Decision ID: a4cdc656-bf64-481a-8808-afa04e751099
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Februar 2016 unter Hinweis auf Depressionen und Alkohol
bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an. Sie gab an, eine Ausbildung als Baumalerin absolviert zu
haben. Seit der Geburt ihres Sohnes sei sie Hausfrau und Mutter. Seit ca. Juli 2015
arbeite sie via die Sozialhilfe im Leistungszentrum in B._ im 50%-Pensum (IV-act. 9).
A.a.
Am 29. Februar 2016 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass gemäss ihren
Abklärungen zurzeit keine beruflichen Massnahmen angezeigt seien, da sie als
Hausfrau tätig sei (IV-act. 18).
A.b.
Der behandelnde Psychiater Dr. med. C._, Klinik D._, berichtete am 2. März
2016, dass bei der Versicherten seit etwa 1995 ein Alkoholabhängigkeitssyndrom
(ICD-10 F10.2) sowie seit etwa 2000 eine rezidivierende depressive Störung mit meist
mittel- bis schwergradigen Episoden ohne psychotische Symptome (ICD-10 F32.2)
bestünden. Die Versicherte sei höchstens noch im geschützten Rahmen
teilarbeitsfähig. Sie sei in der selbständigen Lebensgestaltung erheblich eingeschränkt.
Wenn die Versicherte alleine gewesen sei, sei sie dem Alkoholkonsum verfallen oder
habe an Depressionen gelitten. In betreuten Wohnsituationen gehe es ihr relativ gut.
Seit dem 15. Februar 2016 befinde sich die Versicherte erneut in einer betreuten
Wohnsituation. Sie habe sich soweit stabilisiert, dass daran gedacht werde, sie
stundenweise in ihren erlernten Beruf zu reintegrieren. Sie werde ambulant
psychiatrisch behandelt (IV-act. 20).
A.c.
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Im Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt vom 6.
Juli 2016 gab die Versicherte an, dass sie seit April 2007 nicht mehr erwerbstätig
gewesen sei. Ohne gesundheitliche Einschränkungen wäre sie heute aus finanziellen
Gründen im 50-100%-Pensum als Malerin tätig. Sie lebe zurzeit im betreuten Wohnen
und ihr Sohn befinde sich im Kinderheim. Ohne Unterstützung sei sie in allen Bereich
instabil (IV-act. 27, vgl. auch IV-act. 30).
A.d.
Anlässlich des Gesprächs mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) vom 23.
Dezember 2016 gab Dr. C._ an, dass er die Versicherte seit ca. zehn Jahren
behandle. Während dieser Zeit habe sich ein schwieriger Verlauf mit unzähligen
Abstürzen im Rahmen von übermässigem Alkoholkonsum gezeigt. Seit Jahren würden
zunehmende depressive Phasen auftreten. Seit Februar 2016 wohne die Versicherte in
einer Wohngemeinschaft bei einem Ehepaar, das einen Bauernbetrieb führe. Sie
imponiere psychisch deutlich stabiler. Einmal in der Woche arbeite sie in der
geschützten Werkstatt, ansonsten helfe sie auf dem Bauernhof mit. Dr. C._ empfahl
die Durchführung von beruflichen Massnahmen nach Massgabe der
Eingliederungsberatung im Sinne eines Arbeitstrainings (IV-act. 33, 39).
A.e.
Am 16. Mai 2017 wurde die Versicherte von Dr. med. E._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, psychiatrisch begutachtet. Der Sachverständige
diagnostizierte im Wesentlichen ein Alkoholabhängigkeitssyndrom, gegenwärtig
abstinent in beschützter Umgebung (ICD-10 F10.21), sowie eine
Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS), vorwiegend hyperaktiv-
impulsiver Typus, leichten bis mittleren Grades (ICD-10 F90.1; IV-act. 49-30 f.). Der
Sachverständige hielt zur Wechselwirkung der beiden Diagnosen fest, dass sich die
Impulskontrollstörung ungünstig auf die Frustrationstoleranz auswirke, was dann zu
einer Alkoholbetäubung des Frustes führe. Die vom behandelnden Psychiater
diagnostizierte rezidivierende depressive Störung mit teils mittelgradigen und schweren
Episoden könne entsprechend den Angaben der Versicherten, aber auch aus den
Berichten der Kliniken nicht objektiviert werden. Die Versicherte habe die Neigung,
emotional sehr stark zu reagieren und ihre Wut, Enttäuschung und Trauer mit Alkohol
zu betäuben. Dies habe aber nichts mit einer Depression zu tun. Mit sehr grosser
Wahrscheinlichkeit sei anzunehmen, dass die wiederholt gestellten Diagnosen eher
"taktische" Diagnosen, d.h. "Gefälligkeitsdiagnosen" gewesen seien, um das
A.f.
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Alkoholproblem der Versicherten zu bagatellisieren und die Geldleistungen der
Versicherungen zu beschleunigen und garantieren. Konkret zeige sich die
Gesundheitsschädigung hauptsächlich durch einen situativ übermässigen
Alkoholkonsum mit dem Ziel der Betäubung von Schmerz, Trauer und Enttäuschung,
aber auch als Vermeidungsstrategie bei irgendeiner Anforderung mit
Versagensängsten. Dies sei eine klassische Auswirkung der Alkoholabhängigkeit,
erschwert zusätzlich durch die Impulskontrollstörung (IV-act. 49-22 f.). Dass gewisse
Belastungen bei der Versicherten zu einer Reaktion mit Angst und depressiven
Symptomen geführt hätten, sei nicht auszuschliessen. Dass aber Depressionen
mittelgradig bis schweren Ausmasses vorgelegen hätten, sei nicht nachzuvollziehen.
Schliesslich habe jedes Mal ein schwerer Alkoholabsturz im Zusammenhang mit einer
vorgängigen psychosozialen Problematik und nicht eine Depression zu einem Eintritt in
eine Klinik geführt (IV-act. 49-25). Der Gutachter führte weiter aus, dass die Versicherte
alleine mit sich selbst nicht viel anfangen könne. Sie brauche irgendeine Stütze
respektive eine nahe Ansprechperson, die ihr helfen könne bzw. einfach nur in der
Nähe sei. Selbstverständlich wäre es am einfachsten, wenn sie einen "günstigen"
Partner finden könnte, was bei ihrer weiterhin zu erwartenden "ungünstigen"
Partnerwahl allerdings unwahrscheinlich sei. Meistens würden impulskontrollgestörte
Menschen nicht die für sie guten "Langweiler" anziehen, sondern ebenfalls
impulskontrollgestörte Partner, was dann ein "explosives Gemisch" ergebe (IV-act.
49-28). Die Versicherte müsse an der Impulskontrollstörung arbeiten, sie müsse ihr
Selbstwertgefühl mit Erfolgen aufbauen, also insbesondere wieder arbeiten und wieder
Verantwortung für ihren Sohn übernehmen. Die Versicherte sei bei den
Eingliederungsbemühungen hauptsächlich gescheitert, weil sie sich nur um ihren Sohn
und nicht um sich selbst bemüht habe. Es sei eine Gewohnheit gewesen, mit
Alkoholbetäubung versagen zu dürfen. Man müsse der Versicherten aufzeigen, dass
dieses ständige sich Betrinken bei Belastungen ihrer unwürdig sei. Bei der Versicherten
fehle wenig, damit sie Erfolg hätte. Dass sie mit der Alkoholbetäubung den einfachsten
Weg gehe, sei bei ihren vorhandenen Ressourcen sowohl selbstbedingt als auch
störungsbedingt. Sie könne anders und habe auch genügend Hilfe. Vielleicht werde es
besser, wenn man ihre Impulskontrollstörung mehr therapiere. Der Versicherten sei
eine Arbeit zuzumuten; diese würde ihr guttun. Sie sei im alkoholabstinenten Zustand
voll arbeitsfähig. Die Hauptfrage sei, wie man eine Alkoholbetäubung der Versicherten
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bei Kränkungen und Belastungen verhindern könne. Es gebe einzelne Medikamente,
die ihre Impulskontrollstörung deutlich vermindern würden. Unter diesen
Medikamenten sowie mit entsprechenden sozialen Stützen sei ihr eine Arbeitstätigkeit
im vollen Rahmen zumutbar. Sie könne jegliche handwerkliche Tätigkeiten oder
Putztätigkeiten leisten, wobei das Arbeitsfeld und der Chef fast wichtiger seien als die
Arbeit selbst. Für intellektuelle Tätigkeiten sei die Versicherte nicht ausgebildet. Im
Rahmen der ADHS seien intellektuelle Tätigkeiten auch nicht zu empfehlen, sondern
eher eine handwerkliche Arbeit. Eine Alkoholabstinenz sei insbesondere aufgrund der
vielen Ressourcen der Versicherte auf jeden Fall zumutbar. Man müsse korrekterweise
allerdings auch ihre Impulskontrollstörung behandeln (IV-act. 49-30 ff.).
