Decision ID: bc6dab52-655b-4098-aa66-e514f0e50bc4
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1970 geborene
X._
, welche seit
mehreren Jahren
in einem Pen
sum von 80
%
als
Betriebsmitarbeiterin
bei der
Z._
AG tätig war
(
Urk.
7/6/6,
Urk.
7/29)
, meldete sich am 2
6.
Oktober 2018 bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/6). Nach Durch
füh
rung eines Standortgesprächs
(
Urk.
7
/9)
liess die IV-Stelle einen Auszug aus dem individuellen Konto erstellen (
Urk.
7
/
10) und holte
ärztliche
Berichte von
Dr.
med.
A._
, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin, (
Urk.
7/16) der
B._
AG (
nachfolgend:
B._
;
Urk.
7/27) und vo
n
Dr.
med. C._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, (
Urk.
7/31) sowie einen Arbeitgeberbericht
der
Z._
AG
(Urk.
7
/29) ein.
Zudem zog sie die Akten der Krankentaggeldversicherung der Versicherten bei (
Urk.
7/33). Am
6.
Februar 2020 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass keine Eingliederung
s
mass
nahmen möglich seien (Urk.
7/35).
In der Folge holte sie weitere B
ericht
e
von
Dr.
A._
(
Urk.
7/50)
und
Dr.
C._
(
Urk.
7/54)
sowie
einen
Bericht
der p
sy
chiatrischen Klinik D._
(nachfolgend:
D._
;
Urk.
7/51)
ein
und ga
b beim Zentrum E._
(nachfolgend:
E._
) ein polydisziplinäres Gutachten (Allgemeine Innere Medizin, Neurologie,
Psychiatrie und Psychotherapie
sowie Rheumatologie) in Auftrag (
Urk.
7/61), welches am
3.
Mai 2021 erstattet wurde (
Urk.
7/71). Nach durchgeführtem
Vor
bescheidverfahren
(
Urk.
7/74,
Urk.
7/78)
wies
die IV-Stelle mit Verfügung vom
9.
Juli 2021
das Leistungsbegehren
der Versicherten
ab
(
Urk.
2).
2.
Dagegen liess
X._
mit Eingabe vom
9.
September 2021 Beschwerde erheben und beantragen (
Urk.
1), es sei ihr eine ganze Invalidenrente ab August 2019 zuzusprechen, eventualiter sei vom Gericht eine erneute psychiatrische Be
gut
achtung anzuordnen und auf dieser Grundlage der Rentenanspruch zu prüfen. In prozessualer Hinsicht liess sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozess
führung beantragen. Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwerdeantwort vom
4.
Oktober 2021 (
Urk.
6) die Abweisung der Beschwerde, was der Beschwer
deführerin mit Verfügung vom 1
2.
Oktober 2021 angezeigt wurde (
Urk.
8).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eing
eg
angen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
ver
sicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Rege
lungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung
haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das
Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den
bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des strei
tigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezem
ber 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überw
indbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.
3
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
tu
rierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das
tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom
15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Invali
di
täts
grades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gen
der Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V
281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
1.
4
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG
)
.
1.5
Nach den allgemeinen Regeln des Sozialversicherungsrechts hat der Versiche
rungsträger den rechtserheblichen Sachverhalt abzuklären. Er ist nach dem in Art. 43 Abs. 1 ATSG statuierten Untersuchungsgrundsatz verpflichtet, die not
wen
digen Abklärungen von Amtes wegen vorzunehmen und die erforderlichen Auskünfte einzuholen. Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz ist der Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann (Urteil des Bun
desgerichts 8C_815/2012 vom 21. Oktober 2013 E. 3.2.1).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erklärte zur Begründung ihres Entscheides im Wesent
lichen (
Urk.
2), es könne auf das
E._
-Gutachten abgestellt werden. Aus ver
sicherungsmedizinischer Sicht sei der Beschwerdeführerin ihre letzte Tätigkeit als Betriebsmitarbeiterin nach wie vor in einem Pensum von 100
%
mit einer Leis
tungsminderung von 20
%
zumutbar. Die Einschränkung der Leistungs
fähigkeit beziehe sich auf den
erhöhten Pausenbedarf. Da die Beschwerdeführerin bereits vor Eintritt der gesundheitlichen Einschränkung in einem Pensum von 80
%
tätig gewesen sei, entstehe keine Erwerbseinbusse und die Beschwerdeführerin sei in der Lage, ein rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen.
2.2
Die Beschwerdeführerin liess dagegen im Wesentlichen einwenden (
Urk.
1), das psychiatrische Teilgutachten de
s
E._
sei sehr rudimentär ausgefallen. Es werde mehrmals davon berichtet, sie habe «schlechte Gedanken», ohne dass klar würde, wa
s
damit gemeint sei. Auch die Schilderung des Tagesablaufs sei so knapp, dass daraus kein klares Bild der psychischen Einschränkungen gewonnen werden könne.
Dem Gutachten sei zu entnehmen, sie
könne laufende Dingen erledigen. Es bleibe jedoch im Dunkeln, was mit «laufenden Dingen» gemeint sein könnte. Im Gutachten werde weiter mehrfach auf die insgesamt angeblich gute Qualität des Tagesablaufes sowie auf gute soziale Kontakt hingewiesen. Es handle sich dabei jedoch um eine reine Behauptung ohne zugrundeliegende Sachver
halts
be
schreibung oder Herleitung.
Ihre sozialen Kontakte beschränkten sich auf die Familie ihres Bruders und eine Nachbarin, welche sie gelegentlich unterstütze.
Dank d
e
r familiären Betreuung sei es ihr erst möglich, Gutachtertermine wahr
zunehmen und an den alltäglichen Einkäufen teilzunehmen. In dieses Bild passe auch der Tagesablauf, welcher ein äusserst reduziertes Aktivitätsniveau aufzeige, geprägt von Rückzug und Erschöpfung.
Die
mangelhafte
gutachterliche
Sachver
haltserhebung
sei
mutmasslich
durch den
Umstand
begründet
, dass die 65-minü
tige Untersuchung ohne übersetzende Person durchgeführt worden sei.
Das
psy
chiatrische Teilgutachten
de
s
E._
komme
zu einer Einschätzung, die sehr stark
abweiche von sämtlichen aktenkundigen psychiatrischen Arztberichten.
Eine
Aus
einandersetzung mit anderslautenden Befunderhebungen und Diagnos
estel
lun
gen
finde im Gutachten
nicht statt. Es werde lediglich darauf hingewiesen, dass es bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit häufig zu divergierenden Meinungen zwi
schen Behandlern und Gutachtern käme, was vom unterschiedliche
n
Rollenver
ständnis herrühre. Diese theoretische und pauschale Begründung liefere keinen einzigen konkreten Hinweis für die abweichende Einschätzung des psychia
tri
schen Gutachtens. Aber nicht einmal diese allgemeine Begründung habe bestand, da nicht nur den behandelnden Stellen, sondern auch dem
zu Händen der Kran
kentaggeldversicherung erstatteten Gutachten
der F._
vom
4.
Dezember
2018 diametral widersprochen werde. Die
E._
-
Gutachter e
r
klärten, dass IV-fremde Faktoren im Vordergrund stünden
. Im
ganzen Gutachten
würden
solche IV-fremden Faktoren
jedoch
mit keinem Wort erwähnt
und seien auch sonst nicht erkennbar
. Ein wei
terer gravierender Mangel des psychiatrischen Teilgutachtens stelle die Behaup
tung der Inkonsistenz und vor allem der A
ggravation dar. Die
se
Behauptung werde an k
einer einzigen Stelle begründet
.
Bei der
gutachterlichen Herleitung der Diagnosen werde bezüglich der Schmerzstörung festgestellt, diese könne nicht diagnostiziert werden, da deutliche Hinweise
auf ein
aggravierendes
Verhalten
vorlägen
. Da diese angebliche Aggravation jedoch an keiner Stelle des Gutachtens
nachvollziehbar dargelegt werde
und somit reine Behauptung bleibe
,
könne die Verneinung der Diagnose einer Schmerzstörung nicht bestehen bleib
en.
Im Gegensatz zum psychiatrischen Teilgutachten de
s
E._
gäben die
übrigen
Arztberichte ein konsistentes Bild der psychiatrischen Erkrankung und der daraus folgenden Arbeitsunfähigkeit ab 2
3.
August 2018 ab. Lediglich die Prognose des
F._
-
Gutachtens erweise sich durch die nachfolgende Entwicklung der Erkrankung als unzutreffend.
Es sei ihr daher mit Wirkung ab August 2019 eine ganze Invalidenrente
auszurichte
n.
Sollte das Gericht dieser Begründung nicht folgen, so seien weitere Abklärungen des Sachverhalt
s in die Wege zu leiten
.
3.
3.1
Es liegen insbesondere die folgenden ärztliche
n
Berichte vor:
3.2
Am
4.
Dezember 2018 erstatte
te
n
die
F._
-Gutachter
ein
bidisziplinäres
neu
ro
logisch-psychiatrisches
Gutachten zu Händen der Krankentaggeldversicherung der Beschwerdeführerin (
Urk.
7/33/29-57).
Als neurologische Diagnosen nannten sie ein Karpaltunnelsyndrom rechts und
analgetika
-
induzierter Kopfschmerz (
Urk.
7/33/38). Als psychiatrische Diagnosen führten sie eine zumindest mittel
gradig ausgeprägte depressive Episode (ICD-10 F32.1/2) an (
Urk.
7/33/48). Auf
grund des
erheblichen depressiven Syndrom
s
und
des
rechtsseitigen Karpal
tunnel
syndroms sei die Arbeitsfähigkeit derzeit mit 0
%
zu bewerten. In ange
passten Tätigkeiten (ohne höhere händische Belastung, also nicht in der angestammten Arbeit) sei per Ende Dezember 2018
eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
und
per Ende Februar 2019 von 100
%
zu erwarten
, da bei einer leitliniengerechten Therapie
führung mit einer Besserung des depressiven Syndroms zu rechnen sei
. Nach einer Operation des rechtsseitigen Karpaltunnelsyndroms (in 2018) sei auch spätestens per Ende Februar 2019 eine wiedererlang
t
e Arbeitsfähigkeit von 100
%
in der angestammten Tätigkeit anzunehmen. Das
Einholen von Verlaufsberichten sei zu empfehlen (
Urk.
7/33/29
,
Urk.
7/33/50
).
3.3
Dr.
A._
nannte mit Bericht an die Beschwerdegegnerin vom 1
0.
Januar 2019 als Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (
Urk.
7/16):
-
Depression seit August 2018
-
Karpaltunnelsyndrom rechts
-
Migräne/Kopfschmerzen
cervical
ausgelöst
Als Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
hielt
Dr.
A._
eine Hypercholesterinämie fest
.
Er
erklärte, er habe vom 2
3.
August bis 1
2.
Dezember 2018 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Eine Prognose zur Arbeitsfähig
keit sei aktuell schwierig für ihn. Die Beschwerdeführerin sei seit dem 1
0.
Dezem
ber 2018
psychiatrisch
hospitalisiert. Er habe bisher keinen Bericht dazu erhalten.
3.4
Die Ärzte der
B._
erklärten
mit Bericht an die Beschwerdegegneri
n vom 30. Juli 2019 (
Urk.
7/27), die
Beschwerdeführerin sei vom 1
0.
bis 2
0.
Dezember 2018 sowie vom 2
9.
Januar bis
8.
Februar 2019 in der
B._
hospitalisiert ge
wesen. Als Zeitraum der ambulanten/stationären Behandlung
gaben sie
11.
März bis 1
0.
April 2019
an
. Al
s Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
nannten die Ärzte der
B._
:
-
r
ezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10 F33.2)
-
c
hronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41)
-
v
orbekanntes Karpaltunnelsyndrom rechts
Als Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit führten sie an
:
-
psychische und Verhalten
sstörungen durch Tabak: schädlicher Gebrauch (ICD-10 F17.1)
-
Verdacht auf
a
nalgetika
-induzierte Kopfschmerzen (ICD-10 F55.2)
-
Dyspepsie (ICD-10 K30)
Aufgrund der Grunderkrankung sei die Beschwerdeführerin zu 100
% arbeitsun
fähig. Im Hinblick auf eine depressive Entwicklung sei im aktuellen Verlauf
eher
von einer günstigen Prognose auszugehen. Bei einer Depression handle es sich um eine episodische Erkrankung, die heutzutage als gut behandelbar gelte. Komor
biditäten, im Fall der Beschwerdeführer
in
die chronische Schmerzstörung, könnten die Prognose zum Teil auch negativ beeinflussen. Eine endgültige Beur
teilung könne zum aktuellen Zeitpunkt nicht gemacht werden.
3.5
Dr.
C._
nannte mit Bericht an die Beschwerdegegnerin vom 2
1.
Oktober 2019 als Diagnosen (
Urk.
7/31):
-
r
ezidivierende depres
sive Störung, gegenwärtig meist
schwere Episode, aktuell wahrscheinlich ohne psychotische Symptome (ICD-10 F33.2)
-
m
it ausgeprägter sozialer Phobie, das heisst ausserhalb des Hauses meist nur in Begleitung
-
p
sychische Verhaltensstörungen durch Tabak: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F17.2)
-
c
hronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41)
-
a
nalgetika
-induzierte Kopfschmerzen (ICD-10 F55.2)
-
r
heumatische Erkrankung
Die Beschwerdeführerin habe nach
der
Trennung von ihrem Ehemann und der körperlich fordernden Tätigkeit eine mittlerweile kontinuierlich schwere Depres
sion und Eigengefährdung mit anschliessender Arbeitsunfähigkeit entwickelt.
Sie
sei deswegen bereits mehrmals in der
B._
hospitalisiert gewesen. Aktuell leide sie unter einer rezidivierend mittelschweren bis schweren depressiven Episode. In
der Vergangenheit sei
sie
mutistisch
gewesen, psychotische Symptome hätten n
icht ganz ausgeschlossen werden können. Unter kontinuierlicher medikamentöser
neuroleptischer
und antidepressiver Behandlung sowie Kriseninterventionen
und
regelmässiger
integrierter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung
sei es schliesslich zu einer Besserung auf niedrigem Funktionsniveau mit hintergründig
weiterbestehender
suizidaler Symptomatik (
pensieri
brutti
– schlechte Gedanken) gekommen. Zwar habe sich die Beschwerdeführerin auf Nachfrage von
akuter
Suizidalität distanziert, es bleibe jedoch unklar, ob sie entsprechend auftretende Gedanken («
brutti
pensieri
») und Impulse
dauerhaft
werde
kontrollieren könne
n
. Die Beschwerdeführerin sei seit August 2018 vom Hausarz
t
und dann durch ihn krankgeschrieben worden.
Es
sei
ihr
im
März 2019 trotz korrekter Krankschrei
bung gekündigt worden, was bei ihr aufgrund der ohnehin destabilisierten sozia
len Lage zu einer zusätzlichen Verunsicherung und Verzweiflung geführt habe. Die Beschwerdeführerin benötige immer wieder längerfristige
Hospitalisationen
zur Stabilisierung und Medikationsein
s
t
e
llung sowie
zur
sozialarbeiterische
n
Hilfestellung, um die ausweg
lose finanzielle und administrative Situation in den Griff zu bekommen. Mit der Beschwerdefüh
rerin lebe ihr 15-jähriger Sohn. D
ie
Familie habe für ihn eine Betreuung organisieren müssen. Die Beschwerde
füh
re
rin verbringe ihre Zeit meistens mit der Familie ihres Bruders. Sie mach
e
kleinere Einkäufe, jedoch stets in Begleitung der S
chwägerin, des betagten Vaters oder
anderer Begleitpersonen. Eine psychotische Symptomatik scheine zumindest nicht
(mehr) vorhanden, die depressiven Symptome seien soweit gebessert, dass Suizid
gedanken zwar täglich aufträten, jedoch ohne schwer kontrollierbare Impulse.
Die Beschwerdeführerin sei bewusstseinsklar, allseits orientiert, im formalen Gedan
kengang verlangsamt, weitgehend auf depressive Inhalte («
brutti
pensieri
») fixiert. Aktuell bestünden, soweit dies bei der verschlossenen Beschwerdeführerin beur
teilbar sei, wohl keine wahnhaften Denkstörungen. Es lägen keine Hinweise auf Halluzinationen oder Ich-Störungen vor. Affektiv sei die Beschwerdeführerin schwer erreichbar. Die Schwingungsfähigkeit sei eing
eschränkt, wenn gelächelt werde
, d
ann
bei ironischen oder sarkastischen Inhalten. Die Beschwerdeführerin sei deutlich depressiv. Der Antrieb sei deutlich vermindert, jedoch bestehe eine Tagesstrukturierung durch die Familie. Es läge fortwährend eine latente Suizi
da
lität vor. Zusätzlich besteh
e
eine rheumatische Erkrankung, die Beschwerde
füh
rerin
gehe steif und ungelenk aufgrund von Lumbalschmerzen, klage über Schmer
zen in den Händen bei leicht geschwollenen Phalangen.
Die Beschwerdeführerin sei nach langem Zögern endlich bereit, sich durch die
Invalidenversicherung
beurtei
len und wiedereingliedern zu lassen. Es sollte ein Bel
astungsprofil erstellt werden.
Die Beschwerdeführerin verfüg
e über eine einfache Schulbil
dung, sei aber arbeits
motiviert. Die
entsprechenden Rückmeldungen seitens de
r früheren Arbeitgeberin
zeigten eine bis zu ihrer Erkrankung pflichtbewusste und fleissige Mitarbeiterin. Es sollte versucht werden, die Beschwerdeführerin nach eine
r
Potenzialabklärung beginnend mit einer Präsenzzeit von 40
%
, aufgeteilt auf vier
Halbtage
, in einer vorzugsweise körperlich zu verrichtenden Tätigkeit einzugliedern. Die Prognose
sei, vorausgesetzt die jetzt eingeleiteten medizinisch-psychiatrischen und sozial
psy
chiatrischen Massnahmen griffen und eine entsprechende Wiedereinglie
de
ru
ng durch die Beschwerdegegnerin erfolge, als
vorsichtig positiv einzuschätzen. Ohne eine Hilfestellung durch die Invalidenversicherung sei die Prognose aller
dings schlecht, da die Beschwerdeführerin nicht in der Lage sein werde, sich alleine und ohne fremde Hilfestellung aus ihrer äusserst angespannten Situation zu befreien. Anzustreben sei eine Wiedereingliederung an einem Arbeitsplatz für einfache manuelle Tätigkeiten, welche keine profunden Deutschkenntnisse erforderten. Die Beschwerdeführerin sei motiviert und willig
,
an ihrer Behandlung und der Wie
dereingliederung mitzuwirken. Hinweise auf ein
e
, wie auch immer geartete
,
Ver
deutlichung oder
auf
ein
IV-Begehren hätten
zu keinem Zeitpunkt bestanden.
3.6
Die Ärzte der
D._
hielten mit Bericht an die Beschwerdegegnerin vom 3
0.
Juli 2020 (
Urk.
7/51) als Diagnosen fest:
-
r
ezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome, mit deutlicher sozialer Phobie (ICD.10 F33.2)
-
Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung
(ICD-10 Z73)
-
c
hronische Schmerzstörung mit somatischen und p
sychischen Faktoren (ICD-10 F45.
41)
-
c
hronische Polyarthritis nicht näher bezeichnet: mehrere Lokalisationen (ICD-10 M06.9)
Sie attestier
t
en d
er
Beschwerdeführerin vom
7.
März bis 3
1.
Juli 2020 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Aufgrund des aktuellen psychischen Zustandes sei die bisherige Tätigkeit nicht zumutbar. Es bestünden deutliche Einschränkungen
in der Belastbarkeit sowie eine markant reduzier
t
e St
ress- und Frustrations
tole
ranz
sowie limitierende und merkbare
Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstö
rungen
.
Wie viele Stunden pro Tag eine dem Leiden angepasste Tätigkeit zumut
bar sei, könne momentan nicht hinreichend beantwortet werden. Ob die Be
schwerde
füh
rerin Ressourcen habe, die für eine Eingliederung hilfreich sein könnten, könne nicht beantwortet werden.
3.7
Dr.
C._
führte mit Bericht an die Beschwerdegegneri
n vom 3
0.
September 2020 (
Urk.
7/
54) die gleichen Diagnosen wie im Bericht vom 2
1.
Oktober 2019 an (vgl. E.
3.5
). Er wiederholte zudem im Wesentlichen die im genannten Bericht gemachten Angaben und erklärte, dass eine angepasste Tätigkeit nach seiner Einschätzung möglich wäre. Es müsste aber eine Potenzialabklärung durchge
führt werden. Es sollte keine Tätigkeit in sehr kaltem Umfeld sein (wie zuvor). Die Arbeitsfähigkeit könne möglicherweise durch medizinische Massnahmen ver
bessert werden. E
s
brauche jedoch dringend die bereits Anfang 2020 empfohlenen
Wiedereingliederungsmassnahmen, Potenzialabklärung und Case-Management durch die Beschwerdegegnerin. Sonst drohe eine
Chronifizierung
.
3.8
Die
E._
-Gutachter nannten in ihrem Gutachten vom
3.
Mai 2021 (
Urk.
7/71) als Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
(
Urk.
7/71/8-9)
:
-
u
nspezifisches, primär
myogelotisch
bedingtes, intermittierend zervikales und
lumbovertebrales
Schmerzsyndrom (ICD-10 M53.05, M54.5)
-
i
m Rahmen einer allgemeinen muskulären
Dekonditionierung
mit Ab
schwä
chung der abdominellen und rückenstabilisierenden Muskel
gruppen
-
s
egmental altersentsprechend normale zervikale und lumbale Bewe
gungsfähigkeit
-
keine Hinweise für motorische Defizite an den oberen sowie unteren Extremitäten
Als Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit führten die Gutachter an
(
Urk.
7/71/9):
-
r
ezidivierende depressive Störung, gegenwärt
i
g remittiert (ICD-10 F33.4), Differentialdiagnose leichte Episode
-
p
sychologische Faktoren oder Verhaltensfaktoren bei andernorts klassi
fi
zierten Krankheiten (ICD-10 F54)
-
Adipositas (ICD-10 E66.9)
-
Gewicht 72 kg, Grösse 154 cm, BMI 30 kg/m
2
-
Karpaltunnelsyndrom rechts (ICD-10 G56.0)
-
Verdacht auf episodische Migräne ohne Aura (ICD-10 G43.9)
-
Verdacht auf arterielle Hypert
onie (ICD-10 I10)
-
c
hronischer Nikotinabusus (ICD-10 F17.1)
-
Hypercholesterinämie (ICD-10 E78.0)
-
Status nach primär
myogelotisch
bedingtem Schulter-Arm-Syndrom rec
hts (ICD-10 M89.0)
-
k
linisch rechte obere Extremität aktuell völlig frei beweglich
-
k
einerlei Hinweise für entzün
d
lich rheumatische Veränderungen am Handskelett
Aus rheumatologischer Sicht bestehe aufgrund eines unspezifischen, primär
myo
gelotisch
bedingten, intermittierend zervikalen und
lumbovertebralen
Schmerz
syndrom
s
in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit
von 80
% und in einer körperlich
leichten bis intermittierend mittelschweren, adaptierten und wechselbelastenden Verweistätigkeit eine A
r
beitsfähig
keit
von 90
%
, dies
auf
grund eines erhöhten Pausenbedarf
s
. Aus neurologischer Sicht fänden sich ein Karpaltunnelsyndrom recht
s
und der Verdacht auf eine episodische Migräne ohne Aura, ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Aus psychiatrischer Sicht sei die
Arbeitsfähigkeit ebenfalls nicht beeinträchtigt. Eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert
,
und psychologische Faktoren und Erhaltungs
fak
toren bei andernorts klassifizierten Krankheiten beeinträchtigten die Arbeits
fähigkeit nicht. A
us allgemeininterni
stischer Si
cht bestünden eine Adipositas, ein
Verdacht auf eine arterielle Hypertonie, ein chronischer Nikotinabusus und eine Hypercholesterinämie, die die A
r
beits
fähi
gkeit in der zuletzt ausgeübten wie auch in einer anderen körperlich leichten bis mittelschweren Tätigkeit nicht beein
trächtigten
(
Urk.
7/71/9)
.
Aus rheumatologischer Sicht fänden sich keine Hinweise auf eine rheuma
to
logische systemische Erkrankung. Aus neurologischer Sicht seien die kognitiven Fähigkeiten erhalten. Aufgrund des Karpaltunnelsyndroms bestünden leichte moto
rische Einschränkungen, die sensiblen Funktionen seien jedoch intakt. Aus psychiatrischer Sicht
bestehe
ein
sozial tragfähiges Netz
. Die Depression sei remittiert bzw. differentialdiagno
s
tisch liege noch eine leichte Form vor. Es be
stünden IV-fremde Faktoren aufgrund der festgestell
t
en Aggravation. Aus allge
meininternistischer Sicht habe die Beschwerdeführerin sei
t
der Einr
e
ise in die Schweiz in verschiedenen T
ätigkeiten, zuletzt als Betrieb
smitarbe
i
terin in einer Fleischfabrik in einem Pensum von 80
%
gearbeitet. Sie sei fähig, den Haushalt grösstenteils selbständig zu erledigen, auch bestehe eine gute Beziehung zum Sohn, zur Familie und zur Schwägerin. Eine fehlende berufliche Ausbildung, ein nicht strukturierter Tagesablauf, eine angespannte finanzielle Situation wie auch eine ausgeprägte subjektive Krankheits- und Behinderungsüberzeu
gung sei
en Belastungsfaktoren (
Urk.
7/71/9-10).
Aus rheumatologischer Sicht könnten die beklagten Beschwerden vorwiegend im Rahmen der allgemeinen muskulären
Dekonditionierung
und dementsprechend intermittierend reaktiven
Myogelosen
vor allem am Achsenskelett aber auch am Schultergürtel interpretiert werden. Eine eigenständige entzündlich-rheumato
logische Erkrankung liege nicht vor. Aus psychiatrischer Sicht fänden sich Inkon
sistenzen wie auch Hinweise auf Aggravation. Aus allgemeininternistischer und neurologischer Sicht fänden sich keine Inkonsistenzen (
Urk.
7/71/10).
In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit könne die Beschwerdeführerin acht Stunden pro Tag
anwesend sein
. Aufgrund des erhöhten Pausenbedarfs bestehe eine Ein
schränkung. E
s
ergebe sich so eine 80%ige Arbeits- und Leistungsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit (
Urk.
7/71/10).
Eine angepasste Tätigkeit sei eine körper
lich leichte bis intermittierend mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeit, ohne Arbeiten in stets stehender oder sitzender Haltung,
ohne
monotone
stereotype
fliessbandähnliche
Rotat
ionsbewegungen der Wirbelsäule oder Arbeiten in be
ton
ter Oberkörpervorneige- oder Rückhalteposition. Eine solche Tätigkeit könne
ebenfalls acht Stunden pro Tag ausgeübt werden. Unter Berücksichtigung des erhöhten Pausenbedarfs besteh
e
eine 90%ige Arbeits- und Leistungsfähigkeit (
Urk.
7/71/10-11).
Von der attestierten Arbeits- und Leistungsfähigkeit könne über die Zeit gemittelt seit August 2018 ausgegan
g
en werden (
Urk.
7/71/10,
Urk.
7/71/11).
4.
4.1
4.1.1
Die Beschwerdegegnerin stützte ihren Entscheid im Wesentlichen auf das
E._
-Gutachten vom
3.
Mai 2021 (
Urk.
7/71; vgl.
Urk.
2
,
Urk.
7/73/8-9
,
Urk.
7/80/2
).
4.1.2
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Zudem muss der Arzt über die notwendigen fachlichen Qualifikationen ver
fügen. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a; Urteil des Bundesgerichts 8C_225/2021 vom 1
0.
Juni 2021 E. 3.2, je mit Hinweisen).
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholten, den Anforderungen der Rechtsprechung entsprechenden Gutachten externer Spezial
ärzte (sogenannte Administrativgutachten) ist Beweiskraft zuzuerkennen, solange
nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE
137 V 210 E. 1.3.4, 135 V 465 E. 4.4; Urteil des Bundesgerichts 8C_77/2021 vom 20. April 2021 E. 3 mit Hinweisen).
4.2
Die Einschätzung der
E._
-Gutachter
(vgl. E. 3.8)
weicht
betreffend den psychi
schen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
erheblich von
der Beurteilung
der behandelnden Ärzte ab
(vgl. E. 3.3-3.7)
.
Der psychiatrische
E._
-Gutachter,
Dr.
med. G._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, wies zur Erklärung dieser Differenzen einzig auf die Verschiedenheit von
Be
handlungs
- und Begutachtungsauftrag hin
(vgl. Urk.
7/71/38-39).
Eine
spezifi
sche Auseinandersetzung mit den Einschätzungen der behandelnden Ä
rzte findet sich im Gutachten
nicht
.
Auch mit dem
F._
-Gutachten vom
4.
Dezember 2018, mit welchem
zwar
nicht für die Zukunft, aber im Begutachtungszei
tpunkt eine
relevante psychisch
begründete Einschränkung der Arbeitsfähigkeit attestiert wurde
(vgl. E. 3.2), setzte sich Dr.
G._
nicht auseinander.
Zur Begründung seiner Beurteilung
,
dass keine psychiatrische Diagnose mit Aus
wirkungen auf die Arbeitsfähigkeit vorläge (
Urk.
7/71/36),
führte
Dr.
G._
an
, dass bei der Beschwerdeführerin IV-fremde Faktoren im Vord
ergrund stünden (
Urk.
7/71/39) und deutliche Hinweise auf ein
aggravierendes
Verhalten vorlägen (
Urk.
7/71/37).
Er legt
e
jedoch
in
keiner
Weise dar, welche IV-fremden Faktoren
– neben Aggravation (vgl.
Urk.
7/71/41)
–
im Vordergrund stünden und
inwieweit die Beschwerdeführerin
aggravierendes
Verhalten
gezeigt habe
.
Hin
sichtlich des
aggravierenden
Verhaltens
erschöpfen sich
sein
e Ausführungen
in allgemeinen Verweisen beziehungsweise pauschalen Aussagen. Dies zeigt sich exem
plarisch in
der
Ziffer 7.3.1 des Gutachtens
(
Urk.
7/71/39-40)
, welche den Titel «Konsistenz und Plausibilität in der Untersuchungssituation» trägt
und
auf
welche an mehreren Stellen im Gutachten verwiesen wird (
Urk.
7/71/36,
Urk.
7/71/37)
.
Dr.
G._
führt
e
unter dieser Ziffer neben allgemeinen Ausführungen einzig an: «Es fanden sich Inkonsistenzen, die gemachten Angaben der Explorandin ware
n
nicht plausibel. Bei der Explorandin bestand zwischen den subjektiven Beschwerdeschilderungen und dem Verhalten der Explorandin in der Untersuchungssituation eine Diskrepanz. Bei der Begutachtung haben sich verschiedene Auffälligkeiten gezeigt, die
–
insbesondere in ihrer Gesamtschau –
zu dem Urteil führen, dass die Explorandin
aggraviert
.»
Die zitierten Ausfüh
rungen
beinhalten
keine fallspezifischen Angaben, legte
Dr.
G._
doch weder dar, welche Angaben der Beschwerdeführerin nicht plausibel waren noch welche Diskrepanz zwischen den subjektiven Beschwerdeschilderungen und dem Verhalten der Explorandin bestanden noch welche Auffälligkeiten sich zeigten. Die zitier
t
en Ausführungen von
Dr.
G._
machen
den Anschein eines
Textbausteins ohne konkreten Fallbezug.
Da das von
Dr.
G._
ange
führte
aggravierende
Verhalten der Beschwerdeführerin gestützt auf seine Aus
führungen nicht nachvollziehbar ist, erweist sich auch seine Verneinung einer somatoformen Schmerzstörung/Somatisierungsstörung als nicht nachvollziehbar, verneinte er eine solche Störung
doch
mit der Begründung
von Symptomaus
weitung bzw. Aggravation
(
Urk.
7/71/37).
Schliesslich erweist sich auch die Befunderhebung dur
ch
Dr.
G._
als
mangelhaft
, erklärte er doch
beispiels
weise: «Die Explorandin war in allen Quali
täten grundsätzlich orientiert, wenngleich situativ etwas auffällig»
(
Urk.
7/71/34)
.
Er
legte
jedoch nicht dar, inwieweit
die Beschwerdeführerin
nicht orientiert («grundsätzlich orientiert») bzw. auffällig war.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass
das psychiatrische Teilgutachten von
Dr.
G._
nicht
schlüssig
ist und somit den
Aufforderungen an
b
eweiskräftige Gutachten
nicht zu genügen vermag.
Es kann daher darauf und somit im Ergebnis auch auf das
E._
-Gutachten vom
3.
Mai 2021 nicht abgestellt werden.
4.
3
Nachdem sich auch gestützt auf die übrigen Akten der psychische Gesundheits
zustand der Beschwerdeführerin nicht
rechtsgenügend
feststellen
lässt, erweist sich der rechtserhebliche Sachverhalt als ungenügend abgeklärt.
5.
5.1
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders, wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (
§
26
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Im Prozess um Zusprechung oder Verweigerung von Sozialversicherungsleistungen holt die Be
schwerdeinstanz in der Regel ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie im Rahmen der Beweiswürdigung zum Schluss kommt, ein bereits erhobener medizinischer Sach
verhalt müsse (insgesamt oder in wesentlichen Teilen) noch gutachterlich geklärt werden oder eine Administrativexpertise sei in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig. Eine Rückweisung an die IV-Stelle bleibt hingegen möglich, wenn es darum geht, zu einer bisher vollständig ungeklärten Frage ein Gutachten einzuholen. Ebenso steht es dem Versicherungsgericht frei, eine Sache zurück
zuweisen, wenn allein eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gut
achterlichen Ausführungen erforderlich ist (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4).
5.2
Wie sich aus dem Kreisschreiben über das Verfahren in der Invalidenversicherung (KSVI) ergibt, obliegt es dem regionalen ärztlichen Dienst der IV-Stelle (RAD), nach Eingang eines polydisziplinären Gutachtens zu prüfen, ob dieses den Quali
tätsanforderungen entspricht, namentlich ob die Leitlinien zur versicherungs
medizinischen Begutachtung der Fachgesellschaften eingehalten wurden, und er hat eine Bewertung der Nachvollziehbarkeit des Gutachtens anhand der versiche
rungs
medizinischen Argumentationskette (Fragestellung,
Informationsbe
schaf
-
fu
ng
, Informationsbewertung, Beantwortung der Fragestellung) vorzunehmen. Deutliche Brüche in der Argumentationskette erfordern Erläuterungs- oder Ergänzungsfragen bei der Gutachtensstelle. Der RAD hält in einer kurzen Stel
lungnahme das Ergebnis seiner versicherungsmedizinischen Prüfung fest. Er erklä
rt bzw. ergänzt kleinere Lücken in der Argumentationsfolge mit seinem ver
siche
rungsmedizinischen Wissen (
Rz
. 208
0 ff.
KSVI
in der bis 3
1.
Dezember 2021
gültig gewesenen Fassung bzw.
Rz
. 3134 ff. KSVI in der ab
1.
Januar 2022 gültigen Fassung
).
5.3
Vorliegend ist der RAD seiner Pflicht nicht nachgekommen, das eingegangene
E._
-Gutachten
zu überprüfen
. Andernfalls hätte ihm ohne Weiteres auffallen müssen, dass
das psychiatrische Teilgutachten von
Dr.
G._
erhebliche Mängel aufweist. Die Beschwerdegegnerin hat es zudem unterlassen, sich im Rahmen des
Vorbescheidverfahren
s
mit dem Einwand der Beschwerdeführerin, das psychiatrische Teilgutachten von
Dr.
G._
genüge den gesetz
lichen Anforderungen nicht
(vgl.
Urk.
7/78)
, konkret auseinanderzusetzen. Die Aus
einandersetzung beschränkt sich auf die unspezifischen Feststellungen, dass das Gutachten de
n
Anforderungen genüge und Diskrepanzen zwischen den sub
jektiven Beschwerdeschilderungen und dem Verhalten der Beschwerdeführerin während des Untersuchs bestünden
(
Urk.
7/80/2,
Urk.
2).
Aufgrund der genannten Unterlassungen und Mängel
steht
vorliegend
die Recht
sprechung gemäss BGE 137 V 210 einer Rückweisung an die Beschwerdegegnerin nicht entgegen. BGE 137 V 210 änderte
nämlich
nichts an der gesetzlichen
Ordnung, wonach der Beweis über sozialversicherungsrechtliche Ansprüche pri
m
är auf der Stufe des Administrativverfahrens (vgl.
Art.
43 f. ATSG) und nicht im gerichtlichen Prozess geführt wird (vgl. BGE 137 V 210 E. 2.2.2 und 4.2). Wie das Bundesgericht festgestellt hat, litte die Rechtsstaatlichkeit der Versicherungs
durch
führung empfindlich und wäre von einem Substanzverlust bedroht, wenn die Verwaltung von vornherein darauf bauen könnte, dass ihre Arbeit ohnehin in jedem verfügungsweise abgeschlossenen Sozialversicherungsfall auf Beschwerde hin gleichsam gerichtlicher Nachbesserung unterläge (BGE 137 V 210 E. 4.2).
5.
4
Nach dem Gesagten ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, da
mit sie ein schlüssiges psychiatrisches Gutachten einholt. Hernach hat
sie
, allen
falls nach Vornahme weiterer sich als notwendig herausstellenden Abklärungen, über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin neu zu
entscheiden
. Die Beschwerde ist in dem Sinne gutzuheissen.
6
.
Gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung oder die Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung vor dem kantonalen Versicherungsgericht in Abweichung von
Art.
61
lit
. a ATSG kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhän
gig vom Streitwert im Rahmen von
Fr.
200.-- bis
Fr.
1'000.
--
festgelegt. Vorlie
gend
sind sie auf
Fr.
800.-- festzusetzen.
Die Rückweisung an die Verwaltung gilt nach ständiger Rechtsprechung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten der Be
schwerdegegnerin aufzuerlegen sind.
Damit erweist sich das Gesuch
der Be
schwer
deführerin
um unentgeltliche Prozessführung als gegenstandslos.
Das Gericht
erkennt:
1.
Die Beschwerde wird in dem Sinn
gutgeheissen
, dass die angefochtene Verfügung vom
9.
Juli 2021 aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese
,
nach
erfolgter
Abklärung im Sinne der Erwägungen
,
über den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin neu entscheide.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
800
.-- werden
der Beschwerdegegnerin
auferlegt.
Rechnung und Einzahlungsschein werden
der
Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zu
gestellt.
3.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Stadt Zürich Soziale Dienste
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse (im Dispositiv nach Eintritt der Rechtskraft)
4.