Decision ID: 8c657a9e-3603-4bd7-afce-26bb4348190e
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchten Mord etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 9. Abteilung, vom 13. März 2013 (DG120279)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 3. Septem-
ber 2012 (Urk. 49) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Beschuldigte A._ ist schuldig
− des versuchten Mordes im Sinne von Art. 112 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der mehrfachen Widerhandlung gegen das Waffengesetz im Sinne von
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 lit. b und d WG,
Art. 4 Abs. 4 WG, Art. 27 WG, Art. 28 WG, Art. 1 WV, Art. 48 WV und
Art. 51 WV,
− des pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall im Sinne von Art. 92 Abs. 1
SVG in Verbindung mit Art. 51 Abs. 1 und 3 SVG,
− der mehrfachen Verletzung von Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90
Ziff. 1 SVG in Verbindung von Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 32 Abs. 1 SVG,
Art. 4 Abs. 1 VRV, Art. 14 Abs. 1 VRV, Art. 36 Abs. 2 SSV, Art. 68
Abs. 1 SSV, Art. 69 Abs. 3 SSV, Art. 73 Abs. 6 lit. a SSV, Art. 74 Abs. 1
und 2 SSV und Art. 75 Abs. 3 SSV sowie
− der mehrfachen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im
Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit 11 1⁄2 Jahren Freiheitsstrafe (wovon bis
und mit heute 441 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind) sowie mit
einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu CHF 10.-- als Zusatzstrafe zu der
mit Urteil des Bezirksgerichts Bülach vom 31. August 2010 ausgefällten
Strafe und einer Busse von CHF 2'000.--.
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Es wird davon Vormerk genommen, dass sich die Beschuldigte seit dem
17. Januar 2012 im vorzeitigen Strafvollzug befindet.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird nicht aufgeschoben. Die Busse ist zu bezah-
len.
4. Bezahlt die Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 20 Tagen.
5. Es wird eine ambulante Behandlung der Beschuldigten im Sinne von
Art. 63 StGB (Behandlung psychischer Störungen) angeordnet.
Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird nicht aufgeschoben.
6. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
7. November 2011 beschlagnahmten und bei der Gerichtskasse unter der
Sachkautions-Nr. ... lagernden Gegenstände (1 Pfefferspray, 1 Schlagring
und 1 Teleskop-Schlagstock) werden eingezogen und nach Eintritt der
Rechtskraft der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
7. Es wird festgestellt, dass die Beschuldigte gegenüber dem Privatkläger
B._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadener-
satzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadener-
satzanspruches wird der Privatkläger B._ auf den Weg des Zivilprozes-
ses verwiesen.
8. Die Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger B._ CHF 15'000.--
zuzüglich 5 % Zins ab dem 1. September 2010 als Genugtuung zu bezah-
len. Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
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9. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 8'000.-- ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 55'113.-- Kosten Kantonspolizei
Fr. 13'000.-- Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten
Fr. 47'245.40 Auslagen Untersuchung
Fr. 14'032.25 unentgeltlicher Rechtsbeistand
Fr. amtliche Verteidigung (ausstehend)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
10. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden der
Beschuldigten auferlegt.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Staatskasse genom-
men; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
Über die Höhe der Kosten der amtlichen Verteidigung wird separat ent-
schieden.
11. Die Kosten des unentgeltlichen Rechtsbeistands des Privatklägers werden
auf die Staatskasse genommen. Über die Höhe der Kosten wird separat
entschieden.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 107 S. 3 f.)
1. Das Urteil der Vorinstanz vom 13.03.2013 sei aufzuheben;
2. die Beschuldigte sei von Ziffer 1 lit. a (Mordversuch) der Anklage vom
03.09.2012 freizusprechen; sie sei stattdessen wegen einfacher Kör-
perverletzung im Sinne von Art. 123 StGB schuldig zu sprechen;
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3. die Beschuldigte sei im Sinne der Ziffer 1 lit. b der Anklage vom
03.09.2012 schuldig zu sprechen;
4. die Beschuldigte sei mit 6 Monaten Freiheitsentzug zu bestrafen;
5. eventualiter sei die Beschuldigte mit maximal 7 1⁄2 Jahren Gefängnis zu
bestrafen;
6. die Anträge der beiden Anschlussappellanten seien abzuweisen. Ins-
besondere sei die Strafe keinesfalls zu erhöhen. Auf das Schadener-
satzbegehren des Privatklägers sei nicht einzutreten, eventualiter sei
es auf den Zivilweg zu verweisen, subeventualiter sei es abzuweisen;
7. die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
07.11.2011 beschlagnahmten Gegenstände seien definitiv einzuziehen
und der Vernichtung zuzuführen;
8. die Kosten für Untersuchung, Verfahren und Verteidigung seien der
Beschuldigten zu höchstens 5 % aufzuerlegen;
9. der Beschuldigten sei eine angemessene Prozessentschädigung und
Genugtuung auszurichten;
10. unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich 8 % Mwst. zu Las-
ten des Staates.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 109 S. 1)
1. Bestätigung der Ziffern 1 sowie 3 ff. und damit des Schuldspruchs des
Bezirksgerichts Zürich vom 13. März 2013 wegen versuchten Mordes
im Sinne von Art. 112 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Bestrafung des Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von 13 1⁄2 Jah-
ren sowie einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 10.-- als Zusatz-
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strafe zu der mit Urteil des Bezirksgerichts Bülach vom 31. August
2010 ausgefällten Strafe und einer Busse von Fr. 2'000.--.
c) Des Vertreters der Privatklägerschaft:
(Urk. 106 S. 1)
1. Die Beschuldigte sei unter anderem wegen versuchten Mordes im Sin-
ne von Art. 112 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu
sprechen.
2. Die Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtu-
ung von Fr. 40'000.-- zuzüglich 5 % Zins ab 1. September 2010 zu be-
zahlen.
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
1. Mit Urteil vom 13. März 2013 sprach das Bezirksgerichts Zürich, 9. Ab-
teilung, die Beschuldigte A._ des versuchten Mordes im Sinne von Art. 112
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig. Ausserdem wurde sie
schuldig gesprochen der mehrfachen Widerhandlung gegen das Waffengesetz im
Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 lit. b und d WG,
Art. 4 Abs. 4 WG, Art. 27 WG, Art. 28 WG, Art. 1 WV, Art. 48 WV und Art. 51 WV,
des pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall im Sinne von Art. 92 Abs. 1 SVG in Ver-
bindung mit Art. 51 Abs. 1 und 3 SVG, der mehrfachen Verletzung von Verkehrs-
regeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung von Art. 27 Abs. 1 SVG,
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Art. 32 Abs. 1 SVG, Art. 4 Abs. 1 VRV, Art. 14 Abs. 1 VRV, Art. 36 Abs. 2 SSV,
Art. 68 Abs. 1 SSV, Art. 69 Abs. 3 SSV, Art. 73 Abs. 6 lit. a SSV, Art. 74 Abs. 1
und 2 SSV und Art. 75 Abs. 3 SSV sowie der mehrfachen Widerhandlung gegen
das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG (Urk. 94 S. 73).
Die Beschuldigte wurde bestraft mit 11 1⁄2 Jahren Freiheitsstrafe sowie mit einer
Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 10.-- als Zusatzstrafe zu der mit Urteil des
Bezirksgerichts Bülach vom 31. August 2010 ausgefällten Strafe und einer Busse
von Fr. 2'000.--. Es wurde eine ambulante Behandlung der Beschuldigten im Sin-
ne von Art. 63 StGB (Behandlung psychischer Störungen) angeordnet, wobei der
Vollzug der Freiheitsstrafe nicht aufgeschoben wurde. Ausserdem wurden diverse
beschlagnahmte Gegenstände (Pfefferspray, Schlagring, Teleskop-Schlagstock)
eingezogen und der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen. Es wurde die
grundsätzliche Schadenersatzpflicht der Beschuldigten gegenüber dem Privatlä-
ger B._ festgestellt und die Beschuldigte verpflichtet, dem Privatkläger
Fr. 15'000.-- zuzüglich 5 % Zins ab dem 1. September 2010 als Genugtuung zu
bezahlen (Urk. 94 S. 73 f.).
2. Mit Eingabe vom 22. März 2013 liess die Beschuldigte die Berufung
anmelden (Urk. 87). Der Privatkläger meldete die Berufung mit Schreiben vom
25. März 2013 an (Urk. 88). Die Berufungserklärung der Verteidigung ging am
25. April 2013 beim Gericht ein (Urk. 95). Der Privatkläger liess die Frist zur Ein-
reichung einer Berufungserklärung unbenützt ablaufen, jedoch genügt der Inhalt
seiner Berufungsanmeldung den Anforderungen von Art. 399 Abs. 3 und 4 StPO,
weshalb auf die Berufung einzutreten ist (vgl. Urk. 96). Die Staatsanwaltschaft er-
klärte mit Eingabe vom 28. Mai 2013 die Anschlussberufung (Urk. 98). Die Be-
schuldigte liess im Wesentlichen beantragen, sie sei vom Vorwurf des versuchten
Mordes freizusprechen und stattdessen der einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 StGB schuldig zu sprechen. Der vorinstanzliche Schuldspruch be-
züglich Ziffer 1 lit. b der Anklage wurde hingegen nicht angefochten, ebenso we-
nig wurde die Einziehung der beschlagnahmten Gegenstände durch die Vor-
instanz angefochten (Urk. 95 Ziff. 2 f.). Der Privatkläger liess beantragen, es sei
ihm eine höhere Genugtuung zuzusprechen (Urk. 88). Die Staatsanwaltschaft be-
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antragte im Rahmen der Anschlussberufung eine Erhöhung der Freiheitsstrafe auf
13 1⁄2 Jahren (Urk. 98).
3. Nicht angefochten wurde somit der Schuldspruch der Vorinstanz hin-
sichtlich der unter Anklagepunkt 1 lit. b eingeklagten Delikte betreffen Widerhand-
lungen gegen das Waffengesetz, das Strassenverkehrsgesetz sowie das Betäu-
bungsmittelgesetz (Dispositivziffer 1 des vorinstanzlichen Urteils mit Ausnahme
des Schuldspruchs wegen versuchten Mordes). Ebenso blieben die Anordnung
der Einziehung diverser Gegenstände und die Kostenaufstellung unangefochten
(Dispositivziffern 6 und 9 des vorinstanzlichen Urteils; vgl. Urk. 94 S. 73 f.).
II. Prozessuales
1. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung
(Art. 402 StPO). E contrario erwachsen die nicht von der Berufung erfassten
Punkte in Rechtskraft (SCHMID, StPO-Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2009,
Art. 402 N 1; vgl. auch Art. 437 StPO). Entsprechend ist vorab mit Beschluss fest-
zustellen, dass das Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 9. Abteilung, vom 13. März
2013 bezüglich der Dispositivziffern 1 teilweise (Schuldspruch mit Ausnahme des
versuchten Mordes), 6 und 9 (Einziehung und Kostenaufstellung) rechtskräftig ist.
2. Es wurden keine Beweisanträge gestellt.
3. Die Beschuldigte wurde am 3. November 2010, 13:30 Uhr nach ihrer
Einreise in die Schweiz in Haft genommen (Urk. HD 16.3), mit Verfügung vom
5. November 2010 wurde sie in Untersuchungshaft versetzt (Urk. HD 16.9). Mit
Beschluss der III. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zürich vom 17. Ja-
nuar 2012 wurde der Beschuldigten der vorzeitige Strafvollzug bewilligt (Urk. HD
44.1.11).
III. Sachverhaltserstellung
1. In der Anklageschrift Ziff. 1 (Hauptdossier) wird der Beschuldigten im
Wesentlichen vorgeworfen, dass sie B._ in der Nacht auf den 1. September
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2010 unter falschen Angaben – sie sei mit zwei Frauen zusammen – an die
C._-Strasse ... in Zürich gelockt habe, weil sie sich an ihm habe rächen und
ihn unter Mitwirkung ihres Mittäters D._ habe töten wollen. Sie habe B._
auf dem Trottoir vor der besagten Liegenschaft empfangen und ihn aufgefordert,
ihr in die Wohnung zu folgen, wobei sie dessen Bedenken mit der wahrheitswidri-
gen Bemerkung zerstreut habe, dass niemand in der Wohnung sei. In den im ers-
ten Stock gelegenen Büroräumlichkeiten der Firma ... habe D._ B._ zu-
nächst einen Kopfstoss versetzt und danach mehrfach mit einem Messer in des-
sen Oberkörper gestochen. In der Folge sei es B._ gelungen, D._ das
Messer aus der Hand zu nehmen, worauf D._ B._ zu würgen versucht
und die Beschuldigte B._ Fausthiebe in dessen Bauch versetzt habe. Da-
nach sei B._ zum Lift geflüchtet, verfolgt von D._ und der Beschuldig-
ten. Dort habe D._ B._, der sich mit seiner rechten Hand an einem Griff
festgehalten habe, von hinten gepackt und gewürgt, worauf die Beschuldigte
B._ mit dem Messer auf sein auf der Hand eintätowiertes Adlertattoo gesto-
chen habe. Im Anschluss daran habe B._ der Beschuldigten das Messer
weggenommen und sei über die Treppe aus dem Haus geflüchtet (Urk. HD 49
S. 2 f.).
2. Die Beschuldigte hat Teile des ihr in der Anklageschrift Ziff. 1 vorge-
worfenen Sachverhalts bestritten. Der eingeklagte Sachverhalt ist demnach zu er-
stellen.
3. Die Vorinstanz hat ausführliche und zutreffende Ausführungen zu den
Grundsätzen und Regeln der Beweiswürdigung gemacht, worauf vollumfänglich
verwiesen werden kann (Urk. 94 S. 15 - 18; Art. 82 Abs. 4 StPO).
3.1. Standpunkt der Beschuldigten A._
Die Beschuldigte machte im Rahmen der Voruntersuchung im Wesentlichen
folgende Sachdarstellung geltend: Sie habe B._ telefoniert, weil sie gewollt
habe, dass er ihr Kokain bringe. Sie habe vor dem Haus auf ihn gewartet. Da sie
ihr Portemonnaie oben vergessen habe und weil er das WC habe aufsuchen wol-
len, sei sie damit einverstanden gewesen, dass er nach oben komme. Oben in
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der Wohnung habe der anwesende D._ dem B._ eine 'Kopfnuss' ver-
setzt und mit einem Messer mehrmals auf ihn eingestochen. Das sei so schnell
gegangen, dass sie nichts dagegen habe tun können. B._ habe sich dann ir-
gendwie befreien und zum Lift gehen können, wo er dann plötzlich das Messer in
der Hand gehalten und Stichbewegungen gegen D._ gemacht habe. Die bei-
den hätten dann zu raufen begonnen, worauf sie dazwischen gegangen sei und
vergeblich versucht habe, die beiden zu trennen. Als B._ das Messer gegen
ihren Bauch gerichtet habe, habe sie Angst bekommen. Es sei ihr dann gelungen,
das Messer zu behändigen, worauf sie aus Notwehr mit dem Messer seine Hand
verletzt habe, damit er das Messer nicht mehr habe halten können. Danach sei
B._ die Treppe hinunter gerollt, worauf sie D._ zurückgehalten habe,
damit er B._ nicht verfolge. Als sie Polizeisirenen gehört hätten, seien sie ge-
flohen. Auf der Flucht habe sie D._ gefragt, weshalb er B._ angegriffen
habe, worauf er ihr gesagt habe, dass er nicht wolle, dass sie Drogen nehme und
ausgerastet sei, als der Drogenlieferant vor ihm gestanden sei. Sie habe sich an
B._ weder rächen wollen, noch habe sie geplant gehabt, ihn umzubringen.
Vom Anklagevorwurf abweichend machte die Beschuldigte somit geltend, sie sei
vom Angriff durch D._ auf B._ überrascht worden. Die Tat habe somit
ausschliesslich D._ zu verantworten. Ausserdem sei der von ihr verübte
Messerstich in die Hand von B._ in Notwehr erfolgt.
3.2. Standpunkt des Privatklägers B._
a) Der Privatkläger B._ konnte erstmals am 12. September 2010 poli-
zeilich zu Protokoll befragt werden (Urk. 5.2.). Dabei schilderte er, wie er am
Abend des 31. August 2010 einen Anruf von der Beschuldigten erhalten habe. Er
sei gerade mit seinem Kollegen E._ im Auto gesessen, als die Beschuldigte
ihm mitgeteilt habe, dass sie zwei Frauen für ihn habe. Es sei ihm dabei klar ge-
wesen, dass sie ihm zwei Frauen zum "figgen" habe vermitteln wollen. Er habe
sich gefreut und seinen Kollegen E._ gefragt, ob er auch kommen wolle. Die
Beschuldigte habe ihm jedoch gesagt, er solle alleine kommen. Danach habe er
E._ zum Bahnhof F._ gebracht, dann sei er nach G._ gefahren, wo
sich die Beschuldigte aufgehalten habe. Er sei von der Beschuldigten am Telefon
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gelotst worden. Sie sei dann am Strassenrand gestanden und habe ihn empfan-
gen. Er habe sie gefragt, wo die Frauen seien, da habe ihn in diesem Moment
seine eigene Frau angerufen. Ihr habe er gesagt, dass er mit seinem Kollegen ...
zusammen sei, ein anderer Name sei ihm nicht in den Sinn gekommen. Er habe
das Telefongespräch mit seiner Frau beendet und die Beschuldigte erneut nach
den Frauen gefragt. Sie habe ihm gesagt, dass sie nach oben gehen sollten. Er
habe dies jedoch zuerst nicht gewollt. Sie habe jedoch darauf beharrt und gesagt,
es sei niemand in der Wohnung. Die Wohnung gehöre einem Kollegen und es
daure sicher noch eine Weile, bis die Frauen hier seien. Darauf sei er mit der Be-
schuldigten in die angebliche Wohnung gegangen. Oben habe er gesehen, dass
es keine Wohnung sondern ein Büro war. Schon beim Betreten des Büros habe
er einen ihm unbekannten Mann bemerkt. Er sei zu diesem Mann hingegangen
und habe die Hand zur Begrüssung hingestreckt. Der andere Mann habe die
Hand ergriffen und ihn mit einem Ruck an sich herangezogen und ihm einen so-
genannten "Türken-Kuss" (recte wohl: Schwedenkuss) auf die Nase gegeben,
wodurch dem Geschädigten schwindlig geworden sei. Unmittelbar danach habe
ihn der Mann mit einem Messer angegriffen. Er habe ihm etwa drei Stiche in die
linke Brustseite und einen Stich in seine Bauchgegend versetzt. Um weiteren Sti-
chen auszuweichen, sei er rückwärts gegangen. Dabei habe er einen Glastisch
übersehen, über den er rücklings gefallen sei. Dadurch sei die Glasplatte zerbro-
chen. Er (Privatkläger) sei dann wieder aufgestanden und in Richtung Türe ge-
rannt. Er habe diese geöffnet und sei weiter zum Lift gerannt. Die Lift-Türe habe
er nicht öffnen können, da hierfür ein Schlüssel notwendig sei. Dann sei er in
Richtung einer Türe mit der Aufschrift "Exit" gerannt. Bevor er diese Tür habe öff-
nen können, sei er von der Beschuldigten und dem unbekannten Mann eingeholt
worden. Der Mann habe versucht, weiter auf ihn einzustechen. Der Privatkläger
habe die Messerhand des Mannes packen und so die Stiche abwehren können.
Er sei jedoch am linken Handballen verletzt worden. Die Beschuldigte habe eben-
falls ein Messer in der Hand gehalten und habe damit in seine Tätowierung
(schwarzer Adler) auf dem rechten Handrücken gestochen. Sie habe gesagt, dass
sie ihm das Tattoo herausstechen werde und so etwas wie "Scheissalbaner".
Nachdem er den Mann mit einem Tritt auf Distanz gehalten habe, habe er die Tür
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öffnen können und dahinter sei er die Treppe hinuntergefallen. Unten sei er auf-
gestanden und hinausgegangen. Als er zurückgeblickt habe, seien die Beschul-
digte und der Mann oben an der ersten Glastür gestanden. Dann sei er hinaus auf
das Trottoir oder den Parkplatz gegangen. Ihm sei sehr schwindlig gewesen und
er habe getorkelt. Da er nicht mehr habe Auto fahren können, sei er auf die Stras-
se gekrochen, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein Autofahrer habe darauf-
hin die Sanität und die Polizei verständigt. In der weiteren Einvernahme gab der
Privatkläger zu Protokoll, dass er die Beschuldigte seit ca. einem Jahr kenne. Vor
ca. einem halben Jahr habe er zu ihr gesagt, falls sie eine Kollegin kenne, die
gerne "figgen" wolle, dann könne sie sich gerne an ihn wenden. Deshalb sei ihm
ihr Anruf vom 31. Oktober 2010 auch nicht seltsam vorgekommen (Urk. 5.2. S. 4
ff.).
b) Im Rahmen der Zeugeneinvernahme vom 21. Dezember 2010 schilderte
der Privatkläger den Ablauf der Geschehnisse vom 31. August bzw. 1. September
2010 in einigen Punkten abweichend von seiner Darstellung in der polizeilichen
Einvernahme vom 12. Dezember 2010. Insbesondere schilderte er die Vorgänge
bzw. seine Handlungen am Abend des 31. August 2010 in einigen Punkten an-
ders, indem er z.B. neu anführte, zunächst von F._ nach ... gefahren zu sein,
um die beiden Begleiterinnen nach Hause zu bringen, bevor er nach G._ zur
Beschuldigten gefahren sei. Einen Anruf seiner Frau an diesem Abend erwähnte
er in der Zeugeneinvernahme nicht mehr. Im Rahmen der Schilderung der tätli-
chen Auseinandersetzung mit dem Mann und der Beschuldigten erwähnte der
Privatkläger in der Zeugeneinvernahme, dass er dem Mann das Messer aus der
Hand habe nehmen können. Demgegenüber hatte er in der polizeilichen Befra-
gung geschildert, wie er nach seiner Flucht in den Hausgang mit seiner linken
Hand die Messerhand des Mannes habe packen und weitere Stiche habe abweh-
ren können, wodurch er am Handballen der linken Hand verletzt worden sei. Aus-
serdem schilderte er in der Zeugeneinvernahme, wie er der Beschuldigten, nach-
dem diese mit einem anderen Messer in seinen Handrücken gestochen habe,
dieses Messer habe wegnehmen können, worauf sie ihn in die Hand gebissen
habe. In der polizeilichen Befragung schilderte er nur den Stich durch die Be-
schuldigte, nicht jedoch, dass er ihr das Messer habe wegnehmen können und
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dass sie ihn in die Hand gebissen habe. Diese Unterschiede in Nebenpunkten der
Sachverhaltsschilderung erscheinen jedoch für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit
der Aussagen des Privatklägers zum Kerngeschehen nicht weiter relevant. Zum
einen wurde die fortlaufende Schilderung des Sachverhaltes durch den Privatklä-
ger in der polizeilichen Befragung durch keinerlei verdeutlichende Fragen des
einvernehmenden Polizeibeamten unterbrochen, während der Staatsanwalt die
Zeugenbefragung wesentlich umfangreicher und detaillierter vornahm. Es ist aus-
serdem festzuhalten, dass einige Details seiner Schilderung nicht mit dem Spu-
renbild übereinstimmen. So erwähnte er einen Glastisch, der während der Ausei-
nandersetzung zertrümmert worden sei (Urk. HD 5.2. S. 6), obwohl es sich um ein
Holzpult handelte (vgl. Urk. HD. 2.2 S. 42 ff.). Ausserdem sprach er davon, dass
er durch eine Türe geflohen sei, welche mit "Exit" angeschrieben gewesen sei
(Urk. HD 5.2 S. 6), was jedoch gemäss Fotodokumentation nicht der Fall war
(Urk. HD 2.2 S. 23 ff.). Anderseits erwähnte der Privatkläger Einzelheiten, die mit
dem Ergebnis der Spurensicherung am Tatort übereinstimmen. So erwähnte er,
dass der erste Messerangriff im Bereich des Tisches erfolgt sei, der in der Folge
beschädigt worden sei (Urk. HD 5.1 S. 1; Urk. HD 5.2 S. 5 f.; HD 5.4 S. 5), was
sich anhand des beschädigten und Blutspuren aufweisenden Pults am Tatort be-
stätigen lässt (Urk. HD 2.2 S. 42 ff.). Dasselbe gilt auch für seine Aussage, wo-
nach er gesehen habe, dass unter dem vermeintlichen Glastisch ein Messer am
Boden gelegen sei (Urk. HD 5.2 S. 7; HD 5.4 S. 5; Urk. HD 2.2 S. 34 ff.). Vor dem
Hintergrund dieser Wahrnehmung ist ohne Weiteres nachvollziehbar, dass der
Privatkläger bei dem durch die Beschuldigte ausgeführten Stich in seinen Hand-
rücken davon ausging, dass es sich dabei um ein anderes Messer handelte, als
dasjenige des anderen Angreifers. Tatsächlich ergaben die spurenkundlichen Un-
tersuchungen jedoch, dass die drei am Tatort sichergestellten Steakmesser zwar
teilweise in der Blutvorprobe positiv reagierten (Urk. HD 3.5 S. 13, 21, 26), aber
keine DNA von B._ aufwiesen (Urk. HD 3.6 S. 4 i.V.m. Urk. HD 3.4 S. 4
i.V.m. S. 3) und deshalb bei der Tatbegehung keine Rolle spielten.
c) Gewisse Aussagen des Privatklägers stimmen mit denjenigen der Be-
schuldigten überein. So bezüglich des Verhaltens des Angreifers D._ (statt
Begrüssung sofortiger Kopfstoss, gefolgt von mehreren Messerstichen [Urk. HD
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5.1 S. 1, Urk. HD 5.2 S. 5, Urk. HD 5.4 S. 5 bzw. Urk. HD 4.3 S. 2]). Aber auch
bezüglich des Messerstiches in den Handrücken von B._, nachdem sich die
Auseinandersetzung in den Bereich des Lifts verlagert hatte ([Urk. HD 5.2 S. 6,
Urk. HD 5.4 S. 6 bzw. Urk. HD 4.3 S. 2]). Es ist somit kein Grund ersichtlich, an
der entsprechenden Sachdarstellung zu zweifeln.
d) Die Ausführungen des Privatklägers erscheinen deshalb im Kerngehalt
des Geschehensablaufes als durchaus glaubhaft.
3.3. Weitere Beweismittel
a) Nebst den bisher behandelten Aussagen der Beschuldigten und des Pri-
vatklägers liegen als verwertbare Beweismittel die Abhörprotokolle über Telefon-
gespräche der Beschuldigten, die sie im Verlauf ihres Aufenthaltes in der Türkei
geführt hat, wohin sie nach der Tat vom 1. September 2010 geflohen war, bei den
Akten (Urk. HD 40 f.). Diese sind im Zusammenhang mit den Aussagen der Be-
schuldigten und des Privatklägers zu würdigen.
b) Im Weiteren liegt ein chemisch-toxikologisches Gutachten des Instituts für
Rechtsmedizin der Universität Zürich vom 1. Juni 2010 bei den Akten, auf wel-
ches nachfolgend bei der Würdigung der Aussagen der Beschuldigten ebenfalls
Bezug zu nehmen ist (Urk. ND 6.3). Ausserdem liegt ein Arztbericht über die von
B._ erlittenen Verletzungen sowie ein entsprechendes medizinisches Akten-
gutachten des Institutes für Rechtsmedizin der Universität Zürich bei den Akten
(Urk. HD 11.1.5 und Urk. HD 11.2.3.).
4. Beweiswürdigung
a) Zunächst ist festzuhalten, dass die Beschuldigte sich nur im Rahmen der
polizeiliche Einvernahme vom 29. November 2010 einlässlich zu den damaligen
Geschehnissen äusserte (Urk. HD 4.3) und sich sonst im Wesentlichen darauf
beschränkte, auf ihre damalige Sachdarstellung zu verweisen (Urk. HD 4.4 S. 1,
7; Urk. HD 4.6 S. 3). Teilweise machte sie auch von ihrem Aussageverweige-
rungsrecht Gebrauch (Urk. HD 4.1 S. 2 f.; Urk. HD 4.2 S. 2 f.; Urk. HD 4.11 S. 2).
Dieses Aussageverhalten führte dazu, dass innerhalb ihrer Schilderungen zum
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eigentlichen Tathergang zunächst keine Widersprüche festzustellen waren. In
diesem Zusammenhang ist jedoch auch festzuhalten, dass sich die Beschuldigte
während ihrer Flucht vorgenommen hatte, dass sie das, was sie der Polizei sagen
wolle, aufschreiben und auswendig lernen werde, was durch entsprechende
Äusserungen in den aufgezeichneten Telefongesprächen belegt ist (Urk. HD 40,
TK 25.9.2010, 15:35:16, S. 4, 6, TK 27.9.2010, 17:01:54, S. 2). Diese Absichtser-
klärung lässt ihre Aussagen vom 29. November 2010 vorab als zweifelhaft er-
scheinen.
b) Im Weiteren weisen ihre Aussagen insgesamt durchaus Widersprüche
auf. Dies gilt insbesondere für ihre im Verlauf des Verfahrens gemachten Anga-
ben zu ihrem Drogenkonsum. So erwähnte sie anfangs nur Marihuana und Koka-
in (Urk. ND 6.1 S. 4), später auch noch Amphetamine (Urk. HD 4.4 S. 3). Die
Aussagen der Beschuldigten lassen erkennen, dass sie sich im Verlauf der Vor-
untersuchung je länger desto suchtmittelabhängiger darstellen wollte. Dies ergibt
sich auch aus den Mengen, die sie konsumiert haben will: Während sie am 6. Mai
2010 noch von einem gelegentlichen Konsum gesprochen hatte (Urk. ND 5.1
S. 5: "Ich bin kein Junkie oder süchtig. Wenn jemand hat, nehme ich, sonst
nicht"), machte sie in den zwei folgenden Einvernahmen signifikant höhere Anga-
ben, (Einvernahme vom 29. November 2010: seit ca. einem halben Jahr konsu-
miere sie täglich 1 - 1,5 Gramm Kokain, manchmal auch 3 - 4 Gramm [HD 4.3
S. 3]; Einvernahme vom 16. Dezember 2010: sie konsumiere seit ca. einem Jahr,
anfangs nicht so viel, seit etwa einem halben Jahr täglich 3 - 4 Gramm Kokain,
ausser wenn sie mal kein Geld habe). Mit Verfügung der Staatsanwaltschaft vom
21. Dezember 2010 wurde bei der Beschuldigten eine Haarprobe zur Betäu-
bungsmittelanalyse angeordnet (Urk. HD 13.2). Bis zur Bekanntgabe des Ergeb-
nisses der Analyse äusserte die Beschuldigte sich insofern sehr vage, als sie zu-
nächst den (fast) täglichen Konsum von 3 - 4 Gramm Kokain und damit ihre frühe-
ren Aussagen bestätigte, wenig später aber ihren Konsum ab Mai 2010 stark rela-
tivierte, indem sie nicht mehr täglich, sondern nur 1 - 2 Mal pro Woche jeweils 3 -
4 Gramm Kokain geschnupft haben will (Urk. HD 4.7 S. 1 f.). Offenbar war ihr da-
ran gelegen, sich einerseits nicht in Widerspruch zu ihren früheren Depositionen
zu setzen und sich andererseits mit Blick auf das ihr noch nicht bekannte Analy-
- 16 -
seergebnis alle Optionen offen zu halten. Im Rahmen der Explorationsgespräche
mit dem psychiatrischen Gutachter erhöhte sie die Angaben zu ihrem Konsum-
verhalten wieder deutlich, indem sie für den Zeitraum von Mai 2010 bis zur Tat
davon sprach, dass sie pro Woche zwei bis vier Mal konsumiert habe (Urk. HD
14.10.4 S. 37). In krassem Widerspruch dazu sagte sie in der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung vom 13. März 2013, dass sie etwa drei Monate vor der Tat
vom 1. September 2010 zum letzten Mal Kokain konsumiert habe, wobei sie da-
mals viel konsumiert habe, "vielleicht 10 Gramm", und dass sie insbesondere am
Tatabend weder Kokain noch Marihuana genommen habe (Urk. HD 78 S. 11 f.;
dies widerspricht ihrer Darstellung, sie habe den Privatkläger wegen eines Dro-
gengeschäfts herbestellt [Urk. 107 S. 5, Prot. II S. 16]; Letzteres widerspricht so-
dann ihrer eigenen Sachdarstellung vom 29. November 2010, als sie noch von
Kokainkonsum im Büro von D._ gesprochen hatte [HD 4.3 S. 2]). Schliesslich
ist auch klar ersichtlich, dass die Beschuldigte die Frage, wie sie ihren Drogen-
konsum finanziert habe, in unterschiedlicher Weise beantwortete: Zuerst gab sie
zu Protokoll, dass sie überhaupt kein Geld für Drogen ausgebe, sondern einfach
nur mitkonsumiere, wenn jemand etwas habe (Urk. ND 5.1 S. 5). Später sprach
sie sinngemäss davon, dass sie die Drogen mit ihrer Arbeitslosenentschädigung
oder mit Geld, das sie von ihrer Mutter oder von Kollegen, die sie nicht nennen
wollte, geliehen habe, finanziert habe (Urk. HD 4.4 S. 4). Gemäss ihren am
24. März 2011 und am 20. Juli 2011 gemachten Aussagen will sie sich auch pros-
tituiert haben, wenn sie kein Geld für Drogen gehabt habe (Urk. HD 4.7 S. 2; Urk.
HD 4.10 S. 4). Wieso dies nötig gewesen sein soll, nachdem sie in der Hauptver-
handlung zu Protokoll gab, dass sie das Kokain (fast) immer gratis bekommen
habe (Urk. HD 78 S. 5, 16), blieb unklar.
c) Die Angaben der Beschuldigten zu ihrem Konsumverhalten werden teil-
weise durch das Beweisergebnis klar widerlegt. Die Analyse des bei der Beschul-
digten in den frühen Morgenstunden des 6. Mai 2010 asservierten Urins und Bluts
(Urk. ND 6.4) ergab gemäss chemisch-toxikologischem Gutachten des Instituts
für Rechtsmedizin der Universität Zürich vom 1. Juni 2010 zwar den wissenschaft-
lichen Nachweis, dass sie Kokain konsumiert hatte, doch sprach der negative Be-
fund betreffend Kokain im Blut gegen einen aktuellen Konsum (Urk. ND 6.3). So-
- 17 -
weit die Beschuldigte am 6. Mai 2010 von einem gelegentlichen Drogenkonsum
sprach, ist dies mit dem besagten Analyseergebnis vereinbar. Dagegen sind ihre
im Vorverfahren gemachten Angaben zu ihrem späteren Konsum (teilweise
sprach sie von täglich bis zu 4 Gramm, teilweise von ca. zwei Mal wöchentlich je
3 bis 4 Gramm) gemäss Gutachten mit dem Ergebnis der chemischen Untersu-
chung ihrer Haare nicht zu vereinbaren (Urk. HD 13.6). Abschliessend ist festzu-
halten, dass die Beschuldigte in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung neu gel-
tend machte, dass sie zuletzt ca. drei Monate vor der Tat Kokain konsumiert habe
und dass sie am Tatabend (31. August 2010) kein Kokain und kein Marihuana
konsumiert habe (Urk. 78 S. 6 i.V.m. S. 11 f.), womit sie ihre Aussage dem Be-
weisergebnis anpasste.
d) Im Weiteren sind die Aussagen der Beschuldigten zur Vorgeschichte der
Tat vom 31. August/1. September 2010 zu würdigen. Die Beschuldigte gab vonei-
nander abweichenden Schilderungen zum Inhalt des Telefonats mit dem Privat-
kläger am 31. August 2010: Am 29. November 2010 sagte sie aus, dass sie
B._ gesagt habe, sie brauche ihn, und wenn sie das sage, dann sei ihm klar,
dass sie Drogen brauche (Urk. HD 4.3 S. 2, 5). In diesem Sinne äusserte sie sich
auch in weiteren Einvernahmen (Urk. HD 4.4 S. 2, 6; Urk. HD 4.5 S. 4), wobei sie
auf Vorhalt der entsprechenden Aussagen des Privatklägers B._ bestritt,
dass sie ihm Sex mit zwei Frauen versprochen habe (Urk. HD 4.3. S. 5; Urk.
HD 4.5 S. 4). Neu und im Widerspruch zu ihrer früheren Sachdarstellung räumte
sie in der Einvernahme vom 12. Mai 2011 ein, dass sie "das mit den zwei Frauen"
vielleicht doch gesagt habe, sie habe ja nicht sagen können, dass sie zwei
Gramm Kokain benötige (Urk. HD 4.8 S. 3). Beim psychiatrischen Sachverständi-
gen stellte sie es schliesslich so dar, dass "zwei Frauen" ein Code für zwei
Gramm Kokain gewesen sei (Urk. HD 14.10.4 S. 41). Es stellt sich dann jedoch
die Frage, weshalb sie dem Privatkläger hätte sagen sollen, sie habe zwei Frauen
für ihn, wenn sie selber Drogen benötigte. Sie versuchte offensichtlich, ihre eige-
ne Sachdarstellung den Aussagen des Privatklägers und ihren eigenen Äusse-
rungen in den abgehörten Telefonaten (insbesondere Urk. HD 40, TK 20.9.2010,
15:08:21, S. 4, TK 26.9.2010, 20:59:20, S. 2 und TK 28.9.2010, 20:58:16, S. 4)
anzupassen. Ganz anders schilderte sie den Wortlaut des Telefonats im Rahmen
- 18 -
der Hauptverhandlung, sagte sie doch erstmals in einer Befragung, dass sie
B._ Drogen angeboten und dass sie auch die Anwesenheit von zwei Frauen
erwähnt habe (Urk. HD 78 S. 6). Diese Version stimmt mit ihren Äusserungen an-
lässlich eines Telefonates am 28. September 2010 überein (Urk. 40, TK
28.09.2010, 20:58:16 S. 4). Neu war also keine Rede mehr von verklausulierter
Ausdrucksweise, ebenso neu will sie Drogen offeriert und nicht etwa bestellt ha-
ben. Mit dieser Aussage setzte sie sich nicht nur in klaren Widerspruch zu ihrer
früheren Sachdarstellung, sondern anerkannte sinngemäss auch die Berechti-
gung des Anklagevorwurfs, wonach sie B._ unter falschen Angaben an die
C._-Strasse ... gelockt hatte. Anlässlich der Berufungsverhandlung bestätigte
sie sodann, dass sie den Privatkläger unter falschen Angaben hergelockt habe
(Prot. II S. 16).
e) Sodann ist festzustellen, dass der von der Beschuldigten in der Hauptver-
handlung genannte Tatablauf teilweise deutlich von ihrer diesbezüglichen Schilde-
rung im Rahmen des Vorverfahrens abweicht: So sprach sie neu davon, dass
zwei Messer involviert gewesen seien (Urk. HD 78 S. 7, 10), nachdem sie gegen-
über der Polizei am 29. November 2010 immer nur von einem Messer gespro-
chen hatte (Urk. HD 4.3 S. 2). Eine weitere Diskrepanz betrifft ihr Verhalten wäh-
rend des Kampfes: Im Vorverfahren hatte sie noch zu Protokoll gegeben, dass sie
dazwischen gegangen sei, um die beiden Kontrahenten zu trennen, was ihr je-
doch nicht gelungen sei (Urk. HD 4.3 S. 2). Anders sprach sie in der vorinstanzli-
chen Hauptverhandlung davon, dass sie sich am Kampf beteiligt habe ("Wir wa-
ren dann zu dritt am Kämpfen" (Urk. HD 78 S. 7). Schliesslich begründete sie den
von ihr verübten Messerstich in die Hand des Privatklägers - im Unterschied zum
Vorverfahren - nicht mehr mit einem Handeln in Notwehr (Urk. HD 4.3 S. 5;
Urk. HD 4.4 S. 2), sondern begründete ihn mit ihrer Angst (Urk. HD 78 S. 10).
f) Die Beschuldigte schilderte ihren Alkoholkonsum am Tatabend im Rah-
men der vorinstanzlichen Hauptverhandlung sehr widersprüchlich (zuerst will sie
alleine zwei Flaschen Whisky getrunken haben [Urk. HD 78 S. 11]; dann habe sie
die zwei Flaschen Whisky zusammen mit D._ getrunken [Urk. HD 78 S. 11];
dann war sie nicht mehr sicher, wie viel sie selber getrunken habe [Urk. HD 78
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S. 16]). Ferner erwähnte sie in der Hauptverhandlung diverse Umstände, die sich
nicht mit ihren früheren Angaben in Einklang bringen lassen: Dies betrifft einmal
den Vorfall mit den zwei Kollegen von B._ aus Biel, den sie in der Hauptver-
handlung ausführlich schilderte (Urk. HD 78 S. 5 f.), nachdem sie im Vorverfahren
noch dezidiert behauptet hatte, dass so etwas nie vorgefallen sei (Urk. HD 4.4
S. 5) bzw. – auf Vorhalt ihrer entsprechenden Schilderungen in abgehörten Tele-
fongesprächen – dass sie diese Geschichte erfunden habe (Urk. HD 4.5 S. 3).
Schliesslich sprach sie in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung von drei Verge-
waltigungen, die sie erlebt habe und über die sie mit niemandem habe reden kön-
nen (Urk. HD 78 S. 5). Dazu gibt es mehrere Bemerkungen anzubringen: Der ers-
ten "Vergewaltigung" liegt ein aktenkundiger Vorfall von Januar 2004 zu Grunde,
der von der zuständigen Bezirksanwaltschaft höchstens als sexuelle Belästigung
qualifiziert wurde, weshalb sie die Untersuchung betreffend sexuelle Nötigung ge-
gen den damaligen 18jährigen Angeschuldigten einstellte (vgl. insbesondere act.
2 S. 7 [keinerlei Verletzungen im Genitalbereich und intaktes Hymen] und act. 9
der Beizugsakten der Bezirksanwaltschaft Bülach; vgl. dazu auch Urk. HD 14.10.1
S. 22). Nicht richtig ist sodann, dass die Beschuldigte mit niemandem über diesen
Vorfall habe sprechen können, da sie ab Januar 2004 mehrmals, auch stationär,
in Behandlung war (vgl. Urk. HD 14.10.1 S. 24 ff.). Die anderen angeblichen Ver-
gewaltigungen erwähnte die Beschuldigte erstmals im Rahmen der vorinstanzli-
chen Hauptverhandlung, was doch die Frage aufwirft, weshalb sie im Rahmen der
psychiatrischen Explorationsgespräche zwar den Vorfall vom Januar 2004, nicht
aber die weiteren Vergewaltigungen, die sie erlitten haben will (vgl. Urk. HD
14.10.1 S. 30 ff.), zur Sprache brachte. Die Zweifel an der diesbezüglichen Sach-
darstellung verdichten sich weiter, wenn man berücksichtigt, dass die Beschuldig-
te auch gegenüber der Suchthilfe Winterthur – und damit ausserhalb des vorlie-
genden Verfahrens – nicht von drei Vergewaltigungen sprach, sondern einzig den
Vorfall aus dem Jahre 2004 erwähnte (vgl. Urk. HD 14.2).
g) Bereits aufgrund des geschilderten Aussageverhaltens der Beschuldigten
und der zahlreichen Widersprüche in ihren Aussagen insgesamt, ist die Glaubhaf-
tigkeit ihrer Sachdarstellung stark in Frage gestellt.
- 20 -
h) Aus den Abhörprotokollen über die Telefongespräche der Beschuldigten,
die sie im Verlauf ihres Aufenthaltes in der Türkei geführt hat, ergeben sich klare
Hinweise dafür, dass die Sachdarstellung des Privatklägers zum Kerngeschehen
und mithin der Anklagesachverhalt der Wahrheit entspricht:
aa) Der Privatkläger sagte aus, dass die Beschuldigte ihm am Telefon zwei
Frauen versprochen habe (Urk. HD 5.1 S. 1; Urk. HD 5.2 S. 4; Urk. HD 5.4 S. 3).
Dasselbe äusserte die Beschuldigte in mehreren abgehörten Telefonaten (Urk.
HD 40 TK 26.9.2010, 20:59:20, S. 2: "Danach habe ich B._ angerufen und
ihm gesagt, hör zu, ich habe zwei Frauen für dich"; in diesem Sinne auch TK
28.9.2010, 20:58:16, S. 4: "Ich habe ihn gefragt, kommst Du, ich habe Koka, wir
können zusammen rein ziehen und ich habe noch ein paar Frauen für dich, [...]).
bb) Sodann gab der Privatkläger sinngemäss zu Protokoll, dass er, als er
vor dem Haus C._-Strasse ... angekommen war, Bedenken gehabt habe,
nach oben zu gehen, welche die Beschuldigte aber mit der Bemerkung zerstreut
habe, dass sie alleine in der Wohnung sei (Urk. HD 5.2 S. 5; HD 5.4 S. 5). Sinn-
gemäss dasselbe sagte die Beschuldigte am Telefon, als sie ihren damaligen Ge-
sprächspartnern den Ablauf der Tat schilderte (Urk. HD 40 TK 26.9.2010,
20:59:20, S. 2; TK 28.9.2010, 20:58:16, S. 4).
cc) Die Beschuldigte wollte ihre eigenen Aussagen in den abgehörten Tele-
fongespräche nicht als so gemeint gelten lassen, wobei sie dafür unterschiedliche
Gründe anführte. Zu Beginn der Voruntersuchung berief sie sich auf fehlende Er-
innerung bzw. gab an, gar nichts davon zu wissen (HD 4.4 S. 5 ff.). Dies obwohl
sie die betreffenden Telefongespräche nur drei Monate früher geführt hatte, wobei
es für sie um das für sie zentrale Thema ging, nämlich die Tat vom 1. September
2010 und die Abwägungen um eine Rückkehr in die Schweiz. Später in der Vor-
untersuchung sagte sie, dass sie bei den Telefongesprächen phantasiert habe,
sie habe sich wahrscheinlich "krass zeigen" wollen, und zwar auch gegenüber ih-
rem Bruder, dem sie dasselbe wie den andern habe erzählen müssen (Urk. HD
4.5 S. 2, 4). Ferner erklärte sie ihre Äusserungen am Telefon damit, dass sie nicht
gewollt habe, dass ihr Bruder oder sonst jemand wisse, dass sie schwach sei und
Drogen brauche; deshalb habe sie gesagt, dass sie etwas gemacht habe und
- 21 -
nicht, dass sie B._ wegen Drogen zu sich bestellt habe (HD 4.8 S. 5). In der
vorinstanzlichen Hauptverhandlung gab sie analog zu Protokoll: "Ich wollte mich
stark zeigen, obwohl ich das gar nicht war" (HD 78 S. 9). Im Rahmen dieser
Hauptverhandlung behauptete sie schliesslich, dass sie gar nicht gewusst habe,
was eine Planung sei und dass sie von Planung gesprochen habe, weil sie
B._ am Telefon gesagt habe, dass er kommen solle (Urk. HD 78 S. 14). An-
lässlich der Berufungsverhandlung liess sie ausführen, sie habe in den Telefon-
gesprächen Dinge erzählt, die mit der Realität nichts zu tun hätten. Sie habe ihren
Tatbeitrag in einer Intensität dargestellt, wie sie nicht einmal vom Privatkläger sel-
ber geschildert werde, um in den Augen der Gesprächspartner so zu erscheinen,
wie sie sich selber gerne gesehen hätte (Urk. 107 S. 8).
dd) Die Behauptung der Beschuldigten, wonach ihre Äusserungen in den
abgehörten Telefongesprächen inhaltlich nicht der Wahrheit entsprochen hätten,
erscheint völlig unglaubhaft. Die Beschuldigte hat zwar möglicherweise in ihren
Beschreibungen manchmal etwas übertrieben, so wenn sie ihrem Bruder H._
am 26. September 2010 die folgende Szene schilderte: "Dort habe ich ihn gehal-
ten, so gewürgt und D._ hat irgendwie auf ihn eingestochen. D._ hat
nein gesagt.... und B._ hat dann angefangen mich anzuflehen. Er hat zu mir
gesagt, A._, lass mich gehen, bitte... Ich habe ihm dann gesagt, nein, du
stirbst... ich glaube, ich habe so etwas Ähnliches zu ihm gesagt. Dann hat
D._ zu mir gesagt, lass ich (recte wohl: ihn) los, die Bullen kommen, lass ihn
los (...), da habe ich ihn losgelassen und er ist nach draussen gegangen." (Urk.
HD 40 TK 26.9.2010, 20:59:20, S. 3). Sie wollte sich offenbar tatsächlich als
"krasser Gangster" präsentieren (so ausdrücklich in Urk. HD 40 TK 28.9.2010,
22:50:59, S. 1; vgl. auch TK 28.9.2010, 19:53:36, S. 1: "Ich habe jemanden ge-
stochen, ich bin ein krasser Siech, ha, ha"). Ihr Argument, wonach sie allen das
Gleiche habe erzählen müssen, verfängt jedoch nicht. Ihre Angaben unterschei-
den sich u.a. hinsichtlich ihres Motivs (B._ habe sie an zwei Kollegen "ver-
kauft" [gegenüber I._ und J._] bzw. B._ sei dafür verantwortlich,
dass sie nicht vom Kokain losgekommen sei [gegenüber K._]). Aber auch
zum Tatablauf: Mal stellte sie es so dar, dass sie die Tat allein begangen habe,
mal schilderte sie, dass auch D._ zugestochen habe.
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ee) Zur sinngemässen Behauptung, dass sie nur deshalb von einer geplan-
ten Tat gesprochen habe, damit sie ihr Drogenproblem nicht habe offen legen
müssen, ist vorab festzuhalten, dass es abwegig erscheint, dass sich jemand lie-
ber eines Mordversuchs bezichtigt (so nicht nur der Anklagevorwurf, sondern
auch die von der Beschuldigten selber vorgenommene Würdigung [Urk. 40 TK
22.9.2010, 16:34:32, S. 5]), um sein Drogenproblem nicht erwähnen zu müssen.
Sodann will sie ihr Drogenproblem ja insbesondere vor ihrem Bruder H._
verheimlicht haben. Dieses Vorbringen ist aber nicht nachvollziehbar, da den ak-
tenkundigen TK-Protokollen zu entnehmen ist, dass es in den mit ihrem Bruder
geführten Telefonaten immer wieder um ihren Drogenkonsum ging (vgl. z.B. Urk.
40 TK 13.9.10, 18:03:48, S. 9; TK 20.9.10, 15:08:21, S. 4; TK 23.9.10, 18:17:23,
S. 1; TK 27.9.10, 17:11:01, S. 2). Auch gegenüber anderen Personen erwähnte
sie am Telefon das Thema Drogen (Urk. 40 TK 22.9.10, 16:34:32, S. 5 [L._];
TK 22.9.10, 18:34:48, S. 2 [Mutter der Beschuldigten]; TK 20.9.2010, 15:08:21,
S. 4 [M._]; TK 28.9.2010, 18:20:06, S. 2 f. [K._]), weshalb ihre im Vor-
verfahren gemachte Aussage, sie sei Muslimin und deshalb dürfe niemand wis-
sen, dass sie Drogen nehme (Urk. HD 4.6 S. 3), nicht zu überzeugen vermag und
als Schutzbehauptung zu betrachten ist. Schliesslich vermag auch ihre Behaup-
tung, wonach sie gar nicht gewusst habe, was unter Planung zu verstehen sei,
nicht zu überzeugen. Ihre Äusserungen liessen klar erkennen, dass sie die Tat
geplant hatte, ganz unabhängig davon, ob sie nun die semantische Bedeutung
des Begriffes "Planung" kannte oder nicht. So machte sie in der TK vom
26.9.2010, 20:59:20, S. 1 die Äusserung: "Ich hatte sowieso seit ein paar Wochen
vorgehabt es zu tun"; TK 28.9.2010, 18:20:06, S. 3: "Irgendwann sagte ich zu mir,
weisst du was A._, du musst diese Missgeburt abstechen, er soll sterben,
dann gehst du in den Knast und hörst mit diesem Scheissdreck auf. Und dann
habe ich es wirklich gemacht"; TK 28.9.2010, 20:58:16, S. 4: ".. ich habe ihm ge-
sagt, du D._ besorge mir eine Knarre. Er hat mich gefragt, warum... ich habe
ihm gesagt, ich möchte heute jemanden umbringen. Ich habe ihm gesagt, heute
möchte ich jemanden umbringen... wie kann er mir so etwas antun... wie kann er
mich so verarschen... er wollte meinen Körper einfach so verkaufen, Mann, richtig
verkaufen. Ich habe ihm gesagt, gib mir eine Knarre. Er hat gesagt, nein, ich gebe
- 23 -
dir keine Knarre. Ich sagte ihm, gib mir irgendwas, ich bringe ihn um. Er hat ge-
sagt, nein, wenn wir es machen, dann machen wir es zusammen, ich lass dich
nicht allein, hat er mir gesagt".
ff) Es kann demnach keine Rede davon sein, dass es sich bei den von der
Beschuldigten am Telefon gemachten Angaben um Phantasiegebilde handelte.
Soweit sie mit der Sachdarstellung des Geschädigten B._ in Einklang ste-
hen, bestätigen sie vielmehr die Richtigkeit des Anklagevorwurfs. In dieses Bild
passt, dass es in den abgehörten Telefongesprächen auch immer wieder um die
Länge der von der Beschuldigten zu erwartenden Freiheitsstrafe ging (vgl. u.a.
Urk. 40 TK 22.9.2010, 18:34:48, S. 2; TK 23.9.210, 20:48:51, S. 3; TK 12.9.2010,
01:57:16 S. 5). Wäre die Beschuldigte durch die Tat von D._ überrascht wor-
den und würde es zutreffen, dass sie tatsächlich nur damit gerechnet hatte, dass
dieser dem Privatkläger einen Denkzettel mit Fäusten verpassen würde, wie von
ihr und der Verteidigung geltend gemacht wird (Prot. II S. 19; Urk. 107 S. 7), bzw.
hätte sie nur in Notwehr gehandelt, dann wären solche Erörterungen zum mögli-
chen Strafmass wohl kaum im Vordergrund gestanden, sondern eben die Frage,
wie sie ihren ungewollten Einbezug in die Tathandlungen von D._ beweisen
könnte. Sie hätte ihre Überraschung oder ihr Entsetzen über das Verhalten von
D._ und das sie dies nicht gewollt habe, kundgetan. Solche Überlegungen
sind jedoch nicht einmal ansatzweise aus den Telefongesprächen der Beschuldig-
ten herauszuhören. Vielmehr brachte sie klar zum Ausdruck, dass es ihrem eige-
nen Willen entsprach, dass der Privatkläger umgebracht werden sollte und dass
sie dies eigentlich am liebsten selber bzw. alleine durchgezogen hätte, anstatt
sich von D._ unterstützen zu lassen. Ihre nachträglichen Bemühungen, ihre
Äusserungen in den Telefonaten als Erfindungen bzw. Phantastereien darzustel-
len, erscheinen vor dem dargestellten Hintergrund als unglaubhaft.
gg) Angesichts ihrer eigenen Angaben in den abgehörten Telefonaten, die
insofern im Gesamtkontext als glaubhaft einzustufen und deshalb nicht anzuzwei-
feln sind, steht auch - entgegen der Auffassung der Verteidigung (Urk. 107 S. 10)
- ausser Frage, dass die Beschuldigte die Tat geplant hat. Sie hat B._ mit
falschen Versprechungen an den Tatort gelockt, um sich dort an ihm zu rächen
- 24 -
und ihn unter Mitwirkung von D._ zu töten (TK 13.9.2010, 01:33:30, S. 7 [ge-
plante Tat]; TK 14.9.2010, 18:00:16, S. 2 ["er soll verrecken"]; TK 20.9.2010,
15:59:20, S. 3 ["auf den wir eingestochen haben", also gemeinschaftlich began-
gene Tat]; TK 22.9.2010, 16:34:32, S. 6 ["Er hat es verdient"]; TK 22.9.2010,
18:34:48, S. 2 [geplante Tat]; TK 26.9.2010, 20:59:20, S. 1 [geplante Tat]; TK
27.9.2010, 12:26:43, S. 3 [sie habe gewollt, dass er stirbt], S. 5 [sie habe sich rä-
chen wollen]; S. 8 ["Ich wollte ihn umbringen"]; TK 28.9.2010, 18:20:06, S. 2 f.
[geplante Tat, aus Rache, er soll sterben]; TK 28.9.2010, 20:58:16, S. 3, 12 [sie
habe geschworen, dass er für das, was er ihr angetan habe, bezahlen werde; ge-
plante Tat]). Im Übrigen hat sie schlussendlich in der vorinstanzlichen Hauptver-
handlung und anlässlich der Berufungsverhandlung selber eingeräumt, dass sie
den Privatkläger mit falschen Versprechungen und Angaben an den Tatort gelockt
hat (Urk. HD 78 S. 6; Prot. II S. 16). Wenn sie dies nun selber in Abweichung von
ihren früheren Aussagen in der Voruntersuchung zugab, dann macht auch ihre
Behauptung keinen Sinn mehr, wonach sie vom Privatkläger habe Drogen kaufen
wollen. Ein anderer plausibler Grund, als den Privatkläger in eine Falle zu locken,
ist somit nicht ersichtlich. Der Auffassung der Verteidigung, wonach die Tötung
des Privatklägers aufgrund der numerischen und der Waffenüberlegenheit sowie
des ungestörten Tatorts ohne Weiteres in die Tat hätte umgesetzt werden können
und dass deshalb, weil das nicht geschah, nicht von einer Tötungsabsicht ausge-
gangen werden könne (Urk. 107 S. 7), kann nicht gefolgt werden. Vielmehr
misslang die Tötung, weil dem Privatkläger die Flucht gelang. Entgegen der Auf-
fassung der Verteidigung liessen die Beschuldigte und D._ den Privatkläger
nicht etwa aus dem Haus flüchten, weil sie ihn nicht liquidieren wollten (Urk. 107
S. 9), sondern folgten dem Privatkläger nicht auf die belebte Strasse hinaus, da
sie dort bei einer Fortsetzung ihres Vorhabens beobachtet worden wären.
i) Die Beschuldigte hatte gemäss ihren Ausführungen in den Telefonaten ur-
sprünglich geplant, die Tat alleine auszuführen (Urk. 40 TK 13.9.2010, 01:33:30,
S. 7 ["...ich hatte ihm erzählt, das ich gerne so etwas machen möchte ... und, er
hat mir auch helfen wollen und so ... nachher habe ich gesagt nein, das musst Du
für mich nicht tun und so ..."]; TK 20.9.2010, 15:08:21, S. 2 f. ["Dann hat er zu mir
gesagt, dass er alles verloren habe, ich habe ihm dann gesagt, ich habe dich
- 25 -
nicht dazu gezwungen, ich habe dir tausendmal gesagt, dass du mir nicht helfen
musst. Du hast dich selber eingemischt, ich habe dir immer wieder gesagt, das ist
mein Ding und du musst nichts machen. ..."]; TK 26.9.2010, 20:59:20, S. 1 f.
[Dann hat er, diese Missgeburt mir gesagt, wir werden es zusammen tun. Ich bin
ja besoffen gewesen und ich habe ihm dann gesagt, es ist gut. Dann habe ich
B._ angerufen und ihm gesagt, hör zu, ich habe zwei Frauen für dich (...)" ;
TK 27.9.2010, 12:26:43, S. 3 ["Das schlimmste ist es, dass ich gewollt habe, dass
er stirbt. (...) Sie werden es sehen, dass ich gewollt habe, dass er stirbt. Weil ich
ihm den Weg versperrt habe, damit er nicht rausgehen kann."]; TK 28.9.2010,
20:58:16, S. 4, 10, 22 [Weisst Du, ich wollte es eigentlich so machen, dass es
sauber ist ... dass es niemand mitbekommt. Aber wegen dem anderen ... er hat
gesagt, ruf ihn doch ... ruf ihn doch ... ruf ihn doch hierher. Und ich war noch be-
soffen...Sonst , glaube es mir, ich hätte ihn umgebracht, in Stückchen geschnitten
und in den See geworfen. Niemand hätte es dann gewusst (...)]). - Vor dem Hin-
tergrund dieser wiederholt vorgebrachten Äusserungen kann keinem Zweifel un-
terliegen, dass die Beschuldigte die Tat vom 1. September 2010 selber initiierte
und nur deshalb nicht vollumfänglich selber beging, weil D._ sich anerbot,
die Beschuldigte in ihrem Vorhaben zu unterstützen, d.h. den Privatkläger
B._ anzugreifen und zu töten. Ihre eigenen Tathandlungen sind im Sinne der
Umschreibung in der Anklageschrift rechtsgenügend erstellt, decken sich doch die
entsprechenden belastenden Aussagen des Privatklägers mit den Angaben der
Beschuldigten, welche diese anlässlich der genannten Telefonate äusserte sowie
mit dem Spurenbild und teilweise sogar mit den eigenen Aussagen der Beschul-
digten in der Voruntersuchung, in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung sowie
anlässlich der Berufungsverhandlung.
j) Infolge des durch D._ und der Beschuldigten ausgeführten Angriffs
erlitt der Privatkläger einen Nasenbeinbruch, einen Bruch der 10. Rippe sowie
Stichverletzungen im Brustkorb und Bauch, an der linken Schulter und an der
Hand. Diese Verletzungen führten zu einem Pneumothorax mit einem Kollaps des
linken Lungenflügels, einer vierfachen Perforation des Dünndarms und des Ma-
gens sowie einem Defekt des venösen linken Nierengefässes mit der Bildung ei-
nes grossen Blutergusses um die linke Niere. Aufgrund dieser Verletzungen, na-
- 26 -
mentlich der Lungenverletzungen und des daraus resultierenden Pneumothorax
sowie der Verletzungen des Blutgefässes der linken Nierenvene, befand sich der
Privatkläger in einer unmittelbaren konkreten Lebensgefahr. Dieser Befund ergibt
sich aus dem von med. pract. ... und Dr. med. ... vom Institut für Rechtsmedizin
der Universität Zürich verfassten Aktengutachten vom 21. März 2011 sowie dem
ärztlichen Bericht von Dr. med. ... und Prof. Dr. med. ... vom Universitätsspital
Zürich vom 28. September 2010 (Urk. 11.1.5 und Urk. 11.2.3). Damit sind auch
die in der Anklageschrift genannten Folgend der Tat vom 31. August bzw. 1. Sep-
tember 2010 erstellt.
k) Aufgrund der dargelegten Beweiswürdigung ist der Anklagesachverhalt,
soweit er für die rechtliche Würdigung relevant ist, in objektiver und subjektiver
Hinsicht rechtsgenügend erstellt.
IV. Rechtliche Würdigung
1. Die Vorinstanz würdigte den erstellten Sachverhalt als versuchten
Mord im Sinne von Art. 112 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB. Die Ver-
teidigung beantragte einen Freispruch vom Vorwurf des versuchten Mordes und
eine Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung im Sinne von Art. 123 StGB
(Urk. 95 S. 2 f.; Urk. 107 S. 3).
2. Die vorinstanzlichen Erwägungen zur rechtlichen Würdigung der Tat
sind sowohl von den theoretischen Ausführungen als auch von der Subsumtion
her umfassend und zutreffend, weshalb vorab auf die entsprechenden Erwägun-
gen im vorinstanzlichen Entscheid verwiesen werden kann (Urk. 94 S. 37 - 44;
Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nachfolgenden Ausführungen sind in erster Linie als
Hervorhebungen und Ergänzungen zu verstehen.
3. a) Gemäss erstelltem Sachverhalt hatte die Beschuldigte geplant, den
Privatkläger zu töten, was sie eigentlich alleine, d.h. ohne fremde Unterstützung
erledigen wollte. Nachdem sie D._ am Abend des 31. August 2010 von ihrem
Vorhaben erzählt hatte, überredete sie dieser, die Tat gemeinsam zu begehen.
Darauf telefonierte die Beschuldigte dem Privatkläger und lockte ihn unter fal-
- 27 -
schen Angaben an den Tatort, wo er von D._ und der Beschuldigten in der in
der Anklage umschriebenen Weise angegriffen und verletzt wurde, wobei es die
Absicht der Beschuldigten und ihres Mittäters war, B._ zu töten. Entspre-
chend sind die Voraussetzungen der Mittäterschaft erfüllt und das Handeln von
D._ ist der Beschuldigten, die Mit-Tatherrschaft hatte und als Initiantin und
Tatbeteiligte fungierte, zuzurechnen. Es lässt sich jedoch nicht erstellen, dass die
Beschuldigte die genaue Art und Abfolge der Tathandlungen durch D._ im
Voraus kannte bzw. dass dies zwischen den beiden Tätern genau abgesprochen
worden wäre. Vielmehr ist davon auszugehen, dass zunächst der gemeinsame
Vorsatz gefasst wurde, den Privatkläger in die Räume an der C._-Strasse ...
zu locken und ihn dann zu töten. Der Kopfstoss und die anschliessenden Messer-
stiche wurden zwar durch D._ alleine ausgeführt, jedoch war die Beschuldig-
te entsprechend ihrem vorher gefassten Tötungsvorsatz mit diesen Handlungen
einverstanden, was sich auch dadurch manifestierte, dass sie sich nach dem ers-
ten Angriff auf den Privatkläger dann auch selber aktiv in die Tatausführung ein-
schaltete, indem sie den Privatkläger schlug und ihrerseits mit einem Messer in
dessen Handrücken stach.
b) Zur Tatwaffe machte die Beschuldigte im Rahmen der Voruntersuchung
und in den abgehörten Telefongespräche konkrete Angaben. Sie sprach von ei-
nem 24 bis 25 cm langen "Kochmesser" (Urk. HD 4.3 S. 6) bzw. von einem gros-
sen Küchenmesser (Urk. 40 TK 28.9.2010, 20:58:16, S. 5). Wie bereits die Vor-
instanz zutreffend festgestellt hat, manifestiert derjenige, der mit einem solchen
Messer mehrmals auf den Oberkörper eines Menschen einsticht, seinen direkten
Vorsatz, das Opfer zu töten. Etwas anderes kann aus einem solchen Verhalten
schlechterdings nicht gefolgert werden. Die Täter handelten somit mit direktem
Vorsatz in Bezug auf ein Tötungsdelikt. Dass die Beschuldigte diese Messerstiche
nicht selber ausführte, ist wie erwähnt ohne Relevanz für die Erfüllung des Tatbe-
standes.
c) Dass B._ als Folge dieser Messerstiche nicht getötet wurde, ist in
erster Linie auf die notfallmässige medizinische Versorgung zurückzuführen und
hat mit dem Verhalten der Beschuldigten und ihres Mittäters nichts zu tun.
- 28 -
d) Führt der Täter, nachdem er mit der Ausführung des Verbrechens oder
Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende oder tritt der zur
Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht ein oder kann dieser nicht eintreten, so
kann das Gericht die Strafe mildern (Art. 22 Abs. 1 StGB).
e) In casu liegt ein vollendeter Versuch im Sinne der genannten Bestimmung
vor, da die Beschuldigte und ihr Mittäter die strafbare Tätigkeit zu Ende geführt
haben, der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg aber nicht eingetreten ist: In-
dem D._ – und damit rechtlich wie erwähnt auch die Beschuldigte – mehr-
mals mit einem Messer auf den Oberkörper von B._ einstach, tat er alles,
was zur Realisierung ihres Planes und somit zur Herbeiführung des Todes von
B._ erforderlich war. Dieser ist jedoch nicht gestorben, sondern erlitt u.a.
mehrere Stichverletzungen in Brustkorb und Bauch, die zu einem Pneumothorax
mit einem Kollaps des linken Lungenflügels, einer vierfachen Perforation des
Dünndarms sowie des Magens und einer Verletzung der linken Nierenvene führ-
ten. Die Verletzungen betrafen damit eine Körperpartie, in der sich vitale Organe
und Gefässe befinden.
4. a) Zu der von der Staatsanwaltschaft beantragten Qualifikation der Tat als
versuchten Mord hat die Vorinstanz zutreffende Ausführungen gemacht, auf die
vorab zu verweisen ist (Urk. 94 S. 41 - 44). Hervorzuheben ist, dass das Gesetz
jenen Täter im Fokus hat, der sich besonders skrupellos, d.h. gemütskalt, krass
und primitiv egoistisch, ohne soziale Regungen zur Verfolgung seiner eigenen In-
teressen rücksichtslos über das Leben anderer Menschen hinwegsetzt. Entschei-
dend ist eine Gesamtwürdigung der äusseren und inneren Umstände der Tat. Es
darf nicht bereits dann auf Mord geschlossen werden, wenn irgendein Element
der konkreten Tat ihr eine besondere Schwere verleiht. Es ist eine Bewertung der
Tat als Ganzes vorzunehmen, um entscheiden zu können, ob diese, von allen
Seiten betrachtet, dem Täter die Charakterzüge eines Mörders gibt. Gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung kann eine besondere Skrupellosigkeit entfal-
len, wenn die Tat durch eine schwere Konfliktsituation ausgelöst wurde (Ent-
scheide des Bundesgerichts 6B.158/2010 vom 1. April 2010 E. 3.2.1. und
6B.188/2009 vom 18. Juni 2009 E. 4.; BGE 120 IV 275; BGE 127 IV 10 E. 1a;
- 29 -
STRATENWERTH / JENNY, Schweizerisches Strafrecht, Besonderer Teil I, 7. Auflage,
Bern 2010, § 1 N 16 ff. und N 23 ff.; DONATSCH, Strafrecht III, 9. Auflage, Zürich /
Basel / Genf 2008, S. 8 ff.; beide mit Verweisungen auf die bundesgerichtliche
Rechtsprechung). Das Erfordernis einer schweren Konfliktsituation erfordert ge-
mäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung typischerweise einen vorbeste-
henden und lange dauernden Konflikt zwischen Täter und Opfer, der hier nicht
gegeben ist (vgl. BGE 120 IV 275; BGE 127 IV 10 E. 1a). Vielmehr muss von ei-
ner Abneigung bzw. von Hass der Beschuldigten gegenüber dem Privatkläger
ausgegangen werden, deren Ursache letztlich nicht klar eruiert werden konnte.
b) Die Beschuldigte wollte sich gemäss ihren eigenen Äusserungen in den
abgehörten Telefongesprächen aus letztlich unbekannten Gründen am Privatklä-
ger rächen. Gemäss Lehre und Rechtsprechung stellt Rache ein krass egoisti-
sches Motiv dar, das als besonders verwerflich im Sinne von Art. 112 StGB ein-
zustufen ist, es sei denn, das Opfer habe den Täter (z.B. durch andauernde De-
mütigungen) zu einer Hassreaktion veranlasst (Donatsch, Strafrecht III, 9. Aufl. ,
Zürich 2008, S. 9; BGE 106 IV 342 ff., 345; BGE 118 IV 122 ff., 129). Zum Grund
für ihre Rachegefühle gegenüber B._ hatte die Beschuldigte in den abgehör-
ten Telefonaten widersprüchliche Angaben gemacht. Es blieb unklar, was der Pri-
vatkläger ihr angetan haben soll (Urk. 40, TK 26.9.2010, 20:59:20, S. 1;
TK 27.9.2010, 12:26:43, S. 5), einerseits schilderte sie einen Vorfall, bei dem sie
sich von B._ an zwei Kollegen verkauft fühlte (Urk. 40, TK 22.9.2010,
16:34:32, S. 5), andererseits machte sie B._ dafür verantwortlich, dass sie
nicht schon früher vom Kokain habe loskommen können (Urk. 40, TK 28.9.2010,
18:20:06, S. 2 f.), teils erwähnte sie beide zuletzt genannten Gründe (Urk.
TK 28.9.2010, 20:58:16, 2 f.; vgl. auch Urk. 107 S. 13 ff.). Der Grund für ihren
Hass auf B._ blieb letztlich unklar und diffus [vgl. auch Urk. 40 TK 28.9.2010,
20:58:16, 2 f.]). Hinzu kommt, dass die Beschuldigte im Vorverfahren Rache als
Motiv weit von sich wies (Urk. HD 4.7 S. 4; HD 4.8 S. 3 f.). Auch wenn es durch-
aus plausibel erscheint, dass die Beschuldigte im Zusammenhang mit ihrem Ko-
kainkonsum persönliche Krisen hatte (vgl. z.B. TK 28.9.2010, 18:20:06, S. 2),
kann von einer von B._ veranlassten Hassreaktion keine Rede sein, zumal
die Beschuldigte selber nicht geltend machte, dass sie bei ihrem Kokainkonsum
- 30 -
Zwang ausgesetzt gewesen sei. Sie wollte B._ mit der Tat bestrafen bzw.
eliminieren, wofür das Motiv jedoch letztlich unklar blieb. Zu betonen ist, dass alle
von ihr angesprochenen Gründe angesichts der Schwere der begangenen Tat als
nichtig einzustufen wären. Von einer entschuldbaren heftigen Gemütsbewegung
kann sodann - entgegen der Auffassung der Verteidigung (Urk. 107 S. 14 f.) - un-
ter diesen Umständen nicht ausgegangen werden. Die Beschuldigte stellte bei der
Tat somit ihre eigene Person bzw. ihren sich aus diffusen Gründen genährten
Hass gegenüber B._ über dessen Recht zu leben. Sie manifestierte damit ih-
re eklatante Geringschätzung seines Lebens.
c) Die Art der Ausführung der (versuchten) Tötung ist - entgegen der Auffas-
sung der Verteidigung (Urk. 107 S. 16) - als heimtückisch und deshalb als beson-
ders verwerflich einzustufen: Als heimtückisch im Sinne der Rechtsprechung zum
Mordtatbestand (BGE 120 IV 265 ff., 275; Urteil des Bundesgerichts 6P.46/2006
vom 31. August 2006, E. 9.3) ist der Umstand zu werten, dass die Beschuldigte
B._ unter falschen Angaben an den Tatort und damit in einen Hinterhalt lock-
te, womit sie ein planmässiges Vorgehen manifestierte, das sie dann zusammen
mit einem Mittäter ohne Vorwarnung zum Nachteil eines ahnungslosen Opfers
kaltblütig in die Tat umsetzte.
5. a) Entsprechend ist der Tatbestand des versuchten Mordes im Sinne von
Art. 112 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB in objektiver und subjektiver
Hinsicht erfüllt.
b) Die Beschuldigte ist somit des versuchten Mordes im Sinne von Art. 112
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung und Vollzug
1. Vorab ist festzustellen, dass die Vorinstanz die theoretischen Grundla-
gen der Strafzumessung richtig wiedergegeben hat. Es kann darauf verwiesen
werden (Urk. 94 S. 46 - 51).
- 31 -
2. Die schwerste von der Beschuldigten A._ verübte Straftat ist der
versuchte Mord nach Art. 112 StGB, in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB. Es
ergibt sich demnach zunächst ein ordentlicher Strafrahmen von 10 Jahren bis le-
benslängliche Freiheitsstrafe. Da für die übrigen der Beschuldigten zur Last ge-
legten Delikte keine Freiheitsstrafe auszufällen ist (vgl. weiter unten Ziff. 7), ent-
fällt die Möglichkeit der Bildung einer Gesamtstrafe, da eine solche nur bei gleich-
artigen Strafen möglich ist. Ungleichartige Strafen sind kumulativ zu verhängen,
da das Asperationsprinzip nur greift, wenn gleichartige Strafen ausgesprochen
werden. Mehrere gleichartige Strafen liegen nur dann vor, wenn das Gericht im
konkreten Fall für jeden einzelnen Normverstoss gleichartige Strafen ausfällt. Es
genügt nicht, dass die anzuwendenden Strafbestimmungen abstrakt gleichartige
Strafen androhen (BGE 138 IV 120 ff., 122 f. m.w.H.).
3. a) Die Beschuldigte wurde durch Dr. med. N._ (Forensischer Psychi-
ater) begutachtet. Das Gutachten wurde unter dem Datum vom 1. Oktober 2011
erstattet. Der Gutachter stellte bei der Beschuldigten für den Tatzeitraum die Di-
agnose einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ mit
dissozialen Zügen, die in einem kausalen Zusammenhang zu einer mittlerweile
weitgehend kompensierten posttraumatischen Belastungsstörung stehe und wei-
terhin bestehe. Zudem wurde zurückhaltend der Verdacht auf eine Alkoholabhän-
gigkeit geäussert, wobei gleichzeitig festgehalten wurde, dass eine solche nicht
verifiziert werden könne. Betreffend Kokain wurde angesichts der aktenkundigen
Befunde von einem gelegentlichen Konsum geringer Mengen Kokains ausgegan-
gen, der diagnostisch weder die Kriterien eines Abhängigkeitssyndroms noch die-
jenigen eines schädlichen Gebrauchs im Sinne der ICD-10 erfülle. Es sei aber
zumindest von einem problematischen Alkohol- und Drogenkonsum auszugehen.
Aus psychiatrischer Sicht sei die Beschuldigte zum Zeitpunkt der ihr vorgeworfe-
nen strafbaren Handlungen zur Einsicht in das Unrecht der jeweiligen Tat oder
zum Handeln gemäss dieser Einsicht fähig gewesen, weshalb von erhaltener
Schuldfähigkeit auszugehen sei. Dies wurde im Wesentlichen damit begründet,
dass angesichts der diagnostizierten Borderline-Persönlichkeitsstörung zwar von
einer geistig mangelhaften Entwicklung auszugehen sei, die aber nicht zu einer
impulsiven Handlungsbereitschaft geführt habe, da die Tat vorgängig anvisiert
- 32 -
worden sei und Überlegungen zur Umsetzung angestellt worden seien. Eine
schwere Störung des Bewusstseins im Tatzeitpunkt liege angesichts der im Tat-
geschehen aufzeigbaren koordinierten Bewegungsabläufe und zielgerichteten
Handlungsabläufe auch mit Blick auf den behaupteten Alkohol- und Drogenkon-
sum nicht vor (vgl. Urk. HD 14.10.4 S. 50 ff., 60 f., 65).
b) Die gutachterlichen Schlussfolgerungen, welche auf eingehenden Unter-
suchungen und einer fundierten Beurteilung des Vorlebens und der Persönlichkeit
der Beschuldigten beruhen, sind nachvollziehbar. Es sind keine Gründe ersicht-
lich, diesen nicht zu folgen. Es ist dabei auch zu berücksichtigen, dass die Be-
schuldigte in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung einräumte, in den letzten ca.
drei Monaten vor der Tat keinen Kokainkonsum mehr getätigt zu haben. Damit ist
nicht von einer Verminderung der Schuldfähigkeit der Beschuldigten auszugehen.
4. a) Innerhalb des Strafrahmens ist die Strafe nach dem Verschulden des
Täters zu bemessen, wobei das Gericht das Vorleben, die persönlichen Verhält-
nisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters berücksichtigt
(Art. 47 Abs. 1 StGB). Das Verschulden wird dabei nach der Schwere der Verlet-
zung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des
Handelns, den Beweggründen und Zielen des Beschuldigten sowie danach be-
stimmt, wie weit dieser nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage
war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der
Begriff des Verschuldens hat sich auf den gesamten Unrechts- und Schuldgehalt
der konkreten Straftat zu beziehen. Dabei ist zwischen der Tat- und der Täter-
komponente zu unterscheiden.
b) Bei der Tatkomponente sind das Ausmass des verschuldeten Erfolges
(Gefährdung des geschützten Rechtsguts, körperliche und psychische Schäden
beim Opfer etc.), die Art und Weise der Herbeiführung dieses Erfolges (Mittel,
kriminelle Energie), die Willensrichtung, mit der der Täter gehandelt hat, und die
Beweggründe des Schuldigen zu beachten. Sodann sind für das Verschulden das
Mass an Entscheidungsfreiheit beim Täter sowie die sogenannte Intensität des
deliktischen Willens bedeutsam (HUG, in: Kommentar zum schweizerischen Straf-
gesetzbuch, a.a.O., N 7 ff. zu Art. 47 StGB). Je leichter es für den Täter gewesen
- 33 -
wäre, die Norm zu respektieren, desto schwerer wiegt die Entscheidung gegen
sie (TRECHSEL/AFFOLTER-EIJSTEIN, in Trechsel/Pieth (Hrsg.), StGB PK, 2. Aufl., Zü-
rich/St. Gallen 213; Art. 47 N 21 zu Art. 47 StGB mit weiteren Hinweisen; Ent-
scheide des Bundesgerichts 6S_270/2006 vom 5. September 2006 E. 6.2.1.,
6S_43/2001 vom 19. Juni 2001 E. 2. und 6S_333/2004 vom 23. Dezember 2004
E. 1.1.). Die Tatkomponente weist somit eine objektive sowie eine subjektive Sei-
te auf.
5. a) Zum objektiven Verschulden beim Mordversuch ist festzuhalten, dass
durch die verletzte Strafnorm das höchste Rechtsgut, das menschliche Leben,
geschützt wird. Wer vorsätzlich einen Menschen tötet bzw. dies zu tun versucht,
lädt in jedem Falle ein schweres Verschulden auf sich. Die Beschuldigte war die
Initiantin des gesamten Vorhabens, indem sie den Tötungsvorsatz als Erste fass-
te und B._ unter falschen Angaben an den Tatort lockte, wo das Opfer so-
gleich durch den Mittäter D._ brutal mit einem Kopfstoss attackiert und mit
mehreren Messerstichen schwer verletzt wurde. Im Verlaufe der weiteren Tatbe-
gehung griff die Beschuldigte das Opfer selber tätlich und mit einem Messer an,
nachdem dieser sich trotz der erhaltenen Messerstiche immer noch wehren bzw.
zu fliehen vermochte. Das ganze Vorgehen der Beschuldigten muss als heimtü-
ckisch und brutal bezeichnet werden. Soweit der Tatumstand der Heimtücke be-
reits für die Qualifikation der Tat als Mord herangezogen wurde, kann er jedoch
nicht zusätzlich zu Ungunsten des Beschuldigten bei der Verschuldensbemes-
sung berücksichtigt werden. Immerhin ist zugunsten der Beschuldigten zu be-
rücksichtigen, dass die lebensgefährlichen Messerstiche nicht von ihr, sondern
vom Mittäter D._ ausgeführt wurden. Vor diesem Hintergrund ist das objekti-
ve Tatverschulden innerhalb des für den Mordtatbestand geltenden Strafrahmens
als mittelschwer einzustufen. Unter Annahme einer vollendeten Tat wäre deshalb
eine Einsatzstrafe von rund 15 Jahren Freiheitsstrafe als angemessen zu betrach-
ten.
b) In subjektiver Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass die Beschuldigte die
Tat geplant hat und mit direktem Tötungsvorsatz handelte. Das als verwerflich zu
bezeichnende Motiv der Rache wurde bereits für die Qualifikation der Tat als
- 34 -
Mordversuch herangezogen, weshalb dieses Merkmal nicht zusätzlich zu Un-
gunsten der Beschuldigten bei der Bemessung des subjektiven Verschuldens be-
rücksichtigt werden darf.
c) Aufgrund der subjektiven Tatschwere besteht keine Veranlassung, die der
Beschuldigten vorzuwerfende objektive Tatschwere zu relativieren. Aufgrund der
Tatkomponente bleibt es deshalb bei der Einsatzstrafe von rund 15 Jahren.
6. a) Beim Versuch im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB in der Ausformung des
vormals als vollendeter Versuch bezeichneten Tathandlung, bei welcher der zur
Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt, handelt es sich um eine Tat-
komponente, die verschuldensunabhängig ist. Deshalb ist sie bei der Gesamtein-
schätzung des Verschuldens nicht einzubeziehen. Sie hat sich indessen im Sinne
einer Reduzierung der (hypothetischen) verschuldensangemessenen Strafe aus-
zuwirken. Das Mass dieser Minderung hängt u.a. von der Nähe des tatbestand-
mässigen Erfolges und von den tatsächlichen Folgen der Tat ab. Die Reduktion
der Strafe wird umso geringer sein, je näher der tatbestandsmässige Erfolg und
wie schwerwiegender die tatsächlichen Folgen der Tat waren (BGE 127 IV 92 und
BGE 136 IV 55; BSK StGB - Wiprächtiger/Keller Art. 48a N 24; Mathys, SJZ 2004,
173 f ).
b) Die hypothetische Einsatzstrafe ist wegen der versuchten Tatbegehung
zu mindern. Vorliegend ist bezüglich des Tötungsdeliktes von einem vollendeten
Versuch auszugehen. Zur Frage der Nähe des tatbestandsmässigen Erfolges ist
festzuhalten, dass bereits ein geringfügig anderer Verlauf der Messerstiche eine
für B._ tödliche Verletzung hätte verursachen können. Sein Überleben dürfte
vor allem dem Umstand zu verdanken sein, dass er sehr rasch in notfallärztliche
Behandlung verbracht werden konnte, was nur deshalb möglich war, weil es dem
Privatkläger gelang, nach der Messer-Attacke der Beschuldigten und ihres Mittä-
ters auf die Strasse zu fliehen, wo er von Passanten entdeckt wurde. Es ist somit
einzig auf glückliche Fügungen zurückzuführen, dass die Messerstiche für
B._ keine tödlichen Folgen hatten. Entsprechend spricht das Kriterium der
Nähe des tatbestandsmässigen Erfolges für eine kleine Reduktion. Zudem sind
die tatsächlichen Folgen der Tat zu berücksichtigen: B._ wurde nach rund
- 35 -
zwei Wochen aus dem Spital entlassen, wobei er später noch zweimal wegen
Oberbauchschmerzen stationär im Universitätsspital Zürich behandelt werden
musste (Urk. HD 11.2.3 S. 2). Über bleibende Schäden in physischer Hinsicht ist
nichts bekannt, wobei es auf der Hand liegt, dass Narben zurückgeblieben sind.
Die körperlichen Folgen sind demnach nicht allzu gravierend. Anders sieht es in
psychischer Hinsicht aus, wurden bei B._ doch eine sehr stark ausgeprägte
posttraumatische Belastungsstörung, eine anhaltende wahnhafte Störung und ei-
ne mittelgradige depressive Episode diagnostiziert (Urk. HD 68). Dass die psychi-
schen Probleme in keiner Weise zu bagatellisieren sind, erschliesst sich auch da-
raus, dass B._ aus psychiatrischer Sicht für eine lange Zeit zu 100% arbeits-
unfähig geschrieben wurde (Urk. HD 67) und auch heute sein psychischer Zu-
stand unverändert ist (Urk. 106 S. 2). Vor dem Hintergrund des vorstehend Ge-
sagten fällt die versuchte Tatbegehung nur leicht ins Gewicht, was eine Reduktion
um 3 Jahre als gerechtfertigt erscheinen lässt.
c) In Würdigung der objektiven und subjektiven Tatschwere des Mordver-
suchs als schwerstem Delikt erscheint somit eine Einsatzstrafe von rund 12 Jah-
ren Freiheitsstrafe angemessen.
7. a) Zur Tatkomponente der weiteren Delikte hat die Vorinstanz umfassen-
de und zutreffende Ausführungen gemacht, auf welche vollumfänglich verwiesen
werden kann (Urk. 94 S. 55 - 57). Weder die Verteidigung noch die Staatsanwalt-
schaft hat die Bemessung des Verschuldens bei den übrigen Delikten bean-
standet.
b) Für die Widerhandlung gegen das Waffengesetz erscheint aufgrund der
Tatkomponente eine Einsatzstrafe von 30 Tagessätzen Geldstrafe als angemes-
sen. Für die SVG-Übertretungen und den Betäubungsmittelkonsum ist eine Busse
in Höhe von Fr. 5'000.-- als Einsatzstrafe vorzusehen.
8. a) Die Vorinstanz hat zur Täterkomponente umfassende und zutreffende
Ausführungen gemacht. Auf die entsprechenden Erwägungen kann vorab verwie-
sen werden (Urk. S. 57-60). Im Zusammenhang mit dem Vorleben und den per-
sönlichen Verhältnissen ist hervorzuheben, dass die heute 25 Jahre alte Beschul-
- 36 -
digte bei den Eltern aufgewachsen ist, und zwar zuerst in ..., später in ... und
dann in O_. Ihre Eltern sind geschieden; als sie zwölf Jahre alt gewesen sei,
sei ihr Vater ausgezogen. Sie habe sehr unter der Trennung der Eltern gelitten.
Ihre Mutter arbeite in einer Fabrik in O_, ihr Vater sei alkohol- und spielsüch-
tig gewesen und beziehe seit einigen Jahren eine IV-Rente. Mit ihrer Mutter habe
sie sich nie gut verstanden und habe auch kaum Kontakt zu ihr gehabt, obwohl
sie meist bei ihr gewohnt habe. Mit ihrem Vater habe sie gar keinen Kontakt ge-
habt. Nach der Schulzeit habe sie eine Lehre als Detailhandelsfachfrau begon-
nen, später jedoch abgebrochen. Hinsichtlich der folgenden Jahre machte die Be-
schuldigte fehlende Erinnerung geltend, die sie mit dem Trauma als Folge von
drei erlittenen Vergewaltigungen begründete. Einer dieser Vorfälle ist zwar akten-
kundig (vgl. Beizugsakten der Bezirksanwaltschaft Bülach), jedoch handelte es
sich dabei strafrechtlich nicht um eine Vergewaltigung, was bereits im Rahmen
der Sachverhaltserstellung dargelegt wurde (vgl. vorne Ziff. III/4 lit. b). Von den
anderen beiden Ereignissen war neu und erstmals im Rahmen der vor-
instanzlichen Hauptverhandlung die Rede. Im Jahre 2009 war die Beschuldigte
während einiger Monate als Sicherheitsmitarbeiterin tätig. Anlässlich der Beru-
fungsverhandlung ergänzte sie, dass sie auch noch in der Firma, wo ihre Mutter
arbeite, im Verkauf und in der Gastronomie gearbeitet habe (Prot. II S. 10). Zeit-
weise und vor der Tat war sie nicht erwerbstätig.
b) Den im psychiatrischen Gutachten erwähnten medizinischen Berichten ist
zu entnehmen, dass die Beschuldigte ab dem Jahre 2003 psychische Probleme
(z.B. selbstverletzendes Verhalten, Suizidversuche, Alkoholkonsum, Essproble-
matik, Anpassungsstörung) hatte, die mehrere stationäre Klinikaufenthalte und
weitere therapeutische Behandlungen erforderlich machten. Die Therapien konn-
ten in den Jahren 2004, 2005 und 2008 nicht abgeschlossen werden, da die Be-
schuldigte nicht kooperierte und die Termine nicht einhielt. Im Sommer 2010
wandte sie sich an die Integrierte Suchthilfe Winterthur wegen Kokainkonsums,
Arbeitslosigkeit, Stimmungsschwankungen und familiären Konflikten, wobei sie
die vorgeschlagene stationäre Behandlung ablehnte und die Termine zur Evalua-
tion der verordneten Medikamente nicht einhielt.
- 37 -
c) Die Beschuldigte, die als gebürtige Türkin mit ca. 15 Jahren das Schwei-
zer Bürgerrecht erhalten habe und seither Doppelbürgerin sei, habe mit ca. 19
Jahren einen aus Deutschland in die Schweiz immigrierten Türken kennen gelernt
und nach kurzer Zeit geheiratet. Die Ehe sei jedoch nach wenigen Monaten kin-
derlos geschieden worden. Etwa 2008 habe sie sich mit ihrem neuen Partner na-
mens P._ verlobt, doch habe sie sich von ihm getrennt, weil sich sein Verhal-
ten ihr gegenüber bereits kurz nach der Verlobung drastisch verschlechtert habe.
Die Beziehung zu J._, den sie während des Vorverfahrens als ihren Freund
bezeichnet hatte (Urk. HD 4.6 S. 2), sei beendet, da sie zuerst mit sich klar kom-
men müsse und zur Zeit keinen Platz für einen Freund habe. Ihr Mittäter D._
sei im Tatzeitpunkt ihr Freund gewesen, was heute jedoch nicht mehr der Fall sei.
Die Beschuldigte gab an, mehrere Tausend Franken Schulden gegenüber Privat-
personen zu haben, ausserdem habe sie Kreditschulden in Höhe von ca.
Fr. 10'000.--. Sie befindet sich seit dem 17. Januar 2012 im vorzeitigen Strafvoll-
zug bzw. seit April 2012 in den Anstalten Hindelbank, wo sie in der ... tätig ist und
monatlich ca. Fr. 200.-- bis Fr. 300.-- verdient.
d) Wie die Vorinstanz zutreffend erwogen hat, wirkt sich die eine Vorstrafe
der Beschuldigten vom 31. August 2010 wegen Irreführung der Rechtspflege (Be-
zirksgericht Bülach; 45 Tage Geldstrafe) nicht straferhöhend aus, da dieses Urteil
erst am 22. September 2010, mithin nach Begehung sämtlicher zu beurteilenden
Taten eröffnet wurde (Urk. HD 15/1). Jedoch ist straferhöhend zu berücksichtigen,
dass die Beschuldigte während eines laufenden Strafverfahrens delinquierte. Be-
züglich der SVG-Übertretung ist der getrübte automobilistische Leumund (vgl.
Urk. 21/5 S. 2) negativ zu berücksichtigen.
e) Die Vorinstanz hat zu Recht das Geständnis der Beschuldigten bezüglich
der Widerhandlungen gegen das Waffengesetz sowie der Übertretungen des
SVG und des BetmG als strafmindernd bei diesen Delikten gewertet. Die Vor-
instanz lehnte es jedoch ab, die freiwillige Rückreise in die Schweiz strafmindernd
zu berücksichtigen. Dabei führte sie aus, dass sich die Beschuldigte nicht so-
gleich der Polizei gestellt habe. Vielmehr habe sie sich bei ihrer Festnahme reni-
tent und unflätig verhalten (Urk. HD 1.2 S. 5). Den abgehörten Telefonaten (vgl.
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Urk. HD 40) sei auch unschwer zu entnehmen, dass die Beschuldigte vor ihrer
Rückreise in die Schweiz ihre Optionen geprüft, wobei sie unter anderem auch
erwogen habe, definitiv in der Türkei zu bleiben, ein Internet-Café zu eröffnen und
sich mit ihrem Mittäter zu vermählen. Von einer Rückkehr aus gänzlich freien Stü-
cken könne keine Rede sein, da es mehrere Umstände gegeben habe, die gegen
ein weiteres Verbleiben in der Türkei sprachen: So habe ihr die Ungewissheit, ob
sie auch in der Türkei polizeilich gesucht werde, zu schaffen gemacht. Ferner
entwickelte sich ihre Beziehung zu ihrem Mittäter alles andere als positiv, worauf
sie sich alleine fühlte, insbesondere ihren Bruder vermisste und keine Zukunfts-
perspektive in der Türkei für sich gesehen habe. Wer sich in einer solchen Kons-
tellation dazu entscheide, der wochenlangen Flucht ein Ende zu setzen und in die
Schweiz zurückzukehren, sollte nicht darauf hoffen können, dass ein solches
Verhalten strafsenkend gewichtet werde. - Diese Argumentation ist nur teilweise
zutreffend. So ist der Umstand, dass bei der Passkontrolle am Flughafen festge-
stellt wurde, dass die Beschuldigte zur Verhaftung ausgeschrieben war (vgl. Urk.
HD 16.3 S. 2), nicht wesentlich anders zu gewichten, als wenn sich die Beschul-
digte direkt auf einem Polizeiposten gemeldet hätte, denn der Beschuldigten war
es gemäss ihren zahlreichen diesbezüglichen Äusserungen in den abgehörten
Telefonaten klar, dass die Rückkehr in die Schweiz mit Sicherheit ihre Verhaftung
nach sich ziehen würde. Dass die Beschuldigte aufgrund der Veränderungen in
ihrem persönlichen und familiären Umfeld eine Güterabwägung vornahm und da-
bei zum Schluss kam, dass sie trotz der zu erwartenden mehrjährigen Freiheits-
strafe wieder in die Schweiz zurückkehren wollte, lässt zwar nicht auf Einsicht und
Reue als Beweggrund für die Rückkehr schliessen. Jedoch ist der Umstand der
freiwilligen Rückkehr in die Schweiz trotzdem leicht strafmindernd zu gewichten,
da ihre Rückkehr überhaupt erst die Strafverfolgung ermöglichte, wäre sie doch
als türkische Staatsangehörige nicht an die Schweiz ausgeliefert worden. Zu
Recht hat die Vorinstanz bei allen Delikten die schwierige Jugend der Beschuldig-
ten leicht strafmindernd berücksichtigt.
9. a) Ausgehend von der genannten Einsatzstrafen von 12 Jahren Freiheits-
strafe für den versuchten Mord rechtfertigen die im Rahmen der Täterkomponente
- entgegen der Auffassung der Staatsanwaltschaft (Urk. 109 S. 4) - überwiegend
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strafmindernd zu berücksichtigenden Faktoren, insbesondere die schwierige Ju-
gend der Beschuldigten und ihre freiwillige Rückkehr in die Schweiz, eine Straf-
minderung auf 10 1⁄2 Jahre Freiheitsstrafe. Die ausgestandene Untersuchungshaft
sowie der bisherige vorzeitige Strafvollzug von insgesamt 1127 Tagen sind anzu-
rechnen.
b) Die im Rahmen der Täterkomponenten genannten Strafzumessungs-
gründe, insbesondere hier auch das jeweilige Geständnis, wirken sich auch für
die übrigen Delikte überwiegend strafmindernd aus:
aa) Für die Widerhandlungen gegen das Waffengesetz beträgt die Einsatz-
strafe wie erwähnt rund 30 Tagessätze Geldstrafe. Die weiteren Strafzumes-
sungsfaktoren, bei denen sich das Geständnis am stärksten auswirkt, lassen eine
Reduktion um etwa einen Drittel und damit eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen
angemessen erscheinen.
bb) Bezüglich der erwähnten Vorstrafe vom 31. August 2010 sind die Vor-
aussetzung für die Ausfällung einer Zusatzstrafe im Sinne der retrospektiven
Konkurrenz nur hinsichtlich der Widerhandlung gegen das Waffengesetz erfüllt,
da einzig für dieses Delikt vorliegend eine Geldstrafe, mithin eine gleichartige
Strafe auszufällen ist. In diesem Zusammenhang kann auf die theoretischen Aus-
führungen in den vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden (Urk. 94 S. 61
f.). Mithin ist zur genannten Vorstrafe von 45 Tagessätzen Geldstrafe eine Zu-
satzstrafe für die Widerhandlungen gegen das Waffengesetz auszufällen, wobei
das Asperationsprinzip zu berücksichtigen ist (Art. 49 StGB). Aufgrund der zutref-
fenden und überzeugenden Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen ist
eine Zusatzstrafe von 15 Tagessätzen Geldstrafe als Zusatzstrafe zum Urteil des
Bezirksgerichts Bülach vom 31. August 2010 auszusprechen. Seit der vorinstanz-
lichen Hauptverhandlung haben sich die prekären wirtschaftlichen Verhältnisse
der Beschuldigten nicht verändert, weshalb der von der Vorinstanz festgesetzte
Tagessatz von Fr. 10.-- zu bestätigen ist.
cc) Wie bereits die Vorinstanz zutreffend festgehalten hat, ist anhand der
Erkenntnisse aus dem psychiatrischen Gutachten von einer moderaten bis deutli-
- 40 -
chen Rückfallgefahr für schwere Gewalttaten auszugehen (Urk. 14.10.4 S. 62).
Unter diesen Umständen kann auch im Zusammenhang mit der Ausfällung der
Geldstrafe für die Widerhandlungen gegen das Waffengesetz nicht von einer
günstigen Bewährungsprognose ausgegangen werden. Somit ist für die Geldstra-
fe der bedingte Vollzug nicht zu gewähren.
dd) Die Einsatzstrafe für die SVG-Übertretungen beläuft sich auf rund
Fr. 5'000.-- Busse. In Berücksichtigung der weiteren Strafzumessungsfaktoren im
Rahmen der Täterkomponente, bei denen die strafmindernd zu gewichtenden
Umstände (Geständnis, schwierige Jugend, freiwillige Rückkehr) den Straferhö-
hungsgrund des getrübten automobilistischen Leumunds deutlich überwiegen,
sowie der Mittellosigkeit der Beschuldigten erscheint es angemessen, sie mit ei-
ner Busse von Fr. 2'000.-- zu bestrafen. Bezahlt die Beschuldigte die Busse
schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 20 Tagen.
IV. Massnahme
1. a) Die Vorinstanz ordnete eine vollzugsbegleitende ambulante Behand-
lung im Sinne von Art. 63 StGB (Behandlung psychischer Störungen) an. Dies
entspricht dem Antrag der Staatsanwaltschaft (Urk. 49 S. 7). Die Beschuldigte
selber gab im Rahmen der vorinstanzlichen Hauptverhandlung zu Protokoll, dass
sie die bereits begonnene Therapie auf jeden Fall weiterführen wolle und deshalb
mit der ambulanten Massnahme einverstanden sei (Urk. HD 78 S. 2). Auch an-
lässlich der Berufungsverhandlung führte sie aus, dass sie die Therapie gut finde
und dabei viel lerne (Prot. II S. 14).
b) Die Vorinstanz hat die theoretischen Grundlagen und Voraussetzung für
die Anordnung einer Massnahme im Sinne von Art. 63 StGB zutreffend dargelegt.
Auf die entsprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen kann
verwiesen werden (Urk. 94 S. 64).
2. a) Gemäss dem psychiatrischen Gutachten Dr. med. N._ wurde bei
der Beschuldigten eine zum Tatzeitpunkt und weiterhin bestehende emotional in-
stabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ mit dissozialer Akzentuierung
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im Sinne des ICD-10-Diagnosemanuals diagnostiziert. Der Gutachter sprach zu-
dem von einem zumindest problematischen Alkohol- und Drogenkonsum, wobei
eine Alkoholabhängigkeit jedoch nicht verifiziert werden konnte (Urk. HD 14.10.4
S. 50 ff., v.a. S. 54 f., 57, 65). Das Tatbestandsmerkmal der psychisch schweren
Störung ist somit erfüllt. Im Weiteren besteht gemäss Ausführungen des Gutach-
ters ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der (tatzeit)aktuellen Persönlich-
keitsstörung sowie der der Beschuldigten zur Last gelegten Gewalthandlung (Urk.
HD 14.10.4 S. 62, 65), womit der erforderliche Zusammenhang mit der Tat eben-
falls gegeben ist. Sodann ist gemäss den Ausführungen des Gutachters die Le-
galprognose belastet, da die Rückfallgefahr bei der Beschuldigten für schwerere
Gewalttaten als moderat bis deutlich und diejenige für die Begehung von Stras-
senverkehrsdelikten als deutlich einzustufen ist (Urk. HD 14.10.4 S. 61 f., 65).
Schliesslich gibt es laut Gutachten für die festgestellte Persönlichkeitsstörung ei-
ne Behandlung (Psychotherapie), durch welche eine intakte Aussicht besteht, die
Legalprognose signifikant zu bessern und die in ambulantem Rahmen durchge-
führt werden kann (Urk. HD 14.10.4 S. 62 ff.). Da kein Grund ersichtlich ist, die
Ergebnisse des Gutachtens in Zweifel zu ziehen, sind die Voraussetzungen für
die Anordnung einer ambulanten Massnahme gemäss Art. 63 Abs. 1 StGB somit
erfüllt. Dass die Beschuldigte während der Exploration keine eigentliche Krank-
heitseinsicht zeigte, wirkt sich nicht limitierend aus, zumal sie sich mit einer thera-
peutischen Behandlung einverstanden erklärte (Urk. HD 14.10.4 S. 63) und sich
freiwillig einer Psychotherapie unterzieht (vgl. Therapiebericht vom 25. Februar
2013, Urk. HD 70 S. 2), die bereits positive Entwicklungen erkennen lässt (HD 70
S. 3 ff.; Prot. II S. 14). Zu erwähnen ist noch, dass sich die Beschuldigte auch in
der Berufungsverhandlung klar positiv über die Therapie geäussert hat (Prot. II
S. 14).
b) Gemäss psychiatrischem Gutachten ist ein Strafaufschub nicht not-
wendig, um die Behandlung zu ermöglichen, vielmehr kann die empfohlene am-
bulante Therapie während des Strafvollzugs durchgeführt werden (Urk. HD
14.10.4 S. 64, 66). Es besteht kein Anlass, von dieser Einschätzung abzuwei-
chen, zumal auch im Therapiebericht die Weiterführung der Therapie im aktuellen
Rahmen, mithin während des Strafvollzugs empfohlen wird (Urk. HD 70 S. 5).
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3. Aufgrund der vorstehenden Ausführungen ist somit eine ambulante Mass-
nahme gestützt auf Art. 63 StGB (Behandlung psychischer Störungen) anzuord-
nen, wobei der Vollzug der Freiheitsstrafe nicht aufzuschieben ist.
VII. Zivilansprüche
A. Schadenersatz
1. a) Der Privatkläger liess im vorinstanzlichen Verfahren beantragen, die
Beschuldigte sei dem Grundsatz nach zu verpflichten, ihm den durch die strafbare
Handlung entstandenen Schaden zu ersetzen (Urk. HD 80 S. 1).
b) Die Verteidigung stellte dazu den Antrag, auf das Schadenersatzbegeh-
ren des Geschädigten sei nicht einzutreten, eventualiter sei es auf den Zivilweg
zu verweisen, subeventualiter sei es abzuweisen (Urk. HD 81 S. 3).
c) Die Vorinstanz stellte entsprechend dem Antrag des Privatklägers und in
Anwendung von Art. 126 Abs. 3 Satz 1 StPO fest, dass die Beschuldigte dem Pri-
vatkläger gegenüber aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatz nach vollum-
fänglich schadenersatzpflichtig sei. Zur genauen Feststellung des Umfanges des
Schadenersatzanspruches wurde der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozes-
ses verwiesen (Urk. 94 S. 67 und S. 74).
2. a) Im Berufungsverfahren stellte die Verteidigung erneut den Antrag, es
sei auf das Schadenersatzbegehren des Geschädigten nicht einzutreten, even-
tualiter sei es auf den Zivilweg zu verweisen, subeventualiter sei es abzuweisen
(Urk. 95 S. 2, Urk. 107 S. 3).
b) Nachdem der Privatkläger im vorinstanzlichen Verfahren ausführen liess,
dass sein Schadenersatzanspruch nicht beziffert werden könne, da insbesondere
ein künftiger Einkommens- und Haushaltsschaden noch ungewiss und das IV-
Verfahren nicht abgeschlossen sei (Urk. HD 80 S. 6), stellte er im Berufungsver-
fahren keine neuen bzw. anderen Anträge (Urk. 88, Urk. 100, Urk. 106). Somit ist
zur Zeit nach wie vor unklar, ob dem Privatkläger bereits ein Schaden entstanden
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ist oder in Zukunft ein Schaden entstehen wird, für den er selber aufzukommen
hat. Entsprechend ist in Anwendung von Art. 126 Abs. 3 Satz 1 StPO festzustel-
len, dass die Beschuldigte ihm gegenüber aus dem eingeklagten Ereignis dem
Grundsatz nach vollumfänglich schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststel-
lung des Umfanges des Schadenersatzanspruches ist der Privatkläger auf den
Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
B. Genugtuung
1. a) Der Privatkläger liess im vorinstanzlichen Verfahren beantragen, die
Beschuldigte sei zu verpflichten, ihm eine Genugtuung in Höhe von Fr. 50'000.--
zuzüglich Zins ab 1. September 2010 zu bezahlen (Urk. HD 80 S. 1).
b) Die Verteidigung stellte im vorinstanzlichen Verfahren betreffend Genug-
tuung keinen expliziten Antrag, wollte aber offenbar ihren Antrag zum Schadener-
satzbegehren auch auf die Genugtuung verstanden wissen (so sinngemäss
Urk. HD 81 S. 25 i.V.m. Prot. I S. 19) und liess sinngemäss erkennen, dass sie
die verlangte Genugtuungssumme als erheblich zu hoch erachte (Urk. HD 81
S. 25 i.V.m. Prot. I S. 19).
c) Die Vorinstanz verpflichtete die Beschuldigte, dem Privatkläger eine Ge-
nugtuung in Höhe von Fr. 15'000.-- zuzüglich 5 % Zins seit 1. September 2010 zu
bezahlen. Im Mehrbetrag wurde das Genugtuungsbegehren abgewiesen (Urk. 94
S. 67 ff. und S. 74).
2. a) Im Berufungsverfahren liess der Privatkläger beantragen, es sei die
Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtuung in Höhe von
Fr. 40'000.-- zuzüglich Zins ab 1. September 2010 zu bezahlen (Urk. HD 100 S. 2;
Urk. 106 S. 1).
b) Die Verteidigung stellte im Berufungsverfahren den Antrag, die Anträge
des Privatklägers und damit auch denjenigen auf Bezahlung einer Genugtuung
abzuweisen (Urk. 107 S. 3).
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3. a) Die Vorinstanz hat die allgemeinen Voraussetzungen für die Zuspre-
chung einer Genugtuung sowie die Kriterien der Bemessung zutreffend dargelegt.
Auf die entsprechenden Ausführungen in den vorinstanzlichen Erwägungen kann
vollumfänglich verwiesen werden (Urk. 94 S. 68).
b) Die im vorliegenden Fall zu berücksichtigenden Umstände wurden von
der Vorinstanz zutreffend dargelegt. Vorab kann auf die entsprechenden Erwä-
gungen verwiesen werden (Urk. 94 S. 69). Hervorzuheben ist, dass der Privatklä-
ger mehrere Stichverletzungen in Brustkorb und Bauch erlitten hat. Diese Stich-
verletzungen verursachten einen Pneumothorax, eine vierfache Perforation des
Dünndarms sowie des Magens und eine Verletzung der linken Nierenvene. Aus-
serdem erlitt der Privatkläger einen Bruch der 10. Rippe. Diese Verletzungen
machten eine chirurgische Intervention (Thoraxdrainage, Eröffnung des Bauch-
raums, um die perforierten inneren Organe zu nähen und den Bluterguss der lin-
ken Niere zu entfernen) erforderlich und zogen einen rund zweiwöchigen Spital-
aufenthalt nach sich (Urk. HD 11.2.3). In psychischer Hinsicht wurden beim Pri-
vatkläger eine sehr stark ausgeprägte posttraumatische Belastungsstörung, eine
anhaltende wahnhafte Störung und eine mittelgradige depressive Episode diag-
nostiziert (Urk. HD 68). Dass die psychischen Probleme in keiner Weise zu baga-
tellisieren sind, erschliesst sich auch daraus, dass der Privatkläger aus psychiatri-
scher Sicht jedenfalls bis Juni 2010 zu 100 % arbeitsunfähig erklärt wurde
(Urk. HD 67). Der Vertreter des Privatklägers führte anlässlich der Berufungsver-
handlung aus, dass der Privatkläger zum Urteilszeitpunkt der Vorinstanz noch
immer zu 100 % arbeitsunfähig gewesen sei. Am psychischen Zustand des Pri-
vatklägers habe sich seither nichts verändert. Das Abklärungsverfahren der IV sei
noch am Laufen. Der Privatkläger leide unter permanenten Angstzuständen und
fühle sich im Rahmen seiner wahnhaften Störung praktisch dauernd verfolgt
(Urk. 106 S. 2). Die übrigen Voraussetzungen für die Zusprechung einer Genug-
tuung sind in Anbetracht der vorstehenden Erwägungen zum Schuld- und Straf-
punkt ebenfalls erfüllt.
c) Die erlittenen Verletzungen waren potenziell tödlich und verursachten
grosse Schmerzen. Zudem wird der Privatkläger Narben zurückbehalten. Auch
- 45 -
die durch die Tat verursachten psychischen Probleme des Privatklägers erschei-
nen durchaus gravierend. Der Abschlussbericht der Klinik für Psychiatrie und
Psychotherapie des Universitätsspitals Zürich vom 30. Juni 2013 spricht von einer
posttraumatischen Belastungsstörung, einer anhaltenden wahnhaften Störung
sowie von einer mittelgradigen depressiven Episode (Urk. HD 68). Für die nach-
folgende Zeitperiode bis zum zweitinstanzlichen Urteil liegen jedoch keine weitere
bzw. aktuellere psychiatrische Befunde bei den Akten. Von bleibenden körperli-
chen Schäden oder Beeinträchtigungen ist jedoch in den Arztberichten nicht die
Rede (Urk. 11.2.3. S. 2). Angesichts der rechtlich relevanten Umstände sowie un-
ter Berücksichtigung der Praxis (vgl. die bei Hütte/Ducksch/Guerrero, Die Genug-
tuung, 3. Aufl., Zürich 2005, zitierten Entscheide, nämlich Nr. 16b, 16f und 16h
aus Zeitraum 1998-2000, Nr. 30, 30b und 32 aus Zeitraum 2001-2002 sowie Nr.
45 aus Zeitraum 2003-2005) erscheint eine Genugtuung in der Höhe von
Fr. 15'000.-- angemessen. Entsprechend ist die Beschuldigte zu verpflichten, dem
Privatkläger den Betrag von CHF 15'000.--, zuzüglich 5 % Zins ab 1. September
2010, zu bezahlen. Im Mehrbetrag ist das Genugtuungsbegehren des Privatklä-
gers abzuweisen.
VIII. Kostenfolgen
1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die vorinstanzliche Kostenauf-
lage (Dispositiv Ziff. 10 und Ziff. 11) zu bestätigen.
2. Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Urk. 428 Abs. 1 StPO). Die Beschuldigte un-
terliegt mit ihren Anträgen praktisch vollumfänglich. Die auf einem Ermessensent-
scheid beruhende leichte Strafreduktion ändert daran nichts. Die Staatsanwalt-
schaft unterliegt mit ihrer Anschlussberufung vollumfänglich, ebenso der Privat-
kläger mit seiner auf die Höhe der Genugtuung beschränkten Berufung. Aus-
gangsgemäss sind die Kosten des Berufungsverfahrens zu sieben Zehnteln der
Beschuldigten und zu einem Zehntel dem Privatkläger aufzuerlegen. Der verblei-
bende Fünftel der Kosten ist auf die Gerichtskasse zu nehmen.
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3. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind gestützt auf Art. 426 Abs. 1
StPO auf die Gerichtskasse zu nehmen. Dementsprechend ist der amtliche Ver-
teidiger, Rechtsanwalt lic. iur. X._, mit Fr. 13'100.– (inkl. 8% MwSt) aus der
Gerichtskasse zu entschädigen und die Beschuldigte zu verpflichten, diese Ent-
schädigung zu sieben Zehntel an den Staat zurückzuzahlen, sobald es ihre wirt-
schaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 StPO).
4. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägers, welche
auf Fr. 4'250.– (inkl. 8% MwSt) festzusetzen sind, sind auf die Gerichtkasse zu
nehmen.