Decision ID: e166366b-1ade-464e-88bf-75b2ee2a9f6f
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dielsdorf, I. Abteilung, vom 9. Juli 2020 (DG190032)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich (heute: Staats-
anwaltschaft I des Kantons Zürich) vom 10. Juli 2017 ist diesem Urteil beigeheftet
(Urk. 25).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 193 S. 71 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte A._ die Tatbestände
− der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB sowie
− der Fälschung von Ausweisen im Sinne von Art. 252 Abs. 4 StGB
in nicht selbstverschuldeter Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB begangen
hat, deshalb nicht strafbar und von diesen Vorwürfen freizusprechen ist.
2. Es wird eine stationäre Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB (Behandlung von psychi-
schen Störungen) angeordnet.
3. Das Genugtuungsbegehren des Beschuldigten wird abgewiesen.
4. Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte A._ das Schadenersatzbe-
gehren des Privatklägers B._ in der Höhe von EUR 525.– anerkennt. Im Übrigen wird
der Privatkläger B._ mit seinem Schadenersatzbegehren auf den Zivilweg verwiesen.
5. Die Entschädigung von Rechtsanwalt lic. iur. X._ für die amtliche Verteidigung des Be-
schuldigten im Verfahren vor dem Bezirksgericht (DG190032-D) wird auf Fr. 11'059.35 (inkl.
Mehrwertsteuer) festgesetzt.
6. Es wird davon Vormerk genommen, dass Rechtsanwalt lic. iur. X._ für die amtliche
Verteidigung des Beschuldigten im Verfahren vor dem Obergericht (SB180032-O) mit Fr.
653.– entschädigt wurde.
7. Es wird davon Vormerk genommen, dass Rechtsanwältin lic. iur. X2._ für die amtliche
Verteidigung des Beschuldigten mit Fr. 23'295.35 (Verfahren vor dem Bezirksgericht
DG170017-D) und mit Fr. 2'959.80 (Verfahren vor dem Obergericht SB180032-O) entschä-
digt wurde.
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8. Es wird davon Vormerk genommen, dass Rechtsanwalt lic. iur. X3._ für die amtliche
Verteidigung des Beschuldigten im Untersuchungsverfahren (Unt.-Nr.: 2016/10015996) mit
Fr. 16'710.50 entschädigt wurde.
9. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
10. Die Kosten und Gebühren des Vorverfahrens und der gerichtlichen Verfahren (inkl. der
Kosten der amtlichen Verteidigung) werden auf die Staatskasse genommen.
11. (Mitteilungen.)
12. (Rechtsmittel.)"
Fr. 3'000.00 ; die weiteren Verfahrenskosten betragen:
Fr. 7'000.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 19'909.15 Gutachten Dr. C._
Fr. 4'345.15 Ergänzungsgutachten Dr. D._
Fr. 360.00 Telefonkontrolle
Fr. 31.95 Auslagen (Gutachten)
Fr. 980.00 Auslagen Polizei
Fr. 5.00 Entschädigung Zeuge
Fr. 1'731.25 Entschädigung Dolmetscher (Überwachung der Besuche während dem Vorverfahren)
Fr. 16'710.50 Entschädigung amtliche Verteidigung lic. iur. X3._ (bereits ausbezahlt)
Fr. 26'255.15 Entschädigung amtliche Verteidigung lic. iur. X2._ (bereits ausbezahlt)
Fr. 653.00 Entschädigung amtliche Verteidigung lic. iur. X._ vor Obergericht (bereits ausbezahlt)
Fr. 11'059.35 Entschädigung amtliche Verteidigung lic. iur. X._ vor Bezirksgericht
Fr. 92'040.50 Total
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Berufungsanträge: (Prot. II S. 6)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 194 S. 1 f. und Urk. 216 S. 12, teilweise sinngemäss)
1. Es sei festzustellen, dass der Beschuldigte die Tatbestände der versuchten
schweren Körperverletzung und der Fälschung von Ausweisen in nicht
selbstverschuldeter Schuldunfähigkeit erfüllt hat, weshalb er von den Vor-
würfen freizusprechen sei;
2. Es sei eine stationäre Massnahme anzuordnen und diese bis Ende 2021 zu
befristen;
3. Es sei dem Beschuldigten eine angemessene Genugtuung zuzusprechen;
4. Es seien die Kosten auf die Staatskasse zu nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 199; schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Unter dem 10. Juli 2017 erhob die Staatsanwaltschaft gegen den Beschul-
digten beim Bezirksgericht Dielsdorf Anklage wegen versuchter vorsätzlicher
Tötung und Fälschung von Ausweisen (Urk. 25). Am 18. Januar 2018 fällte die
Vorinstanz in der Sache erstmals ein Urteil (Urk. 91; DG170017-D), welches an-
gefochten wurde (Urk. 84 und Urk. 99). Während laufendem Berufungsverfahren
(SB180332-O) gab das Amt für Justizvollzug (JUV, heutiges Amt für Justizvollzug
und Wiedereingliederung; JuWe) aufgrund des Verhaltens des Beschuldigten im
vorzeitigen Straf- und Massnahmenvollzug bei Dr. med. D._ ein Verlaufsgut-
achten in Auftrag, unter anderem zur Klärung der Diagnose, der Beurteilung der
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Rückfallgefahr sowie der Einschätzung der passenden Massnahme (Urk. 89).
Aufgrund dieser Abklärungen wurde das Berufungsverfahren bis zum Vorliegen
des angeforderten Gutachtens antragsgemäss sistiert (Urk. 108). Mit Beschluss
der Kammer vom 27. Februar 2019 wurde bei Dr. med. D._ ein psychiatri-
sches Ergänzungsgutachten zur Frage der Schuldfähigkeit des Beschuldigten
zum Deliktszeitpunkt in Auftrag gegeben (Urk. 126). Dieses ging am 28. Juni 2019
bei der hiesigen Kammer ein und wurde anschliessend dem Beschuldigten und
der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis gebracht (Urk. 138, 139 und 141). Mit Be-
schluss vom 20. September 2019 hob die Kammer das Urteil des Bezirksgerichts
Dielsdorf vom 18. Januar 2018 wegen Protokollierungsmängeln auf und wies das
Verfahren zur Durchführung einer neuen Hauptverhandlung und Urteilsfällung an
die Vorinstanz zurück (Urk.156).
2. Nach erfolgter Rückweisung fällte die Vorinstanz am 9. Juli 2020 das ein-
gangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil und eröffnete dieses gleichentags
mündlich (Urk. 193; DG190032-D; Prot. I S. 16 ff.). Dagegen meldete die amtliche
Verteidigung namens des Beschuldigten fristgerecht Berufung an (Urk. 189). Das
begründete Urteil der Vorinstanz wurde der Verteidigung am 5. November 2020
zugestellt (Urk. 192/3), worauf sie am 22. November 2020 und damit innert Frist
die Berufungserklärung einreichte (Urk. 194). Mit Eingabe vom 22. Dezember
2020 verzichtete die Staatsanwaltschaft innert angesetzter Frist auf Anschlussbe-
rufung (Urk. 197; Urk. 198; Urk. 199). Der Privatkläger liess sich innert Frist nicht
vernehmen.
3. Mit Präsidialverfügung vom 18. Januar 2021 wurde – auch entsprechend
dem Antrag der amtlichen Verteidigung (Urk. 194, letzte Seite) – bei den behan-
delnden Ärzten des Beschuldigten in der psychiatrischen Universitätsklinik
E._ (PUK) ein therapeutischer Zwischenbericht eingeholt, welcher sich zum
bisherigen und absehbaren zukünftigen Therapieverlauf sowie zur geschätzten
Restdauer der angezeigten stationären Behandlung zu äussern hatte (Urk. 200).
Der Therapiebericht wurde am 26. Januar 2021 erstattet und den Parteien am 1.
Februar 2021 zur Kenntnisnahme zugestellt (Urk. 202 S. 4). Nachdem die PUK,
wo sich der Beschuldigte nach wie vor im Zentrum für stationäre forensische The-
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rapie befindet, die Bewilligung der Ausgangsstufen U6 - U8, den Übertritt auf eine
offene Massnahmenstation, externes Arbeiten sowie unbegleitete ausserklinische
Aktivitäten für den Beschuldigten beantragt hatte (Urk. 207), ersuchte das JuWe
mit Schreiben vom 22. März 2021 um Stellungnahme zu diesen Vollzugslocke-
rungen (Urk. 206). Während die Parteien auf entsprechende Stellungnahme ver-
zichteten (Urk. 210; Urk. 211), wurde mit Verfügung vom 9. April 2021 festgehal-
ten, dass seitens der Verfahrensleitung keine Einwände gegen die beantragte Lo-
ckerung bestünden (Urk. 212).
4. Bereits Am 24. März 2021 wurde zur heutigen Berufungsverhandlung vor-
geladen, zu welcher der Beschuldigte und sein amtlicher Verteidiger erschienen
sind (Urk. 208; Prot. II S. 6). Vorfragen waren anlässlich der Berufungsverhand-
lung keine zu entscheiden und – abgesehen von der Befragung des Beschuldig-
ten – auch keine Beweise abzunehmen (Prot. II S. 7 f.). Das Verfahren ist spruch-
reif.
II. Prozessuales
1. Umfang der Berufung
1.1. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung
(Art. 402 StPO). Die nicht von der Berufung erfassten Punkte erwachsen in
Rechtskraft, weshalb das Berufungsgericht das erstinstanzliche Urteil nur in den
angefochtenen Punkten überprüft (Art. 404 Abs. 1 StPO).
1.2. Der Beschuldigte liess in seiner Berufungserklärung vom 22. November
2020 eingangs zwar mitteilen, dass das Urteil vollumfänglich angefochten werde
(Urk. 194 S. 1). Explizit ersuchte er in der Folge aber nur um Aufhebung der
Dispositiv-Ziffern 1-3 (Urk. 194 S. 2). Daran hielt die Verteidigung auch anlässlich
der Berufungsverhandlung fest (Prot. II S. 7; Urk. 216 S. 12). Entsprechend ist
vorab festzustellen, dass die Dispositiv-Ziffern 4 (Schadenersatz des Privat-
klägers), Ziffern 5-8 (Festsetzung der Entschädigungen der diversen amtlichen
Verteidigungen), 9 (Kostenfestsetzung) und 10 (Kosten auf die Staatskasse) un-
angefochten blieben und damit in Rechtskraft erwachsen sind (vgl. Art. 399 Abs. 3
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i.V.m. Art. 402 und 437 StPO). Im übrigen Umfang steht der angefochtene Ent-
scheid unter Vorbehalt des Verschlechterungsverbotes zur Disposition (Art. 391
Abs. 2 StPO).
1.3. Zum rechtlich geschützten Interesse an der Aufhebung bzw. Änderung der
vorinstanzlichen Dispositiv-Ziffer 1 ist Folgendes festzuhalten (vgl. Art. 382 Abs. 1
StPO):
Die Vorinstanz hat im angefochtenen Urteil festgestellt, dass der Beschuldigte die
Tatbestände der versuchten vorsätzlichen Tötung sowie der Fälschung von Aus-
weisen in nicht selbstverschuldeter Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1
StGB begangen habe, deshalb nicht strafbar und von diesen Vorwürfen freizu-
sprechen sei (Dispositiv-Ziffer 1). Was den Schuldpunkt angeht, so beantragt der
Beschuldigte ebenfalls einen Freispruch, und damit jedenfalls im Ergebnis das
Gleiche wie die Vorinstanz entschieden hat (Urk. 194 S. 2; Urk. 216 N 24 und
S. 12). Allerdings wird der Freispruch anders begründet. Während die Verteidi-
gung zunächst geltend machte, der Beschuldigte müsse freigesprochen werden,
weil er sich auf einen Rechtfertigungsgrund (Putativnotwehr bzw. Putativnotstand)
berufen könne, entsprechend eine strafrechtliche Sanktion oder Massnahme ent-
falle und ihm eine Genugtuung zuzusprechen sei, wird nun ein Freispruch vom
Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung wegen nicht selbstverschul-
deter Schuldunfähigkeit beantragt (Urk. 194 S. 2; Urk. 216 S. 12). Daneben sei
zwar eine stationäre Massnahme anzuordnen, jedoch bis Ende des Jahres 2021
zu befristen. Ebenso beantragt die Verteidigung, dem Beschuldigten sei eine an-
gemessene Genugtuung zuzusprechen, da die erlittene Haft nicht angerechnet
werden könne (Urk. 216 N 42 ff.). Es erscheint zumindest fraglich, ob dem Be-
schuldigten in vorliegender Konstellation, in welcher das freisprechende Erkennt-
nis der Vorinstanz Feststellungen zum Sachverhalt bzw. zur rechtlichen Würdi-
gung enthält, die nach seiner Auffassung unzutreffend sind, überhaupt eine
Rechtsmittellegitimation zukommen soll (vgl. LIEBER, in: Do-
natsch/Lieber/Summers/Wohlers, Zürcher Kommentar StPO, 3. Aufl. 2020, Art.
382 N 9 ff.). Da vorliegend die unterschiedlichen Grundlagen des Freispruchs
auch andere Konsequenzen bezüglich der daraus entspringenden Nebenfolgen
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nach sich ziehen können, ist dem Beschuldigten unter den gegebenen Umstän-
den ein Rechtsschutzinteresse auch hinsichtlich der Anfechtung des Freispruchs
(Dispositiv-Ziffer 1) zuzugestehen.
2. Anklageprinzip
2.1. Vor Vorinstanz rügte der amtliche Verteidiger "die unglücklichen Formulie-
rungen in der Anklage, die mit dem Beweisergebnis so gar nicht in Einklang zu
bringen sind" (Urk. 183 S. 3) bzw. "die ungenauen Angaben in der Anklageschrift"
(Urk. 183 S. 13). Konkret geht es um den Vorwurf, der Beschuldigte habe dem
Privatkläger mit dem rechten Fuss mit grosser Wucht gegen dessen rechte Kopf-
seite getreten (Urk. 25 S. 2). Auch anlässlich der Berufungsverhandlung machte
die Verteidigung hierzu geltend, die beim Privatkläger diagnostizierte Schildknor-
pelfraktur könne der Beschuldigte gemäss der in der Anklageschrift beschriebe-
nen Art und Weise nicht verursacht haben, da dort entgegen dem medizinischen
Gutachten nicht von einem Tritt gegen die rechte/vordere Hals-/Gesichtshälfte
gesprochen werde, sondern "nur" von einem solchen gegen die rechte Kopfseite
(Urk. 216 N 5 ff.). Daher stimme der Anklagesachverhalt nicht mit den tatsächli-
chen Ereignissen überein. Diese Thematik tangiert grundsätzlich das Anklage-
prinzip.
2.2. Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand
des Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 9 und Art. 325 StPO; Art. 29
Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2 BV; Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3 lit. a und b EMRK). Das Ge-
richt ist an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt gebunden (Immuta-
bilitätsprinzip), nicht aber an dessen rechtliche Würdigung durch die Anklagebe-
hörde (vgl. Art. 350 StPO). Die Anklage hat die der beschuldigten Person zur Last
gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass die Vor-
würfe in objektiver und subjektiver Hinsicht genügend konkretisiert sind. Das Ak-
kusationsprinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte der be-
schuldigten Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Informations-
funktion; BGE 141 IV 132 E. 3.4.1; BGE 140 IV 188 E. 1.3; BGE 133 IV 235 E. 6.2
f., je m.H.). Die beschuldigte Person muss unter dem Gesichtspunkt der Informa-
tionsfunktion aus der Anklage ersehen können, wessen sie angeklagt ist. Das be-
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dingt eine zureichende Umschreibung der Tat. Entscheidend ist, dass der Be-
troffene genau weiss, welcher konkreter Handlungen er beschuldigt und wie sein
Verhalten rechtlich qualifiziert wird, damit er sich in seiner Verteidigung richtig
vorbereiten kann. Er darf nicht Gefahr laufen, erst an der Gerichtsverhandlung mit
neuen Anschuldigungen konfrontiert zu werden (vgl. BGE 143 IV 63 ff., E. 2.2
m.H.).
2.3. Im Lichte dieser Grundsätze wurde dem Anklageprinzip vorliegend Genüge
getan (Urk. 25). Der Beschuldigte weiss aus dem angeklagten Sachverhalt, gegen
welchen Körperteil des Privatklägers er getreten haben soll. Es genügt, wenn die
Anklage die Kausalität zwischen den Handlungen des Beschuldigten und den
Verletzungen des Privatklägers darlegt. Der Tritt des Privatklägers, welcher
grundsätzlich unbestritten ist, wird vorliegend als einmaliger, in zeitlicher und
sachlicher Hinsicht klar umschriebener Lebensvorgang dargestellt. Die amtliche
Verteidigung vertiefte ihre Einwendungen unter formellen Aspekten denn auch
nicht weiter, sondern stellte diese überwiegend in den Kontext der Beweiswürdi-
gung betreffend den Kehlkopfbruch und damit des Tötungsvorsatzes
(vgl. Urk. 183 S. 3 f. und S. 13; Urk. 216 N 6 ff. und N 14; vgl. nachstehend
E. III.4. f.). Die Frage, ob dem Beschuldigten nachgewiesen werden kann, dass er
dem Privatkläger, nachdem sich dieser vom Beschuldigten abgedreht hatte, be-
wusst und gewollt im Stehen von schräg hinten mit dem rechten Fuss mit grosser
Wucht gegen dessen rechte Körperseite getreten und Letzterer dadurch die be-
schriebenen Verletzungen, insbesondere eine in Körperlängsachse verlaufende
Fraktur des Schildknorpels leicht rechts der Mittellinie, erlitten habe, ist daher im
Rahmen der Sachverhaltserstellung zu beantworten. Eine Verletzung des Ankla-
geprinzips liegt nach dem Gesagten jedenfalls nicht vor.
3. Schuldunfähigkeit des Beschuldigten
3.1. Wie sich bereits aus der Prozessgeschichte ergibt, weist der vorliegende
Verfahrensgang einige Besonderheiten auf. Zwecks besserem Verständnis ist
bereits an dieser Stelle auf die psychiatrischen Begutachtungen des Beschuldig-
ten sowie deren Auswirkungen auf die Art des Verfahrens und die zu treffenden
Regelungen einzugehen.
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3.2. Die Staatsanwaltschaft erhob gegen den Beschuldigten nach durchgeführ-
tem Vorverfahren am 10. Juli 2017 gestützt auf Art. 324 ff. StPO Anklage
(Urk. 25). Die Staatsanwaltschaft stützte sich dabei unter anderem auf die Er-
kenntnisse von Dr. med. C._, welcher am 9. Mai 2017 ein psychiatrisches
Gutachten über den Beschuldigten erstattet hatte (Urk. D1/15/27).
3.3. Dr. med. C._ kam in seinem Gutachten vom 9. Mai 2017 zum
Schluss, dass der Beschuldigte im Tatzeitraum eine dissoziale Persönlichkeitsstö-
rung mit unreifen Zügen und moderaten Borderline-Merkmalen sowie eine
Cannabisabhängigkeit und einen prognostisch relevanten Kokainkonsum aufge-
wiesen habe. Die Cannabisabhängigkeit sei von deutlichem Ausmass, die Per-
sönlichkeitsproblematik etwa mittelgradig. Sowohl die Einsichts- als auch die
Steuerungsfähigkeit seien jedoch als uneingeschränkt gegeben zu erachten,
weshalb von erhaltener Schuldfähigkeit auszugehen sei. Auch unter Annahme
des vom Beschuldigten angegebenen Cannabis- wie Kokainkonsums lasse sich
aus dem Tatverhalten keine merkliche Einschränkung durch diese Substanzen
ableiten. Der Beschuldigte habe eine anfänglich deeskalierende Haltung gezeigt,
die im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung zurückgegangen und nach Pro-
vokation und Frustration einer reaktiven Aggressionsbereitschaft gewichen sei.
Die Nutzung eines von ihm erkannten günstigen Moments für den Kick spreche
für Übersicht, der weitere Ablauf auch für erhaltene Koordination und Geschick.
Der Beschuldigte sei im Rahmen der Vorstrafe sodann für die Strafbarkeit von
Tritten gegen den Kopf sensibilisiert, da er im Jahr 2012 einem Polizisten gegen
den Kopf getreten habe. Die für die Tatzeit festgestellte Persönlichkeitsproblema-
tik stehe mit dem Tatvorwurf in ursächlichem Zusammenhang, bestehe weiterhin
und bedinge mit der Substanzmittelproblematik die belastete Legalprognose.
Durch eine ausgeprägtere Substanzmittelwirkung könnten sich die persönlich-
keitsimmanenten Defizite verstärken und die Rückfälligkeit begünstigen. Aus gut-
achterlicher Sicht werde eine strafvollzugsbegleitende ambulante Massnahme
nach Art. 63 StGB empfohlen (Urk. D1/15/27 S. 53 f.).
Das Gutachten von Dr. C._ beruhte auf dessen Erkenntnissen aus der Zeit
zwischen Mitte 2016 und Frühjahr 2017, so insbesondere auf den damaligen
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Aussagen des Beschuldigten. Dieser hatte das Tatgeschehen anlässlich der zeit-
nah nach dem Vorfall erfolgten Hafteinvernahme vom 13. Mai 2016, der staats-
anwaltlichen Einvernahme vom 7. Juli 2016, der Schlusseinvernahme vom 4. Juli
2017 und der Befragung anlässlich der Hauptverhandlung vom 17. Januar 2018
weitgehend konsistent geschildert (Urk. D1/3/1; Urk. D1/3/4; Urk. D1/3/9; Urk.
75A). Die Ausführungen des Beschuldigten anlässlich der Begutachtung von Dr.
med. C._ deckten sich dabei im Wesentlichen mit jenen Aussagen (Urk.
D1/15/27 S. 36 f.).
3.4. Das spätere auffällige Verhalten des Beschuldigten in der Untersuchungs-
haft und im vorzeitigen Strafvollzug – Verweigerung der Kontaktaufnahme, Ab-
lehnung von Nahrung, diverse Disziplinierungen, Schreien während der Nacht,
Beschimpfungen der Mitarbeiter, Selbstverletzungen, Notwendigkeit von psychiat-
rischen Kriseninterventionen – liess den Verdacht auf eine schizophrene Erkran-
kung aufkommen. Das JuWe gab deshalb in der Folge bei Dr. med. D._ ein
Verlaufsgutachten in Auftrag (vgl. Urk. 89).
Die Gutachterin Dr. med. D._ stellte gestützt auf ihre eigenen Erhebungen, in
deren Rahmen der Beschuldigte teilweise ganz neue Aussagen zur Anlasstat
machte, in ihrem Gutachten vom 6. November 2018 sowie im Ergänzungsgutach-
ten vom 27. Juni 2019 die Diagnose einer chronisch paranoiden Schizophrenie
mit komorbider Cannabisabhängigkeit und multipler Substanzproblematik, welche
bereits im Tatzeitpunkt bestanden habe (Urk. 114 S. 67; Urk. 139 S. 24). Mit
einlässlicher und differenzierter Begründung revidierte sie die im Untersuchungs-
verfahren durch Dr. med. C._ am 9. Mai 2017 gestellten Diagnosen (Urk. 114
S. 71 ff., insb. S. 79 und S. 92). Im Rahmen ihres Ergänzungsgutachtens vom
27. Juni 2019 kam sie sodann zum Schluss, dass die Steuerungsfähigkeit des
Beschuldigten aufgrund der schweren, komplexen psychotischen Symptomatik
mit paranoidem Wahnerleben, optischen Halluzinationen sowie akustischen Hal-
luzinationen mit imperativen Stimmen und Fremdbeeinflussungserleben zum
Zeitpunkt des Deliktes vom 10. Mai 2016 aufgehoben gewesen sei (Urk. 139 S.
30 f.). Ausgehend von der Hypothese einer psychotischen Motivation des Anlass-
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deliktes erachtete sie aus forensisch-psychiatrischer Sicht die Voraussetzungen
für die Schuldunfähigkeit als gegeben (Urk. 139 S. 31 f.).
3.5. Gestützt auf diese neuen, erst im Verlauf des Verfahrens erlangten Er-
kenntnisse, welche sich primär aufgrund der neuen Aussagen und Verhaltenswei-
sen des Beschuldigten ergaben, der seinem Dissimulieren ein Ende gesetzt hatte,
erachtete die Staatsanwaltschaft das Gutachten von Dr. med. C._ im Rah-
men der (zweiten) vorinstanzlichen Hauptverhandlung vom 9. Juli 2020 als über-
holt. Die Staatsanwaltschaft hielt nach erfolgter Rückweisung des Verfahrens
durch das Obergericht vor Vorinstanz nunmehr dafür, die von Dr. med. D._
festgestellte schwere psychische Störung sei für die Haupttat relevant, was die
Gutachterin nachvollziehbar dargelegt habe und wogegen keine substantiierten
Einwendungen begründbar einzubringen seien (Urk. 182 S. 3). Entsprechend än-
derte die Staatsanwaltschaft ihren vormaligen Antrag auf Schuldspruch (Urk. 25)
und beantragte fortan die Feststellung, dass der Beschuldigte den Tatbestand der
versuchten Tötung im Zustand der nicht selbstverschuldeten Schuldunfähigkeit
erfüllt habe. Bezüglich der Fälschung von Ausweisen ging die Staatsanwaltschaft
hingegen weiterhin von einer Schuldfähigkeit des Beschuldigten aus und hielt am
Schuldspruch fest (Urk. 182 S. 1).
3.6. Die Vorinstanz setzte sich mit den verschiedenen Gutachten einlässlich
auseinander und kam zum überzeugenden Schluss, dass der Beschuldigte im
Zeitpunkt sämtlicher vorgeworfenen Taten vollumfänglich schuldunfähig gewesen
sei (Urk. 193 S. 8 f. und S. 49 ff.). Davon ging und geht auch die amtliche Vertei-
digung aus (Urk. 183 S. 2 ff.; Urk. 216 S. 12).
3.7. Da die Staatsanwaltschaft vorliegend auf Anschlussberufung verzichtete
und damit die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils beantragt (Urk. 199), hat
sie implizit auch von ihrem Standpunkt, wonach der Beschuldigte die Fälschung
von Ausweisen bei voller Schuldfähigkeit begangen habe (Urk. 182 S. 1 und S. 4),
Abstand genommen. Es sind daher unbestrittenermassen heute allein die Taten
eines Schuldunfähigen zu beurteilen, dessen Schuldunfähigkeit sich erst nach
Anklageerhebung im ordentlichen Verfahren ergeben hat. Ein Verfahren gegen
Schuldunfähige i.S.v. Art. 374 ff. StPO, welches nur durchgeführt wird, wenn be-
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reits im Vorverfahren die Schuldunfähigkeit eindeutig festgestellt werden kann,
steht vorliegend daher nicht zur Diskussion (vgl. BSK StPO II-BOMMER, 2. Aufl.
2014, Art. 374 N 8 und 13).
4. Hinweise
4.1. Es ist bereits an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen respek-
tive jedes einzelne Vorbringen widerlegen muss. Die Berufungsinstanz kann sich
auf die für ihren Entscheid wesentlichen Punkte beschränken (vgl. BGE 141
IV 249 E. 1.3.1 S. 253; Urteil 1B_242/2020 vom 2. September 2020 E. 2.2.)
4.2. Soweit für die tatsächliche und die rechtliche Würdigung des angeklagten
Sachverhaltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird, so erfolgt dies
in Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO, auch ohne dass dies jeweils explizit
Erwähnung findet.
III. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
1.1. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten gemäss Anklage vom
10. Juli 2017 vor, er habe den Geschädigten und Privatkläger, B._ (fortan:
Privatkläger), am tt. Mai 2016, ca. 19.45 Uhr, auf dem Perron des Bahnhofs
F._ zu töten versucht. Konkret soll er nach einer gegenseitigen verbalen und
tätlichen Auseinandersetzung mit dem Privatkläger, diesen aus dem Stand von
schräg hinten mit dem rechten Fuss und grosser Wucht gegen dessen rechte
Kopfseite getreten haben, nachdem sich der Privatkläger vom Beschuldigten ab-
gedreht gehabt habe. Durch den Fusstritt sei der Privatkläger nach hinten zu Bo-
den gefallen, mit dem Hinterkopf aufgeschlagen und während ca. drei Minuten
bewusstlos am Boden liegen geblieben. Der Privatkläger habe durch den Tritt ge-
gen den Kopf und den Aufprall auf den Boden eine ca. 2.5 cm lange Quetsch-
Risswunde am Hinterkopf rechts, eine Schädelfraktur am Hinterkopf rechts mit
Ausläufer ins grosse Hinterhauptsloch mit angrenzender Unterblutung der harten
Hirnhaut (Coup-Verletzung), Contre-Coup-Verletzungen in Form von Hirnprel-
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lungsherden am Stirnhirnlappen beidseits und Unterblutungen der weichen Hirn-
haut sowie eine in Körperlängsachse verlaufende Fraktur des Schildknorpels
leicht rechts der Mittellinie erlitten. Der Beschuldigte soll anlässlich des Kicks ge-
gen den Kopf des Privatklägers um die mögliche Herbeiführung von tödlichen
Verletzungen wie Schädelbruch (Hirnblutung, Hirnverletzungen), Zerreissen der
Schlagadern bzw. Schildknorpelfraktur (Stimmbandparese, Schwellung der Hals-
weichteile) gewusst und diese Folgen gewollt bzw. in Kauf genommen haben (vgl.
Urk. 25 S. 2).
1.2. Des Weiteren soll sich der Beschuldigte am tt. Mai 2016, um 13.45 Uhr, in
der Bahnhofsunterführung des Bahnhofs G._ in ... Zürich anlässlich einer
Personenkontrolle gegenüber den Polizeifunktionären wissentlich und willentlich
mit einem "SwissPass", lautend auf H._, ausgewiesen haben, in der Absicht,
sich dadurch der Verhaftung zu entziehen (Urk. 25 S. 2).
2. Standpunkt des Beschuldigten
2.1. Hinsichtlich der vorgeworfenen Fälschung von Ausweisen hat der Beschul-
digte den in der Anklageschrift umschriebenen Sachverhalt in objektiver und
subjektiver Hinsicht anerkannt (vgl. Urk. 181 S. 14; Urk. 214; Urk. 215 S. 10). Das
Geständnis deckt sich mit dem Ergebnis der Untersuchung, womit der behauptete
Sachverhalt als erstellt zu betrachten und in der Folge von diesem auszugehen
ist.
2.2. Bezüglich des Vorwurfs der versuchten Tötung hat der Beschuldigte den
äusseren Tathergang bzw. den Sachverhalt in objektiver Hinsicht vor Vorinstanz
grundsätzlich ebenfalls anerkannt (Urk. 181 S. 12 ff.; Urk. 193 S. 13). Auch an-
lässlich der heutigen Berufungsverhandlung machte er im Wesentlichen geltend,
er habe Stimmen gehört, welche ihm gesagt hätten, er solle dem Privatkläger ei-
nen Kick geben (Urk. 215 S. 8 f.).
2.3. Hinsichtlich des anerkannten Sachverhalts deckt sich das Geständnis mit
dem Ergebnis der Untersuchung. Damit ist erstellt, dass der Beschuldigte am
tt. Mai 2016, um ca. 19:45 Uhr, auf dem Perron des Bahnhofs F._ nach
- 15 -
einem gegenseitigen verbalen und tätlichen Konflikt dem Privatkläger einen
Fusstritt gegen dessen Kopf verpasst hat, worauf dieser zu Boden fiel, mit dem
Hinterkopf aufschlug und bewusstlos liegen blieb (Urk. D1/12/1 S. 5 ff.;
Urk. D1/12/2 S. 2 ff.; Urk. D1/12/3 S. 1 ff.; Urk. D1/12/4 S. 7; Urk. 51 S. 33 ff.,
Urk. 181 S. 11 f.; Urk. 215 S. 8 f.). Der Beschuldigte selber anerkannte vor
Vorinstanz auch die gemäss Anklage durch seinen Fusstritt gegen den Kopf ver-
ursachten Verletzungen (Urk. 181 S. 12), berief sich jedoch auf Notwehr und be-
stritt durchwegs, den Tod des Privatklägers gewollt oder in Kauf genommen zu
haben (so letztmals anlässlich der Berufungsverhandlung; Urk. 215 S. 9). Auf die-
se Einwendungen und jene der amtlichen Verteidigung im Zusammenhang mit
dem Verletzungsbild ist nachfolgend näher einzugehen.
3. Ausgangslage
3.1. Die Vorinstanz hat die Grundlagen der Beweiswürdigung ausführlich und
zutreffend dargelegt. Dasselbe gilt für die Darstellung der Beweismittel, die Wie-
dergabe der Aussagen der einvernommenen Personen und der Sachbeweise,
vorab die psychiatrischen bzw. medizinischen Gutachten und relevanten Befunde
(Urk. 193 S. 14 ff.). Sie erachtete den bestrittenen Sachverhalt nach erfolgter
Würdigung der Beweismittel betreffend den Vorwurf der versuchten Tötung im
Ergebnis als in objektiver und subjektiver Hinsicht erstellt (Urk. 193 S. 8 ff.). Dies
gilt es nachfolgend zu prüfen.
3.2. Im Zusammenhang mit der Sachverhaltserstellung hat die Vorinstanz
eingangs zu Recht darauf hingewiesen, dass das Gericht vorweg zu prüfen hat,
ob die unter dem Wahneinfluss erfolgte Handlung grundsätzlich ein strafbares
Verhalten darstellt und dem Beschuldigten, abgesehen von der aufgrund des
Wahns und der Erkrankung fehlenden Schuldfähigkeit, zugerechnet werden kann
(Urk. 193 S. 11). Mit der Vorinstanz ist die wahnhafte Verzerrung an dieser Stelle
noch nicht zu berücksichtigen, betreffen diese Vorbringen doch nicht den hier
strittigen subjektiven Aspekt bzw. den Vorsatz, sondern die Schuldfähigkeit (s.a.
nachfolgend E. IV.4.2.).
- 16 -
Lehre und Rechtsprechung gehen denn auch von einem normativen Begriff der
Schuld aus, der sich von jenem des Vorsatzes unterscheidet (DONATSCH/TAG,
Strafrecht I, 9. Aufl. 2013, S. 271 und S. 346). Im Zustand ausgeschlossener
Steuerungsfähigkeit können (zweckrationale) Handlungen gerade deswegen vor-
genommen werden, weil die normalerweise bestehenden Hemmungen infolge ei-
ner schweren psychischen Störung lahmgelegt sein können (BSK StGB I-
BOMMER/ DITTMANN, 4. Aufl. 2019, Art. 19 N 19). Schuldunfähigkeit bedeutet des-
halb nicht, dass der Beschuldigte keinen tatbestandsmässigen Vorsatz bilden
könnte, vielmehr kann auch der völlig Schuldunfähige vorsätzlich handeln (BSK
StGB I-BOMMER/DITTMANN, a.a.O., mit Verweis auf BGE 115 IV 221 S. 223). Eine
allfällige Schuldunfähigkeit wirkt sich folglich nicht auf die Tatbestandsmässigkeit,
sondern einzig auf die Vorwerfbarkeit des Verhaltens (Verschulden) aus (vgl. Ur-
teil 6B_1073/2020 vom 13. April 2021 E. 1.4.4. m.H.a. Urteil 6B_1363/2019 vom
19. November 2020 E. 1.2.1 und Urteil 6B_366/2014 vom 23. April 2015 E. 1.3.2).
4. Verletzungen des Privatklägers und Lebensgefahr
4.1. Betreffend das bestrittene Verletzungsbild des Privatklägers kann vorab
gesagt werden, dass der vorliegende Fall auch diesbezüglich eine Besonderheit
aufweist. So hat der Privatkläger nicht nur Verletzungen durch den Fusstritt des
Beschuldigten erlitten, sondern auch sekundäre Schädigungen im Rahmen der
Versorgung und Abklärung im Spital. Gemäss Gutachten des Instituts für
Rechtsmedizin der Universität Zürich (nachfolgend: IRM) vom 21. Dezember 2016
sei der Privatkläger nach dem Angriff des Beschuldigten notfallmässig ins Spital
I._ eingeliefert worden, wo bei der Durchführung einer ersten CT-
Schichtbildgebung des Kopfes diverse Verletzungen festgestellt worden seien
(vgl. im Einzelnen Urk. D1/7/11 S. 2). Während dieser ersten Schichtbildgebung
habe der Privatkläger einen Krampfanfall erlitten und sei zu Boden gestürzt. Es
sei danach eine zweite Schichtbildgebung des Kopfes durchgeführt worden. Ver-
glichen mit der Voruntersuchung vom gleichen Tag sei eine neu entstandene Ver-
letzung festgestellt worden (beidseitige y-förmige Fraktur mit Ausläufern in die
Schädelbasis; vgl. Urk. D1/7/11 S. 3). Es sei weiterhin zu einer Zunahme des
Frakturspaltes an der Schädelbasis mit neu eingetretenen Frakturausläufern in
- 17 -
die vordere Schädelhöhle gekommen. Zudem sei eine leicht zunehmende Über-
wässerung des Gehirnes festgestellt worden, ohne Mittellinienverlagerung oder
Einklemmungszeichen. Nach dem Sturz sei sodann eine respiratorische Ver-
schlechterung eingetreten, woraufhin man den Privatkläger schutzintubiert habe
(Urk. D1/7/11 S. 3).
4.2. Die amtliche Verteidigung bestreitet nicht, dass der Privatkläger im Zu-
sammenhang mit den Ereignissen vom 10. Mai 2016 auch einen Kehlkopfbruch
erlitt. Wie vor Vorinstanz macht sie jedoch geltend, es lasse sich nicht rechtsge-
nügend erstellen, dass sich der Privatkläger wegen des Fusskicks in Lebensge-
fahr befunden habe. So stünden dieser Folgerung (beweisrechtlich) die wider-
sprüchlichen sachverständigen Angaben und (prozessual) der Anklagegrundsatz
entgegen (Urk. 216 N 12 ff.; Urk. 183 S. 4 f.). Gemäss Anklage habe der Be-
schuldigte den Privatkläger "gegen dessen rechte Kopfseite" getreten, wodurch
der Privatkläger die in der Anklageschrift aufgeführten Verletzungen, insbesonde-
re die in Körperlängsachse verlaufende Fraktur des Schildknorpels, erlitten habe.
Das festgestellte Bruchsystem beim Bruch des Schildknorpels – so die Verteidi-
gung weiter – entstehe gemäss Gutachten des IRM typischerweise bei einer di-
rekten Gewalteinwirkung von vorne gegen den Hals bzw. könne dem Tritt gegen
die rechte/vordere Hals/Gesichtsseite zugeschrieben werden. Die das Prozess-
thema fixierende Anklageschrift beschreibe jedoch weder einen Tritt in die vorde-
re Halsseite noch in das Gesicht des Privatklägers (sondern eben einen Tritt ge-
gen die rechte Kopfseite; Urk. 216 N 4 ff.; Urk. 183 S. 4 m.H.a. Urk. D1/7/11 S.
10). Die Verletzung des Adamsapfels dürfe dem Beschuldigten daher nicht zuge-
schrieben werden. Zudem seien die Aussagen der sachverständigen Personen
zur Frage, welche Verletzungen der Privatkläger im Zeitpunkt der Einlieferung
bzw. nach Durchführung der ersten CT-Schichtbildgebung aufgewiesen habe, wi-
dersprüchlich. In dieser Situation müsse entweder ein Obergutachten eingeholt
oder von dem für den Beschuldigten günstigeren Sachverhalt ausgegangen wer-
den. Die hierzu erhobenen Beweise seien nicht verlässlich (Urk. 216 N 12 f.; Urk.
183 S. 3 ff.).
- 18 -
4.3. Die Vorinstanz hat sich mit diesen Einwendungen der Verteidigung aus-
einandergesetzt und diese zu Recht verworfen (Urk. 193 S. 18 f.). Wie bereits
vorstehend im Lichte des Anklageprinzips dargelegt, erweist sich die Formulie-
rung eines Tritts zum Nachteil des Privatklägers "gegen dessen rechte Kopfseite"
in der Gesamtbetrachtung zwar als etwas weit gefasst (und die Auslegung der
Verteidigung als zu eng), aber doch noch als genügende Umschreibung, die auch
einen Tritt in die rechte/vordere Hals-/Gesichtsseite umfassen kann, wie dies im
Gutachten des IRM vom 21. Dezember 2016 umschrieben wird (Urk. D1/7/11 S.
10). Darin mitenthalten ist der Tritt gegen den Kopf an sich. Dass dieser so erfolg-
te, ist durch das Geständnis des Beschuldigten und die Zeugenaussagen erstellt
(vgl. nachstehend E. IV.3.4.1.). Der Tritt war gemäss den Zeugen stark, führte
zum absolut unkontrollierten Sturz des Privatklägers nach hinten auf den Boden
und ist daher kausal für die Verletzungen des Privatklägers am Kopf, inklusive
Kehlkopf. Eine Unterbrechung des Kausalzusammenhangs ist bei vorliegender
Sachlage nicht auszumachen.
4.4. Was die seitens der Verteidigung erwähnten, angeblich widersprüchlichen
Aussagen der sachverständigen Personen betrifft, so ist auch dies zu relativieren
(Urk. 216 N 13). Zunächst ist festzuhalten, dass die Verletzungen vor und nach
dem Sturz klar auseinandergehalten werden konnten (vgl. dazu das Gutachten
des IRM vom 21. Dezember 2016 zur körperlichen Untersuchung des Beschuldig-
ten, samt inkludierter forensisch-radiologischer Zweitbeurteilung der ersten Com-
putertomographie [CT] Kopf und Hals vom 10. Mai 2016 aus dem Spital I._,
befundet durch die Radiologie des Universitätsspitals Zürich am 8. Dezember
2016; Urk. D1/7/11 mit Anhang). In der forensisch-radiologischen Zweitbeurtei-
lung war die Frage zu beantworten, ob zum Untersuchungszeitpunkt ein Kehl-
kopfbruch bestanden habe, was bejaht wurde. Im Befund wurde überdies darauf
hingewiesen, dass der klinische Bericht bezüglich der Fragestellung folgender Er-
gänzung bedürfe: "Längsverlaufender Schildknorpelbruch rechts (neben der
Kehlkopfmitte)" (Urk. D1/7/11 Anhang). Damit ist klar erstellt, dass der Kehlkopf-
bruch im Zeitpunkt des Spitaleintritts bereits vorlag, mithin keine Folge des späte-
ren Sturzes vom CT-Tisch war, sondern vielmehr auf den Fusstritt des Beschul-
digten zurückzuführen ist. Damit ist das Verletzungsbild gemäss Anklage erstellt.
- 19 -
4.5. Soweit die Verteidigung moniert, betreffend das Vorliegen einer Lebens-
gefahr würden die hierzu erhobenen Beweise nicht verlässlich Aufschluss über
die Wahrscheinlichkeit des Todeseintritts ohne sofortige ärztliche Intervention er-
geben, ist sie aus nachgenannten Gründen ebenfalls nicht zu hören (Urk. 183 S.
5 f.; Urk. 216 N 12 f.).
Das IRM hatte im Gutachten vom 21. Februar 2016 eine Lebensgefahr grundsätz-
lich bejaht (Urk. D1/7/11). Zur Differenzierung unterbreitete die Staatsanwaltschaft
dem IRM am 6. Januar 2017 die Frage, ob sich der Privatkläger im Zeitraum
zwischen dem erfolgten Fusstritt und der Einlieferung ins Spital I._ bzw. un-
mittelbar nach der Vornahme der ersten CT-Schichtbildgebung in Lebensgefahr
befunden habe (Urk. D1/7/12). Im hierauf erstatteten Ergänzungsgutachten vom
24. Februar 2017 wies das IRM darauf hin, dass im Gutachten vom 21. Dezember
2016 das Vorliegen einer Lebensgefahr anhand der respiratorischen Verschlech-
terung und der damit verbundenen Gefahr eines Erstickens, welche durch die
rechtzeitige Intubation habe verhindert werden können, bejaht worden sei. Die
Ursache für die respiratorische Verschlechterung sei auch nach den spitalärztli-
chen Untersuchungen ungeklärt geblieben, wobei aus medizinischer Sicht bei
Fehlen von Anhaltspunkten für eine Verlegung der oberen Atemwege (z.B. durch
Schwellung der Halsweichteile bei vorliegendem Schildknorpelbruch oder durch
eine beidseitige Stimmbandparese) eine hirnbedingte Ursache möglich sei. Aus
rechtsmedizinischer Sicht könne nicht unterschieden werden, ob Ursache für die
respiratorische Verschlechterung die vor dem Krampfanfall und dem konsekutiven
Sturz vom CT-Tisch bestehenden Blutungen im Kopfinneren (Subdural- und Sub-
arachnoidalblutungen, Kontusionsblutungen) oder die in der zweiten Schichtbild-
gebung festgestellte leichte Zunahme der Hirnüberwässerung gewesen sei. Die
Zunahme der Hirnüberwässerung als auch die Blutungen im Kopfinneren
(Kontusionsblutungen) könnten im vorliegenden Fall sowohl Auslöser für den ge-
neralisierten Krampfanfall und den darauf folgenden Sturz als auch Folge des be-
sagten Sturzes sein, womit aus rechtsmedizinischer Sicht eine Aussage bezüglich
der Lebensgefahr für den Zeitraum zwischen dem erfolgten Fusstritt und der Ein-
lieferung ins Spital I._ bzw. unmittelbar nach der Vornahme der ersten CT-
Schichtbildgebung nicht getroffen werden könne (Urk. D1/7/12 S. 2 f.).
- 20 -
Das Spital I._ seinerseits erstattete gestützt auf den Auftrag der Staatsan-
waltschaft einen ärztlichen Befund samt Ein- und Austrittsbericht (Urk. D1/7/15-
16). Das Spital I._ hielt dabei insbesondere fest, der Privatkläger habe einen
Schädelbruch am Hinterkopf sowie eine Hirnblutung am Hinterkopf und in der
Stirn erlitten. Als naheliegende lebenswichtige Struktur wurde das Gehirn als le-
benswichtiges Organ genannt. Eine Hirnblutung sei potenziell tödlich. Der Privat-
kläger habe sich im Zeitraum zwischen der Beibringung des Tritts und der Einlie-
ferung ins Spital I._ bzw. unmittelbar nach Vornahme der ersten CT-
Schichtbildgebung in Lebensgefahr befunden, weil eine Hirnblutung bestanden
habe (Urk. D1/7/16 i.V.m. mit Fragenkatalog gemäss Urk. D1/7/1).
4.6. Mit der amtlichen Verteidigung ist zu konstatieren, dass in diesen Ein-
schätzungen der Sachverständigen eine gewisse Divergenz auszumachen ist
(vgl. Urk. 183 S. 5 f.). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass das Ergänzungsgut-
achten vornehmlich an die konkrete respiratorische Verschlechterung geknüpft
wurde, deren Ursache letztlich nicht restlos geklärt werden konnte. Hingegen hat
das IRM bereits im (ersten) Gutachten vom 21. Dezember 2016 ausdrücklich
festgehalten, es sei überdies anzumerken, dass die durch den Fusskick verur-
sachte Schildknorpelfraktur zu einer Verletzung der angrenzenden Blutgefässe
mit der Gefahr einer lebensbedrohlichen Blutung, einer Verletzung der Nerven mit
möglicher Stimmbandparese und letztlich auch durch eine Schwellung der Hals-
weichteile zu einer Verlegung der oberen Atemwege mit lebensbedrohlichen Fol-
gen wie Ersticken führen könne. In unmittelbarer Nähe der beschriebenen Schä-
delfrakturen befänden sich sodann nebst dem Gehirn die an der Schädelbasis
verlaufenden Schlagadern, die bei einem Schädelbruch zerreissen und zu einer
lebensbedrohlichen Blutung in die Schädelhöhle führen könnten (Urk. D1/7/11 S.
11). Damit kann – nebst der nicht restlos geklärten Problematik der respiratori-
schen Verschlechterung – bereits aufgrund der beschriebenen möglichen Folgen
der Schädelfraktur bzw. Hirnblutung sowie der Schildknorpelfraktur, welche Ver-
letzungen vorliegend erstelltermassen dem Verhalten des Beschuldigten zuzu-
schreiben sind, zwanglos von einer grundsätzlich möglichen Herbeiführung von
tödlichen Verletzungen gemäss Anklagesachverhalt ausgegangen werden. Aus
juristischer Warte genügt es denn auch, wenn der Eintritt des tatbestandsmässi-
- 21 -
gen Erfolgs nicht in diesem Sinne sehr wahrscheinlich, sondern bloss möglich
war.
5. Vorsatz
5.1. Was den subjektiven Tatbestand angeht, bestritt der Beschuldigte einer-
seits, dass er den Privatkläger mit dem Fusstritt habe töten wollen oder eine sol-
che Tötung in Kauf genommen habe. Er habe weder solche Tritte geübt noch ha-
be er jemanden damit verletzen wollen. Er habe aus reinem Selbstschutz und aus
Angst geschlagen und sich damit verteidigen wollen (Urk. D1/3/1 S. 2, S. 5, S. 11,
S. 21). Im weiteren Verlauf des Verfahrens relativierte er seine Aussagen dahin-
gehend, dass er Stimmen gehört habe, welche ihm gesagt hätten, er solle den
Privatkläger mit einem Kick umbringen, ansonsten er – der Beschuldigte – umge-
bracht werde (vgl. statt vieler: Urk. 215 S. 8). Er habe den Privatkläger aber nicht
wirklich umbringen wollen.
5.2. Was der Täter weiss, will und in Kauf nimmt, betrifft eine innere Tatsache
und ist Tatfrage. Rechtsfrage ist hingegen, ob gestützt auf die festgestellten Tat-
sachen bewusste Fahrlässigkeit, Eventualvorsatz oder direkter Vorsatz gegeben
ist. Soweit der Täter nicht geständig ist, kann sich das Gericht für den Nachweis
des Vorsatzes regelmässig nur auf äusserlich feststellbare Indizien und auf Erfah-
rungsregeln stützen, die ihm Rückschlüsse auf die innere Einstellung des Täters
erlauben. Da Tat- und Rechtsfragen diesbezüglich eng miteinander verknüpft sind
und sich insoweit teilweise überschneiden, hat das Sachgericht die in diesem
Zusammenhang relevanten Tatsachen möglichst erschöpfend darzustellen (Urteil
6B_330/2016 vom 10. November 2017 E. 3.2.; Urteil 6B_881/2018 vom 15. März
2019 E. 1.3. m. H.). Das Vorliegen eines Vorsatzes bzw. Eventualvorsatzes wird
daher oft im Rahmen der rechtlichen Würdigung beurteilt.
5.3. Die Vorinstanz hat sich im angefochtenen Urteil sowohl bei der Sachver-
haltserstellung als auch im Rahmen der rechtlichen Würdigung mit dem bestritte-
nen inneren Sachverhalt bzw. dem subjektiven Tatbestand befasst (Urk. 193 S.
20 ff. bzw. S. 36 ff.). Es kann zur Vermeidung von Wiederholungen darauf verwie-
- 22 -
sen werden. Rekapitulierend und in teilweiser Ergänzung bzw. Abänderung dazu
ist das Nachfolgende festzuhalten.
5.4. Der Fusstritt des Beschuldigten war gemäss den Zeugen J._ und
K._ stark, gezielt und schnell (vgl. im Einzelnen nachfolgend E. IV.3.5.1. ff.).
Die Heftigkeit des ausgeführten Trittes zeigt sich bereits in der Tatsache, dass der
Privatkläger wie ein Brett nach hinten fiel und mit seinem Hinterkopf auf den Bo-
den aufschlug, nachdem er getroffen wurde. Der Beschuldigte wendete diesbe-
züglich wiederholt ein, er sei davon ausgegangen, dass sich der Privatkläger beim
Stürzen irgendwie abstützen würde. Dies war jedoch nicht der Fall. Vielmehr prall-
te der Privatkläger ungebremst mit dem Kopf auf dem Boden auf. Der Beschuldig-
te führte – notabene aus dem Stand – einen derart präzisen und wuchtigen Tritt
aus (ohne diesen vorher trainiert haben zu wollen), dass der Privatkläger umge-
hend zu Boden ging und bewusstlos liegen bleib.
5.5. Es entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung, dass Tritte gegen den
Kopf eines Menschen gefährlich sein und zu schwerwiegenden Beeinträchtigun-
gen der körperlichen Integrität führen können, da sich im Kopf und im Hals emp-
findliche und lebenswichtige Strukturen befinden. Durch einen heftigen Schlag
oder Tritt können diese derart beschädigt werden, dass die Verletzung gar zum
Tod des Opfers führen kann. Gleichzeitig kann ein Tritt gegen den Kopf die Be-
wusstlosigkeit des Opfers herbeiführen, wobei ein unkontrollierter Sturz und in der
Folge ein Aufprall auf den Boden, auf eine Kante oder sonst wohin weitere schwe-
re Verletzungsfolgen nach sich ziehen oder gar den Tod bewirken könnte. Wer –
wie der Beschuldigte (gemäss eigenen Angaben 190 cm gross und 80 kg schwer;
Urk. D1/3/1) – einen solchen Fusstritt aus dem Stand und mit Wucht gegen eine
unvorbereitete Person verübt, muss zumindest in Kauf nehmen, dass sein Ge-
genüber (hier der Privatkläger, im Tatzeitpunkt ca. 170 cm gross und 70 kg
schwer; Urk. D1/7/11 S. 6), nicht nur schwer, sondern unter Umständen sogar
tödlich verletzt werden kann. Dies war dem Beschuldigten bekannt bzw. musste
ihm bekannt sein, weshalb er es sich anrechnen lassen muss. Wenn die amtliche
Verteidigung in diesem Zusammenhang vorbringt, der Beschuldigte sei mittels
Suggestion in der Einvernahme vom 4. Juli 2017 dazu gedrängt worden, Offen-
- 23 -
sichtliches zu bestätigen, so ist dem zu entgegen, dass es dem Beschuldigten
gemäss eigenen Aussagen bereits anlässlich der Hafteinvernahme klar war, dass
sich im Kopf und Hals lebensnotwendige Strukturen befinden, welche bei einem
Fusstritt verletzt werden können (Urk. D1/3/1 S. 20 f.). Auch die möglichen Folgen
solcher Verletzungen waren ihm gemäss seinen Ausführungen nicht unbekannt,
so auch aufgrund eigener Erfahrungen mit Tritten bzw. Schlägereien (Urk. D1/3/1
S. 15). Anlässlich der staatsanwaltlichen Schlusseinvernahme führte er auf expli-
zites Nachfragen aus, er habe keinen anderen Ausweg gesehen, weshalb er auf
den Kopf des Privatklägers gezielt habe (Urk. D1/3/9 S. 5). Diese Antwort lässt
deutlich darauf schliessen, dass er seinen Gegner gänzlich ausser Gefecht hatte
setzen wollen. Mit der Vorinstanz ist daher davon auszugehen, der Beschuldigte
habe um den möglichen Erfolgseintritt gewusst.
5.6. Im Rahmen der zweiten Begutachtung erklärte der Beschuldigte erstmals
und entgegen seinen früheren Aussagen, Stimmen hätten ihm gesagt, er solle
dem Mann einen Kick geben und ihn damit umbringen (vgl. Urk. 139 S. 30). Da-
ran hielt der Beschuldigte hernach im weiteren Verlauf des Verfahrens fest. Auf
den Vorhalt, wonach die Anklageschrift ihm in subjektiver Hinsicht vorwerfe, dass
er anlässlich des Fusstritts gegen den Kopf des Privatklägers gewusst habe, dass
dieser Tritt möglicherweise tödliche Verletzungen zur Folge haben könnte und er
dies gewollt oder zumindest in Kauf genommen habe, gab der Beschuldigte in der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung zu Protokoll: "Ich wusste, dass B._ [dem
Privatkläger] schlimme Sachen passieren können, wenn ich ihn kicke" (Urk. 181
S. 12). Weiter bestätigte er seine im Rahmen der Begutachtung gegenüber Dr.
med. D._ gemachten und im Gutachten vom 6. November 2018 festgehalte-
nen Aussagen zur Anlasstat als richtig (Urk. 181 S. 13 mit Verweis auf Urk. 114 S.
41). Er habe Stimmen gehört und habe zudem noch Kokain und Cannabis kon-
sumiert. Er habe das Gefühl gehabt, seine Ex und sein Kollege L._ würden
ihn umbringen wollen. Bereits im Zug habe er sich verfolgt gefühlt und gemeint,
L._ zu sehen (s.a. Urk. 139 S. 7, S. 15 und S. 22). In der Folge hätten ihm
die Stimmen gesagt, dass auf der anderen Seite des Perrons jemand mit einer
Pistole stehen würde, um ihn zu töten. Er solle daher dem Privatkläger mit dem
Fuss gegen den Kopf kicken, damit dieser sterbe und er ins Gefängnis komme,
- 24 -
wo er seine Sorgen los sei. Der Beschuldigte habe sich schliesslich beim Privat-
kläger, den er nicht gekannt habe, entschuldigt und ihm dann einen kräftigen Kick
gegen den Kopf gegeben. Er sei überzeugt gewesen, dass er den Privatkläger ki-
cken müsse, ansonsten der Mann mit der "Knarre" – mit dem ihn seine Freundin
betrügen würde – kommen und ihn töten werde (Urk. 181 S. 13; Urk, 114 S. 41 f.).
Auf die explizite Frage an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung vom 9. Juli
2020, ob er – der Beschuldigte – den Privatkläger habe töten wollen, da er sich
massiv bedroht gefühlt habe, antwortete er, dass dies korrekt sei (Urk 181 S. 13).
Die Stimmen hätten ihm gesagt, dass er es tun solle. Auf die Frage, weshalb er
die Stimmen und den angeblichen Komplott gegen ihn nicht bereits im Verlauf der
Untersuchung erwähnt habe, führte der Beschuldigte aus, dass er die Stimmen in
den Einvernahmen bei der Staatsanwaltschaft verschwiegen habe, es im Gefäng-
nis jedoch nicht mehr ausgehalten habe. Ferner habe er immer wieder gesagt,
dass er in die Klinik E._ wolle, da er Stimmen höre (Urk. 181 S. 14).
5.7. Anlässlich der Berufungsverhandlung bestätigte der Beschuldigte diese
Ausführungen im Grundsatz. Er machte geltend, gedacht zu haben, dass seine
Ex-Freundin ihn umbringen wolle. Er sei an besagtem Tag im Zug am Privatkläger
vorbeigelaufen, wobei seine Stimmen gesagt hätten, der Privatkläger sage "salü".
Er – der Beschuldigte – habe gedacht, das Aufeinandertreffen sei arrangiert.
Nach dem Aussteigen aus dem Zug habe der Privatkläger gedroht und ihn
herumgestossen. Dann habe der Beschuldigte Bilder vor seinem inneren Auge
gesehen, wie jemand eine Knarre auf ihn richte, und habe Stimmen gehört, die
gesagt hätten, dass auf der anderen Seite jemand mit einer Knarre stehe. Die
Stimmen hätten ihm gesagt: "Du gibsch ihm en Kick und bringsch ihn damit um
oder du wirsch umgebracht". Dann habe er es gemacht. Er habe ihn wirklich nicht
umbringen wollen, sondern nur einen Ausweg aus dieser Situation gesucht; da-
ran, dass jemand wegen eines solchen Tritts hätte sterben können, habe er nicht
gedacht (Urk. 215 S. 8 f.).
5.8. Selbst wenn der Beschuldigte anlässlich der heutigen Befragung seine Aus-
sagen hinsichtlich des Tötungsvorsatzes relativierte, führte er doch klar aus, die
Stimmen hätten ihm gesagt, er müsse den Privatkläger töten. Auch räumte er
- 25 -
noch vor Vorinstanz ohne Zweifel ein, er habe den Privatkläger töten wollen.
Selbst die Verteidigung führte hierzu sinngemäss aus, die Stimmen hätten dem
Beschuldigten befohlen, er solle den Privatkläger töten, weshalb er keinen ande-
ren Ausweg als den Kick gesehen habe (Urk. 216 N 19). Es ist daher auf die bis-
herigen Aussagen des Beschuldigten abzustellen, wonach er den Privatkläger
habe töten wollen bzw. müssen, weshalb in Abweichung zu den Erwägungen der
Vorinstanz ohne Weiteres von einem direktem Vorsatz ausgegangen werden
kann. Damit ist der Sachverhalt auch in subjektiver Hinsicht erstellt. Dass diese
Willensbildung krankheitsbedingt erfolgte, d.h. er sich im Rahmen seines paranoi-
den Wahns in einem Zustand erhöhter, ängstlich gespannter Aufmerksamkeit und
Reaktionsbereitschaft befunden und den Tritt gegen den Kopf des Privatklägers
zweifellos unter dem Einfluss bedrohlicher optischer und imperativer Stimmen
sowie Fremdbeeinflussungserleben ausgeführt hat (vgl. Urk. 131 S. 29), betrifft
nicht die Tatbestandsmässigkeit, sondern einzig die Frage der Schuldunfähigkeit
(vgl. nachfolgend E. IV.4.).
6. Fazit
Der Sachverhalt ist folglich mit der Vorinstanz in objektiver und subjektiver Hin-
sicht als erstellt zu erachten.
IV. Rechtliche Würdigung
1. Grundlagen
Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen zur Tötung gemäss Art. 111 StGB
und zur Fälschung von Ausweisen im Sinne von Art. 252 Abs. 4 StGB sowie die
theoretischen Grundlagen zum Vorsatz sowie zum Versuch unter Hinweis auf
Lehre und Rechtsprechung sorgfältig erörtert und zutreffend gewürdigt (Urk. 193
S. 35 ff. und S. 51 ff.). Auf diese Erwägungen kann zwecks Vermeidung von
Wiederholungen verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Auch die Schuldunfä-
higkeit des Beschuldigten ist unbestritten und wurde bereits erörtert (vorstehend
E. II.3.) Strittig erweist sich einzig die rechtliche Würdigung des Übergriffs auf den
Privatkläger (vgl. Urk. 216).
- 26 -
2. Keine versuchte schwere Körperverletzung
2.1. Die amtliche Verteidigung hält dafür, dass der Kick richtigerweise als ver-
suchte schwere Körperverletzung zu würdigen sei. Allerdings ist sie dabei davon
ausgegangen, dass eine (unmittelbare) Lebensgefahr, bedingt durch den Kick
bzw. Fusstritt, nicht erstellbar sei und die allgemeine Lebenserfahrung solches
auch nicht erwarten lasse. Weiter bringt die Verteidigung vor, selbst ohne vorhan-
dene Statistik müsse vernünftigerweise davon ausgegangen werden, dass eine
stehende Person nach einem Kick gegen den Kopf in den wenigsten Fällen her-
nach versterbe, sondern es meist nicht einmal zu lebensbedrohlichen Verletzun-
gen komme (Urk. 183 S. 5 f.; Urk. 216 N 14 ff.).
2.2. Juristische Lehre und Rechtsprechung haben es seit jeher abgelehnt, sich
ausschliesslich auf statistische Wahrscheinlichkeiten oder rein objektiv feststellba-
re naturwissenschaftliche Befunde abzustützen. Massgebend ist deshalb auch die
Willensrichtung des Täters und wie stark er sein Handeln überhaupt noch unter
Kontrolle hat respektive wie stark das Ausbleiben des Todes auch Folge eines
Zufalles war. Wie gezeigt, hätten gemäss erstelltem Sachverhalt die Hirnblutung
wie auch der Kehlkopfbruch tödlich ausgehen können. Letztlich sprechen auch
die tatsächlich erlittenen Verletzungen des Privatklägers gegen die Annahme ei-
ner "bloss" versuchten schweren Körperverletzung. Auf den Umstand, dass der
Beschuldigte den Privatkläger habe töten wollen, wurde sodann bereits hinge-
wiesen.
3. Notwehr
3.1. Der Beschuldigte machte wiederholt geltend, aus einer Notsituation bzw.
aus Angst oder Selbstschutz geschlagen (so in Urk. D1/3/1 S. 5, S. 11) bzw. sich
und seine Kolleginnen schützen gewollt zu haben (Urk. D1/3/1 S. 8). Ebenfalls
führte er aus, er sei bedroht und beleidigt worden und habe sein Leben retten
wollen (Urk. 215 S. 8 f.). Er konzedierte allerdings, am Anfang auch aggressiv
gewesen zu sein (Urk. D1/3 S. 11). Er habe gewollt, dass der Privatkläger auf den
Boden falle, aber nicht auf den Kopf, nicht dass er k.o. gehe. Jeder Mensch stütz-
- 27 -
te sich doch, wenn man zu Boden falle (Urk. D1/3/1 S. 14, S. 16 f.; Urk. 75A S. 9
ff.).
3.2. Damit beruft sich der Beschuldigte auf den Rechtfertigungsgrund der Not-
wehr. Zur Prüfung der geltend gemachten Notwehr sind die behaupteten Umstän-
de anhand der Aussagen der Beteiligten sowie Zeuginnen und Zeugen zu prüfen.
Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die prozessuale Stellung einer Partei für die
Sachverhaltserstellung meist nicht viel beizutragen vermag, weder im positiven
noch im negativen Sinne (vgl. Urteil der erkennenden Kammer SB180079-O/U
vom 18. Oktober 2018 E. 3.1 S. 9). Dies gilt auch für den Beschuldigten, dem
grundsätzlich ebenfalls Glaubwürdigkeit zu attestieren ist. Im Vordergrund steht
die Glaubhaftigkeit, mithin die Überzeugungskraft der Aussagen, wie dies auch
die Vorinstanz zutreffend festhielt (Urk. 193 S. 16).
3.3. Der Privatkläger hatte keine Erinnerungen an den Vorfall, weshalb er zur
Sachverhaltserstellung im eigentlichen Sinne nichts beizutragen vermochte
(Urk. D1/4/1 S. 1 ff. und Urk. D1/4/2 S. 1 ff.). Zu seiner Person im Allgemeinen
sagte er, dass er sportlich und ein ausgeglichener bzw. sehr ausgeglichener
Mensch und weder aggressiv noch aufbrausend sei (Urk. D1/4/1 S. 2; Urk. D1/4/2
S. 4). Dies mag im Allgemeinen zutreffen, ist mit Bezug auf den konkret zu prü-
fenden Vorfall aber aufgrund der übereinstimmenden Aussagen der Zeugen zu
relativieren (vgl. nachfolgend E. IV.3.5.1. ff.).
3.4.1. Die Vorinstanz hat die Aussagen der Zeuginnen M._ (Urk. 193 S. 25;
Urk. D1/5/15 und Urk. D1/5/17), N._ (Urk. 193 S. 26; Urk. D/1/5/19 und
Urk. D1/5/20) sowie O._ (Urk. 193 S. 26 f.; Urk. D1/5/22 und D1/5/24) korrekt
wiedergegeben. Sie wies darauf hin, dass diese drei Zeuginnen enge bzw. beste
Freundinnen seien. Während die Zeuginnen M._ und N._ den Beschul-
digten nur flüchtig gekannt hätten, habe es sich bei der Zeugin O._ hingegen
um die damalige Freundin des Beschuldigten gehandelt. Die Zeugin O._ ha-
be – so die Vorinstanz – anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
vom 28. September 2016 angegeben, dass sie den Beschuldigten am Tag nach
dem Vorfall telefonisch sowie persönlich gesprochen habe (Urk. 193 S. 27;
Urk. D1/5/24 S. 12). Sie habe dabei gemäss eigenen Aussagen mit dem Beschul-
- 28 -
digten über die Tat gesprochen und im Anschluss daran auch mit ihren Freundin-
nen. Die Vorinstanz hat daher zutreffend aufgezeigt, weshalb die Aussagen die-
ser Zeuginnen aufgrund der Beziehung der Zeugin O._ zum Beschuldigten,
der Beziehung zwischen den drei Zeuginnen untereinander sowie unter
Berücksichtigung, dass sich die Zeuginnen teilweise untereinander, teilweise so-
gar mit dem Beschuldigten über den Vorfall unterhalten hätten, nur mit Vorsicht zu
würdigen seien (Urk. 193 S. 28).
3.4.2. Kommt hinzu, dass die Zeugin O._ bei der Polizei erklärte, der
Beschuldigte sei ein Kollege von ihr, nicht ihr Freund (Urk. D1/5/22). Bei der
Staatsanwaltschaft gab sie demgegenüber zu Protokoll, sie sei mit ihm verwandt.
Er sei ihr Cousin mütterlicherseits (Urk. D1/5/24). Sie – die drei Freundinnen –
hätten gleich danach (d.h. nach der Tat) und vielleicht etwa eine Woche lang dar-
über gesprochen, es habe sie schon beschäftigt (Urk. D1/5/24).
3.4.3. Diese drei Zeuginnen, die der Beschuldigte selber als seine "Kiffer-
Kolleginnen" bezeichnete (Urk. D1/3/1), waren vor der Tat mit ihm unterwegs. Sie
zeigten insbesondere durch ihr Verhalten direkt vor Ort und durch ihre Aussagen
(Weigerung, der Polizei den Namen des Beschuldigten zu nennen bzw. Flucht mit
dem Beschuldigten und Weigerung, den Namen der Freundin zu bezeichnen;
vgl. Urk. D1/1/1 S. 4 f.; Urk. D1/5/15 S. 1 und S. 4; auch so von zwei Zeugen
erwähnt: Urk. D1/5/11 S. 3 und Urk. D/1/5/13 S. 7), dass sie den Beschuldigten
möglichst nicht belasten wollten. Ihre polizeilichen Aussagen erfolgten erst,
nachdem sie sich untereinander und mit dem Beschuldigten über den Vorfall hat-
ten austauschen können (Urk. D1/5/19 S. 3 f.; Urk. D1/5/20 S. 4; Urk. D1/5/24 S.
3).
Die Zeugin M._ sagte sodann in der Einvernahme bei der Staatsanwalt-
schaft, sie und N._ sowie O._ hätten am Vortag über die anstehenden
Zeugeneinvernahmen gesprochen: "Ja, wir sind Kolleginnen und bekamen Vor-
ladungen für heute. Wir sprachen nochmals darüber, was passiert war und wir
sagten auch, dass wir anstatt etwas Falsches zu sagen, sagen würden, wir wüss-
ten es nicht mehr" (Urk. D1/5/17). Auch N._ sagte als Zeugin freimütig aus,
sie habe in der Schule, mit den Eltern und den beiden Kolleginnen über die an-
- 29 -
stehende Einvernahme gesprochen, nämlich "[...] über so Kleinigkeiten. Wir er-
zählten noch einmal kurz mit Stichworten. Das einzige, was wir sagten, was ge-
wesen sei. Die Situation, wie der Mann fiel. Wir sprachen nicht, was wir sagen
sollten. Nicht über den Ablauf, sondern eher z.B. dass das und das krass gewe-
sen sei" (Urk. D1/5/10).
3.4.4. Es erstaunt somit nicht sonderlich, dass diese drei dem Beschuldigten
nahestehenden Zeuginnen als einzige Beteiligten in Übereinstimmung mit dem
Beschuldigten aussagten, der Privatkläger habe den Beschuldigten am
Hals/Nacken gepackt und ihm gedroht, sein Sohn werde ihn umbringen. Diese
Darstellung konnte jedoch von den anderen Zeugen nicht bestätigt werden (vgl.
nachfolgend E. IV.3.5.1.). Ebenso lieferten sie eine übereinstimmende, aber wie-
derum von den übrigen Personen nicht bestätigte Version des Geschehensab-
laufs bezüglich der Frage, wann der Privatkläger seine Tasche und Jacke auf den
Boden gestellt und er die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt haben soll. Nach
ihren Schilderungen soll dies unmittelbar vor dem Fusstritt gewesen sein. Die
Zeugen J._, K._ und P._ sowie selbst der Beschuldigte (u.a. Urk.
D1/3/1 S. 3) erklärten im Widerspruch dazu, dass dies bereits früher – nämlich
nachdem die Beteiligten aus dem Zug ausgestiegen seien – erfolgte. Diese zwei
Beispiele zum Kern der Geschichte, d.h. zur behaupteten Ursache für den Tritt,
zeigen exemplarisch, dass die Aussagen der drei vorgenannten Zeuginnen nicht
nur mit Vorsicht zu würdigen, sondern schlicht nicht verlässlich sind.
3.5.1. Die Zeugen J._, K._ und P._ erscheinen demgegenüber un-
belastet und ohne Absprachen in ihren Aussagen; der Zeuge P._ berichtete
nur von einem zufälligen Treffen mit dem Zeugen J._ ca. 1-2 Wochen vor der
Zeugeneinvernahme, wo sie kurz darüber gesprochen hätten, was gemäss kon-
kretem Inhalt keiner Absprache gleich kommt (Urk. D1/15/13 S. 3). Die Vorinstanz
hat auch ihre Schilderungen im Kern zutreffend wiedergegeben (Urk. 193 S. 23
ff.). Diese Zeugen befanden sich unabhängig voneinander zufällig vor Ort, kann-
ten den Beschuldigten bis dato nicht und den Privatkläger lediglich flüchtig über
dessen Sohn (Urk. D1/5/4 S. 2 f., Urk. D1/5/9 S. 2 und Urk. 1/5/13 S. 2 f.; s.a. Urk.
193 S. 28).
- 30 -
3.5.2. Aufgrund übereinstimmender Aussagen dieser Zeugen und des Beschul-
digten ist von folgendem Geschehensablauf auszugehen: Der Beschuldigte und
der Privatkläger gerieten in der S-Bahn bereits beim Aussteigen am Bahnhof
F._ kurz aneinander. Auf dem Perron, in der Nähe des Abgangs zur Unter-
führung, lieferten sie sich hernach eine verbale Auseinandersetzung. Gemäss
dem Zeugen J._ hätten beide eine grosse Gewaltbereitschaft gezeigt, der
Beschuldigte sei auf die Aufforderung zum Streiten eingegangen (Urk. D1/5/1 S.
2). Dabei erschien der Privatkläger den Zeugen als aggressivere und auch nach-
tragendere Partei, zumal er wiederholt damit drohte, seinen Sohn aufzubieten,
während der Beschuldigte grundsätzlich zunächst versuchte, die Lage zu beruhi-
gen bzw. die Sache auf sich beruhen zu lassen. In der Folge kam es zu einem
Hin- und Hergeschubse. Nicht zu erstellen ist, dass der Privatkläger dabei den
Beschuldigten auch am Hals/Nacken packte und ihm mit dem Tod drohte, da dies
die Zeugen J._, K._ und P._ nicht bestätigen konnten. Da die Kon-
trahenten sich während ihrer nun tätlichen Auseinandersetzung dem Gleis näher-
ten, griff der Zeuge J._ schlichtend ein. Danach erschien ihm der Beschuldig-
te ruhig und im Begriff, sich vom Streit weg- respektive der Unterführung zuzu-
wenden.
3.5.3. Nach Aussagen des Zeugen J._ habe er den Beschuldigten, den er
vorher an den Schultern gefasst und gebeten habe aufzuhören, dann losgelas-
sen, "weil ich dachte, jetzt ist es vorbei, er geht. Ich wollte mich auch entfernen
und dann kam völlig unerwartet der Schlag" (Urk. D1/5/1 S. 2). Zur Frage nach
dem Tritt sagte der Zeuge bei der Polizei: "Der Täter holte aus und trat mit dem
rechten Fuss gezielt auf den Kopf mit grosser Wucht zu. Der Täter stand seitlich
hinter Herr B._ [dem Privatkläger], als er zu diesem Fusstritt ansetzte. Der
Täter kickte aus dem Stand heraus mit einer Linksdrehung. Er hat, wie ich, lange
Beine. Es sah so aus, wie wenn der Täter diesen Tritt vorher trainiert hatte". Auf
die Frage, wo der Privatkläger getroffen worden sei, führte der Zeuge aus: "Im
Gesicht, dort am Kinn und Backe" (Urk. D1/5/2). Der Privatkläger sei sofort "weg"
gewesen. Die Augen seien offen gewesen, er sei noch wenige Bruchteile von Se-
kunden gestanden und dann rückwärts ganz steif wie ein Brett auf den Boden ge-
klappt. Es habe ihn nicht gerade mit dem Schlag umgehauen. Er – der Zeuge –
- 31 -
habe einen lauten, dumpfen Schlag gehört: "[...] der kam vermutlich davon, als
der Kopf von Herrn B._ mit grosser Wucht auf den Boden knallte, als er um-
gekippt war" (Urk. D1/5/1 S. 3). Nach dem Schlag sei der Beschuldigte extrem
aggressiv gewesen: "[...] er trat sofort an den am Boden liegenden Herrn B._
heran. Ich dachte, er gibt ihm nochmals einen Schlag" (Urk. D1/5/1 S. 4). Diese
Darstellung bestätigte der Zeuge J._ in seiner staatsanwaltschaftlichen Ein-
vernahme. Er präzisierte, dass beide gestritten hätten und ein ziemliches ("rech-
tes") Gewaltpotential vom Privatkläger ausgegangen sei. Dieser habe seinen Kit-
tel ausgezogen und das Hemd aufgeknöpft während des Herumstossens (Urk.
D1/5/4 S. 6). Sie hätten sich gegenseitig verbal attackiert, aber in dem Moment,
als er es beobachtet habe, sei es mehr vom Privatkläger ausgegangen bzw. sei
von diesem ein riesengrosses Gewaltpotential ausgegangen. Es seien Fluchwör-
ter gefallen und es sei um den Sohn des Privatklägers gegangen. Der Privatklä-
ger habe etwas gesagt wie "er hole seinen Sohn". Nachdem der Zeuge dazwi-
schen gegangen sei, habe sich der Beschuldigte entfernt. "[...] ich dachte, er wol-
le sich vom Bahnhof entfernen und in Richtung Unterführung" (Urk. D1/5/4 S. 3).
"[...] auf das hin dachte ich, der Konflikt sei zu Ende". Der Privatkläger habe per-
manent weiter ausgerufen und vermehrt geschrien, er hole seinen Sohn, und der
andere würde dann schon sehen, so in der Art (Urk. D1/5/4 S. 6). Er – der Zeuge
J._ – sei direkt neben dem Beschuldigten gestanden, als der Tritt gegen den
Privatkläger erfolgt sei (Urk D1/5/4 S. 3). Dieser sei sehr schnell und gezielt ge-
kommen, es sei ein sehr starker Tritt auf Kopfhöhe gewesen; wo genau könne er
nicht sagen. Eher etwas auf der rechten Seite des Gesichtes auf der Höhe des
Auges oder der Wange (Urk. D1/5/4 S. 7). Ob der Privatkläger gesagt habe, sein
Sohn werde den Beschuldigten umbringen, wisse der Zeuge nicht mehr. Der Pri-
vatkläger habe den Schlag direkt gegen den Kopf erhalten und sei auf den Boden
geknallt. Beim Streit hätten sich die beiden hin und her geschubst. Der
Beschuldigte sei während der ganzen Sache relativ ruhig gewesen. Daher habe
der Zeuge niemals mit dem Schlag gerechnet, weil der Beschuldigte so einen ru-
higen Eindruck gemacht habe. Dass jemand den anderen am Hals gepackt hätte,
habe er nicht gesehen (Urk. D1/5/4 S. 5).
- 32 -
3.5.4. Im Kern gleich beschrieb der Zeuge K._ den Streit zwischen dem Be-
schuldigten und dem Privatkläger (Urk. D1/5/6 und Urk. D1/5/9). Er gab anlässlich
der polizeilichen Befragung vom 11. Mai 2016 und der staatsanwaltlichen Einver-
nahme vom 13. Juli 2016 an, dass es zwischen dem Beschuldigten und dem Pri-
vatkläger anfänglich einen verbalen, lauten Streit gegeben habe. Beide seien
gleich aggressiv und sehr laut gewesen (Urk. D1/5/6 S. 4). Der Streit sei immer
heftiger geworden und sie hätten sich gegenseitig herumgestossen. Der Privat-
kläger habe wiederholt gesagt, er rufe seinen Sohn an. Der Beschuldigte solle
hier stehenbleiben, da die Sache nun geregelt werden müsse. Die Kollegin des
Beschuldigten habe die beiden aufgefordert, sich zu beruhigen. Der Beschuldigte
habe dem Privatkläger seine Hand im Sinne eines "lassen wir es sein" hingehal-
ten (Urk. D1/5/6 S. 3). Dieser sei auf die Geste jedoch nicht eingegangen und ha-
be sich vom Beschuldigten abgedreht, "[...] und dann kam der Kick vom Täter"
(Urk. D1/5/6 S. 3; Urk. D1/5/9 S. 6). Er habe Letzteren nicht festgehalten und es
sei auch keiner am Hals gepackt worden. Es sei möglich, dass man sich an den
Kleidern im Bereich des Oberkörpers gepackt habe, aber nicht oben am Halsab-
schnitt (Urk. D1/5/9 S. 9). Den Ausdruck "umbringen" habe er nicht gehört (Urk.
D1/5/9 S. 7). Dann sei der Fusstritt gefolgt, ein eher starker Kick, den der Privat-
kläger nicht habe kommen sehen (Urk. D1/5/9 S. 7). Dieser sei darauf nicht vor-
bereitet gewesen, habe nicht einmal im Ansatz eine Abwehrbewegung mit dem
Arm gemacht (Urk. D1/5/6 S. 4; Urk. D1/5/9 S. 4). Der Privatkläger sei gerade
nach hinten gekippt, "[...] als wäre er mit den Füssen am Boden festgemacht"
(Urk. D1/5/6 S. 4). Der Privatkläger sei vermutlich sofort nach dem Auftreffen des
Fusses am Kopf noch im Stehen ohnmächtig gewesen, "[...] sonst wäre er nicht
so wie ein Brett nach hinten gekippt" (Urk. D1/5/6 S. 5).
3.5.5. Der Zeuge P._ sagte anlässlich der polizeilichen und staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahmen, es sei sehr laut gewesen und es hätten sich beide
gerauft. Beide seien gleich aggressiv gewesen (Urk. D1/5/11 S. 3; Urk. D1/5/13
S. 4). Er könne sich aber nicht mehr erinnern, was die beiden zueinander gesagt
hätten. Den Fusstritt habe er nicht gesehen, da er sich bereits weiter unten in
Richtung Unterführung befunden habe. Er habe den Schlag gehört aber nicht ge-
sehen, wohl aber, "[...] dass Herr B._ k.o. umfiel und hart auf dem Boden
- 33 -
aufschlug. Es gab einen richtigen Tätsch". Und weiter: "Es tätschte halt. Ich sah in
dem Moment hoch, als es passiert ist" (Urk. D1/5/13 S. 4). Als der Privatkläger am
Boden gelegen habe, sei der Beschuldigte einen Moment stehen geblieben und
danach weggerannt (Urk. D1/5/11 und Urk. D1/5/13). Dass einer den anderen am
Hals gepackt habe, habe er nicht gesehen (Urk. D1/5/13 S. 5).
3.5.6. Als Fazit zum geltend gemachten Rechtfertigungsgrund der Notwehr ergibt
sich, dass gemäss den neutralen und überzeugenden Aussagen der Zeugen
J._, K._ und P._ nicht von einer Notwehrsituation ausgegangen
werden kann. Zwar erwies sich der Privatkläger zu Beginn der Auseinanderset-
zung als der aggressivere Part (oder gleich aggressiv wie der Beschuldigte) und
der Privatkläger schrie offenbar auch nach der Intervention des Zeugen J._
noch herum bzw. nach seinem Sohn. Es gab aber nach Darstellung der Zeugen
J._ und K._ klar eine Zäsur in der Auseinandersetzung. Es ist davon
auszugehen, dass der Beschuldigte aufgrund des Verhaltens des Privatklägers,
weil dieser auf sein "Hand entgegenstrecken" im Sinne eines "Friedensangebots"
nicht eingegangen ist, frustriert gewesen ist. Das Verhalten des Privatklägers so-
wie die daraus resultierende Frustration des Beschuldigten mussten dazu geführt
haben, dass Letzterer mit einem Fusstritt gegen den Kopf des Privatklägers rea-
gierte, um den Privatkläger somit auf dem Boden zu sehen bzw. ihn zu eliminie-
ren.
Selbst wenn zu Gunsten des Beschuldigten davon ausgegangen werden würde,
dass der Privatkläger gedroht habe ihn umzubringen bzw. seinen Sohn zu holen,
der ihn umbringen würde, bestand trotzdem kein unmittelbarer Anlass, nach dem
Schlichtungsversuch des Zeugen J._ dem Privatkläger einen solchen Kick zu
versetzen, und zwar bereits deshalb nicht, weil einerseits der Sohn des Privat-
klägers gar nicht vor Ort war und andererseits der Beschuldigte vom Privatkläger
gar nicht festgehalten wurde. Es ging daher in diesem Moment vom Privatkläger
keinerlei Gefährdung aus, weshalb es für den Beschuldigten zu diesem Zeitpunkt
möglich gewesen wäre, die Situation der Unaufmerksamkeit des Privatklägers,
der sich abgewendet hatte bzw. nach dem Telefon griff, zu nutzen, um sich zu
- 34 -
entfernen. Da somit unmittelbar vor dem Tritt des Beschuldigten kein Angriff droh-
te, war sein Verhalten rechtswidrig.
4. Putativnotwehr
4.1. Die amtliche Verteidigung machte vor Vorinstanz das Vorliegen einer
Putativnotwehr bzw. eines Putativnotstands geltend und brachte vor, dem Be-
schuldigten hätten Stimmen gesagt, dass der Privatkläger ihn umbringen wolle
und er ihm deshalb einen Kick geben soll. Die Stimmen hätten ihm auch gesagt,
dass auf der anderen Seite jemand mit einer Waffe stehe (s.a. Urk. 215 S. 8).
Nach den Vorstellungen des Beschuldigten sei sein Leben demnach unmittelbar
bedroht gewesen, habe er doch befürchtet, man würde ihn umbringen. Der Be-
schuldigte habe somit gemäss seiner Vorstellung in den Umständen angemesse-
ner Weise gehandelt und den Irrtum auch bei pflichtgemässer Vorsicht gemäss
Art. 13 Abs. 2 StGB nicht vermeiden können. Es fehle an einer rechtswidrigen
Tat, weshalb der Beschuldigte freizusprechen sei (Urk. 183 S. 7 f.).
4.2. Anlässlich der Berufungsverhandlung hielt die Verteidigung im Lichte des
bundesgerichtlichen Urteils 6B_1073/2020 vom 13. April 2021 zu Recht nicht wei-
ter an diesem Standpunkt fest (Urk. 216 N 3). Das Bundesgericht hat im genann-
ten Entscheid unmissverständlich ausgeführt, es entspreche der Konzeption des
Gesetzes, pathologische Zustände, die zu einer verzerrten Wahrnehmung der
Wirklichkeit führten, nur auf der Ebene der Schuld und nicht auf der Ebene der
Tatbestandsmässigkeit oder der Rechtfertigung zu berücksichtigen. Eine allfällige
Schuldunfähigkeit wirke sich folglich nicht auf die Tatbestandsmässigkeit, sondern
einzig auf die Vorwerfbarkeit des Verhaltens (Verschulden) aus (E. 1.4.4.). Weiter
erwog das Bundesgericht (Urteil 6B_1073/2020 vom 13. April 2021 E. 1.4.6.):
" Der (psychisch) gesunde Irrende hat eine Fehlvorstellung über die Wirklichkeit.
Gemeint ist damit die insoweit 'objektive', da von allen gesunden Personen über-
einstimmend wahrnehmbare Wirklichkeit. Für eine - wie hier - an Schizophrenie
leidende Person ist bereits diese 'objektive' Wirklichkeit so nicht wahrnehmbar.
Krankheitsbedingt hat sie eine eigene, subjektive Wirklichkeit (Eigenwirklichkeit),
die nicht mehr kritisch hinterfragt werden kann. Aus psychiatrischer Sicht ist die
Rede vom Irrtum bei ihr deshalb bereits phänomenologisch verfehlt (Thommen/
- 35 -
Habermeyer/Graf, a.a.O., S. 336, Rz. 40). Das kann nun aber auch strafrechtlich
nicht anders sein: Es entspricht dem Konzept der Strafrechtsordnung, als Normal-
fall von einem Individuum auszugehen, das in der Lage ist, die Gebote und Verbo-
te des Strafrechts zu erkennen und sein Verhalten danach auszurichten (Felix
BOMMER, in: Basler Kommentar, Strafrecht, 4. Aufl. 2019, N. 16 zu Vor Art. 19
StGB). Wer folglich aufgrund einer psychischen Krankheit 'irrt', irrt - wie bereits die
Vorinstanz zutreffend ausführt - nicht im Sinne des Art. 13 Abs. 1 StGB. Die irrige
Annahme eines schuldunfähigen Beschuldigten, die bei einem geistig gesunden
Täter einen Sachverhaltsirrtum darstellen würde, ist mithin unbeachtlich, wenn sie
auf die zur Schuldunfähigkeit führende Erkrankung des Beschuldigten zurück-
geht".
4.3. Im Lichte der bundesgerichtlichen Erwägungen kann in vorliegender
Konstellation mit der Verteidigung ein Freispruch infolge Putativnotwehr nicht
weiter zur Diskussion stehen. Auch hier gründet die gestörte Wahrnehmung des
Beschuldigten allein in dessen Wahn; er "irrt" nicht im Sinne von Art. 13 StGB.
Diese Krankheitssymptomatik kann daher auch hier nicht zu einem Rechtferti-
gungsgrund im Sinne der Putativnotwehr führen. Entsprechende Elemente sind
unter dem Titel der Schuldfähigkeit zu würdigen. Damit bleibt es beim rechts-
widrigen Verhalten des Beschuldigten.
5. Fazit
Abgesehen von der abweichenden rechtlichen Würdigung des Fusstritts beantragt
die Verteidigung in Übereinstimmung mit dem Urteil der Vorinstanz, es sei festzu-
stellen, dass der Beschuldigte die Straftatbestände in nicht selbstverschuldeter
Schuldunfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB begangen habe, deshalb
nicht strafbar und von den entsprechenden Vorwürfen freizusprechen sei (Dispo-
sitiv- Ziffer 1 gemäss Urk. 193 S. 71; Urk. 216 S. 12). Da der Beschuldigte zufolge
Schuldunfähigkeit nicht strafbar ist, ist dem beizupflichten (Art. 19 Abs. 1 StGB).
Nach dem Gesagten ist daher festzustellen, dass der Beschuldigte die Tatbe-
stände der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Ver-
bindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie der Fälschung von Ausweisen im Sinne
von Art. 252 Abs. 4 StGB im Zustand der nicht selbstverschuldeten Schuldunfä-
- 36 -
higkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB erfüllt hat, weshalb er von diesen Vor-
würfen freizusprechen ist.
V. Massnahme
1. Stationäre Massnahme
1.1. Gemäss Art. 19 Abs. 3 StGB können trotz festgestellter Schuldunfähigkeit
Massnahmen nach den Artikeln 59–61, 63, 64, 67, 67b und 67e StGB getroffen
werden.
1.2. Die Vorinstanz hat für den Beschuldigte im Sinne des aktualisierten An-
trags der Staatsanwaltschaft eine stationäre therapeutische Massnahme nach Art.
59 StGB angeordnet (Urk. 193 S. 71). Auch die Verteidigung beantragt im Beru-
fungsverfahren nunmehr im Hauptstandpunkt die Anordnung einer stationären
Massnahme, fordert aber deren Befristung bis 31. Dezember 2021 (Urk. 216 N 25
ff.). Die Verteidigung hält hierzu fest, gemäss den gutachterlichen Schlussfolge-
rungen, welche nicht in Frage gestellt würden, dürfte feststehen, dass nur die An-
ordnung einer stationären Massnahme in Frage komme respektive der Beschul-
digte eine Behandlung im Rahmen eines stationären Settings benötige (Urk. 183
S. 9 f.; Urk. 216 N 25). Auch der Beschuldigte erklärte, er sei bereit, die angetre-
tene Massnahme zu absolvieren, brauche jedoch eine zeitliche Perspektive
(Urk. 215 S. 10).
1.3. Hinsichtlich der gegebenen Voraussetzungen der Anordnung einer statio-
nären Massnahme zur Behandlung von psychischen Störungen hat die Vo-
rinstanz das Nötige ausgeführt (Urk. 193 S. 52-66). Darauf kann grundsätzlich
verwiesen werden.
1.4. Rekapitulierend ist an dieser Stelle erneut darauf hinzuweisen, dass die
Gutachterin Dr. med. D._ beim Beschuldigten im Gutachten vom 6. Novem-
ber 2018 (Urk.114) sowie im Ergänzungsgutachten vom 27. Juni 2019 (Urk.139)
eine schwere psychische Störung, nämlich eine chronisch paranoide Schizophre-
nie (ICD-10 F 20.0), Cannabisabhängigkeit, gegenwärtig abstinent in beschützen-
der Umgebung (ICD-10 F 12.21) sowie einen schädlichen Gebrauch von multiplen
- 37 -
psychotropen Substanzen diagnostizierte (v.a. Alkohol, Kokain, Stimulanzen;
ICD-10 F 19.1). Im Gutachten wird der Zusammenhang zwischen der psychi-
schen Erkrankung und den Taten des Beschuldigten explizit bejaht. Das Vorlie-
gen einer schizophrenen Erkrankung, insbesondere in Kombination mit einer
Suchterkrankung, bringe ein sehr ungünstiges legalprognostisches Gewicht mit
sich. Die Gutachterin legte sodann schlüssig dar, weshalb sie einzig eine stationä-
re Massnahme in einer spezialisierten forensisch-psychiatrischen Klinik gemäss
Art. 59 StGB als geeignet erachte, um die Legalprognose des Beschuldigten zu
verbessern (Urk. 114 S. 91).
1.5. Im Hinblick auf die Berufungsverhandlung wurde bei der PUK ein Thera-
pieverlaufsbericht über den Beschuldigten eingeholt, wobei die Klinik auch um ei-
ne Einschätzung der Restdauer der Massnahme ersucht wurde (Urk. 200). Der
Therapie-Zwischenbericht wurde am 26. Januar 2021 erstattet (Urk. 202). Zum
Verhalten in der Institution führte die PUK aus, der Beschuldigte sei aufgrund des
verbesserten psychopathologischen Status und zur weiteren Förderung am 29.
Juli 2019 von der Sicherheitsstation ... auf die geschlossene Massnahmenstation
... verlegt worden, deren Konzept auf eine vermehrte Selbständigkeit ausgerichtet
sei. Der Beschuldigte habe sich zu Beginn sehr zurückhaltend, ängstlich, unsicher
und devot präsentiert. Es sei offenkundig, dass er eher versucht habe, es allen
Recht zu machen und keinen Fehler zu begehen. So habe er anfangs mit fast
übertriebener Höflichkeit imponiert. Dies schiene sich in den letzten Monaten ge-
legt zu haben. Auch die zu Beginn salienten formalen Denkstörungen wie Denk-
hemmungen schienen sich allmählich zu lösen. So falle es ihm nun leichter, seine
Gedanken zu ordnen und diese zu kommunizieren. Seit Beginn der COVID-19
Pandemie seien beim Beschuldigten deutliche Ängste und Sorgen um seine Ge-
sundheit und die seiner Familie ersichtlich. Dies habe unter anderem auch dazu
geführt, dass er zwanghaft anmutendes Waschverhalten gezeigt und auch sonst
im Stationsalltag mit einer gewissen Rigidität in seinen Tagesabläufen imponiert
habe. Dieses Verhalten sei nun aber seit einigen Monaten stark rückläufig. Auf-
grund seines anfänglichen Misstrauens und seiner Unsicherheit habe er zu Be-
ginn nur Kontakt zu einer Mitpatientin gehabt, die er von der Sicherheitsstation
gekannt habe. Mittlerweile sei er gut in der Patientengruppe integriert. Auch in
- 38 -
den Gesprächen mit den pflegerischen Bezugspersonen präsentiere er sich zu-
gänglicher und scheine zunehmend mehr Vertrauen zu fassen. Daneben erledige
er die stationsbezogenen Aufgaben (wie z.B. Aufräumen und Küchendienst)
pflichtbewusst und unterstütze dabei auch seine Mitpatienten. Diesbezüglich kön-
ne beim Beschuldigten von einer deutlichen prosozialen Entwicklung gesprochen
werden. Im Rahmen der bisherigen letzten Lockerungsstufe (unbegleitete Aus-
gänge auf dem erweiterten Klinikareal) sei es zu keinerlei Lockerungsmissbräu-
chen gekommen; der Beschuldigte präsentiere sich diesbezüglich stets kooperativ
und absprachefähig (Urk. 202 S. 1 f.). Die psychische und physische Verfassung
beschrieb die PUK im genannten Bericht wie folgt (Urk. 202 S. 2):
"Wach, bewusstseinsklar, zu allen vier Qualitäten orientiert. Im Kontakt freundlich,
formal korrekt und kooperativ. Auffassung und Konzentration phasenweise leicht
eingeschränkt. Formalgedanklich geordnet, aber leicht gehemmt und verlang-
samt. Keine klinischen Hinweise auf akute, produktivpsychotische Symptome wie
Ich- Störung, Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Negativsymptomatik wei-
terhin bemerkbar: Wortkargheit, Antriebshemmung, affektive Verflachung, jedoch
punktuell schwingungsfähig, Schwierigkeiten bei der Verbalisierung seiner Ge-
dankengänge. Keine Anhaltspunkte für eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung."
Sodann äusserte sich die PUK zu den Themen Wohnen, Arbeit, Freizeit und dem
formalen Behandlungssetting und betonte abschliessend, dass der Beschuldigte
zusammengefasst noch über einen Zeitraum von mehreren Jahren eine struktu-
rierte therapeutische Begleitung benötige, um die skizzierten vielfältigen und risi-
koreduzierenden therapeutischen Ziele erreichen zu können (Urk. 202 S. 3).
1.6. Auch unter Berücksichtigung des letzten Zwischenberichts erweist sich die
Anordnung einer stationären Massnahme für den massnahmewilligen und
massnahmefähigen Beschuldigten in Übereinstimmung mit der Verteidigung nach
wie vor indiziert. Insbesondere ist die stationäre therapeutische Behandlung des
Beschuldigten auch nach dem vorzeitigen Massnahmenantritt weiterhin geeignet
und notwendig, um die Legalprognose (weiter) zu verbessern. Es ist daher eine
stationäre therapeutische Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB anzuordnen.
- 39 -
2. Befristung der Massnahme
2.1. Die Verteidigung moniert, die Vorinstanz habe auf eine Befristung der
Massnahme verzichtet und dabei den seit Februar 2018 faktisch bestehenden
vorzeitigen Massnahmenvollzug unberücksichtigt gelassen (Urk. 216 N 31). Die
Gutachterin habe schon im November 2018 bestätigt, dass in der regulären
Höchstdauer einer stationären Massnahme von fünf Jahren sehr wahrscheinlich
erhebliche Behandlungsfortschritte zu erreichen seien. Aus den Therapieberich-
ten gehe hervor, dass sich der Beschuldigte seither gut in die Therapie einge-
bracht und bemerkenswerte Fortschritte erzielt habe. Dies zeige sich bereits am
Umstand, dass er ohne polizeiliche Begleitung zur Berufungsverhandlung habe
erscheinen dürfen. Der Beschuldigte habe denn auch glaubhaft darlegen können,
motiviert und fähig zu sein, den eingeschlagenen Weg selbstverantwortlich zu be-
schreiten. Der Kontakt zu seiner Kernfamilie sei sehr gut und wirke stabilisierend.
Diverse Vollzugslockerungen stünden unmittelbar bevor und sogar ein Wohnex-
ternat erscheine als wahrscheinlich (Urk. 183 S. 11; Urk. 216 N 35 ff.).
Des Weiteren – so die Verteidigung sinngemäss – seien aber nicht nur die bereits
erzielten Behandlungserfolge, sondern auch die Fehldiagnose des Erstgutachtens
sowie die Verletzung von Protokollierungsvorschriften der Vorinstanz bei der
Befristung der Massnahme zu berücksichtigen. Der Beschuldigte befinde sich seit
dem 12. Mai 2016 in Haft, seit dem 2. Februar 2018 in der Klinik E._. Erst
von diesem Zeitpunkt an habe man ihm eine angemessene Behandlung seiner
Krankheit gewährt. Diesbezüglich treffe den Beschuldigten keine Schuld, und sein
Zustand habe sich durch die Haft verschlimmert, was nun zu einer längeren
Behandlung führe. Hierfür müsse ein Ausgleich im Sinne einer Befristung bis En-
de 2021 vorgenommen werden, damit ein allfälliges Verlängerungsverfahren zeit-
nah erfolgen könne (Urk. 183 S. 11; Urk. 216 N 40). Problematisch sei, dass ge-
mäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung die in Art. 59 Abs. 4 StGB festgesetzte
Dauer einer stationären Massnahme erst mit dem rechtskräftigen Anordnungsent-
scheid beginne. Trotz unsteter höchstrichterlicher Rechtsprechung sei das Gericht
jedoch verpflichtet, bei der Verhältnismässigkeit der stationären Massnahme in
- 40 -
zeitlicher Hinsicht einen allfälligen vorzeitigen Massnahmenvollzug zu berücksich-
tigen (Urk. 183 S. 10 f.; Urk. 216 N 30 ff.).
2.2. Bei den Fristen gemäss Art. 59 Abs. 4 StGB handelt es sich um Höchstfris-
ten. Das Gericht kann sowohl für die Erstanordnung als auch für die Verlängerung
eine Frist von weniger als fünf Jahren festlegen. Dadurch wird nicht die Mass-
nahme als solche verkürzt, sondern die gerichtliche Überprüfung der Massnahme
vorverschoben (BGE 145 IV 65 E. 2.2). Das Bundesgericht bestätigte im Urteil
6B_1375/2020 vom 2. Februar 2021 sodann seinen Grundsatzentscheid in
BGE 145 IV 65, wonach für den Fristenlauf auf das Datum des in Rechtskraft
erwachsenen Anordnungsentscheids abzustellen sei, sofern die stationäre thera-
peutische Behandlung nicht aus der Freiheit heraus angetreten werde (Urteil
6B_1375/2020 vom 2. Februar 2021 E. 2.7.1.). Ein vorzeitiger Massnahmenvoll-
zug ist bei der Berechnung der Dauer einer Massnahme daher grundsätzlich nicht
miteinzubeziehen. Mit dem Sachurteil beginnt, falls keine gerichtliche Befristung
erfolgt, daher grundsätzlich eine neue (5 Jahres-)Frist zu laufen. Gemäss bun-
desgerichtlicher Rechtsprechung ist jedoch im Rahmen der Prüfung der Verhält-
nismässigkeit bei der Gesamtdauer in zeitlicher Hinsicht ein allfälliger vorzeitiger
Massnahmenvollzug zu berücksichtigen (BGE 145 IV 65 E. 2.6.2.; Urteil
6B_1172/2020 vom 21. Dezember 2020 E. 1.7.2.).
2.3. Bezüglich der beantragten Befristung ist zunächst daran zu erinnern, dass
das bisherige junge Leben des Beschuldigten bereits vor der heute zu beurteilen-
den Tat vom 10. Mai 2016 nicht gerade problemlos verlief (vgl. hierzu auch das
Gutachten von Dr. med. D._, Urk. 114 S. 10 ff., 34 ff.). Die Vorinstanz mach-
te im ersten Urteil vom 18. Januar 2018 diesbezüglich die nachfolgenden, nach
wie vor zutreffenden Erwägungen (Urk. 91 S. 55 f.):
"Hinsichtlich der persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten ist auf die einschlä-
gigen Ausführungen zur Person, seine Personalakte sowie die psychiatrischen
Abklärungen und Gutachten zu verweisen (D1 act. 16/1-12; D1 act. 3/1, S. 21 ff.;
D1 act. 3/9, S. 8 f.; D1 act. 15/1-3, 15/19 und 15/27; D1 act. 75A, S. 2 ff.). Dem-
gemäss ist der Beschuldigte in der Schweiz geboren und wohnte bis zu seiner
Verhaftung am 12. Mai 2016 mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder zu-
- 41 -
sammen. Mit 14 Jahren wurde er bereits vom Jugendgericht Zürich zu einer be-
dingten Freiheitsstrafe von 60 Tagen und persönlicher Betreuung verurteilt. Diese
wurde wiederrufen. Der Beschuldigte wurde sodann im Jahr 2014 zu 11 Monaten
Freiheitsentzug und einer Busse von Fr. 100.– bestraft, wobei die Freiheitsstrafe
zugunsten einer ambulanten Behandlung Jugendlicher aufgeschoben wurde. Der
Beschuldigte war in verschiedenen Institutionen zuletzt für fast zwei Jahre im
Q._ untergebracht. Dort hat er eine Lehre als Metallbauer begonnen, das
erste Lehrjahr vollendet und im 2. Jahr aufgrund von Problemen mit seinem Chef
seine Lehre infolge von Drogenkonsum abgebrochen. Danach hat er sich einer
ambulanten Massnahme von zuhause aus unterzogen und hat sich eine Arbeits-
stelle gesucht. Zuletzt hat er als Sicherheitsangestellter gearbeitet, wobei er tags-
über Fr. 23.– und nachts Fr. 28.– pro Stunde verdient hat. Die Arbeit war auf Ab-
ruf zu leisten, ca. einmal pro Woche. Der Beschuldigte wurde bisher von seinen
Eltern unterstützt und erzielte durchschnittlich ein Einkommen Fr. 400.– pro Mo-
nat. Bereits in der Schulzeit ist der Beschuldigte aufgefallen, da er immer wieder
"geschlägelt" hat. Dies ist auf sein generell aggressives Verhalten zurückzuführen.
Er gab an, dass er von seiner Familie in der Kindheit schwer misshandelt und
geschlagen wurde und somit dieses Verhalten in seiner Erziehung gelernt hat. [...]
Seit der Inhaftierung konsumiert der Beschuldigte keine Drogen mehr, gibt aber
an, grundsätzlich ein Drogenproblem (Marihuana, Kokain, MDMA, Heroin) zu ha-
ben [...]
Der Beschuldigte wurde im September 2011 sowie im Mai 2014 von der Jugend-
anwaltschaft Zürich bzw. vom Jugendgericht wegen mehrfachem Raub, Sach-
beschädigung, mehrfachem Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Rauf-
handel, mehrfacher Fälschung von Ausweisen, Gewalt und Drohung gegen Be-
hörden und Beamte sowie wegen mehrfachem Vergehen gegen das Waffenge-
setz verurteilt (D1 act. 16/2)."
2.4. Vor diesem Hintergrund und gestützt auf die Einschätzung der behandeln-
den Fachpersonen erscheint für eine Erreichung von sämtlichen risikoreduzieren-
den therapeutischen Zielen denn auch eine weitere Behandlung im stationären
Setting für einen gewissen Zeitraum als unumgänglich (vgl. Urk. 202 S. 2). Je-
doch ist zu konstatieren, dass sich der Zustand des lange dissimulierenden Be-
schuldigten mit der später korrekten Diagnose und dem vorzeitigen Beginn der
- 42 -
Massnahme merklich verbessert hat. Dies ermöglichte nebst erfolgter Verlegung
von der Sicherheitsstation auf die geschlossene Massnahmenstation in kurzer
Zeit bereits diverse weitergehende Lockerungsmassnahmen, welche gewährt
wurden bzw. unmittelbar bevorstehen (vgl. auch Urk. 206 und 207: Unbegleitete
Ausgangsstufen und ausserklinische Aktivitäten, externes Arbeiten und Übertritt
auf eine offene Massnahmenstation). Die therapeutischen und medizinischen Vo-
raussetzungen werden hierfür als gegeben erachtet (Urk. 207 S. 1). Davon zeugt
auch der Umstand, dass der Beschuldigte ohne jegliche polizeiliche Sicherungs-
massnahmen, einzig in Begleitung der Stationsleiterin der Klinik E._, zur
heutigen Verhandlung erschienen ist.
2.5. Mit der Verteidigung hat der Beschuldigte bereits verschiedene risikoredu-
zierende therapeutische Ziele plangemäss erreichen können (Urk. 216 N 34 f.),
wurde doch im Verlaufsbericht vom 26. Januar 2021 zu den skizzierten Vollzugs-
lockerungen festgehalten, ein Arbeitsexternat und unbegleitete Ausgänge seien in
einem halben bis einem Jahr in Betracht zu ziehen (Urk. 202 S. 3). Gemäss Ver-
laufsbericht sei hernach ein Übertritt in ein geeignetes Anschlusssetting mit hoher
Strukturierung und ausreichender psychosozialer Unterstützung in eineinhalb bis
zwei Jahren ein realistisches Szenario, sofern der Beschuldigte in den Settings
psychopathologisch stabil bleibe (Urk. 202 S. 3). Der Beschuldigte arbeitet mo-
mentan in der Metallwerkstatt bzw. in der Abteilung "Industrie und Technik" und
nimmt am Therapieangebot teil, soweit dies nicht wegen der Corona-Pandemie
pausieren musste. Er lernt Englisch, steht in täglichem Kontakt mit seiner Familie,
konsumiert seit fünf Jahren keine Drogen mehr und möchte gerne eine Lehre und
hernach eine KV-Schule absolvieren. Medikamentös sei er gut eingestellt und
könne sich vorstellen, die verschriebenen Medikamente lebenslang einzunehmen
(Urk. 202 S. 2; Urk. 215 S. 6 ff.). Anlässlich der heutigen Verhandlung bestätigte
der Beschuldigte den aus dem Therapiebericht gewonnenen positiven Eindruck.
Ebenfalls unterstrich er, die gesteckten Ziele erreichen zu wollen. Er brauche je-
doch eine Perspektive (Urk. 215 S. 10; Prot. II S. 8).
2.6. Die diversen umgesetzten Lockerungsstufen zeigen, dass der Beschuldigte
erhebliche Fortschritte im Rahmen der Therapie machen konnte und diesen auch
- 43 -
Rechnung getragen wurde. Dass der Beschuldigte gemäss grundsätzlicher Ein-
schätzung der behandelnden Ärzte und Therapeuten noch über einen Zeitraum
von mehreren Jahren eine strukturierte therapeutische Begleitung benötige, steht
einer Befristung der stationären Massnahme in vorliegender Konstellation daher
nicht entgegen. Trotz der belasteten Vita des Beschuldigten rechtfertigen die vor-
genannten Umstände, mithin die substantiellen Fortschritte des Beschuldigten im
Verlauf des bisherigen (vorzeitigen) Massnahmenvollzugs, eine ausnahmsweise
zeitliche Befristung der Massnahme.
2.7. Eine Beschränkung bis Ende 2021 erscheint entgegen dem Antrag der
Verteidigung dafür jedoch weder praktikabel noch realistisch. So stehen massge-
bliche, für die allfällige Prüfung der Fortführung der Massnahme entscheidrele-
vante Lockerungen erst kurz bevor, weshalb eine Befristung von nunmehr weni-
gen Monaten im Lichte der zu stellenden Legalprognose nicht gerechtfertigt wäre.
Kommt hinzu, dass für die allfällige Verlängerung der stationären Massnahme der
Zeitpunkt des Ablaufs der Frist gemäss Anordnungsentscheid massgebend ist
und die Behörden ein entsprechendes Gesuch rechtzeitig, mithin vor Ablauf der
gesetzten Frist, überhaupt stellen können müssen (vgl. Urteil 6B_1375/2020 vom
22. Februar 2021 E. 2.4.1.).
2.8. Im Lichte der Behandlungsfortschritte sowie des im Therapiebericht in
Aussicht gestellten weiteren Settings erscheint es insgesamt gerechtfertigt, die
gerichtliche Überprüfung der stationären Massnahme auf den 28. Februar 2023
vorzusehen und die Massnahme auf diesen Zeitpunkt zu befristen.
Der Vollständigkeit halber bleibt anzumerken, dass die Befristung weder aufgrund
der geltend gemachten Verfahrensfehler noch aus zeitlichen Verhältnismässig-
keitsüberlegungen angezeigt ist, wie dies die Verteidigung teilweise ins Feld führt,
sondern vorliegend einzig auf den therapeutischen Fortschritten des Beschuldig-
ten beruht. Es erschliesst sich sodann nicht, inwiefern die Verletzung von Proto-
kollierungsvorschriften oder das Dissimulieren des Beschuldigten im Rahmen der
Verhältnismässigkeitsprüfung bzw. der Befristung der Massnahme Berücksichti-
gung finden könnte, wie dies die Verteidigung geltend macht (vgl. Urk. 216 N 40).
- 44 -
VI. Genugtuung
1. Standpunkt der Verteidigung
Der amtliche Verteidiger beantragt für den Beschuldigten eine "angemessene
Genugtuung". Zur Begründung wird sinngemäss und im Wesentlichen vorge-
bracht, wenn die Dauer des faktischen vorzeitigen Massnahmenvollzugs bei der
(gesamten) Massnahmendauer angemessen berücksichtigt werde, stelle sich nur
noch die Frage, wie der Zeitraum für die Dauer der Haft bzw. des vorzeitigen
Strafvollzugs zwischen Mai 2016 und Januar 2018 zu entschädigen sei (Urk. 216
N 42). Diesbezüglich müsse berücksichtigt werden, dass infolge unverschuldeter
Schuldunfähigkeit ein Freispruch zu ergehen habe, weshalb die Haft nicht im Sin-
ne von Art. 51 StGB angerechnet werden könne. Sodann sei der Beschuldigte
zunächst wegen Kollusionsgefahr inhaftiert worden. Erst mit Entscheid des
Zwangsmassnahmengerichts vom 15. August 2016 sei die Haft auch aufgrund
des Vorliegens von Wiederholungsgefahr begründet worden. Zumindest bis zu
diesem Zeitpunkt könne die wegen Kollusionsgefahr angeordnete Untersu-
chungshaft nicht im Sinne der bundesgerichtlichen Rechtsprechung an die Mass-
nahme angerechnet werden, da sie bis dahin nicht dem "Schutze der Allgemein-
heit" gedient habe. Diesbezüglich sei von einem behördlichen Versagen auszu-
gehen. Der Staat habe den Beschuldigten unbehandelt weggesperrt, wofür er nun
Verantwortung tragen und den Beschuldigten die erlittene Haft im genannten Zeit-
raum angemessen entschädigen solle (Urk. 216 N 43 ff.).
2. Würdigung
2.1. Der Beschuldigte wurde am 12. Mai 2016 verhaftet (Urk. D1/14/1) und her-
nach in Untersuchungshaft (Urk. D1/14/9) bzw. Sicherheitshaft (Urk. 26) versetzt.
Die erstinstanzliche Verfahrensleitung bewilligte ihm im Verfahren DG170017-D
am 25. September 2017 den vorzeitigen Antritt der Strafe und der ambulanten
Massnahme (Urk. 55). Nach verschiedenen Vorfällen im vorzeitigen Strafvollzug
erfolgte am 2. Februar 2018 die notfallmässige Einweisung die Klinik E._ zu
Krisenintervention, wo sich der Beschuldigte seither im Rahmen des vorzeitigen
Vollzugs aufhält (Urk. 89; Urk. 143).
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2.2. Gemäss BGE 141 IV 236 E. 3 ist nach dem Gesetzeswortlaut von Art. 431
Abs. 2 StPO Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft auch an freiheitsentziehende
Massnahmen gemäss Art. 56 ff. StGB grundsätzlich anzurechnen. In dieser Norm
ist, anders als in Art. 51 StGB, ausdrücklich von Sanktionen und nicht nur etwa
von Strafen die Rede, welche Grundlage der Anrechnung bilden könnten. Der zi-
tierte Bundesgerichtsentscheid betraf – wie vorliegend – die Frage, ob ein Täter
für die erstandene Untersuchungs- und Sicherheitshaft zu entschädigen ist, wenn
ihm gegenüber zwar eine stationäre therapeutische Massnahme angeordnet wur-
de, für die der Massnahme zugrunde liegenden Straftaten wegen Schuldunfähig-
keit jedoch ein Freispruch erging und die Untersuchungs- und Sicherheitshaft da-
her auf keine Strafe angerechnet werden konnte. Das Bundesgericht wies dabei
darauf hin, dass bei stationären therapeutischen Massnahmen nach Art. 59 StGB
– im Hinblick auf die Gefahr weiterer Straftaten – stets an die Gefährlichkeit des
Täters angeknüpft werde und es bei der Anordnung der Massnahme immer auch
um Sicherung gehe. Dieser Zweck – die Verhinderung von weiteren Straftaten
zum Schutz der Allgemeinheit – könne auch der strafprozessualen Untersu-
chungs- bzw. Sicherheitshaft zugrunde liegen (a.a.O. E 3.8).
2.3. Weshalb es sich im vorliegenden Fall anders verhalten und eine Anre-
chenbarkeit der erstandenen Haft ausgeschlossen sein sollte, ist nicht ersichtlich.
Zunächst ist festzuhalten, dass sich die Haft im Zeitpunkt ihrer Anordnung und
Verlängerung fraglos als rechtmässig erwies. Wie die Verteidigung sodann selber
einräumt, wurde die strafprozessuale Haft des Beschuldigten bereits in der Ver-
fügung vom 15. August 2016 unter anderem mit dem Haftgrund der Wiederho-
lungsgefahr begründet (Urk. D1/14/15; Urk. 216 N 45). Es trifft zwar zu, dass die
ursprüngliche Haftanordnung aufgrund des Vorliegens von Kollusionsgefahr
erfolgte. Weder ist das Zwangsmassnahmengericht dabei jedoch verpflichtet,
sämtliche möglichen Haftgründe zu prüfen, noch ist anhand der genannten bun-
desgerichtlichen Rechtsprechung ersichtlich, dass bei der Anrechnung der pro-
zessualen Haft nachträglich gemäss den besonderen Haftgründen unterschieden
werden müsste, ob eine Anrechnung erfolgen kann. Ausschlaggebend ist vorlie-
gend, dass die Untersuchungs- bzw. Sicherheitshaft gewissermassen der Vorläu-
fer der vorzeitig angetretenen ambulanten und nunmehr stationär anzuordnenden
- 46 -
therapeutischen Massnahme war. Sie diente zu Beginn zwar der Sicherstellung
der wahrheitsgetreuen Abklärung des Sachverhaltes, letztlich aber bereits damals
auch dem Schutz der Allgemeinheit und damit im Sinne der anzuordnenden Mas-
snahme der Gefahrenabwehr, wurde dem Beschuldigten doch gutachterlich eine
hohe Rückfallgefahr attestiert (vgl. Urk. D1/15/19; Urk. D1/15/27; Urk. 114). Somit
ist auch die vom Beschuldigten ausgestandene Untersuchungs- und Sicherheits-
haft vollumfänglich an die stationäre therapeutische Massnahme anzurechnen
(der Freiheitsentzug aufgrund von Haft respektive vorzeitigem Straf- und Mass-
nahmenvollzug beträgt bis und mit heute gesamthaft 1876 Tage). Dies hat zur
Folge, dass ein Entschädigungsanspruch entfällt (vgl. BGE 141 IV 236 E. 3.9; be-
stätigt u.a. in BGE 145 IV 65). Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass
eine allfällige Entschädigung auch nicht unter dem Titel der Überhaft geprüft wer-
den muss, da die effektive Dauer der Massnahme noch unbekannt ist.
2.4. Das seitens des Beschuldigten geltend gemachte Genugtuungsbegehren
ist entsprechend abzuweisen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Kosten
1.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschuldigte mit seiner
Berufung und wird deshalb im Rechtsmittelverfahren grundsätzlich kostenpflichtig
(Art. 428 Abs. 1 StPO). Gemäss Art. 419 StPO können Schuldunfähigen jedoch
nur Kosten auferlegt werden, wenn dies nach den gesamten Umständen billig
erscheint. Die einschränkende Kostenauflage gilt auch dann, wenn gegen einen
Schuldunfähigen im Sinne von Art. 375 Abs. 1 StPO Massnahmen angeordnet
werden (BSK StPO II-BOMMER, a.a.O., Art. 375 N 22 ff.).
1.2. Aus Billigkeitsgründen ist eine Kostenauflage nur gerechtfertigt, wenn die
wirtschaftlichen Verhältnisse der beschuldigten schuldunfähigen Person so gut
sind, dass eine Kostenübernahme durch den Staat als stossend erschiene
(BSK StPO II-DOMEISEN, a.a.O., Art. 419 N 7 m.H.). Dies ist vorliegend offensicht-
lich nicht der Fall (vgl. vorstehende Ausführungen zur Person des Beschuldigten;
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E. V.2.3.). Der Beschuldigte ist seit Jahren einkommens- und vermögenslos. Die
Gerichtsgebühr hat deshalb ausser Ansatz zu fallen und die Kosten des Beru-
fungsverfahrens, inklusive derjenigen der amtlichen Verteidigung, sind auf die Ge-
richtskasse zu nehmen.
2. Honorar amtliche Verteidigung
Der seitens des amtlichen Verteidigers mit Honorarnote vom 30. Juni 2021 gel-
tend gemachte Aufwand von Fr. 6'119.10 (inkl. Auslagen und MwSt.) ist ausge-
wiesen und erscheint angemessen (Urk. 214/1). Da die Aufwendungen im Zu-
sammenhang mit der heutigen Berufungsverhandlung bereits mehrheitlich be-
rücksichtigt wurden, rechtfertigt es sich, Rechtsanwalt lic. iur. X._ für das Be-
rufungsverfahren pauschal mit Fr. 6'200.– (inkl. Auslagen und MwSt.) zu entschä-
digen.