Decision ID: f49454e5-2a6a-5af0-af4e-44732c348721
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Die EL-Durchführungsstelle sprach A._ mit einer Verfügung vom 10. Juni 2010
rückwirkend per 1. Januar 2010 eine Ergänzungsleistung zu einer Viertelsrente der
Invalidenversicherung zu. Nach einer periodischen Überprüfung zog sie die
ursprüngliche leistungszusprechende Verfügung sowie die zwischenzeitlich
ergangenen Anpassungsverfügungen mit zwei Verfügungen vom 6. November 2012
und vom 23. April 2013 in Wiedererwägung. Der EL-Bezüger liess gegen beide
Verfügungen eine Einsprache erheben. Während des laufenden Einspracheverfahrens
erging am 11. April 2013 noch eine weitere Anpassungsverfügung. Auch diese liess der
EL-Bezüger mit einer Einsprache anfechten. Zwei der drei Einsprachen wurden
vereinigt. Mit zwei Einspracheentscheiden vom 19. April 2013 und vom 18. Juni 2013
wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprachen ab. Der EL-Bezüger liess gegen beide
Einspracheentscheide eine Beschwerde erheben. Das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen vereinigte die beiden Beschwerdeverfahren. Diesen
verfahrensleitenden Entscheid begründete es mit dem Umstand, dass die Verfügung
vom 23. April 2013 eine wiedererwägungsweise Korrektur der ursprünglichen
leistungszusprechenden Verfügung vom 10. Juni 2010 enthalten habe. Im Zuge dieser
Wiedererwägung seien auch sämtliche späteren Verfügungen dahingefallen, weshalb
die EL-Durchführungsstelle bei einer verfahrensrechtlich richtigen Vor¬gehensweise in
jener Verfügung sowohl die Verfügung vom 10. Juni 2010 als auch sämtliche
Anpassungsverfügungen durch eine neue rückwirkend abgestufte erstmalige
Leistungszusprache hätte ersetzen müssen. Das habe die EL-Durchführungsstelle zwar
im Ergebnis getan, aber sie habe die rückwirkend abgestufte erstmalige
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(wiedererwägungsweise) Leistungszusprache unzulässigerweise auf drei Verfügungen
aufgeteilt. Die Rechtmässigkeit jener Verfügungen respektive der diese ersetzenden
Einspracheentscheide könne nur in einem die gesamte rückwirkend abgestufte
Leistungszusprache betreffenden Verfahren geprüft werden. Mit seinem Entscheid EL
2013/29, EL 2013/49 vom 20. Oktober 2015 wies das Versicherungsgericht die Sache
deshalb zur weiteren Abklärung und zur anschliessenden neuen Verfügung
beziehungsweise zur (wiedererwägungsweisen) rückwirkend abgestuften erstmaligen
Leistungszusprache an die EL-Durchführungsstelle zurück (vgl. zum Ganzen EL-act.
86).
A.b Bereits im Februar 2015 hatte die EL-Durchführungsstelle den EL-Bezüger darauf
hingewiesen (EL-act. 115), dass sich seine Ehefrau um eine Erhöhung ihres
Arbeitspensums ab August 2015 bemühen müsse, da das jüngste Kind dann in die
Oberstufe übertreten werde. Falls das Pensum nicht erhöht werden könne, müsse sich
die Ehefrau um eine zusätzliche Arbeitsstelle bemühen. Bei ungenügenden
Arbeitsbemühungen werde die EL-Durchführungsstelle ein hypothetisches
Erwerbseinkommen anrechnen. Da der EL-Bezüger keine entsprechenden Unterlagen
eingereicht hatte, hatte die EL-Durchführungsstelle bei der Anspruchsberechnung für
die Zeit ab dem 1. Oktober 2015 ein hypothetisches Erwerbseinkommen der Ehefrau
angerechnet, was einen Einnahmenüberschuss und damit eine Aufhebung der
laufenden Ergänzungsleistung per 1. Oktober 2015 zur Folge gehabt hatte. Die
entsprechende Verfügung war am 3. Oktober 2015 ergangen (EL-act. 92). Gegen diese
Verfügung liess der EL-Bezüger am 2. November 2015 eine Einsprache erheben (EL-
act. 89). Sein Rechtsvertreter machte geltend, die Ehefrau sei schon seit zwei Jahren
arbeitsunfähig und habe nur dank ausserordentlichen Anstrengungen überhaupt in
einem Pensum von 20 Prozent arbeiten können. Nun habe sie allerdings die Kündigung
erhalten. Am 27. Januar 2016 liess der EL-Bezüger darauf hinweisen, dass sich seine
Ehefrau zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung angemeldet habe (EL-act.
74). Daraufhin sistierte die EL-Durchführungsstelle das hängige Einspracheverfahren
bis zum Abschluss des nun hängigen IV-Verfahrens (EL-act. 70). Mit einer
verfahrensleitenden Verfügung vom 10. Mai 2016 wies sie ein Begehren des EL-
Bezügers um eine Aufhebung der Verfahrenssistierung ab (EL-act. 63).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Bereits am 29. Dezember 2015 hatte die EL-Durchführungsstelle den EL-Bezüger
aufgefordert, diverse Belege betreffend die gemäss dem Urteil des
Versicherungsgerichtes noch offenen Punkte einzureichen (EL-act. 80). Am 29. April
2016 hatte der EL-Be¬züger einen Teil der angeforderten Belege eingereicht; bezüglich
der übrigen Belege hatte er darauf hingewiesen, dass diese sich bereits bei den Akten
befänden (EL-act. 64). Mit einer Verfügung vom 14. Mai 2016 setzte die EL-
Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis
zum 30. September 2015 im Sinne einer wiedererwägungsweise rückwirkend
abgestuften erstmaligen Leistungszusprache neu fest (EL-act. 16). Am 13. Juni 2016
erhob der EL-Bezüger eine Einsprache gegen diese Verfügung (EL-act. 8). Diese wurde
von der EL-Durchführungsstelle mit einem Entscheid vom 24. Februar 2017 teilweise
gutgeheissen (EL-act. 3). Der Einspracheentscheid enthielt unter anderem den Hinweis,
dass er – wie schon die Verfügung vom 14. Mai 2016 – nur den Zeitraum bis Ende
September 2015 betreffe, da der EL-Anspruch ab dem 1. Oktober 2015 den
Gegenstand des bereits seit November 2015 hängigen Einspracheverfahrens
betreffend die Verfügung vom 3. Oktober 2015 bilde.
B.
B.a Am 3. April 2017 liess der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 24. Februar 2017 erheben (act. G 1).
Sein Rechtsvertreter beantragte die „vollumfängliche Aufhebung“ des angefochtenen
Einspracheentscheides und eventualiter die Rückweisung der Sache „zur erneuten
Beurteilung“.
B.b Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 23. Juni 2017 die Abweisung der Beschwerde (act. G 7).
B.c Der Beschwerdeführer liess am 18. September 2017 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 12). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 14).
B.d Gemäss einer telefonischen Auskunft der Beschwerdegegnerin vom 28. Februar
2018 war das IV-Verfahren betreffend die Ehefrau des Beschwerdeführers nach wie vor
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hängig; im Januar 2018 war eine polydisziplinäre Begutachtung angeordnet worden
(act. G 16).

Erwägungen
1.
Den Gegenstand des mit dem angefochtenen Entscheid vom 24. Februar 2017
abgeschlossenen Einspracheverfahrens hat die am 14. Mai 2016 verfügte
wiedererwägungsweise rückwirkend abgestufte erstmalige Zusprache einer
Ergänzungsleistung für die Zeit ab dem 1. Januar 2010 gebildet. Der Gegenstand
dieses Beschwerdeverfahrens muss diesem Gegenstand des Einspracheverfahrens
entsprechen. Vorliegend ist also zu prüfen, ob die (wiedererwägungsweise)
rückwirkend abgestufte erstmalige Zusprache einer Ergänzungsleistung für die Zeit ab
dem 1. Januar 2010 rechtmässig erfolgt ist. Die Prüfung der Rechtmässigkeit betrifft
nicht nur das materielle, sondern auch das Verfahrensrecht.
2.
2.1 Grundsätzlich ist die wiedererwägungsweise rückwirkend abgestufte erstmalige
Zusprache einer Ergänzungsleistung für die Zeit ab dem 1. Januar 2010 in
verfahrensrechtlicher Hinsicht als rechtmässig zu qualifizieren, da die
Beschwerdegegnerin ihre ursprüngliche leistungszusprechende Verfügung vom 10.
Juni 2010 mit ihrer Verfügung vom 23. April 2013 zu Recht in Wiedererwägung
gezogen hat und da sie entsprechend verpflichtet gewesen ist, das ursprüngliche
Leistungsbegehren des Beschwerdeführers erneut umfassend zu prüfen und eine
entsprechende Ergänzungsleistung zuzusprechen. Das ergibt sich alles aus dem Urteil
EL 2013/29, EL 2013/49 des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen vom 20.
Oktober 2015.
2.2 Nun hat die Beschwerdegegnerin ihre am 14. Mai 2016 verfügte rückwirkend
abgestufte Leistungszusprache aber auf die Zeit bis zum 30. September 2015
beschränkt. Das hat sie nicht etwa damit begründet, dass der Beschwerdeführer ab
dem 1. Oktober 2015 keinen Anspruch mehr auf eine Ergänzungsleistung gehabt habe
(obwohl das ihrer Ansicht nach der Fall gewesen sein soll), sondern vielmehr mit dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umstand, dass für die Zeit ab dem 1. Oktober 2015 bereits eine Verfügung ergangen
sei und dass sie deshalb nicht erneut über den Ergänzungsleistungsanspruch des
Beschwerdeführers ab dem 1. Oktober 2015 verfügen könne. Offenbar hat die
Beschwerdegegnerin also angenommen, sie könne die am 3. Oktober 2015 per 1.
Oktober 2015 verfügte revisionsweise Aufhebung der Ergänzungsleistung völlig
getrennt von der rückwirkend abgestuften erstmaligen Leistungszusprache per 1.
Januar 2010 verfügen. Mittels einer Revisionsverfügung im Sinne des Art. 17 Abs. 2
ATSG kann aber nur eine formell rechtskräftig zugesprochene Dauerleistung angepasst
werden. Solange noch keine formell rechtskräftige erstmalige Leistungszusprache
erfolgt ist, kann keine Revisionsverfügung erlassen werden. Allfällige Veränderungen
des massgebenden Sachverhaltes in der Vergangenheit müssen als eine rückwirkende
Abstufung der erstmaligen Leistungszusprache berücksichtigt werden. Eine Aufteilung
der rückwirkend abgestuften Leistungszusprache auf zwei oder mehrere Verfügungen
ist gesetzwidrig (vgl. BGE 131 V 164). Das bedeutet, dass die Verfügung, mit der für die
Vergangenheit rückwirkend abgestuft eine Ergänzungsleistung zugesprochen wird,
zwingend die gesamte Sachverhaltsentwicklung bis zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung
berücksichtigen muss (vgl. BGE 130 V 138 E. 2.1 S. 140 mit Hinweisen). Folglich muss
die in der Verfügung vom 14. Mai 2016 und im angefochtenen Einspracheentscheid
vom 24. Februar 2017 enthaltene zeitliche Begrenzung bis 30. September 2015 als
rechtswidrig qualifiziert werden. Der Einspracheentscheid muss aus diesem Grund
aufgehoben werden. Die Sache ist zur vollständigen – die gesamte Entwicklung bis
zum Verfügungszeitpunkt berücksichtigenden – rückwirkend abgestuften erstmaligen
Leistungszusprache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Das setzt voraus,
dass die Beschwerdegegnerin vorgängig die Verfügung vom 3. Oktober 2015
(Leistungsaufhebung per 30. Sep¬tember 2015) widerruft und das sistierte
Einspracheverfahren abschreibt, um so auch über den Leistungsanspruch nach dem
30. September 2015 verfügen zu können. Angesichts des noch ungewissen Ausgangs
des IV-Verfahrens betreffend die Ehefrau des Beschwerdeführers müsste das
Verwaltungsverfahren betreffend die rückwirkend abgestufte erstmalige
Ergänzungsleistungszusprache ab dem 1. Januar 2010 wohl sistiert werden.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Rückweisung einer Sache zur Fortsetzung des Verwaltungsverfahrens gilt
rechtsprechungsgemäss hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als ein
vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden Partei. Gerichtskosten sind hier
keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Der anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat
aber einen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Angesichts des geringen Umfangs
der massgebenden Akten ist der erforderliche Vertretungsaufwand als
unterdurchschnittlich zu qualifizieren. Die Parteientschädigung wird deshalb auf 2’000
Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.