Decision ID: f1365c54-0368-4efb-a29d-797d1e4556a5
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1922,
wurde
am 1
6.
Juli 2011 auf einem Mar
k
tplatz
von einem alkoholisierten Passanten
zu Fall gebracht
.
S
ie erlitt
bei dem Sturz
einen Beckenbruch
(
Urk.
3/3 S. 1,
Urk.
8/6/1 S. 3 unten).
Mit Verfügung vom
8.
Dezember 2011 stellte die Staatsanwaltschaft
Y._
das
Strafverfahren
g
egen den Beschuldigten ein
(
Urk.
3/
3
).
1.2
Die Geschädigte stellte am 1
7.
April 2012 bei der Direktion der Justiz des Kan
tons Zürich, Kantonale Opferhilfestelle (nachfolgend: Opferhilfestelle), ein Gesuch um Leistungen im Rahmen der Opferhilfe (Entschädigung und Genug
tuung,
Urk.
8/11). Mit Verfügung vom 1
2.
Juni 2012 (
Urk.
8/16 =
Urk.
2) wies die Opferhilfestelle das Gesuch ab.
2.
Gegen die Verfügung vom 1
2.
Juni 2012 (
Urk.
2) erhob die Geschädigte am 1
0.
Juli 2012
Beschwerde mit dem Rechtsbegehren, diese sei aufzuheben und es sei die Opferhilfestelle zu verpflichten, ihr die gesetzlichen Leistungen auszu
rich
ten (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
1 oben).
Die Opferhilfestelle beantragte am 1
9.
Juli 2012 die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
7).
Mit
Gerichtsv
erfügung vom 1
0.
September 2012
wurde der
Beschwerdeführer
in
die unentgeltliche
Rechts
verbeiständung
bewilligt,
Rechtsanwalt Peter Kauf
mann, Bern, als unentgeltlicher Rechtsvertreter bestellt
und
der Beschwerde
führerin
das
Schreiben des Beschwerdegegners vom 1
9.
Juli 2012 zur Kenntnis gebracht
(
Urk.
12).
A
m 1
4.
Mai 2014
reichte der Rechtsvertreter
die
Honorar
note
ein (
Urk.
17/1-2).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach
Art.
1
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Hilfe an Opfer von Straftaten (OHG) vom 2
3.
März 2007 hat jede Person, die durch eine Straftat in ihrer kör
perlichen, psychischen oder sexuellen Integrität unmittelbar beeinträchtigt wor
den ist (Opfer), Anspruch auf Unterstützung nach diesem Gesetz (Opferhilfe).
1.2
Das Vorliegen einer Straftat ist auch im revidierten Gesetz unabdingbare Voraus
setzung für die Anerkennung der Opferqualität einer durch ein Ereignis geschädigten Person. Ohne Straftat gibt es kein Opfer im Sinne des Gesetzes (
Zehntner
,
in:
Kommentar zum Opferhilfegesetz,
3.
Aufl.,
2009,
N 3 zu
Art.
1
OHG). Nach der Rechtsprechung ist der Begriff der Straftat im Opferhilferecht grundsätzlich gleich wie im Strafgesetzbuch definiert. Man versteht darunter ein tatbestandsmässiges und rechtswidriges Verhalten; eine schuldhafte
Tatbe
ge
hung
wird indessen nur vom Strafrecht verlangt und spielt im Opferhilferecht als täterbezogenes Kriterium bei der Bestimmung der Opferqualität keine Rolle (
BGE 134 II 33 E. 5
.
4,
122 II 211 E. 3b). Eine Körperverletzung oder Tötung genügt indes für die Begründung der Opferstellung nicht. Diese Taten müssen entweder vorsätzlich oder zumindest fahrlässig begangen worden sein (
Art.
1
Abs.
3
lit
. c OHG; BGE 134 II
33 E. 5.4 f., 122 II 315 E. 3c
).
Die Anforderungen an den Nachweis einer die Opferstellung begründenden Straf
tat sind je nach dem Zeitpunkt sowie nach Art und Umfang der bean
spruchten Hilfe unterschiedlich hoch (BGE 122 II 3
15
E. 3d).
1.
3
Es ist in erster Linie Sache der Strafbehörde das Vorliegen einer Straftat abzu
klären (Urteil des Bundesgerichts 1A.110/2003 vom 2
8.
Oktober 2003, E. 3.2).
2.
2.1
Der Beschwerdegegner
wies
das Opferhilfegesuch der Beschwerdeführerin mit der Begründung ab
, das Verhalten des
Beschuldigten
erfülle den Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von
Art.
125
Abs.
1 des Strafgesetz
buches (StGB) nicht.
Der Beschuldigte
habe durch den (übermässigen)
Alkohol
konsum
keinerlei Rechts- oder Verhaltensnormen verletzt
(
Urk.
2 S. 2 E.
1.3).
2.2
Die Beschwerdeführerin
bestreitet demgegenüber
,
dass
der Geschehensablauf für den
Beschuldigten nicht voraussehbar gewesen
sei.
Dieser
habe eine
tat
be
stands
mässige
und rechtswidrige Straftat begangen
(
Urk.
1
S. 3 unten,
S. 5 unten).
2.3
Voraussetzung dafür, dass der Beschwerdeführerin Leistungen nach
Opferhilfe
gesetz
zugesprochen werden können, ist, dass sie am 1
6.
Juli 2011 Opfer einer Straftat wurde.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob der Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung nach
Art.
125
Abs.
1
StGB
erfüllt
wurde.
3.
3.1
Laut
Polizeirapport
der Stadtpolizei Zürich vom 2
5.
August 2011
sei
der
st
ark alkoholisierte Beschuldigte
vom Bahnhof
Z._
herkommend über den Marktplatz
Z._
in Richtung stadteinwärts getorkelt. Auf der Höhe
A.
_
habe er sein Gleichgewicht nicht mehr halten können und sei auf die Beschwerdeführerin gestürzt, welche in die
ent
gegengesetzte Richtung gegan
gen sei. Diese habe sich durch den Sturz verletzt (
Urk.
8/6/1 S.
3
).
Ein beim Beschuldigten durchgeführter Alkoholtest ergab
einen Wert von 2.43 Promille (S. 2).
Der Beschuldigte wurde am
4.
August 2011 polizeilich einvernommen (
Urk.
8/6/1
,
Einvernahme
zur Sache als Beschuldigter
S. 1 ff.).
A
uf die Frage, wie viel Alkohol er getrunken habe,
gab
der Beschuldigte
an,
genug. E
r sei seit Freitagabend so gegen 17 Uhr unterwegs gewesen und habe immer wieder Alkohol getrunken (S. 2
Ziff.
11). E
r habe die ältere Dame gar nicht gesehen. Er habe mit einem Bekannten gesprochen. Plötzlich sei die ältere Dame vor ihm gewesen und umgefallen (S. 3
Ziff.
1
3). Der Beschuldigte bestätigte
auf Anfrage
, dass er nicht mehr
habe geradeaus
gehen können und nur noch getorkelt sei
.
Dies sei ihm eigentlich nicht bewusst gewesen (S. 4
Ziff.
27 f.).
3.2
Die Beschwerdeführerin
erlitt
infolge des
Ereignis
ses
einen Beckenbruch.
G
egenüber dem Beschwerdegegner
machte sie
ungedeckte
Heilbehandlungs
kosten
in Höhe von
Fr.
2‘215.60 sowie
einen
ihr entstandenen
Haushalt- und Betreuungsschaden
von
Fr.
2‘924.--
geltend (
Urk.
8/11 S. 2 f.
Ziff.
1).
4.
4.1
W
er fahrlässig einen Menschen am Körper oder an der Gesundheit schädigt,
wird,
auf Antrag
,
mit
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft. Ist die Schädigung schwer, so wird der Täter von Amtes wegen verfolgt (
Art.
125
Abs.
1 und 2 StGB).
Fahrlässig begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Folge seines Verhal
tens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht Rück
sicht nimmt. Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht beachtet, zu der er nach den Umständen und nach seinen persönlichen Verhältnissen verpflichtet ist (
Art.
12
Abs.
3 StGB).
Der Täter muss mit seinem Verhalten eine Sorgfaltspflicht verletzt haben. Sein Verhalten ist sorgfaltswidrig, wenn er zum Zeitpunkt der Tat aufgrund der Um
stände sowie seiner Kenntnisse und Fähigkeiten die damit bewirkte Gefährdung der Rechtsgüter des Opfer
s
hätte erkennen können und müssen und wenn er zugleich die Grenzen des erlaubten Risikos überschritt
. Grundvoraussetzung für
das Bestehen einer Sorgfaltspflicht ist bei der unbewussten Fahrlässigkeit die Voraussehbarkeit des Erfolges, denn an diese knüpft die Motivierung zur Sorg
falt an
(
Trechsel
/Jean-Richard, in: Schweizerisches Strafgesetzbuch,
Praxiskom
mentar
,
2.
Aufl., N 29
und N 38
zu
Art.
12).
4.2
Nach Auskunft
von anderen
Marktbesucher
n
konnte
sich der alkoholisierte Be
schuldigte
kaum
mehr auf den Beinen
halten
(
vgl.
Urk.
8/6/1 S. 4 f.)
. Entgegen den Vorbringen der Beschwerdeführerin
kann dem Beschuldigten
w
eder betref
fend das Er
eignis
vom 1
6.
Juli 2011, als er in die Beschwerdeführerin hineinlief und diese zu Fall brachte
,
noch
für die Zeit davor
ein sorgfaltswidriges Verhal
ten vorgeworfen werden.
Wie ein Alkoholtest bestätigte, war der Beschuldigte am Morgen des 1
6.
Juli 2011 zu betrunken, als dass ihm eine fahrlässige
Tatbe
gehung
vorgeworfen werden kann. Weiter
lässt sich aber auch nicht
sagen, der Beschuldigte habe sich pflichtwidrig in einen alkoholisierten Zustand begeben und hätte vorhersehen müssen, dass er später mit Passanten zusammenstossen
werde
.
In dem von der Beschwerdeführerin angeführten Entscheid
des Bundes
ge
richts
BGE 122 II 315 E. 3c
(
Urk.
1 S. 5)
ging es um
das
Fahren eines Fahr
zeuges in fahruntüchtigem Zustand.
Jene
Situation lässt
sich nicht mit dem vorliegend
en
Fall vergleichen, in dem
sich
der alkoholisierte Beschuldigte
auf
ei
nem öffentlichen Markt
platz
aufhielt und er nicht am Strassenverkehr teil
nahm. Die Verletzung einer Sorgfaltspflicht durch den Beschuldigten ist daher nicht ersichtlich.
4.3
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Tatbestand der fahrlässigen Körper
verletzung nach
Art.
1
25
Abs.
1 StGB nicht erfüllt ist
.
Mangels einer Straftat fehlt es auch an der Opfereigenschaft der Beschwerdeführerin. Diese hat dem
nach keinen Anspruch auf Le
istungen nach Opferhilfegesetz, was zur Abwei
sung der Beschwerde führt.
5.
Der von Rechtsanwalt Peter Kaufmann mit Eingabe vom 1
4.
Mai 2014 geltend gemachte Aufwand vom 12 3⁄4 Stunden und
Barauslagen in Höhe
Fr.
111.-- (
Fr.
22.-- +
Fr.
89.--,
Urk.
17/2) ist der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses nicht angemessen, insbesondere aufgrund der Tat
sache, dass
der Rechtsvertreter
die Beschwerdeführerin schon im vorinstanzli
chen Verfahren vertrat und
ihm
die Akten somit bekannt waren.
Angesichts der zu studierenden rund 50 Ak
tenstücke des Beschwerdegegners, der neunseitigen Rechtsschrift vom 1
0.
Juli 2012, den Aufwendungen im Zu
sammenhang mit dem Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung
sowie der in ähnliche
n Fällen zugesprochenen Beträgen
ist die Entschädigung von Rechtsanwalt Peter Kaufmann bei Anwendung des gerichtsüblichen
Stunden
ansatzes
von
Fr.
200.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) auf
Fr.
1‘900
.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.