Decision ID: a05824ba-26f9-4480-bf32-84f6c8bf29dd
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 10. April 2019 bei der IV-Stelle
des Kantons St. Gallen (nachfolgend: IV-Stelle) für berufliche Massnahmen und
Rentenleistungen an (IV-act. 1). Sie war seit dem ._ 2016 als Mitarbeiterin Reinigung
in einem Pensum von 80 % beim B._ angestellt (vgl. IV-act. 1-6, 8-1 und 14-2 f.),
jedoch seit dem 31. Januar 2019 von Dr. med. C._, Facharzt Allgemeine Innere
Medizin, bzw. von ihrem Hausarzt Prof. Dr. med. D._, Facharzt für Allgemeinmedizin
FMH, zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben worden (vgl. IV-act. 2-1 f. und 1-4). Am 22.
Februar 2019 hatte auf Zuweisung von Prof. D._ (vgl. IV-act. 12-2, unten) eine
Vorstellung bei Dr. med. E._, Facharzt FMH Handchirurgie, Facharzt FMH
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, stattgefunden.
Im dazu ergangenen Bericht vom 25. Februar 2019 hatte er die Diagnosen
generalisierte Schmerzen mit beginnender STT-Arthrose und klinisch beginnender
Rhizarthrose links mehr als rechts sowie eine Epicondylitis humeri medialis links
genannt. Weiter hatte er festgehalten, dass die Versicherte die Schmerzen an den
Händen schon länger kenne. Sie sei bereits im Juni 2016 in einer handchirurgischen
Sprechstunde gewesen, in welcher eine STT-Arthrose linksbetont diagnostiziert
worden sei. Vorerst sei ein Termin bezüglich Ellenbogen bzw. Schulter abzuwarten (IV-
act. 16-5). Am 8. März 2019 war die Versicherte bei Dr. med. H._, Spezialarzt FMH
für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, vorstellig geworden. Dieser hatte im
gleichentags erstellten Sprechstundenbericht anamnestisch festgehalten, dass die
Versicherte seit mehreren Jahren über Schmerzen an den Ellenbogengelenken, neu
auch an den Schultern klage. Als Diagnosen hatte er eine Epicondylitis humeri medialis
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und lateralis Ellenbogen rechts mehr als links sowie ein Impingement-Syndrom an
beiden Schultern mit Bursitis subacromialis festgestellt. Aufgrund kürzlich
stattgehabter Infiltrationen im Rückenbereich und einer geplanten Infiltration beider
Daumen bei Sattelgelenksarthrose hatte Dr. H._ auf weitere Cortikoid-Applikationen
verzichtet und stattdessen Physiotherapie verordnet. Da die Beschwerden an den
Händen und am Rücken im Vordergrund gestanden hatten, waren vorerst keine
weiteren Termine mehr bei ihm vereinbart worden (vgl. IV-act. 15-3 f). Anlässlich einer
weiteren Sprechstunde bei Dr. E._ vom 15. März 2019 war eigentlich eine Infiltration
an den Händen geplant gewesen. Da sich die Versicherte aber nach stattgehabter
lumbaler Infiltration mit systemischen Nebenwirkungen wie Hautrötung und Schwellung
sowie Hypertonie vor einer weiteren Infiltration gefürchtet hatte, war vorerst darauf
verzichtet worden (vgl. IV-act. 16-3).
In einem Bericht an die IV-Stelle vom 25. April 2019 nannte Prof. D._ als
Diagnosen eine STT-Arthrose links mehr als rechts (2016), eine Diskushernie L5/S1
(2018), eine Osteochondrose L5/S1 (2019), eine Epicondylitis humeri radialis (2019)
sowie ein Impingement beider Schultern mit Bursitis subacromialis (2019). Weiter hielt
er fest, dass die Erstvorstellung der Versicherten bei ihm am 18. Februar 2019 erfolgt
sei. Als Funktionsausfälle, welche die Arbeitsfähigkeit einschränkten, nannte er lumbale
Rückenschmerzen (ziehend bis ins linke Bein), beidseitige Schmerzen an den
Ellenbogen sowie beidseitige Schmerzen und eine beidseitige Schwellung an der
Daumenbasis. Er attestierte der Versicherten für sämtliche Tätigkeiten eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit, gab jedoch auch an, dass keine Gründe gegen einen sofortigen
Beginn der Wiedereingliederung sprächen (IV-act. 12-2 f.).
A.b.
In einem Bericht an die IV-Stelle vom 16. Mai 2019 erklärte Dr. med. I._,
Facharzt FMH für Neurochirurgie, die Versicherte sei bei ihm im Jahr 2019 bisher
zweimalig, am 28. Februar und 21. März, vorstellig geworden. Im Jahr 2017 seien bei
ihr Lumbalgien aufgetreten. Die damalige MRT-Untersuchung habe eine Diskushernie
L5/S1 links gezeigt. Durch eine konservative Behandlung sei eine Besserung
eingetreten. Seit anfangs 2019 bestünden linksseitige Lumboischialgien gemäss dem
Dermatom S1. Eine erneute MRT-Untersuchung der LWS vom 28. Februar 2019 habe
eine progrediente Osteochondrose L5/S1, aber eine regrediente Diskushernie L5/S1
gezeigt. Klinisch bestünden keine Defizite, jedoch mehrere Druckschmerzpunkte,
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
insbesondere an den grösseren Gelenken. Die Rückenbeschwerden und linksseitigen
Lumboischialgien stünden aktuell nicht im Vordergrund. Aus neurochirurgischer Sicht
sei eine Wiedervorstellung nur bei Beschwerdeverschlechterung bzw.
Operationswunsch sinnvoll. Körperlich anstrengende Arbeiten, wie beispielsweise die
Arbeit in der Reinigung, seien aus neurochirurgischer Sicht nicht zu empfehlen. In der
angestammten Tätigkeit sei die Versicherte aktuell nicht arbeitsfähig. In einer
leidensangepassten Tätigkeit sei sie zu 50 % arbeitsfähig. Im Haushalt sei die
Versicherte nicht eingeschränkt (vgl. IV-act. 17).
In einer Aktenbeurteilung vom 22. Mai 2019 kam der regionale ärztliche Dienst
(RAD) zum Schluss, dass die Versicherte in einer die Hände schonenden Tätigkeit
vorerst über eine 50%ige Arbeitsfähigkeit verfüge. Bei einem guten Anforderungsprofil
sei die Arbeitsfähigkeit steigerungsfähig. Es müsse sich um eine vorwiegend im Sitzen
auszuübende Tätigkeit handeln, bei welcher beide Arme und Hände geschont würden
(vgl. IV-act. 18-2).
A.d.
Am 28. Mai 2019 fand eine weitere Sprechstunde bei Dr. E._ statt. Im
entsprechenden Untersuchungsbericht vom 29. Mai 2019 hielt er fest, dass aufgrund
der anderweitigen Beschwerden eine Kortisonbehandlung durchgeführt worden sei, die
offenbar auch in der linken Handwurzel einen positiven Effekt gezeigt habe. Die
Versicherte sei anlässlich der letzten Konsultation schmerzarm gewesen. Aktuell habe
sie wieder starke Schmerzen. Die Verlaufsröntgenuntersuchung habe passend zur
Klinik einen Fortschritt der bekannten STT-Arthrose gezeigt. Aktuell könnten daher nur
eine permanente Stabilisierung mit einer Schiene nach Massgabe der Beschwerden
oder eine Resektionsarthroplastik empfohlen werden (IV-act. 33-12).
A.e.
Anlässlich des Assessmentgesprächs mit der Eingliederungsverantwortlichen der
Invalidenversicherung (IV) vom 5. Juni 2019 erklärte die Versicherte, dass zuerst ihre
Schmerzen in den Daumengelenken anzugehen seien. Es sei eine Operation mit einem
Arbeitsausfall von bis zu sechs Monaten geplant. Die Beschwerden an den Händen
und am Rücken stünden im Vordergrund. Bei guter Gesundheit würde sie in einem
Pensum von 80 % arbeiten wollen. Aufgrund der aktuellen Beschwerden strebe sie ein
Pensum von 50-60 % an. Sie erhalte eine Witwenrente und müsste in Zukunft ein
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Einkommen von mindestens Fr. 2'800.-- bis Fr. 3'000.-- erzielen, um ihren Unterhalt zu
finanzieren (vgl. IV-act. 21-1 f.).
Am 1. Juli 2019 wurde die Versicherte an der linken Hand operiert (vgl. IV-act.
21-7, 24-1 und 33-13). Anlässlich einer Verlaufsuntersuchung bei Dr. E._ vom 18.
September 2019 zeigte sich postoperativ ein schöner Verlauf mit einer zwar noch
moderaten Schwellung, jedoch war die Versicherte bereits beschwerdearm. Allerdings
wies Dr. E._ im Sprechstundenbericht darauf hin, dass in der Reinigung frühestens in
einem Monat eine Teilarbeitsfähigkeit zu erwarten sei. In der Regel könne die
angestammte Tätigkeit erst sechs Monate nach der Operation wieder ausgeübt
werden. Ein früherer Arbeitseinsatz hätte aber therapeutischen Charakter, da die Hand
nun zunehmend belastet werden müsse. Dr. E._ bat Prof. D._, die Situation an den
Händen in seine Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit miteinfliessen zu lassen (vgl. IV-act.
33-14). In einem Telefonat vom 10. Oktober 2019 teilte Dr. E._ der IV-Stelle mit, dass
aktuell die linke und später auch die rechte Hand im Vordergrund der diversen
orthopädischen Probleme stünden. Die am 1. Juli 2019 vorgenommene
Rekonstruktionsplastik im Bereich des linken STT-Gelenkes bei beginnender
Rhizarthrose sei zwar gelungen, jedoch werde es vier Monate dauern, bis die
Versicherte allein aufgrund dieses Eingriffs die Arbeitsfähigkeit wiedererlangen könne.
Anschliessend werde ein weiterer Eingriff an der rechten Hand erforderlich sein. Bis
zum Erreichen einer signifikanten Verbesserung der Funktion der Hände würden
mindestens zwei Jahre verstreichen (IV-act. 24-1). In einem Sprechstundenbericht vom
7. November 2019 hielt Dr. E._ fest, dass die Versicherte eine erheblich
eingeschränkte Beweglichkeit im Daumen zeige. Die Schmerzen würden allerdings als
noch adäquat im Bereich des vormaligen Sattelgelenkes und des Daumens
angegeben. Nach den Budapest-Kriterien sei noch nicht oder nicht mehr von einem
CRPS zu sprechen, jedoch bestehe sicherlich ein Rehabilitationsdefizit. Er empfehle die
Wiederaufnahme der Handtherapie und bei Bedarf das Tragen einer Neoprenbandage.
Es bestehe weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 33-6). Im Bericht vom
11. Dezember 2019 über eine Verlaufskontrolle vom 10. Dezember 2019 hielt Dr. E._
fest, dass seit der Operation nun fast sechs Monate verstrichen seien. Allmählich trete
eine Besserung ein. Die Opposition gelinge noch nicht ganz vollständig, jedoch könne
die Versicherte die Hand im Alltag schon wieder ordentlich einsetzen. Die Beschwerden
A.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
an der rechten Hand seien moderat. Die Röntgenuntersuchung zeige eine kaum
fortgeschrittene STT-Arthrose. Eine weitere Belastungssteigerung nach Massgabe der
Beschwerden an beiden Händen sei angezeigt. Offenbar bestehe eine
Arbeitsunfähigkeit wegen eines Rückenleidens. Er habe kein
Arbeitsunfähigkeitszeugnis ausgestellt. Er werde die Versicherte gerne zur
Jahreskontrolle, bei Bedarf natürlich auch früher, sehen (vgl. IV-act. 36-2).
Mit einem Schreiben vom 4. Februar 2020 (vgl. IV-act. 27) informierte Prof. D._
die IV-Stelle über ein aufgetauchtes Nierenproblem und reichte einen Bericht von Dr.
med. J._, Fachärztin Nephrologie und Innere Medizin, vom 3. Dezember 2019 ein.
Darin war unter anderem festgehalten worden, dass die Zuweisung bei wiederholter
Mikrohämaturie und positiver Familienanamnese auf Oxalose erfolgt sei. Eine
Oxatalablagerung in den Organen sei aktuell sehr unwahrscheinlich und sicher nicht die
Ursache der Schulterschmerzen (vgl. IV-act. 28). In einem Zeugnis vom 26. Februar
2020 attestierte Prof. D._ der Versicherten für den März 2020 eine 50%ige
Arbeitsunfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten. Als solche seien Tätigkeiten mit
Wechselbelastungen zu verstehen ohne Heben von schweren Gegenständen (über 5
kg), ohne Rotationen im Oberkörper (z.B. nicht den ganzen Tag den Boden nass
aufnehmen) sowie ohne längeres Stehen an den gleichen Stellen (vgl. IV-act. 30). In
einem Bericht vom 10. März 2020 stellte sich Prof. D._ auf den Standpunkt, dass der
Versicherten aktuell weder die angestammte noch eine leidensangepasste Tätigkeit
zumutbar seien. Als Option zur Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erwähnte er eine
eintägige Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL) in Valens (vgl. IV-act.
33).
A.h.
Im Bericht zur Sprechstunde vom 22. Juni 2020 führte Dr. E._ aus, dass die
Ergotherapie im Dezember 2019 abgeschlossen worden sei und die Versicherte keine
Bandage mehr trage. Sie beklage aber noch Restbeschwerden im Bereich des Sattel
gelenkes. Radiologisch zeige sich eine gut erhaltene Aufhängung und eine ordentliche
Beweglichkeit. Die Opposition sei fast symmetrisch möglich. Die Versicherte sollte bei
Bedarf wieder die Bandage tragen. Die Arbeitssituation sei offenbar schwierig, sodass
die Versicherte und deren Arbeitgeberin von einer dauerhaften Arbeitsunfähigkeit
ausgehen würden. Inwiefern diesbezüglich weitere Massnahmen erfolgt seien und
weshalb die Handtherapie nicht weitergeführt oder wenigstens ein Versuch mit einer
A.i.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bandage unternommen worden sei, sei unklar. Eine periodische Kontrolle sei in einem
Jahr geplant. Vielleicht habe sich dann die Situation an der rechten Hand verändert.
Aktuell bestehe diesbezüglich kein Handlungsbedarf (vgl. IV-act. 37-1; zu einer
eingeholten Zweitmeinung bzgl. Hände vgl. IV-act. 38-11).
In einem Bericht vom 6. Juli 2020 (vgl. IV-act. 38-2 ff.) erklärte Prof. D._, dass
grundsätzlich eine unveränderte Situation vorliege. Noch immer bestünden Schulter-
und Handschmerzen. Betreffend Schulterproblematik sei Ende Mai 2020 eine
Infiltration durchgeführt worden, welche nur zu einer leichten, partiellen Linderung der
Schmerzen geführt habe. Die Beweglichkeit sei noch immer eingeschränkt. Von Dr.
H._ sei eine operative Intervention empfohlen worden, wozu die Versicherte jedoch
noch immer nicht bereit sei (zum Sprechstundenbericht von Dr. H._ vom 24. Juni
2020 vgl. IV-act. 38-10; zur durchgeführten MRT-Untersuchung vom 20. Mai 2020 vgl.
IV-act. 41-7). In der Sprechstunde vom 1. Juli 2020 habe die Versicherte ihm, Prof.
D._, mitgeteilt, dass sie mit diesen Schmerzen leben könne (vgl. IV-act. 38-2). In der
angestammten Tätigkeit bestehe noch immer keine Arbeitsfähigkeit, in einer
leidensangepassten Tätigkeit, bei welcher die Versicherte keine schweren Gewichte
heben müsse, sei sie teilarbeitsfähig mit verminderter Leistungsfähigkeit (vgl. IV-act.
38-4 f.).
A.j.
Nach Erhalt des Berichts zur MRT-Untersuchung des linken Handgelenks vom 24.
August 2020 (vgl. IV-act. 41-5) kam Prof. D._ in einem Bericht vom 27. August 2020
zum Schluss, dass es der Versicherten aktuell unmöglich sei, ihrer bisherigen Tätigkeit
nachzugehen. Eine leidensangepasste Tätigkeit mit kompletter Schonung der Hände
wäre allenfalls in einem Teilzeitpensum möglich. Eine Tätigkeit zu finden, in welcher die
Hände nicht benötigt würden, sei allerdings schwierig (vgl. IV-act. 41-2 ff.).
A.k.
Mit Mitteilung vom 10. September 2020 wies die IV-Stelle das Begehren der
Versicherten um berufliche Massnahmen ab, da aufgrund des Gesundheitszustandes
aktuell keine beruflichen Massnahmen möglich seien (vgl. IV-act. 47).
A.l.
Mit Mitteilung vom 12. Januar 2021 zeigte die IV-Stelle der Versicherten die
Durchführung einer orthopädischen Begutachtung an (vgl. IV-act. 56). Am 23. Februar
2021 fand diese bei Dr. med. K._, Facharzt für orthopädische Chirurgie und
A.m.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Traumatologie des Bewegungsapparates, zertifizierter med. Gutachter SIM, L._ AG,
statt (vgl. IV-act. 59-1). Im Gutachten vom 24. Februar 2021 (zum Datum der Erstellung
vgl. IV-act. 59-1) nannte Dr. K._ folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit: eine Funktionsstörung des linken Handgelenkes bei nachgewiesener
speichenwärts betonter Handgelenksarthrose und operierter Rhizarthrose, geringe
Funktionsstörungen des rechten Handgelenkes bei radiologisch nachweisbaren
Aufbrauchveränderungen im Daumensattelgelenk und geringe Funktionsstörungen
beider Schultergelenke und Ellenbogengelenke bei Ansatzreizungen der dort
inserierenden Muskulatur (IV-act. 59-14). Sodann kam Dr. K._ zum Schluss, dass in
der angestammten Tätigkeit als Reinigungsfrau seit der Handoperation vom 1. Juli
2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe. Aus der Zeit vor dem 1. Juli 2019 lägen
keine aussagekräftigen Befunde vor, die eine Arbeitsunfähigkeit in relevantem Ausmass
begründen könnten. In einer leidensangepassten Tätigkeit (kein Heben, Tragen und
Greifen von Lasten über 5 kg, keine manuellen Tätigkeiten mit Greifen und Halten von
Gegenständen mit einem Gewicht von über 5 kg, kein häufiges Bücken und keine
Überkopftätigkeiten) habe mit einer therapiebedingten Unterbrechung mit 100%iger
Arbeitsunfähigkeit in der Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember 2019 infolge der
Handoperation seit jeher eine 100%ige Arbeitsfähigkeit bestanden (vgl. IV-act. 59-17
f.). Im Haushalt habe die Versicherte keine bedeutsamen Einschränkungen
hinzunehmen. Eventuell auftretende Beschwerden könnten durch eine breite Palette
von angebotenen ergonomischen Hilfsmitteln kompensiert werden. Gegebenenfalls sei
für die Einzeltätigkeiten ein erhöhter Zeitbedarf anzusetzen (vgl. IV-act. 59-19 f.). In
einer Aktenbeurteilung vom 6. April 2021 bezeichnete der RAD das monodisziplinäre
orthopädische Gutachten als umfassend, widerspruchsfrei sowie fachlich untadelig.
Die auf einer sauberen Abklärung beruhenden versicherungsmedizinischen
Konklusionen seien nachvollziehbar, sodass auf das Gutachten abgestellt werden
könne (vgl. IV-act. 60).
Mit Vorbescheid vom 20. April 2021 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentenbegehrens bei einem Invaliditätsgrad von 12.37 %
(Teilinvaliditätsgrad Erwerb von 12.37 % und Teilinvaliditätsgrad Hausfrau von 0 %) in
Aussicht. Die Versicherte wurde als im Gesundheitsfall zu 80 % erwerbstätig eingestuft
(vgl. IV-act. 63).
A.n.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen diesen Vorbescheid erhob die Versicherte am 11. Mai 2021 einen Einwand,
in welchem sie geänderte Gesundheitsverhältnisse geltend machte. Die IV-Stelle habe
vorwiegend die Einschränkungen an der linken Hand und am linken Arm beurteilt.
Inzwischen sei auch die rechte Hand durch die Arthrose stark betroffen (vgl. IV-act. 65).
Sie legte ihrem Einwand ein Zeugnis von Prof. D._ vom 26. April 2021 bei, wonach im
Mai 2021 für leidensangepasste Tätigkeiten eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe
(vgl. IV-act. 66; zum Zeugnis für den Juni 2021 vgl. IV-act. 70). Auf eine entsprechende
Aufforderung der IV-Stelle (vgl. IV-act. 67) wurde am 28. Mai 2021 ein Bericht von Dr.
E._ vom 19. Mai 2021 eingereicht. In diesem waren die Diagnosen STT-Arthrose
rechts, Arthritis Pisotriquetralgelenk Hand rechts, Arthrose zwischen Os scaphoideum
und Os trapezoideum Hand links bei Status nach Resektionsarthroplastik Sattelgelenk
links vom 1. Juli 2019 sowie Verdacht auf eine Tendovaginitis stenosans Dig V Hand
rechts aufgezählt worden. Weiter hatte Dr. E._ ausgeführt, dass sich in der von Prof.
D._ zwischenzeitlich veranlassten MRT-Untersuchung neben der bekannten STT-
Arthrose auch Zeichen einer Pisotriquetralarthrose oder wenigstens einer Arthritis
hätten finden lassen. Im Pisotriquetralgelenk wäre eine Kortisoninfiltration möglich. Am
STT-Gelenk könnten lediglich eine weitere Ruhigstellung oder die
Resektionsarthroplastik angeboten werden. Aktuell zeige sich die Versicherte für eine
Intervention wenig offen, weshalb nur die Ruhigstellung und Schonung bleibe (vgl. IV-
act. 69). In einer Aktenbeurteilung vom 14. Juni 2021 kam der RAD zum Schluss, dass
die eingereichten Berichte keine Befunde enthielten, welche die gutachterliche
Einschätzung wesentlich zu verändern vermöchten (vgl. IV-act. 71).
A.o.
Mit Verfügung vom 15. Juni 2021 wies die IV-Stelle das Rentengesuch der
Versicherten ab (vgl. IV-act. 72).
A.p.
Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin),
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. R. Pedergnana, St. Gallen, am 14. Juli 2021
Beschwerde (vgl. act. G 1). Sie beantragte, die Verfügung vom 15. Juni 2021 sei
aufzuheben und ihr sei eine halbe Rente zuzusprechen. Eventualiter sei durch das
Gericht beim asim oder der Medas eine Begutachtung durchführen zu lassen; unter
Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der IV-Stelle (nachfolgend:
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Vorliegend strittig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine
Invalidenrente.
2.
Beschwerdegegnerin) (vgl. act. G 1 S. 2). Der Beschwerde wurden zwei Berichte der
Klinik für Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie des KSSG zu
Untersuchungen vom ._ September und ._ Oktober 2020 (vgl. act. G 1.4 f.) sowie
ein Bericht über eine CT-Untersuchung der Nasennebenhöhlen vom 13. April 2021 (vgl.
act. G 1.3) beigelegt.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 28. September 2021 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (vgl. act. G 4). Zusammen mit
ihrer Beschwerdeantwort reichte sie eine Stellungnahme des RAD vom 27. September
2021 ein (vgl. act. G 4.1).
B.b.
In ihrer Replik vom 26. November 2021 hielt die Beschwerdeführerin an den in der
Beschwerde gestellten Anträgen fest (vgl. act. G 8).
B.c.
In ihrer Duplik vom 11. Januar 2022 hielt die Beschwerdegegnerin an dem in der
Beschwerdeantwort gestellten Antrag unverändert fest (vgl. act. G 10).
B.d.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit wird in Art. 7 Abs. 1 ATSG als der durch eine
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichen
Arbeitsmarkt definiert. Die Invalidität ist bei einer im Gesundheitsfall
vollzeiterwerbstätigen Person grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu
ermitteln (vgl. Art. 16 ATSG). Wenn eine versicherte Person auch ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht voll, sondern nur teilerwerbstätig gewesen wäre, ist
der Invaliditätsgrad gemäss der langjährigen Praxis des Bundesgerichts nicht anhand
eines reinen Einkommensvergleichs (vgl. Art. 16 ATSG) zu berechnen, sondern anhand
der gemischten Methode. Hierbei ist der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der
Tätigkeit im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen
zu bemessen (vgl. Art. 28a Abs. 3 IVG; BGE 141 V 20 f. E. 3.2). Ob eine versicherte
Person als ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder als nichterwerbstätig
einzustufen ist, ergibt sich gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung aus der
Prüfung, was die Person bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn keine
gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde (Urteil des Bundesgerichts vom 17. April
2019, 8C_820/2018, E. 3.2).
In der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin die
Beschwerdeführerin als im Gesundheitsfall zu 80 % erwerbstätig und zu 20 % als
Hausfrau eingestuft (vgl. IV-act. 72). Diese Qualifikation hat die Beschwerdeführerin
erstmals in ihrer Replik bemängelt. Sie hat geltend gemacht, ihr Pensum infolge
gesundheitlicher Probleme per ._ November 2016 von 100 % auf 80 % reduziert zu
haben. Einerseits hat sie behauptet, sie habe ihr Pensum per ._ November 2016
aufgrund der Probleme am Bewegungsapparat reduzieren müssen, da die Arbeit als
Reinigungskraft eine zu hohe physische Belastung dargestellt habe. Andererseits hat
sie vorgebracht, sie habe den Vollzeitjob möglicherweise auch aufgrund ihres
Blutdruckes aufgegeben, um sich zu schonen. Die Blutdruckprobleme habe sie bereits
in der IV-Anmeldung erwähnt. Sinngemäss beantragt die Beschwerdeführerin also die
Einstufung als im Gesundheitsfall Vollerwerbstätige (vgl. act. G 8 S. 3).
2.2.
Die Beschwerdegegnerin hat in ihrer Duplik zutreffend darauf hingewiesen, dass
die Beschwerdeführerin in ihrer IV-Anmeldung vom 8. April 2019 zwar als
gesundheitliche Beeinträchtigung einen seit anfangs 2016 bestehenden Bluthochdruck
angegeben habe, als Zeitpunkte des Beginns der Beschwerden jedoch erst den
Sommer 2017 (vgl. IV-act. 1-6) und der Arbeitsunfähigkeit den 31. Januar 2019 (vgl. IV-
act. 1-4) angegeben habe. Aus den medizinischen Unterlagen gehe sodann hervor,
dass die Beschwerdeführerin unter regelmässiger Einnahme eines Antihypertensivums
einen Blutdruck im normalen Bereich habe (vgl. IV-act. 28). Zu Recht hat die
Beschwerdegegnerin auch ausgeführt, die Beschwerdeführerin habe anlässlich des
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Assessmentgesprächs vom 5. Juni 2019 (vgl. IV-act. 21) angegeben, ihre Arbeitsstelle
aus persönlichen Gründen (...) gewechselt zu haben und auch im Gesundheitsfall in
einem Pensum von 80 % arbeiten zu wollen. Aufgrund der Witwenrente und der
anlässlich des Assessmentgesprächs gemachten Angaben zu den
Lebensunterhaltskosten sei denn auch anzunehmen, dass ihr die Bestreitung des
Lebensunterhaltes mit einem Pensum von 80 % ohne weiteres möglich wäre (zum
Ganzen vgl. act. G 10 S. 2).
Unter Berücksichtigung der vorstehenden Ausführungen ist die Annahme der
Beschwerdegegnerin, wonach die Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall zu 80 %
erwerbstätig und zu 20 % im Haushalt tätig wäre, nicht zu beanstanden.
2.4.
Die Beschwerdegegnerin stützt sich zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin sowohl hinsichtlich des Erwerbsteils (Gewichtung 80 %) als auch
hinsichtlich des Aufgabenbereichs (Gewichtung 20 %) auf die gutachterliche
Einschätzung von Dr. K._ vom 24. Februar 2021 (vgl. IV-act. 72; vgl. act. G 4 und 10).
Dieser hat der Beschwerdeführerin in der angestammten Tätigkeit als
Reinigungsfachfrau seit dem 1. Juli 2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert.
Für eine optimal leidensangepasste Tätigkeit ist er jedoch - abgesehen von einer
vorübergehenden 100%igen Arbeitsunfähigkeit in der Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember
2019 - von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit ausgegangen. Auch für den
Aufgabenbereich Haushalt hat Dr. K._ keine quantitative Einschränkung der
Leistungsfähigkeit angenommen (vgl. IV-act. 59-17 ff.).
3.1.
Um den Arbeitsfähigkeitsgrad bestimmen zu können, ist die Verwaltung - und im
Beschwerdefall das Gericht - auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es dabei, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 und 115 V 134 E. 2).
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweis).
3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeführerin bestreitet den Beweiswert des Gutachtens von Dr. K._.
Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass die Beschwerdegegnerin zu Unrecht nur ein
monodisziplinäres orthopädisches Gutachten eingeholt habe. Ihr heterogenes, teils
asymptomatisches Beschwerdebild lasse erahnen, dass die Ursachen ihrer
Beschwerden nicht ausschliesslich orthopädischer Natur seien, sondern partiell auch
psychosomatisch bedingt sein könnten. Die bei ihr diagnostizierten Leiden seien zwar
zweifelsfrei schmerzhaft und führten zu Einschränkungen der Beweglichkeit und
Belastbarkeit. Die diagnostizierten Krankheiten alleine könnten jedoch ihr ausgeprägtes
Leiden nicht ausreichend erklären. Beispielsweise habe die Infiltration im Rahmen der
Behandlung der Arthrose an der linken Hand zu keiner Besserung geführt. Auch die
Trapezoidektomie habe die Schmerzen an der linken Hand nicht lindern können,
obwohl die Operation komplikationslos verlaufen sei und zwei Ärzte unabhängig
voneinander von einem guten Heilungsverlauf ausgegangen seien. Folglich sei es
wahrscheinlich, dass sie an einer somatoformen Störung leide. Diese habe sich wohl
mit zunehmender Dauer der Krankheit entwickelt (vgl. act. G 1 S. 4 f.). Ausserdem
befinde sie sich aktuell in Behandlung bei einem Neurologen. Dieser führe
Schmerzbehandlungen mit chinesischer Medizin, Akupunktur und Strom durch. Durch
diese Behandlungen habe sich eine Beschwerdebesserung eingestellt. Daher gehe sie
davon aus, dass bei ihr ein neurologisches Problem vorliege. Folglich hätte sie auch
neurologisch abgeklärt werden müssen (vgl. act. G 8 S. 4).
3.3.
Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführerin die orthopädische
Begutachtung angezeigt worden ist (vgl. IV-act. 56). Wäre sie bereits damals der
Ansicht gewesen, dass eine weitere Fachdisziplin notwendig gewesen wäre, hätte sie
dies geltend machen können, was sie nicht getan hat (vgl. IV-act. 56 ff.). Folglich hat
sie sich damals mit der monodisziplinären orthopädischen Begutachtung
stillschweigend einverstanden erklärt. Aufgrund der Aktenlage ist es sodann
nachvollziehbar, dass sich die Beschwerdegegnerin für eine monodisziplinäre
orthopädische Begutachtung entschieden hat. Im hausärztlichen Bericht von Prof.
D._ vom 25. April 2019 sind die Diagnosen STT-Arthrose, Diskushernie,
Osteochondrose, Epicondylitis humeri radialis sowie Impingement beider Schultern mit
Bursitis subacromialis aufgeführt worden. Als Funktionseinschränkungen hat er
lumbale Rückenschmerzen (ziehend bis ins linke Bein), beidseitige Schmerzen an den
Ellenbogen sowie beidseitige Schmerzen und eine beidseitige Schwellung an der
Daumenbasis angegeben (vgl. IV-act. 12-2 f.). Am 6. Juli 2020 hat Prof. D._ weiterhin
von Schulter- und Handschmerzen sowie Beschwerden an den Ellenbogen berichtet
(vgl. IV-act. 38-2). Psychische, psychosomatische oder neurologische Probleme hat er
nicht angesprochen. Es ist ohne Weiteres davon auszugehen, dass er als intensiv mit
3.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Beschwerdeführerin befasster Hausarzt einen allfälligen weiteren Abklärungsbedarf
erkannt und das Nötige oder Sinnvolle in die Wege geleitet hätte. Auch die übrige
Aktenlage deutet in erster Linie auf orthopädische Probleme hin. Berichte von
Neurologen oder Psychologen finden sich in den Akten, soweit ersichtlich, nicht.
Anlässlich des Assessmentgesprächs vom 5. Juni 2019 hat die Beschwerdeführerin
auch selber angegeben, die Beschwerden an den Händen und am Rücken stünden im
Vordergrund. Psychische Probleme oder darauf hindeutende subjektive
Beeinträchtigungen hat auch sie nicht erwähnt (vgl. IV-act. 21-1 f.; vgl. dazu auch die
RAD-Stellungnahme vom 27. September 2021 in act G 4.1). Schliesslich räumt die
Beschwerdeführerin auch in ihrer Beschwerde ein, dass sie sich bis zur Begutachtung
nie in psychologischer Behandlung befunden und keine depressiven Verstimmungen
aufgewiesen habe (vgl. act. G 1 S. 4 f.). Auch nach der Begutachtung ist keine
psychologische oder neurologische Behandlung dokumentiert. Zwar hat die
Beschwerdeführerin in der Replik vorgebracht, sich bei einem Neurologen in
Behandlung zu befinden, ohne jedoch entsprechende Berichte einzureichen oder
neurologische Diagnosen anzugeben (vgl. act. G 8 S. 4). Der Beschwerdegegnerin ist
darin zuzustimmen, dass nicht allein aufgrund einer von der Beschwerdeführerin
behaupteten und als wirksam empfundenen alternativen Behandlung (chinesische
Medizin, Akupunktur und Strom) durch einen Neurologen auf das Vorliegen einer
neurologischen Gesundheitsschädigung geschlossen werden kann (vgl. act. G 10 S. 3).
Gleiches gilt für die von der Beschwerdeführerin bzw. deren Rechtsvertreter
angestellten Mutmassungen über eine aus ihrer Sicht denkbare somatoforme Störung
(vgl. act. G 1 S. 5). Diesbezüglich ist unter Hinweis auf die RAD-Stellungnahme vom 27.
September 2021 (vgl. act. G 4.1) auch anzumerken, dass die fehlende
Beschwerdebesserung durch bisher durchgeführte Therapien nicht automatisch belegt,
dass eine andere, namentlich eine psychische, gesundheitliche Einschränkung
vorliegen muss. Dazu gilt es schliesslich auch zu berücksichtigen, dass Dr. K._ im
Rahmen seiner Begutachtung keine Notwendigkeit für den Beizug einer weiteren
Fachdisziplin gesehen hat (vgl. IV-act. 59). Anhaltspunkte dafür, dass eine
Begutachtung in weiteren Disziplinen erforderlich wäre, liegen nicht vor. Sollten in
weiteren Untersuchungen neue gesundheitliche Probleme entdeckt werden, steht es
der Beschwerdeführerin selbstverständlich offen, sich erneut bei der
Beschwerdegegnerin anzumelden.
Weitere konkrete Einwände gegen das orthopädische Gutachten von Dr. K._ hat
die Beschwerdeführerin nicht erhoben (vgl. act. G 1 und 8). Nicht ersichtlich ist, was die
Beschwerdeführerin mit ihren Vorbringen, wonach die Arbeitsfähigkeitsschätzung von
Dr. I._ vom 16. Mai 2019 (vgl. IV-act. 17) nur mit Vorsicht zu geniessen sei und die
3.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
RAD-Beurteilung vom 22. Mai 2019, in welcher ihr eine 50%ige Arbeitsfähigkeit
attestiert worden sei (vgl. IV-act. 18-2), auf einer unvollständigen Würdigung des
medizinischen Sachverhaltes beruhe, zu ihren Gunsten ableiten will (vgl. act. G 8 S. 3
f.). Diese beiden Beurteilungen sind beide vor der Erstellung des Gutachtens
entstanden (zum Datum der Gutachtenserstellung vom 24. Februar 2021 vgl. IV-act.
59-1) und haben offensichtlich vorläufige Einschätzungen dargestellt (act. 17-3, Ziff. 2.7
und act. 18-2). Die Beschwerdegegnerin hat sich im Übrigen bei der Ablehnung des
Rentenanspruchs nicht auf diese gestützt (vgl. IV-act. 72).
Das orthopädische Gutachten, auf welches die Beschwerdegegnerin abgestellt hat
(vgl. IV-act. 72; vgl. act. G 4 und 10), beruht auf eigenständigen Abklärungen und ist in
Berücksichtigung der medizinischen Vorakten sowie der geklagten Beschwerden
erstellt worden. Weiter bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche
Tatsachen im Gutachten nicht berücksichtigt worden wären (vgl. IV-act. 59). Auch der
RAD ist in seiner Aktenbeurteilung vom 6. April 2021 zum Schluss gekommen, dass
das monodisziplinäre orthopädische Gutachten als umfassend, widerspruchsfrei sowie
fachlich untadelig zu bezeichnen sei (vgl. IV-act. 60). Die gutachterliche Einschätzung,
wonach in der angestammten Tätigkeit seit der Handoperation vom 1. Juli 2019 eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit, in leidensangepassten Tätigkeiten nach einer operativ
bedingten 100%igen Arbeitsunfähigkeit im Zeitraum vom 1. Juli bis 31. Dezember 2019
jedoch eine volle Arbeitsfähigkeit und auch im Haushalt eine in quantitativer Hinsicht
uneingeschränkte Leistungsfähigkeit vorliege (vgl. IV-act. 59-17 ff.), leuchtet in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation ein. Auf diese gutachterliche Einschätzung kann folglich
abgestellt werden.
3.6.
Weiter bringt die Beschwerdeführerin vor, es sei für sie unvorstellbar, in welcher
Tätigkeit sie die ihr medizinisch theoretisch attestierte volle Arbeitsfähigkeit praktisch
verwerten könne (vgl. act. G 8 S. 4).
4.1.
Die Zumutbarkeit der Ausschöpfung der verbleibenden Arbeitsfähigkeit ist unter
Annahme eines ausgeglichenen Arbeitsmarktes zu bestimmen. Der Begriff des
ausgeglichenen Arbeitsmarktes gemäss Art. 16 ATSG ist ein theoretischer und
abstrakter Begriff, welcher die konkrete Arbeitsmarktlage nicht berücksichtigt (BGE 134
V 70 f. E. 4.2.1). Er umschliesst einerseits ein gewisses Gleichgewicht zwischen dem
Angebot von Stellen und der Nachfrage nach solchen. Andererseits bezeichnet er einen
Arbeitsmarkt, der von seiner Struktur her einen Fächer verschiedenartiger Stellen
4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
offenhält, und zwar sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflichen und
intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes (BGE
110 V 276 E. 4b; Urteil des Bundesgerichts vom 28. November 2014, 9C_485/2014, E.
2.2; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG] vom 3. Dezember 2003, I
349/01, mit Hinweisen). Der ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte
Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei welchen mit einem
sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers gerechnet werden kann (Urteil
des Bundesgerichts vom 28. November 2014, 9C_485/2014, E. 2.2 mit Hinweis auf
Urteil vom 29. August 2007, 9C_95/2007, E. 4.3). Von einer Arbeitsgelegenheit kann
allerdings nicht mehr gesprochen werden, wenn die zumutbare Tätigkeit nur in so
eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch
nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines
durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden einer entsprechenden
Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteil des Bundesgerichts
vom 28. April 2010, 8C_1050/2009, E. 3.3 mit weiteren Hinweisen).
Als leidensangepasste Tätigkeiten hat Dr. K._ Tätigkeiten ohne Heben, Tragen
und Greifen von Lasten über 5 kg, ohne manuelle Tätigkeiten mit Greifen und Halten
von Gegenständen mit einem Gewicht von über 5 kg, ohne häufiges Bücken und ohne
Überkopfarbeiten bezeichnet (vgl. IV-act. 59-18). Es ist davon auszugehen, dass der
ausgeglichene Arbeitsmarkt, wie er soeben umschrieben worden ist, Tätigkeiten, die
dem Zumutbarkeitsprofil der Beschwerdeführerin entsprechen, bereithält. Zu denken
ist beispielsweise an leichte Kontroll- oder Sortiertätigkeiten. Von einer
Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit, die praxisgemäss nicht leichthin
angenommen wird, ist somit nicht auszugehen.
4.3.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades im Erwerbsbereich wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG). Entscheidend
für den Einkommensvergleich sind grundsätzlich die Verhältnisse im Zeitpunkt des
Beginns des Rentenanspruchs (vgl. BGE 129 V 222).
5.1.
Die Anmeldung der Beschwerdeführerin ist bei der Beschwerdegegnerin am 10.
April 2019 eingegangen (IV-act. 1-1). Der früheste Beginn eines allfälligen
5.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenanspruchs im Sinne von Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG fällt somit auf den 1. Oktober
2019. Das Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG ist zu diesem Zeitpunkt allerdings
noch nicht verstrichen gewesen, da die Arbeitsunfähigkeit gemäss dem Gutachten von
Dr. K._ erst ab dem 1. Juli 2019 mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgewiesen
ist (vgl. E. 3.6). Unter Berücksichtigung des Wartejahres fällt der frühestmögliche
Rentenbeginn somit auf den 1. Juli 2020 (vgl. Art. 28 Abs. 1 lit. b i.V.m. 29 Abs. 3 IVG).
Für den Einkommensvergleich massgebend ist somit das Jahr 2020. Dies wäre auch
dann der Fall, wenn man für den Beginn des Wartejahres auf die echtzeitlichen
Krankschreibungen der Dres. C._ und D._ ab 31. Januar 2019 (IV-act. 2; 12-2; vgl.
für das Fortdauern auch die Einschätzung von Dr. I._ in IV-act. 17-3) abstellen würde
(Ablauf des Wartejahres und frühestmöglicher Rentenbeginn im Januar 2020). Da
vorliegend ein vor dem 1. Januar 2022 beginnender Rentenanspruch im Streit liegt,
finden die am gleichen Tag in Kraft getretenen Anpassungen im IVG sowie in der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) keine Anwendung (siehe
das Kreisschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen über Invalidität und
Rente in der Invalidenversicherung, gültig ab 1. Januar 2022, Rz. 9100 ff.).
Für das Valideneinkommen ist entscheidend, was die versicherte Person aufgrund
ihrer beruflichen Fähigkeiten und ihrer persönlichen Umstände nach dem Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit im massgebenden Zeitpunkt des allfälligen
Rentenbeginns hätte verdienen können, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16
ATSG; BGE 135 V 59 E. 3.1 und 139 V 30 E. 3.3.2, je mit Hinweisen). Ausgehend von
dem für das Jahr 2018 im Auszug der Sozialversicherungsanstalt (SVA) des Kantons
St. Gallen aus dem individuellen Konto der Beschwerdeführerin aufgeführten
Jahreseinkommen von Fr. 51'649.-- (vgl. IV-act. 8-1) hat die Beschwerdegegnerin
hochgerechnet auf ein Pensum von 100 % (vgl. Art. 27 Abs. 2 lit. a IVV) ein
Valideneinkommen von jährlich Fr. 64'561.-- ermittelt (vgl. IV-act. 61-1, 63-2 und 72-2),
was grundsätzlich nicht zu beanstanden ist. Angepasst an die Indexierung bis zum
Jahr 2020 resultiert ein Valideneinkommen von Fr. 65'789.85 (Fr. 64'561.-- / 2732 x
2784; vgl. Bundesamt für Statistik, Tabelle T 39, Entwicklung der Nominallöhne, der
Konsumentenpreise und der Reallöhne, 2010-2020).
5.3.
bis
Für die Ermittlung des Invalideneinkommens hat die Beschwerdegegnerin sodann
zu Recht auf den Medianlohn der schweizerischen Lohstrukturerhebung des
Bundesamtes für Statistik (LSE) für die im Kompetenzniveau 1 beschäftigten Frauen
abgestellt, da keine Umschulung durchgeführt worden ist (und eine solche weder
beantragt worden ist noch mit Blick auf die Gesamtsituation realistisch erscheint) und
die Beschwerdeführerin in ihrem angestammten Beruf nicht mehr tätig sein kann. Den
5.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
LSE-Werten folgend ergibt sich unter Berücksichtigung der Nominallohnentwicklung
bis ins Jahr 2020 für ein Pensum von 100 % (bei einer betriebsüblichen wöchentlichen
Arbeitszeit von 41.7 Stunden) ein Jahreseinkommen von Fr. 55'722.-- (vgl. Anhang 2
der von der Informationsstelle AHV/IV herausgegebenen Gesetzesausgabe
"Invalidenversicherung, Allgemeiner Teil des Sozialversicherungsrechts", Ausgabe
2022). Gründe, die einen Tabellenlohnabzug erforderlich machen, sind, soweit
ersichtlich, nicht geltend gemacht worden (vgl. act. G 1 und 8) und sind auch nicht
erkennbar.
Bei einer Gegenüberstellung von Valideneinkommen (Fr. 65'789.85) und
Invalideneinkommen (Fr. 55'722.--) resultiert eine Erwerbseinbusse von Fr. 10'067.85
und ein Invaliditätsgrad von gerundet 15.3 % (Fr. 10'067.85 x 100 / Fr. 65'789.85). Der
für den Teilbereich Erwerb errechnete Invaliditätsgrad ist schliesslich noch
entsprechend dem für den Erwerbsbereich anzunehmenden Pensum zu gewichten. Bei
einer Gewichtung des Erwerbsbereichs von 80 % und einem Teilinvaliditätsgrad im
Erwerbsbereich von 15.3 % ergibt sich ein gewichteter Teilinvaliditätsgrad von 12.24 %
(80 x 15.3 / 100). Die leichte Abweichung von dem von der Beschwerdegegnerin
errechneten Teilinvaliditätsgrad von 12.37 % (vgl. IV-act. 72-2) dürfte darauf
zurückzuführen sein, dass die Beschwerdegegnerin die Jahreslöhne nicht bis zum Jahr
2020 indexiert hat.
5.5.
Im Haushaltsbereich besteht entsprechend der gutachterlichen Einschätzung keine
quantitative Einschränkung (vgl. E. 3.6). Folglich beträgt der Teilinvaliditätsgrad im
Aufgabenbereich 0 %. Gleiches gilt für den entsprechend dem Pensum von 20 %
gewichteten Teilinvaliditätsgrad.
5.6.
Zusammenfassend resultiert bei der Anwendung der gemischten Methode für die
Zeit ab dem Juli 2020 (frühestmöglicher Rentenbeginn; vgl. E. 5.2) ein Invaliditätsgrad
von rund 12 %. Folglich hat die Beschwerdegegnerin einen Rentenanspruch zu Recht
verneint.
5.7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gegen die angefochtene Verfügung
abzuweisen.
6.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Der unterliegenden Beschwerdeführerin sind die Gerichtskosten in
6.2.
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte