Decision ID: efd778f8-0cf2-43af-a0d2-e956990b641b
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
Verletzung der Verkehrsregeln
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Horgen, Einzelgericht, vom
3. Oktober 2014 (GC140016)
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Strafbefehl:
Der Strafbefehl des Statthalteramtes Bezirk Horgen vom 17. Januar 2013 ist
diesem Urteil beigeheftet (Urk. 2/2/1).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 26 S. 13 f.)
"Es wird erkannt:
1. Die Beschuldigte ist schuldig des fahrlässigen Missachtens des Vortritts beim
Signal „kein Vortritt“ im Sinne von Art. 90 Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 27 Abs. 1 SVG;
Art. 36 Abs. 2 und Art. 75 Abs. 3 SSV.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit einer Busse von Fr. 300.–.
3. Bezahlt die Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine
Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
4. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf Fr. 1‘000.–.
5. Die Kosten gemäss vorstehender Ziffer sowie die Kosten des Strafbefehls
ST.2013.228 vom 17. Januar 2013 in Höhe von Fr. 360.– und die nachträglichen
Gebühren des Statthalteramtes des Bezirks Horgen im Betrage von Fr. 410.–
werden der Beschuldigten auferlegt.
6. (Mitteilungen)
7. (Rechtsmittel)."
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Berufungsanträge:
a) der Verteidigung der Beschuldigten
(schriftlich; Urk. 39 S. 2)
" 1. Dispositivziffer 1 des angefochtenen Urteils sei aufzuheben und durch
folgende Fassung zu ersetzen:
"Die Beschuldigte wird vollumfänglich freigesprochen."
2. Dispositivziffer 2 des angefochtenen Urteils sei ersatzlos aufzuheben.
3. Dispositivziffer 3 des angefochtenen Urteils sei ersatzlos aufzuheben.
4. Dispositivziffer 5 des angefochtenen Urteils sei aufzuheben und durch
folgende Fassung zu ersetzen:
"Die Kosten des gemäss vorstehender Ziffer sowie die Kosten des
Strafbefehls ST.2013.228 vom 17. Januar 2013 in der Höhe von
Fr. 360.-- und die nachträglichen Gebühren des Statthalteramtes des
Bezirkes Horgen im Betrage von Fr. 410.-- sind auf die Staatskasse zu
nehmen."
5. Die Kosten des vorliegenden Verfahrens seien auf die Staatskasse zu
nehmen.
6. Der Beschuldigten sei für das erstinstanzliche (inkl. Untersuchung)
sowie für das vorliegende Verfahren eine angemessene Prozess-
entschädigung auszurichten."
b) des Statthalteramtes des Bezirks Horgen
(schriftlich; Urk. 31)
Verzicht auf Anträge.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Der Beschuldigten wird zusammengefasst vorgeworfen, am 6. Dezember
2012 um 11:15 Uhr als Lenkerin des Personenwagens der Marke Mercedes Benz
A190 mit den Kontrollschildern ZH ... an der Verzweigung
B._strasse/C._gasse in D._ über die Wartelinie auf der
C._gasse hinausgefahren zu sein, was zu einer Kollision mit einem auf der
B._strasse von links herankommenden Personenwagen der Marke Volvo
V70 mit den Kontrollschildern ZH ... geführt habe.
2. Mit Strafbefehl vom 17. Januar 2013 bestrafte das Statthalteramt des
Bezirks Horgen die Beschuldigte gestützt auf Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 36 Abs. 2
und 75 Abs. 3 SSV in Anwendung von Art. 90 Ziff. 1 SVG wegen fahrlässigen
Missachtens des Vortritts beim Signal "Kein Vortritt" mit einer Busse von Fr. 300.–
. Ausserdem wurden ihr die Kosten in Höhe von Fr. 360.– auferlegt (Urk. 2/2/1).
Dagegen liess die Beschuldigte mit Eingabe vom 23. Januar 2013 innert Frist
Einsprache erheben (Urk. 2/3). Nach Durchführung der Untersuchung hielt das
Statthalteramt am Strafbefehl fest und überwies die Akten an das Bezirksgericht
Horgen zur Beurteilung der Sache (Urk. 1).
3. Am 3. Oktober 2014 fand die Hauptverhandlung vor Vorinstanz statt, nach-
dem gestützt auf einen Beweisantrag der Beschuldigten am Tatort ein Augen-
schein durchgeführt worden war (Urk. 6, Prot. I S. 3 ff.). Mit gleichentags ergan-
genem Urteil sprach der Einzelrichter in Strafsachen die Beschuldigte im Sinne
von Art. 90 Abs.1 SVG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG sowie Art. 36 Abs. 2
und Art. 75 Abs. 3 SSV schuldig und bestrafte sie mit einer Busse von Fr. 300.–.
Zudem wurden der Beschuldigten die Gerichtskosten sowie die Kosten des Statt-
halteramtes des Bezirks Horgen auferlegt (Urk. 16). Gegen das mündlich eröffne-
te Urteil liess die Beschuldigte innert Frist Berufung anmelden (Urk. 19) und eben-
falls fristgerecht die Berufungserklärung einreichen (Urk. 27).
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4. Mit Präsidialverfügung des Obergerichts des Kantons Zürich vom 29. Januar
2015 wurde dem Statthalteramt des Bezirks Horgen eine Kopie der Berufungs-
erklärung übermittelt und Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erheben oder
begründet ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 29), worauf
dieses mit Eingabe vom 4. Februar 2015 verzichtete (Urk. 31). Mit Beschluss vom
10. Februar 2015 wurde die schriftliche Durchführung des Berufungsverfahrens
beschlossen und der Beschuldigten unter Bezugnahme auf die Überprüfungs-
gründe von Art. 398 Abs. 4 StPO Frist angesetzt, um die Berufungsanträge zu
stellen und zu begründen (Urk. 33), welcher Aufforderung die Verteidigung mit
Eingabe vom 9. April 2015 nachgekommen ist (Urk. 39). Mit Präsidialverfügung
vom 29. April 2015 wurde die Berufungsbegründung dem Statthalteramt des
Bezirks Horgen zugestellt und gleichzeitig Frist angesetzt, um die Berufungs-
antwort einzureichen (Urk. 43). Das Statthalteramt des Bezirks Horgen verzichtete
mit Eingabe vom 8. Mai 2015 auf eine Berufungsantwort (Urk.47). Innert der-
selben Frist verzichtete auch die Vorinstanz auf die ihr freigestellte Vernehm-
lassung (Urk. 45). Das vorliegende Verfahren erweist sich als spruchreif.
II. Prozessuales
5. Gemäss Art. 398 Abs. 1 StPO ist die Berufung zulässig gegen Urteile erst-
instanzlicher Gerichte, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise abge-
schlossen worden ist. Im Rahmen einer Berufung überprüft das Obergericht den
vorinstanzlichen Entscheid üblicherweise frei bezüglich sämtlicher Tat-, Rechts-
und Ermessensfragen (Art. 398 Abs. 3 StPO). Bildeten jedoch ausschliesslich
Übertretungen Gegenstand des erstinstanzlichen Hauptverfahrens, so schränkt
Art. 398 Abs. 4 Satz 1 StPO die Kognition der Berufungsinstanz ein.
6. Was den Sachverhalt anbelangt, so überprüft das Berufungsgericht nur, ob
eine offensichtlich unrichtige Feststellung des Sachverhaltes durch die Vorinstanz
gegeben ist. Relevant sind dabei klare Fehler bei der Sachverhaltsermittlung, wie
namentlich Versehen, Irrtümer oder offensichtliche Diskrepanzen zwischen der
sich aus den Akten sowie der Hauptverhandlung ergebenden Akten- sowie
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Beweislage und der Urteilsbegründung. Weiter in Betracht kommen insbesondere
Fälle, in denen die gerügte Sachverhaltsfeststellung auf einer Verletzung von
Bundesrecht, in erster Linie von Verfahrensvorschriften der StPO selbst, beruht.
Gesamthaft gesehen dürften regelmässig Konstellationen relevant sein, die als
willkürliche Sachverhaltserstellung zu qualifizieren sind (vgl. Schmid, StPO-
Praxiskommentar, 2. Aufl., Zürich 2013, Art. 398 N 12 f.; BSK-Eugster, StPO II,
3. Aufl., Basel 2013, Art. 398 N 3). Willkür bei der Beweiswürdigung liegt vor,
wenn der angefochtene Entscheid offensichtlich unhaltbar ist oder mit der tatsäch-
lichen Situation in klarem Widerspruch steht. Dass eine andere Lösung oder
Würdigung ebenfalls vertretbar erscheint oder gar vorzuziehen wäre, genügt nicht
(vgl. BGE 134 I 140 E. 5.4 mit Hinweisen). Eine vertretbare Beweiswürdigung ist
daher noch nicht willkürlich, auch wenn die Berufungsinstanz anstelle des Vorder-
richters allenfalls anders entschieden hätte.
7. Zum anderen wird das angefochtene Urteil auf Rechtsverletzungen durch
die Vorinstanz hin überprüft; insofern liegt keine Einschränkung der Über-
prüfungsbefugnis vor; sämtliche Rechtsfragen sind mit freier Kognition zu prüfen
und zwar nicht nur materiellrechtliche, sondern auch prozessuale (vgl. Hug in:
Zürcher Kommentar, StPO, 2. Aufl., Zürich 2014, Art. 398 N 23).
8. Das Obergericht hat zu überprüfen, ob die von der Beschuldigten vorge-
brachten Beanstandungen vor der Überprüfungsbefugnis gemäss Art. 398 Abs. 4
StPO gedeckt sind. In einem allfälligen nicht von der genannten Befugnis um-
fassten Umfang kann auf die Einwendungen nicht eingegangen werden. Es ist
somit festzustellen, ob das vorinstanzliche Urteil im Bereich der zulässigen
Kognition Fehler aufweist.
9. Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (vgl. BGE 136 I 184
E. 2.2.1). Die Berufungsinstanz kann sich somit auf die für ihren Entscheid
wesentlichen Punkte beschränken.
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Nicht weiter einzugehen ist damit insbesondere auf das Vorbringen der Verteidi-
gung, wonach die gegenüber der Polizei getätigten Aussagen der Beteiligten am
Tatort "unter Umgehung der klaren Vorschriften, welche für Einvernahmen
gelten", erhältlich gemacht worden seien, was die Unverwertbarkeit derselben zur
Folge habe (Urk. 39 S. 3). Mit der Vorinstanz ist in diesem Zusammenhang ledig-
lich festzuhalten, dass die für die Entscheidfindung wesentlichen Einvernahmen
unter Wahrung der Informationsrechte erfolgten und damit korrekt abgenommen
worden sind, was auch die Verteidigung nicht bestreitet (Urk. 26 S. 6 f., Art. 82
Abs. 4 StPO; Urk. 39 S. 3). Die im Polizeirapport zuhanden der Untersuchungs-
behörde dokumentierten Aussagen fanden demgegenüber keinen Eingang in die
vorinstanzlichen Erwägungen.
10. Die Verteidigung beanstandet die Sachverhaltserstellung durch die Vor-
instanz in materieller Hinsicht. Es sei zwar in absolut theoretischer Art und Weise
vorstellbar, dass sich das Tatgeschehen tatsächlich so zugetragen habe, wie von
der Vorinstanz angenommen; diese Annahme sei aber realitätsfremd. Die
Beschuldigte sei daher nach dem Grundsatz in dubio pro reo freizusprechen
(Urk. 39 S. 5 f.).
11. Nachdem die Beschuldigte einen Freispruch beantragen lässt (Urk. 39),
bildet das gesamte vorinstanzliche Urteil Berufungsgegenstand und ist mithin in
keinem Punkt in Rechtskraft erwachsen.
III. Schuldpunkt
12. Der Beschuldigten wird vorgeworfen, am 6. Dezember 2012 um 11:15 Uhr
in D._ an der Verzweigung B._strasse/C._gasse als Lenkerin des
Personenwagens der Marke Mercedes Benz A190 mit den Kontrollschildern ZH ...
die Wartelinie auf der C._gasse (Reihe weisser Dreiecke quer zur Fahrbahn)
überfahren zu haben, als sie beabsichtigte, links in die B._strasse einzubie-
gen. Wegen von rechts nahender Fahrzeuge habe sie abgebremst, als sich von
links ein Personenwagen der Marke Volvo V70 mit den Kontrollschildern ZH ...
genähert habe. Als deren Lenkerin den in die B._strasse hinein-fahrenden
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Personenwagen der Beschuldigten gesehen habe, habe sie sofort eine Vollbrem-
sung vollzogen, wobei der Wagen auf der verschneiten Fahrbahn ins Rutschen
gekommen und seitlich mit dem Personenwagen der Beschuldigten
kollidiert sei (Urk. 2/2/1).
13. Die Beschuldigte bestritt sowohl anlässlich der Einvernahme vor dem Statt-
halteramt als auch vor Vorinstanz, das Signal "kein Vortritt" nicht beachtet zu
haben (Urk. 2/10 und Prot. I S. 6), weshalb der Sachverhalt durch die Vorinstanz
in Würdigung der vorhandenen Beweismittel zu erstellen war.
14. Die Vorinstanz hat in ihrem Urteil die theoretischen Grundsätze der richterli-
chen Beweiswürdigung korrekt wiedergegeben (Urk. 26 S. 6 f., 9). Ferner hat sie
die Aussagen sowohl der Beschuldigten als auch der als Auskunftsperson einver-
nommenen Lenkerin des Volvos V70, welcher mit dem Mercedes der Beschuldig-
ten kollidierte, zutreffend zusammengefasst (Urk. 26 S. 7 f.). Ebenso hat die Vor-
instanz die anlässlich des Augenscheins protokollierten Feststellungen korrekt
wiedergegeben (Urk. 26 S. 9). Hierauf kann zur Vermeidung von Wiederholungen
verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
15. In ihrer Beweiswürdigung kam die Vorinstanz zum Schluss, dass sich
der Sachverhalt so abgespielt haben müsse, wie von der am Unfall beteiligten
Lenkerin des Volvos V70 geschildert. Als Kennzeichen für den Wahrheitsgehalt
der Aussagen erachtete die Vorinstanz den Umstand, dass sich die Ausführungen
der Volvo-Lenkerin problemlos mit den objektiven Gegebenheiten, namentlich den
Platzverhältnissen am Unfallort, kombiniert mit den Fahrzeugbreiten der darin
involvierten Personenwagen, verflechten liessen. Demgegenüber erachtete die
Vorinstanz die Sachdarstellung der Beschuldigten als mit den äusseren Um-
ständen nicht vereinbar. Sie begründet dies damit, dass – wenn die Beschuldigte
tatsächlich vor der Wartelinie auf der C._gasse gehalten hätte – die Volvo-
Lenkerin ihre Fahrt auf der B._strasse ungehindert hätte fortsetzen können
(Urk. 26 S. 9).
16. Es ist keineswegs willkürlich, wenn die Vorinstanz den seitens der Beschul-
digten behaupteten Unfallhergang als nicht plausibel einstuft. Mit der Vorinstanz
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ist nämlich keine vernünftige Erklärung ersichtlich, weshalb der Volvo mit dem
Fahrzeug der Beschuldigten hätte kollidieren bzw. weshalb die Volvo-Lenkerin ihr
Tempo (abrupt) hätte verlangsamen oder in Richtung der C._gasse hätte
ausweichen sollen, wenn das Auto der Beschuldigten tatsächlich hinter der
Wartelinie auf der C._gasse gestanden wäre. So hielt die Vorinstanz nach-
vollziehbar fest, dass auf der B._strasse im Kreuzungsbereich (Strassenbrei-
te 5.93 Meter; Prot. I S. 3) ein Passieren entgegenkommender Fahrzeuge, aus-
gehend von einer Fahrzeugbreite, wie sie beim Volvo erhoben worden ist (samt
Rückspiegel 2.1 Meter, vgl. Urk. 13), problemlos möglich ist (Urk. 26 S. 9). Dies
wird denn auch seitens der Verteidigung nicht in Abrede gestellt. Allerdings unter-
stellt sie der Vorinstanz einen Denkfehler: Demnach habe sie ausser Acht ge-
lassen, dass die Volvo-Lenkerin in subjektiver Hinsicht wohl nicht genau habe
kalkulieren können, wo sie die entgegenkommenden Fahrzeuge tatsächlich
kreuzen würde. Es sei durchaus denkbar, dass sie davon ausgegangen sei, die
entgegenkommenden Fahrzeuge erst weiter hinten (Richtung Dorfzentrum) auf
Höhe der Parkplätze zu kreuzen, namentlich an einer verengten Stelle (Strassen-
breite 4.5 Meter), an der ein Kreuzen insbesondere auch aufgrund der schlechten
Strassen- und Sichtverhältnisse und der überhöhten Geschwindigkeit der Volvo-
Lenkerin nicht möglich gewesen wäre. Bei dieser Ausgangslage sei es – so der
Verteidiger – absolut realitätsnah anzunehmen, dass die Volvo-Lenkerin –
erschrocken ob den entgegenkommenden Fahrzeugen und in Realisierung ihrer
übersetzten Geschwindigkeit – vergebens versucht habe, eine Kollision zu ver-
meiden, indem sie in die C._gasse eingebogen sei, wo sie aber mit dem
korrekt stehenden Fahrzeug der Beschuldigten kollidierte (Urk. 39 S. 5).
17. Den Ausführungen der Verteidigung kann nicht gefolgt werden. Die seitens
der Verteidigung dargelegte Sachverhaltsvariante, wonach die Volvo-Fahrerin
einer Fehlreaktion unterlegen sei und erschrocken ob den auf der B._strasse
entgegenkommenden Fahrzeugen als einzigen Ausweg die "Flucht" nach rechts
in die C._gasse gesehen habe, lässt sich – anders als der von der
Vorinstanz gestützt auf die Aussagen der Volvo-Lenkerin erstellte Geschehens-
ablauf – keineswegs mit den anlässlich des Augenscheins festgehaltenen
äusseren Gegebenheiten am Unfallort vereinbaren. Genau auf diese Erhebungen
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stellt die Verteidigung allerdings ab, wenn sie auf die aufgrund der Parkplätze
verengte Stelle mit einer Strassenbreite von lediglich 4.5 Meter verweist (vgl.
Prot. I S. 3). Diese verengte Stelle befindet sich aber – ausgehend von der Fahrt-
richtung der Volvo-Lenkerin – noch vor der Verzweigung B._strasse/
C._gasse (vgl. Urk. 2/1/2 S. 1, Urk. 2/12 Anhang, Prot. I S. 3). Geht man nun
von der Sachdarstellung der Verteidigung aus, wonach sich die Beschuldigte kor-
rekt hinter der Wartelinie und damit nicht auf der B._strasse befunden habe,
hätte es für die Volvo-Lenkerin – mit der Vorinstanz – keinen Grund gegeben, in
die C._gasse einzubiegen, hatte sie auf dieser Höhe die verengte Stelle, wo
sich ein Kreuzen kritisch hätte erweisen können, doch längst passiert.
18. Es spricht damit alles dafür und nichts dagegen, dass sich der Unfall tat-
sächlich so zugetragen hat, wie von der Volvo-Lenkerin geschildert. Von einer
"akademisch theoretisch" denkbaren, aber realitätsfremden Variante, wie sie die
Verteidigung betitelt (Urk. 39 S. 6), kann damit keine Rede sein. Die Beweis-
würdigung der Vorinstanz ist ohne Weiteres vertretbar. Insbesondere beruht sie
nicht auf einer Verletzung der Unschuldsvermutung. Der Grundsatz "in dubio pro
reo" weist das Gericht lediglich an, bei Vorliegen unüberwindlicher Zweifel an der
Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der angeklagten Tat seinem Urteil
die für die beschuldigte Person günstigere Sachlage zugrunde zu legen (Art. 10
Abs. 3 StPO; BSK-Tophinke, StPO I, 2. Aufl., Basel 2014, Art. 10 N 76). Er besagt
indes nicht, dass jedenfalls auf die für die beschuldigte Person günstigere Sach-
lage abzustellen ist, auch wenn diese – wie vorliegend – keineswegs plausibel
erscheint.
19. Die Vorinstanz durfte gestützt auf das Beweisergebnis willkürfrei annehmen,
dass die Beschuldigte über die Wartelinie an der C._gasse hinausgefahren
ist und damit der auf der Verzweigung von links nahenden Lenkerin des Volvos
V70 mit den Kontrollschildern ZH ... den Vortritt nicht gewährt hat. Nicht zu hören
ist damit der Einwand der Verteidigung, wonach die "Schuld eines Unfall-
beteiligten konstruiert" worden sei, um die unliebsame Situation der Ungewissheit
zu überwinden (Urk. 39 S. 6). Die Sachverhaltserstellung der Vorinstanz ist nicht
zu beanstanden.
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20. Die Vorinstanz hat die Beschuldigte gemäss der rechtlichen Würdigung der
Anklagebehörde des fahrlässigen Missachtens des Vortritts beim Signal "Kein
Vortritt" schuldig gesprochen (Urk. 2/2/1, Urk. 26 S. 13). Die Verteidigung hat
diese Qualifikation weder im Haupt- noch im Berufungsverfahren beanstandet
(Urk. 14, Urk. 39). Diese ist denn auch ohne Weiteres zutreffend. Den zutreffen-
den Ausführungen der Vorinstanz sowie dem Schluss, dass das Verhalten der
Beschuldigten zweifellos als leichte Verkehrsregelverletzung nach Art. 90 Abs. 1
SVG zu qualifizieren ist, kann vollumfänglich gefolgt werden. Darauf kann ver-
wiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
21. Der angefochtene Schuldspruch ist daher zu bestätigen. Die Beschuldigte ist
somit der fahrlässigen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Abs. 1 SVG in Verbindung mit Art. 27 Abs. 1 SVG sowie Art. 36 Abs. 2 und
Art. 75 Abs. 3 SSV (Nichtgewähren des Vortritts beim Signal "Kein Vortritt")
schuldig zu sprechen.
IV. Sanktion
22. Die Verteidigung hat sich weder im Haupt- noch im Berufungsverfahren zum
Strafmass geäussert (Urk. 14, Urk. 39). Die Vorinstanz hat die Beschuldigte
gemäss Antrag der Anklagebehörde und in – korrekter – Annahme eines noch
leichten Verschuldens sowie in Anbetracht ihrer persönlichen Verhältnisse mit
einer Busse von Fr. 300.– bestraft und für den Fall, dass die Beschuldigte die
Busse schuldhaft nicht bezahlen sollte, eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen
festgesetzt (Urk. 2/2/1 S. 2, Urk. 26 S. 13). Auch diesbezüglich kann vollumfäng-
lich auf die zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden (Urk. 26
S. 12 f., Art. 82 Abs. 4 StPO). Aufgrund des Verbotes der reformatio in peius
(Art. 391 Abs. 2 StPO) könnte der Beschuldigten keine höhere Busse auferlegt
werden. Andererseits sind aber auch keine Gründe ersichtlich, das vorinstanzliche
Strafmass zu reduzieren.
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V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
23. Ausgangsgemäss ist die vorinstanzliche Kostenregelung zu bestätigen
(Dispositivziffer 4 und 5; Art. 426 Abs. 1 StPO).
24. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist praxisgemäss auf
Fr. 1'000.– festzusetzen.
25. Die Beschuldigte unterliegt im Berufungsverfahren mit ihren Anträgen voll-
umfänglich. Daher sind ihr auch die Kosten des Berufungsverfahrens aufzu-
erlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO).