Decision ID: 74501f99-d179-48d6-8586-ebb3d8a85841
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden stellten am 15. August 2022 im Bundesasyl-
zentrum (BAZ) der Region C._ ein Gesuch um Gewährung des vo-
rübergehenden Schutzes.
B.
Auf dem Personalienblatt sowie dem Formular zur schriftlichen Kurzbefra-
gung gaben die Beschwerdeführenden im Wesentlichen an, ukrainische
Staatsangehörige zu sein und bereits über einen Schutzstatus in Griechen-
land zu verfügen. Der Beschwerdeführer gab an, er benötige eine (...) und
leide an (...) (vgl. hierzu vorinstanzliche Akten [...]-2/35 [nachfolgend:
act. 2].
Die Beschwerdeführenden reichten Kopien ihrer gültigen ukrainischen (bi-
ometrischen) Reisepässe sowie der gültigen Ausweise betreffend die vor-
übergehende Schutzgewährung in Griechenland ein.
C.
Am 31. August 2022 stellte das SEM ein Gesuch um Rückübernahme der
Beschwerdeführenden an die griechischen Behörden, welche diesem am
9. September 2022 zustimmten.
D.
Am 19. September 2022 gewährte das SEM den Beschwerdeführenden
das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Ablehnung des Gesuchs um Ge-
währung des vorübergehenden Schutzes.
E.
In der Stellungnahme vom 11. Oktober 2022 führte die den Beschwerde-
führenden zugewiesene Rechtsvertretung aus, es sei ihr nicht möglich ge-
wesen, mit den Beschwerdeführenden in Kontakt zu treten, und diese hät-
ten auch den Rechtsschutz nicht kontaktiert. Deshalb könne keine Stel-
lungnahme zu den Akten gegeben werden.
F.
Mit Verfügung vom 20. Oktober 2022 – eröffnet am 26. Oktober 2022 –
lehnte das SEM die Gesuche der Beschwerdeführenden um Gewährung
des vorübergehenden Schutzes ab.
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G.
Mit Beschwerde vom 24. November 2022 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragen die Beschwerdeführenden die Aufhebung der Verfügung
vom 20. Oktober 2022 und die Gewährung des vorübergehenden Schut-
zes, eventualiter die Aufhebung der Verfügung und die Anweisung an die
Vorinstanz, die vorläufige Aufnahme zu gewähren, subsubeventualiter
(recte: subeventualiter) die Aufhebung der Verfügung und die Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung. In prozessualer Hinsicht
beantragen sie die amtliche Übersetzung der eingereichten fremdsprachi-
gen Beweismittel, die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege inklu-
sive Kostenvorschussverzicht sowie die unentgeltliche Verbeiständung der
rubrizierten Rechtsvertreterin.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
24. November 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 6 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 72 AsylG [SR 142.31] i.V.m.105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 72
AsylG i.V.m. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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richten sich im Asylbereich respektive betreffend die Verweigerung vo-
rübergehenden Schutzes nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (i.V.m. Art. 72 AsylG).
3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie
im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zwei-
ten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 72 AsylG i.V.m. Art. 111a Abs. 1
und 2 AsylG).
4.
4.1 Gestützt auf Art. 4 AsylG kann die Schweiz Schutzbedürftigen für die
Dauer einer schweren allgemeinen Gefährdung, insbesondere während ei-
nes Kriegs oder Bürgerkriegs sowie in Situationen allgemeiner Gewalt, vo-
rübergehenden Schutz gewähren. Der Bundesrat entscheidet, ob und nach
welchen Kriterien Gruppen von Schutzbedürftigen vorübergehender
Schutz gewährt wird (Art. 66 Abs. 1 AsylG).
4.2 Am 11. März 2022 hat der Bundesrat gestützt auf Art. 66 Abs. 1 AsylG
eine Allgemeinverfügung zur Gewährung des vorübergehenden Schutzes
im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine erlassen (BBI 2022
586). Gemäss Ziff. I dieses Erlasses gilt der Schutzstatus für folgende Per-
sonenkategorien:
a. schutzsuchende ukrainische Staatsbürgerinnen und -bürger und ihre
Familienangehörige (Partnerinnen und Partner, minderjährige Kinder
und andere enge Verwandte, welche zum Zeitpunkt der Flucht ganz
oder teilweise unterstützt wurden), welche vor dem 24. Februar 2022
in der Ukraine wohnhaft waren;
b. schutzsuchende Personen anderer Nationalität und Staatenlose sowie
ihre Familienangehörige gemäss Definition in Buchstabe a, welche vor
dem 24. Februar 2022 einen internationalen oder nationalen Schutz-
status in der Ukraine hatten;
c. Schutzsuchende anderer Nationalität und Staatenlose sowie ihre Fa-
milienangehörige gemäss Definition in Buchstabe a, welche mit einer
gültigen Kurzaufenthalts- oder Aufenthaltsbewilligung belegen können,
dass sie über eine gültige Aufenthaltsberechtigung in der Ukraine ver-
fügen und nicht in Sicherheit und dauerhaft in ihre Heimatländer zu-
rückkehren können.
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5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung aus,
die Beschwerdeführenden gehörten nicht zu der vom Bundesrat definierten
Gruppe schutzberechtigter Personen, da sie bereits über einen gültigen
Schutzstatus in Griechenland verfügten. Gestützt auf das Subsidiaritäts-
prinzip (Schutzalternative in einem anderen Staat) sei ihr Gesuch um vor-
übergehenden Schutz abzulehnen.
Da ihr Gesuch abgelehnt werde, seien sie grundsätzlich zur Ausreise aus
der Schweiz verpflichtet. Da sie die ukrainische Staatsangehörigkeit sowie
einen biometrischen Reisepass besässen und damit grundsätzlich und un-
abhängig von der Einreichung eines Asylgesuches oder eines Gesuchs um
Erlangung des Schutzstatus berechtigt seien, legal in die Schweiz einzu-
reisen und sich hier bis zu 90 Tage visumsfrei aufzuhalten, verzichte das
SEM auf die Prüfung der Frage der Wegweisung beziehungsweise die An-
ordnung des Wegweisungsvollzugs.
5.2 In der Beschwerdeschrift machen die Beschwerdeführenden geltend,
dass das SEM die gesundheitlichen Probleme, insbesondere diejenigen
des Beschwerdeführers, trotz entsprechender Angaben auf dem Formular
zur schriftlichen Kurzbefragung nicht berücksichtigt habe. Der Beschwer-
deführer leide an (...) und befinde sich zurzeit in ärztlicher Behandlung. Er
habe unmittelbar nach seiner Ankunft in Griechenland um eine ärztliche
Untersuchung gebeten. Es sei eine Blutentnahme gemacht worden und ein
Arzt habe ihm gesagt, dass man ihn anrufen werde. Während des ganzen
Aufenthalts in Griechenland habe er jedoch trotz schlechter Blutwerte nie
einen Anruf erhalten. Wegen der fehlenden Unterstützung und mangelhaf-
ten gesundheitlichen Versorgung hätten sie Griechenland verlassen. Der
Beschwerdeführer benötige regelmässige Kontrolluntersuchungen und
Therapien (insb. [...]).
Es sei unbestritten, dass sie über einen gültigen Schutzstatus in Griechen-
land verfügten. Die Argumentation des SEM, wonach ihr Gesuch gestützt
auf das Subsidiaritätsprinzip abzulehnen sei, werde hingegen bestritten,
da sie auf einer unzureichenden Abklärung des konkreten Sachverhalts
beruhe. Das SEM habe sich nicht mit der gebührenden Sorgfalt mit den
möglichen Folgen einer Rückweisung nach Griechenland auseinanderge-
setzt. Einerseits sei nicht berücksichtigt worden, dass sich der Beschwer-
deführer zurzeit wegen einer schweren Erkrankung in ärztlicher Behand-
lung in der Schweiz befinde und lebenswichtige Therapien benötige, ande-
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rerseits habe er kaum eine Chance, in Griechenland die nötigen therapeu-
tischen Massnahmen zu erhalten. Zuletzt sei in Griechenland zwischen der
Blutentnahme im (...) und der Abreise im August keine Therapie angeord-
net und durchgeführt worden, obwohl bei (...) rasche Reaktionen für eine
Heilung unabdingbar seien. Selbst die gerichtliche Rechtsprechung aner-
kenne, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung in Griechenland in
der Praxis durch einen erheblichen Ressourcen- und Kapazitätsmangel er-
schwert werde. International Schutzberechtigte seien – gleich wie die grie-
chische Bevölkerung – hierbei Budgetierungen und restriktiver Medika-
mentenausgabe unterworfen. Der von Griechenland gewährte formelle vo-
rübergehende Schutz gewährleiste materiell nicht die Rechte auf Zugang
auf die vom Beschwerdeführer benötigte medizinische Versorgung. Eine
Rückweisung nach Griechenland würde die Schutzbedürfnisse des Be-
schwerdeführers sowie Art. 3 EMRK verletzen.
Ihren Eventualantrag begründeten die Beschwerdeführenden damit, dass
keine Aufenthaltsalternative in der Ukraine existiere. Sie hätten weder Ver-
wandte noch Freunde, die sie zurzeit unter einigermassen zumutbaren Be-
dingungen bei sich aufnehmen könnten, noch sei ein Spital in der Lage,
eine effiziente Versorgung und Behandlung [der Krankheit] des Beschwer-
deführers anzubieten.
6.
6.1 Eingangs ist festzuhalten, dass Prozessgegenstand des vorliegenden
Verfahrens einzig die Frage ist, ob die Vorinstanz das Gesuch der Be-
schwerdeführenden um Gewährung des vorübergehenden Schutzes zu
Recht abgelehnt hat. Die Beurteilung dieser Frage erfolgt ausschliesslich
nach den unter E. 4.2 aufgeführten Kriterien der Allgemeinverfügung – al-
lenfalls unter Zuhilfenahme verschiedener Auslegungsmethoden (vgl. zur
gefestigten Rechtsprechung betreffend Auslegung BVGE 2013/22 E. 4.1).
6.2 Bei den Beschwerdeführenden handelt es sich unbestrittenermassen
um ukrainische Staatsbürger, weshalb sie grundsätzlich unter den in Ziff. I
Bst. a der bundesrätlichen Allgemeinverfügung erfassten Personenkreis
fallen. Nach dem unmissverständlichen Willen des Bundesrates soll die
Gewährung des Schutzstatus S allerdings für Personen ausgeschlossen
sein, «denen bereits in einem anderen EU-Staat der Schutzstatus [gemeint
ist der vorübergehende Schutz nach der Richtlinie 2001/55/EG] zugespro-
chen worden ist» (vgl. Medienmitteilung des Bundesrates vom 11. März
2022, verfügbar unter < https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumenta
tion/medienmitteilungen.msg-id-87556.html >, zuletzt abgerufen am
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30. November 2022). Das Vorgehen des SEM, das Gesuch um Gewährung
vorübergehenden Schutzes gestützt auf das Subsidiaritätsprinzip abzu-
lehnen, ist daher vorliegend nicht zu beanstanden. Die Argumentation der
Beschwerdeführenden – welche sich im Wesentlichen auf die Rüge be-
schränkt, dass SEM habe ihre gesundheitliche Situation nicht berücksich-
tigt – zielt daher offenkundig am vorliegenden Prozessgegenstand vorbei
und ist nicht zu hören.
6.3 Fragen nach der Zulässigkeit und Zumutbarkeit einer Rückkehr der Be-
schwerdeführenden in ihren Heimat- (Ukraine) respektive Herkunftsstaat
(Griechenland) – und damit einhergehend insbesondere die Frage nach
dem Vorhandensein adäquater Behandlungsmöglichkeiten für [die Krank-
heit] des Beschwerdeführers und den Zugang hierzu – wären im Rahmen
eines Wegweisungsverfahrens zu prüfen. Vorliegend hat das SEM aber –
infolge des grundsätzlich legalen Aufenthalts der Beschwerdeführenden in
der Schweiz – auf die Verfügung einer Wegweisung und die Anordnung
des Wegweisungsvollzugs verzichtet. Da die Wegweisung und deren Voll-
zug nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung ist, ist auf das Even-
tualbegehren in der Beschwerde um Gewährung der vorläufigen Aufnahme
nicht einzutreten. Sollten die Beschwerdeführenden nach der Dauer ihres
visumsfreien Aufenthalts nicht aus der Schweiz ausreisen, wären die zu-
ständigen Behörden in einem ersten Schritt gehalten, diese in Anwendung
von Art. 64 Abs. 2 AIG (Ausländer- und Integrationsgesetz vom 16. Dezem-
ber 2005, SR 142.20) formlos wegzuweisen. Im Weigerungsfall wäre so-
dann in einem weiteren Schritt entsprechend der in Art. 64 Abs. 2 AIG nor-
mierten Vorgehensweise zu verfahren. Hiergegen stünde den Beschwer-
deführenden sodann die Beschwerdemöglichkeit ans Bundesverwaltungs-
gericht offen.
Da im vorliegenden Verfahren betreffend die Verweigerung des Schutzsta-
tus S – mangels verfügter Wegweisung und Wegweisungsvollzugs – me-
dizinische Aspekte nicht den Prozessgegenstand beschlagen und damit
nicht einschlägig sind, erübrigt sich eine Auseinandersetzung des Gerichts
mit diesen Aspekten und den hierzu eingereichten Beweismitteln/Arztbe-
richten. Folglich kann auch auf eine Übersetzung der in ukrainischer und
griechischer Sprache eingereichten Dokumente verzichtet werden und der
entsprechende Antrag ist abzuweisen.
6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das SEM die Gesuche der
Beschwerdeführenden um Gewährung des vorübergehenden Schutzes zu
Recht abgelehnt hat.
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7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 72
i.V.m.106 Abs. 1 AsylG). Eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
ist nicht angezeigt. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzu-
treten ist.
8.
8.1 Angesichts des vorliegenden Direktentscheids in der Sache erweist
sich der Antrag auf Verzicht zur Erhebung eines Kostenvorschusses als
gegenstandslos.
8.2 Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung (Art.
65 Abs. 1 VwVG) und um amtliche Verbeiständung (Art. 102m Abs. 1 Bst.
d AsylG) sind ungeachtet der geltend gemachten (und bis dato nicht aus-
gewiesenen) prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen, da sich die Be-
schwerdebegehren entsprechend den vorstehenden Erwägungen von
vornherein als aussichtslos erwiesen haben.
8.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insge-
samt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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