Decision ID: 4ba0af52-b96b-525a-a1f6-db76ad713832
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
W._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Eliano Mussato, Bellevuestrasse 1b, Postfach,
9401 Rorschach,
gegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Die 1967 geborene W._ meldete sich am 6. Juli 2005 zum Leistungsbezug bei
der Invalidenversicherung an und beantragte die Zusprache einer Rente (IV-act. 68). Sie
hatte von Juli 2002 bis Mai 2003 als ungelernte Mitarbeiterin (Näherei) bei der Stiftung
A._ (Beratung, Koordination, Information für Ausgesteuerten-Projekte) im Rahmen
eines Beschäftigungsprogramms gearbeitet (IV-act. 46 und 48). Aufgrund eines
chronischen Alkoholmissbrauchs waren seit 2001 mehrere stationäre
Entzugsbehandlungen vorgenommen worden. Gemäss einem Bericht für
Notfallzuweisung vom 6. August 2005 und einem Kurzaustrittsbericht des Kantonalen
Spitals Rorschach, wo die Versicherte vom 26. Oktober 2005 bis zum 5. November
2006 hospitalisiert war, wurden unter anderem ein chronischer Alkoholabusus und eine
Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ mit Panikstörung diagnostiziert (IV-act.
54/8 und 13).
A.b Der die Versicherte seit Juli 2005 behandelnde Arzt Dr. med. A._,
Allgemeinmedizin FMH, nannte im Bericht zuhanden der IV-Stelle vom 12. Dezember
2005 die Diagnosen (erstens) chronische Alkoholabhängigkeit mit chronisch
rezidivierender Pankreatitis und chronischer Ulcuskrankheit, (zweitens) chronisches
Lumbovertebralsyndrom und (drittens) rezidivierende Panikstörungen bei Verdacht auf
Persönlichkeitsstörung. Die Versicherte sei als Angestellte seit dem 15. Juni 2005 bis
auf weiteres zu 100% arbeitsunfähig. Eine leichte körperliche Tätigkeit sei ihr bei
wechselnder Körperhaltung zumutbar, sofern sie das längere Stehen und das
Lastenheben vermeide. Sie sei in einer solchen adaptierten, ganztägigen Tätigkeit zu
mindestens 20% eingeschränkt (IV-act. 54/1-4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Anlässlich einer stationären Behandlung vom 4. September 2006 bis zum 23.
Oktober 2006 in der Klinik St. Pirminsberg (Psychiatrie, Psychotherapie und
Suchtbehandlung) berichteten die Psychologin B._ und med. prakt. C._, dass sich
die Versicherte nach einer wöchigen Entzugsbehandlung einer Psychotherapie
unterzogen habe. Damit habe sie bezweckt, besser mit ihren starken Ängsten, ihrem
sozialen Rückzug und der für sie belastenden Abhängigkeit von ihrem Freund umgehen
zu können. Die Alkoholproblematik sei anscheinend aus Schamgefühlen von ihr
bagatellisiert worden. Diagnostiziert wurden in erster Linie "Störungen durch Alkohol;
Abhängigkeitssyndrom (ICD 10: F 10.2) vor dem Hintergrund einer gemischten
Persönlichkeitsstörung mit abhängigen, ängstlich-unsicheren und emotional-instabilen
Zügen, Anteilen (ICD 10: F61.0)". Die Versicherte habe nach einem erneuten
Alkoholrückfall während des Wochenendurlaubs die Therapie abgebrochen (IV-act.
39/34-36). Vom 9. bis 15. Mai 2007 wurde die Versicherte wegen einer chronisch-
rezidivierenden Diarrhoe hospitalisiert, welche auf den regelmässigen Alkoholkonsum
zurückgeführt wurde (IV-act. 39/19).
A.d Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) Ostschweiz empfahl am 3. Mai 2006 eine
interdisziplinäre MEDAS-Begutachtung (IV-act. 47/2). Damit beauftragte die IV-Stelle
am 30. Dezember 2006 das ABI, Ärztliches Begutachtungsinstitut GmbH, Basel (IV-act.
42). Die ABI-Experten führten am 13. Juli 2007 die folgenden Diagnosen mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit an: Alkoholabhängigkeit (ICD-10 F10.2), Verdacht auf
Panikstörung (ICD-10 F41.0) und Verdacht auf emotional instabile
Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3). Aus psychiatrischer Sicht sei es zum Zeitpunkt
der Exploration aufgrund des exzessiven Alkoholkonsums schwierig zu beurteilen
gewesen, ob neben der schweren Alkoholabhängigkeit zusätzlich eine
Persönlichkeitsstörung oder eine Panikstörung vorliege. Bei Letzteren handle es sich
deshalb nur um Verdachtsdiagnosen. Hinweise auf irreversible geistige oder
psychische Schäden nach langjähriger Alkoholabhängigkeit bestünden nicht. Es könne
nicht beurteilt werden, ob es sich um eine primäre oder um eine sekundäre
Alkoholabhängigkeit handle. Da die Versicherte täglich im Übermass Alkohol trinke, sei
sie nicht imstande, sich auf die Anforderungen der Berufswelt einzustellen. Daher sei
zurzeit keine in der freien Wirtschaft verwertbare Arbeitsfähigkeit mehr gegeben. Eine
länger andauernde stationäre Entzugsbehandlung mit anschliessendem längerem
Aufenthalt in einer suchttherapeutischen Institution wäre medizinisch sinnvoll und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zumutbar, die dafür notwendige Motivation fehle jedoch. Vorausgesetzt, dass eine
mindestens einjährige Alkoholabstinenz eingehalten und allenfalls ein Arbeitstraining
durchgeführt werde, sei die Versicherte aus rheumatologischer Sicht (muskuläre
Dekonditionierung) für jegliche leichte bis mittelschwere wechselbelastende Tätigkeit
arbeitsfähig (IV-act. 39/13-17).
A.e Gestützt darauf hielt der RAD am 28. August 2007 fest, der psychiatrische ABI-
Experte habe neben einer primären Suchterkrankung keine relevante psychische
Erkrankung mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit objektivieren können. Die Versicherte
sei in einer rückenschonenden Tätigkeit voll arbeitsfähig. Solange sie aber in einem so
hohen Mass Alkohol konsumiere, bestehe keine Eingliederungsfähigkeit. Diese könne
allenfalls durch eine 1-jährige ärztlich kontrollierte und nachgewiesene
Alkoholabstinenz belegt werden. Da im Gutachten deutlich werde, dass hierfür keine
Motivation bestehe, seien keine beruflichen Massnahmen in Angriff zu nehmen. Der
Rentenanspruch sei auf der Basis einer vollen Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit zu klären (IV-act. 37).
B.
B.a Mittels Vorbescheid vom 14. September 2007 teilte die IV-Stelle der Versicherten
die vorgesehene Abweisung des Rentenbegehrens mit, weil vor allem ein
Abhängigkeitsverhalten die Arbeitsunfähigkeit begründe und weil die Alkoholsucht
keine Folge eines Gesundheitsschadens sei und zu keinem solchen geführt habe (IV-
act. 35). Zu diesem Vorbescheid liess die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt
Eliano Mussato, am 31. Oktober 2007 Einwände vorbringen. Der Rechtsvertreter
beanstandete, dass die Frage, ob die Sucht Folge eines Gesundheitsschadens sei oder
nicht, bisher gar nicht gutachterlich beantwortet worden sei. Mehrere Indizien wiesen
darauf hin, dass eine vorbestandene psychische Störung zum Suchtverhalten der
Versicherte geführt habe. Zudem trinke sie seit rund zwei Monaten keinen Alkohol
mehr, was eine neue psychiatrische Begutachtung ermögliche. Diese werde hiermit
beantragt. Der behandelnde Psychiater sei bereits beauftragt worden, ein
entsprechendes Gutachten zu erstellen (IV-act. 30).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Auf Anraten des RAD in einer Stellungnahme vom 27. November 2007 (IV-act. 28)
entschied sich die IV-Stelle dafür, den in Aussicht gestellten Arztbericht des
behandelnden Psychiaters abzuwarten. Diesem unterbreitete sie entsprechende
Zusatzfragen in Bezug auf eine gesicherte Alkoholabstinenz, die Art der Suchttherapie,
die Arbeitsfähigkeit in einer rückenschonenden adaptierten Tätigkeit und die
Eingliederungsfähigkeit (IV-act. 24/5).
B.c Im Bericht zuhanden der IV-Stelle vom 2. Mai 2008 gab Dr. med. D._, Psychiatrie
und Psychotherapie FMH, an, er habe die Versicherte in nüchternem Zustand während
fünf Konsultationen explorieren können. Aus den dadurch gewonnenen Einsichten in
die Pathologie gehe klar hervor, dass psychische Störungen zum Alkoholismus geführt
hätten und nicht umgekehrt. Die Versicherte sei seit 2003 in ihrer bisherigen Tätigkeit
zu 100% arbeitsunfähig. Die Fragen im Beiblatt der IV-Stelle liessen sich allerdings
gegenwärtig nicht schlüssig beantworten (IV-act. 24/2). Mit einem Gutachten vom 2.
Juni 2008, das Dr. med. D._ im Auftrag des Sozialamtes E._ erstattete, lieferte er
dann eine eingehende Begründung seiner Einschätzung. Darin bestätigte er die beim
Klinikaufenthalt im Jahre 2006 gestellte Diagnose "Störungen durch Alkohol;
Abhängigkeitssyndrom (ICD 10: F 10.2) vor dem Hintergrund einer gemischten
Persönlichkeitsstörung mit abhängigen, ängstlich-unsicheren und emotional-instabilen
Zügen, Anteilen (ICD 10: F61.0)" und führte diejenige der "Anteile einer emotional
instabilen Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typus (F60.31)" an. Anamnestisch
falle auf, dass beide Eltern der Versicherten getrunken hätten. Sie habe in ihrer Kindheit
die Ablehnung durch die Mutter und die Bevorzugung ihres Zwillingsbruders erlebt.
Von ihrer Mutter sei sie oft unverdient geschlagen worden. Infolgedessen sei sie
emotional geschädigt aufgewachsen und habe die Spezialschule besuchen müssen.
Sie habe sich sozial zurückgezogen. Schon im Alter von sechzehn Jahren habe sie ihre
Angstzustände mit Bier bekämpft. Da sie mit ihrer Trunksucht und ihren
Angstzuständen nicht beziehungsfähig gewesen sei, seien ihre Ehe in den mittleren
Neunzigerjahren und spätere Bekanntschaften gescheitert. Ihr Sohn sei infolge einer
Frühgeburt verstorben. Seit dem Jahr 2003 könne sie nicht mehr arbeiten. Es sei zu
mehreren polizeilichen Interventionen wegen Trunksucht, zu stationären
Alkoholentzügen, zu Suizidversuchen und zu psychiatrischen Klinikaufenthalten
gekommen. Im Jahr 2004 habe die Versicherte den Grosseltern väterlicherseits ihre
damals achtjährige Tochter übergeben müssen, womit sich der Kontakt zu ihr auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
äusserst spärliche telefonische Gespräche reduziert habe. Die mit pathogenen
Elementen stark besetzte Vorgeschichte und die Diagnosen zeigten, dass diese
langjährigen Störungen zum Alkoholmissbrauch geführt hätten. Die Arbeitsunfähigkeit
betrage von 2003 bis Herbst 2008 zweifelsohne hundert Prozent aufgrund einer seit
vielen Jahren zunehmenden und seit 2003 erheblich einschränkenden psychischen
Krankheit (IV-act. 21).
B.d Auf diese Beurteilung durch Dr. med. D._ berief sich der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 6. Juni 2008, um die Notwendigkeit einer
neuen Begutachtung auszuschliessen und auf der Basis einer Arbeitsunfähigkeit von
100% die Zusprache einer ganzen Rente zu beantragen (IV-act. 20).
B.e Der Auffassung von Dr. med. D._ schloss sich der RAD am 4. Juli 2008 an,
soweit jener eine Persönlichkeitsstörung diagnostizierte und den sekundären Charakter
der Suchtproblematik feststellte. Der RAD führte allerdings aus, zur Klärung der
verwertbaren Restarbeitsfähigkeit sei eine ausreichende Alkoholabstinenz nötig, um
eine durch das Suchtmittel beeinflusste Arbeitsunfähigkeit ausschliessen zu können.
Die Versicherte sei daher im Rahmen ihrer allgemeinen Schadenminderungspflicht
verpflichtet, eine sechsmonatige Alkoholabstinenz nachzuweisen (IV-act. 19).
Dementsprechend forderte die IV-Stelle die Versicherte am 7. Juli 2008 auf, den
Nachweis einer mindestens sechsmonatigen Alkoholabstinenz zu erbringen. Dafür
müsse sie sich in zweiwöchentlichen Abständen Blutuntersuchungen unterziehen, bis
spätestens 18. August 2008 die Namen der zuständigen Fachperson für die
Durchführung der Laborkontrollen und des therapierenden Psychiaters bekanntgeben,
und die Resultate der Laborkontrollen der Verwaltung regelmässig und unaufgefordert
zukommen lassen (IV-act.18). Innert erstreckter Frist teilte der Rechtsvertreter der
Versicherten am 25. August 2008 mit, dass diese sich in regelmässiger Therapie bei Dr.
med. D._ befinde und dass die Laborkontrollen durch Dr. med. A._ vorgenommen
würden (IV-act. 13). Die Zustellung der Laborwerte musste zweimal von der IV-Stelle
abgemahnt werden (IV-act. 12 und 9). Über den Gesundheitsverlauf berichtete Dr.
med. D._ am 18. November 2008, er sei positiv überrascht, dass die Versicherte zu
den Konsultationen in nüchternem Zustand erschienen sei, weil sie nach wie vor unter
Angstzuständen leide und unterwegs auf Begleitung angewiesen sei. Von der
Fortsetzung der psychotherapeutischen und medikamentösen Behandlung ausgehend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei eine weitere Alkoholabstinenz zu erwarten. Die Borderline-Krankheit mit
Panikstörung würde aber eine vollständige Genesung mit grosser Wahrscheinlichkeit
verhindern. Rehabilitationsmassnahmen seien bei der Panikstörung nicht vorstellbar
(IV-act. 10).
B.f Anhand der eingereichten Laborresultate stellte der RAD am 18. Februar 2009 fest,
dass die Versicherte ihrer Mitwirkungspflicht nachgekommen sei, soweit sie sich
zwischen Oktober 2008 und Januar 2009 den erforderlichen Kontrollen unterzogen
habe. Der erste im Referenzbereich gelegene CDT-Wert weise darauf hin, dass sie
einerseits anfänglich (10. Oktober 2008) die notwendige Compliance durchaus
aufgebracht habe und dass ihr andererseits eine Abstinenz zumutbar sei. Vom 27.
Oktober 2008 bis zum 26. Januar 2009 seien die CDT-Werte jedoch stets deutlich
erhöht gewesen, was belege, dass sie anhaltend Alkohol in bedeutender Menge
konsumiert habe. Die geforderte sechsmonatige Abstinenz sei somit nicht gegeben.
Die CDT-Werte liessen zurzeit keine Begutachtung zu, da persistierende
Veränderungen nicht von alkoholbedingten Zuständen unterschieden werden könnten.
Auch in Bezug auf allfällige neuropsychologische Defizite könnten unter diesen
Umständen keine schlüssigen Aussagen gemacht werden (IV-act. 7).
B.g Daraufhin verweigerte die IV-Stelle mit Verfügung vom 20. Februar 2009 die
Zusprache einer Invalidenrente. Sie erwog, da die Versicherte die "Auflage" der
sechsmonatigen Alkoholabstinenz nicht erfüllt habe, sei über das Rentengesuch auf
Grund der vorliegenden Akten zu entscheiden. Dadurch, dass aus medizinischer Sicht
der Grad der Arbeitsfähigkeit vor einer länger andauernden Alkoholabstinenz nicht
bestimmt werden könne und gemäss Gutachten nach Sistierung des Alkoholkonsums
für ausserhäusliche Tätigkeiten eine volle Arbeitsfähigkeit zu erwarten sei, bestehe
weiterhin kein Rentenanspruch. Ein neues Gesuch werde erst geprüft, wenn die
Versicherte den Nachweis der erforderlichen Alkoholabstinenz erbringen könne.
Nachdem ihr dies unter ambulanten Bedingungen nicht gelungen sei, würde eine
stationäre Alkoholentzugsbehandlung die Erfolgschancen signifikant erhöhen (IV-act.
6).
C.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.a Gegen diese leistungsverweigernde Verfügung richtet sich die Beschwerde vom
24. März 2009. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beantragt darin – unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen – deren Aufhebung und die Zusprache einer
ganzen Invalidenrente. Eventuell sei die Angelegenheit zur Neuverfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Er führt im Wesentlichen aus, die
Beschwerdegegnerin sei aufgrund der trunkenheitsbedingten Undurchführbarkeit der
ABI-Untersuchung irrtümlicherweise im Vorbescheid von einem Nichtvorliegen einer
psychischen Krankheit ausgegangen und habe – trotz Hinweis im Einwand vom 31.
Oktober 2007 - eine Abstinenzperiode der Beschwerdeführerin vom August 2007 bis
Sommer 2008 verstreichen lassen, ohne eine nochmalige medizinische Untersuchung
anzuordnen. Die Laborwerte hätten erst ab Oktober 2008 einen erhöhten Wert
aufgewiesen. Während der Abstinenzperiode wäre die Begutachtung der psychischen
Leidensgeschichte, der Persönlichkeitsstörungen und der Panikstörungen möglich
gewesen. Wenn die Beschwerdegegnerin dies unterlassen habe, dürfe die
Beschwerdeführerin keine belastenden Rechtsfolgen davon tragen. Die psychiatrischen
Untersuchungen von Dr. med. D._ hingegen erstreckten sich über mehrere Monate,
bei denen die von der Beschwerdegegnerin geforderten Bedingungen erfüllt worden
seien. Darauf sei ohne weitere medizinischen Abklärungen abzustellen (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 8. Juni 2009
die Beschwerdeabweisung. Sie wiederholt darin die Auffassung des RAD, wonach die
zum Alkoholismus führende psychische Störung festgestellt worden sei, aber die
Prüfung der Frage, inwiefern die Arbeitsunfähigkeit sucht- oder psychisch bedingt sei,
setze eine sechsmonatige Alkoholabstinenz voraus. Deshalb habe sie der
Beschwerdeführerin zu Recht eine solche "Auflage" gemacht. Es sei zudem
labormässig nicht erwiesen, dass die Beschwerdeführerin früher während einer Frist
von sechs Monaten abstinent gewesen sei. Die angefochtene Verfügung sei zwar im
Ergebnis richtig, weil die Beschwerdeführerin zurzeit (noch) keinen Anspruch auf eine
IV-Rente habe. Die verhältnismässige Rechtsfolge des Nichteinhaltens der "Auflage"
sei aber – anstatt der vorgenommenen materiellen Abweisung – das Nichteintreten auf
das Gesuch (act. G 4).
C.c Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin repliziert am 18. August 2009, da die
Beschwerdeführerin aufgrund ihrer psychischen Störungen und Krankheiten niemals
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
imstande gewesen sei, aus eigenem Antrieb über eine längere Zeit eine
Alkoholabstinenz durchzuhalten, sei die angeordnete "Auflage" von vorneherein zum
Scheitern verurteilt gewesen (act. G 10).
C.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet (act. G 12).

Erwägungen:
1.
Zur Diskussion steht ein Anspruch auf eine Invalidenrente. Strittig ist, ob die
medizinischen Unterlagen den Schluss auf einen Rentenanspruch erlauben, ob die
Beschwerdeführerin durch das Nichteinhalten der auferlegten Alkoholabstinenz
versicherungsrechtliche Pflichten verletzte und ob die Beschwerdegegnerin diese
"Auflage" überhaupt anordnen durfte. Das Versicherungsgericht beurteilt alle
Tatsachen und Rechtsfragen, die für die Klärung der Rechtslage notwendig sind, und
geht auf die zwischen den Parteien strittigen Punkte ein, soweit diese für die
Beurteilung relevant sind.
2.
Angefochten ist eine Verfügung vom 20. Februar 2009. Am 1. Januar 2008 sind die im
Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung über die Invalidenversicherung
(IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den Allgemein Teil des
Sozialversicherungsrecht (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. Der zu beurteilende
Sachverhalt entwickelte sich teilweise vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision. Da sich die
Definition der Invalidität und die damit zusammenhängenden Begriffe mit dieser
Revision nicht geändert haben, werden nachfolgend die seit 1. Januar 2008 gültigen
Bestimmungen des ATSG und IVG wiedergegeben.
3.
Streitig und zu prüfen ist, ob und gegebenenfalls in welchem Ausmass die
Beschwerdeführerin eine leistungsbegründende Invalidität aufweist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erfasst wird mit dem Begriff Krankheit jede Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit, die nicht Folge eines Unfalles ist
und die medizinische Untersuchung und Behandlung erfordert oder eine
Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat (Art. 3 Abs. 1 ATSG). Nicht jede Krankheit erreicht
einen invalidisierenden Charakter. Letzterer liegt nur bei der ganzen oder teilweisen
Erwerbsunfähigkeit vor, die voraussichtlich bleiben oder längere Zeit dauern wird (Art. 8
Abs. 1 ATSG). Die Erwerbsunfähigkeit stellt dabei den wirtschaftlichen Wert der noch
vorhandenen Leistungsfähigkeit dar. Diese mögliche Arbeitsleistung bezieht sich auf
den gesamten in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt, nachdem die
zumutbare Behandlung der gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Eingliederung ins
Berufsleben erfolgt ist (Locher Thomas, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 3.
Auflage, Bern 2003, § 9 Rz. 3; vgl. Art. 7 Abs. 1 ATSG). Die Tatsache, dass eine
versicherte Person nicht imstande ist, im bisherigen Beruf zu arbeiten, bzw. als
arbeitsunfähig im Sinn von Art. 6 Satz 1 ATSG gilt, führt nicht zur Invalidität, wenn sie
ohne wesentliche Erwerbseinbusse eine andere zumutbare Tätigkeit ausüben kann. Bei
langer Dauer der Arbeitsunfähigkeit wird zwar gemäss Art. 6 Satz 2 ATSG nicht nur die
bisherige Berufstätigkeit, sondern auch die - für die Erwerbsfähigkeit gekennzeichnete
- zumutbare Beschäftigung in einer anderen als der bisherigen Tätigkeit berücksichtigt.
Die lang anhaltende Arbeitsunfähigkeit bezieht sich aber auf die Verhältnisse vor der
Durchführung von Eingliederungsmassnahmen, während die Erwerbsunfähigkeit auf
die (ganze oder teilweise) Unmöglichkeit der Erwerbstätigkeit nach erfolgter oder
erfolgloser Eingliederung auf dem gesamten in Frage kommenden Arbeitsmarkt abstellt
(Locher Thomas, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 3. Auflage, Bern 2003, § 9
Rz. 4). Was die konkreten Eingliederungsversuche anbelangt, stehen im Vordergrund
die medizinischen Massnahmen und allfälligen Integrationsmassnahmen, weil die
Beschwerdeführerin vorliegend keine berufliche Qualifikation aufweist.
3.2 Die Invalidität setzt somit zunächst die Feststellung eines Gesundheitsschadens
voraus. Danach ist zu klären, ob und inwiefern sich dieser Gesundheitsschaden auf die
Arbeitsfähigkeit auswirkt. Aufgrund der festgestellten, gesundheitsbedingten
Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit ist dann das Ausmass des Verlusts der
Erwerbsmöglichkeiten zu ermitteln. Die Zuständigkeiten der Mediziner und des
Versicherungsträgers sind dabei abzugrenzen. Die Gesundheitsschäden werden durch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Befunderhebung und die gestellte Diagnose fachärztlich festgestellt. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beschreiben und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind in der Folge eine
wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der
versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 261 E. 4; ZAK 1982
S. 34; Rz 3047 f. des vom Bundesamt für Sozialversicherung erlassenen
Kreisschreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung = KSIH).
Die IV-Stelle hat alsdann zu prüfen, wie sich die invaliditätsbedingten Faktoren auf die
Vermittlungsfähigkeit und die Erwerbsmöglichkeiten auswirken (Rz 3049 KSIH).
3.3 Für die Beurteilung der Invalidität ist entscheidend, ob die vorhandenen
medizinischen Akten beweiskräftig sind und die Beantwortung der Frage nach Art und
Ausmass der Arbeitsfähigkeit gestatten sowie eine genügende Grundlage für die
Festsetzung des Grads der Erwerbsunfähigkeit bilden.
4.
Zunächst sind die medizinischen Feststellungen im interdisziplinären ABI-Gutachten
vom 13. Juli 2007 zu würdigen.
4.1 Der psychiatrische ABI-Experte hat die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit
(ICD-10 F10.2) gestellt, die sich bei der Gesamtbeurteilung als einziges Hindernis für
die Verwertung einer (aus rheumatologischer Sicht festgelegten) vollen Arbeitsfähigkeit
in einer angepassten Tätigkeit erweise (IV-act. 39/14-17). Die diagnostizierte
Alkoholabhängigkeit vermag allerdings für sich allein keine Invalidität im Sinn des
Gesetzes zu begründen. Vielmehr geht die höchstrichterliche Rechtsprechung von der
Überwindbarkeit der Trunksucht bei zumutbarer Willensanstrengung aus. Dagegen
wird eine solche Sucht im Rahmen der Invalidenversicherung bedeutsam, wenn sie
eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge eine körperliche, geistige
oder psychische Gesundheitsbeeinträchtigung (vgl. Urteil des Bundesgerichtes I
750/04 vom 5. April 2006 E. 1.2) mit Auswirkung auf die Erwerbsfähigkeit eingetreten
ist, oder wenn sie selber Folge einer körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheitsbeeinträchtigung ist, der Krankheitswert zukommt (BGE 99 V 28 E. 2; BGE
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=Alkoholsucht++begr%FCndet++keine+Invalidit%E4t&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F124-V-265%3Ade&number_of_ranks=0#page268
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
124 V 268 neues Fenster E. 3c; Urteile des Bundesgerichtes I 505/05 vom 22. Februar
2006, E. 2.3; I 169/06 vom 8. August 2006 E 2.2 sowie 8C_694/2008 neues Fenster
vom 5. März 2009 E. 2). Nicht relevant ist demnach, ob die Sucht ursächlich für eine
andere Gesundheitsschädigung ist oder erst in Folge einer solchen auftritt. Erforderlich
ist lediglich, dass auch ein anderer Gesundheitsschaden vorliegt, der mit der Sucht in
Zusammenhang steht. Vorliegend haben sich die Annahmen einer
Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.3) und einer Panikstörung (ICD-10 F41.0) bei der
ABI-Begutachtung nicht erhärten lassen (IV-act. 39/10), weshalb der Trunksucht die IV-
rechtliche Relevanz abgesprochen worden ist.
4.2 Gestützt auf das ABI-Gutachten würde somit eine Arbeitsfähigkeit von 100% in
einer rückenschonenden Tätigkeit bestehen. Auf dieses Gutachten kann aber nur
abgestellt werden, wenn es die rechtsprechungsgemässen Anforderungen an die
Beweistauglichkeit erfüllt, was im Folgenden zu prüfen ist.
4.2.1 Für den Beweiswert eines medizinischen Gutachtens ist ausschlaggebend, ob es
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben ist, in
der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der Situation
einleuchtet und die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352
E. 3a; BGE 122 V 160 E. 1c). Die ABI-Experten haben zwar den Gesundheitszustand
soweit möglich beurteilt und die Arbeitsfähigkeit fundiert eingeschätzt. Die
Untersuchbarkeit der Beschwerdeführerin hat sich aber alkoholbedingt
(Blutalkoholspiegel von 2.3 Promille) als erschwert bis unmöglich erwiesen. Die
persönliche Anamnese konnte deshalb nicht vollständig erhoben werden. Der
psychiatrische Experte hat die gestellten Verdachtsdiagnosen nicht überprüfen können.
Ein abschliessender internistischer Status ist nicht möglich gewesen. Nur aus
rheumatologischer Sicht sind die Befunde aufgrund der Aktenlage und der früheren
radiomorphologischen Untersuchungen zuverlässig festgestellt worden. Damit steht
fest, dass der Sachverhalt anhand der medizinischen Feststellungen des ABI nicht
vollständig abgeklärt worden ist.
4.2.2 Dem kann nicht von vornherein die Tatsache entgegengehalten werden, dass der
alkoholisierte Zustand der Beschwerdeführerin eine eingehende Exploration
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=soz&query_words=Alkoholsucht++begr%FCndet++keine+Invalidit%E4t&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F124-V-265%3Ade&number_of_ranks=0#page268 https://www.swisslex.ch/slwl/search/Document.asp?DocService=DocLink&D=AZAx8Cx694x2008&AnchorTarget=
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verunmöglicht hat. Die versicherte Person hat sich zwar im Rahmen der
Mitwirkungspflicht von Art. 43 Abs. 2 ATSG ärztlichen oder fachlichen Untersuchungen
zu unterziehen, soweit diese für die Beurteilung des Leistungsgesuchs notwendig und
zumutbar sind, und sie trägt die Folgen der Beweislosigkeit, wenn der erforderliche
Tatsachenbeweis nicht erbracht worden ist. Der Versicherungsträger ist jedoch für die
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes verantwortlich. Die ABI-
Experten hatten ihre Aufgabe nicht vollständig erfüllen können. Angesichts dessen
hätte die Beschwerdegegnerin eine neue Vorladung zur Begutachtung mit der
Aufforderung veranlassen müssen, dass die Beschwerdeführerin nüchtern zur
Untersuchung erscheine. Gemäss Art. 43 Abs. 3 ATSG hätte die Beschwerdegegnerin
die Beschwerdeführerin schriftlich mahnen und auf die Rechtsfolgen hinweisen
müssen. Der Beschwerdeführerin wäre dabei eine angemessene Bedenkzeit
einzuräumen gewesen, bevor die Beschwerdegegnerin androhungsgemäss aufgrund
der Akten hätte verfügen dürfen. Da ein entsprechendes Mahn- und
Bedenkenzeitverfahren nicht durchgeführt worden ist, vermag die fehlende
Mitwirkungspflicht der Beschwerdeführerin die Unvollständigkeit im ABI-Gutachten
nicht zu heilen.
4.3 Im Hinblick auf die Vervollständigung der Sachverhaltsabklärung haben die ABI-
Experten eine lang einzuhaltende Alkoholabstinenz verlangt, damit die Auswirkung
einer allfälligen Angstkrankheit bzw. einer Persönlichkeitsstörung auf die
Arbeitsfähigkeit beurteilt werden könne (IV-act. 39/17). Dahinter steckt ein rechtlicher
Denkfehler, der auf die Zusatzfrage der Beschwerdegegnerin nach der zumutbaren
Arbeitsfähigkeit nach "Ausblenden" der Suchtanteile zurückzuführen ist.
4.3.1 Die versicherte Person muss alles ihr Zumutbare unternehmen, um die Dauer und
das Ausmass einer
Arbeitsunfähigkeit zu verringern und unter anderem an Massnahmen zur Eingliederung
ins Erwerbsleben teilzunehmen (Art. 7 IVG). Soweit die ABI-Experten eine lang
einzuhaltende Alkoholabstinenz als Voraussetzung dafür betrachtet haben, dass sich
die Beschwerdeführerin nach einem Arbeitstraining wieder an die Belastungen der
Arbeitswelt gewöhnen könne (IV-act. 39/17), haben sie zutreffend ein Erfordernis für die
Beurteilung der zumutbaren Eingliederungsmassnahmen angesprochen. Es geht damit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
um die Schadenminderungspflicht im Sinn von Art. 7 IVG. Zur Abklärung der
Arbeitsfähigkeit hingegen bzw. im Rahmen der Mitwirkungspflicht ist eine lang
einzuhaltende Alkoholabstinenz in der Regel nicht zielführend. Für die interdisziplinäre
Untersuchung und Begutachtung genügt, dass die Beschwerdeführerin in Erfüllung
ihrer Mitwirkungspflicht nüchtern zur Exploration erscheint (vgl. die Entscheide des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen IV 2009/20 vom 13. Mai 2009 E. 3.3 und
IV 2008/307 vom 25. Juni 2009 E. 2.3). Dies ergibt sich unter anderem aus einer klaren
Abgrenzung zwischen den Begriffen Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsunfähigkeit. Die
lang einzuhaltende Alkoholabstinenz greift meistens als Massnahme zur Eingliederung
ins Erwerbsleben. Sie ist dann massgebend für die Festlegung der Erwerbsfähigkeit
durch den Versicherungsträger gestützt auf medizinische Grundlagen, aber nicht für die
medizinische Einschätzung der Arbeitsfähigkeit.
4.3.2 Das Erfordernis einer lang einzuhaltenden Alkoholabstinenz dürfte, was die
Sachverhaltsabklärung betrifft, auf einer falschen Interpretation der höchstrichterlichen
Rechtsprechung über die Trunksucht beruhen. Dabei sind dreierlei Konstellationen zu
unterscheiden: Erstens ist die versicherte Person zwar zu 100% arbeitsfähig, kann sich
aber ausschliesslich wegen Alkoholkonsum nicht an die Anforderungen der Arbeitswelt
halten. Diese reine Trunksucht gilt nicht als invalidisierend und die Behandlung in der
Form einer kontrollierten Alkoholabstinenz, einer Therapie und einer Rehabilitation stellt
keine selbständige Leistung der Invalidenversicherung dar (vgl. AHI 2001 S. 231 E. 7).
Zweitens weist die versicherte Person eine gesundheitliche Beeinträchtigung auf, die
nicht im Zusammenhang mit dem Alkoholismus steht, sich aber neben dem
übermässigen Alkoholkonsum auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt. In diesem Fall
erscheint es als sinnvoll, eine Alkoholabstinenz schon im Abklärungsverfahren
anzuordnen. Damit wird bezweckt, den IV-fremden Faktor (Alkoholkonsum) bei der
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit auszublenden. Drittens hängen der Alkoholkonsum
und eine IV-relevante Krankheit zusammen. Dann kommt die Alkoholabstinenz nur als
Eingliederungsmassnahme in Erfüllung der Schadenminderungspflicht in Betracht.
Denkbar ist beispielsweise der Fall, in dem sich die Arbeitsunfähigkeit ausschliesslich
aus einer chronischen Lebererkrankung ergibt. Da erweist sich die Alkoholabstinenz als
die wichtigste Massnahme, um ein weiteres Fortschreiten der Lebererkrankung in
Richtung Zirrhose oder hepatozelluläres Karzinom zu vermeiden (vgl. Urteil des
Bundesgerichtes 8C_463/2007 vom 28. April 2008 E. 6.2.2). Eine andere Möglichkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist, dass die mit einer invalidisierenden Krankheit zusammenhängende
Alkoholproblematik an sich die Leistungsfähigkeit auch beeinflusst. Wenn der
erforderliche Kausalzusammenhang zwischen Alkoholsucht und krankheitswertigem
psychischem Gesundheitsschaden besteht, sind für die Frage der noch zumutbaren
Erwerbstätigkeit die psychischen und die suchtbedingten Beeinträchtigungen
gesamthaft zu berücksichtigen (Urteil des Bundesgerichtes I 169/06 vom 8. August
2006 E. 2.2; ZAK 1992 S. 172 E. 4d). Vorliegend ist die Annahme eines psychischen
Leidens zur Diskussion gestellt worden, das zu einer Alkoholabhängigkeit geführt
haben soll. Diese Annahme entspricht dem zweiten Beispiel der dritten erwähnten
Fallkonstellation. Von diesem Umstand ausgehend könnte die Sucht eine relevante
Arbeitsunfähigkeit mitbegründen, die nicht etwa anteilsmässig auszugrenzen, sondern
in einer Gesamtwürdigung einzubeziehen wäre. Deshalb eignet sich die Anordnung
einer Alkoholabstinenz in dieser Konstellation nicht zur Sachverhaltsabklärung. Das
"Ausblenden" der Sucht erscheint daher als unzulässig.
5.
Einer solchen Annahme, dass die Alkoholabhängigkeit mit dem psychischen Leiden
vorliegend zusammenhänge, ging der behandelnde Psychiater Dr. med. D._ nach. Er
ist zu der Schlussfolgerung gelangt, dass langjährige, "gemischte
Persönlichkeitsstörungen mit abhängigen, ängstlich-unsicheren und emotional-
instabilen Zügen (ICD 10: F61.0)" und "Anteile einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typus (F60.31)" zur Alkoholproblematik
(Abhängigkeitssyndrom ICD 10: F 10.2) geführt hätten (IV-act. 21). Zu prüfen ist, ob und
inwieweit auf seine Berichtserstattung abgestellt werden kann.
5.1 Dr. med. D._ hat die Beschwerdeführerin in nüchternem Zustand untersuchen
und eine vollständige Anamnese erstellen können. Seine Diagnosen stehen im Einklang
mit früheren medizinischen Feststellungen (vgl. IV-act. 39/34-36 und IV-act. 54/8 und
13). Er hat aufgrund des psychischen Leidens eine Arbeitsunfähigkeit von 100%
attestiert. Über die medizinisch erhobenen Befunde darf sich das Gericht in seiner
freien Beweiswürdigung nicht hinwegsetzen (BGE 130 V 356 E. 2.2.5), es sei denn,
andere ärztliche Berichte liefern eine hinreichende Beweisgrundlage, um davon
abzuweichen, was hier nicht der Fall ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.2 Das Vorliegen eines fachärztlich ausgewiesenen psychischen Leidens mit
Krankheitswert ist aus rechtlicher Sicht wohl Voraussetzung, aber nicht hinreichende
Basis für die Annahme einer invalidisierenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
Vielmehr besteht eine Vermutung dafür, dass das psychische Leiden oder seine Folgen
mit einer zumutbaren Willensanstrengung überwindbar seien. Damit eine psychische
Störung als invalidisierend gilt, muss sie eine derartige Schwere aufweisen, dass der
versicherten Person die Verwertung ihrer verbleibenden Arbeitskraft auf dem
Arbeitsmarkt bei objektiver Betrachtung - und unter Ausschluss von Einschränkungen
der Leistungsfähigkeit, die auf aggravatorisches Verhalten zurückzuführen sind - sozial-
praktisch nicht mehr zumutbar ist (BGE 131 V 50 E. 1.2; BGE 130 V 353ff E. 2.2.1,
2.2.2. und 2.2.3).
5.3 Entgegen der Auffassung des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin (IV-act. 20
und act. G 1) reicht die Einschätzung einer Arbeitsunfähigkeit von 100% durch Dr.
med. D._ nicht, um die Unzumutbarkeit jeglicher Arbeitsleistung anzunehmen.
Behandelnde Ärzte schätzen erfahrungsgemäss die Arbeitsfähigkeit ihrer Patienten
pessimistischer ein als unabhängige medizinische Sachverständige. Das beruht unter
anderem auf dem Therapieverhältnis, das den Arzt dazu neigen lässt, die
Beschwerdeschilderungen ihrer Patienten hoch zu gewichten und deren subjektive
Selbsteinschätzung zu übernehmen. Dr. med. D._ beschreibt zwar ausführlich das
negative Leidensbild, setzt sich aber nicht mit der Frage auseinander, inwiefern die
Beschwerdeführerin über Ressourcen verfügt, um trotz den psychischen
Beeinträchtigungen allfällige Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit zu überwinden und
einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Er gibt keinen Aufschluss über die in diesem
Zusammenhang von der Beschwerdegegnerin gestellten Zusatzfragen (vgl. IV-act.
24/5) und erklärt nicht, ob und inwiefern sich zumutbare Anstrengungen beim
Alkoholumgang auf die von ihm bescheinigte 100%ige Arbeitsunfähigkeit auswirkten.
Seine fachärztlichen Einschätzungen sind schlüssig in Bezug auf die Feststellung der
Gesundheitsschäden, aber nicht betreffend die verbliebene Restarbeitsfähigkeit.
6.
Es steht somit fest, dass weder das ABI-Gutachten noch die Arztberichte von Dr. med.
D._ die erforderliche medizinische Grundlage für die rechtliche Prüfung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenanspruchs liefern. Der behandelnde Psychiater ist überzeugend davon
ausgegangen, dass das Alkoholabhängigkeit-Syndrom die Folge einer vorbestehenden
psychischen Krankheit ist. Die Beschwerdegegnerin verneinte allerdings am 20.
Februar 2009 das Vorliegen jeder Invalidität (IV-act. 6), als ob nur ein reines
Suchtgeschehen bestehen würde. Deshalb erscheint es als unerlässlich, die Sache zu
einer erneuten interdisziplinären Untersuchung und Begutachtung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Es empfiehlt sich zur Sicherstellung der
Unbefangenheit eine andere MEDAS mit dem interdisziplinären Gutachten zu
beauftragen.
6.1 Die Sachverständigen sind an die vom behandelnden Psychiater erhobenen
Befunden und die gestützt darauf gestellten Diagnosen nicht gebunden, müssen
allerdings allfällige Abweichungen näher begründen. Im Hinblick auf die Festlegung der
verwertbaren Restarbeitsfähigkeit ist medizinisch abzuklären, ob psychische Störungen
vorliegen, welche die Alkoholabhängigkeit zur Folge haben. Die Abklärungen haben
aber auch Aufschluss darüber zu geben, ob der Alkoholmissbrauch seinerseits
gesundheitliche Schäden verursacht hat, welche die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen.
Schliesslich ist gutachterlich zu beurteilen, in welchem Ausmass von der
Beschwerdeführerin trotz des Leidens willensmässig erwartet werden kann,
nötigenfalls zu arbeiten und einem Erwerb nachzugehen.
6.2 Die Beschwerdegegnerin wird ein Mahn- und Bedenkenzeitverfahren im Sinne von
Art. 43 Abs. 3 ATSG durchzuführen haben, womit die Beschwerdeführerin aufgefordert
wird, nüchtern zur Untersuchung zu erscheinen. Nach erfolgter Aktenergänzung (oder
erfolgloser Durchführung des Mahn- und Bedenkzeitverfahren) hat die
Beschwerdegegnerin über das Leistungsgesuch neu zu befinden.
6.3 Die vorliegende Rückweisung der Sache zu einer neuen interdisziplinären
Untersuchung und Begutachtung betrifft einerseits die medizinische Abklärung des
Grades der Arbeitsfähigkeit. Die Begutachtung an sich erfordert keine lang
einzuhaltende Alkoholabstinenz. Andererseits müssen dabei geeignete
Wiedereingliederungsmöglichkeiten evaluiert werden. Ob eine kontrollierte
Alkoholabstinenz - trotz Zusammenwirkens zwischen dem psychischen Leiden und der
Alkoholabhängigkeit - im Hinblick auf Eingliederungsmassnahmen zumutbar ist,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werden die Mediziner im neuen Gutachten abzuklären haben. Ob allenfalls unter dem
Titel der Schadenminderungspflicht gemäss Art. 21 Abs. 4 ATSG (und nicht der
Mitwirkungspflicht) Anforderungen betreffend allfällige Eingliederungsmassnahmen an
die Beschwerdeführerin gestellt werden können, wird gegebenenfalls unter Beachtung
der gesundheitlichen Entwicklung bis zum Verfügungszeitpunkt und unter sorgfältiger
Evaluation der der Beschwerdeführerin realistischerweise zumutbaren Anstrengungen
zu beurteilen sein. Ungeachtet der noch zu prüfenden Schadenminderungsauflagen,
welche nur für die Zukunft wirksam sein könnten, wird die Beschwerdegegnerin je nach
Ergebnis der weiteren Abklärungen gegebenenfalls über einen vorübergehenden
Rentenanspruch zu befunden haben. Denn ein Arbeitstraining, damit sich die
Beschwerdeführerin wieder an die Belastungen der Arbeitswelt gewöhnt, kann nach
Ansicht des ABI erst nach einer mindestens einjährigen Abstinenz durchgeführt werden
(IV-act. 39/17).
7.
Die Beschwerdegegnerin stellt in ihrer Beschwerdeantwort fest, sie hätte zu Unrecht
eine materielle Gesuchabweisung vorgenommen, weil die Rechtsfolge bei Verletzung
der Mitwirkungspflicht im Sinn von Art. 43 Abs. 3 ATSG sei, auf das Leistungsbegehren
nicht einzutreten. Infolgedessen genüge, dass die Beschwerdeführerin bei einer
Neuanmeldung lediglich glaubhaft ihre Bereitschaft darlege, die erforderliche
Alkoholabstinenz einzuhalten (act. G 4). Da vorliegend die Rückweisung der Sache zur
weiteren medizinischen Abklärung ohne das Erfordernis einer lang einzuhaltenden
Alkoholabstinenz beschlossen wird, erübrigt sich auf die Frage einzugehen, ob die
aufgehobene Verfügung als materieller Entscheid aufgrund der Akten oder
Nichteintretensentscheid einzustufen ist.
8.
8.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 20. Februar 2009 teilweise gutzuheissen. Die Sache ist
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie das Abklärungsverfahren
fortführe und dementsprechend neu verfüge.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt, sodass ihr die gesamte
Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist. Der Beschwerdeführerin ist der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- zurückzuerstatten.
8.3 Bei diesem Verfahrensausgang ist praxisgemäss von einem vollen Obsiegen
auszugehen (vgl. etwa ZAK 1987 S. 266 E. 5a), weshalb die Beschwerdeführerin einen
Anspruch auf eine Parteientschädigung hat. Diese bemisst sich gemäss Art. 61 lit. g
ATSG nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses. Unter
Berücksichtigung dieser Kriterien erweist sich eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.-
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG