Decision ID: 379ad48c-8de9-5354-bcb0-cda9e4b7b0ee
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
H._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Markus Roos, Postgasse 5, Postfach,
9620 Lichtensteig,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a H._ erlitt am 2. Juli 2004 auf der Autobahn einen Auffahrunfall, als ein
alkoholisierter Fahrer ihr Auto, mit dem sie mit ca. 100 km/h unterwegs war, von hinten
rammte. Der behandelnde Dr. med. A._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin,
diagnostizierte am 5. August 2004 ein traumatisches Zervikovertebralsyndrom bei
Status nach Beschleunigungstrauma der Halswirbelsäule (Arztzeugnis vom 5. August
2004, act. G 14.2). Für die Dauer vom 2. Juli bis 14. November 2004 bescheinigte er
der Versicherten eine 100%ige, ab 15. November 2004 eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit
(act. G 14.1.15). Am 6. Mai 2005 meldete sich die Versicherte zum Bezug von IV-
Leistungen (Berufsberatung) an (act. G 14.1.1).
A.b Im Gutachten der Klinik Valens vom 9. Januar 2007, dem fachärztliche
rheumatologische und psychiatrische Untersuchungen sowie eine Evaluation der
funktionellen Leistungsfähigkeit zugrunde lagen, wurden folgende Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt: ein chronisches zervikozephales und
zervikospondylogenes Syndrom (ICD-10: M53.0) bei Status nach Heckauffahrkollision
vom 2. Juli 2004; ein Fibromyalgiesyndrom mit chronischem Panvertebralsyndrom
(ICD-10: M79.0) und eine Dysthymie (ICD-10: F34.1). Die zuletzt vor dem Unfall
ausgeübte Tätigkeit als kaufmännische Angestellte in einem Sportartikelgeschäft sei
der Versicherten nicht mehr zumutbar. Zumutbar sei ihr aber die angepasste Tätigkeit
als Rezeptionistin. Diese seit März 2006 ausgeübte Tätigkeit (vgl. zum Beginn act.
G 14.1.40-6 unten) sei ihr in einem Pensum von 50% zumutbar (act. G 14.1.40-28). Für
eine andere leidensangepasste Tätigkeit bestehe ebenfalls eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit (act. G 14.1.40-31).
A.c Der Regionale Ärztliche Dienst der Invalidenversicherung (RAD) kam in der
Stellungnahme vom 16. Februar 2007 zum Schluss, dass das Gutachten der Klinik
Valens in Ausführlichkeit und Untersuchungsqualität durchaus überzeuge, die daraus
gezogenen Schlüsse aber einer versicherungsmedizinischen Überprüfung nicht stand
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hielten. Deshalb werde der Versicherten aufgrund der vorliegenden
Untersuchungsbefunde eine vollzeitige Arbeitsfähigkeit in einer dem Leiden adaptierten
Tätigkeit zugemutet. Medizinisch theoretisch sei die Versicherte demnach ab
Dezember 2006 wieder für leichte Tätigkeiten voll arbeitsfähig (act. G 14.1.45).
A.d Nach vorgängig durchgeführtem Vorbescheidverfahren verfügte die IV-Stelle am
22. Mai 2007, dass die Versicherte keinen Anspruch auf berufliche Massnahmen habe
(act. G 14.1.58). Dagegen erhob diese am 19. Juni 2007 Beschwerde (act.
G 14.1.62-2 ff.). Am 7. Januar 2009 sprach der leistungspflichtige Unfallversicherer der
Versicherten mit Wirkung ab 1. Dezember 2007 eine 70%ige Invalidenrente zu (act.
G 14.1.85-3 ff.). Diese zog daraufhin ihre Beschwerde gegen die Verfügung der IV-
Stelle vom 22. Mai 2007 zurück, weshalb das Versicherungsgericht das entsprechende
Beschwerdeverfahren abschrieb (Verfügung des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 12. Februar 2009, IV 2007/426; vgl. act. G 14.1.81).
A.e Unter Hinweis auf die Rentenverfügung des Unfallversicherers ersuchte die
Versicherte die IV-Stelle um die Zusprache einer Rente der Invalidenversicherung
(Schreiben vom 17. April 2009; act. G 14.1.85).
A.f Im Vorbescheid vom 17. Juni 2009 stellte die IV-Stelle der Versicherten in
Aussicht, einen Anspruch auf Rentenleistungen zu verneinen. Zur Begründung führte
sie aus, dass sich der Gesundheitszustand der Versicherten seit der Verfügung vom
11. Mai 2007 aus medizinischer Sicht nicht verändert habe. Es bestehe demnach
sowohl in deren angestammten als auch sämtlichen den Leiden angepassten
Tätigkeiten eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (act. G 14.1.93).
A.g Dagegen erhob die Versicherte am 17. Juli 2009 Einwand. Sie machte geltend, es
stehe ihr eine "100%ige IV-Rente" zu. Die Unterlagen des Unfallversicherers seien bei
der Beurteilung durch die IV-Stelle nicht berücksichtigt worden (act. G 14.1.95). Am
1. September 2009 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid vom 17. Juni
2009 (act. G 14.1.97).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen die Verfügung vom 1. September 2009 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 2. Oktober 2009. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter
Kosten- und Entschädigungsfolge deren Aufhebung sowie die Zusprache einer ganzen
IV-Rente rückwirkend ab 11. Mai 2005. Gestützt auf die gutachterliche Einschätzung
verfüge sie für leidensangepasste Tätigkeiten lediglich über eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit. Die Beschwerdegegnerin habe sich nicht mit der gesundheitlichen
Verschlechterung auseinandergesetzt. Damit habe sie die ihr obliegende
Untersuchungspflicht verletzt. Sollte die von ihr (der Beschwerdeführerin) ins Feld
geführte medizinische Aktenlage nicht als schlüssig erachtet werden, so sei ein
interdisziplinäres Obergutachten einzuholen. Ferner habe die Beschwerdegegnerin die
angefochtene Verfügung nicht gehörig begründet. Die Beschwerdeführerin legt der
Beschwerde u.a. aktuelle medizinische Berichte der behandelnden medizinischen
Fachpersonen bei (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 23. November
2009 die Beschwerdeabweisung. Zur Begründung führt sie aus, dass die angefochtene
Verfügung die Mindestbedingungen an die Begründungspflicht erfülle. Eine allfällige
Verletzung könne im Übrigen im vorliegenden Beschwerdeverfahren geheilt werden.
Was die Zusprache einer Invalidenrente durch den Unfallversicherer anbelange, so
bestehe keine Bindungswirkung im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren. Der
medizinische Sachverhalt sei durch die Gutachter der Klinik Valens hinreichend
abgeklärt worden. Deren Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit stehe allerdings nicht in
Einklang mit der höchstrichterlichen Rechtsprechung. Die Gutachter hätten einzig
ätiologisch-pathogenetisch unerklärliche syndromale Leidenszustände beschrieben,
denen infolge der fehlenden Objektivierbarkeit jedoch keine invalidisierende Wirkung
zukomme. Daran würden die von der Beschwerdeführerin eingereichten aktuellen
medizinischen Unterlagen nichts ändern (act. G 4).
B.c In der Replik vom 4. Februar 2010 hält die Beschwerdeführerin unverändert an
ihren Anträgen fest. Die Beschwerdegegnerin müsse rechtskräftig abgeschlossene
Invaliditätsschätzungen anderer Sozialversicherer beachten. Sie seien als Indizien für
eine zuverlässige Beurteilung zu werten und müssten daher in den
Entscheidungsprozess von einem später verfügenden Versicherungsträger
miteinbezogen werden. Ferner berücksichtige das Gutachten der Klinik Valens nicht die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seither eingetretenen gesundheitlichen Verschlechterungen. Die von der
Rechtsprechung festgelegten Kriterien zur invalidisierenden Wirkung von
somatoformen Beschwerdebildern seien vorliegend erfüllt. Für die Ermittlung des
Invaliditätsgrads sei entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin auf dieselben
Vergleichseinkommen abzustellen, wie sie der Unfallversicherer berücksichtigt habe
(act. G 9).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf die Einreichung einer Duplik (act. G 11).

Erwägungen:
1.
Die Beschwerdeführerin rügt vorweg eine Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches
Gehör, da die Beschwerdegegnerin die angefochtene Verfügung nicht gehörig
begründet habe (act. G 1). In der Tat hat sich die Beschwerdegegnerin in der
angefochtenen Verfügung vom 1. September 2009 lediglich knapp und rudimentär zu
den Vorbringen der Beschwerdeführerin geäussert (act. G 14.97). Die Frage der
Gehörsverletzung kann aber letztlich offen gelassen werden, da die angefochtene
Verfügung aus materiellen Gründen aufzuheben und die Sache zur weiteren Abklärung
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist, wie sich aus nachfolgenden
Erwägungen ergibt.
2.
Materiell strittig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf
Rentenleistungen der Invalidenversicherung.
2.1 Am 1. Januar 2008 sind die im Zuge der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz,
dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V
467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung ist am
1. September 2009 ergangen (act. G 14.1.97), wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist,
der vor dem Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 5. IV-Revision am
1. Januar 2008 begonnen hat. Daher und aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine
Dauerleistung betrifft, über die noch nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend
den allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2007
auf die damals geltenden Bestimmungen und ab diesem Zeitpunkt auf die neuen
Normen der 5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil
des Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Diese übergangsrechtliche Lage
zeitigt indessen keine materiellrechtlichen Folgen, da die 5. IV-Revision hinsichtlich des
Be-griffs und der Bemessung der Invalidität keine substantiellen Änderungen
gegenüber der bis Ende 2007 gültig gewesenen Rechtslage gebracht hat. Neu normiert
wurde demgegenüber der Zeitpunkt des Rentenbeginns, der, sofern die
entsprechenden Anspruchsvoraussetzungen gegeben sind (Art. 28 Abs. 1 IVG),
gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG frühestens 6 Monate nach Geltendmachung des
Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG entsteht. Da ein allfälliger
Rentenanspruch im vorliegend zu beurteilenden Fall vor dem 1. Januar 2008
festzusetzen wäre (vgl. die Zusprache einer 70%igen Invalidenrente mit Wirkung ab
1. Januar 2007 durch den Unfallversicherer in der Verfügung vom 7. Januar 2009; act.
G 14.2), wirkt sich diese Neuerung auf den hier zu prüfenden Fall jedoch nicht aus (vgl.
Urteil des Bundesgerichts vom 28. August 2008, 8C_373/08, E. 2.1 mit Hinweis).
Nachfolgend werden die seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und
IVG wiedergegeben, soweit nicht ausdrücklich auf die altrechtlichen Bestimmungen
verwiesen wird.
2.2 Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG in der seit 1. Januar 2004 bis 31. Dezember 2007
gültigen Fassung sowie gemäss dem seit 1. Januar 2008 in Kraft stehenden Art. 28
Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht ein
Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein
Anspruch auf eine Viertelsrente. Der Eintritt des Rentenfalles wird daneben durch
aArt. 29 Abs. 1 IVG geregelt (in der bis 31. Dezember 2007 gültigen Fassung). Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenanspruch entsteht danach frühestens in dem Zeitpunkt, in dem die versicherte
Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens zu 40% arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen war (lit. b). Ein wesentlicher
Unterbruch der Arbeitsunfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person an mindestens
30 aufeinanderfolgenden Tagen voll arbeitsfähig war (aArt. 29 IVV in der vom 1. Januar
2004 bis 31. Dezember 2007 gültigen Fassung).
2.3 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4 mit Hinweisen).
2.4 Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt
der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und
Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das
Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle
Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und
danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige
Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei
einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es
auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Herkunft des Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen). Rechtsprechungsgemäss kommt einem Gutachten oder anderen
medizinischen Beurteilungen schon dann kein voller Beweiswert zu, wenn Indizien
gegen ihre Zuverlässigkeit sprechen; es muss nicht feststehen, dass die
medizinischen Beurteilungen effektiv nicht den Tatsachen entsprechen, was nicht mit
medizinischen Fachpersonen besetzte Behörden in der Regel nicht beurteilen können
(Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007:
Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom 16. Oktober 2002, I 779/01,
E. 4.2).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin wurde im November und Dezember 2006 in der Klinik
Valens rheumatologisch-orthopädisch, neurologisch und psychiatrisch untersucht. Im
Gesamtgutachten vom 9. Januar 2007 wurden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
ein chronisches zervikozephales und zervikospondylogenes Syndrom (ICD-10: M53.0),
ein Fibromyalgiesyndrom mit chronischem Panvertebralsyndrom (ICD-10: M79.0) sowie
eine Dysthymie (ICD-10: F34.1) diagnostiziert. Die Experten bescheinigten der
Beschwerdeführerin aus rheumatologischer Sicht eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten (act. G 14.1.40-31). Aus psychiatrischer Sicht wurde
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit oder der Eingliederungsfähigkeit festgestellt
(act. G 14.1.30).
3.2 In formeller Hinsicht ist am Gesamtgutachten vom 9. Januar 2007 zu
beanstanden, dass es nicht vom psychiatrischen Experten mitunterzeichnet worden ist.
Damit geht einher und es fällt bei der Würdigung der gesamtgutachterlichen
Einschätzung ins Gewicht, dass sich aus dem Gesamtgutachten keine interdisziplinäre
Diskussion mit dem psychiatrischen Gutachter ergibt. Vielmehr scheint die
Einschätzung im Gesamtgutachten nicht mit dem psychiatrischen Gutachter
besprochen worden zu sein (act. G 14.1.40), was aber mit Blick auf das
psychosomatische Leidensbild der Beschwerdeführerin erforderlich gewesen wäre.
Zweifel weckt im Übrigen auch der Umstand, dass die fallführende Gutachterin trotz
der anderslautenden Einschätzung des psychiatrischen Gutachters (act. G 14.1.41-30)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der diagnostizierten Dysthymie Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zuschrieb (vgl.
die Diagnoseliste in act. G 14.1.40-24). Auch dies spricht dafür, dass keine
zuverlässige Abstimmung zwischen den Erkenntnissen der psychiatrischen und
somatischen Begutachtung stattgefunden hat. Es ist insgesamt fraglich, ob der
psychiatrische Gutachter mit der gesamtgutachterlichen Leistungsbeurteilung
einverstanden gewesen ist, zumal sich aus den Akten und mangels Mitunterzeichnung
des Gesamtgutachtens auch nicht auf ein konkludentes Einverständnis schliessen lässt
und die isolierten Leistungsfähigkeitsbeurteilungen der beiden Experten erheblich
auseinanderliegen.
3.3 Weiter enthält das Gesamtgutachten keine Angaben zum Verlauf der
Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten seit dem Unfall vom 2. Juli 2004 (vgl.
act. G 14.1.40-31). Hierzu äussert sich auch der RAD nur knapp, indem in der
Stellungnahme vom 16. Februar 2007 festgehalten wird, dass ab Dezember 2006 von
einer vollen Arbeitsfähigkeit für leichte Tätigkeiten ausgegangen werden könne (act.
G 14.1.45). Eine überzeugende Verlaufsbeurteilung seit dem Unfallereignis bezüglich
der in einer leidensadaptierten Tätigkeit bestehenden Restleistungsfähigkeit fehlt damit.
3.4 Bei der Würdigung der medizinischen Aktenlage ist weiter zu beachten, dass die
Begutachtung in Valens vom November/Dezember 2006 im massgebenden Zeitpunkt
der angefochtenen Verfügung vom 1. September 2009 (act. G 14.1.97; vgl. zum
massgebenden Zeitpunkt BGE 130 V 446 E. 1.2) schon mehr als zweieinhalb Jahre
zurücklag. Ferner ergeben sich aus dem ärztlichen Bericht des behandelnden
Psychiaters vom 24. September 2009 und den darin enthaltenen Diagnosen
(mittelgradige depressive Episode, ICD-10: F32.1; Agoraphobie mit Panikstörung,
ICD-10: F40.01; spezifische Phobie beim Autofahren, ICD-10: F40.2; act. G 1.24)
Anhaltspunkte dafür, dass sich der psychische Zustand seit der Begutachtung in
Valens - noch vor Erlass der angefochtenen Verfügung - verschlechtert hat. Vor diesem
Hintergrund bildet das Gesamtgutachten vom 9. Januar 2007 auch in zeitlicher Hinsicht
keine genügende Entscheidgrundlage.
3.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass es vorliegend an einer aktuellen und
zuverlässigen interdisziplinären Beurteilung des Leidensbildes der Beschwerdeführerin
fehlt. Die Sache ist daher zur interdisziplinären Oberbegutachtung an die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Obergutachter werden sich im Rahmen
einer interdisziplinären Gesamtschau und unter Berücksichtigung der vollständigen
medizinischen Aktenlage insbesondere zur der Beschwerdeführerin verbliebenen
Leistungsfähigkeit, deren Verlauf seit dem Unfallereignis sowie zur Frage nach der
zumutbaren Überwindbarkeit der Schmerzen und den diesbezüglich bei der
Beschwerdeführerin bestehenden Ressourcen zu äussern haben. Nach Vorliegen des
Obergutachtens wird die Beschwerdegegnerin erneut über den Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin zu befinden haben. Bei diesem Ergebnis können die Fragen
vorerst offen gelassen werden, welche Vergleichsgrössen beim Einkommensvergleich
zu berücksichtigen sind und ob beim vorliegenden Beschwerdebild die vom
Bundesgericht zur - ausnahmsweisen - invalidisierenden Wirkung von somatoformen
Schmerzstörungen entwickelte Rechtsprechung (vgl. hierzu BGE 130 V 352 ff.)
überhaupt Anwendung findet.
4.
4.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom
1. September 2009 aufzuheben. Die Sache ist zur Einholung eines Obergutachtens
sowie zur neuen Verfügung im Sinn der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als
volles Obsiegen (BGE 132 V 235 E. 6). Die unterliegende Beschwerdegegnerin hat
deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der von der
Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihr
zurückzuerstatten.
4.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
werden (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat auf die Einreichung einer Honorarnote
verzichtet. Der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand erscheint eine
Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht