Decision ID: 9d6d5e0d-9d16-445a-85c4-c2d6ec44005b
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
,
geboren
1973,
meldete sich am
2
2.
Oktober 2002
unter Hinweis auf
psychische Beschwerden
bei der Invalidenversicherung zum
Leis
tungsbezug
an (Urk.
11/1 Ziff. 7.2), worauf die damals zuständige IV-Stelle Bern die Ver
si
cherte begutachten liess (Gut
achten vom 1
1.
September 2003;
Urk.
11/18) und ihr mit Verfügung vom 1
9.
November 2003 (
Urk.
11/23)
und
Ei
n
spracheent
scheid
vom 2
5.
Februar 2004 (
Urk.
11/29)
mit Wirkung ab 1. Dezember 2002
bei einem
Invalidi
tätsgrad
von
100
%
eine
ganze Rente
zu
sprach
.
Nachdem die IV-Stelle Bern von Amtes wegen ein Rentenrevisionsverfahren eingeleitet und Berichte behandelnder Ärzte der Versicherten beigezogen hatte, stellte sie mit Verfügung vom 1
4.
Januar 2005 (
Urk.
11/37) einen unveränder
ten Invaliditätsgrad von 100
%
und einen unveränderten Anspruch der Versi
cherten auf eine ganze Rente fest.
Im März 2006 leitete die IV-Stelle Bern erneut von Amtes wegen ein
Rentenrevi
sionsverfahren
ein, holte Berichte behandelnder Ärzte der Versicher
ten
ein
und stellte mit Verfügung vom 2
8.
Juli 2006 (
Urk.
11/51) erneut einen unveränderten Anspruch der Versicherten auf eine ganze Rente bei einem
Inva
liditätsgrad
von 100
%
fest.
Im August 2008 leitete die nunmehr zuständige Sozialversicherungsanstalt des
2
antons Zürich, IV-Stelle, von Amtes wegen ein Rentenrevisionsverfahren ein (
Urk.
11/65), holte Berichte behandelnder Ärzte der Versicherten
ein
und ver
neinte nach Erlass des Vorbescheids (
Urk.
11/101) mit Verfügung vom
2.
Juni 2010 (
Urk.
11/106) einen Anspruch der Versicherten auf
Integrations
massnah
men
. Die IV-Stelle führte einen Einkommensvergleich durch (Urk. 11/107/3) und stellte mit Mitteilung vom 2
1.
Juni 2010 (Urk. 11/108) bei einem
Invalidi
tätsgrad
von 70
%
einen unveränderten Anspruch auf eine ganze Rente fest.
1.
2
Im Rahmen einer
weiteren
von Amtes wegen durchgeführten Rentenrevision teile die IV-Stelle der Versicherten am
5.
Juli 2012 (
Urk.
11/166) mit, dass eine medizinische Abklärung erforderlich sei, und hielt, nachdem die Versicherte da
ge
gen Einwendungen erhoben hatte (
Urk.
11/167), mit Zwischenverfügung vom 2
9.
April 2013 (
Urk.
11/176) an der Abklärungsstelle fest. In der Folge liess die IV-Stelle die Versicherte psychiatrisch begutachten (Gutachten vom 3
1.
März 2014;
Urk.
11/203). Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 11/207;
Urk.
11/210) stellte die IV-Stelle mit Verfügung vom 1
0.
Juni 2014 (
Urk.
11/212 =
Urk.
2) einen Invaliditätsgrad von 0
%
fest, hob die bisher ausgerichtete ganze
Rente auf Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats hin auf und entzog einer dagegen gerichteten Beschwerde die aufschiebende Wirkung.
2.
2.1
Die
Versicherte erhob am
1
4.
Juli 2014
Beschwerde (
Urk.
1) gegen die Verfü
gung vom
1
0.
Juni 2014
(
Urk.
2) und b
eantragte, diese sei aufzuheben,
es sei
ihr weiterhin eine ganze Rente auszurichten, eventuell sei ein psychiatrisches Gerichtsgutachten einzuholen, subeventuell sei die Sache an die IV-Stelle zur Einholung eines psychiatrischen Gutachtens zurückzuweisen und diese anzu
weisen, ihr bis zum neuen Entscheid über den Rentenanspruch die bisher aus
gerichtete Rente weiterhin auszurichten (S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
1
4.
November 2014
(
Urk. 9
) die Abweisun
g der Beschwerde.
2.2
Mit Verfügung vom
2.
März 2015 (
Urk.
21) wurde die Einholung eines psychiatri
schen Gutachtens bei
Dr.
med.
Y._
angeordnet, worauf diese am
9.
Juli 2015 das in Auftrag gegebene Gutachten erstattete (Urk.
33
). Dazu nahm die Beschwerdeführerin am 2
3.
September 2015 Stellung (
Urk.
39). Am 3
0.
Oktober 2015 nahm die Beschwerdegegnerin zum Gutachten vom
9.
Juli 2015 Stellung (
Urk.
41). Eine Kopie dieser Stellungnahme wurde der Beschwerdeführerin am
3.
November 2015 zugestellt (Urk. 43).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG]
).
Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG]
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt
zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbe
zügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (
Art.
17
Abs.
1 ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tat
sächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen
.
1.3
Zeitliche Vergleichsbasis für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Ände
rung des Invaliditätsgrades bilden die letzte rechtskräftige Verfügung oder der letzte rechtskräftige
Einspracheentscheid
, welche oder welcher auf einer materi
ellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Invaliditätsbemessung beruht (BGE 133 V 108; vgl. auch BGE 130 V 71 E. 3.2.3; Urteil des Bundesgerichts 9C_438/2009 vom 26. März 2010 E. 1 mit Hinweisen).
1.
4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorak
ten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuch
tet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung vom 1
0.
Juni 2014 (
Urk.
2) gestützt auf das Gutachten von med.
pract
.
Z._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 3
1.
März 2014 (Urk. 11/203)
davon aus, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerde
füh
rerin
seit der letzten rechtskräftigen Invaliditätsbemessung
erheblich verbessert habe, und dass gegenwärtig eine vollständige Arbeitsfähigkeit bestehe, weshalb
ein Rentenanspruch nicht mehr ausgewiesen sei.
In ihrer
Stellungnahme
vom 3
0.
Oktober 2015 (
Urk.
41)
verwies
sich die
Beschwer
degegnerin
auf die Stellungnahme
von
dipl.
med.
A._
, Facharzt für Neurologie und für Psychiatrie und Psychotherapie, ihres regionalen ärztli
chen Dienstes (RAD) vom 2
7.
Oktober 2015 (
Urk.
42), wonach
auf das Gutach
ten von
Dr.
Y._
vom
9.
Juli 2015 und nicht auf dasjenige von med.
pract
.
Z._
vom 3
1.
März 2014 abzustellen sei, weshalb davon auszuge
hen sei, dass sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit dem Jahre 2010 nicht wesentlich verändert habe.
2.2
Die Beschwer
de
führ
erin br
achte
in ihrer Beschwerde vom 1
4.
Juli 2014 vor, dass sich ihr Gesundheitszustand nicht erheblich verändert habe, und dass wei
terhin eine Arbeitsfähigkeit von höchstens 30
%
ausgewiesen sei, weshalb wei
terhin ein Anspruch auf eine ganze Rente bestehe (
Urk.
1 S. 20).
In ihrer Eingabe vom 2
3.
September 2015 (
Urk.
39)
beantragt
e
die Beschwerde
führerin, dass auf
das
G
erichtsg
utachten von
Dr.
Y._
vom
9.
Juli 2015 abzustellen sei, weshalb
von
eine
r
unveränderte Arbeitsfähigkeit
im Umfang
von 30
%
auszugehen
und ein unveränderter Anspruch auf eine ganze Rente ausgewiesen sei.
2.3
Vor Erlass der angefochtenen Verfügung vom 10. Juni 2014 (Urk. 2) wurde der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin in materieller Hinsicht letztmals
bei Erlass der Mitteilung vom 2
1.
Juni 2010 (Urk. 11/108) geprüft. Dabei hat die Beschwerdegegnerin nach Durchführung eines Einkommensvergleichs einen Invaliditätsgrad von 70
%
und einen unveränderten Anspruch auf eine ganze Rente festgestellt.
In zeitlicher Hinsicht
(vorstehend E. 1.3)
stellt
daher
die
Ent
wicklung des
anspruchs
relevan
ten
Sachverhalts im Vergleichszeitraum seit Erlass der Mitteilung vom 2
1.
Juni 2010 bis zum Erlass der Verfügung vom 10. Juni 2014 Prozessthema dar.
3.
3.1
Dr.
med.
Y._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psycho
therapie, erwähnte im Gerichtsgutachten vom
9.
Juli 2015 (
Urk.
33), dass sie die Beschwerdeführerin am
8.
Juni 2015 eingehend psychiatrisch untersucht habe (S. 1)
,
und stellte die folgenden Diagnosen (S. 42):
komplexe posttraumatische Belastungsstörung beziehungsweise
nicht nä
h
er bezeichnete Persönlichkeitsstörung
beziehungsweis
e
kombinierte Persönlichkeitsstörung
rezidivierende depressive Störung mit Episoden unterschiedlicher Aus
prägung, gegenwärtig leichte Episode
Somatisierungsstörung
, am ehesten im Sinne einer
somatoformen
autono
men Funktionsstörung, in Remission
Die Gutachterin führte aus, dass die Beschwerdeführerin über
gewisse
Ressour
cen verfüge,
da sie
interessiert
sei
,
über eine hohe Intellektualität
verfüge
und hoch motiviert
sei
, im erweiterten Tätigkeitsfeld Architektur beziehungs
wei
se Architekturpsychologie und
Transdisziplinarität
tätig zu sein.
Bei dieser Tätig
keit
handle es sich um eine leidensangepasste Tätigkeit.
Der Beschwerde
füh
rerin
sei es bisher
jedoch
nicht gelungen
,
ihr tatsächlich ausge
übtes
Arbeits
pen
sum
von 30
%
stabil über einen längeren Zeitraum zu erhöhen. Überdies habe sie
ihre
Leistungsfähigkeit
in diesem Umfang nur umsetzen kön
nen, weil sie über
eine wohlwollende Umgebung
verfüge
,
weil sie ihre
Arbeits
zeit
frei habe ein
teilen können
und
weil sie über
Strukturen der Kooperation mit viel
Gestal
tungsraum
verfügt habe
(S. 57).
Seit dem Jahre 2010 sei es nicht zu einer wesentlichen Änderung der Befunde gekommen, insbesondere habe sich die Leistungsfähigkeit
der Beschwerdefüh
rerin
nicht wesentlich verbessert. Im Bereich klassische Architektur bestehe keine Arbeitsfähigkeit mehr. Im erweiterten Bereich
Architektur
psychologie
und
Transdisziplinarität
sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin ein Arbeitspensum von 30
%
werde aufrechterhalten können (S. 58).
3.2
Das Gerichtsgutachten von
Dr.
Y._
vom
9.
Juli 2015 erfüllt sämtli
che nach der Rechtsprechung für eine beweiskräftige medizinische
Ent
schei
dungsgrund
lage
vorausgesetzten formellen und materiellen Kriterien (vor
ste
hende E.
1.
4
).
Die Gutachterin, welche als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie über eine für die Beurteilung des streitigen psychischen Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin angezeigte fachärztliche Weiter
bildung verfügt, hat sich in ihrem im Hinblick auf die
im
Streite stehende Frage nach einer erheblichen Veränderung des Gesundheitszustandes im massgeben
den Vergleichszeitraum umfassenden Gutachten
mit
sämtlichen
medizi
nischen
Vorakten
, mit den eingeholten Fremdauskünften
sowie mit den Ergebnissen ihrer eigenen psychiatrischen Untersuchung
auseinander gesetzt und
begrün
dete
ihre Schluss
folgerungen, wonach
die Ausübung einer
behinderungsange
passten
Tätigkeit
der Beschwerdeführerin
höchstens im Umfang eines
Arbeits
pensums
von 30
%
zuzumuten sei
, in nachvollziehbarer Weise, weshalb darauf abgestellt werden kann.
3.3
In
Übereinstimmung
mit den Vorbringen der Beschwerdegegnerin vom 3
0.
Oktober 2015 (vorstehend E.
2.1
) und der Beschwerdeführerin vom 2
3.
September 2015 (vorstehend E.
2.2
)
ist
demnach
a
uf
die nachvollziehbare Beurteilung durch
Dr.
Y._
vom
9.
Juli 2015
abzustellen. Gestützt darauf ist mit überwiegen
d
er Wahrscheinlichkeit d
avon auszugehen, dass sich
der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit dem Jahre 2010 nicht wesentlich verändert hat.
4
.
Nach dem Gesagten ist eine den Renten
anspruch beeinflussende und im
revisi
ons
rechtlichen
Sinne erhebliche Verän
derung des Gesundheitszustandes
der
Beschwerdeführerin
im mass
gebenden
Vergleichszeitraum vom 2
1.
Juni 2010 bis zum 10. Juni 2014 zu ver
neinen
und es
steht fest, dass
ab
1.
August 2014 weiterhin unverändert ein Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine ganze Rente
bei einem Invaliditätsgrad von 70
%
ausgewiesen ist
.
S
omit
ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
5.
5.1
Gestützt auf Art. 69 Abs. 1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren vor dem kan
to
na
len Versicherungsgericht bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Ver
weigerung von IV-Leistungen kostenpflichtig. Die Kosten sind
nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert
unter Berücksichti
gung des
gesetzlichen Rahmens (Fr. 20
0.-- bis Fr. 1'000.--) auf Fr. 7
00.-- fest
zusetzen und
der unterliegenden
Beschwerde
gegnerin
aufzuerlegen.
5.2
Die Kosten des Gerichtsgutachtens von
Fr.
9‘600.-- (
Urk.
32) sind
ausgangsge
mäss
von der Beschwerdegegnerin zu übernehmen
.
5.3
.
Nach § 34 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialver
sicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der
Partei
kosten
. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens be
mes
sen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Die Beschwerdeführer
in
hat Anspruch auf eine Prozessentschädigung, welche in Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Pro
zesses, bei einem praxisgemässen Stundenansatz von Fr. 200.-- (bis 3
1.
Dezember 2014) beziehungsweise von
Fr.
220.-- (ab 1. Januar 2015)
mit Fr. 3‘200.--
(inklusive Barauslagen und Mehr
wert
steuer) zu bemessen ist.