Decision ID: 640302dc-5254-4205-98e0-ae03a8a8e22c
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Die 1958 geborene Beschwerdeführerin war im Jahr 2020 im Rahmen der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung (KVG) bei der Beschwerde-
gegnerin versichert.
Die Beschwerdegegnerin leitete nach erfolglosen Mahnungen wegen einer
ausstehenden Kostenbeteiligung die Betreibung ein. Den nach Zustellung
des entsprechenden Zahlungsbefehls Nr. ... des Betreibungsamts B. er-
hobenen Rechtsvorschlag hob die Beschwerdegegnerin mit Verfügung
vom 28. Februar 2022 auf. Die dagegen erhobene Einsprache wies die
Beschwerdegegnerin mit Einspracheentscheid vom 11. Mai 2022 ab und
verpflichtete die Beschwerdeführerin, die geschuldete Kostenbeteiligung in
Höhe von Fr. 135.00 zuzüglich einer Bearbeitungsgebühr von Fr. 30.00
sowie Betreibungskosten zu bezahlen.
2.
2.1.
Am 8. Juni 2022 erhob die Beschwerdeführerin fristgerecht Beschwerde
dagegen und beantragte Folgendes:
"1. Es sei der Einsprache-Entscheid vom 11.05.2022 sowie die Verfügung vom 28.02.2022 in der Betreibung Nr. ... der Beschwerdegegnerin vollumfänglich aufzuheben.
2. Es sei die Kostenübernahmeeinstellung von Behandlungskosten 2022
ab 21.12.2021 gemäss Art. 64a Abs. 7 mit sofortiger Wirkung  und die Beschwerde-Gegnerin aufzufordern, sämtliche  und Medikamente gemäss Rechnungen der Aerzte, Therapeuten ab 21.12.2021 vollumfänglich und umgehend zu zahlen.
3. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Beschwer-
degegnerin."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 5. Juli 2022 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 8. November 2022 wurde die
Beschwerdegegnerin zur Einreichung der Rechnung des C.-Spitals
betreffend den stationären Aufenthalt der Beschwerdeführerin vom 7. bis
15. Dezember 2020 aufgefordert. Diese reichte die entsprechende
Rechnung mit Eingabe vom 14. November 2022 ein.
- 3 -

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens ist der
Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin vom 11. Mai 2022, womit
diese die Beschwerdeführerin zur Zahlung einer Kostenbeteiligung von
Fr. 135.00, Bearbeitungsgebühren von Fr. 30.00 und Betreibungskosten
verpflichtete (Vernehmlassungsbeilage [VB] 15). Nicht Anfechtungsgegen-
stand bildet dagegen die Eintragung der Beschwerdeführerin auf der Liste
der säumigen Versicherten der SVA Aargau und den damit verbundenen
Leistungsaufschub durch die Beschwerdegegnerin (Beschwerde,
Ziff. 5 ff.). Auf den Beschwerdeantrag 2 ist somit nicht einzutreten.
2.
In zeitlicher Hinsicht sind diejenigen Bestimmungen anwendbar, welche in
Kraft waren, als sich der Sachverhalt, der den geltend gemachten Ansprü-
chen zu Grunde liegt, verwirklicht hat (BGE 121 V 97 E. 1a S. 100). Vorlie-
gend dreht sich der Streit um die Kostenbeteiligung (Spitaltage) aufgrund
eines Spitalaufenthalts der Beschwerdeführerin vom 7. bis am 15. Dezem-
ber 2020 im C.-Spital (vgl. VB 15). Entsprechend sind die bis zum
31. Dezember 2021 geltenden materiellrechtlichen Bestimmungen des
KVG und der KVV anwendbar.
3.
3.1.
Vorab ist auf die (sinngemässe) Rüge der Beschwerdeführerin einzugehen,
wonach die Beschwerdegegnerin ihr rechtliches Gehör verletzt habe, in-
dem sie sich nicht rechtsgenüglich mit den einspracheweise vorgebrachten
Rügen auseinandergesetzt habe (Beschwerde, S. 2).
3.2.
Einspracheentscheide sind gemäss Art. 52 Abs. 2 ATSG zu begründen,
was sich auch aus dem allgemeinen Anspruch auf rechtliches Gehör
(Art. 29 Abs. 2 BV) ergibt. Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt von
der Behörde, dass sie die Vorbringen der Betroffenen tatsächlich hört,
ernsthaft prüft und in ihrer Entscheidfindung angemessen berücksichtigt.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (BGE 142 II 49 E. 9.2 S. 65 mit Hinweisen; vgl. auch UELI KIE-
SER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N. 64 zu Art. 52 ATSG).
Nach der Rechtsprechung kann eine – nicht besonders schwerwiegende –
Verletzung des rechtlichen Gehörs ausnahmsweise als geheilt gelten,
wenn die betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwer-
deinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechtslage frei
- 4 -
überprüfen kann (BGE 127 V 431 E. 3d/aa S. 437 f.). Von einer Rückwei-
sung der Sache an die Verwaltung ist selbst bei einer schwerwiegenden
Verletzung des rechtlichen Gehörs dann abzusehen, wenn und soweit die
Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen
Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten)
Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der
Sache nicht zu vereinbaren wären (BGE 132 V 387 E. 5.1 S. 390 mit Hin-
weis).
3.3.
Im Einspracheentscheid vom 11. Mai 2022 hielt die Beschwerdegegnerin
fest, dass sich die Beschwerdeführerin an den Kosten der für sie erbrach-
ten Leistungen beteiligen müsse. Die Beschwerdegegnerin fasste den
Sachverhalt zusammen und überprüfte die der Beschwerdeführerin in
Rechnung gestellte Leistungsabrechnung auf ihre Korrektheit. Sie wies da-
rauf hin, dass vorliegend keine Unterlagen vorlägen, wonach die Schuld in
der Zwischenzeit gezahlt worden sei, womit Rechtsöffnung erteilt werden
könne (VB 15 S. 3 f.). Eine eigentliche Auseinandersetzung mit den Vor-
bringen der Beschwerdeführerin in der Einsprache (vgl. VB 12) fand im an-
gefochtenen Einspracheentscheid jedoch nicht statt. Damit hat die Be-
schwerdegegnerin den Anspruch auf rechtliches Gehör der Beschwerde-
führerin zwar verletzt. Da sich die Beschwerdeführerin vor dem hiesigen
Gericht, welches über eine volle Kognition bezüglich Tat- und Rechtsfragen
verfügt, erneut ausführlich äussern konnte, kann die Gehörsverletzung in-
des als geheilt gelten (Urteil des Bundesgerichts 8C_109/2012 vom
9. März 2012 E. 2 mit Hinweisen).
4.
4.1.
Die obligatorisch krankenpflegeversicherten Personen beteiligen sich an
den Kosten der für sie erbrachten Leistungen im Umfang eines festen Jah-
resbetrags (Franchise) und 10 Prozent der die Franchise übersteigenden
Kosten (Selbstbehalt) bis zum jährlichen Höchstbetrag von Fr. 700.00
(Art. 64 Abs. 1-3 KVG und Art. 103 KVV). Zudem leisten die versicherten
Personen einen Beitrag an die Kosten des Aufenthalts im Spital, der
Fr. 15.00 pro Tag beträgt (Art. 64 Abs. 5 KVG; Art. 104 Abs. 1 KVV).
4.2.
Im vorliegenden Fall forderte die Beschwerdegegnerin von der Beschwer-
deführerin mit Leistungsabrechnung F-2100152656 vom 22. Januar 2021
eine Kostenbeteiligung (Spitalkostenbeitrag) von Fr. 135.00 aufgrund eines
neuntägigen Spitalaufenthalts vom 7. bis am 15. Dezember 2020 ein
(VB 5).
- 5 -
4.3.
4.3.1.
Die Beschwerdeführerin macht diesbezüglich geltend, dieser Betrag sei
nicht geschuldet, da zum Zeitpunkt der Rechnungsstellung die Franchise
und der Selbstbehalt bereits ausgeschöpft gewesen seien (Beschwerde,
Ziff. 4).
4.3.2.
Der Spitalkostenbeitrag nach Art. 64 Abs. 5 KVG wird zusätzlich zur Kos-
tenbeteiligung nach Art. 64 Abs. 2 KVG (Franchise und Selbstbehalt) erho-
ben. Mit dem Spitalkostenbeitrag soll dem Umstand Rechnung getragen
werden, dass die vom Krankenversicherer zu deckenden Spitalkosten auch
die reinen Aufenthalts- und Verpflegungskosten umfassen, die bei den ver-
sicherten Personen ebenso zu Hause anfallen würden, von diesen jedoch
eingespart werden (Urteil des Bundesgerichts 9C_716/2018 vom 14. Mai
2019 E. 4.2.3 mit Hinweis). Der Spitalkostenbeitrag wird somit weder an die
Franchise noch an den Selbstbehalt angerechnet (vgl. Urteil des Bundes-
gerichts 9C_716/2018 vom 14. Mai 2019 E. 4.2.3), sondern ist durch die
versicherte Person darüber hinaus geschuldet. Die Beschwerdeführerin ist
somit zur Bezahlung des Spitalkostenbeitrages aufgrund des Spitalaufent-
halts vom 7. bis 15. Dezember 2020 verpflichtet, obwohl die Franchise und
der Selbstbehalt im Zeitpunkt des Spitalaufenthalts bereits ausgeschöpft
gewesen waren (vgl. VB 5).
4.4.
4.4.1.
Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, der Austrittstag im Spital sei
bei der Berechnung des Spitalkostenbeitrages nicht mitzurechnen, womit
der Spitalkostenbeitrag nur Fr. 120.00 (8 x Fr. 15.00) betrage (Beschwerde,
Ziff. 1).
4.4.2.
Der Bundesrat hielt in der Stellungnahme vom 19. Februar 2020 auf die
Interpellation 19.4447 betreffend die Berechnung der Anzahl Tage eines
geschuldeten Spitalbeitrags fest, das Bundesamt für Gesundheit (BAG)
habe in einem Schreiben vom 7. Dezember 2011 empfohlen, den Versi-
cherern den Beitrag pro Kalendertag in Rechnung zu stellen. Angesichts
der verschiedenen möglichen Auslegungen wolle das Eidgenössische De-
partement des Innern (EDI) die Situation rechtlich klären. Die kantonalen
Gerichte wendeten die Regelungen unterschiedlich an, und das Bundes-
gericht habe sich bisher nicht zu dieser Frage geäussert. Zurzeit prüfe das
EDI die Möglichkeit, die Berechnung der Dauer des Spitalaufenthalts nach
Art. 104 KVV so zu präzisieren, dass der Spitalbeitrag weder für den Aus-
trittstag noch für die Urlaubstage geschuldet sei
(https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?Af-
fairId=20194447#tab-panel-acc-2; zuletzt besucht am: 16. November
- 6 -
2022). In Umsetzung der in Aussicht gestellten Abänderung lautet der per
1. Januar 2022 in Kraft getretene Art. 104 Abs. 1bis KVV mittlerweile
dahingehend, dass für den Austrittstag kein Beitrag an den Spitalaufenthalt
zu leisten ist.
4.4.3.
Das Versicherungsgericht hat sich mit Urteil VBE.2020.147 vom 2. Sep-
tember 2020 bereits mit der Frage der Berechnung der Anzahl Tage, für
welche ein Spitalbeitrag zu leisten ist, befasst und festgehalten, es sei nicht
ersichtlich, weshalb die Versicherung entgegen der Spitalrechnung auch
den Austrittstag und damit einen Tag mehr abrechnen sollte. Zu bedenken
sei, dass der Spitalkostenbeitrag der versicherten Person eine Kostenbe-
teiligung, respektive genau genommen eine Kostenrückerstattung dar-
stelle: Die vom Krankenversicherer zu deckenden Spitalkosten umfassten
auch die reinen Aufenthalts- und Verpflegungskosten (Art. 25 Abs. 2 lit. e
KVG), die bei der versicherten Person auch ohne stationären Aufenthalt als
allgemeine Lebenshaltungskosten zu Hause angefallen wären. Die versi-
cherte Person solle daher einen Teil der vom Versicherer übernommenen
Aufenthalts- und Verpflegungskosten zurückerstatten, weil sie Lebenshal-
tungskosten eingespart hat (GEBHARD EUGSTER, Krankenversicherung, in:
Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Band XIV, Soziale Sicherheit,
3. Auflage 2016, S. 816 Rz 1385; Urteil des Bundesgerichts 9C_716/2018
vom 14. Mai 2019 E. 4.2.3). Der Beitrag könne folglich nur dort geschuldet
sein, wo der Versicherer die Kosten für Unterkunft und Verpflegung über-
nimmt (EUGSTER, Krankenversicherung, a.a.O., S. 816 Rz 1385). Aus die-
sem Konnex zu den vom Leistungserbringer verrechneten Kosten dränge
sich überdies auf, bei der Berechnung der Aufenthaltsdauer für den Spi-
talkostenbeitrag der versicherten Person denselben Regelungen (nament-
lich den Regeln der SwissDRG) zu folgen, nach denen auch die Leistungs-
erbringer die Aufenthaltsdauer im stationären Aufenthalt berechnen res-
pektive ihre Kosten für die Unterkunft und Verpflegung abrechnen. Auch
die (sich damals noch in Vernehmlassung befindliche und per 1. Januar
2022 in Kraft getretene) Einführung von Art. 104 Abs. 1bis KVV sehe keinen
Spitalkostenbeitrag für den Austrittstag vor, was ebenfalls dafür spreche,
dass der Spitalkostenbeitrag für den Austrittstag nicht geschuldet sei. Auch
das Informationsschreiben des BAG vom 7. Dezember 2011 führe zu kei-
ner anderen Betrachtungsweise, zumal die Empfehlung ohne nähere Be-
gründung erfolgt und für das Gericht ohnehin nicht verbindlich sei (E. 3.2.
des erwähnten Urteils).
4.4.4.
Nachdem – soweit erkennbar – in der Zwischenzeit weder das Bundesge-
richt die vorliegend strittige Frage beurteilt hat, noch Gründe für eine Pra-
xisänderung dargetan worden oder erkennbar wären, ist an der oben er-
wähnten Rechtsprechung festzuhalten. Da der Leistungserbringer der Be-
- 7 -
schwerdegegnerin für die Behandlung vom 7. bis 15. Dezember 2020 le-
diglich acht Behandlungstage in Rechnung stellte (vgl. Rechnung des C.-
Spitals vom 6. Januar 2021, eingereicht mit Eingabe vom 14. November
2022), schuldet die Beschwerdeführerin unter Berücksichtigung der
vorerwähnten Rechtsprechung einen Beitrag an die Spitalkosten ebenfalls
lediglich für acht statt der verrechneten neun Tage. Die Forderung gemäss
Leistungsabrechnung vom 22. Januar 2021 ist daher um Fr. 15.00 auf
Fr. 120.00 zu reduzieren.
4.5.
Zusammenfassend schuldet die Beschwerdeführerin der Beschwerdegeg-
nerin somit eine Kostenbeteiligung (Spitalkostenbeitrag) für einen Aufent-
halt im Spital von acht Tagen von Fr. 120.00.
5.
5.1.
Beim Verzug in der Zahlung von Prämien und Kostenbeteiligungen sind die
Krankenkassen berechtigt, Mahn- und Umtriebsspesen zu erheben. Dies
setzt voraus, dass die versicherte Person die (unnötigen) Kosten schuldhaft
verursacht hat, dass die Entschädigung angemessen ist, und der Kranken-
versicherer in seinen allgemeinen Bestimmungen über die Rechte und
Pflichten der versicherten Personen eine entsprechende Regelung vorsieht
(Art. 105b Abs. 2 KVV, BGE 125 V 276, SVR 2006 Nr. 2 S. 3). Nach dem
Äquivalenzprinzip darf eine Gebühr sodann nicht in einem offensichtlichen
Missverhältnis zum fraglichen Ausstand stehen und muss sich in vernünfti-
gen Grenzen halten (vgl. Urteile des Bundesgerichts 9C_874/2015 vom
4. Februar 2016 E. 4.1 und 2C_717/2015 vom 13. Dezember 2015 E. 7.1).
In den Allgemeinen Versicherungsbedingungen KVG (Ausgabe 2019/3;
VB 1) der Beschwerdegegnerin ist in Art. 10 Abs. 2 festgehalten, dass die
durch einen Zahlungsrückstand verursachten Kosten der versicherten Per-
son belastet werden.
5.2.
Durch ihre Weigerung, die fällige Kostenbeteiligung zu bezahlen, verur-
sachte die Beschwerdeführerin schuldhaft die Inkassomassnahmen der
Beschwerdegegnerin und die dadurch entstandenen Kosten. Vorliegend
verlangt die Beschwerdegegnerin Bearbeitungsgebühren von Fr. 30.00
(VB 7; VB 14 S. 3).
Hinsichtlich der erforderlichen Verhältnismässigkeit der Mahn- und Um-
triebsentschädigung zum Prämienausstand zeigt die Kasuistik, dass das
Eidgenössische Versicherungsgericht beispielsweise im Urteil K 112/05
vom 2. Februar 2006 eine Mahngebühr von Fr. 160.00 (zuzüglich Fr. 30.00
Bearbeitungskosten) bei einem Prämienausstand von Fr. 1'770.00 sowie
offenen Kostenbeteiligungen von Fr. 363.25 (somit Ausständen von total
- 8 -
Fr. 2'133.15) ebenso als grenzwertig erachtet hat wie im Urteil K 76/03 vom
9. August 2005 eine Gebühr von Fr. 300.00 bei einem Prämienausstand
von Fr. 4'346.70. Es wurden somit in Würdigung der konkreten Gegeben-
heiten bereits Spesen, die sich auf deutlich weniger als 10 % der Aus-
stände beliefen, als gerade noch im Bereich der Verhältnismässigkeit er-
achtet. Bei lediglich geringfügigen Ausständen hat das Bundesgericht al-
lerdings auch eine wesentlich kleinere Differenz zwischen Ausstand einer-
seits und Mahn- sowie Verwaltungskosten andererseits nicht beanstandet
(Urteil des Bundesgerichts K 24/06 vom 3. Juli 2005 E. 3.2 [Mahnspesen
von Fr. 20.00, zuzüglich Bearbeitungsgebühren von Fr. 30.00, bei einer
ausstehenden Kostenbeteiligung von Fr. 62.50]; vgl. Urteil des Bundesge-
richts 9C_874/2015 vom 4. Februar 2016 E. 4.2.2; GEBHARD EUGSTER,
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum KVG, 2. Aufl. 2018, N. 4 zu
Art. 64a KVG).
Vorliegend betragen die ausstehenden Kostenbeteiligungen Fr. 120.00. Es
handelt sich dabei (noch) um einen geringfügigen Ausstand, womit die Be-
arbeitungsgebühren von Fr. 30.00 im Hinblick auf das Äquivalenzprinzip
und die dargelegte Kasuistik – und entgegen der Annahme der Beschwer-
deführerin (vgl. Beschwerde, Ziff. 3) – nicht zu beanstanden sind, zumal die
Eintreibung eines geringfügigen Ausstands für den Krankenversicherer
nicht zwangsläufig einen proportional niedrigeren Zeit- und damit Kosten-
aufwand bedeutet (IVO BÜHLER/CLIFF EGLE, in: Blechta et al. [Hrsg.], Basler
Kommentar zum KVG und KVAG, 2020, N. 14 zu Art. 64a KVG mit Hinwei-
sen).
6.
6.1.
Nachdem der Anspruch der Beschwerdegegnerin festgestellt wurde, ist in
einem zweiten Schritt zu prüfen, ob ihr hierfür Rechtsöffnung erteilt werden
kann. Dies erfordert die Einhaltung des gesetzlich vorgeschriebenen Ver-
fahrens gemäss Art. 64a KVG.
6.2.
6.2.1.
Bezahlt die versicherte Person fällige Prämien oder Kostenbeteiligungen
nicht, so hat der Versicherer ihr, nach mindestens einer schriftlichen Mah-
nung, eine Zahlungsaufforderung zuzustellen, ihr eine Nachfrist von 30 Ta-
gen einzuräumen und sie auf die Folgen des Zahlungsverzugs hinzuweisen
(Art. 64a Abs. 1 KVG). Werden die fälligen Prämien oder Kostenbeteiligun-
gen trotz Mahnung nicht bezahlt, so hat der Versicherer zwingend das Voll-
streckungsverfahren einzuleiten (Art. 64a Abs. 2 KVG). Das Vollstre-
ckungsverfahren kann nur eingeleitet werden, wenn fällige Prämien und
Kostenbeiträge vorgängig gemahnt wurden (BGE 131 V 147). Wenn nach
Einleitung des Vollstreckungsverfahrens durch Einreichung des Betrei-
bungsbegehrens gegen den Zahlungsbefehl Rechtsvorschlag erhoben
- 9 -
wird, ist der obligatorische Krankenversicherer berechtigt, den Rechtsvor-
schlag mittels formeller Verfügung aufzuheben und nach Eintritt der
Rechtskraft derselben die Betreibung fortzusetzen. Das Dispositiv der Ver-
fügung muss mit Bestimmtheit auf die hängige Betreibung Bezug nehmen
und den Rechtsvorschlag ausdrücklich als aufgehoben erklären (BGE 119
V 329 E. 2b S. 331 mit Hinweisen, RKUV 2004 KV 274 S. 134 E. 4.2.1).
Die Verfügung unterliegt dem Rechtsmittel der Einsprache bzw. der Be-
schwerde (Art. 52 und 54 ATSG). Ein an die Erhebung des Rechtsvor-
schlags anschliessendes Rechtsöffnungsverfahren nach Art. 80 SchKG
findet somit in den die obligatorische Krankenpflegeversicherung betreffen-
den betreibungsrechtlichen Verfahren in der Regel nicht statt. Mithin ist auf
dem Gebiet der Sozialversicherung die erstinstanzlich verfügende Verwal-
tungsbehörde, die kantonale Rekursbehörde bzw. das Bundesgericht or-
dentlicher Richter im Sinne von Art. 79 SchKG, der zum materiellen Ent-
scheid über die Aufhebung des Rechtsvorschlages zuständig ist (BGE 131
V 147 E. 6.2 S. 150 f. mit Hinweisen).
6.2.2.
Die Beschwerdegegnerin liess der Beschwerdeführerin am 11. März 2021
eine Mahnung (VB 6) und am 8. April 2021 eine Zahlungsaufforderung
(VB 7) zukommen. Mit diesem Schreiben forderte die Beschwerdegegnerin
die Beschwerdeführerin zur Zahlung innert 30 Tagen auf und wies sie auf
die Folgen der nicht fristgerechten Zahlung hin (VB 7). Mit den von der Be-
schwerdegegnerin eingereichten Unterlagen ist somit nachgewiesen, dass
für die offenen Kostenbeteiligungen das in Art. 64a KVG vorgeschriebene
Verfahren eingehalten wurde.
6.3.
6.3.1.
Am 30. November 2021 wurde der Zahlungsbefehl Nr. ... des Be-
treibungsamts B. vom 17. November 2021 der Beschwerdeführerin
zugestellt (VB 9). Diese rügt in diesem Zusammenhang, dass im
Zahlungsbefehl unter der Bezeichnung "Kostenbeteiligung" der Betrag von
Fr. 165.00 eingetragen worden sei, mithin die Mahnkosten nicht getrennt
erwähnt worden seien. Die Betreibung sei damit ungültig (Beschwerde,
Ziff. 2).
6.3.2.
Der Gläubiger hat in seinem Betreibungsbegehren unter anderem die For-
derungsurkunde und deren Datum, in Ermangelung einer solchen den
Grund der Forderung zu nennen (vgl. Art. 67 Abs. 1 Ziff. 4 SchKG). Die
entsprechenden Angaben werden in den Zahlungsbefehl aufgenommen
(Art. 69 Abs. 2 Ziff. 1 SchKG). Dieses Erfordernis dient dazu, dem Schuld-
ner zusammen mit dem übrigen Inhalt des Zahlungsbefehls Aufschluss
über den Anlass der Betreibung zu geben und erlaubt ihm, sich zur Aner-
- 10 -
kennung oder Bestreitung der in Betreibung gesetzten Forderung zu ent-
schliessen. Der Schuldner muss aus den Angaben erkennen, um welche
Forderung es geht. Er soll nicht gezwungen sein, Rechtsvorschlag zu er-
heben, um in einem späteren Rechtsöffnungsverfahren oder in einem spä-
teren Forderungsprozess Auskunft über die gegen ihn geltend gemachte
Forderung zu erhalten (BGE 141 III 173 E. 2.2.2 S. 176 f.; 121 III 18 E. 2a
S. 19 f.). Eine knappe Umschreibung genügt namentlich dann, wenn dem
Betriebenen der Grund der Forderung nach Treu und Glauben aus dem
Gesamtzusammenhang erkennbar ist (BGE 121 III 18 E. 2b S. 20; Urteil
des Bundesgerichts 5A_606/2016 vom 24. November 2016 E. 2.1). Die
Rechtsöffnung ist abzuweisen, wenn der Grund der Forderung im Zah-
lungsbefehl und im Rechtsöffnungstitel nicht identisch ist (DANIEL STAEHE-
LIN, in: Basler Kommentar, Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Kon-
kurs I, 3. Aufl. 2021, N. 37 zu Art. 80 SchKG).
6.3.3.
Im vorliegenden Fall wurde im Zahlungsbefehl Nr. ... vom 17. November
2021 folgender Forderungsgrund genannt: "Kostenbeteiligung
F-2100152656; 07.12.2020 – 15.12.2020". Als Betrag wurde Fr. 165.00 ge-
nannt. Die im Zahlungsbefehl aufgeführte Rechnungsnummer
F-2100152656 deckt sich mit der Rechnungsnummer in den an die Be-
schwerdeführerin adressierten Schreiben vom 22. Januar (VB 5), vom
11. März (VB 6) und vom 8. April 2021 (VB 7). Mit Schreiben vom 22. Ja-
nuar 2021 wurde der Beschwerdeführerin eine Leistungsabrechnung für
einen Spitalaufenthalt vom 7. bis 15. Dezember 2020 zugestellt, mit der ihr
Fr. 135.00 als Spitalkostenbeitrag in Rechnung gestellt wurden (VB 5). Mit
Schreiben vom 11. März 2021 wurde dieser Betrag gemahnt (VB 6). Am
8. April 2021 stellte die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin eine
Zahlungsaufforderung in Höhe von Fr. 165.00 zu. Aus dem Schreiben
ergibt sich, dass sich der Gesamtbetrag von Fr. 165.00 aus dem Betrag
von Fr. 135.00 gemäss der Rechnung vom 22. Januar 2021 sowie einer
Bearbeitungsgebühr von Fr. 30.00 zusammensetzt (VB 7). Dieser Gesamt-
betrag der Forderung entspricht jenem, der auch im Zahlungsbefehl aufge-
führt wurde (vgl. VB 9).
Daraus folgt, dass es für die Beschwerdeführerin aufgrund der Angaben im
Zahlungsbefehl ("Kostenbeteiligung", Rechnungsnummer
"F-2100152656") und der vorhergehenden Schreiben (vgl. VB 5 bis 7) nach
Treu und Glauben erkennbar sein musste, für welche Forderung sie betrie-
ben wurde. Die Beschwerdeführerin kann somit aus ihrer Rüge nichts zu
ihren Gunsten ableiten.
6.4.
Zusätzlich zum eigentlichen Forderungsbetrag hat die versicherte Person
nach Art. 68 Abs. 1 SchKG die anfallenden Betreibungskosten von Ge-
setzes wegen zu bezahlen. Nach Art. 68 Abs. 2 SchKG werden von den
- 11 -
Zahlungen des Schuldners an das Betreibungsamt in erster Linie die Be-
treibungskosten in Abzug gebracht, womit diese im Ergebnis zur Schuld
geschlagen werden. Daher muss dafür weder Rechtsöffnung erteilt noch
ein allenfalls erhobener Rechtsvorschlag beseitigt werden (BGE 144 III 360
E. 3.6.2 S. 367; Urteil des Bundesgerichts 5A_455/2012 vom 5. Dezember
2012 E. 3).
7.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin der Be-
schwerdegegnerin Fr. 120.00 für die ausstehende Kostenbeteiligung (Spi-
taltage) und Fr. 30.00 für Bearbeitungsgebühren, somit total Fr. 150.00,
schuldet. In diesem Umfang ist der Rechtsvorschlag in der Betreibung
Nr. ... des Betreibungsamts B. aufzuheben.
8.
8.1.
Die vorliegende Streitigkeit betrifft das Inkasso von Kostenbeteiligungen
(Spitaltage) der obligatorischen Krankenversicherung und damit keine
Leistung im Sinne von Art. 61 lit. fbis ATSG. Die Verfahrenskosten werden
daher nach dem Verfahrensaufwand im Rahmen von Fr. 200.00 bis
Fr. 1'000.00 festgesetzt (§ 22 Abs. 1 lit. e Verfahrenskostendekret;
SAR 221.150). Für das vorliegende Verfahren betragen diese Fr. 400.00.
Die Beschwerdeführerin beantragt die Aufhebung der gesamten Forde-
rung. Entsprechend dem Verfahrensausgang (Reduzierung des geschul-
deten Spitalkostenbeitrages) obsiegt sie im Umfang von rund einem Zehn-
tel. Entsprechend sind die Verfahrenskosten im Umfang von rund neun
Zehnteln, Fr. 350.00 ausmachend, der Beschwerdeführerin, und im Um-
fang von rund einem Zehntel, Fr. 50.00 ausmachend, der Beschwerdegeg-
nerin aufzuerlegen.
8.2.
Die teilweise obsiegende Beschwerdeführerin, welche nicht anwaltlich ver-
treten ist, hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Für persönli-
chen Arbeitsaufwand und Umtriebe wird grundsätzlich keine Entschädi-
gung ausgerichtet (BGE 129 V 113 E. 4.1 S. 116; 110 V 134 E. 4d S. 134).
Der Beschwerdegegnerin steht aufgrund ihrer Stellung als Sozialversiche-
rungsträgerin ebenfalls keine Parteientschädigung zu (BGE 126 V 143 E. 4
S. 149 ff.).