Decision ID: b655c1bc-6ca7-46a2-a3f2-4f75ada60ec4
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine äthiopische Staatsangehörige amharischer
Ethnie, suchte am 7. Januar 2019 in der Schweiz um Asyl nach. Per Zu-
fallsprinzip wurde sie dem Testbetrieb des Verfahrenszentrum Zürich zu-
gewiesen. Da ihre Vorbringen anlässlich des Dublin-Gesprächs vom
23. Januar 2019 darauf hindeuteten, dass sie Opfer von Menschenhandel
geworden sein könnte, fand am 5. Februar 2019 ein erweitertes Dublin-
Gespräch statt. Mit Verfügung vom 1. Juli 2019 teilte das SEM der Be-
schwerdeführerin mit, ihr Asylgesuch werde in der Schweiz geprüft, und
wies sie dem erweiterten Verfahren zu. Daraufhin wurde sie am 31. Juli
2019 einlässlich zu ihren Asylgründen angehört.
B.
B.a Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie sei in der Stadt
B._ aufgewachsen und habe die Schule bis zur zwölften Klasse be-
sucht. Im Anschluss habe sie einen sechsmonatigen Intensivkurs für (...)
absolviert und etwa zwei Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Nach dem
Tod ihrer Eltern habe sie zusammen mit ihren beiden Brüdern im elterlichen
Haus gelebt. Ihre Probleme hätten begonnen, als C._, der aus einer
reichen Familie stamme und ein guter Freund ihres älteren Bruders gewe-
sen sei, sie habe heiraten wollen. Sie sei jedoch überhaupt nicht an ihm
interessiert gewesen und habe ihn mehrmals abgewiesen. Dies habe er
nicht akzeptiert und auch ihr Bruder habe sie stark unter Druck gesetzt und
zwingen wollen, C._ zu heiraten. Letzterer habe sie dann bedroht,
ihr Bilder von mit Säure übergossenen Frauen gezeigt und gemeint, er
werde ihr dasselbe antun, wenn sie nicht in die Heirat einwillige. Er habe
sie verfolgt und ihre Freunde und Arbeitskollegen bedrängt, wenn sie mit
diesen unterwegs gewesen sei. Als sie die Situation nicht mehr ausgehal-
ten habe, sei sie im Jahr (...) in den Libanon gegangen und habe dort im
Haushalt einer Familie gearbeitet. Aufgrund der schwierigen Arbeitssitua-
tion sei sie gut zwei Jahre später nach Äthiopien zurückgekehrt. Ihr Bruder
sei sehr wütend gewesen und C._ sei – entgegen ihrer Hoffnung,
dass er sich zwischenzeitlich nicht mehr für sie interessiere – ebenfalls
wieder aktiv geworden. Sie habe versucht, sich bei Verwandten einer
Freundin ihn D._ zu verstecken, aber er habe sie auch dort gefun-
den. Sie habe sich überhaupt nicht mehr sicher gefühlt und sei nach Ägyp-
ten gereist, wo sie wiederum für eine Familie die Hausarbeiten erledigt
habe. Nach etwa einem Jahr und sieben oder acht Monaten sei sie nach
Äthiopien zurückgekehrt. Die Situation sei indessen nur noch schlimmer
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geworden, weil ihr Bruder und C._ befürchtet hätten, dass sie er-
neut das Land verlasse. Sie sei mehrmals bei der Polizei gewesen und
habe Anzeige erstatten wollen. Die Polizisten hätten ihr aber lediglich ge-
sagt, sie müsse Beweise bringen. Einmal habe C._ ihr etwas auf
den Bauch gesprüht, was ein brennendes Gefühl hervorgerufen und ihre
Haut verletzt habe. Sie habe tagelang starke Schmerzen gehabt und die
entsprechende Narbe sei noch heute sichtbar. Später sei er einmal stark
betrunken mit einem Messer zu ihr nach Hause gekommen. Als sie sich
geweigert habe mit ihm mitzugehen, habe er sie mit dem Messer genau an
der Stelle verletzt, wo sich die vorherige Wunde befunden habe. Sie sei zur
Polizei gegangen und habe die Stichwunde gezeigt. Daraufhin sei
C._ zwar festgenommen worden, aber sie hätten ihn nach zwei Ta-
gen wieder gehen lassen. Auf ihre Nachfrage hätten die Polizisten ihr ge-
sagt, es gebe keine Beweise und niemand habe gesehen, wie er sie ver-
letzt habe. Die Zeit danach sei unerträglich gewesen, da er sie ständig be-
obachtet und ihr drohende Nachrichten geschickt habe. Obwohl sie mehr-
mals die SIM-Karte gewechselt habe, habe er ihre Nummer immer wieder
herausgefunden. Eine Zeit lang habe sie sich in E._ bei Bekannten
versteckt, aber auch dort habe sie sich nicht sicher gefühlt. Schliesslich sei
C._ wiederum betrunken zu ihr nach Hause gekommen und habe
sie nach draussen gezerrt. Er habe sie zu seinem Auto geschleppt und dort
vergewaltigt. In der Folge sei es ihr sehr schlecht gegangen und sie habe
kaum schlafen können sowie das Haus nicht verlassen wollen. Als sie sich
bei der Polizei gemeldet habe, sei ihr gesagt worden, sie müsse drei Zeu-
gen bringen; ansonsten könnten sie mangels Beweisen nichts machen.
Eine Freundin habe drei oder vier Monate später scherzhaft bemerkt, sie
sehe aus, als wäre sie schwanger. Daraufhin habe sie das Gesund-
heitscenter aufgesucht, wo ihre Schwangerschaft bestätigt worden sei. Sie
habe sich einer Freundin anvertraut, welche gemeint habe, sie habe keine
andere Wahl, als den Mann über die Schwangerschaft zu informieren. Dies
sei für sie unvorstellbar gewesen, aber sie habe keinen anderen Weg ge-
sehen. Daher habe sie sich mit C._ getroffen und ihn über die Situ-
ation in Kenntnis gesetzt. Er habe sie erst laut ausgelacht und dann unver-
mittelt geschlagen, so dass sie hingefallen sei. Als sie am Boden gelegen
sei, habe er ihr mehrere Male in den Bauch getreten. Sie habe starke Blu-
tungen bekommen und eine Freundin angerufen, welche sie ins Spital ge-
bracht habe. Die Ärzte dort hätten ihr gesagt, sie müssten das Kind "ent-
fernen". Nach diesem Vorfall sei sie von C._ weiterhin terrorisiert
worden. Er habe herumerzählt, dass sie schwanger gewesen sei und das
Kind abgetrieben habe. Sie habe sich nicht mehr getraut, hinauszugehen,
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und sei von ihrem sozialen Umfeld gemieden worden. Vor diesem Hinter-
grund habe sie sich entschieden, Äthiopien endgültig zu verlassen. Mithilfe
eines Schleppers sei sie nach Italien gelangt, wo sie zusammen mit ande-
ren Frauen, welche zur Prostitution gezwungen worden seien, in einem
Haus festgehalten worden sei. Die beiden dort anwesenden Männer hätten
sie angeschrien, beschimpft und belästigt. Nach etwa zwei Monaten sei sie
schliesslich in die Schweiz gebracht worden.
B.b Die Beschwerdeführerin reichte keine Identitätspapiere zu den Akten.
Im Rahmen des erstinstanzlichen Asylverfahrens wurden mehrere Arztbe-
richte betreffend ihren physischen und psychischen Gesundheitszustand
sowie zwei Berichte der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration
(FIZ) eingereicht.
C.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 23. Dezember 2019 stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht.
Es lehnte ihr Asylgesuch ab und wies sie aus der Schweiz weg, schob den
Vollzug der Wegweisung indessen wegen Unzumutbarkeit zugunsten einer
vorläufigen Aufnahme auf.
D.
Die Beschwerdeführerin erhob mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom
22. Januar 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen die-
sen Entscheid. Darin beantragte sie, die angefochtene Verfügung sei auf-
zuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, sie als Flüchtling anzuerken-
nen und ihr Asyl zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte
sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und insbesondere
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Der Beschwerde la-
gen – neben der angefochtenen Verfügung, einer Empfangsbestätigung
und einer Vollmacht – eine Stellungnahme der FIZ vom 20. Januar 2020
sowie eine Fürsorgebestätigung bei.
E.
Die damals zuständige Instruktionsrichterin hiess das Gesuch um unent-
geltliche Rechtspflege mit Verfügung vom 31. Januar 2020 gut und verzich-
tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Aus organisatorischen Gründen wurde der Vorsitz des vorliegenden Ver-
fahrens am 6. Mai 2022 auf Richterin Susanne Bolz-Reimann übertragen.
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G.
Das SEM liess sich mit Schreiben vom 2. Juni 2022 zur Beschwerde vom
22. Januar 2020 vernehmen.
H.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 23. Juni 2022 reichte die Be-
schwerdeführerin eine Replik zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das vor die-
sem Zeitpunkt geltende Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen
zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
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3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führte das SEM aus,
dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht glaubhaft seien. Sie
habe geltend gemacht, dass sie im Heimatstaat über eine lange Zeit hin-
weg von einer Person bedroht, misshandelt und schliesslich vergewaltigt
worden sei. Ihre Angaben zu dieser Person seien indessen sehr vage und
beschränkten sich darauf, dass diese aus einer reichen und mächtigen Fa-
milie stamme. Es sei nicht nachvollziehbar, dass sie keine konkreteren In-
formationen habe über einen Mann, welcher sie jahrelang behelligt habe
und der zudem der beste Freund ihres älteren Bruders gewesen sei.
Ebenso sei nicht nachvollziehbar, dass der offenbar sehr gewaltbereite
Verehrer mehrere Jahre lang mit konkreten Übergriffen zugewartet haben
soll. Es erscheine ferner realitätsfremd, dass die Beschwerdeführerin ihren
jahrelangen Peiniger und Vergewaltiger nochmals freiwillig persönlich ge-
troffen habe, um ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Sodann über-
zeuge es nicht, dass sie wegen der Bedrohungen wiederholt zur Polizei
gegangen sei, obwohl ihr bereits bei der ersten Anzeige mitgeteilt worden
sei, sie müsse Beweise vorlegen. Dabei sei es auch als realitätsfremd zu
erachten, dass ihr Peiniger ihr jeweils drohende Nachrichten und Bilder von
mit Säure entstellten Frauen geschickt habe, zumal er ihr damit eindeutige
Beweise für die Drohungen in die Hände gegeben hätte. Ausserdem soll
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der Mann auch ihre Kollegen eingeschüchtert haben, was gegenüber der
Polizei ebenfalls als Beweis hätte genannt können. Zudem sei die Angabe,
dass die Polizei in Äthiopien bei Vergewaltigungen drei Zeugen verlange,
nicht mit dem SEM vorliegenden Länderinformationen vereinbar. Weiter er-
weise es sich als nicht nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin we-
gen angeblichen massiven Drohungen und Übergriffen zweimal ins Aus-
land gereist, aber jeweils wieder in den Heimatstaat zurückgekehrt sei.
Dies entspreche nicht dem Verhalten einer Person, welche aufgrund der
von ihr geschilderten Probleme ausgereist sei. Überdies habe die Be-
schwerdeführerin anlässlich ihrer Anhörung eine einzelne Vergewaltigung
erwähnt, während im eingereichten Bericht der FIZ vom 15. März 2019 von
mehreren erlittenen Vergewaltigungen die Rede sei. Aus ihren Aussagen
gehe zudem hervor, dass sie ihr ungeborenes Kind im Jahr (...) verloren
habe. In den FIZ-Berichten sowie im Arztbericht von Dr. F._ vom 30.
Mai 2019 werde jedoch erwähnt, dass der Abort (...) stattgefunden habe.
Die genannten Berichte wiesen noch weitere Abweichungen zu ihren Aus-
sagen auf. Zusammen mit den dargelegten Ungereimtheiten erwecke dies
erhebliche Zweifel an den Darstellungen der Beschwerdeführerin. Zwar sei
es glaubhaft, dass sie vor der Einreise in die Schweiz gewaltsame Über-
griffe erlitten haben könnte. Das SEM komme allerdings aufgrund der zahl-
reichen Ungereimtheiten in ihren Aussagen zum Schluss, dass diese nicht
in Äthiopien, sondern im Ausland – während des Aufenthalts im Libanon,
in Ägypten oder in Italien – stattgefunden hätten. Die Vorbringen betreffend
die Ereignisse im Heimatstaat hielten den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit indessen nicht stand.
4.2 In der Beschwerdeschrift wurde vorgebracht, dass eine posttraumati-
sche Belastungsstörung (PTBS) sowohl gemäss wissenschaftlichen Er-
kenntnissen als auch der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
zu einer Beeinträchtigung der Aussagequalität führen könne, was bei der
Beurteilung der Glaubhaftigkeit zu berücksichtigen sei. Bei der Beschwer-
deführerin sei neben einer PTBS auch eine (...) diagnostiziert worden, was
ebenfalls zu beachten sei. Daneben hätten Opfer von Vergewaltigungen
oftmals grosse Probleme, von den erlittenen Übergriffen zu berichten, was
– abhängig vom kulturellen Umfeld – unter anderem durch Gefühle von
Schuld und Scham sowie Selbstschutzmechanismen erklärt werden
könne. Das SEM argumentiere, es wäre zu erwarten gewesen, dass die
Beschwerdeführerin mehr über die Person ihres Peinigers in Erfahrung ge-
bracht hätte. Einerseits betreffe dies angesichts des hohen Detaillierungs-
grads ihrer Ausführungen einen nebensächlichen Punkt. Andrerseits werde
damit verkannt, in welcher psychischen Situation sie sich befunden habe.
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Sie habe keine gute Beziehung zu ihrem älteren Bruder gehabt und sei von
ihm massiv unter Druck gesetzt worden, weshalb sie es vermieden habe,
ihn auf C._ anzusprechen. Weiter sei das Argument der Vorinstanz,
es erstaune, dass C._ mehrere Jahre lang mit konkreten Übergrif-
fen zugewartet habe, unhaltbar und angesichts der erlebten Übergriffe völ-
lig unangemessen. Überdies könne ein angeblich unlogisches Verhalten
des Verfolgers nicht der asylsuchenden Person angelastet werden. So-
dann erscheine es zwar von aussen betrachtet schwer nachvollziehbar,
dass sie ihren Peiniger nochmals getroffen habe, um ihn über die Schwan-
gerschaft in Kenntnis zu setzen. Sie beschreibe aber sehr genau, wie sie
mit ihrer Freundin gesprochen habe und von dieser überzeugt worden sei,
C._ zu informieren. Ihre Darstellung, wie sie C._ kontaktiert
habe und wie das Treffen verlaufen sei, erweise sich als äusserst detailliert
