Decision ID: 4adea2a3-fa1b-5264-b11e-290ccee6557c
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
O._,
Beschwerdeführer,
gegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Ergänzungsleistung zur IV
Sachverhalt:
A.
A.a O._ (Jahrgang 1963) wurde mit Verfügung vom 4. November 2009 ab Dezember
2005 eine ganze IV-Rente zugesprochen (act. G 3.2.12). Am 10. März 2010 meldete
sich der Versicherte zum Bezug von Ergänzungsleistungen an (EL-act. 26). Auf
Nachfrage der EL-Durchführungsstelle gab die Ehefrau des Versicherten am 19. April
2010 an, sie sei nicht erwerbstätig. Der Ehemann habe gesundheitliche Probleme und
brauche sie zu Hause. Von 2002 bis 2007 habe sie täglich drei Stunden gearbeitet.
Davor sei sie von 1993 bis 1998 vollerwerbstätig gewesen. Seit der Operation ihres
Ehemannes habe sich sein Gesundheitszustand massiv verschlechtert. Sie müsse die
Verantwortung für ihre drei Kinder, den Haushalt und die Verpflegung alleine
übernehmen. Zudem vergesse der Ehemann wegen einer schweren Depression ständig
die Einnahme seiner Medikamente (EL-act. 19).
A.b Nachdem weitere Unterlagen eingegangen waren, wies die EL-
Durchführungsstelle mit Verfügung vom 14. Mai 2010 einen EL-Anspruch des
Versicherten ab. Sie rechnete ein hypothetisches Einkommen der Ehefrau an. Bei der
Berechnung resultierte somit für den Zeitraum 1. Februar 2006 bis 31. März 2010 sowie
ab 1. April 2010 ein Einnahmenüberschuss (EL-act. 7). Gegen diese Verfügung erhob
der Versicherte am 11. Juni 2010 Einsprache. Seiner Ehegattin sei eine Erwerbsarbeit
nicht zumutbar. Er könne weder im Haushalt noch in der Kinderbetreuung mithelfen.
Die beiliegenden Arztberichte würden dies bestätigen (EL-act. 2). Dr. med. A._,
Facharzt für Allgemeine Medizin FMH, gab in seinem Bericht vom 2. Juni 2010 an, der
Versicherte sei auf massive medikamentöse Hilfe angewiesen. Dazu bestehe eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ernsthafte familiäre Belastung. Eine Leistungserbringung der Frau an einer Fremdarbeit
sei praktisch unverantwortlich, da die Kinder noch schulpflichtig und die Verhältnisse
problematisch seien (EL-act. 3). Die behandelnde Psychologin lic. phil. B._ und die
leitende Ärztin des Psychiatrie-Zentrums C._, Dr. med. D._, führten in ihrem Bericht
vom 31. Mai 2010 aus, der Versicherte sei bei der Alltagsbewältigung auf die
Unterstützung seiner Ehefrau angewiesen. Er benötige Hilfe bei der regelmässigen
Medikamenteneinnahme und sein psychischer Zustand ermöglich es ihm nur in
eingeschränktem Mass, sich an Haushalt, Einkauf und Kinderbetreuung zu beteiligen
(EL-act. 4). Prof. Dr. med. E._, Leiter Adipositaszentrum F._, bestätigte in seiner
Bescheinigung vom 8. Juni 2010, der Versicherte befinde sich in einem relativ
schlechten Gesundheitszustand. Er sei insbesondere geplagt durch ausgeprägte
Diarrhöen. Des Weiteren leide er unter einer schweren Depression (EL-act. 5).
A.c Mit Einspracheentscheid vom 17. August 2010 wies die EL-Durchführungsstelle
die Einsprache ab. Gemäss dem im Zusammenhang mit dem IV-Verfahren erstellten
interdisziplinären RAD-Untersuchungsbericht vom 9. Juni 2009 habe sich die
depressive Symptomatik des Versicherten durch eine adäquate Behandlung
verbessert. Es liege eine Dysthymie, eine autonome somatoforme Schmerzstörung und
eine Soziophobie vor. Vor diesem Hintergrund erscheine es nicht als plausibel, dass
der Versicherte auf die Hilfe der Ehefrau bei der Medikamenteneinnahme angewiesen
und es ihm kaum möglich sein solle, im Haushalt mitzuhelfen. Das Alter der Kinder (17-
jährige Tochter, 12-jährige Zwillinge) liesse eine Erwerbsarbeit der Ehefrau zu, denn
einen grossen Betreuungsaufwand würden Kinder in diesem Alter nicht mehr
verursachen. Dem Versicherten wäre es zumutbar, seine Ehefrau bei dieser Aufgabe zu
unterstützen. Nachdem sich im Laufe des Jahres 2005 abgezeichnet habe, dass der
Versicherte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in den Arbeitsprozess
zurückkehren würde, wäre es an der Ehefrau gelegen, sich um eine
Vollzeiterwerbstätigkeit zu bemühen, um dadurch zur Existenzsicherung der Familie
beizutragen. Da sie über Arbeitserfahrung verfüge, hätte sie bei intensiver und
anhaltender Suche mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Anstellung als
Hilfsarbeiterin gefunden, weshalb die Anrechnung eines hypothetischen Einkommens
nicht zu beanstanden sei (act. G 1.1).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen diesen Entscheid erhob der Versicherte am 17. September 2010
Beschwerde. Er beantragte die Zusprache von EL zu seiner IV-Rente von Februar 2006
bis März 2010 sowie ab April 2010. Er könne aus gesundheitlichen Gründen im
Haushalt nicht mitwirken und die minderjährigen Kinder nicht kindgerecht betreuen. Er
benötige die Unterstützung der Ehegattin bei der Medikamenteneinnahme. Daher wäre
es unverantwortlich, wenn die Ehegattin bei dieser Sachlage einer Beschäftigung
nachginge. Der RAD-Untersuchungsbericht sei bereits über ein Jahr alt und könne
deshalb nicht zur Beurteilung der aktuellen medizinischen Situation dienen. Vielmehr
sei auf die aktuellen Berichte von Dr. A._ vom 2. Juni 2010 und des Psychiatrie-
Zentrums C._ vom 31. Mai 2010 abzustellen. Prof. Dr. E._ habe sodann in seiner
Bescheinigung vom 8. Juni 2010 bestätigt, dass ein schlechter Gesundheitszustand
und wiederum eine schwere Depression vorliege. Die Beschwerdegegnerin habe daher
neue Abklärungen vorzunehmen, sollte sie Zweifel an den von ärztlicher Seite erteilten
Bestätigungen haben (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte in der Beschwerdeantwort vom 4. Oktober
2010 die Abweisung der Beschwerde. Auf die eingereichten Arztberichte von Dr. A._
und Prof. Dr. E._ könne nicht abgestellt werden, da sie nicht psychiatrische
Fachärzte seien. Auf das Schreiben des Psychiatrie-Zentrums C._ sei ausführlich im
Einspracheentscheid eingegangen worden (act. G 3).
B.c Der Beschwerdeführer reichte innert Frist keine Replik ein, weshalb der
Schriftenwechsel am 10. November 2010 abgeschlossen wurde (act. G 5).

Erwägungen:
1.
Auf 1. Januar 2008 ist das neue Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) in Kraft getreten. Das
neue ELG ersetzt das Gesetz vom 19. März 1965 in der bis 31. Dezember 2007 gültig
gewesenen Fassung. In Bezug auf die vorliegend umstrittene Frage der Anrechnung
eines hypothetischen Einkommens hat sich die Rechtslage materiell nicht geändert.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Die jährliche EL entspricht dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die
anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG). Die anerkannten Ausgaben
und die anrechenbaren Einnahmen, worin in bestimmtem Umfang auch das Vermögen
einbezogen ist, werden nach den in Art. 10 und 11 ELG sowie Art. 11 bis 18 der
Verordnung über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELV; SR 831.301) festgelegten Bestimmungen ermittelt. Als
Einnahmen anzurechnen sind nach Art. 11 Abs. 1 ELG unter anderem Einkünfte, auf die
verzichtet worden ist (lit. g). Eine Verzichtshandlung liegt vor, wenn die versicherte
Person ohne rechtliche Verpflichtung auf Vermögen verzichtet hat, wenn sie einen
Rechtsanspruch auf bestimmte Einkünfte und Vermögenswerte hat, davon aber
faktisch nicht Gebrauch macht bzw. ihre Rechte nicht durchsetzt oder wenn sie aus
von ihr zu verantwortenden Gründen von der Ausübung einer möglichen und
zumutbaren Erwerbstätigkeit absieht (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts vom 9. Juli 2002 [P 18/02]; BGE 121 V 205 E. 4a; AHI 2001
S. 133 E. 1b).
2.2 Auch Personen, die in die Anspruchsberechnung der versicherten Person
einbezogen sind, partizipieren an der EL, da diese den Existenzbedarf der ganzen
Familie sicherstellt. So ist auch der Ehegatte der EL-anspruchsberechtigten Person
Leistungsempfänger. Verzichtet er auf die mögliche und zumutbare Erzielung eines
Erwerbseinkommens, so ist die Geltendmachung eines EL-Anspruchs zur Deckung
jenes Teils der anerkannten Ausgaben, der durch das Erwerbseinkommen des
Ehegatten gedeckt werden könnte, missbräuchlich (Ralph Jöhl, Ergänzungsleistungen
zur AHV/IV, in: SBVR XIV, Soziale Sicherheit, 2. Aufl., Basel 2007, S. 1759, Rz. 179).
Deswegen ist bei der EL-Berechnung der versicherten Person ein hypothetisches
Erwerbseinkommen für deren Ehegatten anzurechnen, sofern dieser auf die mögliche
und zumutbare Erzielung eines Einkommens verzichtet. Um bei der Ermittlung des
anrechenbaren Einkommens ein hypothetisches Erwerbseinkommen im Sinn von
Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG berücksichtigen zu können, muss in jedem Einzelfall geprüft
werden, ob vom Ehepartner des EL-Ansprechers unter den gegebenen Umständen
verlangt werden kann, von nun an einem Arbeitserwerb nachzugehen, und wie hoch
der Lohn wäre, den dieser bei gutem Willen erzielen könnte. Anhaltspunkte dafür sind
familiäre Verpflichtungen, Alter, Gesundheitszustand, Ausbildung und gegebenenfalls
die Zeitdauer, während der er nicht (mehr) im Berufsleben gestanden ist (BGE
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
117 V 290 E. 3a mit Hinweisen; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom
16. Januar 2007 [I 920/06] E. 3.3).
3.
3.1 Zu prüfen ist vorliegend, ob der Ehefrau des Beschwerdeführers aus
invaliditätsfremden Gründen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit verunmöglicht wird.
Der Beschwerdeführer macht geltend, er könne aus gesundheitlichen Gründen weder
im Haushalt mithelfen noch seine Kinder betreuen. Seine Ehefrau könne wegen ihrer
familiären Verpflichtungen (Betreuung der Kinder und Unterstützung seiner selbst)
keiner ausserhäuslichen Arbeit nachgehen.
3.2 Aus dem Bericht über die interdisziplinäre RAD-Untersuchung vom 9. Juni 2009
geht hervor, dass der Beschwerdeführer aus somatischer Sicht hauptsächlich an einer
Adipositas und einem rezidivierenden lumbospondylogenen Schmerzsyndrom leidet.
Eine erste andauernde Arbeitsunfähigkeit ist ab 2. Dezember 2004 attestiert worden. Im
Dezember 2005 wurde eine Magenbypass-Operation durchgeführt. Danach traten im
weiteren Verlauf bis Anfang 2008 multiple Komplikationen im Bereich der abdominellen
Operationsnarbe mit wiederholter Operationsbedürftigkeit auf. So hat sich der
Beschwerdeführer vom 11. bis 26. Mai 2007, vom 2. bis 7. Juni 2007 und vom 16. bis
21. Januar 2008 zur Behandlung in Spitalpflege befunden. Als Residuum nach
Magenbypass-Operation sind eine stark störende Neigung zu Meteorismus und
Durchfall verblieben. Es bestanden und bestehen mehrere Begleiterkrankungen einer
Adipositas per magna. Die intermittierend erhöhten Blutzuckerwerte haben sich
zwischenzeitlich normalisiert. Ein schweres obstruktives Schlafapnoe-Syndrom wurde
zeitweise mittels CPAP-Beatmung behandelt. Der RAD-Arzt hat aus rein somatischer
Sicht eine körperlich leichte bis mittelschwere Arbeit zu 60% als zumutbar erachtet. Die
Tätigkeit sollte sich in der Nähe einer Toilette ausüben lassen und es sollte jederzeit die
Möglichkeit zu Toilettengängen bestehen. Aus psychiatrischer Sicht ist mit Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit eine autonome somatoforme Störung und eine Soziophobie
angegeben worden. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit hat der untersuchende
RAD-Psychiater eine Dysthymie und einen Verdacht auf eine kombinierte strukturelle
Störung mit abhängigen und narzisstischen Anteilen genannt. Die nach der
Magenbypass-Operation auftretenden Verdauungsstörungen (Meteorismus und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Durchfall) seien dem Beschwerdeführer derart peinlich geworden, dass sich
zunehmend eine Soziophobie entwickelt habe. Der soziale Rückzug sei ausgeprägt.
Zugleich habe sich eine depressive Symptomatik entwickelt. Während sich die
Depression unter stationärer, medikamentöser und zuletzt auch regelmässiger
psychotherapeutischer Behandlung habe bessern lassen, habe sich an den
somatoformen Beschwerden wenig geändert. Es sei weiterhin anzunehmen, dass
strukturelle Persönlichkeitsanteile mit vermeidend-abhängigen und narzisstischen
Zügen bereits zu einer erheblich fixierten innerseelischen Krankheitsüberzeugung
(primärer Krankheitsgewinn) beigetragen hätten. Derzeit erfülle die depressive
Symptomatik aber die formalen Kriterien höchstens einer leichten depressiven Episode,
die als Dysthymie zu erfassen sei. Der Beschwerdeführer teile sich gut mit,
ausgeprägte kognitive Störungen seien nicht ersichtlich, ebenfalls keine
psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit. Daher liege die Ursache der
depressiven Symptomatik vielmehr in der hier im Vordergrund stehenden neurotischen
psychosomatischen Krankheitsentwicklung und deren psychosozialen Folgen. Es
erscheine nicht als wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer seine subjektiven
Beschwerden willentlich zu überwinden in der Lage sei. Dagegen sprächen die
Persönlichkeitsstörung, der primäre Krankheitsgewinn, der primär chronische Verlauf
ohne Aussicht auf Verbesserung durch medizinische Massnahmen und der
ausgeprägte psychosoziale Rückzug. Eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht sei seit der Operation im Dezember 2005 ausgewiesen (act. G
3.2.11). Dieser RAD-Untersuchungsbericht geht detailliert auf die geklagten
Beschwerden ein, setzt sich mit den anderen Arztberichten auseinander und erklärt
ausführlich, weshalb insgesamt eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit im Erwerb
hauptsächlich aufgrund psychischer Beschwerden vorliege. Die Beurteilung des
internistischen, orthopädischen und psychiatrischen RAD-Arztes entspricht den
versicherungsrechtlich relevanten Kriterien und wurde gemäss Krankheitsgeschichte
und erhobenen Befunden verständlich und nachvollziehbar begründet. Der
interdisziplinäre Untersuchungsbericht vom 9. Juni 2009 erfüllt die Anforderungen der
Rechtsprechung an den Beweiswert von Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a) und ist
daher voll beweiskräftig.
3.3 In Bezug auf die Einschränkung im Haushalt lässt sich diesem Bericht
entnehmen, dass der Beschwerdeführer durchaus in der Lage ist, leichte bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mittelschwere Tätigkeiten auszuführen. Ihm ist es deshalb zumutbar, einzelne
Aufgaben im Haushalt zu übernehmen. Die starken Verdauungsbeschwerden erfordern
die Möglichkeit der raschen Erreichbarkeit einer Toilette. Eine Toilette ist in der
Wohnung vorhanden. Aus somatischer Sicht ist dem Beschwerdeführer zumutbar, sich
an den Aufgaben der Kindererziehung-/betreuung sowie des Haushalts zu beteiligen.
Schwieriger wären für den Beschwerdeführer wohl, ausserhäuslichen Aktivitäten wie
Einkaufen oder Ähnliches zu übernehmen.
3.4 Hauptsächlich ist der Beschwerdeführer durch seine psychischen Beschwerden
eingeschränkt. Gemäss dem Bericht der Klinik St. Pirminsberg vom 11. Mai 2007 litt
der Beschwerdeführer seit Mitte 2006 an einer schweren depressiven Episode. Er
wurde deshalb vom 25. Januar 2007 bis 10. Mai 2007 in dieser Klinik stationär
behandelt (act. G 3.2.4). Diese schwere depressive Entwicklung ist von den RAD-
Ärzten bestätigt worden. Deshalb kann mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
ausgegangen werden, dass von Mitte 2006 bis Mai 2007 die depressive Episode des
Beschwerdeführers derart ausgeprägt gewesen war, dass sie eine Mithilfe im Haushalt
verunmöglicht hat. Seither ist es jedoch zu einer deutlichen Verbesserung der
depressiven Entwicklung gekommen (vgl. act. G 3.2.4). Auch wenn in den späteren
Arztberichten immer wieder eine schwere Depression erwähnt wird, ist es nicht zu
einem erneuten stationären Aufenthalt des Beschwerdeführers in einer psychiatrischen
Klinik gekommen. Die Berichte von Dr. A._ vom 2. Juni 2010 und von Prof. Dr. E._
vom 8. Juni 2010 führen keine psychiatrischen Befunde auf, die nicht bereits in der
interdisziplinären RAD-Untersuchung ein Jahr zuvor bekannt gewesen wären. Diese
Berichte vermögen daher nicht, eine vollständige Leistungsunfähigkeit im Haushalt zu
belegen. Die behandelnde Psychologin und die leitende Ärztin des Psychiatrie-
Zentrums C._ haben in ihrem Bericht vom 31. Mai 2010 keine schwere Depression
erwähnt. Sie führen aus, bei der Alltagsbewältigung sei der Beschwerdeführer auf die
Unterstützung seiner Ehefrau angewiesen. Er benötige Hilfe bei der regelmässigen
Medikamenteneinnahme und sein psychischer Zustand ermögliche es ihm nur in
eingeschränktem Mass, sich an Haushalt, Einkauf und Kinderbetreuung zu beteiligen
(act. G 1.2). Dieser Bericht belegt keinen psychischen Gesundheitszustand, der eine
Mithilfe im Haushalt und bei der Kinderbetreuung völlig verunmöglichen würde. Ebenso
wenig kann aus dem Bedürfnis nach Überwachung bei der Medikamenteneinnahme
nicht geschlossen werden, dass eine mindestens teilweise Erwerbstätigkeit der Ehefrau
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausserhäuslich unzumutbar wäre. Medikamente sind in der Regel morgens, allenfalls
mittags und abends einzunehmen. Zu diesen Zeitpunkten kann die Ehefrau auch bei
einer ausserhäuslichen Tätigkeit zu Hause sein oder die fast volljährige Tochter könnte
die Einnahme überwachen. Die Unterstützungsbedürftigkeit bei der
Medikamenteneinnahme steht somit einer ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit der
Ehefrau nicht entgegen. Nötigenfalls könnte auch externe Hilfe, zum Beispiel durch die
Spitex, organisiert werden. Die nach der interdisziplinären Untersuchung durch den
RAD erstellten Arztberichte vermögen daher keine Zweifel an diesem Bericht zu
wecken, weshalb weiterhin darauf abgestellt werden kann.
3.5 Die psychischen Beschwerden führen auch nicht zu einer Pflegebedürftigkeit
oder Überwachungsnotwendigkeit des Beschwerdeführers. Gemäss dem
interdisziplinären RAD-Bericht vom 9. Juni 2009 steht nicht eine schwere Depression
im Vordergrund, sondern eine autonome somatoforme Störung und eine Soziophobie.
Die Ursache der depressiven Symptomatik liege in der neurotischen
psychosomatischen Krankheitsentwicklung und deren psychosozialen Folgen (act. G
3.2.11). Das Gesamtbild dieser psychischen Beschwerden führt mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit zu einer wesentlichen Einschränkung des Beschwerdeführers im
Alltag. Eine ausserhäusliche Erwerbstätigkeit ist ihm daher nachvollziehbar nicht mehr
zumutbar. Jedoch ist nicht überwiegend wahrscheinlich, dass diese psychischen
Beschwerden eine mindestens teilweise Mithilfe im Haushalt und in der
Kinderbetreuung verunmöglichen. Die 1993 geborene Tochter hat am 1. August 2009
eine Lehre als Hauswirtschaftspraktikerin EBA begonnen (EL-act. 31). Davor hat sie die
Schule besucht. Auch die 1998 geborenen Zwillinge besuchen die Schule und
benötigen keine pausenlose Betreuung und Überwachung mehr. Die Kinder sind also
den grössten Teil des Tages ausser Haus. Der Beschwerdeführer hat denn auch
anlässlich der RAD-Untersuchung angegeben, dass er sich um die Kinder kümmere,
die Wohnung in der Regel aber nicht verlasse (act. G 3.2.11, S. 13/21). Die unterdessen
zwölfjährigen Zwillinge beziehungsweise die fast erwachsene Tochter verursachen
keinen erheblichen Betreuungsaufwand mehr. Weder die autonome somatoforme
Störung noch die Soziophobie schränken den Beschwerdeführer derart ein, dass er
nicht in einem gewissen Mass bei der Betreuung der Kinder und im Haushalt mithelfen
könnte.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.6 Zusammenfassend folgt daraus, dass auf den RAD-Bericht für den hier zu
prüfenden Zeitraum bis August 2010 vollumfänglich abgestellt werden kann, da sich
aus den Akten keine Hinweise ergeben, dass seit Juni 2009 eine Verschlechterung
eingetreten wäre. Dem Beschwerdeführer ist deshalb mindestens eine teilweise Mithilfe
im Haushalt beziehungsweise bei der Betreuung der Kinder zumutbar. Dies gilt ab Juli
2007, da nach Austritt aus der psychiatrischen Klinik vom 11. bis 26. Mai 2007 und
vom 2. bis 7. Juni 2007 nochmals ein Spitalaufenthalt gefolgt ist. Die gesundheitlichen
Beschwerden des Beschwerdeführers schliessen seither mindestens eine teilweise
Erwerbstätigkeit der Ehefrau nicht aus.
4.
4.1 Für die Zeit bis Juli 2007 ist zu beachten, dass die Ehefrau des
Beschwerdeführers auf Nachfrage der Beschwerdegegnerin betreffend eine
ausserhäusliche Tätigkeit angegeben hat, sie hätte von 2002 bis 2007 täglich drei
Stunden gearbeitet (EL-act. 19-4/8). Im Begleitschreiben hat sie abweichend davon
ausgeführt, sie habe bei der Firma G._ täglich drei Stunden gearbeitet, bis ihr
Ehemann operiert worden sei. Nach der Operation habe sich sein Zustand massiv
verschlechtert. Sie habe die Verantwortung für die Kinder, den Haushalt und die
Verpflegung alleine übernehmen müssen, da ihr Ehemann wegen schwerer Depression
ständig seine Medikamente vergessen habe einzunehmen. Schlussendlich habe es
dazu geführt, dass ihr ihre Arbeitsstelle gekündigt worden sei, weil sie immer wieder,
wegen der Krankheit ihres Ehemannes, habe frei nehmen müssen (EL-act. 19-5/8). Die
Beschwerdegegnerin hat es unterlassen, das effektive Einkommen der Ehefrau des
Beschwerdeführers sowie den Zeitpunkt der Kündigung genau abzuklären. Sollten sich
die Angaben der Ehefrau des Beschwerdeführers bestätigen, dass sie bis 2007 täglich
drei Stunden gearbeitet hat, so bleibt in der EL-Berechnung kein Raum für die
Anrechnung eines hypothetischen Einkommens, sondern es ist das effektive
Einkommen der Ehefrau zu berücksichtigen. Denn einerseits ist der Ehefrau ein
höheres Pensum bis zur Verbesserung des Gesundheitszustandes des Ehemannes
nicht zumutbar gewesen. Wie bereits oben ausgeführt, hat sich der
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers seit der Operation im Dezember 2005 in
psychischer Hinsicht massiv verschlechtert. Ab Mitte des Jahres 2006 wird von einer
schweren depressiven Episode ausgegangen. Der Beschwerdeführer hat deswegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von Januar bis Mai 2007 stationär behandelt werden müssen. Erst bei Austritt aus der
Klinik Pirminsberg hat sich eine gewisse Besserung des Gesundheitszustandes aus
psychiatrischer Sicht gezeigt. Unmittelbar nach Austritt hat der Beschwerdeführer
wegen einer Narbenhernie und einer Wundheilungsstörung im Mai und Juni 2007
nochmals operiert werden müssen. Daher kann auf Grund der Akten davon
ausgegangen werden, dass der Ehefrau des Beschwerdeführers erst ab Juli 2007 ein
Ausbau beziehungsweise die Wiederaufnahme einer ausserhäuslichen Tätigkeit
zumutbar gewesen ist. Andererseits hat die Ehefrau bis dahin auch davon ausgehen
dürfen, dass die medizinische Behandlung des Beschwerdeführers eine Rückkehr in
den Arbeitsmarkt ermöglichen könnte, so dass sie sich nicht veranlasst sah, ihr
Pensum aufzustocken oder eine andere Erwerbsarbeit zu suchen. Bis Juni 2007 ist
daher nur das effektiv erzielte Erwerbseinkommen der Ehefrau in der EL-Berechnung
zu berücksichtigen.
4.2 Ab Juli 2007 hat sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers gebessert
und stabilisiert. Auch wenn der Beschwerdeführer gesundheitlich im Alltag stark
eingeschränkt ist, ist der Ehefrau daher mindestens eine teilweise Erwerbstätigkeit im
Umfang von drei Stunden am Vormittag und drei Stunden am Nachmittag (entspricht
etwa einem 70%-Pensum) zumutbar. Von der Ehefrau des Beschwerdeführers kann
daher verlangt werden, dass sie das ihr Zumutbare unternimmt, um an den Unterhalt
der Familie beizutragen. Dies auch im Hinblick darauf, dass unterdessen eine
Sozialhilfeabhängigkeit eingetreten ist. Ab Juli 2007 kann der Ehefrau des
Beschwerdeführers somit ein hypothetisches Einkommen angerechnet werden. Im Jahr
2006 betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen gemäss den schweizerischen
Lohnstrukturerhebungen (LSE) von Frauen für einfache und repetitive Arbeiten Fr.
50'278.--. Angepasst an die Nominallohnerhöhung für das Jahr 2007 von 1.6% betrug
das Einkommen Fr. 51'082.--. Bei der Annahme einer 70%igen Arbeitstätigkeit würde
ein hypothetisches Einkommen von Fr. 35'757.-- resultieren. Abzüglich der
Sozialversicherungsbeiträge von Fr. 2'163.-- (6.05% von Fr. 35'757.--) und eines
Freibetrags von Fr. 1'500.-- würde das hypothetische Einkommen Fr. 32'094.--
betragen. Davon werden in der EL-Berechnung nur zwei Drittel, also Fr. 21'396.--
berücksichtigt. Zusammen mit dem Renteneinkommen des Beschwerdeführers im Jahr
2007 von insgesamt Fr. 61'462.-- (Fr. 50'880.-- + Fr. 10'582.--) resultierten Einnahmen
von Fr. 82'858.--. Werden diese den Ausgaben im Jahr 2007 von insgesamt Fr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
76'265.-- gegenüber gestellt (vgl. EL-act. 7-13), resultiert ein klarer
Einnahmenüberschuss. Auch für die Jahre 2008, 2009 und 2010 ergeben sich
Einnahmenüberschüsse. Ab Juli 2007 besteht daher kein EL-Anspruch.
4.3 Zusammenfassend ist daher die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen, damit sie weitere Abklärungen tätigt und den EL-Anspruch ab Februar
2006 bis Juni 2007 neu berechnet. Für diesen Zeitraum hat die Beschwerdegegnerin
abzuklären, wieviel die Ehefrau des Beschwerdeführers tatsächlich verdient hat.
Sodann sind auch die effektiv ausbezahlten Taggelder, die der Beschwerdeführer in
diesem Zeitraum noch erhalten hat, in die EL-Berechnung einzubeziehen. Denn das
Arbeitsverhältnis ist gemäss den Angaben des Beschwerdeführers erst Mitte 2006
gekündigt worden. Bis dahin dürften wohl Taggelder ausbezahlt worden sein.
Diesbezüglich fehlt es an einer entsprechenden Abklärung durch die
Beschwerdegegnerin. Zudem hat die Beschwerdegegnerin den EL-Anspruch des
Beschwerdeführers für die Zeit des stationären Aufenthalts in der psychiatrischen Klinik
Pirminsberg getrennt vom Anspruch der Ehefrau und den Kindern zu berechnen, weil
ein Spitalaufenthalt von mehr als drei Monaten wie bei einem Heimaufenthalt eines
Ehegatten zu einer getrennten Berechnung führt (Art. 1a ELV; Jöhl, a.a.O. Rz 115).
Daher ist die Sache zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen, damit sie den EL-Anspruch des Beschwerdeführers von Februar 2006
bis Juni 2007 gestützt auf das Abklärungsergebnis berechnet und darüber neu verfügt.
Dabei hat sie zu beachten, dass sie in der EL-Berechnung für das Jahr 2006 (EL-act.
8-1/1) von einem zu tiefen Lebensbedarf der Familie ausgegangen ist.
5.
Gemäss den obenstehenden Erwägungen ist der angefochtene Einspracheentscheid
der Beschwerdegegnerin in Gutheissung der Beschwerde dahingehend aufzuheben,
dass die Sache zur weiteren Prüfung eines EL-Anspruchs und Neuverfügung über den
Zeitraum von Februar 2006 bis Juni 2007 zurückgewiesen wird; im Übrigen wird die
Beschwerde abgewiesen. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht