Decision ID: 24fd8748-c3b8-4f09-9346-123692bae6d0
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1972 geborene und bis 2007 als
Schlüsselstanzer
erwerbstätig gewesene
X._
bezog ab
1.
Februar 2008 eine ganze Invalidenrente (Verfügun
g vom 6.
Januar 2010,
Urk.
6
/98). Im September 2010 leitete die
Sozialversiche
rungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, ein
e Rentenrevision ein (
Urk.
6
/107). Nach getätigten Abklärungen in erwerblicher und medizinischer Hinsicht hob sie mit Verfügung vom 1
3.
Dezember 2013 die rentenzusprechende Verfügung vom
6.
Januar
2010 wiedererwägungsweise auf (
Urk.
6/186). Die da
gegen am 3
0.
Janu
ar 2014 erhobene Beschwerde mit dem Rechtsbegehren um weitere Aus
ric
htung der ganzen Rente (
Urk.
6/187/3-9
) wurde mit Urteil des hiesigen Gerichts vom 2
9.
September 2015 im Verfahren I
V.2014.00114 (
Urk.
6/192) teil
weise gutgeheissen, indem festgestellt wurde, dass der Beschwerdeführer ab
1.
Februar 2014 einen Anspruch auf eine
Viertelsrente
hat. Dieses Urteil hob das Bundes
gericht mit Urteil vom 2
2.
Dezember 2015 auf und wies die Sache ans hiesige Gericht zur integralen Neubeurteilung
des Rentenanspruchs per 1
3.
De
zember
2013 zurück (9C_868/2015;
Urk.
6
/195/1-4
).
Mit Urteil des hiesigen Gerichts vom 2
3.
Februar 2016 wurde im Verfahren IV.2016.00057 die Beschwerde teilweise gutgeheissen und die Verfügung der IV-Stelle vom 1
3.
Dezember 2013 mit der Fests
tellung aufgehoben, dass dem Be
schwerdeführer ab
1.
Februar 2014 ein Anspruch auf eine
Viertelsrente
zusteht (
Urk.
6/196
). Dieses Urteil hob das Bundesgericht am 1
7.
Juni 2016 erneut auf und wies die Sache an das hiesige Gericht zurück, damit es ein psychiatrisches Gutachten veranlasse und hernach erneut über die Beschwerde gegen die Ver
fügung der IV-Stelle des Kantons Zürich vom 1
3.
Dezember 2013
entscheide (9C_208/2016;
Urk.
6/202
).
In Umsetzung des bundesgerichtlichen Urteils veranlasste das hiesige Gericht
ein psychiatrisches Gutachten bei
Dr.
med.
Y._
, Facharzt für Psychiatrie und Psy
chotherapie
, welches am
7.
September 2017 erstattet wurde
(
Urk.
6/208
)
. Mit Urteil vom
5.
Juni 2018 im Verfahren IV.2016.00780
(
Urk.
6/
2
13
)
erkannte das hiesige Gericht, dass
der
Versicherte
in angestammter und angepasster Tätigkei
t zu 100
%
arbeitsfähig
sei
und
damit keinen Anspruch auf eine Rente de
r Inva
li
denversicherung habe
.
Es
wurde die
angefochtene
Verfügung der IV-Stelle vom 3.
(richtig: 13.)
Dezember 2013 bestätig
t und die Beschwerde abgewiesen (vgl. E.
4.3 des Urteils).
1.2
Mit Vorbescheid vom 2
0.
November 2018 (
Urk.
6/218) stellte die IV-Stelle die Rückforderung der von der Ausgleichskasse
Swissmem
dem Versicherten
für den Zeitraum von Februar 2014 bis Oktober 2018 ausgerichteten R
entenleistungen in Höhe von Fr.
105'989.-- in Aussicht. Nach erhobenem Einwand (
Urk.
6/219,
Urk.
6/220 und
Urk.
6/224)
erliess
die IV-Stelle am
3.
April 2019 (
Urk.
2) eine entsprechende Rückforderungsverfügung.
2.
Gegen die Rückforderungsverfügung vom
3.
April 2019 erhob der Versicherte am
2
0.
Mai 2019 (
Urk.
1) Beschwerde und beantragte (S. 2), die Verfügung sei auf
zuheben, eventualiter sei die Verfügung insoweit aufzuheben, als eine Rückfor
derung über den Zeitraum von November 2017 bis Oktober 2018 hinaus verfügt werde.
Die IV-Stelle schloss in ihrer Beschwerdeantwort vom
1
2.
Juni
2019
(
Urk.
5) auf Abweisung der Beschwerd
e, was dem Beschwerdeführer am 13
.
Juni 2019
zur
Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
7
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Gemäss
Art.
25
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ATSG) sind unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuer
statten.
Der Rückforderungsanspruch erlischt mit dem Ablauf eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung. Wird der Rückerstattungsanspruch aus einer strafbaren Handlung hergeleitet, für welche das Strafrecht eine längere Verjährungsfrist vorsieht, so ist diese Frist massge
bend (
Art.
25
Abs.
2 ATSG). Die relative und die absolute Verwirkungsfrist kann nicht unterbrochen werden, und sie steht auch nicht still (vgl. Ue
li
Kieser
, Kom
mentar zum ATSG,
4.
Auflage, Zürich/Basel/Genf 2020
,
Art.
25
Rz
.
78
).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihren Rückforderungsentscheid damit, dass gemäss Verfügung vom 1
3.
Dezember 2013 der Beschwerdeführer seit
1.
Februar 2014 keinen Anspruch mehr auf eine Invalidenrente habe. Seine Einsprache gegen diesen Ents
cheid
sei
am
5.
Juni 2018 vom
Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
abgewiesen
worden
.
Da die Ausgleichskasse
Swissmem
die Inva
lidenrente für den Zeitraum von Februar 2014 bis Oktober 2018 ausbezahlt habe, seien die zu Unrecht ausgerichteten Leistungen
in der Höhe von Fr. 105'989.--
an die Ausgleichskasse
Swissmem
zurückzuerstatten. Das für die Rückforderung massgebende Urteil sei am
5.
Juni 2018 erlassen worden und damit
sei die F
rist gewahrt.
2.2
Der
Beschwerdeführer
stellt sich demgegenüber auf den Standpunkt (
Urk.
1 S. 4), die Ausgleichskasse
habe bereits am
9.
Dezember 2013 Kenntnis von der Ren
tenaufhebung per Ende Januar 2014 gehabt und hätte die Renteneinstellung
dann
bereits veranlassen müssen. Dass die Renteneinstellung fälschlicherweise nicht veranlasst worden
sei
, hätte schon bei Erlass der zweiten, korrigierten Verfügung
vom 1
3.
Dezember 2013 erkannt werden können. Ein Rückforderungsanspruch sei
damit bereit
s nach Ablauf eines Jahres am 1
3.
Dezember 2014
verwirkt gewesen. Auch die Beschwerdegegnerin hätte bereits Ende September 2017 erkennen können, da
ss die bisherige Invalidenrente zu Unrecht
weiterhin ausbezahlt werde. Denn der Beschwerdeführer habe dies gegenüber dem
Psychiater
Dr.
med.
Y._
im Gerichtsgutachten
mehrfach erläutert. Nach der Zustellung des Gutachtens hätte die Beschwerdegegnerin erkennen kön
nen, dass die Rentenleistungen be
stehend aus
Invalidenrente an den Beschwerdeführer und Kinderrenten an die
in der Türkei lebende Ex-Frau
weiterhin ausgerichtet werden. Zu diesem Zeitpunkt hab
e
die einjährige relative Verwirkungsfrist zu laufe
n begonnen und
nicht erst mit der Zustellung des Urteils. Da der Vorbescheid über die Rückforderung der Invalidenrente erst am 2
0.
November 2018 ergangen sei, kö
nnten höchstens noch die Renten
für die Monate Novembe
r 2017 bis Oktober 2018 geltend
gemacht werden.
3
.
3.1
Mit
dem rechtskräftigen
Urteil
des hiesigen Gerichts
vom
5.
Juni 2018 im Verfahren IV.2016.00780 (
Urk.
6/
2
13
) steht die Rechtmässigkeit der
wiedererwä
gungs
weisen
Leistungseinstellung fest. Nachdem zu Unrecht bezogene Renten
leistungen im Sinne von
Art.
25
Abs.
1 ATSG - vorbehältlich des Erlasses
–
grun
d
sätzlich zurückzuerstatten sind, bleibt
damit
einzig zu prüfen, ob
die
Rückfor
derung
gemäss der Verfügung
vom
3
.
April
2019
unter Berücksichtigung von
Art.
25
Abs.
2 ATSG
als verwirkt zu gelten hat.
3.2
Der Rückforderungsanspruch erlischt
nach dem hiervor Gesagten
(E. 1)
mit dem
Ablauf eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhal
ten
hat, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung (
Art.
25
Abs.
2 Sat
z 1 ATSG).
Bei den Fristen nach
Art.
25
Abs.
2 ATSG handelt es sich um von Amtes wegen zu berücksichtigende Verwirkungs
fristen (BGE 142 V 20 E. 3.2.2
mit Hinweisen). Als solche können sie nicht unterbrochen, sondern nur gewahrt werden (BGE
136 II 187 E. 6
).
3.3
Im Zusammenhang mit der Rückforderung infolge einer Rentenaufhebung be
trachtet das Bundesgericht in der Regel die Rechtskraft der Rentenaufhebung als fristauslösendes Moment für den Beginn der relativen einjäh
rigen Verwir
kungs
frist (Urteil 8C_580/2018
vom
9.
Januar
2019 E. 4.2 mit Hinweisen).
Denn
der
Verwaltung
sind in diesem Zeitpunkt alle
erhe
blichen Umstände zugänglich
, aus deren Kenntnis sich der Rückforderungsanspruch dem Grundsatz nach und in seinem Ausmass gegenüber einer bestimmten rückerstattungspflichtigen Person ergibt (Urteil 9C_195/2014 vom
3.
September 2014 E. 2.1
).
4.
4.1
Wenn die
Beschwerdegegnerin
hinsichtlich des einjährigen Fristenlaufs
für die Rückforderung auf das
Urteil
des hiesigen Gerichts
vom
5.
Juni 2018
verwies
, ist dies nicht zu beanstanden.
Bis zu diesem Zeitpunkt stand die Rechtmässigkeit der mit Wi
e
dererwägungsverfügung vom
1
3.
Dezember 2013
festgelegten Rentenauf
hebung, welche Gegenstand
bereits
zweier höchstrichterlicher Beschwerdeverfah
ren gebildet hatte
,
nicht fest. Ein früherer Z
eitpunkt ergibt sich
auch nicht
aus der
Kenntnisnahme des gerichtlichen Gutachtens
,
stand
doch in diesem Zeitpunkt
das
Ergebnis
, ob die wiedererwägungsweise Rentenaufhebung zu Recht erfolgte
,
noch nicht fest.
Auch mögliche
Kenntnisse
beispielsweise
von Meldungen
bei der Ausgleichskasse über einen unrechtmässigen Leistungsbezug sind
grundsätzlich
nicht geeignet
d
en
Fristenlauf
bei der
zuständigen und
die Rückforderungs
ver
fügung erlassenden IV-Stelle
aus
zulösen.
D
er
diesbezüglichen Argumentation des Beschwerdeführer
s ist ebenfalls
nichts zu seinen Gunsten a
bzugewinnen
.
M
it Blick auf die erwähnte Rechtslage (E. 3
.3
hiervor)
sind die Einwendungen
des Beschwerdeführers
damit
nicht stichhaltig, zumal erst dem
Urteil vom
5.
Juni 2018
fristauslösende Wirkung zukommt.
4.2
Im Invalidenversicherungsrecht gilt sodann sowohl für die relative einjährige als auch für die absolute fünfjährige Verwirkungsfrist der Erlass resp. die Zustellung eines
Vorbescheids im Sinne von
Art.
73
bis
der
Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV)
als fris
twahrend
. Die Frist von fünf Jahren beginnt frühestens mit der tatsächlichen Ausrichtung der unrechtmässigen Leistung
zu laufen (Urteil des Bundesgerichts
9C_34/2018 vom
4.
Dezember 2018 E. 1.1
mit Hinweisen
).
Nachdem der Beschwerdeführer vom Vorbescheid vom 2
0.
November
2018 (
Urk.
6/218) über die Rückforderung spätestens im Dezember 2018 Kenntnis erlangt hat
te
(vgl.
Urk.
6/219),
die Beschwerdegegnerin
das Urteil des
hiesigen Gerichts vom
5.
Juni 2018
am 14.
Juni 2018 empfangen
hatte
(
Urk.
6/213/15)
,
ist die
(relative)
einjährige Verwirkungsfrist
jedenfalls
gewahrt.
Gewahrt ist auch die fünfjährige (absolute) Verwirkungsfrist
,
n
achdem die seit Februar
2014 zur Ausrichtung gelan
g
ten
Rentenleistungen zurückgefordert werden. In
masslicher
Hinsicht sind die ausgerichteten Leistungen nicht bestritten und aufgrund der Akten ausgewiesen
(vgl.
Urk.
6/222)
.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde unbegründet,
w
as zu deren
Abweisung führt
.
5.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG])
und auf Fr.
4
00.-- festzusetzen.
Ausgangsgemäss sind sie dem Beschwerdeführer aufzuer
legen.