Decision ID: 2180d005-5484-49f8-8b9b-abf8ff1c57e2
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. B.B., geboren 1995, ist ukrainische Staatsangehörige russischer Ethnie. Ihr
Vater C.C. ist am 1. Dezember 2008 im Alter von 37 Jahren in M., Ukraine, verstorben.
Ihre Mutter A.A., geboren 1973, ebenfalls ukrainische Staatsangehörige reiste am
1. Juli 2004 in die Schweiz ein, wo sie am 16. August 2004 in St. Gallen den Schweizer
Staatsbürger D.D., geboren 1962, heiratete und über eine Niederlassungsbewilligung
verfügt. Seit der Übersiedelung ihrer Mutter in die Schweiz lebte B.B. nach eigenen
Angaben bei einer Gastfamilie und ihrem Vater in M., Ukraine. Die Gastfamilie,
namentlich E.E., geboren 1962, wanderte im März 2014 offenbar nach Lettland aus
(Akten Migrationsamt [fortan Dossier], S. 4, 8, 27, 65, 68 und 83, act. 1, S. 2 f., III. lit. A
Ziff. 4 und 5, act. 2/3).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 30. Juni 2014 reiste B.B. mit einem Touristenvisum in die Schweiz ein und hält sich
seit Ablauf des Visums ohne Bewilligung in der Schweiz auf. Am 27. September 2014
reichte A.A. ein Familiennachzugsgesuch für B.B. ein. Mit Verfügung vom 27. März
2015 wies das Migrationsamt das Gesuch ab und ordnete die Wegweisung von B.B.
aus der Schweiz unter Ansetzung einer Ausreisefrist bis zum 15. Juli 2015 an (Dossier,
S. 71 f., 73, act. 9/1/1).
C.
Dagegen rekurrierten A.A. und B.B. am 9. April 2015 durch ihren Rechtsvertreter beim
Sicherheits- und Justizdepartement. Mit Entscheid vom 7. März 2016 wies das
Sicherheits- und Justizdepartement den Rekurs ab und forderte das Migrationsamt auf,
eine neue Ausreisefrist anzusetzen (act. 9/1 und act. 2/2).
D.
Gegen den Rekursentscheid des Sicherheits- und Justizdepartements (Vorinstanz) vom
7. März 2016 liessen A.A. (Beschwerdeführerin 1) und B.B. (Beschwerdeführerin 2)
durch ihren Rechtsvertreter am 23. März 2016 Beschwerde beim Verwaltungsgericht
mit dem Rechtsbegehren erheben, die Verfügung des Migrationsamtes vom 27. März
2015 sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge aufzuheben und das
Familiennachzugsgesuch für B.B. zu bewilligen (act. 1). Mit Vernehmlassung vom 4.
Mai 2016 schloss die Vorinstanz auf Abweisung der Beschwerde (act. 8).
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge und die

Akten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Rechtsbegehren sind nach Treu und Glauben auszulegen, insbesondere im
Lichte der dazu gegebenen Begründung. Eine sichtlich ungewollte oder unbeholfene
Wortwahl schadet dem Beschwerdeführer nicht (vgl. BGer 1C_751/2013 vom 4.
April 2014 E. 1.1 mit Hinweisen). Aus der Begründung der Beschwerde vom 23. März
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2016 (vgl. act. 1, S. 2, II. Ziff. 2 und S. 3, III. lit. A Ziff. 8) geht hervor, dass das
Rechtsbegehren der Beschwerdeführerinnen in dem Sinne zu verstehen ist, dass damit
auch die Aufhebung des Rekursentscheides vom 7. März 2016 beantragt wird. Neben
der sachlichen ist damit auch die funktionelle Zuständigkeit des Verwaltungsgerichtes
gegeben (Art. 59 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1,
VRP). Die Beschwerdeführerinnen sind zur Ergreifung des Rechtsmittels befugt (Art. 64
in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 23. März 2016
(act. 1) erfolgte rechtzeitig und erfüllt formal und inhaltlich die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf
die Beschwerde ist somit grundsätzlich einzutreten. Nicht einzutreten ist auf die
Beschwerde, soweit damit die Aufhebung der Verfügung des Migrationsamtes vom
27. März 2015 beantragt wird. Diese Verfügung ist durch den angefochtenen
Rekursentscheid ersetzt worden bzw. gilt inhaltlich als mitangefochten (sogenannter
Devolutiveffekt, vgl. BGer 2C_249/2014 vom 27. März 2015 E. 1.3 mit Hinweis auf BGE
138 II 169 E. 3.3). Ebenfalls nicht einzutreten ist auf die Beschwerde, soweit sich die
Beschwerdeführerinnen darauf berufen, der Beschwerdeführerin 2 komme wegen dem
militärischen Konflikt zwischen ukrainischen Regierungstruppen und prorussischen
Separatisten in der Ostukraine die Flüchtlingseigenschaft zu. Diese Frage ist im
asylrechtlichen Verfahren zu klären.
2.
Die Beschwerdeführerinnen machen geltend, die Verweigerung des Familiennachzugs
sei weder verhältnismässig noch mit dem Schutz des Familienlebens vereinbar. Sie
würden zusammen mit dem Ehemann der Beschwerdeführerin 1 seit Jahren ein enges
emotionales Verhältnis pflegen. Um das Familienleben abzusichern, sei bereits vor
Jahren ein Familiennachzugsgesuch für die Beschwerdeführerin 2 eingereicht worden,
welches aber abgewiesen worden sei. Die Beschwerdeführerin 2 habe noch keine
eigentliche Erstausbildung abgeschlossen, so dass sie nicht in der Lage sei, für ihren
Unterhalt selbst aufzukommen. Der Vater der Beschwerdeführerin 2 sei verstorben und
ihre Gasteltern seien aus der Ukraine emigriert. Ihr dortiges soziales Netz sei kollabiert.
Es sei die elterliche Pflicht der Beschwerdeführerin 1, ihre Tochter bei sich
aufzunehmen. Zwischen ihnen bestehe ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis. Die
Beschwerdeführerin 2 besuche derzeit im Hinblick auf eine rasche Eingliederung
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
intensiv Deutschkurse. Bei einer Verweigerung des Familiennachzugs werde die
Beschwerdeführerin 2 faktisch zur Waise gemacht. Als russischsprachiges Mädchen
ohne jegliches soziales Beziehungsnetz habe sie in der ukrainischsprachigen
Westukraine keine Chance Fuss zu fassen, zumal die russische Minderheit in der
Ukraine verfolgt werde. Sie sei nicht in der Lage, sich in einem von Kriegswirren
gezeichneten Land ein neues Leben aufzubauen. Das Eidgenössische Departement für
auswärtige Angelegenheiten EDA rate in seinen Reisehinweisen für die Region L. und
damit für die Stadt M., wo die Beschwerdeführerin 2 aufgewachsen sei, von
Aufenthalten jeder Art strikte ab. Es beständen massive Vollzugshindernisse, weshalb
der Beschwerdeführerin 2 die vorläufige Aufnahme zu bewilligen sei.
2.1. Zunächst können die Beschwerdeführerinnen gestützt auf Art. 43 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über Ausländerinnen und Ausländer (Ausländergesetz; SR 142.20,
AuG) keinen gesetzlichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung (vgl. Art.
33 AuG) an die Beschwerdeführerin 2 ableiten. Wie die Beschwerdeführerinnen selber
einräumen (act. 1, S. 4, III. lit. B Ziff. 9a), war die Beschwerdeführerin 2 als Tochter der
in der Schweiz niederlassungsberechtigten Beschwerdeführerin 1 im Zeitpunkt der
Gesuchseinreichung am 27. September 2014 bereits über 18 Jahre alt (vgl. hierzu BGer
2C_452/2015 vom 26. Oktober 2015 E. 2.2.1 mit Hinweisen). Überdies besteht
zwischen der Schweiz und der Ukraine kein Freizügigkeitsabkommen im Sinne von Art.
2 Abs. 1 AuG, aus welchem sich ein Aufenthaltsanspruch der Beschwerdeführerin 2
ergeben könnte.
2.2.
Im Weiteren vermittelt der konventions- und verfassungsrechtliche Anspruch auf
Achtung des Familienlebens grundsätzlich keinen Anspruch auf Nachzug einer
mittlerweile volljährig gewordenen Tochter, die mindestens die letzten 10 Jahre ihres
bisherigen Lebens getrennt von der leiblichen Mutter in ihrer Heimat zugebracht hat.
Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern fallen nur in den
Anwendungsbereich von Art. 8 der Europäischen Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101, EMRK) resp. Art. 13 Abs. 1 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101, BV), falls ein
besonderes Abhängigkeitsverhältnis besteht, das über normale affektive Bindungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hinausreicht (vgl. BGer 2C_452/2015 vom 26. Oktober 2015 E. 3.3.3 mit Hinweisen und
M. Caroni, Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer, Bern 2010, Vorbem.
zu Art. 42-52 N 60).
Anhaltspunkte für ein (besonderes) Abhängigkeitsverhältnis zwischen der volljährigen
Beschwerdeführerin 2 und ihrer Mutter bestehen nicht. Die von den
Beschwerdeführerinnen geltend gemachte finanzielle Unselbständigkeit der
Beschwerdeführerin 2 vermag keine massgebliche Abhängigkeit zu begründen, können
die Beschwerdeführerin 1 und deren Ehemann die Beschwerdeführerin 2 doch auch
von der Schweiz aus in der Ukraine finanziell unterstützen. Darüber hinaus war die
Beschwerdeführerin 2 nach eigenen Angaben (vgl. act. 1, S. 4, III. lit. B Ziff. 9a) fähig,
das Gymnasium in der Ukraine erfolgreich abzuschliessen. Damit scheint sie in der
Lage zu sein, in der Ukraine ein selbständiges Leben zu führen, auch wenn sie dort
noch nicht berufstätig war. Allein der Umstand, dass sich die Beschwerdeführerin 2 mit
den sich in der Schweiz bietenden Möglichkeiten für ihre berufliche Zukunft vertraut
machen möchte (vgl. Dossier, S. 84), vermag kein besonderes Abhängigkeitsverhältnis
zu begründen, welches über normale affektive Bindungen hinausreicht. Bei dieser
Sachlage ist die Vorinstanz in Erwägung 3b des angefochtenen Entscheides mit Recht
zum Ergebnis gelangt (act. 2/2, S. 4 f.), dass der Beschwerdeführerin 2 aus
Art. 8 EMRK bzw. Art. 13 BV kein Anspruch auf Familiennachzug zusteht.
2.3.
Auch ausserhalb des Anspruchsbereichs, etwa bei der Prüfung einer humanitären
Bewilligung im Sinne von Art. 30 Abs. 1 lit. b AuG in Verbindung mit Art. 29-32 der
Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit (SR 142.201, VZAE, vgl.
hierzu VerwGE B 2014/214 vom 27. November 2015 E. 2.1 mit Hinweisen,
www.gerichte.sg.ch, T. Hugi Yar, Von Trennungen, Härtefällen und Delikten –
Ausländerrechtliches rund um die Ehe- und Familiengemeinschaft, in: Achermann/
Amarelle/Caroni/Epiney/Kälin/Uebersax [Hrsg.], Jahrbuch für Migrationsrecht
2012/2013, Bern 2013, S. 95 ff. und M. Spescha, Migrationsrecht, Zürich 2015, Art. 30
N 11), haben die zuständigen Behörden bei der Ermessensausübung die öffentlichen
Interessen (vgl. Art. 3 Abs. 1 und 3 AuG) und die persönlichen Verhältnisse sowie den
Grad der Integration der Ausländerinnen und Ausländer zu berücksichtigen (vgl. Art. 96
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abs. 1 AuG). Mit der Beschwerde an das Verwaltungsgericht können nur
Rechtsverletzungen und für den Entscheid erhebliche unrichtige oder unvollständige
Sachverhaltsfeststellungen geltend gemacht werden (Art. 61 Abs. 1 und 2 VRP).
Ermessensentscheide der Vorinstanz kann das Verwaltungsgericht nur auf das
überschreiten, Unterschreiten oder den Missbrauch des Ermessens überprüfen,
hingegen nicht auf die Angemessenheit des Entscheides (vgl. Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor
dem Verwaltungsgericht, St. Gallen 2003, N 740).
Die Beschwerdeführerin 2 lebte bis zu ihrem 19. Lebensjahr in M. in der Ukraine. Im
Jahr 2004, als die Beschwerdeführerin 2 knapp neun Jahre alt war, übersiedelte ihre
Mutter in die Schweiz. Die Beschwerdeführerinnen lebten damit rund zehn Jahre lang
freiwillig getrennt voneinander in Zürich und St. Gallen bzw. M., was darauf hindeutet,
dass der Beschwerdeführerin 1 am gemeinsamen Familienleben mit ihrer Tochter lange
Zeit nicht sehr viel gelegen war, zumal sich in den Akten kein angeblich für die
Beschwerdeführerin 2 im Jahr 2008 eingereichtes Familiennachzugsgesuch findet (vgl.
act. 1, S. 2, III. lit. A Ziff. 3, und Dossier, S. 83) und die Beschwerdeführerinnen – in
Verletzung ihrer Mitwirkungspflicht nach Art. 90 AuG – kein entsprechendes Gesuch
vorgelegt haben. Auch verzichtete die Beschwerdeführerin 1 darauf, ihre Tochter nach
dem Tod des Vaters am 1. Dezember 2008 umgehend zu sich zu holen, damit diese
das Gymnasium in der Ukraine beenden konnte (vgl. act. 1, S. 2, III. lit. A Ziff. 4). Ferner
ist nicht belegt, ob und welche weitere(n) Verwandten, welche die Beschwerdeführerin
2 mutmasslich unterstützt haben sollten, im Laufe der Zeit aus der Ukraine nach
Russland emigriert sein sollen (vgl. act. 1, S. 3, III. lit. A Ziff. 5). Überdies ist davon
auszugehen, dass sich die Beschwerdeführerin 2 in der Ukraine auch im
ausserfamiliären Bereich, etwa im Gymnasium, ein Beziehungsnetz aufbauen konnte.
Sodann können sich die Beschwerdeführerinnen nicht auf Umstände (Deutschkurs der
Beschwerdeführerin 2, Dossier, S. 31, Aufenthaltsdauer in der Schweiz nach Ablauf
ihres Touristenvisums) berufen, die darauf beruhen, dass die Beschwerdeführerin 2,
ohne über eine entsprechende Bewilligung zu verfügen (vgl. Art. 10 Abs. 1, Art. 11 Abs.
1 sowie Art. 17 Abs. 1 AuG), ihren Lebensmittelpunkt in die Schweiz verlagert und die
Behörden vor vollendete Tatsachen gestellt hat (VerwGE B 2015/171 vom 25.
Februar 2015, www.gerichte.sg.ch, bestätigt durch BGer 2 C_281/2016 vom 5. April
2016; vgl. auch BGer 2C_181/2014 vom 21. Februar 2014 E. 3.2). Im Übrigen ist es an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Beschwerdeführerin 1 und deren Ehemann, die volljährige Beschwerdeführerin 2,
welche keiner speziellen Betreuung bedarf (vgl. E. 2.2 hiervor), in Wahrnehmung ihrer
elterlichen Fürsorgepflichten von der Schweiz aus durch Telefonate oder Kontakte mit
neuen Medien sowie durch häufige Besuche in der Ukraine auch moralisch zu
unterstützen. Der Vorwurf, die Verweigerung der Aufenthaltsbewilligung mache die –
volljährige – Beschwerdeführerin 2 faktisch zur Waisen, stösst ins Leere. Gesamthaft
betrachtet erscheint der Schluss der Vorinstanz, der Beschwerdeführerin 2 im Rahmen
des pflichtgemässen Ermessens keine Aufenthaltsbewilligung zu erteilen, nicht als
rechtsfehlerhaft. Der Vorinstanz kann keine Verletzung des Grundsatzes der
Verhältnismässigkeit (vgl. Art. 5 Abs. 2 BV) vorgeworfen werden.
2.4.
Bei Vorliegen von Wegweisungsvollzugshindernissen gemäss Art. 83 Abs. 2 bis 4 AuG,
welche den Vollzug der Wegweisung als nicht möglich, nicht zulässig oder nicht
zumutbar erscheinen lassen, verfügt das Staatssekretariat für Migration SEM die
vorläufige Aufnahme (Art. 83 Abs. 1 AuG). Wird das ausländerrechtliche
Nachzugsgesuch, wie vorliegend, abgelehnt, hat die kantonale Behörde die
Zulässigkeit des damit verbundenen Wegweisungsentscheids bzw. die dessen Vollzug
entgegenstehenden Hindernisse zu prüfen und dem zuständigen SEM nötigenfalls die
vorläufige Aufnahme zu beantragen (vgl. Art. 83 Abs. 6 AuG und BGer 2C_532/2015
vom 23. Dezember 2015 E. 2.4.2 mit Hinweisen, insbesondere auf BGE 137 II 305 E.
3.2). Im konkreten Fall ist nicht ersichtlich und wird von den Beschwerdeführerinnen
auch nicht weiter dargetan, inwiefern der Vollzug nicht möglich oder nicht zulässig
wäre (vgl. Art. 83 Abs. 2 und 3 AuG). Zu untersuchen bleibt, ob der Vollzug nach Art. 83
Abs. 4 AuG unzumutbar ist. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Ausländerinnen
und Ausländer in Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage im Heimat- oder Herkunftsstaat konkret gefährdet sind.
Die Beschwerdeführerin stammt aus M. in der Region L., mithin aus einem aktuell von
den ukrainischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten umkämpften
Gebiet. Ausserhalb des Konfliktgebietes kann gemäss dem Bundesverwaltungsgericht
keine Rede davon sein, dass ukrainische Staatsangehörige russischer Ethnie unter
dem Einfluss des herrschenden Konflikts in der Ukraine per se diskriminiert oder gar
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bedroht werden und dies von der Regierung systematisch gefördert oder tatenlos
geduldet wird (vgl. BVerwGer E-4149/2015 vom 2. März 2016 E. 6.3.1 und die von der
Vorinstanz angeführten Entscheide). Der jungen gesunden Beschwerdeführerin 2 mit
Schulbildung ist es daher möglich, in einer anderen Region der Ukraine als die Region
L. innerhalb eines absehbaren Zeitraums mit finanzieller und moralischer Unterstützung
ihrer Mutter aus der Schweiz einen Einstieg in die Berufstätigkeit zu finden oder eine
weitergehende Ausbildung in Angriff zu nehmen, zumal nicht behauptet wird, dass sie
sich nach Absolvierung des Gymnasiums nicht auch in Ukrainisch als Amtssprache
(vgl. www.eda.admin.ch) verständigen könnte. Wie die Vorinstanz in Erwägung 4c des
angefochtenen Entscheides (act. 2/2, S. 5 f.) zutreffend ausgeführt hat, ist der Vollzug
der Wegweisung bei dieser Ausgangslage zumutbar, selbst wenn die
Beschwerdeführerin 2 in der Ukraine über kein Beziehungsnetz mehr verfügen sollte.
3.
(...).