Decision ID: f24e765f-694b-44b1-81ab-44972360d72b
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ wurde im Juli 2021 unter Hinweis auf einen Diabetes mellitus Typ 1 zum
Bezug einer Hilflosenentschädigung angemeldet (IV-act. 3). Ihre Eltern machten
geltend, sie benötige eine regelmässige und erhebliche Dritthilfe beim An- und
Auskleiden, da der Sensor und die Insulinpumpe nicht verrutschen dürften, beim
Aufstehen, Absitzen und Abliegen, beim Essen (fünfmal täglich Berechnung und
Applikation von Insulin bzw. Glucose, Berechnung der Brotwerte jeder Mahlzeit,
Medikamentengabe), bei der Körperpflege sowie beim Verrichten der Notdurft. Sie
müsse zudem rund um die Uhr überwacht werden. Dem Anmeldeformular lag ein
Bericht von Dr. med. B._ vom Ostschweizer Kinderspital bei (IV-act. 2). Die
Fachärztin hatte festgehalten, eine Unterzuckerung führe zu einer Gefährdung der
Entwicklung des Gehirns sowie zu einer nachlassenden Hirnleistung mit einer
konsekutiven Beeinträchtigung der Teilhabe. Eine schwere Hypoglykämie habe den
Verlust des Bewusstseins und Krampfanfälle zur Folge, die zu kognitiven und
intellektuellen Einschränkungen führten. Bei einer Hyperglykämie drohe eine
ketoazidotische Entgleisung mit der Gefahr einer Todesfolge. Die Versicherte könne
weder Hypo- noch Hyperglykämien erkennen, da die Symptome anfangs sehr dezent
seien, aber dennoch eine sofortige Intervention erforderten. Sie sei deshalb vollständig
auf ihre Eltern angewiesen, die den Verlauf der Blutzuckerwerte ständig überwachen
und gegebenenfalls sofort intervenieren müssten. Insofern sei die Versicherte hilflos.
Eine korrekte Betreuung verursache einen Pflegeaufwand von über vier Stunden pro
Tag. Für die Therapie des Diabetes sei die Versicherte vollständig auf die Dritthilfe ihrer
Eltern angewiesen. Auch bei den alltäglichen Lebensverrichtungen benötige sie die
A.a.
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Dritthilfe ihrer Eltern. Der Diabetes verursache einen Mehraufwand im Vergleich zur
Pflege bei Gleichaltrigen.
Am 28. Oktober 2021 führte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle eine Abklärung in
der Wohnung der Eltern durch (IV-act. 16). Der Vater gab an, der Glucosewert sei noch
nicht optimal eingestellt. Die Werte hätten sich seit dem Wechsel zur Insulinpumpe
verschlechtert. Der Wechsel zu einem automatischen Blutzuckermessgerät habe den
Eltern, insbesondere in der Nacht, die regelmässigen Kontrollen erleichtert. Tagsüber
würden dennoch weiterhin mehrere Kontrollen mittels Blutentnahme („Stechen“)
durchgeführt. Die Abklärungsbeauftragte hielt fest, die Versicherte sei bei der
Abklärung anwesend gewesen. Sie habe im selben Raum mit Bügelperlen gespielt. Auf
die Fragen der Abklärungsbeauftragten habe sie nur knapp antworten können. Der
Vater habe bestätigt, dass die Versicherte bisher noch keine Teilschritte übernehme
und auch Entgleisungen der Blutzuckerwerte nicht bemerke. Am meisten mache ihr zu
schaffen, dass sie nicht alles essen dürfe, was sie wolle. Mit ein wenig Hilfe habe die
Versicherte aufzählen können, was sie immer auf sich tragen müsse, nämlich die
Pumpe, den Pen, das Glucosegerät, Traubenzucker, Coca Cola und Darvida. Sie habe
aber nicht sagen können, was sie tun müsse, wenn ihr beispielsweise schwindelig
werde. Der Vater gab an, Hyperglykämien hätten bislang vermieden werden können,
aber Hypoglykämien träten immer wieder auf. Das Messgerät gebe nicht immer
zuverlässig ein Warnsignal ab. Die Nächte seien sehr unterschiedlich. Etwa zweimal pro
Woche müsse die Versicherte geweckt werden, etwas essen oder Insulin zu sich
nehmen. Sie könne noch nicht allein Freunde besuchen; mindestens ein Elternteil
müsse immer anwesend sein. Beim An- und Auskleiden sei die Versicherte
grundsätzlich altersentsprechend hilfsbedürftig. Man müsse einfach besonders darauf
achten, die Pumpe und das Glucosegerät nicht mitzureissen. Beim Aufstehen, Absitzen
und Abliegen sei die Versicherte selbständig. Auch essen könne sie grundsätzlich
selbständig. Die Zubereitung der Nahrung sei allerdings aufwendiger als bei einem
gesunden Kind, weil jedes Mal die Werte berechnet werden müssten, damit die
passende Menge Insulin verabreicht werden könne. Die Körperpflege könne die
Versicherte grundsätzlich altersentsprechend weitgehend selbständig verrichten. Der
Hersteller der Insulinpumpe werbe damit, dass die Pumpe bis zu einer Wassertiefe von
sieben Metern wasserdicht sei, aber die Eltern deckten die Pumpe beim Baden oder
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/16
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Duschen immer ab. Beim Verrichten der Notdurft benötige die Versicherte nur ab und
zu eine altersentsprechende Unterstützung. Fortbewegen könne sie sich
altersentsprechend selbständig. Die Eltern liessen sie aber noch nicht allein zu
Freunden gehen. Anhand eines typischen Tagesablaufs errechnete die
Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle einen Zeitaufwand von durchschnittlich 88,5
Minuten pro Tag für pflegerische Massnahmen. Der Vater der Versicherten suchte nach
der Abklärung Dr. B._ auf, um mit ihr den Zeitaufwand für die pflegerischen
Massnahmen zu besprechen. Diese notierte, die Zeitwerte seien deutlich zu tief
angesetzt. Insbesondere sei der Aufwand für die Gewebezuckerkontrollen in der Nacht
und für den Wechsel des Messgerätes und der Pumpe deutlich höher. Sie machte
geltend, der Aufwand für die manuellen Blutzuckermessungen betrage jeweils nicht 0,5
min, sondern 3 min, was bei zehn Kontrollen pro Tag einen Zeitaufwand von 30 min
statt 3 min ergebe. Die Kontrolle des Blutzuckerwertes in der Nacht nehme jeweils 5
min und nicht bloss 0,5 min in Anspruch, weshalb sich der Gesamtaufwand für
durchschnittlich vier Kontrollen pro Nacht auf 20 min statt nur auf 2 min belaufe. Auch
die Kontrolle nach der Verabreichung eines nächtlichen Imbisses nehme mehr Zeit in
Anspruch, nämlich mindestens eine Minute und nicht bloss wenige Sekunden, womit
sich diesbezüglich ein massgebender Gesamtaufwand von 20 min statt nur von 2 min
ergebe. Das Wechseln der Insulineinheiten benötige 20 min und nicht nur 9 min, das
Wechseln des Messgerätes 10 min und nicht nur 2 min. Die vier abendlichen Kontrollen
der Blutzuckerwerte nähmen insgesamt 15 min, nicht bloss 2,5 min pro Tag in
Anspruch. Zusammenfassend ging Dr. B._ also von einem durchschnittlichen
Aufwand von 183 Minuten pro Tag aus. Im Übrigen bestätigte der Vater der
Versicherten die Angaben im Abklärungsbericht unterschriftlich als zutreffend. Die
Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle hielt im Februar 2022 fest (IV-act. 17), in Bezug auf
die alltäglichen Lebensverrichtungen liege keine anspruchsbegründende Hilflosigkeit
vor. Grundsätzlich in Frage komme aber ein Anspruch wegen einer besonders
aufwendigen Pflege, die allerdings einen Aufwand von mindestens zwei Stunden pro
Tag verursachen müsse. Die Ergänzungen von Dr. B._ zu den nicht jeden Tag
vorzunehmenden Verrichtungen (insb. das Wechseln der Insulineinheiten und des
Messgerätes) beruhten wohl auf einem Missverständnis, denn Dr. B._ müsse
übersehen haben, dass die berücksichtigten Werte auf den Tag umgerechnete
Durchschnittswerte seien, für deren Berechnung man von dem von Dr. B._ geltend
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B.
gemachten Aufwand pro Verrichtung ausgegangen sei. Die Kontrollen der
Blutzuckerwerte benötigten deutlich weniger Zeit, als von Dr. B._ behauptet. Eine
dauernde Überwachungsbedürftigkeit liege nicht vor. Die Versicherte sei nicht
anspruchsbegründend invalid. Der Neuropädiater Dr. med. C._ vom IV-internen
regionalen ärztlichen Dienst (RAD) qualifizierte die vorgesehene Abweisung des
Begehrens um eine Hilflosenentschädigung als aus medizinischer Sicht „in
Ordnung“ (IV-act. 18).
Mit einem Vorbescheid vom 3. Februar 2022 teilte die IV-Stelle dem Vater der
Versicherten mit (IV-act. 19), dass sie die Abweisung des Begehrens um eine
Hilflosenentschädigung vorsehe. Zur Begründung führte sie an, dass keine relevante
Hilflosigkeit bei den alltäglichen Lebensverrichtungen vorliege und dass die Versicherte
weder eine besonders aufwendige Pflege noch eine dauernde Überwachung benötige.
Am 1. März 2022 wendete der Vater der Versicherten ein (IV-act. 20), er sei mit dem
vorgesehenen Entscheid nicht einverstanden. Der ermittelte Aufwand für die Diabetes-
Pflege von täglich 88,5 Minuten reiche bei weitem nicht für eine einwandfreie
Behandlung aus. Die Versicherte sei beim Essen, bei der Körperpflege, bei der
Fortbewegung und Kontaktaufnahme, bei der Überwachung der Blutzuckerwerte, bei
der täglichen Kalibrierung und Überprüfung der Glucoseüberwachung, bei der
Berechnung und beim Verabreichen von Insulin sowie bei den regelmässigen
Arztterminen auf die Hilfe der Eltern angewiesen. Der Blutzuckerspiegel müsse ständig
durch Insulin, Bewegung, Essen und Trinken korrigiert werden. Die entsprechenden
Berechnungen seien komplex. Das sechsjährige Mädchen sei nicht in der Lage, die
ganze Verantwortung für die Kontrolle ihres Blutzuckerspiegels zu tragen. Sie könne
sich nicht allein für eine längere Zeit ausser Haus aufhalten. Nachts würden die Eltern
zwei- oder dreimal durch ein Alarmsignal aus dem Schlaf gerissen. Die durch den
Diabetes verursachte Zusatzbelastung sei enorm. Mit einer Verfügung vom 9. März
2022 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (IV-act. 21).
A.c.
Am 8. April 2022 liess die nun vertretene Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 9. März 2022 erheben
(act. G 1). Ihre Vertreterin beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
B.a.
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Zusprache einer Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades, „allenfalls“ die
Zusprache eines Intensivpflegezuschlages, eventualiter die Zusprache einer
Entschädigung bei einer Hilflosigkeit „einfachen“ (recte: leichten) Grades unter Prüfung
eines Intensivpflegezuschlages sowie subeventualiter die Rückweisung der Sache an
die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zu weiteren Abklärungen. Sie
beantragte auch die Zusprache einer Parteientschädigung. Zur Begründung führte sie
aus, die Beschwerdegegnerin habe den Sachverhalt nicht ausreichend ermittelt. Die
zuständige Abklärungsbeauftragte verfüge offensichtlich nicht über das notwendige
Fachwissen. Zudem habe die Beschwerdegegnerin den Anspruch der
Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt, denn sie sei teilweise gar nicht auf
die Einwände eingegangen und sie habe die angefochtene Verfügung nur
„minimalistisch“ begründet. Im Abklärungsbericht finde sich eine Passage, die einen
anderen Versicherten mit einem Diabetes mellitus Typ 1 betreffe, für den eine
Hilflosenentschädigung beantragt worden sei. Das zeige, wie unsorgfältig die
Beschwerdegegnerin gearbeitet habe. Aussagen, die klar für eine Hilfeleistung
sprächen, seien in der materiellen Beurteilung übergangen worden. Die Versicherte sei
zumindest beim Abliegen, beim Essen, bei der Körperpflege und bei der Fortbewegung
auf eine erhebliche und regelmässige Dritthilfe angewiesen. Zudem benötige sie eine
dauernde persönliche Überwachung sowie eine besonders aufwendige Pflege.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 16. Juni 2022 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, sie habe sich durchaus mit den
Einwänden der Beschwerdeführerin befasst und auch dazu Stellung genommen. Sie
habe den Anspruch auf rechtliches Gehör nicht verletzt. Die Sachverhaltsermittlung sei
sorgfältig und umfassend erfolgt. Der Vater der Beschwerdeführerin und Dr. B._
hätten die Angaben im Abklärungsbericht (abgesehen von den Korrekturen hinsichtlich
des Zeitaufwandes, die sie angebracht hätten) ausdrücklich als korrekt bestätigt. Eine
Einschränkung bei einer der sechs alltäglichen Lebensverrichtungen bestehe nicht.
Eine dauernde Überwachungsbedürftigkeit läge nur vor, wenn die Beschwerdeführerin
andauernd beobachtet werden müsste und wenn die Beobachtung nur hie und da für
wenige Minuten unterbrochen werden könnte, ohne dass eine wesentliche Gefahr für
das Leben der Beschwerdeführerin oder Dritter einträte, was hier offenkundig nicht der
Fall sei. Der Aufwand für die pflegerische Betreuung betrage deutlich weniger als zwei
B.b.
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Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand nicht weiter als der
Entscheidinhalt der angefochtenen Verfügung sein kann. Diese hat sich auf die
Abweisung des Begehrens der Beschwerdeführerin um eine Hilflosenentschädigung
beschränkt. Auch dieses Beschwerdeverfahren muss sich folglich auf eine Prüfung der
Anspruchsvoraussetzungen für eine Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung
beschränken. Auf das im Rahmen der Beschwerde gestellte Begehren um die
Zusprache eines Intensivpflegezuschlages ist deshalb nicht einzutreten.
2.
Die Vertreterin der Beschwerdeführerin hat sinngemäss eine Verletzung des Anspruchs
der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör (Art. 42 ATSG) geltend gemacht, indem
sie vorgebracht hat, die Beschwerdegegnerin habe sich teilweise gar nicht mit den
Einwänden des Vaters befasst. Eigentlich hat sie aber eine Verletzung der
Begründungspflicht (Art. 49 Abs. 3 ATSG) gerügt, indem sie geltend gemacht hat, die
Beschwerdegegnerin habe ihre angefochtene Verfügung nur rudimentär begründet. Der
Vorwurf ist jedenfalls nicht stichhaltig, denn den Akten lässt sich entnehmen, dass die
zuständige Sachbearbeiterin, die bereits die Abklärung in der Wohnung der Eltern
durchgeführt hatte, zu den Einwänden des Vaters Stellung genommen hat. Der
Begründung der angefochtenen Verfügung lässt sich zudem entnehmen, welches die
wesentlichen Entscheidmotive gewesen sind. Die Begründung mag zwar eher knapp
gehalten sein, aber sie hat es der Beschwerdeführerin ohne Weiteres erlaubt, sich in
Kenntnis der wesentlichen Argumente für eine Anfechtung zu entscheiden und ihre
Beschwerde substantiiert zu begründen, wie die Beschwerdeschrift zeigt. Die
angefochtene Verfügung erweist sich in formeller Hinsicht als rechtmässig.
Stunden pro Tag, weshalb auch kein anspruchsbegründender Bedarf nach einer
besonders aufwendigen Pflege vorliege. Die angefochtene Verfügung erweise sich
damit als rechtmässig.
Die Beschwerdeführerin liess am 7. Juli 2022 an ihren Anträgen festhalten (act.
G 7). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 9).
B.c.
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3.
Die Beschwerdeführerin hat im hier massgebenden Zeitraum ab Juli 2020
(frühestmöglicher Anspruchsbeginn; Art. 48 Abs. 1 IVG) Wohnsitz und Aufenthalt in der
Schweiz gehabt und bei ihren Eltern gelebt. Damit hat sie die persönlichen
Voraussetzungen für einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung grundsätzlich
erfüllt (Art. 42 Abs. 1 und Art. 42 Abs. 4 IVG). Zu prüfen bleibt, ob eine relevante
Hilflosigkeit als weitere Anspruchsvoraussetzung nach Art. 42 Abs. 1 und 3 IVG
bestanden hat. Eine solche liegt gemäss dem Art. 37 Abs. 3 IVV vor, wenn die
versicherte Person in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in
erheblicher Weise auf die Hilfe von Dritten angewiesen ist (lit. a), wenn sie eine
dauernde persönliche Überwachung benötigt (lit. b), wenn sie eine durch das
Gebrechen bedingte ständige und besonders aufwendige Pflege benötigt (lit. c) oder
wenn sie wegen einer schweren Sinnesschädigung oder eines schweren körperlichen
Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen von Dritten
gesellschaftliche Kontakte pflegen kann (lit. d). Für Minderjährige begründet die
Notwendigkeit einer lebenspraktischen Begleitung (Art. 37 Abs. 3 lit. e IVV) keinen
Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung (Art. 42 Abs. 5 IVG). Ein sogenannter
„Sonderfall“ (Bedarf nach regelmässigen und erheblichen Dienstleistungen Dritter, um –
bei einer schweren Sinnesschädigung oder einem schweren körperlichen Gebrechen –
gesellschaftliche Kontakte pflegen zu können) im Sinne des Art. 37 Abs. 3 lit. d IVV liegt
offenkundig nicht vor.
3.1.
bis
bis
Die Beschwerdegegnerin hat zur Sachverhaltsermittlung eine Abklärung in der
Wohnung der Eltern durchgeführt, die zwar keinen „echten“ Augenschein beinhaltet
hat, bei dem die Beschwerdeführerin oder ihr Vater etwa die Funktion der
Insulinpumpe, das Messen des Blutzuckerspiegels oder dergleichen demonstriert
hätte, aber die Abklärungsbeauftragte hat den Vater der Beschwerdeführerin
eingehend zu den massgebenden Aspekten für die Beurteilung der Hilflosigkeit befragt.
Zudem hat sie sich mittels einzelner gezielter Fragen an die Beschwerdeführerin selbst
einen Eindruck davon verschafft, inwieweit diese bereits in der Lage gewesen ist, ihre
gesundheitliche Situation sowie insbesondere allfällige besondere Gefahren selber zu
erkennen und geeignete Gegenmassnahmen zu ergreifen. Der Vater der
Beschwerdeführerin hat den detaillierten Abklärungsbericht in der Folge mit der
behandelnden Fachärztin Dr. B._ besprochen. Der Vater und Dr. B._ haben
einzelne Korrekturvorschläge bezüglich des massgebenden zeitlichen Aufwandes für
die pflegerische Betreuung angebracht, die Angaben im Abklärungsbericht ansonsten
aber ausdrücklich und unterschriftlich als zutreffend bezeichnet. Der Abklärungsbericht
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/16
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erlaubt es dem Rechtsanwender (der Verwaltung und dem Gericht), sich ein
detailliertes Bild von der für die Beurteilung der Hilflosigkeit massgebenden
Problematik sowie vom Aufwand zu machen, den die Gesundheitsbeeinträchtigung an
einem typischen Tag verursacht. Die von der Vertreterin der Beschwerdeführerin
geltend gemachte Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ist
deshalb nicht auszumachen. Der Sachverhalt erweist sich als umfassend und
rechtsgenüglich abgeklärt.
Beim An- und Auskleiden muss lediglich etwas mehr Vorsicht als üblich geübt
werden, damit das Messgerät und die Insulinpumpe nicht verrutschen, während
Kleidung darüber gestreift wird. Insofern besteht zwar ein gewisser unüblicher
Hilfebedarf, der auch regelmässig anfällt, aber dieser Hilfebedarf kann nicht als
erheblich qualifiziert werden, da er keinen nennenswerten Aufwand verursacht. Beim
Aufstehen, Absitzen und Abliegen benötigt die Beschwerdeführerin keine Dritthilfe. Ihre
Vertreterin hat geltend gemacht, die Beschwerdeführerin könne nicht wie ein gesundes
Kind zu Bett gebracht werden, sondern müsse – aufwendig – auf die Nacht vorbereitet
werden. Die von ihr erwähnten Vorkehren sind aber nicht als eine Dritthilfe beim
Abliegen, sondern als pflegerische Massnahmen zu qualifizieren und entsprechend
beim Pflegeaufwand zu berücksichtigen, denn sie stellen weder eine direkte noch eine
indirekte Hilfe beim Abliegen oder Einschlafen, sondern vielmehr eine Betreuung im
Rahmen der Blutzuckerkontrolle dar. Auch bei der Körperpflege benötigt die
Beschwerdeführerin keine erhebliche und regelmässige Dritthilfe. Die von ihrer
Vertreterin in der Beschwerdeschrift geltend gemachten Massnahmen – insbesondere
die Pflege der Einstichstellen – sind als pflegerische Massnahmen zu qualifizieren, da
der Pflegecharakter und nicht der Hilfscharakter überwiegt. Beim Verrichten der
Notdurft ist die Beschwerdeführerin unbestritten nicht auf eine Dritthilfe angewiesen. Im
Zusammenhang mit der Fortbewegung besteht die einzig relevante Einschränkung
darin, dass die Beschwerdeführerin noch nicht ohne die Begleitung der Eltern Zeit bei
Freunden verbringen kann. Die Eltern müssen also entweder die Beschwerdeführerin
jeweils begleiten oder die Freunde müssen die Beschwerdeführerin bei ihr zuhause
besuchen. Der behinderungsbedingte Mehraufwand besteht darin, dass die Eltern
keine Zeiten für sich haben, in denen sie sich nicht um die Beschwerdeführerin
kümmern müssen. Dieser Mehraufwand ist jeweils erheblich, weil die „zusätzliche“
Betreuung (die nicht notwendig wäre, wenn die Beschwerdeführerin allein Freunde
besuchen könnte) bei einem einzelnen Besuch mehrere Stunden dauert. Aber er fällt
nicht regelmässig an, da sich auch ein gesundes sechsjähriges Kind nicht täglich mit
Freunden treffen würde und da in diesem Alter der Kinder die Mehrheit solcher Treffen
erfahrungsgemäss im Rahmen von gegenseitigen Besuchen der Eltern stattfindet.
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/16
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Nach der allgemeinen Lebenserfahrung würde etwa die Hälfte der „selbständigen“
Freundschaftsbesuche zuhause und die andere Hälfte auswärts erfolgen. Für sich allein
begründet diese geringe Einschränkung bei der Pflege gesellschaftlicher Kontakte
keine relevante Hilflosigkeit. Bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin beim Essen in
einem anspruchsrelevanten Ausmass hilflos ist. Das ist grundsätzlich nicht der Fall. Das
Bundesgericht hat allerdings in seinem Urteil 8C_533/ 2019 vom 11. Dezember 2019
(E. 4.9) die Auffassung vertreten, es liege ein anspruchsrelevanter Bedarf nach einer
regelmässigen erheblichen – indirekten – Dritthilfe beim Aufstehen, Absitzen und
Abliegen vor, wenn die Eltern abends jeweils eine halbe bis eine dreiviertel Stunde bei
ihrem Kind bleiben, es beruhigen, mit ihm reden, es in den Arm nehmen und streicheln
müssen, damit es im Bett bleibt und einschläft. Das Bundesgericht hat also den Bedarf
nach einer indirekten Dritthilfe beim Aufstehen, Absitzen und Abliegen – trotz der
ausgewiesenen Fähigkeit des Kindes, selbständig aufzustehen, abzusitzen und
abzuliegen – mit einer überdurchschnittlichen Betreuungsbedürftigkeit des Kindes beim
Zubettgehen begründet. Dieser Auffassung liegt eine sehr weite Interpretation des
Begriffs einer erheblichen indirekten Dritthilfe bei einer der sechs alltäglichen
Lebensverrichtungen zugrunde. Folgt man dieser Auslegung, muss jede Form einer
behinderungsbedingt notwendigen „Anwesenheit“ einer Drittperson bei einer
alltäglichen Lebensverrichtung als eine erhebliche indirekte Dritthilfe qualifiziert werden,
sofern dadurch ein gewisser Zeitaufwand verursacht wird. Das ist vorliegend im
Zusammenhang mit dem Essen der Fall, denn die Beschwerdeführerin kann zwar
grundsätzlich selber essen, aber sie benötigt die Anwesenheit der Eltern, die den
Blutzuckerspiegel bestimmen, Nährwertberechnungen vornehmen und sämtliche
Lebensmittel abwägen müssen. Diese Hilfestellungen weisen zwar auch einen
gewissen Pflegecharakter auf, aber der Hilfscharakter überwiegt. Massgebend ist
nämlich, dass die Beschwerdeführerin das alles selber machen könnte, wenn sie alt
genug wäre, dass sie also diesbezüglich nicht auf eine Pflege im Sinne des Art. 37 Abs.
3 lit. c IVV, sondern auf Hilfe im Sinne des Art. 37 Abs. 3 lit. a IVV angewiesen ist. Dabei
handelt es sich aber nicht um eine „normale“ Hilfe, wie sie jedes Kind benötigt,
sondern offenkundig um einen behinderungsbedingten Mehraufwand. Der
weitgehenden Auffassung des Bundesgerichtes folgend ist die Beschwerdeführerin
deshalb als hilflos in Bezug auf die alltägliche Lebensverrichtung „Essen“ zu
qualifizieren. Damit ist sie aber nicht hilflos im Sinne des Art. 37 Abs. 3 lit. a IVV, da nur
in Bezug auf eine einzige alltägliche Lebensverrichtung ein ausreichender Hilfebedarf
vorliegt, der Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung aber einen solchen Hilfebedarf
in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen erfordert.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/16
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4.
Die Vertreterin der Beschwerdeführerin hat geltend gemacht, dass diese dauernd
überwacht werden müsse, denn die Eltern müssten den Blutzuckerspiegel ständig im
Auge haben, um nötigenfalls Massnahmen ergreifen, das heisst der
Beschwerdeführerin geeignete Nahrungsmittel oder zusätzliches Insulin verabreichen
zu können. Diese „Überwachungsbedürftigkeit“ ist aber keine dauernde persönliche
Überwachung im Sinne des Art. 37 Abs. 3 lit. b IVV, denn unter einer solchen
dauernden persönlichen Überwachung ist eine andauernde Beobachtung eines
Versicherten zu verstehen, die nur hie und da für wenige Minuten unterbrochen werden
kann, ohne dass eine wesentliche Gefahr für das Leben des Versicherten oder Dritter
eintritt. Die Beschwerdeführerin benötigt keine derart intensive dauernde persönliche
Überwachung. Sie kann nämlich die Obhut der Eltern regelmässig verlassen, die
Schule besuchen und Freizeitaktivitäten mit Freunden (wenn auch nur in Begleitung der
Eltern) nachgehen. Auch wenn die Eltern wohl dafür sorgen werden, dass in aller Regel
jemand anwesend ist, der die Symptome einer Unterzuckerung erkennen und reagieren
kann, bedeutet das nicht, dass man die Beschwerdeführerin nie auch nur für einige
Minuten aus den Augen lassen dürfte. Es besteht also bloss ein gewisser, aber kein
dauernder („intensiver“) Überwachungsbedarf, weshalb die Beschwerdeführerin nicht
hilflos im Sinne des Art. 37 Abs. 3 lit. b IVV ist.
3.4.
Bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin eine ständige und besonders
aufwendige Pflege im Sinne des Art. 37 Abs. 3 lit. c IVV benötigt. Diesbezüglich hat die
Rz. 8058 des bis zum 31. Dezember 2021 massgebenden Kreisschreibens über
Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH) vorgesehen und sehen
die Rz. 2063 ff. des seit dem 1. Januar 2022 massgebenden Kreisschreibens über
Hilflosigkeit (KSH) vor, dass eine Pflege dann als besonders aufwendig gilt, wenn der
Pflegeaufwand mehr als zwei Stunden pro Tag beträgt und wenn gleichzeitig
erschwerende qualitative Momente mit zu berücksichtigen sind oder wenn der
Pflegeaufwand mehr als drei Stunden pro Tag beträgt und wenn gleichzeitig
mindestens ein qualitatives Moment hinzukommt oder wenn der Pflegeaufwand mehr
als vier Stunden pro Tag beträgt. Diese schematische Auslegung des Begriffs der
besonders aufwendigen Pflege findet weder im Gesetz noch in der Verordnung eine
ausreichende Grundlage. Vielmehr unterläuft sie die gesetzliche Regelung, indem sie
absolute Regeln aufstellt, die das vom Gesetzgeber vorgesehene Einzelfallermessen
ausschalten. Ein striktes Abstellen auf die im Kreisschreiben aufgestellten Regeln zur
Beantwortung der Frage nach der Notwendigkeit einer ständigen und besonders
aufwendigen Pflege wäre folglich gesetzes- und verordnungswidrig.
4.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/16
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Bei der Auslegung des Art. 42 IVG und des Art. 37 IVV ist zu berücksichtigen, dass
die Hilflosenentschädigung ihrem Sinn und Zweck nach nicht eine
„Integritätsentschädigung“ ist, die infolge des ganzen oder teilweisen Verlustes der
Selbständigkeit im Alltag ausgerichtet würde, sondern dass sie vielmehr die Deckung
eines wirtschaftlichen Schadens bezweckt, nämlich des durch eine Hilflosigkeit
verursachten Hilfebedarfs durch Drittpersonen. Die Hilflosenentschädigung soll es der
versicherten Person also ermöglichen, die notwendigen Hilfeleistungen Dritter zu
finanzieren. Die gesetzliche Regelung der Hilflosenentschädigung im IVG unterscheidet
dabei nicht zwischen „eingekauften“ Pflegeleistungen Dritter und „unentgeltlich“
erbrachten Pflegeleistungen der Eltern. Für die Bemessung der Hilflosigkeit respektive
bei der Festsetzung der Hilflosenentschädigung darf es deshalb beispielsweise keine
Rolle spielen, ob ein versichertes, hilfloses Kind von seiner Mutter oder von dafür zu
entschädigenden Dritten gepflegt und betreut wird, weil die alleinerziehende,
behinderte Mutter ihr hilfloses Kind nicht selber pflegen kann. Unabhängig davon, von
wem die Hilfeleistungen konkret erbracht werden, muss die Hilflosenentschädigung
deshalb nach ökonomischen Grundsätzen bemessen werden. Da die
Hilflosenentschädigung also einen ökonomisch definierten „Schaden“, nämlich den
Bedarf nach – vergütungspflichtigen – Hilfeleistungen bei der Bewältigung des Alltags,
abdeckt, muss ein gewisses ökonomisches Gleichgewicht zwischen dem „Schaden“
und der Leistungshöhe bestehen. Daran ändert der Umstand, dass es sich bei der
Hilflosenentschädigung um eine stark pauschalierte Leistung handelt, nichts, denn
auch eine stark pauschalierte Leistung muss für sich in Anspruch nehmen können, in
einem vernünftigen Verhältnis zum Leistungsbedarf zu stehen. Der Betrag einer
Entschädigung bei einer Hilflosigkeit leichten Grades beläuft sich auf 239 Franken pro
Monat respektive auf 2’868 Franken pro Jahr. Wer eine hilflose Person täglich zwei
Stunden pflegt, erhält dafür also lediglich einen Stundenlohn von 3.95 Franken (= 2’868
Franken ÷ 730 Jahresarbeitsstunden). Bei einem täglichen Pflegeaufwand von zwei
Stunden und 59 Minuten liegt der Stundenlohn sogar noch tiefer. Der Art. 42 Abs. 1
IVG nennt nur den Grundsatz, dass sich die Hilflosenentschädigung nach dem
„Ausmass der persönlichen Hilflosigkeit“ richten müsse. Das bedeutet aber nicht, dass
der Verordnungsgeber und die Aufsichtsbehörde völlig frei gewesen wären, die drei im
Art. 42 Abs. 1 IVG erwähnten Grade von Hilflosigkeit – leicht, mittel und schwer –
nach freiem Belieben zu definieren. Die Konkretisierung der
Anspruchsvoraussetzungen hätte sich nach der gesetzlichen Konzeption richten und
deshalb der grundlegenden ökonomischen Verhältnismässigkeit zwischen dem
„Schaden“ und der Leistungshöhe Rechnung tragen müssen. Das Erfordernis eines
Pflegeaufwandes von mindestens zwei Stunden pro Tag unter „qualitativ“ erschwerten
Umständen (vgl. Rz. 2065 KSH) für den Anspruch auf eine Entschädigung bei einer
4.2.
ter
ter
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Hilflosigkeit leichten Grades verstösst offenkundig gegen die gesetzliche Konzeption
der Hilflosenentschädigung als einer zwar pauschalierten, aber ökonomisch doch
verhältnismässigen Leistung zur Deckung eines versicherten „Schadens“, denn es liegt
auf der Hand, dass ein Lohn von 7.90 Franken für zwei Arbeitsstunden in keinem
vernünftigen ökonomischen Verhältnis zu einer „besonders aufwendigen“ Pflege stehen
kann. Die Rz. 2063 ff. KSH erweisen sich folglich als gesetzwidrig, weil sie die
Messlatte deutlich zu hoch ansetzen. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn man
diese hohe Hürde für eine pflegebedürftige hilflose Person mit jener Hürde vergleicht,
die für eine „typisch“, bei mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen hilflose
Person gemeistert werden muss: Nach der Auffassung des Bundesgerichtes begründet
beispielsweise die Unfähigkeit, eine Brotscheibe mit Butter zu beschmieren, eine
relevante Hilflosigkeit beim Essen. Die bei einer solchen Hilflosigkeit erforderliche
Dritthilfe nimmt nur wenige Minuten pro Tag in Anspruch. Kann sich eine versicherte
Person zusätzlich nicht mehr selbständig Socken und Schuhe an- und ausziehen, gilt
sie auch als beim An- und Auskleiden hilflos, obwohl die entsprechende Dritthilfe
ebenfalls bloss wenige Minuten pro Tag in Anspruch nimmt. In einem solchen Fall
reicht ein Bedarf nach einer Dritthilfe von insgesamt zehn Minuten pro Tag (für das
Butterbrotschmieren und das An- und Ausziehen der Schuhe und Socken) aus, um
einen Anspruch auf eine Entschädigung bei einer Hilflosigkeit leichten Grades (Fr. 7.90
pro Tag, Stundenlohn also Fr. 47.40) zu begründen. Augenscheinlich liegt eine
stossende Ungleichbehandlung vor, wenn eine „nur“ pflegebedürftige versicherte
Person einen Pflegeaufwand von mindestens zwei Stunden pro Tag unter sehr
erschwerten Bedingungen verursachen muss, um einen Anspruch auf dieselbe
pauschale Hilflosenentschädigung von Fr. 7.90 pro Tag, d.h. einen Stundenlohn von Fr.
3.95 (!) zu begründen. Die Rz. 2063 ff. KSH führen damit zu einer durch nichts zu
rechtfertigenden Diskriminierung von pflegebedürftigen hilflosen Versicherten, weshalb
diese Weisungen als verordnungs- und damit auch als gesetzwidrig qualifiziert werden
müssen. Die gesetzeskonforme Interpretation des Art. 37 Abs. 3 lit. c IVV zwingt dazu,
einen deutlich tieferen Pflegeaufwand, nämlich einfach einen gewissen Bedarf nach
täglichen Pflegeleistungen, für die Begründung eines Anspruchs auf eine
Hilflosenentschädigung genügen zu lassen. Wird bereits ein Pflegeaufwand von einer
halben Stunde pro Tag – ohne erschwerende Bedingungen – als ausreichend
qualifiziert, um einen Anspruch auf eine Entschädigung bei einer Hilflosigkeit leichten
Grades zu begründen, beträgt der Lohn für die pflegende Person (maximal) 15.80
Franken. Auch dieser Stundenansatz wird zwar den üblichen Löhnen offenkundig nicht
gerecht, kann aber wohl gerade noch für sich in Anspruch nehmen, nicht gänzlich
unangemessen zu sein und damit dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller hilflosen
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Personen zumindest besser Rechnung zu tragen als die in den Rz. 2063 ff. KSH
enthaltene Weisung.
Die Beschwerdeführerin benötigt eine diesen Minimalansatz deutlich
übersteigende Pflege, denn die Beschwerdegegnerin hat anhand eines typischen
Tagesablaufs einen Pflegeaufwand von 88,5 Minuten pro Tag ermittelt. Dieser Aufwand
umfasst einerseits die täglich notwendigen zahlreichen Blutzuckerwertkontrollen, das
Berechnen der Nährwerte und der benötigten Insulinmengen sowie die Massnahmen
zur Korrektur des Blutzuckers sowie andererseits die nicht jeden Tag anfallenden
Massnahmen, nämlich das Wechseln der Insulineinheiten, die Wartung des
Messgerätes sowie die Arztbesuche. Bezüglich der nicht jeden Tag anfallenden
Massnahmen hat Dr. B._ zwei Korrekturen angebracht, die aber offenkundig auf
einem Missverständnis beruht haben. Die von Dr. B._ angeführten Angaben
entsprechen dem zeitlichen Aufwand für die einzelnen Verrichtungen, den die
Abklärungsbeauftragte von Beginn weg entsprechend berücksichtigt hat („Wechseln
der Insulineinheiten à ca. 20–30 min“ = 20 min gemäss Dr. B._; „Dexcom neu
anbringen à ca. 10–15 min“ = 10 min gemäss Dr. B._; vgl. IV-act. 16–7). Massgebend
ist aber der durchschnittliche Aufwand pro Tag, weshalb die Abklärungsbeauftragte
den Aufwand richtigerweise auf einen Tageswert umgerechnet hat. Da das Wechseln
der Insulineinheiten nur jeden dritten Tag erfolgt, beträgt der durchschnittliche Aufwand
pro Tag neun Minuten (= 27 min ÷ 3). Da das Messgerät nur alle zehn Tage neu
angebracht werden muss, beträgt der durchschnittliche Aufwand pro Tag zwei Minuten
(= 20 min ÷ 10). Für die Kontrollen des Blutzuckerwertes am Nachmittag hat die
Abklärungsbeauftrage jeweils eine halbe Minute pro Kontrolle berücksichtigt; Dr. B._
hat geltend gemacht, der Aufwand betrage jeweils drei Minuten. Da das Messgerät
nicht zuverlässig misst, sind nachmittags jeweils zwei Kontrollmessungen mittels eines
Einstichs in die Fingerkuppe nötig, für die die Abklärungsbeauftragte wie auch Dr.
B._ einen Aufwand von 2 × 5 = 10 min berücksichtigt haben. Wenn aber diese
wesentlich aufwendigere Messung nur fünf Minuten in Anspruch nimmt, kann der Blick
auf das Display des Messgerätes nicht drei Minuten benötigen. Der von Dr. B._
angesetzte Zeitwert erscheint deshalb als zu hoch. Umgekehrt erscheint der von der
Abklärungsbeauftragten angesetzte Zeitwert als etwas zu tief, da die Eltern ja ihre
Tätigkeit unterbrechen, zur Beschwerdeführerin gehen, einen Kontrollblick machen und
dann wieder zur zuletzt ausgeübten Tätigkeit zurückkehren müssen. Das dürfte eher
eine ganze als nur eine halbe Minute in Anspruch nehmen. Allerdings müssen an einem
einzelnen Nachmittag nur maximal zehn Kontrollen durchgeführt werden. Gemäss den
Angaben im Abklärungsbericht gibt es auch Tage, an denen gar keine Kontrollen
durchgeführt werden müssen. Folglich rechtfertigt es sich nicht, von einem
4.3.
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5.
Die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken
festzusetzenden Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von
600 Franken zurückerstattet. Da Vertreter von Selbsthilfe- und gemeinnützigen
Organisationen in Verfahren vor dem Versicherungsgericht als Rechtsvertreter
zugelassen sind (Art. 12 lit. b Anwaltsgesetz, sGS 963.7), besteht bei einem Obsiegen
ein Anspruch auf eine Parteientschädigung. Diese ist ermessensweise auf 700 Franken
festzusetzen.
durchschnittlichen Aufwand von zehn Minuten pro Tag auszugehen; der
durchschnittliche Aufwand ist überwiegend wahrscheinlich tiefer. Dasselbe gilt auch für
die abendlichen Kontrollen, die überwiegend wahrscheinlich insgesamt keinen
Aufwand von mehr fünf Minuten verursachen. Die Nächte verlaufen unterschiedlich.
Normalerweise sind keine Nachteinsätze erforderlich. Weshalb die
Abklärungsbeauftragte für diesen „Normalfall“ nochmals die abendlichen
Blutzuckermessungen als zusätzlichen Aufwand berücksichtigt hat, ist nicht
nachvollziehbar. In diesen „normalen“ Nächten fällt kein pflegerischer Aufwand an.
Zwei- oder dreimal pro Woche muss die Insulinmenge korrigiert werden. Etwa 30
Minuten nach einer solchen Korrektur muss eine weitere Kontrolle durchgeführt
werden. Allenfalls muss der Blutzuckerwert manuell gemessen werden. Teilweise ist
eine weitere Korrektur notwendig. Die Werte müssen anschliessend mindestens
stündlich kontrolliert werden. Gemäss Dr. B._ werden dafür insgesamt 20 min
benötigt, was als angemessen erscheint. Der von der Abklärungsbeauftragten
berücksichtigte Wert von 2 min ist jedenfalls deutlich zu tief angesetzt. Allerdings fällt
dieser Aufwand nur zwei-, dreimal pro Woche an, weshalb der durchschnittliche
Aufwand pro Tag entsprechend tiefer sein muss und überwiegend wahrscheinlich bloss
sieben Minuten (= 20 min × 2,5 ÷ 7) in Anspruch nimmt. Damit resultiert ein
durchschnittlicher Zeitaufwand für pflegerische Massnahmen von etwas mehr als 90
Minuten pro Tag. Da dieser Aufwand deutlich höher als eine halbe Stunde pro Tag ist
(vgl. E. 4.2), hat die Beschwerdeführerin die Anspruchsvoraussetzung des Art. 37
Abs. 3 lit. c IVV für eine Entschädigung bei einer Hilflosigkeit leichten Grades erfüllt. Ihr
ist folglich mit Wirkung ab dem 1. Juli 2020 eine entsprechende
Hilflosenentschädigung zuzusprechen. Die Sache ist zur Festsetzung der
Hilflosenentschädigung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
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