Decision ID: 2d09de00-7990-492f-a062-c3167f55fda6
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X besitzt den Führerausweis für die Kategorien A2, B, C, D2, E und F seit
30. August 1994. Am 4. Dezember 2013 wurde an ihrem Wohnort bei einer
Hausdurchsuchung ein Sack mit getrockneten Hanfpflanzen (ca. 360 Gramm), eine
Plastikbox mit Marihuana (ca. 18 Gramm) und ein Minigrip mit Marihuana (ca. 10
Gramm) sichergestellt. Weiter fand die Polizei im Personenwagen von X drei Minigrips
mit insgesamt etwa dreissig Pilzen, denen halluzinogene Wirkung zugesprochen wurde.
Sie gab gegenüber der Polizei an, in der Woche abends etwa zwei bis drei Joints zu
konsumieren. Das Marihuana habe sie aus dem eigenen Vorrat; sie pflanze im Frühling
jeweils drei Hanfpflanzen im Garten an. Letztmals habe sie am Abend vor der
Hausdurchsuchung einen Joint geraucht. Die Pilze habe sie bei einer Wanderung
gepflückt. Sie gehe davon aus, dass sie eine berauschende Wirkung hätten; sie habe
jedoch noch keinen probiert.
B.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrsamt des Kantons St. Gallen eröffnete nach
Eingang des Polizeirapports der Kantonspolizei St. Gallen vom 20. Dezember 2013 am
7. Januar 2014 gegenüber X ein Verfahren zur Abklärung der Fahreignung und kündigte
die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung an. Letztere wurde am
19. März 2014 an der verkehrsmedizinischen Abteilung des Instituts für Rechtsmedizin
des Kantonsspitals St. Gallen durchgeführt. Im Gutachten vom 21. Mai 2014 wird
festgestellt, es sei von einem gewohnheitsmässigen, missbräuchlichen
Cannabiskonsum auszugehen. Genügend Hinweise für eine Abhängigkeit nach ICD-10
seien nicht vorhanden. Die Gutachter bejahten die Fahreignung für die 3. medizinische
Gruppe unter der Auflage des Nachweises der Cannabisabstinenz mit einer
monatlichen Urin-Kontrolle während zwölf Monaten.
C.- Mit Verfügung vom 13. Juni 2014 (eröffnet am 17. Juni 2014) versah das
Strassenverkehrsamt den Führerausweis mit der Auflage (Ziffer 1), dass X unter
fachlicher Betreuung (Arzt) eine vollständige, kontrollierte Cannabisabstinenz mittels
monatlicher Urinproben einzuhalten habe (lit. a) mit halbjährlichen Berichterstattungen
(lit. b). Weiter wurde festgehalten, dass die Auflage auf unbestimmte Zeit Gültigkeit
habe und eine Aufhebung der Abstinenzkontrolle frühestens in sechs Monaten geprüft
werde (lit. c), und bei Missachtung der Auflage mit einem Entzug des Führerausweises
– allenfalls auf unbestimmte Zeit – zu rechnen sei (lit. d). Einem allfälligen Rekurs wurde
die aufschiebende Wirkung entzogen (Ziffer 2).
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D.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 1. Juli
2014 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und dem Rekurs die
aufschiebende Wirkung zu erteilen. Die Vorinstanz verzichtete am 21. August 2014 auf
eine Vernehmlassung. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung wies der
Abteilungspräsident am 20. Oktober 2014 ab.

Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 1. Juli 2014 ist rechtzeitig eingereicht
worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege;
sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Januar 2014 ordnete die Vorinstanz eine
verkehrsmedizinische Untersuchung an. Diese Verfügung wurde nicht angefochten,
weshalb im vorliegenden Verfahren nicht mehr darauf zurückzukommen ist.
2.- Im Rekursverfahren ist umstritten, ob die Vorinstanz den Führerausweis der
Rekurrentin zu Recht mit der Auflage einer kontrollierten Cannabisabstinenz versehen
hat.
a) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung.
Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um ein
Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss
grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Nach Art. 14 Abs. 2 lit. c des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) verfügt über die Fahreignung,
wer frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von Motorfahrzeugen
beeinträchtigt. Wird nachträglich festgestellt, dass die gesetzlichen Anforderungen zur
Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen, ist der Führerausweis zu entziehen (Art. 16
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Abs. 1 SVG). Gemäss Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG wird der Führerausweis einer Person
auf unbestimmte Zeit entzogen, sie an einer Sucht leidet, welche die Fahreignung
ausschliesst.
Nach den allgemeinen verwaltungsrechtlichen Grundsätzen ist es im Rahmen der
Verhältnismässigkeit zulässig, aus besonderen Gründen den Führerausweis mit
Auflagen zu versehen, wenn diese der Sicherstellung der Fahreignung und damit der
Verkehrssicherheit dienen sowie mit dem Wesen der Fahrerlaubnis im Einklang stehen
(vgl. Botschaft, in: BBl 1999 S. 4482). Die Anordnung von Auflagen kommt dann in
Frage, wenn der Lenker die gesetzlichen Anforderungen an die Fahreignung bei
Einhaltung bestimmter Massnahmen erfüllt; ein Entzugsgrund nach Art. 16 SVG muss
dabei nicht gegeben sein. Erforderlich ist zudem, dass sich die Fahreignung nur mit
dieser Massnahme aufrechterhalten lässt und die Auflagen erfüll- und kontrollierbar
sind (BGE 131 II 248 E. 6).
Es entspricht gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis, dass der Cannabisrausch die
Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt. Der gelegentliche Cannabiskonsument, der nicht mit
Alkohol oder anderen Drogen mischt, ist jedoch gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung in der Regel in der Lage, konsumbedingte Leistungseinbussen als
solche zu erkennen und danach zu handeln. Demgegenüber ist bei andauerndem und
gleichzeitig hohem Konsum von einer mindestens geringen Bereitschaft und Fähigkeit
auszugehen, zuverlässig zwischen Drogenkonsum und Teilnahme am Strassenverkehr
zu trennen (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_445/2012 vom 26. April 2013 E. 4.2.1).
Verkehrsrelevante Ausfallerscheinungen (im Bereich der Wahrnehmung und der
Psychomotorik, der kognitiven und affektiven Funktionen) sind bei hohen
Cannabisdosierungen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten; Gleiches gilt beim
kombinierten Konsum von Alkohol und Cannabis infolge einer gegenseitigen
Potenzierung beider Stoffe (eingehend BGE 124 II 559 E. 4a und b).
b) Das verkehrsmedizinische Kurzgutachten vom 21. Mai 2014 stützt sich einerseits ab
auf die Vorgeschichte, den Untersuchungsgrund und den Bericht der Hausärztin sowie
die Angaben der Rekurrentin, insbesondere zu ihrem Alkohol- und Drogenkonsum,
andererseits auf die Befunde der körperlichen Untersuchung und die Ergebnisse der
Blut- und Urinanalysen. Die Vorgeschichte und der Untersuchungsgrund werden –
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soweit anhand der Akten überprüfbar – zutreffend wiedergegeben. Die körperliche
Untersuchung ergab verkehrsmedizinisch keine relevanten Besonderheiten. Die
Blutuntersuchung vom 19. März 2014 auf die für Alkohol relevanten Parameter GOT,
GPT, GGT, MCV und CDT ergab erhöhte Werte für MCV. Die Urinproben vom 19. März,
31. März und 9. Mai 2014 verliefen jeweils negativ auf Cannabinoide (vgl. act. 9/10 ff.).
Die Gutachter kommen zum Schluss, es sei von einem gewohnheitsmässigen,
missbräuchlichen Cannabiskonsum auszugehen. Genügend Hinweise für eine
Abhängigkeit nach ICD-10 seien nicht gefunden worden. Zur Begründung wurde
ausgeführt, die Rekurrentin habe über einen jahrelangen, regelmässigen Konsum einer
geringen Menge Cannabis vor dem Einschlafen berichtet (act. 9/11).
Zum Cannabiskonsum gab die Rekurrentin in der Befragung vor der Kantonspolizei
St. Gallen am 4. Dezember 2013 an, sie rauche zwei- bis dreimal in der Woche einen
Joint mit Outdoor-Marihuana. Dieses habe sie selber im Garten angepflanzt. Wenn man
Marihuana mit Verstand und schwach dosiert konsumiere, finde sie das nicht so
schlimm wie Alkohol. Sie habe am Abend vor der Befragung das letzte Mal einen Joint
geraucht (act. 9/32 f.). In der Stellungnahme zur geplanten verkehrsmedizinischen
Untersuchung vom 9. Januar 2014 führte sie aus, sie konsumiere lediglich am Abend
vor dem Schlafengehen ein wenig Hanf, um besser einschlafen zu können. Sie würde
niemals – weder unter Alkohol- noch THC-Einfluss (THC bedeutet
Tetrahydrocannabinol und ist der Wirkstoff von Cannabis) – ein Auto lenken. Das finde
sie äussert unverantwortlich. Sie sei noch nie auf diese Weise mit dem Gesetz in
Konflikt geraten (act. 9/21). Anlässlich der Begutachtung vom 19. März 2014 bestätigte
sie dies im Wesentlichen. Das erste Mal habe sie als Jugendliche jeweils am
Wochenende Cannabis konsumiert. Seit Jahren rauche sie nun zwei- bis dreimal
wöchentlich eine moderate Menge, um besser einschlafen zu können. Eine starke
Wirkung habe sie nie verspürt; den Konsum habe sie nicht gesteigert. Der letzte
Konsum sei vor der Hausdurchsuchung im Dezember 2013 gewesen; seither rauche
sie kein Marihuana mehr (act. 9/13).
c) Gestützt auf die Angaben der Rekurrentin ist davon auszugehen, dass sie bis
Dezember 2013 abends regelmässig Marihuana konsumierte, um besser einschlafen zu
können. Die Urinproben vom 19. März, 31. März und 9. Mai 2014 bestätigten die von
ihr geltend gemachte Abstinenz seit Dezember 2013. Es gibt zudem keine
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Anhaltspunkte dafür, dass ihre Angaben zu Dauer, Häufigkeit und Menge falsch wären.
Damit liegen keine Hinweise für einen massiven Cannabiskonsum vor. Vielmehr ist bis
Dezember 2013 von einem zwar regelmässigen, aber kontrollierten und mässigen
Haschischkonsum auszugehen. Da sich die über den Urin ausgeschiedene THC-
Carbonsäure als Abbauprodukt von Cannabis noch nach einem Zeitraum von bis zu
vier Wochen nach dem Konsum nachweisen lässt, sprach das unauffällige Ergebnis der
Urin-Untersuchung bereits im Untersuchungszeitpunkt gegen einen chronischen
Konsum. Es liegt weder ein ständiger noch ein aktueller Substanzmissbrauch vor. Im
Weiteren ist zu berücksichtigen, dass die Rekurrentin im Strassenverkehr nie auffällig
wurde. In der Zeit seit dem Erwerb des Führerausweises im Jahr 1994 bis zum jetzigen
Zeitpunkt scheint es ihr damit gelungen zu sein, zwischen Cannabiskonsum und
Teilnahme am Strassenverkehr zu trennen.
d) Da ein schlüssiger Nachweis für einen verkehrsrelevanten Cannabismissbrauch der
Rekurrentin fehlt, können auch keine entsprechenden Abstinenzauflagen verfügt
werden. Der Rekurs ist folglich gutzuheissen und die angefochtene Verfügung der
Vorinstanz vom 13. Juni 2014 ersatzlos aufzuheben.
3.- a) Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'400.–, worunter die Kosten der
Verfügung zur aufschiebenden Wirkung vom 10. Juni 2014 von Fr. 200.–, erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 111 und 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).
Der Rekurrentin ist der Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– zurückzuerstatten.
b) Zufolge Obsiegens hat die Rekurrentin Anspruch auf volle Entschädigung der
ausseramtlichen Kosten (Art. 98 VRP und Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund der
Rechts- und Sachlage als notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP).
Im Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistandes geboten. Der
Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht, weshalb die Entschädigung für die
Anwaltskosten ermessensweise festzulegen ist. Im Verfahren vor der
Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale ausgerichtet; der
Rahmen liegt zwischen Fr. 1'000.– und Fr. 12'000.– (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75; abgekürzt:
HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen
bis ter
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Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des
Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten, bemessen (Art. 19 HonO).
Umstritten war lediglich die Frage, ob die Anordnung von Auflagen zulässig war.
Angesichts des bescheidenen Aktenumfangs sowie des eingeschränkten
Prozessthemas erscheint ein Honorar von Fr. 1'400.– (Barauslagen und
Mehrwertsteuer inbegriffen, Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 HonO) als angemessen;
entschädigungspflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt).