Decision ID: 693f308d-315c-54a4-91b8-0758cb262b3a
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X. besitzt den Führerausweis der Kategorien B und BE sowie der Unterkategorien
D1 und D1E seit dem 8. Mai 1956. Seit dem 7. Januar 1954 ist er zudem berechtigt,
Motorräder der Kategorie A zu lenken. Am 15. März 2012 überschritt er die zulässige
Höchstgeschwindigkeit innerorts von 50 km/h um 17 km/h, weshalb er mit Verfügung
des Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamts des Kantons St. Gallen (nachfolgend
Strassenverkehrsamt) vom 1. Juni 2012 verwarnt wurde.
B.- Anlässlich der periodischen Kontrolluntersuchung durch den Hausarzt vom
22. Februar 2018 hielt dieser fest, dass die normalen Kontrollabstände ausreichten,
aber X. die Auflage zu erteilen sei, weiterhin jeden Morgen die Blutzuckermessung
vorzunehmen. Daraufhin kündigte das Strassenverkehrsamt X. mit Schreiben vom
28. Februar 2018 an, den Führerausweis unter anderem mit der Auflage zu versehen,
dass er sich auf unbestimmte Zeit jährlich von seinem behandelnden Diabetologen
oder Hausarzt auf seine aktuelle Fahreignung hin untersuchen zu lassen habe. Diese
Auflage wurde am 5. März 2020 angeordnet und erwuchs unangefochten in
Rechtskraft. Nach zweimaliger Erinnerung durch das Strassenverkehrsamt reichte X.
am 11. Juni 2019 das ärztliche Zeugnis zur "Fahreignung und Diabetes mellitus" vom
7. Juni 2019 ein. Mit Verfügung vom 11. Juni 2019 teilte das Strassenverkehrsamt mit,
aufgrund einer Änderung der Auflagenpraxis im Kanton St. Gallen werde von der
verfügten Auflage abgesehen und diese gelöscht.
Anlässlich der Kontrolluntersuchung durch einen Arzt der Stufe 3 am 26. Juni 2020 hielt
dieser fest, dass X. die Auflage zu erteilen sei, vor Antritt der Autofahrt den Blutzucker
zu messen und während der Fahrt Kohlenhydrate mitzuführen. Sodann habe er sich
halbjährlich der fachärztlichen Untersuchung durch einen Kardiologen, Diabetologen
und Augenarzt zu unterziehen. Der Arzt empfahl halbjährliche Kontrollen durch einen
anerkanten Arzt der Stufe 2 und damit kürzere Abstände als in der
Verkehrszulassungsverordnung vorgesehen. Mit Schreiben vom 6. Juli 2020 forderte
das Strassenverkehrsamt deshalb X. auf, ein ärztliches Zeugnis zur "Fahreignung und
Diabetes mellitus" seines Diabetologen oder Hausarztes einzureichen. Dieses ging am
13. Juli 2020 beim Strassenverkehrsamt ein. Daraufhin beauftragte das
Strassenverkehrsamt die verkehrsmedizinische Abteilung des Instituts für
Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen (IRM) mit einer Aktenbeurteilung. Die
Verkehrsmedizinerin des IRM kam am 15. Juli 2020 zum Schluss, dass gestützt auf den
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Bericht der ärztlichen Kontrolluntersuchung der Stufe 3 vom 26. Juni 2020 keine
hinreichend schlüssige Beurteilung möglich sei und eine Abklärung bei einem Arzt der
Stufe 4 empfohlen werde. Mit Schreiben vom 16. Juli 2020 stellte das
Strassenverkehrsamt X. eine verkehrsmedizinische Untersuchung beim IRM in
Aussicht. Dazu liess er sich nicht vernehmen. Daraufhin ordnete das
Strassenverkehrsamt mit Verfügung vom 10. August 2020 eine verkehrsmedizinische
Untersuchung beim IRM an.
C.- Dagegen erhob X. mit Eingabe vom 23. August 2020 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) mit den Anträgen, es sei
die Zwischenverfügung der Rekursgegnerin vom 16. Juli 2020 aufzuheben, eventualiter
sei eine Zweitmeinung eines weiteren Hausarztes einzuholen. Das Strassenverkehrsamt
(nachfolgend Vorinstanz) liess sich mit Schreiben vom 17. September 2020 vernehmen
und beantragte, der Rekurs sei abzuweisen.
Auf die Ausführungen der Beteiligten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Der
Rekurs vom 23. August 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller
und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht an der Fahreignung des
Rekurrenten zweifelte und mit der angefochtenen Verfügung eine verkehrsmedizinische
Untersuchung der Stufe 4 anordnete.
a) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist neben der
Fahrkompetenz die Fahreignung (Art. 14 Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes,
SR 741.01, abgekürzt: SVG). Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen
Voraussetzungen, um ein Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die
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Fahreignung muss grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Gemäss
Art. 14 Abs. 2 SVG verfügt über Fahreignung, wer das Mindestalter erreicht hat (lit. a),
die erforderliche körperliche und psychische Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen
von Motorfahrzeugen hat (lit. b), frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von
Motorfahrzeugen beeinträchtigt (lit. c), und wer nach seinem bisherigen Verhalten
Gewähr bietet, als Motorfahrzeugführer die Vorschriften zu beachten und auf die
Mitmenschen Rücksicht zu nehmen (lit. d).
Bestehen Zweifel an der Fahreignung einer Person, so wird diese einer
Fahreignungsuntersuchung unterzogen (Art. 15d Abs. 1 SVG). Absatz 1 von Art. 15d
SVG nennt in den lit. a bis e beispielhaft die fünf wichtigsten Fälle, die Zweifel an der
Fahreignung begründen und deren Abklärung erforderlich machen, und zwar bei
Fahren in angetrunkenem Zustand mit einer Blutalkoholkonzentration von
1,6 Gewichtspromille oder mehr oder mit einer Atemalkoholkonzentration von 0,8 mg
Alkohol oder mehr (lit. a), Fahren unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln oder bei
Mitführen von Betäubungsmitteln, welche die Fahrfähigkeit stark beeinträchtigen oder
ein hohes Abhängigkeitspotenzial aufweisen (lit. b), Verkehrsregelverletzungen, die auf
Rücksichtslosigkeit schliessen lassen (lit. c), der Meldung einer IV-Stelle nach Art. 66c
des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung (SR 831.20;
lit. d) oder der Meldung eines Arztes, dass eine Krankheit vorliege, die das sichere
Führen von Motorfahrzeugen ausschliesst (lit. e). Die Liste in Art. 15d Abs. 1 SVG ist
nicht abschliessend (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_446/2012 vom 26. April 2013
E. 3.2; BBl 2010 S. 8500). Sofern kein Sondertatbestand nach Art. 15d Abs. 1 lit. a bis
e SVG vorliegt, kann eine Fahreignungsuntersuchung auch gestützt auf die
Generalklausel in Abs. 1 angeordnet werden. Dies kann beim Verdacht der
Nichterfüllung einer der medizinischen Mindestanforderungen gemäss Art. 7 in
Verbindung mit (i.V.m.) Anhang 1 der Verkehrszulassungsverordnung (SR 741.51;
abgekürzt: VZV) der Fall sein oder beim Verdacht auf Vorliegen einer anderen
körperlichen oder psychischen Erkrankung, welche die Fahreignung momentan oder
dauernd ausschliesst, und zwar unabhängig davon, ob sie einen Bezug zum
Strassenverkehr aufweisen oder nicht. Ein verkehrsmedizinisches Gutachten drängt
sich somit immer dann auf, wenn hinreichend konkrete Anhaltspunkte vorliegen, die
ernsthafte Zweifel an der Fahreignung des Betroffenen aufkommen lassen (BGer
1C_445/2012 vom 26. April 2013 E. 3.2). Der Entscheid über das Erfordernis einer
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Fahreignungsabklärung gemäss Art. 15d Abs. 1 SVG steht in jedem Fall im
pflichtgemässen Ermessen der kantonalen Behörde.
b) Die Vorinstanz bringt vor, der Verlaufsbericht der Diabetologin vom 9. Juli 2020
erwähne das Bestehen von relevanten Folgeerkrankungen, weshalb dieser Bericht dem
IRM vorgelegt worden sei. Eine Verkehrsmedizinerin des IRM komme zum Schluss,
dass aufgrund der Akten keine hinreichend schlüssige Beurteilung möglich sei und eine
verkehrsmedizinische Untersuchung der Stufe 4 empfohlen werde. Aus diesem Grund
sei der Rekurs abzuweisen.
Der Rekurrent stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt, sowohl die Untersuchung
der Augenärztin vom 19. Juni 2020 als auch der Diabetologin vom 9. Juli 2020 hätten
positive Resultate ergeben. Die verfügte verkehrsmedizinische Untersuchung sei die
vierte Untersuchung, die zu seinen Lasten gehe. Er sei aber in den letzten 60 Jahren im
Strassenverkehr noch nie in einen Unfall verwickelt gewesen oder anderweitig negativ
aufgefallen. Zudem habe er aufgrund seines Alters und wegen des Coronavirus
Bedenken, sich für eine verkehrsmedizinische Untersuchung ins Kantonsspital
St. Gallen zu begeben.
Dass der Rekurrent seit dem Erwerb des Führerausweises im Jahr 1956 gemäss
eigenen Angaben in keinen Verkehrsunfall verwickelt war, zeugt von einem grossen
Verantwortungsbewusstsein und verdient Anerkennung. Zu berücksichtigen ist jedoch,
dass die Fahreignung aufgrund der aktuellen Verhältnisse zu prüfen ist, weshalb einem
sehr guten automobilistischen Leumund zwangsläufig keine wesentliche Bedeutung
zukommt.
c) aa) Gemäss Art. 7 i.V.m. Anhang 1 VZV sind Diabetiker in der Regel nur für die
Fahrzeuge der 1. medizinischen Gruppe (Führerausweis-Kategorien A und B,
Unterkategorien A1 und B1, sowie Spezialkategorien F, G und M) fahrgeeignet. Es
muss eine stabile Blutzuckereinstellung ohne schwere Hypoglykämien
(Unterzuckerung) und ohne wesentliche Hyperglykämien (überhöhter Blutzucker)
bestehen. Hypoglykämien führen zu einer schlechteren Konzentrations- und
Reaktionsfähigkeit während der Fahrt. Umgekehrt führt das Lenken wegen der
Konzentration auf das Fahren zu einer schlechteren Wahrnehmung der Symptome
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einer Hypoglykämie. Bei einer anfallartigen Unterzuckerung wird die Fahrfähigkeit
aufgrund einer plötzlichen und oft unvorhersehbaren Bewusstseinsbeeinträchtigung
innert sehr kurzer Zeit massiv gestört oder gänzlich aufgehoben, sodass sich bei einem
solchen Ereignis eine erhebliche Verkehrsgefährdung ergibt. Personen mit stark
überhöhtem Blutzucker zeigen oftmals Symptome wie Schwäche, Übelkeit,
Verlangsamung, gestörte Wahrnehmung und Schläfrigkeit, welche die Fahrfähigkeit
ebenfalls deutlich beeinträchtigen. Zuckerkranke Fahrzeuglenker, die unter einer
Therapie mit Insulin stehen oder blutzuckersenkende und damit potentiell eine
Hypoglykämie auslösende Tabletten (Sulfonylharnstoffe, Glinide) einnehmen, müssen in
der Lage sein, eine Unterzuckerung während des Fahrens zuverlässig zu vermeiden
(Seeger, Diabetes mellitus und Fahreignung, in: Arbeitsgruppe Verkehrsmedizin [Hrsg.],
Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, Bern 2005, S. 67 f.). Dazu gehört
die strikte Einhaltung bestimmter Verhaltensregeln, wie sie im Merkblatt für
Fahrzeuglenker mit Diabetes mellitus festgehalten sind (vgl. Schweizerische Diabetes-
Gesellschaft, Diabetes & Autofahren, veröffentlicht auf www.diabetesgesellschaft.ch,
vgl. auch das Merkblatt der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin (SGRM)
für Fahrzeuglenker mit Diabetes mellitus, veröffentlicht auf www.sgrm.ch, im
Folgenden: Diabetes-mellitus-Merkblatt).
Eine Zuckerkrankheit kann – auch bei adäquater Behandlung – zudem zu einer
verkehrsmedizinisch bedeutsamen Schädigung der Sehleistung, des Nervensystems,
des Herz-Kreislaufsystems, der Gefässe oder der Nierenfunktion führen, wodurch die
Fahreignung ebenfalls beeinträchtigt oder sogar aufgehoben werden kann. Für
Führerausweisinhaber der 1. medizinischen Gruppe gilt hinsichtlich der
verkehrsrelevanten Spätfolgen, dass (a) keine Nervenschädigung (Neuropathie) mit
Beeinträchtigung der sicheren Fahrzeugbedienung, (b) keine verkehrsrelevanten
Einschränkungen im Bereich des Herz-Kreislauf-Systems und (c) keine
Beeinträchtigung der Nierenfunktion mit verkehrsrelevanter Einschränkung des
Allgemeinbefindens vorhanden sein dürfen (Diabetes-mellitus-Merkblatt). Weiter ist zu
beachten, dass der Krankheitsverlauf progressiv ist, weshalb auch nach längerem
asymptomatischem Vorlauf Organkomplikationen auftreten können. Hinzu kommt, dass
bei älteren Patienten eine erhebliche Komorbidität vorliegen kann. Die Beurteilung der
Fahreignung bei Personen mit Diabetes mellitus hat daher die möglichen Auswirkungen
dieser Spätschädigung zu berücksichtigen. Die entsprechende Beurteilung erfolgt
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gemäss den Richtlinien der einzelnen Krankheitsgruppen (Seeger, a.a.O., S. 67;
Madea/Musshoff/Berghaus [Hrsg.], Verkehrsmedizin, 2. Aufl. 2012, S. 363).
bb) Aus den Akten ergibt sich, dass beim Rekurrenten in den letzten vier Jahren keine
Hypoglykämien auftraten und sämtliche Ärzte das diesbezügliche Risiko als "tief" oder
sogar als "nicht vorhanden" einschätzten. Darüber hinaus attestieren die Ärzte dem
Rekurrenten eine intakte Hypoglykämie-Wahrnehmung. Er sei sehr zuverlässig, messe
regelmässig seine Blutzuckerwerte und nehme die ärztlichen Kontrollen auch beim
Diabetologen wahr. Seinen Wissensstand und die Einhaltung der Verhaltensregeln
beurteilen sie als gut.
Hinsichtlich der diabetischen Folgeerkrankungen hielt der Hausarzt anlässlich der
periodischen Kontrolluntersuchung am 23. Februar 2018 fest, dass der Rekurrent an
einer Makroangiopathie (Gefässerkrankung) und an einer mittelschweren peripheren
Polyneuropathie (Erkrankung peripherer Nerven) leide. Aufgrund der Untersuchung vom
21. Mai 2019 hielt die Diabetologin am 7. Juni 2019 fest, dass der Rekurrent keine
Angiopathie und nur eine gering beginnende Neuropathie aufweise; ferner sei keine
Retinopathie vorhanden und die Nierenfunktion sei lediglich leichtgradig reduziert.
Schliesslich wurde im Rahmen der Untersuchung vom 9. Juli 2020 durch die
Diabetologin eine durchschnittlich symptomatische Angiopathie sowie eine geringe
stabile Neuropathie und wiederum keine Retinopathie und eine stabile reduzierte
Nierenfunktion festgestellt.
cc) Der Rekurrent weist hinsichtlich der Behandlung und persönlichen Kontrolle seines
Diabetes mellitus eine hohe Compliance (Zuverlässigkeit) auf. Hingegen bestehen
hinsichtlich der diabetischen Folgeerkrankungen unterschiedliche Diagnosen; so ist es
beispielsweise nicht nachvollziehbar, weshalb die im Jahre 2018 diagnostizierte
Makroangiopathie und die mittelschwere periphere Polyneuropathie in den
nachfolgenden Jahren nicht bestätigt bzw. in abgeschwächter Form diagnostiziert
wurden. Weiter wurde zweimal eine reduzierte Nierenfunktion diagnostiziert; diese
wiederum erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen; der Rekurrent verfügt
allerdings bereits über einen Herzschrittmacher.
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d) aa) Die Sehleistung muss so gross sein, dass ein Fahrzeuglenker auch bei
schlechten Sichtverhältnissen (trüber Tag, Dämmerung, nachts oder bei starker
Blendung) rechtzeitig eine verkehrsrelevante Situation erfassen und entsprechend
reagieren kann. Die für die Orientierung im Strassenverkehr benötigten Informationen
werden zu 90 % mit dem Auge aufgenommen. Obwohl sich Unfälle in der Regel nicht
auf einzelne Umstände zurückführen lassen, gilt eine verminderte Sehleistung als
wesentlicher unfallverursachender Faktor, insbesondere bei älteren Fahrzeuglenkern.
Ein Fahrer mit verminderter Sehschärfe erkennt Hindernisse oder Gefahren später als
ein solcher mit normaler Sehschärfe. Relevant für die Orientierung im Strassenverkehr
sind nicht nur einzelne Leistungen, wie zum Beispiel die Sehschärfe, sondern das
Zusammenspiel des gesamten Sehorgans in den Basisfunktionen Sehschärfe
(Fernvisus), Gesichtsfeld, Dämmerungssehen und Blendeempfindlichkeit, räumliches
Sehen (Stereosehen) sowie Augenstellung und -motilität (Schneebeli, Sehvermögen
und Fahreignung, in: Arbeitsgruppe Verkehrsmedizin [Hrsg.], Handbuch der
verkehrsmedizinischen Begutachtung, Bern 2005, S. 57). Nach Art. 7 i.V.m. Anhang 1
VZV muss die Sehschärfe der Fahrzeugführer der 1. medizinischen Gruppe des
besseren Auges einen Fernvisus von 0,5 und des schlechteren Auges einen Fernvisus
von 0,2 (einzeln gemessen) aufweisen. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die normale
Sehschärfe einem Visus von 1,0 (100 %) entspricht. Während der normale Visus bei
einem 20-jährigen Menschen bei 1,0 bis 1,6 liegt, beträgt er bei einem 80-jährigen
Menschen 0,6 bis 1,0 und ist damit auch altersabhängig.
bb) Der Fernvisus des Rekurrenten betrug im Dezember 2017 unkorrigiert beim rechten
Auge 0,6 und beim linken Auge 0,7 (act. 10/6). Gemäss der augenärztlichen Kontrolle
vom 26. Juni 2018 resultierten Fernvisuswerte korrigiert rechts von 0,6-0,8 und links
von 0,6-0,8 (act. 10/17). Weiter betrug der Fernvisus am 25. Juni 2020 unkorrigiert
rechts 0,5 und links 0,6 (act. 10/25) und am 26. Juni 2020 unkorrigiert rechts 0,4 und
links 0,5 (act. 10/21).
cc) Damit erfüllte der Rekurrent zwar die medizinischen Mindestanforderungen an die
Sehschärfe jeweils, doch deuten die Ergebnisse der Untersuchungen insgesamt auf ein
schwankendes Sehvermögen hin. Am 26. Juni 2018 erreichte der Fernvisus auch
korrigiert nicht 1,0 bzw. 100 %. Dazu kommt, dass die Sehschärfe sowohl unkorrigiert
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als auch korrigiert gemessen wurde, weshalb die Ergebnisse nicht vollumfänglich
vergleichbar sind.
e) aa) Fahrzeugführer der 1. medizinischen Gruppe mit einer Herz-Kreislauferkrankung
dürfen keine Erkrankungen mit einem erhöhten Risiko des Auftretens von anfallartigen
Schmerzzuständen, Anfällen von Unwohlsein, einer Verminderung der
Hirndurchblutung mit Leistungseinschränkungen oder Bewusstseinsveränderungen
oder anderen dauernd
oder anfallartig auftretenden Beeinträchtigungen des Allgemeinbefindens aufweisen
(Art. 7 i.V.m. Anhang 1 VZV). Das Lenken von Motofahrzeugen setzt ein
uneingeschränktes Funktionieren der normalen Hirnleistung voraus. Krankheiten des
Herz-Kreislauf-Systems können die Durchblutung des Gehirns negativ beeinflussen,
was sich in Störungen des vollen Wachbewusstseins und der allgemeinen psychischen
und physischen Leistungsfähigkeit zeigt (Seeger, Herz-Kreislauf-Erkrankung und
Fahreignung, in: Arbeitsgruppe Verkehrsmedizin [Hrsg.], Handbuch der
verkehrsmedizinischen Begutachtung, Bern 2005, S. 79).
bb) Anlässlich der Kontrolluntersuchung der Stufe 3 vom 26. Juni 2020 wurde erstmals
festgehalten, dass der Rekurrent über einen Pacemaker verfüge, weshalb regelmässige
fachärztliche Kontrollen bei einem Kardiologen empfohlen würden. Weitere
Informationen zur ursächlichen Indikation des Herzschrittmachers, dem Zeitpunkt der
Implantation und gegebenenfalls weiteren therapierenden Massnahmen sind aus den
Akten nicht ersichtlich.
f) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Rekurrent über eine stabil eingestellte
Zuckerkrankheit und diesbezüglich über eine hohe Compliance (Zuverlässigkeit)
verfügt, jedoch hinsichtlich deren Folgeerkrankungen widersprüchliche Angaben
bestehen. Weiter ist von einem schwankenden Sehvermögen des Rekurrenten
auszugehen, wobei zu dessen Fernvisus ebenfalls uneinheitliche Angaben vorhanden
sind. Darüber hinaus sind – abgesehen von der Information über den Pacemaker –
keine weiteren Informationen zur Herz-Kreislauferkrankung bekannt. Insgesamt
genügen damit die vorhandenen Informationen zum Gesundheitszustand des
Rekurrenten nicht für eine abschliessende Aussage zur Fahreignung. Vielmehr
bestehen – insbesondere auch vor dem Hintergrund des fortgeschrittenen Alters des
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Rekurrenten – begründete Zweifel an dessen Fahreignung fort. Damit hat die
Vorinstanz zu Recht eine verkehrsmedizinische Untersuchung der Stufe 4 angeordnet.
g) Der Rekurrent äusserte Bedenken hinsichtlich seines fortgeschrittenen Alters und
dem Risiko, sich bei einer verkehrsmedizinischen Untersuchung im IRM mit dem
Coronavirus anzustecken. Die Verunsicherung des Rekurrenten ist angesichts der
ausserordentlichen Situation um das neuartige Coronavirus und die schweizweit
angespannte Lage nachvollziehbar. Als selbstverständlich darf zunächst allerdings
gelten, dass im IRM die vom Bund empfohlenen Hygienebestimmungen eingehalten
werden. Das Institut setzt die vom Bund im Zusammenhang mit dem Coronavirus
angeordneten Massnahmen um und hat zahlreiche Vorkehrungen zur Bekämpfung der
Ausbreitung des Coronavirus getroffen. So gilt aktuell in sämtlichen Innenräumen sowie
auf dem Spitalareal eine Maskentragepflicht. Da Patientenbesuche bis vorerst
16. Dezember 2020 – abgesehen von Ausnahmen – nicht möglich sind, ist auf dem
Spitalareal nur mit einer niedrigen Besucherfrequenz zu rechnen (www.kssg.ch; zuletzt
besucht am 9. November 2020). Diese Massnahmen zeugen davon, dass das IRM mit
geeigneten Schutzmassnahmen eine Übertragung des Coronavirus möglichst
unterbindet. Der Bund hat weiter für die Bevölkerung einschneidende Massnahmen
erlassen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verzögern und einzuschränken und
damit gefährdete Personen zu schützen und dem Gesundheitssystem zu ermöglichen,
schwer erkrankte Personen zu versorgen. So gilt aktuell schweizweit eine ausgedehnte
Maskenpflicht. Es bestehen Regeln für private und öffentliche Veranstaltungen, für
sportliche und kulturelle Freizeitaktivitäten und für den Aufenthalt in Restaurant und
Bars (www.bag.admin.ch; zuletzt besucht am 9. November 2020). Diese massiven
Einschränkungen zeigen auf, dass die Ansteckungsgefahr im öffentlichen Raum sowie
allgemein bei Sozialkontakten real vorhanden und nicht auf Einrichtungen des
Gesundheitswesens beschränkt ist. Insofern erscheint die Gefahr, sich bei
Sozialkontakten mit dem Coronavirus zu infizieren mindestens gleich hoch wie eine
Ansteckung im IRM. Im Ergebnis ist deshalb nicht ersichtlich, inwiefern der Rekurrent
beim Untersuch im IRM einer erhöhten Infektionsgefahr mit dem Coronavirus
ausgesetzt sein sollte und die geäusserten Bedenken erweisen sich bei näherer
Betrachtung als unbegründet.
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3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist damit zu verrechnen.