Decision ID: a07942e6-eed0-46e3-8a68-d3dd5d7fa5ca
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden – irakische Staatsangehörige – suchten am
18. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl nach.
A.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentral-
einheit Eurodac) ergab, dass die Beschwerdeführenden am 25. November
2021 in Polen Asylgesuche eingereicht hatten und dort gleichentags dak-
tyloskopiert worden waren.
A.c
A.c.a Beim Dublin-Gespräch vom 8. Juli 2022 (Akten der Vorinstanz [SEM-
act.] 24/4) machte der Beschwerdeführer geltend, er sei in Polen nicht ak-
zeptiert worden. Während ungefähr sechs Monaten sei er dort in einem
Camp gewesen. Eines Tages sei ihm mitgeteilt worden, dass er einen ne-
gativen Asylentscheid erhalten habe. Er sei dann am 17. Juni 2022 aus
Polen ausgereist und habe sich via J._ direkt in die Schweiz bege-
ben. In J._ habe es keinen Behördenkontakt gegeben. Er habe in
keinem anderen europäischen Land um Asyl ersucht und besitze keinen
Aufenthaltstitel eines anderen Landes.
A.c.b Im Rahmen des ihm von der Vorinstanz gleichzeitig gewährten recht-
lichen Gehörs zur Zuständigkeit Polens für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und
zu einem Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG
(SR 142.31) führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, er habe in
Polen viele Probleme. Als er dorthin gekommen sei, sei es ihm gesundheit-
lich sehr schlecht gegangen. Er sei in ein Krankenhaus gebracht worden,
wo er elf Tage habe bleiben müssen. Dort sei die Versorgung schlecht ge-
wesen. Er sei dann unter Druck gesetzt worden, ein Asylgesuch einzu-
reichen. Drei Tage später sei er in ein Camp gebracht worden, wo ein Psy-
choterror begonnen habe. Er sei sechs Monate lang in diesem Camp ge-
wesen und habe die Sonne nicht sehen dürfen. Die Wachleute seien sehr
streng gewesen. Seine Tochter sei dort krank geworden. Sie habe einen
geschwollenen Bauch gehabt und es sei ihr sehr schlecht gegangen. Er
habe mehrmals die Wachen um Hilfe gebeten, aber der Arzt habe die Toch-
ter nicht behandeln wollen. Erst als sie Blut erbrochen habe, seien die Bit-
ten ernst genommen worden. Auch hätten sie alle ein Trauma von den Po-
lizisten in Polen. Er habe mittlerweile Angst, wenn er uniformierte Polizisten
sehe. Während sechs Monaten sei er in Polen schlecht behandelt worden.
Seine Frau habe so stark gelitten, dass sie nicht mehr ohne Schlaftabletten
F-3384/2022
Seite 4
schlafen könne. Es sei ihm nicht einmal Milch für seine Tochter gegeben
worden. Wegen seines Kindes sei er sehr verzweifelt gewesen. Er könne
in einer Stunde nicht alles erzählen, aber es sei ihm wichtig, dass die Be-
hörden wüssten, dass er sehr gelitten habe. Erst seit der Ankunft in der
Schweiz fühle er sich sicher.
A.c.c Auf Nachfrage der Rechtsvertretung hinsichtlich der Reise von Bela-
rus nach Polen gab der Beschwerdeführer insbesondere an, er sei am
20. Oktober 2021 nach Belarus gekommen. Nach zehn oder fünfzehn Ta-
gen habe er achtmal versucht, nach Polen zu gelangen, sei aber immer
wieder nach Belarus zurückgeschickt worden. Er habe auf dem Weg sehr
viel gelitten und auch kalt gehabt. Auch seine Frau habe sehr stark gelitten.
Er sei zehn Tage lang im Wald ohne Wasser und Essen gewesen. Seine
Frau sei total dehydriert gewesen und fast gestorben. Als sie ins Kranken-
haus gebracht worden sei, habe sie sechs bis sieben Infusionen erhalten.
Eines nachts sei es ihr in Polen sehr schlecht gegangen. Sie habe nicht
mehr aufstehen können. Er habe die Wachleute um Hilfe gebeten, da er
Angst gehabt habe, dass seine Frau sterben könnte. Nach vielen Bitten
seien sie von den Wachleuten an die Grenze zu Belarus gebracht worden.
Sie seien immer wieder nach Belarus und von dort erneut nach Polen ge-
bracht worden. Es sei wie ein Fussballspiel zwischen den beiden Ländern
gewesen. Sie seien dort einfach von niemandem gewollt worden.
Befragt zur Unterkunft in Polen erklärte der Beschwerdeführer, er sei sechs
Monate dort gewesen und habe die Sonne kaum gesehen. Es sei ihm
schlecht gegangen und er habe sehr wenig zu essen erhalten. Mehrheitlich
habe es nur Wasser gegeben. Er habe in dieser Zeit ungefähr zehn Kilo-
gramm Gewicht verloren, nicht nur wegen des Mangels an Nahrung, son-
dern auch weil es ihm psychisch schlecht gegangen sei. Er habe sich im
Camp unsicher und in Gefahr gefühlt.
Die Rechtsvertretung wies darauf hin, dass eine Wegweisung aufgrund des
Kindeswohls und der Kinderrechte unzulässig und unzumutbar sei.
A.d
A.d.a Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 8. Juli 2022 (SEM-act. 26/3)
führte die Beschwerdeführerin aus, sie habe in Polen einen negativen Ent-
scheid erhalten. Sie könne sich jedoch nicht erinnern, wann genau dies
gewesen sei. Zuvor sei sie sehr krank und im Spital gewesen. Dort habe
man sie unter Druck gesetzt, Papiere zu unterschreiben. Ihr sei es sehr
schlecht gegangen und sie habe diese Dokumente aus gesundheitlichen
F-3384/2022
Seite 5
Gründen unterzeichnen müssen. Sie wisse nicht genau, um was für Doku-
mente es sich gehandelt habe. Einige Tage später sei sie abgeholt worden
und es seien ihr die Fingerabdrücke abgenommen worden. Man habe ihr
gesagt, dass sie diese Dokumente unterschreiben und die Fingerabdrücke
abgeben müsse, ansonsten werde sie wieder nach Belarus zurückge-
bracht. Sie wisse nicht, ob es sich bei den Dokumenten um ein Asylgesuch
gehandelt habe. Sie sei sechs Monate lang in einem geschlossenen Camp
geblieben, was wie ein Gefängnis gewesen sei. Am 23. Mai 2022 sei sie
aus dem Camp rausgegangen und am 17. Juni 2022 hier angekommen.
Von Polen sei sie über J._ und K._ bis in die Schweiz ge-
reist. Sie sei mit dem Auto unterwegs gewesen und habe nirgendwo ange-
halten. Auf der Reise durch J._ und K._ habe sie keinen Be-
hördenkontakt gehabt. Sie habe in keinem anderen europäischen Land um
Asyl ersucht und besitze keinen Aufenthaltstitel eines anderen Landes.
A.d.b Im Rahmen des ihr gleichzeitig gewährten rechtlichen Gehörs zur
Zuständigkeit Polens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver-
fahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zu einem Nichtein-
tretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG erklärte die Be-
schwerdeführerin, sie möchte keinesfalls nach Polen zurückkehren. Sie sei
dort während sechs Monaten in einem Gefängnis eingesperrt gewesen und
misshandelt worden. Was sie erlebt habe, sei sehr schlimm gewesen. Sie
sei traumatisiert und schlecht behandelt worden. Man habe ihr keine Milch
für ihre Tochter gegeben. Sie habe in diesem Gefängnis einiges erlebt. Sie
sei auch krank gewesen und habe nachts ohne Schlaftabletten nicht schla-
fen können. Sie sei psychisch und physisch am Ende gewesen. Sie habe
gar nie in Polen bleiben wollen, sei aber gezwungen worden, ihre Finger-
abdrücke abzugeben. Falls sie dies nicht getan hätte, wäre sie wieder zu-
rück in die Wälder gebracht worden, wo sie hätte sterben können.
A.d.c Auf Nachfrage der Rechtsvertretung zur schlechten Behandlung im
Camp in Polen machte die Beschwerdeführerin geltend, sie sei sechs Mo-
nate in einem Gefängnis eingesperrt worden, von wo sie nicht habe weg-
gehen dürfen. Man habe sie ständig schlecht behandelt. Beim Wachperso-
nal habe sie immer wieder vergeblich nach Milch für ihr Kind gefragt. Als
dieses krank geworden sei und einen geschwollenen Bauch gehabt habe,
habe sie einen Arzt verlangt. Man habe ihr aber nicht geglaubt. Eines Ta-
ges, als das Kind krank gewesen sei, sei sie zu einem Arzt im Gefängnis
gegangen. Er habe ihr nicht geglaubt und sie sei rausgeworfen worden.
Nachts habe das Kind dann Blut erbrochen. Ihr sei dort nicht geholfen wor-
den und sie sei in die Schweiz geflüchtet. Sie könne keinesfalls nach Polen
zurückkehren. Sie würde dort sterben. Es sei schrecklich, wenn das Kind
F-3384/2022
Seite 6
krank sei und einem nicht geholfen werde. Im Gegenteil, sie sei nur beo-
bachtet worden. Sie habe dort ständige Angst gehabt und die Situation
nicht aushalten können.
Befragt zur Unterkunft in Polen gab die Beschwerdeführerin an, es sei wie
ein Camp gewesen. Rundherum habe es Stacheldraht gegeben und sie
habe nicht rausgehen dürfen. Sie habe sich die ganze Zeit in einem Zim-
mer aufgehalten und es seien die Telefone abgenommen worden. Alle
Menschen dort seien vom Militär gewesen.
A.e Da mit ihrem Kind aufgrund seines Alters kein persönliches Gespräch
durchgeführt werden konnte, erhielten die Beschwerdeführenden Gelegen-
heit, sich zu allfälligen Gründen, welche gegen eine Wegweisung ihrer
Tochter sprechen würden, zu äussern. Der Beschwerdeführer machte dies-
bezüglich geltend, er könne nicht zulassen, mit seinem Kind in einem Land
zu leben, in welchem es nicht einmal Milch erhalte und auch keine Behand-
lung, wenn es krank werde. Er könne unter keinen Umständen nach Polen
zurückkehren. Dort im Wald sei es sehr kalt gewesen. Seine Frau sei sehr
krank geworden und habe im Krankenhaus mehrere Infusionen erhalten.
Er sei gezwungen worden, ein Asylgesuch einzureichen. Ebenso habe
man ihm gedroht, er werde zurück in sein Heimatland gebracht, wenn er
nicht um Asyl nachsuche. Er denke, seine Frau hätte nicht überlebt, wenn
sie zurück zur Grenze nach Belarus gebracht worden wären. Er könne
ohne seine Ehefrau auch nicht überleben. Sie seien insgesamt fünfzehn
Tage in den Wäldern von Belarus gewesen und als sie in Polen angekom-
men seien, sei seine Ehefrau ohnmächtig geworden. Er sei dann mit dem
Krankenwagen ins Spital gebracht worden, wo man ihn unter Druck gesetzt
habe, ein Asylgesuch einzureichen. Auf die Frage hin, auf wen sich die von
ihm geschilderte Behandlung im Krankenhaus bei der Ankunft in Polen be-
ziehe, erklärte der Beschwerdeführer, dass sowohl seine Frau als auch
seine Tochter sehr krank gewesen seien.
Die Beschwerdeführerin ihrerseits gab an, sie habe sechs Monate im Ge-
fängnis verbracht. Sie habe immer wieder nach Milch für ihre Tochter ver-
langt, aber keine erhalten. Ihr Kind sei auch krank geworden. Sie sei von
den Wachleuten ausgelacht worden und man habe ihr nicht geglaubt. Das
Kind sei so krank gewesen, dass es Blut erbrochen habe. Sie habe Angst
gehabt, es könnte sterben. Sie wünsche sich, dass die Schweiz sie und
ihre Familie schütze, denn sie habe einiges erlebt. Sie habe sehr viel gelit-
ten.
F-3384/2022
Seite 7
B.
Gestützt auf die Eurodac-Treffer ersuchte das SEM am 8. Juli 2022 die
polnischen Behörden um Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden im
Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. d der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die
Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig
ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dublin-III-
VO).
Die polnischen Behörden stimmten diesen Ersuchen am 19. Juli 2022 ge-
mäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO zu.
C.
Mit Verfügung vom 27. Juli 2022 – eröffnet am 28. Juli 2022 (vgl. Emp-
fangsbestätigung [SEM-act. 46/15]) – trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführen-
den vom 18. Juni 2022 nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Polen,
forderte die Beschwerdeführenden – unter Androhung von Zwangsmitteln
im Unterlassungsfall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwer-
defrist zu verlassen, beauftragte den Kanton L._ mit dem Vollzug
der Wegweisung, händigte den Beschwerdeführenden die editionspflichti-
gen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus und stellte fest, eine allfällige Be-
schwerde gegen die Verfügung habe keine aufschiebende Wirkung.
D.
Mit Eingabe vom 4. August 2022 liessen die Beschwerdeführenden beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, die Ver-
fügung der Vorinstanz sei aufzuheben. Die Vorinstanz sei anzuweisen, auf
ihr Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache zwecks vollständiger
Abklärung des Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, von den polni-
schen Behörden individuelle Garantien betreffend Zugang zum Asylverfah-
ren, adäquate Unterbringung und gegebenenfalls notwendige fachärztliche
Behandlung einzuholen. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung
zu gewähren. Die Vorinstanz und die Vollzugsbehörden seien im Rahmen
von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Ent-
scheid über das vorliegende Rechtsmittel von jeglichen Vollzugshandlun-
gen abzusehen. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren.
Insbesondere sei von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
F-3384/2022
Seite 8
E.
Die zuständige Instruktionsrichterin setzte am 8. August 2022 gestützt auf
Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3. Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz
teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt,
haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung und sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108
Abs. 3 und Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
F-3384/2022
Seite 9
2.3. Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorlie-
gend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche,
weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) wie dem
vorliegenden findet grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung
nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1
m.w.H.).
3.3. Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
F-3384/2022
Seite 10
3.4. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre. Stehen völkerrechtliche Vollzugshinder-
nisse einer Überstellung entgegen, ist ein Selbsteintritt zwingend.
4.
In der Rechtsmitteleingabe wird im Wesentlichen geltend gemacht, dass
sich die von den Beschwerdeführenden geschilderten Erfahrungen an der
belarussisch-polnischen Grenze mit aktuellen Medienberichten über Push-
backs in diesem Gebiet decken würden. Da die Beschwerdeführenden ihr
Asylgesuch in Polen zurückgezogen hätten, drohe ihnen im Falle einer
Wegweisung dorthin ein erneut traumatisierender Pushback nach Belarus.
Es bestehe folglich eine reale Gefahr, dass sie keinen Zugang zum polni-
schen Asylsystem erhielten und erneut zum "Spielball" zwischen Belarus
und Polen würden. Es sei der Familie nicht zumutbar, dieser traumatisie-
renden Situation erneut ausgesetzt zu werden, weshalb ein Selbsteintritt
angezeigt sei.
Es sei darauf hinzuweisen, dass über die Situation in den polnischen Asyl-
strukturen seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine kaum Berichte verfüg-
bar seien. Daher sei nicht nachvollziehbar, wie die Vorinstanz zum Schluss
komme, in Polen würden funktionierende Asylstrukturen vorliegen, nur weil
sich der UNHCR im Land befinde. Im Gegenteil sei davon auszugehen,
dass Polen als Folge des Krieges in der Ukraine weiterhin stark überbelas-
tet sein werde. Es wäre daher mehr als nur ein Zeichen der Solidarität,
gemäss dem Vorschlag der Europäischen Kommission vom 21. März 2022
(2022/C 126 I/01, Pkt. 7) auch weiterhin zumindest auf die Wegweisung
von vulnerablen Asylsuchenden nach Polen zu verzichten. Auch vor die-
sem Hintergrund sei ein Selbsteintritt angezeigt.
Der eingereichte Arztbericht aus Polen datiere vom 22. November 2021
(Austritt aus dem Spital). Das Asylgesuch in Polen hätten die Beschwerde-
führenden am 25. November 2021 gestellt. Im Flüchtlingscamp hätten sie
anschliessend keinen Zugang zu medizinischer Hilfe gehabt. Die Vorin-
F-3384/2022
Seite 11
stanz führe auch in keiner Weise aus, woraus sie schliesse, dass die Be-
schwerdeführenden während ihres Aufenthalts im Camp Zugang zu medi-
zinischen Einrichtungen hätten haben sollen. Sie verletze dadurch ihre Be-
gründungspflicht. Es sei damit nicht davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführenden in Polen ausreichenden Zugang zu der für sie notwen-
digen medizinischen Behandlung hätten. Insbesondere in Bezug auf die an
einer PTBS leidende Beschwerdeführerin sei darauf hinzuweisen, dass für
sie der Zugang zur benötigten Behandlung unter den aktuellen Umständen
in Polen kaum möglich sei. So halte ein Bericht des Österreichischen Roten
Kreuzes fest, dass nach Angaben einiger Experten und vieler NGOs eine
spezialisierte Behandlung für traumatisierte Asylbewerbende in der Praxis
nicht verfügbar sei. Im Zusammenhang mit dem Gesundheitssystem sei
abschliessend anzufügen, dass nicht einmal klar sei, ob die Familie, wel-
che ihr Asylgesuch in Polen zurückgezogen habe, überhaupt Zugang zu
den Asyl- und Gesundheitsstrukturen erhalten würde. Auch aus diesen
Gründen sei ein Selbsteintritt angebracht.
Ein solcher sei ebenso im Sinne des Kindeswohls angezeigt. Die Tochter
der Beschwerdeführenden sei im Flüchtlingscamp in Polen nicht behandelt
worden, obwohl es ihr sehr schlecht gegangen sei. Zudem habe sie nicht
die benötigte Nahrung erhalten. Angesichts dieser Tatsachen und aufgrund
der aufgezeigten Mängel in den polnischen Asylstrukturen sei das Wohl
des Kleinkindes bei einer Rückweisung nach Polen massiv gefährdet.
Im Weiteren bestünden verschiedene Anhaltspunkte für eine Kassation der
angefochtenen Verfügung:
Der medizinische Sachverhalt sei unzureichend erstellt. Die Beschwerde-
führerin habe den Termin vom 25. Juli 2022 beim zuständigen medizini-
schen Leistungserbringer nicht wahrgenommen. Aufgrund dessen werde
ihr von der Vorinstanz unterstellt, es bestehe kein dringender Bedarf an
weiteren ärztlichen Konsultationen. Dies ohne abzuklären, weshalb sie den
Termin nicht wahrgenommen habe. Wie die Beschwerdeführerin anlässlich
der Eröffnung der Verfügung erklärt habe, habe sie den Termin sehr wohl
wahrnehmen wollen. Sie sei jedoch von einer Person, welche sie auf der
Strasse nach dem Weg gefragt habe, in die falsche Richtung geleitet wor-
den, sodass sie nicht rechtzeitig zum Termin erschienen sei. Am nächsten
Tag sei sie erneut hingegangen, um zu fragen, ob ein Nachholen des Ter-
mins möglich sei. Man habe ihr mitgeteilt, dass sie demnächst einen neuen
Termin erhalten würde. Die Beschwerdeführerin habe mit ihrem Verhalten
gezeigt, dass bei ihr sehr wohl ein Bedarf an weiteren ärztlichen Konsulta-
tionen bestehe.
F-3384/2022
Seite 12
Sodann erschliesse sich aus der angefochtenen Verfügung nicht, gestützt
auf welche Informationen die Vorinstanz geprüft haben solle, ob Polen an-
gesichts des Flüchtlingsstroms aus der Ukraine funktionierende Asylstruk-
turen zur Verfügung stellen könne. Sie habe auch nicht abgeklärt, inwiefern
Familien wie die Beschwerdeführenden, welche ihr Asylgesuch zurückge-
zogen hätten, nach einer Rückkehr nach Polen Zugang zum Asylverfahren
erhielten. Diesbezüglich sei auf die Gefahr erneuter Pushbacks zu verwei-
sen. Weiter sei vorliegend nicht geprüft worden, ob das Kindeswohl bei
einer Rückkehr nach Polen gewährleistet wäre.
Da die Vorinstanz den Sachverhalt in verschiedener Hinsicht nicht rechts-
genüglich abgeklärt habe, sei die Sache eventualiter zwecks vollständiger
Abklärung des Sachverhalts und Neubeurteilung an sie zurückzuweisen.
Entsprechend dem Subeventualbegehren sei die Vorinstanz zumindest an-
zuweisen, individuelle Zusicherungen bezüglich des Zugangs zum Asylver-
fahren, zu adäquater kindgerechter Unterbringung und erforderlicher me-
dizinischer beziehungsweise psychotherapeutischer Behandlung von den
polnischen Behörden einzuholen.
5.
Gestützt auf die Eurodac-Treffer ersuchte das SEM die polnischen Behör-
den am 8. Juli 2022 um Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden im
Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO. Die polnischen Behörden
stimmten den Ersuchen am 19. Juli 2022 gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dub-
lin-III-VO zu. Vor diesem Hintergrund ist die grundsätzliche Zuständigkeit
Polens für die Durchführung der Asyl- und Wegweisungsverfahren gege-
ben.
Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind die dargelegten Vorbrin-
gen nicht geeignet, an dieser Zuständigkeit etwas zu ändern. Sie begrün-
den auch keinen Anlass zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts der
Schweiz (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO, Art. 29a Abs. 3 AsylV 1).
6.
6.1. Es gibt keine wesentlichen Gründe für die Annahme, dass das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Polen syste-
mische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-
III-VO aufweisen würden. So ist Polen Signatarstaat der EMRK, des Über-
einkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR
0.105) und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom
F-3384/2022
Seite 13
31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völ-
kerrechtlichen Verpflichtungen nach. Ausserdem darf davon ausgegangen
werden, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, die sich für
Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und
des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für
die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog.
Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz
beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
6.2. Die Beschwerdeführenden haben – schon angesichts der konkreten
Wiederaufnahme-Zusicherung Polens – kein konkretes und ernsthaftes Ri-
siko dargetan, die polnischen Behörden würden sich weigern, sie wieder
aufzunehmen und in der Folge ihren Antrag auf internationalen Schutz un-
ter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Gemäss den
Antwortschreiben der polnischen Behörden vom 19. Juli 2022 gelten die
Asylgesuche der Beschwerdeführenden zwar als zurückgezogen. Polen
bleibt jedoch gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO weiterhin für
die Verfahren der Beschwerdeführenden zuständig. Da die polnischen Be-
hörden einer Wiederaufnahme der Beschwerdeführenden explizit zuge-
stimmt haben, gibt es keinen Anlass zur Annahme, dass der Zugang zum
polnischen Asylsystem, sofern die Beschwerdeführenden dies beantragen,
nicht gewährleistet sein könnte. Die Vorinstanz war mithin nicht gehalten,
diesbezüglich weitergehende Abklärungen zu treffen. Die Befürchtung der
Beschwerdeführenden, in Polen keinen Zugang zu den Asyl- und Gesund-
heitsstrukturen zu erhalten, erweist sich somit als unbegründet. Zudem hat-
ten sie, wie aus den Akten der Vorinstanz ersichtlich ist, bereits vor Einrei-
chung ihres dortigen Asylgesuchs Zugang zu einer ärztlichen Behandlung.
Auch ihre Furcht vor erneuten Pushbacks ist als unbegründet zu qualifizie-
ren. Die polnischen Behörden haben die Vorinstanz in diesem Zusammen-
hang in den erwähnten Antwortschreiben darum gebeten, eine Trennung
der Familie bei der Überstellung nach Polen zu vermeiden, da andernfalls
mit der Verweigerung der Übernahme der Beschwerdeführenden an der
polnischen Grenze gerechnet werden müsse. Die Vorinstanz wird sich an
diese Anweisung zu halten haben. Auf die Einholung des in der Be-
schwerde als Beweis offerierten Videos, welches zeigen soll, wie die Fa-
milie im Wald an der belarussisch-polnischen Grenze unterwegs ist, kann
nach dem Gesagten verzichtet werden. Weder das SEM noch das Gericht
stellen die diesbezüglichen Aussagen der Beschwerdeführenden wie auch
die schwierigen erlebten Umstände in Frage. Da sie jedoch in Polen, wo
sie wieder aufgenommen werden, ein Asylgesuch eingereicht haben, ist
F-3384/2022
Seite 14
nicht davon auszugehen, dass sie nach der Überstellung nach Belarus ab-
geschoben werden. Den Akten sind auch keine Gründe für die Annahme
zu entnehmen, Polen werde im Fall der Beschwerdeführenden den Grund-
satz des Non-Refoulement missachten und sie zur Ausreise in ein Land
zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr laufen
würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden. Die Be-
schwerdeführenden haben ebenso wenig dargetan, die sie bei einer Rück-
führung erwartenden Bedingungen in Polen seien derart schlecht, dass sie
zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK
oder Art. 3 FoK führen könnten. Für die Annahme, Polen würde den Be-
schwerdeführenden dauerhaft die ihnen gemäss Aufnahmerichtlinie zu-
stehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten, gibt es keine kon-
kreten Hinweise. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung
steht es ihnen offen, die ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen auf
dem Rechtsweg einzufordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Es sind
keine konkreten Anhaltspunkte dafür ersichtlich, die Beschwerdeführenden
gerieten im Falle einer Wegweisung nach Polen wegen der dortigen Auf-
enthaltsbedingungen in eine existenzielle Notlage. Bei allfälligen Schwie-
rigkeiten, insbesondere auch für den Fall, dass sie sich von den dortigen
Behörden ungerecht oder rechtswidrig behandelt fühlen sollten, können sie
die hierfür zuständigen Stellen kontaktieren. Dass sie im Flüchtlingscamp
in Polen schlecht behandelt worden seien, stellt eine Behauptung dar, die
sie nicht belegt haben.
6.3. Hinsichtlich der Flüchtlingsbewegung aus der Ukraine hielt das SEM
in der angefochtenen Verfügung unter Hinweis auf Informationen des UN-
HCR im Wesentlichen fest, dass sich durch die geringere Zahl der Ankünfte
ukrainischer Schutzsuchender in den letzten Wochen der Bedarf an Unter-
bringungen in den Aufnahmezentren deutlich verringert habe. Ukrainische
Schutzsuchende würden in Polen in verschiedenen Unterkünften unterge-
bracht, unter anderem auch bei Gastfamilien und in Sammelunterkünften.
Das UNHCR unterstütze Geflüchtete aus der Ukraine in Polen unter ande-
rem mit Bargeldhilfen und anderen wesentlichen Hilfsgütern. Zudem habe
das UNHCR seine Aktivitäten in ganz Polen ausgeweitet, um die von der
Regierung geführten Massnahmen zu unterstützen. Zur Stärkung des Ge-
sundheitssystems habe Polen unmittelbare Massnahmen ergriffen, wie
beispielsweise die Zulassung von Ärzten ohne polnische Staatsbürger-
schaft.
Vor diesem Hintergrund durfte die Vorinstanz zu Recht davon ausgehen,
dass keine begründeten Hinweise für eine Überlastung des polnischen
F-3384/2022
Seite 15
Asyl- oder Gesundheitssystems durch die Flüchtlingsbewegung aus der
Ukraine bestünden. Dies umso mehr, als die polnischen Behörden den
Dublin-Mitgliedstaaten am 23. Juni 2022 mitgeteilt haben, ab dem 1. Au-
gust 2022 seien Überstellungen im Rahmen des Dublin-Assoziierungsab-
kommens wieder möglich, was übereinstimmend mit der Vorinstanz eben-
falls darauf hindeutet, dass sich die Situation in Polen deutlich verbessert
hat.
Für weitere Abklärungen im Zusammenhang mit dem Einfluss des Flücht-
lingsstroms aus der Ukraine auf das polnische Asylsystem bestand damit
kein Anlass.
6.4. In Anbetracht der Umstände vermögen die Beschwerdeführenden aus
ihren Ausführungen zur Situation in Polen und ihrer Befürchtung, dort als
Folge des Krieges in der Ukraine keine funktionierenden Asylstrukturen
vorzufinden, nichts für sich abzuleiten. Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO ist nicht gerechtfertigt. Es sind ferner auch keine individuellen
völkerrechtlichen Überstellungshindernisse gegeben.
7.
7.1. Im Rahmen der Dublin-Gespräche vom 8. Juli 2022 wurden die Be-
schwerdeführenden auch zum medizinischen Sachverhalt befragt:
Der Beschwerdeführer machte diesbezüglich geltend, es gehe ihm seit sei-
ner Ankunft in der Schweiz besser. In Polen sei es ihm psychisch sehr
schlecht gegangen. Hier in der Schweiz sei er bereits beim Gesundheits-
dienst in der Unterkunft gewesen und habe bisher einen Arzttermin gehabt.
Sie seien alle traumatisiert, aber nun gehe es ihm besser. Auch die Situa-
tion der Tochter habe sich verbessert. Er denke, dass seine Ehefrau mit ihr
bereits einmal zum Arzt gegangen sei.
Die Beschwerdeführerin gab an, ihr gehe es sehr schlecht. Psychisch sei
sie kaputt. Sie lebe in ständiger Angst, wieder nach Polen zurückkehren zu
müssen. Sie wünsche sich nur eines, nämlich, dass sie und ihre Familie in
der Schweiz bleiben und in Sicherheit leben dürften. Sie sei extrem er-
schöpft und müde. Körperlich gehe es ihr gut. Gegenwärtig nehme sie
Schlaftabletten ein. Sie habe am nächsten Montag einen Termin bei einem
Arzt. Diesbezüglich wurde die Beschwerdeführerin auf die Wichtigkeit hin-
gewiesen, anlässlich des Arzttermins alle ihre Beschwerden zu erwähnen
und insbesondere auch ihren psychischen Gesundheitszustand zu erläu-
tern. Die Beschwerdeführerin erklärte weiter, ihrer Tochter gehe es gut.
F-3384/2022
Seite 16
Diese habe bisher in der Schweiz keine ärztliche Konsultation gehabt. Ein-
mal sei sie aber mit dem Kind beim Gesundheitsdienst in der Unterkunft
gewesen, wo man ihr Fragen zu dessen Gesundheit gestellt habe. Die Be-
schwerdeführerin wurde darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich bei
Bedarf jederzeit wieder beim Gesundheitsdienst melden könne.
7.2. Gemäss den ärztlichen Kurzberichten des M._ vom 6. Juli 2022
wurde bei den Beschwerdeführenden (Eheleute) die Notwendigkeit ver-
schiedener Impfungen diagnostiziert und es wurden entsprechende Impf-
termine vereinbart (vgl. SEM-act. 38/2, 39/2).
Einem weiteren ärztlichen Kurzbericht des M._ vom 11. Juli 2022
ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführerin (Ehefrau) Anpassungsstö-
rungen – Differenzialdiagnose: Posttraumatische Belastungsstörung
(PTBS) sowie Ein- und Durchschlafstörungen diagnostiziert wurden. Sie
erhielt ein entsprechendes Medikament und es wurde ein Folgetermin für
den 29. Juli 2022 zur Laborbesprechung und Verlaufskontrolle angesetzt
(vgl. SEM-act. 35/3). Aus der angefochtenen Verfügung ergibt sich, dass
ein entsprechender Termin aufgrund der Verlegung der Beschwerdeführe-
rin ins Bundesasylzentrum (BAZ) N._ beim dort zuständigen medi-
zinischen Leistungserbringer für den 25. Juli 2022 vereinbart wurde. Auf
Nachfrage teilte der Gesundheitsdienst des BAZ N._ dem SEM am
27. Juli 2022 mit, die Beschwerdeführerin habe den Arzttermin vom 25. Juli
2022 nicht wahrgenommen, obschon sie darüber informiert gewesen sei.
Aktuell sei noch kein neuer Termin vereinbart worden. Es bestehe lediglich
ein ausstehender Impftermin. Der Ehemann und das Kind hätten bisher in
der Schweiz ausschliesslich Impftermine gehabt. Bei ihnen seien ebenfalls
keine anderen Arzttermine ausstehend (vgl. SEM-act. 43/1).
Dem Medic-Help Zuweisungsschreiben Arzt vom 22. Juni 2022 zufolge
wurde die Tochter der Beschwerdeführenden für die Impfgrundimmunisie-
rung angemeldet. Weiter ist dem Schreiben zu entnehmen, dass es sich
laut den Eltern um ein soweit gesundes Kind handle (vgl. SEM-act. 40/5).
Gemäss dem Notfallbericht des O._ vom 16. Juli 2022 wurde bei
der Tochter ein Infekt der oberen Luftwege diagnostiziert. Sie erhielt ent-
sprechende Medikamente (vgl. SEM-act. 41/2).
7.3. Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
F-3384/2022
Seite 17
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.4. Eine solche Situation ist vorliegend aufgrund der gesundheitlichen Be-
einträchtigungen nicht gegeben. Die Beschwerdeführenden konnten nicht
nachweisen, dass eine Überstellung ihre Gesundheit ernsthaft gefährden
würde. Ihr Gesundheitszustand vermag die Annahme der Unzulässigkeit
im Sinne der erwähnten restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen.
Die medizinischen Beschwerden sind auch nicht von einer derartigen
Schwere, dass aus humanitären Gründen von einer Überstellung abgese-
hen werden müsste.
Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche
medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbe-
dingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychi-
schen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnah-
merichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erfor-
derliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer
geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Auf-
nahmerichtlinie). Es ist allgemein bekannt, dass Polen über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur verfügt (vgl. etwa Urteil des BVGer
E-3355/2021 vom 6. Oktober 2021 E. 8.3.2), weshalb sich die Beschwer-
deführenden im Bedarfsfall an das dafür zuständige medizinische Fach-
personal wenden können. Die empfohlenen und teilweise noch ausstehen-
den Impfungen sind auch in Polen durchführbar.
