Decision ID: 2ce4908c-37b8-56b4-847a-b220df22b4d5
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am 5. Juli 2019 in die Schweiz ein, wo er am
2. August 2019 um Asyl nachsuchte.
B.
Nachdem der Beschwerdeführer durch das SEM dem Bundesasylzentrum
(BAZ) der Region B._ zugewiesen worden war, wurden dort am
7. August 2019 seine Personalien (Personalienaufnahme; PA) aufgenom-
men.
C.
Eine für den 26. September 2019 vorgesehene Erstbefragung des Be-
schwerdeführers zu seinen Asylgründen musste infolge Krankheit dessel-
ben abgesagt werden. Das SEM forderte ihn am selben Tag zur Einrei-
chung eines Arztberichts sowie dazu auf, anzugeben, in welcher Sprache
die Anhörung stattfinden solle, und ob er von einem Männer- oder einem
Frauenteam angehört werden wolle.
D.
Am 27. September 2019 verfügte die zuständige kantonale Behörde gegen
den Beschwerdeführer eine Ausgrenzung betreffend das (...)gebiet der
Gemeinde C._ wegen Störung der öffentlichen Sicherheit und Ord-
nung respektive wegen Drogenkonsums und des Verdachts des Handels
mit Betäubungsmitteln.
E.
Mit Schreiben vom 1. Oktober 2019 teilte die damals dem Beschwerdefüh-
rer zugewiesene Rechtsvertretung mit, ihr Klient sei zum wiederholten
Male nicht zum Besprechungstermin erschienen, weshalb kein Arztbericht
eingereicht werden und auch keine Stellungnahme zu den vom SEM an-
gefragten Anhörungsmodalitäten abgegeben werden könnten.
F.
Das SEM stellte am 8. Oktober 2019 fest, der Beschwerdeführer habe
mehrfach seine Mitwirkungspflicht verletzt. Er wurde aufgefordert, sich in-
nert Frist schriftlich dazu sowie zu seinen Asylgründen zu äussern.
G.
Die Rechtsvertretung reichte beim SEM am 14. Oktober 2019 eine Stel-
E-2647/2020
Seite 3
lungnahme unter Angabe der Asylgründe des Beschwerdeführers und un-
ter Beilage verschiedener ärztlicher Berichte ein und stellte weitere Aus-
führungen des Beschwerdeführers seine Asylgründe betreffend in Aus-
sicht.
H.
Mit Schreiben vom 16. Oktober 2019 legte der Beschwerdeführer seine
Asylgründe schriftlich dar.
Dabei führte er im Wesentlichen aus, er sei bisexuell und Atheist. Von 2007
bis 2012 habe er in Frankreich studiert. Anfangs 2012 sei er nach Marokko
zurückgekehrt. Zunächst habe er zwei Jahre in D._ und danach
zwei Jahre bei seinen Eltern gelebt. Er habe während dieser Zeit Kontakt
zu Anhängern des arabischen Frühlings und Angehörigen der Bewegung
der LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexual, Transexuell/Transgender und Interse-
xual) sowie Menschenrechtsaktivisten und Atheisten aufgenommen und an
Manifestationen und Konferenzen teilgenommen. Er sei deswegen von Pri-
vaten bedroht und behelligt worden. Nachdem ein Freund von Islamisten
wegen seiner sexuellen Orientierung angegriffen worden sei, habe er 2016
ein Video auf Facebook gestellt, worin er das marokkanische System kriti-
siert habe. Er sei deswegen nach seiner Rückkehr nach D._ auf der
Strasse einer Messerattacke ausgesetzt gewesen. Die Behörden hätten
ihn zudem verhört und ihn aufgefordert, solche Aktionen künftig zu unter-
lassen. Er sei in jener Zeit zum Alkoholiker und Drogenabhängigen gewor-
den und habe sich einen Monat in psychiatrische Pflege begeben müssen.
Die Behörden hätten ihm erklärt, er solle wieder nach Frankreich ausrei-
sen, sonst komme er für lange Zeit ins Gefängnis. Im Jahr 2017 sei er mit-
tels eines Studentenvisums nach Frankreich gereist. Einen Monat nach-
dem er Marokko verlassen habe, sei eine polizeiliche und später eine ge-
richtliche Vorladung ihn betreffend ergangen. Wegen Störung der öffentli-
chen Ordnung habe man ihn schliesslich in seiner Abwesenheit zu sechs
Monaten Haft, unter Auferlegung einer Probezeit von zwei Jahren, verur-
teilt.
I.
Am 6. November 2019 forderte das SEM die Rechtsvertretung auf, sich
innert Frist zum Nichterscheinen des Beschwerdeführers am Befragungs-
termin vom gleichen Tag zu äussern.
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/das-queer-lexikon-was-ist-bisexualitaet/12055794.html https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/das-queer-lexikon-was-bedeutet-transgender/12167660.html https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/das-queer-lexikon-was-ist-intersexualitaet/12086608.html https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/das-queer-lexikon-was-ist-intersexualitaet/12086608.html
E-2647/2020
Seite 4
J.
Die Rechtsvertretung erklärte am 11. November 2019 namens des Be-
schwerdeführers, ihm sei am 4. November 2019 ein Hausverbot durch das
BAZ erteilt worden. Er habe daher das Haus verlassen und sei durch das
BAZ nicht darüber informiert worden, wann er wieder dorthin zurückkehren
dürfe.
K.
Mit Strafbefehl vom 5. Dezember 2019 wurde der Beschwerdeführer we-
gen mehrfacher Missachtung der Ausgrenzung zu einer Geldstrafe verur-
teilt.
L.
Am 9. Dezember 2019 reichte die Rechtsvertretung medizinische Kurzbe-
richte den Beschwerdeführer betreffend beim SEM ein.
M.
Am 18. Dezember 2019 fand eine einlässliche Anhörung des Beschwerde-
führers durch das SEM statt.
Dabei bekräftigte er im Wesentlichen seine schriftlichen Ausführungen zum
Asylgesuch und führte ergänzend aus, in seiner Abwesenheit sei er an-
fangs 2018 verurteilt worden. Er habe zwischenzeitlich einen Anwalt in der
Heimat mandatiert und das Urteil anfechten lassen.
Im Weiteren legte er dar, er sei durch die marokkanischen Behörden schon
vor der Verbreitung des Videos 2016 auf Facebook verhört und dabei ge-
foltert worden.
N.
Mit Verfügung des SEM vom 27. Dezember 2019 wurde der Beschwerde-
führer dem erweiterten Verfahren und gleichzeitig dem Kanton E._
als Aufenthaltskanton zugewiesen.
O.
Mit Schreiben vom 27. Dezember 2019 erklärte die zugewiesene Rechts-
vertretung das Mandat für beendet, da das Asylverfahren des Beschwer-
deführers im erweiterten Verfahren geführt werde. Im Weiteren wurde er-
wähnt, der Mutter des Beschwerdeführers sei es bis dato leider nicht mög-
lich gewesen, diesem das erwähnte Gerichtsurteil zuzustellen.
E-2647/2020
Seite 5
P.
Der Beschwerdeführer wurde durch das SEM am 31. Januar 2020 für eine
ergänzende Anhörung vom 18. Februar 2020 vorgeladen. Da die erste
postalische Zustellung der entsprechenden Vorladung erfolglos war, wurde
ihm diese am 13. Februar 2020 nochmals zugestellt.
Q.
Der Beschwerdeführer blieb der vorgesehenen Anhörung vom 18. Februar
2020 fern. Das SEM wies ihn daher mit Schreiben vom 20. Februar 2020
auf die Verletzung seiner Mitwirkungspflicht sowie darauf hin, dass er bis
anhin für das von ihm erwähnte gerichtliche Verfahren in Marokko keine
Beweismittel eingereicht habe. In einem Arztbericht vom 3. Dezember
2019 werde zudem erwähnt, dass sich der Beschwerdeführer seit vier bis
fünf Monaten in der Schweiz aufhalte und er zuvor ungefähr zwölf Jahre in
Frankreich gelebt habe. Diese Angaben würden indes mit seinen bisheri-
gen Vorbringen nicht übereinstimmen. Dem Beschwerdeführer wurde
durch das SEM die Gelegenheit erteilt, innert Frist dazu Stellung zu neh-
men.
R.
Mit Strafbefehl vom 20. Februar 2020 wurde der Beschwerdeführer wegen
wiederholter Missachtung der Ausgrenzung, Ungehorsam gegen eine amt-
liche Verfügung, Verunreinigung von fremdem Eigentum, unanständigen
Benehmens und wegen des Konsums von Betäubungsmitteln (unter ande-
rem Kokain und Marihuana) zu einer Geldstrafe verurteilt und mit einer
Busse bestraft.
S.
Mit Schreiben vom 27. Februar 2020 reichte der Beschwerdeführer durch
die für ihn im erweiterten Verfahren zuständige Rechtsvertretung beim
SEM Belege für seinen Aufenthalt in Marokko sowie einen Arztbericht ein.
Betreffend die Versäumung des Anhörungstermins führte er aus, er sei am
18. Februar 2020 im Zug eingeschlafen und habe deshalb die für diesen
Tag angesetzte Anhörung nicht rechtzeitig wahrnehmen können. Bei den
Ausführungen im erwähnten Arztbericht zu seinem mehrjährigen Aufenthalt
in Frankreich handle es sich um einen Fehler, der auf Verständnisschwie-
rigkeiten zurückzuführen sein müsse. Was die vom SEM geforderten Be-
weismittel sein Gerichtsverfahren in Marokko betreffend anbelange, brau-
che er mehr Zeit, um die Dokumente zu beschaffen.
E-2647/2020
Seite 6
T.
Mit Strafbefehl vom 6. April 2020 wurde der Beschwerdeführer wegen
mehrfacher Missachtung der Ausgrenzung zu einer Freiheitsstrafe von 50
Tagen verurteilt.
U.
Mit Verfügung vom 17. April 2020 – eröffnet am 20. April 2020 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
wies sein Asylgesuch vom 2. August 2019 ab und ordnete die Wegweisung
und deren Vollzug an. Einer allfälligen Beschwerde gegen die Verfügung
entzog das SEM die aufschiebende Wirkung.
V.
Mit Erklärung vom 20. April 2020 legte die für den Beschwerdeführer im
erweiterten Verfahren zuständige Rechtsvertretung ihr Mandat nieder.
W.
Mit Eingabe des rubrizierten Rechtsvertreters vom 20. Mai 2020 erhob der
Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen die
Verfügung des SEM vom 17. April 2020.
Darin wurde beantragt, die vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, der
Beschwerdeführer sei als Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu ge-
währen. Eventualiter sei die Sache zwecks vollständiger Erhebung des
Sachverhalts an die Vorinstanz zur Neubeurteilung zurückzuweisen, sube-
ventualiter sei die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzu-
stellen und dem Beschwerdeführer die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, es sei dem Beschwer-
deführer eine Frist zur Nachreichung von Beweismitteln anzusetzen, ihm
sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses sei zu verzichten.
X.
Die zuständige Instruktionsrichterin setzte mit superprovisorischer Verfü-
gung vom 25. Mai 2020 den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen
aus.
Y.
Mit Zwischenverfügung vom 23. Juli 2020 stellte die Instruktionsrichterin
fest, die Bedürftigkeit des Beschwerdeführers sei bis dato nicht belegt. Ihm
wurde daher die Gelegenheit gegeben, bis zum 7. August 2020 entweder
den Nachweis der Bedürftigkeit zu erbringen oder einen Kostenvorschuss
E-2647/2020
Seite 7
in Höhe von Fr. 750.– zu leisten. Über das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege werde nach Fristablauf entschieden. Das Ge-
such um Ansetzung einer zweiwöchigen Frist zur Nachreichung sachdien-
licher Beweismittel wies die Instruktionsrichterin unter Hinweis auf Art. 32 f.
VwVG ab und stellte fest, dass der Vollzug der Wegweisung einstweilen im
Sinn von Art. 56 VwVG ausgesetzt bleibe.
Z.
Mit Schreiben vom 30. Juli 2020 wurde eine Fürsorgebestätigung zu den
Gerichtsakten gereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
E-2647/2020
Seite 8
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden weiter konkretisiert.
Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2010/57 E. 2.3.).
5.
5.1 Das SEM stellte sich in der angefochtenen Verfügung im Wesentlichen
auf den Standpunkt, der Beschwerdeführer habe mehrfach seine Mitwir-
kungspflicht verletzt. Er sei rechtswidrig in die Schweiz eingereist, habe
Ausgrenzungsverfügungen missachtet und sei deswegen verurteilt wor-
den. Er sei Vorladungen zu Anhörungen nicht nachgekommen und habe
sich in der Unterkunft nicht regelkonform verhalten. Er zeige demnach kein
E-2647/2020
Seite 9
ernsthaftes Interesse am Asylverfahren auf. Auch habe er erst über einen
Monat nach seiner Einreise in die Schweiz ein Asylgesuch gestellt. Mit die-
sem Verhalten könne er nicht glaubhaft machen, dass er des Schutzes vor
Verfolgung im Sinn von Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG bedürfe.
Die vom Beschwerdeführer dargelegte politisch und geschlechtsspezifisch
motivierte Verurteilung sei nicht glaubhaft gemacht. Er habe trotz mehrma-
liger Aufforderung und seinem Vorbringen, dass er in Marokko einen
Rechtsanwalt engagiert habe, keine Beweismittel wie etwa eine Polizeivor-
ladung, Anklageschrift, Gerichtsvorladung, Gerichtsurteil oder eine Beru-
fungsschrift eingereicht. Es sei daher davon auszugehen, dass diese Do-
kumente entweder nicht existierten oder der Beschwerdeführer wegen ei-
nes anderen Delikts verurteilt worden sei. Die von ihm eingereichten Be-
lege wie Zeugnisse, Diplome, Kursbestätigungen etc. seien zum Beweis
des von ihm dargelegten Gerichtsverfahrens nicht geeignet. Seiner geltend
gemachten Furcht vor einer staatlichen Verurteilung aus einem der in Art. 3
AsylG dargelegten Motive sei damit die Grundlage entzogen.
Im Weiteren hielt das SEM fest, die vom Beschwerdeführer dargelegten
Beschimpfungen und Schikanen infolge seines Facebook-Eintrages seien
als nicht hinreichend intensiv im Sinn von Art. 3 AsylG zu qualifzieren.
Diese hätten zudem örtlich beschränkt stattgefunden, weshalb es dem Be-
schwerdeführer zuzumuten wäre, sich in einen anderen Landesteil zu be-
geben. Überdies habe er in Marokko jahrelang leben können, ohne ein-
schneidende Schwierigkeiten zu erfahren. Das Vorliegen eines unerträgli-
chen psychischen Drucks sei daher zu verneinen. Hinsichtlich der von ihm
geschilderten Messerattacke seien die Umstände unklar geblieben. Sie sei
aber ohnehin nicht asylrelevant, da staatlicher Schutz vorhanden sei.
Der Beschwerdeführer habe insbesondere durch das Fernbleiben von der
ergänzenden Anhörung, eine vertiefte Prüfung der Glaubhaftigkeit seiner
Aktivitäten in Marokko, insbesondere jene für die LGBTI-Bewegung, sowie
in Bezug auf das von ihm erwähnte Facebook-Video und die anschliessen-
den Anfeindungen, verunmöglicht. Der Untersuchungsgrundsatz finde
seine Grenzen an der Mitwirkungspflicht.
5.2 In der Beschwerde wurde demgegenüber eingewandt, in Marokko be-
stehe aufgrund der Gesetzeslage und der Praxis landesweit die Gefahr,
dass Personen, die wie der Beschwerdeführer, ihre Homosexualität offen
ausleben würden, mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit verfolgt und bestraft
würden. Eine innerstaatliche Fluchtalternative sei nicht gegeben. Wegen
E-2647/2020
Seite 10
der Veröffentlichung des besagten Videos, in welchem er sich geoutet und
den König beschimpft habe, sei er anfangs 2018 verurteilt worden. Dieses
Urteil werde nun in zweiter Instanz behandelt, wobei angesichts der aktu-
ellen Lage in Marokko eine Verschärfung des Strafmasses zu befürchten
sei. Der Beschwerdeführer habe zwar seine Mitwirkungspflicht potentiell
schwerwiegend verletzt. Er sei jedoch stets bemüht gewesen, seiner Pflicht
nachzukommen, was ihm aufgrund seines Gesundheitszustandes jedoch
mehrmals nicht gelungen sei. Das Verfahren sei daher zwecks vollständi-
ger Erstellung des Sachverhalts respektive zwecks mündlicher Begrün-
dung seines Asylgesuchs an die Vorinstanz zurückzuweisen. Dies er-
scheine auch deshalb geboten, da bis dato wichtige Beweismittel von ihm
nicht hätten beschafft werden können. Solche würden so bald wie möglich
nachgereicht. Da er im Ausland um Asyl nachgesucht habe, wolle ihm
seine Mutter nicht mehr helfen. Er müsse nun seinen Bruder bemühen, um
an die Unterlagen zu gelangen.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass das SEM – wie nachstehend aufgezeigt – den wesentlichen
Sachverhalt genügend erstellt hat, weshalb sich die entsprechende for-
melle Rüge als unbegründet erweist.
6.2 Vorab ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer seiner Mitwirkungs-
pflicht im Sinne von Art. 8 AsylG mehrfach nicht nachgekommen ist und
dieses Verhalten bei einer Gesamtbetrachtung – übereinstimmend mit dem
SEM – schwer wiegt.
So blieb er zunächst der Erstbefragung, wenn auch vorgeblich krankheits-
bedingt, fern, ohne jedoch der daraufhin folgenden ersten Aufforderung
des SEM, seine Erkrankung innert Frist ärztlich zu belegen, nachzukom-
men. Ebenso wenig äusserte er sich innert Frist zu Fragen des SEM nach
den Anhörungsmodalitäten. Grund dafür war, dass er Termine mit der
Rechtsvertretung nicht wahrgenommen hatte. Wie sich aus der späteren
Stellungnahme der Vertretung ergibt, hatte er diese auch nicht darüber in-
formiert, dass er die ärztlichen Entbindungserklärungen (zwecks Einforde-
rung eines entsprechenden Krankheitsbeleges beim Arzt) bereits unter-
schrieben hatte (vgl. Akten SEM [...]-A22/1, A24/1, A26/2 S. 1 f., A29/13
S. 1 f. u. S. 9).
Den Termin für die einlässliche Anhörung vom 6. November 2019 nahm der
Beschwerdeführer nicht wahr und versuchte dieses Verhalten mit einem
E-2647/2020
Seite 11
ihm auferlegten Hausverbot des BAZ vom 4. November 2019, welches sei-
ner damaligen Auffassung nach bis auf Weiteres ausgesprochen worden
sei, und mit (...)anfällen zu entschuldigen (vgl. Akte SEM A34/2 S. 1 f.).
Eine solche Erklärung greift indes zu kurz, zumal sich der Beschwerdefüh-
rer nach Aussprechen des Hausverbots weder mit seiner Rechtsvertretung
noch mit dem SEM in Verbindung gesetzt hatte, um sich etwa zu erkundi-
gen, wie es sich bei dieser Sachlage mit dem vorgesehenen Anhörungs-
termin verhielt. Nicht entschuldbar ist auch sein Verhalten mit Bezug auf
die vom SEM angesetzte ergänzende Anhörung vom 13. Februar 2020, an
der er – im Gegensatz zu seiner Rechtsvertretung – nicht erschienen war,
weil er angeblich im Zug eingeschlafen war. Erst Stunden später, nachdem
die Anhörung bereits hatte abgesagt werden müssen, meldete er sich beim
BAZ. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass es dem Beschwerdeführer
aufgrund des ärztlich dokumentierten Alkoholproblems erschwert sein
dürfte, Termine fristgerecht wahrzunehmen, zumal sich aus der Ausgren-
zungsverfügung und den Strafbefehlen ergibt, dass er wohl auch regel-
mässig Drogen konsumierte (vgl. Akten SEM A39/5 S. 1, A25/4 S. 2 u.
A63/3 S. 1). Dieser Situation sowie auch der Tatsache, dass der Beschwer-
deführer an (...) leidet (vgl. Akten SEM A38/2 S. 1, A39/5 S. 1 u. A40/1),
wurde hingegen vorliegend – entgegen der anderslautenden Auffassung in
der Beschwerde – trotz wiederholter Verletzung der Mitwirkungspflicht hin-
reichend durch die Vorinstanz Rechnung getragen. So gab sie ihm nach-
dem die Erstbefragung nicht hatte stattfinden können, die Gelegenheit,
sich schriftlich zu seinen Asylgründen zu äussern. Nach seinem unent-
schuldigten Fernbleiben der Anhörung vom 6. November 2019 setzte die
Vorinstanz einen neuen Anhörungstermin für den 4. Dezember 2019 an.
Diesen konnte der Beschwerdeführer aufgrund eines ärztlich belegten
(...)anfalles, der notfallmässig behandelt wurde, nicht wahrnehmen. Da-
raufhin setzte das SEM nochmals einen Anhörungstermin für den 18. De-
zember 2019 an, welchem der Beschwerdeführer Folge leistete (vgl. Akten
SEM A40/1 u. A44/2). Dass das SEM die ergänzende Anhörung vom
18. Februar 2020, welcher der Beschwerdeführer unentschuldigt fernblieb,
nicht nochmals neu angesetzt hat, ist angesichts dessen, dass der Be-
schwerdeführer respektive seine Rechtsvertretung bereits mit E-Mail vom
30. Januar 2020 und zudem postalisch über den Termin orientiert wurde
(vgl. Akten SEM A55/1, A57/2 S. 1, A58/2 S. 1 u. A59/2 S. 1) nicht zu be-
anstanden. Ihm wurde zudem in schriftlicher Form das rechtliche Gehör zu
seinem Nichterscheinen sowie zu widersprüchlichen Angaben gewährt,
von dem er Gebrauch machte (vgl. Akten SEM A61/3 u. A62/8 S. 1 ff.).
E-2647/2020
Seite 12
6.3 Das SEM hat dem Beschwerdeführer sodann mehrmals – unter
Fristansetzung – die Gelegenheit zur Einreichung von entsprechenden Be-
weismitteln erteilt. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass
die in Art. 8 AsylG verankerte Mitwirkungspflicht gemäss Abs. 1 Bst. d auch
die unverzügliche Beibringung von Beweismitteln umfasst, oder eine asyl-
suchende Person gehalten ist, allfällige Beweismittel innert angemessener
Frist zu beschaffen. Obwohl sich der Beschwerdeführer bereits seit dem
5. Juli 2019 in der Schweiz befindet und er angeblich schon anfangs 2018,
mithin über ein Jahr vor seiner Einreise in die Schweiz, in Marokko verur-
teilt worden sein soll, hat er in diesem Zusammenhang weder bei der Vo-
rinstanz noch im vorliegenden Beschwerdeverfahren Belege eingereicht.
Seine diesbezüglichen Erklärungen erscheinen zudem – wie nachstehend
dargelegt – ausweichend und im Gesamtkontext nicht stichhaltig.
6.4 Dem SEM kann somit keine unvollständige Sachverhaltsfeststellung
vorgeworfen werden. Eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes (vgl.
Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG; vgl. BVGE 2012/21 E. 5.1 S. 414 f. mit
weiteren Hinweisen) liegt nicht vor. Die Rüge erweist sich als unbegründet.
Der Antrag auf Rückweisung der Sache an das SEM zwecks vollständiger
Erhebung des rechtserheblichen Sachverhalts respektive Erteilung "einer
letzten Gelegenheit zur mündlichen Begründung seines Asylgesuchs" bei
der Vorinstanz (vgl. Beschwerde S. 4) ist abzuweisen.
7.
7.1 Auch ist die Folgerung der Vorinstanz, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle und sein Asylgesuch abzuweisen sei,
zu bestätigen. Auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Ver-
fügung kann verwiesen werden.
7.2 In Übereinstimmung mit der Folgerung des SEM ist vorliegend davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer in Marokko nicht, wie von ihm
behauptet, verurteilt wurde. Seine diesbezüglichen Aussagen sowie im Üb-
rigen auch weitere seiner Angaben erscheinen ungereimt, vage und in sich
nicht stimmig (Akte SEM A44/22 S. 11 ff.).
7.2.1 Seinen Angaben zufolge postete der Beschwerdeführer das Video, in
welchem er sich regimekritisch und zu seiner Bisexualität und dem Atheis-
mus äusserte, Ende 2016 respektive im November 2016. Im August 2017
will er sein Heimatland verlassen haben. Seine Angaben, ob und in wel-
chem Umfang er während dieser Zeit in den behördlichen Fokus geraten
E-2647/2020
Seite 13
sei, sind vage und blieben auch auf mehrfache Nachfrage hin unsubstan-
ziiert (vgl. Akten SEM A44/22 S. 11 ff). Zudem lässt die Tatsache, dass der
Beschwerdeführer im August 2017 ein Visum erhielt, mit dem er von Ma-
rokko nach Frankreich gelangen konnte und welches seinen Angaben zu-
folge zu Studienzwecken ausgestellt worden war (vgl. Akten SEM 9/7 S. 5,
12/2 S. 1, A44/22 S. 7), darauf schliessen, dass er keine behördlichen
Probleme hatte und das Visum der eigentliche Grund für seine Ausreise
gewesen sein dürfte. Bezeichnenderweise hat der Beschwerdeführer wäh-
rend seines Aufenthalts in Frankreich und der Gültigkeit seines Visums kein
Asylgesuch gestellt.
7.2.2 Als wesentlich erachtet das Gericht den Umstand, dass der Be-
schwerdeführer bis dato, entgegen seiner Ankündigung in der Anhörung,
das angeblich von ihm erstellte und auf seinem Facebook-Account hoch-
geladene Video bisher nicht eingereicht hat. Er macht in diesem Zusam-
menhang zwar geltend, er habe seinen Account später gelöscht, führte
aber auch aus, das Video sei von bis zu 50 000 Personen abgerufen wor-
den und er respektive Bekannte hätten es abgespeichert und er könne die-
ses erhältlich machen (Akte SEM A44/22 S. 13 f.)
7.2.3 Ebenso hat der Beschwerdeführer bisher auch keine Belege für das
angeblich gegen ihn geführte strafrechtliche Verfahren respektive seine
Verurteilung eingereicht, obwohl er im Heimatstaat einen Anwalt mit die-
sem Fall betraut haben will, der in seinem Verfahren Berufung eingelegt
habe (Akten SEM A44/22 F4 ff.). Ungeachtet dessen konnte der Beschwer-
deführer auch nicht ausführen, welche konkreten Straftaten ihm zur Last
gelegt worden sein sollen (vgl. Akten SEM A44/22 S. 3). Plausible Gründe
dafür, weshalb es ihm bis zum jetzigen Zeitpunkt und damit über zweiein-
halb Jahre lang, nicht gelungen sein soll, das ausschlaggebende Video und
das gegen ihn ergangene Urteil oder andere strafrechtliche Unterlagen ein-
zureichen, sind nicht dargetan (vgl. Akte SEM 44/22 S. 2 f. und S. 17). Auch
erscheint die Erklärung in der Beschwerde, die Mutter sei nicht mehr zur
Beschaffung des Urteils oder einer Vollmachtserteilung an den marokkani-
schen Anwalt bereit, da der Beschwerdeführer im Ausland um Asyl nach-
gesucht habe (vgl. Beschwerde S. 5 u. S. 7) nicht nachvollziehbar und ist
im Gesamtkontext als reine Schutzbehauptung zu erachten. Gleich verhält
es sich mit dem weiteren Einwand (vgl. Beschwerde S. 7), der Beschwer-
deführer habe bereits dem SEM gegenüber erwähnt, sämtliche Doku-
mente, darunter auch polizeiliche Vorladungen, in Frankreich verloren zu
haben. Denn jene Aussagen bezogen sich einzig auf Fragen des SEM
E-2647/2020
Seite 14
nach seinen Identitätspapieren (vgl. Akten SEM A9/7 S. 4 f., A12/2 S. 1 u.
A44/22 S. 9).
7.2.4 Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es dem Beschwerde-
führer nicht gelingt, glaubhaft zu machen, dass er Ende 2016 in Marokko
ein Video auf Facebook gepostet hat und deshalb Anfang 2018 in erster
Instanz strafrechtlich verurteilt worden sei.
7.3 Sollte der Beschwerdeführer aufgrund seiner Bisexualität in Marokko
in der Vergangenheit tatsächlich Beschimpfungen, Anfeindungen und Ohr-
feigen ausgesetzt gewesen sein, was angesichts seiner vagen Aussagen
hierzu ebenfalls zu bezweifeln ist, bleibt festzuhalten, dass – wie vom SEM
zutreffend gefolgert – diese Ereignisse nicht die von Art. 3 Abs. 2 AsylG
geforderte Intensität erreichen. Ein unerträglicher psychischer Druck, wel-
chem er nur durch Verlassen seines Heimatstaates hätte entkommen kön-
nen, ist daher zu verneinen. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass ein
Risiko allein wegen homosexuellen Neigungen in Marokko verhaftet zu
werden, vorliegend nicht überwiegend wahrscheinlich erscheint. Die vom
Beschwerdeführer geschilderten Vorfälle und auch der soziale Druck, wel-
chem homosexuelle Personen in Marokko unter Umständen ausgesetzt
sind, vermögen sodann nicht die von Art. 3 Abs. 2 AsylG geforderte Inten-
sität zu erreichen (vgl. auch Urteil des BVGer D-3969/2018 vom 26. August
2019 E. 5.2).
7.4 Was schliesslich die vom Beschwerdeführer dargelegte Messerattacke
anbelangt, ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz auch in diesem Punkt
festzustellen, dass der Beschwerdeführer diese nicht substanziieren
konnte. Einen solchen Angriff auf seine Person hätte er den polizeilichen
Behörden jedoch melden und diese um Schutz ersuchen können, zumal
die marokkanischen Behörden grundsätzlich schutzfähig und schutzwillig
sind, weshalb ihm ungeachtet der Glaubhaftmachung die Asylrelevanz ab-
zusprechen ist.
7.5 Die Vorinstanz hat mithin zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers abgelehnt und sein Asylgesuch abgewiesen.
8.
8.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
E-2647/2020
Seite 15
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus-
ländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss Praxis der gleiche Beweisstandard wie bei der Flüchtlingseigen-
schaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich
ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen.
9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidge-
nossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkom-
mens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, un-
menschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105)
und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum
Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) darf
niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder
Behandlung unterworfen werden.
9.2.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
E-2647/2020
Seite 16
den Verfahren – wie vom SEM zu Recht erwogen – keine Anwendung fin-
den. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Marokko ist demnach
unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des
Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für
den Fall einer Rückkehr nach Marokko dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtsho-
fes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschus-
ses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Fol-
ter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse
Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde
Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren Hinweisen). Solches ist unter
Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen zum Asylpunkt auszuschlies-
sen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Marokko lässt den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erschei-
nen.
9.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 In Marokko herrscht kein Krieg, Bürgerkrieg oder eine Situation all-
gemeiner Gewalt, aufgrund derer die Zivilbevölkerung als konkret gefähr-
det bezeichnet werden müsste. Eine Rückkehr nach Marokko ist unter die-
sen Aspekten als zumutbar zu bezeichnen.
9.3.3 In Übereinstimmung mit den Ausführungen der Vorinstanz sind auch
keine individuellen Gründe ersichtlich, die den Wegweisungsvollzug des
Beschwerdeführers nach Marokko als unzumutbar erscheinen lassen wür-
den. Es kann diesbezüglich auf die vorinstanzlichen Erwägungen verwie-
sen werden.
E-2647/2020
Seite 17
Dabei ist hervorzuheben, dass der Beschwerdeführer in Marokko über ein
tragfähiges Beziehungsnetz verfügt. Er hat zudem eine sehr gute Ausbil-
dung genossen und kann auf reichlich Berufserfahrung, wie etwa jene als
(...) in der (...)-Branche, zurückgreifen (vgl. Akten SEM (...)9/7 S. 4, 30/3
S. 1 ff., A44/22 S. 4 ff. u. S. 16 ff.). Einer Rückkehr stehen zudem weder
sein (...)leiden noch allfällige (...) Probleme oder ein weiterhin vorhande-
ner Alkohol- und Drogenkonsum entgegen. Denn einerseits lässt sich (...)
ohne Weiteres auch in Marokko behandeln. Eine Behandlung infolge von
Alkohol-, Drogen- respektive (...) Probleme, welche gemäss dem Be-
schwerdeführer derzeit nicht mehr bestehen (vgl. Beschwerde S. 8) – er-
hielt er bereits einmal in seinem Heimatland (vgl. Akten SEM A30/3 S. 3,
A44/22 S. 3 u. S. 7). In Marokko existieren etliche auf (...)behandlung spe-
zialisierte Zentren (vgl. Urteil des BVGer D- 3969/2018 vom 26. August
2019 E. 7.5.1). Deren Hilfe könnte der Beschwerdeführer im Bedarfsfall –
und falls nötig mittels finanzieller Unterstützung seiner Familie und Ver-
wandten – in Anspruch nehmen.
9.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung als
zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung als möglich zu be-
zeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG). Die derzeitige sogenanntee Corona-Pan-
demie steht diesem ebenfalls nicht entgegen (vgl. dazu statt vieler Urteil
des Bundesverwaltungsgerichts D-1660/2020 vom 3. Juni 2020 E. 10).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Die mit superprovisorischer Verfügung vom 25. Mai 2020 erfolgte Ausset-
zung des Vollzugs der Wegweisung ist bei dieser Sachlage aufzuheben.
E-2647/2020
Seite 18
12.
12.1 Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses wird mit dem vorliegenden Entscheid ge-
genstandslos.
12.2 Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ist aufgrund der Aus-
sichtslosigkeit der Beschwerde abzuweisen (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
Die Verfahrenskosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-2647/2020
Seite 19