Decision ID: 3fcf65c6-5797-467f-af2f-51c27e0fbcd9
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
K._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Kurt Sintzel, Löwenstrasse 54, Postfach 2028,
8021 Zürich 1,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenrevision und berufliche Massnahmen
Sachverhalt:
A.
A.a K._, geboren 1971, meldete sich am 19. März 1999 aufgrund ihres seit Geburt
bestehenden Hüftleidens zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (act.
G 7.1/1). Der behandelnde Arzt Dr. med. A._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin,
diagnostizierte im Arztbericht vom 8. April 1999 einen Status nach Implantation einer
Hüft-TP links am 15. Juli 1996 bei kongenitaler Hüftluxation links, eine Hüftdysplasie
rechts und depressive Symptome bei psychosozialen Konfliktsituationen (act.
G 7.1/7.1 f.). Am 12. Mai 1999 berichtete Dr. A._, dass der Versicherten die
Ausübung einer leichten Tätigkeit mit sitzender und zeitweise stehender Tätigkeit ohne
Gehen während 6 bis 8 Stunden pro Tag möglich sei (act. G 7.1/8.2). In der
Stellungnahme des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) vom 10. Juni 1999 wurde der
Versicherten eine 50%ige Arbeitsfähigkeit in einer hüftschonenden Tätigkeit attestiert
(act. G 7.1/9.1).
A.b Mit Verfügung vom 23. September 1999 lehnte die IV-Stelle die Gewährung
beruflicher Massnahmen ab (act. G 7.1/23). Am 20. Dezember 1999 verfügte sie
basierend auf einem ermittelten Invaliditätsgrad von 57% mit Wirkung ab 1. März 1998
eine halbe Rente (act. G 7.1/28 f.).
A.c Die Versicherte gab am 9. Mai 2001 der IV-Stelle an, dass sich ihr
Gesundheitszustand verschlimmert habe (heftige Schmerzen im Rücken und an den
Hüften; act. G 7.1/40). Im Verlaufsbericht vom 11. Juli 2001 bestätigte Dr. A._ die
Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Er diagnostizierte neu eine
Schmerzausweitung sowie eine Depression (act. G 7.1/43).
A.d Vom 5. bis 7. März 2002 wurde die Versicherte durch die MEDAS Zentralschweiz
polydisziplinär begutachtet (act. G 7.1/49.1 ff.). Zusätzlich fand am 7. März 2002 ein
berufsberaterisches Gespräch in der B._ statt (act. G 7.1/49.25 f.). Mit wesentlicher
Einschränkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierten die Gutachter eine depressiv
gefärbte Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2); Hüftschmerzen bei angeborener
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dysplasie beidseits (ICD-10: Q65.0/65.8) bei Zustand nach Reposition einer hohen
Luxation und Implantation einer Totalendoprothese links am 15. Juli 1996, aktuell
Periarthropathia coxae und Insuffizienz der Glutealmuskulatur (ICD-10: T84.8), bei
Hüftdysplasie rechts mit beginnender Sekundärarthrose und Insuffizienz der
Glutealmuskulatur (ICD-10: M16.3); ein panvertebrales Schmerzsyndrom (ICD-10:
M54.8) bei Fehlstatik/Fehlform der Wirbelsäule und rechtskonvexer Torsionsskoliose.
Die Gutachter kamen zum Schluss, dass die Versicherte für eine körperlich leichte
Tätigkeit, die vorwiegend in sitzender Position geleistet werden könne, die aber in
regelmässigen Abständen auch das Wechseln der Körperstellung erlaube, mit Wirkung
ab 20. März 2002 zu 60% arbeitsfähig sei. Die Einschränkung in der Leistungsfähigkeit
werde in erster Linie durch die psychiatrischen Befunde verursacht, weniger durch die
rheumatologischen Befunde (act. G 7.1/49.14 ff.). Die Abklärungsperson der B._hielt
im Bericht vom 20. März 2002 fest, dass die Versicherte zurzeit die Schule für
Sozialbegleitung – eine Ausbildung, deren Kosten von der IV nicht übernommen
worden seien – besuche und in diesem Zusammenhang einen von der IV zu
bezahlenden Deutschkurs bekommen wolle. Die Abklärungsperson empfahl, die IV
solle die Unterstützung beim Sprachkurs überprüfen (act. G 7.1/49.25 f.).
A.e Mit Vorbescheid vom 16. Juli 2002 stellte die IV-Stelle der Versicherten in Aussicht,
gestützt auf den neu ermittelten Invaliditätsgrad von 40% eine Viertelsrente
auszurichten. Um das Vorliegen eines wirtschaftlichen Härtefalles und die Ausrichtung
einer halben (Härtefall-)Rente prüfen zu können, ersuchte die IV-Stelle die Versicherte,
das entsprechende Ergänzungsblatt ausgefüllt einzureichen (act. G 7.1/54).
B.
B.a Dagegen erhob die Versicherte am 16. September 2002 Einwand und beantragte,
es sei weiterhin eine halbe Invalidenrente auszurichten. Sie rügte, dass es sich bei der
MEDAS-Begutachtung nicht um eine erforderliche Verlaufsbegutachtung handle,
weshalb nicht auf deren Ergebnisse abgestellt werden dürfe. Ferner bestünden weitere
Mängel am MEDAS-Gutachten (act. G 7.1/62).
