Decision ID: 5d591ed1-0e47-43f6-98bf-155518e4569e
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1958, meldete sich erstmals am 1
4.
Juli 1998 (Ein
gangsdatum) bei der
Sozialversicherung
anstalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle,
zum
Leistungsbezug an (
Urk.
9/10).
Die IV-Stelle tätigte erwerbliche und medi
zinische Abklärungen und wies das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 2
3.
Novem
ber 1999 ab
(
Urk.
9/40)
. Die Versicherte erhob hiergegen am
5.
Janu
ar 2000 Beschwerde (
Urk.
9/45), welche das hiesige Gericht mit Urteil vom 2
7.
Februar 2001 abw
ies (
Urk.
9/63; Verfahrens-Nr.
IV.2000.00005).
Die Versicherte meldete sich am 2
5.
Oktober 2001 erneut zum
Leistungsbezug
an (
Urk.
9/64), worauf d
ie IV-Stelle
nicht eintrat
(Verfügung vom
9.
Januar 2002
,
Urk.
9/65).
Die Versicherte meldete sich da
raufhin
am
6.
Februar 2002
wiede
r
um an (
Urk.
9/73). Die IV-Stelle trat auf das Leistungsbegehren ein und wies es mit Verfügung vom 1
2.
Oktober 2002 ab
(
Urk.
9/72).
1.2
Am
4.
April 2013 (Eingangsdatum) stellte die Versicherte ein neue
s
Leistungsbe
gehren
(
Urk.
9/90).
Die IV-Stelle tätigte wiederum medizinische und erwerbliche
Abklärungen, holte insbesondere da
s polydisziplinäre Gutachten des
Z._
vom 1
7.
Janu
ar
2015 ein (
Urk.
9/111)
.
Nach Abklärung
der beein
trächtigten
Arbeits
fähigkeit in Beruf und Haushalt
(Bericht
vom 2
8.
Januar
2015
,
Urk.
9/112
)
und
durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Vorbescheid vom 2
8.
Januar
2015,
Urk.
9/11
4
;
Einwand vom 2
5.
Februar 2015,
Urk.
9/115; er
gänzende
Einwand
be
gründung
vom
2.
Juni 2015,
Urk.
9/123) wies die IV-Stelle das Leistungs
be
gehren mit Verfügung vom 1
6.
Juni 2015 (
Urk.
2) ab.
2.
Hiergegen erhob die Versicherte am 1
7.
August 2015 Beschwerde (
Urk.
1) und beantragte, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und es sei ihr eine halbe Invalidenrente zuzusprechen. Eventualiter sei die Sache an die
Beschwer
degegnerin
zu weiteren Abklärungen zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Mit
Beschwer
deantwort
vom 2
4.
September 2015 beantragte die Beschwerdegegnerin, es sei nicht auf die Beschwerde einz
utreten,
e
ventualiter sei die Beschwerde abzuwei
sen (
Urk.
8 unter Beil
age ihrer Akten,
Urk.
9/1-126).
Dies wurde der
Beschwer
deführerin am
2.
Oktober
2015 zur Kenntnis gebracht
(
Urk.
13).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin hielt in der angefochtenen Verfügung dafür, dass ge
stützt auf das Gutachten aus versicherungsmedizinischer Sicht keine durch ei
nen Gesundheitsschaden verursachte Erwerbsunfähigkeit bestehe (
Urk.
2).
Die Beschwerdeführerin brachte demgegenübe
r im Wesentlichen vor, dass
ge
mäss den behandelnden Ärzten schwerwiegende Diagnosen vorlägen. Des Wei
teren habe sie eine sehr traumatische Kindheit gehabt und sei offenbar deswe
gen psychisch erkrankt. Die Behandlung der Inkontinenz habe keine Besserung
gebracht, was sie sehr belaste und
von den Gutachtern des
Z._
zu wenig be
rücksichtigt worden
sei
. Das Gutachten sei nicht beweiskräftig. Auch leide sie an sehr starken Phobien und Verfolgungswahn (
Urk.
1).
In der Beschwerdeantwort führte die Beschwerdegegnerin ergänzend aus, dass die Beschwerde verspätet eingetroffen sei, so dass
nicht auf sie einzutreten sei. Eventualiter sei die Beschwerde abzuweisen (
Urk.
8).
2.
2.1
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, so wird
nach
Art.
87
Abs.
3
der Verordnung über die Invalidenversicherung (
IVV
)
eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss
Abs.
2 die
ser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität der versicherten Person in einer für den An
spruch erheblichen Weise geändert hat. Tritt die Verwaltung auf die
Neuan
mel
dung
ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu ver
gewissern, ob die von der versicherten Person glaubhaft gemachte Veränderung des
Invalidi
täts
grades
auch tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in ana
lo
ger Weise wie bei einem Revisionsfall nach
Art.
17
Abs.
1
des Bundesge
setzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (
ATSG
)
vorzu
gehen (BGE
117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der
Invalidi
tätsgrad
seit Erlass der früheren rechtskräftigen Verfügung keine Verän
derung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zu
nächst noch zu prüfen, ob die festgestellte Veränderung genügt, um nunmehr eine
an
spruchs
begründende
Invalidität zu bejahen, und hernach zu be
schliessen. Im
Be
schwer
de
fall
obliegt die gleiche materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
2.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze
oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Sie kann Folge von
Ge
burts
gebrechen
, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invali
denversicherung,
IVG).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
träch
tigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sach
te und nach zu
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgegli
chenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heit
lichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.3
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie kör
perliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Nicht als Folgen eines psychischen
Ge
sundheitsschadens
und damit invalidenversicherungsrechtlich nicht als rele
vant gelten Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Per
son bei Aufbietung allen guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, abwenden könnte; das Mass des
Forderbaren
wird dabei weitgehend objektiv be
stimmt. Festzustellen ist, ob und in welchem Umfang die Ausübung einer Er
werbstätigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt mit der psychi
schen Beein
trächtigung vereinbar ist. Ein psychischer Gesundheitsschaden führt also nur so
weit zu einer Erwerbsunfähigkeit (Art. 7 ATSG), als angenommen werden kann, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit (Art. 6 ATSG) sei der versi
cherten Person sozial-praktisch nicht mehr zumutbar (BGE 131 V 49 E. 1.2 mit Hinweisen).
2.4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertels
rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
2.5
Das Sozialversicherungsgericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzu
stellen und alle Beweismittel objektiv zu prüfen, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden, ob sie eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten. Insbesondere darf es beim Vorlie
gen einander widersprechender medizinischer Be
richte den Prozess nicht erledi
gen, ohne das gesamte Beweisma
terial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (ZAK 1986 S.
188 E.
2a). Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gut
achtens ist im Lichte dieser Grundsätze ent
scheidend, ob es für die Beantwor
tung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen allseitigen Un
tersuchun
gen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt - was vor allem bei psychischen Fehlent
wicklungen nö
tig ist -, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinander
setzung mit den
Vorakten
abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge ein
leuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Exper
ten in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszu
räumende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Be
antwortung der Fragen erschweren oder ver
unmöglichen, gegebe
nenfalls deutlich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E.
3a, 122 V 157 E. 1c; U. Meyer-Blaser, Die Rechtspflege in der Sozialversi
cherung, BJM 1989, S. 30 f.; derselbe in H.
Fredenhagen
, Das ärztliche Gutach
ten,
3.
Aufl. 1994, S. 24 f.).
3
.
Die Beschwerdegegnerin beantragt Nichteintreten, da die Beschwerde verspätet eingegangen sei. Die Verfügung datiert vom 1
6.
Juni
201
5.
Selbst unter der Annahme, dass
sie
am 1
7.
Juni 2015 bei der Beschwerdeführerin bzw. ihrem Rechtsvertreter eingetroffen ist, ist die Beschwerdefrist von 30 Tagen unter Be
rücksichtigung des Fristenstillstands vom 1
5.
Juli bis 1
5.
August
2015 (
§
13
Abs.
3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht
i.V.m
.
Art.
38
Abs.
4
lit
. b ATSG) mit der Postaufgabe vom 1
7.
August 2015 gewahrt. Damit ist auf die Beschwerde einzutreten.
4
.
4
.1
Die Beschwerdegegnerin stellte in der angefochtenen Verfügung vom
1
6.
Juni 2015
(
Urk.
2) im Wesentlichen
auf das
polydisziplinäre
Z._
-Gutachten
(Rheu
ma
tologie, Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Innere Medizin)
vom
1
7.
Januar 2015 ab (
Urk.
9/111
).
Darin werden die bis zur Begutachtung der Beschwerdeführerin aktenkundigen medizinischen Berichte zusammenge
fasst (
Urk.
9/11
1
/2 ff.
), weshalb sie an dieser Stelle nicht noch einmal wiederge
geben werden. Soweit erforderlich wird in den nachfolgenden Erwägungen aber darauf Bezug genommen.
4
.2
4
.2.1
Die begutachtenden Ärzte des
Z._
hielten keine Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit fest. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit notierten sie folgende Diagnosen
(
Urk.
9/11
1
/45)
:
1)
N
ichtorganische
Enuresis
(ICD-10
F98.0) mit/bei:
gemischter Drang- und Belastungsinkontinenz
Status nach erfolglose
r Inkontinenzoperation 2008
2)
Asymptomatische
zerebrovaskuläre
Verschlusskrankheit mi
t/
bei:
Status nach
Thrombendarteriektomie
mit Bifurkationsplastik einer
subto
talen
Arteria
carotis
interna
-Stenose rechts a
m 20.06.2012 mit se
kundärem Ver
schluss
50- bis 69%ige Reststenose der
Arteria
carotis
interna
links
ka
rdiovaskuläre
n
Risikofaktoren:
Adipositas Grad l
nach WHO (BMI von 30.5 kg/m2)
arterielle Hypertonie
Dyslipidämie
andaue
rnder Nikotinkonsum
3)
Status nach Carpaltunnelsyndrom beidseits mit/bei:
Status nach
Neurolyse
des
Nervus
medianus
rechts 1997
Status nach
Neurolyse
des
Nervus
medianus
und des
Nerv
us
ulnaris
in der Loge de
Guyon
links 2001
ohne
residuelle
ne
urologische Ausfallssymptomatik
4)
Pulssynchrone
r Tinnitus
aurium
beidseits mit/
bei:
Innenohrhochtonschwerhörigkeit
5)
Chronisches diffuses Schmerzsyndrom ohne
adäquates organisches Korrelat
6)
Chondropathia
patellae
rechts
7)
Isolierte Phobie (vor Insekten) (ICD-
10
F40.2).
4
.2.2
Die begutachtenden Ärzte konstatierten, dass die Versicherte aktuell
ein ständi
ges Ohrensausen
rechts beklage
, als ob sie im Kopf ein elektrisches Gerät hätte. Sie könne deshalb kaum mehr schlafen und versuche, die Töne mit dem Fernse
her zu überdecken und schlafe deshalb immer im Wohnzimmer. Zudem ver
spüre sie seit der letzten Operation elek
trisierende Schmerzen im Halsbe
reich, welche stromartig durch den ganzen Körper schiessen und sie auch aus dem Schlaf wecken
würden
. Diese elektrisierenden Schmerzen
breiteten
sich in den Armen
und bis in die Hände
aus, wo sie auch wegen eines Nervenproblems be
reits operiert worden sei. Sie habe immer Schmerzen in den Händen und habe auch keine Kraft mehr, sie könne kaum mehr einen Kugelschreiber halten und verspüre auch bei den diversen Haushaltsarbeiten immer wieder Blockaden, zum Beispiel beim Bügeln oder beim Ko
chen.
Inzwischen habe sie auch Schmerzen im Rücke
n und im rechten Knie und brauc
he deshalb regelmässig
Novalgin
-Tropfen sowie diverse Salben. Warum sie nicht mehr arbeiten könne, könne sie nicht genau angeben. Als Hauptproblem
gebe sie aller
dings ihr
e
Harninkonti
nenz
an, an
welche
r
sie schon seit der Kindheit leide und
die
sie ihr ganzes Le
ben lang geplagt habe. Sie habe die
ses Problem aus Scham lange ver
schwiegen
(
Urk.
9/111/49)
.
4
.2.3
Die im Rahmen der aktuellen interdisziplinären Begutachtung durchgeführte all
ge
mein-internistische Untersuchung
habe
das Bild
einer
55-jährigen, adipö
sen und sonst weitgehend unauffälligen, kardiopulmonal kompensierten
Be
schwer
deführerin in gutem Allgemeinzustand gezeigt. Ausser dem BMI von 30.5 kg/m2
, was einer Adipositas Grad l nach WHO ents
preche
, und
leicht
hyperto
nen
Blut
druckwerten
sei
der internistische Status klini
sch unauffällig, insbeson
dere fän
den sich weder
Hinweise fü
r eine Links- oder Rechtsherzin
suffizienz
noch
für eine peripher-arterielle Verschlusskrankheit. Das EKG zeig
e
ausser ei
ner leichten Sinustachykardie einen unauffälligen
Erregungs
ablau
f. Klinisch und
spirome
trisch
fä
nden sich keine Anhaltspunkte für eine obstruktive oder restriktive Ventilati
onsstörung. Anamnestisch bestehe
eine
zerebrovaskuläre
Verschluss
krank
heit
mit einer beidseitigen
Carotisstenose
, welche rechts
subto
tal
gewesen sei
und deshalb aufgrund des erhöhte
n Schlaganfallrisikos operiert worden sei. Dies sei allerdings ohne Er
folg
gewesen
, da das Gefäss inzwischen wieder ver
schlossen
sei. Auf der Gegenseite bestehe
eine etwa 50%ige Stenose der
Arteria
carotis
communis
. Diesbezüglich bestehe
aber kein Zusammenhang mit den sub
jektiv geltend gemachten Beschwerden. Der Tinnitus und die Schwerhörig
keit limitier
t
en die Arbeitsfähigkeit nicht. Eine organische Ursache der
Harnin
kontinenz
bzw.
Enures
is
habe
weitgehend ausgeschlossen
werden können. Aus internistischer Sicht kö
nn
e
insgesamt keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit durch die erho
benen Befunde begründet werden
(
Urk.
9/111/50)
.
4
.2.4
Bei der rheumatologischen Untersuchung f
inde
sich
im Bereiche der Wirbelsäule ei
ne leicht abgeflachte BWS, die absolut asymptomatisch
sei. Auch der leichte Schulters
chrägstand nach links mit leichter Skoliose nach links
sei
asymptoma
tisch, was auch mit der vollen und schmerzlo
sen HWS-Beweglichkeit korreliere
. Die Kniebeschwerden rechts müss
t
en eindeutig einer
Chondropathie
zug
eordnet werden. Diese
Chondropathie
sei
MR-mässig zweimal dokumentiert und die Klinik sowie die Anamnese s
eien klas
sisch für dieses Krankheitsbild, aber
nicht li
mitierend. Bis anhin werde diese
Chondro
pathie
, welche übrigens einer guten Therapie zugänglich
wäre
, nicht behandelt. Bei Status nach beidseitiger CTS-Operation
sei
die Kraft in b
eiden Händen vollständig vorhan
den, der
Faust
schluss
vollständig und kräftig. Gelegentliche
Kribbelparästhesien
, wie von der
Beschwerdefü
hr
erin
beschrieben, s
eien
in keiner Ar
t und Weise limitierend. Dem
ent
sprechend
sei sie
in ihrer zuletzt ausgeführten Tätigkeit (
Reinigungsar
beiten
),
aber auch in jeglicher dem Alter und dem Habitus adaptierten Tätigkeit aus rheumatologischer Sicht vollumfänglich arbeitsfähig (
Urk.
9/111/50 f.).
4
.2.5
Bei der neurologischen Untersuchung
hätten
keine
fokalneurologischen Defizite ob
jektiviert werden
können. Insbesondere bestünden
keine
radikulären
Ausfälle an den Armen. Die bekla
gten Schmerzen an den Armen seien nicht einem
ner
valen
Versorg
ungsgebiet zuzuordnen und resultier
t
en in keinerlei offensichtli
chen Einschränkungen der Bewegung. Motorische oder sensible Residuen d
es Carpaltunnelsyndroms bestünden
ebenfa
lls nicht. Darüber hinaus ergäben
sich in der neurologischen Untersuchung und Anamnese kein Hinweis auf eine in der Folge der
Carotis-Stenosierung
bzw.
Carotis
-Verschluss rechts erfolgten ze
rebralen Infarzierung oder anderweitige
n
Symptomatik zerebral. Die elektrisie
renden Misse
mpfindungen am rechten Hals seien
nicht von objektivierbaren fokalneurologischen Defiziten begleitet und aus fachneurologischer Sicht nicht relevant für die Arbeitsf
ähigkeit. Zusammenfassend ergebe
sich auf
fachneuro
logischem
Gebiet keine Minderung der A
rbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
(
Urk.
9/111/51)
.
4
.2.6
Im Rahmen der aktuellen psychiatri
schen Exploration kristallisiere sich das Haup
t
problem der
Beschwerdeführerin
im Sinne ihr
er psychogenen
Enuresis
(ICD-10
F89.0) heraus. Anamnestisch
habe
sich diese zum Zeitpunkt des frühen und plötzlichen Todes ihres Vaters
,
den sie sehr idealisiert und geliebt ha
be
, im
Alter von 7 Jahren als Sonder
form einer sekundären
Enuresis
mit späterem Be
ginn
entwickelt. Die emotionalen Schwierigkei
ten der
Beschwerdeführerin
könn
t
en als Sekundärfolge der
durch die
Enuresis
bedingten Be
lastungen und
der Stigmatisierung auftreten, das gesamte Leben der Beschwerdeführerin sei hier
von geprägt
gewesen
. Gesellschaftlich und kulturell tabuisiert, ha
be
sie
über Jahre hinter einer ängstlich-phobischen und einer eher „legitimierten"
Schmerz
symptomatik
ihr wirkl
iches Leiden versteckt. Dies habe
zur Folge, d
ass sich bei der heutigen Begut
achtung keinerlei Anhaltspunkte für das Vorliegen
einer „somatoformen Schmerzstö
rung" erg
eben hätten
, insbesondere auch des
halb, da
sie explizit nicht über gene
ralisierte, sondern
nur über Knieschmerzen berichte. Der Tinnitus sei
nur „im Liegen" störend. Es ergä
ben sich keine An
haltspunkte für eine „Agoraphobie mit Panikstörung". Es erg
ä
ben sich ebenfalls keinerlei
Anhaltspunkte für eine „posttraumatis
che Belas
tungsstörung". Bei der Beschwer
de
führerin sei
kein trauma
tisierendes Ereignis von ausser
gewöhnlicher Schwere zu eruieren, und es fehl
t
en die weiteren typischen Symptome (Intrusio
nen,
Ver
meidungsverhalten
, Wiedererinnerungen). Der Tod des Vaters
in der Kindheit sei
nicht dazu geeignet, ein solches traumatisierendes Ereignis darzu
stellen.
Es be
stehe
lediglich noch eine isolierte Insektenphobie. Eine generali
sierte
Schmerz
symptomati
k
oder eine Angstsymptomatik stünden
also nicht im Vordergrund des Beschwerdebildes. Da
sie
doch immer wieder fähig
gewesen sei
, im Rahmen eines Teilzeitpensums (60
%
) einer
Arbeitstätigkeit nachzuge
hen, kö
nn
e
aus der Diagnose „nichtorganische
Enuresis
" keine generelle Ar
beitsunfähigkeit
abgelei
tet werden. Ansonsten lie
ssen sich keine funktionellen Einschränkungen in den verschiedenen Lebensbereichen finden, aus der eine Arbeitsunfähigkeit abgelei
tet werden könnte, auch wenn sie selbst sich eine Ar
be
itstätigkeit nicht vor
stellen kö
nn
e bzw. unrealistische Vorstellungen hierüber geäussert ha
be (
Urk.
9/111/51 f.).
4
.2.7
Die begutachtenden Ärzte konstatierten
zusammenfassend
, dass die Beschwer
deführerin
unter Berücksichtigung aller Gegebenheiten und Befunde we
der aus somatischer noch aus psychiatr
ischer Sicht in ihrer Arbeitsfä
higkeit ein
ge
schränkt
sei
. Die hier gutachterlich gestellten Diagnosen h
ätten keinen Ein
fluss auf die zumutbare Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin
, weder in ih
rem zu
letzt a
us
geübten Beruf als Reinigungskraft noch in einer so
nstigen alters- und
habitusange
passten
Tätigkeit. Aus interdisziplinärer Sicht
sei
die
Beschwer
de
führerin daher zu 100
%
ar
beitsfähig.
5.
5
.1
Das
polydisziplinäre Gutachten
erfüllt sämtliche rechtsprechungsgemäss erfor
der
lichen Kriterien für beweiskräftige ärztliche Ents
cheidungsgrundlagen (vgl. E.
2.5
).
Es waren die Fachrichtungen Innere Medizin, Rheumatologie, Neuro
lo
gie und Psyc
hiatrie und Psychotherapie vert
reten, womit es sich für die vor
lie
gend zu beantwortenden Fragen als umfassend erweist.
Es beruht auf fachärzt
lichen Untersuchungen durch die Gutachter (
Urk.
9/111/22 ff.;
Urk.
9/111/28 ff.;
Urk.
9/111/33 ff.;
Urk.
9/111/35 ff.
) und wurde in Kenntnis der relevanten
Vorakten
(
Urk.
9/111/2 ff
.) abgegeben. Es würdigt die vorh
ande
nen Arztberichte
sorg
fältig. Es berücksichtigt die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwer
den und setzt sich mit diesen hinreichend auseinander. Die Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge ist einleuchtend und das Gut
achten ist schlüssig
.
5
.2
5.2.1
Die Beschwerdeführerin bringt dagegen sinngemäss vor, es seien die Berichte der behandelnden Ärzte, insbesondere in psychiatrischer Hinsicht, zu wenig berücksichtigt worden
.
D
ie Inkontinenz sei sehr belastend, was von den Gut
ach
tern zu wenig gewürdigt worden sei. Auch leide sie an sehr starken Pho
bien und beschwere sich wegen Verfolgungswahn (
Urk.
1).
Die begutacht
ende Psychiaterin med.
pract
. A._
setzte sich ausführlich mi
t der vorhandenen Aktenlage ause
inander (
Urk.
9/111/35 ff.),
berücksichtigte die
Enuresis
und begründete ihre abweichende Beurteilung eingehend und nach
vollziehbar (
Urk.
9/111/44).
Der der Beschwerde beigelegte ausführliche
Aus
tritts
bericht
der
B._
vom 26. Februar 2013 (Urk. 3) ver
mag zu keinem anderen Schluss zu führen. Diesem ist nämlich zu entneh
men, dass die Beschwerdeführerin die Klinik in gebessertem Zustand verlassen habe. Die Schlafstörungen sowie die depressive Symptomatik hätten weitgehend stabilisiert werden können. Lediglich die - von den Gutachtern ebenfalls erho
bene -
urinäre
Symptomatik sowie die Schmerzsymptomatik blieben bestehen. Eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit wurde nicht attestiert. Damit steht dieser Bericht in keinem Widerspruch zum Gutachten.
5.2.2
Nach ständiger Rechtsprechung beurteilt das Sozial
versicherungsgericht die Ge
setzmässigkeit des angefochtenen Entscheids in der Regel nach dem Sachver
halt, der zur Zeit des Abschlusses des Verwaltungsverfahrens gegeben war. Tat
sachen, die jenen Sachverhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungsverfügung sein (BGE 131 V 242 E. 2.1, 121 V 362 E. 1b).
Entsprechend ist der von der
Be
schwerdeführerin im
Beschwerde
verfahren
ein
gereichte Bericht der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin des
C._
vom
9.
Juli 2015
über die akute
Hospitalisation
der Beschwer
deführerin vom 5. bis 20. Juli 2015
(
Urk.
5) grundsätzlich nicht zu be
rück
sich
tigen. Vollständigkeitshalber ist darauf hinzuweisen, dass darin
auch nicht
Stellung zu einer allfälligen anhaltenden gesundheitlichen Ein
schränkung oder der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführ
erin genommen wird.
5
.3
D
er Invaliditätsgrad im Haushaltsbereich
ist
in
der Regel geringer
a
ls der
je
nige im Erwerbsbereich, da im Haushalt hauptsächlich leich
tere bis mittel
schwere Tätig
keiten zu verrichten sind
. Des Weiteren ist es der Beschwerdefüh
rerin nach
bundesgerichtlicher Rechtsprechung
im Rahmen ihrer
Schadenmin
derungs
pflicht
zumutbar, ihre Arbeit einzuteilen und in üblichem Umfang die Mithilfe von Familie
nangehörigen in Anspruch zu neh
men (vgl. BGE 133 V
504 E. 4.2 mit Hinweisen
). Damit ist der Haushaltsabklärungsbericht vom 2
8.
Januar 2015
(
Urk.
9/112), insbesondere auch unter Berücksichtigung der ärztlich attes
tierten uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit, zumindest erhebl
ich in Zweifel zu ziehen, da
der Beschwerdeführerin
darin
eine Einschränkung von 14.85 % im
Haus
halts
bereich
attestiert (
Urk.
9/112)
wird
. Selbst
wenn
davon ausge
gangen würde
,
dass der Haushaltsabklärungsbericht
beweiskräftig
ist,
würde -
unabhängig davon ob sie
als
teilzeitlich oder vollzeitlich erwerbs- oder im Haushalt tätig
qualifiziert würde
-
ein klar rentenausschliessender Invaliditätsgrad
von (je nach
Qualifika
tion) maximal 14.85
%
resultieren.
5.4
Ges
tützt auf das Gutachten ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt
,
dass die Beschwerdeführerin vollumfänglich arbeitsfähig ist und
kein invaliden
versicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden vor
liegt
.
Nach dem Gesagten ergibt sich, dass sich keine anspruchsbeeinflussende Ände
rung der tatsächlichen Verhältnisse ergeben hat. Die angefochtene Verfügung ist
daher nicht zu beanstanden und die dagegen gerichtete Beschwerde abzu
weisen.
6
.
6
.1
Gemäss § 16 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) wird einer Partei, der die nötigen Mittel fehlen und deren Begehren nicht of
fensichtlich aussichtslos erscheint, in kostenpflichtigen Verfahren auf Gesuch die Bezahlung von Verfahrenskosten erlassen.
Die Beschwerdeführerin
lebt zusammen mit ihrem
- soweit aus den Akten er
sichtlich -
von ihr gerichtlich getrennten Ehemann (
Urk.
9/89; vgl. auch
Urk.
9/90),
welchen von Gesetzes wegen eine Unterstützungspflicht trifft (
Art.
163 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches
, ZGB). Z
usammen mit ihrem Ehemann
verfügt sie
über ein Familieneinkommen von monatlich Fr.
4‘517.60
(
Urk.
12/14;
Fr.
4‘170.10 x
13 :
12 = 4‘
517.--
vgl.
Urk.
12/17 sowie
Urk.
12/8, und
Urk.
12/9). Hinzuzurechnen ist ein Drittel des Erwerbseinkommens der im Haushalt lebenden volljährigen Tochter in Höhe von
Fr.
533
.
30
(
Urk.
11
, vgl.
Kreisschreiben des Obergerichts für die Berechnung des betreibungsrechtlichen Existenz
minimums vom 1
6.
September 2009
), so dass ein
anrechenbares
Ein
kommen in Höhe von
Fr.
5‘050.90 resultiert.
Das nach dem Kreisschreiben des Obergerichts vom 16. September 2009 berechnete Existenzminimum beträgt rund Fr.
4‘093
.-- (Grundbetrag Ehepaar
oder ähnliches
: Fr. 1‘700.--
;
Grundbe
trag
Kind in Erstausbildung
Fr.
600.--
; Wohnen: Fr.
916
.--
zzgl.
Fr.
70.--, Urk. 12/4 und
Urk.
12/13
;
Heizung
Fr.
24.--,
Urk.
12/5;
Kranken
kasse KVG
ab
züglich IPV
Fr.
291.-- +
Fr.
244.90 +
Fr.
247.10 [
Urk.
12/22;
Urk.
12/28 und
Urk.
12/30-31]
). Unter Berücksichtigung
einer geschätzten Steuerbelastung
von Fr.
180.--
und des
usanzgemäss
gewährt
en Freibetra
ges von Fr. 600.-- für ein Ehepaar
und
Fr.
100.-- für die Tochter
verbleibt ein Überschuss von Fr.
77.90
(
Fr.
5‘050.90 -
Fr.
4‘
973
.-- [
Fr.
4‘
093
.-- +
Fr.
600.-- +
Fr.
100.-- +
Fr.
180.-- =
Fr.
4‘
973
.--]
). Eine prozessua
le Bedürftigkeit der Beschwerde
führerin ist damit nicht ausgewiesen, weshalb das betreffende Gesuch um Gewährung der unent
geltlichen Rechtspflege abzuweisen ist.
Damit kann auch offen bleiben, ob die Rechtsschutzversicherung des Ehemannes für die Kosten des Verfahrens auf
kommen würde (
Urk.
12/6).
6
.2
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
I
VG) und auf Fr.
5
00.-- anzusetzen. Ausgangsgemäss sind sie der Bes
chwerdeführerin aufzuerlegen.