Decision ID: 42e66bd9-c2df-55ad-9faf-14aea8804a7a
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Das SEM lehnte das Asylgesuch des Gesuchstellers vom 13. März 2017
mit Entscheid vom 26. Mai 2017 ab und ordnete die Wegweisung und den
Wegweisungsvollzug an. Die dagegen angehobene Beschwerde wies das
Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-3600/2017 vom 28. März 2019 ab.
B.
Der Gesuchsteller ersuchte mit Eingabe vom 20. September 2019 um Re-
vision des vorgenannten Urteils. Das Bundesverwaltungsgericht wies die-
ses Revisionsgesuch mit Urteil D-4881/2019 vom 4. November 2019 ab.
C.
C.a Mit Eingabe vom 2. Dezember 2019 gelangte der Gesuchsteller erneut
an das SEM, nachdem ihm zuvor eine neue Ausreisefrist per (...) angesetzt
worden war. Er machte unter Beilage von mehreren Arztberichten gesund-
heitliche Beschwerden geltend und ersuchte darum, von der Ausreisefrist
abzusehen.
C.b Das SEM nahm diese Eingabe als Wiedererwägungsgesuch entgegen
und wies dieses mit Verfügung vom 7. Januar 2020 ab.
D.
D.a Mit Eingabe vom 15. Januar 2020 gelangte der Gesuchsteller ein wei-
teres Mal an das SEM und ersuchte darum, es sei von der mit Schreiben
vom 13. November 2019 bis am (...) angesetzten Ausreisefrist abzusehen.
Er machte geltend, sein türkischer Anwalt habe ihm neue Beweismittel zu-
kommen lassen, welche belegen würden, dass er in der Türkei asylrelevant
verfolgt werde.
Der Eingabe lagen – je mit deutscher Übersetzung – folgende Dokumente
bei:
- Schreiben des türkischen Anwalts des Gesuchstellers vom (...) (nach-
folgend: Anwaltsschreiben; Beilage 1);
- Beschluss des 2. Strafgerichts B._ vom (...) (nachfolgend: Ge-
richtsbeschluss; Beilage 2);
- als «Mitteilungsprotokoll» bezeichnetes Schreiben des türkischen An-
walts vom (...) (nachfolgend: Mitteilungsprotokoll; Beilage 3);
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- Antrag des türkischen Anwalts an die Staatsanwaltschaft in B._
betreffend Einsicht in die Ermittlungsakte des Gesuchstellers vom (...)
(Beilage 4);
- als «Tatbestand der Ermittlung: ein Anruf gegen (...) Uhr» betitelter Be-
richt des türkischen Anwalts vom (...) zum Stand der staatsanwalt-
schaftlichen Ermittlungen (nachfolgend: Bericht; Beilage 5);
- Unterlagen zur Sendungsverfolgung einer Zustellung von der Türkei in
die Schweiz.
D.b Mit Schreiben vom 20. Januar 2020 teilte das SEM dem Gesuchsteller
mit, es gehe aus der Eingabe vom 15. Januar 2020 nicht eindeutig hervor,
ob er gegen die Verfügung vom 7. Januar 2020 Beschwerde erheben wolle.
Sein Schreiben werde ihm deshalb mit dem Hinweis, dass eine Be-
schwerde fristgerecht beim Bundesverwaltungsgericht einzureichen wäre,
zurückgesandt. Das SEM stellte dem Bundesverwaltungsgericht eine Ko-
pie seines Schreibens vom 20. Januar 2020 wie auch der Eingabe des
Gesuchstellers vom 15. Januar 2020 zu (eingehend am 24. Januar 2020).
E.
Die Instruktionsrichterin nahm die Eingabe des Gesuchstellers vom 15. Ja-
nuar 2020 als Revisionsgesuch entgegen und setzte den Vollzug der Weg-
weisung mit superprovisorischer Massnahme vom 24. Januar 2020 einst-
weilen aus.
F.
Mit Eingabe vom 29. Januar 2020 gelangte der Gesuchsteller ans Bundes-
verwaltungsgericht. Er bestätigte, unter Bezugnahme auf den verfügten
Vollzugsstopp vom 24. Januar 2020, seine Eingabe vom 15. Januar 2020
sei als Revisionsgesuch zu behandeln, da er neue Beweismittel ins Recht
gelegt habe.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet gemäss Art. 105 AsylG
(SR 142.31) auf dem Gebiet des Asyls in der Regel endgültig über Be-
schwerden gegen Verfügungen des SEM (vgl. zur Ausnahme Art. 83 Bst. d
Ziff. 1 BGG). Es ist ausserdem – so auch hier – zuständig für die Revision
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von Urteilen, die es in seiner Funktion als Beschwerdeinstanz gefällt hat
(vgl. BVGE 2007/21 E. 2.1).
1.2 Gemäss Art. 45 VGG gelten für die Revision von Urteilen des Bundes-
verwaltungsgerichts die Art. 121–128 BGG sinngemäss. Nach Art. 47 VGG
findet auf Inhalt, Form und Ergänzung des Revisionsgesuches Art. 67
Abs. 3 VwVG Anwendung.
1.3 Das Revisionsgesuch ist ein ausserordentliches Rechtsmittel, das sich
gegen einen rechtskräftigen Beschwerdeentscheid richtet. Wird das Ge-
such gutgeheissen, beseitigt dies die Rechtskraft des angefochtenen Ur-
teils, und die bereits entschiedene Streitsache ist neu zu beurteilen (vgl.
BVGE 2012/7 E. 2.4.2 und MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor
dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 5.36).
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht auf Gesuch hin seine Urteile aus
den in Art. 121–123 BGG aufgeführten Gründen in Revision (Art. 45 VGG).
Nicht als Revisionsgrund gelten Gründe, welche die Partei, die um Revi-
sion nachsucht, bereits im ordentlichen Beschwerdeverfahren hätte gel-
tend machen können (sinngemäss Art. 46 VGG). So darf das Revisions-
verfahren nicht dazu dienen, im früheren, ordentlichen Verfahren began-
gene vermeidbare Unterlassungen der gesuchstellenden Partei nachzuho-
len, weil diese sonst die Möglichkeit hätte, sich durch unvollständige Vor-
bringen ein- oder mehrmalige Neubeurteilungen ihres Falles zu sichern.
2.
2.1 Im Revisionsgesuch ist insbesondere der angerufene Revisionsgrund
anzugeben und die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens im Sinne von
Art. 124 BGG darzutun.
Gemäss BVGE 2013/22 können nachträglich, d.h. erst nach Abschluss des
ordentlichen Verfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht entstandene
Beweismittel, welche vorbestehende Tatsachen belegen sollen, nicht im
Rahmen eines Revisionsgesuches vom Bundesverwaltungsgericht entge-
gengenommen und geprüft werden.
2.2 Der Gesuchsteller macht den Revisionsgrund von Art. 123 Abs. 2 Bst. a
BGG (nachträgliches Auffinden entscheidender Beweismittel) geltend.
Der diesbezüglich eingereichte Antrag seines türkischen Anwalts auf Ein-
sicht in die Ermittlungsakte an die Staatsanwaltschaft in B._ (vgl.
Sachverhalt Bst. D.a; Beilage 4) datiert vom (...) ist somit erst nachträglich,
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das heisst nach dem durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-3600/2017 vom 28. März 2019 erfolgten Abschluss des ordentlichen Ver-
fahrens entstanden. Demnach ist auf das Revisionsgesuch, soweit es sich
auf den Antrag des türkischen Anwalts an die Staatsanwaltschaft in
B._ auf Einsicht in die Ermittlungsakte vom (...) bezieht, nicht ein-
zutreten.
Was das Mitteilungsprotokoll vom (...) und den Bericht vom (...) anbelangt
– beide verfasst von C._, dem türkischen Rechtsvertreter des Ge-
suchstellers (vgl. Sachverhalt Bst. D.a; Beilagen 3 und 5), so sind diese
Dokumente zwar ebenfalls nachträglich entstanden. Der Gesuchsteller
verweist jedoch im Sinne einer Begründung seines Revisionsgesuchs auf
diese Dokumente, weshalb sie im vorliegenden Revisionsverfahren zu be-
rücksichtigen sind.
Bezüglich dieser Vorbringen und der weiteren Beweismittel ist auf das im
Übrigen form- und fristgerecht eingereichte Revisionsgesuch vom 15. Ja-
nuar 2020 (vgl. Art. 124 BGG, Art. 47 VGG i.V.m. Art. 67 Abs. 3 VwVG)
einzutreten.
3.
Im Folgenden ist der Frage nachzugehen, ob die vom Gesuchsteller ein-
gereichten Unterlagen zum Strafverfahren in der Türkei den revisionsrecht-
lichen materiellen Anforderungen genügen.
Nachträglich erfahrene Tatsachen und aufgefundene Beweismittel im
Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG bilden nur dann einen Revisions-
grund, wenn sie einerseits rechtserheblich, das heisst geeignet sind, den
rechtserheblichen Sachverhalt so zu verändern, dass das Urteil anders
ausfällt, und andererseits vor dem in Revision zu ziehenden Entscheid ent-
standen sind, im früheren Verfahren aber nicht vorgebracht werden konn-
ten, weil sie der gesuchstellenden Person damals nicht bekannt waren be-
ziehungsweise trotz hinreichender Sorgfalt nicht bekannt sein konnten
oder ihr die Geltendmachung oder Beibringung aus entschuldbaren Grün-
den nicht möglich war.
4.
4.1 Der Gesuchsteller macht im Revisionsgesuch mit Verweis auf das Mit-
teilungsprotokoll vom (...) und auf den Bericht vom (...) geltend, dass es
am (...) in der Stadt B._ einen Raketenangriff auf ein Fahrzeug der
(...) gegeben habe. Dabei seien die bei der Tat anwesenden D._,
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E._ und F._ festgenommen und im Laufe der Ermittlungen
sei festgestellt worden, dass das von E._ geführte (Tat-)Fahrzeug,
in welchem Waffen und Patronen gefunden worden seien, auf seinen (Ge-
suchsteller) Namen registriert gewesen sei. In der Folge habe die für Ter-
rorstraftaten zuständige Staatsanwaltschaft in B._ gegen mehrere
Tatverdächtige, so auch gegen ihn, eine Strafuntersuchung wegen Mit-
gliedschaft in einer Terrororganisation eröffnet und einen Haftbefehl erlas-
sen. Die betreffende Ermittlungsakte werde unter strenger Geheimhaltung
geführt; das «2. Strafgericht in B._» habe mit Beschluss vom (...)
das Recht seines Verteidigers auf Akteneinsicht eingeschränkt. Bei seiner
Rückkehr in die Türkei würden die Ermittlungen gegen ihn fortgesetzt und
er würde festgenommen. Es würde ihn höchstwahrscheinlich eine lebens-
lange Haft erwarten, was seiner Familie grosse Nachteile bringen würde
und mit der EMRK unvereinbar wäre.
4.2 Weder die solchermassen vorgebrachten Tatsachen noch die vom Ge-
suchsteller als Beweismittel zum gegen ihn (und andere Angeklagte) ein-
geleiteten Strafverfahren der türkischen Behörden eingereichten Doku-
mente sind als rechtserheblich im Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG zu
qualifizieren.
Der Gesuchsteller machte bereits im Rahmen seines ordentlichen Verfah-
rens (d.h. erstinstanzlich wie auch im daran anschliessenden Beschwerde-
verfahren) geltend, dass sein Fahrzeug, welches er einem Freund ausge-
liehen habe, zur Durchführung von «Aktionen» verwendet und in der Kon-
trollzone der Partiya Karkerên Kurdistanê (Arbeiterpartei Kurdistans; PKK)
gefunden worden sei, weshalb ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet
worden sei (vgl. Urteil D-3600/2017 Bst. B.a). Die revisionsweise vorge-
brachten Tatsachen (vgl. E. 4.1 hievor) sind deshalb nicht neu und wurden
bereits rechtskräftig gewürdigt; das Gericht erachtete die entsprechende
Darstellung des Gesuchstellers als unstimmig (vgl. Urteil D-3600/2017
E. 5.4). Weiter ist festzuhalten, dass auch der im vorliegenden Verfahren
eingereichte Gerichtsbeschluss vom (...) (vgl. Sachverhalt Bst. D.a; Bei-
lage 2 hievor) bereits im ordentlichen Beschwerdeverfahren zu den Akten
gereicht worden ist (vgl. Urteil D-3600/2017 Bst. D, bezeichnet als «un pre-
sunto scritto originale della Repubblica di Turchia, 2a [...], B._, del
(...) con relativa copia della traduzione in lingua tedesca ([di seguito:
doc. 4]»). Dabei spielt es keine Rolle, dass die deutschen Übersetzungen
dieses Gerichtsbeschlusses nicht vollständig übereinstimmen (vgl. bspw.
Titel oben links «2. [...]», bzw. «2. [...]»). Das Gericht hielt in diesem Zu-
sammenhang fest, auch wenn die Echtheit der (im ordentlichen Verfahren
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eingereichten) Dokumente nicht in Frage gestellt werde und diesen eine
gewisse juristische Bedeutung nicht abgesprochen werde, so würden
diese keine Elemente enthalten, die auf terroristische Handlungen oder auf
die Ausstellung eines Haftbefehls gegen den Gesuchsteller schliessen las-
sen würden. Das einzige Dokument, welches die Ausführungen des Ge-
suchstellers stütze, sei das Schreiben seines türkischen Rechtsanwalts
(vgl. Urteil D-3600/2017 E. 5.5.2). Gleich verhält es sich mit den hier ein-
gereichten Dokumenten, wobei das Schreiben des türkischen Anwalts (vgl.
Sachverhalt Bst. D.a; Beilage 1) – es handelt sich bei diesem und densel-
ben türkischen Rechtsvertreter wie denjenigen im ordentlichen Verfahren
genannten – offensichtlich ein blosser Auszug oder eine Auflistung der an-
geblichen zehn Angeklagten samt damaliger und aktueller Verfahrensnum-
mer darstellt.
5.
Zusammenfassend ist es dem Gesuchsteller nicht gelungen, relevante
Gründe darzulegen, die eine Revision des Beschwerdeurteils D-3600/2017
vom 28. März 2019 rechtfertigen würde. Das Revisionsgesuch vom 15. Ja-
nuar 2020 ist deshalb abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
6.
Der am 24. Januar 2020 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit dem vorlie-
genden Urteil dahin.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 1'500.– dem
Gesuchsteller aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 VwVG;
Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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