Decision ID: 2fbd8a06-82f1-5805-94d8-61859250462b
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
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a. A.Y., geb. 1978, Staatsangehörige von Tunesien, reiste im August 2008 in die
Schweiz ein und erhielt im Rahmen des Familiennachzugs zum Verbleib bei ihrem
Schweizer Ehemann eine Aufenthaltsbewilligung im Kanton Zug. Seit September 2013
verfügt sie im Kanton St. Gallen über eine Niederlassungsbewilligung. Mit Entscheid
des Kreisgerichts Werdenberg-Sarganserland vom 22. Dezember 2015 wurde ihre Ehe
geschieden. Am 14. Juli 2016 heiratete A.Y. in Tunesien ihren Landsmann B.X., geb.
1987. Dieser stellte am 29. August 2016 ein Einreisegesuch bei der Schweizer
Botschaft in Tunis (act. G 10/5 I/S. 35). Am 11. Oktober 2016 stellte A.Y. beim
Migrationsamt St. Gallen ein Familiennachzugsgesuch für ihren Ehemann. Am
26. Oktober 2016 teilte sie dem Migrationsamt mit, dass sie von ihrem Ehemann
schwanger sei. Wegen psychischer und physischer Probleme könne sie keiner
Arbeitstätigkeit nachgehen. Sie benötige während der Schwangerschaft die
persönliche Unterstützung ihres Ehemannes (act. G 10/5 I/S. 79).
b. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs und Stellungnahme von A.Y. vom
11. November 2016 (act. G 10/5 I/S. 90) wies das Migrationsamt das
Familiennachzugs-Gesuch mit Verfügung vom 9. Januar 2017 ab. Zur Begründung hielt
es fest, dass die Gesuchstellerin keiner Erwerbstätigkeit nachgehe und seit 1. Oktober
2016 Sozialhilfe beziehe. Ihr Ehemann könne keine Erwerbstätigkeit in der Schweiz
nachweisen. Die finanziellen Mittel seien somit nicht ausreichend. Bei einem
Familiennachzug bestehe die Gefahr einer fortgesetzten und erheblichen
Fürsorgeabhängigkeit (act. G 10/5 I/S. 93-97). Den gegen diese Verfügung erhobenen
Rekurs (act. G 10/1) wies das Sicherheits- und Justizdepartement mit Entscheid vom
7. Juli 2017 ab (act. G 6). Am 25. Juni 2017 hat A.Y. einen Sohn zur Welt gebracht (act.
G 10/13).
B.
a. Gegen den Rekursentscheid vom 7. Juli 2017 erhob A.Y. mit Eingabe vom 21. Juli
2017 Beschwerde (act. G 1). In der Beschwerdeergänzung vom 16. August 2017
beantragte sie Aufhebung des Rekursentscheids (act. G 5).
b. In der Vernehmlassung vom 25. September 2017 beantragte die Vorinstanz
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die Erwägungen des
angefochtenen Entscheids (act. G 9).
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c. Auf die Vorbringen in der Beschwerde wird, soweit für den Entscheid relevant, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2.
2.1. Ausländische Ehegatten von Personen mit Niederlassungsbewilligung haben nach
Art. 43 Abs. 1 des Ausländergesetzes (SR 142.20, AuG) Anspruch auf Erteilung und
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung, wenn sie mit diesen zusammenwohnen. Der
gleiche Anspruch ergibt sich aus dem Recht auf Achtung des Familienlebens (Art. 8
Ziff. 1 der Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten [SR 0.101,
EMRK] und Art. 13 Abs. 1 der Bundesverfassung [BV, SR 101]), sofern die familiäre
Beziehung zu den nahen Verwandten mit gefestigtem Anwesenheitsrecht in der
Schweiz intakt ist und tatsächlich gelebt wird (BGer 2C_225/2007 vom 3. Dezember
2007, E. 1.2). Dieser Anspruch setzt das Schweizer Bürgerrecht, eine Niederlassungs-
oder eine Aufenthaltsbewilligung voraus, die ihrerseits auf einem gefestigten
Rechtsanspruch beruht (BGE 130 II 281 E. 3.1 mit Hinweis).
2.2. Die Beschwerdeführerin und ihr am 25. Juni 2017 geborener Sohn verfügen über
eine Niederlassungsbewilligung, womit ihr Ehemann nach Art. 43 Abs. 1 AuG und Art. 8
EMRK grundsätzlich Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung hat. Nach
Art. 51 Abs. 2 lit. b AuG erlischt der Anspruch auf Familiennachzug resp. die
Aufenthaltsbewilligung unter anderem, wenn Widerrufsgründe gemäss Art. 62 AuG
vorliegen. Konkret steht der Widerrufsgrund gemäss Art. 62 lit. e AuG zur Diskussion.
Danach erlischt der Anspruch auf Familiennachzug, wenn eine Person, für die der
Ausländer zu sorgen hat, auf Sozialhilfe angewiesen ist. Art. 62 lit. e AuG setzt eine
konkrete Gefahr der Fürsorgeabhängigkeit voraus. Blosse finanzielle Bedenken allein
genügen nicht. Für die Beurteilung der Gefahr der Sozialhilfeabhängigkeit ist von den
aktuellen Verhältnissen auszugehen und die wahrscheinliche finanzielle Entwicklung auf
längere Sicht abzuwägen. Bejaht wird die Dauerhaftigkeit der Sozialhilfeabhängigkeit,
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wenn im Zeitpunkt des Entscheids nicht mit einer Verbesserung der Situation
gerechnet werden kann und das Fürsorgerisiko aller Voraussicht nach bestehen bleibt.
Entscheidend sind die finanziellen Möglichkeiten aller Familienmitglieder über eine
längere Sicht. Das Einkommen des Angehörigen, der an die Lebenshaltungskosten der
Familie beitragen soll, ist daran zu messen, ob und in welchem Umfang es tatsächlich
realisierbar ist. In diesem Sinne müssen die Erwerbsmöglichkeiten und das damit
verbundene Einkommen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf mehr als nur kurze
Frist hin gesichert erscheinen (BGer 2C_31/2012 vom 15. März 2012 E. 2.2 mit
Hinweisen). Eine hohe Verschuldung wirkt sich dabei negativ auf die Zukunftsprognose
aus (S. Hunziker in: Caroni/Gächter/Thurnheer, Handkommentar zum AuG, Bern 2010,
N 49 zu Art. 62 AuG).
3.
3.1. Streitig ist, ob bei der Beschwerdeführerin und ihrem Ehemann eine drohende
Fürsorgeabhängigkeit im Sinn von Art. 62 lit. e AuG besteht, welche dem Nachzug
entgegensteht. Die Beschwerdeführerin war weder vor dem noch im Zeitpunkt des
Erlasses des angefochtenen Entscheids und auch danach nicht in der Lage, ihren
eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, da sie seit Juli 2015 ohne Erwerbstätigkeit ist
(act. G 10/5 I/S.52-76). Seit 1. Oktober 2016 bezieht sie Sozialhilfeleistungen. Im
Zeitpunkt der Heirat mit B.X. (14. Juli 2016) und auch später bestand nach Lage der
Akten keine Aussicht auf eine neue Erwerbsmöglichkeit. Im angefochtenen Entscheid
hielt die Vorinstanz fest, nach der Geburt und der notwendigen Betreuung des
Säuglings sei es unwahrscheinlich, dass die Beschwerdeführerin eine Anstellung finde,
die den Familienbedarf zu decken vermöge. Dazu komme, dass im Fall ihrer
Erwerbstätigkeit entsprechende Kosten für die Kinderbetreuung sowie
Erwerbsunkosten zu berücksichtigen wären (act. G 6 S. 5).
Diese Gegebenheiten blieben im vorliegenden Verfahren von Seiten der
Beschwerdeführerin unbestritten, und es bestehen auch keine Anhaltspunkte für
unzutreffende Sachverhaltsannahmen. Sie macht jedoch geltend, dass ihr Ehemann als
diplomierter Ingenieur im EDV-Bereich eine Arbeit bekommen würde, wenn er in der
Schweiz kommen könnte. Er könne für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen und
werde in Zukunft auch für sie (die Beschwerdeführerin) sorgen. Durch die Trennung von
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ihrem Ehemann habe sie eine psychische Dekompensation bzw. eine
Anpassungsstörung erlitten. Ihr Kind habe seinen Papi noch nie gesehen. Sie wolle mit
ihrem Kind in der Schweiz leben und später wieder zur Arbeit gehen. Sie wolle und
finde es auch wichtig, dass das Kind in der Schweiz aufwachse und hier zur Schule
gehe. In Tunesien gebe es keine so gute Ausbildung für Kinder. Die Anwesenheit ihres
Ehemannes sei nötig, damit der auf ihr lastende tägliche Druck moralischer und
seelischer Art gelindert werde (act. G 1 und G 5).
3.2. Mit Bezug auf den Ehemann der Beschwerdeführerin hat die Vorinstanz im
angefochtenen Entscheid ausgeführt, auch wenn B.X. über eine gute berufliche
Ausbildung verfügen möge, sei zu berücksichtigen, dass er noch nie in der Schweiz
gearbeitet habe und hier auch keine Arbeitsstelle in Aussicht habe. Ebenso wenig
bestünden Belege für die Behauptung, dass das Einkommen bzw. Vermögen des
Ehemannes genüge, um den Lebensunterhalt der ganzen Familie in der Schweiz zu
sichern. Daher könnten die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann den finanziellen
Bedarf der Familie nicht selbständig decken. Damit bestehe auch künftig eine konkrete
Gefahr der Sozialhilfeabhängigkeit (act. G 6 S. 5).
3.3. Das voraussichtliche Einkommen des nachzuziehenden Familienangehörigen ist im
Einzelfall zu berücksichtigen, wenn eine Stelle zugesichert wurde und die
Voraussetzungen für die Erteilung einer Arbeitsbewilligung erfüllt sind, wobei die
Betreuung der Kinder in diesem Fall sichergestellt sein muss (M. Spescha, in: Spescha/
Thür/ Zünd/Bolzli, Migrationsrecht, 3. Aufl., Zürich 2012, N 5 zu Art. 44 mit Hinweis auf
die Botschaft zum AuG vom 8. März 2002, BBl 2002, S. 3793; M. Caroni, in: Caroni/ 
Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Handkommentar zum Bundesgesetz über die
Ausländerinnen und Ausländer, Bern 2010, N 44 zu Art. 13). Auch gemäss den VOF-
Richtlinien (Vereinigung der Leiter/Leiterinnen der Fremdenpolizeibehörden der
Ostschweizer Kantone), welche sich an den SKOS-Richtlinien (Schweizerische
Konferenz für Sozialhilfe) orientieren, ist das künftige Einkommen mit zu
berücksichtigen, sofern ein unbefristeter Arbeitsvertrag vorgewiesen wird und das
geltend gemachte Einkommen tatsächlich erzielt wird, wobei Letzteres nach erfolgter
Einreise und Aufnahme der Erwerbstätigkeit zu überprüfen ist (VerwGE B 2012/94 vom
13. November 2012, E. 2.1 mit Hinweisen).
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3.4. Der 30-jährige Ehemann der Beschwerdeführerin ist in Tunesien geboren und lebt
soweit ersichtlich auch aktuell dort. Er ist mit den europäischen und insbesondere den
schweizerischen Verhältnissen nicht vertraut. Den Akten lässt sich kein Beleg
entnehmen, ob er in Tunesien arbeitet und über welche Ausbildung er verfügt. Mehrere
Arbeitsvermittlungsfirmen bescheinigten lediglich das grundsätzliche Bestehen einer
Arbeitsmöglichkeit in der Schweiz bzw. stellen eine solche pauschal in Aussicht (act. G
2.1, G 7 Beilage 3). Jedoch fehlt es an einem Arbeitsvertrag, der sowohl vom künftigen
Arbeitgeber wie auch vom Ehemann unterschrieben wurde. Somit ist weder von Seiten
der Beschwerdeführerin noch ihres Ehemannes die Erzielung eines Einkommens zur
Deckung des Familienbedarfs plausibel dargetan. Der Schluss der Vorinstanz auf die
konkrete Gefahr einer fortgesetzten und erheblichen Sozialhilfeabhängigkeit der
Beschwerdeführerin und ihrer Familie im Sinn von Art. 62 lit. e AuG ist unter den
dargelegten Umständen nachvollziehbar und nicht zu beanstanden.
3.5.
3.5.1. Zu klären bleibt die Frage, ob sich die Verweigerung des Familiennachzugs als
verhältnismässig erweist. Dabei sind nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK und Art. 96 Abs. 1 AuG
namentlich die öffentlichen Interessen – konkret die Vermeidung einer zusätzlichen
Belastung der öffentlichen Hand durch sozialhilfebedürftige Personen – und die
persönlichen Verhältnisse sowie der Grad der Integration der Beschwerdeführerin zu
berücksichtigen (vgl. auch Art. 5 Abs. 2 und Art. 36 Abs. 2 und 3 BV sowie BGer
2C_780/2013 vom 2. Mai 2014 E. 2.1 mit Hinweis auf BGE 135 II 377 E. 4.3). Aus den
Vorgaben des Übereinkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes
(SR 0.107, KRK) – insbesondere die gemeinsame Verantwortung der Eltern für die
Erziehung und Entwicklung des Kindes (Art. 9 Abs. 1 und Art. 18 Abs. 1 KRK) und das
Recht auf Bildung (Art. 28 KRK) – ergibt sich dabei kein unmittelbarer Anspruch auf die
Erteilung einer ausländerrechtlichen Bewilligung, doch sind die entsprechenden
Vorgaben bei der Interessenabwägung nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK bzw. Art. 13 BV zu
berücksichtigen (BGE 135 I 157 E. 2.2.2 mit Hinweisen).
3.5.2. Die Beschwerdeführerin bezog, wie dargelegt, seit Juli 2015
Arbeitslosenentschädigung und war im Zeitpunkt der Einreichung des
Familiennachzugsgesuchs sozialhilfeabhängig. Im Zeitpunkt der Heirat im Juli 2016 war
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für das Ehepaar aufgrund der finanziellen Lage erkennbar, dass ein Familienleben in
der Schweiz auf einer unsicheren materiellen Grundlage stehen würde (vgl. VerwGer B
2012/170 vom 12. März 2013). Mit einer Nachzugsbewilligung konnte das Ehepaar
unter diesen Umständen nicht rechnen. Der Ehemann der Beschwerdeführerin ist
sprachlich und sozial in Tunesien integriert. Im angefochtenen Entscheid folgerte die
Vorinstanz aus den konkreten Gegebenheiten, dass das 2016 geborene Kind vorerst in
erster Linie von der Beschwerdeführerin abhängig sei. Auch die Beschwerdeführerin,
welche im Jahr 2008 in die Schweiz eingereist sei, habe bis ins Erwachsenenalter in
Tunesien gelebt und sei mit den dortigen Gebräuchen und der Sprache vertraut. Zwar
lebe sie seit neun Jahren in der Schweiz, verfüge jedoch nach ihren eigenen Angaben
über kein gefestigtes soziales Netzwerk (vgl. act. G 10/5 I/S. 79). Es sei ihr somit
zumutbar, mit dem gemeinsamen Kind zu Besuchszwecken nach Tunesien zu reisen
oder dorthin zurückzukehren, um das Familienleben zu ermöglichen. Dazu sei sie
aufgrund ihrer Niederlassungsbewilligung zwar nicht verpflichtet. Die Trennung der
Familie habe sie diesfalls jedoch hinzunehmen. Im Übrigen könne die familiäre
Beziehung durch moderne Kommunikationsmittel und gelegentliche
Besuchsaufenthalte des Ehemannes in der Schweiz gepflegt werden (act. G 6 S. 7).
3.5.3. Ein konkreter Anlass, aufgrund dessen diese Ausführungen zu beanstanden
wären, ist nicht ersichtlich. Insbesondere vermag die von den Psychiatrischen Diensten
Süd im Bericht vom 24. Juli 2017 der Beschwerdeführerin bescheinigte
Anpassungsstörung, bedingt durch ihre schwierige Situation und die räumliche
Trennung von ihrem Ehemann (act. G 7 Beilage 4), nicht zu einem anderen Schluss zu
führen, zumal sie die Möglichkeit der Einreise ihres Ehemannes mit einem
Touristenvisum, um sie wenigstens vorübergehend unterstützen zu können,
ausdrücklich abgelehnt hat (act. G 10/13). Die vorinstanzliche Ermessensausübung hat
das Verwaltungsgericht, das nach Art. 61 Abs. 1 VRP nur zur Rechtskontrolle befugt
ist, zu respektieren. Eine Ermessenskontrolle steht ihm nicht zu; im Fall der Ausübung
pflichtgemässen Ermessens – wie vorliegend im angefochtenen Rekursentscheid – ist
ihm eine Korrektur verwehrt.
4. (...).
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