Decision ID: a6b150ee-1da7-43b4-bd2f-44f112e7f322
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Oberstaatsanwaltschaft erhob am 9. März 2021 Anklage gegen den
Beschuldigten wegen qualifiziert grober Verletzung der Verkehrsregeln
durch besonders krasse Missachtung der zulässigen Höchst-
geschwindigkeit ausserorts und Teilnahme an einem nicht bewilligten
Rennen mit Motorfahrzeugen mit waghalsigem Überholen eines
Fahrzeuges, wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln durch
Rechtsüberholen auf der Autobahn und wegen Nichtmitführens des Führer-
ausweises.
2.
Das Bezirksgericht Aarau sprach den Beschuldigten mit Urteil vom 26. Mai
2021 der qualifiziert groben Verletzung der Verkehrsregeln gemäss Art. 90
Abs. 3 SVG, der Verletzung der Verkehrsregeln durch Rechtsüberholen auf
der Autobahn gemäss Art. 90 Abs.1 SVG i.V.m. Art. 35 Abs. 1 SVG und
Art. 36 Abs. 5 VRV und des Nichtmitführens des Führerausweises gemäss
Art. 99 Abs. 1 lit. b SVG i.V.m. Art. 10 Abs. 4 SVG schuldig. Es stellte eine
Verletzung des Beschleunigungsgebots fest und verurteilte ihn zu einer
bedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten, Probezeit 2 Jahre, und einer
Verbindungsbusse von Fr. 1'000.00 sowie einer Übertretungsbusse von
Fr. 270.00.
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 3. September 2021 beantragte der
Beschuldigte, er sei anstatt der qualifizierten groben Verletzung der
Verkehrsregeln gemäss Art. 90 Abs. 3 SVG, der groben Verletzung der
Verkehrsregeln gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG schuldig zu sprechen und zu
einer bedingten Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu verurteilen.
3.2.
Der Beschuldigte reichte am 15. Oktober 2021 vorgängig zur
Berufungsverhandlung eine schriftliche Berufungsbegründung ein.
3.3.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 2. November 2021 beantragte die
Oberstaatsanwaltschaft die Abweisung der Berufung.
3.4.
Die Berufungsverhandlung fand am 31. März 2022 statt.
- 3 -

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Die Berufung des Beschuldigten richtet sich gegen den Schuldspruch
wegen qualifiziert grober Verletzung der Verkehrsregeln und damit
einhergehend gegen die Strafzumessung. In den übrigen Punkten wurde
das vorinstanzliche Urteil nicht angefochten, weshalb in diesen Punkten
keine Überprüfung erfolgt (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, am 6. Juli 2019 um 23:41 Uhr auf
einer Ausserortsstrecke in Suhr, Fahrtrichtung Hunzenschwil, mit dem
Personenwagen Audi S3 (Kennzeichen B) mit einer Geschwindigkeit von
145 km/h das Fahrzeug von C. (Kennzeichen H) mit drei Insassen überholt
zu haben. Dabei habe er sich mit D., welcher dicht hinter ihm fuhr, ein nicht
bewilligtes Rennen geliefert und sei das hohe Risiko eines Unfalls mit
Schwerverletzten oder Todesopfern eingegangen. Auf dem Beifahrersitz
sei seine Freundin E. gesessen (Anklageziffer 1).
2.2.
Der Beschuldigte bestreitet das Vorliegen einer qualifiziert groben
Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 3 SVG. Es liege weder
ein Rennen noch ein waghalsiges Überholen, sondern nur eine grobe
Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG vor.
3.
3.1.
Nach Art. 90 Abs. 3 SVG macht sich strafbar, wer durch vorsätzliche
Verletzung elementarer Verkehrsregeln das hohe Risiko eines Unfalls mit
Schwerverletzten oder Todesopfern eingeht, u.a. namentlich durch die
Teilnahme an einem nicht bewilligten Rennen oder durch waghalsiges
Überholen.
Eine qualifiziert grobe Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 3
SVG liegt in jedem Fall vor, wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit um
mindestens 60 km/h überschritten wird, wo sie höchstens 80 km/h beträgt
(Art. 90 Abs. 4 lit. c SVG). Liegen weitere Umstände vor, welche das hohe
Risiko eines Unfalls im Sinne von Art. 90 Abs. 3 SVG erhöhen, kann eine
krasse Geschwindigkeitsüberschreitung auch dann angenommen werden,
wenn der Grenzwert von Art. 90 Abs. 4 SVG nicht erfüllt ist (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6B_148/2016 vom 29. November 2016 E. 1.4.4 betreffend
eine Geschwindigkeitsüberschreitung von 59 km/h bei einer Baustelle und
erlaubten 80 km/h).
- 4 -
Bei den Verkehrsregeln zum Überholen (Art. 35 SVG, Art. 10 f. VRV)
handelt es sich um Vorschriften, die für die Verkehrssicherheit grundlegend
sind und deren Verletzungen besonders unfallträchtig erscheinen, und
somit um elementare Verkehrsvorschriften im Sinne von Art. 90 Abs. 3
SVG. Ein Rennen im Sinne von Art. 90 Abs. 3 SVG setzt zwei Personen
voraus, die sich spontan oder geplant dazu entschliessen, sich gegenseitig
in ihrer fahrerischen Stärke und der Leistungskraft des eigenen Wagens zu
überbieten (BGE 130 IV 58 E. 9.1.1). Entgegen den Ausführungen des
Beschuldigten ist von einem Rennen auch auszugehen, wenn ein
Fahrzeuglenker einen anderen Fahrzeuglenker verfolgt, um ihn wegen
eines tatsächlichen oder imaginären Fehlverhaltens zur Rede zu stellen,
auszubremsen oder anderweitig zu schikanieren, der Verfolgte aber zu
entfliehen versucht (vgl. Urteil des Bundesgerichts 1C_280/2011 vom
7. Oktober 2011). Somit ist auch die Vereinbarung eines Ziels keine
begriffsnotwendige Voraussetzung des Rennens. Weiter ist unerheblich,
ob das Rennen im Vorfeld vereinbart wurde oder der Wille, einen Wettstreit
abzuhalten, konkludent erfolgte beziehungsweise sich aus den Umständen
ergab. Ein Rennen kann somit auch dann vorliegen, wenn sich ein Fahrer
der Wut eines anderen Lenkers zu entziehen versucht. Mithin sind die
Gründe, weshalb ein Lenker einen anderen einholen oder überholen will
und sie sich deshalb ein Rennen liefern, nicht von Belang
(WEISSENBERGER, Kommentar Strassenverkehrsgesetz, 2. Aufl. Zürich
2015, N. 146 zu Art. 90 SVG).
Der Tatbestand von Art. 90 Abs. 3 SVG kann durch die Kumulation
mehrerer einfacher und grober Verkehrsregelverletzungen nach Art. 90
Abs. 1 und Abs. 2 SVG erfüllt sein. Dies ist insbesondere dann
anzunehmen, wenn die Häufung grober Verkehrsregelverletzungen auf
einer Fahrt, die den von Art. 90 Abs. 3 geforderten Schweregrad jeweils
knapp nicht erreichen, in ihrer Gesamtheit aber als Verletzung elementarer
Verkehrsregeln zu werten ist, die das hohe Risiko eines Unfalls mit
Schwerverletzten oder Todesopfern geschaffen haben (WEISSENBERGER,
Kommentar Strassenverkehrsgesetz, 2. Aufl. Zürich 2015, N. 156 zu
Art. 90 SVG).
Das nach Art. 90 Abs. 3 SVG geforderte Risiko muss sich auf einen Unfall
mit Todesopfern oder Schwerverletzten beziehen und somit ein
qualifiziertes Ausmass erreichen. Der Erfolgseintritt muss vergleichsweise
naheliegen; gefordert ist ein «hohes» Risiko. Damit wird zum Ausdruck
gebracht, dass es sich um eine höhere als die in Art. 90 Abs. 2 SVG
geforderte «ernstliche» Gefahr handeln muss. Diese muss analog der
Lebensgefährdung nach Art. 129 StGB unmittelbar, nicht jedoch unaus-
weichlich sein. Da bereits die erhöhte abstrakte Gefahr im Sinne von Art. 90
Abs. 2 SVG die naheliegende Möglichkeit einer konkreten Gefährdung
voraussetzt, ist für die Erfüllung von Abs. 3 die besonders naheliegende
Möglichkeit einer konkreten Gefährdung zu verlangen. Die allgemeine
- 5 -
Möglichkeit der Verwirklichung einer Gefahr kann in Anlehnung an Art. 90
Abs. 2 SVG nur genügen, wenn aufgrund besonderer Umstände, wie
Tageszeit, Verkehrsdichte, Sichtverhältnisse usw. der Eintritt einer
konkreten Gefahr oder gar einer Verletzung besonders nahelag und es
letztlich nur vom Zufall abhing, dass sich diese nicht verwirklicht hat. Wird
eine krasse Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 3 SVG
objektiv bejaht, folgt daraus nahezu zwangsläufig, dass auch ein dadurch
geschaffenes hohes Risiko von Unfällen mit Todesopern oder Schwer-
verletzten angenommen werden muss (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_1349/2017 vom 2. Oktober 2018 E. 2.1 mit Hinweisen).
3.2.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen
Voraussetzungen der angeklagten Tat, d.h. solche, die sich nach der
objektiven Sachlage aufdrängen, so geht das Gericht von der für den
Beschuldigten günstigeren Sachlage aus (vgl. Art. 10 Abs. 3 StPO; «in
dubio pro reo»). Bloss abstrakte und theoretische Zweifel sind nicht
massgebend, weil solche immer möglich sind. Der Grundsatz «in dubio pro
reo» verlangt indes nicht, dass bei sich widersprechenden Beweismitteln
unbesehen auf den für den Beschuldigten günstigeren Beweis abzustellen
wäre. Die Entscheidregel «in dubio pro reo» ist erst anwendbar, nachdem
alle aus Sicht des urteilenden Gerichts notwendigen Beweise erhoben und
ausgewertet worden sind und nach erfolgter Beweiswürdigung als Ganzem
relevante Zweifel bestehen, wobei nur das Übergehen offensichtlich
erheblicher Zweifel eine Verletzung des Grundsatzes «in dubio pro reo» zu
begründen vermag (BGE 144 IV 345; Urteil des Bundesgerichts
6B_1395/2019 vom 3. Juni 2020 E. 1.1).
3.3.
3.3.1.
In tatsächlicher Hinsicht ist erstellt und unbestritten geblieben, dass der
Beschuldigte am 6. Juli 2019, um 23:41 Uhr, als Lenker des
Personenwagens Audi S3 mit dem Kennzeichen B auf der
Ausserortsstrecke zwischen Suhr und Hunzenschwil fuhr und dabei einem
vor ihm fahrenden Personenwagen auffuhr und dann überholte, wobei er
die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um toleranzbereinigt
59 km/h überschritten hat (act. 187 ff.; Berufungsbegründung Ziff. 5.1,
S. 3).
Umstritten ist, ob der Beschuldigte zusammen mit D. ein nicht bewilligtes
Rennen durchführte, sein Überholmanöver als waghalsig im Sinne von Art.
90 Abs. 3 SVG zu qualifizieren ist und ob dabei eine krasse
Geschwindigkeitsverletzung vorgelegen hatte.
- 6 -
3.3.2.
Mit der Vorinstanz ist das Vorliegen eines nicht bewilligten Rennens im
Sinne von Art. 90 Abs. 3 SVG zu bejahen: Den Aussagen von C. (act. 176),
D. (act. 150 ff.), seines Beifahrers F. (act. 166) sowie des Beschuldigten
(act. 160) und seiner Beifahrerin E. (act. 170) ist übereinstimmend zu
entnehmen, dass D. in Suhr nach Ausfahrt des Kreisels dem Beschuldigten
nahe aufgefahren ist. Im Folgenden nahm er wieder Abstand und holte den
Beschuldigten, der daraufhin schneller fuhr, wieder ein. Dieser Vorgang
zwischen den beiden Autos wiederholte sich mehrmals, bis der
Beschuldigte dann auf der Ausserortsstrecke in Richtung Hunzenschwil
den Personenwagen von C. überholte, welche zu diesem Zeitpunkt mit
einer Geschwindigkeit von 95 km/h unterwegs war. Im Zuge des
Überholmanövers überschritt der Beschuldigte dann die erlaubte
Höchstgeschwindigkeit toleranzbereinigt um 59 km/h.
Gemäss eigenen Angaben hat der Beschuldigte aufgrund der geringen
Distanz zum Personenwagen von D. mehrmals Gas gegeben, um
daraufhin immer wieder abzubremsen (act. 245). Er habe in diesem
Moment Angst empfunden und wollte nicht glauben, dass D. die gleiche
Strecke entlangfuhr wie er (act. 245). Auch anlässlich der
Berufungsverhandlung vom 31. März 2022 führte der Beschuldigte aus,
dass der hinter ihm fahrende D. mehrmals nah aufgefahren sei. Er habe
Angst bekommen, da es Nacht gewesen sei. Deshalb habe er Gas
gegeben (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 3 und 8). Entgegen der
Vorbringen des Beschuldigten hat er sich somit auf die Provokation von D.
eingelassen und zum Aufwiegeln der wettstreitähnlichen Situation
massgeblich beigetragen. Die diesem Verhalten zu Grunde liegenden
Gründe, wie z.B. die vom Beschuldigten geltend gemachte «Angst», sind
dabei unerheblich (vgl. WEISSENBERGER, Kommentar Strassen-
verkehrsgesetz, 2. Aufl. Zürich 2015, N. 146 zu Art. 90 SVG). Dem
Beschuldigten hätten denn auch ohne Weiteres alternative Handlungs-
möglichkeiten offen gestanden. So hätte er das nahe Auffahren durch D.
einfach ignorieren können. Auch hätte er anhalten oder – wenn er sich
wirklich bedroht gefühlt hätte – seine Beifahrerin zum Alarmieren der
Polizei auffordern können. Das hat er bewusst nicht getan. Auf eine
provokative Fahrweise mit ständigem Auffahren und wieder Abbremsen mit
genau demselben Fahrverhalten zu reagieren und dann zudem noch einen
Personenwagen, welcher ebenso mit überhöhter Geschwindigkeit
unterwegs ist, zu überholen, zeugt nicht von irrationaler Angst und
Fluchtgedanken, sondern ist als konkludentes Kräftemessen zwischen
zwei Fahrzeuglenkern zu qualifizieren. Der Beschuldigte gab anlässlich der
Einvernahme vom 7. Juli 2019 zudem an, dass ihm bewusst gewesen sei,
dass das Fahrzeug von D. das stärker motorisierte Fahrzeug war und
dieses ihn problemlos hätte ein- resp. überholen können (act. 160). Unter
diesem Gesichtspunkt erscheint die Reaktion des Beschuldigten, D.
davonzufahren, als nicht plausibel und unschlüssig. Überhaupt kann dem
- 7 -
Beschuldigten nicht geglaubt werden, dass er nur aus Angst beschleunigt
hat. Vielmehr ist es so, dass er selbst eingeräumt hat, nach dem
Überholvorgang bei der Tankstelle rechts angehalten zu haben und mit D.
gesprochen zu haben (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 7). Dieses
Verhalten steht im offensichtlichen Widerspruch zu seiner Aussage, er
habe aus Angst beschleunigt und nicht angehalten (Protokoll Berufungs-
verhandlung, S. 3 f.). Entgegen seinem Vorbringen schliesst das
Bewusstsein um das stärkere Fahrzeug das Vorliegen eines Rennens auch
nicht aus. So liegt die Motivation des Kräftemessens eben gerade darin,
sich gegenseitig aufzustacheln und zum schnellen Fahren zu animieren.
Unter diesen Umständen ist ein nicht bewilligtes Rennen im Sinne von
Art. 90 Abs. 3 SVG zu bejahen. Das Beschleunigen, das nahe Auffahren
an den Personenwagen von C. (act. 176) und das Überholen mit
toleranzbereinigt 139 km/h machen deutlich, dass es letztlich überwiegend
vom Zufall abhing, dass sich die Gefahr eines Unfalles in der konkreten
Situation nicht verwirklicht hat. Es hätte bei der Lenkerin des überholten
Fahrzeuges leicht zu einer Fehlreaktion kommen können. Auf einer
Ausserortsstrecke mit einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h ist es nicht
unwahrscheinlich, dass ein Fahrzeuglenker in eine Schreckreaktion verfällt
(z.B. brüskes Bremsen, Ausweichmanöver nach links oder rechts,
Kontrollverlust), wenn er unerwartet und knapp überholt wird. Wäre es
vorliegend zu einer Fehlreaktion von C. oder des Beschuldigten
gekommen, wäre ein Unfall mit Schwerverletzten oder gar Toten, kaum zu
verhindern gewesen. Mithin hat der Beschuldigte durch seine Fahrweise
nicht nur ein hohes Risiko für sich selbst geschaffen, sondern auch für
seine Beifahrerin und die Insassen des mit hoher Geschwindigkeit
überholten Fahrzeugs sowie für D. und dessen Beifahrer, der seinerseits
mit kurzem Abstand hinter dem Beschuldigten herfuhr.
3.3.3.
Zusammengefasst ist unter den gegebenen Umständen eine qualifiziert
grobe Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 3 SVG gleich
mehrfach zu bejahen, hat der Beschuldigte doch im Rahmen eines
Rennens ein waghalsiges Überholmanöver mit einer krassen
Geschwindigkeitsüberschreitung mit einer mindestens vergleichbaren
Schwere mit jenen von Art. 90 Abs. 4 SVG begangen.
3.3.4.
Zu bejahen ist auch der subjektive Tatbestand. Entgegen den
Ausführungen des Beschuldigten war ihm die Geschwindigkeitsübertretung
durchaus bewusst. Anlässlich der delegierten Einvernahme gab der
Beschuldigte an, sein Tacho habe ca. 130 km/h angezeigt (act. 157). Mit
der Aufforderung seiner Mitfahrerin, langsamer zu fahren (act. 172), wurde
der Beschuldigte zudem explizit auf das überhöhte Tempo hingewiesen.
Dass er daraufhin aus irrationaler Angst unbewusst noch schneller fuhr,
- 8 -
erscheint vor dem Hintergrund, dass er nachweislich mindestens zwei
Hinweise auf seine überhöhte Geschwindigkeit wahrgenommen hat
(eigener Blick auf den Tacho sowie Hinweis der Beifahrerin), als abwegig.
Diese Aussage erscheint insbesondere auch deshalb als
Schutzbehauptung, da der Beschuldigte selbst angab, er lasse sich schnell
verärgern (act. 245). Zudem konnte er auch anlässlich der
Berufungsverhandlung vom 31. März 2022 nicht begründen, aufgrund
welcher Tatsachen, Assoziationen oder Gefühlsregungen er das nahe
Auffahren des schwarzen Fahrzeuges als bedrohlich empfunden hatte (vgl.
Protokoll Berufungsverhandlung, S. 4 und 8). Mithin bestehen keine Zweifel
daran, dass er in jenem Moment, als er zum Überholmanöver ansetzte,
wusste, dass er die Geschwindigkeit deutlich überschritt und das auch
wollte. Dasselbe gilt für das Überholmanöver. Damit hat er sich wissentlich
und willentlich über elementare Verkehrsvorschriften hinweggesetzt und
vorsätzlich gegen diese verstossen. Dem Beschuldigten drängte sich die
Verwirklichung des Risikos, dass sich wegen seiner massiven
Verkehrsregelverletzung ein Unfall mit Schwerverletzten oder gar
Todesopfern ereignen könnte, derart auf, dass die Bereitschaft, ihn als
Folge hinzunehmen, ihm vernünftigerweise nur als Inkaufnahme dieses
Verlaufes ausgelegt werden kann. Er hat offensichtlich sein Interesse,
seine fahrerische Überlegenheit gegenüber D. über dasjenige einer
korrekten Fahrweise gestellt und sich damit bewusst gegen das geschützte
Rechtsgut, den Schutz von Leib und Leben der Verkehrsteilnehmer vor
einer erhöhten abstrakten Gefahr, entschieden. Ein Gefährdungsvorsatz
oder der Vorsatz, einen bestimmten Erfolg herbeizuführen, ist nicht
erforderlich.
3.4.
Nach dem Gesagten erweist sich die Berufung des Beschuldigten als
unbegründet und er ist der qualifiziert groben Verkehrsregelverletzung
gemäss Art. 90 Abs. 3 SVG schuldig zu sprechen.
4.
4.1.
Der Beschuldigte hat sich – nebst der qualifiziert groben Verkehrsregel-
verletzung gemäss Art. 90 Abs. 3 SVG – der Verletzung der Verkehrsregeln
durch Rechtsüberholen auf der Autobahn gemäss Art. 90 Abs. 1 SVG und
des Nichtmitführens von Ausweisen gemäss Art. 99 Abs. 1 lit. b SVG
schuldig gemacht, wofür er angemessen zu bestrafen ist.
4.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 144 IV
217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit Hinweisen).
Darauf kann verwiesen werden.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1233%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-IV-61%3Ade&number_of_ranks=0#page61 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1233%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-IV-55%3Ade&number_of_ranks=0#page55
- 9 -
Für die qualifiziert grobe Verkehrsregelverletzung gemäss Art. 90 Abs. 3
SVG ist von Gesetzes wegen eine Freiheitsstrafe auszusprechen und für
die Übertretungen eine Busse.
4.3.
Hinsichtlich der für die qualifiziert grobe Verkehrsregelverletzung
auszusprechende Freiheitsstrafe ergibt sich Folgendes:
Ausgangspunkt für die Bestimmung des Verschuldens ist die Schwere der
Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechtsguts (Art. 47 Abs. 2
StGB). Geschütztes Rechtsgut ist beim Tatbestand der qualifiziert groben
Verletzung der Verkehrsregeln gemäss Art. 90 Abs. 3 SVG die
Verkehrssicherheit sowie Leib und Leben der Verkehrsteilnehmer. Art. 90
Abs. 3 SVG setzt keine konkrete Gefährdung des Lebens voraus, jedoch
eine gegenüber Art. 90 Abs. 2 SVG gesteigerte, sozusagen qualifiziert
erhöhte abstrakte Gefahr. Der Tatbestand von Art. 90 Abs. 3 SVG normiert
somit ein abstraktes Gefährdungsdelikt, wobei das Gefährdungselement
der Intensität und dem Ausmass des Risikos nach qualifiziert wird und ein
Erfolgseintritt naheliegen muss.
Der Beschuldigte ist am 6. Juli 2019 mit einem Audi S3 im
Ausserortsbereich in Suhr mit einer rechtlich massgebenden Geschwindig-
keit von 139 km/h anstelle der ausserorts zulässigen Geschwindigkeit von
80 km/h gefahren, als er einen vor ihm fahrenden Personenwagen
überholte. Ausgangslage für dieses Überholmanöver war die Teilnahme an
einem nicht bewilligten Rennen, welches er sich mit dem dicht hinter ihm
fahrenden D. lieferte. Damit liegt nicht nur eine Geschwindigkeits-
überschreitung von 59 km/h vor, die deutlich über dem Grenzwert für eine
Ordnungsbusse (bis max. 20 km/h) und eine Übertretungsbusse (bis max.
29 km/h) liegt, sondern auch ein waghalsiges Überholen sowie die
Teilnahme an einem nicht bewilligten Rennen gemäss Art. 90 Abs. 3 SVG.
Der Beschuldigte hat somit mehrere für die Sicherheit im Strassenverkehr
elementare Verkehrsvorschriften in objektiv schwerer Weise krass
missachtet. Mithin ist aufgrund des im Rahmen eines Rennens und mit
hoher Geschwindigkeit ausgeführten Überholmanövers von einer – im
Vergleich zur von Art. 90 Abs. 3 SVG bereits vorausgesetzten qualifiziert
erhöhten abstrakten Gefahr – zusätzlich erhöhten Gefährdung des
geschützten Rechtsguts auszugehen.
Nichts zu seinen Gunsten kann der Beschuldigte daraus ableiten, dass ihm
die Strecke bekannt war, ändert dies doch nichts an der von seiner
Fahrweise ausgehenden Gefährdung der allgemeinen Verkehrssicherheit
und der konkret involvierten anderen Verkehrsteilnehmer. Auch die relativ
guten Strassen- und Sichtverhältnisse sowie die grundsätzliche
Fahrfähigkeit des Beschuldigten stellen den Normalfall dar und können
- 10 -
deshalb nicht verschuldensmindernd berücksichtigt werden, sondern
wirken sich neutral aus.
Der Beschuldigte hat leichtfertig und verantwortungslos gehandelt. Mithin
verfügte er am 6. Juli 2019 über ein grosses Mass an Entscheidungs-
freiheit. Der Beschuldigte hätte auf die Situation respektive das Auffahren
durch D. anders reagieren können, indem er beispielsweise seine
Geschwindigkeit beibehalten hätte oder angehalten hätte. Stattdessen
liess sich der Beschuldigte provozieren und hat sich auf das «Auffahr- und
Abbrems-Spiel» von D. eingelassen. Dies führte soweit, dass er ein
unbeteiligtes Fahrzeug mit krasser Geschwindigkeit überholte und somit
unter anderem die Insassen dieses Personenwagens gefährdete.
Die Beweggründe für das Rennen und damit einhergehend den
Tempoexzess bleiben weitgehend im Dunkeln. Das Bedürfnis aus Angst
vor dem auffahrenden Personenwagen flüchten zu wollen und deshalb mit
solch überholter Geschwindigkeit ein Überholmanöver zu vollziehen
(act. 245 f.), ist nicht nachvollziehbar und lässt die erhebliche
Geschwindigkeitsüberschreitung auf jeden Fall nicht als entschuldbar
erscheinen. Je leichter es dem Beschuldigten gefallen wäre, sich an die
Verkehrsregeln zu halten, desto schwerer wiegt die Entscheidung dagegen
(vgl. BGE 117 IV 112 E. 1 mit Hinweisen).
Insgesamt ist von einem mittelschweren Verschulden und einer dafür
angemessenen bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten zuzüglich einer
Verbindungsbusse von Fr. 1'000.00 (siehe dazu unten) als eine in ihrer
Gesamtheit schuldangemessenen Sanktion auszugehen.
4.4.
Hinsichtlich der Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigte
ist nicht vorbestraft, was jedoch den Normalfall darstellt und sich neutral
auswirkt (BGE 136 IV 1). Das gilt auch für den Umstand, dass sein
bisheriges Leben unauffällig und intakt verlief. Dass sich der Beschuldigte
in anderen Lebensbereichen zu bewähren vermochte, kann deshalb nicht
zu einer Strafminderung führen.
Ebenso wenig strafmindernd zu berücksichtigen ist, dass der Beschuldigte
durch das Strafverfahren seine Arbeitsstelle als Chauffeur verloren hat. Der
Verlust des Führerausweises ist eine zwangsläufige und unabhängig vom
Beruf des Täters vorgesehene direkte Folge einer schweren Verkehrsregel-
verletzung, die allein auf sein Verhalten zurückzuführen ist. Für sich allein
kann der Führerausweisentzug, auch wenn er zum Verlust der Arbeitsstelle
geführt hat, deshalb nicht zu einer Strafminderung führen. Vorliegend ist
zudem zu beachten, dass der Beschuldigte inzwischen wieder als
Vertragschauffeur bei der G., die nach eigenen Angaben seinem Bruder
gehört, tätig ist und bei dieser auch als Mechaniker einem Erwerb
- 11 -
nachgehen könnte (Protokoll Berufungsverhandlung, S. 11 f. und 14).
Zudem hat er auch eine Ausbildung im Detailhandel absolviert und könnte
bei einem allfälligen Führerausweisentzug deshalb auch in diesem Bereich
eine Arbeitsstelle finden (vgl. act. 16; Protokoll Berufungsverhandlung,
S. 10).
Der Beschuldigte hat im Strafverfahren zwar verschiedentlich ein
Fehlverhalten eingeräumt. Er hat jedoch die Richtigkeit der Tachoanzeige
sowie das Fahren eines Rennens bestritten (act. 157 und act. 245),
weshalb nicht von einer über eine blosse Tatfolgenreue hinausgehende
nachhaltige Einsicht und Reue auszugehen ist. Jedenfalls ist eine
Strafminderung, wie sie bei einem von Anfang an geständigen, einsichtigen
und reuigen Täter möglich ist, ausgeschlossen.
Weitere Faktoren, welche sich strafmindernd oder straferhöhend auswirken
können, sind nicht ersichtlich. Insbesondere erweist sich die Strafempfind-
lichkeit nicht als aussergewöhnlich, zumal die Freiheitsstrafe bedingt
auszusprechen ist. Insgesamt wirkt sich die Täterkomponente neutral aus.
4.5.
Die Vorinstanz hat eine Verletzung des Beschleunigungsgebots festgestellt
und dies im Umfang von drei Monaten strafmindernd berücksichtigt.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze des Beschleunigungsgebots wie-
derholt dargelegt (statt vieler: Urteile des Bundesgerichts 6B_1003/2020
vom 21. April 2021 E. 3.3.1 sowie 6B_855/2020 vom 25. Oktober 2021
E. 1.5.4; BGE 143 IV 373). Darauf kann verwiesen werden.
Die Staatsanwaltschaft hat am 7. Juli 2019 die Eröffnung der
Strafuntersuchung verfügt (act. 19). Am 16. September 2019 ist die letzte
Einvernahme von C. (act. 174 ff.) und am 5. Dezember 2019 ist die
Überweisung des Eichzertifikates (act. 179.3) erfolgt. Die letzte relevante
Verfahrenshandlung wurde somit am 16. September 2019 getätigt. In der
Folge ist die Staatsanwaltschaft bis zur Anklageerhebung 17 Monate
untätig geblieben. Selbst wenn die Zustellung des Eichzertifikats als
relevante Verfahrenshandlung eingestuft werden würde, hätte die
Untätigkeit der Staatsanwaltschaft immer noch 15 Monate betragen, was
als unverhältnismässig lange Zeitdauer zu qualifizieren ist. Zusammen-
fassend ist festzuhalten, dass das Beschleunigungsgebot durch die
Staatsanwaltschaft erheblich und ohne nachvollziehbare Gründe verletzt
wurde. Es handelt sich bei einer Gesamtbetrachtung jedoch um eine
vergleichsweise leichte Verletzung des Beschleunigungsgebots, welcher
mit einer Strafminderung von einem Monat angemessen Rechnung zu
tragen ist.
- 12 -
4.6.
Insgesamt erscheint dem Obergericht unter Berücksichtigung der
Verletzung des Beschleunigungsgebots eine Freiheitsstrafe von
23 Monaten zuzüglich einer Verbindungsbusse (siehe dazu unten) dem
Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten
angemessen. Nachdem jedoch nur der Beschuldigte ein Rechtsmittel
ergriffen hat, hat es aufgrund des Verschlechterungsverbots (Art. 391
Abs. 2 StPO) mit der von der Vorinstanz ausgesprochenen Freiheitsstrafe
von 16 Monaten zuzüglich einer Verbindungsbusse sein Bewenden.
4.7.
