Decision ID: 4384ee21-03c6-57c7-bdf0-e8d3e14be2b9
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 2. September 2016 wegen
Beschwerden im rechten Arm von der Schulter bis in die Fingerspitzen,
Rückenschmerzen und psychischen Problemen zum Bezug von Leistungen bei der
Invalidenversicherung an. Sie hatte zuletzt bis 30. September 2015 in einem 50%-
Pensum als Kundenberaterin gearbeitet (IV-act. 1 und 9-2). Mit Bericht vom
1. Dezember 2016 stellte der behandelnde Psychiater Dr. med. B._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, die Diagnosen einer rezidivierenden depressiven
Störung, ggw. schwere Episode ohne psychotische Symptome (F33.2), seit Jahren
sowie einer Osteochondrosis intervertebralis (C3-C7) mit Begleitarthrose und
Gefügelockerung der Spondylolisthese bei Osteoporose, bestehend seit Jahren.
Obwohl keine Ausprägung eines typischen Symptomkomplexes gegeben sei, werde
die Prognose durch posttraumatische Teilsymptomatik verschlechtert (IV-act. 15).
A.a.
Nach Einholung von medizinischen Berichten (vgl. IV-act. 10 ff.) teilte die IV-Stelle
der Versicherten am 30. Juni 2017 mit, dass sie eine polydisziplinäre Untersuchung
(Innere Medizin, Neurologie, Orthopädie und Psychiatrie) als notwendig erachte (IV-
act. 26). Der Gutachtensauftrag wurde der medexperts AG, St. Gallen, zugeteilt (vgl. IV-
act. 30).
A.b.
Mit Gutachten vom 10. Oktober 2017 stellten die medexperts-Gutachter folgende
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: chronische Nackenschmerzen bei
Osteochondrose und foraminaler Stenose C5/6 und C6/7, Anterolisthesis C3/4 und
C4/5 sowie ventrale Mikrodiskektomie, Foraminotomie und Bandscheibenprothese
C5/6 und C6/7 und Cage C3/4 und C4/5 (07/2014). Als Diagnosen ohne Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie insbesondere störende Parästhesien der rechten
A.c.
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Hand, vorwiegend Dig. II, weniger Dig. I, III und IV sowie der Handinnenfläche rechts,
mässigen Alkoholkonsum und depressive Episode (2016), gegenwärtig remittiert (IV-
act. 36-39 f.). Aus neurologischer, psychiatrischer und allgemein-internistischer Sicht
sei die Arbeitsfähigkeit uneingeschränkt. Aus orthopädischer Sicht bestehe eine
Arbeitsfähigkeit von 80 % in der angestammten und jeglicher adaptierten
Erwerbstätigkeit (leichte, wechselbelastende Tätigkeit ohne Tätigkeiten über Kopf- und
Schulterhöhe, regelhafte Rotation / Lateralflexion der HWS, ohne Heben und Tragen
von schweren Gewichten, maximal 5 kg, ohne ständig einseitige Zwangshaltungen und
ohne repetitiven Einsatz der rechten Hand mit kraftvollem Handeinsatz). Die reduzierte
Arbeitsfähigkeit begründe sich mit einer Verlangsamung und erhöhtem Pausenbedarf
aufgrund der orthopädischen Einschränkungen mit Schmerzchronifizierung (IV-
act. 36-44 f.).
Nach Durchführung eines Assessmentgesprächs am 30. November 2017 verneinte
die IV-Stelle mit Mitteilung vom 4. Januar 2018 einen Anspruch auf berufliche
Massnahmen, da die Versicherte sich subjektiv nicht vermittlungsfähig fühlte (IV-act. 46
und 48).
A.d.
Mit Bericht vom 23. März 2018 hielt Dr. med. C._, Facharzt für Innere Medizin
und Angiologie, fest, er sehe bei der Versicherten farbduplexsonographisch einen
kompletten Verschluss der Arteria ulnaris rechts, wobei er differenzialdiagnostisch
davon ausgehe, dass dies wahrscheinlich bereits 1964 im Rahmen einer damaligen
Schnittverletzung als kleines Mädchen aufgetreten sei. Der gemessene Druck über der
Arteria ulnaris sei leicht reduziert, was angesichts des Verschlusses nicht verwundere.
Es dürfte jedoch eine gute Kollateralisierung über den Arcus palmaris superficialis und
profundus bestehen. Der zeitliche Verlauf, die warmen Hände, die
Beschwerdecharakteristik wie auch die reguläre und symmetrische Oszillographie
würden gegen eine arterielle Genese sprechen. Am ehesten könne er sich noch
alternativmedizinische Massnahmen vorstellen (IV-act. 53).
A.e.
Mit Schreiben vom 19. April 2018 merkte die Versicherte verschiedene Korrekturen
am medexperts-Gutachten an und reichte zwei Berichte von Dr. med. D._, Fachärztin
für Neurologie, ein (IV-act. 55).
A.f.
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Mit Bericht vom 25. Juni 2018 hielten Dr. med. Dr. nat. E._, Fachärztin für
Neurologie, und Prof. Dr. F._, Facharzt für Neurologie, Kantonsspital St. Gallen, fest,
die von der Versicherten berichteten Missempfindungen im Zeigefinger und weniger
auch im Mittelfinger der Hand rechts seien am ehesten im Rahmen eines
neuropathischen Schmerzsyndroms zu erklären. Am ehesten handle es sich um eine
mikrovaskuläre Schädigung des Nervs (IV-act 61). Mit Bericht vom 27. August 2018
hielten Dr. med. G._ und Dr. med. H._, Kantonsspital St. Gallen, Schmerzzentrum,
unter anderem fest, sie hätten mit der Versicherten mögliche Therapieoptionen
besprochen und eine Behandlung mit Pregabalin sowie Capsaicinsalbe initiiert (IV-
act. 67).
A.g.
Mit Stellungnahme vom 20. September 2018 hielt die RAD-Ärztin I._ fest, die
nach der Begutachtung eingereichten Berichte würden keine wesentlichen neuen
Erkenntnisse enthalten. Die Parästhesien an den Fingern seien den Gutachtern
hinreichend bekannt gewesen und würden schon seit vielen Jahren bestehen (IV-
act. 68).
A.h.
Nach einer Verlaufskonsultation vom 25. September 2018 empfahlen die Ärzte des
Schmerzzentrums eine Weiterführung der Therapie mit Pregabalin und Capsaicinsalbe
sowie die Teilnahme an der PMR Gruppe zum Erlernen der Progressiven
Muskelrelaxation. Weitere Termine am Schmerzzentrum seien nicht vereinbart worden
(vgl. IV-act. 69).
A.i.
Gestützt auf die gutachterlich bescheinigte 80%ige Arbeitsfähigkeit ermittelte die
IV-Stelle einen Invaliditätsgrad von 14 % und stellte der Versicherten mit Vorbescheid
vom 3. Oktober 2018 die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (IV-act. 72).
A.j.
Mit E-Mails vom 1. und 18. November 2018 erhob die Versicherte Einwand gegen
diesen Vorbescheid und beantragte sinngemäss die Zusprache einer halben
Invalidenrente (IV-act. 75 f.). Am 10. Januar und 1. Februar 2019 ergänzte die
Versicherte, nun vertreten durch Rechtsanwalt B. Bauer, ihren Einwand (IV-act. 83 und
85).
A.k.
Auf Nachfrage der IV-Stelle führte Dr. B._ mit Bericht vom 28. Februar 2019 aus,
aus medizinischer Sicht stelle sich die Situation weitgehend unverändert dar.
A.l.
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B.
Insbesondere Auseinandersetzungen bzw. Kontakte innerfamiliär und mit Behörden
würden die Versicherte stark belasten, es gebe aber auch zeitlich begrenzte bessere
Phasen. Unverändert liege die Grunddiagnose einer rezidivierenden Störung mit
posttraumatischen Symptomen vor, wobei letztere nicht vollumfänglich die
Diagnosekriterien einer PTSD erfüllen würden. Es bestehe eine rezidivierende
depressive Störung, ggw. mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F33.1) seit
Jahren. Seinen Berichten sei eindeutig die rezidivierende depressive Störung zu
entnehmen, ebenso die Umstände, welche ihn darin bestärkten, dass posttraumatische
Teilsymptome bestehen würden. Letzteres zeige sich vor allem in der
Beziehungsgestaltung der Versicherten. Die Schlussfolgerungen des Gutachtens könne
er nicht nachvollziehen (IV-act. 88).
Am 30. April 2019 führte die IV-Stelle bei unverändert vorgesehener Abweisung
des Leistungsgesuchs eine zweite Anhörung durch (IV-act. 91). Die Versicherte erhob
am 23. Mai 2019 erneut Einwand (IV-act. 92).
A.m.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2019 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab. Zur
Begründung führte sie im Wesentlichen aus, auf das medexperts-Gutachten könne
abgestellt werden. Die Einschätzungen der Behandler würden nicht zu einer davon
abweichenden Beurteilung führen. Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei die
Versicherte demnach zu 80 % arbeitsfähig. Aus dem Einkommensvergleich resultiere
ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad (IV-act. 93).
A.n.
Gegen diese Verfügung erhebt die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin),
weiterhin vertreten durch Rechtsanwalt Bauer, am 16. September 2019 (Postaufgabe)
Beschwerde. Sie beantragt, die Verfügung vom 26. Juli 2019 sei aufzuheben und ihr sei
rückwirkend ab September 2016 mindestens eine halbe Invalidenrente zuzusprechen.
Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Angelegenheit zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zudem
sei ihr die unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung zu gewähren. Zur
Begründung macht sie im Wesentlichen geltend, das medexperts-Gutachten sei
fehlerhaft und unvollständig, sodass nicht auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
Gutachter abgestellt werden könne (act. G1).
B.a.
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Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die
Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen
1.
Mit Beschwerdeantwort vom 28. Oktober 2019 beantragt die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung
macht sie im Wesentlichen geltend, das medexperts-Gutachten sei beweiskräftig. Die
Vorbringen der Beschwerdeführerin vermöchten daran nichts zu ändern (act. G5).
B.b.
Am 30. Oktober 2019 bewilligt die Verfahrensleitung die unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung; act. G6).
B.c.
Die Beschwerdeführerin verzichtet stillschweigend auf eine Replik (act. G7 und
G8).
B.d.
Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
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Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 141 V 281 E. 3.2;
Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016, 8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist
zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden objektiviert werden können und sich
auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken (vgl. BGE 143 V 418 E. 6). Für
somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und
gleichgestellte Diagnosen), psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen
und Abhängigkeitserkrankungen ist der Beweis nach dem strukturierten Verfahren
mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE 143 V 418 E. 7.2; BGE 141 V 281 E. 3.5
und E. 4.2). Der Beweis für eine lang andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte
Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der
massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein
stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für
die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143 V 418, E. 6 a.E.).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4).
1.4.
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Das Gericht hat seinen
Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b;
BGE 125 V 193 E. 2, je mit Hinweisen).
1.5.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in
1.6.
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2.
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit Hinweisen).
Auf ein im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholtes Gutachten ist
rechtsprechungsgemäss abzustellen, wenn nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4, BGE 135 V 466 E. 4.4;
Urteile des Bundesgerichts vom 15. Juli 2020, 8C_335/2020, E. 4.1, und vom
13. Februar 2019, 8C_801/2018, E. 4.3). Gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung entspricht es einer Erfahrungstatsache, dass behandelnde
Arztpersonen mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im
Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 22. Februar 2021, 9C_683/2020, E. 5.1.2, mit Hinweisen). Dabei handelt es sich
um eine Richtlinie, die als solche mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung
(Art. 61 lit. c ATSG) vereinbar ist. Bei der Abschätzung des Beweiswerts im Rahmen
einer freien und umfassenden Beweiswürdigung dürfen allerdings auch die potentiellen
Stärken der Berichte behandelnder Ärzte beachtet werden. Der Umstand allein, dass
eine Einschätzung vom behandelnden Mediziner stammt, darf nicht dazu führen, sie als
von vornherein unbeachtlich einzustufen; die einen längeren Zeitraum abdeckende und
umfassende Betreuung durch behandelnde Ärzte bringt oft wertvolle Erkenntnisse
hervor. Auf der anderen Seite lässt es die unterschiedliche Natur von
Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und
Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits
nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum
Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu
anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich
eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige – und
nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die
im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Entscheid
des Bundesgerichts vom 27. Mai 2008, 9C_24/2008, E. 2.3.2 mit Hinweisen). Zudem ist
auch dem Umstand, dass die ärztliche Beurteilung von der Natur der Sache her
unausweichlich Ermessenszüge trägt, Rechnung zu tragen (Entscheid des
Bundesgerichts vom 23. Januar 2019, 9C_804/2018, E. 2.2 mit Hinweisen).
1.7.
Die Beschwerdeführerin bringt vor, auf das medexperts-Gutachten könne sowohl
aus somatischer als auch psychiatrischer Sicht nicht abgestellt werden. Nachfolgend
wird deshalb geprüft, ob dem Gutachten Beweiswert zukommt.
2.1.
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Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie sei aufgrund von Beschwerden in der
rechten Hand als Rechtshänderin erheblich eingeschränkt. Beispielsweise sei es ihr
nicht möglich, eine Tasse mit der rechten Hand zu halten oder einen Schreiber oder
eine PC-Maus mit der rechten Hand zu benutzen. Die medexperts-Gutachter seien
wegen des Fehlens von Vorakten für den Zeitraum von 2010 bis zum IV-Bericht 2016
davon ausgegangen, dass die Sensibilitätsstörung der rechten Hand nicht
alltagsrelevant gewesen sei. Wie sich aber aus den von der Beschwerdeführerin
nachgereichten Arztberichten Dr. D._s ergebe, sei sie sehr wohl wegen der
andauernden Schmerzen in der rechten Hand in Behandlung gewesen (act. G1, S. 4 f.).
Diese Beschwerden würden nach wie vor bestehen.
2.2.
