Decision ID: 8406bd0b-052b-5b89-8b04-df7879b9af46
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 24. Juni 2011 (bbew 154/2011), 19. September
2012 (bbew 239/2012) und 18. Februar 2013 (bbew 51/2013) bei der Gemeinde
Grindelwald Baugesuche ein für den Neubau von insgesamt fünf Einfamilienhäuser auf den
RA Nr. 110/2016/122 2
Parzellen Grindelwald Grundbuchblatt Nr. D._ und Nr. E._. Gegen die
Bauvorhaben erhob neben anderen die Beschwerdeführerin Einsprache. Mangels
genügender strassenmässiger Erschliessung erteilte das Regierungsstatthalteramt
Interlaken-Oberhasli mit Verfügungen vom 30. September 2013 allen drei Bauvorhaben
den Bauabschlag. Mit Entscheiden vom 24. Januar 2014 hat die Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) – auf Beschwerde der (heutigen)
Beschwerdegegnerin hin – die Bauabschläge aufgehoben und das
Regierungsstatthalteramt angewiesen, die betreffenden Baubewilligungsverfahren bis zum
rechtskräftigen Entscheid über die Überbauungsordnung (UeO) Erschliessung Enziboden
zu sistieren.1
2. Am 10. Juli 2014 reichte die Gemeinde Grindelwald dem Amt für Gemeinden und
Raumordnung (AGR) die UeO Erschliessung Enziboden zur Vorprüfung ein. Am
25. Januar 2016 erstattete das AGR den Vorprüfungsbericht. Darin werden verschiedene
Genehmigungsvorbehalte aufgelistet. Gleichzeitig empfiehlt das AGR der Gemeinde, die
UeO Erschliessung Enziboden nach erfolgter Überarbeitung nochmals zur Vorprüfung
einzureichen. Daraus schloss das Regierungsstatthalteramt Interlaken-Oberhasli, dass
eine rechtskräftige Genehmigung der UeO Erschliessung Enziboden nicht vor Ende 2017
erwartet werden könne. Mit Verfügungen vom 15. Februar 2016 erwog das
Regierungsstatthalteramt deshalb den betreffenden Baugesuchen (erneut) den
Bauabschlag zu erteilen. Nachdem das Regierungsstatthalteramt diesbezüglich allen
Verfahrensbeteiligten die Möglichkeit zur Stellungnahme gab, hat es die drei
Baubewilligungsverfahren mit Verfügungen vom 20. Juli 2016 jeweils letztmals längstens
bis zum 30. Juni 2017 sistiert.
3. Gegen die Verfügungen des Regierungsstatthalteramts Interlaken-Oberhasli vom
20. Juli 2016 reichte die Beschwerdeführerin am 20. August 2016 je eine Beschwerde bei
der BVE ein. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2,
vereinigte die Beschwerdeverfahren.
1 BDE vom 24. Januar 2014 (RA Nr. 110/2013/402); BDE vom 24. Januar 2014 (RA Nr. 110/2013/399); BDE vom 24. Januar 2014 (RA Nr. 110/2013/401) 2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
RA Nr. 110/2016/122 3
Die Beschwerdeführerin beantragt bei allen drei Bauvorhaben die unverzügliche Erteilung
des Bauabschlags. Sie macht insbesondere geltend, es mangle an einer genügenden
Erschliessung des Baugebiets. Auch das Planungsverfahren zur Erschliessung des
Baugebiets sei mangelhaft. Ferner sei das Verhalten der Bauverwaltung der Gemeinde
Grindelwald rechtlich problematisch.
4. Das Rechtsamt führte den Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Das
Regierungsstatthalteramt hat in seinen Stellungnahmen darauf verzichtet, einen förmlichen
Antrag zu stellen. Die Gemeinde beantragt die Abweisung der Beschwerden, soweit darauf
eingetreten werden kann. Die Beschwerdegegnerin beantragt nicht auf die Beschwerden
einzutreten und eventualiter deren Abweisung.
5. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Zuständigkeit und Fristwahrung
Nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 können Bauentscheide bei der BVE angefochten werden. Bei
den angefochtenen Sistierungsverfügungen der Vorinstanz handelt es sich um
Zwischenverfügungen nach Art. 61 Abs. 1 Bst. c VRPG4. Sie sind im Rahmen von
verschiedenen Baubewilligungsverfahren ergangen. Nach dem Grundsatz der Einheit des
Verfahrens sind Zwischenverfügungen mit dem gleichen Rechtsmittel anfechtbar wie ein
Entscheid in der Hauptsache.5 Die BVE ist damit für die Beurteilung der Beschwerden
zuständig. Die Beschwerden wurden zudem form- und fristgerecht eingereicht.
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 4 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 5 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 61 N. 7 mit Hinweisen
RA Nr. 110/2016/122 4
2. Streitgegenstand
a) Die Beschwerdeführerin beantragt in ihren Beschwerden nicht, die
Sistierungsverfügungen seien aufzuheben, sondern verlangt nur, den drei Bauvorhaben sei
unverzüglich der Bauabschlag zu erteilen. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen an,
das Baugebiet sei nicht genügend erschlossen, weshalb die Baugesuche nicht als baureif
betrachtet werden könnten. Zudem sei das Planungsverfahren zur Erschliessung des
Baugebiets mit diversen Mängeln behaftet. Sodann erscheine das Verhalten der
Bauverwaltung der Gemeinde Grindelwald in verschiedenster Art und Weise als rechtlich
problematisch; insbesondere müsse bereits der Umstand des nicht zeitgerechten
Aufstellens der Profile im Jahr 2012 zum sofortigen Abbruch der Baubewilligungsverfahren
führen. Ferner seien die Verfahren für die Beschwerdegegnerin aussichtslos. Aufgrund der
genannten Punkte sei es fraglich, ob in der Erschliessungsfrage seitens der Gemeinde mit
einer adäquaten und gebotenen Gleichbehandlung aller im Verfahren involvierten Parteien
und Interessen gerechnet werden könne. Vielmehr müsse davon ausgegangen werden,
dass die Gemeinde nun mit allen Mitteln versuche, die Verfahren am Laufen zu halten.
Schliesslich müsse die Äusserung der Gemeinde, wonach auf dem Vereinbarungsweg mit
den Grundeigentümern ein Landerwerb angestrebt werde – zumindest im jetzigen
Zeitpunkt – als unbelegte Behauptung betrachtet werden.
b) Streitgegenstand dieses Beschwerdeverfahrens ist nur der Inhalt der angefochtenen
Zwischenverfügungen des Regierungsstatthalteramts Interlaken-Oberhasli, mithin die
Sistierung der Baubewilligungsverfahren. Zur Bestimmung des Streitgegenstands ist
nämlich vom sogenannten Anfechtungsobjekt, also den genannten Zwischenverfügungen,
auszugehen. Der Streitgegenstand braucht sich zwar nicht mit dem Anfechtungsobjekt zu
decken, doch gibt dieses den Rahmen des Streitgegenstands vor; der Streitgegenstand
kann nicht über das hinausgehen, was die Vorinstanz geregelt hat.6 Die angefochtenen
Sistierungsverfügungen enthalten keine Anordnungen hinsichtlich der Rügen der
Beschwerdeführerin. Die BVE kann somit in diesem Verfahren nicht in der Sache über die
Baugesuche bzw. die Einwände der Beschwerdeführerin befinden. Bereits deshalb kann
nicht auf die Beschwerden eingetreten werden.
6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 72 N. 6 mit Hinweisen
RA Nr. 110/2016/122 5
c) Selbst wenn man aber davon ausgehen würde, dass die Beschwerdeführerin
zumindest sinngemäss die Aufhebung der Sistierungsverfügungen verlangt, könnte – wie
sich nachfolgend zeigen wird – nicht auf die Beschwerden eingetreten werden.
3. Anfechtung von Zwischenverfügungen
a) Zwischenverfügungen können grundsätzlich erst im Rahmen einer Beschwerde
gegen die Endverfügung angefochten werden.7 Eine abweichende Regelung gilt für
Zwischenverfügungen über die Zuständigkeit sowie über Ausstands- und
Ablehnungsbegehren (Art. 61 Abs. 2 VRPG). Gegen sämtliche anderen selbstständig
eröffneten Zwischenverfügungen ist eine Beschwerde nur dann zulässig, wenn sie
entweder einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken können (Art. 61 Abs. 3
Bst. a VRPG) oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endentscheid
herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein
weitläufiges Beweisverfahren erspart würde (Art. 61 Abs. 3 Bst. b VRPG). Wer gegen eine
Zwischenverfügung opponiert, muss den nicht wieder gutzumachenden Nachteil in jedem
Fall dartun. Dabei genügt das Glaubhaftmachen. Die beschwerdeführende Person muss
jedoch einen eigenen Nachteil darlegen, und sie trägt hierfür die Beweislast. Nur unter
diesen Voraussetzungen liegt ein Rechtsschutzinteresse an der sofortigen Anfechtung vor.
Unter einem nicht wieder gutzumachenden Nachteil wird ein schutzwürdiges Interesse an
der sofortigen Aufhebung oder Änderung der Zwischenverfügung verstanden.8
b) Vorliegend hat das Regierungsstatthalteramt die drei Baubewilligungsverfahren
gestützt auf die Aussage der Gemeinde Grindelwald, wonach die UeO Erschliessung
Enziboden bis Mitte 2017 genehmigt sein sollte, jeweils letztmals längstens bis zum
30. Juni 2017 sistiert. Die Beschwerdeführerin legt nicht dar, worin ihr hinreichendes
Rechtsschutzinteresse an der sofortigen Anfechtung dieser Zwischenverfügungen besteht.
Ein Nachteil, der ihr durch die Sistierungsverfügungen entstehen könnte, ist auch nicht
ersichtlich. Wie bereits erwähnt (E. 2b), enthalten die angefochtenen Verfügungen keine
Anordnungen bezüglich der Einwände der Beschwerdeführerin. Diese werden vielmehr
7 René Rhinow/Heinrich Koller/Christina Kiss/Daniela Thurnherr/Denise Brühl-Moser, Öffentliches Prozessrecht, 3. Aufl. 2014, N.1071 und 1533 8 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 61 N. 4 f.; BVR 2011 S. 508 E. 1.3; VGE 2013/435 vom 27.2.2014, E. 1.2
RA Nr. 110/2016/122 6
Thema der jeweiligen Bauentscheide sein. Da es sich bei der Beschwerdeführerin nicht um
die Baugesuchstellerin, sondern um eine Einsprecherin handelt, kann ihr auch durch die
mit den Verfahrenseinstellungen verbundene Verzögerung der Bauvorhaben kein nicht
wieder gutzumachender Nachteil entstehen. Eine solche Verzögerung liegt nämlich
üblicherweise im Interesse jener, die gegen die Baubewilligung einsprechen.9 Hinzu
kommt, dass die Bauparzellen – unabhängig von den sistierten Baubewilligungsverfahren –
von Gesetzes wegen erschlossen werden müssen, da sich diese in der Bauzone befinden
(vgl. Art. 108 Abs. 1 und 2 sowie Art. 108a Abs. 1 Bst. b BauG; Art. 19 Abs. 2 RPG10).11 Die
Beschwerdegegnerin weist deshalb zu Recht darauf hin, dass die von der
Beschwerdeführerin angestrebten Bauabschläge nicht zum Stopp des Planungsverfahrens
zur Erschliessung des Gebiets Enziboden führen würden. Nach dem Gesagten ist in der
Sistierung der Baubewilligungsverfahren kein Nachteil für die Beschwerdeführerin zu
sehen, der die Anfechtbarkeit der Zwischenverfügungen rechtfertigt. Folglich kann nicht auf
die Beschwerden eingetreten werden.
c) Im Übrigen ist vorliegend auszuschliessen, dass eine Gutheissung der Beschwerden
jeweils einen sofortigen Endentscheid herbeiführen könnte und damit ein bedeutender
Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren erspart würde. Die
Vorinstanz hat sich bislang nicht materiell zu den Bauvorhaben geäussert. Die BVE kann
als Beschwerdeinstanz daher aus verfahrensrechtlichen Gründen keinen Endentscheid
fällen, da sie ansonsten in die funktionelle Zuständigkeit der Vorinstanz eingreifen und den
Instanzenzug nicht wahren würde. Ein sofortiger Endentscheid, wie ihn Art. 61 Abs. 3
Bst. b VRPG voraussetzt, ist demnach nicht möglich.12
d) Die Beschwerdeführerin hat sich das Führen einer Aufsichtsbeschwerde ausdrücklich
vorbehalten und lehnt es damit zumindest implizit ab, dass ihre Beschwerden bereits zum
jetzigen Zeitpunkt als Aufsichtsbeschwerden behandelt werden. Somit können die
Beschwerden auch nicht als Aufsichtsbeschwerden an die Hand genommen werden. Dies
gilt umso mehr, als dass die BVE nicht Aufsichtsbehörde über die Regierungsstatthalter
9 BVR 1993 S. 459 E. 3d 10 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700) 11 BDE vom 24. Januar 2014, E. 2f (RA Nr. 110/2013/402); BDE vom 24. Januar 2014, E. 2f (RA Nr. 110/2013/399); BDE vom 24. Januar 2014, E. 2f (RA Nr. 110/2013/401) 12 Vgl. zur gleichlautenden Bestimmung Art. 46 Abs. 1 Bst. b des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG; SR 172.021): BVerGer A-4099/2014 vom 28.8.2014, E. 2.3.3
RA Nr. 110/2016/122 7
und die Gemeindebehörden ist (vgl. Art. 6b und Art. 9 RStG13). Die Beschwerdeführerin
kann sich zudem nicht auf Art. 48 BauG berufen. Diese Bestimmung bezieht sich nämlich
auf die Erfüllung von baupolizeilichen Pflichten der Gemeinden.14 Solche sind vorliegend
nicht betroffen; im Übrigen gilt diese Bestimmung lediglich im Verhältnis zwischen
Gemeinden und Regierungsstatthalter.
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 400.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV15).
b) Die Beschwerdeführerin hat zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennote des Anwalts der Beschwerdegegnerin
beläuft sich auf Fr. 2'300.40 (Honorar Fr. 2'100.–, Auslagen Fr. 30.–, Mehrwertsteuer
Fr. 170.40). Die Beschwerdegegnerin ist mehrwertsteuerpflichtig16 und kann somit die von
ihrem Rechtsvertreter auf sie überwälzte Mehrwertsteuer in ihrer eigenen
Mehrwertsteuerabrechnung als Vorsteuer abziehen. Ihr fällt daher betreffend
Mehrwertsteuer kein Aufwand an und eine Abgeltung der Mehrwertsteuer käme einer mit
Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG unvereinbaren Überentschädigung gleich. Die
in der Kostennote des Rechtsvertreters der Beschwerdegegnerin aufgeführte
Mehrwertsteuer ist deshalb bei der Bestimmung des Parteikostenersatzes nicht zu
berücksichtigen.17 Im Übrigen gibt die Kostennote des Anwalts der Beschwerdegegnerin zu
keinen Bemerkungen Anlass. Die Beschwerdeführerin hat somit der Beschwerdegegnerin
die Parteikosten von Fr. 2'130.– zu ersetzen.
13 Gesetz vom 28. März 2006 über die Regierungsstatthalterinnen und Regierungsstatthalter (RStG; BSG 152.321) 14 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 48 N. 1 15 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 16 Siehe Unternehmens-Identifikationsnummer-Register, einsehbar unter: <https://www.uid.admin.ch> 17 BVR 2014 S. 484 E. 6
RA Nr. 110/2016/122 8