Die Gewährung des bedingten Strafvollzugs und die Festsetzung der
Probezeit auf das gesetzliche Minimum von zwei Jahren ist im
Berufungsverfahren unangefochten geblieben. Es kann diesbezüglich auf
die vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden (vorinstanzliches
Urteil, E. 6.2. und 6.3.; Art. 82 Abs. 4 StPO), zumal eine unbedingte Strafe
oder eine Erhöhung der Probezeit aufgrund des Verschlechterungsverbots
vorliegend ohnehin nicht infrage kommt.
4.8.
4.8.1.
Eine bedingt ausgesprochene Freiheitsstrafe kann mit einer Busse
verbunden werden (Art. 42 Abs. 4 StGB). Vorliegend ist die Verbindung der
bedingt ausgesprochenen Freiheitsstrafe mit einer Busse angezeigt, um
dem Beschuldigten die Ernsthaftigkeit der Sanktion und die Konsequenzen
seines Handelns deutlich vor Augen zu führen. Zudem soll er gegenüber
einem Täter, der sich bloss wegen einer Übertretung zu verantworten hat
und dafür mit einer Busse bestraft wird, nicht bessergestellt werden (sog.
Schnittstellenproblematik).
Um dem akzessorischen Charakter der Verbindungsstrafe gerecht zu
werden, erscheint unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse
und des Verschuldens des Beschuldigten sowie des Umstandes, dass der
Verbindungsstrafe nicht lediglich symbolische Bedeutung zukommen soll
(vgl. BGE 135 IV 188 E. 3.4.4), die von der Vorinstanz ausgesprochene
Verbindungsbusse von Fr. 1'000.00 (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. 8.1.2.)
als sehr mild und kann unter keinem Titel herabgesetzt werden.
4.8.2.
Für die vom Beschuldigten begangenen Übertretungen (Verletzung der
Verkehrsregeln durch Rechtsüberholen auf der Autobahn gemäss Art. 90
Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 35 Abs. 1 SVG und Art. 36 Abs. 5 VRV und
Nichtmitführen des Führerausweises gemäss Art. 99 Abs. 1 lit. b SVG) ist
eine Busse auszusprechen. Es handelt sich um Übertretungen, für welche
auch im ordentlichen Strafverfahren Ordnungsbussen ausgesprochen
werden können (Art. 14 OBG). Diese werden zusammengezählt (Art. 5
- 13 -
Abs. 1 OBG). Für das Rechtsüberholen ist eine Ordnungsbusse von
Fr. 250.00 auszufällen (Ziff. 314/3. Anhang 1 OBV). Für das Nichtmitführen
des Führerausweises ist eine Ordnungsbusse von Fr. 20.00
auszusprechen (Ziff. 100/1. Anhang 1 OBV). Insgesamt ist somit eine
Ordnungsbusse von Fr. 270.00 auszufällen.
4.8.3.
Nach dem Gesagten ist der Beschuldigte zu einer Verbindungsbusse von
Fr. 1'000.00 und einer Ordnungsbusse von Fr. 270.00, d.h. insgesamt
Fr. 1'270.00, zu verurteilen.
Die Ersatzfreiheitsstrafe bei schuldhaftem Nichtbezahlen der Busse
gemäss Art. 106 Abs. 2 und 3 StGB wäre – ausgehend von einem
Umrechnungsschlüssel von Fr. 100.00 – richtigerweise auf 13 Tage
Freiheitsstrafe festzusetzen, da die Ersatzfreiheitsstrafe mindestens ein
Tag betragen muss und angebrochene Tage deshalb aufzurunden sind.
Aufgrund des Verschlechterungsverbots bleibt es jedoch bei der von der
Vorinstanz ausgesprochenen Ersatzfreiheitsstrafe von 12 Tagen.
4.9.
Zusammengefasst ist der Beschuldigte zu einer bedingten Freiheitsstrafe
von 16 Monaten, Probezeit 2 Jahre, einer Verbindungsbusse von
Fr. 1'000.00 und einer Ordnungsbusse von Fr. 270.00, d.h. insgesamt
Fr. 1'270.00, ersatzweise 12 Tage Freiheitsstrafe, zu verurteilen.
Die Untersuchungshaft von 1 Tag (7. Juli 2019) ist gestützt auf Art. 51 StGB
auf die Freiheitsstrafe anzurechnen.
5.
5.1.
Die Berufung des Beschuldigten ist abzuweisen. Ausgangsgemäss sind
ihm deshalb die obergerichtlichen Verfahrenskosten von Fr. 4'000.00 (§ 18
VKD) vollumfänglich aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1 StPO).
5.2.
Der amtliche Verteidiger ist aus der Staatskasse zu entschädigen. Der
Stundenansatz beträgt Fr. 200.00 (Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1
und Abs. 3bis AnwT). Entschädigungspflichtig sind jene Bemühungen, die
in einem kausalen Zusammenhang mit der Wahrung der Rechte im
Strafverfahren stehen und die notwendig und verhältnismässig sind
(BGE 141 I 124 E. 3.1). Als Massstab bei der Beantwortung der Frage,
welcher Aufwand für eine angemessene Verteidigung im Strafverfahren
nötig ist, hat der erfahrene Anwalt zu gelten, der im Bereich des materiellen
Strafrechts und des Strafprozessrechts über fundierte Kenntnisse verfügt
und deshalb seine Leistungen von Anfang an zielgerichtet und effizient
- 14 -
erbringen kann (Urteil des Bundesgerichts 6B_824/2016 vom 10. April
2017 E. 18.3.1 mit Hinweis).
Der amtliche Verteidiger wurde per 27. Mai 2021, mithin erst nach der
erstinstanzlichen Verhandlung, eingesetzt (act. 235 f.). Bei ihm ist im
Berufungsverfahren deshalb gegenüber einem mit den Akten bereits
vertrauten Verteidiger ein Mehraufwand entstanden. Dennoch kann nicht
unbesehen auf seine insgesamt klar überhöhte Kostennote, mit welcher er
einen Aufwand von 20.75 Stunden geltend macht, abgestellt werden, zumal
sich das Berufungsverfahren auf die Überprüfung eines einzigen
Sachverhalts beschränkt hat und es dabei vor allem um die rechtliche
Würdigung des weitgehend anerkannten Verhaltens des Beschuldigten
ging. Tatsächlich hat er in weiten Teilen denn auch dieselben
Ausführungen, die sein Vorgänger bereits vor Vorinstanz vorgebracht
hatte, wiederholt. Entsprechend geringer ist der damit einhergehende
angemessene Aufwand zu veranschlagen.
Der Aufwand für die Berufungsanmeldung samt einer ersten Einschätzung
nach Durchsicht des begründeten Urteils gehört nicht zum im
Berufungsverfahren vor Obergericht zu entschädigenden Aufwand. Er ist
im vorinstanzlichen Verfahren geltend zu machen, auch wenn er nur
geschätzt werden kann. Nicht zu entschädigen sind rechtliche
Abklärungen, welche nur bei aussergewöhnlichen Rechtsfragen zu
entschädigen sind (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_694/2013 vom
9. September 2013 E. 2), was vorliegend nicht der Fall ist. Frister-
streckungsgesuche und der diesbezügliche Aufwand sind grundsätzlich
nicht entschädigungspflichtig, da diese regelmässig von der Rechts-
vertretung selbst verursacht sind (vgl. Beschluss BB.2017.125 des
Bundesstrafgerichts vom 15. März 2018 E. 7.7), zumal es sich um eine
einfache, regelmässig vorkommende sowie weitgehend standardisierte
Eingabe handelt.
Für das Plädoyer mit Aktenstudium («Aktenstudium, Entwurf Plädoyer»
und «Kommunikation mit Klient, Fertigstellung Plädoyer, Verhandlungs-
vorbereitung») wurde ein Aufwand von 6.16 Stunden geltend gemacht. Im
kurz gehaltenen Plädoyer wurden nach einem allgemeinen Verweis auf die
bisherigen Rechtsschriften die wichtigsten Aussagen daraus zur
Verurteilung nach Art. 90 Abs. 2 SVG an Stelle einer Verurteilung nach Art.
90 Abs. 3 SVG zusammengefasst, wiederholt und aufgrund der Aussagen
des Beschuldigten an der Berufungsverhandlung aktualisiert. Der geltend
gemachte Aufwand erweist sich als deutlich überhöht. Angemessen
erscheint dafür, nachdem die Berufung zuvor bereits schriftlich begründet
wurde, ein Aufwand von 3 Stunden.
Insgesamt ist der amtliche Verteidiger für das Berufungsverfahren gemäss
der um 6.91 Stunden gekürzten Kostennote, jedoch zuzüglich der
- 15 -
effektiven Dauer der Berufungsverhandlung von 1.75 Stunden, für
insgesamt 15.59 Stunden zu entschädigen. Hinzu kommen die
pauschalisierten (§ 13 AnwT) und praxisgemäss auf 3 % zu
veranschlagenden Auslagen zuzüglich der gesetzlichen Mehrwertsteuer,
woraus eine auf gerundet Fr. 3'460.00 festzusetzende Entschädigung
resultiert.
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zurückzufordern, sobald es
seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
Der Beschuldigte hat zudem dem amtlichen Verteidiger die Differenz
zwischen der amtlichen Entschädigung (Stundenansatz Fr. 200.00 und
darauf berechnete Mehrwertsteuer) und dem vollen Honorar
(Stundenansatz Fr. 220.00 und darauf berechnete Mehrwertsteuer) zu
erstatten, d.h. gerundet insgesamt Fr. 335.00, sobald es seine
wirtschaftlichen Verhältnisse zulassen (Art. 135 Abs. 4 lit. b StPO).
5.3.
Die erstinstanzliche Kostenregelung bedarf keiner Änderung. Der
Beschuldigte wird verurteilt und hat deshalb die Verfahrenskosten zu
tragen (Art. 428 Abs. 3 i.V.m. Art. 426 Abs. 1 StPO).
5.4.
Die dem amtlichen Verteidiger von der Vorinstanz für das erstinstanzliche
Verfahren zugesprochene Entschädigung ist im Berufungsverfahren
unangefochten geblieben, weshalb diese nicht überprüft werden kann
(Urteil des Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019). Diese
sowie die dem früheren amtlichen Verteidiger ausbezahlte Entschädigung
von Fr. 2'655.15, d.h. insgesamt Fr. 10'806.85, sind vom Beschuldigten
zurückzufordern, sobald es seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben
(Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
6.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO). Das ist auch der Fall, wenn eine Berufung vollumfänglich
abgewiesen wird (Urteil des Bundesgerichts 6B_761/2017 vom 17. Januar
2018, E. 4 mit Hinweisen).