Decision ID: a1292d13-7b51-44a3-978b-a9b178ee8c99
Year: 2017
Language: de
Court: BE_SRK
Chamber: BE_SRK_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

hat die Steuerrekurskommission den Akten entnommen:
A. A._ (geb. 1945; Rekurrentin) war mit B._ (geb. 1944) verheiratet. B._ starb 2012. Aus Verfügungen vom 5. März 2013 bzw. 11. September 2013
ergeben sich – aus beglichenen Steuerforderungen – Saldi zu Gunsten der Rekurrentin von
insgesamt CHF 120'139.20 für die Steuerjahre 2009 bis 2011 bzw. CHF 7'532.15 für das
Steuerjahr 2012, welche der Rekurrentin innert 30 Tagen auf ihr Bankkonto überwiesen
würden. Aus denselben Verfügungen ergeben sich auch zwei Saldi von CHF 287.55 (für das
Steuerjahr 2010) bzw. CHF 2'981.45 (für das Steuerjahr 2012) zu Lasten der Rekurrentin.
B. Mit Verfügungen vom 8. Oktober 2014 (pag. 49) wurde die Rekurrentin von der Steuerverwaltung des Kantons Bern, _ (Steuerverwaltung) für das Steuerjahr 2013 bei
den kantonalen Steuern auf ein steuerbares Einkommen von CHF 155'000.--
(satzbestimmendes Einkommen: CHF 158'600.--; pag. 40) und bei der direkten Bundessteuer
auf ein solches von CHF 167'100.-- (pag. 38) veranlagt. Das steuerbare Vermögen wurde auf
CHF 2'123'000.-- (satzbestimmendes Vermögen: CHF 2'198'000.--; pag. 40) taxiert. An der
Deklaration der Rekurrentin (pag. 34) nahm die Steuerverwaltung mehrere Korrekturen vor.
Insbesondere rechnete sie der Rekurrentin unter Ziffer 2.25 "weitere Einkünfte steuerbar" von
CHF 65'000.-- auf (pag. 48 und 44). In der Begründung steht dazu, dass das Einkommen
gemäss Brief vom 29. Juli 2014 nach Vermögensentwicklung und Lebensaufwand erhöht wird.
Die Steuerverwaltung hatte der Rekurrentin mit Schreiben vom 29. Juli 2014 (pag. 36)
mitgeteilt, dass sich bei der Vermögensvergleichsberechnung ein Fehlbetrag von CHF 65'855.--
ergeben habe. Die Rekurrentin war aufgefordert worden, aufzuzeigen, aus welchen Quellen der
Fehlbetrag gedeckt worden sei. Ohne Gegenbericht mit entsprechenden Unterlagen bis am
22. August 2014 werde die Veranlagung vorgenommen und der Fehlbetrag von rund
CHF 65'000.-- als steuerbares Einkommen aufgerechnet. Die Rekurrentin hatte sich dazu nicht
vernehmen lassen. Die Verfügungen vom 8. Oktober 2014 sind unangefochten in Rechtskraft
erwachsen.
C. Mit Schreiben vom 16. Juli 2015 (pag. 51) stellte die D._ AG (Vertreterin) ein Gesuch um Revision der rechtskräftigen Veranlagung pro 2013. In der Begründung führte sie
zusammengefasst aus, dass die Vermögenszunahme der Rekurrentin aus Steuerrück-
erstattungen stamme. Die Rekurrentin habe aus der gemeinsamen Veranlagung mit ihrem
Ehemann für die Jahre 2009 bis 2011 Steuern zurückerstattet erhalten. Diese würden den von
der Steuerverwaltung berechneten Fehlbetrag erklären.
D. Mit Verfügung vom 25. August 2015 (pag. 56) wies die Steuerverwaltung das Gesuch ab und auferlegte eine Gebühr von CHF 200.--. Zur Begründung führte sie unter anderem aus,
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dass offen gelassen werden könne, ob seitens der Steuerverwaltung Verfahrensgrundsätze
verletzt worden seien, indem sie die Steuerrückerstattungen bei der Berechnung des
Fehlbetrags nicht berücksichtigt habe. Denn die Rekurrentin habe weder auf das Schreiben
vom 29. Juli 2014 reagiert, noch habe sie Einsprache erhoben. Somit liege ein
Ausschlussgrund vor. Denn die Revision sei ausgeschlossen, wenn als Revisionsgrund
vorgebracht werde, was bei zumutbarer Sorgfalt bereits im ordentlichen Verfahren mittels
Einsprache hätte geltend gemacht werden können.
E. Dagegen erhob die Vertreterin mit Schreiben vom 8. September 2015 Einsprache. Sie beantragte das Gesuch gutzuheissen und auf die Gebühr von CHF 200.-- zu verzichten. Die
Einsprache begründete sie damit, dass die Steuerverwaltung den Untersuchungsgrundsatz
verletzt habe. Denn wer kenne die Steuerrückzahlungen besser als die Steuerverwaltung,
welche diese verfügt und ausbezahlt habe. Die Rekurrentin habe die Steuererklärung
ordnungsgemäss ausgefüllt und alle Einkommens- und Vermögensbestandteile deklariert.
Zudem habe sie die nachträglich verlangten Unterlagen fristgerecht eingereicht. Die Verletzung
des Untersuchungsgrundsatzes wiege schwerer als die zumutbare Sorgfalt der Rekurrentin.
Deshalb sei ein Revisionsgrund gegeben.
F. Die Steuerverwaltung wies die Einsprache mit Entscheid vom 11. März 2016 (pag. 64) kostenlos ab. In der Begründung gibt sie zu, dass sie die Steuerrückerstattungen bei der
Vermögensvergleichsberechnung übersehen hat. Die Begründung ist im Grundsatz dieselbe
wie in der Verfügung vom 25. August 2015. An dieser ändere der Hinweis, dass die Rekurrentin
überfordert gewesen sei nichts. Denn mangelnde Rechtskenntnis oder ein Rechtsirrtum der
steuerpflichtigen Person stelle kein Revisionsgrund dar. Bezüglich der auferlegten Gebühr
verweist die Steuerverwaltung auf die kantonale Gebührenverordnung.
G. Mit Schreiben vom 7. April 2016 hat die Vertreterin bei der Steuerrekurskommission des Kantons Bern (Steuerrekurskommission) Rekurs und Beschwerde erhoben. Sie beantragt, das
Gesuch um Revision gutzuheissen und auf die Gebühr von CHF 200.-- zu verzichten. In der
Begründung führt sie insbesondere aus, dass es der Steuerverwaltung ein Leichtes gewesen
wäre, festzustellen, dass die Rekurrentin Steuerrückerstattungen erhalten habe. Die Verletzung
der Untersuchungspflicht habe zu einer massiven und vom Gesetzgeber nicht gewollten
Überbesteuerung der Rekurrentin geführt.
H. In ihrer Vernehmlassung vom 25. Mai 2016 hat die Steuerverwaltung die kostenfällige Abweisung von Rekurs und Beschwerde beantragt. Zur Begründung verweist sie auf den
Einspracheentscheid.
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I. Dazu hat die Vertreterin mit Schreiben vom 13. Juni 2016 Stellung genommen. Sie führt darin unter anderem ergänzend aus, dass der Veranlagungsfehler alleine von der
Steuerverwaltung zu verantworten sei, weshalb die Berufung auf den Ausschlussgrund
rechtsmissbräuchlich sei.
J. Die Eidgenössische Steuerverwaltung hat sich nicht vernehmen lassen.
K. Auf die weiteren Vorbringen der Parteien wird, soweit entscheidrelevant, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Die Steuerrekurskommission zieht in Erwägung:
1. Verfügungen und Entscheide der Steuerverwaltung können bei gegebenen Voraussetzungen revidiert werden (Art. 202 ff. des Steuergesetzes vom 21. Mai 2000 [StG;
BSG 661.11] und Art. 147 ff. des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990 über die direkte
Bundessteuer [DBG; SR 642.11]). Für die Behandlung eines Revisionsgesuchs ist nach
Art. 204 Abs. 1 StG und Art. 149 Abs. 1 DBG die Behörde zuständig, welche die frühere
Verfügung oder den früheren Entscheid erlassen hat. Gegen die Abweisung des
Revisionsbegehrens und gegen die neue Verfügung oder den neuen Entscheid können gemäss
Art. 204 Abs. 3 StG und Art. 149 Abs. 3 DBG die gleichen Rechtsmittel wie gegen die frühere
Verfügung oder den früheren Entscheid ergriffen werden. Vorliegend wies die Steuerverwaltung
die Einsprache gegen die Abweisung des Revisionsgesuchs mit Entscheid vom 11. März 2016
ab. Die Steuerrekurskommission ist deshalb sachlich und örtlich zuständig. Die Rekurrentin ist
im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträgen nicht durchgedrungen. Sie ist daher
beschwert und zur Anfechtung befugt (Art. 195 Abs. 2 StG und Art. 140 ff. DBG i.V.m. Art. 3
BStV i.V.m. Art. 86 und 65 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege
[VRPG; BSG 155.21]). Auf die form- und fristgerecht eingereichte Eingabe ist deshalb
einzutreten.
Die vorliegende Streitsache wird von der Steuerrekurskommission in Dreierbesetzung beurteilt,
da der Streitwert über CHF 10'000.-- liegt (Art. 70 Abs. 3 und Abs. 4 Bst. c des Gesetzes vom
11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG;
BSG 161.1]).
2. Vorliegend ist umstritten, ob die rechtskräftigen Veranlagungsverfügungen vom 8. Oktober 2014 für die kantonalen Steuern und die direkte Bundessteuer pro 2013 revidiert
werden können.
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3. Das ausserordentliche Rechtsmittel der Revision stellt – wie die Berichtigung und das Institut der Nachsteuer – eine Ausnahme vom Prinzip der Unabänderbarkeit rechtskräftiger
Verfügungen und Entscheide dar (vgl. Höhn/Waldburger, Steuerrecht, Band 1, 9. Aufl. 2001,
§ 36 N. 3 ff.; vgl. auch den 7. Titel des StG sowie den 6. Titel des DBG: "Änderung
rechtskräftiger Verfügungen und Entscheide"). Der die Beständigkeit in erster Linie schützende
Wert der Rechtssicherheit hat seine Grenzen dort, wo er mit anderen Rechtswerten (z.B. dem
Interesse an der Durchsetzung des objektiven Rechts oder dem Gleichheitssatz) kollidiert,
denen der gleiche oder ein höherer Rang zukommt. Die Beantwortung der Frage, welchem
Grundsatz der Vorrang zu geben ist, bedingt eine Interessenabwägung, deren Ergebnis der
Gesetzgeber in den Art. 202 - 208 StG bzw. Art. 147 - 153 DBG generell-abstrakt
festgeschrieben hat (vgl. Martin E. Looser in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht,
Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer [DBG], 3. Aufl., 2017, N. 4 f. zu Vor Art. 147-153a
DBG). Ausserhalb dieser Tatbestände ist eine Korrektur fehlerhafter rechtskräftiger
Verfügungen nur ausnahmsweise und unter strengen Voraussetzungen möglich
(VGE 100.2009.73/74U vom 15.9.2010, E. 3.1 mit Verweis auf VGE 22065U vom 15.8.2006 in
BVR 2007 S. 49 E. 5.2 f.; Zweifel/Casanova, Schweizerisches Steuerverfahrensrecht, Direkte
Steuern, 2008, N. 20 zu § 26). Der Grundsatz der Unabänderlichkeit gilt zudem nicht, falls die
Veranlagungsverfügung oder der Entscheid nichtig sind (Martin E. Looser, a.a.O., N. 7 zu Vor
Art. 147-153a DBG).
4. Gemäss Art. 202 Abs. 1 StG und Art. 147 Abs. 1 DBG kann eine rechtskräftige Verfügung oder ein rechtskräftiger Entscheid zu Gunsten der steuerpflichtigen Person revidiert werden,
wenn (a) erhebliche Tatsachen oder entscheidende Beweismittel entdeckt werden; (b) die
erkennende Behörde erhebliche Tatsachen oder entscheidende Beweismittel, die ihr bekannt
gewesen sind oder hätten bekannt sein müssen, ausser Acht gelassen oder in anderer Weise
wesentliche Verfahrensgrundsätze verletzt hat; (c) ein Verbrechen oder ein Vergehen die
Verfügung oder den Entscheid beeinflusst hat. Eine Revision ist ausgeschlossen, wenn als
Revisionsgrund vorgebracht wird, was bei zumutbarer Sorgfalt schon im ordentlichen Verfahren
hätte geltend gemacht werden können (Art. 202 Abs. 2 StG und Art. 147 Abs. 2 DBG;
sogenannte Subsidiarität der Revision). Das Revisionsbegehren muss innert 90 Tagen nach
Entdeckung des Revisionsgrunds, spätestens aber innert zehn Jahren nach Eröffnung der
Verfügung oder des Entscheids schriftlich eingereicht werden (Art. 203 StG und Art. 148 DBG).
4.1 Die Vertreterin ist der Meinung, dass ein Revisionsgrund gegeben ist, da die Steuerverwaltung den Untersuchungsgrundsatz verletzt habe.
4.1.1 Die Revision einer Veranlagungsverfügung, eines Einsprache- oder eines Beschwerdeentscheids wegen Verletzung wesentlicher Verfahrensvorschriften oder wegen
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Nichtberücksichtigung aktenkundiger Tatsachen oder Beweismittel ist mit Blick auf Abs. 2 der
Revisionsbestimmungen nur in den seltensten Fällen möglich; dieser Revisionsgrund ist denn
auch vorab auf letztinstanzliche Urteile zugeschnitten. Vielfach wird aber dieser Revisionsgrund
angerufen, wenn eine Veranlagung aus Versehen der Steuerbehörden krass falsch ausgefallen
ist. Allerdings gilt Abs. 2 der Revisionsbestimmungen auch in diesen Fällen, d.h. die Mängel
sind im ordentlichen Verfahren zu rügen (Peter Locher, Kommentar zum Bundesgesetz über die
direkte Bundessteuer, III. Teil, 2015, N. 18 zu Art. 147 DBG, mit Hinweisen; vgl. E. 4.2). Für die
Steuerverwaltung gilt, wie allgemein im öffentlichen Recht, der Untersuchungsgrundsatz. Eine
gewisse Einschränkung erfährt dieser Grundsatz jedoch durch die Mitwirkungspflichten der
steuerpflichtigen Person. So werden direkte Steuern im "gemischten Verfahren" veranlagt. Die
Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes darf deshalb als Revisionsgrund nicht leichthin
angenommen werden. So darf sich die Steuerverwaltung auf die Richtigkeit der eingereichten
Steuererklärung verlassen, wenn es keine Anhaltspunkte für deren Unrichtigkeit oder
Unvollständigkeit gibt (Martin E. Looser, a.a.O., N. 12 f. und 16a zu Art. 147 DBG;
Zweifel/Casanova, a.a.O., N. 48 zu § 26).
4.1.2 Das Bundesgericht hat in einem Entscheid festgehalten, dass der Verfahrensmangel, damit er einen Revisionsgrund abgibt, zur Folge haben muss, dass der Betroffene der
Möglichkeit beraubt wird, ein ordentliches Rechtsmittel einzulegen, oder zumindest davon
abgehalten wird, von diesem Gebrauch zu machen (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter,
Handkommentar zum DBG, 3. Aufl., 2016, N. 28 zu Art. 147 DBG, mit Verweis auf
BGE 105 Ib 245 in StR 1982 S. 84, E. 3a). In diesem Fall lebte die steuerpflichtige Person
getrennt von ihrem in den USA lebenden Ehemann. Die Steuerverwaltung rechnete ihr in der
Veranlagung ein von ihrem Ehemann in den USA erzieltes Einkommen nach Ermessen auf. In
der Begründung der Veranlagung hielt sie fest: "aliquota(e) maggiorata(e), tenendo conto degli
elementi non imponibili risp. nel Cantone o in Svizzera" (Betragserhöhung[en] in Anbetracht der
im Kanton oder in der Schweiz nicht steuerbaren Elemente; BGE 105 Ib 245 in StR 1982 S. 84,
E. 1b). Das Bundesgericht kam zum Schluss, dass die Steuerverwaltung in diesem Fall die
Aufrechnung ungenügend begründet und somit das rechtliche Gehör verletzt hatte. Die
steuerpflichtige Person habe nicht schlussfolgern können, dass die Aufrechnung mit
vermutetem Einkommen ihres Ehemannes zusammenhing. Das Bundesgericht bejahte deshalb
die Verletzung wesentlicher Verfahrensvorschriften und die Revision, da von einer in rechtlichen
und fiskalischen Fragen wenig erfahrenen Person unter diesen Umständen nicht erwartet
werden könne, unverzüglich Einsprache zu erheben (BGE 105 Ib 245 in StR 1982 S. 84, E. 3c).
In einem weiteren Entscheid erkannte das Bundesgericht einen Revisionsgrund darin, dass
eine Veranlagungsverfügung keine Begründung für die Abweichung von der Steuererklärung
enthielt und die betroffene Person durch diesen Mangel davon abgehalten wurde, rechtzeitig
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Einsprache zu erheben (Martin E. Looser, a.a.O., N. 17 zu Art. 147 DBG; Peter Locher, a.a.O.,
N. 19 zu Art. 147 DBG, je mit Verweis auf BGer 2A.288/1993 vom 21.2.1995 in StE 1996 B 93.6
Nr. 15, E. 2). Nur qualifizierte Verfahrensfehler können mittels Revision korrigiert werden. Ist die
Verletzung von Verfahrensgrundsätzen indessen derart gravierend, dass sie die Nichtigkeit des
entsprechenden Entscheids zur Folge hat, besteht von vornherein keine Möglichkeit zur
Revision (Martin E. Looser, a.a.O., N. 17 zu Art. 147 DBG; Richner/Frei/Kaufmann/Meuter,
a.a.O., N. 25 und 28 zu Art. 147 DBG).
4.1.3 Die Rekurrentin hatte vorliegend die Steuererklärung 2013 vom 11. Juni 2014 (pag. 34) wahrheitsgemäss und vollständig ausgefüllt. So wurden in der definitiven Veranlagung, bis auf
die Aufrechnung der CHF 65'000.--, nur automatische Korrekturen vorgenommen (pag. 48). Wie
sich aus Bst. A ergibt, wurden der Rekurrentin im Jahr 2013 Steuern im Umfang von
CHF 127'671.35 zurückerstattet. Diese Rückerstattungen waren von der Rekurrentin nicht als
Einkünfte, auch nicht als nicht steuerbare, zu deklarieren (vgl. auch die Wegleitung 2013 für
natürliche Personen S. 26 f.). Sie sind wohl indirekt – zumindest teilweise – im
Wertschriftenverzeichnis enthalten. Ansonsten hätte sich in der
Vermögensvergleichsberechnung kein Fehlbetrag ergeben. Wie unter Bst. B ausgeführt, teilte
die Steuerverwaltung der Rekurrentin im Veranlagungsverfahren mit Schreiben vom 29. Juli
2014 (pag. 36) mit, dass bei "der Vermögensvergleichsrechnung von 31. Dezember 2012 bis
31. Dezember 2013" ein Fehlbetrag von CHF 65'855.-- bestehe. Das bedeute, dass die
Vermögensveränderung, die Auslagen sowie die Lebenshaltungskosten nicht mit dem
deklarierten Einkommen hätten bestritten werden können. Die Rekurrentin wurde gebeten,
aufzuzeigen, "aus welchen Quellen der Fehlbetrag gedeckt wurde (z.B. steuerfreie oder bereits
besteuerte Einkünfte)". Ohne Gegenbericht würde der Fehlbetrag von CHF 65'000.-- als
steuerbares Einkommen aufgerechnet. In der Beilage wurde der Rekurrentin folgende
Berechnung zur Prüfung zugestellt:
Einnahmen Betrag Ausgaben Betrag Vermögen Betrag Renten 80'352 Bezahlte Steuern 15'324 Zunahme Vermögen 102'584 Wertschriftenerträge Netto 2'497 Vergabungen 750
Liegenschaftssteuer 688 Unterhaltskosten (Pauschalabzug) 2'824 Versicherungsprämien 12'534 Lebenshaltungskosten* 14'000
Total Einnahmen 82'849 Total Ausgaben 46'120 Zu-/Abnahme Vermögen 102'584
Veränderung Vermögen -102'584
Total Ausgaben -46'120
Fehlbetrag -65'855
* Lebenshaltungskosten Beinhalten Nahrungsmittel, Getränke, Bekleidung, Wohnungseinrichtung, Heizung und Beleuchtung, Reinigung von Bekleidung und Wohnung, Körper- und Gesundheitspflege, persönliche Ausstattung, Gesellschaftsausgaben und Verschiedenes (Quelle: Bundesamt für Statistik)
Vermögensvergleichsrechnung vom 31. Dezember 2012 bis 31. Dezember 2013
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Die Steuerverwaltung gibt im Einspracheentscheid (pag. 61) zu, dass sie die
Steuerrückzahlungen bei der Vermögensvergleichsberechnung übersehen hat. Die Rekurrentin
reagierte nicht auf das Schreiben der Steuerverwaltung, weshalb diese den gerundeten
Fehlbetrag in der
definitiven Veranlagung – mit Verweis auf das Schreiben vom 29. Juli 2014 – als steuerbares
Einkommen aufrechnete (vgl. Bst. B).
4.1.4 Die Steuerverwaltung lässt – mit Blick auf den Ausschlussgrund (vgl. E. 4.2) – offen, ob sie durch die Nichtberücksichtigung der Steuerrückzahlungen den Untersuchungsgrundsatz
verletzte. Sie verweist auf die Mitwirkungspflichten der steuerpflichtigen Person. Gemäss ihr
wäre es an der Rekurrentin gelegen, auf den von der Steuerverwaltung unvollständig
festgestellten Sachverhalt hinzuweisen. Es handelte sich um einen gewichtigen Fehler der
Steuerverwaltung, die an die Rekurrentin zurückerstatteten Steuern im Vermögensvergleich
nicht zu berücksichtigen. Dies insbesondere auch, da sie die von der Rekurrentin im 2013
bezahlten Steuern berücksichtigte (vgl. Tabelle unter E. 4.1.3, erste Position unter "Ausgaben").
Jedoch muss auch festgehalten werden, dass die Steuerverwaltung die Rekurrentin vor der
definitiven Veranlagung auf den Fehlbetrag hinwies. In ihrem Schreiben vom 29. Juli 2014
erklärte sie den Vermögensvergleich, wie dieser zustande kommt und was er für Konsequenzen
hat. Auch legte sie dem Schreiben eine übersichtliche und nachvollziehbare Darstellung des
Vermögensvergleichs bei und gab der Rekurrentin die Möglichkeit, dazu Stellung zu nehmen.
Ob die Steuerverwaltung damit insgesamt wesentliche Verfahrensgrundsätze verletzte, kann
vorliegend offen gelassen werden.
4.2 Denn wie unter E. 4 ausgeführt, ist die Revision ausgeschlossen, wenn als Revisionsgrund vorgebracht wird, was bei zumutbarer Sorgfalt schon im ordentlichen Verfahren
hätte geltend gemacht werden können. Demzufolge ist die Revision zum Beispiel insbesondere
ausgeschlossen, wenn aus Nachlässigkeit der steuerpflichtigen Person (oder ihres Vertreters)
wesentliche Sachverhaltselemente im ordentlichen Veranlagungs- oder Rechtsmittelverfahren
nicht vorgebracht worden sind (Deklarationsirrtum), oder wenn die steuerpflichtige Person bei
der Prüfung der ihr eröffneten Veranlagung – allenfalls unter Beizug eines Sachverständigen –
den Sachverhalts- oder Rechtsirrtum der Behörde sofort hätte entdecken können (Hugo
Casanova, Änderungen rechtskräftiger Verfügungen und Entscheide, ASA 61 S. 447; Hugo
Casanova, Steuerverfahren und Steuergerechtigkeit in: Mélanges en l'honneur de Claude
Rouiller, 2016, S. 61 f.; Martin E. Looser, a.a.O., N. 24 zu Art. 147 DBG).
4.2.1 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung dürfen an die Sorgfalt der steuerpflichtigen Person bei der Wahrung ihrer Rechte im Veranlagungs- bzw.
Rechtsmittelverfahren "einige Anforderungen" gestellt werden. Es ist grundsätzlich davon
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auszugehen, dass sie ihre eigenen finanziellen Verhältnisse kennt, und dass sie die
Verfügungen bzw. Entscheide nach deren Erhalt überprüft und allfällige Mängel rechtzeitig rügt.
Die Revision dient nicht dazu, im
ordentlichen Rechtmittelverfahren Versäumtes nachzuholen (VGE 100.2009.419U vom
1.11.2010, E. 2.1 mit Verweis auf BGer 2A.451/1996 vom 21.5.1997, in ASA 67 S. 391 ff.,
E. 3d).
4.2.2 Das Bundesgericht verlangt eine strikte Anwendung des Ausschlussgrunds und stellt hohe Anforderungen an das Mass der Sorgfalt der steuerpflichtigen Person (Martin E. Looser,
a.a.O., N. 26 zu Art. 147 DBG). Zudem will das Bundesgericht einmal als solche anerkannte
mangelnde Sorgfalt der steuerpflichtigen Person nicht durch Fehler der Steuerbehörde (etwa
mangelhafte Sachverhaltsabklärung) kompensiert wissen (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter,
a.a.O., N. 37 zu Art. 147 DBG; Martin E. Looser, a.a.O., N. 26b zu Art. 147 DBG).
4.2.3 Weiter stellt nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung die Rechtsunkenntnis der steuerpflichtigen Person keinen Revisionsgrund dar (Martin E. Looser, a.a.O., N. 26 zu Art. 147
DBG). Auch eine nachträgliche Berufung auf Sprachschwierigkeiten ist offensichtlich zum
Scheitern verurteilt (Zweifel/Casanova, a.a.O., § 26 N. 54). Besonders rigoros ist die
bundesgerichtliche Rechtsprechung zur zumutbaren Sorgfalt im Zusammenhang mit
Ermessensveranlagungen (Martin E. Looser, a.a.O., N. 26 zu Art. 147 DBG). Wer nach
Ermessen veranlagt wird, weil er nicht rechtzeitig die zur Veranlagung notwendigen Angaben
gemacht und Unterlagen vorgelegt hat, handelt nicht mit der nötigen Sorgfalt (Peter Locher,
a.a.O., N. 32 zu Art. 147 DBG; BGer 2A.587/2002 vom 11.3.2003, in NStP 57 S. 30 E. 1.3). Wer
sowohl die Fristen zum Einreichen der Steuererklärung als auch die Einsprachefrist unbenutzt
verstreichen lässt und mithin gegen seine Mitwirkungspflichten verstösst, kann sich nicht mit
Erfolg auf einen (übergesetzlichen) Revisionsgrund berufen (VGE 100.2010.433/434U vom
18.11.2011, E. 4.2, nicht publiziert).
4.2.4 Grundsätzlich sollte die Unsorgfalt der Steuerbehörde aber nicht durch die mangelnde Sorgfalt der steuerpflichtigen Person "geheilt" werden. Eine optimale Lösung aus diesem
Dilemma zwischen Rechtssicherheit und Durchsetzung des objektiven Rechts kann nur eine
Einzelfallbetrachtung sein (Martin E. Looser, a.a.O., N. 26b zu Art. 147 DBG; Richner/Frei/Kauf-
mann/Meuter, a.a.O., N. 38 zu Art. 147 DBG). Weiter kann festgehalten werden, dass es der
gesuchstellenden Person obliegt, im Revisionsverfahren nachzuweisen, dass sie während dem
ordentlichen Verfahren vom Revisionsgrund keine Kenntnis hatte und bei Anwendung der
pflichtgemässen Sorgfalt auch keine Kenntnisse haben konnte (Martin E. Looser, a.a.O., N. 26a
zu Art. 147 DBG). Dieser Ausschlussgrund gilt schliesslich für alle Revisionsgründe (Martin E.
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Looser, a.a.O., N. 24 zu Art. 147 DBG; VGE 100.2010.433/434U vom 18.11.2011, E. 4.1, nicht
publiziert).
4.3 Die Rekurrentin erhob vorliegend weder Einsprache, noch hatte sie auf die schriftliche Vorankündigung der Aufrechnung reagiert. Die Aufrechnung der CHF 65'000.-- ist klar aus der
definitiven Veranlagung ersichtlich (pag. 48). Ihre Einkünfte wurden mit der Aufrechnung zudem
fast verdoppelt (Erhöhung um 78 %). In der definitiven Veranlagung wird die Aufrechnung damit
begründet, dass es sich dabei um "Einkommen nach Vermögensentwicklung und
Lebensaufwand" handelt. Weiter wird auf das Schreiben vom 29. Juli 2014 (pag. 36) verwiesen.
Die Rekurrentin füllte vorliegend die Steuererklärung korrekt und vollständig aus. Es handelt
sich vorliegend somit nicht um einen Deklarationsirrtum (vgl. E. 4.2). Insofern handelte sie mit
der notwendigen Sorgfalt. Auch ist ein Vermögensvergleich für eine Laiin nicht einfach zu
verstehen. Wie in E. 4.1.4 ausgeführt, erklärte die Steuerverwaltung in ihrem Schreiben vom
29. Juli 2014 jedoch der Rekurrentin, was ein Vermögensvergleich ist und stellte diesen
übersichtlich dar. Auch ist aus der Darstellung ersichtlich, dass die bezahlten Steuern
berücksichtigt worden sind. Somit wäre die Frage, ob und wo die hohen (vgl. Bst. A)
Steuerrückzahlungen in die Berechnung eingeflossen sind naheliegend gewesen. Sollte die
Rekurrentin selber mit dieser Angelegenheit überfordert gewesen sein, so wäre es an ihr
gelegen, eine Fachperson hinzuzuziehen. Denn Rechtsunkenntnis oder Sprachschwierigkeiten
stellen keinen Revisionsgrund dar (vgl. E. 4.2.3). Diesen Schritt unternahm sie schliesslich ein
paar Monate später und die Vertreterin stellte den Fehler dann auch fest. Die Rekurrentin
reagierte auf das Schreiben der Steuerverwaltung jedoch gar nicht. Sie beauftragte werden
einen Vertreter, noch bat sie um Fristverlängerung für eine Antwort oder fragte bei der
Steuerverwaltung nach, was es mit dem Vermögensvergleich auf sich hat. Des Weiteren lies sie
aber auch die Einsprachefrist unbenutzt verstreichen. Dies obwohl wie ausgeführt, die
Aufrechnung in der definitiven Veranlagung klar ersichtlich war. Auch das Bundesgericht hat in
einem Entscheid vom 21. Mai 1997 (StE 1998 B 97.11 Nr. 14 und ASA 67 S. 391, E. 3d) die
Voraussetzungen für eine Revision verneint und ausgeführt, dass aus der
Veranlagungsverfügung und den Beilagen auf den ersten Blick ersichtlich sei, dass die
Veranlagung gegenüber der Steuererklärung abweiche, wie gross die Differenz sei und worauf
sie beruhe; spezieller steuerrechtlicher Kenntnisse habe es dazu nicht gebraucht. Schliesslich
ist festzuhalten, dass es an der Rekurrentin ist, nachzuweisen, dass sie bei der Anwendung der
pflichtgemässen Sorgfalt keine Kenntnisse vom Revisionsgrund haben konnte (vgl. E. 4.2.4).
Dies gelingt ihr vorliegend nicht. Diese Ausführungen zeigen, dass sie nicht mit der ihr
zumutbaren Sorgfalt gehandelt hat. Somit ist der Ausschlussgrund erfüllt und die
Voraussetzungen der Revision sind deshalb nicht gegeben. Entsprechend muss auch nicht
- 11 -
geprüft werden, ob vorliegend das Revisionsbegehren innert 90 Tagen nach Entdeckung des
Revisionsgrunds eingereicht wurde (vgl. E. 4).
5. Die Vertreterin hat schliesslich noch beantragt, auf die Gebühr von CHF 200.-- zu verzichten. Für das Revisionsverfahren verweisen Art. 204 Abs. 4 StG und Art. 149 Abs. 4 DBG
auf die Vorschriften des Verfahrens, in dem die frühere Verfügung oder der frühere Entscheid
ergangen ist. Bezüglich dem DBG halten Richner/Frei/Kaufmann/Meuter (a.a.O., N. 14 zu
Art. 149 DBG) fest, dass die Revision betreffend Abänderung von Veranlagungsverfügungen
unentgeltlich ist. Merkli/Aeschlimann/Herzog (Kommentar zum Gesetz über die
Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern, 1997, N. 6 zu Art. 107 VRPG) führen aus, dass für
ein Gesuch um Wiederaufnahme eines Verfahrens bezüglich Verfahrenskosten die gleichen
Grundsätze gelten, wie im vorangegangenen Verfahren auf Erlass einer Verfügung, sofern
spezialgesetzlich nichts anderes festgelegt ist. Als spezialgesetzliche Norm erwähnen sie
insbesondere Art. 16 der Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der
Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21). Gemäss dieser Bestimmung
wird für die Behandlung eines Gesuchs um Wiederaufnahme eine Gebühr von 100 bis 400
Taxpunkten erhoben, wenn das Fehlen von Wiederaufnahmegründen festgestellt wird. Die
Gebührenverordnung gilt für die Erhebung von Gebühren durch die kantonale Verwaltung.
Vorbehalten bleiben gebührenrechtliche Bestimmungen der besonderen Gesetzgebung (Art. 1
GebV). Solche fehlen vorliegend, weshalb Art. 16 GebV Anwendung findet und die Gebühr von
CHF 200.-- deshalb zu Recht auferlegt wurde. Rekurs und Beschwerde sind somit abzuweisen.
6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird die Rekurrentin kostenpflichtig. Sie hat die gesamten Verfahrenskosten zu tragen einschliesslich allfälliger Auslagen für Gutachten oder
andere externe Kosten (Art. 144 Abs. 1 und 5 DBG sowie Art. 200 Abs. 1 StG i.V.m. Art. 1, 2,
53, 58 und 59 des Dekrets vom 24. März 2010 betreffend die Verfahrenskosten und die
Verwaltungsgebühren der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft
[Verfahrenskostendekret, VKD; BSG 161.12]).
Da die Rekurrentin im vorliegend unterliegt, werden keine Parteikosten gesprochen (Art. 200
Abs. 4 StG sowie Art. 144 Abs. 4 DBG i.V.m. Art. 64 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom
20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]).