Decision ID: ace2cc7e-03dc-5dd7-87e3-b94095aef3b5
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am 26. Juni 2014 in der Schweiz um
Asyl nach, wobei sie unter anderem geltend machte, sie habe aus der Hei-
mat fliehen und ihren Sohn, ihre Mutter und ihren Bruder, mit denen sie
zusammengelebt habe, dort zurücklassen müssen.
A.b Mit Schreiben an das SEM vom 19. April 2016 erklärte die Beschwer-
deführerin, ihr noch in der Heimat lebender Sohn sei in grosser Gefahr (un-
ter Beilage von zwei Fotoausdrucken). Sie bitte darum, dass ihr Asyl ge-
währt werde, damit sie versuchen könne, ihren Sohn aus Somalia wegzu-
bringen.
A.c Mit Verfügung vom (...) 2016 anerkannte das SEM die Beschwerde-
führerin als Flüchtling und gewährte ihr in der Schweiz Asyl.
B.
B.a Nachdem die obgenannten Familienmitglieder E._ geflohen
seien, reichte die Beschwerdeführerin mehrere Gesuche und Schreiben
(vom 19. April, 14. September, 11. Dezember 2017, 23. Juli, 30. August
2018 und 24. Januar 2019) betreffend humanitäre Visa zugunsten ihrer Fa-
milienmitglieder beim SEM beziehungsweise bei der zuständigen Ausland-
vertretung ein.
B.b In der Folge teilte das SEM der Beschwerdeführerin mit Schreiben vom
30. Juli 2019 mit, dass die Auslandsvertretung die Visumsanträge für ihre
Familienangehörigen am (...) 2018 verweigert habe und dieser Entscheid
den Betroffenen am (...) 2018 eröffnet worden sei.
C.
Die von der Beschwerdeführerin neu mandatierte Rechtsvertretung reichte
am 30. September 2019 beim zuständigen kantonalen Migrationsamt ein
Gesuch um Familiennachzug für den Sohn der Beschwerdeführerin ein.
D.
Am 2. Oktober 2020 stellte die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsver-
tretung beim SEM ein Gesuch um Familienzusammenführung (gemäss
Art. 51 Abs. 1 und Abs. 4 AsylG [SR 142.31]) zugunsten ihrer Angehörigen.
E.
Mit Verfügung vom 9. November 2020 bewilligte das SEM die Einreise der
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Familienangehörigen der Beschwerdeführerin in die Schweiz nicht und
lehnte deren Asylgesuche ab.
F.
Mit Eingabe vom 9. Dezember 2020 erhob die Beschwerdeführerin durch
ihre Rechtsvertretung gegen diese Verfügung Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht und beantragte, der Entscheid des SEM sei aufzuhe-
ben, die Familienangehörigen seien in das Familienasyl einzubeziehen,
entsprechend sei ihnen die Einreise in den und der Aufenthalt im Kanton
sowie in der Schweiz zu gestatten, eventualiter sei die Vorinstanz anzuwei-
sen, die Familienangehörigen in das Familienasyl einzubeziehen und
ihnen die Einreise in die Schweiz zu gestatten. In prozessualer Hinsicht
wurde beantragt, es sei die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsver-
beiständung zu gewähren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
zu verzichten.
Der Beschwerde wurden insbesondere Fotoausdrucke und Passkopien
der Familienangehörigen der Beschwerdeführerin, die Dokumente betref-
fend die Gesuche um humanitäre Visa, Ausdrucke eines Chatverlaufs ab
dem Jahr 2017 (32-seitig), ein Auszug aus dem Asylmagazin 4/2017,
S. 144, eine Abbildung des Bundesamts für Statistik (BFS) «Privathaus-
halte nach Haushaltstyp 2018», ein Kontoauszug Quellensteuer 2019 so-
wie eine Fürsorgebestätigung vom 25. Mai 2020 beigelegt.
G.
Mit Verfügung vom 16. Dezember 2020 hiess die Instruktionsrichterin das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1
VwVG) gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
wies das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeistän-
dung (Art. 65 Abs. 2 VwVG) ab.
Gleichzeitig wurde das SEM zur Einreichung einer Vernehmlassung einge-
laden.
H.
Die Vernehmlassung des SEM vom 7. Januar 2021 – es wurde ohne wei-
tere Ausführungen am bisherigen Standpunkt festgehalten – wurde der Be-
schwerdeführerin am 12. Januar 2021 zur Kenntnis gebracht.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz begründete ihre ablehnende Verfügung einerseits da-
mit, dass die Mutter und der Bruder der Beschwerdeführerin nicht zum be-
günstigten Personenkreis gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG gehörten und deren
Gesuch um Familienasyl deswegen abzulehnen sei. Andererseits führte
das SEM aus, die Beschwerdeführerin habe ihren Sohn bei ihrer definitiven
Ausreise aus Somalia im (...) 2013 bei ihrer Mutter zurückgelassen. Im
Jahr 2017 seien die Mutter, der Bruder und der Sohn E._ gelangt,
wo sie sich seither aufhielten. Es sei nicht ersichtlich, wieso die Beschwer-
deführerin ihren Sohn bei ihrer Ausreise aus Somalia nicht mitgenommen
habe. Ferner sei die Beschwerdeführerin am (...) 2016 in der Schweiz als
Flüchtling anerkannt und ihr sei Asyl gewährt worden. Ihr Gesuch um Fa-
milienasyl habe sie aber erst am 2. Oktober 2020 eingereicht. Somit sei
weder der Wille noch die Absicht, mit dem Sohn eine Familiengemeinschaft
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zu bilden und zu leben, glaubhaft erkennbar. Das Verhalten der Beschwer-
deführerin lasse vielmehr auf eine seit ihrer definitiven Ausreise aus Soma-
lia abgebrochene Beziehung zum Sohn schliessen, weshalb von besonde-
ren Umständen auszugehen sei. Das Familienasyl diene praxisgemäss
nicht der Wiederaufnahme von zuvor abgebrochenen Beziehungen. Daher
rechtfertige es sich nicht, den Angehörigen der Beschwerdeführerin Asyl
zu gewähren.
3.2 Die Beschwerdeführerin brachte hiergegen vor, bis zu ihrer Flucht aus
der Heimat habe sie mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrem Sohn als
Familiengemeinschaft zusammengelebt. Ihr Mann sei (...) aus dem Hei-
matland geflohen. Im Jahr 2013 sei auch sie zur Flucht gezwungen gewe-
sen und habe ihre Familie zurückgelassen. Da (...) ihr zur Flucht verholfen
habe, hätten die Milizen, die auch sie verfolgt hätten, ihre drei Angehörigen
in Gewahrsam genommen und während über (...) festgehalten. Eines Ta-
ges sei ihren Angehörigen die Flucht gelungen, wonach sie E._ hät-
ten gelangen können. Dort habe man ihnen im (...) 2017 ein Visum für (...)
Monate erteilt. Sie lebten allerdings nach wie vor dort. Sie seien obdachlos
und ihre Situation sei aufgrund mehrerer Faktoren (namentlich Armut, feh-
lende staatliche Unterstützung, bewaffnete Konflikte im Land, Corona-Pan-
demie) prekär.
Entgegen der Ansicht der Vorinstanz seien in ihrem Fall die Voraussetzun-
gen für die Gewährung von Familienasyl gegeben. Nur in Ausnahmesitua-
tionen – nicht so in ihrem Fall – sei von «besonderen Umständen» auszu-
gehen. Sie sei in der Schweiz als Flüchtling anerkannt und ihr sei Asyl ge-
währt worden. Ferner sei die Trennung von ihrer Familie allein aufgrund
ihrer Flucht, somit unfreiwillig erfolgt. Sodann habe sie, obwohl sie stets
versucht habe, den Kontakt herzustellen, nach der Ankunft in der Schweiz
rund eineinhalb Jahre keinen Kontakt mit der Familie gehabt, da sie deren
Aufenthaltsort nicht gekannt habe. Mit Hilfe eines Freundes habe sie im
Jahr 2016 wieder in Verbindung mit ihren Angehörigen treten können. Seit-
her pflegten sie einen engen Kontakt. Trotz der Distanz habe sie eine enge
und gelebte Beziehung zur Familie. Die Behauptung der Vorinstanz, sie
habe die Beziehung zu ihrem Sohn abgebrochen, sei zurückzuweisen. Sie
sei über das Mittelmeer nach Europa gelangt, mit dem Risiko, Opfer von
Gewalt und Ausbeutung zu werden. Ihr vorzuwerfen, ihr Kind nicht dieser
Gefahr ausgesetzt zu haben – um eine Trennung zu vermeiden – sei un-
fassbar. Vielmehr habe sie die Trennung gerade auf sich genommen, um
ihr dannzumal (...) Kind zu schützen. Weiter habe sie das SEM noch wäh-
rend ihres Asylverfahrens über die Situation ihres Sohnes in der Heimat
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informiert und mitgeteilt, sie wolle diesen zu sich holen. Einige Monate
nach der Asylgewährung habe sie ein Gesuch um Erteilung humanitärer
Visa für ihre Familie gestellt. Der entsprechende Entscheid sei ihr nach
langwierigem Schriftenwechsel erst Mitte 2019 eröffnet worden. Sie sei An-
alphabetin und rechtsunkundig. Sie habe sich damals an juristische Laien
gewandt, welche ihr Hilfe angeboten und sie unterstützt hätten. Das
Rechtsinstitut des Familienasyls sei ihr nicht bekannt gewesen. Ferner sei
seit Oktober 2019 auch ein migrationsrechtliches Gesuch um Familien-
nachzug hängig. Ihr könne keine Untätigkeit oder der Abbruch der familiä-
ren Beziehung vorgeworfen werden. Die Wiederherstellung der vorbestan-
denen Familienstruktur sei schliesslich im vorliegenden Fall nur möglich,
wenn alle drei Familienangehörigen mit ihr wiedervereint würden. Das Kon-
zept der Kernfamilie gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG entspreche nicht den ge-
sellschaftlichen Realitäten und klammere Familienformen aus, die kultur-
bedingt anders gelebt würden. Im Lichte von Art. 8 EMRK könne nicht le-
diglich auf das formale familienrechtliche Beziehungsgeflecht abgestützt
werden. Vielmehr seien die tatsächliche Nähe, die Qualität des Familienle-
bens sowie das Abhängigkeitsverhältnis von besonderer Bedeutung.
Durch ihre Lebensumstände sei der familiäre Zusammenhalt stark – im
Sinne einer Kernfamilie. Ihr Sohn sei im Lichte des Kindeswohls (Art. 3 des
Übereinkommens über die Rechte des Kindes vom 20. November 1989,
KRK, SR 0.107) auf sie, seine Mutter, angewiesen. Es könne ihm aufgrund
des Abhängigkeitsverhältnisses aber nicht zugemutet werden, von seiner
Grossmutter und seinem Onkel getrennt zu werden.
4.
4.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl –
namentlich Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen ihrerseits
als Flüchtlinge anerkannt und erhalten in der Schweiz Asyl, wenn keine
besonderen Umstände dagegensprechen. Der Kreis der Begünstigten
wurde vom Gesetzgeber im Rahmen der am 1. Februar 2014 in Kraft ge-
tretenen Asylgesetzrevision vom 14. Dezember 2012 (AS 2013 4375,
5357) abschliessend auf die Kernfamilie beschränkt. „Andere nahe Ange-
hörige“ von in der Schweiz lebenden Flüchtlingen sind nicht mehr an-
spruchsberechtigt (vgl. BVGE 2015/29 E. 3.2, 4.2.2 f.). "Besondere Um-
stände" sind beispielsweise anzunehmen, wenn das Familienleben wäh-
rend einer längeren Zeit nicht gelebt wurde und erkennbar ist, dass die
Familienmitglieder nicht den Willen haben, als Familie zusammenzuleben
(vgl. zum Ganzen BVGE 2012/32 E. 5.1).
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4.2 Wurden die anspruchsberechtigten Personen nach Absatz 1 durch die
Flucht getrennt und befinden sie sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf
Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51 Abs. 4 AsylG). Die Erteilung einer Einrei-
sebewilligung nach Art. 51 Abs. 4 AsylG setzt mithin eine vorbestandene
Familiengemeinschaft, die unfreiwillige Trennung der Familie durch die
Flucht, das Aufrechterhalten der Verbindung nach der Trennung sowie die
fest beabsichtigte rasche Familienvereinigung in der Schweiz voraus.
Zweck der Bestimmung von Art. 51 Abs. 4 AsylG ist die Wiedervereinigung
von im Zeitpunkt der Flucht aus dem Heimatstaat vorbestandenen Famili-
engemeinschaften (vgl. BVGE 2018 VI/6 E. 5). Das Familienasyl dient hin-
gegen nicht der Aufnahme von neuen oder der Wiederaufnahme von ab-
gebrochenen Beziehungen (vgl. BVGE 2017 VI/4 E. 3.1 und E. 4.4.2,
BVGE 2012/32 E. 5.4.2, je m.w.H.).
4.3 Wer um Erteilung einer Einreisebewilligung zwecks Familienasyls er-
sucht, hat die Zugehörigkeit des nachzuziehenden Angehörigen zur Fami-
liengemeinschaft, die zum Zeitpunkt der Flucht vorbestandene Familien-
gemeinschaft, die Trennung der Familie durch die Flucht sowie die fest be-
absichtigte Familienvereinigung aller Anspruchsberechtigten nachzuwei-
sen oder zumindest glaubhaft zu machen (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin ist in der Schweiz als Flüchtling anerkannt und
verfügt über den Asylstatus. Ferner leben ihre Familienangehörigen im
Ausland. Art. 51 AsylG kann mithin grundsätzlich Anwendung finden.
5.2 In Bezug auf die Mutter und den Bruder der Beschwerdeführerin ist
Folgendes festzustellen: Auf das Institut des Familienasyls gemäss Art. 51
Abs. 1 AsylG kann sich nur die Kernfamilie berufen (vgl. oben E. 4.1). Die
Kernfamilie umfasst gemäss der klaren Gesetzesbestimmung Ehegatten
sowie minderjährige Kinder. Auch wenn – wie von der Beschwerdeführerin
dargelegt – ein enges Verhältnis zwischen ihr, ihrem Sohn, ihrer Mutter und
ihrem Bruder besteht und sie stets als Familiengemeinschaft zusammen-
gelebt haben, fallen ihre Mutter sowie ihr Bruder nicht in den Anwendungs-
bereich von Art. 51 Abs. 1 AsylG. Damit sind die Voraussetzungen der asyl-
rechtlichen Familienzusammenführung hinsichtlich der Mutter und des Bru-
ders der Beschwerdeführerin bereits aus diesem Grund nicht erfüllt. Deren
Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft sowie den Asylstatus der Be-
schwerdeführerin fällt daher ausser Betracht. Das SEM hat das Gesuch
um Familienasyl diesbezüglich zu Recht abgelehnt und die Einreise der
Mutter und des Bruders in die Schweiz folgerichtig nicht bewilligt.
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Daran vermögen die Ausführungen in der Beschwerdeschrift und die dazu
eingereichten Dokumente (Auszug aus dem Asylmagazin 4/2017, Über-
sicht BFS 2018) nichts zu ändern. Auch aus dem Verweis auf Art. 8 EMRK
vermag die Beschwerdeführerin nichts für sich abzuleiten. Nachdem die
Voraussetzungen des Familienasyls im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG hin-
sichtlich ihrer Mutter und ihres Bruders nicht gegeben sind, kann die Be-
stimmung von Art. 8 EMRK nicht ergänzend angewendet werden (vgl. u.a.
Urteil des BVGer D-2039/2020 vom 20. November 2020 E. 5.4 m.w.H.).
Art. 8 EMRK soll dazu dienen, ein Auseinanderreissen der Familie in der
Schweiz zu verhindern, vermag aber nicht einen Anspruch auf Einreisebe-
willigung zugunsten eines Familienangehörigen zu begründen. Dieselbe
Feststellung gilt in Bezug auf das Kindeswohl gemäss der KRK (vgl. u.a.
Urteile des BVGer D-4410/2020 vom 14. April 2021 E. 7.6, D-5237/2019
vom 6. Januar 2020 E. 3.3, D-6782/2018 vom 18. Dezember 2018 E. 6.4,
je m.w.H.). Die Frage nach einem allfälligen Anspruch der Mutter und des
Bruders der Beschwerdeführerin auf einen Aufenthalt in der Schweiz wäre
im Rahmen eines ausländerrechtlichen Verfahrens zu beurteilen, in dem
wiederum Art. 8 EMRK (und dem erweiterten Schutzbereich über die Kern-
familie hinaus, vgl. dazu BGE 144 II 1 E. 6.1 m.w.H.) Rechnung zu tragen
wäre (vgl. Urteil D-5237/2019 E. 3.3 m.w.H.).
5.3 Hinsichtlich des Sohnes der Beschwerdeführerin kann allerdings ein
Anspruch auf Familienasyl gemäss Art. 51 AsylG bestehen. Das Kindsver-
hältnis zwischen ihr und ihrem Sohn M. wurde von der Vorinstanz nicht in
Frage gestellt. Aufgrund der Akten (u.a. Passkopie des Sohnes, Beschwer-
debeilage 10) und der konsistenten Angaben der Beschwerdeführerin (z.B.
SEM-Akten A4 S. 5, 7, A12 F81 ff.) besteht für das Gericht kein Grund, das
Abstammungsverhältnis zu bezweifeln. Als minderjähriges Kind fällt der
Sohn der Beschwerdeführerin in den Anwendungsbereich für die Familien-
zusammenführung im Rahmen von Art. 51 AsylG.
5.4 Zu prüfen ist nachfolgend, ob besondere Umstände im Sinne von
Art. 51 Abs. 1 AsylG vorliegen, welche einer Familienzusammenführung
entgegenstehen. Die Vorinstanz erblickt solche Umstände darin, dass die
Beschwerdeführerin mit dem definitiven Verlassen des Heimatlandes die
Beziehung zu ihrem Sohn abgebrochen habe und der Wille, mit diesem
eine Familiengemeinschaft zu bilden und zu leben, nicht glaubhaft erkenn-
bar sei.
5.4.1 Zunächst ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin nachvoll-
ziehbar darlegen konnte, in der Heimat mit ihrem Sohn, ihrer Mutter und
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Seite 9
ihrem Bruder in einer Familiengemeinschaft zusammengelebt zu haben.
Sie hätten sich, namentlich nachdem ihr Ehemann sie, die Beschwerde-
führerin, verlassen habe, gegenseitig umeinander sowie um den gemein-
samen Haushalt gekümmert (Beschwerde S. 9). Weiter erachtet das Ge-
richt als glaubhaft, dass die Beschwerdeführerin ihr Heimatland und damit
insbesondere ihr damals (...) Kind nicht freiwillig verlassen hat. Ihre Erklä-
rung, nachdem sie (...) 2013 habe fliehen müssen, (...) sie darin unterstützt
habe (SEM-Akte A12 F111 f.) und sie ihr Kind vor der risikobehafteten
Reise nach Europa habe bewahren wollen, habe sie dieses bei ihrer Mutter
und ihrem Bruder in dessen vertrauter Umgebung zurückgelassen, er-
scheint plausibel. Wie in der Beschwerde zutreffend dargelegt, ist die Ge-
fährlichkeit der Reise über das Mittelmeer allgemein bekannt (vgl. Urteil
des BVGer D-1269/2017 vom 4. Februar 2021 E. 5.3.1). Ein willentlicher
Abbruch der familiären Beziehung ist – auch aufgrund der bereits als glaub-
haft erachteten Fluchtgeschichte der Beschwerdeführerin – folglich nicht
zu erblicken. Hinzu kommt, dass sie, soweit dies aufgrund der Situation der
Familienangehörigen in der Heimat beziehungsweise nach deren Flucht
E._ möglich gewesen sei, stets versucht habe, mit ihrer Familie in
Kontakt zu sein. Nachdem sie die Verbindung zur Familie im Jahr 2016 mit
Hilfe eines Freundes wieder habe aufnehmen können, seien sie in regel-
mässigem und sehr engem Kontakt (Beschwerde S. 9 f., unter Beilage
mehrerer Fotografien der Familienangehörigen sowie eines Ausdrucks ih-
res Chatverlaufs, SEM-Akte A12 F73–78). Entgegen der Darlegung der Vo-
rinstanz lassen die Bemühungen der Beschwerdeführerin um ihre Familie
darauf schliessen, dass sie bestrebt war und ist, die Beziehung zu dieser
aufrecht zu erhalten und eine rasche Wiedervereinigung beabsichtigt.
Nachdem sie (...) 2016 einen positiven Asylentscheid erhalten habe und
wieder mit ihrer Familie habe in Kontakt treten können, habe sie im April
2017 – damals ohne rechtliche Vertretung – Gesuche um humanitäre Visa
eingereicht. Nach mehreren Schriftenwechseln wurde ihr schliesslich im
Juli 2019 mitgeteilt, dass die Gesuche abgelehnt worden seien. In der
Folge hat sie eine Rechtsvertretung mandatiert, die sowohl ein Gesuch um
Familiennachzug (September 2019) als auch das Gesuch um Familienzu-
sammenführung (Oktober 2020) eingereicht hat. Es kann mithin nicht ge-
sagt werden, die Beschwerdeführerin habe mit ihrem Weggang aus der
Heimat die Familiengemeinschaft und das Mutter-Kind-Verhältnis freiwillig
aufgegeben, sie habe sich nach Eröffnung ihres Asylentscheids nicht aktiv
um eine Vereinigung bemüht und sei nicht gewillt, mit ihrem Sohn zusam-
menzuleben. Besondere Umstände im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG lie-
gen somit – entgegen der Ansicht der Vorinstanz – nicht vor. Ferner kann
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nach dem Gesagten bejaht werden, dass die Flucht der Beschwerdeführe-
rin aus dem Heimatland die Trennung von ihrem Kind verursacht hat, mithin
eine unfreiwillige Trennung durch Flucht vorliegt, und sich das Kind nach
wie vor im Ausland aufhält (vgl. Art. 51 Abs. 4 AsylG).
5.4.2 Aufgrund der vorliegenden Umstände bleibt zu prüfen, ob die von der
Beschwerdeführerin beantragte und angestrebte Familienvereinigung ge-
mäss Art. 51 AsylG auch im Interesse des (...) Kindes ist (vgl. u.a. Urteil D-
4410/2020 E. 7.5, D-5237/2019 E. 3.3). Dieses lebt seit der Trennung von
seiner Mutter seit mehreren Jahren mit seiner Grossmutter und seinem
Onkel zusammen, welche, wie oben dargelegt, keinen Anspruch auf Fami-
lienasyl geltend machen können. Gemäss Angaben der Beschwerdeführe-
rin seien die Familienangehörigen aufgrund ihrer Flucht und Verfolgung
(...) 2013 ebenfalls behelligt und schliesslich im Jahr 2017 aus dem Hei-
matland E._ geflohen, wo sie sich seither ohne geregelten Aufent-
haltsstatus und ohne geeignete Unterkunft aufhielten (vgl. u.a. Be-
schwerde S. 4 f., Schriftenwechsel hinsichtlich humanitäre Visa, Be-
schwerdebeilage 6). Die Beschwerdeführerin hat den Akten zufolge einige
Anstrengungen zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des Kontakts
unternommen. Sie stehe seit dem Jahr 2016 regelmässig, insbesondere
telefonisch, in Verbindung mit ihrem Sohn (SEM-Akte A12 F73 ff., A14, Be-
schwerde S. 10). Mithin konnte die Mutter-Kind-Beziehung während rund
drei Jahren nicht gelebt werden. Seit etwa fünf Jahren ist der Kontakt über
Telekommunikationsmittel aber wieder möglich und werde seither gepflegt.
Von einer Entfremdung zwischen Mutter und Kind ist daher nicht auszuge-
hen. Der heute (...) Sohn würde bei einer Einreise in die Schweiz zwar von
seinem mittlerweile gewohnten familiären Umfeld getrennt. Dafür könnte
die Familienbeziehung mit seiner Mutter nach der langjährigen Trennung,
die unter anderem auf die mehreren Verfahren zur Zusammenführung der
Familie zurückzuführen ist, auch in tatsächlicher Hinsicht wieder gelebt
werden. Nachdem sich die Beschwerdeführerin namentlich mit Schreiben
ans SEM vom 19. April 2016 oder mit dem Gesuch um Familiennachzug
vom 30. September 2019 für eine Vereinigung «bloss» mit ihrem Sohn ein-
gesetzt hat und mit ihrer ganzen Familie in engem Kontakt steht, ist anzu-
nehmen, dass auch das vorliegend einzig mögliche Szenario von der Fa-
milie, insbesondere jedoch vom Willen des Sohnes, getragen wird (nicht
nur, wie in der Beschwerde verständlicherweise beantragt, die Vereinigung
der gesamten Familie). Gegenteiliges wurde nicht aufgezeigt. Aufgrund der
den Umständen entsprechend gelebten Beziehung zwischen der Be-
schwerdeführerin und ihrem Sohn sowie dessen aktuellen Lebensbedin-
gungen in einem Drittstaat, ist davon auszugehen, dass eine Vereinigung,
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Seite 11
auch wenn dies im Moment zur Trennung von den jetzigen Bezugsperso-
nen des Kindes führt, eher dem Kindeswohl entspricht, als ein Verbleib in
den aktuellen Verhältnissen ohne die Kindsmutter. Mit dem erneut anderen
kulturellen Umfeld dürfte das Kind mit Hilfe seiner Mutter, die nach wie vor
über das Sorgerecht verfügen dürfte, zurechtkommen. Diese Einschätzung
erscheint im Übrigen auch deshalb als gerechtfertigt, da es dem Sohn
schliesslich grundsätzlich freisteht, ob er vom Einreiserecht Gebrauch ma-
chen will (vgl. Urteil des BVGer E-5603/2019 vom 19. Juli 2021 E. 6.4).
5.5 Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass hinsichtlich des Soh-
nes der Beschwerdeführerin die Voraussetzungen gemäss Art. 51 Abs. 1
und Abs. 4 AsylG als erfüllt zu betrachten sind. Es liegen keine besonderen
Umstände vor, die gegen den Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft sowie
die Asylgewährung zugunsten von B._ sprechen. Mithin ist ihm die
Einreise in die Schweiz zu bewilligen.
6.
6.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde bezüglich Einbezugs in das
Familienasyl hinsichtlich der Mutter und des Bruders der Beschwerdefüh-
rerin abzuweisen (vgl. E. 5.2).
6.2 Hinsichtlich ihres Sohnes ist die Beschwerde gutzuheissen. Diesbe-
züglich ist die angefochtene Verfügung vom 9. November 2020 aufzuhe-
ben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, B._ die Einreise in die Schweiz
zu bewilligen und ihn – unter Beachtung von Art. 37 AsylV 1 (Asylverord-
nung 1 über Verfahrensfragen, SR 142.311) – in die Flüchtlingseigenschaft
der Beschwerdeführerin sowie deren Asylstatus einzubeziehen.
7.
7.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63
Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerin ist mit ihrem An-
trag auf Einbezug in das Familienasyl zugunsten ihrer Mutter und ihres
Bruders unterlegen. Hinsichtlich desselben Antrags zugunsten ihres Soh-
nes hat sie obsiegt. Dies bedeutet ein Obsiegen zu einem Drittel.
7.2 Entsprechend hätte die Beschwerdeführerin die Verfahrenskosten zu
zwei Dritteln zu tragen. Da ihr mit Instruktionsverfügung vom 16. Dezember
2020 die unentgeltliche Prozessführung gewährt wurde, ist vorliegend von
einer teilweisen Kostenauflage abzusehen.
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Seite 12
7.3 Die Beschwerdeführerin ist weiter im Umfang ihres Obsiegens – hier
also zu einem Drittel – für die ihr erwachsenen notwendigen Kosten zu
entschädigen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Ausrichtung eines amtlichen Ho-
norars im Umfang des Unterliegens entfällt vorliegend, zumal mit obge-
nannter Instruktionsverfügung das Gesuch um Beiordnung eines amtlichen
Rechtsbeistands abgewiesen wurde.
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Die von der Vorinstanz auszurichtende reduzierte Parteientschä-
digung wird unter Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfakto-
ren (Art. 9–13 VGKE) auf insgesamt Fr. 600.– festgelegt.
(Dispositiv nächste Seite)
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