Decision ID: 365cb921-6df5-55f9-9a0e-cbe8a6c83a09
Year: 2018
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der am (...) 1976 geborene, damals in (...) wohnhafte, kosovarische
Staatsangehörige A._ (nachfolgend: Versicherter oder Beschwer-
deführer) erlitt am 23. November 1993 – er stand damals in Ausbildung
zum Automechaniker – einen Unfall, der zu einer Impressionsfraktur des
linken Orbitabogens mit Bruch der ventralen Wand des Sinus frontalis links
führte. Er beklagte in der Folge ausgeprägte Kopfschmerzen, leichte bis
mittelschwere Funktionsstörungen unklarer Genese; es wurden weiter or-
ganische Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen in der Folge des Un-
falls diagnostiziert (IVSTA-act. 3).
A.b Mit Antrag vom 3. April 1996 (Posteingang 22. April 1996) meldete sich
der Versicherte bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons
B._, IV-Stelle (nachfolgend: IV-Stelle) zum Bezug von IV-Leistun-
gen an (IVSTA-act. 2).
A.c Mit Verfügung vom 13. Januar 1997 schrieb IV-Stelle das Gesuch als
erledigt ab, soweit berufliche Massnahmen betreffend (IVSTA-act. 7). Am
6. Januar 1998 sprach die IV-Stelle dem Versicherten eine halbe Invaliden-
rente (zuzüglich Ehegattenrente) infolge langdauernder Krankheit ab dem
August 1996 zu (IVSTA-act. 12). Mit Urteil vom 16. September 1998 wies
das Sozialversicherungsgericht des Kantons B._ eine hiergegen er-
hobene Beschwerde ab (IVSTA-act. 16/10 ff.). Das Eidgenössische Versi-
cherungsgericht, Sozialversicherungsabteilung des Schweizerischen Bun-
desgerichts, hiess am 3. August 1999 eine dagegen erhobene Be-
schwerde gut, hob das Urteil sowie die Rentenverfügung auf und wies die
Angelegenheit zur Vornahme weiterer Abklärungen medizinischer und be-
ruflicher Art an die Verwaltung zurück (IVSTA-act. 15, 16/3 ff.).
A.d Mit Verfügung vom 14. April 2000 sprach die IV-Stelle dem Versicher-
ten bei einem Invaliditätsgrad von 70% ab Februar 1999 eine ganze Inva-
lidenrente, zuzüglich Zusatzrente für den Ehegatten, zu (IVSTA-act. 19).
Später kamen Zusatzrenten für die 1999, 2002 und 2007 geborenen Kinder
hinzu (vgl. IVSTA-act. 112, 157/8).
A.e Nach Wegzug des Versicherten in den Kosovo übertrug die IV-Stelle
am 15. Juli 2002 die Akten an die IV-Stelle für Versicherte im Ausland IV-
STA (nachfolgend: Vorinstanz; IVSTA-act. 21).
C-667/2018
Seite 3
B.
Die Vorinstanz leitete am 17. März 2003 ein erstes Revisionsverfahren von
Amtes wegen ein (IVSTA-act. 24). Nach Abklärungen medizinischer Art,
mehrheitlich im Kosovo, teilte die Vorinstanz am 15. Dezember 2009 mit,
dass aufgrund unveränderter Verhältnisse weiterhin Anspruch auf die bis-
herigen Leistungen bestehe (IVSTA-act. 69).
C.
C.a Am 19. September 2012 leitete die Vorinstanz erneut von Amtes we-
gen ein Revisionsverfahren ein und ordnete eine Begutachtung des Ge-
sundheitszustandes des Versicherten in den Disziplinen Neurologie und
Psychiatrie an, was nach einer Würdigung in der Folge eingegangener
Arztberichte um die Disziplinen Neuropsychologie und Ophthalmologie er-
weitert wurde (IVSTA-act. 73, 108). Die Begutachtung wurde vom 8. bis
10. September 2014 durch die C._, durchgeführt, welche das Gut-
achten mit Datum vom 4. November 2014 vorlegte (IVSTA-act. 157).
C.b Nach Stellungnahmen des Medizinischen Dienstes (IVSTA-act. 161,
164) beschloss die Vorinstanz die Durchführung eines Arbeitstrainings res-
pektive einer beruflichen Potentialabklärung (IVSTA-act. 170, 176). Mit die-
ser wurde D._ beauftragt; die auf vier Wochen Dauer geplante Ab-
klärung begann am 30. Januar 2017, sie wurde am 15. Februar 2017 als
abgebrochen erklärt; der effektiv letzte Arbeitstag war der 3. Februar 2017
(IVSTA-act. 176, 209, 217 f., 224).
C.c Nach neuerlichen Stellungnahmen des Medizinischen Dienstes (IV-
STA-act. 219, 227, 236) stellte die Vorinstanz mit Vorbescheid vom 6. Juli
2017 die Aufhebung der Invalidenrente ab dem Datum der Begutachtung,
also ab September 2014, in Aussicht (IVSTA-act. 237). Der Versicherte er-
hob am 11. September 2017 einen Einwand, welchen er am 11. Oktober
2017 – nach erfolgter Akteneinsicht – ergänzte (IVSTA-act 240, 257). Dabei
stellte er der Vorinstanz diverse Arztberichte zu (IVSTA-act. 242-253 und
258-265).
C.d Mit Verfügung vom 14. Dezember 2017 hob die Vorinstanz den An-
spruch auf eine Invalidenrente ab dem Oktober 2014 auf. Einer allfälligen
Beschwerde wurde die aufschiebende Wirkung entzogen (IVSTA-act. 271).
C-667/2018
Seite 4
D.
D.a Hiergegen erhob der Versicherte am 1. Februar 2018 Beschwerde. Er
stellte im Hauptpunkt den Antrag, die angefochtene Verfügung sei aufzu-
heben und weiterhin eine ganze Invalidenrente zuzusprechen, eventualiter
sei die Angelegenheit zur Durchführung einer polydisziplinären Begutach-
tung an die Vorinstanz zurückzuweisen, unter gleichzeitiger Verpflichtung
der Vorinstanz, weiterhin die ganze Rente auszurichten (act. 1).
D.b Der Beschwerdeführer stellte mit der Beschwerde (act. 1) ein Gesuch
um unentgeltliche Rechtspflege und unentgeltliche Rechtsverbeiständung,
welches er mit Eingabe und Gesuchsformular am 4. April 2018 ergänzte
(act. 7). Das Gesuch wurde am 11. April 2018 gutgeheissen und dem Be-
schwerdeführer wurde Rechtsanwältin Christine Fleisch als amtliche
Rechtsbeiständin beigeordnet.
D.c In ihrer Vernehmlassung vom 30. Mai 2018 beantragt die Vorinstanz,
die Beschwerde sei im Sinne des Eventualantrags gutzuheissen und die
Sache zur Einholung eines aktuellen polydisziplinären Gutachtens zurück-
zuweisen. Der Entzug der aufschiebenden Wirkung sei aufrecht zu erhal-
ten (act. 13).
D.d In seiner Replik vom 2. Juli 2018 erklärte sich der Beschwerdeführer
mit der Rückweisung an die Vorinstanz einverstanden. Gleichzeitig begrün-
dete er den erneut gestellten Antrag auf Wiederherstellung der aufschie-
benden Wirkung (act. 15).
D.e In ihrer Duplik vom 8. August 2018 bestätigte die Vorinstanz die in der
Vernehmlassung gestellten Anträge (act. 17).
E.
Mit Vorbescheid vom 21. Dezember 2017 stellte die Vorinstanz in Aussicht,
die seit Oktober 2014 ausbezahlten Renten im Betrag von total
Fr. 134.424.– zurückzufordern. (IVSTA-act. 273). Auf Einwand des Versi-
cherten vom 2. Februar 2018 hin (IVSTA-act. 281) sistierte die Vorinstanz
das Rückerstattungsverfahren, bis über die Frage der Rechtmässigkeit der
rückwirkenden Rentenaufhebung entschieden sei (IVSTA-act. 282).
C-667/2018
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b
IVG [SR 831.20]) und der Beschwerdeführer ist als Adressat der seinen
Rentenanspruch aufhebenden Verfügung vom 14. Dezember 2017 be-
schwert und somit zur Erhebung der Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG; siehe auch Art. 59 ATSG [SR 830.1]). Nachdem der Beschwerde-
führer aufgrund der gewährten unentgeltlichen Prozessführung keinen
Kostenvorschuss zu leisten hatte, ist auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG; siehe auch
Art. 60 ATSG) einzutreten.
2.
2.1 Die Beschwerdeführenden können im Rahmen des Beschwerdever-
fahrens die Verletzung von Bundesrecht unter Einschluss des Missbrauchs
oder der Überschreitung des Ermessens, die unrichtige oder unvollstän-
dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes sowie Unangemes-
senheit des Entscheides rügen (Art. 49 VwVG).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist gemäss dem Grundsatz der Rechts-
anwendung von Amtes wegen nicht an die Begründung der Begehren der
Parteien gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Es kann die Beschwerde auch
aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder den an-
gefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestätigen, die
von jener der Vorinstanz abweicht (vgl. BVGE 2009/65 E. 2.1).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer ist kosovarischer Staatsangehöriger und seit
Juli 2002 wieder im Kosovo wohnhaft. Das Abkommen zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft und der (ehemaligen) Föderativen
Volksrepublik Jugoslawien über Sozialversicherung vom 8. Juni 1962
(SR 0.831.109.818.1; nachfolgend: Sozialversicherungsabkommen) ist ab
1. April 2010 nicht weiter auf kosovarische Staatsangehörige anwendbar
(BGE 139 V 263). Dies hat namentlich zur Folge, dass IV-Renten von
Staatsangehörigen des Kosovo, die für den Zeitraum nach dem 31. März
2010 zugesprochen werden, gemäss Art. 6 Abs. 2 Satz 2 IVG nicht mehr
ins Ausland exportierbar sind. Sie werden nurmehr innerhalb der Schweiz
gewährt. Die laufenden Renten geniessen demgegenüber gemäss Art. 25
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Seite 6
des Sozialversicherungsabkommens den Besitzstand (BGE 139 V 335
E. 6.1).
3.2 Gemäss dem Grundsatz, wonach in zeitlicher Hinsicht regelmässig die-
jenigen Rechtssätze heranzuziehen sind, die bei der Erfüllung des zu
Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 132 V 215
E.3.1.1; Urteil des BGer 8C_606/2011 vom 13. Januar 2012 E. 3.1), bildet
für die Frage, ob das für Angehörige der heutigen Republik Kosovo per
Ende März 2010 ausser Kraft gesetzte Sozialversicherungsabkommen
weiterhin zur Anwendung gelangt, die Entstehung des IV-Rentenanspruchs
den massgebenden Anknüpfungspunkt (BGE 139 V 335 E. 6.2; Urteil des
BGer 9C_793/2013 vom 27. März 2014 E. 3.2).
3.3 Vorliegend wurde dem Beschwerdeführer die strittige Invalidenrente
am 14. April 2000 zugesprochen und der entsprechende IV-Anspruch ent-
stand am 1. Februar 1999 (Sachv. A.d). Da die Entstehung des IV-Renten-
anspruchs somit vor Ende März 2010 erfolgt ist, gelangt vorliegend das
besagte Sozialversicherungsabkommen (Art. 25) weiterhin zur Anwen-
dung. Nach Art. 2 des Sozialversicherungsabkommens stehen die Staats-
angehörigen der Vertragsstaaten in ihren Rechten und Pflichten aus den in
Art. 1 genannten Rechtsbereichen, zu welchen auch die schweizerische
Bundesgesetzgebung über die Invalidenrente gehört, einander gleich, so-
weit nichts anderes bestimmt ist. Hinsichtlich der Voraussetzungen des An-
spruchs auf eine schweizerische Invalidenrente sowie der anwendbaren
Verfahrensvorschriften sieht das Sozialversicherungsabkommen keine im
vorliegenden Verfahren relevanten Abweichungen vom Grundsatz der
Gleichstellung vor. Demnach beantwortet sich die Frage, ob die Vorinstanz
die halbe IV-Rente der Beschwerdeführerin zu Recht aufgehoben hat, al-
lein aufgrund der schweizerischen Rechtsvorschriften (vgl. Art. 1, 2 und 4
des Sozialversicherungsabkommens).
4.
4.1 Das im Rahmen des Revisionsverfahrens erhobene Gutachten des
C._ vom 4. November 2014 (Sachv. C.a) kam zusammenfassend
zum Schluss, der Versicherte sei für jede körperlich leichte bis schwere
Tätigkeit zu 100% arbeits- und leistungsfähig. Medizinische Massnahmen
zur Erhaltung der Arbeitsfähigkeit seien vorgeschlagen worden, berufliche
Massnahmen könnten jedoch nicht empfohlen werden. Die Wiedereinglie-
derungsprognose sei schlecht (subjektive Krankheitsüberzeugung, früh
einsetzende und lange dauernde Berentung).
C-667/2018
Seite 7
4.2 In der Beschwerde wurde – unter anderem – ausführlich zu den
Schlussfolgerungen des Gutachtens Stellung genommen (S. 9 ff., Ziff. 14).
Der Eventualantrag (lautend auf Rückweisung an die Vorinstanz zur Durch-
führung eines neuerlichen Gutachtens) wurde namentlich damit begründet,
es könne auf das Gutachten nicht abgestellt werden, da es für die streitigen
Belange nicht umfassend sei, es die geklagten Beschwerden nicht berück-
sichtige, nur auf jene Vorakten abstelle, welche die Schlussfolgerungen der
Gutachter bestätigten, somit die Darlegung der medizinischen Zusammen-
hänge nicht einleuchte und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen
nicht begründet seien; das Gutachten basiere zudem nicht auf einem struk-
turierten Beweisverfahren. Die Verschlechterung gründe nicht auf einer –
dem Beschwerdeführer im angefochtenen Entscheid vorgehaltenen – Ag-
gravation oder Simulation (Beschwerde, S. 23).
4.3 Die Vorinstanz legte die zur Verfügung gestellten neueren Belege dem
Medizinischen Dienst vor. Gestützt auf die Stellungnahme einer Allgemein-
medizinerin wie auch einer Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
räumte sie ein, dass das dem angefochtenen Entscheid zugrundeliegende
Gutachten nicht mehr aktuell sei, d.h. es ergäben sich aus den seither er-
stellten medizinischen Unterlagen Hinweise darauf, dass sich die medizi-
nische Situation inzwischen „teilweise anders darstellen könnte“. Es sei
nicht ausreichend erstellt, ob zu Recht von einer Aggravation respektive
Simulation ausgegangen worden sei. Zudem entspreche das Gutachten
nicht den Anforderungen der neueren Rechtsprechung. Folglich sei im
Sinne des Eventualantrags die Angelegenheit zur Durchführung einer neu-
erlichen Begutachten zurückzuweisen (Vernehmlassung, S. 1 unten). Die
Vernehmlassung schweigt sich zu den zu berücksichtigenden Disziplinen
aus; die diesbezüglich befragte Allgemeinmedizinerin hält dafür, es sei eine
Untersuchung in den Disziplinen Neurologie, Neuropsychologie, Psychiat-
rie und Innere Medizin vorzunehmen (Stellungnahme Dr. E._ vom
29. Mai 2018, unnummerierte Vernehmlassungsbeilage)
4.4 Der Beschwerdeführer erklärt sich mit der Rückweisung zur erneuten
polydisziplinären Begutachtung einverstanden (Replik, S. 1, Ziff. 1).
4.5 Zwischen den Parteien besteht Einigkeit dahingehend, dass die Be-
schwerde gutzuheissen, die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Sache zur Erstellung eines polydisziplinaren Gutachtens an die Verwaltung
zurückzuweisen sei. Nach Einsicht in die Akten sind für das Bundesverwal-
tungsgericht keine Anhaltspunkte ersichtlich, weshalb dem übereinstim-
menden Antrag der Parteien nicht entsprochen werden sollte. Aufgrund der
C-667/2018
Seite 8
Akten erscheinen die von der Allgemeinmedizinerin des Medizinischen
Dienstes zur Begutachtung vorgeschlagenen Disziplinen (Neurologie,
Neuropsychologie, Psychiatrie und Innere Medizin; nicht [mehr] aber Oph-
thalmologie) nachvollziehbar und sachgerecht. Nach ergänzender Abklä-
rung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit werden folglich
die erwerblichen Auswirkungen zu bestimmen sein.
4.6 Die Beschwerde ist somit insoweit gutzuheissen, als sie die unvollstän-
dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes rügt (Art. 49 Bst. b
VwVG; vgl. Art. 12 VwVG und Art. 43 ff. ATSG). Die angefochtene Verfü-
gung ist aufzuheben. Die Rückweisung an die Vorinstanz ist zulässig und
geboten (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4) und erfolgt mit der verbindlichen Wei-
sung, ein polydisziplinäres Gutachten anzuordnen und die Sache neu zu
beurteilen.
5.
5.1 Die Beschwerde hat im Grundsatz aufschiebende Wirkung (Art. 55
Abs. 1 VwVG). Die verfügende Behörde kann diese in ihrer Verfügung ent-
ziehen (Art. 55 Abs. 2 VwVG). Im Bereich der Invalidenversicherung kann
die IV-Stelle als zuständige verfügende Behörde entgegen der allgemeinen
Regel von Art. 55 Abs. 2 VwVG die aufschiebende Wirkung mit ihrer Ver-
fügung auch dann entziehen, wenn diese eine Geldleistung zum Gegen-
stand hat (Art. 97 AHVG i.V.m. Art. 66 IVG.). Die Beschwerdeinstanz, ihr
Vorsitzender oder die Instruktionsrichterin kann die von der Vorinstanz ent-
zogene aufschiebende Wirkung wiederherstellen (Art. 55 Abs. 3 VwVG
i.V.m. Art. 97 AHVG und Art. 66 IVG).
5.2 Der Grundsatz der aufschiebenden Wirkung bedeutet nicht, dass nur
ganz aussergewöhnliche Umstände ihren Entzug rechtfertigen können. Es
ist Sache der zuständigen Behörde zu prüfen, ob die Gründe, die für die
sofortige Vollstreckbarkeit der Verfügung sprechen, gewichtiger sind als
jene, die für die gegenteilige Lösung angeführt werden können. Dabei steht
der Behörde ein gewisser Beurteilungsspielraum zu. Entscheidgrundlage
ist im Regelfall der Sachverhalt, der sich aus den vorhandenen Akten
ergibt, ohne dass zeitraubende weitere Erhebungen durchgeführt würden.
Der mögliche Ausgang des Verfahrens in der Hauptsache darf in die Ab-
wägungen der Gründe für oder gegen die Aufhebung einbezogen werden,
sofern die Prognose eindeutig ist (BGE 105 V 266 E. 2).
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Seite 9
5.3 Vorliegend wurde die Invalidenrente des Beschwerdeführers rückwir-
kend auf den Zeitpunkt der Untersuchung durch die Gutachter des
C._ revisionsweise aufgehoben. Würde man die aufschiebende
Wirkung wiederherstellen, so bedeutete dies, dass weiterhin Rentenleis-
tungen ausgerichtet würden, die im Falle des Unterliegens des Beschwer-
deführers als zu Unrecht bezogen gelten würden und zurückgefordert wer-
den müssten. Die Rückforderung ist mit administrativen Umständen und
dem Risiko der Uneinbringlichkeit verbunden. Dem steht das Interesse des
Beschwerdeführers an der Sicherung seines regelmässigen Rentenein-
kommens gegenüber oder allenfalls das Interesse, nicht die öffentliche Für-
sorge beanspruchen zu müssen.
5.4 Das Bundesgericht misst den mit der Rückforderung verbundenen ad-
ministrativen Umständen und dem Inkassorisiko gegenüber dem Interesse
der Versicherten, auf die Verzinsung einer Nachzahlung verzichten zu müs-
sen und insbesondere vorübergehend Leistungen der öffentlichen Für-
sorge beanspruchen zu müssen, ein überwiegende Gewicht bei. Jedenfalls
gilt dies, solange nicht in der Hauptsache mit grosser Wahrscheinlichkeit
ein Obsiegen zu vermuten ist. Diese Gewichtung nimmt das Bundesgericht
bereits bei reinen Inlandssachverhalten vor (BGE 105 V 266 E. 3). Es liegt
auf der Hand, dass eine Rückforderung über die Landesgrenze hinweg un-
gleich grössere administrative Umstände und Ausfallrisiken in sich birgt.
5.5 Nach der Rechtsprechung dauert der mit der revisionsweise (Art. 17
Abs. 1 ATSG) verfügten Herabsetzung oder Aufhebung einer Rente ver-
bundene Entzug der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde bei Rück-
weisung der Sache an die Verwaltung auch für den Zeitraum dieses Abklä-
rungsverfahrens bis zum Erlass der neuen Verwaltungsverfügung an. Eine
Aufhebung des von der Verwaltung angeordneten Entzuges der aufschie-
benden Wirkung ist demnach lediglich in Ausnahmefällen zulässig (BGE
129 V 370 und 106 V 18; Urteile des BGer 9C_856/2016 vom 9. März 2017
E. 3.1 und 9C_38/2017 vom 21. März 2017 E. 2.2.1). Eingeschränkt wird
dieser Grundsatz dadurch, dass das Sozialversicherungsgericht die in der
Revisonsverfügung entzogene aufschiebende Wirkung der Beschwerde
für den Zeitraum wieder herzustellen hat, den das Verfügungsverfahren in
Anspruch genommen hätte, wenn es formell korrekt durchgeführt worden
wäre (BGE 129 V 370 E. 4.3 S. 376). Dies zum Schutze des Versicherten
für den Fall, dass die angefochtene Revisionsverfügung ohne hinreichende
Abklärung der Revisionsvoraussetzungen bloss deshalb erlassen wurde,
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Seite 10
um einen möglichst frühen Zeitpunkt der Wirkungen der Revision zu pro-
vozieren (Urteile 9C_519/2013 vom 26. Februar 2014 E. 4.1, 9C_38/2017
vom 21. März 2017 E. 2.2).
5.6 Der Beschwerdeführer macht zusammenfassend geltend, im Zeitpunkt
des Erlasses der angefochtenen Verfügung hätten der Vorinstanz alle Be-
richte vorgelegen, die ihr die Erkenntnis ermöglicht hätten, auf das Gutach-
ten des C._ könne nicht abgestellt werden. Gleichwohl habe die
Vorinstanz auf weitere medizinische Abklärungen verzichtet, um die ent-
sprechenden Abklärungen ins Beschwerdeverfahren zu verlagern und so
einen möglichst frühen Einstellungszeitpunkt zu provozieren (Replik, S. 2
ff., Ziff. 2)
Die Vorinstanz verweist auf die Rechtsprechung, gemäss welcher der Ent-
zug der aufschiebenden Wirkung auch für das weitere Abklärungsverfah-
ren nach der Rückweisung bestand habe, bleibe eine rückwirkende Bestä-
tigung der Rentenaufhebung doch weiter möglich (Vernehmlassung, S. 2).
5.7
5.7.1 Die Rückweisung zum Zweck weiterer Abklärungen stellt für die Be-
lange der aufschiebenden Wirkung kein Obsiegen in der Sache dar – da-
von wäre erst zu sprechen, wenn dannzumalige, weitere Abklärungen zum
Schluss führen würden, von einer Aufhebung der Rente sei abzusehen. Im
jetzigen Zeitpunkt kann keine eindeutige Entscheidprognose gefällt wer-
den, denn der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers kann nicht ma-
teriell beurteilt werden. Der Frage, ob angesichts der im Entscheidzeitpunkt
vorliegenden Berichte offensichtlich war, dass das Gutachten des
C._ als Grundlage inhaltlich nicht zu halten war (so Replik, S. 3 Ziff.
2.8), ist deshalb mit Zurückhaltung zu begegnen. Von der Beurteilung der
vorgelegten Berichte abgesehen, ist dieses Gutachten letztlich auch nach
Auffassung der Vorinstanz deshalb als Grundlage nicht mehr verwendbar,
weil es den Anforderungen der neueren Rechtsprechung an die Beurtei-
lung der Invalidität bei psychischen Leiden (BGE 143 V 418), insbesondere
im Falle von depressive Störungen leicht- bis mittelgradiger Natur (BGE
143 V 409) nicht entspricht. Die beiden Urteile, welche die Änderung der
Rechtsprechung begründeten, datieren zwar vom 30. November 2017,
wurden indessen erst am 14. Dezember 2017 (mittags) auf der Website
des Bundesgerichts aufgeschaltet (Urteile 8C_130/2017 und
8C_841/2016, https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/in-
dex_aza.php?date=20171214&lang=de&mode=news), also am Tag, als
C-667/2018
Seite 11
die angefochtene Verfügung erlassen wurde. Angesichts dessen, dass
diese Verfügung im wesentlichen Gehalt dem Vorbescheid vom 6. Juli 2017
entspricht, kann der Vorinstanz nicht vorgeworfen werden, sie habe in be-
wusstem Ignorieren der am 14. Dezember 2017 neuesten Rechtsprechung
einen möglichst frühen Einstellungszeitpunkt provozieren wollen.
5.7.2 Wie die Vorinstanz selbst ausführt, sind die beiden Ärztinnen des me-
dizinischen Dienstes, eine Psychiaterin und eine Somatikerin, in ihren Be-
richten vom 23. April 2018 und 29. Mai 2018 zur übereinstimmenden Beur-
teilung gelangt, dass sich der medizinische Sachverhalt als ungenügend
abgeklärt erweise und sich deshalb die Einholung eines polydisziplinären
Gutachtens aufdränge; das ursprüngliche Gutachten sei nicht mehr aktuell,
weil sich aus den seitdem erstellten medizinischen Unterlagen Hinweise
ergeben, dass sich die medizinische Situation heute teilweise anders dar-
stellen könnte.
Dies war aber aufgrund des eingehenden Einwandes und der breiten Do-
kumentation durch den Beschwerdeführer (vgl. Sachv. C.c), wie dieser zu
Recht vorbringt, bereits im Vorbescheidverfahren und jedenfalls im Verfü-
gungszeitpunkt erkennbar, sind doch seither keine weiteren medizinischen
Erkenntnisse hinzugekommen und hat die Vorinstanz sofort im Anschluss
an die Stellungnahme zum Vorbescheid die Verfügung erlassen. Die Vor-
instanz muss sich somit den Vorwurf gefallen lassen, dass sie im Vorbe-
scheidverfahren bereits fälligen Abklärungen nicht mehr selbst an die Hand
genommen, sondern ins Beschwerdeverfahren verlagert hat.
5.7.3 Die Vorinstanz begründete den Zeitpunkt, auf den hin die Rente ein-
gestellt wurde – Oktober 2014 – mit dem Zeitpunkt der Begutachtung, da
zu jenem Zeitpunkt die Verbesserung des Gesundheitszustandes jeden-
falls gegeben gewesen sei. Entfällt aber dieses Gutachten als Entscheid-
grundlage, so wird dieser Zeitpunkt der Renteneinstellung kaum zu halten
sein. Es erscheint als zwar nicht undenkbar, aber weitgehend spekulativ,
im jetzigen Zeitpunkt anzunehmen, ein erneut zu erstellendes Gutachten
würde wiederum zum Schluss kommen, eine Verbesserung des Gesund-
heitszustandes sei wiederum ab Oktober 2014 anzunehmen. Von der er-
neuten Begutachtung unabhängig scheint die Vorinstanz zudem bereits auf
der aktuellen Aktengrundlage den Vorhalt der Aggravation respektive Si-
mulation nicht aufrecht zu erhalten („[...] ist aufgrund der Gesamtheit der
Akten nicht ausreichend erstellt, ob unser ärztlicher Dienst zu Recht vom
Vorliegen von Aggravation/Simulation ausgegangen ist“, Vernehmlassung,
C-667/2018
Seite 12
S. 1 unten); dieser Vorwurf war (auch) ein Grund für die Einstellung der
Rente per Oktober 2014 (angefochtene Verfügung, S. 4 Mitte).
5.7.4 Folglich kann immerhin insoweit eine Prognose gestellt werden, als
eine Aufhebung der Rente per Oktober 2014 nach neuerlicher Begutach-
tung nur mit erhöhten Anforderungen an die Begründung – die den bei ei-
nem solchen Resultat nicht abwegigen Verdacht der nachgeschobenen
Begründung auszuräumen vermag – möglich erscheint. Selbst wenn eine
neuerliche Begutachtung wiederum zur Aufhebung der Rente führen sollte,
ist mit höherer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, diese würde auf den
Zeitpunkt dieser erneuten Begutachtung erfolgen. Diese hätte, wäre sie –
wie geboten (E. 5.7.2) – im Vorbescheidverfahren angeordnet worden, frü-
hestens zu Beginn des Jahres 2018 durchgeführt werden können. Der Zeit-
raum von Oktober 2014 bis und mit Dezember 2017 ist derjenige, für den
im Sinne der vorstehend (E. 5.5 a.E.) zitierten Rechtsprechung mit Blick
auf das formell korrekt geführte Verfügungsverfahren die aufschiebende
Wirkung zu erteilen ist. Für die Zeit ab dem Januar 2018 ist angesichts der
beim Auslandssachverhalt eminenten Inkassorisiken (E. 5.4) einerseits,
der bei formell korrekt geführtem Verfahren erhöhten Möglichkeit der Ren-
tenaufhebung auf den Januar 2018 hin anderseits die Wiederherstellung
der aufschiebenden Wirkung zu verweigern.
5.7.5 Im Ergebnis ist die aufschiebende Wirkung für die Aufhebung der In-
validen- und Zusatzrenten der Periode vom Oktober 2014 bis und mit De-
zember 2017 wiederherzustellen; die Vorinstanz ist gleichzeitig anzuwei-
sen, das Verfahren auf Rückforderung der in diesem Zeitraum ausbezahl-
ten Renten sistiert zu halten (vgl. Sachv. E).
6.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis IVG), wobei
das Bundesverwaltungsgericht gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG die Verfah-
renskosten in der Regel der unterliegenden Partei auferlegt. Eine Rückwei-
sung gilt praxisgemäss als Obsiegen der beschwerdeführenden Partei
(BGE 132 V 215 E. 6), so dass dem Beschwerdeführer keine Verfahrens-
kosten aufzuerlegen sind. Der Vorinstanz sind keine Verfahrenskosten auf-
zuerlegen (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
7.
Der obsiegende, anwaltlich vertretene Beschwerdeführer hat Anspruch auf
eine Parteientschädigung zu Lasten der Verwaltung (Art. 64 Abs. 1 VwVG
i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
C-667/2018
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Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht ([VGKE, SR
173.320.2]). Die seitens der beschwerdeführenden Rechtsvertretung ein-
gereichte Honorarnote erscheint unter Berücksichtigung des Verfahrens-
ausgangs, des gebotenen und aktenkundigen Aufwands, der Bedeutung
der Streitsache und der Schwierigkeit des Verfahrens sowie in Anbetracht
der in vergleichbaren Fällen gesprochenen Entschädigungen als noch an-
gemessen; dem Beschwerdeführer ist somit eine Parteientschädigung von
Fr. 3‘361.20 (Honorar: Fr. 3‘263.30, Auslagen: Fr. 97.90; infolge ausländi-
schen Wohnsitzes des Mandanten aber ohne Mehrwertsteuer) zu Lasten
der Vorinstanz zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
C-667/2018
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