Decision ID: 294fba93-43a6-510e-a27b-ca96944be3c8
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 20.03.2012 Art. 11 Abs. 2 AHVG. Erlass von AHV/IV/EO-Mindestbeiträgen. Als Voraussetzung für den Erlass ist das Vorliegen einer grossen Härte zu prüfen. Dabei ist die gesamte wirtschaftliche Situation der versicherten Person zu berücksichtigen. Allein die Tatsache, dass eine im Konkubinat lebende versicherte Person keine Sozialhilfe bezieht, reicht für die Ablehnung eines Erlassgesuchs nicht aus (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 20. März 2012, AHV 2011/10).Präsidentin Lisbeth Mattle Frei, Versicherungsrichterin Miriam Lendfers, a.o. Versicherungsrichter Christian Zingg; Gerichtsschreiberin Jeannine BodmerEntscheid vom 20. März 2012in SachenA._,Beschwerdeführerin,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErlass Mindestbeitrag für NichterwerbstätigeSachverhalt:
A.
A.a A._ war bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA),
kantonale Ausgleichskasse, seit 1. Januar 2006 als Nichterwerbstätige erfasst (act.
G 3.1/8). Auf Empfehlung der Wohngemeinde B._ wurden ihr bis zum 31. Dezember
2010 die Mindestbeiträge für Nichterwerbstätige erlassen (act. G 3.1/1). Im Rahmen der
Anfrage betreffend Erlass für das Jahr 2010 teilte die Gemeinde B._ der SVA mit
Mutationsformular vom 12. Oktober 2010 mit, dass der Beitragserlass bezüglich der
Versicherten ab 1. Januar 2011 aufzuheben sei (act. G 3.1/4).
A.b Am 27. Dezember 2010 verfügte die SVA gegenüber der Versicherten für das Jahr
2011 den AHV/IV/EO-Mindestbeitrag von Fr. 499.-- (inkl. Verwaltungskosten; act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
G 3.1/5). Mit Schreiben vom 8. März 2011 stellte sie ihr den Mindestbeitrag
anteilsmässig für das 1. Quartal in Rechnung (act. G 3.1/6). Dagegen wehrte sich die
Versicherte mit Brief vom 10. März 2011 unter dem Titel der "Einsprache" und machte
sinngemäss geltend, auf Grund ihrer finanziellen Lage, welche weit unter dem
Existenzminimum liege, den Mindestbeitrag nicht bezahlen zu können (act. G 3.1/7).
Dieses Schreiben qualifizierte die SVA auf Grund der längst abgelaufenen
Rechtsmittelfrist gegen die Verfügung vom 27. Dezember 2010 als Erlassgesuch.
Gestützt darauf bat sie die Gemeinde B._ am 28. März 2011 um nochmalige Prüfung
(act. G 3.1/1 und 8). Diese führte im Schreiben vom 2. Mai 2011 aus, ihre Abklärungen
hätten ergeben, dass die Versicherte keine Sozialhilfeleistungen beziehe. Sie lebe im
Konkubinat mit C._. Für die Zustimmung zu einem Erlass sei die Abhängigkeit von
Sozialhilfeleistungen ein massgebendes Kriterium, welches die Versicherte nicht erfülle
(act. G 3.1/9).
A.c Mit Verfügung vom 12. Mai 2011 eröffnete die SVA der Versicherten, die
Voraussetzungen für einen Erlass der persönlichen Beiträge seien nicht gegeben, weil
sie keine Sozialhilfeleistungen beziehe (act. G 3.1/10).
A.d Die dagegen erhobene Einsprache der Versicherten vom 24. Mai 2011 (act.
G 3.1/3) wies die SVA mit Einspracheentscheid vom 30. Juni 2011 ab. Zur Begründung
führte sie aus, der Mindestbeitrag könne nur Versicherten erlassen werden, die durch
die Bezahlung des Mindestbeitrags in eine unerträgliche Situation geraten würden. Der
Erlass stelle eine aussergewöhnliche Massnahme dar und komme daher nur in Frage,
wenn die versicherte Person in grosser Armut lebe und Sozialhilfe beziehe (act. G 3.2).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob die Versicherte am 1. Juli 2011
Beschwerde mit dem sinngemässen Antrag auf Aufhebung des angefochtenen
Entscheids und Erlass des Mindestbeitrags (act. G 1). Sie begründete dies damit, dass
es ihr zurzeit nicht möglich sei, die Beiträge zu bezahlen. Mit dem Temporäreinsatz,
den sie ausgeführt habe, liege sie immer noch weit unter dem Existenzminimum. Den
Verdienst habe sie "zum Leben" gebraucht, sie habe davon nichts mehr. Ansonsten
habe sie keine Einkünfte, weder vom Sozialamt, noch von der Arbeitslosenkasse. In der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beilage reichte sie eine voraussichtliche Steuerbelastung für das Jahr 2010 ein, welche
auf eigenen Angaben in der Steuererklärung basierte. Diese zeigte ein steuerbares
Einkommen in Höhe von Fr. 7'900.-- bzw. ein "Einkommen direkte Bundessteuer" von
Fr. 8'400.-- (act. G 1).
B.b Mit Schreiben vom 5. August 2011 beantragte die Beschwerdegegnerin, die
Beschwerde sei abzuweisen. Unter Verweis auf den Einspracheentscheid verzichtete
sie auf eine Beschwerdeantwort (act. G 3).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2012 sind die Änderungen zur Verbesserung der Durchführung des
Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) in
Kraft getreten (AS 2011 4745). Da vorliegend die Frage eines Erlasses des
Mindestbeitrags ab 1. Januar 2011 streitig ist, ist die Angelegenheit gestützt auf die
allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln, wonach in zeitlicher Hinsicht diejenigen
Rechtssätze massgebend sind, die bei Verwirklichung des zu Rechtsfolgen führenden
Sachverhalts galten, auf Grund der alten (bis 31. Dezember 2011 gültigen) Normen zu
prüfen (vgl. BGE 130 V 445 E. 1 S. 446f. mit Hinweis).
2.
Gemäss Art. 10 Abs. 1 AHVG, Art. 3 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) und Art. 27 Abs. 2 des Bundesgesetzes über
den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft (EOG; SR 834.1) bezahlen
nichterwerbstätige Personen mindestens einen Betrag von Fr. 475.-- pro Jahr als AHV-
(Fr. 387.--), IV- (Fr. 65.--) und EO-Beitrag (Fr. 23.--). Erwerbstätige, die im Kalenderjahr,
gegebenenfalls mit Einschluss des Arbeitgeberbeitrags, weniger als den
Mindestbeitrag entrichten, gelten als Nichterwerbstätige. Nichterwerbstätige Studenten
und Versicherte, die aus öffentlichen Mitteln oder von Drittpersonen unterhalten oder
unterstützt werden, bezahlen den Mindestbeitrag (Art. 10 Abs. 2 AHVG). Der
Mindestbeitrag, dessen Bezahlung für eine obligatorisch versicherte Person eine
grosse Härte bedeutet, kann erlassen werden (Art. 11 Abs. 2 AHVG). Art. 11 Abs. 2
bis
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_373%2F2008&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F130-V-445%3Ade&number_of_ranks=0#page445
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
AHVG gilt unverändert seit Inkraftsetzung der AHV-Gesetzgebung, weshalb die seither
ergangene Rechtsprechung zu berücksichtigen ist. Bereits im Jahre 1951 erkannte das
Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG; seit 1. Januar 2007: Bundesgericht), dass
es sich dabei um eine aussergewöhnliche Massnahme handelt, die im Allgemeinen auf
die Fälle "notorischer Armengenössigkeit, bzw. auf diejenigen Versicherten beschränkt"
sei, deren Unterhalt ganz oder teilweise ohnehin zu Lasten der Öffentlichkeit oder
gemeinnütziger Institutionen gehe (EVGE 1951, 29ff., 31). Die Absicht des
Gesetzgebers bei der Erlassbestimmung war es, die Bezahlung der AHV-Beiträge dem
Wohnsitzkanton oder der Wohnsitzgemeinde aufzuerlegen, wenn die versicherte
Person sich in einer durch diese Körperschaften bestätigten Notlage befindet, welche
die Entrichtung der Beiträge als unzumutbar erscheinen lässt (Bericht der
Eidgenössischen Expertenkommission für die Einführung der AHV vom 16. März 1945
S. 55 sowie Botschaft zum AHVG vom 24. Mai 1946, BBl 1946 II 523). Damit soll die
Entrichtung der AHV-Beiträge bzw. des Minimalbetrags nur in Ausnahmefällen dem
Wohnsitzkanton oder der Wohnsitzgemeinde obliegen. Dementsprechend wird in der
einschlägigen Verwaltungsweisung davon ausgegangen, dass es sich beim Erlass des
Mindestbeitrags um eine aussergewöhnliche Massnahme handelt, die nur in Frage
kommt, wenn die versicherte Person in grosser Armut lebt und Sozialhilfe bezieht
(Wegleitung über die Beiträge der Selbständigerwerbenden und Nichterwerbstätigen in
der AHV, IV und EO [WSN, Fassung gültig ab 1. Januar 2008], Rz 3073; Ueli Kieser,
Rechtsprechung des Bundesgerichtes zum AHVG, 2. Aufl. Zürich 2005, S. 116). Die
grosse Härte ist nach der Rechtsprechung gegeben, wenn bei Bezahlung des
Mindestbeitrags das betreibungsrechtliche Existenzminimum der versicherten Person
unterschritten würde (BGE 113 V 252, E. 3a, mit Hinweisen). Bei der Ermittlung des
betreibungsrechtlichen Existenzminimums ist die gesamte wirtschaftliche Situation der
versicherten Person, einschliesslich der Einkommens- und Vermögensverhältnisse des
Ehegatten und der im gemeinsamen Haushalt lebenden Kinder, zu berücksichtigen
(ZAK 1981, 545; BGE 113 V 252, E. 3a, mit Hinweisen).
3.
3.1 Vorliegend ist strittig, ob eine grosse Härte als Voraussetzung für den Erlass der
Mindestbeiträge ab Januar 2011 gegeben ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Die Beschwerdeführerin machte geltend, mit Ausnahme des Einkommens aus
einem Temporäreinsatz im Jahr 2010 über keinerlei Einkünfte zu verfügen. In der
Einsprache vom 24. März 2011 hielt sie fest, mit einem Partner zusammenzuleben bzw.
bei ihm zu wohnen. Er komme für Essen, Kleider und Weiteres auf und bezahle, was er
könne. Sofern er dies nicht machen würde, hätte sie nicht einmal zu essen und würde
auf der Strasse stehen, weshalb sie mehr als Anspruch auf Sozialhilfe hätte (act.
G 3.1/3). Dagegen lehnte die Beschwerdegegnerin, der Empfehlung der
Wohngemeinde folgend, einen Erlass der Mindestbeiträge ab Januar 2011 aus dem
Grund ab, dass die Beschwerdeführerin keine Sozialhilfe beziehe (act. G 3.2). Nach
eigenen Angaben der Beschwerdeführerin habe sie lediglich im Jahr 2010 durch einen
Temporäreinsatz ein steuerbares Einkommen von Fr. 7'900.-- erzielt, ansonsten sie
über kein Einkommen mehr verfüge (act. G 1). Aus den Akten ist weder die tatsächliche
wirtschaftliche Situation der Beschwerdeführerin noch diejenige ihres
Konkubinatspartners ersichtlich. Die Beschwerdegegnerin kam somit ohne Abklärung
des betreibungsrechtlichen Existenzminimums zum Schluss, dass bei der
Beschwerdeführerin keine grosse Härte vorliege. Bei der Frage des Erlasses bzw. bei
der Ermittlung der finanziellen Verhältnisse der Beschwerdeführerin ist jedoch auf die
gesamte wirtschaftliche Situation abzustellen. Das in der Verwaltungsweisung
festgehaltene Kriterium der Sozialhilfeabhängigkeit ist weder gesetzlich verankert noch
von der Rechtsprechung als notwendige Voraussetzung bestätigt worden. Vielmehr
geht Art. 11 Abs. 2 AHVG - wie oben ausgeführt (vgl. Erwägung 2) - von einer grossen
Härte aus, welche sich am betreibungsrechtlichen Existenzminimum unter Beachtung
der gesamten wirtschaftlichen Situation orientiert. Somit kann die Abhängigkeit einer
versicherten Person von der Sozialhilfe zwar als Indiz herangezogen werden, allein
genügen kann sie aber schon deshalb nicht, weil der Anspruch auf Sozialhilfe durch
das Führen einer Lebensgemeinschaft allenfalls entfällt. Gemäss den Richtlinien für die
Ausgestaltung und Bemessung der Sozialhilfe (SKOS-Richtlinien; 4. Aufl. April 2005,
12/07, H.10-2) ist es zulässig, bei einem stabilen Konkubinat, d.h. wenn es mindestens
zwei Jahre andauert oder die Partner mit einem gemeinsamen Kind zusammenleben,
den Bedarf einer Anspruch erhebenden Person wie bei einem Ehepaar zu berechnen
und die Einkünfte des Konkubinatspartners anzurechnen. Dies kann bei
entsprechender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit des nicht unterstützten Partners
dazu führen, dass kein Sozialhilfeanspruch besteht (Urteil des Bundesgerichts vom 24.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
August 1998 in: ZeSo 1998, S. 180; SKOS-Richtlinien, 4. Aufl. April 2004, Stand
Dezember 2010, H.10-2). Für die Frage eines Erlasses bleibt aber massgebend, ob bei
Bezahlung des Mindestbeitrags das betreibungsrechtliche Existenzminimum der
versicherten Person unterschritten würde.
3.3 Somit ist die Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit
sie weitere Abklärungen vornehme. Dabei wird das betreibungsrechtliche
Existenzminimum der Beschwerdeführerin eruiert werden müssen. Diesbezüglich gilt zu
berücksichtigen, dass für Personen, welche im Konkubinat leben, der monatliche
Grundbetrag wie für ein Ehepaar gilt (BGE 128 III 159 und BlSchK 2002 Nr. 24, S. 126).
Da Personen im Konkubinat aus betreibungsrechtlicher Sicht jedoch keine
gegenseitige gesetzliche Unterstützungspflicht haben, rechtfertigt es sich bei einem
Konkubinatspaar, das eine dauernde Hausgemeinschaft bildet, den erwähnten
Grundbetrag in der Berechnung des Existenzminimums zu teilen (vgl. BGE 130 III 767f.
E. 2.4). Hingegen geht es nicht an, einer Person im Konkubinat fiktives Einkommen
anzurechnen. Hier fehlt ein Vollstreckungssubstrat.
4.
Auf Grund des Gesagten ist die Beschwerde unter Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheids insoweit teilweise gutzuheissen, als die Angelegenheit zur
Vornahme weiterer Abklärungen zum Vorliegen einer grossen Härte im Sinn obiger
Erwägungen und zu neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht