Decision ID: 5eaac440-2ac9-57e6-93e0-956d79c301dc
Year: 2020
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Die im Jahr 1998 gegründete A. betreibt ein Laser-Center und ist im Bereich der Ausfüh-
rung allgemeiner Blech- und Metallbearbeitungen sowie im Handel mit Immobilien tätig
(Handelsregisterauszug, act. 7.2). Das Unternehmen führte seinen Produktionsbetrieb zu-
nächst an der B., in C., auf einer Gewerbefläche von rund 500 m2. Im November 2004 er-
warb es an der B. in C. Gewerbebauland in der Grösse von 3‘553 m2, mit dem Ziel, darauf
einen Neubau für seinen Betrieb zu realisieren. Der Kaufpreis belief sich auf Fr. 532‘950.--
(act. 2.5). Nach einer weiteren Vergrösserung des für den Neubau geplanten Baulands um
673 m2 im Dezember 2007 (act. 2.6) reichte das Unternehmen im August 2008 ein Bauge-
such für die betreffende Liegenschaft ein (act. 2.7), welches am 22. April 2010 bewilligt
wurde (act. 2.11). Auf Antrag der A. wurde die Bewilligung im November 2011 noch bis zum
22. April 2013 verlängert (act. 2.13). Das Unternehmen verzichtete schliesslich auf eine
Realisierung des bewilligten Projekts und verkaufte die betreffende Liegenschaft im Sep-
tember 2016, wobei ein Gewinn von Fr. 474‘900.-- resultierte (Kaufvertrag nicht bei den
Akten). Dafür erwarb die A. ebenfalls im September 2016 das Grundstück Nr. 0001, D., in
C. mit einer Fläche von 15‘295 m2, zu einem Kaufpreis von 4,2 Millionen Franken (act.
2.15).
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B. In der Jahresrechnung 2016 als Basis der Steuererklärung 2016 verbuchte die A. in der
Höhe des für den Verkauf der Liegenschaft B. erzielten Gewinns von Fr. 474‘900.-- eine
Rückstellung für Ersatzbeschaffung, mit darauf folgender Übertragung im Jahr 2017 auf die
neue Liegenschaft D.. In der Veranlagungsverfügung vom 5. Februar 2019 betreffend die
Steuerperiode 1. Januar bis 31. Dezember 2016 lehnte die Steuerverwaltung die betref-
fende Rückstellung jedoch ab und verfügte die volle Besteuerung des erzielten Gewinns für
die Liegenschaft B.. In Abweichung von der Selbstdeklaration ging sie nicht von einer Er-
satzbeschaffung von betriebsnotwendigem Anlagevermögen aus (act. 2.16). Die dagegen
erhobene Einsprache wurde mit Einspracheentscheid vom 27. März 2019 abgewiesen (act.
2.1).
C. Gegen den nämlichen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde der durch Rechts-
anwalt RA AA. vertretenen A. (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) vom 25. April 2019
mit dem eingangs zitierten Rechtsbegehren (act. 1). Die Vernehmlassung der kantonalen
Steuerverwaltung (nachfolgend: Vorinstanz) mit dem Antrag auf Beschwerdeabweisung
folgte am 22. Mai 2019 (act. 6). In ihrer Replik vom 9. Juli 2019 hielt die Beschwerdeführe-
rin an ihrem Rechtsbegehren fest (act. 9), des Gleichen die Vorinstanz in ihrer Duplik vom
26. Juli 2019 (act. 11).
D. Die Parteien verzichteten auf eine mündliche und öffentliche Verhandlung.

Erwägungen
1. 1.1
Nach Art. 188 Abs. 1 des Steuergesetzes vom 21. Mai 2000 (StG, bGS 621.11) kann der
Einspracheentscheid innert 30 Tagen nach Eröffnung beim Obergericht schriftlich mit Be-
schwerde angefochten werden. Auf die frist- und formgerecht erhobene Beschwerde ist
einzutreten.
1.2
Weil die Beschwerde die Veranlagung sowohl der Direkten Bundessteuer als auch der
Staats- und Gemeindesteuern betrifft, wurde sie mit Blick auf die unterschiedlichen Rechts-
grundlagen in zwei formell getrennte, aber gleichzeitig behandelte Verfahren aufgeteilt
(O2V 19 10 und O2V 19 12). Das vorliegende Verfahren O2V 19 10 betrifft die Staats- und
Gemeindesteuern 2016.
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1.3
Gestützt auf Art. 2 der Verordnung über COVID-19-Massnahmen: Gerichte (bGS 113.2)
kann das Obergericht zur Bewältigung der aktuell ausserordentlichen Lage in allen Fällen
auf dem Zirkularweg entscheiden, wenn das Gesetz keine Verhandlung vorschreibt. Ent-
scheide, die auf dem Zirkularweg gefällt werden, bedürfen der Einstimmigkeit (Art. 52
Abs. 2 JG). Da vorliegend keine Durchführung einer Verhandlung vorgeschrieben ist und
die Parteien auf die Durchführung einer solchen verzichteten, hat das Obergericht den vor-
liegenden Entscheid im Zirkularverfahren gefällt.
2. 2.1
Streitig ist, ob die Vorinstanz die von der Beschwerdeführerin vorgenommene Rückstellung
für Ersatzbeschaffung zurecht nicht zum Abzug zugelassen hat. Diesbezüglich ist davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin die Beweislast dafür trägt, dass die gesetzlichen
Voraussetzungen der zur Diskussion stehenden Rückstellung (steuerneutrale Ersatzbe-
schaffung) erfüllt sind. Es handelt sich ja dabei um eine steuermindernde Tatsache (vgl.
Urteil des Steuergerichtshofes des Kantonsgerichts Freiburg 604 2014 47 vom 15. Juni
2015 E. 4a).
2.2
Gemäss Art. 74 Abs. 1 des Steuergesetzes vom 21. Mai 2000 (StG; bGS 621.11) können
beim Ersatz von betriebsnotwendigem Anlagevermögen die stillen Reserven auf ein Ersatz-
objekt des betriebsnotwendigen Anlagevermögens übertragen werden; ausgeschlossen ist
die Übertragung stiller Reserven von Grundstücken auf Gegenstände des beweglichen
Vermögens und auf Vermögen ausserhalb der Schweiz. Findet die Ersatzbeschaffung nicht
im gleichen Geschäftsjahr statt, kann im Umfang der stillen Reserven eine Rückstellung ge-
bildet werden. Diese Rückstellung ist innert angemessener Frist zur Abschreibung auf dem
Ersatzobjekt zu verwenden oder zugunsten der Erfolgsrechnung aufzulösen (Abs. 2). Als
betriebsnotwendig gilt nur Anlagevermögen, das dem Betrieb unmittelbar dient; ausge-
schlossen sind insbesondere Vermögensteile, die dem Unternehmen nur als Vermögens-
anlage oder nur durch ihren Ertrag dienen (Abs. 3).
2.3
Das Anlagevermögen besteht aus immateriellen Anlagen, Finanz- und Sachanlagen, inso-
weit auch aus Grundstücken. Es dient dem Unternehmen zu dauernder oder mehrmaliger
Nutzung. Anlagegüter werden somit nicht zum Zweck der Veräusserung, sondern zur wie-
derholten Nutzung und zum Verbrauch beschafft. Wirtschaftsgüter, die demgegenüber lau-
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fend angeschafft und wieder veräussert werden, bilden Umlaufvermögen (Urteil des Bun-
desgerichts 2A.122/2015 vom 16. September 2005 E. 2.2.2 mit Hinweisen auf die Literatur).
2.4
Betriebsnotwendige Vermögenswerte dienen nach ihrer Zweckbestimmung unmittelbar der
Leistungserstellung des Betriebs (Fabrikation, Handel, Dienstleistungsgewerbe oder Urpro-
duktion; vgl. ZIGERLIG/OERTLI/HOFMANN, Das st. gallische Steuerrecht, 7. Aufl. 2014, S. 101,
Rz. 385) und können ohne Beeinträchtigung des betrieblichen Leistungserstellungsprozes-
ses nicht veräussert werden. Die betriebsnotwendigen Vermögenswerte bilden unerlässli-
che Bestandteile der betrieblichen Einheit; ihre Veräusserung würde zu einer substanziellen
Veränderung des Betriebs führen. Ausgeschlossen ist somit die Ersatzbeschaffung von
Vermögenswerten, die dem Unternehmen nur als Vermögensanlage oder durch ihren Ertrag
dienen (Urteil des Bundesgerichts 2C_176/2016 vom 8. Dezember 2016 E. 3.1, mit Hinwei-
sen; REICH/ZÜGER/BETSCHART, in: Zweifel/Beusch [Hrsg.], Bundesgesetz über die direkte
Bundessteuer, 3. Aufl. 2017, N. 6 zu Art. 30 DBG). Beurteilungsgrundlage der Betriebsnot-
wendigkeit bilden immer die betrieblichen Verhältnisse des steuerpflichtigen Unternehmens
(REICH/VON AH, in: Zweifel/Beusch [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über die Harmo-
nisierung der direkten Steuern der Kantone und Gemeinden, 3. Aufl. 2017, N. 71 zu Art. 8
StHG; vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesgerichts 2C_176/2016 vom 8. Dezember 2016
E. 3.1). An die Betriebsnotwendigkeit eines Grundstücks für die Anerkennung einer steuer-
neutralen Ersatzbeschaffung ist ein strenger Massstab anzulegen (Urteil des Bundesge-
richts 2C_107/2011 vom 2. April 2012 E. 5.1).
2.5
Um Gegenstände des betrieblichen Anlagevermögens handelt es sich, wenn jene dem Un-
ternehmen nicht nur mit ihrem Geldwert dienen, sondern direkt für den Betrieb verwendet
werden (BGE 108 Ib E. 5a S. 329). Es wird unterschieden zwischen Wirtschaftsgütern, die
unmittelbar im betrieblichen Leistungserstellungsprozess integriert, mithin betriebsnotwen-
dig sind, und solchen, die nur mittelbar zu unternehmerischer Leistungserstellung beitragen,
indem sie lediglich die finanzielle Situation des Unternehmens verbessern und stärken.
Letztere können dem Unternehmen entzogen werden, ohne den betrieblichen Leistungser-
stellungsprozess direkt zu beeinträchtigen (MARKUS REICH, Die Abgrenzung von Geschäfts-
und Privatvermögen im Einkommenssteuerrecht, in: SJZ 80/1984 S. 223). Entscheidend ist
nicht das Erwerbsmotiv, sondern die technisch-wirtschaftliche Funktion des Wirtschaftsguts
im Geschäft (Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20. Oktober 1995, aus-
zugsweise wiedergegeben in: BVR 1996, S. 350 ff.). Wenn ein Vermögenswert im Beurtei-
lungszeitpunkt objektiv erkennbar für Geschäftszwecke verwendet wird, so bildet es – unab-
hängig von der Herkunft der Mittel oder vom Erwerbsmotiv – Geschäftsvermögen. Der Ent-
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scheid darüber, ob ein Vermögensobjekt dem Geschäft tatsächlich dient, ist unter Würdi-
gung der Gesamtheit der tatsächlichen Verhältnisse zu fällen (MARKUS REICH, Abgrenzung,
a.a.O., S. 224). Aus diesen Ausführungen geht hervor, dass die Betriebsnotwendigkeit aus
objektiven Merkmalen erkennbar sein muss.
2.6
Vorliegend steht unzweifelhaft fest, dass die Liegenschaft Nr. 0002 in C. bis zum Verkauf
durch die Beschwerdeführerin unbebaut geblieben und von der Beschwerdeführerin zu kei-
nem Zeitpunkt für die gewerbliche Leistungserbringung eingesetzt worden ist. Beim Verkauf
wurde der in jenem Zeitpunkt von der Beschwerdeführerin gepflegte betriebliche Leistungs-
herstellungsprozess weder direkt noch indirekt beeinträchtigt. Technisch-wirtschaftlich hatte
die Liegenschaft Nr. 0002 keine Funktion im Betrieb der Beschwerdeführerin (auch nicht als
Lagerstätte oder Parkplatz). Es wurde mit oder auf ihr weder direkt noch indirekt etwas er-
zeugt. Bis zum Bezug der neuen Räumlichkeiten am neuen Standort in der D. in C. wurde
der Betrieb im gleichen Umfang und in der gleichen Art weitergeführt wie vor dem Verkauf
der Parzelle Nr. 0002. Dabei ist es aus steuerrechtlicher Sicht irrelevant, ob die Betriebsab-
läufe damals optimal waren oder nicht. Entscheidend ist, dass das Bauland dieser Parzelle
zu keinem Zeitpunkt unmittelbar dem Betrieb gedient hat. Folglich war es nicht betriebsnot-
wendig im Sinne von Art. 74 Abs. 3 StG.
Keine Rolle spielt, dass die Beschwerdeführerin die Parzelle Nr. 0002 eigenen Angaben
zufolge für eine Betriebserweiterung oder -verlegung gekauft hat (PETER LOCHER, Kom-
mentar zum Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, 2. Aufl. 2019, N. 10 S. 918 Mitte
zu Art. 30 DBG; LEUCH/STRAHM, in: Leuch/Kästli/Langenegger [Hrsg.], Praxiskommentar
zum Berner Steuergesetz, Band 1, 2014, N. 26 zu Art. 23 StG BE). Auf das Erwerbsmotiv
ist, wie bereits oben dargelegt, nicht abzustellen. Ohne Bedeutung ist deshalb auch, dass
die Beschwerdeführerin einen Neubau projektiert und dafür 2010 eine Baubewilligung erhal-
ten hat. Massgebend ist vielmehr, dass dieser Neubau nicht realisiert und der Betrieb in den
neuen Räumlichkeiten demzufolge nicht aufgenommen werden konnte. Die Parzelle Nr.
0002 hatte faktisch während der ganzen Zeit allein die Funktion einer Landreserve. Für die
tatsächlichen betrieblichen Abläufe spielte sie keine Rolle. Es mag sein, dass die Beschwer-
deführerin die Parzelle Nr. 0003 nicht als Kapitalanlage gekauft hat. Aus der Verneinung der
Funktion einer Kapitalanlage kann aber nicht zwingend auf Betriebsnotwendigkeit geschlos-
sen werden (vgl. Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 20. Oktober 1995,
auszugsweise wiedergegeben in: BVR 1996, S. 350 ff.). Das Verb „dienen“ in Art. 74 Abs. 3
StG steht im Präsens und es heisst dort nicht „dienen soll“ oder „dienen wird“.
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Die Mittel aus dem Verkauf eines nicht betriebsnotwendigen Wirtschaftsgutes können nicht
steuerneutral in betriebsnotwendiges Anlagevermögen reinvestiert werden (REICH/ZÜGER/
BETSCHART, a.a.O. N. 5 zu Art. 30 DBG). Mithin ist die Beschwerde abzuweisen.
3. 3.1
Die 2. Abteilung des Obergerichts hat in der vorliegenden Sache in der Funktion als Verwal-
tungsgericht entschieden. Vor Verwaltungsgericht betragen die Verfahrenskosten gemäss
Art. 4a des Gesetzes über die Gebühren in Verwaltungssachen (bGS 233.2) grundsätzlich
bis zu Fr. 5‘000.--. Innerhalb des Gebührenrahmens sind die Gebühren nach dem Zeit- und
Arbeitsaufwand, der Bedeutung des Geschäfts sowie nach dem Interesse und der wirt-
schaftlichen Leistungsfähigkeit der Gebührenpflichtigen zu bemessen (Art. 20 VRPG). Ge-
mäss ständiger Praxis der 2. Abteilung des Obergerichts wird in vergleichbaren Fällen üb-
licherweise eine Gebühr von Fr. 1‘500.-- festgelegt, was auch im vorliegenden Fall ange-
messen erscheint.
Im Rechtsmittelverfahren ist gebühren- und kostenpflichtig, wer ganz oder teilweise unter-
liegt oder auf dessen Rechtsmittel nicht eingetreten wird (Art. 53 Abs. 1 i.V.m. Art. 19
Abs. 3 VRPG). Die Beschwerdeführerin ist unterlegen, weshalb sie ausgangsgemäss für
die volle Entscheidgebühr im Betrag von Fr. 1‘500.-- aufzukommen hat. Der von ihr bereits
geleistete Kostenvorschuss ist daran anzurechnen.
3.2
Der obsiegenden Vorinstanz steht als Behörde kein Entschädigungsanspruch zu (Art. 24
Abs. 3 lit. a i.V.m. Art. 53 Abs. 3 VRPG).
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