Decision ID: 7f9d5f20-025c-4735-a3f6-515939319675
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. oec. Fritz Dahinden, Blumenbergplatz 1, 9000 St.
Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
IV-Taggeld
Sachverhalt:
A. A._ wurde im Juli 1994 unter Hinweis auf ein Geburtsgebrechen erstmals zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 6). Im Juli 1999
berichtete der psychiatrisch-psychologische Dienst des Sozialdepartementes der Stadt
B._ (IV-act. 17), die Versicherte habe während der ersten drei Lebensjahre immer
wieder epileptische Anfälle erlitten. Zudem leide sie unter schweren intrafamiliären
Konflikten. Es liege eine Störung des Sozialverhaltens vor. Im September 1999 musste
die Versicherte, die sich seit Oktober 1997 in einem Kinderheim befunden hatte, auf
eine Kinderstation verlegt werden (IV-act. 18). Im Juli 2000 wurde sie entlassen und in
ein anderes Kinderheim überwiesen (IV-act. 26). Einem Schreiben der Jugend- und
Familienberatung des Kantons C._ vom 29. August 2005 liess sich entnehmen, dass
die Versicherte seit Oktober 1997 in verschiedenen Kinderheimen und Institutionen
untergebracht worden war (IV-act. 56). Am 7. Oktober 2005 berichtete der
Kinderpsychiater Dr. med. D._, die Versicherte leide an einer kombinierten Störung
des Sozialverhaltens und der Emotionen mit oppositionellem, distanzlosem Verhalten
gegenüber Autoritätspersonen, aggressiven Impulsdurchbrüchen und dissozialen
Verhaltensweisen gegenüber Gleichaltrigen sowie verminderter Frustrationstoleranz
und Stimmungsschwankungen, was die persönliche und schulische Entwicklung
erschwert habe (IV-act. 63). Einem Schreiben der Jugend- und Familienberatung des
Kantons C._ vom 4. Dezember 2006 liess sich entnehmen, dass die Versicherte seit
August 2005 bereits wieder mehrmals hatte versetzt werden müssen (IV-act. 73). Im
Sommer 2008 schloss die Versicherte ihre (Sonder-) Schulbildung ab; im September
2009 meldete sie sich für berufliche Massnahmen bei der IV-Stelle des Kantons
St. Gallen an (IV-act. 1). Im Januar 2010 erfuhr die IV-Stelle, dass die Versicherte
wieder in einem Heim habe interniert werden müssen (IV-act. 107).
B.
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B.a Am 27. Juni 2012 meldete sich die Versicherte erneut für berufliche Massnahmen
bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 133). Bereits davor hatte die IV-
Stelle verschiedene Abklärungen getätigt und Leistungen der Invalidenversicherung
erbracht. Unter anderem hatte sie am 5. Januar 2010 die Jugendpsychiaterin Dr. med.
E._ beauftragt, ein fachärztliches Gutachten zu erstatten. Diese hatte am 8. März
2010 berichtet (IV-act. 121), die Versicherte leide an einer schweren
Persönlichkeitsentwicklungsstörung mit emotional-instabilen Zügen (Borderline-Typus),
Selbstverletzungen, dissozialem Verhalten, chronischer Suizidalität und schädlichem
Gebrauch mehrerer Suchtmittel auf dem Hintergrund einer vermuteten pränatalen
Suchtmittelexposition, multipler Beziehungsabbrüche und einer extrem dysfunktionalen
familiären Situation. Die Kindheit der Versicherten sei von vielfältigen massiven
Belastungen geprägt gewesen. Insbesondere diverse Beziehungsabbrüche und die
äusserst destruktiven familiären Beziehungsmuster hätten zu einer schweren Störung
der Persönlichkeitsentwicklung geführt. Eine berufliche Eingliederung sei deshalb zwar
beeinträchtigt, aber nicht ausgeschlossen. Die Versicherte werde möglicherweise mehr
Zeit als üblich und mehrere Anläufe benötigen, bis eine zufriedenstellende berufliche
Integration gelinge. Zumindest anfangs benötige sie einen geschützten Rahmen. Auch
sei eine enge Zusammenarbeit zwischen den Ausbildnern und den
Betreuungspersonen am Wohnort nötig.
B.b Die IV-Stelle übernahm in der Folge die Kosten für eine berufliche Abklärung im
Zeitraum vom 23. April bis 31. Juli 2012 (IV-act. 136). Im Rahmen dieser Abklärung
wurde eine grundsätzliche Eignung für eine erstmalige berufliche Ausbildung
festgestellt und die Durchführung eines Vorbereitungsjahres empfohlen (IV-act. 142).
Am 22. Oktober 2012 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die Mehrkosten
für das Vorbereitungsjahr (1. August 2012 bis 31. Juli 2013) übernehme (IV-act. 154).
Am 15. Mai 2013 teilte sie ihr mit, dass sie auch die Mehrkosten der beruflichen
Ausbildung (1. August 2013 bis 31. Juli 2016) übernehme (IV-act. 166). Mit einer
Verfügung vom 24. Mai 2013 sprach sie ihr für den Zeitraum vom 1. August 2013 bis
zum 31. Dezember 2013 ein Taggeld von 34,60 Franken zu (IV-act. 168).
C.
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C.a Am 6. Juni 2013 erhob die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde gegen diese Verfügung (act. G 1). Sie machte geltend, ihre IV-Beraterin
habe ihr die Zusprache des Höchstansatzes des kleinen Taggeldes ab dem 1. August
2013 zugesichert. Diese Zusage habe sie erhalten, weil sie im Jahr 2000 eingeschult
worden sei und bloss aufgrund ihrer Krankheit erst im Jahr 2011 die neunte Klasse
habe beenden können. Sie ersuche deshalb um eine Überprüfung der Akten und der
Verfügung. Am 26. August 2013 liess die nun vertretene Beschwerdeführerin
ergänzend ausführen (act. G 9), in den Akten sei deutlich ausgewiesen, dass sie schon
seit früher Kindheit an massiven psychischen Defiziten leide und deshalb erst verspätet
im Jahr 2012 eine berufliche Ausbildung habe in Angriff nehmen können. Als Gesunde
hätte sie die Schule spätestens Ende Juli 2010 (unter Berücksichtigung eines
Repetitions- oder eines zehnten Schuljahres) und damit eine ordentliche Lehre
spätestens Ende Juli 2013 abgeschlossen. Folglich habe sie ab dem 1. August 2013
einen Anspruch auf den Höchstansatz des kleinen Taggeldes. Zudem habe sie auf die
Auskunft, sie werde ab dem 1. August 2013 ein entsprechendes Taggeld erhalten,
vertrauen dürfen.
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 9. September 2013 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 11). Zur Begründung führte sie aus, es könne nicht generell gesagt
werden, wann eine nichtbehinderte Person ihre Schulausbildung abgeschlossen hätte.
Dies sei von Person zu Person unterschiedlich. Der Zeitpunkt der Einschulung sei
deshalb irrelevant. Hinzu komme, dass nicht mehr eruiert werden könne, welche
Verzögerungen gesundheitsbedingt und welche aufgrund der psychosozialen
Belastungsfaktoren eingetreten seien. Letztere würden im vorliegenden Fall eine
immens grosse Rolle spielen, doch habe die Invalidenversicherung dafür nicht
einzustehen. Alles in allem sei es sachgerecht, auf den Abschluss der obligatorischen
Schulzeit abzustellen, um zu ermitteln, wann eine nicht behinderte Person die
Ausbildung abgeschlossen hätte. Auf den Vertrauensschutz könne sich die
Beschwerdeführerin nicht berufen, weil sie keine Vertrauensdisposition getätigt habe.
C.c Am 20. Januar 2014 erhob die Beschwerdeführerin eine Beschwerde gegen eine
weitere Verfügung, mit der ihr für die Dauer des Jahres 2014 ein Taggeld von 34,60
Franken zugesprochen worden war (act. G 14.1), wobei sie eine Vereinigung der beiden
Beschwerdeverfahren beantragte (act. G 14). Am 24. März 2014 liess sie an ihrem
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Beschwerdeantrag festhalten und zur Begründung ergänzend ausführen (act. G 19), zur
Ermittlung des Zeitpunktes, in dem sie ihre Ausbildung abgeschlossen hätte, wenn sie
nicht gesundheitlich beeinträchtigt gewesen wäre, müsse von einem Regelfall auch
bezüglich der schulischen Ausbildung ausgegangen werden. Damit sei der Anspruch
auf den Höchstansatz des kleinen Taggeldes bereits ab dem Lehrbeginn im August
2013 entstanden. Unverständlich sei jedenfalls, weshalb die Beschwerdegegnerin nicht
wenigstens ab August 2014 ein entsprechendes Taggeld zugesprochen habe.
Ausserdem habe die Beschwerdeführerin einige Dispositionen getroffen, die sie nicht
getroffen hätte, wenn ihr nicht die Zusprache des höheren Taggeldes zugesichert
worden wäre. Die Beschwerdegegnerin liess sich nicht mehr vernehmen.

Erwägungen:
1. Streitig ist der Taggeldanspruch im Zusammenhang mit der im August 2013 be
gonnenen erstmaligen beruflichen Ausbildung. Mit der ersten Verfügung vom 24. Mai
2013 hat die Beschwerdegegnerin für einen ersten Zeitraum (1. August 2013 bis
31. Dezember 2013) ein Taggeld von 34,60 Franken zugesprochen; mit der zweiten
Verfügung vom 20. Dezember 2013 hat sie für den daran anschliessenden Zeitraum
(1. Januar 2014 bis 31. Dezember 2014) ebenfalls ein Taggeld von 34,60 Franken zu
gesprochen. Da ein enger sachlicher Zusammenhang zwischen den beiden erwähnten
Verfügungen besteht und sich dieselbe Rechtsfrage stellt, können die beiden
Beschwerdeverfahren vereinigt werden. Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens
bildet folglich der Taggeldanspruch vom 1. August 2013 bis zum 31. Dezember 2014.
2.
2.1 Versicherte in der erstmaligen beruflichen Ausbildung haben gemäss Art. 22
Abs. 1 IVG einen Anspruch auf ein Taggeld, wenn sie ihre Erwerbsfähigkeit ganz oder
teilweise einbüssen. Bei kinderlosen Versicherten entspricht das Taggeld der
Grundentschädigung (Art. 22 Abs. 2 IVG). Die Grundentschädigung beträgt 30 Prozent
des Höchstbetrages des Taggeldes nach Art. 24 Abs. 1 IVG (der gemäss Art. 15 Abs. 3
UVG i.V.m. Art. 22 Abs. 1 UVV 126’000 Franken pro Jahr bzw. 346 Franken pro Tag
beträgt) für Versicherte, die das 20. Altersjahr vollendet haben und ohne Invalidität
nach abgeschlossener Ausbildung eine Erwerbstätigkeit aufgenommen hätten (Art. 23
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Abs. 2 IVG), und höchstens 30 Prozent – bzw. (genau) zehn Prozent (Art. 23 Abs. 2
Satz 2 IVG i.V.m. Art. 22 Abs. 1 IVV) – des Höchstbetrages des Taggeldes für
Versicherte, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet haben und noch nicht
erwerbstätig gewesen sind (Art. 23 Abs. 2 Satz 1 IVG). Dieses pauschal festgelegte
Taggeld wird in der Praxis als „kleines Taggeld“ bezeichnet. Bis zu dem Zeitpunkt, in
dem eine versicherte Person „ohne Invalidität“ eine Ausbildung abgeschlossen (und
eine Erwerbstätigkeit aufgenommen) hätte, wird der niedrigere Ansatz dieses „kleinen“
Taggeldes ausgerichtet; ab dem Zeitpunkt des mutmasslichen Abschlusses der
beruflichen Ausbildung ohne Gesundheitsbeeinträchtigung wird der höhere Ansatz
ausgerichtet, sofern die versicherte Person in diesem Zeitpunkt das 20. Altersjahr
bereits vollendet hat. Entscheidend ist also, wann die betroffene versicherte Person
das 20. Altersjahr vollendet und wann sie ihre berufliche Ausbildung abgeschlossen
hätte, wenn sie gesundheitlich nicht beeinträchtigt wäre.
2.2 Die Beschwerdeführerin hat ihr 20. Altersjahr im Oktober 2013 vollendet. Für die
Monate August und September 2013 hat sie folglich lediglich einen Anspruch auf den
niedrigeren Ansatz des „kleinen“ Taggeldes. Erst ab Oktober 2013 hat sie allenfalls
einen Anspruch auf den höheren Ansatz des „kleinen“ Taggeldes begründen können,
wobei diesbezüglich entscheidend ist, wann sie ohne Gesundheitsbeeinträchtigung
ihre berufliche Ausbildung abgeschlossen hätte. Die Beschwerdegegnerin vertritt die
Auffassung, entscheidend sei, wann die Beschwerdeführerin ohne
Gesundheitsbeeinträchtigung vom effektiven Abschluss ihrer schulischen Ausbildung
an gerechnet eine berufliche Ausbildung abgeschlossen hätte. Da die
Beschwerdeführerin die obligatorische Schulzeit im Juli 2011 beendet hat und
demzufolge ab August 2011 eine berufliche Ausbildung hätte antreten können, hätte
sie eine ordentliche, dreijährige Ausbildung erst im Juli 2014 abschliessen können. Die
Beschwerdeführerin bringt dagegen vor, bereits ihre schulische Ausbildung sei durch
ihre Gesundheitsbeeinträchtigung verzögert worden. Ohne
Gesundheitsbeeinträchtigung hätte sie die Schule und damit auch eine daran
anschliessende berufliche Ausbildung zwei Jahre früher abschliessen können. Ob
gesundheitsbedingte Verzögerungen der schulischen Ausbildung ebenso wie gesund
heitsbedingte Verzögerungen der beruflichen Ausbildung zu berücksichtigen sind, ist
auf dem Interpretationsweg zu ermitteln. Der Wortlaut des Art. 23 Abs. 2 IVG spricht für
die Berücksichtigung von gesundheitsbedingten Verzögerungen der schulischen
bis
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Ausbildung, denn die Rede ist vom Abschluss der Ausbildung und nicht von der Dauer
der beruflichen Ausbildung. Der Zeitpunkt des Abschlusses der Ausbildung hängt
natürlich nicht nur von der Dauer der beruflichen, sondern eben auch von der Dauer
der schulischen Ausbildung ab. Gesundheitsbedingte Verzögerungen der schulischen
Ausbildung können den Zeitpunkt des Abschlusses ebenso hinausschieben wie solche
der beruflichen Ausbildung. Die Erwähnung des Abschlusses anstelle der Dauer der
Ausbildung spricht also dafür, darauf abzustellen, wann eine versicherte Person ihre
schulische und berufliche Ausbildung abgeschlossen hätte, wenn es bezüglich beider
Teile der Ausbildung nicht zu gesundheitsbedingten Verzögerungen gekommen wäre.
Dies gilt umso mehr, als in Art. 23 Abs. 2 IVG kein Bezug auf die berufliche Ausbildung
genommen wird, sondern vielmehr unspezifisch von „Ausbildung“ die Rede ist. Die
teleologische Auslegung des Art. 23 Abs. 2 IVG führt zum selben Ergebnis. Das „kleine“
Taggeld soll den gesundheitsbedingten Erwerbsausfall der betroffenen versicherten
Person entschädigen. Für die Festsetzung der (pauschalen) Entschädigung wird die
tatsächliche, gesundheitsbedingt verzögerte „Ausbildungskarriere“ mit einer „normalen
Ausbildungskarriere“ – nämlich ohne gesundheitsbedingte Verzögerungen – verglichen.
Für den Zeitraum, in dem die versicherte Person sich ohne
Gesundheitsbeeinträchtigung noch in der beruflichen Ausbildung befunden hätte, soll
das kleine Taggeld den hypothetischen Lehrlingslohn ersetzen; für den Zeitraum, in
dem die versicherte Person ihre Ausbildung bereits abgeschlossen hätte, soll es den
hypothetischen „vollen“ Lohn einer Erwerbstätigkeit ersetzen. Würden bloss
Verzögerungen der beruflichen Ausbildung berücksichtigt, blieben
gesundheitsbedingte Verzögerungen, die sich schon während der Schulzeit auf die
„Ausbildungskarriere“ ausgewirkt haben, unberücksichtigt. Die Entschädigung fiele
folglich ungenügend aus. Der vom Gesetzgeber angestrebte Zweck der Entschädigung
von Erwerbsausfällen aufgrund gesundheitsbedingter Verzögerungen des Abschlusses
der Ausbildung würde also nicht vollständig erreicht, ohne dass dafür ein
nachvollziehbarer Grund ersichtlich wäre. In systematischer Hinsicht ist auf Art. 30
MVG hinzuweisen, wonach die Militärversicherung einer versicherten Person eine
Entschädigung für den verspäteten Eintritt ins Erwerbsleben ausrichtet, wenn die
Berufsausbildung wegen einer versicherten Gesundheitsschädigung um mindestens
sechs Monate verzögert wird. In Art. 30 MVG wird explizit von der Berufsausbildung
und nicht unspezifisch von der Ausbildung gesprochen. Dennoch werden
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praxisgemäss auch Entschädigungen ausgerichtet, wenn sich die Erlangung der
Matura verzögert, obwohl das Gymnasium klar der schulischen und nicht der
beruflichen Ausbildung zuzurechnen ist (vgl. Jürg Maeschi, Kommentar zum
Bundesgesetz über die Militärversicherung, Bern 2000, Art. 30 N 7). Der Vergleich mit
dieser Regelung (andere Sozialversicherungszweige kennen keine wesensähnliche
Entschädigungen) spricht ebenfalls für eine Berücksichtigung von
gesundheitsbedingten Verzögerungen der schulischen Ausbildung. Die bei der
systematischen Interpretation zu berücksichtigende Einschränkung, dass vor der
Vollendung des 18. Altersjahres kein Anspruch auf ein Taggeld bestehe (Art. 22 Abs. 4
IVG), bedeutet sodann nicht, dass vor der Vollendung des 18. Altersjahres eingetretene
Verzögerungen der Ausbildung und damit des Ausbildungsabschlusses nicht zu
berücksichtigen seien. Ansonsten müsste nämlich auch ein gesundheitsbedingter
Abbruch der Berufslehre im ersten oder zweiten Lehrjahr in aller Regel unberücksichtigt
bleiben, weil sich junge Erwachsene, die das 18. Altersjahr vollenden, in der Regel
bereits im dritten Lehrjahr befinden. Gemeint ist mit Art. 22 Abs. 4 IVG vielmehr, dass
der Anspruch an sich nicht vor der Vollendung des 18. Altersjahres entstehen soll. Die
systematische Auslegung führt also zusammenfassend ebenso wie die
grammatikalische und die teleologische Interpretation zum Ergebnis, dass auch
Verzögerungen der schulischen Ausbildung berücksichtigt werden müssen. Einzig die
historische Auslegung führt – fraglich – zu einem anderen Ergebnis: In seiner Botschaft
zur 2. IV-Revision, mit welcher der Taggeldanspruch für Versicherte in erstmaliger
beruflicher Ausbildung geschaffen worden ist, hat der Bundesrat augenscheinlich bloss
Verzögerungen der beruflichen Ausbildung im Blick gehabt (vgl. BBl 1985 I 42 ff.). So
heisst es etwa, die bestehende Regelung sei unbefriedigend, weil sie der Situation der
Versicherten, die „invaliditätsbedingt eine Lehre abbrechen und eine neue (erstmalige)
berufliche Ausbildung beginnen müssen, nicht gerecht wird“ (BBl 1985 I 42). Die
ausschliessliche Bezugnahme auf Verzögerungen der beruflichen Ausbildungen
bedeutet aber nicht notwendigerweise, dass der Gesetzgeber Verzögerungen
der schulischen Ausbildung nicht hätte Rechnung tragen wollen. Genauso gut liesse
sich nämlich die Auffassung vertreten, er habe die seltenen Fälle, in denen eine Ver
zögerung der schulischen Ausbildung ebenfalls zu einem verspäteten Eintritt ins Er
werbsleben führt, übersehen. Die fehlende Erwähnung von schulischen Verzögerungen
in den Gesetzesmaterialien spricht also nicht gegen deren Berücksichtigung.
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Gesamthaft spricht eine umfassende Auslegung des Art. 23 Abs. 2 IVG jedenfalls klar
für eine Berücksichtigung gesundheitsbedingter Verzögerungen auch bei der
schulischen Ausbildung.
2.3 Die Argumentation der Beschwerdegegnerin, die Dauer der schulischen
Ausbildung könne aufgrund verschiedener Faktoren auch bei Gesunden variieren,
überzeugt nicht, weil auch die Dauer einer beruflichen Erstausbildung unterschiedlich
ausfallen kann und dennoch auf einen Regelfall (nämlich eine dreijährige Berufslehre
unmittelbar nach Schulabschluss) abgestellt wird, sofern nicht eine effektiv begonnene
Berufslehre gesundheitsbedingt abgebrochen werden musste. Weshalb bezüglich der
schulischen Ausbildung nicht auf einen Regelfall abgestellt werden soll, während
bezüglich der beruflichen Ausbildung jeweils ohne Weiteres ein Regelfall zum Vergleich
herangezogen wird, leuchtet nicht ein. Ebenfalls nicht überzeugend sind die
Ausführungen der Beschwerdegegnerin zu den psychosozialen Umständen, denn es ist
in den Akten deutlich ausgewiesen, dass diese schon seit der frühesten Kindheit zu
einer schweren Störung der Persönlichkeitsentwicklung geführt haben, die
Krankheitswert hat. Worauf eine Gesundheitsbeeinträchtigung (mit eigenständigem
Krankheitswert) zurückzuführen ist, ist für die Invalidenversicherung als finale
Versicherung irrelevant. Entscheidend ist, dass mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
bewiesen ist, dass die Beschwerdeführerin (zumindest auch) gesundheitsbedingt nicht
in der Lage gewesen ist, ihre schulische Ausbildung innerhalb der Regeldauer von neun
Jahren abzuschliessen. Da ein im August 2000 eingeschultes Kind im Regelfall die
obligatorische Schulzeit im Juli 2009 und eine Berufslehre dementsprechend im Juli
2012 abgeschlossen hätte, hat die im August 2000 eingeschulte Beschwerdeführerin
diese Voraussetzung für die Ausrichtung eines dem höheren Ansatz des „kleinen“
Taggeldes entsprechenden Taggeldes ab August 2012 erfüllt. Da sie das 20. Altersjahr
aber erst im Oktober 2013 vollendet hat, hat sie erst ab Oktober 2013 einen Anspruch
auf ein dem höheren Ansatz des „kleinen“ Taggeldes entsprechenden Taggeld gehabt.
Die beiden angefochtenen Verfügungen erweisen sich also insofern als rechtswidrig,
als die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin für den Zeitraum von Oktober
2013 bis und mit Dezember 2014 bloss den niedrigeren Ansatz des „kleinen“
Taggeldes zugesprochen hat
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3. In teilweiser Gutheissung der Beschwerde sind die beiden Verfügungen vom
24. Mai und 20. Dezember 2013 also aufzuheben. Die Beschwerdeführerin hat ab dem
1. Oktober 2013 einen Anspruch auf ein Taggeld von 103,80 Franken. Die gemäss
Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und angesichts des durchschnittlichen Aufwandes
auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten hat die unterliegende
Beschwerdegegnerin zu bezahlen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete
Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der
Beschwerdeführerin eine angesichts des unterdurchschnittlichen Aufwandes ihres
Rechtsvertreters reduzierte pauschale Parteientschädigung von 2’500 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP