Decision ID: 958933bf-2626-4ba9-b4db-e1135f20c5d2
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Raufhandel etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur, Jugendgericht, vom 24. Juli 2019 (DJ190002)
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Anklage:
Der Strafbefehl der Jugendanwaltschaft Winterthur vom 21. Februar 2019
(Urk. 17) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− des Raufhandels im Sinne von Art. 133 StGB (C._ [Supermarkt]) sowie
− der Übertretung des Bundesgesetzes über die Betäubungsmittel im Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG.
2. Vom Vorwurf des Raufhandels im Sinne von Art. 133 StGB (Stadtpark) wird
der Beschuldigte freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird zu einer persönlichen Leistung von 30 Tagen ver-
pflichtet, wobei diese durch die Untersuchungshaft von 30 Tagen als er-
standen gilt.
4. Der Vollzug der persönlichen Leistung wird aufgeschoben.
5. Die folgenden am 27. August 2018 beim Beschuldigten sichergestellten
und beim Forensischen Institut Zürich, Zeughausstrasse 1, 8004 Zürich,
lagernden Kleidungsstücke werden dem Beschuldigten nach Rechtskraft
dieses Urteils unter Vorlage desselben und eines amtlichen Ausweises,
nach telefonischer Voranmeldung, durch die Lagerbehörde auf erstes Ver-
langen hin herausgegeben:
− 1 T-Shirt, schwarz mit Logoschriftzug "GUCCI" und  im Brustbereich (Asservat-Nr. A011'795'689);
− 1 Lumber, schwarz gesteppt, "ZARA MAN" (Asservat-Nr. A011'795'714);
− 1 Jeanshose, schwarz, "RELL", mit schwarzem Leibgurt (Asservat-Nr. A011'795'736).
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Werden die vorgenannten Kleidungsstücke nicht innert 30 Tagen ab
Rechtskraft dieses Urteils vom Beschuldigten herausverlangt, so wird die
Lagerbehörde für berechtigt erklärt, diese zu vernichten.
6. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 400.00 ; die weiteren Kosten des Verfahrens betragen:
Fr. 140.00 Gebühr für das Vorverfahren;
Fr. 18'963.25 Honorar amtliche Verteidigung (inkl. Barauslagen und MWSt.)
Fr. 19'503.25 Total.
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
Wird auf eine schriftliche Begründung dieses Entscheids verzichtet, ermäs-
sigt sich die Entscheidgebühr auf zwei Drittel.
7. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden definitiv auf die Gerichts-
kasse genommen. Die Kosten des Vorverfahrens und des gerichtlichen
Verfahrens werden dem Beschuldigten zur Hälfte auferlegt und zur Hälfte
auf die Gerichtskasse genommen.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 52 S. 2)
1. Der Beschuldigte sei des Raufhandels (C._) im Sinne von
Art. 133 StGB freizusprechen.
2. Von einer Bestrafung wegen Übertretung des Betäubungsmittel-
gesetzes sei abzusehen.
3. Dem Beschuldigten sei für die rechtswidrige Haft eine Genugtuung
von CHF 1'400.– und für die ungerechtfertigte Haft eine Genugtuung
von CHF 4'600.– aus der Gerichtskasse zuzusprechen.
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4. Es sei festzustellen, dass das Fairnessgebot verletzt wurde.
5. Die Kosten des erstinstanzlichen Verfahrens seien auf die Gerichts-
kasse zu nehmen.
6. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien auf die Gerichtskasse zu
nehmen.
7. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien auf die Gerichtskasse zu
nehmen.
8. Die Entschädigung für die amtliche Verteidigung für das Berufungs-
verfahren sei gemäss den eingereichten Honorarnoten festzusetzen.
b) Der Oberjugendanwaltschaft:
(Urk. 47, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Mit Urteil des Jugendgerichtes Winterthur vom 24. Juli 2019 wurde der Be-
schuldigte des Raufhandels sowie der Übertretung des Bundesgesetzes über
die Betäubungsmittel schuldig gesprochen und zu einer persönlichen Leistung
von 30 Tagen verpflichtet. Vom Vorwurf eines weiteren Raufhandels wurde er
freigesprochen (Urk. 41 S. 26). Gegen dieses Urteil meldete die Verteidigung mit
Eingabe vom 26. Juli 2019 rechtzeitig Berufung an (Urk. 36). Nach Erhalt des
begründeten Urteils reichte die Verteidigung am 14. November 2019 die Beru-
fungserklärung ein (Urk. 44).
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2. Mit Präsidialverfügung vom 19. November 2019 wurde der Oberjugendan-
waltschaft die Berufungserklärung des Beschuldigten zugestellt und Frist für An-
schlussberufung oder einen Nichteintretensantrag angesetzt (Urk. 45). Mit Ein-
gabe vom 29. November 2019 beantragte die Oberjugendanwaltschaft die Be-
stätigung des vorinstanzlichen Urteils und verzichtete auf Anschlussberufung
(Urk. 47).
3. Am 6. Januar 2020 wurde zur Berufungsverhandlung auf den 5. Mai 2020
vorgeladen (Urk. 49). An der Berufungsverhandlung nahm der Beschuldigte in
Begleitung seiner amtlichen Verteidigerin teil (Prot. II S. 3).
II. Prozessuales
1. Die Berufungserklärung des Beschuldigten richtet sich gegen die Verurtei-
lung betreffend Raufhandels beim C._ und daraus folgend die Sanktion und
die Kostenregelung (Urk. 44). Gemäss Art. 402 StPO wird die Rechtskraft des
angefochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt. Das Berufungsge-
richt überprüft nur die angefochtenen Punkte des erstinstanzlichen Entscheids
(Art. 404 Abs. 1 StPO). Nachdem vorliegend Dispositivziffer 1 hinsichtlich der
Übertretung des BetmG, Dispositivziffer 2 (Freispruch Raufhandel beim Stadt-
park), Dispositivziffer 5 (Einziehung) und Dispositivziffer 6 (Kostenfestsetzung)
unangefochten blieben, ist daher vorab mittels Beschluss festzustellen, dass das
vorinstanzliche Urteil in diesem Umfang in Rechtskraft erwachsen ist.
2. Beweisanträge wurden von keiner Seite gestellt. Die Strafsache erweist
sich als spruchreif, wobei bereits an dieser Stelle darauf hinzuweisen ist, dass
sich das urteilende Gericht nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzen und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss
(BGE 136 I 229 E. 5.2; Urteil des Bundesgerichts Nr. 6B_1130/2014 vom 8. Juni
2015, E. 4). Die Berufungsinstanz kann sich somit auf die für ihren Entscheid
wesentlichen Punkte beschränken.
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III. Sachverhalt (Raufhandel)
1. Die Anklagebehörde wirft dem Beschuldigten unter Anklageziffer 1 unter
anderem vor, am 26. August 2018 an einem Treffen von zwei Gruppierungen
von jeweils ca. 10 männlichen Jugendlichen und jungen Männern afghanischer
und albanischer Staatsangehörigkeit teilgenommen zu haben. Dabei sei ihm
bewusst gewesen, dass vor Ort ein Konflikt ausgetragen werden würde, entwe-
der durch einen 1:1 Kampf oder durch eine Gruppenschlägerei. Der Beschuldig-
te, welcher ein Messer mitgeführt habe, sei D._ gegenüber gestanden, um-
rundet von deren jeweiligen Entouragen. Zunächst sei ein Dialog geführt wor-
den. Als sich dann weitere Beteiligte u.a. durch Schubsen ins Gespräch einge-
mischt hätten und E._ infolge eines Faustschlags von D._ ins Gesicht
zu Boden gegangen sei, nach welchem ihm bei seinen wiederholten Aufstehver-
suchen immer wieder schwarz vor Augen und schwindlig geworden sei, sei die
Situation eskaliert und alle Anwesenden seien unvermittelt mit Fäusten, Füssen
und Messern aufeinander los. Nach etwa einer halben Minute seien die Gruppie-
rungen wieder auseinander gestoben (Urk. 17 S. 3).
2.1. Der Beschuldigte gab im Rahmen der Konfrontationseinvernahme mit
D._ zu, mit einem Messer bewaffnet zum Tatort gegangen zu sein, weil er
mit D._ 1 zu 1 habe "fighten" wollen (Urk. 6/3 S. 3). Da er Angst gehabt ha-
be, dass sein Kontrahent weitere Personen mitnehmen werde und ihm etwas
zustossen könnte, habe er mehrere Kollegen als Verstärkung aufgeboten, da er
befürchtete, dass es möglicherweise Streit gebe und er dabei nicht alleine sein
wolle (Urk. 6/4 S. 10). Als er sich mit seinem Kontrahenten, welcher ebenfalls in
Begleitung von Landsleuten war, getroffen habe, sei zuerst gesprochen worden,
wobei er, der Beschuldigte, schon gewusst habe, dass D._ vorgehabt habe
zu kämpfen (Urk. 6/4 S. 16). Bei seiner ersten polizeilichen Einvernahme ant-
wortete er auf Frage des einvernehmenden Polizisten, ob es zu Handgreiflich-
keiten gekommen sei, mit "schon, einfach Schubsen und so". Anlässlich der vor-
instanzlichen Hauptverhandlung bestätigte er den Vorhalt des Vorsitzenden,
dass gemäss Anklage die Situation, nachdem E._ ("E._") durch den
Faustschlag D._s getroffen worden sei und aufzustehen versuchte, eska-
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liert sei und alle Beteiligten unvermittelt mit Fäusten, Füssen und Messern aufei-
nander losgegangen seien (Prot. I S. 17). Heute erklärte der Beschuldigte zu-
nächst, dass zuerst E._ D._ geschubst habe und D._ dann
E._. Die Probleme seien aufgetaucht, als E._ sich eingemischt habe.
Nachher habe D._ E._ geschlagen. Auf Vorhalt des Vorsitzenden, was
er mit seiner Aussage bei der Staatsanwaltschaft "Nachdem D._ E._
geschlagen hat, in diesem Moment ist alles noch durcheinander geworden" ge-
meint habe, erklärte der Beschuldigte, dass als D._ E._ mit der Faust
geschlagen habe, habe in dem Moment diese Gruppenschlägerei angefangen.
Er selbst habe sich nur mit E._ befasst und immer wieder gefragt, wie es
diesem gehe. D._ habe sich mit seiner Gruppe zurückgezogen und in dem
Moment hätten die Kollegen des Beschuldigten die anderen angegriffen. Er
selbst habe nur zu E._ geschaut und er habe keinen geschlagen (Prot. II
S. 15 f.). Kurz darauf gab er gegenteilig an, dass die andere Gruppe nach dem
Faustschlag davongelaufen sei. Auf den Widerspruch aufmerksam gemacht,
führte er aus, dass er mit Schlägerei gemeint habe, nachdem sie in den Stadt-
park gegangen seien (Prot. II S. 16 f.).
2.2. Wohl machte er auch geltend, mit seinem Kontrahenten das Gespräch ge-
sucht zu haben und gegebenenfalls mit ihm zu kämpfen, jedoch ohne Beteili-
gung seiner Kollegen (Prot. I S. 14). Im Lichte seiner übrigen Ausführungen und
insbesondere seines Verhaltens ist dies jedoch als blosse Schutzbehauptung zu
qualifizieren. Alleine der Umstand, dass er sich zu einem Treffen verabredet hat
und hingegangen ist, zeugt davon, dass er mit einem Kampf rechnen musste.
Berücksichtigt man weiter, dass er sich mit einem Messer bewaffnet und zahlrei-
che nicht minder kampfbereite Kollegen aufgeboten hatte, so musste er mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit damit rechnen, dass es zu einer ge-
walttätigen Auseinandersetzung kommen wird, zumal ihm solches auch nicht
fremd war. Schon am Vorabend war er an einer gewalttätigen Auseinanderset-
zung beteiligt (Urk. 6/4 S. 5). Schliesslich ist auch der Umstand, dass der Be-
schuldigte gleich zu Beginn des Aufeinandertreffens seine Hosentaschen geleert
und alles beiseitegelegt hatte nicht anders zu interpretieren als Vorbereitungs-
handlung für einen Kampf. Dass die jeweilige Gefolgschaft diesem Kampf nicht
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wortlos zuschauen würden, war dem Beschuldigten klar. Nicht nur hatte er diese
aufgeboten, weil er auf deren tatkräftige Unterstützung zählen dürfte, sondern es
entspricht auch der allgemeinen Erfahrung, dass sich bei dieser Ausgangslage
rasch eine Massenschlägerei unter Beteiligung aller Anwesenden entwickelt.
2.3. Mit der Vorinstanz ist somit als erstellt zu erachten, dass es beim C._
zu einer wechselseitigen tätlichen Auseinandersetzung gekommen war, deren
ursprünglicher Initiant der Beschuldigte war (Urk. 41 S. 14). Der Sachverhalt ist
in diesem Punkt rechtsgenügend erstellt. Nicht erstellt werden kann jedoch, dass
der Beschuldigte anlässlich der Auseinandersetzung selbst tätlich geworden ist.
Es kann ihm nicht widerlegt werden, dass er sich nach dem Faustschlag um sei-
nen Kollegen E._ kümmerte. Davon ist bei der rechtlichen Würdigung aus-
zugehen.
3. Dass E._ infolge eines Faustschlags von D._ ins Gesicht zu Bo-
den ging, und ihm bei seinen wiederholten Aufstehversuchen immer wieder
schwarz vor Augen und schwindlig wurde, wird von den Beteiligten überein-
stimmend geschildert, so auch vom Beschuldigten. Anlässlich seiner staatsan-
waltschaftlichen Einvernahme vom 6. September 2018 führte er aus, dass
E._ nach dem Faustschlag auf dem Boden sass und er ihm zugerufen ha-
be, er solle doch aufstehen. Dieser habe jedoch keine Antwort gegeben
(Urk. 16/4 S. 16). Auch vor Vorinstanz gab er an, dass E._ nicht auf ihn re-
agiert habe, und er dies auf starke Schmerzen zurückführte (Prot. I S. 17). Auf
den von der Verteidigung aufgeworfenen Punkt, wonach bei der Schlägerei nie-
mand eine Körperverletzung erlitten habe, ist unter den Ausführungen zur recht-
lichen Würdigung einzugehen (Urk. 32 S. 10; Urk. 52 S. 5 f.).
IV. Rechtliche Würdigung (Raufhandel)
1. Die Vorinstanz hat den Tatbestand des Raufhandels ausführlich und kor-
rekt wiedergegeben, weshalb vorab darauf verwiesen werden kann (Urk. 41
S. 15 ff.). Hervorzuheben ist, dass der Begriff der Beteiligung an einem Rauf-
handel weit zu fassen ist. Strafbar ist bereits, wer sich beteiligt, er muss nicht
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schlagen (Urteil des Bundesgerichtes 6B_745/2017 E. 2.3 vom 12. März 2019).
Sofern drei sich tätlich bekämpfende Personen beteiligt sind, genügt schon ein
unterstützendes Verhalten für eine Streitpartei, sogar eine psychische Mitwir-
kung (BSK StGB I-Maeder, N 13 zu Art. 133).
Indem der Beschuldigte das Aufeinandertreffend der zwei Gruppen mitinitiierte
und als Anführer der einen Gruppe auftrat, ein Messer dabei hatte und damit
rechnete, dass es zu physischer Gewalt kommen könnte, erfüllte er ohne Weite-
res die Voraussetzungen, um der Beteiligung an einem Raufhandel schuldig ge-
sprochen zu werden.
2.1. Der Einwand der Verteidigung, wonach die Schlägerei nicht zu einer Kör-
perverletzung eines Beteiligten geführt habe, sondern einzig Tätlichkeiten verab-
reicht worden seien, zielt fehl. Sie führt aus, dass der von E._ erlittene
Faustschlag bei diesem lediglich ein deutliches Missbehagen verursacht habe.
Dies sei jedoch weder ein krankhafter Zustand noch eine Schädigung, derent-
wegen er sich hätte behandeln lassen müssen oder welcher eine längere Hei-
lungszeit nach sich gezogen hätte (Urk. 32 S. 9 f., vgl. auch Urk. 52 S. 5 f.).
2.2. Gemäss erstelltem Anklagesachverhalt sei E._ infolge eines Faust-
schlags ins Gesicht zu Boden gegangen, nach welchem ihm bei seinen wieder-
holten Aufstehversuchen immer wieder schwarz vor Augen und schwindlig wur-
de.
2.3. Zuweilen führt die Abgrenzung zwischen einfacher Körperverletzung und
Tätlichkeit zu Problemen. Nicht aber im vorliegenden Fall: Dem gesetzlichen
Ausdruck entsprechend ist bei der Körperverletzung eine nicht mehr bloss harm-
lose Beeinträchtigung der körperlichen Integrität oder des gesundheitlichen
Wohlbefindens erforderlich (BSK StGB I, Art. 123 N 3). Als Tätlichkeit gilt jeder
geringfügige und folgenlose Angriff auf den Körper und die Gesundheit eines
anderen Menschen (BSK StGB I, Art. 126 N 2).
Entgegen der Auffassung der amtlichen Verteidigung setzt die Qualifikation als
einfache Körperverletzung nicht voraus, dass die schädigende Einwirkung der
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Behandlung bedarf und eine gewisse Heilungszeit nach sich ziehen muss. So-
bald die Schädigung einem krankhaften Zustand gleichkommt, muss eine Kör-
perverletzung angenommen werden. Dies gilt insbesondere, wenn erhebliche
Schmerzen beigefügt werden, das Opfer einen Schockzustand erleidet oder in
einen Betäubungszustand versetzt wird (BSK StGB I, Art. 123 N 5). Diese Vo-
raussetzungen sind vorliegend zweifellos gegeben: Dem Opfer wurde ein starker
Schlag verpasst, was sich darin manifestiert, dass dieses bewusstlos zu Boden
ging und es mehrerer Versuche unter Schwindel bedurfte, um wieder aufzu-
stehen. So hat es auf das mehrfache Ansprechen des Beschuldigen nicht rea-
giert. Diese Folgen sind von einer derartigen Intensität, dass sie zweifellos als
Körperverletzung und nicht mehr als Tätlichkeit zu qualifizieren sind, mögen die-
se auch noch so kurz angedauert haben und folgenlos geblieben sein. Lediglich
der Abrundung halber sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass derartige
schwere und unkontrollierte Schläge gegen den Kopf gemäss reichhaltiger Leh-
re und Rechtsprechung regelmässig als schwere Körperverletzung qualifiziert
werden (BSK StGB I, Art. 122 N 44). Die objektive Strafbarkeitsbedingung des
Vorliegens einer Körperverletzung ist somit erfüllt.
3. Auch in subjektiver Hinsicht hat der Beschuldigte den Tatbestand des
Raufhandels erfüllt. Er hat klar zum Ausdruck gebracht, dass er damit gerechnet
hatte, dass es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung kommen wird, da er
sich selber bewaffnet und mehrere, teilweise ebenfalls bewaffnete Kollegen auf-
geboten hatte. Schuldausschluss- und Rechtfertigungsgründe liegen nicht vor.
VI. Sanktion
1. Die Vorinstanz hat sich zur Frage der Anordnung einer Strafe, der Frage
der Strafart und des Strafrahmens und der konkreten Strafzumessung ausführ-
lich und zutreffend geäussert. Darauf kann, um auf unnötige Wiederholungen zu
verzichten, zunächst verwiesen werden.
2. Der mittellose Beschuldigte hat schuldhaft gehandelt und die Tat wiegt be-
reits schwer. Demnach scheiden ein Verweis und eine Busse als Sanktion aus.
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Auf Grund des Verschlechterungsverbots darf nicht mehr auf Freiheitsentzug er-
kannt werden, weshalb es bei der persönlichen Leistung als Sanktionsart sein
Bewenden haben muss.
3. Ergänzend zur Strafzumessung der Vorinstanz (Urk. 41 S. 21 ff.) gilt es fol-
gendes auszuführen:
3.1. Die Qualifikation des Tatverschuldens als nicht mehr leicht erweist sich als
eher wohlwollend. Die Tat war geplant und der Beschuldigte hat, in der Art des
Anführers einer "Gang", seine "Leute" mobilisiert, um seinen mutmasslich eben-
falls mit Entourage dekorierten Gegner für eine in der Austragungsart offene
Auseinandersetzung zu treffen. Dass dazu noch Waffen mitgeführt wurden, ist
eine erschreckende Manifestation von Gewaltbereitschaft. Auch das Verlet-
zungs- und Eskalationspotential war damit erheblich.
3.2. Nicht minder wohlwollend hat die Vorinstanz die subjektive Seite qualifi-
ziert. Es wird nicht ganz klar, was sie mit der Formulierung "Jedoch beging er die
Tat, um D._ für eine vorausgegangene Provokation abzustrafen und sich zu
rächen, weshalb nach dem Gesagten das objektive Tatverschulden durch das
subjektive Tatverschulden nicht relativiert wird." aussagen will. Die Vorkommnis-
se am Tag zuvor, wo der Beschuldigte geschlagen und gezwungen wurde, sich
auf Knien zu entschuldigen, dürfen - so schlimm sie für den Beschuldigten auch
gewesen sein mögen - mit der heute zu beurteilenden Tat nicht in dem Sinne als
"Provokation" in Zusammenhang gebracht werden, als sie die reaktive Tat als in
irgendeiner Weise dadurch gerechtfertigt oder auch nur nachvollziehbar er-
scheinen lassen soll. Ganz im Gegenteil: Die Reaktion auf die "Provokation" war
nichts weiter als ein Racheakt. Das Motiv der Rache gilt auch im Strafrecht als
besonders verwerflich, was sich zu Ungunsten des Beschuldigten auswirkt.
3.3. Schliesslich gilt es zu berücksichtigen, dass Kriminalitätsformen wie die
vorliegende, nämlich organisierte Formen der Gewalteskalation mittels Waffen-
einsatz unter verfeindeten Jugendgruppen, kriminologisch auch als "gang-
crimes" bezeichnet, eine gesellschaftlich besonders unerwünschte und schädli-
che Form der Kriminalität darstellen. Sie führt in breiten Kreisen der Bevölkerung
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zu Angst und Verunsicherung und zieht als Folge meist auch andere Formen der
Kriminalität nach sich.
3.4. Im Lichte dieser Umstände erweist sich die ausgesprochene Strafe von 30
Tagen persönlicher Leistung als mild.
4. Die Täterkomponente wirkt sich ebenfalls nicht zu Gunsten des Beschul-
digten aus. Mag sein, dass seine Familie wegen Krieg und Elend aus Afghanis-
tan in den Iran fliehen musste. Gründe für ihn, in die Schweiz zu ziehen, gibt es
jedenfalls keine und es ist nicht ersichtlich, weshalb er nicht bei seiner Familie
im Iran hätte bleiben können. Die Schule hat er abgeschlossen, er beherrscht
aber die Deutsche Sprache noch immer nur mangelhaft. Anzeichen von Einsicht
sind nicht erkennbar. Ganz im Gegenteil scheint er sich zu seinem Tun legiti-
miert gefühlt zu haben, da er die Tat begangen hat, weil er vor anderen schlecht
behandelt und erniedrigt worden sei. Solch archaische Formen der Konfliktbe-
wältigung derer sich der Beschuldigte bedient hat, sind auch Ausdruck von
Gleichgültigkeit gegenüber der herrschenden Normen. Insgesamt wirkt sich die
Täterkomponente auf die Sanktion ungünstig aus. Auf Grund des Verschlechte-
rungsverbots muss es aber bei der ausgefällten Strafe von 30 Tagen persönli-
cher Leistung sein Bewenden haben.
5.1 Gemäss Art. 51 StGB i.V.m. Art. 1 Abs. 2 lit. b JStG rechnet das Gericht
die Untersuchungshaft, die ein Täter während dieses oder eines anderen Ver-
fahrens ausgestanden hat, auf die Strafe an. Die Verteidigung macht indessen
geltend, dass die ersten sieben Tage der Untersuchungshaft als rechtswidrig zu
gelten haben, und beantragt dafür eine Haftentschädigung. Die Voraussetzun-
gen für die Anordnung von Untersuchungshaft wurden vom zuständigen Ju-
gendanwalt mit Verfügung vom 31. August 2020 geprüft und bejaht (Urk. 12/6).
Der dringende Tatverdacht war in diesem Verfahrensstadium ohne Weiteres
aufgrund des Polizeirapportes sowie der Aussagen des Beschuldigten selbst zu
bejahen. In einer solchen Situation mit zahlreichen Beteiligten ist auch zu Beginn
einer Untersuchung von Kollusionsgefahr auszugehen und musste eine solche
aus damaliger Sicht klarerweise angenommen werden, selbst wenn der Be-
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schuldigte mit einem Mitbeschuldigten bereits Kontakt gehabt hatte (Urk. 32
S. 13; Urk. 52 S. 17).
5.2 Es ist auch verfahrensimmanent, dass in einem derart frühen Stadium der
Untersuchung, wenn die Art der Mitwirkung der mutmasslichen Täter noch un-
klar ist, nicht sämtliche Aussagen gegenseitig offengelegt werden können, da es
darum geht, den dringenden Tatverdacht zu erhärten oder zu entkräften und die
Tathandlungen der diversen Beschuldigten zu ermitteln. Die Anordnung der Un-
tersuchungshaft durch den Jugendanwalt ist somit nicht zu beanstanden, wes-
halb die gesamte Dauer der Untersuchungshaft an die Strafe anzurechnen ist.
Aus demselben Grund ist auch keine Verletzung des Fairnessgebotes festzu-
stellen.
6. Die Verteidigung beantragt erneut, es sei von einer Bestrafung wegen
Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes abzusehen. Sie weist zutreffender-
weise darauf hin, dass bereits die Vorinstanz vom Ausfällen einer Strafe im Sin-
ne von Art. 21 Abs. 1 JStGB abgesehen hat, es jedoch versäumte, dies im Ur-
teilsdispositiv festzuhalten (Urk. 52 S. 12). Dieses offensichtliche Versehen ist im
Berufungsverfahren von Amtes wegen zu korrigieren (vgl. Urteil des Bundesge-
richtes 6B_155/2019 vom 29. März 2019 E. 1.3), somit ausdrücklich festzuhal-
ten, dass von der Ausfällung einer Busse wegen Übertretung des Betäubungs-
mittelgesetzes Umgang genommen wird.
VII. Vollzug
Diesbezüglich kann vollumfänglich auf die Ausführungen der Vorinstanz verwie-
sen werden (Urk. 41 S. 24). Die Sanktion ist aufzuschieben wobei es festzuhal-
ten gilt, dass diese durch die erstandene Haft bereits vollzogen ist.
VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Nachdem es im Berufungsverfahren bei den vorinstanzlichen Schuldsprü-
chen bleibt, ist die erstinstanzliche Kostenauflage gemäss Dispositivziffer 7 des
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angefochtenen Entscheids ausgangsgemäss zu bestätigen (Art. 44 Abs. 2
JStPO i.V.m. Art. 426 Abs. 1 StPO).
2.1. Die Entscheidgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 1'000.– zu ver-
anschlagen (Art. 44 Abs. 2 JStPO i.V.m. Art. 424 Abs. 1 StPO in Verbindung mit
§ 16 Abs. 1 GebV OG und § 14 Abs. 1 lit. b GebV OG).
2.2. Im Berufungsverfahren werden die Kosten nach Obsiegen und Unterliegen
auferlegt (Art. 428 Abs. 1 Satz 1 StPO). In Anbetracht dessen, dass der Be-
schuldigte mit seiner Berufung vollumfänglich unterliegt, sind ihm die Kosten des
Berufungsverfahrens aufzuerlegen. Eine (teilweise) Kostenauflage auf die Eltern
kommt bei den vorliegenden Verhältnissen nicht in Frage (Art. 42 Abs. 3 JStPO).
3. Das durch die amtliche Verteidigerin geltend gemachte Honorar steht im
Einklang mit den Ansätzen der Anwaltsgebührenverordnung und erweist sich
grundsätzlich als angemessen. Mithin ist sie mit einem Honorar von Fr. 4'100.–
(inkl. MwSt.) aus der Gerichtskasse zu entschädigen. Diese Kosten sind auf die
Gerichtskasse zu nehmen. Da die anlässlich der Berufungsverhandlung einge-
reichte Honorarnote keine aktualisierte, sondern eine zusätzliche war, wurde die
amtliche Verteidigerin mit Beschluss vom 25. Mai 2020 mit weiteren Fr. 1'728.90
entschädigt (Urk. 55).