Decision ID: 91dcc9c2-192d-5a79-85d1-b895c24bda74
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (türkischer Staatsangehöriger, geb. [...]) ersuchte
am 10. August 2020 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerab-
drücke mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab,
dass er am 23. Juli 2020 in Rumänien ein Asylgesuch gestellt hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 20. August 2020 das recht-
liche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit der Überstellung nach Rumänien, dessen Zuständigkeit für die Be-
handlung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwer-
deführer machte geltend, nicht nach Rumänien zurückkehren zu können,
da dort viele türkische Mitarbeiter des Nachrichtendienstes seien. In der
Türkei müsse er eine Strafe von über (...) Jahren absitzen und es bestehe
die Möglichkeit, dass er in die Türkei zurückgebracht werde. Lieber würde
er sich umbringen, als dorthin zurückzukehren. Ohnehin habe er in die
Schweiz kommen wollen. Zu seinem Gesundheitszustand führte er aus,
vor zehn Jahren seinen Arm gebrochen und manchmal Schmerzen zu ha-
ben. Zudem habe er Schmerzen an seinen (...).
C.
Die rumänischen Behörden hiessen das Gesuch des SEM um Übernahme
des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) am 25. August
2020 gut.
D.
Mit Verfügung vom 25. August 2020 trat das SEM auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers nicht ein, verfügte dessen Überstellung nach Rumä-
nien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwer-
defrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aushändigung der editi-
onspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen
den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
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E.
Mit Beschwerde vom 1. September 2020 (Postaufgabe) gelangte der Be-
schwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die an-
gefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, ihre
Pflicht oder ihr Recht zum Selbsteintritt auszuüben und sich für das Asyl-
verfahren zuständig zu erklären. Ferner sei im Sinne vorsorglicher Mass-
nahmen der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die
Vollzugsbehörden seien anzuweisen, von einer Überstellung nach Rumä-
nien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Beschwerde
entschieden habe. Schliesslich ersuchte er um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
F.
Am 2. September 2020 ordnete die Instruktionsrichterin antragsgemäss ei-
nen superprovisorischen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bun-
desverwaltungsgericht die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form
vor.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die üb-
rigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG],
Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich
erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
F-4363/2020
Seite 4
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8 - 15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23 -25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3. Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus humani-
tären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre.
3.4. Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in Rumänien ein Asylgesuch
gestellt zu haben. Die rumänischen Behörden hiessen das Gesuch der
Vorinstanz um Wiederaufnahme gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-
III-VO am 25. August 2020 ausdrücklich gut. Die Zuständigkeit Rumäniens
steht somit grundsätzlich fest.
4.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob – wie beantragt – das Selbsteintrittsrecht
nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs.
3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), aus-
zuüben ist.
4.1. Der Beschwerdeführer macht geltend, in Rumänien gebe es viele tür-
kische Geheimdienstagenten, die ihn in die Türkei entführten könnten. Dort
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Seite 5
drohe ihm eine Haftstrafe aus politischen Gründen. Der rumänische Staat
sei nicht fähig, ihn zu schützen. Bei einer Rückkehr nach Rumänien drohe
ihm eine Verletzung von Art. 3 EMRK, weshalb sich die Schweiz für sein
Asylverfahren zuständig erklären müsse.
4.1.1. Der Beschwerdeführer hat nicht substantiiert und es geht auch nicht
aus den Akten hervor, weshalb ihm bei einer Rückkehr nach Rumänien
eine Verletzung von Art. 3 EMRK drohen soll. Es gilt jedoch Folgendes
festzuhalten:
4.1.2. Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, gibt es keine wesentli-
chen Gründe für die Annahme, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für asylsuchende Personen in Rumänien systemische
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO hät-
ten, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 EMRK
mit sich bringen würden.
Rumänien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt
und schützt.
4.1.3. Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko
dargetan, dass die rumänischen Behörden in seinem Fall den erwähnten
völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachkommen würden. Seine Be-
fürchtung, von türkischen Geheimdienstagenten in Rumänien in die Türkei
verschleppt zu werden, basiert auf reinen Mutmassungen. Er kann keine
Vorkommnisse aufzeigen, welche seine Vermutung stützen würden. Zu-
dem hat er kein konkretes und ernsthaftes Risiko dargetan, die rumäni-
schen Behörden würden ihm, sollte er tatsächlich einer Gefährdung aus-
gesetzt sein, den nötigen Schutz verweigern oder dazu nicht in der Lage
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sein. Folglich kann auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz in der
angefochtenen Verfügung verwiesen werden, wonach Rumänien ein
Rechtsstaat ist, welcher über eine funktionierende Polizeibehörde verfügt,
die sowohl schutzwillig als auch schutzfähig ist. Sollte sich der Beschwer-
deführer in Rumänien vor Übergriffen fürchten, kann er sich an die dafür
zuständigen staatlichen Stellen wenden.
4.2. Zusammenfassend liegt kein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO oder von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vor.
Rumänien bleibt somit zuständiger Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO und
ist verpflichtet, den Beschwerdeführer wiederaufzunehmen.
5.
Die Beschwerde ist abzuweisen.
5.1. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 2. September 2020 angeord-
nete Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde ist gegenstandslos geworden.
5.2. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten
sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
6.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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