Decision ID: 3eb3b1f7-3e6e-5011-8056-af3ca75227f0
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin ersuchte am 25. März 2021 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich mit der Fingerabdruck-Datenbank Eurodac ergab, dass
sie am 23. Oktober 2017 in Italien Asyl beantragt hatte.
B.
Am 6. April 2021 nahm die Vorinstanz die Personalien der Beschwerdefüh-
rerin auf. Am 12. April 2021 führte sie ein persönliches Gespräch mit ihr
durch. In diesem Rahmen wurde ihr das rechtliche Gehör zum Gesund-
heitszustand sowie zur Zuständigkeit Italiens gewährt. Im Wesentlichen
machte sie geltend, sie sei im Juli im 2014 aus Somalia ausgereist und am
13. Oktober 2017 in Italien eingereist. In Italien sei ihr am 31. Mai 2018
Asyl gewährt worden. Sie habe dort auf der Strasse gelebt und keine Un-
terstützung erhalten. Seit ungefähr April 2019 sei sie mit ihrem in der
Schweiz lebenden Partner zusammen. Mit ihm sei sie am 11. März 2021,
in die Schweiz gereist. Sie sei im dritten Monat schwanger.
C.
Am 13. April 2021 ersuchte die Vorinstanz die italienischen Behörden um
Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO).
D.
Am 16. April 2021 reichte die Beschwerdeführerin eine migrationsmedizi-
nische Abklärung inklusive Medikamentenkarte vom 1. April 2021 sowie
eine medizinische Dokumentation über den Zeitraum vom 26. März 2021
bis 8. April 2021 ein.
E.
Am 27. April 2021 informierten die italienischen Behörden die Vorinstanz
darüber, dass der Beschwerdeführerin in Italien Asyl gewährt worden sei
und sie über eine bis 20. September 2023 gültige Aufenthaltsgenehmigung
verfüge. Somit würde das Verfahren nicht mehr in den Zuständigkeitsbe-
reich der Dublin-Einheit fallen. Eine mögliche Überstellung der Betroffenen
könne nur gestützt auf andere Abkommen erfolgen, was die Einreichung
eines entsprechenden Gesuchs erfordere.
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F.
Am 28. April 2021 ersuchte die Vorinstanz die italienischen Behörden um
Rückübernahme der Beschwerdeführerin gestützt auf das Abkommen zwi-
schen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Italienischen Re-
publik über die Rückübernahme von Personen mit unbefugtem Aufenthalt
vom 10. September 1998 (SR 0.142.114.549, Rückübernahmeabkom-
men).
G.
Dem Schreiben der Beschwerdeführerin vom 5. Mai 2021 war ein Kurz-
Austrittsbericht vom 20. April 2021 beigelegt.
H.
Im von der Vorinstanz als "Zustimmung" bezeichneten Schreiben der itali-
enischen Behörden vom 18. Mai 2021 wurde informiert, dass die Be-
schwerdeführerin einen gültigen asylrechtlichen Aufenthaltstitel habe und
daher wieder in Italien einreisen könne. Aufgrund ihrer Vulnerabilität durch
die Schwangerschaft werde die Zustimmung zur Übernahme erst erteilt,
wenn eine geeignete Unterbringung in einer Struktur des Sistema di Ac-
coglienza e Integrazione (SAI) für sie gefunden worden sei.
I.
Mit Schreiben vom 22. Juni 2021 nahm die Beschwerdeführerin zur mögli-
chen Wegweisung nach Italien Stellung. Sie führte aus, beim Schreiben
der italienischen Behörden vom 18. Mai 2021 handle es sich nicht um eine
Zustimmung zur Übernahme, weshalb der Erlass eines Nichteintretensent-
scheids und eine Wegweisung nach Italien nicht statthaft sei. Zudem sei
davon auszugehen, dass die Familienbeziehung zu ihrem Partner eine
schützenswerte Beziehung sei. Sie würden eine tatsächlich gelebte part-
nerschaftliche Beziehung führen, er verfüge über eine Niederlassungsbe-
willigung und somit über ein gefestigtes Aufenthaltsrecht.
Die Beschwerdeführerin legte drei Fotos und eine Kopie eines Schreibens
des Zivilstandsamtes Bern-Mittelland vom 9. Juni 2021 betreffend Vorbe-
reitung einer Vaterschaftsanerkennung ins Recht.
J.
Mit Verfügung vom 22. Juni 2021 (eröffnet am 23. Juni 2021) trat die Vor-
instanz auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte die
Wegweisung nach Italien und ordnete deren Vollzug an.
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Seite 4
K.
Mit Eingabe vom 30. Juni 2021 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Sie beantragt, die angefochtene Ver-
fügung der Vorinstanz vom 22. Juni 2021 sei aufzuheben. Der Fall sei zur
vollständigen Abklärung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. Eventualiter sei der Vollzug der Wegweisung nach Italien als unzuläs-
sig zu qualifizieren. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren,
insbesondere sei von einer Kostenvorschusspflicht abzusehen.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Juli 2021 hiess der Instruktionsrichter das
Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur
Einreichung einer Vernehmlassung.
M.
Am 20. Juli 2021 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
N.
Mit Replik vom 6. August 2021 nahm die Beschwerdeführerin zur Ver-
nehmlassung Stellung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Die
Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung
legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
sowie die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Im Bereich des
Ausländerrechts richtet sich die Kognition nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
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2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Be-
schwerdeinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz
zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (BVGE 2011/9 E. 5).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung des Untersuchungs-
grundsatzes beziehungsweise eine unvollständige Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts. Dabei handelt es sich um eine formelle Rüge,
welche vorab zu beurteilen ist, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG) und gehört zu den
allgemeinen Grundsätzen des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m.
Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige
und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sor-
gen. Sie muss die für das Verfahren notwendigen Sachverhaltsunterlagen
beschaffen und die rechtlich relevanten Umstände abklären sowie ord-
nungsgemäss darüber Beweis führen (beispielsweise durch die Einholung
einer Urkunde oder Auskünfte Dritter). Unrichtig ist die Sachverhaltsfest-
stellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt
zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvoll-
ständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sa-
chumstände berücksichtigt werden. Die Behörde ist dabei jedoch nicht ver-
pflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen
anzustellen. Zusätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzuneh-
men, wenn sie aufgrund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu
CHRISTOPH AUER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bun-
desgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Rz. 16
zu Art. 12; BENJAMIN SCHINDLER, in Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O.,
Rz. 29 zu Art. 49). Alle erheblichen Parteivorbringen sind sodann zu prüfen
und zu würdigen (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 35 Abs. 1 VwVG), wobei sich
das Ergebnis der Würdigung in der Entscheidbegründung niederzuschla-
gen hat (vgl. Art. 35 VwVG).
3.3 Die Beschwerdeführerin begründet die Rüge der Verletzung der voll-
ständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts da-
mit, die Vorinstanz habe einen Nichteintretensentscheid verfügt, ohne die
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Zustimmung zur Rückübernahme von Italien abzuwarten. Vor dem Hinter-
grund ihrer Vulnerabilität hätten es die schweizerischen Behörden ver-
säumt, individuelle Garantien betreffend die Aufnahmebedingungen im
Einzelfall einzuholen.
3.4 Soweit die Beschwerdeführerin auf das Urteil des Europäischen Ge-
richtshofs für Menschenrechte (EGMR) in Sachen Tarakhel gegen die
Schweiz (Urteil vom 4. November 2014, 29217/12) betreffend die Einho-
lung von Garantien für bestimmte Personengruppen verweist, betrifft die-
ses die Dublinverfahren und nicht Verfahren in Bezug auf sichere Drittstaa-
ten.
3.5 Gemäss Art. 6 Abs. 2 des Rückübernahmeabkommens hat ein Rück-
übernahmegesuch die im Anhang zu diesem Abkommen vorgesehenen
Elemente zu enthalten. Nach Art. 6 Abs. 3 Rückübernahmeabkommen teilt
die ersuchte Vertragspartei den eigenen Entscheid der ersuchenden Ver-
tragspartei innert kürzester Frist, spätestens innert acht Tagen, schriftlich
mit. Die vom Rückübernahmeantrag betroffene Person wird erst nach Er-
halt der Erlaubnis der ersuchten Vertragspartei übergeben (vgl. Ziffer 2.5
Anhang Rückübernahmeabkommen).
Die Vorinstanz ist in ihrem Entscheid gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. a
AsylG nicht auf das Asylgesuch eingetreten und hat die Wegweisung nach
Italien angeordnet. Dabei stützte sie sich auf eine Mitteilung des italieni-
schen Innenministeriums vom 18. Mai 2021, in welcher dieses ausführte,
die Beschwerdeführerin habe in Italien eine asylrechtliche Aufenthaltsge-
nehmigung erhalten und verfüge deshalb über einen Aufenthaltstitel. Die
Zustimmung zur Rückübernahme müsse wegen der Vulnerabilität auf-
grund ihrer Schwangerschaft ausgesetzt werden, bis bekannt sei, ob vor-
liegend die Voraussetzungen für eine Unterbringung in einer Struktur des
SAI vorlägen (vgl. SEM-Akten 1091832-28/2). Die Vorinstanz interpretierte
das Schreiben als vorbehaltlose Zustimmung zur Rückübernahme der Be-
schwerdeführerin. Dieser Einschätzung kann indessen nicht gefolgt wer-
den. Es handelt sich dabei nicht um eine vorbehaltlose Zustimmung, da
diese ausdrücklich noch nicht erteilt wurde. Anders als im Dublinverfahren
existiert bei Überstellungen, welche gestützt auf das Rückübernahmeab-
kommen erfolgen, keine sogenannte implizite Zustimmung (vgl. Art. 25
Abs. 2 Dublin-III-VO). Vielmehr setzt eine rechtmässige Überstellung der
Beschwerdeführerin in den sicheren Drittstaat voraus, dass ihre Rücküber-
nahme durch den aufnehmenden Staat garantiert ist (vgl. BVGE 2010/56
E. 5.2.2; Urteil des BVGer E-2322/2021 vom 20. August 2021). Vorliegend
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ist die Rückübernahme nicht garantiert. In der Mitteilung des italienischen
Innenministeriums vom 18. Mai 2021 wird die Zustimmung zur Rücküber-
nahme ausdrücklich von der Bedingung abhängig gemacht, dass zuerst
eine angemessene Unterbringung für die Beschwerdeführerin gefunden
werden muss. Somit ist die Vorinstanz ohne Vorliegen der erforderlichen
Zusicherung der Rückübernahme der Beschwerdeführerin durch die zu-
ständigen italienischen Behörden in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a
AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten. Im Übrigen wartete die Vor-
instanz in einem anderen Verfahren explizit zu mit dem Nichteintretensent-
scheid. Sie verfügte diesen erst, als zwei Jahre nach einer solchen Mittei-
lung die ausdrückliche Zustimmung zur Rückübernahme durch die italieni-
schen Behörden vorlag (vgl. Urteil des BVGer D-1624/2021 vom 3. Mai
2021).
3.6 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der Regel reformato-
risch. Nur ausnahmsweise wird eine angefochtene Verfügung kassiert und
an die Vorinstanz zurückgewiesen. Vorliegend liegt eine Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes beziehungsweise eine unvollständige Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts vor. Eine Kassation der ange-
fochtenen Verfügung ist daher gerechtfertigt. Die Beschwerde ist gutzu-
heissen. Die Verfügung vom 22. Juni 2021 ist aufzuheben und die Sache
ist im Sinne der Erwägungen zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung
(Einholen der erforderlichen Zusicherung der Rückübernahme der Be-
schwerdeführerin durch die zuständigen italienischen Behörden) sowie zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
4.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
4.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist keine Parteientschädigung
auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG).
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