Wie sich aus dem bei der Vorinstanz eingereichten Bericht eines polni-
schen Krankenhauses ergibt, war die Beschwerdeführerin (Ehefrau) vom
14. November 2021 bis am 22. November 2021 hospitalisiert und wurde
entsprechend medizinisch behandelt (vgl. SEM-act. 33/5, ID-003/2). Ange-
sichts dessen ist nicht ersichtlich, weshalb die Beschwerdeführenden ab
F-3384/2022
Seite 18
der Einreichung ihres Asylgesuchs in Polen beziehungsweise während ih-
res Aufenthalts im Flüchtlingscamp nicht auch Zugang zu medizinischer
Versorgung hätten haben sollen. Ihre Behauptung, im Camp hätten sie
keine medizinische Hilfe erhalten, vermochten sie nicht zu belegen. Im
Weiteren sind die Ausführungen im Zusammenhang mit dem nicht wahr-
genommenen Arzttermin vom 25. Juli 2022 als nachgeschoben zu qualifi-
zieren, zumal sich in den vorinstanzlichen Akten keinerlei Hinweise darauf
finden lassen, dass die Beschwerdeführerin den Termin wegen einer fal-
schen Wegbeschreibung verpasst hat. Mit der Vorinstanz ist deshalb davon
auszugehen, dass seitens der Beschwerdeführerin kein dringender Bedarf
an weiteren ärztlichen Konsultationen besteht. Inwiefern der medizinische
Sachverhalt vorliegend unzureichend erstellt worden sein sollte, ist in An-
betracht der Umstände nicht erkennbar.
Es liegen keine Hinweise vor, wonach Polen seinen Verpflichtungen im
Rahmen der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen
würde. Für das weitere Dublin-Verfahren ist einzig die Reisefähigkeit aus-
schlaggebend, welche erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt wird.
Eine allenfalls fehlende Reisefähigkeit stellt lediglich ein temporäres Voll-
zugshindernis dar. Im Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass die mit der
Überstellung beauftragten Behörden die besonderen Bedürfnisse der Be-
schwerdeführenden – einschliesslich die der notwendigen medizinischen
Versorgung – berücksichtigen würden, sollte dies erforderlich sein (vgl.
Art. 31 Abs. 2 Dublin-III-VO). Ebenso hat die Vorinstanz dem aktuellen Ge-
sundheitszustand der Beschwerdeführenden bei der Organisation der
Überstellung nach Polen Rechnung zu tragen, indem sie die polnischen
Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO vorgängig über
den Gesundheitszustand und die notwendige medizinische Behandlung zu
informieren hat. Wie in der angefochtenen Verfügung festgehalten wurde,
werden die polnischen Behörden entsprechend informiert.
8.
Vor dem Hintergrund, dass Polen das Übereinkommen vom 20. November
1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) ratifiziert hat, ist auch
nicht ersichtlich, inwiefern durch die Überstellung der Beschwerdeführen-
den dorthin das Kindeswohl tangiert sein sollte. Das im vorinstanzlichen
Verfahren eingereichte Bild, welches die Tochter der Beschwerdeführen-
den mit einer Sauerstoffmaske zeigt (vgl. SEM-act. 33/5, ID-001/1), lässt
vielmehr darauf schliessen, dass auch sie in Polen entsprechende medizi-
nische Behandlung erhielt. Dafür, dass dem Kind künftig medizinische Be-
handlungen beziehungsweise anderweitige Versorgung und Betreuung bei
F-3384/2022
Seite 19
Bedarf verweigert würden, gibt es vorliegend keine Anhaltspunkte. Vor die-
sem Hintergrund sah sich die Vorinstanz zu Recht nicht veranlasst, hin-
sichtlich der Gewährleistung des Kindeswohls weitergehende Sachver-
haltsabklärungen zu treffen. Das in der Beschwerde geäusserte Argument,
wonach das Wohl des Kindes bei einer Rückweisung nach Polen massiv
gefährdet sei, läuft nach dem Gesagten ins Leere.
9.
Mit ihrer Begründung können die Beschwerdeführenden insgesamt nicht
das gewünschte Verfahrensziel – die Behandlung ihrer Asylgesuche in der
Schweiz – erreichen, zumal die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein
Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen.
Im vorliegenden Fall sind ebenso keine Gründe ersichtlich, welche die Vor-
instanz zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO beziehungs-
weise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 hätten verpflichten können (vgl. BVGE
2015/9 E. 8).
10.
Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht auf die Asylgesuche der
Beschwerdeführenden nicht eingetreten und hat ihre Wegweisung verfügt
(vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist folglich
abzuweisen.
Angesichts dessen kommt eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
nicht in Betracht, weshalb der entsprechende Eventualantrag abzuweisen
ist.
Wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt, erübrigt es sich, von
den polnischen Behörden Garantien einzuholen. Demzufolge ist auch der
entsprechende Subeventualantrag abzuweisen.
11.
Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind der Antrag auf Erteilung
der aufschiebenden Wirkung und das Gesuch um Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
Der am 8. August 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem
Urteil dahin und die Vorinstanz hat den Beschwerdeführenden eine neue
Frist zur Ausreise anzusetzen.
F-3384/2022
Seite 20
12.
12.1. Die Beschwerde war – wie den oben stehenden Ausführungen zu
entnehmen ist – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG unbesehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen
ist.
12.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
F-3384/2022
Seite 21