Decision ID: b64e45cf-19ae-57bf-b1d8-f586abfc737b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden flogen gemäss eigenen Angaben am 13. Au-
gust 2018 von Teheran nach Italien und reisten am 14. August 2018 nach
Basel weiter. Am 17. August 2018 suchten sie hier um Asyl nach (Akten
der Vorinstanz [SEM act.] A1).
B.
Abklärungen der Vorinstanz ergaben, dass Italien den Beschwerdeführen-
den für den Zeitraum vom 13. August 2018 bis zum 6. September 2018
gültige Schengen-Visa ausgestellt hatte (SEM act. A3; A4).
C.
Gestützt auf diese Angaben und Abklärungen gewährte die Vorinstanz den
Beschwerdeführenden 1 und 2 anlässlich ihrer Befragungen zur Person
(BzP) vom 28. August 2018 das rechtliche Gehör zu einer allfälligen Über-
stellung nach Italien, das gemäss der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) für die Behandlung ihrer Asylgesu-
che zuständig sei (SEM act. A6).
D.
Am 4. September 2018 ersuchte die Vorinstanz die italienischen Behörden
um Übernahme der Beschwerdeführenden gemäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-
III-VO (SEM-act. A13; A15). Die italienischen Behörden nahmen innerhalb
der festgelegten Frist zum Übernahmeersuchen der Vorinstanz keine Stel-
lung. Am 15. November 2018 stimmten sie jedoch nachträglich zu (SEM
act. A17; A18).
E.
Mit Verfügung vom 16. November 2018 trat die Vorinstanz auf die Asylge-
suche der Beschwerdeführenden nicht ein und verfügte deren Wegwei-
sung nach Italien, das gemäss den Bestimmungen der Dublin-III-VO für die
Durchführung der Asyl- und Wegweisungsverfahren zuständig sei (SEM
act. A20).
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F.
Mit Urteil F-6904/2018 vom 22. November 2019 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht eine dagegen gerichtete Beschwerde gut, hob die vorinstanz-
liche Verfügung vom 16. November 2018 auf und wies die Sache zur Neu-
beurteilung an das SEM zurück. Das Gericht hielt insbesondere fest, dass
die Vorinstanz den Sachverhalt im Hinblick auf die Anwendung der Souve-
ränitätsklausel nicht rechtsgenüglich abgeklärt habe (SEM act. A36).
G.
Mit Schreiben vom 8. Oktober 2020 informierte das SEM die Beschwerde-
führenden über ihre weiterhin bestehende Absicht, auf ihre Asylgesuche
nicht einzutreten; gleichzeitig wurden sie aufgefordert, sich dazu bis zum
19. Oktober 2020 schriftlich zu äussern (SEM act. A37). Letztere ersuch-
ten die Vorinstanz am 19. Oktober 2020 um Fristverlängerung sowie um
Einsicht in die vollständigen Akten (SEM act. A38). Das SEM stellte ihnen
am 22. Oktober 2020 Kopien der gewünschten Akten zu (SEM act. 39). In
der Folge nahmen die Beschwerdeführenden mit schriftlicher Eingabe vom
5. November 2020 Stellung (SEM act. A41).
H.
Am 25. November 2020 erklärten die italienischen Behörden mit Übersen-
dung des Formulars "Nucleo familiare" ihre Bereitschaft zur Aufnahme der
Familie gemäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO. Sie teilten weiter mit, dass die
Beschwerdeführenden nach der Überstellung in einem noch zu bestim-
menden Aufnahmezentrum für Familien gemäss Auflistung vom 24. April
2020 und im Sinne des Rundschreibens vom 8. Januar 2019 untergebracht
würden. Gleichzeitig ersuchten sie um vorgängige Information über allfäl-
lige gesundheitliche Probleme der Beschwerdeführenden (SEM act. A42).
I.
Mit Schreiben vom 8. Dezember 2020 gewährte die Vorinstanz den Be-
schwerdeführenden die Möglichkeit, sich zu den Interessen des Kindes bis
zum 21. Dezember 2020 schriftlich zu äussern (SEM act. A44).
J.
Die Beschwerdeführenden beantragten am 15. Dezember 2020 sowie am
12. Januar 2021 eine Verlängerung der Frist zur Einreichung einer Stel-
lungnahme (SEM act. A45 und A47).
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K.
Am 26. April 2021 ersuchten die Beschwerdeführenden das SEM um Ein-
sicht in sämtliche Akten und nochmalige Fristverlängerung, um zwei Be-
richte einreichen zu können (SEM act. A49). Kopien der Akten stellte ihnen
die Vorinstanz am 27. April 2021 zu (SEM act. A50). Mit Schreiben vom
1. Juni 2021 machte das SEM die Familie darauf aufmerksam, dass noch
immer keine Stellungnahme eingegangen und die Frist zur Stellungnahme
ungenutzt verstrichen sei (SEM act. A51). Mit Eingabe vom 2. Juni 2021
nahmen die Beschwerdeführenden Stellung (SEM act. A52).
L.
Am 17. Juni 2021 (eröffnet am 22. Juni 2021) trat das SEM auf die Asylge-
suche der Beschwerdeführenden wiederum nicht ein, verfügte ihre Weg-
weisung nach Italien und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen (Beilage zu Akten des Bundesverwal-
tungsgerichts [BVGer act.] 1).
M.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 28. Juni 2021 (Datum des Poststempels)
stellten die Beschwerdeführenden die Begehren, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben und die Schweiz sei für die Asylverfahren als zustän-
dig zu erachten. Es sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung
aus humanitären Gründen unzumutbar sei. Als Folge davon sei die Verfü-
gung des SEM vom 17. Juni 2021 aufzuheben und wegen Unzumutbarkeit
des Überstellungsvollzugs sei die Schweiz zum Selbsteintritt zu verpflich-
ten. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Verzicht auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses und Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung (BVGer act. 1).
N.
Am 1. Juli 2021 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG
den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
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Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung des Rechtsmittels legiti-
miert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs.
1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist ein-
zutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, ein Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf ein Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.H.).
2.3 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der
Regel in der Besetzung mit drei Richterinnen oder Richtern (Art. 21 Abs. 1
VGG). Das Gericht kann – wie vorliegend – auch in solchen Fällen auf die
Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung dieses Staates prüft das SEM die
Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur
Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Beurteilung des Asyl-
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gesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitglied-
staat einer Überstellung oder Rücküberstellung explizit oder implizit zuge-
stimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung dieses
Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan-
trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
3.3 Die italienischen Behörden haben dem Übernahmeersuchen des SEM
am 25. November 2020, unter Auflistung aller Beschwerdeführenden, ex-
plizit zugestimmt. Die Zustimmung stützte sich auf Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-
VO (SEM act. A42). Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit ge-
geben.
4.
4.1 Die Vorinstanz machte in ihrer Verfügung vom 17. Juni 2021 zusam-
menfassend geltend, die Zuständigkeit für die Durchführung der Asyl- und
Wegweisungsverfahren der Beschwerdeführenden liege bei Italien. So-
dann stellte sie sich nach Aufzählung verschiedener Entwicklungen, inzwi-
schen erfolgter Reformen sowie Abklärungen im Hinblick auf die Unterbrin-
gungssituation für Familien in Italien auf den Standpunkt, dass die ver-
schiedenen Elemente kumulativ ausreichten, um die Anforderungen des
EGMR und des Bundesverwaltungsgerichts zu erfüllen. Somit bedeute die
Überstellung der Beschwerdeführenden nach Italien keine Verletzung von
Art. 3 EMRK und erweise sich folglich als zulässig. Des Weiteren erwog
das SEM, dass keine Gründe vorlägen, die Souveränitätsklausel gemäss
Art. 29 Abs. 3 AsylV1 i.V.m. Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO anzuwenden.
4.2 Die Beschwerdeführenden führten in der Rechtsmitteleingabe vom
29. April 2021 im Wesentlichen aus, vorliegend sei das Eintreten auf die
Asylgesuche im Sinne von Art. 17 Dublin-III-VO unerlässlich. Dies einer-
seits aufgrund der psychischen Instabilität der Eltern und andererseits auf-
grund des Gesundheitszustandes der Tochter C._. Ausserdem wür-
den sie sich in eine sehr bedrohliche Lage für Leib und Leben begeben,
wenn sie nach Italien zurückkehren müssten, da die Familie der Beschwer-
deführerin dort lebe. Bekanntermassen seien die Bedingungen für Asylsu-
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chende in Italien prekär. Es könne nicht sein, dass eine traumatisierte Fa-
milie mit einem behinderten Kind nach Italien überstellt werden solle (Be-
schwerde III Ziff. 14).
5.
5.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Staat bestimmt
werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Staat zum zuständigen Mit-
gliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der FK sowie
des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und
kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es
darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) so-
wie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) ergeben.
5.3 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass das italienische Asylsystem trotz punktueller Schwachstellen
keine systemischen Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter Satz Dublin-
III-VO aufweist (vgl. Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019
E. 6.3). Ein neues Dekret (Nr. 130 vom 21. Oktober 2020) zur Modifikation
zentraler Bestimmungen des Salvini-Dekrets wurde am 18. Dezember
2020 durch das italienische Parlament in ein Gesetz umgewandelt und ist
am 20. Dezember 2020 in Kraft getreten. Bis sich die Umsetzung dieser
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Gesetzesänderungen durch die italienischen Behörden in der Praxis mani-
festiert, wendet das Bundesverwaltungsgericht die im Urteil
E-962/2019 entwickelte Rechtsprechung an (vgl. etwa Urteil des BVGer
F-6225/2020 vom 21. Januar 2021 E. 4.4 m.H.). Unter diesen Umständen
ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Satz 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfer-
tigt.
6.
6.1 Die Beschwerdeführenden fordern mit ihren Vorbringen ausdrücklich
die Anwendung der Ermessensklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO,
respektive der – das Selbsteintrittsrecht im Landesrecht konkretisierenden
– Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1.
6.2 Gemäss der Souveränitätsklausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO
kann jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO be-
schliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staaten-
losen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er
nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung
zuständig ist. Dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht
durch Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 konkretisiert, gemäss dem das SEM ein Asyl-
gesuch aus humanitären Gründen auch dann behandeln kann, wenn dafür
gestützt auf die Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Der Ent-
scheid über den Selbsteintritt liegt im pflichtgemässen Ermessen der Be-
hörde. Ein einklagbarer Anspruch auf die Ausübung des Selbsteintritts-
rechts besteht jedoch dann, wenn sich die Überstellung der asylsuchenden
Person in den an sich zuständigen Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne
der EMRK oder einer anderen die Schweiz bindenden, völkerrechtlichen
Bestimmung erweist. Diesfalls muss die Vorinstanz die Souveränitätsklau-
sel anwenden und das Asylgesuch in der Schweiz behandeln (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
6.3 Bei den Beschwerdeführenden handelt es sich um vulnerable Perso-
nen. Beide Elternteile leiden an psychischen Problemen, die Tochter [...]
(vgl. Verfügung des SEM vom 17. Juni 2021 S. 10 5. Abschnitt). Bei dieser
Sachlage würde sich grundsätzlich die Frage aufdrängen, ob die durch die
Vorinstanz getroffenen Vorkehren ausreichen, um den gesetzlichen Vorga-
ben und den individuellen Umständen im Hinblick auf die Überstellung ei-
ner Familie gerecht zu werden. Aufgrund der nachfolgenden Ausführungen
kann dies indes offengelassen werden.
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6.4 Das Dublin-System basiert nicht nur auf der Idee, das sogenannte
"asylum shopping" (Einleitung paralleler oder einander nachfolgender Asyl-
verfahren in verschiedenen Staaten des Vertragsgebiets) zu verhindern,
sondern es soll der antragstellenden Person gleichzeitig innert vernünftiger
Frist einen effektiven Zugang zum Asylverfahren in einem dieser Staaten
gewährleisten (vgl. zum historischen Hintergrund des Dublin-Systems
BVGE 2010/27 E. 6.4.6.1 und 6.4.6.3). Dem Problem der langen Verfah-
rensdauer bei Wiederaufnahmeverfahren wurde in der Dublin-III-VO dahin-
gehend Rechnung getragen, dass von einer maximalen erstinstanzlichen
Verfahrensdauer von zweiundzwanzig Monaten ausgegangen wird (drei
Monate für den Wiederaufnahmeantrag [Art. 23 Dublin-III-VO]; ein Monat
für ein Wiederaufnahmegesuch [Art. 25 Dublin-III-VO]; maximale materi-
elle Frist von achtzehn Monaten für den Vollzug des Überstellungsent-
scheides [Art. 29 Dublin-III-VO]). Die Dauer des Verfahrens (beziehungs-
weise der Anwesenheit in der Schweiz) – soweit sie nicht von den betroffe-
nen Personen selbst verursacht oder verschuldet worden ist – ist einer der
Faktoren, die bei der Prüfung des humanitären Selbsteintritts in Betracht
zu ziehen sind (vgl. JEAN-PIERRE MONNET, La jurisprudence du Tribunal
administratif fédéral en matière de transferts Dublin, in: Breitenmo-
ser/Gless/Lagodny, [Hrsg.], Schengen und Dublin in der Praxis, Aktuelle
Fragen, 2015; S. 427 f.).
6.5 Das Verfahren zur Bestimmung des für die Asylgesuche der Beschwer-
deführenden zuständigen Mitgliedstaats dauert inzwischen bald 3 Jahre,
wobei sie nur einen kleineren Teil aufgrund von Fristerstreckungsersuchen
selbst verschuldet haben. Die Tatsache, dass sie am 17. August 2018 in
der Schweiz Asylgesuche eingereicht haben und sich seither in einem rei-
nen Zuständigkeitsverfahren befinden, ohne dass sie effektiven Zugang
zum materiellen Asylverfahren erhalten hätten, steht vorliegend dem im
Rahmen des Dublin-Systems gewichtigen Beschleunigungsgebot entge-
gen. Diese lange Verfahrensdauer ist zum grössten Teil nicht den Be-
schwerdeführenden anzulasten. Die Dauer des ersten Beschwerdeverfah-
rens war auf sich stellende Grundsatzfragen im Zusammenhang mit Über-
stellungen nach Italien zurückzuführen (vgl. dazu Referenzurteil
E-962/2019 vom 17. Dezember 2019). Nach dem Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts vom 22. November 2019 wandte sich das SEM erst mit
Schreiben vom 8. Oktober 2020 wieder an die Beschwerdeführenden
(SEM act. A37), wobei nunmehr seit der Einreichung der Asylgesuche be-
reits mehr als 25 Monate vergangen waren. Der jetzige vorinstanzliche Ent-
scheid erging am 17. Juni 2021. Zwar haben – wie erwähnt – auch die
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Beschwerdeführenden mit mehreren Gesuchen um Erstreckung von Fris-
ten zur Einreichung einer Stellungnahme für eine gewisse Verzögerung
des Verfahrens gesorgt (vgl. Sachverhalt Bst. G, J, K), die dafür zusätzlich
entstandene Zeitdauer fällt hingegen in Anbetracht der gesamten Zeit-
spanne nicht merklich ins Gewicht. Schliesslich sind auch keine ausseror-
dentlichen oder sonst aufwändigen Abklärungen der Vorinstanz aktenkun-
dig, womit die lange Verfahrensdauer das SEM zu vertreten hat. Kommt
hinzu, dass es sich bei den Beschwerdeführenden um ein Paar mit einem
bald [...] Kind handelt, welches bereits in die hiesigen Unterrichtsstrukturen
(Besuch des Kindergartens) integriert ist. Unter diesen konkreten beson-
deren Umständen würde es dem Beschleunigungsgebot zuwiderlaufen, im
jetzigen Zeitpunkt – mehr als 34 Monate nach der Asylgesuchstellung in
der Schweiz – eine Wiederanhebung des Asylverfahrens in einem Dritt-
staat zu veranlassen (vgl. ähnlich gelagerte Urteile des BVGer F-
2001/2021 vom 11. Mai 2021 E. 6.5, D-1851/2021 vom 5. Mai 2021 E. 7.4,
F-5634/2018 vom 23. April 2021 E. 7.7 und 7.8, E-6654/2017 vom 23.
März 2020 E. 6.1, D-3394/2017 vom 30. August 2019 E. 7.3, E-26/2016
vom 16.Januar 2019 E. 5.2.3 und E-1532/2017 vom 8. November 2017 E.
6.3.2).
6.6 Im Lichte der gesamten Umstände und unter Berücksichtigung von
Sinn und Zweck der Dublin-III-VO erscheint es im vorliegenden Einzelfall
angebracht, dass die Schweiz aus humanitären Gründen von ihrem Recht
auf Selbsteintritt Gebrauch macht und sich für die Behandlung der Asylge-
suche der Beschwerdeführenden zuständig erklärt. Vor diesem Hinter-
grund erübrigt es sich, auf die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführen-
den einzugehen.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die Verfügung vom
17. Juni 2021 ist aufzuheben und die Sache an das SEM zurückzuweisen,
dies mit der Anweisung, das nationale Asyl- und Wegweisungsverfahren
durchzuführen und materiell über die Asylgesuche der Beschwerdeführen-
den vom 17. August 2018 zu befinden.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen (vgl.
Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Den vertretenen Beschwerdeführenden ist an-
gesichts ihres Obsiegens gestützt auf Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7
Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2)
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zu Lasten der Vorinstanz eine angemessene Parteientschädigung zuzu-
sprechen. Unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfakto-
ren (Art. 9–13 VGKE) und der Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fäl-
len ist die Parteientschädigung auf Fr. 1'500.– (inkl. Auslagen) festzuset-
zen. Die Behandlung des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege erübrigt sich damit.
(Dispositiv nächste Seite)
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