Decision ID: 8ea2ff7b-ab79-49f5-ab05-b33c1721c291
Year: 2011
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc.
- 2 -
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 9. Abteilung, vom 9. März 2011 (DG100483)
- 3 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 18. Mai
2010 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 31).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB;
− der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1
StGB in Verbindung mit Art. 123 Ziff. 2 Abs. 5 StGB;
− der mehrfachen Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB sowie
− der Widerhandlung gegen das BG über Waffen, Waffenzubehör und
Munition im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG in Verbindung mit Art. 7
Abs. 1 WG, in Verbindung mit Art. 12 Abs. 1 der VO über Waffen, Waf-
fenzubehör und Munition.
2. Das Verfahren betreffend den Anklagevorwurf der Tätlichkeiten im Sinne
von Art. 126 StGB zum Nachteil der Geschädigten C._ wird eingestellt.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 9 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 764 Tage
durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft bis und mit heute erstanden sind.
4. a) Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin
B._ dem Grundsatze nach für den erlittenen Erwerbsausfall, den
Haushaltsschaden und die tatbedingten Mehrkosten (unter Vorbehalt von
Ziff. 4b) bei voller Haftung ersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung
des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird die Privatklägerin
B._ auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
- 4 -
b) Der Beschuldigte wird gemäss seiner Anerkennung verpflichtet der Pri-
vatklägerin B._ folgende Beträge als Schadenersatz zu bezahlen:
Fr. 570.30 zuzüglich 5 % Zins ab 7. August 2007 (Reinigungskosten Mietwohnung)
Fr. 880.– zuzüglich 5 % Zins ab 23. August 2007 (Renovationskosten Wohnung)
Fr. 3'633.– zuzüglich 5 % Zins ab 25. Juni 2007 (diverses Mobiliar) Fr. 2'228.10 zuzüglich 5 % Zins ab 31. Juli 2007 (Miete Wohnung Juli-
August 2007) Fr. 225.– zuzüglich 5 % Zins ab 15. August 2007 (Miete Parkplatz Juli-
September 2007) Fr. 4'282.35 zuzüglich 5 % Zins ab 31. Dezember 2010 (Anwaltskosten
UVG)
5. a) Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin
C._ dem Grundsatze nach für den erlittenen Erwerbsausfall, den
Haushaltsschaden und die tatbedingten Mehrkosten (unter Vorbehalt von
Ziff. 5b) bei voller Haftung ersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung
des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird die Privatklägerin
C._ auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
b) Der Beschuldigte wird gemäss seiner Anerkennung verpflichtet der Pri-
vatklägerin C._ folgende Beträge als Schadenersatz zu bezahlen:
Fr. 3'828.– zuzüglich 5 % Zins ab 23. Juli 2007 (Semestergeld D._) Fr. 4'158.25 zuzüglich 5 % Zins ab 31. Dezember 2010 (Anwaltskosten
UVG) Fr. 245.65 zuzüglich 5 % Zins ab 7. Februar 2011 (Übersetzungskosten
Arztzeugnisse)
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ Fr. 20'000.–
zuzüglich 5 % Zins ab 25. Juni 2007 als Genugtuung zu bezahlen. Im
Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin C._ Fr. 10'000.–
zuzüglich 5 % Zins ab 25. Juni 2007 als Genugtuung zu bezahlen. Im
Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
- 5 -
8. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 8'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. Kosten der Kantonspolizei
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 20'590.– Auslagen Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung (ausstehend)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
9. Die Kosten der Untersuchung sowie des gerichtlichen Verfahrens werden
dem Beschuldigten auferlegt.
10. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden einstweilen und unter Vorbe-
halt von Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO auf die Staatskasse genommen.
11. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ eine Prozess-
entschädigung von Fr. 6'036.80 (inkl. Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Im
Mehrbetrag wird ihr Entschädigungsantrag abgewiesen.
12. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin C._ eine Prozess-
entschädigung von Fr. 6'036.80 (inkl. Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Im
Mehrbetrag wird ihr Entschädigungsantrag abgewiesen.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 100 und Urk. 140, sinngemäss)
1. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung im
Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB freizuspre-
chen und der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 2 StGB
schuldig zu sprechen.
- 6 -
2. Im Falle einer Verurteilung wegen versuchter vorsätzlicher Tötung sei die
Freiheitsstrafe auf 5 Jahre zu reduzieren.
b) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 141 S. 1)
1. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 10 1⁄2 Jahren zu bestrafen;
2. im Übrigen sei das Urteil des Bezirksgerichts Zürich, 9. Abteilung, vom
9. März 2011 zu bestätigen.

Das Gericht erwägt:
I.
1. Am tt.mm.2007 begab sich A._ (nachfolgend: Beschuldigter) nachts zwi-
schen 02.00 und 03.00 Uhr in die Wohnung seiner ehemaligen Freundin B._
(nachfolgend: Privatklägerin B._) an der E._strasse in F._. Die Pri-
vatklägerin B._ hatte sich bereits wenige Monate zuvor von ihm getrennt. Sie
war bis am frühen Morgen des tt.mm.2007 zusammen mit ihrer Schwester
C._ (nachfolgend: Privatklägerin C._) im Ausgang.
Als die beiden Frauen kurz nach 5 Uhr morgens in die Wohnung zurückkehrten,
versteckte sich der Beschuldigte in einem Kleiderschrank. Nachdem er dort ent-
deckt worden war, kam es zu einer vorerst verbalen, dann auch tätlichen Ausei-
nandersetzung zwischen ihm und den beiden Frauen. Im Verlauf dieses Streites
behändigte der Beschuldigte eine Faustfeuerwaffe. Während er die Waffe in der
Hand hielt, wurde die Privatklägerin B._ aus einer Distanz von ein bis zwei
Metern von einem Projektil getroffen. Dabei erlitt sie eine subkutane Durch-
schussverletzung an der linken Schulter.
- 7 -
2.1 Der Beschuldigte setzte sich nach diesem Vorfall nach G._ [Land] ab.
Unterwegs entledigte er sich der Tatwaffe; diese blieb unauffindbar.
Die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich (nachfolgend: StA) eröffnete gegen
ihn am 29. Juni 2007 eine Untersuchung betreffend versuchte Tötung und weite-
rer Delikte (Urk. HD 21.1). Sie stellte am 29. April 2008 ein Auslieferungsersuchen
an G._ (Urk. HD 14.10.6).
Am 3. Februar 2009 stellte sich der Beschuldigte der Polizei in ... [Stadtteil von
F._] und wurde umgehend festgenommen. Er befindet sich seither in Haft.
2.2 Nach durchgeführter Untersuchung erhob die StA am 18. Mai 2010 gegen den
Beschuldigten Anklage (Urk. HD 31). Sie warf ihm dabei - hier kurz zusammenge-
fasst - vor, er sei am tt.mm.2007 unberechtigt in die Wohnung seiner Ex-Freundin
eingedrungen (Hausfriedensbruch) und habe im Verlauf des anschliessenden
Streites die beiden Frauen mehrfach mit einem unbekannten Gegenstand ge-
schlagen, dabei der Privatklägerin B._ zwei Rissquetschwunden am Kopf
zugefügt (einfache Körperverletzung) und auch die körperliche Integrität der Pri-
vatklägerin C._ beeinträchtigt (Tätlichkeiten). Nachher habe er einen Schuss
abgefeuert in der Absicht, die Privatklägerin B._ zu töten; zumindest aber
habe er deren Tod in Kauf genommen (versuchte vorsätzliche Tötung). Nach die-
ser Schussabgabe habe er die Waffe auch aus nächster Nähe gegen den Brust-
bereich der Privatklägerin C._ gerichtet und diese dadurch um ihr Sicher-
heitsgefühl gebracht (Drohung). Als Staatsangehöriger von H._ sei er nicht
befugt gewesen, eine Faustfeuerwaffe bei sich zu haben, was er gewusst habe
(Widerhandlung gegen das Waffengesetz). Nach diesem Vorfall, am 30. Juni
2007, habe er sodann mit drei SMS, vermutlich aus G._, dem Vater der bei-
den Privatklägerinnen gedroht, dessen körperliche Unversehrtheit und jene seiner
Töchter zu beeinträchtigen (Drohung).
2.3 Die Hauptverhandlung am Bezirksgericht Zürich fand am 9. März 2011 statt.
Die StA liess ihre Anklage wegen Hausfriedensbruchs und Tätlichkeiten fallen,
beantragte aber im Übrigen einen Schuldspruch im Sinne ihrer Anklage und eine
Freiheitsstrafe von 10 1⁄2 Jahren. Die beiden Privatklägerinnen stellten unter ande-
- 8 -
rem Zivilforderungen. Der Beschuldigte wollte nur einen Schuldspruch wegen ein-
facher Körperverletzung, einfacher Drohung und Widerhandlung gegen das Waf-
fengesetz sowie die Schadenersatzbegehren der beiden Privatklägerinnen akzep-
tieren (Urk. HD 89 S. 2). Er beantragt im Übrigen einen Freispruch und das Abse-
hen von Genugtuungsverpflichtungen gegenüber den beiden Privatklägerinnen.
Er machte zum Hauptpunkt der Anklage geltend, der Schuss habe sich verse-
hentlich aus der Waffe gelöst (Urk. HD 81 S. 6 ff.).
Das Bezirksgericht sprach den Beschuldigten der versuchten vorsätzlichen Tö-
tung im Sinne von Art. 111 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, der einfachen
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 in Verbindung mit Ziff. 2
Abs. 5 StGB, der mehrfachen Drohung im Sinne von Art. 180 Abs. 1 StGB sowie
der Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über Waffen, Waffenzubehör und
Munition im Sinne von Art. 33 Abs. 1 lit. a WG in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1
WG, in Verbindung mit Art. 12 Abs. 1 VO WG schuldig. Bezüglich Tätlichkeiten
zum Nachteil der Privatklägerin C._ stellte das Gericht das Verfahren infolge
Verjährung ein (Urk. 98 S. 11 f.). Die Anklage wegen Hausfriedensbruchs war von
der damaligen Anklagekammer des Obergerichts bereits mit Beschluss vom 24.
Juni 2010 (mangels Strafantrag) nicht zugelassen worden (Urk. HD 38). Das Be-
zirksgericht verurteilte den Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von 9 Jahren
(unter Anrechnung der damals erstandenen 764 Hafttage). Es verpflichtete ihn
gemäss seiner Anerkennung zu konkreten Schadenersatzzahlungen an die bei-
den Privatklägerinnen und stellte zudem seine grundsätzliche Verpflichtung zu
weiterem Schadenersatz fest. Sodann verpflichtete es ihn zu einer Genugtuung
von Fr. 20'000 an die Privatklägerin B._ und von Fr. 10'000 an die Privatklä-
gerin C._, zuzüglich Zins. Im Mehrbetrag wies es deren Genugtuungsforde-
rungen ab. Er wurde verpflichtet, die Kosten des Verfahrens zu bezahlen mit Aus-
nahme jener seiner amtlichen Verteidigung. Sodann wurde er verpflichtet, den
beiden Privatklägerinnen je eine Prozessentschädigung von rund Fr. 6'000 zu be-
zahlen (Prot. I S. 18 ff.; Urk. HD 92, berichtigte Fassung).
- 9 -
2.4 Zum Gang der Untersuchung und des erstinstanzlichen Verfahren kann im
Übrigen auf die ausführlichere Darstellung im Urteil vom 9. März 2011 verwiesen
werden.
2.5 Das erstinstanzliche Urteil wurde im Anschluss an die Verhandlung vom
9. März 2011 mündlich eröffnet (Prot. I S. 18 ff.). Mit Eingabe vom 18. März 2011
liess der Beschuldigte uneingeschränkt Berufung erklären (Urk. HD 95). Darauf
wurde den Parteien das schriftlich begründete Urteil (Urk. HD 98) zugestellt, der
StA und dem Vertreter der Privatklägerinnen am 8., dem Beschuldigten bzw. des-
sen Verteidiger am 14. April 2011 (Urk. HD 96/1-3).
Am 4. Mai 2011 reichte der Beschuldigte hierauf die Berufungsbegründung ein
(Urk. 100). Er führte dabei aus, das erstinstanzliche Urteil werde "a) in Bezug auf
die rechtliche Würdigung des angeblichen (eventualvorsätzlichen) Tötungsver-
suchs und somit auf den Schuldpunkt, bezogen auf die relevante Tathandlung,
sowie b) in Bezug auf die Bemessung der Gesamtstrafe angefochten".
Diese Erklärung des Beschuldigten wurde mit Präsidialverfügung vom 10. Mai
2011 der StA und den Privatklägerinnen zugestellt.
II.
1. Die Berufung ist dem erstinstanzlichen Gericht innert 10 Tagen seit Eröffnung
des Urteils schriftlich oder mündlich zu Protokoll anzumelden (Art. 399 Abs. 1
StPO).
Der Beschuldigte hatte seine Berufungserklärung mit der Eingabe vom 18. März
2011 rechtzeitig beim Bezirksgericht Zürich eingereicht. Dieses fertigte darauf das
begründete Urteil aus und leitete die Akten sodann gemäss Art. 399 Abs. 2 StPO
ans Obergericht.
2. Wer Berufung angemeldet hat, muss dem Berufungsgericht innert 20 Tagen
seit der Zustellung des begründete Urteils eine schriftliche Berufungserklärung
einreichen (Art. 399 Abs. 3 StPO).
- 10 -
Die Berufungserklärung des Beschuldigten vom 4. Mai 2011 erfolgte ebenfalls
rechtzeitig.
3. In der Berufungserklärung hat der Berufungskläger anzugeben, ob er das Urteil
vollumfänglich oder nur in Teilen anficht, welche Abänderungen des erstinstanzli-
chen Urteils er verlangt und welche Beweisanträge er stellt (Art. 399 Abs. 3 StPO,
zweiter Teil). Wer nur Teile des Urteils anficht, hat in der Berufungserklärung ver-
bindlich anzugeben, auf welche Teile sich die Berufung beschränkt. Die Berufung
kann sich insbesondere im Schuldpunkt allenfalls auf einzelne Handlungen be-
schränken (Art. 399 Abs. 4 StPO).
Der Beschuldigte stellt mit seiner Berufungsbegründung im Schuldpunkt explizit
nur den Vorwurf der versuchten Tötung in Frage (Urk. 100 S. 2 f., Urk. 140 S. 2
f.). Er widerspricht dabei ausdrücklich der Darstellung im erstinstanzlichen Urteil,
wonach er in der Schlusseinvernahme lediglich einen Verstoss gegen das Waf-
fengesetz anerkannt habe und "den Rest" nicht. Der Beschuldigte betont, er be-
streite "lediglich die ihm vorgeworfene Tötungsabsicht", und habe in der erstin-
stanzlichen Hauptverhandlung durch seinen Verteidiger ausführen lassen, dass er
"mit Ausnahme des Tötungsversuches sämtliche übrigen Delikte wie auch die
Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche der Geschädigten vollumfänglich
anerkannt" habe (Urk. 100 S. 6).
Damit ist klar, dass der Beschuldigte den Schuldspruch einzig bezüglich der ihm
von der Vorinstanz angelasteten versuchten vorsätzlichen Tötung anficht und
diesbezüglich - wenn auch nicht ausdrücklich - einen Freispruch beantragt. So-
dann wird - für den Fall, dass der beanstandete Schuldspruch vom Berufungsge-
richt bestätigt würde - eine tiefere Strafe "von rund 7 Jahren" (S. 9) bzw. "eine
Reduktion des vorinstanzlich verhängten Strafmasses auf maximal 5 Jahre" (Urk.
140 S. 5, Prot. II S. 11) beantragt.
Der Beschuldigte hat damit eine zulässige Beschränkung der Berufung vorge-
nommen. Er hat es dabei einzig unterlassen, auch für den Fall des von ihm bean-
tragten Teilfreispruchs explizit einen konkreten Antrag zum daraus resultierenden
Strafmass zu stellen. Dies tut allerdings der Gültigkeit der Berufung keinen Ab-
- 11 -
bruch. Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Teilfreispruch zu einer massi-
ven Reduktion der von der Vorinstanz ausgefällten Strafe führen muss (vgl.
Schmid, Praxiskommentar, N 1 zu Art. 404 StPO). Es wurde denn auch von kei-
ner der Parteien ein Nichteintreten im Sinne von Art. 400 Abs. 3 lit. a StPO bean-
tragt.
4. Hat eine Partei Berufung angemeldet, können die anderen Parteien innert 20
Tagen seit Empfang der Berufungserklärung (im Sinne von Art. 399 Abs. 3 StPO)
Anschlussberufung erheben (Art. 400 Abs. 3 lit. b. StPO).
Die StA reichte eine solche Anschlussberufung am 23. Mai 2011 (Urk. 103) und
damit rechtzeitig ein.
Wer Anschlussberufung erhebt, ist (entgegen der früheren Regelung gemäss
Strafprozessordnung des Kantons Zürich) nicht auf den Umfang der Hauptberu-
fung beschränkt, es sei denn, diese beziehe sich ausschliesslich auf den Zivil-
punkt (Art. 401 Abs. 2 StPO). Vorliegend wird mit der Berufung des Beschuldigten
teilweise der Schuldspruch angefochten und beschränkte sich die Staatsanwalt-
schaft ausdrücklich auf die Frage der Strafzumessung (Urk. 103, Urk. 141). Bei-
des ist grundsätzlich zulässig.
5. Gemäss Art. 401 Abs. 1 StPO richtet sich die Anschlussberufung "sinngemäss
nach Art. 399 Abs. 3 und 4" StPO.
Damit reicht es nicht aus, die Anschlussberufung lediglich im Sinne von Art. 399
Abs. 1 StPO fristgerecht "anzumelden". Vielmehr ist im Sinne von Art. 399 Abs. 3
lit. b StPO zumindest anzugeben, "welche Abänderung des erstinstanzlichen Ur-
teils" verlangt wird.
Eine solcher Antrag liegt hier nicht vor, jedenfalls nicht in konkretisiertem Umfang.
Zwar muss die Berufungsanmeldung im Sinne von Art. 399 Abs. 1 StPO keinerlei
Begründung enthalten (Schmid, a.a.O., N 3 zu Art. 399 StPO), die Berufungser-
klärung im Sinne von Art. 399 Abs. 3 StPO hat indessen sinngemäss Art. 390
StPO zu entsprechen (Schmid, a.a.O., N 7). Art. 390 StPO regelt an sich das
schriftliche Rechtsmittelverfahren. Doch verlangt auch Art. 399 Abs. 3 StPO sinn-
- 12 -
gemäss das Einreichen einer Rechtmittelschrift. Der Inhalt einer solchen ergibt
sich aus Art. 385 Abs. 1 StPO. Dieser verlangt auch genaue Angaben dazu, wel-
che Gründe nach Auffassung der betreffenden Partei einen anderen Entscheid
nahe legen. Ein Nichteintreten auf eine mangelhafte Rechtsmittelschrift kann al-
lerdings nur dann erfolgen, wenn innerhalb einer Nachfrist keine Verbesserung er-
folgt (Art. 385 Abs. 2 StPO). Vorliegend wurde auf eine solche Nachfrist verzichtet
und der StA anlässlich der Berufungsverhandlung Gelegenheit gegeben, ihre An-
schlussberufung zu begründen (vgl. Prot. II S. 11, Urk. 141).
6. Auf die Teilberufung des Beschuldigten und auf die beschränkte Anschlussbe-
rufung der StA ist einzutreten. Seitens der Privatklägerinnen wurde kein Rechts-
mittel ergriffen.
Das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 9. März 2011 ist nur in den angefoch-
tenen Punkten zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO). Die nicht von der Berufung
erfassten Punkte des erstinstanzlichen Urteils sind in Rechtskraft erwachsen (vgl.
Schmid, a.a.O., N 1 zu Art. 402 StPO mit Hinweis auf Art. 437 StPO). Diese Teil-
rechtskraft ist vorab mit Beschluss festzustellen.
III.
1. Die Vorinstanz sprach den Beschuldigten insbesondere der versuchten vor-
sätzlichen Tötung schuldig. Sie ging davon aus, er habe den Abzug der Waffe
"bewusst und gewollt" betätigt und erachtete seine Beteuerung, der Schuss habe
sich zufällig bzw. aus Versehen gelöst, als "Schutzbehauptung" (Urk. HD 98, S.
29). Sie hielt ihm dabei in tatsächlicher Hinsicht zu Gute, er habe nicht mit einer
Tötungsabsicht oder einem (direkten) Tötungswillen gehandelt (a.a.O., S. 32 un-
ten.). Allerdings habe er bei der Schussabgabe eine Tötung der Geschädigten
B._ in Kauf genommen (a.a.O. S. 31 und 42).
Die StA hat dieser Beurteilung des Sachverhalts und der entsprechenden rechtli-
chen Würdigung im Rahmen ihrer Anschlussberufung nicht widersprochen. Der
Entscheid der Vorinstanz bezüglich des subjektiven Tatbestandes kann nicht zum
Nachteil des Beschuldigten abgeändert werden (Art. 391 Abs. 2 StPO). Es ist
- 13 -
damit im Berufungsverfahren nur noch vom Vorwurf des Eventualvorsatzes und
nicht von einer direkt-vorsätzlichen Tatverübung auszugehen.
Der Beschuldigte bestreitet indessen auch einen Eventualvorsatz. Dieser ist vom
Gericht zu erstellen.
2. Die Vorinstanz hat die allgemeinen Grundsätze der Beweisführung im Strafpro-
zess ausführlich und zutreffend dargelegt und insbesondere auf die wesentlichen
Grundregeln bei der Beurteilung von Aussagen hingewiesen (Urk. HD 98 S. 13
ff.); es kann darauf verwiesen werden.
3. Im Vordergrund der Beweisführung stehen hier die Aussagen des Beschuldig-
ten selbst. Dieser konnte allerdings nicht unmittelbar nach der Tat, sondern erst
gut 1 1⁄2 Jahre nach dem Vorfall vom tt.mm.2007 erstmals zur Sache befragt wer-
den, nachdem er sich am 3. Februar 2009 bei der Stadtpolizei F._ gestellt
hatte (vgl. Urk. HD 25.11). Er hatte damit sehr viel Zeit, um sich eine für ihn mög-
lichst vorteilhafte Schilderung des Sachverhalts zurechtlegen zu können.
3.1 In der polizeilichen Befragung vom 4. Februar 2009 (Urk. HD 8.1) erklärte er
nach Hinweis auf seine prozessualen Rechte und auf den Vorhalt, er habe am
Morgen des tt.mm.2007 mit einer Faustfeuerwaffe auf seine ehemalige Freundin
(bzw. die Privatklägerin B._) geschossen und sie dabei an der Schulter ver-
letzt, und er habe zudem die Privatklägerin C._ geschlagen und mit der Waf-
fe bedroht: "Das stimmt nicht ganz so, was in der Zusammenfassung steht. Ich
habe zwar schon eine Waffe in der Hand gehabt. Ich bin selber erschrocken, als
sich ein Schuss gelöst hat. Ich habe nicht absichtlich geschossen, sonst hätte ich
das 3 oder 4 Mal gemacht. Ich habe nicht gewusst, dass ein Schuss im Lauf der
Waffe war. Deshalb habe ich mich freiwillig gestellt, ich möchte die Sache bei Ge-
richt klären. Ich habe nicht einmal gewusst, dass B._ verletzt worden ist, als
ich geflüchtet bin. Der Schuss hat sich einfach zufällig ausgelöst und ich habe
Angst erhalten und bin geflüchtet." (S. 1 f.) Er führte weiter aus, die Privatklägerin
C._ weder auf den Kopf geschlagen noch die Waffe gegen sie gerichtet zu
haben. Sie habe ihn angegriffen, worauf er zurückgeschlagen habe, wobei er
nicht wisse, ob mit einer Flasche oder einem Aschenbecher. Er sei nach dem Vor-
- 14 -
fall nach G._ geflüchtet, im November 2008 dann aber "schwarz" wieder in
die Schweiz eingereist. Er habe sich nicht sogleich der Polizei gestellt, weil er
damit habe beweisen wollen, dass er jemanden umbringen könnte, wenn er woll-
te, dass er tatsächlich aber niemanden umbringen wolle (S. 2). Geflohen sei er,
weil er "Angst" gehabt habe (S. 3), dies vor der Polizei und dem Gefängnis. Erst
ein paar Tage später habe er erfahren, dass "B._" verletzt worden sei (S. 4).
Die Waffe habe er Jahre vor dem Vorfall "von einem Mann als Geschenk erhal-
ten" und sie in der Wohnung (der Privatklägerin B._) unter ein paar Sachen
"deponiert". Die Marke wisse er nicht. Er habe die Waffe samt Munition erhalten
(S. 6). Er habe lange vor dem Vorfall die Pistole einmal "repetiert", d.h. den Schlit-
ten nach hinten gezogen, worauf eine Patrone ausgeworfen worden sei. Diese
habe er darauf wieder ins Magazin zurückgetan (S. 7). Er wisse, dass die Waffe
nach dem Repetieren jeweils schussbereit sei; entladen könne man sie durch
mehrfaches Repetieren, bis das Magazin leer sei. Er habe die Waffe früher einmal
so entladen und anschliessend die Patronen wieder ins Magazin abgefüllt. Ob die
Waffe einen Sicherungshebel gehabt habe, wisse er nicht; es sei jedenfalls eine
kleine Pistole gewesen (S. 8). Nach dem Vorfall habe er sie auf der Fahrt mit dem
Auto weggeworfen (S. 9). Vor dem Vorfall vom tt.mm.2007 habe er noch nie damit
geschossen (S. 9 f.).
Nach der Frage, warum er überhaupt am tt.mm.2007 in die Wohnung an der
E._strasse gegangen sei, führte der Beschuldigte zusammengefasst aus, er
habe "gewusst", dass die Privatklägerin B._ nicht mehr dort sondern bei ih-
ren Eltern gewohnt habe. Deshalb habe er gedacht, er könne nachts zwischen
02.00 und 03.00 Uhr in diese Wohnung gehen, um einige seiner Sachen zu holen.
Zuvor sei er durch diverse Lokale gezogen und habe Bier getrunken, "etwas mehr
als es erlaubt ist". Er habe sich "schon ein bisschen" angetrunken gefühlt. In die
Wohnung sei er mittels Schlüssel gelangt. Auf die Frage, warum er dann bis um 5
Uhr in der Wohnung geblieben sei, erklärte er, er sei einfach da gesessen, habe
ein Bier getrunken und geschaut, was er mitnehmen könne. Als er gehört habe,
wie die Frauen heimgekommen seien, habe er sich in einem Schrank versteckt;
"vielleicht" hätte er ja nicht in der Wohnung sein dürfen, da sie damals nicht mehr
zusammen gewesen seien (S. 12). Die Pistole habe er unter dem elektrischen
- 15 -
Herd hervorgenommen, nachdem ihn die Privatklägerin C._ in den Bauch
geschlagen habe. Er habe ihnen Angst machen wollen, damit sie ihn aus der
Wohnung hinausliessen; dabei habe sich der Schuss gelöst (S. 11). Er habe nicht
auf die Privatklägerin B._ schiessen wollen und diese auch nicht geschlagen.
Er habe die Privatklägerin C._ "mit irgend etwas" geschlagen, aber nur, um
sich zu verteidigen. Die Waffe habe er aber nicht gegen sie gerichtet. Den Vor-
halt, gemäss Aussage der beiden Frauen habe er die Waffe aus dem Hosensack
gezogen, bestritt er (S. 12).
Der Beschuldigte räumt damit ein, dass er am tt.mm.2007 nicht mehr mit der Pri-
vatklägerin B._ liiert und selber davon ausgegangen war, er dürfe sich nicht
ohne Weiteres in deren Wohnung aufhalten. Nicht überzeugend ist auch seine
Behauptung, er habe quasi mitten in der Nacht nur zurückgebliebene Effekten aus
der Wohnung abholen wollen. Diese Angabe erklärt weder die Dauer seines tat-
sächlichen Verweilens noch das Sich-Verstecken unmittelbar vor der Heimkehr
der beiden Frauen. Unerfindlich ist sodann, weshalb er nicht einfach die Wohnung
verlassen hatte, nachdem er von den Frauen entdeckt worden war und diese of-
fensichtlich mit seiner Anwesenheit nicht einverstanden waren. Geradezu aben-
teuerlich mutet die Darstellung an, er habe immer noch seine - geladene - Pistole
unter dem Herd der Privatklägerin B._ aufbewahrt gehabt und diese nun her-
vorgenommen, um sich insbesondere gegen Schläge der Privatklägerin C._
zur Wehr setzen und die Wohnung verlassen zu können. Immerhin räumt er damit
ein, dass er die Waffe zumindest zur Drohung einsetzen wollte. Es ist somit plau-
sibel, dass er sie dabei in Richtung der Frauen gehalten hatte.
Der Beschuldigte schildert insbesondere keinen konkreten Tatablauf, welcher ei-
ne ungewollte, versehentliche Schussauslösung einigermassen glaubhaft er-
scheinen lassen könnte.
Der Umstand, dass sich der Beschuldigte von sich aus in der Schweiz stellte, ist
sodann keineswegs ein handfestes Indiz, geschweige denn ein Beweis für seine
Unschuld. Er musste ohne Weiteres davon ausgehen, wegen des Vorfalles vom
tt.mm.2007 noch während vieler Jahr zumindest in ganz Europa zur Verhaftung
ausgeschrieben zu sein, weshalb seine Festnahme nur eine Frage der Zeit sein
- 16 -
konnte und er damit rechnen musste, zwecks Auslieferung längere Zeit in einer
Haftanstalt ohne jeden Komfort verbringen zu müssen. Auch lässt sich aus dem
Umstand, dass er dem ersten Schuss keine weiteren Schüsse folgen liess, nur
ein Indiz für eine fehlende Tötungsabsicht herleiten, wie es schon von der Vo-
rinstanz getan wurde. Andererseits ist die Flucht unter Mitnahme der Waffe un-
verständlich, wenn er - wie er behauptet - vorerst davon ausgegangen wäre, mit
seinem angeblich versehentlichen Schuss niemanden verletzt, geschweige denn
tödlich verwundet zu haben.
Die Darstellung des Beschuldigten wirkt insgesamt "konstruiert" und nicht lebens-
nah.
3.2 Gleichentags wurde der Beschuldigte auch erstmals vom Staatsanwalt ein-
vernommen (Urk. HD 8.2). Er beteuerte erneut, nicht gewollt geschossen zu ha-
ben. Hätte er jemanden umbringen wollen, hätte er mehrfach geschossen (S. 2).
Er sei in die Schweiz gekommen, um zu beweisen, er habe die Privatklägerinnen
weder umbringen noch verletzen wollen. Er habe mit der Privatklägerin B._
zwei Jahre und zwei Monate zusammengelebt und während dieser ganzen Zeit
die Waffe in der Wohnung deponiert gehabt. Er räumte nun ein, die Waffe gegen
die beiden Privatklägerinnen gerichtet zu haben, um ihnen Angst zu machen. Er
wisse aber nicht, wie es zur Schussabgabe gekommen sei; er sei wie gelähmt
gewesen, als sich der Schuss gelöst habe. Er könne die Geschädigte schon des-
halb nicht umbringen, weil er sie ja "geliebt" habe. Er habe den Abzug nicht be-
wusst betätigt und habe sicher nicht gewollt, dass sich ein Schuss löse (S. 3). Die
Waffe habe er 10 oder 15 Tage vor der Tat letztmals in den Händen gehabt, aber
nicht mehr gewusst, ob sie geladen gewesen sei. Das habe ihn nicht interessiert.
Am fraglichen Tag habe dann die Privatklägerin C._ angefangen, zu schreien
und ihn zu schlagen. Er habe sie darauf mit einer Flasche oder einem Aschenbe-
cher auf den Kopf geschlagen. Aus der Schublade beim Backofen habe er die
Pistole genommen und sie auf die beiden Frauen gerichtet, um diese "einzu-
schüchtern". Er habe aber nicht direkt auf sie gezielt. Die Waffe habe sich "quasi
automatisch" auf die beiden Frauen gerichtet (S. 4). Nachher habe er die Waffe
von der Autobahn aus dem fahrenden Auto auf einen Acker geworfen (S. 5). Am
- 17 -
"fraglichen Abend" habe er keine Manipulationen an der Waffe vorgenommen.
Der Staatsanwalt hakte nach: "Ausser, dass Sie abgedrückt haben?", worauf der
Beschuldigte einräumte: "Ja, ich habe abgedrückt, doch weiss ich nicht, wie es
dazu kommen konnte. Es ist schon klar, dass die Waffe nicht einfach selber
schiessen kann bzw. sich ein Schuss einfach von selber löst." Er bestätigte so-
dann, in diesem Moment etwa zwei oder drei Meter vor den Privatklägerinnen ge-
standen zu sein.
Er gab sodann an, nichts von Ermittlungen in dieser Sache durch die Behörden
von H._ zu wissen, wandte sich aber gegen eine allfällige Auslieferung an
diese (S. 6).
Der Beschuldigte machte auch hier nicht geltend, der Schuss habe sich wegen
eines Defekts an der Waffe gelöst oder im Verlaufe eines Gerangels um diese.
Vielmehr gab er nun ausdrücklich zu, die Waffe aus nächster Nähe in die Rich-
tung der beiden Privatklägerinnen gehalten und den Abzug betätigt zu haben.
Nichts Entlastendes ergibt sich sodann aus seinem Hinweis, er habe die Privat-
klägerin B._ geliebt. Solche Beteuerungen erfolgen nach Beziehungsdelikten
nicht selten. Unbestritten war ihre Beziehung beim Vorfall vom tt.mm.2007 bereits
beendet, womit er sich nur schwer abfinden konnte. Sodann ging dem Schuss ein
handfester Streit voraus und kümmert sich der Beschuldigte nach der Schussaus-
lösung, die unbestritten zu einer Verletzung der Privatklägerin B._ geführt
hatte, nicht einmal ansatzweise um diese. Auch dies spricht tendenziell gegen ei-
ne vorangegangene versehentliche Schussauslösung.
3.3 In der Einvernahme vom 17. März 2009 erklärte der Beschuldigte, er bleibe
bei seinen bisherigen Aussagen. Er erläuterte, die Privatklägerin B._ seit
2004 gekannt zu haben (Urk. HD 8.3 S. 2). Daraus habe sich 2005 eine Bezie-
hung ergeben, die bis März/April 2007 gedauert habe. Sie hätten zusammen ge-
wohnt, wobei er aber als Asylbewerber in I._ [Kanton] angemeldet gewesen
sei (S. 3). Die Beziehung sei mit Streit verbunden gewesen, es sei auch zu
Schlägen und Drohungen gekommen (S. 4 und 5). Nach der Trennung im Früh-
ling 2007 sei es zu SMS mit drohendem oder beleidigendem Inhalt gekommen (S.
- 18 -
5). Grund für die Trennung sei ein Vorfall gewesen, als ihm die Privatklägerin
B._ in Anwesenheit seiner Freunde den Autoschlüssel weggenommen habe,
weil er mit diesen Alkohol getrunken habe. Er habe ihr nachher die Schlüssel wie-
der abnehmen wollen und habe sie dabei "offenbar geschlagen". Selber könne er
sich daran nicht erinnern (S. 8 f.).
Der Beschuldigte verneinte die Frage, ob er von der Privatklägerin C._ vor
dem Ereignis vom tt.mm.2007 je geschlagen worden sei (S. 17). Bereits zuvor
hatte er die Beziehung zu ihr als wie "Bruder und Schwester" umschrieben (S.
16).
Auf entsprechende Frage gab er an, nach der Trennung noch "einige Male" in der
Wohnung an der E._strasse gewesen zu sein, dies, wenn die Privatklägerin
B._ nicht zu Hause gewesen sei. Mit dieser habe er ein paar Tage vor dem
tt.mm.2007 letztmals Kontakt gehabt. Vielleicht habe sie ihn angerufen, um ihn zu
fragen, ob er in der Wohnung gewesen sei (S. 17). Er räumte nun explizit ein, er
sei am tt. oder tt.mm.2007 in der Wohnung gewesen und habe auf die Privatklä-
gerin gewartet, um mit ihr zu reden. Er gab auch an, er habe dort 10 oder 15 Tage
vor dem Vorfall vom tt.mm.2007 mit der Waffe herumgespielt bzw. diese geladen.
Er habe sie in der Wohnung gelassen, weil er nicht gewusst habe, wo er sie sonst
hätte lassen können; die Privatklägerin B._ habe davon aber nichts gewusst
(S. 18 f.).
Die Darstellung des Beschuldigten, wonach er seine Pistole noch Wochen oder
gar Monate nach der Trennung von seiner früheren Freundin ohne deren Wissen
in deren Wohnung aufbewahrte, ist nicht glaubhaft. Vollends unglaubhaft er-
scheint jetzt auch seine frühere Behauptung, wonach er am tt.mm.2007 lediglich
in deren Wohnung gegangen sei, um irgendwelche, nicht näher bezeichnete per-
sönliche Effekten mitzunehmen, nachdem er nach eigenen Angaben in Abwesen-
heit der Privatklägerin schon mehrfach in die fragliche Wohnung zurückgekehrt
war. Seine Erklärung vermag jedenfalls nicht zu begründen, warum er mindestens
zwei Stunden in der Wohnung verweilte, bevor er sich schliesslich in einem Kas-
ten versteckte, statt mit den angeblich benötigten Effekten einfach zu verschwin-
den.
- 19 -
Nicht glaubhafter wird auch die von ihm in den Raum gestellte Notwehrsituation,
zumal die Privatklägerin C._ vor dem Vorfall vom tt.mm.2007 noch nie tätlich
geworden war.
3.4 In der Einvernahme vom 1. April 2009 erklärte der Beschuldigte seine Kon-
taktaufnahmen zum Vater der Privatklägerinnen nach dem Vorfall vom
tt.mm.2007 damit, dass er sich bei der Familie - über seine Vermittler - habe ent-
schuldigen und dieser mitteilen wollen, der Schuss habe sich aus Versehen gelöst
(Urk. HD 8/4 S. 4). Auf die Frage, ob er je damit gedroht habe, die ganze Familie
umzubringen, führt er immerhin aus, er habe ein paar Tage nach der Trennung
von der Privatklägerin B._ deren Vater angerufen und ihm gesagt, seine
Tochter habe sein Leben zerstört und er habe alles verloren. "Sicherlich" habe er
diesem auch "etwas Drohendes" gesagt, doch könne er sich nicht mehr konkret
erinnern, zumal er damals betrunken gewesen sei. Als der Staatsanwalt nachhak-
te, räumte er ein, "vielleicht" damit gedroht zu haben, die Familie umzubringen.
Auf die Frage, warum er sich am tt.mm.2007 in einem Schrank versteckt habe, er-
läuterte der Beschuldigte, er habe gedacht, in Abwesenheit der Privatklägerin
B._ ein paar Sachen abholen und wieder gehen zu können. Diese sei dann
aber nach Hause gekommen und er habe nicht gewusst, was er hätte tun sollen.
Er räumte auch ein, sich schon früher dort versteckt zu haben; das sei "einfach
ein Scherz" gewesen (S. 7 f.). Er schilderte dann ausführlich den weiteren Ablauf
am fraglichen Morgen: Die Privatklägerin C._ habe ihn im Schrank im
Schlafzimmer gefunden, worauf er diesen verlassen habe. Anschliessend sei er
ins Wohnzimmer gegangen. "Wahrscheinlich" habe die Privatklägerin C._
dort angefangen, ihn zu schlagen. Er sei dann in den Korridor gegangen, während
die Privatklägerin B._ auf ihre Schwester eingeredet habe, sie solle sich be-
ruhigen. Sie habe ihn auch abgetastet, wohl um nach Schlüsseln zu suchen.
Durch die Schläge der Privatklägerin C._ sei er - wenn überhaupt - sicherlich
nicht gravierend verletzt worden. Doch habe ihn ein Schlag in die Mitte seines
Oberkörpers sehr geschmerzt und "dann" sei "das Ganze passiert" (S. 9). Er sei
"wütend" geworden, in die Küche gegangen und habe dort einen "Gegenstand"
behändigt. Damit sei er zurück in den Korridor und habe der Privatklägerin
- 20 -
C._ einen Schlag versetzt und sie wohl am Kopf getroffen. Nachher sei diese
wahrscheinlich ins Schlafzimmer gegangen. Im Eingangsbereich des Schlafzim-
mers sei es zu einem Gerangel zwischen ihm und den beiden Frauen gekommen,
wobei er heftig in die Bauchregion geschlagen worden sei. Darauf sei er in die
Küche zurück. "Aus der von mir schon erwähnten Schublade behändigte ich dann
die Pistole und ging Richtung Korridor zurück. Faktisch stand ich dann in der Türe
des Schlafzimmers. Ich nahm die Pistole nach oben und wollte damit drohen. In
dem Moment, als ich die Pistole dann nach oben nahm, löste sich bereits ein
Schuss." Die Privatklägerin B._ sei darauf weiter ins Schlafzimmer hineinge-
gangen. Er habe nicht gesehen, ob sie getroffen worden sei. Er sei dann ein paar
Sekunden still gestanden und habe nicht gewusst, was er tun sollte. Obwohl er
Schlüssel gehabt habe, sei er dann auf den Balkon und von dort, vom zweiten
Stock hinunter gesprungen. Auch die Privatklägerin B._ habe später ge-
meint, es wäre nicht zu einem solchen Vorfall gekommen, wenn ihre Schwester
nicht so reagiert hätte (S. 10).
Auch hier lässt der Beschuldigte offen, was er denn genau in der Wohnung der
Privatklägerin B._ gesucht hatte, dies mitten in der Nacht und obwohl er sich
zuvor schon mehrfach in Abwesenheit der Wohnungsinhaberin dort aufgehalten
hatte. Er bringt keine plausible Erklärung, warum er sich im Kleiderkasten der Ex-
Freundin versteckte, statt spätestens bei deren Rückkehr die Wohnung zu verlas-
sen. Er behauptete nicht einmal, das Verlassen der Wohnung sei ihm verunmög-
licht worden, geschweige denn liefert er eine nachvollziehbare Begründung für
seine Drohung mit einer geladenen Pistole, die er angeblich aus einem Versteck
in der Küche der Wohnung der Ex-Freundin geholt haben will. Nur schon der Ein-
satz einer solchen Waffe zur Drohung war hier völlig übertrieben, verwerflich und
keineswegs gerechtfertigt. Wenn der Beschuldigte selber einräumt, dass er über
das Verhalten der beiden Frauen - die sich im Gegensatz zu ihm rechtmässig in
der Wohnung aufhielten - wütend war, lässt es dieses Eingeständnis durchaus als
plausibel erscheinen, dass er sich zu einem weiteren irrationalen Verhalten, näm-
lich einer gewollten Schussabgabe aus der Pistole hinreissen liess. Insofern geht
auch sein Hinweis, er habe nachher keine weiteren Schüsse mehr abgegeben
und die Privatklägerin B._ auch später nicht getötet, an der Sache vorbei.
- 21 -
Gegenstand des Verfahrens ist ja nicht mehr, ob er die Ex-Freundin habe töten
wollen, sondern nur, ob er mit der Schussabgabe deren Tod in Kauf genommen
hatte.
3.5 In der Einvernahme vom 9. Juli 2009 verlangte der Beschuldigte vorab das
Auswechseln seines amtlichen Verteidigers (Urk. HD 8.5 S. 2) und beschränkte
sich dann vor allem darauf, die Aussagen der Privatklägerinnen B._ und
C._. pauschal als Lügen zu qualifizieren (S. 3 f.).
Er hielt im Übrigen daran fest, die Tatwaffe vor Jahren von einem inzwischen ver-
storbenen Mann aus H._ mit dem Spitznahmen "...." geschenkt erhalten zu
haben (S. 10 ff.). Sie sei alt und rostig gewesen; von der Marke habe er "keine
Ahnung" (S. 12). Er habe sie nur vielleicht einmal in einem halben Jahr ange-
schaut. Er wisse nicht, ob sie einen Sicherungshebel gehabt habe. Er bat sodann
den Vertreter der Privatklägerinnen, ihn bei diesen zu entschuldigen; er habe
"nicht absichtlich" geschossen.
Wesentliche neue Erkenntnisse zur Frage, ob es zu einer gewollten oder zu einer
ungewollten Schussabgabe gekommen war, ergeben sich aus dieser Einvernah-
me nicht.
3.6 In der Einvernahme vom 27. August 2009 widersprach der Beschuldigte der
Darstellung der Privatklägerin B._, wonach er sie und ihre Schwester ange-
griffen habe, als er aus dem Kasten gekommen sei. Tatsächlich sei er da von der
Privatklägerin C._ angegriffen worden, und diese habe von ihrer Schwester
beruhigt werden müssen (Urk. HD 8.6 S. 2 f.). Er habe die Waffe nicht im Hosen-
sack gehabt, sonst hätte diese ja von der Privatklägerin B._ entdeckt werden
müssen, als sie ihn abgetastet habe (S. 3). Er führte weiter aus, er habe sich auch
nach der Trennung "ständig" mit der Privatklägerin B._ getroffen und von
dieser den Wohnungsschlüssel erhalten, um dort übernachten zu können (S. 5).
Erneut beteuerte der Beschuldigte, der Schuss habe sich aus Versehen gelöst.
Die Darstellung des Beschuldigten und seine Argumentation ist jedenfalls nicht
geeignet, ihn als seriös, vernünftig und gewissenhaft erscheinen zu lassen. Er
- 22 -
hatte sich offensichtlich in die Wohnung eingeschlichen und sich dort im Kleider-
kasten der Ex-Freundin versteckt. Dieses Verhalten ist rational nicht nachvoll-
ziehbar und war offensichtlich geeignet, die jungen Frauen zu ängstigen. Jeden-
falls wäre es völlig verständlich, wenn er nach dem Entdecktwerden von diesen
verbal und allenfalls auch körperlich angegriffen wurde. Er hatte keinerlei Recht,
sich in der Wohnung aufzuhalten und war sich dessen offensichtlich auch be-
wusst. Unglaubhaft ist namentlich die Behauptung, er habe von der Privatklägerin
B._ einen Wohnungsschlüssel erhalten, um dort übernachten zu können.
Wäre dem so gewesen, hätte er dies von Anfang an erzählen können. Sodann
wäre es geradezu absurd gewesen, sich bei der Rückkehr der Privatklägerinnen
in die Wohnung in einem Kleiderschrank zu verstecken.
Auf seine Einwände gegen die Sachdarstellung der beiden Privatklägerinnen wird
im Übrigen bei der Würdigung der entsprechenden Aussagen dieser Frauen zu-
rückzukommen sein.
3.7 Am 22. September 2009 folgte eine weitere Einvernahme des Beschuldigten
(Urk. HD 8.7).
Auf entsprechende Frage bestätigte der Beschuldigte, am 27. August 2009 aus-
ser Protokoll geschildert zu haben, nach der Schussabgabe Manipulationen an
der Tatwaffe vorgenommen zu haben. Er legte in der Folge dar, wie er die Waffe
auf dem Weg zu seinem Auto entladen hatte. In seinem 12-monatigen Militär-
dienst habe er gelernt, wie man ein automatisches Gewehr (die Variante von
H._ einer Kalaschnikow) entlade; das gehe auf gleiche Weise (S. 3). Es sei
doch normal, dass er wisse, wie man eine Pistole entlade (S. 4).
Zwar räumte der Beschuldigte damit nicht ein, jemals eine Ausbildung an einer
Handfeuerwaffe erhalten zu haben. Indessen ist ihm der Umgang mit Schusswaf-
fen generell vertraut und er kannte sicher den allgemeinen Grundsatz, dass jede
Waffe vor einer Entladekontrolle als geladen zu betrachten ist. Auch dies spricht
zumindest als ein Indiz gegen eine ungewollte Betätigung des Abzugs der Pistole
am tt.mm.2007.
- 23 -
3.8 Im Rahmen der Einvernahme vom 20. Oktober 2009 machte der Beschuldigte
geltend, es gebe Leute, die bestätigen könnten, dass er nicht der "Typ" sei, der
absichtlich schiesse und die aussagen könnten, er habe unabsichtlich geschos-
sen (Urk. HD 8.8 S. 3). Im Übrigen räumte er nun ein, im Verlaufe der Auseinan-
dersetzung "möglicherweise" auch die Privatklägerin B._ geschlagen zu ha-
ben (S. 5).
Es kann ohne Weiteres angenommen, dass sich Zeugen finden liessen, die ent-
sprechende Aussagen machen würden. Zur Beurteilung des Vorfalls vom
tt.mm.2007 würde dies allerdings nicht im Ernst etwas beitragen. Im Zusammen-
hang mit der Schussabgabe ist es auch ohne jede Bedeutung, ob die Privatkläge-
rinnen je im Schlafzimmer eingesperrt waren bzw. sich dort selber eingesperrt
hatten. Wesentlich ist immerhin, dass der Beschuldigte es nun jedenfalls als mög-
lich erachtet, dass sich seine Aggressivität im Verlaufe der Auseinandersetzung
und vor der Schussabgabe gegen die Privatklägerin B._ gerichtet und er ihr
dabei eine Kopfverletzung zugefügt hatte, wobei er allerdings anfügte, er habe ei-
gentlich die Privatklägerin C._ treffen wollen.
3.9 Am 7. Januar 2010 fand die Schlusseinvernahme statt (Urk. HD 8.9). Der Be-
schuldigte hielt erneut daran fest, er habe "nicht schiessen" und "niemanden ver-
letzen" wollen. Die Privatklägerinnen hätten zu 90 % gelogen (S. 3). Tatsächlich
habe die Privatklägerin C._ ihn angegriffen und ihn mindestens 10 Mal ge-
schlagen (S. 4). Sodann habe deren Vater den Auftrag erteilt, ihn zu töten. Er ha-
be gar keinen Grund gehabt, die Privatklägerin B._ umzubringen und sie
auch nicht umgebracht, obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte. Er glaube aller-
dings, das Gericht werde der Anklage und den Privatklägerinnen glauben (S. 4).
Es sei ihm nie in den Sinn gekommen, auch nur einen Schuss abzufeuern (S. 5).
Es tue ihm leid, und er sei froh, dass die Privatklägerin B._ keinen bleiben-
den Schaden davontragen werde (S. 6).
Nach Vorhalt des Anklagesachverhalts erklärte der Beschuldigte vorerst, dieser
beruhe auf Lügen der beiden Privatklägerinnen (S. 9). Sodann führte er aus, er
habe etwas mehr als zwei Jahre, bis zum tt. oder tt. März 2007 in der fraglichen
Wohnung gewohnt. Danach habe ihm die Privatklägerin B._ bis zum tt. oder
- 24 -
tt. April 2007 die Schlüssel zur Verfügung gestellt. Seine "Sachen" seien immer
noch dort (S. 10). Er anerkenne, gegen das Waffengesetz verstossen zu haben,
nicht jedoch den "Rest" der Anklageschrift (S. 11).
Neue Erkenntnisse lassen sich aus dieser Einvernahme nicht gewinnen.
3.10 Die Fortsetzung der Schlusseinvernahme am 27. Januar 2010 diente einzig
der Befragung des Beschuldigten zu seinem Vorleben und seinen persönlichen
Verhältnissen (Urk. HD 8.10).
3.11 Anlässlich seiner Befragung in der erstinstanzlichen Hauptverhandlung
räumte der Beschuldigte ohne Weiteres ein, dass er am tt.mm.2007 nachts ohne
Berechtigung in die Wohnung seiner Ex-Freundin eingedrungen und mehrere
Stunden dort verblieben war (Urk. 81 S. 4). Er schildert dann den Ablauf, nach-
dem er von den Privatklägerinnen im Schrank entdeckt worden sei. Die Privatklä-
gerin C._ habe zu schreien begonnen, als er aus dem Schlafzimmer ge-
kommen sei, worauf er sie gefragt habe, warum sie schreie, er "mache ja nichts".
Sie habe darauf begonnen, ihn zu schlagen, worauf er vom Wohnzimmer (Zimmer
beim Fernsehgerät) in den Korridor zurückgewichen sei. Dabei sei er ständig von
der Privatklägerin C._ geschlagen worden, während die Privatklägerin
B._ ihr gesagt habe, sie solle aufhören damit. Die Privatklägerin B._ ha-
be ihn aufgefordert, ihr die Wohnungsschlüssel auszuhändigen, worauf er wahr-
heitswidrig behauptet habe, keine Schlüssel zu haben. Nun habe die Privatkläge-
rin B._ angefangen, ihn an den Hosentaschen anzufassen, worauf er die
Schlüssel herausgezogen und ihr gezeigt habe. Währenddessen habe die Privat-
klägerin B._ seinen anderen Hosensack durchsucht und sein Mobiltelefon
herausgenommen. Dieses habe sie ihm zurückgegeben. Darauf habe er sich um-
gedreht zur Wohnungstüre. Er habe gesehen, dass dort kein Schlüssel steckte,
und er habe deshalb gedacht, die Türe sei nicht verschlossen. Als er dann die
Türfalle hinuntergedrückt habe, habe er gesehen, dass sie verschlossen gewesen
sei. Er sei darauf ca. 1 - 1.5 Meter zurückgewichen und habe die beiden aufgefor-
dert, die Türe zu öffnen, damit er hinausgehen könne. In diesem Moment habe
ihn die Privatklägerin C._ gefragt, wie er denn in die Wohnung hineinge-
kommen sei. Als er gesagt habe, durch das Fenster, habe sie gesagt, er solle
- 25 -
durch das Fenster springen. Sie habe darauf seine Mutter verflucht und erneut
angefangen, ihn zu schlagen. Dabei sei er "stark in die Mitte der Brust" getroffen
worden. Er sei nun in die Küche zurückgewichen und habe von einem Tisch einen
Aschenbecher oder etwas ähnliches genommen. Damit habe er die Privatklägerin
C._ "hinten im oberen Teil des Körpers getroffen". Sie sei in diesem Moment
ins Schlafzimmer gegangen. Er sei dann "losgegangen" und habe "wahrscheinlich
erneut ausgeholt". Er denke nicht, dass er die Privatklägerin C._ getroffen
habe, da sich die Privatklägerin B._ dazwischen gestellt habe. Später habe
er dann gehört, dass er "sie auch getroffen" habe. In dem Moment habe "jemand
der Nachbarn an die Türe geklopft"; die beiden Privatklägerinnen seien da im
Schlafzimmer gewesen. "Ich ging dann in die Küche und habe den Gegenstand in
die Küche gebracht. Aus der Schublade unterhalb des Kochherds holte ich eine
Pistole und ging zurück in den Korridor. Dann bin ich genau an die Türe des
Schlafzimmers gegangen und habe die Pistole gehoben. Meine Hand war nicht
ausgestreckt". Er demonstrierte dabei, sie in einem 45o-Winkel nach oben gehal-
ten zu haben. Er habe die Pistole eher der Privatklägerin C._ als der Privat-
klägerin B._ "zeigen" wollen, damit jene aufhöre, ihn zu schlagen. Wie er nun
die Pistole "gezeigt" habe, habe sich ein Schuss gelöst. Darauf habe er Angst be-
kommen und sei zurückgewichen. Die beiden seien ihm in etwa 1.5 Meter Entfer-
nung gegenübergestanden. Nach ein paar Sekunden habe sich die Privatklägerin
B._ als erste bewegt und sich nach rechts gedreht. Sie sei ins Schlafzimmer
gegangen. Das sei das Letzte, was er gesehen habe, nachher habe er die Woh-
nung verlassen (S. 6).
Der Beschuldigte lieferte damit eine zumindest teilweise neue Sachverhaltsschil-
derung. Aber auch diese Version überzeugt nicht. Immerhin zeigt sie, dass es der
Beschuldigte selber nicht als schlimm betrachtete, nachts in eine Wohnung ein-
zudringen und sich dort zu verstecken. Er reagierte auf die berechtigte Empörung
der Privatklägerin C._ mit Unverständnis. Insbesondere widerlegt er hier
aber klar seine eigene, früher vorgebrachte Notwehrthese. Folgt man seiner
Schilderung, wäre es ihm nämlich ein Leichtes gewesen, die Wohnung mittels
seines Schlüssels zu verlassen, zumal nur eine der beiden Frauen überhaupt ge-
gen ihn tätlich geworden sein soll und er jedenfalls ungehindert zur Wohnungstüre
- 26 -
hatte gehen können. Der behauptete, starke Schlag durch die Privatklägerin
C._ hinderte ihn sodann nach eigener Darstellung nicht, zuerst in der Küche
einen "Gegenstand" zu holen und nachher damit auf sie einzuschlagen. Dabei
war er offenbar so wütend, dass er nun auch die Privatklägerin B._ - nach
seiner Darstellung versehentlich - getroffen hatte. Vollends unverständlich ist,
weshalb er darauf in der Küche noch die Pistole holte, statt ungehindert die Woh-
nung zu verlassen, mögen sich an der Türe auch bereits Nachbarn aufgehalten
haben. Er sah sich ja angeblich als Opfer eines ungerechtfertigen Angriffs durch
die Privatklägerin C._. Zu behaften ist er jedenfalls bei seiner Darstellung,
wonach er mit der Pistole zur Türe des Schlafzimmer und damit nach eigener
Darstellung auf die beiden Frauen zugegangen war, die Pistole "gehoben" und sie
aus nächster Nähe in einem 45° Winkel (vgl. S. 6 und 7) nach oben gerichtet hat-
te. Daran ändern auch seine nachgeschobenen Beteuerungen nichts, er habe
nicht die Absicht gehabt, auf jemanden zu schiessen oder jemanden zu verletzen.
Nicht überzeugend ist es, wenn er im weiteren Verlauf der Befragung seine Schil-
derung modifizierte und die Waffe nun in einem 90° Winkel nach oben gehalten
haben will (S. 10), dies, nachdem ihm im Rahmen der Befragung gezeigt worden
war, dass sich die beiden Frauen sehr wohl in der Schusslinie der von ihm mitge-
führten Pistole befanden, die er - nach eigener Zugabe (S. 8) - in der zumindest
teilweise ausgestreckten Hand gehalten hatte. Dass dabei die Privatklägerin
B._ tatsächlich im Schulterbereich getroffen wurde, ist ja unbestritten. Insbe-
sondere enthält die Schilderung des Beschuldigten keinerlei Hinweise, die eine
unwillkürliche Betätigung des Abzugs auch nur einigermassen plausibel erschei-
nen lassen könnten: Es gab bei und unmittelbar vor der Schussauslösung keiner-
lei Dritteinwirkung auf den Beschuldigten, und dieser hatte sich voll auf die beide
Frauen konzentriert.
3.12 Zusammenfassend kann dem Beschuldigten zwar attestiert werden, dass er
zum hier entscheidenden Kerngeschehen, der kurzen Sequenz der an sich unbe-
strittenen Schussauslösung immer gleich ausgesagt hatte: sie sei ungewollt bzw.
versehentlich erfolgt.
- 27 -
Allerdings passt diese Behauptung einer versehentlichen Schussabgabe nicht nur
schlecht zur immer wieder modifizierten Vorgeschichte sondern namentlich auch
schlecht zu seiner anschliessenden Flucht, ohne sich um die Privatklägerin
B._ zu kümmern oder sich auch nur zu vergewissern, ob diese tatsächlich
unverletzt geblieben war. Dies erscheint umso unverständlicher als er in der Un-
tersuchung ja auch behauptete, sie geliebt und mit ihr bis zum tt.mm.2007 in re-
gelmässigem Kontakt gestanden zu haben. Hinzu kommen die weiteren Unge-
reimtheiten im Verlaufe seiner diversen Aussagen; diesbezüglich kann auf die
Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden. Schliesslich passen auch die
nachträglichen Drohungen an die Adresse des Vaters der Privatklägerinnen -
diesbezüglich liegt heute ein rechtkräftiger Schuldspruch vor - nicht zu einer un-
gewollten, nur versehentlichen Schussabgabe am tt.mm.2007.
Die Verteidigung hat eingewendet, man könne das (vom Beschuldigten behaupte-
te) "Erschrecken" auch so interpretieren, dass er tatsächlich der Ansicht gewesen
sei, dass sich in der Waffe gar kein Schuss befinde; diesem "Umstand" habe die
Vorinstanz keine Rechnung getragen (Urk. 100 S. 5). Tatsächlich sei der Be-
schuldigte davon ausgegangen, die Waffe sei "nicht geladen" (S. 6 und Urk. 140
S. 3).
Die Vorinstanz brauchte eine solche These schon deshalb nicht abzuhandeln,
weil sie vom Beschuldigten selber nie auch nur im Ansatz vertreten wurde. Er sel-
ber hatte vielmehr in der Untersuchung erwähnt, die Waffe wenige Tage vor dem
Vorfall persönlich entladen und anschliessend wieder geladen und dann im an-
geblichen Versteck unter dem Kochherd deponiert zu haben (Urk. HD 8.3 S. 18).
Auch anlässlich der Berufungsverhandlung wiederholte er, eine geladene Pistole
dabei gehabt zu haben (Urk. 139 S. 6). Aufgrund seiner militärischen Ausbildung
kannte er zudem zweifellos den allgemein gültigen Grundsatz, dass jede Waffe
als geladen zu betrachten ist, solange man sich nicht persönlich vom Gegenteil
vergewissert hat. Aber auch ein "Laie" nimmt eine Schussauslösung in Kauf,
wenn er den Abzug einer Faustfeuerwaffe betätigt, ohne sich zuvor Gewissheit
verschafft zu haben, dass sie ungeladen ist.
- 28 -
Es bestehen jedenfalls keine ernsthafte Zweifel daran, dass der Beschuldigte im
Verlaufe der tätlichen Auseinandersetzung mit Wissen und Willen aus seiner Pis-
tole einen Schuss in die Richtung seiner beiden Kontrahentinnen abgefeuert hat-
te. Dabei bestand eine derart hohe Wahrscheinlichkeit, dass die in nächster Nähe
und in allgemeiner Schussrichtung befindliche Privatklägerin B._ eine tödli-
che Schussverletzung hätte erleiden können, dass mit der Schussabgabe von ihm
auch eine solche Verletzung in Kauf genommen wurde, mag er auch nach der
Schussabgabe selber über sein Vorgehen erschrocken gewesen sein und dieses
heute bereuen.
4. Die Privatklägerin B._ wurde zum Vorfall vom tt.mm.2007 mehrmals be-
fragt.
4.1 Ihre erste Einvernahme erfolgte noch am tt.mm.2007 kurz nach der Operation
im Spital und ist als Audio-Aufnahme (auf einem Datenträger) dokumentiert (Urk.
HD 6.1).
Sie erzählte - hier kurz zusammengefasst - unter anderem, dass sie vom Be-
schuldigten - nach dessen Entdeckung im Schrank - zu Boden geschlagen wor-
den sei und dass er später eine kleine Pistole, die sie zuvor noch nie gesehen
habe, aus der Hosentasche genommen habe. Diese habe er auf sie gerichtet, wo-
rauf sie sich abgewendet und darauf den Schuss gehört habe. Vor der Schussab-
gabe habe er nichts gesagt, er habe sie nur böse angeschaut. Sie habe nicht be-
merkt, ob er vor dem Schuss an der Waffe manipuliert habe. Es sei alles sehr
schnell gegangen; sie habe nur noch versucht, sich umzudrehen und die Türe zu-
zumachen. Die Schwester sei neben ihr im Zimmer gewesen. Der Beschuldigte
habe die Waffe aber speziell auf sie (gemeint die Privatklägerin B._) gerich-
tet. Es sei sicher nur ein einziger Schuss gefallen. Geschlagen habe er sie vorher,
weil er eifersüchtig sei und sie sich von ihm getrennt habe. Sie habe nicht be-
merkt, dass er betrunken gewesen sei, doch könne dies schon sein. Sie sei fast
zwei Jahre mit ihm zusammen gewesen, und während dieser Zeit habe er sie
wiederholt geschlagen. Sie sei deswegen aber nie zum Arzt oder ins Spital ge-
gangen und habe auch nie eine Anzeige gemacht, da er dann das Land hätte ver-
lassen müssen. Beim Vorfall, der zur definitiven Trennung geführt habe, sei sie
- 29 -
von ihm auch geschlagen worden. Darauf habe ihn ihr Vater zur Rede gestellt.
Dabei habe der Beschuldigte gedroht, ihre ganze Familie umzubringen. Das habe
sie aber nicht ernst genommen. Er sei einfach sehr eifersüchtig und auch ein
bisschen krank.
Schon bei einer früheren Gelegenheit habe er ihr einmal eine Waffe gezeigt, eine
andere, grössere. Damals habe er aber nicht geschossen, sondern nur damit ge-
droht, sie und sich selber damit umzubringen. Das habe sie aber nicht ernst ge-
nommen.
4.2 In der polizeilichen Einvernahme vom 3. Juli 2007 erklärte sie vorab, sie habe
bei der ersten Befragung im Spital die Wahrheit gesagt (Urk. HD 6.2 S. 1).
Sie habe mit dem Beschuldigten etwa zwei Jahre lang - mit Unterbrüchen - eine
Beziehung gepflegt und zeitweise mit ihm an der E._strasse zusammen ge-
lebt. Im März 2007 sei er endgültig weggezogen; es gebe aber noch "einige Kla-
motten von ihm" im Keller. Sie sei 2006 von ihm schwanger geworden, habe aber
keine Familie mit ihm gewollt und das Kind abgetrieben. Sie habe seit Mai 2007
eine Beziehung zu einem anderen Mann in H._. Der Beschuldigte habe sie
immer wieder geschlagen, wenn er Alkohol getrunken habe (S. 2). Nachdem sie
dies schliesslich ihren Eltern erzählt habe, habe er ihr versprochen, keinen Alko-
hol mehr zu trinken. Daran habe er sich dann bis zum Vorfall im März 2007 gehal-
ten. Da habe er sie erneut geschlagen, weil sie ihm zuvor vor seinen Kollegen
wegen seiner Alkoholisierung den Schlüssel zu ihrem Auto abgenommen habe.
Nun habe sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Bevor sie Ende April 2007
in die Ferien verreist sei, sei er in ihre Wohnung gekommen. Er habe eine Pistole
dabei gehabt und ihr offenbar Angst einflössen wollen.
Am tt.mm.2007 sei sie um ca. 05.20 Uhr mit ihrer Schwester vom Ausgang in ihre
Wohnung zurückgekehrt. Diese habe seit den Ferien bei ihr gewohnt, da sie
Angst vor dem Beschuldigten gehabt habe. Die Schwester habe die Türe geöffnet
und sogleich wieder abgeschlossen. Dann hätten sie die Wohnung durchsucht,
um sicherzugehen, dass der Beschuldigte nicht anwesend sei. Er habe sich in der
Vergangenheit schon zweimal im Kasten und auch im Bad oder unter dem Bett in
- 30 -
der Wohnung versteckt gehabt. Sie habe ihn auch diesmal im Kasten gefunden,
worauf er herausgesprungen sei. Er habe sie ergreifen wollen, doch habe ihn ihre
Schwester weggestossen. Sie habe dann Angst gehabt, er könnte dieser etwas
antun. Sie habe ihm angesehen, dass er unter Drogen, eventuell Kokain, oder un-
ter Alkohol gestanden habe. Er habe ihre Schwester gestossen und sie auf den
Kopf geschlagen, vermutlich mit der abgefallenen Türfalle vom Schlafzimmer. Sie
sei auch selber am Kopf getroffen worden, wo man später zwei Rissquetschwun-
den festgestellt habe. Sie und ihre Schwester seien in der Tür zum Schafzimmer
gestanden und sie habe ihn in den Gang hinausgestossen, wobei er auf sein Ge-
säss gefallen und sofort wieder aufgestanden sei. Darauf habe er eine kleine
schwarze Pistole aus der rechten Hosentasche gezogen und sofort einmal auf sie
geschossen. Schon als sie die Waffe gesehen habe, habe sie sofort die Schlaf-
zimmertüre schliessen wollen und sich dabei etwas nach rechts gedreht. Zwi-
schen dem Herausnehmen der Waffe und dem Schuss seien nur etwa 2 Sekun-
den verstrichen. Die Türe habe sie dann nicht mehr schliessen können, weil sie
zuvor von der Kugel an der linken Schulter getroffen worden sei. Zuvor sei ihr
schon Blut vom Kopf heruntergelaufen, weshalb sie zuerst gedacht habe, sie sei
auch dort getroffen worden. Sie und ihre Schwester hätten sich darauf gegen die
Türe gelehnt und versucht, diese zu schliessen. In diesem Zeitpunkt habe jemand
gegen die Eingangstüre gehämmert, vermutlich Nachbarn, weil ihre Schwester
von Anfang an geschrien habe. Der Beschuldigte habe noch versucht, ins Zimmer
einzudringen, dann habe man nichts mehr von ihm gehört. Nach 10 Minuten sei
dann die Polizei gekommen, ihr sei schlecht geworden und sie könne sich an das
Weitere nicht mehr erinnern (S. 5 f.). Seither habe sie nichts mehr vom Beschul-
digten gehört.
Diese Darstellung ist recht detailliert, durchaus anschaulich und kompatibel mit
dem von der Polizei festgehaltenen Situations- und Spurenbild. Sie deckt sich
auch mit den Angaben, welche die Privatklägerin B._ kurz nach dem Vorfall
gegenüber der Polizei auf Band gesprochen hatte. Zur Frage, ob der Beschuldigte
gewollt oder versehentlich den Abzug betätigt hatte, enthält sie zwar keine direk-
ten Hinweise. Immerhin bestätigte die Privatklägerin B._ aber, dass der Be-
schuldigte eifersüchtig war, sich schon vor dem Vorfall mehrmals zu Gewaltaus-
- 31 -
brüchen gegen sie hatte hinreissen lassen und sie auch hier unmittelbar vor der
Schussabgabe massiv geschlagen hatte. Sie bestätigte auch ihre frühere Angabe,
wonach der Beschuldigte schon nach dem Vorfall, der zur definitiven Trennung
geführt hatte, angedroht hatte, ihre ganze Familie umzubringen. Insgesamt stütz-
ten die Ausführungen der Privatklägerin B._ jedenfalls die Annahme, der Be-
schuldigte habe gewollt abgedrückt; konkrete Hinweise auf eine versehentliche
Schussabgabe fehlen vollständig.
4.3 Die Privatklägerin B._ wurde am 26. Mai 2009 formell als Zeugin einver-
nommen, dies in Anwesenheit des Beschuldigten und seines Verteidigers (Urk.
HD 6.3).
Sie gab - zusammengefasst - an, den Beschuldigten seit einigen Jahren zu ken-
nen. 2005 sei man sich dann näher gekommen. Am Anfang sei es eine gute Be-
ziehung gewesen, doch sei es dann immer schlimmer geworden, weil der Be-
schuldigte "krankhaft eifersüchtig" sei (S. 4). Er habe ihr nachspioniert und sie ge-
schlagen, so dass es immer wieder zum Abbruch der Beziehung gekommen sei.
Nachdem er sie an ihrem Arbeitsort in angetrunkenem Zustand geschlagen habe,
habe sie die Beziehung dann beendet und sei zu ihren Eltern gezogen. Sie habe
ihm Geld gegeben, damit er sie in Ruhe lasse. Heute hasse sie ihn manchmal,
manchmal sei er ihr gleichgültig oder sie habe Mitleid mit ihm (S. 5 f.).
Sie bestätigte, sowohl am 24. Juni wie auch am 3. Juli 2007 der Polizei die Wahr-
heit gesagt zu haben (S. 7).
Sie sei am tt.mm.2007 gegen ca. 5 Uhr mit der Schwester nach Hause gekom-
men. Weil sich der Beschuldige schon bei früheren Gelegenheiten in ihrer Woh-
nung im ersten Stock versteckt gehabt habe, hätten sie diese zuerst durchsucht,
worauf sie ihn im Schrank versteckt gefunden habe. Ihre Schwester habe ihn an-
geschrien, worauf er ihnen bedeutet habe, still zu sein. Er habe sie dann beide
geschlagen, die Schwester sei sogar eine Weile bewusstlos gewesen. Sie denke,
er habe mit der abgefallenen Türfalle des Schlafzimmers zugeschlagen. Als sie
am Boden gesessen sei, habe ihr der Beschuldigte damit auf den Hinterkopf ge-
schlagen. Nachher hätten sie ihn gemeinsam weggestossen; er sei dabei umge-
- 32 -
stürzt. Beim Aufstehen habe er eine Pistole aus dem Hosensack gezogen und sie
abgefeuert. Sie habe sich abgedreht, und die Kugel habe ihre linke Schulter ge-
troffen. Das habe sich zwischen Korridor und Schafzimmer ereignet. Sie und ihre
Schwester hätten dann versucht, die Schlafzimmertüre zu schliessen. Drinnen
habe die Klinke gefehlt, doch habe der Beschuldigte von aussen noch zwei- drei-
mal die Klinke hinuntergedrückt. Von aussen habe ein Nachbar aus J._ ver-
sucht, die Wohnungstüre zu öffnen. Dann sei auch die Polizei vor dem Haus ge-
wesen (S. 9). Sie habe wegen des verärgerten Blicks des Beschuldigten den Ein-
druck gehabt, dieser sei alkoholisiert gewesen (S. 12). Sie selber habe zuvor nur
wenig Alkohol getrunken, ihre Schwester gar keinen (S. 10). Die Schläge des Be-
schuldigten seien heftig gewesen, und sie sei deswegen ebenfalls zu Boden ge-
gangen (S. 13 f.). Das Ganze habe sich vor der Schlafzimmertüre abgespielt. Sie
könne sich nicht erinnern (entgegen der Darstellung ihrer Schwester) während
des Vorfalls auch in der Küche oder im Wohnzimmer gewesen zu sein (S. 14 f.).
Geschossen habe der Beschuldigte jedenfalls vom Korridor aus. Es sei richtig,
dass er zuvor nach einem Stoss auf das Gesäss gefallen sei, dann die Waffe aus
der Hosentasche genommen habe, auf ihre Brust gezielt und geschossen habe;
sie sei ganz sicher, dass er die Waffe aus dem Hosensack gezogen habe (S. 15).
Er habe danach sofort geschossen (S. 16). Sie könne sich nicht erinnern, dass er
dabei etwas gesagt hätte. Sie sei da etwa einen Meter von ihm entfernt gewesen.
Er habe den Arm "ca. waagrecht" gegen sie gerichtet und sie mit einer Hand ge-
halten (S. 16). Genaueres könne sie nicht sagen, das Ganze habe sich "dermas-
sen schnell abgespielt". Sicher habe er die Waffe aber nicht gegen ihren Kopf ge-
halten sondern gegen ihre Brust gezielt. Sie habe sich abgedreht, um die Türe zu
schliessen, doch habe er da bereits geschossen (S. 17). Es sei ihr dann aber
doch noch gelungen, die Türe zu schliessen. Nach der Schussabgabe habe ihr
der Beschuldigte entgegengeblickt. Auf die Frage, ob er überrascht oder erschro-
cken gewirkt habe, meinte sie: "Diesbezüglich habe ich keine Beobachtungen
gemacht." Sie sei aber der Ansicht, er habe ihre Verletzung gesehen; er sei ja in
der Nähe von ihr gestanden, und sie könne sich nicht vorstellen, dass er nicht hät-
te bemerken sollen, dass er getroffen habe. Manipulationen an der Waffe habe
sie vor der Schussabgabe nicht bemerkt (S. 18). Auf Vorhalt, gemäss Darstellung
- 33 -
des Beschuldigten habe dieser die Waffe aus einer Schublade in der Küche ge-
holt, erklärte die Privatklägerin B._, er lüge; er habe sie im Hosensack ge-
habt (S. 19). Weder seien sie im Verlauf des Ereignisses in der Küche gewesen,
noch habe er dort eine Waffe geholt. Vielleicht habe er sie aber während der War-
tezeit dort hervorgeholt.
In dieser Zeugenaussage stimmen viele Details und alle wesentlichen Punkte mit
den früheren Aussagen der Privatklägerin B._ überein, ohne dabei den An-
schein einer auswendig gelernten Darstellung zu erwecken. Auch hier gibt es in-
dessen keine Aussagen, welche direkt die Frage beantworten könnten, ob der
Beschuldigte gewollt oder aus Versehen geschossen hatte. Ersteres ist aber auch
aufgrund der gesamten Schilderung durch die Privatklägerin B._ weit stim-
miger. Der Beschuldigte war wütend und sah sich nicht nur verbaler, sondern
auch tätlicher Gegenwehr der beiden Frauen ausgesetzt, was er offensichtlich
nicht akzeptieren konnte und hinnehmen wollte. Mit der Schussabgabe legte er es
darauf an, sich gegenüber den beiden Frauen durchzusetzen. Es besteht kein er-
heblicher Zweifel, dass sie gewollt erfolgte.
5. Keine andere Erkenntnisse ergeben sich aus den Aussagen der Privatklägerin
C._
5.1 Die Privatklägerin C._ war noch am Morgen des tt.mm.2007 von der Po-
lizei befragt worden (Urk. HD 7.1). Sie führte an, der Beschuldigte habe es "nicht
verkraften" können, dass ihre Schwester vor drei Monaten mit ihm "Schluss ge-
macht" habe. Seither belästige und bedrohe er sie dauernd. Da die Schwester
deswegen Angst habe, sei sie zu ihr gezogen. Sie seien gegen 05.30 Uhr vom
Ausgang zurückgekommen und hätten zuerst die Wohnung kontrolliert, weil der
Beschuldigte dort schon einmal "eingebrochen" sei und ihrer Schwester aufgelau-
ert habe. Plötzlich habe ihre Schwester auf ... [Sprache in H._] aus dem
Schlafzimmer gerufen: "Er ist da; er hat sich im Schrank versteckt!" (S. 1) Die
Schwester habe dann hinter ihr Schutz gesucht. Die Schwester habe ihn gefragt,
wie er in die Wohnung gekommen sei, worauf er geantwortet habe, er sei durch
das Küchenfenster eingestiegen. Die Schwester habe das nicht geglaubt und ge-
fragt, ob er einen Schlüssel habe. Sie habe ihm auch gesagt, die Beziehung sei
- 34 -
zu Ende; er habe hier nichts mehr zu suchen. Er habe widersprochen und gefragt,
wer ihr neuer Freund sei. Er werde die Wohnung nicht verlassen, bis sie ihm das
sage. Die beiden hätten wütend, aber in normaler Tonlage auf ... gesprochen. Die
Unterhaltung sei dann aber immer lauter und aggressiver geworden (S. 2). Die
Schwester habe angefangen zu zittern, und sie selber habe dem Beschuldigten
auch erklärt, er habe hier nichts zu suchen. Als er immer näher gekommen sei,
habe sie ihn zurückgestossen (geschupft) und ihn geheissen, er solle gehen. Er
habe nun seine Aufmerksamkeit ihr zugewandt. Sie sei wütend geworden und
habe ihn nochmals gestossen. Gleichzeitig hätten sie und ihre Schwester um Hilfe
gerufen, worauf er sie "harsch" geheissen habe, ruhig zu sein. Während dieser
Phase hätten sie sich zu Dritt ins Wohnzimmer und anschliessend wieder in den
Flur bewegt, dies, weil sie im Wohnzimmer das Mobiltelefon und die Wohnungs-
schlüssel habe holen wollen, was ihr dann aber "aufgrund des Gerangels" nicht
gelungen sei. Durch den Lärm seien aber die Nachbarn alarmiert worden und hät-
ten an die Wohnungstüre geklopft. Sie und ihre Schwester hätten um Hilfe und
nach der Polizei gerufen. Der Beschuldigte sei nun immer aggressiver geworden,
wohl aus Angst vor der Polizei. Sie habe dann von ihm einen Schlag an den Kopf
bekommen. Es sei sehr schnell gegangen, und er habe sie irgendwie auf den Bo-
den gedrückt. Sie habe gesehen, wie ihre Schwester ebenfalls auf den Boden ge-
fallen sei. Sie selber habe dann versucht aufzustehen, worauf ihr der Beschuldig-
te nochmals auf den Kopf geschlagen habe und sie in einer Kauerstellung geblie-
ben sei. Nun habe sie gesehen, wie ihre Schwester den Beschuldigten in die Kü-
che zurückgedrängt habe. Sie habe ihrer Schwester dabei geholfen. Darauf sei
der Beschuldigte in Richtung Küche zurückgewichen und im Türrahmen stehen
geblieben. Er habe - glaublich aus seiner rechten Hosentasche - eine Schusswaf-
fe hervorgezogen, eine kleine schwarze Pistole, kleiner als die Dienstwaffe des
Polizisten. Er habe mit gestrecktem Arm sofort auf die links neben ihr stehende
Schwester gezielt und einen Schuss abgegeben. Sie habe gesehen, dass die
Schwester an der linken Schulter getroffen worden sei, habe wieder zum Be-
schuldigten geschaut und gesehen, dass er die Waffe nun auf sie selber gerichtet
habe. Er sei da nur etwa 1 1⁄2 Meter von ihnen entfernt gewesen. Sie, die beiden
Frauen, hätten sich dann rückwärts ins Schlafzimmer zurückgezogen. Ihrer
- 35 -
Schwester sei es gelungen, die Tür ins Schloss zu ziehen, worauf er noch zwei-
mal versucht habe, diese aufzudrücken. Sie hätten geschrien. Nach etwa 10 Mi-
nuten sei dann die Polizei eingetroffen. Inzwischen habe der Beschuldigte die
Wohnung - aufgrund der umgestürzten Pflanzen wohl über den Balkon - verlas-
sen gehabt (S. 3).
Auch diese Darstellung des Tatablaufs ist anschaulich und nachvollziehbar. Sie
deckt sich in allen wesentlichen Teilen mit jener der Privatklägerin B._. In
Anbetracht des hektischen und dynamischen Geschehens, aber auch des Um-
standes, dass die erste Befragung der Privatklägerin B._ nach deren Opera-
tion im Spital und dann erst wieder einige Zeit später erfolgte, sind kleinere Diffe-
renzen oder Ungenauigkeiten ohne Bedeutung. So ist es nebensächlich, ob sich
das Geschehen vor der Schussabgabe auch einmal kurz ins Wohnzimmer oder in
Richtung der Küche verlagert hatte. Dass der Beschuldigte während des Streits
dort die Pistole aus einer Schublade hervorgeholt hatte, schilderte auch die Pri-
vatklägerin nicht, andererseits berichtete sie nicht, dass auch der Beschuldigte
einmal zu Boden gefallen sei. Jedenfalls enthalten aber auch ihre Ausführungen
keinerlei Hinweis darauf, dass sich der Schuss versehentlich im Verlauf eines Ge-
rangels gelöst haben könnte; im Gegenteil, sie deuten klar auf eine bewusste
Schussabgabe hin, als sich der Beschuldigte von den beiden Frauen bedrängt
fühlte und sich durchsetzen wollte, als diese offenkundig nicht bereit waren, sich
seiner Brachialgewalt einfach zu fügen.
Die Privatklägerin C._ schilderte im Übrigen wie schon ihre Schwester, diese
und der Beschuldigte hätten sich vor zwei, drei Jahren kennen gelernt und später
zusammengelebt. Die Schwester habe sich wegen seiner Eifersucht aber schon
nach ein paar Monaten wieder trennen wollen. Er habe sie auch mindestens ein-
mal geschlagen. Sie wisse zwar keine Details, aber die Schwester habe aus der
Nase geblutet und ein blaues Auge gehabt. Aus Mitleid habe sie ihm aber nicht
den Laufpass gegeben. Ende März 2007 habe sie dann aber nach einer Eifer-
suchtsszene am Arbeitsplatz die Beziehung beendet. Sie habe keinen Kontakt
mehr gewollt, habe dann aber feststellen müssen, dass ihr der Beschuldigte
"dauernd abpasste". Auch sie selber habe er mehrere Male angerufen und gebe-
- 36 -
ten, sie solle ihre Schwester dazu bewegen, ihn anzurufen. Einmal sei er sogar
bei dieser eingebrochen, um sie zur Rede zu stellen, und einmal habe er ihrem
Vater telefonisch gedroht, die ganze Familie umzubringen (S. 4).
Auch die Privatklägerin C._ schildert damit anschaulich, dass der Beschul-
digte die Trennung von der Privatklägerin B._ nicht akzeptieren wollte, auf-
sässig war und auch vor Drohungen nicht zurückschreckte. Auch ihre Darstellung
enthält jedenfalls nicht den kleinsten Hinweis darauf, dass der Beschuldigte sich
nur in die Wohnung der Ex-Freundin begeben hatte, um dort irgendwelche per-
sönlichen Effekten abzuholen.
5.2 Am 9. Juni 2009 wurde die Privatklägerin C._ als Zeugin mit dem Be-
schuldigten konfrontiert (Urk. HD 7.2)
Sie führte hier unter anderem aus, die Privatklägerin B._ und der Beschuldig-
te hätten im Verlaufe ihrer Beziehung viel gestritten, oft in ihrer Anwesenheit.
Einmal habe die Schwester geblutet, nachdem sie vom Beschuldigten geschlagen
worden war. Den Schlag selber habe sie aber nicht gesehen. Die Schwester habe
aber einige Male am Telefon geweint. Die Beziehung sei dann vor ein paar Mona-
ten nach einem Streit am Arbeitsplatz von der Schwester beendet worden (S. 4
f.).
Bezüglich des inkriminierten Vorfalles wisse sie nicht, ob sie sich noch an alles er-
innern könne. Anlässlich ihrer Befragung am tt.mm.2007 habe sie die Wahrheit
gesagt (S. 6). Die Schwester habe damals in Angst vor dem Beschuldigten gelebt,
weshalb sie die Wohnung nach dem Betreten immer durchsucht hätten. Sie sel-
ber habe nicht geglaubt, er sei in der Wohnung, und habe das zwar lächerlich ge-
funden, aber es wegen der Schwester gemacht. Als sie dann auf dem Balkon ge-
wesen sei, habe ihre Schwester laut geschrien: "C._, er ist hier!" Die
Schwester sei dann aus dem Schlafzimmer gerannt und habe sich hinter ihr ver-
steckt. Der Beschuldigte sei dann dicht vor ihr gestanden und habe von der
Schwester wissen wollen, ob sie einen neuen Freund habe. Sie selber habe nun
damit begonnen, den Beschuldigten wegzustossen. Sie hätten sich dadurch zur
Stube bewegt, wo sie ihre Schlüssel habe behändigen wollen, um die Wohnungs-
- 37 -
türe aufzuschliessen. Der Streit habe sich damit auf sie und den Beschuldigten
verlagert, worauf ihre Schwester dazwischen gegangen sei (S. 7). Der Beschul-
digte sei wütend auf sie, die Privatklägerin C._, gewesen, und sie habe ihm
Vorwürfe gemacht wegen des Eindringens in die Wohnung. Tage zuvor sei sie
auch von ihrem Vater vor dem Beschuldigten gewarnt worden. Sie habe deshalb
auch laut um Hilfe und nach der Polizei gerufen. Als sie zu schreien begonnen
habe, sei sie vom Beschuldigten auf den Kopf geschlagen worden, vermutlich mit
einer Türfalle, worauf sie zu Boden gefallen und einige Sekunden bewusstlos ge-
wesen sei. Als sie die Augen geöffnet habe, sei auch die Schwester am Boden
gelegen und habe die Hände über den Kopf gehalten - offenbar habe er auch sie
geschlagen. Sie sei dann aufgestanden und habe den Beschuldigten weggestos-
sen, weil er nach wie vor auf die Schwester geschlagen habe. Nachher hätten sie
den Beschuldigten gemeinsam in Richtung Küche gestossen. ln diesem Moment
habe der Beschuldigte eine Pistole hervorgezogen. Sie und ihre Schwester hätten
laut geschrien, da habe er geschossen. Nachdem er auf ihre Schwester geschos-
sen habe, habe er die Waffe auf sie selber gerichtet. Die Schwester habe geblu-
tet, und es sei dieser dann gelungen, die Schlafzimmertüre zuzustossen. Sie hät-
ten sie so zugehalten, dass der Beschuldige sie nicht habe öffnen können. Auf
der Innenseite habe sich keine Türfalle befunden. Der Beschuldigte habe mehr-
fach versucht, die Türe zu öffnen. Später habe er die Wohnung irgendwie verlas-
sen, und sie habe aus dem Fenster um Hilfe gerufen (S. 9).
Sie bestätigte ausdrücklich ihrer frühere Aussage, wonach ihrer Schwester nach
der Trennung vom Beschuldigten dauernd belästigt und bedroht worden sei (S.
9). Sie präzisiert, heute nicht mehr zu wissen, ob ihr die Schwester vor oder nach
dem fraglichen Ereignis erzählt hatte, der Beschuldigte sei schon einmal in ihre
Wohnung eingedrungen und habe sie bedroht (S. 11). Sie sei auch nicht mehr si-
cher, ob sie im Korridor oder noch im Wohnzimmer gewesen sei, als die Schwes-
ter geschrien habe nach der Entdeckung des Beschuldigten im Schrank. Sie führ-
te aus, sich auch an einzelne Sätze im Rahmen der nachfolgenden Auseinander-
setzung nun nicht mehr erinnern zu können. Der Beschuldigte und ihre Schwester
hätten einfach laut und aggressiv miteinander geredet (S. 12 f.). Sie verneinte
ausdrücklich, dass sich der Beschuldige nach seiner Entdeckung im Schrank in
- 38 -
der Küche befunden habe bis auf den Moment, als sie ihn gemeinsam in Richtung
der Küche gestossen hatten. Unmittelbar danach habe er dann die Pistole her-
ausgezogen (S. 15); er habe sich aber nie im Innern der Küche befunden (S. 17).
Sie habe Angst vor dem Beschuldigten gehabt, aber nicht das Gefühl, er sei an-
getrunken gewesen; er habe weder nach Alkohol gerochen noch gelallt (S. 15).
Sie verneinte, dass der Beschuldigte vor der Schussabgabe irgendwelche Mani-
pulationen an der Waffe vorgenommen hatte (S. 17 f.). Sie könne sich erinnern,
dass er diese gezogen, den Arm gestreckt und dann geschossen habe (S. 18).
Sie konnte sich nicht erinnern, dass er dabei irgend etwas gesagt hatte. Sie wie-
derholte, er habe die Waffe hervorgenommen und den Arm gestreckt. Sie fügte
an, er habe mit der Waffe auf ihre Schwester gezeigt und geschossen. Sie wisse
nur nicht mehr, ob die Schwester da links oder rechts von ihr gestanden sei. Sie
seien jedenfalls im Türrahmen des Schlafzimmers gestanden, sie schätze, in ei-
ner Distanz von ca. einem Meter zum Beschuldigten, allenfalls etwas mehr. Er
habe nach dem Hervornehmen der Waffe schnell geschossen (S. 18). Sie denke,
sein Arm sei da ganz ausgestreckt gewesen, dies in Richtung ihrer Schwester.
Die beiden seien sich vis-à-vis gestanden und hätten sich gegenseitig ange-
schaut. Als die Schwester getroffen worden sei, habe sie sich irgendwie bewegt;
sie denke, diese Bewegung sei schon vor der Schussabgabe erfolgt (S. 19). Sie
könne nicht sagen, wie der Beschuldigte im Moment der Schussabgabe reagiert
habe, da sie sich nun auf die Schwester konzentriert habe. Sie hätten dann ja
auch schnell die Schlafzimmertüre geschlossen.
Als Zeugin bestätigte die Privatklägerin C._ ihre frühren Aussagen, soweit
sie sich nun noch an den Vorfall erinnern konnte. Nicht im Ansatz gab sie dabei
einen Hinweis darauf, dass sich der Beschuldigte in einer Notwehrsituation be-
funden und dann aus einer Küchenschublade die Faustfeuerwaffe hervorgeholt
hatte. Vielmehr schilderte sie klar und deutlich, dass der Beschuldigte die Waffe
bereits auf sich hatte und sie hervornahm, nachdem er von den beiden Frauen in
Richtung Küche abgedrängt worden war. Der Schuss wurde weder bereits beim
Hervornehmen der Waffe ausgelöst noch gar im Verlauf eines Gerangels zwi-
schen ihm und einer der beiden Frauen. Er schoss vielmehr mit ausgestrecktem
- 39 -
Arm und aus einer Distanz von mindestens einem Meter zu den beiden Frauen.
Für die Hypothese einer ungewollten Betätigung des Abzugs fehlt auch aufgrund
der anschaulichen und detaillierten Darstellung der Privatklägerin C._ jeder
konkrete Hinweis.
Die Aussagen der Zeugin sind im Übrigen von einer gewissen Zurückhaltung ge-
prägt. So erklärte sie auf die Frage, warum der Beschuldige die Waffe auch ge-
gen sie gerichtet hatte: "Ich weiss es nicht.". Als sie gefragt wurde, ob sie eine
Vermutung habe, fügte sie an: "Nein. Ich weiss nicht, mit welcher Absicht der An-
geschuldigte überhaupt in die Wohnung kam; ob er uns beide umbringen wollte
oder nur meine Schwester; ich weiss es nicht." Auf die Frage, ob der Beschuldigte
allenfalls den Abzug noch ein weiteres Mal betätigt, sich dann aber kein weiterer
Schuss gelöst habe, erklärte sie, nichts derartiges bemerkt zu haben (S. 21). Al-
lerdings bezeichnet sie nach entsprechendem Vorhalt, die Aussagen des Be-
schuldigten, wonach sich der Schuss "unabsichtlich" gelöst habe, als "lächerlich"
und erklärte, sie gehe davon aus, er habe absichtlich auf ihre Schwester ge-
schossen. Auf die Nachfrage "um diese zu töten?", antwortete sie: "Ja, natürlich,
oder um sie zu verletzen." Diese - allerdings subjektive - Einschätzung der Zeugin
ist aufgrund der gesamten Umstände durchaus nachvollziehbar und lässt jeden-
falls keine Tendenz erkennen, den Beschuldigten mit falschen oder übertriebenen
Angaben zum Sachverhalt zu belasten.
Insgesamt ist die Darstellung der Privatklägerin C._ stimmig, glaubhaft und
überzeugend. Sie enthält nicht den geringsten Hinweis darauf, dass der Beschul-
digte vom Schuss selber überrascht wurde, jedenfalls schildert sie nicht im ge-
ringsten ein Verhalten, wie es vom Beschuldigten nach einer unbeabsichtigten
Schussabgabe zu erwarten gewesen wäre. Sie lässt die Beteuerungen des Be-
schuldigten, der Schuss habe sich ungewollt gelöst, als blosse Schutzbehauptung
erscheinen.
6. Die Verteidigung macht geltend, auch nach Einschätzung des sachverständi-
gen Zeugen Dr. K._ in der vorinstanzlichen Hauptverhandlung, könne eine
"unbeabsichtigte Schussabgabe durchaus zustande kommen (..), wenn eine
Stresssituation vorliege, dies auch dann, wenn der Stress nicht mit einer grossen
- 40 -
körperlichen Anstrengung (z.B. mit der waffenfreien Hand) verbunden sei" (Prot. I
S. 14, Urk. 140 S. 2).
Dieser Hinweis des Verteidigers gibt die Ausführungen des genannten Gutachters
nur stark verkürzt und im Ergebnis unzutreffend wieder.
6.1 Der vom Gericht beauftragte Gutacher Dr. K._ (vgl. Urk. HD 48) arbeitet
als Sachverständiger am ... Institut F._. Die bis anhin unauffindbare Tatwaffe
stand ihm für seine Ermittlungen nicht zur Verfügung. Indessen hatte bei der Spu-
rensicherung am Tatort ein Projektil des Kalibers .22 Short sowie eine entspre-
chende Hülse der Marke "Winchester" sichergestellt werden können. Beides
konnte vom Gutachter berücksichtigt werden.
6.2 Dr. K._ erstattete sein schriftliches Gutachten - zusammen mit dem
Sachbearbeiter L._ am 2. Februar 2011 (Urk. HD 68).
Dr. K._ referierte, dass Patronen des vorgefundenen Kalibers vorwiegend mit
Waffen dieses Kaliber verschossen würden, doch seien sie auch mit Waffen der
Kaliber .22 Long Rifle, .22 Long sowie .22 WIN MAG RF kompatibel. Aufgrund der
am Projektil erkennbaren Laufspezifikationen und der an der Hülse erkennbaren
zur Abformung gelangten Verfeuerungsmerkmale seien aus allen vier Kalibern
insgesamt 9 Waffen ermittelt worden, darunter 8 Selbstladepistolen der Marke
"Astra", Modell "2000 CUB" sowie ein Derringer der Marke "Davis" Modell "D-22",
wobei letztere aufgrund der zwei runden Schlagbolzen wieder habe ausgeschlos-
sen werden können. Somit komme als Tatwaffe "mit einer sehr hohen Sicherheit"
nur die Selbstladepistole Astra 2000 CUB oder eine dem Gutachter nicht bekann-
te (ähnliche, S. 12) Waffe in Frage (S. 6 und 11). Die Wahrscheinlichkeit, dass es
eine Astra 2000 CUB gewesen sei, liege bei 95 %.
Diese Waffe habe ein "Single-Action"- Abzugssystem und einen Rückstosslader
mit Masseverschluss, einen schwenkbaren Sicherungshebel, eine Magazinsiche-
rung sowie einen Hammer mit Sicherheitsrast (S. 7). Die Schussabgabe setze
somit (im Gegensatz zum Double-Action-Abzugssystem) das Zurückziehen und
Vorschnellenlassen des Verschlusses und das Betätigen des Abzugs voraus
- 41 -
(wenn sich die Patrone zuvor im Magazin befunden habe) oder das Zurückziehen
des Schlaghammers und Betätigen des Abzugs (wenn sich bereits eine Patrone
im Patronenlager befinde).
Aus den weiteren Ausführungen ergibt sich klar, dass eine Schussabgabe nicht
möglich ist, solange der Sicherungshebel sich nicht in senkrechter Lage befindet
und der Schlaghammer nicht gespannt ist. Die Schussabgabe setzt sodann das
vollständige Durchziehen des Abzuges voraus, womit der gespannte Schlag-
hammer ausgeklinkt und die Zündung der Patrone ausgelöst wird. Das Abzugs-
gewicht wird dabei unter Bezugnahme auf zwei untersuchte Pistolen "Astra 2000
Cub" aus der Sammlung des ... Instituts F._ mit Werten zwischen 3,4 und
3,6 Kilogramm angegeben (S. 9).
Der Gutachter warf sodann von sich aus die Frage einer "unbeabsichtigten"
Schussabgabe auf, ohne sie jedoch zu beantworten (S. 13).
6.3 Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung erläuterte Gutachter
K._ mündlich die Funktionsweise einer Pistole Astra Modell 2000 CUB (Urk.
82 S. 2 ff.). Er wurde sodann mit der Frage konfrontiert, ob nicht, wie vom Be-
schuldigten behauptet, eine unbeabsichtigte Schussabgabe in Betracht gezogen
werden müsse (S. 3).
Er erläuterte hierauf, rein technisch werde eine unbeabsichtigte Schussabgabe
schon durch den Sicherungshebel und das Abspannen des Hammers verhindert.
Eine weitere Vorrichtung sei der Abzugswiderstand. Bevor sich ein Schuss löse,
müsse mit dem Zeigefinger eine nicht zu vernachlässigende Kraft von über 3 Ki-
logramm überwunden werden. Untersuchungen in Deutschland hätten allerdings
ergeben, dass ein unbeabsichtigte Schussabgabe möglich sei, "insbesondere
wenn man mit der anderen Hand, also mit der linken, eine Kraft ausübe in Stress-
situationen, so dass sich dann ca. 20 % der Kraft auf die waffenführende Hand
übertragen" könne. Genau beschrieben worden seien zwei Fälle: Im einen habe
eine Polizistin mit der freien Hand eine abgeschlossene Autotür öffnen wollen und
dabei so stark gezogen, dass sich aus der Waffe, die sie in der andern Hand ge-
halten habe, ein Schuss löste. Im anderen Fall sei ein Polizist hingefallen und ha-
- 42 -
be aufstehen wollen, worauf sich dann ebenfalls ein Schuss gelöst habe. Weitere
Fälle hätten sie am ... Institut F._ selber untersucht, wobei es immer darum
gegangen sei, dass sich beim Herausnehmen der Waffe aus dem Holster oder
beim Versorgen in einen solchen ein Schuss gelöst habe. Auch in diesen Fällen
setze die Schussauslösung jedoch (unter anderem) voraus, dass die Waffe
durchgeladen und entsichert sei und dass der Finger am Abzug gehalten werde
(S. 4). Der Referent fasste nach und wollte wissen, ob eine konkrete Aussage zu
den im vorliegenden Verfahren sich gegenüberstehenden Varianten gemacht
werden könne oder ob dies reine Spekulation wäre. Der Experte meinte darauf:
"Im vorliegenden Fall kann ich keine Anhaltspunkte erkennen, ausser der Stress-
situation, die nötig wären, um die Kriterien zu erfüllen, die in den genannten Fäl-
len, also den zwei in Deutschland und denjenigen, die wir untersucht haben, zu
einer Unbeabsichtigtkeit führen können, d.h. ich sehe keinen Anhaltspunkt, dass
der Beschuldigte mit der anderen Hand eine grosse Kraftanstrengung ausübte.
Zudem muss er gemäss Schilderung die Waffe im entsicherten, durchgeladenen
Zustand mit gespanntem Hammer bereits mitgeführt haben. Er hat von keiner
Handlung gesprochen, von Entsichern, Hammerspannen oder Ladebewegung.
Dies ist eher als unüblich zu bezeichnen. In diesem Zustand könnte sich ja bereits
in der Hose oder beim Mitführen der Schuss lösen." Der Referent fragt nun nach,
ob in den beiden Fällen aus Deutschland und in den vom Sachverständigten in
der Schweiz untersuchten (beiden) Fällen jeweils eine Kraftübertragung von der
waffenfreien zur waffentragenden Hand erfolgt sei. Der Sachverständige präzi-
sierte, so eine Kraftübertragung sei nur in einem einzigen Fall, jenem mit der Au-
totüre so beschrieben worden. In den anderen Fällen seien aber "generelle Kraft-
anstrengungen des Körpers vorhanden" gewesen, nicht ausschliesslich ein Zu-
greifen der nicht waffenführenden Hand; zum Beispiel ein Aufstehen, ein Rennen
oder andere Bewegungen. Der Referent fasste erneut nach und fragte, ob dem-
nach "eine unbeabsichtigte Schussabgabe nur dann zu diskutieren" sei, "wenn ei-
ne gleichzeitige körperliche Anstrengung" vorliege. Der Sachverständige erklärte
hierauf: "Ja, es braucht eine gleichzeitige, grosse körperliche Anstrengung. Zu-
sätzlich müsste diese Anstrengung ungewohnt, d.h. nicht eingeübt sein, so dass
die Stresssituation entsteht".
- 43 -
Der Sachverständige hat damit mit aller Deutlichkeit erklärt, dass Stress allein
keine hinreichende Begründung für das ungewollte Betätigen des Abzugs einer
Handfeuerwaffe durch die gestresste Person sein könne.
Ob man nun der Darstellung der beiden Privatklägerinnen oder des Beschuldigten
folgt: Es gibt keinen Hinweis dafür, dass er im Zeitpunkt der Schussauslösung
bzw. beim Durchziehen des Abzugs gleichzeitig noch irgend eine andere körperli-
che Anstrengung zu bewältigen hatte, geschweige denn gibt es einen konkreten
Hinweis für eine Kraftübertragung von der einen auf die andere Hand. Er selber
macht ja nicht geltend, der Schuss habe sich gelöst im Moment, als er die Waffe
aus der Hosentasche gezogen hatte. Folgt man seine Darstellung, hatte er sie
aus einer Küchenschublade geholt und war damit in den Korridor zurück. Er schil-
derte dabei keinen konkreten Vorgang, der sich auch nur im Ansatz mit den vom
Sachverständigen referierten Möglichkeiten vergleichen liesse. Folgt man den
beiden Privatklägerinnen (aber auch seiner Darstellung in der vorinstanzlichen
Hauptverhandlung), hatte er stehend, mit (zumindest teilweise) ausgestrecktem
Arm geschossen.
Insgesamt wird jedenfalls die These von der unbeabsichtigten Schussauslösung
durch das Gutachten nicht gestützt. Sie erweist sich vielmehr als völlig unwahr-
scheinlich und ist nicht geeignet die richterliche Überzeugung zu erschüttern, wo-
nach hier die Schussabgabe willentlich erfolgt war, wobei der Beschuldigte damit
eine tödliche Verletzung einer der beiden Frauen zumindest in Kauf genommen
hatte.
7. Die Vorinstanz hat die Schussabgabe in rechtlicher Hinsicht als versuchte vor-
sätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 12 Abs. 2
StGB und Art. 22 Abs. 1 StGB beurteilt (Urk. HD 98 S. 41 ff.) und namentlich eine
Qualifikation als versuchter Totschlag verworfen (S. 43). Diese rechtliche Würdi-
gung ist zutreffend, und sie wurde von der Verteidigung im Rahmen der Beru-
fungsbegründung mit keinem Wort beanstandet.
Es kann somit gemäss Art. 82 Abs. 4 StPO ohne Weiteres beim Verweis auf die
zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz sein Bewenden haben.
- 44 -
8. Der Beschuldigte ist zusätzlich zum bereits rechtskräftigen Schuldspruch der
versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
IV.
1. Sind gleichzeitig mehrere Straftaten eines Beschuldigten zu beurteilen, ist für
die Strafzumessung von der Strafzumessung für das schwerste Delikt auszuge-
hen (Art. 49 Abs. 1 StGB). Gemäss Gesetz ist das Strafmass sodann aufgrund
der weiteren Delikte zu erhöhen, wobei das Höchstmass der Strafe nicht um mehr
als die Hälfte überschritten werden darf.
Das Gericht misst die Strafe weiter nach dem Verschulden des Täters zu. Es be-
rücksichtigt das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung
der Strafe auf das Leben des Täters. Das Verschulden wird nach der Schwere der
Verletzungen oder der Gefährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Ver-
werflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zielen des Täters sowie da-
nach bestimmt, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren Umständen in
der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden (Art. 47 StGB).
2. Schwerstes Delikt ist hier der Tatbestand der vorsätzlichen Tötung im Sinne
von Art. 111 StGB. Das Höchstmass der auf dieses Delikt entfallenden Freiheits-
strafe liegt bei 20 Jahren (Art. 40 StGB). Der obere Rahmen der betreffenden,
zeitlich begrenzten Strafart ist damit bereits erreicht. Die Mindeststrafe beträgt
gemäss Art. 111 StGB 5 Jahre Freiheitsstrafe.
3.1 Beim Tötungsdelikt liegt hier nur Versuch im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB
vor; der Erfolg der Tat ist ausgeblieben. Dies ist bei der Beurteilung der objektiven
Tatkomponente zu Gunsten des Beschuldigten zu berücksichtigen. Art. 22 StGB
lässt grundsätzlich eine Milderung nach Art. 48a StGB zu. Diese Bestimmung
setzt für die Strafe keine untere Grenze, soweit das Mindestmass der Strafart
nicht unterschritten wird. Grundsätzlich möglich wäre auch eine mildere Art der
Sanktion.
- 45 -
Liegt nur ein Versuch vor, führt dies zwar meistens zu einer milderen Strafe, als
sie für das vollendete Delikt auszusprechen wäre, doch muss der reguläre Straf-
rahmen des betreffenden Straftatbestandes keineswegs zwingend oder auch nur
in der Regel unterschritten werden (vgl. Jenny in BSK, N 25 zu Art. 22 StGB).
Vorliegend ist von Bedeutung, dass der Beschuldigte die Waffe abgefeuert und
damit seinerseits alles getan hatte, damit der Erfolg bzw. der Tod seines Tatop-
fers hätte eintreten können. Es ist dem Zufall oder buchstäblich einer glücklichen
Wendung zu verdanken, dass sich dieses (die Privatklägerin B._) im aller-
letzten Augenblick zur Seite gedreht hatte, so dass das Projektil nur quer die
Schulter streifte und so weder lebenswichtige Organe noch bedeutende Blutbah-
nen getroffen wurden bzw. kein lebensgefährliche Verletzung eingetreten ist.
Immerhin war aber die tatsächliche Verletzung der Privatklägerin B._ recht
erheblich und mit Sicherheit schmerzhaft. Sie musste sich sofort einem operativen
Eingriff unterziehen und konnte das Spital erst zwei Tage später verlassen (Urk.
HD 11.2). Abgesehen von einer Narbenbildung sind indessen nach ärztlicher Ein-
schätzung keine bleibende Schäden zu erwarten (Urk. HD 11.3).
3.2. In subjektiver Hinsicht fällt vorab etwas entlastend in Betracht, dass dem Be-
schuldigten keine direkte Tötungsabsicht (dolus directus ersten Grades) nachge-
wiesen werden konnte. Die Tat erfolgte im Verlauf eines Streites und trägt deut-
lich affektakzentuierte Züge und war nicht nachweisbar von langer Hand vorberei-
tet. Nicht einmal ein direkter Tötungsvorsatz (dolus directus zweiten Grades) lässt
sich hier zweifelsfrei erstellen. Es ist nur von einem Eventualvorsatz auszugehen,
was sich bei der Strafzumessung zu Gunsten des Beschuldigten auswirkt. Er-
schwerend ist andererseits, dass der Beschuldigte den Streit massgeblich mit sei-
nem rechtswidrigen und schuldhaften Eindringen in die Wohnung herbeigeführt
hatte und dabei schliesslich auch aus nichtigem Anlass zur Waffe gegriffen und
damit geschossen hatte. Dies zeugt von einer erheblichen kriminellen Energie.
3.3 Wäre die Privatklägerin B._ (oder allenfalls ihre Schwester) vom Schuss
des Beschuldigten tödlich getroffen worden, hätte - bei voll erhaltener Schuldfä-
- 46 -
higkeit - allein für das Tötungsdelikt durchaus eine Freiheitsstrafe im Bereiche von
15 Jahren in Betracht gezogen werden müssen.
3.4 Die Verteidigung machte vor Vorinstanz geltend, der Beschuldigte sei bei den
Straftaten, mithin auch bei der Schussabgabe, unter Alkoholeinfluss gestanden,
was strafmildernd zu berücksichtigen sei (Urk. 89 S. 13). Sinngemäss machte sie
eine Verminderung der Schuldfähigkeit geltend, die dieser zwar selber verschul-
det, dabei aber nicht vorausgesehen habe, dass er in diesem Zustand eine Straf-
tat begehen werde.
Die Vorinstanz hatte sich mit dieser Argumentation unter Hinweis auf die Untersu-
chungsakten eingehend auseinandergesetzt und sie zu Recht verworfen. In der
Tat kann zwar dem Beschuldigten nicht widerlegt werden, dass er vor der Tat al-
koholische Getränke zu sich genommen hatte. Konkrete Hinweise darauf, dass er
darauf in erheblichem oder gar hohem Masse alkoholisiert gewesen wäre, finden
sich allerdings in den Akten nicht. So war er ja nach der Tat nicht nur fähig, aus
der Wohnung zu fliehen - notabene mit einem unfallfreien Sprung vom Balkon -
sondern anschliessend sein Auto zu finden und am Steuer dieses Autos zu ent-
kommen.
3.4.1 Wer wegen Geisteskrankheit, Schwachsinn oder schwerer Störung des Be-
wusstseins nicht fähig war, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder gemäss sei-
ner Einsicht in das Unrecht seiner Tat zu handeln, ist nicht strafbar. Vorbehalten
bleibt die Anordnung von Massnahmen (Art. 19 Abs. 1 und 3 StGB).
Liegt im Sinne von Art. 19 Abs. 2 StGB eine verminderte Schuldfähigkeit vor, ist
die Strafe im Sinne von Art. 48a StGB zu mildern. Eine allfällige Verminderung
der Schuldfähigkeit ist im Rahmen der Beurteilung der subjektivern Tatkomponen-
te zu prüfen.
3.4.2 Die akute oder chronische Wirkung psychotroper Substanzen, namentlich
von Alkohol kann zwar durchaus einen wesentlichen Einfluss auf die Schuldfähig-
keit eines Menschen haben. Indessen ist ein unmittelbarer Rückschluss von einer
gemessenen oder auch nur abgeschätzten Blutalkoholkonzentration auf den psy-
- 47 -
chischen Zustand im Tatzeitpunkt nicht möglich. Immerhin nimmt das Bundesge-
richt im Sinne einer Faustregel an, dass ab 2 ‰ eine verminderte Schuldfähigkeit
und ab 3‰ eine Aufhebung der Schuldfähigkeit in Betracht zu ziehen sei (vgl.
Bommer/Dittmann in BSK, N 62 zu Art. 19 StGB). Bei 2 Promille liegt in der Regel
schon ein erheblicher Rauschzustand vor.
3.4.3 Wie schon die Vorinstanz unter Hinweis auf die Untersuchungsakten darleg-
te, kann hier beim Beschuldigten wohl nicht im Ernst von einem derartigen Zu-
stand bzw. einem forensisch relevanten Blutalkoholgehalt ausgegangen werden.
Eine Verminderung der Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit ist beim Beschuldig-
ten aufgrund der Akten nicht ersichtlich, mithin besteht auch unter Berücksichti-
gung der Unschuldsvermutung kein Anlass, eine Verminderung seiner Schuldfä-
higkeit anzunehmen.
3.5 Insgesamt erscheint unter dem Gesichtspunkt der Tatkomponenten für das
versuchte Tötungsdelikt eine Einsatzstrafe von 10 Jahren Freiheitsstrafe dem
Verschulden angemessen. Dies entspricht dem vom Verteidiger im Rahmen der
Berufungsbegründung angeführten Strafmass (vgl. Urk. HD 100 S. 9).
4. Art. 49 StGB lässt eine Straferhöhung wegen Konkurrenz nur zu, wenn die Vo-
raussetzungen für mehrere gleichartige Strafen erfüllt sind. Dies ist hier bezüglich
der weiteren Straftaten, bei welchen bereits ein rechtskräftiger Schuldspruch vor-
liegt, der Fall. Zu berücksichtigen sind somit die der Privatklägerin B._ zuge-
fügten, allerdings nicht allzu schwerwiegenden Kopfverletzungen sowie die erheb-
liche Drohung gegenüber der Privatklägerin C._ mit vorgehaltener Waffe,
aus der er unmittelbar zuvor einen Schuss abgefeuert hatte. Die gegenüber dem
Vater der beiden Privatklägerinnen später ausgesprochenen Drohungen sind
demgegenüber nur von untergeordneter Bedeutung für das Strafmass.
Unter Berücksichtigung des Asperationsprinzips erscheint eine Erhöhung der Ein-
satzstrafe auf 10 Jahre und sechs Monate angemessen.
5. Die Vorinstanz hat das Vorleben und die persönlichen Verhältnisses des Be-
schuldigten bereits ausführlich dargestellt (Urk. HD 98 S. 56 ff.). Der Beschuldigte
- 48 -
hat diesbezüglich keinerlei Korrekturen angebracht, sondern seine früheren Aus-
sagen zur Person anlässlich der Berufungsverhandlung bestätigt (Urk. 139 S. 1
f.). Es kann darauf verzichtet werden, alle diese Angaben zu wiederholen.
Die Vorinstanz hatte die drei Vorstrafen des Beschuldigten angeführt, ihnen aber -
soweit aus der Urteilsbegründung ersichtlich - insgesamt nur eine geringfügig
straferhöhende Wirkung beigemessen (S. 58). Sie verneinte ausdrücklich das
Vorliegen aufrichtiger Reue und Einsicht sowie eine besondere Strafempfindlich-
keit. Nur leicht wirke sich zu Gunsten des Beschuldigten aus, dass er sich der Po-
lizei gestellt habe (S. 59). Sie kam zum Schluss, das "strafmindernd zu gewich-
tende Nachtatverhalten" überwiege die straferhöhend zu veranschlagenden Vor-
strafen "leicht", und reduzierte die von ihre für alle Delikte nach dem Verschulden
bemessene Freiheitsstrafe von 10 auf 9 Jahre.
Dem kann nicht gefolgt werden.
Beim Beschuldigten handelt es sich, wie die schon die Vorinstanz richtig darge-
legt hatte, nicht um einen bislang unbescholtenen Ersttäter. Es ist unbestritten,
dass er in seiner Heimat wegen Vergewaltigung zu einer Freiheitsstrafe von 5
Jahren und 6 Monaten verurteilt wurde (Urk. HD 26.5; Urk. 81 S. 2 f.). Er sass
deswegen nach eigenen Angaben vom tt.mm.1996 bis zum tt. oder tt.mm.2001 im
Gefängnis. Das heute zu beurteilende versuchte Tötungsdelikt beging er somit
rund 7 1⁄2 Jahre, nachdem er aus dem jahrelangen Strafvollzug wegen eines an-
deren Gewaltdelikts gegenüber einer Frau entlassen worden war. Dieser Vorgang
ist für die Strafzumessung - trotz Zeitablaufs - keineswegs bedeutungslos oder
nur von sehr geringfügigem Gewicht. Hinzu kommen zwei Vorstrafen in der
Schweiz (Urk. HD 26.3): je 10 Tage Gefängnis bedingt wegen rechtswidriger Ein-
reise (Entscheid des Bezirksamtes Aarau vom 18. September 2001) und wegen
Diebstahls (Strafmandat der Bezirksanwaltschaft Zürich vom 21. März 2002).
Das Nachtatverhalten des Beschuldigten gibt - entgegen der Auffassung der Ver-
teidigung (Urk. 140 S. 4) - wiederum gar keinen Anlass für eine Strafreduktion:
Nicht nur verliess er unter Mitnahme der Tatwaffe fluchtartig den Tatort ohne sich
um die Verletzte zu kümmern. Er drohte dem Vater des Tatopfers und setzte sich
- 49 -
für viele Monate in den G._ ab. Zwar stellte er sich in der Tat der Polizei,
doch kam er damit nur einer drohenden Verhaftung und womöglich einer längeren
Auslieferungshaft unter prekären Verhältnissen zuvor. Bezüglich der objektiven
Tatumstände lag zudem bereits eine erdrückende Beweislage vor, in subjektiver
Hinsicht war und ist der Beschuldigte, wie oben dargelegt, jedenfalls bezüglich
des Tötungsdelikts alles andere als geständig.
Unter all diesen Umständen wäre - entgegen der Einschätzung der Vorinstanz -
nach Einbezug der Täterkomponente insgesamt allenfalls eine Straferhöhung ins
Auge zu fassen, keinesfalls jedoch eine Reduktion.
Insgesamt ist jedenfalls die von der Staatsanwaltschaft bei der Vorinstanz bean-
tragte Sanktion von 10 Jahren und 6 Monaten Freiheitsstrafe (Urk. HD 84 S. 1)
dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten durch-
aus angemessen. Die inzwischen erstandenen 983 Tage (bzw. 32 Monate und 23
Tage) Untersuchungs- und Sicherheitshaft sind an den Strafvollzug anzurechnen
(Art. 51 StGB).
6. Die Strafe übersteigt damit offenkundig den Rahmen, bei welchem auch nur ei-
ne teilbedingte Strafe möglich wäre oder ernsthaft in Betracht gezogen werden
könnte.
V.
1. Bei diesem Ausgang des Berufungsverfahrens sind die Kosten gestützt auf Art.
428 Abs. 1 StPO dem Beschuldigten aufzuerlegen. Die Kosten sind indessen we-
gen offensichtlicher Unerhältlichkeit abzuschreiben.
2. Grundsätzlich haben die Privatklägerinnen damit ihm gegenüber auch An-
spruch auf angemessene Entschädigung im Berufungsverfahren (Art. 433 Abs. 1
StPO). Es wurde indessen keine entsprechende Forderungen gestellt, geschwei-
ge denn beziffert und belegt. Es muss damit bei den bereits von der Vorinstanz
rechtskräftig festgelegten Entschädigungen sein Bewenden haben (Art. 433 Abs.
2 StPO).
- 50 -