Die Beschwerdeführerin wurde internistisch, orthopädisch und neurologisch
gutachterlich untersucht. Aus internistischer Sicht wurde erhoben, dass weder klinisch
noch labormässig ein gesundheitliches Problem bestehe. In Bezug auf die strittigen
Handbeschwerden hielt die orthopädische Gutachterin fest, dass bei der Kraftmessung
der Hand die Beschwerdeführerin rechts 14 kg, links 10 kg erzielt habe. Bis auf die
Hyposensibilitätsstörung D I bis III der Hand rechts hätten sich im Bereich der oberen
Extremitäten keine Auffälligkeiten gefunden. Zum Röntgenbefund der beiden Hände
schrieb die Gutachterin, dass fortgeschrittene Arthrosen der DIP II beidseits und
geringer ausgeprägt auch DIP des Mittelfingers rechts mehr als links bestünden,
ansonsten aber keine höhergradigen degenerativen Veränderungen der Gelenke.
Weder für eine rheumatische Grunderkrankung, eine Fraktur noch tumoröse oder
entzündliche Osteodestruktion fänden sich Hinweise (IV-act. 36-19 ff.).
Zusammengefasst würden im Bereich der rechten Hand leichtgradige Handicaps
aufgrund der fortgeschrittenen Arthrose DIP beidseits sowie des rechten DIPs des
Mittelfingers bestehen. Diese könnten allenfalls bei sehr vielen Schreibarbeiten,
überwiegendem Tippen, Probleme bereiten, weshalb ein repetitiver Einsatz der rechten
Hand mit kraftvollem Handeinsatz zu vermeiden sei. Die orthopädisch begründete
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in angestammter als auch adaptierter Tätigkeit von
20 % werde durch die persistierenden chronischen Nackenschmerzen bei Status nach
ventraler Diskektomie, Foraminotomie und Implantation von Bandscheiben-Prothesen
im Abschnitt HWK 5 bis 7 sowie Cages C3 bis 5 begründet (IV-act. 36-42 f.).
2.3.
Aus neurologischer Sicht wurde erhoben, der Tonus der oberen Extremitäten sei
unauffällig, die Muskulatur eutroph, die Motilität allseits intakt. Es würden keine
Paresen vorliegen. Die Einzelkraftprüfung ergebe allseits einen Kraftgrad M5,
insbesondere auch in der rechten Hand. Armvorhalteversuch beidseits ohne Absinken,
Diadochokinese beidseits flüssig. Finger-Nase-Versuch zielsicher und metrisch. Kein
2.4.
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lntensions- oder Haltetremor. Muskeleigenreflexe symmetrisch mittellebhaft auslösbar.
Die Sensibilität sei intakt, bis auf Angabe einer reduzierten Sensibilität auf Berührung
von Dig. II sowie der Handinnenfläche rechts und in weniger ausgeprägtem Ausmass
Dig . 1, III und IV an der Innenseite und etwas weniger an der Aussenseite, jedoch ohne
den Handrücken zu betreffen. Durch passive Bewegung des Arms könne kein
besonderer Schmerz ausgelöst werden, das Adson-Manöver sei unauffällig mit
weiterhin palpablem Puls. Was die störenden Parästhesien im Zeigefinger der rechten
Hand sowie in Dig. 1, III und Dig. IV sowie der Handinnenfläche, nicht aber dem
Handrücken angehe, könnte eine Neuralgie im Anschluss an die Schädigung eines
peripheren Nervens ursächlich sein. Am ehesten könnten die störenden Parästhesien
noch im Rahmen eines Schmerzsyndroms im Anschluss an eine periphere sensible
Denervation interpretiert werden. Diesbezüglich sei aber überraschend, dass, falls die
Angaben der Beschwerdeführerin stimmen, über die ganzen zehn Jahre ihres
angeblichen Leidens noch nie ein Therapieversuch mit einem hierfür geeigneten
Medikament versucht worden sei. Dies stelle auch in Frage, inwiefern der Leidensdruck
seitens dieser Parästhesien wirklich über die ganzen zehn Jahre im Vordergrund
gestanden habe (IV-act. 36-37; vgl. IV-act. 67). Der neurologische Gutachter führte
weiter aus, die Beschwerdeführerin habe eine ausgeprägte Symptomfixierung auf die
Beschwerden in der rechten Hand, welche in keinem nachvollziehbaren Verhältnis zu
den objektivierbaren Befunden und zu der Krankheitsgeschichte stünden. Die
Selbsteinschätzung sei deutlich negativer als das, was aus rein neurologischer Sicht zu
erwarten wäre. Aus neurologischer Sicht würden keine relevanten Einschränkungen
bestehen. Dass die Beschwerdeführerin eine negative Sicht auf verschiedene Aspekte
ihres Lebens und ihres Umfelds habe, wirke sich nachteilig auf den weiteren
Krankheitsverlauf aus. Aus der Sensibilitätsstörung per se würde keine
Arbeitsunfähigkeit resultieren. Es bedürfe keiner angepassten Tätigkeit. Weniger
geeignet dürften gegebenenfalls Arbeiten sein, bei welchen die Beschwerdeführerin
stark mit der rechten Hand körperlich zu arbeiten habe, da dort die störenden
Parästhesien vielleicht vermehrt in den Vordergrund treten könnten (IV-act. 36-37 ff.).
Im medexperts-Gutachten setzen sich die Gutachter mit den Angaben der
Beschwerdeführerin wie mit den Vorakten auseinander. Die geklagten Beschwerden
werden berücksichtigt. Die medizinischen Beurteilungen sind begründet,
nachvollziehbar und einleuchtend, sodass das Gutachten für die streitigen Belange
umfassend ist und Beweiswert erlangt.
2.5.
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3.
Wie sich nachfolgend zeigt, sprechen weder die Einwände der Beschwerdeführerin
noch die in den Akten liegenden Behandlerberichte gegen die gutachterlichen
Feststellungen.
3.1.
Im Bericht vom 15. Juli 2010 gab Dr. D._ die Angaben der Beschwerdeführerin
wieder, wonach diese an einer Taubheit von Zeige- und Mittelfinger sowie Handrücken,
inzwischen auch Ringfinger rechts leide. Wegen der Gefühlsstörung (Surren / Kribbeln)
könne sie kaum schreiben und habe bei feinen manuellen Tätigkeiten, z.B. Knöpfe
schliessen, Mühe. Die neurologische Fachärztin bestätigte das klinisch vermutete
leichtgradige Karpaltunnelsyndrom rechts (welches am 12. November 2010 operativ
behandelt wurde, vgl. IV-act. 3-4; IV-act. 56). Mit Bericht vom 23. Juni 2011 hatte
Dr. D._ aufgrund der auch nach der Operation des Karpaltunnels fortbestehenden
Beschwerden der Beschwerdeführerin weitere Untersuchungen der HWS empfohlen
(IV-act. 57). Der Beschwerdeführerin ist deshalb insofern zuzustimmen, als sie
nachweislich bereits im Jahr 2010 unter den Parästhesien in der rechten Hand litt.
Indes ist das Fazit des neurologischen Gutachters, wonach diese Beschwerden nicht
alltagsrelevant seien, deswegen nicht unzutreffend. Denn den Gutachtern waren die
von Dr. D._ bestätigte Diagnose eines leichten Karpaltunnelsyndroms sowie die im
Zusammenhang damit und mit der HWS erfolgten Abklärungen und Operationen
bekannt (vgl. IV-act. 36-8 f.).
3.2.
Die Beschwerdeführerin gab gegenüber den Gutachtern an, die Beschwerden
würden schon seit 15 Jahren bestehen (IV-act. 36-23; vgl. auch die ähnlichen Angaben
in IV-act. 32 und 49). Bereits gegenüber Dr. D._ hatte die Beschwerdeführerin
geäussert, Schreiben oder feine manuelle Tätigkeiten seien für sie schwierig (IV-
act. 56), machte mithin ähnliche Einschränkungen geltend wie im vorliegenden
Beschwerdeverfahren (Tasse halten / PC-Maus bedienen). Trotzdem war sie von März
2002 bis September 2015 berufstätig (letzter geleisteter Arbeitstag: 26. März 2015;
danach Freistellung), wobei sie insbesondere Kunden betreute, Bestellungen
bearbeitete, Tankstellenshops einrichtete, Produkte präsentierte und oft leicht (bis zu
10 kg), manchmal mittelschwer (bis zu 25 kg), selten auch schwer heben und tragen
musste (IV-act. 9-2 ff.). Dafür, dass ihre Arbeitsfähigkeit in dieser Zeit – namentlich also
auch während der Behandlung bei Dr. D._ bzw. deren Vorgänger – von den
Beschwerden der rechten Hand beeinträchtigt worden wäre, finden sich in den Akten
keinerlei Hinweise.
3.3.
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4.
Die Kündigung erfolgte mehrere Jahre nach dem letzten Bericht Dr. D._s aus
wirtschaftlichen, nicht aus gesundheitlichen Gründen (vgl. IV-act. 9-13). Danach
meldete die Beschwerdeführerin sich bei der Arbeitslosenkasse an, suchte eine Stelle
mit 80%-Pensum und gab dementsprechend an, zu 80 % vermittlungsfähig zu sein.
Erst ab dem 25. Juli 2016 wurde sie zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben (vgl. IV-
act. 8). Somit ging die Beschwerdeführerin noch bis zum 25. Juli 2016 selbst davon
aus, im Umfang von (mindestens) 80 % arbeitsfähig zu sein. Auch anlässlich der
Begutachtung gab die Beschwerdeführerin nicht an, sie sei bereits vor dem 25. Juli
2016 arbeitsunfähig gewesen, sondern man habe ihr beim RAV "schlichtweg nicht
nützlich helfen können" (IV-act. 36-34).
3.4.
Objektivierbare Befunde, welche eine Verschlechterung der Symptomatik der
rechten Hand seit 2011 (letzter im Recht liegender Bericht Dr. D._s), 2015 (Ende des
letzten Arbeitsverhältnisses) oder 2016 (Krankschreibung nach längerer
Arbeitslosigkeit) ausweisen würden, liegen nicht im Recht. Seitens des Muskelzentrums
wurde im Bericht vom 25. Juni 2018 eine (seit unbestimmter Zeit bestehende)
mikrovaskuläre Schädigung des Nervs als Ursache diskutiert, ein Karpaltunnel-
Syndrom sowie eine zervikogene Problematik als Ursache hingegen ausgeschlossen
(vgl. IV-act. 61). Im Bericht über die Erstkonsultation des Muskelzentrums vom
27. August 2018 wurde zwar gestützt auf die Angaben der Beschwerdeführerin
vermerkt, seit Verlust der Arbeitsstelle würden sich die Beschwerden intensivieren.
Gleichzeitig wurde jedoch auch festgehalten, dass Ablenkung einen positiven Einfluss
darauf ausüben könne (IV-act. 67-2 f.). Somatische Ursachen für eine Verschlechterung
der Symptomatik finden sich jedenfalls in den Akten nicht. Dies wird auch von der
RAD-Ärztin bestätigt (IV-act. 60, 68 und 89).
3.5.
Hinsichtlich des psychischen Gesundheitsschadens bringt die Beschwerdeführerin
vor, die Beschwerden in der rechten Hand, die 2015 erfolgte Kündigung sowie die
Familiengeschichte belasteten sie seit Jahren, was schliesslich in schwere psychische
Beschwerden gemündet habe. Sie sei seit mehreren Jahren bei Dr. B._ in
Behandlung. Dieser stütze seine Erkenntnisse auf langjährige Erfahrungswerte und
habe seine Diagnose der rezidivierenden depressiven Störung entgegen der Ansicht
des psychiatrischen Gutachters sehr wohl begründet. So halte er in seinem Bericht
vom 1. Dezember 2016 fest, dass ihre Konzentration und Merkfähigkeit reduziert sei,
sie Ein- und Durchschlafstörungen sowie reduzierten Appetit habe und
psychomotorisch unruhig, müde und erschöpft sei. Auch in seinem Bericht vom
28. Februar 2019 halte er fest, dass insbesondere Auseinandersetzungen bzw.
4.1.
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Kontakte innerfamiliär und mit Behörden die Beschwerdeführerin sehr stark belasten
würden. Sie lasse sehr wenig Nähe zu und bevorzuge losen, vorsichtigen Kontakt. Dem
psychiatrischen Teilgutachten liege lediglich ein 80-minütiges Untersuchungsgespräch
zugrunde. Dass sich ihre psychischen Beschwerden in dieser kurzen Zeit nicht gleich
ausgeprägt gezeigt hätten, wie in den Therapiesitzungen mit Dr. B._, möge auch
daran liegen, dass zeitlich begrenzte bessere Phasen auftreten könnten (act. G1, S. 6
f.).
Der psychiatrische Teilgutachter hielt zum von ihm erhobenen Psychostatus fest,
die Beschwerdeführerin sei im Kontaktverhalten zugewandt und offen gewesen. Auf
fassungsstörungen seien keine aufgefallen. Ihre Ausführungen seien detailreich
gewesen. Sie sei mitteilungsbedürftig gewesen. Während des 80-minütigen
Untersuchungsgesprächs sei sie stets wach, bewusstseinsklar und allseits orientiert
gewesen. Aufmerksamkeits-, Konzentrations- oder Merkfähigkeitsstörungen seien zu
keinem Zeitpunkt aufgetreten. Das formale Denken sei kohärent gewesen. Die von der
Beschwerdeführerin geäusserten Sorgen seien in Anbetracht der reellen Situation
adäquat gewesen. Weder anamnestisch noch bei der Untersuchung habe es Hinweise
auf Wahn, Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen gegeben. Affektiv sei sie vital, aber
die meiste Zeit klagsam. Die Klagsamkeit habe insbesondere ihre Kindheit, ihre Eltern,
ihre Geschwister, den Staat, die Invalidenversicherung und ihr Schicksal allgemein
betroffen. Sie sei verbittert und vorwurfsvoll gewesen. Sie sei zu keiner Zeit deprimiert,
ängstlich, dysphorisch, gereizt, innerlich unruhig, hoffnungslos oder affektlabil
gewesen. Die gezielte Befragung nach depressiven Symptomen habe einen
ungewöhnlich tiefen Wert ergeben. Die Analyse der Antworten habe ergeben, dass
keine Kriterien einer depressiven Episode nach ICD-10 vorhanden gewesen seien
(keine gedrückte Stimmung, die Sorgen seien realitätskonform gewesen, kein
Interessenverlust oder Freudlosigkeit, keine Verminderung des Antriebs, keine
Verminderung der Konzentration oder Aufmerksamkeit, keine Schuldgefühle, kein
vermindertes Selbstwertgefühl, keine Suizidgedanken, keine vegetativen
Veränderungen). Insgesamt könne gegenwärtig aus psychiatrischer Sicht nicht von
einem "Leiden" gesprochen werden (IV-act. 36-22 f.). Dr. B._ habe die Diagnose
"rezidivierende depressive Störung, schwere Episode seit Jahren" in seinen Berichten
nicht diskutiert und nicht begründet. Der Psychostatus (ärztlicher Befund) im Zeugnis
vom Dezember 2016 entspreche in keiner Weise einer schweren depressiven Episode.
