Decision ID: 49d35cce-4364-5cbb-b1dc-7e86226ead7a
Year: 2011
Language: de
Court: AG_HG
Chamber: AG_HG_001
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
1.
Das Gerichtspräsidium Laufenburg sprach X. mit Urteil vom
21. September 2010 schuldig der Erpressung und verhängte eine
Freiheitsstrafe von acht Monaten sowie eine Busse von Fr. 500.00.
Für die ausgefällte Freiheitsstrafe gewährte es ihr den bedingten
Vollzug unter Ansetzung einer Probezeit von fünf Jahren. Dieses Ur-
teil erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
2.
Die Verurteilte lenkte am 12. April 2011 in Zeiningen (Bezirk
Rheinfelden) ein Motorfahrzeug in fahrunfähigem Zustand, wobei
eine qualifizierte Akoholkonzentration festgestellt wurde. Die Staats-
anwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg verurteilte sie deswegen mit
Strafbefehl vom 19. Juli 2011 zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen
Fr. 30.00, gewährte hiefür den bedingten Vollzug bei einer Probe-
2011
Obergericht
76
zeit von fünf Jahren und büsste die Verurteilte zusätzlich mit
Fr. 800.00. Dieser Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
3.
Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg stellte am
19. September 2011 beim Gerichtspräsidium Rheinfelden den An-
trag, es sei der mit Urteil des Gerichtspräsidiums vom 21. September
2010 gewährte bedingte Strafvollzug für eine Freiheitsstrafe von acht
Monaten nicht zu widerrufen. Stattdessen sei die Verurteilte gemäss
Art. 46 Abs. 2 StGB zu verwarnen und die Probezeit um 2.5 Jahre zu
verlängern.
4.
Die Präsidentin des Bezirksgerichts Rheinfelden überwies die
Angelegenheit mit Verfügung vom 14. November 2011 zuständig-
keitshalber ans Gerichtspräsidium Laufenburg.
5.
Der Präsident des Bezirksgerichts Laufenburg trat am 18. Novem-
ber 2011 auf den Antrag der Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufen-
burg vom 19. September 2011 nicht ein und erklärte den Strafbefehl
der Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg vom 19. Juli 2011
für nichtig.
6.
Gegen diese ihr am 21. November 2011 zugestellte Verfügung
des Präsidenten des Bezirksgerichts Laufenburg vom 18. November
2011 erhob die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg mit Post-
aufgabe vom 21. November 2011 Beschwerde. Sie beantragte, es sei
die Verfügung des Gerichtspräsidiums Laufenburg vom 18. Novem-
ber 2011 vollumfänglich aufzuheben, und das Gerichtspräsidium
Rheinfelden sei anzuweisen, auf ihren Antrag vom 19. September
2011 einzutreten.

Aus den Erwägungen
2.2.
Die Botschaft zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts vom
21. Dezember 2005 äussert sich wie folgt zum Verfahren bei selb-
2011
Strafprozessrecht
77
ständigen nachträglichen Entscheiden des Gerichts (Art. 270 des
Vorentwurfs zur eidgenössischen Strafprozessordnung):
Das Strafrecht sieht vor allem im Zusammenhang mit dem
Strafvollzug vor, dass das Gericht sein Urteil nachträglich ergänzen
muss oder abändern kann. Solche nachträglichen richterlichen Ent-
scheide (gelegentlich auch nachträgliche Entscheidungen oder Wi-
derrufsverfahren genannt) sind nach heutiger Rechtslage Entscheide
über: Die Anordnung einer Ersatzfreiheitsstrafe (Art. 36 nStGB), die
Umwandlung einer gemeinnützigen Arbeit in eine Geld- oder Frei-
heitsstrafe (Art. 39 nStGB), die Verlängerung einer stationären thera-
peutischen Massnahme (Art. 59 Abs. 4 nStGB), die Verlängerung ei-
ner Suchtbehandlung (Art. 60 Abs. 4 nStGB), die Verlängerung der
Probezeit bei bedingter Entlassung (Art. 62 Abs. 4 nStGB), die An-
ordnung einer anderen Massnahme an Stelle des Strafvollzugs bei
Aufhebung der Massnahme (Art. 62c Abs. 3 nStGB), die Anordnung
der Verwahrung (Art. 62c Abs. 4 nStGB), die Verlängerung der am-
bulanten Behandlung (Art. 63 nStGB), die Anrechnung eines mit ei-
ner ambulanten Behandlung verbundenen Freiheitsentzugs auf die
Strafe (Art. 63b Abs. 4 nStGB), die Anordnung einer stationären the-
rapeutischen Massnahme an Stelle des Strafvollzugs (Art. 63b Abs. 5
nStGB), die Verlängerung der Probezeit bei Entlassung aus der Ver-
wahrung (Art. 64a Abs. 2 nStGB), die Anordnung der Rückverset-
zung in die Verwahrung (Art. 64a Abs. 3 nStGB), die Anordnung
einer stationären therapeutischen Massnahme i.S. von Art. 65 nStGB,
die Anordnung von Massnahmen i.S. von Art. 95 Abs. 4 und 5
nStGB.
Die vorstehend aufgeführten Entscheide können nicht im Rah-
men eines Urteils ergehen, da - mit Ausnahme des Widerrufs ausge-
setzter oder bedingter Sanktionen sowie der Entlassungen nach Be-
gehung neuer Straftaten - kein neues Sachurteil ansteht. Das bedeu-
tet, dass solche Entscheide in einem gesonderten, selbständigen Ver-
fahren erlassen werden müssen. Dieser nachträgliche Entscheid wird
vom Gericht gefällt, das das ursprüngliche Urteil ausgesprochen hat
(Abs. 1 [Art. 363 Abs. 1 in der Fassung der StPO vom 5. Oktober
2007]). Soweit eine der genannten Ausnahmen zutrifft, sind hingegen
die Bestimmungen dieses Kapitels nicht anwendbar; die Staatsan-
2011
Obergericht
78
waltschaft wird vielmehr zusammen mit der Anklage die ent-
sprechenden Anträge stellen (Art. 327 Abs. 1 lit. g [Art. 326 Abs. 1
lit. g in der Fassung der StPO vom 5. Oktober 2007]), über die an-
schliessend im Hauptverfahren und im Rahmen der Urteilsfällung
(Art. 79 Abs. 4 lit. d [Art. 81 Abs. 4 lit. d in der Fassung der StPO
vom 5. Oktober 2007]) entschieden wird (vgl. Botschaft des Bun-
desrates zur Vereinheitlichung des Strafprozessrechts vom 21. De-
zember 2005, BBl 2006 [Botschaft], S. 1297 f.; vgl. auch Begleit-
bericht zum Vorentwurf für eine Schweizerische Strafprozessordnung
vom Juni 2001, EJPD/Bundesamt für Justiz, Bern, Juni 2001 [BeB],
S. 236).
2.3.
Vorliegend gibt ein in einem neuen Hauptverfahren zu beurtei-
lendes Vergehen Anlass zur Überprüfung der bedingten Sanktion und
es liegt damit eine der in der Botschaft erwähnten Ausnahmen vor.
Der Widerruf aufgrund neuer Delinquenz ist wohl der häufigere Fall
als der Widerruf wegen Entziehung der Bewährungshilfe oder Miss-
achtung von Weisungen gemäss Art. 46 Abs. 4 i.V.m. Art. 95 Abs. 3-
5 StGB, weshalb es erstaunt, dass die Verfahren bei selbständigen
nachträglichen richterlichen Entscheiden ebenfalls Widerrufsverfah-
ren genannt werden. Da vorliegend ein neues Sachurteil ansteht,
kann die Frage nach dem Widerruf im Rahmen des neuen Strafver-
fahrens gefällt werden und das Verfahren bei selbständigen nachträg-
lichen Entscheiden gemäss Art. 363 ff. StPO kommt nicht zur An-
wendung (vgl. dazu auch N
IKLAUS
S
CHMID
, Handbuch des Schwei-
zerischen Strafprozessrechts, 2009 [zit. Handbuch], § 86 N. 1390 mit
den Verweisen auf die Botschaft und den Vorentwurf in Fn. 100 f.,
S. 620 N. 1358 Fn. 31 sowie S. 619 N. 1356 mit Fn. 24; M
ARIANNE
H
EER
, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung,
2011, Art. 363 N. 2). Wie die Staatsanwaltschaft zutreffend ausführt,
ist bei einem unselbständigen Nachverfahren die Zuständigkeitsbe-