Decision ID: f691a75c-c3db-419f-94f4-6b49bfbe8136
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine syrische Staatsangehörige kurdischer Eth-
nie, reichte zusammen mit ihrem Vater und ihren jüngeren Geschwistern
B._ und C._ am 4. Juli 2022 ein Asylgesuch in der Schweiz
ein. Am 7. Juli 2022 wurden ihre Personalien aufgenommen und am 29.
September 2022 wurde sie zu ihren Asylgründen angehört.
Dabei machte sie im Wesentlichen geltend, keine eigenen Asylgründe zu
haben und wegen der Probleme ihres Vaters sowie der allgemeinen Bür-
gerkriegslage in Syrien ausgereist zu sein. Sie sei, zusammen mit ihrer
Familie, im Jahr 2013 – im Alter von (...) Jahren – ausgereist und habe in
der Folge im Irak gelebt, im Flüchtlingscamp Domiz. Während ihre Mutter
sowie die beiden Brüder D._ und E._ aus gesundheitlichen
Gründen bereits 2018 in Richtung Europa aufgebrochen seien, hätten sie,
ihr Vater und ihre Geschwister B._ und C._ erst Ende 2020
den Irak verlassen können, da zuvor das Geld gefehlt habe. Betreffend die
Probleme ihres Vaters brachte sie vor, in Syrien sei es so, dass wenn ein
Familienmitglied von den Behörden gesucht werde und dieses auf der
Flucht sei, die Behörden ein anderes Familienmitglied verhaften würden.
So würden sie Druck ausüben auf die Person, die auf der Flucht sei, damit
sich diese den Behörden stelle. Bis zu ihrer Ausreise sei sie in Syrien nie
Problemen ausgesetzt gewesen. Sie habe immer bei ihren Eltern gelebt
und diese hätten sie und ihre Geschwister beschützt. In der Schule sei es
schwierig gewesen, da es sich um eine sehr regimetreue Schule gehandelt
habe. Die Taschen der Schüler und Schülerinnen seien jeweils durchsucht
worden und man habe sich regelmässig der Treue zum Regime bekennen
müssen. Ausserdem habe sie vorsichtig sein müssen, um nicht etwas Kri-
tisches zu sagen.
B.
Am 6. Oktober 2022 wurde der vormaligen Rechtsvertreterin der Be-
schwerdeführerin der Entwurf der Verfügung zur Stellungnahme zugestellt.
Diese verzichtete gleichentags auf das Einreichen einer Stellungnahme.
C.
Mit Verfügung vom 10. Oktober 2022 wies das SEM das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin ab, stellte fest, diese erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Gleichzeitig wurde
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die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festgehalten und dieser zu-
gunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben. Ferner wurde die Be-
schwerdeführerin dem Kanton Solothurn zugewiesen.
D.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 7. November 2022
beantragte die Beschwerdeführerin, die vorinstanzliche Verfügung sei auf-
zuheben und ihr sei Asyl zu gewähren, eventualiter sei ihr die Flüchtlings-
eigenschaft zuzuerkennen und die vorläufige Aufnahme als Flüchtling zu
verfügen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um die Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung unter Verzicht auf Erhebung eines Kosten-
vorschusses.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
8. November 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG
[SR 142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
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schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
In Anwendung von Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde im vorliegenden Verfahren
auf einen Schriftenwechsel verzichtet.
4.
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Verfahrensakten des Vaters der Be-
schwerdeführerin (SEM-Akten N [...]), der mit dieser zusammen in die
Schweiz eingereist ist, beigezogen. Angesichts des vorliegenden Verfah-
rensausgangs kann gestützt auf Art. 30 Abs. 2 Bst. c VwVG auf die vorgän-
gige Gewährung des rechtlichen Gehörs verzichtet werden.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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6.
6.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz im Wesentlichen
an, die Beschwerdeführerin verfüge über kein Risikoprofil, gestützt auf wel-
ches sie Racheakte oder Verfolgungen durch die syrischen Behörden zu
befürchten habe. Auch seien den Akten keine Anhaltspunkte für eine sich
anbahnende oder effektiv stattfindende oder stattgefundene Reflexverfol-
gung zu entnehmen. So habe sie angegeben, nie persönliche Probleme
mit den syrischen Behörden gehabt zu haben, ihre Eltern hätten sie be-
schützt. Folglich würden keine objektiven Elemente vorliegen, die darauf
hinweisen könnten, dass sie in Syrien begründete Furcht habe, mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft einer Reflexverfolgung
ausgesetzt zu werden. Ihre Vorbringen seien deshalb aus flüchtlingsrecht-
licher Sicht als unbeachtlich zu qualifizieren. Ferner würden gemäss herr-
schender Praxis die Kurden in Syrien keiner Kollektivverfolgung unterlie-
gen. Sie erfülle demzufolge die Flüchtlingseigenschaft nicht, so dass ihr
Asylgesuch abzulehnen sei.
6.2 Dem wurde in der Rechtsmitteleingabe im Wesentlichen entgegnet, die
Beschwerdeführerin habe immer mit ihrer Familie (beziehungsweise in der
Zeit nach der Ausreise der Mutter und der zwei Brüder mit ihrem Vater und
den beiden anderen Geschwistern) zusammengelebt. Ferner sei sie bei
der Ausreise aus Syrien noch minderjährig gewesen. Sie habe deshalb zu-
sammen mit ihrem Vater und den beiden Geschwistern um Familienasyl
ersucht. Die Flucht der Beschwerdeführerin stehe in einem engen Zusam-
menhang mit der Verfolgung des Vaters. Ausserdem sei für die Gewährung
von Familienasyl zu bedenken, dass die Zuerkennung der Flüchtlingsei-
genschaft deklarativ und rückwirkend sei, weshalb das Datum der Flucht
beziehungsweise der Ausreise massgeblich sei. Da die Beschwerdeführe-
rin zu diesem Zeitpunkt minderjährig gewesen sei, sei sie in die Flüchtlings-
eigenschaft ihres Vaters einzubeziehen. Es werde von der Vorinstanz nicht
bestritten, dass der Vater der Beschwerdeführerin Probleme mit den syri-
schen Behörden hatte und deshalb ins Ausland habe fliehen müssen. Der
Vater habe seine Familie nach seiner Ausreise so rasch als möglich nach-
geholt, da er diese habe in Sicherheit bringen wollen. Er sei überzeugt ge-
wesen und auch von Drittpersonen entsprechend gewarnt worden, dass
diese in Syrien an Leib und Leben gefährdet gewesen wäre. Er habe be-
fürchtet, dass, wäre er alleine ausgereist, seine Familienmitglieder Repres-
salien und Racheakten der Behörden ausgesetzt gewesen wären. Es sei
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davon auszugehen, dass Mitglieder seiner Familie, wären sie in Syrien ver-
blieben, festgenommen und als Druckmittel benutzt worden wären, um den
Vater beziehungsweise Ehemann dazu zu bringen, sich den Behörden zu
stellen. Die syrische Regierung wende Massnahmen der Sippenhaft an,
diesbezüglich seien zahllose Fälle dokumentiert, darunter auch solche be-
treffend Frauen oder Kinder, welche anstelle von Familienmitgliedern in-
haftiert und gefoltert worden seien. Gemäss Berichten würden Grenzbe-
amte überprüfen, ob eine Person, die nach Syrien einreise, Familienange-
hörige habe, die behördlich gesucht werden. In diesem Fall könne die ein-
reisende Person der Festnahme ausgesetzt sein. Die Reflexverfolgung sei
in Syrien ein vertrautes politisches Instrument. Diese Strategie habe seit
Ausbruch des Bürgerkrieges zusätzlich an Gewicht gewonnen. Die Be-
schwerdeführerin wäre bei einer Rückkehr nach Syrien deshalb eindeutig
einer Reflexverfolgung ausgesetzt. Diese Befürchtungen seien begründet
und nachvollziehbar.
7.
7.1 Im Zusammenhang mit der geltend gemachten Reflexverfolgung ist
festzuhalten, dass die in Syrien herrschende politische und menschen-
rechtliche Lage bereits durch das Bundesverwaltungsgericht gewürdigt
wurde (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.2 sowie Referenzurteil des BVGer D-
5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.3 und 5.7.2). Es ist durch eine Viel-
zahl von Berichten belegt, dass die staatlichen syrischen Sicherheitskräfte
seit dem Ausbruch des Konflikts im März 2011 gegen tatsächliche oder
vermeintliche Regimegegner und Regimegegnerinnen mit grösster Bruta-
lität und Rücksichtslosigkeit vorgehen. Personen, die sich regimekritisch
betätigt haben, sind in grosser Zahl von Verhaftung, Folter und willkürlicher
Tötung betroffen. Mit anderen Worten haben Personen, die durch die staat-
lichen syrischen Sicherheitskräfte als Gegner des Regimes identifiziert
werden, eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich rele-
vanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt. Diese Feststel-
lung gilt auch heute noch.
Unter Reflexverfolgung sind behördliche Belästigungen oder Behelligun-
gen von Angehörigen aufgrund des Umstandes zu verstehen, dass die Be-
hörden einer gesuchten, politisch unbequemen Person nicht habhaft wer-
den oder schlechthin von deren politischer Exponiertheit auf eine solche
auch bei Angehörigen schliessen (vgl. etwa Urteil des BVGer
D-4257/2018 vom 27. Dezember 2019 E. 6.2; BVGE 2010/57 E. 4.1.3). Die
Verfolgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer Op-
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positioneller durch die syrischen Behörden ist durch diverse Quellen doku-
mentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung
erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Per-
son für ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um
Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine
Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu
erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um direkt Angehö-
rige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen auf-
grund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Perso-
nen zugeschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische
Armee und Milizen) setzen dabei die Strategie der Reflexverfolgung gezielt
ein (vgl. Urteil des BVGer E-734/2016 vom 14. Januar 2019 E. 7.2 ff.).
Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Reflexverfolgung zu werden, besteht
vor allem dann, wenn nach einem flüchtigen Familienmitglied gefahndet
wird und die Behörde Anlass zur Vermutung hat, dass zur gesuchten Per-
son ein enger Kontakt besteht. Diese Wahrscheinlichkeit erhöht sich, wenn
ein nicht unbedeutendes politisches Engagement der reflexverfolgten Per-
son hinzukommt oder ihr unterstellt wird (vgl. Entscheidungen und Mittei-
lungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21
E. 10.1). Für die Annahme einer Reflexverfolgung ist daher – entgegen der
im angefochtenen Entscheid vertretenen Ansicht des SEM – das Vorliegen
eines vorbestandenen politischen Profils bei der reflexverfolgten Person
nicht erforderlich.
7.2 Den beigezogenen Akten des Vaters beziehungsweise dessen Aussa-
gen ist zu entnehmen, dass die Familie in einem Stadtteil von Damaskus
gelebt habe, in welchem es seit Beginn des Bürgerkriegs immer wieder zu
Schiessereien gekommen sei. Die Familie habe mit den Kampfhandlungen
nichts zu tun gehabt und sei auch politisch nicht aktiv gewesen. Nachdem
eines Tages ein Oberst der Streitkräfte Syriens sowie dessen Tochter von
dem Stadtteil aus, in welchem der Vater der Beschwerdeführerin als Haus-
wart tätig gewesen sei, erschossen worden seien, hätten die Streitkräfte
diesen Stadtteil umzingelt und angegriffen. Es sei zu vielen Razzien ge-
kommen, anlässlich welcher man zahlreiche Personen mitgenommen
habe, darunter auch den Vater der Beschwerdeführerin. Man habe für vier
Tage in Haft genommen, wo er schwer gefoltert worden sei. Obwohl er mit
der Sache nichts zu tun gehabt habe, habe er aufgrund der schrecklichen
Folter nach zwei Tagen alles gestanden, was man ihm vorgeworfen habe.
Die Mutter der Beschwerdeführerin habe derweil alles versucht, um ihn
wieder freizubekommen und habe Hilfe bei einer reichen Nachbarin geholt.
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Diese habe ihn nach vier Tagen über einen Brigadier, welchen sie gekannt
und bestochen habe, freikaufen können. So sei er aus der Haft befreit, in
ein Auto gesetzt und ausgesetzt worden. Man habe ihm gesagt, dass er,
sollte er erneut verhaftet werden, «verschwinden» würde. In der Folge
habe die Nachbarin ihm und seiner Familie zur Flucht geraten und er habe
seine Familie in sein Heimatdorf geschickt, wo er sie später getroffen habe.
Danach sei er in den Irak geflohen. Seine Familie sei kurze Zeit später zu
ihm gestossen. Im Irak sei er seit 2015 für die Peshmerga in der Logistik
tätig gewesen. Er gehe davon aus, dass die syrischen Behörden von dieser
Tätigkeit Kenntnis hätten. Das SEM erachtete die Schilderungen des Va-
ters der Beschwerdeführerin als glaubhaft und hiess sein Asylgesuch am
10. Oktober 2022 gut. Die Vorinstanz geht somit davon aus, dass er be-
hördlich bekannt ist und im Fall einer Rückkehr nach Syrien genauer kon-
trolliert würde.
7.3 Aufgrund ihrer engen Verbindung zu ihrem Vater würde die Beschwer-
deführerin bei einer Rückkehr nach Syrien ebenfalls mit hoher Wahrschein-
lichkeit einer eingehenden behördlichen Überprüfung unterzogen. Ihren
Ausführungen sowie jenen ihrer Familie ist zu entnehmen, dass sie stets
mit ihrem Vater im gleichen Haushalt gelebt hat. Ferner geht daraus hervor,
dass sie Syrien zusammen mit ihrer Familie und aufgrund der Verfolgung
ihres Vaters verlassen hat. Aus Angst vor einer möglichen Reflexverfolgung
schickte der Vater die Familie unmittelbar nach seiner illegalen Haftentlas-
sung weg von Damaskus in sein Heimatdorf, wo er zu ihnen stiess. Von
dort reiste erst der Vater allein und kurze Zeit später die ganze Familie in
den Irak aus. Das SEM geht falsch in der Annahme, dass die Beschwerde-
führerin keiner Reflexverfolgung unterliegen könne, da sie bis zu ihrer Aus-
reise keine Probleme mit den syrischen Behörden gehabt habe. Die Aus-
reise der übrigen Familienmitglieder erfolgte kurze Zeit nach der Flucht des
Vaters aus der Haft, wobei sie ihren Aufenthaltsort unmittelbar wechselten.
Die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin keine Probleme mit den syri-
schen Behörden hatte, lässt sich somit mit ihrer Landesabwesenheit be-
gründen. Da jedoch davon auszugehen ist, dass der Vater in Syrien auf-
grund seiner Haft und seines Geständnisses behördlich bekannt ist,
musste die Beschwerdeführerin – wie auch der Rest ihrer Familie – damit
rechnen, aufgrund der Verfolgung ihres Vaters und ihrer Nähe zu ihm in
absehbarer Zukunft ernsthaften Nachteilen im Sinne des in E. 5.1 Ausge-
führten ausgesetzt zu sein. Ihre Befürchtung, Opfer einer Reflexverfolgung
zu werden, war im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Syrien (auch unter Berück-
sichtigung ihres Alters) demzufolge nicht nur in subjektiver, sondern auch
in objektiver Hinsicht begründet. Bei einer hypothetischen Rückkehr nach
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Syrien aus Westeuropa würde sie genauer kontrolliert, wobei den Behör-
den bekannt sein dürfte, dass ihr Vater aufgrund seines Geständnisses,
seiner Flucht und seiner Tätigkeit für die Peshmerga gesucht wird. Sie
wäre mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit intensiven Befragungen zu ihm,
seinem Verbleib und ihrer eigenen Vergangenheit und (unterstellten) Tätig-
keiten ausgesetzt.
7.4 Zusammenfassend erweist sich in Berücksichtigung aller wesentlichen
Umstände, dass die Beschwerdeführerin sich im Zeitpunkt ihrer Ausreise
aus Syrien in begründeter Weise vor asylrelevanten Nachteilen seitens des
syrischen Regimes fürchten musste. Angesichts der aktuellen Lage in Sy-
rien dauert diese Gefährdung auch weiterhin an. Eine innerstaatliche
Fluchtalternative ist nicht gegeben (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.5.4). Weiter
sind keine Asylausschlussgründe im Sinne von Art. 53 AsylG ersichtlich.
7.5 Der Vollständigkeit halber ist betreffend die Ausführungen in der Be-
schwerde, der Beschwerdeführerin sei Familienasyl zu gewähren, festzu-
halten, dass Art. 51 Abs. 1 AsylG klar von minderjährigen Kindern spricht
und dabei der Zeitpunkt der Asylgesuchstellung ausschlaggebend ist (vgl.
BVGE 2020 VI/7 E.2.4 und 3.2). Somit fällt die Beschwerdeführerin nicht in
den Anwendungsbereich dieses Artikels.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Die Beschwerde
ist daher gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben. Das
SEM ist demnach anzuweisen, der Beschwerdeführerin in der Schweiz
Asyl zu gewähren.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Es wurde
keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten auf-
grund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt
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auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE)
ist der Beschwerdeführerin zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädi-
gung von insgesamt Fr. 1'000.– zuzusprechen.
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