Decision ID: 1223f9ee-420a-57cd-bd52-d6120a669c0e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste gemäss seinen Angaben am 20. Oktober
2016 in die Schweiz ein und stellte am folgenden Tag im Empfangs- und
Verfahrenszentrum (EVZ) B._ ein Asylgesuch. Am 31. Oktober
2016 fand die Kurzbefragung zur Person (BzP) im EVZ und am 4. April
2018 seine Anhörung zu den Asylgründen gemäss Art. 29 Abs. 1 AsylG
(SR 142.31) statt. Am 17. Dezember 2019 erfolgte eine ergänzende Anhö-
rung.
B.
B.a Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Rahmen der BzP sowie der ersten Anhörung vor, er sei tadschikischer
Ethnie und stamme aus dem Dorf C._, Distrikt D._, Provinz
E._. Er habe insgesamt zwölf Jahre lang die Schule besucht, die
ersten fünf Jahre in Kabul und dann in der Provinz Panjshir. Nach dem
Schulabschluss habe er in Kabul als (...) gearbeitet und sei danach nach
E._ zurückgekehrt. Dort habe er in E._-(...) ein (...)geschäft
betrieben. Sein Vater und ein Onkel väterlicherseits – die mittlerweile beide
verstorben seien – hätten der Jamiat-Partei angehört. Sein Onkel sei ein
hochrangiges Parteimitglied gewesen und habe als Kommandant eines Mi-
litärlagers in F._ eine einflussreiche Position bei den Regierungs-
kräften bekleidet. Er selber vertrete auch die Ideologie der Jamiat-Partei
und betrachte sich als Mitglied derselben. Regelmässige Kunden seines
(...)geschäfts, mutmasslich Angehörige der Taliban oder des Daesh (vgl.
Protokoll Anhörung vom 4. April 2018, Akten SEM A15 F68), respektive
"Dashat Afghand" (a.a.O. F77) hätten zunächst von ihm verlangt, mehrere
Motorräder für sie zu beschaffen. Danach hätten sie ihn genötigt, auch
Waffen (Pistolen) zu beschaffen. Er habe dann für diese Gruppierung viele
Waffen respektive zwei Pistolen auf dem Schwarzmarkt gekauft. Er habe
diese Tätigkeit für die Terroristen eigentlich nicht fortsetzen wollen, sei von
ihnen aber mit dem Tod bedroht worden, falls er ihre Forderungen nicht
weiterhin erfülle. Nach einiger Zeit hätten die Sicherheitskräfte von seinen
Waffenkäufen Kenntnis erhalten. Er habe von Nachbarn sowie von seiner
Mutter erfahren, dass Angehörige der Sicherheitskräfte ihn – sowohl an
seinem Geschäftssitz als auch zu Hause – gesucht hätten. Er habe be-
fürchtet, deswegen von den Sicherheitskräften festgenommen zu werden.
Waffenhandel sei ein schweres Verbrechen, das mit einer Gefängnisstrafe
von 10 bis 15 Jahren bestraft werde. Zudem habe er Angst davor gehabt,
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von den Terroristen weiterhin unter Druck gesetzt oder gar getötet zu wer-
den, um zu verhindern, dass sie entdeckt würden. Aufgrund dieser Situa-
tion habe er sich zunächst einen Monat lang bei einer Tante väterlicherseits
in G._ aufgehalten. Während dieser Zeit habe er gehört, dass re-
gelmässig Sicherheitskräfte vor seinem Geschäft und unbekannte Perso-
nen vor dem Haus seiner Familie stehen würden. Etwa ein Jahr vor der
Einreise in die Schweiz habe er seinen Heimatstaat verlassen, und er sei
illegal über Pakistan, Iran, wo er sich ein paar Tage (Protokoll BzP Akten
SEM A8 S. 7) respektive etwa acht Monate lang (Protokoll Anhörung vom
4. April 2018 Akten SEM A15 F27, F151, F159 f.) aufgehalten habe, und
die Türkei nach Griechenland gereist. Dort sei er sechs bis sechseinhalb
Monate im Gefängnis gewesen und danach über Italien in die Schweiz wei-
tergereist.
Im Übrigen sei er Schriftsteller und Dichter; er habe Texte verfasst, in
denen er sich kritisch mit der Handlungsweise der Mullahs auseinander-
gesetzt habe. Diese habe er im Internet, namentlich auf Facebook, veröf-
fentlicht. Er habe seine Haltung auch in Diskussionen vertreten. Er sei
deshalb von vielen Leuten, vor allem von den Mullahs, verachtet und aus-
gegrenzt worden.
B.b Im Rahmen der ergänzenden Anhörung gab der Beschwerdeführer zu-
dem zu Protokoll, seine Mutter lebe nun bei seiner Tante väterlicherseits in
G._. Zu seiner in Kabul wohnhaften Tante mütterlicherseits sowie
zu deren Kindern habe er keinen Kontakt. Sein Vater sowie zwei Onkel
väterlicherseits seien umgebracht worden. Er sei nebst den bereits geschil-
derten Problemen auch in Gefahr geraten, weil er Nachforschungen zu den
Umständen der Ermordung des Onkels angestellt habe, der zur Zeit der
Regierung Karzai Kommandant der Garnison von F._ gewesen sei.
Im Weiteren habe er nach Abschluss der Schule erst als (...) in E._
und danach, während weniger als einem Jahr, als (...) in Kabul gearbeitet.
Mehr als sechs Monate vor seiner Ausreise sei er wieder nach E._
zurückgekehrt, wo seine Mutter und er von der Landwirtschaft und ihren
Obstgärten gelebt hätten.
C.
Mit Verfügung vom 27. Februar 2020 (eröffnet am 4. März 2020) stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug an.
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D.
Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 24. März 2020 (Datum
Poststempel) erhob der Beschwerdeführer Beschwerde gegen die Verfü-
gung der Vorinstanz und beantragte die Feststellung seiner Flüchtlingsei-
genschaft und die Asylgewährung, eventuell die Anordnung seiner vorläu-
figen Aufnahme. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung, um amtliche Verbeiständung so-
wie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. In der Beilage
wurde eine Fürsorgebestätigung von (...) vom 20. März 2020 eingereicht.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 26. März 2020 forderte der Instruktionsrichter
den Beschwerdeführer zur Beschwerdeverbesserung (Beschwerdeschrift
mit Unterschrift) sowie zur Nennung des ihm beizuordnenden Rechtsbei-
stands auf.
F.
Mit Eingabe vom 3. April 2020 zeigte der Rechtsvertreter des Beschwer-
deführers die Übernahme des Vertretungsmandats an. Zudem wurde die
eingeforderte Beschwerdeverbesserung (Beschwerdeeingabe mit Origi-
nalunterschrift des Beschwerdeführers) eingereicht und es wurde ergän-
zend zu den in der Eingabe vom 24. März 2020 gestellten Rechtsbegehren
beantragt, der vorinstanzliche Entscheid sei aufzuheben und die Sache zu
neuem Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen. Schliesslich wurde
darum ersucht, der neu mandatierte Rechtsvertreter sei dem Beschwerde-
führer als unentgeltlicher Rechtsbeistand beizuordnen. In der Beilage
wurde nebst einer Kopie der Fürsorgebestätigung ein Vorlehrvertrag vom
9. April 2019 eingereicht.
G.
Der Instruktionsrichter hiess mit Zwischenverfügung vom 14. April 2020 die
Gesuche um unentgeltliche Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG
sowie um unentgeltliche Verbeiständung gemäss aArt. 110a AsylG gut,
setzte antragsgemäss Fürsprecher Daniel Weber als unentgeltlichen
Rechtsbeistand ein und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Ferner wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, die in Aus-
sicht gestellten Beweismittel innert 30 Tagen nachzureichen. Schliesslich
machte der Instruktionsrichter den Rechtsvertreter auf verschiedene For-
mulierungen in seiner Eingabe aufmerksam, die gegenüber der Vorinstanz
unnötig scharf und verletzend formuliert seien; der Rechtsbeistand wurde
unter Hinweis auf die Bestimmung von Art. 60 Abs. 1 VwVG aufgefordert,
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den Anstand zu wahren und sich einer sachlichen Ausdrucksweise zu be-
dienen.
H.
Mit Eingabe seines Rechtsbeistands vom 15. Mai 2020 reichte der Be-
schwerdeführer zwei von ihm verfasste fremdsprachige Texte ein. Im
Schreiben entschuldigte sich der Rechtsvertreter für die teilweise "inadä-
quaten Formulierungen".
I.
Mit Instruktionsverfügung vom 20. Mai 2020 lud der Instruktionsrichter die
Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 4. Juni 2020 vollumfänglich
an seinen Erwägungen fest.
J.
Mit Eingabe vom 26. Juni 2020 machte der Beschwerdeführer von dem
ihm (mit Instruktionsverfügung vom 11. Juni 2020) eingeräumten Recht zur
Replik Gebrauch, wobei er an den gestellten Beschwerdeanträgen vollum-
fänglich festhielt. In der Beilage wurde ein Identitätsdokument (Tazkira) so-
wie ein handschriftliches Schreiben, beide in Kopie, eingereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung im Wesentlichen mit der Un-
glaubhaftigkeit der geltend gemachten Asylgründe.
3.1.1 Dem Beschwerdeführer sei es nicht gelungen, die Angaben zu seiner
Person, seiner Familie sowie seinem Werdegang in Afghanistan in ein
schlüssiges Gesamtbild zu bringen. Namentlich habe er nicht nachvollzieh-
bar darzulegen vermocht, weshalb er die Schule in Kabul sowie im
Panjshir-Tal besucht habe, und seine Angaben zu seiner beruflichen Tätig-
keit und seinen Aufenthaltsorten nach Abschluss der Schulausbildung wür-
den erhebliche Diskrepanzen aufweisen. Ferner habe der Beschwerdefüh-
rer trotz mehrmaliger Aufforderung und Zusicherungen seinerseits keinerlei
Dokumente zu den Akten gereicht. Es entstehe der Eindruck, dass er aus
einer bessergestellten Familie stamme, jedoch im Laufe des Verfahrens
versucht habe, deren Status und Einfluss zu verschleiern. Aus den Anga-
ben des Beschwerdeführers sei zu schliessen, dass er mindestens zwei-
mal für längere Zeit in Kabul gelebt und gearbeitet habe und dort eine Tante
mit ihrer Familie ansässig sei. Es könne davon ausgegangen werden, dass
er mit diesen Verwandten jeweils in Kontakt gestanden habe. Vor diesem
Hintergrund seien Vorbehalte an dem Aussageverhalten und der persönli-
chen Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers anzubringen.
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3.1.2 Im Weiteren seien seine Schilderungen zu den Asylgründen in Kern-
elementen unsubstanziiert, realitätsfremd, unlogisch und teilweise wider-
sprüchlich ausgefallen. Seine Angaben zum konkreten Ablauf der Ereig-
nisse seien trotz vieler Nachfragen oberflächlich und ungenau geblieben.
Er habe die angeblichen Probleme mit den afghanischen Behörden und
den Taliban, respektive der Gruppe "Dashat Afghand", nicht in der zu er-
wartenden Subjektivität und Erlebnisnähe zu schildern vermocht und keine
Angaben zu Zeit und Ort der einzelnen Ereignisse gemacht. In der ergän-
zenden Befragung habe der Beschwerdeführer seine Fluchtgründe nicht
zu konkretisieren vermocht, sondern in den Kernpunkten ausweichende
Antworten gegeben. Dass die Gruppe "Dashat Afghand" sich für die Be-
schaffung von Motorrädern und Waffen gerade an ihn gewendet habe,
mute realitätsfremd an, und er habe hierfür keine nachvollziehbare Erklä-
rung geben können. Seine Darlegungen zum Hergang der geschilderten
Ereignisse seien über weite Strecken oberflächlich, vage und realitäts-
fremd; seine Ausführungen würden insgesamt wenig schlüssig und kon-
struiert wirken. Während der Beschwerdeführer gemäss seinen Angaben
bei der ersten Anhörung wiederholt Waffen sowie mehrere Fahrzeuge habe
beschaffen müssen, habe er gemäss einer Darstellung in der ergänzenden
Befragung lediglich zwei Waffen beschafft. Zudem habe er divergierende
Angaben zu der Identität der Gruppe gemacht, die ihn angeblich zur Be-
schaffung von Waffen genötigt habe. Im Weiteren erschliesse sich aus den
auch diesbezüglich übersteigert und konstruiert wirkenden Schilderungen
des Beschwerdeführers nicht, wie es zu der behaupteten behördlichen Ver-
folgung habe kommen können. Er habe keine Angaben dazu gemacht, wie
die Behörden von seiner Tätigkeit erfahren hätten, und seine Schilderun-
gen der mutmasslichen Waffenübergabe und Bespitzelung durch die
Sicherheitskräfte seien äusserst vage und oberflächlich. Die angebliche
behördliche Verfolgung fusse auf subjektiven Befürchtungen und Auskünf-
ten von Drittpersonen und lasse sich nicht mit der Aussage des Beschwer-
deführers anlässlich der BzP vereinbaren, dass er den Behörden mit An-
gaben zu den Milizen gedient habe, wonach diese aufgeflogen seien.
Schleierhaft sei im Übrigen auch, weshalb er seine familiären Kontakte zu
der Regierung nicht genutzt habe, um Massnahmen zu seiner Sicherheit
zu ergreifen.
3.1.3 Hinsichtlich der behaupteten Schwierigkeiten des Beschwerdefüh-
rers mit den Mullahs und der afghanischen Gesellschaft wegen seiner lite-
rarischen Tätigkeit würden sich Zweifel rechtfertigen, weil er diese bei der
Anhörung erst auf konkrete Nachfrage hin erwähnt habe. Seinen Ausfüh-
rungen seien zudem keine Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, dass er in
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diesem Zusammenhang je persönlich von asylbeachtlichen Nachteilen
betroffen gewesen sei. Seine diesbezüglichen Vorbringen würden stark
gesteigert und überzeichnet wirken und seien somit als unglaubhaft zu
qualifizieren. Schliesslich seien auch keine konkreten Hinweise dafür er-
sichtlich, dass der Beschwerdeführer von behördlichen Massnahmen
aufgrund des Tätigkeit seines Onkels für die Partei Jamiat e-Islami sowie
seiner eigenen Parteimitgliedschaft betroffen gewesen sei. Bei der allge-
meinen Kriegssituation sowie der Präsenz der Taliban handle es sich um
Ereignisse im Kontext der bewaffneten Auseinandersetzungen in Afghanis-
tan, von welchen viele Leute in ähnlicher Weise betroffen seien. Es seien
aus den Akten des Beschwerdeführers keine Hinweise für eine gezielte
Verfolgungsabsicht aus einem Motiv im Sinne von Art. 3 AsylG ersichtlich.
3.1.4 In Bezug auf die Frage des Wegweisungsvollzugs sei zunächst fest-
zustellen, dass sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür ergeben
würden, dass dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr in den
Heimatstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK
verbotene Strafe oder Behandlung drohe. Schliesslich sei es dem SEM
aufgrund der unglaubhaften Angaben des Beschwerdeführers zu seinem
Lebenslauf, zu seinen Eltern und zu den übrigen Verwandten nicht mög-
lich, sich in voller Kenntnis seiner tatsächlichen persönlichen und familiä-
ren Situation zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu äussern.
Die Untersuchungspflicht finde ihre Grenzen an der Mitwirkungs- und
Wahrheitspflicht der Gesuchstellenden. Es sei nach ständiger Rechtspre-
chung nicht Aufgabe der Asylbehörden, bei fehlenden Hinweisen seitens
der Gesuchsteller nach allfälligen Wegweisungshindernissen zu forschen.
Dennoch sei zu erwähnen, dass der Beschwerdeführer angeblich aus einer
besser gestellten Familie mit guten Verbindungen zur afghanischen Regie-
rung stamme. Es handle sich bei ihm um einen jungen, alleinstehenden
Mann bei guter Gesundheit, der über einen Schulabschluss verfüge und in
Kabul gelebt und gearbeitet habe. Dadurch habe er bewiesen, dass er
durchaus in der Lage sei, für seinen Lebensunterhalt selbständig auf-
zukommen.
3.2
3.2.1 In der Beschwerdeeingabe wurde zunächst gerügt, die Vorinstanz
habe den Sachverhalt unvollständig und falsch festgestellt. In den beiden
Anhörungen sei dem Beschwerdeführer wenig Raum zur freien Erzählung
gelassen worden und Fragen seien ihm zum Teil so gestellt worden, dass
sie für ihn nicht verständlich gewesen seien. Zudem seien ihm immer wie-
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der bereits beantwortete Fragen gestellt worden, so dass der Eindruck ent-
stehe, die befragende Person habe ihm nicht zugehört. An mehreren Stel-
len des Protokolls seien Übersetzungsfehler festzustellen: Er habe bei der
ersten Anhörung nicht ausgesagt, er habe viele Waffen beschafft, sondern
nur zwei. Der Begriff "Dashat Afghand" stehe nicht für den Namen einer
Gruppierung, sondern sei ein allgemeiner Begriff für Terroristen bezie-
hungsweise Gewalttäter. In der zweiten Anhörung habe er gesagt, er habe
nach der Arbeit als (...) mit (...) gehandelt und nicht – wie fälschlicherweise
protokolliert – vor jener Tätigkeit.
3.2.2 Seine Aussagen im Rahmen der Befragungen würden zahlreiche Re-
alkennzeichen enthalten, wie Schilderungen eigenpsychischer Vorgänge
mit Details an Emotionalität, subjektiver Wahrnehmung und persönlicher
Betroffenheit (individuell durchzeichnete Darstellungen, chronologisch
unstrukturierte Schilderungen, nebensächliche Details und quantitativer
Detailreichtum). Diese würden klar darauf hindeuten, dass es sich nicht um
einen konstruierten Sachverhalt handle, sondern er effektiv selbst Erlebtes
geschildert habe. Bei der BzP gemachte Aussagen seien für die Beurtei-
lung der Glaubwürdigkeit nur sehr beschränkt tauglich und dürften nicht
gegen Angaben in den ausführlichen Anhörungen "ausgespielt" werden.
Es treffe nicht zu, dass sich aus seinen Angaben kein schlüssiges Gesamt-
bild betreffend seine Person, seine Familie und seinen Werdegang ergebe.
Er sei nie nach Aufenthalten in F._ gefragt worden, und beim Ein-
druck, er stamme aus einer bessergestellten Familie, handle es sich um
eine eigene Wertung der Vorinstanz, die zudem nicht wesentlich sei. Er
habe die Gründe nicht kennen können, die seine Mutter veranlasst hätten,
ihn in Kabul und Panjshir in die Schule zu schicken. Vermutlich sei die Si-
cherheitslage dafür ausschlaggebend gewesen. Die Behauptungen des
SEM, er habe ausgesagt, er sei für ein Studium nach Kabul gegangen und
habe dort ein eigenes Geschäft betrieben, seien aktenwidrig. Nachdem die
Missverständnisse bezüglich der zeitlichen Abfolge seiner Tätigkeiten hät-
ten ausgeräumt werden können, bestehe kein Anlass zu Zweifeln an sei-
nen Angaben. Er habe seine Tazkira nicht im Heimatstaat zurückgelassen,
sondern diese zusammen mit anderen Dokumenten auf der Reise an der
Grenze zwischen der Türkei und Griechenland verloren. Seine diesbezüg-
lichen Darlegungen würden viele Realkennzeichen enthalten. Das Fehlen
von Identitätsdokumenten könne ihm daher nicht vorgehalten werden. Die
Argumentation der Vorinstanz, er habe versucht, den Status und Einfluss
seiner Familie zu schmälern beziehungsweise zu verschleiern, sei nicht
nachvollziehbar. Entgegen den Erwägungen der angefochtenen Verfügung
habe er nicht "mindestens zweimal für längere Zeit in Kabul gelebt und
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gearbeitet", sondern er habe dort die Grundschule besucht und nach dem
Schulabschluss weniger als ein Jahr dort gearbeitet. Es sei nicht ersicht-
lich, weshalb seine diesbezüglich klaren Angaben angezweifelt werden
sollten. Insgesamt seien seine Ausführungen in den Befragungen weder
oberflächlich noch ungenau; die Vorinstanz habe die Behauptung, seine
Ausführungen seien ausweichend gewesen, nicht substanziiert. Er könne
nicht wissen, weshalb die Terroristen ihn für die Waffenbeschaffung aufge-
sucht hätten; diesbezügliche Erklärungen wären spekulativ. Er habe nicht
ausgesagt, wiederholt Waffen beschafft zu haben. Es sei weder erstellt
noch relevant, welchen Aufwand die Verfolger für die Beschaffung von Waf-
fen getrieben hätten. Ebenso habe er nie geäussert, dass er sich an die
Taliban gewandt habe. Die entsprechende Behauptung der Vorinstanz sei
wahrheitswidrig.
3.2.3 Die Identität seiner Verfolger sei ihm nach wie vor nicht genau
bekannt. Er denke, dass es sich um Mitglieder der "Daesh" (sogenannter
Islamischer Staat) oder der Taliban gehandelt habe. Er könne keine Anga-
ben dazu machen, wie die afghanischen Behörden von seinen Waffen-
geschäften erfahren hätten, weil er die Verfolgung durch diese nicht selbst
erlebt, sondern nur durch Drittpersonen (Mutter, Nachbarn des Geschäfts)
davon erfahren habe. Die Behauptung, er habe angegeben, den Behörden
mit Angaben zu den Milizen gedient zu haben, sei absurd und aktenwidrig.
Er habe keine familiären Verbindungen zu den Behörden gehabt, welche
er hätte nutzen können. Die Vorstellung, er hätte bereits nach dem Erst-
kontakt mit den Terroristen die Behörden um Hilfe ersuchen können, sei
realitätsfremd. Von den Differenzen mit den Mullahs wegen seiner schrift-
stellerischen Tätigkeit habe er sowohl bei der BzP als auch anlässlich der
ergänzenden Anhörung berichtet. Auch diese Angaben seien detailreich
und würden viele Realkennzeichen enthalten sowie nicht überzeichnet wir-
ken. Diese Probleme seien zudem nicht als fluchtauslösende Gründe gel-
tend gemacht worden, ebenso wenig wie die Nähe zur Partei Jamiat-e-
Islami. Hingegen habe er geltend gemacht, er habe sich verdächtig
gemacht, weil er den Gründen für den Tod seines Onkels auf den Grund
habe gehen wollen. Seine Schilderungen seien in sich schlüssig, kohärent,
widerspruchsfrei, plausibel, genügend substanziiert sowie reich an Details,
und er sei persönlich glaubwürdig. Demnach könne aus objektivierter Sicht
kein Zweifel daran aufkommen, dass er die geschilderten Vorfälle tatsäch-
lich selbst erlebt habe. Die Unglaubwürdigkeitsargumentation der Vor-
instanz sei nicht haltbar, und die Sache sei deshalb zur Prüfung der Asyl-
relevanz zurückzuweisen.
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3.2.4 Angesichts seiner glaubhaften Asylvorbringen habe er begründete
Furcht davor, bei einer Rückkehr in seine Heimat verfolgt zu werden, wes-
halb ihm Asyl zu gewähren sei. Im Übrigen habe er nie geltend gemacht,
wegen der allgemeinen Situation in Afghanistan geflüchtet zu sein, wes-
halb die Vorinstanz zu Unrecht die Asylrelevanz eines solchen Vorbringens
geprüft habe.
3.2.5 Die Argumentation der Vorinstanz hinsichtlich der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs sei willkürlich. Es gebe überhaupt keine Gründe zur
Annahme, er habe die Behörden über seine Biografie und seine Familien-
verhältnisse getäuscht. Ein Wegweisungsvollzug in seinen Herkunftsort
E._ sei offensichtlich nicht zulässig und nicht zumutbar. Die Vermu-
tung der Vorinstanz, es lägen keine Vollzugshindernisse vor, entbehre je-
der Grundlage und sei völlig willkürlich. Sie verletze ihre Amtspflicht, wenn
sie die offensichtlich vorliegenden Vollzugshindernisse mit einer faden-
scheinigen Begründung nicht prüfe. Sein Leben wäre bei einer Rückkehr
in seine Heimat bedroht. Zudem sei der Vollzug der Wegweisung aktuell
gar nicht möglich.
3.3 In der ergänzenden Eingabe vom 15. Mai 2020 führte der Beschwer-
deführ namentlich aus, sein-Facebook-Profil sei gesperrt und ihm nicht
zugänglich, weshalb auch keine Details hierzu oder publizierte Texte ein-
gereicht werden könnten. Die eingereichten Texte habe er aus dem
Gedächtnis neu verfasst.
3.4 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz namentlich aus, die an
den Übersetzungen durch den Dolmetscher geäusserten Zweifel seien
nicht gerechtfertigt. Den Befragungsprotokollen seien keine konkreten An-
haltspunkte für allfällige derartige Schwierigkeiten zu entnehmen. Zudem
habe der Beschwerdeführer jeweils bestätigt, die Dolmetscher zu verste-
hen, und auch die Richtigkeit der Protokolle unterschriftlich bestätigt. Es
entstehe der Eindruck, er versuche, seine Aussagen rückwirkend anzupas-
sen. Es werde daran festgehalten, dass seine Aussagen zu seinen Lebens-
umständen und seiner Familie bei genauer Betrachtung wenig konsistent
seien und sich nicht in ein stimmiges Gesamtbild bringen liessen, nament-
lich hinsichtlich seiner männlichen Verwandten. Dass diese alle verstorben
sein sollten, erscheine auffällig. Das Fehlen von Kontakten zu den verblei-
benden Familienmitgliedern und Verwandten sei schwer nachvollziehbar,
insbesondere hinsichtlich der Familie des in F._ ansässigen On-
kels. Dass der Beschwerdeführer angesichts seiner widrigen Lebensum-
stände und der späteren Bedrohungslage nicht – respektive nur für eine
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Seite 12
kurzzeitige Unterkunft – auf sein verwandtschaftliches Beziehungsnetz und
allfällige Verbindungen zurückgegriffen habe, mute realitätsfern an. Auch
seine Angaben zu seinen Tätigkeiten und Aufenthalten in Kabul sowie den
Umständen seiner Ausreise seien in keiner Weise konsistent. Das schwer
nachvollziehbare Aussageverhalten des Beschwerdeführers zeige sich
auch anhand seiner Angaben zum Verbleib seiner Tazkira, zur Identität der
Terroristen, die ihn unter Druck gesetzt hätten, sowie zur Anzahl der Waf-
fen, die er hätte beschaffen sollen. Er habe in der BzP ausdrücklich zu
Protokoll gegeben, dass die Sicherheitskräfte durch seine Suche nach
Waffen auf die Gruppe, die ihn dazu aufgefordert gehabt habe, aufmerk-
sam geworden seien. Die in der Beschwerdeschrift erhobenen Einwände
vermöchten die Vielzahl an Widersprüchen, Ungereimtheiten und logi-
schen Lücken in den Ausführungen des Beschwerdeführers nicht zu ent-
kräften.
3.5 In seiner Replik hielt der Beschwerdeführer zunächst an der in der
Beschwerde geäusserte Kritik an der Vorgehensweise der Vorinstanz,
namentlich der unvollständigen und teilweise falschen Sachverhalts-
feststellung, fest. Bei den Übersetzungen komme es immer wieder zu Un-
genauigkeiten, die bei einer genauen Prüfung der Protokolle ersichtlich
würden, ohne dass sich aus diesen aber Anhaltspunkte für Probleme bei
der Übersetzung ergeben würden. Es gehe nur darum, den Sachverhalt zu
klären und auf Ungenauigkeiten oder Missverständnisse bei der Über-
setzung hinzuweisen. Die Ausführungen der Vorinstanz in der Vernehmlas-
sung betreffend seine Angaben zu seinen Familienverhältnissen und des
verwandtschaftlichen Beziehungsnetzes seien weiterhin nicht nachvoll-
ziehbar und es sei nicht ersichtlich, inwiefern sie nicht konsistent seien.
Er habe nie behauptet, er habe ein "enges Beziehungsverhältnis" zu sei-
nem Onkel gepflegt, und sei auch nie danach gefragt worden, ob er in
F._ gewesen sei. Es gebe keinen Widerspruch zwischen den an-
geblich knappen finanziellen Ressourcen der Familie in seiner Kindheit und
seinem späteren geschäftlichen Erfolg als Erwachsener. Realitätsfern sei
die Vorstellung, er hätte sich zur Lösung seiner Probleme auf sein ver-
wandtschaftliches Beziehungsnetz stützen können. Sein Vater und sein
Onkel väterlicherseits seine verstorben, und bloss aufgrund von deren gu-
tem Ruf habe er von niemandem Hilfe einfordern können. Seine Schilde-
rungen würden sehr wohl ein stimmiges Gesamtbild seiner Verwandtschaft
und seiner Lebensumstände in Afghanistan ergeben. Er habe im Übrigen
nie behauptet, in der Landwirtschaft gearbeitet zu haben, sondern viel-
mehr, dass er von der Landwirtschaft gelebt habe. Er habe bereits in der
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BzP ausgesagt, dass seine Tazkira auf der Flucht zusammen mit allen an-
deren Papieren (Schulzeugnissen) verloren gegangen sei. Wenn er in der
Folge von diesem Dokument gesprochen habe, sei es jeweils darum ge-
gangen, eine Kopie zu beschaffen Diese Aussagen seien in keiner Weise
widersprüchlich oder ausweichend. Auf seine Bitte hin habe ein früherer
Schulkollege in E._ ein Duplikat seiner Tazkira beschafft und ihm
diese per E-Mail zugeschickt; eine Zustellung des Originals per Post sei
nicht möglich. Im Weiteren seien seine Aussagen zu den Waffenkäufern
weder inkohärent noch unschlüssig. Der von der Vorinstanz erhobene Vor-
wurf der oberflächlichen, ungenauen und ausweichenden Antworten werde
in der Vernehmlassung nicht substanziiert, und das SEM habe ausserdem
nicht Stellung genommen zur Kritik an den Ausführungen zur Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs. Es könne keinen Zweifel daran geben, dass er
aus E._ stamme und dort zuletzt gelebt habe. Die Vernehmlassung
belege die unseriöse Arbeit der Vorinstanz.
4.
4.1 Zu den formellen Rügen des Beschwerdeführers ist Folgendes festzu-
stellen:
4.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
gemäss Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG einen Beschwerdegrund. Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten-
widriger Sachverhalt zugrunde gelegt oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid wesentli-
chen Sachumstände berücksichtigt wurden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI,
Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl.
2013, Rz. 1043).
4.3
4.3.1 Es trifft zu, dass die Vorinstanz einzelne protokollierte Aussagen des
Beschwerdeführers in der angefochtenen Verfügung falsch zitiert hat. So
hat er tatsächlich nie zu Protokoll gegeben, er habe in Kabul ein eigenes
Geschäft betrieben, sondern sagte vielmehr mehrmals aus, er habe dort
als Angestellter gearbeitet. Ebenso lässt sich den Befragungsprotokollen
nicht entnehmen, dass er die Taliban um Hilfe ersucht hätte. Letzteres
Falschzitat wurde vom SEM in seiner Vernehmlassung ausdrücklich ein-
gestanden.
E-1694/2020
Seite 14
Auch die Aussage in den Erwägungen in der angefochtenen Ver-
fügung, wonach der Beschwerdeführer ein Studium in Kabul begonnen
habe, entspricht genau besehen nicht seinen protokollierten Aussagen,
welche vielmehr darauf schliessen lassen, dass er zwar das Ziel hatte, zu
studieren, ihm dies indessen nicht möglich war und er stattdessen begann,
als (...) zu arbeiten (Protokoll BzP A8 S. 4; Protokoll erste Anhörung A15
F27, F32 f., F128; Protokoll zweite Anhörung A17 F93, F127).
4.3.2 Im Übrigen ist der Vorwurf, die Erwägungen der Vorinstanz enthielten
aktenwidrige Angaben, jedoch nicht berechtigt:
Die Formulierung, der Beschwerdeführer habe zweimal länger in Kabul ge-
lebt und gearbeitet, ist jedenfalls nicht gänzlich unvereinbar mit seinen An-
gaben, wonach er zweimal dort gelebt habe, einmal zum Besuch der
Grundschule und später nach dem Schulabschluss um als (...) zu arbeiten.
Die Aussagen des Beschwerdeführers zur Anzahl der von ihm getätigten
Waffenkäufe waren unpräzise und uneinheitlich, sagte er doch sowohl aus,
"viele kleine Waffen" (vgl. Protokoll erste Anhörung A15 F64) als auch zwei
Pistolen (vgl. a.a.O. F107 f., F116) besorgt zu haben. Die Formulierung in
der angefochtenen Verfügung, er habe "wiederholt Waffen [...] besorgt", ist
mit diesen Aussagen vereinbar.
Ebenso uneindeutig war die Angabe des Beschwerdeführers in der BzP,
die ihn verfolgenden Terroristen seien aufgedeckt worden, weil die Sicher-
heitskräfte erfahren hätten, dass er nach Waffen gesucht habe, und hätten
wissen wollen, weshalb und für wen diese seien (vgl. Protokoll BzP A8
S. 9 f.). Auch wenn von einer Zusammenarbeit des Beschwerdeführers mit
den Behörden nicht explizit die Rede ist, ist die dahingehende Interpreta-
tion seiner Aussage nicht eindeutig aktenwidrig.
Die Aussagen des Beschwerdeführers anlässlich der BzP zum Verbleib
seiner Tazkira ("A: Ich habe sie momentan nicht dabei. Damals war sie bei
meiner Mutter, aber wie ich Ihnen zuvor sagte: Ich weiss nicht, wo sie sich
jetzt befindet"; vgl. Protokoll BzP A8 S. 6 Ziff. 4.03) sowie seiner übrigen
Dokumente (" Die Schulzeugnisse hatte ich noch. Aber die sind auch zu-
rückgeblieben. Als ich hierher kam, konnte ich nichts mitnehmen. Ich
wünschte, ich hätte das mitnehmen können"; a.a.O. Ziff. 4.04) sind eben-
falls nicht klar, legen aber den Schluss nahe, dass er diese zu Hause zu-
rückliess. Dass die Vorinstanz einen Widerspruch zwischen diesen Anga-
E-1694/2020
Seite 15
ben und den späteren Vorbringen des Beschwerdeführers erkannte, wo-
nach er diese Dokumente auf seiner Reise in die Schweiz verloren habe,
ist nicht aktenwidrig.
4.4 Insgesamt ist festzustellen, dass einzelne Punkte der Sachverhaltsdar-
stellung in der angefochtenen Verfügung nicht den protokollierten Angaben
des Beschwerdeführers entsprechen, während andere auf Interpretationen
seiner Aussagen beruhen, die nicht aktenwidrig sind.
4.5 Die zu Recht beanstandeten Erwägungen betreffen indessen durch-
wegs nebensächliche Aspekte der vom Beschwerdeführer dargelegten
Asylgründe und waren für deren Beurteilung letztlich nicht von ausschlag-
gebender Bedeutung. Auch wenn sich die Rüge des Beschwerdeführers
insoweit als berechtigt erweist, kann jedenfalls festgestellt werden, dass
die Vorinstanz sich in ihren Erwägungen auf einen in den wesentlichen
Punkten korrekt und vollständig erfassten Sachverhalt abgestützt hat.
4.6 Bei dieser Aktenlage besteht keine Veranlassung, die Sache zur ergän-
zenden Sachverhaltsfeststellung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-1694/2020
Seite 16
6.
6.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge-
nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
widersprüchlich sein, der inneren Logik entbehren oder den Tatsachen
oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind substan-
ziiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderungen
stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer Anhö-
rung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine
Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü-
che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in
die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung
für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die
gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe-
sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt
oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus-
wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir-
kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5
E. 2.2, BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3; Entscheidungen und Mitteilungen
der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1
S. 190 f.; ANNE KNEER und LINUS SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung
im Asylverfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts, in: ASYL 2015/2 S. 5 ff.).
Aussagewidersprüche zwischen den Protokollen der summarischen ersten
Befragung und der einlässlichen Anhörung dürfen gemäss konstanter
Praxis für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit herangezogen werden, wenn
klare Angaben bei der Befragung zur Person in wesentlichen Punkten der
Asylbegründung von späteren Aussagen in der Anhörung zu den Asylgrün-
den diametral abweichen, oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürch-
tungen, welche später als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht be-
reits in der Empfangsstelle zumindest ansatzweise erwähnt werden (vgl.
bereits EMARK 1993 Nr. 3).
E-1694/2020
Seite 17
6.2
6.2.1 Unter Berücksichtigung dieser Grundsätze der Glaubhaftigkeits-
prüfung gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit der Vorinstanz zum
Schluss, dass die Asylvorbringen des Beschwerdeführers als unglaubhaft
zu erachten sind. Seine Darstellung, er sei von nicht näher identifizierten
Terroristen zu Waffenkäufen genötigt worden, muss als unplausibel und
realitätsfremd bezeichnet werden. Gemäss eigenen Aussagen hatte er
keinerlei Bezug zu Waffen oder zum Handel mit solchen; überdies waren
mehrere Familienangehörige bekannte Mitglieder der regierungstreuen
Jamiat-e-Islami-Partei und ein Onkel bekleidete gar ein hohes Amt bei den
Regierungsbehörden. Unter diesen Umständen erscheint nicht nachvoll-
ziehbar, dass die Terroristen sich zur Beschaffung von Waffen ausgerech-
net an ihn gewendet haben sollen. Dieses Vorgehen erscheint umso
abwegiger als die afghanischen Sicherheitskräfte gerade aufgrund seiner
Suche nach Waffenverkäufern auf ihn und die Terroristen aufmerksam
geworden sein sollen. Es ist demnach von einem offensichtlich konstruier-
ten Sachverhalt auszugehen.
6.2.2 Diese Einschätzung wird dadurch untermauert, dass die Schilderun-
gen des Beschwerdeführers im Rahmen der Befragungen generell zwar
sehr ausführlich und wortreich waren, seine Angaben zu den wesentlichen
Elementen seiner Asylgründe aber, auch auf wiederholte Nachfragen hin,
auffallend vage, unpräzise und ausweichend ausfielen. So vermochte er
weder zur Identität der Gruppe, welche ihn zu den Waffenkäufen genötigt
habe, noch zum genauen Ablauf dieser Waffenbeschaffungen schlüssige
Angaben zu machen. Seine Aussagen dazu, wie oft er Waffen gekauft
habe, sowie zu der Anzahl der von ihm beschafften Waffen waren unklar
und widersprüchlich: Wie erwähnt, gab er bei der ersten Anhörung zu-
nächst an, viele kleine Waffen beschafft zu haben, während er im späteren
Verlauf derselben Befragung auf Nachfrage hin zu Protokoll gab, nur zwei
Waffen gekauft zu haben (vgl. oben E. 4.2.2). Ferner vermochte der Be-
schwerdeführer nicht nachvollziehbar dazulegen, auf welche Weise die af-
ghanischen Behörden von seinen Waffenkäufen Kenntnis erhalten hätten
und den "Terroristen" auf die Spur gekommen seien, sowie wie er selber
überhaupt von den Erkenntnissen der Sicherheitskräfte erfahren habe.
6.2.3 Diffus und wenig stichhaltig sind im Weiteren auch die Angaben des
Beschwerdeführers zu den angeblich von den Sicherheitskräften gegen ihn
ergriffenen Verfolgungsmassnahmen. Gemäss seinen Angaben hätten sie
mehrmals sowohl bei seinem Geschäftssitz als auch zu Hause nach ihm
gesucht, wobei er aber jeweils nicht anwesend gewesen sei, und nachdem
E-1694/2020
Seite 18
er zu seiner Tante nach G._ umgezogen sei, seien jeweils Angehö-
rige der Sicherheitskräfte vor seinem Geschäft gestanden. Indessen fehlen
stichhaltige Anhaltspunkte für einen konkreten Zusammenhang dieses Vor-
gehens der Sicherheitskräfte mit der Tätigkeit des Beschwerdeführers für
die "Terroristen"; den Akten sind überdies keine Hinweise auf weiterge-
hende Verfolgungsmassnahmen der Behörden zu entnehmen, welche in
einem solchen Fall zu erwarten gewesen wären.
6.2.4 Erhebliche Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen des Be-
schwerdeführers erwecken ferner seine durchgehend äusserst vagen An-
gaben hinsichtlich der zeitlichen Einordnung sowohl der geschilderten Er-
eignisse als auch seines Lebenslaufes. Seine Erklärungen, dass er sich an
diese Daten nicht erinnern könne, weil er diese Angaben im damaligen
Zeitpunkt nicht für relevant erachtet habe, respektive man solche Sachen
schnell vergesse (vgl. Protokoll BzP A8 Ziff. 1.17.05 und 2.01; Protokoll
1. Anhörung A15 F34; Protokoll 2. Anhörung A17 F29), vermögen ange-
sichts dessen, dass er gemäss seiner Darstellung als Geschäftsmann tätig
war und über eine gute Schuldbildung verfügt, nicht zu überzeugen. Zudem
lagen die angeblichen Verfolgungshandlungen zumindest im Zeitpunkt der
BzP noch nicht sehr lange zurück.
6.2.5 Schliesslich werden die Asylvorbringen des Beschwerdeführers auch
durch massive Diskrepanzen in seinen Aussagen zur zeitlichen Abfolge
seiner Aufenthalts- und Arbeitsorte in Frage gestellt. Sowohl bei der BzP
als auch der ersten Anhörung legte er dar, er habe nach dem Schul-
abschluss zunächst als (...) in Kabul und danach als (...) in E._ ge-
arbeitet, an welchem Ort er auch von den Terroristen kontaktiert worden
sei. Im Gegensatz hierzu gab er im Rahmen der zweiten Anhörung zu Pro-
tokoll, er sei zuerst in E._ als (...) tätig gewesen und habe erst da-
nach in Kabul als (...) gearbeitet. Nach dem Aufenthalt in Kabul habe er
nicht mehr im (...) gearbeitet (vgl. Protokoll Anhörung vom 17. Dezember
2019 A17 F114, F119, F120 S. 12). Angesichts dessen, dass er diese Ab-
folge seiner Aufenthalts- und Arbeitsorte auch auf zweimalige Nachfrage
des Befragers hin und in unterschiedlicher Formulierung bekräftigte, kann
ein blosser Übersetzungsfehler des Dolmetschers oder ein Missverständ-
nis, wie dies vom Beschwerdeführer geltend gemacht wurde, ausgeschlos-
sen werden.
E-1694/2020
Seite 19
6.2.6 Die Ausführungen in der Beschwerdeeingabe vermögen keine an-
dere Einschätzung zu rechtfertigen. Namentlich vermag der Umstand,
dass die Ausführungen des Beschwerdeführers in den Befragungen ge-
wisse Eigenheiten aufweisen, die als Realkennzeichen gedeutet werden
können (quantitativer Detailreichtum, Unstrukturiertheit, Schilderungen von
Nebensächlichkeiten), die dargelegten gravierenden Ungereimtheiten,
Widersprüche und unlogischen Darstellungen, die letztlich gegen die
Glaubhaftigkeit der Angaben den Ausschlag geben, nicht auszuräumen.
6.3 Nach dem Gesagten gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz zum Schluss, dass es sich bei den vom Beschwerdeführer zur
Begründung seines Asylgesuchs vorgebrachten Verfolgung durch Terroris-
ten sowie durch die afghanischen Sicherheitsbehörden um einen konstru-
ierten und damit unglaubhaften Sachverhalt handelt.
6.4 Damit erweist sich die Frage, ob der Beschwerdeführer die heimatli-
chen Behörden um Schutz vor den Nötigungen durch die Terroristen hätte
ersuchen können, als nicht relevant.
6.5 Soweit der Beschwerdeführer Probleme namentlich mit religiösen Füh-
rern aufgrund der von ihm in publizierten Texten sowie in Diskussionen ver-
tretenen Haltung in religiösen Fragen, sowie eine Gefährdung wegen von
ihm getätigten Nachforschungen zu den Todesumständen eines Onkels
väterlicherseits geltend machte, ist festzustellen, dass auch seine dies-
bezüglichen Ausführungen vage und unsubstanziiert ausgefallen sind.
Jedenfalls ergeben sich aus den Akten keine stichhaltigen Anhaltspunkte
dafür, dass er in diesen Zusammenhängen Nachteile asylrechtlich relevan-
ten Ausmasses erlitten oder zu befürchten hätte. Die mit der Eingabe vom
15. Mai 2020 eingereichten Texte hat der Beschwerdeführer gemäss sei-
nen Angaben nachträglich neu verfasst, weil er keinen Zugang mehr zu
seinem Facebook-Account habe. Ob diese je öffentlich publiziert und im
Heimatstaat des Beschwerdeführers zur Kenntnis genommen wurden,
steht demnach nicht fest, weshalb ihnen von vornherein kein Beweiswert
in Bezug auf eine asylrelevante Gefährdung beigemessen werden kann.
Auf eine Übersetzung derselben kann unter diesen Umständen verzichtet
werden.
6.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, eine im Sinne von Art. 3 AsylG relevante Verfolgungs-
gefahr nachzuweisen oder glaubhaft darzutun. Die Vorinstanz hat sein
Asylgesuch demzufolge zu Recht abgelehnt.
E-1694/2020
Seite 20
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Die Wegweisungsvollzugshindernisse (Unzulässigkeit, Unzumutbar-
keit, Unmöglichkeit) sind alternativer Natur: Sobald eines von ihnen erfüllt
ist, ist der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar zu betrachten und
die weitere Anwesenheit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen über
die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4).
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.4
8.4.1 Die Vorinstanz stellte sich auf dem Standpunkt, der Beschwerdefüh-
rer habe unglaubhafte Angaben zu seinem Lebenslauf sowie seinem fami-
liären und verwandtschaftlichen Beziehungsnetz gemacht und dadurch
seine Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht verletzt. Es sei ihr unter diesen
E-1694/2020
Seite 21
Umständen nicht möglich, sich in voller Kenntnis seiner tatsächlichen per-
sönlichen und familiären Situation zur Zumutbarkeit des Vollzugs der Weg-
weisung zu äussern.
8.4.2 Dieser Auffassung schliesst sich das Bundesverwaltungsgericht nicht
an.
8.4.3 Von der Vorinstanz nicht bestritten wurden die Angaben des Be-
schwerdeführers zu seiner Identität sowie seine Herkunft aus der Provinz
E._. Diese Angaben werden im Übrigen durch die mit Eingabe vom
26. Juni 2020 eingereichten fremdsprachigen Dokumente (Duplikat der
Tazkira, Schulbestätigung) gestützt, deren Übersetzung der Instruktions-
richter veranlasst hat. Zwar trifft es zu, dass afghanische Tazkiras nicht fäl-
schungssicher sind (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.2) und Kopien grundsätzlich
geringere Beweiskraft haben als Originaldokumente. Dies bedeutet aber
nicht, dass sämtliche afghanischen Tazkiras gefälscht und für das Asylver-
fahren unbeachtlich sind. Vorliegend kann dieses Dokument immerhin als
Indiz für die Richtigkeit der Identitätsangaben des Beschwerdeführers ge-
wertet werden. Seine widersprüchlichen Angaben im Rahmen der Befra-
gungen zum Verbleib dieses Dokuments vermögen daran nichts zu än-
dern.
8.4.4 Die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinen Aufenthaltsorten
nach dem Schulabschluss weisen zwar Diskrepanzen auf, die er nicht
überzeugend zu erklären vermochte. Im Übrigen sind seine biografischen
Angaben aber im Wesentlichen stimmig und widerspruchsfrei. Entgegen
der Argumentation in der angefochtenen Verfügung findet sich im Protokoll
der ersten Anhörung nirgends die Aussage des Beschwerdeführers, er
habe in Kabul ein eigenes (...) betrieben. Vielmehr gab er in der zweiten
Anhörung explizit zu Protokoll, dort angestellt gewesen zu sein (vgl. Akten
SEM A17 F90). Auch hinsichtlich seiner Absichten bei der Rückkehr nach
Kabul nach dem Schulabschluss sind keine nennenswerten Unstimmigkei-
ten in seinen Angaben festzustellen. Seine diesbezüglichen Aussagen an-
lässlich der zweiten Anhörung sind ohne weiteres so zu verstehen, dass er
zwar gerne studiert hätte, dies aber aus finanziellen und familiären Grün-
den nicht möglich war, und er deshalb die Arbeitsstelle in einer (...) annahm
(vgl. Akten SEM A17 F93, F127). Die Angabe des Beschwerdeführers bei
der zweiten Anhörung, er und seine Mutter hätten vom Ertrag ihres Land-
wirtschaftsbetriebes sowie Obstgärten gelebt (vgl. a.a.O. F41, F72,
F101 f., F112, F177), ist nicht unvereinbar mit der von ihm ebenfalls vorge-
E-1694/2020
Seite 22
brachten Tätigkeit als (...). Die Feststellung in der angefochtenen Verfü-
gung, der Beschwerdeführer habe "mindestens zwei Mal für längere Zeit in
Kabul gelebt und gearbeitet", ist eine nicht sehr präzise Beschreibung sei-
ner protokollierten Aussagen (vgl. auch oben E. 4.2.2): Der erste von ihm
geschilderte Aufenthalt in Kabul war im Kindesalter zum Zweck des Schul-
besuchs; der zweite Aufenthalt dauerte gemäss seiner Darstellung weniger
als ein Jahr (vgl. Protokoll 2. Anhörung A17 F99). Betreffend seine Fami-
lienangehörigen sowie deren Aufenthaltsorte gab der Beschwerdeführer in
allen drei Befragungen übereinstimmend zu Protokoll, seine männlichen
Verwandten (Vater, Onkel) seien verstorben, seine Mutter und eine Tante
väterlicherseits würden in E._ respektive G._, Provinz
E._, leben und eine Tante mütterlicherseits sowie deren Kinder
seien in Kabul wohnhaft. Dass er engere Kontakte zu seiner Tante in Kabul
sowie deren Angehörigen gepflegt habe, als von ihm angegeben, ist eine
blosse Mutmassung des SEM, für welche sich aus den Akten keine stich-
haltigen Anhaltspunkte ergeben. Dies trifft ebenso auf die Vorhaltung zu,
er habe zu verschleiern versucht, dass er aus einer bessergestellten Fami-
lie stamme.
8.4.5 Insgesamt weisen die Angaben des Beschwerdeführers zu seiner
Biografie sowie seinem sozialen Umfeld im Heimatstaat zwar gewisse Un-
stimmigkeiten auf. Diese sind aber nicht derart gravierend, dass sie eine
Prüfung des Vorliegens von Wegweisungshindernissen verunmöglichen
würden. Der Vorwurf der Verletzung der Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht
erweist sich deshalb als nicht gerechtfertigt.
8.5 Unter diesen Umständen wäre die Zumutbarkeit des Vollzugs der Weg-
weisung des Beschwerdeführers vom SEM inhaltlich zu prüfen gewesen.
8.6
8.6.1 Das Bundesverwaltungsgericht nahm mit seinem Referenzurteil
D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 eine Lageeinschätzung zu Afghanis-
tan, insbesondere zu Kabul, wobei es eine deutliche Verschlechterung der
Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Bundesverwaltungsge-
richts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) über alle Regionen hinweg feststellte.
Das Gericht kam zum Schluss, dass in weiten Teilen von Afghanistan un-
verändert eine derart schlechte Sicherheitslage und derart schwierige hu-
manitäre Bedingungen bestehen würden, dass die Situation als existenz-
bedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren und somit der
Wegweisungsvollzug nach wie vor als unzumutbar zu beurteilen sei. Die
Sicherheitslage und die allgemeine humanitäre Situation in Kabul seien
E-1694/2020
Seite 23
aus verschiedenen Gründen differenziert und gesondert zu analysieren. Im
heutigen Zeitpunkt würden sich sowohl die Sicherheitslage, die als volatil
und von zahlreichen Anschlägen geprägt zu bezeichnen sei, als auch die
humanitäre Situation in Kabul im Vergleich zu der in BVGE 2011/7 be-
schriebenen Situation klar verschlechtert darstellen. Die Lage in Kabul sei
daher grundsätzlich als existenzbedrohend und demnach unzumutbar ge-
mäss Art. 83 Abs. 4 AIG zu beurteilen. Von dieser Regel könne nur abge-
wichen werden, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen würden,
aufgrund derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Vollzugs ausge-
gangen werden könne (vgl. vorgenanntes Referenzurteil E. 8.2 ff.).
8.6.2 Solche günstigen Voraussetzungen könnten namentlich dann gege-
ben sein, wenn es sich bei der rückkehrenden Person um einen jungen,
gesunden Mann handle. Unabdingbar sei in jedem Fall ein soziales Netz,
das sich im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rück-
kehrenden als tragfähig erweise. Es liege in der Natur der Sache, dass bei
Personen, bei denen Kabul lediglich eine Aufenthaltsalternative darstelle
und die somit kaum oder nie in Kabul gelebt haben, eine Bejahung eines
solchen tragfähigen sozialen Netzes noch grösserer Zurückhaltung be-
dürfe. Angesichts der festgestellten Verschlechterung der Lage in Kabul
verstehe es sich von selbst, dass das Vorliegen dieser strengen Anforde-
rungen in jedem Einzelfall sorgfältig geprüft werde und diese erfüllt sein
müssen, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als zumutbar zu be-
trachten (vgl. vorgenanntes Referenzurteil E. 8.4.1).
8.7 Bekanntlich hat sich die Situation in Afghanistan mit der Übernahme
der Kontrolle über den grössten Teil des Landes durch die Taliban und dem
Fall von Kabul Mitte August 2021 rasch und dramatisch verändert. Das
SEM hatte kurz zuvor zwangsweise Ausschaffungen nach Afghanistan so-
wie Anordnungen des Vollzugs von Wegweisungen in dieses Herkunfts-
land ausgesetzt (vgl. etwa NEUE ZÜRCHER ZEITUNG vom 11. August 2021,
Die Schweiz stoppt Ausschaffungen von abgewiesenen Asylbewerbern).
Die in E. 8.6 dargestellte bisherige Zumutbarkeitspraxis des Bundesver-
waltungsgerichts wird nach der Konsolidierung der Verhältnisse zu über-
prüfen und gegebenenfalls anzupassen sein. Eine solche Anpassung der
Vollzugspraxis braucht für die Behandlung des vorliegenden Verfahrens
nicht abgewartet zu werden, weil die Zumutbarkeit des Vollzugs der Weg-
weisung des Beschwerdeführers nach Afghanistan – anders als von der
Vorinstanz festgestellt – bereits nach der bisherigen Praxis nicht zu beja-
hen war:
E-1694/2020
Seite 24
8.8 Der Beschwerdeführer stammt aus dem Dorf C._, Distrikt
D._, Provinz E._, wohin der Vollzug von Wegweisungen ge-
mäss bisheriger Rechtsprechung des Gerichts generell unzumutbar ist.
Den Akten lassen sich keine konkreten Informationen über die wirtschaftli-
che Lage sowie die Wohnsituation seiner in Kabul wohnhaften alleinste-
henden Tante und deren Angehörigen entnehmen. Zudem lassen die ge-
mäss seiner Darstellung in den letzten Jahren vor seiner Ausreise besten-
falls losen Kontakte nicht auf eine besonders enge Beziehung schliessen.
Unter diesen Umständen kann nicht als gesichert erachtet werden, dass
der Beschwerdeführer in Kabul über ein tragfähiges soziales Beziehungs-
netz verfügt, das ihm eine angemessene Unterkunft, Grundversorgung so-
wie Hilfe zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration bieten könnte res-
pektive hätte bieten können. Demnach war schon vor der kürzlichen Macht-
übernahme der Taliban davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in
eine existenzielle Notlage geraten würde. Folglich liegen im Falle des Be-
schwerdeführers – in Anbetracht der schon bisher strengen Anforderungen
– keine besonders begünstigenden Faktoren vor, die es erlaubten, von der
bisherigen Regel der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nach
Kabul abzuweichen.
8.9 Da den Akten keine Gründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AIG zu entneh-
men sind, ist der Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
9.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde, soweit den Vollzug der Wegwei-
sung betreffend, gutzuheissen; die Dispositivziffern 4 und 5 der vorinstanz-
lichen Verfügung vom 27. Februar 2020 sind aufzuheben. Im Übrigen ist
die Beschwerde abzuweisen. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerde-
führer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der
Schweiz aufzunehmen (vgl. Art. 44 AsylG und Art. 83 Abs. 4 AIG).
10.
Bei diesem Verfahrensausgang wären ein Teil der Verfahrenskosten
praxisgemäss dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5
VwVG). Da das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung mit Zwischenverfügung vom 14. April 2020 gutgeheissen wurde und
den Akten keine Hinweise auf eine relevante Veränderung seiner finanziel-
len Verhältnisse zu entnehmen sind, ist jedoch von einer Kostenauflage
abzusehen.
E-1694/2020
Seite 25
11.
11.1 Sodann ist dem vertretenen Beschwerdeführer angesichts seines teil-
weisen Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine praxis-
gemäss um die Hälfte reduzierte Entschädigung für die ihm notwendiger-
weise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der in der Kostennote
vom 26. Juni 2020 ausgewiesene zeitliche Vertretungsaufwand erscheint
grundsätzlich angemessen. Die reduzierte Parteientschädigung, die durch
das SEM zu vergüten ist, ist auf der Basis des in der Honorarnote ausge-
wiesenen Stundenansatzes von Fr. 270.– somit auf insgesamt Fr. 2614.–
(inkl. die Hälfte der Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzulegen.
11.2 Mit der Zwischenverfügung vom 14. April 2020 wurde ausserdem das
Gesuch des Beschwerdeführers um amtliche Verbeiständung gutgeheis-
sen (aArt. 110a Abs. 1 VwVG) und sein Rechtsvertreter als amtlicher
Rechtsbeistand eingesetzt. Dieser hat, soweit die Beschwerdeführenden
im Verfahren unterlegen sind, Anspruch auf Übernahme der notwendiger-
weise erwachsenen Vertretungskosten durch das Bundesverwaltungs-
gericht (vgl. Art. 8–14 VGKE). Wie in der Zwischenverfügung vom 14. April
2020 angekündigt, ist bei anwaltlichen Rechtsbeiständen von einem Stun-
denansatz von maximal Fr. 220.– auszugehen. Demzufolge ist dem amtli-
chen Rechtsbeistand ein Gesamtbetrag von Fr. 2136.– (inkl. die Hälfte der
Auslagen und Mehrwertsteueranteil) durch das Gericht zu vergüten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1694/2020
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