Decision ID: 797f50fd-bb91-5970-bc16-404417c4cda9
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
Der Vater der Beschwerdeführerin, B._, stellte am 8. Juni 2016 in
der Schweiz ein Asylgesuch.
II.
B.
Die Beschwerdeführerin − eine aus C._, D._, stammende,
der Ethnie der Tigrinya angehörende eritreische Staatsangehörige − reiste
am (...) Mai 2018 in die Schweiz ein und stellte am gleichen Tag im Emp-
fangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) E._ ein Asylgesuch. Am
25. Mai 2018 fand ihre summarische Befragung zur Person (BzP) im EVZ
und am 9. August 2018 eine Anhörung zu den Asylgründen gemäss Art. 29
Abs. 1 AsylG (SR 142.31) statt.
C.
Die Beschwerdeführerin brachte zur Begründung ihres Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, ihr Vater, der Soldat gewesen sei, habe sich im Jahr
2015 unerlaubt von der Armee entfernt und halte sich derzeit als Asyl-
suchender in der Schweiz auf. Nach seinem Weggang habe sich ihre
Mutter bei den Grosseltern in F._ versteckt, um nicht bei einer Raz-
zia mitgenommen zu werden. Sie selber sei zusammen mit ihren jüngeren
Geschwistern alleine zu Hause zurückgeblieben. Zweimal innerhalb von
zwei Monaten seien Soldaten nachts zu ihnen nach Hause gekommen. Sie
hätten nach ihrem Vater gefragt und gedroht, sie mitzunehmen, falls dieser
sich ihnen nicht stelle. Da sie befürchtet habe, beim nächsten Besuch der
Soldaten festgenommen zu werden, habe sie sich zur Ausreise entschlos-
sen. Sie habe am (...). März 2015 zusammen mit zwei Freundinnen illegal
zu Fuss die Grenze zu Äthiopien überquert. Nach einem Aufenthalt von
einem Jahr und acht Monaten im Lager G._ und von neun Monaten
in H._ sei sie über den Sudan, Libyen und Italien in die Schweiz
weitergereist. Sie befürchte, im Falle einer Rückkehr nach Eritrea in den
Militärdienst eingezogen zu werden.
Zum Beleg ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin eine Fotografie
eines Schülerausweises ein.
E-4847/2019
Seite 3
D.
Mit Schreiben vom 17. Juli 2019 gewährte das SEM der Beschwerdefüh-
rerin das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Änderung ihrer im Zentralen
Migrationssystem erfassten Personalien (Geburtsdatum).
Mit Schreiben vom 23. Juli 2019 erklärte die Beschwerdeführerin sich mit
der Änderung ihres Geburtsdatums einverstanden.
E.
Mit Verfügung vom 22. August 2019 (eröffnet am 23. August 2019) stellte
das SEM fest die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, wies ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz an, wobei es den Vollzug der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit
zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufschob.
F.
Mit separater Verfügung vom 22. August 2019 stellte das SEM die Flücht-
lingseigenschaft des Vaters der Beschwerdeführerin fest und gewährte die-
sem Asyl.
G.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 12. September 2019
(Poststempel: 19. September 2019) erhob die Beschwerdeführerin Be-
schwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz und beantragte, die Dispo-
sitivziffern 1–3 derselben seien aufzuheben, es sei ihre Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen und ihr sei Asyl zu gewähren. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und die Beiordnung eines unentgeltlichen Rechtsbeistands sowie den
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 22. Oktober 2019 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Ferner wurde die Beschwerdeführerin aufgefordert, innert Frist eine
Rechtsbeiständin oder einen Rechtsbeistand gemäss aArt. 110a AsylG zu
benennen. Schliesslich wurde das SEM zur Einreichung einer Vernehm-
lassung eingeladen.
I.
In ihrer Vernehmlassung vom 25. Oktober 2019 hielt die Vorinstanz an ihrer
Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
E-4847/2019
Seite 4
J.
Mit Eingabe vom 5. November 2019 zeigte Rechtsanwältin Eliane Schmid
ihre Mandatsübernahme an und reichte eine entsprechende Vollmacht ein.
K.
Der Instruktionsrichter hiess mit Instruktionsverfügung vom 8. November
2019 das Gesuch um unentgeltliche Verbeiständung im Sinne von
aArt. 110a AsylG gut und setzte Rechtsanwältin Eliane Schmid als amtliche
Rechtsbeiständin der Beschwerdeführerin ein. Zudem wurde ihr die Ver-
nehmlassung der Vorinstanz zur Kenntnis gebracht.
L.
Mit Eingabe ihrer Rechtsbeiständin vom 19. November 2019 machte die
Beschwerdeführerin ergänzende Ausführungen zu ihren Beschwerdevor-
bringen. Zudem wurde eine Honorarnote eingereicht.
M.
Mit Eingabe vom 25. November 2019 liess die Beschwerdeführerin die
Fotografie einer Bestätigung der Registrierung ihrer Mutter und Geschwis-
ter in Äthiopien nachreichen.
III.
N.
Ein vom Vater der Beschwerdeführerin am 20. September 2019 gestelltes
Gesuch um Familiennachzug zugunsten der Mutter (I._) und der
Geschwister J._, K._, L._ und M._ der Be-
schwerdeführerin wurde vom SEM mit Verfügung vom 5. März 2020 gut-
geheissen und es wurde diesen Familienangehörigen die Einreise in die
Schweiz bewilligt.
O.
Die genannten Personen reisten am 5. November 2020 in die Schweiz ein
und stellten am gleichen Tag Asylgesuche. Mit Schreiben ihrer Rechtsver-
tretung vom 26. November 2020 erklärten sie ausdrücklich den Verzicht
auf das Geltendmachen individueller Asylgründe.
P.
Mit Verfügung vom 9. Dezember 2020 (N [...]) stellte das SEM fest, dass
I._ sowie ihren Kindern K._, L._ und M._
E-4847/2019
Seite 5
die originäre Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht zuer-
kannt werde, bezog sie aber gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG in das ih-
rem Ehemann beziehungsweise Vater gewährte Asyl ein.
Q.
Mit separater Verfügung gleichen Datums (N [...]) wurde auch die nach
Einreichung des Familiennachzugsgesuchs volljährig gewordene Schwes-
ter der Beschwerdeführerin J._ in gleicher Weise gestützt auf
Art. 51 Abs. 1 AsylG die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt und Asyl ge-
währt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
E-4847/2019
Seite 6
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz aus, die Be-
schwerdeführerin habe keine weiterführenden Angaben zu den Drohungen
durch Militärangehörige im Zusammenhang mit der Desertion ihres Vaters
gemacht. Da beide Eltern sich zu diesem Zeitpunkt noch in Eritrea auf-
gehalten hätten und sie selber minderjährig und schulpflichtig gewesen sei,
sei nicht anzunehmen, dass sie in absehbarer Zeit ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten gehabt hätte. Ein gesteigertes Verfol-
gungsinteresse der eritreischen Behörden an der Beschwerdeführerin
im Zeitpunkt ihrer Ausreise sei nicht anzunehmen. Ihre Ausführungen wür-
den darauf hindeuten, dass es diesen einzig darum gegangen sei, Infor-
mationen über den Verbleib ihres Vaters zu erhalten. Im Weiteren sei die
blosse Befürchtung in unbestimmter Zukunft für den Militärdienst aufgebo-
ten zu werden, praxisgemäss nicht als begründete Furcht vor asylrelevan-
ter Verfolgung zu qualifizieren. Eine allfällige Menschenrechtswidrigkeit
des drohenden Einzugs in den Nationaldienst wäre unter dem Aspekt der
Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs zu prüfen. Gemäss einem Koordi-
nationsurteil des Bundesverwaltungsgerichts (D-7898/2015) sei nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass eritreische
Staatsangehörige alleine aufgrund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen
ihres Heimatstaates zu rechnen hätten, die bezüglich ihrer Intensität und
der politischen Motivation ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3 Abs. 2 AsyIG
darstellen würden. Andere Anknüpfungspunkte, welche die Beschwerde-
führerin in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person er-
scheinen lassen könnten, seien nicht ersichtlich. Ihren Aussagen sei nicht
zu entnehmen, dass vor Ihrer Ausreise ein Kontakt zu den eritreischen Be-
hörden betreffend einen allfälligen Einzug in den Nationaldienst bestanden
hätte.
E-4847/2019
Seite 7
3.2 Die Beschwerdeführerin führte in ihrer Beschwerdeeingabe aus, sie sei
nunmehr im militärdienstpflichtigen Alter und würde deshalb im Falle einer
Rückkehr bestraft und in den Militärdienst eingezogen. Da ihr Vater bereits
desertiert sei und in der Schweiz Asyl erhalten habe, würde die Strafe be-
sonders hart ausfallen. Sie habe durch die Drohungen der Soldaten auf-
grund der Desertion ihres Vaters ernsthafte Nachteile erlitten. Der Um-
stand, dass ihr Vater inzwischen in der Schweiz als Flüchtling anerkannt
worden sei, impliziere, dass er vom eritreischen Regime als politisch
Oppositioneller und Verräter betrachtet werde. In Anbetracht der Gewalt-
bereitschaft der eritreischen Behörden sei davon auszugehen, dass sie als
Tochter eines Regimegegners mit asylrechtlich relevanten Repressalien zu
rechnen habe.
3.3 In der ergänzenden Eingabe vom 19. November 2019 wurde ferner
darauf hingewiesen, dass der Vater der Beschwerdeführerin ihre Angaben
in seinen Anhörungen bestätigt habe und insbesondere angegeben habe,
dass seine Familie gesucht werde. Die Vorinstanz habe dessen Asyl-
vorbringen nicht hinreichend gewürdigt. Ihr Vater habe sich, ebenso wie
ihre Mutter, bereits vor ihrer Ausreise verstecken müssen. Die Nachteile,
welche die Familie nach der Ausreise des Vaters erlitten habe, seien so
gravierend gewesen, dass inzwischen auch die Mutter zusammen mit ihren
übrigen Kindern das Land verlassen habe. Sie würden sich derzeit in
Äthiopien aufhalten. Sie habe demnach in Eritrea keine nahen Familien-
angehörigen mehr. Aus diesem Grund hätte sie eine ihr allenfalls zwischen-
zeitlich zugestellte Vorladung der Militärbehörden nicht zur Kenntnis neh-
men können. Es sei ihr nicht möglich, entsprechende Abklärungen zu täti-
gen. Mit der Argumentation, dass ihr aufgrund ihrer illegalen Ausreise keine
relevanten Nachteile drohen würden, verkenne die Vorinstanz, dass in
ihrem Falle aufgrund der Desertion und Ausreise ihres Vaters besondere
Anknüpfungspunkte vorliegen würden, die sie als besonders missliebig er-
scheinen lassen würden. Das Risiko einer Reflexverfolgung von Familien-
angehörigen illegal ausgereister Personen werde auch durch aktuelle Be-
richte bestätigt.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
E-4847/2019
Seite 8
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
Ebenfalls keine Flüchtlinge sind Personen, die Gründe geltend machen,
die wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise entstanden sind und weder
Ausdruck noch Fortsetzung einer bereits im Heimat- oder Herkunftsstaat
bestehenden Überzeugung oder Ausrichtung sind, wobei der Gesetzgeber
auch hier die Einhaltung der FK vorbehält (Art. 3 Abs. 4 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 In Bezug auf die von der Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit
einer allfälligen Einberufung zum Militärdienst geltend gemachten Furcht
vor Verfolgung ist festzustellen, dass Dienstverweigerung und Desertion in
Eritrea unverhältnismässig streng bestraft werden. Die Furcht vor einer Be-
strafung wegen Dienstverweigerung oder Desertion ist dann begründet,
wenn die betroffene Person in einem konkreten Kontakt zu den Militärbe-
hörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig anzunehmen, wenn die
betroffene Person im aktiven Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus
ist jeglicher Kontakt zu den Behörden relevant, aus dem erkennbar wird,
dass die betroffene Person rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines
Marschbefehls). In diesen Fällen droht grundsätzlich nicht allein eine Haft-
strafe, sondern eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen und
Folter, wobei Deserteure regelmässig der Willkür ihrer Vorgesetzten aus-
gesetzt sind. Die Desertion wird von den eritreischen Behörden als Aus-
druck der Regimefeindlichkeit aufgefasst. Demzufolge sind Personen, die
E-4847/2019
Seite 9
begründete Furcht haben einer solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden,
als Flüchtlinge im Sinn von Art. 1A Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3
Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen (vgl. zum Ganzen Entscheidungen und Mit-
teilungen der ehemaligen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3, be-
stätigt etwa im Urteil des BVGer E-1740/2016 vom 9. Februar 2018 E. 5.1).
5.2 Die Beschwerdeführerin war im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Eritrea ge-
mäss ihren Angaben erst (...)-jährig, mithin noch nicht in einem Alter in dem
mit einer Einberufung in den Militärdienst zu rechnen gewesen wäre. Dem-
entsprechend hat sie nicht vorgebracht, sie habe vor ihrer Ausreise ein Auf-
gebot zum Militärdienst erhalten oder Kontakte mit den eritreischen Behör-
den im Zusammenhang mit einer bevorstehenden Rekrutierung gehabt.
Die von ihr geschilderten Drohungen durch Soldaten, welche ihren Vater
gesucht hätten, sind in Anbetracht ihres damals noch jugendlichen Alters
nicht als konkrete Absicht einer Einberufung in den Militärdienst zu inter-
pretieren. Die Argumentation der Beschwerdeführerin, es könne nicht aus-
geschlossen werden, dass inzwischen ein Militärdienstaufgebot für sei er-
gangen sei, von dem sie aufgrund der Ausreise ihrer gesamten Familie
nicht hätte Kenntnis nehmen können, ist rein spekulativ; es ergeben sich
aus den Akten keine stichhaltigen Gründe für die Annahme, dass diese
Vermutung berechtigt sein könnte. Aus dem Gesagten ist der Schluss zu
ziehen, dass die Beschwerdeführerin sich weder einem Aufgebot zum
Nationaldienst widersetzt noch aus diesem desertiert ist. Es ist somit nicht
davon auszugehen, dass sie von den eritreischen Behörden als Militär-
dienstverweigerin angesehen wird.
5.3 Im Weiteren ist auch nicht davon auszugehen, dass die Beschwerde-
führerin aufgrund der Desertion ihres Vaters mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsmassnahmen zu befürch-
ten hat. Sie gab zu Protokoll, vor ihrer Ausreise hätten Soldaten, die auf
der Suche nach ihrem Vater gewesen seien, zweimal gedroht, sie mitzu-
nehmen. Es handelt sich hierbei um Nachteile von geringer Intensität durch
einzelne Behördenvertreter, die nicht darauf schliessen lassen, dass der
eritreische Staat zum Zeitpunkt der Ausreise ein relevantes Verfolgungs-
interesse an ihr hatte und ihr deshalb bei einer allfälligen Rückkehr eine
Reflexverfolgung drohen würde. Die Furcht der Beschwerdeführerin vor
Reflexverfolgungsmassnahmen wird auch dadurch relativiert, dass sie in
ihrer Anhörung zu Protokoll gab, es würde ihr im Falle einer Rückkehr nach
Eritrea nichts passieren (vgl. Protokoll Anhörung A34 S. 17 F160 f.),
E-4847/2019
Seite 10
respektive im Rahmen der Rückübersetzung des Protokolls nur die Be-
fürchtung einer Rekrutierung in den Militärdienst äusserte (a.a.O. S. 18).
Auch ihr bei dieser Anhörung anwesender Vater, erwähnte auf die Frage,
was die Folgen einer Rückkehr seiner Tochter nach Eritrea wäre, nur die
zu erwartende Zwangsrekrutierung und gab darüber hinaus ausdrücklich
an, dass sie nicht wegen etwas Anderem angeklagt werden würde (a.a.O.
S. 17 F166).
5.4 Nach dem Gesagten ist es der Beschwerdeführerin insgesamt nicht
gelungen, eine flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung im Zeitpunkt ihrer
Ausreise aus Eritrea glaubhaft zu machen.
6.
6.1 In einem nächsten Schritt ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin we-
gen ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea – mithin wegen subjektiver Nach-
fluchtgründe – bei einer Rückkehr dorthin befürchten müsste, ernsthaften
Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden.
6.2 Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar gemäss
Art. 54 AsylG kein Asyl, werden aber als Flüchtlinge vorläufig aufgenom-
men (vgl. dazu BVGE 2009/28 E. 7.1 S. 352, m.w.H.). Als subjektive Nach-
fluchtgründe gelten insbesondere das illegale Verlassen des Heimatlandes
(sog. Republikflucht), das Einreichen eines Asylgesuchs im Ausland oder
exilpolitische Betätigungen, wenn sie die Gefahr einer zukünftigen Verfol-
gung begründen. Durch Republikflucht zum Flüchtling wird, wer wegen
illegaler Ausreise Sanktionen des Heimatstaates befürchten muss, die
bezüglich ihrer Intensität ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG
darstellen (vgl. BVGE 2009/29).
6.3
6.3.1 Gemäss langjähriger früherer Praxis der schweizerischen Asylbehör-
den begründete bereits eine (glaubhaft gemachte) illegale Ausreise aus
Eritrea ohne Weiteres die Flüchtlingseigenschaft.
6.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht befasste sich im Rahmen des Refe-
renzurteils D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 mit der Frage, ob Eritreer-
innen und Eritreer, die ihr Land illegal verlassen haben, allein deswegen
bei einer Rückkehr Verfolgung zu befürchten haben. Das Gericht kam da-
bei zum Schluss, dass sich die bisherige Praxis nicht mehr aufrechterhal-
ten lasse und vom SEM zwischenzeitlich zu Recht angepasst worden sei.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/29
E-4847/2019
Seite 11
Für die Entscheidfindung des Gerichts war auch die Tatsache von Bedeu-
tung, dass seit einiger Zeit Personen aus der eritreischen Diaspora für
kurze Aufenthalte in ihren Heimatstaat zurückkehrten und sich unter ihnen
auch Personen befanden, die Eritrea zuvor illegal verlassen hatten.
Es ist mithin nicht mehr davon auszugehen, dass einer Person einzig auf-
grund ihrer unerlaubten Ausreise aus Eritrea eine flüchtlingsrechtlich rele-
vante Verfolgung droht. Von der begründeten Furcht vor intensiven und
flüchtlingsrechtlich begründeten Nachteilen ist nur dann auszugehen,
wenn zur illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzukommen, welche die
asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als miss-
liebige Person erscheinen lassen (vgl. a.a.O., E. 5).
6.4 Vorliegend gehen aus den Akten keine solchen Gefährdungsfaktoren
hervor. Einerseits sind – wie vorstehend ausgeführt – keine asylrechtlich
relevanten Vorfluchtgründe gegeben; andererseits sind auch keine ande-
ren Anknüpfungspunkte ersichtlich, welche die Beschwerdeführerin in den
Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen
könnten. Sie kann, da sie vor Erreichen des militärdienstpflichtigen Alters-
ausgereist ist, nicht als Deserteurin oder Refraktärin gelten. Zudem ist, wie
erwähnt, auch nicht zu erwarten, dass ihr aufgrund des Profils ihres Vaters
eine oppositionelle Gesinnung unterstellt würde (vgl. oben E. 5.3). Aus die-
sen Gründen ist der von der Beschwerdeführerin vorgebrachten illegalen
Ausreise aus ihrem Heimatstaat praxisgemäss keine flüchtlingsrechtliche
Relevanz beizumessen.
6.5 Gemäss dem zitierten Referenzurteil ebenfalls nicht asylrelevant ist die
Möglichkeit einer Einziehung in den Nationaldienst nach der Rückkehr ei-
nes Asylsuchenden nach Eritrea, da es sich dabei nicht um eine Mass-
nahme handelt, die aus asylrechtlich relevanten Motiven erfolgt. Ob eine
drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Aspekt von Art. 3
EMRK oder des Verbots der Sklaverei und der Zwangsarbeit gemäss Art. 4
EMRK relevant sein könnte, betrifft jedoch die Frage der Zulässigkeit
beziehungsweise Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Urteil des
BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 5.1).
6.6 Zusammenfassend ist es der Beschwerdeführerin somit nicht gelun-
gen, eine relevante Verfolgungsgefahr im Sinn von Art. 3 AsylG bezie-
hungsweise Art. 54 AsylG darzutun. Das SEM hat folglich zu Recht ihre
Flüchtlingseigenschaft verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
E-4847/2019
Seite 12
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.3 Da das SEM in seiner Verfügung vom 22. August 2019 die vorläufige
Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz angeordnet hat, erübri-
gen sich, praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären der Beschwerdeführerin die
Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit
Zwischenverfügung vom 22. Oktober 2019 ihr Gesuch um unentgeltliche
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen wurde und
keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich ihre finanzielle Lage seither
entscheidrelevant verändert hätte, ist auf die Auflage von Verfahrenskosten
zu verzichten.
10.
Mit der Instruktionsverfügung vom 8. November 2019 wurde auch das Ge-
such der Beschwerdeführerin um amtliche Verbeiständung gutgeheissen
(aArt. 110a Abs. 1 VwVG) und ihre Rechtsvertreterin als amtliche Rechts-
beiständin eingesetzt. Demnach ist dieser ein Honorar für ihre notwendi-
gen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Der in der Kos-
tennote vom 19. November 2019 sowie in der ergänzenden Eingabe vom
25. November 2019 ausgewiesene zeitliche Vertretungsaufwand erscheint
als angemessen, doch wurde das Honorar mit einem Stundenansatz von
E-4847/2019
Seite 13
Fr. 236.95 berechnet. Bei amtlicher Vertretung geht das Bundesverwal-
tungsgericht für anwaltliche Vertreter (wie in der Zwischenverfügung vom
8. November 2019 angekündigt) praxisgemäss von einem Ansatz von
höchstens Fr. 220.– aus. Demzufolge ist der amtlichen Rechtsbeiständin
ein Gesamtbetrag von Fr. 970.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteueranteil)
vom Bundesverwaltungsgericht auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-4847/2019
Seite 14