Decision ID: f9018678-357f-53ba-844b-7b690e346a45
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 19. November 2002 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-
act. 2). Im Bericht des Regionalspitals B._ vom 14. Mai 2000 wurde eine HWS-
Distorsion bei Kopfdrehbewegung nach links nach Schleudertrauma bei
Autoauffahrunfall sowie eine Kontusion der Unterschenkelschaftmitte rechts mit
Wadenzerrung diagnostiziert (IV-act. 6). Die Ärzte des Kantons- und Regionalspitals
Chur hielten zudem im Bericht vom 2. März 2001 ein exazerbiertes
Panvertebralsyndrom bei Status nach Hyperinklinationstrauma der HWS nach Sturz am
24. Februar 2001 fest (IV-act. 14). Im von der Unfallversicherung in Auftrag gegebenen
Gutachten des Zentrums für Medizinische Begutachtung (ZMB) vom 13. Februar 2003
wurde ein persistierendes cervicales Schmerzsyndrom bei Status nach HWS-Distorsion
am 14. Mai 2000 ohne neurologische Ausfälle sowie Rückenprellung und
Hinterhauptprellung am 24. Februar 2001 ohne neurologische Ausfälle diagnostiziert.
Von organischer Seite her könne keine wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
postuliert werden. In psychiatrischer Hinsicht wurde eine Anpassungsstörung mit einer
längeren depressiven Reaktion festgehalten und der Versicherten eine Arbeitsfähigkeit
in der bisherigen, aber auch in jeder anderen geeigneten Tätigkeit von 50% attestiert
(Fremdakten).
A.a.
Mit Verfügung vom 1. Oktober 2003 sprach die IV-Stelle des Kantons Graubünden
(IV-Stelle GR) der Versicherten ab 1. Februar 2002 eine ganze IV-Rente basierend auf
einem IV-Grad von 100% und ab 1. März 2003 eine halbe Rente (Härtefallrente)
gestützt auf einen IV-Grad von 47% zu (IV-act. 34f., 53, 61). Im Rahmen der 4. IV-
Revision wurde die halbe Rente per 1. Januar 2004 auf eine Viertelsrente gesenkt (vgl.
Verfügung vom 9. Januar 2004; IV-act. 64).
A.b.
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Mit Schreiben vom 2. Mai 2005 liess die Versicherte durch ihren Rechtsvertreter
ein Revisionsgesuch stellen und eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes
geltend machen (IV-act. 72).
A.c.
Im von der IV-Stelle GR in Auftrag gegebenen ZMB-Gutachten vom 29. Mai 2007
wurden mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eine Dysthymia, eine nicht näher
bezeichnete somatoforme Störung sowie eine Panalgie diagnostiziert und eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 30% ab Gutachtensdatum attestiert (IV-act.
88). Mit Verfügung vom 28. November 2007 wies die IV-Stelle GR das
Rentenerhöhungsgesuch ab (IV-act. 98).
A.d.
Im Rahmen eines von Amtes wegen im September 2012 eingeleiteten
Revisionsverfahrens gab die nun im Kanton St. Gallen wohnhafte Versicherte
gegenüber der IV-Stelle des Kantons St. Gallen (IV-Stelle SG) an, dass sich ihr
Gesundheitszustand verschlechtert habe (IV-act. 132). Im Bericht vom 17. Dezember
2012 diagnostizierte Dr. med. C._, Fachärztin für Innere Medizin, mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit eine Bursitis subacromialis rechts, eine Partialruptur Supraspinatus
(MR Schultergelenk rechts vom 13. November 2012), anamnestisch Schulterschmerzen
seit Kontusion 05/2012 sowie eine Depression. Ein Arbeitspensum von 50% sei zurzeit
sicherlich möglich (IV-act. 141). Im Bericht vom 26. Februar 2013 hielt D._, Diplom-
Psychologin, eine mittelgradige Depression (ICD-10: F32.11) fest und gab an, dass die
Versicherte das minimale Pensum bei der bisherigen Tätigkeit nicht schaffen würde
und zu Hause die Hausarbeit mit Hilfe des Mannes und der erwachsenen Kinder nur
mühsam bewältigen könne (IV-act. 145).
A.e.
Mit Verfügung vom 4. Juni 2013 stellte die IV-Stelle SG die IV-Rente ein. Zur
Begründung hielt sie fest, es liege ein pathogenetisch-ätiologisch unklares
syndromales Leiden ohne nachweisbare organische Grundlage vor. Den medizinischen
Unterlagen seien keine objektivierbaren anatomischen Befunde zu entnehmen, welche
aus versicherungsmedizinischer Sicht eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit begründen
würden. Es würden auch keine Anhaltspunkte für eine psychiatrische Komorbidität
oder sonstige schwere Funktionseinschränkungen vorliegen. Zudem würden keine
weiteren Kriterien in erheblichem Ausmass vorliegen, die eine Schmerzüberwindbarkeit
in Frage stellten. Somit bestehe für die Zukunft kein Anspruch mehr auf eine
A.f.
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Invalidenrente (IV-act. 158). In einem Begleitschreiben zum Vorbescheid hatte die IV-
Stelle SG der Versicherten Unterstützung beim Wiedereinstieg ins Berufsleben
angeboten (IV-act. 150).
Die gegen die Verfügung vom 4. Juni 2013 am 26. Juni 2013 durch Fürsprecher
lic. iur. D. Küng, St. Gallen, im Namen der Versicherten erhobene Beschwerde (IV-act.
161) hiess die Einzelrichterin des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen mit
Entscheid vom 16. Januar 2015, IV 2013/288, teilweise gut. Sie hob die angefochtene
Verfügung auf und wies die Sache zur weiteren Abklärung und insbesondere zur
Vornahme einer polydisziplinären Begutachtung an die IV-Stelle SG zurück. Die IV-
Stelle wurde sodann verpflichtet, die bisherige Rente weiter auszurichten (IV-act. 173).
A.g.
Gestützt auf die Mitteilung der IV-Stelle SG, die Versicherte werde durch
Gutachter der Medizinischen Abklärungsstelle Bern, ZVMB GmbH, untersucht (IV-act.
210), nahm ihr Rechtsvertreter mit Schreiben vom 23. Oktober 2015 Bezug auf einen
Artikel aus der Berner Zeitung über Dr. med. E._. Er argumentierte, dass die
Versicherte auf Grund der dortigen Ausführungen nicht durch diesen Gutachter
beurteilt werden könne (IV-act. 213). Mit Zwischenverfügung vom 27. Oktober 2015
hielt die IV-Stelle jedoch an den vorgesehenen Gutachtern fest, da keine
schützenswerten Ausstands- oder Ablehnungsgründe gegen den besagten Gutachter
vorlägen (IV-act. 214).
A.h.
Im März und Mai 2016 wurde die Versicherte durch die ZVMB-Gutachter
polydisziplinär begutachtet. Diese diagnostizierten im Gutachten vom 30. August 2016
mit Relevanz für die Arbeitsfähigkeit in angestammter Tätigkeit chronische
Schulterschmerzen rechts ohne Bewegungseinschränkung bei/mit subtotaler
transmuraler Partialruptur der Supraspinatussehne und einer deutlichen Partialruptur
der Subscapularissehne und diskreter Unterflächenpartialruptur der
Infraspinatussehne, sowie eine diskrete degenerative AC-Gelenksveränderung. Zudem
bestehe ein lumbospondylogenes Schmerzsyndrom bei Osteochondrose L5/S1 mit DH
und Nervenwurzelkompression S1 links sowie einer foraminalen Einengung L4/L5
rechts ohne radikuläre Zeichen. Im Rahmen des Zumutbarkeitsprofils sei der
Versicherten eine Tätigkeit zu 80% vollschichtig mit vermehrtem Pausenbedarf
zumutbar (IV-act. 237). RAD-Arzt Dr. F._ ersuchte die Gutachter durch Rückfrage,
A.i.
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B.
Bezug auf das Gutachten des ZMB vom 29. Mai 2007 zu nehmen, da sie lediglich zum
Gutachten vom 13. Februar 2003 Bezug genommen hätten (IV-act. 240 und 249-1).
Nach Eingang ihrer Stellungnahme vom 24. Januar 2017 (IV-act. 248) befand Dr. F._
das Gutachten als plausibel (IV-act. 249-2).
Mit Vorbescheid vom 31. Januar 2017 stellte die IV-Stelle der Versicherten in
Aussicht, sie werde die Rente nach Zustellung der Verfügung auf Ende des folgenden
Monats aufheben, da lediglich von einem IV-Grad von 16% auszugehen sei (IV-act.
252). Gegen diesen Vorbescheid liess die Versicherte durch ihren Rechtsvertreter am
20. April 2017 Einwand erheben (IV-act. 255).
A.j.
Am 30. Mai 2017 verfügte die IV-Stelle die Einstellung der Rente im Sinne des
Vorbescheids (IV-act. 259).
A.k.
Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 29. Juni
2017 mit dem Antrag auf deren Aufhebung und auf Zusprache einer ganzen,
mindestens einer halben IV-Rente, zu allermindestens sei ihr über den 31. Juli 2017
hinaus die bisherige Viertelsrente zu belassen bzw. zuzusprechen. Eventualiter
beantragt die Beschwerdeführerin eine Rückweisung zu weiteren Abklärungen und zur
Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
Zur Begründung verweist die Beschwerdeführerin auf einen Bericht der Klinik für
Rheumatologie des Kantonsspitals St. Gallens (KSSG) vom 18. Mai 2017, worin die
dortigen Ärzte ihr maximal eine Arbeitsfähigkeit von 50% attestierten (act. G 1).
B.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 25. September 2017 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Beschwerdeabweisung (act. G 7).
B.b.
Am 4. Oktober 2017 bewilligt die Abteilungspräsidentin das Gesuch der
Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtspflege für das Verfahren vor dem
Versicherungsgericht (act. G 8).
B.c.
Mit Eingabe vom 7. Februar 2018 hält der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
unter Verzicht auf eine umfassende Replik an seinen Anträgen fest (act. G 16).
B.d.
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Erwägungen
1.
2.
Zwischen den Parteien ist streitig, ob die Renteneinstellung durch die
Beschwerdegegnerin zu Recht erging. Wie im Urteil des Versicherungsgerichts vom 16.
Januar 2015, IV 2013/288, festgehalten wurde, hat die Beschwerdegegnerin den
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin zu Recht einer Überprüfung im Sinne von lit.
a Abs. 1 der Schlussbestimmungen der Änderung des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) vom 18. März 2011 unterzogen. Gemäss dieser
Bestimmung werden Renten, die bei pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen
Beschwerdebildern ohne nachweisbare organische Grundlage gesprochen wurden,
innerhalb von drei Jahren nach Inkrafttreten dieser Änderung unter dem Gesichtspunkt
der seit BGE 130 V 352 verschärften Praxis neu überprüft. Sind die Voraussetzungen
nach Art. 7 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1, Erwerbsunfähigkeit) nicht erfüllt, so wird
die Rente herabgesetzt oder aufgehoben, auch wenn der Tatbestand von Art. 17 Abs. 1
ATSG (Revision) nicht verwirklicht ist (vgl. BGE 140 V 197 E. 6.1).
1.1.
Bei einer Rentenzusprache gestützt auf ein pathogenetisch-ätiologisch unklares
syndromales Beschwerdebild ohne nachweisbare organische Grundlage ist vor einer
allfälligen Renteneinstellung gestützt auf Abs. 1 der Schlussbestimmung lit. a der
Änderung des IVG vom 18. März 2011 immer zuerst der medizinische Sachverhalt mit
Fokus auf die Fragestellung, welche die 6. IV-Revision mit sich bringt, in der Regel
durch eine umfassende polydisziplinäre Begutachtung abzuklären (BGE 139 V 569 E.
10.2 sowie Urteil des Bundesgerichts vom 31. Oktober 2013, 8C_972/2012, E. 10.3.1).
1.2.
Nachdem die Beschwerdegegnerin nach der Rückweisung durch Urteil vom 16.
Januar 2015, IV 2013/288, eine Begutachtung durch die ZVMB durchführen liess, ist
zunächst zu prüfen, ob der medizinische Sachverhalt nunmehr spruchreif abgeklärt
worden ist.
1.3.
Die ZVMB-Gutachter führten mit Bezug auf das ZMB-Gutachten von 2007 aus, es
sei einerseits zu neuen orthopädischen Diagnosen mit Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit gekommen (chronische Schulterschmerzen rechts bei einer
Rotatorenmanschettenläsion und leichter AC-Gelenksarthrose), und andererseits
hätten sich die seit 1999 bekannten Lumbalgien verstärkt und würden neu als
2.1.
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lumbospondylogenes Schmerzsyndrom zusammengefasst. Dies bei neu
Osteochondrose L5/S1 mit DH und Nervenwurzelkompression S1 links sowie einer
foraminalen Einengung L4/5 rechts ohne radikuläre Zeichen, welche unter die
Diagnosen mit Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit eingereiht werden müssten. Das
schon im Gutachten von 2007 erwähnte cervicospondylogene Syndrom werde auch
aktuell unter den Diagnosen ohne Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit eingereiht.
Psychiatrisch finde sich heute eine sonstige somatoforme Störung F45.8 als Diagnose
ohne Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit im Gegensatz zu den im ZMB-Gutachten
festgehaltenen und die Arbeitsfähigkeit beeinflussenden Diagnosen einer Dysthymia,
einer nicht näher bezeichneten somatoformen Störung sowie einer Panalgesie (IV-act.
248-1ff.). Weiter hielten die ZVMB-Gutachter fest, dass sich die psychiatrische
Situation aus heutiger Sicht anders darstelle und sich im Gegenzug neue
orthopädische Probleme ergeben hätten und sich die LWS-Problematik verschlechtert
habe, welche zwar im Gutachten von 2003, nicht aber im Gutachten von 2007 erwähnt
worden sei. Auf Grund der heutigen anders liegenden orthopädischen Diagnosen
ergebe sich neu eine Arbeitsfähigkeit von 80% im Rahmen des Zumutbarkeitsprofils für
die angepasste Arbeitstätigkeit als Reinigungsmitarbeiterin (letzte Tätigkeit der
Beschwerdeführerin). Die im Gutachten von 2007 postulierte Arbeitsunfähigkeit von
30% aus psychiatrischen Gründen wie auch die in jenem vom 2003 diagnostizierte
Anpassungsstörung seien aus heutiger psychiatrischer Beurteilung nicht mehr
nachvollziehbar. Jedoch seien in allen Gutachten (2003, 2007 und 2016)
Symptomausweitung, Aggravation und Inkonsistenzen beschrieben worden (IV-act.
248-4). Zur Konsistenzfrage hatten die ZVMB-Gutachter bereits im Gutachten vom 30.
August 2016 ausgeführt, als Zeichen der Inkonsistenz finde sich einerseits auffällig eine
Diskrepanz zwischen der subjektiv von der Beschwerdeführerin angegebenen hohen
Schmerzausprägung, weshalb sie ihre Arbeitsfähigkeit vermindert ansehe, andererseits
lasse sich keine effektive schmerztherapeutische Behandlung gemäss Ergebnis der
Medikamentenspiegelbestimmung feststellen (alle Analgetika ohne Wirkstoffnachweis).
Ein solch hochgradiger Schmerz mit Einschränkung hätte doch eine stärkere
Inanspruchnahme von Behandlung erwarten lassen. Zusammen mit den mehrfachen
Befundinkonsistenzen auch in der Untersuchung, so auch den pathologischen
Waddell-Zeichen, sei insgesamt mindestens von einem sehr ausgeprägten Verhalten
der Verdeutlichung und teilweise Aggravation auszugehen. Die subjektiv als vermindert
empfundene Arbeitsfähigkeit - auch die in der Vergangenheit langgezogenen Zeiten der
Arbeitsunfähigkeit - könnten nicht durch hinreichende somatische Befunde erklärt
werden. Auch orthopädisch sei das Schmerzniveau nicht nachvollziehbar. Eine
höhergradige Einschränkung der beruflichen Partizipation als eine Arbeitsunfähigkeit
von 20% (Arbeitsfähigkeit 80%) könne aktuell interdisziplinär nicht begründet werden.
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Eine wesentliche Einschränkung der Alltagsaktivitäten lasse sich nicht erkennen. Auf
Grund des Medikamentenspiegels, worin kein Wirkstoff detektierbar gewesen sei,
nehme die Beschwerdeführerin die verordneten Medikamente nicht
bestimmungsgemäss ein (IV-act. 237-23).
Schliesslich nahm der psychiatrische ZVMB-Gutachter Dr. E._ in der Ergänzung
vom 24. Januar 2017 ausführlich zur psychiatrischen Begutachtung aus dem Jahr 2007
Stellung. Er wies darauf hin, dass der psychiatrische ZMB-Gutachter im 2007 zwar die
Diagnosen einer Dysthymie und einer nicht näher bezeichneten somatoformen Störung
gestellt habe, jedoch habe er auch berichtet, dass sich der Zustand der
Beschwerdeführerin im Vergleich zum ZMB-Gutachten 2003 deutlich gebessert habe.
Er habe zudem ein "gewisses regressives Verhalten" ins Feld geführt, in einem anderen
Satz heisse es aber, eine wesentliche Regression bestehe nicht. Weiter seien
vermutlich auch transkulturelle Verhaltensfaktoren angenommen worden. Relevante
funktionelle Einschränkungen würden aus dem Gutachten nicht hervorgehen. Warum
die Beschwerdeführerin gesamthaft unter Berücksichtigung der somatischen und
psychiatrischen Aspekte vor allem aus psychiatrischer Sicht auf Grund der Dysthymie
und der subjektiv empfundenen Ganzkörperschmerzen im Rahmen der
"Panalgie" (gemäss ZMB) "psychisch vermindert belastbar" sein sollte, werde nicht
plausibel erklärt. Immerhin sei ihr damals deshalb eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit
attestiert worden, was retrospektiv aus den geschilderten Aktivitäten und dem
objektiven psychiatrischen Befund nicht ersichtlich werde. Hinsichtlich von Schmerzen
werde berichtet, dass diese subjektiv wahrgenommen würden, auch, dass die
"Waddell-Zeichen" positiv seien und keine Fibromyalgie vorliege. Es handle sich somit
um sehr weiche Kriterien, die zu der Diagnosefindung geführt hätten. Dasselbe gelte für
die Diagnose einer Dysthymie, welche ebenfalls nicht nachvollzogen werden könne.
Dennoch hätten diese Diagnosen in der Schlussbesprechung des ZMB (trotz
Auffälligkeiten bei der Anamneseerhebung und in der Darstellung des bisherigen
Verlaufs, retrospektiv auch möglicher Verdeutlichung bis Aggravation) bei weitgehend
unauffälligen Befunden und "fehlenden Einschränkungen" (laut Gutachten ZMB) zu
einer 30%igen Arbeitsunfähigkeit geführt. Im Rahmen der aktuellen Begutachtung habe
bei der Beschwerdeführerin keine Dysthymie diagnostiziert werden können. Die ZVMB-
Gutachter hätten auch ausführlich ausgeführt, dass sie vorwiegend psychosoziale
Faktoren annehmen würden. Auch diese seien im ZMB-Gutachten beschrieben
worden, jedoch habe in Bezug auf die gestellten Diagnosen keine hinreichende
differenzialdiagnostische Auseinandersetzung und Würdigung stattgefunden. Im
ZVMB-Gutachten sei demgegenüber auch dargestellt worden, dass bis auf Duloxetin
keine sonstigen antidepressiv und analgetisch wirksamen Medikamente zum Zeitpunkt
2.2.
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der Untersuchung von der Beschwerdeführerin eingenommen worden seien.
Psychiatrische Behandlungen seien ebenfalls nicht durchgeführt worden, was der
psychiatrische Gutachter des ZMB auch bemängelt habe. Eine frühere Überprüfung
der Medikamentenspiegel habe offensichtlich nicht stattgefunden. Die ZVMB-
Gutachter hätten in psychiatrischer Hinsicht eine für die Arbeitsfähigkeit nicht relevante
ICD-Diagnose "Sonstige somatoforme Störung F45.8" gestellt. Aus dieser und aus
dem Funktionsprofil lasse sich keine Arbeitsunfähigkeit ableiten. Es handle sich nur um
eine leichte, versicherungspsychiatrisch nicht relevante allenfalls qualitative Störung,
der keine reduzierte Arbeitsfähigkeit zukomme. Auch die Diagnose einer Dysthymie
würde, selbst wenn diese vorläge, eine berufliche Tätigkeit nicht verunmöglichen, auch
nicht im Umfang von psychiatrisch 30%. Dafür würden sich weder aus dem
psychopathologischen Befund noch aus dem Tagesablauf Hinweise ergeben. Auch der
ZMB-Gutachter nehme hierzu Stellung und berichte, dass die Ansicht des Hausarztes
in Bezug auf die Arbeitsunfähigkeit "überhaupt nicht begründet" werden könne. Selber
beschreibe der Gutachter die Beschwerdeführerin im psychopathologischen Befund
aber nicht konsistent: Es heisse dort z.B.: "Der Antrieb ist etwas gehemmt... leicht
reduziert... Affekte schwingen mit... wenn auch etwas weniger als üblich... kein
apathischer Eindruck... wenig durchsetzungsfähig...leicht regressiver Eindruck... gute
Denkleistungsfähigkeit... sachlich... berichtet über unerträgliche Schmerzen... lächelt
dazwischen...nur subdepressiv... zeitweilig keine Traurigkeit vorhanden... starke
Fixierung auf Schmerzen... usw." Es werde somit nicht plausibel erklärt, wie die
Diagnose einer Dysthymie zustande komme. Vielmehr werde festgehalten, die
Beschwerdeführerin hinterlasse "den Eindruck einer Dysthymie". Objektive ICD-
Diagnose-Kriterien würden nicht genannt, stattdessen immer wieder Angaben der
Beschwerdeführerin, die im Befund mehrfach als massgeblich für die Beurteilung des
Gutachters erwähnt würden. Das Gutachten enthalte insgesamt zu wenig objektive,
vom Gutachter reproduzierbare und nachvollziehbare Kriterien und Indizien. Zur
Funktionsfähigkeit würden kaum Angaben gemacht. Zusammenfassend hielt Dr. E._
fest, auch wenn sich der Zustand seit 2007 offensichtlich nicht geändert habe, bleibe
die diagnostische Einschätzung des ZMB unklar und somit aus heutiger Sicht nicht
valide. Eine Arbeitsunfähigkeit von 30% lasse sich retrospektiv daraus aus vorwiegend
psychiatrischer Sicht nicht ableiten (IV-act. 248-4f.). RAD-Arzt Dr. F._ hielt zum
ZVMB-Gutachten und der ergänzenden Stellungnahme fest, die Ausführungen der
Gutachter würden plausibel aufzeigen, dass sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin gegenüber der medizinischen Referenzsituation (ZMB-Gutachten
vom 29. Mai 2007) in orthopädischer Hinsicht verschlechtert habe, so dass die
Beschwerdeführerin jetzt nur noch zu 80% arbeitsfähig sei gegenüber 100%
Arbeitsfähigkeit zum Referenzzeitpunkt. Aus psychiatrischer Sicht habe sich der
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Gesundheitszustand seit 2007 nicht geändert. Die damalige Einschätzung einer
30%igen Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht könne jetzt nicht mehr
nachvollzogen werden. Allerdings sei zu beachten, dass die gegenwärtigen Leitlinien
und die aktuelle Rechtsprechung im Jahr 2007 noch nicht bestanden hätten. Unter
Beachtung dessen resultiere aus psychiatrischer Sicht jetzt keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit mehr, interdisziplinär jedoch eine Arbeitsfähigkeit von 80% ab Januar
2015 (IV-act. 249). Die Beurteilungen der ZVMB-Gutachter erscheinen insgesamt
schlüssig und nachvollziehbar. Auch werden die Adaptionskriterien gemäss aktueller
Rechtsprechung ab Seite 19 des Gutachtens aufgeführt. Insbesondere zu den
vorhandenen Ressourcen wurde festgehalten, die Beschwerdeführerin könne sich an
Regeln und Routinen anpassen, Aufgaben strukturieren, fachliche Kompetenzen
anwenden (mental, Kreativität). Auch bestehe eine ausreichende Fähigkeit zu
Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit. Die Beschwerdeführerin könne sich selbst
behaupten und durchsetzen. Die Interaktions- und Modulationsfähigkeit sowie die
Gruppenfähigkeit und die Selbstversorgung seien nicht gestört, auch die Mobilität und
Wegefähigkeit seien nicht reduziert. Lediglich die Flexibilität und die
Umstellungsfähigkeit würden vermindert erscheinen (IV-act. 237-19). Dieser
Einschätzung stehen sodann keine anderslautenden medizinischen Beurteilungen
entgegen. Daher erscheint auch die Arbeitsfähigkeitsschätzung im Rahmen des
Zumutbarkeitsprofils von insgesamt 80% vollschichtig mit vermehrtem Pausenbedarf
konkludent.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin bringt gegen das ZVMB-Gutachten
vor, es bestehe bei der Beschwerdeführerin zusätzlich eine Arbeitsunfähigkeit aus
rheumatologischer Sicht. So würden die Ärzte der Klinik für Rheumatologie des KSSG
im Bericht vom 18. Mai 2017 unter anderem eine Polyarthrose an Hand, Fuss und Knie
beschreiben. Die Beschwerdeführerin leide unter starken Beschwerden im Bereich des
gesamten Bewegungsapparates, welche lediglich leichte, angepasste Tätigkeiten zu
maximal 50% zulassen würden (act. G 1). Im besagten Bericht hielten die Ärzte fest, sie
hätten weder klinisch noch laborchemisch oder bildgebend Anhaltspunkte für eine den
Beschwerden zugrundeliegende entzündlich-rheumatische Systemerkrankung
(Rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes, Kollagenosen) eruieren können.
Dennoch befanden sie, dass auf Grund der Beschwerden/Befunde eine deutlich
reduzierte Belastbarkeit des Stütz- und Bewegungsapparates vorliege. Möglich und
zumutbar seien lediglich leichte Tätigkeiten im Wechsel zwischen Sitzen (zeitweise),
Stehen (zeitweise) und Gehen (zeitweise) bei ergonomischer Arbeitsplatzgestaltung zu
maximal 50% (act. G 1.3). In der Stellungnahme vom 13. September 2017 hielt Dr.
E._ mit Bezug auf die Berichte der Rheumatologie des KSSG vom 18. Mai 2017
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
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sowie der Handchirurgie des KSSG vom 8. Juni 2017 fest, dass sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit der Begutachtung durch das ZVMB
und seiner ergänzenden Stellungnahme nicht anhaltend und wesentlich verändert
habe. Die Befunde und Diagnosen betreffend das rechtsseitige Schulter- und das
Wirbelsäulenleiden hätten keine richtungsweisende Verschlechterung seit der
Begutachtung erfahren. Die neu diagnostizierte Polyarthrose mit führender
Symptomatik betreffend die Hände sei als ganz initial einzustufen und entsprechend
falle auch die Therapieempfehlung des KSSG aus. Die Diagnosen des
Karpaltunnelsyndroms beidseits, des palmaren Handgelenksganglions und des
Intersektionssyndroms links seien diskret ausgeprägt, bereiteten gemäss dem Bericht
der Handchirurgie des KSSG zuletzt fast keine Beschwerden und wären bei einer
Verschlechterung einer Therapie gut zugänglich, so dass hier keine
versicherungsmedizinische Relevanz bestehe. Die gestellte Diagnose einer Depression
sei nicht durch entsprechende Befunde untermauert und betreffend die Diagnose einer
sekundären Fibromyalgie finde sich im Bericht des KSSG keine hinreichende
differentialdiagnostische Auseinandersetzung und Würdigung der Befunde. Die vom
KSSG angeführten Diagnosen einer Hypovitaminose D und einer arteriellen Hypertonie
seien ebenfalls einer Therapie gut zugänglich und nicht von
versicherungsmedizinischer Relevanz. Zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit durch die
Rheumatologen des KSSG befand Dr. E._, es fehle dem Bericht eine
nachvollziehbare differenzierte Darlegung, weswegen die Beschwerdeführerin in ideal
dem Leiden angepassten Verweistätigkeiten nicht in der Lage sein sollte, mit der von
den Gutachtern festgestellten 80%igen Leistungsfähigkeit bei einem Arbeitszeitpensum
von 8.5 Stunden pro Tag arbeiten zu können. Für die Annahme einer auf 50%
reduzierten Arbeitsfähigkeit würden entsprechend geeignete Befunde in den neu
vorgelegten Berichten fehlen (IV-act. 270). Nachdem RAD-Arzt Dr. F._ diese
Ausführungen als überzeugend befand (IV-act. 271), sie auch dem Gericht
nachvollziehbar erscheinen und der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin keine
Argumente dagegen vorbrachte, ist auf das Gutachten sowie die ergänzenden
Stellungnahmen der ZVMB-Gutachter abzustellen.
Zusammenfassend erscheint das ZVMB-Gutachten als vollständig und
nachvollziehbar, was auch der RAD vollumfänglich bestätigte. Zudem hält es den
Anforderungen einer Prüfung des Rentenanspruchs unter der neuen Rechtsprechung
stand. Daher ist von der unter Berücksichtigung sämtlicher gesundheitsrelevanter
Faktoren und unter Ausschluss von IV-fremden Anteilen von den ZVMB-Gutachtern
bescheinigten 20%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen.
2.4.
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3.
4.
Die Beschwerdeführerin stellt sich sodann auf den Standpunkt, ihre
Restarbeitsfähigkeit sei nicht mehr verwertbar. Als Grund nennt sie ihre
gesundheitlichen Einschränkungen sowie ihr Alter im Zeitpunkt der Verfügung von 53
Jahren.
3.1.
Dieser Einwand ist vorliegend jedoch unbehelflich. Zu beachten ist nämlich, dass
die Beschwerdeführerin angab, im Jahr 2011 wieder begonnen zu haben, mit einem
Pensum von 30-40% zu arbeiten und seit September 2015 noch in zwei privaten
Haushalten als Reinigungskraft sechs Stunden pro Woche tätig zu sein (IV-act. 237-7,
vgl. auch Arbeitgeberberichte IV-act. 136, 139, 189 und 193). Zudem war ihr seit
Rentenbeginn im Jahr 2003 unbestrittenermassen immer eine 50%ige
leidensangepasste Tätigkeit zumutbar. Unter diesen Umständen kann sie aus ihrem
Alter nichts zu ihren Gunsten ableiten (vgl. Urteile 8C_884/2017 vom 24. Mai 2018 E.
4.3 und 8C_96/2014 vom 23. Mai 2014 E. 6.3).
3.2.
Ausgehend von einer Arbeitsunfähigkeit von 20% verbleibt die Bestimmung des
Invaliditätsgrads. Dieser ist vorliegend auf Grund eines Einkommensvergleichs zu
bestimmen. Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente,
wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente,
wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50%
vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
4.1.
Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in der die versicherte Person konkret steht. Hat sie
nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an sich
zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen, so sind statistische Werte
(Tabellenlöhne) beizuziehen (BGE 129 V 472 E. 4.2.1). Die Beschwerdegegnerin ging
beim Valideneinkommen von einem Lohn als Verkäuferin aus, weil die
Beschwerdeführerin von Dezember 2000 bis Februar 2001 während drei Monaten als
solche bei einer Z._ Filiale angestellt gewesen war (vgl. IV-act. 250, sowie 28, 48).
Beim Invalideneinkommen wurde auf die Löhne der Schweizerischen
Lohnstrukturerhebung (LSE; Tabelle TA1) abgestellt. Vorliegend erscheint fraglich, ob
an diesem Valideneinkommen festgehalten werden kann. Auch wenn zu Gunsten der
Beschwerdeführerin beim Valideneinkommen auf die Hilfsarbeiter-Löhne der
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE; Tabelle TA1) abgestellt wird, was einem
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
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St.Galler Gerichte
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