Decision ID: 8faebaa9-8a5e-54e4-8d3a-0c065f5f7acc
Year: 2021
Language: de
Court: AG_OGA
Chamber: AG_OGA_002
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: civil_law

Das Handelsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Klägerin ist eine Genossenschaft mit Sitz in Z. Sie bezweckt die Wah-
rung der Rechte der Urheber, Urheberinnen, Verlage und anderer Rechts-
inhaber bzw. Rechtsinhaberinnen von literarischen und dramatischen Wer-
ken sowie von Werken der bildenden Kunst und der Photographie, soweit
ihr diese Rechte vertraglich zur kollektiven Wahrnehmung anvertraut wer-
den.
1.2.
Mit Bewilligungen vom 4. Juni 2013 und 27. September 2017 ermächtigte
das Eidgenössische Institut für Geistiges Eigentum (nachfolgend: IGE) die
Klägerin, die Vergütungsansprüche nach dem Urheberrechtsgesetz für die
Jahre 2013 bis 2022 geltend zu machen (Klagebeilage [KB] 2).
2.
Der Beklagte mit Wohnsitz in W. (AG) ist als Inhaber des Einzelunterneh-
mens W.T. im Handelsregister eingetragen. Er betreibt ein Treuhand- und
Buchhaltungsbüro und führt Büroarbeiten aus (KB 3).
3.
Nachdem der Beklagte der Klägerin das Erhebungsformular nicht einge-
reicht hatte, nahm diese eine Einschätzung des beklagtischen Unterneh-
mens vor. Weil der Beklagte die Einschätzung nicht innert 30 Tagen bean-
standete (Klage Rz. 8), stellte ihm die Klägerin folgende Beträge in Rech-
nung (KB 4):
 Rechnungen vom 7. April 2017: Fr. 69.70 und Fr. 57.40;
 Rechnungen vom 5. April 2018: Fr. 69.70 und Fr. 57.40;
 Rechnungen vom 15. März 2019: Fr. 69.70 und Fr. 57.40;
 Rechnungen vom 7. Februar 2020: Fr. 69.70 und Fr. 57.40.
4.
Die Klägerin mahnte den Beklagte mit Schreiben vom 23. September 2020
zur Bezahlung der ausstehenden Rechnungen (KB 6). Der Beklagte be-
zahlte nicht.
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5.
Mit Klage vom 7. Dezember 2020 (Postaufgabe: gleichentags elektronisch)
stellte die Klägerin die folgenden Rechtsbegehren:
" 1. Die beklagte Partei sei zu verpflichten, der Klägerin CHF 127.10 gemäss den Forderungen aus dem Jahre 2017 zu bezahlen, zzgl. Zins zu 5 % seit 05.10.2020.
2. Die beklagte Partei sei zu verpflichten, der Klägerin CHF 127.10 gemäss den Forderungen aus dem Jahre 2018 zu bezahlen, zzgl. Zins zu 5 % seit 05.10.2020.
3. Die beklagte Partei sei zu verpflichten, der Klägerin CHF 127.10 gemäss den Forderungen aus dem Jahre 2019 zu bezahlen, zzgl. Zins zu 5 % seit 05.10.2020.
4. Die beklagte Partei sei zu verpflichten, der Klägerin CHF 127.10 gemäss den Forderungen aus dem Jahre 2020 zu bezahlen, zzgl. Zins zu 5 % seit 05.10.2020.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich MwSt. zu Lasten der beklagten Partei."
Zur Begründung führte die Klägerin im Wesentlichen aus, es handle sich
um Ansprüche aus unbezahlten Forderungen basierend auf der urheber-
rechtlichen Vergütungspflicht des Beklagten, die auf dem Gemeinsamen
Tarif 8 (Reprografie in der Industrie, im verarbeitenden Gewerbe und im
Dienstleistungsbereich [GT 8 VII]) und dem Gemeinsamen Tarif 9 (Nutzung
von geschützten Werken und geschützten Leistungen in elektronischer
Form zu betrieblichen Eigengebrauch in der Industrie, im verarbeitenden
Gewerbe und im Dienstleistungsbereich [GT 9 VII]) beruhen (vgl. KB 5).
6.
6.1.
Mit Verfügung vom 8. Dezember 2020 bestätigte der Vizepräsident den
Parteien den Eingang der Klage und setzte der Klägerin eine Frist bis zum
8. Januar 2021 zur Bezahlung eines Gerichtskostenvorschusses von
Fr. 955.90.
6.2.
Nachdem die Klägerin den Kostenvorschuss bezahlt hatte, stellte der Vize-
präsident dem Beklagten mit Verfügung vom 14. Dezember 2020 eine Ko-
pie der Klage mit den Beilagen zu und setzte ihm eine Frist zur Erstattung
einer schriftlichen Antwort bis zum 29. Januar 2021.
- 4 -
6.3.
Weder die Eingangsbestätigung vom 8. Dezember 2020 noch die Verfü-
gung vom 14. Dezember 2020 konnten dem Beklagten zugestellt werden.
Daher setzte der Vizepräsident des Handelsgerichts dem Beklagten mit im
SHAB öffentlich publizierter Verfügung vom 5. Januar 2021 Frist zur Erstat-
tung einer schriftlichen Antwort bis zum 29. Januar 2021.
6.4.
Da der Beklagte innert der angesetzten Frist keine Antwort erstattete,
setzte ihm der Vizepräsident mit im SHAB publizierter Verfügung vom
1. Februar 2021 eine letzte, nicht erstreckbare Frist bis zum 11. Februar
2021 für die Erstattung einer schriftlichen Antwort an. Damit war die Andro-
hung verbunden, dass bei erneuter Säumnis das Gericht einen Endent-
scheid fällt, sofern die Angelegenheit spruchreif ist, oder zur Hauptverhand-
lung vorlädt (vgl. Art. 223 ZPO), sowie, dass dem Entscheid die in der Klage
behaupteten Tatsachenbehauptungen zugrunde gelegt würden, wenn
diese nicht in der Klageantwort bestritten würden. Der Beklagte blieb auch
innert der angesetzten Nachfrist mit der Antwort säumig.
7.
Mit Verfügung vom 15. Februar 2021 wurde die Streitsache an das Han-
delsgericht überwiesen.

Das Handelsgericht zieht in Erwägung:
1. Zuständigkeit
Das Gericht prüft die Prozessvoraussetzungen von Amtes wegen (Art. 60
ZPO). Darunter fallen insbesondere die örtliche und die sachliche Zustän-
digkeit des angerufenen Gerichts (Art. 59 Abs. 2 lit. b ZPO).
1.1. Örtliche Zuständigkeit
Gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. a ZPO ist für die Beurteilung von Klagen gegen
eine natürliche Person das Gericht an deren Wohnsitz zuständig, sofern
das Gesetz nichts anderes vorsieht. Der Wohnsitz des Beklagten liegt in
W. (AG) (vgl. KB 3). Die örtliche Zuständigkeit der aargauischen Gerichte
ist damit gegeben.
1.2. Sachliche Zuständigkeit
Aus Art. 5 Abs. 1 lit. a ZPO i.V.m. § 12 Abs. 1 lit. a EG ZPO ergibt sich die
Zuständigkeit des Handelsgerichts für Streitigkeiten aus Urheberrecht.
Folglich ist die sachliche Zuständigkeit des Handelsgerichts gegeben. Da
der Streitwert die für die Zulässigkeit der Beschwerde in Zivilsachen an das
Bundesgericht vorgeschriebene Höhe von Fr. 30'000.00 (Art. 74 Abs. 1
lit. b BGG) nicht erreicht, entscheidet das Handelsgericht in Dreierbeset-
zung (§ 3 Abs. 6 lit. b GOG AG).
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2. Versäumte Klageantwort
Der Beklagte ist mit der Erstattung einer Klageantwort auch innert der ihm
angesetzten Nachfrist gemäss Art. 223 Abs. 1 ZPO säumig geblieben. Bei
zweimaliger Säumnis erlässt das Gericht entweder einen Endentscheid,
sofern die Angelegenheit spruchreif ist, oder es lädt zur Hauptverhandlung
vor (Art. 223 Abs. 2 ZPO).
Die in der Klageschrift vorgebrachten Tatsachenbehauptungen sind unbe-
stritten geblieben. Anerkannt sind damit die Tatsachen, nicht aber die klä-
gerischen Rechtsbegehren. Bei erheblichen Zweifeln an der Richtigkeit ei-
ner nicht streitigen Tatsache, d.h. bei fehlender Spruchreife, kann das Ge-
richt nach Art. 153 Abs. 2 ZPO von Amtes wegen Beweis erheben. In die-
sem Fall hat das Gericht in der Regel eine Verhandlung anzusetzen.
Ist die Angelegenheit hingegen spruchreif, trifft das Gericht direkt einen En-
dentscheid. Hierzu muss die Klage soweit geklärt sein, dass darauf man-
gels Prozessvoraussetzungen nicht eingetreten oder sie durch Sachurteil
erledigt werden kann. Dies setzt voraus, dass die Vorbringen der Klägerin
nicht unklar, widersprüchlich, unbestimmt oder offensichtlich unvollständig
sind, weil das Gericht gegebenenfalls seine Fragepflicht ausüben muss.1
3. Aktiv- und Passivlegitimation
3.1.
Die Klägerin behauptet, sie sei eine konzessionierte Verwertungsgesell-
schaft im Sinne von Art. 40 ff. URG, besitze die Bewilligung des Eidgenös-
sischen Instituts für Geistiges Eigentum (IGE) für die Geltendmachung der
gesetzlichen Vergütungsansprüche und sei somit aktivlegitimiert (KB 2;
Klage Rz. 2). Der Beklagte sei gestützt auf Art. 19 f. URG verpflichtet, für
seine urheberrechtlichen Nutzungen eine entsprechende Vergütung zu be-
zahlen. Er sei trotz Mahnung seiner Zahlungspflicht nicht nachgekommen
und deshalb passivlegitimiert (Klage Rz. 3).
3.2.
Gemäss Art. 19 Abs. 1 lit. c URG dürfen veröffentlichte Werke zum Eigen-
gebrauch verwendet werden. Darunter fällt das Vervielfältigen von Werk-
exemplaren in Betrieben, öffentlichen Verwaltungen, Instituten, Kommissi-
onen und ähnlichen Einrichtungen für die interne Information oder Doku-
mentation. Der Betriebsbegriff ist weit auszulegen. Eine Rechtspersönlich-
keit oder Betriebsstätte ist dazu nicht notwendig.2 Erfasst wird somit die
gesamte Berufs- und Arbeitswelt, egal ob öffentlich oder privat, von den
1 Zum Ganzen: LEUENBERGER, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger (Hrsg.), Kommentar zur
Schweizerischen Zivilprozessordnung (ZPO), 3. Aufl. 2016, Art. 223 N. 5 und 7; BSK ZPO-, 3. Aufl. 2017, Art. 223 N. 18 ff.
2 SHK URG-GASSER, 2. Aufl. 2012, Art. 19 N. 19; REHBINDER/VIGANÒ, URG Kommentar, 3. Aufl. 2008, Art. 19 N. 26.
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Selbständigerwerbenden über Beamte, Verbände, Interessenorganisatio-
nen bis zu den internationalen Konzernen.3 Weiter bestimmt Art. 20 Abs. 2
URG, dass wer nach Art. 19 Abs. 1 lit. c URG Werke auf irgendwelche Art
vervielfältigt, dem Urheber oder der Urheberin hierfür eine Vergütung schul-
det. Gemäss Art. 20 Abs. 4 URG können diese Vergütungsansprüche nur
kollektiv von Verwertungsgesellschaften wahrgenommen werden, die über
eine Bewilligung des IGE im Sinne von Art. 41 ff. URG verfügen. Die Ver-
wertungsgesellschaften sind nach Art. 44 URG verpflichtet, die zu ihrem
Tätigkeitsgebiet gehörenden Rechte wahrzunehmen. Dazu stellen die Ver-
wertungsgesellschaften für die von ihnen geforderten Vergütungen gemäss
Art. 46 Abs. 1 URG Tarife auf.
Sind mehrere Verwertungsgesellschaften im gleichen Nutzungsbereich tä-
tig, so stellen sie sog. gemeinsame Tarife (GT) auf und bezeichnen eine
gemeinsame Zahlstelle (Art. 47 Abs. 1 URG). Gemäss Art. 46 Abs. 3 URG
sind die Tarife der Eidgenössischen Schiedskommission für die Verwertung
von Urheberrechten und verwandten Schutzrechten (ESchK) im Sinne von
Art. 55 URG zur Genehmigung vorzulegen und nach Genehmigung zu ver-
öffentlichen. Im Dienstleistungsbereich wurden dazu der GT 8 VII für die
Reprografie und der GT 9 VII für die betriebsinternen Netzwerke rechtskräf-
tig aufgestellt.4
3.3.
Bei der Klägerin handelt es sich um eine vom IGE bewilligte Verwertungs-
gesellschaft im Sinne von Art. 40 ff. URG (KB 2). In Ziff. 4 GT 8 VII und in
Ziff. 3 GT 9 VII wird die Klägerin als Vertreterin des jeweiligen Tarifs fest-
gelegt und als gemeinsame Zahlstelle der Verwertungsgesellschaften be-
zeichnet (vgl. KB 5). Ihr kommt folglich das Recht und die Pflicht zu, die
Rechte der Urheber und damit deren Vergütungsansprüche einzufordern
und nötigenfalls durchzusetzen. Die Klägerin ist somit aktivlegitimiert.
Beim Beklagten handelt es sich um den Inhaber eines Einzelunterneh-
mens, der ein Treuhand- und Buchhaltungsbüro betreibt und Büroarbeiten
ausführt (KB 3). Als solcher fällt er unter den Betriebsbegriff von Art. 19
Abs. 1 lit. c URG und schuldet dem Urheber nach Art. 20 Abs. 2 URG für
die Vervielfältigung von Werkexemplaren grundsätzlich eine Vergütung.
Ferner betreibt der Beklagte ein Treuhandbüro und ist daher im Dienstleis-
tungsbereich tätig. Gemäss Ziff. 2.1 GT 8 VII und Ziff. 1.2 GT 9 VII decken
beide Tarife Treuhandbüros als Nutzer ab (vgl. KB 5). Der Beklagte ist da-
mit vom GT 8 VII und vom GT 9 VII erfasst und folglich passivlegitimiert.
3 BARRELET/EGLOFF, Das neue Urheberrecht, Kommentar zum Bundesgesetz über das Urheberrecht
und verwandte Schutzrechte, 4. Aufl. 2020, Art. 19 N. 20. 4 Vgl. dazu auch SHK URG-GASSER (Fn. 2), Art. 20 N. 11.
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4. Vergütungsanspruch
4.1.
Die Klägerin behauptet, mangels Rücksendung eines ausgefüllten Erhe-
bungsformulars durch den Beklagten habe sie dessen Fotokopiervergü-
tung sowie dessen betriebsinterne Netzwerkvergütung gestützt auf Ziff. 6 ff.
und insbesondere Ziff. 8.3 GT 8 VII sowie Ziff. 8.3 GT 9 VII eingeschätzt.
Da der Beklagte die Einschätzung nicht beanstandet habe, gelte die Ein-
schätzung der Klägerin als anerkannt (Klage Rz. 8). Nachdem der Beklagte
die offenen Rechnungsbeträge nicht beglichen habe, habe die Klägerin den
Beklagten nochmals gemahnt, woraufhin wiederum keine Reaktion seitens
des Beklagten erfolgt sei (KB 6; Klage Rz. 9). Insgesamt belaufe sich der
offene Rechnungsbetrag auf Fr. 508.40 (KB 4; Klage Rz. 10).
4.2.
Der in Art. 20 Abs. 2 URG statuierte Vergütungsanspruch der Urheber wird
mittels der GT 8 VII und der GT 9 VII konkretisiert. Die beiden Tarife sind
für die Gerichte grundsätzlich verbindlich.5
Art. 51 Abs. 1 URG sowie Ziff. 8.4 GT 8 VII und Ziff. 8.4 GT 9 VII sehen
eine Auskunftspflicht der Nutzer gegenüber den Verwertungsgesellschaf-
ten vor. Die Nutzer müssen demnach den Verwertungsgesellschaften alle
Auskünfte erteilen, welche diese für die Gestaltung und die Anwendung der
Tarife benötigen, soweit es ihnen zuzumuten ist. Ziff. 8.2 GT 8 VII und GT
9 VII sehen dazu vor, dass die benötigten Angaben mittels Erhebungsbo-
gen erfasst werden. Der Erhebungsbogen muss innert 30 Tagen nach Auf-
forderung mit den notwendigen Angaben an die Klägerin retourniert wer-
den. Gemäss Ziff. 8.3 GT 8 VII und Ziff. 8.3 GT 9 VII kann die Klägerin die
Angaben schätzen und gestützt darauf Rechnung stellen, wenn die not-
wendigen Angaben nach einer schriftlichen Mahnung auch innert Nachfrist
nicht eingereicht werden. Gibt der Nutzer die für die Berechnung notwen-
digen Angaben innerhalb von 30 Tagen nach Zustellung der Schätzung
nicht schriftlich bekannt, gilt die Schätzung als anerkannt. Diese Anerken-
nung ist gemäss Bundesgericht gesetzeskonform.6
4.3.
Die klägerische Behauptung, ihre Einschätzung sei aufgrund des fehlenden
Eingangs des Erhebungsformulars erfolgt, blieb seitens des Beklagten un-
bestritten. Da der Beklagte seine Auskunftspflicht verletzte, war die Kläge-
rin berechtigt, den Beklagten einzuschätzen.
5 BGE 125 III 141 E. 4a; BGer 4A_203/2015 vom 30. Juni 2015 E. 3.3. 6 BGer 4A_39/2020 sowie 4A_41/2020 beide vom 17. April 2020 E. 2.2.3. Vgl. auch GASSER, Kopier-
vergütung gemäss GT8 und GT9, sic! 2020, S. 475 ff. sowie SEMMELMANN, Einblick ins  Masseninkasso, sic! 2019, S. 675 ff. Kritisch demgegenüber SCHNEUWLY, Praxis der  Verwertung nach GT 8 VII und 9 VII auf dem Prüfstand, sic! 2017, S. 599 ff.
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Die Rechnungen der Klägerin (KB 4) wurden seitens des Beklagten nicht
bestritten. Die Klägerin stützt ihre Vergütungsansprüche gegenüber dem
Beklagten auf Ziff. 6.4.3 GT 8 VII und Ziff. 6.4.3 GT 9 VII ab (KB 4). Dabei
handelt es sich um den Ansatz für "Rechtsanwälte, Notariate, Wirtschafts-
und Unternehmensberatung, Immobilienverwaltungen, Vermögensverwal-
ter, Treuhand, Revision und Inkasso". Dieser ist vorliegend einschlägig.
Gestützt darauf sind die Berechnungen der Klägerin für ihre Forderungen
aus den Jahren 2017 bis 2020 korrekt und der Klägerin ist der eingeklagte
Betrag von total Fr. 508.40 zuzusprechen.
5. Verzugszinsen
5.1.
Die Klägerin verlangt zudem Verzugszinsen von 5 % auf Fr. 508.40 seit
5. Oktober 2020.
5.2.
Der Schuldner hat Verzugszins von 5 % zu leisten, wenn er sich mit der
Zahlung einer Geldschuld in Verzug befindet (Art. 104 Abs. 1 OR). Schuld-
nerverzug setzt die Fälligkeit der Forderung voraus (Art. 102 Abs. 1 OR).
Fällig ist eine Forderung dann, wenn deren Gläubiger die Leistung fordern
und einklagen darf.7 Dabei gilt der Grundsatz, dass eine Forderung sofort
fällig wird, sofern nichts anderes verabredet wurde oder sich aus der Natur
des Rechtsverhältnisses ergibt (Art. 75 OR).
Der Schuldner einer fälligen Forderung gerät entweder durch Mahnung
(Art. 102 Abs. 1 OR) oder, sofern die Parteien einen bestimmten Verfalltag
verabredet haben, schon mit dessen Ablauf (Art. 102 Abs. 2 OR), in Ver-
zug. Praxisgemäss gerät er auch mit Ablauf einer in einer Rechnung ge-
setzten Zahlungsfrist, wie „zahlbar 30 Tage netto“, ohne weitere Mahnung
in Verzug.8
5.3.
Für die Forderung von Fr. 508.40 (Vergütungsansprüche 2017 bis 2020)
verlangt die Klägerin einen einheitlichen Verzugszins ab 5. Oktober 2020
und stellt damit auf den Tag nach Ablauf der mit Schreiben vom 23. Sep-
tember 2020 gesetzten Zahlungsfrist ab (KB 6). Da die entsprechenden
Rechnungen innerhalb von 30 Tagen zahlbar waren (KB 4), fiel der Be-
klagte jeweils bereits ab dem 31. Tag in Verzug.9 Der Verzugsbeginn liegt
7 GAUCH/SCHLUEP/SCHMID, Schweizerisches Obligationenrecht Allgemeiner Teil, Band 1, 11. Aufl.
2020, N. 45; GAUCH/SCHLUEP/EMMENEGGER, Schweizerisches Obligationenrecht Allgemeiner Teil, Band 2, 11. Aufl. 2020, N. 2153 ff.
8 AGVE 2003, S. 38; BSK OR I-WIDMER LÜCHINGER/WIEGAND, 7. Aufl. 2020, Art. 102 N. 9b; BK /EMMENEGGER, 2. Aufl. 2020, Art. 102 N. 68 i.f.; KOLLER, Schweizerisches Obligationenrecht: Allgemeiner Teil, 4. Aufl. 2017, N. 55.32.
9 BK OR-WEBER/EMMENEGGER (Fn. 8), Art. 102 N. 70; VETTER/BUFF, Verzugszinsen bei «zahlbar  30 Tagen», SJZ 2019, S. 150 f. je m.w.N.
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folglich jeweils vor dem von der Klägerin geforderten Beginn des Zinsen-
laufs. In Anwendung der Dispositionsmaxime von Art. 58 Abs. 1 ZPO sind
der Klägerin die beantragten Verzugszinsen zuzusprechen.
6. Kosten
Abschliessend sind die Kosten entsprechend dem Verfahrensausgang zu
verlegen. Sie bestehen aus den Gerichtskosten und der Parteientschädi-
gung (Art. 95 Abs. 1 ZPO). Die Klägerin obsiegt vollumfänglich. Entspre-
chend sind die Prozesskosten antragsgemäss dem Beklagten aufzuerle-
gen (Art. 106 Abs. 1 ZPO).
6.1. Gerichtskosten
Die Gerichtskosten bestehen einzig aus der Entscheidgebühr (Art. 95
Abs. 2 lit. b ZPO). Der Grundansatz für die Gerichtsgebühr beträgt bei ei-
nem Streitwert von Fr. 508.40 (Zinsen werden nicht mitgerechnet [Art. 91
Abs. 1 Satz 2 ZPO]) gestützt auf § 7 Abs. 1 Zeile 1 VKD Fr. 955.90. Die
Gerichtskosten sind ausgangsgemäss vom Beklagten zu tragen und wer-
den mit dem von der Klägerin geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 955.90
verrechnet (Art. 111 Abs. 1 ZPO). Der Beklagte hat der Klägerin die Ge-
richtskosten von Fr. 955.90 direkt zu ersetzen (Art. 111 Abs. 2 ZPO).
6.2. Parteientschädigung
Die Parteientschädigung besteht aus den Kosten der berufsmässigen Ver-
tretung der Parteien (Art. 95 Abs. 3 lit. b ZPO). Bei ihrer Festsetzung ist von
den kantonalen Tarifen auszugehen (Art. 105 Abs. 2 i.V.m. Art. 96 ZPO).
Gemäss § 3 ff. AnwT bemisst sich die Parteientschädigung grundsätzlich
nach dem Streitwert. Dieser beträgt vorliegend Fr. 508.40. Die Grundent-
schädigung beläuft sich somit gestützt auf § 3 Abs. 1 lit. a Ziff. 1 AnwT auf
Fr. 1‘221.85, womit eine Rechtsschrift und die Teilnahme an einer behörd-
lichen Verhandlung abgegolten sind (§ 6 Abs. 1 AnwT). Dem eingesparten
Aufwand der behördlichen Verhandlung wird praxisgemäss mit einem Ab-
schlag von 20 % Rechnung getragen (§ 6 Abs. 3 AnwT). Hinzu kommt der
pauschale Auslagenersatz von praxisgemäss rund 3 % (§ 13 AnwT). Die
Parteientschädigung beläuft sich somit gerundet auf insgesamt
Fr. 1‘006.80.
Dem klägerischen Antrag auf Zusprechung des Mehrwertsteuerzuschlags
ist nicht zu entsprechen. Die Klägerin ist gemäss UID-Register10 selber
mehrwertsteuerpflichtig. Sie kann die ihren Anwälten bezahlte Mehrwert-
steuer als Vorsteuer von ihrer eigenen Mehrwertsteuerrechnung in Abzug
10 Vgl. https://www.uid.admin.ch [...], zuletzt besucht am 22. Februar 2021.
https://www.uid.admin.ch/
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bringen (Art. 28 MWSTG).11 Die Mehrwertsteuer stellt somit keinen zusätz-
lichen Kostenfaktor dar und ist bei der Bemessung der Parteientschädigung
deshalb nicht zu berücksichtigen.