Decision ID: 00157ef4-7e36-427d-ad9b-0a4ddde75dbd
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1959, arbeitete
ab dem
19. N
ovember 2013 als
persönliche
Assistentin
auf Abruf
für Y._
sel.
(nachfolgend: Arbeitgeberin, Urk. 7/42
)
.
Ihren letzten Arbeitstag leistete sie gemäss eigenen An
gaben am 31. Juli 2019 (Urk.
7/49).
A
m 1
6.
November 2020
reichte d
ie Ver
sicherte eine
Forderung
über ausstehende Lohnzahlungen
und Spesen
für die Monate März bis Juli
2019 über insgesamt Fr. 5'146.68
beim
Konkursamt
Wied
i
kon
-Zürich ein
, nachdem - gemäss gleicher Eingabe - a
m 2
7.
Oktober 2020 über die Arbeitgeberin der Konkurs eröffnet
worden war
(Urk. 7/38 ff.).
Am 7. Dezember
2020 beantragte die Versicherte bei der Arbeitslosenkasse des Kantons Zürich die Ausrichtung von Insolvenzentschädigung
im
Umfang von
insgesamt
Fr. 4'988.
20
(Urk. 7/50).
Mit Verfügung vom
9. Februar 2021
verneinte die Arbeitslosenkasse des Kantons Zürich einen Anspruch der Versicherten auf Insolvenzentschädigung mit der Be
gründung, sie sei ihrer Schadenminderungspflicht nicht in genügendem Masse nachgekommen
(Urk. 7/21 f.). Die dagegen am 8. März 2021 erhobene Einsprache (Urk. 7/16 ff.) wies die Arbeitslosenkasse des Kantons Zürich mit
Einspracheent
scheid
vom 10. August 2021 (Urk. 7/12 ff. = Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 31. August 2021 Beschwerde und beantragte die Ausrichtung von Insolvenzentschädigung im Umfang von Fr. 5'146.68 (Urk. 1 S. 2). Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom 15. Septem
ber 2021 auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6). Dies wurde der Beschwerde
führerin mit Verfügung vom 20. September 2021 zur Kenntnis gebracht (Urk. 9).
Der Einzelrichter

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Da der Streitwert Fr. 30’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Beschwer
de
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
, in der ab 1. Juni 2020 geltenden Fas
sung).
1.2
Gemäss Art. 51 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosen
versicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG)
haben beitragspflichtige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von Arbeitgebern, die in der Schweiz der
Zwangsvollstreckung unterliegen oder in der Schweiz Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beschäftigen, Anspruch auf Insolvenzentschädigung, wenn:
a)
gegen ihren Arbeitgeber der Konkurs eröffnet wird und ihnen in diesem Zeitpunkt Lohnforderungen zustehen oder
b)
der Konkurs nur deswegen nicht eröffnet wird, weil sich infolge offen
sichtlicher Überschuldung des Arbeitgebers kein Gläubiger
bereit findet
, die Kosten vorzuschiessen, oder
c)
sie gegen ihren Arbeitgeber für Lohnforderungen das Pfändungsbegehren gestellt haben
oder bei Bewilligung der Nachlassstundung oder richterlichem Konkursaufschub (
Art.
58 AVIG).
Die Aufzählung der Insolvenztatbestände in
Art.
51
Abs.
1 und
Art.
58 AVIG ist abschliessend (BGE 131 V 196).
1.3
Die Insolvenzentschädigung deckt für das gleiche Arbeitsverhältnis Lohnforde
rungen für höchstens die letzten vier Monate des Arbeitsverhältnisses, für jeden Monat jedoch nur bis zum Höchstbetrag nach
Art.
3
Abs.
2 AVIG. Als Lohn gelten auch die geschuldeten Zulagen (
Art.
52
Abs.
1 AVIG).
1.4
Gemäss
Art.
55
Abs.
1 AVIG muss der Arbeitnehmer im Konkurs- oder Pfän
dungsverfahren alles unternehmen, um seine Ansprüche gegenüber dem Arbeit
geber zu wahren, bis die Kasse ihm mitteilt, dass sie an seiner Stelle in das Verfahren eingetreten ist. Danach muss er die Kasse bei der Verfolgung ihres Anspruchs in jeder zweckdienlichen Weise unterstützen.
Die Bestimmung von
Art.
55
Abs.
1 AVIG, wonach der Arbeitnehmer im Kon
kurs- oder Pfändungsverfahren alles unternehmen muss, um seine Ansprüche ge
genüber dem Arbeitgeber zu wahren, bezieht sich dem Wortlaut nach auf das Konkurs- und Pfändungsverfahren. Sie bildet jedoch Ausdruck der allgemeinen Schadenminderungspflicht, welche auch dann Platz greift, wenn das Arbeitsver
hältnis vor der Konkurseröffnung aufgelöst wird (
BGE 114 V 56
E. 4 mit Hinwei
sen; Urteile des Bundesgerichts 8C_66/2013 vom 1
8.
November 2013 E. 4.1 und 8C_211/2014 vom 1
7.
Juli 2014 E. 6.1). Eine ursprüngliche Leistungsverweige
rung infolge Verletzung der Schadenminderungspflicht setzt voraus, dass der ver
sicherten Person ein schweres Verschulden, also vorsätzliches oder grobfahrläs
siges Handeln oder Unterlassen vorgeworfen werden kann. Dem Erfordernis der Verhältnismässigkeit ist mit dem Ausmass der von den Arbeitnehmern zu erwar
tenden Vorkehrungen Rechnung zu tragen, welche sich nach den jeweiligen Um
ständen des Einzelfalls richtet (Urteile des Bundesgerichts 8C_66/2013 vom
1
8.
November
2013 E. 4.1, 8C_211/2014 vom 1
7.
Juli
2014 E. 6.1 und 8C_641/2014 vom 2
7.
Januar 2015 E. 4.1).
Dabei kann es nicht Sache der versicherten Person sein, darüber zu entscheiden, ob sie weitere Vorkehren zur Realisierung der Lohnansprüche treffen will und ob diese erfolgsversprechend sind oder nicht. Das für den Anspruch auf Insol
venzentschädigung gesetzlich vorgeschriebene fortgeschrittene Zwangsvollstre
ckungs
verfahren ist durchaus sinnvoll, weil bekanntlich viele Schuldner erst unter dem Druck der unmittelbar bevorstehenden Konkurseröffnung oder Pfän
dung ihren Zahlungspflichten nachkommen (
BGE 131 V 196
E. 4.1.2). Das Er
rei
chen eines gesetzlich vorgeschriebenen fortgeschrittenen Zwangsvoll
stre
ckungs
ver
fahrens (
Art.
51
Abs.
1 und
Art.
58 AVIG) bildet für den Anspruch auf Insolven
zentschädigung zwingende Voraussetzung (Urteile des Bundes
gerichts 8C_462/2009 vom
3.
August 2009 E. 3.2.1 und C 243/06 vom 1
6.
Januar 2006).
Damit die Schadenminderungspflicht erfüllt wird und Anspruch auf Insolvenz
entschädigung besteht, genügt es nicht, unmissverständliche Zeichen zur Gel
tendmachung der Lohnforderungen zu setzen. Gefordert ist auch eine konse
quente und kontinuierliche Weiterverfolgung der eingeleiteten Schritte, welche in eines der vom Gesetz geforderten zwangsvollstreckungsrechtlichen Stadien münden müssen. Arbeitnehmer sollen sich gegenüber dem Arbeitgeber nämlich so verhalten, als ob es das Institut der Insolvenzentschädigung gar nicht gäbe. Die
ses Erfordernis lässt ein längeres
Untätigsein
nicht zu (Urteile des Bundes
gerichts 8C_462/2009 vom
3.
August
2009 E. 3.3 und 8C_211/2014 vom 1
7.
Juli 2014 E. 6.1).
Machen Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber während längerer Zeit keine Anstalten, ihrer Lohnforderung mit hinreichender Deutlichkeit Ausdruck zu ver
leihen, signalisieren sie mangelndes Interesse. Dadurch verlieren sie auch gegen
über der Arbeitslosenversicherung ihre Schutzbedürftigkeit und Schutzwürdigkeit (Urteile des Bundesgerichts 8C_66/2013 vom 1
8.
November 2013 E. 4.1 und 8C_211/2014 vom 1
7.
Juli 2014 E. 6.1).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog im angefochtenen
Einspracheentscheid
, die Be
schwerdeführerin habe ihren letzten Lohn im Februar 2020 (richtig: 2019, Urk. 1 S. 1) erhalten und danach noch während rund fünf Monaten weitergearbeitet. Sie habe die offenen Lohnforderungen stets nur mündlich und per WhatsApp ge
mahnt. Die Beschwerdeführerin sei vorliegend
aufgrund des monatlich wachsen
den Lohnausstandes
gehalten gewesen,
ihre Forderung
bereits während der Dauer
der Anstellung unmissverständlich geltend zu machen. Es handle sich um eine langandauernde Nichterfüllung der vertraglichen Verpflichtungen seitens der Arbeitgeberin. Auch nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses habe die Be
schwer
de
führerin gänzlich auf rechtliche Schritte verzichtet (Urk. 2 S. 3). Die Beschwer
deführerin sei daher ihrer Schadenminderungspflicht nicht in genügen
dem Masse nachgekommen (Urk. 2 S. 4).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt, ihre Ar
beitgeberin habe ihr ab Ende Februar
2019
immer wieder gesagt, sie werde ihren Berater anweisen, die Monatsgehälter zu bezahlen. Die Löhne seien jedoch nie ausbezahlt worden. Sie habe weiterhin auf die Aussagen und schriftlichen Ver
sprechungen ihrer Arbeitgeberin
vertraut. Aufgrund des freundschaftlichen Ver
hältnisses zu ihrer Arbeitgeberin habe sie weder Klage erhoben noch eine Betrei
bung eingeleitet (Urk. 1 S. 1).
2.3
Strittig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf Insolvenzent
schädigung und in diesem Zusammenhang, ob sie ihrer Schadenminderungs
pflicht in hinreichendem Masse nachgekommen ist.
3.
3.1
Es ist aktenkundig, dass
die Beschwerdeführerin im Zeitraum zwischen dem 12.
März
2019
bis zu ihrem letzten Arbeitstag am 31. Juli 2019 keine Lohnzah
lungen
mehr
von ihrer Arbeitgeberin erhalten hat (Urk. 7/31 f.). Die Beschwerde
führerin fordert in diesem Zusammenhang Insolvenzentschädigung für die offe
nen Lohnforderungen für die Monate März bis Juli 2019 (Urk. 1 S. 1).
Da die
Insolvenzentschädigung lediglich Lohnforderungen für höchstens die letzten vier Monate des Arbeitsverhältnisses deckt (
Art.
52
Abs.
1 AVIG)
, können vorliegend höchstens die Lohnforderungen von April bis Juli 2019 strittig sein
.
3.
2
Das
Mass
der vorausgesetzten Schadenminderungspflicht richtet sich nach den jeweiligen Umständen des Einzelfalls. Vom Arbeitnehmer wird in der Regel nicht verlangt, dass er bereits während des bestehenden Arbeitsverhältnisses gegen den Arbeitgeber eine Betreibung einleitet oder eine Klage einreicht. Er hat jedoch seine Lohnforderung gegenüber dem Arbeitgeber in eindeutiger und unmissver
ständlicher Weise geltend zu machen. Zu weitergehenden Schritten ist die versi
cherte Person dann gehalten, wenn es sich um erhebliche Lohnausstände handelt und sie konkret mit einem Lohnverlust rechnen muss. Denn es geht auch für die Zeit vor Auflösung des Arbeitsverhältnisses nicht an, dass die versicherte Person ohne hinreichenden Grund während längerer Zeit keine rechtlichen Schritte zur Realisierung erheblicher Lohnausstände unternimmt, obschon sie konkret mit
dem Verlust der geschuldeten Gehälter rechnen muss (Urteil des Bundesgerichts 8C_79/2019 vom 21. Mai
2019 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen).
Das Bundesgericht weist sodann immer wieder darauf hin, dass die Schritte zur Geltendmachung ausstehender Löhne mit zunehmender Dauer und wachsender Höhe des Ausstands auch im bestehenden Arbeitsverhältnis intensiviert werden müssen (Urteile des Bundesgerichts 8C_820/2019 vom 29. April 2020 E. 4.3.1 und 8C_641/2014 vom 27. Januar 2015 E. 4.1 und 4.3, je mit Hinweisen).
3.
3
Eine solche Intensivierung der Bemühungen um das Realisieren der Lohngutha
ben ist vorliegend nicht ersichtlich.
Die Beschwerdeführerin hat
sich trotz der seit März 2019
ausgebliebenen
Zahlungen
erst am 8. Juni 2019 ein erstes Mal
per WhatsApp
bei ihrer ehemaligen Arbeitgeberin nach den ausstehenden Löhnen erkundigt.
Danach folgten weitere Erkundigungen
per WhatsApp
am 19. J
uni,
23. Juli
und 7. September
2019 (Urk. 7/24)
, bis
die Beschwerdeführerin
am 8. September
2019 erstmals erklärte, sie erwarte den ausstehenden Lohn umge
hend (Urk. 7/25). Eine
konkrete
Fristansetzung erfolgte
dann
erst am 14. Oktober 2019, als die B
eschwerdeführerin der Arbeitgeberin mitteilte, sie warte noch bis Ende Woche auf eine Antwort (Urk. 7/26).
G
egenüber
Z._
, welcher gemäss Ausführungen der Beschwerdeführerin der Rechtsanwalt der Arbeit
geberin gewesen sei (Urk. 7/27), führte sie am 11. Oktober 2019 aus, sie wolle die Arbeitgeberin nur ungern anzeigen, habe allerdings genug gewartet und gehofft (Urk. 7/2
6
).
Damit
begnügte sich die B
eschwerdeführerin
grösstenteils mit freund
li
chen Erinnerungen
. Ihre
Fristansetzungen vom 8. September und 14. Okto
ber
2019 verband sie im Übrigen nicht mit konkreten Sä
umnisan
dro
hungen (Urk. 7/25 f.). Auch
auf
ihre
Nachricht
an
Z._
vom 11. Okto
ber
2019
(Urk. 7/26)
liess sie keine rechtlichen
Schritte
folgen
, obschon es sich um
erhebliche Lohnausstände (fünf Monate von März bis Juli
2019) handelte
und es ihr
im Laufe der Zeit
aufgrund der spärlichen Reaktionen der A
rbeitgeberin hätte
bewusst werden
müssen
, dass sie nicht mit einer baldigen Lohnzahlung rechnen konnte
.
Indem die Beschwerdeführerin es somit an der gebotenen Intensität und Konsequenz im Bemühen um die Realisierung
ihrer
Lohnforderungen fehlen liess, verletzte sie die Schadenminderungspflicht, wie sie ihr zur Wahrung ihres An
spruchs auf Insolvenzentschädigung auferlegt war.
Das freundschaftliche Verhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und ihrer Ar
beitgeberin
kann dabei
nicht als hinreichende Begründung für das
Untätigbleiben
der Beschwerdeführerin
gelten
. Dass die Beschwerdeführerin im Hinblick auf die freundschaftliche Bindung
von weiteren Massnahmen zur Realisierung der Lohn
ansprüche
absah
, mag zwar aus persönlicher Sicht als verständlich erscheinen, hat unter arbeitslosenversicherungsrechtlichen Aspekten aber schon aus Gründen
der Gleichbehandlung der Versicherten unberücksichtigt zu bleiben
(
vgl.
Urteil des Bundesgerichts 8C_682/2009 vom 23. Oktober
2009 E. 4.2). Auch, dass die Arbeitgeberin
erkrankte und
offenbar im September
2019 in ein Pflegeheim ein
getreten
war
, vermag die fehlende Konsequenz
der Beschwerdeführerin nicht zu rechtfertigen, zumal die Arbeitgeberin ihr am 8. September
2019 mitgeteilt hatte, dass
Z._
die Löhne regle (Urk. 7/25).
Auch gegenüber diesem unternahm
die Beschwerdeführerin
jedoch keine weiteren rechtlichen Schritte.
Sodann ist nicht von Belang, dass die Arbeitgeberin offenbar
eine
Rente der Inva
lidenversicherung
und
Ergänzungsleistungen erhielt
(
Urk.
1 S. 1)
, kam sie doch trotz dieser finanziellen Mittel ihrer Zahlungspflicht gegenüber der Beschwerde
führerin nicht nach.
3.
4
Nach dem Gesagten ist die Beschwerdeführerin ihren Pflichten
gemäss
Art. 55 Abs. 1 AVIG in grobfahrlässiger Weise nicht nachgekommen. Die Beschwerde
gegnerin hat den Anspruch auf Insolvenzentschädigung folglich zu Recht ver
neint. Der angefochtene
Einspracheentscheid
erweist sich demnach als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.
Unter diesen Umständen kann
offen bleiben
, ob die übrigen Anspruchsvoraussetzungen
gemäss
Art.
51 AVIG erfüllt wären.