Warum von einer rezidivierenden depressiven Störung die Rede sei, werde nicht
erläutert. Die eingeleitete Behandlung (Termine alle vier Wochen) entspreche in keiner
Weise der Behandlung einer schweren depressiven Störung. Auch wenn im September
2016 eine depressive Episode vorhanden gewesen wäre, sei nicht anzunehmen, dass
4.2.
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diese schwerer als leicht gewesen sei (IV-act. 36-23 f.). Es würden sich überhaupt
keine Zeichen einer depressiven Störung zeigen. Psychisch bedingte
Funktionseinschränkungen bestünden nicht (IV-act. 24).
Das psychiatrische Gutachten erfüllt ebenfalls die rechtlichen Anforderungen. Die
vom Gutachter gemachten Ausführungen hinsichtlich des vom Behandler erhobenen
Befundes, welcher nicht einer schweren depressiven Episode entsprach, und der
geringen Intensität der Behandlung während der angeblich schweren depressiven
Episode sind einleuchtend und schlüssig. Die vom Gutachter erhobenen Befunde sind
nicht schwergradig, die Alltagsaktivitäten der Beschwerdeführerin nicht eingeschränkt
(IV-act. 36-25) und die Behandlung adäquat (IV-act. 36-24). Aus psychiatrischer Sicht
liegt bei der Beschwerdeführerin kein objektivierbarer die Leistungsfähigkeit
einschränkender Gesundheitsschaden vor.
4.3.
Die Beschwerdeführerin zeigte die von ihr gestützt auf Dr. B._s Berichte geltend
gemachten Störungen der Konzentration und der Merkfähigkeit anlässlich der
Begutachtung nicht, ebenso wenig eine psychomotorische Unruhe oder Zurückhaltung
im Kontakt. Betreffend Müdigkeit bzw. Ein- und Durchschlafstörungen ist darauf
hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin angab, aufgrund der Missempfindungen in
der rechten Hand, nicht etwa wegen der depressiven Symptomatik, Mühe zu haben, zu
schlafen. Durch die Einnahme von Trittico kann Abhilfe geschaffen und ein tiefer Schlaf
erreicht werden. Zwar steht die Beschwerdeführerin einer dauerhaften
medikamentösen Behandlung ablehnend gegenüber. Immerhin kennt sie aber
Entspannungs- und Atemübungen sowie autogenes Training (vgl. IV-act. 36-28 und
36-33; vgl. auch IV-act. 67-2 f. und 69-2 f.). Nach der Rechtsprechung ist auch die
Einnahme ärztlich verschriebener Medikamente in der Regel eine zumutbare Form
allgemeiner Schadenminderung, selbst wenn die Einnahme fortdauernd erfolgen muss
und mit Nebenwirkungen behaftet ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 22. Mai 2019,
8C_741/2018, E. 4.1). Selbst wenn die Beschwerdeführerin also unter Schlafstörungen
leiden sollte und diese entgegen den gutachterlichen Ausführungen eine Auswirkung
auf ihre Arbeitsfähigkeit hätten, wäre sie gehalten, durch konsequente medikamentöse
Behandlung eine Besserung herbeizuführen, sofern ihre Entspannungsübungen sowie
eine korrekte Schlafhygiene allein hierzu nicht ausreichen.
4.4.
Im Gutachten wurde festgehalten, dass die Beschwerdeführerin leicht
untergewichtig sei (IV-act. 36-40). Gegenüber den Gutachtern erwähnte sie, sie sei in
der Schule magersüchtig gewesen (IV-act. 36-16). Daraus und aus den Vorakten ist zu
schliessen, dass die Beschwerdeführerin stets – also schon vor 2016 – schlank war
und dass dies den Gutachtern nicht entgangen ist. Dass der psychiatrische Gutachter
4.5.
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5.
aufgrund der geltend gemachten Appetitlosigkeit keine depressive Episode
diagnostiziert hat und dies nicht als Symptom einer Depression in Form eines
reduzierten Appetits würdigte, ist demnach nicht zu beanstanden.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, angesichts der kurzen
Untersuchungsdauer anlässlich der Begutachtung im Gegensatz zur mehrjährigen
Therapie beim Behandler sei auf die Erfahrungswerte Dr. B._s abzustellen. Daraus,
dass die Beschwerdeführerin bei Dr. B._ schon seit Jahren in Therapie ist, kann
jedoch nicht abgeleitet werden, dass seine Diagnosen und Arbeitsfähigkeitsschätzung
zutreffender sind als jene eines psychiatrischen Gutachters. Eine Begutachtung ist
naturgemäss auf einen relativ kurzen Zeitraum begrenzt. Gemäss der Rechtsprechung
des Bundesgerichts kommt es jedoch nicht auf die Dauer der persönlichen
Untersuchung an, sondern darauf, ob das Gutachten inhaltlich vollständig und im
Ergebnis schlüssig ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 19. Mai 2020, 8C_767/2019,
E. 3.4 mit Hinweis).
4.6.
Soweit die Beschwerdeführerin impliziert, zum Zeitpunkt der Begutachtung habe
sie gerade eine bessere Phase erlebt, ist ihr entgegenzuhalten, dass sie gegenüber den
Gutachtern nicht geäussert hat, es gehe ihr besser als in der Vergangenheit. Zudem
beschrieb Dr. B._ ihren Gesundheitszustand in seinem Bericht vom 28. Februar 2019
als weitgehend unverändert (IV-act. 88-4).
4.7.
Aus den von der Beschwerdeführerin nach der Begutachtung eingereichten
medizinischen Unterlagen, insbesondere aus der Stellungnahme Dr. B._s vom
28. Februar 2019 (IV-act. 88) ergeben sich keine wichtigen nicht rein
ermessensgeprägter ärztlicher Interpretation entspringenden Aspekte, welche im
Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben wären (vgl. E. 1.7
vorstehend). Insgesamt drängt sich eine vom Gutachten abweichende Beurteilung
folglich nicht auf.
4.8.
Die Beschwerdeführerin bringt schliesslich vor, bei der Begutachtung sei ein
allfälliges Suchtverhalten ausser Acht gelassen worden. In den Akten würden sich
Hinweise auf ihren Alkoholkonsum finden. Daher sei zu prüfen, inwiefern ihr
Alkoholkonsum sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirke (act. G1, S. 8).
5.1.
Anlässlich der Begutachtung wurde bei der Laboranalyse unter anderem ein CDT-
Wert von 0.8 festgestellt, woraus geschlossen werden konnte, dass in den Wochen vor
der Untersuchung kein relevanter Alkoholkonsum stattgefunden hat (vgl. IV-act. 36-23
5.2.
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6.
und 37-1). Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin erfragte der psychiatrische
Gutachter im Psychostatus sowohl den Alkoholkonsum als auch den Entzug des
Führerscheins. Allerdings verneinte er ein Suchtleiden (IV-act. 36-24). Dasselbe wurde
auch im internistischen Untersuch erhoben. Es wurde kein Foetor (IV-act. 36-26), indes
ein "gewisser erhöhter C2-Konsum" festgestellt (IV-act. 36-30). Dementsprechend
wurde auch ein mässiger Alkoholkonsum als Diagnose ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit erwähnt (IV-act. 36-31). Eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
aufgrund des Alkoholkonsums der Beschwerdeführerin ist demnach nicht ausgewiesen
und entgegen den Vorbringen der Beschwerdeführerin auch nicht näher zu prüfen.
Zusammengefasst kann sowohl aus somatischer Sicht (vgl. E. 2 f. vorstehend) als
auch aus psychiatrischer Sicht (vgl. E. 4 f. vorstehend) auf das medexperts-Gutachten
abgestellt werden. Folglich ist die Beschwerdeführerin in der angestammten und in
einer adaptierten Tätigkeit zu 80 % arbeitsfähig unter Berücksichtigung folgender
Adaptionskriterien: leichte, wechselbelastende Tätigkeit ohne Tätigkeiten über Kopf-
und Schulterhöhe, regelhafte Rotation/ Lateralflexion der HWS, ohne Heben und
Tragen von schweren Gewichten, maximal 5 kg, ohne ständig einseitige
Zwangshaltungen und ohne repetitiven Einsatz der rechten Hand mit kraftvollem
Handeinsatz.
5.3.
Die Beschwerdegegnerin nimmt zur Bestimmung des Invaliditätsgrades einen
Prozentvergleich vor (siehe IV-act. 70), was von der Beschwerdeführerin nicht
bestritten wird und auch nicht zu beanstanden ist. Einen Tabellenlohnabzug macht die
Beschwerdeführerin nicht geltend. Nach summarischer Prüfung erscheint dies korrekt,
zumal das reduzierte Rendement der Beschwerdeführerin bereits im Rahmen der
orthopädischen Begutachtung berücksichtigt wurde. Somit hat die
Beschwerdegegnerin einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin zu Recht
verneint. Die vorliegende Beschwerde ist somit abzuweisen.
6.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegenden Angelegenheit angemessen. Da die Beschwerdeführerin
vollumfänglich unterliegt, ist die Gerichtsgebühr ihr aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]). Zufolge unentgeltlicher
Rechtspflege ist sie von der Bezahlung zu befreien.
6.2.
bis
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