Decision ID: 191d3e14-dc8f-5b97-b806-8b1b1ea9e5f2
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden und ihre Kinder verliessen ihren letzten Wohn-
sitz F._ (Irak; Autonome Region Kurdistan [ARK]) gemäss eigenen
Angaben im Sommer 2020 und gelangten über die Türkei am 19. März
2021 in die Schweiz. Gleichentags ersuchten sie hier um Asyl.
Am 30. März 2021 unterzeichneten die Beschwerdeführenden je eine Voll-
macht zu Gunsten der Mitarbeitenden des Rechtsschutzes für Asylsu-
chende im Bundesasylzentrum Region G._. Am 1. April 2021 fan-
den die Personalienaufnahmen (PA; Protokolle in den SEM-Akten: [...] [A]
-25/6 [Beschwerdeführer] und A26/9 [Beschwerdeführerin]) statt. Am
26. Juli 2021 wurde der Beschwerdeführer und am 30. Juli 2021 die Be-
schwerdeführerin, jeweils in Anwesenheit ihrer Rechtsvertretung, zu den
Asylgründen angehört (Anhörung; Protokolle in den SEM-Akten: A76/27
[Beschwerdeführer] und A77/28 [Beschwerdeführerin]).
B.
B.a Der Beschwerdeführer machte geltend, er sei türkischer Staatsange-
höriger kurdischer Ethnie und in H._ (Provinz I._) geboren,
wo er bis ins Jahr (...) gelebt habe. Anschliessend habe er die Schule bis
zur Gymnasialstufe in J._ besucht und sich in der Folge bis 2010 in
K._ aufgehalten. Er habe das (...) der religiösen Gemeinschaft
L._ absolviert und sich zudem an der Universität in K._ im-
matrikuliert, sein Studium in (...) Fachrichtung jedoch nicht abgeschlossen.
Stattdessen habe er sich 2010 in den Nordirak begeben, wo er zunächst in
M._ und ab 2012 bis zur Ausreise 2020 in F._ gelebt habe.
Zu Beginn habe er in der ARK für einen (...) als Verkäufer gearbeitet. Später
sei er als (...) bei zwei Firmen tätig gewesen, die N._ gehört hätten;
er selber habe keine direkten Kontakte zu dieser Gruppierung gepflegt, al-
lerdings Schulen O._ besucht und später Schüler und Schülerinnen
unterrichtet. Zudem habe er Kontakte zu legalen, kurdischen Parteien ge-
habt und beispielsweise an deren Kundgebungen teilgenommen. Schliess-
lich habe er auch für Freunde, die als Bauherrn tätig gewesen seien, gear-
beitet. (...) habe er die Beschwerdeführerin kennengelernt und geheiratet.
Aufgrund ihrer irakischer Staatsbürgerschaft habe er über ein Aufenthalts-
recht im Nordirak verfügt.
Die Beschwerdeführerin gab an, irakisch-türkische Doppelbürgerin und in
M._ geboren zu sein, wo sie bis (...) gelebt habe. Anschliessend
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habe sie gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern bis zu Ihrer Aus-
reise in F._ gelebt. Sie habe die Schule bis zur neunten Klasse be-
sucht und ab 2019 bis zur Ausreise einen Laden für (...) betrieben.
B.b Zu ihren Asylgründen gab die Beschwerdeführerin an, bereits in ihrer
Kindheit sei sie einem Verwandten der zweiten Frau ihres Vaters verspro-
chen worden. Im Alter von fünfzehn Jahren sei sie zur Familie ihres Zu-
künftigen gebracht worden. Sie habe jedoch nicht dort bleiben wollen, sich
mit Öl übergossen und damit gedroht, sich in Brand zu setzten. Es sei zwi-
schen den Familien daraufhin zur Übereinkunft gekommen, dass sie ins
Haus ihres Vaters ziehen werde. Die Beschwerdeführenden gaben weiter
an, nachdem sie sich (...) kennengelernt hätten, habe der Beschwerdefüh-
rer zweimal vergeblich versucht, vom Vater der Beschwerdeführerin die
Zustimmung zur Heirat zu erhalten. Danach habe der Beschwerdeführer
sie entführt und sie seien nach F._ gezogen. (...) hätten sie erfah-
ren, dass die Familie der Beschwerdeführerin ihre Adresse herausgefun-
den habe. Wären sie gefunden worden, wären sie alle umgebracht worden.
Sie hätten deshalb den Nordirak am (...) gemeinsam mit den drei Kindern
verlassen und seien am (...) auf legalem Weg in die Türkei gereist. Am (...)
hätten sie die Türkei wiederum auf legalem Weg mit dem Flugzeug in Rich-
tung Serbien verlassen und seien von dort weiter über Kroatien und Slo-
wenien in die Schweiz gelangt.
Der Beschwerdeführer gab ferner an, (...) sei er auf dem türkischen Kon-
sulat in M._ zwei Stunden lang zu seiner Tätigkeit für eine Firma
der N._ einvernommen worden. Er sei dazu befragt worden, wie er
zur O._ stehe und warum er für deren Firma gearbeitet habe. Er sei
auch zu seinem aktuellen Arbeitgeber befragt worden und habe tatsachen-
widrig angegeben, er sei erwerbslos. Daraufhin habe er seine Adresse und
seinen Arbeitgeber gewechselt. Der Beschwerdeführer gab hinsichtlich sei-
nes Heimatstaates Türkei sodann an, er sei dort aufgrund seiner kurdi-
schen Ethnie diskriminiert worden. Insbesondere sei er vor seinem Weg-
gang in den Nordirak im Jahr 2010 mehrmals von Privatpersonen ermahnt
worden, da er auf Kurdisch (...) rezitiert habe. In der Türkei drohe ihm eine
Inhaftierung. Zudem würden die gemeinsamen Kinder in der Türkei ausge-
grenzt oder sie drohten gar umgebracht zu werden, da sie im Nordirak auf-
gewachsen seien.
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B.c Die Beschwerdeführenden reichten unter anderem ihre türkischen Rei-
sepässe im Original sowie die irakischen Identitätsausweise der Beschwer-
deführerin, zweier Kinder sowie die Aufenthaltsbewilligung des Beschwer-
deführers für die ARK im Original zu den Akten.
B.d Hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts ergibt sich folgendes aus
den Akten:
Anlässlich des Dublin-Gespräches wies die Beschwerdeführerin auf starke
Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Alpträume hin, an denen sie nach
einem schwierigen Erlebnis in Kroatien leide; sie habe dort auch entspre-
chende Medikamente erhalten. Die Kinder, insbesondere der älteste Sohn
C._, zeigten ein zunehmend aggressives Verhalten und litten eben-
falls unter Schlafproblemen. Anlässlich der Anhörung gab die Beschwerde-
führerin zudem an, sie sei wegen der starken Beeinträchtigung (...) ärztlich
untersucht worden. Eine Therapie sei jedoch nicht möglich. Sie habe seit
acht Jahren psychische Probleme und vor fünf oder sechs Jahren einen
Suizidversuch unternommen. Deswegen sei sie bereits in der ARK einmal
im Monat in F._ in ärztlicher Behandlung gewesen. Verglichen mit
früher gehe es ihr aktuell besser. Der gesundheitliche Zustand der drei Kin-
der sei früher gut gewesen. Alle drei litten aber nun unter den Erlebnissen
auf der Flucht (vgl. A77, F19 f.).
Gemäss Konsultationsbericht der MedZentrum AG vom 28. April 2021
(A40/3) fühle sich die Beschwerdeführerin schnell gereizt sowie wütend
und schlafe schlecht. Sie fürchte sich zudem vor der Polizei und einem
allfälligen Gefängnisaufenthalt. Ihr wurde die Diagnose einer mittelgradi-
gen reaktiven Depression, Eisenmangelanämie und Vitamin D-Mangel ge-
stellt. Im Rahmen einer Abklärung des Kompetenzzentrums Trauma und
Migration vom 4. Mai 2021 (A47/3) berichtete die Beschwerdeführerin zum
früheren Suizidversuch im Heimatstaat. Sie verwies auch erneut auf die
schwierigen Erlebnisse auf der Flucht. Die psychischen Auffälligkeiten ihrer
Kinder belasteten sie zusätzlich. Die zuständige Ärztin diagnostizierte eine
reaktive Depression (ICD-10: F32.2) sowie eine posttraumatische Belas-
tungsstörung (PTBS; ICD-10: F43.1). Gemäss ärztlichem Schreiben vom
31. Mai 2021 (Brief in den Akten: [...]-65/2, nachfolgend A65) wurde bei der
Beschwerdeführerin sodann eine seit frühster Kindheit bestehende (...)
festgestellt.
Mit Schreiben vom 3. Juni 2021 beauftrage das SEM Dr. med. P._
vom MedZentrum Q._ AG mit der Erstellung ärztlicher Berichte zur
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Beschwerdeführerin sowie zu den drei Kindern. In den entsprechenden Be-
funden (A66/5 [Beschwerdeführerin], A67/3 [C._], A68/3
[D._] sowie A69/3 [E._]) wird hinsichtlich der Beschwerde-
führerin die Diagnose einer reaktiven Depression (ICD-10: F32.2) sowie
einer PTBS bestätigt. Für C._ wird ebenfalls die Diagnose einer
PTBS (ICD-10: F43.1) festgehalten und für D._ und E._ je-
weils die Diagnose einer Anpassungstörung (ICD-10: F43.2).
C.
Am 3. August 2021 wurden die Beschwerdeführenden dem erweiterten
Verfahren und am Tag darauf dem Kanton G._ zugeteilt. Am 24. Au-
gust 2021 legte die zugewiesene Rechtsvertretung das Mandat nieder.
D.
Mit Verfügung vom 27. Oktober 2021 verneinte das SEM die Flüchtlingsei-
genschaft der Beschwerdeführenden und lehnte ihre Asylgesuche ab.
Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz sowie den Weg-
weisungsvollzug an.
E.
Die Beschwerdeführenden gelangten mit Beschwerde vom 23. November
2021, handelnd durch ihren neu mandatierten Rechtsvertreter, an das Bun-
desverwaltungsgericht. Sie beantragen, die Verfügung des SEM vom
27. Oktober 2021 sei in den Dispositivpunkten 4, 5 und 6 aufzuheben, die
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sei festzustellen und es sei die
vorläufige Aufnahme in der Schweiz anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht ersuchen sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses, sowie um Einsetzung ihres Rechtsvertreters als amtlichen
Rechtsbeistand.
F.
Mit Eingabe vom 1. Dezember 2021 reichte der Rechtsvertreter einen wei-
teren ärztlichen Bericht von Dr. med. R._, Kompetenzzentrum
Trauma und Migration (undatiert) hinsichtlich des Gesundheitszustandes
der Beschwerdeführerin zu den Akten. Darin werden die Diagnosen einer
reaktiven Depression und einer PTBS bestätigt. Für den Fall eines Weg-
weisungsvollzugs äussere die Beschwerdeführerin Gedanken an einen er-
weiterten Suizid.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsyG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet werden.
1.4 Das SEM kommt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Beschwerdeführenden hätten die geltend gemachten Asylgründe teilweise
nicht glaubhaft machen können, teilweise seien sie nicht asylrelevant. We-
der in Bezug auf die Türkei noch auf den Nordirak hätten sie begründete
Furcht vor Verfolgung. Hinsichtlich der Verneinung der Flüchtlingseigen-
schaft, der Ablehnung des Asylgesuches sowie der Anordnung der Weg-
weisung (Dispositivziffern 1 bis 3) ist die SEM-Verfügung vom 27. Oktober
2021 mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen. Resultierend sind nur
die Dispositivziffern 4 bis 6 der angefochtenen Verfügung (Anordnung des
Vollzugs der Wegweisung) Gegenstand des vorliegenden Verfahrens.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG
(vgl. Art. 112 AIG [SR 142.20]; BVGE 2014/26 E. 5). Entsprechend kann
mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Miss-
brauch und Überschreitung des Ermessens, die unrichtige und unvollstän-
dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie die Unange-
messenheit gerügt werden.
3.
3.1 Das SEM führt zur Begründung des angeordneten Wegweisungsvoll-
zugs aus, es lägen keine entsprechenden Hindernisse vor. Insbesondere
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sprächen weder die in der Türkei noch die im Nordirak herrschende poli-
tische Situation gegen die Zumutbarkeit einer Rückkehr der Beschwerde-
führenden in diese Staaten. Auch nach der Niederschlagung des Militär-
putschversuches vom 15./16. Juli 2016 herrsche in der Türkei keine
landesweite Situation allgemeiner Gewalt im Sinne des AIG. Die Konflikt-
lage im Nordirak zeichne sich zwar durch eine grosse Volatilität und Dyna-
mik aus, dennoch sei sie um ein Vielfaches stabiler, als in den restlichen
Gebieten des Iraks. Die Auswirkungen der Fluchtbewegungen nach der
Ausbreitung des sogenannten Islamischen Staates (IS) auf die Sicherheits-
und Versorgungslage der einheimischen kurdischen Bevölkerung sei nicht
derart gravierend, um generell von einer konkreten Gefährdung auszu-
gehen. Ausserdem sei der Krieg gegen den IS von der irakischen Regie-
rung inzwischen als beendet erklärt worden. Auch wenn nach wie vor
das Risiko von terroristischen Anschlägen bestehe und sich die wirtschaft-
liche Lage im Nachgang des Unabhängigkeitsreferendums vom 25. Sep-
tember 2017 sowie aufgrund der Ereignisse in der Region verschärft und
teilweise zu Protesten in der Bevölkerung geführt habe, herrsche in der
ARK insgesamt keine Situation allgemeiner Gewalt. Zwar komme es in Tei-
len der ARK immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit
Beteiligung ausländischer Streitkräfte, jedoch sei die Zahl der (Todes-)Op-
fer unter der Zivilbevölkerung aufgrund von sicherheitsrelevanten Vor-
fällen verschiedenen Ursprungs in der ARK insgesamt als gering einzustu-
fen und die Sicherheitslage gelte weiterhin als relativ stabil. Vor diesem
Hintergrund sei der Wegweisungsvollzug in die ARK grundsätzlich als zu-
mutbar zu bewerten. Diese Einschätzung stehe im Einklang mit der Weg-
weisungspraxis des Bundesverwaltungsgerichts (m.H.a. Referenzurteil
des BVGer E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 E. 7. und u.a. die Urteile
E-2036/2016 vom 21. November 2018, D-3669/2019 vom 14. Oktober
2019 und E-209/2017 vom 26. November 2019).
Weiter erwägt das SEM, die Beschwerdeführerin sowie die drei gemeinsa-
men Kinder verfügten über die iraktisch-türkische Doppelbürgerschaft. Der
Beschwerdeführer könne sich als Ehegatte der Beschwerdeführerin legal
im Irak aufhalten. Entsprechend sei den Beschwerdeführenden sowohl in
der Türkei als auch im Irak ein geregelter Aufenthalt möglich. Die Vorbrin-
gen, die irakischen Behörden könnten die Identitätspapiere der Kinder für
ungültig erklären und es wäre ihnen unmöglich, die von den irakischen Be-
hörden verlangten Formalitäten im Zusammenhang mit den Identitätspa-
pieren der Kinder zu erfüllen, seien unbegründet.
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Der Beschwerdeführer stamme ursprünglich aus der Türkei. Er sei gesund,
im erwerbsfähigen Alter, verfüge über eine Ausbildung als (...) und eine
breite Berufserfahrung. Zudem bestehe ein soziales Netz, auf dessen Un-
terstützung er bei einer Rückkehr zählen könne. Die Beschwerdeführerin
ihrerseits sei schulisch gebildet und habe bis zur Ausreise einen eigenen
Laden geführt. Sie habe Familie und mehrere Verwandte im Irak. Dass sie
keinen Kontakt zur Familie pflege könne vor dem Hintergrund, dass die
Ausreisegründe unglaubhaft seien nicht geglaubt werden. Somit sei davon
auszugehen, sie könne bei einer Rückkehr auf familiäre Unterstützung zäh-
len, sollte dies nötig sein. Die Beschwerdeführerin sei zwar in der ARK so-
zialisiert worden, aufgrund ihrer beruflichen Voraussetzungen sei jedoch
auch eine wirtschaftliche Reintegration in der Türkei möglich. Die Kinder
befänden sich in einem Alter, welches ihnen ortsunabhängig eine rasche
Integration erlaube. Dadurch stehe der Umstand, dass sie nie in der Türkei
gelebt hätten, einem Wegweisungsvollzug dorthin ebenfalls nicht entge-
gen.
Gemäss den ärztlichen Berichten sei die (...)beeinträchtigung der Be-
schwerdeführerin nicht therapierbar. Unter ihren psychischen Problemen
leide sie bereits seit acht Jahren und sie werde diesbezüglich medikamen-
tös behandelt. Gemäss eigenen Angaben sei sie bereits in der ARK des-
wegen in Behandlung gewesen. Gemäss Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts gelte die medizinische Grundversorgung in der ARK zu-
dem als sichergestellt (m.H.a. BVGer-Urteil D-1927/2019 vom 23. Mai
2019, E. 8.4.3, D-3492/2019 vom 24. Juli 2019, E. 6.3, D-6464/2018 vom
26. Februar 2020, E. 10.2.4, D-1090/2019 vom 30. März 2020, E. 6.3.2).
Dies umfasse auch die adäquate Behandlung psychischer Erkrankungen
und gelte ebenfalls hinsichtlich der gemeinsamen Kinder. In der Türkei sei
eine Behandlung psychischer Erkrankungen ebenfalls sichergestellt. Somit
sei ein Wegweisungsvollzug sowohl in die ARK als auch in die Türkei auch
unter medizinischen Gesichtspunkten zumutbar.
3.2 In der Beschwerde wird dem im Wesentlichen entgegengehalten, dass
gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichtes die Rückkehr
namentlich für Familien mit Kindern in die ARK problematisch sein könne,
da oft weder ein ausreichendes Einkommen noch adäquater Wohnraum in
Aussicht stehen würden. Für die Zumutbarkeit des Vollzugs solcher Perso-
nen seien begünstigende individuelle Faktoren nötig, was insbesondere
ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz umfasse (m.H.a. BVGE 2008/5,
E. 7.5.8; bestätigt in Referenzurteil des BVGer, a.a.O. E. 7.4.5). Über ein
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solches verfügte die Beschwerdeführerin in der ARK aufgrund der Um-
stände rund um die versuchte Zwangsverheiratung gerade nicht und es
bestehe seit 2012 kein Kontakt mehr zu ihrer Familie. Die diesbezüglichen
Aussagen der Beschwerdeführenden seien sehr wohl glaubhaft (m.H.a.
A77, F42, F59, F67, F119 sowie A76 F104, F139–F142). Selbst wenn von
deren Unglaubhaftigkeit ausgegangen würde, bestünden keinerlei Hin-
weise darauf, dass die Familie der Beschwerdeführerin die Beschwerde-
führenden im Falle einer Rückkehr in die ARK unterstützen würde. Ohne
solche begünstigenden individuellen Faktoren sei ein Wegweisungsvollzug
in die ARK gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
nicht zumutbar.
Sodann reiche eine rein medikamentöse Behandlung der Beschwerdefüh-
rerin nicht aus, um deren psychische Beschwerden erfolgreich zu therapie-
ren. Sie benötige eine fokussierte mehrmonatige Gesprächstherapie an ei-
nem sicheren Ort. In gleicher Weise seien die psychischen Auffälligkeiten
der drei Kinder durch Beziehungsaufbau, Stabilisierung und einer an-
schliessenden kindergerechten mehrmonatigen Traumatherapie zu behan-
deln. In der ARK stehe einem enormen Bedarf an psychologischer Behand-
lung ein stark überlastetes Gesundheitssystem gegenüber (m.H.a.
Schnellrecherche der SFH-Länderanalyse vom 09.02.2017 zu Irak: Be-
handlung von PTBS in der KRG-Region, S. 1 f., Irak: Psychiatrische Ver-
sorgung in F._, SFH-Themenpapier vom 13.05.2020, S. 4, 5, 7, 8).
Bereits vor der Ausreise aus der ARK sei eine intensive Behandlung der
Beschwerdeführerin trotz ihrer Suizidalität nicht möglich gewesen. Diese
Situation habe sich auch im heutigen Zeitpunkt nicht verbessert. In gleicher
Weise entsprächen die Behandlungsmöglichkeiten in der ARK für die drei
Kindern nicht der nötigen kindgerechten Traumatherapie. Im Falle eines
Vollzugs der Wegweisung dürfte sich der psychische Gesundheitszustand
der drei Kinder verschlechtern. Bereits im Rahmen des Dublin-Verfahrens
sei festgestellt worden, die Behandlungsmöglichkeiten in Kroatien würden
weder dem Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin noch jenem der
drei Kinder gerecht werden. Inwiefern die Behandlungsmöglichkeiten in der
ARK besser als jene im EU-Land Kroatien sein sollten, sei nicht ersichtlich.
Hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung in die Türkei sei anzumerken,
dass weder die Beschwerdeführerin noch die gemeinsamen Kinder die dor-
tige Landessprache beherrschten und sie nie dort gelebt hätten. Der Weg-
weisungsvollzug in die Türkei widerspräche somit diametral dem Kindes-
wohl und käme einer kompletten Entwurzelung der Familie gleich. Zudem
sei davon auszugehen, dass eine adäquate psychologische Therapie auch
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in der Türkei nicht zur Verfügung stehe. Eine Verschlechterung des Ge-
sundheitszustands der Beschwerdeführerin und der drei Kinder wäre zu
erwarten.
4.
4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
4.2
4.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein
Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr
läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (flüchtlings-
rechtliches Refoulementverbot; Art. 33 Abs. 1 Flüchtlingskonvention und
Art. 5 Abs. 1 AsylG). Zudem darf niemand der Folter oder unmenschlicher
oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden (men-
schenrechtliches Refoulementverbot; Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 EMRK und
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105]). Gemäss Rechtsprechung des Europäischen Ge-
richtshofes für Menschenrechte (EGMR) und des UN-Anti-Folterausschus-
ses liegt eine Verletzung des menschenrechtlichen Rückschiebungsver-
bots vor, wenn die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk")
dafür nachweisen oder glaubhaft machen können, dass ihnen im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohten (vgl. Urteil
des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.).
4.2.2 Das flüchtlingsrechtliche Refoulementverbot findet vorliegend keine
Anwendung, da die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht
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Seite 11
erfüllen. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der
Beschwerdeführenden noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie
für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären. Weder die allgemeine Men-
schenrechtssituation in der ARK noch jene in der Türkei lassen den Weg-
weisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als unzulässig erscheinen (vgl.
das Referenzurteil des BVGer, a.a.O., E. 6.3, m.H. sowie unter vielen das
Urteil des BVGer E-4484/2021 vom 22. Februar 2022 E. 8.3 m.w.H. [Nord-
irak] und ebenfalls unter vielen das Urteil des BVGer E-4609/2021 vom
17. März 2022 E. 8.3.2 [Türkei]).
Hinsichtlich eines allfälligen Risikos der Selbst- respektive Fremdgefähr-
dung seitens der Beschwerdeführerin ist darauf hinzuweisen, dass vom
Vollzug der Wegweisung gemäss konstanter Rechtsprechung nicht Ab-
stand genommen wird, solange Massnahmen zwecks Verhütung der Um-
setzung einer Suiziddrohung getroffen werden können (vgl. u.a. Urteil des
BVGer D-3574/2016 vom 14. Juli 2016 E. 5.3.2 m.H.). Allfälligen suizidalen
Tendenzen wäre daher mit entsprechenden Massnahmen bei der Vollzugs-
organisation Rechnung zu tragen.
4.2.3 Zusammenfassend hat das SEM den Vollzug der Wegweisung zu-
treffend als sowohl im Sinne der flüchtlingsrechtlichen als auch der men-
schenrechtlichen Bestimmungen für zulässig erachtet.
4.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
4.3.1 Die Sicherheits- und Menschenrechtslage im Nordirak ist anerkann-
termassen volatil. Im bereits mehrfach genannten Referenzurteil des
BVGer E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 (E. 7.4) bestätigte das Bun-
desverwaltungsgericht seine in BVGE 2008/5 publizierte Praxis zur Frage
der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die kurdischen Provinzen
des Nordiraks. Es hielt dabei Folgendes fest: In den vier Provinzen der ARK
– das betreffende Gebiet wird seit Anfang 2015 durch die Provinzen Dohuk,
Erbil, Suleimaniya sowie der von Letzterer abgespalteten Provinz Halabja
gebildet – sei nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von
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Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen. Diese Einschätzung hat nach wie vor Gül-
tigkeit. Die langjährige Praxis im Sinne von BVGE 2008/5 für aus dem ARK-
Gebiet stammende Kurdinnen und Kurden bleibt somit weiterhin anwend-
bar. Besonderes Gewicht ist angesichts der Belastung der behördlichen
Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene («Internally Displaced Per-
sons» [IDPs]) allerdings dem Vorliegen begünstigender individueller Fak-
toren beizumessen (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-2775/2020 vom 8. Juli
2020 E. 8.3.2; D-787/2020 vom 17. April 2020 E. 7.3; D-7151/2018 vom
25. Februar 2020 E. 7.4.4, m.w.H.; E-2855/2018 vom 14. Januar 2019
E. 5.6.1; D-1779/2016 vom 6. Dezember 2018 E. 7.3.2; BVGE 2008/5
E. 7.5). Vorausgesetzt wird insbesondere, dass die betreffenden Personen
ursprünglich aus der Region stammen oder längere Zeit dort gelebt haben
und dort über ein soziales Beziehungsnetz (Familie, Verwandtschaft oder
Bekanntenkreis) oder über Beziehungen zu den herrschenden Parteien
verfügen. Andernfalls dürfte eine soziale und wirtschaftliche Integration in
die kurdische Gesellschaft nicht gelingen, da der Erhalt einer Arbeitsstelle
oder von Wohnraum weitgehend von gesellschaftlichen und politischen Be-
ziehungen abhängt. Unter Beachtung der genannten Grundsätze qualifi-
ziert das Gericht auch den Vollzug der Wegweisung von Familien mit Kin-
dern in die ARK nicht als grundsätzlich unzumutbar (vgl. das Urteile BVGer
E-4484/2021 E. 8.4.1 und E-7174/2018 vom 14. Februar 2020 E. 8.3.5 mit
Hinweisen auf entsprechende Entscheide).
4.3.2 Der Beschwerdeführer lebte und arbeitete bis zur Ausreise während
zehn Jahren im Nordirak, zuerst für zwei Jahre in M._, der Haupt-
stadt der ARK, nach seiner Heirat zusammen mit seiner Ehefrau in der Pro-
vinzhauptstadt F._. Die Beschwerdeführerin wurde ihrerseits in
M._ geboren und lebte stets dort, bis sie mit ihrem Ehemann 2012
in die Grossstadt F._ umzog, wo die drei Kinder geboren wurden
und die ersten Lebensjahre verbrachten. Es gibt keinen Grund anzuneh-
men, die Beschwerdeführenden wären – nach einer nur knapp zwei Jahre
dauernden Abwesenheit – nicht in der Lage, in der ARK wieder Fuss zu
fassen, sowohl in sozialer, als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Dies insbe-
sondere auch aufgrund ihrer guten Bildung und beruflichen Erfahrung (vgl.
angefochtene Verfügung Ziff. III, Punkt 2 sowie oben E. 3.1.3).
Entgegen ihrer Vorbringen in der Beschwerde und entsprechend den Er-
wägungen des SEM gelingt es den Beschwerdeführenden nicht, glaubhaft
zu machen, es bestehe ein vollständiger Bruch mit der Familie der Be-
schwerdeführerin in der ARK und sie hätten auch keine sonstigen engeren
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sozialen Bindungen dorthin. Die Beschwerdeführenden beharren auf Be-
schwerdestufe pauschal darauf, dass ihre Sachverhaltsschilderungen aus-
führlich, präzise und übereinstimmend und dementsprechend glaubhaft
seien, ohne entscheidenden Einwände gegen die Argumentation des SEM
hinsichtlich der Unglaubhaftigkeit der Asylgründe – und damit das Fehlen
familiärer Beziehungen – vorzubringen. Selbst wenn gewisse familiäre Zer-
würfnisse zwischen den Beschwerdeführerenden einerseits und der Fami-
lie der Beschwerdeführerin andererseits bestünden, ist keineswegs von ei-
ner familiären und/oder gesellschaftlichen Isolation der Familie auszuge-
hen. So pflegte die Beschwerdeführerin Kontakt zu einer Verwandten (S.),
mit welcher sie befreundet gewesen sei (A77, F123–F125). Auch lebten
zwei Onkel und zwei Tanten der Beschwerdeführerin in M._ (A77,
F68f.). Zudem betrieben die Beschwerdeführenden in F._ seit 2019
bis zu ihrer Ausreise einen eigenen Laden und lebten seit (...), für insge-
samt drei Jahre, in einem von ihnen erbauten Haus (A76, F33, F42–F44,
F103f. sowie A77, F83, F119, F190). Der Beschwerdeführer ging verschie-
denen Erwerbstätigkeiten nach. Aus diesen Lebensumständen ergeben
sich zahlreiche gesellschaftliche Vernetzungen und Kontakte.
Soweit in der Beschwerde die Möglichkeit eines legalen Aufenthalts im
Nordirak angezweifelt wird, ist vollumfänglich auf die diesbezügliche Erwä-
gung in der vorinstanzlichen Verfügung zu verweisen (ebd. Ziff. III, S. 12).
Ein subjektiv als übermässig empfundener administrativer Aufwand, wie er
von den Beschwerdeführenden vorgebracht wird, ist nicht relevant (vgl.
ebd. Ziff. III, Punkt 2 sowie oben E. 3.1.3).
4.3.3 Auch die medizinischen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin
sowie jene der gemeinsamen drei Kinder stehen der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs nicht entgegen. Auf die Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs aus medizinischen Gründen ist nach Lehre und konstan-
ter Praxis nur dann zu schliessen, wenn eine notwendige medizinische Be-
handlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht oder kein Zugang mög-
lich ist und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beein-
trächtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person führen
würde. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und dringende medizini-
sche Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer menschen-
würdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls
dann noch nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat eine nicht dem
schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung mög-
lich ist (vgl. etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je m.w.H.).
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Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin bestan-
den teilweise bereits im Heimatstaat und wurden dort auch behandelt. In-
zwischen haben sich schwierige Erlebnisse auf der Flucht belastend aus-
gewirkt; davon sind auch die Kinder betroffen. Diese Belastungen sollen
nicht relativiert werden. Dennoch vermögen sie nicht eine konkrete Gefähr-
dung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu begründen. Zu Recht verweist das
SEM darauf, die medizinische Grundversorgung in der ARK gelte als si-
chergestellt, was im Übrigen bereits dadurch bestätig wird, dass die Be-
schwerdeführerin auch vor der Ausreise über mehrere Jahre hinweg in ent-
sprechender Behandlung war (A77, F13 ff.). Es gibt keinen Grund anzu-
nehmen, die Beschwerdeführerin könnte nicht wieder Zugang zu dieser
Behandlung finden. Dasselbe gilt hinsichtlich der Kinder, sollten sie auf
eine Behandlung angewiesen sein.
4.3.4 Auch in Berücksichtigung der übrigen Aspekte des Kindeswohls im
Sinne von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens über die Rechte des Kindes
(KRK; SR 0.107) ergibt sich kein Vollzugshindernis (vgl. die zu beachten-
den Kriterien in BVGE 2009/51 E. 5.6 und 2009/28 E. 9.3.2). Bei der Ein-
reise war C._ (...), D._ (...) und E._ (...) Jahre alt.
Damit sind alle Kinder noch stark im Kreis der Kernfamilie verwurzelt und
von der Lebenswirklichkeit ihrer Eltern geprägt. Die Familie hält sich ge-
rade ein Jahr lang in der Schweiz auf, offensichtlich hat noch keine beson-
dere Verwurzelung stattfinden können. Dies gilt insbesondere auch für die
Eltern, die engsten Bezugspersonen der Kinder. Eine gemeinsame Rück-
kehr der Familie in den Herkunfts- respektive Heimatstaat, und damit in
das kulturell, sozial und sprachlich vertraute Lebensumfeld, erweist sich
demnach nicht als unzumutbar, zumal auch davon ausgegangen werden
darf, die Kinder könnten dort ordnungsgemäss eingeschult werden.
4.3.5 Auch die Rückkehr der Familie in den Heimatstaat aller Familienmit-
glieder, die Türkei, erachtet das SEM zutreffend als zumutbar. Dabei ist
insbesondere an die Grossstadt K._ zu denken. Der Beschwerde-
führer hat dort mehrere Jahre gelebt und Ausbildungen absolviert. Ferner
leben dort Verwandte (A76, F50–F53). Er pflegte bei seinen früheren Tä-
tigkeiten regen Kontakt zu unterschiedlichen Personenkreisen und war ge-
sellschaftlich aktiv (A76, F68, F103). Somit ist auch vom Bestehen sozialer
Strukturen für die Beschwerdeführenden in der Türkei auszugehen. Zudem
ergeben sich auch hinsichtlich der medizinischen Versorgungssituation in
der Türkei keine Hinweise für eine konkrete Gefährdung. Zwar dürfte eine
Rückkehr der Familie in die Türkei vergleichsweise schwieriger sein, weil,
wie die Beschwerdeführenden einbringen, die Beschwerdeführerin und die
Kinder die Sprache nicht sprächen. Dies führt allerdings offensichtlich noch
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nicht zur Annahme einer konkreten Gefährdung. Zum einen spricht der
Ehemann und Vater Türkisch und es ist zum anderen ohne Weiteres davon
auszugehen, die Beschwerdeführerin und die Kinder könnten die Sprache
erlernen, ganz abgesehen davon, dass in K._ zahlreiche Personen
kurdischer Ethnie und Sprache leben. Hinsichtlich des Kindeswohls ist voll-
umfänglich auf das oben (E. 4.3.4) Gesagte zu verweisen.
4.3.6 Zusammenfassend ergibt eine Gesamtwürdigung aller wesentlichen
Umstände, dass der Vollzug der Wegweisung in die ARK oder in die Türkei
nicht zu einer existenziellen Gefährdung der Beschwerdeführerenden im
Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG führt. Zu Recht hat das SEM diesen als zu-
mutbar erachtet.
4.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zustän-
digen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
4.5 Insgesamt hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als
zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der vorläufi-
gen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
5.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuwei-
sen.
6.
6.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
den Beschwerdeführenen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Ihr Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG ist aber gutzuheissen. Sie sind als bedürftig zu betrachten und die
Beschwerdebegehren können nicht als aussichtslos im Sinne dieser Be-
stimmung betrachtet werden. Auf die Erhebung von Verfahrenskosten ist
entsprechend zu verzichten.
6.2 Nachdem das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gutgeheis-
sen wird, ist auch jenes um amtliche Rechtsverbeiständung gutzuheissen.
Der mandatierte Rechtsvertreter erfüllt die persönlichen Voraussetzungen
gemäss Art. 102m Abs. 3 AsylG i.V.m. Art. 53 der Asylverordnung 1 vom
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11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) und ist antragsgemäss als amtli-
cher Rechtsbeistand einzusetzen. Es wurde keine Kostennote zu den Ak-
ten gereicht. Auf eine Nachforderung kann jedoch verzichtet werden, da
sich die Vertretungskosten aufgrund der Akten zuverlässig abschätzen las-
sen (Art. 14 Abs. 2 VGKE), wobei für die amtliche Verbeiständung bei nicht
anwaltlicher Vertretung praxisgemäss von einem Stundenansatz von
Fr. 100.– bis Fr. 150.– auszugehen ist. Dem amtlichen Rechtsbeistand ist
durch das Bundesverwaltungsgericht ein amtliches Honorar gestützt auf
die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) in der
Höhe von Fr. 600.– (inkl. Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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