Decision ID: 7e54d499-f0c3-5428-8f66-fcb53a58fa98
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Am 29. April 2020 reichte die A._ AG für ihre Abteilungen "Order Processing" (10
unbefristete Arbeitsverhältnisse), "Human Resources/Internal Services" (5) und
"Logistik" (15) beim Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons St. Gallen eine
Voranmeldung für Kurzarbeit ein. Die voraussichtliche Dauer der Kurzarbeit
veranschlagte sie jeweils auf den Zeitraum vom 4. Mai 2020 bis zum 31. Oktober 2020
(act. G 3.1/A1 - A3). Mit Verfügungen vom 13. Mai 2020 stimmte das Amt für Wirtschaft
und Arbeit betreffend die Abteilungen "Operations" und "HR/Internal Services" unter
dem Vorbehalt der Erfüllung der übrigen Anspruchsvoraussetzungen der Ausrichtung
von Kurzarbeitsentschädigung ab 4. Mai 2020 zu (act. G 3.1/A6 f.).
A.a.
Mit Einsprache vom 15. Mai 2020 machte die A._ AG geltend, nicht der
Gesamtbereich "Operations", sondern die Abteilungen "Order Processing" und
"Logistik" seien als Betriebsabteilungen anzuerkennen, da diese organisatorisch und
personell unabhängige Einheiten seien und die Anforderungen an eine
Betriebsabteilung erfüllten. So hätten sie eine eigene innerbetriebliche Leitung, die
Leistungserbringung könnte auch durch selbstständige Betriebe erfolgen und sie
verfügten über die Autonomie und Befugnis, Rechtshandlungen vorzunehmen (act.
G 3.1/A8).
A.b.
Mit Entscheid vom 18. August 2020 wies das Amt für Wirtschaft und Arbeit die
Einsprache ab. Die verschiedenen Arbeitsgruppen der Produktionsabteilung
A.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
"Operations" wie Auftragsabwicklung (Order Processing), Entwicklung und Planung
(Planning & Production Engineering), Logistik (Logistics) oder Montage (Assembly)
arbeiteten für das gemeinsame Unternehmensziel, das Erstellen von Produkten, eng
zusammen. Insbesondere die beiden Bereiche Logistik und Auftragsabwicklung seien
mit den Arbeitsabläufen der anderen Bereiche eng verflochten. Auf Grund des
fehlenden eigenen Betriebszwecks verfügten diese beiden Arbeitsgruppen nicht über
eine ausreichende Autonomie, um einem Betrieb gleichgestellt werden zu können (act.
G 3.1/A11).
Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom
14. September 2020 mit dem Antrag auf dessen Aufhebung. Den beiden
Betriebsabteilungen Order Processing und Logistik sei sodann mit Wirkung ab dem
4. Mai 2020 die Kurzarbeit zu bewilligen. Die Anmeldung für den Geschäftsbereich
Operations sei lediglich erfolgt, weil die Sachbearbeiterin des Beschwerdegegners der
zuständigen HR-Mitarbeiterin der Beschwerdeführerin mitgeteilt habe, dass die
Anerkennung der beiden Organisationseinheiten Order Processing und Logistik als
Betriebsabteilung ohnehin chancenlos sei und sie ein neues Gesuch für den gesamten
Geschäftsbereich Operations einreichen solle. Da jedoch mangels Anwesenheit einer
unterschriftsberechtigten Person lediglich das Deckblatt ohne Unterschriftenseite neu
eingereicht worden sei, sei diese Anmeldung nicht rechtsgültig erfolgt. Die
Beschwerdeführerin habe somit für den Geschäftsbereich Operations nie eine
rechtsgültige Voranmeldung eingereicht und die Verfügung vom 13. Mai 2020 habe
sich nur auf die Betriebsabteilungen Order Processing und Logistik beziehen können.
