Decision ID: bd6c0575-99ef-57fb-a39f-01826622dbcd
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im April 2005 erstmals zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, sie habe eine Berufslehre zur
Verkäuferin absolviert. In den vergangenen Jahren sei es häufig zu Stellenwechseln
gekommen. Sie sei oft überfordert gewesen. Seit Jahren bestehe eine
Sozialhilfeabhängigkeit. Der Hausarzt Dr. med. B._ teilte im April 2005 mit (IV-act.
15), die Versicherte habe sich mit dem Wunsch nach einer Invalidenrente aus
psychischen Gründen bei ihm gemeldet. Er habe sie an einen Psychiater verwiesen.
Den Fragebogen könne er nicht „korrekt und patientengerecht“ ausfüllen. Im Januar
2006 gab die Versicherte an, sie befinde sich nicht in einer psychiatrischen Behandlung
(IV-act. 27). Eine Ärztin des IV-internen regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) notierte im
Februar 2006, ein Gesundheitsschaden sei nicht ausgewiesen (IV-act. 28). Mit einer
Verfügung vom 21. Februar 2006 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren der
Versicherten ab (IV-act. 32).
A.b Im Januar 2015 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-
act. 35). Am 24. April 2015 berichtete med. pract. C._ von der Tagesklinik für
Psychiatrie und Psychotherapie D._ (IV-act. 44), es bestehe ein Verdacht auf eine
paranoide Schizophrenie mit einem unklaren Verlauf, da der Beobachtungszeitraum
weniger als ein Jahr betrage. Differentialdiagnostisch sei an eine schizo-affektive
Störung zu denken. Am 30. Juni 2015 teilte die Psychiaterin C._ mit (IV-act. 51), die
Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig
mittelgradigen Episode und einem somatischen Symptom, an einer schizotypen
Persönlichkeitsstörung sowie an einer Panikstörung mit einer episodisch paroxysmalen
Angst. Die depressive Störung bestehe seit dem Jahr 1986. Damals habe sich die
Versicherte in suizidaler Absicht von einerBrücke stürzen wollen. Bereits im Jahr 1976
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habe sie einen Suizidversuch unternommen: Sie habe sich die Pulsadern
aufgeschnitten. Im Dezember 2014 sei es zu einer psychotischen Episode mit
Beziehungs- und Beeinträchtigungswahnideen sowie Körperhalluzinationen
gekommen. Im Jahr 1999 habe die Versicherte eine Anstellung als Hilfspflegerin in
einem Altersheim verloren. Seither habe sie nie wieder richtig Fuss im Erwerbsleben
fassen können. Bis zum Jahr 2004 habe sie ein Alkoholproblem gehabt; seither sei sie
abstinent. Die Schwester und die Tochter der Versicherten hätten beim Erstgespräch
im Kriseninterventionszentrum im Dezember 2014 angegeben, die Versicherte habe
„schon immer ein spezielles Verhalten“ gehabt. Sie selbst habe damals geltend
gemacht, sie halte es in ihrer verstrahlten, viel zu kleinen und viel zu kalten Wohnung
ohne Badewanne nicht mehr aus. Sie habe ein paar Tage bei ihrer Schwester
verbracht, sei dort aber nicht mehr tragbar gewesen, weil sie mitten in der Nacht
weggegangen sei, ohne genau anzugeben, wohin sie gehe und wann sie zurückkehren
werde. Eine Tätigkeit ausserhalb eines geschützten Rahmens sei unrealistisch. Im
August 2015 gab die Psychiaterin C._ an, realistischerweise könnte die Versicherte in
einem geschützten Rahmen zu 50 Prozent arbeiten (IV-act. 56). Im Oktober 2015 ging
der IV-Stelle der Austrittsbericht des Psychiatrischen Zentrums E._ vom 10. Februar
2015 zu (IV-act. 63), laut dem die Versicherte am 19. Dezember 2014 vom Hausarzt
wegen einer unklaren Psychose in die stationäre Behandlung eingewiesen worden war.
Die behandelnden Ärzte hatten im Austrittsbericht festgehalten, beim Eintritt seien
Wahnstörungen in der Form von überwertigen Ideen, eine innerliche Unruhe, eine
Verzweiflung, eine Reizbarkeit, eine Hoffnungslosigkeit, eine Freudlosigkeit und eine
Antriebshemmung aufgefallen. Nach einer Nacht in der Klinik sei die Versicherte wieder
ausgetreten. Der Psychostatus sei unauffällig gewesen.
A.c Im Auftrag der IV-Stelle erstattete der Psychiater Dr. med. F._ am 14. März 2016
ein psychiatrisches Gutachten (IV-act. 72). Er hielt fest, im Rahmen seiner
Untersuchung hätten sich keine Beeinträchtigungen der Bewusstseinsklarheit und der
Bewusstseinshelligkeit gezeigt. Die Versicherte habe die Aufmerksamkeit und die
Konzentration während der Dauer des Gesprächs durchgehend aufrecht erhalten
können. Die Auffassung sei ungestört gewesen. Es hätten sich nur leichte
Merkfähigkeitsstörungen gezeigt. Ansonsten sei der klinische Befund unauffällig
gewesen. Gesamthaft hätten sich in der Untersuchung keinerlei Hinweise auf eine
organische oder symptomatische psychische Störung, auf eine Störung durch
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psychotrope Substanzen, auf eine Schizophrenie oder auf eine schizotype oder
wahnhafte Störung gezeigt. Die Diagnostik sei in den Akten sehr unklar und in sich
widersprüchlich. Eine schizotype Persönlichkeitsstörung gebe es gar nicht. Beim
Eintritt in die Klinik E._ sei die Symptomatik völlig unklar gewesen. Wenn damals
tatsächlich eine Psychose bestanden hätte, wäre diese sicherlich nicht über Nacht
verschwunden. Das Ergebnis der consiliarisch durchgeführten neuropsychologischen
Testung habe einer leichten Hirnfunktionsstörung am Übergang zur leichten bis
mässigen Hirnfunktionsstörung entsprochen, wobei der Neuropsychologe allerdings
auf ein Testverhalten hingewiesen habe, das die Resultate möglicherweise verfälscht
habe. Die vom Neuropsychologen geltend gemachten qualitativen Einschränkungen
der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin fielen aber ohnehin nicht ins Gewicht, da
es auf dem in Betracht kommenden Arbeitsmarkt für Hilfsarbeiterinnen Stellen gebe,
die diesen Einschränkungen Rechnung trügen. Zusammenfassend könne keine
psychiatrische Diagnose gestellt werden. Folglich könne auch keine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit attestiert werden. Der RAD-Arzt Dr. G._ qualifizierte das Gutachten
als überzeugend (IV-act. 73).
A.d Mit einem Vorbescheid vom 18. Mai 2016 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit
(IV-act. 76), dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens vorsehe, da keine
rentenbegründende Invalidität vorliege. Dagegen liess die nun anwaltlich vertretene
Versicherte einwenden (IV-act. 84–1 ff.), das Gutachten von Dr. F._ überzeuge nicht.
Die Diagnosestellung und die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. F._ stünden in
einem erheblichen Widerspruch zu den Diagnosen und den
Arbeitsfähigkeitsschätzungen der behandelnden Fachärzte. In der Anamnese fehlten
wichtige Angaben. Das Gutachten entspreche nicht durchwegs den verbindlichen
Qualitätsleitlinien für psychiatrische Gutachten im Auftrag der Invalidenversicherung.
Die Befundschilderung sei oberflächlich. Der Rechtsvertreter der Versicherten habe
schon in verschiedenen Dossiers, die ein Gutachten von Dr. F._ enthielten, ähnliche
Diskrepanzen festgestellt. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen habe in
zwei Entscheiden vom 25. März 2013 und vom 3. November 2014 jeweils ein
Gutachten von Dr. F._ als nicht überzeugend qualifiziert. In einem anderen Fall habe
eine psychiatrische Sachverständige ein Vorgutachten von Dr. F._ als „schlecht
fundiert und aus heutiger Sicht nicht zutreffend“ beurteilt. Die behandelnde
Psychiaterin C._ hatte am 18. Juli 2016 festgehalten (IV-act. 84–8 ff.), das Gutachten
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von Dr. F._ werde dem Störungsbild der Versicherten nicht gerecht. Diese leide an
einer gegenwärtig remittierten rezidivierenden depressiven Störung, an einer
schizotypen Störung oder an einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung
(differentialdiagnostisch an einer paranoiden Persönlichkeitsstörung) sowie an einer
Panikstörung mit einer episodisch paroxysmalen Angst. Selbst unter idealen
Bedingungen werde die Versicherte im ersten Arbeitsmarkt nicht Fuss fassen können.
Bedenkenswert sei auch, ob die Versicherte für einen Arbeitgeber zumutbar wäre. Der
Grund dafür liege in der vorliegenden komplexen psychischen Störung. Eine
Eingliederung in einem geschützten Rahmen wäre dagegen sinnvoll. Auf eine
entsprechende Aufforderung der IV-Stelle hin nahm Dr. F._ am 12. September 2016
Stellung zu den Einwänden der Versicherten und zum Bericht der Psychiaterin C._
vom 18. Juli 2016 (IV-act. 89). Er hielt fest, es treffe nicht zu, dass seine
Befunderhebung und Diagnosestellung eklatant von jener der behandelnden Ärzte
abweiche. Die behandelnde Psychiaterin habe in ihren Berichten durchwegs nur einen
leicht auffälligen Befund beschrieben. Beim Eintritt in die Klinik E._ sei der Befund
kaum auffällig gewesen. Nach nur einer Nacht sei der (Austritts-) Befund dann völlig
unauffällig gewesen. Weitere anamnestische Angaben im Gutachten hätten keinen
wesentlichen Erkenntnisgewinn verschafft. Eine Diagnosestellung im Sinne der ICD-10
diene auch nicht der Beantwortung der Frage nach den Ursachen einer Störung,
sondern nur dazu, einen Symptomenkomplex zu klassifizieren. Nicht alle Auffälligkeiten
stellten indessen ein Krankheitssymptom dar, denn nicht jede soziale Auffälligkeit sei
krankheitswertig. Die Psychiaterin C._ habe sich schliesslich auch nicht medizinisch-
theoretisch mit der Frage nach der Arbeitsfähigkeit der Versicherten
auseinandergesetzt, denn dann hätte sie darlegen müssen, weshalb die Versicherte
früher in der Lage gewesen sei, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Der RAD-Arzt Dr.
G._ erachtete diese Stellungnahme als überzeugend (IV-act. 90). Mit einer Verfügung
vom 7. Oktober 2016 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-
act. 91).
B.
B.a Am 10. November 2016 liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 7. Oktober 2016
erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen
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Verfügung, die Zusprache einer ganzen Rente mit Wirkung ab dem 1. September 2015
und eventualiter die Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte er an, die
Beschwerdeführerin habe schon im Jahr 1979 einen ersten Suizidversuch
unternommen. Im Jahr 1986 sei sie stationär psychiatrisch behandelt worden. Etwa im
Jahr 2000 sei eine weitere stationäre psychiatrische Behandlung erfolgt. Ausser
während etwa drei Jahren habe sie nie auch nur ein annähernd existenzdeckendes
Einkommen erzielt. Seit dem Jahr 2002 sei sie durchgehend in einem geschützten
Rahmen beschäftigt worden. Die Psychiaterin C._ habe ihre Diagnosen und ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung sehr sorgfältig begründet. Der Sachverständige Dr. F._
habe denselben Sachverhalt lediglich optimistischer beurteilt. Seine optimistische
Einschätzung finde ihren Grund unter anderem darin, dass Dr. F._ wesentliche
Sachverhaltsaspekte unberücksichtigt gelassen habe, worauf die Psychiaterin C._
hingewiesen habe. Die nachträgliche Stellungnahme von Dr. F._ habe die Mängel
seines Gutachtens nicht beseitigen können. Die angefochtene Verfügung beruhe
folglich in medizinischer Hinsicht auf einem nicht beweiskräftigen Gutachten.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 2. Dezember 2016 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie aus, Dr. F._ habe einen harmlosen
psychiatrischen Befund erhoben, was von vorneherein gegen eine invalidisierende
psychiatrische Erkrankung spreche. Die Darstellung der behandelnden Psychiaterin
C._ sei von Dr. F._ mit einer überzeugenden Begründung widerlegt worden. In den
Akten fänden sich keine Hinweise, die Zweifel an der Überzeugungskraft des
Gutachtens von Dr. F._ wecken würden.
B.c Der Beschwerdeführerin wurde am 6. Dezember 2016 die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt (act. G 6).
B.d Die Beschwerdeführerin liess am 8. Dezember 2016 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik.
B.e Am 18. August 2017 liess die Beschwerdeführerin geltend machen (act. G 10), die
Psychiaterin C._ habe in einem Verlaufsbericht betreffend den Zeitraum von Juli 2016
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bis August 2017 eine kombinierte Persönlichkeitsstörung diagnostiziert (vgl. act. G
10.1). Die Beschwerdegegnerin nahm dazu keine Stellung.

Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin die Stellungnahme von Dr. F._
vom 12. September 2016 erst zusammen mit der angefochtenen Verfügung zugestellt.
Dadurch hat sie der Beschwerdeführerin die Möglichkeit verwehrt, sich vor dem
Verfügungserlass zur Stellungnahme von Dr. F._ zu äussern. Darin ist eine Verletzung
des Anspruchs der Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör (Art. 42 ATSG) zu
erblicken. Diese Gehörsverletzung könnte an sich nur durch die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache zur Durchführung eines
formal korrekten Verfahrens an die Beschwerdegegnerin behoben werden. Aufgrund
des „zudienenden“ Charakters des Verfahrensrechts lässt es die Rechtsprechung
allerdings zu, eine Verfahrensrechtswidrigkeit zu ignorieren, wenn sich die
beschwerdeführende Person damit einverstanden erklärt oder wenn sie zumindest
eindeutig zum Ausdruck bringt, dass sie eine rasche materielle Behandlung ihrer
Beschwerde einem formal in jeder Hinsicht korrekten Verfahren vorzieht. Ein solches
Ignorieren einer Gehörsverletzung wird missverständlich als „Heilung“ bezeichnet,
obwohl der Mangel ja gerade nicht geheilt, sondern vielmehr ignoriert wird. Da die
Beschwerdeführerin die Gehörsverletzung nicht gerügt hat und da ihre Beschwerde
offensichtlich auf eine rasche materielle Erledigung der Streitsache abzielt, ist die
Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör vorliegend zu ignorieren.
2.
2.1 Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität
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ist das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen zu setzen, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund
geblieben wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).
2.2 Die Beschwerdeführerin hat ursprünglich eine Verkaufslehre absolviert. Sie hat
zwar wiederholt geltend gemacht, dass sie schon im Alter von 20 Jahren und damit
kurz nach dem Lehrabschluss einen ersten Suizidversuch unternommen habe, was
darauf hindeuten könnte, dass sie bereits während der beruflichen Ausbildung an einer
relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten haben könnte. Über diesen
(angeblichen) Suizidversuch ist aber praktisch nichts bekannt. In den Akten findet sich
nur der Hinweis, dass dieser mit einer umständehalber erzwungenen Rückkehr ins
Elternhaus, also nicht primär mit einer Erkrankung, sondern mit einer belastenden
Situation, im Zusammenhang gestanden habe. Alle Hinweise in den Akten auf diesen
Suizidversuch beruhen allerdings allein auf den Angaben der Beschwerdeführerin; sie
können folglich nicht als bewiesen angesehen werden. Abgesehen davon enthalten die
Akten keine Indizien dafür, dass die berufliche Ausbildung der Beschwerdeführerin
durch eine relevante Gesundheitsbeeinträchtigung beeinflusst gewesen sein könnte. In
antizipierender Beweiswürdigung ist von weiteren Abklärungen zu dieser Frage kein
Erkenntnisgewinn mehr zu erwarten, denn wenn diesbezüglich überhaupt je
echtzeitliche Akten existiert hätten, dürften diese mittlerweile schon längst vernichtet
sein, liegen diese Ereignisse doch mittlerweile 40 Jahre in der Vergangenheit. Bezüglich
der Frage, ob die Beschwerdeführerin als Frühinvalide im Sinne des Art. 26 IVV zu
qualifizieren ist, liegt damit eine objektive Beweislosigkeit vor, deren Folgen in einer
lückenfüllenden analogen Anwendung des Art. 8 ZGB die Beschwerdeführerin zu
tragen hat. Für die Bestimmung des Valideneinkommens müsste deshalb an sich von
einer Berufskarriere als Verkäuferin ausgegangen werden. Die Beschwerdeführerin ist
allerdings seit vielen Jahren nicht mehr in diesem Beruf tätig gewesen. In dieser Zeit
hat die allgemeine technische Entwicklung zu einer wesentlichen Veränderung der
Anforderungen an ausgebildete Verkäuferinnen geführt, was einen Wiedereinstieg der
Beschwerdeführerin in den ursprünglich erlernten Beruf (zu einem durchschnittlichen
Lohn für eine ausgebildete Verkäuferin) verunmöglicht. Zufolge der langen
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Berufsabsenz muss die Beschwerdeführerin deshalb in Bezug auf die Validenkarriere
als Hilfsarbeiterin qualifiziert werden.
2.3 Bei der Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens
kommt der medizinischen Arbeitsfähigkeitsschätzung eine entscheidende Bedeutung
zu. Zur Beantwortung der Frage nach der medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin hat die Beschwerdegegnerin den psychiatrischen
Sachverständigen Dr. F._ mit einer Begutachtung beauftragt. Dieser hat die Akten
der behandelnden Ärzte und das in seinem Auftrag erstellte neuropsychologische
Teilgutachten eingehend gewürdigt und die Beschwerdeführerin persönlich untersucht.
Es mag zwar zutreffen, dass im psychiatrischen Gutachten einige der von der
behandelnden Psychiaterin C._ angeführten Aspekte nicht ausdrücklich erwähnt
worden sind, aber daraus kann nicht abgeleitet werden, Dr. F._ habe sich
ungenügend mit der Befund- und Aktenlage auseinander gesetzt. Ihm sind diese
Aspekte ja aus den Berichten der Psychiaterin C._ durchaus bekannt ge¬wesen.
Zusammenfassend besteht kein ernsthafter Zweifel daran, dass der Sachverständige
Dr. F._ die relevanten Fakten umfassend erhoben und gewürdigt hat. Zwischen den
von ihm erhobenen objektiven klinischen Befunden und jenen Befunden, die in den
Berichten der behandelnden Ärzte beschrieben werden, bestehen kaum Unterschiede.
Auch der neuropsychologische Sachverständige hatte einen weitgehend unauffälligen
klinischen Befund erhoben. Offenbar hat die Beschwerdeführerin zwar auf die
Fachärzte einen exzentrischen Eindruck hinterlassen, wozu wohl insbesondere ihre
teilweise derbe Ausdrucksweise und ihr Aussehen beigetragen haben dürften, auf die
Dr. F._ in seinem Gutachten mehrfach hingewiesen hat. Wie der Sachverständige
aber zu Recht geltend gemacht hat, kann nicht jede soziale Auffälligkeit als
krankheitswertig qualifiziert werden. Selbst im Bericht des Psychiatrischen Zentrums
E._ vom 10. Februar 2015 betreffend eine Behandlung, die nach Angaben der
Beschwerdeführerin mittels einer fürsorgerischen Unterbringung erfolgt wäre, wenn
diese sich nicht zu einem freiwilligen Klinikeintritt bereit erklärt hätte, wird ein
weitgehend unauffälliger Eintrittsbefund und – nach lediglich einer Nacht – ein völlig
unauffälliger Austrittsbefund beschrieben. Eine spezifische Diagnose konnte von den
Ärzten nicht gestellt werden. Obwohl sich die Krankheitsgeschichte der
Beschwerdeführerin angeblich bereits über Jahrzehnte erstrecken soll, enthalten die
Akten keinen medizinischen Bericht, der einen deutlich auffälligen objektiven klinischen
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Befund schildern würde. Nur die behandelnde Psychiaterin C._, die in ihren Berichten
– auch in jenem vom 17. August 2017 – einen weitgehend unauffälligen Befund
geschildert hat, hat die Ansicht vertreten, die Beschwerdeführerin müsse an einer
erheblichen psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung leiden, ohne dass sie dies
allerdings mittels entsprechender Befunde hätte untermauern können. Im Gegensatz
dazu hat der Sachverständige Dr. F._ in einer überzeugenden Auseinandersetzung
mit den Vorakten und den von ihm selbst erhobenen objektiven klinischen Befunde
dargelegt, dass keine psychiatrische Erkrankung diagnostiziert und dementsprechend
auch keine Arbeitsunfähigkeit attestiert werden könne. Auf den ersten Blick scheint Dr.
F._ allerdings die Frage nicht beantwortet zu haben, ob die Beschwerdeführerin
einem Arbeitgeber unzumutbar sei respektive ob eine Gesundheitsbeeinträchtigung
vorliege, die es der Beschwerdeführerin verunmöglichen würde, sich in eine
Arbeitsorganisation zu integrieren, wie das von der behandelnden Psychiaterin C._
geltend gemacht worden ist. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass Dr. F._
diese Frage verneint hat, denn er hat ja gar keine relevante
Gesundheitsbeeinträchtigung – und damit auch keine die Integration in einen
Arbeitsprozess behindernde Gesundheitsbeeinträchtigung – feststellen können. Zwar
ist angesichts der in den Akten – von den behandelnden Ärzten, von Dr. F._, aber
auch von den nächsten Angehörigen der Beschwerdeführerin – beschriebenen
Auffälligkeiten im Verhalten der Beschwerdeführerin davon auszugehen, dass diese mit
ihrem Verhalten bei vielen Arbeitgebern „anecken“ dürfte. Dieses Verhalten hat aber
gemäss den überzeugenden Ausführungen von Dr. F._ keinen Krankheitswert, denn
es handelt sich dabei lediglich um eine charakterliche Besonderheit. Zudem zeigen die
Angaben der Beschwerdeführerin bezüglich der von ihr in der Vergangenheit
ausgeübten Tätigkeiten, dass diese durchaus in der Lage ist, eine ihr zusagende
Tätigkeit über längere Zeit auszuüben, ohne den Arbeitgeber oder allfällige Mitarbeiter
gegen sich aufzubringen. Nur in einem Punkt kann Dr. F._ nicht gefolgt werden, aber
dieser betrifft keine medizinische Frage, sondern eine falsche Annahme von Dr. F._
bezüglich der Validenkarriere der Beschwerdeführerin: Da die Beschwerdeführerin an
sich als ausgebildete Verkäuferin qualifiziert werden müsste, könnten die vom
consiliarisch beigezogenen neuropsychologischen Sachverständigen spezifizierten
qualitativen Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin durchaus
eine relevante Rolle spielen, denn als Verkäuferin müsste die Beschwerdeführerin in
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einem eher unstrukturierten Arbeitssetting tätig sein (ausser, sie würde zum Beispiel
ausschliesslich die Kasse bedienen), sie müsste rechnen können, sie müsste teilweise
mehrere Arbeitsaufträge parallel bearbeiten und die Tempoanforderungen dürften
insgesamt zu hoch sein. Es mag zwar zutreffen, dass die Testresultate durch das
Verhalten der Beschwerdeführerin bei der Testung leicht verfälscht worden sind, aber
insgesamt müsste der Beruf der Verkäuferin angesichts der Ausführungen im
neuropsychologischen Teilgutachten als ungeeignet qualifiziert werden, wenn die
Beschwerdeführerin ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung überhaupt wieder in diesen
Beruf hätte einsteigen können. Die Invalidenkarriere kann folglich nur in der Verrichtung
einer leidensadaptierten Hilfsarbeit bestehen.
2.4 Da sich den massgebenden statistischen Daten kein Hinweis darauf entnehmen
lässt, dass kognitiv weniger anspruchsvolle Hilfsarbeiten wesentlich schlechter entlöhnt
würden als kognitiv anspruchsvollere Hilfsarbeiten, entspricht der Ausgangswert des
zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens dem Zentralwert der
Hilfsarbeiterinnenlöhne und damit dem Valideneinkommen. Der Betrag kann bei der
Berechnung des Invaliditätsgrades mathematisch keine Rolle spielen; der
Invaliditätsgrad ist folglich anhand eines sogenannten Prozentvergleichs zu berechnen,
das heisst er entspricht dem Arbeitsunfähigkeitsgrad, allenfalls korrigiert um einen
Tabellenlohnabzug. Angesichts der vom neuropsychologischen Sachverständigen
beschriebenen leichten Verlangsamung der Beschwerdeführerin und unter
Berücksichtigung des erhöhten Einarbeitungsbedarfs, der betriebswirtschaftlich-
ökonomisch betrachtet Ressourcen und damit Geld kostet, würde ein
betriebswirtschaftlich-ökonomisch denkender Arbeitgeber der Beschwerdeführerin nur
einen unterdurchschnittlichen Lohn ausrichten, weshalb es sich praxisgemäss
rechtfertigt, einen Tabellenlohnabzug von 15 Prozent zu berücksichtigen. Da die
Beschwerdeführerin in ideal leidensadaptierten Tätigkeiten uneingeschränkt
arbeitsfähig ist, entspricht der Invaliditätsgrad diesem Tabellenlohnabzug. Er beträgt
also 15 Prozent. Da erst ab einem Invaliditätsgrad von 40 Prozent ein Anspruch auf
eine Rente der Invalidenversicherung besteht, hat die Beschwerdegegnerin zu Recht
einen Rentenanspruch der Beschwerdeführerin verneint.
3.
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Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. An sich müsste die unterliegende
Beschwerdeführerin die Gerichtskosten von 600 Franken bezahlen. Zufolge der
Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung wird sie aber von dieser Pflicht befreit.
Der Staat hat dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin infolge der Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung eine Entschädigung auszurichten, die 80
Prozent des erforderlichen Vertretungsaufwandes entspricht. Da der
Vertretungsaufwand vorliegend als durchschnittlich zu qualifizieren ist, ist die
Entschädigung praxisgemäss auf 80 Prozent von 3’500 Franken, also auf 2’800
Franken festzusetzen. Sollten es ihre wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten,
wird die Beschwerdeführerin zur Nachzahlung der Gerichtskosten und zur
Rückerstattung der Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung
verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).