Decision ID: e50dd877-2d8d-53ca-adc0-7a07eb5b9701
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 20. Januar 2014 in der Schweiz ein erstes
Mal ein Asylgesuch. Im Rahmen des anschliessenden Dublin-Verfahrens
erliess die Vorinstanz am 4. April 2014 einen Nichteintretensentscheid und
ordnete seine Wegweisung nach Spanien an. Dieser Entscheid erwuchs
unangefochten in Rechtskraft. Da er ab dem 11. März 2014 unbekannten
Aufenthalts war, erfolgte keine Überstellung nach Spanien.
B.
Am 1. April 2020 reiste der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge
wieder in die Schweiz ein und ersuchte gleichentags erneut um Asyl (vgl.
Akten der Vorinstanz [SEM act.] 9). Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit
der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass er am 17. März 2014 und 6. De-
zember 2018 in Deutschland sowie am 2. August 2016, 15. Januar 2018
und 6. Juli 2018 in Österreich ebenfalls um Asyl nachgesucht hatte (SEM
act. 8).
C.
Am 29. April 2020 ersuchte das SEM die deutschen Behörden um Über-
nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
D.
Die deutschen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen am 5. Mai
2020 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO zu (SEM act. 21).
E.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 6. Mai 2020 gewährte das SEM
dem Beschwerdeführer im Beisein der zugewiesenen Rechtsvertretung
das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu einer allfälligen Wegweisung
dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt. Hierbei erklärte er im We-
sentlichen, er würde lieber nach Palma de Mallorca gehen. In Deutschland
sei es gut; in Europa sei es überall gut. Er denke an seine Freundinnen
und überlege sich, wie er nach Spanien zurückkehren könne. Dazu, ob er
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einen Aufenthaltstitel für dieses Land habe, machte er keine Angaben. Be-
zogen auf eine Wegweisung nach Deutschland ergänzte er, er könne nicht
zurück «in den Raum». Was darunter zu verstehen sei, erläuterte er nicht.
Zum medizinischen Sachverhalt äusserte sich der Beschwerdeführer vor-
erst dahingehend, dass es ihm momentan nicht so gut gehe, später erklärte
er, sich gesund zu fühlen. In Deutschland sei er, um Medikamente zu be-
kommen, zu einem Arzt gegangen. In der Schweiz benötige er keinen Arzt.
In diesem Zusammenhang wurde er darauf hingewiesen, dass er sich im
Falle gesundheitlicher Beeinträchtigungen jederzeit an die Pflege im Bun-
desasylzentrum wenden könne.
Während des auf Spanisch (der angeblichen Muttersprache) geführten
Dublin-Gesprächs gab es Verständigungsprobleme. Der Beschwerdefüh-
rer redete nur leise, wiegte sich zeitweilig rhythmisch auf seinem Stuhl hin
und her und schwieg dazwischen immer wieder. In der Wahrnehmung der
Anwesenden wirkte er zerstreut und nicht bei der Sache. Seine Antworten
fielen zum Teil knapp, unvollständig und beliebig aus. Die Rechtsvertretung
beantragte deshalb den Abbruch der Befragung und verlangte eine Abklä-
rung der Sprachkenntnisse sowie die Wiederholung des rechtlichen Ge-
hörs auf dem Schriftweg. Das SEM lehnte dies mit Verweis auf den Unter-
suchungsgrundsatz und die Abklärungspflicht ab, setzte aber eine Pause
an, damit die Rechtsvertretung beim Vorgesetzten Rücksprache nehmen
konnte (SEM act. 23).
F.
Mit Eingabe vom 8. Mai 2020 wandte sich die Rechtsvertretung an das
SEM und ersuchte nochmals darum, abklären zu lassen, ob die Sprach-
beziehungsweise Spanischkenntnisse des Beschwerdeführers für das vor-
liegende Verfahren ausreichend seien. Wegen des psychischen Eindrucks,
welchen er in der Befragung hinterlassen habe, sei ferner eine umfassende
medizinische Untersuchung vorzunehmen und es sei ihm nach erfolgter
Abklärungen schriftlich das rechtliche Gehör zu gewähren (SEM act. 26).
G.
Am 13. Mai 2020 erkundigte sich die Vorinstanz bei der Pflege des Bundes-
asylzentrums X._ nach dem Gesundheitszustand des Beschwerde-
führers. Der gleichentags eingegangenen Auskunft konnte entnommen
werden, dass er sich bis dahin nie bei der Pflege gemeldet hatte und es
ihm gut gehe (SEM act. 28 und 29).
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H.
Mit Verfügung vom 14. Mai 2020 (eröffnet am 18. Mai 2020) trat die Vor-
instanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstellung
nach Deutschland und forderte ihn – unter Androhung von Zwangsmass-
nahmen im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kan-
ton Basel-Landschaft mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Be-
schwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus
und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid
keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 32).
I.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 26. Mai 2020 be-
antragt der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei aufzuhe-
ben und die Vorinstanz anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten;
eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung
und Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht ersucht er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses (BVGer act. 1).
J.
Am 27. Mai 2020 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG
den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer act. 2).
Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten der Vor-
instanz in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwür-
diges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist da-
her zur Einreichung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters oder einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durch-
führung eines Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung, zu
behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.H.).
4.
In formeller Hinsicht rügt die Rechtsvertreterin, dass ihr die Mitteilungen
der Pflege und das Übernahmeersuchen der Schweizer Behörden vorent-
halten worden seien. Die angefochtene Verfügung sei deshalb bereits we-
gen Verletzung des rechtlichen Gehörs aufzuheben. Das Akteneinsichts-
recht bildet einen Teilgehalt des verfassungsmässigen Anspruchs auf
rechtliches Gehör (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV) und umfasst diejenigen Akten,
welche geeignet sind, der entscheidenden Instanz als Grundlage für ihren
Entscheid zu dienen (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, N. 494 m.H. oder
WALDMANN/OESCHLER, Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, N 60 ff. zu
Art. 26 VwVG). Zu den Auskünften bei der Pflege des Bundesasylzentrums
existieren drei Aktenstücke. Bei act. 27 handelt es sich um die vom 13. Mai
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2020 datierende Anfrage des SEM und bei act. 28 um die Antwort dazu.
Zwar erhielt der Beschwerdeführer nur Einsicht in act. 29; dieses Akten-
stück ist indes die anonymisierte Fassung von act. 28, weshalb es ihm
auch so ohne weiteres möglich war, seine Rechte wirksam wahrzunehmen.
Ebenfalls keine Akteneinsicht erhielt die zugewiesene Rechtsvertretung in
das Übernahmeersuchen (act. 19). Soweit sie in diesem Zusammenhang
bemängelt, nicht überprüfen zu können, ob besagte Anfrage Hinweise auf
etwaige gesundheitliche Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers ent-
halte, gilt es anzumerken, dass diesbezügliche Informationen nicht zum
notwendigen Inhalt des standardisierten Formulars gehören, welches dem
ersuchten Staat bei dieser Gelegenheit übermittelt wird. Allfälligen medizi-
nischen Umständen wird praxisgemäss erst bei der Bestimmung der kon-
kreten Modalitäten der Überstellung Rechnung getragen und der Partner-
staat gegebenenfalls vorgängig darüber orientiert (vgl. Urteil des BVGer
F-3046/2019 vom 26. September 2019 E. 3.4 und 3.5). Einsicht erhielt die
Rechtsvertretung hingegen in den Auszug der «Eurodac»-Datenbank
(act. 8), woraus hervorgeht, in welchen Ländern der Beschwerdeführer
Asylgesuche gestellt hat. Damit musste für sie klar sein, auf welcher
Grundlage das SEM die deutschen Behörden um Übernahme der betref-
fenden Person ersuchte. Eine Verletzung des Rechts auf Akteneinsicht
liegt mithin nicht vor.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung dieses Staates prüft das SEM die
Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur
Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Behandlung des Asyl-
gesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitglied-
staat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das
Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapi-
tel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
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Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens («take back») findet demgegen-
über grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
5.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
die antragstellende Person, die während der Prüfung ihres Antrags in ei-
nem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder die sich im Ho-
heitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach
Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO). Analoges gilt bei einem Drittstaatsangehörigen oder
Staatenlosen, dessen Antrag abgelehnt wurde und der in einem anderen
Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines
anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält (Art. 18 Abs. 1 Bst. d
Dublin-III-VO).
6.
6.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der «Eu-
rodac»-Datenbank ergab, dass er am 17. März 2014 und 6. Dezember
2018 (daktyloskopisch erfasst am 2. Januar 2019) in Deutschland sowie
am 2. August 2016, 15. Januar 2018 und 6. Juli 2018 in Österreich Asylge-
suche gestellt hatte. Am 29. April 2020 ersuchte die Vorinstanz die deut-
schen Behörden deshalb um Übernahme des Beschwerdeführers gestützt
auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO (SEM act. 19). Diese stimmten dem
Übernahmeersuchen am 5. Mai 2020 zu (SEM act. 21). Die Zustimmung
stützte sich auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO. Die grundsätzliche Zu-
ständigkeit Deutschland ist somit gegeben. Dies wird auf Beschwerde-
ebene auch nicht bestritten.
6.2 Nachfolgend ist demnach im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
prüfen, ob es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Deutschland würden
systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmensch-
lichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-
Grundrechtecharta mit sich bringen würden und ob nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist.
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Seite 8
7.
7.1 Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
7.2 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
8.
8.1 In der Rechtsmitteleingabe vom 26. Mai 2020 legte die Rechtsvertrete-
rin den Fokus auf die Verständigungsschwierigkeiten während des Dublin-
Gesprächs. In diesem Zusammenhang beantragte sie eine Abklärung der
Sprachkenntnisse sowie medizinische Untersuchungen zum psychischen
Zustand des Beschwerdeführers. Inhaltlich äusserte sie sich lediglich da-
hingehend, die Antworten ihres Mandanten bezüglich einer allfälligen Weg-
weisung nach Deutschland seien konfus und unklar geblieben, weshalb
nicht darauf geschlossen werden dürfe, dass er damit einverstanden sei.
8.2 Dem Beschwerdeführer obliegt im Rahmen des Asylverfahrens eine
Mitwirkungspflicht. Dazu zählt u.a., dass er seine Identität offenlegt (Art. 8
Abs. 1 Bst. a AsylG) und über seine Sprachkenntnisse wahrheitsgemäss
Auskunft gibt. Der Betroffene bezeichnete sowohl auf dem Personalienblatt
für Asylsuchende (SEM act. 1) als auch anlässlich der Personalienauf-
nahme (SEM act. 9) Spanisch als seine Muttersprache. Zu Beginn des
Dublin-Gesprächs bekräftigte er, einen Dolmetscher dieser Sprache zu be-
vorzugen. Wie der Aufzeichnung dieses Gesprächs entnommen werden
kann, vermochte er der Befragung zu folgen (SEM act. 23). Dass er unvoll-
ständig antwortete, dazwischen immer wieder schwieg und in der Wahr-
nehmung der damaligen Rechtsvertretung nicht bei der Sache war, hat er
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selbst zu verantworten. Zwar fielen die Antworten als solche mitunter wi-
dersprüchlich und beliebig aus (er möchte lieber nach Palma de Mallorca
gehen; er denke an seine Freundinnen und überlege sich, wie er nach Spa-
nien gelangen könne; in Deutschland sei es gut und in Europa sei es über-
all gut) bzw. wird in einer Aussage (in Bezug auf Deutschland erklärte er,
nicht «zurück in den Raum» zu können) nicht klar, was er damit zum Aus-
druck bringen will. Im dargelegten Kontext durfte das SEM indes auf die
entsprechenden Äusserungen abstellen. Ebenso wenig bestand Anlass,
die Sprachkenntnisse des Beschwerdeführers von Amtes wegen abzuklä-
ren. Anzumerken ist, dass er in anderem Zusammenhang sehr wohl in der
Lage gewesen war, sich adäquat auszudrücken. Es genügt an dieser Stelle
der Verweis auf den der Rechtsvertretung bekannten Rapport der Kantons-
polizei St. Gallen vom 24. April 2020 betreffend Widerhandlung gegen das
AIG und das dazugehörige Einvernahmeprotokoll vom 10. März 2020. Da-
raus geht hervor, dass er sich zu den damals erhobenen Vorwürfen – auf
Deutsch – ausführlich und präzise zu äussern vermochte (SEM act. 25).
Bei dieser Sachlage erübrigte es sich, dem Beschwerdeführer auf schriftli-
chem Weg nochmals das rechtliche Gehör zu gewähren.
8.3 Ansonsten gilt festzuhalten, dass der Beschwerdeführer kein konkretes
Risiko dargetan hat, die deutschen Behörden würden sich weigern, ihn wie-
deraufzunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Ein-
haltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Deutschland werde in seinem Fall
den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in
ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr
laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden.
Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer
Rückführung erwartenden Bedingungen in Deutschland seien derart
schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Aufgrund der
Akten geht es dem Beschwerdeführer offenbar nicht um die Anrufung der
Schweiz um Schutz, sondern um eine Verbesserung seiner Lebensum-
stände. Die Dublin-III-VO räumt Asylsuchenden jedoch kein Recht ein, den
ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (BVGE 2010/45 E. 8.3).
8.4 Des Weiteren gibt es auch keine Hinweise für die Annahme, Deutsch-
land würde dem Beschwerdeführer dauerhaft die ihm gemäss Aufnahme-
richtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei ei-
ner allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich nötigenfalls
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Seite 10
an die deutschen Behörden wenden und die ihm zustehenden Aufnahme-
bedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtli-
nie). Die deutschen Behörden haben dem Ersuchen der Schweiz zwar
nicht gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO, sondern aufgrund von
Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO zugestimmt. Da es sich hier um eine
Überstellung im Rahmen des Dublin-Verfahrens handelt, obliegt es aber
weiterhin den deutschen Behörden, das Verfahren durchzuführen. Unab-
hängig vom Stand des Asylverfahrens (gemäss den Akten befand sich der
Beschwerdeführer bei der Einreise in die Schweiz im Besitze einer deut-
schen Aufenthaltsgestattung zur Durchführung des Asylverfahrens mit Gül-
tigkeit bis zum 16. März 2020) bleibt Deutschland gemäss Art. 18 Abs. 1
Bst. d Dublin-III-VO für das Verfahren bis zu einem allfälligen Wegwei-
sungsvollzug bzw. einer Regelung des Aufenthalts nach wie vor zuständig
(vgl. Urteil des BVGer F-6848/2019 vom 10. Januar 2020 E. 7.3 m.H.).
8.5 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine zwangs-
weise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen nur
ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Eine
vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR
Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10,
§§ 180–193 m.w.H.).
8.6 Eine solche Konstellation ist vorliegend nicht gegeben. Der Beschwer-
deführer sagte anlässlich des Dublin-Gesprächs nach anfänglichem Zö-
gern aus, dass es ihm gut gehe. In Deutschland habe er sich, um Medika-
mente zu bekommen, in ärztliche Behandlung begeben. In der Schweiz
benötige er keinen Arzt. Im Verlaufe der Befragung wurde er ausdrücklich
darauf aufmerksam gemacht, dass er sich im Falle gesundheitlicher Beein-
trächtigungen an die Pflege wenden könne (SEM act. 23). Dies hat er in
der Folge nicht getan. Auf entsprechende Nachfrage der Pflege des ihm
zugewiesenen Bundesasylzentrums soll er am 13. Mai 2020 erklärt haben,
dass es ihm gut gehe (SEM act. 29). Dass er im Dublin-Gespräch phasen-
weise zerstreut wirkte, ist dabei irrelevant. Dementsprechend gelingt es
dem Beschwerdeführer nicht nachzuweisen, dass er nicht reisefähig sei
oder eine Überstellung nach Deutschland seine Gesundheit ernsthaft ge-
fährden würde. Vor diesem Hintergrund ist deshalb nicht zu beanstanden,
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dass die Vorinstanz diesbezüglich keine weiteren Vorkehren getroffen hat.
Die auf Beschwerdeebene erhobene Rüge der nicht rechtsgenüglichen
Sachverhaltsabklärung ist nicht stichhaltig.
8.7 Im Übrigen verfügt Deutschland über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die
erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie). Im Hinblick auf die vorgenannten Ausführungen darf
davon ausgegangen werden, der Beschwerdeführer finde Zugang zu adä-
quater medizinischer Behandlung, sollte er auf solche angewiesen sein.
8.8 Festzuhalten gilt es darüber hinaus, dass die mit der Überstellung be-
auftragten Behörden die Bedürfnisse des Beschwerdeführers – ein-
schliesslich diejenigen der notwendigen medizinischen Versorgung, auch
in Bezug auf die Corona-Problematik – berücksichtigen werden, sollte dies
erforderlich sein (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Das SEM hat dies in der an-
gefochtenen Verfügung mit dem Hinweis auf eine allfällige Unterbrechung
oder Verlängerung der Überstellungsfrist denn auch bereits signalisiert.
8.9 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter die-
sem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten keine
Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Un-
terschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich des-
halb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
8.10 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Somit bleibt Deutschland der
für die Behandlung des Asylgesuches des Beschwerdeführers zuständige
Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Deutschland in
Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32
Bst. a AsylV 1).
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Seite 12
10.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
11.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
12.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Er-
wägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind, weshalb die Vor-
aussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt sind. Die Verfahrens-
kosten sind daher dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 – 3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Dispositiv Seite 13
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