Decision ID: eaa8dd00-88f4-49af-a01b-0d03887118f4
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X. verfügte vom 21. Dezember 2017 bis 21. Dezember 2019 über den
Lernfahrausweis der Kategorie B. Sie bestand am 18. Juni 2019 die erste und am
6. September 2019 die zweite praktische Führerprüfung der Kategorie B nicht. Nach
Bestätigung ihres Fahrlehrers über den vollumfänglichen Abschluss der praktischen
Ausbildung und der Erlangung der Prüfungsreife trat sie am 16. Dezember 2019 zur
dritten praktischen Führerprüfung der Kategorie B an, welche sie wiederum nicht
bestand.
B.- Gegen diese Verfügung des Strassenverkehrs- und Schifffahrtamts des Kantons
St. Gallen (nachfolgend Strassenverkehrsamt) vom 16. Dezember 2019 erhob X. mit
Schreiben vom 23. Dezember 2019 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission des
Kantons St. Gallen (VRK). Sie beantragte, sie die dritte praktische Führerprüfung
wiederholen zu lassen, und zwar so, dass sie sich genügend darauf vorbereiten könne.
In prozessualer Hinsicht stellte sie ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege,
welches mit Verfügung der Gerichtsleitung vom 17. Januar 2020 gutgeheissen wurde
(Verfahren ZV-2020/5). Die Vorinstanz liess sich mit Schreiben vom 3. Februar 2020
vernehmen und verlangte sinngemäss die Abweisung des Rekurses.
Auf weitere Einzelheiten und die Ausführungen der Beteiligten wird, soweit erforderlich,

in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Der
Rekurs vom 16. Dezember 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45,
47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt:
VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Gegen die korrekte Durchführung der praktischen Führerprüfung, den
Prüfungsexperten oder die vom Prüfungsexperten während der Prüfungsfahrt
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festgehaltenen Fehler brachte die Rekurrentin keine Einwände vor. Zu prüfen ist
hingegen, ob die Rekurrentin auf die Angaben des Fahrlehrers vertrauen durfte, durch
welche sie sich veranlasst sah, trotz gesundheitlicher Probleme zur dritten praktischen
Führerprüfung anzutreten.
a) Der Führerausweis auf Probe wird erteilt, wenn die Bewerberin die vorgeschriebene
Ausbildung besucht (Art. 15a Abs. 2 lit. a des Strassenverkehrsgesetzes [SR 741.01,
abgekürzt: SVG]) und die praktische Führerprüfung bestanden hat (lit. b). Die Erteilung
eines Führerausweises setzt nach Art. 14 Abs. 3 SVG voraus, dass die Bewerberin die
Verkehrsregeln kennt und Fahrzeuge der Kategorie, für die der Ausweis gilt, sicher zu
führen versteht. Mit der praktischen Führerprüfung stellt der Verkehrsexperte fest, ob
die Gesuchstellerin fähig ist, ein Motorfahrzeug der entsprechenden Kategorie unter
Einhaltung der Verkehrsregeln auch in schwierigen Verkehrssituationen
vorausschauend und mit Rücksicht auf die übrigen Verkehrsteilnehmer zu führen
(Art. 22 Abs. 1 der Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum
Strassenverkehr [SR 741.51, abgekürzt: VZV]). Wer die praktische Führerprüfung
zweimal nicht besteht, wird zu einer weiteren Führerprüfung nur zugelassen, wenn ein
Fahrlehrer bescheinigt, dass die Fahrausbildung abgeschlossen ist (Art. 23 Abs. 1 VZV).
Mit dieser Bescheinigung soll ausgeschlossen werden, dass eine dritte gescheiterte
Führerprüfung auf eine mangelnde Ausbildung zurückzuführen ist. Vielmehr bestehen
dann Anhaltspunkte für das Vorliegen eines Eignungsmangels. Daher kann, wer die
praktische Führerprüfung dreimal nicht besteht, zu einer vierten Prüfung nur aufgrund
eines die Eignung bestätigenden Tests nach Art. 16 Abs. 3 VZV zugelassen werden
(Art. 23 Abs. 2 VZV).
Gemäss Art. 16 Abs. 1 VZV ist der Lernfahrausweis für die Kategorie B 24 Monate
gültig. Einen zweiten Lernfahrausweis kann nur beantragen, wer aufgrund eines Tests
der Zulassungsbehörde als fahrgeeignet gilt oder nach Ablauf der Gültigkeitsdauer des
ersten Lernfahrausweises noch nicht alle Prüfungsmöglichkeiten ausgeschöpft hat. Die
Zulassungsbehörde verfügt allfällige Auflagen (Art. 16 Abs. 4 VZV). In einem solchen
Fall verlangt das Strassenverkehrsamt St. Gallen, dass die Theorieprüfung wiederholt
wird. Weiter überprüft es, ob die übrigen Zulassungsbedingungen noch erfüllt sind (z.B.
gültige Bescheinigung über die Teilnahme an einem Kurs über lebensrettende
Sofortmassnahmen, gültige Teilnahme an einem Verkehrskunde-Kurs, gültiger Sehtest;
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vgl. für den Kanton Zürich: https://stva.zh.ch/internet/sicherheitsdirektion/stva/de/
StVAlf/LFausweis/LFgueltig.html, diese Regelung gilt auch im Kanton St. Gallen).
b) Die Rekurrentin machte geltend, dass der zeitliche Abstand zwischen der zweiten
und der dritten praktischen Führerprüfung zu knapp bemessen gewesen sei. Da der
Lernfahrausweis am 21. Dezember 2019 abgelaufen sei, habe sie bei der Vorinstanz
eine Verlängerung beantragen wollen, um sich gut auf die dritte Prüfung vorzubereiten.
Ihr Fahrlehrer habe ihr aber gesagt, dass dies nicht möglich sei. Wegen Krankheit habe
sie dann nur vier Fahrstunden absolvieren können. Diese Situation habe sie noch mehr
unter Stress und Prüfungsangst versetzt, weshalb sie der Meinung sei, dass die
Prüfung zu jenem Zeitpunkt nicht hätte stattfinden sollen. Dazu legte sie das ärztliche
Attest über eine stationäre Behandlung vom 27. bis 30. Oktober 2019 im Spital Y. und
eine Behandlung vom 18. November 2019 im Spital Z. ins Recht. Weiter bestätigte der
Arzt, dass die Rekurrentin in noch stark reduziertem Allgemeinzustand (Müdigkeit,
Konzentrationsstörungen) zur praktischen Führerprüfung vom 16. Dezember 2019
erschienen sei. Aus ärztlicher Sicht empfehle er, der Rekurrentin die dritte praktische
Führerprüfung in gebessertem Zustand und nach intensiverer Vorbereitung nochmals
zu ermöglichen.
Die Vorinstanz bringt dagegen vor, dass der Rekurrentin ein zweiter Lernfahrausweis
sowie eine vierte praktische Führerprüfung nicht verweigert werde. Gemäss Art. 16
Abs. 4 in Verbindung mit Art. 23 Abs. 2 VZV könne nach einer dritten negativen
praktischen Führerprüfung nur einen zweiten Lernfahrausweis beantragen, wer
aufgrund eines Tests der Zulassungsbehörde als fahrgeeignet gelte. Dieser Nachweis
könne mittels eines positiven verkehrspsychologischen Gutachtens oder eines
positiven Schuhfriedtests erbracht werden. Zudem ist sie der Ansicht, dass nach der
zweiten negativen praktischen Führerprüfung eine Bestätigung über eine
abgeschlossene Fahrausbildung vorgelegt werden müsse. Dadurch werde
sichergestellt, dass die Kandidatin einer dritten Führerprüfung über eine
abgeschlossene Fahrausbildung verfüge.
c) Vorab ist festzuhalten, dass der Fahrlehrer zurecht darauf hinwies, dass der
Lernfahrausweis für die Kategorie B – dies im Unterschied zur Kategorie A und
Unterkategorie A1 – nicht verlängert werden könne (vgl. Art. 16 Abs. 1 lit. c, Art. 16
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Abs. 2 VZV). Hätte die Rekurrentin hingegen den Lernfahrausweis per 21. Dezember
2019 ablaufen lassen, hätte sie – weil noch nicht alle Prüfungsmöglichkeiten
ausgeschöpft waren – einen neuen Lernfahrausweis beantragen können, was sie auch
weniger gekostet hätte. Nach erneuter Absolvierung der theoretischen Führerprüfung
und der Überprüfung der Zulassungsbedingungen hätte sie dann nach ausreichenden
Übungsfahrten und in gesundheitlich guter Verfassung zum dritten Mal zur praktischen
Führerprüfung antreten können. Nachfolgend ist deshalb zu prüfen, ob die Rekurrentin
auf die unvollständige Antwort des Fahrlehrers vertrauen durfte und die Vorinstanz
dementsprechend die Rekurrentin zu einer Wiederholung der dritten praktischen
Prüfung zuzulassen hat.
aa) Der Grundsatz von Treu und Glauben gemäss Art. 9 der Schweizerischen
Bundesverfassung (SR 101, abgekürzt: BV) und Art. 8 Abs. 3 der Verfassung des
Kantons St. Gallen (sGS 111.1, abgekürzt: KV/SG) verleiht einer Person Anspruch auf
Schutz des berechtigten Vertrauens in behördliche Auskünfte, Zusicherungen oder
sonstiges, bestimmte Erwartungen begründendes Verhalten der Behörden. Eine (selbst
unrichtige) Auskunft oder Zusicherung seitens der Behörde kann dann unter gewissen
Umständen bindend sein. Voraussetzung dafür ist, dass (a) es sich um eine
vorbehaltlose Auskunft der Behörden handelt; (b) die Auskunft sich auf eine konkrete,
den Bürger berührende Angelegenheit bezieht; (c) die Amtsstelle, welche die Auskunft
gegeben hat, dafür zuständig war oder der Bürger sie aus zureichenden Gründen als
zuständig betrachten durfte; (d) der Bürger die Unrichtigkeit der Auskunft nicht ohne
Weiteres hat erkennen können; (e) der Bürger im Vertrauen hierauf nicht ohne Nachteil
rückgängig zu machende Dispositionen getroffen hat; (f) die Rechtslage zur Zeit der
Verwirklichung noch die gleiche ist wie im Zeitpunkt der Auskunftserteilung; (g) das
Interesse an der richtigen Durchsetzung des objektiven Rechts dasjenige am
Vertrauensschutz nicht überwiegt (vgl. BGE 143 V 95 E. 3.6.2; BGE 137 II 182 E. 3.6.2
m.w.H; Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl., Zürich/
St. Gallen 2016, Rz. 620 ff.; Tschannen/Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht,
4. Aufl., Bern 2014, § 22 Rz. 1 ff.).
Die Zuständigkeit einer Behörde zur Auskunftserteilung richtet sich nach den
massgeblichen Organisations- bzw. Sacherlassen. Die sachliche Zuständigkeit ist
aufgrund des zugewiesenen Aufgabenbereichs und die funktionelle Zuständigkeit
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aufgrund der Hierarchie und des Verfahrensstands zu bestimmen (Häfelin/Müller/
Uhlmann, a.a.O., Rz. 676; Tschannen/Zimmerli/Müller, a.a.O., § 6 Rz. 13 ff.).
bb) Gemäss Art. 15 Abs. 3 SVG bedarf, wer gewerbsmässig Fahrunterricht erteilt, der
Fahrlehrerbewilligung. Die Fahrlehrerbewilligung wird vom Wohnsitzkanton erteilt (Art. 6
Abs. 1 der Fahrlehrerverordnung [SR 741.522, abgekürzt: FV]), welcher diese Befugnis
dem Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt übertrug (Art. 1 Abs. 1 der
Einführungsverordnung zum eidgenössischen Strassenverkehrsgesetz [sGS 711.1]).
Bei der Fahrlehrerbewilligung handelt es sich um eine Polizeibewilligung, die einer
bestimmten Person die gewerbsmässige Erteilung von Fahrunterricht erlaubt. Mit der
Erteilung der Bewilligung stellt das Strassenverkehrsamt fest, dass die gesetzlichen
Voraussetzungen für eine private Tätigkeit – nämlich die Erteilung von Fahrunterricht –
erfüllt sind (vgl. Art. 5 Abs. 1 FV). Sodann überwacht das Strassenverkehrsamt die
Tätigkeit der bei ihnen gemeldeten Fahrlehrer und Fahrlehrerinnen im praktischen und
theoretischen Unterricht sowie ihre Einrichtungen durch regelmässige Inspektionen
(Art. 24 Abs. 1 FV). Diese Aufsicht des Strassenverkehrsamts stellt sicher, dass die
Tätigkeit der Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer mit den gesetzlichen Vorschriften im
Einklang steht. Weitere Regelungen zum Verhältnis zwischen dem
Strassenverkehrsamt und den Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern sind in den
einschlägigen Organisations- und Sacherlassen nicht vorhanden. Folglich sind die
Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer dem Strassenverkehrsamt weder sachlich noch
funktionell unterstellt oder in die Behörde eingebunden. Darüber hinaus besteht auch
keine andere Rechtsbeziehung wie beispielsweise ein öffentlichrechtlicher Vertrag, mit
welchem das Strassenverkehrsamt den Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern eine
behördliche Aufgabe oder Tätigkeit übertragen würde. Nicht anders verhält es sich mit
den Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, die zur Berufsausübung eine
Polizeibewilligung des Kantons benötigen. Erfüllen sie den Vertrag mit der Klientin nicht
gehörig, wird deswegen auch nicht der Kanton in die Pflicht genommen.
cc) Die unvollständigen Angaben des Fahrlehrers stellen folglich keine behördliche
Auskunft, sondern eine private Handlung im Rahmen des Ausbildungsvertrags
zwischen der Rekurrentin und dem Fahrlehrer dar. Aus diesem Grund fehlt es
vorliegend an einer geeigneten Vertrauensgrundlage für die Geltendmachung des
Vertrauensschutzes. Ob die Rekurrentin gegenüber ihrem Fahrlehrer aus dem
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privatrechtlichen Ausbildungsvertrag einen Schadenersatzanspruch aufgrund der
unvollständigen Angaben ableiten kann, wäre auf dem Zivilweg zu klären. Hierbei
würde sich dann aber insbesondere die Frage stellen, ob von einem Fahrlehrer verlangt
werden kann, dass er in einer Konstellation wie der vorliegenden empfiehlt, den
Lernfahrausweis ablaufen zu lassen, damit der dritte Prüfungsversuch (nach
bestandener nochmaliger Theorieprüfung) ohne vorherigen Test der
Zulassungsbehörde gestartet werden kann.
d) Zusammenfassend ergibt sich, dass die Rekurrentin keinen Anspruch darauf hat, die
dritte praktische Führerprüfung zu wiederholen. Der Rekurs gegen die Verfügung der
Vorinstanz vom 16. Dezember 2019 ist dementsprechend abzuweisen.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten der Rekurrentin
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 500.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12); zufolge
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (ZV-2020/5) ist auf deren Erhebung
jedoch vorläufig zu verzichten (Art. 99 Abs. 2 VRP und Art. 122 Abs. 1 lit. b und Art. 123
der Schweizerischen Zivilprozessordnung [SR 272, abgekürzt: ZPO]). Die Rekurrentin
wird darauf hingewiesen, dass eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt
wurde, zur Nachzahlung verpflichtet ist, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 Abs. 1
ZPO).