Decision ID: dd8b0025-ac23-4848-8b26-675a195d1308
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 2. Januar 2020 zusammen mit ihren
Kindern in der Schweiz um Asyl nach und wurde dem Bundesasylzentrum
(BAZ) der Region F._ zugewiesen. Ihre Personalienaufnahme (PA)
fand am 8. Januar 2020 statt.
Der Beschwerdeführer suchte am 7. März 2020 in der Schweiz um Asyl
nach und wurde ebenfalls dem BAZ F._ zugewiesen. Seine PA
wurde am 23. März 2020 durchgeführt.
Mit Zuweisungsentscheid der Vorinstanz vom 7. Februar 2020 erfolgte die
Zuteilung der Beschwerdeführenden in das erweiterte Verfahren.
B.
B.a Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer
anlässlich der Anhörung vom 9. April 2020 sowie der ergänzenden Anhö-
rung vom 18. September 2020 im Wesentlichen Folgendes geltend:
Er sei kurdischer Ethnie, jezidischer Religionszugehörigkeit und stamme
aus dem Dorf G._ im Distrikt H._, Gouvernement I._.
In I._ habe er das Gymnasium besucht, dieses jedoch nicht abge-
schlossen. Im Jahr (...) habe er Militärdienst geleistet. Danach sei er in sein
Dorf zurückgekehrt und habe als (...) gearbeitet. Vor seiner Heirat im (...)
2011 habe er ein paar Monate in J._ gearbeitet, sei aber noch vor
Ausbruch der Unruhen in Syrien nachhause zurückgekehrt. Zunächst habe
es keine Probleme gegeben; die kurdischen Volksverteidigungseinheiten
(Yekîneyên Parastina Gel; YPG) hätten das Dorf beschützt. Die Probleme
hätten begonnen, als die türkische Armee das Gebiet erobert habe. Das
Haus seines Vaters, wo er mit der Familie gelebt habe, sei bei einem Angriff
der türkischen Streitkräfte zerstört worden. Fortan sei das Gebiet von ver-
schiedenen Gruppierungen kontrolliert worden. Eine islamistische Grup-
pierung namens K._ beziehungsweise L._ habe ihn ge-
zwungen, seinen Traktor als Steuer abzugeben. Im (...) 2018 seien die Be-
schwerdeführenden in die Türkei gereist und hätten in Istanbul auf der
Schweizerischen Botschaft vorgesprochen, um humanitäre Visa zu bean-
tragen. Bis (...) 2019 seien sie in der Türkei geblieben und hätten auf eine
Antwort gewartet. Da sie jedoch nicht länger legal in der Türkei hätten blei-
ben können, seien sie zusammen mit anderen syrischen Staatsangehöri-
gen von den türkischen Behörden weggewiesen und in Bussen über die
Grenze zurück nach Syrien gebracht worden.
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Auf dem Weg nach H._ seien sie bei einem Kontrollposten der
M._ angehalten worden. Die Reisenden – mehrheitlich Personen
kurdischer Ethnie aus H._ – seien als Ungläubige beschimpft wor-
den. Alle Männer hätten den Bus verlassen müssen, während die Frauen
und Kinder hätten weiterreisen dürfen. In der Folge sei er circa (...) Monate
lang festgehalten, immer wieder befragt, beschimpft und gefoltert worden.
(...) 2019 sei er schliesslich begnadigt und entlassen worden. Danach sei
er nach H._ zurückgekehrt.
Im (...) 2019 sei er von Angehörigen der L._ zuhause festgenom-
men und nach N._ gebracht worden. Die Milizionäre hätten von ihm
wissen wollen, weshalb er H._ damals verlassen habe. Auch wäh-
rend dieser Haft sei er gefoltert sowie gezwungen worden, Arbeiten für die
Gruppierung zu verrichten. Sie hätten unter anderem Schützengräben aus-
heben müssen. Ein Cousin von ihm habe schliesslich Verhandlungen mit
Mitgliedern der Gruppierung aufgenommen, welche gegen Bestechung
seine Flucht inszeniert und ermöglich hätten. Unter dem Vorwand, Schüt-
zengräben auszuheben, sei er nach O._ gebracht worden, wo er im
(...) 2020 freigekommen sei. In der Folge sei er mit Hilfe von Schleppern
nach P._ und schliesslich nach Beirut gelangt. Vom Libanon sei er
mittels eines Passierscheins respektive einer Einreisebewilligung der
Schweizer Botschaft auf dem Luftweg am (...) 2020 in die Schweiz gereist.
Der Hauptgrund für seinen ursprünglichen Entscheid, Syrien zu verlassen,
sei seine Angst gewesen, in den Reservedienst eingezogen zu werden.
Über seinen Schwager, der Beamte der Kaserne in Q._ kenne,
habe er Ende 2016 respektive Anfang 2016 herausgefunden, dass er für
den Reservedienst einberufen worden sei. Er habe dies damals abklären
lassen, weil er nach I._ habe gehen wollen, um dort zu arbeiten. Er
habe jedoch keinen konkreten Marschbefehl erhalten und sei in der Folge
auch nie angehalten worden oder habe deswegen konkrete Probleme ge-
habt. Er sei aber auch nie mehr in Kontakt mit syrischen Behörden gekom-
men, da das Regime seit 2012 in H._ nicht mehr präsent sei bezie-
hungsweise die Kontrolle über den Distrikt verloren habe. Er könne zudem
nicht mehr nach Syrien zurückkehren, weil er das Land illegal verlassen
habe. Bei einer Rückkehr würde man ihm unterstellen, einer terroristischen
Gruppierung anzugehören und deshalb das Land illegal verlassen zu ha-
ben. Zudem habe er zivile Arbeiten für die YPG ausgeführt, diese seien ihm
jedoch ebenfalls schlecht gesinnt. Die YPG unterstellten ihm, Kollaborateur
der Türken oder islamistischer Gruppen zu sein, weil er beim Angriff der
türkischen Armee und deren Verbündeten in H._ geblieben und
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nicht geflohen sei. Weiter fürchte er sich davor, von Angehörigen der
L._ getötet zu werden, sollte er nach Syrien zurückkehren. Er sei in
Haft gewesen und nur durch Bestechung freigekommen. Um dies zu ver-
tuschen, würde er von den Personen, die er bestochen habe, umgebracht
werden. Aufgrund seiner Ethnie, seiner Herkunft und seines jezidischen
Glaubens habe er in Syrien letztlich kein friedliches, unbedrohtes Leben
mehr führen können und habe seine Heimat auch deshalb verlassen müs-
sen.
B.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin 2
anlässlich der Anhörung vom 3. Februar 2020 im Wesentlichen Folgendes
geltend:
Sie sei ebenfalls jezidischer Religionszugehörigkeit und in I._ ge-
boren. Im Alter von acht Jahren sei sie mit ihrer Familie in den Distrikt
H._ umgezogen und habe dort im Dorf G._ gelebt. Sie habe
acht Jahre lang die Schule besucht und sei danach Hausfrau und Mutter
gewesen. Im (...) 2018 sei ihr Haus bei einem Bombenangriff der türki-
schen Luftstreitkräfte zerstört worden. Sie seien zunächst bei Nachbarn
untergekommen und in der Folge im (...) 2018 in die Türkei ausgereist, um
dort auf der Schweizer Botschaft vorzusprechen. Im (...) 2019 seien sie
jedoch ergebnislos nach Syrien zurückgekehrt und hätten fortan in
H._ bei Bekannten gelebt. Sie habe alles verloren, keine Sicherheit
mehr gehabt und sich um das Wohlergehen ihrer Familie gefürchtet. Auch
die Probleme des Beschwerdeführers – er sei zweimal von verschiedenen
bewaffneten Gruppierungen verschleppt worden – hätten sie schliesslich
zur Ausreise bewogen. Sie sei zunächst von H._ aus im (...) 2019
mit den Kindern illegal in die Türkei ausgereist und nach Istanbul gelangt,
wo sie ihre Schwägerin getroffen und dann zusammen mit den Kindern
mittels Schweizer Visa am selben Tag am (...) 2019 auf dem Luftweg in die
Schweiz gelangt sei.
B.c Die Beschwerdeführenden reichten folgende Dokumente und Beweis-
mittel (jeweils im Original) ein:
– Die Identitätskarten des Beschwerdeführers und der Beschwerde-
führerin,
– einen Familienregisterauszug,
– einen Eheschein.
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C.
Mit Verfügung vom 11. März 2022 – eröffnet am 15. März 2022 – verneinte
die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden und
lehnte ihre Asylgesuche ab. Gleichzeitig verfügte sie ihre Wegweisung aus
der Schweiz, deren Vollzug sie wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer
vorläufigen Aufnahme jedoch aufschob. Überdies ordnete sie die Aushän-
digung der editionspflichtigen Akten an die Beschwerdeführenden an.
D.
Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingabe
vom 13. April 2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Darin
beantragten sie die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gut-
heissung ihrer Asylgesuche. In prozessualer Hinsicht beantragten sie die
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG.
Die Beschwerdeführenden reichten eine Bestätigung des «Êzîden Cent-
rum» vom (...) März 2022 über ihre jezidische Religionszugehörigkeit so-
wie ein Bestätigungsschreiben syrischer Bekannter vom (...) März 2022
ein.
E.
Mit Schreiben vom 14. April 2022 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Beschwerdeführenden den Eingang ihrer Beschwerde.
F.
Am 21. April 2022 ging eine Fürsorgebestätigung vom 14. April 2022 beim
Gericht ein.
G.
Im vorliegenden Verfahren zog das Bundesverwaltungsgericht die vor-
instanzlichen Akten der Geschwister des Beschwerdeführers (N [...], N [...]
und N [...]) bei.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
14. April 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 2 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
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1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen, die wegen
ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder Ausdruck
noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat bestehen-
den Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei die Einhaltung des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Nach Ansicht der Vorinstanz vermochten die Vorbringen der Beschwer-
deführenden den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die Flüchtlingseigen-
schaft nicht zu genügen.
5.1.1 Hinsichtlich der Wehrdienstverweigerung des Beschwerdeführers lä-
gen keine zusätzlichen Risikofaktoren im Sinne der Rechtsprechung vor,
die den Schluss zuliessen, dass das syrische Regime diese als oppositi-
onspolitische Stellungnahme einstufe und entsprechend schwer bestrafe.
Die vorgebrachte Wehrdienstverweigerung entfalte somit keine flüchtlings-
rechtliche Relevanz, weshalb diesbezüglich auf eine Glaubhaftigkeitsprü-
fung verzichtet werden könne. An dieser Beurteilung vermöge auch die il-
legale Ausreise aus Syrien nichts zu ändern, welche gemäss Praxis für sich
alleine nicht zu einer begründeten Furcht vor Verfolgung führe.
5.1.2 Weiter liege gemäss Aktenlage auch keine asylrechtlich relevante
Verfolgung des Beschwerdeführers durch die YPG in Syrien vor und sei
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auch in Zukunft nicht zu befürchten. Eine konkrete und gezielt gegen ihn
gerichtete Verfolgung habe der Beschwerdeführer auf genaue Nachfrage
nicht darlegen können. Es habe keinen konkreten Vorfall zwischen ihm und
der Organisation gegeben. Eine objektiv nachvollziehbare und begründete
Furcht vor einer zukünftigen Verfolgung habe er entsprechend nicht vortra-
gen können.
5.1.3 Ferner sei eine Kollektivverfolgung sowohl von Kurden als auch von
Jeziden in Syrien gemäss geltender Praxis und Rechtsprechung zu vernei-
nen. Auch angesichts des türkischen Einmarsches in Nordsyrien sei nicht
davon auszugehen, dass sämtliche in Syrien und insbesondere in Nordsy-
rien verbliebene Kurden derzeit eine objektiv begründete Furcht vor Verfol-
gung hätten.
5.1.4 Die geschilderten Festnahmen und Folter des Beschwerdeführers
durch die M._ und später durch die L._ hielten den Anforde-
rungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG ebenfalls nicht
stand. Seinen Angaben seien keine von einer asylrechtlich relevanten Mo-
tivation getragene und gezielt gegen ihn gerichtete Verfolgung zu entneh-
men.
So seien nicht nur er, sondern alle Männer aus dem Reisebus durch die
M._ festgenommen und einer Überprüfung der Person unterzogen
worden. Er sei später ohne weitere Auflagen freigelassen respektive be-
gnadigt worden und habe abgesehen von der Haft keine weiteren Prob-
leme mit der M._ geltend gemacht. Auch betreffend die Tatsache,
dass er Kurde und Jezide sei, habe er keine konkrete zukünftige Bedro-
hung durch die M._ darlegen können. Aus den bedauerlichen Er-
eignissen in Verbindung mit der M._ könne nicht automatisch auf
eine begründete Furcht vor Verfolgung geschlossen werden. Die von ihm
geschilderte Furcht vor der M._ beziehungsweise islamistischen
Gruppierungen respektive der herrschenden Situation liege letztlich in den
herrschenden Kriegswirren und der daraus folgenden allgemein prekären
Sicherheitslage in Syrien begründet. Hinsichtlich der Festnahme durch die
L._ habe er zu Protokoll gegeben, dass diese nicht auf seiner reli-
giösen oder ethnischen Zugehörigkeit beruht habe, sondern auf der Tatsa-
che, dass er aus der Türkei zurückgekehrt und von der M._ in Ge-
fangenschaft genommen worden sei. Seinen Aussagen sei somit keine
asylrechtlich relevante Motivation und gezielt gegen ihn gerichtete Verfol-
gung zu entnehmen. Mangels Asylrelevanz könne deshalb auf eine ver-
tiefte Prüfung der Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen verzichtet werden.
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5.1.5 Ferner sei auch in der angeblichen Entwendung ihres Traktors im
Jahre 2018 von einer Gruppierung namens K._ kein Motiv im Sinne
von Art. 3 AsylG erkennen. Sie hätten vorgetragen, dass der Traktor als
«Gegenleistung für eine Steuer» beschlagnahmt worden sei.
5.1.6 Schliesslich seien die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte
labile Sicherheitssituation in ihrer Heimat und die dortigen Lebensbedin-
gungen zwar äusserst bedauerlich, aber ebenfalls nicht asylrelevant im
Sinne von Art. 3 AsylG. Sie habe keine gezielte Verfolgung ihrer Person
geltend gemacht und habe auch keine Probleme mit den Behörden oder
Drittpersonen gehabt. Die Nachteile im Rahmen des Krieges in Syrien stell-
ten keine gezielte Verfolgung dar.
5.2 In Ihrer Beschwerde erklärten sich die Beschwerdeführenden zunächst
ausdrücklich mit den Erwägungen in der angefochtenen Verfügung zur
Wehrdienstverweigerung und der Bedrohung durch die YPG einverstan-
den. Hinsichtlich der Kollektivverfolgung von Jeziden sowie der Asylrele-
vanz der Inhaftierungen und Folter des Beschwerdeführers widersprachen
sie jedoch der Ansicht der Vorinstanz. Es sei bekannt, dass Personen, wel-
che der jezidischen Religion angehörten, von den Islamisten und Extremis-
tengruppen sofort getötet würden. Sie würden als Ungläubige und Ketzer
gesehen. Es komme tagtäglich zu ethnischen Säuberungen und Völker-
mord, was sie in der Befragung auch angegeben hätten. Die Jeziden in
Nordsyrien würden verfolgt, gefoltert und getötet. Dies solle endlich aner-
kannt und die diesbezügliche Praxis geändert werden.
Hinsichtlich der Festnahme des Beschwerdeführers durch die M._
führten die Beschwerdeführenden aus, dass er aufgrund seiner kurdischen
Ethnie immerzu als Ungläubiger bezeichnet worden sei. Er sei unter
schlimmer Folter verhört und ihm seien immerzu Fragen zur Religion ge-
stellt worden. Dank seiner Islam-Kenntnisse habe er seine jezidische Reli-
gionszugehörigkeit erfolgreich verbergen können. Schon als Kurde sei er
als Ungläubiger beschimpft und gefoltert worden. Wenn diese Männer er-
fahren hätten, dass er überdies Jezide sei, hätten sie ihn sofort geköpft. In
seinem Heimatdorf gebe es sowohl Muslime als auch Jeziden. Die Männer
hätten in Erfahrung bringen wollen, ob er Jezide sei – deshalb sei er so
sehr gefoltert worden. Diese Extremisten hätten ihn nicht am Leben gelas-
sen. Er sei aufgrund seiner kurdischen Ethnie verschleppt worden. Wenn
er wieder nach Syrien reisen und die M._ erfahren würde, dass er
Jezide sei, würden sie ihn auf der Stelle töten. Kurden würden reihenweise
verschleppt und gefragt, ob sie Jeziden seien. Wer dies zugebe, werde
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sofort getötet. Auch in den Händen der L._ sei er immer wieder ge-
fragt worden, ob er Jezide sei. Deren Mitglieder hätten ihn ebenfalls gefol-
tert und geschlagen. Seine Probleme mit dem Gehör stammten aus dieser
Zeit. Sollte ihn die L._ wieder erwischen, würde man ihn sofort tö-
ten, um zu verschleiern, dass man ihm bei der Flucht geholfen habe. Er sei
somit sowohl aufgrund der kurdischen Ethnie als auch der jezidischen
Glaubenszugehörigkeit zwei Mal von verschiedenen Gruppierungen ver-
schleppt und monatelang festgehalten, gefoltert und befragt worden. Diese
Gruppierungen hätten in Syrien überall Spitzel. Bei einer Rückkehr sei die
Chance gross, dass er als Jezide verraten und getötet werde. Die Ver-
schleppungen und Folterungen beruhten auf seiner Ethnie und Religions-
zugehörigkeit. Die Schlussfolgerung des SEM, er sei nicht persönlich ver-
folgt worden, sei daher falsch. Das SEM habe seine diesbezüglichen Aus-
sagen gar nicht berücksichtigt.
Schliesslich hätten sein Bruder – welcher ebenfalls Jezide sei – und des-
sen Frau ähnliches erlebt; ihre Flüchtlingseigenschaft habe man anerkannt
und ihre Asylgesuche gutgeheissen.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die angefochtene Verfügung zu stützen ist. Die Vorinstanz
hat darin mit überzeugender Argumentation dargelegt, weshalb die Vor-
bringen der Beschwerdeführenden den Anforderungen an die Flüchtlings-
eigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu genügen vermögen. Mit ihrer Be-
schwerdeschrift – in welcher sie sich in weiten Teilen mit der Argumentation
der Vorinstanz einverstanden erklären und die sich im Übrigen im Wesent-
lichen in der Wiederholung und Bekräftigung des bereits vorgebrachten
Sachverhalts erschöpft – vermögen sie den vorinstanzlichen Argumenten
nichts Stichhaltiges zu entgegnen. Zur Vermeidung von Wiederholungen
kann daher mit den nachfolgenden Ausführungen auf die zutreffenden vor-
instanzlichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen wer-
den. Die nachfolgende Prüfung beschränkt sich vorliegend auf die Frage
nach dem Vorliegen einer Kollektivverfolgung von Kurden und Jeziden in
Syrien sowie der Asylrelevanz der geltend gemachten Entführungen des
Beschwerdeführers durch islamistische Gruppierungen, zumal sich die Be-
schwerdeführenden explizit auf diese Punkte beschränken und sich im Üb-
rigen mit der vorinstanzlichen Würdigung einverstanden erklären.
6.2 In Bezug auf die Zugehörigkeit der Beschwerdeführenden zur kurdi-
schen Ethnie und der Glaubensgemeinschaft der Jeziden ist zunächst auf
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die sehr restriktiven Voraussetzungen zur Annahme einer Kollektivverfol-
gung zu verweisen (vgl. BVGER 2014/32 E. 7.2, 2011/16 E. 5, je m.w.H.).
Das Bundesverwaltungsgericht geht nach wie vor – auch unter dem Ge-
sichtspunkt der heute veränderten Lage, insbesondere seit dem Einmarsch
der türkischen Truppen in Nordsyrien – nicht von einer Kollektivverfolgung
der Kurden oder Jeziden in Syrien aus (vgl. Referenzurteil D-5771/2014
vom 17. Februar 2017 E. 6.3 m.w.H., Urteile des BVGer E-4518/2015 vom
18. April 2018 E. 7.3.2 m.w.H., E-1543/2019 vom 13. September 2021 E.
5.2.1, D-2933/2021 vom 4. Mai 2022 E. 6.5). Insofern die Beschwerdefüh-
renden «tagtäglich ethnische Säuberung und Völkermord» geltend ma-
chen und eine Änderung der Rechtsprechungspraxis anregen, erschöpfen
sich ihre Beschwerdevorbringen in apellatorischer Kritik. Diese ist offen-
sichtlich nicht geeignet, die geltende Rechtsprechung umzustossen. Der
bürgerkriegsbedingten Gefährdungslage und der fortbestehenden Volatili-
tät und Dynamik der Entwicklung in Syrien wurde vom SEM im Rahmen
des Wegweisungsvollzugs respektive der in diesem Zusammenhang an-
geordneten vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführenden Rechnung
getragen.
6.3 Sodann ist die vorinstanzliche Schlussfolgerung, wonach es den vor-
gebrachten Festnahmen und Misshandlungen des Beschwerdeführers
durch die M._ und die L._ an der erforderlichen Verfol-
gungsmotivation und Gezieltheit im Sinne von Art. 3 AsylG mangelt, zu be-
stätigen.
Explizit als die «zwei Hauptgründe» für sein Asylgesuch bezeichnete der
Beschwerdeführer zunächst den drohenden Einzug in den Reservedienst
sowie seine illegale Ausreise aus Syrien (vgl. act. 39 F59). Als nebensäch-
lichen «weiteren Grund» gab er sodann an, Angehörige der L._
würden ihn im Falle einer Rückkehr nach H._ töten, um zu ver-
schleiern, dass sie ihn gegen Geldzahlung hätten entkommen lassen
(vgl. a.a.O.). Bezugnehmend auf die allgemein schwierige Situation in Sy-
rien erklärte er weiter, dass islamistische Gruppierungen wie die
M._ und die L._ «ihnen» vorwerfen würden, aufgrund ihrer
Ethnie und Religionszugehörigkeit Ketzer und Ungläubige zu sein (vgl.
a.a.O.). Diesen Aussagen lässt sich weder eine asylrelevante noch eine
gezielte Verfolgung entnehmen, zumal er mit Bezug auf die Kurden und
Jeziden jeweils im Plural sprach und stets die gesamte Volksgruppe meinte
(vgl. bspw. a.a.O.: «Das Regime betrachtet uns, also die Jeziden, als Mus-
lime» oder «Wir als Jeziden haben Angst, unsere Religion zu behaupten.
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Man wird als Jezide sofort getötet.»). Nach den Gründen für die Festnah-
men gefragt, gab er nicht an, aufgrund seiner Ethnie oder Religionszuge-
hörigkeit mitgenommen worden zu sein. Vielmehr habe die M._
sämtliche Männer, welche sich seinerzeit im Bus befunden hätten, festge-
halten. Sie hätten wissen wollen, wo er hingehe (vgl. act. 39 F72) respek-
tive wo «sie» gewesen seien, wohin «sie» gehen möchten, was «sie» alles
beabsichtigten, weshalb «sie» in der Türkei gewesen seien und was «sie»
dort gemacht hätten (act. 54 F41). Abgesehen von dieser dreimonatigen
Haft habe er keine Probleme mit der M._ gehabt (vgl. act. 54 F39).
Von der L._ sei er mitgenommen worden, da diese von ihm habe
wissen wollen, weshalb er seinerzeit H._ verlassen habe und in die
Türkei gegangen sei (vgl. act. 39 F71, act. 54 F45) – sie habe ihn verdäch-
tigt, vor ihr geflohen zu sein. Sie hätten zudem wissen wollen, was er bei
der M._ erlebt und gesehen habe, da er über das Gebiet dieser
Gruppierung nachhause zurückgekehrt sei (vgl. act. 54 F45). Anschlies-
send erklärte er, dass es für diese Festnahme eigentlich gar keinen Grund
gegeben habe, sie aber nach Gründen gesucht hätten, um ihn zu erpres-
sen und Geld zu verlangen (vgl. a.a.O.). Vor diesem Hintergrund sind denn
auch seine Angaben zu sehen, wonach ihn die Mitglieder der L._
gefragt hätten, ob er Jezide sei (vgl. act. 54 F45), beziehungsweise ihn mit
dem Vorwurf der Ketzerei konfrontiert hätten (vgl. act. 39 F71) respektive
die M._ den Gefangenen gegenüber in allgemeiner Weise gesagt
habe, die Kurden seien Ungläubige (vgl. act. 54 F35) und man werde sie
umbringen, wenn sie nicht beten würden (vgl. a.a.O. F41). Bei der
M._ sei er schliesslich einem Scharia-Richter vorgeführt worden,
wobei ihm jedoch keine Fragen nach der ethnischen oder religiösen Zuge-
hörigkeit gestellt worden seien, sondern seine illegale Ausreise in die Tür-
kei im Fokus gestanden sei (vgl. a.a.O.). Die M._ habe ihn schliess-
lich begnadigt und nachhause gehen lassen (vgl. act. 54 F102). Seine Be-
fürchtung, im Falle einer Rückkehr nach Syrien von Mitgliedern der
L._ zwecks Vertuschung seiner Freilassung getötet zu werden,
fusst sodann auf einem rein kriminellen Motiv, welches keine Asylrelevanz
zu entfalten vermag und welchem mit der vorläufigen Aufnahme bereits
Rechnung getragen wurde.
Den Vorbringen des Beschwerdeführers mangelt es nach dem Ausgeführ-
ten an der erforderlichen Asylrelevanz. Im Übrigen lassen sich weder den
Aussagen der Beschwerdeführerin noch den beigezogenen Akten asylre-
levante (Reflex-)Verfolgungsgründe entnehmen. Die entsprechenden
Sachverhalte sind nicht vergleichbar. Dem Bruder des Beschwerdeführers
wurde sodann lediglich aus in Art. 51 Abs 1 AsylG liegenden Gründen Asyl
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gewährt – er verzichtete auf die Geltendmachung eigener Asylvorbringen.
Seiner Schwester und deren Familie wurde aufgrund der Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz die vorläufige Aufnahme ge-
währt. Die von den Beschwerdeführenden eingereichten Bestätigungen
über ihre jezidische Religionszugehörigkeit sind sodann ebenfalls nicht ge-
eignet, zur Annahme einer asylrelevanten Verfolgung zu führen.
6.4 Nach dem Ausgeführten hat das SEM die Flüchtlingseigenschaft der
Beschwerdeführenden zu Recht verneint und ihre Asylgesuche folgerichtig
abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44 AsylG).
Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Angesichts der aus den vorstehenden Erwägungen hervorgehenden Aus-
sichtslosigkeit der Beschwerde ist das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung ungeachtet der Fürsorgebedürftigkeit der Be-
schwerdeführenden abzuweisen. Die Erhebung eines Kostenvorschusses
ist mit dem vorliegend instruktionslos ergehenden, verfahrensabschlies-
senden Urteil in der Sache hinfällig.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1774/2022
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