Decision ID: 395d50e5-5cb6-4d1b-8e5e-87b4459c2eae
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: civil_law

betreffend arbeitsrechtliche Forderung
Berufung gegen ein Urteil des Einzelgerichts im vereinfachten Verfahren am Arbeitsgericht Zürich, 1. Abteilung, vom 5. Mai 2020 (AH190049-L)
- 2 -
Rechtsbegehren: (Urk. 1 S. 2)
" 1. Es sei die Beklagte zu verpflichten, der Klägerin als Ersatz für
entgangenen Lohn Fr. 14'030.30 netto zu bezahlen, zzgl. Zins zu 5% seit dem 17. Oktober 2018.
2. Es sei die Beklagte zu verpflichten, der Klägerin eine Strafzahlung von Fr. 5'000.– netto zu leisten, zzgl. Zins zu 5% seit dem 17.  2018.
3. Es sei die Beklagte zu verpflichten, der Klägerin ein Arbeitszeugnis aus- und zuzustellen.
Alles unter allfälligen Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. MWST) zu Lasten der Beklagten."
Urteil des Einzelgerichts am Arbeitsgericht Zürich, 1. Abteilung, vom 5. Mai 2020:
(Urk. 44 S. 25 f. = Urk. 47 S. 25 f.)
1. Die Beklagte wird verpflichtet, der Klägerin Fr. 6'788.75 netto nebst Zins zu
5% seit dem 17. Oktober 2018 zu bezahlen.
Im Mehrumfang wird Rechtsbegehren Ziffer 1 abgewiesen.
2. Die Beklagte wird verpflichtet, der Klägerin Fr. 5'000.– brutto = netto nebst
Zins zu 5% seit dem 17. Oktober 2018 zu bezahlen.
3. Die Beklagte wird verpflichtet, der Klägerin ein Arbeitszeugnis mit folgendem
Wortlaut aus- und zuzustellen:
"Zürich, [Datum Ausstellung]
Arbeitszeugnis
Frau B._, geboren am tt. Januar 1979, von Zürich, trat am 1. Mai 2018 in unser Unternehmen als Verkäuferin/Beraterin für ... ein.
Ihr Aufgabengebiet umfasste im Wesentlichen folgende Tätigkeiten:
- Beratung unserer anspruchsvollen KundInnen
- Entgegennahme besonderer Anliegen
- Kassenabrechnung inkl. Tagesbericht
- Wareneingangskontrolle sowie -auszeichnung und Lagereinordnung
- 3 -
- Lagerbewirtschaftung sowie Organisation der Nachbestellungen
- Dekoration und Warenpräsentation
- Durchführen ständiger Qualitäts-Sichtprüfungen
Wir haben Frau B._ als vertrauenswürdige und zuverlässige Mitarbeiterin kennen und schätzen gelernt, die ihre Aufgabe auch unter erschwerten Arbeitsbedingungen gut bewältigte. Sie war sehr engagiert und erledigte ihre Aufgaben sehr kompetent. Sie verfügt über ein gutes Verkaufstalent und übertraf unsere Erwartungen regelmässig. Sie erledigte auch die anderen ihr aufgetragenen Arbeiten stets zu unserer vollen Zufriedenheit.
Ihr Verhalten gegenüber Mitarbeitern und Vorgesetzten war freundlich und korrekt. Gegenüber Kunden trat Frau B._ kompetent und zuvorkommend auf. Entsprechend war Frau B._ bei unseren anspruchsvollen KundInnen beliebt.
Wir wünschen Frau B._ alles Gute für ihre Zukunft.
30. November 2018, [Unterschrift]"
4. Es werden keine Kosten erhoben.
5. Die Beklagte wird verpflichtet, der Klägerin eine reduzierte
Parteientschädigung von Fr. 2'784.– (inkl. Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
6. [Schriftliche Mitteilung]
7. [Rechtsmittelbelehrung: Berufung, Frist 30 Tage]
Berufungsanträge:
der Beklagten und Berufungsklägerin (Urk. 46 S. 2):
"Es sei das Urteil des Arbeitsgerichts Zürich vom 5. Mai 2020 im Verfahren AH190049-L aufzuheben und es sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen; eventualiter sei das Urteil des Arbeitsgerichts Zürich vom 5. Mai 2020 im Verfahren AH190049-L aufzuheben und die Klage abzuweisen. Unter Kosten und Entschädigungsfolgen (zzgl. MWST)."
der Klägerin und Berufungsbeklagten (Urk. 54 S. 2):
"Es sei die Berufung vollumfänglich abzuweisen; unter allfälligen Kosten- sowie Entschädigungsfolgen (zzgl. MWST) zu Lasten der Beklagten und Berufungsklägerin."
- 4 -

Erwägungen:
I.
1. Die Klägerin und Berufungsbeklagte (fortan: Klägerin) arbeitete seit
dem 1. Mai 2018 bei der Beklagten und Berufungsklägerin (fortan: Beklagte) als
"...-Beraterin" für einen monatlichen Brutto-Basislohn von Fr. 4'000.– (Urk. 1 S. 2;
Urk. 5/1; Urk. 13 Rz. 7 f.); effektiv verdiente sie monatlich durchschnittlich
Fr. 4'676.77 netto (Urk. 1 S. 6; Urk. 13 Rz. 56), was unter Berücksichtigung der
Abzüge von insgesamt 7.4 % (Urk. 5/4) Fr. 5'050.50 brutto entspricht. Am
17. Oktober 2018 kündigte die Beklagte das Arbeitsverhältnis mit der Klägerin
fristlos (Urk. 1 S. 3; Urk. 5/2; Urk. 13 Rz. 36). Ob diese Kündigung gerechtfertigt
war, ist unter den Parteien umstritten (Urk. 1 S. 3 ff.; Urk. 13 Rz. 38).
2. Am 3. April 2019 liess die Klägerin unter Einreichung der
Klagebewilligung vom 11. März 2019 (Urk. 3) bei der Vorinstanz eine Klage mit
den vorstehend zitierten Rechtsbegehren anhängig machen (Urk. 1). Nachdem
die Beklagte die Klage schriftlich beantwortet hatte (Urk. 13), wurden die Parteien
mit Verfügung vom 4. Juli 2019 zur Hauptverhandlung vom 22. November 2019
vorgeladen (Urk. 18). Zu dieser erschienen die Klägerin mit Rechtsanwalt lic. iur.
X._ sowie für die Beklagte Rechtsanwältin lic. iur. Y._ in Begleitung von
C._ und D._ (Prot. I, S. 4). Das Gericht nahm unter anderem die Replik,
die Duplik sowie die Stellungnahme zu den Dupliknoven entgegen; in der Folge
schlossen die Parteien einen Vergleich mit Widerrufsvorbehalt (Prot. I, S. 4 ff.).
Am 29. November 2019 machte die Beklagte von ihrem Widerrufsrecht Gebrauch
(Urk. 22). Am 7. Januar 2020 erliess die Vorinstanz die Beweisverfügung
(Urk. 25). In der Folge lud sie die Parteien (darunter D._) sowie diverse
Zeuginnen (E._, F._ und G._) am 20. Januar 2020 zur
Verhandlung vom 5. Mai 2020 vor (Urk. 27). Am 4. Februar 2020 teilte die
beklagtische Rechtsvertreterin mit, dass sie das Mandat niedergelegt und ihre
(ehemalige) Mandantin über den Termin vom 5. Mai 2020 informiert habe
(Urk. 29). Am 30. April 2020 beantragte die Beklagte die Verschiebung der
- 5 -
Beweisverhandlung (Urk. 34). Am 1. Mai 2020 stellte die Zeugin G._ ein
Dispensgesuch (Urk. 36), am 2. Mai 2020 folgte ein weiteres von D._
(Urk. 35). Am 5. Mai 2020 fand die Beweis- und Schlussverhandlung statt. Es
erschien die Klägerin in Begleitung von Rechtsanwalt lic. iur. X._; seitens der
Beklagten kam niemand. Die Vorinstanz wies das Verschiebungsgesuch der
Beklagten vom 30. April 2020 sowie jenes von D._ vom 2. Mai 2020 ab und
eröffnete die Verfügung mündlich anlässlich der Verhandlung; in der Folge
wurden F._ und E._ als Zeuginnen sowie die Klägerin als Partei befragt
und der klägerische Rechtsvertreter erstattete den Schlussvortrag (Prot. I,
S. 27 ff.). Gleichentags erliess die Vorinstanz das eingangs wiedergegebene
Urteil zunächst im Dispositiv (Urk. 41) und in der Folge – auf Begehren der
Beklagten (Urk. 43) – in begründeter Form (Urk. 44 = Urk. 47).
3. Gegen das vorinstanzliche Urteil vom 5. Mai 2020 erhob die Beklagte
mit Eingabe vom 14. September 2020 innert Frist (siehe Urk. 45/2) Berufung und
stellte die eingangs erwähnten Berufungsanträge (Urk. 46). Mit Verfügung vom
15. Oktober 2020 wurde der Klägerin Frist angesetzt, um die Berufung schriftlich
zu beantworten (Urk. 52). Mit Eingabe vom 2. November 2020 äusserte sich die
Klägerin und stellte die vorerwähnten Anträge (Urk. 54). Die Berufungsantwort
wurde der Beklagten mit Verfügung vom 12. November 2020 zur Kenntnisnahme
zugestellt (Urk. 57). Weitere Eingaben der Parteien folgten nicht.
4. Mit Schreiben vom 29. Dezember 2020 teilte der beklagtische
Rechtsvertreter mit, dass er das Mandat per sofort niedergelegt habe (Urk. 58).
Das Rubrum wurde entsprechend angepasst.
5. Die vorinstanzlichen Akten wurden beigezogen (Urk. 1–45). Das
Verfahren erweist sich als spruchreif.
II.
1. Prozessuale Vorbemerkungen
1.1. Mit der Berufung können unrichtige Rechtsanwendung und unrichtige
Feststellung des Sachverhalts geltend gemacht werden (Art. 310 ZPO). Die
- 6 -
Berufungsinstanz verfügt über eine vollständige Überprüfungsbefugnis der
Streitsache, mithin über unbeschränkte Kognition bezüglich Tat- und
Rechtsfragen, einschliesslich der Frage richtiger Ermessensausübung
(Angemessenheitsprüfung; BGer 5A_184/2013 vom 26. April 2013, E. 3.1). In der
schriftlichen Berufungsbegründung (Art. 311 Abs. 1 ZPO) ist hinreichend genau
aufzuzeigen, inwiefern der erstinstanzliche Entscheid in den angefochtenen
Punkten als fehlerhaft zu betrachten ist bzw. an einem der genannten Fehler
leidet (BGE 138 III 374 E. 4.3.1; BGE 142 I 93 E. 8.2). Der Berufungskläger muss
sich dazu mit den Erwägungen des angefochtenen Entscheids auseinandersetzen
(OGer ZH LY130026 vom 04.12.2013, E. II.4.; OGer ZH LF140013 vom
07.03.2014, E. 4.1.). Man darf von der Berufungsinstanz nicht erwarten, dass sie
von sich aus in den Vorakten die Argumente zusammensucht, die zur
Berufungsbegründung geeignet sein könnten (BGer 5A_438/2012 vom 27. August
2012, E. 2.4; OGer ZH LY130013 vom 06.08.2013, E. I.4.). Das obere kantonale
Gericht hat sich – abgesehen von offensichtlichen Mängeln – grundsätzlich auf
die Beurteilung der Beanstandungen zu beschränken, die in der Berufungsschrift
in rechtsgenügender Weise erhoben werden (siehe BGE 142 III 413 E. 2.2.4).
Stützt sich der angefochtene Entscheid auf mehrere selbständige Begründungen,
muss sich der Berufungskläger in der Berufungsschrift mit allen Begründungen
auseinandersetzen. Das Gleiche gilt im Falle von Haupt- und
Eventualbegründung. Auch hier muss sich der Berufungskläger mit beiden
Begründungen auseinandersetzen (OGer ZH LB190048 vom 05.05.2020, E. III.1.;
Hungerbühler/Bucher, DIKE-Komm-ZPO, Art. 311 N 42 f.). In diesem Rahmen ist
insoweit auf die Parteivorbringen einzugehen, als dies für die Entscheidfindung
erforderlich ist (siehe BGE 134 I 83 E. 4.1).
Die Beklagte will für den Fall, dass die Berufungsinstanz eine Rückweisung
ablehnt, materiell-rechtliche Ausführungen vorbringen, "welche an der
Schlussverhandlung vom 5. Mai 2020 [...] ja nicht vorgebracht werden konnten"
(Urk. 46 S. 6). Wie noch zu zeigen sein wird (E. II.4.6.), blieb die Beklagte der
fraglichen Verhandlung unentschuldigt fern. Ihre Säumnis hat zur Folge, dass sie
mit einer Stellungnahme zum Beweisergebnis ausgeschlossen ist (siehe Art. 234
ZPO). Darauf wurde sie auch in der Vorladung hingewiesen (Urk. 27). Es ist nicht
- 7 -
der Zweck des Berufungsverfahrens, Versäumtes nachzuholen (siehe Art. 148
Abs. 1 ZPO und Art. 149 ZPO). Soweit sich die Beklagte nicht mit dem Entscheid
der Vorinstanz auseinandersetzt (so insbesondere Ziffer II.5. der Berufungsschrift
[Urk. 46 S. 7]), ist auf ihre Berufung nicht einzutreten.
1.2. Der Berufungskläger muss durch den angefochtenen Entscheid
beschwert sein. Formelle Beschwer dabei liegt vor, wenn das Dispositiv des
erstinstanzlichen Entscheids von den abschliessenden Rechtsbegehren der
rechtsmittelwilligen Partei abweicht; materielle Beschwer bedeutet, dass die
Rechtsstellung einer rechtsmittelwilligen Partei durch den erstinstanzlichen
Entscheid tangiert wird, indem dieser in seinen rechtlichen Wirkungen für die
anfechtende Partei nachteilig ist und ihr dadurch ein Interesse an seiner
Abänderung verschafft (ZK ZPO-Reetz, Vorbemerkungen zu den Art. 308–318
N 30 ff.).
1.3. Im Berufungsverfahren sind neue Tatsachen und Beweismittel nur
noch zulässig respektive zu berücksichtigen, wenn sie – kumulativ – ohne Verzug
vorgebracht werden (Art. 317 Abs. 1 lit. a ZPO) und trotz zumutbarer Sorgfalt
nicht schon vor erster Instanz vorgebracht werden konnten (Art. 317 Abs. 1 lit. b
ZPO). Die Berufungsinstanz soll zwar den erstinstanzlichen Entscheid umfassend
überprüfen, nicht aber alle Sach- und Rechtsfragen völlig neu aufarbeiten und
beurteilen. Alles, was relevant ist, ist grundsätzlich rechtzeitig in das
erstinstanzliche Verfahren einfliessen zu lassen (siehe ZK ZPO-Reetz/Hilber, Art.
317 N 10). Jede Partei, welche neue Tatsachen und Beweismittel vorbringt, hat
zunächst zu behaupten und zu beweisen, dass dies ohne Verzug geschieht. Will
eine Partei unechte Noven geltend machen, so trägt sie die Beweislast für deren
Zulässigkeit (Steininger, DIKE-Komm-ZPO, Art. 317 N 7; siehe BGer
5A_330/2013 vom 24. September 2013, E. 3.5.1). Im Berufungsverfahren ist das
Nachbringen von Behauptungen, welche im erstinstanzlichen Verfahren
unsubstantiiert geblieben waren, ausgeschlossen (ZK ZPO-Reetz,
Vorbemerkungen zu Art. 308–318 N 44).
Die Beklagte behauptet neu, die Klägerin habe bereits bei ihrem früheren
Arbeitgeber, dem H._ im I._-Shop, gravierende Probleme gehabt
- 8 -
(Urk. 46 S. 8). Sodann nennt sie neue Beweismittel (siehe Urk. 14) wie die
Quittung Nr. LS I-13041628, die Quittung Nr. I-13041627 und das Zeugnis des /
der Vorgesetzte(n) im H._ I._-Shop (Urk. 46 S. 8) und behält sich an
diversen Stellen ihrer Berufungsschrift "weitere Beweismittel im Bestreitungsfalle"
vor (Urk. 46 S. 2 ff.). Da sich die Beklagte nicht zur Zulässigkeit der neuen
Tatsachen und Beweismittel äussert, geschweige denn diese belegt, ist sie damit
nicht zu hören.
1.4. Das vorliegende Verfahren hat eine arbeitsrechtliche Angelegenheit
zum Gegenstand, deren Streitwert weniger als Fr. 30'000.– beträgt. Für derartige
Streitigkeiten gilt das vereinfachte Verfahren (Art. 243 Abs. 1 ZPO), und das
Gericht stellt den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 247 Abs. 2 lit. b Ziff. 2
ZPO). Die Ermittlung der für den Entscheid massgeblichen Tatsachen
(Sachverhaltserstellung) unterliegt der sog. sozialen bzw. eingeschränkten
Untersuchungsmaxime (BGer 4A_46/2016 vom 20. Juni 2016, E. 7.1.2; Brunner /
Steininger, DIKE-Komm-ZPO, Art. 247 N 6 und N 10). Diese bezweckt, die
schwächere Partei zu schützen, die Gleichheit zwischen den Parteien zu
garantieren und das Verfahren zu beschleunigen (BGE 141 III 569 E. 2.3.1). Die
Parteien sind jedoch auch unter der Herrschaft der eingeschränkten
Untersuchungsmaxime nicht davon befreit, bei der Feststellung des
entscheidwesentlichen Sachverhalts aktiv mitzuwirken und die allenfalls zu
erhebenden Beweise zu bezeichnen. Sie tragen auch in diesem Bereich die
Verantwortung für die Sachverhaltsermittlung (Brunner / Steininger, a.a.O.,
Art. 247 N 10; ZK ZPO-Hauck, Art. 247 N 33); das Gericht stellt keine eigenen
Ermittlungen an (BGE 141 III 569 E. 2.3.1; BGer 4A_46/2016 vom 20. Juni 2016,
E. 7.1.2). Nach dem Willen des Gesetzgebers obliegt dem Gericht bei der
sozialen Untersuchungsmaxime einzig die verstärkte Fragepflicht. Dabei hat das
Gericht den Parteien durch sachgemässe Fragen zu helfen, damit die
notwendigen Behauptungen gemacht und die dazugehörigen Beweismittel
bezeichnet werden. Wenn beide Parteien anwaltlich vertreten sind, darf und soll
sich das Gericht, wie im ordentlichen Verfahren, zurückhalten (Botschaft ZPO,
BBl. 2006, S. 7348; BGE 141 III 569 E. 2.3.1; BGer 4A_46/2016 vom 20. Juni
2016, E. 7.1.2).
- 9 -
2. Vorinstanzlicher Entscheid
Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass die Beklagte keinen wichtigen Grund
gehabt habe, um der Klägerin [am 17. Oktober 2018 {Urk. 5/2}] fristlos zu
kündigen (Urk. 44 E. IV.2.1.12. [S. 19]). Da die Klägerin ihre Krankheit während
der hypothetischen Kündigungsfrist nicht habe belegen können, habe letztere am
30. November 2018 geendet. Die Klägerin habe demnach Anspruch auf den Lohn
für die Monate Oktober und November 2018. Ausgehend vom anerkannten
Monatslohn von Fr. 4'676.77 netto ergebe sich ein Betrag von Fr. 9'353.55 netto;
davon sei der von der Beklagten bereits anerkannte Betrag von Fr. 2'564.80
abzuziehen (Urk. 44 E. IV.2.2. [S. 19]). Zusätzlich habe die Beklagte der Klägerin
eine Strafzahlung von Fr. 5'000.– zu leisten (Urk. IV.2.3. [S. 20]). Schliesslich
formulierte die Vorinstanz ein Arbeitszeugnis, welches die Beklagte der Klägerin
aus- und zuzustellen habe (Urk. 44 E. V.3. [S. 22 ff.]).
3. Vorladung zur Schlussverhandlung
3.1. Die Beklagte rügt vorab, dass die Vorladung zur Schlussverhandlung
vom 5. Mai 2020 erst einen Tag vorher bei ihr eingegangen sei. Die offenbar am
20. Januar 2020 versandte Vorladung habe die frühere Rechtsvertreterin, Rechts-
anwältin lic. iur. Y._, der Beklagten niemals übermittelt oder sie sei
"irgendwie, irgendwo bei der Post untergegangen". Die Beklagte habe bei der
Vorinstanz nachgefragt und um die direkte Zustellung der Vorladung gebeten. Die
Vorinstanz habe diese in der Folge an den Sitz der Beklagten (und nicht wie
verlangt ins Ladenlokal oder an den Wohnort von J._) versandt, wo man den
Posteingang "schlicht und einfach nicht jeden Tag bearbeitet" habe (Urk. 46 S. 3).
3.2. Wie die Klägerin zu Recht vorbringt, nahm die frühere
Rechtsvertreterin der Beklagten, Rechtsanwältin lic. iur. Y._, die Vorladung
zur Schlussverhandlung [recte: Beweis- und Schlussverhandlung
{Zeugeneinvernahmen, Parteibefragungen und Schlussvorträge}; Urk. 27] vom
5. Mai 2020 am 24. Januar 2020 entgegen (Urk. 54 S. 2; Urk. 28/3). Damit galt die
Vorladung an die Beklagte als zugestellt (Art. 137 ZPO). Sie wurde mehr als drei
Monate vor dem Termin versandt, was ohne Weiteres rechtzeitig ist (Art. 134
- 10 -
ZPO). Die Klägerin hält weiter korrekt fest, dass Rechtsanwältin Y._ am
4. Februar 2020 gegenüber dem Gericht [mit Kopie an die Beklagte] bestätigt
habe, dass ihre ehemalige Mandantin informiert sei (Urk. 54 S. 3; Urk. 29).
Letztere bestätigte dies in ihrem Verschiebungsgesuch vom 30. April 2020
(Urk. 34). Richtig ist auch der Hinweis der Klägerin auf die Aktennotiz der
Vorinstanz vom 27. April 2020 (Urk. 54 S. 3): Daraus geht hervor, dass J._
wissen wollte, ob die Verhandlung vom 5. Mai 2020 auch angesichts der aktuellen
Pandemiesituation stattfinden werde (Urk. 30); er wusste mithin um den
bevorstehenden Termin.
3.3. Im Ergebnis erweisen sich die Rügen der Beklagten im
Zusammenhang mit der Vorladung zur Beweis- und Schlussverhandlung vom
5. Mai 2020 als unbegründet.
4. Abgewiesenes Verschiebungsgesuch der Beklagten
4.1. Die Vorinstanz erwog, dass J._ kein Arztzeugnis für eine
Krankheit vorgelegt habe, weshalb eine solche nicht nachgewiesen sei. Im Tessin
gelte wie in der restlichen Schweiz keine Ausgangssperre. J._ hätte daher
anreisen können. Auch wäre es ihm unbenommen gewesen, eine Vertretung zu
entsenden (Urk. 44 E. II.2. [S. 4]).
4.2. Die Beklagte bringt vor, die auf den 5. Mai 2020 angesetzte
Verhandlung sei praktisch genau auf den Höhepunkt der Krise rund um COVID-
19 gefallen. Daher habe sich "die Situation für die Beklagte sowie die von ihr
angebotenen Zeuginnen komplett geändert". Die Beklagte habe deshalb am
4. Mai 2020 eine Verschiebung der Verhandlung beantragt. Den diesbezüglichen
Entscheid habe sie erst nach der Schlussverhandlung vom 5. Mai 2020 erhalten;
diese sei in ihrer Abwesenheit durchgeführt worden, weshalb sie sich nicht habe
äussern können (Urk. 46 S. 3). Das Urteil sei damit unter Verletzung des
Grundsatzes "audiatur et altera pars" und des rechtlichen Gehörs, willkürlich und
nur unter Berücksichtigung der Ausführungen der Klägerin ergangen. Allein
deshalb schon sei das Verfahren zur Neubeurteilung zurückzuweisen (Urk. 46
S. 4). Im Übrigen habe die Vorinstanz die Tatsache, dass der beklagtische
- 11 -
Vertreter, J._, sich im Tessin aufgehalten und pandemiebedingt nicht nach
Zürich habe reisen können, nicht ausreichend gewürdigt. Dasselbe gelte für sein
Alter von 70 Jahren, womit er als "besonders gefährdete Person" nach der
damals geltenden COVID-19-Verordnung 2 gegolten habe (Urk. 46 S. 4).
Schliesslich habe die Beklagte erst im Nachhinein von der Verfügung erfahren
und sich daher nicht zur Wehr setzen können (Urk. 46 S. 4). Auch damit habe die
Vorinstanz gegen das Willkürverbot und den Grundsatz des rechtlichen Gehörs
verstossen (Urk. 46 S. 4).
4.3. Die Klägerin bringt vor, es habe keine "Corona"-Vorschriften gegeben,
die es dem Geschäftsführer der Beklagten untersagt hätten, an der Verhandlung
vom 5. Mai 2020 teilzunehmen. Es stimme nicht, dass er sich im Vorfeld der
Verhandlung im Tessin aufgehalten habe; die Klägerin habe ihn nämlich noch in
der Vorwoche auf der Strasse in der Stadt Zürich angetroffen (Urk. 54 S. 5). Die
"Corona"-Problematik sei der Beklagten spätestens seit Mitte März 2020 bewusst
gewesen, mit ihrem Modegeschäft sei sie schliesslich direkt von den
Ladenschliessungen betroffen gewesen (Urk. 54 S. 6). Dennoch habe sie das
Verschiebungsgesuch erst in allerletzter Sekunde versandt; damit habe sie es
selber zu verantworten, dass sie dessen Ablehnung nicht bereits vor der
Verhandlung schriftlich mitgeteilt erhalten habe (Urk. 54 S. 7).
4.4. Gemäss Art. 135 lit. b ZPO kann das Gericht einen Erscheinungstermin
aus zureichenden Gründen verschieben, wenn es vor dem Termin darum ersucht
wird. Das Verschiebungsgesuch ist unverzüglich nach Kenntnis des
Hinderungsgrundes zu stellen (OGer ZH RT130105 vom 27.08.2013, E. 5. a)).
Ein Anspruch auf Verschiebung besteht nicht (BGer 5A_121/2014 vom 13. Mai
2014, E. 3.3). Das Gericht verfügt grundsätzlich über freies Ermessen. Es hat
insbesondere eine allfällige Dringlichkeit, den Verhandlungsgegenstand, die
Schwere des Verhinderungsgrundes und die Rechtzeitigkeit des
Verschiebungsgesuchs zu würdigen (BGer 5A_293/2017 vom 5. Juli 2017,
E. 4.2.; teilweise abweichend BSK ZPO-Brändli/Bühler, Art. 135 N 9, wonach das
Gericht ein Verschiebungsgesuch ohne materielle Prüfung abweisen darf, wenn
es trotz Kenntnis des Hinderungsgrundes bis kurz vor dem Termin
- 12 -
hinausgezögert wird). Im vereinfachten Verfahren sind die Anforderungen an die
zureichenden Gründe höher anzusetzen (BK ZPO-Frei, Art. 135 N 7).
4.5.1. Die Beklagte ersuchte erst am 30. April 2020 um eine
Verschiebung der Verhandlung und begründete dies hauptsächlich mit der
Pandemie (Urk. 34). Wie die Klägerin zu Recht ausführt, waren die
entsprechenden Gründe spätestens seit Mitte März 2020 bekannt, als unter
anderem die Modegeschäfte geschlossen werden mussten. Das Gesuch erfolgte
somit verspätet. Davon ging auch die Vorinstanz implizit aus, wenn sie ausführte,
dass die Vorladung bereits am 20. Januar 2020 zuhanden der Rechtsvertreterin
der Beklagten ergangen sei (Urk. 44 E. II.2. [S. 3 f.]). Besonders gefährdeten
Personen war es sodann nicht verboten, das Haus zu verlassen und an
Gerichtsverhandlungen teilzunehmen (siehe Art. 10b Abs. 1 der damals geltenden
COVID-19-Verordnung 2 [Stand: 30. April 2020; SR 818.101.24]). Im Ergebnis ist
die Ablehnung des Verschiebungsgesuchs nicht zu beanstanden.
4.5.2. Aus dem Briefumschlag ist ersichtlich, dass das
Verschiebungsgesuch am 30. April 2020 in Lugano aufgegeben wurde (Urk. 34).
Da es die Unterschrift von J._ trägt, ist davon auszugehen, dass sich dieser
zumindest in jenem Zeitpunkt im Tessin aufhielt. Das Gesuch ging aufgrund des
1. Mai und des darauffolgenden Wochenendes erst am 4. Mai 2020 bei der Vor-
instanz ein (Urk. 34). Die Verhandlung war auf den 5. Mai 2020, 8 Uhr, angesetzt
(Urk. 27). Hätte die Vorinstanz den Antrag sofort abgelehnt und die
entsprechende Verfügung versandt, hätte J._ sie frühestens am Morgen des
5. Mai 2020 erhalten. Es wäre ihm nicht mehr möglich gewesen, rechtzeitig vom
Tessin nach Zürich zu fahren. Damit handelte die Vorinstanz weder willkürlich
noch verletzte sie den Grundsatz des rechtlichen Gehörs, indem sie das Gesuch
anlässlich der Verhandlung vom 5. Mai 2020 abwies (Prot. I, S. 28). Wer
kurzfristig vor der Verhandlung ein Verschiebungsgesuch stellt, muss damit
rechnen, den Entscheid nicht vor dem Termin zur Kenntnis nehmen zu können.
4.6. Im Ergebnis erweisen sich die Rügen hinsichtlich des abgelehnten
Verschiebungsgesuchs der Beklagten als unbegründet. Die Vorinstanz hielt
- 13 -
korrekt fest, dass für die Beklagte unentschuldigt niemand zur Beweis- und
Schlussverhandlung vom 5. Mai 2020 erschienen sei (Prot. I, S. 27).
5. Abgewiesenes Verschiebungsgesuch von D._
5.1. Die Vorinstanz erwog, D._ sei unentschuldigt nicht zur
"persönlichen Befragung" erschienen. Die am 4. Mai 2020 vorgebrachte
Begründung ihrer Verhinderung – sie habe kurz vor der Verhandlung aus
beruflichen Gründen nach Italien reisen müssen – verfange nicht, da sie zum
persönlichen Erscheinen verpflichtet gewesen sei. Sie habe keinen zureichenden
Grund gehabt, ihr Erscheinen nicht sicherzustellen (Urk. 44 E. II.3. [S. 4]). Weil
D._ der Parteibefragung unentschuldigt ferngeblieben sei, habe die Beklagte
den Beweis für ihre Darstellung nicht erbringen können (Urk. 44 E. IV.2.1.3.
[S. 13]).
5.2. Die Beklagte rügt, die dringende Reise nach Italien sei begründet
gewesen. Es sei bei der kurzfristig angesetzten Reise darum gegangen, dass die
Beklagte über D._ eine Produktionsumstellung habe prüfen wollen, sodass
fortan Masken anstelle von Bademode produziert werden könnten (Urk. 46 S. 5).
Es sei stossend, dass die ursprünglich in der Beweisverfügung akzeptierte Zeugin
[recte: Partei {Urk. 25}] nicht angehört worden sei (Urk. 46 S. 5).
5.3. Die Klägerin wendet ein, dass nicht einzusehen sei, inwiefern die
Wiederaufnahme des Betriebs in Italien ein Rechtfertigungsgrund für eine
Abnahme der Ladung als Zeugin hätte sein sollen (Urk. 54 S. 7).
5.4. Wie vorstehend ausgeführt (E. II.4.4.), verfügt das Gericht
grundsätzlich über freies Ermessen, wenn es über Verschiebungsgesuche
befindet. D._ wurde als Partei zur Beweisverhandlung vom 5. Mai 2020
vorgeladen (im Vorladungsprotokoll ist sie als Zeugin aufgeführt; Urk. 27), was im
Berufungsverfahren unangefochten geblieben ist (siehe auch Urk. 24/2). Am
2. Mai 2020 schrieb sie, dass sie nach Süditalien gereist sei, da das Atelier ab
dem 4. Mai 2020 nach sechswöchigem Unterbruch wieder zu 100 % arbeiten
dürfe und kurzfristig auf die Herstellung von Masken umstellen wolle. Sie werde
- 14 -
als Verantwortliche für das Design dringend vor Ort gebraucht. Die Produktion
habe gegenüber den "Plänen" des Gerichts Vorrang (Urk. 35). Der Termin für die
Beweisverhandlung war seit langem bekannt. Es wäre D._ ohne Weiteres
zumutbar gewesen, ihre beruflichen Verpflichtungen so zu organisieren, dass sie
den Verhandlungstermin hätte wahrnehmen können. Dass ihre Anwesenheit in
Italien am 5. Mai 2020 zwingend gewesen wäre, hat sie nicht dargetan.
5.5. Damit erweisen sich die Rügen bezüglich des abgewiesenen
Verschiebungsgesuchs von D._ als unbegründet. Wenn die Vorinstanz das
unentschuldigte Fernbleiben bei der Beweiswürdigung berücksichtigte (Urk. 44
E. IV.2.1.3. [S. 13]), ist dies mit Blick auf Art. 164 ZPO nicht zu beanstanden.
6. Keine Befragung der Zeugin G._
6.1. Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass die Zeugin G._ der
Einvernahme vom 5. Mai 2020 zwar entschuldigt ferngeblieben sei (Urk. 44
E. II.4. [S. 4]). Ihre Einvernahme könne jedoch unterbleiben, da sie das fragliche
Gespräch zwischen D._ und der Klägerin nicht selber wahrgenommen habe.
Als Mitglied der Familie C._D._G._J._ sei G._ im Übrigen
dem Umfeld der Beklagten zuzurechnen, weshalb ihre Einvernahme für sich allein
ohnehin nicht weiterhelfen würde (Urk. 44 E. IV.2.1.3. [S. 13]).
6.2. Die Beklagte bemängelt, die Argumentation der Vorinstanz sei
widersprüchlich, denn sie habe G._ in der Beweisverfügung vom 7. Januar
2020 als Zeugin akzeptiert und vorgesehen (Urk. 46 S. 5). Richtig sei zwar, dass
sie als Schwester von J._ zur Familie gehöre und somit dem Umfeld der
Beklagten zuzurechnen sei. Dass ihrer Befragung kein Beweiswert zukommen
solle, sei widersprüchlich, weil seitens der Klägerin die Zeugin E._ angehört
worden sei, welche mit der Beklagten mittlerweile ebenfalls in Rechtsstreitigkeiten
stehe; Ähnliches gelte für die zweite Zeugin der Klägerin, F._. Auch sie sei
im Zeitpunkt der Verhandlung nicht länger bei der Beklagten angestellt gewesen;
es habe gewisse Differenzen gegeben, wenn auch ohne gerichtliches Verfahren.
Es sei stossend, dass nur die beiden nicht unparteiischen Zeuginnen der Klägerin
befragt worden seien, während man G._ nicht angehört habe (Urk. 46 S. 5).
- 15 -
Damit habe die Vorinstanz den Grundsatz "audiatur et altera pars" und letztlich
das rechtliche Gehör verletzt und willkürlich gehandelt (Urk. 46 S. 5 f.).
6.3. Die Klägerin macht insbesondere geltend, dass die Vorinstanz den
Verzicht auf die Anhörung nicht nur mit der engen familiären Beziehung, sondern
auch damit begründet habe, dass G._ einzig wiedergeben könne, was ihr
von D._ zugetragen worden sei. Mit dieser Alternativbegründung setze sich
die Beklagte nicht auseinander (Urk. 54 S. 8).
6.4.1. Das Recht auf Beweis gemäss Art. 152 ZPO schliesst eine
antizipierte Beweiswürdigung nicht aus (BGE 143 III 297, E. 9.3.2; BGer
4A_66/2018 vom 15. Mai 2019, E. 2.1). Eine solche liegt vor, wenn das Gericht
zum Schluss kommt, ein an sich taugliches Beweismittel vermöge seine
Überzeugung von der Wahrheit oder Unwahrheit einer strittigen Tatsache, die es
insbesondere aufgrund der bereits abgenommenen Beweismittel gewonnen hat,
nicht zu erschüttern (BGE 143 III 297, E. 9.3.2; BGer 4A_66/2018 vom 15. Mai
2019, E. 2.1.1). Von einer antizipierten Beweiswürdigung ist ebenfalls die Rede,
wenn das Gericht einem beantragten Beweismittel die Erheblichkeit oder die
Tauglichkeit abspricht, um die behauptete Tatsache zu erstellen, zu deren Beweis
es angerufen wurde. Das Gericht verzichtet diesfalls darauf, das von ihm als
untauglich eingestufte Beweismittel abzunehmen – und zwar losgelöst von seiner
Überzeugung hinsichtlich der Verwirklichung der damit zu erstellenden Tatsache,
also insbesondere auch bei offenem Beweisergebnis (BGer 4A_66/2018 vom
15. Mai 2019, E. 2.1.2; BGer 4A_297/2019 vom 29. Mai 2020, E. 4.3.1.2).
(Subjektive) Untauglichkeit liegt unter anderem vor, wenn der angerufene Zeuge
im fraglichen Zeitpunkt gar nicht anwesend war und deshalb aus eigener
Wahrnehmung nichts berichten kann (Leu, DIKE-Komm-ZPO, Art. 152 N 31;
siehe Samuel Baumgartner / Annette Dolge / Alexander R. Markus / Karl Spühler,
Schweizerisches Zivilprozessrecht mit Grundzügen des internationalen
Zivilprozessrechts, 10. Aufl. 2018, Kap. 10 Rn 88 f.).
6.4.2. Die Beklagte offerierte das Zeugnis von G._ unter anderem
als Beweismittel für folgende Behauptung: Wenige Tage vor der Kündigung habe
D._ die Klägerin gebeten, die Schaufenster neu zu dekorieren, welche eine
- 16 -
andere Mitarbeiterin, E._, ein paar Tage vor dem Gespräch gestaltet gehabt
habe. D._ habe zur Klägerin gesagt, dass die Schaufenster zwar sehr schön
gemacht seien und E._ gute Arbeit geleistet habe; allerdings seien sie zu
wenig auffällig für potentielle Kundschaft. Dies sei nicht als Kritik an E._s
Arbeit gemeint. Die Beklagte brachte vor, dass G._ dieses Gespräch
mitbekommen habe (Urk. 13 Rz. 17). In der Folge soll die Klägerin den Dialog
gegenüber E._ falsch wiedergegeben haben, indem sie geäussert habe,
dass D._ die Schaufenster "scheisse" finde (Urk. 13 Rz. 20). Die Vorinstanz
fasste diese Behauptung zum Beweissatz 1 zusammen und führte G._ als
Zeugin auf (Urk. 25 S. 2). Wie sie zum Schluss gelangte, G._ habe das
Gespräch nicht selber mitbekommen (Urk. 44 E. IV.2.1.3. [S. 13]), ist unklar. So
bestätigte selbst die Klägerin, dass die Zeugin anwesend gewesen sei (Urk. 40
S. 2 f.). Ob das Argument, letztere sei dem Umfeld der Beklagten zuzurechnen
(Urk. 44 E. IV.2.1.3. [S. 13]), genügt, um eine antizipierte Beweiswürdigung
aufgrund eines untauglichen Beweismittels zu begründen, kann offen bleiben.
Entscheidend ist nämlich, dass die Vorinstanz den Sachverhalt in ihrer
Eventualbegründung als nicht rechtserheblich betrachtete. So führte sie aus:
Selbst wenn die Klägerin die Worte von D._ gegenüber E._ nicht korrekt
wiedergegeben hätte [die beklagtische Darstellung mithin zuträfe], wäre dies noch
kein wichtiger Grund für eine fristlose Kündigung (Urk. 44 E. IV.2.1.4. [S. 13 f.]
und E. IV.2.1.11. [S. 18]). Mit dieser Eventualbegründung setzt sich die Beklagte
nicht auseinander (siehe Urk. 46 S. 5 f.), sodass es dabei bleibt (siehe E. II.1.1.).
6.5. Nichts abzuleiten vermag die Beklagte aus der Tatsache, dass
G._ als Zeugin in der Beweisverfügung vom 7. Januar 2020 aufgeführt
(Urk. 25 S. 2), in der Folge aber nicht befragt wurde. Als prozessleitende
Verfügung war der Entscheid vom 7. Januar 2020 nämlich jederzeit abänderbar
(so auch explizit Art. 154 ZPO). Die Vorinstanz war nicht an ihn gebunden,
insbesondere nicht hinsichtlich der Rechtserheblichkeit der Beweisthemen (ZK
ZPO-Hasenböhler, Art. 154 N 31).
6.6. Unbehelflich ist es, wenn die Beklagte geltend macht, dass die Vorin-
stanz nur E._ und F._ als Zeuginnen "der Klägerin" befragt habe
- 17 -
(Urk. 46 S. 5). Letztere hatte die beiden Zeugnisse nämlich nie zum Beweis
angeboten (siehe Urk. 1 und 20), vielmehr war es die Beklagte selbst (Urk. 13
Rz. 9, 11, 13, 20–27 und 29–34; Urk. 14). Diese hätte die Beweisofferten vor der
Beweisverhandlung ohne Weiteres zurückzuziehen können, wenn sie
(zwischenzeitlich) befürchtete, dass die Zeuginnen parteiisch seien (siehe Urk. 46
S. 5).
6.7. Im Ergebnis verletzte die Vorinstanz weder das rechtliche Gehör der
Beklagten noch verfiel sie in Willkür, indem sie G._ nicht als Zeugin befragte.
7. Auseinandersetzung im Ladenlokal des "K._"
7.1. Die Vorinstanz erwog, dass D._ die Sache [gemeint ist ihre Kritik
an der Schaufensterdekoration; siehe E. II.6.4.2.] mit der Klägerin und E._ im
Ladenlokal des "K._" habe klären wollen. Gemäss der Beklagten solle die
Klägerin dabei vor Kundinnen laut geworden sein. Die Zeuginnen F._ und
E._ hätten indessen beide bestätigt, dass zu diesem Zeitpunkt keine
Kundinnen im Laden gewesen seien. Die Diskussion sei zwar laut gewesen, die
Klägerin sei aber nicht "ausgerastet". Keine der Zeuginnen habe die Lautstärke
allein auf die Klägerin bezogen. Daraus folgerte die Vorinstanz, dass nicht nur die
Klägerin, sondern auch die übrigen Beteiligten ihre Stimme erhoben hätten. Im
Ergebnis gelinge der Beklagten der Nachweis nicht, dass die Klägerin ein
weiteres Mal im Laden vor Kundschaft "ausgerastet" sei (Urk. 44 E. IV.2.1.6.
[S. 15]).
7.2. Die Beklagte bemängelt, dass es nicht zutreffe, dass auch D._ am
17. Oktober 2018 laut gewesen sein solle. Sie habe versucht, zwischen der
Klägerin und E._ zu schlichten. Anhand des Kassensystems lasse sich
sodann nachweisen, dass sich im fraglichen Zeitpunkt Kundinnen im Ladenlokal
des "K._" aufgehalten hätten. So habe F._ um 16.25 Uhr eine
namentlich nicht erfasste Kundin bedient; um 16.39 Uhr habe E._ L._
bedient (Urk. 46 S. 7).
- 18 -
7.3. Die Klägerin macht geltend, die Beklagte habe die Quittungen, die sie
für diese Behauptung zum Beweis offeriere, weder im vorinstanzlichen noch im
Berufungsverfahren eingereicht (Urk. 54 S. 10). Der beklagtische Rechtsvertreter
setze sich mit den Erwägungen der Vorinstanz nicht einmal ansatzweise
auseinander (Urk. 54 S. 9). Im Übrigen bestreitet die Klägerin, am 17. Oktober
2018 zum wiederholten Mal vor Kunden einen Ausraster gehabt zu haben
(Urk. 54 S. 11).
7.4. Das Gericht bildet sich seine Überzeugung nach freier Würdigung der
Beweise (Art. 157 ZPO). Aufgrund einer in sich stimmigen Gesamtschau kann es
den Schluss ziehen, dass eine Tatsachenbehauptung bewiesen ist (ZK ZPO-
Hasenböhler, Art. 157 N 16).
7.5. Die Beklagte brachte in ihrer Klageantwort vom 17. Juni 2019 vor, dass
sich die Klägerin laut und inadäquat verhalten habe. Dies hätten auch zwei
Kundinnen mitbekommen. Für ihre Behauptungen offerierte die Beklagte die
Parteibefragung / Beweisaussage von D._ sowie die Zeugnisse von E._
und F._ zum Beweis (Urk. 13 Rz. 22–24; siehe auch Prot. I, S. 14 f.). Im
Berufungsverfahren nennt die Beklagte neu zwei Quittungen, das Zeugnis von
G._ sowie "weitere Beweismittel im Bestreitungsfalle", um die Anwesenheit
der Kundinnen zu belegen (Urk. 46 S. 8). Da sich die Beklagte nicht zur
Zulässigkeit der neu angebotenen Beweismittel äussert (Urk. 46 S. 7 f.), sind
diese nicht zu berücksichtigen (E. II.1.3.). Vor diesem Hintergrund kann auf die
zutreffende Erwägung der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 44 E. IV.2.1.6.
[S. 15]). Die Beklagte kritisiert die vorinstanzliche Feststellung hinsichtlich der
Lautstärke von D._ (Urk. 46 S. 7); sie setzt sich indessen nicht mit der
vorinstanzlichen Beweiswürdigung (Urk. 44 E. IV.2.1.6. [S. 15]) auseinander,
sodass ihre Berufungsschrift den Begründungsanforderungen nicht genügt (siehe
E. II.1.1.). Im Übrigen ist festzuhalten, dass die Vorinstanz diesen Punkt als nicht
entscheidend erachtete (siehe Urk. 44 E. IV.2.1.8.–2.1.11. [S. 16 ff.]). So kritisiert
sie im Ergebnis nicht die Lautstärke; sie führt vielmehr aus, dass D._ an der
Entstehung und der Eskalation des lauten Disputs einen erheblichen Anteil
- 19 -
gehabt habe, indem sie die Klägerin provoziert und mit Mutmassungen über
Drogenmissbrauch beleidigt habe (Urk. 44 E. IV.2.1.11. [S. 18]).
7.6. Folglich dringt die Beklagte mit ihren Rügen hinsichtlich der
Auseinandersetzung im Ladenlokal des "K._", soweit überhaupt darauf
einzutreten ist, nicht durch.
8. Arbeitszeugnis
8.1. Die Vorinstanz verpflichtete die Beklagte, der Klägerin ein
Arbeitszeugnis mit dem eingangs erwähnten Inhalt aus- und zuzustellen. Unter
anderem stehen darin folgende Sätze (Urk. 44 E. V.3.10. [S. 24]): "Wir haben
Frau B._ als vertrauenswürdige und zuverlässige Mitarbeiterin kennen und
schätzen gelernt, die ihre Aufgabe auch unter erschwerten Arbeitsbedingungen
gut bewältigte. [...] Wir wünschen Frau B._ alles Gute für ihre Zukunft."
8.2. Die Beklagte bringt vor, dass die Klägerin vor der fristlosen Kündigung
schon einmal schriftlich verwarnt worden sei. Zudem sei sie erst am 1. Mai 2018
bei der Beklagten eingetreten und daher bis zur Kündigung am 17. Oktober 2018
noch keine sechs Monate für die Beklagte tätig gewesen. Diese Tatsachen
fänden keine oder nur zu geringe Berücksichtigung (Urk. 46 S. 8). Nicht
einverstanden sei die Beklagte damit, dass die Klägerin auch unter erschwerten
Bedingungen gearbeitet habe. Laut Lehre und Rechtsprechung bestehe sodann
kein klagbarer Anspruch des Arbeitnehmers auf Zukunftswünsche (Urk. 46 S. 9).
8.3. Die Klägerin macht geltend, dass die Beklagte irgendwelche
Ausführungen zum Thema "Arbeitszeugnis" mache, ohne sich auch nur
ansatzweise mit der Begründung der Vorinstanz auseinanderzusetzen (Urk. 54
S. 9 f.).
8.4. Die Beklagte beantragte in ihrer Klageantwort zwar, dass die Klage
(abgesehen vom anerkannten Betrag in Höhe von Fr. 2'564.80) abzuweisen sei
(Urk. 13 S. 2); in ihrer Begründung bestritt sie den Anspruch der Klägerin auf
Ausstellung eines Arbeitszeugnisses indessen nicht, im Gegenteil: Die Beklagte
legte der Klageantwort ein "angemessenes" Arbeitszeugnis (Urk. 15/2) bei und
- 20 -
führte aus, dass dieses den anwendbaren Grundsätzen entspreche, die es bei der
Ausstellung zu beachten gelte (Urk. 13 Rz. 40). Auch in ihrer Duplik bestritt sie
den Anspruch (trotz Hinweis in der Replik auf den Widerspruch [Urk. 20 S. 8])
nicht, sondern äusserte sich nur zu einzelnen Formulierungen (Prot. I, S. 17 f.).
Das von der Vorinstanz formulierte Arbeitszeugnis (Urk. 44 E. V.3.10. [S. 24])
stimmt in weiten Teilen mit dem Entwurf der Beklagten (Urk. 15/2) überein. Dies
betrifft insbesondere die nicht erwähnte Verwarnung und die Zukunftswünsche
(Letztere gestand die Beklagte der Klägerin sogar vorbehaltlos zu, obwohl ihr
bewusst war, dass sie keinen Anspruch darauf hatte; Prot. I, S. 18). Bezüglich
dieser beiden Punkte ist die Beklagte weder formell noch materiell beschwert
(siehe E. II.1.2.). Hinsichtlich der "erschwerten Arbeitsbedingungen" setzt sie sich
mit dem vorinstanzlichen Entscheid (Urk. 44 E. V.3.3. [S. 22]) nicht auseinander
(Urk. 46 S. 9), sodass ihre Berufungsschrift den Begründungsanforderungen nicht
genügt (siehe E. II.1.1.). Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass der Wortlaut
betreffend der Arbeitsbedingungen auf den Vorschlag der Klägerin zurückgeht
(Urk. 1a). Trotz ausdrücklichem Substantiierungshinweis durch die Einzelrichterin
unterliess es die Beklagte, ihn zu bestreiten (Prot. I, S. 17 f.). Wenn sie nun im
Berufungsverfahren vorbringt, die Formulierung sei wahrheitswidrig (Urk. 46 S. 9),
so erfolgt dieser Einwand verspätet (Art. 317 Abs. 1 lit. b ZPO). Auch soweit die
Beklagte rügt, die Klägerin sei keine sechs Monate für die Beklagte tätig
gewesen, genügt sie den Begründungsanforderungen nicht (Urk. 46 S. 8): So
befasst sie sich weder mit dem von der Vorinstanz verfassten Text des
Arbeitszeugnisses (Urk. 44 E. V.3.10. [S. 24]) noch mit den Erwägungen, die dazu
geführt haben (insbesondere Urk. 44 E. V.3.1 und V.3.9. [S. 22 f.]). Schliesslich
versäumt es die Beklagte, zureichende Anträge auf eine anderweitige
Formulierung des Arbeitszeugnisses zu stellen.
8.6. Vor diesem Hintergrund ist auf die Berufung nicht einzutreten, soweit
die Beklagte Rügen im Zusammenhang mit dem Arbeitszeugnis erhebt.
9. Ergebnis
Sämtliche Rügen der Beklagten erweisen sich als unbegründet, sofern die
Eintretensvoraussetzungen überhaupt erfüllt sind; die Berufung ist deshalb
- 21 -
abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist, und das Urteil des Einzelgerichts im
vereinfachten Verfahren am Arbeitsgericht Zürich, 1. Abteilung, vom 5. Mai 2020
ist zu bestätigen.
III.
1. Bei Streitigkeiten aus einem Arbeitsverhältnis sind bis zu einem
Streitwert von Fr. 30'000.– keine Kosten zu erheben (Art. 114 lit. c ZPO).
2. Ausgangsgemäss hat die Beklagte der Klägerin für das
Berufungsverfahren eine Parteientschädigung zu bezahlen (Art. 106 Abs. 1 ZPO).
Der Streitwert beläuft sich auf Fr. 16'839.25 (Fr. 6'788.75 [entgangener Lohn] +
Fr. 5'000.– [Pönalentschädigung] + Fr. 5'050.50 [ein Monatslohn für das
Arbeitszeugnis]), was eine Grundgebühr von Fr. 3'425.90 ergibt (§ 4 Abs. 1 und
§ 13 Abs. 1 AnwGebV). Diese ist in Anwendung von § 2 Abs. 1 und § 13 Abs. 2
AnwGebV auf Fr. 1'400.10 (Fr. 1'300.– zuzüglich 7.7 % Mehrwertsteuer)
herabzusetzen.