Decision ID: 5ba80b5f-9bf1-5fe4-bbde-dd1a0f3e6278
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (Beschwerdeführer) gelangte 2011 von Indien in die Schweiz
und ersuchte hier um Asyl. Am 3. Januar 2012 heiratete er eine Schweize-
rin, woraufhin ihm am 14. Februar 2012 eine Aufenthaltsbewilligung erteilt
wurde. In der Folge trat das SEM mit Verfügung vom 8. Mai 2015 auf sein
Asylgesuch nicht ein (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] A34). Seit dem
19. Januar 2017 verfügt er über eine Niederlassungsbewilligung.
B.
Während des Asylverfahrens wurde dem Beschwerdeführer am 4. Sep-
tember 2012 ein Pass für eine ausländische Person ausgestellt. Dieser
wurde am 5. November 2014 für eine Laufzeit von fünf Jahren erneuert.
C.
Am 18. Oktober 2019 reichte der Beschwerdeführer beim Migrationsamt
des Kantons Zürich ein Gesuch um Neuausstellung eines Passes für eine
ausländische Person ein, das dem SEM in der Folge übermittelt wurde
(SEM-act. B7). Am 28. November 2019 teilte das SEM dem Beschwerde-
führer mit, die Voraussetzungen für die Ausstellung von Reisedokumenten
für eine ausländische Person seien nicht erfüllt, da er über einen indischen
Identitätsausweis («Identity Certificate») verfüge. Dieser sei noch bis am
17. Juni 2020 gültig, weshalb er die Möglichkeit habe, damit zu reisen. Wei-
ter wies sie ihn darauf hin, dass der am 5. November 2014 ausgestellte
Pass für eine ausländische Person fälschlicherweise mit einer Laufzeit von
fünf Jahren ausgestellt worden sei, obwohl er nur bis zum Abschluss des
Asylverfahrens einen Anspruch darauf gehabt hätte (SEM-act. B11). Mit
Schreiben vom 12. Dezember 2019 präzisierte das SEM auf Nachfrage
des Beschwerdeführers hin, dass es sich bei der Passausstellung im Jahr
2014 um einen «menschlichen Fehler» gehandelt habe und er seit Ab-
schluss des Asylverfahrens nicht mehr als schriftenlos gelte, weshalb ihm
nun kein Reisedokument ausgestellt werden könne (SEM-act. B15).
D.
Mit Schreiben vom 9. Januar 2020 ersuchte der Beschwerdeführer um Er-
lass einer anfechtbaren Verfügung (SEM-act. B16). Am 14. Februar 2020
wies das SEM das Gesuch um Ausstellung eines Reisedokuments ab (un-
nummeriert bei den SEM-act. B).
E.
Hiergegen gelangte der Beschwerdeführer mit Rechtsmitteleingabe vom
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17. März 2020 an das Bundesverwaltungsgericht. Er beantragte die Aufhe-
bung der Verfügung vom 14. Februar 2020 und Feststellung, er sei staa-
ten- und schriftenlos im Sinne von Art. 4 Abs. 2 Bst. a der Verordnung vom
14. November 2012 über die Ausstellung von Reisedokumenten für aus-
ländische Personen (RDV, SR 143.5). Ferner sei festzustellen, dass die
Abweisung des Gesuchs um Ausstellung eines Reisepapiers willkürlich
und unzumutbar sei, weshalb die Vorinstanz anzuweisen sei, ihm einen
Pass für eine ausländische Person abzugeben. Eventualiter sei ihm ge-
stützt auf Art. 9 Abs. 1 Bst. b RDV ein befristetes Reisedokument auszu-
stellen (Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
F.
Am 29. Mai 2020 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung zu den Akten
und beantragte die Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 9). Die Ver-
nehmlassung wurde dem Beschwerdeführer zur Kenntnisnahme übermit-
telt (BVGer-act. 10).
G.
Auf den weiteren Akteninhalt wird – soweit rechtserheblich – in den Erwä-
gungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM betreffend Reisedokumente und Bewilligungen
zur Wiedereinreise sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
anfechtbar (Art. 112 Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG). Das
Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Angelegenheit
endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 6 BGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Erhebung der
Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf seine im Übrigen frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52
VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
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von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes sowie die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren
das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeit-
punkt seines Entscheides (vgl. BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1
E. 2).
3.
3.1 Die Vorinstanz ist gemäss Begründung der angefochtenen Verfügung
der Ansicht, dass die Voraussetzungen zur Ausstellung eines Reisedoku-
ments für ausländische Personen nicht erfüllt seien. Der Beschwerdeführer
sei weder staatenlos noch habe er die Flüchtlingseigenschaft inne. Es sei
ihm zuzumuten, sich um die Beschaffung heimatlicher Dokumente, insbe-
sondere um die Verlängerung des durch Indien ausgestellten Identitätsaus-
weises «Identity Certificate», zu bemühen.
3.2 Der Beschwerdeführer bringt hiergegen vor, die Vorinstanz gehe falsch
in der Annahme, dass sein indisches «Identity Certificate» noch gültig sei.
Dieses sei mit der Ausstellung eines Passes für eine ausländische Person
am 5. November 2014 erloschen. Es könne zudem nicht bei der indischen
Botschaft in Bern verlängert werden. Er habe am 10 Dezember 2019 auf-
grund der immensen Wichtigkeit einer im Januar 2020 geplanten spirituel-
len Reise nach Indien auf Basis seines damals noch gültigen «Identity Cer-
tificate» einen Visumsantrag gestellt. Am 27. Dezember 2019 habe er bei
der indischen Botschaft vorgesprochen. Anlässlich der Besprechung seien
ihm und seiner ihn begleitenden Ehefrau mitgeteilt worden, dass das
«Identity Certificate» erloschen sei und nur in Indien selbst verlängert wer-
den könne. Eine schriftliche Bestätigung dieser Aussage sei ihm aber ver-
weigert worden. Die Botschaft habe ihm die eingereichten Dokumente und
auch das «Identity Certificate» bis heute nicht zurückgesandt. Indem das
SEM darauf beharre, das «Identity Certificate» sei nach wie vor gültig, habe
es den Sachverhalt unrichtig und unvollständig festgestellt. Zudem sei er
nie darüber informiert worden, dass der am 5. November 2014 ausgestellte
Pass für eine ausländische Person nur bis zum Abschluss des Asylverfah-
rens hätte gültig sein dürfen. Auf Grundlage dieses Papiers habe er im Jahr
2016 ein Touristenvisum für Indien beantragt und ausgestellt erhalten, wo-
raufhin er im gleichen Jahr Indien besucht habe. Dadurch sei er in Indien
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nun als Tibeter mit Schweizer Aufenthaltsbewilligung und Reisepapieren
registriert, was eine Verlängerung respektive Neuausstellung eines indi-
schen «Identity Certificate» geradezu verunmögliche. Das SEM habe zu-
dem sein Ermessen überschritten, indem es ihn nicht als schriftenlos aner-
kenne. Die Nichtabgabe eines Reisepasses verletze seine Religionsfrei-
heit, indem er nicht ins Ausland reisen könne. Darauf wäre er aber zur Aus-
übung seiner Religion als praktizierender Buddhist angewiesen, insbeson-
dere, da die spirituelle und weltliche Ausbildung seines Sohnes, der als
wichtige Inkarnation einer religiösen Figur anerkannt worden sei, von ei-
nem Inthronisationsritual im April 2020 in einem Kloster in Nepal abhänge
(BVGer-act. 1).
4.
4.1 Die Ausstellung von Reise- und Identitätspapieren liegt in der Kompe-
tenz des jeweiligen Heimatstaates. Diesem kommt bei der Ausübung sei-
ner Passhoheit ein erheblicher Gestaltungsspielraum zu, den es zu res-
pektieren gilt (vgl. BVGE 2014/23 E. 5.3.2; zuletzt Urteil des BVGer
F-2100/2018 vom 6. Oktober 2020 E. 7.1). Das SEM kann einer schriften-
losen ausländischen Person jedoch bei Vorliegen bestimmter Vorausset-
zungen Reisedokumente ausstellen (Art. 59 Abs. 1 AIG). Ausländerinnen
und Ausländer, die als Staatenlose anerkannt sind oder schriftenlos sind
und über eine Niederlassungsbewilligung verfügen, haben Anspruch auf
die Ausstellung von Reisedokumenten (Art. 59 Abs. 2 Bst. b und c AIG
i.V.m. Art. 4 Abs. 1 RDV).
4.2 Im rechtskräftigen Asylentscheid vom 28. Mai 2015 wurde aufgrund
des bis zum 17. Juni 2020 gültigen indischen «Identity Certificate» davon
ausgegangen, dass der Beschwerdeführer über ein Aufenthaltsrecht in In-
dien verfügt haben musste, da ein solches Voraussetzung für die Erlan-
gung des Identitätspapiers sei. Dem Beschwerdeführer wurde die Flücht-
lingseigenschaft demnach nicht zuerkannt, was er im Übrigen vorliegend
nicht bestreitet. Er beantragt jedoch, sein Status als schriftenlos und staa-
tenlos im Sinne von Art. 4 Abs. 2 Bst. a RDV sei anzuerkennen.
4.3 Gemäss Art. 1 Abs. 1 des Übereinkommens vom 28. September 1954
über die Rechtsstellung der Staatenlosen (Staatenlosenübereinkommen,
StÜ, SR 0.142.40) gilt jemand als staatenlos, wenn kein Staat sie oder ihn
auf Grund seiner Gesetzgebung als seine Angehörige respektive seinen
Angehörigen betrachtet. Das Verfahren zur Anerkennung der Staatenlosig-
keit ist nach den allgemeinen verwaltungsrechtlichen Grundsätzen zu füh-
ren. Dies bedeutet unter anderem, dass die allgemeine Beweislastregel
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gilt, wonach grundsätzlich derjenige das Vorhandensein einer behaupteten
Tatsache zu beweisen hat, der aus ihr Rechte ableitet (Art. 8 ZGB). Der
Beschwerdeführer hat mit seinem Gesuch um Neuausstellung beziehungs-
weise Verlängerung eines Passes für eine ausländische Person ersucht.
Einen Antrag zur Einleitung eines Verfahrens um Anerkennung der Staa-
tenlosigkeit hat er jedoch nicht gestellt. In seinem Schreiben vom 9. Januar
2020 an die Vorinstanz behauptete er zwar, staatenlos zu sein, reichte hier-
für jedoch keinerlei Belege ein – insbesondere nicht betreffend die für die
Anerkennung der Staatenlosigkeit notwendigen erfolglosen Bemühungen
zur Erlangung beziehungsweise Wiedererlangung einer Staatsangehörig-
keit (siehe statt vieler etwa Urteile des BGer 2C_1012/2018 vom 29. Januar
2019 E. 3.4; 2C_661/2015 vom 12. November 2015 E. 3.1; Urteil des
BVGer F-1207/2018 vom 16. November 2020 E. 3.2 m.H.),(siehe SEM-
act. B16). Der erst im Beschwerdeverfahren gestellte Antrag auf Feststel-
lung der Staatenlosigkeit stellt damit eine unzulässige Erweiterung des
Streitgegenstands dar, weshalb vorliegend nicht darauf eingetreten werden
kann.
4.4 Strittig und nachfolgend zu prüfen bleibt damit einzig, ob der Beschwer-
deführer, der über eine Niederlassungsbewilligung verfügt, als schriftenlos
gilt und damit Anspruch hat auf die Ausstellung eines Reisedokuments im
Sinne von Art. 59 Abs. 2 Bst. c AIG i.V.m. Art. 4 Abs. 1 RDV.
5.
Die Schriftenlosigkeit wird im Rahmen der Gesuchsprüfung durch das SEM
festgestellt (Art. 10 Abs. 4 RDV). Als schriftenlos gilt gemäss der Legalde-
finition von Art. 10 Abs. 1 RDV eine ausländische Person, die keine gülti-
gen Reisedokumente ihres Heimat- oder Herkunftsstaates besitzt und von
der nicht verlangt werden kann, dass sie sich bei den zuständigen Behör-
den ihres Heimat- oder Herkunftsstaates um die Ausstellung oder Verlän-
gerung eines Reisedokuments bemüht (Bst. a), oder für welche die Be-
schaffung von Reisedokumenten unmöglich ist (Bst. b). Die Kontaktauf-
nahme mit den zuständigen Behörden des Heimat- oder Herkunftsstaates
kann namentlich von schutzbedürftigen und asylsuchenden Personen nicht
verlangt werden (Art. 10 Abs. 3 RDV). Als unmöglich im Sinne dieser Be-
stimmung gilt die Beschaffung eines Reisepapiers – zu der ausländische
Staatsangehörige im Übrigen aufgrund von Art. 89 sowie Art. 90 Bst. c AIG
verpflichtet sind – grundsätzlich nur dann, wenn sich die ausländische Per-
son bei den Behörden ihres Heimatstaates um einen Reisepass bemüht,
dessen Ausstellung aber ohne zureichende Gründe verweigert wird, oder
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wenn es an den rechtlichen Möglichkeiten fehlt, vom Heimat- beziehungs-
weise Herkunftsstaat überhaupt Papiere zu erlangen (zum Ganzen siehe
BVGE 2014/23 E. 5.3–5.4; ferner statt vieler zuletzt Urteile des BVGer
F-4477/2019 E. 4.2; F-4075/2019 vom 17. März 2020 E. 4.2; F-499/2018
vom 23. Mai 2019 E. 5.2; je m.H.).
6.
6.1 Zunächst ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer geltend macht,
tibetischer Ethnie zu sein. Weiter ist den Akten zu entnehmen, dass er über
ein für die Zeitspanne vom 15. Oktober 2009 bis zum 17. Juni 2020 gülti-
ges, in Neu-Delhi ausgestelltes indisches «Identity Certificate» verfügte.
Als Heimat- oder Herkunftsstaat kommen somit einerseits die Volksrepub-
lik China infrage, da der Beschwerdeführer während des Asylverfahrens
angegeben hat, in Tibet aufgewachsen und 2008 nach Nepal und danach
nach Indien gelangt zu sein. Andererseits hat er sich – wie die Ausstellung
des «Identity Certificate» nahelegt – bis zu seiner Einreise in die Schweiz
im Jahr 2011 offensichtlich für eine gewisse Zeit in Indien aufgehalten. Aus-
gangspunkt der Prüfung der Schriftenlosigkeit des Beschwerdeführers und
entsprechender Bemühungen um die Papierbeschaffung sind demnach
China und Indien.
6.2 Hinsichtlich der Frage der Zumutbarkeit der Beschaffung von Reisedo-
kumenten beim Heimat- respektive Herkunftsstaat ist festzustellen, dass
der Beschwerdeführer, der die Flüchtlingseigenschaft nicht besitzt, weder
asylsuchend ist noch als schutzbedürftig gilt. Es kann daher von ihm ver-
langt werden, dass er mit den zuständigen Behörden des Heimat- oder
Herkunftsstaates gemäss Art. 10 Abs. 2 Bst. a und Abs. 3 RDV Kontakt
aufnimmt (betreffend die Kontaktaufnahme von Personen tibetischer Eth-
nie ohne Flüchtlingseigenschaft mit den Auslandvertretungen Chinas siehe
zuletzt Urteil des BVGer F-2100/2018 vom 7. Oktober 2020 E. 6 m.H.). Es
ist ihm mit anderen Worten zumutbar, sich bei den chinesischen oder indi-
schen Behörden um die Beschaffung von Reisepapieren zu bemühen. So-
mit bleibt im Folgenden darüber zu befinden, ob ihm die Papierbeschaffung
auch möglich ist (Art. 10 Abs. 1 Bst. b RDV).
6.3
6.3.1 Der Beschwerdeführer ist aufgrund des 2014 – vor Ergehen des
Asylentscheids für eine Laufzeit von fünf Jahren – ausgestellten Passes für
eine ausländische Person davon ausgegangen, dass dieser sich nach des-
sen Ablauf erneuern lasse. Gestützt auf das besagte Reisepapier wurde
ihm noch im Jahr 2016 von Indien ein Touristenvisum erteilt, woraufhin er
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dorthin reisen konnte. Nach der entsprechenden Gesuchseinreichung zur
Verlängerung des Passes für ausländische Personen wurde ihm mitgeteilt,
dass er nach Abschluss des Asylverfahrens kein Anrecht mehr auf ein Er-
satzreisepapier gehabt hätte. Aus der Tatsache, dass der Fehler erst an-
lässlich des Verfahrens um die Ausstellung eines neuen Reisepasses be-
merkt wurde, kann der Beschwerdeführer allerdings nichts zu seinen Guns-
ten ableiten. Insbesondere kann nicht auf die Erfüllung des Kriteriums der
Schriftenlosigkeit verzichtet werden. Dies macht der Beschwerdeführer in-
sofern auch nicht geltend, er geht jedoch – anders als die Vorinstanz –
davon aus, dass die Beschaffung von Reisedokumenten über die indische
Botschaft nicht möglich sei. Erstens sei die Argumentation der Vorinstanz,
wonach er bis zum 17. Juni 2020 noch mit dem indischen «Identity Certifi-
cate» hätte nach Indien reisen können, nicht korrekt. Dessen Gültigkeit sei
nämlich mit der Ausstellung eines Passes für eine ausländische Person in
der Schweiz erloschen. Zum Beleg verweist er auf einen Wikipedia-Eintrag
(https://en.wikipedia.org/wiki/Indian_Identity_Certificate, zuletzt abgerufen
im Dezember 2020), wonach das «Identity Certificate» ungültig werde, so-
bald andere Reisedokumente ausgestellt würden. Zweitens sei es entge-
gen der Argumentation des SEM auch nicht möglich, das indische «Identity
Certificate» zu verlängern. Eine Erneuerung sei nur vor Ort in Indien, nicht
aber bei der indischen Botschaft in Bern möglich; seine Frau und er hätten
diesbezüglich vergeblich dort vorgesprochen. Zudem sei er wegen seines
Besuchs in Indien mit dem schweizerischen Ersatzreisepapier im Jahr
2016 bei den indischen Behörden nun als Tibeter mit schweizerischem Auf-
enthaltsrecht und Reisepapieren registriert, was eine Verlängerung respek-
tive Neuausstellung des «Identity Certificate» gänzlich verunmögliche. Be-
treffend Letzteres verweist er auf eine Publikation des Tibet Justice Center
aus dem Jahr 2016 (Tibet’s Stateless Nationals III, The Status of Tibetian
Nationals in India, abzurufen auf http://www.tibetjustice.org/wp-content/up-
loads/2016/09/TJCIndiaReport2016.pdf, zuletzt konsultiert im Dezember
2020).
6.3.2 Die Vorinstanz bejahte die Frage, ob das «Identity Certificate» zum
Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung noch gültig war. Ent-
gegen der Auffassung des Beschwerdeführers stellt dies keine unrichtige
vorinstanzliche Feststellung des Sachverhalts dar, sondern eine auf den
Identitätsausweis gestützte Einschätzung und Würdigung betreffend des-
sen Gültigkeit. Das Vorbringen der unvollständigen und unrichtigen Sach-
verhaltsfeststellung ist demnach von der Hand zu weisen. Letztlich kann
die Frage, ob es dem Beschwerdeführer noch möglich gewesen wäre, mit
dem «Identity Certificate» im Januar 2020 nach Indien und im April 2020
https://en.wikipedia.org/wiki/Indian_Identity_Certificate http://www.tibetjustice.org/wp-content/uploads/2016/09/TJCIndiaReport2016.pdf http://www.tibetjustice.org/wp-content/uploads/2016/09/TJCIndiaReport2016.pdf
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nach Nepal zu reisen, oder ob das indische Identitätspapier bereits ab Aus-
stellung schweizerischer Reisedokumente ungültig geworden war, ohnehin
offengelassen werden. Zum Urteilszeitpunkt, der massgebend ist für die
Beurteilung der Sachlage, ist die Laufzeit des «Identity Certificate» mittler-
weile zweifelsohne abgelaufen. Ausschlaggebend ist damit einzig die
Frage nach der Ausstellung eines Passes für eine ausländische Person,
der es dem Beschwerdeführer ermöglichen würde, nach Indien und Nepal
zu reisen. Hierzu ist im Rahmen des vorausgesetzten Kriteriums der Schrif-
tenlosigkeit einzig noch die Frage nach der Möglichkeit der Papierbeschaf-
fung beim Heimats- oder Herkunftsstaat strittig.
6.3.3 Diesbezüglich ist den Akten zu entnehmen, dass der Beschwerde-
führer am 10. Dezember 2019 bei der Botschaft um die Ausstellung eines
Visums für Indien ersucht hat (BVGer-act. 1 Beilage 7; 4). Dieses ist ihm
gemäss eigenen Angaben nicht erteilt worden. Neben der Frage nach dem
Visumsantrag hätten er und seine Frau am 27. Dezember 2019 bei der in-
dischen Botschaft auch Fragen betreffend die Möglichkeit einer Verlänge-
rung des «Identity Certificate» angesprochen. Seine Frau könne bezeu-
gen, dass ihnen mündlich bestätigt worden sei, die Gültigkeit des «Identity
Certificate» sei erloschen und die Verlängerung nur in Indien möglich. Der
indische Botschafter habe dies aber nicht schriftlich bestätigen wollen.
6.3.4 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde im Verwaltungsverfahren
den Sachverhalt von Amtes wegen fest. Diese Untersuchungspflicht wird
jedoch durch die Mitwirkungspflicht der Parteien durchbrochen. Demnach
sind die Parteien gemäss Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG verpflichtet, nament-
lich in einem Verfahren, das sie – wie vorliegend – durch ihr Begehren ein-
leiten, an der Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken (vgl. BGE 143 II
425 E. 5.1 m.H.). Der Beschwerdeführer vermag vorliegend nicht darzule-
gen, inwieweit er sich um die Beschaffung von Reisepapieren bemüht hat.
Aktenkundig ist einzig, dass er am 10. Dezember 2019 bei der indischen
Botschaft einen Antrag um ein Einreisevisum für Indien gestellt hat (BVGer-
act. 1 Beilage 7; 4). Dass er sich bei der indischen Botschaft neben der
Visumsfrage auch um die Ausstellung von Reisepapieren bemüht hat, kann
vorliegend nicht als erstellt betrachtet werden. Zwar gibt der Beschwerde-
führer an, seine Frau könne bezeugen, dass ihnen mündlich bestätigt wor-
den sei, die Gültigkeit des «Identity Certificate» sei erloschen und die Ver-
längerung nur in Indien möglich. Der indische Botschafter habe dies aber
nicht schriftlich bestätigen wollen. Diese Angaben sind jedoch sehr allge-
mein gehalten und werden nicht weiter belegt. Gestützt auf diese Basis
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bleibt demnach unbelegt, weshalb der Beschwerdeführer für den 27. De-
zember 2020 von der indischen Botschaft vorgeladen worden ist und ob
anlässlich dieses Termins auch konkret die Möglichkeit der Erlangung ei-
nes indischen Reisedokuments für den Beschwerdeführer besprochen
wurde.
6.3.5 Selbst wenn es als erstellt betrachtet werden müsste, dass der Be-
schwerdeführer – auch vor Ort in Indien – kein «Identity Certificate» mehr
erlangen könnte, könnte nicht unbesehen von der Unmöglichkeit der Pa-
pierbeschaffung ausgegangen werden. Der Beschwerdeführer, der geltend
macht, in Tibet geboren und aufgewachsen zu sein, ist nämlich von Vorn-
herein nicht mit den Behörden seines Heimatstaates China in Kontakt ge-
treten. Gemäss langjähriger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts sind Personen chinesischer Herkunft, die nicht asylsuchend oder als
Flüchtlinge anerkannt sind, Bemühungen zur Papierbeschaffung bei der
chinesischen Vertretung jedoch zumutbar (Urteile des BVGer F-2100/2018
vom 7. Oktober 2020 E. 6.2; F-7306/2017 vom 22. Mai 2019 E. 5.2;
F-2912/2015 vom 26. August 2016 E. 4.2). Nicht verlangt werden könnte
hingegen gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts eine Reise nach
China zwecks Papierbeschaffung, da Exil-Tibeterinnen und -Tibetern, die
die chinesische Staatsbürgerschaft besitzen, in China gegebenenfalls Ver-
folgung droht, weshalb im Übrigen auch der Wegweisungsvollzug nach
China ausgeschlossen ist (BVGE 2014/12 E. 5.11, siehe auch
BVGE 2009/29). Der Beschwerdeführer hat zum Beweis der Schriftenlo-
sigkeit auch die Möglichkeit einer allfälligen Papierbeschaffung bei den Be-
hörden seines Heimatstaates auszuschöpfen, was vorliegend (noch) nicht
versucht wurde.
6.3.6 Zusammengefasst gelingt es dem Beschwerdeführer nicht, den
Nachweis zu erbringen, sich im Sinn der bundesverwaltungsgerichtlichen
Rechtsprechung beim Heimat- und Herkunftsstaat um die Beschaffung von
Reisepapieren bemüht zu haben. Er hat gemäss der allgemeinen Beweis-
lastregel, wonach grundsätzlich derjenige das Vorhandensein einer be-
haupteten Tatsache zu beweisen hat, der aus ihr Rechte ableitet (Art. 8
ZGB), die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen. Eine Unmöglichkeit im
Sinne von Art. 10 Abs. 1 Bst. b RDV liegt somit nicht vor. Wenngleich sich
die Beschaffung eines Reisepasses schwierig und langwierig gestalten
kann, vermag dies die Schriftenlosigkeit nicht zu begründen. Die Annahme
der Vorinstanz, wonach dem Beschwerdeführer kein Reisepapier für aus-
ländische Personen ausgestellt werden kann, ist demnach nicht willkürlich.
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Es ist dadurch auch kein Eingriff in die Religionsfreiheit des Beschwerde-
führers erkennbar. Durch die Unmöglichkeit des Besuchs spirituell wichti-
ger Orte wird er nicht daran gehindert, seinen Glauben zu praktizieren. Im
Übrigen wird sein Sohn, von dem aufgrund der Staatsbürgerschaft der
Kindsmutter anzunehmen ist, dass er ebenfalls Schweizer ist, durch die
fehlenden Reisepapiere des Beschwerdeführers nicht von einer Teilnahme
am Inthronisierungsritual – beispielsweise begleitet durch die Schweizer
Ehefrau des Beschwerdeführers – abgehalten.
6.3.7 Nach dem Gesagten ist somit das Erfordernis der Unmöglichkeit der
Beschaffung von Reisedokumenten gemäss Art. 10 Abs. 1 Bst. b RDV
nicht als erfüllt zu betrachten. Es steht dem Beschwerdeführer offen, mit
einem neuen Gesuch bei der Vorinstanz die Abgabe eines Passes für eine
ausländische Person zu beantragen, sollten seine Bemühungen und Ab-
klärungen, die hinreichend, das heisst insbesondere schriftlich zu belegen
wären, dennoch nicht zur Ausstellung eines heimatlichen Reisepapiers füh-
ren.
6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass zum heutigen Zeitpunkt keine
Umstände vorliegen, aufgrund derer der Beschwerdeführer als schriftenlos
im Sinn von Art. 10 Abs. 1 RDV anzusehen wäre. Somit fehlt es an einer
unabdingbaren Voraussetzung für die Ausstellung des beantragten Passes
für eine ausländische Person.
7.
Schliesslich fällt auch die eventualiter beantragte Ausstellung eines befris-
teten Reisedokuments gestützt auf Art. 9 Abs. 1 Bst. b RDV gemäss dem
klaren Wortlaut der Bestimmung ausser Betracht, da der Beschwerdefüh-
rer als Inhaber einer Niederlassungsbewilligung weder asylsuchend noch
vorläufig aufgenommen ist. Der Eventualantrag ist demnach abzuweisen.
8.
Die Vorinstanz hat demzufolge dem Beschwerdeführer zu Recht die Aus-
stellung eines schweizerischen Ersatzreisepapiers verweigert. Die ange-
fochtene Verfügung erweist sich im Licht von Art. 49 VwVG als rechtmäs-
sig, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist, soweit darauf einzutreten ist.
9.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens wird der unterliegende Be-
schwerdeführer kostenpflichtig (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des
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Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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