Decision ID: f7ecfb9b-8732-5d23-abf3-fa0da3a99bcf
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ wurde am 8. April 2015 (Eingang IV-Stelle) zum Bezug von IV-Leistungen
angemeldet. Im entsprechenden Anmeldeformular liess der Versicherte angeben, er
leide seit seiner Geburt an massiv durchhängenden Plattfüssen. Seit 2009 besitze er
orthopädische Einlagen und seit 2014 besuche er verschiedene Physiotherapien (IV-
act. 1).
A.a.
Die IV-Stelle prüfte den Anspruch auf Übernahme von medizinischen Massnahmen
gestützt auf Art. 13 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) und stellte dem Versicherten am 3. September 2015 die Abweisung des
Gesuchs um eine Kostengutsprache in Aussicht (IV-act. 13). Einen hiegegen erhobenen
Einwand (IV-act. 16) liess der Versicherte innert erstreckter Frist am 23. Oktober 2015
zurückziehen (IV-act. 20). Am 30. Oktober 2015 verfügte die IV-Stelle gemäss ihrem
Vorbescheid und wies das Leistungsbegehren gestützt auf Art. 13 IVG ab. Sie führte
zur Begründung aus, dass die Plattfüsse weder angeboren seien noch einer Operation
oder Gipsbehandlung bedürften. Aus diesem Grund sei keine Kostengutsprache zu
erteilen (IV-act. 21).
A.b.
Am 31. Oktober 2016 wurde erneut ein Leistungsgesuch für den Versicherten
eingereicht und die Zusprache eines Hilfsmittels (orthopädische Schuheinlagen)
beantragt (IV-act. 24). Dr. med. B._ vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) hielt am
11. November 2016 fest, beim Versicherten liege kein Geburtsgebrechen vor, so dass
kein Anspruch auf die Übernahme der Behandlungskosten durch die
Invalidenversicherung bestehe. Weil daher die Fussbettung in Konfektionsschuhen
A.c.
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B.
keine notwendige Ergänzung einer medizinischen Massnahme sein könne, falle sie
nicht unter den Hilfsmittelbegriff (IV-act. 31, vgl. auch IV-act. 32). Am 16. November
2016 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die Abweisung seines Leistungsbegehrens
in Aussicht, wobei sie zur Begründung die Einschätzung von Dr. B._ wiedergab (IV-
act. 33). Der Versicherte liess dagegen am 5. Dezember 2016 bzw. am 30. Januar 2017
sinngemäss einwenden, die IV-Stelle hätte im Rahmen seiner erneuten Anmeldung
auch einen Anspruch auf medizinische Massnahmen erneut prüfen müssen (IV-act. 34,
38). Am 8. Februar 2017 verfügte die IV-Stelle gemäss dem Vorbescheid und wies das
Gesuch um Kostengutsprache gestützt auf Ziffer 4.05* der Verordnung des EDI über
die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI; SR 831.232.51) ab.
Sie erklärte, dass die Schuheinlagen ausschliesslich der Behandlung der Plattfüsse
dienten, weshalb sie den Hilfsmittelbegriff nicht erfüllten. Zudem bestehe für den
Versicherten keine Kostengutsprache für medizinische Massnahmen, da diese in der
Vergangenheit abgelehnt worden seien (IV-act. 39).
Dagegen liess der Versicherte am 13. März 2017 Beschwerde erheben. Er liess die
Kostenübernahme für seine orthopädischen Schuheinlagen gemäss Art. 12 IVG und
eventualiter die Rückweisung der Streitsache an die IV-Stelle beantragen (IV-act. 41).
Im Entscheid vom 9. März 2018 hiess das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
die Beschwerde teilweise gut. Es hob die Verfügung vom 8. Februar 2017 auf und wies
die Sache zur Abklärung, ob die Physiotherapie als medizinische Massnahme gemäss
Art. 12 IVG zu qualifizieren sei, an die IV-Stelle zurück (IV-act. 53; vgl. zum Ganzen den
Sachverhalt bei lit. C. in IV 2017/112). Weiter hielt es im Sinne eines obiter dictum fest,
dass davon auszugehen sei, dass es sich bei der Physiotherapie um eine medizinische
Eingliederungsmassnahme gemäss Art. 12 IVG handle.
A.d.
Daraufhin veranlasste die IV-Stelle Abklärungen bezüglich der Physiotherapie des
Versicherten (IV-act. 56 ff.). Dr. med. C._, Fachärztin für Orthopädische Chirurgie
FMH, gab im Bericht vom 4. September 2018 an, durch die Physiotherapie in
Kombination mit den orthopädischen Einlagen habe die Schmerzsituation in Bezug auf
den Schul- und Sportunterricht bereits verbessert werden können; diese müsse auch
für eine Berufsausbildung oder eine spätere Tätigkeit im Aufgabenbereich verbessert
B.a.
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C.
werden. Mit einer Sistierung der Therapie würde eine Verschlechterung der
Schmerzsituation oder sogar die Notwendigkeit eines operativen Vorgehens
einhergehen (IV-act. 61). Die Physiotherapeutin des Versicherten, D._, dipl.
Physiotherapeutin, hielt fest, die Therapie fokussiere sich auf Alltagsfähigkeiten,
Schulsport und Freizeitsport; sie ziele aber auch auf die zukünftige Erwerbsfähigkeit
des Versicherten. Im Falle einer Sistierung sei mit einer Schmerzzunahme zu rechnen
und es bestünde die Gefahr von Sekundärschäden oder eines Mid-Foot-Break (IV-act.
60).
Dr. B._ vom RAD nahm am 26. Februar 2019 zur medizinischen Sachlage
Stellung. Er hielt fest, bei der Physiotherapie handle es sich um eine
Leidensbehandlung ohne Aussicht auf einen bleibenden Erfolg oder einen positiven
Langzeiteffekt (IV-act. 64). Am 4. Juli 2019 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Ablehnung der Kostengutsprache für medizinische Massnahmen und orthopädische
Schuheinlagen in Aussicht (IV-act. 67). Hiegegen liess der Versicherte innert erstreckter
Frist am 30. September 2019 Einwand erheben mit der Begründung, der Vorbescheid
ignoriere das Urteil des Versicherungsgerichts sowie die Ausführungen der
behandelnden Ärztin und der Physiotherapeutin. Sowohl für die Physiotherapie als
auch für die Schuheinlagen sei eine Kostengutsprache zu erteilen (IV-act. 75). Am
26. März 2020 verfügte die IV-Stelle gemäss ihrem Vorbescheid. Zum einen lehnte sie
die Kostengutsprache für Physiotherapie nach Art. 12 IVG ab. Sie hielt an der
Begründung fest, dass die Physiotherapie nicht geeignet sei, eine dauernde und
wesentliche Verbesserung des Beschwerdebildes herbeizuführen. Zum anderen
verneinte sie eine Kostengutsprache für orthopädische Schuheinlagen nach Ziff. 4.05*
HVI (IV-act. 80).
B.b.
Gegen die Verfügung vom 26. März 2020 liess der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) am 13. Mai 2020 Beschwerde erheben (act. G 1). Er liess die
Aufhebung der Verfügung vom 26. März 2020 beantragen. Die IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) sei zu verpflichten, die Kosten für die orthopädischen
Schuheinlagen zu übernehmen. Eine Kostengutsprache für die Schuheinlagen sei
C.a.
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Erwägungen
1.
geboten, da diese eine notwendige Ergänzung der Physiotherapie seien (act. G 1
Ziff. 13, 24).
In ihrer Beschwerdeantwort vom 7. Juli 2020 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verwies sie erneut darauf, dass es
sich bei der Physiotherapie um eine reine Symptombekämpfung handle, mit der kein
stabiler Zustand erreicht werden könne. Daher seien beim Beschwerdeführer keine
medizinischen Massnahmen durchgeführt worden, weshalb die Verweigerung der
Kostenübernahme für die orthopädischen Schuheinlagen zu Recht erfolgt sei (act. G 4
Ziff. III/4).
C.b.
Innert erstreckter Frist liess der Beschwerdeführer am 23. Oktober 2020 eine
Replik einreichen und erklären, dass er sich am 25. September 2020 auf Empfehlung
von Dr. C._ einem operativen Eingriff unterzogen habe (act. G 11 Ziff. 6). Nun habe
sich gezeigt, dass ein Geburtsgebrechen vorliege (act. G 11 Ziff. 8). Im Weiteren hielt er
sinngemäss an den in der Beschwerde genannten Ausführungen fest (act. G 11
Ziff. 11 ff.).
C.c.
Am 26. März 2020 ist über zwei Ansprüche verfügt worden. Zum einen hat die
Beschwerdegegnerin eine Kostengutsprache für Physiotherapie im Sinne einer
medizinischen Massnahme nach Art. 12 IVG − und damit im Ergebnis auch die
Übernahme der Kosten der orthopädischen Schuheinlagen als "Behandlungsgerät" −
abgelehnt. Zum anderen hat sie die Kostengutsprache für orthopädische
Schuheinlagen nach Ziff. 4.05* HVI verneint. Somit sind am 26. März 2020 zwei
eigenständige Verfügungen ergangen. Zu prüfen ist im Folgenden, ob beide
Verfügungen angefochten worden sind.
1.1.
Verschiedene Gründe sprechen dafür, dass sich die Beschwerde vom 13. Mai
2020 nur gegen die Verfügung betreffend Kostengutsprache für orthopädische
Schuheinlagen gemäss der Ziff. 4.05* HVI richtet. Zum einen hat der Beschwerdeführer
beantragen lassen, dass die Beschwerdegegnerin zu verpflichten sei, die Kosten für
orthopädische Schuheinlagen zu übernehmen (act. G 1 Ziff. 1/II). Von einer
Kostenübernahme für medizinische Massnahmen ist weder in den Rechtsbegehren
1.2.
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2.
Aufgrund des Umstandes, dass der Anspruch auf die Übernahme medizinischer
Massnahmen nach Art. 12 und Art. 13 IVG durch die Beschwerdegegnerin geprüft und
verneint worden ist, bleibt als mögliche Anspruchsgrundlage nur noch Art. 21 Abs. 1
IVG. In einem ersten Schritt sind deshalb die Voraussetzungen für den Anspruch auf
die orthopädischen Schuheinlagen als Hilfsmittel gemäss Art. 21 Abs. 1 IVG i.V.m. Ziff.
4.05* HVI zu prüfen.
noch in der Beschwerdebegründung die Rede gewesen. Die medizinischen
Massnahmen sind bloss im Kontext der Hilfsmittelzusprache erwähnt worden. Zum
andern liess der Beschwerdeführer im Vorbescheidverfahren separate Anträge
bezüglich Kostengutsprache für medizinische Massnahmen und orthopädische
Schuheinlagen stellen (IV-act. 75-1). Dass er nun im Beschwerdeverfahren lediglich
eine Kostengutsprache für orthopädische Schuheinlagen beantragen lässt, deutet auf
einen bewussten Entscheid hin, nur eine der beiden Verfügungen anfechten zu wollen.
Zusammengefasst ist einzig die Übernahme der Kosten für die orthopädischen
Schuheinlagen strittig. Die Verfügung betreffend Kostenübernahme der medizinischen
Massnahmen ist mittlerweile unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Über den
Anspruch auf die Übernahme medizinischer Massnahmen nach Art. 13 IVG wurde
bereits früher rechtskräftig verfügt (IV-act. 13). Mit seinen Einwänden betreffend
Vorliegen eines Geburtsgebrechens nach Art. 13 IVG (act. G 1 Ziff. 14; act. G 11
Ziff. 8 f) ist der Beschwerdeführer deshalb nicht zu hören.
1.3.
Nach Art. 8 Abs. 1 IVG haben invalide oder von einer Invalidität unmittelbar
bedrohte Versicherte gegenüber der Invalidenversicherung Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen, wenn diese notwendig und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit wiederherzustellen, zu verbessern, zu erhalten oder ihre Verwertung
zu fördern. Zu diesen Massnahmen gehören nach Art. 8 Abs. 3 lit. d IVG in Verbindung
mit Art. 21 Abs. 1 IVG im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste auch die
Hilfsmittel, deren eine versicherte Person für die Ausübung der Erwerbstätigkeit oder
der Tätigkeit in ihrem Aufgabenbereich, für die Schulung, die Ausbildung oder zum
Zweck der funktionellen Angewöhnung bedarf. Der Bundesrat hat seine Kompetenz zur
Erstellung der Hilfsmittelliste in Art. 14 der Verordnung über die Invalidenversicherung
(IVV; SR 831.201) an das Eidgenössische Departement des Innern übertragen und
dieses hat die HVI erlassen. Gemäss Art. 2 Abs. 1 HVI besteht im Rahmen der im
Anhang aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fortbewegung,
die Herstellung des Kontaktes zur Umwelt oder für die Selbstsorge notwendig sind.
2.1.
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Nach Ziff. 4.05* HVI besteht ein Anspruch auf orthopädische Schuheinlagen, sofern
diese eine wesentliche Ergänzung medizinischer Eingliederungsmassnahmen bilden.
Nach der Rechtsprechung ist es unerheblich, ob es sich dabei um eine von der
Invalidenversicherung durchgeführte medizinische Massnahme handelt; entscheidend
ist vielmehr, dass die Voraussetzungen der Übernahme der ärztlichen Vorkehr als
medizinische Eingliederungsmassnahme der Invalidenversicherung an sich erfüllt
wären (ZAK 1964, S. 266, 1965, S. 157; BGE 105 V 147). Wie nachfolgend aufgezeigt
wird, gelangt eine Auslegung des Begriffs der medizinischen
Eingliederungsmassnahmen in Ziff. 4.05* HVI zum selben Ergebnis.
2.2.
Zunächst ist mittels grammatikalischer Auslegung der Wortsinn einer
Gesetzesnorm anhand ihres Wortlauts zu ermitteln. Aus dem Wortlaut des Art. 21
Abs. 1 IVG in allen drei Sprachfassungen ist nicht ersichtlich, dass die Übernahme der
medizinischen Massnahme durch die Invalidenversicherung ein Kriterium für die
Übernahme der Hilfsmittelkosten darstellen würde.
2.2.1.
Bei einer systematischen Auslegung zeigt sich ebenfalls eine Loslösung der
Übernahme der medizinischen Massnahmen von der Übernahme der Hilfsmittelkosten.
So unterscheidet der Gesetzgeber im IVG die Durchführung der medizinischen
Massnahmen einerseits von ihrer wesentlichen Ergänzung durch Hilfsmittel
andererseits (Meyer/Reichmuth, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, 3.
Aufl., Art. 21-21 N 55). So wären die Hilfsmittelkosten selbst dann zu übernehmen,
wenn die medizinische Massnahme bereits abgeschlossen wäre (vgl. BGE 119 V 225 E.
4).
2.2.2.
quater
Aus historischer Sicht führte der Gesetzgeber die Regelung in Art. 21 Abs. 1
zweiter Satz IVG ein, um dem Missbrauch bei an sich IV-pflichtigen Hilfsmitteln
vorzubeugen. Unter Missbrauch verstand der historische Gesetzgeber eine
ungerechtfertigte Umgehung der Einschränkung, dass Hilfsmittel nur im Hinblick auf
die gänzliche oder teilweise, unmittelbare oder mittelbare Eingliederung in den
Arbeitsprozess zu gewähren sind (BBI 1958 II S. 1260). Ein Bedingungszusammenhang
zwischen der Hilfsmittelabgabe durch die Invalidenversicherung und der Übernahme
der medizinischen Massnahmen durch die Invalidenversicherung wird aus historischer
Warte also nicht vorausgesetzt.
2.2.3.
Eine Loslösung der Übernahme der medizinischen Massnahmen von der
Übernahme der Hilfsmittelkosten stellt nicht etwa den Zweck der restriktiven Regelung
betreffend Schuheinlagen als Hilfsmittel der Invalidenversicherung in Frage. Mit dem
2.2.4.
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Erfordernis einer eingliederungswesentlichen, notwendigen, medizinischen Massnahme
wird eine Hürde für den Leistungsbezug der IV-Hilfsmittel gesetzt, die ein wirksames
Mittel zur Missbrauchsbekämpfung darstellt. So kann z.B. eine ärztliche Konsultation
zum Zweck der Ausstellung eines Physiotherapierezepts nicht als medizinische
Eingliederungsmassnahme i.S.v. Art. 21 Abs. 1 zweiter Satz IVG verstanden werden. Im
Übrigen verdeutlicht auch Art. 65 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1), dass Hilfsmittel auch zulasten der
Invalidenversicherung gehen können, wenn die medizinische
Eingliederungsmassnahme z.B. von der Unfallversicherung oder der Militärversicherung
durchgeführt wird. Sieht nämlich die grundsätzlich nach der Unfallversicherung
leistungspflichtige Invalidenversicherung einen weiteren Kreis der Hilfsmittel vor als die
Unfallversicherung, so ist sie (komplementär) leistungspflichtig, auch wenn die
medizinische Eingliederungsmassnahme durch die Unfallversicherung übernommen
wird (vgl. dazu Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N 19 zu Art. 65; Erwin
Murer, Stämpflis Handkommentar, Invalidenversicherungsgesetz [Art. 1-27 IVG],
2014, N 31 zu Art. 12).
bis
Aus geltungszeitlicher Sicht ist anzumerken, dass im Rahmen der 5. IVG-
Revision der Kreis der Leistungsbezüger nach Art. 12 IVG deutlich eingeschränkt
wurde. Medizinische Massnahmen, welche die Invalidenversicherung zu übernehmen
hatte, wurden weitgehend abgeschafft. Bestehen blieben medizinische Massnahmen
zur Behandlung von Geburtsgebrechen und für Versicherte bis zum 20. Altersjahr.
Art. 21 Abs. 1 IVG blieb durch die 5. IVG-Revision jedoch unverändert (BBl 2006 S.
8313 ff.). Dies kann als Bestätigung gelten, dass die medizinischen
Eingliederungsmassnahmen, auf die sich Art. 21 Abs. 1 IVG bezieht, nicht nur solche
der Invalidenversicherung sein können. Die Verknüpfung von Schuheinlagen mit
medizinischen Eingliederungsmassnahmen ausschliesslich der Invalidenversicherung
würde nach Inkrafttreten der 5. IVG-Revision nur noch selten zu sinnvollen Ergebnissen
führen. Brillen, Schuheinlagen und Zahnprothesen könnten nur noch selten als
Hilfsmittel der Invalidenversicherung zugesprochen werden, was der Gesetzgeber
offensichtlich nicht bezweckt haben kann. Hätte er eine solch weitreichende Änderung
bezweckt, hätte er dies in den Materialien zur 5. IVG-Revision erläutert.
2.2.5.
Insgesamt kann für die Übernahme der Hilfsmittelkosten gemäss Art. 21 Abs. 1
IVG nicht entscheidwesentlich sein, ob nun die obligatorische
Krankenpflegeversicherung, die obligatorische Unfallversicherung oder aber die
Invalidenversicherung diese medizinische Massnahme erbringt. Deshalb ist in einem
2.3.
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3.
nächsten Schritt zu prüfen, ob ein Anspruch auf die Übernahme der Schuheinlagen
gemäss Art. 21 Abs. 1 IVG besteht.
Voraussetzung für eine Übernahme der Schuheinlagen gemäss Art. 21 Abs. 1
zweiter Satz IVG ist, dass die Schuheinlagen eine wesentliche Ergänzung medizinischer
Eingliederungsmassnahmen bilden. Es ist deshalb zunächst zu prüfen, ob die
Physiotherapie im vorliegenden Fall eine medizinische Eingliederungsmassnahme
gemäss Art. 21 Abs. 1 zweiter Satz IVG darstellt.
3.1.
Der Begriff der medizinischen Eingliederungsmassnahme in Art. 21 Abs. 1 IVG und
Ziff. 4.05* HVI ist dabei im Sinne von Art. 12 IVG zu verstehen (Silvia Bucher,
Eingliederungsrecht der Invalidenversicherung, 2011, S. 215). Die
Eingliederungswirksamkeit einer medizinischen Massnahme ist somit analog zu Art. 12
IVG zu beurteilen. Laut Art. 12 Abs. 1 IVG handelt es sich dabei um medizinische
Massnahmen, die nicht auf die Behandlung eines Leidens an sich, sondern unmittelbar
auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren. Mittels einer Prognose ist zu schätzen, ob die
medizinische Massnahme eine Beeinträchtigung der zukünftigen beruflichen
Ausbildungsmöglichkeiten zu verhindern vermag (Murer, SHK IVG, N 13, 19 zu Art. 12).
Darunter fällt beispielsweise die Erhaltung der Fähigkeit, jeden gewünschten und den
eigenen Fähigkeiten entsprechenden Beruf zu erlernen, ohne in der Berufswahl durch
eine Gesundheitsbeeinträchtigung eingeschränkt zu sein. Auch die Minimierung von
Einschränkungen bei der Ausbildung ist davon erfasst (vgl. hierzu den Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 14. November 2016, IV 2015/262 und IV 2016/77, E. 3.3).
3.2.
Die Physiotherapie dient gemäss den medizinischen Akten der schulischen und
auch der späteren beruflichen Eingliederung des Beschwerdeführers. Die Therapie
ermöglicht dem Beschwerdeführer, am regulären Schulunterricht, am Sportunterricht
sowie an Schullagern teilzunehmen. Ausserdem ist er so im Stande, den Schulweg
schmerzfrei zurückzulegen (Bericht von Dr. C._ vom 14. September 2018, IV-act.
61-1). Im Sinne einer Prognose hat Dr. C._ festgehalten, dass durch die Behandlung
mit weniger überlastungsbedingten Schmerzen in der Schul-, Ausbildungs- und
Erwerbsphase zu rechnen sein werde (Bericht vom 4. September 2019, IV-act. 61-2).
Sie und auch die Physiotherapeutin haben überzeugend dargelegt, dass der
Beschwerdeführer ohne die Physiotherapie in seiner schulischen Ausbildung und dann
auch in der beruflichen Ausbildung, respektive in der Wahl des zukünftigen Berufs,
3.3.
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eingeschränkt wäre. Er könnte beispielsweise keine berufliche Ausbildung wählen, die
längere stehende Tätigkeiten erfordern würde (IV-act. 60-3, 61-1). Obwohl die Therapie
gleichzeitig auch eine Verbesserung der Schmerzsituation im Alltag zur Folge hat, lässt
sich ihre Eingliederungswirksamkeit also nicht bestreiten. Zudem schätzt die
Physiotherapeutin, dass mit der Physiotherapie zusammen mit den Schuheinlagen eine
Verbesserung erzielt werden kann und dass bei einem Unterbruch der Behandlung
während des Wachstums mit einer Verschlechterung zu rechnen wäre (IV-act. 61-2).
Die Physiotherapie verhindert eine solche negative Entwicklung. Folglich dient sie nicht
nur der Behandlung des Leidens an sich, sondern trägt massgebend dazu bei, dass die
zukünftige Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers oder die zukünftige Fähigkeit, sich
im Aufgabenbereich zu betätigen, vor einer wesentlichen Beeinträchtigung zu
bewahren. Das Vorliegen einer medizinischen Eingliederungsmassnahme gemäss Art.
21 Abs. 1 IVG ist somit zu bejahen.
Schliesslich bleibt zu prüfen, ob die Schuheinlagen im vorliegenden Fall als
notwendige Ergänzung der Physiotherapie eingestuft werden können. Aus dem Bericht
von Dr. C._ vom 29. September 2016 geht hervor, dass der Beschwerdeführer
Schuheinlagen zum Zweck der Aufrichtung der massiv fehlgestellten Füsse braucht (IV-
act. 25). Im Bericht vom 20. Oktober 2016 hat sie ergänzt, dass die
orthopädietechnische Versorgung sowohl Alltagssituationen als auch den Schulbesuch
betreffe. Ohne die Versorgung mittels Schuheinlagen könne der Beschwerdeführer nur
kurze Strecken ausser Haus gehen (IV-act. 26). Die Physiotherapeutin hat im
Verlaufsbericht vom 8. März 2017 bestätigt, dass der Beschwerdeführer auf die
Schuheinlagen angewiesen sei, da er sonst Schmerzen beim Gehen habe. Ihrer Ansicht
nach könne eine physiotherapeutische Unterstützung zusammen mit Schuheinlagen
einer späteren Chronifizierung ("Einschränkungen im Berufsalltag, chronische
Schmerzen, allfällige Operationen") vorbeugen (IV-act. 44-3). Im Bericht vom
7. September 2018 hat sie erneut ausgeführt, dass die Einlagenversorgung Teil eines
Massnahmenkomplexes sei, der auf die Schmerzreduktion und die Verhinderung von
Sekundärschäden an den unteren Extremitäten abziele (IV-act. 60-3). Die
Schuheinlagen erscheinen insgesamt in nachvollziehbarer Weise als eine wesentliche
Ergänzung der Physiotherapie.
3.4.
Zusammenfassend steht fest, dass der Beschwerdeführer gestützt auf Art. 21 Abs.
1 IVG i.V.m. Ziff. 4.05* HVI Anspruch auf die Vergütung der Kosten der orthopädischen
Schuheinlagen hat. Die Sache ist folglich in Aufhebung der angefochtenen Verfügung
vom 26. März 2020 zur Fortsetzung des Verwaltungsverfahrens, das heisst Ermittlung
3.5.
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4.
Die Verfügung vom 26. März 2020, mit der die Beschwerdegegnerin einen Anspruch
des Beschwerdeführers für orthopädische Schuheinlagen verneint hat, erweist sich
somit als rechtswidrig, weshalb sie aufzuheben ist. Die Gerichtskosten sind der
unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer ist der von
ihm geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken zurückzuerstatten. Die
Beschwerdegegnerin ist zur Ausrichtung einer Parteientschädigung an den
Beschwerdeführer zu verpflichten. Angesichts des sehr geringen Aktenumfangs ist der
erforderliche Vertretungsaufwand als unterdurchschnittlich zu qualifizieren. Die
Entschädigung wird deshalb auf 2'000 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festgesetzt.