B.b Mit Verfügung vom 27. Februar 2003 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit
Wirkung ab 1. März 2003 bei einem Invaliditätsgrad von 40% eine halbe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Härtefall-)Rente zu (act. G 7.1/72). Gleichentags teilte die Versicherte der IV-Stelle mit,
dass sie infolge einer Pfannenlockerung erneut im Bereich der linken Hüfte habe
operiert werden müssen (act. G 7.1/73). Am 18. März 2003 berichtete Prof. Dr. med.
C._, Chefarzt der Klinik für Orthopädische Chirurgie, dass er vorderhand keine
Arbeitsfähigkeit bei der Versicherten sehe, da sie sehr komplex geschädigt sei. Falls
eine Arbeitsfähigkeit wieder realisierbar sein solle, dann nur unter wahrscheinlich
mehrjährigen psychotherapeutischen Behandlungen, ganz abgesehen vom Zustand
der Hüften (act. G 7.1/76).
C.
C.a Die Versicherte erhob am 31. März 2003 Einsprache gegen die Verfügung vom
27. Februar 2003 und beantragte deren Aufhebung und die Ausrichtung einer ganzen
Rente. Die Begründung lautete im Wesentlichen gleich wie diejenige des Einwandes
(act. G 7.1/78). Die IV-Stelle widerrief darauf hin am 30. April 2003 die angefochtene
Verfügung vom 27. Februar 2003 und stellte in Aussicht, dass nach Durchführung von
weiteren Abklärungen neu verfügt werde (act. G 7.1/82).
C.b Am 4. Januar 2004 wurde die Versicherte ein weiteres Mal an der Hüfte operiert
(vgl. act. G 7.1/104 und 114.8) und befand sich anschliessend vom 22. Januar bis
12. Mai 2004 in der Rehabilitationsklinik Rheinfelden (act. G 7.1/117.1 ff.).
C.c Dr. A._ berichtete am 24. Februar 2005, dass es bei der Versicherten zu einer
psychischen Dekompensation gekommen sei und sie vom 15. bis 18. Februar 2005 in
der Psychiatrischen Klinik in Wil hospitalisiert gewesen sei (act. G 7.1/134.2).
C.d Die Versicherte wurde am 11. und 12. Juli 2006 erneut durch die MEDAS
Zentralschweiz interdisziplinär begutachtet. Die Gutachter stellten folgende Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: Hüftschmerzen beidseits und schwere
Gehbehinderung bei Status nach kongenitaler Hüftdysplasie beidseits mit Status nach
Luxation links, Subluxation rechts; Zervikalsyndrom; beginnende Rhizarthrosen
beidseits möglich, Handgelenksganglion dorsal rechts; klinisch mögliche Arthrosen des
unteren und oberen Sprunggelenkes links; Hallux valgus und leichter Hohl-Spreizfuss
links; posttraumatische Belastungsstörung; andauernde Persönlichkeitsänderung nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Extrembelastung; Dysthymia; rezidivierende Depression, gegenwärtig leichte bis
mittelgradige depressive Episode ohne somatisches Syndrom und Panikstörung
(episodisch paroxysmale Angst). Für eine körperlich leichte, vorwiegend sitzende
Tätigkeit beurteilten die Gutachter die Versicherte ab "etwa Anfang 2003" als zu 40%
arbeitsfähig. Sie sei aber in den Jahren ab 2003 bis jetzt auch immer wieder längere
Monate zu 100% arbeitsunfähig gewesen. Erneute orthopädische Massnahmen
(Korrektureingriffe, Entfernung von Osteosynthesematerial) seien bereits geplant.
Vorübergehend werde die Arbeitsfähigkeit in den nächsten zwei Jahren wieder
längerfristig 0% betragen. Was berufliche Massnahmen anbelangt, hielten die
Gutachter fest, die Versicherte habe die Schule für Sozialbegleitung abgeschlossen,
aber das entsprechende Diplom nicht erlangt, weil sie keine Diplomarbeit geschrieben
habe. Zum Erstellen einer solchen wäre sie in der Lage. Es werde dringend empfohlen,
dass der Versicherten geholfen werde, ihren Abschluss als Sozialbegleiterin zu machen
(act. G 7.1/149.1 ff.).
C.e Mit Vorbescheid vom 21. November 2006 stellte die IV-Stelle gestützt auf den
ermittelten Invaliditätsgrad von 60% mit Wirkung ab 1. April 2003 eine Dreiviertelsrente
in Aussicht (act. G 7.1/155).
D.
D.a Dagegen erhob die Versicherte am 9. Januar 2007 Einwand. Sie beantragte mit
Wirkung ab Februar 2002 die Ausrichtung einer "vollen" (recte: ganzen) Rente sowie
die Gewährung von beruflichen Massnahmen (act. G 7.1/157). In der ergänzenden
Einwandbegründung vom 1. Februar 2007 stellte sie sich auf den Standpunkt, dass
sich aus den medizinischen Akten ein Anspruch auf eine ganze Rente mit Wirkung ab
Februar 2002 ergebe (act. G 7.1/160).
D.b Am 4. April 2007 (Eröffnung am 26. April 2007) verfügte die IV-Stelle ab 1. April
2003 eine halbe und ab Januar 2004 eine Dreiviertelsrente (act. G 7.1/170). Einen
Anspruch auf berufliche Massnahmen lehnte sie ab, da die Versicherte als
Hilfsarbeiterin zu qualifizieren sei (act. G 7.1/174).
E.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E.a Gegen die Verfügung vom 4. April 2007 richtet sich die am 24. Mai 2007 erhobene
Beschwerde. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter Kosten- und
Entschädigungsfolge deren Aufhebung sowie die Zusprache einer "vollen" (recte:
ganzen) Rente mit Wirkung ab Februar 2002. Ferner seien berufliche Massnahmen zur
Wiedereingliederung durchzuführen. Es sei ihr ausserdem die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung zu gewähren. Die Beschwerdeführerin rügt, dass die Zusprache
einer Dreiviertelsrente weder in zeitlicher noch in sachlicher Hinsicht korrekt sei.
Aufgrund der zahlreichen Operationen und deren Folgen sei eine durchgehende
100%ige Arbeitsunfähigkeit offensichtlich. Die Voraussetzungen zur Gewährung
beruflicher Massnahmen seien erfüllt. Die Auffassung der Beschwerdegegnerin, ein
Anspruch auf berufliche Massnahmen bestehe nicht, weil die Beschwerdeführerin als
Hilfsarbeiterin zu qualifizieren sei, vermöge nicht zu überzeugen (act. G 1). Sofern die
bisherigen Unterlagen nicht ausreichend sein sollten, beantragt die Beschwerdeführerin
mit Eingabe vom 29. Mai 2007 die Durchführung einer neuen medizinischen Expertise
(act. G 3).
E.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 7. August 2007
die Beschwerdeabweisung. Sie bringt vor, dass eine Verschlechterung des
Gesundheitszustandes im Februar 2002 nicht ausgewiesen sei, sondern gestützt auf
das beweistaugliche MEDAS-Gutachten vom 31. August 2006 erst ab Anfang 2003
bejaht werden könne. Aus der jeweils unmittelbar nach einer Operation vorliegenden
vollen Arbeitsunfähigkeit könne die Beschwerdegegnerin nichts zu ihren Gunsten
ableiten, ansonsten "jedem Frischoperierten" eine ganze Rente auszurichten wäre. Der
vorgenommene Einkommensvergleich sei korrekt und werde auch nicht bestritten.
Aufgrund eines Invaliditätsgrades von 60% habe die Beschwerdeführerin bis Ende
2003 Anspruch auf eine halbe Rente und ab dem 1. Januar 2004 (Datum des
Inkrafttretens der 4. IVG-Revision) Anspruch auf eine Dreiviertelsrente (act. G 7).
E.c In der Replik vom 2. Oktober 2007 bringt die Beschwerdeführerin vor, dass beide
MEDAS-Gutachten nicht beweistauglich seien und nicht auf deren Beurteilungen der
Arbeitsfähigkeit abgestellt werden dürfe. Es sei bemerkenswert, dass die
Beschwerdegegnerin sich mit keinem Wort zum Antrag auf Durchführung beruflicher
Massnahmen geäussert habe. Dieser Antrag sei offenbar unbestritten. Am besten sei
für die Beschwerdeführerin das Einschulen in eine künstlerische Tätigkeit. Zurzeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
besuche sie einen Kurs für Dokumentarfilmtechnik. Sie arbeite auch an einem
Filmprojekt mit (act. G 12).
E.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet (act. G 14).
E.e Am 6. Oktober 2008 reicht die Beschwerdeführerin ein Arztzeugnis der
behandelnden Psychologin vom 2. Juli 2008 ein. Darin berichtet diese, dass die
Beschwerdeführerin bis auf weiteres 100% arbeitsunfähig sei (act. G 16.1). Sie sei
verzweifelt und am Ende ihrer Kräfte. Ein Grund sei, dass die Beschwerdegegnerin bis
heute die beantragten Eingliederungsmassnahmen nicht durchgeführt habe. Allerdings
bezweifle sie, ob sie heute noch in der Lage sei, solche Massnahmen überhaupt
durchzustehen (act. G 16).

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss aArt. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20, in der bis 31. Dezember 2003 gültigen Fassung) haben Versicherte
Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie mindestens zu 66 / Prozent, auf eine halbe
Rente, wenn sie mindestens zu 50 Prozent oder auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 Prozent invalid sind. In Härtefällen besteht gemäss aArt. 28 Abs. 1
IVG bereits bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent Anspruch auf eine
halbe Rente. Gemäss aArt. 28 Abs. 1 IVG (in der bis 31. Dezember 2007 gültigen
Fassung) haben Versicherte, die zu mindestens 40 Prozent invalid sind, Anspruch auf
eine Rente. Diese wird wie folgt nach dem Grad der Invalidität abgestuft: Bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent besteht Anspruch auf einen Viertel einer
ganzen Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 Prozent auf einen Zweitel
einer ganzen Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 Prozent auf drei
Viertel einer ganzen Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 Prozent
auf eine ganze Rente (aArt. 28 Abs. 2 IVG).
1.2 Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss aArt. 28 IVG
aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen (Art. 16 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Dazu wird
2 3
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und
nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sogenanntes Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (sogenanntes Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der
Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen
ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden,
worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt
(allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; vgl. BGE 128 V 30 E. 1).
1.3 Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers bzw. einer Rentenbezügerin
erheblich, so wird die Rente gemäss Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) von Amtes wegen
oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder
aufgehoben (vgl. vor der Herrschaft des ATSG aArt. 41 IVG). Anlass zu einer
Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die
geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen. Ob
eine solche Änderung eingetreten ist, beurteilt sich durch Vergleich des Sachverhalts,
wie er im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenverfügung bestanden hat, mit
demjenigen zur Zeit der streitigen Revisionsverfügung (vgl. BGE 125 V 369 E. 2 mit
Hinweis). Eine bloss unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen gleich
gebliebenen Sachverhalts stellt praxisgemäss keine revisionsbegründende Änderung
dar (BGE 112 V 372 E. 2 mit Hinweisen). Eine anspruchsbeeinflussende Änderung –
zum Beispiel eine massgebliche Verbesserung oder Verschlimmerung des
Gesundheitszustandes – ist zu berücksichtigen, sobald sie ohne wesentliche
Unterbrechung drei Monate angedauert hat (Art. 88a der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]).
1.4 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125
V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und
demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung
des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Diese Untersuchungspflicht dauert so
lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen Anspruchs erforderlichen
Tatsachen hinreichende Klarheit besteht. Führen die im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes von Amtes wegen vorzunehmenden Abklärungen den
Versicherungsträger oder das Gericht bei umfassender, sorgfältiger, objektiver und
inhaltsbezogener Beweiswürdigung (BGE 132 V 400 E. 4.1) zur Überzeugung, ein
bestimmter Sachverhalt sei überwiegend wahrscheinlich (BGE 126 V 360 E. 5b mit
Hinweisen) und es könnten weitere Beweismassnahmen an diesem feststehenden
Ergebnis nichts mehr ändern, so ist eine solche antizipierte Beweiswürdigung zulässig,
und es liegt insoweit weder eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes noch des
Anspruchs auf rechtliches Gehör vor (SVR 2001 IV Nr. 10 S. 28 E. 4b mit Hinweisen).
1.5 Die Rechtsprechung hat es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als
vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und
Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das
im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen
Spezialärzten, die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie
nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft,
solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen
(BGE 125 V 351 E. 3b/bb). Dies bedeutet nicht, dass Parteigutachten durch den
Umstand allein, dass sie von einer Partei eingeholt und in das Verfahren eingebracht
wurden, ohne weiteres minder beweiskräftig sind. Denn auch sie können nützliche
Äusserungen zum medizinischen Sachverhalt enthalten. Daraus folgt wiederum nicht,
dass sie den gleichen Rang wie ein vom Gericht oder vom Sozialversicherer nach dem
vorgegebenen Verfahrensrecht eingeholtes Gutachten besitzen. Relevant werden sie
nur, wenn ihre Aussagen die Auffassungen und Schlussfolgerungen des förmlich
bestellten Gutachtens in rechtserheblichen Fragen derart zu erschüttern vermögen,
dass davon abzuweichen wäre (BGE 125 V 351 E. 3c). Was Berichte von Hausärzten
angeht, so darf diesen nicht zum Vorneherein jede Glaubwürdigkeit abgesprochen
werden. Indes muss die Erfahrungstatsache mitberücksichtigt werden, dass Hausärzte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher
zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE 125 V 351 E. 3b/cc).
2.
2.1 Aufgrund der medizinischen Akten steht fest und wird von den Parteien nicht
bestritten, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin rentenrelevant
verschlechtert hat. Zwischen den Parteien ist hingegen die Höhe und der Zeitpunkt der
– verschlechterten – Arbeitsfähigkeit bzw. die Rentenhöhe strittig. Die
Beschwerdegegnerin ermittelte gestützt auf das MEDAS-Gutachten vom 31. August
2006 (act. G 7.1/149.1 ff.) eine 40%ige Arbeitsfähigkeit ab Januar 2003 und einen
Anspruch auf eine Dreiviertelsrente ab Januar 2004. Die Beschwerdeführerin wendet
dagegen ein, sie sei zu 100% arbeitsunfähig und habe seit Februar 2002 Anspruch auf
eine ganze Rente.
2.2 Im Hinblick auf die Würdigung der medizinischen Situation fällt ins Gewicht, dass
das MEDAS-Gutachten vom 31. August 2006 auf eigenständigen interdisziplinären
Abklärungen, mithin auf allseitigen Untersuchungen beruht und damit für die streitigen
Belange umfassend ist. Die Vorakten wurden verwertet und die von der
Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden wurden berücksichtigt und gewürdigt.
Das MEDAS-Gutachten leuchtet in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge
und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Vor diesem Hintergrund
vermögen auch die darin enthaltenen Schlussfolgerungen, namentlich die Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit – entgegen der Auffassung der Beschwerdeführerin – zu
überzeugen. Das MEDAS-Gutachten erfüllt alle praxisgemässen Kriterien für
beweiskräftige Gutachten (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a), so dass grundsätzlich darauf
abzustellen ist.
2.3 Die Beschwerdeführerin vermag denn auch bezüglich der echtzeitlichen
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung keine konkreten Mängel am MEDAS-Gutachten oder der
Gutachtenserstellung zu benennen. Ebenso ist die fachärztliche Qualifikation der
Gutachter unbestritten geblieben. Ihre Kritik an der gutachterlichen
Arbeitsfähigkeitseinschätzung stützt die Beschwerdeführerin hauptsächlich auf ihre
Selbsteinschätzung und das Argument, dass sie infolge der zahlreichen Operationen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von den behandelnden Ärzten immer wieder zu 100% arbeitsunfähig geschrieben
worden sei. Diese Vorbringen vermögen – zumindest – die echtzeitliche
Arbeitsfähigkeitseinschätzung (40%ige Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten
Tätigkeit) der Gutachter nicht ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Weiter zu prüfen ist
hingegen, ob auch die durch die Gutachter rückwirkend vorgenommene
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung, namentlich auch der Beginn der Verschlechterung, zu
überzeugen vermag.
2.4 Seit der Verfügung vom 6. Februar 2001 gestaltete sich der gesundheitliche Verlauf
wie folgt: Die Beschwerdeführerin teilte am 25. April 2001 mit, dass sich ihr
Gesundheitszustand verschlechtert habe (act. G 7.1/39). Dr. A._ berichtete am
17. Mai 2001, dass die Beschwerdeführerin seit 16. Dezember 1999 nicht mehr von
ihm behandelt worden sei (act. G 7.1/41). Am 11. Juli 2001 gab er an, die
Beschwerdeführerin habe sich wieder bei ihm gemeldet. Er stellte fest, dass sich ihr
Gesundheitszustand verschlechtert habe und neu eine Schmerzausbreitung sowie eine
Depression diagnostiziert werde (act. G 7.1/43). Die Experten der MEDAS beurteilten
die Beschwerdeführerin im Gutachten vom 22. März 2002 in einer leidensadaptierten
Tätigkeit mit Wirkung ab 20. März 2002 zu 60% arbeitsfähig; für die Zeit zuvor gelte die
Arbeitsfähigkeit, die als Grundlage für die erstmalige Rentenzusprache gedient habe
(act. G 7.1/49.15 f.). In Ergänzung hierzu bringen die MEDAS-Gutachter am
16. Oktober 2002 zum Ausdruck, dass ihr Gutachten kein Verlaufsgutachten ("Es trifft
zu, dass dabei das Erheben der für diese Beurteilung relevanten Befunde unabhängig
von früher gemachten Feststellungen erfolgte."), sondern vielmehr eine im Vergleich zur
früheren medizinischen Aktenlage abweichende Arbeitsfähigkeitsbeurteilung darstellt.
Dies äussert sich auch in der erheblichen Kritik an dem der erstmaligen
Rentenzusprache zugrunde gelegten Arztbericht (act. G 7.1/65). Nach dem operativen
Hüftpfannenwechsel (Hospitalisation vom 17. September bis 7. Oktober 2002; vgl. act.
G 7.1/149.6) attestierte Dr. C._ im undatierten Arztbericht (Posteingang 3. Dezember
2002) "in nächster Zeit" eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Es brauche aber sicher dazu
noch eine stationäre Abklärung (act. G 7.1/66). Am 14. Februar 2003 berichtete
Dr. C._, dass die Beschwerdeführerin aufgrund des schwierigen postoperativen
Verlaufs und der ganzen psychosozialen Aspekte vollständig invalid sei (act. G 7.1/71).
Mit Schreiben vom 18. März 2003 teilte er der Beschwerdegegnerin mit, dass er
vorderhand keine Arbeitsfähigkeit sehe, da die Beschwerdeführerin sehr komplex
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geschädigt sei. Falls eine Arbeitsfähigkeit wieder realisierbar sein solle, dann "nur unter
wahrscheinlich mehrjährigen psychotherapeutischen Behandlungen, ganz abgesehen
vom Zustand der Hüften" (act. G 7.1/76). Vom 4. bis 22. Januar 2004 befand sich die
Beschwerdeführerin in der Universitätsklinik für Orthopädische Chirurgie des
Inselspitals Bern. Sie wurde am 5. Januar 2004 operiert (Spongiosaentnahme
Beckenkamm rechts, Rekonstruktion Pfannenkomplex auf Höhe Primärpfanne und
Femurschaftverkürzungsosteotomie links; act. G 7.1/114.8). Vom 4. Januar 2004 "bis
auf weiteres" attestierte Dr. med. D._ von der Universitätsklinik für Orthopädische
Chirurgie des Inselspitals Bern eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 7.1/114.1). Vom
22. Januar bis 12. Mai 2004 war die Beschwerdeführerin in der Rehaklinik Rheinfelden
hospitalisiert (act. G 7.1/117). Im Verlaufsbericht vom 30. August 2004 teilten die
behandelnden Ärzte des Inselspitals mit, dass sich nun ein erfreulicher Verlauf zeige;
die Beschwerdeführerin werde für die Metallentfernung aufgeboten werden. Zur
Arbeitsfähigkeit äusserten sie sich nicht (act. G 7.1/127). Vom 15. bis 18. Februar 2005
war die Beschwerdeführerin aufgrund einer psychischen Dekompensation in der
Psychiatrischen Klinik Wil hospitalisiert. Dr. A._ berichtete am 24. Februar 2005, dass
die psychische Lage zurzeit instabil sei und die Beschwerdeführerin nicht in der Lage
sei, eine MEDAS-Untersuchung durchzustehen (act. G 7.1/134). Im zweiten MEDAS-
Gutachten vom 31. August 2006 sind für das Jahr 2005 weitere Hospitalisationen
aufgeführt (act. G 7.1/149.10 ff.). Die Experten kamen zum Schluss, dass seit etwa
Anfang 2003 von einer 60%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen sei. Dabei
bezeichneten sie die Gesamtsituation als äusserst komplex. Die Verschlechterung habe
sich relativ bald nach der ersten Begutachtung des Jahres 2002 langsam und
schleichend eingestellt. Die Beschwerdeführerin sei seit dieser Begutachtung mehreren
operativen Eingriffen mit jeweils langen Rehabilitationsphasen unterzogen worden. Sie
sei auch einige Male notfallmässig psychiatrisch hospitalisiert worden. Ferner weisen
die Gutachter darauf hin, dass sie in den Jahren ab 2003 bis jetzt auch immer wieder
längere Monate zu 100% arbeitsunfähig gewesen sei (act. G 7.1/149.31 f.).
2.5 Der medizinischen Aktenlage ist zu entnehmen, dass bis September 2002 keine
rentenrelevante Verschlechterung der Arbeitsfähigkeit echtzeitlich ausgewiesen ist.
Wegen des operativen Hüftpfannenwechsels (Hospitalisation vom 17. September bis
7. Oktober 2002; vgl. act. G 7.1/149.6) attestierte Dr. C._ im undatierten Arztbericht
(Posteingang 3. Dezember 2002) "in nächster Zeit" eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(act. G 7.1/66). In der Folgezeit gingen sämtliche behandelnden Ärzte – soweit sie sich
dazu äusserten – von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit aus (vgl. act. G 7.1/71, 76,
114.1 und 117.2). Selbst die MEDAS-Gutachter wiesen auf die immer wieder längere
Monate dauernde 100%ige Arbeitsunfähigkeit hin (act. G 7.1/149.32). Gestützt auf die
echtzeitlichen medizinischen Berichte der behandelnden Ärzte – an denen die MEDAS-
Gutachter keine Zweifel äusserten – ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass sich der Gesundheitszustand ab September 2002 erheblich
verschlechtert hat. Diese Auffassung wird auch durch die MEDAS-Gutachter gestützt,
wenn sie festhalten, dass die Verschlechterung sich relativ bald nach der letzten
Begutachtung vom März 2002 langsam und schleichend eingestellt habe (act.
G 7.1/149.32).
2.6 Die Fragen, ob sich seit der zweiten MEDAS-Begutachtung die Arbeitsfähigkeit
weiter unter 40% verringert und ob seither überhaupt noch eine verwertbare
Resterwerbsfähigkeit bestanden hat, können offen gelassen werden, wie sich aus
nachfolgendem Einkommensvergleich ergibt.
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin stellte bei der Bestimmung des Invaliditätsgrades sowohl
für das Validen- als auch für das Invalideneinkommen auf die Tabellenlöhne der LSE
ab. Dieses Vorgehen ist nicht zu beanstanden und wird von der Beschwerdeführerin
auch nicht bestritten. Das Bundesgericht nimmt in derartigen Fällen, wo zur
Bestimmung des Validen- und Invalideneinkommens dieselbe Vergleichsgrösse
herangezogen wird, einen Prozentvergleich vor. Diesfalls entspricht der Invaliditätsgrad
dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichtigung des Abzuges vom
Tabellenlohn (Urteil des Bundesgerichts vom 9. März 2007 i.S. S., I 697/05, E. 5.4 mit
Hinweis). In Anwendung eines Prozentvergleichs bleibt zur Bestimmung des
Invalideneinkommens nachfolgend noch die Höhe des Abzuges vom Tabellenlohn zu
prüfen (zur Überprüfungsbefugnis bezüglich der einzelnen Teilaspekte im
Revisionsverfahren vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 24. August 2007 i.S. M.,
9C_237/07, E. 4 mit Hinweis).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Nach der Rechtsprechung können die statistischen Löhne um bis zu 25% gekürzt
werden, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass versicherte Personen mit einer
gesundheitlichen Beeinträchtigung in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau nicht
erreichen (RKUV 1999 Nr. U242 S. 412 E. 4b/bb) bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichen Erfolg zu
verwerten in der Lage sind. Dabei handelt es sich um einen allgemeinen
behinderungsbedingten Abzug (BGE 126 V 78 E. 5a/bb). Nach der Rechtsprechung
hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von
sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen – auch von invaliditätsfremden
Faktoren – des konkreten Einzelfalles ab (namentlich leidensbedingte Einschränkung,
Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach
pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen sind, wobei der maximal zulässige
Abzug auf 25% festzusetzen ist. Eine schematische Vornahme des sogenannten
Leidensabzuges ist unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b, bestätigt in AHI 2002 S. 62 und
BGE 129 V 481 E. 4.2.3 mit Hinweisen).
3.3 Während die Beschwerdegegnerin bei der erstmaligen Rentenzusprache noch
einen Abzug von 10% anerkannte (act. G 7.1/28; vgl. act. G 7.1/24), berücksichtigte sie
in der angefochtenen Verfügung keinen Abzug (vgl. act. G 7.1/169). Die Verweigerung
eines Leidensabzuges hält einer Ermessensprüfung nicht stand. Ins Gewicht fällt vor
allem, dass die Beschwerdeführerin auch in Zukunft aufgrund weiterer Hospitalisations-
und längerer Rehabilitationsphasen längerfristig – wenn auch vorübergehend – zu
100% arbeitsunfähig sein wird (act. G 7.1/149.31). Zumutbar sind der
Beschwerdeführerin nur noch körperlich leichte, vorwiegend eher sitzende Tätigkeiten
(act. G 7.1/149.30 f.). Ferner sind allfällige Arbeitszeiten auf einen Tag aufzuteilen (2 bis
2,5 Stunden morgens und 2 bis 2,5 Stunden nachmittags) und es muss die Möglichkeit
zu Bewegungs- und Positionswechsel sowie für Entlastungspausen bestehen (act.
G 7.1/149.36). Nach dem Gesagten besteht selbst bei einfachen und repetitiven
Tätigkeiten im Anforderungsniveau 4 nur noch ein erheblich eingeschränkter Bereich
für mögliche Arbeitsplätze, was im Rahmen des Abzuges vom Tabellenlohn zu
berücksichtigen ist. Erheblich lohnsenkend wirken sich auch die in Zukunft zu
erwartende lange Abwesenheit vom Arbeitsmarkt aufgrund diverser stationärer
medizinischer Massnahmen (vgl. act. G 7.1/149.31) aus. Die vorliegend zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beurteilenden persönlichen und beruflichen Gegebenheiten rechtfertigen den
höchstzulässigen Leidensabzug von 25%.
3.4 Unter Berücksichtigung eines 25%igen Leidensabzuges resultiert in Anwendung
eines Prozentvergleichs (vgl. hierzu vorstehende E. 3.1) ein Invaliditätsgrad von 70%
(60% + [40% x 0.25]) und somit ein Anspruch auf eine ganze Rente. Der Beginn der
Rentenerhöhung richtet sich nach Art. 88a Abs. 2 IVV. Da der Beginn der
gesundheitlichen Verschlechterung auf September 2002 festzusetzen ist (vgl.
vorstehende E. 2.5), hat die Beschwerdeführerin ab 1. Dezember 2002 einen Anspruch
auf eine ganze Rente.
4.
4.1 Zu prüfen bleibt noch der allfällige Anspruch der Beschwerdeführerin auf berufliche
Massnahmen.
4.2 Die gleichzeitige Zusprechung beruflicher Massnahmen und einer Rente ist nicht
von vornherein ausgeschlossen. Der Grundsatz "Eingliederung vor Rente" ist
insbesondere dann nicht aktuell, wenn sich der rentenbegründende Invaliditätsgrad
durch (nicht von Taggeld begleitete) Eingliederungsmassnahmen nicht beeinflussen
lässt (Urteil des Bundesgerichts vom 6. Mai 2008 i.S. P., 9C_494/07 E. 3.1; vgl.
BGE 122 V 79 E. 3b).
4.3 Gemäss Art. 17 Abs. 1 IVG hat die versicherte Person Anspruch auf Umschulung
auf eine neue Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist
und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden
kann. Nach der Rechtsprechung ist unter Umschulung grundsätzlich die Summe der
Eingliederungsmassnahmen berufsbildender Art zu verstehen, die notwendig und
geeignet sind, der vor Eintritt der Invalidität bereits erwerbstätig gewesenen
versicherten Person eine ihrer früheren annähernd gleichwertige Erwerbsmöglichkeit zu
vermitteln (BGE 124 V 109 f. E. 2a). Die Umschulung hat die versicherte Person in die
Lage zu versetzen, eine solche Erwerbstätigkeit auszuüben (BGE 122 V 79 E. 3b/bb).
Als invalid im Sinne von Art. 17 IVG gilt eine versicherte Person, wenn sie wegen der
Art und Schwere des Gesundheitsschadens im bisher ausgeübten Beruf und in den ihr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ohne zusätzliche berufliche Ausbildung offen stehenden zumutbaren
Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbseinbusse von
mindestens etwa 20 % erleidet (Entscheide des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 22. Januar 2004 i.S. A., I 91/03; BGE 124 V 110 f. E. 2b; AHI 2000
S. 62 E. 1). Bei ausgebildeten Personen bemisst sich die Erwerbseinbusse durch
Vergleich des Einkommens, das sie in dem vor der Invalidität ausgeübten Beruf erzielen
konnten, mit dem Einkommen, das sie mit Invalidität dort noch erzielen können. Bei
Hilfsarbeitern und Hilfsarbeiterinnen hingegen ist es, wenn sie ihre bisherige
Erwerbstätigkeit krankheits- oder unfallbedingt nicht mehr ausüben können,
grundsätzlich ohne berufliche Massnahmen möglich, in eine andere, ihrer Behinderung
angepasste Hilfsarbeitertätigkeit zu wechseln. Im Gegensatz zur (ganz oder teilweise)
berufsunfähig gewordenen ausgebildeten versicherten Person bemisst sich die
umschulungsspezifische Invalidität bei Hilfskräften nicht nach der konkreten
Erwerbseinbusse am letzten Arbeitsplatz, sondern nach der Erwerbseinbusse in einer
der Behinderung angepassten Hilfsarbeit. Dabei ist auf den allgemeinen und
ausgeglichenen Arbeitsmarkt abzustellen, weil sonst eine konjunkturbedingte
Unmöglichkeit, eine Stelle zu finden (also die Arbeitslosigkeit), in die Beurteilung der
Umschulungsinvalidität einfliessen könnte (auf dem Internet publizierter Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 20. Juni 2007, IV 2006/152, E. 4a).
4.4 Da die Beschwerdeführerin auch bei einer Beschäftigung zu mindestens 60% in
einer behinderungsadäquaten Hilfsarbeit eine Erwerbseinbusse von weit über 20%
aufweist, besteht dem Grundsatz nach (Urteil des EVG vom 14. Oktober 2004 i.S. J.,
I 168/04) Anspruch auf berufliche Massnahmen.
4.5 Das damalige Eidgenössische Versicherungsgericht hat den Grundsatz bestätigt,
dass auch bei Hilfskräften, zu denen die Beschwerdeführerin zu zählen ist, das
Verhältnismässigkeitsprinzip zu wahren ist (Urteil des EVG vom 14. Oktober 2004
i.S. J., I 168/04). Der voraussichtliche Erfolg einer Eingliederungsmassnahme muss in
einem vernünftigen Verhältnis zu ihren Kosten stehen (BGE 121 V 260 E. 2c mit
Hinweisen), womit unangemessen teure Ausbildungen vom Anspruch ausgeschlossen
sind. Eine Umschulung, welche zu einem wesentlich höheren Einkommen führen
würde, als es mit der bisherigen (Hilfs-)Tätigkeit erzielt worden wäre, fällt ebenfalls
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausser Betracht (Urteil des EVG vom 30. September 2004 i.S. T., I 73/04, E. 4). Das
Gleichwertigkeitsprinzip als Konkretisierung des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes zur
Anwendung zu bringen, ist bei Hilfskräften allerdings von vornherein nicht möglich.
Dieses Erfordernis für sich allein schlösse einen Umschulungsanspruch eines
Hilfsarbeiters aus. Mit der Finanzierung einer Berufslehre für einen Hilfsarbeiter oder
eine Hilfsarbeiterin wird in jedem Fall ein Ungleichgewicht zur bisherigen Tätigkeit
hergestellt. Denn bei Hilfskräften gibt es im Grunde nichts "umzuschulen" und es ist
keine Vorbildung verloren gegangen wie bei gelernten Arbeitskräften, sondern es kann
nur eine erstmalige Berufsausbildung in Frage stehen. Dort aber herrscht ein
Mehrkostenprinzip. Es rechtfertigt sich indessen, auf die Umschulungen von
Hilfskräften die Wertung bei gelernten versicherten Personen zu übertragen, die eine
höherwertige Ausbildung wünschen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 20. Juni 2007, IV 2006/152, E. 4c). Ein Anspruch auf eine höherwertige
Ausbildung besteht nur, wenn die erwerblichen Auswirkungen des
Gesundheitsschadens sich nur auf diese Weise hinreichend beheben lassen (ZAK 1988
S. 467; Entscheid des EVG vom 5. September 2001 i.S. A., I 202/00, E. 1b). Wiegen Art
und Schwere des Gesundheitsschadens und seine beruflichen Auswirkungen derart
schwer, dass auch bei Hilfsarbeitern und Hilfsarbeiterinnen nur mit einer höherwertigen
Ausbildung eine angemessene Verwertung der verbliebenen Leistungsfähigkeit bzw.
eine angemessene Schadensdeckung resultiert, so ist die Ausbildung geschuldet.
Vorausgesetzt ist daher auch bei einer Hilfskraft, dass sie eine gewichtige Einbusse
auch in jeder adaptierten sonstigen Hilfsarbeitertätigkeit erleiden würde (Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 20. Juni 2007, IV 2006/152, E. 4c
mit Hinweis).
4.6 Die in der Schweiz als Hilfsarbeiterin tätig gewesene Beschwerdeführerin (vgl. IK-
Auszug act. G 7.1/4) hat in der Türkei 5 Jahre lang die Grundschule und 3 Jahre lang
die Mittelschule besucht. Sie hat ferner die Schule für Sozialbegleitung besucht. Das
Diplom erlangte sie jedoch nicht, da sie keine Diplomarbeit geschrieben hat (vgl. act.
G 7.1/149.31). Die Beschwerdegegnerin machte im Vorbescheid vom 21. November
2006 keine Erwägungen bezüglich der Eingliederungsfrage (vgl. act. G 7.1/155). In der
angefochtenen Verfügung lehnte sie einen Anspruch auf berufliche Massnahmen einzig
mit der Behauptung ab, dass die Beschwerdeführerin als Hilfsarbeiterin zu qualifizieren
sei (act. G 7.1/174). In der Beschwerdeantwort vom 7. August 2007 nahm die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin keine Stellung zur Frage bezüglich beruflicher Massnahmen (act.
G 7). Aus den Akten ergeben sich keine Anhaltspunkte für eine ernsthafte Abklärung
der Frage, ob der Beschwerdeführerin berufliche Massnahmen zu gewähren sind.
Vielmehr hat die Beschwerdegegnerin ihre Abklärungsbemühungen sowohl im
Verwaltungs- wie auch im Beschwerdeverfahren auf die Rentenfrage beschränkt.
Angesichts dessen, dass die MEDAS-Gutachter "dringend" empfahlen, die
Beschwerdeführerin mittels beruflicher Massnahmen zu unterstützen (act.
G 7.1/149.31; vgl. auch die Empfehlungen der B._: act. G 7.1/49.25 f.), wäre die
Beschwerdegegnerin umso mehr verpflichtet gewesen, die Frage betreffend berufliche
Massnahmen einlässlich zu prüfen. Zu beachten ist dabei weiter, dass der Status als
Hilfsarbeiterin – für sich allein betrachtet – den Anspruch auf berufliche Massnahmen,
insbesondere auch auf Umschulungen, nicht von vornherein auszuschliessen vermag
(vgl. vorstehende Ausführungen in E. 4.5). Mit ihrem Verhalten hat die
Beschwerdegegnerin die ihr obliegenden Abklärungspflichten (Art. 43 Abs. 1 ATSG)
verletzt, weshalb die Sache zur rechtskonformen Abklärung des Anspruchs auf
berufliche Massnahmen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
5.
5.1 Nach dem Gesagten ist in teilweiser Gutheissung der Beschwerde die
angefochtene Verfügung vom 4. April 2007 aufzuheben und der Beschwerdeführerin ab
1. Dezember 2002 eine ganze Rente auszurichten. Zur Festsetzung und Berechnung
der Leistungen wird die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen. In Bezug
auf berufliche Massnahmen wird die Sache im Sinn der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Da die Beschwerdegegnerin unterliegt, hat sie die gesamten
Gerichtskosten von Fr. 600.-- zu tragen. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
wurde aufgrund der Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege verzichtet, weshalb
eine entsprechende Rückerstattung entfällt.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verzichtete auf das
Einreichen einer Kostennote. Im vorliegenden Fall erscheint eine Parteientschädigung
von Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen. Bei
diesem Prozessausgang erübrigt sich die Festlegung einer Entschädigung aus
unentgeltlicher Rechtsverbeiständung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht