Decision ID: 9d9066d9-4bcf-4cb9-837d-6b91ed7d45ad
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen entzog X. den
Führerausweis mit Verfügung vom 2. Februar 2012 auf unbestimmte Zeit. Es
aberkannte ihm das Recht, Motorfahrzeuge aller Kategorien sowie aller Unter- und
Spezialkategorien (inklusive Mofa) zu führen. Als Bedingung für die Wiedererlangung
des Führerausweises verlangte es eine kontrollierte und fachlich betreute
Alkoholabstinenz von mindestens sechs Monaten, eine fachärztliche psychiatrische
Betreuung und Behandlung sowie eine verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung.
Zur Begründung wurde ein verkehrsrelevanter Alkoholmissbrauch angeführt. X. hatte
am 26. Mai 2011 in angetrunkenem Zustand (Blutalkoholkonzentration von mindestens
1,46 Gew.-‰) einen Verkehrsunfall verursacht. Das Strassenverkehrsamt hielt ihm vor,
mit zahlreichen Einträgen im Administrativmassnahmeregister verzeichnet zu sein. Mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft F. vom 2. August 2011 wurde X. im Zusammenhang
mit der Trunkenheitsfahrt vom 26. Mai 2011 mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen
zu je Fr. 60.--, bedingt erlassen auf eine Probezeit von vier Jahren, sowie einer Busse
von Fr. 1'080.-- bestraft.
B.- Am 10. August 2012 beantragte X. die Wiedererteilung des Führerausweises.
Gestützt auf das verkehrsmedizinische Gutachten vom 24. September 2012 hob das
Strassenverkehrsamt den Führerausweisentzug am 25. Oktober 2012 hinsichtlich der
3. medizinischen Gruppe (Kategorien A und B) auf, und zwar verbunden mit den
Auflagen einer kontrollierten Alkoholabstinenz, der Fortsetzung der regelmässigen
psychiatrischen Betreuung nach ärztlicher Weisung, des Einreichens von halbjährlichen
Berichten der betreuenden Stellen sowie von Haarprobenentnahmen jeweils Ende März
und September. Bezüglich der 2. medizinischen Gruppe (u.a. Kategorie C und CE)
ordnete das Strassenverkehrsamt mit Verfügung vom 25. Oktober 2012 – wiederum
gestützt auf das rechtsmedizinische Gutachten – eine verkehrspsychologische
Untersuchung an. Es soll die Frage beantwortet werden, ob eine charakterliche
Problematik bestehe, welche dazu führe, dass sich die betroffene Person in Zukunft mit
hoher Wahrscheinlichkeit nicht an das Strassenverkehrsgesetz halten werde.
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C.- Am 9. November 2012 liess X. durch seinen Rechtsvertreter Rekurs gegen die
Zwischenverfügung vom 25. Oktober 2012 (Anordnung einer verkehrspsychologischen
Untersuchung) erheben. Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung.
Das Strassenverkehrsamt sei anzuweisen, den Führerausweisentzug vollumfänglich –
unter Auflagen – aufzuheben und dem Rekurrenten den Führerausweis
wiederzuerteilen. Prozessual trug er zudem auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung
und Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung an.
Mit Verfügung vom 10. Dezember 2012 bewilligte der Abteilungspräsident das Gesuch
um unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung. Für das Rekursverfahren
wurde auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie der amtlichen Kosten
verzichtet. Rechtsanwalt Daniel Speck, Engelburg, wurde dem Gesuchsteller zudem als
unentgeltlicher Rechtsvertreter bestellt.
Am 8. Januar 2013 teilte das Strassenverkehrsamt mit, dass es auf eine
Vernehmlassung verzichte. Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit

erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 9. November 2012 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
Der Rekurrent verlangt, die Vorinstanz sei anzuweisen, ihm den Führerausweis
vollumfänglich – unter Auflagen – wiederzuerteilen. Die Wieder- bzw. Nichterteilung des
Führerausweises ist jedoch nicht Gegenstand der angefochtenen Zwischenverfügung
vom 25. Oktober 2012. Auf diesen Antrag kann deshalb – im Unterschied zu
demjenigen auf Aufhebung der angefochtenen Zwischenverfügung – nicht eingetreten
werden.
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2.- Die Vorinstanz forderte den Rekurrenten mit Zwischenverfügung vom 25. Oktober
2012 auf, sich einer verkehrspsychologischen Begutachtung zu unterziehen. Mit dieser
soll abgeklärt werden, ob ein charakterlicher Mangel bestehe, welcher dazu führe, dass
er sich in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an das Strassenverkehrsgesetz
halten werde.
Der Rekurrent verlangt die Aufhebung dieser Verfügung und begründet dies damit,
dass die Vorinstanz ihm den Führerausweis für die Kategorien der 3. medizinischen
Gruppe wiedererteilt habe. Demnach gehe sie von seiner charakterlichen Eignung,
Motorfahrzeuge führen zu können, aus. Es sei deshalb willkürlich, die charakterliche
Eignung bezüglich der 2. medizinischen Gruppe in Frage zu stellen und diese abklären
zu lassen. Der Anhang 1 zur Verkehrszulassungsverordnung (SR 741.51, abgekürzt:
VZV) regle nur die medizinischen Mindestanforderungen an die Motorfahrzeugführer.
Die charakterliche Eignung habe mit diesen medizinischen Gruppen nichts zu tun.
a) Art. 14 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) sieht vor,
dass Führerausweise nicht erteilt werden dürfen, wenn der Bewerber nicht über eine
körperliche und geistige Leistungsfähigkeit verfügt, die zum sicheren Führen von
Motorfahrzeugen ausreicht (lit. b), an einer die Fahreignung ausschliessenden Sucht
leidet (lit. c) oder nach seinem bisherigen Verhalten nicht Gewähr bietet, dass er als
Motorfahrzeugführer die Vorschriften beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht
nehmen würde (lit. d). Im vorliegenden Fall steht aufgrund der Fragestellung durch die
Vorinstanz an den Verkehrspsychologen nur die charakterliche Eignung, ein
Motorfahrzeug zu führen, in Frage.
Eine fehlende Eignung aus charakterlichen Gründen liegt vor, wenn das bisherige
Verhalten des Fahrzeuglenkers keine Gewähr bietet, dass er künftig die Verkehrsregeln
beachtet und auf die Mitmenschen Rücksicht nimmt (Art. 14 Abs. 2 lit. d SVG).
Anzeichen dafür bestehen, wenn Charaktermerkmale des Betroffenen, die für die
Eignung im Verkehr erheblich sind, darauf hindeuten, dass er als Lenker eine Gefahr für
den Verkehr darstellt. Massgebend ist die schlechte Prognose über das Verhalten als
Motorfahrzeugführer. Es müssen hinreichend begründete Anhaltspunkte dafür
vorliegen, dass der Lenker sich im Verkehr rücksichtslos verhalten wird. Die Frage ist
anhand der Vorkommnisse (unter anderem Art und Anzahl begangener Verkehrsdelikte)
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und der persönlichen Umstände zu beurteilen. In Zweifelsfällen ist ein
verkehrspsychologisches oder psychiatrisches Gutachten anzuordnen (Ph.
Weissenberger, Kommentar zum Strassenverkehrsgesetz, Zürich/St. Gallen 2011
N11zu Art. 14).
b) Die Voraussetzungen der medizinischen und geistigen Leistungsfähigkeit nach Art.
14 Abs. 2 lit. b SVG und die charakterliche Eignung nach lit. d sind bei der Beurteilung
auseinanderzuhalten und unabhängig voneinander zu prüfen. Es ist demnach möglich,
dass die medizinische und geistige Leistungsfähigkeit gemäss Anhang 1 zur VZV für
die eine Gruppe besteht, währenddem sie für eine andere zu verneinen ist. Hier ist
ausdrücklich eine Abstufung der Voraussetzungen vorgesehen. Anders verhält es sich
bei der charakterlichen Eignung (im Sinne der Legalprognose) zum Führen eines
Motorfahrzeugs. Die entsprechenden Voraussetzungen werden nicht nach den
verschiedenen Führerausweiskategorien differenziert. Jedenfalls ergibt sich weder aus
dem Gesetz, der Verordnung (VZV) noch – soweit überblickbar – der Rechtsprechung
etwas Anderes. Dies spricht dafür, dass für die unterschiedlichen
Führerausweiskategorien dieselben charakterlichen Voraussetzungen bezüglich der
Legalprognose gelten. Ist davon auszugehen, dass sich ein Fahrzeugführer aus der
3. medizinischen Gruppe zufolge fehlender gegenteiliger Anhaltspunkte an die
Strassenverkehrsvorschriften halten wird, ist nicht einzusehen, weshalb sich derselbe
Fahrzeugführer im Bereich der 2. medizinischen Gruppe nicht auch daran halten soll.
Die Vorinstanz erteilte dem Rekurrenten mit Verfügung vom 25. Oktober 2012 den
Führerausweis für die Fahrzeugkategorien der 3. medizinischen Gruppe wieder. Daraus
folgt, dass sie die charakterliche Eignung zum Führen eines Motorfahrzeugs für die
Kategorien A und B beim Rekurrenten als gegeben erachtete. Mithin geht sie davon
aus, dass er, flankiert von Auflagen, Gewähr biete, als Motorfahrzeugführer die
Vorschriften zu beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht zu nehmen (vgl. Art. 14
Abs. 2 lit. d SVG). Dass diese charakterliche Eignung für die 2. medizinische Gruppe
nicht ausreichen soll, leuchtet trotz der unterschiedlichen Betriebsgefahren der
unterschiedlichen Fahrzeuge der jeweiligen Ausweiskategorien nicht ein. Wie bereits
ausgeführt, gibt es keinen Anlass, die Frage der charakterlichen Eignung bezüglich der
Legalprognose für die beiden medizinischen Gruppen unterschiedlich zu beantworten.
Demnach geht es nicht an, die charakterliche Eignung und damit die Fahreignung für
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die 3. medizinische Gruppe zu bejahen und dieselbe für die 2. medizinische Gruppe
weiter abklären zu wollen. Die angefochtene Verfügung ist daher aufzuheben und von
einer verkehrspsychologischen Untersuchung abzusehen. Die Angelegenheit ist an die
Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie eine neue Verfügung für die
Führerausweiskategorien der 2. medizinischen Gruppe erlässt. Mit dem Entscheid in
der Sache wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung gegenstandslos.
3.- a) Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu
tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden. Es gilt der
Grundsatz der Kostentragung nach Massgabe des Obsiegens oder Unterliegens. Der
Rekurrent ist mit seinem Hauptantrag auf Aufhebung der angefochtenen Verfügung
durchgedrungen. Die amtlichen Kosten sind daher vom Staat zu tragen. Eine
Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 des
Gerichtskostentarifs, sGS 941.12).
b) Gemäss Art. 98 VRP werden im Rekursverfahren ausseramtliche Kosten
entschädigt, soweit sie aufgrund der Rechts- und Sachlage als notwendig und
angemessen erscheinen. Im vorliegenden Fall war zur Beurteilung, inwieweit für die
Abklärung der Fahreignung eine verkehrspsychologische Begutachtung notwendig ist,
der Verzicht auf den Beizug eines Rechtsvertreters im Rekursverfahren nicht zumutbar.
Der Vertreter des Rekurrenten hat keine Kostennote eingereicht, weshalb die
ausseramtliche Entschädigung ermessensweise festzulegen ist. Vor der
Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale ausgerichtet; die untere
Grenze liegt bei Fr. 1'000.-- und die obere bei Fr. 12'000.-- (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt:
HonO). Im vorliegenden Fall war das Prozessthema eingeschränkt auf die
Beantwortung einer Rechtsfrage. Der Aktenumfang ist durchschnittlich.Angesichts der
konkreten Umstände des Falles erscheint ein Honorar von Fr. 1'200.-- angemessen
(Art. 19 HonO). Hinzu kommen Barauslagen von Fr. 48.-- (Art. 28 HonO) und die
Mehrwertsteuer von Fr. 99.85 (Art. 29 HonO). Zufolge Obsiegens steht dem
Rekurrenten eine volle Entschädigung zu (Art. 98 VRP). Die Vorinstanz ist daher zu
verpflichten, den Rekurrenten für die Kosten der Rechtsvertretung mit Fr. 1'347.85 zu
entschädigen.
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