und lasse keine andere Interpretation zu, als dass sich dies so zugetragen
habe. Zudem habe sie dargelegt, dass sie es später bitter bereut habe, zu
C._ gegangen zu sein. Nicht nachvollziehbar sei ferner, wie die Vo-
rinstanz der Beschwerdeführerin vorwerfen könne, dass sie immer wieder
zur Polizei gegangen sei. Dies sei insbesondere vor dem Hintergrund stos-
send, dass das SEM in vielen anderen Fällen von nichtstaatlicher Verfol-
gung betroffenen Personen vorhalte, dass sie zu wenig unternommen hät-
ten, um behördlichen Schutz in Anspruch zu nehmen. Angesichts der jah-
relangen Bedrohungen und Belästigungen durch C._ sei sie am
Ende ihrer Kräfte gewesen und habe verzweifelt nach Hilfe gesucht, auch
wenn die Polizei nichts unternommen und ihr jeweils gesagt habe, sie
müsse Beweise vorlegen. Aus dem vom SEM zitierten Consulting vom
1. November 2019 lasse sich zudem nicht schliessen, dass die Polizei in
Fällen von Vergewaltigung keine Zeugen verlange. Die Länderanalyse
SEM halte vielmehr fest, ihr lägen keine entsprechenden Berichte vor, was
aber nicht bedeute, dass dies nicht vorkommen könne. Die Vorinstanz halte
es weiter für nicht nachvollziehbar, dass die Beschwerdeführerin nach den
Aufenthalten im Libanon und in Ägypten in den Heimatstaat zurückgekehrt
sei. Sie habe dort aber unter sklavenartigen Bedingungen als Hausange-
stellte arbeiten müssen und keine Möglichkeit gehabt, in diesen Ländern
unabhängig von der ausbeuterischen Tätigkeit eine Aufenthaltsbewilligung
zu erhalten. Es könne ihr deshalb nicht vorgeworfen werden, dass sie – in
der Hoffnung, die Situation habe sich verändert – in ihren Heimatstaat zu-
rückgekehrt sei. Sodann treffe es zu, dass im Bericht der FIZ vom 15. März
2019 mehrere Vergewaltigungen erwähnt würden. In einer Stellungnahme
der zuständigen Case-Managerin vom 20. Januar 2020 werde jedoch dar-
gelegt, dass es sich dabei um ein Missverständnis handle. Die Beschwer-
deführerin sei zwar mehrfach vergewaltigt worden, jedoch am selben Tag,
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während es ansonsten immer wieder zu sexuellen Übergriffen und Beläs-
tigungen gekommen sei. Vor der Erstellung des ersten Berichts hätten erst
zwei Beratungsgespräche stattgefunden, wobei aufgrund der Traumatisie-
rung noch nicht vertieft über die Vorfälle habe gesprochen werden können.
Was die unterschiedlichen Angaben zum Zeitpunkt des Aborts betreffe,
gelte es festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin allgemein Mühe habe,
die Ereignisse exakt zu datieren; sie könne diese aber zeitlich einordnen
und deren Abfolge festlegen. Zudem werde in Äthiopien ein anderer Kalen-
der verwendet und die Umrechnung bereite ihr Schwierigkeiten. Sie habe
indessen anlässlich der Anhörung über fast sechs Protokollseiten hinweg
in freier Rede von der Verfolgung durch C._ berichtet. Ihre Aussa-
gen seien konsistent und von zahlreichen Realkennzeichen – Nebensäch-
lichkeiten, Details, innere Vorgänge, Gefühle und Wiedergabe direkter
Rede – geprägt. Dabei schildere sie, wie sich die Probleme entwickelt und
zugespitzt hätten, was zu ihrer Flucht in den Libanon respektive nach
Ägypten geführt habe, und wie sich die Situation nach ihrer Rückkehr ver-
schlimmert habe. Sie bette die Vorfälle in ihr Leben ein und lege dar, wie
ihre Brüder reagiert hätten, wie sie zur Polizei gegangen sei und was eine
Vergewaltigung in ihrer Kultur bedeute. Es sei daher absolut nicht nach-
vollziehbar, wie die Vorinstanz ihre Gewalterfahrungen im Ausland ansie-
deln könne. Insgesamt stütze sich das SEM in der angefochtenen Verfü-
gung auf Nebensächlichkeiten oder angeblich nicht nachvollziehbares Ver-
halten und schliesse daraus auf die Unglaubhaftigkeit. Positive Glaubhaf-
tigkeitselemente blieben unberücksichtigt und es werde lediglich die Be-
hauptung aufgestellt, die Vorfälle hätten nicht im Heimatstaat, sondern im
Libanon, in Ägypten oder Italien stattgefunden. Die Beschwerdeführerin sei
jedoch jahrelang von C._ gestalkt und verfolgt worden. Sie habe
dabei massive Nachteile in Form von zahlreichen Bedrohungen sowie kör-
perlicher und sexueller Gewalt erlitten und solche auch in Zukunft zu be-
fürchten gehabt. Sie sei ein Opfer geschlechtsspezifischer Verfolgung und
habe erfolglos versucht, durch einen Wechsel des Aufenthaltsortes der
Verfolgung zu entgehen, weshalb keine innerstaatliche Fluchtalternative
vorliege. Zudem habe sie sich wiederholt hilfesuchend an die äthiopische
Polizei gewandt, welche aber nichts zu ihrem Schutz unternommen habe.
Die Vorbringen erwiesen sich damit als asylrelevant und die Beschwerde-
führerin sei als Flüchtling anzuerkennen.
4.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, dass es die Vorbringen
der Beschwerdeführerin unter Berücksichtigung ihres kulturellen Hinter-
grunds gewürdigt habe. Da sie keinerlei Beweismittel eingereicht habe, sei
es naheliegend, dass bei der Beurteilung ihrer Aussagen der Plausibilität
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eine erhöhte Bedeutung zukomme. Der kulturelle Kontext könne weder
eine Prüfung der Glaubhaftigkeit verhindern noch unplausible Aussagen
neutralisieren. Unter Hinweis auf die Ausführungen in der angefochtenen
Verfügung sei festzuhalten, dass die geltend gemachten Gewalterfahrun-
gen nicht grundsätzlich unplausibel seien, aber die Darstellung der Ereig-
nisse in einigen zentralen Punkten nicht überzeuge. In Würdigung der Ge-
samtumstände sowie unter Berücksichtigung der zahlreichen Ungereimt-
heiten komme das SEM daher zum Schluss, dass diese nicht im Heimat-
staat, sondern in einem anderen Kontext erfolgt seien.
4.4 In der Replik wurde darauf hingewiesen, dass es sich beim Kriterium
der Plausibilität um ein kulturell- und persönlichkeitsabhängiges Konzept
handle, wobei das Risiko bestehe, dass die Beurteilung auf dem subjekti-
ven Gefühl des Entscheidungsträgers basiere. Bei der Beurteilung der Vor-
bringen sei der kulturelle Kontext daher entscheidend und das Argument
der Plausibilität sollte – gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts – nur mit grosser Vorsicht angewendet werden. Die Beschwerde-
führerin habe die Entwicklung ihrer Probleme detailliert darlegen können
und ihre Aussagen seien von derart vielen Realkennzeichen geprägt, dass
sie diese nicht so hätte erzählen können, wenn sie die Vorfälle nicht selbst
erlebt hätte. Zudem sei darauf hinzuweisen, dass ernsthafte Hinweise da-
für vorlägen, dass sie Opfer von massiver Gewalt durch C._ gewor-
den und schwer traumatisiert sei. Bei solchen Konstellationen gehe die Be-
weisführungslast auf das SEM über und dieses habe – sollte es an der
Glaubhaftigkeit der Vorbringen zweifeln – ein Gutachten gemäss Istanbul-
Protokoll zu erstellen, welchem gemäss der Rechtsprechung ein erhöhter
Beweiswert zukomme. In einer Gesamtbeurteilung sei klar von der Glaub-
haftigkeit der Vorbringen auszugehen. Andernfalls werde die Erstellung ei-
nes Gutachtens gemäss Istanbul-Protokoll beantragt.
5.
5.1 Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen ei-
nes Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge-
macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie
aber überwiegend für wahr hält. Eine wesentliche Voraussetzung für die
Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erleb-
nisse betreffende, substanziierte, weitgehend widerspruchsfreie und kon-
krete Schilderung der Vorkommnisse, welche bei objektiver Betrachtung
plausibel erscheint. Von unglaubhaften Ausführungen ist dagegen bei
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wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen
Vorbringen auszugehen. Entscheidend ist, ob bei einer Gesamtbeurteilung
die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung der Be-
schwerdeführenden sprechen, überwiegen oder nicht. Demgegenüber
reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt eines Vor-
bringens zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Umstände we-
sentliche Elemente gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung spre-
chen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2013/11 E. 5.1).
5.2 Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie sei jahrelang von einem Freund
ihres älteren Bruders bedroht und schliesslich körperlich angegriffen und
vergewaltigt worden. Das SEM wies jedoch zu Recht darauf hin, dass sie
auffallend wenige Angaben zu dieser Person machen konnte. Im ausführ-
lichen freien Bericht hielt sie lediglich fest, dass C._ aus einer sehr
reichen Familie stamme und eng mit ihrem Bruder befreundet gewesen sei
(vgl. A46, F53). Auf Nachfrage erklärte sie, er habe viel Geld gehabt und
Leute bestechen können (vgl. A46, F84). Sie konnte indessen weder an-
geben, ob er über politischen Einfluss verfüge noch ob er arbeite respektive
weshalb seine Familie derart reich sei (vgl. A46, F85 und F89). Später
führte sie auf eine Frage ihrer Rechtsvertretung hin aus, sie habe nur mit-
bekommen, dass er ein skrupelloser, gemeiner und unanständiger Mensch
sei (vgl. A46, F136 f.). Diese Ausführungen sind als äusserst oberflächlich
zu erachten. Ihre Erklärung, sie habe sich nicht für C._ interessiert
und daher nicht darum bemüht, mehr über ihn zu erfahren, erscheint dabei
wenig überzeugend, zumal er über Jahre hinweg sehr hartnäckig um sie
geworben und sich ihr aufgedrängt haben soll. Es ist schwer nachvollzieh-
bar, dass sie dabei nichts über seine Person in Erfahrung gebracht hätte,
abgesehen davon, dass er reich sei. Zudem sei er ein enger Freund ihres
Bruders gewesen und sie hätten sich anfänglich beide bemüht, ihr die gu-
ten Seiten von C._ aufzuzeigen (vgl. A46, F53). Es wäre zu erwar-
ten gewesen, dass ihr bereits in diesem Rahmen weitere Informationen
über C._ zugetragen worden wären. Zudem dürfte sie – auch wenn
sie nicht daran interessiert war, ihn zu heiraten – im Lauf der Zeit doch
zumindest einige nähere Angaben über C._ erfahren haben, wenn
sie tatsächlich derart stark von ihm behelligt worden wäre. Entgegen der in
der Beschwerdeschrift vertretenen Auffassung handelt es sich bei den An-
gaben zur Person von C._ keineswegs um einen nebensächlichen
Punkt. Dessen Handlungen sollen das Leben der Beschwerdeführerin
massiv beeinträchtigt und sie dazu gebracht haben, in den Libanon sowie
später nach Ägypten zu gehen und schliesslich ganz auszureisen. Der Um-
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stand, dass sie dennoch kaum etwas über ihn wissen will und keine detail-
lierteren Angaben zu seiner Person machen kann, lassen erhebliche Zwei-
fel an ihren Vorbringen aufkommen.
5.3 Weiter finden sich in den Aussagen der Beschwerdeführerin diverse
Ungereimtheiten hinsichtlich der zeitlichen Abläufe. Es geht dabei nicht um
genaue Datumsangaben, sondern um die zeitliche Einordnung der Ereig-
nisse in Relation zu anderen Vorfällen oder ihrem Lebenslauf. Bei der An-
hörung gab sie an, sie kenne C._ schätzungsweise seit acht bis
zehn Jahren (vgl. A46, F152), mithin ungefähr seit 2009 oder später. Ge-
genüber der FIZ äusserte sie sich dahingehend, dass sie ihn nach dem Tod
ihrer Eltern kennengelernt habe, als sie noch minderjährig gewesen sei
(vgl. A27, Bericht FIZ vom 15. März 2019). Auch der ärztliche Bericht vom
30. Mai 2019 hält fest, sie kenne den Mann seit ihrer Kindheit (vgl. A31).
Darauf angesprochen erklärte die Beschwerdeführerin, welche im Jahr (...)
volljährig wurde, sie habe der Ärztin gesagt, sie kenne C._ seit etwa
zehn Jahren (vgl. A46, F153). Ihre Angaben dazu, seit wann sie diesen
Mann kenne, weichen in erheblichem Masse voneinander ab, was sehr er-
staunt angesichts der Tatsache, dass dieser einen derart grossen Einfluss
auf ihr Leben gehabt haben soll. Die Aussagen waren dabei nicht an Jah-
reszahlen geknüpft, weshalb auch nicht davon auszugehen ist, dass eine
Umrechnung vom äthiopischen in den gregorianischen Kalender zu den
unterschiedlichen Angaben geführt hat. Weiter gab die Beschwerdeführe-
rin bei der Anhörung zu Protokoll, ihre Probleme mit C._ hätten vor
vier Jahren angefangen und dieser habe sie in Äthiopien drei Jahre lang
terrorisiert (vgl. A46, F91). An einer anderen Stelle führte sie aus, die Situ-
ation mit ihrem aufdringlichen Verehrer sei bereits im Jahr (...) derart uner-
träglich geworden, dass sie sich entschlossen habe, das Land zu verlassen
und in den Libanon zu gehen (vgl. A46, F21 und F53; ebenso A31, Arztbe-
richt vom 30. Mai 2019). Dies würde darauf schliessen lassen, dass sich
die Lage bereits zu einem deutlich früheren Zeitpunkt zugespitzt hatte.
5.4 Sodann sind die Angaben im Zusammenhang mit der geltend gemach-
ten Vergewaltigung ebenfalls uneinheitlich. Anlässlich der Anhörung führte
sie aus, dass diese nach ihrer Rückkehr aus Ägypten, mithin etwa (...),
stattgefunden habe (vgl. A46, F100 und F146 f.). Bei einer frauenärztlichen
Untersuchung kurz nach der Einreise sprach sie dagegen von einem "Vor-
fall" (...), wobei sie schwanger geworden sei und das Kind verloren habe,
nachdem sie vom Kindsvater mit Fusstritten traktiert worden sei (vgl. A20).
Auf Nachfrage konnte sie diese abweichenden Angaben nicht nachvoll-
ziehbar erklären (vgl. A46, F148). Weiter hält sowohl der ärztliche Bericht
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vom 30. Mai 2019 als auch jener vom 10. September 2019 fest, es habe
im Jahr (...) ein Spätabort nach Abdominaltrauma stattgefunden (vgl. A31
und A47). Auch wenn die Beschwerdeführerin jeweils nur ungefähre Anga-
ben gemacht habe (vgl. A46, F151) ist nicht nachvollziehbar, dass die zeit-
liche Einordnung dieser zentralen Ereignisse teilweise mehrere Jahre aus-
einanderliegt. Dies gilt selbst unter Berücksichtigung des Umstands, dass
die Beschwerdeführerin gemäss den eingereichten medizinischen Unterla-
gen stark traumatisiert ist. Sodann ist darauf hinzuweisen, dass der erste
Bericht der FIZ vom 15. März 2019 eindeutig von mehreren Vergewaltigun-
gen spricht. Es wird darin explizit festgehalten, in den letzten drei Jahren
vor der Reise in die Schweiz hätten mehrere Vergewaltigungen stattgefun-
den, wobei sie unter anderem deshalb nach Beirut gegangen sei. Der Be-
richt hält weiter fest, dass C._ sie etwa Ende (...) mit einem Messer
am Bauch verletzt und rund sechs Monate später vergewaltigt sowie ihr
ätzende Säure auf den Bauch gegossen habe (vgl. A27). Dieser Ablauf der
Ereignisse stimmt indessen nicht mit den Schilderungen der Beschwerde-
führerin anlässlich der Anhörung überein. Dort gab sie an, dass C._
ihr einmal Säure auf den Bauch gesprüht und sie einige Zeit später mit dem
Messer genau an jener Stelle verletzt habe, an welcher sich die vorherige
Wunde befunden habe (vgl. A46, F58 f.). Es wird ersichtlich, dass die Aus-
sagen gegenüber dem SEM, den behandelnden Ärzten sowie der FIZ in
wesentlichen Punkten voneinander abweichen und die Beschwerdeführe-
rin die zeitlichen Abläufe unterschiedlich darlegt. Daran ändert auch die
Stellungnahme der FIZ vom 20. Januar 2020 nichts, in welcher ausgeführt
wird, es sei bezüglich der Frage, ob mehrere Vergewaltigungen stattgefun-
den hätten, zu einem Missverständnis gekommen; tatsächlich hätten meh-
rere Vergewaltigungen am selben Tag stattgefunden. Es ist schwer nach-
vollziehbar, dass es in Bezug auf einen so zentralen Punkt – der erste Be-
richt spricht von mehreren Vergewaltigungen in den letzten drei Jahren vor
der Einreise in die Schweiz – zu einem derart gravierenden Missverständ-
nis gekommen sein soll. Die Stellungnahme hält weiter fest, betreffend die
Zeitangaben müsse beachtet werden, dass die Beschwerdeführerin an
PTBS leide und in Äthiopien ein anderer Kalender verwendet werde. Da
die Ereignisse von ihr jedoch unterschiedlich zueinander in Bezug gesetzt
wurden, erscheint diese Erklärung nicht geeignet, die Ungereimtheiten aus
dem Weg zu räumen.
5.5 Für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin spricht
demgegenüber, dass sie sehr ausführlich über die von ihr erlittenen Ge-
walterfahrungen berichtet und ihre diesbezüglichen Aussagen – wie auf
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Beschwerdeebene zu Recht angemerkt wird – von Realkennzeichen ge-
prägt sind (vgl. A46, F53 ff.). Die Art und Weise, wie sie ihre Erlebnisse
teilweise detailliert schildert und dabei Nebensächlichkeiten, eigene Über-
legungen und Gefühle sowie Interaktionen darlegt, lassen darauf schlies-
sen, dass sie tatsächlich Opfer von gravierenden Übergriffen geworden ist.
Den ärztlichen Unterlagen lässt sich zudem entnehmen, dass die von ihr
geltend gemachten Messerstiche auf dem Thorax sichtbar sind (vgl. A26).
Aus den Akten sind somit klare Hinweise darauf ersichtlich, dass die Be-
schwerdeführerin Gewalt erlitt und dies zu einer Traumatisierung geführt
hat (vgl. dazu auch A31). Auch das SEM erachtete es als glaubhaft, dass
sie vor der Einreise in die Schweiz sehr schwierige Momente und gewalt-
same Übergriffe erfahren haben könnte. Dennoch kam es angesichts ver-
schiedener Ungereimtheiten zum Schluss, dass diese nicht im Heimat-
staat, sondern ausserhalb – entweder im Libanon, in Ägypten oder in Italien
– anzusetzen seien. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen,
dass es grundsätzlich keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt, dass die von der
Beschwerdeführerin geschilderten Ereignisse im Ausland stattgefunden
hätten. Das SEM leitet offenbar allein aus dem Umstand, dass sie sich zeit-
weise im Ausland aufhielt, ab, die geltend gemachten Vorfälle hätten sich
dort ereignet. Diese Argumentation vermag nach Auffassung des Gerichts
nicht gänzlich zu überzeugen, zumal die Beschwerdeführerin die Vorfälle
teilweise klar in den Kontext ihres Heimatstaates setzt, indem sie beispiels-
weise schildert, wie eine Vergewaltigung in ihrer Kultur wahrgenommen
wird, wie ihr Bruder reagiert habe oder dass sie von ihrem sozialen Umfeld
respektive den Nachbarn gemieden worden sei aufgrund des Gerüchts, sie
habe eine Abtreibung vorgenommen (vgl. A46, F61 f.). Diese – wiederum
relativ detaillierten – Ausführungen machen nur dann Sinn, wenn sich die
Ereignisse im Heimatstaat abgespielt haben.
5.6 Vor diesem Hintergrund ist im Rahmen einer Gesamtwürdigung festzu-
halten, dass die Beschwerdeführerin zwar glaubhaft machen kann, dass
sie Opfer von gewaltsamen Übergriffen geworden ist. Weiter gibt es zumin-
dest keine Hinweise dafür, dass sich diese – wie vom SEM vermutet – nicht
in ihrem Heimatstaat ereignet hätten. Die fehlende Substanz der Schilde-
rungen hinsichtlich der Person von C._ sind jedoch in keiner Weise
nachvollziehbar, gerade angesichts des ansonsten sehr detaillierten und
ausführlichen Erzählstils der Beschwerdeführerin. Zudem hat sie die zeitli-
che Abfolge von zentralen Ereignissen in verschiedener Hinsicht – nament-
lich gegenüber unterschiedlichen Adressaten wie dem SEM, medizini-
schen Fachpersonen oder der FIZ – nicht kohärent dargelegt, was sich
weder mit einer Traumatisierung noch mit der Verwendung eines anderen
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Kalenders in Äthiopien erklären lässt. Es kann daher nicht davon ausge-
gangen werden, dass sich die von ihr geltend gemachten Ereignisse in die-
ser Form im Heimatstaat abgespielt haben. Trotz vorhandenen Realkenn-
zeichen sprechen wesentliche Elemente gegen die von der Beschwerde-
führerin vorgebrachte Darstellung des Sachverhalts, weshalb diese als
nicht überwiegend glaubhaft angesehen werden kann. Das Gericht kommt
nach einer Abwägung der für und gegen die Glaubhaftigkeit sprechenden
Umstände zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin nicht über viele
Jahre hinweg von einem einflussreichen Freund ihres älteren Bruders ge-
stalkt und von diesem verletzt und vergewaltigt worden ist. Dabei ist fest-
zuhalten, dass nicht die Gewalterfahrungen an sich, sondern die Vorbrin-
gen in Bezug auf C._ und deren Einbettung in das Leben der Be-
schwerdeführerin in Äthiopien als unglaubhaft zu erachten sind. Anzumer-
ken bleibt, dass sie sowohl im erstinstanzlichen Verfahren als auch auf Be-
schwerdeebene ausreichend Gelegenheit erhielt, ihre Asylgründe darzule-
gen, wobei sie stets an ihrer (unglaubhaften) Argumentation festhielt. Asyl-
suchende Personen unterliegen jedoch einer Mitwirkungspflicht (vgl. Art. 8
AsylG) und haben ihre Asylgründe nachvollziehbar darzulegen respektive
glaubhaft zu machen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen,
dass die Beschwerdeführerin seit Beginn des Verfahrens rechtlich vertre-
ten war (vgl. A14), frühzeitig medizinische sowie psychiatrische Unterstüt-
zung erhielt (vgl. A16 und A27) und zeitnah mit der FIZ vernetzt wurde (vgl.
A22). Sie wurde somit im Asylverfahren stets von Fachpersonen unter-
stützt und es kann angenommen werden, dass es ihr trotz der traumatisie-
renden Erlebnisse möglich gewesen wäre, ihren Pflichten im Rahmen des
Asylverfahrens nachzukommen. In der Replik wird schliesslich beantragt,
es sei – wenn von der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen ausgegangen
werde – ein Gutachten nach Istanbul-Protokoll zu erstellen. Ein solches
erscheint unter den vorliegenden Umständen jedoch nicht geeignet, zur
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts beizutragen. Es liegen
bereits zahlreiche ärztliche Unterlagen zum Gesundheitszustand der Be-
schwerdeführerin vor, weshalb diesbezüglich keine weiteren Abklärungen
erforderlich sind. Zudem wird nicht in Frage gestellt, dass sie Gewalterfah-
rungen gemacht hat; als nicht glaubhaft gemacht erweisen sich dagegen
die von ihr geltend gemachten Umstände dieser Übergriffe und das Verfol-
gungsszenario. Es ist daher nicht ersichtlich, inwiefern ein Gutachten nach
Istanbul-Protokoll hierzu weitere Erkenntnisse liefern könnte. Der Antrag
auf Einholung eines entsprechenden Gutachtens ist folglich abzuweisen.
5.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorbringen der Be-
schwerdeführerin in Bezug auf die geltend gemachte private Verfolgung
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durch C._ den Anforderungen an die Glaubhaftmachung nicht ge-
nügen. Mögliche andere Hintergründe für erlittene Gewalterfahrungen sind
nicht ersichtlich und wären rein spekulativer Natur. Es obliegt zudem nicht
dem Gericht, bei unglaubhaften Asylvorbringen Mutmassungen über die
Ursachen von ärztlich diagnostizierten psychischen Beeinträchtigungen
wie PTBS, (...) sowie von dokumentierten physischen Verletzungen anzu-
stellen. Angesichts dessen hat das SEM im Ergebnis die Flüchtlingseigen-
schaft der Beschwerdeführerin zu Recht verneint und ihr Asylgesuch ab-
gelehnt.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Die Beschwerdeführerin
verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch
über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung wurde demnach
zu Recht angeordnet.
7.
Mit Verfügung vom 23. Dezember 2019 wurde die Beschwerdeführerin in
der Schweiz vorläufig aufgenommen, da das SEM den Vollzug der Weg-
weisung insbesondere aufgrund ihres Gesundheitszustands sowie unter
Berücksichtigung des fehlenden familiären Beziehungsnetzes als nicht zu-
mutbar erachtete. Es erübrigen sich daher weitere Ausführungen zu allfäl-
ligen Wegweisungsvollzugshindernissen.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Angesichts der
mit Verfügung vom 31. Januar 2020 gewährten unentgeltlichen Prozess-
führung ist indessen auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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