Decision ID: ca726ed5-39a1-555a-901f-d16deec34e92
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die 1961 geborene deutsche Staatsbürgerin A._ (im Folgenden:
Versicherte oder Beschwerdeführerin) ist gelernte Heilerziehungspflegerin.
Sie arbeitete in ihrer Eigenschaft als Grenzgängerin ab dem 18. März 2010
als Betreuerin in einem Wohnheim in (...) und entrichtete dabei Beiträge
an die schweizerische Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung;
dieses Arbeitsverhältnis wurde seitens des Arbeitgebers per 30. November
2012 aufgelöst (Akten [im Folgenden: act.] der Invalidenversicherungs-
Stelle für Versicherte im Ausland [im Folgenden: IVSTA oder Vorinstanz] 3,
7, 9 S. 2, 11, 19, 20).
B.
B.a Während sie ärztlicherseits zufolge Krankheit ab dem 23. Juli 2012 ar-
beitsunfähig geschrieben war (act. 1 S. 1, 5 bis 10), erlitt sie am 9. Sep-
tember 2012 einen Motorradunfall. Sie zog sich dabei eine dislozierte 4
Fragment Humeruskopffraktur links, eine Sternumfraktur sowie eine Hüft-
prellung links zu und musste vom 9. bis 22. September 2012 stationär im
Klinikum B._ behandelt werden (act. 21 S. 7 bis 9, 22.2 S. 71). Nach
einem weiteren, vom 5. November bis 22. Dezember 2012 dauernden sta-
tionären Aufenthalt in der Fachklinik C._ (act. 8 S. 3) ging am
14. Dezember 2012 das Meldeformular für Erwachsene (Früherfassung)
bei der Invalidenversicherungsstelle des Kantons D._ (im Folgen-
den: IV-Stelle D._) ein (act. 1 S. 1 bis 2). Nachdem sich die Versi-
cherte am 27. Januar 2013 zum Bezug von Leistungen der schweizeri-
schen Invalidenversicherung (IV) in Form von beruflichen Eingliederungs-
massnahmen und einer Rente angemeldet hatte (act. 5), forderte die IV-
Stelle D._ am 31. Januar 2013 die Akten der zuständigen schwei-
zerischen Unfallversicherungsgesellschaft an (act. 18, 22.1 bis 22.4). In
Kenntnis weiterer medizinischer Unterlagen (act. 39, 41, 42) und nach Vor-
liegen des Protokolls betreffend das am 26. August 2013 durchgeführte
Assessmentgespräch (act. 44) gab Dr. med. E._ vom Regionalen
Ärztlichen Dienst (im Folgenden: RAD) am 25. September 2013 eine Stel-
lungnahme ab (act. 46). In der Folge holte die IV-Stelle D._ am 20.
Dezember 2013 ein weiteres Mal die Akten beim zuständigen Unfallversi-
cherer ein (act. 47 und 48). Nachdem der RAD-Arzt Dr. med. E._
Kenntnis von diesen sowie vom Arztbericht des Allgemeinmediziners Dr.
med. F._ vom 28. Januar 2014 (act. 50) hatte, nahm er mit Datum
vom 28. Februar 2014 erneut Stellung (act. 51). In der Folge gewährte die
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IV-Stelle D._ der Versicherten am 12. Juni 2014 die Leistungsarten
Beratung und Unterstützung bei der Stellensuche (act. 65).
B.b Nachdem am 27. Mai 2015 zwischen der Versicherten und der IV-
Stelle D._ ein Standortgespräch stattgefunden (act. 71) und der Un-
fallversicherer mit Schreiben vom 23. Juli 2015 seine Akten ein weiteres
Mal der IV-Stelle D._ zugestellt hatte (act. 76.1 bis 76.3), beurteilte
Dr. med. E._ vom RAD den Fall am 12. August 2015 erneut (act.
78). Nach einem weiteren Standortgespräch vom 28. Januar 2016 (act. 82)
und einer Besichtigung im Rahmen des Belastbarkeitstrainings am 3. März
2016 (act. 87; vgl. auch act. 88 und 89) wurde mit Verfügung vom 23. März
2016 Kostengutsprache für ein vom 21. März bis 24. Juni 2016 dauerndes
Belastbarkeitstraining inklusive Taggeldleistungen geleistet (act. 92 bis 94,
97, 99, 100, 102, 103, 105, 108 bis 110, 112, 113). Nachdem die Durchfüh-
rungsstelle am 15. Juli 2016 den entsprechenden Schlussbericht verfasst
hatte (act. 114), wurde die Arbeitsvermittlung mit Mitteilung vom 30. Sep-
tember 2016 abgeschlossen; es misslang, die Versicherte innert angemes-
sener Zeit wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren (act. 121).
B.c In der Folge nahm der RAD-Arzt Dr. med. E._ am 6. Oktober
2016 Stellung zum neurologischen Fachgutachten des Dr. med.
G._ vom 20. Mai 2016 (act. 119 und 122). Nach Erstellung des von
der deutschen Rentenversicherung in Auftrag gegebenen fachorthopädi-
schen Gutachtens von Dr. med. H._ vom 14. Dezember 2016 (act.
133 S. 4 bis 20) sowie der nervenfachärztlichen Expertise von Dr. med.
I._ vom 13. Februar 2017 (act. 133 S. 21 bis 30) erliess die Unfall-
versicherung am 5. Dezember 2017 eine Verfügung, mit welcher sie die
Leistungen für Heilbehandlungen per Ende Oktober 2015 einstellte und der
Versicherten bei einem Invaliditätsgrad von 32 % mit Wirkung ab 1. No-
vember 2015 eine Rente sowie aufgrund einer Integritätseinbusse von
42.5 % eine Integritätsentschädigung zusprach (act. 135). Diese Verfü-
gung erwuchs – soweit aus den Akten ersichtlich – unangefochten in
Rechtskraft (act. 136).
B.d Mit Datum vom 8. Februar 2018 forderte die IV-Stelle D._ ein
weiteres Mal die Akten des Unfallversicherers an (act. 137); diese gingen
am 23. Februar 2018 ein (act. 138). Nachdem sich Dr. med. E._
vom RAD am 25. Februar 2018 erneut mit dem Dossier befasst hatte (act.
140), erliess die IV-Stelle D._ am 16. April 2018 einen Vorbescheid,
mit welchem sie der Versicherten bei einem Invaliditätsgrad von 25.48 %
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die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht stellte (act. 142). Nach-
dem die Versicherte hiergegen am 29. April 2018 ihre Einwendungen vor-
gebracht hatte (act. 143), erliess die IVSTA am 20. Juni 2018 eine dem
Vorbescheid vom 16. April 2018 im Ergebnis entsprechende Verfügung
(act. 147).
C.
C.a Hiergegen liess die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin Re-
gula Schmid, beim Bundesverwaltungsgericht mit Eingabe vom 20. August
2018 Beschwerde erheben und beantragen, die Verfügung vom 20. Juni
2018 sei aufzuheben und es sei ihr ab September 2013 eine ganze IV-
Rente zuzusprechen; eventualiter sei die Angelegenheit zur Vornahme ei-
nes polydisziplinären Gutachtens und subeventualiter zur Vornahme einer
Umschulung an die Vorinstanz zurückzuweisen (act. im Beschwerdever-
fahren [im Folgenden: B-act.] 1).
Zur Begründung liess die Versicherte zusammengefasst ausführen, die
Unfallversicherung habe keine psychischen Unfallfolgen anerkannt. Diese
habe ihr wegen ihrer unfallbedingten somatischen Arbeitsunfähigkeit eine
Invalidenrente (Invaliditätsgrad: 32 %) zugesprochen. Als Valideneinkom-
men sei ein Jahreslohn von brutto Fr. 88'116.- (2014) angenommen wor-
den. Dieser Lohn basiere auf der ursprünglichen vollzeitlichen Anstellung
der Beschwerdeführerin. Dies ergebe umgerechnet auf 90 % ein Validen-
einkommen von Fr. 79'304.-. Dieses Valideneinkommen sei auch von der
Invalidenversicherung zu verwenden. Offensichtlich seien die regelmässi-
gen Zulagen von Fr. 5'500.- pro Jahr vergessen worden. Die Invalidenver-
sicherung habe die Teilzeittätigkeit der Beschwerdeführerin von 90 % dop-
pelt negativ gewichtet, was unrichtig sei. Wenn beim Validenlohn ein Be-
schäftigungsgrad von 90 % angenommen werde, so müsse dies auch beim
Invalidenlohn so gelten. Dieser würde somit Fr. 46'270.- betragen. Zu be-
rücksichtigen sei aber, dass der Beschwerdeführerin ein Leidensabzug zu
gewähren sei. Sie sei funktionelle Einhänderin und könne die linke Hand
nur als Hilfshand einsetzen. Eine Bürotätigkeit sei nicht denkbar. Auch eine
einhändige Tätigkeit am Fliessband sei nicht denkbar. Ein Leidensabzug
von 25 % sei daher gerechtfertigt. Selbst wenn nun mit dem Faktor 0.9
gewichtet werde, ergebe sich ein rentenbegründender Invaliditätsgrad. Zu-
dem seien die psychiatrischen und neuropsychologischen Einschränkun-
gen der Beschwerdeführerin zu berücksichtigen. Hier fehlten detaillierte
Angaben, weshalb ein zusätzliches polydisziplinäres Gutachten unter Um-
ständen sinnvoll wäre. Schliesslich habe die Beschwerdeführerin von der
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deutschen Rentenversicherung eine Rente wegen voller Erwerbsminde-
rung erhalten. Es sei interessant, dass der deutsche Leistungsabklärer of-
fensichtlich zum Schluss gekommen sei, dass eine Betätigung weder in
der angestammten Tätigkeit noch in einer anderen Tätigkeit sinnvoll mög-
lich sei. Auch wenn in der Schweiz teilweise andere Anspruchsvorausset-
zungen bestünden, so müsse doch die berufliche Eingliederung vorgenom-
men werden, bevor eine Rente gesprochen werde. Aufgrund der Ein-
schränkung von unbestritten über 20 % habe die Beschwerdeführerin An-
spruch auf Umschulungsmassnahmen. Bevor diese nicht durchgeführt
worden seien, könne der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin nicht
abgelehnt werden.
C.b Mit Zwischenverfügung vom 28. August 2018 wurde die Beschwerde-
führerin unter Hinweis auf die Säumnisfolgen (Nichteintreten auf die Be-
schwerde) aufgefordert, innert Frist einen Kostenvorschuss von Fr. 800.-
in der Höhe der mutmasslichen Verfahrenskosten zu leisten (B-act. 2 und
3); dieser Aufforderung wurde nachgekommen (B-act. 4).
C.c In ihrer Vernehmlassung vom 5. Dezember 2018 verwies die
Vorinstanz auf die Stellungnahme der IV-Stelle D._ vom 29. No-
vember 2018 und beantragte die Abweisung der Beschwerde (B-act. 6).
Die IV-Stelle D._ führte zusammengefasst aus, die Berechnung des
IV-Grades sei teilweise tatsächlich nicht richtig. Die Versicherte sei als Teil-
erwerbstätige ohne Aufgabenbereich zu qualifizieren, weshalb das Ein-
kommen aus dem Teilpensum auf eine hypothetische Vollerwerbstätigkeit
hochzurechnen sei. Das Einkommen ohne gesundheitliche Einschränkun-
gen liege somit bei Fr. 79'722.- und die Erwerbseinbusse bei Fr. 28'281.-,
was zu einem IV-Grad von 31.5 % führe. Die Korrektur des Einkommens-
vergleichs falle aber nicht ins Gewicht, da die Versicherte auch bei korrek-
ter Berechnung keinen rentenbegründenden IV-Grad erreiche. Der Ge-
sundheitszustand sei umfassend und sorgfältig abgeklärt worden. Eine po-
lydisziplinäre Begutachtung könne keine neuen Erkenntnisse bringen. Eine
solche setze denn auch drei Disziplinen voraus, was vorliegend nicht ge-
geben sei (die Neuropsychologie sei eine Unterkategorie der Psychiatrie).
Wie die Rechtsvertreterin richtig schreibe, seien die Anspruchsvorausset-
zungen in Deutschland anders. In der Schweiz habe die Versicherte keinen
rechtmässigen Anspruch auf eine Invalidenrente. Dass grundsätzlich Ein-
gliederungsmassnahmen angebracht wären, sei richtig. Die Versicherte
lebe jedoch in Deutschland, und als Ausländerin mit Wohnsitz im Ausland
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erfülle sie die versicherungsmässigen Voraussetzungen für berufliche Ein-
gliederungsmassnahmen nicht.
C.d In ihrer Replik vom 24. Januar 2019 liess die Beschwerdeführerin an
ihren Rechtsbegehren festhalten und ergänzend ausführen, die Vorinstanz
habe das Valideneinkommen nun auf Fr. 79'722.- erhöht. Sie verkenne je-
doch, dass dieses für 100 % Fr. 88'116.- betrage. Offensichtlich seien die
regelmässigen Zulagen von Fr. 5'500.- vergessen worden. Beim Invaliden-
einkommen von Fr. 51'441.- sei ein Leidensabzug von 25 % vorzunehmen,
da die Beschwerdeführerin funktionelle Einhänderin sei und die linke Hand
nur als Hilfshand einsetzen könne. Entsprechend betrage das Invaliden-
einkommen Fr. 38'580.-. Gewichtet mit 0.9 ergebe sich ein IV-Grad von
über 50 %. Die Beschwerdeführerin habe grundsätzlich einen Anspruch
auf Wiedereingliederung, da sie seit dem Zuzugsdatum am 18. Juni 2010
einen Wohnsitz in der Schweiz habe. Die erste Wohnsitz-Bescheinigung
sei am 16. Februar 2011 durch die Einwohnerkontrolle J._ und die
zweite Anmeldebestätigung von der Einwohnerkontrolle K._ (Zuzu-
gsdatum als Wochenaufenthalterin 1. Oktober 2011) ausgestellt worden.
Ab Januar 2018 sei die monatliche Rente des Unfallversicherers gekom-
men. Die deutsche Rente sei bereits ab Oktober 2017 bewilligt worden.
Nach den Vorgaben der deutschen Rentenversicherung dürfe die Be-
schwerdeführerin weniger als drei Stunden täglich arbeiten.
C.e In ihrer Duplik vom 12. Februar 2019 verwies die Vorinstanz auf die
Eingabe der IV-Stelle D._ vom 4. Februar 2019, worin mangels No-
ven in der Replik auf eine Duplik verzichtet wurde, und sah ebenfalls von
einer weiteren Stellungnahme ab (B-act. 11).
C.f Mit prozessleitender Verfügung vom 18. Februar 2019 wurde der
Schriftenwechsel unter Vorbehalt weiterer Instruktionsmassnahmen abge-
schlossen (B-act. 12).
C.g Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften und Be-
weismittel der Parteien ist – soweit erforderlich – in den nachfolgenden Er-
wägungen einzugehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
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1.
Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen und mit freier Kog-
nition, ob die Prozessvoraussetzungen erfüllt sind und ob auf eine Be-
schwerde einzutreten ist (Art. 7 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. De-
zember 1968 über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]; BVGE
2016/15 E. 1; 2014/4 E. 1.2).
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG; SR 173.32) in Verbindung mit Art. 33 Bst. d VGG und Art. 69 Abs. 1
Bst. b des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversiche-
rung (IVG; SR 831.20; vgl. auch Art. 40 Abs. 2 und 3 der Verordnung vom
17. Januar 1961 über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]) ist das
Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung der vorliegenden Beschwerde
zuständig.
1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG).
Gemäss Art. 3 Bst. dbis VwVG bleiben in sozialversicherungsrechtlichen
Verfahren die besonderen Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 6. Ok-
tober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG; SR 830.1) vorbehalten. Gemäss Art. 2 ATSG sind die Bestimmun-
gen dieses Gesetzes auf die bundesgesetzlich geregelten Sozialversiche-
rungen anwendbar, wenn und soweit die einzelnen Sozialversicherungs-
gesetze es vorsehen. Nach Art. 1 IVG sind die Bestimmungen des ATSG
auf die IV anwendbar (Art. 1a - 26bis und 28 - 70 IVG), soweit das IVG nicht
ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht. Nach den allgemeinen
intertemporalrechtlichen Regeln finden diejenigen Verfahrensregeln An-
wendung, welche im Zeitpunkt der Beschwerdebeurteilung in Kraft stehen
(BGE 130 V 1 E. 3.2).
1.3 Als direkte Adressatin ist die Beschwerdeführerin von der angefochte-
nen Verfügung vom 20. Juni 2018 (act. 147) berührt und kann sich auf ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung berufen
(Art. 59 ATSG; Art. 48 Abs. 1 VwVG). Nachdem auch der Kostenvorschuss
fristgerecht geleistet worden ist (B-act. 4), ist auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 60 ATSG; Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 63 Abs. 4 VwVG) einzutreten.
1.4
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Seite 8
1.4.1 Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes
des vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bil-
det die Verfügung der Vorinstanz vom 20. Juni 2018 (act. 147). Streitig und
zu prüfen ist die Rechtmässigkeit dieser Verfügung resp. mit Blick auf das
materielle Hauptbegehren der Beschwerdeführerin insbesondere, ob diese
Anspruch auf eine ganze IV-Rente hat.
1.4.2 Nicht streitig und nicht zu prüfen ist, dass bei der Beschwerdeführerin
von einer Teilzeiterwerbstätigkeit ohne Aufgabenbereich auszugehen ist
und deshalb im Rahmen der Bemessung der Invalidität die gemischte Me-
thode nicht zur Anwendung gelangt (BGE 131 V 51 E. 5.1.2 und E. 5.2).
1.5 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
1.6 Das sozialversicherungsrechtliche Verfahren ist vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 43 ATSG). Danach hat die Verwaltung und im
Beschwerdeverfahren das Gericht von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des erheblichen Sachverhalts zu sorgen. Dieser
Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet zum einen sein
Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien (Art. 28 ff. ATSG; BGE
125 V 195 E. 2, BGE 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen). Im Sozialversi-
cherungsprozess hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwie-
genden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines be-
stimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Ge-
richt hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen
möglichen Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE
126 V 360 E. 5b, 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
2.
Im Folgenden sind die weiteren, im vorliegenden Verfahren im Wesentli-
chen anwendbaren Normen und Rechtsgrundsätze darzustellen.
2.1 Die Beschwerdeführerin verfügt über die deutsche Staatsbürgerschaft
und wohnt in Deutschland, so dass vorliegend das am 1. Juni 2002 in Kraft
getretene Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft
einerseits und der Europäischen Gemeinschaft andererseits über die Frei-
zügigkeit vom 21. Juni 1999 (Freizügigkeitsabkommen, im Folgenden:
http://links.weblaw.ch/BGE-126-V-353 http://links.weblaw.ch/BGE-125-V-193
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Seite 9
FZA, SR 0.142.112.681) anwendbar ist (Art. 80a IVG in der Fassung ge-
mäss Ziff. I 4 des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 2001 betreffend die
Bestimmungen über die Personenfreizügigkeit im Abkommen zur Ände-
rung des Übereinkommens zur Errichtung der EFTA, in Kraft seit 1. Juni
2002). Das Freizügigkeitsabkommen setzt die verschiedenen bis dahin
geltenden bilateralen Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidge-
nossenschaft und den einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union
insoweit aus, als darin derselbe Sachbereich geregelt wird (Art. 20 FZA).
Gemäss Art. 8 Bst. a FZA werden die Systeme der sozialen Sicherheit ko-
ordiniert, um insbesondere die Gleichbehandlung aller Mitglieder der Ver-
tragsstaaten zu gewährleisten.
2.2 Mit Blick auf den Verfügungszeitpunkt (20. Juni 2018) finden vorliegend
die am 1. April 2012 in Kraft getretenen und per 1. Januar 2015 revidierten
Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 29. April 2004 zur Koordinierung der Systeme der sozialen Si-
cherheit (SR 0.831.109.268.1, inkl. Änderungen per 1. Januar 2015) sowie
(EG) Nr. 987/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
16. September 2009 zur Festlegung der Modalitäten für die Durchführung
der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koordinierung der Systeme der
sozialen Sicherheit (SR 0.831.109.268.11, inkl. Änderungen per 1. Januar
2015) Anwendung. Gemäss Art. 4 der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 ha-
ben Personen, für die diese Verordnung gilt, sofern (in dieser Verordnung)
nichts anderes bestimmt ist, die gleichen Rechte und Pflichten aufgrund
der Rechtsvorschriften eines Mitgliedstaats wie die Staatsangehörigen die-
ses Staates.
In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massge-
blich, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfol-
gen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Im
vorliegenden Verfahren finden demnach jene Vorschriften Anwendung, die
spätestens beim Erlass der Verfügung vom 20. Juni 2018 (act. 147) in Kraft
standen (so auch die Normen der am 1. Januar 2012 in Kraft getretenen
Fassung des IVG vom 18. März 2011 [6. IV-Revision]); weiter aber auch
solche, die zu jenem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren, die
aber für die Beurteilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprüche
von Belang sind.
2.3
C-4762/2018
Seite 10
2.3.1 Anspruch auf eine Rente der schweizerischen Invalidenversicherung
hat, wer invalid im Sinne des Gesetzes ist (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG) und
beim Eintritt der Invalidität während der gesetzlich vorgesehenen Dauer
Beiträge an die Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
(AHV/IV) geleistet hat, das heisst während mindestens drei Jahren gemäss
Art. 36 Abs. 1 IVG in der seit 1. Januar 2008 geltenden und vorliegend
anwendbaren Fassung. Diese Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt
sein; fehlt eine, so entsteht kein Rentenanspruch, selbst wenn die andere
erfüllt ist. Für die Erfüllung der dreijährigen Mindestbeitragsdauer werden
Beitragszeiten mitberücksichtigt, die in einem EU/EFTA-Staat zurückgelegt
worden sind. Die Beitragszeit in der Schweiz muss aber mindestens ein
Jahr betragen (BGE 131 V 390 E. 5 und 6).
2.3.2 Gemäss Art. 36 Abs. 2 IVG sind für die Berechnung der ordentlichen
Invalidenrenten die Bestimmungen des AHVG (SR 831.10) sinngemäss
anwendbar. Eine IV-spezifische Besonderheit besteht darin, dass die Min-
destbeitragszeit bei Eintritt der Invalidität (Eintritt des Versicherungsfalls)
geleistet sein muss (vgl. Urteil des BGer 8C_721/2013 vom 4. März 2014
E. 4.1). Der Zeitpunkt des Eintritts der Invalidität beurteilt sich nach Art. 28
Abs. 1 IVG. Die Invalidität beziehungsweise der Versicherungsfall gilt erst
mit der Entstehung des Rentenanspruches als eingetreten, also frühestens
mit Ablauf des Wartejahres gemäss Art. 28 Abs. 1 Bst. b IVG (vgl. BGE 138
V 475 E. 3). Bei der Beschwerdeführerin bestand die 100%ige Arbeitsun-
fähigkeit ab Juli 2012 (vgl. E. 5.1.1 ff.). Unter Berücksichtigung von Art. 28
Abs. 1 Bst. b IVG könnte der Versicherungsfall damit frühestens im Juli
2013 eingetreten sein (zum Beginn des Rentenanspruchs vgl. E. 5. Hier-
nach).
2.3.3 Aus dem Auszug aus dem individuellen Konto vom 25. Februar 2013
geht hervor, dass die gesamte Versicherungszeit der Beschwerdeführerin
bis zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz 22 Monate beträgt (act. 23). Weiter
ist aktenkundig, dass die Beschwerdeführerin vom 21. März bis 30. No-
vember 2016 Taggeldleistungen der Invalidenversicherung bezogen hat
(act. 128); diese sind als Erwerbseinkommen zu qualifizieren und unterlie-
gen der Beitragspflicht (Art. 6 Abs. 2 Bst. b der Verordnung über die Alters-
und Hinterlassenenversicherung vom 31. Oktober 1947 [AHVV; SR
831.101]). Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass die bis und mit 31. Ok-
tober 2015 von der Unfallversicherung ausgerichteten Taggelder gestützt
auf Art. 6 Abs. 2 Bst. b AHVV von der Beitragspflicht befreit waren. Die
Beschwerdeführerin hat somit die dreijährige Mindestbeitragsdauer mittels
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Seite 11
schweizerischen Versicherungszeiten bei Eintritt der (hypothetischen) In-
validität (ab Juli 2013) nicht erfüllt. Unter diesen Umständen müssen mit
Blick auf die deutsche Staatsbürgerschaft der Beschwerdeführerin für die
Erfüllung der dreijährigen Mindestbeitragsdauer Beitragszeiten mitberück-
sichtigt werden, die sie in einem EU/EFTA-Staat zurückgelegt hatte
(vgl. Rz. 3004.1 bis 3004.3 S. 47 f. der vorliegend anwendbaren Weglei-
tung über die Renten [RWL] in der Eidgenössischen Alters-, Hinterlasse-
nen- und Invalidenversicherung [Version 12, Gültig ab 01.01.2003; Stand:
01.01.2018]; vgl. auch Rz. 3003 ff. S. 25 f. des vom 15. Dezember 2017
bis 17. Dezember 2019 gültig gewesenen Kreisschreibens über das Ver-
fahren zur Leistungsfestsetzung in der AHV/IV/EL [KSBIL; Version 10]),
wobei – wie vorstehend bereits dargelegt – die Beitragszeit in der Schweiz
aber mindestens ein Jahr betragen muss (BGE 131 V 390 E. 5 und 6);
diese Voraussetzung wurde erfüllt. Da die Beschwerdeführerin in der
Schweiz im frühest möglichen Zeitpunkt des Eintritts des Versicherungs-
falls im Juli 2013 nur eine Beitragszeit von 22 Monaten aufweist, jedoch
keine Bescheinigung des Versicherungsverlaufs im Ausland aktenkundig
ist, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt trotz Hinweisen im Protokoll über das
Assessmentgespräch (act. 44 S. 2) und im Lebenslauf (act. 45) nicht end-
gültig beurteilen, ob die Voraussetzungen von Art. 36 Abs. 1 IVG in der ab
1. Januar 2008 geltenden Fassung vor Eintritt des (hypothetischen) Versi-
cherungsfalls frühestens im Juli 2013 erfüllt sind. Diesbezüglich hat die
Vorinstanz weitere Abklärungen zu treffen.
2.4 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG), die Folge
von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein kann (Art. 4 Abs. 1 IVG).
Invalidität ist somit der durch einen Gesundheitsschaden verursachte und
nach zumutbarer Behandlung oder Eingliederung verbleibende länger dau-
ernde (volle oder teilweise) Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt resp. der Möglichkeit,
sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen. Der Invaliditätsbegriff
enthält damit zwei Elemente: ein medizinisches (Gesundheitsschaden mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit) und ein wirtschaftliches im weiteren
Sinn (dauerhafte oder länger dauernde Einschränkung der Erwerbsfähig-
keit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich; vgl. zum Ganzen UELI KIESER,
ATSG-Kommentar, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2015, Art. 8 Rz. 7). Arbeits-
unfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen
oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im
bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei
langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf
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Seite 12
oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist
der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliede-
rung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7
ATSG).
2.5 Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können
auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7
ATSG). Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach Art. 4 Abs. 1 IVG so-
wie Art. 6 ff. und insbesondere Art. 7 Abs. 2 ATSG ist die medizinische Be-
fundlage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann
anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchti-
gung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE 141 V
281 E. 2.1). Mit der Diagnose eines Gesundheitsschadens ist noch nicht
gesagt, dass dieser auch invalidisierenden Charakter hat. Ob dies zutrifft,
beurteilt sich gemäss dem klaren Gesetzeswortlaut nach dem Einfluss, den
der Gesundheitsschaden auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit hat. Ent-
scheidend ist, ob der versicherten Person wegen des geklagten Leidens
nicht mehr zumutbar ist, ganz oder teilweise zu arbeiten. Deshalb gilt eine
objektivierte Zumutbarkeitsprüfung unter ausschliesslicher Berücksichti-
gung von Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung (BGE 142 V 106
E. 4.4). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und da-
mit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschränkun-
gen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung al-
len guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, ab-
wenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv
bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 352 E. 2.2.1; SVR 2014 IV Nr. 2
S. 5 E. 3.1). Entscheidend ist, ob und inwiefern es der versicherten Person
trotz ihres Leidens sozialpraktisch zumutbar ist, die Restarbeitsfähigkeit
auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offenstehenden ausgeglichenen Ar-
beitsmarkt zu verwerten, und ob dies für die Gesellschaft tragbar ist. Dies
ist nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu prüfen (BGE 136 V
279 E. 3.2.1; SVR 2016 IV Nr. 2 S. 5 E. 4.2).
Geht es um psychische Erkrankungen, namentlich eine anhaltende soma-
toforme Schmerzstörung oder ein damit vergleichbares psychosomati-
sches Leiden (vgl. BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3), sind für die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit systematisierte Indikatoren beachtlich, die – unter Berück-
sichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und
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Seite 13
Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – erlauben, das tat-
sächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281
E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; 143 V 418 E. 6 ff.). Ausgangspunkt der Prüfung
und damit erste Voraussetzung bildet eine psychiatrische, lege artis ge-
stellte Diagnose (vgl. BGE 141 V 281 E. 2.1; 143 V 418 E. 6 und E. 8.1).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erwähnten Indikatoren hat das
Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie
«funktioneller Schweregrad» (E. 4.3) mit den Komplexen «Gesundheits-
schädigung» (Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symp-
tome; Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz; Komorbidi-
täten [E. 4.3.1]), «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsentwicklung und -struk-
tur, grundlegende psychische Funktionen [E. 4.3.2]) und «sozialer Kon-
text» (E. 4.3.3) sowie Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhal-
tens [E. 4.4]) mit den Faktoren gleichmässige Einschränkung des Aktivitä-
tenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und be-
handlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens-
druck (E. 4.4.2). Zu ergänzen bleibt, dass sich das Bundesgericht in zwei
wichtigen Leitentscheiden zur Beurteilung der invalidisierenden Wirkung
psychischer Leiden geäussert hat. Es distanzierte sich im Rahmen seiner
Praxisänderung zu Depressionen und anderen psychischen Leiden von
der (kurzen Episode der) Sonderrechtsprechung für Depressionen, weitete
die Indikatorenprüfung der neuen "Schmerzrechtsprechung" gemäss
BGE141 V 281 auf sämtliche psychischen Leiden aus und präzisierte ei-
nige der Indikatoren (vgl. BGE 143 V 409 [= 8C_841/2016 vom 30. Novem-
ber 2017] und 143 V 418 [=8C_130/2017 vom 30. November 2017]).
2.6 Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG in der ab 1. Januar 2008 geltenden Fassung
haben jene Versicherten Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbsfähig-
keit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können (Bst. a), und die zusätzlich während eines Jahres ohne
wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig
(Art. 6 ATSG) gewesen sind und auch nach Ablauf dieses Jahres zu min-
destens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (Bst. b und c). Gemäss Art. 28
Abs. 2 IVG in der ab 2008 geltenden Fassung besteht der Anspruch auf
eine ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70 %, derje-
nige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine
halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein sol-
cher auf eine Viertelsrente. Laut Art. 29 Abs. 4 IVG (in der ab 2008 gelten-
den Fassung) werden Renten, die einem Invaliditätsgrad von weniger als
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Seite 14
50 % entsprechen, jedoch nur an Versicherte ausgerichtet, die ihren Wohn-
sitz und gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben,
soweit nicht zwischenstaatliche Vereinbarungen eine abweichende Rege-
lung vorsehen. Eine solche Ausnahme ist vorliegend gegeben (vgl. Art. 7
der Verordnung [EG] Nr. 883/2004). Nach der Rechtsprechung des Bun-
desgerichts (bis Ende Dezember 2006: Eidgenössisches Versicherungs-
gericht [EVG]) stellt diese Regelung nicht eine blosse Auszahlungsvor-
schrift, sondern eine besondere Anspruchsvoraussetzung dar (BGE 121 V
275 E. 6c).
2.7 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und
im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben.
Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu be-
urteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich
welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind
ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage,
welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden kön-
nen (BGE 140 V 193 E. 3.2; 132 V 93 E. 4). Sache des (begutachtenden)
Mediziners ist es zunächst, den Gesundheitszustand zu beurteilen und
wenn nötig seine Entwicklung im Laufe der Zeit zu beschreiben, d.h. mit
den Mitteln fachgerechter ärztlicher Untersuchung unter Berücksichtigung
der subjektiven Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt darauf
die Diagnose zu stellen. Hiermit erfüllt der Sachverständige seine genuine
Aufgabe, wofür Verwaltung und Gerichte nicht kompetent sind. Bei der Fol-
genabschätzung der erhobenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen für
die Arbeitsfähigkeit kommt der Arztperson hingegen keine abschliessende
Beurteilungskompetenz zu. Vielmehr nimmt die Arztperson zur Arbeitsun-
fähigkeit Stellung, d.h. sie gibt eine Schätzung ab, welche sie aus ihrer
Sicht so substanziell wie möglich begründet. Schliesslich sind die ärztli-
chen Angaben eine wichtige Grundlage für die juristische Beurteilung der
Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden kön-
nen. Nötigenfalls sind, in Ergänzung der medizinischen Unterlagen, für die
Ermittlung des erwerblich nutzbaren Leistungsvermögens die Fachperso-
nen der beruflichen Integration und Berufsberatung einzuschalten (BGE
140 V 193 E. 3.2). Demgegenüber fällt es nicht in den Aufgabenbereich
des Arztes oder der Ärztin, sich zur Höhe einer allfälligen Rente zu äussern,
da der Begriff der Invalidität nicht nur von medizinischen, sondern auch von
erwerblichen Faktoren bestimmt wird (vgl. Art. 16 ATSG).
C-4762/2018
Seite 15
Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das
Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unab-
hängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob
die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen
Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander
widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge-
ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These
abstellt (SVR 2010 IV Nr. 58 S. 178 E. 3.1; AHI 2001 S. 113 E. 3a).
Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi-
nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa-
tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag-
gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei-
nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen
Inhalt (BGE 137 V 210 E. 6.2.2; 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Unab-
hängig davon, ob es sich um eine nachweisliche organische Pathologie
oder um ein unklares Beschwerdebild handelt, setzt eine Anspruchsbe-
rechtigung stets eine nachvollziehbare ärztliche Beurteilung der Auswir-
kungen des Gesundheitsschadens auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit
voraus. Dabei können – insbesondere unklaren Beschwerdebildern inhä-
rente – Abklärungs- und Beweisschwierigkeiten die Berücksichtigung wei-
terer Lebens- und Aktivitätsbereiche wie etwa Freizeitverhalten oder fami-
liäres Engagement erfordern, um das Ausmass der Einschränkungen zu
plausibilisieren, wobei auch fremdanamnestische Angaben zu berücksich-
tigen sind. Ohne Einbezug solcher Indizien, wie sie im Rahmen der festen
Praxis zu den organisch nicht nachweisbaren unklaren Beschwerdebildern
(BGE 141 V 281 E. 4.4.1) regelmässig zu berücksichtigen sind, ist eine
ärztliche Arbeitsfähigkeitsbeurteilung nicht beweiskräftig (BGE 140 V 290
E. 3.3.2). In den konsistenten Nachweis einer gestörten Aktivität und Par-
tizipation einzubeziehen sind nur funktionelle Ausfälle, die sich aus denje-
nigen Befunden ergeben, welche auch für die Diagnose der Gesundheits-
beeinträchtigung massgebend gewesen sind. Die Einschränkung in den
Alltagsfunktionen, welche begrifflich zu einer lege artis gestellten Diagnose
gehört, wird mit den Anforderungen des Arbeitslebens abgeglichen und an-
hand von Schweregrad- und Konsistenzkriterien in eine allfällige Ein-
C-4762/2018
Seite 16
schränkung der Arbeitsfähigkeit umgesetzt. Auf diesem Weg können gel-
tend gemachte Funktionseinschränkungen über eine sorgfältige Plausibili-
tätsprüfung bestätigt oder verworfen werden (BGE 141 V 281 E. 2.1.2).
Eine begutachtende medizinische Fachperson muss über die notwendigen
fachlichen Qualifikationen verfügen (Urteil des BGer 9C_555/2017 vom
22. November 2017 E. 3.1 mit Hinweisen). Den von Versicherungsträgern
im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten Gutachten von medizinischen
Sachverständigen, die den Anforderungen der Rechtsprechung entspre-
chen, darf das Gericht vollen Beweiswert zuerkennen, solange nicht kon-
krete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137
V 210 E. 2.2.2; 135 V 465 E. 4.4).
Sofern RAD-Untersuchungsberichte den Anforderungen an ein ärztliches
Gutachten (BGE 125 V 351 E. 3a) genügen, auch hinsichtlich der erforder-
lichen ärztlichen Qualifikationen (vgl. hierzu Urteil des BGer 9C_736/2009
vom 26. Januar 2010 E. 2.1), haben sie einen vergleichbaren Beweiswert
wie ein anderes Gutachten (SVR 2009 IV Nr. 53 S. 165 E. 3.3.2). Eine von
anderen mit der versicherten Person befassten Ärzten abweichende Beur-
teilung vermag die Objektivität des Experten nicht in Frage zu stellen. Es
gehört vielmehr zu den Pflichten eines Gutachters, sich kritisch mit dem
Aktenmaterial auseinanderzusetzen und eine eigenständige Beurteilung
abzugeben. Auf welche Einschätzung letztlich abgestellt werden kann, ist
eine im Verwaltungs- und allenfalls Gerichtsverfahren zu klärende Frage
der Beweiswürdigung (BGE 132 V 93 E. 7.2.2). Ausschlaggebend für den
Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels
noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stel-
lungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen Inhalt (BGE 137
V 210 E. 6.2.2, 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a).
Die Stellungnahmen des RAD oder des medizinischen Dienstes der IVSTA,
welche nicht auf eigenen Untersuchungen beruhen, können wie Aktengut-
achten beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im
Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich festste-
henden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Be-
fassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (vgl. Urteile
des BGer 9C_524/2017 vom 21. März 2018 E. 5.1; 9C_28/2015 vom
8. Juni 2015 E. 3.2; 9C_196/2014 vom 18. Juni 2014 E. 5.1.1, je mit Hin-
weisen). Die Aufgabe der versicherungsinternen Fachpersonen besteht
insbesondere darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfe-
stellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche
C-4762/2018
Seite 17
in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den me-
dizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und versicherungsmedizi-
nisch zu würdigen (vgl. SVR 2009 IV Nr. 50 [Urteil 8C_756/2008] E. 4.4 mit
Hinweis; Urteil des BGer 9C_692/2014 vom 22. Januar 2015 E. 3.3). Sie
haben die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht zu würdigen,
wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten
eine Wertung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die an-
dere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzu-
nehmen ist (BGE 142 V 58 E. 5.1). Enthalten die Akten für die streitigen
Belange keine beweistauglichen Unterlagen, kann die Stellungnahme ei-
ner versicherungsinternen Fachperson in der Regel keine abschliessende
Beurteilungsgrundlage bilden, sondern nur zu weitergehenden Abklärun-
gen Anlass geben (vgl. Urteil des BGer 9C_58/2011 vom 25. März 2011
E. 3.3).
Wird die Schlüssigkeit der Feststellungen der versicherungsinternen Fach-
personen durch einen nachvollziehbaren Bericht eines behandelnden Arz-
tes in Zweifel gezogen, so genügt der pauschale Hinweis auf dessen auf-
tragsrechtliche Stellung (BGE 125 V 351 E. 3a cc) nicht, um solche Zweifel
auszuräumen. Vielmehr wird das Gericht entweder ein Gerichtsgutachten
anzuordnen oder die Sache an den Versicherungsträger zurückzuweisen
haben, damit dieser im Verfahren nach Art. 44 ATSG eine Begutachtung
veranlasst (BGE 135 V 465 E. 4.4 - 4.6).
3.
Gemäss dem Rentenbescheid der Deutschen Rentenversicherung vom
31. August 2017 wurde der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Oktober
2012 bis längstens zum 31. Oktober 2027 eine Rente wegen voller Er-
werbsminderung zugesprochen (B-act. 1 Beilage 4). Aus diesem Umstand
kann sie jedoch für das vorliegende Verfahren grundsätzlich nichts zu ihren
Gunsten ableiten, denn ihr allfälliger schweizerischer Rentenanspruch be-
stimmt sich alleine aufgrund der schweizerischen Bestimmungen. Es be-
steht für die rechtsanwendenden Behörden in der Schweiz keine Bindung
an die Feststellungen ausländischer Versicherungsträger, Behörden und
Ärzte bezüglich Invaliditätsgrad und Anspruchsbeginn (vgl. BGE 130 V 253
E.4 und AHI 1996, S. 179; vgl. auch ZAK 1989 S. 320 E. 2), und aus dem
Ausland stammende Beweismittel unterliegen der freien Beweiswürdigung
des Gerichts (vgl. Urteil des BVGer C-3377/2016 vom 28. März 2017 E. 4
mit Hinweisen; zum Grundsatz der freien Beweiswürdigung vgl. BGE 125
V 351 E. 3a).
C-4762/2018
Seite 18
4.
Mit Blick auf die unangefochten in Rechtskraft erwachsene Verfügung der
Unfallversicherung vom 5. Dezember 2017, mit welcher der Beschwerde-
führerin bei einem Invaliditätsgrad von 32 % mit Wirkung ab 1. November
2015 eine Unfallversicherungsrente sowie aufgrund einer Integritätsein-
busse von 42.5 % eine Integritätsentschädigung zugesprochen wurde
(act. 135 und 136), ist in koordinationsrechtlicher Hinsicht festzuhalten,
dass die IV-Stellen und die Unfallversicherer die Invaliditätsbemessung in
jedem Einzelfall selbstständig vorzunehmen haben. Keinesfalls dürfen sie
sich ohne weitere eigene Prüfung mit der blossen Übernahme des IV-
Grads des Unfallversicherers bzw. der IV-Stelle begnügen (BGE 126 V 288
E. 2d). Die Invaliditätsschätzung der Invalidenversicherung entfaltet ge-
genüber dem Unfallversicherer keine Bindungswirkung (vgl. BGE 131 V
362), was auch in umgekehrter Hinsicht gilt (BGE 133 V 549 E. 6). Auf-
grund dieser bundesgerichtlichen Rechtsprechung war die Vorinstanz beim
Erlass der angefochtenen Verfügung vom 20. Juni 2018 grundsätzlich nicht
an die von der Suva vorgenommene Invaliditätsbemessung gebunden.
5.
Im Zusammenhang mit der vorliegend angefochtenen Verfügung vom
20. Juni 2018 (act. 147) stützte sich die Vorinstanz betreffend den Gesund-
heitszustand der Beschwerdeführerin und dessen Auswirkungen auf die
Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit insbesondere auf die Stellungnahmen von
Dr. med. E._ vom RAD vom 25. September 2013 (act. 46), 28. Feb-
ruar 2014 (act. 51), 12. August 2015 (act. 78), 6. Oktober 2016 (act. 122)
sowie 25. Februar 2018 (act. 140). Diese sowie weitere medizinischen Be-
richte und Gutachten sind nachfolgend zusammengefasst wiederzugeben
und einer Würdigung zu unterziehen. Anhand dieser medizinischen Akten
ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin einen (befristeten oder unbefris-
teten) Rentenanspruch hat resp. ob die materiellen, kumulativen An-
spruchsvoraussetzungen von Art. 28 Abs. 1 Bst. a bis c IVG (vgl. zum ku-
mulativen Charakter von Art. 28 Abs. 1 Bst. a bis c IVG bspw. Urteil des
BGer 9C_942/2015 vom 18. Februar 2016 E. 3.1) und Art. 28 Abs. 2 IVG
erfüllt sind (vgl. E. 2.6 hiervor). In diesem Zusammenhang ist darauf hinzu-
weisen, dass der Rentenanspruch gemäss Art. 29 IVG frühestens nach Ab-
lauf von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs
nach Art. 29 Abs. 1 ATSG entsteht, jedoch frühestens im Monat, der auf die
Vollendung des 18. Altersjahres folgt (Abs. 1). Die Beschwerdeführerin un-
terzeichnete das Meldeformular betreffend Früherfassung bereits am
25. November 2012 und signalisierte so bereits zu diesem Zeitpunkt – und
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Seite 19
nicht erst 27. Januar 2013 (Anmeldung auf dem dazu vorgesehenen For-
mular; act. 5) – einen Anmeldewillen. Da für das Vorliegen einer Anmel-
dung gemäss Art. 29 Abs. 3 ATSG nicht entscheidend ist, ob der Anspruch
formgerecht mit dem dafür vorgesehenen Formular geltend gemacht
wurde, sondern vielmehr, ob sich der fraglichen Eingabe ein Anmeldewille
entnehmen lässt (UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 29,
Rz. 12 und 46; vgl. auch Urteile des BVGer C-7250/2014 vom 13. Dezem-
ber 2016 E. 8.3.3 und C-3476/2015 vom 22. Februar 2017 E. 3.3), könnte
der Beschwerdeführerin demnach frühestens ab Mai 2013 (sechs Monate
nach Unterzeichnung des Meldeformulars) unter der Bedingung, dass die
materiellen Anspruchsvoraussetzungen von Art. 28 Abs. 1 Bst. a bis c IVG
erfüllt sind (vgl. E. 2.6 hiervor), eine IV-Rente ausgerichtet werden.
5.1
5.1.1 Im Bericht vom 25. September 2013 (act. 46) führte Dr. med.
E._ in Kenntnis der Unfallversicherungsakten zusammengefasst
aus, die Versicherte sei nach der Kündigung ihrer Arbeitsstelle ab Juli 2012
wegen ihres Rückenleidens zu 100 % krankgeschrieben gewesen. In die-
ser Zeit habe sie Anfang September 2012 einen Motorradunfall erlitten.
Das Rückenleiden sowie die Begleitverletzungen des Unfalles seien fol-
genlos abgeheilt, und es stehe einzig die Belastungsinsuffizienz des ado-
minanten linken Arms als mögliche dauernde Schädigung zur Diskussion.
Es lägen reine Unfallfolgen vor. Medizinisch sei noch kein Endzustand er-
reicht; es bleibe, den weiteren Behandlungsverlauf abzuwarten. Arbeitsme-
dizinisch sei aber jetzt nach einjährigem Behandlungsverlauf relativ klar,
dass die angestammte Tätigkeit in der Betreuung und Pflege von Behin-
derten dauerhaft nicht mehr vollumfänglich möglich sein werde.
5.1.2 Nach Vorliegen der aktualisierten Unfallversicherungsakten (act. 48)
berichtete Dr. med. E._ am 28. Februar 2014 (act. 51), nach mehr
als einem Jahr nach dem schweren Unfall zeige sich in der neurologischen
Untersuchung immer noch eine Nervenschädigung, sodass davon auszu-
gehen sei, dass diese bestehen bleiben werde. Es resultiere damit eine
dauerhaft verminderte Belastungsfähigkeit des linken Armes für mittel-
schwere und schwere Arbeiten, sodass die angestammte Tätigkeit in der
Pflege nicht mehr uneingeschränkt aufgenommen werden könne. In einer
leidensadaptierten Tätigkeit liege mittlerweile sicher eine 100%ige Arbeits-
fähigkeit vor. Die medizinischen Elemente für berufliche Massnahmen
seien damit gegeben, sollten die versicherungsmässigen Voraussetzungen
erfüllt sein.
C-4762/2018
Seite 20
5.1.3 Im Gutachten der Klinik für (...) des Kantonsspitals L._ vom
6. Mai 2015 (act. 76.3 S. 9 bis 24) wurde ein Status nach offener Reposition
und Plattenosteosynthese einer mehrfragmentären proximalen Humerus-
fraktur und Osteosynthesematerialentfernung ein Jahr posttraumatisch so-
wie diskreten neurologischen Restdefiziten bei bisher als posttraumatische
Plexusläsion interpretierten neurologischen Entität. Grundsätzlich sei die
Diagnose einer initialen Plexusläsion in Frage zu stellen, und aufgrund der
im Februar 2015 durchgeführten Elektromyographie und die neuroanato-
mischen Gegebenheiten sei wahrscheinlich von einer traumatisch beding-
ten Wurzelschädigung zweier Nervenwurzeln (C5 und C8) auszugehen.
Bezüglich der konsolidierten proximalen Humerusfraktur zeige sich klinisch
ein dem aktuellen, konventionell radiologischen Befund entsprechend gu-
tes Bewegungsausmass. Repetitive belastende Arbeiten des linken adomi-
nanten Armes seien sicherlich nicht zumutbar, so dass eine höherprozen-
tige Arbeitsfähigkeit als Heilerziehungspflegerin nicht gegeben sei. Für
dauernde belastende, repetitive Tätigkeiten mit vom Körper abgespreiztem
Arm sei sicherlich eine 100%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit im an-
gestammten Beruf gegeben. In einer optimal angepassten Tätigkeit be-
stehe keine Arbeitsunfähigkeit. Zur weiteren Konkretisierung der neurolo-
gischen Läsion sei grundsätzlich die Möglichkeit einer weiterführenden Di-
agnostik mittels MRT der Halswirbelsäule sowie des linken Plexus brachi-
alis gegeben.
5.1.4 Nach erneuter Einholung der Akten der Unfallversicherung (act. 76.1
bis 76.3) und namentlich in Kenntnis des vorstehend zusammengefasst
wiedergegebenen Gutachtens der Klinik für (...) des Kantonsspitals
L._ vom 6. Mai 2015 (act. 76.3 S. 9 bis 24) war Dr. med. E._
am 12. August 2015 der Ansicht (act. 78), es werde aus dieser Expertise
nochmals klar, dass die angestammte Tätigkeit dauerhaft nicht mehr mög-
lich sei (100%ige Arbeitsunfähigkeit). In einer leidensadaptierten Tätigkeit,
welche Rücksicht auf die eingeschränkte Einsatzfähigkeit des linken Armes
nehme, liege eine 100%ige Arbeitsfähigkeit vor. Das neu in Auftrag gege-
bene neurologische Gutachten sei für die versicherungsmedizinische Be-
urteilung für den RAD nicht nötig, da keine neuen sozialmedizinischen Er-
kenntnisse zu erwarten seien.
5.1.5 Im neurologischen Fachgutachten vom 20. Mai 2016 (act. 119) er-
wähnte Prof. Dr. med. G._ eine komplexe Läsion des Plexus bra-
chialis links mit Schwerpunkt C5 und C8 links mit chronischem
Schmerzsyndrom mit nozizeptivem und neuropathischem Schmerz der lin-
C-4762/2018
Seite 21
ken Schulter und anamnestisch rezidivierend auftretender bewegungsin-
duzierter Schwindelsymptomatik bei einem Zustand nach Verkehrsunfall
mit Polytrauma am 9. September 2012. Weiter führte er zusammenfassend
aus, unfallfremde Erkrankungen, welche einen Einfluss auf die bestehen-
den Beschwerden hätten, lägen bei der Versicherten nicht vor. Die unfall-
bedingte Erwerbsminderung auf dem neurologischen Fachgebiet werde
auf 30 % im erlernten und zum Unfallzeitpunkt ausgeübten Beruf (Heiler-
ziehungspflegerin) und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geschätzt. Die
unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit dauere bis dato noch an.
5.1.6 Nach Vorliegen dieses neurologischen Fachgutachtens vom 20. Mai
2016 (act. 119) führte Dr. med. E._ am 6. Oktober 2016 aus (act.
122), der neurologische Gutachter gehe von einer zirka 30%igen Arbeits-
unfähigkeit für eine Verweistätigkeit aus, welche aber noch zu "bessern"
sei. Dies sei versicherungsmedizinisch nicht unbedingt nachzuvollziehen,
da die angestammte Tätigkeit als Heilerziehungspflegerin sicher nicht als
gut leidensadaptiert zu bezeichnen sei und damit in einer adaptierten Arbeit
eine höhere Leistungsfähigkeit zu fordern sei. In der beruflichen Abklärung
habe die Versicherte nebst dem Arbeitsweg von drei Stunden mit dem ei-
genen PKW in einer nicht optimal adaptierten Tätigkeit (da auch Anteile an
körperlichen Belastungen) drei Stunden pro Tag eine gute Leistung erbrin-
gen können. Unter anderem auch aufgrund IV-fremder Gründe (Grippe,
Rentenwunsch) sei keine weitere Steigerung der Leistung gezeigt worden.
Unzweifelhaft bestehe eine deutliche Belastungsinsuffizienz des linken Ar-
mes, welche aber über die Funktion als Zudienhand hinaus einzusetzen
sei. Eine funktionelle Einarmigkeit liege damit nicht vor, der linke Arm sei
aber für mittelschwere und schwere körperliche Tätigkeiten sicher dauer-
haft nicht mehr einzusetzen. In einer leidensadaptierten Tätigkeit könne
zusammenfassend bedingt durch ein leicht verlangsamtes Arbeitstempo
und etwas mehr Kurzpausen bei 100 % Anwesenheit eine Minderung von
10 bis 20 % zugestanden werden, sodass adaptiert eine 80 bis 90%ige
Arbeitsfähigkeit vorliege. Diese zumutbare adaptierte Arbeitsfähigkeit liege
mit dem beschriebenen verbesserten Gesundheitszustand seit Dezember
2013 vor.
5.1.7 In ihrem fachorthopädischen Gutachten vom 14. Dezember 2016
(act. 133 S. 5 bis 20) diagnostizierte Dr. med. H._, Fachärztin für
Orthopädie und Physikalische Medizin/Sportmedizin, ein Polytrauma bei
fremdverschuldetem Motorradunfall am 9. September 2012, einen Zustand
nach dislozierter Vierfragmenthumeruskopffraktur links am 9. September
2012 mit offener Reposition und Plattenosteosynthese am 12. September
C-4762/2018
Seite 22
2012, eine posttraumatische Omarthrose sowie eine inkomplette Restitu-
tion einer proximalen Läsion des linken Plexus brachialis. Weiter berichtete
Dr. med. H._, rein von orthopädischer Seite könnten grundsätzlich
Umschulungsmassnahmen auf eine vorwiegend sitzende Tätigkeit mit rei-
nem Einsatz des rechten Arms erwogen werden, jedoch wäre die zusätzli-
che psychologische Situation mit deutlich verminderter Belastbarkeit vor-
rangig zu berücksichtigen. Aus diesem Grund sollte zunächst ein neurolo-
gisches und psychosomatisches Gutachten zur Beurteilung hinzugezogen
werden. Von orthopädischer Seite wären der Versicherten auf dem allge-
meinen Arbeitsmarkt leichte körperliche Tätigkeiten sitzend zuzumuten,
ohne Einsatz des linken Armes.
5.1.8 Im ärztlichen Gutachten vom 9. Februar 2017 (act. 133 S. 21 bis 30)
stellte der Nervenarzt Dr. med. I._ folgende Diagnosen: Funktionell
ausgestaltete Armplexusschädigung links durch Polytrauma am 9. Sep-
tember 2012 (ICD-10: G54.0/LG), ein Zervikalsyndrom ohne derzeit kern-
spintomographisch objektivierbare radikuläre Schädigung (ICD-10:
M53.0/LG), eine anhaltende Schmerzstörung mit somatischen und soma-
toformen Anteilen (ICD-10: F45.40/G), eine kombinierte Angst und depres-
sive Störung (ICD-10: F41.2) sowie eine vordiagnostizierte posttraumati-
sche Belastungsstörung (ICD-10: F43.1/G). Weiter führte er aus, die am-
bulanten Behandlungsmöglichkeiten würden nur unzureichend genutzt.
Insbesondere bestehe keine ambulante, fachärztlich psychiatrisch-psycho-
pharmakologische und schmerztherapeutische Behandlung. Für das Be-
rufsfeld der Heilerziehungspflegerin erscheine bei Ausschöpfung der auf-
gezeigten Therapiemöglichkeiten eine Belastbarkeit von drei bis unter
sechs Stunden gegeben. Im Hinblick auf das positive und negative Leis-
tungsbild könnten nunmehr leichte Tätigkeiten für drei bis unter sechs
Stunden wahrgenommen werden.
5.1.9 In der Expertise der Klinik M._ vom 22. März 2017 (act. 138
S. 161 bis 176) wurde mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit keine Di-
agnose gestellt; ohne Auswirkungen wurde eine Anpassungsstörung mit
Sorgen, Anspannungen, Existenzängsten und Stimmungseinbrüchen
(ICD-10: F43.23) diagnostiziert. Weiter wurde berichtet, die geklagten psy-
chischen Beschwerden seien auf die finanziellen Sorgen zurückzuführen,
wie die Versicherte selber dafürhalte. Unter der bereits etablierten Ge-
sprächspsychotherapie sei aus psychiatrischer Sicht mit der Erhaltung ei-
ner vollen Arbeitsfähigkeit zu rechnen. Nach Abschluss des Versicherungs-
verfahrens sei mit einer vollständigen Rückbildung der Anpassungsstörung
C-4762/2018
Seite 23
und damit mit einem fehlenden Bedarf einer psychotherapeutischen Be-
handlung zu rechnen. Die Versicherte sei sowohl in der angestammten als
auch in einer angepassten Verweisungstätigkeit aus psychiatrischer Sicht
zu 100 % arbeitsfähig.
5.1.10 In der Gutachtensergänzung der Klinik M._ vom 18. August
2017 (act. 138 S. 121 bis 122) wurde zusammengefasst ausgeführt, weder
anamnestisch noch aktenmässig seien die Symptome einer posttraumati-
schen Belastungsstörung im Verlauf von 2012 bis 2015 zu entnehmen.
Auch im Gutachtensbericht von Prof. Dr. med. N._, Facharzt für
Neurologie und Psychiatrie, vom 20. Mai 2016 sei ein unauffälliger psychi-
scher Befund dokumentiert worden. Ob die Versicherte unmittelbar nach
dem Unfall über kürzere Zeit bewusstlos oder bei vollem Bewusstsein ge-
wesen sei, ändere die Beurteilung des Referenten nicht, da sich die Symp-
tome einer posttraumatischen Belastungsstörung bei der Versicherten über
vier Jahre nach dem Unfall weder aktenmässig noch anamnestisch entwi-
ckelt hätten. Da sich zum Zeitpunkt der Untersuchung und auch in wesent-
lichen Phasen der Retrospektive keine relevanten Beeinträchtigungen von
Funktionen auf der kognitiven und affektiven Ebene gezeigt hätten und
keine neuen Elemente hinsichtlich einer anderen Entwicklung der Gesund-
heit nach Durchführung des Gutachtens belegt würden, müsse an der Be-
urteilung vom 22. März 2017 festgehalten werden.
5.1.11 In der Expertise des Zentrums für O._ AG vom 11. April 2017
(act. 138 S. 124 bis 160) wurde zusammengefasst berichtet, dass die Ver-
sicherte unabhängig davon, ob nun eine gesicherte Plexusläsion oder eine
gesicherte Radiculopathie vorliege, also unabhängig von der wirklich gesi-
cherten Aetiologie, eine Funktionsstörung im Bereich der linken Schulter,
des linken Arms und der linken Hand aufweise, die sich auf ihre Funktions-
fähigkeit und Arbeitsfähigkeit auswirke. Dies allein gelte es in Bezug auf
die Funktionsfähigkeit zu beurteilen. Angesichts der von der Versicherten
präsentierten psychiatrischen Beurteilung einer Anpassungsstörung lasse
sich nicht ausschliessen, dass zwischenzeitlich Symptome im Sinne einer
Symptomausweitung (zusätzlich) hinzugekommen seien. Angesichts des-
sen, dass die Versicherte bei der Evaluation der funktionellen Leistungsfä-
higkeit (im Folgenden: EFL) am 20./21. Februar 2017 eine gute Leistungs-
bereitschaft gezeigt habe, könne die Funktionsfähigkeit mit dieser ab-
schliessend beurteilt werden. Im Rahmen der Schlussfolgerungen wurde
ausgeführt, aufgrund der erheblich eingeschränkten Funktion der linken
oberen Extremität sei die angestammte Tätigkeit als Heilerziehungspflege-
rin nicht zuzumuten. Leichte Arbeit, bei der die linke Hand nur geringfügig
C-4762/2018
Seite 24
als Halte-/Begleithand eingesetzt werden müsse, sei zumutbar. In einer
solchen angepassten Tätigkeit bestehe eine 100%ige Arbeitsfähigkeit.
Beim Schlussgespräch habe sich die Versicherte für eine solche Tätigkeit
als nicht ganztags arbeitsfähig erachtet. Angesichts dessen, dass die Be-
lastungsresultate der EFL, bei der die Belastung des rechten Armes/der
rechten Hand nicht eingeschränkt gewesen sei, auf einen achtstündigen
Tag habe extrapoliert werden können, sei dieser Einwand aus rheumatolo-
gisch-orthopädisch-physiologischer Sicht nicht nachvollziehbar. Aus psy-
chiatrischer Sicht bestehe keine Arbeitsunfähigkeit. Aus interdisziplinärer
Sicht bestehe die dargelegte Arbeitsfähigkeit aus somatischer Sicht. Diese
dargelegte Arbeitsfähigkeit sei seit der aktuellen EFL-Austestung als sicher
gegeben zu erachten. Die früheren, rein klinischen Befundungen liessen
keine klare Beurteilung der zu den entsprechenden Zeitpunkten vorgele-
gene Funktionsfähigkeit zu.
5.1.12 In Kenntnis des psychiatrischen Gutachtens der Klinik M._
vom 22. März 2017 (act. 138 S. 161 bis 176), der Expertise des Zentrums
für O._ AG vom 11. April 2017 (act. 138 S. 124 bis 160) sowie der
Gutachtensergänzung der Klinik M._ vom 18. August 2017 (act.
138 S. 121 bis 122) berichtete Dr. med. E._ am 25. Februar 2018
(act. 140), es liege mit der Einschränkung des linken adominanten Armes
eine reine Unfallfolge vor. Die angestammte Tätigkeit als Heilerzieherin in
Teilzeit sei seit dem Unfall dauerhaft nicht mehr möglich. In einer leidens-
adaptierten Tätigkeit liege seit Dezember 2013 eine 100%ige Arbeitsfähig-
keit vor. Therapeutisch sei mit keiner wesentlichen Änderung der Arbeits-
fähigkeit zu rechnen.
5.2 Wie bereits dargelegt wurde (vgl. E. 2.7 hiervor), kann auf Stellungnah-
men von Fachärztinnen und -ärzten des RAD nur unter der Bedingung ab-
gestellt werden, dass deren Beurteilungen den allgemeinen beweisrechtli-
chen Anforderungen an einen ärztlichen Bericht (resp. an ein Gutachten)
genügen und zudem die beigezogenen Ärztinnen und Ärzte über die im
Einzelfall gefragten persönlichen und fachlichen Qualifikationen verfügen.
Den Berichten im Sinne von Art. 59 Abs. 2bis IVG von Dr. med. E._
könnte – obwohl solche ohne eigene Untersuchung resp. Abklärung vor Ort
verfasst wurden – volle Beweiskraft zukommen, wenn die übrigen, von der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung herausgearbeiteten Kriterien erfüllt
sind. Das ist vorliegend jedoch insbesondere deshalb nicht der Fall, weil
es sich bei den Beurteilungen von Dr. med. E._ nicht bloss um die
C-4762/2018
Seite 25
fachärztliche Beurteilung eines – aufgrund eines beweiskräftigen medizini-
schen Dokuments – an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts
handelt (vgl. E. 2.7 hiervor).
5.2.1 Insofern sich Dr. med. E._ bei seinen Beurteilungen in der
Stellungnahme vom 12. August 2015 (act. 78) auf die Expertise der Klinik
für (...) des Kantonsspitals L._ vom 6. Mai 2015 (act. 76.3 S. 9 bis
24) stützte, kann darauf mit Blick auf das massgebliche Verfügungsdatum
vom 20. Juni 2018 mangels Aktualität zum Vornherein nicht abgestellt wer-
den. Dasselbe gilt auch für die früheren, vom 25. September 2013 (act. 46)
und 28. Februar 2014 (act. 51) datierenden Stellungnahmen von Dr. med.
E._ sowie seinen Bericht vom 6. Oktober 2016 (act. 122), welcher
nach Kenntnis und in Würdigung des im Verfügungszeitpunkt ebenfalls be-
reits über zwei Jahre alt gewesenen neurologischen Fachgutachtens vom
20. Mai 2016 (act. 119) verfasst worden war.
5.2.2 Dazu kommt, dass hinsichtlich des Leistungsvermögens der Versi-
cherten in einer leidensadaptierten Verweisungstätigkeit zwischen dem
Gutachter Prof. Dr. med. G._ und Dr. med. E._ Divergenzen
bestehen. Zwar versuchte Dr. med. E._, seine abweichende Auf-
fassung zu begründen, indem er ausführte, in der beruflichen Abklärung
habe die Versicherte nebst dem Arbeitsweg von drei Stunden mit dem ei-
genen PKW in einer nicht optimal adaptierten Tätigkeit drei Stunden pro
Tag eine gute Leistung erbringen können und auch aufgrund IV-fremder
Gründe keine weitere Steigerung der Leistung gezeigt; in einer leidens-
adaptierten Tätigkeit könne bedingt durch ein leicht verlangsamtes Arbeits-
tempo und etwas mehr Kurzpausen bei 100 % Anwesenheit eine Minde-
rung von 10 bis 20 % zugestanden werden, sodass adaptiert eine 80 bis
90%ige Arbeitsfähigkeit vorliege. Diese Beurteilung deckt sich jedoch wie-
derum nicht mit den Angaben im Schlussbericht über die Integrationsmass-
nahmen vom 14. Juli 2016 (act. 138 S. 94 bis 102), welchem bei der Fest-
legung der Arbeitsfähigkeit ebenfalls Rechnung zu tragen ist (vgl. Urteil des
BGer 9C_554/2015 vom 15. Dezember 2015 E. 3.4 mit Hinweisen auf SVR
2013 IV Nr. 6 S. 13 und Urteile des BGer 9C_148/2012 E. 2.3.2 und
9C_833/2007 vom 4. Juli 2008 E. 3.3.2). Darin wurde unter anderem fest-
gehalten, die Versicherte sei sehr motiviert in die Massnahme eingestiegen
und habe sich im Verlaufe dieser immer wieder überfordert. Sie sei oftmals
bis an die Grenze der Belastbarkeit gegangen, was häufig körperliche Re-
aktionen wie starke Schmerzen oder undefinierte Entzündungen zur Folge
gehabt habe, und es sei auffallend, dass sie ihre Kraft und Energie immer
C-4762/2018
Seite 26
wieder auf die abzuleistende Zeit (zwei bzw. drei Stunden täglich) abge-
stimmt habe und ihr am Ende oft keine Energie mehr übrig geblieben sei
für private und ausserplanmässige Dinge. Im Übrigen zeigte die Beschwer-
deführerin auch anlässlich der EFL eine gute Leistungsbereitschaft (act.
138 S. 124 bis 160).
5.2.3 Weiter ergeben sich betreffend das Ausmass der Leistungsfähigkeit
in einer leidensadaptierten Verweisungstätigkeit auch mit Blick auf das
fachorthopädische Gutachten von Dr. med. H._ vom 14. Dezember
2016 (act. 133 S. 5 bis 20) sowie den Schlussbericht über die Integrations-
massnahmen vom 14. Juli 2016 (act. 138 S. 94 bis 102) weitere Unstim-
migkeiten. Während Dr. med. H._ die Auffassung vertrat, dass der
Beschwerdeführerin von orthopädischer Seite her auf dem allgemeinen Ar-
beitsmarkt leichte sitzende Tätigkeiten ohne Einsatz des linken Armes zu-
mutbar wären, wurde anlässlich der beruflichen Abklärungsmassnahmen
(act. 138 S. 94 bis 102) festgestellt, die Versicherte habe mit einer Prä-
senzzeit von zwei Stunden an vier Tagen pro Woche stabil arbeiten kön-
nen, wobei ihr die Steigerung auf drei Stunden Probleme bereitet habe. Die
Steigerung auf vier Stunden sei gar nicht richtig zum Tragen gekommen,
obwohl die Versicherte versucht habe, einen Teil im Homeoffice mit Schrei-
ben am PC zu leisten. Bei Begleitaufgaben (Gespräche mit Bewohnern,
Diskussionen im Team, Dokumentation von Fragestellungen zum Thema
Funktionale Gesundheit, etc.) habe die Leistung bei mindestens 50%, teil-
weise auch darüber gelegen. Allerdings habe diese Leistung nicht über län-
gere Zeit aufrechterhalten werden können (für eine halbe
oder Dreiviertelstunde). Unter diesen Aspekten erscheint es nicht plausibel
und nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführerin auf dem ersten Arbeits-
markt vollzeitlich leichte sitzende Tätigkeiten ohne Einsatz des linken Ar-
mes zumutbar sein sollen.
5.2.4 Weiter können auch die Angaben von Dr. med. E._, die zu-
mutbare adaptierte Arbeitsfähigkeit liege seit Dezember 2013 vor, aufgrund
der Ausführungen in der Expertise des Zentrums für O._ AG vom
11. April 2017 (act. 138 S. 124 bis 160), wonach die dargelegte Arbeitsfä-
higkeit seit der am 20./21. Februar 2017 erfolgten EFL-Austestung als si-
cher gegeben zu erachten sei und die früheren, rein klinischen Befundun-
gen keine klare Beurteilung der zu den entsprechenden Zeitpunkten vor-
gelegene Funktionsfähigkeit zuliessen, als nicht rechtsgenüglich qualifi-
ziert werden.
C-4762/2018
Seite 27
5.2.5 Ebenfalls ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin entgegen der
Auffassung von Dr. med. E._ nicht primär einen "Rentenwunsch"
geäussert hatte. Vielmehr wurde gemäss Schlussbericht über die Integra-
tionsmassnahmen vom IV-Berater der Vorschlag gemacht, die Massnahme
– da sich die Beschwerdeführerin selbst immer wieder überfordert hatte
und am Ende der drei Monate am Ende ihrer Leistungsfähigkeit gewesen
war – zu unterbrechen und die Rentenprüfung einzuleiten, um zufolge der
Existenzängste der Beschwerdeführerin deren Belastung zu reduzieren
und eine finanzielle Sicherheit zu gewährleisten, wobei eine spätere Wie-
deraufnahme der Integrationsmassnahme keineswegs ausgeschlossen
wurde.
5.2.6 In neurologisch-psychiatrischer Hinsicht ergeben sich aus den Akten
weitere Widersprüche bezüglich des Leistungsvermögens der Beschwer-
deführerin in einer leidensadaptierten Tätigkeit. Während der Neurologe
Dr. med. I._ in seiner Expertise vom 9. Februar 2017 (act. 133 S. 21
bis 30) die – den Ausführungen im Schlussbericht über die Integrations-
massnahmen vom 14. Juli 2016 (act. 138 S. 94 bis 102) nicht widerspre-
chende – Auffassung vertrat, im Hinblick auf das positive und negative
Leistungsbild könnten nunmehr leichte Tätigkeiten für drei bis unter sechs
Stunden wahrgenommen werden, waren die Experten der Klinik
M._ in ihrem Gutachten vom 22. März 2017 der Ansicht, die Versi-
cherte sei in einer angepassten Verweisungstätigkeit aus psychiatrischer
Sicht vollständig arbeitsfähig. Hinzu kommen die unterschiedlich gestellten
Diagnosen und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit. Dr. med.
I._ erwähnte – mit Blick auf das Leistungskalkül offensichtlich mit
Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit – namentlich eine anhaltende
Schmerzstörung mit somatischen und somatoformen Anteilen, eine kombi-
nierte Angst und depressive Störung sowie eine vordiagnostizierte post-
traumatische Belastungsstörung. Die Gutachter der Klinik M._ hin-
gegen diagnostizierten lediglich und ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfä-
higkeit eine Anpassungsstörung mit Sorgen, Anspannungen, Existenz-
ängsten und Stimmungseinbrüchen. Dass in der Ergänzung des Gutach-
tens am 18. August 2017 (act. 138 S. 121 bis 122) begründet worden ist,
weshalb keine posttraumatische Belastungsstörung vorliegen soll, genügt
nicht, die oben aufgezeigten Widersprüchlichkeiten in der Diagnoseerhe-
bung und deren Auswirkungen auf die Arbeits- und insbesondere die Leis-
tungsfähigkeit in einer leidensangepassten Verweisungstätigkeit rechts-
genüglich zu entkräften. Schliesslich steht auch – wie die Ausführungen
anlässlich des Gutachtens der Klinik M._ vom 22. März 2017 (act.
138 S. 161 bis 179) zeigen – die Expertise des Zentrums für O._
C-4762/2018
Seite 28
AG vom 11. April 2017 (act. 138 S. 124 bis 160) mit der Beurteilung von
Dr. med. I._ vom 9. Februar 2017 (act. 133 S. 21 bis 30) in Wider-
spruch.
5.3 Da die medizinischen Einschätzungen der Leistungsfähigkeit sowohl
untereinander als auch in offensichtlicher und erheblicher Diskrepanz zur
Leistung, welche die Beschwerdeführerin während der Integrationsmass-
nahmen bei einwandfreiem Arbeitsverhalten/-einsatz effektiv realisierte
und gemäss Einschätzung des Berufsfachmanns objektiv realisierbar ist,
vermag dies ernsthafte Zweifel an den ärztlichen Annahmen zu begründen
und ist das Einholen einer klärenden medizinischen Stellungnahme grund-
sätzlich unabdingbar (vgl. hierzu Urteil des BGer 9C_148/2012 vom
17. September 2012 E. 2.3.2). In diesem Zusammenhang hat die
Vorinstanz Klarheit zu schaffen resp. prüfen zu lassen, ob bei der Be-
schwerdeführerin tatsächlich – wie von Dr. med. I._ bejaht – ein
psychischer Gesundheitsschaden mit Auswirkungen auf die Arbeits- und
Leistungsfähigkeit vorliegt und falls ja, ob dieser eine rentenbegründende
Invalidität zu bewirken vermochte resp. vermag. Nach dem Dargelegten
kann deshalb nicht – im Sinne einer antizipierten Beweiswürdigung (vgl.
hierzu BGE 136 I 229 E. 5 und 131 I 153 E. 3; SVR 2007 IV Nr. 45 S. 149
E. 4; Urteil des BGer I 9/07 vom 9. Februar 2007 E. 4) – davon ausgegan-
gen werden, dass von einer medizinisch nachvollziehbar und schlüssig be-
gründeten Expertise keine verwertbaren entscheidrelevanten Erkenntnisse
zu den Diagnosen und zum Grad der Arbeitsunfähigkeit zu erwarten sind
(vgl. zum Ganzen Urteil des BGer 8C_189/2008 vom 4. Juli 2008 E. 5 mit
Hinweisen). Das gilt selbst unter dem Aspekt, dass retrospektive Beurtei-
lungen der Arbeitsunfähigkeit schwierig sind und entsprechende Begutach-
tungen deshalb erhöhten Ansprüchen genügen müssen (vgl. hierzu Urteil
des BVGer C-1421/2013 vom 29. September 2014 E. 3.4.2 mit Hinweis).
5.4 Da mit Blick auf das Dargelegte die Möglichkeit besteht, dass die Be-
schwerdeführerin auch in psychischer Hinsicht gesundheitlich beeinträch-
tigt ist resp. bei ihr möglicherweise somatische und psychische Erkrankun-
gen zusammenwirken könnten, ist die Begutachtung interdisziplinär in der
Schweiz durchzuführen (vgl. hierzu Urteil des BGer 9C_235/2013 vom
10. September 2013 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen; vgl. auch Urteil des
BGer 8C_189/2008 vom 4. Juli 2008 E. 5 mit Hinweis auf 8C_321/2007
vom 6. Mai 2008 E. 6.3). Zweck eines interdisziplinären Gutachtens ist es,
alle relevanten gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erfassen und die
sich daraus je einzeln ergebenden Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit in
ein Gesamtergebnis zu bringen (BGE 137 V 210 E. 1.2.4 S. 224; SVR 2008
C-4762/2018
Seite 29
IV Nr. 15 S. 43, I 514/06 E. 2.1), wobei die Gutachtensstelle nebst den
Fachdisziplinen Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie sowie Ortho-
pädie allenfalls die weiteren Disziplinen zu bestimmen hat (vgl. hierzu act.
75; BGE 139 V 349 E. 3.3). Im Rahmen dieser notwendigen medizinischen
Begutachtung – welche bei einer Gutachterstelle nach dem Zufallsprinzip
zu erfolgen hat (vgl. hierzu BGE 140 V 507 E. 3.1 und E. 3.2.1), mit welcher
das Bundesamt für Sozialversicherungen eine Vereinbarung getroffen hat
(vgl. hierzu Art. 59 Abs. 3 IVG i.V.m. Art. 72bis Abs. 1 und 2 IVV; BGE 139
V 349 E. 2.2) – sind sämtliche bisher verfassten ärztlichen Berichte und
Gutachten – allenfalls auch die nach Verfügungserlass vom 20. Juni 2018
erstellten – von den Expertinnen und/oder Experten zu würdigen. Da Diag-
nosen unerlässliche Voraussetzung für eine abschliessende Beurteilung
bilden, hat sich die Gutachterin oder der Gutachter zudem auch mit den
Diagnosestellungen auseinanderzusetzen und sich – nach feststehenden
Diagnosen – zur Arbeits- resp. Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin
mit Hilfe der heranzuziehenden, im Fokus stehenden Standardindikatoren
gemäss BGE 141 V 281 bzw. 143 V 409 und 143 V 418 zu äussern.
6.
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich zusammenfassend,
dass sich der gesundheitliche Zustand der Beschwerdeführerin und des-
sen Auswirkungen auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit aufgrund der vor-
liegenden Aktenlage nicht schlüssig und zuverlässig beurteilen lässt (vgl.
BGE 125 V 353 E. 3b/bb; vgl. zum Ganzen auch E. 2.7 hiervor). Die Stel-
lungnahmen von Dr. med. E._ sowie zahlreiche weitere aktenkun-
dige medizinische Expertisen vermögen keine abschliessenden Beurtei-
lungsgrundlagen zu bilden, sondern geben Anlass zu weitergehenden Ab-
klärungen. Somit wurde im vorliegend zu beurteilenden Beschwerdever-
fahren der rechtserhebliche Sachverhalt nicht rechtsgenüglich abgeklärt
und gewürdigt (Art. 43 ff. ATSG sowie Art. 12 VwVG). Eine Rückweisung
der Sache in Nachachtung des Untersuchungsgrundsatzes (Art. 43 Abs. 1
ATSG) an die Vorinstanz zur weiteren Abklärung der Auswirkungen sämtli-
cher Leiden auf die Arbeits- resp. Leistungsfähigkeit anlässlich einer um-
fassenden interdisziplinären medizinischen Begutachtung in der Schweiz
ist unter den gegebenen Umständen notwendig und aufgrund der aktuellen
Bundesgerichtsrechtsprechung auch möglich, da eine Verlagerung der Ex-
pertentätigkeit von der administrativen auf die gerichtliche Ebene sachlich
nicht wünschbar ist (vgl. BGE 137 V 210 E. 4.2).
7.
Nach neuer Ermittlung des vollständigen und richtigen medizinischen
C-4762/2018
Seite 30
Sachverhalts hat die Vorinstanz die Versicherte – sollten Massnahmen in
Form einer ambulanten oder stationären Therapie und/oder medikamentö-
sen Behandlung indiziert sein (vgl. hierzu Gutachten von Dr. med.
I._ vom 9. Februar 2017 [E. 5.1.8 hiervor]) – unter Hinweis auf die
Schadenminderungspflicht (vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichtes
9C_242/ 2009 vom 30. April 2009 sowie BGE 113 V 22 E. 4a mit Hinwei-
sen) unverzüglich aufzufordern, sich diesen Massnahmen bei entspre-
chender Zumutbarkeit zu unterziehen.
8.
Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass nach der Rechtsprechung
ganz allgemein der Grundsatz gilt, dass eine invalide Person, bevor sie
Leistungen verlangt, alles ihr Zumutbare selber vorzukehren hat, um die
Folgen ihrer Invalidität bestmöglich zu mildern; deshalb besteht kein Ren-
tenanspruch, wenn sie selbst ohne Eingliederungsmassnahmen zumutba-
rerweise in der Lage wäre, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkom-
men zu erzielen (vgl. hierzu BGE 138 I 205 E. 3.2 und 113 V 22 E. 4a; SVR
2007 IV Nr. 1 S. 3 E. 5.1). Berufliche Eingliederungsmassnahmen setzen
zwar in genereller Hinsicht insbesondere auch die Erfüllung der versiche-
rungsmässigen Kriterien und die subjektive und objektive Eingliederungs-
fähigkeit von versicherten Personen voraus (vgl. hierzu bspw. Urteil des
BGer 8C_667/2015 vom 6. September 2016 E. 4.2 mit Hinweisen). Jedoch
erfüllte die im massgebenden Zeitpunkt des Verfügungserlasses (20. Juni
2018) in Deutschland wohnhafte, nicht mehr in der Schweiz erwerbstätige
Beschwerdeführerin die versicherungsmässigen Voraussetzungen für
Leistungen der Invalidenversicherung gemäss Art. 1b IVG in Verbindung
mit Art. 1a AHVG nicht mehr. Da die für sämtliche Eingliederungsmassnah-
men geltende, in Art. 9 Abs. 1bis IVG statuierte Voraussetzung der Versi-
cherungsunterstellung zur Folge hat, dass das Recht auf entsprechende
Leistungen erlischt, sobald die betreffende Person nicht mehr versichert
ist, hat die Beschwerdeführerin keinen Anspruch (mehr) auf berufliche Ein-
gliederungsmassnahmen (vgl. BGE 145 V 266 E. 4.2 und 5 mit Hinweisen).
9.
9.1 Auch hat die Vorinstanz einen Einkommensvergleich durchzuführen.
Dabei hat sie zu beachten, dass im Rahmen der Bemessung des hypothe-
tischen Valideneinkommens auch die Zulagen (B-act. 1 Beilage 3) zu be-
rücksichtigen sind und bei teilerwerbstätigen Versicherten ohne Aufgaben-
bereich die anhand der Einkommensvergleichsmethode (Art. 16 ATSG) zu
C-4762/2018
Seite 31
ermittelnde Einschränkung im allein versicherten erwerblichen Bereich pro-
portional – im Umfang der hypothetischen Teilerwerbstätigkeit – Berück-
sichtigung zu finden haben. Der Invaliditätsgrad entspricht der proportiona-
len Einschränkung im erwerblichen Bereich und kann damit den versicher-
ten Bereich, welcher durch das hypothetische Teilzeitpensum definiert wird,
nicht übersteigen (BGE 142 V 290 E. 7.3); die proportionale Gewichtung
gemäss BGE 142 V 290 hat nicht auf der Ebene der Arbeitsfähigkeitsschät-
zung zu erfolgen, vielmehr ist das Ergebnis des Einkommensvergleichs
proportional (entsprechend dem hypothetischen erwerblichen Teilpensum)
zu veranschlagen (SVR 2017 IV Nr. 53 S. 160 E. 5.5).
9.2 Weiter hat die Vorinstanz anlässlich der Festsetzung des hypotheti-
schen Invalideneinkommens sorgfältig und rechtsgenüglich einen mögli-
chen, leidensbedingten Abzug zu prüfen. Zwar führt die gesundheitlich be-
dingte Unmöglichkeit, weiterhin körperlich schwere Arbeiten zu verrichten,
nicht automatisch zu einer Verminderung des hypothetischen Invaliden-
lohns. Vielmehr ist der Umstand allein, dass nur mehr leichte Arbeiten zu-
mutbar sind, auch bei eingeschränkter Leistungsfähigkeit kein Grund für
einen zusätzlichen leidensbedingten Abzug, weil der Tabellenlohn im Kom-
petenzniveau 1 bereits eine Vielzahl von leichten Tätigkeiten umfasst (Ur-
teil 8C_439/2017 vom 6. Oktober 2017 E. 5.5; 8C_805/2016 vom 22. März
2017 E. 3.4.2; 9C_386/2012 vom 18. September 2012 E. 5.2). Weiter
nimmt gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts die Bedeutung feh-
lender Dienstjahre im privaten Sektor ab, je niedriger das Anforderungs-
profil ist (Urteil des BGer 8C_238/2014 vom 1. Juni 2015 E. 6.3.2 mit wei-
teren Hinweisen; zur Verneinung des einkommensbeeinflussenden Merk-
mals zufolge längerer Abwesenheit vom Arbeitsmarkt vgl. Urteil des BGer
8C_805/2016 vom 22. März 2017 E. 3.3). Jedoch wird die Vorinstanz ein-
lässlich zu prüfen haben, ob die Beschwerdeführerin zusätzlich zum zeit-
lich zumutbaren Arbeitspensum qualitativ in ihrer Arbeitsfähigkeit einge-
schränkt ist (vgl. Urteil des BGer 8C_61/2018 vom 23. März 2018 E. 6.5)
und ob angesichts des Zumutbarkeitsprofils und der schweren Beeinträch-
tigung des linken Armes von einem genügend breiten Spektrum an zumut-
baren Verweisungstätigkeiten auszugehen ist bzw. Umstände zu berück-
sichtigen sind, die auch auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt als aus-
serordentlich zu bezeichnen sind (Urteil 9C_421/2017 vom 19. September
2017 E. 2.4 mit Hinweisen). Zu erwähnen ist, dass an die Konkretisierung
von Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten praxisgemäss nicht
übermässige Anforderungen zu stellen sind (vgl. hierzu Urteile des BGer
9C_744/2008 vom 19. November 2008 E. 3.2 und 9C_236/2008 vom
4. August 2008 E. 4.2; Urteil des EVG I 349/01 vom 3. Dezember 2003
C-4762/2018
Seite 32
E. 6.1) und die Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person nach der Tätig-
keit zu beurteilen ist, die sie – im Rahmen der Schadenminderungspflicht
(vgl. Art. 21 Abs. 4 ATSG) – nach ihren persönlichen Verhältnissen und ge-
gebenenfalls nach einer gewissen Anpassungszeit bei gutem Willen ausü-
ben könnte (vgl. Urteil des BVGer C-4315/2009 vom 22. August 2011 E. 5.2
mit Hinweisen). Weiter wird die Vorinstanz zu berücksichtigen haben, dass
die Beschwerdeführerin im Verfügungszeitpunkt bereits 57-jährig gewesen
(vgl. hierzu bspw. Urteile des BGer 9C_334/2013 E. 3 und 9C_655/2012
vom 29. November 2012 E. 3) und während der Ausübung ihrer beruflichen
Tätigkeit in der Schweiz Grenzgängerin gewesen war (vgl. hierzu Urteil des
BVGer C-7187/2016 vom 23. April 2019 E. 8.9.3).
10.
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist zusammenfassend festzuhal-
ten, dass die Beschwerde insoweit gutzuheissen ist, als die angefochtene
Verfügung vom 20. Juni 2018 aufzuheben ist und die Akten im Sinne der
Erwägungen an die Vorinstanz – unter dem Vorbehalt der Erfüllung der Vo-
raussetzung der dreijährigen Mindestbeitragsdauer – zur Durchführung
von weiteren umfassenden medizinischen Abklärungen und anschliessen-
dem Erlass einer neuen Verfügung zurückzuweisen sind.
11.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
11.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis und 2
IVG), wobei die Verfahrenskosten gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG in der Re-
gel der unterliegenden Partei auferlegt werden. Da eine Rückweisung pra-
xisgemäss als Obsiegen der Beschwerde führenden Partei gilt (BGE 132
V 215 E. 6), sind im vorliegenden Fall der Beschwerdeführerin keine Kos-
ten aufzuerlegen. Dieser ist der geleistete Verfahrenskostenvorschuss in
der Höhe von Fr. 800.- nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegenden Ur-
teils zurückzuerstatten. Der Vorinstanz werden ebenfalls keine Verfahrens-
kosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
11.2 Die obsiegende, anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin hat ge-
mäss Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf eine Parteient-
schädigung zu Lasten der Vorinstanz. Da keine Kostennote eingereicht
wurde, ist die Entschädigung aufgrund der Akten festzusetzen (Art. 14
C-4762/2018
Seite 33
Abs. 2 Satz 2 VGKE). Unter Berücksichtigung des Verfahrensausgangs,
des gebotenen und aktenkundigen Aufwands, der Bedeutung der Streitsa-
che und der Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens ist
eine Parteientschädigung von Fr. 2‘800.- angemessen (inklusive Auslagen
und 8%iger Mehrwertsteuer bis Ende Dezember 2017; seit 1. Januar 2018
7.7 % [vgl. Art. 9 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 10 Abs. 2 VGKE; Art. 25
Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Mehrwertsteuer vom 12. Juni 2009
{MWSTG; SR 641.20}]).