Decision ID: 4b8fa935-3473-50fb-8875-c8a0f1632925
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 10. Juni 2014 bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (IV-
act. 1). Die RAD-Ärztin Dr. med. B._, Praktische Ärztin, hielt am 24. Juni 2014 fest,
der Versicherte leide an einer Cervikobrachialgie rechts bei degenerativen
Veränderungen der HWS, Bandscheibenprotrusionen HWK 5/6 und 6/7, mittel- bis
höhergradiger foraminaler Einengung HWK 5/6 rechts und Irritation Wurzel C 6, an
einer Schmerzproblematik ohne neurologische Ausfälle sowie an einem Status nach
mikrochirurgischer Discektomie C 5/6 rechts und Spondylodese am 24. April 2014 (IV-
act. 25). Die IV-Stelle teilte dem Versicherten am 4. Juli 2014 mit, aufgrund seines
Gesundheitszustands seien zurzeit keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen
möglich. Es werde der Anspruch auf Rentenleistungen geprüft (IV-act. 14).
A.a.
Der behandelnde Dr. med. C._, Facharzt für Neurochirurgie, bescheinigte dem
Versicherten ab 5. Dezember 2013 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Bericht vom
18. August 2014, IV-act. 18). Im Auftrag des Krankentaggeldversicherers erstattete
Dr. med. D._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, am 29. Oktober 2014 ein orthopädisches Gutachten, das auf
einer persönlichen Untersuchung des Versicherten vom 29. August 2014 beruhte. Als
Leiden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostizierte er ein
Cervicovertebralsyndrom bei leichter Kompression der Nervenwurzel C 4 links und
eventuell C 5 und C 6 beidseits bei Facettengelenksarthrose C 4 bis 7 mit
Diskusprotrusion und Status nach Diskektomie C 5/6 rechts und Spondylodese im April
A.b.
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2014 sowie ein Impingement der rechten Schulter bei Bursitis subacromialis und
Partialruptur der Supraspinatussehne. Bezogen auf die körperlich anspruchsvolle
bisherige Tätigkeit als Betriebs- und Lagereinrichtungsmitarbeiter bescheinigte
Dr. D._ dem Versicherten ab dem Begutachtungszeitpunkt eine 80%ige
Arbeitsunfähigkeit. Zuvor habe ab dem 24. April 2014 aufgrund der postoperativen
Rehabilitation eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestanden. Für leidensangepasste
Tätigkeiten bescheinigte er dem Versicherten ab dem 24. April 2014 eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit und ab September 2014 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 29).
Die behandelnde Dr. med. E._, Praktische Ärztin, diagnostizierte zusätzlich zu den
orthopädischen Leiden eine Cephalea, eine arterielle Hypertonie und eine Depression.
Sie schrieb den Versicherten seit dem 5. Dezember 2013 zu 100 % arbeitsunfähig
(Bericht vom 17. Februar 2015, IV-act. 24). Im Bericht vom 27. Juli 2015 führte der
behandelnde Dr. med. M. H._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, aus, der
Versicherte leide an einer mittel- bis schwergradigen depressiven Störung (ICD-10:
F32.11), einer selbstunsicheren Persönlichkeit (ICD-10: F60.6), einem chronifizierten
Schmerzsyndrom bei bekannten Wirbelsäulenänderungen und einem Zustand nach
Wirbelsäulenoperation im April 2014. Er bescheinigte ihm seit Beginn der Behandlung
am 3. September 2014 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 40).
Der RAD-Arzt Dr. med. F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
gelangte nach einer Würdigung der medizinischen Akten zur provisorischen
Einschätzung, der Versicherte verfüge für den somatischen Leiden angepasste
Tätigkeiten über eine 50%ige Arbeitsfähigkeit, die innerhalb weniger Wochen
steigerbar sei (Stellungnahme vom 12. Januar 2016, IV-act. 44). Vom 29. Februar bis
29. Mai 2016 nahm der Versicherte an einer beruflichen Abklärung im G._ teil (siehe
den Eingliederungsplan vom 24. / 26. Februar 2016, IV-act. 46, die Mitteilung der IV-
Stelle vom 7. März 2016, IV-act. 51, und deren Taggeldverfügung vom 29. März 2016,
IV-act. 54). Im Schlussbericht vom 30. Mai 2016 führte die Abklärungsperson aus, der
Versicherte sei an fünf halben Tagen in der Woche à vier Stunden pro Tag in der
Produktion tätig gewesen. Sie schätze die Leistungsfähigkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt mit einem Pensum von 50 % als nicht realistisch ein (IV-act. 70).
A.c.
Die IV-Stelle teilte dem Versicherten mit, dass aufgrund seines
Gesundheitszustands zurzeit keine (weiteren) beruflichen Eingliederungsmassnahmen
A.d.
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möglich seien (IV-act. 74), und holte Verlaufsberichte bei den behandelnden
medizinischen Fachpersonen ein (Verlaufsberichte von Dr. E._ vom 26. September
2016, IV-act. 80, von Dr. C._ vom 9. Januar 2017, IV-act. 89, und von Dr. H._ vom
3. Februar 2017, IV-act. 91). Aufgrund eines Nierenbeckentumors rechts wurde dem
Versicherten die rechte Niere am 16. Januar 2017 operativ entfernt (Nephro-
Ureterektomie rechts und regionäre Lymphadenektomie rechts; IV-act. 93; zur
Behandlung sowie des unauffälligen peri- und postoperativen Verlaufs während der
Hospitalisation in der Urologie am Stephanshorn vom 13. bis 24. Januar 2017 siehe
den Austrittsbericht von Dr. med. I._, Facharzt für Urologie, vom 3. Februar 2017, IV-
act. 96). Da der Tumor in sano operiert worden sei, ergebe sich aus urologischer Sicht
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit für die Zukunft (Stellungnahme von Dr. I._
vom 6. März 2017, IV-act. 95).
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte am 11., 12. und 13. September
2017 in der ABI Aerztliches Begutachtungsinstitut GmbH polydisziplinär
(allgemeininternistisch, psychiatrisch, orthopädisch, neurologisch und urologisch)
begutachtet. Als Diagnosen, welche die Arbeitsfähigkeit beeinflussen würden, stellten
die Gutachter: 1. eine rezidivierende depressive Störung mit gegenwärtig leichter
Episode (ICD-10: F33.0), 2. chronische Nacken-Schulter-Armbeschwerden der
dominanten rechten Seite (ICD-10: M54.2/M79.60/Z98.8) und 3. ein chronisches
lumbovertebrales Schmerzsyndrom (ICD-10: M54.5). Aus polydisziplinärer Sicht zogen
die ABI-Gutachter den Schluss, dass dem Versicherten körperlich mittelschwer- und
schwerbelastende berufliche Tätigkeiten nicht mehr zumutbar seien. Für körperlich
leichte, angepasste Tätigkeiten bestehe eine vollschichtig realisierbare Arbeits- und
Leistungsfähigkeit von 80 %. Die aus psychiatrischer Sicht bescheinigte 20%ige
Arbeitsunfähigkeit gelte ab September 2014. Von einer vollen Arbeitsunfähigkeit für
körperlich nicht angepasste Tätigkeiten könne aus orthopädischer Sicht ebenfalls ab
September 2014 ausgegangen werden. Aus urologischer Sicht bestehe aufgrund des
Urothelkarzinoms eine passagere Arbeitsunfähigkeit vom 13. Januar bis 6. März 2017
(Gutachten vom 24. Oktober 2017, IV-act. 107). Der RAD-Arzt Dr. F._ vertrat in der
Stellungnahme vom 6. November 2017 den Standpunkt, dass die Beurteilung der ABI-
Gutachter überzeugend sei und darauf abgestellt werden könne (IV-act. 108).
A.e.
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Die IV-Stelle wies das Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen mit
Mitteilung vom 14. November 2017 ab, da sich der Versicherte nicht in der Lage fühle,
an Eingliederungsbemühungen mitzuwirken (IV-act. 111). Auf der Grundlage einer
80%igen Arbeitsfähigkeit ermittelte die IV-Stelle einen 20%igen Invaliditätsgrad und
zeigte dem Versicherten mit Vorbescheid vom 21. November 2017 die Abweisung des
Rentengesuchs an (IV-act. 114). Im dagegen erhobenen Einwand vom 29. November
2017 beantragte der Versicherte die Gewährung beruflicher Massnahmen und
mindestens einer halben Rente (IV-act. 115).
A.f.
Am 7. Juni 2018 erkundigte sich der Versicherte bei der IV-Stelle über den
aktuellen Verfahrensstand (IV-act. 120). Diese bat den Versicherten im Schreiben vom
31. Mai 2019 um Entschuldigung für die ausserordentlich lange Verzögerung in der
Bearbeitung des Leistungsgesuchs, das leider untergegangen sei. Aufgrund der
20%igen Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit könne höchstens nochmals
Arbeitsvermittlung angeboten werden. Eine solche setze voraus, dass sich der
Versicherte bereit fühle, die gutachterlich bescheinigte 80%ige Arbeitsfähigkeit
vollumfänglich zu verwerten. Sie ersuchte den Versicherten um Mitteilung, ob und falls
ja, in welchem Umfang er bereit sei, an beruflichen Massnahmen im Rahmen der
Arbeitsvermittlung teilzunehmen. Sollte keine entsprechende Bereitschaft vorhanden
sein, werde der «Einwand in Bezug auf berufliche Massnahmen als abgeschlossen»
betrachtet (IV-act. 122). In der Folge entspann sich ein weiterer Schriftenwechsel
zwischen den Parteien (IV-act. 123 und IV-act. 125, IV-act. 130), bis die IV-Stelle mit
Mitteilung vom 6. August 2019 das Leistungsbegehren um weitere berufliche
Massnahmen erneut abwies (IV-act. 137). Der Versicherte schrieb der IV-Stelle am
9. August 2019, er wolle bei der Verwertung einer 50%igen Arbeitsfähigkeit unterstützt
werden (IV-act. 138).
A.g.
Mit neuerlichem Vorbescheid vom 20. August 2019 stellte die IV-Stelle dem
Versicherten die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 142). Dagegen
erhob er am 30. August 2019 Einwand und machte u.a. geltend, er leide in der
Zwischenzeit an Augen- und Herzbeschwerden (IV-act. 146). Am 18. September 2019
reichte er verschiedene medizinische Unterlagen ein (IV-act. 151 f.). In Würdigung
dieser Berichte gelangte der RAD-Arzt Dr. F._ zur Auffassung, es sei keine
Erkrankung aus dem kardialen oder ophthalmologischen Fachgebiet erkennbar, die
A.h.
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B.
einen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit habe. Vielmehr sei belegt, dass keine
hypertensive Herzerkrankung vorliege (Stellungnahme vom 25. Oktober 2019, IV-
act. 158). Dr. med. J._, Facharzt für Ophthalmologie und Ophthalmochirurgie,
berichtete am 9. Dezember 2019, beim Versicherten seien am 12. Mai 2015 und am 16.
Juni 2015 rechts und links eine ambulante Katarakt-Operation mit
Hinterkammerlinsenimplantation durchgeführt worden. Die letzte Kontrolle sei am
9. Juli 2015 erfolgt. Seitdem sei der Versicherte nicht mehr nachkontrolliert worden (IV-
act. 167-4; zu den jeweiligen Operationsberichten siehe IV-act. 167-1 f.). Mit Verfügung
vom 12. Dezember 2019 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab und führte bezüglich
beruflicher Massnahmen aus, wie dem Versicherten bereits im Abklärungsverfahren
mitgeteilt worden sei, könnten ihm berufliche Massnahmen (Arbeitsvermittlung)
angeboten werden, wenn er sich im Umfang der gutachterlich attestierten
Arbeitsfähigkeit von 80 % eingliederungsfähig sehen würde (IV-act. 171).
Gegen die Verfügung vom 12. Dezember 2019 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 29. Januar 2020. Der Beschwerdeführer beantragt darin deren
Aufhebung und die Gewährung mindestens einer halben Rente; unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Für das Beschwerdeverfahren sei ihm die unentgeltliche
Rechtspflege zu gewähren. Im Wesentlichen bringt der Beschwerdeführer vor, eine
80%ige Arbeitsfähigkeit könne er schlicht und einfach nicht mehr realisieren. Die
Wahrheit sei, dass er eine Umschulung/Wiedereingliederung von 50 % gerne umsetzen
wolle und die Beschwerdegegnerin aufgefordert worden sei, diese an die Hand zu
nehmen, zumal sich ein schrittweiser Wiedereinstieg aufgedrängt hätte. Dennoch habe
die Beschwerdegegnerin die beruflichen Massnahmen abgewiesen und eine
stufenweise Wiedereingliederung nicht initialisieren wollen, weil sie ganz genau
gewusst habe, dass er keine Chancen habe, voll eingegliedert zu werden. Des
Weiteren sei bei der Bestimmung des Valideneinkommens zu beachten, dass er
ausgebildeter Schreiner und als solcher auch tätig gewesen sei. Aus all diesen
Gründen habe er Anspruch auf eine halbe Rente. Zuvor könne die Beschwerdegegnerin
berufliche Massnahmen initialisieren, wenn sie noch wolle (act. G 1). Am 26. Februar
2020 ergänzt der Beschwerdeführer, er sei am 15. Januar 2020 wegen anhaltender
Beschwerden an der linken Niere urologisch untersucht worden. Dabei sei ein Flecken
B.a.
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entdeckt worden, der einen Verdacht auf einen Tumor begründe. Weitere Abklärungen
würden vorgenommen. Da diese Erkrankung spätestens während der Anfechtungsfrist
entstanden sei, müsse sie im Beschwerdeverfahren berücksichtigt werden. Die
dazugehörenden Berichte werde er einreichen, sobald er sie selbst erhalten haben
werde (act. G 4).
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 16. März 2020
die Abweisung der Beschwerde. Vorab macht sie geltend, massgebend sei der
Gesundheitszustand des Versicherten bis zum Zeitpunkt der Verfügung vom
12. Dezember 2019. Die urologische Konsultation habe erst im Januar 2020
stattgefunden, womit dort gewonnene Erkenntnisse im Beschwerdeverfahren nicht
mehr zu berücksichtigen seien. Würde sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers dauerhaft wesentlich verschlechtern, so sei eine Neuanmeldung für
den Bezug von Rentenleistungen jederzeit möglich. Gegenstand der angefochtenen
Verfügung bilde ausschliesslich der Rentenanspruch. Soweit der Beschwerdeführer in
der Beschwerde ausführe, er hätte eingegliedert bzw. umgeschult werden müssen, sei
darauf hinzuweisen, dass berufliche Massnahmen nicht Gegenstand des vorliegenden
Verfahrens seien. Falls der Beschwerdeführer mit der Ablehnung der beruflichen
Massnahmen, wie sie ihm am 6. August 2019 mitgeteilt worden sei, nicht
einverstanden sei, könne er eine anfechtbare Verfügung verlangen. Die von den ABI-
Gutachtern bescheinigte 80%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten sei
beweiskräftig. Zwar sei das Finden einer Stelle erschwert, jedoch nicht als
ausgeschlossen zu betrachten, weshalb die erwerbliche Verwertbarkeit der
Restarbeitsfähigkeit zu bejahen sei. Aus den Akten gehe hervor, dass der
Beschwerdeführer in seinem Heimatland eine Ausbildung zum Schreiner absolviert, in
der Schweiz aber knapp dreissig Jahre in verschiedensten Branchen gearbeitet und ein
im Vergleich zum Medianeinkommen der Hilfsarbeiter aller Branchen
unterdurchschnittliches Einkommen erzielt habe. Deshalb sei sowohl bei der
Bestimmung des Invaliden- als auch des Valideneinkommens der LSE-Hilfsarbeiterlohn
heranzuziehen, was zur Vornahme eines Prozentvergleichs und einem 20%igen
Invaliditätsgrad führe (act. G 6).
B.b.
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Am 17. März 2020 entspricht das Versicherungsgericht dem Gesuch des
Beschwerdeführers um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege für das Verfahren
vor Versicherungsgericht (act. G 7).
B.c.
In der Replik vom 20. April 2020 hält der Beschwerdeführer unverändert an seinen
Anträgen fest. Offensichtlich sei inzwischen auch die zweite Niere geschädigt. Deshalb
und wegen der Verfahrensverzögerung durch die Beschwerdegegnerin sei das ABI-
Gutachten überholt und es müsse eine neue Abklärung stattfinden. Die
Beschwerdegegnerin habe erst im Dezember 2019 entschieden. Die Neuerkrankung sei
nicht über Nacht entstanden. Zudem rügt der Beschwerdeführer, die
Vergleichseinkommen seien zu parallelisieren. Die Beschwerdegegnerin sei ausserdem
nicht bereit gewesen, die im Rahmen der beruflichen Abklärung eingeschätzte 50%ige
Arbeitsfähigkeit zu akzeptieren und allenfalls später auszubauen. Wegen dieser
Unterlassung habe sie mindestens für eine halbe Rente einzustehen (act. G 9).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin vertritt in der Duplik vom 30. April 2020 den Standpunkt,
der Beschwerdeführer habe keine neuen medizinischen Berichte eingereicht, welche
eine Verschlechterung des Gesundheitszustands in Form einer zwischenzeitlich
eingetretenen Krebserkrankung belegen würden. Es sei daher anhand des derzeitigen
Aktenstands davon auszugehen, dass sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung nicht verändert habe.
Deshalb halte sie unverändert an der Beschwerdeabweisung fest (act. G 11).
B.e.
Am 25. Juni 2020 orientiert der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers, dass
dieser einen Hirninfarkt erlitten habe und auf der Intensivstation des Kantonsspitals
St. Gallen (KSSG) liege (act. G 13). Im am 31. Juli 2020 eingereichten Austrittsbericht
der Klinik für Neurologie am KSSG vom 20. Juli 2020 betreffend die Hospitalisation
vom 23. Juni bis 14. Juli 2020 diagnostizierten die dort behandelnden medizinischen
Fachpersonen u.a. eine Stammganglienblutung links am 23. Juni 2020 und eine
Aspirationspneumonie am 25. Juni 2020. Bei Austritt bestehe weiterhin eine globale
Aphasie, Dysarthrie, hochgradige Parese des rechten Beins, ein Neglect nach rechts
sowie eine Plegie des rechten Arms (act. G 14.1). Die Beschwerdegegnerin stellt dem
Beschwerdeführer mit Vorbescheid vom 24. November 2020 die Zusprache einer
ganzen Rente mit Wirkung ab 1. Dezember 2020 in Aussicht (act. G 17.1).
B.f.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist ausschliesslich der
Rentenanspruch des Beschwerdeführers. Er stellte im Beschwerdeverfahren keine
Anträge bezüglich der Gewährung von beruflichen Massnahmen (act. G 1, S. 2). Soweit
er Bezug auf die berufliche Eingliederung bzw. die lange Verfahrensverzögerung durch
die Beschwerdegegnerin nimmt, erfolgte dies zur Begründung eines Rentenanspruchs
(act. G 1, II. Rz 4 ff., und act. G 9, ad II. 1 ff.). Da die Beschwerdegegnerin in der
angefochtenen Verfügung das Rentengesuch abwies und die Abweisung im
Beschwerdeverfahren bestätigt wird (siehe nachstehende E. 3), ist der Anspruch auf
berufliche Massnahmen auch nicht mit Blick auf den Grundsatz «Eingliederung vor
Rente» notwendigerweise Gegenstand des Entscheids über das Rentengesuch. Unter
diesen Umständen ist der Anspruch auf berufliche Massnahmen sowie andere
Eingliederungsmassnahmen weder Streit- noch Anfechtungsgegenstand des
vorliegenden Verfahrens. Deshalb kann offenbleiben, ob die in der angefochtenen
Verfügung enthaltenen Ausführungen zum Anspruch auf berufliche Massnahmen (IV-
act. 171-2 oben) als negativer Entscheid darüber zu interpretieren sind, oder ob – wie
die Beschwerdegegnerin geltend macht und was vom Beschwerdeführer unbestritten
blieb (act. G 9, ad III2) – die angefochtene Verfügung keine Anordnungen über das
Gesuch um berufliche Massnahmen enthält (act. G 6, III. Rz 2).
Das Versicherungsgericht ersucht den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am
21. Juni 2021 um Einreichung der von ihm in Aussicht gestellten urologischen Berichte
(act. G 19). Dieser teilt am 7. Juli 2021 mit, der Beschwerdeführer könne sich nicht an
eine Tumorneuerkrankung erinnern. Dessen Familienangehörigen würden
diesbezüglich noch Nachforschungen anstellen (act. G 20). In der Eingabe vom 9. Juli
2021 berichtet der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers, dessen Ehegattin habe
keine Dokumentation betreffend das Nierenleiden ermitteln können. Der
Beschwerdeführer habe ihm erklärt, dass vor dem Hirninfarkt bei ihm ein Nierenfleck
entdeckt worden sei, der noch genauer hätte untersucht werden sollen. Der Infarkt sei
dazwischengekommen und offenbar sei die (urologische) Situation nicht weiter geprüft
worden, zumal es zu einem Hausarztwechsel gekommen sei (act. G 22).
B.g.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit oder
1.1.
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die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens
40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens
40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrads wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG i.V.m. Art. 28a Abs. 1 IVG).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
ärztlichen Berichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden ist, in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
1.4.
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2.
Zunächst ist zu beurteilen, ob der Sachverhalt in medizinischer Hinsicht spruchreif
abgeklärt ist. Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei der Rentenprüfung auf das
Gutachten der ABI vom 24. Oktober 2017 (IV-act. 107).
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
Der Beschwerdeführer bringt gegen das ABI-Gutachten vor, es sei nicht mehr
aktuell. Dies gelte umso mehr, als inzwischen auch die zweite Niere von einem Tumor
angegriffen worden sei (act. G 9, ad II.1, ad. III.4 und ad III.6).
2.1.
Weder im Beschwerdeverfahren noch im Verwaltungsverfahren (vgl. IV-act. 115,
IV-act. 146 und IV-act. 160) benannte der rechtskundig vertretene Beschwerdeführer
konkrete Mängel am ABI-Gutachten (IV-act. 107-2 ff.). Bei dessen Würdigung fällt ins
Gewicht, dass es auf eingehenden polydisziplinären Untersuchungen und einer
umfassenden Berücksichtigung der geklagten Leiden sowie der Vorakten
(insbesondere auch des Schlussberichts Berufliche Abklärung vom 30. Mai 2016; siehe
etwa IV-act. 107-5 und IV-act. 107-12) beruht. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung ist
schlüssig begründet und stützt sich u.a. auf eine einleuchtende Konsistenz- und
Ressourcenprüfung. Ergänzend kann auf die zutreffende ausführliche Stellungnahme
des RAD-Arztes Dr. F._ zur Beweiskraft des ABI-Gutachtens verwiesen werden (IV-
act. 108). Gestützt auf die Einschätzung der ABI-Gutachter ist mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer für
leidensangepasste Tätigkeiten – abgesehen von einer aus urologischer Sicht höheren
Arbeitsunfähigkeit für die Dauer vom 13. Januar bis 6. März 2017 – über eine
vollschichtig verwertbare 80%ige Arbeitsfähigkeit verfügte (IV-act. 107-34). Daran
vermag auch die Selbsteinschätzung des Beschwerdeführers, der sich lediglich zu
50 % arbeits- bzw. eingliederungsfähig erachtete (IV-act. 146), und die mehrjährige
Absenz vom Arbeitsmarkt nichts zu ändern (zur Verwertbarkeit der
Resterwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers siehe im Übrigen die zutreffenden
Ausführungen der Beschwerdegegnerin in act. G 6, III. Rz 7, die vom Beschwerdeführer
nicht substanziiert in Frage gestellt werden, act. G 9, ad III.7).
2.2.
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Zu prüfen bleibt, ob sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nach
der gutachterlichen Beurteilung bis zum Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung vom
12. Dezember 2019 wesentlich veränderte.
2.3.
Der RAD-Arzt würdigte den nach der gutachterlichen Beurteilung eingetretenen
Verlauf und die vom Beschwerdeführer beklagten Augen- und Herzbeschwerden (IV-
act. 146-2 und IV-act. 162) in der Stellungnahme vom 25. Oktober 2019. Er legte
anhand der Berichte der behandelnden medizinischen Fachpersonen (etwa der
Sprechstundenberichte der Klinik für Kardiologie am KSSG vom 23. August 2018, IV-
act. 157, und der Klinik für Nephrologie und Transplantationsmedizin am KSSG vom
15. August 2019, IV-act. 152-2 ff.) einleuchtend dar, dass keine objektiven
Gesichtspunkte ersichtlich seien, die auf einen verschlechterten Gesundheitszustand
hinweisen würden (IV-act. 158). Darauf wird verwiesen. Zu ergänzen bleibt, dass der
Beschwerdeführer nach dem 9. Juli 2015 nicht mehr in augenärztlicher Behandlung
stand (Bericht von Dr. J._ vom 9. Dezember 2019, IV-act. 167-4) und weder aus
seinen nicht substanziierten Angaben noch der übrigen Aktenlage objektive Hinweise
auf eine Verschlechterung des Augenleidens hervorgehen.
2.3.1.
Mit Blick auf die vom Beschwerdeführer erstmals am 26. Februar 2020
erwähnten Beschwerden an der (linken) Niere gilt es zu beachten, dass hierzu einzig
die Selbstangaben des Beschwerdeführers vorliegen und keine damit einhergehende
ärztliche Dokumentation auffindbar ist (siehe hierzu act. G 22 und act. G 20). Wie sich
dem Schreiben des Rechtsvertreters an den Beschwerdeführer vom 22. Juni 2021
zudem entnehmen lässt, verfügte auch Dr. E._ über keinen entsprechenden Bericht
(act. G 20.2). Auch bei den übrigen beteiligten Medizinern liess sich keine
diesbezügliche Dokumentation finden (act. G 22). Den weiteren Ausführungen des
Rechtsvertreters des Beschwerdeführers ist zu entnehmen, dass bezüglich der linken
Niere offenbar weder weitere Untersuchungen noch eine Behandlung durchgeführt
wurde (act. G 22). Die folglich als fehlend anzunehmende Abklärungs- und
Behandlungsbedürftigkeit spricht gegen eine die Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste
Tätigkeiten beeinträchtigende dauerhafte gesundheitliche Verschlechterung in Form
einer Erkrankung der linken Niere. Insgesamt ist daher mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers bis zur angefochtenen Verfügung vom 12. Dezember 2019 auch
aus urologischer Sicht jedenfalls nicht in einer für den Rentenanspruch massgeblichen
Weise verschlechterte. Selbst wenn davon ausgegangen würde, die Aktenlage liesse
einen solchen Schluss nicht zu, könnte der Beschwerdeführer daraus nichts zu seinen
Gunsten ableiten. Denn diesfalls müsste in Anbetracht von fehlenden Berichten und
2.3.2.
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St.Galler Gerichte
3.
Ausgehend von einer vollschichtig (IV-act. 107-34 unten) verwertbaren 80%igen
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten verbleibt die Ermittlung des
Invaliditätsgrads. Der Beschwerdeführer rügt am von der Beschwerdegegnerin
vorgenommenen Einkommensvergleich (siehe hierzu IV-act. 171-2), dass die
Vergleichseinkommen nicht parallelisiert worden seien (act. G 9, ad III.2, ad III.5 und
ad III.8). Dabei übersieht er – worauf die Beschwerdegegnerin zutreffend hinwies (act.
G 6, III. Rz 8 am Schluss) –, dass die Beschwerdegegnerin zu seinen Gunsten anstelle
einer «Parallelisierung» der Vergleichseinkommen im Sinn der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung (siehe etwa BGE 135 V 297) einen Prozentvergleich vornahm, was
nicht zu beanstanden ist. Vorliegend kann die konkrete Bemessung des
Tabellenlohnabzugs offenbleiben, da unter allfälliger Berücksichtigung der qualitativen
Anforderungen an leidensangepasste Tätigkeiten (IV-act. 107-34 unten), des
fortgeschrittenen Alters des Beschwerdeführers und dessen mehrjähriger Abwesenheit
vom Arbeitsmarkt – wenn überhaupt – höchstens ein Tabellenlohnabzug in Frage
käme, der jedenfalls 20 % nicht überschreiten würde. Bei einem 20%igen
Tabellenlohnabzug resultierte ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von
höchstens 36 % (20 % + [80 % x 20 %]).
4.
mangels näherer konkreter Angaben des Beschwerdeführers (siehe act. G 20 und act.
G 22) von Beweislosigkeit bezüglich der vom Beschwerdeführer geltend gemachten
urologischen Verschlechterung ausgegangen werden, deren Folgen der
Beschwerdeführer zu tragen hätte (vgl. BGE 144 V 54 E. 4.3 am Schluss).
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.4.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem
unterliegenden Beschwerdeführer sind die Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 600.--
aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist er von der Bezahlung zu
befreien.
4.2.
bis
Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung des Beschwerdeführers. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
4.3.
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