Decision ID: da2806f9-388c-5ef0-85ba-0846ba7b3027
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin reiste am 17. Dezember 2021 in die Schweiz ein
und suchte gleichentags im Bundesasylzentrum (BAZ) B._ um Asyl
nach.
B.
Am 22. Dezember 2021 reichte die zugewiesene Rechtsvertretung eine
Vollmacht zu den Akten.
C.
Im Rahmen der Personalienaufnahme vom 23. Dezember 2021 wurde die
Beschwerdeführerin summarisch zu ihrer Person und ihrem Reiseweg be-
fragt.
D.
Am 24. Januar 2022 fand die Anhörung zu den Asylgründen statt (Protokoll
in den SEM Akten [...]-13/19 [nachfolgend A13]). Dabei machte die Be-
schwerdeführerin im Wesentlichen folgenden Sachverhalt geltend:
Sie sei afghanische Staatsangehörige, der Ethnie der Hazara, und sei im
Iran geboren. Als sie etwa vier oder fünf Jahre alt gewesen sei, sei sie mit
ihrer Familie nach C._, Afghanistan, zurückgekehrt. Da die Taliban
in die Stadt gekommen seien, sei die Familie nach etwa zehn Monaten in
den Iran zurückgekehrt. Sie habe seither mit ihren Eltern und den Ge-
schwistern in D._ gelebt und sei nie mehr nach Afghanistan gereist.
Sie habe (...) studiert und daneben gearbeitet. Nach Abschluss des Studi-
ums habe sie gemäss iranischem Recht keine Aufenthaltsbewilligung mehr
erhalten; ihre letzte Aufenthaltsbewilligung sei im Jahr 2017 abgelaufen.
Im Iran habe sie einen Mann namens M. kennengelernt und sie seien sich
nähergekommen. Dieser habe von ihr freizügige Fotos gemacht und ihr
gedroht, er werde diese weiterverbreiten. Sie habe Anzeige gegen ihn er-
stattet, was auch ihr Vater mitbekommen habe. Die Anzeige habe sie je-
doch zurückgezogen, da man ihr gesagt habe, die Beziehung werde auch
Folgen für sie haben. M. sei in der Folge nach Afghanistan ausgeschafft
worden, sei jedoch wieder in den Iran zurückgekehrt und habe ihre Tele-
fonnummer ausfindig gemacht. Sie habe deswegen Angst gehabt, dass er
ihr etwas antun werde. Auch die Beziehung zu ihrem Vater sei zunehmend
schlechter geworden. Er habe ihr immer wieder gesagt, sie solle heiraten
und habe auch nicht gemocht, dass sie nicht mehr religiös gewesen sei.
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Sie habe ferner psychische Probleme bekommen und an einer Depression
gelitten. Die Situation sei schwierig gewesen, weshalb sie entschieden
habe, den Iran zu verlassen.
Als ethnische Hazara und alleinstehende Frau ohne männliche Begleitung
hätte sie es auch in Afghanistan schwierig. Zudem sei ihr Bruder fast zehn
Jahre lang in E._ als (...) für (...) tätig gewesen. Nach der Macht-
übernahme der Taliban sei er von diesen bedroht worden, da die Taliban
alle Afghanen, die mit ausländischen Kräften zusammengearbeitet hätten,
als Verräter betrachteten. Er habe deswegen das Land verlassen und lebe
heute als anerkannter Flüchtling in England. Als Familienangehörige einer
Person, welche für Ausländer gearbeitet habe, sei auch sie bei einer Ein-
reise nach Afghanistan in Gefahr. Ferner sei auch der Vater von M. in
E._ wohnhaft und es bestehe die Möglichkeit, dass von ihm eine
Gefahr für sie in Afghanistan ausgehe.
Als sie gehört habe, dass ein Freund ihres Bruders mit der Familie den Iran
verlassen werde, habe sie entschieden, gemeinsam mit ihnen auszurei-
sen. Ungefähr im September 2021 habe sie das Land verlassen und sei
über die Türkei, Griechenland und weitere Länder in die Schweiz einge-
reist.
Die Beschwerdeführerin reichte diverse Unterlagen zum Nachweis ihrer
Identität, Universitätsdiplome, Unterlagen in Bezug auf ihren Bruder sowie
betreffend die Anzeige gegen M., teilweise im Original, teilweise in Kopie,
ein. Ferner wurden ärztliche Kurzberichte zu den Akten gereicht.
E.
Am 31. Januar 2022 wurde der zugewiesenen Rechtsvertretung ein Ent-
wurf des Asylentscheids zur Stellungnahme unterbreitet.
F.
Mit Eingabe vom 1. Februar 2022 reichte die Rechtsvertretung eine Stel-
lungnahme ein (SEM Akte [...]-23/10 [nachfolgend A23].
G.
Mit Verfügung vom 2. Februar 2022 (gleichentags eröffnet) verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, der Vollzug der
Wegweisung wurde jedoch infolge Unzumutbarkeit zugunsten einer vorläu-
figen Aufnahme aufgeschoben.
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Seite 4
H.
Am 2. Februar 2022 legte die zugewiesene Rechtsvertretung das Vertre-
tungsmandat nieder.
I.
Mit Eingabe vom 3. März 2022 erhob die Beschwerdeführerin durch ihre
neu mandatierte Rechtsvertreterin gegen die Verfügung des SEM vom
2. Februar 2022 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie
beantragt, die Verfügung des SEM sei aufzuheben, ihre Flüchtlingseigen-
schaft sei anzuerkennen und ihr sei Asyl zu gewähren, eventualiter sei die
Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht beantragt sie die unentgeltliche Prozessführung
und die Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als amtliche Rechts-
beiständin.
J.
Am 5. März 2022 reichte die Beschwerdeführerin eine als Beschwerdeer-
gänzung bezeichnete Eingabe ein.
K.
Am 7. März 2022 bestätigte das Gericht den Eingang der Beschwerde.
L.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
7. März 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung über Massnahmen
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im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [Covid-19-VO
Asyl, SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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Seite 6
5.
5.1 Das SEM begründet die ablehnende Verfügung im Wesentlichen mit
der mangelnden Asylrelevanz der Vorbringen. Die Befürchtung der Be-
schwerdeführerin, bei einer allfälligen Rückkehr nach Afghanistan als eth-
nische Hazara und alleinstehende Frau sowie aufgrund ihrer Abkehr vom
Islam Nachteile zu erleiden, stelle ein hypothetisches Zukunftsszenario
dar. Befürchtungen, künftig Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt zu sein,
seien nur dann flüchtlingsrechtlich relevant, wenn begründeter Anlass zur
Annahme bestehe, dass sich die Verfolgung mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen werde. Afghanistan be-
finde sich seit der faktischen Machtübernahme durch die Taliban in einer
Übergangsphase und es sei noch nicht vollständig absehbar, wie die Tali-
ban mit spezifischen Personengruppen umgehen würden. Auch wenn sich
die Lage bisweilen unübersichtlich präsentiere, seien keine hinreichenden
Hinweise dafür ersichtlich, dass sie als Hazara und alleinstehende Frau
einer Kollektivverfolgung ausgesetzt wäre. Dazu müssten die Taliban be-
absichtigen allen Mitgliedern dieses Kollektivs gezielte und ernsthafte
Nachteile zuzufügen und diese Nachteile müssten im Verhältnis zur Grösse
des Kollektivs eine gewisse Dichte aufweisen. Die Anforderungen an eine
Kollektivverfolgung seien nur dann erfüllt, wenn der Einzelne mit erhebli-
cher Wahrscheinlichkeit objektive Furcht habe, selbst Verfolgung zu erlei-
den beziehungsweise wenn in der Vergangenheit ein beträchtlicher Anteil
des Kollektivs tatsächlich ernsthafte Nachteile zu erleiden gehabt habe. Es
gebe derzeit aber keine entsprechenden Länderinformationen. Ihre An-
gabe, sie sei nicht mehr religiös, sei ebenfalls nicht flüchtlingsrechtlich re-
levant, da nicht davon auszugehen sei, die Taliban hätten davon Kenntnis.
Die Tätigkeit des Bruders als (...) werde nicht in Frage gestellt, jedoch sei
eine daraus resultierende Reflexverfolgung unwahrscheinlich. Sie habe vor
25 Jahren und lediglich während zehn Monaten als Kleinkind in Afghanis-
tan gelebt. Es sei nicht davon auszugehen, dass die Taliban einen Zusam-
menhang zwischen ihr und ihrem Bruder herstellen könnten,
oder ihr Nachteile drohen würden, da ihr Bruder mittlerweile in England
lebe. Schliesslich weist das SEM darauf hin, dass Asylgründe stets in Be-
zug auf den Heimatstaat zu prüfen seien, sofern eine Person nicht staaten-
los sei. In Bezug auf die Probleme im Iran sei demnach festzuhalten, dass
diese nur dann die Flüchtlingseigenschaft begründen könnten, wenn sie
auch im Heimatstaat zu einer Verfolgungssituation führen würden. Sie
wisse nicht, wo sich M. derzeit aufhalte, sein Vater lebe angeblich in
E._. Es seien jedoch keine Hinweise ersichtlich, wonach ihr in
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E._, einer von Kriegswirren geprägten Millionenstadt, durch Ange-
hörige von M. Nachteile drohen würden.
In der Stellungnahme zum Entscheidentwurf habe die Beschwerdeführerin
nichts vorgetragen, was zu einer anderen Einschätzung führe. Der Verweis
auf Medienberichte, welche die Lage der Hazara und der Frauen schilder-
ten, führe nicht zur Annahme, diese seien einer Kollektivverfolgung ausge-
setzt. Die weiteren Argumente, sie wäre bei einer Rückkehr nach Afghanis-
tan aufgrund des Taliban-Regimes einem unerträglichen psychischen
Druck ausgesetzt, würden wohl auf eine mögliche Feststellung der Unzu-
lässigkeit des Vollzugs der Wegweisung zielen, da sie noch keine Benach-
teiligungen in Afghanistan erlitten habe. Aufgrund der alternativen Natur
der Wegweisungsvollzugshindernisse bestehe jedoch kein Rechtsschutz-
interesse an der Prüfung einer allfälligen Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs. Auch der Hinweis, dass Angehörige der Ehefrau ihres Bru-
ders in F._ Asyl erhalten hätten, obwohl diese selbst nicht mit aus-
ländischen Regierungen kooperiert hätten, sei nicht relevant. Die Um-
stände für deren Asylgewährung seien nicht weiter bekannt und würden
auch nicht in die Zuständigkeit der Schweizer Behörden fallen. Ferner sei
nicht davon auszugehen, dass sie aufgrund desselben Nachnamens wie
ihr Bruder bei einer Rückkehr nach Afghanistan einer Reflexverfolgung
ausgesetzt wäre, zumal sie auch nicht konkret habe angeben können, in-
wiefern der Bruder von den Taliban bedroht worden sei. An dieser Einschät-
zung ändere auch das Schreiben des Bruders, in welchem er angebe, er
sei von den Taliban bedroht worden, nichts. Der Einwand, M. habe die Fo-
tos an Verwandte in Afghanistan geschickt und sie habe Rache zu befürch-
ten, sei als nachgeschoben zu qualifizieren, da sie dies an der Anhörung
nicht erwähnt habe.
5.2 Die Beschwerdeführerin entgegnet in der Beschwerde unter Angabe
mehrerer Quellen, dass es seit der Machtübernahme der Taliban viele Be-
richterstattungen gebe, wonach Hazara und unverheiratete Frauen teil-
weise zwecks einer Zwangsverheiratung einer direkten Verfolgung ausge-
setzt seien. Insbesondere seit dem Rückzug der internationalen Truppen
habe die Verfolgung von Hazara zugenommen. Als alleinstehende Frau
wäre ihr ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben unter der Herr-
schaft der Taliban unmöglich. Die Bewegungsfreiheit sei eingeschränkt, da
sie sich nur in Begleitung eines männlichen Verwandten bewegen dürfte,
einen solchen aber in Afghanistan nicht habe. Die Vorinstanz habe zudem
nicht hinreichend berücksichtigt, dass sie sich gänzlich vom Islam abge-
wandt habe. Aufgrund des von ihr gewählten atheistischen und areligiösen
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Lebensstils drohe ihr eine konkrete Gefahr bei einer Rückkehr. Es könne
von ihr auch nicht verlangt werden, dass sie nach aussen den Anschein
einer gläubigen und praktizierenden Muslimin aufrechterhalte, um in Afgha-
nistan nicht bedroht zu werden. Zudem habe sie aufgrund ihrer Überzeu-
gungen schwere innere Konflikte durchlebt, da dies auch zu Problemen mit
dem Vater geführt habe.
Sodann bringt die Beschwerdeführerin in der Rechtsmitteleingabe erstmals
vor, ihr sei sich in der Schweiz bewusst geworden, dass sie bisexuell sei.
Sie habe sich bis anhin aufgrund ihrer Erziehung und des kulturellen Um-
felds nicht eingestehen können, dass sie sich auch zu Frauen hingezogen
fühle. Mitglieder der LGBTQ-Gemeinschaft würden in Afghanistan von den
Taliban bedroht. Bereits der ehemalige Präsident Ashraf Ghani habe ein
Gesetz erlassen, welches gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert
habe. Als unverheiratete, bisexuelle und areligiöse Frau der Hazara-Min-
derheit vereine sie verschiedene gravierende Risikoprofile, was sich be-
treffend Verfolgung durch die Taliban im Falle ihrer Rückkehr nach Afgha-
nistan in jedem Sinne negativ auswirke. Schliesslich laufe sie bei einer
Rückkehr nach Afghanistan Gefahr, entführt zu werden, weil die Taliban so
die Rückkehr des Bruders erzwingen wollten. Sie trage den selben Nach-
namen wie ihr Bruder, weshalb sie beim Vorweis von Ausweispapieren
identifiziert würde. Es seien auch bereits Angehörige der Ehefrau des Bru-
ders ins Visier der Taliban gelangt, ohne dass diese selber für ausländische
Akteure gearbeitet hätten.
6.
6.1 Nach Durchsicht der Akten gelangt das Gericht zum Schluss, dass es
der Beschwerdeführerin nicht gelingt, ihre Flüchtlingseigenschaft nachzu-
weisen oder glaubhaft zu machen. Das SEM hat zunächst mit zutreffender
Begründung festgehalten, dass die geltend gemachten Schwierigkeiten im
Iran keine asylrechtliche Relevanz entfalten. Als afghanische Staatsange-
hörige sind die in einem Drittstaat erlittenen Nachteile solange nicht geeig-
net, die Flüchtlingseigenschaft zu begründen, als sie nicht auch im Heimat-
staat eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG begründen.
6.2 Hinsichtlich der Vorbringen in Bezug auf Afghanistan kann auf die aus-
führlichen und überzeugenden Erwägungen des SEM verwiesen werden.
In der Beschwerde wird nichts vorgetragen, was zu einer anderen Betrach-
tungsweise führen könnte, zumal sich die Beschwerdeführerin auch wie-
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derholt darauf beschränkt, die mit der SEM-Verfügung bereits berücksich-
tigte Stellungnahme zum Entscheidentwurf erneut wiederzugeben. Ergän-
zend kann Folgendes festgehalten werden:
6.2.1 Das Gericht stellt nicht in Abrede, dass sich die Situation der Hazara
und von alleinstehenden Frauen in Afghanistan schwierig präsentieren
kann. Auch unter Berücksichtigung der in der Beschwerde genannten Be-
richte kann zum heutigen Zeitpunkt indes nicht von einer Kollektivverfol-
gung der genannten Personengruppen ausgegangen werden. Das SEM
hat zu Recht festgehalten, dass die Anforderungen an die Feststellung ei-
ner Kollektivverfolgung gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts sehr hoch (vgl. BVGE 2014/32 E. 7.2 m.w.H) und im Falle
der Hazara nicht erfüllt sind (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D-7433/2018
vom 5. Dezember 2019 E.6.5 m.w.H.). An dieser Einschätzung ist auch
nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 festzuhalten, da
derzeit keine eindeutigen Informationen vorliegen, die darauf hindeuten,
dass die Hazara als Volksgruppe generell von asylrechtlich relevanter Ver-
folgung bedroht sind (vgl. Urteil BVGer D-3385/2017 vom 20. Oktober 2021
E.5.1). Auch aus den in der Beschwerdeergänzung genannten Berichten
(vgl. ebd., S. f., abgerufen am 14. März 2022), lässt sich keine Kollektiv-
verfolgung der Hazara ableiten, auch wenn die dort genannten Übergriffe
nicht in Frage gestellt werden sollen. Ebenso wenig kann zum heutigen
Zeitpunkt – angesichts der entsprechenden hohen Anforderungen – nicht
von einer Kollektivverfolgung aller alleinstehenden Frauen in ganz Afgha-
nistan ausgegangen werden, auch wenn nicht verkannt wird, dass sich die
Situation für Frauen seit der Machtübernahme durch die Taliban ver-
schlechtert haben dürfte.
Soweit die Beschwerdeführerin darauf verweist, ihr Leben in Afghanistan
als alleinstehende, areligiöse Frau und Angehörige der Hazara-Minderheit
würde zu einem unerträglichen psychischen Druck führen (A13, F88, F106;
A23, E.1), hat das SEM zu Unrecht festgestellt, damit werde auf die Unzu-
lässigkeit des Wegweisungsvollzugs abgezielt, nachdem die Beschwerde-
führerin in der Vergangenheit noch keine Nachteile erlitten habe. Zunächst
ist festzuhalten, dass ein unerträglicher psychischer Druck ein ernsthafter
Nachteil im Sinne von Art. 3 AsylG ist. Allerdings sind die Anforderungen
an die Annahme eines unerträglichen psychischen Druckes hoch. Ein sol-
cher ist zu bejahen, wenn die betroffene Person oder Teile einer Bevölke-
rung systematisch Massnahmen ausgesetzt sind, die schweren oder wie-
derholten Eingriffen in ihre Menschenrechte gleichzusetzen sind und diese
Eingriffe eine derartige Intensität erreichen, dass ein menschenwürdiges
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Leben nicht mehr möglich erscheint (vgl. BVGE 2014/32 E. 7.2; 2013/21
E. 9.1; 2013/12 E. 6; 2013/11 E. 5.4.2; 2011/16 E. 5, jeweils m.w.H.). Aus-
gangspunkt muss – entgegen der Auffassung des SEM – nicht unbedingt
ein bereits erfolgter Eingriff sein, immerhin muss ein solcher aber mit einer
derart hohen Wahrscheinlichkeit drohen, dass die Furcht vor ihm als be-
gründet erscheint, wobei dieser aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG ge-
nannten Motive erfolgen muss. Beruht der psychische Druck demgegen-
über auf gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder ähnlichen Gegebenhei-
ten in einem Staat, ist er selbst dann nicht flüchtlingsrechtlich relevant,
wenn die Angehörigen bestimmter politischer, religiöser oder ähnlicher
Gruppen besonders darunter leiden. Die Beschwerdeführerin hat (abgese-
hen von einigen Monaten als Kleinkind) nie in Afghanistan gelebt, keine
konkreten Eingriffe erlitten und keine auch objektiv begründete Furcht, in
naher Zukunft und mit hoher Wahrscheinlichkeit aufgrund eines Motives
nach Art. 3 AsylG Massnahmen zu erleiden, die einem unerträglicher psy-
chischen Druck im Sinne des Art. 3 AsylG gleichkommen, zumal sie sich
in erster Line auf allgemeine gesellschaftliche Umstände bezieht.
6.2.2 Die in der Beschwerde vorgebrachten Argumente, die Beschwerde-
führerin habe sich nicht mehr mit den Glaubenssätzen des Islams identifi-
zieren können ("Beschwerdeergänzung" E.4 ff.), vermag die Flüchtlingsei-
genschaft ebenfalls nicht zu begründen. In dem von der Beschwerdeführe-
rin zitierten Referenzurteil D-4952/2014 vom 23. August 2017 wurde der
Schluss gezogen, dass Personen, deren Apostasie (oder Konversion) öf-
fentlich bekannt werde, objektiv begründete Furcht vor Nachteilen im Sinne
von Art. 3 AsylG hätten. Es sei jeweils im Einzelfall zu prüfen, inwieweit von
einer Person vernünftigerweise erwartet werden könne, die drohende Ver-
folgung durch das eigene (diskrete) Verhalten abzuwenden oder ob sol-
ches für sie zu einem unerträglichen psychischen Druck führe (a.a.O.,
E.7.5.5). Vorliegend ergeben sich aus den Akten keine Hinweise auf expo-
nierende Handlungen, deren Unterlassen zu einem unerträglichen psychi-
schen Druck führen würden oder aufgrund welcher ihre areligiöse Einstel-
lung bekannt geworden wäre. Bei einer (hypothetischen) Rückkehr nach
Afghanistan wäre somit nicht mit der notwendigen hohen Wahrscheinlich-
keit davon auszugehen, dass ihre Glaubenssätze, welche nicht mehr mit
dem Islam vereinbar seien, öffentlich bekannt und zu flüchtlingsrechtlich
relevanter Verfolgung führen würden.
6.2.3 Es ist auch nicht anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin bei ei-
ner (hypothetischen) Rückkehr nach Afghanistan wegen ihrem Bruder ei-
ner Reflexverfolgung ausgesetzt wäre. Das SEM hat zutreffend festgestellt,
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dass unwahrscheinlich sei, dass die Taliban allein aufgrund desselben
Nachnamens einen Zusammenhang zwischen der Beschwerdeführerin
und ihrem Bruder herstellen könnten. Auch das Gericht gelangt zur Ein-
schätzung, dass keine genügend hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass
die Beschwerdeführerin aufgrund der Tätigkeit ihres Bruders in flüchtlings-
rechtlich relevanter Weise in den Fokus der Taliban geraten würde, zumal
sie selber – abgesehen von einigen Monaten als Kleinkind – nie in Afgha-
nistan gelebt hat. Eine bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung
reicht nicht aus, um eine Furcht objektiv zu begründen, vielmehr müssen
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten Benachteili-
gung als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realis-
tisch und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5).
Entsprechende konkrete Indizien sind vorliegend nicht ersichtlich.
6.2.4 Zur erstmals auf Beschwerdeebene vorgebrachten sexuellen Orien-
tierung der Beschwerdeführerin (Beschwerde E.5 und Beschwerdeergän-
zung E.9 ff.) ist vorab festzuhalten, dass sie spät geltend gemacht wird und
aufgrund der Umstände nachgeschoben wirkt. Von ihrer Einreise in die
Schweiz bis zur Beschwerdeerhebung sind nur knapp über zwei Monate
vergangen, zwischen der Anhörung und der Beschwerdeerhebung gar nur
wenige Wochen. Die oftmals nachvollziehbare Erklärung für verspätete
Vorbringen, eine Person habe Zeit gebraucht, um darüber zu sprechen, ist
vorliegend nicht tauglich, um den Umstand zu erklären, dass sie diesen
Asylgrund im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens noch nicht vorge-
bracht hat. Unabhängig davon ist dieses neue Vorbringen ebenfalls nicht
geeignet, ihre Flüchtlingseigenschaft zu begründen. Alleine die Erkenntnis
der Beschwerdeführerin, sie fühle sich auch zu Frauen hingezogen, reicht
zur Annahme einer begründeten Furcht, bei einer Rückkehr erhebliche
Nachteile gemäss Art. 3 AsylG mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in
absehbarer Zukunft zu erleiden, nicht aus. Eine lediglich abstrakte Gefahr
der Entdeckung und Verfolgung einer Homosexualität (beziehungsweise
vorliegend einer Bisexualität) genügt auch nicht zur Annahme eines uner-
träglichen psychischen Drucks. Gemäss Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts, stellen gewisse Einschränkungen im öffentlichen Auftre-
ten und im Privatleben für sich noch keine ernsthaften Nachteile im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 AsylG dar und führen namentlich nicht per se zur An-
nahme eines unerträglichen psychischen Druckes (vgl. Urteil des BVGer
E-2109/2019 vom 28. August 2020 E.10.2 m.w.H.).
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Seite 12
6.2.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass sich aus den Akten auch keine hin-
reichend konkreten Anhaltspunkte ergeben, wonach der Beschwerdefüh-
rerin aufgrund der Probleme mit M. erhebliche Nachteile in Afghanistan
durch seine Familienangehörigen drohen würden. In den Eingaben auf Be-
schwerdestufe wird darauf auch nicht mehr weiter eingegangen.
6.3 Zusammenfassend ergeben sich aus den Akten keine Anhaltspunkte,
wonach die Beschwerdeführerin bei einer (hypothetischen) Rückkehr nach
Afghanistan einer flüchtlingsrechtlich relevanten Gefahr ausgesetzt wäre.
Auch aus den ärztlichen Unterlagen und dem Hinweis, sie beginne bald
eine psychiatrische Behandlung (Beschwerdeergänzung E.9), kann die
Beschwerdeführerin nichts zu ihren Gunsten ableiten. Sie hat insgesamt
nichts vorgebracht, was geeignet wäre, ihre Flüchtlingseigenschaft nach-
zuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat das
Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
9.1 Der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren, womit die kumulativen Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht
erfüllt sind.
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Seite 13
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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