Decision ID: cd895e02-3477-5159-99a6-028693db76ab
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden (Eltern) suchten am (...) 2017 für sich und
ihr Kind C._ in der Schweiz um Asyl nach.
Zur Begründung machten sie im Wesentlichen geltend, sie seien türkische
Staatsangehörige kurdischer Ethnie und stammten aus der Provinz
E._. Zuletzt hätten sie in F._ in der gleichnamigen Provinz
gelebt. Seit dem Jahr 2014 seien sie Mitglieder der (...). A._ (nach-
folgend: Beschwerdeführer) sei im Jahr (...) in die (...) der (...) gewählt
worden. Als politisch aktive Kurden seien sie in der türkisch geprägten
Stadt F._ regelmässig in den Fokus der türkischen Behörden gera-
ten. Diese hätten mehrfach ihre Wohnung durchsucht. Der Beschwerde-
führer sei im Zusammenhang mit Teilnahmen an Parteiveranstaltungen
wiederholt und jeweils über mehrere Stunden in Polizeigewahrsam genom-
men worden. Dabei habe er vereinzelt auch Polizeigewalt erfahren. Ihr Ver-
mieter habe die Beschwerdeführenden aufgrund der häufigen Polizeiprä-
senz schliesslich aufgefordert, die Wohnung in F._ zu verlassen.
Sie hätten daraufhin einige Monate bei Verwandten gelebt und seien an-
schliessend aus der Türkei ausgereist. Weitere Gründe für die Ausreise
aus der Türkei sei ihre (...) vom (...) sowie Drohungen von Anhängern der
(...) gegenüber dem Beschwerdeführer.
A.b Mit Verfügung vom 26. Oktober 2017 stellte das SEM fest, die Be-
schwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre
Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete
den Vollzug der Wegweisung an.
A.c Das Bundesverwaltungsgericht wies die gegen die SEM-Verfügung
angehobene Beschwerde – unter Einbezug des zwischenzeitlich gebore-
nen zweiten Kindes – mit Urteil D-6721/2017 vom 22. September 2020 ab.
B.
Auf das Revisionsgesuch der Beschwerdeführenden vom 2. November
2020 trat das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-5384/2020 vom
16. Februar 2021 mangels Bezahlung des mit Zwischenverfügung vom
25. Januar 2021 infolge Aussichtslosigkeit der Begehren abgewiesenen
Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung erhobenen
Kostenvorschusses nicht ein.
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C.
C.a Am 9. Februar 2021 gelangten die Beschwerdeführenden mit einer als
"Mehrfachgesuch" bezeichneten Eingabe an das SEM. Sie liessen unter
Beilage zahlreicher fremdsprachiger Unterlagen geltend machen, am
2. November 2020 sei beim Bundesverwaltungsgericht ein Revisionsge-
such eingereicht worden. Das Gericht sei gemäss Zwischenverfügung vom
25. Januar 2021 der Meinung, dass die zu den Akten gereichten Beweis-
mittel für ein Mehrfachgesuch geeignet wären. Mit dem Mehrfachgesuch
würden sie neue Beweismittel im Original ins Recht legen, darunter befinde
sich auch ein Haftbefehl für den Beschwerdeführer und ein Referenzschrei-
ben von dessen Anwältin mit einer Zusammenfassung. Dieser werde we-
gen Propaganda für die (...) und Beleidigung von Staatspräsident Erdogan
in der Türkei gesucht. Aus diesem Grund könnte er gemäss Angaben sei-
ner Anwältin in der Türkei zu einer Haftstrafe von einem bis fünf Jahren
verurteilt werden. Die Beschwerdeführenden stellten zudem die Nachrei-
chung von Übersetzungen einiger Dokumente in Aussicht. Zusammenfas-
send machten die neu dargelegten Gründe und Beweismittel deutlich, dass
der Beschwerdeführer in seinem Heimatland ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt sei und zudem begründete Furcht vor solchen habe. Er erfülle die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG (SR 142.31) und habe
Anspruch auf Asyl. Eventualiter verstosse seine Wegweisung gegen das
Refoulementverbot im Sinne von Art. 3 EMRK. Unabhängig davon drohe
ihm im Falle einer Rückkehr in seinen Heimatstaat eine ernsthafte und ak-
tuelle Gefährdung von Leib und Leben, weshalb festzustellen sei, dass
seine Wegweisung unzulässig und unzumutbar sei.
C.b Nach diverser Korrespondenz zwischen dem SEM und den Beschwer-
deführenden reichten diese mit Schreiben vom 15. März 2021 eine Über-
setzung von sechs bereits im Revisionsverfahren eingereichten Dokumen-
ten (Anzeigeprotokoll vom [...] 2017, Protokoll der Beamten der Zweigstelle
für Terrorbekämpfung vom [...] 2017, Ein- und Ausreiseprotokoll betreffend
den Beschwerdeführer, Beleg über eine Zahlung an die Gerichtskasse,
Schreiben der Gendarmerie an die Staatsanwaltschaft vom [...] Oktober
2020 sowie Ermittlungsbericht der Gendarmerie vom [...] Oktober 2020) zu
den Akten. Zudem wurde die baldige Nachreichung weiterer übersetzter
Dokumente in Aussicht gestellt.
C.c Mit Antwortschreiben vom 18. März 2021 hielt die Vorinstanz fest, bis
zum Schreiben vom 15. März 2021 sei sie nicht von einem hängigen Mehr-
fachgesuch ausgegangen. Dies habe sich mit der Einreichung übersetzter
Beweismittel geändert, weshalb sie ein Mehrfachgesuch mit dem besagten
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Datum verbuche und die kantonale Migrationsbehörde über die Ausset-
zung von Vollzugshandlungen informiere.
D.
Mit Verfügung vom 20. April 2021 trat das SEM auf das Mehrfachgesuch
nicht ein; soweit es sich um ein Revisionsgesuch handelte, trat es auf die-
ses mangels funktioneller Zuständigkeit nicht ein; zudem verfügte es die
Wegweisung aus der Schweiz, beauftragte den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung und erhob eine Gebühr in der Höhe von
Fr. 600.–.
Hinsichtlich des Mehrfachgesuchs sah sich das SEM gestützt auf die Ein-
gabe vom 15. März 2021 und die damit eingereichten Beweismittel nicht in
der Lage, über dieses zu entscheiden. Die Eingabe vom 15. März 2021
erfülle im Ergebnis die Anforderungen an die Begründungspflicht für ein
Mehrfachgesuch nicht, weshalb auf dieses gestützt auf Art. 111c Abs. 1
AsylG in Verbindung mit Art. 13 Abs. 2 VwVG nicht eingetreten werde. Der
Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich.
E.
Am 28. April 2021 erhoben die Beschwerdeführenden durch ihren Rechts-
vertreter gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde. Der Eingabe lagen ein Referenzschreiben der Anwältin
G._ vom (...) 2021, eine Gerichtsverfügung des (...) Strafgerichts
der Provinz F._ vom (...) Dezember 2020 bezüglich Ausstellung
von Haftbefehlen, je ein Haftbefehl vom (...) Dezember 2020 wegen Belei-
digung des Staatspräsidenten (Art. 299/1 türkisches Strafgesetzbuch
[tStGB], Aufhetzung des Volkes für Hass und Feindseligkeit (Art. 216/1
tStGB) und Beleidigung der türkischen Nation, des Staates der türkisches
Republik, der Organe und Institutionen des Staates (Art. 301/1 tStGB) in
Kopie bei (Anmerkung des Gerichts: diese fremdsprachigen Unterlagen
wurden im Beschwerdeverfahren auf Aufforderung hin übersetzt). Zur Be-
gründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, aus den eingereichten Do-
kumenten sei ersichtlich, dass gegen den Beschwerdeführer eine Ermitt-
lung wegen Propaganda und Beleidigung des Staatspräsidenten eingelei-
tet und bereits im Jahr 2017 wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisa-
tion ermittelt worden sei. Aufgrund dieser hängigen Strafverfolgung werde
er mit der (...) in Verbindung gesehen. Gemäss Angaben der Anwältin
G._ seien gegen ihn drei separate Haftbefehle ausgestellt worden.
Zusammenfassend machten die dargelegten neuen Gründe sowie alte Be-
weismittel deutlich, dass der Beschwerdeführer in seinem Heimatland
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ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sei und zudem begründete Furcht vor
solchen habe.
F.
Mit Urteil D-1977/2021 vom 22. Juli 2021 hiess das Bundesverwaltungsge-
richt die Beschwerde gut, soweit es darauf eintrat, und wies das SEM an,
auf das Mehrfachgesuch einzutreten und dieses zu prüfen.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, angesichts der (erst)
auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismittel genüge das Mehrfach-
gesuch nunmehr den Anforderungen an die Begründungspflicht im Sinne
von Art. 111c Abs. 1 AsylG.
G.
Am 23. Juli 2021 nahm das SEM das Mehrfachgesuch vom 15. März 2021
wieder auf.
H.
Mit Verfügung vom 9. September 2021 – eröffnet am 10. September 2021
– anerkannte das SEM zum einen den Beschwerdeführer als Flüchtling
gemäss Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG und nahm ihn infolge Unzulässigkeit des
Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig auf, zum andern bezog es
dessen Ehefrau und die beiden Kinder gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG in die
Flüchtlingseigenschaft ein, nahm sie ebenfalls infolge Unzulässigkeit des
Wegweisungsvollzugs vorläufig auf und lehnte die Asylgesuche ab.
Das SEM führte zur Begründung im Wesentlichen aus, aus den eingereich-
ten Justizdokumenten gehe hervor, dass gegen den Beschwerdeführer in
der Türkei ein Ermittlungsverfahren wegen "Beleidigung des Staatspräsi-
denten", "Aufhetzung des Volkes für Hass und Feindseligkeit" und "Belei-
digung der türkischen Nation, des Staates der türkischen Republik, der Or-
gane und Institutionen des Staates" eingeleitet worden sei, wobei die ihm
unterstellten Straftaten auf sein regierungskritisches Engagement in sozi-
alen Medien zurückzuführen seien.
Das Anzeigeprotokoll vom (...) 2017 sowie das Protokoll der Zweigstelle
für Terrorbekämpfung vom (...) 2017, welche beiden Dokumente mit Ein-
gabe vom 15. März 2021 eingereicht worden seien, bezögen sich offen-
sichtlich auf einen Sachverhalt, der sich bereits vor Rechtskraft des Asyl-
entscheids vom 26. Oktober 2017 verwirklicht habe. Zudem seien beide
Beweismittel vor Erlass des Urteils D-6721/2020 entstanden. Somit handle
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es sich um revisionsrechtlich vorzutragende Vorbringen, weshalb das SEM
darauf mangels funktioneller Zuständigkeit nicht eintrete. Die übrigen Be-
weismittel seien im Rahmen eines Mehrfachgesuches entgegengenom-
men worden.
Nach Prüfung der vorliegenden Akten und im Sinne einer Gesamtwürdi-
gung aller wesentlichen Umstände bestehe begründeter Anlass zur An-
nahme, dass der Beschwerdeführer aufgrund seines regierungskritischen
Engagements in sozialen Medien bei einer allfälligen Rückkehr in die Tür-
kei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne
von Art. 3 AsylG zu befürchten habe. Damit seien die Voraussetzungen für
die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG gege-
ben. Weil er die Flüchtlingseigenschaft wegen eines erst nach der Ausreise
aus dem Heimatstaat manifestierten Verhaltens erfülle, sei er gemäss
Art. 54 AsylG von der Asylgewährung auszuschliessen. Somit sei sein
Asylgesuch abzulehnen.
Die übrigen Familienmitglieder hätten im Mehrfachgesuch vom 15. März
2021 keine eigenen Asylgründe geltend gemacht. Sie seien allerdings ge-
stützt auf den Grundsatz der Einheit der Familie ebenfalls als Flüchtlinge
anzuerkennen. Weil dem Beschwerdeführer kein Asyl zu gewähren und
sein Asylgesuch abzulehnen sei, seien auch die Ehefrau und die Kinder
von der Asylgewährung auszuschliessen und ihre Asylgesuche abzu-
lehnen.
Da die Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft erfüllten, werde
der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5 Abs. 1 AsylG ange-
wandt. Deshalb erachte das SEM im vorliegenden Fall den Vollzug der
Wegweisung in den Herkunfts- beziehungsweise Heimat- oder einen Dritt-
staat zum gegenwärtigen Zeitpunkt als nicht zulässig. Deswegen seien sie
in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
I.
Mit Eingabe vom 11. Oktober 2021 erhoben die Beschwerdeführenden
durch ihren Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde
und beantragten, die Verfügung der Vorinstanz sei teilweise aufzuheben.
Es sei ihm (sic) Asyl zu gewähren. Subeventualiter sei die Sache zur
rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses.
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Zur Begründung wurde angeführt, das SEM habe das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers abgelehnt, obwohl dieser in der Türkei aus politischen
Gründe verfolgt werde, und zwar schon vor dessen Einreise in die Schweiz.
Der Beschwerdeführer habe seine Furcht vor ernsthaften Nachteilen im
Sinne von Art. 3 AsylG mittels der eingereichten Beweismittel nachgewie-
sen beziehungsweise glaubhaft gemacht.
Am 15. März 2021 hätten die Beschwerdeführenden betreffend den Be-
schwerdeführer ein Anzeigeprotokoll vom (...) 2017, ein Protokoll der
Zweigstelle für Terrorbekämpfung vom (...) 2017, ein Ein- und Ausreise-
protokoll sowie ein Zahlungsbeleg der Gerichtskasse der Provinz
F._ eingereicht. Da aus diesen Dokumenten ersichtlich sei, dass
gegen den Beschwerdeführer eine Ermittlung wegen Propaganda und Be-
leidigung des Staatspräsidenten eingeleitet und schon im Jahr 2017 eine
Ermittlung wegen Mitgliedschaft einer Terrororganisation geführt worden
sei, seine Probleme mithin im Heimatland schon vor der Ausreise in die
Schweiz entstanden seien, habe er Anspruch auf Asyl.
Aufgrund der nachgewiesenen Verfolgung habe das SEM den rechtser-
heblichen Sachverhalt unvollständig und falsch festgestellt. Dies habe zur
Ablehnung des Asylgesuchs geführt. Sofern die Voraussetzungen für ein
reformatorisches Urteil trotz der nachgewiesenen Verfolgung des Be-
schwerdeführers nicht gegeben sein sollten, sei die Sache an das SEM
zurückzuweisen, damit es den rechtserheblichen Sachverhalt abklären und
anschliessend eine neue Verfügung erlassen werden könne, wobei es die
auf Beschwerdeebene geltend gemachten Vorbringen und die neuen Er-
eignisse zu berücksichtigen habe.
J.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte den Eingang der Beschwerde
am 13. Oktober 2021.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwer-
deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
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(105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die fristge-
recht und formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 6 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
des Asyls und der Wegweisung. Der Wegweisungsvollzug ist nicht mehr zu
prüfen, nachdem die Vorinstanz die Beschwerdeführenden wegen Vorlie-
gens eines Vollzugshindernisses (Unzulässigkeit) vorläufig aufgenommen
hat.
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
Die in der Beschwerde erhobene formelle Rüge, das SEM habe den rechts-
erheblichen Sachverhalt unvollständig und falsch festgestellt, ist vorab zu
beurteilen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
Der Vorwurf der Beschwerdeführenden ist nicht berechtigt. Inhaltlicher Ge-
genstand eines Asyl-Folgegesuchs können nur Sachverhaltselemente bil-
den, die nach Eintritt der Rechtskraft des ordentlichen Asylentscheids ent-
standen sind. So wurde von der Vorinstanz berücksichtigt, dass ein Teil der
am 15. März 2021 eingereichten Beweismittel die Stützung des Vorbrin-
gens, der Beschwerdeführer sei bereits vor seiner Ausreise aus der Türkei
beziehungsweise im Jahr 2017 in seinem Heimatstaat im Sinne von Art. 3
AsylG verfolgt worden, bezweckt. Die Beschwerdeführenden scheinen zu
verkennen, dass in der angefochtenen Verfügung bezüglich der besagten
Beweismittel explizit darauf hingewiesen wurde, dass die entsprechenden
Vorbringen revisionsrechtlich vorzutragen wären (vgl. Verfügung vom
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9. September 2021, III 2. 2. Absatz S. 5). Dies war ihnen im Übrigen bereits
im Nichteintretensentscheid des SEM vom 20. April 2021 (vgl. Prozessge-
schichte Bst. D.) mitgeteilt worden. Deshalb kann von einer unvollständi-
gen oder unrichtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts keine
Rede sein.
Die formelle Rüge erweist sich aufgrund dieser Sachlage als unbegründet,
weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen Gründen
teilweise aufzuheben und zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsfeststellung
und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entspre-
chende Subeventualbegehren ist somit abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.3 Subjektive Nachfluchtgründe sind dann anzunehmen, wenn eine asyl-
suchende Person erst durch die Flucht aus dem Heimat- oder Herkunfts-
staat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Wesentlich ist, ob die heimatli-
chen Behörden das Verhalten des Asylsuchenden als staatsfeindlich ein-
stufen und dieser deswegen bei einer Rückkehr eine Verfolgung befürch-
ten muss. Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar kein
Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (Art. 54 AsylG;
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vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1; Entscheidungen und Mitteilungen der Schwei-
zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2000 Nr. 16 E. 5a m.w.H.).
6.4 Wie bereits vorstehend erwähnt, hat das SEM in Bezug auf die Beweis-
mittel aus dem Jahr 2017 (Anzeigeprotokoll vom [...] 2017 und Protokoll
der Zweigstelle für Terrorismus vom [...] 2017) festgehalten, dass und wes-
halb diese Beweismittel nicht Gegenstand des Mehrfachgesuches bilden
könnten. Inwiefern dies unzutreffend sein soll, wird in der Beschwerde we-
der dargelegt noch ist solches aus den Akten ersichtlich. Was das (unda-
tierte) Ein- und Ausreiseprotokoll des Beschwerdeführers und den Zah-
lungsbeleg der Gerichtskasse der Provinz F._ vom (...) 2020 anbe-
langt, hat sich zwar das SEM nicht ausdrücklich geäussert. Indessen ist
dies (im Sinne einer qualifizierten Wiedererwägung) auch nicht zu bean-
standen, da die Beweismittel nicht ansatzweise einen Zusammenhang mit
einer angeblichen Vorverfolgung erkennen lassen. Das Bundesverwal-
tungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten deshalb zum Schluss, dass
die Vorinstanz die Beschwerdeführenden zu Recht von der Asylgewährung
ausgeschlossen und ihre Asylgesuche abgewiesen hat. Der Vollständigkeit
halber bleibt anzumerken, dass die Beschwerdeführenden die erwähnten
Beweismittel bereits im Revisionsverfahren D-5384/2020 eingereicht hat-
ten, wo sie – soweit im Rahmen jenes Verfahrens möglich – in die Beurtei-
lung der Verfahrenschancen eingeflossen waren (vgl. vorstehend Bst. B.).
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Die Beschwerde-
führenden verfügen insbesondere weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet.
8.
8.1 Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
(Art. 63 Abs. 4 VwVG) ist mit vorliegendem Direktentscheid gegenstands-
los geworden.
8.2 Die Beschwerdebegehren erwiesen sich nach dem Gesagten als aus-
sichtslos, weshalb das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung – ungeachtet der nachgewiesenen Bedürftigkeit – abzuwei-
sen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
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Seite 11
8.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 1'500.– festzusetzen (Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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