Decision ID: 58e3abba-7d47-5ecf-8372-b19a181ca497
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend Versicherter oder Beschwerdeführer), B._- Staatsbürger, lebt
seit dem 1. März 2008 in der Schweiz. Er hat in C._ den Beruf des Automechanikers
erlernt. Zuletzt arbeitete er als Kommissionierer/Lagermitarbeiter (IV-act. 1, 2, 19 S. 1 f.
und IV-act. 25).
A.b Am 15. Dezember 2009 erlitt der Versicherte bei einen Verkehrsunfall ein HWS-
Distorsionstrauma (IV-act. 12). Zur Rehabilitation hielt der Versicherte sich vom 20. Mai
bis 23. Juni 2010 in der Rehaklinik Bellikon auf. Im Austrittsbericht vom 13. Juli 2010
(IV-act. 21) diagnostizierten die Ärzte: 1. eine HWS-Distorsion, ein
zervikospondylogenes Syndrom, Spannungskopfschmerz, psychosoziale
Belastungssituation; 2. rezidivierende Angststörungen mit Panikattacken, ängstlich und
depressive Reaktion im Rahmen einer Anpassungsstörung (ICD-10: F43.22), welche
keine arbeitsrelevante Leistungsminderung begründe, Panikstörung (ICD-10: F41.0)
aktuell remittiert; 3. fortgeschrittene Pangonarthrose rechts, Minderbelastbarkeit
rechtes Knie bei aktivierter Gonarthrose. In der angestammten Tätigkeit als
Lagermitarbeiter bestehe aus unfallkausaler Sicht (HWS-Distorsion) eine
uneingeschränkte ganztägige Arbeitsfähigkeit. Aus unfallfremder Sicht
(Knieproblematik, degenerative HWS-Veränderungen) sei die angestammte Tätigkeit
wegen des häufigen Hantierens mit schweren Lasten nicht zumutbar, dagegen seien
wechselbelastende Tätigkeiten mit leichten bis mittelschweren Arbeiten, ohne längeres
Gehen auf unebenem Boden, ohne kniebelastende Tätigkeiten, ohne häufige
Zwangshaltungen für das rechte Knie, ohne häufiges Knien, Arbeiten in Hockstellung,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kriechen oder Pedalbedienung, ohne häufiges Treppen- oder Leitersteigen und ohne
Arbeit an sturzexponierten Stellen ganztags zumutbar.
A.c Im Juni 2010 meldete sich der Versicherte bei der IV-Stelle zum Bezug von
Leistungen an (IV-act. 1).
A.d Am 14. September 2010 wurde der Versicherte am rechten Knie im Kantonsspital
St. Gallen (nachfolgend KSSG) operiert (aufklappende Tibiavalgisationsosteotomie; IV-
act. 31). Dr. med. D._, KSSG, ging im Arztbericht vom 27. Dezember 2010 davon
aus, dass dem Versicherten insbesondere sitzende Tätigkeiten und längerfristig auch
stehende Tätigkeiten mit wenig körperlicher Belastung zumutbar seien (IV-act. 33).
Diese Einschätzung wurde im Arztbericht vom 18. März 2011 durch Dr. med. E._,
KSSG, bestätigt (IV-act. 40). Am 22. August 2011 wurde der Versicherte aufgrund der
gestellten Diagnose chronische Bursitis Tuberositas tibiae links im KSSG operiert
(offene Bursektomie, Ossikelentfernung am Knie links; IV-act. 61).
A.e Am 7. September 2011 verstarb der Sohn des Versicherten unerwartet im F._
(IV-act. 66 S. 2; vgl. auch IV-act. 83 S. 3). Im Arztbericht vom 14./15. November 2011
erklärte Dr. med. G._, Facharzt für Allgemeinmedizin, dass der Versicherte in der
zuletzt ausgeführten Tätigkeit zu 100% arbeitsunfähig sei. Als angepasste Tätigkeit
kämen nur sitzende Tätigkeiten mit möglichst fehlendem Aufstehen und kurzen
Gehstrecken in Frage (IV-act. 65).
A.f Im Arztbericht vom 9. Januar 2012 (IV-act. 72) diagnostizierte Dr. med. H._,
Spezialärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, eine rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1), anamnestisch
rezidivierende Panikattacken und Angststörungen (ICD-10: F41.0), Schmerzen im
linken Knie seit Mai 2011, Tod eines Familienangehörigen (ICD-10: Z63.4) im
September 2011 und Alkoholmissbrauch (ICD-10: F10.1). Die Fachärztin erklärte, dass
der Todesfall den Versicherten retraumatisiert und psychisch vollkommen zerstört
habe. Diese Situation habe zum erhöhten Alkoholkonsum geführt.
A.g Mit Verfügung vom 27. Januar 2012 wies die IV-Stelle einen Anspruch auf (weitere)
berufliche Massnahmen ab (IV-act. 63, 73).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.h Vom 2. Februar bis 12. April 2012 war der Versicherte in der Psychiatrischen Klinik
in I._ hospitalisiert (IV-act. 76 S. 3, IV-act. 83). Im Austrittsbericht vom 8. Mai 2012
wurden folgende Diagnosen gestellt (IV-act. 83 S. 1): rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig schwere Episode, ohne psychotische Symptome mit akuter
Suizidalität (ICD-10: F33.2) und Verdacht auf narzisstische Persönlichkeitsstörung
(ICD-10: F60.8) sowie Gonarthrose, nicht näher bezeichnet (ICD-10: M17.9). Bei
Klinikaustritt wurde eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit festgehalten. Zum Erreichen einer
Teilarbeitsfähigkeit wurde begleitend zu entsprechenden IV-Massnahmen eine
ambulante, psychiatrische Behandlung als nötig erachtet (IV-act. 83 S. 4 f.).
A.i Im Verlaufsbericht vom 11. Juni 2012 erklärte Dr. H._, dass aus psychiatrischer
Sicht der Versicherte in einer angepassten Tätigkeit zu 50% arbeitsfähig sei. Dabei sei
zu berücksichtigen, dass wegen der Einnahme von Opiaten und der Depression nur
Tätigkeiten in Frage kämen, welche keine hohen Anforderungen an die Konzentration
stellten. Wegen der niedrigen Frustrationstoleranz seien Tätigkeiten mit hoher sozialer
Kompetenz ebenfalls ungeeignet. Die Fachärztin empfahl nebst der Fortführung der
aktuellen Therapie die Inanspruchnahme einer intensiveren psychiatrischen Therapie in
der Tagesklinik der Psychiatrischen Klinik I._ (IV-act. 84; vgl. auch IV-act. 90).
A.j Im Arztbericht vom 22. Februar 2013 erklärte Dr. med. K._, Oberarzt,
Psychiatrische Klinik I._, dass sich der Versicherte zurzeit in teilstationär-
tagesklinischer Behandlung befinde. Die Prognose sehe eher ungünstig aus, weil die
bisherige Behandlung keinen nachhaltigen Effekt gezeigt habe (IV-act. 95). Aus der am
25. Juni 2012 begonnenen tagesklinischen Betreuung wurde der Versicherte wegen
unregelmässiger Teilnahme an den Therapien am 18. März 2013 entlassen (IV-act.
106). Im Austrittsbericht vom 27. März 2013 wurden die Diagnosen rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode (ICD-10: F33.2), und anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) gestellt. Trotz umfangreichen und immer
wieder angepassten therapeutischen Angeboten gelang es nicht, nachhaltige
Fortschritte zu erzielen. Gemäss Schreiben vom 2. April 2013 erfolgte die
Weiterbehandlung durch L._, Psychologe, Klinik I._, die Psychiaterin Dr. H._ und
den Hausarzt Dr. G._ (IV-act. 103, vgl. auch IV-act. 114).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.k Die IV-Stelle beauftragte das Medizinische Gutachtenzentrum Region St. Gallen
GmbH (nachfolgend MGSG), mit einer orthopädischen und psychiatrischen
Begutachtung des Versicherten (IV-act. 116). Am 8. November 2013 fand die
Untersuchung und Begutachtung durch Dr. med. M._, Facharzt für Orthopädie, und
Dr. med. N._, Facharzt für Psychiatrie, statt. Das Gutachten datiert vom 18.
Dezember 2013 (IV-act. 121). Die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit wurde
aus orthopädischer und psychiatrischer Sicht auf 40% geschätzt. Die Arbeitsfähigkeit
in einer leidensadaptierten Tätigkeit wurde aus orthopädischer bzw. psychiatrischer
Sicht auf 100% bzw. 50% seit etwa Mai 2012 geschätzt. Die Konsensbeurteilung der
Gutachter ergab für leidensadaptierte Tätigkeiten eine 50%ige Arbeitsfähigkeit ab Mai
2012. Im Weiteren wurde empfohlen, die therapeutischen Massnahmen mit
psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung und die antidepressive
Medikamentation fortzusetzen und eine stationäre Behandlung in Erwägung zu ziehen
(IV-act. 121 S. 39 f.).
A.l In der Stellungnahme vom 25. März 2014 erachtete der Regionale Ärztliche Dienst
(RAD) das orthopädisch-psychiatrische Gutachten vom 18. Dezember 2013 als
ausführlich, schlüssig und nachvollziehbar, weshalb darauf abgestellt werden könne.
Der RAD ging aus versicherungsmedizinischer Sicht von einem stabilen
Gesundheitszustand aus. Die Arbeitsfähigkeit lasse sich mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nicht mehr verbessern. Ab Mai 2012 sei von einer Arbeitsfähigkeit in
der angestammten Tätigkeit von 40% und in einer adaptierten Tätigkeit von 50%
auszugehen (IV-act. 123).
A.a Mit Vorbescheid vom 15. Mai 2014 informierte die IV-Stelle den Versicherten, dass
geplant sei, das Begehren für eine IV-Rente abzuweisen (IV-act. 127). Ein Einwand
erfolgte nicht.
A.m Mit Verfügung vom 30. Juni 2014 wies die IV-Stelle das Begehren für eine IV-Rente
ab. Zur Begründung wurde insbesondere angeführt, dass die gutachterlich erhobene
Diagnose der rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelschwere
Episode, eine Arbeitsunfähigkeit auszulösen, rechtlich aber keine Invalidität zu
begründen vermöge, denn leichte bis höchstens mittelschwere Störungen aus dem
depressiven Formenkreis seien therapierbar, weshalb von einer vollen Arbeitsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in einer Verweistätigkeit auszugehen sei. Da der mit einem Einkommensvergleich
ermittelte Invaliditätsgrad unter 40% liege, bestehe kein Rentenanspruch (IV-act. 132).
B.
B.a Mit Beschwerde vom 1. September 2014 stellte Rechtsanwalt lic. iur. M. Joos, St.
Gallen, für den Ansprecher das folgende Rechtsbegehren (act. G 1): 1. Die Verfügung
der Vorinstanz vom 30. Juni 2014 sei aufzuheben. Dem Beschwerdeführer sei eine IV-
Rente zuzusprechen. Das Verfahren sei zur neuen Entscheidung (Rentenfestsetzung)
an die Vorinstanz zurückzuweisen; 2. Dem Beschwerdeführer sei für das Verfahren vor
Versicherungsgericht die unentgeltliche Rechtspflege und -verbeiständung zu
bewilligen; 3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 1. Oktober 2014 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde (act. G 5).
B.c Mit Verfügung des Abteilungspräsidenten vom 9. Oktober 2014 wurde dem
Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt (act. G 6).
B.d In der Replik vom 10. Dezember 2014 hielt der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers unverändert an der Beschwerde vom 1. September 2014 fest. In
der Begründung wurde insbesondere darauf hingewiesen, dass die Arbeitsunfähigkeit
nicht die Folge von soziokulturellen und psychosozialen Faktoren sei, sondern sich aus
der Kombination eines somatischen mit einem psychischen Leiden mit Krankheitswert
ergebe. Im Weiteren wurde gerügt, dass die Beschwerdegegnerin ohne überzeugende
Begründung ihre Meinung über diejenige der Gutachter stelle. Bei Zweifeln an der
gutachterlichen Schätzung der Arbeitsfähigkeit hätte die Beschwerdegegnerin weitere
Abklärungen vornehmen müssen (act. G 10).
B.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik (act. G 12).

Erwägungen
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vorliegend streitig und zu prüfen ist die Frage des Rentenanspruchs des
Beschwerdeführers.
1.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer
Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50%
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten
Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen).
1.4 Die Höhe der behinderungsbedingten Erwerbseinbusse hängt, da der
Beschwerdeführer als Vollerwerbstätiger zu qualifizieren und deshalb ein reiner
Einkommensvergleich durchzuführen ist, vor allem von der ärztlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeitsschätzung ab, d.h. davon, in welchem Umfang für die versicherte
Person noch eine Tätigkeit in Betracht fällt (Art. 16 ATSG i.V.m. Art. 28a Abs. 1 IVG; vgl.
BGE 128 V 29 E. 1; 130 V 343 E. 3.4.2; Urteil des Bundesgerichts vom 21. Juli 2014,
9C_152/2014, E. 3.1).
2.
2.1 In der angefochtenen Verfügung vom 30. Juni 2014 (IV-act. 132) stellte die
Beschwerdegegnerin nicht auf die Schätzung der Arbeitsfähigkeit von 50% im
eingeholten orthopädisch-psychiatrischen Gutachten vom 18. Dezember 2013 (IV-act.
121) ab, sondern ging von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in leidensangepassten
Tätigkeiten aus. Zur Begründung, weshalb der Arbeitsfähigkeitsschätzung der
Gutachter (und folglich auch derjenigen des RAD) nicht gefolgt werden könne, wurde
insbesondere angeführt, dass auch invaliditätsfremde Faktoren berücksichtigt worden
seien und nach der allgemeinen Lebenserfahrung traurige Erlebnisse wie der Tod eines
eigenen Kindes innert weniger Monate bis weniger Jahre verarbeitet werden könnten.
Zudem seien die zumutbaren Behandlungsmöglichkeiten nicht optimal und nachhaltig
ausgeschöpft worden. Folglich liege keine invalidisierende Wirkung des
Gesundheitsschadens vor (act. G 5).
2.2 Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist entscheidend, ob es
für die Beantwortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen
allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich
mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt, in
Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinandersetzung mit den Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und
Zusammenhänge einleuchtet, ob die Schlussfolgerungen des medizinischen Experten
in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend
nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszuräumende
Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Beantwortung der Fragen erschweren
oder verunmöglichen, gegebenenfalls deutlich macht (vgl. BGE 137 V 210 E. 1.2.2; 122
V 160 E. 1c; U. MEYER-BLASER, in H. Fredenhagen, Das ärztliche Gutachten, 3. Aufl.
1994, S. 24 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3 Ein im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholtes Gutachten von externen
Spezialärzten, welches aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen
sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde
zu schlüssigen Ergebnissen gelangten, besitzt bei der Beweiswürdigung volle
Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb). So ist bspw. ein Administrativ- oder
Gerichtsgutachten dann in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu
nehmen, wenn die behandelnden Ärzte wichtige - und nicht rein subjektiver ärztlicher
Interpretation entspringende - Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung
unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteil des Bundesgerichts vom 25. Mai
2007 i.S. M., I 514/06, E. 2.2.1 mit Hinweisen; BGE 124 I 175 E. 4).
3.
Das bidisziplinäre Gutachten vom 18. Dezember 2013 ist nachfolgend auf dessen
Beweiswert zu prüfen (IV-act. 121).
3.1 Der orthopädische Gutachter stellte mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
folgende Diagnosen: Pangonarthrose bei Status nach Teilmeniscektomie und vorderer
Kreuzbandersatzplastik 1988 mit Reruptur und Nullachse nach aufklappender
Tibiavalgisationsosteotomie 09/2010 rechts, proximale Ansatztendinitis der
Plantarfaszie rechts und links, laterale Epicondylitis humeri links. Ohne Auswirkungen
auf die Arbeitsfähigkeit: leichte Chondropathie des linken Kniegelenks bei Nullachse
und Adipositas. Der Gutachter schätzte aus orthopädischer Sicht die Arbeitsfähigkeit in
der angestammten Tätigkeit als Lagerist bei voller Stundenpräsenz auf 40% und in
einer leidensangepassten Tätigkeit (körperlich leichte Tätigkeit in temperierten Räumen,
die abwechselnd sitzend und stehend ausgeübt werden können, die nicht mit häufigem
Laufen, insbesondere Treppen, Leitern, schrägen Ebenen und unebenem Boden sowie
knienden Positionen verbunden sind und bei denen keine Kraftanwendung des linken
Arms notwendig ist) auf 100%. Die orthopädisch bedingte Leistungslimitierung sei
insbesondere eine Folge der objektiv feststellbaren Befunde im rechten Knie
(Pangonarthrose). Im Weiteren erwähnte der Gutachter die Einschränkungen durch den
linken Ellenbogen (laterale Epicondylitis humeri links) und die Fersen (proximale
Ansatztendinitis der Plantarfaszie). Bedingt durch das linke Knie ergebe sich dagegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keine Limitierung (IV-act. 121 S. 8 - 11). Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aus rein
somatischen Sicht beruht auf eingehenden medizinischen Abklärungen - beinhaltend
persönliche und bildgebende Untersuchungen - und kann ohne weiteres nachvollzogen
werden. Auch die weiteren vorliegenden Arztberichte geben keinen Anlass zu Zweifeln
an der Richtigkeit der gutachterlichen Einschätzungen. Folglich kommen aus
orthopädischer Sicht lediglich leichte Arbeiten, welche abwechselnd sitzend und
stehend ausgeführt werden können, in Frage, wobei insbesondere kniende Tätigkeiten
sowie häufiges Laufen, Treppen- oder Leitersteigen ausgeschlossen sind.
3.2 Der psychiatrische Gutachter stellte mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
folgende Diagnosen: rezidivierende depressive Störung mit Zustand nach schwerer
depressiver Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F33.2), bestehend von
etwa Februar bis April 2012, seither mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F33.1),
rezidivierende Panikstörung (ICD-10: F41.0), bestehend seit der Kindheit (IV-act. 121 S.
27). Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit beständen akzentuierte
Persönlichkeitszüge mit narzisstischen Zügen, bestehend seit Jahren (ICD-10: Z73.1),
und chronischer Alkoholkonsum, bestehend seit etwa September 2011 (ICD-10:
F10.25; IV-act. 121 S. 27). Der Gutachter erklärte hinsichtlich der seit Kindheit
bestehenden rezidivierenden Panikstörung, dass durch medikamentöse Behandlungen
eine Besserung habe erreicht werden können. Nach dem Tod des Sohnes im
September 2011 sei es zu verstärkten Panikattacken gekommen. Seither träten die
Panikattacken etwa jeden zweiten Tag auf. Beim Beschwerdeführer habe sich eine
rezidivierende depressive Störung mit anfangs schwerer depressiver Episode
entwickelt. Auch nach der Entlassung aus der Psychiatrischen Klinik I._ im April 2012
lasse sich trotz weiteren therapeutischen Massnahmen eine anhaltende mittelgradige
depressive Störung erheben (IV-act. 121 S. 29 f.). Der Gutachter schätzte die
Arbeitsfähigkeit ab Mai 2012 in der angestammten Tätigkeit als Lagermitarbeiter aus
psychiatrischer Sicht auf 40% und für leidensadaptierte Tätigkeiten auf 50% bei vollem
Stundenpensum (IV-act. 121 S. 32). In Frage kämen angepasste Tätigkeiten ohne
erhöhte emotionale Belastung, ohne erhöhten Zeitdruck (Stressbelastung), ohne
erforderliche geistige Flexibilität, ohne vermehrte Kundenkontakte und ohne
überdurchschnittliche Dauerbelastung (IV-act. 121 S. 32 ff.). Im Weiteren führte der
Gutachter aus, dass der chronische Alkoholkonsum Folge der zugrunde liegenden
psychischen Erkrankung sei. Zwar liessen sich psychosoziale Faktoren wie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitslosigkeit und finanzielle Probleme erheben, diese seien jedoch im Vergleich zum
psychischen Leiden mit Krankheitswert (rezidivierende depressive Störung kombiniert
mit einer Panikstörung) unbedeutender bzw. die psychischen Leiden mit
Krankheitswert seien überwiegend ursächlich für die reduzierte Arbeitsfähigkeit (IV-act.
121 S. 35). Ferner gebe es auch keine Hinweise für das Vorliegen einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung (oder eines sonstigen vergleichbaren syndromalen
Zustands), seien doch die Schmerzen des Beschwerdeführers überwiegend organisch
erklärbar (IV-act. 121 S. 33 ff.).
3.3 Nachfolgend sind die invalidisierende Wirkung der diagnostizierten
(mittelschweren) depressiven Störung und die dagegen vorgebrachten Argumente der
Beschwerdegegnerin zu prüfen.
3.3.1 Soweit die Beschwerdegegnerin aufgrund der Lebensgeschichte und der
Lebensumstände des Beschwerdeführers auf diverse soziokulturelle und psychosoziale
Probleme schloss, ist dies grundsätzlich nachvollziehbar. Dessen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung mit dem Hinweis auf invaliditätsfremde Gründe zu
verneinen, ist indessen zu kurz gegriffen und wird der Situation und der Aktenlage nicht
gerecht. Festzuhalten ist, dass im vorliegenden Fall auch eine medizinische Diagnose
hinsichtlich des psychischen Gesundheitszustandes vorliegt (vgl. Erwägung 3.2). Es
fragt sich nun, ob diese in Bezug auf die unbestritten ebenfalls vorliegenden
psychosozialen und soziokulturellen Faktoren in den Vorder- oder in den Hintergrund
tritt. Zur Annahme einer Invalidität braucht es in jedem Fall ein medizinisches Substrat,
das (fach)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die
Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosoziale und
soziokulturelle Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das
Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte
psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das
klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den
belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, bestehen darf, sondern davon
psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von
depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde Depression im
fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen
Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungssituation zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unterscheidende und in diesem Sinne verselbstständigte psychische Störungen mit
Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, damit von
Invalidität gesprochen werden kann (BGE 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts
8C_730/2008 vom 23. März 2009, E. 2). Wenn und soweit psychosoziale und
soziokulturelle Faktoren zu einer eigentlichen Beeinträchtigung der psychischen
Integrität führen, indem sie einen verselbstständigten Gesundheitsschaden
aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner - unabhängig von den
invaliditätsfremden Elementen bestehenden - Folgen verschlimmern, können sie sich
mittelbar invaliditätsbegründend auswirken (Urteil des Bundesgerichts 9C_537/2011
vom 28. Juni 2012 E. 3.2 mit Hinweisen).
3.3.2 Wie in Erwägung 3.2 dargelegt, diagnostizierte der Gutachter Dr. N._ bis zum
Ende der stationären Behandlung in der Psychiatrischen Klinik I._ eine schwere
depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F33.2). Ab Klinikaustritt
bzw. ab Mai 2012 ging er von einer mittelgradigen depressiven Episode aus (ICD-10:
F33.1). Im Weiteren diagnostizierte er eine seit Kindheit bestehende rezidivierende
Panikstörung (ICD-10: F41.0), welche sich nach dem Tod der Mutter im Jahr 2010 und
des Sohnes im September 2011 verstärkt habe.
3.3.3 In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10 Kapitel V [F]
der Weltgesundheitsorganisation) wird die von Dr. N._ diagnostizierte rezidivierende
depressive Störung (ICD-10: F33) als Störung beschrieben, die durch wiederholte
depressive Episoden charakterisiert sei. Die einzelnen Episoden dauerten zwischen drei
und zwölf Monaten (im Mittel etwa sechs Monate). Die Besserung zwischen den
Episoden sei im Allgemeinen vollständig, aber eine Minderheit von Patienten entwickle
eine anhaltende Depression, hauptsächlich im höheren Lebensalter. Die einzelnen
Episoden jeden Schweregrades würden häufig durch belastende Lebensereignisse
ausgelöst. Eine mittelgradige Episode einer rezidivierenden depressiven Störung
zeichnet sich dadurch aus, dass bei der gegenwärtigen Episode mindestens zwei der
drei Hauptsymptome (depressive Stimmung, Verlust von Interesse oder Freude,
erhöhte Ermüdbarkeit/reduzierter Antrieb) sowie drei oder vier Zusatzsymptome
(verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, vermindertes Selbstwertgefühl und
Selbstvertrauen, Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit, negative und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
pessimistische Zukunftsperspektiven, Suizidgedanken, erfolgte Selbstverletzung oder
Suizidhandlungen, Schlafstörungen, verminderter Appetit) vorhanden sein müssen.
3.3.4 Im psychiatrischen Teilgutachten führt Dr. N._ im Detail aus, welche Befunde
und insbesondere welche Symptome er beim Beschwerdeführer erhob. Dies waren u.a.
depressiver Gesamteindruck, mangelnde Interessen, mangelnde Motivation,
mangelndes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Suizidgedanken mit Zufügen von
Selbstverletzungen, Insuffizienzgefühle, fehlende Zukunftsperspektiven (IV-act. 121 S.
26 und 29). Aufgrund der festgestellten Symptome und der früher erhobenen Befunde
und Diagnosen (insb. Bericht der Psychiatrische Klinik I._, IV-act. 83) ist die
gutachterliche Diagnose der rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode, nachvollziehbar und überzeugend. Es ist daher im Grad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass ein psychiatrisches Leiden
mit Krankheitswert vorliegt.
3.3.5 Zur diagnostizierten Panikstörung, gekennzeichnet durch wiederholt auftretende
Panikattacken mit Todesangst, Herzrasen, Schweissausbrüchen und
Ohnmachtsanfällen, ist anzumerken, dass sich die Situation u.a. unter medikamentöser
Behandlung zwar verbesserte, die Panikattacken sich jedoch in Folge der Todesfälle
(Mutter im Jahr 2010; Sohn im Jahr 2011) vermehrten (etwa jeden 2. Tag, IV-act. 121 S.
29). Die Argumentation der Beschwerdegegnerin mit dem Verweis auf den Bericht der
Rehaklinik Bellikon aus dem Jahre 2010, dass die Panikstörung die Arbeitsfähigkeit
nicht tangiere, überzeugt nicht, denn die Panikstörung ist nicht isoliert, sondern
zusammen mit der depressiven Störung zu würdigen. Von Relevanz ist ausserdem,
dass der Bericht der Klinik Bellikon vor dem gesundheitlich belastenden Ereignis
(Todesfall des Sohnes) erstellt worden war und deshalb zur Beurteilung der
psychischen Situation ab September 2011 unbehelflich ist.
3.3.6 Für das Vorliegen eines versicherungsrelevanten psychischen Leidens sprechen
ausserdem die stationäre und ambulante psychiatrische Behandlung in der
Psychiatrischen (Tages-) Klinik I._ in den Jahren 2012 und 2013 (vgl. IV-act. 83, 95,
106 und 114), die nach dem stationären Klinikaustritt fortgesetzte psychiatrische
Behandlung durch Dr. H._ (vgl. IV-act. 84 und 90) sowie die gutachterliche
Empfehlung, dass die antidepressive Medikamentation fortzusetzen und eine erneute
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
stationäre Behandlung in Betracht zu ziehen sei (vgl. IV-act. 121 S. 33 f.). Dem Einwand
der Beschwerdegegnerin, dass die zumutbaren Behandlungsmöglichkeiten nicht
optimal und nachhaltig ausgeschöpft worden seien bzw. es an einer konsequenten
Depressionstherapie fehle, ist zu entgegnen, dass aus den Akten nicht ersichtlich ist,
dass der Beschwerdeführer die von den Ärzten empfohlenen Therapien abgelehnt
hätte. Dass bei ausbleibendem (erhofftem) Erfolg der psychiatrische Gutachter
vorschlägt, die Therapien zu intensivieren und einen weiteren stationären Aufenthalt in
Erwägung zu ziehen, ist nachvollziehbar. Dass eine Intensivierung nicht bereits (früher)
erfolgte, kann dem Beschwerdeführer jedoch nicht zum Vorwurf gemacht werden, da
er den Empfehlungen der behandelnden Ärzte - soweit aus den Akten ersichtlich - stets
gefolgt war. Wie zuvor dargelegt, unterzog sich der Beschwerdeführer einer
umfassenden und diversifizierten psychotherapeutischen Behandlung. Anzufügen ist,
dass der Gutachter aufgrund der bisherigen Fortschritte von einer ungünstigen
Prognose hinsichtlich einer wesentlichen Besserung des psychischen Zustandes
ausging und eine Leistungssteigerung als nicht absehbar erachtete (IV-act. 121 S. 34).
3.3.7 Das Fazit des psychiatrischen Gutachters, dass nicht im überwiegenden Masse
von einem psychosozial begründeten Krankheitsbild, sondern vom Vorliegen einer
ausgeprägten und dauerhaften psychischen Störung von Krankheitswert in der Form
einer rezidivierenden depressiven Störung (ab Mai 2012 mittelgradige depressive
Episode, ICD-10: F33.1) und einer rezidivierenden Panikstörung (ICD-10: F41.0)
auszugehen sei, ist nachvollziehbar sowie überzeugend und schlüssig.
3.4 Im Weiteren ist festzustellen, dass der RAD in der Stellungnahme vom 25. März
2014 das orthopädisch-psychiatrische Gutachten vom 18. Dezember 2013 als
ausführlich, schlüssig und nachvollziehbar beurteilte, weshalb darauf abgestellt werden
könne. Der RAD ging aus versicherungsmedizinischer Sicht von einem stabilen
Gesundheitszustand aus und erachtete eine Arbeitsfähigkeitssteigerung ebenfalls als
unwahrscheinlich. Übereinstimmend mit den Gutachtern ging der RAD von einer
Arbeitsfähigkeit ab Mai 2012 in der angestammten Tätigkeit von 40% und in
adaptierten Tätigkeiten von 50% aus (IV-act. 123).
3.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das MGSG-Gutachten auf
eigenständigen orthopädischen und psychologischen Abklärungen, mithin auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
allseitigen Untersuchungen beruht und damit für die streitigen Belange umfassend ist.
Es wurden die Vorakten verwertet und die vom Beschwerdeführer geklagten
Beschwerden berücksichtigt. Das Gutachten leuchtet in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge (orthopädisch, psychiatrisch und in deren
Zusammenspiel) und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein, dies
insbesondere auch durch die Auseinandersetzung mit der Entstehung und dem Verlauf
der bestehenden Leiden. Vor diesem Hintergrund vermögen auch die darin enthaltenen
Schlussfolgerungen, namentlich die Umschreibung der leidensadaptierten Tätigkeiten
und deren Umfang, zu überzeugen. Die von der Beschwerdegegnerin vorgetragenen
Einwände gegen das Gutachten vermögen nicht zu überzeugen bzw. den Beweiswert
des Gutachtens zu mindern. Das bidisziplinäre Gutachten erfüllt mithin alle
praxisgemässen Kriterien für ein beweiskräftiges Gutachten (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a),
so dass grundsätzlich darauf abzustellen ist. Da die gesundheitlichen Einschränkungen
des Beschwerdeführers mit überwiegender Wahrscheinlichkeit durch Krankheiten mit
Krankheitswert bedingt sind, sind diese invalidenversicherungsrechtlich relevant.
4.
Nachfolgend ist der frühestmögliche Anspruchsbeginn auf eine Invalidenrente zu
bestimmen.
4.1 Gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG entsteht der Rentenanspruch frühestens nach Ablauf
von sechs Monaten nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs.
1 ATSG, jedoch frühestens im Monat, der auf die Vollendung des 18. Altersjahrs folgt.
Da sich der 1967 geborene Beschwerdeführ am 7. Juni 2010 zum Bezug von IV-
Leistungen anmeldete, kann ein Rentenanspruch frühestens ab 7. Dezember 2010
entstehen.
4.2 Die Rentenanspruchsvoraussetzung gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG ist vorliegend
erfüllt, denn Eingliederungsmassnahmen zur Reintegration des Beschwerdeführers in
den ersten Arbeitsmarkt sind vorliegend nicht erforderlich bzw. nicht angezeigt.
4.3 Am 5. Mai 2010 fand ein ambulantes Assessment in der Rehaklinik Bellikon statt,
worauf ein stationärer Aufenthalt vom 20. Mai bis 23. Juni 2010 in dieser Institution
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
folgte. Im Austrittsbericht vom 13. Juli 2010 erklärten die Klinikärzte, dass dem
Beschwerdeführer wegen der Knieproblematik und der degenerativen HWS-
Veränderung die angestammte Tätigkeit als Lagermitarbeiter nicht mehr zumutbar sei
(IV-act. 21). Seither bestand zumindest eine 60%ige Arbeitsunfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit (IV-act 31, 33 S. 3, 34). Damit erfüllt der Beschwerdeführer
einerseits den erforderlichen durchschnittlichen Mindestgrad der Arbeitsunfähigkeit von
40% und andererseits ab dem 5. Mai 2011 das erforderliche Wartejahr (vgl. Art. 28
Abs. 1 lit. b IVG).
4.4 Der Anspruch auf eine Rente setzt zudem voraus, dass der Versicherte nach
Ablauf des Wartejahres zu mindestens 40 Prozent invalid im Sinne von Art. 8 ATSG ist
(vgl. Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG). Der Beschwerdeführer erfüllt diese Voraussetzung ab
Januar 2012 (100%ige Arbeitsunfähigkeit während des Klinikaufenthalts von Januar bis
April 2012 und anschliessend 50%ige Arbeitsunfähigkeit in einer leidensangepassten
Tätigkeit).
4.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der frühestmögliche Anspruchsbeginn
auf eine Invalidenrente der 1. Januar 2012 ist.
5.
Nachfolgend sind der Invaliditätsgrad anhand eines Einkommensvergleiches und der
Rentenanspruch zu bestimmen.
5.1 Da vorliegend mangels gegenteiliger Hinweise davon auszugehen ist, dass der
Beschwerdeführer als Gesunder weiterhin im gleichen Umfang in seiner bisherigen
Tätigkeit weitergearbeitet hätte, bildet das zuletzt vor Eintritt des Gesundheitsschadens
erzielte Einkommen einen wichtigen Anhaltspunkt für die Bestimmung des
Valideneinkommens. Gemäss dem Fragebogen für Arbeitgebende vom 18. Juni 2010
war der Beschwerdeführer im letzten Festanstellungsverhältnis als Kommissionierer/
Lagermitarbeiter tätig (IV-act. 9). Gemäss Arbeitgeber betrug der AHV-pflichtige
Jahreslohn ab April 2008 Fr. 61'100.- (100% Pensum). Im Jahr 2010 hätte der
Beschwerdeführer bei voller Gesundheit Fr. 61‘750.- verdient (vgl. IV-act. 9 S. 3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Angepasst an die Nominallohnentwicklung bei Männern (2011: +1%) resultiert ein
Valideneinkommen von Fr. 62‘368.- für das Jahr 2011.
5.2
5.2.1 Der Beschwerdeführer ist in der Wahl einer neuen Stelle behinderungsbedingt
eingeschränkt, so dass ihm nicht mehr das gesamte Spektrum an Hilfsarbeiten offen
steht. Als Ausgangseinkommen zur Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens
ist demnach auf das durchschnittliche Einkommen gemäss LSE 2010, TA 1,
Anforderungsniveau 4, von Fr. 4'901.- abzustellen (vgl. Art. 16 ATSG in Verbindung mit
Art. 28a Abs. 1 IVG; BGE 124 V 321). Nominallohnindexbereinigt (+1%) und angepasst
auf die betriebsübliche Arbeitszeit im Jahr 2011 von 41.7 Stunden beträgt der
monatliche Bruttolohn Fr. 5'160.- bzw. 61'925.- pro Jahr. Bei einer Arbeitsfähigkeit in
der Höhe von 100% bzw. 50% resultiert ein Invalideneinkommen von Fr. 61'925.- bzw.
Fr. 30'962.- pro Jahr.
5.2.2 Im Weiteren ist zu prüfen, ob ein Abzug vom Tabellenlohn gerechtfertigt ist (BGE
124 V 321 E. 3b/aa; 126 V 75 E. 5b/aa). Nach der Rechtsprechung können die
statistischen Löhne um bis zu 25% gekürzt werden, um dem Umstand Rechnung zu
tragen, dass versicherte Personen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung in der
Regel das durchschnittliche Lohnniveau nicht erreichen (RKUV 1999 Nr. U 242 S. 412
E. 4b/bb) bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit
unterdurchschnittlichem erwerblichen Erfolg zu verwerten in der Lage sind (BGE 126 V
75 E. 5a/bb). Nach der Rechtsprechung hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass
Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen - insbesondere auch von invaliditätsfremden Faktoren - des konkreten
Einzelfalles ab (etwa leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/
Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25%
festzusetzen ist. Eine schematische Vornahme des Leidensabzuges ist unzulässig
(BGE 126 V 75 E. 5b; 129 V 472 E. 4.2.3 mit Hinweisen). Da im zuvor ermittelten
Invalidenlohn die 50%ige Leistungsreduktion bereits berücksichtigt ist, sind nur noch
die qualitativen Einschränkungen, welche zu einer unterdurchschnittlichen Bezahlung
im Vergleich zum Durchschnittslohn führen, zu berücksichtigen. Relevant sind
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorliegend insbesondere die gesundheitsbedingten qualitativen Einschränkungen wie
die sehr geringe Belastbarkeit (kein Stress, kein Kundenkontakt), keine Arbeit im Freien,
die eingeschränkte Beweglichkeit (kein Treppensteigen, keine knienden Arbeiten), die
krankheitsbedingten Verhaltensweisen (Panikattacken), die Beanspruchung des
Arbeitsplatzes während des ganzen Tages bei lediglich 50%iger Leistung und die
behandlungsbedingten Absenzen (Therapien und Möglichkeit von Klinikaufenthalten).
Eine lohnmässig relevante Erschwernis ergibt sich durch den Umstand, dass
vorliegend nur noch leichte Hilfsarbeiten in Frage kommen, für welche kein Mangel an
Arbeitskräften besteht (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 8. Januar 2008,
9C_603/2007, E. 4.2.3). Ein Leidensabzug von 15% erscheint als angemessen.
5.3 Unter Berücksichtigung der dreimonatigen Übergangszeit gemäss Art. 88a der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) resultiert, dass der
Beschwerdeführer für die Monate Januar bis Juli 2012 mit seinem Invaliditätsgrad von
100% Anspruch eine ganze Rente hat. Ab August 2012 ist von einem erzielbaren
Invalideneinkommen von Fr. 26'318.- und damit von einem Invaliditätsgrad von 58%
([Fr. 62‘368.-- Fr. 26'318.-] / Fr. 62‘368.-) auszugehen. Ab August 2012 besteht
demzufolge ein Anspruch auf eine halbe Rente der Invalidenversicherung.
6.
6.1 In Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung vom 30. Juni 2014 aufzuheben.
Dem Beschwerdeführer ist für die Monate Januar bis Juli 2012 eine ganze Rente und
ab 1. August 2012 eine halbe Rente der Invalidenversicherung zuzusprechen. Zur
Festsetzung der Rentenhöhe ist die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
6.2 Die Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung (Befreiung von den
Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) vom 9.
Oktober 2014 ist damit obsolet geworden.
6.3 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis Fr.
1'000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis des Bundesgesetzes über die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint in
der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Der unterliegenden
Beschwerdegegnerin sind die Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 600.- aufzuerlegen.
6.4 Gemäss Art. 61 lit. g des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) hat die obsiegende beschwerdeführende
Partei Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.- bis Fr. 12'000.-. Im hier zu
beurteilenden Fall ist eine Parteientschädigung Fr. 3'500.- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) angemessen.