Der RAD notierte am 4. Juli 2017, dass das Gutachten formal und inhaltlich den
Konventionen entspreche, die man an ein medizinisches Gutachten stellen dürfe. Aus
versicherungsmedizinischer Sicht liege kein IV-relevanter Gesundheitsschaden vor und
die Versicherte sei in adaptierten Tätigkeiten zu 100% arbeitsfähig (IV-act. 50).
Gleichentags teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie das Begehren um
berufliche Massnahmen abweisen werde, da kein IV-relevanter Gesundheitsschaden
vorliege (IV-act. 53).
A.g.
Mit einem Vorbescheid vom 6. Juli 2017 stellte die IV-Stelle der Versicherten unter
Verweis auf die gutachterlichen Ausführungen die Abweisung des Rentenbegehrens in
Aussicht (IV-act. 56). Dagegen wandte die Versicherte am 11. Juli 2017 ein, dass sie
zwar in der Lage sei, im geschützten Bereich Arbeit zu verrichten, aber dass sie nicht
im Stande sei, einer 100%igen Arbeit nachzugehen. Sie befürchte, dass es ihr dann
wieder psychisch schlechter gehen könnte, was in den letzten 12 Jahren immer wieder
passiert sei (IV-act. 57).
A.h.
Am 26. Juli 2017 verfügte die IV-Stelle gemäss ihrem Vorbescheid die Abweisung
des Rentenbegehrens bei einem Invaliditätsgrad von 0%. Zum Einwand der
Versicherten hielt sie fest, die Versicherte habe selbst erwähnt, dass es ihr dank des
aktuellen Arbeits- und Wohnumfeldes deutlich besser gehe. Auch im Gutachten sei
festgehalten worden, dass die Versicherte vor allem einen verständnisvollen
Vorgesetzen benötige. Wenn dies erfüllt sei, könne sie auch in der freien Wirtschaft
eine 100%ige Arbeitsleistung erbringen (IV-act. 58).
A.i.
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B.
Am 23. August 2017 erhob die Versicherte Beschwerde gegen die Verfügung vom
26. Juli 2017 und beantragte eine Fristverlängerung zur Beschwerdebegründung. Sie
brachte vor, dass sie sich durch das Vorgehen der IV-Stelle nicht ernstgenommen
fühle. Ihr behandelnder Psychiater sei zudem nie um eine Stellungnahme ersucht
worden (act. G 1).
B.a.
Nach mehrmaliger Fristerstreckung beantragte die (nun anwaltlich vertretene)
Beschwerdeführerin am 11. Dezember 2017, die Verfügung vom 26. Juli 2017 sei
aufzuheben und ihr seien nach einer nochmaligen Abklärung des Gesundheitszustands
und der Leistungsfähigkeit die ihr zustehenden Leistungen der Invalidenversicherung
(berufliche Massnahmen, allenfalls eine Rente) zu gewähren. Zudem ersuchte die
Beschwerdeführerin um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung. Die Beschwerdeführerin machte geltend, dass das
monodisziplinäre Gutachten nicht haltbar sei. Dies ergebe sich insbesondere aus der
Unterstellung, dass die Diagnose einer Depression eine Gefälligkeitsdiagnose gewesen
sei. Auch argumentiere der Gutachter, dass es am einfachsten wäre, wenn die
Beschwerdeführerin einen "günstigen" Partner finden würde. Mit solchen Aussagen
lasse der Gutachter die notwendige Sachlichkeit vermissen und es müsse von einer
negativen Vorbefasstheit ausgegangen werden. Der Gutachter habe den
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin wohl geleitet von seiner Vorbefasstheit
nicht richtig erfasst. Die Suchtproblematik der Beschwerdeführerin werde durch eine
psychische Grunderkrankung offensichtlich begleitet und verstärkt und es sei daher
auch hinsichtlich des Suchtleidens von einer invalidisierenden Erkrankung auszugehen.
Deshalb werde darum ersucht, dass der Gesundheitszustand nochmals umfassend
abgeklärt werde. Es müsse geklärt sein, in welchem Pensum eine Arbeitstätigkeit
zumutbarerweise ausgeübt werden könne. Dabei werde es letztlich auch um die
notwendigen beruflichen Massnahmen gehen (act. G 13). Die Beschwerdeführerin
reichte eine Stellungnahme von Dr. C._ vom 27. November 2017 ein. Dieser hatte die
Verneinung eines depressiven Geschehens im Gutachten bemängelt. Er hatte
festgehalten, dass nicht auf eine taktische Diagnose geschlossen werden dürfe, nur
weil die Klinikberichte diesbezüglich wenig aussagekräftig seien. Er kenne die
Versicherte seit 2006 und sie sei mehrmals mittelgradig bis schwergradig depressiv
B.b.
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gewesen. Aus diesem Grund habe er sie über all die Jahre mit antidepressiven und
stimmungsstabilisierenden Medikamenten behandelt. Heute gehe es dank des
geschützten Rahmens und der Medikamenteneinnahme gut. Der Gutachter scheine die
Schwere der Alkoholkrankheit zu bagatellisieren. Damit die Versicherte längerfristig
Fuss fassen könne, müssten berufliche Massnahmen durchgeführt werden (act. G
13.1).
Am 12. Januar 2018 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde, soweit darauf einzutreten sei. Zur Begründung führte sie aus, dass der
Anspruch der Beschwerdeführerin auf berufliche Massnahmen am 4. Juli 2017
rechtskräftig abgewiesen worden sei, so dass der am 11. Dezember 2017 gestellte
Antrag auf berufliche Massnahmen verspätet erfolgt sei. Demnach sei auf das Gesuch
um berufliche Massnahmen nicht einzutreten. Die Beschwerdeführerin mache im
Wesentlichen eine Befangenheit des Gutachters geltend. Zwar sei die Wortwahl des
Gutachters etwas salopp, die Grenze zur Despektierlichkeit sei aber (noch) nicht
überschritten. Aufgrund der harmlosen psychiatrischen Befundlage habe der Gutachter
zu Recht keine psychiatrische Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
gestellt. Eine Drogensucht begründe für sich alleine keine Invalidität. Die Einwände des
Hausarztes vermöchten das Gutachten nicht zu erschüttern. Weitere medizinische
Abklärungen seien nicht angezeigt (act. G 15).
B.c.
Am 2. März 2018 hielt die Beschwerdeführerin an ihren in der Beschwerde
gestellten Anträgen fest und bestätigte im Wesentlichen ihre Standpunkte. Ergänzend
hielt sie fest, dass dem behandelnden Psychiater, nur weil er die Beschwerdeführerin
seit mehreren Jahren therapiere, nicht die nötige Objektivität fehle. Vielmehr lasse erst
eine lang andauernde Therapie bei komplexen psychischen Beeinträchtigungen eine
klare Aussage zu, während ein Gutachter nur eine Momentaufnahme widergebe (act. G
20).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (vgl. act. G
22).
B.e.
Am 19. Juni 2019 reichte die Beschwerdeführerin einen Artikel der Online-Zeitung
F._ vom 12. Juni 2019 über einen Straffall ein, bei dem Dr. E._ als Gutachter
B.f.
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Erwägungen
1.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2017 hat die Beschwerdegegnerin einen Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Invalidenrente verneint. Entscheidinhalt der
angefochtenen Verfügung ist folglich ausschliesslich der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf Rentenleistungen der Invalidenversicherung. Die von der
Beschwerdeführerin ebenfalls beantragten beruflichen Massnahmen (act. G 13 S. 5)
sind von der Beschwerdegegnerin mit einer Mitteilung vom 4. Juli 2017 (IV-act. 53)
abgelehnt worden und die Beschwerdeführerin hat keine beschwerdefähige Verfügung
verlangt. Ein allfälliger Anspruch der Beschwerdeführerin auf berufliche Massnahmen
kann deshalb nicht Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens sein, weshalb auf
den entsprechenden Antrag nicht eingetreten werden kann. Gegenstand des
vorliegenden Verfahrens bildet somit einzig die Frage, ob die Beschwerdeführerin einen
Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
2.
hinzugezogen worden war (act. G 23). Die Beschwerdegegnerin liess sich nicht
vernehmen (vgl. act. G 24).
Einen Rentenanspruch haben Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können,
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid
sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Gemäss
Art. 28a Abs. 1 des IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich durch einen
Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
2.1.
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Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
Um das Invalideneinkommen zu bestimmen und damit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, muss die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer
adaptierten Tätigkeit im Verfügungszeitpunkt feststehen. Zur Beantwortung der Frage
nach der Arbeitsfähigkeit hat die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin durch
Dr. E._ psychiatrisch begutachten lassen.
2.2.
Die Beschwerdeführerin bringt im Wesentlichen vor, dass Dr. E._
voreingenommen gewesen sei. Sie leitet diese Voreingenommenheit insbesondere aus
den verschiedenen im Gutachten verwendeten Formulierungen ("Selbstverständlich
wäre es am einfachsten, wenn sie einen günstigen Partner finden könnte [...]; "die
wiederholt gestellten Diagnosen von rezidivierenden depressiven Episoden eher
taktische Diagnosen, d.h. Gefälligkeitsdiagnosen gewesen sein dürften"; IV-act. 49-22
und 28) ab. Der Gutachter hat sich mit der Persönlichkeit der Beschwerdeführerin und
ihren biografischen Angaben auseinandergesetzt und ist dabei zum Schluss
gekommen, dass die Beschwerdeführerin eine Stütze bzw. eine nahe Ansprechperson
brauche. Sie scheine Mühe zu haben, wenn sie auf sich allein gestellt sei, während sie
in Gesellschaft aufblühe (IV-act. 49-26, 28). Dass der Gutachter dabei einen (fraglich
notwendigen) Kommentar hinsichtlich der günstigen bzw. ungünstigen Partnerwahl der
Beschwerdeführerin abgegeben hat, erscheint zwar wenig professionell, ist aber
natürlich noch kein Beweis für eine Voreingenommenheit des Gutachters gegenüber
der Beschwerdeführerin. Insbesondere ist dem Gutachter aus dem Umstand, dass er
seine gutachterliche Einschätzung zum Teil unverblümt wiedergibt, nicht per se seine
Objektivität abzusprechen. Die übrigen gutachterlichen Aussagen erwecken ebenfalls
nicht den Anschein einer Voreingenommenheit, zumal der Gutachter die
Beschwerdeführerin keineswegs negativ beschrieben oder gar abwertende Aussagen
getätigt, sondern sie als bei der Begutachtung "sehr klar, motiviert, sehr anständig und
höflich" bezeichnet hat (IV-act. 49-37). Auch die Tatsache, dass der Gutachter die vom
behandelnden Psychiater diagnostizierte depressive Störung als taktische bzw.
Gefälligkeitsdiagnose bezeichnet hat, genügt nicht, seine Objektivität in Frage zu
stellen. Soweit der Gutachter etwas ungeschickt und überzogen von einer
"Gefälligkeitsdiagnose" des Behandlers gesprochen hat, ist entsprechend der Ansicht
der Beschwerdegegnerin davon auszugehen, dass er sich damit auf die
bundesgerichtliche Rechtsprechung, wonach bekannt ist, dass behandelnde Ärztinnen
und Ärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im
Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (vgl. BGE 135 V 465 E. 4.5 mit
2.2.1.
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Hinweisen), bezogen hat. Nach dem Gesagten ist der Vorwurf der Befangenheit von Dr.
E._ vorliegend nicht gerechtfertigt. Aus den Akten ergeben sich auch keine Hinweise
darauf, dass die vorliegende psychiatrische Begutachtung und die entsprechende
gutachterliche Arbeitsfähigkeitsschätzung durch sachfremde, d.h. durch nicht
medizinische Aspekte beeinflusst worden wäre. Bezüglich des eingereichten
Zeitungsartikels (act. G 23.1), in dem eine Journalistin die "ziemlich irritierende"
Haltung des Gutachters und dessen gutachterliche Aussagen in einem früheren
Strafverfahren thematisiert hatte, ist anzumerken, dass weder der Inhalt des Artikels
noch das damalige Verfahren in irgendeinem Zusammenhang zu der hier zu prüfenden
Angelegenheit stehen und deshalb im vorliegenden Verfahren irrelevant sind (und vor
dem Hintergrund der dem Gericht obliegenden Objektivität und Neutralität nicht
berücksichtigt werden dürfen).
Zu prüfen ist weiter, ob die medizinischen Akten die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu
belegen vermögen. Der psychiatrische Gutachter hat einerseits ein
Alkoholabhängigkeitssyndrom sowie andererseits eine ADHS diagnostiziert und sich
mit den einzelnen Diagnosen eingehend befasst. Allerdings hat er sich mit der
Kombination der beiden Diagnosen nur ungenügend auseinandergesetzt. Er hat
bezüglich einer allfälligen Wechselwirkung lediglich festgehalten, dass sich die
Impulskontrollstörung der Beschwerdeführerin grundsätzlich ungünstig auf deren
Frustrationstoleranz auswirke, was dann zu einer Betäubung des Frustes mit Alkohol
führe. Die ADHS-Diagnose selbst habe keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit, wirke
sich aber ungünstig auf die Alkoholabhängigkeit aus. Hinzu kommt, dass der Gutachter
die Alkoholabhängigkeit als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit und als
Diagnose ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit aufgeführt hat. Dies erweckt den
Eindruck, dass sich der Gutachter bezüglich des Einflusses dieser Diagnose auf die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin und der Korrelation der beiden Diagnosen
untereinander nicht hat festlegen können oder wollen. Dafür spricht insbesondere
auch, dass der Gutachter den Alkoholkonsum der Beschwerdeführerin sowohl als
"selbstbedingt" als auch als "störungsbedingt" bezeichnet hat und seine Einschätzung
insgesamt sehr vage geblieben ist ("Vielleicht wird das Ganze besser, wenn man ihre
Impulskontrollstörung therapiert", IV-act. 49-33). Zusammenfassend hat sich der
Gutachter mit den gesundheitlichen Beeinträchtigungen in ihrer Kombination nur
ungenügend auseinandergesetzt und deshalb keine überzeugend begründete
Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben. Die Berichte des behandelnden Psychiaters Dr.
C._ vermögen in Bezug auf die Diagnose einer depressiven Störung ebenfalls nicht
zu überzeugen. Insbesondere fehlt es an einer plausibel begründeten Herleitung der
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
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3.
gestellten Diagnose, weshalb auf die daraus abgeleitete Arbeitsfähigkeitsschätzung
ebenfalls nicht abgestellt werden kann. Nicht zuletzt ist auf die in Erwägung 2.2.1
zitierte Praxis des Bundesgerichts zu verweisen, wonach es einer Erfahrungstatsache
entspreche, dass Hausärzte und behandelnde Spezialisten mitunter im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten
aussagen (vgl. zu den weiteren Gründen BGE 135 V 470 f. E. 4.5).
Insgesamt ist festzuhalten, dass die aktuelle medizinische Aktenlage die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt. Der medizinische Sachverhalt erweist sich
somit als nicht rechtsgenüglich abgeklärt. Die Verfügung vom 26. Juli 2017 ist deshalb
in Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes ergangen und als rechtswidrig
aufzuheben. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist eine Rückweisung
an die Verwaltung dann zulässig, wenn es darum geht, zu einer bisher vollständig
ungeklärten Frage ein Gutachten einzuholen, oder wenn lediglich eine Klarstellung,
Präzisierung oder Ergänzung von gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (vgl.
das Urteil des Bundesgerichtes vom 15. November 2019, 8C_525/2019 E. 3.3). Die
Sache ist folglich im Sinne der Rechtsprechung zur Präzisierung und Ergänzung der
gutachterlichen Ausführungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dabei wird
sie dem psychiatrischen Gutachter Rückfragen bezüglich der Kombination der
gestellten Diagnosen zu stellen haben und im Lichte der neuen bundesgerichtlichen
Rechtsprechung zu den Suchtleiden (vgl. BGE 145 V 215) abzuklären haben, ob die
Diagnosen in ihrer Gesamtheit eine Arbeitsunfähigkeit auslösen, die eine Invalidität der
Beschwerdeführerin bewirken könnte.
2.4.
In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom 26.
Juli 2017 aufzuheben und die Sache ist zur notwendigen Vervollständigung der
Sachverhaltsabklärung und zur anschliessenden neuen Verfügung im Sinne der
Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Die Rückweisung
der Sache zur ergänzenden Abklärung und neuen Beurteilung an die Verwaltung ist als
volles Obsiegen der Beschwerdeführerin zu werten (BGE 132 V 215 E. 6.2).
Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- vollumfänglich der
3.2.
bis
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