Decision ID: 995a1642-13f7-56cf-ace9-a1a7056a3cce
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im April 2015 unter Hinweis auf eine reaktive Bindungsstörung
erstmals zum Bezug von medizinischen Massnahmen sowie zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen angemeldet (IV-act. 3
f.). Mit Verfügung vom 2. Oktober 2015 sprach die IV-Stelle dem Versicherten vom 17.
bis 24. April eine Hilflosenentschädigung für Minderjährige basierend auf einer
Hilflosigkeit leichten Grades und vom 1. Mai 2014 bis zum 31. Oktober 2016 eine
Hilflosenentschädigung wegen einer Hilflosigkeit mittleren Grades zu (IV-act. 29). Das
Gesuch um medizinische Massnahmen wurde abgewiesen (Verfügung vom 31. August
2015, IV-act. 28).
A.b Im August 2016 wurde der Versicherte erneut zum Bezug von medizinischen
Massnahmen bei der IV-Stelle angemeldet (IV-act. 41). Psychologin D._ und Dr. med.
E._ von den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten (KJPD) St. Gallen
berichteten am 21. September 2016, der Versicherte leide an einer reaktiven
Bindungsstörung (ICD-10 F94.1), weshalb er eine integrierte psychologisch-
psychiatrische Therapie benötige. Er sei seit April 2013 in kinderpsychiatrischer
Behandlung. Der Zustand sei besserungsfähig. Aktuell sei die Therapie ausgesetzt,
jedoch könne sich die Pflegemutter bei Bedarf jederzeit melden. Bei einem weiteren
guten Verlauf und einem erhöhten Aufwand durch die Pflegeeltern sei von einer
normalen Integration in der Schule und im Berufsleben auszugehen (IV-act. 45).
A.c Im Fragebogen zur Revision der Hilflosenentschädigung vom 20. Dezember 2016
gab der Kinderarzt Dr. med. F._, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, an, der
Gesundheitszustand des Versicherten habe sich verschlechtert (IV-act. 56). Er verwies
dabei u.a. auf eine E-Mail der Pflegemutter des Versicherten vom 22. November 2016.
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Darin hatte diese berichtet, dass der Versicherte aktuell eine schwierige Zeit habe. Er
sei wieder zurückgefallen und verhalte sich wie ein Kleinkind. Er habe u.a. grosse Mühe
damit, morgens aufzustehen, und sei wieder sehr aggressiv gegenüber den kleineren
und schwächeren Kindern. Nach einem Besuchstag bei seinem leiblichen Vater sei es
ihm noch schlechter gegangen und er habe einen Migräneanfall mit Kopfschmerzen bis
zum Erbrechen gehabt (vgl. IV-act. 56-4).
A.d Im Juni 2017 berichtete Psychotherapeutin Dr. phil. G._ der IV-Stelle, beim
Versicherten bestehe eine reaktive Bindungsstörung des Kindesalters auf dem
Hintergrund frühkindlicher Komplextraumatisierungen mit abweichender Elternsituation
(Pflegefamilie). Der Gesundheitszustand wirke sich auf den Schulbesuch aus, indem
eine Überforderung bei wechselnden Kontakten und im Umfeld mit vielen Kindern
vorliege. Darüber hinaus führe die fehlende Emotionssteuerung zu massiven
aggressiven Ausbrüchen und in der Folge zu einer sozialen Isolierung. Der Versicherte
reagiere teilweise mit massiven regressiven Zusammenbrüchen mit vegetativen
Begleiterscheinungen. Er brauche ein stabiles Umfeld und klare, Sicherheit gebende
Abläufe. Er zeige teilweise depressive und dissoziierte Verhaltensweisen und mache
suizidale Äusserungen. Seit August 2015 sei er in einer psychotherapeutischen
Behandlung mit 14-täglichen Sitzungen. Der Gesundheitszustand sei besserungsfähig;
durch die Psychotherapie könne die Möglichkeit einer späteren Eingliederung ins
Erwerbsleben wesentlich verbessert werden. Im Jahr 2016 sei eine schrittweise
Eingliederung in den Kindergarten erfolgt. Dem Versicherte gelinge es inzwischen unter
grossen Anstrengungen, sich sozial einzugliedern und auch Kontakte zu anderen
Kindern zu knüpfen. Seine kognitive Entwicklung sei im Normbereich. Zum
Therapieverlauf hielt Dr. G._ fest, dass der Versicherte gerne in die interaktive
Psychotherapie (Spieltherapie) komme, im Spiel konzentriert sei und deutlich etwas
mitteilen wolle. Anfangs seien die Inhalte des Spiels aggressive Kampfspiele gewesen,
welche eine deutliche Dynamik von Bedrohung und Schutzsuche aufgewiesen hätten.
Inzwischen habe sich das Spiel auf das Gestalten von Schutzräumen, auf das direkte
Ausdrücken und Gestalten von Gefühlen und auf altersadäquate Rollenspiele verlagert.
Seit April 2017 erfolge zusätzlich eine medikamentöse kinderpsychiatrische
Unterstützung. Die Prognose sei günstig, vorausgesetzt der Versicherte erhalte
weiterhin therapeutische Unterstützung. Durch die intensive Psychotherapie mit
interdisziplinärer Vernetzung aller Beteiligten habe der Versicherte bis jetzt im
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Regelkindergarten unterrichtet, d.h. eine Sonderschulung vermieden werden können.
Die Behandlungsdauer betrage voraussichtlich zwei Jahre und sei abhängig von der
weiteren Entwicklung des Versicherten nach der Einschulung in die erste Klasse. Sie
könne derzeit nicht definitiv geklärt werden (IV-act. 64).
A.e Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) notierte am 14. September 2017, aufgrund
der beim Versicherten vorliegenden reaktiven Bindungsstörung des Kindesalters auf
dem Hintergrund frühkindlicher Komplextraumatisierungen seien die
versicherungsmedizinischen Voraussetzungen für medizinische Massnahmen nach Art.
12 IVG (Musiktherapie oder Psychotherapie) nicht erfüllt. Bei der dokumentierten
Diagnose, der bekannten Anamnese, dem bisherigen Verlauf, der fortbestehenden
psychosozialen Belastungssituation mit Unterbringung in einer Pflegefamilie und mit
erschwerten Kontakten zu den leiblichen Eltern sei kein stabilisierter
Gesundheitszustand ausgewiesen. Bei der bestehenden reaktiven Bindungsstörung
des Kindesalters könne die Dauer der Therapie nicht überblickt werden (IV-act. 65).
A.f Gestützt auf die RAD-ärztliche Stellungnahme stellte die IV-Stelle dem Versicherten
mit einem Vorbescheid vom 4. Oktober 2017 die Abweisung des Begehrens um eine
Kostenübernahme für Psychotherapie in Aussicht (IV-act. 67). Dagegen liess der
Versicherte am 24. Oktober bzw. 14. Dezember 2017 durch seinen Rechtsvertreter
Einwand erheben. Er beantragte die Sistierung des Verfahrens bis zum Entscheid des
Versicherungsgerichtes in den Verfahren IV 2016/368 und IV 2017/308, eventualiter
eine Kostengutsprache für die Psychotherapie sowie subeventualiter die Vornahme
ergänzender Abklärungen (IV-act. 71, 74).
A.g Dr. med. H._, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, berichtete der IV-
Stelle am 26. März 2018, dass sich der Versicherte seit dem 14. Februar 2017 im
Ostschweizer Kinderspital in psychiatrischer Behandlung befinde. Die Konsultationen
erfolgten in grösseren Abständen unter der gezielten Fragestellung einer
unterstützenden psychopharmakologischen Medikation bei Schwierigkeiten bei der
Impulskontrolle auf dem Boden einer frühkindlichen Bindungsstörung. Im Rahmen der
interdisziplinären Behandlung bestehe ein Austausch mit der Psychotherapeutin Dr.
G._. Aus fachärztlicher Sicht sei eine regelmässige Psychotherapie weiterhin
unerlässlich und zwingend notwendig, damit sich der Versicherte seelisch gut
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entwickeln könne und die frühkindlich erlebten Defizite aufgefangen und bearbeitet
werden könnten (IV-act. 84).
A.h Mit einer Eingabe vom 6. Mai 2018 teilte der Rechtsvertreter der IV-Stelle mit, dass
in den im Einwand erwähnten Verfahren der Anspruch der Kinder auf Psychotherapie
gutgeheissen worden seien und die Sach- und Rechtslage im Falle des Versicherten
vergleichbar sei (IV-act. 84).
A.i RAD-Ärztin Dr. med. I._, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, hielt in
ihrer Stellungnahme vom 23. Mai 2018 fest, dass sich der Versicherte seit ca. 1-jährig
in einer Pflegefamilie befinde und im Alter von ca. 2.5 Jahren neben der Pflegemutter
eine zusätzliche Betreuungsperson erhalten habe. Zusätzlich zu den
sozialpädagogischen Massnahmen habe der Versicherte eine kinderpsychiatrische
Unterstützung am KJPD erhalten. Später habe er sich einer Psychotherapie bei Dr.
G._ unterzogen. Seit April 2017 bestehe zusätzlich eine medikamentöse Behandlung.
Die vorhandenen Unterlagen schilderten einen Verlauf mit immer wieder starken
Einbrüchen und sogar mit suizidalen Äusserungen. Auch wenn in allen Berichten immer
wieder von einer Besserung des Gesundheitszustandes gesprochen werde, fänden
sich doch keine konkreten Angaben, woran diese genau festgemacht werde. Wenn
nach all den verschiedensten Unterstützungen nach ca. sieben Jahren u.a. auch
suizidale Äusserungen vorlägen, sei es wohl verfrüht, von einer Besserung bzw. einer
guten Prognose zu sprechen. Medizinisch seien keine wesentlichen neuen
Informationen seit der letzten RAD-Stellungnahme vorgelegt worden; vielmehr würde
der bisherige Gesamteindruck bestätigt (IV-act. 85).
A.j Am 29. Mai 2018 verfügte die IV-Stelle gemäss ihrem Vorbescheid vom 4. Oktober
2017 die Ablehnung des Leistungsbegehrens. Zu den Einwänden des Rechtsvertreters
des Versicherten hielt sie fest, dass im Bereich der medizinischen Massnahmen nach
Art. 12 IVG jeder Fall individuell zu beurteilen sei und es sich bei den im Einwand
erwähnten IV-Verfahren nicht um absolut identische Sachverhalte handle. Seit dem
Vorbescheid seien keine neuen Erkenntnisse dargelegt worden und es fänden sich
keine konkreten Angaben zu einer Besserung des Gesundheitszustandes, obwohl dies
in allen Berichten immer wieder festgehalten worden sei (IV-act. 86).
B.
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B.a Dagegen liess der Versicherte am 2. Juli 2018 durch seinen Rechtsvertreter
Beschwerde erheben. Dieser beantragte die Aufhebung der Verfügung vom 29. Mai
2018 und eine Kostengutsprache für die Psychotherapie. Eventualiter sei die Sache zur
Vornahme ergänzender Abklärungen an die Verwaltung zurückzuweisen. In
prozessualer Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und Rechtsverbeiständung. Er machte im Wesentlichen geltend, dass
der Beschwerdeführer gemäss den behandelnden Ärzten im Hinblick auf seine
Eingliederung ins spätere Erwerbsleben eine Psychotherapie benötige. Seine Störung
sei als Voraussetzung für den Anspruch auf medizinische Massnahmen ausgewiesen.
Der Gesundheitszustand sei hinreichend stabilisiert, die Therapie habe bereits zu
Verbesserungen geführt, was ebenfalls für den Anspruch spreche. Ohne Behandlung
bestehe die Gefahr eines erheblichen, schwer korrigierbaren stabilen Defekts. Die
behandelnden Fachpersonen hätten alle notwendigen Angaben zum Nachweis der
Indikation der Therapie im Hinblick auf die Eingliederung vorgelegt und ihre Angaben
seien übereinstimmend. Auch von daher erfülle der Beschwerdeführer die
Voraussetzungen (act. G 1).
B.b Am 31. Juli 2018 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Zur Begründung verwies sie im Wesentlichen auf die Stellungnahme von
RAD-Ärztin Dr. I._ vom 23. Mai 2018. Daraus ergebe sich klar, dass es beim
Beschwerdeführer im Wesentlichen einzig möglich gewesen sei, die Symptome seiner
psychischen Erkrankung zu unterdrücken. Aus den Berichten der behandelnden Ärzte
gehe nicht genau hervor, inwiefern die geltend gemachte Verbesserung des
Gesundheitszustandes durch die Psychotherapie nicht nur punktuell gewesen sei. Die
Psychotherapie diene somit in erster Linie der Leidensbehandlung des
Beschwerdeführers, was zwar als sinnvoll erscheine, aber nicht gemäss Art. 12 IVG
versichert sei. Laut dem IV-Fachbereich sei die Behandlung der reaktiven
Bindungsstörung aus versicherungsmedizinischer Sicht als langjähriger Prozess zu
betrachten, ohne dass sich eine zuverlässige Prognose stellen liesse. Es sei nicht mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass beim
Beschwerdeführer mittels einer Psychotherapie die Entstehung eines schwer
korrigierbaren, stabilen pathologischen Defektzustandes verhindert werden könne (act.
G 5).
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B.c Am 5. Oktober 2018 bewilligte die zuständige Verfahrensleitung das Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) für das Beschwerdeverfahren (act. G 12).
B.d Mit Replik vom 30. Oktober 2018 hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen
fest; er verwies auf die Beschwerdebegründung (act. G 14).
B.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (vgl. act. G
16).

Erwägungen
1.
1.1 Streitig und vorliegend zu prüfen ist, ob der Beschwerdeführer gestützt auf Art. 12
IVG einen Anspruch auf eine Psychotherapie als medizinische Massnahme der
Invalidenversicherung hat.
1.2 Eine invalide oder von einer Invalidität bedrohte versicherte Person hat gemäss
dem Art. 8 Abs. 1 IVG einen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern, und
soweit die Voraussetzungen für den Anspruch auf eine spezifische
Eingliederungsmassnahme erfüllt sind. Zu den Eingliederungsmassnahmen zählen
gemäss Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG auch die medizinischen Massnahmen. Gemäss Art. 12
Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person bis zur Vollendung des 20. Altersjahres einen
Anspruch auf jene medizinischen Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des
Leidens an sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben oder in
den Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu
verbessern oder vor einer wesentlichen Beeinträchtigung zu bewahren.
1.3 Die Beschwerdegegnerin hat einen Anwendungsfall von Art. 12 IVG im
Wesentlichen mit der Begründung verneint, dass die Psychotherapie beim
Beschwerdeführer in erster Linie der Leidensbehandlung diene, was zwar sinnvoll, aber
nicht versichert sei (act. G 5). Damit hat sich die Beschwerdegegnerin offensichtlich auf
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die frühere bundesgerichtliche Rechtsprechung betreffend die Personen bezogen, die
das 20. Altersjahr vollendet hatten. Laut dieser Rechtsprechung waren jene Vorkehren,
die auf die Heilung oder Linderung pathologischen oder sonst wie Krankheitswert
aufweisenden Geschehens labiler Art gerichtet gewesen waren, nicht von der IV zu
übernehmen gewesen. Eine medizinische Vorkehr, die der Behandlung des Leidens an
sich zuzurechnen gewesen war, hatte also auch dann keinen Leistungsanspruch
gegenüber der IV begründet, wenn mit ihr voraussichtlich ein wesentlicher
Eingliederungserfolg verbunden gewesen wäre. Dementsprechend hatte das
Bundesgericht bei den über 20-jährigen Versicherten eine Leistungspflicht der IV in
allen Fällen verneint, in denen ein labiler Gesundheitszustand bestanden hatte, auch
wenn die medizinische Massnahme auf die Verbesserung, Erhaltung oder
Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit abgezielt hatte (vgl. statt vieler BGE 125 V 194
f.; vgl. auch ULRICH MEYER/MARCO REICHMUTH, Rechtsprechung des
Bundesgerichtes zum IVG, 3. Aufl. 2014, Art. 12 N 31).
1.4 Mit der 5. IVG-Revision ist der Anspruch auf medizinische Massnahmen gemäss
Art. 12 IVG auf Versicherte beschränkt worden, die das 20. Altersjahr noch nicht
vollendet haben. Damit ist der frühere Hauptanwendungsfall des Art. 12 IVG, nämlich
die Vergütung von medizinischen Massnahmen für bereits erwerbstätige Erwachsene,
weggefallen. Bei der Beurteilung des Anspruchs von Minderjährigen ist bereits nach
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zum früheren Art. 12 IVG – im Sinne einer
Ausnahmeregelung – vom Erfordernis eines relativ stabilisierten Defektzustands
abgesehen worden. Diese Praxis hat weiterhin Gültigkeit; sie ist nun aber durch die
Beschränkung des Anspruchs auf Personen, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet
haben, umfassend anwendbar. Demnach können medizinische Vorkehren gemäss dem
seit dem Inkrafttreten der 5. IVG-Revision geltenden Art. 12 IVG trotz eines einstweilen
noch labilen Leidenscharakters überwiegend der beruflichen Eingliederung dienen und
als medizinische Massnahmen von der IV vergütet werden, wenn ohne diese Vorkehren
eine Heilung mit Defekt oder ein sonst wie stabilisierter Zustand einträte, wodurch die
Berufsbildung und/oder die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt würde (vgl. MEYER/
REICHMUTH, a.a.O., Art. 12 N 33, mit Hinweisen; vgl. auch die ständige Praxis des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen, u.a. die Entscheide vom 22. Juni 2018,
IV 2017/368, E. 2.2, sowie vom 25. Mai 2018, IV 2017/236, E. 3.2).
2.
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2.1 Entgegen der Ansicht des RAD – bzw. der Beschwerdegegnerin – ergibt sich aus
den Berichten der behandelnden Fachärzte und der Psychotherapeutin und
insbesondere aus der Schilderung des Therapieverlaufs (IV-act. 64-3 f.) eindeutig, dass
die seit August 2015 durchgeführte, interaktive Psychotherapie eine Besserung des
Gesundheitszustandes des Beschwerdeführers bewirkt und insgesamt einen
deutlichen positiven Effekt auf dessen Verhalten gehabt hat. Entgegen der Auffassung
des RAD (IV-act. 85) haben die Behandler auch konkrete Angaben hinsichtlich der
Besserung des Gesundheitszustandes gemacht. So hat sich etwa das Spielverhalten
von aggressiven Kampfspielen zu altersadäquaten Rollenspielen verändert und der
Beschwerdeführer ist in der Lage, sich – wenn auch noch unter grossen
Anstrengungen – sozial einzugliedern und Kontakte zu knüpfen (IV-act. 64-3 f.). Mit der
psychotherapeutischen Behandlung soll die gestörte Emotionsregulation mit
aggressiven Ausbrüchen des Beschwerdeführers weiter stabilisiert und der psychische
Gesundheitszustand somit verbessert werden. Die Psychotherapie zielt gemäss den
Berichten der behandelnden Ärzte und der Psychotherapeutin also zweifelsohne darauf
ab, zu verhindern, dass sich das psychische Leiden des Beschwerdeführers zu einem
schwer korrigierbaren, die spätere berufliche Entwicklung und Erwerbsfähigkeit
erheblich behindernden, pathologischen Zustand entwickelt. Damit handelt es sich bei
der psychotherapeutischen Behandlung des Beschwerdeführers entgegen der
Auffassung der Beschwerdegegnerin also geradezu um ein Musterbeispiel eines
Anwendungsfalls der aktuellen Fassung des Art. 12 IVG. Hinzu kommt, dass die
behandelnde Psychotherapeutin überzeugend dargelegt hat, dass der
Beschwerdeführer sich sehr bemühe und interessiert sei, dass er durch die intensive
Psychotherapie im Regelkindergarten habe unterrichtet bzw. dass eine
Sonderschulung habe vermieden werden können. Damit begünstigt die Psychotherapie
offensichtlich, dass der kognitiv normal entwickelte Beschwerdeführer eine
regelschulische Laufbahn absolvieren und dann später auch von dieser wird profitieren
können. Die Psychotherapie dient somit klar der zukünftigen Eingliederung des
Beschwerdeführers ins Erwerbsleben.
2.2 Soweit die Beschwerdegegnerin einen Anspruch des Beschwerdeführers auf
medizinische Massnahmen mit der Begründung verneint, dass die beantragte
Psychotherapie gemäss RAD zwar indiziert sei, sich aber keine zuverlässige Prognose
hinsichtlich der Eingliederungsfähigkeit stellen lasse (vgl. act. IV-act. 85, act. G 5), ist
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festzuhalten, dass diese RAD-ärztliche Einschätzung im Widerspruch zu den Angaben
der behandelnden Fachärzte und der behandelnden Psychotherapeutin steht. Diese
haben die Prognose bei einer Fortführung der Psychotherapie übereinstimmend als
günstig qualifiziert (vgl. IV-act. 64-4, 84-3). Eine Prognose für die Zukunft ist
naturgemäss nie beweisbar. Immerhin steht fest, dass der Beschwerdeführer dank der
Psychotherapie Fortschritte erzielt und sich sein psychischer Gesundheitszustand
deutlich verbessert hat. Das vom RAD vorgebrachte Argument, dass es wohl verfrüht
sei, von einer Besserung bzw. einer guten Prognose zu sprechen, trifft demnach nicht
zu. Nach der Lage der Akten ist es hochplausibel, dass die schulische (und damit
später die berufliche) Entwicklung des Beschwerdeführers ohne die Psychotherapie
erheblich gefährdet wäre.
2.3 Zusammenfassend steht mit ausreichender Plausibilität fest, dass die weitere
schulische und später die berufliche Ausbildung des Beschwerdeführers ohne die
laufende Psychotherapie erheblich gefährdet wären. Die medizinische
Eingliederungswirksamkeit der Psychotherapie ist damit erstellt. Unter diesen
Umständen ist es nicht zulässig, dem Beschwerdeführer eine Psychotherapie
vorzuenthalten und damit im Ergebnis den späteren Eintritt einer rentenspezifischen
Invalidität zu begünstigen, zumal die Kosten der Psychotherapie im Verhältnis zu
allfälligen späteren beruflichen Eingliederungs- oder Rentenleistungen als tief
einzustufen sind.
3.
3.1 Zusammenfassend sind die Voraussetzungen für die Vergütung der Kosten der
Psychotherapie durch die Invalidenversicherung erfüllt. Somit ist die angefochtene
Verfügung vom 29. Mai 2018 in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und es ist
festzustellen, dass der Beschwerdeführer einen Anspruch auf Psychotherapie hat. Die
Sache ist zur Festsetzung des konkreten Leistungsanspruchs an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dabei wird die Beschwerdegegnerin zu prüfen
haben, ob die mit der Psychotherapie betrauten Psychologinnen die Voraussetzungen
für die Anerkennung als Durchführungsstellen erfüllt haben.
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3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Ausgangsgemäss
hat die Beschwerdegegnerin die Gerichtskosten von Fr. 600.-- zu bezahlen.
3.3 Der obsiegende Beschwerdeführer hat einen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Da von einem klar unterdurchschnittlichen Vertretungsaufwand
auszugehen ist, ist dem Beschwerdeführer praxisgemäss eine Parteientschädigung von
Fr. 3'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zulasten der
Beschwerdegegnerin zuzusprechen.
3.4 Da die Gerichtsschreiberin verhindert ist, das Urteil zu unterzeichnen, wird die
zweite Unterschrift von einer am Entscheid mitwirkenden Richterin geleistet (Art. 39ter
Abs. 2 VRP).