Decision ID: 529e07cb-7a3d-56d6-b855-9665abeda35b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein Tamile mit letztem Aufenthalt in B._
(Nordprovinz), verliess sein Heimatland eigenen Angaben gemäss am
5. September 2017 und hielt sich anschliessend in C._ auf. Er ge-
langte am 21. September 2017 in die Schweiz, wo er am folgenden Tag um
Asyl nachsuchte.
A.b Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 22. September 2017 mit,
er werde in Anwendung von Art. 4 Abs. 3 der Verordnung über die Durch-
führung von Testphasen zu den Beschleunigungsmassnahmen im Asylbe-
reich vom 4. September 2013 (TestV, SR 142.318.1) für den Aufenthalt und
das Verfahren dem Verfahrenszentrum Zürich zugewiesen.
A.c Am 28. September 2017 nahm das SEM die Personalien des Be-
schwerdeführers auf und befragte ihn zum Reiseweg.
A.d Das SEM führte am 12. Oktober 2017 mit dem Beschwerdeführer ein
persönliches Gespräch nach Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Neufassung) (ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; Dublin-III-VO),
durch.
Zu gesundheitlichen Problemen befragt, erklärte der Beschwerdeführer, er
leide unter Bluthochdruck, Sodbrennen und Platzangst. Manchmal fühle er
Nadelstiche in den Händen. Der damalige dem Beschwerdeführer zuge-
wiesene Rechtsvertreter wies darauf hin, dass sich aus dem bisherigen
Kontakt mit ihm Hinweise auf eine Traumatisierung ergeben hätten, und
regte die Einholung eines medizinischen Gutachtens an.
A.e Am 25. Oktober 2017 ersuchte das SEM die maltesischen Behörden
gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO um die Rückübernahme des Be-
schwerdeführers. Diese erklärten sich am 2. November 2017 dazu bereit.
A.f Das SEM unterbreitete dem damaligen Rechtsvertreter am 3. Novem-
ber 2017 einen Nichteintretensentscheid auf das Asylgesuch mit Wegwei-
sung nach Malta zur Stellungnahme.
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A.g Der Rechtsvertreter reichte am 6. November 2017 seine Stellung-
nahme ein. Bereits am 2. November 2017 liess er dem SEM ein Formular
«medizinische Informationen» vom 25. Oktober 2017 zukommen. Ein wei-
teres entsprechendes Formular vom 8. November 2017 reichte der
Rechtsvertreter am 9. November 2017 nach.
A.h Das SEM erklärte das Dublin-Verfahren am 13. November 2017 als
beendet und verfügte die Prüfung des Asylverfahrens durch die Schweiz.
A.i Am 11. Januar 2018 übermittelte der Rechtsvertreter ein weiteres For-
mular «medizinische Informationen» vom 6. Januar 2018.
A.j Das SEM führte mit dem Beschwerdeführer am 23. Januar 2018 die
Erstbefragung nach Art. 16 Abs. 3 TestV durch. Dabei erklärte er unter an-
derem, er habe in Sri Lanka als (...) gearbeitet. Nach gesundheitlichen
Problemen gefragt, gab er zu Protokoll, er sei gesund und habe keine Prob-
leme. Er habe noch offene Arzttermine; dass er unter Bluthochdruck leide,
sei erst in der Schweiz entdeckt worden. In Sri Lanka habe er sich bedroht
gefühlt, er habe unter Angstzuständen gelitten.
Zu den Gründen seines Asylgesuches machte er geltend, er habe im Jahr
2002 (...) der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) (...). Diese seien (...)
und auch zu ihm nach Hause gekommen. Im Jahr 2012 sei er wegen die-
sen Hilfeleistungen von zwei Personen abgeholt und in ein Camp gebracht
worden. Dort habe man ihm vorgeworfen, den LTTE geholfen zu haben.
Dazu habe man von ihm Auskünfte erhalten wollen. Man habe ihn aufge-
fordert, sein Hemd auszuziehen, und ihn brutal geschlagen. Da er versucht
habe, die Schläge abzuwehren, sei er zusätzlich verletzt worden. Als er auf
dem Boden gelegen sei, habe ein Soldat ihm einen Fuss auf seinen Ma-
genbereich gelegt und mit dem Gewehrlauf auf seine Stirn gezielt. Man
habe ihm mit dem Tod gedroht und ihn eine Stunde lang geschlagen. Dann
seien mehrere Soldaten weggegangen und er sei nach einer Stunde abge-
holt und aufgefordert worden, unter einen Baum zu sitzen. Er habe die
ganze Nacht unter dem Baum verbracht und sei danach von einem Solda-
ten aufgefordert worden, ein Büchlein zu unterschreiben. Er sei freigelas-
sen worden; man habe ihm gesagt, wenn man ihn brauche, müsse er um-
gehend vorbeikommen. Er sei jeden Morgen beim Camp vorbeigegangen,
um das Büchlein zu unterschreiben, und sei immer wieder schikaniert wor-
den. Nach 15 Tagen sei er in Ruhe gelassen worden. 2015 seien zwei Per-
sonen zu ihm gekommen und hätten ihn aufgefordert, Sandsäcke zu füllen.
Sie hätten 50 Säcke bei ihm deponiert und er habe den Soldaten gesagt,
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er könne nicht mehr als 25 Säcke tragen. Es seien noch zwei Personen
dort gewesen, die ebenfalls Säcke hätten füllen müssen. Später seien die
Soldaten wiedergekommen und hätten ihn mitgenommen. Man habe ihn
geschlagen und ihn aufgefordert, weitere 45 Säcke mit Sand zu füllen und
diese zu tragen. Die Soldaten hätten ihm gesagt, er müsse die Säcke rich-
tig füllen; einen gefüllten Sack habe er aber nicht tragen können. Ein Soldat
habe ihn mit einem Schlagstock geschlagen. Am Abend sei er aufgefordert
worden, nach Hause zu gehen. Dies sei für ihn ein elender Tag gewesen.
2016 sei er erneut mitgenommen und nach seinen Kontakten zu den LTTE
befragt worden. Man habe ihm gesagt, er lüge, und habe ihn aufgefordert,
niederzuknien, worauf er mit einem Gewehrkolben geschlagen worden sei.
Ein Soldat habe ihm sein Gewehr an die Stirne gehalten und gesagt, er
benötige Informationen über die LTTE. Nachdem er standhaft geblieben
sei und beteuert habe, er kenne keine LTTE-Leute, sei er nach einigen
Stunden nach Hause geschickt worden. Er habe Kontakt mit einem Schlep-
per aufgenommen, da er sich an Leib und Leben bedroht gefühlt habe. Er
habe seine Stelle aufgegeben und sei zu seiner Ehefrau und den Kindern
nach D._ gezogen. Dort habe er auch Probleme gehabt.
A.k Am 5. Februar 2018 hörte das SEM den Beschwerdeführer nach
Art. 17 Abs. 2 Bst. b TestV an. Dabei machte er im Wesentlichen geltend,
er sei derzeit wegen Diabetes und Bluthochdrucks in ärztlicher Behand-
lung. Im Jahr 2002 sei seine Nichte von der Bewegung mitgenommen wor-
den, seither habe man nichts mehr von ihr gehört. Seine Schwester und
sein Neffe seien von der Armee mehrmals zu Befragungen mitgenommen
worden. 2002 habe er bei sich zu Hause LTTE-Kämpfer (...). Er habe ein-
mal ein LTTE-Mitglied mit einem kleinen (...) vor einer (...) bewahrt, wo-
nach man ein gutes Bild von ihm gehabt habe. Da damals ein Waffenstill-
stand vereinbart worden sei, seien die LTTE-Leute auch in seiner Gegend
unterwegs gewesen; er habe etwa bis 2005 solche (...) durchgeführt.
Nachdem im Februar 2009 sein Neffe getötet worden sei, habe die Marine
ihn befragt und wissen wollen, ob dieser bei den LTTE gewesen sei. Im
Juni 2012 sei er erstmals festgenommen und zu seinen Hilfeleistungen an
LTTE-Leute befragt worden. Im Juni 2015 sei er vom CID (Criminal Inves-
tigation Department) mitgenommen und zusammengeschlagen worden.
Man habe ihm vorgeworfen, die LTTE unterstützt zu haben. Er habe am
gleichen Tag wieder gehen dürfen. Im November 2016 sei er von densel-
ben Personen erneut abgeholt worden. Sie hätten ihm vorgeworfen, er
habe Kontakte zu den LTTE, und hätten wissen wollen, wen er kenne. Sie
hätten gedacht, er sei auch ein LTTE-Mitglied. Er habe ihnen gesagt, er
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habe lediglich (...) geleistet. Am 12. Januar 2017 habe er seine Stelle ge-
kündigt und sei nicht mehr zur Arbeit gegangen; gleichentags habe er sich
zu seiner Frau begeben. Drei oder vier Tage später sei er erneut zu einer
Befragung mitgenommen worden; er sei derart verängstigt gewesen, dass
er zu seinem Schwager gegangen sei.
Einer Aktennotiz des Befragers und einer schriftlichen Anmerkung des da-
maligen Rechtsvertreters vom 6. Februar 2018 ist zu entnehmen, dass we-
gen eines Software-Problems ein Grossteil des Protokolls verloren gegan-
gen sei. Die Anhörung sei fortgesetzt und es sei versucht worden, die ver-
lorene Erfassung des Sachverhalts mit neuen Fragen wiederherzustellen.
Bei der Rückübersetzung sei bemerkt worden, dass der tatsächliche Ablauf
der Befragung nicht nachvollzogen werden könne. Es sei vereinbart wor-
den, dass der Sachverhalt ergänzt werden müsse.
A.l Der damalige Rechtsvertreter leitete am 7. Februar 2018 ein weiteres
Formular «medizinische Informationen» vom Vortag an das SEM weiter.
A.m Das SEM wies den Beschwerdeführer am 9. Februar 2018 ins erwei-
terte Verfahren, da das Gesuch weiterer Abklärungen bedürfe.
A.n Der vormalige Rechtsvertreter teilte dem SEM am 28. Februar 2018
mit, das Mandatsverhältnis mit dem Beschwerdeführer sei beendet.
A.o Im Rahmen des vorinstanzlichen Verfahrens gab der Beschwerdefüh-
rer seinen Geburtsschein, seine Identitätskarte, zwei Arbeitsbestätigungen
und eine Todesbestätigung betreffend seinen Neffen zu den Akten.
B.
B.a Mit Verfügung vom 6. März 2020 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylge-
such ab. Zugleich verfügte es seine Wegweisung aus der Schweiz und ord-
nete den Vollzug der Wegweisung an.
B.b Das Bundesverwaltungsgericht hiess die gegen diese Verfügung ge-
richtete Beschwerde vom 6. April 2020 mit Urteil D-1914/2020 vom 20. Juli
2020 gut, hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur
rechtsgenüglichen Abklärung des Sachverhalts im Sinne der Erwägungen
und zur Neubeurteilung an das SEM zurück.
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C.
C.a Am 4. September 2020 hörte das SEM den Beschwerdeführer zu sei-
nen Asylgründen an. Er machte im Wesentlichen geltend, im Jahr 2019 sei
eine seiner Töchter entführt, über ihn befragt und am folgenden Tag wieder
freigelassen worden. Seine Familie habe bei der Polizei Anzeige erstattet,
er habe von der Schweiz aus verlangt, dass diese zurückgezogen werde,
weil seine Tochter aufgrund der Anzeige Probleme bekommen hätte. Er
habe in einem (...) gearbeitet und ab 2002 (...). Manchmal sei er auch ab-
geholt und zu (...) gefahren worden. Er habe diese «Aufträge» nicht ableh-
nen können. Bis zum Ende des Krieges im Jahr 2009 habe er (...). Auch
danach seien noch (...) aus dem Vanni-Gebiet zu ihm gekommen. Die sri-
lankische Armee habe dies später erfahren und ihn 2012 erstmals «kon-
taktiert». Zwei Personen hätten ihn zum Camp mitgenommen; sie seien mit
Fahrrädern dorthin gefahren. Der diensthabende Offizier habe von ihm ver-
langt, dass er Mitglieder der Bewegung identifiziere und ihnen Waffenver-
stecke zeige. Sie hätten ihm vorgeworfen, er unterstütze die LTTE, und
hätten ihn zusammengeschlagen. Er habe gesagt, dass er nur (...) habe,
aber man habe davon keine Notiz genommen. Als er freigelassen worden
sei, habe man ihm eine Meldepflicht auferlegt. Er habe während zweier
oder dreier Monate täglich zum Camp gehen und dort unterschreiben müs-
sen; dabei sei er von Soldaten bedroht worden. Nachdem er (...), in dem
er gearbeitet habe, nach der Arbeit verlassen habe, sei er beschattet wor-
den. Seine Ehefrau habe sich ständig gefürchtet, weil die Soldaten zu
ihnen gekommen seien. Er habe deshalb von 2012 bis 2017 oft nicht zu
Hause, sondern an anderen Orten übernachtet. Ein Sohn seiner älteren
Schwester sei 2008 oder 2009 angeschossen und zu Tode geprügelt wor-
den, eine Tochter seiner älteren Schwester sei zur Bewegung gegangen
und nicht mehr zurückgekommen. Er sei wegen seines Neffen zirka zwei
Stunden befragt worden. Im Jahr 2015 sei er ein weiteres Mal zum Camp
gebracht, befragt und misshandelt worden. Man habe wiederum von ihm
wissen wollen, wo Waffen versteckt seien. Häufig sei er auf der Strasse
angehalten und zu den LTTE befragt worden. Im Jahr 2016 sei er erneut
von zu Hause abgeholt, mitgenommen, eine ganze Nacht lang festgehal-
ten und geschlagen worden. Er habe Säcke, die normalerweise mit Mehl
gefüllt seien, mit Sand füllen müssen. Man habe noch zwei andere Perso-
nen gebracht, die ebenfalls diese «Arbeit» hätten verrichten müssen. Im
Januar 2017 sei er ein weiteres Mal mitgenommen worden. Man habe ihn
schwer misshandelt, gesagt, er gehöre zur Bewegung und müsse Waffen
haben, und gedroht, man werde ihn erschiessen. Man habe ihm ein Ge-
wehr an die Stirn gehalten, ihn mit einem Gewehrkolben im Brustbereich
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geschlagen und sein Hemd zerrissen. Einige Tage später habe er sich ent-
schlossen, nicht in B._ zu bleiben, und sei nach D._ gegan-
gen. Dort seien zwei Personen gekommen, die ihn zum Armeecamp be-
stellt hätten. Man habe ihn zur Bewegung befragt und ihn nach zwei oder
drei Stunden gehen lassen. Es sei ihm gesagt worden, dass er nach
B._ zurückkehren müsse. Danach habe er sich eine Zeit lang bei
einem Cousin seiner Frau aufgehalten, von wo aus er nach Colombo ge-
gangen sei. Nach seiner Ausreise seien die Behörden viele Male bei seiner
Familie vorbeigegangen und hätten seine Frau und die Kinder gefragt, wo
er sei. Sie hätten nicht glauben wollen, dass er ausgereist sei, und hätten
Durchsuchungen gemacht.
C.b Der Beschwerdeführer liess dem SEM am 27. August 2020 durch den
ihn behandelnden Arzt, Dr. med. D._, einen ärztlichen Bericht vom
selben Tag zukommen.
D.
Mit am folgenden Tag eröffneter Verfügung vom 16. September 2020 stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es seine Wegwei-
sung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
E.
E.a Gegen diese Verfügung liess der Beschwerdeführer mittels Eingabe
seiner Rechtsvertreterin vom 19. Oktober 2020 beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde erheben. In dieser wurde beantragt, der Entscheid der
Vorinstanz sei vollumfänglich aufzuheben und dem Beschwerdeführer sei
Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen, und als Folge davon
sei dem Beschwerdeführer die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Es sei
dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten und seine
Rechtsvertreterin sei ihm als amtliche Rechtsbeiständin beizuordnen. Fer-
ner wurde beantragt, es sei festzustellen, dass die Beschwerde aufschie-
bende Wirkung habe.
Der Eingabe lagen eine Schnellrecherche der SFH-Länderanalyse vom
10. April 2020 und eine Kostennote bei.
E.b Mit Schreiben vom 30. Oktober 2020 übermittelte der Beschwerdefüh-
rer eine Unterstützungsbestätigung vom 27. Oktober 2020.
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F.
Der Instruktionsrichter hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege mit Instruktionsverfügung vom 5. November 2020 gut,
und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Er ordnete
dem Beschwerdeführer in der Person von MLaw Cora Dubach eine amtli-
che Rechtsbeiständin bei. Die Akten übermittelte er zur Vernehmlassung
an das SEM.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 16. November 2020 beantragte das SEM
die Abweisung der Beschwerde.
H.
Der Beschwerdeführer hielt in der Stellungnahme seiner Rechtsbeiständin
vom 1. Dezember 2020, der ein Themenpapier der SFH vom 3. September
2020 beilag, an seinen Anträgen fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
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schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM begründet seinen Entscheid damit, es sei wenig glaubhaft,
dass die sri-lankischen Behörden den Beschwerdeführer wegen seiner
vermuteten Verbindungen zu den LTTE befragten, ihn danach drei Jahre
lang unbehelligt liessen, um ihn dann zu beschuldigen, LTTE-Mitglied zu
sein. Seine Ausführungen zu den mehrfachen Befragungen seien wenig
überzeugend, zähle er doch jeweils nur die erlittenen Misshandlungen auf.
Es sei nicht verständlich, weshalb er als regierungsfeindlich eingestuft wor-
den sei, habe er doch keine politischen Aktivitäten gehabt. Hätten die Be-
hörden ihn wirklich verdächtigt, ein ehemaliges LTTE-Mitglied zu sein, hät-
ten sie nicht gezögert, ihn zu verhaften und ein Verfahren gegen ihn zu
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eröffnen. Er sei indessen nie länger als einen Tag festgehalten und nie in
einem Verhörraum befragt worden. Seinen Angaben gemäss sei er in ein
Armeecamp gebracht und im Freien verhört worden, was nicht den behörd-
lichen Methoden entspreche. Zudem habe er angegeben, er sei auf der
Strasse einige Meter von seinem Haus entfernt über die LTTE befragt wor-
den, was angesichts der vom CID angewandten Methoden nicht vorstellbar
sei. Es sei absurd, dass der CID ihn im Jahr 2012 freigelassen habe, weil
seine Ehefrau und sein Schwiegervater darum gebeten hätten. Es sei er-
staunlich, dass er mehrfach festgenommen und befragt, aber nicht ein- für
allemal festgehalten worden sei. Die von ihm geäusserte Vermutung, er
habe 2015 das Gefühl gehabt, man wolle ihn töten, basiere auf keiner kon-
kreten Grundlage. Er habe ausgesagt, er sei nur tagsüber überwacht wor-
den, was nicht vorstellbar sei. Wäre er tatsächlich überwacht worden, wäre
es ihm wohl nicht möglich gewesen, sein Zuhause und sein Heimatland mit
seinem echten Reisepass zu verlassen. Er habe gesagt, er habe den Pass
2016 ausgestellt erhalten, also zu einem Zeitpunkt, zu dem der CID ihm
bereits auf den Fersen gewesen sei. Zudem habe er gesagt, es habe in
D._ Kontrollen gegeben, weshalb es nicht möglich gewesen wäre,
Colombo so einfach zu erreichen. Wäre er von der sri-lankischen Regie-
rung tatsächlich gesucht worden, hätte seine Ehefrau nach seiner Ausreise
wahrscheinlich Schwierigkeiten gehabt, was gemäss seinen Aussagen
nicht der Fall sei. Es sei erstaunlich, dass seine Tochter im Jahr 2019, zwei
Jahre nach seiner Ausreise, seinetwegen befragt worden sei. Der Be-
schwerdeführer mache geltend, er sei seit 2012 mehrfach behelligt worden,
habe die Heimat aber erst 2017 verlassen. Wäre er wirklich in der von ihm
genannten Art verfolgt worden, hätte er nicht gezögert, Sri Lanka früher zu
verlassen. Die von ihm geschilderte Verfolgungssituation sei unglaubhaft,
woran die eingereichten Beweismittel nichts ändern könnten.
Die Befragung am Flughafen von Colombo, der nach Sri Lanka zurückkeh-
rende Bürger unterzogen werden könnten, oder die Eröffnung eines Straf-
verfahrens wegen illegaler Ausreise seien keine asylrechtlich relevanten
Benachteiligungen. Auch die Kontrollmassnahmen, denen Rückkehrer an
ihrem Herkunftsort unterzogen werden könnten, seien grundsätzlich nicht
asylrelevant. Allfällige Risikofaktoren, die bereits zum Zeitpunkt seiner Aus-
reise bestanden hätten, hätten nicht zu einer Verfolgung seiner Person ge-
führt. Den Akten seien keine Gründe zu entnehmen, aufgrund derer er in
den Fokus der heimatlichen Behörden geraten könnte. Die Wahl von Go-
tabaya Rajapaksa zum Staatspräsidenten vom 16. November 2019 ver-
möge diese Einschätzung nicht zu ändern. Bis jetzt gebe es keinen Grund
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zur Annahme, unter Rajapaksa würden ethnische Gruppen kollektiv ver-
folgt. Hinsichtlich des Beschwerdeführers gebe es keine Gründe, die da-
rauf hinwiesen, er würde in absehbarer Zukunft asylrechtlich relevanten
Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt.
4.2 In der Beschwerde wird einleitend der Sachverhalt geschildert und gel-
tend gemacht, die Hilfswerksvertretung habe festgehalten, dass sie wegen
der örtlichen Teilung des Anhörungsteams ihre Aufgabe nicht vollumfäng-
lich habe wahrnehmen können. Dadurch seien die Verfahrensrechte des
Beschwerdeführers mutmasslich stark eingeschränkt gewesen.
Es sei nicht legitim, widersprüchliche Angaben zwischen der BzP und der
vertieften Anhörung derart stark zu gewichten wie es das SEM vorliegend
getan habe. Dies lasse sich sowohl der Praxis des Bundesverwaltungsge-
richts als auch derjenigen des Europäischen Gerichtshofs für Menschen-
rechte (EGMR) entnehmen. Es sei zu berücksichtigen, dass in der Zeit
nach dem Krieg sehr viele Menschen von den sri-lankischen Behörden vor-
geladen und verhört worden seien. Es könne durchaus sein, dass es drei
Jahre gedauert habe, bis er an der Reihe gewesen sei. Er vermute, dass
ihn jemand bei einer Befragung verraten habe. Auch nicht ungewöhnlich
sei, dass die Behörden weitere drei Jahre gewartet hätten, bis sie ihn ein
weiteres Mal aufgeboten hätten. Es sei davon auszugehen, dass er auf
dem Radar des Militärs gewesen sei, aber nicht oberste Priorität genossen
habe. Es entspreche den Gepflogenheiten des Militärs, dass bei einem
Führungswechsel in einem Camp gewisse Personen erneut befragt wür-
den. Die Vorfälle hätten sich vor mehreren Jahren ereignet, weshalb die
Erinnerung des Beschwerdeführers daran nicht mehr so klar sei. Er habe
den ersten diensthabenden Offizier, vor den er geführt worden sei, bezie-
hungsweise die Angst, wenn er an diesen zurückdenke, beschreiben kön-
nen. Das SEM habe die von ihm detailliert beschriebene Folter ausser Acht
gelassen. Er habe auch das Camp und dessen Umgebung detailliert be-
schrieben. Im Protokoll sei vermerkt worden, dass er sehr oft emotional
geworden sei, wenn es um die von der Armee durchgeführten Befragungen
gegangen sei. Das Argument des SEM, er habe kein politisches Profil, sei
haltlos. Da er mehrere LTTE-Mitglieder bei sich zu Hause (...), liege es auf
der Hand, dass die Behörden ihm eine LTTE-Mitgliedschaft vorgeworfen
hätten, nachdem diese davon erfahren hätten. Die Eröffnung eines Verfah-
rens sei nicht notwendig, da die Befragungen meistens zum Zweck des
Schikanierens der tamilischen Bevölkerung und deren Überwachung dien-
ten. Er sei nicht der Einzige gewesen, der an jenem Tag beim von ihm ge-
nannten Baum befragt und geschlagen worden sei. Die Soldaten, die ihn
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überwacht hätten, hätten ihn manchmal auf offener Strasse angesprochen.
Dies habe damit zu tun, dass sie die Beschattung offen zeigen wollten, um
ihn einzuschüchtern. Bei der Freilassung sei ihm eine Meldepflicht aufer-
legt worden, weshalb es für die Behörden nicht von Bedeutung gewesen
sei, ob er sich im Camp oder bei sich zu Hause aufgehalten habe. Er habe
mehrmals gesagt, dass ihm ein Gewehrlauf gegen die Stirn gehalten wor-
den sei, was als klare Todesdrohung zu werten sei. Wahrscheinlich sei er
nicht getötet worden, weil die Behörden an seinem Wissen über die LTTE-
Kämpfer interessiert gewesen seien und gehofft hätten, er sage irgend-
wann einmal aus. Er habe nicht einer täglichen Beobachtung unterstanden.
Wenn er zu Nachbarn habe gehen wollen, habe er telefoniert und gefragt,
ob sich Unbekannte in der Nähe befänden. Sei dies nicht der Fall gewesen,
habe er «normal» zu den Nachbarn gehen können, sonst sei er unbemerkt
durch seinen Garten zu den Nachbarn gelangt. Es sei demnach nicht wi-
dersprüchlich, dass er trotz Beschattung zum Übernachten zu seinen
Nachbarn habe gehen können. Seinem Schlepper sei es durch Verbindun-
gen und Zahlung von Schmiergeld gelungen, den für die Reise benötigten
Pass zu beschaffen. Seine Ehefrau sei nach seiner Flucht, mehrmals von
den Behörden aufgesucht und befragt worden. Seiner Tochter sei nach der
Schule abgepasst worden und man habe sie in ein Camp gebracht; es sei
gut möglich, dass ihre Mitnahme zwei Jahre nach der Ausreise des Be-
schwerdeführers mit dem Regierungswechsel in Verbindung stehe. Seine
Ehefrau lebe somit nicht problemlos in Sri Lanka, sie sei aber nicht direktes
Ziel einer Verfolgung. Seine Flucht habe sich hinausgezögert, weil er nicht
die nötigen Kontakte und finanziellen Mittel gehabt habe, um sie selbst zu
planen. Er habe sich zudem schwer damit getan, seine Familie zu verlas-
sen. Die Aussagen des Beschwerdeführers seien glaubhaft.
Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer über mehrere Jahre hinweg von
den Behörden vorgeladen und gefoltert worden sei, lasse die Verfolgungs-
gefahr für ihn sehr real erscheinen. Im seinem Falle seien seine Angst vor
erneuter Entführung und Folterung sowie seine Todesangst klar gegeben,
weshalb vom Vorliegen ernsthafter Nachteile gemäss Art. 3 AsylG auszu-
gehen sei. Es bestünden keine Gründe zur Annahme, dass er bei einer
Rückkehr nicht mehr verfolgt werden sollte.
Das Bundesverwaltungsgericht habe in seinem Entscheid E-1866/2015 bei
einer Rückkehr von abgewiesenen Asylsuchenden risikobegründende
Faktoren identifiziert, wobei als Hauptrisikofaktor eine tatsächliche oder
vermeintliche, aktuelle oder vergangene Verbindung zu den LTTE bezeich-
net worden sei. Auch die Verwandtschaft mit einem (vermeintlichen) LTTE-
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Mitglied, frühere Inhaftierungen durch die sri-lankischen Behörden, das
Fehlen erforderlicher Identitätspapiere bei der Einreise, eine Asylgesuch-
stellung im Ausland sowie Narben am Körper gälten als Risikofaktoren.
Eine geltend gemachte Verbindung zu den LTTE vermöge dann eine rele-
vante Furcht vor Nachteilen zu begründen, wenn der betroffenen Person
ein Interesse am Wiederaufflammen des tamilischen Separatismus in Sri
Lanka zugeschrieben und sie als Gefahr für die Einheit des Landes wahr-
genommen werde. Der Beschwerdeführer erfülle mehrere Risikofaktoren,
weil er LTTE-Soldaten (...) und bereits wegen Verdachts auf Mitgliedschaft
bei den LTTE verhaftet und bedroht worden sei. Seine Familie werde bis
heute nach ihm gefragt, was zeige, dass das Interesse an ihm nicht nach-
gelassen habe. Er habe sichtbare Narben, die ihm bei den Befragungen
zugefügt worden seien, was ihn als Folteropfer erkennbar mache. Es lägen
genügend Anhaltspunkte dafür vor, dass ihm eine asylrelevante Verfolgung
drohe. Diese Annahme werde durch den aktuellen Regierungswechsel und
die Zunahme an Repression bestätigt. Die Verfolgung sei zielgerichtet ge-
gen ihn erfolgt und kausal für seine Ausreise gewesen. Sie fusse auf seiner
ethnischen Zugehörigkeit und politischen Gesinnung. Unter Berücksichti-
gung der politischen Lage sei von einem fehlenden Schutzwillen Sri Lan-
kas auszugehen.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, das Bundesamt für Ge-
sundheit (BAG) empfehle einen Mindestabstand zwischen Personen von
mindestens eineinhalb Metern. Damit Asylverfahren dennoch rechtskon-
form durchgeführt werden könnten, habe der Bundesrat am 1. April 2020
Massnahmen für den Schutz der Gesundheit aller am Asylverfahren Betei-
ligter beschlossen. Das SEM habe hinsichtlich der Befragungen zusätzli-
che Schutzmassnahmen beschlossen, die über die Empfehlungen des
BAG hinausgingen. Gemäss Art. 4 Abs. 1 – 3 der Verordnung über Mass-
nahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus (Covid-
19-Verordnung Asyl; SR 142.318) sei die Anzahl der Anwesenden in einem
Zimmer derart zu limitieren, dass die Vorgaben des BAG erfüllt werden
könnten. Der Asylsuchende und die befragende Person des SEM befänden
sich im selben Raum, die anderen Personen hielten sich in einem anderen
Raum des SEM auf und könnten mit dem Asylsuchenden und der befra-
genden Person mittels technischer Hilfsmittel interagieren.
4.4 In der Replik wird im Wesentlichen geltend gemacht, die Behandlung
psychischer Probleme sei in Sri Lanka nicht gratis; es gebe auch nicht ge-
nügend Institutionen, qualifiziertes Personal und insbesondere stationäre
Plätze für eine langfristige Behandlung wie sie der Beschwerdeführer nötig
D-5188/2020
Seite 14
haben werde. Der Beschwerdeführer gebe weiter an, er werde regelmässig
bei seiner Familie in D._ gesucht.
5.
5.1 Das SEM weist in der Vernehmlassung zu Recht darauf hin, dass die
Anzahl der anwesenden Personen an Befragungen im Asylverfahren ge-
mäss Art. 4 Abs. 1 Covid-19-Verordnung Asyl im gleichen Raum so weit zu
beschränken ist, dass die entsprechenden Vorgaben des BAG eingehalten
werden können. Die asylsuchende Person sowie die befragende Person
des SEM sind im gleichen Raum anwesend. Ist es aus gesundheitlichen
Gründen in Zusammenhang mit dem Coronavirus notwendig, so kann die
Befragung ausnahmsweise auch so durchgeführt werden, dass die asylsu-
chende Person sowie die befragende Person in separaten Räumen des
SEM anwesend sind und die Befragung mittels technischer Hilfsmittel
durchgeführt wird (Art. 4 Abs. 2 Covid-19-Verordnung Asyl). Weitere an ei-
ner Befragung beteiligte Personen können sich in einem anderen Raum
des SEM aufhalten und mittels technischer Hilfsmittel zur Befragung zuge-
schaltet werden (Art. 4 Abs. 3 Covid-19-Verordnung Asyl).
5.2 In der Beschwerde wird nicht geltend gemacht, das SEM habe sich
nicht an die Vorgaben gehalten, die in der vorgenannten Verordnung fest-
gelegt wurden. Zutreffend ist, dass die Hilfswerkvertretung die nonverbale
Kommunikation des Beschwerdeführers aufgrund der räumlichen Auftei-
lung des Anhörungsteams nicht beobachten konnte. Relativiert wird diese
Tatsache jedoch dadurch, dass der Befrager des SEM im Protokoll mehr-
mals auf die nonverbalen Emotionen des Beschwerdeführers hinwies (vgl.
Anhörungsprotokoll F17, F36 [3 Mal], F50, F68, F72, F102, F104 [2 Mal],
F151 [2 Mal], F158 [2 Mal] und F169). Trotz der räumlichen Trennung war
es der Hilfswerkvertretung möglich, ihr wesentlich erscheinende Fragen an
den Beschwerdeführer stellen zu lassen (vgl. Anhörungsprotokoll F34 und
F35, F162 bis F168). Die in der Beschwerde vertretene Auffassung, die
Verfahrensrechte des Beschwerdeführers seien stark eingeschränkt gewe-
sen und die Hilfswerkvertretung habe keine faire Anhörung garantieren
können, erweist sich deshalb als unbegründet.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
D-5188/2020
Seite 15
6.2 Insoweit in der Beschwerde geltend gemacht wird, es sei nicht legitim,
widersprüchliche Angaben zwischen der Befragung zur Person (BzP) und
der vertieften Anhörung derart stark zu gewichten wie es das SEM vorlie-
gend getan habe, ist festzustellen, dass das SEM mit dem Beschwerde-
führer keine BzP durchführte. Es stützte sich im Rahmen der angefochte-
nen Verfügung auf die Erstbefragung nach Art. 16 Abs. 3 TestV, die vorlie-
gend inklusive Pausen und Rückübersetzung vier Stunden dauerte, und
die noch ausführlichere Anhörung zu den Asylgründen vom 4. September
2020 ab. Bereits bei der Erstbefragung wurde dem Beschwerdeführer die
Gelegenheit gegeben, recht ausführlich die Gründe zu schildern, die ihn
zum Verlassen seines Heimatlandes bewogen hätten (vgl. Protokoll S. 12
– 15). Die Rüge, das SEM habe sich unrechtmässig zu stark auf das Pro-
tokoll der Erstbefragung abgestützt, ist demnach nicht stichhaltig.
6.3 Der Beschwerdeführer war gemäss seinen von SEM nicht bezweifelten
Aussagen jahrelang im (...) tätig. Dazu gab er während des vorinstanzli-
chen Verfahrens zwei Arbeitsbestätigungen zu den Akten, an deren Au-
thentizität seitens des SEM keine Zweifel angebracht wurden. Er schil-
derte, wie er im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit auch (...), die es aus
nachvollziehbaren Gründen vorzogen, sich nicht (...) zu begeben, sondern
sich (...) (vgl. Protokoll der Erstbefragung S. 12, Anhörungsprotokoll
S. 5 ff.). Da er diese Tätigkeit zeitlich mehrere Jahre zurückliegend über
mehrere Jahre hinweg ausführte und keine Notizen dazu erstellen konnte
und wollte, erstaunt es nicht, dass er zur Anzahl seiner «Einsätze» keine
verbindlichen Angaben machen konnte.
6.4
6.4.1 Gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers sei er erstmals im
Jahr 2012 von zwei Personen abgeholt und zum Armeecamp gebracht wor-
den. Dort habe man ihm vorgeworfen, er habe den LTTE geholfen, und er
sei aufgefordert worden, Namen von LTTE-Leuten zu nennen und Informa-
tionen über sie zu geben. Er sei vom diensthabenden Offizier befragt wor-
den und er habe eingeräumt, dass er zwar (...), ansonsten aber keine Kon-
takte zu den LTTE gehabt habe. Man habe ihn brutal angegriffen und ge-
schlagen. Sie hätten ihn mit einem Schlagstock auf die Seiten seines Kör-
pers geschlagen und er sei verletzt worden, als er diese Schläge abzuweh-
ren versucht habe. Er sei rückwärtsgelaufen und sei von ihnen «zur alten
Stelle» gezogen und wieder geschlagen worden. Als er auf dem Boden
gelegen habe, habe ein Soldat seinen Fuss auf seinen Magenbereich ge-
legt und mit dem Gewehrlauf auf seine Stirn gezielt. Nach einer Stunde
habe man ihn zu einem Baum gebracht, unter dem er die ganze Nacht
D-5188/2020
Seite 16
habe sitzen müssen. Dann habe er ein Büchlein unterschreiben müssen
und sei entlassen worden. Er sei während 15 Tagen zum Unterschreiben
gegangen, danach sei er in Ruhe gelassen worden. Zudem schilderte er,
in welcher Weise er schikaniert worden sei, wenn er zur Leistung der Un-
terschrift ins Camp gegangen sei (vgl. Protokoll der Erstbefragung S. 12 f.).
Bei der Anhörung sagte der Beschwerdeführer, seine Probleme hätten im
Jahr 2012 begonnen. Zwei Personen seien zu ihm gekommen und hätten
ihm gesagt, er müsse mitkommen. Sie hätten ihn zum diensthabenden Of-
fizier des Camps gebracht, der ihn beschuldigt habe, die Bewegung zu un-
terstützen. Man habe ihn die ganze Nacht dortbehalten und zusammenge-
schlagen. Sie hätten ihn hinter dem Camp – er gab an, auf der anderen
Seite des Gebäudes habe es ein nicht gut einsehbares «Versteck» gege-
ben – geschlagen, er sei dort auf den Sand gerollt, sie hätten ihn zu sich
gezogen und ihn weitergeschlagen. Da er die Schläge abzuwehren ver-
sucht habe, habe er an Händen und Armen Platzwunden erlitten. Sie hät-
ten das Gewehr gegen seine Stirn gerichtet und gedroht, ihn zu erschies-
sen. Da seine Angehörigen darum gebeten hätten, habe der Offizier einge-
willigt, ihn unter Auflage einer Meldepflicht freizulassen. Auf Nachfrage ant-
wortete er, er habe vergessen, wie lange er der Unterschriftspflicht habe
nachkommen müssen, aber es sei etwa zwei oder drei Monate lang gewe-
sen. (vgl. Anhörungsprotokoll S 7 ff.).
6.4.2 Im Rahmen der Anhörung erklärte der Beschwerdeführer, im Jahr
2015 sei er von zuhause aus zum Camp mitgenommen worden. Der
diensthabende Offizier – es sei nicht derselbe wie bei der ersten Mitnahme
im Jahr 2012 gewesen – habe den Soldaten, die ihn geschlagen hätten,
gesagt, sie sollten zwei Steine nehmen, seine Ohrläppchen dazwischen
legen und dann zudrücken. Er habe vor dem Offizier knien müssen, als er
so misshandelt worden sei. Er denke, man habe ihn sechs oder sieben
Stunden lang festgehalten (vgl. Anhörungsprotokoll S. 11 f.).
6.4.3 Der Beschwerdeführer gab bei der Erstbefragung an, dass im Jahr
2015 zwei Personen zu ihm gekommen seien und ihn aufgefordert hätten,
Sandsäcke zu füllen. Es seien noch zwei andere Personen dort gewesen,
die den gleichen Auftrag erhalten hätten. Als die Soldaten wiedergekom-
men seien, hätten sie gesagt, er habe zu wenig Säcke gefüllt; sie hätten
ihn mitgenommen und aufgefordert, Säcke zu tragen. Da sie nicht zufrie-
den gewesen seien, sei er geschlagen worden. Sie hätten danach die Sä-
cke mit einem Landmaster (Traktor) abtransportiert. Um 20 Uhr sei er auf-
gefordert worden, nach Hause zu gehen (vgl. Protokoll S. 13). Während
der Anhörung sagte der Beschwerdeführer aus, er sei 2016 mitgenommen
D-5188/2020
Seite 17
und eine Nacht lang festgehalten und geschlagen worden. Er habe Säcke
mit Sand füllen müssen. Es seien noch zwei andere Leute gebracht wor-
den, welche dieselbe Arbeit hätten verrichten müssen. Die gefüllten Säcke
hätten sie auf einen Landmaster-Traktor aufladen müssen. Als der Be-
schwerdeführer darauf aufmerksam gemacht wurde, dass die Chronologie
von zwei Vorfällen unstimmig sei, antwortete er, er sei seit seiner Einreise
in die Schweiz verwirrt und bringe Sachen durcheinander (vgl. Anhörungs-
protokoll S. 12 f.).
6.4.4 Gemäss den Angaben des Beschwerdeführers bei der Erstbefragung
sei er im Jahr 2016 erneut zu Hause abgeholt worden. Man habe ihn zu
seinen Kontakten mit den Befreiungstigern befragt. Man habe ihm vorge-
worfen, er lüge. Er habe auf die Knie gehen müssen und sei geschlagen
worden. Er habe den Schlägen ausweichen können und die Hand schüt-
zend über seinen Kopf gehalten. Ein Soldat habe ihm den Gewehrlauf an
die Stirn gehalten und gesagt, er brauche Auskünfte über die LTTE. Er
habe immer wieder versichert, dass er keine Kontakte zu diesen pflege.
Nach einigen Stunden sei er aufgefordert worden, nach Hause zu gehen
(vgl. Protokoll S. 13). Bei der Anhörung gab der Beschwerdeführer an, er
sei im Januar 2017 wieder mitgenommen worden. Er sei schwer misshan-
delt und eingeschüchtert worden. Man habe verlangt, dass er Bewegungs-
mitglieder verrate. Man habe ihm das Gewehr an die Stirn gehalten und
ihm mit dem Gewehrkolben geschlagen. Dann habe man ihn gehen lassen
(vgl. Anhörungsprotokoll S. 14).
6.4.5 Der Beschwerdeführer führte bei der Erstbefragung aus, dass er
nach dieser Mitnahme zu seiner Frau und den Kindern nach D._
gegangen sei, wo er auch Probleme gehabt habe (vgl. Protokoll S. 13). Bei
der Anhörung sagte er, er sei auch in D._ zum Armeecamp bestellt
worden. Man habe ihm gesagt, er unterstütze die Bewegung und ihn ge-
fragt, weshalb er nicht nach Hause gehe (vgl. Anhörungsprotokoll S. 14).
6.5 Der Beschwerdeführer hat die Mitnahmen und die durch die Militärs
erlittenen Misshandlungen detailliert geschildert und Angaben dazu ge-
macht, die individuell geprägt sind und nicht den Eindruck erwecken, er
schildere erfundene Ereignisse. Auf Nachfrage hat er die beiden dienstha-
benden Offiziere und auch die Soldaten, die ihn abgeholt hätten, spontan
beschreiben können (vgl. Anhörungsprotokoll S. 9, S. 12). Dass die Chro-
nologie seiner Erzählungen nicht in allen Punkten übereinstimmend ist,
deutet ebenso darauf hin, dass er sich nicht auf einen auswendig gelernten
Sachverhalt abstützt, ebenso wie seine bei verschiedenen Protokollstellen
D-5188/2020
Seite 18
ersichtliche emotionale Betroffenheit. Aufgrund des Zeitablaufs – der Be-
schwerdeführer erwähnte «Kontakte» mit den Sicherheitsbehörden zwi-
schen den Jahren 2012 und 2017 – ist nachvollziehbar, dass er in den Jah-
ren 2018 und 2020, in denen die Befragungen durchgeführt wurden, nicht
mehr alle Erlebnisse chronologisch richtig einordnen konnte. Der Be-
schwerdeführer zeigte bei der Anhörung schliesslich Narben vor, die sich
mit den von ihm geschilderten Misshandlungen vereinbaren lassen (vgl.
Anhörungsprotokoll S. 10). Vor diesem Hintergrund erachtet es das Bun-
desverwaltungsgericht als glaubhaft, dass der Beschwerdeführer von den
heimatlichen Sicherheitskräften mehrmals kurzzeitig festgenommen und
misshandelt wurde. Die von ihm geäusserte Vermutung, es könnte jemand
den Sicherheitskräften gegenüber ausgesagt haben, er habe ausserhalb
seiner (...) Mitgliedern der LTTE (...) geleistet, erscheint plausibel. Ange-
sichts dessen, dass er jahrelang für das (...) arbeitete, was von den Sicher-
heitskräften ohne weiteres überprüfbar war, wird er zwar nicht ernsthaft
verdächtigt worden sein, an militanten Aktionen der LTTE beteiligt gewesen
zu sein, indessen erscheint naheliegend, dass die Vermutung bestand, er
könnte LTTE-Mitglieder kennen und Angaben zu ihnen machen. Als über-
trieben dargestellt erscheint lediglich der vom Beschwerdeführer erst im
Rahmen der Anhörung geschilderte Aufwand der Sicherheitsbehörden, die
ihn jahrelang überwacht und auf der Strasse befragt haben sollen. Hinge-
gen geht das Bundesverwaltungsgericht aufgrund des vom Beschwerde-
führer zur Entführung seiner Tochter, die im Jahr 2019 stattgefunden habe,
Gesagten (vgl. Anhörungsprotokoll S. 4, S. 21 und S. 23) davon aus, dass
die sri-lankischen Behörden sie tatsächlich einmal mitnahmen und eine
Nacht lang festhielten.
6.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer die
Begebenheiten, bei denen er von den heimatlichen Behörden festgenom-
men, befragt und misshandelt wurde, detailliert und erlebnisgeprägt schil-
derte. Den Befragungsprotokollen ist nicht zu entnehmen, dass er ver-
suchte, seine eigene Rolle bei (...) und seine persönlichen Verbindungen
zu den LTTE gewichtiger erscheinen zu lassen, als sie es waren. Seine
Darstellung der erlittenen Inhaftierungen, Befragungen und Misshandlun-
gen sind in wesentlichen Teilen detailreich und mit Realkennzeichen ver-
sehen sowie in einer Originalität ausgefallen, die es als überwiegend wahr-
scheinlich erscheinen lassen, dass er das Geschilderte tatsächlich selbst
erlebte. Insbesondere dem Anhörungsprotokoll ist zu entnehmen, dass er
während den Schilderungen seiner Erlebnisse wiederholt emotionale Be-
troffenheit (Tränen in den Augen, Weinen, sichtliche Bewegtheit, brüchige
Stimme) zeigte. Dem Anhörungsprotokoll ist auch zu entnehmen, dass er
D-5188/2020
Seite 19
seine Angaben teilweise durch Gestikulieren verdeutlichte und bei den
Aussagen zu ihn besonders betroffen machenden Ereignissen wiederholt
weinte. Die Zweifel an der Glaubhaftigkeit gewisser Aspekte seiner Vor-
bringen sind im Vergleich zu den als überwiegend glaubhaft gemachten
Aspekten nicht derart gewichtig, als dass sie in einer Gesamtbetrachtung
zur Annahme der Unglaubhaftigkeit der vom Beschwerdeführer geschilder-
ten Festnahmen, die mit teilweise massiven Misshandlungen verbunden
waren, zu führen vermögen. So kann insbesondere für den vom SEM er-
wähnten Umstand, dass die sri-lankischen Behörden den Beschwerdefüh-
rer wegen seiner vermuteten Verbindungen zu den LTTE befragten, ihn
danach drei Jahre lang unbehelligt liessen, um ihn dann zu beschuldigen,
LTTE-Mitglied zu sein, kein plausibler Grund ersichtlich ist, vor diesem Hin-
tergrund für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit nicht ausschlaggebend
sein.
7.
7.1 Begründete Furcht vor Verfolgung liegt vor, wenn konkreter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt
der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit
verwirklicht beziehungsweise werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit
ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine
bloss entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen
konkrete Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus
einem der vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung
als wahrscheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1;
2010/57 E. 2.5; 2010/44 E. 3.).
7.2 Bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft interessiert zwar in erster
Linie die im Zeitpunkt der Ausreise der asylsuchenden Person(en) beste-
hende Verfolgungssituation. Es ist jedoch dann auf die Gefährdungslage
im Moment des Asylentscheides abzustellen, wenn sich die Lage im Hei-
matstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid massgeblich zu Gunsten
oder zu Lasten der asylsuchenden Person(en) verändert hat (vgl. BVGE
2011/51 E. 6.1).
7.3 Der Beschwerdeführer konnte – wie vorstehend ausgeführt (vgl. E. 6.)
– glaubhaft machen, dass er vor seiner Ausreise aus Sri Lanka mehrmals
ins Visier der heimatlichen Sicherheitskräfte geriet, kurzzeitig festgenom-
men, inhaftiert und dabei misshandelt wurde. Nachdem die Sicherheits-
kräfte in D._ ihn einbestellt und aufgefordert hatten, nach
D-5188/2020
Seite 20
B._ zurückzukehren, ist die vom Beschwerdeführer für den Zeit-
punkt der Ausreise geäusserte subjektive Furcht vor Nachstellungen der
heimatlichen Sicherheitsbehörden beziehungsweise vor einer menschen-
rechtswidrigen Behandlung bei einer erneuten Festnahme objektiv nach-
vollziehbar. Festzuhalten ist alsdann, dass der Beschwerdeführer nicht zu-
fälligerweise in den Fokus der Behörden geraten ist, sondern deshalb, weil
er ausserhalb seiner (...). Es ist zwar nicht anzunehmen, dass die sri-lan-
kischen Sicherheitsbehörden ernsthaft den Verdacht hegten, er habe auf
Seiten der LTTE an Kampfhandlungen teilgenommen. Wahrscheinlich ist
aber, dass sie davon ausgegangen sind, er sei Träger von für sie interes-
santem Wissen über ehemalige LTTE-Mitglieder. Sollte er nach Sri Lanka
zurückkehren, ist absehbar, dass mittels durch die Behörden bei der Ein-
reise am Flughafen veranlasster Abklärungen zu seiner Person sein ehe-
maliges (...) Engagement für LTTE-Mitglieder offengelegt wird, und er mit
erheblicher Wahrscheinlichkeit damit rechnen müsste, erneut Opfer ernst-
hafter Übergriffe zu werden. Die diesbezüglich bestehende subjektive
Furcht des Beschwerdeführers ist deshalb – insbesondere auch aufgrund
der bereits in der Vergangenheit erlittenen Verfolgung (vgl. BVGE 2010/9
E. 5.2) – auch objektiv wiederum nachvollziehbar. Weil ihm aufgrund sei-
nes vergangenen Engagements zugunsten von LTTE-Mitgliedern eine ge-
wisse ideologische Nähe zu den Zielen dieser Organisation und damit auch
eine immanent regierungskritische Haltung unterstellt wird, wäre die ihm
drohende Verfolgung zumindest teilweise auch politisch und damit in asyl-
rechtlich relevanter Weise motiviert. Angesichts des Umstandes, dass der
Beschwerdeführer von Mitgliedern staatlicher Behörden festgehalten und
allenfalls misshandelt würde, ist aufgrund der tatsächlichen Gegebenhei-
ten in seinem Heimatland auch nicht davon auszugehen, er könne den
Schutz von anderen Behörden in Anspruch nehmen. Vom Vorhandensein
einer innerstaatlichen Schutzalternative ist demnach nicht auszugehen.
Demnach ist dem Beschwerdeführer auch im heutigen Zeitpunkt begrün-
dete Furcht vor künftiger flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung im Falle
der Rückkehr nach Sri Lanka zu attestieren und er folgerichtig als Flücht-
ling anzuerkennen.
7.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorbringen des Beschwerde-
führers im Sinne von Art. 7 AsylG überwiegend glaubhaft sind und der Be-
schwerdeführer die Voraussetzungen für die Anerkennung der Flüchtlings-
eigenschaft nach Art. 3 AsylG erfüllt. Aus den Akten ergeben sich keine An-
haltspunkte für eine Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53 AsylG.
D-5188/2020
Seite 21
8.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, die angefochtene Verfügung
vom 16. September 2020 aufzuheben, der Beschwerdeführer als Flücht-
ling anzuerkennen und das SEM anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren. An-
gesichts der Gutheissung des Hauptantrags wird der Eventualantrag ge-
genstandslos.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts des Ausgangs des
Verfahren in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädi-
gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen. Die mit Instruktionsverfügung vom 5. November 2020 gewährte un-
entgeltliche Rechtsverbeiständung erweist sich damit als gegenstandslos,
weil eine öffentlich-rechtliche Entschädigung eines amtlichen Rechtsbei-
standes oder einer amtlichen Rechtsbeiständin lediglich subsidiär zum Tra-
gen kommt.
9.3 Die Rechtsvertreterin weist in der Kostennote, die sie mit der Be-
schwerde einreichte, einen Aufwand von 17 Stunden à Fr. 150.– sowie
Dolmetscher-Kosten von Fr. 80.– und Barauslagen von Fr. 4.20 aus. Der
veranschlagte Zeitaufwand erscheint auch in Anbetracht der Mehrspra-
chigkeit des Dossiers als überhöht, zumal sich weite Teile der Beschwerde
wortgleich bereits in der Beschwerde vom 6. April 2020 wiederfinden (das
Bundesverwaltungsgericht geht von einem als angemessen zu erachten-
den zeitlichen Aufwand von 10 Stunden [inkl. Lektüre der vorinstanzlichen
Vernehmlassung und der Abfassung der Replik] aus); die Dolmetscherkos-
ten und die Spesen erscheinen angemessen. Die von der Vorinstanz aus-
zurichtende Parteientschädigung ist demnach auf insgesamt Fr. 1585.–
(gerundet) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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