Decision ID: 70a88e1c-0025-4cc0-852f-58b805c42acc
Year: 2005
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

umrissenen, nicht komplizierten Sachverhalt. Der Gesuchsteller habe eine tätliche
Auseinandersetzung mit einem anderen Wirtshausgast gehabt, in deren Verlauf beide
Beteiligte körperliche Beeinträchtigungen erlitten hätten. Es lägen keine Merkmale vor,
welche die Beweiswürdigung als besonders schwierig erscheinen liessen. Auch aus
dem Grundsatz der Waffen- und Chancengleichheit ergebe sich kein Anspruch auf
amtliche Verteidigung. Es sei nicht ersichtlich, dass sich die anwaltliche Vertretung des
Kontrahenten für den Gesuchsteller bezüglich Schuldspruch und Strafmass nachteilig
auswirken könnte.
B./ Mit Eingabe vom 10. Oktober 2005 erhob R.R. durch seinen Rechtsvertreter
Beschwerde beim Präsidenten des Verwaltungsgerichts mit dem Antrag, die Verfügung
vom 23. September 2005 sei aufzuheben und es sei ihm in der Strafuntersuchung des
Untersuchungsamtes Gossau die amtliche Verteidigung zu bewilligen und den
Rechtsvertreter als amtlichen Verteidiger zu bezeichnen, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Zur Begründung wird im wesentlichen vorgebracht, der
Kontrahent des Beschwerdeführers mache eine Schadenersatz- und
Genugtuungsforderung von insgesamt Fr. 9'723.05 geltend, weshalb eine Erledigung
der Strafsache mit Strafbescheid ausgeschlossen sei. Die Schuldfrage sei nach wie vor
offen. Die Aussagen der Kontrahenten stünden einander diametral entgegen. Daher
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falle die anwaltliche Verteidigung der einen Partei unmittelbar ins Gewicht. Da sein
Kontrahent von einem Rechtsanwalt vertreten werde, habe der Beschwerdeführer unter
Berücksichtigung des Grundsatzes der Waffengleichheit im Fall einer Anklage beim
Einzelrichter Anspruch auf amtliche Verteidigung. Auf die weiteren Vorbringen in der

Beschwerde wird, soweit wesentlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 14. Oktober 2005 unter Hinweis
auf die angefochtene Verfügung auf Abweisung der Beschwerde.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Der Präsident des Verwaltungsgerichts ist zuständig zur Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen der Departemente über unentgeltliche Rechtspflege
und Rechtsverbeiständung (Art. 59bis Abs. 3 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Darunter fällt auch die amtliche
Verteidigung. Der Beschwerdeführer ist zur Erhebung des Rechtsmittels legitimiert (Art.
64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 10.
Oktober 2005 wurde rechtzeitig eingereicht und entspricht formal und inhaltlich den
gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2./ Gemäss Art. 56 Abs. 1 und 3 des Strafprozessgesetzes (sGS 962.1, abgekürzt StP)
kann die bedürftige Angeschuldigte die amtliche Verteidigung verlangen, wenn eine
Freiheitsstrafe von mehr als achtzehn Monaten oder eine freiheitsentziehende
Massnahme in Betracht kommt (Abs. 3 lit. a), wenn die Anklage persönlich vor Gericht
vertreten wird (Abs. 3 lit. b), wenn ein Antrag auf Haftverlängerung gestellt wird (Abs. 3
lit. c) oder wenn die Sach- oder Rechtslage in anderen wichtigen Fällen erhebliche
Schwierigkeiten bildet (Abs. 3 lit. d).
Soweit das kantonale Recht keine weitergehenden Ansprüche gewährt, lässt sich der
Anspruch auf einen amtlichen Verteidiger auch als Minimalgarantie direkt aus Art. 29
Abs. 3 der Bundesverfassung (SR 101) und Art. 6 Ziff. 3 lit. c der Europäischen
Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101) herleiten
(N. Oberholzer, Grundzüge des Strafprozessrechts, 2. Aufl., Bern 2005, Rz. 510). Art.
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56 Abs. 1 StP gewährleistet indes keine über Art. 29 Abs. 3 BV hinausgehenden
Rechte.
a) Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts kann eine bedürftige Person nur
dann die Bestellung eines unentgeltlichen Rechtsvertreters verlangen, wenn die
Verbeiständung sachlich geboten erscheint. Bei der Beurteilung der Notwendigkeit sind
die konkreten Umstände des Einzelfalles und die Eigenheiten der anwendbaren
Vorschriften zu berücksichtigen. Falls das in Frage stehende Verfahren besonders stark
in die Rechtsstellung des Bedürftigen eingreift, ist die Bestellung eines amtlichen
Rechtsvertreters nach der Praxis des Bundesgerichts grundsätzlich geboten. Dies trifft
beispielsweise im Strafprozess dann zu, wenn dem
Angeschuldigten eine schwerwiegende freiheitsentziehende Massnahme oder eine
Strafe droht, deren Dauer die Gewährung des bedingten Strafvollzuges ausschliesst.
Falls lediglich eine Freiheitsstrafe von einigen Wochen bis Monaten in Frage kommt
und mithin ein sogenannt relativ schwerwiegender Fall vorliegt, ist es für die Annahme
eines direkt aus der Bundesverfassung abgeleiteten Anspruchs auf Offizialverteidigung
zulässig, das Erfordernis der besonderen Schwierigkeiten rechtlicher oder tatsächlicher
Natur vorauszusetzen (BGE 130 I 182; 120 Ia 43 ff.; BGE 1P.726/2001 vom 16. Januar
2002; M. Forster, der Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung in der
neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung, in: ZBl 93/1992, S. 460; Oberholzer,
a.a.O., Rz 520).
b) Unbestrittenermassen hat der Beschwerdeführer bei einem Schuldspruch mit einer
bedingten Freiheitsstrafe von einigen Tagen oder wenigen Wochen zu rechnen. Eine
Anklagevertretung vor Gericht durch den Untersuchungsrichter ist nicht vorgesehen.
Damit handelt es sich um einen relativ schwerwiegenden Fall im Sinne der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung. Die Beurteilung der Vorinstanz ist zutreffend,
und es werden dagegen in der Beschwerde keine Einwendungen erhoben. Zu prüfen
ist daher im folgenden, ob besondere tatsächliche oder rechtliche Schwierigkeiten
bestehen, welche eine amtliche Verteidigung notwendig machen.
c) Der Beschwerdeführer hatte in einem Restaurant einen Streit mit P.M. In dessen
Verlauf fügte er seinem Kontrahenten Verletzungen zu. Im Nachgang zu solchen
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Auseinandersetzungen kommt es regelmässig zu widersprüchlichen
Sachdarstellungen, namentlich auch im Verhältnis von Angriff und allfälliger
Provokation. In solchen Fällen ist es nicht aussergewöhnlich, dass die Aussagen der
Beteiligten und allfälliger Zeugen kritisch gewürdigt werden müssen. Im vorliegenden
Fall wurden neben den Kontrahenten zwei weitere Personen befragt, die den
Sachverhalt zumindest teilweise unmittelbar wahrnehmen konnten. Auch die
Kontrahenten konnten ihre Aussagen aus eigener und direkter Wahrnehmung machen.
Der Beschwerdeführer macht denn auch nicht eine erhebliche Komplexität in
tatsächlicher oder rechtlicher Hinsicht geltend, sondern beruft sich auf den Grundsatz
der Waffengleichheit.
In dem vom Beschwerdeführer angerufenen Entscheid (GVP 1999 Nr. 70) wurde einem
Angeschuldigten nach dem Grundsatz der Waffengleichheit die amtliche Verteidigung
gewährt, weil er zusammen mit einem anderen wegen desselben Delikts angeschuldigt
war und der andere Angeschuldigte über einen erbetenen Verteidiger verfügte. Als
Grund wurde angeführt, in solchen Fällen sei davon auszugehen, dass sich die
Verdächtigen gegenseitig belasten. Im Schrifttum wird unter Berufung auf jenen
erwähnten Entscheid festgehalten, aus dem Grundsatz der Waffen- oder
Chancengleichheit ergebe sich unbekümmert um die Schwierigkeiten des Falls ein
Anspruch auf amtliche Verteidigung, wenn einer von mehreren, sich gegenseitig
belastenden Angeschuldigten anwaltlich vertreten sei (Oberholzer, a.a.O., Rz 524).
Im Streitfall ist der Sachverhalt jedoch anders gelagert als bei jenem, der dem
Entscheid GVP 1999 Nr. 70 zugrundelag. Vorliegend handelt es sich um einen
Wirtshausstreit, bei dem gegen beide Beteiligte ein Strafverfahren eröffnet wurde. Es
handelt sich aber nicht um ein gemeinsam begangenes Delikt. Das Delikt, das dem
Beschwerdeführer vorgeworfen wird, ist nicht identisch mit jenem, das seinem
Kontrahenten vorgeworfen wird. Aus der Berufung auf die Praxis bei gemeinsam
begangenen Delikten kann deshalb der Beschwerdeführer nichts zugunsten einer
Gewährung der amtlichen Verteidigung ableiten. Nach der Praxis wird in Fällen von
solchen Auseinandersetzungen die Verweigerung der amtlichen Verteidigung geschützt
(vgl. Entscheide des Verwaltungsgerichtspräsidenten vom 3. Dezember 2004 i.S. U.S.
und vom 11. Oktober 2001 i.S. M.P. und G.D., bestätigt vom Bundesgericht mit Urteil
1P.726/2001 vom 16. Januar 2002). Wie die Vorinstanz zutreffend festhält, ist nicht
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ersichtlich, dass sich die anwaltliche Vertretung des Kontrahenten für den
Beschwerdeführer bezüglich Schuldspruch und Strafmass nachteilig auswirken könnte.
Im übrigen hat die Vorinstanz gegenüber dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
festgehalten, sie sei bereit, die Frage der amtlichen Verteidigung für eine Verhandlung
vor dem Einzelrichter unter dem Gesichtspunkt der Waffengleichheit nochmals zu
prüfen, falls tatsächlich Anklage erhoben wurde. Der Beschwerdeführer hat die
Zivilforderung des Kontrahenten nach dem Erlass der angefochtenen Verfügung
bestritten. Bislang wurde, soweit ersichtlich, noch keine Anklage erhoben. Für den
Bereich der Strafuntersuchung verletzt jedenfalls die Verweigerung der amtlichen
Verteidigung die Bestimmungen des Strafprozessgesetzes und der Bundesverfassung
nicht. Folglich ist die Beschwerde abzuweisen. Ueber ein Gesuch um amtliche
Verteidigung für eine allfällige Anklage beim Einzelrichter wird die Vorinstanz neu zu
befinden haben.
3./ Der Beschwerdeführer stellt für das Beschwerdeverfahren ein Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege. Diesem Begehren ist stattzugeben. Die Beschwerde war
nicht zum vornherein als geradezu aussichtslos zu qualifizieren. Daher sind die
amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens dem Staat aufzuerlegen. Eine
Entscheidgebühr von Fr. 500.-- ist angemessen (Ziff. 381 Gerichtskostentarif, sGS
941.12). Auf ihre Erhebung ist zu verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP).
Der Anspruch des unentgeltlichen Rechtsbeistands aus dem Beschwerdeverfahren
gegenüber dem Staat ist auf Fr. 400.-- zuzügl. MWSt festzusetzen (Art. 22 Abs. 1 lit. d
der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75; Art. 31 Abs. 3
des Anwaltsgesetzes, sGS 963.70).
Demnach wird
z u R e c h t e r k a n n t :
1./ Die Beschwerde wird abgewiesen.
2./ Die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens von Fr. 500.-- trägt zufolge
unentgeltlicher Rechtspflege der Staat. Auf ihre Erhebung wird verzichtet.
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3./ Der Anspruch des unentgeltlichen Rechtsbeistands aus der Vertretung im
Beschwerdeverfahren beträgt Fr. 400.-- zuzügl. MWSt.
_
VERWALTUNGSGERICHT
des Kantons St. Gallen
Der Präsident:
Zustellung dieses Entscheides an:
den Beschwerdeführer (durch Rechtsanwalt A.)–
die Vorinstanz–
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid des Verwaltungsgerichtspräsidenten vom 21. Oktober 2005 Amtliche Verteidigung; Art. 29 Abs. 3 BV (SR 101), Art. 56 Abs. 3 lit. d StP (sGS 962.1). Rechtsmässigkeit der Verweigerung der amtlichen Verteidigung in einer Strafuntersuchung wegen Tätlichkeit bzw. einfacher Körperverletzung aufgrund eines Wirtshausstreits. Kein Verstoss gegen den Grundsatz der Waffengleichheit, wenn der Kontrahent über einen erbetenen Verteidiger verfügt (Präsident des Verwaltungsgerichts, B 2005/180).
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2021-08-06T17:54:16+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen