Decision ID: ccb5bc84-3b80-4d76-892e-3bc1ce0f879b
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg erhob gegen den
Beschuldigten am 9. Juni 2021 Anklage und hielt ihm Folgendes vor:
1. Strafdossier C1 (Sachverhaltskomplex)
1.1. Sachverhalt 1 Beschimpfung
Der Beschuldigte bezeichnete die Privatklägerin am 5. Mai 2020, ca. 22.00 Uhr, in deren Wohnung in N. in Anwesenheit von B. wissentlich und willentlich als "Nutte".
Ort: N. Zeit: Dienstag, 5. Mai 2020, ca. 22.00 Uhr Strafantrag: 6. Mai 2020 Zivilforderung: --
1.2. Sachverhalt 2 Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage
Am 6. Mai 2020, ca. 00.45 Uhr, begab sich der Beschuldigte vom Wohnort der Privatklägerin in N. nach Basel. Dort bezog der Beschuldigte mit der Bankkarte der Privatklägerin, welche er zuvor am Wohnort der Privatklägerin ohne deren Wissen  hatte, wissentlich und willentlich ab einem Bankomaten am Bahnhof Basel den Betrag von CHF 1'500.00. Eine Einwilligung der Privatklägerin für diesen Bargeldbezug lag nicht vor, was der Beschuldigte wusste. Der Beschuldigte behändigte das Geld, um es für sich zu behalten, da ihm die Privatklägerin nach eigener Ansicht noch Geld schuldete.
Ort: Basel, Hauptbahnhof Zeit: Mittwoch, 6. Mai 2020, zwischen 00.45 Uhr und 02:45 Uhr Deliktsbetrag: CHF 1'500.00 Zivilforderung: bisher nicht beziffert
1.3. Sachverhalt 3 Gefährdung des Lebens, mehrfache einfache Körperverletzung, Sachbeschädigung, Drohung, Beschimpfung
Am Mittwoch, 6. Mai 2020, ca. 02.30 Uhr, kehrte der Beschuldigte an den Wohnort der Privatklägerin in N. zurück.
a) Beschimpfung Vor Ort angekommen bezeichnete der Beschuldigte die Privatklägerin wissentlich und willentlich als "Nutte". Dabei warf er ihr gleichzeitig einzelne Banknoten, welche er zuvor in Basel abgehoben hatte, zu.
b) Drohung Im Zuge einer in der Folge sich ergebenden Diskussion äusserte der Beschuldigte der Privatklägerin gegenüber, er werde C. (Anm.: Ex-Freund der Privatklägerin), die Schwester und die Mutter der Privatklägerin sowie die Privatklägerin selbst umbringen. Die Privatklägerin fühlte sich durch die Äusserungen des Beschuldigten in Angst und Schrecken versetzt, was der Beschuldigte durch seine Äusserungen bezweckte.
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c) Mehrfache einfache Körperverletzung In der Folge entwickelte sich zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin eine sich über einen Zeitraum vom 02.45 Uhr bis ca. 05:45 Uhr hinziehende körperliche Auseinandersetzung, ausgehend vom Beschuldigten, wobei der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin wissentlich und willentlich wiederholt körperliche Gewalt anwandte. Insbesondere schlug der Beschuldigte die Privatklägerin im gesamten Zeitraum wiederholt wissentlich und willentlich mit der flachen Hand sowie der Faust ins Gesicht und auf den Po und trat weiter wiederholt mit den nackten Füssen nach ihr. Dadurch erlitt die Privatklägerin einen Bluterguss und Schleimhautläsionen der Unterlippen- und Wangenschleimhaut rechtsseitig, einen Bluterguss an der rechten Schulter, einen Bluterguss mit Oberhautabtragung am rechten Oberarm, eine partiell abblassbare Hautrötung im unteren Rückenbereich, mehrere streifige, abblassbare Hautrötungen an der rechten Hüfte, an der rechten Gesässbacke, in der rechten Ellenbeuge und am rechten Unterarm, mehrere kratzerartige Hautläsionen an der rechten Gesässbacke, eine Schürfung am rechten Unterarm, mehrere streifige Hauteinblutungen am rechten Oberschenkel aussen- und vorderseitig, mehrere kratzerartige Hautläsionen aussenseitig am rechten Knie und vorderseitig am linken Oberschenkel sowie einen Bluterguss sowohl am rechten Unterschenkel aussenseitig wie auch am linken Unterschenkel innenseitig. Ebenso riss der Beschuldigte die Privatklägerin mehrfach an den Haaren, wodurch ihr Teile ihrer Haar-Extension ausgerissen wurden, was der Beschuldigte als Folge seines Handelns im Mindesten in Kauf nahm. Weiter ergriff der Beschuldigte mindestens einmal den Kopf der Privatklägerin und schlug diesen gegen eine Wand der Wohnung. Ebenso ergriff der Beschuldigte mehrfach mit beiden Händen von vorne kurzzeitig den Hals der Privatklägerin.
d) Einfache Körperverletzung, Sachbeschädigung Im Rahmen der körperlichen Auseinandersetzung behändigte der Beschuldigte weiter das Mobiltelefon Apple iPhone 7 der Privatklägerin und schlug dieser damit wissentlich und willentlich auf die rechte Oberschenkelaussenseite. Die Privatklägerin erlitt dadurch an der entsprechenden Stelle einen geformten Bluterguss und verspürte im Zeitpunkt des Schlages grosse Schmerzen. Anschliessend zerbrach der Beschuldigte das Mobiltelefon der Privatklägerin wissentlich und willentlich mit seinen Händen in der Mitte in zwei Teile.
e) Gefährdung des Lebens, einfache Körperverletzung, versuchte Nötigung Im Schlafzimmer verlangte der Beschuldigte von der Privatklägerin in der Folge die Herausgabe deren PIN für das Mobiltelefon. Nachdem sich die Privatklägerin weigerte dem Beschuldigten ihre PIN mitzuteilen, packte der Beschuldigte die Privatklägerin an den Armen und warf diese auf ihr Bett. Durch das Packen an den Armen fügte der Beschuldigte der Privatklägerin auf Grund eines an seinen Fingern befindlichen Glassplitters des zuvor zerbrochenen Mobiltelefons am rechten Oberarm eine blutende Wunde zu, wobei er diese Verletzung im Mindesten in Kauf nahm. Anschliessend ergriff der Beschuldigte den Hals der auf dem Bett liegenden Privatklägerin mit beiden Händen mit grosser Kraft und drückte diese für mehrere Sekunden in ein Kissen. Dadurch wurde der Privatklägerin schwarz vor Augen, wobei sie gleichzeitig Atemnot verspürte. Als Folge des Angriffes gegen den Hals erlitt die Privatklägerin eine kurzstreckige, kratzerartige Hautläsion sowie eine abblassbare Hautrötung rechtsseitig am Nacken. Ebenso verspürte sie in den Folgetagen ein unangenehmes Gefühl beim Schlucken sowie einen leichten Hustenreiz. Durch diesen vom Beschuldigten ausgehenden Angriff gegen den Hals der Privatklägerin bestand eine konkrete Lebensgefahr für die Privatklägerin. Die von seiner Handlung ausgehende Lebensgefahr war dem Beschuldigten bekannt, gleichwohl führte er den Angriff auf den Hals der Privatklägerin durch. Ebenso wusste der Beschuldigte, dass er die Privatklägerin mit seinem Verhalten nötigt, den PIN-Code herauszugeben, was er auch beabsichtigte. Gleichwohl nannte die Privatklägerin ihren PIN-Code nicht. Im Zeitpunkt der Tat wies der Beschuldigte eine Blutalkoholkonzentration von mindestens 1.05 ‰ auf.
Ort: N.
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Zeit: Mittwoch, 6. Mai 2020, zwischen 02.45 Uhr und 05:45 Uhr Deliktsbetrag: CHF 800.00 (Wert Apple IPhone 7) Strafantrag: 6. Mai 2020 Zivilforderung: CHF 800.00
1.4. Sachverhalt 4 Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung
Nachdem es der Privatklägerin um ca. 05:45 Uhr gelang, den Beschuldigten aus ihrer Wohnung zu drängen, verliess dieser den Wohnort der Privatklägerin. Ca. nach 5 Minuten kehrte er wieder zurück und gelangte wissentlich und willentlich gegen den Willen der Privatklägerin zurück in die Wohnung, indem er das angelehnte Küchenfenster aufdrückte, dieses dabei wissentlich und willentlich beschädigte und die Wohnung der Privatklägerin durch dieses betrat.
Ort: N. Zeit: Mittwoch, 6. Mai 2020, zwischen 05.45 Uhr und 06.00 Uhr Strafantrag: 6. Mai 2021 Zivilforderung: --
2. Strafdossier C2 Versuchte vorsätzliche Tötung, mehrfache einfache Körperverletzung, mehrfacher Hausfriedensbruch
a) Hausfriedensbruch Der Beschuldigte begab sich am Mittwoch, 22. Juli 2020, nach 06.00 Uhr, an den Wohnort der Privatklägerin in N.. Dort angekommen, überwand der Beschuldigte die Türe zu dem als Vorbalkon ausgestalteten Eingangsbereich der Wohnung, indem er die Türe über die offene Fassade umkletterte.
b) Versuchte Nötigung Anschliessend betrat der Beschuldigte wissentlich und willentlich gegen den Willen der Privatklägerin deren Wohnung, in der Absicht dieser ihr Mobiltelefon abzunehmen. Nachdem sich die Privatklägerin weigerte, dem Beschuldigten ihr Mobiltelefon herauszugeben, entstand eine vom Beschuldigten ausgehende, sich rund 1 bis 1.5 Stunden hinziehende verbale sowie körperliche Auseinandersetzung, welche sich durch die ganze Wohnung der Privatklägerin vollzog. Dabei verlangte der Beschuldigte von der Privatklägerin ununterbrochen wiederholt die Herausgabe ihres Mobiltelefons. Der Beschuldigte wusste, dass er die Privatklägerin durch die fortwehrende Gewaltanwendung nötigt, ihr Mobiltelefon herauszugeben, was er auch beabsichtigte. Die Privatklägerin nannte dem Beschuldigten den Aufbewahrungsort des Mobiltelefons nicht, dieser fand das Mobiltelefon selbständig.
c) Mehrfache einfache Körperverletzung Im Rahmen der körperlichen Auseinandersetzung packte der Beschuldigte die Privatklägerin insbesondere mehrfach wissentlich und willentlich mit seinen Händen und hielt diese fest bzw. stiess diese teilweise von sich fort oder warf diese zu Boden. Ebenso schlug der Beschuldigte der Privatklägerin mehrfach, insbesondere unmittelbar nach dem Betreten der Wohnung und jeweils als diese nach dem Umstossen wieder aufstehen wollte, wissentlich und willentlich mit den flachen Händen sowie mit der Faust ins Gesicht. Dadurch erlitt die Privatklägerin Blutergüsse im Gesicht, teilweise mit Schwellung, mittig und links seitlich an der Stirn, am rechten Jochbein, rechts am Unterkiefer sowie links im Kieferwinkelbereich. Ebenso erlitt die Privatklägerin einen Bluterguss und eine kratzerartige Schürfung am rechten Ohrläppchen. Weiter erlitt die Privatklägerin Blutergüsse und winklig konfigurierte Schürfungen an der rechten Unterarmkleinfingerseite sowie fleckförmige Blutergüsse an der rechten Oberarmaussen- bis –rückseite. Weiter biss der Beschuldigte die Privatklägerin im Rahmen des dynamischen Kampfgeschehens
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wissentlich und willentlich einmal in die rechte Oberarmbeugeseite sowie einmal in die linke Unterarmkleinfingerseite. Dadurch erlitt die Privatklägerin rund-ovaläre Blutergüsse mit Schürfung und Blutkrusten. Ebenso packte der Beschuldigte die Privatklägerin mehrfach wissentlich und willentlich am Hals und würgte diese mehrfach während mehreren Sekunden. Dadurch erlitt die Privatklägerin Blutergüsse, teils mit begleitender Schürfung, am Hals rechts-, vorder- und linksseitig.
d) Einfache Körperverletzung Weiter warf der Beschuldigte die Privatklägerin im Schlafzimmer wissentlich und willentlich zu Boden. Dort fixierte der Beschuldigte die auf dem Bauch liegende Privatklägerin, indem er ihr sein Knie in den Rückenbereich drückte. Dadurch war es der Privatklägerin nicht mehr möglich aufzustehen. Ebenso erlitt die Privatklägerin als Folge davon auf dem Rücken, körpermittig über den Dornfortsätzen eine abblassbare Rötung.
e) Versuchte Tötung In dieser wehrlosen Position umgriff der Beschuldigte anschliessend mit beiden Händen von hinten greifend den Hals der auf dem Bauch liegenden Privatklägerin und hielt dieser sowohl Mund und Nase zu, so dass diese keine Luft mehr bekam. Diesen Vorgang wiederholte der Beschuldigte wissentlich und willentlich mindestens drei weitere Male. Zwischen dem jeweiligen Zuhalten der Atemwege liess der Beschuldigte kurzzeitig von der Privatklägerin ab, wobei diese ihn jeweils erfolglos verbal aufforderte, mit der körperlichen Gewalt aufzuhören. Beim jeweils erneuten Zuhalten von Mund und Nase steigerte der Beschuldigte die Dauer des Zuhaltens sukzessive, wobei beim letzten Mal seine Hände während mindestens einer Minute Nase und Mund der Privatklägerin bedeckten. Der Privatklägerin war es dadurch jeweils nicht möglich zu atmen, was der Beschuldigte wusste und wollte. Als Folge des mehrfachen Zuhaltens von Mund und Nase in Kombination mit der durch das Knien des dazumal rund 110 kg schweren Beschuldigten auf dem Rücken der Privatklägerin einhergehenden Brustkorbkompression erlitt die Privatklägerin Blutergüsse am Unterkiefer, streifige Einblutungen an der Unterlippeninnenseite sowie Stauungsblutungen an den Augenlidern und der Mundschleimhaut der Ober- und Unterlippe und im linken Trommelfell. Die Möglichkeit, dass die Privatklägerin zufolge Sauerstoffmangel verstirbt bzw. im mindesten in akute Lebensgefahr gebracht wird, erkannte der Beschuldigte, gleichwohl führte er die beschriebenen Handlungen durch, wobei er den Eintritt der durch ihn erkannten möglichen Folgen wollte, bzw. mindestens billigend in Kauf nahm. Dass die Privatklägerin ob des Zuhaltens der Atemwege in Kombination mit der Brustkorbkompression nicht verstarb, ist lediglich dem zufällig rechtzeitigen Ablassen des Beschuldigten geschuldet.
f) Hausfriedensbruch Während der ganzen Auseinandersetzung verlangte die Privatklägerin vom Beschuldigten mehrfach, dass er deren Wohnung verlasse. Dieser Aufforderung kam der Beschuldigte wissentlich und willentlich nicht nach.
Ort: N. Zeit: Mittwoch, 22. Juli 2020, zwischen 06.00 Uhr und 08.00 Uhr Strafantrag: 22. Juli 2020 Straf- und Zivilklage: 22. Juli 2020 Zivilforderung: --
3. Strafdossier C3 Mehrfacher Konsum von Betäubungsmitteln
Der Beschuldigte konsumierte im Zeitraum von Mittwoch, 1. Januar 2020 bis Mittwoch, 22. Juli 2020 mehrfach wissentlich und willentlich unbefugt Cocain. Das Cocain konsumierte er dabei im Grossraum Basel / N., insbesondere am Wohnort der Privatklägerin in N..
Ort: N. sowie Grossraum Basel
- 6 -
Zeit: Mittwoch, 1. Januar 2020, bis Mittwoch, 22. Juli 2020
2.
Das Bezirksgericht Rheinfelden erkannte mit Urteil vom 22. November
2021:
1. Der Beschuldigte wird freigesprochen von der Anklage - der versuchten vorsätzlichen Tötung gemäss Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1
StGB, - der Drohung gemäss Art. 180 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte ist schuldig - der Gefährdung des Lebens gemäss Art. 129 StGB (Sachverhalt gemäss Strafdossier
C2 lit. e), - der mehrfachen einfachen Körperverletzung gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB
(Strafdossier C1, Sachverhalt 3 lit. c und d; Strafdossier C2, lit. c und d), - des mehrfachen Hausfriedensbruchs gemäss Art. 186 StGB (Strafdossier C1,
Sachverhalt 4; Strafdossier C2, lit. f), - des Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage gemäss Art. 147 Abs. 1 StGB
(Strafdossier C1, Sachverhalt 2), - der mehrfachen Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB (Strafdossier C1,
Sachverhalt 3 lit. d, Sachverhalt 4), - der mehrfachen versuchten Nötigung gemäss Art. 181 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1
StGB (Strafdossier C1, Sachverhalt 3 lit. e; Strafdossier C2, lit. b), - der Beschimpfung gemäss Art. 177 Abs. 1 StGB (Strafdossier C1, Sachverhalt 3 lit.
a), - des mehrfachen Konsums von Betäubungsmitteln gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG
(Strafdossier C3).
3. 3.1. Der Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziff. 2 erwähnten Bestimmungen und gestützt auf Art. 40 und 47 StGB zu 30 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.
3.2. Die Untersuchungshaft von 312 Tagen (6. Mai 2020 bis 7. Mai 2020; 23. Juli 2020 bis 28. Mai 2021) wird gestützt auf Art. 51 StGB auf die Freiheitsstrafe angerechnet.
3.3. Dem Beschuldigten wird gestützt auf Art. 42 und 43 StGB für 20 Monate Freiheitsstrafe der bedingte Strafvollzug gewährt. Die Probezeit wird gestützt auf Art. 44 Abs. 1 StGB auf 5 Jahre festgesetzt. Der zu verbüssende Teil der Freiheitsstrafe macht somit 10 Monate aus und wurde durch Untersuchungshaft verbüsst.
[...]
4. 4.1. Der dem Beschuldigten mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 28. März 2018 für die Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je Fr. 30.00 bedingt gewährte Strafvollzug wird in Anwendung von Art. 46 Abs. 1 StGB widerrufen. Die widerrufene Geldstrafe bildet zusammen mit der neuen Strafe die Gesamtstrafe gemäss Ziff. 4.2.
4.2.
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Der Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziff. 2 erwähnten Bestimmungen und gestützt auf Art. 34, 46 Abs. 1 Satz 2, 47 und 49 Abs. 1 StGB zu einer unbedingten Gesamtgeldstrafe von 180 Tagessätzen zu je Fr. 30.00 verurteilt. Die Geldstrafe beläuft sich auf Fr. 5'400.00.
4.3. Wird die Geldstrafe nicht bezahlt, so wird gestützt auf Art. 36 StGB eine Ersatzfreiheitsstrafe von 180 Tagen vollzogen.
5. 5.1. Der Beschuldigte wird in Anwendung der in Ziff. 2 erwähnten Bestimmungen und gestützt auf Art. 47, 103, 104 sowie 106 StGB zu einer Busse von Fr. 400.00 verurteilt.
5.2. Wird die Busse schuldhaft nicht bezahlt, so wird eine Ersatzfreiheitsstrafe von 13 Tagen vollzogen.
6. Gestützt auf Art. 63 StGB wird für die Dauer von maximal 5 Jahren die Weiterführung der begonnenen ambulanten Massnahme (Entwöhnungsbehandlung mit Drogen- und Alkoholabstinenz) angeordnet.
7. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Zivil- und Strafklägerin [D.] Schadenersatz von Fr. 800.00 zu bezahlen.
8. 8.1. Die Kostennote der unentgeltlichen Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin, Michèle Dürrenberger, Rechtsanwältin in Rheinfelden, wird in der Höhe von Fr. 4'451.90 (inkl. Fr. 318.30 MWSt) gerichtlich genehmigt.
8.2. Die Gerichtskasse Rheinfelden wird angewiesen, der unentgeltlichen Vertreterin der Zivil- und Strafklägerin, Michèle Dürrenberger, Rechtsanwältin in Rheinfelden, Fr. 4'451.90 zu überweisen.
8.3. Der Beschuldigte ist verpflichtet, dem Kanton Aargau die Kosten für die Vertretung der Zivil- und Strafklägerin zurückzuzahlen, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
9. 9.1. Die Kostennote des amtlichen Verteidigers des Beschuldigten, lic. iur. Moritz Gall, Rechtsanwalt in Basel, wird in der Höhe von Fr. 12'031.25 (inkl. Fr. 860.15 MWSt) genehmigt.
Die Aufwendungen der ursprünglichen amtlichen Verteidigerin, Antonia Florin, wurden mit Verfügung vom 3. Mai 2021 entschädigt.
9.2. Die Gerichtskasse Rheinfelden wird angewiesen, dem amtlichen Verteidiger des Beschuldigten, lic. iur. Moritz Gall, Rechtsanwalt in Basel, Fr. 12'031.25 zu überweisen.
9.3.
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Der Beschuldigte ist verpflichtet, dem Kanton Aargau die Kosten für die amtliche Verteidigung zurückzuzahlen, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
10. 10.1. Die Verfahrenskosten bestehen aus: a) der Entscheidgebühr von Fr. 3'000.00 b) der Anklagegebühr von Fr. 3'300.00 c) den Kosten für die amtliche Verteidigung von Fr. 12'031.25 d) den Kosten für die unentgeltl. Verbeiständung von Fr. 4'451.90 e) den Kosten für Übersetzungen Fr. 00.00 f) den Kosten für Gutachten (Arzt/Therapiekosten) Fr. 29'504.75 g) den Kosten der Mitwirkung anderer Behörden von Fr. 302.00 h) den Spesen von Fr. 108.00 i) andere Auslagen Fr. 0.00 Total Fr. 52'697.90
10.2. Dem Beschuldigten werden die Gebühren gemäss lit. a und b sowie die Kosten gemäss lit. f, g und h auferlegt, somit ein Gesamtbetrag von Fr. 36'214.75.
10.3. Die Auferlegung weiterer Verfahrenskosten, die seit Anklageerhebung entstanden sind, bleibt vorbehalten.
11. Über die Tragung der Vollzugskosten entscheidet die Vollzugsbehörde.
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 22. Februar 2022 rügt die Staatsanwaltschaft
Rheinfelden-Laufenburg die Freisprüche wegen versuchter vorsätzlicher
Tötung (Strafdossier C2 lit. e), Gefährdung des Lebens (Strafdossier C1
Sachverhalt 3 lit. e), einfacher Körperverletzung (Strafdossier C1
Sachverhalt 3 lit. e), Hausfriedensbruch (Strafdossier C2, lit. a), Drohung
(Strafdossier C1 Sachverhalt 3 lit. b) und Beschimpfung (Strafdossier C1
Sachverhalt 1). Ferner richtet sich die Berufung gegen die Bemessung der
Strafe und Entschädigungsfolgen betreffend die ursprüngliche
Verteidigerin des Beschuldigten.
3.2.
Mit Eingabe vom 10. März 2022 liess die Privatklägerin D. auf die Stellung
von Anträgen verzichten und teilte mit, sie werde am Verfahren nicht mehr
als Partei teilnehmen.
3.3.
Die Staatsanwaltschaft reichte am 16. März 2022 vorgängig zur
Berufungsverhandlung eine schriftliche Begründung ihrer Anträge ein.
- 9 -
3.4.
Der Beschuldigte reichte am 15. Juni 2022 vorgängig zur
Berufungsverhandlung eine schriftliche Berufungsantwort ein.
3.5.
Die Berufungsverhandlung fand am 17. August 2022 statt.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Nach Art. 404 StPO überprüft das Berufungsgericht das erstinstanzliche
Urteil nur in den angefochtenen Punkten (Abs. 1). Es kann zugunsten der
beschuldigten Person auch nicht angefochtene Punkte überprüfen, um
gesetzwidrige oder unbillige Entscheidungen zu verhindern (Abs. 2).
1.2.
Strittig und zu prüfen sind die vorinstanzlichen Freisprüche vom Vorwurf
der Beschimpfung (Strafdossier C1 Sachverhalt 1), der Drohung
(Strafdossier C1 Sachverhalt 3 lit. b), der Gefährdung des Lebens und der
einfachen Körperverletzung (Strafdossier C1 Sachverhalt 3 lit. e). Weiter ist
strittig, ob der Beschuldigte wegen Hausfriedensbruchs (Strafdossier C2 lit.
a) und versuchter vorsätzlicher Tötung (Strafdossier C2 lit. e) zu
verurteilten ist. Mit der Berufung wird zudem die Strafzumessung
hinsichtlich der Freiheitsstrafe beanstandet und gerügt, dass die
Entschädigung der ursprünglichen Verteidigerin des Beschuldigten von der
Vorinstanz bei den Verfahrenskosten nicht berücksichtigt worden sei. Im
Übrigen wurde das vorinstanzliche Urteil nicht angefochten. Dies gilt
insbesondere für die ausgesprochenen Schuldsprüche, die Geldstrafe, die
Busse, die ambulante Massnahme und den Schadenersatz, der D.
zugesprochen wurde. Eine Überprüfung dieser nicht angefochtenen
Punkte findet nicht statt.
2.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraus-
setzungen der angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für den
Beschuldigten günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO). Bloss
abstrakte und theoretische Zweifel sind nicht massgebend, weil solche
immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann.
Nicht verlangt wird indes, dass bei sich widersprechenden Beweismitteln
unbesehen auf den für den Angeklagten günstigeren Beweis abzustellen
ist (BGE 144 IV 345 E. 2.2.1).
- 10 -
3.
3.1.
Die Vorinstanz sah von einer Verurteilung des Beschuldigten wegen einer
am 5. Mai 2020 um ca. 22 Uhr erfolgten Beschimpfung von D. ab, da der
Sachverhalt in der Anklage anders dargestellt worden sei, als von D.
geschildert. Ein formeller Freispruch vom Vorwurf der Beschimpfung
erfolge aber nicht, nachdem der Beschuldigte diesen Tatbestand gemäss
dem Sachverhalt 3 (Strafdossier C1) erfüllt habe (vorinstanzliches Urteil S.
11 E. 2.1.1).
Die Staatsanwaltschaft ist mit dieser Beurteilung nicht einverstanden und
verlangt einen Schuldspruch wegen mehrfacher Beschimpfung
(Berufungsbegründung S. 2 Ziff. 2, S. 4 Ziff. 1.2, S. 5 Ziff. 2.1).
3.2.
Wer jemanden in anderer Weise als durch Verleumdung oder üble
Nachrede durch Wort, Schrift, Bild, Gebärde oder Tätlichkeiten in seiner
Ehre angreift, wird, auf Antrag, wegen Beschimpfung mit Geldstrafe bis zu
90 Tagessätzen bestraft (Art. 177 Abs. 1 StGB).
3.3.
Die Anklage wirft dem Beschuldigten unter dem Titel «Beschimpfung» vor,
er habe D. am 5. Mai 2020 um ca. 22 Uhr, in ihrer Wohnung in N., in
Anwesenheit von F. wissentlich und willentlich als «Nutte» bezeichnet
(Strafdossier C1 Sachverhalt 1).
Die Anklage nennt den Täter, die geschädigte Person und die
vorgeworfene Tat mit Beschreibung von Ort, Datum, Zeit und Art der
Tatausführung, nämlich die Bezeichnung als Nutte (vgl. Art. 325 Abs. 1
StPO). Der Beschuldigte wusste aufgrund dessen genau, welcher
konkreten Handlung er beschuldigt und welche rechtliche Qualifikation
seines Verhaltens zur Diskussion steht. Er konnte somit seine Verteidigung
auch richtig vorbereiten. Eine Verletzung des Anklagegrundsatzes (Art. 9
Abs. 1 StPO) ist nicht ersichtlich (vgl. BGE 147 IV 439 E. 7.2; BGE 143 IV
63 E. 2.2; Urteil des Bundesgerichts 6B_763/2020 vom 23. März 2022 E.
2.3).
3.4.
Der Beschuldigte gab vor Vorinstanz und auch anlässlich der
Berufungsverhandlung an, er habe zu D. am 5. Mai 2020 gesagt, ob sie wie
eine Nutte herumlaufen müsse (erstinstanzliche Gerichtsakten [GA] 74;
Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 10). Diese Betitelung hat
ehrverletzenden Charakter (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_84/2008
vom 27. Juni 2008 E. 8). Der Beschuldigte hat damit D. vorsätzlich in ihrer
Ehre angegriffen. Nachdem ein gültiger Strafantrag vorliegt
(Untersuchungsakten [UA] Ordner 2 act. C1.5 [nachfolgend: 2/C1.5]), ist
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- 11 -
der Beschuldigte wegen Beschimpfung im Sinne von Art. 177 Abs. 1 StGB
schuldig zu sprechen.
3.5.
Diese Beschimpfung wird von der weiteren Beschimpfung am 6. Mai 2020
(Straffdossier C1 Sachverhalt 3 lit. a; vorinstanzliches Urteil S. 12 E.
2.1.3.1; diesbezügliches Geständnis des Beschuldigten [GA 75]) nicht
konsumiert. Denn diese beiden Angriffe auf die Ehre von D. erfolgten nicht
im Rahmen einer in sich zusammenhängenden Auseinandersetzung.
Zwischen diesen beiden Beschimpfungen verging vielmehr einige Zeit und
der Beschuldigte hatte zwischenzeitlich die Wohnung von D. auch
verlassen. Die Staatsanwaltschaft weist somit zu Recht darauf hin, dass es
sich um zwei unterschiedliche Lebenssachverhalte handelt (vgl. BGE 133
IV 256 E. 4.5.3; BGE 131 IV 83 E. 2.4.5 S. 94; zum Ganzen: Urteil des
Bundesgerichts 6B_783/2018 vom 6. März 2019 E. 1.5; je mit Hinweisen).
Entsprechend ist darüber im Dispositiv auch separat zu entscheiden. Der
Beschuldigte ist daher, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt, wegen
mehrfacher Beschimpfung schuldig zu sprechen.
4.
4.1.
Die Vorinstanz sprach den Beschuldigten vom Anklagevorwurf der
Drohung (Strafdossier C1 Sachverhalt 3 lit. b) frei. Sie erwog, D. sei aus
Angst aufgrund der erlebten Gewalt zur Polizei gegangen und nicht, weil
sie wegen der erwähnten Todesdrohungen in Angst und Schrecken
versetzt worden sei (vorinstanzliches Urteil S. 13 f. E. 2.1.3.2).
Mit ihrer Berufung macht die Staatsanwaltschaft dagegen geltend, die
Drohung sei darauf ausgelegt gewesen, D. in Angst und Schrecken zu
versetzen. Der Beschuldigte sei wegen Drohung zu verurteilen.
Eventualiter sei dieser mindestens wegen versuchter Drohung schuldig zu
sprechen (Berufungsbegründung S. 6 Ziff. 2.2).
4.2.
Nach Art. 180 Abs. 1 StGB macht sich strafbar, wer jemanden durch
schwere Drohung in Schrecken oder Angst versetzt.
Der objektive Tatbestand setzt voraus, dass der Drohende seinem Opfer
ein künftiges Übel ankündigt oder in Aussicht stellt. Erforderlich ist ein
Verhalten, das geeignet ist, die geschädigte Person in Schrecken oder
Angst zu versetzen. Dabei ist grundsätzlich ein objektiver
Massstab anzulegen, wobei in der Regel auf das Empfinden eines
vernünftigen Menschen mit einigermassen normaler psychischer
Belastbarkeit abzustellen ist. Zudem ist erforderlich, dass die betroffene
Person durch das Verhalten des Täters tatsächlich in Schrecken oder
Angst versetzt wird. Tritt dieser tatbestandsmässige Erfolg nicht ein,
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- 12 -
kommt nur eine Verurteilung wegen versuchter Drohung in Betracht.
Der subjektive Tatbestand verlangt mindestens Eventualvorsatz (Urteil
des Bundesgerichts 6B_1017/2019 vom 20. November 2019 E. 5.2).
4.3.
4.3.1.
Aufgrund der übereinstimmenden Aussagen der Beteiligten ist erstellt, dass
es am 6. Mai 2020 nach der Rückkehr des Beschuldigten in die Wohnung
von D. wieder zu Streit gekommen ist (UA 2/C1.12 Ziff. 18; 2/C1.19 f.).
Dabei ist mit Blick auf die unangefochten gebliebenen Schuldsprüche der
Vorinstanz erstellt, dass der Beschuldigte sie in diesem Rahmen erneut als
Nutte beschimpft hat (Straffdossier C1 Sachverhalt 3 lit. a; vorinstanzliches
Urteil S. 12 E. 2.1.3.1) und es zudem zu einer tätlichen
Auseinandersetzung gekommen ist, bei welcher der Beschuldigte D.
diverse Verletzungen zugefügt hat (insbesondere mit Ausreissen von
Haarextensionen und Schlagen des Handys auf den Oberschenkel
[Strafdossier C1 Sachverhalt 3 lit. c und d; vorinstanzliches Urteil S. 14
[unten] f.). Ferner hat der Beschuldigte das Handy von D. (Strafdossier C1
Sachverhalt 3 lit. d; vorinstanzliches Urteil S. 15 E. 2.1.3.4) zerbrochen und
versuchte den Pin des Natels durch Gewalt erhältlich zu machen
(Strafdossier C1 Sachverhalt 3 lit. e; vorinstanzliches Urteil S. 15 E.
2.1.3.5).
4.3.2.
Strittig ist hinsichtlich dieser Auseinandersetzung nun, ob der Beschuldigte
D. auch bedroht hat. Der Beschuldigte bestreitet dies (vgl. seine
Einvernahmen vom 6. Mai 2020 [UA 2/C1.25 Ziff. 88] und vom
22. November 2021 [GA 75]; Berufungsantwort vom 15. Juni 2022;
Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 11).
D. berichtete über den Vorfall vom 6. Mai 2020, bei ihrer gleichentags von
der Polizei durchgeführten Einvernahme, im freien Vortrag, dass der Abend
gut angefangen habe mit gemeinsamem Abendessen, wobei sie sowohl
während des Essens als auch danach Alkohol konsumiert hätten. Im weite-
ren Verlauf sei es dann zu Diskussionen gekommen, bei denen der
Beschuldigte sie bezichtigt habe, mit anderen (Männern) zu schreiben.
Während der Diskussion habe er auch gedroht sowie (unter anderem) ihr
das Handy aus der Hand gerissen, ihr ins Gesicht und auf den Po
geschlagen und sie gewürgt (UA 2/C1.12 Ziff. 18). Auf Nachfrage
präzisierte D. hinsichtlich der Drohung, der Beschuldigte habe gesagt, dass
sie als letztes drankomme, vorher kämen C., ihre Schwester und ihre
Mutter dran. Er habe gesagt, dass er diese Personen vorher umbringe (UA
2/C1.14 Ziff. 34). Sie (D.) habe richtig Angst vor ihm gehabt (UA 2/C1.14
Ziff. 35). Zum in der Wohnung von D. gefundenen Sturmgewehr, welches
der Beschuldigte, kurz bevor sie die Wohnung verlassen habe, gefunden
und daran herum manipuliert habe, meinte D. auf die Frage «Was wollte er
- 13 -
damit machen», dass sie denke, es sei alles nur Show gewesen. Aber man
bei ihm nie wisse (UA 2/C1.15 Ziff. 42). Bei der Konfrontationseinvernahme
vom 14. Dezember 2020, der vorinstanzlichen Verhandlung vom 22.
November 2021 sowie der Berufungsverhandlung vom 17. August 2022
konnte sich D. nicht mehr an Drohungen erinnern (UA 2/C1.31/6 Ziff. 24;
GA 66; Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 3).
4.3.3.
Mit der Vorinstanz ist festzuhalten, dass die Aussagen von D. vom 6. Mai
2020 zum Vorfall vom 5./6. Mai 2020 grundsätzlich glaubhaft sind. Es ist
jedoch auch zu berücksichtigen, dass es Anzeichen für Übertreibungen
gibt. Denn die rechtsmedizinische Untersuchung untermauerte die
Schilderungen von D. insofern nicht, als sie angab, ihr Kopf sei gegen die
Wand und sie auch mit den Fäusten geschlagen worden (vgl.
vorinstanzliches Urteil S. 14). Aufgrund der Aussagen von D. ist ebenso
wenig erstellt, dass sie durch eine Drohung in Angst und Schrecken
versetzt wurde. Sie meinte, das spätere Hantieren des Beschuldigten mit
dem nicht geladenen Sturmgewehr sei, auch wenn man nie wisse, «alles
nur Show» gewesen (UA 2/C1.15 Ziff. 42). Das Obergericht erachtet es als
naheliegender, dass eine durch Todesdrohungen bereits in Angst und
Schrecken versetzte D., dieses Verhalten des Beschuldigten als indirekte
Bedrohung hätte empfinden müssen. Angesichts der doch massiven
Drohungen erstaunt auch, dass D. sich an die Drohungen bei den späteren
Einvernahmen vom 14. Dezember 2020, 22. November 2021 und 17.
August 2022 gar nicht mehr erinnern konnte. Es bestehen daher
unüberwindbare Zweifel, ob der Beschuldigte D. an diesem Abend bedroht
hat. Er ist von diesem Vorwurf in dubio pro reo freizusprechen.
5.
5.1.
Die Vorinstanz kam betreffend das Strafdossier C1 Sachverhalt 3 lit. e zum
Schluss, eine Gefährdung des Lebens sei nicht gegeben gewesen. Die
Aussage von D., ihr sei infolge des Würgens «schwarz vor Augen»
geworden, sei nicht von ihr ausgegangen. Mangels objektiver Hinweise auf
ein längeres Würgen sowie den Umstand, dass D. jederzeit habe atmen
können, sei eine konkrete Lebensgefahr nicht anzunehmen. Ein formeller
Freispruch von diesem Vorwurf erfolge mit Blick auf die Verurteilung wegen
der Gefährdung des Lebens gemäss Strafdossier C2 lit. e nicht
(vorinstanzliches Urteil S. 17 E. 2.1.3.6).
Die Staatsanwaltschaft weist zunächst darauf hin, es lägen zwei
verschiedene Lebenssachverhalte (Strafdossier C1 Sachverhalt 3 lit. e
einerseits und Strafdossier C2 lit. e andererseits) vor, über die im Dispositiv
einzeln zu befinden sei (Berufungsbegründung S. 4 Ziff. 1.2). Ferner fordert
sie betreffend das Strafdossier C1 Sacherhalt 3 lit. e einen Schuldspruch
wegen Gefährdung des Lebens. Denn der angeklagte Sachverhalt sei
- 14 -
aufgrund der Aussagen von D. und den Feststellungen der Rechtsmedizin
erstellt (Berufungsbegründung S. 7 Ziff. 2.3.1). Die von D. geschilderten
Beschwerden könnten als kritische Hirndurchblutungsstörung, mithin eine
konkrete Lebensgefahr gewertet werden (Berufungsbegründung S. 7 Ziff.
2.3.2).
5.2.
Der Gefährdung des Lebens macht sich schuldig, wer einen Menschen in
skrupelloser Weise in unmittelbare Lebensgefahr bringt (Art. 129 StGB).
5.3.
5.3.1.
Im Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin (IRM), Kantonsspital Aarau,
vom 28. Mai 2020 wurden spärliche Befunde am Hals von D. festgestellt,
welche infolge eines Angriffs gegen den Hals entstanden sein könnten.
Objektive Befunde, wie z.B. Punktblutungen, die für eine kreislaufrelevante
Gewalt sprechen würden, fanden sich nicht. Die subjektive Angabe von D.,
dass es ihr infolge des Würgens «schwarz vor den Augen» geworden sei,
könne als Beschreibung einer Hirndurchblutungsstörung gewertet werden,
sodass aus rechtsmedizinischer Sicht das Vorliegen einer konkreten
Lebensgefahr angenommen werden könne (UA 2/B5.7).
5.3.2.
Eine Lebensgefahr ist somit zu bejahen, wenn sich aufgrund der Aussagen
von D. erstellen lässt, dass sie gewürgt und ihr schwarz vor den Augen
wurde (vgl. Urteile des Bundesgerichts 6B_1258/2020 vom 12. November
2021 E. 1.4 mit Hinweisen; vgl. E. 8.2.3 nachfolgend]). Der Beschuldigte
bestritt stets, dass er D. im Rahmen dieses Streits gewürgt oder sie ins
Kissen gedrückt habe (UA C1/23 Ziff. 63, GA 75 f.; Protokoll der
Berufungsverhandlung, S. 11).
Bei ihrer Einvernahme vom 6. Mai 2020 äusserte D., dass der Beschuldigte
sie im Verlauf des Streits auf das Bett geworfen und am Hals gepackt habe
(UA 2/C1.12). Auf Nachfrage gab sie an, der Beschuldigte habe sie mit
beiden Händen gehalten und ins Kissen gedrückt. Es sei schwierig zu
beschreiben, wie sie sich dabei gefühlt habe. Sie habe an diesem Abend
immer Angst vor dem Beschuldigten gehabt. Sie habe sich jedoch mehr
Sorgen um ihre Hunde gemacht. Ohnmächtig sei sie nicht geworden, aber
ihr sei schwarz vor den Augen geworden. Soviel sie wisse, habe sie immer
atmen können (UA 2/C1.13 f. Ziff. 26-29). Bei der
Konfrontationseinvernahme vom 14. Dezember 2020, der vorinstanzlichen
Verhandlung vom 22. November 2021 und der Berufungsverhandlung vom
17. August 2022 konnte sich D. an ein Würgen bzw. ins Kissen drücken
nicht mehr erinnern (UA 2/C1.31/6 Ziff. 23; GA 67 oben; Protokoll der
Berufungsverhandlung, S. 3).
- 15 -
5.3.3.
Die Aussage von D. vom 6. Mai 2020 ist bezüglich des Würgens nicht
konsistent. Zuerst berichtete sie, der Beschuldigte habe sie am Hals
gepackt. Auf Nachfrage schilderte sie dann jedoch ausschliesslich, dass
der Beschuldigte sie ins Kissen gedrückt habe. Wenig plausibel sind auch
ihre Angaben zu ihren Gefühlen beim Würgen bzw. ins Kissen drücken,
indem sie über ihre allgemeine Angst an diesem Abend berichtete und
Sorgen um die Hunde erwähnte. Dies obwohl nicht ersichtlich ist, dass die
Hunde bei der Auseinandersetzung mit dem Beschuldigten irgendeine
Rolle gespielt hätten (vgl. UA 2/C1.12). Nachdem ein Würgen oder ins
Kissen drücken ein beunruhigendes und kein alltägliches Vorkommnis
darstellt, ist auch nicht nachvollziehbar, weshalb sich D. – anders als an
das Schlagen mit dem Handy und Ausreissen der Haarverlängerungen (GA
66) – bei den weiteren Einvernahmen nicht mehr daran erinnern konnte. Es
bestehen daher unüberwindbare Zweifel, ob der Beschuldigte D. an diesem
Abend würgte bzw. ins Kissen drückte und ihr dabei als Anzeichen einer
Hirndurchblutungsstörung «schwarz vor den Augen» wurde. Der
Beschuldigte ist von diesem Vorwurf in dubio pro reo freizusprechen.
6.
6.1.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Bezirksgericht vor, es habe sich mit dem
Vorwurf der einfachen Körperverletzung gemäss Strafdossier C1
Sachverhalt 3 lit. e nicht befasst. Dies trifft zu. Gemäss Staatsanwaltschaft
habe der Beschuldigte die Verletzung von D. mit dem Glassplitter
zugegeben. Entsprechend fordert sie einen Schuldspruch
(Berufungsbegründung S. 8 Ziff. 2.4).
6.2.
Gemäss Art. 123 Ziff. 1 StGB wird, auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu
drei Jahren oder Geldstrafe bestraft, wer vorsätzlich einen Menschen in
anderer Weise als durch eine schwere Körperverletzung im Sinne von Art.
122 StGB an Körper oder Gesundheit schädigt.
6.3.
6.3.1.
Eine blutende Verletzung am rechten Arm von D. ist dokumentiert (UA
2/C1.37). Diese sei gemäss dem Gutachten des IRM Aarau vom 28. Mai
2020 frisch gewesen (UA 2/B5.4), wobei aufgrund der Hautabtragung der
einwirkende Gegenstand eine unebene Oberfläche oder spitze/scharfe
Kante aufgewiesen haben könnte (UA 2/B5.6).
Der Beschuldigte gab zu dieser Verletzung bei der Konfrontations-
einvernahme am 14. Dezember 2020 an, er habe das Natel zerbrochen,
was Glassplitter gegeben habe. Einen davon habe er am Finger gehabt. Er
vermute, dass er D. damit verletzt habe, als er sie am Arm gepackt habe
- 16 -
(UA C1.31/7 Ziff. 31). Das bestätigte der Beschuldigte auch bei der
vorinstanzlichen Verhandlung am 22. November 2021 (GA 75).
6.3.2.
Aufgrund des vom Beschuldigten Eingeräumten ist erstellt, dass er D. mit
einem Glassplitter am Arm verletzt hat. Er habe aber erst im Nachhinein
gemerkt, dass er einen Splitter in der Hand hatte (Protokoll der
Berufungsverhandlung, S. 15). Die Angaben des Beschuldigten erscheinen
nicht als unglaubhaft. Es erscheint denn auch viel naheliegender, dass er
D. zwar am Arm hat packen wollen, sich jedoch des Glassplitters in seiner
Hand bzw. dessen Wirkung beim Zupacken nicht bewusst war, zumal er
sich damit auch ohne Weiteres selbst hätte verletzen können. Mithin lässt
sich nicht erstellen, dass es die Absicht des Beschuldigten war, D. mit
einem Glassplitter eine blutige Schnittverletzung zuzufügen. Ein Vorsatz
oder Eventualvorsatz ist unter diesen Umständen zu verneinen. Der
Tatbestand von Art. 123 Ziff. 1 StGB ist somit nicht erfüllt und der
Beschuldigte ist entsprechend vom Vorwurf der einfachen
Körperverletzung freizusprechen.
7.
7.1.
Die Vorinstanz sprach den Beschuldigten vom Vorwurf des
Hausfriedensbruchs begangen am 22. Juli 2020 frei (Strafdossier C2 lit. a).
Sie hielt nicht für ausgewiesen, dass die vordere Türe der Wohnung von D.
verschlossen gewesen sei (vorinstanzliches Urteil S. 24 E. 2.2.3). Die
Staatsanwaltschaft fordert hingegen aufgrund der Aussagen von D. einen
Schuldspruch (Berufungsbegründung S. 8 Ziff. 2.5).
7.2.
Nach Art. 186 StGB macht sich des Hausfriedensbruchs schuldig, wer
gegen den Willen des Berechtigten in ein Haus, in eine Wohnung, in einen
abgeschlossenen Raum eines Hauses oder in einen unmittelbar zu einem
Hause gehörenden umfriedeten Platz, Hof oder Garten oder in einen
Werkplatz unrechtmässig eindringt oder, trotz der Aufforderung eines
Berechtigten, sich zu entfernen, darin verweilt.
7.3.
Der Beschuldigte gab an, die erste Holztüre sei offen gewesen und D. habe
ihm die Wohnungstür aufgeschlossen und ihn hereingelassen (vgl. UA
2/C2.48 Ziff. 57 f., GA 78). D. sagte bei ihrer Einvernahme am 22. Juli 2020
hingegen aus, dass die vordere Türe zu gewesen sei und der Beschuldigte
diese irgendwie habe öffnen oder über die Fassade habe umklettern
müssen (UA 2/C2.20 Ziff. 25). Dies bestätigte sie am 31. Juli 2020 (UA
2/C2.32 Ziff. 70).
- 17 -
Es kann nicht gesagt werden, ob die Aussage des Beschuldigten oder von
D. stimmt. Die Angaben des Beschuldigten können nicht von vornherein als
unglaubhaft eingestuft werden. Zumal er sich mit anderen Aussagen (bsp.
betreffend Schwitzkasten oder die versuchte Nötigung zur Herausgabe des
Pins für das Handy) durchaus auch selbst belastet hat. Es kann zudem
nicht ausgeschlossen werden, dass sich D. täuscht, dass die erste Türe
abschlossen war. Denn sie war in besagter Nacht alkoholisiert und hat
betreffend den Verlauf vom 22. Juli 2022 ab 2.00 oder 2.30 Uhr auch
gewisse Erinnerungslücken (vgl. UA 2/C2.19 Ziff. 23, 2/C2.30 Ziff. 54).
Vorliegend ist zudem nicht ersichtlich, dass das Überwinden der ersten Tür
unrechtmässig und gegen den Willen von D. erfolgte. Vielmehr ist von
einem konkludenten nachträglichen Einverständnis dazu von D.
auszugehen. Zwar wollte sie nicht, dass der Beschuldigte bei ihr in dem
aufgebrachten Zustand vorbeikommt (vgl. 2/C2.32 Ziff. 69, 2/C2.67 Ziff.
108). Sie hat ihn aber schliesslich ohne Weiteres die zweite Türe passieren
lassen (vgl. UA C2.34 Ziff. 93, 2/C2.66 f. Ziff. 104, 108). D. gab an, sie habe
ihn hereingelassen, weil sie ihn liebe und mit ihm den Tag habe verbringen
wollen. Sie habe einfach die Hoffnung gehabt, dass es jetzt gut verlaufe.
Sie habe gehofft, dass sie sich ins Bett legten und schlafen würden (UA
2/C2.67 Ziff. 109).
Nach dem Dargelegten ist der Beschuldigte vom Vorwurf des
Hausfriedensbruchs am 22. Juni 2020 um ca. 6.00 Uhr (Strafdossier C2 lit.
a) freizusprechen.
8.
8.1.
Die Vorinstanz sprach den Beschuldigten betreffend die Vorkommnisse am
22. Juli 2020 u.a. wegen Gefährdung des Lebens schuldig. Den Tatbestand
der versuchten vorsätzlichen Tötung erachtete sie hingegen in Anwendung
der in-dubio-pro-reo-Regel als nicht erfüllt. Sie verneinte den (Eventual-
)Vorsatz (vorinstanzliches Urteil S. 18-22, insb. E. 2.2.1.4).
Demgegenüber geht die Staatsanwaltschaft von einer Inkaufnahme der
nahen Möglichkeit des Todes von D. durch den Beschuldigten aus
(Berufungsbegründung S. 8 f. Ziff. 2.6).
8.2.
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, ohne dass eine der besonderen
Voraussetzungen der Art. 112 ff. StGB zutrifft, wird gemäss Art. 111 StGB
mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.
8.2.1.
Ein Versuch liegt vor, wenn der Täter, nachdem er mit der Ausführung eines
Verbrechens oder Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht
- 18 -
zu Ende führt oder der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt
oder dieser nicht eintreten kann (Art. 22 Abs. 1 StGB). Beim Versuch erfüllt
der Täter sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale und manifestiert
seine Tatentschlossenheit, ohne dass alle objektiven Tatbestands-
merkmale verwirklicht sind (BGE 140 IV 150 E. 3.4; BGE 137 IV 113 E.
1.4.2; je mit Hinweisen).
8.2.2.
Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen
und Willen ausführt (Art. 12 Abs. 2 Satz 1 StGB). Vorsätzlich handelt
bereits, wer die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch
handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt bzw.
sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (sog.
Eventualvorsatz; Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB; vgl. BGE 147 IV 139 E. 7.3.1
mit Hinweisen). Ob der Täter die Tatbestandsverwirklichung in diesem
Sinne in Kauf genommen hat, muss das Gericht bei Fehlen eines
Geständnisses des Beschuldigten aufgrund der Umstände entscheiden.
Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der
Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die
Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser die
Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die
Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto eher darf gefolgert werden, der Täter
habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen. Das Gericht darf
vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen, wenn sich dem Täter
der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die
Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als
Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (zum Ganzen: BGE 147
IV 139 E. 7.3.1 mit Hinweisen). Eventualvorsatz kann indessen auch
vorliegen, wenn der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs nicht in
diesem Sinne sehr wahrscheinlich, sondern bloss möglich war. Doch darf
nicht allein aus dem Wissen des Täters um die Möglichkeit des
Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme geschlossen werden. Vielmehr
müssen weitere Umstände hinzukommen. Solche Umstände liegen
namentlich vor, wenn der Täter das ihm bekannte Risiko in keiner Weise
kalkulieren und dosieren kann und der Geschädigte keinerlei
Abwehrchancen hat (BGE 133 IV 1 E. 4.5; BGE 131 IV 1 E. 2.2). Bleibt es
dem Zufall überlassen, ob die Gefahr sich verwirklicht oder nicht, liegt – in
Abgrenzung zum Tatbestand der Gefährdung des Lebens – (versuchte)
eventualvorsätzliche Tötung vor (Urteil des Bundesgerichts 6B_915/2021
vom 26. Januar 2022 E. 3.2.3 mit Hinweisen).
8.2.3.
Nach der Rechtsprechung (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1258/2020
vom 12. November 2021 E. 1.4 mit Hinweisen) liegt eine konkrete,
unmittelbare Lebensgefahr vor, wenn sich aus dem Verhalten des Täters
nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge direkt die Wahrscheinlichkeit oder
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- 19 -
nahe Möglichkeit der Todesfolge ergibt. Dies setzt nicht voraus, dass die
Wahrscheinlichkeit des Todes grösser sein muss als jene seines
Ausbleibens bzw. über 50 % liegen muss. Die Gefahr muss unmittelbar,
nicht aber unausweichlich erscheinen.
Bei Würgevorfällen wird eine unmittelbare Lebensgefahr namentlich dann
angenommen, wenn der Täter mit derartiger Intensität (und/oder Dauer)
auf das Opfer einwirkt, dass punktförmige Stauungsblutungen an den
Augenbindehäuten oder Symptome einer Asphyxie (Atemstillstand mit
Bewusstseinsstörung) als handfeste Befunde für eine
Hirndurchblutungsstörung.
Durchblutungsstörungen des Gehirns können zu einem Sauerstoffmangel
führen und dort relativ rasch irreversible Schädigungen verursachen. Das
Gehirn ist ein lebenswichtiges Organ, womit dessen irreversible
Schädigung zum Tod führen kann. Diese Kausalverläufe setzen ein
gewisses Ausmass der Gewalt voraus, welches mittels
rechtsmedizinischer, objektivierbarer Feststellungen sowie durch Angaben
des Opfers eruiert werden kann. Zu relevanten Strangulationsfolgen
gehören: Atemnot, Erstickungsangst; Heiserkeit, Schluckbeschwerden und
Halsschmerzen; Druckschmerzen über dem Kehlkopf und Schmerzen bei
der Kieferöffnung; Würgemale; Benommenheit, Filmriss etc.; Bewusst-
losigkeit; Urin- sowie Stuhlabgang; Stauungsblutungen in Augenbinde-
häuten, Gesichtshaut, Nasen- und Mundschleimhaut, Trommelfellen,
Zungengrund, im Rachen und an der zarten Haut hinter den Ohren. Die
erforderliche Zeitspanne einer Halskompression bis zum Auftreten von
Stauungsblutungen (petechiale Blutungen, Petechien) wird in der Literatur
nicht einheitlich angegeben; die Dauer variiert von frühestens 10 bis 20
Sekunden bis zu 3 bis 5 Minuten. Zudem entstehen Stauungsblutungen bei
gewaltsamer Asphyxie und Strangulation zwar sehr häufig, aber nicht
obligat. Eine Kombination mehrerer Symptome ist grundsätzlich nicht
erforderlich. Im Gegensatz zu Stauungsblutungen stützt sich der Nachweis
einer Asphyxie - neben allfälligen objektivierbaren Würgemalen am Hals -
nur auf die subjektiven Aussagen der betroffenen Person. Werden
Symptome wie namentlich Schluckbeschwerden, Atemnot oder gar eine
vorübergehende Bewusstlosigkeit beschrieben, kann davon ausgegangen
werden, dass die Atmung beim Opfer relevant vermindert oder
unterbrochen war. Die Beschreibung blosser Schmerzen beim Schlucken
oder von Heiserkeit sind ohne zusätzliche (subjektive) Angaben oder
objektive Befunde dagegen nicht geeignet, einen Sauerstoffmangel im
Gehirn zu belegen.
Die Annahme einer Lebensgefahr bei einer Strangulation hängt nicht davon
ab, ob dem Opfer ernsthafte (äusserliche) Verletzungen zugefügt werden
oder ob es ohnmächtig wird. Damit sind Würgemale und
Stauungsblutungen für die Annahme einer Halsweichteilkompression und
- 20 -
der allenfalls dadurch entstandenen erhöhten Lebensgefahr nicht
erforderlich. Eine Kompression der vorderen Halsweichteile ist durch
unterschiedliche Handhaltungen möglich, die jeweils zu einer sich mehr
breitflächigen oder mehr punktuell auswirkenden Krafteinleitung und damit
auch zu unterschiedlichen äusseren und inneren Spuren führen. So kann
beim «Schwitzkasten» durch dessen grossflächige weich-deformierbare
Kraftwirkung ein bedeutend besserer Formschluss zwischen Werkzeug
Unterarm und Zielbereich Hals erzielt werden, wodurch Schürfungen oder
Blutungen ausbleiben können. Mithin kann der Angriff auf den Hals dann
verletzungsarm oder gar verletzungsfrei bleiben. Gleichzeitig kann eine
relativ grosse Krafteinwirkung gegen den Hals ausgeübt werden, womit
eine vergleichsweise rasche und gleichzeitig komplette Unterbrechung der
Blutzufuhr und des Blutabflusses in den Kopf ohne Ausbildung von
Stauungsblutungen erfolgen kann, womit ein vergleichsweise rascher
Sauerstoffmangel des Gehirns einhergeht. In diesen Fällen liegt der
verletzungsarme oder verletzungsfreie Befund besonders eng an der
Gefährdung des Lebens. Bei komprimierender Gewalt gegen den Hals und
namentlich bei Strangulation durch Würgen brechen die Vitalfunktionen
nicht über einen beobachtbaren Folgebereich ein, wie dies z.B. bei einem
Blutverlust der Fall ist. Die Gewalteinwirkung, die oft mit nur gering
scheinenden Verletzungen überlebt wird, liegt sehr dicht an einem
tödlichen Ausgang, mithin übersteigen die äusseren Verletzungen bei der
Strangulation auch im Todesfall selten den Umfang von Kratzern,
Schürfungen oder Einblutungen. Dennoch bedarf es mitunter nur wenig an
zusätzlicher Kompression, um den Tod zu bewirken.
8.3.
8.3.1.
Der Beschuldigte schilderte die Vorkommnisse vom 22. Juli 2020 anlässlich
der Befragung vom 31. Juli 2020 (UA 2/C2.41 ff.), im Zuge der
Konfrontationseinvernahme vom 3. September 2020 (UA 2/C2.51 ff.), der
vorinstanzlichen Verhandlung (GA 77 ff.) und der Berufungsverhandlung
vom 17. August 2022 (S. 11 ff).
Zur Vorgeschichte führte er aus, er sei enttäuscht gewesen, dass er seinen
Geburtstag allein in Basel am Rhein habe verbringen müssen. Um 3 Uhr
hätten sie (der Beschuldigte und D.) telefoniert und er habe
Männerstimmen gehört. Sie (D.) habe gesagt, L. sei da, er (der
Beschuldigte) solle auch kommen. Da er kein Taxigeld gehabt habe, sei er
zu sich nach Hause gegangen. Sie hätten dann nochmals telefoniert und
D. habe gesagt, dass sie den besten Abend ihres Lebens gehabt und fünf
Schwänze gelutscht habe. Das habe ihn derart wütend gemacht, dass er
zu Hause eine Scheibe eingeschlagen habe. Er sei dann zu ihr gegangen,
um die Sache zu klären und seinen Geburtstag mit ihr zu verbringen (UA
2/C2.43 f. Ziff. 14). Als er bei ihr in der Wohnung gewesen sei, habe er sie
gefragt, ob das korrekt sei, was sie gemacht habe, mit fünf Typen nach
- 21 -
Hause zu gehen. Sie habe ihn beschimpft. Sie seien vor ihrem Bett
gestanden. Sie habe ihm zuerst eine Ohrfeige gegeben und er ihr auch
eine, so sei es eskaliert und sie seien zusammen am Boden gelegen. Das
sei so zwei oder drei Minuten weitergegangen. Um sie irgendwie zu be-
ruhigen, habe er sie in den Schwitzkasten genommen. Dann sei sie auch
wieder ruhig gewesen, er habe sie losgelassen und sie sei aufgestanden
und habe die Wohnung verlassen (UA 2/C2.47 Ziff. 44; Protokoll der
Berufungsverhandlung S. 11 f.). Auf Vorhalt des Zuhaltens von Mund und
Nase sagte der Beschuldigte, er habe D. «vor dem Mund gepackt», aber
nicht so, dass sie keine Luft mehr bekommen habe. Er habe sie am Kiefer
gepackt und habe den Pin-Code des Natels erfahren wollen. Sie sei am
Boden gelegen und er habe sie von hinten mit dem rechten Arm um den
Hals gehalten. Er habe «hör auf, hör auf!» zu ihr gesagt, weil er gewollt
habe, dass das Ganze, das Catchen und Ringen in der Wohnung aufhöre.
So nach 7, 8 oder 10 Sekunden habe er sie wieder losgelassen. Sie sei
aufgestanden, habe den Hund geholt und habe die Wohnung verlassen
(UA 2/C2.43 f. Ziff. 13, 15). Was ihm vorgeworfen werde, stimme nicht. Er
würde niemals jemandes Leben aufs Spiel setzen. Er liebe die Frau und
habe gewollt, dass es zwischen ihnen gut wird. Deshalb habe er auch das
Kontaktverbot missachtet (UA 2/C2.49 Ziff. 66).
Anlässlich Konfrontationseinvernahme vom 3. September 2020 und der
Verhandlung vor Bezirksgericht vom 22. November 2021 bestätigte der
Beschuldigte seine Aussagen im Grundsatz. Bei der
Konfrontationseinvernahme gab er u.a. an, er habe D. etwa 10 Sekunden
im Schwitzkasten gehabt. Er könne sich nicht erinnern, dass er sie am Hals
gepackt habe (UA 2/C2.62 Ziff. 66). Im Verlauf der Einvernahme räumte er
aber ein, es könne sein, dass dies bei der Rangelei irgendwie passiert sei
(UA 2/C2.66 Ziff. 97). Wie fest es (der Schwitzkasten) gewesen sei, könne
er nicht mehr erinnern. Er habe aber recht viel Kraft (UA 2/C2.64 Ziff. 82).
Auf die Frage, weshalb er D. in den Schwitzkasten genommen habe,
antwortete der Beschuldigte, er habe gewollt, dass das Ganze aufhöre und
sie mit der Rangelei aufhörten (UA 2/C2.62 Ziff. 70). Dass ein Unterarmgriff
nicht gesundheitsförderlich sei, wisse er, aber nicht, dass dies
lebensgefährlich sei. Er habe nie versucht, D. zu töten (UA 2/C2.64 Ziff.
84).
Bei der Verhandlung vor dem Bezirksgericht am 22. November 2021 gab
der Beschuldigte an, er habe D. ganz am Schluss, bevor diese aus der
Wohnung gegangen sei, im Schwitzkasten gehabt. Vorher habe er sie auch
schon am Boden fixiert, mit dem Knie auf ihrem Rücken. Er habe einfach
gewollt, dass sie nicht mehr weiter streiteten. Er habe ihr definitiv nicht mit
den Händen Mund und Nase zugehalten, dass sie keine Luft mehr
bekommen habe. Er habe sie schon am Hals gepackt, aber nicht mit beiden
Händen. Im Schwitzkasten habe er sie vielleicht etwa 5 Sekunden gehabt.
Man verliere schnell das Zeitgefühl in solchen Situationen. Sie habe
- 22 -
gesagt, sie wolle das nicht mehr, er habe gesagt, er auch nicht. Dann habe
er sie losgelassen (GA 78).
Auch anlässlich der Berufungsverhandlung vom 17. August 2022 gab der
Beschuldigte an, er habe D. in den Schwitzkasten genommen, um sie zu
beruhigen. Er habe ihren Mund und ihre Nase nicht zugehalten und könne
sich nicht erklären, weshalb D. dies so ausgesagt habe (Protokoll der
Berufungsverhandlung, S. 11 ff.).
8.3.2.
D. äusserte sich zum Sachverhalt anlässlich ihrer Befragungen vom 22. Juli
2020 (UA 2/C2.15 ff.) und vom 31. Juli 2020 (UA 2/C2.23 ff.), im Zuge der
Konfrontationseinvernahme vom 3. September 2020 (UA 2/C2.51 ff.), bei
der bezirksgerichtlichen Verhandlung (GA 68 ff.) und bei der
Berufungsverhandlung (Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 3 f.).
Bei ihrer Aussage vom 22. Juli 2020 gab sie an, der Beschuldigte sei
plötzlich bei ihr in der Tür gestanden. Er habe wahnsinnig herumgeschrien
und sie als Hure bezeichnet. Dann habe er in der ganzen Wohnung ihr
Handy gesucht. Er habe sie die ganze Zeit beleidigt und habe ihr ins
Gesicht geschlagen. Sie habe ihm immer wieder gesagt, er solle die
Wohnung verlassen. Als er ihr Handy gefunden habe, habe sie ihn
geschubst und er sei komplett ausgerastet. Er habe sie auf den Boden
geschmissen, mit seinem Knie auf ihre Wirbelsäule gelegen und mit seinen
Händen ihren Mund und ihre Nase zugehalten. Sie habe gedacht, dass er
sie jetzt umbringen werde. Sie habe in dieser Situation Angst um ihr Leben
gehabt. Immer wenn sie sich wieder befreien konnte, habe er sie wieder
gepackt und auf den Boden geschmissen und auch bespuckt (UA 2/C2.18
Ziff. 17). Auf Nachfrage zu ihrer Angst in dieser Situation ergänzte D., dass
der Beschuldigte sie zu Boden gerissen habe und sie auf dem Bauch auf
dem Boden gelegen sei. Da habe sie das Gefühl gehabt, dass der
Beschuldigte sich überlegen würde, ob er sie umbringen wolle. Er habe
immer wieder getestet, wie lange er zudrücken könne. Er sei da mit dem
Knie auf ihrem Rücken gewesen und habe mit seinen Händen ihren Mund
und ihre Nase immer wieder zugedrückt. Er habe dies immer wie länger
gemacht, sodass sie keine Luft mehr bekommen habe. Sie habe Angst um
ihr Leben gehabt (UA 2/C2.19 Ziff. 21). Auf Nachfrage führte D. weiter aus,
sie könne nicht einschätzen, wie lange die Situation (Nase und Mund
zuhalten) gegangen sei (UA 2/C2.19 Ziff. 22). Er habe das vermutlich 4- bis
5-mal gemacht. Die letzten 2-mal seien richtig lang gewesen. Sie habe sich
von ihrem Leben verabschiedet (UA 2/C2.20 Ziff. 34 f.). Nach ihrem Gefühl
seien die letzten zweimal zwischen 40 Sekunden bis zu einer Minute
gewesen, wo er zugedrückt habe (UA 2/C2.21 Ziff. 36).
Bei ihrer Einvernahme vom 31. Juli 2020 bestätigte D. ihre Aussagen. Sie
gab an, das Würgen sei gar nicht das Schlimmste gewesen, sondern das
- 23 -
(gleichzeitige) Mund und Nase zuhalten. Sie habe Angst gehabt, dass sie
ersticken würde. Sie sei auf dem Bauch am Boden im Schlafzimmer
gelegen und er sei auf ihrem Rücken gewesen. Wie genau wisse sie nicht.
Er habe in dieser Position Mund und Nase zugehalten (UA 2/C2.28). Sie
könne nicht sagen, wie lange es gedauert habe. Sie sei in Panik gewesen.
Ihr sei nicht schwindelig und sie sei auch nicht ohnmächtig gewesen. Er
habe sie zwischendurch immer wieder losgelassen (UA 2/C2.29 Ziff. 41).
Zum Grund und Gemütszustand des Beschuldigten befragt, als er bei ihr
aufgetaucht sei, äusserte D., es sei wohl seine Absicht gewesen, dass sie
diskutierten (UA 2/C2.35 Ziff. 99). Sie habe Angst gehabt und sie liebe
diesen Menschen doch. Sie habe gewusst, dass sie die Polizei wieder rufen
müsse. So wie sein Gemütszustand gewesen sei, habe sie gewusst, dass
es wieder eskalieren würde (UA 2/C2.34 Ziff. 92). Zur Situation auf dem
Boden gab D. an, der Beschuldigte sei in solchen Momenten einfach nicht
sich selbst (UA 2/C2.37 Ziff. 120). Auf die Frage, ob der Beschuldigte sie
habe töten wollen, sagte D., er habe es ja nicht gemacht und er sei ihr total
überlegen gewesen. Aber was genau seine Absicht gewesen sei, wisse sie
nicht (UA 2/C2.38 Ziff. 133).
Bei der Konfrontationseinvernahme vom 3. September 2020 sagte D., sie
wisse zwar, dass der Beschuldigte sie nicht habe umbringen wolle, aber in
solch einer Situation habe er sich einfach nicht im Griff. Sie habe in der
Situation, als sie keine Luft mehr bekommen habe, Angst gehabt (UA
2/C2.59 Ziff. 45). Sie könne sich an das Knien auf ihrem Rücken und
Mund/Nase zuhalten nicht mehr erinnern. Die Erinnerung gehe immer mehr
weg. Sie habe sicher eine Hand im Gesicht gehabt (UA C2.59 f. Ziff. 49 f.).
Sie habe nicht damit gerechnet, dass der Beschuldigte sie umbringen wolle
und sei deshalb auch so erschrocken, als sie das mit den Blutungen in den
Augen erfahren habe (UA 2/C2.60 Ziff. 52).
Bei der vorinstanzlichen Verhandlung bestätigte D., dass der Beschuldigte
auf ihrem Rücken gekniet, ihr Mund und Nase zugehalten und sie keine
Luft mehr bekommen habe (GA 68). Der Beschuldigte sei sicherlich nicht
gekommen, um sie zu töten (GA 70). Auch anlässlich der
Berufungsverhandlung zeigte D. mit ihren Händen, dass der Beschuldigte,
wie angeklagt, im Zuge dieser Auseinandersetzung ihren Mund und ihre
Nase zugedeckt habe (Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 4).
8.3.3.
Im Gutachten des IRM Aarau vom 7. August 2020 über die
rechtsmedizinische Untersuchung von D. am 22. Juli 2020 wird
festgehalten, dass sich an deren Hals Blutergüsse mit Schürfungen fanden,
welche plausibel auf den geltend gemachten Angriff gegen den Hals
zurückgeführt werden könnten. Die Angabe des Beschuldigten, er habe D.
in den Schwitzkasten genommen, erscheine dagegen aufgrund der
festgestellten Verletzungen als wenig plausibel. Die festgestellten
- 24 -
Unterblutungen an der Unterlippeninnenseite wie auch die Blutergüsse am
Unterkiefer könnten prinzipiell infolge des von D. geltend gemachten
Mundzuhaltens entstanden sein. Aus rechtsmedizinischer Sicht könnten
die Stauungsbefunde durch die von D. beschriebene
Brustkorbkompression entstanden sein. Das Behindern der
Atembewegungen infolge der Brustkorbkompression durch Knien auf dem
Oberkörper einer anderen Person werde in Kombination mit einer
Verlegung der Atemwege (z.B. durch Zuhalten der Atemöffnungen) als sog.
«Burking» bezeichnet. Aufgrund der festgestellten Stauungsblutungen im
linken Trommelfell, an den Augenlidern und der Schleimhaut der
Lippeninnenseiten sei im vorliegenden Fall eine konkrete Lebensgefahr zu
bejahen, wobei allerdings nicht unterschieden werden könne, ob die
Stauungsblutungen alleinige Folge der Hals- oder Brustkorbkompression
seien oder sich in Kombination der beiden Vorgänge ausbildeten. Auch
wenn sich keine konkreten Hinweise auf den vom Beschuldigten
berichteten Unterarmwürgegriff fänden, so sei diesbezüglich noch
anzufügen, dass solche als lebensgefährliche Handlungen zu bezeichnen
seien. Je nach Ausführung könne es aufgrund der Kompression der
Halsschlagadern und gegebenenfalls der Wirbelsäulenschlagadern über
einen vollständigen Unterbruch der Hirndurchblutung schnell zur
Bewusstlosigkeit des Opfers kommen. Wie auch beim Würgen sei für den
Angreifer nicht abschätzbar, zu welchem Zeitpunkt des Angriffs eine
lebensbedrohliche Hirndurchblutungsstörung einsetze. Dies treffe
insbesondere beim Unterarmwürgegriff zu, da der Angreifer hinter dem
Opfer positioniert sei (UA 2/B5.32).
8.4.
8.4.1.
Der Beschuldigte räumte das «in den Schwitzkasten nehmen», das Knien
auf dem Rücken von D. und ein Packen am Hals von D. ein. Das Packen
am Hals wird durch die medizinisch dokumentierten frischen Blutergüsse,
teils mit Schürfungen, am Hals rechts-, vorder- und linksseitig untermauert
(UA 2/B5.28 f.). Ferner hat D. insbesondere bei ihrer ersten Einvernahme
eindrücklich geschildert, dass der Beschuldigte ihr auch mehrfach den
Mund und die Nase zuhielt, als er auf ihrem Rücken kniete. Dies passt zu
den medizinischen Befunden mit Unterblutungen in den Unterlippen (UA
2/B5.30) und Blutergüssen im Kieferbereich (UA 2/B5.31). D. beschrieb
zudem ihre dabei empfundenen Gefühle eindringlich und nachvollziehbar,
was für einen realen Erlebnishintergrund spricht. Aufgrund der
vorliegenden Aussagen und der medizinischen Befunde mit
Stauungsblutungen in den Augenlidern, Mundschleimhäuten und im
Trommelfell (UA 2/B5.28) ist davon auszugehen, dass diese Vorgänge von
einiger Intensität waren. Das ergibt sich auch aus den Aussagen des
Beschuldigten, wonach er D. bis zu 10 Sekunden lang mit dem
Unterarmgriff gewürgt hatte. Gemäss den Aussagen von D. hatte sich der
Beschuldigte nicht mehr im Griff gehabt. Das passt zur Aussage des
- 25 -
Beschuldigten, wonach er nicht sagen konnte, wie fest der
Unterarmwürgegriff war, aber in diesem Zusammenhang einräumte, dass
er recht viel Kraft habe. D., die dem damals 113 kg schweren Beschuldigten
körperlich unterlegen war (vgl. GA 78), hatte keine Chance, sich dagegen
zu wehren. Aufgrund des beweiskräftigen rechtsmedizinischen Gutachtens
ist zudem erstellt, dass der Beschuldigte durch dieses Verhalten eine
konkrete Lebensgefahr für D. schaffte, die er nicht kontrollieren konnte.
8.4.2.
Der Beschuldigte gab an, er wisse, dass ein Unterarmgriff nicht
gesundheitsfördernd sei. Aufgrund dieser Aussage ist davon auszugehen,
dass er wusste, dass das in den Schwitzkasten nehmen die Blutzufuhr und
Sauerstoffversorgung des Gehirns behindern kann. Vor diesem
Hintergrund ist als Schutzbehauptung zu qualifizieren, sofern er alsdann in
allgemeiner Weise in Abrede stellt, nicht gewusst zu haben, dass eine
solche Handlung auch lebensgefährlich sein kann. Der Beschuldigte, der
über gute intellektuelle Fähigkeiten verfügt – er erfüllte die
Voraussetzungen zur Absolvierung des Gymnasiums bzw. der Wirtschafts-
mittelschule – muss dies bekannt gewesen sein. Gleiches gilt bezüglich der
möglichen Lebensgefahr durch das Knien auf dem Rücken von D. mit
gleichzeitigem Zuhalten des Mundes und der Nase. Auch hier ist es für
jedermann, mithin auch für den Beschuldigten offensichtlich, dass es zu
einer Mangelversorgung des Gehirns mit Sauerstoff kommen kann. Der
Beschuldigte, der auf dem Rücken von D. kniete und ihr mehrfach
Mund/Nase zuhielt sowie sie in den Schwitzkasten nahm und letzteres
während mindestens 10 Sekunden, konnte die Folgen seines Handelns
nicht kontrollieren. Dies ergibt sich klar aus dem rechtsmedizinischen
Gutachten. Dies leuchtet vorliegend insbesondere auch ein, da sich der
Beschuldigte bei den Angriffen gegen den Hals jeweils hinter D. befand und
somit ihr Gesicht und allfällige erste Warnsignale für eine
Zustandsverschlechterung nicht erkennen konnte. Hinzu kommt, dass der
Beschuldigte D. erst aus dem Schwitzkasten liess, als diese sich nicht mehr
gewehrt hatte (Mussten Sie sie in dieser Position festhalten, dass sie nicht
mehr wegkam? In dieser Position wehrte sie sich nicht. So merkte ich nach
7 oder 8 Sekunden, dass das reicht.»). Gegen das Ruhigstellen durch den
Beschuldigten konnte sich D. aufgrund ihrer körperlichen Unterlegenheit
(rund 50 kg leichter als der Beschuldigte [vgl. UA2/C2.64 Ziff. 83]) nicht
wehren. Nachdem der Beschuldigte allgemein um die Gefährlichkeit eines
Sauerstoffmangels des Gehirns gewusst haben muss, musste ihm auch
bewusst gewesen sein, dass er mit seinen Handlungen, die bis zur
Beruhigung von D. andauerten, ein hohes und für ihn nicht beherrschbares
Risiko einging. Dies gilt insbesondere auch, weil der Beschuldigte die
Übersicht verlor, mit welcher Kraft er auf den Hals von D. einwirkte («...ich
legte den Arm um ihren Hals. Wie fest, weiss ich nicht mehr. Ich habe aber
recht viel Kraft.» [UA 2/C2.64 Ziff. 82]). Dass der Beschuldigte in dieser
Situation bereit war, den Tod von D. in Kauf zu nehmen, passt auch zu
- 26 -
seinem damaligen Gemütszustand. Er war eifersüchtig, enttäuscht, wütend
und hässig (vgl. UA 2/C2.57 Ziff. 29). Er hatte sich nicht mehr im Griff, was
sich auch daran zeigt, dass er zuvor bereits an seinem Wohnort eine
Scheibe eingeschlagen hatte (UA 2/C2.44 f. Ziff. 14, 25) und ihm sein
Nasenbluten während des Streits egal war (UA 2/C2.46 Ziff. 38). Dazu
passt auch die Beschreibung von D., wonach der Beschuldigte in solchen
Momenten einfach nicht sich selbst sei (UA 2/C2.37 Ziff. 120) und er sich
dann nicht mehr im Griff habe (UA 2/C2.59 Ziff. 45). Das Gericht ist daher
überzeugt, dass dem Beschuldigten in diesem Moment die möglichen und
ihm bekannten Folgen eines Unterarmwürgegriffs bzw. Burking gleichgültig
waren und er den möglichen Tod von D. in Kauf nahm. Nach Ansicht des
Gerichts rückte für den Beschuldigten in diesem Moment in den
Hintergrund, dass er D. eigentlich liebt und beabsichtigt hatte, mit ihr seinen
Geburtstag zu verbringen. Nachdem hier von einem Eventualvorsatz
betreffend die Tötung im Rahmen des eskalierten Streits ausgegangen
wird, ist unerheblich, dass der Beschuldigte nicht schon mit der Absicht D.
zu töten zu ihr fuhr.
8.4.3.
Nach dem Dargelegten ist der Beschuldigte wegen versuchter
eventualvorsätzlicher Tötung schuldig zu sprechen.
9.
9.1.
Die Vorinstanz verurteilte den Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von
30 Monaten (20 Monate bedingt und 10 Monate unbedingt vollziehbar),
einer unbedingten Geldstrafe von 180 Tagessätze (unter Widerruf des dem
Beschuldigten mit Strafbefehl vom 28. März 2018 für eine Geldstrafe von
30 Tagessätzen gewährten bedingten Vollzugs) und einer Busse von Fr.
400.00.
Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von 6 1⁄2 Jahren. Die
ausgefällte Gesamtgeldstrafe und Busse beanstandet sie hingegen nicht
(Berufungsbegründung S. 2, 9 f.; vgl. auch GA 95 ff.).
9.2.
Der Beschuldigte ist in Abweichung zum vorinstanzlichen Urteil betreffend
das Strafdossier C2 lit. e nicht wegen Gefährdung des Lebens, sondern
wegen versuchter (eventual-)vorsätzlicher Tötung zu verurteilen. Hinzu
kommt zudem ein Schuldspruch wegen Beschimpfung. Im Übrigen ist der
Beschuldigte wegen der im Berufungsverfahren unbestritten gebliebenen
Delikte angemessen zu bestrafen.
9.3.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt. Entsprechendes gilt für die Bildung der
- 27 -
Einsatzstrafe und der Gesamtstrafe nach Art. 49 Abs. 1 StGB in
Anwendung des Asperationsprinzips (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313;
BGE 144 IV 217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit
Hinweisen). Darauf kann verwiesen werden.
9.4.
9.4.1.
Bei der Wahl der Sanktionsart sind neben dem Verschulden unter
Beachtung des Prinzips der Verhältnismässigkeit als wichtige Kriterien die
Zweckmässigkeit und Angemessenheit einer bestimmten Sanktion, ihre
Auswirkungen auf den Täter und sein soziales Umfeld sowie ihre
Wirksamkeit unter dem Gesichtswinkel der Prävention zu berücksichtigen
(BGE 147 IV 241 E. 3; BGE 134 IV 97 E. 4.2; BGE 134 IV 82 E. 4.1).
9.4.2.
9.4.2.1.
Für die versuchte vorsätzliche Tötung gemäss Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22
Abs. 1 StGB kommt als Sanktion nur eine Freiheitstrafe in Betracht, da
keine so ausserordentlichen Gründe vorliegen, die ein Unterschreiten des
ordentlichen Strafrahmens oder gar einen Strafartenwechsel erlauben
würden (vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.8).
9.4.2.2.
Hinsichtlich der Tatbestände der Beschimpfung, des betrügerischen
Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage, der einfachen Körper-
verletzung, der Sachbeschädigung, des Hausfriedensbruchs und der
Nötigung kommt hingegen auch eine Geldstrafe in Frage. Einzeln für sich
betrachtet, wiegen die verschiedenen begangenen Straftaten nicht derart
schwer, als dass hier eine Freiheitsstrafe ausgefällt werden müsste. Dem
Verschulden kann auch mit einer Geldstrafe Rechnung getragen werden.
Es fragt sich, ob aus spezialpräventiven Gründen eine Freiheitsstrafe
erforderlich ist. Der Beschuldigte ist vorbestraft. Er wurde mit Strafbefehl
der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 18. November 2016 wegen
Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz (Art. 19 Abs. 1 und
Art. 19a Abs. 1 BetmG) zu einer bedingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen
bei einer Probezeit von 2 Jahren und einer Busse von Fr. 500.00 verurteilt
(UA 1/1, 1/15 ff.). Mit Strafbefehl vom 28. März 2018 wurde er als
Teilzusatzstrafe zum vorgenannten Strafbefehl wegen Widerhandlungen
gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer bedingten Geldstrafe von 30
Tagessätzen, Probezeit 3 Jahre, und einer Busse von Fr. 600.00 verurteilt.
Ferner wurde der mit Strafbefehl vom 18. November 2016 gewährte
bedingte Strafvollzug für die Geldstrafe von 10 Tagessätzen à Fr. 30.00
widerrufen (UA 1/1 f.,1/18 ff.). Mit Strafbefehl vom 23. Januar 2020 wurde
der Beschuldigte alsdann wegen Fahrens in fahrunfähigem Zustand und
Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer unbedingten
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- 28 -
Geldstrafe von 50 Tagessätzen à Fr. 20.00, d.h. Fr. 1'000.00, und einer
Busse von Fr. 300.00 verurteilt. Zudem wurde hinsichtlich der bedingten
Geldstrafe gemäss Strafbefehl vom 28. März 2018 die Probezeit um ein
Jahr verlängert (UA 1/2, 1/22 ff.). Diese Vorstrafen zeigen, dass sich der
Beschuldigte durch die ausfällten Strafen nicht beeindrucken liess. Dies,
obwohl er Geldstrafen/Bussen bezahlen und teilweise auch durch Haft
verbüssen musste (GA 72). Ferner weisen diese Vorstrafen auf einen
problematischen Umgang des Beschuldigten mit Drogen hin, welcher auch
bei dem in diesem Verfahren zu beurteilenden Straftaten eine gewisse
Rolle gespielt hat (vgl. betreffend die durch den Rausch bedingte
Enthemmung hinsichtlich des Sachverhalts C2: UA 3/E.1.120; sowie weiter
hinsichtlich des Drogenkonsums: Strafdossier C3). Auf der anderen Seite
ist aber auch zu beachten, dass die hier zu beurteilenden Straftaten im
Wesentlichen eine andere Qualität als die Vorstrafen aufweisen. Ein
verfestigtes kriminelles Verhaltensmuster ist beim Beschuldigten somit
nicht auszumachen. Hinsichtlich seiner Legalprognose positiv zu bewerten
ist zudem, dass der Beschuldigte sich nun, wenn auch mit durchzogenem
Erfolg einer Behandlung seiner Suchterkrankung unterzieht (UA 3/E1.119,
GA 72 f.) und er sich auch in beruflicher Hinsicht positiv zu entwickeln
scheint, indem er im August 2021 eine Maurerlehre angefangen hat (GA
71-73). Hinzu kommt, dass der Beschuldigte wegen der versuchten
vorsätzlichen Tötung eine längere Freiheitsstrafe wird verbüssen müssen.
Insgesamt erscheint daher unter spezialpräventiven Gesichtspunkten
gerade noch möglich, für die weiteren Delikte, für die eine Freiheitsstrafe
oder eine Geldstrafe ausgefällt werden kann, eine Geldstrafe
auszusprechen.
9.4.2.3.
Für den Konsum von Betäubungsmitteln ist von Gesetzes wegen auf eine
Busse zu erkennen (vgl. Art. 19a Abs. 1 BetmG).
9.5.
Hinsichtlich der versuchten vorsätzlichen Tötung (Strafdossier C2 lit. e; E.
8 hiervor), für die eine Freiheitsstrafe auszusprechen ist, ergibt sich
Folgendes:
9.5.1.
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird gemäss Art. 111 StGB mit
Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. Liegt ein blosser Versuch
vor, ist in einem ersten Schritt die schuldangemessene Strafe für das
vollendete Delikt festzulegen. Die derart ermittelte hypothetische Strafe ist
in der Folge unter Berücksichtigung des fakultativen Strafmilderungsgrunds
von Art. 22 Abs. 1 StGB zu reduzieren (vgl. Urteile des Bundesgerichts
6B_196/2021 vom 25. April 2021 E. 5.4.3; 6B_466/2013 vom 25. Juli 2013
E. 2.3.1). Dabei hat die Strafminderung umso geringer auszufallen, je näher
der tatbestandsmässige Erfolg und je schwerer die tatsächlichen Folgen
- 29 -
der Tat waren (BGE 121 IV 49 E. 1b). Der ordentliche Rahmen ist nur zu
verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die ange-
drohte Strafe im konkreten Fall als zu hart erscheint (vgl. BGE 136 IV 55 E.
5.8).
Die Vernichtung menschlichen Lebens ist immer von einer extremen
Schwere. Sie ist der vorsätzlichen Tötung immanent und wird bereits im
Strafrahmen (Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren) berücksichtigt. Allein
der Umstand, dass der Beschuldigte das höchste Rechtsgut eines
Menschen, das Leben, verletzt hat, rechtfertigt somit nicht per se die
Ausfällung der Maximalstrafe. Die Rechtsgutverletzung als solche ist
unergiebig, wenn es um eine Tötung geht, da der Erfolgsunwert nicht
abgestuft werden kann. Die objektive Tatschwere bestimmt sich deshalb
vielmehr anhand des Tathergangs und der Tatumstände. Bei Totschlag
(Art. 113 StGB) und bei Mord (Art. 112 StGB) kennzeichnen subjektive
Elemente (eine entschuldbare heftige Gemütsbewegung oder eine grosse
seelische Belastung resp. eine besondere Skrupellosigkeit) den
privilegierten resp. qualifizierten Tatbestand. Subjektive Merkmale wie
Motive, Beweggründe und Absichten des Täters sind implizit aber auch
beim hier einschlägigen Grundtatbestand des Art. 111 StGB massgeblich,
wenn es um die Festlegung des (objektiven) Schweregrades geht. Dieser
bestimmt sich mit anderen Worten anhand aller Tatkomponenten, welche
einem gesetzlichen Tatbestandsmerkmal zuzuordnen sind (Urteil des
Bundesgerichts 6B_1038/2017 vom 31. Juli 2018 E. 2.6.1).
9.5.2.
Der Beschuldigte nahm D. in den Schwitzkasten, packte sie am Hals und
kniete auf ihrem Rücken, wobei er ihr dabei mehrfach Mund und Nase
verschloss. Wie bereits dargelegt, ist davon auszugehen, dass diese
Vorgänge mit einiger Intensität ausgeführt wurden. Dieser Tatablauf zeigt
eine Rücksichtslosigkeit des Beschuldigten gegenüber der körperlichen
Unversehrtheit von D. und auch eine gewisse Brutalität. Im Rahmen der
möglichen Tötungshandlungen ist dieses Verhalten im mittelschweren
Bereich anzusiedeln. Zu Gunsten des Beschuldigten ist davon
auszugehen, dass er nicht mit direktem Tötungsvorsatz handelte und die
Tat nicht plante. Vielmehr kam es dazu spontan aus dem Streit heraus.
Aufgrund der mehrfachen Gewalt, die geeignet war, die Sauerstoffzufuhr
bei D. zu behindern, ist insgesamt aber zu schliessen, dass die zu
beurteilende Tat näher beim direktvorsätzlichen als beim fahrlässigen
Handeln anzusiedeln ist. Hingegen ist zu Gunsten des Beschuldigten zu
berücksichtigen – auch wenn dies die exzessive Gewalt des Beschuldigten
nicht zu rechtfertigen vermag –, dass D. durch vorgängige verbale
Provokationen am Telefon und indem sie den Beschuldigten schubste,
massgeblich zur Eskalation des bereits schlummernden Streits beitrug,
insbesondere, dass dieser dann auch vom Verbalen auf die körperliche
Ebene wechselte. Hinzu kommt, dass gemäss psychiatrischem Gutachten
- 30 -
vom 22. Dezember 2020 die Hemmschwelle des Beschuldigten wegen des
geringgradigen Rauschzustands herabgesetzt war; laut Gutachten jedoch
nicht in einem Ausmass, dass eine verminderte Schuldfähigkeit
anzunehmen wäre (UA 3/E1.120). Auf der anderen Seite ist jedoch auch
zu beachten, dass der Beschuldigte sich ohne Weiteres auch anders hätte
verhalten können, mithin über ein erhebliches Mass an
Entscheidungsfreiheit verfügte. Nachdem es am 6. Mai 2020 bereits zu
Tätlichkeiten zwischen dem Beschuldigten und D. gekommen war, hätte er
in seinem aufgebrachten Zustand – er zerschlug bereits zu Hause eine
Scheibe (E. 8.3.1) – am 22. Juli 2020 erst gar nicht zu ihr fahren sollen. Als
dann erkennbar war, dass eine konstruktive Aussprache nicht möglich war,
hätte der Beschuldigte zudem einfach die Wohnung von D. verlassen
können, statt zu versuchen, den Streit durch Immobilisieren von D. (mit
Knien auf ihrem Rücken mit Mund/Nase zuhalten sowie in den
Schwitzkasten nehmen) zu beenden. Es besteht ein krasses Missverhältnis
zwischen dem verfolgten Ziel der sofortigen Beendigung der Streitereien
und der Inkaufnahme der Tötung von D.. Wäre das Delikt (Tötung von D.)
vollendet worden, wäre aufgrund der aufgezeigten Umstände – in Relation
zum Strafrahmen von 5 bis 20 Jahren Freiheitsstrafe – eine Freiheitsstrafe
von 12 Jahren angemessen.
Vorliegend ist der Taterfolg nicht eingetreten, es liegt nur ein Versuch vor,
weshalb die Strafe gemildert werden kann (Art. 22 Abs. 1 StGB). Die
Umstände waren dabei nicht so, dass es in der Disposition des
Beschuldigten lag, ob der Erfolg eintritt oder nicht. Gemäss dem
rechtsmedizinischen Gutachter bestand Lebensgefahr und für den
Beschuldigten war nicht abschätz- und kontrollierbar, ob es zu einer
lebensbedrohlichen Hirndurchblutungsstörung und dem Tod von D. kommt.
Gleichwohl ist der Unterschied zwischen der vom Beschuldigten
eventualvorsätzlich in Kauf genommenen Tötung und dem tatsächlich
ausgebliebenen Tod und den nicht mehr vorhandenen Folgen der
Verletzung ausserordentlich gross. Vom Ausbleiben des Taterfolgs
profitiert auch der Täter. Ferner ist zu Gunsten des Beschuldigten auch zu
beachten, dass er schliesslich aus eigenem Antrieb von D. abgelassen und
ihre Flucht aus der Wohnung nicht verhindert hat. Angesichts dieser
Umstände rechtfertigt es sich, den Versuch im Umfang von 6 1⁄2 Jahren
strafmildernd zu berücksichtigen, so dass die Freiheitsstrafe für die
versuchte vorsätzliche Tötung auf 5 1⁄2 Jahre festzusetzen ist.
9.5.3.
Hinsichtlich der Täterkomponente ergibt sich Folgendes:
Der Beschuldigte ist mehrfach vorbestraft, was sich straferhöhend auswirkt,
denn er hat daraus keine genügende Lehre gezogen (BGE 136 IV 1 E.
2.6.2). Es ist jedoch zu beachten, dass aus dem täterbezogenen
Strafzumessungskriterium der Vorstrafen nicht indirekt ein tatbezogenes
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Kriterium gemacht werden darf. Mithin dürfen die Vorstrafen nicht wie
eigenständige Delikte gewürdigt werden (Urteile des Bundesgerichts
6B_18/2022 vom 23. Juni 2022 E. 2.6.1; 6B_510/2015 vom 25. August
2015 E. 1.4; 6B_325/2013 vom 13. Juni 2013 E. 4.3.2).
Keine wesentliche Strafminderung vermag das Aussageverhalten des
Beschuldigten zu begründen. Zunächst stritt er alles ab und alsdann hat er
nur eingestanden, dass er D. in den Schwitzkasten genommen, sie am Hals
gepackt und mit dem Knie auf dem Rücken festhielt. Er hat jedoch
vehement bestritten, dass er D. mehrfach den Mund und die Nase
verschlossen hatte, als er auf ihrem Rücken gekniet hatte. Seine Aussagen
haben demnach die Untersuchung nicht erheblich erleichtert.
Nachdem der Beschuldigte keine Familienangehörigen bei der
vorinstanzlichen Verhandlung dabeihaben wollte, ist anzunehmen, dass er
sich für seine Taten schämt. Er gab zudem an, dass eine Verurteilung
wegen versuchter vorsätzlicher Tötung für ihn einen grossen Rückschlag
im Leben deuten würde. Diese blosse Tatfolgenreue kann zu keiner
Strafminderung führen, denn ein die ihn betreffenden Tatfolgen
übersteigendes Bedauern ist nicht ersichtlich. Ebenso wenig ist eine
hinreichende Einsicht beim Beschuldigten zu erkennen, nachdem er
massgebliche Tathandlungen immer noch bestreitet. Eine Strafminderung,
wie sie bei einem von Anfang an und vollständig geständigen, einsichtigen
und reuigen Täter möglich ist, kommt vorliegend daher nicht in Frage.
Ein Wohlverhalten nach der Tat stellt keine besondere Leistung dar und ist
neutral zu bewerten. Der Beschuldigte wuchs in normalen familiären
Verhältnissen auf und auch aktuell sind diesbezüglich keine speziellen
Umstände ersichtlich. Ebenso wenig sind die zwischenzeitlich stabileren
beruflichen Verhältnisse strafmindernd zu berücksichtigen. Ausser-
ordentliche Umstände, anhand welcher vorliegend auf eine ausser-
ordentliche Strafempfindlichkeit zu schliessen wäre, sind keine ersichtlich.
Insgesamt wirkt sich die Täterkomponente neutral aus.
9.5.4.
Angesichts der Dauer der Freiheitsstrafe kommt ein bedingter oder
teilbedingter Vollzug nicht in Frage (vgl. Art. 42 f. StGB).
Die ausgestandene Untersuchungshaft von 312 Tagen (6./7. Mai 2020; 23.
Juli 2020 bis 28. Mai 2021) ist dem Beschuldigten gestützt auf Art. 51 StGB
an die Freiheitsstrafe anzurechnen.
9.6.
Die von der Vorinstanz unbedingt ausgesprochene Geldstrafe von 180
Tagessätzen à Fr. 30.00, d.h. Fr. 5'400.00, wurde im Berufungsverfahren
nicht angefochten und ist deshalb – unter Vorbehalt von Art. 404 Abs. 2
- 32 -
StPO – nicht zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO). Angesichts der Vielzahl
der Delikte, für welche auf eine Geldstrafe zu erkennen ist (hinzu kommt
noch eine Beschimpfung), steht fest, dass es auf jeden Fall beim
gesetzlichen Höchstmass bleiben wird (zum sogenannten Verbot der
Strafartenschärfung: BGE 144 IV 313).
Die Geldstrafe ist unbedingt auszusprechen. Nach ständiger Recht-
sprechung des Bundesgerichts ist der bedingte Vollzug nur denkbar, wenn
keine ungünstige Prognose vorliegt. Wird aber eine stationäre oder – wie
vorliegend – eine ambulante Massnahme angeordnet, ist diese
Voraussetzung von vornherein nicht gegeben. Denn die Anordnung einer
Massnahme bedeutet zugleich eine ungünstige Prognose und schliesst
demnach den bedingten Aufschub einer Strafe aus (statt vieler: Urteil des
Bundesgerichts 6B_986/2021 vom 19. Mai 2022 E. 1.3). Die von der
Vorinstanz angeordneten ambulante Massnahme wurde im
Berufungsverfahren nicht angefochten. Hinzu kommt, dass der
Beschuldigte in Bezug auf den Konsum von Kokain rückfällig geworden ist
(vgl. Mitteilung von Dr. med. H., Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, Liestal), was die ihm zu stellende Schlechtprognose
zusätzlich verstärkt. Mithin zeigt sich beim Beschuldigten trotz langer
Untersuchungshaft nach wie vor eine Unbelehrbarkeit hinsichtlich des
problematischen und sich negativ auf die Legalprognose auswirkenden
Drogenkonsums.
9.7.
Die von der Vorinstanz für die Übertretungen ausgesprochene Busse von
Fr. 400 und die festgesetzte Ersatzfreiheitsstrafe von 13 Tagen für den Fall
der schuldhaften Nichtbezahlung sind im Berufungsverfahren
unangefochten geblieben.
9.8.
Zusammengefasst ist der Beschuldigte zu einer Freiheitsstrafe von 5 1⁄2
Jahren, zu einer unbedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à Fr. 30.00,
d.h. Fr. 5'400.00, und zu einer Busse von Fr. 400.00, ersatzweise 13 Tage
Freiheitsstrafe, zu verurteilen.
10.
Die von der Vorinstanz gestützt auf das psychiatrische Gutachten vom 22.
Dezember 2020 angeordnete ambulante Massnahme ist, wie bereits
ausgeführt, im Berufungsverfahren unangefochten geblieben und deshalb
nicht zu überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO).
11.
11.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO).
- 33 -
Die Staatsanwaltschaft dringt mit ihrer Berufung teilweise durch, indem der
Beschuldigte wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und einer
Beschimpfung am 5. Mai 2020 zu verurteilen ist. Entgegen der
Staatsanwaltschaft hat jedoch ein Freispruch betreffend das Strafdossier
C1 Sachverhalt 3 lit. b (Drohung) und e (Gefährdung des Lebens und
einfache Körperverletzung) sowie das Strafdossier C2 lit. a
(Hausfriedensbruch) zu erfolgen. Die Staatsanwaltschaft obsiegt zudem
teilweise, indem der Beschuldigte zu einer längeren Freiheitsstrafe (5 1⁄2
Jahre statt 2 1⁄2 Jahre) zu verurteilen ist. Bei diesem Ausgang des
Verfahrens rechtfertigt es sich, dem Beschuldigten 3/4 der Gerichtskosten
von Fr. 4'000.00 (§ 18 VKD) aufzuerlegen und im Übrigen auf die
Staatskasse zu nehmen.
11.2.
Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten ist für das obergerichtliche
Verfahren gestützt auf die von ihm anlässlich der Berufungsverhandlung
eingereichte Kostennote, angepasst an die effektive Dauer der
Verhandlung, mit Fr. 4'551.30 aus der Staatskasse zu entschädigen (Art.
135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und 3bis AnwT).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zu 3/4 zurückzufordern, sobald
es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
12.
12.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Die Beschuldigte wird in wesentlichen Teilen im Sinne der
Anklage schuldig gesprochen. Die Freisprüche stehen zudem in einem
engen und direktem Zusammenhang mit den übrigen Schuldsprüchen, so
dass keine, nicht notwendige Untersuchungshandlungen erkennbar sind.
Dem Beschuldigten sind deshalb die gesamten erstinstanzlichen
Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 426 Abs. 1 StPO; vgl. Urteile des
Bundesgerichts 6B_580/2019 vom 8. August 2019 E. 2.2; 6B_993/2016
vom 24. April 2017 E. 5.3 f.).
12.2.
Die Vorinstanz genehmigte die Kosten des amtlichen Verteidigers von Fr.
12'031.25 und wies die Gerichtskasse Rheinfelden an, diesen Betrag dem
Verteidiger zu überweisen. Betreffend die Kosten der ursprünglichen
amtlichen Verteidigerin, Rechtsanwältin Antonia Florin, wies das
Bezirksgericht darauf hin, dass diese mit Verfügung vom 3. Mai 2021
entschädigt worden sei. Der Beschuldigte wurde verpflichtet, dem Kanton
Aargau die Kosten der amtlichen Verteidigung zurückzubezahlen, sobald
es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlaubten (vorinstanzliches Urteil
- 34 -
Dispositiv-Ziff. 9). In der folgenden Dispositiv-Ziff. 10.1 hält das
Bezirksgericht dann fest, die Kosten der amtlichen Verteidigung beliefen
sich auf Fr. 12'031.25.
Die Staatsanwaltschaft (Berufungsbegründung S. 10) rügt zu Recht, dass
in der vorinstanzlichen Dispositiv-Ziff. 10.1 die Kosten der ursprünglichen
amtlichen Verteidigung nicht enthalten sind. Ferner ist mit der
Staatsanwaltschaft festzuhalten, dass im Dispositiv die Kosten der
ursprünglichen Verteidigerin zu beziffern sind. Dies ist aus Gründen der
Klarheit geboten, denn diese Kosten werden vom Beschuldigen
zurückgefordert, sobald es seine finanziellen Verhältnisse erlauben. Die
Entschädigung von Rechtsanwältin Antonia Florin beträgt Fr. 19'767.80
und wurde ihr mit Verfügung vom 3. Mai 2021 ausbezahlt (UA 3/D1.63 f.).
Im Übrigen hat es beim von der Vorinstanz Entschiedenen sein Bewenden.
12.3.
Die der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin D. im
erstinstanzlichen Verfahren zugesprochene Entschädigung ist im
Berufungsverfahren unangefochten geblieben, weshalb es damit sein
Bewenden hat. Entgegen der Vorinstanz ist die unentgeltliche
Rechtsbeiständin – anders als im Zivilprozess – nicht nur bei
Uneinbringlichkeit, sondern immer vom Staat zu bezahlen (Art. 138 Abs. 1
i.V.m. Art. 135 StPO). Die Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der
Privatklägerschaft trägt der Beschuldigte – im Umfang seines Unterliegens
– sodann nur, wenn er sich in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen
befindet (Art. 426 Abs. 4 StPO, der als lex specialis Art. 135 Abs. 4 StPO
vorgeht), was vorliegend offensichtlich nicht der Fall ist.
13.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).