Decision ID: 33c5fa63-ec07-56de-a0dc-7d9cd42c5cf8
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 15. Juni 2007 wegen chronischer Rückenschmerzen nach
Bandscheibenvorfall und Operation im Februar 2007 bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an (IV-act. 1). Die IV-Stelle wies einen Rentenanspruch mit Verfügung
vom 11. August 2008 ab (IV-act. 43).
A.a.
Am 25. August 2010 meldete sich der Versicherte erneut bei der IV-Stelle zum
Leistungsbezug an (IV-act. 55). Sein Hausarzt bestätigte mit Schreiben vom 30. August
2010, dass eine Verschlechterung des Gesundheitszustands eingetreten sei (IV-act.
60). Gestützt auf den Bericht der Neurochirurgie des KSSG vom 12. Oktober 2010 (IV-
act. 71) befand RAD-Arzt Dr. B._, Facharzt für Arbeitsmedizin, in der Stellungnahme
vom 22. November 2010 eine tatsächliche Verschlechterung des Gesundheitszustands
als nicht plausibel nachvollziehbar (IV-act. 72). Mit Vorbescheid vom 1. Dezember 2010
und Verfügung vom 26. Januar 2011 wurde auf das neue Leistungsbegehren des
Versicherten nicht eingetreten (IV-act. 75, 77). Die dagegen am 28. Februar 2011 durch
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsanwalt lic. iur. M. Bivetti im Namen des Versicherten erhobene Beschwerde (IV-
act. 81) wies das Versicherungsgericht mit Urteil vom 22. März 2012 ab (Verfahren
IV 2011/78, IV-act. 97).
Mit Formular vom 26. November 2012 meldete sich der Versicherte ein weiteres
Mal zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle an (IV-act. 100). Infolge des Vorbescheids
der IV-Stelle, wonach geplant sei, nicht auf das Leistungsbegehren einzutreten (IV-act.
111), liess der Versicherte durch seinen Rechtsvertreter Einwand erheben (IV-act. 114)
und Berichte über seine psychiatrische Behandlung einreichen (IV-act. 116). Im Bericht
der Klinik C._ vom 21. März 2013 diagnostizierten die behandelnden Ärzte eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode, ohne psychotische
Symptome (ICD-10: F32.2; IV-act. 116-11). Vom 15. April bis 27. Juni 2013 wurde der
Versicherte stationär in der Psychiatrischen Klinik D._ behandelt, wo ihm eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1),
sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung mit Rückenschmerzen nach
Bandscheibenvorfall (ICD-10: F45.4) diagnostiziert wurden (Austrittsbericht vom 25. Juli
2013, IV-act. 128-1 ff.). Sein behandelnder Psychiater med. pract. E._, Facharzt für
Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, attestierte ihm im Arztbericht vom
17. September 2013 (eingegangen bei der SVA SG) eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
seit dem Behandlungsbeginn vom 10. Januar 2012 (IV-act. 131-1 f.). In somatischer
Hinsicht diagnostizierten die Ärzte der Neurochirurgie des KSSG im Bericht vom
14. August 2013 eine Lumboischialgie, dem Dermatom L5 rechts entsprechend, ohne
neurale Kompression im MR vom Mai 2012 sowie einen Status nach CT-gesteuerter
periradikulärer Infiltration L5 rechts vom 19. März 2013 (IV-act. 133). Im Bericht des
Schmerzzentrums des KSSG vom 23. Oktober 2013 diagnostizierte Dr. med. F._ als
klinisches Bild ein Failed-Back-Surgery-Syndrom. Er empfahl eine ergänzende
medikamentöse Therapie sowie Wassertherapie (IV-act. 146).
A.c.
Am 20., 25. und 30. Juni 2014 wurde der Versicherte orthopädisch-psychiatrisch
durch Dr. med. G._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, und
Dr. med. H._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates FMH, begutachtet sowie neuropsychologisch getestet. Im
Gutachten vom 19. Juli 2014 diagnostizierten die beiden Experten ein chronisches
lumboradikuläres Syndrom (M54.16) bei Diskopathie L4/L5 (M51.2) sowie eine
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressive Störung, gegenwärtig leichte depressive Episode (F32.0), welchen sie
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit beimassen. Sie befanden den Versicherten in der
angestammten Tätigkeit als Strassenbauer nicht mehr arbeitsfähig, in einer
leidensadaptierten Tätigkeit sei er zu 60 % arbeitsfähig (IV-act. 155-48 ff.).
Mit Bezug auf das Gutachten befand Dr. med. I._, Mitarbeiterin IV-Stelle, in der
Stellungnahme vom 23. Januar 2015, es bestehe eine leichte Verschlechterung des
psychischen Zustands infolge einer leichtgradigen Depression mit 30%iger Leistungs
einschränkung bei ganztägiger Präsenzzeit ab dem Zeitpunkt des Gutachtens. Eine
psychische Komorbidität bestehe nicht. Somatisch sei keine signifikante
Verschlechterung des Gesundheitszustands seit dem Referenzzeitpunkt 08/2008
ausgewiesen. Somit lasse sich die aktuell somatischerseits attestierte Arbeitsfähigkeit
von 60 % in adaptierter Tätigkeit zwar im Sinne einer anderen Beurteilung desselben
Sachverhalts erklären, aber nicht nachvollziehen (IV-act. 158-4).
A.e.
Der Rechtsvertreter informierte die IV-Stelle am 7. Juli 2015 über eine
Teilmeniskektomie vom 26. Mai 2015 sowie am 21. September 2015 über eine durch
einen Bandscheibenvorfall notwendig gewordene Operation des Versicherten (vgl. IV-
act. 161 f.). Gemäss dem Bericht der Klinik für Neurologie des KSSG vom
22. September 2015 war der Versicherte am 15. September 2015 auf Grund einer
Diskushernie extraforaminal LWK 4/5 rechts mit Kompression der L4-Wurzel operiert
worden (IV-act. 169-9; vgl. auch Operationsbericht, IV-act. 209-1 f.). Dr. I._ ordnete
den Gesundheitszustand in der Stellungnahme vom 15. Januar 2016 als instabil ein
und empfahl die Einholung weiterer Abklärungsergebnisse (IV-act. 177).
A.f.
Am 9. Juni 2017 fand eine Verlaufsbegutachtung des Versicherten durch Dr. G._
und Dr. H._ statt. Im Gutachten vom 12. Juli 2017 hielten die beiden Fachärzte fest,
dass seit der letzten Begutachtung neu ein Impingement des linken Schultergelenkes
aufgetreten sei, welches sich jedoch nicht additiv auf die damalige Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit auswirke. Gegenüber der letzten Begutachtung liege aus
psychiatrischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit mehr vor. Aus
orthopädischer Sicht wurde in angepassten Tätigkeiten eine Arbeitsfähigkeit von 60 %
attestiert (IV-act. 233-54).
A.g.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Mit Vorbescheid vom 2. März 2018 stellte die IV-Stelle dem Versicherten gestützt
auf einen IV-Grad von 47 % die Zusprache einer Viertelsrente ab 1. August 2014 in
Aussicht (IV-act. 239). Dagegen liess der Versicherte durch seinen Rechtsvertreter am
24. April 2018 Einwand erheben und einerseits die Zusprache einer halben IV-Rente ab
1. Mai 2013 sowie andererseits die unentgeltliche Rechtsverbeiständung beantragen
(IV-act. 241).
A.h.
Mit Verfügung vom 12. Juli 2018 wies die IV-Stelle das Gesuch des Versicherten
um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren mangels sachlicher
Gebotenheit, fehlender Notwendigkeit und gegebener Aussichtslosigkeit ab (IV-act.
250).
A.i.
Am 23. August 2018 verfügte die IV-Stelle im Sinne des Vorbescheids die
Zusprache einer Viertelsrente ab 1. August 2014 (IV-act. 245).
A.j.
Gegen die Verfügung vom 12. Juli 2018 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 14. September 2018 mit dem Antrag, erstere sei unter Kosten- und
Entschädigungsfolge aufzuheben und dem Beschwerdeführer für das
Vorbescheidverfahren die unentgeltliche Rechtsverbeiständung, welche in Höhe von
Fr. 1'170.-- (inkl. Mehrwertsteuer) zu entschädigen sei, zu gewähren. Weiter sei ihm
auch für das Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu
bewilligen. Zur Begründung führt der Rechtsvertreter aus, dass im
Vorbescheidverfahren in sachlicher Hinsicht Rentenbeginn und Höhe des
Invaliditätsgrads strittig gewesen seien. Zudem sei der Sachverhalt nicht vollständig
abgeklärt gewesen, da es an einem neurochirurgischen Teilgutachten mangle. Weiter
sei auch das berücksichtigte Valideneinkommen zu bemängeln gewesen, bei welchem
die Beschwerdegegnerin auf einen Lohn als Baufacharbeiter von 2007 abgestellt habe,
statt auf die entsprechenden geltungszeitlichen Tabellenlöhne (IV 2018/308: act. G 1).
B.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 2. November 2018 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Beschwerdeabweisung (IV 2018/308: act. G 6).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
In der Replik vom 10. Dezember 2018 hält der Rechtsvertreter des Beschwerde
führers an seinen Anträgen fest und nimmt ausführlich zur Beschwerdeantwort Stellung
(IV 2018/308: act. G 12).
B.c.
Am 27. September 2018 erhebt der Versicherte durch seinen Rechtsvertreter auch
gegen die Rentenverfügung vom 23. August 2018 Beschwerde. Er beantragt deren
Aufhebung hinsichtlich des Rentenbeginns und der Rentenhöhe und die Zusprache
mindestens einer halben Rente ab Mai 2012. Zudem sei dem Beschwerdeführer die
unentgeltliche Prozessführung zu gewähren; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
Der Rechtsvertreter begründet den früheren Rentenbeginn mit der Neuanmeldung vom
26. November 2012, anlässlich derer eine erhebliche Verschlechterung des
Gesundheitszustands geltend gemacht worden sei. Diese sei anhand von zahlreichen
Arztberichten nachgewiesen worden. Zudem seien bei der Festlegung des
Invaliditätsgrads rückwirkend längere Phasen von 100%iger Erwerbsfähigkeit (richtig
wohl: Erwerbsunfähigkeit) angestammt und adaptiert zu berücksichtigen. Aus
psychiatrischer Sicht sei dies ab Rentenanmeldung bis zum psychiatrischen Gutachten
vom Juli 2014 sowie und insbesondere während der entsprechenden Hospitalisationen
der Fall gewesen. Aus orthopädischer Sicht gelte dasselbe. Es sei mithin davon
auszugehen, dass teilzeitlich vom Anspruch auf eine ganze Invalidenrente auszugehen
sei. Weiter sei für den Zeitpunkt ab der aktuellsten Begutachtung und im Hinblick auf
die Zukunft von einem Anspruch auf eine halbe Rente der Invalidenversicherung
auszugehen. Schliesslich müsse unabhängig vom Grad der Arbeitsfähigkeit beim
Invalideneinkommen (richtig wohl: Valideneinkommen) mindestens von einem Lohn von
Fr. 78'000.-- ausgegangen werden, da dieser gemäss LSE 2012, Anforderungsniveau
4, demjenigen eines Baufacharbeiters im Mai 2013 entsprochen habe. Werde
zusätzlich zum korrekten Teilzeitabzug ein Leidensabzug von 10 % gewährt, da der
Beschwerdeführer im Gegensatz zur früheren körperlich anspruchsvollen Tätigkeit nur
noch ausserordentlich leichte Arbeiten unter weiteren Anforderungen ausführen könne,
ergebe sich ein Invaliditätsgrad von 59 %, womit ein Anspruch auf eine halbe Rente
resultiere (IV 2018/327: act. G 1). In der Beschwerdeergänzung vom 30. Oktober 2018
hält der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest (IV 2018/327: act. G 3).
C.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Streitgegenstand im Verfahren IV 2018/327 bildet die Frage der Rechtmässigkeit der
Abweisung des Begehrens um Leistungen der Invalidenversicherung (Verfügung vom
Mit Beschwerdeantwort vom 14. November 2018 beantragt die
Beschwerdegegnerin dahingehend eine teilweise Gutheissung, als der
Beschwerdeführer ab Januar 2014 Anspruch auf eine Viertelsrente habe. Im Übrigen
beantragt sie die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im
Wesentlichen aus, dass gemäss dem ersten bidisziplinären Gutachten bereits ab
Januar 2013 von einer invalidisierenden psychischen Erkrankung des
Beschwerdeführers ausgegangen werden könne und demzufolge nach Ablauf des
Wartejahres ab Januar 2014 Anspruch auf eine Viertelsrente bestehe. Demgegenüber
seien der Bericht der Klinik J._ und der Austrittsbericht der Klinik D._ nicht
überzeugend, da sie zu stark auf die subjektive Sichtweise des Beschwerdeführers
abstellen würden. Zudem bringe der Beschwerdeführer keine Rügen gegen das erste
und zweite bidisziplinäre Gutachten vor, weshalb von einer Arbeitsfähigkeit in
angepasster Tätigkeit von 60 % auszugehen sei. Nachdem zudem die
gesundheitlichen Einschränkungen bei der attestierten Arbeitsfähigkeit von nur noch
60 % bereits grosszügig berücksichtigt worden seien, rechtfertige sich auch kein
sogenannter Leidensabzug (IV 2018/327: act. G 5).
C.b.
Mit Replik vom 7. Januar 2019 beantragt der Beschwerdeführer neu die
Gewährung einer mindestens halben Invalidenrente ab Mai 2013 und nicht mehr ab Mai
2012. Im Übrigen hält er an den bisherigen Anträgen fest (IV 2018/327: act. G 7).
C.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf die Einreichung einer Duplik.C.d.
Auf Ersuchen des Gerichts vom 6. März 2019 (IV 2018/327: act. G 9) und vom
12. August 2020 (IV 2018/327: act. G 11) reicht der Rechtsvertreter mit Schreiben vom
4. September 2020 als Beleg für die Prozessarmut ein Budget des Beschwerdeführers
ab Februar 2019 ein. Weitere bzw. aktuellere Unterlagen habe er nicht erhalten
(IV 2018/327: act. G 12; vgl. auch Schreiben vom 12. März 2019, IV 2018/327: act.
G 10).
C.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
23. August 2018). Im Verfahren IV 2018/308 bildet die unentgeltliche Rechtsverbei
ständung im Vorbescheidverfahren jenes Leistungsverfahrens den Streitgegenstand
(Verfügung vom 12. Juli 2018). Da die Streitgegenstände eng zusammenhängen und
sich dieselben Parteien gegenüberstehen, rechtfertigt es sich, die Verfahren IV
2018/327 und IV 2018/308 zu vereinigen.
2.
Die Beschwerdegegnerin hat eine erhebliche Änderung des Invaliditätsgrades gemäss
Art. 87 Abs. 2 und 3 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201)
als glaubhaft gemacht erachtet, indem sie auf das Gesuch vom 26. November 2012
(IV-act. 100) eingetreten ist und schliesslich eine Begutachtung angeordnet hat. Da
dem Beschwerdeführer bisher keine Invalidenrente zugesprochen worden war
(abweisende Verfügung vom 11. August 2008, IV-act. 43; Nichteintretensverfügung
vom 26. Januar 2011, IV-act. 77), besteht ein allfälliger Rentenanspruch aufgrund der
Wiederanmeldung vom 26. November 2012 frühestens ab 1. Mai 2013 bzw. nach
Ablauf des Wartejahres gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG (Art. 29 Abs. 1 und 3 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]; BGE 142 V 550 f.
E. 3.1 f.; Urteil des Bundesgerichts vom 18. Februar 2016, 9C_942/2015, E. 3.3.3).
Nachdem im Rahmen der ersten IV-Anmeldung 2007 kein rentenbegründender
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ermittelt worden ist und damals kein
Rentenanspruch entstanden war, hat die nach der dritten IV-Anmeldung im November
2012 anzunehmende Verschlechterung als neuer Versicherungsfall zu gelten (vgl. Urteil
des Bundesgerichts vom 18. Februar 2016, 9C_942/2015, E. 3.3.3). Die einjährige
Wartezeit ist somit erneut zu bestehen und Art. 29 IVV (Anrechnung früher
bestandener Wartezeiten bei Wiederaufleben der Invalidität infolge des gleichen
Leidens) ist nicht anwendbar (vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 3. Juli 2013,
9C_677/2012, E. 2.3).
3.
bis
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens
40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens
40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 396 E. 5.3 und
E. 6, BGE 141 V 289 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_350/2017, E. 5.4, und
vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427 E. 6). Für somatisch
unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte
Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist der
Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE
141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang andauernde und
erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6 a. E.).
3.2.
Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit die
Erwerbsunfähigkeit bzw. den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung
bzw. das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch
andere Fachleute zur Verfügung stellen. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeit die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
256 E. 4). Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren gilt der Grundsatz
der freien Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das Gericht
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtend ist
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a). Im
Sinne einer Richtlinie ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten
Gutachten von externen Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/
bb).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
3.4.
Zu prüfen ist vorab, ob die vorliegende medizinische Aktenlage für eine Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit ausreichend ist und die Beschwerdegegnerin zu Recht darauf -
insbesondere auf das psychiatrisch-orthopädische Gutachten vom 19. Juli 2014 und
das Verlaufsgutachten vom 12. Juli 2017 von Dr. H._ und Dr. G._ - abgestellt hat.
4.1.
4.2.
Der orthopädische Gutachter diagnostizierte gemäss Gutachten vom 19. Juli
2014 ein chronisches lumboradikuläres Syndrom bei Diskopathie L4/L5 (IV-
act. 155-27). Klinisch finde sich eine schmerzhaft eingeschränkte Beweglichkeit der
Wirbelsäule, eine Sensibilitätsverminderung an der rechten unteren Extremität, die etwa
dem Dermatom L5 entspreche, eine Verminderung der groben Kraft bezüglich
rechtsseitigem Grosszehenheber und -senker, weniger auch der
Quadricepsmuskulatur, sowie eine Abschwächung des Achillessehnenreflexes rechts.
4.2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Das Lasègue-Zeichen sei rechts positiv; eine gewisse radikuläre Reizsymptomatik L4/
L5 rechts könne bei der Untersuchung festgestellt werden. Das Achsenskelett sei somit
vermindert belastbar. Der Versicherte könne keine Lasten über 5 kg heben oder tragen
und keine Zwangspositionen der Wirbelsäule, insbesondere im Sinne der Inklination
und der Rotation, einnehmen (IV-act. 155-28 f.). Im Verlaufsgutachten vom 12. Juli
2017 wurden zusätzlich die Diagnosen eines Impingements des linken Schultergelenks
sowie chronische Kopfschmerzen festgehalten (IV-act. 233-32). Der orthopädische
Gutachter führte dazu im Wesentlichen aus, die bildgebenden Verfahren zeigten
einerseits degenerative Veränderungen diskogener und ossärer Art im Bereich der
unteren LWS und andererseits postoperative Veränderungen im Sinne einer
Narbenbildung mit Neuritis respektive Irritation der Nervenwurzel L4 rechts. Diese sei
im Vergleich zu den Aufnahmen von November 2015 deutlich regredient. Es verbleibe
eine Narbenbildung im Bereich der Nervenwurzel L4 rechts ohne Hinweise auf eine
Kompression. Die neurologischen Ausfallerscheinungen seien nicht stark ausgeprägt.
Der Versicherte zeige unter Bewegung und Belastung zunehmende Dauerschmerzen
im Bereich der lumbalen Wirbelsäule in Kombination mit einer Reduktion der groben
Kraft sowie Sensibilitätsstörungen an der rechten unteren Extremität. Die Beschwerden
würden eine gewisse radikuläre Komponente aufweisen. Es sei somit von einer
verminderten Belastbarkeit des Achsenskeletts auszugehen (IV-act. 233-35). Trotz des
operativen Eingriffs an der LWS sei gegenüber der früheren Begutachtung keine
wesentliche Veränderung des Gesundheitszustandes eingetreten (IV-act. 233-39). Die
Beweglichkeit des linken Schultergelenks sei eingeschränkt. Die Impingement-Tests
seien positiv, Hinweise auf eine relevante Ruptur der Rotatorenmanschette fänden sich
nicht (IV-act. 233-35). Aus diesen Befunden lasse sich lediglich eine qualitative
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit ableiten (IV-act. 233-39). Es sei weiterhin von einer
Arbeitsfähigkeit von 60 % in einer gut angepassten Arbeit auszugehen (IV-act. 233-40).
Seitens der Neurochirurgie und der Schmerzklinik des KSSG liegen keine quanti
tativen Arbeitsfähigkeitsschätzungen vor. Ihre Diagnosen decken sich mit denjenigen
des Gutachters. Der Gutachter berücksichtigte den Befund hinsichtlich des rechten
Knies, der anlässlich der Verlaufsbegutachtung im Wesentlichen unauffällig war (IV-
act. 233-30), sowie die MRI-Aufnahmen vom 3. September und vom 24. November
2015, die unter anderem eine Nervenwurzelkompression L4 rechts bzw. eine akute
Narbenbildung im Bereich des Neuroforamens L4/5 und eine Neuritis/Reizung des
Ganglions L4 rechts zeigten (IV-act. 233-31 f.). Dabei ist zu beachten, dass er infolge
der Operation vom 15. September 2015 (Isthmotomie L4/5 mit Sequesterektomie)
4.2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
während sechs Monaten - also bis Mitte März 2016 - ohnehin eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit annahm (IV-act. 233-41).
Retrospektiv ist weiter zu berücksichtigen, dass die Neurochirurgie des KSSG im
Bericht vom 14. August 2013 eine MR-Untersuchung vom Mai 2012 erwähnte, wonach
keine neurale Kompression bestehe. Die Schmerzsymptomatik sei stabil, jedoch
bestünden klinisch regrediente Paresen (IV-act. 133). Gemäss Bericht des
Schmerzzentrums des KSSG vom 23. Oktober 2013 leidet der Beschwerdeführer an
einem Failed-Back-Surgery-Syndrome und machte offenbar gute Erfahrungen mit
einem TENS-Gerät (IV-act. 147-8 ff.). Am 13. Februar 2014 berichtete die Klinik für
Neurochirurgie des KSSG über eine stationäre konservative Schmerztherapie vom 9.
bis 13. Februar 2014 nach einer Schmerzexazerbation (IV-act. 148). Im orthopädischen
Verlaufsgutachten wurde dazu festgehalten, dass die damaligen Befunde mit den
aktuellen vergleichbar seien, so dass spätestens ab August 2013 von der 60%igen
Arbeitsfähigkeit auszugehen sei (IV-act. 233-41).
4.2.3.
Insgesamt kann aufgrund der zwischen Anfang 2013 und der Begutachtung im
Juni 2014 ergangenen Berichte davon ausgegangen werden, dass die 60%ige
Arbeitsfähigkeit bereits ab 1. Mai 2013 vorlag. Nach der Operation vom 15. September
2015 (Isthmotomie L4/5 mit Sequesterektomie) bestand gemäss dem Gutachter
während sechs Monaten - also bis Mitte März 2016 - eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 233-41). Der Gutachter äussert sich nicht zur Arbeitsfähigkeit
aufgrund der Kniebeschwerden und -operation vom 26. Mai 2015 (mediale
Meniskusläsion und proximale Patellarsehnenansatztendinitis rechts; Arthroskopie und
Shaving, mediale Teilmeniskektomie; IV-act. 209-1). Der Operateur Dr. K._ attestierte
eine Arbeitsunfähigkeit von ungefähr drei Wochen (Austrittsbericht Klinik Z._ vom
28. Mai 2015, IV-act. 161-1). Diese fällt deshalb für den Rentenanspruch nicht ins
Gewicht (Art. 88a Abs. 2 IVV).
4.2.4.
Zusammenfassend erhob und berücksichtigte der orthopädische Gutachter
Anamnese und Befunde soweit wesentlich vollständig. Die Schlussfolgerungen sind
nachvollziehbar. Aus somatischer Sicht ist somit davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer ab dem 1. Mai 2013 zu 60 % arbeitsfähig, vom 15. September 2015
bis 15. März 2016 zu 100 % arbeitsunfähig war und seither wiederum zu 60 %
arbeitsfähig ist.
4.2.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3.
Die psychiatrische Gutachterin diagnostizierte gemäss Gutachten vom 19. Juli
2014 eine depressive Störung, gegenwärtig leichte depressive Episode (ICD-10: F32.0).
Aufgrund der depressiven Symptome - Antriebsstörung, psychophysische
Belastbarkeitsminderung mit vorzeitiger Erschöpfung und Minderung der
konzentrativen Ausdauerbelastbarkeit - und der Müdigkeit schätzte sie die
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auf 30 %. Weiter stellte sie die Diagnose einer
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung, die keinen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit habe (IV-act. 155-41, 44). Adaptiert seien zeitlich flexible Tätigkeiten
ohne permanenten Zeit- und Termindruck mit nur geringem Publikumsverkehr ohne
besondere Anforderungen an das Umstellungs- und Anpassungsvermögen (IV-
act. 155-45). In der Verlaufsbegutachtung vom 12. Juli 2017 kam die psychiatrische
Expertin zum Schluss, die im Rahmen der Untersuchung 2014 festgestellte leichte
depressive Episode liege gegenwärtig nicht vor, zumal keine durchgehende depressive
Symptomatik beschrieben werde und aktuell keine objektivierbaren depressiven
Symptome vorhanden gewesen seien. Infolge der ausgeprägten Widersprüche und
Diskrepanzen in der Beschwerdedarstellung könnten aktuell von psychiatrischer Seite
keine Symptome (mehr) festgestellt bzw. psychiatrische Störungen diagnostiziert
werden, welche Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätten (IV-act. 233-48, 50).
4.3.1.
Der Beschwerdeführer war ab Januar 2012 bei Dr. E._ in integrativer
psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung, der ihm durchwegs eine
mittelschwere bis schwere depressive Störung sowie eine chronische Schmerzstörung
diagnostizierte und eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bzw. fehlende Vermittelbarkeit
attestierte (Bericht vom 22. März 2013, IV-act. 116-3 f.). Vom 15. April bis 27. Juni 2013
befand er sich in der psychiatrischen Klinik D._. Im Austrittsbericht vom 25. Juli 2013
wurde darauf hingewiesen, dass er bei der Entlassung deutlich schwingungsfähiger
und zuversichtlicher gewesen sei, die Konzentrationsstörung habe sich zurückgebildet
(IV-act. 128-5 f.). Der behandelnde Psychiater attestierte weiterhin eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit (Arztbericht vom 17. September 2013 [Eingang], IV-act. 131-1 ff.;
Verlaufsberichte vom 7. Januar 2014, IV-act. 139-1 ff., vom 18. Februar 2014, IV-
act. 147-1 ff.) und berichtete am 26. Januar 2017 gar von einer Verschlechterung des
Gesundheitszustandes (IV-act. 225). Er begründete seine Einschätzung mit denselben
psychiatrischen Diagnosen, die auch die Gutachterin stellte, bezog jedoch auch die
somatischen Leiden mit ein.
4.3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Gutachterin führte im Befund beider Gutachten an, die Bewusstseinslage des
Beschwerdeführers sei schläfrig, verhangen, im Verlaufsgutachten bezeichnete sie ihn
als "insgesamt sehr benommen" (IV-act. 155-37; IV-act. 233-45). Aufmerksamkeit,
Konzentration und Merkfähigkeit beschrieb sie als deutlich eingeschränkt (IV-
act. 155-37) bzw. als vermindert (IV-act. 233-45). Der Antrieb sei reduziert und
schwunglos gewesen, der Beschwerdeführer habe etwas ratlos, unentschlossen,
zurückhaltend und hilfesuchend gewirkt. Die Stimmung wurde als affektarm, gedrückt,
ratlos und missbefindlich, dazwischen aber auch positiv affizierbar mit Lächeln und
auch Lachen geschildert (IV-act. 233-45 f.). Denselben Befund erhob im Wesentlichen
auch Dr. E._: der Beschwerdeführer wirke vigilanzgemindert, abwesend, apathisch,
zeige keinen Gesichtsausdruck, kein Interesse. Es bestünden erhebliche
Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, eine mangelnde
affektive Schwingung, eine Modulationsfähigkeit-Affektstarre und eine deutlich
depressive Stimmungslage (Verlaufsbericht vom 26. Januar 2017, IV-act. 225).
4.3.3.
Der Beschwerdeführer schilderte sich zittrig und nervös, weshalb er nur wenige
Hausarbeiten verrichte. Während er 2014 noch angab, mehrheitlich fernzusehen,
berichtete er anlässlich der Verlaufsbegutachtung, er gehe gerne spazieren, manchmal
mit dem Bus kleinere Sachen einkaufen und beobachte das Treiben auf Baustellen
oder in Sporthallen (IV-act. 155-35; IV-act. 233-44), was eine gewisse Verbesserung
des psychischen Zustandes plausibel erscheinen lässt. Zu seinem sozialen Umfeld
berichtete der Beschwerdeführer, das Verhältnis in der Familie sei belastet, aber gut.
Kontakte ausserhalb der Familie habe er nicht viele, Besuche würden ihn belasten (IV-
act. 155-35; IV-act. 233-44). Beeinträchtigungen auf der Ebene der Persönlichkeit
wurden nicht erkennbar (IV-act. 233-46; IV-act. 155-37). Die Fähigkeiten nach der Mini-
ICF-App beurteilte die Gutachterin als fraglich (Planung und Strukturierung von
Aufgaben, Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, Anwendung fachlicher Kompetenzen,
Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Spontanaktivitäten,
Verkehrsfähigkeit) bzw. nicht (wesentlich) eingeschränkt (Anpassung an Regeln und
Routinen, Selbstbehauptungsfähigkeit, Kontaktfähigkeit zu Dritten, Selbstpflege; vgl.
IV-act. 233-49).
4.3.4.
Die Abweichung zur Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._ begründet die
Gutachterin vorab mit den Ergebnissen der neuropsychologischen Testungen. Diese
hätten sowohl im Rahmen der Begutachtung vom Juni 2014 als auch vom Juni 2017
Hinweise auf ein Simulations- bzw. Aggravationsverhalten aufgezeigt. So hätten sich
die Reaktionszeiten im Laufe der Testverfahren erhöht, was untypisch sei, gegen eine
rasche Erschöpfbarkeit spreche und auf eine bewusst gesteuerte Verlangsamung
4.3.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hindeuten könne. Die Testergebnisse seien nicht einheitlich bzw. nicht klar
interpretierbar. Die im Rahmen des Gedächtnistests festgestellten Einschränkungen
seien höchstens bei schwer hirngeschädigten Personen so zu erwarten. Die
durchgeführten Symptomvalidierungsverfahren stützten die Simulations- bzw.
Aggravationshypothese (IV-act. 155-38 ff., 43; IV-act. 233-46 ff.). Weiter führte die
Gutachterin an, die vom Beschwerdeführer präsentierte Bewusstseinslage sei nicht
vereinbar mit den laborchemisch erhobenen Medikamentenspiegeln, die unter dem
therapeutischen Referenzwert gelegen hätten (IV-act. 233-45, 48, 56) und der
Tatsache, dass sich der Beschwerdeführer selbständig mit den öffentlichen
Verkehrsmitteln zur Blutentnahme habe begeben können. Die Beschwerdedarstellung
sei insgesamt sehr demonstrativ gewesen (IV-act. 233-48). Die Therapiehäufigkeit von
vierzehntäglich (vgl. IV-act. 155-36) bzw. monatlich (IV-act. 233-45) und der vom
behandelnden Psychiater mehrheitlich genannte mittelgradige Schweregrad der
Depression sprechen sodann gegen eine jegliche Arbeitstätigkeit ausschliessende
Schwere des Leidens.
Nach dem Gesagten ist nachvollziehbar, dass zwar psychische Beschwerden
bestehen dürften, die den Beschwerdeführer möglicherweise in seiner Arbeitsfähigkeit
einschränken, dass jedoch deren Ausprägung aufgrund der schlüssig aufgezeigten
Anhaltspunkte für eine Aggravation nicht fassbar ist. Demgegenüber führte der ortho
pädische Gutachter aus, die neurologischen Ausfallerscheinungen seien nicht stark, die
Gesundheitsschädigung an der LWS mittelgradig und die morphologischen
Veränderungen an der Schulter leicht bis höchstens beginnend mittelgradig
ausgeprägt. Aus körperlicher Sicht verfüge der Beschwerdeführer über Ressourcen, in
beschränktem Ausmass eine ihm angepasste Tätigkeit zu verrichten. Grundsätzlich
seien die Befunde mit den Klagen des Beschwerdeführers und den klinischen
Feststellungen kompatibel, wobei dieser den Beschwerden einen recht hohen
Stellenwert beimesse und daraus doch recht absolute Schlussfolgerungen bezüglich
Leistungs- und Arbeitsfähigkeit ziehe. Die vorgebrachten Beschwerden korrelierten mit
dem Benehmen; Aussagen und Benehmen während der Untersuchung seien in sich
konsistent (IV-act. 233-35 f.). Die spärliche Beschwielung an Händen und Füssen weise
darauf hin, dass der Beschwerdeführer körperlich nicht sehr aktiv sei und keine
grösseren Gehstrecken zurücklege, übereinstimmend mit dessen Angaben (IV-
act. 233-38). Somit ist - in Anwendung der Indikatoren des strukturierten
Beweisverfahrens - davon auszugehen, dass die somatischen Beschwerden im
Gegensatz zu den psychischen hinreichend objektiviert sind und zu einer
Arbeitsunfähigkeit von 40 % führen (IV-act. 233-40 f. und E. 4.2.5).
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Retrospektiv führte die psychiatrische Gutachterin aus, im Vergleich zur
Begutachtung von 2014 könne keine eindeutige Verbesserung des
Gesundheitszustandes festgestellt werden, zumal die geklagten Beschwerden
praktisch identisch seien. Im Unterschied zur Untersuchung 2014 seien jedoch aktuell
keine relevanten depressiven Symptome objektivierbar und die depressive
Symptomatik werde als nicht durchgehend beschrieben. In Bezug auf die bereits 2014
festgestellten Aggravationstendenzen sei von einer tendenziellen Steigerung in Bezug
auf die Präsentation von nicht authentischen Funktionsdefiziten auszugehen (IV-
act. 233-52). Im ersten Gutachten vom Juli 2014 wurde die Frage nach Beginn und
Verlauf der Arbeitsunfähigkeit nicht einlässlich beantwortet (IV-act. 155-50). Im
Verlaufsgutachten präzisierte der orthopädische Gutachter, dass bis 2012 von einer
vollen Arbeitsfähigkeit in leidensadaptierten Tätigkeiten auszugehen sei. Aufgrund der
neurochirurgischen Dokumentation hielt er es für gerechtfertigt, "spätestens ab August
2013 von der leidensangepassten Arbeitsfähigkeit von 60 % ... auszugehen" (IV-act.
233-41). Die psychiatrische Gutachterin verweist im Gutachten vom Juli 2014 auf den
behandelnden Facharzt, von dem "ab Anfang 2013 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %
bescheinigt" werde (IV-act. 155-50). Effektiv hatte Dr. E._ den Beschwerdeführer
jedoch bereits seit Behandlungsbeginn am 10. Januar 2012 zu 100 % arbeitsunfähig
geschrieben (IV-act. 131-1). Im Verlaufsgutachten vom Juli 2017 verweist die
psychiatrische Gutachterin jedoch auf den nämlichen Bericht und stellt diesen auch
nicht in Frage bzw. sie schätzte die Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers noch im
Juli 2014 auf 30 % (IV-act. 233-51 f.). Da im Verlaufsgutachten eine 40%ige
Arbeitsunfähigkeit verbleibt, die nurmehr ausschliesslich somatisch (orthopädisch)
begründet wird, stellt sich die Beschwerdegegnerin auf den Standpunkt, dass der
Beginn des Wartejahres im August 2013 anzunehmen sei, da der orthopädische
Gutachter ab diesem Zeitpunkt die Arbeitsfähigkeit in leidensadaptierter Tätigkeit bei
60 % schätzt. Indessen ist aktenmässig belegt, dass sich beim Beschwerdeführer seit
Januar 2012 eine erhebliche psychische Beeinträchtigung einstellte, die im Frühjahr
2013 (von April bis Juni 2013) sogar eine zweimonatige stationäre Behandlung (mit
einer jedenfalls ausgewiesenen 100%igen Arbeitsunfähigkeit) notwendig gemacht
hatte. Im Mai 2013 (Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns, vgl. E. 2
vorstehend) war die einjährige Wartezeit mit anzunehmender durchschnittlich
mindestens 40%iger Arbeitsunfähigkeit bereits erfüllt. Denn bereits vor dem stationären
Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik D._ ist von einer Arbeitsunfähigkeit von mehr
als 30 % auszugehen. Aus psychiatrischer Sicht ist somit ab Juli 2013 bis Ende Juni
2017 (Begutachtung) von einer 70%igen und ab Juli 2017 von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit auszugehen. Interdisziplinär massgebend ist somit die Arbeitsfähigkeit
aus somatischer Sicht. Sie betrug wie vorstehend in E. 4.2.5 bereits festgehalten vom
4.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
(möglichen Anspruchsbeginn am) 1. Mai 2013 bis zum 15. September 2015 60 %,
danach bis zum 15. März 2016 0 % und danach wiederum und weiterhin 60 %.
Der Beschwerdeführer war bis zum 31. März 2008 als Baufacharbeiter bei der
L._ AG angestellt. Das Arbeitsverhältnis wurde aus gesundheitlichen Gründen
aufgelöst (Arbeitszeugnis, IV-act. 65-6). Der Jahreslohn betrug ab 1. Januar 2007
Fr. 63'700.-- bzw. 13 x Fr. 4'900.-- (Angaben Arbeitgeberin vom 27. Juni 2007, IV-
act. 6). Zusätzlich waren dem Beschwerdeführer Prämien und Mittagszulagen vergütet
worden (für das Jahr 2006: Fr. 2'850.-- und Fr. 1'998.--; vgl. IV-act. 6-10), so dass
gemäss Auszug aus dem individuellen Konto (IK; IV-act. 235-2) ein Jahreseinkommen
von Fr. 64'419.-- abgerechnet worden war. Dieses beträgt unter Berücksichtigung der
Nominallohnentwicklung bis zum massgeblichen Jahr 2013 (BGE 129 V 222;
Bundesamt für Statistik [BFS], Lohnentwicklung, T 39, Indices Männer 2006: 2014;
2013: 2204) Fr. 70'496.--. Dieser Betrag entspricht dem Valideneinkommen, da davon
auszugehen ist, dass der Beschwerdeführer im Gesundheitsfall die bisherige Tätigkeit
weiterhin ausgeübt hätte. Für die Anwendung eines Tabellenlohnes bleibt somit kein
Raum, da eine zuverlässige Grundlage zur Ermittlung des Valideneinkommens
eruierbar ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 21. Dezember 2016, 8C_728/2016,
E. 3.1, mit weiteren Verweisen). Im Übrigen wird der Beschwerdeführer von der
Arbeitgeberin zwar als Baufacharbeiter bezeichnet, verfügt aber über keine
entsprechende Berufsausbildung (vgl. u.a. IV-act. 233-24). Somit wäre der Tabellenlohn
gemäss LSE 2012, T_1 triage-skill-level, Ziff. 41-43, Baugewerbe, Kompetenzniveau 1
von Fr. 5'457.-- massgebend. Hochgerechnet auf die betriebsübliche Arbeitszeit von
41,8 Std./Woche (BFS, BUA) und 12 Monate beliefe sich das Jahreseinkommen auf
Fr. 68'431.--, gegenüber dem sich der von der Arbeitgeberin bezahlte Lohn nicht als
unterdurchschnittlich erweist. Es bleibt damit beim Valideneinkommen von
Fr. 70'496.--.
5.1.
5.2.
Da der Beschwerdeführer die frühere Tätigkeit nicht mehr ausüben kann (vgl. IV-
act. 233-39), ist für die Bemessung des Invalideneinkommens vom Tabellenlohn
gemäss Lohnstrukturerhebung [LSE]/Lohnentwicklung des BFS 2013, Männer,
Kompetenzniveau 1, auszugehen. Dieser beträgt Fr. 65'654.-- (Informationsstelle AHV/
IV, IV 2019, Bern 2019, Anhang 2). Bei einer Arbeitsfähigkeit von 60 % entspricht er
Fr. 39'392.--.
5.2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nach der Rechtsprechung können die statistischen Löhne um bis zu 25 %
gekürzt werden, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass versicherte Personen mit
einer gesundheitlichen Beeinträchtigung in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau
nicht erreichen (RKUV 1999 Nr. U242 S. 412 E. 4b/bb) bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit
auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg
zu verwerten in der Lage sind. Dabei handelt es sich um einen allgemeinen
behinderungsbedingten Abzug (BGE 126 V 78 E. 5a/bb). Nach der Rechtsprechung
hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von
sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen - auch von invaliditätsfremden
Faktoren - des konkreten Einzelfalles ab (namentlich leidensbedingte Einschränkung,
Alter, Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach
pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen sind. Eine schematische
Vornahme des Leidensabzuges ist unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b, bestätigt in AHI
2002 S. 62 und BGE 129 V 481 E. 4.2.3 mit Hinweisen). Die Rechtsprechung gewährt
insbesondere dann einen Abzug auf dem Invalideneinkommen, wenn eine versicherte
Person selbst im Rahmen körperlich leichter Hilfsarbeitertätigkeit in ihrer
Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist (BGE 126 V 75 E. 5a/bb S. 78). Sind hingegen
leichte bis mittelschwere Arbeiten zumutbar, ist allein deswegen auch bei
eingeschränkter Leistungsfähigkeit noch kein Abzug gerechtfertigt, weil der
Tabellenlohn Kompetenzniveau 1 bereits eine Vielzahl von leichten und mittelschweren
Tätigkeiten umfasst (Urteil des Bundesgerichts vom 22. März 2017. 8C_805/2016,
E. 3.4.2).
5.2.2.
Der Beschwerdeführer hält einen Tabellenlohnabzug von 10 % für begründet, da
ihm nur noch ausserordentlich leichte Arbeiten mit zusätzlichen Anforderungen
zumutbar seien (IV 2018/327: act. G 1-6). Der orthopädische Gutachter umschrieb eine
angepasste Tätigkeit als wechselbelastend, körperlich leicht, mit Wechsel zwischen
Sitzen, Gehen und Stehen, ohne Heben oder Tragen von Lasten über 5 kg und ohne
Zwangsposition der Wirbelsäule (insbesondere Inklination und Rotation; IV-
act. 233-54). Dieses Zumutbarkeitsprofil erweist sich gegenüber dem Kreis der unter
das Kompetenzniveau 1 fallenden Tätigkeiten eingeschränkter. Da der
Beschwerdeführer früher schwere Arbeiten verrichtet hat, fehlt ihm in noch zumutbaren
Arbeiten die Erfahrung und er hat deshalb auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt einen
Lohnnachteil zu gewärtigen (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 25. November 2020,
8C_390/2020, E. 4.5.2, und vom 15. Juli 2020, 8C_151/2020, E. 6.2). Zudem kann der
Beschwerdeführer nur 6 Stunden täglich arbeiten mit einer zusätzlichen
Leistungsreduktion von 10 % (IV-act. 233-39, 54), womit grundsätzlich auch ein
5.2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Abschliessend bleibt über den Anspruch auf unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Vorbescheidverfahren bzw. über die Rechtmässigkeit der angefochtenen Verfügung
vom 12. Juli 2018 im Verfahren IV 2018/308 zu befinden.
Teilzeitabzug zu berücksichtigen ist (vgl. z.B. Tabelle T18 LSE und Urteil des
Bundesgerichts vom 15. April 2020, 9C_782/2019, E. 3.2). Insgesamt erscheint somit
ein Tabellenlohnabzug von 10 % begründet. Das Invalideneinkommen beträgt somit
Fr. 35'453.-- (0,9 x Fr. 39'392.--). Bei einem Valideneinkommen von Fr. 70'496.--
resultiert ein Invaliditätsgrad von 49,7 %. Dieser ist auf 50 % aufzurunden (BGE 130 V
121). Unter Berücksichtigung von Art. 88a Abs. 1 und 2 IVV und der gutachterlich
attestierten Arbeitsunfähigkeiten (vgl. E. 4.5) und da der Beschwerdeführer von Mai bis
Juni 2013 in stationärer Behandlung stand, bestand ab 1. Mai 2013 Anspruch auf eine
ganze Rente, ab 1. Oktober 2013 (stationäre Behandlung dauerte bis Juni 2013) auf
eine halbe Rente, ab 1. Januar 2016 bis 30. Juni 2016 wiederum auf eine ganze Rente
und ab 1. Juli 2016 auf eine halbe Rente.
Gemäss Art. 29 Abs. 3 BV hat jede Person, die nicht über die erforderlichen Mittel
verfügt und deren Rechtsbegehren nicht aussichtslos erscheint, Anspruch auf
unentgeltliche Rechtspflege. Falls es zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist, hat sie
ausserdem Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand. Beim Anspruch gemäss
Art. 29 Abs. 3 BV handelt es sich um einen "eigentlichen Pfeiler des
Rechtsstaates" (BGE 132 I 214 E. 8.2). Im Sozialversicherungsverfahren wird der
gesuchstellenden Person ein unentgeltlicher Rechtsbeistand bewilligt, wo die
Verhältnisse es erfordern (Art. 37 Abs. 4 ATSG). Voraussetzungen sind (in Analogie zum
gerichtlichen Verfahren) die finanzielle Bedürftigkeit, die fehlende Aussichtslosigkeit
und die Erforderlichkeit der Vertretung (vgl. BBl 1999 4595).
6.1.
Als bedürftig gilt, wer aus seinen Mitteln die zu gewärtigenden Anwaltskosten nicht
zu bestreiten vermag (vgl. U. Kieser, Kommentar ATSG, 4. Aufl., Zürich 2020, Rz 189 f.
zu Art. 61 ATSG). Die Familie des Beschwerdeführers wurde und wird wieder von der
Sozialhilfe unterstützt. Das Budget ab Januar 2017 (vom 23. Februar 2017) ergab dabei
einen Überschuss von Fr. 171.--. Dabei wurde vermerkt, dass die Eltern das Haus, in
dem sie mit ihrem Sohn leben, diesem überschrieben hätten. Es wurden deshalb bei
den Ausgaben keine Wohnkosten angerechnet. Hingegen wurde bei den Einnahmen
ein Beitrag des Sohnes von Fr. 533.-- an die Haushaltsführung angerechnet (IV
2018/308: act. G 1.4). Vom Mai bis August 2018 wurde der Beschwerdeführer
ergänzend unterstützt (Bestätigung Sozialamt vom 5. Oktober 2018, IV 2018/308:
6.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. G 7.1). Demnach war die Bedürftigkeit während des fraglichen
Vorbescheidverfahrens gegeben.
6.3.
Den höheren Anforderungen im Verwaltungsverfahren soll insofern Rechnung
getragen werden, als die Erforderlichkeit der Vertretung eingehend zu prüfen ist. Dabei
wird auf die Schwierigkeit des Falles und auf die Verfahrensphase abgestellt (BBl 1999
4595; vgl. auch BGE 132 V 201; Urteil des Bundesgerichts vom 12. März 2009,
9C_816/2008, E. 4.1). Die Notwendigkeit einer anwaltlichen Vertretung im
Verwaltungsverfahren wird in der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung
namentlich mit Blick darauf, dass die Versicherungsträger und Durchführungsorgane
der einzelnen Sozialversicherungen den rechtserheblichen Sachverhalt unter
Mitwirkung der Parteien nach den rechtsstaatlichen Grundsätzen der Objektivität,
Neutralität und Gesetzesgebundenheit (BGE 136 V 376) zu ermitteln haben (Art. 43
ATSG), nur zurückhaltend bejaht. Es müssen sich danach schwierige rechtliche oder
tatsächliche Fragen stellen und eine Interessenwahrung durch Dritte
(Verbandsvertreter, Fürsorgestellen oder andere Fach- und Vertrauensleute sozialer
Institutionen) muss ausser Betracht fallen (BGE 132 V 201 E. 4.1 in fine; vgl. auch Urteil
des Bundesgerichts vom 26. November 2012, 9C_878/2012, E. 3.6 und vom
22. Februar 2013, 9C_908/2012, E. 2.2, je mit Hinweis darauf, dass die IV-Stellen unter
Umständen auf soziale Einrichtungen hinzuweisen haben, die fachkundige
Unterstützung im Verwaltungsverfahren bieten [würden], und darauf aufmerksam zu
machen haben, bei diesen ein entsprechendes Gesuch zu stellen). Von Bedeutung ist
schliesslich auch die Fähigkeit der versicherten Person, sich im Verfahren zurechtzu
finden (Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2013, 9C_908/2012, E. 2.2 mit
weiteren Hinweisen).
6.3.1.
Die hohe Bedeutung medizinischer Gutachten für sich allein genommen vermag
die Notwendigkeit einer anwaltlichen Vertretung nicht zu begründen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 16. Dezember 2013, 9C_692/2013, E. 4.2), sondern es bedarf
weiterer Umstände, welche die Sache als nicht (mehr) einfach und eine anwaltliche
Vertretung als notwendig erscheinen lassen (Urteil des Bundesgerichts vom
22. Februar 2013, 9C_908/2012, E. 5.2 mit Hinweisen). Solche Besonderheiten liegen
beispielsweise vor, wenn das kantonale Gericht die Sache zur umfassenden
medizinischen Abklärung und Veranlassung eines polydisziplinären Gutachtens an die
IV-Stelle zurückweist, ein komplexer Sachverhalt vorlag und die versicherte Person
bereits im damaligen gerichtlichen Verfahren vertreten war (Urteil des Bundesgerichts
6.3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 16. Dezember 2013, 9C_692/2013, E. 4.2, und vom 14. Dezember 2017,
9C_436/2017, sowie 9C_746/2017, E. 3.6.1).
Der Beschwerdeführer lässt geltend machen, die Beschwerdegegnerin habe sich
nicht mit den rechtlichen Fragen zum Rentenbeginn befasst. Der Sachverhalt sei nicht
vollständig abgeklärt worden. Dass die Beschwerdegegnerin diesbezügliche
Problemfelder nicht erkannt habe, zeige die Notwendigkeit einer anwaltlichen
Vertretung. Rechtsfragen und Sachverhalt seien nicht einfach. Auch sei er der
deutschen Sprache kaum mächtig (act. G 1). Ohne die Intervention des
Rechtsvertreters wäre die Beschwerdegegnerin auf das neue Gesuch nicht eingetreten
und hätte danach die gesundheitliche Entwicklung seit November 2012 ausser Acht
gelassen. Im Zeitpunkt der Gesuchstellung habe er unter einem mittelschwerem bis
schwerem depressivem Zustandsbild gelitten und sei nicht in der Lage gewesen,
selbständig Unterstützung beizuziehen (act. G 12).
6.3.3.
Medizinisch handelt es sich entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers um
einen durchschnittlich komplexen Fall, sind doch Schmerzen und Depression Leiden,
die im Rahmen der IV-Fälle häufig in Kombination anzutreffen sind. Der in rechtlicher
Hinsicht angeführte Rentenbeginn steht im Zusammenhang mit der Entwicklung des
Gesundheitszustandes und nicht mit komplizierten Rechtsfragen etwa betreffend
Beginn oder Ablauf des Wartejahres. Allerdings war der Beschwerdeführer bereits im
durch das vorgängige Gesuch vom 25. August 2010 (IV-act. 55) begründeten Verfahren
samt Gerichtsverfahren durch den heutigen Rechtsvertreter begleitet (vgl. Einwand
vom 18. Januar 2011, IV-act. 76). Nach der neuen Anmeldung vom 26. November 2012
stellte die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer in Aussicht, auf das Gesuch
wiederum nicht einzutreten (Vorbescheid vom 28. Januar 2013, IV-act. 111). Bereits der
Einwand vom 5. März 2013 (IV-act. 114) führte zu weiteren Abklärungen und
insbesondere zu den bidisziplinären Begutachtungen und schliesslich nach fast
sechsjähriger Verfahrensdauer zur Zusprache einer Viertelsrente mit Verfügung vom
23. August 2018 (IV-act. 251 und 245; IV-act. 258). Aufgrund der langen
Verfahrensdauer sowie der bereits früher erfolgten Vertretung rechtfertigt es sich, für
das Vorbescheidverfahren bzw. das mit Eingabe vom 24. April 2018 angestrengte
Einwandverfahren von einer sachlichen Gebotenheit des Anwaltsbeizugs auszugehen.
Zudem ist auch nicht von der Aussichtslosigkeit auszugehen, da über die Fragen des
Rentenbeginns sowie der Höhe der Rente nicht zuvor bereits ein Rechtsmittelverfahren
stattgefunden hatte und die Vorbringen diesbezüglich bereits im Vornherein als völlig
unzutreffend zu werten gewesen waren. Die Voraussetzungen für die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren sind somit gegeben.
6.3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.
Nach dem Gesagten ist in Gutheissung der Beschwerde vom 27. September 2018
(Verfahren IV 2018/327) die Verfügung vom 23. August 2018 betreffend Rente
aufzuheben und dem Beschwerdeführer mit Wirkung vom 1. Mai 2013 bis 30.
September 2013 eine ganze, ab 1. Oktober 2013 eine halbe Rente, vom 1. Januar 2016
bis 30. Juni 2016 eine ganze Rente und ab 1. Juli 2016 wiederum eine halbe Rente
zuzusprechen. Zur Festsetzung und Ausrichtung der Rentenleistung ist die Sache an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
7.1.
In Gutheissung der Beschwerde vom 14. September 2018 (Verfahren IV 2018/308)
ist die Verfügung vom 12. Juli 2018 betreffend unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Vorbescheidverfahren aufzuheben und dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren ab Gesuchseinreichung am 24. April
2018 zu bewilligen sowie Rechtsanwalt lic. iur. Marco Bivetti zum unentgeltlichen
Rechtsbeistand zu ernennen. Der Rechtsvertreter macht einen Aufwand von
Fr. 1'170.-- (inkl. Mehrwertsteuer und Barauslagen) geltend, was angemessen
erscheint.
7.2.
Das Beschwerdeverfahren IV 2018/236 betreffend Rente ist kostenpflichtig. Die
Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden
Angelegenheit als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat ausgangsgemäss die
gesamten Gerichtskosten von Fr. 600.-- zu bezahlen.
7.3.
bis
Demgegenüber sind im Beschwerdeverfahren IV 2018/308 betreffend
unentgeltliche Verbeiständung im Verwaltungsverfahren keine Gerichtskosten zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Da es sich vorliegend nicht um eine Streitigkeit betreffend
"IV-Leistungen" handelt, findet die Kostenregelung von Art. 69 Abs. 1 IVG keine
Anwendung (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom
12. Januar 2012, IV 2010/270 E. 6.4).
7.4.
bis
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis
Fr. 15'000.--. Die Beschwerdeführerin obsiegt sowohl im Verfahren betreffend Rente (IV
7.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte