Decision ID: 403c09fd-6520-5fb8-9d5c-da978db6e58d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Sri Lanka eigenen Angaben zufolge im (...)
2013 und gelangte am 5. Januar 2020 in die Schweiz, wo er gleichentags
um Asyl nachsuchte. Nach seiner Zuweisung in das Bundesasylzentrum
(BAZ) Region B._ fand am 13. Januar 2020 die Personalienauf-
nahme (PA; Protokoll in den SEM-Akten act. [...]-12/9, nachfolgend act.
12/9) und am 17. Januar 2020 das Dublin-Gespräch (Protokoll in den SEM-
Akten act. [...]-15/4, nachfolgend act. 15/4) statt. Am 18. Februar 2020
wurde er zu seinen Asylgründen angehört (Anhörung; Protokoll in den
SEM-Akten act. [...]-22/16, nachfolgend act. 22/16).
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, er sei sri-lankischer
Staatsangehöriger tamilischer Ethnie aus dem Vanni-Gebiet. Die letzten
zwei Jahre vor der Ausreise habe er in einem Schulinternat in C._
verbracht. Seine Eltern seien Mitglieder der LTTE (Liberation Tigers of Ta-
mil Eelam) gewesen. Sein Vater sei dort für die Finanzen in einer (...) zu-
ständig gewesen. Seine Mutter habe als (...) für ein (...) dieser Organisa-
tion gearbeitet. Er und seine jüngere Schwester seien nie Mitglied der Or-
ganisation gewesen. Er habe jedoch im Alter von (...) bis (...) Jahren The-
aterstücke in LTTE-Kleidern aufgeführt und als (...)jähriger während unge-
fähr einer Woche mit seinem Vater (...). 2009 habe sich seine Familie bei
Kriegsende dem Militär ergeben. Sein Vater sei abgeführt worden und seit-
her verschollen. Seine Mutter habe unter anderem mit Hilfe der sri-lanki-
schen Human Rights Commission wiederholt versucht, ihn ausfindig zu
machen. Sie sei deshalb mehrmals von der Polizei und dem CID (Criminal
Investigation Department) vorgeladen, befragt und zuhause belästigt wor-
den. Im (...) 2013 sei sie deshalb auf Anraten ihrer Verwandten mit ihm und
seiner jüngeren Schwester nach Thailand geflüchtet, wo sie vom Flücht-
lingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) als Flüchtlinge
anerkannt worden seien. Er sei dort wegen Suizidgedanken zweimal bei
einem Psychiater in Behandlung gewesen. Er habe Thailand verlassen und
sei mit Hilfe eines Schleppers illegal in die Schweiz eingereist, weil sein
Aufenthalt dort nicht geregelt worden sei.
Der Beschwerdeführer reichte verschiedene Dokumente (Passkopie,
Flüchtlingskarte und weitere Unterlagen des UNHCR in Thailand, Geburts-
registerauszug, Schulunterlagen, Familienkarte, Umsiedlungsbestätigung,
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medizinische Unterlagen aus Thailand, Bestätigungsschreiben eines thai-
ländischen Pfarrers, Vorladung der sri-lankischen Polizei für seine Mutter
und drei Farbfotos seiner Eltern) zu den Akten.
B.
Mit Schreiben vom 25. Februar 2020 reichte die Rechtsvertretung medizi-
nische Akten (Zuweisungen zur medizinischen Abklärung vom 11. und
17. Februar 2020 sowie Arztbericht vom 20. Februar 2020) ein.
C.
Am 26. Februar 2020 nahm die Rechtsvertretung Stellung zum Entscheid-
entwurf. Sie führte aus, die Prüfung der Flüchtlingseigenschaft sei ungenü-
gend gewesen, weil die Verfolgung der Eltern des Beschwerdeführers zu
wenig berücksichtigt worden sei. Dies stelle eine Verletzung der Untersu-
chungs- und Begründungspflicht dar. Die (...)malige Abweisung der bei der
Schweizer Botschaft in Thailand eingereichten Asylgesuche der Familien-
angehörigen (Beschwerdeführer, Mutter und Schwester) zwischen 2014
und 2016 sage nichts über ihre Flüchtlingseigenschaft aus, weil das Bot-
schaftsasyl 2012 abgeschafft worden sei. Die Sachlage bezüglich der
Flüchtlingseigenschaft der Mutter sei dem SEM aufgrund der Gesuche zu-
gänglich und müsse in die Erwägungen des vorliegenden Entwurfs einflies-
sen. Am (...) 2018 habe der Beschwerdeführer ein Gesuch um Erteilung
eines humanitären Visums gestellt, das am 11. Juni 2018 abgelehnt wor-
den sei. Die dagegen erhobene Beschwerde sei zurzeit beim Bundesver-
waltungsgericht hängig. Somit sei eventualiter der Ausgang dieses Verfah-
rens abzuwarten, weil relevante Erwägungen zur Flüchtlingseigenschaft
der Mutter hervorgehen könnten. Es sei jedoch darauf hinzuweisen, dass
sich die Voraussetzungen für ein humanitäres Visum von denjenigen für
die Gewährung von Asyl unterscheiden würden. Man könne sich somit
nicht pauschal auf den Standpunkt stellen, bei einer Ablehnung eines Ge-
suchs um ein humanitäres Visum sei auch die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfüllt. Das Verfahren sei dem erweiterten Verfahren zuzuweisen, weil die
nötigen Nachforschungen innerhalb des getakteten Verfahrens nicht mög-
lich seien. Auch die vergleichsweise lange Begründung des Entscheident-
wurfs zeige, dass es sich um einen komplexen Sachverhalt handle. Die
Ausführungen zur Asylrelevanz der Aussagen des Beschwerdeführers und
zum Wegweisungsvollzug würden bestritten. Der Sachverhalt sei ungenü-
gend abgeklärt. Auch der medizinische Sachverhalt sei ungenügend fest-
gestellt worden. Die Tatsache, dass sich der Beschwerdeführer in der
Schweiz besser fühle, sei ein Hinweis darauf, dass sich sein Gesundheits-
zustand in einem sicheren Umfeld endlich stabilisiert habe. Ein erneuter
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Wechsel in eine neue Umgebung mit einem unzureichenden sozialen Netz
wäre für ihn mit diversen Trauma verbunden und würde sich nachteilig auf
seine suizidale Veranlagung auswirken. Eine gemäss Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts (Urteil E-6952/2018 vom 12. November 2019
E. 5.7) erforderliche individuelle Zusicherung für eine Behandlung und me-
dizinische Unterstützung am möglichen Aufenthaltsort in Sri Lana liege
nicht vor.
D.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 27. Februar 2020 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab, ordnete die Wegweisung sowie den Vollzug an
und händigte ihm die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis
aus. Zum Sachverhalt vor Einreichen des Asylgesuchs führte es aus, der
Beschwerdeführer habe zwischen 2014 und 2016 zusammen mit seiner
Mutter und seiner Schwester (...) Asylgesuche bei der Schweizer Botschaft
in Thailand gestellt, die alle abgelehnt worden seien. Am 8. Juni 2018 hät-
ten sie bei der Botschaft in Thailand einen Antrag auf Erteilung eines hu-
manitären Visums eingereicht, der mit Verfügung vom 11. Juni 2018 abge-
lehnt worden sei. Die dagegen erhobene Einsprache vom 14. Juni 2018
respektive 5. Juli 2018 sei mit Entscheid vom 10. Juli 2018 abgewiesen
worden. Am 30. August 2018 sei gegen diesen Entscheid Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht erhoben worden. Dieses Verfahren sei
zurzeit noch hängig.
E.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 9. März 2020 gelangte der Beschwerdeführer
durch seine Rechtsvertretung an das Bundesverwaltungsgericht und be-
antragte unter Aufhebung dieser Verfügung sei seine Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die vorläu-
fige Aufnahme anzuordnen, subeventualiter die Sache zur rechtsgenügli-
chen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht beantragte er, unter Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewäh-
ren. Als Beilagen reichte er Kopien der Vollmacht, der angefochtenen Ver-
fügung, der UNHCR-Karte, eines Fotos des Beschwerdeführers in einem
Propaganda-Theater der LTTE und Kopien der Arztberichte vom 4. sowie
20. Februar 2020 ein.
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F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
10. März 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).
G.
Am 12. März 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht der Rechts-
vertreterin den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
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Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft befürchten muss, die ihr gezielt
und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Heimat-
staates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2).
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, die Vorbringen
des Beschwerdeführers vermöchten den Anforderungen an die Flüchtlings-
eigenschaft nicht zu genügen. Insbesondere könne aus den geltend ge-
machten Verfolgungsmassnahmen, die sich gegen die Mutter gerichtet hät-
ten, keine gegen den Beschwerdeführer gerichtete Verfolgung abgeleitet
werden. Er habe angegeben, selber nichts Nachteiliges in Sri Lanka erlebt
zu haben, er sei in Ruhe gelassen worden. Er sei weder in Haft gewesen
noch habe er sonst jemals Probleme mit den sri-lankischen Behörden ge-
habt. Es sei deshalb nicht davon auszugehen, dass er vor seiner Ausreise
im (...) 2013 asylrelevanten Nachteilen ausgesetzt gewesen sei. Seine Zu-
gehörigkeit zur tamilischen Ethnie und seine etwas mehr als sechsjährige
Landesabwesenheit reichten praxisgemäss für die Annahme von Verfol-
gungsmassnahmen der sri-lankischen Behörden bei seiner Rückkehr nicht
aus. Ebenso stellten die Befragung illegal ausgereister Rückkehrer am
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Flughafen und das allfällige Eröffnen eines Strafverfahrens wegen illegaler
Ausreise keine asylrelevanten Massnahmen dar. Dies gelte auch für Kon-
trollmassnahmen am Herkunftsort. Hingegen würden Personen, die beson-
ders enge Beziehungen zu den LTTE gehabt und kein Rehabilitierungspro-
gramm durchlaufen hätten, nach wie vor verhaftet. Der Beschwerdeführer
sei vor seiner Ausreise in keiner Art und Weise in den Fokus der Behörden
geraten, zumal er bei Kriegsende noch nicht einmal zehnjährig gewesen
sei. Den Akten könnten auch keine Hinweise darauf entnommen werden,
dass er für sie von besonderem Interesse sein könnte. Dafür spreche auch,
dass er weder in Thailand noch in der Schweiz exilpolitisch tätig gewesen
sei und auch sonst keine Aktivitäten im Zusammenhang mit den LTTE vor-
zuweisen habe. Auch aus dem Dokument betreffend Rechtsstreit um ein
Grundstück ergebe sich keine Verbindung zu seiner Person. Ebenso wenig
könnten seinen weiteren Aussagen, er könne das, was er erlebt und gese-
hen habe, nicht vergessen, und er würde etwas unternehmen, um seinen
Vater zu finden, Hinweise auf eine künftige asylrelevante Verfolgung ent-
nommen werden. Folglich sei trotz gewisser vorhandener Risikofaktoren
nicht von einem Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden auszu-
gehen.
Die am 16. November 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl mit dem Sieg
von Gotabaya Rajapaksa, dem Bruder des früheren Präsidenten Mahindar
Rajapaksa, vermöge diese Einschätzung nicht umzustossen. Zwar würden
mit seiner Wahl und ersten Anzeichen zunehmender Überwachungsaktivi-
täten Befürchtungen vor mehr Repression und Überwachung von Men-
schenrechtsaktivisten, Journalisten, Oppositionellen, regierungskritischen
Personen und Minderheiten einhergehen. Dennoch gebe es zum jetzigen
Zeitpunkt keinen Anlass zur Annahme, dass ganze Volksgruppen kollektiv
einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt seien. Es gebe keine Berichte über
asylrelevante Verfolgungsmassnahmen gegenüber den genannten Perso-
nengruppen nach den Wahlen. Tamilische Medien hätten bislang ebenfalls
nicht über grosse Veränderungen der Situation im tamilisch geprägten Nor-
den und Osten Sri Lankas berichtet. Das SEM prüfe das Verfolgungsrisiko
weiterhin im Einzelfall. Voraussetzung für die Annahme einer Verfolgungs-
gefahr aufgrund der Präsidentschaftswahlen sei ein persönlicher Bezug
der asylsuchenden Person zu eben diesem Ereignis respektive seinen Fol-
gen. Dafür reiche es nicht aus, pauschal auf politische Entwicklungen der
jüngeren Vergangenheit oder mögliche Zukunftsszenarien zu verweisen,
sondern es sei eine hinreichende Subsumption im Einzelfall notwendig.
Dies sei vom Beschwerdeführer nicht dargetan worden. Seinen Aussagen
bei der Anhörung könne entnommen werden, dass sich für seine in Sri
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Lanka verbliebenen Familienmitglieder seit dem Machtwechsel nichts ver-
ändert habe. Somit bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme, dass
er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlich-
keit und in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen
ausgesetzt sein werde. Die UNHCR-Flüchtlingskarte aus Thailand ver-
möge an dieser Beurteilung nichts zu ändern, zumal die Prüfung der
Flüchtlingseigenschaft in den Zuständigkeitsbereich der Schweiz falle. Das
Bestätigungsschreiben des Pfarrers aus Thailand sei als Gefälligkeits-
schreiben mit einem entsprechend geringen Beweiswert zu klassieren.
Auch die eingereichten Farbfotos der Eltern bei ihrer Tätigkeit für die LTTE
vermöchten an den bisherigen Erwägungen nichts zu ändern, zumal ihre
Aktivitäten nicht angezweifelt worden seien. Die übrigen Dokumente (Ge-
burtsregisterauszug, Schulunterlagen, Familienkarte und Umsiedelungs-
bestätigung) vermöchten die gesuchsbegründenden Aussagen nicht zu be-
legen.
Zur Stellungnahme der Rechtsvertretung sei festzuhalten, dass die Akten
der Anträge auf humanitäre Visa für die Prüfung des Asylgesuchs beigezo-
gen worden seien. Sie vermöchten keine andere Beurteilung herbeizufüh-
ren. Mit dem Entscheid müsse nicht zugewartet werden, weil die Visums-
verfahren in keinem direkten Zusammenhang mit dem Asylverfahren des
Beschwerdeführers in der Schweiz stünden. Der Sachverhalt sei ausrei-
chend erstellt. Der Antrag der Rechtsvertretung auf Zuweisung in das er-
weiterte Verfahren müsse zurückgewiesen werden, weil dem von ihr dar-
gelegten Zusammenhang zwischen der Länge des Entscheidentwurfs und
der Komplexität des Sachverhalts nicht gefolgt werden könne. Zum Ge-
sundheitszustand des Beschwerdeführers könne den mit Eingabe der
Rechtsvertretung vom 25. Februar 2019 (recte: 25. Februar 2020) einge-
reichten medizinischen Akten entnommen werden, dass er sich einer
Zahnbehandlung unterzogen habe. Zudem habe sich sein Schlaf gebes-
sert, er erhalte jedoch weiterhin Medikamente wegen einer Depression.
Diese Unterlagen vermöchten an den Erwägungen im Entscheidentwurf
zum Gesundheitszustand (Ziff. III) mangels wesentlich neuer Erkenntnisse
nichts zu ändern. Den Ausführungen zum medizinischen Sachverhalt
könne somit gefolgt werden. Zum in der Stellungnahme erwähnten Urteil
des BVGer E-6952/2018 vom 12. November 2019 E.5.7 sei anzumerken,
dass aus Sicht des SEM die Erwägungen zur individuellen Zusicherung
medizinischer Behandlungen in Angola nicht in der von der Rechtsvertre-
tung geltend gemachten Form für Sri Lanka anwendbar seien. Die bisheri-
gen Ausführungen zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs würden
deshalb als ausreichend erachtet.
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5.2 In der Beschwerde wurde in formeller Hinsicht ausgeführt, das SEM
habe das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers und die Begründungs-
pflicht verletzt, weil es vor dem Nichteintretensentscheid das Urteil des
Bundesverwaltungsgerichts im hängigen Beschwerdeverfahren F-
4968/2018 (Visum aus humanitären Gründen) nicht abgewartet habe. In
materieller Hinsicht wurde ausgeführt, der Beschwerdeführer sei vor seiner
2013 erfolgte Ausreise nach Thailand mit seiner Mutter und Schwester von
den sri-lankischen Behörden verschont worden, weil er damals erst (...)jäh-
rig gewesen sei. Die Verfolgung seiner Mutter sei für ihn als Kind in ihrer
Obhut genauso massgebend gewesen. Aufgrund seiner Aussagen bei der
Anhörung bestehe ein Rechtsstreit über das Grundstück und Haus der Fa-
milie an der (...) Road, (...) in D._ im Vanni-Gebiet. Er vermute,
dass die Personen, die sich den Besitz nach dem Krieg hätten überschrei-
ben lassen, für den Verrat an seinen Eltern verantwortlich seien. Seine Mut-
ter sei noch im letzten Jahr von der Polizei vorgeladen worden. Diese Per-
sonen hätten ein aktuelles Interesse daran, dass die Familie des Be-
schwerdeführers als LTTE-Rebellen ins Visier der Behörden gerate. Mit der
Vorladung sei belegt, dass die Mutter noch im letzten Jahr als Mitglied der
LTTE bezeichnet worden sei. Der inzwischen volljährige Beschwerdeführer
sei der einzige Sohn. Bei einer Rückkehr nach Sri Lanka würde sich der
Rechtsstreit seiner Familie auf ihn als Familienoberhaupt verlagern und er
wäre asylrelevanten Nachteilen ausgesetzt. Seine Eltern seien im Dorf als
LTTE-Rebellen bekannt und er selber sei früh in Propagandaaktivitäten in-
volviert gewesen. Durch den Rechtsstreit bestehe ein aktuelles Interesse,
den Beschwerdeführer als Mitglied der LTTE zu bezeichnen. Er habe aus-
gesagt, nach seiner Rückkehr seinen Vater suchen zu wollen. Er wäre auf-
grund des tamilischen Brauchs und des gesellschaftlichen Drucks ver-
pflichtet, Nachforschungen zu betreiben, was ihn entsprechend exponieren
würde. Durch diese einzelnen Faktoren ergebe sich kumulativ gesehen ein
verschärftes Risiko im Sinne der Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts.
6.
6.1 Die formelle Rüge erweist sich als unbegründet. Wie die Rechtsvertre-
tung in der Beschwerde selber ausführt, unterscheiden sich die Vorausset-
zungen für die Erteilung eines Visums aus humanitären Gründen von den-
jenigen für die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft. In der angefochte-
nen Verfügung wurde in Bezug auf die gleichlautende formelle Rüge in der
Stellungnahme zutreffend ausgeführt, dass das beim Bundesverwaltungs-
gericht noch hängige Beschwerdeverfahren F-4968/2018 betreffend Visum
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aus humanitären Gründen (vgl. act. 21/123) und das Asylverfahren des Be-
schwerdeführers keinen direkten Einfluss aufeinander haben, weshalb mit
dem Asylentscheid nicht zugewartet werden muss. Im Gegenteil: Im Rah-
men der Beurteilung eines Gesuchs um Erteilung eines humanitären Vi-
sums wird keine Prüfung der Flüchtlingseigenschaft vorgenommen. Eine
solche Prüfung erfolgt vielmehr nach Bewilligung des humanitären Visums,
Einreise in die Schweiz und entsprechende Asylgesuchstellung (vgl. auch
BVGE 2015/5 E. 4 ff. zu den Voraussetzungen der Erteilung eines huma-
nitären Visums und dem Prüfungsumfang). Die Vorinstanz war daher ge-
halten, das Asylgesuch des Beschwerdeführers anhand zu nehmen und zu
prüfen. Dabei obliegt es dem Beschwerdeführer im Rahmen seiner Mitwir-
kungspflicht, alles wesentlichen Aspekte, die für die Prüfung seines Ge-
suchs von Relevanz sein könnten, vorzutragen, auch solche, welche auf
eine Reflexverfolgung schliessen lassen könnten. Dies hat der Beschwer-
deführer im Rahmen der Anhörung auch getan. Das SEM hat seinerseits
im Sachverhalt die bisherige Prozessgeschichte des alle drei Familienmit-
glieder (Beschwerdeführer, Mutter, Tochter) betreffenden Visumsverfah-
rens aufgeführt sowie die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Vor-
bringen einer materiellen Würdigung unterzogen. Damit ist es seiner Be-
gründungspflicht und dem Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtli-
ches Gehör nachgekommen. Dies betrifft im Übrigen auch die Ausführun-
gen zur medizinischen Situation des Beschwerdeführers. Aus den Akten
ergeben sich auch keinerlei Hinweise darauf, dass die Vorinstanz den
Sachverhalt unrichtig respektive unvollständig festgestellt haben könnte.
Somit liegen keine Gründe vor, die eine Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz aus formellen Gründen rechtfertigen würden. Das subeventua-
liter gestellte Rechtsbegehren ist deshalb abzuweisen.
6.2
6.2.1 In materieller Hinsicht gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit
dem SEM zum Schluss, dass die gesuchsbegründenen Aussagen des Be-
schwerdeführers den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht zu
genügen vermögen. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann vollum-
fänglich auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
verwiesen werden.
6.2.2 Insbesondere machte der Beschwerdeführer in Bezug auf seine Pe-
ron keine Vorfluchtgründe im Sinne eigener Behelligungen gegen seine
Person geltend. Es ist aufgrund seiner Aussagen auch nicht von einer in
objektiver Hinsicht begründeten Furcht vor künftiger Verfolgung auszuge-
hen. Der Beschwerdeführer keinen Sachverhalt vorgetragen, welcher die
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Seite 11
Annahme einer Reflexverfolgung rechtfertigen könnte. Die Vorinstanz hat
zutreffend ausgeführt, dass sich aus der polizeilichen Vorladung, welche
an seine Mutter im Zusammenhang mit einem Rechtsstreit um ein Grund-
stück gerichtet gewesen sein soll, kein Bezug zu seiner Person ergibt (vgl.
act. 22/16 F37 f.). Ebenso wenig ergeben sich aus dem Vorbringen in der
Rechtsmitteleingabe, der Beschwerdeführer würde bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka in den Fokus der sri-lankischen Behörden geraten, weil er
aufgrund des tamilischen Brauchs verpflichtet wäre, die bis zum Jahr 2013
erfolglos gebliebenen Nachforschungen seiner Mutter nach dem Verbleib
seines Vaters fortzuführen, Hinweise auf eine zukünftige asylrelevante Ver-
folgung im Sinne von Art. 3 AsylG. Insgesamt ist auch bei unterstellter
Glaubhaftigkeit der ehemaligen Mitgliedschaft der Eltern bei der LTTE vor
Kriegsende aufgrund seiner Aussagen bei der Anhörung, er und seine
Schwester seien nicht bei der LTTE gewesen, und er habe vor seiner Aus-
reise nach Thailand im (...) 2013 keine Probleme mit den sri-lankischen
Behörden gehabt, er sei in Ruhe gelassen worden (act. 22/9 F72 ff.), nicht
von einem Verfolgungsinteresse an seiner Person auszugehen.
6.2.3 Aufgrund der Akten ist auch nicht ersichtlich, dass der Beschwerde-
führer aus anderen Gründen ein persönliches Profil aufweist, das die Auf-
merksamkeit der sri-lankischen Sicherheitsbehörden auf sich ziehen
könnte (vgl. Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 8). Auch diesbezüglich
ist auf die einlässliche Begründung in der Verfügung zu verweisen (act.
31/12 E. 2, vgl. auch vorstehende Erwägung 5.1). Auch mit der Papierbe-
schaffung auf dem sri-lankischen Generalkonsulat und einer allfälligen Be-
fragung bei der Einreise am Flughafen in Colombo sind regelmässig keine
asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen verbunden (vgl. BVGE 2017/6 E.
4.3.3).
6.2.4 An dieser Einschätzung ändert auch der Regierungswechsel vom
16. November 2019 nichts. Am 16. November 2019 wurde Gotabaya Raja-
paksa zum neuen Präsidenten Sri Lankas gewählt (vgl. Neue Zürcher Zei-
tung [NZZ], In Sri Lanka kehrt der Rajapaksa-Clan an die Macht zurück,
17.11.2019; https://www.theguardian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-
presidential-candidate-rajapaksa-premadas-count-continues, abgerufen
am 5. März 2020). Gotabaya Rajapaksa war unter seinem älteren Bruder,
dem ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der von 2005 bis 2015
an der Macht war, Verteidigungssekretär. Er wurde angeklagt, zahlreiche
Verbrechen gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Aktivisten be-
gangen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechts-
verletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet
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Seite 12
die Anschuldigungen (vgl. Human Rights Watch: World Report 2020 – Sri
Lanka, 14.1.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident sei-
nen Bruder Mahinda zum Premierminister und band einen weiteren Bruder,
Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder Gotabaya, Ma-
hinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regierungskabinett
zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institutionen
(vgl. https://www.aninews.in/ne ws/world/asia/sri-lanka-35-including-presi-
dents-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-state2019112717
4753/, abgerufen am 1. April 2020). Beobachter und ethnische/religiöse
Minderheiten befürchten insbesondere mehr Repression und die ver-
mehrte Überwachung von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten,
Journalistinnen und Journalisten, Oppositionellen und regierungskritischen
Personen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Regierungswechsel
weckt Ängste bei Minderheiten, 21.11.2019). Anfang März 2020 löste Go-
tabaya Rajapaksa das Parlament vorzeitig auf und kündigte Neuwahlen an
(vgl. NZZ, Sri Lankas Präsident löst das Parlament auf, 3.3.2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszu-
gehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind
beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri
Lanka: Families of "Disappeard" Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt
es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Im vorliegenden konkreten Einzelfall
besteht aufgrund des Gesagten kein persönlicher Bezug des Beschwerde-
führers zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive de-
ren Folgen.
6.3 Der Beschwerdeführer vermochte insgesamt keine Vorfluchtgründe
und auch keine im heutigen Zeitpunkt in objektiver Hinsicht begründete
Furcht darzutun, bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft Verfolgungsmassnahmen im
Sinne von Art. 3 AsylG zu erleiden. Die Beschwerdevorbringen führen zu
keiner anderen Beurteilung. Das SEM hat das Asylgesuch des Beschwer-
deführers zu Recht abgelehnt.
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Seite 13
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
E-1395/2020
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8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, er habe gelegentlich Sui-
zidgedanken, ist zur Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzuhalten,
dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen nur in seltenen Ausnahmefällen einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen kann (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die Praxis
des EGMR, EGMR, Beschwerde-Nr. 41738/10 P. gegen Belgien vom 13.
Dezember 2016). Der EGMR anerkennt grundsätzlich keinen durch die
EMRK geschützten Anspruch auf Verbleib in einem Konventionsstaat, um
weiterhin in den Genuss medizinischer Unterstützung zu kommen (vgl. Ur-
teil des EGMR vom 2. Mai 1997 i.S. D. gegen Vereinigtes Königreich). Hin-
sichtlich der Gefahr einer Selbstgefährdung bei einer zwangsweisen Über-
stellung ist der wegweisende Staat gemäss Praxis des EGMR nicht ver-
pflichtet, vom Vollzug der Wegweisung Abstand zu nehmen, falls Ausländer
oder Ausländerinnen Suizidgedanken haben. Die Überstellung vermag
nicht gegen Art. 3 EMRK zu verstossen, wenn der wegweisende Staat
Massnahmen ergreift, um die Umsetzung solcher Gedanken zu verhindern
(vgl. den Unzulässigkeitsentscheid des EGMR vom 7. Oktober 2004 i.S. D.
und andere gegen Deutschland [Beschwerde Nr. 33743/03], angeführt in
Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schweizerischen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 23 E. 5.1 [S. 212]). Vorliegend ist,
entgegen den diesbezüglichen Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe,
festzustellen, dass eine Rückführung des Beschwerdeführers nach Sri
Lanka nicht gegen Art. 3 EMRK verstösst, zumal seine psychische Erkran-
kung die hohe Schwelle zur Annahme eines „real risk“ offensichtlich nicht
erreicht. Weiterhin bestehenden oder sich gar akzentuierenden suizidalen
Tendenzen ist im Falle einer (zwangsweisen) Rückführung bei der Ausge-
staltung der Modalitäten durch angemessene, sorgfältige Vorbereitung
Rechnung zu tragen, indem geeignete medizinische Massnahmen getrof-
fen werden und eine adäquate Betreuung (beispielsweise durch medizini-
sches Fachpersonal) sichergestellt wird. Der Beschwerdeführer befindet
E-1395/2020
Seite 15
sich in der Schweiz in ärztlicher Behandlung, weshalb einer möglicher-
weise erneut auftretenden akuten Suizidalität medikamentös entgegenge-
wirkt werden kann.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka
lässt den Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts nicht als un-
zulässig erscheinen (vgl. Urteil BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016
E. 12.2). Es ergeben sich aus den Akten auch keine konkreten Hinweise
darauf, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die
über einen so genannten "Background Check" (Befragung und Überprü-
fung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass
er persönlich gefährdet wäre. Daran vermögen der Regierungswechsel
vom November 2019 sowie die seither veränderte Lage in Sri Lanka nichts
zu ändern. Der Wegweisungsvollzug erweist sich somit als zulässig.
8.4
8.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.4.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen, und es herrscht weder Krieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1). Ge-
mäss Rechtsprechung ist der Wegweisungsvollzug in die Nord- und Ost-
provinz zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskri-
terien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen
Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
E-1395/2020
Seite 16
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Urteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 13.2). Im als Referenzurteil publizierten Urteil D-3619/2016
vom 16. Oktober 2017 E. 9.5 erachtet das Bundesverwaltungsgericht auch
den Wegweisungsvollzug ins „Vanni-Gebiet“, wo der Beschwerdeführer bis
zu seiner Ausreise gelebt hat, als zumutbar. An dieser Einschätzung ver-
mögen die Gewaltvorfälle in Sri Lanka vom 21. April 2019, der gleichentags
von der sri-lankischen Regierung verhängte Ausnahmezustand, der am
28. August 2019 wieder aufgehoben wurde, und die mit den Wahlen im
November 2019 zusammenhängenden gewalttätigen Ausschreitungen
nichts zu ändern.
8.4.3 In individueller Hinsicht ist mit der Vorinstanz festzustellen, dass es
sich beim Beschwerdeführer um einen jungen Mann handelt, der in Sri
Lanka acht Jahre die Schule – in den letzten zwei Jahren ein Privatinternat
in C._ – besucht hat. Auch in Thailand besuchte er die Schule im
Flüchtlingscamp und absolvierte Sprachkurse in Englisch und Thailändisch
sowie einen Kurs für Computerbasiskenntnisse. Des Weiteren sammelte
er in Thailand Arbeitserfahrung als (...). Seine (...) mütterlicherseits unter-
stützten die Familie wiederholt finanziell. Die (...) in E._ übernahm
einen Teil seiner über 20'000 CHF betragenden Reisekosten von Thailand
in die Schweiz. Gemäss seinen weiteren Aussagen besitzt seine (...) müt-
terlicherseits ein grosses Feld in Sri Lanka und konnte die Familie des Be-
schwerdeführers aufgrund von Ernteeinnahmen finanziell unterstützen
(act. 22/16 S. 4 ff. F25 ff., F54). Seine (...) mütterlicherseits leben in Sri
Lanka. Es ist mithin davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer über
ein tragfähiges verwandtschaftliches Beziehungsnetz verfügt, und ihm eine
soziale und wirtschaftliche Reintegration möglich sein wird. Es ist deshalb
nicht davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr in sein Heimatland in
eine existenzielle Notlage geraten wird.
8.4.4 Der Beschwerdeführer macht geltend, in Thailand Suizidgedanken
gehabt zu haben und deshalb zweimal zu einem Psychiater in F._
gegangen zu sein. Er leide hier in der Schweiz an einer Depression und
nehme Medikamente. Er sei in psychiatrischer Behandlung. Bei der Anhö-
rung führte er auf die Frage nach seinem Gesundheitszustand aus, er habe
noch Zahnschmerzen wegen einer erfolgten Behandlung und ein ängstli-
ches Gefühl, ansonsten habe er keine anderen gesundheitlichen Prob-
leme. Die Suizidgedanken seien seit seiner Ankunft in der Schweiz weniger
geworden. Er müsse aber wegen einer Depression Medikamente einneh-
men (act. 22/3 F14 ff.).
E-1395/2020
Seite 17
Auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aufgrund einer medizini-
schen Notlage kann nur geschlossen werden, wenn eine notwendige me-
dizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht und die
Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des
Gesundheitszustandes führt. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und
dringende medizinische Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung
einer menschenwürdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit
liegt jedenfalls noch nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat eine
nicht dem schweizerischen Standard entsprechende medizinische Be-
handlung möglich ist (vgl. BVGE 2017 VI/7 E. 6, 2011/9 E. 7 und 2009/2
E. 9.3.2 je m.w.H.). Vorliegend ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz
festzuhalten, dass die psychischen Probleme des Beschwerdeführers nicht
derart sind, dass sie bei seiner Rückkehr nach Sri Lanka zu einer massiven
Verschlechterung seines Gesundheitszustandes und einer medizinischen
Notlage führen würden (vgl. auch den ärztlichen Bericht vom 17. Feb-
ruar 2020 act. 29/1). Der Beschwerdeführer kann sich sodann auch im Hei-
matland behandeln lassen. Die Gesundheitsversorgung ist in Sri Lanka
grundsätzlich kostenlos, zudem hat das Land in den letzten Jahren grosse
Fortschritte erzielt und verfügt neben Spitälern mit psychiatrischen Abtei-
lungen zur stationären Betreuung auch über zahlreiche Einrichtungen für
die ambulante Behandlung von psychisch erkrankten Patienten (vgl. unter
anderen Urteile des BVGer E-5842/2019 vom 25. November 2019 E. 10.4,
D-3210/2018 vom 5. Juli 2019 E. 8.3 und D-2356/2019 vom 27. Juni 2019
E. 9.2 m.w.H.). Dem Beschwerdeführer steht es zudem frei, bei der Rück-
kehrberatungsstelle der IOM (International Organization for Migration) ge-
stützt auf Art. 93 AsylG medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen. Diese
kann durch die Abgabe von Medikamenten, Hilfe bei der Ausreiseorgani-
sation oder durch Unterstützung während und nach der Rückkehr gewährt
werden. Die Entgegnungen in der Beschwerde sind nicht geeignet, zu ei-
ner anderen Beurteilung zu gelangen.
8.4.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
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8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag auf Verzicht der Erhebung
eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
10.2 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren als aussichtslos zu gelten
haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht
gegeben, weshalb der Antrag abzuweisen ist.
10.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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