Decision ID: a695d523-8938-47f0-838e-a87583d2ae81
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die am (...) 1965 geborene, deutsche Staatsangehörige A._
(nachfolgend: Versicherte oder Beschwerdeführerin) lebt in ihrer Heimat
und hat dort eine Ausbildung als staatlich anerkannte Erzieherin und als
Diplom Kunsttherapeutin (FH) absolviert sowie einen Magister der Univer-
sität B._ in Kunsterziehung mit den Nebenfächern Psychologie und
Kunstgeschichte erlangt (Akten der Vorinstanz [nachfolgend: doc.] 2,; 11;
29). Sie war von Mai 2007 bis März 2015 in eigener Praxis in (...) als Sys-
temische Familientherapeutin und Diplom-Kunsttherapeutin zu 10% tätig
(doc. 11 S. 1; 29). Darüber hinaus war sie als Grenzgängerin von Mai 2002
bis zum Zeitpunkt eines Arbeitsunfalls am 3. Mai 2016 als Betreuerin einer
Wohngruppe beim C._ in einem 60%-Pensum angestellt (doc. 29;
94 S. 21). Dabei leistete sie Beiträge an die schweizerische Alters-, Hinter-
lassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV; doc. 12).
A.b Bei besagtem Unfall stürzte die Versicherte über eine Schwelle der
Balkontür, wobei sie sich mit dem linken Arm im Balkongitter verfing und
schliesslich linksfrontal am Kopf eine grosse Rissquetschwunde mit mas-
siver Blutung erlitt und infolgedessen in die Notfallstation kam, wo eine
komplette Parese (Lähmung) der Extensorenmuskulatur am Unterarm be-
ziehungsweise der Hand sowie eine inkomplette sensible Ausfallerschei-
nung festgestellt wurde. Nachdem die Versicherte aufgrund der diagnosti-
zierten dislozierten Humerusschaftspiralfraktur mit Läsion des Nervus ra-
dialis links am darauffolgenden Tag im Spital D._ operiert worden
war, verweilte sie bis zum 18. Mai 2016 in der Reha E._ (doc. 5. S.
31 u. S. 34). In der Folge war sie bis zum 12. Dezember 2016 zu 100%
arbeitsunfähig und wurde per 28. Februar 2017 gekündigt (doc. 13 S. 2 u.
12).
B.
B.a Am 25. Oktober 2016 meldete sich die Versicherte bei der Invaliden-
versicherung zur Früherfassung an (doc. 1). Am 11. November 2016 (Post-
eingang IV-Stelle F._ am 16. November 2016 [doc. 10 S. 1]) mel-
dete sie sich mit dem Formular «Berufliche Integration/Rente» unter Ver-
weis auf die Beschwerden am linken Handgelenk, Ellenbogen und Ober-
arm (Zustand nach Plattenosteosynthese bei Humerusschaftfraktur links
am 04.05.2016, primäre Radialisparese [Lähmung oder unvollständige
Lähmung des Nervus radialis], CRPS [engl. für komplexes regionales
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Schmerzsyndrom], Verdacht auf stattgehabte Luxation/Subluxation im Be-
reich des linken Handgelenks mit möglichem ligamentärem Binnenscha-
den [doc. 5 S. 76]) bei der IV-Stelle F._ (nachfolgend: kantonale IV-
Stelle) zum Leistungsbezug an. Die kantonale IV-Stelle klärte daraufhin
den medizinischen und erwerblichen Sachverhalt ab und zog die ärztlichen
Berichte, insbesondere die Akten der Unfallversicherung und dreier von der
Unfallversicherung in Auftrag gegebener Gutachten, bei (doc. 38; 75).
B.b Nach Durchführung des Vorbescheidverfahrens (doc. 46) wies die IV-
Stelle für Versicherte im Ausland (nachfolgend IVSTA oder Vorinstanz) das
Leistungsbegehren mit der Begründung ab, gemäss Gutachten des
G._ vom 28. August 2018 (doc. 75) und Beurteilungen des Regio-
nalen Ärztlichen Dienstes (RAD; doc. 77; 81) sei die zuletzt ausgeübte Tä-
tigkeit als diplomierte Betreuerin nicht mehr zumutbar, jedoch bestehe in
einer leidensangepassten Tätigkeit als systemische Therapeutin eine volle
Arbeitsfähigkeit. Mit einer Umschulung in einen anderen Bereich, welche
ohne entsprechende Erfahrung auf dem Arbeitsmarkt verwertet werden
müsste, sei keine Verbesserung der Erwerbsaussichten zu erwarten. Es
bestehe daher kein Anspruch auf Umschulung; im Rahmen der Frühinter-
vention könne der Versicherten ein Coaching mit aktiver Stellensuche an-
geboten werden (doc. 88; 89).
C.
C.a Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte, vertreten durch André
Baur, Advokat, mit Eingabe vom 15. Februar 2019 (Postaufgabe) Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und stellte das Begehren, es sei
die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 15. Januar 2019 vollumfäng-
lich aufzuheben und diese zu verurteilen, der Beschwerdeführerin ange-
messene Frühinterventionsmassnahmen und berufliche Massnahmen zu-
zusprechen. Zur Begründung brachte sie im Wesentlichen vor, der Sach-
verhalt sei insofern falsch festgestellt worden, als die Berufsbezeichnung
nicht zutreffe und in medizinischer Hinsicht nicht beweiswertig sei, insbe-
sondere widerspreche der RAD-Bericht dem Gutachten des G._
vom 28. August 2018. Aufgrund des Gesundheitsschadens seien bimanu-
elle Tätigkeiten, wie diejenigen einer Kunsttherapeutin, unzumutbar (Akten
im Beschwerdeverfahren [nachfolgend: act] 1).
C.b Der mit Zwischenverfügung vom 21. Februar 2019 bei der Beschwer-
deführerin eingeforderte Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 800.–
(act. 2) wurde am 25. Februar 2019 geleistet (act. 4).
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Seite 4
C.c Mit Vernehmlassung vom 10. Mai 2019 beantragte die Vorinstanz, un-
ter Verweis auf die Stellungnahme der kantonalen IV-Stelle vom 8. Mai
2019, die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung der angefoch-
tenen Verfügung vom 15. Januar 2019 mit der Begründung, es bestehe
gemäss Art. 7d Abs. 3 IVG kein Anspruch auf angemessene Frühinterven-
tionsmassnahmen und das handchirurgische Teilgutachten des G._
sei aus arbeitsmedizinischer Sicht nur eingeschränkt verwertbar, weshalb
der RAD in seinem Bericht auf dessen Belastungsprofil abstelle. Lediglich
in der Einschätzung der Einschränkung von 20% als Kunsttherapeutin wei-
che der RAD-Bericht vom Gutachten ab. Was die Umschulung anbelange,
sei es der Beschwerdeführerin mit den absolvierten Aus- und Weiterbildun-
gen sowie der Berufserfahrung zumutbar, eine Tätigkeit zu finden, die dem
im Gutachten vom 28. August 2018 definierten Belastungsprofil entspre-
che (act. 6).
C.d Mit Replik vom 17. Juni 2019 zog die Beschwerdeführerin ihren Antrag
auf Zusprechung angemessener Frühinterventionsmassnahmen zurück,
hielt im Übrigen an ihren beschwerdeweise gestellten Anträgen fest und
reichte weitere Arztberichte sowie ihre Honorarnote ein (act. 8).
C.e In ihrer Duplik vom 15. Juli 2019 hielt die Vorinstanz unter Verweis auf
eine Stellungnahme der kantonalen IV-Stelle vom 11. Juli 2019 sowie eine
Stellungnahme von Dr. H._ des RAD vom 1. Juli 2019, wonach die
eingereichten Arztberichte in etwa gleiche klinische Befunde und Funkti-
onsausmasse der linken oberen Extremität wie im G._-Gutachten
dokumentierten, an ihren bisherigen Anträgen fest (B-act. 10).
C.f Mit Schreiben vom 15. August 2019 stellte die Vorinstanz dem Gericht
das mit Zwischenverfügung vom 18. Juli 2019 eingeforderte ergänzende
Verlaufsgutachten des G._ vom 12. Juli 2019 zu (B-act. 11 f.). Am
22. August 2019 ersuchte das Gericht die Vorinstanz um ergänzende Zu-
stellung eines zusätzlichen psychiatrischen Teilgutachtens des G._
und eines Berichts der am 19. August 2019 durchgeführten Arthroskopie
des linken Handgelenks (B-act. 13). Dem Gericht stellte die IVSTA am 25.
November 2019 eine Kopie des Operationsberichts vom 19. August 2019
(B-act. 17) und die kantonale IV-Stelle am 26. März 2020 das psychiatri-
sche G._-Gutachten vom 11. März 2020 zu (B-act. 21).
C.g Am 13. Juli 2020 hielt die Vorinstanz mit ergänzender Duplik an ihren
Anträgen auf Abweisung der Beschwerde und Bestätigung der angefoch-
tenen Verfügung fest (act. 10; 24).
C-801/2019
Seite 5
C.h Mit Triplik vom 22. Juli 2020 erneuerte die Beschwerdeführerin den
Rückzug ihres Antrags auf Zusprechung von angemessenen Frühinterven-
tionsmassnahmen und hielt im Übrigen an ihren beschwerdeweise gestell-
ten Anträgen fest (act. 26).
C.i Am 24. Juli 2020 stellte der Instruktionsrichter der Vorinstanz ein Dop-
pel der Triplik zu und schloss den Schriftenwechsel ab (B-act. 27).
D.
Auf die weiteren Vorbringen und Unterlagen der Parteien wird – soweit für
die Entscheidfindung erforderlich – in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG in Verbindung mit Art. 33 Bst. d VGG und Art. 69
Abs. 1 Bst. b IVG (SR 831.20) sowie Art. 5 VwVG beurteilt das Bundesver-
waltungsgericht Beschwerden von Personen im Ausland gegen Verfügun-
gen der IVSTA. Eine Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor.
1.2 Gemäss Art. 40 Abs. 2 IVV ist für die Entgegennahme der Anmeldun-
gen von Grenzgängern sowie Durchführung und Prüfung der entsprechen-
den Abklärungen die kantonale IV-Stelle zuständig, in deren Tätigkeitsge-
biet der Grenzgänger eine Erwerbstätigkeit ausübt hat; die Verfügungen
werden von der IV-Stelle für Versicherte im Ausland erlassen.
1.3 Nach Art. 37 VGG richtet sich das Verfahren vor dem Bundesverwal-
tungsgericht nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt.
Indes findet das VwVG aufgrund von Art. 3 Bst. dbis VwVG keine Anwen-
dung in Sozialversicherungssachen, soweit das ATSG (SR 830.1) anwend-
bar ist.
1.4 Die Beschwerdeführerin hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom-
men; sie ist durch die sie betreffende Verfügung berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Anfechtung (Art. 59 ATSG).
C-801/2019
Seite 6
1.5 Da die Beschwerde rechtzeitig und formgerecht (Art. 60 ATSG und
Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereicht und auch der vollständige Kostenvor-
schuss innert der auferlegten Frist geleistet wurde (Art. 63 Abs. 4 VwVG),
ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.
2.1 Der Anfechtungsgegenstand in einem Beschwerdeverfahren wird
durch die angefochtene Verfügung bestimmt. Davon zu unterscheiden ist
der Streitgegenstand. Im Bereich der nachträglichen Verwaltungsrechts-
pflege ist der Streitgegenstand das Rechtsverhältnis, welches – im Rah-
men des durch die Verfügung bestimmten Anfechtungsgegenstandes –
den aufgrund der Beschwerdebegehren effektiv angefochtenen Verfü-
gungsgegenstand bildet. Anfechtungs- und Streitgegenstand sind dann
identisch, wenn die Verwaltungsverfügung insgesamt angefochten wird
(vgl. hierzu BGE 131 V 164 E. 2.1 und 119 Ib 36 E. 1b mit Hinweisen; SVR
2010 BVG Nr. 14 S. 56 E. 4.1).
Vorliegend ist die Verfügung vom 15. Januar 2019 (doc. 88) streitig, mit
welcher die Vorinstanz das Leistungsbegehren abwies, einen Anspruch auf
Gewährung beruflicher Massnahmen verneinte und der Versicherten im
Rahmen der Frühintervention ein Coaching mit aktiver Stellensuche anbot.
Der Antrag auf Zusprache angemessener Frühinterventionsmassnahmen
wurde jedoch im Rahmen des Schriftenwechsels zurückgezogen und ist
damit als gegenstandslos geworden abzuschreiben (vgl. Bst. C.d und C.g).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
2.3 Nach ständiger Rechtsprechung beschränkt sich die Prüfung des So-
zialversicherungsgerichts auf die Verhältnisse, wie sie sich bis zum Erlass
der angefochtenen Verwaltungsverfügung entwickelt haben (vgl. Urteil des
BGer 8C_489/2016 vom 29. November 2016 E. 5.2 m.H. auf BGE 132
V 215 E. 3.1.1; 130 V 138 E. 2.1; 121 V 362 E. 1b). Tatsachen, die jenen
Sachverhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand ei-
ner neuen Verwaltungsverfügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b).
2.4 Die Beschwerdeführerin ist deutsche Staatsangehörige mit Wohnsitz in
Deutschland. Damit gelangen das Freizügigkeitsabkommen vom 21. Juni
1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und die Regelwerke der Gemeinschaft zur
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Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss Anhang II des
FZA, insbesondere die für die Schweiz am 1. April 2012 in Kraft getretenen
Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 (SR 0.831.109.268.1) und Nr. 987/2009
(SR 0.831.109.268.11), zur Anwendung. Seit dem 1. Januar 2015 sind
auch die durch die Verordnungen (EU) Nr. 1244/2010, Nr. 465/2012 und
Nr. 1224/2012 erfolgten Änderungen in den Beziehungen zwischen der
Schweiz und den EU-Mitgliedstaaten anwendbar. Das Vorliegen einer an-
spruchserheblichen Invalidität beurteilt sich indes auch im Anwendungsbe-
reich des FZA und der Koordinierungsvorschriften nach schweizerischem
Recht (vgl. BGE 130 V 253 E. 2.4; Urteil des BGer 9C_573/2012 vom
16. Januar 2013 E. 4).
3.
3.1 Die Frage, ob und gegebenenfalls ab wann die Beschwerdeführerin
Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen der schweizerischen
Invalidenversicherung hat, bestimmt sich nach folgenden schweizerischen
Rechtsvorschriften:
3.1.1 Invalide oder von einer Invalidität unmittelbar bedrohte Versicherte
haben Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig
und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit wiederherzustellen, zu verbessern,
zu erhalten oder ihre Verwertung zu fördern. Dabei ist die gesamte, noch
zu erwartende Arbeitsdauer zu berücksichtigen (Art. 8 Abs. 1bis IVG). Die
Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in Massnahmen be-
ruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschu-
lung, Arbeitsvermittlung; Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG). Der Anspruch auf Einglie-
derungsmassnahmen entsteht, sobald solche im Hinblick auf Alter und Ge-
sundheitszustand des Versicherten angezeigt sind (Art. 10 Abs. 2 IVG).
3.1.2 Gemäss Art. 17 IVG besteht Anspruch auf Umschulung auf eine neue
Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist
und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert
werden kann. Unter Umschulung ist nach der Rechtsprechung grundsätz-
lich die Summe der Eingliederungsmassnahmen berufsbildender Art zu
verstehen, die notwendig und geeignet sind, den vor Eintritt der Invalidität
bereits erwerbstätig gewesenen Versicherten eine ihrer früheren annä-
hernd gleichwertige Erwerbsmöglichkeit zu vermitteln (BGE 124 V 110 E.
2a; AHI 2000 S. 61 f. E. 1). Dabei bezieht sich der Begriff der „annähernden
C-801/2019
Seite 8
Gleichwertigkeit“ nicht in erster Linie auf das Ausbildungsniveau als sol-
ches, sondern auf die nach erfolgter Eingliederung zu erwartende Ver-
dienstmöglichkeit (BGE 124 V 110 E. 2a; AHI 2002 S. 107 E. 4).
3.1.3 Als invalid im Sinne von Art. 17 IVG gilt, wer nicht hinreichend einge-
gliedert ist, weil der Gesundheitsschaden eine Art und Schwere erreicht
hat, welche die Ausübung der bisherigen Erwerbstätigkeit ganz oder teil-
weise unzumutbar macht. Dabei muss der Invaliditätsgrad ein bestimmtes
erhebliches Mass erreicht haben; nach der Rechtsprechung ist dies der
Fall, wenn die versicherte Person in den ohne zusätzliche Ausbildung noch
zumutbaren Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde
Erwerbseinbusse von etwa 20% erleidet (BGE 124 V 110 E. 2b; AHI 2000
S. 62 E. 1).
3.1.4 Zu den notwendigen und geeigneten Eingliederungsmassnahmen-
berufsbildender Art zählen alle zur Eingliederung ins Erwerbsleben unmit-
telbar erforderlichen Vorkehren. Deren Umfang lässt sich nicht in abstrak-
ter Weise festlegen, indem ein Minimum an Wissen und Können voraus-
gesetzt wird und nur diejenigen als berufsbildend anerkannt werden, die
auf dem angenommenen Minimalstandard aufbauen. Auszugehen ist viel-
mehr von den Umständen des konkreten Falles, wozu auch die von Person
zu Person unterschiedliche subjektive und objektive Eingliederungsfähig-
keit (Gesundheitszustand, Leistungsvermögen, Bildungsfähigkeit, Motiva-
tion usw.) gehört (unveröffentlichtes Urteil des EVG I 529/01 vom 19. März
2002 E. 1a 3.10 mit Hinweis auf AHI 1997 S. 172 E. 3a).
3.1.5 Von der IV nicht zu übernehmen sind insbesondere Massnahmen,
welche die Erwerbsfähigkeit nur geringfügig zu beeinflussen vermögen.
Namentlich sieht das Gesetz keine Massnahmen vor, um einen kleinen und
unsicheren Rest von Erwerbsfähigkeit zu erhalten. Aus der allgemeinen
Zielsetzung der IV-rechtlichen Eingliederungsmassnahmen ergibt sich,
dass die gesellschaftliche Integration oder soziale Eingliederung nicht nach
Massgabe des IVG versichert ist (ZAK 1992 S. 365 f. E. 1b mit Hinweisen).
3.2
3.2.1 Bei der Bemessung des Invaliditätsgrades stützen sich die Verwal-
tung und – im Beschwerdefall – das Gericht auf Unterlagen, die von ärztli-
chen und gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur Verfügung zu stel-
len sind. Ärztliche Aufgabe ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen
und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
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Seite 9
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsfähig ist. Im Weiteren sind die
ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage,
welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können
(BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen).
3.2.2 Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend,
ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersu-
chungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kennt-
nis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation ein-
leuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Expertinnen und Experten be-
gründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Eine begutach-
tende medizinische Fachperson muss über die notwendigen fachlichen
Qualifikationen verfügen (Urteil des BGer 9C_555/2017 vom 22. Novem-
ber 2017 E. 3.1 mit Hinweisen). Den Berichten und Gutachten versiche-
rungsinterner Ärzte kommt ebenfalls Beweiswert zu, sofern sie als schlüs-
sig erscheinen, nachvollziehbar begründet sowie in sich widerspruchsfrei
sind und keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit bestehen. Die Tatsache
allein, dass der befragte Arzt in einem Anstellungsverhältnis zum Versiche-
rungsträger steht, lässt nicht schon auf mangelnde Objektivität und auf Be-
fangenheit schliessen. Es bedarf vielmehr besonderer Umstände, welche
das Misstrauen in die Unparteilichkeit der Beurteilung objektiv als begrün-
det erscheinen lassen (BGE 135 V 465 E. 4.4 m.H. auf 125 V 351
E. 3b/ee).
3.2.3 Jedoch gilt in der Beweiswürdigung bei Entscheiden, die sich aus-
schliesslich auf versicherungsinterne ärztliche Beurteilungen stützen, die
im Wesentlichen oder ausschliesslich aus dem Verfahren vor dem Sozial-
versicherungsträger stammen: Bestehen auch nur geringe Zweifel an der
Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der ärztlichen Feststellungen, ist eine
versicherungsexterne medizinische Begutachtung im Verfahren nach
Art. 44 ATSG oder ein Gerichtsgutachten anzuordnen (vgl. Urteil des BGer
vom 12. April 2017 E. 3 mit Verweisen auf BGE 139 V 225 E. 5.2; 135
V 465 E. 4.4 und E. 4.7 sowie Urteil 8C_385/2014 vom 16. September
2014 E. 4.2.2; vgl. auch BGE 125 V 351 E. 3b/ee sowie UELI KIESER,
ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 43 Rz. 46).
3.2.4 Die Feststellungen der aus dem Ausland stammenden Beweismittel,
wie insbesondere auch ärztliche Berichte und Gutachten, unterliegen der
freien Beweiswürdigung des Gerichts (vgl. Urteil des Eidgenössischen Ver-
sicherungsgerichts [EVG, ab 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen
C-801/2019
Seite 10
des Bundesgerichts] vom 11. Dezember 1981 i.S. D; zum Grundsatz der
freien Beweiswürdigung: BGE 125 V 351 E. 3a).
3.3 Nach Art. 43 Abs. 1 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begehren,
nimmt die notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die er-
forderlichen Auskünfte ein (Satz 1). Das Gesetz weist dem Durchführungs-
organ die Aufgabe zu, den rechtserheblichen Sachverhalt nach dem Un-
tersuchungsgrundsatz abzuklären, sodass gestützt darauf die Verfügung
über die in Frage stehende Leistung ergehen kann (Art. 49 ATSG;
SUSANNE LEUZINGER-NAEF, Die Auswahl der medizinischen Sachverstän-
digen im Sozialversicherungsverfahren [Art. 44 ATSG], in: Riemer-
Kafka/Rumo-Jungo [Hrsg.], Soziale Sicherheit – Soziale Unsicherheit,
Bern 2010, S. 413 f.).
4.
4.1 Die Beschwerdeführerin leistete in der Schweiz Beiträge an die AHV /
IV während den Jahren 2002-2015 (doc. 12). Sie erfüllt damit die dreijäh-
rige Mindestbeitragsdauer der schweizerischen Invalidenversicherung ge-
mäss Art. 36 Abs. 1 IVG. Nachfolgend bleibt zu prüfen, ob eine Invalidität
im oben genannten Sinne (E. 3.1 f.) vorliegt. Vorab stellt sich die Frage, ob
die Vorinstanz ihrer Abklärungspflicht im Sinne von Art. 43 Abs. 1 ATSG
rechtsgenüglich nachgekommen ist.
4.2 Hinsichtlich der Beurteilung des Gesundheitszustandes und der Leis-
tungsfähigkeit der Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der angefochtenen
Verfügung liegen insbesondere die folgenden Gutachten und Arztberichte
vor:
4.2.1 Die Beschwerdeführerin stürzte am 3. Mai 2016 über eine Schwelle
der Balkontür, wobei sie sich im Fallen mit dem linken Arm im Balkongitter
verfing. Gleichzeitig kam es zu einem Anschlagen des Kopfes, woraus eine
grosse Rissquetschwunde linksfrontal mit massiver Blutung resultierte. Da-
bei zog sich die Beschwerdeführerin eine dislozierte Humerusschaftspi-
ralfraktur mit Läsion des Nervus radialis links zu (s. hiervor Bst. A.b). Kli-
nisch habe eine komplette Parese (Lähmung) der Extensorenmuskulatur
am Unterarm/Hand imponiert. Ebenso habe sich auch eine inkomplette
sensible Ausfallerscheinung gezeigt (doc. 5 S. 3 und S. 34).
4.2.2 Im Operationsbericht vom 4. Mai 2016 hielt PD Dr. I._, Ortho-
pädie und Traumatologie FMH, die gleichentags durch ihn und Dr.
J._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
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Seite 11
Bewegungsapparates, durchgeführte operative Versorgung mittels Platte-
nosteosynthese fest (ORIF Humerus links mit langer PHILOS-Platte). Mit
2 Weberzangen sei die anatomische Reposition der Fraktur und die Ein-
bringung zweier 2,7mm-Zugschrauben erfolgt. Danach sei eine PHILOS-
Platte mit Fixierung im Humeruskopf angelegt worden. Anschliessend sei
ein Wundverschluss mit Subkutannaht und Hautnaht erfolgt (doc. 17 S.
53).
4.2.3 Im Austrittsbericht zuhanden der Reha E._ vom 13. Mai 2016
wurde von PD Dr. I._, Orthopädie und Traumatologie FMH, festge-
halten, dass die Beschwerdeführerin nach der notfallmässigen Zuweisung
am 3. Mai bis zum 18. Mai 2016 im Spital D._ hospitalisiert gewe-
sen sei. Beim Eintritt habe sich eine Hypästhesie am distalen Unterarm
dorsal und am Handrücken sowie eine Fallhand gezeigt. Die Streckung der
Langfinger sei nur in flektierter Hand in den Endphalangen möglich gewe-
sen, die Sensibilität und Motorik im Versorgungsgebiet Nervus ulnaris, Ner-
vus medianus sowie Nervus axillaris sei regelrecht gewesen. Bereits
präoperativ habe sich eine Neurapraxie des Nervus radialis gezeigt. Es sei
die osteosynthetische Versorgung der Fraktur ohne Freilegung der Nerven
erfolgt. Postoperativ habe sich eine beginnende Erholung des Defizites ge-
zeigt, das Sensibilitätsdefizit sei regredient, die Fallhand nur gering bes-
sernd gewesen. Ein neurologisches Konsil inklusive Sonografie des Ner-
vus radialis habe keine Neurolyse gezeigt. Die elektrophysiologische Un-
tersuchung habe schmerzbedingt nicht durchgeführt werden können. Eine
radiologische Stellungskontrolle habe eine anatomische Frakturreposition
sowie eine korrekte Lage des Osteosynthesematerials gezeigt. Die physio-
therapeutisch instruierte Mobilisation habe im Verlauf schmerzarm erfolgen
können. Die Wunde sei stets reizlos und bei Austritt trocken gewesen. Auf-
grund der persistierenden Parese des Nervus radialis sei die Beschwerde-
führerin in eine stationäre Rehabilitation zu überweisen (doc. 17 S. 50).
4.2.4 Gemäss Bericht von Dr. K._, Fachärztin für Allgemeine Innere
Medizin, vom 31. Mai 2016 war die Beschwerdeführerin vom 18. Mai bis
am 16. Juni 2016 zum Zweck einer stationären Rehabilitation hospitalisert
(vgl. doc. 17 S. 66). Die Fachärztin hält fest, dass die Beschwerdeführerin
intensive Physiotherapie mit Bewegungsschulung, Geh- und Treppentrai-
ning, Entstauungstherapie mittels Lymphdrainagen sowie Kraftaufbau er-
halte. Bei Status nach Plattenosteosynthese bei dislozierter Humerusfrak-
tur links mit Schmerzen im Operationsgebiet sei die Analgesie von MST
auf Targin umgestellt und fortlaufend mit Brufen, Dafalgan, Novalgin sowie
C-801/2019
Seite 12
Lyrica angepasst worden. Bei Nervus radialis-Parese trage die Beschwer-
deführerin eine Gelenksschiene tagsüber und über Nacht. Im Verlauf der
Hospitalisation habe sich die Beschwerdeführerin schwach und sehr er-
schöpft gefühlt. Sie habe rezidivierende Kollapszustände erlitten. Die Ärzte
hätten erneut die Analgetika angepasst und die Therapie mit Lyrica abge-
setzt. In der Ergotherapie werde eine funktionelle Handtherapie und in der
Physiotherapie die Mobilisation des linken Armes nach Schema ohne Be-
lastung durchgeführt. Die Beschwerdeführerin müsse auch von der Pflege
in den täglichen Aktivitäten unterstützt werden. Bei der Mobilisation sei die
Beschwerdeführerin etwas unsicher, so dass zusätzlich Gleichgewichts-
übungen durchgeführt worden seien. Das Treppensteigen solle noch inten-
siviert werden (doc. 5 S. 48).
4.2.5 In seinem Bericht vom 28. Juni 2016 hielt Dr. L._, Orthopä-
die/Traumatologie des Spitals D._, als Diagnosen einen Status
nach offener Reposition und Plattenosteosynthese mittels langer Philos-
Platte einer dislozierten Humerusschaft-Spiralfraktur mit Läsion des Ner-
vus radialis am 4. Mai 2016 fest. In seiner Befundung nannte er reizlose
Weichteil- und Narbenverhältnisse im Bereich des linken Oberarms, eine
gute Beweglichkeit, eine Abduktion schmerzbedingt aktiv nur bis ca. 45°,
eine Ellenbogenbeweglichkeit mit aktiver Extension/Flexion 0/45/90, eine
Pro- und Supination maximal eingeschränkt sowie eine schlaffe Parese der
Hand und Langfingerextensoren und des Daumens. Radiologisch zeige
sich eine unveränderte anatomische Reposition der ehemaligen Spiralfrak-
tur mit beginnender Durchbauung derselben. Klinisch-funktionell sei die
Patientin aber noch deutlich eingeschränkt. Objektive Anhaltspunkte für
das Vorliegen eines CRPS fänden sich nicht. Eine Verlaufskontrolle bezüg-
lich der Nervenläsion bei den Kollegen der Neurologie sei am 29. Juni 2016
vorgesehen (doc. 17 S. 28).
4.2.6 In seinem Bericht vom 22. November 2016 hielt Dr. M._, Neu-
rologie des Spital D._, aufgrund einer Verlaufskontrolle fest, dass
sich im Verlauf zur letzten neurologischen Untersuchung im Juni 2016
deutlich regrediente Paresen im Versorgungsgebiet des N. radialis zeigten,
die sensiblen Defizite persistierten. Neu seien in der klinischen Untersu-
chung Defizite, vereinbar mit einer zusätzlichen leichten Schädigung des
N. ulnaris, aufgetreten. Myographisch liessen sich allerdings im M. interos-
seus 1 links keine Hinweise auf eine chronische oder akute Schädigung
nachweisen. Eine Schädigung der motorischen Fasern sei dadurch nicht
anzunehmen und die Atrophien als lnaktivitätsatrophien zu beurteilen, eine
geringe Schädigung der sensiblen Fasern sei nicht ausgeschlossen. Die
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Seite 13
schmerzhafte Bewegungseinschränkung im Handgelenk sei aus neurolo-
gischer Sicht nicht erklärt (doc. 20).
4.2.7 Im Konsultationsbericht vom 24. November 2016 nannte Dr.
N._, Facharzt für Handchirurgie FMH, als Diagnose den Verdacht
auf eine stattgehabte Luxation/Subluxation im Bereich linkes Handgelenk
mit möglichem ligamentärem Binnenschaden. Ferner notierte er, dass sich
nach Abnahme der Lagerungsschiene sich ein soweit gut abgeschwollenes
linkes Handgelenk zeige. Etwa distal der Grundgelenke seien die Langfin-
ger leicht bis mässig geschwollen. Bis auf die Schwellungenfinden fänden
sich keine Zeichen eines CRPS. Die Gelenke seien weder vermehrt
schmerzhaft, noch zeigten sich eine Mehrbehaarung, Schweissbildung o-
der andere trophische Störungen. Im Zeitpunkt der Konsultation könne die
Patientin einen aktiven Bewegungsumfang des Handgelenkes von Exten-
sion/Flexion von etwa 20-0-20° demonstrieren. Aus dem gebeugten Hand-
gelenk heraus sei es ihr möglich, das Handgelenk aktiv zu strecken. Auch
die Fingerstreckung sei selektiv möglich, so dass die Regeneration des
Nervus radialis sicherlich attestiert werden könne. Es werde mit der Stre-
ckung ein Kraftgrad von M3 erreicht. Es bestehe weiterhin eine sehr deut-
liche Bewegungseinschränkung im Bereich des Handgelenkes (doc. 14. S.
6 f.).
4.2.8 In der orthopädisch-unfallchirurgischen Kurzbeurteilung des
O._ vom 27. Februar 2017 zuhanden der Unfallversicherung stellte
Dr. med. P._, Fachärztin für Chirurgie/Unfallchirurgie, auf Grund-
lage der in den aktenkundigen Berichten erwähnten Diagnosen und eige-
ner Untersuchung fest, dass die Beweglichkeit des linken Armes im Schul-
tergelenk eingeschränkt sei, das Erreichen des endgradigen Bewegungs-
ausmasses als schmerzhaft beschrieben werde und die Narbe am linken
Oberarm reizlos verheilt sei, wobei sich elektrisierende Empfindungen
beim Beklopfen nicht auslösen liessen (act. 38 S. 3 und 6). Die Beweglich-
keit im linken Ellenbogengelenk und im linken Handgelenk sei einge-
schränkt, auch der Faustschluss gelinge nach der stattgehabten Nervus
radialis-Läsion noch nicht vollständig. Die Nagelränder der linksseitigen
Langfinger würden die verlängerte Handrückenebene erreichen. Die übri-
gen Gelenke an den oberen Gliedmassen seien frei beweglich. Störungen
der Durchblutung seien an den oberen Gliedmassen nicht feststellbar. Auf
der rechten Seite würden die Langfinger die verlängerte Handrückenebene
erreichen und der Faustschluss gelinge rechts vollständig und kraftvoll.
Beide Daumen würden mit ihren Spitzen die Langfingerkuppen erreichen
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Seite 14
und die Griffformen Spitz-, Fein-, Schlüssel- und Grobgriff seien gut vor-
führbar. Die Venenzeichnung beider Handrücken sei unauffällig, die Be-
schwielung der Handflächen sei seitengleich ausgebildet, ohne grobe Ar-
beitsspuren oder pathologische Verhornungen. Die Handspanne sei links
vermindert (S. 6 und 13). Hinsichtlich der Wirbelsäule und der unteren
Gliedmassen hielt die Gutachterin keine Auffälligkeiten fest. Sie merkte ein-
zig an, dass das rechte Bein anderthalb Zentimeter kürzer als das linke sei
und deshalb ein Ausgleich im Schuh bestehe (S. 6 und 13). Die aktuelle
Medikation sei Ibuprofen und Novamin (S. 5). Die Gutachterin kam unter
Würdigung der vorgelegten Befunde und der Bildgebung hinsichtlich des
Bewegungsapparates zum Schluss, dass die subjektiv geklagten Be-
schwerden mit dem organischen Befund gut in Einklang zu bringen seien.
Der Oberarmbruch sei klinisch stabil verheilt, verblieben sei aktuell noch
eine Bewegungseinschränkung im Schultergelenk, Ellenbogengelenk und
Handgelenk, sodass eine ständige Beanspruchung des linken Armes durch
Bewegen und Heben schwerer Lasten zu vermeiden sei (S. 10). Zur Ar-
beitsfähigkeit merkte die Gutachterin an, dass die Explorandin eine leichte
körperliche Tätigkeit als Heilpädagogin mit dem zuvor geleisteten Pensum
von 60% wieder ausüben könne, wobei nichts gegen eine vollschichtige
Tätigkeit sprechen würde. Das Belastungsprofil schätzte sie folgendermas-
sen ein: Tätigkeiten wie Tragen und Bewegen schwerer Lasten und stän-
dige Beanspruchung des linken Armes sollten zunächst nicht ständig ab-
gefordert werden. Mit dieser Einschränkung sei eine leichte körperliche Tä-
tigkeit möglich (S. 11).
In der neurologischen Kurzbeurteilung des O._ vom 1. März 2017
diagnostizierte Dr. med. Q._, Facharzt für Neurologie FMH, eine
leichte residuelle Sensibilitätsstörung im Versorgungsgebiet des Nervus ra-
dialis links, im Anschluss an eine Nervus radialis-Parese bei dislozierter
Humerusschaftspiralfraktur links nach Sturz am 3. Mai 2016, die am da-
rauffolgenden Tag operativ mittels Plattenosteosynthese versorgt wurde.
Zudem sei die Schädelprellung mit Platzwunde frontotemporal links nach
Sturz am 3. Mai 2016 zu erkennen (doc. 37 S. 13). Anlässlich der Untersu-
chung der Explorandin, welche eine Handgelenksschiene trage und den
Arm in einer Schlinge halte, seien keine wesentlichen Auffälligkeiten ent-
deckt worden. Es würden sich keine trophischen Störungen an der linken
Hand (Behaarung seitengleich, Gefässzeichnung seitengleich, Hauttem-
peratur rechte Hand 32.9°C, linke Hand 32.5°C) zeigen. Es werde ein
Druckschmerz an der linken Schulter angegeben sowie ein heftiger Druck-
schmerz am linken Handgelenk und teilweise an den Fingern. Die Abduk-
tion des linken Oberarms sei schmerzhaft eingeschränkt, eine sichere
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Seite 15
Parese sei nicht feststellbar. Auch Beugung und Streckung des Handge-
lenks links seien schmerzhaft eingeschränkt, ebenso werde ein Schmerz
beim Fingerbeugen und -strecken angegeben. Es sei an der linken Hand
keine sichere Parese feststellbar, eine Fallhand bestehe nicht. Ansonsten
seien Muskeltrophik, Muskeltonus, Muskelkraft und Koordination seiten-
gleich intakt. Die Muskeldehnungsreflexe seien seitengleich schwach bis
mittellebhaft auslösbar. Das Babinski-Zeichen sei beidseits negativ. Es
werde eine Hypästhesie/Hypalgesie im Bereich der Tabatière sowie dorsal
Digitus I und II links angegeben (Versorgungsgebiet des Nervus radialis).
In diesem Bereich sei die Spitz-Stumpf-Diskrimination prompt und sicher.
Ansonsten seien Ästhesie (Berührungsempfinden), Algesie (Oberflächen-
schmerzwahrnehmung), Pallästhesie (Vibrationsempfinden) und Lagesinn
seitengleich intakt. Es bestehe keine Allodynie, keine Hyperalgesie (S.
11 f.). Die Intensität der Oberarmschmerzen sei auf der visuell-analogen
Skala (VAS) mit 3-4/1 0 angegeben worden. Die Handgelenksschmerzen
seien mit VAS 3/10 angegeben worden (S. 10 f.). Diese subjektiv beklagten
Beschwerden könne der Gutachter nur teilweise durch Schädigungen am
Nervensystem erklären. Die Schulterschmerzen links sowie die Handge-
lenksschmerzen und die sich jeweils daraus ergebenden Bewegungsein-
schränkungen würden sich nicht durch neurologische Schäden erklären.
Zur Frage, inwieweit diese durch Schäden am Bewegungsapparat zu er-
klären seien, sei auf das orthopädische Gutachten zu verweisen. Am Ner-
vensystem lasse sich als Residuum der Radialisparese links noch eine
leichte Sensibilitätsstörung feststellen. Eine Kraftstörung sei nicht mehr zu
diagnostizieren. Insofern sei die initial im Rahmen der Fraktur diagnosti-
zierte Nervus radialis Parese mit Fallhand links als fast vollständig ausge-
heilt zu betrachten. Eine Einschränkung sei nur in Berufen mit erheblicher
Anforderung an die sensomotorische Diskrimination, wie zum Beispiel als
Uhrmacher oder als Neurochirurg, denkbar. Selbst wenn es im weiteren
Verlauf zu keiner wesentlichen Besserung käme, bliebe der rein neurologi-
sche Integritätsschaden unterhalb von 5% (S. 14 f.). Aus rein neurologi-
scher Sicht bestehe eine leichte residuelle Sensibilitätsstörung an der lin-
ken Hand. Diese führe zu keiner wesentlichen Einschränkung der Leis-
tungs- und Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Heilpädago-
gin. Entsprechend sei die Arbeitsfähigkeit für ein Pensum von 60% aus rein
neurologischer Sicht mit voller Leistung ausgewiesen (S. 16). In anderen
denkbaren Verweistätigkeiten sei die Explorandin aus rein neurologischer
Sicht zu 100% arbeitsfähig (S. 17).
4.2.9 Im Arztbrief vom 8. September 2017 diagnostizierte Dr. R._,
Facharzt für Allgemeinchirurgie, Handchirurgie, Plastische und Ästhetische
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Seite 16
Chirurgie, einen Verdacht auf eine mediokarpale Instabilität des linken
Handgelenkes. Gestützt auf eine Untersuchung sowie auf die von der Be-
schwerdeführerin mitgebrachten Röntgenbilder fänden sich deutliche Zei-
chen einer mediokarpalen Instabilität am linken Handgelenk. Passend
hierzu sei insbesondere auch die zunehmende aktive Beugehemmung und
die zeitweise sowie photographisch dokumentierte Schwellung am dorsa-
len Handgelenk. Eine behandlungsbedürftige Instabilität des TFCC liege
bei klinisch sicher stabilem Gelenk zum Beurteilungszeitpunkt nicht vor.
Dort würden zum Beurteilungszeitpunkt auch nicht die Hauptschmerzen
angegeben. Die Extensor carpi ulnaris-Sehne sei aufgrund des Vorkom-
mens auch auf der anderen Seite in ähnlicher Form auch zum Beurtei-
lungszeitpunkt nicht als behandlungsbedürftig einzustufen. Dort sei insbe-
sondere die weitere Entwicklung der Muskulatur des Musculus extensor
carpi ulnaris abzuwarten. Inwieweit eine Beteiligung des Sehnenfaches im
Rahmen der Verletzung der rechten Seite nach dem Trauma vor ca. 20
Jahren vorliege, lasse sich allerdings nicht mit Gewissheit sagen. Die Be-
handlung des Mediokarpalgelenkes solle zunächst auch physiotherapeu-
tisch und ergotherapeutisch erfolgen; eine operative Massnahme er-
scheine zum Beurteilungszeitpunkt ebenfalls nicht indiziert. Weitere bild-
gebende Massnahmen seien ebensowenig erfolgversprechend. \/on einer
diagnostischen Arthroskopie seien im Beurteilungszeitpunkt auch keine
weiteren Informationen bezüglich der Ursache der Schmerzen und der
Funktionseinschränkungen am linken Handgelenk zu erwarten, insbeson-
dere vor dem Hintergrund der angenommenen mediokarpalen Instabilität.
Diese sei in einer Arthroskopie nur eingeschränkt beurteilbar (act. 1 Bei-
lage 4 S. 2 f.).
4.2.10 PD Dr. med. I._, Orthopädie und Traumatologie FMH, stellte
am 27. September 2017 die Diagnose einer CRPS und einer TFCC-Läsion
des linken Handgelenks. Hierzu berichtete der Orthopäde, dass das Hand-
gelenk nach wie vor blockiere, praktisch in allen Bewegungsrichtungen ein-
gesteift sei. Die Vorderarmrotationsbewegungen seien ordentlich mit 80-0-
80°, endgradig und nach wie vor aber mit Schmerzen verbunden. Die Pa-
tientin könne mit der Hand noch nicht greifen, womit der Einsatz für alltäg-
liche Verrichtungen nach wie vor stark limitiert sei (doc. 49 S. 13). Mit wei-
terem Bericht vom 6. November 2017 bestätigte er die genannten Diagno-
sen und hielt fest, es sei gesamthaft ein gewisser Stillstand zu verzeichnen.
Er könne im Moment nicht viel weiteres anbieten als Fortführung der Ergo-
therapie und Physiotherapie mit entsprechender analgetischer Unterstüt-
zung (doc. 49 S. 15).
C-801/2019
Seite 17
4.2.11
4.2.11.1 Im interdisziplinären medizinischen Gutachten vom 28. August
2018, erstellt im Auftrag der Unfallversicherung S._, hielten Dr.
T._, FMH Orthopädische Chirurgie, und Dr. U._, FMH Or-
thopädische Chirurgie/Handchirurgie, sowie Dr. med. V._, FMH
Neurologie, folgende Diagnosen fest (doc. 75 S. 7):
– Stolpersturz am 03.05.2016 mit
- Contusio capitis mit RQW links frontotemporal
- dislozierte Humerusschaftfraktur links mit Radialisparese
- ORIF mit langer Philos-Platte 04.05.2016
- residuelle Hypästhesie im Bereich des Nervus radialis superficialis links
– chronische belastungs- und bewegungsabhängige Handgelenkschmerzen links bei
- Läsion am ulnaren Ansatz des TFCC
- Verdacht auf mediokarpale Instabilität
- persistierende Luxation der ECU-Sehne links
– Status nach Verhebetrauma Hand rechts vor 20 Jahren
– Status nach prophylaktischer Mastektomie rechts bei DCIS 2013.
Zusammengefasst könnten aus gutachterlicher Sicht die beklagten Be-
schwerden objektiviert werden. Die Radialisparese (Lähmung oder unvoll-
ständige Lähmung des Nervus radialis) habe sich bis auf eine residuelle
Sensibilitätsstörung im Handrückenbereich, welche funktionell keine Kon-
sequenzen habe und auch von der Versicherten selber als nicht einschrän-
kend empfunden werde, zurückgebildet. Die Humerusfraktur sei abgeheilt.
Am linken Handgelenk persistierten seit dem Unfall unveränderte Schmer-
zen über der TFCC-Region und im Bereich der zentralen Säule des Cor-
pus. Diese Beschwerden müssten weiter abgeklärt und je nach Befund
weiter behandelt werden Die Explorandin benötige eine Ergotherapie zu-
sätzlich zur Physiotherapie, welche die Explorandin bereits zur Verbesse-
rung der Schultergelenksbeweglichkeit betreibe. Zur Arbeitsfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit stellte der Gutachter fest, dass der Explorandin
diese Tätigkeit seit dem Unfall nicht mehr zumutbar erscheine, zumal sie
auf bimanuelle, zum Teil schwere Tätigkeiten – mit Greiffunktion der linken
Hand – angewiesen sei. Dabei würden die Gutachter auf die Tätigkeit ab-
stellen, in der die Explorandin seit dem Jahr 2002 als Betreuerin in einer
Wohngruppe von sieben körperlich und geistig behinderten Personen ge-
arbeitet habe. Es bestehe im Zeitpunkt der Begutachtung eine vollständige
Einschränkung für bimanuelles Tragen und Heben von mehr als 5 kg, re-
petitive Überkopfarbeit mit dem linken Arm sowie Tätigkeiten, welche eine
C-801/2019
Seite 18
kräftige Greiffunktion der linken adominanten Hand erforderten. Eine Neu-
beurteilung dieser Einschränkungen solle frühestens in einem Jahr erfol-
gen. Zur Tätigkeit in einer Verweistätigkeit hielten die Gutachter fest, dass
die Explorandin für administrative und rein gesprächstherapeutische Tätig-
keiten (ohne manuelle Verrichtungen) ohne wesentliche Einschränkungen
einsetzbar sei. Als Kunsttherapeutin müsse die Explorandin bimanuell aktiv
tätig sein, weshalb zurzeit in einer solchen Tätigkeit keine verwertbare Ar-
beitsfähigkeit bestehe. Eine endgültige Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei
im Zeitpunkt der Begutachtung noch verfrüht, da das Resultat der vorge-
schlagenen Massnahmen (s. Handchirurgisches Teilgutachten) abgewartet
werden müsse. Nach Durchführung dieser Massnahmen und der sich an-
schliessenden entsprechenden Heilprozesse könne noch mit einer Verbes-
serung der Belastbarkeit des linken Handgelenkes gerechnet werden, wo-
bei die therapeutischen Möglichkeiten allerdings beschränkt seien. Somit
könne frühestens nach Ablauf von einem Jahr endgültig zur Arbeitsfähig-
keit Stellung genommen werden. Eine qualitative und quantitative Beurtei-
lung des TFCC sei nur arthroskopisch möglich. Aus diesem Grund würden
die Gutachter eine entsprechende arthroskopische Untersuchung und all-
fällig auch arthroskopische Therapie empfehlen. Die fragliche mediokar-
pale Instabilität sollte in erster Linie mittels eines Arthro-MRI und zusätzlich
arthroskopisch abgeklärt werden (S. 6 ff).
4.2.11.2 Im orthopädischen Teilgutachten bemerkte Dr. T._, FMH
Orthopädische Chirurgie, dass der linke Arm passiv bis zur Hochstrecke
gebracht werden könne. Die Narbe sei reizlos, im Bereiche des proximalen
Oberarms ein wenig druckdolent. Hingegen bestünden starke Druckdolen-
zen über dem Verlauf der langen Bizepssehne/Sulcus bicipitalis, weniger
ausgeprägt über der kurzen Bizepssehne. Im Verlaufe des Musculus bi-
zeps bestünden praktisch keine Schmerzen mehr. Der distale Bizepsan-
satz sei nicht dolent. Der Musculus bizeps und Musculus trizeps könnten
gut angespannt werden; die Kraft im Musculus deltoideus, bizeps sowie
triceps sowie brachii radialis sei voll erhalten. Aus rein orthopädischer Sicht
bzgl. der Folgen der stattgehabten Humerusfraktur bestehe noch eine ak-
tive Bewegungseinschränkung im linken, nichtdominanten Schultergelenk;
endgradig schmerzhaft. Passiv bestehe eine freie Beweglichkeit des
Schultergelenkes. Es bestehe auch eine praktisch freie Beweglichkeit im
Ellbogengelenk bezüglich Flexion/Extension mit nur diskretem, funktionell
nicht störendem Flexions-/Extensionsausfall. Die Kraft im Bereiche des
Schultergürtels, des Musculus bizeps, trizeps und brachioradialis sei
durchgehend voll intakt. Rein aufgrund der stattgehabten Humerusfraktur
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Seite 19
finde sich somit lediglich noch eine durch Schmerzhemmung bedingte ak-
tive Bewegungseinschränkung bei passiv freier Beweglichkeit des Schul-
tergelenkes bei voll erhaltener Kraft, sodass in einer Tätigkeit ohne repeti-
tive Überkopfarbeit keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründet
werden könne (S. 3 f.; 31 f.).
4.2.11.3 Im handchirurgischen Teilgutachten hielt Dr. T._, FMH Or-
thopädische Chirurgie fest, dass über zwei Jahre nach der Humerusfraktur
mit Radialisparese deutliche bewegungs- und belastungsabhängige
Schmerzen im linken Handgelenk im Vordergrund stünden, welche in der
TFCC-Region und dorsal über der zentralen Säule des Korpus (Lunatum
und Capitatum) sowie im Sattelgelenk links zu lokalisieren seien. Die MRI-
Untersuchung von 04/2017 zeige eine höhergradige Läsion des TFCC.
Eine weiterführende arthroskopische Abklärung sei diskutiert, aber nicht
durchgeführt worden. Eine genaue und präzise Diagnostik des TFCC
könne nur mittels Arthroskopie erreicht werden. Nur durch direkte Einsicht
auf den TFCC könne die Lokalisation und vor allem die Genese einer all-
fälligen Läsion präzise festgehalten werden. Die Arthroskopie sei von Dr.
N._ schon vorgeschlagen worden. So könne die MRI-Diagnose der
(«höhergradigen») Diskusläsion klarer definiert werden. Dadurch könne
auch eine adäquate Therapie abgeleitet werden (allenfalls transarthrosko-
pisch). Ferner könne eine mediokarpale Instabilität nicht nachgewiesen
werden. Zum Verdacht auf eine CRPS hielt der Gutachter fest, diese sei
von ärztlicher Seite zwar immer wieder verneint worden, die Bewegungs-
einschränkungen, die Allodynie und die Osteopenie könnten rückblickend
aber als ein Zeichen eines CRPS gewertet werden. Die Osteopenie könne
natürlich auch die Folge der Inaktivität sein. In der aktuellen Untersuchung
fehlten aber Hinweise auf ein CRPS und die Budapest-Kriterien seien nicht
erfüllt. Insgesamt seien die persistierenden Beschwerden der Explorandin
im linken Handgelenk objektivierbar. Im Weiteren persistiere die Luxation
der ECU-Sehne links aus dem 6. Strecksehnenfach. Es bestünden Prob-
leme in der TFCC-Region und in der zentralen Säule des Korpus, die diag-
nostisch weiter abgeklärt werden sollten, weshalb erst nach einer arthro-
skopischen Untersuchung die Arbeitsfähigkeit in handchirurgischer Hin-
sicht beurteilt werden könne (4 f.; 39 ff.).
4.2.11.4 Im neurologischen Teilgutachten stellte Dr. med. V._, FMH
Neurologie, fest, dass die Explorandin anlässlich der dislozierten Hume-
russchaftfraktur eine inkomplette Parese des Nervus radialis mit langsam
regredientem sensomotorischem Defizit erlitten habe. Es hätten eine
Hypästhesie am distalen Unterarm dorsal sowie am Handrücken sowie
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Seite 20
eine Fallhand bestanden. In der neurologischen Untersuchung finde sich
die beschriebene Hypästhesie, entsprechend dem Versorgungsgebiet des
Nervus radialis superficialis linksseitig. Ansonsten fänden sich motorische
Bewegungseinschränkungen der distalen Hand- und Armmuskulatur mit
eingeschränkter Pronation und Fingerbeweglichkeit, insbesondere einge-
schränkte Flexions- und Extensionsbewegungen der Hand. Die Kraft der
Fingermuskulatur sei generell zwischen M3-M4 einzuordnen. Es bestehe
auch eine wahrscheinlich durch Inaktivität bedingte Atrophie der lnterossei
sowie des Hypothenar und Thenar linksseitig. Die beschriebenen Defizite
seien aus neurologischer Sicht bis auf die Sensibilitätsstörungen nicht
mehr auf eine Nervenläsion zurückzuführen. Insbesondere die motori-
schen Defizite gingen über das Versorgungsgebiet des Nervus radialis hin-
aus und beträfen das Versorgungsgebiet aller peripheren Hand- und Arm-
nerven. Es sei hierbei anzunehmen, dass es sich um eine schmerzbe-
dingte Minderinnervation der Hand und der Armmuskeln handle, was auch
die Versicherte so empfinde. Bezüglich der Contusio capitis ohne Bewusst-
seinsverlust und ohne Amnesie in der Anamnese könne keine MTBI res-
pektive Commotio cerebri diagnostiziert werden. Somit bestehe aus rein
neurologischer Sicht keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in der bis-
herigen Tätigkeit, da die ursprüngliche Fallhand nicht mehr nachweisbar
sei und bis auf eine funktionell nicht einschränkende Sensibilitätsstörung
keine neurologischen Ausfälle mehr vorlägen (5 f.; 48 ff.).
4.2.12 Dr. med. H._, Facharzt für Arbeitsmedizin des RAD, folgte
mit Bezug auf das Belastungsprofil in seinem RAD-Bericht vom 27. Sep-
tember 2018 dem Gutachten vom 28. August 2018 und senkte nunmehr
das zumutbare Tragelimit von 10 auf 5 kg. Das Handchirurgische Gutach-
ten von Dr. U._ sei aber nur eingeschränkt verwertbar. Es enthalte
formale (bei einzelnen Messwerten werde nur der Mittelwert angegeben)
und inhaltliche Fehler: Bimanuelle belastende Haushaltsarbeiten seien gar
nicht möglich; leichtere schon. Allerdings erscheine es als viel zu niedrig
angesetzt, dass die Versicherte im Haushalt nur 30% leisten könne. Zu-
sammenfassend ändere sich durch das vorliegende Gutachten vom 28.
August 2018 nichts an der bisherigen Einschätzung des RAD (doc. 77
S. 3).
4.2.13 Im ergänzenden RAD-Bericht vom 17. Oktober 2018 hielt Dr. med.
H._, fest, dass in der angestammten Tätigkeit als Erzieherin eine
geschätzte Einschränkung von 20 bis 30% bestehe, da diese Tätigkeit mit-
telschwere bimanuelle Haushaltsarbeiten (Heben bis 10 kg) erfordere. In
einer angepassten Tätigkeit als diplomierte Kunsttherapeutin betrage die
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Seite 21
Einschränkung eher 10%, aber höchstens 20%, zumal schwere bimanuelle
Tätigkeiten nur einen geringen Zeitanteil einnehmen würden und die meis-
ten bimanuellen Tätigkeiten leichtgradig seien (doc. 81).
4.2.14
4.2.14.1 Im interdisziplinären medizinischen Gutachten des G._
vom 12. Juli 2019 zuhanden der Unfallversicherung, welches eine Nach-
begutachtung der Beschwerdeführerin darstellt, wurden nunmehr drei
Jahre nach der Traumatisierung des linken Armes praktisch unveränderte
Schmerzen sowohl im Schultergelenk links wie zentral im linken Handge-
lenk und im Bereich der zentralen Mittelhand beklagt. Die bisherigen The-
rapien hätten zu keiner wesentlichen Verbesserung der Situation geführt.
Die Beweglichkeit im Handgelenk und in den Langfingern sei einge-
schränkt, die Kraftausübung erheblich vermindert. Im Bereiche des Schul-
tergelenkes finde sich weiterhin eine erhebliche aktive Bewegungsein-
schränkung. Aufgrund des Arthro-CT'S der linken Schulter vom Mai 2019
seien höhergradige strukturelle Schäden im Bereich des Gelenkes auszu-
schliessen. Auch für das linke Handgelenk hätten die bisher durchgeführ-
ten bildgebenden Verfahren keine eindeutige Klärung der Problematik ge-
bracht. Die anlässlich der aktuellen Begutachtung durchgeführte konventi-
onelle Arthrographie des linken Handgelenks habe keine Hinweise auf Lä-
sionen im carpalen Bandapparat oder im Bereich des TFCC ergeben. In
der Erstbegutachtung vor einem Jahr hätten die Gutachter gefordert, dass
die Verdachtsbefunde sowohl im Bereich der Schulter wie im Bereich des
Handgelenkes durch weitere Abklärungen zu objektivieren seien. Diese
Abklärungen hätten bis auf ein zwischenzeitlich durchgeführtes Arthro-CT
der Schulter sowie eine konventionelle Arthrographie des Handgelenkes
nicht stattgefunden; insbesondere hätten keine Arthroskopien von Schul-
ter- und Handgelenk stattgefunden. Während anlässlich der Erstbegutach-
tung aufgrund der Verdachtsdiagnosen zunächst noch von einer Schmerz-
hemmung ausgegangen worden sei, welche die erheblichen Funktionsein-
schränkungen der Versicherten allenfalls hätten begründen können, sei
zum Gutachtenszeitpunkt rückblickend sowie in Wertung der neuen Er-
kenntnisse nun davon auszugehen gewesen, dass erhebliche Diskrepan-
zen bestünden, weshalb die Gutachter eine psychiatrische Zusatzbegut-
achtung vorgeschlagen hätten, da diese Schmerzfehlverarbeitung bei feh-
lender zumindest bewusstseinsnaher Aggravation durch die Abklärung ei-
nes allfälligen psychiatrischen Leidens hätte erklärt werden müssen.
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Seite 22
Mit Blick auf die funktionellen Einschränkungen kamen die Gutachter zum
Schluss, dass bei fehlenden höhergradigen strukturellen Schädigungen
und bei lediglich fokaler Labrumläsion im Bereich des Schultergelenkes,
wie anlässlich der Arthro-CT vom 2. Mai 2019 entdeckt, lediglich von einer
Minderbelastung bezüglich repetitiver Überkopfarbeit ausgegangen wer-
den könne, wie schon im ersten Gutachten festgehalten. Von neurologi-
scher Seite her finde sich weiterhin kein Anhalt für persistierende motori-
sche Ausfälle im Bereich des Nervus radialis oder anderer Armnerven, so
dass von neurologischer Seite her keine Einschränkung der Arbeitsfähig-
keit postuliert werden könne. Aus handchirurgischer Sicht könne lediglich
eine Minderbelastung des linken Handgelenkes postuliert werden im Sinne
eines Hebe- und Tragelimits von 10 kg. Die Arbeitsfähigkeit werde folgen-
dermassen beurteilt: Die Explorandin könne als Kunsttherapeutin ganztags
eingesetzt werden und habe dabei eine Verminderung des Rendements
von 30%. Die Minderung des Rendements ergebe sich daraus, dass die
Explorandin nach handgelenksbelastenden Tätigkeiten, wie dem Bereit-
stellen des Materials für die Arbeitsplätze sowie Hilfestellung bei den ma-
nuellen Tätigkeiten, vermehrt Pausen einlegen solle. In der angestammten
Tätigkeit als Leiterin einer Wohngruppe bestünden die gleichen Einschrän-
kungen (act. 12 Beilage 5 S. 12 ff.).
4.2.14.2 Von orthopädischer Seite her stellte Dr. T._, FMH Ortho-
pädische Chirurgie, folgende Diagnosen:
– Persistierende schmerzhafte Bewegungseinschränkung linke Schulter bei Stolpersturz am 03.05.2016 mit
- Contusio capitis mit RQW links frontotemporal
- dislozierte Humerusschaftfraktur links mit Radialisparese
- ORIF mit langer Philosplatte 04.05.2016
– Fraktur durchgebaut (Rö 04/2019)
– Fokaler Labrumeinriss im Ansatzbereich des MGHL Schulter links, ohne  Läsion im Bereich des bicipito-labralen Ankerkomplexes ohne  Läsion der Rotatorenmanschette, ohne signifikante Instabilität der Bizepssehne, ohne signifikante Läsion der chondralen Situation im  (Arthro CT 05/2019)
– Status nach Verhebetrauma Hand rechts vor 20 Jahren
– Status nach prophylaktischer Mastektomie rechts bei DCIS 2013.
Das nunmehr vorliegende konventionelle Röntgenbild der Schulter und des
Oberarms vom April 2019 zeige einen Durchbau der Fraktur in regelrechter
Stellung. Ferner könne in der Arthro-Computertomografie vom Mai 2019
keine signifikante Läsion der Rotatorenmanschette, keine signifikante In-
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stabilität der Bizepssehne, keine signifikante Läsion der chondralen Situa-
tion im Glenohumeralgelenk gefunden werden. Eine SLAP-Läsion könne
ebenfalls ausgeschlossen werden. Es finde sich lediglich im Ansatzbereich
des MGHL der Nachweis eines fokalen Labrumeinrisses im Sinne einer
kapsuloligamentären Läsion. Klinisch fänden sich im Wesentlichen eben-
falls unveränderte Befunde gegenüber der Voruntersuchung mit Ein-
schränkung der aktiven Schultergelenksbeweglichkeit, passiv könne der
Arm im Schultergelenk bis zur Hochstrecke gebracht werden unter endgra-
diger Schmerzangabe und freien Rotationen. Es fänden sich somit unter
Würdigung der nun zwischenzeitlich vorliegenden neuen CT-Befunde eine
erhebliche Diskrepanz einerseits zwischen den sehr starken subjektiv
empfundenen Beschwerden, welche sogar schon nur beim Hängenlassen
des Armes nach kurzer Zeit aufträten und dazu führten, dass die Versi-
cherte praktisch die ganze Zeit den Arm gestützt halten müsse, sowie der
aktiven Bewegungseinschränkung bei andererseits passiv freier Beweg-
lichkeit und dem radiologischen Befund mit Durchbau der Osteosynthese
in korrekter Stellung und dem computertomografischen Nachweis eines le-
diglich fokalen Labrumeinrisses im Ansatzbereich des MGHL bei ansons-
ten unauffälligen Befunden, insbesondere normalen Knorpelverhältnissen,
normaler Darstellung der Rotatorenmanschette, normaler Darstellung der
Bizepssehne im Sulcus sowie fehlender SLAP-Läsion. Diese Diskrepanz
könne von orthopädischer Seite her nicht erklärt werden und müsse bei
fehlender bewusster Aggravation der Versicherten am ehesten auf eine
Schmerzfehlverarbeitung zurückzuführen sein. Bei der Beschwerdeschil-
derung sei keine bewusstseinsnahe Aggravationstendenz zu erkennen.
Aus orthopädischer Sicht bestehe weiterhin eine volle Arbeitsfähigkeit in
einer Verweistätigkeit ohne repetitive Überkopfarbeit (S. 33 ff.).
4.2.14.3 Im orthopädischen/handchirurgischen Teilgutachten hielt Dr.
U._, FMH Orthopädische Chirurgie/Handchirurgie, folgende Diag-
nosen fest:
– Chronische belastungs- und bewegungsabhängige Handgelenkschmerzen links bei Status nach Humerusfraktur mit Radialisparese und Status nach Osteosynthese (05/2016), bei
- Verdacht auf medio-carpale Instabilität
- Verdacht auf Läsion des TFCC
- schmerzhafter Luxation der ECU-Sehne links.
Bei der klinischen Untersuchung sei auffallend, dass die Beweglichkeit im
linken Handgelenk im Vergleich zu den Werten im letzten G._-Gut-
achten deutlich abgenommen und auch die Kraft beim Faustschluss sowie
C-801/2019
Seite 24
beim Pinzettengriff sich verschlechtert habe. Die lokalen Beschwerden
über dem Handgelenk seien im Vergleich zur letzten Begutachtung nicht
wesentlich different. Es fänden sich Druckdolenzen über der proximalen
Karpalreihe, vor allem zwischen Lunatum und Triquetrum und zwischen
der proximalen und distalen Reihe der Karpalia, vor allem zentral zwischen
Lunatum und Capitatum und weiter distal über dem Carpometacarpalge-
lenk III. Zudem fänden sich Druckdolenzen über dem fovealen Diskus-An-
satz sowie über der ulnaren Begrenzung des Triquetrums. Eine Ulnarduk-
tion sowie auch die Radialduktion gegen Widerstand sei wegen Schmer-
zen ulnar mehr als radial schlecht beurteilbar. Die Supination sei praktisch
aufgehoben und könne auch passiv und auch gegen Widerstand nicht
durchgeführt werden. Die Luxation der ECU-Sehne bei der Pro-/Supinati-
onsbewegung sei im Vergleich zur letzten Begutachtung deutlicher sicht-
bar. Wegen lagerungsbedingten Problemen habe die ArthroMRI-Untersu-
chung nicht erfolgen können. Lediglich die Sonografie und die konventio-
nelle Arthrographie des linken Handgelenkes hätten durchgeführt werden
können. Sonographisch hätten sich keine pathologischen Befunde gefun-
den. Selbst im Bereich des 6. Strecksehnenfaches (luxierende ECU-
Sehne) habe es keine Hinweise auf eine Synovialitis gegeben. Arthrogra-
phisch sei kein Kontrastmitteldurchtritt vom radiokarpalen in das mediokar-
pale Gelenk gefunden worden. Auch in der TFCC-Region habe sich kein
eindeutiger Hinweis auf einen Kontrastmitteldurchtritt und damit auf eine
Läsion gefunden. Diese neuen radiologischen Untersuchungen hätten die
klinischen Verdachtsdiagnosen nicht erhärten können. In den früheren
MRI-Untersuchungen zeigten sich ja auch schon keine eindeutigen Hin-
weise auf karpale Läsionen, wie dies im G._-Vorgutachten bereits
erwähnt worden sei. Die erneute Beurteilung der früheren Bildgebung
durch den Radiologen Dr. W._ habe diese Befunde (keine sicheren
Anhaltspunkte für Bandverletzungen oder Luxation im Korpus und im
TFCC) bestätigt. Durch eine arthroskopische Untersuchung des linken
Handgelenkes, welche die Gutachter bereits im ersten Gutachten vom 28.
August 2018 vorgeschlagen hätten, könnte eine quantitative und qualita-
tive Beurteilung der intraartikulären Situation erfolgen. Zusammen mit einer
erneuten MRI-Abklärung und den klinischen Befunden wäre eine diagnos-
tische Gesamtschau (intra- und extraartikulär) und anschliessende Wer-
tung der Ergebnisse möglich. Im Weiteren könne das Sehnenspringen der
ECU-Sehne bei entsprechend deutlichen Beschwerden operativ angegan-
gen werden. Aus handchirurgischer Sicht könne die aktuelle volle Arbeits-
unfähigkeit der Explorandin als Leiterin einer Wohngruppe oder als Kunst-
therapeutin nicht begründet werden. Wegen der Schmerzen bestehe ein
C-801/2019
Seite 25
Trage- und Hebelimit von ca. 10 kg und dadurch eine Verminderung des
Rendements von 30% bei ganztägiger Arbeitsfähigkeit (S. 11; 44).
4.2.14.4 In neurologischer Hinsicht hielt Dr. med. V._, FMH Neuro-
logie, folgende Diagnosen fest:
– Status nach Radialisläsion links bei dislozierter Humerusschaftspiralfraktur am 03.05.16. Residuell: Hypästhesie im Bereich des Nervus radialis  links
– Schwäche der Hand- und Fingermuskulatur linksseitig M3-4 unklarer Aetio-
logie (ENG vom «24.0.18»: N. radialis links motorisch: keine Reizantwort. N. medianus und N. ulnaris links motorisch: Normal. N. radialis links sensibel: keine SNAP ableitbar, N. medianus und N. ulnaris links sensibel: NLG )
– Status nach Contusio capitis am 03.05.2016.
Aus neurologischer Sicht habe nach dem Arbeitsunfall am 3. Mai 2016 mit
Sturz auf den linken Oberarm initial eine inkomplette Radialisparese mit
einer Fallhand und einer Hypästhesie am distalen-dorsalen Unterarm be-
standen (S. 9; 51). Anlässlich der somatischen Untersuchung des Kopfes
und der Hirnnerven finde der Gutachter keine Auffälligkeiten. Zur Sensibi-
lität notierte er, die Explorandin gebe eine Dysästhesie (pelzige Empfin-
dung) am linken Handrücken radialseits, am proximalen Drittel Dig. II und
III dorsal und am gesamten Daumen, eine streifenförmige Hypästhesie am
ulnaren Unterarmbereich bis zum Ellbogen sowie eine veränderte Empfin-
dung am gesamten Oberarm an. Die Spitz-Stumpf-Diskrimination sei er-
halten und die Sensibilität für das übrige Integument und für alle Qualitäten
sei intakt. Mit Blick auf die Muskeleigenreflexe sei lediglich der ASR, da er
beidseitig schwach auslösbar sei, auffällig. Was die oberen Extremitäten
linksseitig betrifft, bemerkte der Gutachter eine leichtgradige Atrophie der
Musculi interossei sowie der Musculi Thenar und Hypothenar. Der Arm
werde konstant in Flexionsstellung gehalten, um das Schultergelenk zu
entlasten. Armvorhalteversuch mit Supination links sei nicht möglich. Die
Diadochokinese links sei nicht durchführbar. Der Finger-Nasenversuch sei
schmerzhaft und verlangsamt; der Finger könne jedoch zur Nase geführt
werden. Ferner merkte er an, dass das monopedale Hüpfen linksseitig und
der Blind-Strichgang erschwert seien (S. 50 f.). Schliesslich stellte er eine
vorbestehende, bekannte Hypästhesie am Handrücken sowie Daumen,
dorsalem Zeige- und Mittelfinger entsprechend dem Versorgungsgebiet
des Nervus radialis superficialis fest. Motorisch bestünden eine einge-
schränkte Supination sowie Pronation linksseitig, eine Einschränkung der
Fingerextension und -flexion sowie der Fingeradduktion und -abduktion
(Fingerspreizen und -zusammenführen in der Horizontalebene), Kraftgrad
M3-4 bis M4. Der linke Arm könne aufgrund der Schmerzen nicht weiter als
C-801/2019
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60° abduziert werden. Aufgrund der Schmerzen im Schultergelenk werde
der linke Arm zudem konstant in Flexionsstellung gehalten und auf einer
Unterlage aufgestützt. Die Explorandin erhalte seit der letzten neurologi-
schen Begutachtung vom 29. August 2018 eine regelmässige Physiothe-
rapie, Ergotherapie sowie Lymphdrainagen (S. 10). Im Vergleich zur Unter-
suchung vom 29. Juni 2018 bestehe eine Verbesserung der Schmerzsitu-
ation. Es bestehe auch eine leichtgradige Verbesserung der Kraft der Fin-
gerextensoren sowie der Flexoren. Ansonsten seien die Befunde vergleich-
bar mit der Voruntersuchung. Die beschriebenen motorischen Defizite
seien nicht auf das Versorgungsgebiet des Nervus radialis beschränkt (Fin-
gerflexoren und M. interossei werden z.B. nicht vom Nervus radialis ver-
sorgt), die Ursache hierfür sei neurologisch nicht erklärbar. Es sei anzu-
nehmen, dass die Schwäche und Atrophien der Hand- und Fingermusku-
latur schmerz- und/oder immobilitätsbedingt seien, da auch keine Läsion
der Nervi ulnaris oder medianus bekannt oder vorbeschrieben sei. Die Ein-
schränkung der Supination sei nicht auf den Unterarm beschränkt, die Aus-
sen- und Innenrotation im Schultergelenk sei ebenfalls stark einge-
schränkt, was jedoch im Rahmen der orthopädischen Problematik und
nicht als Folge einer neurogenen Parese zu analysieren sei. Zusammen-
fassend ergäben sich keine massgeblich veränderten Befunde im Ver-
gleich zur ersten neurologischen Begutachtung und keine Anhaltspunkte
für eine akute oder neu aufgetretene Parese der Nerven medianus, ulnaris
und radialis. Die initial dokumentierte sensomotorische Radialisparese
links mit Fallhand habe sich klinisch bis auf die beschriebene Sensibilitäts-
störung im Bereich des Nervus radialis superficialis zurückgebildet (S. 10
f.; 47 ff).
4.2.15 Im Psychiatrischen Zusatzgutachten des G._ vom 22. Ja-
nuar 2020 stellte Dr. Y._ keine psychiatrische Diagnose fest (B-act.
21 Beilage 4 S. 6, S. 9). Die psychiatrische Untersuchung sei veranlasst
worden, weil bei den somatischen Untersuchungen erhebliche Diskrepan-
zen bezüglich Befunde und subjektiv erlebten Leidens wahrgenommen
worden seien; die psychiatrische Untersuchung habe diesbezüglich keine
Erklärungen ergeben. Differentialdiagnostisch stehe angesichts der Dis-
krepanzen zwischen subjektivem Erleben und objektiven Befunden eine
psychiatrische Erkrankung aus dem psychosomatischen Formenkreis im
Raum, so eine Konversionsstörung, d.h. eine Somatisierungsstörung oder
eine somatoforme Schmerzstörung. Für eine solche Diagnose spreche die
mehrfach erwähnte Diskrepanz zwischen objektiven Befunden und den
subjektiv erlebten Einschränkungen, wie auch die vielen Untersuchungen
und Behandlungen, die die Versicherte bereits unternommen habe. Die Kri-
C-801/2019
Seite 27
terien für eine Somatisierungsstörung seien jedoch nicht erfüllt. Die Versi-
cherte klage nicht über multiple, häufig wechselnde körperliche Symptome,
sie verneine depressive Gefühle oder Ängste, ihre Beschwerden seien lo-
kalisiert, weitgehend auf die vom Unfall betroffene Körperstelle beschränkt
und in der Vorgeschichte sei die Versicherte bis zum Unfallereignis unauf-
fällig bezüglich Ausbildung und Arbeitsfähigkeit bzw. Krankheitsereignis-
sen gewesen. Auch die Kriterien für eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (ein andauernder, schwerer oder quälender Schmerz bei
emotionalen Konflikten oder psychosozialen Belastungen) seien nicht
überzeugend erfüllt. Die Explorandin gebe an, keine inneren Konflikte-zu
haben, psychosoziale Belastungen verneine sie. Auffällig seien in der psy-
chiatrischen Untersuchung die extreme Fokussierung auf die Beeinträchti-
gung der linken Extremität bei gleichzeitigem Wunsch bzw. konkreten Er-
wartungen, dass durch weitere medizinische Eingriffe ihr Gesundheitszu-
stand verbessert werden könnte. Eine schlüssige psychiatrische bzw. psy-
chologische Erklärung für die Diskrepanz zwischen subjektiv erlebter Be-
einträchtigung und objektiven Befunden lasse sich in der Untersuchung
nicht finden. Die Annahme einer psychosomatischen Komponente könne
zwar in den Raum gestellt, jedoch nicht schlüssig begründet werden. Allein
die Tatsache, dass eine Diskrepanz zwischen objektiven Befunden und
subjektiv erlebten Beeinträchtigungen bestehe, erkläre noch keine psychi-
atrische Miterkrankung im engeren Sinne. Es würden somit keine Ein-
schränkungen bestehen, wobei die Gutachterin anmerkte, dass die Explo-
randin möglicherweise von einer psychotherapeutischen Begleitung profi-
tieren könnte (S. 15 ff.)
5.
5.1 Die Vorinstanz stützte ihre Beurteilung in der angefochtenen Verfügung
auf die reinen Aktenbeurteilungen des RAD-Arztes, Dr. med. H._,
Facharzt für Arbeitsmedizin, vom 27. September 2017 und vom 8. März
2018 (doc. 43 S. 2; 62), welche ihrerseits vor allem auf die orthopädisch-
unfallchirurgische Kurzbeurteilung von Dr. med. P._, Fachärztin für
Chirurgie/ Unfallchirurgie, und die neurologische Kurzbeurteilung von
Dr. med. Q._, Facharzt für Neurologie FMH (doc. 37 f.), Bezug neh-
men. Gemäss ergänzender Duplik wird an den reinen Aktenbeurteilungen
der RAD-Berichte vom 27. September 2018 (recte: 2017) und 17. Oktober
2018 festgehalten (vgl. act. 24), welche nicht auf dem interdisziplinären
Gutachten vom 28. August 2018 gründen und von der dortigen Einschät-
zung dahingehend abweichen, als dass der RAD-Arzt das Belastungsprofil
differenziert beschreibt (bimanuelle Tätigkeit) und er die Einschränkung der
C-801/2019
Seite 28
Arbeitsunfähigkeit herabsetzt (doc. 77 S. 2 ff.; 81 S. 2). Das Abweichen
vom Gutachten wird vor allem damit begründet, dass es nur eingeschränkt
verwertbar sei, zumal es formale Fehler aufweise (doc. 77 S. 3).
5.2 Nach der geltenden Rechtsprechung (BGE 133 V 549) besteht für die
Invalidenversicherung keine Bindungswirkung an die Invaliditätsschätzung
der Unfallversicherung, weshalb die IV-Stellen auch nicht zur Einsprache
gegen die Verfügung und zur Beschwerde gegen den Einspracheentscheid
des Unfallversicherers über den Rentenanspruch als solchen oder den In-
validitätsgrad berechtigt sind. Allerdings schliesst das Bundesgericht in
BGE 133 V 549 E. 6.4 nicht aus, dass die IV-Stellen oder im Beschwerde-
fall die kantonalen Gerichte die Unfallversicherungsakten beiziehen und
gestützt darauf den Invaliditätsgrad für den Bereich der Invalidenversiche-
rung bestimmen können.
Mit Blick auf die fehlende Bindungswirkung haben die IV-Stellen und die
Unfallversicherer die Invaliditätsbemessung in jedem einzelnen Fall selb-
ständig vorzunehmen. Sie dürfen sich somit nicht ohne weitere eigene Prü-
fung mit der blossen Übernahme des Invaliditätsgrades der jeweils ande-
ren Stelle begnügen (vgl. BGE 133 V 549 E. 6.1 m. H., bestätigt mit Urteil-
des BGer 8C_549/2016 vom 19. Januar 2017 E. 5.1).
5.3 Aus medizinischer Sicht geht aus den vorinstanzlichen Akten hervor,
dass die Vorinstanz – abgesehen von den Aktenbeurteilungen ihres RAD
(doc. 43 S. 2; 62 S. 2; 77 S. 2 ff.; 81 S. 2) – keine eigenen medizinischen
Abklärungen veranlasst hat. Das Abstellen auf die Abklärungen und Akten
des Unfallversicherers ist zwar für sich allein nicht zu beanstanden, wenn
einleuchtet und nachvollziehbar ist, weshalb nur auf diese abgestellt wird
und damit keine weiteren Abklärungen nötig sind (vgl. zur Abgrenzung Ur-
teil des BGer 8C_729/2020 vom 16. April 2021 E. 7.1). Allerdings besteht
in Bezug auf die Verdachtsdiagnosen und den Ursprung der Schmerzen
Unklarheit zwischen den Ärzten: So geht Dr. N._, Facharzt für
Handchirurgie FMH, davon aus, dass keine Zeichen einer CPRS vorlägen
(s. E. 4.5 hiervor), während PD Dr. med. I._, Orthopädie und Trau-
matologie FMH, eine solche diagnostiziert (s. E. 4.7 hiervor). Ferner diag-
nostiziert letzterer eine TFCC-Läsion (s. E. 4.7 hiervor); darüber hinaus
empfahlen die Gutachter im interdisziplinären Gutachten vom 28. August
2018, die genannte TFCC-Läsion mittels Arthroskopie weiter abzuklären
(s. E. 4.9.1 hiervor), was aber gemäss Gutachten vom 12. Juli 2019 nicht
geschehen sei (s. E. 4.12.1 hiervor). Demgegenüber sieht Dr. R._,
Facharzt für Allgemeinchirurgie, Handchirurgie, Plastische und Ästhetische
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Seite 29
Chirurgie, keine TFCC-Problematik, zumal die Beschwerdeführerin die
Hauptschmerzen nicht dort angebe. Überdies führe die Arthroskopie seiner
Einschätzung zufolge nicht zur Aufdeckung des Ursprungs der Schmerzen.
Dr. R._ sehe die Problematik vielmehr in einer mediokarpalen In-
stabilität, welche durch eine Arthroskopie nur eingeschränkt beurteilbar sei
(s. E. 4.8 hiervor). Diese Unklarheiten und offenen Fragen bezüglich des
vorliegenden Gesundheitsschadens begründen bereits Zweifel an der ärzt-
lichen Beurteilung (s. hiervor E. 3.2.3).
5.4
5.5 Des Weiteren stützte sich der RAD-Arzt im Wesentlichen auf die ortho-
pädisch-unfallchirurgische Kurzbeurteilung sowie auf die neurologische
Kurzbeurteilung (s. E. 5.1 hiervor) und somit auf die unfallbedingte Arbeits-
fähigkeit. Kommt hinzu, dass gemäss Dr. R._, Facharzt für Allge-
meinchirurgie, Handchirurgie, Plastische und Ästhetische Chirurgie, die
Beteiligung des Sehnenfaches (links) im Rahmen der Verletzung der rech-
ten Seite vor 20 Jahren stehe (Verhebetrauma Hand rechts; act. 1 Beilage
4 S. 2 f.). Als finale Versicherung hat die Invalidenversicherung im Unter-
schied zur Unfallversicherung sämtliche Leiden der versicherten Personen
unabhängig von ihrer Ursache zu berücksichtigen (vgl. Urteil des BGer
8C_359/2013 vom 27. August 2013 E. 3). Vorliegend müsse nach Ansicht
der G._-Gutachter ein Jahr nach der Operation im August 2019
(Arthroskopie linkes Handgelenk) abgewartet werden, um den definitiven
Gesundheitszustand beurteilen zu können. Da noch ein Eingriff des Schul-
tergelenkes im Raume stehe, solle eine erneute Beurteilung frühestens
Ende 2020 erfolgen (Nachtrag von 11. März 2020; act. 21 Beilage 1). Die
Vorinstanz leitet daraus implizit ab, dass die von der Beschwerdeführerin
weiterhin geklagten gesundheitlichen Beschwerden für die Invalidenversi-
cherung unbeachtlich seien, zumal sie an ihrer Verfügung vom 15. Januar
2019 festhält (vgl. act. 24).
5.6 Mit Blick auf die Angleichung des Belastungsprofils (RAD-Bericht vom
27.9.2018; s. E. 4.10. hiervor) an die Nachbegutachtung vom 12. Juli 2019
ist festzuhalten, dass die Gutachter darin das Belastungsprofil wegen der
nicht erfolgten Arthroskopie auf eine Annahme stützen mussten, zumal der
medizinische Sachverhalt nicht abschliessend geklärt sei. Insbesondere ist
auch festzustellen, dass in diesem Gutachten eine Diskrepanz zwischen
den erlebten Schmerzen und den objektivierbaren Schmerzen beschrieben
wird, welche es eingehend im IV-rechtlichen Sinne abzuklären gilt. Hierzu
sind auch unfallfremde Faktoren, wie die psycho-onkologische Beratung
C-801/2019
Seite 30
im Jahre 2013 infolge einer Mastektomie, zu beachten. Weiter ist auch der
Zusammenhang mit der Schulterentzündung links im Jahr 2012 zu eruie-
ren (doc. 37 S. 9). Nach der neuesten Rechtsprechung bedarf es in diesem
Zusammenhang einer Gesamtbetrachtung der Wechselwirkungen und
sonstigen Bezüge der Schmerzstörung zu sämtlichen begleitenden krank-
heitswertigen Störungen (BGE 141 V 281 E. 4.3.1.3). Dazu gehört auch
eine Indikatorenprüfung (BGE 141 V 281), nachdem die G._-Gut-
achter auch das Vorliegen einer Schmerzstörung diskutiert haben. Diesen
Anforderungen werden die bisher vorliegenden medizinischen Berichte
nicht gerecht.
5.7 Nach dem Gesagten steht fest, dass sich der gesundheitliche Zustand
und insbesondere dessen Auswirkungen auf die Arbeits- und Leistungsfä-
higkeit per Ende 2017 unter Berücksichtigung der von der Vorinstanz der
angefochtenen Verfügung zugrunde gelegten Akten nicht schlüssig beur-
teilen lassen. Damit lässt sich die Verneinung des Anspruchs auf Leistun-
gen der IV und auf berufliche Massnahmen nicht mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit bestätigen.
6.
6.1 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz zu Unrecht
von einer eigenen, von den Abklärungen der Unfallversicherung unabhän-
gigen medizinischen Prüfung abgesehen hat. Zudem hat sie den relevan-
ten medizinischen Sachverhalt nicht allseitig und auch nicht vollständig ab-
geklärt, zumal neben den verbleibenden Schmerzen selbst die G._-
Gutachter im Unfall-Gutachten vom 12. Juli 2019 den medizinischen Sach-
verhalt nicht als vollständig abgeklärt betrachteten. Deshalb ist eine um-
fassende Begutachtung in den Fachbereichen Orthopädie, Handchirurgie,
Neurologie und Psychiatrie, unter Beachtung der entsprechenden Verfah-
rensgarantien (BGE 139 V 349 E. 2.2 und 5.4) und unter Klärung der von
den G._-Gutachtern offengelassenen Fragen, zu veranlassen Der
dem IV-Gutachtensauftrag beizulegende Fragenkatalog hat sämtliche
Standardindikatoren der neuen Rechtsprechung (BGE 141 V 281 E. 4.1.3)
zu berücksichtigen.
6.2 Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur weiteren Abklärung
des Sachverhaltes (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ist unter diesen Umständen mög-
lich, da sie in der notwendigen Beantwortung der bisher ungeklärten Fra-
gen nach den Auswirkungen des Gesundheitszustandes auf die Arbeits-
respektive Leistungsfähigkeit begründet liegt (vgl. BGE 137 V 210
C-801/2019
Seite 31
E. 4.4.1.4). Vorliegend fehlt es an einer IV-rechtlich erforderlichen Gesamt-
beurteilung des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin. Die Vo-
rinstanz hat es unterlassen, eine umfassende polydisziplinäre Abklärung
zu veranlassen, obwohl eine solche aufgrund der im Raum stehenden Be-
funde und Diagnosen, welche verschiedene medizinische Fachgebiete be-
treffen, geboten gewesen wäre. Eine reine Aktenbeurteilung war vorlie-
gend unzulässig, was zwangsläufig zur Einholung eines Administrativgut-
achtens hätte führen müssen. Würde eine derart mangelhafte Sachver-
haltsabklärung durch Einholung eines Gerichtsgutachtens im Beschwerde-
verfahren korrigiert, bestünde die konkrete Gefahr der unerwünschten Ver-
lagerung der den Durchführungsorganen vom Gesetz übertragenen Pflicht
zur Abklärung des rechtserheblichen medizinischen Sachverhalts auf das
Gericht mit entsprechender zeitlicher und personeller Inanspruchnahme
der Ressourcen. Daher ist die Angelegenheit zur Vornahme einer polydis-
ziplinären Begutachtung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
6.3 Zusammenfassend bleibt festzuhalten was folgt: Der Antrag auf Zu-
sprache angemessener Frühinterventionsmassnahmen ist als gegen-
standslos geworden abzuschreiben. Die Beschwerde ist insoweit gutzu-
heissen und die angefochtene Verfügung vom 15. Januar 2019 aufzuhe-
ben, als die Akten im Sinne der Erwägungen zur Durchführung weiterer
Abklärungen und anschliessendem Erlass einer neuen Verfügung an die
Vorinstanz zurückzuweisen sind. Dabei wird die Vorinstanz ergänzend zu
prüfen haben, ob ein Anspruch auf Gewährung beruflicher Massnahmen
besteht (vgl. BGE 147 V, BGE 145 V 266 E. 4.2 und 6).
7.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG
die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei. Da eine
Rückweisung praxisgemäss als Obsiegen der Beschwerde führenden Par-
tei gilt (BGE 132 V 215 E. 6), sind im vorliegenden Fall der Beschwerde-
führerin keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. Der Kostenvorschuss von
Fr. 800.– wird der Beschwerdeführerin nach Eintritt der Rechtskraft des
vorliegenden Urteils zurückerstattet. Der Vorinstanz werden ebenfalls
keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
C-801/2019
Seite 32
7.2 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden
Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr er-
wachsene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Parteientschädigung um-
fasst die Kosten der Vertretung sowie allfällige weitere notwendige Ausla-
gen der Partei (Art. 8 VGKE). Die Beschwerdeführerin war im vorliegenden
Verfahren anwaltlich vertreten, weshalb ihr zu Lasten der unterliegenden
Vorinstanz eine Parteientschädigung zuzusprechen ist. Die vom Rechts-
vertreter eingereichte Honorarnote vom 21. August 2020 beläuft sich auf
einen Aufwand von total Fr. 6'454.80 (act. 26 S. 3 f.). Der Betrag setzt sich
zusammen aus dem Honorar in der Höhe von Fr. 5'125.03 (20,5 Stunden
à Fr 250.–) und Auslagen von Fr. 123.50 (184 Kopien zu Fr. 0.50, Kosten
für Telefonie von Fr. 1.30 und Porti von Fr. 32.20), dem Kostenvorschuss
von Fr. 800.– sowie Mehrwertsteuern von Fr. 404.29. Dem Gericht steht
bei der Festsetzung der Parteientschädigung ein weites Ermessen zu (Ur-
teil des BGer 9C_637/2013 vom 13.12.2013 E. 5.2; 8C_928/2012 vom
26.4.2013 E. 6). Dabei erscheint das Abstellen auf die den jeweiligen Zeit-
aufwand detailliert ausweisende Honorarnote eines Rechtsvertreters
grundsätzlich als sachgerecht (Urteil des BGer 9C_162/2013 vom 8.8.2013
E. 4.3.2), wobei zu beachten ist, dass nur der notwendige Aufwand zu ent-
schädigen ist (Urteil des BGer 8C_426/2018 vom 10. August 2018 E. 5.3).
Ebenso zu beachten ist der Schwierigkeitsgrad der Sache im Vergleich zu
ähnlich gelagerten Fällen (Urteil des BGer 8C_717/2014 vom 30.11.2015
E. 6.5; 9C_637/2013 vom 13.12.2013 E. 5.3) wie Synergieeffekte aus der
Vertretung durch denselben Anwalt bereits im Verwaltungsverfahren (Urteil
des BGer 9C_637/2013 vom 13.12.2013 E. 5.3; 8C_723/2009 vom
14.1.2010 E. 4.3).
7.3 Das Bundesverwaltungsgericht erachtet – unter Berücksichtigung des
notwendigen und aktenkundigen Aufwands, der Bedeutung der Streitsache
und der Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Beschwerdeverfah-
rens sowie in Anbetracht der in vergleichbaren Fällen gesprochenen Ent-
schädigung und vor allem mit Blick auf die im Sozialversicherungsrecht
geltende Untersuchungsmaxime (s. hiervor E. 3.3) – den geltend gemach-
ten Aufwand als überhöht, weshalb die Honorarnote zu kürzen ist. Insbe-
sondere ist dem Synergieeffekt aus der Vertretung durch denselben Anwalt
im Verwaltungsverfahren Rechnung zu tragen (vgl. Urteil vom BGer
9C_637/2013 vom 13. Dezember 2013 E. 5.3) und deshalb sind die Posi-
tionen «Beschwerde ausarbeiten» vom 6. und 7. und 15. Februar 2019 von
C-801/2019
Seite 33
insgesamt 7.17 Stunden um 2,5 Stunden zu kürzen und die Positionen
«Replik ausarbeiten vom 4. und 5. und 12. Juni 2019 sowie die Position
«Replik fertigstellen» von insgesamt 5,83 Stunden um 2,5 Stunden zu kür-
zen. Aus demselben Grund ist auch die Besprechung mit der Klientin vom
18. Januar 2019 (2,5 Stunden) um 1 Stunde zu kürzen. Ferner erscheint
die geltend gemachte Position «Mailanfrage der Klientin zum weiteren Ver-
fahren und Beantwortung» vom 20. Juli 2020 (1 Stunde) nicht als notwen-
diger Aufwand (vgl. Urteil des BGer 8C-426/2018 vom 10. August 2018
E. 5.3 mit Hinweisen), zumal sich dies auch nicht in der Triplik wiederspie-
gelt. Somit ist der geltend machte Aufwand von 20,5 Stunden auf 13,5
Stunden zu reduzieren. Damit ist ein Aufwand von 13,5 Stunden zum gel-
tend gemachten Ansatz von Fr. 250.– als angemessen zu beurteilen und
dementsprechend zu entschädigen, was ein Honorar von Fr. 3'375.–
ergibt. Hinzuzurechnen sind, die geltend gemachten Auslagen in der Höhe
von Fr. 123.50, zumal sie angemessen erscheinen und damit zu ersetzen
sind. Ferner besagt Art. 1 Abs. 2 Bst. a i.V.m. Art. 8 Abs. 1 MWSTG [SR
641.20]), dass für die anwaltliche Vertretung von Personen mit Wohnsitz
im Ausland grundsätzlich keine Mehrwertsteuer geschuldet ist (vgl. dazu
auch Art. 10 VGKE). Deshalb ist der Posten «Mehrwertsteuer» von
Fr. 404.29 zu streichen. Damit ist eine Parteientschädigung von
Fr. 3'498.50 (inkl. Auslagen, exkl. MwSt.) zuzusprechen.
C-801/2019
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