Decision ID: a949a5cc-5100-54d7-8afd-b54955a5c33e
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin möchte im Aussenbereich der Liegenschaft
B._strasse 93 eine beidseitige, unbeleuchtete Plakatstelle im Format F12 (2700 x
1280 mm) erstellen und reichte am 3. Oktober 2017 bei der Gemeinde Grindelwald ein
Baugesuch dafür ein. Im Baugesuch präzisierte sie den Reklameinhalt dahingehend, dass
keine Werbung für Erotik/Sex in Aushang gebracht werde. Die Parzelle Grindelwald Gbbl.
Nr. C._ liegt in der Wohnzone W3. Gegen das Bauvorhaben ging keine
Einsprache ein. Das Strasseninspektorat Oberland Ost, Oberingenieurkreis I (OIK I),
stimmte dem Vorhaben zu. Die Gemeinde teilte der Beschwerdeführerin mit, dass
Plakatstellen in dieser Form nicht erwünscht seien. Die Beschwerdeführerin hielt am
Baugesuch fest und verlangte einen anfechtbaren Entscheid. Am 19. Dezember 2017
erteilte die Gemeinde Grindelwald dem Bauvorhaben den Bauabschlag.
RA Nr. 110/2018/5 2
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 3. Januar 2018 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sinngemäss beantragt
sie die Aufhebung des Bauabschlags vom 19. Dezember 2017 und die Erteilung der
Baubewilligung.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde beantragt mit
Beschwerdeantwort vom 19. Januar 2018, die Beschwerde sei abzuweisen.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Der angefochtene Bauabschlag ist ein Bauentscheid im Sinne von Art. 32 ff. BauG2 und
kann innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden
(Art. 40 BauG). Die BVE ist somit für die Beurteilung der Beschwerde zuständig. Zur
Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2
BauG). Die Beschwerdeführerin, deren Baugesuch abgewiesen wurde, ist durch den
vorinstanzlichen Bauentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert.
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
RA Nr. 110/2018/5 3
2. Ästhetik
a) Die Beschwerdeführerin äussert ihr Unverständnis darüber, dass die Gemeinde dem
Bauvorhaben trotz Einhaltung aller massgebenden Normen und entgegen dem Fachbericht
des Strasseninspektorats den Bauabschlag erteilt hat. Die Gemeinde verweist in ihrer
Beschwerdeantwort auf die Ästhetikbestimmung (Art. 13 GBR3) und macht geltend, es
obliege der Gemeinde, ihre Vorschriften auszulegen und auf das Bauvorhaben
anzuwenden. Positiv lautende Amts- und Fachberichte allein genügten nicht für die
Erteilung der Baubewilligung.
b) Alle Werbeformen, die im Wahrnehmungsbereich der Fahrzeugführenden liegen,
während diese ihre Aufmerksamkeit dem Verkehr zuwenden, gelten als Strassenreklamen
(Art. 95 Abs. 1 SSV4). Die Baubewilligungspflicht und die Aspekte der Verkehrssicherheit
werden abschliessend durch das Bundesrecht geregelt (Art. 6 SVG5, Art. 95 ff. SSV). Die
Kantone und Gemeinden sind jedoch befugt, ergänzende Vorschriften zum Schutz des
Landschafts- und Ortsbildes zu erlassen (Art. 100 SSV). Die Gemeinden können somit für
Reklamen eigene Ästhetikvorschriften erlassen. In einem Reklamereglement mit
Plakatierungsplan können namentlich die zulässigen Formate und Arten von
Reklameträgern definiert sowie die zulässigen Standorte für Fremdreklamen festgelegt
werden. Das Reglement ermöglicht zudem, für das Gemeindegebiet eine differenzierte
Regelung zu erlassen. So können in bestimmten Gebieten (z.B. Ortsbildschutzgebieten)
Fremdreklamen oder bestimmte Reklametypen verboten werden. Ein generelles,
undifferenziertes Verbot von Fremdreklamen auf privatem Grund wäre dagegen
unverhältnismässig.6
c) Die Gemeinde Grindelwald verfügt nicht über ein Reklamereglement und hat auch im
GBR keine Bestimmungen zu Reklamen erlassen. Das Bauvorhaben muss daher gestützt
auf die allgemeine Ästhetiknorm beurteilt werden.
3 Baureglement der Einwohnergemeinde Grindelwald von 1997, mit Änderungen bis 2007, vom Amt für Gemeinden und Raumordnung letztmals genehmigt am 26. Oktober 2007 4 Signalisationsverordnung des Bundesrates vom 5. September 1979 (SSV; SR 741.21) 5 Strassenverkehrsgesetz des Bundes vom 19. Dezember 1958 (SVG; SR 741.01) 6 BSIG 7/722.51/1.1 "Reklamen", Ziff. 1 und 7.5; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 30
RA Nr. 110/2018/5 4
Die kommunale Ästhetikbestimmung lautet wie folgt:
Art. 13 Ortsübliche Baugestaltung 1 Alle Bauten und Anlagen sind hinsichtlich ihrer Gesamterscheinung, ihrer Einzelheiten und
Proportionen so zu gestalten, dass zusammen mit den bestehenden oder vorauszusehenden
Bauten eine gute Gesamtwirkung entsteht und die Schönheit oder erhaltenswerte Eigenart des
Strassenbildes erhalten wird.
Die Ästhetikbestimmung der Gemeinde geht über das Beeinträchtigungsverbot von Art. 9
BauG hinaus und hat daher selbständige Bedeutung (vgl. Art. 9 Abs. 3 BauG). Der Begriff
„gute Gesamtwirkung“ stellt einen unbestimmten kommunalen Gesetzesbegriff dar, bei
dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen Beurteilungsspielraum
haben. Nach der Rechtsprechung ist die gute Gesamtwirkung weder an geringen noch an
besonders hohen architektonischen Qualitäten zu messen. Dies bedeutet bei
durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass das Mittelmass der Umgebung nicht
gestört werden darf und sich eine neue Baute oder Anlage an den qualitativ
hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren hat.7
d) Die Gemeinde hat vorliegend weder im angefochtenen Entscheid noch in der
Beschwerdeantwort ausgeführt, wie sie ihre Ästhetiknorm versteht und inwiefern das
Bauvorhaben damit nicht vereinbar sein soll. Das Erstellen eines Plakatträgers lässt sich
unter ästhetischen Gesichtspunkten nicht ohne weiteres mit Gebäuden – auf welche die
Gestaltungsnormen in erster Linie zugeschnitten sind – vergleichen. An die Einordnung
von Reklamestellen dürfen nicht allzu hohe Anforderungen gestellt werden, zumal nur der
Reklamestandort und die Art des vorgesehenen Reklameträgers beurteilt werden können,
nicht aber die wechselnden Reklamen. Zweck von Plakatstellen ist es, die Aufmerksamkeit
der Passanten und Passantinnen auf sich zu ziehen. Reklamen wollen naturgemäss
auffallen. Bei einem durchschnittlichen Orts- und Strassenbild fällt das Gebot einer guten
Gesamtwirkung daher praktisch mit dem Beeinträchtigungsverbot zusammen.8
e) Geplant ist eine freistehende, doppelseitige und unbeleuchtete Plakatstelle F12. Der
Standort des Bauvorhabens befindet sich an der Einfahrtsstrasse nach Grindelwald auf der
7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 4a; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1 8 Vgl. Heidi Walther Zbinden, Erste Erfahrungen mit der neuen Verordnung über die Aussen- und Strassenreklame vom 17. November 1999, in KPG-Bulletin 5/2001 S. 137 ff., S. 142 f.; BDE vom 27. August 2008 E. 2d (RA Nr. 110/2008/48)
RA Nr. 110/2018/5 5
linken Strassenseite, ungefähr 160 m vor dem Verkehrskreisel. Talabwärts gesehen liegt
die geplante Plakatstelle auf der rechten Strassenseite ausgangs der Ortschaft. In der
näheren Umgebung des Bauvorhabens befindet sich kein Baudenkmal (vgl. Art. 10a und
10b BauG). Das Gebiet liegt auch nicht innerhalb eines Ortsbildschutzperimeters. Bei den
direkt benachbarten Gebäuden des Bauvorhabens handelt es sich um zwei typische, ältere
Wohnhäuser aus Holz mit gemauertem Sockel (B._strasse 91 und 93) sowie einer
Nebenbaute mit drei Garagen (Nr. 93a). An das Wohnhaus B._strasse 93 ist ein
hell verputztes Gebäude angebaut, das auch eine gewerbliche Nutzung aufweist
(E._, B._strasse 95). Daran schliesst ein weiteres hell verputztes
Gebäude an (B._strasse 97). Etwas erhöht folgen zwei Appartementhäuser im
Chaletstil, die zur Strasse hin eine lange Zeile Garagen sowie eine Stützmauer aufweisen
(B._strasse 103 und 105). Schräg vis-à-vis des Bauvorhabens, auf der anderen
Strassenseite, befindet sich ein langgestrecktes Appartementhaus (ehemals Hotel
D._). Die übrige Umgebung ist geprägt durch Chalets verschiedener Baujahre. In
Blickrichtung Dorf fällt die grosse Verkehrstafel mit der beleuchteten Parkplatzanzeige auf.
Dahinter folgt die Autogarage mit dem Schild "VW-Service" und die Tankstelle mit der
Leuchtreklame. In unmittelbarer Nähe des Bauvorhabens gibt es bereits zwei
Reklametafeln: Bei der E._ sowie vor dem Appartementhaus (ehemals Hotel
D._). Beides sind freistehende Werbeträger, die quer zur Strasse stehen.
Gesamthaft betrachtet handelt es sich um eine recht heterogene Umgebung, die in
ästhetischer Hinsicht eine durchschnittliche Qualität aufweist. Die geplante Plakatstelle
wirkt sich nicht direkt auf das Landschaftsbild aus. Sie wird zusammen mit den Gebäuden,
den bestehenden Plakatstellen, der Leuchtreklame bei der Tankstelle und dem
Verkehrsschild vor dem Kreisel wahrgenommen.9 Das Bauvorhaben ordnet sich genügend
in die Umgebung ein.
f) Die Plakatstelle soll im Aussenraum der Parzelle Nr. C._ errichtet werden.
Art. 16 GBR verlangt eine gute Einordnung von Aussenräumen, damit sich eine gute
Siedlungsqualität ergibt. Erwünscht ist insbesondere der Erhalt bzw. eine Neupflanzung
von Bäumen und Strauchwerk (Art. 16 Abs. 1 und 2 GBR). Das Bauvorhaben liegt im
untersten Teil des schmalen Gartenstreifens, der zwischen dem Vorplatz des
Wohngebäudes Nr. 93 und der Garagenbaute Nr. 93a mit dem Vorplatz verblieben ist.
Gemäss Foto in den Vorakten weist dieser Gartenteil niedrige Pflanzen auf.10 Eine solche
9 Vgl. Fotomontage des Bauvorhabens, Vorakten pag. 1; google streetview 10 Vgl. Fotomontage des Bauvorhabens, Vorakten pag. 1
RA Nr. 110/2018/5 6
Bepflanzung ist mit dem Bauvorhaben weiterhin möglich. Es ist daher auch nicht
erkennbar, inwieweit Art. 16 GBR durch das Bauvorhaben verletzt würde.
g) Zusammenfassend genügt das Bauvorhaben den Anforderungen von Art. 13 und 16
GBR. Die geplante Plakatstelle hält den vorgeschriebenen Strassenabstand von 3 m ab
Fahrbahnrand ein (Art. 58 SV11) und bedarf keiner Ausnahme. Auch der erforderliche
Abstand von mindestens 20 m bis zum Fussgängerstreifen ist eingehalten.12 Der
Fachbericht des OIK I, Strasseninspektorat Oberland Ost vom 25. Oktober 2017 zur
Verkehrssicherheit lautet positiv. Das Bauvorhaben erweist sich damit als
bewilligungsfähig. Der angefochtene Bauabschlag ist somit aufzuheben und die
Baubewilligung zu erteilen.
3. Auflagen
a) Baubewilligungen können mit Bedingungen oder Auflagen verknüpft werden (Art. 29
Abs. 2 und Art. 38 Abs. 3 BauG13). Auflagen sind Pflichten, die mit einer Baubewilligung
verbunden sind. Die Nichterfüllung einer Auflage berührt die Geltung der Baubewilligung
nicht, kann aber baupolizeiliche Massnahmen – insbesondere die Ersatzvornahme – und
Bestrafung nach sich ziehen.14 Das Strasseninspektorat verlangt im Fachbericht vom
25. Oktober 2017 als Auflage, dass die Oberfläche der Reklame nicht reflektierend wirken
darf, weder bei Sonneneinstrahlung tags noch bei Scheinwerferlicht nachts. Der
Beschwerdeführerin wurde der Fachbericht eröffnet. Sie hat in ihrer Beschwerde nichts
gegen diese Auflage eingewendet. Die Auflage ist geeignet, eine allfällige Beeinträchtigung
der Verkehrssicherheit durch die Plakatstelle zu vermeiden. Das Bauvorhaben ist somit mit
dieser Auflage zu bewilligen.
Die weitere, vom Strasseninspektorat genannte Auflage, wonach das Bauvorhaben vom
Fahrbahnrand der Strasse einen Abstand von mindestens 3 m einhalten muss, entspricht
der gesetzlichen Regelung. Dieser Abstand ist beim Bauvorhaben gemäss Situationsplan
11 Strassenverordnung vom 29.10.2008 (SV; BSG 732.111.1) 12 Vgl. BSIG 7/722.51/1.1 "Reklamen", Anhang 3, Checkliste Verkehrssicherheit bei Strassenreklame 13 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 14 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 29 N. 1
RA Nr. 110/2018/5 7
eingehalten. Da die Plakatstelle nach dem bewilligten Plan ausgeführt werden muss,
erübrigt sich diese Auflage. Der Umstand, dass das Strasseninspektorat den
Strassenabstand von 3 m bei den Auflagen dennoch eigens erwähnt hat, verdeutlicht
dessen Wichtigkeit.
b) Die Auflagen der Gemeinde und die Hinweise zur Baubewilligung, welche die
Bauverwaltung im Antrag an die Kommission aufgeführt hat,15 brauchen nicht in den
vorliegenden Entscheid aufgenommen zu werden. Sie stehen insbesondere in
Zusammenhang mit der Bauausführung, sind allgemeiner Art und gelten ohnehin. Es steht
der Gemeinde jedoch frei, die Beschwerdeführerin soweit nötig auf diese Punkte
aufmerksam zu machen.
4. Kosten
a) Die Verfahrenskosten werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'000.–
(Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV16). Bei diesem Ausgang des Verfahrens
unterliegt die Gemeinde. Da sie nicht in Vermögensinteressen betroffen ist, können ihr
keine Verfahrenskosten auferlegt werden (Art. 108 Abs. 2 VRPG).
b) Die Beschwerdeführerin war nicht anwaltlich vertreten. Parteikosten werden keine
gesprochen (Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG).
c) Die Kosten des vorinstanzlichen Baubewilligungsverfahrens im Betrag von Fr. 810.–
bleiben der Beschwerdeführerin als Baugesuchstellerin auferlegt (Art. 52 Abs. 1 BewD17).