Decision ID: b6925af0-995e-56c3-b77b-2c38366f8ccf
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reiste am 7. Dezember 2015 in die Schweiz ein
und suchte gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum B._
um Asyl nach. Am 17. Dezember 2015 fand die Befragung zur Person
(BzP) statt und am 10. Mai 2017 wurde er eingehend zu seinen Asylgrün-
den angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte er im Wesentlichen geltend,
aus Bagdad zu stammen, arabischer Ethnie und muslimisch sunnitischen
Glaubens zu sein. Er habe in Bagdad (...) studiert und dort gleichzeitig
einen kleinen (...)laden betrieben. Im Jahre 2014 seien zwei beziehungs-
weise drei Mitglieder der schiitischen Asaeb-Miliz (Asaeb Ahel El-Hak bzw.
Asa’ib Ahl al-Haqq) auf ihn zugekommen und hätten versucht, ihn zur Mit-
arbeit zu überreden. Er habe es nicht gewagt, die Aufforderung der Miliz-
Anhänger offen abzulehnen und habe jeweils behauptet, keine Zeit zu ha-
ben, da er noch studiere. Beim dritten Besuch hätten ihm die Mitglieder der
Asaeb mitgeteilt, dass sie sich um seinen Studienabschluss kümmern wür-
den. Somit habe er keine Ausrede mehr gehabt, nicht für sie zu arbeiten.
Sein Vater habe ihm vor diesem Hintergrund geraten, in die Türkei zu ge-
hen, bis sich die Lage vor Ort beruhigt habe. Deshalb sei er im Oktober
2014 in die Türkei ausgereist. Sein Vater habe nach seiner Ausreise di-
verse anonyme Anrufe erhalten, wobei jeweils nach ihm – dem Beschwer-
deführer – gefragt worden sei. Es seien auch wiederholt junge Männer zu
seiner Familie gegangen und hätten nach ihm gefragt, bis sein Vater wü-
tend geworden sei und sie weggeschickt habe. Als Reaktion darauf hätten
sie seinen Vater erschossen. Seine Mutter sei bei dieser Gelegenheit eben-
falls verletzt worden. Nach diesen Vorfällen habe er nicht mehr in den Irak
zurückkehren wollen, sondern habe seine Flucht fortgesetzt. Wenn er in
den Irak zurückkehren müsste, bestünde die Gefahr, dass er ebenfalls ver-
letzt oder umgebracht würde.
A.b Mit Verfügung vom 15. Juni 2017 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Gesuch ab
und verfügte seine Wegweisung aus der Schweiz. Gleichzeitig ordnete das
SEM wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Auf-
nahme des Beschwerdeführers an.
A.c Eine gegen diesen Entscheid am 14. Juli 2017 erhobene Beschwerde
wurde mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-3961/2017 vom 30. Ok-
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tober 2019 gutgeheissen, soweit die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung beantragt wurde. Das Bundesverwaltungsgericht stellte in seinem
Entscheid im Wesentlichen fest, dass das SEM an der Anhörung dem Vor-
liegen einer psychischen Erkrankung des Beschwerdeführers trotz ent-
sprechender Hinweise nicht genügend Rechnung getragen habe. Auch
habe die Vorinstanz an der Anhörung im Zusammenhang mit der vom Be-
schwerdeführer vorgebrachten Entführung im Jahre 2006 keine weiteren
Fragen gestellt. Fragen zu den von ihm eingereichten Beweismitteln seien
ebenso wenig gestellt worden. Insgesamt sei der Sachverhalt nicht voll-
ständig abgeklärt worden und die Sache sei zur ergänzenden Feststellung
des Sachverhalts und neuer Entscheidfindung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
B.
B.a Mit Eingabe vom 11. Dezember 2019 reichte der Beschwerdeführer
einen aktuellen ärztlichen Bericht der C._ vom 4. Dezember 2019
bei der Vorinstanz ein.
B.b Am 24. Januar 2020 wurde der Beschwerdeführer von der Vorinstanz
erneut angehört.
Ergänzend zu seinen bisherigen Vorbringen brachte der Beschwerdeführer
vor, im Jahre 2006 von zwei maskierten Männern in Bagdad entführt wor-
den zu sein. Sein Vater habe 20'000 US-Dollar für seine Freilassung be-
zahlt und er sei nach zwölf Tagen Geiselhaft freigekommen. Er habe da-
nach keine Probleme mit den Entführern mehr gehabt, habe jedoch unter
psychischen Problemen gelitten und sich zwecks psychiatrischer Behand-
lung von 2006 bis 2007 beziehungsweise im Jahre 2008 in Syrien aufge-
halten. Zur Bedrohung durch die Asaeb-Miliz führte er ausserdem aus,
dass die drei Personen, die ihn jeweils aufgesucht und ihn zur Mitarbeit
hätten überreden wollen, sehr nett mit ihm gewesen seien, ihn jedoch beim
dritten Besuch mit dem Tod bedroht hätten. Seine Mutter und seine Brüder
seien des Weiteren im Jahre 2019 nach Bagdad zurückgekehrt. Sein Bru-
der habe nach der Rückkehr nach Bagdad das frühere Haus der Familie
besucht und sei beim Betreten des Hauses angeschossen worden, was
beweise, dass seine Familie weiterhin verfolgt werde.
Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer einen
Presseausweis, einen Ausweis der Arbeitergewerkschaft, Polizeiberichte
über den Tod seines Vaters mit Aussagen seines Bruders, den Todesschein
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seines Vaters, ein Arztzeugnis betreffend seiner Mutter, eine Arbeitsbestä-
tigung der Zeitung D._, einen Passierschein, Fotos von seinem el-
terlichen Haus in Bagdad, Fotos, welche ihn mit einem psychosomatischen
Hautausschlag zeigen würden, und solche Fotos, welche ihn bei Demonst-
rationen auf dem Tahrir-Platz in Bagdad zeigen sollen sowie Fotos von Ver-
letzungen des Bruders und der Mutter ein.
C.
Mit Verfügung vom 16. Juni 2020 stellte die Vorinstanz fest, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle und lehnte sein
Asylgesuch ab. Sie hielt ausserdem fest, dass die vorläufige Aufnahme
weiterhin gültig sei.
D.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer, handelnd durch den
rubrizierten Rechtsvertreter, am 21. Juli 2020 Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen
Verfügung in den Dispositivziffern 1 bis 3. Es sei seine Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen und die Vorinstanz sei anzuweisen, ihm Asyl zu gewäh-
ren.
In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses sowie
um Einsetzung seines Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand.
E.
Der Eingang der Beschwerde wurde dem Beschwerdeführer am 22. Juli
2020 bestätigt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
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ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden weiter konkretisiert.
Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2010/57 E. 2.3.).
5.
5.1 Das SEM begründete seinen Entscheid im Wesentlichen damit, dass
die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht glaubhaft seien, da seine An-
gaben zu seinen Asylgründen in den wesentlichen Punkten zu wenig kon-
kret, detailliert und differenziert seien und er sich darüber hinaus zwischen
der BzP, der Anhörung und der ergänzenden Anhörung in zentraler Hinsicht
widersprochen habe. Er habe beispielsweise anlässlich der BzP erklärt,
dass zwei Personen der schiitischen Asaeb-Miliz drei oder mehrere Male
zu ihm nach Hause gekommen seien und ihn aufgefordert hätten, für sie
zu arbeiten. In der Anhörung sowie der ergänzenden Anhörung habe er
jedoch von drei Personen gesprochen, welche drei Mal zu ihm nach Hause
gekommen seien und versucht hätten, ihn freundlich und respektvoll zu
überreden, sich ihnen anzuschliessen. Dabei falle auf, dass der Beschwer-
deführer sich nicht nur bei der Zahl der Personen widersprochen habe, was
nicht nachvollziehbar sei, zumal er in der Anhörung die Namen der drei
Personen genannt habe, sondern auch dahingehend, dass er in der BzP
von «Aufforderung», in der Anhörung aber von «freundlicher Überredung»
gesprochen habe. An der ergänzenden Anhörung hingegen habe er erst-
mals erklärt, von diesen Personen beim dritten Besuch mit dem Tode be-
droht worden zu sein. Diese Todesdrohung habe er weder an der BzP noch
an der ersten Anhörung erwähnt. Ausserdem habe er in der BzP ausge-
sagt, sein Vater sei am 24. Dezember 2014 erschossen worden, nachdem
dieser die Milizionäre weggewiesen habe. Demgegenüber habe er in der
Anhörung vorgebracht, sein Vater habe die Milizionäre zwei Tage zuvor
weggewiesen, worauf diese am 24. Dezember 2014 zurückgekommen
seien und ihn erschossen hätten. Aufgrund dieser Widersprüche und der
grundlegend unterschiedlichen Darstellung der Vorfälle in den Befragun-
gen sei nicht von der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen auszugehen. Die
widersprüchlichen und nicht nachvollziehbaren Aussagen könnten auch
nicht allesamt seiner schlechten psychischen Verfassung zugeschrieben
werden, zumal er sich eigenen Angaben zufolge an der BzP und der er-
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gänzen Anhörung gesundheitlich gut gefühlt habe. Selbst bei Nicht-Berück-
sichtigung der Anhörung vom 24. April 2017, als er sich nachweislich in
einer schlechten psychischen Verfassung befunden habe, würden die ge-
nannten Widersprüche zwischen seinen Aussagen an der BzP und der er-
gänzenden Anhörung zum Schluss führen, dass seine Vorbringen nicht
glaubhaft seien. Schliesslich seien bei den eingereichten Beweismitteln,
die grundsätzlich die Version der Vorkommnisse, wie er sie an der Anhö-
rung geschildert habe, stützen würden, diverse Unstimmigkeiten zu ver-
zeichnen. So würden insbesondere die polizeilichen und richterlichen Be-
richte über den Tod seines Vaters und die Aussagen seines Bruders den
vom Beschwerdeführer genannten Vorfall zwar bestätigen. Bei den Doku-
menten falle aber auf, dass sie keinen Briefkopf der jeweiligen Behörden
tragen würden, die Stempel nicht lesbar seien und dass die Schrift in den
Dokumenten Unregelmässigkeiten aufweise. Ausserdem werde in einem
der Dokumente von einem Richter am 25. Dezember 2014 die Freigabe für
die Ausstellung des Todesscheins erteilt, welcher aber bereits am 24. De-
zember 2014 ausgestellt worden sei. Auch sei anzuzweifeln, dass die Po-
lizei angesichts der Macht der Asaeb-Miliz im genannten Zeitraum in Bag-
dad ohne Weiteres eine Anzeige aufgenommen hätte und dass es jemand
überhaupt gewagt hätte, die Miliz offen zu beschuldigen. Der Todesschein
seines Vaters, welcher dessen Tod bei einem terroristischen Unfall oder
Vorfall bestätige, scheine zwar authentisch zu sein. Wäre sein Vater aber
unter den vom Beschwerdeführer geschilderten Umständen ums Leben
gekommen, hätten die Behörden nicht am gleichen Tag die Todesursache
als terroristischen Vorfall bezeichnet, weil dann noch weitere Abklärungen
nötig gewesen wären. Es sei vor dem Hintergrund der damaligen Situation
in Bagdad möglich, dass sein Vater bei einem terroristischen Anschlag ums
Leben gekommen und seine Mutter dabei verletzt worden sei. Der authen-
tisch erscheinende Todesschein des Vaters beweise jedoch nicht, dass der
Vater von der Asaeb-Miliz und insbesondere im Zusammenhang mit dem
Beschwerdeführer getötet worden sei.
Des Weiteren sei es aufgrund der Spannungen zwischen Schiiten und Sun-
niten in Bagdad und im Irak im Allgemeinen nicht nachvollziehbar, dass
sich eine der bedeutendsten Milizen derart um einen Sunniten bemühen
würde. Es sei davon auszugehen, dass die Miliz keinen Sunniten als
(...)fachmann für die Arbeit an den eigenen (...) anheuern würde, zumal es
sich bei den vom Beschwerdeführer verlangten Arbeiten um relativ einfa-
che Arbeiten handle, und die Miliz sicherlich einen (...)fachmann schiiti-
schen Glaubens hätte ausfindig machen und engagieren können. Auch zur
Glaubensfrage habe der Beschwerdeführer im Übrigen widersprüchliche
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Angaben gemacht. So habe er an der Anhörung vorgebracht, als Sunnit
von einer schiitischen Miliz verfolgt zu sein und dass sein Vater aus religi-
ösen Gründen getötet worden sei. Im Rahmen der ergänzenden Anhörung
habe er hingegen erklärt, dass die schiitische Miliz ihn nicht als fanatischen
Sunniten betrachtet habe. Ausserdem habe er ausgeführt, einem friedli-
chen neutralen sunnitischen Stamm anzugehören beziehungsweise Anhä-
nger der Al-Shafai Islam-Schule zu sein, welche sich in der Mitte zwischen
Sunniten und Schiiten positioniert habe – eine Schule, welche aber die
zweitmeistbefolgte unter den Sunniten sei und sich klar sunnitisch positio-
niere.
Gegen eine Verfolgung spreche sodann, dass zwei seiner Onkel nach wie
vor in Bagdad leben würden und die Mutter sowie seine Brüder im Jahre
2019 freiwillig nach Bagdad zurückgekehrt seien. Es sei nicht plausibel,
dass seine Eltern Opfer eines gezielten Anschlags durch die Asaeb-Miliz
gewesen sein sollen, sein Bruder Zeuge dieses Anschlags gewesen sei
und Anzeige gegen die Miliz erstattet habe, sie aber trotz dieser Umstände
nach Bagdad zurückgekehrt seien. Die vom Beschwerdeführer angeführte
Begründung, sein Bruder habe das Haus der Familie nicht der Miliz über-
lassen wollen und es als persönliche Herausforderung angesehen, in der
Nähe des Grabs des Vaters zu leben, überzeuge nicht. Auch die nach der
ergänzenden Anhörung eingereichten Fotos seines Bruders, auf welchen
eine Beinverletzung zu sehen sei, würden nicht beweisen, dass er von der
Miliz angeschossen worden sei und dass ein Zusammenhang zum Be-
schwerdeführer bestehe.
Die in der ergänzenden Anhörung geschilderte Entführung im November
2006 weise ausserdem keinen Kausalzusammenhang mit der Ausreise im
Jahre 2014 auf. So habe er damals in einem (...)laden gearbeitet und sei
auf der Strasse entführt worden. Er sei in Geiselhaft gehalten worden, bis
sein Vater die Lösegeldsumme vom 20'000 US-Dollar gezahlt habe. Die
Entführer hätten der Gruppe Jausch Al-Mahdi angehört, mit welcher er bis
zu seiner Ausreise aus dem Irak keine Probleme mehr gehabt habe.
Soweit der Beschwerdeführer in der ergänzenden Anhörung erstmals gel-
tend gemacht habe, im Rahmen des sogenannten arabischen Frühlings an
Protestkundgebungen auf dem Tahrir-Platz in Bagdad teilgenommen zu
haben, sei dies nicht asylrelevant, da er nicht wegen seiner politischen Ein-
stellung verfolgt werde. Ferner bestehe kein Kausalzusammenhang zwi-
schen den Protesten und seiner Ausreise.
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Die Vorbringen des Beschwerdeführers würden somit den Anforderungen
an die Glaubhaftigkeit nicht standhalten, weshalb er die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfülle und sein Asylgesuch abzulehnen sei.
5.2 Dem hielt der Beschwerdeführer in der Beschwerde zunächst entge-
gen, dass das vorliegende Verfahren ausserordentlich lange gedauert
habe. Ausserdem habe er sich an der ersten Anhörung in einer schlechten
Verfassung befunden. Es sei kein Hilfswerksvertreter anwesend gewesen
und der Dolmetscher sei aus Syrien gewesen und habe einen anderen Di-
alekt als er gesprochen. Dass er trotz dieser Umstände glaubhafte und de-
taillierte Aussagen habe machen können, sei von der Vorinstanz nicht ge-
wichtet worden. Stattdessen habe sie gestützt auf teils konstruierte, teils
tatsächliche, aber unbedeutende Widersprüche die Glaubhaftmachung
verneint. Die Sachverhaltsdarstellung sei ungenügend und nicht wieder-
gutmachbar. Ausserdem sei sie falsch beziehungsweise willkürlich.
Es sei durchaus ein Kausalzusammenhang gegeben zwischen der Entfüh-
rung im Jahre 2006 und der Flucht im Jahre 2014, da er wegen der Entfüh-
rung bereits traumatisiert gewesen sei und sich deswegen in Syrien habe
behandeln lassen. Er habe somit bereits eine besondere Vulnerabilität
durch Vorverfolgung aufgewiesen, und als ihn die Miliz zur Mitarbeit habe
zwingen wollen, habe er eine Regelvermutung begründet, dass er auch
künftig einer schweren Verfolgung ausgesetzt sei. Zudem sei der unerträg-
lich psychische Druck von der Vorinstanz nicht beachtet worden, der als
eigenständiger Fluchtgrund im Gesetz vorgesehen sei. Hierfür seien die
früheren Erlebnisse und das Trauma zusammen mit den späteren Ereig-
nissen ausschlaggebend. Das SEM habe in willkürlicher Weise das Vor-
bringen nicht in einen Gesamtzusammenhang gesetzt und gewürdigt. Die
Teilnahme an den Kundgebungen im Jahre 2013 würden ebenfalls bele-
gen, dass er sich nicht mit den ihn bedrohenden Milizen identifiziert habe,
was auch seine Weigerung und Furcht vor der Miliz erkläre. Er weise somit
einen zusätzlichen Risikofaktor auf, da die regierende Gruppe beziehungs-
weise Miliz ihn zusätzlich deswegen verfolgen beziehungsweise nicht
schützen würde. Soweit die Vorinstanz ausgeführt habe, die Weigerung,
Propaganda(...) für eine islamistische Miliz zu erstellen sei bloss eine Ab-
lehnung eines freundlichen Arbeitsangebots und könne nicht als Flucht-
grund gelten, sei festzuhalten, dass eine solche Mitarbeit von Schweizer
Behörden als Unterstützung des Terrorismus angesehen werde. Er rechne
sich keiner islamistischen Gruppe zu und wolle keine unterstützen und
habe sich mithin aus achtenswerten Gründen gegen diese Mitarbeit ge-
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wehrt. Dadurch sei er für sich und seine Familie ein grosses Risiko einge-
gangen. Dass sich die Miliz ihm gegenüber zunächst freundlich verhalten
habe, sei das übliche Vorgehen solcher Gruppierungen. Ausserdem rekru-
tiere die Miliz erwiesenermassen auch Sunniten und insbesondere vor dem
Hintergrund, dass gewisse Kräfte sich gemeinsam gegen den Islamischen
Staat (IS) gewandt hätten, sei dies durchaus nachvollziehbar.
Die von der Vorinstanz angebrachten Zweifel an der Echtheit des Toten-
scheins seines Vaters seien ohne nähere Angaben nicht überprüfbar und
würde somit den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzen. Auch das Ar-
gument, dass der Schein erst am folgenden Tag freigegeben worden sei,
sei nicht nachvollziehbar. Es sei vielmehr plausibel, dass, wie bereits an
der Anhörung erklärt, das Spital sich gleichzeitig um die Behandlung der
Mutter und den Tod des Vaters gekümmert habe, seine Mutter noch habe
verlegt werden müssen, der Todesschein zwar im Spital ausgestellt worden
sei, aber erst am Folgetag autorisiert oder eben freigegeben beziehungs-
weise die Leiche freigegeben worden sei. Das Spital habe an einer Stelle
tatsächlich statt dem 1. Monat den 3. Monat eingefügt, was zu einem Wi-
derspruch im Austrittbericht führe. Dies habe das Spital zwischenzeitlich
telefonisch bestätigt und er beantrage eine Frist zur Einreichung eines
neuen Berichts als Beweismittel. Die Vorinstanz anerkenne zwar, dass so-
wohl sein Bruder als auch seine Mutter verletzt worden seien, wie dies den
Bildern zu entnehmen sei, halte aber lapidar fest, dass diese Tatsachen
sein Vorbringen nicht stützen würden. Damit überschreite sie bei der Be-
weismittelwürdigung die Willkürgrenze, zumal alle Dokumente als Indizien
für die Glaubhaftmachung gewertet werden müssen. Aus dem Umstand,
dass seine Onkel weiterhin im Irak leben würden, könne nicht geschlossen
werden, dass er und seine nächsten Verwandten nicht verfolgt würden.
Ferner sei es nachvollziehbar, dass sein Bruder nach Bagdad habe zurück-
kehren wollen.
Die Vorinstanz habe weder den herabgesetzten Beweisanforderungen
nach Art. 7 AsylG noch dem Umstand, dass die summarische Befragung
an der BzP nicht der Abklärung der Flüchtlingseigenschaft diene und mithin
nur mit Zurückhaltung zum Vergleich herangezogen werden dürfe, kaum
Rechnung getragen. Seine glaubhaften Aussagen würden insgesamt all-
fällige Unstimmigkeiten überwiegen und er habe glaubhaft machen kön-
nen, dass er in seinem Heimatland wegen seiner Religion, der Zugehörig-
keit zu einer bestimmten sozialen Gruppe und seiner politischen Anschau-
ung an Leib und Leben und in seiner Freiheit gefährdet sei. Auch nach
seiner Flucht seien mit dem Anschlag auf seinen Bruder weitere Ereignisse
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hinzugetreten, welche die Furcht vor künftiger Verfolgung untermauern
würden.
6.
6.1 In der Beschwerde wird eine ungenügende, teilweise falsche und will-
kürliche Sachverhaltsfeststellung gerügt. In Bezug auf die Würdigung des
als Beweismittel eingereichten Todesscheins betreffend den Vater sei so-
dann das rechtliche Gehör verletzt worden. Diese formellen Rügen sind
vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet sein könnte, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Ver-
waltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl.
2013, Rz. 1133 ff., m.w.H.).
6.2 Gemäss Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG stellt die Asylbehörde den
Sachverhalt von Amtes wegen fest. Die unrichtige oder unvollständige
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts kann nach Art. 49 Bst. b
VwVG beziehungsweise Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG gerügt werden. Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung beispielsweise dann, wenn der Ver-
fügung ein aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zu-
grunde gelegt wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz der gel-
tenden Untersuchungsmaxime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen
abgeklärt hat, oder nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt wurden (KRAUSKOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Pra-
xiskommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, Wald-
mann/Weissberger (Hrsg.) 2015, Art. 12 VwVG N 15 ff., m.w.H.).
Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der gesetzlichen Mit-
wirkungspflicht der Parteien (Art. 13 VwVG und Art. 8 AsylG). Es ist grund-
sätzlich Sache der Asylgesuchstellenden, ihre Vorbringen glaubhaft zu ma-
chen. In diesem Zusammenhang sind sie gehalten, ihre Vorbringen mittels
Beweismitteln zu untermauern und geltend zu machen, warum die Beweis-
mittel zum Beweis des Vorbringens geeignet sein sollen. Das SEM seiner-
seits hat anerbotene Beweismittel abzunehmen und einer Würdigung zu-
zuführen, die in einem Gesamtkontext zu erfolgen hat.
6.3 Nach Ansicht des Gerichts hat die Vorinstanz mit der ergänzend durch-
geführten Anhörung den ihrer Beurteilung zugrundeliegenden Sachverhalt
in genügendem Umfang erstellt. Die lange Verfahrensdauer und die zwi-
schen den Anhörungen vergangene Zeit stehen – entgegen der in der Be-
schwerde vertretenen Auffassung – einer materiellen Beurteilung nicht von
vornherein entgegen. Eine lange Zeitspanne zwischen den Anhörungen
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findet aber Berücksichtigung bei der Beurteilung der entsprechenden Vor-
bringen auf ihre Glaubhaftmachung hin. Entgegen der Ausführungen in der
Beschwerde hat das SEM nach dem Kassationsurteil vom 30. Oktober
2019 sodann nicht zwei Jahre bis zur ergänzenden Anhörung zugewartet.
Diese fand am 24. Januar 2020 statt. Soweit der Beschwerdeführer
schliesslich geltend macht, bei der ergänzenden Anhörung sei der Hilfs-
werksvertreter krankheitsbedingt abwesend gewesen und der syrische
Dolmetscher habe einen anderen Dialekt gesprochen, legt er nicht dar, in-
wiefern ihm daraus ein Nachteil erwachsen sein soll. Solches ist auch nicht
ersichtlich.
Die vom Beschwerdeführer im Verfahren eingereichten Beweismittel hat
die Vorinstanz sodann im angefochtenen Entscheid aufgenommen und
sich mit deren Beweistauglichkeit auseinandergesetzt. Dass eine solche
von der Vorinstanz verneint wurde, ist unter dem Aspekt der Verfahrens-
pflicht, insbesondere der Untersuchungspflicht, nicht zu beanstanden. Es
ergibt sich in Bezug auf diese Beweismittel und deren Authentizität auch
keine Pflicht der Vorinstanz zur weiteren Abklärung im Heimatstaat.
Schliesslich ist festzustellen, dass die Einschätzung, ob die eingereichten
Beweismittel beweistauglich für die vom Beschwerdeführer vorgebrachten
Asylgründe sind, eine Frage der materiellen Würdigung ist. Eine ungenü-
gende und falsche beziehungsweise willkürliche Feststellung des Sachver-
halts ist nicht ersichtlich. Die Rüge geht fehl. Eine Verletzung des Untersu-
chungsgrundsatzes ist daher insgesamt zu verneinen.
6.4 Es besteht folglich kein Grund, die angefochtene Verfügung aufzuhe-
ben und die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen, womit
das Bundesverwaltungsgericht in der Sache zu entscheiden hat (Art. 61
Abs. 1 VwVG).
7.
7.1 Die Vorinstanz stellt in ihrem Entscheid auf Widersprüche in den zent-
ralen Asylvorbringen, die Unplausibilität der geltend gemachten Verfol-
gungsumstände sowie untaugliche Beweismittel ab. In Übereinstimmung
mit den Ausführungen des Beschwerdeführers gilt es bei der Prüfung der
Glaubhaftigkeit zu berücksichtigen, dass die BzP (im Gegensatz zu den
Anhörungen) lediglich einen summarischen Charakter aufweist, weshalb
gemäss ständiger Rechtsprechung den dort protokollierten Aussagen
grundsätzlich nur beschränkter Beweiswert zukommt. Widersprüche dür-
fen daher für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit nur dann herangezogen
werden, wenn klare Aussagen der Befragung in wesentlichen Punkten von
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den Asylvorbringen in den späteren Aussagen in der Anhörung diametral
abweichen oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, welche
später als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht bereits in der Befra-
gung zumindest ansatzweise erwähnt wurden (vgl. statt vieler Urteil des
BVGer D-4295/2017 vom 9. Januar 2019 E. 6.1.2 m.w.H; Entscheidungen
und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK]
1993 Nr. 3).
Das Bundesverwaltungsgericht ist allerdings auch unter Berücksichtigung
dieser Rechtsprechung der Ansicht, dass sich aus dem Vorbringen des Be-
schwerdeführers im vorinstanzlichen Verfahren und auch aus dem Vorbrin-
gen auf Beschwerdeebene wesentliche Widersprüche und Ungereimthei-
ten ergeben, die sich letztlich nicht auflösen.
7.2 Gesamthaft vermag die Argumentation des Beschwerdeführers nicht
zu überzeugen. So bringt er beispielsweise an der BzP ausdrücklich vor,
von zwei Personen (act. A4/11 F7.01) zur Mitarbeit bei der Miliz aufgefor-
dert worden sei, während er an den Anhörungen von drei Personen
(act. A17/20 F56, A44/20 F71) sprach, wobei er die Namen der drei Perso-
nen nennen konnte. Innerhalb der ersten Anhörung widerspricht er sich
wiederum, indem er zunächst ausführt, diese drei Personen seien dreimal
bei ihm vorbeigekommen (act. A17/20 F56 ff.), um später anzugeben, er
sei sich in der BzP nicht sicher gewesen, wie viele Personen jeweils vor-
beigekommen seien, er sei sich aber sicher, dass es beim dritten Mal drei
Personen gewesen seien (act. A17/20 F81). Dieser Widerspruch betrifft ein
zentrales Asylvorbringen, mithin seinen Bericht zu den Ereignissen, welche
letztlich massgeblich für den Ausreiseentschluss waren. Mit Blick darauf ist
nicht nachvollziehbar, dass er nicht wissen will, ob jeweils zwei oder drei
Personen auf ihn zugekommen seien. An der ergänzenden Anhörung auf
diesen Widerspruch angesprochen, führte er sodann aus, dass ihm an der
BzP keine Möglichkeit gegeben wurde, Details zu erzählen. Es seien drei
Personen zu ihm gekommen, beim ersten und beim zweiten Mal hätten
jedoch nur zwei Personen mit ihm gesprochen, während die dritte Person
im Auto geblieben sei beziehungsweise telefoniert habe (act. A44/20
F136). Es habe sich wohl um ein Missverständnis gehandelt. Diese Erklä-
rung vermag nicht zu überzeugen, zumal die Frage sowohl an der BzP als
auch an den Anhörungen jeweils dahingehend lautete, wie viele Personen
zu ihm nach Hause gekommen seien und nicht, wie viele Personen sich
mit ihm unterhalten hätten. Auch der Beschwerde ist keine Erklärung für
diese Ungereimtheit zu entnehmen.
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Dasselbe gilt für das erstmals an der ergänzenden Anhörung erwähnte
Vorbringen, er sei beim dritten Besuch der drei Personen mit dem Tod be-
droht worden. So habe einer der Milizangehörigen gesagt, wenn er nicht
mit ihnen sei, sei er gegen sie, und Personen die gegen sie seien, würden
nur «2'000 Dinar» (eine Kugel) kosten und er würde getötet werden
(act. A44/20 F80 ff.). Auf die Frage hin, wieso er diese Bedrohung erst jetzt
erwähne, führte er wiederum aus, an der BzP in seinen Erzählungen ge-
stoppt worden zu sein und an der Anhörung in einem schlechten Gesund-
heitszustand gewesen zu sein (act. A44/20 F83). Diese Erklärung vermag
jedoch nicht zu überzeugen. Weder an der BzP noch an der Anhörung oder
im Rahmen des ersten Beschwerdeverfahrens hat der Beschwerdeführer
eine derart direkt gegen seine Person ausgesprochene Drohung erwähnt.
Im Gegenteil hat er durchweg davon berichtet, die drei Personen seien
‘freundlich und respektvoll zu ihm gewesen’ (act. A17/20 F62), dass ‘alle
drei so nett gewesen seien’ (act. A17/20 F63) und dass sie ihm ‘freundlich
gesagt hätten, dass er sich ihnen anschliessen solle’ (act. A44/20 F44).
Explizit äussert er sich zum dritten Besuch der Männer dahingehend, dass
diese ihm mitgeteilt hätten, er solle sich wegen seines Studium keine Sor-
gen machen und werde das Diplom erhalten, ohne die Universität besu-
chen zu müssen (act. A44/20 F44). Es ist nicht nachvollziehbar, dass er ein
derart einschneidendes Erlebnis wie eine Todesdrohung erst am Ende der
ergänzenden Anhörung vorbringt. Mithin muss dieses Vorbringen als nach-
geschoben und damit als nicht glaubhaft erachtet werden.
Mit den Ausführungen auf Beschwerdeebene zur Asaeb-Miliz gelingt es
dem Beschwerdeführer nicht, ein konkretes Gefährdungsprofil glaubhaft zu
machen. So ist, wie bereits die Vorinstanz festgehalten hat, nicht plausibel,
dass eine derart mächtige und gut organisierte schiitische Einheit an der
Hilfe eines sunnitischen (...)studenten derart interessiert sein sollte, dass
sie aufgrund des Umstands, seiner nicht habhaft werden zu können, den
Vater ermordet und die Mutter schwer verletzt. Ohnehin hätten die von ihm
verlangten, eher einfachen (...)arbeiten ([...] etc.) problemlos von einer an-
deren Person aus den eigenen Reihen mit entsprechenden Kenntnissen
erfüllt werden können.
Der Vorinstanz ist auch dahingehend zuzustimmen, dass die Ausführungen
des Beschwerdeführers zu seiner politischen Einstellung und der religiösen
Ausrichtung weitgehend uneinheitlich und unplausibel ausgefallen sind.
Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die entsprechenden Erwä-
gungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden (Verfügung
vom 16. Juni 2020, S. 7 f.). Entsprechend ist nicht davon auszugehen, dass
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er aufgrund seiner – im Übrigen ebenfalls erst an der ergänzenden Anhö-
rung vorgebrachten – Teilnahme an Demonstrationen im Jahre 2013 über-
haupt ein relevantes politisches Profil aufweist. Ausserdem ist ein Zusam-
menhang zwischen der behaupteten Bedrohung durch die Miliz und seiner
Teilnahme an Demonstrationen im Jahr 2013 weder konkretisierend gel-
tend gemacht worden noch erkennbar.
7.3 In Bezug auf die Umstände des Todes seines Vaters und die Verletzun-
gen seiner Mutter kann auf die zutreffenden Ausführungen der Vorin-stanz
verwiesen werden (Verfügung vom 16. Juni 2020, S. 8). Der Beschwerde-
führer konnte nicht glaubhaft machen, dass zwischen der Aufforderung der
Asaeb-Miliz an ihn zur Zusammenarbeit und den Geschehnissen betref-
fend seine Familie ein Zusammenhang besteht. Der Vater des Beschwer-
deführers soll laut eingereichtem Todesschein in Bagdad Opfer eines ter-
roristischen Akts geworden sein. Ob diesem Beweismittel die Beweistaug-
lichkeit abzusprechen ist, kann dahingestellt bleiben. Das Gericht erachtet
es jedenfalls aufgrund der vorangegangenen Ausführungen als nicht
glaubhaft gemacht, dass der Tod des Vaters im Zusammenhang mit der
vom Beschwerdeführer verweigerten Zusammenarbeit mit der Miliz steht.
Andere Gründe in Bezug auf den Vater wurden nicht geltend gemacht.
7.4 Schliesslich erachtet es das Gericht – wie die Vorinstanz – als wesent-
lich, dass die Mutter des Beschwerdeführers und sein jüngerer Bruder im
September 2019 wieder nach Bagdad zurückgekehrt sind. Die dafür auf-
geführten Gründe, nämlich, dass der Bruder das Grab des Vaters sehr ver-
misst und die Familie deshalb die Gefahr in Kauf genommen habe, sind
nicht plausibel. Vielmehr lässt sich aus diesem Verhalten schliessen, dass
die Mutter des Beschwerdeführers sowie der jüngere Bruder offenbar nicht
von einer Gefährdungslage in Bagdad ausgingen. Dass der Bruder sich
sodann zum elterlichen Haus begeben haben soll und dort die Milizen un-
mittelbar auf ihn geschossen und dabei verletzt haben sollen, lässt sich
nicht in den Kontext zu den Fluchtgründen des Beschwerdeführers setzen,
zumal der Bruder zum Zeitpunkt der Ausreise noch sehr jung gewesen sein
soll und die Milizen kaum einen Zusammenhang zur Familie hergestellt ha-
ben dürften.
7.5 In Bezug auf die vom Beschwerdeführer eingereichten Fotos zum El-
ternhaus ist festzustellen, dass ihnen kein Beweiswert hinsichtlich der Asyl-
vorbringen zukommt. Die Einschätzung der Vorinstanz ist zu teilen. Abge-
bildet ist ein Haus, bei welchem es sich um das Elternhaus des Beschwer-
deführers handeln soll. Dieses Haus sei, wie eines der Fotos zeige, mit der
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Aufschrift «Rache» versehen worden. Das Haus lässt sich weder als El-
ternhaus des Beschwerdeführers zuordnen, noch kann aus der Aufschrift
«Rache» ein plausibler Schluss zum Asylvorbringen gezogen werden.
7.6 Weitere Beweismittel wurden mit der Beschwerdeschrift vom 21. Juli
2020 in Aussicht gestellt. In diesem Zusammenhang wurde darum ersucht,
entweder eine dreissigtägige Frist zur Nachreichung entsprechender Be-
weismittel anzusetzen, oder mit dem Entscheid zuzuwarten. Nachdem zwi-
schenzeitlich zwei Monate seit Einreichung der Beschwerde vergangen
sind, kann auf eine Fristsetzung verzichtet werden. Es ist jedoch festzu-
stellen, dass weitere Beweismittel bisher nicht eingereicht wurden.
7.7 Schliesslich lässt sich soweit die glaubhafte Entführung des Beschwer-
deführers im Jahre 2006 betreffend und den Ereignissen vor seiner Aus-
reise aus dem Irak weder ein zeitlicher noch ein sachlicher Kausalzusam-
menhang feststellen. Die Täterschaft der Entführung vermutet der Be-
schwerdeführer eigenen Angaben zufolge in den Reihen der Jaisch Al-
Mahdi, mit welchen er nach der Zahlung eines Lösegeldes in Höhe von
20'000 US-Dollar und der Freilassung keine Probleme mehr gehabt habe
(act. A44/20 F43).
Soweit auf Beschwerdeebene auf die Traumatisierung und die bestehen-
den psychischen Probleme hingewiesen wurde, aufgrund welcher ein Kau-
salzusammenhang weiterhin bestehe, dürfte sinngemäss auf die Rechts-
praxis zu den sogenannten «zwingenden Gründen» verwiesen werden.
Solche sind zu bejahen, wenn im Heimatstaat eine Vorverfolgung erlitten
wurde. Eine solche ist ausnahmsweise auch nach Wegfall einer drohenden
Verfolgungsgefahr weiterhin als asylrechtlich relevant zu betrachten, wenn
eine Rückkehr in den früheren Verfolgerstaat aus zwingenden, auf diese
Verfolgung zurückgehende Gründe nicht zumutbar ist. Bei dieser Ausle-
gung von Art. 3 AsylG stützt sich das Bundesverwaltungsgericht auf die
entsprechende Formulierung der Ausnahmebestimmung von Art. 1C Ziff. 5
Abs. 2 des Abkommens über die Rechtstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli
1951 (FK, SR 0.142.30). Als zwingende Gründe in diesem Zusammenhang
sind vorab traumatisierende Erlebnisse zu betrachten, die es der betroffe-
nen Person angesichts erlebter schwerwiegender Verfolgungen, insbeson-
dere Folterungen, im Sinne einer Langzeittraumatisierung psychologisch
verunmöglichen, ins Heimatland zurückzukehren (vgl. Urteil des BVGer
E-3842/2006 vom 20. Dezember 2010 E. 5.2.2. unter Hinweis auf BVGE
2007/31 E. 5.4).
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Von einem solchen Sachverhalt ist vorliegend nicht auszugehen, zumal es
sich bei der Geiselnahme offensichtlich um keine asylrelevante Verfolgung
handelte, sondern diese in einen kriminellen Kontext zu setzen ist. Die Be-
rufung auf sogenannte «zwingende Gründe» im Sinne erwähnter Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts kann damit vorliegend von
vornherein nicht zur Anwendung kommen. Es kann daher offenbleiben, ob
beim Beschwerdeführer von einer entsprechenden Langzeittraumatisie-
rung auszugehen wäre, welche es ihm verunmöglichen würde, in den Hei-
matstaat zurückzukehren. Dem Gesundheitszustand des Beschwerdefüh-
rers wurde schliesslich mit der Anordnung einer vorläufigen Aufnahme
Rechnung getragen.
7.8 Lediglich ergänzend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer gel-
tend macht, den Irak bereits im Oktober 2014 endgültig verlassen zu ha-
ben. Dies lässt sich jedoch kaum mit der Tatsache vereinbaren, dass sein
irakischer Original-Führerausweis erst seit dem (...) 2015 gültig ist und sein
internationaler Führerschein erst am (...) 2015 in Bagdad ausgegeben
wurde. Beide Ausweise hat der Beschwerdeführer erst am 17. Dezember
2018 beim Strassenverkehrsamt des Kantons E._ eingereicht.
Seine Erklärung, er habe in der Türkei einen Führerausweis benötigt, wes-
halb er einem Mann, der solche Dienste für Exilsyrer angeboten habe, mit
der Beschaffung eines Originalausweises beauftragt habe, überzeugt
nicht. Zudem fällt auf, dass die Rechtfertigung des Beschwerdeführers im
Rahmen des rechtlichen Gehörs vom 23. Januar 2019, wonach er den Füh-
rerausweis benötigt habe, da er in der Türkei als Fahrer gearbeitet habe,
im Widerspruch zu seinen Ausführungen in der Anhörung steht, in der Tür-
kei als Träger gearbeitet zu haben (act. A17/20 F30). Sein Vorbringen, es
sei ihm nicht bewusst gewesen, dass er den schweizerischen Behörden
auch seine Führerausweise hätte abgeben müssen, obwohl er schon an-
dere Identitätsdokumente vorgelegt habe, ist nicht plausibel, zumal ihm im
Verfahren wiederholt mitgeteilt wurde, dass er den Schweizerischen Be-
hörden jegliche Beweismittel und Identitätsdokumente einreichen muss.
Mit Blick auf die Aktenlage kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass
er diese Ausweise bewusst nicht eingereicht hat, da sie in einem Wider-
spruch zu seinen Vorbringen stehen.
7.9 Zusammenfassend ist festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, eine zum Zeitpunkt der Ausreise bestehende Verfolgung
oder Gefährdungslage glaubhaft zu machen. Auch die Beschwerdeschrift
vermag dieser Einschätzung nichts entgegenzuhalten. Die Vorinstanz hat
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daher zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch
abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Nach konstanter Praxis sind die Bedingungen für einen Verzicht auf den
Vollzug der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglich-
keit) alternativer Natur. Sobald eine von ihnen erfüllt ist, ist der Wegwei-
sungsvollzug als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesen-
heit in der Schweiz gemäss den Bestimmungen der vorläufigen Aufnahme
zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). Nachdem die Vorinstanz gestützt auf
Art. 83 Abs. 4 AIG zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die
vorläufige Aufnahme angeordnet hat erübrigen sich weitere Ausführungen
in diesem Zusammenhang.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist so-
mit abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das mit der
Beschwerde eingereichte Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ist
vorliegend gutzuheissen, da die in der Rechtsmitteleingabe gestellten ma-
teriellen Anträge nicht von vornherein als aussichtlos im Sinne von Art. 65
Abs. 1 VwVG zu qualifizieren waren und die Bedürftigkeit des Beschwer-
deführers aufgrund der ebenfalls mit der Beschwerde eingereichten Für-
sorgebestätigung vom 9. Juli 2020 ausgewiesen ist. Somit sind keine Ver-
fahrenskosten zu erheben.
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11.2 Folglich ist auch das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung im
Sinne von aArt. 110a Abs. 1 AsylG gutzuheissen und dem Beschwerdefüh-
rer wird der rubrizierte Rechtsvertreter lic. iur. Bernhard Jüsi als amtlicher
Rechtsbeistand beigeordnet. Ihm ist ein amtliches Honorar für die notwen-
digen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten (vgl.
aArt. 110a Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9–14 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die mit der Beschwerde eingereichte Kos-
tennote weist einen Stundenaufwand von 6.5, bei einem Stundenansatz
von Fr. 300.– sowie Auslagen in der Höhe von Fr. 27.80, mithin Gesamt-
kosten von Fr. 2'130.10 (inkl. Mehrwertsteuer) auf. Der Aufwand scheint in
zeitlicher Hinsicht als angemessen. Hingegen wird für die amtliche Verbei-
ständung bei Rechtsanwälten ein maximaler Stundenansatz von Fr. 220.–
zum Ansatz gebracht, was dem im Asylbeschwerdeverfahren vor dem Bun-
desverwaltungsgericht regelmässig auftretenden Rechtsvertreter auch be-
kannt ist. Ausgehend vom genannten Stundenansatz ist dem amtlich bei-
geordneten Rechtsvertreter zu Lasten des Gerichts demnach ein amtliches
Honorar von aufgerundet Fr. 1'570.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer)
auszurichten.
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