Decision ID: 28d4bad4-6812-4e4d-998f-043084f25f85
Year: 2015
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Fürsprecher Marco Büchel, LL.M., K & B Rechtsanwälte,
Freudenbergstrasse 24, Postfach 213, 9240 Uzwil,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a A._ war seit 1992 bei der B._ AG bzw. C._ AG als Mitarbeiter im
Transportwesen tätig. Das Arbeitsverhältnis wurde von der Arbeitgeberin aus
wirtschaftlichen Gründen per 30. Juni 2009 gekündigt (IV-act. 14). Am 19. Mai 2009
meldete sich der Versicherte wegen Rückenschmerzen und psychischen Problemen
bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung (berufliche Integration, Rente) an (IV-act. 4).
A.b Dr. med. D._, Fachärztin für Arbeitsmedizin FMH, vom Regionalen Ärztlichen
Dienst (RAD) hielt nach einem Gespräch mit dem Hausarzt des Versicherten, Dr. med.
E._, Allgemeine Medizin FMH, mit Protokoll vom 29. Mai 2009 folgende Diagnosen
fest: Diskusprolaps L5/S1 seit Jahren, Diskushernie beidseits und mittelgradige
depressive Episode. Die Vermittelbarkeit des Versicherten bei der Regionalen
Arbeitsvermittlung (RAV) liege gegenwärtig bei 50% und beziehe sich auf leichte
Tätigkeiten, die aber noch gesteigert werden könne. Die angestammte leichte Tätigkeit
als Staplerfahrer sei eigentlich ideal gewesen (IV-act. 15). Die IV-Stelle gewährte dem
Versicherten daraufhin gemäss Mitteilung vom 2. November 2009 (IV-act. 31)
Unterstützung bei der Stellensuche (Arbeitsvermittlung).
A.c Am 8. Januar 2010 teilte die Helsana Versicherung AG der IV-Stelle mit, dass die
von ihr in Auftrag gegebene psychiatrische und rheumatologische Abklärung eine volle
Arbeitsfähigkeit des Versicherten ergeben habe und sie die Krankentaggeldleistungen
am 23. Januar 2010 einstellen werde (IV-act. 34; vgl. auch IV-act. 44-5). Der RAD
bestätigte, dass auf diese medizinische Abklärung auch im IV-Verfahren abgestützt
werden könne. Der Versicherte sei demnach mindestens seit 15. Januar 2010 in
leidensadaptierter Tätigkeit wieder zu 100% arbeitsfähig (IV-act. 36). Die IV-Stelle
zeigte dem Versicherten daraufhin mit Vorbescheid vom 1. April 2010 an, dass kein
Anspruch auf berufliche Massnahmen und Rentenleistungen bestünde (IV-act. 40).
A.d Der Versicherte erhob gegen den Vorbescheid am 20. Mai 2010 Einwand und
verlangte, es sei die von ihm beim F._ angeforderte Stellungnahme zum inzwischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingetroffenen psychiatrischen Untersuchungsbericht von Dr. G._, Facharzt FMH
Psychiatrie und Psychotherapie, vom 29. März 2010, welchen die Helsana zusätzlich
veranlasst habe, abzuwarten. Danach sei eine umfassende Begutachtung samt
Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit in Auftrag zu geben. Es bestünden
begründete Zweifel an den medizinischen Grundlagen des Entscheids des
Krankentaggeldversicherers, wofür insbesondere auf die Arztberichte der Neurologie
des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) vom 30. September 2009 (IV-act. 44-6 ff) und
von Dr. med. H._, Spezialarzt FMH für Chirurgie, Wirbelsäulenleiden,
Schleudertrauma und orthopädische Traumatologie vom 27. April 2010 (IV-act. 44-25
f), verwiesen werde (IV-act. 44).
A.e Der RAD kam nach Prüfung der medizinischen Unterlagen zum Schluss, dass sich
der Gesundheitszustand des Versicherten seit dem Vorbescheid vom 1. April 2010
nicht relevant verschlechtert habe. Die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit sei jedoch nur
unter Berücksichtigung der einzelnen Disziplinen erfolgt. Es fehle eine
Gesamtbeurteilung der verschiedenen Disziplinen, weshalb eine polydisziplinäre
Begutachtung durchzuführen sei (Stellungnahme vom 5. Juli 2010; IV-act. 45). Die IV-
Stelle gab daraufhin beim Ärztlichen Begutachtungsinstitut (ABI) ein medizinisches
Gutachten in Auftrag (IV-act. 46 und 50).
B.
B.a Am 13. Oktober 2010 führte das ABI beim Versicherten eine internistisch/allge
meinmedizinische, psychiatrische und orthopädische Untersuchung durch. Es stellte
folgende Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit: chronisches lumbovertebrales
Schmerzsyndrom ohne klare radikuläre Symptomatik und chronische Nacken-Schulter-
Arm-Schmerzen der adominanten linken Seite ohne radikuläre Symptomatik. Ohne
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit lägen eine Anpassungsstörung mit vorwiegender
Beeinträchtigung von anderen Gefühlen, eine Schmerzverarbeitungsstörung mit
Symptomausweitung und anamnestisch rezidivierende Migränekopfschmerzen vor.
Aufgrund der somatischen Einschränkungen bestehe eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Staplerfahrer und in anderen
körperlich mittelschweren oder schweren Tätigkeiten. Für körperlich leichte adaptierte
Tätigkeiten sei hingegen eine uneingeschränkte Arbeits- und Leistungsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegeben (Gutachten vom 8. November 2010; IV-act. 63). Der RAD schloss sich in
seiner Stellungnahme vom 3. Dezember 2010 der gutachterlichen Einschätzung des
ABI an (IV-act. 64).
B.b Mit Vorbescheid vom 21. Oktober 2011 zeigte die IV-Stelle dem Versicherten an,
dass kein Anspruch auf berufliche Massnahmen bestünde; betreffend Rentenleistung
würde eine separate Verfügung erfolgen (IV-act. 79). Nachdem der Versicherte
dagegen keinen Einwand erhoben hatte, verfügte die IV-Stelle am 9. Dezember 2011
die Abweisung des Leistungsbegehrens um berufliche Massnahmen (IV-act. 80). Die
Verfügung blieb unangefochten.
B.c Mit Vorbescheid vom 8. Juni 2012 zeigte die IV-Stelle dem Versicherten
schliesslich an, dass ein Anspruch auf Rentenleistungen nicht begründet sei. In
leidensadaptierter Tätigkeit sei er zu 100% arbeitsfähig (IV-act. 94). Der Versicherte
erhob dagegen Einwand und verlangte weitere medizinische Abklärungen. Er verwies
auf einen Bericht des MZL vom 17. April 2012 (IV-act. 87), der ihm in
leidensangepasster Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 50% attestiere und im
Widerspruch zum ABI-Gutachten stehe. Eine Arbeitsfähigkeit des Versicherten von
lediglich 50% sei auch in einer Stellungnahme des MZL vom 8. September 2011
bestätigt worden. Diese Einschätzung hätte dem ABI zumindest zur Stellungnahme
unterbreitet werden müssen (Einwand vom 15. August 2012; IV-act. 95).
B.d Mit Verfügung vom 23. August 2012 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab. Der
Einwand enthalte keine neuen Aspekte bzw. die vorgebrachten Gesundheitsschäden
seien im ABI-Gutachten bereits berücksichtigt worden (IV-act. 96).
C.
C.a Mit Eingabe vom 26. September 2012 erhob der Beschwerdeführer gegen die
Verfügung vom 23. August 2012 Beschwerde mit dem Antrag, die Verfügung sei
aufzuheben, es sei ein bidisziplinäres Obergutachten in Auftrag zu geben oder die
Angelegenheit sei an die Beschwerdegegnerin zur Durchführung einer bidisziplinären
Begutachtung zurückzuweisen, und es sei dem Beschwerdeführer rückwirkend ab 1.
Oktober 2009 mindestens eine halbe Rente zu entrichten; unter Kosten- und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entschädigungsfolge. Der Beschwerdeführer beanstandet, dass die
Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung auf seine Einwendungen vom
15. August 2012 nicht eingegangen sei und damit das rechtliche Gehör verletzt habe.
Er reichte zudem eine weitere Beurteilung des MZL vom 7. September 2012 ein, worin
ihm erneut eine Arbeitsfähigkeit von 50% attestiert wird (act. G 1.1-3). Mit Verweis
darauf bringt er vor, dass erhebliche Zweifel am ABI-Gutachten bestünden. Weil sich
diese beiden gleichwertigen Gutachten widersprächen, müsse ein neues Gutachten
eingeholt werden (act. G 1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 10. Dezember 2012 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 4).
C.c Mit Replik vom 24. Januar 2013 hält der Beschwerdeführer an seinen Begehren
und Ausführungen fest (act. G 6). Die Beschwerdegegnerin erklärt mit Schreiben vom
1. März 2013, auf eine Duplik zu verzichten (act. G 8).
C.d Mit nachträglicher Eingabe vom 19. Dezember 2014 reichte der
Beschwerdeführer einen Verlaufsbericht des F._ vom 10. Dezember 2014 ein und
präzisierte gestützt darauf den Antrag auf Rentenzusprache dahingehend, dass dem
Beschwerdeführer ab 1. August 2009 mindestens eine halbe und ab 1. Januar 2011
eine ganze Rente zu entrichten sei (act. G 10 und G 10.1).

Erwägungen:
1.
Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, weil sich die
Beschwerdegegnerin mit den Vorbringen in seinem Einwand nicht auseinandergesetzt
habe. Wesentlicher Bestandteil des verfassungsrechtlichen Gehörsanspruchs bildet die
Begründungspflicht. Diese verlangt nicht, dass sich die Verwaltung mit jeder
tatbeständlichen Behauptung der rechtsuchenden Partei ausdrücklich befasst.
Erforderlich ist jedoch, dass die rechtsuchende Partei durch die Begründung in die
Lage versetzt wird, die wesentlichen Überlegungen, welche der Verfügung zu Grunde
liegen, nachzuvollziehen, um diese gegebenenfalls sachgerecht anzufechten (BGE 124
V 181 E. 1a). In der angefochtenen Verfügung äusserte sich die Beschwerdegegnerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dahingehend, dass der Einwand keine neuen gesundheitlichen Aspekte benenne. Die
entsprechenden Gesundheitsschäden seien im Gutachten des ABI berücksichtigt
worden. Die Stellungnahme zum Einwand ist zwar sehr knapp ausgefallen; sie
vermittelte jedoch dem Beschwerdeführer im Kontext mit den verschiedenen
medizinischen Unterlagen die Kenntnis, dass die Beschwerdegegnerin die im Einwand
genannten Diagnosen und die Einschätzung einer 50%igen Arbeitsfähigkeit
entsprechend der Beurteilung durch das F._, wie sie auch schon in früheren
Berichten abgegeben worden war, nicht als taugliche Beweisgrundlage erachtete, um
das ABI-Gutachten in Frage zu stellen. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs, welche
als formeller Mangel ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde zu einer
Aufhebung der angefochtenen Verfügung führen kann (BGE 124 V 183 E. 4a), liegt
damit nicht vor.
2.
Streitig und zu prüfen ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente.
2.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Sie kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]).
2.2 Anspruch auf eine Rente haben Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die
Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können,
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40%
arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) sind und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40%
invalid (Art. 8 ATSG) sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht ein
Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu
70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 %, auf eine halbe Rente,
wenn sie mindestens zu 50%, und auf eine Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40%
invalid ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Der Versicherungsträger prüft die Begehren, nimmt die notwendigen Abklärungen
von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein (Art. 43 Abs. 1 ATSG).
Für das gesamte Verwaltungs- und Beschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das Gericht die Beweise
frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das
Gericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden hat, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches
gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden medizinischen
Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen
und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht auf die andere
medizinische These abstellt.
2.4 Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a). Ein diesen Beweisanforderungen
genügendes Gutachten, das im Verwaltungsverfahren eingeholt wurde, kann nicht in
Frage gestellt werden, wenn und sobald die behandelnden Ärzte nachher zu einer
unterschiedlichen Beurteilung gelangen oder an vorgängig geäusserten abweichenden
Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich, wenn objektiv feststellbare
Gesichtspunkte vorgebracht werden, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt
geblieben waren und die geeignet sind, zu einer anderen Beurteilung zu führen (Urteil
des Bundesgerichtes vom 29. Juli 2008, 9C_830/2007 E. 4.3 mit Hinweisen).
3.
Zu prüfen ist zunächst, ob die vorliegende medizinische Aktenlage eine hinreichende
Grundlage für die Beurteilung eines allfälligen Rentenanspruches bietet.
3.1 Ausschlaggebende medizinische Grundlage für die Beurteilung des Rentengesuchs
bildete für die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung das ABI-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten vom 8. November 2010 (IV-act. 63). Dieses basiert auf einer internistisch-
allgemeinmedizinischen, orthopädischen und psychiatrischen Untersuchung.
Gesamthaft schätzen die ABI-Ärzte den Beschwerdeführer für körperlich leichte,
adaptierte Tätigkeiten als uneingeschränkt arbeits- und leistungsfähig ein, wobei die
Tätigkeiten unter Wechselbelastung erfolgen und kein Heben und Tragen von Lasten
über 10 kg umfassen sollten.
3.1.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, dass gemäss Berichten von Dr. H._ vom
27. April 2010 und des F._ vom 23. Juni 2010 bereits aus somatischer Sicht eine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 50% bestehe. Auf das Gutachten des ABI
könne nicht abgestellt werden. Auch fehle in Anbetracht der erheblichen
Rückenproblematik eine Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (act. G 1 und G
6). Hinsichtlich des somatischen Leidens des Beschwerdeführers diagnostizierten die
behandelnden Ärzte in den bisherigen Berichten einhellig ein lumbovertebrales
(Schmerz-)Syndrom - so der behandelnde Dr. H._ (IV-act. 44-25 f), das
Palliativzentrum des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG; IV-act. 60-1 f), die
Neurochirurgie des KSSG (IV-act. 60-5 f), die Neurologie des KSSG (IV-act. 60-7 ff) und
auch der für die Helsana begutachtende Dr. med. I._, Spezialarzt FMH für Innere
Medizin und für physikalische Medizin und Rehabilitation, speziell
Rheumaerkrankungen (Bericht vom 1. Dezember 2009; act. G 4.2). Während Dr. H._
und der Hausarzt Dr. E._ (act. G 4.2) daraus eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers um 50% ableiteten, beurteilte Dr. I._ den Beschwerdeführer
als in einer leichten Tätigkeit vollständig arbeitsfähig. Auch die Neurologie des KSSG
nahm eine Arbeitsfähigkeit für leichte Arbeiten von 100% an.
3.1.2 Die (somatische) Untersuchung der ABI-Ärzte ergab ebenfalls ein chronisches
lumbovertebrales Schmerzsyndrom (ohne klare radikuläre Symptomatik) sowie
chronische Nacken-Schulter-Arm-Schmerzen. Fernerhin bestehe ein Verdacht auf
Schmerzausweitung; diese habe jedoch keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Die
vom Beschwerdeführer angegebenen, äusserst diffusen und weder anamnestisch noch
klinisch klar fassbaren Beschwerden könnten im Ergebnis durch die Untersuchung und
die vorliegenden radiologischen Bilddokumente keinesfalls vollständig begründet
werden. Auch das fehlende Ansprechen auf wiederholte konservative
Therapiemassnahmen, Infiltrationen sowie die mittlerweile langdauernde körperliche
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schonung könnten als klarer Hinweis auf eine erhebliche nicht-organische
Beschwerdekomponente angesehen werden. Die radiologische Untersuchung habe
keine Hinweise für eine Instabilität der lumbalen Wirbelsäule ergeben. Auch aus
neurologischer Sicht würden keine klaren pathologischen Hinweise im Bereich des
peripheren Nervensystems vorliegen.
3.1.3 Zur Einschätzung von Dr. H._, der eine Arbeitsunfähigkeit von 50% erkannte
(Bericht vom 27. April 2010, IV-act. 44-25 f), erklären die ABI-Ärzte, dass die
Funktionsaufnahmen der LWS keinerlei Hinweise auf die (von Dr. H._) genannte
"deutliche Retrolisthese" ergeben habe. Auch eine foraminale Einengung LWK5/SWK1
könne keinesfalls bestätigt werden. Der Beurteilung von Dr. H._ könne daher nicht
gefolgt werden.
3.1.4 Weiter geht auch aus dem mit der Beschwerde eingereichten Bericht des F._
vom 7. September 2012 (act. G 1.1.3) kein anderes Ergebnis hervor. In diesem Bericht
erklärt Dr. H._ erneut, dass der Beschwerdeführer (nur) zu 50% arbeitsfähig sei. Sein
Teilbericht stellt indes eine weitgehend wörtliche Wiedergabe seiner bisherigen
Berichte dar. Neue Erkenntnisse und Befunde oder eine Begründung der
abweichenden Beurteilung liegen nicht vor. Diese (gemeinsam mit dem Hausarzt)
eingenommene, allein abweichende Haltung vermag daher das Ergebnis des ABI-
Gutachtens in somatischer Hinsicht nicht in Frage zu stellen.
3.1.5 In dem schliesslich mit nachträglicher Eingabe eingereichten F._-Verlaufs
bericht vom 10. Dezember 2014 (act. G 10.1) verweist Dr. H._ auf eine MRI-
Untersuchung vom 10. April 2014, welche als Befund leichtgradige degenerative
Veränderungen der LWS mit Betonung des Segmentes L5/S1 mit Segmentkollaps und
rezessaler Stenose beidseits mit Betonung rechts und Reizung der absteigenden
Nervenwurzel L5 beidseits ergeben habe (Bericht S. 6). Der Orthopäde Dr. J._
schreibt im Zusammenhang mit dieser MRI-Untersuchung von einer rechtsbetonten
leichten rezessalen Stenose mit der Möglichkeit einer Wurzelreizung, was die
erhobenen Einschränkungen teilweise erkläre (Bericht S. 6). Im Rahmen einer
Konsensbeurteilung aus somatischer Sicht wurde dem Beschwerdeführer von den
F._-Ärzten – wie in den früheren Beurteilungen – eine 50%ige Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit attestiert, weshalb weder eine Verschlechterung im Verlauf noch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
objektive Anhaltspunkte ersichtlich sind, die Zweifel an der Beurteilung des ABI
wecken.
3.2
3.2.1 In psychiatrischer Hinsicht ermittelte zunächst Dr. med. K._, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, nach einem ersten Vorgespräch die vorläufige Diagnose einer
mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom (Bericht vom 27. April
2009; IV-act. 63-44 ff). Dr. med. G._ Facharzt FMH Psychiatrie/Psychotherapie,
konnte nach seiner Untersuchung keine depressive Episode bestätigen. Beim
Beschwerdeführer liege eine depressive Verstimmung vor, die am ehesten als
Anpassungsstörung mit vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen zu
klassifizieren sei. In leidensangepasster Tätigkeit sei der Beschwerdeführer daher nur
zu 10% eingeschränkt (Bericht vom 29. März 2010; IV-act. 55-2 ff).
3.2.2 Die ABI-Ärzte stellten ebenfalls keine psychische Krankheit mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit fest. Durch den Verlust der Arbeitsstelle und die chronischen
Schmerzen sei beim Beschwerdeführer eine psychische Verstimmung aufgetreten. Er
habe sich daher in psychiatrische Behandlung in die Klinik L._ begeben und stehe
gegenwärtig beim F._ in psychiatrischer Behandlung. Diese sei ursprünglich wegen
einer Schlafstörung eingeleitet worden. Aktuell schildere der Beschwerdeführer unter
medikamentöser Therapie eine Besserung der Schlafstörung. Die gegenwärtige
psychiatrische Untersuchung zeige eine leicht resignative Grundstimmung, dazu eine
Unsicherheit und Ängstlichkeit sowie eine Anspannung mit (kompensierter)
Schlafstörung. Es könne daher die Diagnose einer Anpassungsstörung mit
vorwiegender Beeinträchtigung von anderen Gefühlen gestellt werden. Zusätzlich
bestehe eine Tendenz zur Ausweitung der ursprünglichen Rückenschmerzen in die
Schultern, den Nacken und den Kopf. Somit könne auch die Diagnose einer
Schmerzverarbeitungsstörung mit Tendenz zur Symptomausweitung gestellt werden.
Diese diagnostizierten Beschwerdebilder hätten keine Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit.
3.2.3 Die von Dr. K._ gestellte Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode
könne nicht bestätigt werden. Der Beschwerdeführer zeige zwar einen resignativen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Affekt, es fehle jedoch eine vitale Traurigkeit mit Suizidalität, Antriebsstörung und
sozialem Rückzug.
3.2.4 Auch der Bericht des F._ vom 7. September 2012 (act. G 1.1.3) vermag die
Schlussfolgerungen des ABI-Gutachtens nicht in Frage zu stellen. So enthält dieser
Bericht des F._, bei welchem der Beschwerdeführer in Behandlung steht, keine
neuen Befunde oder Erkenntnisse. Die psychiatrischen Teilberichte wiederholen im
Wesentlichen die früheren psychiatrischen Beurteilungen des MZL (IV-act. 52-3, 54 und
87). Allein eine abweichende Diagnosestellung und Arbeitsfähigkeitsschätzung der
behandelnden Ärzte des Beschwerdeführers vermögen das ABI-Gutachten nicht in
Frage zu stellen.
3.2.5 Im F._-Verlaufsbericht vom 10. Dezember 2014 wird als psychische
Veränderung eine Zunahme der Depression aufgeführt und eine seit 2011 bestehende
Arbeitsunfähigkeit von 100% bescheinigt, ohne dass die Erhöhung der
Arbeitsunfähigkeit im Vergleich zu den früheren Beurteilungen näher begründet wird.
Die Annahme einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht scheint
wesentlich auf einer entsprechenden subjektiven Einschätzung der Leistungsfähigkeit
des Beschwerdeführers zu beruhen (Bericht S. 7 und 8). Der F._-Bericht vermag
somit auch aus psychiatrischer Sicht keine Aspekte zu benennen, welche die
Einschätzung und Schlussfolgerungen der ABI-Gutachter für den hier massgeblichen
Beurteilungszeitraum bis zum Verfügungserlass vom 23. August 2012 in Frage stellen.
3.3
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das ABI-Gutachten vom 8. November 2010
(IV-act. 63) eine hinreichende medizinische Grundlage für die Ermittlung eines allfälligen
Rentenanspruchs bietet. Diese Beurteilung berücksichtigt die Vorakten, insbesondere
die zahlreichen Arztberichte seit 1999. Die vom Beschwerdeführer geklagten
Beschwerden werden sowohl in den Teilgutachten als auch im Gesamtgutachten
berücksichtigt. Die daraus gefolgerten Ergebnisse sind nachvollziehbar, schlüssig und
stimmen mit den bisherigen Arztberichten weitgehend überein. Die Vornahme einer
Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit, welche in gewissen Fällen als Zusatz zu
den ärztlichen Untersuchungen eine geeignete arbeitsbezogene
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abklärungsmassnahme bilden kann (Urteil des Bundesgerichts vom 16. Januar 2009,
8C_547/2008 E. 4.2.1), erweist sich somit nicht als notwendig. Aus dem Gutachten
ergibt sich, dass dem Beschwerdeführer für körperlich leichte, adaptierte Tätigkeiten
eine uneingeschränkte Arbeits- und Leistungsfähigkeit zumutbar ist. Aufgrund dieses
Ergebnisses steht ohne Weiteres fest, dass der Beschwerdeführer ein
rentenausschliessendes Erwerbseinkommen erzielen kann, so dass sich weitergehende
Ausführungen zu den erwerblichen Auswirkungen erübrigen.
4.
4.1 Damit ist die Beschwerde abzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Praxisgemäss ist die Gerichtsgebühr für das
vorliegende Verfahren auf Fr. 600.-- festzulegen und dem vollständig unterliegenden
Beschwerdeführer aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist
anzurechnen. Ein Anspruch auf Parteientschädigung ist nicht gegeben.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP