Decision ID: 6b28b365-1094-4f97-8dbf-815e3e5bdd7b
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, sprach der
1968 geborene
n
X._
mit Verfüg
ungen vom
4.
August 2005 vom 1.
D
ezember 2004 bis 3
1.
Juli 2005
eine halbe und ab
1.
August 2005
eine Viertelsrente
zu
(
Urk.
8/2
1-23
).
Die von
X._
erhob
ene
Einsprache (Urk.
8/24
)
wies die IV-Stelle
mit
Einsprachee
ntscheid vom 1
6.
September 2005
ab
(
Urk.
8/28
).
Dagegen erhob
X._
beim hiesigen Gericht Beschwerde
(
Urk.
8/31/3-6)
. Die Beschwerde wurde mit
Urteil vom 2
2.
März 2006
abgew
ies
en
(
Urk.
8/38).
Ein im September 2008 eingeleitetes Rentenrevisionsverfahren (
Urk.
8/41) schloss die IV-Stelle mit
Mitteilung vom
2.
Dezember 2008 mit der Feststellung eines unveränderten Invaliditätsgrades ab (
Urk.
8/51).
Mit Eingabe vom
5.
Dezember 2012 ersuchte
X._
die IV-Stelle um Ausrichtung einer ganzen Invalidenrente (
Urk.
8/58). Die IV-Stelle
gab
daraufhin bei
Dr.
med.
Y._
, Fachärztin FMH für Innere Medizin, speziell Rheumaerkrankungen, und PD
Dr.
med.
Z._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie und für Neurologie, ein
bidisziplinäres
Gut
achten in Auftrag (
Urk.
8/62,
Urk.
8/66),
welches
am 2
6.
September 2013 erstattet wurde (
Urk.
8/68-70). Nach durchgefüh
rtem Vorbescheidverfahren (Urk.
8/74;
Urk.
8/78,
Urk.
8/84) stellte die
IV-Stelle mit Verfügung vom 24.
Januar 2014 (
Urk.
8/86) die Rente von
X._
auf das Ende des der Zustellung der Verfügung folgenden Monats ein (
Urk.
8/86). Auf die von
X._
dagegen erhobene Beschwerde trat das hiesige Gericht mit Beschluss vom 2
4.
März 2014 nicht ein (
Urk.
8/96).
1.2
Am 1
8.
Februar 2015
(Eingangsdatum)
meldete sich
X._
wieder bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (
Urk.
8/101). Die IV-Stelle liess einen Aus
zug aus dem individuellen Konto erstellen (
Urk.
8/104)
und holte
je einen Bericht
von
Dr.
med.
A._
, Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie
, und lic. phil.
B._
(
Urk.
8/112), von
Dr.
med.
C._
, Fach
arzt FMH für Allgemeine Innere Medizin,
(
Urk.
8/121) und von Dr.
med.
D._
, Facharzt FMH für Innere Medizin und für Rheumatologie, ei
n (
Urk.
8/124). Mit Vorbescheid
vom 1
9.
August 2016 stellte die IV-Stelle in Aussicht, das Leistungsbegehren abzuweisen (
Urk.
8/126). Dagegen liess
X._
Einwand erheben (
Urk.
8/127,
Urk.
8/129). Die IV-Stelle holte daraufhin
einen weiteren Bericht
von
Dr.
D._
(
Urk.
8/138) und
einen Bericht von
Dr.
med.
E._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
und lic. phil.
B._
(
Urk.
8/139) ein und teilte
X._
am 2
4.
Februar 2017 mit, dass sie
eine bidisziplinäre medizinische Untersuchung als notwendig erachte
.
Sie schlage für die Begutachtung das
Zentrum F._
vor
(
Urk.
8/142).
X._
wurde
vom 2
0.
März bis am
7.
Mai 2017 stationär in der Klinik
G._
behandelt wurde (
Urk.
8/145-146). In der Folge teilte die IV-Stelle
X._
am 2
8.
Juni 2017 mit, dass
eine pol
y
disziplinäre medizinische Untersuchung notwendig sei (
Urk.
8/150)
. Da
X._
am 1
5.
Dezember 2017 im Kantonsspital
H._
an der linken Hüfte
operiert werden sollte, wurde mit der Begutachtung bis nach der Operation zugewartet (
Urk.
8/159,
Urk.
8/160
). Nachdem die Operation am 15.
Dezember 2017 durchgeführt worden war
(
Urk.
8/163/1-3)
, holte die IV-Stelle weitere Berichte des
H._
(
Urk.
8/162,
Urk.
8/16
3,
Urk.
8/166,
Urk.
8/172, Urk.
8/174) so
wie
je
einen Bericht von
Dr.
med.
I._
, Fachärztin FMH für Allgemeine Innere Medizin,
(
Urk.
8/168) und von
Dr.
D._
ein
(
Urk.
8/170). Am
2.
August 2018 (
Urk.
8/175) und am 2
4.
September 2018 (
Urk.
8/184) wurde
X._
im
H._
an der rechten Hüfte operiert
. In der Folge holte die IV-Stelle einen weiteren Bericht von
Dr.
E._
und lic. phil.
B._
ein
(
Urk.
8/198)
und gab beim
Z
entr
um J._
ein polydisziplinäres Gutachten in Auftrag (
Urk.
8/205). Das Gutachten wurde am 1
6.
September 2019 erstattet (
Urk.
8/210). Mit Vorbescheid vom 21.
Oktober 2019 stellte die IV-Stelle in Aussicht, das Leistungsbegehren abzu
weisen (
Urk.
8/213). Dagegen liess
X._
Einwand erheben (Urk.
8/218,
Urk.
8/220,
Urk.
8/221,
Urk.
8/22
3
). Mit Verfügung vom 1
0.
Februar 2020 verneinte die IV-Stelle einen
Leistungsanspruch
von
X._
(Urk.
2).
2.
Dagegen liess
X._
mit Eingabe vom 1
3.
März 2020 durch Rechts
anwältin Linda Thaler
Beschwerde erheben und beantragen (
Urk.
1), es sei ein gerichtliches Gutachten in Auftrag zu geben und über
ihren
Rentenanspruch neu zu entscheiden, eventualiter sei die angefochtene Verfügung vom 1
0.
Februar 2020 vollumfänglich aufzuheben und die Sache zur Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen und anschliessender neuer Entscheidung über den Rentenanspruch an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragte die Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege und die Bestellung von Rechtsanwältin Linda Thaler als unentgeltliche Rechtsvertreterin. Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
2.
April 2020 (
Urk.
7) die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 1
8.
Mai 2020 angezeigt wurde (
Urk.
11
).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesund
heit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nach
weis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
eingefügt:
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wiederherstellen
, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht in
valid geworden wäre (sog. Valideneinkommen). Der Einkommens
vergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der
Invaliditätsgrad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommens
vergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2, 128 V 29 E. 1).
1.5
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3
der Verordnung
über die Invalidenversicherung,
IVV
), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von Art. 17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung vom 1
0.
Februar 2020 davon aus
(
Urk.
2)
, dass
die Beschwerdeführerin in der angestammten
Tätigkeit als Kassiererin
seit
Sommer 2015
zu 20
%
arbeitsunfähig sei
.
A
b dem 15.
Dezember 2017
habe
bis April 2019
vorübergehend eine volle Arbeitsunfähigkeit
in der angestammten Tätigkeit
bestanden. In einer angepassten Tätigkeit sei die Beschwerdeführerin
jedoch
durchgehend voll arbeitsfähig gewesen.
Um das Wartejahr zu erfüllen, müsse für die Dauer eines Jahres eine durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit von 40
%
vorliegen. Diese Voraussetzung sei bei der Beschwerdeführerin am 1
5.
März 2018 erfüllt gewesen. Aus der Gegenüberstellung des Validen- und des
Invalideneinkommens resultiere ab diesem Zeitpunkt ein Invaliditätsgrad von 1 %. Die Beschwerdeführerin habe d
ahe
r keinen Rentenanspruch.
2.2
Die Beschwerdeführerin liess dagegen im Wesentlichen vorbringen (
Urk.
1),
das
J._
-Gutachten vom 1
6.
September 2019 genüge den
beweisrechtlichen
Anforderungen nicht, da es sich mit ihren Beschwerden nicht umfass
end auseinander
setz
e und
die Würdigung betreffend Auswirkungen auf die Arbeits
fähigkeit ungenügend und nicht nachvollziehbar sei.
Es würden die
Aus
wirkun
gen
der
Einnahme von Opiaten, d
er
durch das
Fibromyal
giesyndrom
/chronischen Schmerzstörung ausgelösten Schmerzen sowie d
er
diagnostizierte
n
F
u
ss
heberparese
auf die Arbeitsfähigkeit
ungenügend berücksichtigt.
Dr.
med.
K._
, Leitender Arzt Orthopädie/Traumatologie, des
H._
halte in
seiner
E-Mail vom 2
1.
Novembe
r 2019
die Diagnose einer
Fuss
heberparese
fest. Im orthopädischen und/oder im neurologischen Gutachten habe diese Diagnose jedoch in keiner Art und Weise Eingang gefunden und sei folglich auch nicht abgeklärt.
Die
Stellungnahme
des
R
egionalen
Ä
rztlichen Dienstes (RAD) beschränke sich im Wesentlichen auf die Feststellung
, dass auf das
J._
-
Gutachten abzustellen sei
. Die
Stellungnahme
n
der behandelnden Ärzte würden als «andere parteiliche
Beurteilung aus
Behandlersicht
» abgetan, ohne sich eingehend mit diesen oder den weiteren in den Akten befindenden mediz
inischen Unterlagen auseinander
zuse
tzen. Der Stellung
nehmende RAD-Arzt,
Dr.
med.
L._
,
sei Facharzt für Orthopädische Chirurgie.
Die Begutachtung habe
aber nicht nur im
Bereich
der Orthopädie, sondern ebenso in den B
ereichen
der
Psychiatrie, der Neurologie und der
internistischen Medizin
stattgefunden
. Dabei seien die Ärzte insbesondere von Einschränkungen
aus
orthopädischer, neurologischer und psychiatrischer Sicht ausgegangen, sodass eine
RAD-
Stellungnahme
aus allen diesen Fachbereichen
hätte eingeholt werden müssen.
Die behandelnden Ärzte hätten ihr übereinstimmend und seit März 2014
bein
ahe
durchgehe
nd
eine fast 100%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt
.
Es erscheine folglich absolut nicht nachvollziehbar und gar willkürlich,
dass
da
s Gutachten zum Schluss komme,
ihr
sei
in der bisherigen Tätigkeit eine 80%ige und in einer leidensangepassten Tätigkeit eine 100%ige Tätig
keit zumutbar
. Die bestehenden Differenzen seien mittels eines Gerichtsgutachtens zu klären.
3.
3.1
Im
J._
-Gutachten vom 1
6.
September 2019 (
Urk.
8/210)
werden die bis zur Begutachtung der Beschwerdeführerin aktenkundigen medizinischen Berichte zusammengefasst (
Urk.
8/210/14 ff.)
, weshalb sie an dieser Stelle nicht noch einmal wiedergegeben werde
n.
Soweit erforderlich, wird in den nachfolgenden Erwägungen aber darauf Bezug genommen.
3.2
Die
J._
-Gutachter nannten in ihrem Gutacht
en vom 1
6.
September 2019 (Urk.
8/210) als Diagnosen mit Auswirkungen
auf die Arbeitsfähigkeit (Urk.
8/210/7):
-
f
ortbestehende
Coxalgie
links
-
n
ach vielfachen Operationen (offene Offsetkorrektur 2001, Hüft-TEP-Implantation Dezember 2003)
-
Arthrotomie
und Resektion des sehnigen Anteils des
Iliops
oa
s
a
uf Niveau des vorderen Pfannen
randes
-
Wechsel der Gleitpaarung Hüfte
,
1
1.
Februar 2009
-
t
ra
n
sfemorale
Hüft-
TEP
-Revision links mit Wechsel von Pfanne und
Schaft mit Osteosynthese vom
Ac
etabulum
und
Burch
-Schneider-Ring und
Reosteosynthese
vom Femur mit
Kabelcer
clage
n
,
1
5.
Dezember 2017
-
m
it Reizung Läsi
o
n des Nervus
peroneus
communis
(Fusshebe
r- und
Zehenheberparese
) mit au
sreichender Hüftgelenksfunktion und keiner kl
i
nisch relevanten
Fussheberparese
-
f
ortbestehende
Coxalgie
recht
s
mit Status nach mehrmaligen Operationen (Hüft-TEP-Implantation rechts 1
1.
Ok
tober 2006 und TEP-
Wechsel rechts 2
4.
September 2018 mit Pfanneneinsatz und Kopfwechsel) mit ausreichender Funktion
-
c
hronisches lumbospondylogenes Syndrom bei degenerativen Veränderungen L5/S
1 und möglicher Nervenwurzelrei
zung S1 links ohne wesentliche Funktionseinschränkung
-
Polyarthralgien und Myalgien im Rahmen eines
Fibromyalgiesyndroms
, ohne Nachweis von
höhergradigen
Funktionseinschränkungen oder entzündliche
n
Veränderungen oder Degenerationen
-
r
ezidiv
i
erende depressive Störung, leichte bis mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
-
Neuropathie des Nervus
ischiadicus
sowie des Nervus
c
utane
u
s
femoralis
links
Als Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Ar
beitsfähigkeit führten die Guta
c
h
ter an (
Urk.
8/210/8):
-
c
hronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41)
-
a
kzentuierte Pers
ö
nlichkeit (ICD-10 Z73.1) mit asthen
isch
dependenten, ängstlich vermeidenden und emotional instabilen Akzenten
-
Spannungskopfschmerz
-
Zustand nach proximalem Magenbypass wegen Adipositas III am 2
2.
Juni 2016
-
Zustand nach laparoskopischer
Cholezystektomie
wegen symptomatischer
Cholelithiasis
5.
März 2013
-
Zustand nach Varizen-OP 2001
-
Belastungs
inkontinenz bei Zustand nach Operation
wegen Blasensenkung 2009
Es werde eingeschätzt, dass eine überwiegend sitzende Tätigkeit als Kassierin nicht eingeschränkt sei.
Tätigkeiten auf unebenem Untergrund
und T
ätigkeiten mit erhöhtem Anspruch
an
die
Standsicherheit sollten vermieden werden. Aus neurologischer Sicht besteh
e
bei der Beschwerdeführerin eine Neuropathie, die zu sensiblen und motorischen Ausf
ä
llen im Bereich des linken Unterschenkels und Fusses führe. Diese Schädigung sei am ehesten auf die Hüftproblematik beziehungs
wei
s
e die durchgeführten Operationen zurückzuführen. Die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Verkäuferin
sei
hierdurch nicht eingeschränkt, eine Einschränkung bestehe auch in einer Verwei
stätigkeit nicht. Psychiatrisch
ergebe sich eine Einschränkung für Tätigkeiten m
it gelegentlichem Zeitdruck, so
dass die Versicherte
die zuletzt ausgeübte Tätigkeit
nur sieben Stunden
täglich
ausüben könne. Es bestehe int
e
gral d
ahe
r
für die Tätigkeit als Verkäuferin
eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der Grössenordnung von 80
%
(richtig: 20
%
)
. Internistisch besteh
e
lediglich ein Zustand nach laparosko
pischer proximaler Magenbypass-A
nlage (2
2.
Juni
2016) wegen Adipositas Grad III und
ein Zustand nach laparoskopischer
Cholezystek
t
omie
wegen symptomatischer
Cholezystholithiasis
(
5.
März 2013). Die Arbeitsfähigkeit sei aufgrund geringer Oberbauchbeschwerden im
Epigastri
um
bei unauffälliger Gastroskop
ie vom 27.
Juni 2019 nicht eingeschränkt (
Urk.
8/210/8).
Die Beschwerdeführerin sei in der Lage, körperlich leichte Tätigkeiten mit Heben und Tragen von Lasten bis zu maximal 10 Kilogramm durchzuführen. Die Tätig
keiten sollten überwiegend im Sitzen, zeitweilig im Stehen und Gehen erfolgen. Tätigkeiten mit einem erhöhten Anspruch
an
Stand- und Gangsicherheit, wie auf unebenem Gelände, Leitern und Treppen und Gerüsten sollten vermieden werden. Darüber hinaus sollten Tätigkeiten unter extremen Temperaturschwankungen, Hitze, Nässe u
nd Kälte vermieden werden (Urk.
8/210/9).
In der bisherigen Tätigkeit bestehe eine 80%ige Arbeitsfähigkeit. Die Einschränkung bestehe seit Sommer 201
5.
Seither sei keine wesentliche Veränderung der Arbeitsfähigkeit psychiatrisch festzustellen. Orthopädisch s
ei die Arbeitsfähigkeit vom Zeitpunkt der
Operationen vom 1
5.
Dezember 2017 und 2
4.
September 2018 durchgängig bis April 2019 aufgrund der verlängerten
Rekonvaleszenzzeit
aufgehoben
gewesen
(
Urk.
8/210/10).
In einer angepassten Tätigkeit bestehe eine 100%ige Leistungsfähigkeit. Mit den zwei Operationen vom 1
5.
Dezember 2017 und vom 2
4.
September 2018
sei
die Arbeitsfähigkeit postoperativ bis April 2019 aufgrund verlängerter
Rekonvaleszenzzeit
durchgängig aufgehoben
gewesen
(
Urk.
8/210/10).
3.
3
Mit E-Mail vom 1
8.
November 2019 ersuchte die Hausärztin der Beschwerdeführerin,
Dr.
I._
,
Dr.
K._
um Stellungnahme zur Frage, inwieweit die Beschwerdeführerin aktuell/fo
r
tlaufend körperlich beruflich belastbar sei beziehungsweise unter welche
n angepassten Bedingungen (Urk.
8/220/5).
Dr.
K._
erklärte dazu mit E-Mail vom 2
1.
Novemb
er 2019 (Urk.
8/220/4), dass dies eine schwierige Frage sei, denn die Beschwerdeführerin leide an Schmerzen, für die er keine spezifische Ursache habe identifizieren könne
n
. Es wäre wahrscheinlich am besten, wenn die
Invalidenversicherung
eine Beobachtung der Leistung vornehme, was in gewissen Berufsschulen erfolg
en könne. Grundsätzlich
seien beide Hüfte
n
gut belastbar
. Di
e Beweglichkeit sei zwar eingeschränkt, aber nicht schlecht. Knien, Treppensteige
n
, Leitern und Gerüste
sollten vermieden werde, da dafür die Beweglichkeit nicht ausreiche beziehungs
weise es zu Schmerzen
komme
. Wie schnell sitzende und stehende Aktivitäten alterniert werden müss
ten, könne er ebenso wenig beantworten wie die Frage, wie
schwer Lasten maximal
sein
dürften. Die Beschwerdeführerin schaffe
trotz den beklagten Schmerzen den Grossteil ihres Haushaltes.
Die Schmerzen streite er nicht ab, diese habe er glaubhaft immer wieder beobachten können.
Die Beschwerdeführerin habe zudem eine residuel
le
Ischiadicusläsion
links, inf
olge der Revision, die auch einschränkend sei, mit Schmerzen und einer
residuellen
Fussheberparese
.
3.
4
Am
4.
Dezember 2019 nahm
Dr.
D._
zum
J._
-Gutachten Stellung
(Urk.
8/220
/1-2
)
. Er erklärte, bei den Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit fehle das
Fibromyalgi
esyndrom
. Dem Gutachten fehle eine orthopädische Stellungnahme zur funktionellen Auswirkung des
Fibromyalgie
syndroms
. Ebenfalls fehle eine Stellungnahme aus psychiatrischer Sicht zur
Einschränkung der Arbeitsfähig
k
e
it bezüglich der Schmerzen bei
Fibromyalgie
syndrom
. Im Rahmen der Diskussion von Belastungsfaktoren und Ressourcen werde im letzten Satz erwähnt, dass leichte Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit in qualitativer und quanti
tativer Hinsicht bestünden. Es fehle jedoch
eine Stellungnahme zum ausgeprägten Leide
nsdruck der Beschwerdeführerin und
zur schwersten Schmerzstörung, welche sei
t
Jahren zur
Opi
atpflichtigkeit
geführt hätten.
Hinsichtlich Konsistenzprüfung werde erwähnt, dass die Beschwerdeführerin Einschränkungen des A
ktivitä
t
sniveau
s in hohem Ausmass und in allen Lebens
bereichen geltend mache. In der Anamnese würden jedoch einzelne Inkonsistenzen aus psychiatrischer Sicht auffallen. Die Beschwerdeführerin zeige zum Beispiel ein noch vorhandenes kleine
s Aktivit
ä
ts
niveau im Alltag, es gelinge ihr mit Einschränkungen eine Haushaltsführung. Insgesamt seien die von der Beschwerdeführerin beklagten Beschwerden psychiatrisch nicht vollumfänglich nachzuvollziehen.
Hierzu sei festzuhalten, dass
nicht detailliert auf die chronischen, opiatpflichtigen Schmerzen eingegangen
werde
. D
ie
mit Einschränkungen durchgeführte Haushaltsführung (in welchem Ausmass einges
chränkt?) lasse sich nicht mit ein
e
r
Arbeitsfähigkeit als Verkäuferin gleich
setzen. Er empfehle die psychiatrische Beurteilung bezüglich der Überwindbarkeit der Schmerzen im Rahmen der Fibromyalgie/Arbeitsfähigkeiten detailliert neu beurteilen zu lassen.
3.
5
Dr.
E._
und lic. phil.
B._
erklärten mit Stellungnahme vom
9.
Januar 2020 (
Urk.
8/223), die chronische Schmerzstörung werde im Gutachten
zwar
als mittelgradig diagnostiziert, allerdings werde dieser Diagnose auf der Ebene der
Einschränkungen der Arbeitsfä
higkeit kaum Rechnung getragen. Dies sei aus
ihrer
Sicht nicht nachvollziehbar
. Im Weiteren werde die Beschwerdeführerin auf
grund der ausgeprägten Schmerzstörung seit mehreren Jahren mit starken Schmerzmitteln behandelt. Auf diese medikamentöse Behandlung sowie
auf
die
Auswirkungen
respektive Nebenwirkungen der Medikamente (insbesondere
Targin
und
Sirdalud
) werde in der Beurteilung in keiner Weise eingegangen.
Hinsichtlich Konsistenzprüfung werde von den Gutachtern festgehalten, dass die Beschwerdeführer
in
ein kleine
s
Aktivität
s
niveau im Alltag zeige und ihr mit Einschränkungen eine Haushaltsführung gelinge. Die Gutachter stellten die Führung eines Zweipersonenhaushaltes einer 80%igen Tätigkeit im Verkauf gleich, was aus ihrer Sicht nicht nachvollziehbar sei. Sie bäten,
die
bestehenden schmerzbedingten Einschränkungen in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin
noch einmal
psychiatrisch
zu beurteilen.
Sie schätzten d
ie Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführer
in
auf maximal 40 bis 50
%
ein. Sollte
von der Beschwerdegegnerin weiterhin an einer Arbeitsfähigkeit von 80
%
festgehalten werden, bäten sie die Beschwerdegegnerin, der Beschwerdeführerin ein Belastungstraining zur beruflichen Reintegration anzubieten.
4.
4.1
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
Den von Versicherung
strägern im Verfahren nach Art.
44 ATSG eingeholten, den Anforderungen der Rechtsprechung entsprechenden Gutachten externer Spezialärzte (sogenannte Administrativgutachten) ist Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper
tise sprechen (BGE 135 V 465 E.
4.4; Urteil des Bundesgerichts 9C_823/2018 vom
11. Juni 2019 E.
2 mit Hinweisen).
4.2
Vorliegend bestehen keine Indizien, welche gegen die Beweiskraft des
J._
-Gutachtens vom
1
6.
September 2019
(
Urk.
8/210
) sprechen würden.
Soweit die Beschwerdeführerin unter Verweis auf
die Stellungnahme
von Dr.
K._
vom 2
1.
November 2019 (E. 3.3)
geltend macht (
Urk.
1 S. 11), die
Diagnose
Fussheberparese
habe in keiner Weise Eingang ins Gutachten gefunden, verkennt sie, dass die Gutachter eine klinisch relevante
Fussheberparese
explizit verneint haben
(
Urk.
8/210/7,
Urk.
8/210/52).
Betreffend den Einwand von
Dr.
D._
, es fehle
als
D
iagnose
mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
das
Fibromyalgiesyndrom
(E. 3.4), ist festzuhalten, dass die Gutachter sehr
wohl ein
Fibromyalgiesyndrom
diagnostizierten
,
nannten sie doch die Diagnose
Polyarthralgien und Myalgien im Ra
hmen eines
Fibromyalgiesyndroms
. Gleichzeitig hielten
sie
jedoch
fest, dass dabei kein Nach
weis von
höhergradigen
Funktionseinschränkungen oder entzündlichen Veränderungen oder Degenerationen erfolgt sei
(
Urk.
8/210/7)
. Entgegen dem Einwand von
Dr.
D._
trifft es auch nicht zu, dass sich die Gutachter nicht zum Leidensdruck der Beschwerdeführerin und zur Schmerzstörung geäussert haben.
Die Gutachter hielten
betreffend Schmerzstörung eine deutliche Überlagerung mit der rezidivierenden Depression
fest
, weshalb die Schmerzstörung nicht zu einer weitergehenden als bereits durch die Depression begründeten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führe (
Urk.
8/210/73).
Entgegen dem sinngemässen Vorbringen von
Dr.
D._
schl
ossen
die Gutachter auch nicht aus
der
Fähigkeit der Haushaltsführung
alleine auf eine 80%ige Arbeit
sfähigkeit, führten
sie
doch
diese Fähigkeit lediglich neben anderen Ressourcen – und Einschränkungen – im Rahmen der Ressourcenprüfung an
(vgl.
Urk.
8/210/9-10)
.
Es kann d
aher
keine Rede davon sein, die Gutachter
hätten
aus der Fähigkeit der Haushaltsführung alleine eine 80%ige Arbeitsfähigkeit
abgeleitet.
Der Einwand
von
Dr.
E._
und lic. phil.
B._
, die Gutachter hätten die Neben
wirkungen der Medikamente, insbesondere von
Targin
und
Sirdalud
nicht hinreichend berücksichtigt
(E. 3.5)
,
vermag das Gutachten ebenfalls nicht infrage zu stellen
. Aus den Akten ergeben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass die Leistungsfähigkeit der Beschwerdeführerin durch allfällige Nebenwirkungen ihrer Medikamente eingeschränkt wäre. So nennen denn auch
Dr.
E._
und lic. phil
B._
selbst keine Nebenwirkungen
(vgl. auch
Urk.
8/139).
4.2
4.2.1
Die Frage, ob ein psychisches Leiden respektive ein
fibromyalgieformes
Schmerzsyndrom zu einer Arbeitsunfähigkeit führt, welche auch rechtlich bedeutsam ist, beurteilt sich in Nachachtung von
Art.
7
Abs.
2 ATSG grundsätzlich auf der Grundlage eines strukturierten Beweisverfahrens (
Standardindikatorenprüfung
) nach BGE 141 V 281 und BGE 143 V 418 (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_568/2019 vom 2
2.
November 2019 E. 5.6).
Eine
grössere
Arbeitsunfähigkeit als die gutachterlich attestierte kann jedoch auch aus
einer Indikatorenprüfung nicht resultieren (
Urteil des Bundesgerichts 8C_52/2020 vom 2
2.
April 2020 E. 4.2 mit Hinweisen).
4.2.2
Be
züglich des Komplexes «Gesundheitsschädigung» respektive des Indikators «
Ausprägung der d
iagnoserelevanten Befunde»
ist festzuhalten, dass die
J._
-Gutachter
aus psychiatrischer Sicht
eine rezidivierende depressi
v
e
Störung, leichte bis mittelgradige de
pressive Episode (ICD-10 F33.1)
,
und
eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD.10 F45.41)
diagnost
i
zierten. Daneben führten die Gutachter
e
ine akzentuierte Persönlichkeit (ICD-10 Z73.1) mit asthen
isch
dependenten, ängstlich vermeidenden und emotion
a
l instabilen Akzenten
an
(
Urk.
8/210/7-8,
Urk.
8/2
10/73).
Die Diagnosen aus der Z-Kategorie (Kapitel XXI) des ICD-10 Systems sind für Fälle vorgesehen, in denen Sac
hverhalte als «Diagnosen» oder «Probleme»
angegeben sind, die nicht als Krankheit, Verletzung oder äussere Ursache unter den Kategorien A00-Y89 klassifizierbar sind. Diese Belastungen fallen als solche nicht unter den Begriff des rechtserheblichen Gesundheitsschadens (Urteil des Bundesgerichtes 9C_894/2015 vom 2
5.
April 2016 E. 5
.1
).
Betreffend
rezidivierende depressi
v
e
Störung, leichte bis mittelgradige depressive Episode (ICD-10 F33.1)
,
und
chronische Schmerzstörung mit somatische
n und psychischen Faktoren (ICD-
10 F45.41)
sind die Befunde nur leicht bis mittelg
radig ausgeprägt (
Urk.
8/210/72,
Urk.
8/210/73
,
Urk.
8/210/75
).
So legten die Gutachter betreffend depressive Störung insbesondere auch da
r
, dass keine Antriebsminderung oder Antriebssteigerung von Krankheitswert besteh
t
(
Urk.
8/210/71).
Hinsichtlich des Indikators «
Behandlungs- und Eingl
iederungserfolg oder –resistenz»
ist festzuhalten,
dass
die Beschwerdeführerin seit Oktober 2014 in psychiatrischer Behandlung steht (
Urk.
8/112)
.
Die bisherigen Behandlungen verliefen
in Hinblick auf eine Linderung
des Schmerzsyndroms jedoch
frustran
(
Urk.
8/210/74).
Die Beschwerdeführerin leidet
an
zahlreichen somatischen
«Komorbiditäten»
, welche sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirken, namentlich an fortbestehenden
Coxalgien
links und rechts, einem chronischem
lumbospondylogenen
Syndrom, an Polyarthralgien und Myalgien im Ra
hmen eines
Fibromyalgiesyndroms
sowie an einer Neuropathie des Nervus
ischiadicus
sowie des
Nervus
cutaneus
femoralis
links
(
Urk.
8/210/7)
.
Zudem leidet die Beschwerdeführerin an Spannungskopf
schmerz und an Belastungsinkontinenz (
Urk.
8/210/8).
In Bezug auf das von rheumatologischer Seite diagnostizierte
Fibromyalgiesyndrom
gilt es zu beachten, dass es sich bei diesem Leiden und
der
chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
im Kern um Beschwerdebilder
handelt
, die bloss als diagnostisch unterschiedlich erfasste Varianten derselben
Entität mit im Wesentlichen identischen Symptomen erscheinen. Diese bilden gemäss bundesgerichtlicher Praxis keine Komorbidität (
Urteil des hiesigen Gerichts IV.2019.00197 vom 3
0.
September 2020
E. 4.2.3 mit Hinweis auf
BGE 141 V 281 E. 4.3.1.3).
Nichtsdestotrotz leidet die Beschwerdeführerin
insgesamt an nicht unerheblichen
Komorbiditäten.
Hinsichtlic
h des Komplexes «Persönlichkeit»
ist
der akzentuierte Persönlichkeit (ICD-10 Z73.1) mit asthen
isch
dependenten, ängstlich vermeidenden und emotional instabilen Akzenten
Rechnung zu tragen.
Zum Komplex
«
sozialer Kontext
»
ist festzuhalten
, dass die Beschwerdeführerin mit ihrem
e
rwachsenen Sohn zusammenlebt. Sie bezeichnet den Kontakt als gut. Täglich unterhalte man sich über den Alltag, das T
a
gesgesche
he
n und sie
nehme
auch Anteil an seiner beru
flichen Situation. Die Beschwerdeführerin b
ekommt von Freu
nde
n
ab und zu Besuch. Mit ihrer Tochter, welche in Italien lebt, telefoniert
die Beschwerdeführerin
regelmässig
(
Urk.
8/210/68)
.
Der «soziale Kontext» enthält somit
insbesondere
mit den guten Beziehungen zu den Kindern
bestätigende, sich potenziell günstig auf die Ressourcen auswirkende Faktoren.
In
der Kategorie «Konsistenz» zielt der Indikator «gleichmässige Einschränkung des Aktivitätsniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen» auf die Frage ab, ob die diskutierte Einschränkung in Beruf und Erwerb einerseits und in den sonstigen Lebensbereichen (z.B. Freizeitgestaltung) andererseits gleich ausgeprägt ist, wobei das Aktivitätsniveau der versicherten Person stets im Verhältnis zur geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit zu sehen ist (BGE 141 V 281 E. 4.4.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_296/2016 vom 2
9.
Juni 2016 E. 4.1.1).
Die Beschwerdeführerin
erachtet
sich für sämtliche Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt als arbeitsunfähig (
Urk.
8/210/48). Sie
verneint, Hobbys zu haben (
Urk.
8/210/69). Die Beschwerdeführerin besorgt ihren Haushalt grösstenteils selber. Den B
o
den nimmt jedoch ihr Sohn auf. Er erledigt auch grössere Einkäufe. Die Beschwerdeführe
rin erledigt kleinere Einkäufe und Besorgungen.
Je nach Befinden geht
die Beschwerdeführerin
auch spazieren
.
Sie bereitet auch das gemeinsame Abendessen und das Frühstück des Sohnes zu
(
Urk.
8/210/68, Urk.
8/
2
10/
47-48
).
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin nur noch relativ wenige Aktivitäten ausübt.
Es gilt jedoch zu beachten, dass
sie
bereits aus somatischen Gründen
bei der Ausübung von Aktivitäten
eingeschränkt ist. Entsprechend erachten die Gutachter auch nur noch körperlich leichte Tätigkeiten
,
die grundsätzlich im Sitzen auszuüben sind, für zumutbar (
Urk.
8/210/9).
Es erscheint d
ahe
r nachvollziehbar, dass körperlich schwerere Arbeiten im Haushalt von ihrem Sohn, welcher ja mit ihr zusammenlebt, erledigt werden.
Das
eingeschränkte
Aktivitätsniveau der Beschwerdeführerin lässt d
ahe
r
nicht ohne Weiteres auf eine erhebliche – zusätzlich
e
– psychische Einschränkung schliessen.
Die Gutachter
hielten denn auch fest, dass die Beschwerdeführerin
über genügend Ressourcen für eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt verfügt (
Urk.
8/210/75).
Hinsichtl
ich des
Gesichtspunkts des
«
behandlungs- und eingliederungsanamnes
tisch ausgewiesenen Leidensdrucks
»
ist festzuhalten, dass d
ie
Beschwerdeführer
in
seit Oktober 2014 in psychiatrischer Behandlung
steht
und
grundsätzlich
Psycho
pharmaka einnimmt
(
Urk.
8/112
,
Urk.
8/210/69
)
.
Behandlungsanamnestisch ist d
ahe
r ein
gewisser
Leidensdruck ausgewiesen
, auch wenn die Beschwerdeführerin zwischenzeitlich eigenmächtig die Medikamente abgesetzt hatte (
Urk.
8/139/2).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich die «Persönlichkeit» und die «Komorbiditäten» negativ auf die Ressourcen der Beschwerdeführerin auswirken. «Behandlungsanamnestisch» ist zudem ein
gewisser
Leidensdruck ausgewiesen und die Behandlungen verliefen bisher
frustran
.
Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Einschränkungen und das von ihr berichtete Verhalten im Alltag erweisen sich zudem als konsistent.
Die diagnoserelevanten Befunde sind jedoch nur leicht- bis mittelgradig ausgeprägt. Der soziale Kontext
enthält zudem
potenziell günstig auf die Ressourcen auswirkende Faktoren.
Insgesamt
erweis
en
sich
die von den Gutachtern aus psychiatrischer Sicht attestierte 20%
i
ge Arbeits
unfähigkeit für die angestammte Tätigkeit
sowie die attestierte 100%ige Arbeits
fähigkeit
für eine angepasste Tätigkeit
als
nachvollziehbar
und
aus rechtlicher Sicht
als
nicht zu beanstanden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_194/2018 vom
4.
Juni 2018 E.
4.1
).
Es
ist d
ahe
r
grundsätzlich rechtens, dass die Beschwerdegegnerin auf das
J._
-Gutachten abgestellt hat. Hieran vermag auch die Tatsache, dass der
die Beweistauglichkeit des Gutachtens bestätigende
RAD-Arzt
,
Dr.
L._
,
keinen Facharztti
t
el für Psychiatrie innehat
(vgl.
Urk.
8/212/8-9)
, nichts zu ändern, ist
ein Arzt doch grundsätzlich una
bhängig von seiner Fachrichtung
in der Lage, die Kohärenz des Berichtes eines Kollegen zu beurteilen (
Meyer/Reichmuth, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozial
versicherungsrecht,
IVG
,
3.
Auflage, Zürich 2014,
Art.
59 N 5
mit Verweis auf das Urteil des Bundesgerichts 9C_149/2008 vom 2
7.
Oktober 2008 E. 3.2
)
.
4.3
Es gilt jedoch zu beachten, dass
die Gutachter der Beschwerdeführerin
für die Dauer
nach den Operationen vom 1
5.
Dezember 2017 (linke Hüfte
,
Urk.
8/163
) und vom 24.
September 2018 (rechte Hüfte
;
Urk.
8/184
) bis April 2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit sowohl in der angestammten als auch in einer behinderungsangepassten Tätigkeit attestieren (
Urk.
8/210/10).
Diese Arbeitsunfähigkeit wurde auch vom zuständigen RAD anerkannt und nicht infrage gestellt (
Urk.
8/212/8
-9
).
Die Beschwerdegegnerin ging in der
angefochtenen Verfügung vom 1
0.
Februar 2020 (
Urk.
2) jedoch – unrichtiger
weise – davon aus, dass auch zwischen dem 1
5.
Dezember 2017 und April 2019 in einer angepassten Tätigkeit keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestanden habe.
4.4
Zusammenfassend steht nach dem Gesagten fest, dass die Beschwerdeführerin in der angestemmten Tätigkeit
zu 80
%
und in einer
angepassten Tätigkeit
zu
100
% arbeitsfähig ist
. In der Zeit vom 1
5.
Dezember 2017 bis April 2019 bestand
jedoch eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in sämtlichen Tätigkeiten
.
5.
5.1
Zu prüfen bleibt, wie sich das Leistungsvermögen de
r
Beschwerdeführer
in
in wirtschaftlicher Hinsicht auswirkt.
5.2
5.2.1
Die Beschwerdeführerin ist seit Sommer 2015 in der angestammten Tätigkeit zu 20
%
eingeschränkt (
Urk.
8/210/10). Ab dem 1
5.
Dezember 2017 war sie in sämtlichen Tätigkeiten zu 100
%
arbeitsunfähig. Daraus folgt, dass ab
1.
März 2018 die Voraussetzungen für eine Viertelsrente (9 Monate zu 20
%
arbeitsunfähig, 3 Monate zu 100
%
erwerbsunfähig) und ab Mai 2018 die Voraussetzungen für eine halbe Rente (7 Monate zu 20
%
arbeitsunfähig, 5 Monate zu 100
%
erwerbsunfähig) erfüllt waren (vgl. BGE 121 V 264 E. 6b, Urteil des damaligen Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 650/00 vom 1
4.
August 2001 E. 2b). Ab Juni 2018 besteht in Anwendung von
Art.
88a
Abs.
2 IVV sodann Anspruch auf eine ganze Rente.
5.2.2
Ab Mai 2019 war die Beschwerdeführerin in der angestammten Tätigkeit wieder zu 80
%
und in einer behinderungsangepassten Tätigkeit wieder zu 100
%
arbeitsfähig. Diese Verbesserung ist in Anwendung von
Art.
88a
Abs.
1 IVV ab August 2019 zu berücksichtigen. Bei einer Arbeitsfähigkeit von 80
%
in der angestammten und von 100
%
in einer angepassten Tätigkeit beträgt der Invaliditätsgrad maximal 20
%
. Die Beschwerdeführerin hat d
ahe
r – unabhängig davon, ob sie als zu 100
%
erwerbstätig oder lediglich als zu 80
%
erwerbstätig qualifiziert wird (vgl.
Urk.
8/21 beziehungsweise
Urk.
2) - ab August 2019 keinen Rentenanspruch mehr.
6.
Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin vom
1.
März 2018 bis 3
0.
April 2018 Anspruch auf eine Viertelsrente, im Mai 2018 Anspruch auf eine halbe Rente und vom
1.
Juni 2018 bis 3
1.
August 2019 Anspruch auf eine ganze Rente
der Invalidenversicherung. Bis und mit Februar 2018 beziehungsweise ab September 2019 besteht hingegen kein Rentenanspruch.
Insoweit
ist die Beschwerde
nur
teilweise gutzuheissen.
7
.
7
.1
Gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV
-Leistungen abweichend von Art.
61 lit. a ATSG vor dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig.
Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von
Fr.
200.-- bis
Fr.
1'000.-- festgele
gt. Vorliegend sind sie auf Fr.
900.
anzusetzen. Es rechtfertigt sich, diese der Beschwerdeführerin zu
zwei Dritteln (Fr. 600.--) und der Beschwerdegegnerin zu einem Drittel (Fr. 300.--)
aufzuerlegen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_568/2
010 vom
3.
Dezember 2010 E. 4.2)
.
7.2
Bei Obsiegen hat die vertretene Partei gestützt auf
§
34
Abs.
1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (GSVGer) Anspruch auf eine Prozessentschädigung. Diese ist unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streit
sache
und der Schwierigkeit des Prozesses festzusetzen. Unter Berücksichtigung dieser Grundsätze erweist sich eine
Prozess
entschädigung von
Fr.
2’
7
00.-- (inkl. Barauslage und Mehrwertsteuer) als angemessen. Obwohl dem Begehren der Beschwerdeführerin nur teilweise entsprochen wurde, hat ihr «Überklagen» den Prozessaufwand nicht wesentlich beeinflusst. Von einer Kürzung der Prozessentschädigung ist d
ahe
r abzusehen (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_568/2010 vom
3.
Dezember 2010 E. 4.1 mit weiteren Hinweisen).
7.3
Bei diesem Ausgang des Verfahrens erweist sich das von der Beschwerdeführerin gestellt
e
Gesuc
h um unentgeltliche
Rechtsvertretung als
gegenstandslos.
Das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ist angesichts der Kostenübernahme durch die Rechtsschutzversicherung bis zu einem Pauschalbetrag von
Fr.
800.--
(
Urk.
10/3) abzuweisen, soweit es nicht gegenstandslos ist.