Decision ID: f4f83726-edd0-51f9-a574-da7bb3b9b5e9
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 10. April 2012 bei der Gemeinde
Schwarzenburg ein nachträgliches Baugesuch ein für die Teilumnutzung/Erweiterung ihres
Gewerbebetriebes mit einer mobilen Säge sowie für das Aufstellen von drei Reklametafeln
auf den Parzellen Schwarzenburg 2 (Wahlern) Grundbuchblatt Nrn. L._ und
M._. Die Parzellen liegen in der Arbeitszone A3. Mit Projektänderung vom 2. April
2013 beantragte sie die Erweiterung des Gewerbebetriebes mit einer traktor-
/kardanwellenbetriebenen Silosackbefüllungsanlage, einem Hubstapler und einem
Teleskoplader sowie einer mobilen Säge und einer Holzfräse mit Reduktion der
Betriebszeiten der einzelnen Maschinen. Gegen das Bauvorhaben erhoben unter anderen
die Beschwerdeführenden 1–3 und die Beschwerdeführenden 4 und 5 Einsprache. Mit
Gesamtentscheid vom 1. Juli 2014 erteilte das Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland
die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden 1–3 am 31. Juli 2014 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen die
Aufhebung des Gesamtentscheides vom 1. Juli 2014 und die Rückweisung der Sache an
die Vorinstanz zur Einholung eines neuen Lärmgutachtens. Eventualiter sei in Abänderung
des angefochtenen Entscheids die Baubewilligung zu erteilen, unter der Bedingung, dass
die ganze Südfassade schallgedämmt werde, ruhestörende Arbeiten zur akustischen
Nachtzeit verboten werden und die Einsetzung eines Betriebsstundenzählers angeordnet
werde, der selbständig zwischen Betriebsstunden im Betrieb und solchen ausserhalb
unterscheiden kann. Sie machen insbesondere geltend, die Lärmmessung und das
Lärmgutachten seien fehlerhaft.
Die Beschwerdeführenden 4 und 5 reichten ihre Beschwerde vom 2. August 2014 am
4. August 2014 ein. Sie beantragen, der Gesamtentscheid vom 1. Juli 2014 sei in Bezug
auf die Nachtarbeit teilweise aufzuheben und dafür sei ein teilweiser Bauabschlag zu
erteilen. Das Lärmgutachten der Firma N._ AG vom 21. März 2013 sei zu
überprüfen und die Lärmmessungen unter realen Bedingungen bei den lärmempfindlichen
Räumen vorzunehmen. Es sei genau zu umschreiben, welche Kriterien der im
Gesamtbauentscheid verlangte Betriebsstundenzähler erfüllen muss. Zur Begründung
führen sie insbesondere aus, die Lärmmessungen seien nicht bei den lärmempfindlichen
3
Räumen und damit nicht korrekt vorgenommen worden und Nachtarbeit sei für die
Verarbeitung der angelieferten Ware nicht erforderlich.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Beschwerdegegnerin und die
Gemeinde beantragen die Abweisung der Beschwerden. Wie das
Regierungsstatthalteramt, das keinen Antrag stellt, machen sie geltend, das beco sei für
die Beurteilung von Industrie- und Gewerbelärm zuständig. Es habe die Lärmmessung
begleitet und das im Bewilligungsverfahren eingeholte Lärmgutachten für vollständig,
plausibel und korrekt befunden. Das beco erläutert mit Stellungnahme vom 20. August
2014 die Lärmmessung, die Gründe für die Wahl der Messorte sowie das Lärmgutachten.
4. Mit Verfügung vom 15. Oktober 2014 stellte das Rechtsamt dem beco
Anschlussfragen zu dessen Stellungnahme und erklärte, es prüfe den Betrieb der
Silopressanlage auf die akustische Nachtzeit zu beschränken. Es gab der
Beschwerdegegnerin Gelegenheit zur Stellungnahme.
Mit Stellungnahme vom 5. November 2014 beantwortete das beco die gestellten Fragen
und erläuterte die Berechnungen der Lärmimmissionen anhand der im angefochtenen
Gesamtentscheid festgelegten Betriebszeiten der einzelnen Maschinen.
Die Beschwerdegegnerin erklärte mit Stellungnahme vom 7. November 2014, sie sei auf
die Möglichkeit der Verarbeitung von verderblichen Waren in der akustischen Nachtzeit
angewiesen und reichte ein Gutachten "Verderblichkeit von Futtermitteln" des Inforama
vom 3. November 2014 ein. Zudem teilte sie mit, sie werde für den Betrieb der
Silopressanlage nicht mehr den bei den Lärmmessungen eingesetzten Traktor verwenden,
sondern sie werde die Abfüllanlage stattdessen ausschliesslich mithilfe eines elektro-
hydraulischen Antriebs bedienen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
4
5. Das Rechtsamt erklärte mit Verfügung vom 25. November 2014, es beabsichtige den
Baubeschrieb des angefochtenen Gesamtentscheids anzupassen und gab den
Verfahrensbeteiligten Gelegenheit zur Stellungnahme. Die Beschwerdegegnerin erklärte
sich mit Stellungnahme vom 17. Dezember 2014 mit der vom Rechtsamt vorgeschlagenen
Anpassung des Baubeschriebs einverstanden. Die Beschwerdeführenden 1–3 verlangen
zusätzliche Lärmschutzmassnahmen. Die Beschwerdeführenden 4 und 5 hielten mit
Stellungnahme vom 17. Dezember 2014 an ihren Rechtsbegehren fest und kritisierten
abermals die Lärmmessung. Das Regierungsstatthalteramt verzichtete mit Schreiben vom
27. November 2014 auf weitere Bemerkungen und die Gemeinde sowie das beco reichten
keine weiteren Stellungnahmen ein.
6. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann er –
unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 10 KoG in Verbindung mit Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Einsprachen der
Beschwerdeführenden 1–3 und der Beschwerdeführenden 4 und 5 wurden abgewiesen.
Sie sind durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
5
Beschwerdeführung legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichten Beschwerden
ist einzutreten.
2. Projektänderung
a) Die Beschwerdegegnerin erklärte im Beschwerdeverfahren, sie verzichte auf den
Traktorantrieb für die Silagebefüllungsanlage und betreibe diese stattdessen mit einem
elektro-hydraulischen Antrieb.
b) Nach Art. 43 BewD4 kann der Baugesuchsteller während der Hängigkeit eines
Baubewilligungsverfahrens oder eines nachfolgenden Beschwerdeverfahrens vor der BVE
eine Projektänderung einreichen, ohne dass deshalb ein neues Baubewilligungsverfahren
eingeleitet werden muss. Eine Projektänderung liegt vor, wenn das Bauvorhaben in seinen
Grundzügen gleich bleibt. Dies ist dann nicht mehr der Fall, wenn ein Hauptmerkmal, wie
Erschliessung, Standort, äussere Masse, Geschosszahl, Geschosseinteilung,
Zweckbestimmung, wesentlich verändert wird oder wenn eine Mehrzahl geringer
Änderungen dem Bau eine gegenüber dem ursprünglichen Projekt veränderte Identität
verleiht.5
c) Im vorliegenden Fall wird lediglich die Antriebsart für die Silagebefüllungsanlage
geändert. Das ursprüngliche Bauprojekt bleibt in den Grundzügen gleich. Nach ständiger
Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts tritt das geänderte Projekt an die Stelle des
ursprünglichen Bauvorhabens.6 Das ursprüngliche Projekt steht ab diesem Zeitpunkt im
Umfang der Projektänderung nicht mehr zur Diskussion. Verfahrensinhalt bildet von nun an
allein das geänderte Projekt. Der Traktorantrieb steht damit nicht mehr zur Diskussion. Da
der Verzicht auf den Traktorantrieb als Projektänderung behandelt wird, ist es auch
unerheblich, ob bereits 2001 ein elektro-hydraulischer Antrieb für die Siloballenherstellung
bewilligt wurde.
3. Rechtliches Gehör
4 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 32– 32d N. 12a 6 BVR 2012 S. 463 E. 2.2 mit Hinweisen
6
a) Die Beschwerdeführenden 1–3 machen geltend, indem die Vorinstanz ihre Anträge
auf eine Wiederholung der Lärmmessungen ignoriert habe, habe sie das rechtliche Gehör
verletzt. Beim vorgeschriebenen Messort sei die Anwesenheit der Bewohner notwendig,
damit diese direkt vor Ort auf allfällige Unkorrektheiten hinweisen könnten.
b) Die Vollzugsbehörde ermittelt die Aussenlärmimmissionen ortsfester Anlagen oder
ordnet deren Ermittlung an, wenn sie Grund zur Annahme hat, dass die massgebenden
Belastungsgrenzwerte überschritten sind oder ihre Überschreitung zu erwarten ist (Art. 36
Abs. 1 LSV7). Dabei ist die Behörde jedoch nicht verpflichtet, die erforderlichen
Untersuchungen selber durchzuführen oder in Auftrag zu geben, sondern sie kann vom
Anlagebetreiber ein Lärmgutachten verlangen.8
c) Im vorliegenden Fall hat die Beschwerdegegnerin ein Lärmgutachten durch ein
unabhängiges und qualifiziertes Ingenieurbüro erstellen lassen. Das beco als zuständige
Fachbehörde (Art. 3 Abs. 2 Bst. c KLSV9) war bei der Messung anwesend und hat das
Gutachten auf Vollständigkeit, Plausibilität und Korrektheit kontrolliert. Anschliessend hat
es gestützt darauf die Einhaltung der Umweltschutzvorschriften geprüft. Dieses Vorgehen
entspricht sowohl der Praxis als auch den gesetzlichen Vorgaben und ist nicht zu
beanstanden. Das Lärmgutachten ist ein privates Parteigutachten und bei der
Lärmmessung handelt es sich nicht um eine Untersuchungshandlung der zuständigen
Instruktionsbehörde, so dass den Beschwerdeführenden vorgängig keine Parteirechte
eingeräumt werden mussten. Die Beschwerdeführenden konnten ihre Rechte im
vorinstanzlichen Verfahren ausreichend wahren, indem sie sich anschliessend zum
Gutachten und zum Fachbericht des beco äussern konnten. Die Vorinstanz hat daher das
rechtliche Gehör der Beschwerdeführenden 1–3 nicht verletzt.
4. Ermittlung des Lärms in der Mitte der offenen Fenster
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Lärmmessungen seien nicht wie
vorgeschrieben in der Mitte der offenen Fenster der lärmempfindlichen Räume
durchgeführt worden.
7 Lärmschutz-Verordnung des Bundesrates vom 15. Dezember 1986 (LSV; SR 814.41) 8 VGE Nr. 22986 vom 13. Februar 2008 E. 4.2 9 Kantonale Lärmschutzverordnung vom 14. Oktober 2009 (KLSV; BSG 824.761)
7
b) Laut Art. 11 Abs. 1 USG10 müssen Lärm und schädliche oder lästige Einwirkungen
auf die Umwelt grundsätzlich an der Quelle begrenzt werden (Emissionsbegrenzung).
Unabhängig von der bestehenden Umweltbelastung sind Emissionen im Rahmen der
Vorsorge so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich möglich und
wirtschaftlich tragbar ist (Vorsorgeprinzip, Art. 11 Abs. 2 USG). Zur Beurteilung der
Schädlichkeit oder Lästigkeit von Lärmeinwirkungen dienen die Belastungsgrenzwerte der
LSV. Sie bestimmen die höchstzulässigen Lärmimmissionen am Ort ihrer Einwirkung. Die
LSV differenziert zwischen drei Stufen von Belastungsgrenzwerten: den Planungswerten,
den Immissionsgrenzwerten und den Alarmwerten. Deren Höhe differiert je nach Zone, in
der die Lärmeinwirkung zu beurteilen ist. Die Lärmemissionen von neuen ortsfesten
Anlagen müssen einerseits soweit begrenzt werden, als dies technisch und betrieblich
möglich sowie wirtschaftlich tragbar ist und andererseits soweit, dass die von der Anlage
allein erzeugten Lärmimmissionen die Planungswerte in der Umgebung nicht überschreiten
(Art. 25 Abs. 1 USG und Art. 7 Abs. 1 LSV).
Die Lärmimmissionen werden nach Art. 38 Abs. 1 LSV als Beurteilungspegel Lr oder als
Maximalpegel Lmax anhand von Berechnungen oder Messungen ermittelt. Messungen und
Berechnungen gelten grundsätzlich als gleichwertig. Welche Methode zur Anwendung
gelangt, hängt von den Erfordernissen des einzelnen Falls ab, d.h. von der Fragestellung
und den zur Verfügung stehenden Messmöglichkeiten bzw. Berechnungsgrundlagen.11 Bei
Gebäuden werden die Lärmimmissionen in der Mitte der offenen Fenster lärmempfindlicher
Räume ermittelt (Art. 39 Abs. 1 LSV).
c) Die Messpunkte der Lärmmessungen bei den Liegenschaften O._ 1 und
P._ 11 sind im Gutachten der N._ AG vom 31. März 2013 dargestellt.12
Daraus ist ersichtlich, dass die Messungen der Lärmimmissionen nicht in der Mitte der
offenen Fenster vorgenommen wurden, sondern in der Verlängerung der Fassaden der
Gebäude. Aus diesen Messungen wurde die Gesamtlärmbelastung berechnet. Wie die
Beschwerdeführenden zu Recht vorbringen, wurde die Lärmbelastung damit nicht in
Übereinstimmung mit Art. 39 LSV in der Mitte der offenen Fenster ermittelt.
10 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, SR 814.01) 11 Robert Wolf, USG-Kommentar, Vorbemerkungen zu Art. 19–25 USG N. 12 12 Vorakten pag. 347
8
d) Die fehlerhafte Ermittlung der Lärmbelastung bleibt im vorliegenden Fall im Ergebnis
jedoch ohne Folgen. Das Bauvorhaben bzw. der Betrieb der Beschwerdegegnerin wie
auch die Parzellen der Beschwerdeführenden befinden sich in der Arbeitszone A3. Für
diese gilt nach Art. 5 Abs. 4 GBR13 die Empfindlichkeitsstufe (ES) IV gemäss Art. 43 LSV.
Es ist unbestritten, dass der Betrieb der Beschwerdeführerin lärmschutztechnisch als
neurechtliche Anlage gilt und daher die Planungswerte massgebend sind. Diese betragen
für die ES IV gemäss Tabelle 1, Anhang 6 LSV, während der akustischen Tageszeit von
07.00–19.00 Uhr 65 dB(A).
Aufgrund der Lärmmessungen in der Verlängerung der Fassade der O._ 1 sowie
der P._ 11 wurde gemäss Gutachten der N._ AG vom 21. März 2013 eine
Lärmbelastung von je 57 dB(A) ermittelt.14 Der massgebende Planungswert von 65 dB(A)
ist damit während der akustischen Tageszeit um 8 dB(A) unterschritten. Die Stellungnahme
des beco vom 5. November 2014 zeigt sodann, dass bei Berücksichtigung der
angeordneten Beschränkung der Betriebszeiten der einzelnen Maschinen, für die
O._ 1 während des Tages eine Lärmbelastung von 50 dB(A) und für die
P._ 11 eine solche von 49 dB(A) resultiert. Der Planungswert ist damit sogar um
16 bzw. 15 dB(A) unterschritten.
e) Da die Messungen in der Verlängerung der Fassaden der O._ 1 und der
P._ 11 durchgeführt wurden, weisen die Messpunkte denselben Abstand von den
Lärmquellen auf, wie wenn in der Mitte der offenen Fenster gemessen worden wäre.
Zudem konnten auf diese Weise Reflexionen der Fassade der jeweiligen Liegenschaft
ausgeschlossen werden. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass mit dieser
Messweise praktisch dieselben Werte resultierten, wie bei einer Messung in der Mitte der
offenen Fenster.
Selbst wenn mit den Beschwerdeführenden davon ausgegangen würde, dass aufgrund von
Reflexionen beispielsweise des Vordaches eine Messung in der Mitte der offenen Fenster
höhere Werte resultieren sollten, änderte dies nichts. Auf die Frage des Rechtsamts
erklärte das beco, dass bei einer erneuten Messung in der Mitte der offenen Fenster mit
einer Veränderung der Gesamtlärmbelastung um ± 3 dB(A) zu rechnen sei. Selbst wenn
von einer Erhöhung um 3 dB(A) ausgegangen würde, wäre der Planungswert immer noch
13 Baureglement der Einwohnergemeinde Wahlern vom 8. Dezember 2008 (GBR) 14 Vorakten pag. 343
9
um je 5 dB(A) bzw. unter Berücksichtigung der angeordneten Betriebsbeschränkungen um
13 bzw. 12 dB(A) unterschritten. Angesichts dieser deutlichen Ergebnisse ist es
ausgeschlossen, dass bei einer LSV-konformen Messung in der Mitte der offenen Fenster
der Planungswert überschritten wäre. Damit steht fest, dass die Gesamtlärmbelastung
zwar nicht korrekt nach den Vorgaben der Lärmschutzverordnung ermittelt wurde.
Angesichts der klaren Ergebnisse kann im vorliegenden Fall dennoch auf eine neue
Lärmmessung in der Mitte der offenen Fenster verzichtet werden.
5. Weitere Fehler des Lärmgutachtens
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Silosackbefüllungsanlage habe sich
anlässlich der Lärmmessung nicht in einem betriebsüblichen Zustand befunden. Die
Beschwerdeführenden 1–3 machen zudem geltend, das Lärmgutachten sei nicht
nachvollziehbar, unvollständig und fehlerhaft. Die Vorinstanz vernachlässige, wie schon
das Gutachten, die weiteren bei der Silopressanlage in Betrieb stehenden Maschinen wie
Teleskoplader, Hubstapler und gegebenenfalls anliefernde Traktoren als untergeordnet.
Zudem seien bei der Silopressanlage höhere Pegelkorrekturen massgebend.
b) Gemäss Lärmgutachten der N._ AG vom 21. März 2013 wurden anlässlich
der Begehung am 20. August 2012 in Absprache mit dem beco die mobile Säge, die
Holzfräse und die Silopressanlage als massgebliche Lärmquellen identifiziert.15 Die
Manövriervorgänge mit dem Hubstapler wurden ebenfalls gemessen, jedoch gegenüber
den Hauptlärmquellen als vernachlässigbar betrachtet. Das beco weist in seiner
Stellungnahme vom 20. August 2014 mittels Berechnung nach, dass der Hubstapler in
Bezug auf die Gesamtlärmbelastung keine Bedeutung hat. Soweit die
Beschwerdeführenden 1–3 geltend machen, es seien auch die Emissionen der
Manövriervorgänge des Hubstaplers zu berücksichtigen, kann ihnen daher nicht gefolgt
werden.
c) Auch soweit die Beschwerdeführenden behaupten, die Silopressanlage sei anlässlich
der Lärmmessung nicht normal betrieben worden, kann ihnen nicht gefolgt werden. Das
beco hat die Lärmmessung als zuständige Fachbehörde beaufsichtigt und dazu
15 Vorakten pag. 347
10
ausgeführt, dass sich die Silopressanlage nach seiner Auffassung in einem üblichen
Betriebszustand befunden habe. Zudem seien Messungen an den Lärmquellen
durchgeführt worden, wobei für die Silopressanlage in einer Distanz von 4 m ein
Schalldruckpegel Leq von rund 82 dB(A) gemessen worden sei.16 Dieser Wert sei nach der
Erfahrung plausibel und nachvollziehbar. Die BVE hat keinen Anlass an der
überzeugenden Darstellung der Fachbehörde zu zweifeln. Auch soweit die
Beschwerdeführenden 4 und 5 geltend machen, anlässlich der Lärmmessung sei bei der
Holzfräse – im Gegensatz zu vorher – eine Abdeckung verwendet worden, ändert dies
nichts. Die Verwendung einer schallabsorbierenden Abdeckung wird im angefochtenen
Gesamtentscheid mittels Auflage vorgeschrieben. Sollte die Holzfräse auch ohne diese
Abdeckung eingesetzt werden, wäre es an der Gemeinde als Baupolizeibehörde, für die
Durchsetzung der Auflage zu sorgen.
d) Die Beschwerdeführenden 1–3 machen geltend, bei den Pegelkorrekturen sei bei K2
der Wert 4 oder 5, bei K3 mindestens der Wert 3 oder 4 zu berücksichtigen.
Mit Pegelkorrekturen werden unterschiedliche Faktoren des Lärms gewichtet. So wird mit
der Pegelkorrektur K2 die Hörbarkeit des Tongehalts und mit K3 die Hörbarkeit des
Impulsgehalts berücksichtigt. Der Wert für K2 und K3 wird nach den Vorgaben der LSV
und gemäss der Arbeitshilfe "Grundlagen Industrie- und Gewerbelärm" des Bundesamts für
Umwelt (BAFU) vom 19. März 2008 anhand von Messungen und der Erfahrung der
Fachleute vor Ort bestimmt. Die Pegelkorrektur K1 kann direkt aus Anhang 6 der LSV
entnommen werden.
Die Beschwerdeführenden 1–3 bringen lediglich pauschal vor, die Pegelkorrekturen seien
nicht korrekt. Sie begründen diese Auffassung jedoch nicht näher. Für die BVE bestehen
keine Anhaltspunkte dafür, dass die Fachleute und die Fachbehörde die Pegelkorrekturen
nicht korrekt bestimmt haben. Aber auch erhöhte Werte würden im Ergebnis nichts ändern.
Das beco hat in seiner Stellungnahme vom 5. November 2014 zur Veranschaulichung
verschiedene Berechnungsbeispiele für die Liegenschaft P._ 11 durchgeführt.
Zunächst hat es den Wert K2 für die Säge von 4 auf 6 erhöht, wodurch sich die
Gesamtlärmbelastung von 49 dB(A) auf 50 dB(A) erhöhte. In weiteren Beispielen erhöhte
das beco den Wert K2 auch für die Fräse von 4 auf 6, wodurch die Gesamtlärmbelastung
16 siehe Vorakten pag. 345
11
auf 50,2 dB(A) anstieg und schliesslich erhöhte sie auch den Wert K2 für die
Silopressanlage von 2 auf 6, wodurch die Gesamtlärmbelastung auf 52,2 dB(A) anstieg. Im
letzten Beispiel folgte zwar eine Erhöhung der Gesamtlärmbelastung um über 3 dB(A).
Allerdings wurden in diesem Beispiel die Pegelkorrekturen K2 für alle drei Maschinen
insgesamt von 10 auf 18 erhöht. Es ist nicht anzunehmen, dass die Fachbehörde derart
falsche Werte bestimmt hat und selbst wenn von einer Erhöhung um 3 dB(A) ausgegangen
würde, wäre der Planungswert – wie bereits in Erwägung 4e – ausgeführt wurde, weiterhin
eingehalten. Die Rüge, im Lärmgutachten seien die Pegelkorrekturen nicht korrekt
bestimmt worden, ist unbegründet.
e) Nicht gerechtfertigt ist weiter die Kritik der Beschwerdeführenden 1–3, es werde im
Lärmgutachten nicht zwischen Tag und Nacht unterschieden. Zwar bezieht sich das
Lärmgutachten zu wesentlichen Teilen auf die akustische Tageszeit, es wird darin aber
auch erläutert, dass die Silopressanlage während der akustischen Nachtzeit während
höchstens 50 Stunden betrieben werden darf.17 Das Lärmgutachten wie auch der
angefochtene Gesamtentscheid unterscheiden zwischen Tages- und Nachtzeit.
f) Mit der Projektänderung vom 7. November 2014 verzichtet die Beschwerdegegnerin
darauf, die Silopressanlage mit dem Traktor anzutreiben. Es darf davon ausgegangen
werden, dass der elektro-hydraulische Antrieb eher weniger Lärmemissionen verursachen
wird als der Traktor. Jedenfalls ist nicht mit einer Zunahme der Lärmbelastung zu rechnen
und dies wird auch von den Beschwerdeführenden nicht geltend gemacht. Auf eine neue
Lärmmessung kann daher verzichtet werden.
6. Vorsorgliche Massnahmen zur Lärmreduktion
a) Die Beschwerdeführenden verlangen, der Gesamtentscheid sei mit der Bedingung zu
ergänzen, dass die ganze Südfassade schallgedämmt werde, dass ruhestörende Arbeiten
zur akustischen Nachtzeit verboten werden und die Einsetzung eines
Betriebsstundenzählers angeordnet werde, der selbständig zwischen Betriebsstunden im
Betrieb und solchen ausserhalb unterscheiden könne.
17 Vorakten pag. 339
12
Die Beschwerdegegnerin bringt vor, sie sei ausnahmsweise auf die Verarbeitung von rasch
verderblichem Erntegut während der akustischen Nachtzeit angewiesen. Sie sei darum
bemüht, den Anlieferungszeitpunkt so zu wählen, dass die Verarbeitung während der
Tagzeit erfolgen könne. Eine Dämmung der Südfassade des Betriebs lehnt die
Beschwerdegegnerin ab. Gegen die Verwendung eines GPS-gestützten
Betriebsstundenzählers hat sie dagegen nichts einzuwenden.
b) Unabhängig von der bestehenden Umweltbelastung sind Emissionen im Rahmen der
Vorsorge so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich möglich und
wirtschaftlich tragbar ist (Art. 11 Abs. 2 USG).
c) Die Beschwerdegegnerin reichte ein Schreiben des Inforama vom 2. November 2014
"Gutachten Verderblichkeit von Futtermitteln" ein. Darin erklärt das Inforama, die
Beschwerdegegnerin verarbeite vorwiegend Mais, Zuckerrübenschnitzel und Malztreber zu
einem Silageprodukt. Durch das Silieren könnten Futtermittel haltbar gemacht werden. Mit
einem schnellstmöglichen Konservieren von Futtermitteln könnten Nährstoff- und
Trockenmassenverluste vermieden und Schadkeime unterdrückt werden.
Die Beschwerdeführenden bringen zu Recht vor, dass das Schreiben des Inforama
lediglich den Vorgang des Silierens erläutert. Zwar geht daraus nachvollziehbar hervor,
dass dabei dem Faktor Zeit eine gewisse Bedeutung zukommt, es wird aber nicht erläutert,
ob es sich dabei um Stunden oder Tage handelt. Aus dem Schreiben des Inforama kann
nicht abgeleitet werden, dass die Beschwerdegegnerin darauf angewiesen ist, während der
akustischen Nachtzeit Silageprodukte zu verarbeiten. Die Beschwerdegegnerin bringt nicht
vor, sie sei wirtschaftlich auf die Verarbeitung von Silageprodukten während der
akustischen Nachtzeit angewiesen. Sie entgegnet auch nichts auf die Vorbringen der
Beschwerdeführenden, das Erntegut liege oft tagelang an einem Haufen und werde nicht
sofort verarbeitet. Es ist technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar, auf
die Verarbeitung von Erntegut während der akustischen Nachtzeit zu verzichten. Sollte die
Beschwerdegegnerin künftig auf solche Arbeiten angewiesen sein, steht es ihr immer noch
offen, erneut ein entsprechendes Baugesuch einzureichen und die betriebliche und
wirtschaftliche Notwendigkeit nachzuweisen.
d) Die Beschwerdeführenden 1–3 verlangen eine zusätzliche Schalldämmung der
Südfassade des Betriebs der Beschwerdegegnerin. Damit könnte die
13
Gesamtlärmbelastung bei der Liegenschaft P._ 11 zweifelsohne reduziert werden.
Zu beachten ist allerdings, dass bei einem Planungswert von 65 dB(A) mit der
angeordneten Beschränkung der Betriebszeiten die Lärmbelastung bei der Liegenschaft
P._ 11 bereits von 57 dB(A) auf 49 dB(A) reduziert werden konnte. Es ist daher
nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz neben der Beschränkung der Betriebszeiten
nicht auch noch eine zusätzliche Schalldämmung der Südfassade des Betriebs der
Beschwerdegegnerin anordnete.
e) Die Beschwerdeführenden verlangen die Einsetzung eines Betriebsstundenzählers
mit GPS-Steuerung. Die Beschwerdegegnerin widersetzt sich einer solchen Auflage nicht.
Daher wird die Auflage betreffend Einsatz des Betriebsstundenzählers im angefochtenen
Gesamtentscheid entsprechend angepasst.
7. Zusammenfassung und Kosten
a) Zusammenfassend sind die Beschwerden teilweise gutzuheissen, soweit ein Verbot
des Betriebs der Silopressanlage während der akustischen Nachtzeit sowie die Anordnung
eines GPS-gestützten Betriebsstundenzählers verlangt wird. Im Übrigen sind die
Beschwerden abzuweisen und der angefochtene Gesamtentscheid ist zu bestätigen.
b) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr.
Für besondere Untersuchungen, Gutachten und dergleichen können zusätzliche Gebühren
erhoben werden (Art. 103 Abs. 1 VRPG18). Die Pauschalgebühr wird festgesetzt auf
Fr. 2'000.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 und Art. 20 Abs. 1
GebV19).
Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
18 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 19 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
14
Die Beschwerdeführenden 1–3 sowie 4 und 5 sind mit ihren Anträgen je teilweise
durchgedrungen, zudem hat die Beschwerdegegnerin ihr Projekt leicht angepasst. Es
rechtfertigt sich daher, die Beschwerdegegnerin einerseits und die Beschwerdeführenden
1–3 sowie 4 und 5 anderseits als je zur Hälfte obsiegend und unterliegend zu betrachten.
Die Beschwerdegegnerin hat damit Fr. 1'000.00 und die Beschwerdeführenden 1–3 sowie
4 und 5 haben je Fr. 500.00 der Verfahrenskosten zu tragen.
c) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG).
Die Kostennoten des Anwaltes der Beschwerdeführenden 1–3 über Fr. 5'581.20 (Honorar
Fr. 5'062.50, Auslagen Fr. 105.30, Mehrwertsteuer Fr. 413.40) und des Anwaltes der
Beschwerdegegnerin über Fr. 4'115.00 (Honorar Fr. 4'000.00, Auslagen Fr. 115.00) geben
zu keinen Bemerkungen Anlass. Die Beschwerdegegnerin hat damit Anspruch auf die
Hälfte ihrer Parteikosten von Fr. 4'115.00, ausmachend Fr. 2'057.50. Die
Beschwerdeführenden 1–3 und die Beschwerdeführenden 4 und 5 haben somit der
Beschwerdegegnerin je einen Betrag von Fr. 1'028.75 zu bezahlen. Die
Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführenden 1–3 die Hälfte ihrer Parteikosten von
Fr. 5'062.50, ausmachend Fr. 2'531.25, zu ersetzen. Den Beschwerdeführenden 4 und 5
sind keine Parteikosten entstanden (Art. 104 Abs. 1 VRPG).