Decision ID: 6970ccff-358f-4acb-b7cb-6baa1491e470
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, äthiopische Staatsangehörige mit letztem Wohn-
sitz in D._ im Regionalstaat Oromia, verliess ihr Heimatland ge-
mäss eigenen Angaben am 3. Dezember 2015 und gelangte auf dem Luft-
weg via Griechenland am (...) Dezember 2015 in die Schweiz, wo sie am
11. Januar 2016 im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
Vallorbe um Asyl nachsuchte.
B.
Am 14. Januar 2016 wurde sie im Rahmen der Befragung zur Person (BzP)
zu ihren Personalien, dem Reiseweg und summarisch zu ihren Reisegrün-
den befragt. Am 13. Oktober 2017 wurde sie durch das SEM eingehend zu
ihren Asylgründen angehört.
C.
Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte die Beschwerdeführerin gel-
tend, als ethnische Oromo habe sie nicht in Sicherheit leben können. Die
äthiopischen Behörden hätten Angehörige der Oromo willkürlich getötet
und deren Einforderung von elementaren Rechten sei als terroristische Tä-
tigkeit angesehen worden. Sie sei in einer Studentenbewegung aktiv ge-
wesen. An der Universität E._ sei es zu Unruhen gekommen, wo-
raufhin sie Geld für die Verletzten sowie die betroffenen Familien gesam-
melt habe. Sie habe zudem an Demonstrationen teilgenommen, so im
Jahre 2005 an den Protesten gegen gefälschte Wahlresultate oder im Jahr
2014 gegen den Masterplan der Regierung in Addis Abeba. Sie sei 2005
deswegen für sechs Tage und 2014 für rund vierzehn Tage inhaftiert wor-
den. Obwohl ihr unterstellt worden sei, der Oromo-Befreiungsfront (OLF)
anzugehören, sei sie weder deren Mitglied noch Mitglied einer anderen po-
litischen Organisation oder Partei gewesen. Sie sei lediglich eine Sympa-
thisantin aller Organisationen, die sich für die Anliegen der Oromo einsetz-
ten. Einmal sei ihr von Unbekannten in einem Auto gedroht worden, dass
sie wieder ins Gefängnis gehen müsse, wenn sie nicht von ihren Tätigkei-
ten ablasse. Als sie im Jahre 2015 eine Gerichtsvorladung des äthiopi-
schen Federal High Court erhalten habe, habe sie ihr Heimatland mit Hilfe
eines Schleppers verlassen. Dieser habe sie körperlich angegriffen und se-
xuell genötigt.
In der Schweiz habe sie an zahlreichen Demonstrationen für die Anliegen
der Oromo teilgenommen. An Protestaktionen habe sie einmal (...) vorge-
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lesen für Leute, die für die Oromo etwas geleistet hätten. Aufnahmen da-
von seien sowohl als Fotografien vorhanden als auch auf Youtube veröf-
fentlicht worden.
Im vorinstanzlichen Verfahren reichte die Beschwerdeführerin folgende Ak-
ten ins Recht: Ihre Geburtsurkunde (in Kopie), ihre Identitätskarte im Origi-
nal, eine Gerichtsvorladung des äthiopischen Federal High Court aus dem
Jahre 2008 des äthiopischen Kalenders (2015 nach gregorianischem Ka-
lender) im Original, Schuldiplome und Arbeitsdokumente, ein Dokument ih-
rer (...) in amharischer Sprache aus dem Jahre 2005 äthiopischer Kalender
(2012 nach gregorianischem Kalender), Fotos von ihr als (...) in Äthiopien
sowie von ihren Teilnahmen an Demonstrationen und an Festen in der
Schweiz sowie von ihrer Familie.
D.
Am (...) wurde ihr erstes Kind geboren. Es wurde in das Asylverfahren ein-
bezogen.
E.
Mit Verfügung vom 18. Oktober 2019 – eröffnet am 23. Oktober 2019 –
verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin und
ihres Kindes, lehnte ihre Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz und ordnete den Wegweisungsvollzug an.
F.
Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe ihres
bevollmächtigten Rechtsvertreters vom 20. November 2019 beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde. Darin beantragte sie, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und es sei ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter
sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen sowie die
vorläufige Aufnahme zu verfügen und subeventualiter die Sache zur Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht er-
suchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
G.
Am 22. November 2019 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den
Beschwerdeeingang und hielt dabei fest, die Beschwerdeführerin und ihr
Kind könnten den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz ab-
warten.
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H.
Mit Zwischenverfügung vom 26. November 2019 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter
Vorbehalt der fristgemässen Nachreichung eines Bedürftigkeitsbelegs gut
und verzichtete unter demselben Vorbehalt auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses.
I.
Mit Eingabe vom 4. Dezember 2019 reichten die Beschwerdeführenden
eine Unterstützungsbestätigung vom 3. Dezember 2019 zu den Akten.
J.
Am 6. Dezember 2019 lud das Gericht die Vorinstanz zur Vernehmlassung
ein.
K.
Mit Vernehmlassung vom 19. Dezember 2019 hielt das SEM vollumfäng-
lich an seinen bisherigen Erwägungen fest. Die Vernehmlassung wurde
den Beschwerdeführenden am 27. Dezember 2019 zur Kenntnis geschickt.
L.
Am (...) wurde das zweite Kind der Beschwerdeführerin geboren. Es wird
in das Asylverfahren miteinbezogen.
M.
Am 8. November 2021 wurde das Härtefallgesuch des Lebenspartners der
Beschwerdeführerin und Vaters ihrer Kinder, F._ (N [...]), gutge-
heissen. Seither ist er im Besitz einer Aufenthaltsbewilligung B im Kanton
G._.
N.
Am 3. März 2022 hiess das SEM das Kantonswechselgesuch der Be-
schwerdeführenden gestützt auf den Anspruch auf Einheit der Familie gut.
O.
Angesichts dieser neuen Ausgangslage wurde das SEM am 29. April 2022
erneut zur Vernehmlassung eingeladen.
P.
Mit Verfügung vom 12. Mai 2022 zog das SEM seinen Entscheid vom
18. Oktober 2019 teilweise in Wiedererwägung und ordnete die vorläufige
Aufnahme der Beschwerdeführenden an.
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Q.
Mit Instruktionsverfügung vom 16. Mai 2022 wurden die Beschwerdefüh-
renden um Mitteilung ersucht, ob sie an der Beschwerde festhalten oder
diese allenfalls zurückziehen wollten. Mit Schreiben vom 31. Mai 2022 be-
stätigten die Beschwerdeführenden, dass sie an der Beschwerde festhiel-
ten. Zudem sei es ihnen ein Anliegen, dass sowohl in der Folge des In-
struktionsverfahrens als auch im Urteil die französische Sprache verwen-
det werde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101 [SR 142.31]); für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs.1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Be-
schwerdeführerin und ihre Kinder sind als Verfügungsadressaten zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist – unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung – einzutreten.
1.3 Durch die Anordnung der vorläufigen Aufnahme mit vorinstanzlicher
Verfügung vom 12. Mai 2022 sind die entsprechenden – subsidiär gestell-
ten – Rechtsbegehren betreffend Durchführbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs gegenstandslos geworden.
1.4 Der erstmals mit Eingabe vom 31. Mai 2022 sinngemäss gestellte An-
trag der Beschwerdeführerin um Fortführung des Beschwerdeverfahrens
in französischer Sprache ist abzuweisen. Im Beschwerdeverfahren ist ge-
mäss Art. 33a Abs. 2 VwVG in der Regel die Sprache des angefochtenen
Entscheids massgebend (vorliegend: Deutsch).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
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Seite 6
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Rechtsmitteleingabe formelle
Rügen geltend. Sie moniert, die Vorinstanz habe den Sachverhalt unzu-
reichend festgestellt, indem sie sich auf eine Befragung gestützt habe, bei
der die Beschwerdeführerin Verständnisschwierigkeiten gehabt habe. Die
wenigen Ungenauigkeiten ihrer Aussagen seien auf ihren psychischen Zu-
stand beziehungsweise die im Heimatland erfahrene unmenschliche Haft
und die in der Schweiz erlebte Vergewaltigung sowie auf Verständnisprob-
leme an der Anhörung zurückzuführen. So sei sie nur zu Beginn der Anhö-
rung gefragt worden, ob sie die dolmetschende Person richtig verstehe.
3.2 In der Rechtsmitteleingabe werden weder Sachverhaltselemente vor-
getragen, die in der Anhörung nicht zur Sprache gekommen waren, noch
werden die erwähnten Widersprüchlichkeiten der Aussagen der Beschwer-
deführerin aufgelöst. Die pauschale Behauptung, die Beschwerdeführerin
habe die dolmetschende Person nicht richtig verstanden, findet in den Ak-
ten keine Stütze. Dem Anhörungsprotokoll sind keine Hinweise auf Ver-
ständigungsprobleme zwischen der Beschwerdeführerin und der Dolmet-
scherin zu entnehmen. Auch die bei der Anhörung anwesende Hilfswerks-
vertretung hat keine entsprechenden Bemerkungen angebracht. Die Be-
schwerdeführerin hat zudem unterschriftlich bestätigt, dass ihr das Proto-
koll vorgelesen und in eine ihr verständliche Sprache übersetzt wurde. An-
zeichen einer Traumatisierung, die das Aussageverhalten der Beschwer-
deführerin beeinträchtigt hätte, sind ebenfalls nicht zu erkennen.
Soweit die Beschwerdeführerin rügt, die Vorinstanz habe ihr Ermessen
missbraucht, indem sie die aktuelle Lage in Äthiopien ausser Acht gelas-
sen, beziehungsweise den Sachverhalt unvollständig erstellt, indem sie die
Gerichtsvorladung als unecht qualifiziert habe, vermengt sie die Frage der
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit der Frage der rechtli-
chen Würdigung der Sache beziehungsweise eines Beweismittels. Alleine
darin, dass das SEM aus sachlichen Gründen zu einer anderen Würdigung
der Gesuchsvorbringen beziehungsweise eines Beweismittels gelangt als
die Beschwerdeführerin, liegt weder eine falsche Sachverhaltsfeststellung
noch ein Ermessensmissbrauch. Die entsprechenden Vorbringen werden
daher im materiellen Teil behandelt (vgl. dazu unten E. 6).
3.3 Nach dem Gesagten besteht kein Anlass, die Sache zwecks erneuter
Sachverhaltsfeststellung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entspre-
chende Subeventualbegehren ist abzuweisen.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die
Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise bestehenden Verfolgung oder
begründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asyl-
entscheides ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Ver-
folgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situa-
tion im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zu-
gunsten und zulasten der ein Asylgesuch stellenden Person zu berücksich-
tigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5 und 2010/57 E. 2, beide mit weiteren Hin-
weisen).
5.
5.1 Das SEM erwog in der angefochtenen Verfügung, die Beschwerdefüh-
rerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht. Es führte dazu aus, eine in-
terne Dokumentenanalyse habe ergeben, dass es sich bei der eingereich-
ten Vorladung des äthiopischen Federal High Court um eine Totalfälschung
handle. Auch wenn die Beschwerdeführerin in ihrer schriftlichen Eingabe
vom 29. November 2018 daran festgehalten habe, dass es sich um ein
Original handle, bestünden daran begründete Zweifel. Diese Zweifel erhär-
teten sich durch die widersprüchlichen Antworten der Beschwerdeführerin.
So habe sie an der BzP vorgebracht, die Vorladung auf indirektem Weg
über den Onkel erhalten zu haben, der für sie gebürgt habe. Sie selbst sei
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bei (...) gewesen. Anlässlich der Anhörung habe sie indessen ausgesagt,
die Vorladung direkt erhalten zu haben. Auf den Widerspruch angespro-
chen, habe sie diesen nicht befriedigend aufzulösen vermocht. Somit gelte
als erwiesen, dass ihrem zentralen Vorbringen, wonach sie sich vor einer
dritten Verhaftung fürchte, jegliche Grundlage entzogen sei.
Weiter führte das SEM aus, die Lage in Äthiopien habe sich seit dem Früh-
ling 2018 grundlegend verändert. Die innenpolitische Situation lasse den
Schluss zu, dass sich seit Einreichung des Asylgesuchs die Lage insbe-
sondere mit Blick auf Angehörige der Oromo und die OLF, aber auch allge-
mein gebessert habe. Selbst Personen mit hohem politischen Profil könn-
ten nach Äthiopien zurückkehren, ohne dass sie inhaftiert oder einem Ri-
siko einer unmenschlichen Bestrafung ausgesetzt würden. Daraus folge,
dass auch bei Wahrunterstellung die Vorladung ungeeignet wäre, Asylrele-
vanz zu entfalten. Dasselbe gelte für ihre Demonstrationsteilnahmen in
Äthiopien und Verhaftungen, womit deren Glaubhaftigkeit nicht überprüft
werden müsse.
Zu ihren geltend gemachten exilpolitischen Tätigkeiten sei anzumerken,
dass die Beschwerdeführerin – wie bereits aufgeführt – keine politisch mo-
tivierte Verfolgung der äthiopischen Behörden habe glaubhaft machen kön-
nen. Es bestehe somit kein Anlass zur Annahme, dass sie vor dem Verlas-
sen ihres Heimatstaats als regimefeindliche Person ins Blickfeld der äthio-
pischen Behörden geraten oder dort in irgendeiner Form als Regimegeg-
nerin oder politische Aktivistin registriert worden sei. Demzufolge sei auch
nicht davon auszugehen, dass sie nach ihrer Ankunft in der Schweiz unter
spezieller Beobachtung seitens der äthiopischen Behörden gestanden
habe. Da in der Schweiz innert weniger Monate viele exilpolitische Anlässe
stattfänden, erscheine es unwahrscheinlich, dass die äthiopischen Behör-
den allen Gesichtern konkrete Namen zuordnen könnten beziehungsweise
sei eine Überwachung der politischen Aktivitäten angesichts der hohen
Zahl der im Ausland lebenden Staatsangehörigen nicht möglich. Die äthio-
pischen Behörden hätten indessen nur dann ein Interesse an der Identifi-
zierung einer Person, wenn deren Aktivitäten als konkrete Bedrohung für
das politische System wahrgenommen würden. Vorliegend bestünden je-
doch keine Anhaltspunkte für die Annahme, dass die Beschwerdeführerin
sich in besonderem Masse exponiert habe und sie zum «harten Kern» der
aktiven oppositionellen Exiläthiopier/-innen gehöre. Daher lägen auch
keine subjektiven Nachfluchtgründe vor.
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5.2 Die Beschwerdeführerin hielt diesen Erwägungen zunächst eine Wie-
derholung ihrer Ausreisegründe entgegen. Sie habe unter der damaligen
Regierung weder ein freies Leben führen noch ihren Beruf wählen können.
Daher habe sie sich an Studentendemonstrationen beteiligt und Spenden
gesammelt. Deswegen sei sie zweimal inhaftiert und danach bedroht und
physisch angegriffen worden. Obwohl das SEM die eingereichte Gerichts-
vorladung als Fälschung qualifiziere, führe es keine Elemente an, die Zwei-
fel an der Authentizität erlaubten. Es handle sich demnach um ein echtes
Dokument, welches angemessen zu würdigen sei. Weiter sei die vor-
instanzliche Erwägung, wonach die Beschwerdeführerin aufgrund der Tat-
sache, dass sich die Lage in Äthiopien seit Frühling 2018 grundlegend ver-
ändert habe, bei einer Rückkehr nichts mehr zu befürchten habe, unzutref-
fend. Aus verschiedenem Zeugenaussagen, sowie einem Bericht von Am-
nesty International (AI) gehe nämlich hervor, dass diejenigen am meisten
bedroht würden, die politisch aktiv seien. Auch wenn die äthiopische Re-
gierung ein Friedensabkommen mit Eritrea unterzeichnet habe, zeige die
Erfahrung, dass solche Friedensabkommen nicht eingehalten würden und
weiterhin von einer Situation genereller Gewalt auszugehen sei. Die Vor-
instanz habe somit die reelle Situation in Äthiopien nicht richtig beachtet.
Die Beschwerdeführerin sei sinngemäss insbesondere wegen ihrer Aktivi-
täten bei einer Rückkehr nach Äthiopien einer asylrelevanten Gefährdung
ausgesetzt.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten ist die vorinstanzliche Auffassung zu bestäti-
gen.
Die von der Vorinstanz durchgeführte Authentizitätsprüfung und deren Er-
gebnis sind nicht zu beanstanden. Dabei scheint es gerechtfertigt, die wis-
senschaftlichen Erkenntnisse der Überprüfung zur Vermeidung eines Lern-
effekts nicht explizit darzulegen. Das öffentliche Interesse, Erkenntnisse
über konkrete Fälschungsmerkmale geheimzuhalten, ist zwecks Verhinde-
rung zukünftiger Fälschungen regelmässig hoch. Sodann hat das SEM in
seiner Bitte um Stellungnahme vom 19. November 2018 zusammenfas-
send festgehalten, dass der Stempel und das Erscheinungsbild der einge-
reichten Gerichtsvorladung nicht dem Vergleichsmaterial entsprächen. Vor
diesem Grund kann dem SEM nicht vorgeworfen werden, es habe das ent-
sprechende Beweismittel «ohne Grund» als Fälschung qualifiziert. Die Vor-
instanz ist sodann darin zu bestätigen, dass die Totalfälschung eines Be-
weismittels bereits die Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführerin in Frage
stellt und ihrem Kernvorbringen – der Furcht vor einer dritten Inhaftierung
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– dadurch vorliegend die Grundlage entzogen wird. Aufgrund ihrer teil-
weise widersprüchlichen Äusserungen werden diese Zweifel bestätigt, zu-
mal es der Beschwerdeführerin weder in der Anhörung noch auf Beschwer-
deebene gelingt, diese Widersprüchlichkeiten aufzulösen. Es werden mit-
hin keinerlei stichhaltige Argumente aufgeführt, die für die Authentizität des
Dokumentes und die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen sprächen. Vielmehr
erschöpfen sich die Ausführungen in der Beschwerdeschrift in Behauptun-
gen ohne konkrete Anhaltspunkte.
6.2 Die Frage, ob die geschilderten Behelligungen der äthiopischen Behör-
den, namentlich die erlebte Haft, glaubhaft ist, kann in Bestätigung der vor-
instanzlichen Ansicht offenbleiben, da aus den nachstehenden Gründen
die Voraussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft ge-
mäss Art. 3 AsylG ohnehin nicht erfüllt sind.
Im Kern bringt die Beschwerdeführerin vor, sie sei von den äthiopischen
Behörden aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit zu den Oromo und ihrem En-
gagement für diese Volksgruppe in flüchtlingsrechtlich relevantem Aus-
mass verfolgt worden. Die politische Situation in Äthiopien hat sich indes-
sen seit der Ausreise der Beschwerdeführerin Ende 2015 in bedeutendem
Masse verändert. Am 2. April 2018 hat Abiy Ahmed sein Amt als erster Mi-
nisterpräsident Äthiopiens mit Oromo-Volkszugehörigkeit angetreten. Da-
her ist der Frage nachzugehen, ob die von der Beschwerdeführerin be-
hauptete Verfolgungsmotivation zum heutigen Zeitpunkt überhaupt noch
plausibel erscheint. Es ist an dieser Stelle auf den als Referenzurteil publi-
zierten Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts D-6630/2018 vom
6. Mai 2019 zu verweisen. Demnach hat sich die Lage mit Amtsantritt von
Abiy Ahmed und den damit einhergehenden Reformen zunächst verbes-
sert (vgl. a.a.O. E. 7). Dies betrifft auch den Umgang mit regierungskriti-
schen Personen, gegen die das vorherige Regime mit grosser Härte vor-
ging. Die neue Regierung rief die Oppositionellen im Exil zur Rückkehr und
Teilnahme am politischen Prozess auf. Politische Dissidenten, ehemalige
Rebellen, Abspaltungsanführer und Journalisten sind seither nach Äthio-
pien zurückgekehrt. Tausende politische Gefangene wurden seit April 2018
begnadigt und freigelassen. Die OLF, die Bewegung Ginbot 7, aber insbe-
sondere auch die Ogaden National Liberation Front (ONLF) und weitere
Vereinigungen wurden im Sommer 2018 von der Liste der terroristischen
Gruppierungen gestrichen (vgl. u.a. < https://www.hrw.org/news/2019/04/
04/ethiopia-abiys-first-year-prime-minister-review-freedom-association >;
abgerufen am 23. Juni 2022).
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Die Lage ist seit 2020 durch den Widerstand mehrerer ethnischer Minder-
heiten wieder angespannt. Die Tigray haben den entscheidenden Einfluss
verloren, den sie durch die Tigray People’s Liberation Front (TPLF) auf die
äthiopische Regierung ausübten; die Amharen sind jetzt die Volksgruppe,
die die führenden Positionen einnimmt. Im November 2020 begann eine
von der TPLF angeführte Rebellion in Tigray, und seither weitete sich der
Konflikt mit der äthiopischen Armee erheblich aus. Es gibt aber grundsätz-
lich keine Anzeichen dafür, dass zurückgekehrte Kritikerinnen und Kritiker
der (vormaligen) Regierung systematisch verfolgt und inhaftiert würden
(vgl. Urteil des BVGer E-4547/2019 vom 22. Dezember 2021 E. 4.2;
E-5029/2019 vom 17. November 2021 E. 8.2 m.w.H.).
Vor dem Hintergrund dieser politischen Veränderungen, namentlich der
Wahl eines Angehörigen der Volksgruppe der Oromo als Regierungschef,
ist nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin bei einer
Rückkehr nach Äthiopien aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder
ihrem Engagement für diese Gruppe einer flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgung ausgesetzt sei.
6.3 Sodann ergibt sich auch aus den exilpolitischen Tätigkeiten der
Beschwerdeführerin kein Gefährdungsprofil. Wie soeben ausgeführt, ist
zum heutigen Zeitpunkt das Vorliegen einer flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgungsgefahr seitens der äthiopischen Behörden zu verneinen (vgl.
oben E. 6.2). Im Übrigen sind die vorinstanzlichen Erwägungen betreffend
exilpolitische Tätigkeiten zu bestätigen. Auf diese wird zur Vermeidung von
Wiederholungen an dieser Stelle vollumfänglich verwiesen (vgl. oben
E. 5.1).
7.
Zusammenfassend ist es der Beschwerdeführerin nicht gelungen, eine
flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung glaubhaft darzulegen. Auch die
Beschwerdeschrift vermag dieser Einschätzung nichts entgegenzuhalten.
Die Vorinstanz hat daher zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und
die Asylgesuche abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Da das SEM in seiner Verfügung vom 12. Mai 2022 die vorläufige Auf-
nahme der Beschwerdeführenden angeordnet hat und angesichts der al-
ternativen Natur der Wegweisungsvollzugshindernisse erübrigen sich pra-
xisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit
des Wegweisungsvollzugs (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 m.w.H.).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung –
soweit sie noch Anfechtungsgegenstand bildet – Bundesrecht nicht verletzt
und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig feststellt.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit sie nicht gegenstandslos gewor-
den ist.
11.
11.1 Aufgrund der teilweisen Gegenstandslosigkeit der Beschwerde sind
die diesbezüglich angefallenen Kosten des Verfahrens und eine allfällige
Parteientschädigung entsprechend den Prozessaussichten vor Eintritt der
Gegenstandslosigkeit zu verlegen (vgl. Art. 5 und 15 des Reglements über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht vom
21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]).
11.2 Hinsichtlich der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs ist im
vorliegenden Fall aufgrund der Aktenlage vor Eintritt der Gegenstands-
losigkeit davon auszugehen, dass die Vorbringen der Beschwerdeführerin
nicht zu einer Gutheissung der Beschwerde geführt hätten und sie mit ihren
subsidiär gestellten Begehren um Feststellung der Unzulässigkeit des
Wegweisungsvollzugs und Anordnung einer vorläufigen Aufnahme in der
Schweiz nicht durchgedrungen wäre.
11.3 Nach dem Gesagten sind der Beschwerdeführerin grundsätzlich die
gesamten Verfahrenskosten aufzuerlegen und es ist keine Partei-
entschädigung zuzusprechen.
Da mit Zwischenverfügung vom 26. November 2019 ihr Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG
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Seite 13
gutgeheissen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich
ihre finanzielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist indes
von der Auflage von Verfahrenskosten insgesamt abzusehen.
(Dispositiv nächste Seite)
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