Decision ID: 43246de1-d217-4342-96df-cf04274caa94
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. Am Montag, 19. Juli 2021, fuhr A._ (geb. 1994) mit dem Lieferwagen
Renault Master T35 dCi 145 mit dem Kennzeichen B._ auf der
Kantonsstrasse F._ herkommend von C._ in Richtung D._.
In E._ war A._ mit einer Geschwindigkeit von rund 50 km/h
unterwegs, als er kurz vor der Tankstelle, welche sich in einer leichten
Linkskurve befindet, um ca. 16:20 Uhr in einen Sekundenschlaf verfiel und
die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. In der Folge fuhr das Fahrzeug in
der Kurve geradeaus weiter in den rechtsseitigen Grünstreifen und
kollidierte seitlich-frontal mit einem Kandelaber, worauf der
Fahrzeuglenker erwachte und eine Vollbremsung einleitete. Das Fahrzeug
kam so nach weiteren ca. 10 m auf der Kantonsstrasse zum Stillstand.
2. A._ wurde dafür am 1. Oktober 2021 mit Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Graubünden wegen Führen eines Fahrzeugs trotz
Fahrunfähigkeit für schuldig befunden und mit einer Geldstrafe von
zwanzig Tages-sätzen zu je CHF 120.--, bedingt aufgeschoben bei einer
Probezeit von drei Jahren, und einer Busse von CHF 500.-- bestraft. Das
Strafmandat erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
3. Mit Verfügung vom 10. November 2021 entzog das Strassenverkehrsamt
des Kantons Graubünden A._ gestützt auf den Verkehrsunfall vom
19. Juli 2021 den Führerausweis für die Dauer von zwölf Monaten. Die
Dauer des Entzugs ergab sich einerseits aus der Qualifikation des
Geschehens als schwere Widerhandlung gegen die Verkehrsregeln und
andererseits aus einem vorangehenden Führerausweisentzug (ebenso
wegen einer schweren Widerhandlung) für drei Monate aus dem Jahr
2018.
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4. Die dagegen erhobene Beschwerde von A._ vom 9. Dezember 2021
wies das Departement für Justiz, Sicherheit und Gesundheit Graubünden
(DJSG) mit Entscheid vom 9. Februar 2022 ab.
5. Gegen diesen Entscheid erhob A._ (nachfolgend Beschwerdeführer)
am 11. März 2022 Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden. Darin verlangte er die Aufhebung des angefochtenen
Entscheids und die Feststellung, dass kein Verschulden vorliege;
eventualiter sei festzustellen, dass eine leichte Widerhandlung vorliege. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er die Erteilung der
aufschiebenden Wirkung. Diese Anträge begründete er im Wesentlichen
damit, dass bei ihm keinerlei Anzeichen einer Übermüdung bestanden
hätten, sodass er den Sekundenschlaf nicht habe voraussehen können;
er habe zudem davon ausgehen können, dass sich die im Strafbefehl
ausgesprochene Strafe nicht auf ein schweres Delikt stütze. Es
widerspreche Treu und Glauben, dass der Bestrafte nicht auf die
negativen Konsequenzen dieses Urteils im Administrativverfahren
hingewiesen worden sei. Weil beim Beschwerdeführer vor dem Unfall
keine Ermüdungssymptome aufgetreten seien, könne ihm das
nachfolgende Einnicken auch nicht vorgeworfen werden.
6. In seiner Vernehmlassung vom 23. März 2022 beantragte das DJSG
(nachfolgend Beschwerdegegner) die Abweisung der Beschwerde; gegen
die Erteilung der aufschiebenden Wirkung hatte der Beschwerdegegner
nichts einzuwenden, da es sich um einen Warnungsentzug handle. Für die
Begründung seiner Anträge verwies er auf den angefochtenen Entscheid.
7. Mit prozessleitender Verfügung vom 24. März 2022 erkannte der
Instruktionsrichter der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu (Art. 53
VRG).
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8. Nachdem innert Frist keine Replik erstattet wurde, schloss der
Instruktionsrichter am 7. April 2022 den Schriftenwechsel ab.
9. Mit Schreiben vom 19. April 2022 (Poststempel) übermittelte die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers ihre Honorarnote, zu der sich
der Beschwerdegegner nicht äusserte.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften und
den angefochtenen Entscheid wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt bildet im vorliegenden Verfahren die Verfügung des
Beschwerdegegners vom 9. Februar 2022 (vgl. Akten des
Beschwerdegegners, II. Akten des DJSG [Bg-act.-II.] 5). Art. 49 Abs. 1 lit.
c des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100)
sieht vor, dass das Verwaltungsgericht Beschwerden gegen Entscheide
der kantonalen Departemente beurteilt, soweit diese nicht nach
kantonalem oder eidgenössischem Recht endgültig sind oder bei einer
anderen Instanz angefochten werden können. Die Verfügung des
Beschwerdegegners ist weder endgültig noch kann sie bei einer anderen
Instanz angefochten werden, weshalb sie ein taugliches
Anfechtungsobjekt darstellt. Als Adressat der Verfügung ist der
Beschwerdeführer berührt und weist ein schutzwürdiges Interesse an
deren Aufhebung auf (Art. 50 VRG). Daher ist auf die im Übrigen form-
und fristgerecht eingereichte Beschwerde einzutreten.
2. Materiellrechtlich stellt sich vorliegend die Frage, ob der
Beschwerdegegner zu Recht gegenüber dem Beschwerdeführer den
Führerausweisentzug für die Dauer von zwölf Monaten verfügt hat.
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3.1. Damit das System von Strafverfahren und Administrativmassnahmen
einheitlich bleibt, hat das Urteil des Strafverfahrens gemäss der
Rechtsprechung des Bundesgerichts eine Bindungswirkung auf das
Administrativverfahren. Liegt ein rechtskräftiges Strafurteil vor, so ist die
Verwaltungsbehörde grundsätzlich daran gebunden. Ein Abweichen in
tatsächlicher Hinsicht lässt sich gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung nur ausnahmsweise dann rechtfertigen, wenn die
Administrativbehörde Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid zugrunde
legt, die dem Strafrichter unbekannt waren oder die er nicht beachtet hat;
wenn die Verwaltung zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung zu
einem abweichenden Ergebnis führt, wenn die Beweiswürdigung durch
den Strafrichter feststehenden Tatsachen klar widerspricht, oder wenn der
Strafrichter nicht alle Rechtsfragen abgeklärt hat, insbesondere wenn er
die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 136 II 447
E.3.1, 124 II 103 E.1c; 119 Ib 158 E.3c; Urteil des Bundesgerichts
1C_25/2016 vom 4. Juli 2016 E.2.3). Dieser Grundsatz, wonach die
Verwaltungsbehörden an den im Strafverfahren festgestellten Sachverhalt
gebunden sind und mithin den Ausgang des Strafverfahrens abzuwarten
haben, gilt auch dann, wenn das Strafurteil lediglich in einem
Strafmandats- oder Strafbefehlsverfahren (ohne mündliche und öffentliche
Gerichtsverhandlung) mit bloss summarischer Prüfung ergangen ist. Die
betroffene Person kann sich also nicht erst im Administrativverfahren zur
Wehr setzen, sondern sie muss dies bereits im Strafverfahren tun (BGE
123 II 97 E.3c/aa, 121 II 214 E.3a; vgl. Urteile des Bundesgerichts
1C_589/2021 vom 5. Mai 2022 E.2.1, 1C_403/2020 vom 20. Juli 2020 E.3,
1C_539/2016 vom 20. Februar 2017 E.2.2). Auch wenn die vom
Strafrichter festgestellten Tatsachen nach der Praxis für die Behörden und
die Richter bei der verwaltungsrechtlichen Beurteilung des Falles in der
Regel verbindlich sind, so gilt dies nicht für die Würdigung des
Verschuldens und der Gefährdung (vgl. WEISSENBERGER, Kommentar zum
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SVG und zur OBV, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2015, Art. 90 SVG Rz. 30 mit
Hinweis auf die Urteile des Bundesgerichts 1C_71/2008 vom 31. März
2008 E.2.1 [betreffend Verschulden] und 1C_585/2008 vom 14. Mai 2009
E.3.1 [betreffend Gefährdung]).
3.2. Der Beschwerdeführer bemängelt, die Administrativbehörde werfe ihm
vor, dass er nach Treu und Glauben verpflichtet gewesen wäre, seine
Einwände bezüglich der Sachverhaltsfeststellung und deren rechtliche
Würdigung mittels Einsprache gegen den Strafbefehl vom 1. Oktober 2021
geltend zu machen. Weder seitens der Behörden noch in der