Decision ID: 515ed82d-2949-44e4-906a-327886df536c
Year: 2004
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ W.L., geboren 1962, ist tunesischer Staatsangehöriger. Er kam nach dem Tod
seines Vaters im Jahr 1976 in die Schweiz und lebte bis 1983 im Pestalozzidorf in
Trogen. Er ist im Besitz einer Niederlassungsbewilligung.
W.L. hat ein Kind mit Schweizer Bürgerrecht, den am 17. September 1989 geborenen
Sohn S.
Am 28. August 1994 stach W.L. dem aus Kosovo stammenden H. in dessen Wohnung
in St. Gallen mit einem Küchenmesser tief in den Hals und fügte ihm weitere
Messerstiche sowie eine Schnittverletzung zu. Er wurde deswegen mit Urteil vom 5.
September 1997 vom Kantonsgericht St. Gallen der versuchten vorsätzlichen Tötung
schuldig gesprochen und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die vom Verurteilten
erhobene Nichtigkeitsbeschwerde wurde vom Kassationsgericht am 3. Juni 1998
abgewiesen. Das Bundesgericht wies die staatsrechtliche Beschwerde des Verurteilten
mit Urteil vom 18. Januar 1999 ab, soweit es darauf eintrat.
Am 19. April 1999 trat W.L. den Vollzug der Zuchthausstrafe an.
Die Strafkammer des Kantonsgerichtes wies ein Wiederaufnahmegesuch von W.L. mit
Entscheid vom 3. September 1999 ab.
Mit Verfügung vom 28. November 2003 wies das Ausländeramt W.L. für die Dauer von
zehn Jahren aus der Schweiz aus. Der Beginn der Ausweisung wurde auf den 22. Juli
2004, den Zeitpunkt der voraussichtlichen bedingten Entlassung aus dem Strafvollzug,
festgesetzt.
B./ Gegen die Ausweisung erhob der Betroffene Rekurs, der vom Justiz- und
Polizeidepartement mit Entscheid vom 2. März 2004 abgewiesen wurde.
C./ Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 19. März 2004 erhob der Betroffene
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Rekursentscheid vom 2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
März 2004 sowie die Verfügung des Ausländeramts vom 28. November 2003 seien
aufzuheben, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Zur Begründung wird im
wesentlichen geltend gemacht, die Ausweisung sei unangemessen, zumal der
Beschwerdeführer nicht freiwillig, sondern durch Aktivitäten einer schweizerischen
Institution in die Schweiz gelangt sei. Sodann sei keine Rückfallgefahr gegeben. Der
Beschwerdeführer habe ausserdem einen Sohn mit Schweizer Bürgerrecht, und er
habe Anspruch darauf, von den staatlichen Organen nach Treu und Glauben behandelt
zu werden. Auf die einzelnen Vorbringen wird, soweit wesentlich, in den

nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 30. März 2004 auf Abweisung
der Beschwerde.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 19. März 2004
entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2./ Nach Art. 10 Abs. 1 des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der
Ausländer (SR 142.20, abgekürzt ANAG) kann ein Ausländer aus der Schweiz
ausgewiesen werden, wenn er wegen eines Verbrechens oder Vergehens gerichtlich
bestraft wurde (lit. a) oder wenn sein Verhalten im allgemeinen und seine Handlungen
darauf schliessen lassen, dass er nicht gewillt oder nicht fähig ist, sich in die im
Gaststaat geltende Ordnung einzufügen (lit. b).
Die Ausweisung kann befristet, aber nicht für weniger als zwei Jahre, oder unbefristet
ausgesprochen werden (Art. 11 Abs. 1 ANAG). Sie soll nur verfügt werden, wenn sie
nach den gesamten Umständen angemessen erscheint (Art. 11 Abs. 3 Satz 1 ANAG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
a) Art. 10 Abs. 1 ANAG ist eine typische "Kann-Bestimmung". Das Gesetz schreibt
beim Vorliegen bestimmter Voraussetzungen nicht zwingend die Anordnung einer
Ausweisung vor, sondern es räumt der Verwaltung diesbezüglich einen
Ermessensspielraum ein. Das Verwaltungsgericht ist zur Ueberprüfung der
Angemessenheit einer Verfügung oder eines Entscheides nicht befugt (Art. 61 Abs. 1
und 2 VRP). Es darf daher auch bei der Prüfung der Angemessenheit im Sinne von Art.
11 Abs. 3 Satz 1 ANAG nicht sein eigenes Ermessen - im Sinne einer Prüfung der
Opportunität bzw. der Zweckmässigkeit der Massnahme - anstelle des Ermessens der
Verwaltung stellen (VerwGE vom 11. November 2003 i.S. M.B.A. mit Hinweis auf
VerwGE vom 17. August 1999 i.S. J. und S.R.; BGE 125 II 107). Es kann nur
überprüfen, ob der Entscheid der Verwaltung auf einer Ueberschreitung bzw. einem
Missbrauch des Ermessens beruht und damit rechtswidrig ist (GVP 1996 Nr. 9 mit
Hinweisen).
Für die Beurteilung der Angemessenheit der Ausweisung im Sinne von Art. 11 Abs. 3
ANAG bzw. der Verhältnismässigkeit sind namentlich die Schwere des Verschuldens
des Ausländers, die Dauer seiner Anwesenheit in der Schweiz sowie die ihm und seiner
Familie drohenden Nachteile zu berücksichtigen (Art. 16 Abs. 3 der Vollzugsverordnung
zum ANAG, SR 142.201, abgekürzt ANAV). In der Prüfung der Angemessenheit im
Sinne von Art. 11 Abs. 3 ANAG, d.h. der Verhältnismässigkeit, geht auch diejenige auf,
ob die Massnahme im Sinne von Art. 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention
(SR 0.101, abgekürzt EMRK) verhältnismässig bzw. als in einer demokratischen
Gesellschaft notwendig erscheint (BGE 120 Ib 130 f.).
b) Der Beschwerdeführer wurde von der Strafkammer des Kantonsgerichts der
versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen und zu acht Jahren Zuchthaus
verurteilt. Aufgrund dieser Verurteilung sind die Voraussetzungen für eine Ausweisung
gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. a ANAG unbestrittenermassen erfüllt.
c) Im folgenden ist zu prüfen, ob die angeordnete Ausweisung für die Dauer von zehn
Jahren verhältnismässig ist.
Ausgangspunkt und Massstab für die Schwere des Verschuldens und die
fremdenpolizeiliche Interessenabwägung ist die vom Strafrichter verhängte Strafe (BGE
129 II 216).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Straftat vom 28. August 1994 ist als Beziehungsdelikt einzustufen. Dem Urteil des
Kantonsgerichts ist zu entnehmen, dass der Angeschuldigte und die Vietnamesin T.
gemeinsam im Pestalozzidorf aufgewachsen sind, später zusammenlebten und auch
ein gemeinsames Kind haben. Im Frühjahr wandte sich T. einem anderen Mann, H., zu.
Nachdem der Angeschuldigte davon Kenntnis erhielt, suchte er H. in dessen Wohnung
auf und griff ihn an. Das Strafgericht hielt fest, der Angeschuldigte habe im Affekt
gehandelt. Es könne ihm nicht vorgeworfen werden, dass er die Tat minuziös geplant
habe. Die insgesamt rund fünfzehn Jahre dauernde Beziehung zu seiner Jugendliebe
habe sein Leben entscheidend geprägt. Sie sei zuletzt durch viele Missverständnisse,
Streitereien und Handgreiflichkeiten entartet. Der Angeschuldigte habe sich von der
Freundin aber doch nicht lösen können und sei mit ihr in einer Art Hassliebe verbunden
geblieben. Offenbar habe er erst am Vortag erkannt, dass sie sich nun endgültig einem
anderen Mann zugewandt habe. Die Tat sei ungeplant und unerwartet aus der Situation
heraus erfolgt und habe anderseits ein Opfer getroffen, das nichts unternommen habe,
was den Zorn des Täters hätte rechtfertigen können und vollkommen arglos gewesen
sei. Das Verschulden des Angeschuldigten wiege vor allem deshalb schwer, weil er bei
einem mit grosser Wucht gegen den Hals geführten Messerstich praktisch sicher mit
dem Tod des Opfers gerechnet und deshalb mit direktem Tötungsvorsatz gehandelt
habe. Als Strafmilderungsgrund billigte das Gericht dem Täter eine leicht verminderte
Zurechnungsfähigkeit zu.
Auch in fremdenpolizeilicher Hinsicht ist das Verschulden des Beschwerdeführers als
gravierend einzustufen. Insbesondere ist bei Gewaltdelikten auch nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichts ein strenger Massstab anzulegen (BGE 125 II
526). Aufgrund der Straftat bzw. der Verurteilung ist ein gewichtiges öffentliches
Interesse an der Ausweisung des Beschwerdeführers gegeben.
Entgegen den Ausführungen in der Beschwerde ist eine gewisse Rückfallgefahr nicht
von der Hand zu weisen. Der Strafrichter hielt fest, der Angeschuldigte sei zwar als
labil, aber doch nicht als potentiell gefährlich zu bezeichnen. Zutreffend ist ausserdem,
dass sich der Beschwerdeführer nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft
während rund fünf Jahren bis zum Strafantritt nichts zuschulden kommen liess. Der
Strafrichter hielt indessen fest, eine Therapie sei unzweckmässig, da der
Angeschuldigte nicht bereit sei, sich mit seiner Tat auseinanderzusetzen. Unter diesen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umständen ist eine erhöhte Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass der
Beschwerdeführer in einer ähnlichen emotional belastenden Situation wiederum
gewalttätig handeln könnte. Diese Rückfallgefahr wird verstärkt, da der
Beschwerdeführer mit seiner ehemaligen Lebenspartnerin ein gemeinsames Kind hat
und die Beziehung zu diesem Kind nach den Angaben in der Beschwerde durch die Tat
belastet ist.
Nicht ausschlaggebend ist sodann der Verzicht auf eine strafrechtliche
Landesverweisung. Die Rechtmässigkeit bzw. Verhältnismässigkeit einer
fremdenpolizeilichen Ausweisung ist nicht nach denselben Grundsätzen zu beurteilen
wie die Frage einer strafrechtlichen Landesverweisung. Das Bundesgericht bestätigte
in einem unlängst ergangenen Entscheid seine Praxis, wonach abweichende
Entscheidungen zulässig sind. Es erwog, für den Entscheid über die
fremdenpolizeiliche Ausweisung stehe das allgemeine Interesse der öffentlichen
Ordnung und Sicherheit im Vordergrund. Der konkreten Prognose über das
Wohlverhalten sowie dem Resozialisierungsgedanken des Strafrechts sei zwar im
Rahmen der umfassenden fremdenpolizeilichen Interessenabwägung ebenfalls
Rechnung zu tragen, die beiden Umstände gäben aber nicht den Ausschlag (BGE 125
II 110 mit Hinweisen).
Zugunsten des Beschwerdeführers ist der lange Aufenthalt in der Schweiz zu
berücksichtigen. Der Beschwerdeführer kam 1976 im Alter von rund vierzehn Jahren in
die Schweiz. Dieser Umstand fällt bei der Beurteilung der Verhältnismässigkeit der
Ausweisung zu seinen Gunsten ins Gewicht. Allerdings ist die Ausweisung selbst bei
Ausländern der zweiten Generation, welche in der Schweiz geboren wurden, unter
gewissen Umständen zulässig (BGE 122 II 436).
Unbegründet sind die Ausführungen in der Beschwerde, soweit sie auf die Rolle des
Pestalozzidorfes Bezug nehmen. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer nach
eigenen, nicht näher belegten Ausführungen vor nahezu 20 Jahren auf Veranlassung
schweizerischer Institutionen nach Trogen kam, mindert sein Verschulden nicht, zumal
der Aufenthalt im Pestalozzidorf im Zeitpunkt der Tat bereits mehr als zehn Jahre
zurücklag. Auch der Strafrichter hat übrigens diesen Umstand nicht strafmildernd
berücksichtigt. Die Hintergründe der Einreise in die Schweiz lassen sich ohnehin den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Akten nicht entnehmen und werden in der Beschwerde nicht näher dargelegt.
Namentlich macht der Beschwerdeführer auch keine näheren Ausführungen, was in
seinem Falle seitens des Pestalozzidorfes schief gelaufen ist. Wohl trifft es zu, dass der
Beschwerdeführer die Tat nicht begangen hätte, wenn er nicht in die Schweiz
gekommen wäre. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer im Pestalozzidorf
aufgewachsen ist, hat aber, ebenso wie die Funktion oder das Selbstverständnis des
Pestalozzidorfes, keinen wesentlichen Einfluss auf die fremdenpolizeiliche Beurteilung
der Straftat. Namentlich geht der Einwand fehl, eine dramatische Lebensgeschichte
werde allein dem Beschwerdeführer angelastet und dieser ausgewiesen, nachdem er
die ihm zugewiesene Rolle als tunesisches Halbwaisenkind nicht mehr erfülle.
Jedenfalls lässt sich aus dem Handeln schweizerischer Behörden und Institutionen
gestützt auf Treu und Glauben kein Anspruch auf Verbleib in der Schweiz begründen.
d) Zugunsten des Beschwerdeführers fällt hingegen ins Gewicht, dass er ein Kind mit
Schweizer Bürgerrecht hat, das in der Schweiz lebt. Der Beschwerdeführer beruft sich
in diesem Zusammenhang auf Art. 8 Ziff. 1 EMRK.
Art. 8 Abs. 1 EMRK garantiert den Schutz des Familienlebens. Hat der Ausländer nahe
Verwandte mit Anwesenheitsrecht (Schweizer Bürgerrecht, Niederlassungsbewilligung)
in der Schweiz und ist die zu diesen bestehende Beziehung intakt und tatsächlich
gelebt, kann Art. 8 EMRK verletzt werden, wenn ihm die Anwesenheit in der Schweiz
untersagt wird (BGE 127 II 64, 116 Ib 355, 118 Ib 157). Im Verhältnis zwischen Vater
und leiblichen Kindern ist ein eigentliches Zusammenleben nicht ohne weiteres
unentbehrlich für das Bestehen eines Familienlebens im Sinne von Art. 8 EMRK. Eine
intakte und gelebte familiäre Beziehung wird schon dann angenommen, wenn ein
regelmässiger Kontakt besteht (BGE 120 Ib 3, 119 Ib 84).
Im vorliegenden Fall besteht kein gemeinsamer Haushalt des Beschwerdeführers mit
seinem Kind oder dessen Mutter. Folglich kann der Beschwerdeführer die Beziehung
zu seinem Kind nur im Rahmen des Besuchsrechts pflegen. Ob er das Besuchsrecht
auch tatsächlich wahrnimmt bzw. vor dem Eintritt in den Strafvollzug wahrgenommen
hat, geht aus den Akten nicht hervor.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nach Art. 8 Abs. 2 EMRK ist ein Eingriff in das von Abs. 1 geschützte Rechtsgut unter
gewissen Voraussetzungen statthaft. Ein Eingriff ist dann zulässig, wenn er gesetzlich
vorgesehen und in einer demokratischen Gesellschaft notwendig ist für die nationale
oder öffentliche Sicherheit, für das wirtschaftliche Wohl des Landes, zur
Aufrechterhaltung der Ordnung, zur Verhütung von Straftaten, zum Schutz der
Gesundheit oder der Moral oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer. Die
EMRK verlangt somit ein Abwägen der sich gegenüberstehenden privaten Interessen
an der Bewilligungserteilung und dem öffentlichen Interesse an deren Verweigerung,
wobei die öffentlichen Interessen an deren Verweigerung in dem Sinn überwiegen
müssen, dass sich der Eingriff als notwendig erweist (vgl. BGE 122 II 6 mit Hinweis).
Bei der Abwägung der sich gegenüberstehenden privaten und öffentlichen Interessen
sind die gesamten persönlichen Verhältnisse des Ausländers zu würdigen, namentlich
Dauer des Aufenthaltes, Integration in der Schweiz, verbleibende Beziehung zum
Heimatstaat, straf- oder fremdenpolizeirechtlich verpöntes Verhalten (vgl. Haefliger/
Schür- mann, Die Europäische Menschenrechtskonvention und die Schweiz, 2. Aufl.,
Bern 1999, S. 263; VerwGE vom 22. Januar 2002 i.S. N.O.).
Der Beschwerdeführer ist nicht sorgeberechtigter Vater und kann daher die familiäre
Beziehung zu seinem Kind nur in einem beschränkten Rahmen - nämlich durch
Ausübung des ihm eingeräumten Besuchsrechts - leben. Hierzu ist es nicht
unabdingbar, dass er dauernd in der Schweiz lebt und hier über eine
Aufenthaltsbewilligung verfügt. Den Anforderungen von Art. 8 EMRK ist Genüge getan,
wenn das Besuchsrecht im Rahmen von Kurzaufenthalten vom Ausland her ausgeübt
werden kann, wobei allenfalls dessen Modalitäten entsprechend auszugestalten sind
(vgl. BGE 2A.563/2002 vom 23. Mai 2003, E. 2.2). Ein weitergehender Anspruch ist
nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nur zu bejahen, wenn in wirtschaftlicher
und affektiver Beziehung eine besonders enge Beziehung zum Kind besteht, diese
Beziehung wegen der Distanz zum Heimatland des Ausländers praktisch nicht
ausgeübt werden könnte und das bisherige Verhalten des Ausländers in der Schweiz
zu keinen Klagen Anlass gegeben hat bzw. als tadellos einzustufen ist (BGE 2A.
563/2002 vom 23. Mai 2003 mit Hinweisen).
Die Beziehungen des Beschwerdeführers zu seinem Sohn werden in der Beschwerde
nicht näher dargelegt. Es wird lediglich ausgeführt, die Beziehungen zum Sohn seien,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ebenfalls vor dem Hintergrund der Tat, zur Zeit schwierig. Der Beschwerdeführer hoffe,
dass einerseits nach der Entlassung aus dem Strafvollzug und anderseits mit
zunehmendem Alter des Kindes die Beziehungen verbessert werden könnten. Unter
diesen Umständen kann jedenfalls keine besonders enge affektive Beziehung
angenommen werden. Auch ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer keine
materielle Unterstützung für sein Kind leistet.
Hinzu kommt, dass eine Aufrechterhaltung von Kontakten von Tunesien aus nicht mit
unüberwindlichen Schwierigkeiten verbunden ist. Die Distanz von Tunesien nach der
Schweiz ist relativ einfach zu überwinden.
In Betracht fällt ferner, dass für den Beschwerdeführer eine Rückkehr nach Tunesien
nicht mit überdurchschnittlichen Schwierigkeiten verbunden ist. Er selbst hielt bei der
untersuchungsrichterlichen Befragung zur Person am 2. September 1994 fest, er
spreche deutsch, arabisch, englisch und französisch. Seine Brüder seien als
Polizeioffizier im tunesischen Innenministerium, als Zivilangestellter im
Verteidigungsministerium und als Schiffsführer in Sizilien tätig. Er habe noch Kontakt zu
den Brüdern. In der Beschwerde behauptet er, er unterhalte in seinem Heimatland
keine massgeblichen Sozialkontakte mehr. Jedenfalls kann der Beschwerdeführer
aufgrund seiner Sprachkenntnisse im Herkunftsstaat ohne grössere Probleme wieder
Fuss fassen. Zudem besteht die Möglichkeit, dass er die Beziehungen zu seinen
Brüdern wieder aufnimmt. Jedenfalls werden in der Beschwerde keine näheren
Angaben gemacht, dass Kontakte zu den Brüdern nicht mehr möglich sind. Ausserdem
erhält der Beschwerdeführer nach seinen eigenen Angaben seit 1993 eine IV-Rente.
Unter diesen Umständen dürfte eine Rückkehr nach Tunesien den Beschwerdeführer
auch nach dem relativ langen Aufenthalt in der Schweiz nicht vor unüberwindliche
Probleme stellen.
e) Aufgrund der dargelegten Umstände durfte die Vorinstanz ohne Rechtsverletzung
dem Schutz der öffentlichen Ordnung und damit dem Interesse an einer Entfernung
des Beschwerdeführers höheres Gewicht zumessen als dem privaten Interesse an
einem Verbleib in der Schweiz. Angesichts der Schwere der Straftat ist die vom
Ausländeramt verfügte bzw. von der Vorinstanz bestätigte Dauer der Ausweisung von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zehn Jahren trotz des lange dauernden Aufenthalts in der Schweiz nicht zu
beanstanden.
Somit ergibt sich, dass die Ausweisung für die Dauer von zehn Jahren den Grundsatz
der Verhältnismässigkeit nicht verletzt, weshalb die Beschwerde als unbegründet
abzuweisen ist.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS
941.12). Dem Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung ist zu
entsprechen und auf die Erhebung der Kosten vorläufig zu verzichten.
Der Anspruch des unentgeltlichen Rechtsbeistands aus der Vertretung im
Beschwerdeverfahren ist auf Fr. 1'500.-- zuzügl. MWSt festzusetzen (Art. 22 Abs. 1 lit.
c der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75).