Decision ID: d9eb20d1-2a43-4b35-b280-220012e983c3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 8. Juli 2022 um Asyl in der Schweiz
nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank Eurodac
ergab, dass er am 23. Juni 2022 illegal in Italien eingereist ist.
C.
Gestützt auf den Eurodac-Abgleich ersuchte die Vorinstanz am 13. Juli
2022 die italienischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers
gemäss Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO).
D.
Anlässlich der Personalienaufnahme vom 14. Juli 2022 und des Dublin-
Gesprächs vom 28. Juli 2022 gab er an, das erste europäische Land, in
welches er eingereist sei, sei Italien gewesen. Die italienischen Behörden
hätten ihn zur Abgabe seiner Fingerabdrücke gezwungen. Er habe sich
zwei Tage in einem Camp aufgehalten und habe die Krätze gehabt. Ihm
sei mitgeteilt worden, dass er eine medizinische Behandlung und Kleider
erhalte. Er habe das Camp jedoch verlassen und sei in die Schweiz wei-
tergereist. Sein Onkel mütterlicherseits (ms) wohne in der Schweiz. Er
habe keine gesundheitlichen Beschwerden.
E.
Die italienischen Behörden nahmen innerhalb der festgelegten Frist keine
Stellung zum Übernahmeersuchen.
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F.
Mit Verfügung vom 15. September 2022 (eröffnet am 20. September 2022)
trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein,
ordnete dessen Wegweisung nach Italien an und beauftragte den zustän-
digen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Zudem stellte sie fest, ei-
ner allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschie-
bende Wirkung zu.
G.
Am 22. September 2022 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde. Er beantragte, es sei die Vorinstanz anzuwei-
sen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur voll-
ständigen Erstellung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusicherungen
bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren, der adäquaten medizinischen
Versorgung und Unterbringung von den Behörden des zuständigen Dub-
linstaates einzuholen. Der vorliegenden Beschwerde sei die aufschie-
bende Wirkung zu gewähren und das Migrationsamt sei anzuweisen, keine
Vollzugshandlungen durchzuführen. Ihm sei die unentgeltliche Prozessfüh-
rung zu gewähren und ein amtlicher Rechtsbeistand beizuordnen. Es sei
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Der Beschwerde lag ein fälschlicherweise auf den 31. September 2022 da-
tiertes Schreiben einer Bekannten bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG [SR 142.31] und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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Seite 4
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Soweit der Beschwerdeführer den Eventualantrag auf Rückweisung zur
vollständigen Sachverhaltsabklärung erhebt, wird dieser in der Be-
schwerde nicht weiter begründet. Aus den Akten ergeben sich keine Hin-
weise darauf, dass der rechtserhebliche Sachverhalt nicht vollständig und
richtig festgestellt wurde. Das entsprechende Rechtsbegehren ist somit ab-
zuweisen.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung dieses Staates
wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag ge-
stellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahme-
verfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zu-
ständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Gan-
zen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Die italienischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen der Vor-
instanz innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbe-
antwortet, womit sie die Zuständigkeit Italiens implizit anerkannten (Art. 22
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Seite 5
Abs. 7 Dublin-III-VO). Die Zuständigkeit Italiens ist somit grundsätzlich ge-
geben, was vom Beschwerdeführer auch nicht bestritten wird.
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, er habe nicht gewusst, welche
Konsequenzen aus der Abgabe seiner Fingerabdrücke in Italien resultieren
würden. In Italien habe er wenig Chancen auf ein gutes selbstbestimmtes
Leben. Sein Onkel lebe in der Schweiz. Er habe zudem bereits einige so-
ziale Kontakte, lerne Deutsch und wolle hier eine Lehre absolvieren. Wenn
sein Asylgesuch in Italien abgewiesen werde, wisse er nicht, wohin er ge-
hen solle. Nach Eritrea könne er nicht zurück.
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5.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat
die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäi-
schen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge-
meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna-
tionalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben,
anerkennt und schützt. Das italienische Asylverfahren und Aufnahmesys-
tem weisen demnach keine systemischen Mängel auf (vgl. Referenzurteile
des BVGer D-4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10; F-6330/2020 vom
18. Oktober 2021 E. 9.1; E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3). Hin-
sichtlich einer Rückführung nach Eritrea ist festzuhalten, dass er allfällige
Wegweisungsvollzugshindernisse gegenüber den italienischen Behörden
geltend machen kann und es keine Hinweise darauf gibt, Italien würde in
seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement (Art. 33 des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR
0.142.30]) missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in wel-
chem ihm eine asylrelevante Verfolgung nach Art. 3 Abs. 1 AsylG drohen
würde. Der Beschwerdeführer bringt zudem nichts vor, das Anlass zu einer
anderen Auffassung und zur Änderung der Rechtsprechung geben könnte.
Aus dem eingereichten Unterstützungsschreiben einer Bekannten lässt
sich ebenfalls nichts ableiten. Eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO ist daher nicht gerechtfertigt.
6.
Beim Beschwerdeführer ist keine rechtserhebliche medizinische Problem-
stellung erkennbar und er machte eine solche auch nicht geltend. Im Übri-
gen ist darauf hinzuweisen, dass Italien grundsätzlich über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur verfügt (Urteile des BVGer D-3857/2022
vom 9. September 2022 E. 8.3.3; F-3214/2022 vom 1. September 2022
E. 5.6). Der Zugang für asylsuchende Personen zum italienischen Gesund-
heitssystem über die Notversorgung hinaus ist derzeit grundsätzlich ge-
währleistet, auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen kom-
men kann (Urteil E-962/2019 E. 6.2.7). Es liegen keine Hinweise vor, wo-
nach dem Beschwerdeführer dort eine adäquate medizinische Behandlung
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Seite 7
verweigert würde. In Anbetracht der gegebenen Umstände (der Beschwer-
deführer gehört nicht zur Gruppe verletzlicher Personen im Sinne des Re-
ferenzurteils E-962/2019) muss entgegen der in der Beschwerde vertrete-
nen Auffassung auch keine Zusicherung von den italienischen Behörden
bezüglich medizinischer Versorgung und Unterbringung eingeholt werden.
Der entsprechende Antrag ist demzufolge abzuweisen. Folglich droht keine
Verletzung von Art. 3 EMRK, weshalb die Schweiz nicht zum Selbsteintritt
nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO verpflichtet ist; auch humanitäre Gründe
i.S.v. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 liegen nicht vor.
7.
7.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, sein Onkel lebe in der Schweiz.
7.2 Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO setzt voraus, dass zwischen dem Antrag-
steller und seinen Kindern, Geschwistern oder Elternteilen ein Abhängig-
keitsverhältnis wegen schwerer Krankheit, ernsthafter Behinderung oder
hohen Alters besteht. Soweit sich der Beschwerdeführer auf die Anwesen-
heit seines Onkels in der Schweiz beruft, ist darauf hinzuweisen, dass die-
ses Verwandtschaftsverhältnis nicht von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO er-
fasst ist. Zudem hat der Beschwerdeführer weder im Dublin-Gespräch
noch in der Beschwerde dargetan, dass zwischen ihm und seinem Onkel
ein Abhängigkeitsverhältnis im erwähnten Sinn besteht. Die Anwendung
von Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO ist daher zu verneinen.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Das Gesuch um Er-
teilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos geworden.
9.
9.1 Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb die Gesuche um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtliche Rechtsver-
beiständung ungeachtet einer allfälligen prozessualen Bedürftigkeit abzu-
weisen sind (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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