Decision ID: 8b762892-bd97-4a7f-ac68-13652a2fa0a7
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Hinwil vom 27. Februar 2013 (DG120023)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 19.
November 2012 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 27)
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist nicht schuldig und wird freigesprochen.
2. Auf die Zivilansprüche der Privatklägerin wird nicht eingetreten.
3. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten, inklusive
diejenige der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen
Verbeiständung der Privatklägerin, werden auf die Gerichtskasse
genommen.
4. Dem Beschuldigten wird aus der Gerichtskasse eine Genugtuung von
Fr.15'000.– zugesprochen.
5. Der Privatklägerin wird keine Entschädigung zugesprochen.
Berufungsanträge:
A) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 80 S. 1)
1. Der Beschuldigte sei im Sinne der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV
des Kantons Zürich vom 19. November 2012 für schuldig zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten zu bestrafen,
unter Anrechnung der erstandenen Untersuchungshaft.
3. Dem Beschuldigten sei der bedingte Strafvollzug der Freiheitsstrafe zu
gewähren.
- 3 -
4. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien – wie jene des Vor- und des
erstinstanzlichen Verfahrens – dem Beschuldigten aufzuerlegen.
5. Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien auf die Staatskasse zu
nehmen.
B) Des Verteidigers des Beschuldigten:
(Urk. 81 S. 1)
1. Das Urteil der Vorinstanz vom 27. Februar 2013 sei bezüglich Ziff. 4 des
Erkenntnisses aufzuheben und dem Beschuldigten sei eine angemessene
Genugtuung im Bereich zwischen Fr. 50'000.– und Fr. 60'000.-
zuzusprechen, nebst Zins zu 5 % seit dem 5. März 2013.
2. Die von der Staatsanwaltschaft IV, Gewaltdelikte, eingereichte Berufung sei
vollumfänglich abzuweisen.
3. Die Untersuchungs- und Gerichtskosten (inkl. Kosten der amtlichen
Verteidigung) seien auf die Staatskasse zu nehmen.
4. Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien auch im Falle eines
Schuldspruches auf die Staatskasse zu nehmen (vgl. Art. 426 Abs. 1 Satz 2
StPO).

Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Gegenstand der Berufung
1. Mit dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil des Bezirksgerichts
Hinwil vom 27. Februar 2013 wurde der Beschuldigte für nicht schuldig befunden
und vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern zum
Nachteil seiner Tochter B._ (Privatklägerin) freigesprochen. Auf die
- 4 -
Zivilansprüche der Privatklägerin trat das Gericht nicht ein. Eine Entscheidgebühr
fällte die Vor-instanz nicht aus und die übrigen Kosten, einschliesslich derjenigen
der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Verbeiständung der
Privatklägerin, wurden auf die Gerichtskasse genommen. Dem Beschuldigten
wurde eine Genugtuung von Fr. 15'000.– aus der Gerichtskasse zugesprochen
(Urk. 63 S. 23).
2. Gegen dieses Urteil meldeten der amtliche Verteidiger mit Schreiben vom
5. März 2013 (Urk. 50), die Staatsanwaltschaft IV mit Eingabe vom 9. März 2013
(Urk. 51) und die Rechtsvertreterin der Privatklägerin mit Schreiben vom 13. März
2013 (Urk. 52) rechtzeitig Berufung an. Am 29. April 2013 liess die Privatklägerin
ihre Berufung wieder zurückziehen (Urk. 61), wovon formell Vormerk zu nehmen
ist. Die Berufungserklärungen der Staatsanwaltschaft, datiert vom 26. April 2013,
und jene der Verteidigung vom 2. Mai 2013 gingen je innerhalb der gesetzlichen
Frist am 29. April 2013 (Urk. 65) bzw. am 3. Mai 2013 (Urk. 66) bei der
Berufungsinstanz ein. Anschlussberufungen wurden keine erhoben (Urk. 68; Urk.
70; Urk. 74). Die Privatklägerin stellte fristgerecht den Antrag, dass dem
urteilenden Gericht eine Person des gleichen Geschlechts angehöre und dass sie
für den Fall einer Befragung die Einvernahme durch eine Person gleichen
Geschlechts verlange (Urk. 71). Ebenfalls in der Frist reichte der Beschuldigte das
Datenerfassungsblatt sowie aktuelle Lohnabrechnungen, Steuererklärungen und
den Mietvertrag ein (Urk. 72; Urk. 73/1-6).
Beweisanträge wurden keine gestellt.
3. Die Staatsanwaltschaft ficht das Urteil vollumfänglich an. Sie beantragt
einen Schuldspruch hinsichtlich des Tatbestands der mehrfachen sexuellen
Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB gemäss dem in
der Anklageschrift vom 19. November 2012 angeführten Sachverhalt und eine
Bestrafung mit 18 Monaten Freiheitsstrafe, bedingt bei 2 Jahren Probezeit.
Der Antrag auf Schuldigsprechung wird zusammengefasst damit begründet, dass
die Vorinstanz bei der Würdigung der Aussagen sämtlicher einvernommener
Familienmitglieder des Beschuldigten zu wenig berücksichtigt habe, dass diese
- 5 -
sich im Vorfeld zu den jeweiligen Einvernahmen ganz offensichtlich abgesprochen
hätten und bestrebt gewesen seien, den Beschuldigten in ein möglichst gutes
Licht zu rücken, welches Verhalten auf eine äusserst starke Machtposition des
Beschuldigten innerhalb der Familie und Verwandtschaft zurückzuführen sei. Die
Aussagen der Familienmitglieder des Beschuldigten, insbesondere jene von
dessen Ehefrau, rückten teilweise in die Nähe von Begünstigung (Art. 305 StGB)
und falschem Zeugnis (Art. 307 StGB). Das sei vom Gericht zu wenig gewürdigt
worden. Zudem habe das Bezirksgericht bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit
der Aussagen des Opfers viel zu wenig dem Umstand Rechnung getragen, dass
das Opfer erwiesenermassen an einer psychischen Störung in Form einer
posttraumatischen Belastungsstörung mit instabilen Persönlichkeitsstörungen
gelitten habe, weshalb die Aussagen im Kontext zur psychischen Störung des
Opfers zu würdigen seien. Von einer gewissen Aussagevarietät sei bei solch
traumatisierten Opfern immer auszugehen und dies dürfe nicht dazu führen, dass
die Aussagen des Opfers per se als unglaubhaft gewürdigt würden. Da die
Vorfälle sehr lange zurückliegen, könnten Ungenauigkeiten oder gar
Widersprüchlichkeiten in den Schilderungen des Opfers sehr wohl auftreten (Urk.
65 S. 2).
4. Die Berufung des Beschuldigten richtet sich einzig gegen die Dispositiv
Ziffer 4 des Urteils, womit dem Beschuldigten eine Genugtuung von Fr. 15'000.–
zu Lasten der Gerichtskasse zugesprochen wurde (Urk. 66 S. 2; Urk 74 S. 2). Der
Beschuldigte beantragt eine angemessene Genugtuung im Bereich zwischen
Fr. 50'000.– und Fr. 60'000.–, nebst Zins zu 5 % seit dem 5. März 2013.
Der Beschuldigte stellt sich auf den Standpunkt, die Genugtuung sei viel zu tief
angesetzt worden. Insbesondere seien die Auswirkungen der Verhaftung, die Haft
als solche und die im Strafverfahren gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu wenig
gewichtet worden. Innerhalb seines familiären Umfeldes habe die Inhaftierung für
grösstes Aufsehen gesorgt. Er habe sich in höchstem Masse gedemütigt gefühlt
und das Strafverfahren als Spiessrutenlauf empfunden, insbesondere weil ein Teil
seiner Kinder und verschiedene Verwandte als Zeugen befragt worden seien.
Deshalb habe er auch wiederholt gesagt, er sei von der Anzeigeerstatterin
- 6 -
"getötet" worden. Damit habe er gemeint, dass er das Ansehen und den Respekt
innerhalb der Familie verloren habe, selbst wenn sich vor Gericht seine Unschuld
bestätigen sollte. Als grosse Demütigung habe er nicht zuletzt auch die Befragung
seiner Ehefrau über das Intimleben zwischen ihr und ihm empfunden. Das
Prozedere mit der Einvernahme vor der Staatsanwaltschaft sei für ihn
(entsprechend seiner kulturellen Herkunft) eine grosse Qual gewesen. Es sei
anzunehmen, dass das ganze Strafverfahren die Harmonie innerhalb der Familie
zerstört oder doch massiv geschädigt habe und diffuse Zweifel zurückbleiben, ob
er nicht doch irgendwelche Verfehlungen begangen habe, wenngleich solche
auch nicht in einem direkten Zusammenhang mit den von der Anzeigeerstatterin
erhobenen Vorwürfen zu stehen brauchten. So würden auch haltlose Gerüchte
betreffend früher begangenen Frauenhandels, des Besuchs von Bordellen und
Konsums pornografischer Erzeugnisse kursieren. Da er gesundheitlich stark
angeschlagen sei (Herzerkrankung), habe sich der Aufenthalt im Gefängnis als
eigentliche Tortur erwiesen, weshalb von einer durchschnittlichen
Tagesentschädigung von mindestens Fr. 200.– bis ca. Fr. 250.– auszugehen sei
(Urk. 74 S. 3 f.).
5. Auf die Argumente der Verteidigung ist im Rahmen der nachstehenden
Erwägungen einzugehen. Dabei muss sich das Gericht nicht ausdrücklich mit
jeder tatsächlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand
auseinandersetzen; vielmehr kann es sich auf die für die Entscheidfindung
wesentlichen Gesichtspunkte beschränken (BGE 133 I 270 E. 3.1 mit Hinweisen;
Urteile 6B_526/2009 vom 2. September 2009 E. 3.2 sowie 6B_678/2009 vom 3.
November 2009 E. 5.2).
II. Schuldpunkt – Eingeklagter Sachverhalt
1.1 Der eingeklagte Sachverhalt, der sich im Wesentlichen auf die Aussagen der
Privatklägerin stützt, ergibt sich aus der Anklageschrift vom 19. November 2012
(Urk. 27).
- 7 -
1.2 Der Beschuldigte bestreitet die ihm zur Last gelegten Straftaten vehement
(Urk. 3/1 - 3/4; Urk. 42).
Unter diesen Umständen ist zu prüfen, ob der bestrittene Sachverhalt aufgrund
der vorhandenen Beweismittel erstellt werden kann.
1.3 Als Beweismittel liegen neben den Aussagen der Privatklägerin (Urk. 4/1
und 4/2) sowie jenen des Beschuldigten (Urk. 3/1-3/4; Urk. 42) eine Reihe von
Zeugenaussagen bei den Akten. So wurden verschiedene Familienangehörige
des Beschuldigten einvernommen, nämlich seine zwei ältesten Töchter und seine
Ehefrau (Urk. 8/1-3) sowie eine Schwägerin und zwei Nichten (Urk. 9-11). Als
Zeugen sagten sodann der Lebenspartner der Privatklägerin (Urk. 7) und der
Dolmetscher der Hafteinvernahme vom 19. März 2012 (Urk. 6) aus, ferner drei
Therapeutinnen der Privatklägerin (Urk. 5/1-3). Von zwei dieser Therapeutinnen
und weiteren Fachpersonen liegen diverse ärztliche und psychologische Befunde
bzw. Berichte bei den Akten (Urk. 12/6-12/14 und Urk. 13/3). Auf diese
Beweismittel ist im Folgenden – soweit für die Urteilsfindung relevant –
einzugehen.
1.4 Mit den Grundsätzen der Beweiswürdigung, insbesondere der Würdigung
von Aussagen, hat sich die Vorinstanz ausführlich und korrekt befasst, so dass
auf die entsprechenden Ausführungen zu verweisen ist (Urk. 63 S. 7-9; Art. 82
Abs. 4 StPO).
1.5 Hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des Beschuldigten ist anzumerken, dass
ihn keine Pflicht zu wahrheitsgemässer Aussage trifft. Vielmehr könnte er ein
legitimes Interesse daran haben, die Geschehnisse in einem für ihn günstigen
Licht darzustellen. Seine Ausführungen sind deswegen aber nicht mit besonderer
Vorsicht zu würdigen, sondern entscheidend ist die Glaubhaftigkeit seiner
Aussagen.
Das gilt analog für die Aussagen von Zeugen und Auskunftspersonen. Ihren
Angaben kommt nicht schon deswegen ein höherer Wahrheitsgehalt zu, weil der
aussagenden Person Strafandrohungen vorgehalten werden. Alleine aus der
- 8 -
prozessualen Stellung einer am Strafverfahren beteiligten Person kann nichts
hinsichtlich deren Glaubwürdigkeit abgeleitet werden. Der allgemeinen
Glaubwürdigkeit eines Zeugen respektive einer einvernommen Person im Sinne
einer dauerhaften personalen Eigenschaft kommt nämlich kaum mehr relevante
Bedeutung zu. Weitaus bedeutender für die Wahrheitsfindung als die allgemeine
Glaubwürdigkeit ist die Glaubhaftigkeit der konkreten Aussage (BGE 133 I 33
E. 4.3, Urteil des Bundesgerichts 6B_692/2011 vom 9. Februar 2012 E. 1.4, je mit
Hinweisen). Insgesamt ist daher festzuhalten, dass die Glaubwürdigkeit des
Beschuldigten, der Privatklägerin (vgl. die nachstehende Erwägung 1.6) und der
weiteren befragten Personen auf der gleichen Stufe anzusiedeln ist.
1.6 Zur Glaubwürdigkeit der Privatklägerin ist zusätzlich zu erwähnen, dass
nach ihrer Darstellung der Gedanke zu einer Anzeige im Psychiatriezentrum
C._ entstand, wohin sie nach einem gescheiterten Suizidversuch Mitte
Februar 2011 gegen ihren Willen eingewiesen worden war. Sie nannte weiter ihr
"Gottemeitli" (die Tochter ihrer ältesten Schwester), welches auch zum
Beschuldigten gehe; sie wolle nicht, dass dies noch jemandem widerfahren
müsse. Im Rahmen der Therapiegespräche habe sie sich dann zu einer Anzeige
entschlossen (Urk. 4/1 S. 3 f.; Urk. 12/7; Urk. 12/9). Am Ende der polizeilichen
Befragung war die Privatklägerin offensichtlich sehr stark aufgewühlt, verhehlte
nicht ihren Hass gegen den Beschuldigten und führte auf die Frage, was sie sich
von dieser Anzeige erhoffe, aus: "Dass er ins Gefängnis gehen muss und
niemandem mehr etwas antun kann, vor allem meiner Nichte (vierjährig). ... Sie
heisst D._, war auch schon bei ihren Grosseltern schlafen oder wurde von
ihnen gehütet. Ich musste diese Anzeige machen, ich muss was dagegen tun"
(Urk. 4/1 S. 13)! Als Auskunftsperson gegenüber dem Staatsanwalt bestätigte die
Privatklägerin pauschal ihre bei der Kantonspolizei deponierten Aussagen, mithin
auch den eben zitierten Passus, als zutreffend (Urk. 4/2 S. 4). Der Beschuldigte
kann sich die Anschuldigungen seiner jüngsten Tochter schlicht nicht erklären
(Urk. 3/1 S. 5; Urk. 3/2 S. 2; Urk. 3/4 S. 3 und 5; Urk. 42 S. 6; Prot. II S. 15).
Irgendwelche Rachegedanken, welche hinter der Anzeige stehen könnten, sind
denn auch nicht ersichtlich. Die starken Negativgefühle der Privatklägerin
gegenüber dem Beschuldigten ebenso wie ihr Schutzgedanke hinsichtlich ihres
- 9 -
Patenkindes wären freilich erklärbar, sollten sich ihre Vorwürfe als wahr
herausstellen, was im Folgenden zu prüfen sein wird.
Ferner standen Zivilforderungen der Privatklägerin im Raum, was auf ein
wirtschaftliches Interesse am Ausgang des Verfahrens hinweisen könnte.
Vorliegend deutet indessen nichts darauf hin, dass die Privatklägerin das auch für
ein Opfer regelmässig beschwerliche und sehr belastende Strafverfahren auf sich
nehmen wollte, nur um allenfalls einen finanziellen Vorteil daraus zu ziehen. Den
Beweggrund für die Strafanzeige bildeten die Zivilansprüche jedenfalls nicht.
Diese wurden erst nachträglich durch ihre Rechtsvertreterin ins Spiel gebracht
und sie stellen im Übrigen eine gängige rechtliche Folge strafbarer Handlungen
wie der vorliegend zu beurteilenden dar (Urk. 18/1). Damit entfällt auch unter dem
finanziellen Blickwinkel ein Interesse der Privatklägerin am Ausgang des
Verfahrens, welches ihre Glaubwürdigkeit tangieren könnte. Der Umstand, dass
die Privatklägerin ihre Berufung zurückzog, zeigt ebenfalls, dass für sie finanzielle
Überlegungen nicht massgebend waren.
Es ist indessen nochmals zu betonen, dass nach aktuellen Kenntnissen heute
keine Gesamtbeurteilung der Glaubwürdigkeit einer Person erfolgt, sondern dass
vielmehr die Glaubhaftigkeit der konkreten Aussagen der Privatklägerin zum
Tatvorwurf zu analysieren ist.
2. Aussagen der Privatklägerin
Die Aussagen der Privatklägerin anlässlich der polizeilichen Befragung vom
24. November 2011 und als Auskunftsperson in der Befragung gegenüber dem
Staatsanwalt vom 19. April 2012 wurden im angefochtenen Urteil lediglich
bruchstückhaft aufgeführt. Da den Schilderungen der Privatklägerin im Rahmen
der Beweiswürdigung ein zentraler Stellenwert zukommt, ist es angezeigt, diese
nachfolgend ausführlich und in allen wesentlichen Einzelheiten darzustellen.
2.1 Polizeiliche Befragung (Urk. 4/1)
2.1.1 In der polizeilichen Befragung machte die Privatklägerin zuerst diverse
Angaben zu ihrer Familie und ihrem eigenen Werdegang, namentlich, dass sie in
- 10 -
Mazedonien geboren wurde, zwei ältere Schwestern und zwei jüngere Brüder hat,
mit der Mutter und den Geschwistern am 17. Januar 1996 ihrem Vater in die
Schweiz nachreiste, nämlich an die E._-Strasse ... in F._, wo sie
aufwuchs, eingeschult wurde und neun Jahre lang die obligatorische Schule
besuchte. In der Boutique ... in ... habe sie eine dreijährige Lehre als
Detailhandelsfachfrau begonnen, diese aber abbrechen müssen, weil sie sich mit
ihrem Chef nicht verstanden habe. Die Lehre habe sie dann 2009 im ... in ...
abgeschlossen. Ab November 2010 habe sie im ... in ... als stellvertretende
Filialleiterin gearbeitet. Im Januar 2011 habe sie einen Zusammenbruch erlitten,
weshalb sie zuerst in die Klinik C._ in ... gekommen sei. Einen Monat später
sei sie ins G._ [Privatklinik] disloziert, wo sie stationär bis im August 2011
geblieben sei. Anschliessend habe sie von Montag bis Freitag dort die Tagesklinik
besucht, wobei sie jeweils zu Hause geschlafen habe. Seit 1. November 2010
habe sie ihre eigene 1 1⁄2-Zimmerwohnung. Davor habe sie mehr oder weniger bei
den Eltern gewohnt. Derzeit beziehe sie Geld von der
Krankentaggeldversicherung. Per Ende Juni 2011 sei ihr von ihrem ehemaligen
Arbeitgeber gekündigt worden (Urk. 4/1 S. 2 f.).
Sie habe nur zu ihrer ältesten Schwester regelmässigen Kontakt, zumal deren
Tochter ihr "Gottemeitli" sei. Eigentlich wegen dem. Zu den andern
Familienmitgliedern habe sie keinen Kontakt, weil ihr alle nicht geglaubt hätten.
Seit viereinhalb Jahren lebe sie in einer Partnerschaft mit ihrem Freund. Er wohne
sozusagen bei ihr. Er wisse auch davon, einfach nicht zu detailliert. Er sei die
erste aussenstehende Person gewesen, die von den Übergriffen erfahren habe
(Urk. 4/1 S. 3 f.).
2.1.2 Im November 2010 habe sie einen Neuanfang beginnen wollen und sich bei
ihrer Hausärztin Hilfe geholt. Diese habe sie zu einer Psychologin in der H._
in I._ geschickt. Die Psychologin, Frau J._, habe sofort gemerkt, was los
sei mit ihr und ihr eine stationäre Traumatherapie empfohlen. In der H._
Klinik im Thurgau habe sie am 19. Januar 2011 ein Vorgespräch gehabt und
gedacht, es werde alles besser. Nachdem eine telefonische Abklärung durch die
Klinik bei ihrer Krankenversicherung ergeben habe, dass diese nichts zahlen
- 11 -
könne, weil es ausserkantonal sei, sei sie enttäuscht in den Zug gestiegen. Sie
habe einfach keine Lust mehr gehabt zu leben und habe zu Hause dann einen
Selbstmordversuch gemacht, der scheiterte. Daraufhin sei sie gegen ihren Willen
in die Klinik C._ eingewiesen worden.
Es gehe ihr viel besser, seit sie in psychologischer Behandlung stehe. Deshalb
sei sie heute auch hier. Sie glaube, sie hätte es sonst nicht geschafft. Auf die
Frage, was sie schlussendlich zur Anzeige bewogen habe, erläuterte die
Privatklägerin, dass sie in der Klinik C._ eine Mitpatientin kennen gelernt
habe, der sie sich habe anvertrauen können, zum ersten Mal überhaupt. Diese
habe sie darauf aufmerksam gemacht, dass schliesslich auch ihr "Gottemeitli" zu
ihm (dem Beschuldigten) gehe. Sie möchte nicht, dass dies noch jemandem
widerfahren müsse. Im Rahmen der Therapiegespräche habe sie sich für eine
Anzeige entschieden (Urk. 4/1 S. 3 f.).
2.1.3 Alle Familienmitglieder würden von den Übergriffen wissen. Diese hätten es
untereinander besprochen. Sie sei halt auch viel durchgedreht und auf ihren
Erzeuger losgegangen. Sie sei wütend und hässig auf ihn. Das hätten die andern
mitbekommen. In ihren Augen habe ihr niemand geglaubt. Ihrer ältesten
Schwester habe sie als einziger davon erzählt. Sie habe damals ein Tagebuch
geführt und auch von den Übergriffen geschrieben. Ihre mittlere Schwester habe
das Tagebuch gefunden und darin gelesen, sie dann darauf angesprochen und
sie so komisch angegrinst. Sie (die Privatklägerin) habe ihr geantwortet, dass es
nicht stimme, was dort drin stehe, weil sie sich schämte. Sie glaube, die mittlere
Schwester habe es dann auch der Mutter und den anderen erzählt. Sie sei einmal
nach Hause gekommen und von ihrer Mutter und den Schwestern mit Fragen
bombardiert worden. Auf die Frage der Mutter, ob das stimme, was in ihrem
Tagebuch stehe, habe sie mit "ja" geantwortet. Sie habe eine Ohrfeige von der
Mutter kassiert und die Ermahnung, sie solle nicht lügen. Für sie sei das Thema
damit abgeschlossen gewesen. Nur wenn sie ihre psychischen Ausraster gehabt
habe, dann habe sie die andern angeschrien und diese gefragt, weshalb sie sie
nie halten, sie nicht lieben, usw. Die andern hätten sie lediglich mit den Aussagen
gequält, sie sei genau so wie er, sie sehe so aus wie er. Solche Bemerkungen
- 12 -
hätten sie fertig gemacht. Ihr Vater habe gewusst, dass sie davon erzählen wollte,
aber lediglich gemeint, dass ihr ohnehin niemand glauben würde (Urk. 4/1 S. 4).
2.1.4 Ihre psychischen Probleme hätten sich gegen aussen dadurch geäussert,
dass sie sehr auffällig, sehr laut gewesen sei. Sie glaube, ihre Lehrer hätten sich
ihren Namen gemerkt. Zu Hause habe sie nie etwas sagen dürfen. In der Schule
sei sie immer krank gewesen, habe immer Kopfweh oder Rückenschmerzen
gehabt. Die Schule habe sie einmal zu einer Sozialpädagogin geschickt, der sie
aber nichts erzählt habe (Urk. 4/1 S. 4 f.).
2.1.5 Auf Ersuchen der befragenden Polizeibeamtin, sie möchte ihr – bevor man
auf Details eingehe – grob erzählen, was vorgefallen sei, berichtete die
Privatklägerin das Nachstehende:
Ganz ehrlich, sie wisse nicht, wann es begonnen und wann es aufgehört habe,
sie könne die Zeitspanne nicht nennen. Sie sei jedenfalls in der Primarschule
gewesen, ca. acht, neun Jahre alt. Angefangen habe es einfach mit Berührungen
im Intimbereich über den Kleidern. Sie habe das Gefühl, er habe immer testen
wollen, ob sie etwas sage oder nicht. Aber sie habe nie etwas gesagt. Er habe
beim Gesäss angefangen und sei dann weiter gegangen, indem er sie an den
noch nicht vorhandenen Brüsten berührt habe. Das folgende Mal habe er sie über
den Kleidern an der Vagina berührt. Er habe dann angefangen, ihr Zungenküsse
zu geben und sie am ganzen Körper zu massieren. Er habe sie immer gröber am
Gesäss und im Intimbereich berührt. Mit der Zeit sei er halt unter die Kleider
gegangen und habe sie an den Brüsten, am Gesäss und an der Vagina berührt.
Irgendwann sei er weiter gegangen und habe ihre Hand zu seinem Glied geführt,
wo sie ihn habe befriedigen müssen. Sie habe nie etwas selber gemacht, seine
Hand sei immer auf ihrer Hand gewesen. Das Schlimmste, an das sie sich
erinnern könne, sei, dass er mit seinem Finger in sie eingedrungen sei, das habe
sie auch sehr geschmerzt. Sie wisse nicht, ob es nach diesem Übergriff zu
weiteren gekommen sei oder nicht, sie habe danach wie abgeschaltet (Urk. 4 S.
5).
- 13 -
Auf die Anzahl Übergriffe angesprochen, erwiderte die Privatklägerin, das sei so
schwierig zu sagen; mit Sicherheit mehr als zehn Mal. Es sei ihr vorgekommen,
als passierte es über Jahre. Aber ihre Psychologen würden sagen, es könne gut
sein, dass sie sich das nur einbilde, weil es ihr halt so lange vorgekommen sei
(Urk. 4/1 S. 5). Die Übergriffe hätten immer zu Hause an der E._-Strasse ...
in F._ stattgefunden, in der Stube und in ihrem Zimmer; letzteres habe sie
mit ihren Schwestern geteilt. Wenn es tagsüber in der Stube zu einem Übergriff
gekommen sei – nämlich Berühren über den Kleidern sowie Küssen –, habe sie
die Stimme der Mutter aus der Küche gehört. Er habe nicht einmal Angst davor
gehabt, dass jemand auftauchen könnte. Sie habe auch nie geschrien. Ihr Vater
sei immer wach gewesen. Er sei nachts in ihr ("unser") Zimmer gekommen, habe
sich zu ihr ins Bett gelegt und sie unter den Kleidern missbraucht. Die andern
Familienmitglieder hätten geschlafen wie ein Stein. Sie habe im Etagenbett unten
geschlafen. Sie verneinte, dass ein Familienmitglied jemals einen sexuellen
Übergriff mitbekommen habe "... sonst würden sie mir ja glauben. Sie vertrauen
ihm blind" (Urk. 4/1 S. 6). Nachts – so empfand es die Privatklägerin – habe er es
ausgenützt, weil er genau gewusst habe, dass alle wie Steine schlafen würden.
Sie habe sich jeweils auch schlafend gestellt, ihm sei dies jedoch egal gewesen.
Sie frage sich, was er ihr sonst noch angetan habe, wenn sie wirklich schlief. Zur
Häufigkeit bzw. zu den Zeitabständen der Übergriffe führte die Privatklägerin aus,
eine Zeit lang sei es täglich gewesen, jedenfalls habe sie das Gefühl gehabt. Wie
regelmässig er nachts zu ihr gekommen sei, könne sie nicht sagen (Urk. 4/1 S. 6).
2.1.6 Detaillierter zu den sexuellen Handlungen befragt, führte die Privatklägerin
– teilweise auf präzisierendes Nachfragen, inhaltlich jedoch weitgehend in freier
Rede – aus:
Er habe sie zum Beispiel am Gesäss massiert, mit der Zeit immer gröber. Er habe
sie am Arm gepackt, zu sich herangeführt und sie umarmen wollen. Dann habe er
angefangen, sie auszugreifen. Er habe sie immer so grob angepackt, dass sie
nicht weggehen konnte. Die eine Hand habe er an ihrem Gesäss gehabt, die
andere an ihrer Vagina. Es seien Zungenküsse dazu gekommen, als sie versucht
habe, sich zu befreien. Wenn er seine Zunge in ihren Mund gedrückt habe, habe
- 14 -
er sie immer am Gesäss gepackt, damit sie nicht weggehen konnte. So sei er
immer tagsüber in der Stube vorgegangen. Er sei jeweils am Boden gesessen mit
dem Rücken zum Sofa gelehnt und habe sie am Handgelenk zu sich
herangezogen. Er selber sei sitzen geblieben. Weil sie früher sehr klein gewesen
sei, seien sie damals auf derselben Kopfhöhe gewesen, also er im Sitzen und sie
stehend. Wenn sie sich loszureissen versucht habe, habe er sie fester an sich
herangezogen (Urk. 4/1 S. 6). Die Berührungen an ihrer Vagina seien über den
Kleidern erfolgt und anfangs sanft, wobei die Privatklägerin von streicheln sprach.
Mit der Zeit habe er gröber gedrückt und so grusig dazu gestöhnt. Es sei schwer
zu sagen, wie lange das jeweils gedauert habe, sicher über eine Minute. Weshalb
er aufgehört habe und wie, wisse sie nicht. Auf allfällige Worte des Beschuldigten
angesprochen erklärte die Privatklägerin, er habe immer gesagt, sie solle sich
entspannen. Sie solle ihre Arschbacken nicht verkrampfen. Er habe immer
gestöhnt. Sie könne sich erinnern, dass er einmal ihre Hand genommen und
diese über den Kleidern an sein Glied geführt habe. Sie habe dort einfach hin und
her streicheln müssen. Ob sein Glied erregt gewesen sei, wisse sie nicht. Er habe
einfach immer gestöhnt. Wenn er sie jeweils an der Hand gepackt habe, habe sie
ab und zu auf ihre Sprache "Ma" gesagt, was soviel heisse wie "hör auf". In der
Stube sei es jedenfalls zu mehr Übergriffen gekommen als im Schlafzimmer
(Urk. 4/1 S. 7).
Im Schlafzimmer habe er sie immer unter den Kleidern ausgegriffen. Er sei nachts
ins Zimmer gekommen, wenn alle schon am Schlafen gewesen seien, dies immer
nur mit einer Unterhose bekleidet. Sie sei mit einem Pyjama bekleidet seitlich im
Bett gelegen mit dem Gesicht zur Wand. Er habe sich von hinten zu ihr ins Bett
gelegt und angefangen, sie unter ihrem Pyjama zu berühren. Er habe dies immer
zuerst an ihren flachen Brüsten gemacht. Er habe versucht, mit den Nippeln zu
spielen. Mit einer Hand sei er zum Gesäss gegangen, habe daran massiert und
dabei so grusig gestöhnt. Sein Gesicht sei nahe an ihrem Ohr gewesen. Vom
Gesäss sei er unter den Kleidern rüber zu ihrer Vagina gegangen. Er habe daran
gedrückt und die Schamlippen massiert. Bei einem Mal könne sie sich ja erinnern,
dass er mit dem Finger in ihre Vagina eingedrungen sei und Hin- und
Herbewegungen gemacht habe (Urk. 4/1 S. 7). Mit der Zeit habe er ihre Hand
- 15 -
genommen und diese zuerst über der Unterhose an sein Glied geführt, später
unter der Unterhose. Er habe ihre Hand kontrolliert an sein Glied geführt, wo ihre
Hand hin und her gegangen sei. Die Privatklägerin konnte auf Nachfrage nicht
sagen, ob das Glied des Beschuldigten erregt gewesen sei (Urk. 4/1 S. 8). Ihre
Position beschrieb sie als immer gleich: Seitlich mit dem Gesicht zur Wand, mit
dem Rücken zu ihm. Den oberen, jeweils linken Arm habe er so an sein Glied
führen können. Sie vermochte sich an zwei, drei Mal erinnern, dass der
Beschuldigte ihre Hand im Schlafzimmer an sein Glied geführt habe. Ob der
Beschuldigte jemals zum Samenerguss gekommen sei, wusste sie nicht. Danach
gefragt, wie lange sie Hin- und Herbewegungen an seinem Glied habe machen
müssen, schilderte die Privatklägerin, er habe aufgehört und sei wieder zu ihrem
Körper gegangen. Sie könne sich daran erinnern, das er einmal seine Hand von
ihrer Hand weggenommen und gemeint habe, sie würde alleine mit dem
Bewegungen weitermachen. Sie habe die Hand jedoch sofort von seinem Glied
weggenommen. Er habe sogleich ihre Hand mit seiner Hand wieder an sein Glied
geführt (Urk. 4/1 S. 8). Keine Erinnerung hatte sie daran, was er mit der andern
Hand gemacht habe. Die Fingerpenetration sei mit der linken Hand erfolgt, sie
wisse aber nicht mit welchem Finger und ob es ein Finger oder mehrere gewesen
seien. Er habe dann ganz schnell Rein- und Rausbewegungen gemacht. Ab dann
könne sie sich an gar nichts mehr erinnern (Urk. 4/1 S. 8 f.).
Anfänglich habe sie sich halt immer verkrampft, worauf er immer gemeint habe,
sie solle sich entspannen. Auch sei er immer gröber geworden. Sie habe ja auch
Angst gehabt und sich mit der Zeit halt gehen lassen, sich sozusagen geopfert. Er
habe ihr aber nie gedroht, sie einfach sehr fest an ihren Handgelenken gepackt,
wenn er sie an sich habe heranziehen wollen. Wenn sie ihn von sich habe
wegstossen wollen, habe er sie fest am Arm gepackt, so dass sie keine Chance
gehabt habe von ihm wegzukommen. Auch habe er sie sehr grob an ihrem
Gesäss berührt. Wiederum erwähnte sie sein Stöhnen während der Handlungen
und die Aufforderung an sie, sich zu entspannen. Auf Oralverkehr angesprochen,
gab die Privatklägerin an, sich nicht zu erinnern. Geschlechtsverkehr oder den
Versuch dazu verneint sie ausdrücklich und erläuterte, dies sicher zu wissen, da
es geblutet habe, mehrere Male sogar, als sie das erste Mal mit dem Freund
- 16 -
geschlafen habe (Urk. 4/1 S. 9 f.). Die Zungenküsse haben gemäss der
Privatklägerin mehrmals in der Stube stattgefunden, nicht aber im Schlafzimmer,
weil ihr Gesicht zur Wand gerichtet war (Urk. 4/1 S. 10). Weiter verneinte die
Privatklägerin, während der Übergriffe körperlich verletzt worden zu sein (Urk. 4/1
S. 11).
2.1.7 Die Uhrzeit der nächtlichen Übergriffe zu nennen bezeichnete die
Privatklägerin ebenfalls als schwierig: Der Beschuldigte sei immer so lang
aufgeblieben, habe nie schlafen können, sei stundenlang vor dem Fernseher
gesessen, habe sich Pornos angeschaut. Ihre Mutter habe jeweils morgens die
Tüechli mit dem Samenerguss drin vorgefunden. Sie habe gehört, wie sie ihn
daraufhin jeweils angeschrien habe. Die Eltern hätten ohnehin immer sehr laut
miteinander gestritten. Sie habe selber nie gesehen, wie er sich Pornos
angeschaut habe, aber gehört, wie die Mutter ihn angeschrien habe, dass er ein
Perversling sei (Urk. 4/1 S. 10).
2.1.8 Als sich die Polizeibeamtin erkundigte, ob sie das zuvor erwähnte
Tagebuch noch besitze, erklärte die Privatklägerin, dieses in "hunderttausend
Stücke" zerrissen zu haben. Nach der Ohrfeige von ihrer Mutter, das müsse
gegen Ende der Primarschule gewesen sein, habe sie es zerrissen. Sie könne
sich noch erinnern, dass in der Zeit von der vierten bis sechsten Klasse eine Frau
in ihre Klasse gekommen sei, um über sexuellen Missbrauch zu berichten. Da
habe sie (die Privatklägerin) auf einmal geschaltet und gemerkt, dass ihr das
ebenfalls widerfahren sei. Zu diesem Zeitpunkt seien die Übergriffe aber nicht
mehr vorgekommen. Sie gehe davon aus, dass es um ihr neuntes Lebensjahr
passiert sein müsse, weil sie ihren Vater davor eigentlich gemocht habe. Als sie
neun Jahre alt gewesen sei, habe sich dies plötzlich geändert. Er habe sie damals
auch mal gefragt, weshalb sie ihn so hasse, sie hätte ihn doch früher so gerne
gehabt (Urk. 4/1 S. 10).
2.1.9 Körperverletzungen während der Übergriffe verneinte die Privatklägerin,
aber später habe er sie immer wieder geschlagen. In der Oberstufe sei sie
regelmässig, sicher einmal wöchentlich, mit den Fäusten von ihm geschlagen
worden, vor allem am Kopf und am Bauch, so dass sie einmal ein blaues Auge
- 17 -
davongetragen habe. Auch habe er ihr die Hände verdreht. Zum Arzt sei sie nie
gegangen, es habe einfach weh getan, und sie habe geheult. Die andern
Familienmitglieder hätten dies mitbekommen, denn es sei jeweils zu Hause an
verschiedenen Orten in der Wohnung geschehen. Sie selber habe dermassen
Hass gegen den Vater empfunden und sei so durchgedreht, dass sie jeweils mit
Messer und Töpfen auf ihn losgegangen sei (Urk. 4/1 S. 11). Die Frage, ob der
Beschuldigte durch sie auch mal verletzt worden sei, beantwortete die
Privatklägerin mit "ich glaube schon, ja". Wenn sie in diesem Zustand gewesen
sei, sei sie wie gestört gewesen. Sie könne sich einfach mal erinnern, dass er vor
Schmerzen geschrien habe, denn einmal habe sie ihn mit dem Fuss zwischen die
Beine getreten (Urk. 4/1 S. 11 f.). Die väterliche Gewalt ihr gegenüber habe lange
angedauert, bis ca. 16 Jahre. Danach habe er sich nicht mehr getraut. Sie habe
immer ein Messer auf sich getragen. Die andern hätten sie als "Psycho"
bezeichnet und sie fertig gemacht, weil sie so mit dem Vater umgegangen sei. Sie
hätten sich aber nie gefragt, warum dies wohl so sei. Alle hätten sie gehasst. Sie
denke nicht, dass ihre beide Schwestern ebenfalls Opfer von sexuellen
Übergriffen des Beschuldigten geworden seien. Sonst hätten sie ihr doch
geglaubt und wären nicht so kalt ihr gegenüber (Urk. 4/1 S. 12).
2.1.10 Sie denke nicht, dass ihre beide Schwestern ebenfalls Opfer von
sexuellen Übergriffen des Beschuldigten geworden seien, auch nicht ihre Brüder.
Sonst hätten sie ihr doch geglaubt und wären nicht so kalt ihr gegenüber.
Aber bei ihrer Cousine, K._, habe er es – nach ihr – auch zweimal versucht.
Er habe ihr offenbar einmal Zungenküsse gegeben und sie einmal an ihren
Brüsten berührt. Ihre Cousine habe das zuerst ihrer (der Privatklägerin) mittleren
Schwester erzählt, die es ihr auch nicht geglaubt habe. Sie habe es von ihrer
Schwester erfahren und die Cousine dann darauf angesprochen. Die Cousine
habe ihr gegenüber bestätigt, dass er es bei ihr ebenfalls versucht habe. Sie habe
die Cousine dieses Jahr gefragt, ob sie auch Anzeige erstatten würde. Diese
habe erwidert, sie würde schon, aber ihre Mutter würde sie mit Sicherheit nicht
machen lassen.
- 18 -
2.1.11 Nach ihren Gefühlen während der Übergriffe gefragt, gab die
Privatklägerin zu Protokoll, sie habe Angst gehabt und sich geschämt, dass
jemand sie beide sehen könnte (Urk. 4/1 S. 13).
Schliesslich wurde die Privatklägerin gebeten, den Beschuldigten charakterlich zu
beschreiben. Sie tat dies mit folgenden Worten: "Oh Gott, muss ich das machen,
igitt, es kommen nur negative Sachen vor. Er ist ein Lügner, pervers, ungepflegt,
aggressiv, macht immer Probleme, bringt nichts auf die Reihe, fernsehsüchtig,
gibt alles Geld aus. Ich kann nichts Positives über ihn sagen. Ich habe so einen
Hass auf ihn. Er glotzte immer die Frauen an, auch in Gegenwart von meiner
Mutter" (Urk. 4/1 S. 13). Sie habe solche Angst gehabt vor der Befragung, diesem
Tag. Nun fühle sie sich irgendwie erleichtert.
2.2 Befragung vor der Staatsanwaltschaft (Urk. 4/2)
2.2.1 Rund fünf Monate nach der polizeilichen Einvernahme als Auskunftsperson
gegenüber der Staatsanwaltschaft bestätigte die Privatklägerin zunächst ihre bei
der Polizei deponierten Angaben als nach wie vor zutreffend und sah keinen
Grund, von sich aus etwas beizufügen.
2.2.2 Noch einmal um chronologische Schilderung der Ereignisse zum
gegenständlichen sexuellen Missbrauch gebeten, gab die Privatklägerin folgende
Darstellung:
Sie schätzte, dass die Missbräuche ungefähr im Alter von acht bis zehn Jahren
begannen. Sie ging davon aus, dass sie plus minus neun Jahre alt war. Diese
zeitliche Einordnung begründete sie einerseits damit, dass im Alter von neun
Jahren ihr Vater sie darauf angesprochen habe, sie hätten es immer so gut
zusammen gehabt; danach sei das nicht mehr der Fall gewesen. Zudem habe in
der Primarschule ihr Lehrer, Herr L._, eine Frau von der Dargebotenen Hand
eingeladen, die über sexuelle Missbräuche und Gewalt, vor allem innerhalb der
Familie, gesprochen habe. Zu diesem Zeitpunkt hätten keine sexuellen
Missbräuche mehr stattgefunden. Sie könne sich noch sehr genau daran
erinnern, dass sie rot angelaufen sei und erst da bemerkt habe, was genau mit ihr
- 19 -
geschehen sei. Es sei ihr sehr unangenehm gewesen, und sie habe extrem
geschwitzt (Urk. 4/2 S. 4 und 14).
2.2.3 Zu den Vorfällen im Wohnzimmer, die tagsüber stattfanden, hob die
Privatklägerin ein Beispiel hervor, als die Sonne geschienen und sie Shorts
getragen habe, weshalb es wohl eine wärmere Jahreszeit gewesen sei. Zum
genauen Beginn und Ende des Vorgangs fehle ihr die Erinnerung, es habe aber
als Spiel begonnen, er habe versucht, das Ganze spielerisch darzustellen. Es
habe mit Küssen und Anfassen an intimen Stellen über den Kleidern begonnen
(Urk. 4/2 S. 4). Der Beschuldigte sei immer im Wohnzimmer vor dem Fernseher
gesessen, nie auf dem Sofa, sondern immer an der gleichen Stelle auf dem
Boden ans Sofa angelehnt. Sie wisse nicht mehr, ob der Beschuldigte sie gerufen
habe oder ob sie einfach zufällig dort gewesen sei. Sie könne sich aber erinnern,
dass es hell gewesen sei, die Sonne hereingeschienen habe. Sie glaube, die
Stimme der Mutter gehört zu haben, die wohl in der Küche mit einer weiblichen
Person, einer ihrer Schwestern oder der Nachbarin – welche die Ehefrau eines
Verwandten war –, gesprochen habe. Sie sei nicht ganz sicher, ob sie auf dem
Sofa gesessen sei. Als sie an ihm habe vorbeigehen wollen, habe er sie ganz
schnell gepackt, sie glaube am Arm, dies in spielerischer Weise und dabei
gelacht. Er habe sie an sich herangezogen. Sie wisse nicht mehr, ob dies das
erste Mal gewesen sei. Sie habe sich auf jeden Fall sehr unwohl gefühlt und
versucht, sich abzuwenden, zu befreien aus seinem Handgriff. Er habe aber nicht
von ihr abgelassen, sie mit beiden Händen an ihren Handgelenken gepackt, dabei
weiterhin gelacht, sie zu sich herangezogen und so getan, als wäre alles ein
Spiel. Er habe sie ganz fest an seinen Körper gedrückt. Sie habe versucht, sich
abzuwenden, sich zu befreien. Sie wisse, dass sie dabei immer gegrinst habe,
aus Unsicherheit, sie habe Angst gehabt. Es sei ein komisches Verhalten
ihrerseits gewesen. Seine Hände hätten sich von ihren Handgelenken gelöst, und
er habe mit beiden Händen an ihr Gesäss gefasst. Dies sei sehr schnell
geschehen. Er habe richtig zugepackt. Dann habe sie sich nicht mehr dagegen
gewehrt, sie sei wie blockiert gewesen, ganz steif. Sie sei so steif gewesen, dass
sie sich nicht habe wehren können. Er habe das ausgenützt und sie mit seiner
ganzen Kraft an sich gedrückt und sie auf ihren Mund geküsst. Sie habe versucht,
- 20 -
ihre Lippen zuzudrücken, damit sich ihr Mund nicht öffne. Sie habe seine Zunge
auf ihren Lippen gespürt. Schlussendlich habe er es geschafft, mit seiner Zunge
in ihren Mund zu gelangen, wo er mit der Zunge Spiele gemacht habe (Urk. 4/2 S.
5). Währenddessen seien seine Hände immer noch auf ihrem Gesäss gewesen,
er habe dieses auf seine Weise massiert. Sie wisse nicht so recht, wie sie das
beschreiben solle. Er habe dazu gestöhnt. Sie habe ihr Gesäss sehr angespannt
und sich sehr unwohl gefühlt. Dann habe er mit dem Küssen aufgehört und sei
trotzdem mit seinem Gesicht ganz nahe an ihrem Gesicht gewesen, habe ihr
zugeflüstert, sie solle sich entspannen. Sie wisse noch, dass er es auf eine lustige
Art gesagt habe, aber auch sehr sexistisch. Einfach nicht so, wie dies ein Vater
sagen würde. Daraufhin habe sie ihr Gesäss locker gelassen und er habe
weitergemacht. Er habe immer mehr und mehr und auch kräftiger ihr Gesäss über
den Kleidern massiert und mehrmals versucht, sie zu küssen, was ihm auch
gelungen sei. Wie die Situation aufgehört habe, wisse sie nicht mehr (Urk. 4/2 S.
6).
2.2.4 Weiter schilderte die Privatklägerin ein nächtliches Ereignis im
Schlafzimmer. Wie bisher beschrieb sie die Position der Betten, wobei sie sich im
Etagenbett unten befand und dass ihre Schwestern schliefen. Diese hätten einen
sehr tiefen Schlaf, wie auch ihre Mutter. Sie wisse nicht mehr, ob sie im Tiefschlaf
gewesen sei oder halbwach. Sie habe ein Knarren gehört und gehört, dass sich
die Türe öffnete sowie danach Schritte. Es sei sehr sehr dunkel im Zimmer
gewesen. Die Türe sei wieder geschlossen worden, was sie durch ein Knarren
wahrgenommen habe. Die Schritte seien sehr schwer gewesen und auf sie
zugekommen. Eigenartig sei gewesen, dass sie genau gewusst habe, wer dies
war. Es müsse schon mehrere Male passiert sein, sonst hätte sie es ja nicht
wissen können, anders könne sie sich das nicht erklären. Sie sei in ihrem Bett
gelegen mit dem Gesicht gegen die Wand. Sie habe ihm den Rücken zugewandt.
Er sei immer näher gekommen und habe sich am Schluss neben sie in ihr Bett
gelegt. Er habe die Decke nach oben gezogen. Sie könne sich noch daran
erinnern, wie das Bett "schwerer" geworden sei. Sie könne sich auch noch
erinnern, wie es getönt habe. Sie glaube, ihre Augen immer geschlossen und nie
geöffnet gehabt zu haben. Er habe nur Unterhosen getragen, denn sie habe seine
- 21 -
nackten Beine gespürt. Beim Oberkörper sei sie sich nicht mehr sicher. Ihr
Gesicht sei der Wand zugewandt gewesen, er sei hinter ihr gelegen und habe
sich an sie herangepresst oder umgekehrt, das wisse sie nicht mehr so genau
(Urk. 4/2 S. 6 f.). Sie sei auf ihrem rechten Arm gelegen, also müsse er auch so
gelegen haben. Beide Gesichter seien gegen die Wand gerichtet gewesen. Dann
habe sie eine Hand an ihrem Arm gespürt. Sein Arm sei nackt gewesen. Sie
wisse nicht, ob er ein T-Shirt getragen habe, auf jeden Fall kein Langarmshirt.
Seine Hand sei unter ihre Kleider in Richtung ihrer noch flachen Brust gedrungen.
Sie könne nicht sagen, was ihn dabei so fasziniert habe, jedenfalls habe er ihre
Oberweite gestreichelt. An ihrem Ohr habe sie seinen Atem gespürt und sein
Stöhnen gehört. Er habe dabei nichts gesagt, nur gestöhnt.
Seine Hand sei dann weiter nach unten, bis zu ihrem "Hösli", gerutscht, zuerst
über der kurzen Pyjamahose, dann zu ihrer intimen Stelle (Vagina). Er habe auch
dort versucht zu massieren, habe gedrückt und gestreichelt. Dann habe er ihre
linke Hand genommen und sie zu seinem Glied hingeführt. Ihre Hand habe sein
Glied berührt, seine Hand sei aber immer auf ihrer Hand geblieben. Er habe mit
seiner Hand ihre Hand geführt, damit sie sein Glied berühre, was ihm auch
gelungen sei. Er habe sie mit seiner Hand dort hin- und hergeführt. Dann habe er
seine Hand von ihrer Hand weggenommen und sie unter ihrer Pyjamahose im
intimen Bereich angefasst. Sie glaube, dass er das Gefühl gehabt habe, dass sie
sein Glied von sich aus selber massieren würde, was sie aber nicht getan und
ihre Hand weggenommen habe. Er habe seine Hand von ihr weggenommen und
dann wieder ihre Hand genommen und sie wieder zu seinem Glied geführt und
dieses wieder massiert, wobei er ihre Hand geführt habe. Dann habe er
losgelassen und seine Hand wieder bei ihr im "Hösli" platziert. Sie glaube, er habe
auch noch ihr Gesäss unter dem "Hösli" berührt und sei erst dann nach vorne
gegangen. Sie habe sich wieder verkrampft und er ihr wieder zugeflüstert, sie
solle sich wieder entspannen. An den genauen Wortlaut könne sie sich nicht mehr
erinnern. Nie habe er ihr gedroht oder Schlechtes gesagt. Aber sie habe gehorcht
und losgelassen, es mit sich geschehen lassen. Er habe massiert, gestreichelt
und ihren intimen Bereich gedrückt (Urk. 4/2 S. 7).
- 22 -
Er habe dann seinen Finger in ihre Vagina eingeführt, den Finger hinein und
heraus bewegt. Es habe weh getan, sogar sehr weh. Sie habe sich nicht gewehrt
(Urk. 4/2 S. 7 f.). Sie könne sich noch sehr gut erinnern, dass sie während der
ganzen Situation einmal gegähnt habe, so dass er hätte meinen können, dass sie
schlafe und dass er sie dann in Ruhe lassen würde. Entweder habe er gewusst,
dass sie nicht schlafe, oder es sei ihm einfach völlig egal gewesen. Das sei ihre
letzte Erinnerung, welche sie daran habe. Sie habe einen grossen Schmerz
verspürt, und es habe auch gebrannt (Urk. 4/2 S. 8).
An andere Situationen – so die Privatklägerin – könne sie sich nicht mehr genau
erinnern. Sie sehe ihn einfach immer vor sich, wie er versucht habe, sie zu
küssen, anzufassen, auf den Kleidern und unter den Kleidern. Sie könne sich
auch an sein Grinsen erinnern. Er habe immer gegrinst (Urk. 4/2 S. 8).
2.2.5 Nach langem Überlegen kam der Privatklägerin ferner ein Vorkommnis im
Badezimmer in den Sinn. Da sei sie gar kein Kind mehr gewesen, sondern
jugendlich. Ihre Schwester habe aus Versehen den Schlüssel fürs Badezimmer
zerbrochen. Sie hätten die Türe aufbrechen müssen und man habe das
Badezimmer für eine Weile nicht mehr schliessen können. Man habe eigentlich
immer gewusst, wenn jemand drin gewesen sei, denn man habe das Licht durch
das Schlüsselloch gesehen oder das Wasser laufen gehört. An einem Nachmittag
sei sie unter der Dusche gewesen. Sie habe sich irgendwie beobachtet gefühlt,
sich umgedreht und gesehen, wie er (der Beschuldigte) da gestanden sei und sie
beobachtet habe. Der Duschvorhang sei eigentlich fast durchsichtig gewesen. Sie
habe bei seinem Anblick zu schreien begonnen, da sie eine solche Angst vor ihm
gehabt habe. Sie wisse nicht mehr, ob sie Schimpfwörter benützt habe oder nicht.
Für ihn sei es vermutlich sehr unerwartet gewesen. Er habe den Kopf geschüttelt,
verwirrt getan und dann so, als würde er etwas suchen. Danach sei er
hinausgerannt. Das sei der Grund, weshalb sie seither nicht mehr alleine duschen
könne (Urk. 4/2 S. 8).
2.2.6 Auf die Beziehung zu ihrem Vater und zu ihrem familiären Umfeld
angesprochen, berichtete die Privatklägerin:
- 23 -
2.2.6.1 Vor dem sexuellen Missbrauch hätten sie eine sehr enge Beziehung und
sich gegenseitig sehr lieb gehabt und viel Zeit miteinander verbracht. Er habe sie
auch gegenüber ihren andern Geschwistern bevorzugt. Als dann das Ganze
geschehen sei, habe sie ihn gehasst. Damals habe sie nicht verstanden, was
wirklich gelaufen sei. Sie denke, die Dame, welche zu ihr in die Klasse gekommen
sei, habe den Anstoss gegeben. Danach habe sie ihn nur noch gehasst und sich
vor ihm geekelt. Sie habe ihn sehr gehasst und hasse ihn auch heute noch.
Damals habe sich alles verändert. Er habe immer so getan, als wäre nichts
gewesen. Wenn sie ausgerastet oder verzweifelt gewesen sei, habe sie ihn sehr
frech mit Tränen in den Augen sehr direkt darauf angesprochen. Er habe dann
jeweils so getan, als wäre es nie passiert. Nie habe er es zugegeben. Aber an
seinen Ausdruck könne sie sich sehr gut erinnern, er sei erschrocken gewesen,
dass sie sich überhaupt noch daran erinnere. Er habe seine Augen ganz weit
aufgerissen, seinen Kopf geschüttelt und sehr verwirrt gewirkt. Er habe etwas wie
"Das stimmt nicht!" gemurmelt, danach auf den Boden geblickt und sei vor ihr
geflüchtet. Immer, wenn sie ihn darauf angesprochen habe oder ihn vor der
Familie habe bloss-stellen wollen, habe er an ihr körperliche Gewalt angewendet.
Einmal habe sie ihm gedroht, dass sie es ihrer Mutter erzählen werde, worauf er
ganz kalt geantwortet habe, diese werde ihr sowieso nicht glauben, was auch
eingetreten sei (Urk. 4/2 S. 9).
2.2.6.2 Zu ihrer ältesten Schwester habe sie ein sehr gutes Verhältnis gehabt.
Man habe sich gegenseitig vertraut. Die mittlere Schwester sei ein Plappermaul.
Diese habe ihr nicht geglaubt (Urk. 4/2 S. 9).
Einmal sei sie spätabends mit der ältesten Schwester im Badezimmer gewesen.
Diese habe dort geraucht, weil das in der Wohnung nicht erlaubt gewesen sei.
Damals habe sie (die Privatklägerin) ein Einzelzimmer gehabt, das alte Büro. Sie
hätten diskutiert und da habe sie den Wunsch verspürt, jemandem zu erzählen,
was er ihr angetan habe. Sie habe die Schwester gefragt, ob sie einen sexuellen
Missbrauch der Mutter erzählen würde. Diese habe bejaht, sofort würde sie das
machen. Die Schwester habe wissen wollen, weshalb sie das frage. Sie sei dann
ein wenig eingeschüchtert gewesen und habe ihr erzählt, dass es ihr passiert sei.
- 24 -
Sie habe sich danach sehr geschämt, dass sie es ihr überhaupt erzählt habe
(Urk. 4/2 S. 9). Die Schwester habe sie dann traurig angeblickt, worauf sie (die
Privatklägerin) in Tränen ausgebrochen und ihr Zimmer geflüchtet sei. Ihre
Schwester sei ihr ins Zimmer nachgerannt. Sie selber habe sich unter der
Bettdecke verkrochen, weil sie sich so geschämt habe, die Schwester
anzuschauen. Diese habe sie dann ganz fest gehalten und versucht, sie zu
trösten und dann flüchtig gefragt, wer sie missbraucht habe. Sie habe erwidert,
"er" (ihr Vater) habe dies gemacht. Sie habe nicht aufhören können zu weinen.
Die Schwester habe nichts mehr gesagt. Die ganze Situation habe sie auch
verwirrt. Dann sei auf einmal ihr Vater ins Zimmer gekommen, weil er sie habe
weinen hören und erfahren wollte, was los sei. Wie es weiter gegangen sei, wisse
sie nicht mehr genau. Zuerst er und dann die Schwester hätten ihr Zimmer
verlassen (Urk. 2/4 S. 9 f.).
Am folgenden Tag habe sie es sehr bereut, es der Schwester gesagt zu haben,
weil es so peinlich und ihr allgemein sehr unangenehm gewesen sei. Nach der
Rückkehr von der Schule habe sie zur Schwester gesagt, alles sei nur ein Scherz
gewesen und sie habe alles nur erfunden. Die Schwester habe ihr geantwortet,
dass es gar kein Scherz gewesen sein könne, da sie so fest habe weinen
müssen. Danach habe die Schwester sie nie wieder darauf angesprochen (Urk.
4/2 S. 10).
2.2.6.3 Zum Tagebuch erläuterte die Privatklägerin, dieses damals von ihrer
Mutter erhalten zu haben. Sie habe alles auf Deutsch geschrieben, auch über die
sexuellen Missbräuche, dies aber in griechischer Schrift, weil ihre mittlere
Schwester ein Plappermaul gewesen sei und eben auch sehr neugierig. Diese
habe sie verfolgt und ihre Sachen durchstöbert. Aus Sicherheitsgründen habe sie
die Missbräuche in griechischer Schrift verfasst, damit sie das nicht würde lesen
können, wenn sie das Tagebuch finden sollte. Da letzteres nicht eingetreten sei,
habe sie trotzdem auf Deutsch zu schreiben begonnen, auch kurz über
Missbräuche und von ihm. Dann habe die Schwester sie einige Tage verfolgt und
herausgefunden, wo sie das Tagebuch versteckte, es behändigt und darin
gelesen. Beim folgenden Gespräch habe die Schwester sie mit einem komischen
- 25 -
Gesichtsausdruck, einem Grinsen, angeschaut, was sie (die Privatklägerin)
eingeschüchtert habe. Dann habe die Schwester gefragt, ob er sie angefasst
habe. Sie habe sich geschämt und Angst gehabt und dieser deshalb geantwortet,
dass es nicht stimmen würde. Die Schwester habe sie trotzdem sehr seltsam
angeschaut, als würde sie ihr das nicht glauben (Urk. 4/2 S. 10).
Ein oder zwei Tage später, als sie von der Schule nach Hause gekommen sei,
seien ihre Mutter und ihre beiden Schwestern im Wohnzimmer auf den Sofas
gesessen. Entweder sei sie selber direkt ins Wohnzimmer gegangen oder man
habe sie gerufen. Sie wisse jedenfalls noch, dass ihre ältere Schwester
ausgeschlossen gewesen sei. Sie sei viel weiter von den andern beiden weg
gesessen, sei desinteressiert gewesen und habe ängstlich gewirkt. Ihre mittlere
Schwester und die Mutter hätten immer zusammengehalten, nun seien sie recht
provokativ drauf gewesen. Die drei seien gesessen, sie gestanden. Die Mutter
habe sehr komisch gegrinst, was sie sehr eingeschüchtert habe. Sie habe sie
gefragt, ob das stimme, was sie im Tagebuch gelesen habe. Von da an habe sie
auch gewusst, dass die Mutter ihr Tagebuch gelesen haben müsse. Sie (die
Privatklägerin) sei dann wieder in Tränen ausgebrochen und habe gesagt, dass
alles stimmen würde, dass er ihr das angetan habe. Sie sei dann direkt neben
ihre Mutter gesessen und habe erwartet, dass diese sie in die Arme nehmen und
trösten würde. Diese habe gefragt, ob er ihre Oberweite berührt habe. Sie gehe
davon aus, dass die Mutter das im Tagebuch gelesen habe, da sie dies sonst
nicht hätte wissen können. Sie (die Privatklägerin) habe bejaht und dabei geheult.
Dann habe die Mutter ihr eine Ohrfeige verpasst und sei sehr böse gewesen. Die
Mutter habe gesagt, sie solle nicht lügen und keine Geschichten erzählen. Sie
habe die Mutter angefleht, es ihr zu glauben. Ihre Mutter habe zu weinen
begonnen, sei wütend auf sie gewesen, sei immer "hässiger" auf sie geworden
und habe sie angeschrien, sie solle mit einem solchen Unsinn aufhören. Das
habe sie sehr enttäuscht und eingeschüchtert. Sie sei in ihr Zimmer gerannt, habe
das Tagebuch hervorgenommen und es in Tausend Stücke zerrissen (Urk. 4/2 S.
11).
- 26 -
Damals sei sie zwölf Jahre alt gewesen. Sie sei sich fast sicher, dass ihr die
Mutter dieses Tagebuch auf das zwölfte Lebensjahr geschenkt hatte. Aber
vielleicht irre sie sich auch. Sie habe die Vorfälle von früher eben erst dann in ihr
Tagebuch geschrieben. Danach habe sie diese Vorfälle nicht mehr erwähnt um zu
vermeiden, dass ihre Familie böse auf sie sei. Sie habe sie (die Familie) geliebt
(Urk. 4/2 S. 11).
2.2.6.4 Die Tochter ihrer Tante und ihre mittlere Schwester hätten sich sehr gut
verstanden. Sie wisse nicht mehr, ob ihre Cousine oder ihre Tante es ihrer
Schwester erzählt habe. Jedenfalls habe die mittlere Schwester gesagt, dass sie
nicht akzeptabel finde, was die Cousine über den Beschuldigten erzählen würde,
nämlich, dass dieser sie bedrängt und begrabscht hätte (Urk. 4/2 S. 11 f.).
Sie wisse nun nicht mehr genau, ob ihre Schwester ihr dies erzählt habe oder die
Cousine selber. Jedenfalls sei sie (die Privatklägerin) daraufhin ausgerastet, habe
zu weinen und zu schreien begonnen, auch Schimpfwörter gerufen und die
andern angeschrien, dass sie ihr nicht geglaubt hätten und sie nun sehen würden,
was passiere. Die älteste Schwester habe sie gepackt und in ihr Zimmer
gebracht, damit sie sich beruhigen konnte. Der Beschuldigte sei damals auch zu
Hause gewesen und habe sich erkundigt, was los sei und weshalb sie so schreie.
Sie habe ihn gehört, sei aus dem Zimmer gestürmt, ihm entgegengelaufen und
habe ihn angeschrien. Sie habe ihn auf die Cousine angesprochen und ihm
gesagt, sie wisse, was er dieser angetan habe. Er habe sofort erwidert, diese lüge
und habe sich entfernt (Urk. 4/2 S. 12).
Am gleichen oder folgenden Tag sei sie bei ihrer Tante M._ vorbeigegangen
und diese und die Cousine hätten ihr berichtet, was vorgefallen sei, nämlich, dass
die Cousine dem Beschuldigten bei Ferienabwesenheit der übrigen Familie Essen
nach Hause gebracht habe und dass der Beschuldigte die Cousine gepackt und
ihr einen Zungenkuss zu geben versucht habe. Die Cousine müsse das am
besten selber erzählen. Sie selber habe der Tante erzählt, dass dies auch ihr
passiert sei, ihr aber niemand glaube. Ab dann habe sie, anders als vorher, ein
sehr inniges Verhältnis zu ihrer Tante gehabt (Urk. 4/2 S. 12 f.).
- 27 -
Bei einem zweiten Gespräch habe sie dann von ihrer Cousine oder ihrer Tante
erfahren, dass der Beschuldigte der Cousine zufälligerweise am Bahnhof F._
begegnet sei und ihr in den Ausschnitt hinuntergegriffen habe, worauf die
Cousine, damals in der Oberstufe, in Panik weggerannt sei. Mehr wisse sie nicht,
nur von diesen zwei Vorfällen. Das Gespräch mit der Tante habe ca. zwischen
2001 und 2004 stattgefunden, als sie selber in der Oberstufe gewesen sei (Urk.
4/2 S. 13).
2.2.6.5 Auf die Frage, ob sie noch weitere Vorfälle berichten oder von sich aus
etwas beifügen möchte, erwähnte die Privatklägerin, dass jeder die Augen
verschlossen habe, als es um diesen Missbrauch gegangen sei. Es gebe noch
zwei recht wichtige Dinge. Sie habe einmal mitbekommen, dass der Beschuldigte,
als sie noch nicht auf der Welt gewesen sei, in Mazedonien mehrere Monate im
Gefängnis gewesen sei, es soll um Prostitution gegangen sein, dass er und ein
anderer Mann im Lastwagen Frauen geschmuggelt haben sollen. Auch habe er
eine perverse Art (wobei sich die Privatklägerin erkundigte, ob sie dies so sagen
dürfe), sei nachts immer wach und habe pornografische Videos angeschaut. Ihre
Mutter und ihre Schwestern hätten immer wieder entsprechende Kassetten
gefunden, und die Eltern hätten sich deswegen immer gestritten. Die Mutter habe
den Beschuldigten als "Perversling" bezeichnet und sonstige sexistische
Ausdrücke verwendet (Urk. 4/2 S. 13 f.).
2.2.7 Nochmals auf den zeitlichen Rahmen der einzelnen Tathandlungen
angesprochen, bestätigte die Privatklägerin ausdrücklich ihre bisherigen Angaben
als zutreffend, nämlich, dass sie ca. acht, neun Jahre alt gewesen sei, als der
Beschuldigte begonnen habe, sie auszugreifen, dass der Beschuldigte sie in der
4.-6. Primarklasse nicht mehr sexuell missbraucht habe, dass sie ihn bis zu ihrem
neunten Altersjahr sehr gemocht habe und ihn seither hasse (Urk. 4/2 S. 14).
Welche Primarklasse sie damals besuchte und ob sie nun bereits im achten oder
(erst) im neunten Lebensjahr missbraucht worden sei, konnte sie nicht mehr
sagen (Urk. 4/2 S. 14).
- 28 -
2.2.8 Auch zum Tatort blieb die Privatklägerin beim bereits Gesagten: Dass die
sexuellen Handlungen in der Wohnung an der E._-Strasse ... in F._ in
der Stube und im Schlafzimmer, welches sie mit ihren beiden Schwestern teilte,
stattgefunden hätten und dass sie in der unteren Etage des Etagenbettes
geschlafen habe (Urk. 4/2 S. 15).
2.2.9 Hinsichtlich der einzelnen Tathandlungen und Häufigkeiten äusserte sich
die Privatklägerin ebenfalls wie bis dahin.
Als betroffene Geschlechtsteile nannte sie Gesäss, Vagina und Oberweite; dass
ihre Brüste im fraglichen Zeitraum noch gar nicht entwickelt gewesen seien und
dass der Beschuldigte ihr auch an die Brustwarzen gegriffen und versucht habe,
diese mit den Fingern zu fassen. Er habe mit diesen gespielt; es habe nicht
geschmerzt. Ansonsten habe er einfach ihre Brüste berührt und massiert (Urk. 4/2
S. 18).
Die bei der Polizei genannte Zahl von ca. zehn sexuellen Übergriffen über den
Kleidern bezeichnete sie als in etwa richtig. Sie habe einfach eine Zahl genannt,
weil ihr die Polizei keine Ruhe gelassen habe. Eine klare Erinnerung habe sie
aber nicht mehr, weshalb sie nicht in der Lage sei, genaue Zahlen zu nennen
(Urk. 4/2 S. 15 f.). Auch die Frage nach den Abständen empfand sie als schwierig
zu beantworten. Es komme ihr vor, als sei es immer wieder passiert, sogar
wöchentlich. Ebenso sei es ihr vorgekommen, als hätten diese Vorfälle lange
stattgefunden (Urk. 4/2 S. 16). Sie gab an, dass der Beschuldigte sie unter den
Kleidern viel weniger angefasst habe als über den Kleidern.
Wie bei der Polizei sprach sie von zwei bis drei Vorfällen, anlässlich welchen der
Beschuldigte ihre Hand zu seinem Glied geführt und dort ihre Hand mit seiner
Hand dann geführt habe, wobei sie nicht weitergemacht habe, wenn er
losgelassen habe (Urk. 4/2 S. 17 f.). Zudem berichtete sie erneut vom Vorfall, als
der Beschuldigte ihr den Finger in die Vagina gesteckt und diesen rein- und
rausgezogen habe. Das habe ihr sehr weh getan, es sei wie ein Druck gewesen
und habe gebrannt. Zuvor habe er an der Vagina gestreichelt und gerieben (Urk.
4/2 S. 17 f.). Zur genauen zeitlichen Dimension konnte sie nichts sagen – kurz.
- 29 -
Ob es allenfalls mehrere Finger gewesen seien, wusste sie nicht (Urk. 4/2 S. 16
ff.). Es sei maximal fünf Mal vorgekommen, eventuell auch zwei Mal, dass der
Beschuldigte zu ihr ins Bett gekommen sei und sie ausgegriffen habe. An den
einen Vorfall könne sie sich noch sehr gut erinnern, an die andern nicht mehr so
gut. Insgesamt ca. drei Mal habe sie dem Beschuldigten über und unter den
Kleidern an den Penis fassen müssen (Urk. 4/2 S. 17 f.).
Zungenküsse habe ihr der Beschuldigte eigentlich bei jedem Vorfall versetzt,
ausser nachts im Bett. Die Zungenküsse hätten am längsten gedauert, vielleicht
eine Minute (Urk. 4/2 S. 17).
Allgemein zur Intensität der Berührungen erklärte sie noch einmal, dass er
anfänglich fein vorgegangen und dann immer gröber geworden sei (Urk. 4/2 S.
17).
2.2.10 Die Privatklägerin blieb auch dabei, dass sie sich nicht verbal gegen die
sexuellen Handlungen gewehrt habe, sie wisse nicht weshalb. Nur in der Stube
habe sie einmal "Ma", übersetzt "hör auf", gesagt, dies aber nicht so hart, eher
eingeschüchtert (Urk. 4/2 S. 18 f.).
Auf die Frage, ob sie dem Beschuldigten nonverbal signalisiert habe, die
sexuellen Handlungen nicht zu wollen, schilderte die Privatklägerin wiederum, wie
sie sich verkrampft habe, um diesen Übergriffen entgegenzuwirken, was er ja
auch gemerkt und von ihr verlangt habe, sich zu entspannen, wie sie gegähnt
habe um zu signalisieren, dass sie schlafen würde, und wie sie habe weglaufen
wollen, worauf er sie am Handgelenk gepackt habe, bzw. an beiden, wenn sie
sich jeweils wehrte (Urk. 4/2 S. 19). Gedroht habe er ihr nie, und vom Festhalten
abgesehen auch nie Gewalt angewendet.
Ihre Gefühle bei den Übergriffen umschrieb sie vor allem mit Scham, aber auch
mit (diffuser) Angst. Sie habe sich geschämt, dass jemand sie sehen könnte. Es
sei ihr immer unwohl gewesen, und sie habe irgendwie gewusst, dass es nicht
richtig sei. Aber aus unerklärlichen Gründen habe sie nicht dagegengehalten. Er
habe gar nicht so viel Wert darauf gelegt, ob sonst noch jemand zu Hause
- 30 -
gewesen sei. An ein Schweigegebot vermochte sie sich nicht zu erinnern. Zudem
gab sie an, nicht zu glauben, dass ihre Schwestern von den Missbräuchen im
Schlafzimmer etwas realisiert hätten, denn er sei eher mitten in der Nacht
gekommen (Urk. 4/2 S. 19 f.).
2.2.11 Nach sonstigem Verhalten, namentlich Pornokonsum des Beschuldigten,
gefragt, berichtete die Privatklägerin, dass der Beschuldigte gemäss den
Aussagen ihrer Mutter jede Nacht Pornofilme geschaut habe. Er sei auch jede
Nacht immer wach gewesen. Ihr damaliges Schlafzimmer sei direkt neben der
Stube gewesen, durch die Ritzen sei flackerndes blau-grünes Licht in ihr Zimmer
gekommen, woraus sie schliesse, dass er bis spät in die Nacht ferngesehen
habe. Zudem habe er die ganze Nacht immer gehustet. Überdies hätten ihre
Schwestern Hüllen von Pornofilmen gefunden und diese auch ihr gezeigt. Sie
habe auch schon ihre Mutter gehört, wie diese mit dem Beschuldigten betreffend
Bordellbesuche gesprochen habe. Die Eltern hätten eigentlich jeden Tag Streit
gehabt (Urk. 4/2 S. 21).
2.2.12 Die Privatklägerin wiederholte, dass sie nur ihrer ältesten Schwester von
den Missbräuchen erzählt habe, jedoch nicht im Detail. Im November 2010, als
sie von zu Hause ausgezogen sei, habe sie letztmals Kontakt mit dem
Beschuldigten gehabt. Der letzte Kontakt mit der Mutter sei im Dezember 2012
gewesen, als ihre Mutter sie besucht habe. Mit ihrem Partner, N._, sei sie
seit viereinhalb Jahren zusammen. Sie habe ihm erst nach ca. zwei Jahren von
den Übergriffen durch den Beschuldigten erzählt, aber nicht im Detail. Sie möchte
dies auch nicht, denn es sei ihr "mega peinlich". Er habe geheult (Urk. 4/2 S. 22).
Ihre Tante, welche von ihrer Mutter etwas über Anfassen bei der Oberweite
gehört habe, habe ihr geraten, das Ganze zu vergessen. Er sei doch ihr Vater,
und sie solle ihn gern haben. Darauf habe sie (die Privatklägerin) zu weinen und
sich zu verkrampfen begonnen und gesagt, dass dies nicht alles sei. Der Cousine
habe sie lediglich gesagt, dass etwas passiert sei, jedoch nicht genau was (Urk.
4/2 S. 22).
- 31 -
2.2.13 Der Beschuldigte habe begonnen sie zu schlagen, als sie in der Oberstufe
gewesen sei. Eine Zeitlang habe er sie wöchentlich geschlagen. Sie habe ihn
jeweils provoziert mit dem, was er ihr angetan habe. Einmal habe sie den
Telefonhörer ergriffen und ihm gedroht, die Polizei anzurufen. Er habe dies lustig
gefunden und gesagt, sie solle das doch machen. Beim Wählen der Nummer
habe er ihr jedoch den Hörer aus der Hand genommen und sie geschlagen. Er
habe ihr auch Gegenstände angeworfen und einmal einen massiven Tritt ohne
Schuhe in den Rücken verpasst, als sie am Boden lag, was ihr noch lange weh
getan habe. Sie gehe noch heute in die Physiotherapie, denke, es könnte noch
davon sein. Die Schläge mit der Faust oder der flachen Hand seien immer zu
Hause erfolgt, überall auf den Körper, mehrheitlich auf den Kopf. Zudem habe er
sie an den Haaren gerissen. Die Schläge hätten ihr grosse Schmerzen bereitet,
auch blaue Augen und Blutergüsse an Armen und Beinen sowie ein paar Mal
Nasenbluten. Fusstritte gegen den Kopf habe er ihr keine versetzt, und die Narbe
über ihrem linken Auge stamme von einem Unfall. Sehr oft sei es ihr schlecht
geworden. Die Ärzte hätten Migräne diagnostiziert. Sie denke, es sei von den
Schlägen gekommen. Ihre Mutter habe ihr einmal geraten, dem Arzt die Folgen
der Schläge zu zeigen, was der Beschuldigte ihr angetan habe. Sie sei nicht zum
Arzt gegangen. Mit der Zeit sei es weniger geworden, weil sie sich immer mehr
gewehrt habe. Während der Lehre sei es noch ein bis zwei Mal monatlich zu
Schlägen gekommen. Nach Abschluss der Lehre (Frühling 2009) habe er sie nicht
mehr geschlagen (Urk. 4/2 S. 23 f.).
2.2.14 Auf Therapien angesprochen, führte die Privatklägerin aus, sehr oft zum
Hausarzt, Dr. O._, der heute nicht mehr praktiziere, gegangen zu sein. Ihm
gegenüber habe sie nie über die Missbräuche gesprochen. Von den Übergriffen
wisse eigentlich nur ihre heutige Hausärztin, Frau Dr. P._, Q._
[Ortschaft]. Bescheid wisse auch noch ihre Psychiaterin von der Klinik G._,
Frau R._, und von der Tagesklinik Frau S._, zudem ihre heutige
Psychologin, Frau Dr. T._ von der Opferhilfe, sowie Frau Dr. J._.
Letztere sei die erste (aussenstehende) Person gewesen, welche von den
Übergriffen erfahren habe. Bei ihr sei sie insgesamt nur zwei bis drei Mal
- 32 -
gewesen, im November 2010. Frau T._, eine Traumapsychologin, sei seit
Januar 2012 ihre regelmässige Therapeutin (Urk. 4/2 S. 24 f.).
Wie schon in der polizeilichen Befragung nannte die Privatklägerin ihre
Einlieferung in die Klinik C._ infolge ihres Selbstmordversuchs und ihre
darauf sich ändernde Denkweise als Grund für die Strafanzeige (Urk. 4/2 S. 25).
2.2.15 Auf entsprechende Ergänzungsfrage des Verteidigers beschrieb die
Privatklägerin einen auf einer Schulreise im Tessin erlittenen Unfall, welcher
einen Rega-Transport ins Spital erforderte und der ihr noch heute andauernde
Schmerzen im Becken-, Schulter und ganzen Rückenbereich bereite. Es sei
damals sehr kalt gewesen, und sie sei empfindlich auf Kälte. Als sie von einem
Stein habe aufstehen wollen, habe es in ihrem Rücken geknackt, und sie habe
ihre linke Körperseite nicht mehr gespürt (Urk. 4/2 S. 25 f.).
2.3 Vorläufige Würdigung dieser Aussagen
Schon an dieser Stelle ist festzuhalten, dass die Aussagen der Privatklägerin
weitestgehend konstant, lebendig, authentisch und realistisch wirken. Manche
ihrer bildhaften Schilderungen sind begleitet von einer überaus stimmigen
Gefühlslage und gehen geradezu unter die Haut. Folgerichtig und selbst erlebt
erscheinen nicht nur die beschriebenen sexuellen Übergriffe, sondern auch deren
Erkennen durch die heranwachsende Jugendliche, deren Mitteilung durch sie
innerhalb der Familie, die dadurch ausgelösten Reaktionen bei sich und den
Angehörigen und die sich wiederholenden Aufwallungen (Ausraster) der
Privatklägerin bis hin zum Suizidversuch und ihrer Abkehr von der Familie sowie
ihrer Suche nach professioneller Hilfe und dem Schritt zur Anzeige. Insgesamt
erweisen sich die Aussagen der Privatklägerin schon für sich alleine betrachtet
sehr glaubhaft. Auf Einzelheiten ist in der Gesamtwürdigung näher einzugehen.
3. Aussagen des Beschuldigten
3.1 Polizeiliche Befragung vom 19. März 2012
- 33 -
3.1.1 In der polizeilichen Befragung beschrieb der Beschuldigte sein Verhältnis
zur Privatklägerin dahin, er habe mit ihr nie Probleme gehabt. Sie habe im
vergangenen Jahr die Wohnung verlassen und sei seither einige Male zu Besuch
gekommen, seit ca. zehn Monaten aber plötzlich nicht mehr. Er habe ihr alle
Möglichkeiten geboten, als sie noch zu Hause gewohnt habe. Er habe mit allen
Familienmitgliedern ein gutes Verhältnis. Man könne ruhig die andern fragen,
ohne dass er dabei sei. Sie würden das bestätigen. Es habe sich im Verhältnis
von ihm zur Privatklägerin nie etwas verändert. Er habe mit ihr niemals Probleme
gehabt.
Er möchte noch etwas sagen: Er habe B._ mehr als die andern Kinder
geliebt und unterstützt, weil sie sehr intelligent gewesen sei, die beste Schülerin
an der Schule. Er habe ihr gesagt, sie könne auch das Gymnasium besuchen und
dann studieren, das sei sein Wunsch gewesen, dass sie mehr erreiche. Sie habe
aber nicht gewollt, sie habe nur eine Lehre machen wollen. Er wisse nicht, was
sie habe (Urk. 3/1 S. 4).
3.1.2 Auf Vorhalt, sich sexuell an der Privatklägerin vergangen zu haben, als
diese im Kindesalter, etwa acht, neun Jahre alt gewesen sei, mithin in den Jahren
1997/98, erwiderte der Beschuldigte, das stimme überhaupt nicht. Niemals habe
er der Privatklägerin etwas in diese Richtung getan. Er habe andere Töchter und
man könne diese Fragen. Er wundere sich über dieses Thema. Er habe gehört,
dass es der Privatklägerin psychisch nicht gut gehe, sie in einer psychiatrischen
Klinik sei (Urk. 3/1 S. 5).
Noch niemals habe er von solchen Vorwürfen gegen sich gehört, erst heute von
der Polizei zum ersten Mal. Niemand in der Familie wisse von solchen Vorwürfen
der Privatklägerin gegen ihn, sonst wäre er schon informiert worden. Das stimme
aber nicht. Er bekomme vom Sozialamt Geld. Die Privatklägerin habe, als sie
schon einen Lohn hatte und noch zu Hause wohnte, keinen Rappen abgegeben.
Er habe das auch nicht von ihr verlangt, aber die Gemeinde habe gesagt, dass
sie ihn finanziell hätte unterstützen müssen, denn er habe wegen der
verdienenden Kinder weniger Geld vom Sozialamt gekriegt (Urk. 3/1 S. 5).
- 34 -
Er könne sich nicht erklären, weshalb sie so etwas gegen ihn mache. Er habe sie
niemals geschlagen oder ihr eine Ohrfeige gegeben (Urk. 3/1 S. 5). Von einem
Tagebuch habe er nichts gewusst, das höre er jetzt zum ersten Mal. Niemand
habe ihm etwas davon erzählt. Er kontrolliere auch nicht, wer ein solches
Tagebuch führe, ein solcher Typ sei er nicht (Urk. 3/1 S. 6).
Auch die Privatklägerin selber habe niemals so etwas (dass er sich sexuell an ihr
vergriffen habe) ihm gegenüber gesagt. Sie sei seine Tochter. Nie habe er
innerhalb oder ausserhalb der Familie so etwas gemacht. Nur wenn man
psychisch krank sei, mache man so etwas. Nur seine Frau interessiere ihn,
fremde Frauen nicht, ebenso wenig minderjährige Mädchen (Urk. 3/1 S. 6). Der
Beschuldigte stellte in der Folge alle ihm vorgehaltenen sexuellen Handlungen
gegenüber der Privatklägerin in Abrede, bemerkte, das sei eine Katastrophe, die
Privatklägerin wolle ihn kaputt machen, wie hätte er in Anwesenheit der ganzen
Familie das tun können, für ihn wäre es besser, wenn er sich umgebracht hätte,
als so etwas zu hören (Urk. 3/1 S. 7 f.).
3.1.3 Niemals habe er sich zu Hause pornografische Erzeugnisse angeschaut. Er
sei schon erst um Mitternacht ins Bett gegangen, aber Pornos habe er nie
angesehen. Es sei eine Lüge, dass seine Frau ihn als "Perversling" bezeichnet
habe. Er habe mit seiner Ehefrau nur gestritten, weil sie von ihm verlangt habe, er
solle eine Arbeit finden, aber bestimmt nicht, weil er angeblich Pornos angeschaut
habe (Urk. 3/1 S. 8 f.).
3.1.4 Nie habe er die Privatklägerin geschlagen, auch keine Ohrfeige. Er
wundere sich, weshalb sie so etwas sage. Auch seine andern Kinder habe er nie
geschlagen. Man könne seine andern Kinder fragen (Urk. 3/1 S. 9).
3.1.5 Auf die Frage, weshalb ihn die Privatklägerin derart belasten und das
einfach so erfinden sollte, wie er sage, gab sich der Beschuldigte ratlos. Er wisse
nicht warum. Hätte er das getan, dann hätte er es zugegeben (Urk. 3/1 S. 10).
3.1.6 Auf Tätlichkeiten der Privatklägerin ihm gegenüber angesprochen, führte
der Beschuldigte aus, sie hätten einen mündlichen Streit gehabt. Sie habe alle
- 35 -
Kabel ausgesteckt, obwohl er noch ein bisschen habe fernsehen wollen, und
dann ein Tablett nach ihm geworfen und ihn am Bauch getroffen. Vielleicht habe
sie dies nicht einmal aus Absicht gemacht, sondern sei am Tisch angestossen.
Mehr sei nicht gewesen, und er habe niemals Probleme mit ihr gehabt (Urk. 3/1
S. 10).
3.2 Hafteinvernahme vom 19. März 2012
Anlässlich der Hafteinvernahme vom gleichen Tag erklärte der Beschuldigte dem
Staatsanwalt auf Vorhalt der hier gegenständlichen sexuellen Handlungen: "Das,
was sie sagt, ist überhaupt nicht wahr. Ich belüge Sie nicht. Wenn ich das getan
hätte, würde ich es zugeben. Ich weiss nicht, warum sie so etwas ausgesagt hat
oder was sie damit bezweckt. Es ist doch nicht möglich, dass der Vater seine
eigene Tochter missbraucht. Ich wundere mich, was da passiert. Ich kenne den
Grund nicht. Und ich weiss nicht, was sie damit vorhat. So etwas habe ich nie
getan, und ich bin nicht so ein Mensch, der so etwas macht. Wenn Sie von mir
verlangen, dass ich etwas akzeptiere, was ich nicht getan habe, können Sie mich
ruhig einsperren" (Urk. 3/2 S. 2).
Überdies wurden dem Beschuldigten die von der Privatklägerin umschriebenen
Schläge vorgehalten, worauf er erneut betonte, die Privatklägerin noch nie
geschlagen zu haben. "Durch diese falsche Anschuldigung möchte sie mich
zerstören. Den Grund dafür kenne ich nicht. Wenn ich das getan hätte, hätte sie
die Möglichkeit gehabt, dies mit der Mutter zu besprechen, das hat sie aber nicht
gemacht" (Urk. 3/2 S. 3).
Als Beweismittel zur Entkräftung des Tatverdachtes erwähnte der Beschuldigte,
dass sich die Privatklägerin in der psychiatrischen Klinik befinde. Es stimme
etwas mit ihr nicht. Die Leute, die da seien, wüssten das bestens (Urk. 3/2 S. 3).
3.3 Zweite Hafteinvernahme vom 27. Juni 2012
3.3.1 Zum Tatvorwurf des sexuellen Missbrauchs brachte der Beschuldigte
zusätzlich vor, er denke, dass die Privatklägerin von irgendwelchen Personen
gesteuert werde. Der grösste Fehler sei, dass er seine Familie hierher gebracht
- 36 -
habe. Er hätte selber nicht mehr in die Schweiz zurückkommen sollen. Er habe
hier einfach noch Geld verdienen und dann wieder zurückgehen wollen. Wegen
des Krieges habe er aber hier bleiben und seine Familie nachziehen lassen
müssen, um diese vor dem Krieg zu retten (Urk. 3/3 S. 2). Die behaupteten
Schläge stellte er weiterhin in Abrede.
3.3.2 Ferner konnte sich der Beschuldigte zu diversen Einvernahmen, an
welchen er teilgenommen hatte, äussern. Die Aussagen der Privatklägerin als
Auskunftsperson in der Einvernahme vom 19. April 2012 bezeichnete er allesamt
als nicht wahr, jene seiner Ehefrau und seiner mittleren Tochter, U._, als
wahr. Sie hätten die Wahrheit nicht von ihm, er habe sie nicht dazu gebracht. Sie
hätten nicht mit ihm gesprochen (Urk. 3/3 S. 3).
3.3.3 Sodann hielt der Staatsanwalt dem Beschuldigten vor, er solle anlässlich
der ersten Hafteinvernahme vom 19. März 2012 vor Beginn der Einvernahme auf
dem Weg ins Büro des Staatsanwaltes auf Albanisch den Satz "Pse nuk e vrava
krejt?" (übersetzt: "Wieso habe ich sie nicht ganz getötet?") gesagt haben.
Daraufhin schüttelte der Beschuldigte den Kopf und erklärte, diesen Satz höre er
zum ersten Mal. Derjenige, der das gesagt habe, solle hierher kommen und ihm
sagen, wie er dazu komme. Er habe diesen Satz nie gesagt (Urk. 3/3 S. 3 f.).
3.4 Einvernahme beim Staatsanwalt vom 19. November 2012
3.4.1 Anschliessend an die Rechtsbelehrung argumentierte der Beschuldigte
gegenüber dem Staatsanwalt: "Sie wissen sehr gut, dass nichts gegen mich
vorliegt. Wir haben sehr gut gesehen, dass niemand gegen mich ausgesagt hat.
Die Mutter dieses Mädchens hat auch nichts gesagt, das haben Sie selber
gesehen" (Urk. 3/4 S. 2).
3.4.2 Die Privatklägerin habe ihn nie persönlich auf die sexuellen Missbräuche
angesprochen, und er sei auch nie bei einem Gespräch zugegen gewesen, an
welchem die Privatklägerin Vorwürfe gegen ihn erhoben habe. Auch in den
Wochen vor der Verhaftung habe er nichts vernommen, dass die Privatklägerin
Vorwürfe dieser Art gegen ihn erhebe. Zum ersten Mal davon gehört habe er am
- 37 -
Tag seiner Verhaftung (Urk. 3/4 S. 2 und S. 5). Neu fügte der Beschuldigte an, die
Privatklägerin habe am letzten Tag, als sie von zu Hause ausgezogen sei, zu ihm
gesagt, wenn sie lebe, würde sie dafür sorgen, dass er ins Gefängnis kommen
werde. Warum bzw. wie, habe sie nicht gesagt (Urk. 3/4 S. 2 und 6). Sonst habe
sie ihm niemals Vorwürfe gemacht. Er habe nie einen Streit mit der Privatklägerin
gehabt. Immer, wenn sie von der Schule gekommen sei, habe sie ein Theater
veranstaltet, wenn man nicht gemacht habe, was sie gewollt habe. Er habe nie
etwas gesagt, sie ihn jedoch als Idioten beschimpft. Sie habe oftmals die Situation
angeheizt und Streit gewollt. Er habe nichts unternommen, sei nie darauf
eingegangen, sondern einfach weg gegangen (Urk. 3/4 S. 2 f.).
3.4.3 Die Kindheit der Privatklägerin beschrieb er auf Frage dahin, bis 13/14
Jahre sei es gut gegangen, ab dann sei sie streitsüchtig geworden, habe mit
verschiedenen Leuten Streit gehabt wegen nichts bzw. Kleinigkeiten, so auch mit
ihren Schwestern und seiner Frau. Wiederum bestritt er die gegen ihn erhobenen
Vorwürfe, erklärte, es tue ihm weh und die Privatklägerin sei komplett aus seinem
Herzen ausgetreten. Sie solle ihn einfach in Ruhe lassen. Wenn es darum ginge,
dass er sie wirklich berührt hätte, dann hätte er auch die andern Töchter berührt.
Ein Mensch, der so etwas tue, sei gewohnt, so etwas zu tun und tue es auch
anderen an. Er habe nicht einmal so etwas gedacht. 1988 habe er zusammen mit
einer Schweizer Familie gelebt und dort gearbeitet. Es habe dort Mädchen im
Hause gehabt, die er nie berührt habe (Urk. 3/4 S. 3 f.).
Der Privatklägerin sei es in der Jugendzeit gut gegangen. Er habe alle gleich
behandelt und nach seinen Möglichkeiten jedem das ermöglicht, was er gewollt
habe oder Freude bereitet. Jetzt gehe es ihm finanziell schlecht und die
Privatklägerin habe ihm von ihrem sehr guten Lohn nie etwas gegeben (Urk. 3/4
S. 4 f.). Die Privatklägerin lüge, und sie habe auch den Staatsanwalt angelogen.
Er habe alles für sie gemacht, und sie lasse ihn nicht einmal in Ruhe sterben (Urk.
3/4 S. 5).
3.4.4 Ein weiteres Mal auf den Albanischen Satz "Pse nuk e vrava krejt?"
(übersetzt: "Wieso habe ich sie nicht ganz getötet?") angesprochen, welchen der
Beschuldigte laut dem damaligen Dolmetscher und Zeugen, V._, der sich
- 38 -
hinter dem Beschuldigten befand, am 19. März 2012 während der Zuführung ins
Einvernahmezimmer zu sich selber gesagt habe (vgl. Urk. 6/1 S. 3), entgegnete
der Beschuldigte, der Dolmetscher sei gar nicht hinter ihm gewesen, sondern
Frau W._ (die Protokollführerin). Wenn sie etwas gehört habe, könne sie es
hier sagen. Der Dolmetscher sei im Einvernahmezimmer gewesen. Er garantiere
mit seinem Leben, dass er diese Worte niemals gesagt habe, weder im Gespräch
mit andern, noch im Gespräch mit sich selber. Er spreche niemals mit sich selber
oder vor sich hin (Urk. 3/4 S. 4).
3.4.5 Einen sexuellen Missbrauch zum Nachteil von K._, die er vor seiner
Verhaftung etwa drei Mal pro Woche gesehen habe, verneinte der Beschuldigte.
Diese sei wie eine eigene Tochter, er habe sie niemals von seinen eigenen
Töchtern unterschieden. K._ habe ihm das Mittagessen gebracht und er sich
bedankt. Alle seine Kinder seien auch zu Hause gewesen, nur seine Frau in den
Ferien. Es sei nichts geschehen, auch nicht am Bahnhof F._. Er habe
K._ nicht angefasst, nur mit dem Finger auf ihr Dekolleté gezeigt und gefragt,
was sie da habe (Urk. 3/4 S. 6 f.).
Gefragt, ob er unter seinen Kindern ein Lieblingskind gehabt habe, antwortete der
Beschuldigte, eines seiner fünf Kinder sei gestorben. Er liebe alle gleich. Das
Kind, welches gestorben sei, liebe er am meisten. Die Privatklägerin lüge, alles
was sie sage, sei falsch. Er habe sie immer noch im Herzen (Urk. 3/4 S. 6 f.).
3.4.6 Nunmehr bejahte der Beschuldigte die Frage, ob er jemals Pornofilme
geschaut habe, nämlich, als er nicht verheiratet gewesen sei, weder Familie noch
Frau gehabt habe, in Q._, jeden Freitag, ca. zwei Mal im Monat, danach
nicht mehr. Es gebe ja jeden Tag im Fernsehen Pornofilme, das schaue er jedoch
nie. Eine Prostituierte habe er noch nie aufgesucht (Urk. 3/4 S. 8).
3.4.7 In seiner Stellungnahme zur Zeugenaussage des Lebenspartners der
Privatklägerin, N._, liess der Beschuldigte verlauten, er kenne diesen Mann
nicht. Er habe gehört, dass seine Tochter eine Hure gewesen sei. Er habe nicht
gewusst, dass sie auf einer schiefen Bahn sei (Urk. 3/4 S. 11). Beim
Schlussvorhalt blieb der Beschuldigte auf seinem Standpunkt (Urk. 3/4 S. 13 ff.)
- 39 -
und erklärte von sich aus an die Adresse des Staatsanwaltes: Ob dieser das
wissen möchte oder nicht, ihn habe das sehr getroffen. Er hätte sich lieber selber
umgebracht, als so etwas (Urk. 3/4 S. 15).
3.5 Einvernahme des Beschuldigten vor Vorinstanz am 21. Februar 2013
Diese brachte zur Sache nichts Neues (Urk. 42 S. 6 f.). Einzig zur
Zeugeneinvernahme des Dolmetschers V._ erwähnte der Beschuldigte
nunmehr, er habe (damals) gesagt, dass für ihn dieser Fall so schwer sei und
dass er lieber sich umgebracht hätte oder nicht mehr am Leben wäre. Vielleicht
habe der Dolmetscher seine Aussage missverstanden (Urk. 42 S. 7).
3.6 Einvernahme des Beschuldigten in der Berufungsverhandlung vom 17.
September 2013
Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 17. September 2013 blieb der
Beschuldigte im Wesentlichen bei seinen Aussagen (Prot. II S. 11). Das Ganze
stimme nicht (Prot. II S. 14). Er konnte sich erneut nicht vorstellen, warum ihn
seine Tochter zu Unrecht belasten sollte. Er denke, dass sie das selber erfunden
habe (Prot. II S. 15).
3.7 Vorläufige Würdigung dieser Aussagen
Da der Beschuldigte die Vorwürfe eines sexuellen Missbrauchs gegenüber seiner
jüngsten Tochter generell bestreitet, entfällt eine diesbezügliche Aussageanalyse.
Seine übrigen Angaben lassen aber mehrfach Zweifel am Wahrheitsgehalt des
Gesagten aufkommen. Der Beschuldigte vertritt etliche kaum begreifbare
Extrempositionen und Ansichten, die nicht nur in sich selbst zum Teil
widersprüchlich ausfallen, sondern auch im Gegensatz zu den Schilderungen
anderer Familienmitglieder stehen, nicht nur jenen der Privatklägerin. Stutzig
macht weiter, dass der Beschuldigte kaum ein gutes Haar an seiner ehemals
bevorzugten Tochter lässt, während er sich selber als rundum ausgeglichen und
fürsorglich, quasi als Gutmensch darstellt, ein Kontrastbild, das mit der Dynamik
und der Realität in der Familie kaum viel gemein haben kann. Auf Details ist im
Rahmen der Gesamtwürdigung zurückzukommen.
- 40 -
4. Zeugenaussagen von Familienmitgliedern und Angehörigen
4.1 Ehefrau des Beschuldigten, AA._
4.1.1 AA._ führte am 20. Juni 2012 als Zeugin aus (Urk. 8/1), seit einem
Jahr habe sie keinen Kontakt mehr zur Privatklägerin. Sie sei auch früher nicht
gut mit ihr ausgekommen, die Privatklägerin sei nervös gewesen, was sie gewollt
habe, habe sie immer gemacht. Sie wisse ja selber nicht, was sie sagen solle. Die
Privatklägerin habe auch mit andern Menschen Probleme gehabt und zu Hause
Dampf ablassen müssen. Im Vergleich zu den andern Töchtern habe sie nie ein
Vertrauensverhältnis zur Privatklägerin aufbauen können. Nur bei guter Laune der
Privatklägerin hätten sie es gut mit ihr gehabt. Als sich der Staatsanwalt
erkundigte, wann dies der Fall gewesen sei, bemerkte die Zeugin, sie wisse
selber nicht, wie sie es dem Staatsanwalt sagen solle. Sie wisse nicht, weshalb
sie nie ein Vertrauensverhältnis habe aufbauen können. Sie glaube, die
Privatklägerin habe immer Probleme gehabt, man habe das in ihrem Gesicht
sehen können, niemand habe mit ihr sprechen können. Um was für Probleme es
sich handelte, konnte die Zeugin auch auf mehrfaches Nachfragen des
Staatsanwaltes nicht darlegen: Für sie als Mutter sei das nicht einfach gewesen.
Auf erneutes Nachhaken des Staatsanwaltes nannte die Zeugin als Beispiel, die
Privatklägerin habe im Alter von 14 Jahren behauptet, in der Nacht von ihrem
Vater berührt worden zu sein (Urk. 8/1 S. 3 f. und 8). Danach habe es Probleme
gegeben. Das Problem sehe sie darin, dass sie das nie glaube, und zwar weil die
Privatklägerin nie alleine im Zimmer geschlafen habe, sondern immer mit ihren
beiden Schwestern zusammen. Der Vater hätte gar nicht ins Zimmer gehen
können (Urk. 8/1 S. 5).
Zur ihren andern vier Kindern habe sie ein gutes Verhältnis. Der Beschuldigte
habe am Anfang die Privatklägerin viel mehr respektiert – nicht bevorzugt –, weil
sie in der Schule gut gewesen sei. Er habe gesagt, wenigstens ein Kind sei gut in
der Schule und werde etwas erreichen (Urk. 8/1 S. 5). Auf wiederholtes Fragen,
ob der Beschuldigte eine der drei Töchter bevorzugt habe, führte sie aus, er habe
keinen Unterschied gemacht, aber bei ihnen sei es einfach so, dass die älteste
Tochter am meisten geliebt werde, bzw., sie wisse es nicht.
- 41 -
4.1.2 Ehekonflikte seien bei ihnen vorgekommen, am meisten wegen der
Privatklägerin. Sie habe das Ganze schon wieder vergessen, denn seit zwei
Jahren sei die Privatklägerin nicht mehr in ihrem Leben. Seit deren Auszug habe
sie sich nicht mehr mit dem Beschuldigten gestritten. Streitigkeiten seien einmal,
selten vorgekommen. Sie wisse es selber nicht (Urk. 8/1 S. 6).
Auf wiederholtes Fragen legte sie dar, Streit zwischen den Eltern sei ausgelöst
worden, weil die Privatklägerin behauptet habe, dass ihr Vater einmal in ihr
Zimmer gekommen sei und sie berührt haben solle. Alle hätten sich deswegen mit
dem Beschuldigten gestritten, weil es niemand habe glauben können. Nicht nur
sie, auch alle andern hätten nicht glauben können, dass der Beschuldigte so
etwas machen würde. Sie habe ja mit ihren beiden Schwestern zusammen in
einem Zimmer geschlafen. Auch wenn die eine Schwester nichts gehört hätte, die
andere hätte es sicherlich mitbekommen. Zudem habe das Zimmer eine alte Türe
gehabt die beim Öffnen quietschte. Sie habe dazwischenfahren müssen, weil die
Privatklägerin Streit mit dem Beschuldigten gehabt habe, woraus dann Streit
zwischen dem Beschuldigten und ihr resultiert habe (Urk. 8/1 S. 7). Es sei ihr
nicht bewusst, dass der Beschuldigte sie (die Zeugin) je für etwas beschuldigt
habe, und er habe auch sie nie gestört. Als sie dann die Erzählung der
Privatklägerin gehört habe, dass ihr der Vater dies nicht nur einmal, sondern
gleich mehrmals gemacht haben solle, habe sie ihn darauf angesprochen, und es
sei zum Streit gekommen (Urk. 8/1 S. 7 f.).
4.1.3 Sie könne sich nicht daran erinnern, den Beschuldigten als "Perversling"
bezeichnet zu haben, das stimme überhaupt nicht. Es stimme auch nicht, dass sie
sich täglich gestritten hätten.
Es sei ihr nicht bekannt, dass sie den Beschuldigten je beim Anschauen eines
Pornos-Filmes (die Zeugin schien den Ausdruck nicht gekannt zu haben, fragte
sie doch, was das sei) bzw. Sex-Filmes gesehen hätte. Auch wenn sich ihr
Ehemann solche Filme angeschaut hätte, wäre er nicht der einzige Mann, der das
mache. Sie habe ihn aber nie dabei gesehen und nie einen Verdacht gehegt.
Ebenso habe sie nie Sex-Filme in der ehelichen Wohnung gefunden, und wenn,
hätte sie sich diese Filme vielleicht auch selber angeschaut. Aber auch wenn sie
- 42 -
solche gehabt hätte, hätte sie zum Anschauen nie die Zeit gehabt. Darüber, dass
ihre andern zwei Töchter solche Filme in der Wohnung gefunden hätten, wisse sie
nichts. So etwas habe sie noch nie gehört. Noch nie habe sie gehört, dass der
Beschuldigte zu einer Prostituierten gegangen sei. Sie glaube nicht, dass ihr
Mann so etwas gebraucht hätte, weil er zu Hause eine Frau gehabt habe. Es sei
vorgekommen, dass der Beschuldigte später ins Bett gekommen sei, wann
genau, wisse sie nicht. Er habe sich albanische oder türkische Sendungen
angeschaut, auch viel Kriegsdokus. Tagtäglich habe er in der Nacht ferngesehen,
zum Beispiel den ganzen Abend, vielleicht bis 23.00 Uhr, 24.00 Uhr oder auch
01.00 Uhr (Urk. 8/1 S. 8 f. und 11 f.).
4.1.4 Nach längerem Nachdenken und nervös geworden räumte die Zeugin ein,
von der Familie des Beschuldigten (Mutter, Geschwister) gehört zu haben, dass
der Beschuldigte einmal in Mazedonien in Haft genommen worden sei und zwei
Monate im Gefängnis verbracht habe, dies scheinbar vor ihrer Heirat. Auf Vorhalt
der Aussage der Privatklägerin, es sei damals um Frauenhandel gegangen,
meinte die Zeugin unter anderem, sie (die Privatklägerin) könne jetzt behaupten,
was sie wolle. Sie habe keine Ahnung davon, ob ihr Ehemann jemals verurteilt
worden sei und eine Strafe habe absitzen müssen. Man könne ihren Mann selber
fragen. Das sei eine Sache, die sie vor 20 Jahren gehört habe. Nochmals auf
Vorstrafen des Beschuldigen angesprochen, erwiderte die Zeugin: "Nein, nie"
(Urk. 8/1 S. 10).
4.1.5 Die Zeugin bejahte, dass einmal der Badezimmerschlüssel abgebrochen
und die Türe zwei oder drei Tage, sie wisse es nicht mehr, nicht abschliessbar
gewesen sei. Einen durchsichtigen Duschvorhang, bei welchem man Personen
dahinter erkennen könne, habe sie nie gekauft (Urk. 8/1 S. 14 f.).
4.1.6 Gefragt, wann die Privatklägerin ihr berichtet habe, vom Beschuldigten
sexuell missbraucht worden zu sein, erklärte die Zeugin nunmehr, mit 13 Jahren.
Sie habe das mehrmals gesagt, und zwar, als sie nervös gewesen sei. "Ich muss
leider gegen meine Tochter Aussagen machen, aber ich habe es doch gehört,
dass ihr Herz von mehreren Jungs zerbrochen wurde. Sie war der Meinung, dass
ihr Vater mein Herz zerbreche" (Urk. 8/1 S. 15). Die Privatklägerin sei dann der
- 43 -
Meinung gewesen, dass alle Männer fremdgehen würden. Sie wisse selber auch
nicht, was das mit ihrem Ehemann und den Vorwürfen zu tun habe. Doch könne
sie nicht etwas behaupten, was sie nicht wisse (Urk. 8/1 S. 15). Die Privatklägerin
habe gesagt, Papa sei hereingekommen und habe sie berührt. Ihre Frage, an
welcher Körperstelle, habe die Privatklägerin aber nie beantwortet, sie habe
gesagt, sie solle den Beschuldigten fragen. Dieser habe verneint, die
Privatklägerin oder die andern Töchter berührt zu haben.
Sie wisse nicht, ob ihre Töchter untereinander auch schon über diesen Vorwurf
gesprochen hätten. Mit ihr (der Zeugin) hätten sie nie darüber gesprochen. Die
Privatklägerin habe schon immer eine bunte Fantasie gehabt, deshalb hätten ihr
die andern nicht so viel Glauben geschenkt. Auf die Vorhalte, dass die
Privatklägerin mit der ältesten Tochter AB._ einmal spät abends im
Badezimmer über die sexuellen Übergriffe gesprochen, dann geweint und sich in
ihrem Zimmer, dem alten Büro, unter der Bettdecke verkrochen habe, wobei
AB._ der jüngeren Schwester nachgerannt sei und versucht habe, sie zu
trösten sowie dass es der Privatklägerin sehr peinlich gewesen sei und sie es
nachher bereut habe, gab die Zeugin an, nichts darüber zu wissen. Es sei
möglich, dass sie etwas vergessen habe. Aber daran könne sie sich nicht
erinnern (Urk. 8/1 S. 16 f.).
4.1.7 Von einem Tagebuch, das die Privatklägerin angeblich geführt haben soll,
habe sie ganz spät erfahren. Es sei von der Privatklägerin behauptet worden,
dass ihre Schwestern dies weggeworfen haben sollen. Sie sei sich nicht sicher,
ob es überhaupt ein Tagebuch gebe. Sie habe die Privatklägerin nie gesehen, ein
Tagebuch zu führen oder in dieses zu schreiben. Wie könne sie wissen, was die
Privatklägerin darin aufgeschrieben habe, wenn sie nicht einmal sicher sei, ob es
ein solches Tagebuch gebe? Die Zeugin betonte wiederholt, ein solches
Tagebuch habe sie noch nie gesehen und nie gelesen. Es stimme nicht, dass die
mittlere Tochter U._ der Privatklägerin das Tagebuch weggenommen und es
ihr (der Zeugin) gezeigt habe und dass sie und die drei Töchter sich einmal in der
Stube über den Inhalt des Tagebuchs unterhalten hätten (Urk. 8/1 S. 17 ff.).
- 44 -
Nachdem ihr die Schilderung der Privatklägerin vorgetragen worden war, sie (die
Zeugin) habe die Privatklägerin gefragt, ob der Inhalt des Tagebuches hinsichtlich
der sexuellen Missbräuche zutreffen würde, was die Privatklägerin bejaht habe,
worauf sie wütend geworden sei und der Privatklägerin eine Ohrfeige verpasst
und diese aufgefordert habe, mit einem solchen Unsinn aufzuhören, bemerkte die
Zeugin: "Schauen Sie mal, ich habe Ihnen schon vier oder fünf Mal gesagt, dass
ich ein solches Tagebuch noch nie gesehen habe und auch noch nie erfahren
habe, dass es ein solches überhaupt gibt" (Urk. 8/1 S. 18). Analog antwortete die
Zeugin auf den Vorhalt, die damals 12-jährige Privatklägerin habe bei diesem
Gespräch bitterlich geweint und anschliessend hätte auch sie (die Zeugin)
geweint (Urk. 8/1 S. 18).
4.1.8 Angesprochen darauf, ob sie etwas darüber wisse, ob K._ einmal vom
Beschuldigten sexuell bedrängt oder allenfalls missbraucht worden sei, gab die
Zeugin an, von ihrer Schwester (M._) vernommen zu haben, dass die
Privatklägerin behauptet habe, so etwas solle passiert sein. M._ habe aber
nie erzählt, dass ihre Tochter K._ vom Beschuldigten sexuell belästigt
worden sei. Darüber sei nie gesprochen worden, das sei kein Thema gewesen.
Die weiteren Fragen betreffend allfällige sexuelle Übergriffe des Beschuldigten
auf ihre Nichte beantwortete die Zeugin entweder mit (noch) nie gehört oder sie
wisse es nicht (Urk. 8/1 S. 19 f. und 22).
4.1.9 Schliesslich konfrontiert mit der Aussage der Privatklägerin, der
Beschuldigte habe sie mehrere Male an der Vagina angefasst und ihr (einmal)
den Finger in die Vagina geschoben, gab die Zeugin zu Protokoll, das stimme mit
einer 100 %-igen Sicherheit nicht. Würde das stimmen, dann hätte sie ihren
Ehemann sofort verlassen. Sie liebe ihre Tochter mehr als ihren Ehemann. Wäre
ihr Vater zu ihr ins Zimmer gegangen und hätte sie mit dem Finger an der Vagina
berührt und den Finger hineingestreckt, hätte sie sicher geschrien, so dass die
ganze Wohnung "wach" geworden wäre (Urk. 8/1 S. 20 f.).
4.1.10 Sie habe sich nie mit den Töchtern AB._ und U._ über den Inhalt
dieser Einvernahme unterhalten (Urk. 8/1 S. 22).
- 45 -
4.1.11 Anzufügen bleibt, dass in Urk. 8/1 S. 21, erste Frage des Staatsanwaltes,
offensichtlich ein Versprecher oder Verschrieb enthalten ist. Der Zeugin wurde
fälschlicherweise vorgehalten, der Beschuldigte habe sich zur damals ca.
zwölfjährigen Privatklägerin ins Bett gelegt. Der klare Fehler mag darauf
zurückzuführen sein, dass etwas vorher in der Einvernahme im Zusammenhang
mit Tagebuch und Ohrfeige von der ca. zwölf Jahre alten Privatklägerin die Rede
war. Die Privatklägerin selber hat nie von sexuellem Missbrauch im Alter von
zwölf Jahren gesprochen. Wie gesehen (Erwägung II.2.), erwähnte sie konstant
ein Alter von ca. acht, neun Jahren; späteren sexuellen Missbrauch verneinte sie
ebenso konstant. Einen Einfluss auf die Aussagen der Zeugin bzw. die Würdigung
von deren Aussagen hat das zahlenmässige Versehen jedenfalls nicht.
4.1.12 Würdigung dieser Aussagen
4.1.12.1 Die Aussagen der Ehefrau des Beschuldigten und der Mutter der
Privatklägerin als wohl wichtigste Umfeldzeugin erweisen sich als wenig
überzeugend. Manche Frage verneinte sie apodiktisch ("nie") oder brachte
Standardantworten wie "sie wisse es nicht" oder "woher solle sie das wissen"
bzw. "man könne den Beschuldigten fragen". Im Übrigen antwortete sie oft sehr
ausweichend und schwammig, wirkte teils fast ungehalten. Auf (häufig
erforderliches) Nachfragen des Staatsanwaltes präsentierte sie wiederholt kaum
einsichtige Erklärungen ausserhalb des angesprochenen Themas, äusserte sich
konfus oder widersprach sich selbst. In ihren Schilderungen richtete sie sich
immer wieder sehr pointiert, aber wenig substantiiert, gegen die Privatklägerin als
Person, so etwa mit den Hinweisen, es habe sich um ein Problemkind gehandelt,
sie habe nie ein Vertrauensverhältnis zu ihr aufbauen können, elterlichen Streit
habe es hauptsächlich wegen ihr gegeben und seit deren Auszug nicht mehr.
Plausible Erläuterungen dazu konnte sie indessen kaum liefern. Starr lokalisierte
sie die Privatklägerin als Unruhe- und Problemherd, namentlich für eheliche
Streitigkeiten, bezeichnete sie (sinngemäss) als Fantastin und als Opfer von
mehreren Jungs, die ihr Herz gebrochen hätten. Ein solches Aussageverhalten
wirkt konstruiert. Insbesondere ist gänzlich unglaubhaft, dass sie selber als
leibliche Mutter gar nie eine vertiefte Beziehung zur ihrer jüngsten Tochter gehabt
- 46 -
haben will, zumal in deren ersten 13 bis 14 Lebensjahren keine Probleme (oder
zumindest keine, welche die Zeugin auch nur ansatzweise näher hätte
beschreiben können) bestanden haben sollen. Das geht an der Wirklichkeit
vorbei. Umgekehrt befleissigte sie sich, den Beschuldigten in ein günstiges Licht
zu rücken, geradezu als Mustergatten darzustellen (nie habe er gesagt, sie solle
dies oder jenes tun, nie habe er sie gestört, etc.; Urk. 8/1 S. 8 ff.), und auch ihren
andern Kindern verlieh sie ausnahmslos Flügel. Derartig radikale Standpunkte
reflektieren nicht das wahre Familienleben, unabhängig von Ort, Zeit und
Herkunft.
4.1.12.2 Ferner springen Ungereimtheiten in den Aussagen von AA._ ins
Auge, so etwa betreffend das Verhältnis des Beschuldigten zu seinen Töchtern,
seit wie lange der Kontakt zur Privatklägerin abgebrochen ist, in welchem Alter die
Privatklägerin begonnen hat, den sexuellen Missbrauch zu erwähnen. In diversen
Aspekten weichen ihre Aussagen sodann von jenen ihrer andern Töchter, nicht
nur jenen der Privatklägerin, ab (hierzu sei auf die nachfolgenden Erwägungen II.
4.2 und 4.3 verwiesen, ohne dass die einzelnen Punkte separat hervorzuheben
sind). Wenn die Zeugin AA._ zum Beispiel die Existenz eines Tagebuches der Privatklägerin in Frage stellte bzw. verneinte, von dessen Inhalt erfahren oder
gar selber darin gelesen zu haben, bewegte sie sich offenkundig ausserhalb der
Wahrheit. Dasselbe gilt etwa betreffend Streitigkeiten unter den Eltern, häufiges
Anschreien des Beschuldigten durch die Zeugin AA._, Betitelung des
Beschuldigten als "Perversling", frühere Inhaftierung des Beschuldigten in
Mazedonien. Die Atmosphäre in der Familienwohnung gestaltete sich (vom durch
die Zeugin beschriebenen Störfaktor in der Person der Privatklägerin abgesehen)
keinesfalls so idyllisch, wie die Zeugin dies zu veranschaulichen versuchte.
Insgesamt sind die Aussagen von AA._ wenig glaubhaft, namentlich, soweit
sie etwas strikte verneinte, ausweichende oder gewundene Antworten erteilte
oder zu Nichtwissen Zuflucht nahm. Immerhin entstanden die Probleme mit der
Privatklägerin aus Sicht der Zeugin – in deren Haushalt die Privatklägerin die
ersten 21 Jahre ihres Lebens, mithin die gesamte Kindheit, Jugend und
Adoleszenz, verbracht hatte – nachdem die Privatklägerin mit 13 oder 14 Jahren
- 47 -
den Beschuldigten des sexuellen Missbrauchs bezichtigt habe (Urk. 8/1 S. 8). Das
spricht klar gegen eine wie auch immer geartete angestammte
Persönlichkeitsstörung der Privatklägerin, wie es vom Beschuldigten und der
Verteidigung sowie teilweise weiteren Zeuginnen aus dem familiären Bereich
immer wieder ins Feld geführt wird, hätte dies doch der Mutter als
Hauptbetreuungsperson unweigerlich viel früher auffallen müssen.
Auch bestätigte die Zeugin, dass der Beschuldigte die Privatklägerin wegen ihrer
guten schulischen Leistungen besonders schätzte; dass der Beschuldigte
tagtäglich vor dem Fernseher sass, zum Beispiel den ganzen Abend schaute,
auch bis nach Mitternacht; dass er spät Abends von Besuchen bei Verwandten
nach Hause kam; dass man in der Wohnung über ein Video- oder DVD-
Abspielgerät verfügte, sie alle Video-Kassetten weggeworfen habe (also gab es
grundsätzlich einmal solche) und man jetzt DVDs mit fast alles so Comic-Sachen
besitze; dass die Privatklägerin im Etagenbett mehrheitlich unten geschlafen habe
(Urk. 8/1 S. 12 f.); dass einmal der Schlüssel zum Badezimmer abgebrochen war,
man die Türe habe aufbrechen müssen und diese zwei bis drei Tage nicht
abschliessbar war (Urk. 8/1 S. 14 f.). Insoweit sind die Aussagen der Zeugin
geeignet, die Darstellung der Privatklägerin zum familiären Umfeld zu stützen.
4.1.12.3 Das nicht nur von ihr, sondern auch von weiteren Familienmitgliedern
analog vorgebrachte Argument, das Herz der Privatklägerin sei durch "mehrere
Jungs" gebrochen worden und nun müsse der Beschuldigte dafür herhalten,
erscheint nicht nur übertrieben, sondern schlicht an den Haaren herbeigezogen.
Wie gesehen, brachte die Privatklägerin – immer laut der Zeugin – den vorliegend
zu beurteilenden sexuellen Missbrauch mit 13 oder 14 Jahren zur Sprache. Zum
einen fehlen jegliche Anhaltspunkte dafür, dass die Privatklägerin in diesem
jungen Alter bereits mehrere unglückliche Liebesbeziehungen erlebt haben soll.
Selbst wenn dem so wäre, erscheint die Behauptung eines Abreagierens zu
Lasten des Beschuldigten als Schutzbehauptung. Es ist nicht einzusehen,
weshalb eine junge Frau, die Liebeskummer hat, überhaupt eine dritte Person
und ausgerechnet ihren eigenen Vater zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs an
ihr bezichtigen sollte. Wer als junge Frau mit einem derartigen Trennungsschmerz
- 48 -
konfrontiert ist, setzt nicht ohne Grund auch noch den familiären Frieden aufs
Spiel und beraubt sich so jedes Rückhaltes. Es mag zutreffen, dass die
Privatklägerin in (späteren) Jugendjahren durch eine zerbrochene Freundschaft
negativ tangiert wurde, bevor sie dann ihren heutigen, langjährigen Lebenspartner
kennen lernte. Eine Kausalität zum gegenständlichen sexuellen Missbrauch in der
Kindheit ist indessen nirgends erkennbar. Wie zu zeigen sein wird (vgl. Urk. 12
und 13 sowie hinten Erwägungen II. 5.3-5.6), hat auch keine der als Zeugen
befragten Fachpersonen als Ursache der posttraumatischen Belastungsstörung
eine Trennung vom ersten Freund aufgeführt. Thema der Therapien waren die
vorliegend zu beurteilenden sexuellen Übergriffe und nicht eine in Brüche
gegangene Freundschaftsbeziehung. Ebenso wenig lässt sich der Schluss
ziehen, die Suizidabsicht der Privatklägerin bzw. ihr Suizidversuch seien auf das
Ende einer Beziehung zurückzuführen.
4.1.12.4 Im Übrigen ist es keineswegs so, dass die Schwestern der
Privatklägerin, welche im Tatzeitraum gemäss Anklage zwischen ca. neun und 13
Jahren alt waren, durch nächtliche Besuche des Beschuldigten im Kinderzimmer
zwangsläufig hätten erwachen müssen, auch wenn die Türe beim Öffnen knarrte.
Einerseits geht es um eine Zeitphase am späten Abend oder in der Nacht, in
welcher sich viele, nicht allzu spät zu Bett gehende Menschen und erst recht
heranwachsende, schulpflichtige Kinder wie damals die drei Töchter im Tiefschlaf
befinden. Zudem stehen zwei bis drei und nicht unzählige solcher Vorfälle zur
Debatte und verhielt sich der Beschuldigte laut der Privatklägerin ruhig und
sprach nichts, abgesehen von den grundsätzlich gedämpften Lauten wie Stöhnen
und Flüstern (sie solle sich entspannen), dies je nahe an ihrem Ohr. Im Übrigen
ist nicht zweifelhaft, dass sich leise und unauffällig verhält, wer einen sexuellen
Übergriff in Gegenwart oder in der Nähe von (schlafenden) Drittpersonen verübt.
Der Einwand der Zeugin, wenn der Missbrauch (namentlich die Fingerpenetration)
stattgefunden hätte, hätte die Privatklägerin sicher geschrien und die ganze
Wohnung geweckt, geht völlig fehl. Kinder, die im sozialen Nahbereich durch eine
Bezugsperson und insbesondere den leiblichen Vater, wie dies hier zur Debatte
steht, sexuell missbraucht werden, verhalten sich typischerweise still. Das Kind
- 49 -
befindet sich in einer sehr verwirrenden Situation und auch in einem
Loyalitätskonflikt, macht doch eine ihm nahe stehende und von ihm geliebte
Person, von welcher es abhängig ist und deren Gunst es nicht verlieren möchte,
etwas mit ihm, was es nicht richtig einordnen kann. Die Person verhält sich in
einer für das Kind ungewohnten und unverständlichen Art, nimmt eine andere
Rolle ein. In einer solchen Lage befand sich auch die Privatklägerin. Die
Privatklägerin hat nach ihrer konstanten Darstellung weder geweint noch
geschrien. Sie war trotz eines unguten Gefühls von ihrem Alter und der Reife her
noch nicht imstande, die Bedeutung des Geschehens zu begreifen. Zudem war
sie am Schlafen oder zwar erwacht, stellte sich aber schlafend (laut ihrer Aussage
gähnte die Privatklägerin, um zu demonstrieren, das sie eigentlich schlafe). Dass
die Privatklägerin trotz Schmerzen bei der Fingerpenetration nicht schrie,
schliesst sexuellen Missbrauch nach dem Gesagten in keiner Weise aus.
4.1.12.5 Die Zeugin AA._ fühlte sich während der Einvernahme
offensichtlich höchst unwohl, und es macht den Anschein, als sei sie auch in ihren
Aussagen irgendwie eingeengt gewesen. In diesem Zusammenhang ist
bemerkenswert, dass sie vor der Einvernahme darum ersucht hatte, dass der
Beschuldigte nicht im gleichen Raum sitze, während sie befragt werde, was der
Beschuldigte jedoch nicht gelten lassen wollte und worauf die Zeugin dann seiner
Präsenz doch zustimmte (Urk. 8/1 S. 3).
4.1.12.6 Die Ausführungen der Zeugin AA._ sind gesamthaft betrachtet
mitnichten geeignet, die Schilderungen der Privatklägerin betreffend den
sexuellen Missbrauch durch den Beschuldigten als unglaubhaft erscheinen zu
lassen oder gar zu widerlegen. Vielmehr bleibt der Eindruck einer Mutter, welche
eklatante Fakten unterdrückt oder verdrängt und die Augen schlicht verschliesst.
4.2 Mittlere Tochter des Beschuldigten, U._
4.2.1 Die Schwester U._, geboren 1988, ist ein gutes Jahr älter als die
Privatklägerin und wuchs ebenfalls in der elterlichen Wohnung auf. Als Zeugin
(vgl. Urk. 8/2) führte sie aus, in keiner Beziehung zur Privatklägerin (mehr) zu
stehen. Sie verneinte, eine Vorstellung davon zu haben, weshalb es zum Bruch
- 50 -
der Privatklägerin mit der Familie kam. Die Privatklägerin habe schon erwähnt,
dass der Vater sie anscheinend berührt haben soll. Aber sie (die Zeugin) glaube
ihr nicht, dass das so gewesen sei (Urk. 8/2 S. 3). Das Verhältnis zur
Privatklägerin in Kindheit und Jugend empfand sie mal als gut, mal als schlecht.
Sie, aber nicht nur sie, habe grössere Streitigkeiten mit der Privatklägerin gehabt.
Schon vor den Vorwürfen gegenüber dem Vater habe sich die Privatklägerin
wegen kleinster Dinge aufgeregt und Sachen kaputt gemacht. Mit der ältesten
Schwester AB._ habe sie (die Zeugin) noch nie einen Streit gehabt. Da sie
selber ein allgemein verschlossener, sehr schüchterner Mensch sei, habe sie zu
keinem der Eltern ein tiefes Vertrauensverhältnis aufbauen können. Seit Januar
2012 wohne sie nicht mehr zu Hause. Laut ihrer Mutter habe der Beschuldigte die
Privatklägerin am liebsten gehabt, da sie gut in der Schule gewesen sei. Aus ihrer
Sicht habe er alle gleich behandelt (Urk. 8/2 S. 3 ff.).
Ein bis zwei Mal pro Woche hätten sich ihre Eltern gestritten, wobei es
hauptsächlich um Geld gegangen sei. Ihre Mutter habe den Beschuldigten oft
angeschrien, ihn auch "Perversling" genannt, aber man meine im Albanischen
etwas Anderes damit. Auf Pornofilme in der Wohnung bzw. deren Konsum durch
den Vater angesprochen, verneinte die Zeugin alle Fragen. Auch habe sie nie
etwas bemerkt oder gehört, dass ihr Vater ins Bordell gegangen sei oder dass er
einmal ca. zwei Monate in Mazedonien in Haft gewesen sei, namentlich wegen
Frauenhandels (Urk. 8/2 S. 6 ff.). Sie erinnerte sich, dass die Privatklägerin unten
im Etagenbett schlief (später, als sie selber einmal vom oberen Bett gefallen sei,
habe man die Position gewechselt), dass der Schlüssel zum Badezimmer einmal
abgebrochen war und man die Türe zum Badezimmer aufbrechen musste, wobei
man dann einen Schieber installierte, um die Türe verriegeln zu können. Ob man
durch einen der (über Jahre mehreren) Duschvorhänge die Konturen einer
Person habe sehen können, wisse sie nicht mehr (Urk. 8/2 S. 8 f.). Aber die
Privatklägerin habe immer das Gefühl gehabt, jemand beobachte sie. Das sei
auch beim Schlafen so gewesen. Und die Privatklägerin habe gesagt, dass sie
tote Menschen, Geister sehen könne. Nach der vierten Klasse, als die
Privatklägerin ca. elf bis zwölf Jahre alt gewesen sei, habe sie begonnen, solche
Aussagen zu machen (Urk. 8/2 S. 10 f.).
- 51 -
Die Privatklägerin habe schon sexuellen Missbrauch durch den Vater geltend
gemacht, dies aber auch durch andere Personen – welche Personen, wollte die
Zeugin nicht sagen. Auch nach Hinweis auf ihre Aussagepflicht blieb die Zeugin
eine konkrete Antwort schuldig (Urk. 8/2 S. 10).
Insgesamt habe sie die Privatklägerin zwei bis drei Mal weinen sehen wegen des
Verdachts auf sexuelle Missbräuche durch den Vater. Sie habe von der
Privatklägerin selber erfahren, das der Vater sie angefasst habe, jedoch nicht, wo
genau. Auch von der Mutter und der Schwester AB._ habe sie gehört, das
der Vater die Privatklägerin missbraucht haben könnte. Von der Privatklägerin
und der Schwester AB._ habe sie erfahren, dass es der Privatklägerin
schwer falle, darüber zu berichten (Urk. 8/2 S. 11 f.).
U._ bestätigte, dass die Privatklägerin ein Tagebuch geführt habe. Sie sei
neugierig gewesen, habe es zwischen deren Kleidern gefunden und schon ein
paar Seiten darin gelesen. Es sei auf Deutsch gewesen, habe aber nicht sexuelle
Handlungen betroffen. Es stimme, dass die Privatklägerin auch Griechisch habe
lesen und schreiben können. Sie habe auch schon gesehen, dass sie das
Alphabet auf Griechisch geschrieben habe. Ob das Tagebuch auch
Schilderungen über sexuelle Handlungen enthalten habe, könne sie nicht sagen,
denn sie habe es nicht vollständig gelesen. Insgesamt habe sie es schon ein paar
Mal gesehen. Als die Privatklägerin sie ertappt habe, sei sie sehr "hässig"
gewesen, wohl wegen ihrer Privatsphäre, habe ihr das Tagebuch sofort aus den
Händen genommen und es versteckt (Urk. 8/2 S. 12 f.). Sie denke nicht, dass ihre
Mutter das Tagebuch in Händen gehalten habe, sie könne die deutsche Schrift
nicht lesen. Sie wisse aber noch, dass ihre Mutter sie (die Zeugin) nach dem
Tagebuch gefragt habe, dies, nachdem die Privatklägerin den Kontakt zur Familie
abgebrochen habe. Sie wisse nicht, ob es sein könnte, dass sich die andern –
gemeint die Mutter, AB._ und die Privatklägerin – einmal in der Stube über
den Inhalt des Tagebuches unterhalten hätten. Sich selber nahm die Zeugin von
einem solchen Gespräch "mit 100 % Sicherheit" aus und erklärte auf die weiteren
Vorhalte (mütterliche Ohrfeige für die Privatklägerin, Zerreissen des Tagebuches
- 52 -
in Tausend Stücke durch die Privatklägerin), solches weder gesehen noch gehört
zu haben (Urk. 8/2 S. 13 f.).
Zum eingeklagten sexuellen Missbrauch im Schlafzimmer berief sich auch
U._ auf eine "voll" knarrende Türe, schloss aber nicht aus, dass er schon ein
bis zwei Mal ins Zimmer gekommen sein könnte, aber irgendwann würden sie es
gemerkt haben (Urk. 8/2 S. 14). Betreffend sexuelle Übergriffe des Beschuldigten
an der Privatklägerin in der Stube gab die Zeugin an, dies nicht zu glauben. Wann
solle sie mit ihm alleine in der Stube gewesen sein. Sie kenne ihre Schwester,
höre viel von ihr, auch dass sie sich die Venen durchschneide bei ihrem Freund,
sie denke, wegen ihrem Freund. Wem solle sie dabei die Schuld geben. Man höre
auch über diesen Freund, dass er zum Beispiel Drogen nehme (Urk. 8/2 S. 15).
Sie wisse nichts davon, dass auch Cousine K._ vom Beschuldigten sexuell
belästigt worden sein soll, jedenfalls nicht von der Cousine selber, welche das
verneint habe (Urk. 8/2 S. 16 und 18), sondern von der Privatklägerin. Weitere
Fragen dazu beantwortete die Zeugin dahin, etwas nicht oder nicht mehr genau
zu wissen (Urk. 8/2 S. 16 ff.). Zuletzt verneinte die Zeugin, mit
Familienangehörigen (Mutter, Schwester AB._ oder Cousine K._) über
den Inhalt dieser Einvernahme gesprochen zu haben und betonte abschliessend
nochmals, sie glaube einfach nicht an diese Vorwürfe, beschrieb die
Privatklägerin sinngemäss als streitsüchtig und noch nie normal im Kopf, da sie
Geister gesehen und mit diesen habe sprechen können und sich immer
beobachtet gefühlt habe (Urk. 8/2 S. 18).
4.2.2 Würdigung dieser Aussagen
Als übereinstimmend mit der Privatklägerin und damit deren Aussagen stützend
erweist sich, dass die Mutter den Vater oft angeschrien und ihn auch "Perversling"
genannt habe, dass die Privatklägerin in der Kindheit unten im Etagenbett schlief,
dass sexueller Missbrauch des Beschuldigten gegenüber der Privatklägerin in der
Familie, namentlich zwischen der Mutter und den Töchtern, ein Thema war und
dass die Privatklägerin deswegen auch wiederholt weinte, es der Privatklägerin
zudem schwer fiel, darüber zu sprechen. Ferner bestätigte die Zeugin weitgehend
- 53 -
die Schilderungen der Privatklägerin zu deren Tagebuch und dass die
Privatklägerin das griechische Alphabet kannte und schreiben konnte. Es ist somit
durchaus möglich, dass die Privatklägerin auch im Tagebuch die griechische
Schrift benützte, dies in Passagen, welche die Zeugin U._ nicht gesehen und
gelesen hatte. Die Aussagen der Zeugin zeigen auch klar, dass die Mutter um das
Tagebuch und dessen Bedeutung für die Privatklägerin gewusst haben muss.
Ferner hat sich auch aus ihren Darlegungen ergeben, dass der Schlüssel zum
Badezimmer einmal abgebrochen war, man die Türe zum Badezimmer
aufbrechen musste und diese vorübergehend nicht abschliessbar war, und laut
den Aussagen von U._ ist es zumindest nicht ausgeschlossen, dass der
Duschvorhang das Erkennen von Konturen erlaubte. Je nach Lichtverhältnissen
im Raum ist solches bald einmal möglich, etwa, wenn ein Vorhang eine nicht ganz
dunkle Farbe aufweist. Geradezu durchsichtig braucht er dazu nicht zu sein.
Darüber hinaus fällt aber auf, dass die Zeugin oft unverbindlich antwortete, sich
selber von der fraglichen Familienvergangenheit bzw. vom Wissen rund um die
eingeklagten sexuellen Missbräuche ausdrücklich distanzierte und der
Privatklägerin alles andere als wohl gesinnt scheint. Ihr Hinweis etwa, die
Privatklägerin habe sexuellen Missbrauch auch durch eine weitere Person geltend
gemacht – womit sie offensichtlich darauf abzielte, die Privatklägerin zu
diskreditieren und den Beschuldigten aus der Schusslinie zu nehmen –, blieb
völlig unsubstanziiert und entbehrt jeder Grundlage. Solche Aussagen grenzen an
Lügen. Als unnötige Herabwürdigungen erweisen sich sodann die Behauptung,
der langjährige Freund und Lebenspartner der Privatklägerin sei die Ursache,
dass diese sich die Venen durchschneide sowie die Andeutung, der Freund
nehme Drogen. Auch damit wird zweifelsfrei bezweckt, den Beschuldigten zu
schützen. Ihre Aussage im Schlussvotum, die Privatklägerin sei nie normal
gewesen, erweist sich als haltlos, hat die Zeugin zu Beginn der Einvernahme
doch erwähnt, in der Kindheit auch gut mit der Privatklägerin ausgekommen zu
sein. Tote Menschen und Geister hat die Privatklägerin gemäss der Zeugin erst
nach der vierten Klasse, d.h. mit elf bis zwölf Jahren gesehen, also nach dem
fraglichen Missbrauch.
- 54 -
Zur Ergänzung, namentlich hinsichtlich der eingeklagten nächtlichen Übergriffe im
Schlafzimmer, kann auf die Würdigung der Zeugenaussage von AA._
verwiesen werden (Erwägung II. 4.1.12.4 hiervor). Auch sexuelle Übergriffe zur
Tageszeit können durchaus stattfinden, wenn sich weitere Personen in einem
Haus oder einer Wohnung aufhalten, namentlich wenn diese hörbar anderswo
beschäftigt sind und man ein Näherkommen bemerken würde und die Handlung
abbrechen bzw. beenden kann. Vorliegend schilderte die Privatklägerin, wie sie
von der Stube aus die Mutter mit einer andern Frau in der Küche sprechen hörte.
Wenn die Zeugin in Abrede stellte, mit andern Familienangehörigen über den
Inhalt dieser Einvernahme gesprochen zu haben, ist das nicht glaubhaft, zumal
Mutter AA._ und Tochter U._ nacheinander am gleichen Nachmittag
befragt wurden. Auch inhaltlich deutet vieles auf eine gewisse Absprache und
Gleichschaltung hin.
Die Aussagen der Zeugin U._ sind insgesamt nicht besonders glaubhaft und
vermögen die Aussagen der Privatklägerin keinesfalls zu erschüttern.
4.3 Älteste Tochter des Beschuldigten, AB._
4.3.1 AB._, geboren 1986, ist die erstgeborene Tochter der Familie ... [der
Privatklägerin] und die älteste Schwester der Privatklägerin sowie Mutter von
deren Patenkind D._. Zusammengefasst gab AB._ als Zeugin zu
Protokoll (vgl. Urk. 8/3), heute zur Privatklägerin ein gutes Verhältnis und diese
zwei Tage vor der Zeugeneinvernahme noch getroffen zu haben (Urk. 8/3 S. 4).
Zu den eingeklagten sexuellen Handlungen führte sie aus, erstmals durch die
Privatklägerin davon erfahren zu haben, nachdem sie (die Zeugin) sich verlobt
habe, was im September 2005 gewesen sei (Anmerkung: damals war die
Privatklägerin 16 Jahre alt). Die Privatklägerin habe zwar gesagt, sie habe ihr das
schon früher erzählt, aber sie könne sich überhaupt nicht daran erinnern (Urk. 8/3
S. 5 und 12). Auch auf detaillierte Vorhalte der Aussagen der Privatklägerin,
wonach diese ihr (der Zeugin) einmal spät abends im Badezimmer von den
Übergriffen erzählt und dann heftig geweint habe, dass die Zeugin die
Privatklägerin in deren Schlafzimmer (altes Bürozimmer) zu trösten versucht habe
- 55 -
und wie dann der Vater erschienen sei um zu fragen, was los sei, gab die Zeugin
an, sich an so etwas nicht zu erinnern (Urk. 8/3 S. 12 f.). Auch verneinte sie etwas
zu wissen über ein Gespräch der drei Töchter mit der Mutter im Zusammenhang
mit dem Tagebuch der Privatklägerin sowie eine mütterliche Ohrfeige gegenüber
der Privatklägerin (Urk. 8/3 S. 14 ff.). Erst in der Psychiatrie 2011 habe sie die
Privatklägerin umarmt, weil diese geweint habe (Urk. 8/3 S. 16).
Die Privatklägerin habe ihr 2005 erzählt, der Beschuldigte sei in der Nacht
jahrelang ins Zimmer gekommen, fast jeden Abend. Er habe sie angefasst, wo,
habe sie aber nicht gesagt. Sie habe einfach gesagt, er habe mit ihr Sachen
gemacht, die sie ihr (der Zeugin) nicht erzählen könne (Urk. 8/3 S. 5 und 18).
Damals hätten sie zu Dritt in einem Zimmer geschlafen. Die Privatklägerin habe
Angst gehabt zu schreien, weil die Schwestern da gewesen seien, was sie (die
Zeugin) nicht verstanden habe. Sie finde es zudem komisch, dass sie (die
Schwestern) nichts gemerkt hätten. Letztmals darüber gesprochen habe sie mit
der Privatklägerin, als diese in der Psychiatrie gewesen sei, d.h. im
Januar/Februar 2011. Die Privatklägerin habe auch erwähnt, dass sie vom Vater
beim Duschen beobachtet worden sei. Von unsittlichen Berührungen ausserhalb
des Schlafzimmers habe die Privatklägerin ihr nichts erzählt (Urk. 8/3 S. 5 f. und
13). Zum Zeitrahmen der Übergriffe habe die Privatklägerin einmal gesagt, sie sei
neun Jahre alt gewesen, ein anderes Mal, sie sei zwölf Jahre alt gewesen (Urk.
8/3 S. 6).
Schon immer habe sie der Privatklägerin mehr vertraut als ihrer Schwester
U._. Heute sei das nicht mehr so, wegen dieser Sache. Darauf
angesprochen, weshalb ihres Erachtens die Privatklägerin den Vater falsch
belasten sollte, führte die Zeugin aus, nach ihrer Erinnerung habe alles mit der
Trennung der Privatklägerin von ihrem ersten Freund begonnen. Die
Privatklägerin habe ihn sehr geliebt, doch sei diesem eine Frau aus dem Kosovo
bestimmt gewesen. Von da an sei die Privatklägerin abnormal geworden, habe
sich umbringen wollen und begonnen, alle Albanischen Männer zu hassen, nicht
nur ihren Vater, sondern alle männlichen Personen in der Familie. Sie habe
gedacht, alle Männer seien gleich. Opfer dieses Verhaltens sei der Vater
- 56 -
geworden, weil er im Haus gewesen sei. Die Privatklägerin habe gedacht, dass er
auch der Mutter weh machen könnte. Sie hätten jahrelang im selben Zimmer
geschlafen. Sie (die Zeugin) hätte einfach etwas sehen müssen (Urk. 8/3 S. 8).
Bei den Eltern sei es hauptsächlich zu Konflikten gekommen, wenn die
Privatklägerin dort gewesen sei. Die Privatklägerin habe sich mit allen gestritten.
Die Mutter habe dann die Privatklägerin in Schutz genommen, was ihr (der
Zeugin) nicht so gepasst habe. Was die Privatklägerin sagte, habe gelten
müssen. Streit zwischen den Eltern habe es gegeben, weil sich bei diesen
Streitigkeiten immer der Beschuldigte eingemischt habe. Sie habe nie gehört, wie
die Mutter zum Vater "Perversling" gesagt habe. Hingegen habe die Privatklägerin
die Mutter als Schlampe und den Vater als "Perversling", Missgeburt, bezeichnet
(Urk. 8/3 S. 10).
Die Zeugin AB._ verneinte, etwas darüber zu wissen, ob der Vater
Pornofilme angeschaut habe. Sie selber habe nie solche Filme in der Wohnung
gefunden. Die Privatklägerin erzähle Lügen, wenn sie solches von ihr oder der
Mutter sage. Auch habe sie nie gehört oder gesehen, dass der Vater ins Bordell
gegangen sei. Der Beschuldigte sei vor Jahren einmal ca. zwei Monate in
Mazedonien im Gefängnis gewesen. Sie habe das nur nebenbei beim Spielen von
jemandem aus der Familie gehört. Die Privatklägerin habe früher im Etagenbett
meist unten geschlafen. Dass je ein Duschvorhang transparent gewesen sei,
verneinte sie (Urk. 8/3 S. 11 f.).
Hinsichtlich der Cousine K._ gab die Zeugin an, von der Privatklägerin
einmal erfahren zu haben, diese sei vom Beschuldigten sexuell bedrängt oder
allenfalls missbraucht worden. Sie wisse aber lediglich, dass K._ "von einem
Mann" sexuell missbraucht worden sei und gegen diesen auch Anzeige erstattet
habe; ob auch vom Beschuldigten, "... keine Ahnung" (Urk. 8/3 S. 16).
Sie selber sei vom Vater sowohl mit der flachen Hand als auch mit der Faust auf
den Rücken geschlagen und an den Haaren gerissen worden (Urk. 8/3 S. 18). Sie
habe nie gesehen, wie der Vater die Privatklägerin geschlagen oder an den
Haaren gerissen habe. Jedoch bejahte sie, miterlebt zu haben, dass die
- 57 -
Privatklägerin den Beschuldigten verflucht habe wegen sexueller Übergriffe, dass
es zu Streit gekommen sei und der Beschuldigte zur Privatklägerin gesagt habe,
wieso sie so einen Unsinn erzähle. Auch als sie zu Besuch gekommen sei, habe
sie sicherlich mehr als drei Mal einen Streit zwischen der Privatklägerin und dem
Beschuldigten miterlebt wegen dieser Vorwürfe gegen den Vater (Urk. 8/3 S. 19).
4.3.2 Würdigung dieser Aussagen
Es ist unverkennbar, dass die Zeugin zur Missbrauchsfrage die Zeit vor
September 2005, dem Zeitpunkt ihrer Verlobung, ausblendet, weil sie nicht
involviert werden will (vgl. dazu auch ihre Aussage auf die mehrfach erwähnte
Ohrfeige-Szene: "Ich war nicht dabei. Das ist nicht wahr, sie kann mich nicht
überall hineinnehmen" [Urk. 8/3 S. 15].). Dazu muss sie in Abrede stellen, von der
ca. zwölfjährigen Privatklägerin unter deren heftigem Weinen in die eingeklagten
Vorfälle eingeweiht worden zu sein, mit Mutter und Schwestern im Wohnzimmer
darüber gesprochen zu haben, wobei wieder viele Tränen flossen, und noch
während weiterer Jahre (bis im September 2005, als die Privatklägerin 17 Jahre
alt war) trotz Wohnens im gleichen Haushalt nicht mitbekommen zu haben, dass
die Privatklägerin den Beschuldigten mit diesbezüglichen Vorwürfen und
Beschimpfungen überschüttete und daraus unzählige Streitigkeiten resultierten.
Sie tut dies, indem sie sich – ungeachtet sehr detaillierter Vorhaltungen – auf
gänzlich fehlende Erinnerung beruft und dadurch im Ergebnis die Privatklägerin
verleugnet. Diese Zuflucht zu einer (mehrjährigen sachspezifischen)
Erinnerungslücke ist unglaubhaft, weil bei der Zeugin kein begründeter Anlass für
einen Gedächtnisschwund in solch einem Ausmass ersichtlich ist und auch nicht
von ihr geltend gemacht wird. Mit ihrem Aussageverhalten verschweigt die Zeugin
wichtiges Wissen über die Vergangenheit, nach welchem sie gezielt und in
Einzelheiten gefragt wurde.
Wie die Mutter AA._ und die mittlere Schwester U._ ist auch AB._
offenkundig darauf bedacht, den Beschuldigten in Schutz zu nehmen, zu welchem
Zweck sie die Privatklägerin als Lügnerin hinstellt. Auch sie greift zu den bereits
vernommenen Argumenten, wonach sexuelle Übergriffe im Schlafzimmer von den
Schwestern bemerkt worden wären, die Privatklägerin durch die Trennung vom
- 58 -
ersten Freund "abnormal" geworden sei und dies die Anzeige gegen den Vater
bewirkt habe (womit die Zeugin die Veränderung im Verhalten der Privatklägerin
zeitlich noch wesentlich später ansetzt als die Mutter und die mittlere Schwester).
Positives zur Privatklägerin gibt auch sie nicht zu Protokoll; im Gegenteil
beschreibt sie sie als generelle Männerhasserin (Albanische Männer), ausgelöst
durch die Trennung vom ersten Freund. Wenn die Zeugin AB._ vorbringt, die
Privatklägerin habe ihr erzählt, der Vater sei jahrelang fast jede Nacht ins Zimmer
gekommen, so erscheint das klar übertrieben und kann ihr angesichts der deutlich
andern (konstanten und zurückhaltenden) Aussagen der Privatklägerin als
Direktinvolvierte nicht abgenommen werden. Auch ist der Zeugin nicht zu
glauben, dass die Privatklägerin einmal das Alter von neun Jahren und einmal
das Alter von zwölf Jahren als Phase der Übergriffe bezeichnet haben soll. Ob die
Zeugin dies bewusst so vorträgt oder sich bloss irrt, kann offen bleiben.
Was die Cousine K._ betrifft, will die Zeugin gehört haben, dass diese von
einem (andern) Mann sexuell missbraucht worden sei und gegen diesen Anzeige
erstattet habe. Ob zutreffend oder nicht, auch dieser Hinweis kann dazu dienen,
den Beschuldigten zu beschirmen.
Insgesamt erweisen sich die Aussagen der Zeugin AB._ überwiegend als
kaum verlässlich bzw. als unglaubhaft, und es kann insoweit nicht darauf
abgestellt werden. Ausgenommen sind ihre nachvollziehbaren Schilderungen, der
Beschuldigte habe sie (als Kind/Jugendliche) geschlagen und sie auch an den
Haaren gerissen, sowie dass er sich immer in Streitigkeiten mit der Privatklägerin
aufgrund von deren Beschimpfungen ihm gegenüber wegen der
Missbrauchsvorwürfe eingemischt habe.
Ergänzend kann auf die Erwägungen II. 4.1.12 und 4.2.2 verwiesen werden.
4.4 Cousine K._
4.4.1 Die Cousine K._ führte zuerst gegenüber der Kantonspolizei und dann
als Zeugin aus (vgl. Urk. 9/1 und 9/2), sie hätten bis zum Wegzug der
Privatklägerin von Zuhause eine sehr enge Beziehung zueinander gehabt (sie
- 59 -
habe oft bei ihnen übernachtet), seither (seit ca. 1 1⁄2 Jahren) bestehe kein
Kontakt mehr; die Privatklägerin habe auf ihre SMS nicht reagiert und den Kontakt
abgebrochen. Die Privatklägerin sei einige Male weinend gekommen und habe ihr
erzählt, der Vater sei nachts zu ihr ins Zimmer gekommen. Sie habe aber nicht
gesagt, was er gemacht haben soll. Doch sie glaube, die Privatklägerin habe es
ihrer (der Zeugin) Mutter erzählt. Sie könne sich erinnern, dass die Privatklägerin
einmal weinend neben ihrer Mutter gesessen habe, als sie nach Hause
gekommen sei (Urk. 9/1 S. 2 f.).
Ihr gegenüber sei es nicht zu Übergriffen seitens des Beschuldigten gekommen.
Aber sie sei einmal Opfer durch eine andere Person geworden. Der Beschuldigte
habe sie einmal in der Unterführung des Bahnhofs F._ gefragt, was für
"Püggeli" sie unterhalb des Halses habe, worauf sie weggegangen sei und zu
Hause geweint habe. Der Beschuldigte habe sie nicht einmal berührt gehabt,
doch sei dies erst zwei Tage nach dem Übergriff durch diese andere Person
gewesen, weshalb sie damals Panik bekommen habe. Sie habe der Privatklägerin
"das mit dem andern Mann" erzählt, der einen Markt bei ihnen in der Nähe habe
und sie angegangen habe. Sie habe diesen dann bei der Polizei angezeigt, aber
nie mehr etwas davon gehört. Dass beim Essen-Bringen mit dem Beschuldigten
etwas passiert sei, namentlich ein versuchter Zungenkuss, verneinte die Zeugin,
sonst hätte sie ihn bestimmt angezeigt. Zudem sei der kleine Sohn des
Beschuldigten, AC._, dabei gewesen. Vielleicht verwechsle die Privatklägerin
da etwas (Urk. 9/1 S. 3 ff.).
Die Privatklägerin sei schon als Kind irgendwie komisch gewesen. Sie habe sie
einmal nachts vor dem Spiegel angetroffen. Auf Frage habe sie geantwortet, sie
spreche mit ihrem richtigen Vater, dies sei der Teufel. Sie habe gesagt, mit
Geistern sprechen zu können, und sie habe auf dem Friedhof übernachten wollen
und dies auch einmal gemacht. Die Privatklägerin habe sie auch dazu überreden
wollen, sich gemeinsam mit ihr vom Zug überrollen zu lassen. Auf dem Gleis
stehend habe sie (die Zeugin) Panik bekommen, sei weggerannt und habe zum
Glück auch die Privatklägerin wegzerren können. Nach ihrer Erinnerung habe
damals der Freund mit der Privatklägerin Schluss gemacht. Am Tag sei die
- 60 -
Privatklägerin ganz normal gewesen, erst nachts habe sie jeweils solche Sachen
gemacht (Urk. 9/1 S. 5). Erst viel später, nach der Sache mit dem Teufel, habe die
Privatklägerin ihr erzählt, dass der Beschuldigte nachts zu ihr ins Zimmer
gekommen sei. Ob die Vorwürfe der Privatklägerin gegenüber dem Beschuldigten
stimmen würden, wisse sie nicht. Aber sie verstehe nicht, weshalb die
Privatklägerin sie da hinein ziehe (Urk. 9/1 S. 6).
Als Zeugin (Urk. 9/2) blieb K._ trotz detaillierter Vorhalte dabei, nie vom
Beschuldigten sexuell belästigt worden zu sein (Urk. 9/2 S. 5 ff.). Sie verneinte,
dass die Privatklägerin als Oberstufenschülerin zu ihrer Mutter und ihr gekommen
sei und von sexuellen Übergriffen des Beschuldigten erzählt habe (Urk. 9/2 S. 5).
Die Privatklägerin habe nur gesagt, der Beschuldigte sei nachts in ihr Zimmer
gekommen und habe irgendetwas mit ihr gemacht. Ihr sei schon der Gedanke
gekommen, dass etwas nicht stimme, weil die Privatklägerin geweint habe. Sie
habe dann gefragt, was los sei, und die Privatklägerin habe erwidert, es sei
schlimm gewesen, darum habe sie ihr dies auch erzählt, aber ohne Details. Sie
habe daraus geschlossen, dass die Privatklägerin sexuell missbraucht worden
sein könnte. Drei bis fünf Mal innerhalb eines Jahres habe die Privatklägerin
darüber gesprochen, teilweise vor und teilweise nach dem Selbstmordversuch auf
den Gleisen. Sie hätten sich immer gut verstanden, und die Privatklägerin habe
ihr auch gesagt, sie wolle ausziehen. Wenn die Privatklägerin über den Vater
gesprochen habe, habe sie zu weinen begonnen. Sie habe ihr zugehört und sie
einfach getröstet. Geglaubt habe sie ihr aber nicht, denn bevor sie die ganze
Geschichte erzählt habe, habe sie etwas über ihren Freund erzählt, dass er
Schluss gemacht habe, und sie habe sich auf den Gleisen beim Bahnhof F._
umbringen wollen. Auf Nachfrage erklärte die Zeugin, sie denke, dass die
Privatklägerin die Ausführungen betreffend des sexuellen Missbrauchs durch den
Vater schon vor dem Selbstmordversuch beim Bahnübergang gemacht habe,
denn die Privatklägerin habe ihr gesagt, dass sie kleiner gewesen sei, als ihr dies
mit dem Vater passiert sei (Urk. 9/2 S. 10 ff., S. 13). Vor dem Selbstmordversuch
in F._ habe sie ihr den sexuellen Missbrauch manchmal schon geglaubt und
manchmal nicht, denn die Privatklägerin habe schon damals Stress mit ihrem Ex-
Freund gehabt und sich mehrmals mit ihr (der Zeugin) am Friedhof treffen wollen.
- 61 -
In dieser Zeit und bis zu deren Auszug sei die Privatklägerin für sie wie eine
Schwester gewesen, und sie habe dieser sehr Vertrauen geschenkt (Urk. 9/2 S.
13 f. und 16). An einem dieser Gespräche habe auch ihre Mutter (M._)
teilgenommen und sie ebenfalls getröstet. Zu diesen Aussagen der Privatklägerin
geäussert habe sich die Mutter aber nie. Nachdem die Privatklägerin einige
Monate in der Psychiatrie gewesen sei, habe sie sich zur Strafanzeige gegen den
Vater entschlossen. Sie habe damals und auch schon zuvor der Privatklägerin
nicht geglaubt.
4.4.2 Würdigung dieser Aussagen
Diesen Schilderungen wie auch jenen der Privatklägerin ist zu entnehmen, dass
die zwei Cousinen bis zum Auszug der Privatklägerin im November 2010 sehr viel
Zeit miteinander verbrachten, eine enge Beziehung pflegten und ein
Vertrauensverhältnis hatten, ganz wie zwei Schwestern. So vertraute sich die
Privatklägerin der Zeugin K._ an und berichtete ihr mehrmals weinend, dass
ihr seitens des Beschuldigten Schlimmes widerfahren sei. Immer, wenn die
Privatklägerin vom Vater gesprochen habe, habe sie geweint. Auch wenn sie
keine Details nannte, schloss die Zeugin auf einen möglichen sexuellen
Missbrauch und tröstete die Privatklägerin. Die Zeugin spürte offenbar, dass die
ihr nahe stehende Cousine erschüttert war und sehr litt, und sie zeigte Empathie.
Aus der Zeugenaussage ergibt sich ferner, dass die Mutter der Zeugin, M._,
an einem solchen Gespräch mit der Privatklägerin präsent gewesen war und
diese auch getröstetet hatte. Zudem räumte die Zeugin ein, von der Privatklägerin
erfahren zu haben, dass das mit dem Vater passiert sei, als sie noch kleiner
gewesen sei. Überdies hat die Zeugin ausdrücklich verneint, dass die
Privatklägerin ausser den Vorfällen mit dem Vater von weiteren
Missbrauchsvorfällen, begangen durch Dritte, gesprochen hat. Diese Aussagen
der Zeugin, die wie gezeigt eine enge Vertrauensposition gegenüber der
Privatklägerin einnahm, sind glaubhaft, und sie untermauern das von der
Privatklägerin Vorgetragene. Es kann darauf abgestellt werden.
Was die übrigen Aussagen der Zeugin K._ betrifft, befand sie sich während
der Befragungen offensichtlich in einem grossen Zwiespalt. Auch wenn sie
- 62 -
ausdrücklich verneint hatte, von Familienmitgliedern bedroht oder unter Druck
gesetzt worden zu sein (Urk. 9/1 S. 5), zeigen ihre teilweise gewundenen und
etwas schwammigen Aussagen sowie ihre Schlussbemerkungen in den
Einvernahmen (vgl. Urk. 9/1 S. 6; Urk. 9/2 S. 14 f.), dass sie der Privatklägerin im
Verband mit deren übrigen Familienmitgliedern den Rücken gekehrt hat. Man
kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Zeugin in ihren Aussagen
nicht völlig frei war. Bedenkt man, dass laut der Zeugin die beiden jungen Frauen
bis zum Auszug der Privatklägerin aus dem Elternhaus im November 2010 –
damals waren sie 21 und 17 Jahre alt – eine enge Vertrauensbeziehung (wie
Schwestern) verband, die zwei viel Zeit miteinander verbrachten, die
Privatklägerin sich meistens am Wochenende bei der Cousine aufhielt (Urk. 9/1 S.
5), die Zeugin der Privatklägerin sehr vertraute (Urk. 9/2 S. 16) und die
Privatklägerin "es" der Zeugin alleine anvertraut habe (Urk. 9/1 S. 3), will ihre
Abkehr nicht so recht einleuchten. Zumindest bleibt äusserst fraglich, ob sich
K._ aus eigenem Antrieb und persönlicher Überzeugung von der
Privatklägerin abwandte. Betreffend den Zeitpunkt des Kontaktabbruches besteht
denn auch ein Widerspruch. Einerseits will die Zeugin nach dem Auszug der
Privatklägerin im November 2010 nie mehr etwas von dieser gehört haben (Urk.
9/1 S. 2; Urk. 9/2 S. 14). Anderseits ergibt sich unmissverständlich aus ihren
Aussagen, dass sie auch während der stationären Behandlung bzw. danach
(folglich nach August 2011) mit der Privatklägerin in Kontakt gestanden haben
muss, soll doch die Privatklägerin nach ein paar Monaten in der Psychiatrie den
Entschluss zur Anzeigeerstattung gefasst und diesen "ruhig, ... nicht wütend"
bekundet haben (Urk. 9/2 S. 15). Sie (die Zeugin) habe ihr die geschilderten
Vorfälle aber nicht geglaubt, auch zuvor schon nicht, da die Zeugin sie auch
wegen der Psychiatrie angelogen habe. So habe sie gesagt, dass sie mehr als ein
Jahr dort gewesen sei, es seien aber lediglich ein paar Monate gewesen. Auch
habe sie gesagt, dass sie selber entschieden habe, in die Psychiatrie zu gehen
und zwar wegen ihrem Vater. Zuvor habe sie ihr aber auch erzählt, dass sie sich
"geritzt" habe wegen ihrem Freund (Urk. 9/2 S. 15). Abgesehen von der zeitlichen
Ungereimtheit fällt auf, dass die Zeugin noch kurz zuvor zu Protokoll erklärt hatte,
- 63 -
die Privatklägerin habe sie nie wissentlich angelogen, höchstens kleinere Lügen
(Urk. 9/2 S. 14).
Ob die Zeugin K._ einmal Opfer eines sexuellen Missbrauchs durch einen
Ladenbesitzer unmittelbar hinter dem Elternhaus wurde, indem dieser sie
vergewaltigen wollte, was durch eine dazwischen kommende Drittperson
verhindert werden konnte (vgl. Urk. 9/2 S. 16), ist nicht Gegenstand des
vorliegenden Verfahrens und kann offen bleiben. Verwunderlich ist allerdings,
dass dies just zwei Tage, bevor der Beschuldigte seine Nichte K._ in einer
Unterführung beim Bahnhof F._ auf einen Hautausschlag unterhalb des
Halses ansprach (dies bestätigte auch der Beschuldigte; Urk. 3/4 S. 7), was diese
derart erschütterte, dass sie weggehen und zu Hause weinen musste (Urk. 9/1 S.
3), passiert sein soll. Ebenso erstaunt, dass die gegen den fraglichen Täter
erhobene Anzeige versandet sein soll und die Zeugin den Vorfall offenbar durch
ein Gespräch mit einem Sozialarbeiter in der Schule verarbeitet hat (Urk. 9/2 S.
16). Unabhängig davon, ob ein derartiger Vergewaltigungsversuch gegenüber
K._ stattgefunden hat oder nicht, schliesst dies nicht aus, dass sie (auch)
Opfer des Beschuldigten im Sinne der Schilderungen der Privatklägerin geworden
sein kann, auch wenn letzteres nicht Gegenstand der vorliegenden Anklage bildet
und daher nicht zu prüfen ist. Ein Indiz für stattgefundenen Missbrauch durch den
Beschuldigten zum Nachteil von K._ findet sich jedenfalls darin, dass sich die
Zeugin und der Beschuldigte an einem auch von der Privatklägerin angeführten
Ort begegneten, der Beschuldigte sie ansprach, die Zeugin laut eigenen Angaben
vor dem Beschuldigten, ihrem Onkel, Angst hatte, flüchtete und zu Hause weinen
musste. Zudem bestehen keinerlei Anhaltspunkte, dass die Privatklägerin die
Vorfälle betreffend den Beschuldigten und ihre Cousine K._ erfunden haben
könnte. Vielmehr beschrieb sie sehr detailliert, wirklichkeitsnah und glaubhaft, wie
sie zu Hause in Anwesenheit von Eltern und Geschwistern heftig zu weinen und
zu schreien angefangen habe und regelrecht ausgerastet sei, als sie durch ihre
mittlere Schwester von den Anschuldigungen der Cousine gegenüber dem
Beschuldigten erfahren habe (vgl. Urk. 4/1 S. 12 und Urk. 4/2 S. 12).
- 64 -
Abschliessend ist festzuhalten, dass die Aussagen der Privatklägerin mitnichten
an Glaubhaftigkeit einbüssen, nur weil die Zeugin K._ sexuellen Missbrauch
des Beschuldigten ihr selber gegenüber explizit verneint, dies insbesondere vor
dem geschilderten Hintergrund.
4.5 Tante M._
4.5.1 M._ ist die Mutter der Zeugin K._ bzw. die Schwester der Zeugin
AA._ und somit die Schwägerin des Beschuldigten. Sie bestätigte bei der
Polizei und als Zeugin gegenüber dem Staatsanwalt (vgl. Urk. 10/1 und 10/2)
einzig, die Privatklägerin habe geweint, als sie ihr erzählte, dass der Beschuldigte
sie berührt habe. Sie habe die Privatklägerin aber nicht weiter gefragt, und es
habe sie auch nicht interessiert (Urk. 10/1 S. 8; Urk. 10/2 S. 6). Die Privatklägerin
habe schon immer fantasiert und sei krank im Kopf; sie glaube ihr nichts. Zudem
habe die Privatklägerin noch K._ in die ganze Geschichte miteinbezogen. Sie
(die Zeugin) habe gewusst, dass es gelogen sei. Der Beschuldigte sei ein guter
Mensch (Urk.10/1 S. 4, 6 f. und 9). Im Übrigen gab die Zeugin dezidiert zu
Protokoll, nichts (mehr) zu wissen. Damals sei sie selber krank gewesen und
habe ihre eigenen Probleme gehabt. Sie vergesse allgemein viel, weil sie
Medikamente nehmen müsse (Urk. 10/1 S. 8; Urk. 10/2 S. 5). Sie glaube der
Privatklägerin nicht (Urk. 10/2 S. 6 und 10).
4.5.2 Mit der genannten Zugabe, dass die Privatklägerin den eingeklagten
sexuellen Missbrauch durch den Beschuldigten unter Weinen zum Gespräch
brachte, bestätigt die Zeugin die Darstellung der Privatklägerin, bei ihr als Tante
und somit bei einer erwachsenen Person ausserhalb der Kernfamilie Gehör und
Beistand gesucht zu haben. Das tut nur, wer wirklich Grund dazu hat, vor allem
bei einem heiklen und überdies höchstpersönlichen Thema wie hier sowie der
damit einhergehenden Scham. Dass die Zeugin der Privatklägerin überhaupt
keinen Glauben geschenkt haben will und ansonsten fehlende Erinnerung geltend
macht, ändert daran nichts. Die Aussage von M._ ist insoweit ein Indiz für
stattgefundenen sexuellen Missbrauch durch den Beschuldigten zum Nachteil
seiner jüngsten Tochter.
- 65 -
Im Übrigen bekräftigt diese Zeugenaussage die Erkenntnis, dass der
Beschuldigte durch die Familie protegiert wird und man die Privatklägerin folglich
nicht ernst nimmt / nehmen kann bzw. ihre Vorbringen verdrängt und im Ergebnis
negiert.
4.6. Cousine AD_
Es handelt sich bei ihr um die jüngere Schwester von K._ bzw. die jüngere
Tochter von M._. Da ihre Zeugenaussage (vgl. Urk. 11/1) nichts zur Sache
beizutragen vermag, ist nicht weiter darauf einzugehen.
5. Zeugenaussagen weiterer Personen einschliesslich Fachpersonen
5.1 V._, Dolmetscher
5.1.1 Nach beendeter Hafteinvernahme und erfolgter Rückübersetzung des
Einvernahmeprotokolls der Beschuldigteneinvernahme vom 19. März 2012, als
der Beschuldigte bereits zurück in die Abstandszelle geführt worden war,
informierte der Albanisch-Dolmetscher, V._, von sich aus den Staatsanwalt
darüber, dass der Beschuldigte vor dem Betreten des Einvernahmezimmers bei
der Eingangstüre und während der Abnahme der Handfesseln spontan auf
Albanisch vor sich hingesagt habe: "Wieso habe ich sie nicht ganz getötet" ("Pse
nuk e vrava krejt?"). Der Dolmetscher notierte diese Worte inkl. Übersetzung
anschliessend auf ein (heute nicht mehr auffindbares) grünes Blatt Papier
(Aktennotizen vom 19. März 2012 und vom 19. November 2012, Urk. 2 und Urk.
6/3).
5.1.2 Am 15. August 2012 wurde der Dolmetscher als Zeuge einvernommen
(Urk. 6/1). V._ führte aus, er habe unterwegs ins Einvernahmezimmer einen
einzigen Satz vom Beschuldigten gehört. Dieser habe ausdrücklich und in einem
irgendwie enttäuschten Tonfall gesagt: "Wieso habe ich sie nicht ganz getötet?" In
Albanisch: "Pse nuk e vrava krejt?" Der Beschuldigte sei dabei hier vorne bei der
Eingangstüre zum zweiten Stock gestanden. Er (der Zeuge) habe der Beamtin
und dem Beschuldigten den Vortritt gewährt und dabei diesen Satz vom
Beschuldigen vernommen. Zuerst habe er gedacht, es handle sich um einen
- 66 -
Ehestreit, und deshalb habe er diesem Satz keine grosse Beachtung geschenkt.
Die Frage, ob er dem Beschuldigten etwas entgegnet habe, verneinte der Zeuge,
das sei nicht seine Aufgabe (Urk. 6/1 S. 3). Auf entsprechende Ergänzungsfrage
der Verteidigung erläuterte der Zeuge V._, dieser Ausspruch sei laut und
deutlich erfolgt, so laut, dass auch die Personen in der Nähe, insbesondere die
Begleitungsbeamtin, dies hätten hören können. Er könne auch die Stelle zeigen,
wo er das gehört habe (Urk. 6/1 S. 4).
Laut Aktennotiz des Staatsanwaltes vom gleichen Tag ist dem Beschuldigten am
Ende der Zeugeneinvernahme die Gelegenheit eingeräumt worden, noch
Ergänzungsfragen zu stellen (Urk. 6/2; Urk. 6/1 S. 3). Anstatt eine Frage zu
formulieren, habe der Beschuldigte von sich aus losgewettert, dass der
Dolmetscher lüge und falsche Geschichten erzähle. Erstens sei der Heimatort des
Dolmetschers nicht wie von diesem zu Beginn der Einvernahme angegeben
.../ZG, sondern Pristina, und zweitens habe er so einen Satz nie gesagt (Urk.
6/2).
5.1.3 Der Zeuge V._ hat in Einzelheiten und nachvollziehbar ausgeführt,
wann, wo und unter welchen Umständen er die fragliche, präzis erinnerte
Bemerkung des Beschuldigten deutlich gehört hat. Darüber hinaus legte er dar,
was für einen dazu passenden Gedanken dies bei ihm auslöste. Irgendwelche
Anzeichen, dass er im vorliegenden Fall parteiisch sein könnte, finden sich keine,
auch nicht in den Kommentaren des Beschuldigten (Urk. 3/4 S. 4 und 10). Es ist
nicht einzusehen, weshalb der Dolmetscher dem Staatsanwalt von sich aus einen
derartigen Ausspruch des Beschuldigten berichten sollte, wenn sich dies nicht so
ereignet hätte. Es bestehen daher keine Zweifel, dass sich der Beschuldigte im
unmittelbaren Vorfeld der Hafteinvernahme vom 19. März 2012 entsprechend
geäussert hat.
Eine solche Äusserung zielt auf Selbstschutz ab; sie kann nur dahin verstanden
werden, dass es für ihn, den Beschuldigten, besser gewesen wäre, er hätte sie –
gemeint die Privatklägerin – ganz mundtot gemacht bzw. definitiv beseitigt. Dabei
ist unmassgeblich, dass der Beschuldigte spontan und (eher) mit sich selbst
sprach und die Bemerkung nicht für die weiteren anwesenden Personen gedacht
- 67 -
sein mag. Diese schockierende Unmutsbekundung beweist zwar nicht den
eingeklagten sexuellen Missbrauch, ist aber als deutliches Indiz dafür zu werten,
räumt der Beschuldigte damit doch unmissverständlich ein, der Privatklägerin
Schaden bzw. Leid zugefügt zu haben, allerdings zu wenig.
5.2 N._, Lebenspartner der Privatklägerin
5.2.1 Auf mögliche sexuelle Missbräuche des Beschuldigten, mit welchem der
Zeuge angab, in keiner Beziehung zu stehen, an seiner Lebenspartnerin
angesprochen, führte der Zeuge in der Einvernahme vom 20. Juni 2012 (Urk. 7/1)
zusammengefasst aus, er sei der Schutzengel der Privatklägerin, er habe sie am
Leben erhalten. Es habe sicher zwei Jahre gedauert, bis sie den Mut gefunden
habe, darüber zu berichten. Er habe sich immer gewundert, weshalb sie nie über
ihre Familie habe sprechen wollen. Sie habe immer wieder gesagt, dass sie ihren
Vater hasse und nicht mit ihm zusammen leben könne. In Details sei sie nicht
gegangen, habe ihm nur vor ca. zwei bis drei Jahren erzählt, dass er sie zu
körperlichem Kontakt mit ihm gezwungen habe. Es sei sehr schwierig für sie
gewesen darüber zu sprechen. Er gehe davon aus, dass die Übergriffe zu Hause
gewesen seien und dass damit Geschlechtsverkehr gemeint sei. Da sie ihm eben
nicht viel gesagt habe und nicht darüber habe sprechen können, weil bei
Versuchen immer wieder Tränen gekommen seien und sie weinen musste und in
einer schlechten Verfassung gewesen sei, habe sie eine Psychologin aufgesucht.
Seither hätten sie nicht mehr darüber gesprochen. Bei Versuchen darüber zu
sprechen, habe sie sich immer wieder an den Unterarmen verletzt, diese mit
einem Messer "aufgeschlitzt". Sie habe schlecht über ihren Vater gesprochen, mit
ihm gar nie über diesen sprechen wollen. Einzig mit ihrer älteren Schwester
AB._ und deren zwei Kindern stehe sie im Kontakt. Während ihrer ganzen
Beziehung habe die Privatklägerin keinen Kontakt mit ihrer Mutter gehabt (Urk.
7/1 S. 3 f.).
Er sei einfach total schockiert und sprachlos gewesen, als er zum ersten Mal von
der Privatklägerin über den sexuellen Missbrauch durch den Vater erfahren habe.
Die Privatklägerin leide heute noch darunter, habe schlimme Albträume, schreie
viel in der Nacht, wenn sie träume (Urk. 7/1 S. 4). Er wisse nicht, ob die
- 68 -
Familienangehörigen der Privatklägerin Glauben schenken, er selber habe mit
diesen nie gesprochen. Aufgefordert, die Privatklägerin zu beschreiben, führte der
Zeuge N._ aus, sie sei ein lieber Mensch, er habe vor, sie einmal zu
heiraten. Das Problem zeige sich jedoch jeden Tag. Sie könne nicht alleine
schlafen oder duschen, wenn er nicht zugegen sei. Sie sei gut zu ihm, weil er
auch immer für sie da (gewesen) sei. Nicht einmal habe er erlebt, von ihr
angelogen worden zu sein, er vertraue ihr sehr. Zu Beginn ihrer Beziehung habe
sie mehrere Male versucht, sich das Leben zu nehmen. Als Grund nannte der
Zeuge Erinnerungen an das frühere Leben und insbesondere wegen dem Vorfall.
Sie habe Angst gehabt, dass er sie verlassen würde, wenn sie ihm etwas über
den Missbrauch erzähle. N._ gibt sich überzeugt, dass das durch die
Privatklägerin Erzählte der absoluten Wahrheit entspricht. Soviel er wisse, sei die
Privatklägerin neun, zehn Jahre alt gewesen, als sie missbraucht worden sei (Urk.
7/1 S. 5). Darüber, dass die Schwestern der Privatklägerin missbraucht worden
sein sollen, wisse er nichts, nur dass die Cousine irgend etwas mit dem
Beschuldigten erlebt habe. Er könne jedoch nicht sagen, was genau. Zuletzt fügte
der Zeuge an, er finde so etwas allgemein sehr schlimm und habe gegen solche
Personen grosse Aversionen (Urk. 7/1 S. 6). Auf Ergänzungsfrage des
Beschuldigten, ob das stimme, was die Privatklägerin betreffend sexuelle
Missbräuche erzählt habe, erwiderte der Zeuge: "Wie krank müsste ein Mensch
sein, so etwas einfach so zu behaupten und so etwas zu erfinden. So etwas kann
man nicht erfinden oder etwas zusammenlügen" (Urk. 7/1 S. 6).
5.2.2 Der Zeuge N._ steht der Privatklägerin sehr nahe, glaubt ihr, als Kind
Opfer sexueller Übergriffe des Beschuldigten geworden zu sein und macht
entsprechend keinen Hehl daraus, dass er derartiges Tun und solche Menschen
zutiefst ablehnt. Er ist dem Beschuldigten soweit ersichtlich nicht gut gesinnt.
Dennoch ist die Aussage des Zeugen durchwegs von Zurückhaltung geprägt. Er
beschreibt in realistischer Weise, wie die Privatklägerin lange Zeit grosse Mühe
bekundete, sich selbst ihm gegenüber als seit mehreren Jahren wohl
nächststehender Person zu öffnen und dass es bei rudimentärem Erzählen blieb,
weil die Privatklägerin emotional immer wieder von der Vergangenheit eingeholt
- 69 -
und erschüttert wurde. Fehlende Kenntnisse deklariert der Zeuge offen und
verzichtet auf blosse Spekulationen. Einzig mutmasst er ("ich nehme an"), dass
der sexuelle Missbrauch in Geschlechtsverkehr bestanden habe. Mit dieser
Mutmassung greift er zwar zu weit, doch ist nicht unverständlich, dass er aufgrund
des über lange Zeit schlechten Befindens der Privatklägerin, ihrem Schweigen zur
Herkunftsfamilie sowie ihrer Wortkargheit zu den Übergriffen und ihrer heftigen
Abneigung gegenüber dem Beschuldigten für sich selber zu diesem Schluss
gelangte. Entscheidend ist, dass aus seiner Aussage klar hervorgeht, dass es
sich um ein Fazit des Zeugen handelt und nicht um von der Privatklägerin diesem
Berichtetes. Auch soweit der Zeuge N._ über die diversen Ängste und
Selbstschädigungen der Privatklägerin spricht, sind seine Aussagen als sehr
authentisch anzusehen, zumal sie den Zustand der Privatklägerin, wie er auch
anderweitig aktenkundig ist, und dies nicht nur von Fachleuten, sondern wie
schon aufgezeigt auch von Familienangehörigen, plastisch beschreiben.
Schliesslich geht aus der Zeugenaussage analog der konstanten Darstellung der
Privatklägerin hervor, dass der Missbrauch im Alter von neun, zehn Jahren
anzusiedeln ist.
Die Aussage von N._ ist daher – trotz der persönlichen Nähe und Zuneigung
zur Privatklägerin und der daraus folgenden negativen Empfindung gegenüber
dem Beschuldigten – als glaubhaft einzustufen. Sie stützt die Position der
Privatklägerin. Der Kommentar des Beschuldigten dazu ist demgegenüber nicht
geeignet, den Gehalt der Aussage zu schwächen. Dessen Behauptung, gehört zu
haben, seine Tochter sei eine Hure gewesen und nun sei sie mit diesem N._
zusammen (Urk. 4/3 S. 11), entbehrt jeder Grundlage und ist als haltlose
Gegenattacke zu werten.
5.3 J._, Psychotherapeutin der Privatklägerin
5.3.1 Die Zeugin J._ (vgl. Urk. 5/1), ausgebildete Psychologin und
psychologische Psychotherapeutin, ist seit September 2008 im
Psychiatriezentrum I._ tätig und führte am 6. Dezember 2010 ein
Erstgespräch mit der Privatklägerin. Die Privatklägerin war durch Dr. med.
P._, Ärztin in Q._ (vgl. Urk. 5/2), angemeldet worden mit dem Verdacht
- 70 -
auf eine Borderline-Störung und der zusätzlichen Information, dass der Patientin
vor zehn Jahren etwas Schlimmes (Unbekanntes) passiert sei, weshalb sie sich
immer wieder zurückziehe und im Sinne von Ritzen selbst verletze. Die
Privatklägerin habe ihr auf Nachfrage im Gespräch dann berichtet, vor zehn
Jahren mehrere Jahre von ihrem Vater sexuell missbraucht worden zu sein.
Deshalb sei sie von zu Hause weggegangen, habe sie ihre erste Lehre wegen
wiederkehrender Anfälle (Flashbacks mit dabei auftretenden Panikattacken)
abbrechen müssen, mit 16 Jahren angefangen Alkohol zu trinken und mit 17
Jahren ein halbes Jahr lang jeden dritten Tag Kokain genommen, was aber alles
nicht geholfen und sie wieder damit aufgehört habe. Sie habe dann rasch eine
Lehre als Einzeldetailhändlerin gefunden und abgeschlossen. Ferner habe sie
beim Erstgespräch angegeben, aktuell keinerlei Alkohol oder psychotrope
Substanzen zu nehmen, 100 % zu arbeiten, seit drei Jahren in einer festen
Partnerschaft zu leben und seitdem deutlich weniger Anfälle zu haben (Urk. 5/1 S.
4). Anlass der Hilfesuche sei ein sehr intensiver Anfall zwei Wochen zuvor
gewesen mit dem Gefühl, das nicht mehr länger aushalten zu können. Weiter
habe die Privatklägerin von mehreren konkreten Suizidplänen und auch mehreren
Suizidversuchen in der Vergangenheit gesprochen, jedoch ohne Suizidabsicht bei
der Aufnahme. Gestützt darauf habe sie (die Zeugin) den Verdacht auf eine
posttraumatische Belastungsstörung gehabt und der Privatklägerin mitgeteilt,
dass sie eine Traumatherapie für angebracht halten würde. Am 30. Dezember
2010 hätten sie dann noch einmal ein Gespräch gehabt. Mangels Kapazität für
eine Traumatherapie in I._ und da sie selber über keine Spezialausbildung
für Traumatherapie verfüge, habe sie Anfang Januar 2011 für die Privatklägerin
ein Vorgespräch zur Aufnahme in der AE._ [Klinik] in ... arrangiert. Die
entsprechende Mitteilung auf den Anrufbeantworter der Privatklägerin sei ihr
letzter Kontakt mit dieser gewesen (Urk. 5/1 S. 5 f.).
Die Zeugin J._ gab sodann zu Protokoll, über die erwähnten sexuellen
Missbräuche nichts weiter zu wissen. Sie habe nicht mehr danach gefragt, und es
sei der Patientin offensichtlich schwer gefallen, darüber zu sprechen. Die
Privatklägerin habe aber über Bilder von damals mit Panikattacken, resp.
Flashbacks und Alpträumen gesprochen, dass diese wiederkehrend seien und
- 71 -
verbunden mit Angstzuständen. Nochmals nannte die Zeugin als Diagnose ihren
Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung. Sie habe der
Privatklägerin aus diesem einen Gespräch vorerst keine Borderline-Störung
diagnostiziert (viele Patienten mit einer Borderline-Störung hätten traumatische
Erlebnisse in ihrer Kindheit gehabt, sowohl mit Gewalt und auch häufig mit
sexueller Gewalt; Urk. 5/1 S. 3), da ihre Symptome sehr typisch gewesen seien
für Traumapatienten. Die Zeugin bejahte, dass die von der Privatklägerin
genannten sexuellen Missbräuche seitens ihres Vaters – mithin ein traumatisches
Erlebnis in ihrer Kindheit – vereinbar seien mit der Diagnose einer
posttraumatischen Belastungsstörung, da eine solche ein Trauma voraussetze.
Andere Faktoren für eine posttraumatische Belastungsstörung habe die
Privatklägerin ihr gegenüber nicht erwähnt. Patienten mit einer Borderline-Störung
würden häufig auch eine posttraumatische Belastungsstörung aufweisen.
Letzteres setze nicht voraus, dass man auch eine Borderline-Störung haben
müsse.
Sie habe die Schilderungen der Privatklägerin, die zu ihrer Symptomatik passten,
nachvollziehbar gefunden, und sie erinnere sich, dass es dieser nicht leicht
gefallen sei, darüber zu sprechen (Urk. 5/1 S. 6). Sie habe zwar kein klares Bild
mehr vor sich, aber der Umstand, dass sie sie nach dem Erstgespräch in eine ...
[die AD._] überwiesen und ihr Übergangsgespräche angeboten habe,
bedeute, dass die Patientin belastet gewesen sei und auf sie (die Zeugin) auch so
gewirkt haben müsse. Als Alternative habe sie ihr eine stationäre Therapie nahe
gelegt, dies, weil Traumatherapien sehr belastend sein könnten. Die
Selbstverletzungen in der Vergangenheit hätten laut der Patientin ausschliesslich
im Zusammenhang mit den Flashbacks stattgefunden, was auch bei einer
posttraumatischen Belastungsstörung vorkomme.
In Ergänzung zur Zeugeneinvernahme sei auf den diesbezüglichen Eintrittsbericht
des Psychiatriezentrums I._ verwiesen, wo unter Beurteilung ebenfalls "v.a.
posttraumatische Belastungsstörung" genannt ist (Urk. 13/3).
5.3.2 Diese klaren Darlegungen und ebenso verständlichen Erläuterungen der
Zeugin J._ in fachlicher Hinsicht sind glaubhaft und überzeugend. Dass sie
- 72 -
sich dabei auch auf mitgebrachte Akten abstützte, ist begreiflich bei einer
Fachperson, welche im Zweiwochentakt Erstgespräche mit Patienten führt, zumal
das Erstgespräch mit der Privatklägerin anlässlich der Zeugeneinvernahme
annähernd eineinhalb Jahre zurücklag. Den Wert ihrer Aussage mindert dies
keineswegs. In etlichen Punkten hat die Zeugin auch aus der Erinnerung
geschöpft. Wiederholt und wohl begründet hat sie als Diagnose den Verdacht auf
eine posttraumatische Belastungsstörung gestellt und gleichermassen fundiert
erklärt, weshalb sie vorliegend keine Borderline-Störung diagnostizierte. Auf diese
Zeugenaussage kann ohne Abstriche abgestellt werden. Sie bildet ein weiteres
Indiz für den eingeklagten sexuellen Missbrauch.
5.4 P._, Ärztin der Privatklägerin
5.4.1 Dr. med. P._, praktische Ärztin Allgemeinmedizin FMH, wurde am
20. Juni 2012 als Zeugin einvernommen (Urk. 5/2). Zudem befindet sich von ihr
ein ärztlicher Bericht vom 25. April 2012 bei den Akten, auf welchen laut der
Zeugin abgestellt werden kann (vgl. Urk. 12/8 in Verbindung mit Urk. 12/1; Urk.
5/2 S. 3).
Bei ihr stand die Privatklägerin zwischen dem 30. Januar 2010 und dem 6. Juni
2012 elf Mal in Behandlung. Die Privatklägerin hatte sich selbständig und
persönlich an die Ärztin gewandt (Urk. 5/2 S. 3). Beim Erstkontakt erlebte die
Zeugin die Patientin als emotional sehr aufgewühlt und sehr nervös. Die
Privatklägerin habe ihr vorerst nur erzählt, dass vor zehn Jahren etwas
Schlimmes passiert sei, dies unter wiederholten Hyperventilationsanfällen. Sie sei
sehr ängstlich gewesen, von der Ärztin gleich in die Psychiatrie eingewiesen zu
werden. Es habe in dieser ersten Konsultation eine Weile gedauert, das
Vertrauen der Patientin zu gewinnen. Auf genaueres Nachfragen habe die
Patientin erzählt, sich seit dem Vorkommnis ab und zu Selbstverletzungen mit
Ritzen in den Unterarmen zugefügt zu haben. Zudem habe sie häufig sich und die
Umwelt gehasst, ungeachtet des erfolgreichen Lehrabschlusses Probleme mit der
Konzentration sowie innere Kämpfe mit sich selber gehabt und teilweise nicht
unterscheiden können, ob sie fremde Stimmen höre oder laut mit sich selber
spreche. Infolge gesteigerten Leidensdruckes habe sie dann sie (die Zeugin)
- 73 -
aufgesucht. Sie habe die Patientin praktisch unmittelbar nach der Erstkonsultation
an eine psychiatrisch-fachspezifische Organisation überwiesen und erst nach
dem Klinikaufenthalt wieder gesehen (Urk. 5/2 S. 4).
Zum ersten Mal über den Missbrauch erzählt habe die Patientin am 16. Dezember
2011. Sie (die Zeugin) habe zu diesem Zeitpunkt mehr die somatischen Befunde
und Beschwerden behandelt, da die Patientin damals intensiv psychologisch und
psychiatrisch-fachspezifisch betreut worden sei. In Bezug auf das Ereignis habe
die Patientin ihr gegenüber den Vater genannt und auch von einem sexuellen
Missbrauch gesprochen. Dies habe sie (die Zeugin) aber auch aus andern
Krankengeschichten entnommen. Sie habe die bereits sehr intensiv therapierte
Patientin nicht näher danach gefragt, sondern sich mit der Frage von deren
Wiedereinstieges in den Alltag und ins Berufsleben befasst (Urk. 5/2 S. 5).
Auf die Diagnose in ihrem Bericht vom 25. April 2012 angesprochen ("Verdacht
auf posttraumatische Belastungsstörung mit instabilen Persönlichkeitszügen"; vgl.
Urk. 12/8 S. 2), erläuterte die Zeugin, dass sie diese Austrittsdiagnose nach dem
stationären Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik übernommen habe (Urk. 5/2
S. 5), was sich im Übrigen auch aus dem Bericht so ergibt.
Nach selber festgestellten Symptomen gefragt, nannte die Zeugin die erzählten
Selbstverletzungen, das geschilderte Stimmenhören, die intermittierend
auftretenden Angstanfälle und die sozialen Rückzugstendenzen, aufgrund derer
sie die Patientin zur weiteren fachspezifischen Diagnostik überwiesen habe. Auf
die Frage, inwiefern die wahrgenommenen Symptome im Kontext zum
mutmasslich erlebten sexuellen Missbrauch der Privatklägerin stehen würden,
erwiderte die Zeugin, Selbstverletzungen als Zuführen von äusseren,
oberflächlichen Schmerzen könnten dazu verwendet werden, von grossem,
innerem Schmerz und Leidensdruck abzulenken. Das sei ein Punkt, der dafür
spreche. Diese Aufgewühltheit bei der Erstkonsultation und die geschilderte
Anstrengung und Überwindung, eine Drittperson auszusuchen und um Hilfe zu
bitten, sei ihr glaubhaft erschienen und eindeutig sichtbar gewesen mit diesen
Hyperventilationsanfällen, welche ein Zeichen grosser Erregung seien. Es sei der
Patientin nicht einfach gefallen und habe zuerst eine zu grosse Hürde gebildet,
- 74 -
die sie beim ersten Mal nicht habe überspringen können. Sie habe viel Mut und
Überwindung gebraucht. Die Hyperventilation – rasches, oberflächliches Atmen,
ein Zeichen gesteigerter Erregung – habe sich bei der Erstkonsultation mehrmals
gezeigt, denn es sei gemäss den Schilderungen der Patientin das erste Mal
gewesen, dass sie sich jemandem (ausserhalb der Familie) geöffnet habe. Bis
dahin habe die Patientin bei Arztbesuchen die somatischen Beschwerden
genannt. Wie gesagt, habe die Patientin beim Erstkontakt nicht im Detail über das
Ereignis vor zehn Jahren erzählen können, sie habe zu stottern angefangen und
deutlich Angst gehabt. Sie sehe es öfters, dass Patienten nach erlebten
Missbräuchen solche Symptome aufwiesen, einige praktisch unmittelbar und nach
wenigen Jahren, es könne aber auch erst nach 20-30 Jahren vorkommen (Urk.
5/2 S. 6 f.). Es sei nicht aussergewöhnlich, dass Patienten erst viel später darüber
berichten, wenn die Schamgefühle dahingefallen seien. Oft würden diese
Ereignisse perfekt verdrängt. Sie habe schon mehrere Dutzend solcher Fälle
bearbeitet; in der Klinik selber habe sie oft Kontakt mit Patienten, die in der
Vergangenheit sexuell missbraucht worden seien (Urk. 5/2 S. 7 f.). Erneut gefragt,
was die Privatklägerin über ihren psychischen Zustand in der Vergangenheit
erzählt habe, erwähnte die Zeugin neben Selbstverletzung, sozialem Rückzug,
Wut auf sich selber und die Umwelt, zudem angeblich mehrere Absenzen
während der Lehrzeit aufgrund von Krankheiten. Bereits während der Lehrzeit soll
sie häufig krank geschrieben worden sein wegen Kopf- und Bauchweh,
Schlafstörungen und Stimmenhören. Die körperlichen Symptome könnten auch
Ausdruck der angeschlagenen Gesundheit/Psyche sein und das Stimmenhören
gut ein Bestandteil einer posttraumatischen Belastungsstörung. Andere
Störungen, welche schon vor den mutmasslichen sexuellen Übergriffen
vorgelegen hätten (Grunderkrankung), konnte die Zeugin P._ keine erkennen
(Urk. 5/2 S. 8).
Auf entsprechende Frage gab die Zeugin sodann an, sie betrachte die Aussagen
der Privatklägerin als glaubhaft. Die Patientin, die offenbar auch die ganze Familie
gegen sich habe, müsse mit diesem Schritt eine schmerzende und belastende
Gesamtsituation ertragen. Sie glaube nicht, dass jemand das freiwillig wähle und
aus freien Stücken dies erzähle. Auch dass sie nicht einfach initial "plakativ
- 75 -
praktisch" gerade erwähnt habe, was passiert sei und wer was gemacht habe,
zeige den Prozess, den die Patientin durchgemacht habe, um dies zu
überwinden. Aktuell erleide sie einen Rückfall, kämpfe mit Schlafstörungen, so
dass die Integration in den Alltag erschwert sei. Der Prozess (gemeint das
Strafverfahren) belaste die Patientin und mache ihr sehr zu schaffen (Urk. 5/2 S. 8
f.). Zum Suizidversuch vom Januar 2011 äusserte die Zeugin, es sei häufig zu
sehen, dass der Patient bei Therapiebeginn von Gefühlen überwältigt werde bzw.
werden könne. Das könne eine solche Handlung verursachen bzw. erklären. Die
Zeugin hat keine weitere Kenntnis der eingeklagten Ereignisse. Bei den
Therapien stehe vielmehr im Vordergrund, dass die Privatklägerin den Kontakt zur
Familie praktisch ganz verloren habe, vor allem auch noch die eine Schwester,
von deren Kind sie die Patentante sei und die bis zu einem gewissen Grad zu ihr
gehalten habe, sich nun aber auch gegen sie stelle, was der Patientin zu schaffen
mache (Ur. 5/2 S. 9). Die Ergänzungsfrage der Verteidigung nach aktueller
Medikamenteneinnahme durch die Privatklägerin beantwortete die Zeugin dahin,
diese müsse Sertalin, ein Antidepressivum, einnehmen; dies sei nach dem
Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik indiziert worden. Bei Bedarf nehme sie
noch ein Medikament wegen Muskelverspannungen ein (Urk. 5/2 S. 10).
5.4.2 Diese ausführliche, bedachte und fachlich überaus differenzierte Aussage
der Zeugin Dr. med. P._ überzeugt auf der ganzen Linie. Die Zeugin ist –
wenn man vom Lebenspartner der Privatklägerin absieht – als erste
aussenstehende Person von der Privatklägerin aus deren eigenem Antrieb
aufgesucht worden, weil diese ihre Situation mit den verschiedenen, sich
wiederholenden und in der Zeugenaussage dargelegten Symptomen kaum mehr
ertragen konnte. Die Allgemeinpraktikerin, die über grosse berufliche Erfahrung
mit Patienten wie der Privatklägerin verfügt, erkannte sogleich, dass diese
Patientin aufgrund ihres Zustandes spezifisch professioneller Hilfe bedurfte. Da
sie sich als praktische Ärztin der Allgemeinmedizin nicht anmassen wollte, die
psychologische und psychiatrisch-fachspezifische Beurteilung selber
vorzunehmen, überwies sie sie daher an eine zuständige Organisation. Auch
sonst äusserte sich die Zeugin stets zurückhaltend und deklarierte, wenn sie eine
Frage nicht beantworten konnte. Nach stationärem Aufenthalt und Therapien in
- 76 -
der Tagesklinik übernahm sie die Patientin ca. ein Jahr später zur Fortsetzung der
Behandlung, dies mit dem primären Ziel, der Patientin Lebenshilfe zu leisten, ihr
beim Wiedereinstieg in Alltag und Beruf beizustehen. Im Zeitpunkt der
Zeugeneinvernahme hatten insgesamt elf Sitzungen stattgefunden.
Wenn die Zeugin mit ihrem allgemeinen Erfahrungsschatz sowie ihrem vertieften
Einblick in das Befinden der Privatklägerin und unter gründlichen Reflexionen die
Aussagen der Patientin als glaubhaft einstuft, besteht kein Anlass, diese
Beurteilung in Frage zu stellen. Daran ändert der Umstand nichts, dass sie nur
andeutungsweise Kenntnis vom gegenständlichen Missbrauchsvorwurf hat und
sich hinsichtlich der Diagnose dem Austrittsbericht der psychiatrischen Klinik
anschliesst. Wenn sie diese auch aus allgemeinmedizinischer Sicht und nach
einer Vielzahl von Behandlungsterminen offensichtlich für korrekt anschaut,
bedarf es dazu keiner weiteren Erklärung.
Die Zeugenaussage von Dr. med. P._ ist ein weiterer Mosaikstein, der für
stattgefundenen sexuellen Missbrauch der Privatklägerin seitens ihres Vaters
spricht. Ergänzend sei auf den ärztlichen Bericht der Zeugin vom 25. April 2012
verwiesen, worin sie unter anderem von einem grossen Leidensdruck der
Patientin über Jahre spricht und darlegt, dass die Verhaltensweisen der
Privatklägerin absolut darin begründet sein können, dass sie als Kind durch einen
sexuellen Übergriff traumatisiert wurde, und worin sie weiter festhält, dass sie die
von den Psychiatern dokumentierte Diagnose eines Verdachts auf
posttraumatische Belastungsstörung mit instabilen Persönlichkeitszügen teilt (Urk.
12/8 und Urk. 12/9).
5.5 R._, Psychologin der Privatklägerin
5.5.1 Die Zeugin lic. phil. R._, Psychologin und Psychotherapeutin im
G._ (vgl. Urk. 5/3), ist die Fachpsychologin, bei der sich die Privatklägerin
während ihres Aufenthaltes im G._ vom 14. Februar bis zum 10. August
2011, mithin während rund eines halben Jahres, in stationärer Behandlung
befand. Die Privatklägerin war nach ihrem Suizidversuch im Januar 2011 und
einem vorübergehenden Aufenthalt in der Klinik C._ dorthin überwiesen
- 77 -
worden. Von der Zeugin R._ liegt auch ein ärztlicher bzw.
fachpsychologischer Befund vom 25. April 2012 bei den Akten, welchen sie
anlässlich der Zeugeneinvernahme als nach wie vor gültig bestätigte (Urk.12/7;
Urk. 5/3 S. 3).
Laut der Zeugin berichtete die Privatklägerin bereits in der ersten Sitzung, dass
sie vom Vater sexuell missbraucht worden sei. Sie habe gesagt, noch nicht den
Mut gehabt zu haben, darüber zu reden. Was genau passiert sei, habe sie nicht
gesagt. Auch in der vorangegangen ambulanten Psychotherapie sei es der
Privatklägerin gemäss eigener Darstellung nicht gelungen, über den genauen
Inhalt des Missbrauchs zu sprechen. Sie habe erwähnt, sie merke, wie schlecht
es ihr gehe und dass sie ihr Leben nicht mehr im Griff habe, was sie auf diesen
Missbrauch zurückführe. Sie habe auch gesagt, dass sie vor habe, den Vater
anzuzeigen, aber dass sie zuerst den Mut aufbringen müsse, darüber sprechen
zu können (Urk. 5/3 S. 3). Nach ungefähr zwei Monaten habe sie den Mut
gefunden. Sie (die Zeugin) habe die Patientin gar nicht dazu gedrängt.
Irgendwann einmal habe die Privatklägerin dann gesagt, dass sie es nun
versuchen möchte (Urk. 5/3 S. 4).
Die Patientin habe ihr von einer Szene erzählt, welche sie erlebt habe. Dies habe
sie – auf ihre Aufforderung – mit dem Handy während der Sitzung aufgenommen.
Das sei eine Methode, die Patientin erzähle dann ganz langsam jede einzelne
Sequenz. Zweck sei, dass sich die Patientin dies mehrmals anhören könne und
sich dann an diese Gefühle erinnere und auch an diese gewöhne. Die
Privatklägerin habe mehrere Sachen erzählt. Die aufgenommene Szene habe sie
so erzählen müssen, als wäre es gerade jetzt passiert. Die Privatklägerin habe
dann geschildert, sie sei ungefähr acht Jahre alt, es sei dunkel, und sie liege im
Bett. Ihre zwei Schwestern würden im selben Raum schlafen. Sie höre Schritte,
die in Richtung der Zimmertüre gehen, die Türe gehe auf und sie merke, wie die
Person in ihre Richtung laufe. Sie höre die Person schwer atmen, kriege Angst
und merke, dass etwas nicht gut sei. Dann habe sich der Vater neben sie ins Bett
gelegt, wobei er hinter ihrem Rücken zu liegen gekommen sei. Danach habe er
begonnen, sie zu streicheln, zuerst an ihrem Oberkörper und an der Brust. – Die
- 78 -
Zeugin unterbrach an dieser Stelle kurz ihre Aussage und teilte dem Staatsanwalt
mit, es falle ihr auch schwer, dies zu erzählen, weil es ihr auch nahe gehe. – Die
Privatklägerin habe gesagt, gemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmen würde,
es sei etwas komisch gewesen. Sie hätte am liebsten geschrien, aber sie sei wie
ein Stein gewesen. Sie habe versucht so zu tun, als würde sie schlafen und sich
deshalb auch kaum bewegt. Sie habe die Hoffnung gehabt, dass er sie in Ruhe
lassen würde, wenn er denke, dass sie schlafe. Am liebsten hätte sie geschrien,
dies dann aber nicht gemacht, weil ihre Schwestern sonst wach geworden wären
und sie sich dann wahnsinnig geschämt hätte. Irgendwann habe er sie dann im
Intimbereich berührt und ihr dann einen Finger in die Scheide eingeführt. Dann
höre ihre Erinnerung auf einmal auf (Urk. 5/3 S. 4). Ob die Aufnahme dieser
erzählten Szene noch existiere, wusste die Zeugin nicht.
Die Privatklägerin habe auch noch von andern Übergriffen erzählt. So habe sie
gesagt, dass ihr Vater sie eine Zeit lang immer wieder beim Duschen beobachtet
und dass er sie eine Zeit lang auf den Mund geküsst habe. Daran, ob die
Privatklägerin ihr auch erzählt habe, dass sie vom Vater mehrere Male im
Intimbereich angefasst worden sei ausserhalb des geschilderten Ereignisses in
der Nacht, konnte sich die Zeugin nicht genau erinnern. Sie habe aber berichtet,
eine Cousine sei auch vom Vater missbraucht worden. Sie vermute dies. Zur
Dauer der sexuellen Missbräuche habe die Privatklägerin einzig das Alter von
ungefähr acht Jahren erwähnen können. Irgendwann habe es auf einmal
aufgehört, aber sie könne nicht sagen wann. Die Privatklägerin habe diese
Missbräuche "sehr, sehr lebendig" geschildert, was der Zeugin das Gefühl verlieh,
dabei zu sein. Es sei der Patientin extrem schwer gefallen, dies zu erzählen. Sie
glaube, diese habe sich das erste Mal gewünscht, dass die Zeugin ihre Augen
schliesse und sie nicht anschaue; sie habe sich unglaublich geschämt, dies zu
erzählen, und sie sei in einer unglaublichen Erregung gewesen. Zwischendurch
habe sie immer Pausen gemacht und sie (die Zeugin) habe sie ermutigen
müssen, weiter zu erzählen (Urk. 5/3 S. 5).
Die Zeugin stellte die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung. Unter
Bezugnahme auf die Einstufung im Bericht (vgl. Urk. 12/7: Posttraumatische
- 79 -
Belastungsstörung [PTBS] [ICD 10: F.43.1]) erläuterte R._, eine
posttraumatische Belastungsstörung liege im Bereich einer Angststörung. Jede
Diagnose habe eine Zahl, welche keine Relevanz in Bezug auf die Intensität der
Störung habe, sondern nur einen Code darstelle. Sie würde auf einer Skala von
eins bis zehn die Störung der Privatklägerin bei ca. acht einschätzen, beim
Austritt etwa bei sechs (Urk. 5/3 S. 5 f.). Zur Frage, nach wie viel Zeit solche
Belastungsstörungen üblicherweise nach einem Vorfall wie dem vorliegenden
auftreten könnten, erklärte die Zeugin, dies sei sehr unterschiedlich, und es gebe
Leute, die es schaffen würden, solche Ereignisse zu verdrängen. Dann passiere
irgendetwas, das Ereignis werde erinnert und dann tauche diese
Belastungsstörung auf. Die Privatklägerin habe erzählt, dass sie es eine Zeit lang
total vergessen habe und dann habe in der Primarschule eine Frau einen Vortrag
gehalten über allgemeine Übergriffe, vielleicht auch sexuelle. Da sei ihr wieder
bewusst geworden, was damals mit dem Vater passiert sei. Ab diesem Zeitpunkt
sei sie sehr gereizt gewesen und aufgrund schlechterer Schulleistungen habe
man sie zum schulpsychologischen Dienst geschickt. Damals habe sie nichts
erzählen wollen. Sie (die Zeugin) glaube, solche Störungen hätten mit diesem
Vortrag begonnen, da sei die Patientin aggressiver, allgemein reizbarer und auch
ängstlicher geworden. Die Existenz einer Grunderkrankung, d.h. andere
Störungen, welche schon vor diesen mutmasslichen sexuellen Übergriffen hätten
erkannt werden können, verneinte die Zeugin ausdrücklich, obwohl sie angab,
sich vorstellen zu können, dass bei der Privatklägerin eine gewisse Impulsivität
angeboren sei. Diese letztere Einschätzung begründete die Zeugin damit, dass
die Privatklägerin, nachdem ihr die Ereignisse wieder bewusst geworden seien,
mehrfach auf ihren Vater losgegangen sei, was wohl nicht nur durch den
Missbrauch zu erklären sei. Diese Impulsivität komme wohl auch von ihr selber,
sei ihr Temperament. Um eine diagnostisch erhebbare Störung handle es sich
nicht (Urk. 5/3 S. 6).
Die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung sei absolut vereinbar
mit den von der Privatklägerin berichteten sexuellen Missbräuchen. Was die
Privatklägerin ihr erzählt habe, sei für sie "unglaublich glaubwürdig". Auch die
Gefühle, die die Patientin dabei erlebt habe, hätten genau gepasst. Das habe sie
- 80 -
(die Zeugin) sehr bewegt und berührt. Das sei etwas, das sie nicht immer erlebe,
wenn ihr jemand so etwas erzähle (Urk. 5/3 S. 7). Auf die "Glaubhaftigkeit" der
Person angesprochen, führte die Zeugin aus, das sei eine schwierige Frage. Sie
glaube, dass das, was die Patientin ihr erzählt habe, diese Szene in der Nacht,
stimme. Aber sie könne sich auch vorstellen, dass sie eine sehr intelligente Frau
sei und auch Leute für sich gewinnen könne. Um die Leute für sich zu gewinnen,
erzähle sie vielleicht nicht die ganze Wahrheit, aber das würden viele Menschen
machen. Aber diese Szene in der Nacht stimme sicher. Da glaube sie (die
Zeugin) fest daran. Generell zur Person der Privatklägerin ergänzte die Zeugin
R._, als sie die Privatklägerin kennen gelernt habe, sei diese natürlich
unglaublich gestresst, angespannt und in einer ganz schwierigen Situation
gewesen. Sie habe sie sehr bewundert, weil es ihr auch gelinge, das Positive im
Leben zu erkennen und zu schätzen. Sie könne sich ab kleinen Dingen freuen wie
ein kleines Kind, könne unglaublich freundlich und charmant sein. Sie habe aber
auch sehr viel Wut in sich, was auch verständlich sei (Urk. 5/3 S. 7).
Sie habe sich als Fachperson um einen solchen Vorfall gekümmert, nur einen
exploriert. Die Privatklägerin habe auch über andere Übergriffe erzählt, einfach
nicht im Detail. Zudem habe sie gesagt, dass dieser Vorfall in der Nacht sich
wiederholt habe. Ihre Antwort im ärztlichen Befund, wonach sich laut der
Schilderung der Privatklägerin ihr Vater wiederholt zu ihr ins Bett gelegt und sie
dazu gebracht habe, seinen Penis zu berühren und dass er seinen Zeigefinger in
die Vagina eingeführt habe (vgl. Urk. 12/7), bestätigte die Zeugin vollumfänglich
und sie fügte explizit an, das mit dem Penis gehöre auch zur Szene, die sie am
Anfang beschrieben habe. Das habe sie völlig vergessen. Dieses Gespräch sei
auch auf dem Tonband (Urk. 5/3 S. 8).
Zum Thema Suizidversuch der Privatklägerin gab die Zeugin zu Protokoll, einen
solchen habe die Patientin ca. einen Monat vor dem Eintritt ins G._
unternommen und sei zunächst in die Klinik C._ gekommen. Sie sei sich jetzt
nicht mehr sicher, ob die Patientin damals Tabletten genommen habe oder sich
oberflächlich die Pulsadern habe aufschneiden wollen. Jedenfalls sei ihr bekannt,
dass die Patientin selber die Ambulanz gerufen habe, was eher einen Hilferuf
- 81 -
darstelle. Ob weiter zurück schon einen Suizidversuch vorgekommen sei, wusste
die Zeugin nicht mehr genau. Sie bezeichnete Suizidversuche als vereinbar mit
der Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung. Wenn Patienten unter
Druck stünden und sehr ängstlich seien, würden sie keinen andern Ausweg sehen
(Urk. 5/3 S. 8).
Über ihren Vater, den die Privatklägerin "Erzeuger" genannt haben wollte und
welchen sie selber häufig als "Monster" bezeichnet habe, habe die Privatklägerin
immer voller Wut und Ekel gesprochen. Sie habe auch Positives berichtet, dass
sie ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt habe und damals auch auf seinem Schoss
gesessen sei und sich wohl gefühlt habe. Die Aversionen der Privatklägerin
gegenüber ihrem Vater sah die Zeugin als absolut begründbar an. Hinsichtlich der
Mutter ergibt sich aus der Einvernahme der Psychotherapeutin R._, dass die
Privatklägerin zwiespältige Gefühle hegte: Einerseits sei sie sehr wütend
gewesen und habe keinen Kontakt mehr zu dieser gewollt, weil die Mutter ihr
nicht glaubte, als sie es ihr erzählt habe. Aber gleichzeitig habe sie sie auch
vermisst und sei traurig gewesen, dass kein Kontakt mehr bestehe (Urk. 5/3 S. 8
f.).
Die Privatklägerin sei nach dem Klinikaufenthalt schon noch beeinträchtigt
gewesen und deshalb in eine Tagesklinik eingetreten. Sie habe Schwierigkeiten
gehabt alleine zu wohnen und vor allem in der Nacht noch starke Ängste verspürt
und auch ein Berufseinstieg sei schwierig gewesen (Urk. 5/3 S. 9).
5.5.2 Die Zeugin R._ hat in eindrücklicher und unverfälschter Weise
dargelegt, wie sie als Fachperson ihrer Patientin sorgsam den Weg ebnete, über
die Ereignisse sprechen zu können, welche dem für die Klinikeinweisung
ursächlichen Suizidversuch zugrunde lagen. Die erfahrene Psychotherapeutin
überliess der Patientin die Initiative und wartete zu, bis diese den Mut und die
Kraft aufbrachte, aus der Vergangenheit zu berichten. Nachvollziehbar schilderte
sie, welch grosse Scham und Hemmungen die Privatklägerin dazu überwinden
musste. Mit der von ihr skizzierten Methode hiess sie dann die Patientin,
schrittweise vorzugehen, aber auch, sich selber laufend den Spiegel vorzuhalten.
Ein solches Vorgehen erlaubt es der Patientin einerseits, sich an ihre Gefühle zu
- 82 -
erinnern und mit diesen umgehen zu lernen, auf der andern Seite wird eine
Patientin aber auch augenfällig dazu ermahnt, bei der Realität zu bleiben.
Die Zeugenaussage von R._ erweist sich als ebenso sachlich und
zurückhaltend wie authentisch und glaubhaft. So setzte sie keine Mutmassungen
an die Stelle von fehlender Erinnerung. Auch annähernd ein Jahr nach
Beendigung der therapeutischen Gespräche konnte sich die Zeugin nicht
entziehen, mitzufühlen. Das Berichtete ging ihr offenbar – und
verständlicherweise – unter die Haut. Dies zeigt, dass die Zeugin trotz ihrer
beruflichen Distanz und ihrem objektiven Blickwinkel durch das Geschilderte tief
tangiert wurde, was gleichzeitig für dessen Wirklichkeitsnähe spricht. Aber auch
wenn die Zeugin einräumte, die Patientin sehr gemocht und für ihre auch immer
wieder positive Lebenseinstellung bewundert zu haben, begegnete sie ihr doch
zugleich skeptisch und mit dem nötigen Abstand einer Fachperson, indem sie die
Intelligenz der Patientin hervorhob und deren Fähigkeit, diese zum eigenen Vorteil
einbringen zu können. Die Antworten fielen entsprechend sehr sorgfältig aus,
indem die Zeugin auch die Möglichkeit im Auge behielt, dass das Berichtete nicht
(in allen Teilen) einen reellen Hintergrund haben könnte. Sie integrierte mit
andern Worten auch eine gewisse Manipulationsfähigkeit der Patientin in ihre
Gedankengänge. Dennoch ist die Zeugin klar und aus fester Überzeugung zum
Schluss gelangt, dass die geschilderte nächtliche Szene der Wahrheit
entspreche. Gerade auch diese kritische Haltung der Zeugin lässt ihre Aussage
und Beurteilung als unvoreingenommen und sehr plausibel erscheinen.
Auch wenn die Zeugin als Fachperson nur einen solchen Vorfall, nämlich die
filmisch festgehaltene Szene in der Nacht, ergründet hat, hegt sie keine Zweifel,
dass sich ein solches Ereignis entsprechend den Angaben der Privatklägerin
wiederholt hat. Das ergibt sich deutlich aus der Zeugenaussage. R._ hatte
nämlich gleich zu Beginn ihren Bericht, worin wiederholter sexueller Missbrauch
nachts im Bett genannt ist (Urk. 12/7), als korrekt bestätigt und vor der
Detailschilderung zur nächtlichen Szene erklärt, die Privatklägerin habe mehrere
Sachen erzählt und es handle sich um eine Situation. Die aufgenommene Szene
- 83 -
diente somit offensichtlich als ein Anschauungsbeispiel für stattgefundenen
Missbrauch und als Therapiegrundlage.
Die Überzeugung der Psychotherapeutin R._ – die über mehrere Monate die
Privatklägerin nach deren Suizidversuch und damit in einer akuten Phase mit
einer gelungenen Mischung aus Empathie und Skepsis begleitete –, nämlich,
dass die Privatklägerin das Geschilderte auch tatsächlich und wiederholt so erlebt
habe, ist zu teilen. Die Zeugenaussage bildet insbesondere einen gewichtigen
Anhaltspunkt für den eingeklagten nächtlichen Missbrauch der Privatklägerin
durch den Beschuldigten.
Unmassgeblich bleibt, dass die Zeugin offenbar keine (nähere) Kenntnis hat von
den ebenfalls eingeklagten Übergriffen im Wohnzimmer. Es ist aktenkundig und
wurde schon mehrfach aufgezeigt, dass sich die Privatklägerin gegenüber den als
Zeugen einvernommenen Personen aus Scham und Angst nur zaghaft und wenig
detailliert öffnete. Zudem sind die Übergriffe in der Nacht aufgrund der konkreten
Handlungen als schwerwiegender einzustufen und werden offenkundig auch von
der Privatklägerin entsprechend empfunden.
Wie von der Zeugin erläutert, kann auch die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung sehr gut mit solchem Missbrauch in kausalem Zusammenhang
stehen. Zudem steht diese Zeugenaussage in den wesentlichen Aspekten im
Einklang mit jenen der andern Fachpersonen, weshalb ergänzend darauf zu
verweisen ist.
5.6 Berichte Tagesklinik G._ und Psychotherapeutin T._
5.6.1 Unmittelbar im Anschluss an die stationäre Behandlung auf der
Psychotherapiestation im G._ bei der Zeugin R._, welche sich über ein
halbes Jahr erstreckte, befand sich die Privatklägerin vom 11. August 2011 bis
zum 7. Dezember 2011 in der Tagesklinik des G._ in teilstationärer
Behandlung (vgl. den entsprechenden Bericht vom 24. April 2012, Urk. 12/6). Laut
den zuständigen Ärztinnen, Dr. med. S._ und Dr. med. AF._, fanden im
Rahmen des Tagesklinikaufenthaltes im Durchschnitt zwei Mal wöchentlich mit
- 84 -
der Privatklägerin Gespräche zur Behandlung der diagnostizierten
posttraumatischen Belastungsstörung und der Depression (mittelgradig
depressive Episode) statt. Anlässlich dieser Gespräche berichtete die
Privatklägerin sowohl von den eingeklagten nächtlichen Vorfällen im
Schlafzimmer als auch von jenen tagsüber im Wohnzimmer (Massage am Gesäss
und an der Vagina je über den Kleidern und Zungenkuss), welche im Alter von
ungefähr acht oder neun Jahren stattgefunden hätten. Inhalt der Gespräche
bildete auch das von der Privatklägerin darüber geführte Tagebuch, die Ohrfeige
der Mutter, die sie als Lügnerin hinstellte, sowie die Albträume und die Gefühle
von Hilflosigkeit, Ekel, und Abscheu. Die berichteten Erlebnisse und die von der
Privatklägerin beschriebenen Symptome (massive Ängste wie Schreckhaftigkeit,
starke Albträume und Angst davor, schlafen zu gehen) sind alle gemäss den
Ärztinnen mit der gestellten Diagnose vereinbar (Urk. 12/6 S. 1 f.).
Dieser Bericht unterstreicht, was bereits aufgrund der als Zeuginnen
einvernommenen Fachpersonen und deren medizinischen Befunden bekannt ist;
der Bericht ist ergänzend zur Erstellung des Anklagesachverhaltes
heranzuziehen.
5.6.2 Bei der Psychotherapeutin T._ (vgl. ihren Bericht vom 2. Mai 2012,
Urk. 12/14) befindet sich die Privatklägerin seit ihrer Entlassung aus der
Tagesklinik des G._, mithin seit dem 5. Dezember 2011, in regelmässiger
Behandlung mit ca. 14-tägiger Sitzungsfrequenz. Laut T._ leidet die
Privatklägerin nach wie vor unter den wiederholt genannten Symptomen. Sie
diagnostizierte bei der Privatklägerin aufgrund dieser Symptome und des
Befundes sowie der von der Privatklägerin angegebenen Anamnese nach
insgesamt elf Therapiesitzungen eine komplexe chronifizierte Form der
posttraumatischen Belastungsstörung, wobei alle diagnostischen Kriterien erfüllt
seien (Urk. 12/14 S. 2). Ein Ende der Therapie ist gemäss der Rechtsvertreterin
der Privatklägerin nicht in Sicht (Urk. 45 S. 5).
Auch dieser Bericht besagt im Ergebnis nichts anderes, als was bereits aufgrund
der übrigen Akten hinlänglich bekannt ist. Er ist daher ebenso am Rande für die
Sachverhaltserstellung beizuziehen.
- 85 -
6. Detailwürdigung der Aussagen der Privatklägerin und des Beschuldigten
sowie Gesamtwürdigung
6.1 Würdigung der Aussagen der Privatklägerin
6.1.1 Bei den Aussagen der Privatklägerin fällt zunächst auf, dass sie in ihren
Einvernahmen weitestgehend konstant, widerspruchsfrei und nachvollziehbar die
vorliegend zu beurteilenden Vorfälle geschildert hat. Es braucht an dieser Stelle
nicht noch einmal alles aufgerollt zu werden, sondern es kann auf die sehr
einlässliche Darstellung vorne unter Erwägung II. 2. verwiesen werden. Soweit
sich die Privatklägerin gegenüber aussenstehenden Personen öffnete, bestätigten
auch diese im Wesentlichen das von der Privatklägerin selber Geschilderte oder
zumindest einen Teil davon von dieser erfahren zu haben. Die fraglichen Abläufe
sind nicht nur sehr anschaulich, differenziert und realitätsnah vorgetragen,
sondern auch in sich stimmig und durchaus deliktstypisch. Es ist schon an dieser
Stelle vorweg zu nehmen, dass keinerlei vernünftige Zweifel daran bestehen,
dass die Privatklägerin die geltend gemachten sexuellen Übergriffe als Kind
tatsächlich erlebt hat.
6.1.2 Ausserdem existiert nicht der geringste Anhaltspunkt in den Akten, wer,
ausser dem Beschuldigten, die Privatklägerin missbraucht haben könnte. Auch
der Beschuldigte selbst zeigt sich diesbezüglich völlig ratlos. Nachdem die
geschilderten Ereignisse allesamt in der Familienwohnung an der E._-
Strasse ... in F._, im Wohnzimmer oder im Kinderzimmer, stattgefunden
haben sollen und auch von Beschuldigtenseite keine andere Örtlichkeit ins Spiel
gebracht wird, kann – der Logik folgend – nur der Beschuldigte als damals
einziger erwachsener Mann in der Kernfamilie als Täter in Frage kommen, genau
wie dies die Privatklägerin ebenfalls von Anfang an und gleichbleibend
beschrieben hat. Es scheint sich somit um einen sexuellen Kindsmissbrauch im
engsten Familienkreis zu handeln.
6.1.3 Was die zeitliche Einordnung der Übergriffe anbelangt, hat die
Privatklägerin mit dem Hinweis auf das Alter von ca. acht oder neun Jahren eine
konstante Altersangabe gemacht und dies auch folgerichtig mit der damaligen
- 86 -
Schulstufe, nämlich der Unterstufe, verknüpft (Urk. 4/1 S. 5; Urk. 4/2 S. 4 und 14).
Wenn sie nicht mehr sagen konnte, welche Primarklasse sie damals besuchte
und ob sie nun bereits im achten oder (erst) im neunten Lebensjahr missbraucht
worden sei, schadet das dem Gehalt der Aussage keineswegs. Massgebend ist,
dass sie gleichbleibend eine ungefähre Altersangabe machte, aus welcher sich
ergibt, dass der Missbrauch sich sicher in der Unterstufe ereignete, was ebenso
bedeutet, dass es nicht bereits bei Schuleintritt der Fall war aber auch nicht mehr
nach abgeschlossener dritter Primarklasse. Da insgesamt eine Vielzahl von
Missbrauchshandlungen zur Debatte steht, leuchtet auch ohne Weiteres ein, dass
die Festlegung auf eine bestimmte Klassenstufe bzw. ein fixes Altersjahr der
Privatklägerin nicht möglich ist und auch nicht verlangt werden kann, ganz
abgesehen von der zeitlichen Distanz zu den Ereignissen. Ihre Aussagen deuten
ferner klar darauf hin, dass die eingeklagten Handlungen sich nicht bloss über
Tage, sondern über einen grösseren Zeitraum erstreckten. Umso naheliegender
ist, dass diese nicht nur ein Altersjahr bzw. eine Klassenstufe tangiert haben
konnten. Die fragliche Zeitspanne ist in der Anklageschrift hinreichend umgrenzt
und definiert; der Beschuldigte weiss, in welchem Zeitraum ihm sexueller
Missbrauch seiner jüngsten Tochter vorgeworfen wird und wogegen er sich zu
verteidigen hat. Auch die Fachpersonen, die sich auf die Anamnese der
Privatklägerin abstützen, haben in ihren Zeugenaussagen und Berichten auf
dieses Alter Bezug genommen. Soweit andere Familienmitglieder sich auf einen
abweichenden Altersabschnitt der Privatklägerin berufen, wurde bereits vorne bei
der Würdigung der Zeugenaussagen von AA._ und U._ dazu Stellung
genommen. Darauf ist zu verweisen (Erwägungen II. 4.1 und 4.2).
Diese ungefähre Altersangabe gilt auch für den durch den sexuellen Missbrauch
nachvollziehbar ausgelösten Beziehungs- und Gefühlsumschwung der
Privatklägerin gegenüber ihrem Vater, sagte sie doch mehrmals klar aus, dass sie
ihn bis zum neunten Altersjahr sehr gemocht und danach, als sie neun Jahre alt
gewesen sei, plötzlich gehasst habe. Das wird unterstrichen durch die von der
Privatklägerin zitierte, sehr treffende damalige Frage des Beschuldigten, weshalb
sie ihn so hasse, sie hätte ihn doch früher so gerne gehabt (Urk. 4/1 S. 10; Urk.
4/2 S. 4, 14).
- 87 -
Es ist denn auch nicht einzusehen, weshalb eine kleine Tochter, die laut eigenen
Aussagen ein gutes, ja inniges Verhältnis zu ihrem Vater hatte und was auf
Gegenseitigkeit beruhte, ohne jeden Grund unvermittelt sowie auf Dauer nur noch
Negativgefühle diesem gegenüber hegen sollte. Dies deutet stark darauf hin, dass
sich etwas wirklich Gravierendes ereignet haben muss, etwas, das geeignet ist,
eine langjährige Vertrauensbeziehung – hier das Urvertrauen des Kindes in
seinen leiblichen Vater als enge Bezugsperson – nachhaltig zu erschüttern.
6.1.4 Sehr plastisch schilderte die Privatklägerin, bei welcher Gelegenheit sie
überhaupt erst realisiert hatte, ein Opfer sexuellen Missbrauchs geworden zu
sein, nämlich, als während der Mittelstufe, vierte bis sechste Klasse, eine Frau
der Dargebotenen Hand die Schülerinnen und Schüler über sexuellen Missbrauch
aufklärte bzw. diese darauf sensibilisierte. Die Privatklägerin beschrieb hier in
äusserst unverfälschter Art und Weise ein Schlüsselereignis in ihrem Dasein: Sie
habe damals auf einmal "geschaltet" und gemerkt, dass ihr das ebenfalls
widerfahren sei (Urk. 4/1 S. 10), was wirklich "gelaufen" sei (Urk. 4/2 S. 9). Ihre
anschliessende Bemerkung, zu diesem Zeitpunkt seien die Übergriffe aber nicht
mehr vorgekommen (Urk. 4/1 S. 10; Urk. 4/2 S. 4 und 9), bildet zudem einen
weiteren Markstein zur zeitlichen Eingrenzung der Übergriffe (Erwägung II. 6.1.3
hiervor).
Auch ist nachvollziehbar, dass die Privatklägerin, welche die Übergriffe
hauptsächlich noch innerhalb der ersten Lebensdekade erfuhr, das damals
Geschehene vorerst nicht begreifen und einordnen konnte, sondern es als etwas
Ungutes verdrängte und entsprechend (vorübergehend) vergass. Ebenso leuchtet
ein, dass sie, wie sie schilderte – richtigerweise – gespürt hatte, dass etwas nicht
korrekt war, verhielt sich ihr Vater doch so anders als sonst. Entsprechend fühlte
sie sich jeweils sehr unsicher, unbehaglich, blockiert, verängstigt, und sie
verkrampfte sich. Bereits kleine Kinder verfügen diesbezüglich nämlich über ein
erstaunliches Sensorium, auch längst bevor sie etwas verstehen können.
Es ist nicht zweifelhaft, dass sich die Privatklägerin des sexuellen Missbrauchs als
solchem erstmals aufgrund dieses Klassenbesuches gewahr wurde, was nach
ihrer Aussage den Anstoss gab, dass sie danach den Beschuldigten nur noch
- 88 -
hasste und sich vor ihm ekelte. Das habe damals alles verändert (Urk. 4/2 S. 9).
Dass nach der vierten Klasse, als die Privatklägerin ca. elf bis zwölf Jahre alt war,
diese begonnen habe, sich auffällig zu verhalten (tote Menschen, Geister sehen),
fiel im Übrigen auch ihrer mittleren Schwester, U._, auf (Urk. 8/2 S. 10 f.).
Einleuchtend ist weiter nicht nur diese sachliche Verknüpfung, d.h. die Erkenntnis,
dass gerade sie ein solches Opfer im vertrauten familiären Bereich geworden war.
Ihre jähe Erkenntnis war begleitet durch überaus plausible vegetative Reaktionen:
Rotwerden im Gesicht und extremes Schwitzen, Gefühl von grossem Unbehagen
(Urk. 4/2 S. 4). Erst jetzt realisierte die etwas reifere, aber immer noch im
Kindesalter auf der Schwelle zur Jugend stehende Privatklägerin, dass die von ihr
als sehr unangenehm und auch inkorrekt empfundenen Handlungen des Vaters
sexuellem Missbrauch entsprachen. Zuvor – als jüngeres Unterstufen-Schulkind –
konnte sie es wie dargelegt gar nicht erfassen. Wenn die Verteidigung moniert,
die Privatklägerin habe die Übergriffe vergessen, und jetzt seien sie ihr wieder in
den Sinn gekommen, negiert sie schlicht den Umstand, dass sich die
Privatklägerin im zarten Alter von ca. neun Jahren gar nicht bewusst war und
nicht bewusst sein konnte, dass die an ihr vollzogenen Handlungen sexuellen
Missbrauch darstellten. Dies war auch umso schwieriger, als es sich beim Täter
um den eigenen Vater handelt, mit welchem – auf nicht sexueller Ebene – auch
der in Familien völlig übliche nahe Körperkontakt (z.B. auf dem Schoss sitzen, vgl.
5/3 S. 9) stattfand und welchen die Privatklägerin, wie wohl jedes Kind, schätzte.
6.1.5 Eine weitere Zäsur für die Privatklägerin stellte die von der Mutter,
AA._, erhaltene Ohrfeige samt der Ermahnung, sie solle nicht lügen, dar.
Dies ereignete sich auf die mütterliche Frage, ob das, was in dem von der
mittleren Schwester U._ unerlaubterweise sich angeeigneten Tagebuch –
worin die Privatklägerin auch die Übergriffe angedeutet hatte – stehe, wahr sei,
was die Privatklägerin bejaht hatte. Damals war die Privatklägerin laut ihrer
Darstellung gut zwölf Jahre alt, hatte sie doch das Tagebuch gemäss ihrer
Erinnerung auf den zwölften Geburtstag von ihrer Mutter geschenkt bekommen.
Es liegt auf der Hand, dass U._ ihre Entdeckung der Mutter zur Kenntnis
brachte. Anders ist die von der Privatklägerin sehr wirklichkeitsnah und glaubhaft
beschriebene Szene im Wohnzimmer – die an einen mittelalterlichen Akt aus den
- 89 -
Zeiten der Inquisition erinnert – nicht erklärbar: Wie die Mutter und die beiden
Schwestern sie eines Tages nach ihrer Rückkehr von der Schule (gegen Ende
der Primarschule) auf dem Sofa sitzend erwarteten, wie die Mutter sehr komisch
grinste, die Privatklägerin eingeschüchtert vor den dreien stand und unter Tränen
bejahte, dass das im Tagebuch Geschriebene stimme und er ihr das angetan
habe, wie sich die Privatklägerin direkt neben ihre Mutter setzte und erwartete,
dass sie sie in die Arme nehmen und trösten würde (eine überaus
situationsgerechte und altersadäquate Erwartung), wie die Mutter weitere Fragen
stellte, welche die Privatklägerin heulend als zutreffend bestätigte, wie die Mutter
sodann völlig erzürnt der Privatklägerin eine Ohrfeige verpasste und sie als
Lügnerin hinstellte, wie die Privatklägerin ihre Mutter anflehte, ihr zu glauben, wie
die Mutter selber zu weinen begann und sich in Wut auf die Tochter steigerte und
diese anschrie, mit einem solchen Unsinn aufzuhören, wie die sehr enttäuschte
und eingeschüchterte Privatklägerin in ihr Zimmer rannte, das Tagebuch
hervornahm und es in Tausend Stücke zerriss (Urk. 4/1 S. 4; Urk. 4/2 S. 11).
Äusserst authentisch schilderte die Privatklägerin überdies, wie AB._ damals
etwas entfernt und wie "ausgeschlossen" vom Gespann Mutter und Schwester
U._ gesessen und desinteressiert und ängstlich gewirkt habe (Urk. 4/2
S. 11). Das erklärt sich zwanglos aus dem von der Privatklägerin nicht minder
detailliert und überzeugend dargelegten Umstand, dass sie schon zuvor ihrer
ältesten Schwester, zu der ein sehr gutes Verhältnis bestand, das Erlebte
vorsichtig anvertraut und diese der Privatklägerin, über welche eine Welle von
Gefühlen hereingebrochen war, geglaubt hatte. So hatte AB._ damals die
herzzerreissend weinende Privatklägerin fest gehalten und zu trösten versucht,
war auf den Hinweis, es handle sich um den Vater zwar sprachlos gewesen, hatte
aber ungeachtet der Rücknahme des Gesagten durch die Privatklägerin am Tag
darauf (es sei alles nur erfunden) das Geschilderte dennoch für wahr gehalten,
weil die Privatklägerin so fest hatte weinen müssen (Urk. 4/2 S. 9 f.).
Diese ins Einzelne gehenden, bildhaften und berührenden Darstellungen der
Privatklägerin sind auch zeitlich und sachlich sowie in der Handlungsabfolge
logisch und als wahr einzustufen.
- 90 -
Es verwundert nicht, dass die Privatklägerin nach diesem veritablen Schlag ins
Gesicht total resignierte und das Thema für sie abgeschlossen war (Urk. 4/1 S. 4).
Ihre Offenlegung gegenüber der Mutter als wohl noch wichtigste Bezugsperson
war nicht erhört, sondern im Gegenteil rabiat abgeblockt worden. Selbst die bis
dahin verständige älteste Schwester hatte sich stillschweigend aber erkennbar
von ihr abgewandt. Durch die nicht nachvollziehbare Körperstrafe anstelle von
berechtigterweise erhofftem Mitgefühl machte die Mutter, AA._, ihre jüngste
Tochter mundtot und überliess das Kind – damals ungefähr zwölf Jahre alt – sich
selbst. Umso bedenklicher erscheint es, dass die nächsten Angehörigen in ihren
Zeugenaussagen dieses nachfolgende, hoch spezifische Geschehen
offensichtlich verschweigen und damit das Opfer glatt verleugnen.
6.1.6 Daraufhin verblieben die Ausraster der Privatklägerin, ihre offensichtlich
aus der Verzweiflung, weil man ihr nicht glaubte, und dem familiären
Liebesentzug entstandenen und immer wieder aufflackernden Hassbekundungen
und Ausfälligkeiten namentlich gegenüber dem Vater, zum Teil auch gegenüber
der Mutter oder andern Familienmitgliedern. Es dominierte sie das Gefühl, nicht
geliebt zu werden, von der Familie ausgestossen zu sein (Urk. 4/1 S. 4). "Alle
hassten mich" (Urk. 4/1 S. 12). Angesichts der offenkundigen Ausgrenzung ist
dieses Empfinden begreiflich. Selbst wenn die Privatklägerin ganz allgemein und
charakterlich (nicht medizinisch) bedingt zu einer gewissen Impulsivität neigen
sollte, was wie aufgezeigt teilweise auch von den Fachleuten angetönt wurde,
spricht doch einiges dafür, dass die Quelle der hasserfüllten Ausraster und vor
allem deren Heftigkeit im stattgefundenen und familiär gänzlich negierten
sexuellen Missbrauch zu suchen ist. Auch muss man sich vergegenwärtigen,
dass sich die Privatklägerin damals etwa auf der Schwelle von der Primarschule
zur Oberstufe befand und längst nicht erwachsen war; vielmehr spielte sich ihr
Leben noch überwiegend im Familienverband ab, wo sie fortan isoliert dastand.
Mit der äusseren Einsamkeit einher ging eine Abkapselung, ein Rückzug in ein
Eigenleben mit Fantasien über tote Menschen und Geister (vgl. Schwester
U._ und auch Cousine K._), auch mit Selbstgesprächen und
Stimmenhören, gelegentlich durchbrochen von diesen Ausrastern. Diese waren
- 91 -
nichts anderes als ein hoffnungsloses Aufschreien aus dem Kummer und der
Isolation heraus.
Diese Ausraster in der Kindheit und dann in der Teenagerzeit wurden von der
Privatklägerin wiederholt sowie in zahlreichen Details und ungeschmälert
beschrieben. Namentlich in der Oberstufe habe sie dermassen Hass gegen den
Vater empfunden und sei so durchgedreht, dass sie jeweils mit Messer und
Töpfen auf ihn losgegangen sei. Umgekehrt sei sie regelmässig, sicher einmal
wöchentlich, mit den Fäusten von ihm geschlagen worden, vor allem am Kopf und
am Bauch, so dass sie einmal ein blaues Auge davon getragen habe. Auch habe
er ihr die Hände verdreht. Zum Arzt sei sie nie gegangen, es habe einfach weh
getan, und sie habe geheult (Urk. 4/1 S. 11). Die Frage, ob der Beschuldigte
durch sie auch einmal verletzt worden sei, beantwortete die Privatklägerin mit:
"Ich glaube schon, ja." Wenn sie in diesem Zustand gewesen sei, sei sie wie
gestört gewesen. Sie könne sich einfach einmal erinnern, dass er vor Schmerzen
geschrien habe, denn einmal habe sie ihm mit dem Fuss zwischen die Beine
getreten (Urk. 4/1 S. 11 f.). Sie habe immer ein Messer auf sich getragen. Die
andern hätten sie als "Psycho" bezeichnet und sie fertig gemacht, weil sie so mit
dem Vater umgegangen sei. Sie hätten sich aber nie gefragt, warum dies wohl so
sei (Urk. 4/1 S. 12).
Die Privatklägerin machte auch nie einen Hehl daraus, wie sehr sie den
Beschuldigten heute verachtet und abgrundtief hasst (Urk. 4/1 S. 4 f. und 12 f.;
Urk. 4/2 S. 9 und 12; vorne Erwägungen II 1.6 und II 2.1.11). Diese Offenheit zum
eigenen Verhalten, welche auch den Abbruch der ersten Lehre (weil sie sich mit
dem Chef nicht verstand; Urk. 4/1 S. 2) und auffälliges Benehmen in der Schule
(was angesichts der familiären Umstände nicht erstaunt und weswegen man sie
zu einer Sozialpädagogin schickte, wo sie aber nichts sagte; Urk. 4/1 S. 4 f.)
umfasst, spricht ebenfalls für ihre Aufrichtigkeit und den Wahrheitsgehalt ihrer
Darlegungen, zumal sie damit kein vorteilhaftes Bild von sich zeichnete und auch
eine gewisse Selbstkritik mitschwingt.
Von den Familienangehörigen wurden die Ausraster praktisch unisono auf die
Pubertät bzw. unglückliche Liebschaften der Privatklägerin zurückgeführt, was
- 92 -
nicht einsichtig ist. Zum einen ist nur eine zerbrochene Freundschaft der
Privatklägerin in der späteren Jugend aktenkundig, bevor sie ihren langjährigen
Le-benspartner kennen lernte, und überdies mangelt es an der nötigen Kausalität,
setzten doch die Ausraster schon Jahre vorher ein. Daran ändert nichts, dass ein
für die Privatklägerin unglückliches Beziehungsende zu einem viel späteren
Zeitpunkt ihr Befinden zusätzlich belastet haben mag.
6.1.7 Die sexuellen Übergriffe als solche, seien es jene in der Stube oder jene im
Schlafzimmer, hat die Privatklägerin an je einer Szene, die beispielhaft für die
weiteren ähnlich gelagerten Missbrauchshandlungen steht, rundweg sehr
anschaulich, hautnah und realistisch beschrieben, einschliesslich der sie
ergreifenden und dazu passenden Gefühle von Unsicherheit, Angst und
gänzlichen Blockiert-Seins (vgl. Erwägung II 2.2.3 und II 2.2.4; Urk. 4/2 S. 5-7).
Bildhaft und treffend ist auch ihre Bemerkung, die andern Familienmitglieder
hätten immer (gemeint, wenn es zu nächtlichen Übergriffen kam) "wie ein Stein"
geschlafen (Urk. 4/1 S. 6). Nachvollziehbar und deliktstypisch schilderte die
Privatklägerin ein gestuftes Vorgehen des Täters von zunächst Betasten im
Brustbereich und dann in der Schamgegend über den Kleidern sowie
Zungenküssen, dies alles tagsüber, und dann nächtlichen Besuchen in ihrem Bett
beim schlafenden Kind, wobei hier die Handlungen allesamt unter den Kleidern
stattfanden, wiederum beginnend am Oberkörper, via Gesäss und Scham bis hin
zu geführtem Frottieren seines Gliedes und zur Fingerpenetration durch den
Beschuldigten. Die Steigerung im Vorgehen lässt sich aufgrund der
Schilderungen der Privatklägerin mithin gleich mehrfach erkennen: einerseits
allgemein, indem der Beschuldigte zuerst fein (im Sinne von zärtlich) war und
dann immer gröber wurde, weiter innerhalb der jeweiligen Handlung, indem er
sich zuerst über, dann unter den Kleidern des Opfers betätigte und schliesslich in
der Schwere der Handlungen, welche sich von Berührungen an den flachen
Brüsten und am Gesäss sowie Küssen, Ausgreifen an der Vagina und Nötigung,
sein Glied zu frottieren bis zum Eindringen mit dem Finger in die Vagina der
Privatklägerin erstreckten.
- 93 -
Die Privatklägerin berichtete dazu überzeugend, dass sie den Eindruck gehabt
habe, es sei ihm darum gegangen, die Grenze bei ihr auszuloten bzw. zu testen,
ob sie etwas sage. Es handelte sich um ein schrittweises, abtastendes und
logisches Tätervorgehen gegenüber einem sexuell völlig unerfahrenen Menschen.
Der nur geringe Widerstand der Privatklägerin, wie dies bei Kindern und
namentlich im sozialen Nahbereich oft der Fall ist, eröffnete dem Beschuldigten in
der Folge die Möglichkeit zu wiederholtem und eskalierendem Handeln.
Besonders lebensecht erscheint ihre Erinnerung, dass er einmal seine Hand von
ihrer Hand weggenommen und gemeint habe, sie würde alleine mit den
Bewegungen weitermachen. Sie habe die Hand jedoch sofort von seinem Glied
weggenommen. Er habe sogleich ihre Hand mit seiner Hand wieder an sein Glied
geführt (Urk. 4/1 S. 8). Absolut schlüssig ist ferner ihre Erklärung, weshalb
Zungenküsse "nur" in der Stube stattgefunden hätten, nicht aber im
Schlafzimmer, nämlich, weil ihr Vater sich hinter sie gelegt hatte und ihr Gesicht
gegen die Wand gerichtet war (Urk. 4/1 S. 10). Im Übrigen sprechen die
eingeklagten Handlungen, die auf den eingangs dargestellten Aussagen der
Privatklägerin beruhen, allesamt für sich.
6.1.8 Die Privatklägerin hat zurückhaltend ausgesagt, manche Frage verneint,
Nichtwissen und fehlende Erinnerung stets offen gelegt. Sie räumte immer wieder
ein, etwas Bestimmtes oder Einzelheiten nicht mehr zu wissen (Urk. 4/2 S. 6 f.).
Hätte sie den Beschuldigten zu Unrecht oder übermässig an den Pranger stellen
wollen, hätte sie wohl viel häufigere und gravierendere sexuelle Handlungen und
darüber hinaus auch deutlich mehr gewaltsames Vorgehen des Beschuldigten
geltend gemacht. Das trifft gerade nicht zu.
Vielmehr gab sie auf konkrete Fragen etwa an, dass der Beschuldigte sie unter
den Kleidern viel weniger angefasst habe als über den Kleidern (Urk. 4/2 S. 16)
oder dass sie nicht wisse, ob er jeweils eine Erektion oder einen Samenerguss
gehabt habe (Urk. 4/1 S. 7; Urk. 4/1 S. 8). Folglich kam es diesbezüglich auch
nicht zu einer falschen Belastung. Sie verneinte ferner ausdrücklich, dass der
Beschuldigte ihr gedroht oder Schlechtes gesagt oder sie während der Übergriffe
körperlich verletzt habe (Urk. 4/1 S. 11; Urk. 4/2 S. 7). Ebenso verneinte sie
- 94 -
Geschlechtsverkehr oder den Versuch dazu, dies mit der durchaus stimmigen
Erläuterung, es habe (sogar) mehrere Male geblutet, als sie das erste Mal mit
dem Freund geschlafen habe (Urk. 4/1 S. 9 f.). Zur Frage von Gewaltanwendung
nannte sie festes Packen an ihren Handgelenken bzw. an ihrem Oberarm sowie
sehr grobes Berühren am Gesäss (Urk. 4/1 S. 9), dass sie im Übrigen aber
gehorcht, d.h. die Anspannung losgelassen und es mit sich geschehen lassen
habe (Urk. 4/2 S. 7). Erinnerungen an Oralverkehr hatte sie keine (Urk. 4/1 S. 9)
und auch nicht daran, was allenfalls noch geschah nach der von ihr als sehr
schmerzhaft beschriebenen Fingerpenetration, dem von ihr als am schlimmsten
empfundenen Erlebnis, weil sie danach wie abgeschaltet hatte. Zudem äusserte
sie, nicht zu denken, dass ihre Schwestern ebenfalls Opfer von sexuellen
Übergriffen des Beschuldigten geworden seien, mit der wiederum plausiblen
Begründung, dass diese ihr sonst doch geglaubt hätten und nicht so kalt ihr
gegenüber wären (Urk. 4/1 S. 12). Und im Zusammenhang mit den genannten
(vorliegend nicht eingeklagten) Schlägen des Beschuldigten in ihrer Jugend ab
der Oberstufe verneinte sie Fusstritte gegen den Kopf und führte aus, dass die
Narbe über ihrem linken Auge von einem Unfall stamme (Urk. 4/2 S. 24).
All diese überaus bedachten Antworten, zu welchem Fragenkomplex oder Thema
auch immer, zeigen unübersehbar, dass die Privatklägerin durchgehend ernsthaft
und sehr bemüht war, eine korrekte Antwort zu geben und wahrheitsgemäss
auszusagen, mithin nicht einfach etwas zu behaupten, zum Nachteil des
Beschuldigten zu mutmassen oder zu übertreiben. Das gilt namentlich auch
betreffend die bereits dargelegte zeitliche Einordnung von Ereignissen, welche sie
stets an anderweitigen Begebenheiten des Lebens bzw. ihres Werdeganges
festzumachen versuchte und dies auch entsprechend plausibel erklären konnte.
6.1.9 Auch was die Kadenz und die Anzahl der väterlichen Übergriffe betrifft,
finden sich keine Übertreibungsmerkmale in den Aussagen der Privatklägerin.
Namentlich hat die Privatklägerin selber nie geltend gemacht, vom Beschuldigten
jahrelang und praktisch täglich missbraucht worden zu sein, woraus wohl mehrere
hundert Missbrauchshandlungen resultieren würden. Die Redewendung, welche
von der Verteidigung eifrig aufgegriffen wurde, entstammt der Zeugenaussage
- 95 -
von AB._, ist unbelegt und auch völlig haltlos. Ausgerechnet diese Zeugin,
welche etliche sehr prägnante Ereignisse aus der gemeinsamen Kindheit und
Jugend achtlos unter den Tisch wischte und vorgab, sich nicht zu erinnern, will
umgekehrt so genau die angeblich von der Privatklägerin erwähnte Kadenz und
Anzahl von sexuellen Übergriffen im Gedächtnis haben. Diese ohnehin wenig
glaubhafte Zeugenaussage erweist sich jedenfalls in diesem Punkt klar als falsch.
Vielmehr ist auf die auch in diesem Aspekt äusserst bedachten, im Ergebnis
konstanten und als zuverlässig zu wertenden Angaben der Privatklägerin
abzustellen: nämlich, dass 1997 und 1998 in regelmässigen Abständen
insgesamt ca. zehn Mal sexuelle Übergriffe in der Stube während des
Fernsehschauens stattfanden und dass der Beschuldigte in der gleichen
Zeitspanne insgesamt zwei bis drei Mal in der Nacht ins Kinderschlafzimmer
schlich und dort die Privatklägerin in deren Bett sexuell missbrauchte.
Wenn die Verteidigung hinsichtlich der Intensität der angeblichen Übergriffe krass
widersprüchliche Angaben der Privatklägerin selbst ortet (vgl. Urk. 81 S. 7), kann
dem schlechthin nicht zugestimmt werden. Vielmehr wiederspiegeln auch ihre
diesbezüglichen Aussagen ausgeprägte Zurückhaltung und ein augenfälliges
Bestreben, der Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen. So führte sie etwa aus,
nicht sagen zu können, wie regelmässig er nachts zu ihr gekommen sei, auch
nicht, wann genau (Urk. 4/1 S. 10). Zur Anzahl der Übergriffe erklärte sie, das sei
so schwierig zu sagen; mit Sicherheit mehr als zehn Mal. Es sei ihr
vorgekommen, als passierte es über Jahre. Aber ihre Psychologen würden sagen,
es könne gut sein, dass sie sich das nur einbilde, weil es ihr halt so lange
vorgekommen sei (Urk. 4/1 S. 5). Eine Zeit lang sei es täglich gewesen, jedenfalls
habe sie das Gefühl gehabt (Urk. 4/1 S. 6). Eine klare Erinnerung habe sie aber
nicht mehr, weshalb sie nicht in der Lage sei, genaue Zahlen zu nennen (Urk. 4/2
S. 15 ff.). Es komme ihr vor, als sei es immer wieder passiert, sogar wöchentlich.
Ebenso sei es ihr vorgekommen, als hätten diese Vorfälle lange stattgefunden
(Urk. 4/2 S. 16). Mit diesen Aussagen behauptete die Privatklägerin in keiner
Weise tägliche oder wöchentliche Übergriffe, wie die Verteidigung zu suggerieren
scheint, sondern sie bringt lediglich – vorsichtig – zum Ausdruck, dass sie die
Übergriffe als sehr oft vorkommend empfand, dies während einer Weile und nicht
- 96 -
durchgehend während des ganzen, relativ weit abgesteckten Deliktszeitraums.
Abgesehen von der Differenziertheit der Aussage, was für deren Wahrheit spricht,
ist allgemein bekannt, dass unangenehme oder schlimme Ereignisse der
betroffenen Person wie eine Ewigkeit dauernd vorkommen können. Die Aussagen
der Privatklägerin sind daher weder übertrieben noch widersprüchlich, sondern
glaubhaft. Daran ändert auch das Faktum nichts, dass die Privatklägerin auf
mehrmaliges Nachfragen der Polizei schliesslich die Zahl Zehn nannte. Das ist
angesichts ihrer gesamten Aussagen durchaus plausibel und sicher kein
Lügensignal, wie die Verteidigung vorbringt (vgl. Urk. 81 S. 7).
6.1.10 Mit ihren bildhaft beschriebenen Tathandlungen im Einklang stehen ferner
die genannten Reaktionen und Gefühle der Privatklägerin und des Beschuldigten,
ebenso wie die wenigen gesprochenen Worte. Auch das bekräftigt den
Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen.
Aus Verunsicherung und Angst verkrampfte sich die Privatklägerin oftmals, war
blockiert, ganz steif, und manifestierte dadurch eine unzweideutige
Abwehrhaltung. Daraufhin forderte der Beschuldigte sie auf, sie solle ihre
Arschbacken nicht verkrampfen. Bei seinen Handlungen stöhnte der Beschuldigte
immer wieder – eine stimmige Begleiterscheinung –, was die Privatklägerin als
"grusig" empfand (Urk. 4/1 S. 7 und 9; Urk. 4/2 S. 5 ff.). Nach eigenem Bekunden
wehrte sie sich verbal praktisch nicht (leider habe sie während der Übergriffe
weder geschrien noch geweint; Urk. 4/1 S. 6 und 11; Urk. 4/2 S. 19), doch in der
Stube, als er sie jeweils an der Hand packte und zurückhielt, habe sie ab und zu
in ihrer Sprache "Ma" gesagt, bedeutend "Hör auf" (Urk. 4/1 S. 5, 7 und 9; Urk.
4/2 S. 19). Weiteren nonverbalen Widerstand bekundete sie, indem sie versuchte,
sich abzuwenden, sich aus seinem Handgriff zu befreien (Urk. 4/2 S. 5) oder
indem sie sich bei den nächtlichen Übergriffen schlafend stellte in der Hoffnung,
er würde sie dann in Ruhe lassen; ihm sei das aber egal gewesen. Einfühlbar ist
in diesem Zusammenhang auch ihr Hinweis, sie frage sich, was er ihr sonst noch
angetan habe, wenn sie wirklich am Schlafen gewesen sei (Urk. 4/1 S. 6). Zu
dieser aufgeworfenen Frage ist festzuhalten, dass es sich um keine
Anschuldigung handelt, auch wenn dies auf Seiten des Beschuldigten so
- 97 -
wahrgenommen werden könnte. Es muss der Person des mutmasslichen Opfers
unbenommen sein, in einer Einvernahme allgemeine Überlegungen anzustellen.
Nebenbei bemerkt ist das Sich-schlafend-Stellen eine einleuchtende Form von
konkludenter Abwehr: Wer schläft, ist nicht bewusst beteiligt, ja irgendwie
unantastbar. Plausibel ist weiter, dass sich die Privatklägerin angesichts der im
gleichen Raum schlafenden Schwestern ruhig verhielt, weil sie sich schämte und
diese nicht aufwecken wollte, wie sie später gegenüber ihrer Therapeutin
erwähnte.
Auch der einzige erwähnte physische Schmerz lässt sich in keiner Weise
hinterfragen, nämlich, dass das Eindringen mit dem Finger in ihre Vagina sowie
das ganze schnelle Hinein-und-Herausbewegen des Fingers – wiederum ein
ausgesprochen deliktstypisches Vorgehen – ihr sehr weh tat und auch brannte.
Das führte denn auch dazu, dass sie danach wie abschaltete und sich an gar
nichts mehr erinnern konnte (Urk. 4/1 S. 5 und 8 f.; Urk. 4/2 S. 7 f.), ein
Schutzmechanismus, der genauso einsichtig ist.
6.1.11 Über allem breitete sich tiefste Scham aus, eine typische Erscheinung,
von der manches Opfer sexuellen Missbrauchs berichtet. Denn ein
Missbrauchsopfer wird, wenn auch völlig unfreiwillig – ein kindliches Opfer
darüber hinaus oft ohne Kenntnis, aber doch mit ungutem Gefühl – Teil eines
strafbaren Geschehens, das auch gesellschaftlich zutiefst geächtet ist. Genau so
erging es offensichtlich auch der Privatklägerin. Da waren einerseits Angst und
Scham, jemand könnte sie und den Beschuldigten während der Übergriffe
ertappen (Urk. 4/1 S. 13). Scham empfand sie sodann gegenüber ihrer mittleren
Schwester, die unerlaubterweise das Tagebuch behändigt und darin gelesen
hatte, weshalb sie dieser erklärte, es stimme nicht, was im Tagebuch drin stehe
(Urk. 4/1 S. 4). Grosse Scham befiel die Privatklägerin, nachdem sie ihrer ältesten
Schwester von den Übergriffen erzählt hatte, was dazu führte, dass sie ihre
Offenbarung am Tag darauf wieder zurücknahm und damit sich selber
verleugnete. Dabei spielte wohl auch das (zutreffende) Gespür der Privatklägerin
eine Rolle, dass man ihr zu Hause nicht glaube (Urk. 4/2 S. 9 f.). Solche
Rückzieher sind zudem charakteristisch namentlich für kindliche Opfer, denn ihre
- 98 -
noch begrenzte soziale Welt wird durch Reaktionen auf ihre Enthüllungen
(Aufruhr, Streit oder eben Unglauben) oft zusätzlich erschüttert und das Kind
vollends verunsichert. Diese Negativerfahrung, kombiniert mit Scham, mag
ausschlaggebend gewesen sein, dass die Privatklägerin gegenüber der
Sozialpädagogin in der Schule schwieg: Wieso sollte ihr eine fremde Person
Glauben schenken, wenn die eigene Familie sie für eine Lügnerin hielt und der
Beschuldigte als Vater und Autoritätsfigur ihr bei ihren Ausrastern stets weis
machte, dass ihr ohnehin niemand glauben werde (Urk. 4/1 S. 4)? Selbst ihrem
Partner, N._, erzählte sie erst nach ca. zwei Jahren von den Übergriffen
durch den Vater, und auch dies nicht im Detail. Sie wollte das auch nicht, denn es
war ihr "mega peinlich" (Urk. 4/2 S. 22). Dies bestätigte wie gesehen N._ als
Zeuge. Anzufügen bleibt, dass selbst die als Zeuginnen befragten Fachpersonen,
namentlich jene, die zuerst mit der Privatklägerin in Kontakt standen, die riesige
Scham der Privatklägerin bemerkten und dass es die Privatklägerin Zeit und
grosse Überwindung kostete, sich ihnen auch nur teilweise zu öffnen. Wenn die
Privatklägerin in den Einvernahmen immer wieder darauf hinwies, wie sehr sie
sich geschämt habe, über das Erlebte zu sprechen, ist das nachweisbar wahr,
ebenso verständlich und unterstützt ihre gesamten Aussagen.
Zu nennen ist an dieser Stelle schliesslich die spezifische Feststellung der
Privatklägerin, der Beschuldigte habe bei den Übergriffen in der Stube tagsüber
nicht einmal Angst davor gehabt, dass jemand auftauchen könnte (Urk. 4/1 S. 6).
Die Darstellung der Privatklägerin, es sei zu Übergriffen bei (wacher)
Anwesenheit anderer Familienangehöriger in der Wohnung gekommen, ist
keineswegs abwegig und vermag den Beschuldigten absolut nicht zu entlasten.
Die von der Privatklägerin beschriebene Handlungsweise des Beschuldigten im
Wohnzimmer war für Aussenstehende kaum als sexuelle Attacke erkennbar, denn
einerseits geschah dies über den Kleidern der Privatklägerin und anderseits liess
sich das Tun tarnen unter dem Deckmantel von unverdächtigem Spiel zwischen
Vater und Tochter, wobei selbstredend auch – nicht sexuell motivierter –
Körperkontakt dazu gehören kann. Die Privatklägerin wies denn auch mehrfach
treffend darauf hin, der Beschuldigte habe sein Vorgehen als Spiel erscheinen
lassen (u.a. Urk. 4/2 S. 4). Zu sexuellen Handlungen unter den Kleidern des
- 99 -
Opfers kam es denn auch nur im Dunkeln der Nacht, unter der Bettdecke und bei
(Tief-)Schlaf der andern Familienmitglieder. Analog hätte dem Beschuldigten im
Falle des Ertappt-Werdens des Nachts etwa die plausible Ausrede zur Verfügung
gestanden, er habe bloss das sehr unruhig schlafende, vermutlich schlecht
träumende Kind beruhigen und trösten wollen – eine aus dem gängigen
Familienleben gegriffene Situation.
6.1.12 Noch ein paar weitere prägnante Vorkommnisse stellen deutliche Indizien
für stattgefundenen sexuellen Missbrauch dar.
So führte die Privatklägerin aus, der Beschuldigte sei immer so lang aufgeblieben,
habe nie schlafen können, sei stundenlang vor dem Fernseher gesessen, habe
sich Pornos angeschaut. Ihre Mutter habe jeweils morgens die Tüechli mit dem
Samenerguss drin vorgefunden. Sie habe gehört, wie sie ihn daraufhin jeweils
angeschrien habe. Die Eltern hätten ohnehin immer sehr laut miteinander
gestritten. Sie habe selber nie gesehen, wie er sich Pornos angeschaut habe,
aber gehört, wie die Mutter ihn angeschrien habe, dass er ein Perversling sei
(Urk. 4/1 S. 10). Dass die Mutter den Beschuldigten oft anschrie und auch einen
Perversling nannte sowie dass sich die Eltern ein bis zwei Mal pro Woche stritten,
gab auch die mittlere Schwester U._ zu Protokoll. Der Aussage der Mutter
AA._ ist sodann zu entnehmen, dass der Beschuldigte sehr oft und auch bis
spät in die Nacht hinein vor dem Fernseher sass oder dass er spät von Besuchen
bei seinen Geschwistern zurückkehrte. Die (frühere) Existenz von Porno-Videos
in der Wohnung bestätigte zwar kein anderes Familienmitglied explizit, doch
verhielt sich die Zeugin AA._ zu diesem Thema äusserst auffällig, um nicht
zu sagen ungehalten. Auf ihre entsprechend wirren Angaben kann nicht abgestellt
werden. Es ist nicht einzusehen, weshalb die Privatklägerin nicht auch hier die
Wahrheit sagen sollte. Regelmässig vorkommende elterliche Streitigkeiten über
ein wiederkehrendes Thema belasten ein Kind sehr und prägen sich
erfahrungsgemäss tief in dessen Erinnerung und Seele ein. Was die
Privatklägerin berichtete, erscheint zudem inhaltlich als schlüssig und
unverfälscht. War aber der Beschuldigte oft spät in der Nacht noch allein auf,
- 100 -
konnte er ohne Weiteres das eine oder andere Mal unbemerkt zur Privatklägerin
ins Bett schleichen.
Ferner schilderte die Privatklägerin lebensnah und gut vorstellbar, wie der
Beschuldigte erschrocken gewesen sei, als sie ihn – nach dem Gewahr werden –
auf die sexuellen Missbräuche angesprochen habe. Er habe seine Augen ganz
weit aufgerissen, seinen Kopf geschüttelt und sehr verwirrt gewirkt. Er habe etwas
wie "Das stimmt nicht!" gemurmelt, danach auf den Boden geblickt und sei vor ihr
geflüchtet (Urk. 4/2 S. 9). Es liegt auf der Hand, dass der Beschuldigte, der sich
wegen der kindlichen Unwissenheit seiner Tochter längere Zeit in Sicherheit vor
der Aufdeckung wähnen konnte, gestaunt haben muss, als die Privatklägerin
diese Vorfälle zur Sprache brachte.
Als sehr authentischer Vorgang ist nochmals die von der Privatklägerin minutiös
dargestellte, offensichtlich echte psychische, physische und verbale Teilnahme
von AB._ am eben berichtet erhaltenen Schicksal der jüngsten Schwester zu
erwähnen, was der Privatklägerin damals vorübergehend etwas Halt gegeben
haben mag. Zweifellos hat die Privatklägerin damals solch schwesterliche
Solidarität erlebt. Auch brachte die Privatklägerin wiederholt und einfühlbar zum
Ausdruck, dass ihr der noch einzige Familienkontakt (zwar unter Ausklammerung
des Missbrauchsthemas) zur ältesten Schwester und die Patenschaft zu deren
Tochter, um welche sie sich Sorgen machte, viel bedeutete.
Auch ihre äusserst heftige Reaktion, als sie von der mittleren Schwester U._
erfuhr, dass die Cousine K._ ebenfalls vom Beschuldigten sexuell
angegangen worden sein soll, ist der Privatklägerin ohne Vorbehalt zu glauben.
Wiederum hatte die älteste Schwester zu Gunsten der Privatklägerin interveniert
und diese zu beruhigen versucht, und ebenso hatte der Beschuldigte die Cousine
als Lügnerin betitelt (Urk. 4/2 S. 12).
6.1.13 Zahlreiche Übereinstimmungen in den Schilderungen der Privatklägerin
mit den Aussagen weiterer Familienmitglieder wurden bereits genannt. Ohne
Vollständigkeit zu beanspruchen, seien noch ein paar den Anklagesachverhalt
unterstützenden Kongruenzen angetönt: So ist mehrfach aktenkundig, dass der
- 101 -
Beschuldigte die Privatklägerin einst wegen deren Intelligenz besonders schätzte,
sie seine favorisierte Tochter war, dass die Privatklägerin ein Tagebuch führte
und darin auch die vorliegend zu beurteilenden sexuellen Übergriffe thematisierte,
dass einmal der Badezimmerschlüssel abgebrochen und die Türe zwei bis drei
Tage nicht abschliessbar war, dass es beim Bahnhof F._ zwischen dem
Beschuldigten und seiner Nichte K._ einmal zu einem Vorfall betreffend
deren Dekolleté kam, bei welchem die damals Jugendliche in Angst verfiel und
davoneilte, dass der Beschuldigte in Mazedonien einmal in ein Strafverfahren
involviert und auch inhaftiert war. Woher sonst als von innerhalb der eigenen
Familie sollte die Privatklägerin von so etwas Kenntnis erlangt haben. Diese
Parallelitäten bestärken zusätzlich die Glaubhaftigkeit der Aussagen der
Privatklägerin. Das gilt namentlich auch betreffend den Beschuldigten und
K._, unabhängig davon, dass das diesbezügliche Verfahren gegen den
Beschuldigten eingestellt wurde (vgl. Urk. 26).
6.1.14 Zu den therapeutischen Gesprächen zwischen den diversen
Fachpersonen und der Privatklägerin ist anzumerken, dass diese hauptsächlich
der Lebenshilfe dienten und zukunftsgerichtet waren. So suchte die Privatklägerin
im November 2010 die Hausärztin auf mit dem Ziel eines Neubeginns. Das
leuchtet ein, fällt doch der Zeitpunkt ungefähr zusammen mit ihrem ersehnten
Auszug aus der elterlichen Wohnung. Nach dem Zusammenbruch und dem
Suizidversuch der Privatklägerin Anfang 2011 – weitere deutliche Anzeichen für
erfolgten Missbrauch – folgten dann die Therapiebehandlungen im stationären
Rahmen sowie in der Tagesklinik und zuletzt ambulant. Die hier gegenständlichen
Missbrauchshandlungen wurden zwar von den Fachkräften einhellig als zentrale
Ursache für das schlechte Befinden der Privatklägerin erkannt, zählten aber
schon angesichts der pauschalen und lediglich partiellen Darstellung der
Privatklägerin – die sich vor Scham unheimlich schwer tat, lediglich von den
nächtlichen Vorfällen in ihrem Bett erzählte und die anfänglichen, weniger
gravierenden väterlichen Berührungen im Wohnzimmer unerwähnt liess – nur am
Rande zum Gesprächsinhalt. Obwohl die Privatklägerin überhaupt erst aufgrund
ihres mehrmonatigen Klinikaufenthaltes und der breiten therapeutischen Stützung
den Mut und die Kraft für das vorliegende Verfahren aufbrachte, hat dies in keiner
- 102 -
ersichtlichen Weise den Inhalt oder die Qualität ihrer Aussagen zu den
Übergriffen beeinflusst. Ihre Schilderungen betreffen vielmehr zweifelsfrei
durchgemachte Kindheitserlebnisse, wobei das unverfälschte Bild eines
abtastenden und schrittweisen Tätervorgehens gegenüber einem sexuell
unbedarften Menschen resultierte. Auch die offen eingeräumte Tatsache, dass die
Privatklägerin zur Zeit der Befragungen ein Medikament zum Schlafen und ein
Antidepressivum einnahm (Urk. 4/1 S. 5), kann dem überzeugenden Gehalt ihrer
Aussagen nichts anhaben.
6.2 Würdigung der Aussagen des Beschuldigten
6.2.1 Die Aussagen des Beschuldigten stehen nicht nur inhaltlich, sondern auch
qualitativ in scharfem Kontrast zu jenen der Privatklägerin.
Wie bereits vorne angetönt, lassen die blossen Bestreitungen und Verneinungen
als solche trotz ihrer Konstanz keinen Raum für eine Aussageanalyse. Auffällig ist
jedoch, dass der Beschuldigte bei seinen übrigen Darlegungen weitgehend
Extrempositionen einnahm, die nicht nur lebensfremd sind, sondern oft auch in
eklatantem Gegensatz zu den Aussagen aller oder einiger weiterer
Familienangehöriger (nicht nur jenen der Privatklägerin) stehen, notabene lauter
Personen, die ihn hinsichtlich der Missbrauchsvorwürfe unmissverständlich
decken. Derartige Standpunkte erweisen sich entweder als schlicht falsch oder
sind zumindest als klare Lügensignale zu qualifizieren. Dazu zählen etwa seine
apodiktischen Behauptungen, er habe niemals Probleme mit der Privatklägerin
gehabt, in seinem Verhältnis zur Privatklägerin habe sich nie etwas geändert, die
Privatklägerin habe ihm niemals Vorwürfe gemacht, er habe nie körperliche bzw.
handgreifliche Auseinandersetzungen mit der Privatklägerin gehabt (nur einmal
einen mündlichen Streit), sexueller Missbrauch der Privatklägerin durch ihn sei nie
ein Thema in der Familie gewesen, er habe erstmals durch die Polizei von diesen
Vorwürfen erfahren (gegenteilig: seine Ehefrau und alle seine drei Töchter; Urk.
4/1, Urk. 8/1 S. 7 f. und 15, Urk. 8/2 S. 3 und 10, Urk. 8/3 S. 18), nie habe er die
Privatklägerin oder eines seiner andern Kinder geschlagen, nie habe er einen
Streit mit der Privatklägerin gehabt, nie sei er auf die Beschimpfungen durch die
Privatklägerin eingegangen, sondern habe sich immer entfernt (laut der ältesten
- 103 -
Tochter AB._ hat sich der Beschuldigte immer eingemischt, Urk. 8/3 S. 10),
nie sei es vorgekommen, dass er mit der Privatklägerin (oder einem seiner andern
Kinder) gemeinsam ferngesehen habe (Prot. II S. 14), nie sei er im Zimmer der
Mädchen gewesen, nur seine Ehefrau (Prot. II S. 14), seine Ehefrau habe ihn nie
als Perversling bezeichnet, die Privatklägerin sei auch nach ihrem Auszug einige
Male zu Besuch gekommen. Diese Generalisierungen gehen an der Realität
vorbei und sind völlig unglaubhaft.
6.2.2 Mehrfach setzte sich der Beschuldigte zudem in Widerspruch zu sich
selbst.
Einerseits will er absolut keine Probleme mit der Privatklägerin gehabt haben,
anderseits gab er an, die Privatklägerin habe bei ihrer Rückkehr von der Schule
immer ein Theater veranstaltet, ihn als Idioten beschimpft, Streit gewollt, und sie
sei mit 13/14 Jahren rundum gegenüber vielen Personen streitsüchtig geworden.
Die Privatklägerin sei komplett aus seinem Herzen ausgetreten, eines (seiner
fünf) Kinder sei gestorben. Er liebe alle gleich. Das Kind, welches gestorben sei,
liebe er am meisten. Er habe sie (die Privatklägerin) immer noch im Herzen.
Im Kontrast zu seiner über mehrere Aussagen hinweg schöngeredeten Vater-
Tochter-Beziehung steht sodann sein erst in der vierten Befragung gemachte
Vorbringen, die Privatklägerin habe ihm bei ihrem Auszug von Zuhause ohne
weitere Begründung erklärt, wenn sie lebe, werde sie dafür sorgen, dass er ins
Gefängnis komme.
Inkonsistent und unglaubhaft sind zudem die diversen Entgegnungen des
Beschuldigten zur Zeugenaussage des ihn belastenden Dolmetschers V._
(vorne Erwägungen II. 3.2, II. 3.3.4, II. 3.5 und Prot. II S. 15 f.).
6.2.3 Im gleichen Atemzug, wie er sich selber als geduldigen Menschen und
guten Vater hinstellte – die Privatklägerin habe alles bekommen, was sie gewollt
habe, er habe alles für sie gemacht bzw. das ganze Leben lang habe er sich nur
für seine Familie, seine Kinder interessiert –, lastete er der Privatklägerin
wiederholt durch nichts belegte negative Eigenschaften und Handlungen an. Über
- 104 -
die bereits genannten hinaus bezeichnete er sie als psychisch krank, sinngemäss
als geizig (von ihrem Verdienst habe sie nichts abgegeben zu Hause und auch
aktuell nicht, während ihm die Beiträge der Sozialhilfe gekürzt worden seien und
es ihm auch heute finanziell schlecht gehe), sie werde von irgendwelchen
Personen gesteuert, er habe gehört, dass sie eine Hure gewesen sei, er habe
nicht gewusst, dass sie auf einer schiefen Bahn sei. Solch demütigende Anwürfe
sind schlicht Lügensignale. Umgekehrt ist das Eigenbild des Beschuldigten,
insbesondere auch vor dem Hintergrund der Zeugeneinvernahmen der weiteren
Familienmitglieder, als lebensfremdes Zerrbild zu verwerfen.
6.2.4 Als reine Ausflüchte und damit unglaubhaft einzustufen sind sodann
besonders betonte Hinweise des Beschuldigten wie: er belüge ihn (den
Staatsanwalt) nicht, ferner, seine Ehefrau und seine Tochter U._ hätten die
Wahrheit gesagt, welche sie nicht von ihm hätten, er habe sie nicht dazu
gebracht, es wäre besser für ihn (den Beschuldigten) gewesen, oder, wenn er
sich umgebracht hätte, als so etwas zu hören, oder, wenn man von ihm verlange,
etwas zu akzeptieren, was er nicht getan habe, könne man ihn ruhig einsperren,
und schliesslich, der Staatsanwalt wisse sehr gut, dass niemand gegen ihn (den
Beschuldigten) ausgesagt habe.
6.2.5 Gewisse Argumentationen des Beschuldigten sind sodann als geradezu
abstrus zu bezeichnen, so zum Beispiel, wenn es darum ginge, dass er die
Privatklägerin wirklich berührt hätte, dann hätte er auch die andern Töchter
berührt, oder, er habe alles für die Privatklägerin gemacht und diese lasse ihn
(den Beschuldigten) nicht einmal in Ruhe sterben, oder, es wäre besser gewesen,
wenn sie ihn (den Beschuldigten) getötet hätte, bzw. (zum Tatvorwurf des
sexuellen Missbrauchs), der grösste Fehler sei, dass er seine Familie hierher
(gemeint in die Schweiz) gebracht habe.
6.2.6 Die durch den Beschuldigten zur Schau gestellte Unwissenheit ist auf der
ganzen Linie unglaubhaft und auch seine Aussagen insgesamt sind für die
Sachverhaltserstellung nicht tauglich.
6.3 Abschliessende Gesamtwürdigung
- 105 -
Die Beschreibungen der Privatklägerin wirken in keiner Weise erfunden, sondern
rundweg aus dem Leben gegriffen und damit sehr glaubhaft. Zweifellos hat sie all
diese Handlungen an den genannten Orten und durch den Beschuldigten am
eigenen Leib erfahren.
Natürlich enthalten die Ausführungen der Privatklägerin auch kleine Unklarheiten
oder Ungereimtheiten, welche von der Verteidigung breit gewalzt wurden und im
freisprechenden vorinstanzlichen Entscheid prominenten Platz einnehmen, so
etwa zur genauen Beschaffenheit des Duschvorhanges (Urk. 46 S. 11), von
welchen es über die Jahre ohnehin mehrere gab (vgl. auch die Zeugenaussage
von U._). Nur deckungsgleiche Wiederholungen durch die Privatklägerin
wären nach der grossen zeitlichen Distanz zu den Vorfällen und ihrem seither
vielfach durchgeschüttelten Lebenslauf indessen mehr als verwunderlich. Solch
sachlich untergeordnete Diskrepanzen ebenso wie gelegentliches Suchen nach
und Ringen um die wirklichkeitsnächste Antwort sowie (durch vertiefende
Befragungen hervorgerufene) Ergänzungen oder Verdeutlichungen im Zuge der
Einvernahmen vermögen das plastische Bild des dargelegten Leidensweges nicht
zu trüben. Vielmehr lassen Nuancen die Aussagen des Opfers als umso
authentischer und gerade nicht konstruiert, wie die Verteidigung im Gleichschritt
mit der Vorinstanz argumentiert (vgl. Urk. 81 S. 3 f.), erscheinen. Massgebend ist,
dass sich die Schilderungen der Privatklägerin zum erlittenen sexuellen
Missbrauch und den vergeblichen Anläufen, diese in der Familie zu thematisieren
und Unterstützung zu finden, insgesamt als überaus stimmig und realitätsgerecht
zeigen, weshalb vorbehaltlos darauf abzustellen ist.
In purem Gegensatz dazu kennzeichnen sich die Zeugenaussagen der
Familienmitglieder durch eine extreme Form von kollektivem Wegschauen,
Unterdrücken, Negieren. Dieser weitestgehend geeinte und fraglos auch
(abgesprochen oder stillschweigend) koordinierte familiäre Auftritt des Nicht-
(mehr)-Wissens entbehrt jeder Glaubhaftigkeit, dies nicht zuletzt deshalb, weil
sich die Übergriffe wie auch die meisten der nachfolgenden, auf verschiedene Art
und Weise offenbarten "Hilfeschreie" der Privatklägerin im hier besonders engen
geografischen und sozialen Raum der Kernfamilie ereigneten.
- 106 -
Wohl beschlägt schon der Verdacht von sexuellem Missbrauch innerhalb der
Familie ein hochsensibles Thema. Das gilt erst recht, wenn wie vorliegend
konkrete Vorwürfe im Raum stehen und dabei die in aller Regel innige Beziehung
des leiblichen Vaters zu seiner eigenen Tochter angesprochen ist. Dass sich
innerhalb der Angehörigen Ungläubigkeit bis hin zu einer geschlossenen Schutz-
oder Verteidigungswand bilden kann, ist nicht von der Hand zu weisen; dies nach
dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und unabhängig von
Lebensanschauung, Ort und Zeit. Es deutet manches darauf hin, dass ein solcher
Mechanismus auch vorliegend Platz gegriffen hat. Eine derartige Solidarität zu
Gunsten eines Beschuldigten mag dann nicht völlig unverständlich sein, wenn
Vorwürfe eine Familie aus heiterem Himmel treffen. Das ist vorliegend jedoch
nicht der Fall, denn das Thema stand viele Jahre im Raum, wurde zusehends
ausgeblendet und gewaltsam erstickt. Ob dies auf eine besonders prägnante
Position des Beschuldigten im Familienverband zurückzuführen ist, wie die
Staatsanwaltschaft vermutet, kann letztlich offen bleiben. Massgeblich für die
Beurteilung bleiben primär die konkreten Aussagen der beiden Direktbeteiligten.
Und hier ergibt sich mit aller Klarheit, dass nur die Schilderungen der
Privatklägerin überaus plausibel, wahrhaftig und nachzuvollziehen sind.
Insoweit die Verteidigung auf genetischen Vorbelastungen der Privatklägerin
verharrt (vgl. Urk. 81 S. 7), setzt sie sich in Kontrast zu den übereinstimmenden
und überzeugenden Fachvoten, welche eine posttraumatische
Belastungsstörung, (primär) verursacht durch den erlittenen sexuellen Missbrauch
in der Kindheit, diagnostizierten. Daraus ist zu schliessen, dass die noch heute
anhaltende emotionale Instabilität der Privatklägerin aufgrund der väterlichen
Delinquenz entstanden ist, zumindest aber durch diese sehr verstärkt wurde.
Wie dargelegt, sind auch die Aussagen des Beschuldigten selber, der sich über
die Bestreitungen hinaus mannigfaltig äusserte, durch etliche Lügensignale und
unrealistische Extrempositionen, haltlose Mutmassungen und unbelegte
Anschwärzungen der einstigen Lieblingstochter geprägt. Sie erweisen sich
ebenso als unglaubhaft und damit der Sache nicht dienlich.
- 107 -
Zur Abrundung und Vermeidung unnötiger Wiederholungen sei auf die bisherigen
Erwägungen und Würdigungen von Zeugenaussagen verwiesen.
7. Es verbleibt kein vernünftiger Zweifel daran, dass der von der Privatklägerin
geschilderte sexuelle Missbrauch durch den Beschuldigten, ihren Vater A._,
in allen Facetten stattgefunden hat und dass die Privatklägerin diese in die
Anklage geflossenen Übergriffe im Kindesalter, d.h. im Verlauf der Jahre 1997
und 1998, in der Familienwohnung in F._ erlitten hat. Der eingeklagte
Sachverhalt ist damit ohne Einschränkung erstellt.
III. Schuldpunkt – Rechtliche Würdigung
1. Der sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1
StGB macht sich schuldig, wer mit einem Kind unter 16 Jahren eine sexuelle
Handlung vornimmt.
2. In objektiver Hinsicht erfüllen die zur Anklage gebrachten Berührungen und
Manipulationen des Beschuldigten an den Geschlechtsteilen der damals zwischen
sieben und neun Jahren alten Privatklägerin einschliesslich der vorgenommenen
Zungenküsse in klarer Weise den Tatbestand der sexuellen Handlungen mit
Kindern. In subjektiver Hinsicht wusste der Beschuldigte um das kindliche Alter
seiner Tochter B._, und er war auch gewillt, sich an seiner Tochter sexuell zu
befriedigen, wobei er das Kind als reines Sexualobjekt benützte.
Da der Beschuldigte seine Tochter mehrmals sexuell missbrauchte, ist vorliegend
von einer mehrfachen Tatbegehung auszugehen.
3. Somit ist der Beschuldigte der mehrfachen sexuellen Handlungen mit
Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
IV. Strafzumessung
1. Strafrahmen
- 108 -
1.1 Wer sich der sexuellen Handlungen mit Kindern schuldig macht, wird mit
Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.
1.2 Mehrfache Tatbegehung kann sich grundsätzlich gemäss Art. 49 Abs. 1
StGB strafschärfend auswirken und vorliegend den oberen ordentlichen
Strafrahmen auf bis zu siebeneinhalb Jahren Freiheitsstrafe öffnen. In den
meisten Fällen ist die tat- und täterangemessene Strafe jedoch grundsätzlich
innerhalb des ordentlichen Strafrahmens der anzuwendenden Strafbestimmung
festzusetzen. Dieser Rahmen ist vom Gesetzgeber in aller Regel sehr weit
gefasst worden, um sämtlichen konkreten Umständen Rechnung zu tragen.
Entgegen einer auch in der Praxis verbreiteten Auffassung wird der ordentliche
Strafrahmen durch Strafschärfungs- oder Strafmilderungsgründe nicht
automatisch erweitert, worauf dann innerhalb dieses neuen Rahmens die Strafe
nach den üblichen Zumessungskriterien festzusetzen wäre. Zwar ist auch in der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung darauf hingewiesen worden, das Gesetz
sehe eine Strafrahmenerweiterung vor (vgl. BGE 116 IV 300 E. 2a S. 302). Damit
sollte aber nur ausgedrückt werden, dass der Richter infolge eines
Strafschärfungs- bzw. Strafmilderungsgrundes nicht mehr in jedem Fall an die
Grenze des ordentlichen Strafrahmens gebunden ist. Der ordentliche Rahmen ist
nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die für die
betreffende Tat angedrohte Strafe im konkreten Fall zu hart bzw. zu milde
erscheint. Die Frage einer Unterschreitung des ordentlichen Strafrahmens kann
sich stellen, wenn verschuldens- bzw. strafreduzierende Faktoren
zusammentreffen, die einen objektiv an sich leichten Tatvorwurf weiter
relativieren, so dass eine Strafe innerhalb des ordentlichen Rahmens dem
Rechtsempfinden widerspräche. Dabei hat der Richter zu entscheiden, in
welchem Umfang er den unteren Rahmen wegen der besonderen Umstände
erweitern will. Der vom Gesetzgeber vorgegebene ordentliche Rahmen ermöglicht
in aller Regel, für eine einzelne Tat die angemessene Strafe festzulegen. Er
versetzt den Richter namentlich in die Lage, die denkbaren Abstufungen des
Verschuldens zu berücksichtigen. Zum Beispiel führt die verminderte
Schuldfähigkeit allein deshalb grundsätzlich nicht dazu, den ordentlichen
Strafrahmen zu unterschreiten. Dazu bedarf es weiterer ins Gewicht fallender
- 109 -
Umstände, die das Verschulden als besonders leicht erscheinen lassen. Nur eine
solche Betrachtungsweise vermag der gesetzgeberischen Wertung des
Unrechtsgehaltes einer Straftat und damit letztlich der Ausgleichsfunktion (auch)
des Strafrechts Rechnung zu tragen (BGE 136 IV 55 E. 5.8; Urteil des
Bundesgerichts 6S.73/2006 E. 3.2 vom 5. Februar 2007; BGE 116 IV 300 E. 2a S.
302; Schwarzenegger/Hug/Jositsch, Strafrecht II, 8. A., Zürich 2007, S. 74).
Das Gericht ist indessen verpflichtet, die Strafschärfungs- oder
Strafmilderungsgründe mindestens straferhöhend bzw. -mindernd zu
berücksichtigen (BGE 121 IV 49, 54 f.; BGE 116 IV 13 f.; BGE 116 IV 300 E. 2a).
Vorliegend besteht kein Anlass, den ordentlichen Strafrahmen zu verlassen, da
sich die Strafe ohne Berücksichtigung des Strafschärfungsgrundes nicht am
oberen Rand des ordentlichen Strafrahmens bewegt. Die Tatmehrheit ist daher im
Rahmen der Tatkomponente straferhöhend zu berücksichtigen (Hug, in:
Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, StGB –Schweizerisches Strafgesetzbuch,
18. A. Zürich 2010, Art. 48a N 4; BGE 136 IV 55 E. 5.8).
1.3 Weitere Strafschärfungsgründe sind nicht ersichtlich. Es bestehen auch
keinerlei Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit gemäss Art. 19
StGB. Auf die Frage nach Strafmilderungsgründen im Sinne von Art. 48 StGB,
insbesondere lit. e dieser Bestimmung, ist noch zurückzukommen. Es besteht
indessen kein Anlass, den ordentlichen Strafrahmen – der hier wie gesehen von
Geldstrafe bis fünf Jahre Freiheitsstrafe reicht – zu verlassen.
2. Strafzumessung
2.1 Innerhalb des genannten Strafrahmens ist die Strafe nach dem Verschulden
des Täters zu bemessen, wobei das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse
sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters zu berücksichtigen sind
(Art. 47 Abs. 1 StGB). Das Verschulden wird nach der Schwere der Verletzung
oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des
Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie
weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die
- 110 -
Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der Begriff des
Verschuldens muss sich jedenfalls auf den gesamten Unrechts- und Schuldgehalt
der konkreten Straftat beziehen. Zu unterscheiden ist zwischen der Tat- und der
Täterkomponente (Hug, a.a.O., Art. 47 N 6). Bei der Tatkomponente sind das
Ausmass des verschuldeten Erfolges, die Art und Weise der Herbeiführung
dieses Erfolges, die Willensrichtung, mit der der Täter gehandelt hat, und die
Beweggründe des Schuldigen zu beachten. Sodann sind für das Verschulden
auch das "Mass an Entscheidungsfreiheit" beim Täter sowie die so genannte
Intensität des deliktischen Willens bedeutsam (Hug, a.a.O., Art. 47 N 11). Je
leichter es für ihn gewesen wäre, die Norm zu respektieren, desto schwerer wiegt
die Entscheidung gegen sie und damit seine Schuld (BGE 6S.270/2006 vom 5.
September 2006, E. 6.2.1; BGE 6S.43/2001 vom 19. Juni 2001, E. 2 und BGE
6S.333/2004 vom 23. Dezember 2004, E. 1.1; BGE 122 IV 241 und Pra 2001 S.
832 lit. a;
Stratenwerth, Schweizerisches Strafrecht, AT II, 2. A., Bern 2006, S. 179 N 13;
Trechsel/Affolter-Eijsten, in: Trechsel/Pieth [Hrsg.], Schweizerisches
Strafgesetzbuch – Praxiskommentar, 2. A., Zürich/St. Gallen 2013, Art. 47 N 21).
2.2 Vorerst ist die objektive Tatschwere als Ausgangskriterium für die
Verschuldensbewertung festzulegen und zu bemessen. Es gilt zu prüfen, wie
stark das strafrechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt worden ist.
Darunter fallen etwa das Ausmass des Erfolges (Deliktsbetrag, Gefährdung,
Risiko, Sachschaden etc.) sowie die Art und Weise des Vorgehens. Von
Bedeutung ist auch die kriminelle Energie, wie sie durch die Tat und die
Tatausführung offenbart wird (Wiprächtiger/Keller, in: Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.],
Basler Kommentar, Strafrecht I, 3. A., Basel 2013, Art. 47 N 90 ff.;
Trechsel/Affolter-Eijsten, a.a.O., Art. 47 N 18 ff.).
Bei der Bewertung des subjektiven Verschuldens stellt sich die Frage, wie dem
Täter die objektive Tatschwere tatsächlich anzurechnen ist. Der Richter hat im
Urteil darzutun, welche verschuldensmindernden und welche verschuldens-
erhöhenden Gründe im konkreten Fall gegeben sind, um so zu einer Gesamt-
einschätzung des Tatverschuldens zu gelangen. Dazu gehören wie erwähnt die
- 111 -
Frage der Schuldfähigkeit (Art. 19 StGB) sowie das Motiv. Unter anderem trifft
denjenigen ein geringerer Schuldvorwurf, dem lediglich eventualvorsätzliches
Handeln anzulasten ist (Art. 12 Abs. 2 StGB) oder der die Tat durch Unterlassung
begeht (Art. 11 Abs. 4 StGB).
2.3 Tatkomponente
2.3.1 Objektive Tatschwere
2.3.1.1 Der Beschuldigte hat zahlreiche sexuelle Handlungen unterschiedlichen
Schweregrades an seiner Tochter vorgenommen. Vor allem der physische
Einbezug des Kindes in sein eigenes Masturbieren, das Ausgreifen in ihrem
Vaginalbereich und ganz besonders das Eindringen mit einem Finger in ihre
Vagina samt den anschliessenden schnellen Hin- und Herbewegungen – auch
aus Sicht der Privatklägerin das Schlimmste, was ihr wiederfahren ist, und
überdies noch sehr schmerzhaft – erweisen sich innerhalb der grossen
Bandbreite möglicher sexueller Handlungen als gravierend. Eine derartige
Fingerpenetration ist als beischlafs-ähnliche Handlung zu qualifizieren. Als
beischlafsähnliche Handlungen gelten solche Verhaltensweisen, bei denen das
(primäre) Geschlechtsteil einer der beteiligten Personen mit dem Körper der
andern Person in so enge Berührung kommt, dass sie in ihrer Intensität dem
"natürlichen Beischlaf ähnlich sind"; gemeint sind demgemäss in erster Linie (aber
nicht nur) oral- und analgenitale Praktiken (BGE 86 IV 178 f.; Maier, in:
Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar, Strafrecht II, 3. A., Basel 2013,
Art. 189 N 50 mit zahlreichen Hinweisen; Trechsel/Bertossa, in: Trechsel/Pieth
[Hrsg.], Schweizerisches Strafgesetzbuch – Praxiskommentar, 2. A., Zürich/St.
Gallen 2013, Art. 189 N 9).
Bei beischlafsähnlichen Handlungen hat sich das Gericht gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung am Strafrahmen von Art. 190 StGB zu
orientieren, da der Unrechtsgehalt einer solch erzwungenen Handlung
demjenigen einer Vergewaltigung gleichkommt (vgl. BGE 132 IV 126 betreffend
erzwungenem Oralverkehr). Im Ergebnis bedeutet dies, dass in casu für die
Fingerpenetration eine Mindeststrafe von einem Jahr nicht unterschritten werden
- 112 -
darf, bzw., dass die Strafe auch im Einzelfall unter Berücksichtigung der
gesamten Umstände nicht wesentlich geringer sein darf als die Strafe, die das
Gericht unter denselben Umständen für eine Vergewaltigung ausgesprochen
hätte (Maier, a.a.O., Art. 189 N 49 und 51). Die genannte Rechtsprechung des
Bundesgerichts bringt zum Ausdruck, dass das Verschulden von jemandem, der
eine andere Person zum Oralverkehr zwingt, schwerer wiegt als von jemandem,
der eine sexuelle Nötigung begeht, welche nicht als beischlafsähnliche Handlung
zu qualifizieren ist. Die Verletzung der sexuellen Integrität durch einen
erzwungenen Oralverkehr wiegt im Rahmen des Tatbestandes der sexuellen
Nötigung besonders schwer. Nicht anders verhält es sich, wenn der Täter – wie
hier – eine vaginale Fingerpenetration in der umschriebenen Art vornimmt, sei es
im Rahmen des Tatbestandes der sexuellen Nötigung oder jenes der sexuellen
Handlungen mit Kindern. Zudem fügte der Beschuldigte seiner Tochter mit dieser
gewichtigsten Handlung auch erheblichen körperlichen Schmerz zu. Die Vielzahl
von Handlungen, welche sich über einen längeren Zeitraum ereigneten, wirkt sich
straferhöhend aus.
2.3.1.2 Die Übergriffe sind umso gravierender, als die Privatklägerin mit erst
sieben bis neun Jahren noch jung war. Als leiblicher Vater und damit wichtige
Bezugsperson aus der engsten Beziehungssphäre des Kindes hat der
Beschuldigte mit seinen Tathandlungen das naturgemäss vorhandene Vertrauen
seiner arg- und wehrlosen Tochter schändlich missbraucht und die zuvor sehr
gute Vater-Tochter-Beziehung unwiederbringlich zerstört. Gleichzeitig hat er
durch sein Verhalten seine elterliche Fürsorgepflicht schwer verletzt. An die Stelle
einer engen Beziehung traten seitens der Privatklägerin abgrundtiefer Hass
gegenüber dem Vater und Verzweiflung aufgrund ihrer zunehmenden
innerfamiliären Isolierung. Parallel zum Vertrauensverlust büsste die
Privatklägerin bereits in relativ früher Kindheit und im Kreise der eigenen Familie,
dem wichtigsten Ort der Geborgenheit, viel Lebensqualität ein. Über blosses
Bestreiten hinaus stempelte der Beschuldigte sie als Lügnerin ab, ging in ihrer
späteren Kindheit auch physisch gegen sie vor (was vorliegend zwar nicht explizit
eingeklagt, aber dennoch erwiesen ist) und prophezeite ihr hemmungslos, dass
sie mit ihrem Klagen nirgends Gehör finden werde. Neben diesen zusätzlichen
- 113 -
Erniedrigungen hielt er nicht im Geringsten gegen die Ausgrenzung seiner
jüngsten Tochter aus dem Familienverband. Schliesslich ging die Verbindung der
Privatklägerin zur ganzen Familie in die Brüche, wodurch das erlittene psychische
Trauma bis heute perpetuiert wird und damit seelische Langzeitauswirkungen mit
sich bringt. Die Privatklägerin ist nunmehr auf sich alleine gestellt und muss damit
leben, dass ihr Vater als Peiniger nicht zu seinen Taten steht. Der
Vertrauensmissbrauch durch den Beschuldigten lässt den sexuellen Missbrauch
angesichts auch dieser gesamten Folgeerscheinungen als ganz besonders
verwerflich erscheinen (Wiprächtiger/Keller, a.a.O., Art. 47 N 111 f.).
2.3.1.3 Die Art und Weise des Vorgehens durch den Beschuldigten zeugt von
dreister Eskalation und auch Hinterhältigkeit. Zuerst zog er seine zur Tageszeit
durchgeführten Handlungen spielerisch-lustig auf, ging relativ sanft vor und drang
nicht unter die Kleider seines Opfers vor. Dann verfiel er in gröberes und
beharrendes Tun, indem er seine Tochter zum Beispiel am Handgelenk oder am
Gesäss packte, kräftiger an der Scham massierte, sich auch über erkennbare
verbale Abwehr ("hör auf") sowie körperlichen Widerstand (verkrampfen)
hinwegsetzte und schliesslich des Nachts heimlich ins Kinderzimmer schlich, das
schlafende Kind regelrecht überfiel und sich an ihm verging. Dabei machte er sich
schamlos zunutze, dass sich die unwissende und überraschte Tochter auch aus
Rücksicht auf die übrige Familie nicht (lautstark) wehrte. Immerhin kam es bei der
Privatklägerin zu keinen körperlichen Verletzungen.
2.3.1.4 Das objektive Tatverschulden wiegt sehr erheblich. Die Einsatzstrafe liegt
jedenfalls im mittleren Drittel des Strafrahmens, im Bereich von 30 Monaten
Freiheitsstrafe.
2.3.2 Subjektive Tatschwere
In subjektiver Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschuldigte mit direktem
Vorsatz und bei intakter Schuldfähigkeit handelte. Der Beschuldigte wusste sehr
wohl, was er tat. Dabei ging es ihm einzig um die Befriedigung seiner sexuellen
Bedürfnisse, und er hat seine Tochter B._ als reines Sexualobjekt benützt.
- 114 -
Sein Motiv war daher rein egoistischer Natur. Seine Entscheidungsfreiheit war in
keiner Weise eingeschränkt, und er legte einige kriminelle Energie an den Tag.
Die objektive Tatschwere wird durch die subjektive Komponente nicht erhöht.
2.3.3 Zeitablauf seit den Taten
Die vorliegend zu ahnenden Taten liegen mittlerweile ca. eineinhalb Jahrzehnte
zurück. Der Beschuldigte hat sich – abgesehen von einem SVG-Vergehen, wofür
er am 30. November 2011 mit Strafbefehl des Ministère public du canton de
Fribourg mit einer Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu Fr. 20.– (bedingt,
Probezeit zwei Jahre) und Fr. 500.– Busse belegt wurde (Urk. 67) – soweit
ersichtlich wohl verhalten. Unter diesen Umständen rechtfertigt es sich,
angesichts der heilenden Kraft der Zeit von einem geringeren Strafbedürfnis
auszugehen und den Zeitablauf deutlich strafreduzierend zu berücksichtigen
(Wiprächtiger/Keller, a.a.O., Art. 48 N 40 f.).
Angesichts des dargelegten Tatverschuldens wäre zwar eine Einsatzstrafe im
Bereich von 30 Monaten Freiheitsstrafe angezeigt. Aufgrund der grossen
zeitlichen Distanz erscheint es jedoch in Überreinstimmung mit der
Staatsanwaltschaft angemessen, die Einsatzstrafe auf 18 Monate Freiheitsentzug
festzusetzen.
2.4 Täterkomponente
Die Täterkomponente (vgl. Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB) umfasst das Vorleben, die
persönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat und im Strafverfah-
ren. Bei der Beurteilung des Vorlebens fallen einerseits früheres Wohlverhalten,
andererseits Zahl, Schwere und Zeitpunkt von Vorstrafen ins Gewicht. Unter dem
Gesichtspunkt der persönlichen Verhältnisse ist etwa zu berücksichtigen, ob sich
der Täter im Strafverfahren kooperativ verhielt, ob er Reue und Einsicht zeigte, ob
er mehr oder weniger strafempfindlich ist.
2.4.1 Werdegang und persönliche Verhältnisse
- 115 -
Zur Biografie des Beschuldigten ergibt sich aufgrund seiner Angaben (vgl. Urk.
3/1 S. 1 ff.; Urk. 3/4 S. 17 ff.; Urk. 42 S. 1 ff.; Prot. II S. 7 ff.), dass er am tt. Mai
1956 in ... (Gemeinde ...) im Kosovo geboren wurde und mit mehreren
Geschwistern aufwuchs. Ab 1962 lebte er 30 Jahre in Mazedonien. Während acht
Jahren besuchte er die Grundschule, eine Berufsausbildung machte er nicht. Er
ist seit 1984 mit AA._, geb. ... [Ledigname] verheiratet und hat mit dieser fünf
gemeinsame Kinder. 1977 kam er erstmals als Tourist in die Schweiz, 1978
arbeitete er hier als Saisonnier und 1980 erhielt er die
Jahresaufenthaltsbewilligung B und heute besitzt er die Niederlassung C. Seit
1995 leben auch Frau und Kinder in der Schweiz, der jüngste, heute 16 Jahre alte
Sohn wurde hier geboren. Bei diversen Firmen im Zürcher Oberland sowie bei der
Gemeinde F._ betätigte sich der Beschuldigte als Hilfsarbeiter hauptsächlich
auf dem Bau und im Transportbereich. Sein letztes geregeltes
Erwerbseinkommen, ca. Fr. 4'600.– netto, erzielte er im September 2006. Ab
dann lebte er ganz oder teilweise vom Sozialamt. Seit Januar 2013 ist er mit
einem Pensum von ca. 30 % auf Abruf bei der Firma AG._ tätig und verdient
dabei etwa Fr. 1'000.–. Zudem verrichtet er für Fr. 200.– pro Monat Arbeiten als
Hauswart. Das Erwerbseinkommen seiner Ehefrau beträgt Fr. 1'200.– bis Fr.
1'500.–. Im Umfang von ca. Fr. 3'000.– wird der Beschuldigte vom Sozialamt
unterstützt. Er hat Schulden von etlichen Tausend Franken, namentlich bei
Verwandten und seiner Wohngemeinde. Der Beschuldigte wohnt seit vielen
Jahren an der gleichen Wohnadresse in F._ in einer Dreieinhalb-
Zimmerwohnung bei einer monatlichen Miete von 1'370.–.
Insgesamt lässt sich der Lebensgeschichte des Beschuldigten nichts entnehmen,
was sich auf die Strafzumessung auswirken würde.
2.4.2 Vorstrafenlosigkeit
Der Beschuldigte war zur Zeit der Tatbegehungen in der Schweiz nicht
vorbestraft. Da die Vorstrafenlosigkeit gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung dem Normalfall entspricht (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_390/2009 vom 14. Januar 2010 E. 2.6), rechtfertigt sich keine Strafreduktion.
- 116 -
2.4.3 Nachtatverhalten
Bei der Strafzumessung ist auch das Nachtatverhalten eines Täters zu beachten.
Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im Strafverfahren. Insbesondere
wirken ein Geständnis, das kooperative Verhalten eines Täters bei der Aufklärung
von Straftaten sowie die Einsicht und aufrichtige Reue strafmindernd (Trechsel/
Affolter-Eijsten, a.a.O., Art. 47 N 22 ff.; Wiprächtiger/Keller, a.a.O., Art. 47 N 167
ff.).
Der Beschuldigte ist weder geständig noch hat er Anzeichen von Reue und
Einsicht gezeigt. Im Gegenteil hat er sich nicht einmal gescheut, die Privatklägerin
auch noch als erwachsene Person in ein schlechtes Licht zu stellen (Andeutung,
sie habe sich als Hure betätigt und befinde sich auf einer schiefen Bahn). Das
Nachtatverhalten entlastet den Beschuldigten daher keinesfalls. Es ist
strafzumessungsneutral zu werten.
2.4.4 Strafempfindlichkeit
Der Beschuldigte ist weder alt noch krank, wenn man von den kleineren
gesundheitlichen Beeinträchtigungen absieht, die jeden Menschen seiner
Alterskategorie so oder anders irgendwann ereilen. Unterhaltspflichten hat er nur
noch in geringem Umfang. Eine besondere Strafempfindlichkeit ist nicht
ersichtlich.
2.4.5 Der Vollständigkeit halber ist anzufügen, dass auch im Herkunftsland des
Beschuldigten Frauen und Kinder vor sexuellen Übergriffen geschützt sind, was
der Beschuldigte wusste und auch damit zum Ausdruck brachte, dass nur
psychisch kranke Menschen so etwas machen würden. Eine Strafminderung
wegen eines allfälligen "Kulturkonflikts" ist daher von vornherein ausgeschlossen.
Der Beschuldigte ist insoweit nicht anders zu behandeln als ein Schweizer oder
irgend ein Westeuropäer (Maier, a.a.O., Art. 189 N 54 mit Hinweis auf Urteil des
Bundesgerichts 6S.219/1999 vom 13. Oktober 1999 [= Pra 2000 Nr. 36 S. 198];
Urteil des Bundesgerichts 6S.373/2005 vom 25. März 2006 E. 1.2).
2.4.6 Die Täterkomponente bleibt im Ergebnis ohne Einfluss auf das Strafmass.
- 117 -
2.5 Fazit
Ausgehend von der im Rahmen der Tatkomponente festgesetzten Einsatzstrafe
von 18 Monaten Freiheitsstrafe und unter Berücksichtigung des Umstandes, dass
sich die Täterkomponente strafzumessungsneutral auswirkt, resultiert eine dem
Verschulden und den persönlichen Verhältnissen angemessene Freiheitsstrafe
von 18 Monaten. Die ausgestandene Haft von 246 Tagen ist gemäss Art. 51 StGB
auf diese Strafe anzurechnen.
V. Vollzug
Die objektiven und subjektiven Voraussetzungen für die Gewährung des
bedingten Strafvollzuges sind vorliegend erfüllt (Art. 42 Abs. 1 StGB). Der
Staatsanwaltschaft folgend ist dem Beschuldigten daher der bedingte Strafvollzug
zu gewähren. Die Probezeit ist auf zwei Jahre festzusetzen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschuldigte die Kosten der
Untersuchung, des erstinstanzlichen Gerichtsverfahrens und des
Berufungsverfahrens, ohne Kosten der amtlichen Verteidigung, einschliesslich
Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung der Privatklägerin, zu tragen (vgl.
dazu Art. 422 StPO, Art. 426 Abs. 1 StPO und Art. 428 Abs. 1 StPO). Die vom
amtlichen Verteidiger (Fr. 5'025.35 [Urk. 82]) und von der unentgeltlichen
Rechtsvertreterin der Privatklägerin (Fr. 9'758.50 und Fr. 628.80 [Urk. 77]) geltend
gemachten Beträge stehen im Einklang mit den Ansätzen der AnwGebV und sind
angemessen. Die Pflicht zur Rückzahlung der Kosten der amtlichen Verteidigung
ist vorzubehalten (Art. 135 Abs. 4 StPO).
- 118 -