Decision ID: f4f88601-c8dd-524d-affa-ab2c17342ab8
Year: 2015
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 1. Dezember 2003 wegen eines Rückenleidens zum
Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Der an der Klinik für Neurochirurgie des
Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) behandelnde Dr. med. B._ berichtete am
13. Februar 2004, die Versicherte leide mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an einer
schweren Osteochondrose und Diskose des lumbo-sakralen Bandscheibenfachs mit
Status nach OP (13. Dezember 2000) eines massensequestrierten
Bandscheibenvorfalls LWK5/SWK1 rechts und dynamischer Stabilisierung. Für die
angestammte Tätigkeit als selbstständige Gastronomin und Bäuerin bis Oktober 2003
bzw. seither als Teilzeitangestellte im Service eines Hotels ab Oktober 2003
bescheinigte er u.a. ab 17. November 2003 eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 12).
Auch die damalige Hausärztin Dr. med. C._, Allgemeine Medizin FMH, bescheinigte
der Versicherten eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit (Bericht vom 10./11. Februar 2005, IV-
act. 31). Mit Verfügung vom 20. Mai 2005 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit
Wirkung ab 1. November 2004 eine halbe Rente zu (IV-act. 41; zur betraglichen
Neuberechnung der Rentenleistung infolge Scheidung am 30. Mai 2006 siehe die
Verfügung vom 5. September 2006, IV-act. 45). In den nachfolgenden
Revisionsverfahren wurde der Anspruch auf eine halbe IV-Rente bestätigt (Mitteilungen
vom 6. November 2007, IV-act. 69, und vom 20. Januar 2010, IV-act. 79).
A.b Am 15. April 2011 ersuchte die Versicherte die IV-Stelle um Erhöhung der
Rentenleistungen (IV-act. 80). Der behandelnde Dr. med. D._, Arzt für Allgemeine
Medizin FMH, nannte im Bericht vom 14. Juni 2011 folgende Diagnosen mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit: ein chronisch lumboischialgiformes
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzsyndrom bei Status nach Dynesis-Stabilisation L5 S1(2000 KSSG); einen
Status nach Mikrodiskektomie L3/L4 links sowie Rezessotomie L4/L5 links (4/2007) bei
cranialluxierter Diskushernie L3/L4 mit sensomotorischem Ausfallsyndrom links sowie
rezessaler Stenose L4/L5 links; einen Status nach bilateraler Dekompression L4/L5
sowie Re-Dekompression L3/4 links und interkorporeller Cage-Einlage L3/L4 und L4/L5
sowie interspinöser Spire-Plattenfixation (20. Januar 2011) bei foraminaler Rezidiv-
Diskushernie L3/L4 links mit invalidisierender Radikulopathie und Neuropathie sowie
sensomotorischem Ausfallsyndrom L3; eine hochgradige rezessale und foraminale
Stenose L4/L5 mit Fallfuss links. Die Versicherte habe sich nach der Operation 2007
recht gut erholt und habe wiederum 50% arbeiten können (stehende Arbeit und
Einpacken von max. 10 kg schweren Paketen). Im Verlauf des Dezembers 2010 hätten
die Beschwerden zugenommen. Es werde ein operatives Vorgehen zur längerfristigen
Entlastung der Fazettengelenke L2/L3 geplant. Zurzeit bestehe eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 93-1 ff.). Der behandelnde Dr. med. E._, Facharzt FMH für
Neurochirurgie, berichtete am 23. September 2011, die Versicherte habe sich am
26. Juni 2011 einer interspinösen, dynamischen Stabilisation L2/L3 unterzogen. Der
postoperative Verlauf sei gut gewesen. Die Versicherte sei aber nicht beschwerdefrei
und leide immer wieder an Rückenschmerzen sowie an einem ISG-Syndrom links. Für
leidensangepasste Tätigkeiten verfüge sie seit 15. September 2011 wieder über eine
50%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 100). Am 8. Dezember 2011 gab Dr. E._ an, die
Rückenversteifung sei noch nicht durchgebaut und eine leidensangepasste Tätigkeit
sei der Versicherten 2 bis 3 Stunden täglich zumutbar (IV-act. 112; vgl. auch die
Stellungnahme von RAD-Ärztin Dr. med. F._, Fachärztin für Physikalische Medizin
und Rehabilitation, vom 13. Dezember 2011, worin darauf hingewiesen wird, die
Behandlung sei noch nicht abgeschlossen und es bestehe eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit angestammt und adaptiert, IV-act. 113).
A.c Am 15. Dezember 2011 fand im Auftrag des Krankentaggeldversicherers in der
Klinik Valens eine interdisziplinäre arbeitsspezifische Abklärung statt. Die
Abklärungspersonen (Dr. med. G._, Leitender Arzt Rheumatologie, und H._,
Therapeut Ergonomie) schätzten die Arbeitsfähigkeit der Versicherten im Bericht vom
30. Dezember 2011 für eine leichte bis mittelschwere wechselbelastende Tätigkeit auf
50%. Repetitive Gewichtsbelastungen oder länger dauernde Rotationsbewegungen
des Rumpfes seien zu vermeiden (IV-act. 123). Dr. E._ äusserte am 10. Februar 2012
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seine Ansicht, dass keine Arbeitsfähigkeit von 50% für körperlich leichte Tätigkeiten
gegeben sei. Die Versicherte könne höchstens einer „25%igen, leichten Tätigkeit“
nachgehen (IV-act. 116). Dr. D._ gab im Verlaufsbericht vom 5. Mai 2012 an, der
Zustand der Versicherten habe sich seit seinem Bericht vom 5. Dezember 2011 nicht
stabilisiert. Es komme immer wieder zu massiven Schmerzereignissen. Zum jetzigen
Zeitpunkt sei an eine Arbeitsaufnahme nicht zu denken (IV-act. 118). Mit Mitteilung vom
10. August 2012 wies die IV-Stelle das Begehren um berufliche Massnahmen ab (IV-
act. 133).
A.d Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte am 14. Dezember 2012 in der
MGSG Medizinisches Gutachtenzentrum Region St. Gallen GmbH bidisziplinär
(orthopädisch-psychiatrisch) begutachtet. Der orthopädische Gutachter diagnostizierte
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: degenerative Veränderungen C3-7 mit
discogener und spondylogener mässiger foraminaler Enge C4/5 und leichter Irritation
der Nervenwurzel C5 rechts und links, discogener und spondylogener rechtsbetonter
foraminaler Stenose C5/6 und mässiger Kompression der Nervenwurzel C6 rechts
mehr als links sowie medio-links-seitige Discushernie C6/7 und leichter links
foraminaler Enge mit leichter Irritation der Nervenwurzel C7 links foraminal; einen
Status nach Spondylodese L3-S1 und interspinöser dynamischer Stabilisation L2/3 mit
durchgebauter Spondylodese bei Status nach 4-facher Voroperation und fehlender
eindeutiger neuraler Kompression mit mässig engen Foramina L4/5 beidseits sowie
L3/4. Für leidensangepasste Tätigkeiten bescheinigte er eine 65%ige Arbeitsfähigkeit.
Die Frage, ob sich der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit seit November
2007 verschlechtert hätten, vermochte der orthopädische Gutachter nicht zu
beantworten. Zur Begründung gab er an, in den Unterlagen finde sich keine detaillierte
Darstellung der somatischen Befunde, inklusive MRI sowie eine darauf aufbauende
Arbeitsfähigkeitseinschätzung eines Orthopäden oder Neurochirurgen. Der
psychiatrische Gutachter stellte keine Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(Gutachten vom 14. Januar 2013, IV-act. 147). RAD-Ärztin Dr. F._ hielt die
gutachterliche Beurteilung für schlüssig und nachvollziehbar. Im Vergleich zur
medizinischen Referenzsachlage habe sich der Gesundheitszustand vorübergehend
verschlechtert. Vom 27. Dezember 2010 bis 14. September 2011 habe vorübergehend
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit angestammt und adaptiert bestanden (am 20. Januar
und 27. Juni 2011 hätten Rückenoperationen stattgefunden). Ab 15. September 2011
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bestehe eine 50%ige Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten. Der
orthopädische MGSG-Gutachter beurteile die Arbeitsfähigkeit leicht höher. Von einer
Verbesserung des Gesundheitszustands könne aber nicht ausgegangen werden
(Stellungnahme vom 4. Februar 2013, IV-act. 148).
A.e Mit Vorbescheid vom 5. April 2013 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentenerhöhungsgesuchs in Aussicht, da nicht von einer
gesundheitlichen Verschlechterung mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit seit der
Rentenzusprache ausgegangen werden könne (IV-act. 152). Dagegen erhob die
Versicherte am 14. Mai 2013 Einwand (IV-act. 153). Am 29. Mai 2013 verfügte die IV-
Stelle die Abweisung des Rentenerhöhungsgesuchs (IV-act. 154).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 29. Mai 2013 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 1. Juli 2013. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter Kosten- und
Entschädigungsfolge deren Aufhebung. Es seien ihr die gesetzlichen Leistungen zu
erbringen. Im Wesentlichen vertritt sie den Standpunkt, ihr Gesundheitszustand habe
sich verschlechtert. Aufgrund ihres Alters, ihrer vorhandenen Ressourcen sowie der
bestehenden Einschränkungen sei von einem völlig untergeordneten
Invalideneinkommen auszugehen, sofern es für sie überhaupt die Möglichkeit gebe, die
Resterwerbsfähigkeit zu verwerten. Bei der Bestimmung des Invalideneinkommens sei
ein maximaler Tabellenlohnabzug zu gewähren. Es sei von einem Invaliditätsgrad von
mindestens 70% auszugehen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom
12. September 2013 die Abweisung der Beschwerde. Gestützt auf eine Stellungnahme
von RAD-Ärztin Dr. F._ vom 24. Juli 2013 (IV-act. 158) bringt sie zur Begründung vor,
der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin habe sich seit der Rentenzusprache
nicht verändert. Ein medizinischer Revisionsgrund liege damit nicht vor. Sodann fehle
es an einem wirtschaftlichen Revisionsgrund, weshalb kein neuer
Einkommensvergleich vorgenommen werden könne (act. G 4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c In der Replik vom 28. Januar 2014 hält die Beschwerdeführerin unverändert an
ihren Anträgen fest (act. G 12). Mit der Replik hat sie einen Bericht von Dr. E._ vom
5. Dezember 2013 eingereicht (act. G 12.1).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Duplik verzichtet (act. G 14).
B.e Im Schreiben vom 11. November 2015 hat das Versicherungsgericht der
Beschwerdeführerin mitgeteilt, es ziehe eine Rückweisung der Sache an die
Beschwerdegegnerin zur Vornahme eines orthopädischen Obergutachtens in Betracht
und sie erhalte bis 25. November 2015 die Gelegenheit für einen Rückzug der
Beschwerde (act. G 16). Die Beschwerdeführerin hat auf einen Beschwerderückzug
verzichtet (act. G 19).

Erwägungen
1.
Umstritten und zu prüfen ist die Frage, ob die Beschwerdegegnerin das
Rentenerhöhungsgesuch der Beschwerdeführerin zu Recht abgewiesen hat.
1.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60%
invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf
eine halbe Rente und bei einem IV-Grad von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
1.2 Im Sozialversicherungsprozess gelten die Grundsätze der Untersuchungspflicht
und der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Demgemäss hat der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungsträger bzw. im Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien
gebunden zu sein. Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben
zusätzliche Abklärungen stets vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53 E. 4a in fine).
1.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswerts eines ärztlichen Berichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
1.4 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbezügers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin
für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1
ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede Änderung in den tatsächlichen
Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu
beeinflussen (Revisionsgrund; BGE 133 V 545 und 130 V 349 E. 3.5; Urteil des
Bundesgerichts vom 8. Juli 2011, 9C_126/2011, E. 1.1). Ein Revisionsgrund ist auch
gegeben und die Rente allenfalls nach unten oder nach oben anzupassen, wenn sich
die erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich gebliebenen Gesundheitszustandes
erheblich verändert haben (BGE 133 V 546 E. 6.1). In diesem Zusammenhang
schliessen selbst identisch gebliebene Diagnosen eine revisionsrechtlich erhebliche
Steigerung des Leistungsvermögens (Arbeitsfähigkeit) nicht grundsätzlich aus. Zu
denken ist etwa an eine Veränderung des Schweregrades des Gesundheitsschadens
oder wenn es der versicherten Person gelungen ist, sich besser an das Leiden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anzupassen (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Auflage, Zürich 2009, Rz 18 zu
Art. 17 ATSG; zum Ganzen Urteil des Bundesgerichts vom 31. Januar 2012,
9C_896/2011, E. 3.1). Ob eine solche Änderung eingetreten ist, beurteilt sich durch
Vergleich des Sachverhalts, wie er im Zeitpunkt der letzten, der versicherten Person
eröffneten rechtskräftigen Verfügung vorlag, die auf einer materiellen Prüfung des
Rentenanspruchs beruht, mit demjenigen zur Zeit der streitigen Revisionsverfügung
(BGE 133 V 108 E. 5.4).
1.5 Die Erhöhung der Invalidenrente erfolgt gemäss Art. 88 Abs. 1 lit. a der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) frühestens, sofern die
versicherte Person die Revision verlangt, von dem Monat an, in dem das
Revisionsbegehren gestellt wurde.
2.
Ausgangspunkt für die Beurteilung des gesundheitlichen Verlaufs bildet im
vorliegenden Rentenrevisionsverfahren die Verfügung vom 20. Mai 2005 (IV-act. 41),
deren medizinische Grundlage die Berichte von Dr. B._ vom 13. Februar 2004 (IV-
act. 12) und von Dr. C._ vom 10./11. Februar 2005 (IV-act. 31) bilden. Weder die
Verfügung vom 5. September 2006, worin eine Neuberechnung des Rentenbetrags
infolge Scheidung vorgenommen wurde (IV-act. 45), noch die Mitteilungen vom
6. November 2007 (IV-act. 69) und vom 20. Januar 2010 (IV-act. 79), in denen der
Anspruch auf eine halbe Rente ohne umfassende Abklärungen bestätigt wurde, sind für
die Verlaufsbeurteilung von Bedeutung. Entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin (IV-act. 134) bildet daher nicht die den bisherigen
Rentenanspruch bestätigende Mitteilung vom 6. November 2007 den
Vergleichszeitpunkt.
2.1 In medizinischer Hinsicht stützt sich die angefochtene Verfügung (IV-act. 154)
auf das Gutachten vom 14. Januar 2013 (IV-act. 147), den Bericht über die
interdisziplinäre arbeitsspezifische Abklärung vom 30. Dezember 2011 (IV-act. 123) und
die RAD-Stellungnahme vom 4. Februar 2013 (IV-act. 148; vgl. auch die RAD-
Stellungnahme vom 24. Juli 2013, IV-act. 158).
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Der psychiatrische Teil des MGSG-Gutachtens, worin eine Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit verneint wird, erfüllt unbestrittenermassen die
rechtsprechungsgemässen Anforderungen an beweiskräftige ärztliche Stellungnahmen
(siehe vorstehende E. 1.3) und ist mit der übrigen Aktenlage vereinbar. Eine
revisionsrelevante Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustands kann
deshalb verneint werden.
2.3 Dr. med. I._, Facharzt für Orthopädie, legte im orthopädischen Teil des
Gutachtens dar, er sehe sich ausser Stande, eine retrospektive Verlaufsbeurteilung
abzugeben. Zur Begründung gab er an, in den vorliegenden Unterlagen finde sich keine
detaillierte Darstellung der somatischen Befunde, inklusive MRI sowie eine darauf
aufbauende Arbeitsfähigkeitsschätzung eines Orthopäden oder Neurochirurgen,
sodass die Frage nicht beantwortet werden könne (IV-act. 147-10). Angesichts dessen,
dass in den Akten verschiedene Stellungnahmen der behandelnden Ärzte liegen und
der RAD die zurückliegende medizinische Aktenlage darstellte (Stellungnahme vom
13. Januar 2010, IV-act. 77), ist nicht nachvollziehbar, weshalb Dr. I._ keine
Verlaufsbeurteilung abzugeben vermochte und sich nicht zumindest zur Plausibilität
der in den Vorakten liegenden Arbeitsfähigkeitsschätzungen oder den postoperativen
Phasen geäussert hat. Dies ist umso weniger nachzuvollziehen, als RAD-Ärztin
Dr. F._ ohne weitere Beweisvorkehr in der Lage war, eine retrospektive
Verlaufsbeurteilung vorzunehmen (Stellungnahme vom 4. Februar 2013, IV-act. 148).
Das Verhalten von Dr. I._ wirft im Übrigen insoweit Fragen auf, als es gerade seine
Aufgabe als Gutachter gewesen wäre, allfällige Unklarheiten in der Aktenlage
(insbesondere auch bezüglich allfälliger bildgebender Untersuchungsergebnisse) durch
Rückfragen bei den behandelnden Ärzten oder dem Krankentaggeldversicherer zu
klären zu versuchen. Entsprechende Bemühungen seitens von Dr. I._ sind nicht
erkennbar. Was seine echtzeitliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten (65%) anbelangt, so hat RAD-Ärztin Dr. F._ zu Recht
und von den Parteien unbestritten geblieben den Schluss gezogen, von einer
gesundheitlichen Verbesserung könne nicht ausgegangen werden (IV-act. 148).
Vielmehr handelt es sich dabei lediglich um eine andere, revisionsrechtlich nicht
relevante Würdigung des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt
der Begutachtung, die mit der gesamten übrigen medizinischen Aktenlage (siehe hierzu
nachstehende E. 2.4.1 ff.) sowohl hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit für die angestammte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(85%ige Arbeitsunfähigkeit) als auch für eine leidensangepasste (35%ige
Arbeitsunfähigkeit) Tätigkeit nicht zu vereinbaren ist. Darüber hinaus nahm Dr. I._
keine schlüssige Auseinandersetzung mit der Voraktenlage (insbesondere den
Einschätzung von Dr. D._ vom 5. Mai 2012; siehe hierzu nachstehende E. 2.5) vor,
weshalb RAD-Ärztin Dr. F._ und die Beschwerdegegnerin zu Recht dessen
Einschätzung nicht gefolgt sind.
2.4 Eine Verlaufsbeurteilung aus somatischer Sicht hat lediglich RAD-Ärztin
Dr. F._ vorgenommen.
2.4.1 Im Einklang mit der Aktenlage hat sie bezüglich des Zeitraums vom
27. Dezember 2010 bis 14. September 2011 schlüssig ausgeführt, es hätte
vorübergehend eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
bestanden. Zur Begründung verwies sie auf die am 20. Januar und 27. Juni 2011
durchgeführten Rückenoperationen. Zumindest für diese Periode ist damit von einer
revisionsrechtlich relevanten gesundheitlichen Verschlechterung auszugehen.
2.4.2 Für die Beurteilung des weiteren Gesundheitsverlaufs ist von Bedeutung, dass
RAD-Ärztin Dr. F._ in der Stellungnahme vom 13. Dezember 2011 die Auffassung
vertreten hat, der Gesundheitszustand sei bei Status nach insgesamt vier
Rückenoperationen noch nicht stabil bzw. die Behandlung sei noch nicht
abgeschlossen. Vorerst bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit auch für
leidensangepasste Tätigkeiten (IV-act. 113). Diese Einschätzung deckt sich mit den
Berichten von Dr. D._ vom 5. Dezember 2011 (IV-act. 111-2) und von Dr. E._ vom
8. Dezember 2011 (IV-act. 112), worin dieser bezugnehmend auf die letzte Konsultation
vom 22. November 2011 darauf hinwies, die Rückenversteifung (Spondylodese) sei
noch nicht durchgebaut. Vor diesem Hintergrund ist mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der verschlechterte Gesundheitszustand
mit vollständiger Arbeitsunfähigkeit bis 13. Dezember 2011 fortbestanden hat. An
dieser Sichtweise ändert der Bericht von Dr. E._ vom 23. September 2011 nichts,
worin er ab 15. September 2011 (vorerst) wieder von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten ausgegangen war (IV-act. 100). Denn diese
Einschätzung erwies sich offenbar als zu optimistisch, wie aus dem knapp eineinhalb
Monate später ergangenen Bericht vom 8. Dezember 2011 hervorgeht (IV-act. 112).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin von der Arbeitslosenversicherung als nicht
vermittlungsfähig qualifiziert wurde (Eintrag vom 25. Oktober 2011, IV-act. 107-4). Was
schliesslich die erst im Rahmen des Beschwerdeverfahrens eingeholte Stellungnahme
von RAD-Ärztin Dr. F._ anbelangt, worin sie neu auch rückwirkend durchgehend vom
Bestehen einer 50%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten ausgeht, so
fehlt dieser Neubeurteilung die Beweiskraft. Denn RAD-Ärztin Dr. F._ setzt sich damit
in diametralen Widerspruch zu ihren früheren Ausführungen und begründet ihre Abkehr
vom bisherigen Standpunkt nicht nachvollziehbar. Hinzu kommt, dass diese absolute
Verneinung einer über 50% liegenden Arbeitsunfähigkeit mit den vorgenommenen
Rückenoperationen und dem damit bedingten, aktenkundigen (zumindest)
verschlechternden Gesundheitszustand nicht zu vereinbaren ist.
2.5 Betreffend die Zeit nach dem 13. Dezember 2011 ist die am 15. Dezember 2011
in der Klinik Valens durchgeführte interdisziplinäre arbeitsspezifische Abklärung zu
beachten. Im Untersuchungsbericht vom 30. Dezember 2011 gelangten die Experten
der Klinik Valens zum Schluss, die Beschwerdeführerin verfüge für eine
leidensangepasste Tätigkeit über eine 50%ige Arbeitsfähigkeit (IV-act. 123). Allerdings
stellt der interdisziplinäre arbeitsspezifische Abklärungsbericht lediglich eine
Momentaufnahme dar und beinhaltet keine Verlaufsbeurteilung. Die darin bescheinigte
50%ige Arbeitsfähigkeit lässt sich sodann nicht mit den danach ergangenen
Beurteilungen der behandelnden Ärzte vereinbaren. Dr. E._ führte in der
Stellungnahme vom 10. Februar 2012 aus, eine 50%ige Arbeitsfähigkeit für eine
körperlich leichte Tätigkeit sei nicht gegeben. Aus seiner Sicht sei die
Beschwerdeführerin für eine leichte Tätigkeit höchstens zu 25% arbeitsfähig (IV-
act. 116). Im Verlaufsbericht an die Beschwerdegegnerin vom 5. Mai 2012 gab
Dr. D._ an, der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin habe sich
verschlechtert und leider noch nicht stabilisiert. Zum jetzigen Zeitpunkt sei an eine
Aufnahme einer adaptierten Tätigkeit nicht zu denken. Die Beschwerdeführerin sei
auch kaum in der Lage, leichte Hausarbeiten durchzuführen (IV-act. 118-2). Im an den
Unfallversicherer gerichteten Schreiben vom 5. Mai 2012 berichtete Dr. D._, die
Schmerzen der Beschwerdeführerin hätten sich immer wieder verschlechtert. Erst im
April 2012 sei es zu einer massivsten Schmerzexazerbation gekommen, die über Tage
angedauert habe. Die Beschwerdeführerin habe kaum stehen und laufen können. Man
müsse immer wieder infiltrieren. Die Beschwerdeführerin stehe unter andauernder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Physiotherapie und sie habe erst vor einer Woche eine MTT-Behandlung aufnehmen
können. In diesem Zustand sei sie nicht arbeitsfähig (Fremdakten). Vor diesem
Hintergrund stellt die Arbeitsfähigkeitsschätzung durch die Experten der Klinik Valens
keine beweiskräftige Grundlage für die Beurteilung des nach dem 13. Dezember 2011
eingetretenen Verlaufs dar.
2.6 Nach dem vorstehend Gesagten erweist sich der Sachverhalt aus
orthopädischer Sicht als abklärungsbedürftig und noch nicht spruchreif. Da keine
besonderen Umstände vorliegen, die ein Gerichtsgutachten erforderlich machen oder
welche die Beschwerdegegnerin für weitere Abklärungsmassnahmen als ungeeignet
erscheinen lassen, und da die weitere Abklärung auch bislang ungeklärte Fragen
beschlägt (Auseinandersetzung mit den Berichten von Dr. D._ vom 5. Mai 2012, vgl.
vorstehende E. 2.5; vgl. BGE 137 V 264 E. 4.4.1.4), ist die Sache an die
Beschwerdegegnerin zur Vornahme der weiteren Abklärung zurückzuweisen (vgl. zur
Zulässigkeit der Rückweisung an die Verwaltung Urteile des Bundesgerichts vom
12. Oktober 2015, 8C_219/2015, E. 5.3, und vom 29. Oktober 2015, 9C_822/2014,
E. 5.3). Eine Rückweisung rechtfertigt sich vorliegend umso mehr, als RAD-Ärztin
Dr. F._ das orthopädische Gutachten bereits vor dem Vorbescheid vom 5. April 2013
betreffend die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung für nicht aussagekräftig hielt (Stellungnahme
vom 4. April 2013, IV-act. 148) und die Beschwerdegegnerin nicht bereit war, der
Einschätzung von Dr. I._ zu folgen (vgl. vorstehende E. 2.3 am Schluss). Hinzu
kommt, dass die Anordnung des bidisziplinären Administrativgutachtens weder nach
dem Zufallsprinzip noch im Rahmen eines einvernehmlichen Vorgehens erfolgt ist (IV-
act. 134 f.; zur Wesentlichkeit des Zufallsprinzips bzw. - bei dessen Fehlen - des
einvernehmlichen Vorgehens siehe BGE 137 V 242 E. 3.1.1 und 137 V 256 E. 3.4.2.6).
3.
3.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom
29. Mai 2013 aufzuheben. Die Sache ist zur Vornahme weiterer medizinischer
Abklärungen und neuen Verfügung im Sinn der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als
volles Obsiegen (BGE 132 V 215 E. 6.2). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich. Sie hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu
bezahlen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist der Beschwerdeführerin
zurückzuerstatten.
3.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
ist (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin hat keine Honorarnote eingereicht. Der Bedeutung und dem
unterdurchschnittlichen Aufwand angemessen erscheint eine Parteientschädigung von
pauschal Fr. 3'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).