Decision ID: 8d60892f-411d-5461-a7eb-f13039274432
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
gesetzlich vertreten durch B._
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dieser vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Hans Frei, Kriessernstrasse 40,
9450 Altstätten,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
medizinische Massnahmen
Sachverhalt:
A
A.a A._ wurde wenige Tage nach ihrer Geburt von ihren Eltern zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen
angemeldet (IV-act. 3). Mit verschiedenen Verfügungen übernahm die
Invalidenversicherung die Kosten für die Behandlungen der Geburtsgebrechen der
Versicherten (Ziff. 279, 313, 390, 488, 495 und 497 Anh. GgV; vgl. IV-act. 7, 8, 13, 23,
27, 38, 58 und 66). Am 6. Februar 2012 berichtete Dr. med. C._, leitender Arzt der
Abteilung Kinderorthopädie des Ostschweizer Kinderspitals (IV-act. 76–4 f.), er habe
die aufgrund eines Turner-Syndroms an Kleinwuchs leidende Versicherte am
24. Januar 2012 über die Möglichkeit einer Verlängerung der Extremitäten informiert.
Die Versicherte sei 1,42 Meter gross, klage nicht über Schmerzen und sei im Alltag
nicht eingeschränkt. Sie wünsche sich einen Längenzuwachs von zehn Zentimetern.
Am 21. März 2012 wurde die Versicherte auf Vermittlung von Dr. C._ bei
Dr. med. D._, Orthopäde am Universitätskinderspital beider Basel, vorstellig (vgl. IV-
act. 76 und 78). Dieser schlug eine operative Beinverlängerung auf intramedullärem
Weg vor. Am 30. März 2012 beantragte Dr. med. E._, leitende Ärztin der Abteilung
Endokrinologie/ Diabetologie des Ostschweizer Kinderspitals, bei der IV-Stelle die
Übernahme der Kosten für eine Operation zur Verlängerung der Extremitäten (IV-
act. 75). Sie gab an, die ansonsten gesunde junge Versicherte leide unter ihrem
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Kleinwuchs. Die Wachstumshormontherapie habe keine Wirkung gezeigt. Der Vater der
Versicherten teilte am 3. Mai 2012 mit, die Operation sei auf den 31. Mai 2012 geplant.
Die IV-Stelle antwortete ihm, die Invalidenversicherung werde die Kosten der Operation
mangels einer medizinischen Indikation wahrscheinlich nicht übernehmen können. Der
Vater der Versicherten gab zu bedenken (IV-act. 78), dass mit dem angestrebten
Längenzuwachs von zehn Zentimetern erhebliche Kosten vermieden werden könnten,
die ansonsten anfallen würden. Bei seiner Tochter seien die Körperproportionen im
Übrigen nicht normal verteilt; sie habe extrem kurze Beine. Am 8. Mai 2012 hielt
Dr. med. F._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) fest (IV-act. 81), aus
medizinischer Sicht bestehe keine Behandlungsnotwendigkeit bei der
beschwerdefreien und offensichtlich im Alltag nicht eingeschränkten Versicherten. Es
bestünden keinerlei Hinweise auf psychische Probleme oder einen hohen
Leidensdruck. Zu prüfen sei demnach die Leistungspflicht der Invalidenversicherung
bei einem kosmetischen Eingriff und die Frage, ob ein solcher Eingriff als einfach und
zweckmässig zu betrachten sei.
A.b Mit einem Vorbescheid vom 11. Mai 2012 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit
(IV-act. 84), sie werde die Kosten für die Beinverlängerung nicht übernehmen. Die
Voraussetzungen der Art. 12 f. IVG seien nicht erfüllt, denn die Versicherte sei im Alltag
in keinster Weise eingeschränkt und es bestünden keine Beschwerde, die sie in den
alltäglichen Verrichtungen einschränkten. Aufgrund der Unterlagen sei davon
auszugehen, dass überwiegend kosmetische Gründe für die Durchführung des Eingriffs
im Vordergrund stünden. Aus medizinischer Sicht bestehe keine
Behandlungsnotwendigkeit. Dagegen wendete Dr. E._ am 15. Mai 2012 ein (IV-
act. 86), die Versicherte leide an einer anerkannten Krankheit und nicht bloss an einem
kosmetischen Problem. Ihre Grösse liege zehn Zentimeter unter der untersten
Normgrenze und 23 Zentimeter unter dem Durchschnitt der Schweizer Bevölkerung.
Die Ursache für den Kleinwuchs sei eine genetisch fehlende Wachstumsinformation,
weshalb auch die Wachstumshormontherapie nicht angeschlagen habe. Die
Voraussetzungen gemäss Ziff. 488 Anh. GgV seien erfüllt. Sie erwarte eine ärztliche
Beurteilung des Falles. Am 23. Mai 2012 wandten die Eltern der Versicherten gegen
den Vorbescheid ein (IV-act. 86), es handle sich nicht um einen kosmetischen Eingriff,
sondern um eine mit dem Turner-Syndrom in einem kausalen Zusammenhang
stehenden Operation. Es sei sinnvoller, die Ursachen im jugendlichen Alter zu
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bekämpfen, als später bloss Symptome zu behandeln. Am 1. Juni 2012 wandte
schliesslich die obligatorische Krankenpflegeversicherung der Versicherten ein (IV-
act. 89), die medizinische Behandlungsnotwendigkeit sei vorliegend gegeben. Es dürfe
keineswegs von einer überwiegend kosmetischen Indikation ausgegangen werden. Mit
einer Verfügung vom 6. Juni 2012 (IV-act. 90) wies die IV-Stelle das Gesuch ab.
B.
B.a Am 6. Juli 2012 liess die Versicherte (nachfolgend: Die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der
Verfügung vom 6. Juni 2012 und die Übernahme der Kosten für die
Beinverlängerungsoperation sowie eventualiter die Rückweisung der Angelegenheit zu
weiteren Abklärungen. Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, das anerkannte
Geburtsgebrechen Ziff. 488 Anh. GgV habe bei der Versicherten zu einer
überwiegenden Extremitätenverkürzung geführt. Auch nach der erfolglosen
Hormonbehandlung habe weiterhin ein Anspruch auf die medizinische Behandlung
dieses Geburtsgebrechens bestanden. Die geplante Operation sei eine Massnahme
nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft und angezeigt und
geeignet, das Geburtsgebrechen zu beseitigen bzw. wesentlich zu vermindern. Die
Operation sei die einzig verbleibende Behandlungsmöglichkeit und somit notwendig.
Im Rahmen der medizinischen Möglichkeiten sei der Eingriff relativ einfach und
zweckmässig. Die Beschwerdeführerin sei im Alltag aufgrund ihres Kleinwuchses
benachteiligt. Zudem leide sie unter dem damit verbundenen psychischen Druck. Unter
Berücksichtigung der Lebenserwartung seien die Kosten als nicht allzu hoch zu
qualifizieren, weshalb der Eingriff auch verhältnismässig sei.
B.b Am 27. August 2012 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Be
schwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie unter Verweis auf eine Stellungnahme
des „Fachbereichs“ vom 13. August 2012 (IV-act. 97) aus, es liege keine medizinische
Behandlungsnotwendigkeit vor. Bei objektiver Betrachtung seien die Kosten der Ope
ration nicht zu rechtfertigen, denn es gebe ausreichend geeignete kostengünstigere
Hilfsmittel und Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation der Beschwerdeführerin in
allen Lebensbereichen.
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B.c Am 27. September 2012 liess die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen festhalten
(act. G 7). Hinsichtlich der Kosten liess sie ausführen, die bei den Akten zu findenden
Angaben von 120’000-160’000 Euro seien veraltet. Gemäss dem Taxtarif des
Kantonsspitals St. Gallen lägen die Kosten für eine beidseitige Beinverlängerung mittels
eines Nagels bei 55’800 Franken. Die von der Beschwerdegegnerin übernommenen
Kosten der Hormonbehandlung hätten sich auf 50’000 Franken pro Jahr belaufen.
Angesichts dessen und der weiteren zu erwartenden Kosten erschienen die Kosten für
die geplante Operation als verhältnismässig. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf
eine Duplik (act. G 9).
B.d Am 25. Februar/26. März 2014 ersuchte das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen Dr. med. D._ (act. G 10 f.), eine ungefähre Kostenschätzung zur konkret
vorgesehenen Beinverlängerung mittels des Systems „G._“ abzugeben. Am 11. April
2014 antwortete Dr. D._ (act. G 12), die Implantation des „G._“ koste 19’075.70
Franken. Die Kosten für einen „normalen“ Aufenthalt beliefen sich auf etwa 60’000
Franken (ein Bein mit zwei Implantaten). Die Folgekosten wie Physiotherapie,
zusätzliche Röntgenaufnahmen etc. seien nicht im Preis enthalten. Am 30. April 2014
liess die Beschwerdeführerin Stellung zu diesem Schreiben nehmen (act. G 14). Ihr
Rechtsvertreter führte aus, die Operation sei gemäss den Angaben von Dr. D._ mit
Kosten von insgesamt 140’000 Franken wesentlich günstiger als von der
Beschwerdegegnerin angenommen. Die Beschwerdegegnerin liess sich nicht
vernehmen.

Erwägungen:
1.
1.1 Versicherte haben gemäss Art. 13 Abs. 1 IVG bis zum vollendeten 20. Altersjahr
einen Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen notwendigen medi
zinischen Massnahmen. Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines
Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter
Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen
Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 13 Abs. 2 IVG i.V.m. Art. 3
IVV i.V.m. Art. 2 Abs. 3 GgV). Die Beschwerdeführerin ist versichert, hat das
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20. Altersjahr im Verfügungszeitpunkt noch nicht vollendet gehabt und leidet an einem
Geburtsgebrechen gemäss dem Anhang zur GgV, nämlich (unter anderem) an
Störungen der Gonadenfunktion und des Wachstums aufgrund eines Turner-Syndroms
(Ziff. 488 Anh. GgV). Grundsätzlich hat sie also einen Anspruch auf die zur Behandlung
dieses Gebrechens notwendigen medizinischen Massnahmen. Entgegen der Ansicht
der Beschwerdegegnerin kann die Kostengutsprache für die beantragte
Beinverlängerungsoperation nicht mit der Begründung abgewiesen werden, es handle
sich um einen lediglich bzw. überwiegend kosmetisch motivierten Eingriff ohne
medizinische Indikation. Mit dieser Begründung hätte nämlich konsequenterweise auch
eine Wachstumshormontherapie verweigert werden müssen, hat doch auch diese
„lediglich“ die Förderung des Wachstums bezweckt. Die Argumentation der
Beschwerdegegnerin ist also widersprüchlich, denn die Wahl des Behandlungsmittels
hat mit der Indikation nichts zu tun. Tatsächlich hat die Beschwerdegegnerin die
Kosten für die Wachstumshormontherapie zu Recht übernommen, denn die
Beschwerdeführerin leidet an einem genetischen Defekt, der einen Kleinwuchs zur
Folge gehabt hat. Der genetische Defekt ist einer medizinischen Behandlung nicht
zugänglich. Dessen Auswirkungen können dagegen medizinisch angegangen werden.
Wie bei anderen Krankheiten auch gehört jede medizinische Massnahme, die der
Behandlung der Ursache der Krankheit oder deren Auswirkungen dient, zu den
grundsätzlich zu vergütenden Leistungen. Der „körperliche Defekt“ des Kleinwuchses
ist eine der Ausprägungen des Turner-Syndroms und nicht bloss ein kosmetisch
unerwünschter Zustand. Gemäss Ziff. 488 Anh. GgV besteht ein grundsätzlicher
Anspruch auf die medizinische Behandlung dieses „Defekts“. Es spielt hinsichtlich der
medizinischen Indikation keine wesentliche Rolle, ob ein „Defekt“ körperliche oder
psychische Beschwerden, Beeinträchtigungen im Alltag oder im Erwerb oder „bloss“
ein aussergewöhnliches Erscheinungsbild verursacht. Hinsichtlich sämtlicher
Abweichungen von der Norm, die auf ein anerkanntes Geburtsgebrechen zurück zu
führen sind und medizinisch angegangen werden können, besteht grundsätzlich ein
Anspruch auf die Vergütung der Kosten der entsprechenden medizinischen Be
handlung.
1.2 Gemäss den Angaben von Dr. D._ belaufen sich die Kosten für die Implantation
von vier Marknägeln (4 × 19’075,70 Franken) und den damit verbundenen stationären
Aufenthalt (60’000 Franken, allerdings bloss für ein Bein mit zwei Implantaten
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gerechnet) auf mindestens 140’000 Franken. Hinzu kommen eine intensive
Physiotherapie während mindestens zwei Jahren, Kontrolluntersuchungen mit
bildgebenden Verfahren und weitere Folgekosten. Entgegen den Ausführungen des
Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin belaufen sich die Kosten des beantragten
Eingriffs also nicht auf wesentlich weniger als die von der Beschwerdegegnerin
angenommenen Kosten von etwa 170’000-220’000 Euro. Die beantragte medizinische
Massnahme erweist sich demnach als sehr teuer. Im Idealfall kann damit ein
Längenzuwachs von maximal zehn Zentimetern bzw. eine Körpergrösse von maximal
1,52 Metern erreicht werden. Selbst in diesem Idealfall bliebe die Beschwerdeführerin
nach wie vor (stark) unterdurchschnittlich klein. Ihre Körpergrösse bewegte sich
diesfalls gemäss den Angaben von Dr. E._ gerade an der untersten Normgrösse und
immer noch 13 Zentimeter unter der Durchschnittsgrösse der Schweizer Frauen.
Abgesehen von den – hier freilich nicht relevanten – Operationsrisiken und zu
erwartenden Schmerzen und Beschwerden erweisen sich die Kosten der beantragten
Massnahme im Verhältnis zu den Erfolgsaussichten als zu hoch, weshalb die
Massnahme als unverhältnismässig zu qualifizieren ist. Daran ändern auch die
Vorbringen der Beschwerdeführerin zu aktuellen und etwaigen späteren Auswirkungen
ihres Kleinwuchses im Alltag und Erwerbsleben sowie zur ungünstigen
Proportionierung ihres Unter- und Oberkörpers nicht. Es besteht zwar kein Zweifel
daran, dass sie unter den Auswirkungen des Kleinwuchses leidet und bereit ist, die
erheblichen Risiken und Nebenwirkungen der Operation in Kauf zu nehmen. Die
Versichertengemeinschaft hat die entsprechenden, hohen Kosten aber nicht zu
finanzieren. Im Ergebnis hat die Beschwerdegegnerin folglich das Gesuch der
Beschwerdeführerin zu Recht abgewiesen.
2. Da die Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) die Übernahme der Kosten der
beantragten Beinverlängerungsoperation durch die obligatorische Krankenpflegever
sicherung nicht vorsieht (vgl. Anh. 1 KLV), ist diese durch die angefochtene Verfügung
nicht beschwert, weshalb sie zum vorliegenden Verfahren nicht hat beigeladen werden
müssen.
3. Dieses Verfahren ist gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG kostenpflichtig. Angesichts des
durchschnittlichen Aufwandes ist die Gerichtsgebühr auf 600 Franken festzusetzen. Mit
dem von der Beschwerdeführerin geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist sie
bis
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gedeckt. Die unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht