Decision ID: 83bd45eb-7324-46b2-b75e-d706a81fa2db
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Rekurrent,
vertreten durch Dr. iur. Bruno Gähwiler, Hofbergstrasse 40, 9500 Wil SG,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Vorinstanz,
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betreffend
individuelle Prämienverbilligung 2011
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 15. Februar 2011 bei der Sozialversicherungsanstalt des
Kantons St. Gallen (SVA) zum Bezug einer individuellen Prämienverbilligung für das
Jahr 2011 an. Er vermerkte, am 1. Januar 2011 noch in Ausbildung gewesen zu sein.
Seine Eltern hätten für den Monat Januar 2011 keine Ausbildungszulage nach dem
Familienzulagengesetz bezogen und würden überwiegend für seinen Lebensunterhalt
aufkommen (act. G 3.1.1).
A.b Mit Verfügung vom 6. Mai 2011 lehnte die SVA einen Anspruch des Gesuchstellers
auf Prämienverbilligung ab, da er bestätigt habe, dass seine Eltern für ihn am 1. Januar
des Bezugsjahrs eine Ausbildungszulage bezogen hätten und/oder überwiegend für
seinen Lebensunterhalt aufkommen würden (act. G 3.1.2).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob der Versicherte, vertreten durch Dr. iur.
Bruno Gähwiler, Wil, am 6. Juni 2011 Einsprache und beantragte deren Aufhebung
sowie die rückwirkende Zuerkennung einer Prämienverbilligung ab Mai 2009. Damit er
seinen Lebensunterhalt und die sehr hohen Ausbildungskosten der Schule decken
könne, werde er von seinen in Südamerika wohnhaften Eltern unterstützt. Immerhin
erhalte er von seinem Heimatkanton Aargau für das Studium ein Stipendium. Er sei auf
die beantragte Prämienverbilligung angewiesen. Für das Jahr 2009 sei er steuerlich
rechtskräftig veranlagt, ohne Einkommen und ohne Vermögen (act. G 3.1.3).
B.b Mit Entscheid vom 4. August 2011 wies die SVA die Einsprache ab. Die elterliche
Unterstützung sei beim Versicherten klar höher als es die Einnahmen aus eigenem
Erwerb oder aus der Drittunterstützung (Stipendium) seien. Daraus resultiere, dass die
Eltern in der Hauptsache für den Lebensunterhalt des Versicherten aufkommen würden
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und er demzufolge keinen eigenen Antrag auf Prämienverbilligung stellen könne (act. G
3.1.13).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die vom Rechtsvertreter des
Versicherten am 19. August 2011 eingereichte Beschwerde (richtig: Rekurs) mit dem
Antrag, der angefochtene Einspracheentscheid sei aufzuheben und dem Rekurrenten
sei die individuelle Prämienverbilligung für 2011 zu gewähren, unter Kosten und
Entschädigungsfolge. Der Rekurrent bestreite den Lebensunterhalt aus den
Stipendienzahlungen des Kantons Aargau. Dieser habe vor seinem Entscheid die
finanziellen Verhältnisse der in Südamerika lebenden Eltern geprüft. Damit sei die
eingangs gestellte Behauptung, der Rekurrent bestreite seinen Lebensunterhalt selbst,
genügend belegt. Die Eltern kämen nicht hauptsächlich für den Unterhalt des
Rekurrenten auf, sondern bezahlten einzig das relativ hohe Schulgeld. Niemand sonst
könne dieses bezahlen, zumal der Rekurrent über kein Einkommen verfüge, aus dem er
das Schulgeld bezahlen könne. Insofern könne dieses nicht als Teil des
Lebensunterhalts betrachtet werden (act. G 1).
C.b In der Vernehmlassung beantragt die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde
(act. G 3).
C.c Der Rekurrent hat auf die Einreichung einer Replik verzichtet.
C.d Am 20. Februar 2012 (Eingang 22. Februar 2012) hat der Rechtsvertreter des
Rekurrenten die Verfügung des Kantons Aargau betreffend Ausbildungsbeiträge bzw.
Stipendienzahlungen für den Zeitraum September 2011 bis August 2012 in der Höhe
von Fr. 17'000.-- nachgereicht (act. G 7).

Erwägungen:
1. Streitig und im vorliegenden Verfahren zu beurteilen ist, ob dem Rekurrenten
grundsätzlich ein eigenständiger Anspruch auf eine individuelle Prämienverbilligung
zusteht.
2.
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2.1 Gemäss Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG;
SR 832.10) haben die Kantone den Versicherten in bescheidenen wirtschaftlichen
Verhältnissen Prämienverbilligungen für die Krankenversicherung zu gewähren. Dazu
haben sie nach Art. 97 Abs. 1 KVG Ausführungsbestimmungen zu erlassen, bei deren
Ausgestaltung die Bedingungen von Art. 65 Abs. 3 KVG zu beachten sind. Der Kanton
St. Gallen ist dieser Verpflichtung durch die Art. 9 - 16 des Einführungsgesetzes zur
Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung (sGS 331.11; EG-KVG) und die
dazugehörigen Vollzugsvorschriften von Art. 9 - 38 der Verordnung zum
Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung (sGS
331.111; Vo-EG) nachgekommen, wobei er insbesondere die persönlichen (Art. 10 EG-
KVG) und die einkommensmässigen (Art. 11 EG-KVG)
Voraussetzungen sowie die Höhe der Prämienverbilligung (Art. 12 EG-KVG) festgesetzt
hat.
2.2 Nach Art. 10 Abs. 1 EG-KVG wird eine Prämienverbilligung Personen gewährt, die
im Kanton St. Gallen steuerrechtlichen Wohnsitz haben (lit. a) und ein die
Prämienverbilligung auslösendes Einkommen erzielen (lit. b). Massgebend für die
Anspruchsberechtigung auf Prämienverbilligung sind für Personen mit zivilrechtlichem
Wohnsitz im Kanton die persönlichen und familiären Verhältnisse am 1. Januar des
Jahres, für das die Prämienverbilligung beansprucht wird (Art. 9 Abs. 1 Vo-EG). Keine
(eigene) Prämienverbilligung wird nach Art. 10 Abs. 2 Ziff. 3 EG-KVG in Ausbildung
stehenden Personen bis zum vollendeten 25. Altersjahr gewährt, für deren Unterhalt die
Eltern zur Hauptsache aufkommen. Für diese Personen erhalten nach Art. 21 Abs. 3
Vo-EG die Eltern die Prämienverbilligung, wenn ein Anspruch auf Ausbildungszulage
besteht. Gleichzeitig wird den Eltern für diese Personen ein Kinderabzug von
Fr. 10'000.-- vom massgebenden Einkommen gewährt (Art. 14 Abs. 2 Vo-EG). Mit
dieser Lösung hat der st. gallische Gesetzgeber für in Ausbildung stehende, unter 25-
jährige Personen analog zum Steuerrecht den familienrechtlichen Unterhalt als
Anknüpfungspunkt gewählt (vgl. ABl 1995 S. 1536; vgl. auch Art. 10 Abs. 1 Ziff. 3 EG-
KVG sowie Art. 14 Abs. 2 Vo-EG), und dabei eine klare Unterscheidung getroffen
zwischen Personen, für deren Lebensunterhalt zur Hauptsache die Eltern aufkommen,
und solchen, für die dies nicht zutrifft, sei es, dass sie selbst dafür aufkommen oder
von Dritten unterstützt werden. Für Angehörige der ersten Gruppe erhalten, wenn ein
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Anspruch auf Ausbildungszulage besteht, die Eltern die Prämienverbilligung (Art. 10
Abs. 2 Ziff. 3 EG-KVG i.V.m. Art. 21 Abs. 3Vo-EG), jene der zweiten Gruppe verfügen
unter den Voraussetzungen von Art. 10 Abs. 1 EG-KVG über einen eigenen Anspruch.
3.
3.1 Der Rechtsvertreter des Rekurrenten macht geltend, nicht dessen Eltern, sondern
Dritte, d.h. der Kanton Aargau, käme mit den Stipendienzahlungen zur Hauptsache für
seinen Lebensunterhalt auf. Die Eltern würden lediglich das relativ hohe Schulgeld
bezahlen. Dieses bilde jedoch keine Ausgabe für die Lebenshaltung.
3.2 Der Rekurrent besucht die Schule seit September 2010. Die Ausbildung dauert zwei
Jahre, womit er sich an dem für die Prämienverbilligung-Beurteilung massgebenden
Stichtag des 1. Januar 2011 (Art. 9 Abs. 1 Vo EG-KVG) an besagter Schule befand. Im
vorliegenden Fall ist unbestritten und aus den Akten ersichtlich, dass die Eltern des
Rekurrenten für die Schulkosten von rund Fr. 33'000.-- pro Jahr aufkommen (vgl. act.
G 3.1.5a, G 3.1.5b, G 3.1.11; Im Internet wird von Kosten zwischen Fr. 92'000.--
[Schweizer] bis Fr. 117'000.-- [Ausländer] für sechs Semester berichtet.). Dritte bzw.
der Kanton Aargau unterstützen den Rekurrenten mit einem jährlichen Stipendium von
Fr. 17'000.-- (act. G 3.1.7, G 7). Vom 22. Dezember 2010 bis 22. April 2011 absolvierte
der Rekurrent im Rahmen seiner Ausbildung an der Schule ein Praktikum in B._ und
erzielte dabei zusätzlich ein eigenes Einkommen von monatlich 300 Euro (act. G 3.1.6).
Dies ergibt bei einem Kurs von Fr. 1.20 je Euro insgesamt Fr. 1'440.-- (4 Monate à
Fr. 360.--). Angesichts dieser Zahlen ist mit der Vorinstanz davon auszugehen, dass die
Eltern des Rekurrenten zur Hauptsache für seinen Lebensunterhalt aufkommen, womit
ihm kein selbständiger Anspruch auf individuelle Prämienverbilligung für das Jahr 2011
zusteht.
3.3 Was der Rechtsvertreter des Rekurrenten gegen diese Beurteilung vorbringt,
überzeugt nicht. Entgegen seiner Ansicht bilden die Schulkosten einen - im konkreten
Fall wesentlichen - Teil der Lebenshaltungskosten des Rekurrenten.
Lebenshaltungskosten sind die Kosten, die von einer Person aufgewandt werden
müssen, um das Leben zu bestreiten, oder anders gesagt, das Geld, das man für alles,
was man zum Leben braucht, bezahlen muss. Als Kosten der Lebenshaltung gelten
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insbesondere die Aufwendungen für Nahrung, Unterkunft, Bekleidung und Schuhe,
Hygiene und Körperpflege, Erziehung und Unterricht, Unterhaltung, Sport und Reisen,
Verkehr, Versicherungsprämien (vgl. <http://de.wikipedia.org/wiki/
Lebenshaltungskosten> [abgerufen am 9. Februar 2012] sowie Landesindex der
Konsumentenpreise [Dezember 2005 = 100], Methodische Grundlagen, hrsg. vom
Bundesamt für Statistik [BFS], 2007, S. 8 f. und S. 24 ff., mit Hinweis auf die
internationale Classification of Individual Consumption by Purpose [COICOP], wonach
die Ausgaben für Erziehung und Unterricht eindeutig in den Warenkorb der
Konsumausgaben gehören). Nicht alle Ausgabenarten fallen bei allen Personen an. Im
konkreten Fall geht es um den Lebensunterhalt einer in Ausbildung stehenden, unter
25-jährigen Person, bei der sich in Bezug auf die individuelle Prämienverbilligung
zunächst die gesonderte Frage des selbständigen Anspruchs stellt. Dabei ist im
Einzelfall zu prüfen, wer (versicherte Person, Dritte, Eltern) zu welchen Teilen für den
Lebensunterhalt der in Ausbildung stehenden Person aufkommt. Es erscheint damit nur
logisch, dass eben auch die Ausbildungskosten zu den Lebenshaltungskosten
gehören. Im Übrigen ist anzufügen, dass das von den Eltern des Rekurrenten bezahlte
Schulgeld unter anderem auch Wohnkosten und andere Ausgaben des täglichen
Bedarfs umfasst (vgl. act. G 3.1.5), deren Unterordnung unter die
Lebenshaltungskosten unbestritten sein dürfte. Im Umfang der Stipendienzahlungen
des Kantons Aargau von Fr. 17'000.-- (vgl. act. G 3.1.7 bzw. G 7) bestreitet der
Rekurrent seinen Lebensunterhalt zweifelsohne selbst. Die Stipendienzahlungen
wurden ihm vom Kanton Aargau genau zu diesem Zweck zugesprochen. Damit allein
sind jedoch die Voraussetzungen von Art. 10 Abs. 2 Ziff. 3 EG-KVG i.V.m. Art. 21 Abs.
3 Vo-EG für einen eigenständigen Prämienverbilligungsanspruch nicht erfüllt. Wie der
konkrete Fall zeigt, bedeutet zudem die Auszahlung von Stipendien nicht in jedem Fall,
dass Eltern keinen Beitrag an die Lebenshaltungskosten der in Ausbildung stehenden
Person leisten. Aus dem Umstand, dass der Beschwerdeführer über kein Einkommen
verfügt, aus dem er das Schulgeld bezahlen könnte, kann sodann nicht abgeleitet
werden, dieses könne nicht als Teil des Lebensunterhalts betrachtet werden. Der Be
griff der Lebenshaltungskosten setzt sich aus den verschiedenen Ausgabenpositionen
zusammen, die es zu finanzieren gilt, um das Leben zu bestreiten. Nicht definiert wird
er danach, wer für die aufzuwendenden Kosten letztlich aufkommt bzw. aufzukommen
vermag. Die vom Rechtsvertreter des Rekurrenten formulierte Frage, wer, wenn nicht
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die Eltern, das relativ hohe Schulgeld bezahlen sollten, wenn der Rekurrent über kein
Einkommen verfüge, aus dem er das Schulgeld bezahlen könnte, ist durchaus richtig.
Für die Prüfung des eigenen Anspruchs der in Ausbildung stehenden Person auf
individuelle Prämienverbilligung ist sie jedoch als solches irrelevant. Massgebend und
zu berücksichtigen ist allein die Tatsache, dass die Eltern das Schulgeld bezahlen und
dieses den hauptsächlichen Anteil der Lebenshaltungskosten des Rekurrenten
ausmacht.
4.
4.1 Weil die Eltern des Rekurrenten zur Hauptsache für seinen Lebensunterhalt
aufkommen, hat der Rekurrent keinen selbständigen Anspruch auf individuelle
Prämienverbilligung. Der Rekurs ist somit unter Bestätigung des angefochtenen
Einspracheentscheids abzuweisen.
4.2 Bei diesem Verfahrensausgang würde der Rekurrent gemäss Art. 95 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1; VRP) grundsätzlich
kostenpflichtig. Angesichts der gesamten Umstände (bis April 2011 nur ein geringes
und ab Mai 2011 kein Einkommen, kaum Vermögen) rechtfertigt es sich jedoch, in
Anwendung von Art. 97 VRP auf die Erhebung von Gerichtskosten zu verzichten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39