Wie aus dem Organigramm ersichtlich, seien diese Abteilungen mit eigenen
personellen Mitteln ausgestattet und unterständen einer eigenen, innerbetrieblich
selbstständigen Leitung. Die Abteilungen seien auch mit eigenen technischen Mitteln
ausgestattet. So verfüge die Abteilung Logistik über technische Mittel zum Transport,
zur Einlagerung der erforderlichen Komponenten sowie zur Erfassung der statistischen
Informationen wie etwa Lagerbestände. Die Tätigkeiten der Abteilung Order Processing
seien vorwiegend kaufmännischer Natur und würden an den Computern der
Mitarbeiterinnen erledigt. Im Weiteren erfüllten die fraglichen Betriebsabteilungen auch
das Kriterium der Erbringung einer Leistung, die auch von selbstständigen Betrieben
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erbracht und auf dem Markt angeboten werden könnten. Weder die
Auftragsabwicklung noch die Logistik sei derart eng mit dem Kerngeschäft verknüpft,
dass eine Auslagerung dieser Geschäftstätigkeit nicht plausibel wäre. Schliesslich
seien die Mitarbeitenden in den einzelnen Betriebsabteilungen des Geschäftsbereichs
Operations auf ihren Teil der Wertschöpfungskette spezialisiert und könnten nicht ohne
Weiteres in anderen Abteilungen eingesetzt werden. Die Abteilungen Order Processing
und Logistik stellten somit Betriebsabteilungen im Sinn von Art. 52 AVIV dar. Zudem sei
darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin bereits während der Finanzkrise
2009 für insgesamt acht Betriebsabteilungen Kurzarbeit beantragt habe. Damals habe
der Beschwerdegegner die diversen Betriebsabteilungen vorbehaltlos anerkannt. Fünf
dieser damals anerkannten Betriebsabteilungen, namentlich die heute in Order
Processing umbenannte Abteilung Auftragsabwicklung, entsprächen den heute dem
Geschäftsbereich Operations zugeordneten Betriebsabteilungen (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 28. September 2020 beantragt der
Beschwerdegegner die Abweisung der Beschwerde. Damit eine Betriebsabteilung
einem Betrieb gleichgestellt werden könne, müsse sie innerhalb des Gesamtbetriebs
eine gewisse Autonomie geniessen. Sie müsse eine Arbeitnehmergruppe umfassen, die
im Gesamtbetrieb eine organisatorische Einheit bilde. Ferner müsse sie einen eigenen
Betriebszweck verfolgen oder im innerbetrieblichen Produktionsablauf eigene
Leistungen, wie z.B. die Herstellung eines Zwischenprodukts, erbringen. Dem Bereich
Logistik könne kein eigener Zweck innerhalb der Beschwerdeführerin zugeordnet
werden. Dieser Bereich erbringe nämlich keine eigene Leistung innerhalb des
Gesamtbetriebs. Die Logistik sei vielmehr auf den Betriebszweck der Produktion
ausgerichtet und sei mit diesem eng verzahnt. Der Grund für den Arbeitsausfall und die
Voranmeldung von Kurzarbeit sei denn auch ein Einbruch in der Produktion gewesen.
Dasselbe gelte für den Bereich Order Processing. Die Auftragsabwicklung sei gänzlich
in den Arbeitsablauf der Produktion eingebunden. Es werde keine eigene
innerbetriebliche Leistung erbracht, die autonom betriebswirtschaftlich funktioniere und
verwertbar wäre. Im Übrigen sei auch die Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich mit
11 eher klein. Könnte bereits für eine geringe Personenzahl Kurzarbeitsentschädigung
verlangt werden, würden schon kleine Beschäftigungsschwankungen einen Anspruch
auf Kurzarbeitsentschädigung begründen. Der Entscheid, ob eine Betriebsabteilung als
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Betrieb anerkannt werde, erfolge im Einzelfall. Die Beschwerdeführerin könne sich nicht
auf einen Vertrauenstatbestand berufen (act. G 3).
Mit Replik vom 23. Oktober 2020 lässt die Beschwerdeführerin ausführen, dass für
die Anerkennung einer Betriebsabteilung nicht nur die Verfolgung eines eigenen
Betriebszwecks in Frage komme, sondern auch lediglich eine eigene
Leistungserbringung im innerbetrieblichen Produktionsablauf. Bereits daraus werde
klar, dass innerhalb des Produktionsablaufs eines Arbeitgebers mehrere
Betriebsabteilungen bestehen könnten. Demgegenüber scheine der
Beschwerdegegner davon auszugehen, dass eine Betriebsabteilung nur eine eigene
Leistung erbringe, wenn sie auch einen eigenen Betriebszweck verfolge. Der Umstand,
dass die Beschwerdeführerin neben der Produktion von Apparaten und Einrichtungen
für den U._-Bedarf diese Produkte auch entwickle und vertreibe, dürfe nicht dazu
führen, dass den einzelnen Betriebsabteilungen des Produktionsablaufs die
Qualifikation als Betriebsabteilung aberkannt werde. Als Beispiel für eine eigene
Leistung im innerbetrieblichen Produktionsablauf nenne die AVIG-Praxis KAE die
Herstellung eines Zwischenprodukts. Demgegenüber deuteten die Ausführungen des
Beschwerdegegners darauf hin, dass er nur eine Abteilung, die sämtliche
Arbeitsschritte im Rahmen der Herstellung eines Endproduktes erbringe, als
Betriebsabteilung anerkenne. Dies sei mit der AVIG-Praxis KAE nicht vereinbar, handle
es sich bei den aufgelisteten Arbeitsschritten jeweils um Zwischenprodukte, entweder
in Form von Dienstleistungen (Einkauf, Logistik) oder in Form eines physischen
Zwischenproduktes (Herstellung Einzelteile, Montage). Die Abteilungen Order
Processing und Logistik erfüllten daher die Kriterien einer Betriebsabteilung im Sinn
von Art. 52 AVIV. Für den Fall, dass die fraglichen Abteilungen nicht als
Betriebsabteilungen anerkannt würden, sei der Vertrauensschutz zu beachten. Die
Voranmeldung von Kurzarbeit für die Betriebsabteilungen Order Processing und
Logistik sei gestützt auf die individuelle Praxis des Beschwerdegegners in Bezug auf
die Abteilungen der Beschwerdeführerin erfolgt. Die Beschwerdeführerin habe somit
darauf vertrauen dürfen, dass der Beschwerdegegner die im Jahr 2009 anerkannten
Betriebsabteilungen auch jetzt wieder anerkenne, mache er doch gegenüber damals
keine veränderten Umstände geltend (act. G 5).
B.c.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Mit Duplik vom 3. November 2020 führt der Beschwerdegegner aus, die Aufgaben
eines Logistikers der Beschwerdeführerin bestehe in der Identifizierung, Prüfung, Ver
packung, Etikettierung und Einlagerung der Ware am Lagerplatz. Zudem werde die
Ware in verschiedenen Lagern kommissioniert und es würden interne Transporte
durchgeführt. Als Betriebsmittel ständen unter anderem Personal, Lagerhallen,
Packmaterial, Container, Fahrzeuge und eine digitale Infrastruktur zur Verfügung. Es
handle sich somit um innerbetriebliche Leistungen für spezifische Produkte der
Beschwerdeführerin. Die Auslagerung in ein autonomes und konkurrenzfähiges
ausserbetriebliches Logistikunternehmen komme demnach nicht in Frage. Die
Selbstständigkeit einer innerbetrieblichen Leitung ergebe sich noch nicht aus der
formellen Stellung innerhalb eines Organigramms (act. G 7).
B.d.
Vorliegend ist einzig umstritten, ob die von der Beschwerdeführerin geltend
gemachten Abteilungen Order Processing und Logistik Betriebsabteilungen im Sinn der
nachfolgend aufgeführten Bestimmungen bilden.
1.1.
Arbeitnehmende, deren normale Arbeitszeit verkürzt oder deren Arbeit ganz
eingestellt ist, haben unter den in Art. 31 Abs. 1 lit. a - d des Bundesgesetzes über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR
837.0) genannten Voraussetzungen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung. Der
Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung setzt gemäss Art. 31 Abs. 1 lit. b AVIG unter
anderem voraus, dass der Arbeitsausfall anrechenbar ist. Gemäss Art. 32 Abs. 1 AVIG
ist ein Arbeitsausfall anrechenbar, wenn er auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen
und unvermeidbar ist (lit. a) und pro Abrechnungsperiode mindestens 10 Prozent der
Arbeitsstunden ausmacht, die von den Arbeitnehmenden des Betriebes normalerweise
insgesamt geleistet werden (lit. b). Kleinere Beschäftigungsschwankungen hat der
Arbeitgeber selbst zu tragen.
1.2.
In Art. 32 Abs. 4 AVIG wird der Bundesrat ermächtigt zu bestimmen, unter welchen
Voraussetzungen eine Betriebsabteilung einem Betrieb gleichgestellt ist. Von dieser
Kompetenz hat der Bundesrat in Art. 52 Abs. 1 der Verordnung über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02) Gebrauch
gemacht. Danach ist eine Betriebsabteilung einem Betrieb gleichgestellt, wenn sie eine
1.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit eigenen personellen und technischen Mitteln ausgestattete organisatorische Einheit
bildet, die einer eigenen innerbetrieblich selbstständigen Leitung untersteht (lit. a) oder
Leistungen erbringt, die auch von selbstständigen Betrieben erbracht und auf dem
Markt angeboten werden könnten (lit. b).
Wird eine organisatorische Einheit eines Betriebes als Betriebsabteilung im Sinne
von Art. 52 Abs. 1 AVIV qualifiziert, bildet sie (und nicht mehr der gesamte Betrieb [vgl.
oben E. 1.1]) die massgebliche Bezugsgrösse für die Berechnung des Mindest
arbeitsausfalls. Eine allzu grosszügige Anerkennung von Betriebsabteilungen führt
deshalb dazu, dass die 10-Prozent-Klausel im Zusammenhang mit dem geforderten
Mindestarbeitsausfall (Art. 32 Abs. 1 lit. b AVIG) ihres Inhalts entleert wird (vgl. AVIG-
Praxis Kurzarbeitsentschädigung [KAE], Rz C34). Die Qualifikation als Betriebsabteilung
setzt deshalb eine gewisse Autonomie der fraglichen Organisationseinheit innerhalb
des Gesamtbetriebs voraus. Die Organisationseinheit muss eine Arbeitnehmergruppe
umfassen, die im Gesamtbetrieb eine organisatorische Einheit bildet. Sie muss einem
eigenen Betriebszweck dienen oder im innerbetrieblichen Produktionsablauf eigene
Leistungen (z.B. Herstellung eines Zwischenprodukts) erbringen. Eine räumliche
Trennung ist nicht zwingend erforderlich. Gegen eine Betriebsabteilung spricht eine
enge personelle und technische Verflechtung mit anderen betrieblichen Einheiten.
Ebenfalls keine Betriebsabteilung liegt vor, wenn die Gruppe nur wenige
Arbeitnehmende oder gar nur eine einzelne Person umfasst (vgl. AVIG-Praxis KAE, Rz
C31 ff.).
1.4.
In Bezug auf die Erfüllung des Kriteriums des anrechenbaren Arbeitsausfalls hat
die massgebende Rechtslage (Art. 32 Abs. 1 und 4 AVIG, Art. 52 Abs. 1 AVIV) durch die
Pandemiegesetzgebung (Art. 17 des Bundesgesetzes über die gesetzlichen
Grundlagen für Verordnungen des Bundesrates zur Bewältigung der Covid-19-
Epidemie vom 25. September 2020 [abgekürzt: Covid-19-Gesetz; SR 818.102] sowie
die Verordnung über Massnahmen im Bereich der Arbeitslosenversicherung im
Zusammenhang mit dem Coronavirus vom 20. März 2020 [COVID-19; abgekürzt:
COVID-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung; SR 837.033]) keine Änderung bzw.
Erleichterung erfahren. Dies ist folgerichtig, sollten doch mit den speziellen
Massnahmen in erster Linie Betriebe und deren Mitarbeitende, die von Covid-19 bzw.
den darauf gerichteten Gegenmassnahmen ("Lockdown") sehr stark betroffen waren
oder sind, unterstützt werden. Das Erfüllen der in Frage stehenden Voraussetzung
eines Mindestarbeitsausfalls von 10 % in Bezug auf den Gesamtbetrieb bzw. eine
Betriebsabteilung ist demnach gemäss bestehender Gesetzgebung und dazu
ergangener Rechtsprechung zu beurteilen.
1.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Formell ist vorab die Frage der zusätzlichen Voranmeldung betreffend den Geschäfts
bereich/die Betriebsabteilung Operations zu klären: Wie sich aus den Akten ergibt,
stimmt die Seite 2 mit den Unterschriften in der Voranmeldung vom 29. April 2020
betreffend die Betriebsabteilung Logistik exakt mit der Seite 2 der nachträglich
eingereichten Voranmeldung betreffend die Betriebsabteilung Operations überein (act.
G 3.1/A1 und A4). Das von der Beschwerdeführerin dargelegte Zustandekommen
dieser zusätzlichen Voranmeldung, wonach lediglich das Deckblatt ausgetauscht
worden sei, erscheint damit plausibel und es ist mit ihr festzustellen, dass diese
Voranmeldung somit rechtsungültig erfolgt ist. Dies bedeutet jedoch lediglich, dass ihr
nicht entgegengehalten werden kann, sie gehe ja selber davon aus, dass der gesamte
Geschäftsbereich Operations eine Betriebsabteilung im Sinn von Art. 52 Abs. 1 AVIV
darstelle. Es bedeutet jedoch nicht, dass der Beschwerdegegner in seiner Verfügung
vom 13. Mai 2020 nicht trotzdem - in Abweichung der beiden Voranmeldungen vom
29. April 2020 für die geltend gemachten Betriebsabteilungen Order Processing und
Logistik - eine andere Sichtweise hätte einnehmen und von einer Betriebsabteilung
Operations hätte ausgehen bzw. den erforderlichen 10 %-igen Mindestarbeitsausfall an
einer grösseren Betriebseinheit hätte messen dürfen. Davon scheint auch die
Beschwerdeführerin auszugehen (vgl. Beschwerde, Ziff. 26). Aus der rechtsfehlerhaften
nachträglichen Voranmeldung ergeben sich für das vorliegende Verfahren somit keine
weiteren formellrechtlichen Konsequenzen. Vielmehr ist die Sache materiell zu
behandeln.
3.
Die beiden Abteilungen Order Processing und Logistik sind Abteilungen des
Geschäftsbereichs Operations (act. G 3.1/A8). Nachdem beide Abteilungen über je
eigenes Personal verfügen (vgl. act. G 3.1/A1 und A3) und plausiblerweise mit den
notwendigen technischen Mitteln ausgestattet sind, erscheint die Voraussetzung
gemäss Art. 52 Abs. 1 Ingress AVIV bei beiden beantragten Abteilungen grundsätzlich
erfüllt. Um indessen als Betriebsabteilung im Sinn einer Referenzgrösse anerkannt
werden zu können, muss eine Abteilung zusätzlich einer innerbetrieblich
selbstständigen Leitung unterstehen, d.h. gegenüber den übergeordneten Stellen eine
gewisse Autonomie aufweisen, oder Leistungen erbringen, die auch von
selbstständigen Betrieben erbracht und auf dem Markt angeboten werden könnten
(Art. 52 Abs. 1 lit. a und b AVIV). Dabei ist von der gesetzgeberischen Annahme
auszugehen, dass das Gesamtunternehmen einen Arbeitsausfall von weniger als 10 %
3.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
grundsätzlich aus eigener Kraft bewältigen kann und damit die Anerkennung von
Betriebsabteilungen als kleineren Bezugsgrössen dementsprechend restriktiv zu
erfolgen hat (vgl. Art. 32 Abs. 1 lit. b AVIG und Rz 34 AVIG-Praxis KAE). Die
Anforderungen an die Qualifikation einer innerbetrieblich selbstständigen Leitung sind
dementsprechend hoch anzusetzen, um einer Aushöhlung dieser Anforderung
entgegen zu wirken. Bei mittelgrossen Unternehmen wie der Beschwerdeführerin und
erst recht bei kleinen Unternehmen rechtfertigt es sich somit, nur bei in der
innerbetrieblichen Hierarchie hoch angesiedelten Führungsebenen von der
notwendigen Selbstständigkeit der Abteilungsleitung auszugehen. Bei
Grossunternehmen kann allenfalls eine weitere Unterteilung gerechtfertigt sein.
Vorliegend geht der Beschwerdegegner in seiner Verfügung vom 13. Mai 2020 implizit
davon aus, dass die geforderte innerbetriebliche Selbstständigkeit der
Abteilungsleitung erst ab Stufe Executive Management gegeben ist. Dies ist bei den
gegebenen Verhältnissen nicht zu beanstanden, ist doch diese Führungsebene bei der
Beschwerdeführerin immerhin in sechs Geschäftsbereiche aufgeteilt. Damit wird der
Beschwerdeführerin die Möglichkeit belassen, den geforderten Mindestarbeitsausfall
auch auf kleinere Unternehmenseinheiten als das Gesamtunternehmen zu beziehen. So
hat der Beschwerdegegner mit der - ebenfalls auf Stufe Executive Management
angesiedelten - Abteilung Corporate HR Management sogar eine sehr kleine Abteilung
anerkannt (act. G 3.1/A6 und A8). Der Geschäftsbereich Operations kann somit als
Betriebsabteilung im Sinn von Art. 52 Abs. 1 lit. a AVIV anerkannt werden.
Demgegenüber fallen die dem Geschäftsbereich Operations unterstellten - und damit in
der nächsttieferen Hierarchiestufe verorteten - Abteilungen Order Processing und
Logistik (wie auch die - nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildende -
Abteilung Assembly) nicht darunter. Um trotzdem als Betriebsabteilungen anerkannt
werden zu können, müssten sie alternativ die in Art. 52 Abs. 1 lit. b AVIV genannte
Anforderung erfüllen.
Dies trifft auf die Abteilung Order Processing nicht zu. Es versteht sich von selbst,
dass ein Unternehmen, das Produkte entwickelt und produziert, diese auch verkaufen
will. Demzufolge braucht es eine geeignete Struktur dafür, d.h. es braucht
Mitarbeitende, welche die Bestellungen der Kundschaft entgegennehmen und
bearbeiten. Wie auch die Beschwerdeführerin selber ausführt, nimmt diese Abteilung
die eingehenden Aufträge der Kundschaft entgegen und plant und überwacht
sämtliche Material- und Informationsflüsse im Zusammenhang mit den einzelnen
Aufträgen. Konkret umfasse dies den telefonischen und schriftlichen Kontakt mit
Kunden und Distributoren in unterschiedlichen Sprachen, die Ausarbeitung von
Angeboten für Kunden, die Abwicklung von Bestellungen, die Erstellung von
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Exportdokumenten etc. (Beschwerde, Ziff. 13; vgl. auch Stellenbeschreibung
Sachbearbeiterin Verkaufsinnendienst [act. G 1.1/9]). Mit dem Beschwerdegegner ist
davon auszugehen, dass diese Tätigkeiten eng mit dem Arbeitsablauf der Produktion
der Beschwerdeführerin verzahnt sind und keine eigenständige innerbetriebliche
Leistung darstellen, die auch von einem selbstständigen Betrieb erbracht und auf dem
Markt angeboten werden könnte. Die Bearbeitung der Aufträge kann auch nicht als
Zwischenprodukt im Sinn von Rz. 33 AVIG-Praxis KAE angesehen werden. Vielmehr
handelt es sich dabei um eine auf den Hauptunternehmenszweck abgestimmte und
diesem zudienende sowie diesen bedingende und ermöglichende Tätigkeit. Im
Weiteren ist nicht anzunehmen, dass die Abteilung Order Processing im Vergleich mit
anderen Abteilungen überproportional bzw. eigenständig vom Arbeitsrückgang
betroffen ist, führt doch auch die Beschwerdeführerin aus, dass sich der Rückgang
beim Bestellungseingang über die Logistik und die Produktion fortpflanzt, welch
letztere nur deshalb erst später betroffen war, weil sie einstweilen noch auf Lager
produziert hatte (Beschwerde, Ziff. 14 f. und 32). Es zeigt sich zudem daran, dass auch
für weitere Abteilungen wie die Montage ein Gesuch um Kurzarbeitsentschädigung
eingereicht wurde (act. G 3.1/A9). Die Beschwerdeführerin kann sodann nichts zu ihren
Gunsten daraus ableiten, dass es das hiesige Gericht im Urteil AVI 2009/43 vom
16. November 2009, E. 3.3, in einer allgemeinen Formulierung als denkbar erachtete,
dass die Auftragsabwicklung ausgelagert werden könnte. Wie in jenem Verfahren ist
jedenfalls auch vorliegend davon auszugehen, dass die Auftragsabwicklung eng mit
dem Kerngeschäft verbunden ist, geht es bei den Produkten der Beschwerdeführerin
doch um spezialisierte Lösungen für die Bereiche X._, Y._ und Z._ (act. G 1.1/4).
Es ist somit anzunehmen, dass der Verkauf dieser Produkte spezialisiertes Wissen und
Erfahrung in der Kundenberatung voraussetzt. Davon geht auch die
Beschwerdeführerin aus, wenn sie ausführt, die Mitarbeitenden sowohl der Abteilung
Order Processing als auch der Logistik verfügten jeweils über spezifische Kenntnisse
für ihre Aufgabenbereiche und würden speziell für die innerbetrieblichen Leistungen der
nämlichen Abteilung rekrutiert (Beschwerde, Ziff. 27). Unter diesen Verhältnissen
erscheinen somit die Möglichkeiten einer Auslagerung der spezifisch auf die
Bedürfnisse der Beschwerdeführerin ausgerichteten Auftragsbearbeitung als begrenzt.
Daran, bzw. am Geschäftszweck der Beschwerdeführerin, ändert nichts, dass diese
nicht nur in der Herstellung und dem Vertrieb der Geräte tätig ist, sondern diese auch
von Grund auf entwickelt und die Kundschaft mit Ersatzteilen und
Verbrauchsmaterialien für die Geräte beliefert. Nach eigenen Angaben der
Beschwerdeführerin ist der Geschäftsbereich Operations mit knapp 100 Mitarbeitenden
zudem der grösste (Beschwerde, Ziff. 9 und 37; act. G 3.1/A2), sodass auch
diesbezüglich nichts gegen die Annahme spricht, dass dies den Kernbereich des
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Unternehmens darstellt. Weiter ist nicht ersichtlich und wird nicht geltend gemacht,
dass die Auftragsbearbeitung autorisiert wäre, etwa die Verkaufskonditionen oder
andere Vorgaben eigenständig festzulegen, womit es zudem an der erforderlichen
innerbetrieblichen Autonomie ermangelt.
Auf den ersten Blick etwas weniger klar präsentiert sich die Ausgangslage bei der
Abteilung Logistik. Immerhin existieren am Markt Logistikfirmen, die teilweise sogar auf
bestimmte Bereiche oder Güter spezialisiert sind. Bei der Abteilung Logistik kann somit
nicht von vornherein ausgeschlossen werden, dass sie eine Leistung erbringt, die von
einem selbstständigen Betrieb erbracht und auf dem Markt angeboten werden könnte.
Indessen ist auch hier davon auszugehen, dass dies im konkreten Fall nicht zutrifft. Aus
dem Stellenbeschrieb der Beschwerdeführerin für die Funktion Logistiker/in ist
ersichtlich, dass es sich im Wesentlichen um die Funktion eines Lageristen bzw. einer
Lageristin handelt. Die Aufgabe dieser Funktion besteht darin, eine einwandfreie
Wareneingangskontrolle sicherzustellen und die Ware nach Prüfung, Verpackung und
Etikettierung am korrekten Lagerplatz fachgerecht einzulagern. Zudem kommissioniert
sie in verschiedenen Lagern, führt interne Transporte aus und stellt die Einlagerung am
entsprechenden Ziellager sicher. In der Spedition rüstet sie Komponenten und Geräte
für die Verkaufsaufträge und stellt eine termingerechte und qualitativ einwandfreie
Auslieferung sicher. Als Nebenaufgaben fallen die Mitarbeit in der Ausbildung von
Lernenden, die Pflege der Logistikdaten im ERP (Enterprise Ressource Planning) sowie
die Arbeit mit Flurförderfahrzeugen an (act. G 1.1/7). Aus dieser Umschreibung erhellt,
dass die Aufgaben der Logistik ebenfalls stark auf die spezifischen Bedürfnisse der
Beschwerdeführerin ausgerichtet sind und nicht ohne Weiteres von einem
selbstständigen Betrieb auf dem Markt angeboten werden könnten. Entgegen der
Ansicht der Beschwerdeführerin genügt es nicht, wenn die fragliche Abteilung von
anderen Abteilungen abgrenzbare Leistungen erbringt. Zudem zeigt sich auch hier
nicht, worin die „gewisse Autonomie“ gegenüber den übergeordneten Führungsebenen
bestehen soll. Die Beschwerdeführerin kann sodann nichts aus dem Umstand ableiten,
dass in anderen Fällen die Logistikabteilung als Betriebsabteilung im Sinn von Art. 52
Abs. 1 AVIV anerkannt wurde (AVI 2009/68, Sachverhalt B.a), sind doch die
Verhältnisse im Einzelfall massgebend. Eine Anerkennung erfolgt jedenfalls nicht allein
auf Grund der Bezeichnung „Logistik“.
3.3.
Für den Fall, dass die beantragten Abteilungen Order Processing und Logistik
nicht als Betriebsabteilungen im Sinn von Art. 52 Abs. 1 AVIV anerkannt werden, bringt
die Beschwerdeführerin weiter vor, der Beschwerdegegner habe bereits während der
Finanzkrise im Jahr 2009 für insgesamt acht Betriebsabteilungen Kurzarbeit bewilligt.
3.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fünf dieser damals anerkannten Betriebsabteilungen entsprächen den heute dem
Geschäftsbereich Operations zugeordneten Betriebsabteilungen. Konkret sei damals
die Betriebsabteilung Auftragsabwicklung anerkannt worden, während der
Beschwerdegegner nun die Anerkennung der mittlerweile in Order Processing
umbenannten Abteilung ohne Änderung der Rechtslage verweigere. Dem ist jedoch
entgegenzuhalten, dass die gemäss der Aufstellung vom 8. September 2020
aufgeführten Abteilungen nicht genau den heute existierenden Geschäftsbereichen und
Abteilungen entsprechen. So gibt es heute noch auf Stufe Executive Management die
Geschäftsbereiche Finance & Services sowie NIR. Die Abteilung Innovation &
Marketing lässt sich den heute bestehenden Strukturen dagegen nicht mehr zuordnen.
Die Abteilung Glasfertigung enthielt damals auch noch die Mechanik, die ehemalige
Abteilung Engineering-Services könnte die heutige Abteilung Planning & Production
Engineering sein (muss aber nicht), die Endmontage (Assembly) beinhaltete damals
ebenfalls noch einen Bereich Planung und Bau, der Customer Support findet sich
heute nicht mehr eigenständig auf dem Organigramm und die damalige
Auftragsabwicklung beinhaltete zusätzlich das Beschaffungswesen und das
Q[ualitätsmanagement?] (act. G 1.1/16). Mithin fanden seit der letzten Beurteilung vor
mehr als zehn Jahren betriebliche Umstrukturierungen statt, sodass von vornherein
nicht von unveränderten tatsächlichen Verhältnissen ausgegangen werden kann. Eine
vor mehr als zehn Jahren erfolgte Anerkennung von Betriebsabteilungen kann denn
auch kaum als Vertrauensgrundlage im Sinn einer behördlichen Zusage in Frage
kommen. Grundsätzlich sind die betrieblichen Verhältnisse bei jeder Anmeldung neu zu
prüfen. Dabei darf die Verwaltung bei unveränderten tatsächlichen und rechtlichen
Verhältnissen allerdings nicht in kurzer Folge auf unterschiedliche Rechtsfolgen
erkennen, ansonsten sie sich gegebenenfalls dem Vorwurf der Willkür aussetzt.
Vorliegend konnte die Beschwerdeführerin nach dem sehr langen Zeitraum seit der
letzten Beurteilung ihrer Betriebsabteilungen durch den Beschwerdegegner jedoch
nicht in guten Treuen darauf vertrauen, dass die beantragten Abteilungen ohne
Weiteres wieder genehmigt würden. Dies zeigte sich denn auch durch die zeitnahen
Rückfragen bzw. Rückmeldungen des Beschwerdegegners vom 6. Mai 2020 (act. G
3.1/A5) bzw. 13. Mai 2020 (act. G 1.1/15). Die Beschwerdeführerin hatte somit bereits
im Mai 2020 Kenntnis davon, dass die von ihr gewünschten Abteilungen Order
Processing und Logistik nicht als Betriebsabteilungen anerkannt würden. Im Weiteren
kann auch nicht davon ausgegangen werden, es sei der Beschwerdeführerin dadurch
ein Schaden entstanden, dass sie von einer Kündigung der betroffenen Mitarbeitenden
abgesehen habe. Das Halten der Mitarbeitenden - und damit von deren spezialisiertem
Knowhow - stellt im Hinblick auf einen zu erwartenden künftigen Aufschwung häufig
die bessere Wahl dar. Davon scheint auch die Beschwerdeführerin auszugehen (vgl.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (aArt. 61 lit. a ATSG in der bis 31. Dezember 2020 gültigen, für das
vorliegende Verfahren gemäss Art. 83 ATSG noch anwendbaren Fassung).