Decision ID: 646d4080-4f62-4878-9604-e92c89c98adb
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Marco Bivetti, Oberer Graben 42, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a A._ erlitt am 9. Dezember 2005 beim Heben einer schweren Last eine
Partialruptur der Supraspinatussehne links, was zu einer Bursitis subacromialis führte.
Am 15. Mai 2006 erfolgte eine operative Sanierung mittels eines arthroskopischen
subacromialen Débridements, einer offenen Akromioplastik und einer Refixation der
Supraspinatussehne. Vom 30. Januar bis 21. Februar 2007 weilte die Versicherte in der
Rehaklinik Bellikon. Diese berichtete am 2. März 2007 (IV-act. 11-5 ff.), wegen der
mangelnden Kooperation und Leistungsbereitschaft der Versicherten sowie wegen der
Kommunikationsschwierigkeiten habe keine Zustandsverbesserung erreicht werden
können. Die Versicherte sei bezüglich der Schmerzen sehr ängstlich gewesen. Sie sei
auf die Schmerzen fixiert gewesen (passives Verhalten, ausgeprägte Schonhaltung der
Schultern). Die Prognose bezüglich künftiger operativer Eingriffe sei vorsichtig zu
stellen. Die somatisch bedingten Einschränkungen der Belastbarkeit des linken Arms
würden durch das dysfunktionale Krankheitsverhalten mit zunehmender Schonung und
Selbstlimitierung überlagert und verstärkt. Eine leichte Arbeit sei ganztags zumutbar,
wenn die linke Hand als Hilfshand eingesetzt werden könne und mit dem linken Arm
keine Tätigkeiten über Brusthöhe oder mit wiederholter Kraftanwendung ausgeführt
werden müssten. Es liege keine psychische Störung mit Krankheitswert vor, die eine
arbeitsrelevante Leistungsminderung begründen könnte. Die Versicherte meldete sich
am 28. März 2007 zum Bezug einer Invalidenrente an (IV-act. 1). Im Gesuchsformular
gab sie u.a. an, sie habe keinen Beruf erlernt. Dr. med. B._, Klinik für Orthopädie des
Kantonsspitals St. Gallen, berichtete der IV-Stelle am 9. Mai 2007 (IV-act. 15), die
Versicherte sei seit dem 22. Februar 2007 als Hilfsarbeiterin auf dem Bau (Reinigen,
Zudienen usw.) zu 100% arbeitsunfähig. Der Gesundheitszustand sei stationär.
Adaptiert sei eine leichte Tätigkeit, bei welcher der Arm nicht über der Horizontalen
eingesetzt werden müsse, mit der Möglichkeit zur Wechselbelastung/temporärer
Schonung der linken Hand und mit der Möglichkeit, die rechte Hand zu Hilfe zu
nehmen bei einer maximalen Belastung axial und mit gestrecktem Arm bis 2 kg, sonst
bis 5 kg. Nach einer entsprechenden Einarbeitung/Eingewöhnung sei theoretisch eine
Arbeitsfähigkeit von 100% ganztags erreichbar. Dr. Dr. med. C._, Allgemeinarzt und
FMH Chirurgie, berichtete am 29. Mai 2007 (IV-act. 22), die Arbeitsunfähigkeit bestehe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seit dem 12. Dezember 2005. Wegen der psychisch depressiven Verfassung sei es
notwendig, die Versicherte einem Psychiater vorzustellen. Prognostisch sei die Lage
eher schlecht, da die Versicherte neben den Unfallfolgen auch noch an anderen
behandlungsbedürftigen Krankheiten leide. Die Versicherte sei nicht arbeitsfähig. Ein
Arbeitsmediziner sollte beigezogen werden. Dr. med. D._, FMH Innere Medizin, hielt
am 12. Juli 2007 fest (IV-act. 33), neben den somatischen Beeinträchtigungen leide die
Versicherte an einem dysfunktionellen Bewältigungsmuster im Sinn einer
Symptomausweitung mit Schonverhalten und Selbstlimitierung und an einer
Anpassungsstörung mit reaktiver depressiver Verstimmung nach der
Schulterverletzung. Mit dem linken Arm seien gleichmässige, nicht ruckartige leichte
Arbeiten unterhalb der Schulterhöhe ganztags realisierbar. Die Versicherte selbst gab
im Fragebogen für Arbeitgebende (IV-act. 36) an, ihre Erwerbstätigkeit im Betrieb des
Ehemanns habe sich zusammengesetzt aus Handlangerdiensten,
Baustellenreinigungen, Beschaffungen und der Mithilfe im Büro/Auskunftserteilung. Sie
habe weniger verdient, als ihrer Mitarbeit im Betrieb entsprochen hätte. Angemessen
wäre ein Lohn von mindestens Fr. 48'000.-- gewesen.
A.b Die IV-Stelle beauftragte am 23. Februar 2009 die Klinik Valens mit einer
Begutachtung (IV-act. 46). Am 25. Juni 2009 erfolgte eine Haushaltabklärung. Im
entsprechenden Bericht hielt die Abklärungsperson am 3. August 2009 fest (IV-act. 61),
die Versicherte habe ab 1999 im Betrieb des Ehemanns gearbeitet, anfänglich zu 50%,
dann - dem Alter des Sohns entsprechend - in einem zunehmenden Ausmass, zuletzt
zwischen 70% und 80%. Aufgrund der persönlichen und familiären Situation (straffer
Haushalt, Sohn erwachsen) könne die Versicherte als zu 75% erwerbstätig qualifiziert
werden. Für den Haushalt ermittelte die Abklärungsperson einen Invaliditätsgrad von
40%, wobei teilweise die Mithilfe der nicht im selben Haushalt lebenden Stieftochter
invaliditätsmindernd berücksichtigt wurde. Die Ärzte der Klinik Valens berichteten in
ihrem Gutachten vom 15. Juli 2009 (IV-act. 63), die Versicherte sei rheumatologisch-
orthopädisch, neurologisch und internistisch untersucht worden. Ausserdem sei eine
psychiatrische Exploration erfolgt. Die Versicherte habe sich einer Evaluation der
funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL) unterzogen. Es seien konventionelle
Röntgenbilder erstellt worden. Die Diagnosen lauteten: Therapierefraktäres
Impingementsyndrom linke Schulter, therapierefraktäre Schulterschmerzen rechts,
zervikovertebrales Schmerzsyndrom, lumbospondylogene Schmerzen rechts und -
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit - psychologische Faktoren und
Verhaltensfaktoren bei somatischen Diagnosen, Adipositas Klasse II, Senkfüsse bds.,
Tendomyosen und Enthesiopathien im Bereich des Beckengürtels mit schmerzhafter
Funktionseinschränkung des rechten Hüftgelenks. In ihrer Beurteilung hielten die Ärzte
der Klinik Valens fest, die Auswirkungen der gesundheitlichen Störung beträfen die
HWS und beide Schultergelenke. Daneben fänden sich auch Veränderungen im
Bereich der LWS. Die verifizierten Befunde hätten Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit sowohl bezüglich der bisherigen Tätigkeit als auch für eine
Verweistätigkeit. Aus psychiatrischer Sicht bestehe keine Diagnose mit direkter
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Die angeführten Veränderungen hätten eindeutige
negative Auswirkungen bezüglich der Belastbarkeit für die bisherige Arbeit und für
mögliche Verweistätigkeiten. Die Ärzte der Klinik Valens verneinten die Möglichkeit, die
Arbeitsfähigkeit durch therapeutische Massnahmen zu verbessern, wobei sie u.a. auf
die Symptomausweitung verwiesen. Zur Arbeitsfähigkeit in einer der Behinderung
angepassten Tätigkeit gaben sie an, ein Arbeitsplatz ohne Überkopfarbeiten, sitzend
ohne Inklinationsposition der HWS mit mässiger bimanueller Belastung sei möglich.
Eine solche Tätigkeit sei aber nur halbtags (ohne Leistungsminderung) zumutbar. Dr.
med. E._ vom RAD notierte am 31. August 2009 (IV-act. 64), diese
Arbeitsfähigkeitsschätzung bezogen auf eine adaptierte Tätigkeit überzeuge. Auch das
Ergebnis der Haushaltabklärung sei plausibel. Von weiteren medizinischen
Massnahmen sei keine Besserung mehr zu erwarten.
A.c Die IV-Stelle verglich ein anhand statistischer Angaben ermitteltes
Valideneinkommen von Fr. 52'052.-- (2009) mit einem Invalideneinkommen von Fr.
26'024.-- (2009) und ermittelte so einen Invaliditätsgrad von 50%. Dem Erwerbsanteil
von 75% entsprechend berücksichtigte sie davon 37,5%. Dazu kam, bei einem
Invaliditätsgrad im Haushalt von 40% und einem Haushaltanteil von 25%, ein anteiliger
Invaliditätsgrad von 10% (IV-act. 71). Mit einem Vorbescheid vom 20. November 2009
teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 75), dass sie beabsichtige, ihr ab
Dezember 2006 eine Viertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 47% auszurichten. Die
Versicherte liess am 11. Dezember 2009 einwenden (IV-act. 79), sie akzeptiere die
Aufteilung in einen Erwerbsanteil von 75% und einen Haushaltanteil von 25%, den
Arbeitsfähigkeitsgrad von 50% und die Verwendung von "LSE-Tabellenlöhnen".
Allerdings sei ein "Leidensabzug" von 20% vorzunehmen, da sie nur noch leichte,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
adaptierte Arbeiten ausüben könne, da sie aufgrund der angeschlagenen Gesundheit
ein erhöhtes Risiko habe, auszufallen, und da sie nur noch ein Teilpensum von 50%
leisten könne. Das ergebe einen Invaliditätsgrad von 60% und damit einen Anspruch
auf eine Dreiviertelsrente. Das Kantonsspital St. Gallen übermittelte der IV-Stelle einen
Bericht, den es am 27. Januar 2010 dem behandelnden Arzt Dr. D._ erstattet hatte
(IV-act. 80-4). Laut diesem Bericht hatte sich die Versicherte am 30. Januar 2009 einer
dorsalen Spondylodese L5-S1 und einer Laminektomie L5 und TLIF L5/S1 rechts
unterzogen. Bei der aktuellen Verlaufskontrolle war bezüglich der lumbospondylogenen
und lumboradikulären Schmerzsymptomatik eine gute Beruhigung festzustellen
gewesen. Mit einer Verfügung vom 25. Februar 2010 sprach die IV-Stelle der
Versicherten mit Wirkung ab März 2010 eine Viertelsrente zu (IV-act. 88). Die
Verfügungen für die Perioden April 2008 bis Februar 2010 und Dezember 2006 bis
März 2008 folgten am 11. März 2010 (IV-act. 89).
B.
B.a Die Versicherte liess am 15. April 2010 Beschwerde erheben und die Zusprache
einer Dreiviertelsrente rückwirkend ab Dezember 2006 beantragen (act. G 1). Der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführer rügte ausdrücklich nur das Fehlen eines
"Leidensabzugs" von 20%, womit das zumutbare Invalideneinkommen noch Fr.
20'819.20 betrage, was eine behinderungsbedingte Erwerbseinbusse von Fr. 31'232.80
und damit einen Invaliditätsgrad von 60% ergebe. Am 17. Mai 2010 stellte der
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin den Antrag, es sei rückwirkend ab Dezember
2006 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen. Er machte geltend, die
Beschwerdeführerin habe vor dem Eintritt der Behinderung schwere, grobmotorische
Arbeiten ausgeführt, die handwerkliches Geschick, Kraft und Beweglichkeit erfordert
hätten. Nun seien mittelschwere bis schwere Arbeiten nicht mehr zumutbar. Bei einer
adaptierten Tätigkeit bestehe ein erheblicher Pausenbedarf. der noch offenstehende
Betätigungsbereich liege in einem äusserst kleinen Segment, sofern überhaupt noch
von einer nutzbaren Arbeitsfähigkeit gesprochen werden könne. Da noch weitere
Faktoren wie schlechte Ausbildung, fehlende Deutschkenntnisse, fortgeschrittenes
Alter, eingeschränkte berufliche Erfahrung etc. hinzukämen, sei die Ausnützung des
Abzugsmaximums von 25% gerechtfertigt. Bei einem zumutbaren Invalideneinkommen
von Fr. 19'519.50 und einer behinderungsbedingten Erwerbseinbusse von Fr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
36'536.50 resultiere ein Invaliditätsgrad von 65,2%. Bei der Aufteilung in 75% Erwerb
und 25% Haushalt resultiere ein Invaliditätsgrad von 58,9%. Gemäss einer der
Beschwerdebegründung beiliegenden Stellungnahme des Kantonsspitals St. Gallen
vom 4. Mai 2010 (act. G 4.1) hatte die Beschwerdeführerin über progrediente
Beschwerden in der Lumbalregion und rechtsparavertebrale Schmerzen mit
Ausstrahlung in die rechte untere Extremität geklagt. Die Ärzte hatten ihr eine lumbale
Myelographie mit Funktionsaufnahmen und ein Post-Myelo-CT empfohlen. Sie waren
davon ausgegangen, dass noch kein abschliessendes Urteil über die Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin gefällt werden könne. Immerhin könne davon ausgegangen
werden, dass eine adaptierte Erwerbstätigkeit zu mindestens 50% ausgeübt werden
könne, wenn dabei keine vornüber geneigte Arbeitshaltung und keine Überkopfarbeiten
erforderlich seien.
B.b In ihrer Beschwerdeantwort vom 5. Juli 2010 (act. G 7) stellte die
Beschwerdegegnerin folgende Anträge: "1. Es sei festzustellen, dass die
Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine IV-Rente habe. 2. Die Beschwerde sei
abzuweisen." Zur Begründung führte sie an, es stehe keine repräsentative
Einkommensbasis zur Verfügung, weshalb auch zur Ermittlung des Valideneinkommens
von einem Durchschnittslohn auszugehen sei. Dieser belaufe sich für das Jahr 2006 auf
Fr. 50'278.--. Bei einem Erwerbsgrad von 75% und nach der Parallelisierung verbleibe
ein Einkommen von Fr. 35'823.--. Dieser Betrag sei als Valideneinkommen in den
Einkommensvergleich einzusetzen. Das zumutbare Invalideneinkommen sei ebenfalls
ausgehend vom durchschnittlichen Einkommen von Fr. 50'278.-- zu ermitteln. Bei
einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 50% und einem Tabellenlohnabzug von 10%
resultiere ein zumutbares Invalideneinkommen von Fr. 22'625.--. Das ergebe einen
Invaliditätsgrad von 37%, bei einem Erwerbsanteil von 75% also von 28%. Zusammen
mit dem anteiligen Invaliditätsgrad im Haushalt von 10% belaufe sich der
Gesamtinvaliditätsgrad also auf 38%. Somit bestehe kein Anspruch auf eine
Invalidenrente.
B.c Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin wandte am 26. August 2010 ein (act.
G 10), das Rechtsbegehren der Beschwerdegegnerin stehe im Gegensatz zu
Vorbescheid und angefochtener Verfügung. Ausserdem sei es als unzulässiges
Feststellungsbegehren zu qualifizieren. Deshalb sei es abzuweisen. Im Übrigen sei die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenverfügung im nicht umstrittenen Teil, d.h. in Bezug auf die Zusprache einer
Viertelsrente, in Rechtskraft erwachsen. Gegenstand des Beschwerdeverfahrens sei
nur, ob ein darüber hinausgehender Rentenanspruch bestehe. Eine reformatio in peius
sei nicht zulässig. In materieller Hinsicht führte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin aus, die Herabsetzung des Valideneinkommens unter dem
Deckmantel der Parallelisierung sei unzulässig. Entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin sei ein Tabellenlohnabzug von 25% und nicht nur von 10%
gerechtfertigt. Der in der Beschwerdeantwort angestellte Einkommensvergleich sei
falsch, da die Beschwerdegegnerin ein Valideneinkommen bei einem 75%-Pensum
einem Invalideneinkommen bei Vollzeittätigkeit gegenübergestellt habe. Damit habe sie
nämlich im Ergebnis das reduzierte Pensum von 75% zweimal berücksichtigt. Der
Einkommensvergleich müsse einen Invaliditätsgrad von 62,5%, gewichtet von
(aufgerundet) 47% ergeben. Zusammen mit der anteiligen Invalidität im Haushalt von
10% resultiere ein Gesamtinvaliditätsgrad von 57%. Es bestehe also ein Anspruch auf
eine halbe Invalidenrente.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 3. September 2010 auf eine Duplik (act.
G 12).
B.e Die Gerichtsleitung wies den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin am 2. Juli
2012 darauf hin, dass allenfalls mit einer Rückweisung zur weiteren Abklärung zu
rechnen sei, wobei nicht auszuschliessen sei, dass ein tieferer Arbeitsunfähigkeitsgrad
resultieren könnte (act. G 14). Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin wandte am
13. Juli 2012 ein (act. G 15), das Gutachten der Klinik Valens sei als schlüssig zu
erachten, zumal es mit späteren Berichten korrespondiere. Deshalb gehe die
Beschwerdeführerin davon aus, dass keine Rückweisung erfolgen werde. Die
Beschwerdegegnerin liess die ihr eingeräumte Frist zur Stellungnahme unbenützt
verstreichen (act. G 16).

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Die Beschwerde ist rechtzeitig innerhalb der dreissigtägigen Beschwerdefrist
erhoben worden, selbst wenn die Verfügung vom 25. Februar 2010 den Fristenlauf
ausgelöst haben sollte. Damit kann offen bleiben, ob die - unzulässigerweise auf die
Rentenzusprache ab dem Folgemonat der Verfügungseröffnung beschränkte -
Verfügung vom 25. Februar 2010 tatsächlich geeignet gewesen ist, den Fristenlauf
auszulösen, oder ob die Beschwerdefrist erst mit der Eröffnung der Verfügung(en) vom
11. März 2010 zu laufen begonnen hat, weil erst damit eine vollständige
Rentenverfügung vorgelegen hat.
1.2 Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin geht davon aus, dass die
Verfügungen vom 25. Februar und 11. März 2010 in formelle Rechtskraft erwachsen
seien, soweit sie mit Wirkung ab Dezember 2006 eine Viertelsrente zugesprochen
hätten, denn angefochten seien sie nur, soweit sie einen Anspruch auf eine halbe
Invalidenrente verneinten. Wäre diese Auffassung richtig, gäbe es gar nie eine
reformatio in peius, d.h. die entsprechende Regelung in Art. 61 lit. d Satz 2 ATSG wäre
toter Buchstabe. Gegenstand der Verfügung - und damit auch der Beschwerde - bildet
deshalb notwendigerweise das gesamte Rechtsverhältnis der
Invalidenrentenberechtigung. "Werden, was die Regel ist, lediglich einzelne Elemente
der Rentenfestsetzung (Invaliditätsgrad, Rentenbeginn etc.) beanstandet, bedeutet dies
nicht, dass die unbestrittenen Teilaspekte in Rechtskraft erwachsen und demzufolge
der richterlichen Überprüfung entzogen sind" (BGE 125 V 413 ff., Erw. 2d). Das muss
erst recht für eine Aufteilung des Rentenanspruchs gelten. Strittig ist also vorliegend
nicht die Frage, ob die Beschwerdeführerin auf mehr als eine Viertelsrente Anspruch
habe, sondern ob die Beschwerdeführerin überhaupt einen Anspruch auf eine
Invalidenrente habe.
2.
2.1 Gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG haben Versicherte einen Anspruch auf eine
Invalidenrente, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare (medizinische
oder
berufliche) Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können ("Eingliederung vor Rente", vgl. U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A.,
Vorbemerkungen N. 47). Die Beschwerdeführerin hat sich bereits erfolglos einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stationären Rehabilitation unterzogen. Diese medizinische Massnahme war erfolglos,
wobei die Ursache sowohl in den fehlenden Deutschkenntnissen als auch im
festgefahrenen dysfunktionalen Krankheitskonzept der Beschwerdeführerin zu suchen
war. Die Ärzte der Klinik Valens haben in ihrem Gutachten dargelegt, dass eine erneute
stationäre Rehabilitation nicht erfolgversprechend sei. Sinngemäss haben sie auch
andere medizinische Massnahmen als aussichtslos qualifiziert. Tatsächlich hat sich die
Beschwerdeführerin dann einer Rückenoperation unterzogen. Ob ein weiterer Bedarf
nach medizinischer Eingliederung besteht bzw. wie weit die Arbeitsfähigkeit durch die
Rückenoperation wiederhergestellt worden ist, ist nicht bekannt. Demnach steht auch
nicht fest, dass von weiteren medizinischen Eingliederungsmassnahmen kein Erfolg
mehr zu erwarten wäre. Die Beschwerdegegnerin wird diesbezüglich weitere
Abklärungen vorzunehmen haben. Die Beschwerdeführerin hat gemäss ihren Angaben
in der Anmeldung keinen Beruf erlernt. Eine berufliche Eingliederung wäre also nur in
der Form einer qualifizierten Berufsausbildung geeignet, die Erwerbsfähigkeit zu
verbessern, denn nur durch ein deutlich über demjenigen einer durchschnittlichen
Hilfsarbeiterin liegendes Lohnniveau könnte die Beschwerdeführerin ein
eingliederungswirksames Invalideneinkommen erzielen. Dazu fehlen ihr aber schon die
sprachlichen und schulischen Voraussetzungen, weshalb offen bleiben kann, ob sie
über die notwendige intellektuelle Leistungsfähigkeit und die erforderliche Motivation
verfügen würde. Demnach besteht auch keine berufliche Eingliederungsmöglichkeit.
2.2 Die Rentenberechtigung setzt voraus, dass die versicherte Person während eines
Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40%
arbeitsunfähig gewesen ist (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG). Bei Hilfsarbeitern bezieht sich das
auf die am letzten Arbeitsplatz ausgeübte Art von Hilfstätigkeit. Die Beschwerdeführerin
ist seit dem 9. Dezember 2005 als Bauhilfsarbeiterin zu 100% arbeitsunfähig. Sie hat
also das sogenannte Wartejahr erfüllt.
2.3 Die dritte der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen eines Rentenanspruchs
besteht in einer nach dem Ablauf des Wartejahrs vorliegenden Invalidität von
mindestens 40% (Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG).
2.3.1 Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität
grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Bei nichterwerbstätigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherten im Sinn von Art. 5 Abs. 1 IVG – so namentlich bei im Haushalt tätigen
Personen – wird hingegen für die Bemessung der Invalidität darauf abgestellt, in
welchem Mass eine Behinderung besteht, sich im bisherigen Aufgabenbereich zu
betätigen (Art. 28a Abs. 2 IVG). Als Aufgabenbereich der im Haushalt tätigen
versicherten Personen gilt unter anderem die übliche Tätigkeit im Haushalt sowie die
Erziehung der Kinder (Art. 27 IVV). Bei einer versicherten Person, die nur zum Teil
erwerbstätig wäre, wird die Invalidität diesbezüglich nach Art. 16 ATSG festgelegt.
Wäre die versicherte Person daneben in einem Aufgabenbereich tätig, so wird die
Invalidität für diese Tätigkeit nach Art. 28a Abs. 2 IVG festgelegt. In diesem Falle sind
die Anteile der Erwerbstätigkeit und der Tätigkeit im anderen Aufgabenbereich
festzustellen und der Invaliditätsgrad ist entsprechend der Behinderung in beiden
Bereichen zu bemessen (Art. 28a Abs. 3 IVG). In ständiger Rechtsprechung prüft das
Bundesgericht die Frage, ob und gegebenenfalls in welchem Ausmass eine versicherte
Person auch ohne den Gesundheitsschaden im Aufgabenbereich tätig wäre, anhand
der hypothetischen Verhaltensweise. Nach Ansicht des Bundesgerichts ist dazu
abzuklären, ob die versicherte Person ohne den Gesundheitsschaden mit Rücksicht
auf die gesamten Umstände (persönlicher, familiärer, sozialer und erwerblicher Art)
erwerbstätig oder im Aufgabenbereich tätig wäre. Dabei sollen die finanzielle
Notwendigkeit der Aufnahme oder der Ausdehnung einer Erwerbstätigkeit, allfällige
Erziehungs- und Betreuungsaufgaben, das Alter der versicherten Person, deren
berufliche Fähigkeiten, Neigungen und Begabungen massgebend sein. Abzustellen sei
auf die hypothetischen Verhältnisse in tatsächlicher Hinsicht, wie sie sich bis zum
massgebenden Zeitpunkt entwickelt haben würden (vgl. etwa BGE 125 V 150). Die
Beschwerdegegnerin hat den Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin mittels dieser
sogenannten gemischten Methode der Invaliditätsbemessung ermittelt. Sie ist also
davon ausgegangen, dass die Beschwerdeführerin, wäre sie gesund geblieben, nur
teilzeitlich erwerbstätig gewesen wäre, um daneben den Haushalt besorgen zu können.
Sie hat diese Fiktion auf den Bericht über die Haushaltabklärung abgestützt. Darin ist
festgehalten worden, die Beschwerdeführerin habe gemäss ihren eigenen (vom
Ehemann ins Deutsche übersetzten) Angaben ab 1999 im Betrieb mitgearbeitet,
anfänglich mit einem Beschäftigungsgrad von 50%, dann mit stetig steigendem
Beschäftigungsgrad, da der Sohn mit zunehmendem Alter weniger Betreuung benötigt
habe. Die Abklärungsperson hat dazu festgehalten, es hätte weiterhin ein Bedarf nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Arbeitskraft der Beschwerdeführerin bestanden, obwohl der Ehemann wegen eines
Parkinson-Syndroms aus dem Betrieb habe ausscheiden müssen, denn der Sohn habe
das Geschäft übernommen. Zur Höhe ihres Beschäftigungsgrads im fiktiven
"Gesundheitsfall" hat sich die Beschwerdeführerin offenbar nicht geäussert. Die
Abklärungsperson ist von einem fiktiven Beschäftigungsgrad von 75% ausgegangen,
weil die Beschwerdeführerin vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung
zwischen 70% und 80% gearbeitet habe. Diese Schlussfolgerung ist nicht stichhaltig,
weil sich die Situation ungefähr zum Zeitpunkt des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin erheblich verändert hat. Der unerfahrene Sohn wäre
wahrscheinlich viel mehr als der Ehemann auf die Mitarbeit der Beschwerdeführerin im
Betrieb angewiesen gewesen. Das spricht grundsätzlich für einen fiktiven
Beschäftigungsgrad von 100%. Dem steht entgegen, dass der Ehemann aufgrund der
Symptome des Parkinson-Syndroms wohl nicht in der Lage ist, im Haushalt
mitzuhelfen, so dass die Beschwerdeführerin die entsprechenden Arbeiten allein zu
besorgen hat. Da die anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin inzwischen erkannt
haben dürfte, dass die Anwendung der gemischten Methode der
Invaliditätsbemessung im Vergleich zur reinen Einkommensvergleichsmethode für sie
einen deutlichen Nachteil aufweist, ist von einer erneuten Befragung kein näherer
Aufschluss über die plausibelste fiktive Entwicklung des Beschäftigungsgrads zu
erwarten. Die Frage nach dem fiktiven Erwerbsanteil muss deshalb anhand der dem
Gericht vorliegenden Akten beantwortet werden. Ein Beschäftigungsgrad in dem vom
Sohn übernommenen Betrieb von 75% dürfte die plausibelste Lösung sein, da die
Beschwerdeführerin so nicht gezwungen wäre, den gesamten Haushalt nach
Feierabend und am Wochenende zu erledigen. Zusammen mit der körperlich
belastenden Arbeit auf den Baustellen wäre das nämlich längerfristig eine unzumutbare
Belastung. Bei einem Beschäftigungsgrad von 75% bleibt ihr etwas mehr als ein
Wochentag, um die Haushaltarbeiten zu erledigen. Die Beschwerdegegnerin hat somit
im Ergebnis zu Recht die gemischte Methode der Invaliditätsbemessung mit einem
Erwerbsanteil von 75% und einem Haushaltanteil von 25% angewendet.
2.3.2 Die Beschwerdegegnerin hat anlässlich der Haushaltabklärung anhand der
Selbstangaben der Beschwerdeführerin eine Invalidität im Haushalt von 40,63%
ermittelt. Diese Selbstangaben entsprechen in einem ausreichenden Ausmass den von
den medizinischen Sachverständigen der Klinik Valens festgestellten gesundheitlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beeinträchtigungen, so dass sie als überwiegend wahrscheinlich korrekt zu betrachten
sind. Trotzdem erweist sich die Bemessung der Invalidität im Haushalt als teilweise
rechtswidrig. Bei der Position "Wohnungspflege" hat die Abklärungsperson nämlich die
Hilfe der Stieftochter invaliditätsmindernd berücksichtigt: "Die Stieftochter kommt
wöchentlich zu Besuch und macht und erledigt dabei die strengen Arbeiten" (IV-act.
61-7). Die Formulierung lässt darauf schliessen, dass die Stieftochter nicht im selben
Haushalt wohnt bzw. dass sie nicht einmal im selben Quartier wohnt. Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. etwa BGE 133 V 504 ff., 510) ist im
Zusammenhang mit der Mitarbeit von Familienangehörigen zu fragen, wie sich eine
vernünftige Familiengemeinschaft einrichten würde, wenn keine
Versicherungsleistungen zu erwarten wären. Dabei handelt es sich um eine
lückenfüllende Rechtsprechung, denn weder die grundsätzliche
Schadenminderungspflicht noch erst recht deren betätigungsvergleichs- bzw.
haushaltsspezifische Ausprägung sind positivrechtlich geregelt. Eine richterliche
Ausfüllung einer Gesetzeslücke hat modo legislatoris zu erfolgen (vgl. den analog
anwendbaren Art. 1 Abs. 2 ZGB). Die entsprechende Norm würde demnach etwa
folgendermassen lauten: "Die zumutbare Hilfe der Familienangehörigen bei der
Tätigkeit im Aufgabenbereich Haushalt ist invaliditätsmindernd zu berücksichtigen".
Der Begriff des Familienangehörigen bzw. der Familiengemeinschaft kann nur so
interpretiert werden, dass es sich um Personen handeln muss, die mit der versicherten
Person in einer Hausgemeinschaft leben. Trotz eines verwandtschaftlichen
Verhältnisses zur versicherten Person gehört also nicht zu den (fiktiv)
invaliditätsmindernd einzusetzenden Personen, wer nicht in einer häuslichen
Gemeinschaft lebt. Daraus folgt, dass nicht jede im Zeitpunkt der Haushaltabklärung
effektiv geleistete Hilfe ohne weiteres - fiktiv - invaliditätsmindernd berücksichtigt
werden darf. Lebt die helfende Person nicht in häuslicher Gemeinschaft mit der
versicherten Person, ist ihre Hilfe für die Invaliditätsbemessung irrelevant. Das bedeutet
im vorliegenden Fall, dass die Beschwerdegegnerin zu Unrecht die Hilfe der
Stieftochter bei der Wohnungspflege invaliditätsmindernd berücksichtigt hat. Das
Ausmass dieser Hilfe ist zwar in Verletzung der Protokollierungspflicht nicht angegeben
worden, aber immerhin steht fest, dass die Beschwerdeführerin die leichten Arbeiten,
wenn auch verlangsamt und in Etappen, noch ausführen kann. Es besteht also keine
vollständige Invalidität im Bereich Wohnungspflege. Da die Beschwerdeführerin die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schwereren Arbeiten in diesem Bereich nicht mehr erledigen kann und da sie bei der
Ausführung der leichten Arbeiten verlangsamt ist, besteht eine hohe Einbusse. Der
genaue Invaliditätsgrad im Bereich Wohnungspflege und damit im Aufgabenbereich
Haushalt ist von der Beschwerdegegnerin noch zu erheben.
2.3.3 Beim Einkommensvergleich zur Ermittlung des Invaliditätsgrads im erwerb
lichen Bereich hat die Beschwerdegegnerin zur Bemessung des Valideneinkommens
nicht auf den von der Beschwerdeführerin im Betrieb des Ehemanns erzielten (bzw. im
Betrieb des Sohns erzielbaren) Lohn abgestellt. Tatsächlich weicht der - offenbar von
der Beschwerdeführerin selbst im Arbeitgeberbericht vom 24. August 2007 mitgeteilte -
Lohn, welcher angeblich der Arbeitsleistung entsprochen hätte (Fr. 48'000.--), erheblich
von den im individuellen Beitragskonto (IK) verbuchten Jahreseinkommen ab. Diese
sind sehr viel tiefer. Ob sie der Arbeitsleistung der Beschwerdeführerin entsprochen
haben oder ob sie in Abhängigkeit von der jeweiligen finanziellen Situation des Betriebs
deklariert worden sind, lässt sich nicht mehr feststellen. Es ist davon auszugehen, dass
sowohl die eigenen Lohnangaben als auch die IK-verbuchten Lohnbeträge nicht die
effektive erwerbliche Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin wiedergeben. Obwohl
anzunehmen ist, dass die Beschwerdeführerin, wäre sie gesund geblieben, weiterhin
als Hilfsarbeiterin im Betrieb des Ehemannes bzw. des Sohns tätig gewesen wäre,
bemisst sich das Valideneinkommen also nach der erwerblichen Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin in einer durchschnittlichen Hilfsarbeit in irgendeiner Branche, da
sie überall hätte eingesetzt werden können. Weil aufgrund der massgebenden
intertemporalrechtlichen Regel zur 5. IV-Revision (vgl. das IV-Rundschreiben Nr. 253
des Bundesamtes für Sozialversicherungen) nicht der aktuelle Art. 29 Abs. 1 IVG,
sondern die aufgehobenen aArt. 29 Abs. 2 und 48 IVG anwendbar sind, ist ein
Rentenanspruch ab 2006 zu prüfen. Das Valideneinkommen 2006 beläuft sich auf Fr.
50'278.-- (vgl. den Anhang 2 zu der von der Informationsstelle AHV/IV
herausgegebenen Textausgabe 2012 des IVG). Da die Beschwerdeführerin nicht
höherwertig umgeschult werden kann, besteht auch die Invalidenkarriere in einer
Hilfsarbeit, die allerdings behinderungsadaptiert sein muss. Das Ausgangseinkommen
zur Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens beträgt somit ebenfalls Fr.
50'278.--. Die Beschwerdegegnerin ist gestützt auf das Gutachten der Klinik Valens
davon ausgegangen, dass die Beschwerdeführerin in einer adaptierten Hilfsarbeit nur
noch zu 50% arbeitsfähig sei. Die Ärzte der Klinik Valens haben angenommen, dass die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin "aufgrund ihrer beruflichen Möglichkeiten" in der Lage sein müsse,
bimanuelle Tätigkeiten mit Belastung der HWS und des Schultergürtels auszuführen
(vgl. IV-act. 63-34). Es handle sich um repetitive Tätigkeiten, um
Kraftausdauerbelastungen, um Heben und Tragen oder um Montagetätigkeiten. Die
Gesundheitsbeeinträchtigungen hätten deshalb auch auf eine mögliche
Verweistätigkeit Auswirkungen bezüglich Belastbarkeit. Daraus haben die Ärzte der
Klinik Valens den Schluss gezogen, dass auch für eine adaptierte Hilfsarbeit eine
Arbeitsunfähigkeit von 50% bestehe. Diese Einschätzung besteht auf einer falschen
Definition der adaptierten Hilfsarbeit. Die Beschwerdeführerin ist nicht beschränkt auf
bimanuelle Arbeiten, auf Arbeiten mit Kraftausdauerbelastungen oder auf Arbeiten mit
Heben und Tragen von Lasten. Der allgemeine und ausgeglichene Arbeitsmarkt weist
nämlich genügend Arbeitsplätze auf, an denen die Beschwerdeführerin ihre verbliebene
Arbeitsfähigkeit verwerten könnte, ohne körperlich in irgendeiner Weise ungünstig
belastet zu sein. Im Gutachten der Klinik Valens fehlt eine auf eine vollständig
adaptierte Hilfsarbeit bezogene Arbeitsfähigkeitsschätzung. Die Sachverhaltsermittlung
erweist sich somit als unvollständig. Hinzu kommt, dass sich die Beschwerdeführerin
nach der Abklärung durch die Klinik Valens, aber vor der Eröffnung der angefochtenen
Verfügungen einer Rückenoperation unterzogen hat. Das weckt erhebliche Zweifel an
der Richtigkeit des Ergebnisses der Begutachtung, denn dort fehlt ein Hinweis auf eine
Operationsindikation. Jedenfalls fehlt für die Zeit nach der Operation und der
dazugehörigen Rekonvaleszenzphase eine überzeugende Aussage über den
Gesundheitszustand und über die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin bezogen
auf eine (entsprechend dem Operationserfolg allenfalls neu zu definierende) adaptierte
Hilfsarbeit. Diese Unterlassungen bei der Sachverhaltsabklärung verunmöglichen es,
das zumutbare Invalideneinkommen ab 2006 zu ermitteln. Die Beschwerdegegnerin
wird auch diesbezüglich weitere Abklärungen vorzunehmen haben.
3.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der massgebende Sachverhalt nicht mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht. Die Sache ist deshalb zur
weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dieser
Verfahrensausgang ist als Unterliegen der Beschwerdegegnerin zu betrachten, da sich
die angefochtene Verfügung als rechtswidrig erwiesen hat. Dies begründet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
praxisgemäss einen Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Parteientschädigung.
Daran vermag der Umstand, dass die weiteren Abklärungen auch einen Invaliditätsgrad
von weniger als 40% ergeben können, so dass kein Rentenanspruch bestehen würde,
nichts zu ändern, denn die Abklärungen können auch ein ganz anderes Ergebnis
liefern. Deshalb muss ausschlaggebend sein, dass die Beschwerdegegnerin unterliegt,
weil sie eine rechtswidrige Verfügung erlassen hat. Die Parteientschädigung ist
praxisgemäss auf Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer)
festzusetzen. Da der Verfahrensaufwand als durchschnittlich zu betrachten ist, beträgt
die von der unterliegenden Beschwerdegegnerin zu bezahlende Gerichtsgebühr Fr.
600.--. Der Kostenvorschuss von ebenfalls Fr. 600.-- wird der Beschwerdeführerin
zurückerstattet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP