Decision ID: 8396872a-b5b0-5f14-b48f-2f74d13a7e56
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 5. Januar 2006 wegen eines Wirbelsäulenleidens bei der IV-
Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Am 18. Juli
2006 wurde die Versicherte vom RAD-Arzt Dr. med. B._, Facharzt u.a. für
Rheumatologie, untersucht. Im Bericht vom 20. Juli 2006 diagnostizierte er mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches lumbospondylogenes Syndrom
und eine Migräne. Des Weiteren bestehe ein Status nach Beschleunigungstrauma der
Halswirbelsäule im Jahr 1999, der ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit sei. Für
die früher ausgeübte Tätigkeit als _ bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Die
Versicherte habe sich inzwischen selbst eingegliedert und arbeite aktuell als C._.
Hierfür bescheinigte ihr der RAD-Arzt Dr. B._ eine 70%ige Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 27; siehe auch die ergänzende Stellungnahme vom 21. Juli 2006, IV-act. 28). Mit
Verfügungen vom 14. November 2006 wies die IV-Stelle des Kantons St. Gallen die
Gesuche um eine Invalidenrente (IV-act. 44) und um berufliche Massnahmen (IV-
act. 45) ab. Die Verfügungen erwuchsen in Rechtskraft.
A.a.
Am 25. September 2008 meldete sich die Versicherte bei der - aufgrund
zwischenzeitlich erfolgten Wohnsitzwechsels neu zuständigen - IV-Stelle des Kantons
Graubünden zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 52). Der im Kantonsspital
Graubünden, Departement Chirurgie, behandelnde Dr. med. D._, Facharzt für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, berichtete am
30. März 2010, die Versicherte leide an einer Pseudarthrose L4/5 bei Status nach
dorsaler Distraktionsspondylodese L1 - S1 mit Korrektur der linkskonvexen
Lumbalskoliose mittels S4-Instrumentation am 4. Februar 2008 wegen eines
chronischen Lumbovertebralsyndroms bei idiopathischer linkskonvexer Lumbalskoliose
A.b.
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mit sekundär fortgeschrittener Osteochondrose und Spondylose L1/2, L2/3 und L5/S1.
Er bescheinigte ihr für die Dauer vom 3. März bis 30. Juni 2009 eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit, für die Dauer vom 1. Juli 2009 bis 28. Februar 2010 eine 50%ige
Arbeitsunfähigkeit und für die Dauer vom 1. März 2010 bis auf weiteres eine 25%ige
Arbeitsunfähigkeit. In einer leidensangepassten Tätigkeit würde die Arbeitsfähigkeit ab
dem 1. Juli 2009 100% betragen (IV-act. 105). Mit Verfügungen vom 23. Juli 2010
sprach die IV-Stelle des Kantons Graubünden der Versicherten eine halbe Rente für die
Monate April und Mai 2009 und eine ganze Rente für die Monate Juni bis September
2009 zu (IV-act. 122). Die Verfügungen erwuchsen in Rechtskraft.
Im Oktober 2010 nahm die Versicherte wieder Wohnsitz im Kanton St. Gallen (IV-
act. 125 f.) und meldete sich am 17. Dezember 2010 erneut zum Bezug von IV-
Leistungen bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 133). Anlässlich des
Frühinterventionsgesprächs vom 8. Februar 2011 berichtete der behandelnde Dr. med.
E._, Facharzt für Innere Medizin, der RAD-Ärztin Dr. med. F._, Fachärztin für
Physikalische Medizin und Rehabilitation, die Versicherte leide an einem chronischen
lumbospondylogenen Syndrom bei kongenitaler Skoliose und einem Status nach zwei
Rückenoperationen sowie an zunehmenden psychischen Schwierigkeiten. Er
bescheinigte für die Tätigkeit als C._ eine 75%ige Arbeitsfähigkeit und für die zuletzt
vom Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum vermittelte Tätigkeit als _ eine
Arbeitsfähigkeit von 30%. Eine rückenadaptierte Tätigkeit sei der Versicherten zu
mindestens 80% zumutbar (Protokoll vom 8. /10. Februar 2011, IV-act. 142). Die
Versicherte fand in der Folge eine Anstellung in einer _ (IV-act. 149-6) mit einem
Pensum von 100%. Die IV-Stelle des Kantons St. Gallen ermittelte einen
Invaliditätsgrad von 2% und wies das Rentengesuch der Versicherten ab (Verfügung
vom 3. Februar 2012, IV-act. 155). Die Verfügung erwuchs in Rechtskraft.
A.c.
Am 22. Januar 2015 reichte die Versicherte bei der IV-Stelle des Kantons
St. Gallen wegen ihres Rückenleidens neuerlich eine Wiederanmeldung zum
Leistungsbezug an (IV-act. 156 f.). Im Bericht vom 21. Juli 2015 führte der behandelnde
Dr. med. G._, Facharzt u.a. für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, aus, die Versicherte leide mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit an rezidivierenden Blockaden in der HWS und BWS sowie im
Iliosakralgelenk beidseits. Leichte bis mittelschwere Tätigkeiten mit wechselnden
A.d.
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Körperhaltungen seien ihr drei bis sechs Stunden zumutbar (IV-act. 186). Die seit
15. Juni 2015 behandelnde Dr. med. H._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, berichtete am 10. Juli 2015, die Versicherte leide an einer sehr
langdauernden depressiven Reaktion (ICD-10: F43.21) und einer Anpassungsstörung
mit vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen, Sorgen, Anspannung, Ärger
und Depression (ICD-10: F43.23). Im gegenwärtigen Zustand sei die Versicherte 100%
arbeitsunfähig (IV-act. 187). Dr. H._ teilte der IV-Stelle am 15. Oktober 2015 mit, die
Versicherte sei seit dem 8. Juli 2015 nicht mehr zur Behandlung erschienen (IV-
act. 198).
Die Versicherte orientierte die IV-Stelle am 9. Dezember 2015, dass sie im Juli
2015 einen Zeckenbiss mit danach aufgetretener Hirnhautentzündung erlitten habe (IV-
act. 204; zur vom 3. bis 18. August 2015 in der Klinik I._ erfolgten Behandlung der
FSME siehe den Austrittsbericht vom 5. Oktober 2015, IV-act. 205; zum
Berufstherapie-Bericht der Klinik I._ vom 11. August 2015 siehe IV-act. 206).
A.e.
Im Verlaufsbericht vom 30. Mai 2016 gab Dr. G._ an, er habe die Versicherte in
seiner Praxis zuletzt am 27. Oktober 2015 gesehen. Sie habe mehrfach Termine nicht
mehr wahrgenommen (IV-act. 211).
A.f.
Die Versicherte gab im Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend
Erwerbstätigkeit/Haushalt am 17. Juni 2016 an, sie würde ohne Behinderung mit einem
Beschäftigungsgrad von 80 bis 100% einer Erwerbstätigkeit nachgehen (IV-act. 214).
A.g.
Dr. med. J._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, berichtete am 6. September 2016, eine dorsoventrale
Korrekturspondylodese mit Relordosierung sei unbedingt notwendig, da das LWS-
Profil viel zu flach sei, die Pelvic Incidence und der Pelvic Tilt nicht stimmen würden
(IV-act. 222). Die RAD-Ärztin Dr. F._ gelangte nach einer Würdigung der
medizinischen Akten zur Auffassung, aufgrund der Pseudarthrose müsse aktuell von
einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit für ausserhäusliche Tätigkeiten ausgegangen
werden. Zu einer abschliessenden Beurteilung der Arbeitsfähigkeit könne erst nach
durchgeführter Rückenoperation und nach der postoperativen Heilungszeit Stellung
genommen werden (IV-act. 223). Die an der Klinik für Orthopädische Chirurgie und
A.h.
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Traumatologie des Bewegungsapparates am Kantonsspital St. Gallen (KSSG)
behandelnden Ärzte hielten im Bericht vom 19. Januar 2017 fest, die Versicherte habe
erklärt, dass sie aktuell und unter Einnahme von ca. drei Tabletten Dafalgan pro Tag
mit den Schmerzen ziemlich gut leben könne. Das Reiten würde ihr auch gut tun im
Sinn einer aktiven Therapie. Weil die Versicherte eine kleine Tochter zu Hause habe
und in Anbetracht des hohen operativen Risikos, würden sie von einer Operation
Abstand nehmen und das Ganze erst wieder in einem Jahr neu evaluieren. Es bleibe
jedoch klar, dass die Versicherte sicherlich nicht mit einem vollen Pensum arbeitsfähig
sei, da - sobald sie lange sitze oder stehe - wieder starke Schmerzen eintreten würden
(IV-act. 225).
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte am 26., 27. und 28. Juni 2017 in der
ABI Aerztliches Begutachtungsinstitut GmbH polydisziplinär (allgemeininternistisch,
psychiatrisch, orthopädisch, neurologisch und neuropsychologisch) untersucht. Als mit
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierten die Gutachter ein chronisches
lumbosakrales Schmerzsyndrom mit Ausstrahlung in beide Gesässhälften (ICD-10:
M54.87). Aus polydisziplinärer Sicht bescheinigten sie der Versicherten für
leidensangepasste Tätigkeiten eine vollschichtig realisierbare 80%ige Arbeitsfähigkeit.
Es sei nicht erkennbar, dass die Versicherte nach Abschluss der Behandlung im
Zusammenhang mit den beiden Operationen an der Lendenwirbelsäule in den Jahren
2008 und 2009 für leidensangepasste Tätigkeiten jemals während längerer Zeit in
einem höheren Umfang arbeitsunfähig gewesen sei, als dies heute der Fall sei
(Gutachten vom 29. August 2017, IV-act. 240, insbesondere S. 28/31 ff.). Der RAD-Arzt
Dr. med. K._, Facharzt für Chirurgie, hielt die gutachterliche Beurteilung aus
versicherungsmedizinischer Sicht für überzeugend (Stellungnahme vom 18. September
2017, IV-act. 243). Gestützt auf die gutachterlich bescheinigte Restarbeitsfähigkeit
ermittelte die IV-Stelle im Rahmen der gemischten Methode (60%iger Anteil Erwerb,
40%iger Anteil Haushalt) einen Invaliditätsgrad von 13% und stellte der Versicherten
mit Vorbescheid vom 9. Oktober 2017 die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht
(IV-act. 248).
A.i.
Dagegen erhob die Versicherte am 15. Dezember 2017 Einwand und reichte
Berichte von PD Dr. med. L._, Leitender Oberarzt Wirbelsäulenchirurgie an der Klinik
M._, vom 4. Oktober und 10. November 2017 ein. Dieser bescheinigte ihr eine
A.j.
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B.
Teilarbeitsunfähigkeit für leichte körperliche Tätigkeiten (IV-act. 252; zum ebenfalls
noch eingereichten Bericht von Dr. G._ vom 3. November 2017 [Datum Dokument-
Eingang bei der IV-Stelle am 22. Januar 2018] siehe IV-act. 255). Der orthopädische
ABI-Gutachter nahm am 10. April 2018 hierzu Stellung und gelangte zusammenfassend
zum Schluss, dass er in den nachträglich zugestellten Dokumenten keine neuen
medizinischen Aspekte finde, sodass sich für ihn auch keine Änderungen in der
Beurteilung ergebe (IV-act. 258). Am 26. Juni 2018 äusserte sich die Versicherte zu den
nachträglichen Ausführungen des orthopädischen ABI-Gutachters. Sie hielt an ihrer
Kritik an der gutachterlichen Beurteilung fest (IV-act. 264). Der RAD-Arzt Dr. K._
vertrat in der Stellungnahme vom 28. Juni 2018 die Ansicht, mit der gutachterlichen
Beurteilung sei die Situation der Versicherten medizinisch hinreichend abgeklärt (IV-
act. 265). Am 6. Juli 2018 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des Rentengesuchs (IV-
act. 266).
Gegen die Verfügung vom 6. Juli 2018 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 10. September 2018. Die Beschwerdeführerin beantragt deren Aufhebung und die
Zusprache einer ganzen Rente bzw. zumindest einer Teil-IV-Rente mit Wirkung ab
1. Juli 2015. Eventualiter sei vorab eine Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit
(EFL) durchzuführen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur Begründung
bringt sie im Wesentlichen vor, das ABI-Gutachten sei nicht beweiskräftig. Zudem sei
die Bestimmung des Valideneinkommens falsch und bei der Ermittlung des
Invalideneinkommens sei ein Tabellenlohnabzug von mindestens 20% gerechtfertigt.
Die Beschwerdegegnerin habe ausserdem zu Unrecht keinen Einkommensvergleich
vorgenommen, sondern die gemischte Methode der Invaliditätsbemessung angewandt
(act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 26. November
2018 die Abweisung der Beschwerde. Sie hält die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung für beweiskräftig. Sie macht geltend, selbst wenn anstelle
der gemischten Methode ein (reiner) Einkommensvergleich vorgenommen würde,
resultierte kein rentenbegründender Invaliditätsgrad. Ein Tabellenlohnabzug sei nicht
gerechtfertigt (act. G 4).
B.b.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der mit der
Wiederanmeldung vom 22. Januar 2015 geltend gemachte Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin.
In der Replik vom 10. April 2019 hält die Beschwerdeführerin unverändert an der
Beschwerde fest (act. G 13).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Duplik verzichtet (act. G 15).B.d.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für
die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
1.1.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.2.
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Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden
berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a).
1.4.
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2.
Zunächst ist die zwischen den Parteien umstrittene Frage zu prüfen, ob das ABI-
Gutachten eine beweiskräftige Arbeitsfähigkeitsschätzung enthält.
Die Beschwerdeführerin wirft den ABI-Gutachtern vor, sie hätten sich auf die
Umstände versteift, dass sie in der Lage gewesen sei, ihre damals _ Monate alte
Tochter auf den Wickeltisch zu heben, eine Stunde täglich zu reiten und angeblich
alleine mit dem Auto aus der N._ nach O._ anzureisen. Der Annahme der alleinigen
Fahrt mit dem Auto sei bereits im Einwandverfahren klar widersprochen worden, da
diese schlicht nicht zugetroffen habe. Sie sei damals von einer Kollegin begleitet
worden, sodass sich die beiden Frauen beim Fahren hätten abwechseln können.
Zudem habe Dr. G._ zu Recht ausgeführt, dass das Anheben und das Betreuen eines
Kindes für eine Mutter mit positiven Gefühlen verbunden seien, weshalb bestehende
Schmerzen in diesem Augenblick reduziert bzw. anders wahrgenommen würden.
Genauso wenig könne das Reiten als Anhaltspunkt für ein geringes Beschwerdebild
herangezogen werden, weil dies bei ihr mit einer positiven Wahrnehmung verbunden
sei (act. G 1, III. Rz 6).
2.1.
Um eine möglichst objektive, von der Selbsteinschätzung der Versicherten
unabhängige, der tatsächlichen Funktionsfähigkeit entsprechende
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung im Sinn von Art. 7 Abs. 1 und 2 ATSG zu gewährleisten
(vgl. hierzu bzw. zur Massgeblichkeit des tatsächlich erreichbaren Leistungsvermögens
etwa das Urteil des Bundesgerichts vom 11. Mai 2020, 9C_765/2019, E. 4.2), haben die
medizinischen Fachpersonen nebst den Erkenntnissen der eigenen Untersuchung nach
Möglichkeit bei ihrer Expertise sämtliche Lebensaspekte zu würdigen, bei denen
Beeinträchtigungen und Ressourcen einer versicherten Person in Erscheinung treten.
Eine besondere Bedeutung bei der Exploration kommt der detaillierten Beschreibung
eines üblichen Tagesablaufs durch die versicherte Person zu, da sich hieraus häufig
Hinweise auf Interessen, Aktivitäten, Alltagsgewohnheiten und damit Potential und
Ressourcen, jedoch auch Diskrepanzen zu anderen Angaben oder zum Verhalten in der
Untersuchung ergeben.
2.1.1.
Im Rahmen ihrer umfassenden Abklärung erhoben die ABI-Gutachter für die
Abklärung des Funktionalitätsverlusts bzw. der Arbeitsunfähigkeit relevante Aktivitäten
der Beschwerdeführerin und setzten sich damit nachvollziehbar auseinander. Gemäss
der von der Beschwerdeführerin nicht bestrittenen Ausführungen wird der Haushalt in
erster Linie von ihr selbst erledigt. Sie helfe auch mit einem Pensum von ca. 30% im
2.1.2.
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_betrieb ihres Partners mit. Die restliche Zeit verbringe sie mit Haushaltsarbeiten und
der Betreuung ihres noch kleinen Kindes (IV-act. 240, S. 9/31 unten; zum Tagesablauf
und dem täglichen einstündigen Pferdereiten siehe IV-act. 240, S. 12/31 Mitte, S. 17/31
und S. 22/31 unten). Bezüglich des Reitens wies der orthopädische Gutachter plausibel
darauf hin, es wirke nicht wenig erstaunlich, dass diese Tätigkeit, die gerade den
unteren Rumpfanteil erheblich belaste, von der Beschwerdeführerin nicht nur als
problemlos bezeichnet, sondern sogar als Therapie angesehen werde (IV-act. 240,
S. 22/31 oben). Aus dem Umstand, dass Dr. G._ die Ansicht vertritt, eine Tätigkeit,
die mit einer positiven Wahrnehmung verbunden sei, würde die bestehenden
Schmerzen reduzieren (IV-act. 255-1), vermag die Beschwerdeführerin nichts zu ihren
Gunsten abzuleiten. Denn entscheidend ist, dass sich aus dem von den ABI-
Gutachtern erhobenen Alltag objektiv erhebliche Ressourcen ergeben. Die
Betrachtungsweise von Dr. G._ deutet darauf hin, dass er primär auf motivationale
Aspekte und damit auf die Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin abstellt.
Massgebend ist aber nicht die Einstellung der Beschwerdeführerin zu bestimmten
Tätigkeiten, sondern ihre objektiv vorhandene Fähigkeit, diese verrichten zu können.
Insbesondere leuchtet nicht ein, dass gerade das Wirbelsäulenleiden stark betreffende
Tätigkeiten einen schmerzreduzierenden Effekt haben sollen.
Soweit die ABI-Gutachter Hinweise auf die mehrstündige Anfahrt vom Wohnort
der Beschwerdeführerin nach O._ machen (siehe etwa IV-act. 240, S. 15/31 unten),
kann offenbleiben, ob die Beschwerdeführerin das Fahrzeug während der gesamten
Fahrt gelenkt hat oder nicht. Jedenfalls vermochte sie die mehrstündige Anreise in
sitzender Position zu bewältigen, ohne dass Anhaltspunkte auf dadurch verursachte
relevante Schmerzprovokationen einhergingen (siehe hierzu die Bemerkungen des
orthopädischen ABI-Gutachters in IV-act. 240, S. 20/31 unten). Entscheidend ist
ausserdem, dass die ABI-Gutachter unabhängig von der Anreise schlüssig einen doch
noch recht aktiven Alltag der Beschwerdeführerin beschrieben (siehe hierzu
vorstehende E. 2.1.2).
2.1.3.
Des Weiteren bemängelt die Beschwerdeführerin, dass die ABI-Gutachter
weitgehend ausgeblendet hätten, dass Dr. L._ eine operative Versorgung des Failed
Back Surgery Syndroms als indiziert betrachtet habe, was bei einer Einschränkung im
Umfang von lediglich 20% ja wohl kaum der Fall wäre (act. G 1, III. Rz 6). Die
Beschwerdeführerin legt weder dar noch ist erkennbar, dass die zur Debatte stehende
operative Versorgung Rückschlüsse auf die Arbeitsfähigkeit bezogen auf den Leiden
optimal angepasste Tätigkeiten zuliesse bzw. die Arbeitsfähigkeitsschätzung der ABI-
Gutachter in Zweifel zu ziehen vermögen würde. Zu ergänzen bleibt, dass die ABI-
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
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Gutachter für nicht leidensangepasste Tätigkeiten ebenfalls - wie Dr. L._ (IV-
act. 252-11) - von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit ausgingen (IV-act. 240,
S. 29/31 f.).
Die Beschwerdeführerin kritisiert ausserdem, dass bislang keine EFL durchgeführt
worden sei (act. G 1, III. Rz 6 am Schluss). Die ABI-Gutachter haben bereits das
Funktionsniveau der Beschwerdeführerin im Alltag ausreichend bei ihrer Beurteilung
berücksichtigt (siehe vorstehende E. 2.1.1 ff.). Diese legt weder dar noch ist erkennbar,
welcher zusätzliche Erkenntnisgewinn mit einer EFL gewonnen werden könnte, zumal
ihr Leistungsniveau gemäss Aussagen von Dr. G._ subjektiv bzw. motivational
bestimmt ist (siehe hierzu auch die Bemerkung des orthopädischen ABI-Gutachters in
der ergänzenden Stellungnahme vom 10. April 2018, IV-act. 258-1 unten).
Testergebnisse einer EFL bezüglich zumutbarer Belastbarkeit sind denn auch nur bei
guter Leistungsbereitschaft zuverlässig (Urteil des Bundesgerichts vom 2. Dezember
2009, 9C_840/2009, E. 5.1). In damit zu vereinbarender Weise geht aus dem Bericht
von Dr. L._ vom 10. November 2017 hervor, dass der Grad der Leistungsfähigkeit
theoretisch in einem Gutachten festgestellt werden müsste. Lediglich ergänzend wies
er auf «die Möglichkeit» einer EFL hin (IV-act. 252-14).
2.3.
Die Berichte der behandelnden Ärzte beinhalten keine relevanten objektiven
Gesichtspunkte, welche die ABI-Gutachter ausser Acht gelassen haben. Dr. L._ ging
im Bericht vom 4. Oktober 2017 bezogen auf leidensangepasste Tätigkeiten von einer
nicht näher quantifizierten Teilarbeitsfähigkeit aus (IV-act. 252-11) und bemerkte am
10. November 2017, die Arbeitsfähigkeit müsse gutachterlich abgeklärt werden. Seine
Einschätzung ist damit offensichtlich nicht geeignet, die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
ABI-Gutachter in Zweifel zu ziehen. Wie bereits erwähnt, beruhen die
Arbeitsfähigkeitsbeurteilungen von Dr. G._ (siehe dessen Bericht vom 3. November
2017, IV-act. 255) nicht auf einer von den motivational überlagerten Leidensangaben
der Beschwerdeführerin unabhängigen Ressourcenprüfung. Vielmehr lassen sie das
objektiv im Alltag gezeigte Funktionsniveau ausser Acht (siehe vorstehende E. 2.1.2 am
Schluss). Die Beschwerdeführerin bringt denn auch keine relevanten objektiven
Gesichtspunkte vor, welche die ABI-Gutachter ausser Acht gelassen hätten. Vielmehr
räumt sie selbst ein, dass hauptsächlich jeweils andere Schlussfolgerungen gezogen
worden seien (act. G 1, III. Rz 6 am Anfang). Ergänzend kann auf die nachvollziehbaren
Ausführungen des orthopädischen ABI-Gutachters in der ergänzenden Stellungnahme
vom 10. April 2018 verwiesen werden, die vor allem auch hinsichtlich der von der
Beschwerdeführerin noch nicht ausgeschöpften konservativen Therapiemassnahmen
(Kräftigung der stabilisierenden Muskulatur und Einsatz von NSAR anstelle des wenig
2.4.
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3.
Bei der Ermittlung des Invaliditätsgrads kann offenbleiben, ob die Beschwerdegegnerin
die Beschwerdeführerin zu Recht als Teilerwerbstätige qualifizierte. Denn selbst wenn
zu ihren Gunsten ein reiner Einkommensvergleich vorgenommen würde, resultierte kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad, wie nachfolgend dargelegt wird. Hinsichtlich des
Valideneinkommens bestehen keine konkreten Anhaltspunkte, die nahe legen würden,
dass die Beschwerdeführerin im Rahmen einer Lohnkarriere im Gesundheitsfall den
von ihr geltend gemachten, nicht näher substanziierten Jahreslohn von Fr. 75'000.--
erzielt hätte (act. G 1, III. Rz 8 ff.; vgl. hierzu Urteil des Bundesgerichts vom 22. August
2019, 9C_868/2018, E. 3.1). Die genaue Bestimmung des Valideneinkommens kann
vorliegend indessen offenbleiben. Denn selbst wenn zugunsten der
Beschwerdeführerin - die in verschiedenen Bereichen stark wechselhafte Löhne erzielte
(IV-act. 57) - auf den höchsten im individuellen Konto erfassten Jahreslohn des Jahres
2004 (Fr. 56'959.--) abgestellt würde, resultierte kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad. Angepasst an die bis zum frühest möglichen Rentenbeginn (2015;
Art. 29 Abs. 1 IVG; zur Wiederanmeldung vom 22. Januar 2015 siehe IV-act. 156) im
Juli 2015 eingetretene Nominallohnentwicklung resultierte ein Valideneinkommen von
Fr. 64'827.-- (Fr. 56'959.-- / 2360 x 2686; siehe Bundesamt für Statistik, T 39
Entwicklung der Nominallöhne, der Konsumentenpreise und der Reallöhne,
Nominallöhne, Index, Frauen). Der anwendbare LSE-Hilfsarbeiterinnenlohn beträgt für
das Jahr 2015 Fr. 54'055.-- (Anhang 2: Lohnentwicklung, IVG-Gesetzesausgabe der
Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2019). Mit Blick darauf, dass die
Beschwerdeführerin noch nicht im fortgeschrittenen Alter steht und die
wirksamen Dafalgan) überzeugen (IV-act. 258 und Ziff. 4.2.9 im orthopädischen
Teilgutachten, IV-act. 240-24).
Bei der Würdigung des ABI-Gutachtens fällt ausserdem ins Gewicht, dass es auf
eigenständigen, polydisziplinären Abklärungen beruht und für die streitigen Belange
umfassend ist. Die medizinischen Vorakten wurden verwertet. Die von der
Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden wurden berücksichtigt und - u.a. im
Rahmen einer Konsistenz- und Ressourcenprüfung - gewürdigt. Es bestehen keine
Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche Tatsachen nicht oder unzutreffend
berücksichtigt worden wären. Solche ergeben sich denn auch weder aus den Akten
noch den Ausführungen der Beschwerdeführerin. Gestützt auf die gutachterliche
Beurteilung ist - auch retrospektiv (IV-act. 240, S. 30/31) - mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin über eine 80%ige
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten verfügt.
2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
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St.Galler Gerichte
Leistungseinschränkungen - insbesondere auch der zusätzliche Pausenbedarf - bereits
in der Arbeitsfähigkeitsschätzung enthalten sind (IV-act. 240, S. 29/31), würde - wenn
überhaupt - höchstens ein Tabellenlohnabzug von 5% in Betracht kommen, womit das
Invalideneinkommen mindestens (aufgerundet) Fr. 41'082.-- (Fr. 54'055.-- x 0.95 x 0.8)
betragen würde. Bei einem Valideneinkommen von Fr. 64'827.-- und einem
Invalideneinkommen von mindestens Fr. 41'082.-- ergäben sich eine
Erwerbsunfähigkeit im Betrag von Fr. 23'745.-- (Fr. 64'827.-- - Fr. 41'082.--) und ein
Invaliditätsgrad von höchstens aufgerundet 37% (Fr. 23'745.-- / Fr. 64'827.--).
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