Decision ID: 75039328-b4f7-561c-ba2e-49178eeb2ca5
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (marokkanischer Staatsangehöriger, geb. [...]; alias
B._, geb. [...], Algerien) ersuchte am 28. August 2020 in der
Schweiz um Asyl.
B.
Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 9. September 2020 gab der Be-
schwerdeführer an, er habe sich zwischen den Jahren 2013 und 2020 wie-
derholt in Belgien und den Niederlanden aufgehalten. Die Vorinstanz ge-
währte ihm das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensent-
scheid und der Möglichkeit der Überstellung nach Belgien oder in die Nie-
derlande, deren Zuständigkeit für die Behandlung des Asylgesuchs grund-
sätzlich in Frage komme. Der Beschwerdeführer gab an, es gebe keine
Gründe gegen eine Überstellung in die genannten Länder.
C.
Gestützt auf die Angaben des Beschwerdeführers ersuchte die Vorinstanz
am 26. November 2020 die belgischen Behörden um Übernahme des Be-
schwerdeführers gemäss Art. 13 Abs. 2 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Am 2. Dezember 2020 hiessen die
belgischen Behörden das Übernahmeersuchen gut.
D.
Mit Verfügung vom 2. Dezember 2020 (eröffnet am 3. Dezember 2020) trat
die Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ver-
fügte dessen Überstellung nach Belgien und forderte ihn auf, die Schweiz
am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Zudem stellte sie
fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine auf-
schiebende Wirkung zu.
E.
Mit Eingabe vom 7. Dezember 2020 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde mit dem Antrag, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben. Die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asyl-
gesuch einzutreten und für ihn ein nationales Asylverfahren zu eröffnen.
Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf Art. 29a
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Abs. 3 AsylV 1 für vorliegendes Asylverfahren für zuständig zu erklären.
Subeventualiter sei die Sache wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der Beschwerde sei im Sinne vorsorg-
licher Massnahmen die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Voll-
zugsbehörden seien anzuweisen, von einer Überstellung nach Belgien ab-
zusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die vorliegende Be-
schwerde entschieden habe. Es sei auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses zu verzichten und die unentgeltliche Prozessführung zu gewäh-
ren. Ihm sei eine angemessene Parteientschädigung zuzusprechen.
F.
Am 8. Dezember 2020 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovi-
sorischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen die vorinstanzlichen Akten
dem Bundesverwaltungsgericht in elektronischer Form vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG
und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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3.
Der Beschwerdeführer beantragt, die Sache sei wegen Verletzung des
rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das Begehren wird
nicht weiter begründet, weshalb nicht darauf einzutreten ist.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Die belgischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen der Vor-
instanz innert der in Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO festgelegten Frist zu. Die
Zuständigkeit Belgiens ist somit grundsätzlich gegeben.
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäß diesem Absatz an einen aufgrund der Kri-
terien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mitglied-
staat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird der
die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
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4.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Be-
stimmung kann die Vorinstanz das Asylgesuch aus humanitären Gründen
auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, er sei in Belgien zwischen 2016 und
2020 in Haft gewesen. Nach der Entlassung hätten ihn die belgischen Be-
hörden aufgefordert, das Land unverzüglich zu verlassen. Nach der Rück-
kehr werde ihn Belgien – selbst bei Stellung eines Asylgesuchs – nach Ma-
rokko ausschaffen. Zudem bestehe die Gefahr, dass er in Belgien wegen
einer Kleinigkeit wieder inhaftiert werde. Die Schweiz müsse daher vom
Selbsteintrittsrecht Gebrauch machen und sein Asylgesuch behandeln.
5.2 Die Vorbringen des Beschwerdeführers sind nicht im Rahmen des
Selbsteintrittsrechts, sondern im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu
behandeln (vgl. E. 4.3 hiervor). Seine Befürchtungen, von Belgien nach
Marokko ausgeschafft oder wieder inhaftiert zu werden, sind indessen
reine Mutmassungen. Das belgische Asylsystem weist keine systemischen
Mängel auf. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Belgien den staatsvertrag-
lichen Pflichten nicht nachkommen und ihn trotz einer allfälligen Gefähr-
dung nach Marokko ausschaffen würde. Zudem ist Belgien ein funktionie-
render Rechtsstaat. Gefängnisstrafen basieren auf einem rechtsstaatli-
chen Verfahren. Es ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer bei einer Rückkehr ohne Strafverfahren willkürlich inhaftiert würde. Ein
Selbsteintritt aus humanitären Gründen ist bei dieser Sachlage ohnehin
nicht angezeigt. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein-
getreten und hat zu Recht die Überstellung nach Belgien angeordnet.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzu-
treten ist. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 8. Dezember 2020 an-
geordnete Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschie-
benden Wirkung ist gegenstandslos geworden.
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7.
7.1 Die gestellten Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das
Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ungeachtet einer allfälligen pro-
zessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
7.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Das Gesuch um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvor-
schusses ist mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden.
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