu-
chen (act. 3.11 Sirene Form M).
B. Das Justizministerium von Baden Württemberg stellte am 20. Juni 2014 ein
Ersuchen um vorläufige Inhaftnahme und Auslieferung von A. (act. 3.2).
Dem Ersuchen beigelegt ist der Haftbefehl des Amtsgerichts Tettnang vom
28. Oktober 2011 wegen Vergewaltigung.
C. Das BJ erliess am 2. Juli 2014 den Auslieferungshaftbefehl gegen A., wor-
aufhin die Kantonspolizei Zürich ihn am 14. Juli 2014 verhaftete (act. 3.6,
3.7).
D. A. erhebt am 24. Juli 2014 Beschwerde gegen die Auslieferungshaft
(act. 1) mit den folgenden Anträgen:
"1. Es sei der Beschwerdeführer aus der Auslieferungshaft zu entlassen.
2. Es sei der Beschwerdeführer persönlich anzuhören.
Zudem stelle ich folgenden prozessualen Antrag:
Es sei dem Beschwerdeführer für das vorliegende Beschwerdeverfahren
die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und es sei ihm der Unter-
zeichnete als unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen."
Das BJ beantragt am 30. Juli 2014, die Beschwerde sei abzuweisen
(act. 3). Die Replik vom 8. August 2014 hält an den Anträgen 1 und 2
fest und zieht den prozessualen Antrag zurück (act. 4 S. 2). Dies wurde
dem BJ am 11. August 2014 zur Kenntnis gebracht (act. 5).
Das BJ erliess am 18. August 2014 den Auslieferungsentscheid (act. 6).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, so-
weit erforderlich, in den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen Bezug ge-
nommen.
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Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. Für den Auslieferungsverkehr und die vorläufige Auslieferungshaft zwi-
schen der Schweiz und Deutschland sind primär das Europäische Ausliefe-
rungsübereinkommen vom 13. Dezember 1957 (EAUe; SR 0.353.1), das
zu diesem Übereinkommen am 17. März 1978 ergangene zweite Zusatz-
protokoll (2. ZP; SR 0.353.12), welchem beide Staaten beigetreten sind,
sowie der zwischen der Schweiz und Deutschland abgeschlossene Zusatz-
vertrag über die Ergänzung des EAUe und die Erleichterung seiner An-
wendung vom 13. November 1969 (Zusatzvertrag; SR 0.353.913.61)
massgebend. Ausserdem gelangen die Bestimmungen der Art. 59 ff. des
Übereinkommens vom 19. Juni 1990 zur Durchführung des Übereinkom-
mens von Schengen vom 14. Juni 1985 (Schengener Durchführungsüber-
einkommen, SDÜ; ABI. L 239 vom 22. September 2000, S. 19–62) zur An-
wendung (BGE 136 IV 88 E. 3.1), wobei die zwischen den Vertragsparteien
geltenden weitergehenden Bestimmungen aufgrund bilateraler Abkommen
unberührt bleiben (Art. 59 Abs. 2 SDÜ).
2.
2.1 Gegen den Auslieferungshaftbefehl des BJ kann der Verfolgte innert
zehn Tagen ab der schriftlichen Eröffnung Beschwerde bei der Beschwer-
dekammer des Bundesstrafgerichts führen. Für das Beschwerdeverfahren
gelten die Art. 379–397 StPO sinngemäss (Art. 48 Abs. 2 i.V.m.
Art. 47 IRSG). Im Übrigen gelten die allgemeinen Bestimmungen des IRSG
und des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungs-
verfahren (Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG; SR 172.021; vgl. Art. 39
Abs. 2 lit. b i.V.m. Art. 37 Abs. 2 lit. a StBOG).
2.2 Der angefochtene Auslieferungshaftbefehl wurde dem Beschwerdeführer
am 14. Juli 2014 schriftlich eröffnet (act. 3.6 S. 3). Seine Beschwerde vom
24. Juli 2014 ist damit fristgerecht. Die übrigen Eintretensvoraussetzungen
geben keinen Anlass zu weiteren Bemerkungen. Auf die Beschwerde ist
demnach einzutreten.
3.
3.1 Der Beschwerdeführer bestreitet das Vorliegen einer Fluchtgefahr (act. 1
S. 3 f. Rz. 4–7, act. 4 S. 2 f.), den dringenden Tatverdacht (act. 1 S. 4
Rz. 5, act. 4 S. 3) und macht geltend, dass die Auslieferungshaft unverhält-
nismässig sei (act. 1 S. 4 Rz. 9–11, act. 4 S. 3).
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3.2 Die Verhaftung des Beschuldigten während des ganzen Auslieferungsver-
fahrens bildet die Regel (BGE 136 IV 20 E. 2.2; 130 II 306 E. 2.2). Eine
Aufhebung des Auslieferungshaftbefehls sowie eine Haftentlassung recht-
fertigen sich nur ausnahmsweise und unter strengen Voraussetzungen,
wenn der Beschuldigte sich voraussichtlich der Auslieferung nicht entzieht
und die Strafuntersuchung nicht gefährdet (Art. 47 Abs. 1 lit. a IRSG), wenn
er den sogenannten Alibibeweis erbringen und ohne Verzug nachweisen
kann, dass er zur Zeit der Tat nicht am Tatort war (Art. 47 Abs. 1
lit. b IRSG), wenn er nicht hafterstehungsfähig ist oder andere Gründe vor-
liegen, welche eine weniger einschneidende Massnahme rechtfertigen
(Art. 47 Abs. 2 IRSG), oder wenn sich die Auslieferung als offensichtlich
unzulässig erweist (Art. 51 Abs. 1 IRSG). Diese Aufzählung ist nicht ab-
schliessend (BGE 130 II 306 E. 2.1; 117 IV 359 E. 2a; vgl. zum Ganzen zu-
letzt u. a. den Entscheid des Bundesstrafgerichts RH.2014.5 vom
7. Mai 2014, E. 2.1; Zimmermann, a. a. O., N. 348 ff., 350).
3.3 Der Beschwerdeführer wendet ein, es liege deshalb kein ausreichender
dringlicher Tatverdacht vor, weil nicht ohne Weiteres auf die Angaben der
angeblich Geschädigten abgestellt werden könne, was der Haftbefehl des
Amtsgerichts Tettnang aber mache (act. 1 S. 4 Rz. 8).
Was damit in allgemeiner Art. gegen das Bestehen eines Tatverdachtes
vorgebracht wird, kann in keiner Weise die offensichtliche Unzulässigkeit
einer Auslieferung dartun. Vorbringen gegen die Auslieferung als solche
oder gegen die Begründetheit des Auslieferungsbegehrens sind vielmehr
im eigentlichen Auslieferungsverfahren vorzubringen (vgl. Entscheide des
Bundesstrafgerichts RH.2014.8 vom 11. Juni 2014, E. 5.1 und BH.2007.1
vom 25. Januar 2007, E. 5.3). Die Rüge ist damit unbegründet.
3.4 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, Fluchtgefahr bestehe keine.
Er habe sich an seiner neuen Adresse nicht verborgen, sondern sich dort
ordnungsgemäss angemeldet (act. 1 S. 3 Rz. 5). Sein Lebensmittelpunkt
liege in der Schweiz, wo er auch die Niederlassungsbewilligung C besitze.
Er habe vor einem Jahr wieder geheiratet, seine Kinder, Geschwister und
der grösste Teil der Verwandtschaft lebten in der Schweiz. Hier habe der
Beschwerdeführer auch die Lehre gemacht und gearbeitet (act. 1 S. 3
Rz. 6). Weiter zu berücksichtigen sei, dass er nicht mit einer hohen Frei-
heitsstrafe zu rechnen habe, dass Strafmilderungsgründe bestünden und
dass die lange Verfahrensdauer auch für ihn spreche (act. 4 S. 3 f.).
Angesichts der erwähnten strengen Rechtsprechung vermögen die vom
Beschwerdeführer genannten Umstände die Fluchtgefahr nicht zu beseiti-
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gen: Bei drohenden, hohen Freiheitsstrafen ist eine Fluchtgefahr in der Re-
gel trotz Niederlassungsbewilligung und familiären Bindungen in der
Schweiz gegeben (Entscheid des Bundesstrafgerichts RH.2012.9 vom
23. August 2012, E. 5.2). Die untersuchte Vergewaltigung ist in Deutsch-
land mit einer Freiheitsstrafe von nicht unter zwei Jahren bedroht (act. 3.2
Haftbefehl und Bescheinigung), mithin droht bei einer Verurteilung eine
Freiheitsstrafe von erheblicher Dauer. Demnach besteht Fluchtgefahr.
3.5 Sodann ist die vorliegende Inhaftierung für "einen mehr als vier Jahre zu-
rückliegenden" (act. 1 S. 4 Rz. 9, act. 4 S. 3) schweren Tatvorwurf ohne
weiteres verhältnismässig. Was Ersatzmassnahmen betrifft, so bestehen
keine Anhaltspunkte, dass solche vorliegend eine Flucht ins Ausland zu
verhindern vermöchten (vgl. Entscheid des Bundesstrafgerichts RH.2014.9
vom 13. Juni 2014, E. 5.2/5.4).
4. Insgesamt fehlen Gründe, um anzunehmen, die zu prüfende Ausliefe-
rungshaft wäre unzulässig oder unverhältnismässig. Somit ist die Be-
schwerde in allen Punkten offensichtlich unbegründet, weshalb sie abzu-
weisen ist.
5. Auf die beantragte persönliche Anhörung besteht ein Anspruch weder nach
EMRK noch nach IRSG oder VwVG (Entscheid des Bundesstrafge-
richts RH.2014.3 vom 5. März 2014, E. 7).
6. Die Anträge auf unentgeltliche Prozessführung und unentgeltliche Ver-
beiständung wurden zurückgezogen (vgl. Litera D oben), weshalb sie ent-
sprechend von der Geschäftskontrolle abzuschreiben sind.
7. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Gerichtsgebühr
ist auf Fr. 1'000.-- festzusetzen (Art. 63 Abs. 5 VwVG und Art. 73 StBOG
sowie Art. 5 und 8 Abs. 3 lit. a des Reglements des Bundesstrafge-
richts vom 31. August 2010 über die Kosten, Gebühren und Entschädigun-
gen in Bundesstrafverfahren [BStKR; SR 173.713.162]).
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