Decision ID: cdfe86dc-1956-4c93-b585-16301e4c2634
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-Leistungen
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 6. Dezember 2008 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 1). Gemäss
einer Unfallmeldung zu Handen der zuständigen Unfallversicherung (Generali
Versicherungen) war die Versicherte am 14. Dezember 2007 im Eingangsbereich des
Restaurants B._, wo sie als Hilfsköchin beschäftigt gewesen war, auf dem nassem
Boden ausgerutscht und mit der linken Körperhälfte bzw. mit dem linken Arm auf dem
Boden aufgeprallt (Unfallmeldung vom 18. Januar 2008, Fremdakten 7.2). Der Hausarzt
der Versicherten, Dr. med. C._, Allgemeinmedizin FMH, hatte die Diagnosen einer
HWS-Distorsion sowie einer Rippenkontusion gestellt und folgende
Arbeitsunfähigkeiten attestiert: 100% vom 15. Dezember 2007 bis 27. Januar 2008
sowie 60% vom 28. Januar 2008 bis auf Weiteres (Bericht vom 4. April 2008,
Fremdakten 7.2). Er hatte festgehalten, die Versicherte leide an Sturzfolgen in Form von
Kopf-,Nacken- und Thoraxschmerzen sowie verminderter körperlicher und kognitiver
Leistungsfähigkeit. Als objektive Befunde zeigten sich rasche Ermüdung sowie die
Notwendigkeit längerer Erholungsphasen (Bericht vom 10. Mai 2008, Fremdakten 7.2).
In einem Bericht vom 18. August 2008 hatte Dr. C._ ab 19. Juli 2008 eine
Arbeitsunfähigkeit von noch 40% angegeben (Fremdakten 7.2), woraufhin er der
Unfallversicherung jedoch telefonisch mitteilte, dass ein Arbeitsversuch mit einem
Pensum von 60% gleichentags wieder habe abgebrochen werden müssen. Bei der
Versicherten sei daher nach wie vor von einer 60%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen
(Aktennotiz vom 3. September 2008, Fremdakten 7.2). Gemäss einem Schreiben der
Unfallversicherung vom 3. September 2008 hatte die Versicherte am 4. Juli 2008 in
Italien durch einen Stolpersturz eine Verletzung am linken Fuss erlitten. In der Folge sei
sie mittels Sanitätstransport in die Schweiz gebracht worden. Das Fahrzeug der
Versicherten habe ebenfalls in die Schweiz rückgeführt werden müssen (Fremdakten
7.2). Auf Nachfrage der Unfallversicherung hatte die Versicherte mitgeteilt, dass sie
allein mit dem Auto nach Italien gefahren sei. Es sei ihr zu dieser Zeit genügend gut
gegangen, um Auto fahren zu können (Schreiben der Versicherten vom 14. Oktober
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2008, Fremdakten 7.2). Gemäss einem Befragungsprotokoll der Unfallversicherung
hatte sie zudem angegeben, dass sie für die ca. 800 km lange Strecke aufgrund der
vielen Pausen den ganzen Tag gebraucht habe (Protokoll vom 20. November 2008,
Fremdakten 7.2). In Beantwortung der Anfrage der Unfallversicherung hatte Dr. C._
am 14. November 2008 erklärt, dass er bei der Festsetzung der 60%igen
Arbeitsunfähigkeit vom ehemaligen Teilzeitpensum der Versicherten in Höhe von 80%
ausgegangen sei. Demnach sei die Versicherte ca. 3 Stunden pro Tag arbeitsfähig,
wobei immer mit Tagesschwankungen zu rechnen sei (Fremdakten 7.2).
A.b Gemäss einem Gesprächsprotokoll des internen Regionalen Ärztlichen Dienstes
der IV-Stelle (RAD) vom 15. Dezember 2008 gab Dr. C._ folgende Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit der Versicherten an: chronisches HWS-Syndrom/
Status nach Unfall 12/2007 mit Schmerzen im Nacken, Übelkeit,
Konzentrationsschwierigkeiten sowie eine psychasthenische Persönlichkeit mit
rezidivierenden depressiven Episoden. Er teilte mit, es bestehe seit dem Unfall eine
60%ige Arbeitsunfähigkeit. Die Versicherte arbeite aktuell im Restaurant des Sohnes
(quasi halbgeschützter Nischenarbeitsplatz) im Umfang von 2 Stunden pro Tag mit
100%. Mit dieser Tätigkeit sei die Versicherte bestmöglich adaptiert eingegliedert und
sei bei einer prinzipiell 40-60%igen Leistung sicher dauerhaft am Limit (IV-act. 7, 10).
A.c Auf Veranlassung der Unfallversicherung (Schreiben vom 3. September 2008,
Fremdakten 7.2) wurde die Versicherte im Januar 2009 im Zentrum D._ GmbH
(ZVMB) ipolydisziplinär begutachtet. Gemäss dem entsprechenden Gutachten vom 30.
Januar 2008 (richtig: 2009) wurden folgende Diagnosen angegeben: Status nach Sturz
vom 14. Dezember 2007 mit Prellung des linken Thorax und Kontusion des linken
Gesässes ohne Hinweise auf eine nachweisbare und bis heute anhaltende
Körperschädigung sowie ein nicht unfallbedingter Spannungskopfschmerz. Die
Gutachter hielten fest, dass die Diskrepanz zwischen dem Spontanverhalten und den
Schmerzangaben während den klinischen Untersuchungen auffällig gewesen sei. Die
Versicherte habe bei zahlreichen Tests unvermutet und organisch-strukturell nicht
erklärbare Schmerzen geäussert. Radiologisch habe das veranlasste MRI der HWS
vom 26. Januar 2009 kein mit den Beschwerden der Versicherten korrelierendes
organisches Substrat gezeigt. Eine kleine Diskushernie C4/5 bewirke nachweislich
keine radikuläre Kompression. Eine entsprechende Klinik fehle ebenfalls.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusammengefasst hätten sich Befunde ergeben, welchen generell ein organischer
Hintergrund fehlte. Primär nach dem Unfall hätten weder klinisch fassbare kognitive
Defizite noch gravierende zervikale Beschwerden bestanden, so dass eine
radiologische Abklärung – bis auf eine Röntgenaufnahme des Thorax – damals nicht für
nötig gehalten worden sei. Die anschliessende Ausweitung der Beschwerden könne
organisch strukturell nicht erklärt werden. Neurologisch hätten sich keine Hinweise auf
Störungen im Bereich des peripheren oder zentralen Nervensystems gefunden. Auch
die Prüfung der vestibulären Funktionen sei normal ausgefallen. Psychiatrisch hätten
sich in derklinischen Untersuchung keine Hinweise auf eine affektive Störung ergeben.
Es seidavon auszugehen, dass sich ungünstige psychosoziale Faktoren
(Partnerschaftsprobleme, finanzielle Situation) mit der primär unfallbedingten
Schmerzsymptomatik vernetzt und zu einer Verselbständigung der
Schmerzproblematik geführt hätten, wofürjedoch seit mehreren Monaten kein
materielles Substrat erkennbar sei. In neuropsychologischer Hinsicht könne weder
klinisch noch testpsychologisch eine krankheitswertige geistige Störung postuliert
werden. Die Gutachter hielten weiter fest, dass die infolge des Unfalls vom 14.
Dezember 2007 gestellte Diagnose einer HWS-Distorsion biomechanisch nicht
nachvollziehbar sei. Die Versicherte sei fast ausschliesslich komplementärmedizinisch
behandelt worden, ohne dass innerhalb eines Jahres eine Steigerung der
Arbeitsfähigkeit habe erreicht werden können. Die Beschwerden hätten sogar
zugenommen. Auf der anderen Seite sei die Versicherte aber in der Lage gewesen,
innerhalb eines Tages mit dem Auto 850 km nach Italien zurückzulegen.
Wirbelsäulenkontusionen, Hämatome und Ödeme klängen nach wenigen Wochen ab.
Bei der Versicherten seien nach dem Sturz zudem keine Schwellungen oder Hämatome
festgestellt worden, so dass von einem relativ banalen Ereignis ausgegangen werden
könne. Ein Kopfanprall sei nirgends dokumentiert. Die von der Versicherten
angegebenen Kopfschmerzen wie auch die subjektiven kognitiven Defizite liessen sich
ohne Kopfanprall und ohne materielles Substrat nicht unfallbedingt erklären. Hingegen
bestünden unfallfremde psychosoziale und sozioökonomische Belastungen, welche
geeignet seien, Spannungs(kopf-)schmerzen herbeizuführen.
Spannungs(kopf-)schmerzen seien zwar oft über lange Zeiträume anhaltend, aber
keinesfalls als schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigung anzusehen. Da
spätestens nach 6 Monaten von einer folgenlosen Ausheilung der erlittenen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wirbelsäulenkontusion auszugehen sei, könne es organisch-strukturell nicht erklärt
werden, dass sich bei der Versicherten eine Ausweitung der Beschwerden mit einer
persistierenden Arbeitsunfähigkeit von 60% ergeben habe. Die Autofahrt nach Italien
beweise, dass ein höheres Energiepotential vorhanden sei, als was die Versicherte für
die Arbeit empfinde. Auch die im Rahmen der körperlichen Untersuchung festgestellten
Diskrepanzen wiesen auf Selbstlimitierung hin. Eine unfallbedingte Arbeitsunfähigkeit
könne spätestens nach 6 Monaten nicht mehr angenommen werden (IV-act. 19).
A.d Die ehemalige Arbeitgeberin der Versicherten, die E._ AG, berichtete am
27. Februar 2009 (Eingangsdatum), dass die Versicherte vom 1. Januar 2007 bis
30. September 2008 als Köchin tätig gewesen sei. Vor dem Unfall vom 14. Dezember
2007 habe die Versicherte mit einem Pensum von 80% gearbeitet, danach habe das
Pensum 40% bzw. 3,35 Stunden pro Tag betragen. Die Kündigung sei infolge einer
Übergabe des Betriebs erfolgt (IV-act. 18).
A.e In einem FI-Assessmentprotokoll vom 24. März 2009 hielt die Eingliederungs
verantwortliche fest, dass die Versicherte gemäss eigenen Angaben von Oktober bis
Dezember 2008 mit einem Pensum von 20% und ab Januar 2009 mit einem Pensum
von 40% als Köchin im Restaurants des Sohnes tätig gewesen sei. Der Sohn könnte
die Versicherte auch mehr beschäftigen, doch diese sehe sich gemäss eigenen
Angaben nicht mehr als 40% arbeitsfähig (IV-act. 23). Mit einer Mitteilung vom 31. März
2009 schloss die IV-Stelle die Arbeitsvermittlung ab (IV-act. 26). Gleichzeitig stellte die
IV-Stelle der Versicherten mit einem Vorbescheid die Abweisung des Rentenbegehrens
in Aussicht. Zur Begründung führte sie aus, dass gemäss dem D._-Gutachten
keineunfallbedingten Einschränkungen bestünden. Somatisch wie auch psychiatrisch
sei eine 100%ige Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Hilfsköchin wie
auch in adaptierten Tätigkeiten ausgewiesen. Somit ergebe sich beim
Einkommensvergleich keine Erwerbseinbusse. Aufgrund der uneingeschränkten
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit sei auch im 20%igen häuslichen
Aufgabenbereich keine relevante Einschränkung anzunehmen (IV-act. 28). Mit einer
Verfügung vom 2. Juni 2009 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten
ab (IV-act. 29).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.f Am 12. Juli 2010 (Eingangsdatum) meldete sich die Versicherte erneut zum
Leistungsbezug an (IV-act. 30). Die IV-Stelle verfügte am 3. August 2010, dass auf das
neue Leistungsbegehren nicht eingetreten werde. Sie hielt fest, die Versicherte habe
nicht glaubhaft dargelegt, dass sich die Verhältnisse seit der letzten Verfügung
wesentlich verändert hätten (IV-act. 35).
A.g Am 22. September 2010 folgte erneut eine Anmeldung bei der IV-Stelle. Die Ver
sicherte machte eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes geltend und teilte
mit, dass sie seit Oktober 2009 bei Dr. F._ in psychiatrischer Behandlung sei (IV-act.
38). Dr. C._ hatte am 11. August 2010 berichtet, dass die Versicherte aktuell im
Umfang von maximal 3 Stunden pro Tag in einer adaptierten Tätigkeit arbeitsfähig sei
(IV-act. 36). Der RAD hielt am 15. November 2010 fest, die von Dr. C._ attestierte
hohe Arbeitsunfähigkeit könne nicht nachvollzogen werden (IV-act. 40). Im Bericht vom
29. Januar 2011 nannte Dr. C._ als Diagnosen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit ein Schleudertrauma im Jahr 1992 mit Folgekopfschmerzen und
Schwindel, Stürze am 14. Dezember 2007 und 4. Juli 2008 sowie eine Erschöpfungs
depression. Er hielt fest, die Versicherte sei aufgrund der sehr geringen, generellen
Belastbarkeit und einer deutlichen Verschlechterung des Auffassungsvermögens in
ihrer zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Köchin seit dem 1. Dezember 2010 und
andauernd zu 100% arbeitsunfähig (IV-act. 41). Dr. C._ reichte u.a. einen
radiologischen Untersuchungsbericht vom 26. Januar 2009 ein, gemäss welchem bei
der Versicherten ein zervikales MRT durchgeführt worden war. Der untersuchende Arzt
hatte festgehalten, es habe sich eine kleine Diskushernie C4/5 mit diskreter ventraler
Myeloneindellungohne Zeichen einer radikulären Kompression gezeigt. Ein Nachweis
von posttraumatischen ossären Läsionen oder gar fokaler Myelonveränderungen sei
nicht ersichtlich (IV-act. 41-12). Der behandelnde Psychiater Dr. med. F._, Facharzt
für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, berichtete am 3. Februar 2011,
die Stellung einer Diagnose sei schwierig. Am ehesten bestehe eine depressive
Reaktion (F43.21 oder F33.11), spätestens seit Behandlungsbeginn im Oktober 2009.
Nach dem Unfall mit Schleudertrauma 1992 habe die Versicherte immer wieder
somatische und psychische Probleme gehabt. Sie habe bei Behandlungsbeginn zu
40% als Köchin im Restaurant des Sohnes gearbeitet. Dieses Pensum habe sie jedoch
sowohl wegen der Schmerzen als auch aus psychischen Gründen nicht mehr aufrecht
erhalten können. Ein Arbeitsversuch als Putzfrau sei gescheitert. Die Versicherte habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
häufig eine depressive Grundstimmung. Die Arbeitsfähigkeit übersteige das für den
täglichen Haushalt nötige Mass nicht mehr. In der bisherigen Tätigkeit sei die
Versicherte seit 1. Dezember 2010 zu 100% arbeitsunfähig (IV-act. 43).
A.h Mit einem Vorbescheid vom 27. Juni 2011 stellte die IV-Stelle der Versicherten den
Abschluss von Eingliederungsmassnahmen in Form von Arbeitsvermittlung in Aussicht
(IV-act. 48). Nachdem die Versicherte gegen diesen Vorbescheid zunächst Einwand
erhoben hatte (IV-act. 55), erklärte sie sich in einem Telefongespräch mit der IV-Stelle
vom 26. August 2011 doch einverstanden mit dem Abschluss der beruflichen
Massnahmen (IV-act. 58). Am 15. September 2011 verfügte die IV-Stelle
dementsprechend, dass die Arbeitsvermittlung abgeschlossen werde (IV-act. 60).
A.i In einem Verlaufsbericht vom 3. November 2011 hielt Dr. F._ fest, dass die
Versicherte die Therapie beendet habe, nachdem es ihr bezüglich der Depression
besser gegangen sei. Aufgrund der körperlichen Symptome sei eine Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit aber nicht garantiert. Die Versicherte fühle sich überfordert und könne
im Restaurant des Sohnes nur zwei bis drei Stunden in der Woche helfen. Es bestehe
weiterhin eine massiv eingeschränkte Belastungsfähigkeit und schnelle Ermüdbarkeit
(IV-act. 66). Dr. C._ gab in seinem Verlaufsbericht (eingegangen bei der SVA am 17.
November 2011) eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Versicherten
bei jedoch unveränderten Diagnosen an. Er hielt fest, die Versicherte sei in ihrer
bisherigen Tätigkeit als Köchin bereits nach einer Stunde total erschöpft. Ob andere
Tätigkeiten zumutbar seien, sei unklar. Es bestehe ein Kumulation diverser Diagnosen:
Rezidivierende Stürze mit HWS-Distorsionen, Erschöpfungsdepression und Burn-out
(IV-act. 67). In seiner Stellungnahme vom 29. Februar 2012 hielt der RAD fest, dass im
Vergleich zum D._-Gutachten vom Januar 2009 keine erhebliche Verschlechterung
des Gesundheitszustandes der Versicherten bestätigt werden könne. Die von den
Dres. C._ und F._ angegebenen Gründe für eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit seien bereits anlässlich der Begutachtung von der Versicherten beklagt
worden. Die subjektiven Einschränkungen hätten aber mit den objektivierbaren
Befunden nicht erklärt werden können. Gemäss dem D._-Gutachten bestehe keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, was auch aktuell gelte (IV-act. 68).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.j Mit einem Vorbescheid vom 13. März 2012 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Zur Begründung führte sie an, dass sich
der Gesundheitszustand im Vergleich zur Referenzsituation nicht erheblich
verschlechtert habe. Es bestehe weiterhin keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in
der angestammten Tätigkeit als Hilfsköchin sowie im Aufgabenbereich als Hausfrau (IV-
act. 71). Mit einer Verfügung vom 11. Mai 2012 wies die IV-Stelle das Rentengesuch
der Versicherten ab (IV-act. 72).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde der Versicherten
vom 11. Juni 2012 (act. G 1). Die Beschwerdeführerin beantragt sinngemäss die Auf
hebung der Verfügung sowie die Ausrichtung von Rentenleistungen. Zur Begründung
gibt sie an, es sei eine erhebliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes
eingetreten. Die wiederholten Versuche, im Restaurant ihres Sohnes wieder als Köchin
tätig zu sein, seien erfolglos gewesen. Ihr Immunsystem sei schwach und die
Konzentrationsfähigkeit habe nachgelassen. Im Januar 2012 sei sie wegen Gürtelrose
im Spital gewesen, wonach es ihr nun noch schlechter gehe. Bei der Begutachtung im
D._ seien ihre Beschwerden nicht ernst genommen worden (act. G 3).
B.b Am 21. September 2012 beantragt die Beschwerdegegnerin die Abweisung der
Beschwerde. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass sich der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin seit der Begutachtung durch das D._ kaum geändert habe. Bei
den von den zwei behandelnden Ärzten Dr. C._ und Dr. F._ angegebenen
Einschränkungen handle es sich um subjektive Angaben und nicht um objektivierbare
Befunde. Aufgrund der auftragsrechtlichen Stellung zwischen behandelndem Arzt und
Patient dürfe vermutet werden, dass die behandelnden Ärzten der Selbstwahrnehmung
des Patienten eher unkritisch gegenüberstünden und zu dessen Gunsten aussagten,
während Gutachter der Objektivität verpflichtet seien. Es seien keine Gründe
erkennbar, weshalb gerade im vorliegenden Fall die behandelnden Ärzte die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin zuverlässiger einschätzen könnten als die auf
Arbeitsfähigkeitsschätzungen spezialisierten Gutachter. Somit sei auf das D._-
Gutachten abzustellen. Da die Beschwerdeführerin weder in der angestammten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Tätigkeit als Hilfsköchin noch im Aufgabenbereich als Hausfrau eingeschränkt sei, habe
sie keinen Anspruch auf IV-Leistungen (act. G 7).
B.c Mit einer Replik vom 7. Dezember 2012 hält die Beschwerdeführerin an ihrer
Beschwerde fest. Sie bringt erneut vor, dass die von ihr geklagten Beschwerden
anlässlich der Begutachtung im D._ nicht genügend berücksichtigt und nicht ernst
genommen worden seien. Sie sei zu 100% arbeitsunfähig, was Dr. C._ bestätige.
Mittlerweile habe sich ihr Gesundheitszustand derart verschlechtert, dass eine
Hüftgelenksoperation angezeigt sei (act. G 11). Gemäss dem Arztzeugnis von Dr. C._
zu Handen des Amts für Arbeit vom 5. März 2011 besteht seit dem 3. Januar 2011
auch in leidensangepassten Tätigkeiten eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin (act. G 11.1).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf die Einreichung einer Duplik (act. G 14).

Erwägungen:
1.
1.1 Ist eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrads verweigert bzw. ein
Rentengesuch abgewiesen worden, so wird eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn
die Voraussetzungen des Eintretens auf ein Rentenrevisionsgesuch (analog) erfüllt sind,
d.h. wenn mit der Neuanmeldung glaubhaft gemacht wird, dass eine
anspruchserhebliche Änderung des Invaliditätsgrads eingetreten ist (Art. 87 Abs. 3
i.V.m. Abs. 2 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Gelingt
es nicht, eine anspruchserhebliche Veränderung des Invaliditätsgrads glaubhaft zu
machen, erlässt die IV-Stelle eine Nichteintretensverfügung. Entgegen dem Wortlaut
der genannten Verordnungsbestimmung ist nicht direkt eine Veränderung des
Invaliditätsgrads glaubhaft zu machen. Es genügt, wenn eine Veränderung eines für die
Invaliditätsbemessung relevanten Sachverhaltselements (i.d.R. des
Arbeitsfähigkeitsgrads) glaubhaft gemacht wird und daraus eine leistungsrelevante
Veränderung des Invaliditätsgrads resultieren kann. Das Glaubhaftmachen stellt
niedrigere Beweisanforderungen als der im Sozialversicherungsrecht im Allgemeinen
massgebende Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit. Es genügt, dass für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den geltend gemachten rechtserheblichen Sachumstand wenigstens gewisse
Anhaltspunkte bestehen, auch wenn durchaus noch mit der Möglichkeit zu rechnen ist,
bei eingehender Abklärung werde sich die behauptete Sachverhaltsänderung (bzw.
Sachlage) nicht erstellen lassen (Urteil des Bundesgerichts vom 8. Juli 2011,
9C_263/11).
1.2 Bei der letzten rechtskräftigen Abweisung des Rentengesuchs vom 2. Juni 2009
hat sich die Beschwerdegegnerin auf das ZVMB-Gutachten vom 30. Januar 2009
gestützt und ist von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
ausgegangen (vgl. IV-act. 29). Im ZVMB-Gutachten sind als Diagnosen der Sturz vom
14. Dezember 2007 ohne Hinweise auf eine nachweisbare und bis heute anhaltende
Körperschädigung sowie ein nicht unfallbedingter Spannungs(kopf-)schmerz genannt
worden (vgl. IV-act. 26-30). Im Rahmen der Neuanmeldung vom 22. September 2010
hat die Beschwerdeführerin eine erhebliche Verschlechterung ihres
Gesundheitszustandes geltend gemacht (vgl. IV-act. 38-1). Glaubhaft gemacht worden
ist diese Behauptung insbesondere durch den Bericht des behandelnden Psychiaters
Dr. F._ vom 3. Februar 2011, welcher im Vergleich zum Gutachten auf eine
zusätzliche Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit hat schliessen lassen (vgl.
IV-act. 43). Die Beschwerdegegnerin ist somit zu Recht auf die Neuanmeldung
eingetreten, um einen Anspruch der Beschwerdeführerin auf einen Rentenanspruch zu
prüfen.
2.
2.1 Streitig und zu prüfen ist im Folgenden der Anspruch der Beschwerdeführerin auf
eine Rente der Invalidenversicherung.
2.2 Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht ein
Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein
Anspruch auf eine Viertelsrente.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Um den Grad der Arbeitsunfähigkeit, der Erwerbsunfähigkeit und der Invalidität
bemessen zu können, sind Verwaltung und Gericht auf Unterlagen angewiesen, die
ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben.
Aufgabe der ärztlichen Sachverständigen ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen
und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten
die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen).
Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin hat gestützt auf das ZVMB-Gutachten vom 30. Januar
2009 weiterhin eine 100%ige Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin angenommen.
Sie bringt vor, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seit der
Verfügung vom 2. Juni 2009 nicht verschlechtert habe und die nachfolgenden höheren
Arbeitsunfähigkeitsschätzungen der behandelnden Ärzte nicht nachvollziehbar seien.
3.2 In somatischer Hinsicht hat Dr. C._ gemäss dem Protokoll des RAD vom
15. Dezember 2008 angegeben, dass die Beschwerdeführerin nach dem Unfall vom
14. Dezember 2007 an einem chronischen HWS-Syndrom in Form von Schmerzen im
Nacken, Übelkeit und Konzentrationsschwierigkeiten leide (vgl. IV-act. 10-1). Im Gut
achten des D._ vom 30. Januar 2009 ist jedoch nachvollziehbar dargelegt worden,
weshalb es sich beim Sturz vom 14. Dezember 2007 nicht um eine HWS-Distorsion
bzw. um ein Schleudertrauma gehandelt haben kann. So haben die Gutachter fest
gehalten, dass die Biomechanik des Unfalls nicht die für diese Diagnose erforderlichen
Kriterien erfülle. Zudem komme es beim Ausrutschen der Beine reflektorisch in
Sekundenbruchteilen schon vor dem drohenden Aufprall zur muskulären Tonisierung
der gesamten Rumpf- und auch der Wirbelsäulenmuskulatur. Translatorische Kräfte,
die zu einem zervikalen Schermechanismus führen würden, hätten deshalb bei diesem
Ereignis nicht auftreten können (vgl. IV-act. 19-22). Gemäss eigenen Angaben der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin sei ihr vom behandelnden Chiropraktiker, Dr. G._, erklärt
worden, dass sie den Kopf durch den Sturz schlagartig gegen die Fallrichtung, d.h.
nach rechts, abgekippt habe, wobei es sich um den Schleudertrauma-Mechanismus
handle (vgl. IV-act. 19-8). Dazu haben die Gutachter festgehalten, dass die Vorstellung
der Beschwerdeführerin nicht dem bei einem solchen Ereignis zu erwartenden
Bewegungsablauf entspreche. Bei einem linksseitigen Aufprall komme es automatisch
– wenn überhaupt – zur linksseitigen Abwinkelung des Kopfes (vgl. IV-act. 19-22 f.).
Zum Unfallhergang haben die Gutachter ausgeführt, dass bei der Beschwerdeführerin
weder Schwellungen, noch Hämatome festgestellt worden seien. Auch ein Kopfanprall
sei nirgends dokumentiert worden. Vor diesem Hintergrund könne von einem relativ
banalen Unfallereignis ausgegangen werden (vgl. IV-act. 19-25).
3.3 Trotz der überzeugenden gutachterlichen Ausführungen zum Unfallhergang hat
Dr. C._ auch im Rahmen der Neuanmeldung in seinem Bericht vom 29. Januar 2011
wieder die Diagnosen Schleudertrauma und HWS-Distorsion genannt. Neu hat er einen
Unfall der Beschwerdeführerin im Jahr 1992 erwähnt, wobei es sich um ein
Schleudertrauma mit Folgekopfschmerzen und Schwindel gehandelt haben soll (vgl. IV-
act. 41-1). In den Akten sind bezüglich dieses Unfalls keine Berichte zu finden, welche
die Angaben von Dr. C._ bestätigen würden. In einem von Dr. C._ eingereichten
Bericht der Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen vom 24. September 1997
ist lediglich in der Anamnese die Aussage der Beschwerdeführerin widergegeben
worden, wonach sie im 1992 ein Schleudertrauma erlitten habe (vgl. IV-act. 41-5).
Belege dafür sind jedoch nicht ersichtlich. Gemäss dem Bericht war die neurologische
Untersuchung erfolgt, nachdem bei der Beschwerdeführerin am 18. September 1997
anhaltende Schwindelbeschwerden aufgetreten sind. Der behandelnde Arzt hatte
jedoch keine objektivierbaren Befunde erheben können, welche die von der
Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden erklärten. Gemäss den Angaben der
Beschwerdeführerin war es im Verlauf wohl auch ohne Behandlung zu einer
zunehmenden Verbesserung des Schwindels gekommen (vgl. IV-act. 41-5 f.). Offenbar
haben in der Folge auch keine weiteren Abklärungen oder Untersuchungen der
Schwindelbeschwerden stattgefunden. Dass dieser akut aufgetretene, vorübergehende
Schwindel im Jahr 1997 auf ein angebliches Schleudertrauma im 1992 zurückzuführen
gewesen ist, wie es Dr. C._ vermutet, erscheint unwahrscheinlich. Gemäss dem
D._-Gutachten hat die Beschwerdeführerin bei der Anamneseerhebung angegeben,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass sie im Jahr 1997 wegen Überlastung und Schwindel für zwei Wochen im Spital
habe behandelt werden müssen. Die Ursache habe nicht geklärt werden können (vgl.
IV-act. 19-10). Ein im Jahr 1992 erlittenes Schleudertrauma hat sie gegenüber den
Gutachtern jedoch nicht erwähnt. Vor diesem Hintergrund ist die von Dr. C._
gestellte arbeitsfähigkeitsrelevante Diagnose eines Schleudertraumas – nun neu
aufgrund eines Unfalls im Jahr 1992 - wenig glaubhaft. Weiter hat Dr. C._ an seiner
früheren Beurteilung festgehalten, wonach die Beschwerdeführerin bei ihrem Sturz vom
14. Dezember 2007 eine HWS-Distorsion erlitten habe (vgl. IV-act. 41-2). Dieser
Ansicht kann in Anbetracht der überzeugenden gegenteiligen Ausführungen im D._-
Gutachten nicht gefolgt werden. Da Dr. C._ seiner Beurteilung somit offenbar
unzutreffende Sachverhaltsannahmen zu Grunde gelegt hat, kann auf seinen Bericht
vom 29. Januar 2011 sowie auf seine Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht abgestellt
werden. Gleiches gilt für seinen Verlaufsbericht, welcher der Beschwerdegegnerin am
17. November 2011 zugegangen ist. Darin hat Dr. C._ bei unveränderten Diagnosen
noch eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin
angegeben (vgl. IV-act. 67). Seine im Vergleich zum D._-Gutachten eher knappen
und wenig präzisen medizinischen Ausführungen vermögen eine Verschlechterung
indes nicht zu begründen und die attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin ist wenig überzeugend.
3.4 Aus dem D._-Gutachten geht hervor, dass trotz umfassender somatischer
Untersuchungen keine objektivierbaren Befunde als Ursache für die von der
Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden erhoben werden konnten. Den
Gutachtern sind zudem Diskrepanzen zwischen dem Spontanverhalten der
Beschwerdeführerin und den Schmerzangaben während der chirurgisch-
traumatologisch/manualmedizinischen Untersuchung aufgefallen. Sie haben
festgehalten, dass die Beschwerdeführerin bei zahlreichen Tests unvermutet
Schmerzen im Sinne einer generalisierten Hypersensitivität geäussert habe. Die kleine
Diskushernie C4/5, welche sich im MRI der HWS vom 26. Januar 2009 gezeigt habe,
bewirke nachweislich keine radikuläre Kompression. Eine entsprechende Klinik fehle
ebenfalls (vgl. IV-act. 19-24). Betreffend die von der Beschwerdeführerin im Rahmen
der Begutachtung vordergründig geklagten Kopfschmerzen und
Konzentrationsschwierigkeiten (vgl. IV-act. 19-9) haben die Gutachter festgehalten,
dass diese Beschwerden mangels eines organischen Korrelats wohl auf psychosoziale
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und soziökonomische Belastungen (erheblicher Partnerschaftskonflikt und damit
verbundene Zukunftsängste in finanzieller Hinsicht) zurückzuführen seien. Diese sog.
Spannungs(kopf-)schmerzen seien zwar oft über lange Zeiträume anhaltend, aber
keinesfalls als schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigung anzusehen (vgl. IV-
act. 19-26). Dr. C._ hat im Bericht vom 29. Januar 2011 als Befunde eine geringe
Belastbarkeit sowie Schwindel- und Kopfschmerzattacken bei Anstrengungen genannt
und eine andauernde 100%ige Arbeitsunfähigkeit als Köchin attestiert (vgl. IV-act.
41-2). Ein organisches Korrelat für diese Beschwerden hat er jedoch nicht anführen
können, weshalb davon auszugehen ist, dass er sich massgeblich auf die Angaben der
Beschwerdeführerin gestützt hat. Dazu ist jedoch festzuhalten, dass Schmerzangaben
der versicherten Person allein für die Annahme einer Arbeitsunfähigkeit nicht genügen
können. Vielmehr muss im Rahmen der sozialversicherungsrechtlichen
Leistungsüberprüfung verlangt werden, dass Schmerzangaben durch damit
korrelierende, schlüssig feststellbare Befunde hinreichend erklärbar sind. Ansonsten
wäre eine rechtsgleiche Beurteilung der Rentenansprüche nicht gewährleistet (Ulrich
Meyer, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 2. Aufl. 2010, S. 353 f.).
3.5 Zusammengefasst sind die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden
überwiegend wahrscheinlich nicht auf eine HWS-Distorsion bzw. ein Schleudertrauma
zurückzuführen. Beim Sturz vom 14. Dezember 2007 sind die biomechanischen Krite
rien für die Annahme dieser Diagnose nicht erfüllt gewesen. Das angeblich erlittene
Schleudertrauma im Jahr 1992 ist in keiner Weise belegt und – wenn es überhaupt
stattgefunden hat – nicht in einen nachvollziehbaren Zusammenhang mit den aktuellen
Beschwerden zu bringen. Ansonsten bestehen keine objektivierbaren Befunde, welche
die geklagten Beschwerden erklären könnten. Somit ist in somatischer Hinsicht seit der
Begutachtung vom Januar 2009 überwiegend wahrscheinlich keine Veränderung bzw.
Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin eingetreten.
3.6 In psychiatrischer Hinsicht hat der Gutachter des D._ bei der
Beschwerdeführerin keine Hinweise für eine affektive Störung erheben können. Er hat
zudem festgehalten, dass es sich bei den von der Beschwerdeführerin geschilderten
gewissen Ängsten vor erneuten Stürzen nicht um eine therapiebedürftige oder
krankheitswertige Angststörung handle. Bezüglich der geklagten Schmerzen sei davon
auszugehen, dass sich unfallunabhängige psychosoziale Belastungen mit der primär
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unfallbedingten Schmerzsymptomatik vernetzt und zu einer Verselbständigung der
Schmerzproblematik geführt hätten, für die schon seit mehreren Monaten kein
materielles Substrat erkennbar sei (vgl. IV-act. 19-25). Im Gegensatz zum Gutachter hat
der behandelnde Psychiater Dr. F._ gemäss seinem Bericht vom 3. Februar 2011
eine affektive Störung angenommen. Er hat festgehalten, es sei schwierig eine
Diagnose zu stellen, am ehesten bestehe jedoch eine depressive Reaktion (F43.21 oder
F33.11), spätestens ab dem Zeitpunkt des Behandlungsbeginns im Oktober 2009. Als
Befunde hat er eine häufig depressive Grundstimmung, Schlafprobleme, Ermüdbarkeit,
Konzentrationsmangel sowie Ängste bei Stress genannt. Die Arbeitsfähigkeit hat er als
vollumfänglich aufgehoben angesehen. Die Beschwerdeführerin sei nur noch in der
Lage, den täglichen Haushalt für sich allein zu erledigen (vgl. IV-act. 43-1). Angesichts
der erhobenen Befunde erscheint die Annahme einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit
nicht nachvollziehbar. Offenbar hat Dr. F._ zudem auch die von der
Beschwerdeführerin geklagten somatischen Beschwerden in seine
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung miteinbezogen. So hat er festgehalten, dass die
Wechselwirkung zwischen Unfallfolgen (Wirbelsäulenschmerzen), Arthrose, Gefühle des
Unwertseins, nicht mehr leisten zu können und möglicherweise zusätzlichen
psychosomatischen Schmerzen sehr unheilvoll sei (vgl. IV-act. 43-2). Zumindest einen
Teil der von der Beschwerdeführerin geklagten somatischen Beschwerden hat er somit
als objektiv gegeben angenommen, obwohl diesen kein organisches Korrelat zu
Grunde liegt (s.o. E. 3.5). Im Verlaufsbericht vom 3. November 2011 hat Dr. F._
festgehalten, dass die Beschwerdeführerin die Therapie im Februar 2011 beendet
habe, nachdem es ihr bezüglich der Depression besser gegangen sei (vgl. IV-act. 66-4).
Demgegenüber hat er jedoch angegeben, dass der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin stationär und die Diagnosen unverändert seien. Diese Angaben
erscheinen angesichts der von ihm beschriebenen eingetretenen Verbesserung in
psychischer Hinsicht mit einer selbständigen Beendigung der Therapie seitens der
Beschwerdeführerin als widersprüchlich. Bezüglich der Arbeitsfähigkeit hat Dr. F._
festgehalten, dass eine Verbesserung aufgrund der körperlichen Symptome nicht
garantiert sei. Für Auskünfte betreffend die somatischen Befunde hat er auf Dr. C._
verwiesen (vgl. IV-act. 66-4). Allein aufgrund der Aussagen der Beschwerdeführerin
betreffend ihre Arbeitstätigkeit im Restaurant des Sohnes, welche sie nicht mehr als
zwei bis drei Stunden in der Woche ausüben könne, ist Dr. F._ davon ausgegangen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass weiterhin eine massiv eingeschränkte Belastungsfähigkeit und schnelle
Ermüdbarkeit bestehe (vgl. IV-act. 66-5). Die Ausführungen von Dr. F._ betreffend
den psychischen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin sowie die
Schlussfolgerungen bezüglich ihrer Arbeitsfähigkeit sind nicht überzeugend. Objektive
psychiatrische Befunde als Erklärung für die erwähnten Einschränkungen fehlen völlig.
Aus diesen Gründen kann nicht auf die Berichte von Dr. F._ sowie dessen
Arbeitsfähigkeitsschätzungen abgestellt werden. Aufgrund der Befundlage ist
überwiegend wahrscheinlich davon auszugehen, dass bei der Beschwerdeführerin
keine psychiatrischen Erkrankungen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
bestehen. Somit ist auch in psychischer Hinsicht keine Veränderung bzw.
Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin gegenüber der
Begutachtung im Januar 2009 ausgewiesen.
3.7 Zusammengefasst sind die von der Beschwerdeführerin beklagten Schmerzen
und kognitiven Einschränkungen weder aus somatischer noch aus psychiatrischer
Sicht mit objektivierbaren Befunden erklärbar. Eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
lässt sich vor diesem Hintergrund nicht begründen. Die mit der Anmeldung vom
September 2010 geltend gemachte Verschlechterung des Gesundheitszustandes
sowie der Arbeitsfähigkeit seit der Begutachtung im D._ ist weder nachvollziehbar
noch objektivierbar. Aus diesem Grund liegt überwiegend wahrscheinlich ein im
Vergleich zum D._-Gutachten vom 30. Januar 2008 im Wesentlichen unveränderter
Gesundheitszustand vor, womit auch weiterhin von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in
der bisherigen Tätigkeit als Köchin sowie jeder anderen Tätigkeit – den
Aufgabenbereich als Hausfrau eingeschlossen – auszugehen ist.
3.8 Da weder in der bisherigen Tätigkeit als Köchin noch im Aufgabenbereich
Haushalt gesundheitlichen Einschränkungen bestehen, erübrigt sich die Durchführung
eines Einkommens- bzw. eines Betätigungsvergleichs. Der Invaliditätsgrad der
Beschwerdeführerin liegt in diesem Fall bei 0% (vgl. IV-act. 24-2). Die
Beschwerdeführerin hat somit keinen Anspruch auf eine Invalidenrente. Die
angefochtene Verfügung vom 11. Mai 2012 erweist sich folglich als rechtmässig.
4.
4.1 Gestützt auf die vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
bei dem vorliegenden durchschnittlichen Beurteilungsaufwand angemessen. Der
unterliegenden Beschwerdeführerin sind die Gerichtskosten in Höhe von Fr. 600.--
aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP/
sGS 951.1]). Mit dem geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 600.-- sind die Ge
richtskosten beglichen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP