Decision ID: 25157d3e-64c7-594c-945c-14d91c54a3ab
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Die Politische Gemeinde O._ betreibt auf ihrem Grundstück Nr. 0010, Grundbuch
O._, das Kultur- und Kongresshaus "V._ O._" (vgl. www. ... .ch,
Benützungsreglement). Das Grundstück liegt gemäss Zonenplan vom 16. August 2002
in der Kernzone im Ortszentrum. Mit Baugesuch vom 23. Januar 2020 ersuchte die
Geschäftsführerin des Kultur- und Kongresshauses, R._, um Bewilligung einer
Erweiterung der Nutzung (Betrieb eines Bistros unter anderem mit Aussenplätzen; act.
8.1/4). Die Bauanzeige wurde am 4. Februar 2020 auf der Publikationsplattform des
Kantons St. Gallen und der St. Galler Gemeinden veröffentlicht (act. 8.6/7). Das
Baugesuch lag vom 4.-17. Februar 2020 bei der Bauverwaltung der Gemeinde auf (act.
8.1/4). Verschiedenen Eigentümern von Grundstücken, welche nicht mehr als dreissig
Meter vom Kultur- und Kongresshaus entfernt liegen, wurde das Baugesuch mit
eingeschriebenem Brief zur Kenntnis gebracht.
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Z._, dessen Grundstück Nr. 0009 mehr als dreissig Meter vom Kultur- und
Kongresshaus entfernt liegt, erhob mit Eingabe vom 19. Februar 2020 (Postaufgabe am
20. Februar 2020) privat- und öffentlich-rechtliche Einsprache gegen das Bauvorhaben
(act. 8.6/9). Mit Entscheid vom 21. Februar 2020 trat der Gemeinderat O._ auf die
Einsprache nicht ein mit der Begründung, die Eingabe sei ausserhalb der
Einsprachefrist erfolgt (act. 8.1/1).
B.
Mit Rekurs an das Baudepartement vom 9. März 2020 beantragte Z._ sinngemäss,
der Gemeinderatsentscheid vom 21. Februar 2020 sei vollumfänglich aufzuheben, es
sei ein ordentliches Baubewilligungsverfahren durchzuführen, das Baugesuch zur
Einsprache öffentlich aufzulegen, auf das Baugesuch vom 23. Januar 2020 nicht
einzutreten, ein vorsorglicher Baustopp für sämtliche Arbeiten zu verhängen und
vollumfängliche Akteneinsicht zu gewähren. Am 14. August 2020 wies das
Baudepartement den Rekurs, soweit damit der Erlass eines vorsorglichen Baustopps
und die Aufhebung des Nichteintretensentscheids des Gemeinderats O._ beantragt
wurden, ab und trat auf die übrigen Begehren nicht ein.
C.
Z._ (Beschwerdeführer) erhob gegen den Entscheid des Baudepartements
(Vorinstanz) vom 14. August 2020 durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe vom
31. August 2020 sowie Ergänzung vom 14. September 2020 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit den Anträgen, der Entscheid des Baudepartements vom
14. August 2020 sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge und nach Augenschein
mit Parteiverhandlung aufzuheben. Vollumfänglich aufzuheben seien auch der
Bauentscheid O 2015-0095 vom 24. November 2016 samt Nachträgen. Die Politische
Gemeinde O._ (Beschwerdegegnerin) sei anzuweisen, ein ordentliches
Baubewilligungsverfahren durchzuführen, das entsprechende Baugesuch öffentlich
aufzulegen und die Einsprachefrist wiederherzustellen.
Mit Vernehmlassung vom 6. Oktober 2020 verwies die Vorinstanz auf den
angefochtenen Rekursentscheid und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
Ergänzend führte sie aus, Gegenstand des Beschwerdeverfahrens sei grundsätzlich
einzig der Rekursentscheid vom 14. August 2020 (Devolutiveffekt). Deshalb sei
ausschliesslich zu prüfen, ob dieser Entscheid den rechtlichen Vorgaben entspreche.
Mit Eingabe vom 26. Oktober 2020 verwies die Beschwerdegegnerin auf den
Nichteintretensentscheid vom 21. Februar 2020 und auf die Erwägungen im
Rekursentscheid und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Mit Eingabe vom
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3. Dezember 2020 äusserte sich der Beschwerdeführer abschliessend und hielt an
seinen Anträgen fest.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen des
Beschwerdeführers und der Vorinstanz zur Begründung ihrer Anträge sowie die Akten
wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Eintreten
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Der Beschwerdeführer,
der mit seinen Begehren im Rekursverfahren unterlag, ist zur Erhebung der
Beschwerde befugt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerde
gegen den Rekursentscheid vom 14. August 2020 wurde mit Eingabe vom 31. August
2020 unter Berücksichtigung des Fristenlaufs am Wochenende rechtzeitig erhoben und
erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 14. September 2020 formal und inhaltlich die
gesetzlichen Anforderungen (vgl. Art. 64 in Verbindung mit Art. 30 Abs. 1, Art. 47 Abs. 1
VRP sowie Art. 142 der Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272, ZPO, und
Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist grundsätzlich einzutreten.
Das Anfechtungsobjekt begrenzt den möglichen Streitgegenstand (vgl. Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 579). Gegenstand
des Beschwerdeverfahrens kann einzig die Frage sein, ob die Vorinstanz den Rekurs
gegen den Nichteintretensentscheid der Beschwerdegegnerin vom 21. Februar 2020 zu
Recht abgewiesen hat. Soweit der Beschwerdeführer die Aufhebung des
Bauentscheids O 2015-0095 vom 24. November 2016 samt Nachträgen beantragt
(Ziff. 2), kann auf die Beschwerde deshalb nicht eingetreten werden. Grundsätzlich
zulässig erscheint indessen der Antrag, es sei die Wiederherstellung der verpassten
Einsprachefrist, die den Nichteintretensentscheid der Beschwerdegegnerin nach sich
gezogen hat, anzuordnen. Zur Behandlung des Gesuchs ist die Behörde, bei welcher
die Frist verpasst wurde, zuständig (vgl. Art. 30 Abs. 1 VRP und Art. 149 ZPO). Das
Verwaltungsgericht kann deshalb mangels Zuständigkeit auf das Gesuch nicht
eintreten. Erstmals im Beschwerdeverfahren gestellt, erweist sich das Begehren zudem
als offensichtlich verspätet, zumal ein solches Gesuch innert zehn Tagen seit Wegfall
des Säumnisgrundes einzureichen gewesen wäre (vgl. Art. 30 Abs. 1 VRP und Art. 148
Abs. 2 ZPO). Eine Übermittlung an die Beschwerdegegnerin zuständigkeitshalber zur
materiellen Behandlung erübrigt sich unter diesen Umständen (vgl. Art. 11 Abs. 3 VRP).
bis
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Da Gegenstand des Beschwerdeverfahrens im Rahmen der gestellten Anträge einzig
die Frage sein kann, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die vom
Beschwerdeführer gegen das Bauvorhaben erhobene Einsprache wegen Verspätung
nicht eingetreten ist, und diese Beurteilung keine materielle Prüfung des Baugesuchs
voraussetzt, ist zur Klärung des rechtserheblichen Sachverhalts kein Augenschein
erforderlich. Zumal nicht ein Entscheid in der Sache zu fällen ist, hat der
Beschwerdeführer auch keinen – von ihm im Übrigen auch nicht weiter begründeten –
Anspruch auf Durchführung einer mündlichen Verhandlung zur Klärung der
prozessualen Frage der Rechtzeitigkeit seiner Einsprache (vgl. A. Fedi, in: Rizvi/
Schindler/Cavelti [Hrsg.], Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, Praxiskommentar,
Zürich/St. Gallen 2020, N 3 zu Art. 55 VRP). Inwieweit eine mündliche Verhandlung
zweckmässig erschiene, legt der Beschwerdeführer, der sich im Übrigen mehrfach und
eingehend zu den aus seiner Sicht bedeutsamen Aspekten der Angelegenheit
schriftlich äusserte, nicht dar und ist mit Blick auf den konkreten Streitgegenstand auch
nicht ersichtlich. Der Antrag, einen "Augenschein mit Parteiverhandlung vor Ort"
durchzuführen, ist deshalb abzuweisen.
2. Streitgegenstand
Die Verfahrensbeteiligten gehen übereinstimmend davon aus, dass das Bauvorhaben
auf der kantonalen Publikationsplattform am 4. Februar 2020 veröffentlicht wurde und
Gesuch und Unterlagen vom 4.-17. Februar 2020 öffentlich bei der Bauverwaltung der
Beschwerdegegnerin aufgelegen haben und dass der Beschwerdeführer die
Einsprache am 20. Februar 2020 (Postaufgabe) und damit nach Ablauf der publizierten
Einsprachefrist erhoben hat. Der Beschwerdeführer ist der Auffassung, die
Einsprachefrist sei nicht von Belang, weil das Baugesuch nicht rechtsgültig
unterzeichnet gewesen sei und weil die Beschwerdegegnerin das falsche – nämlich das
vereinfachte statt das ordentliche – Baubewilligungsverfahren durchgeführt und zudem
"in eigener Sache" entschieden habe. Sinngemäss macht er damit geltend, die
Publikation des Bauvorhabens und die öffentliche Auflage hätten keine für ihn
massgebende Einsprachefrist auslösen können. Ergänzend ist zu prüfen, ob die vom
Beschwerdeführer gerügten formellen Mängel des Baugesuchs vom 23. Januar 2020
und allfällige Fehler im Baubewilligungsverfahren die Nichtigkeit einer für die
Nutzungserweiterung allenfalls erteilten Baubewilligung zur Folge haben und die
Beschwerdegegnerin deshalb das Baubewilligungsverfahren wiederholen müsste.
3. Rechtsgrundlage, Vorbringen und Würdigung
Rechtsgrundlage
Die Erteilung einer Baubewilligung, die geltendem Recht widerspricht, wird auf Rekurs
3.1.
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oder Beschwerde hin von der zuständigen Rechtsmittelbehörde aufgehoben. Wird sie
nicht angefochten, so wird sie rechtskräftig. Von der Anfechtbarkeit zu unterscheiden
ist die Nichtigkeit eines Verwaltungsaktes, sei es wie vorliegend die Ansetzung einer
Einsprachefrist oder die Erteilung einer Baubewilligung. Nichtigen Verfügungen geht
jede Verbindlichkeit und Rechtswirksamkeit ab. Die Nichtigkeit eines Verwaltungsaktes
ist jederzeit und grundsätzlich (vgl. dazu BGE 145 III 436 und BGer 5A_484/2019 vom
22. Juli 2020 E. 2.3) von sämtlichen staatlichen Instanzen von Amtes wegen zu
beachten. Nach der Rechtsprechung ist eine Verfügung nur ausnahmsweise nichtig,
wenn der ihr anhaftende Mangel besonders schwer und offensichtlich oder zumindest
leicht erkennbar ist und die Rechtssicherheit durch die Annahme der Nichtigkeit nicht
ernsthaft gefährdet wird. Als Nichtigkeitsgrund fallen hauptsächlich funktionelle und
sachliche Unzuständigkeit einer Behörde sowie schwerwiegende Verfahrensfehler in
Betracht (vgl. BGE 139 II 243 E. 11.2). Inhaltliche Mängel führen nur ausnahmsweise
zur Nichtigkeit (vgl. BGer 1C_200/2011 vom 5. September 2011 E. 2.3 mit Hinweis auf
BGE 133 II 366 E. 3.2).
Vorbringen
Der Beschwerdeführer rügt, das Baugesuch vom 23. Januar 2020 weise aufgrund der
fehlenden Unterschrift des Gemeindevertreters sowie des fehlenden
Gemeinderatsbeschlusses zur Unterschriftsberechtigung der Unterzeichnenden
erhebliche formelle Mängel auf, was zumindest eine Rückweisung des Gesuchs zur
Vervollständigung hätte zur Folge haben müssen (dazu nachfolgend Erwägung 3.3.1).
Sodann macht der Beschwerdeführer geltend, die unzulässige Durchführung des
vereinfachten Baubewilligungsverfahren habe ihn als potentiellen Einsprechenden
unrechtmässig ausgegrenzt. Damit sei der Kreis der möglichen Opponenten klein
gehalten und die materielle Überprüfung der ausgestellten Baubewilligung auf dem
Rechtsweg letztlich geschickt umgangen worden (dazu nachfolgend Erwägung 3.3.2).
Ausserdem fehle es dem Vorhaben gänzlich an einem der Nutzungsänderung gerecht
werdenden Sicherheitskonzept (vgl. Feuerschutzkonzept, Evakuierungskonzept) sowie
an einer gebührenden Erschliessung (vgl. Parkplatznachweis), was wiederum die
Mangelhaftigkeit des Baugesuchs untermaure und von der Gemeinde schlicht nicht
beachtet worden sei (dazu nachfolgend Erwägung 3.3.3). Somit sei das Baugesuch
nichtig, der Nichteintretensentscheid vom 21. Februar 2020 aufzuheben und ein
ordentliches Baubewilligungsverfahren durchzuführen, um schliesslich dem
Beschwerdeführer die geforderten Verfahrensrechte vollumfänglich gewähren zu
können.
3.2.
Würdigung3.3.
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Baugesuch
Vorab ist zu präzisieren, dass ein Baugesuch kein Hoheitsakt ist und damit – entgegen
den Ausführungen in der Beschwerdebegründung vom 14. September 2020 (act. 5 Ziff.
4 Bst. d) – auch nicht nichtig sein kann. Hingegen können schwerwiegende
Verfahrensfehler im Zusammenhang mit der Prüfung und Bewilligung eines
Baugesuches zur Nichtigkeit einer angesetzten Einsprachefrist oder einer erteilten
Baubewilligung führen, was Prüfungsgegenstand dieses Entscheids ist. Zu prüfen ist,
ob allfällige formelle Mängel des Baugesuchs vom 23. Januar 2020 die
Bekanntmachung des Baugesuchs, das Auflageverfahren und die damit verbundene
Festlegung der Einsprachefrist vom 4.-17. Februar 2020 sowie eine allenfalls erteilte
Baubewilligung als nichtig erscheinen lassen.
Baugesuche werden nach Art. 137 des Planungs- und Baugesetzes (sGS 731.1, PBG)
bei der Baubehörde eingereicht. Das Baugesuch wird nach Art. 21 Abs. 1 Satz 3 der
Verordnung zum Planungs- und Baugesetz (PBV, sGS 731.11) von der Bauherrschaft
und vom Grundeigentümer unterzeichnet. In jedem Fall ist ein Baugesuch von der
Bauherrschaft zu unterzeichnen, insbesondere falls die Bauherrschaft und der
Grundeigentümer nicht identisch sind (vgl. M. Möhr, in: Bereuter/Frei/Ritter [Hrsg.],
Kommentar zum Planungs- und Baugesetz des Kantons St. Gallen, St. Gallen 2020, N
8 zu Art. 137 PBG). Gemäss Art. 33 Abs. 2 des Baureglements der
Beschwerdegegnerin vom 15. Dezember 2009 (nachfolgend: BauR) müssen sämtliche
Unterlagen vom Bauherrn, dem Grundeigentümer sowie dem Projektverfasser original
unterzeichnet sein. Sind Bauherrschaft und Grundeigentümer nicht identisch, stellt sich
in der Praxis häufig die Frage nach der Bedeutung der Zustimmung des
Grundeigentümers zum Baugesuch (vgl. M. Möhr, a.a.O., N 9 zu Art. 137 PBG). Wer ein
Bauvorhaben auf fremden Boden verwirklichen möchte, braucht die Zustimmung des
nach Art. 641 Abs. 1 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210, ZGB) am
Eigentum Berechtigten und muss diese auch nachweisen können. In Frage zu stellen
ist, ob die Zustimmung des Grundeigentümers bereits beim erstmaligen Einreichen des
Baugesuches bei der Baubehörde vorzuliegen hat und damit zur Einleitung eines
Baubewilligungsverfahrens vorauszusetzen ist. Gemäss der Rechtsprechung zum
bisherigen Recht handelt es sich beim Zustimmungserfordernis des Grundeigentümers
lediglich um eine reine Ordnungsvorschrift. Der Nutzen dieser Ordnungsvorschrift liegt
insbesondere darin, dass es der zuständigen Baubehörde bereits anfänglich möglich
sein muss, Kenntnis über die eigentumsrechtlichen Verhältnisse bei der Prüfung des
Baugesuches zu haben und damit eine allfällige Verletzung von eigentumsrechtlichen
Ansprüchen von Beginn an ausschliessen zu können (vgl. ferner Baudepartement SG,
3.3.1.
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BDE vom 7. November 2001, Juristische Mitteilungen 2001/IV/38). Fehlt die
unterschriftliche Zustimmung des Grundeigentümers zum Baugesuch, ist dieses
unvollständig (vgl. Möhr, a.a.O., N 10 zu Art. 137 PBG). Unvollständige Baugesuche
können zur Ergänzung oder Verbesserung zurückgewiesen werden und bei Ausbleiben
der Verbesserung kann die Bewilligungsbehörde auf das Gesuch nicht eintreten (vgl.
Art. 21 Abs. 3 PBV in Verbindung mit Art. 137 PBG). Jedoch muss die Baubehörde auf
ein Baugesuch eintreten, wenn die Zustimmung des Grundeigentümers, auch ohne
schriftliche Signierung, sonst wie glaubhaft gemacht werden kann (vgl.
Baudepartement SG, BDE Nr. 15/2011 vom 8. April 2011, Juristische Mitteilungen
2011/II/2).
Tatsächlich wurde das eingereichte Baugesuchsformular vom 23. Januar 2020
(act. 8.6/1) einzig von R._, der Geschäftsführerin des Kultur- und Kongresshauses
"V._ O._", stellvertretend für die Bauherrschaft unterzeichnet. Das Kultur- und
Kongresshaus wird als Abteilung der Gemeindeverwaltung (vgl. http://www. ... .ch/de/
verwaltung/aemter) geführt. Für dessen Betrieb ist die Geschäftsführerin verantwortlich
(vgl. Art. 13 des Benützungsreglements vom 2. Juli 2020). Dass sie für die
Bauherrschaft ein Gesuch um Bewilligung einer betrieblichen Erweiterung gültig
unterzeichnen kann, liegt auf der Hand, zumal die Behörde, welche angesichts der vom
Beschwerdeführer erhobenen Einsprache über das Gesuch zu befinden hatte (vgl.
Art. 2 Abs. 1 lit. b BauR), ihr gleichzeitig vorgesetzt ist. Unterschriften für die
Beschwerdegegnerin als Grundeigentümerin fehlen. Der Beschwerdeführer
beanstandet deshalb grundsätzlich zu Recht die Unvollständigkeit des Baugesuches.
Wie dargelegt, hat die Baubehörde auf ein Baugesuch aber auch ohne Unterschrift des
Grundeigentümers einzutreten, wenn dessen Zustimmung anderweitig nachgewiesen
werden kann. Aus dem Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 26. März 2020
(act. 8.3) ergibt sich, dass das Gemeindepräsidium mit einer Bauanzeige bedient wurde
und der Gemeinderat sofort hätte eingreifen können, wenn die Geschäftsführerin
entgegen seinem Willen gehandelt hätte. Der Gemeinderat stimmte damit dem von der
Geschäftsführerin des Kultur- und Kongresshauses eingereichten Baugesuch implizit
zu, was den Mangel der fehlenden Unterschrift der Grundeigentümerin behebt. Die
fehlende Unterschrift und die nicht explizit erteilte Zeichnungsberechtigung sind
Mängel untergeordneter formeller Natur und begründen damit keine schwerwiegenden
Verfahrensfehler. Ohnehin ist bei der fehlenden Unterschrift der Beschwerdegegnerin
als Grundeigentümerin nur von einer Verletzung einer Ordnungsvorschrift auszugehen,
was keinen schwerwiegenden Verfahrensmangel mit der Folge der Nichtigkeit
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anschliessender Hoheitsakte wie der öffentlichen Auflage, der Ansetzung einer
Einsprachefrist oder der Erteilung einer Baubewilligung begründet.
Baubewilligungsverfahren
Zu prüfen ist sodann, welches Bewilligungsverfahren im vorliegenden Fall anzuwenden
war und ob die Beschwerdegegnerin über Einsprache und Baugesuch
unzulässigerweise in eigener Sache entschieden hat. Danach gilt es festzustellen, ob
ein Verfahrensmangel vorliegt und ob dieser allenfalls als schwerwiegend zu
qualifizieren ist.
Grundsätzlich unterscheidet das Planungs- und Baugesetz des Kantons St. Gallen drei
Arten von möglichen Bewilligungsverfahren, nämlich das ordentliche Verfahren nach
Art. 138 f. PBG, das vereinfachte Verfahren nach Art. 140 f. PBG und das
Meldeverfahren nach Art. 142 f. PBG. Das vereinfachte Verfahren kommt nur dann zur
Anwendung, wenn keine Interessen von Dritten oder die Interessen nur von wenigen
Einspracheberechtigten berührt sind. Einspracheberechtigt ist, wer ein schutzwürdiges
Interesse hat (vgl. Art. 153 Abs. 2 PBG). Ausschlaggebend ist damit die Interessenslage
und nicht die Art oder das Ausmass einer Baute oder Anlage (C. Kägi, in: Bereuter/Frei/
Ritter [Hrsg.], a.a.O., N 2 zu Art. 140 PBG). Ist der Kreis der Einspracheberechtigten
nicht abschliessend bestimmbar, so ist grundsätzlich ein ordentliches Verfahren
durchzuführen. – Gemäss dem Plan für das Grundbuch der Beschwerdegegnerin (act.
8.6/8) betrifft die Nutzungserweiterung auf der Parzelle Nr. 0010 den Dorfkern und ist
insbesondere aufgrund der vorgesehenen Aussenplätze des Bistros geeignet, die
Interessen einer Vielzahl von Grundstücken, die im Bereich des Ortskerns liegen, zu
tangieren. Damit sind weder keine Interessen Dritter noch die Interessen nur weniger
Einspracheberechtigter im Sinn von Art. 140 Abs. 1 Satz 1 PBG berührt. Der
Beschwerdeführer bemängelt die Anwendung des vereinfachten Verfahrens
grundsätzlich zu Recht. Zu diesem Schluss ist auch die Vorinstanz gekommen. Das
Verfahren zur Bewilligung der vorgesehenen Nutzungserweiterung hat den
Anforderungen an das ordentliche Baubewilligungsverfahren zu genügen.
Im Rahmen eines ordentlichen Verfahrens ist eine Visierung (Aussteckung oder
Profilierung) nach Art. 138 PBG anzubringen, die Stellung und Ausmass der Baute
bezeichnen. Das Bauvorhaben ist im Regelfall (unter Vorbehalt von Art. 139 Abs. 2
PBG) im amtlichen Publikationsorgan sowie im Internet von der Baubehörde nach
Art. 139 Abs. 1 lit. a PBG bekanntzugeben. Das Baugesuch wird den
Grundeigentümern, deren Grundstück nicht mehr als dreissig Meter von der geplanten
3.3.2.
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Baute oder Anlage entfernt ist, mit eingeschriebenem Brief nach Art. 139 Abs. 1 lit. b
PBG zur Kenntnis gebracht. Schliesslich ist das Baugesuch nach Bekanntgabe
zusammen mit den erforderlichen Unterlagen während vierzehn Tagen zur
Einsichtnahme nach Art. 139 Abs. 3 PBG bei der Gemeinde aufzulegen. Im
vereinfachten Verfahren entfallen gemäss Art. 141 Abs. 3 PBG Visierung und
Auflageverfahren. – Da die Nutzungserweiterung gegen aussen keine Veränderung der
Dimensionen der Baute, sondern lediglich Aussenplätze für das Bistro nach sich zieht,
war eine Visierung des Inhalts des Baugesuchs aus technischen Gründen nicht
möglich. Eine Verletzung der Pflicht zur Visierung gemäss Art. 138 PBG fällt deshalb
ausser Betracht (vgl. Kägi, a.a.O., N 4 zu Art. 138 PBG; ferner B. Heer, St. Gallisches
Bau- und Planungsrecht, Bern 2003, Rz. 886). – Das Grundstück des
Beschwerdeführers ist mehr als dreissig Meter vom Kultur- und Kongresshaus und
dem geplanten Aussenbereich des Bistros entfernt (vgl. act. 8.6/8). Dass die
Baubehörde ihm das Baugesuch nicht mit eingeschriebenem Brief zur Kenntnis
gebracht hat, steht damit im Einklang mit Art. 139 Abs. 1 lit. b PBG. Soweit
Eigentümern von Grundstücken im Umkreis von dreissig Metern das Baugesuch nicht
mit eingeschriebenem Brief zur Kenntnis gebracht worden sein sollte, hat dies den
Beschwerdeführer nicht gehindert, seine Einsprache rechtzeitig zu erheben. Das
Baugesuch wurde unter Eröffnung der gesetzlich vorgeschriebenen Einsprachefrist
amtlich publiziert. Ein Mangel, der für den Beschwerdeführer die Unwirksamkeit der
Einsprachefrist oder deren Wiederherstellung zur Folge haben müsste, liegt deshalb
nicht vor (zur Bedeutung der Zustellung der Bauanzeige vgl. Heer, a.a.O., Rz. 889,
Kägi, a.a.O., N 13 zu Art. 139 RPB). – Das Baugesuch (Nr. V 2020-007) wurde auf der
Publikationsplattform des Kantons St. Gallen und der St. Galler Gemeinden, welche der
Gemeinderat als amtliches Publikationsorgane der Gemeinde bezeichnet hat (vgl.
www. ... .sg Gemeinde/Aktuelles, Veranstaltungen/Amtliche Publikationen), am
4. Februar 2020 bekanntgegeben. Insbesondere hat die Baubehörde darauf
hingewiesen, das Bauvorhaben werde vom 4.-17. Februar 2020 öffentlich aufgelegt
und die Frist zur Einsprache sei bis 17. Februar 2020 offen (act. 8.6/7).
In der Bauanzeige vom 28. Januar 2020 hat die Beschwerdegegnerin einerseits auf das
vereinfachte Verfahren gemäss Art. 140 PBG hingewiesen, anderseits aber auch
festgehalten, dass Baugesuch und Unterlagen vom 4.-17. Februar 2020 bei der
Bauverwaltung aufliegen und Einsprachen innert dieser Frist schriftlich mit Antrag und
Begründung beim Gemeinderat einzureichen sind (act. 8.6/6). Dass Baugesuch und
Unterlagen während der genannten Frist nicht öffentlich auflagen, macht auch der
Beschwerdeführer nicht geltend. Die Beschwerdegegnerin hat also tatsächlich das
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ordentliche Baubewilligungsverfahren durchgeführt. Somit ist lediglich die mangelhafte
Bezeichnung zu beanstanden und nicht das Verfahren an sich. Dem Beschwerdeführer
war es – wie es das ordentliche Baubewilligungsverfahren vorschreibt – ohne weiteres
möglich, ab 4. Februar 2020 auf der kantonalen Publikationsplattform das
Bauvorhaben zur Kenntnis und bei der Bauverwaltung bis 17. Februar 2020 Einsicht in
das Baugesuch und die Unterlagen zu nehmen und frist- und formgerecht Einsprache
zu erheben. Zudem hat der Beschwerdeführer nach Darstellung der
Beschwerdegegnerin während der Auflagefrist bei der Bauverwaltung in die Unterlagen
Einsicht genommen. Dieser Umstand ist zwar nicht entscheidend, aber entgegen der
Auffassung des Beschwerdeführers nicht "unwesentlich und unbehelflich". Jedenfalls
hatte der Beschwerdeführer die Möglichkeit, gegen das Bauvorhaben rechtzeitig und in
Kenntnis der massgebenden Unterlagen Einsprache zu erheben.
Die fehlerhafte Bezeichnung des Baubewilligungsverfahrens auf der Bauanzeige vom
28. Januar 2020 kann angesichts des tatsächlich durchgeführten ordentlichen
Verfahrens nicht als derart gravierender Mangel angesehen werden, dass deswegen
die – den Anforderungen an das ordentliche Verfahren genügende – Bekanntmachung
des Baugesuchs ungültig und die vom 4.-17. Februar 2020 laufende Einsprachefrist
hinfällig geworden wäre. In der Folge kann auch eine allenfalls erteilte Bewilligung der
Nutzungserweiterung jedenfalls nicht mit der Begründung, es sei das falsche
Bewilligungsverfahren durchgeführt worden, als nichtig erscheinen. Hat der
Beschwerdeführer tatsächlich während der laufenden Einsprachefrist auf der
Bauverwaltung Einsicht in das Baugesuch und die Unterlagen genommen, würde sich
vielmehr die Frage stellen, ob das von ihm angestrengte Rechtsmittelverfahren mit der
Verpflichtung, nach Treu und Glauben zu handeln, vereinbar ist (vgl. Art. 5 Abs. 3 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, SR 101).
Weil die Beschwerdegegnerin über ein eigenes Baugesuch befindet, bezeichnet der
Beschwerdeführer ihre Funktion im Baubewilligungsverfahren als "Richterin in eigener
Sache" und damit als unzulässig. – Über Baugesuche entscheidet gemäss Art. 135
Abs. 1 PBG die Baubehörde der politischen Gemeinde, soweit Gesetz oder Verordnung
nichts anderes bestimmen. Weder Gesetz noch Verordnung sehen für die Behandlung
eines Baugesuchs für eine im öffentlichen Interessen liegende Baute oder Anlage auf
einem Grundstück der politischen Gemeinde eine Ausnahme von der Zuständigkeit
ihrer Baubehörde vor. Wenn sie "in eigener Sache" entscheidet, entspricht dies der
gesetzlichen Kompetenzordnung und ist nicht zu beanstanden (zum früheren
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Baugesetz vgl. VerwGE B 2009/53 vom 24. Februar 2010 E. 2.2.1; B 2010/96 vom
14. Oktober 2010 E. 3.1.3; vgl. ferner BGer 1C_278/2010 vom 31. Januar 2011 E. 2.3).
Unzureichende materielle Prüfung des Baugesuchs
Schliesslich bringt der Beschwerdeführer in seiner Eingabe vom 14. September 2020
vor, dass aufgrund des angeblich mangelhaft durchgeführten Bewilligungsverfahrens
sich die Gemeinde den Vorteil verschaffen konnte, unzureichende
Sicherheitsnachweise hinsichtlich Feuerschutzvorschriften samt Fluchtwegen und
Evakuierungskonzepte sowie ungenügenden Parkmöglichkeiten eigens zu bewilligen.
Diese Behauptung des Beschwerdeführers würde einer materiellen Prüfung des
Baugesuchs durch das Gericht gleichkommen, was im vorliegenden Verfahren nicht
Prüfungsgegenstand ist. Konkrete Anhaltspunkte dafür, dass vor der allfälligen
Erteilung einer Baubewilligung die Einhaltung der vom Amt für Feuerschutz
festgelegten Brandschutzvorschriften und der einschlägigen Vorschriften zur
Bereitstellung von Parkplätzen nicht geprüft wurden, liegen nicht vor (vgl. vielmehr
act. 8.6/5). Anlass, von der Nichtigkeit der für die Zeit vom 4.-17. Februar 2020
angesetzten Einsprachefrist und der nachfolgenden Bewilligung der nachgereichten
Nutzungsänderung auszugehen, besteht nicht.
3.3.3.
Zusammenfassung
Die vom Beschwerdeführer gerügten Mängel des Baubewilligungsverfahrens haben
nicht zur Ungültigkeit der vom 4.-17. Februar 2020 laufenden Einsprachefrist und zur
Nichtigkeit einer allenfalls erteilten Bewilligung des Gesuchs um Nutzungserweiterung
vom 21. Januar 2020 geführt. Die unbestrittenermassen am 20. Februar 2020 der
Schweizer Post übergebene Einsprache des Beschwerdeführers gegen das
Bauvorhaben wurde verspätet erhoben. Da es sich bei der Einsprachefrist um eine
gesetzliche Frist handelt, ist das Recht zur Einsprache nach unbenütztem Ablauf der
Frist verwirkt (vgl. Art. 30 VRP). Die Beschwerdegegnerin ist deshalb zu Recht mit
ihrem Entscheid vom 21. Februar 2020 darauf nicht eingetreten, und die Vorinstanz hat
den dagegen erhobenen Rekurs zu Recht abgewiesen. Die Beschwerde erweist sich,
soweit darauf einzutreten ist, als unbegründet und ist in der Sache abzuweisen.
3.4.
bis
Kosten
Dem Verfahrensausgang entsprechend – die Beschwerde ist abzuweisen, soweit
darauf eingetreten werden kann – sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von CHF 3'000 ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der
Gerichtskostenverordnung; sGS 941.12). Sie ist mit dem vom Beschwerdeführer in der
gleichen Höhe geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen.
3.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
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St.Galler Gerichte