Decision ID: e8a6fbe0-e431-4867-8e40-a4f34972f7fb
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Christian Thöny, Bahnhofstrasse 8, 7000 Chur,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
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Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 1. Juni 1991 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 5).
Sie arbeitete als Heilmasseurin. Am 28. Januar 1990 hatte sie bei einem Autounfall ein
Schleudertrauma der HWS erlitten. Als Folge davon litt sie an einem chronischen
zervikovertebralen, zervikozephalen und rechtsseitig zervikokranialen Syndrom C6 (IV-
act. 11). Ende August 1992 nahm sie eine Umschulung zur Heilpraktikerin in Angriff (IV-
act. 19). Das Arbeitsverhältnis mit dem B._ wurde am 31. Juli 1993 als Folge der
andauernd hohen Arbeitsunfähigkeit der Versicherten als Heilmasseurin aufgelöst (IV-
act. 22-3). Die Umschulung zur Naturheilpraktikerin wurde erst am 4. November 1993
rückwirkend bewilligt (IV-act. 33, 41). Prof. Dr. med. C._, Chefarzt Neurologie an der
Schulthess Klinik in Zürich, berichtete der Unfallversicherung (Winterthur
Versicherungen, heute: AXA Versicherungen AG) in einem Gutachten vom 29.
Dezember 1998 (IV-act. 80), der Verlauf seit dem Unfall sei wechselnd gewesen.
Persistiert hätten Schmerzen im Bereich der oberen HWS, zeitweise auch
Kopfschmerzen und rechtsseitige Armschmerzen. Diese nähmen unter Belastung
jeweils stark zu. Die aktuelle somatische Schmerzsymptomatik, die rechtsseitige
Brachialgie mit sensiblem Reizsyndrom C6 und das neuropsychologische Syndrom mit
Konzentrations- und Gedächtnisstörungen seien typisch für die Folgen einer indirekten
HWS-Traumatisierung, auch wenn keine neurologischen Ausfälle objektiviert werden
könnten. Die Röntgenaufnahmen liessen einen Verdacht auf eine Instabilität im
Segment C2/3 entstehen. Diese Instabilität könne durchaus die Ursache der
persistierenden Beschwerden sein. Es bestehe keine Aggravationstendenz. Am 2.
Februar 1999 gab Prof. Dr. C._ ergänzend an (IV-act. 79), die Arbeitsunfähigkeit der
Versicherten als Naturheilpraktikerin betrage 30%. Mit einer Mitteilung vom 14. Oktober
1999 (IV-act. 83) schrieb die IV-Stelle das Gesuch der Versicherten vom 19. Juni 1991
zufolge Rückzugs als gegenstandslos ab.
A.b Die Versicherte meldete sich am 7. Juli 2004 erneut zum Bezug von IV-Leistungen
an (IV-act. 1). Sie beantragte unter Verweis auf ein für die Unfallversicherung erstelltes
Gutachten die Ausrichtung einer Invalidenrente. Das Gutachten der MEDAS
Zentralschweiz vom 28. Mai 2004 (Fremdakten) stützte sich auf rheumatologische,
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neurologische, neuropsychologische und psychiatrische Abklärungen. Der
rheumatologische Sachverständige hatte in seinem Konsilium vom 11. Februar 2004
(Fremdakten) ausgeführt, ihm lägen aktuelle Röntgenaufnahmen der HWS ap./seitlich
sowie Funktionsaufnahmen im seitlichen Strahlgang in Inklination und Reklination vor.
Die Versicherte leide an einem zervikozephalen Beschwerdekomplex mit einem
latenten Schultergürtelkompressionssyndrom (thoracic outlet syndrome) und an einem
thorakovertebralen Schmerzsyndrom. Das zervikothorakovertebrale Syndrom führe zu
Muskelanspannungen und dadurch zu einer eingeschränkten Beweglichkeit, das
Schultergürtelkompressionssyndrom bei gewissen Provokationsstellungen zu
Brachialgien und Sensibilitätsstörungen in den Armen. Was die radiologischen Befunde
angehe, so denke er nicht, dass eine relevante behandlungsbedürftige ligamentäre
Instabilität vorliege. Die funktionsradiologischen Befunde passten eher zu einer
konstitutionellen Hyperlaxizität (die sich klinisch auch an den peripheren Gelenken
zeige) als zu einer eindeutigen, traumatisch induzierten ligamentären Instabilität.
Deshalb würde die Versicherte nicht von einem operativen Eingriff (Spondylodese)
profitieren. In den letzten Jahren sei auch nie eine Operationsindikation gestellt
worden. In der neuen Arbeit als Heilpraktikerin veranschlage er die Arbeitsunfähigkeit
auf 50%. Er denke nicht, dass es eine alternative Tätigkeit gebe, bei der die
Arbeitsfähigkeit wesentlich höher angesetzt werden könnte. Ungünstig seien
Haltungsmonotonien, Arbeiten mit grossem Kraftaufwand der Hände, Arbeiten mit
vornüber geneigtem Oberkörper, Heben und Tragen von Lasten über 5 kg sowie
Arbeiten oberhalb der Schulterebene. Der neurologische Sachverständige hatte am 9.
Februar 2004 berichtet, er habe ein zervikales Schmerzsyndrom ohne Fehlhaltung
festgestellt. Bei der klinischen Untersuchung seien keine sicheren Hinweise für eine
radikuläre Reiz- oder Ausfallsymptomatik nachweisbar gewesen. Die in den Akten
erwähnte Wurzelläsion C6 sei nicht nachweisbar gewesen. Das gelte auch für das
früher erwähnte Karpaltunnelsyndrom. Die intermittierenden, bei Belastung vom
Nacken her ausstrahlenden Beschwerden in den Armen seien als pseudoradikuläres
rheumatologisches Syndrom zu werten. Es fehlten auch Hinweise auf eine relevante
Myelopathie oder eine Polyneuropathie. Die Kopfschmerzen seien als idiopathisch zu
werten, wobei das zervikale Schmerzsyndrom ein wichtiger Provokationsfaktor sei. Die
Versicherte sei aus der Sicht seines Fachgebiets uneingeschränkt arbeitsfähig. Der
neuropsychologische Sachverständige hatte am 5. Februar 2004 angegeben, er habe
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keine neuropsychologischen Defizite objektivieren können. Der psychiatrische
Sachverständige hatte am 25. März 2004 festgehalten, es liege ein anhaltendes
Schmerzsyndrom mit einer somatoformen Komponente nach HWS-Distorsion vor. Die
Arbeitsfähigkeit sei eingeschränkt. Die polydisziplinäre Begutachtung ergab folgende
Diagnose: Zervikozephales und thorakovertebrales Syndrom mit latentem
Schultergürtelkompressionssyndrom (bei St. n. HWS-Distorsion und LWS-Kontusion,
radiologisch leichter Fehlstatik der HWS und diskreter Chondrose C4/5, anhaltendes
Schmerzsyndrom mit somatoformer Komponente, Spannungskopfschmerzen,
funktionelle Kopfschmerzen im Rahmen einer einfachen Migräne mit visueller Aura). Die
Versicherte wurde insgesamt als zu 50% arbeitsunfähig qualifiziert. Die IV-Stelle teilte
dem Rechtsvertreter der Versicherten am 30. Dezember 2004 mit (IV-act. 109), dass sie
den Invaliditätsgrad der Unfallversicherung übernehmen und deshalb deren Entscheid
abwarten werde. In der Folge erkundigte sich die IV-Stelle von Zeit zu Zeit nach dem
Verfahrensstand bei der Unfallversicherung. Diese nahm Abklärungen im Hinblick auf
den von der Versicherten ausgeübten Schiesssport vor, da sie sich davon offenbar
Rückschlüsse auf die Arbeitsfähigkeit erhoffte. Mit einer Verfügung vom 21. Februar
2008 (Fremdakten) wies die Unfallversicherung das Rentenbegehren der Versicherten
ab. Sie begründete diesen Entscheid sinngemäss damit, dass angesichts der Fähigkeit
der Versicherten, intensiv dem Schiesssport nachzugehen, keine Einschränkung in der
Arbeitsfähigkeit bestehen könne. Es sei davon auszugehen, dass die Ärzte der MEDAS
getäuscht worden seien. Der Rechtsvertreter der Versicherten teilte der IV-Stelle am 8.
Januar 2009 mit (IV-act. 126), dass er den Entscheid des Unfallversicherers
angefochten habe. Inzwischen sei eine Verschlechterung des Gesundheitszustands
eingetreten. Die Leistungseinbusse betrage 70-80%. Am 23. November 2009 wies der
Unfallversicherer die Einsprache der Versicherten ab (Fremdakten).
A.c Dr. med. D._ vom RAD empfahl am 21. Dezember 2009 eine
Vergleichsbegutachtung (IV-act. 129-2). Die IV-Stelle beauftragte die MEDAS
Zentralschweiz mit einer solchen Begutachtung (IV-act. 133). Am 28. Januar 2010
erfolgte eine Abklärung an Ort und Stelle in der Wohnung der Versicherten. Der
entsprechende Bericht vom 30. April 2010 (IV-act. 160) enthielt folgenden Passus:
"Gemäss Angaben von A._ wäre ihr Wunschziel 5 Kunden pro Tag, dies würde einer
Tätigkeit von ca. 5 Stunden entsprechen, was wiederum einem Beschäftigungsgrad
von ca. 60% gleichkommen würde. Die restlichen 40% würden für Haushalt/Freizeit
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verwendet. Dieses Wunschprogramm sei ihr jedoch in ihrem heutigen
Gesundheitszustand nicht möglich zu erfüllen. Allerhöchstens 2 Patienten pro Tag, dies
je nach gesundheitlichem Befinden" (IV-act. 160-4). Die Abklärungsperson gab weiter
an, die Erwerbsfähigkeit könne weder durch eine Anpassung des Betriebs noch durch
die Anschaffung von Hilfsmitteln wesentlich verbessert werden. Bevor ein Wechsel in
ein Angestelltenverhältnis diskutiert werden könne, müsse Klarheit über die medizinisch
zumutbare Arbeitsfähigkeit bestehen. Abschliessend äusserte die Abklärungsperson
die Vermutung, dass die Arbeitsfähigkeit der Versicherten in einer adaptierten Tätigkeit
wesentlich höher wäre. Der Rechtsvertreter der Versicherten hatte sich am 28. Januar
2010 (IV-act. 150) gegen das von der Abklärungsperson gezeigte Verhalten
(Verachtung, Misstrauen, ständige Provokationen) verwahrt.
A.d Im Gutachten der MEDAS Zentralschweiz vom 21. Juni 2010 (IV-act. 161) wurde
ausgeführt, bei der ersten Begutachtung im Jahr 2004 habe die Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit schwergewichtig auf der Beurteilung des Rheumatologen basiert.
Dieser habe damals eine Restarbeitsfähigkeit von 50% angegeben. Der Neurologe und
die Neuropsychologin hätten 2004 keine Arbeitsunfähigkeit attestiert. Der Psychiater
habe damals ein anhaltendes Schmerzsyndrom mit somatoformer Komponente
angegeben, die Einschränkung aber nicht quantifiziert. Bei der aktuellen Untersuchung
habe die Versicherte angegeben, sie habe nie eine Leistung von 50% erreicht; die
Leistung habe maximal 25% betragen. Sie brauche nämlich eine, wenn nicht zwei
Stunden Pause zwischen den Patienten. Diese Angaben hätten in einem krassen
Gegensatz zum Alltagsverhalten der Versicherten gestanden. Diese habe berichtet,
dass sie oft durch "Blockaden" arbeitsunfähig sei, aber bei der Untersuchung sei sie in
Holzschuhen und mit Rucksack sowie mit einem auffällig sthenischen Gehabe
erschienen. Sie habe mitgeteilt, dass sie Bergwanderungen mache und dass sie mit
dem Hund möglichst zügig spaziere. Obwohl sie gemäss ihren Angaben die Arme und
Hände oft kaum einsetzen könne, sei sie andererseits in der Lage, Woche für Woche an
Schiesswettbewerben teilzunehmen. Sie habe eine Menge von Aussagen gemacht, die
nahe am nicht mehr Erfüllbaren/Paranormalen erschienen seien. Hier hätten sich
Elemente einer schweren Persönlichkeitsstörung gezeigt, die der Psychiater denn auch
bestätigt habe. Der Rheumatologe hatte in seinem Konsilium vom 25. April 2010 (IV-
act. 161-32 ff.) ausgeführt, schon bei der ersten Abklärung im Jahr 2004 habe er
festgehalten, dass es keine sicheren Hinweise für eine relevante Instabilität der HWS
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gebe, dass die funktionsradiologischen Befunde gut zu einer konstitutionellen
Hyperlaxizität passten und dass keine Indikation für eine operative Spondylodese
bestehe. Inzwischen sei am 29. Dezember 2008 ein Karpaltunnelsyndrom rechts
operiert worden. Wenn er die damaligen Befunde mit der aktuellen Untersuchung
vergleiche, so seien die myofaszialen Befunde nun deutlich weniger ausgeprägt. Es
finde sich ein mehrheitlich myotendinotisches Zervikalsyndrom mit einem latenten
thoracic outlet syndrome rechts. Die ausgesprochen geringe berufliche Belastbarkeit
könne mit den objektivierbaren Befunden am Bewegungsapparat nur zu einem kleinen
Teil erklärt werden. Auf der Ebene struktureller Befunde seien radiologisch nur
leichtgradige, dem Alter der Versicherten entsprechende degenerative Veränderungen
festgestellt worden. Die von der Versicherten angegebenen rezidivierend im thorakalen
und lumbalen Bereich auftretenden "Blockaden" entsprächen vermutlich segmentalen
Dysfunktionen. Aktuell könne streng auf objektivierbare strukturelle Veränderungen
beschränkt keine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Relevante strukturelle
Läsionen hätten schon im Jahr 2004 nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit belegt
werden können. Die Rechtsprechung habe die Anforderungen an den Beweis
inzwischen verschärft. Die Neurologin berichtete in ihrem Teilgutachten vom 10. Mai
2010 (IV-act. 161-45 ff.), im Vergleich zu früheren neurologischen Beurteilungen
könnten keine eindeutige zervikoradikuläre sensible Symptomatik und kein eindeutiges
zervikobrachiales Syndrom nachgewiesen werden. Aus neurologischer Sicht bestehe
keine Arbeitsunfähigkeit. Der psychiatrische Sachverständige hielt in seinem
Teilgutachten vom 26. April 2010 fest (IV-act. 161-52 ff.), eine Aggravation oder eine
Simulation könnten ausgeschlossen werden. Die Kriterien einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung seien nicht erfüllt, es könne nämlich kein anhaltender
quälender Schmerz objektiviert werden. Das Schmerzsyndrom sei auch nicht durch
eine major depression oder eine floride posttraumatische Belastungsstörung zu
erklären. Das gelte auch für eine zönästhetische Schizophrenie, obwohl sich einige
typische Merkmale wie Leistungsknick, Belastungsinsuffizienz, zunehmend deutlicher
werdende affektive Wandlung, Persönlichkeitsänderung, psychästhetische
Minussymptomatik, Veränderung im emotionalen Wesen, in der Beziehungsfähigkeit
und im Kontaktverhalten nachweisen liessen. Klinisch fänden sich bei der Versicherten
dissoziative Zeichen wie parathyme Affektlage, mechanistische und monotone Stimme,
ausgeprägte Parfümierung. Differentialdiagnostisch sei deshalb eine dissoziative
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Störung in Betracht zu ziehen. Die Versicherte sei auf der Verhaltensebene teilweise
dissoziiert. Das gelte auch für die affektive Ebene. Auch kinästhetisch scheine die
Versicherte dissoziiert zu sein, d.h. die Körperwahrnehmung sei gestört. Es müsse
davon ausgegangen werden, dass in den letzten Jahren eine Persönlichkeitsänderung
eingesetzt habe. Diese könne phänomenologisch mit einer dissoziativen Störung
umschrieben werden. Die Persönlichkeitsänderung sei chronifiziert. Sie habe
Krankheitswert. Die Angaben der Versicherten seien glaubwürdig (ungenügende
Aufmerksamkeit für administrative Arbeiten, erhöhte Ermüd- und Erschöpfbarkeit). Die
Versicherte sei in ihrer Beziehungs- und Bezugsfähigkeit der Umwelt gegenüber
eingeschränkt, was Auswirkungen auf ihre Tätigkeit haben dürfte. Auch die Angaben
zur teilweise grotesken Durchstrukturierung des Tagesablaufs seien glaubhaft. Mit der
jetzigen Tätigkeit sei die Versicherte bis an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit
gefordert. Die Arbeitsunfähigkeit betrage 50%, da die Versicherte auf Erholungspausen
angewiesen sei, um den emotionalen Distress zu reduzieren. Durch medizinische
Massnahmen könne dieser Zustand nicht verbessert werden. Die polydisziplinäre
Beurteilung ergab als einzige arbeitsfähigkeitsrelevante Diagnose diejenige einer
Persönlichkeitsänderung (ICD-10 F62.9) mit dissoziativen Persönlichkeitsanteilen
(ICD-10 F44.8). Die Arbeitsunfähigkeit wurde interdisziplinär auf 50% geschätzt. Dr.
med. E._ und Dr. med. D._ vom RAD betrachteten dieses Verlaufsgutachten der
MEDAS Zentralschweiz als umfassend, konsistent und in sich widerspruchsfrei (IV-act.
162-2).
A.e Mit einem Vorbescheid vom 5. Juli 2010 kündigte die IV-Stelle der Versicherten
die Abweisung des Rentengesuchs an (IV-act. 165). Sie begründete den vorgesehenen
Entscheid damit, dass die Versicherte ihre Arbeit noch zu 40%, die administrativen
Tätigkeiten noch zu 10% und die Reinigungsarbeiten/Wäsche noch zu 10% ausüben
könne. Das ergebe das Wunschprogramm von 60%, so dass im Erwerb keine
Einschränkung bestehe. Im Haushalt bestehe ebenfalls keine relevante Einschränkung.
Somit liege keine Invalidität vor. Die Versicherte liess am 19. Juli 2010 einwenden (IV-
act. 166), es stehe ein Rentenanspruch ab Juli 2003 zur Diskussion. Das Gutachten von
2004 und dasjenige von 2010 gingen von einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 50% aus.
Der Einkommensvergleich hätte als erwerblich gewichteter Einkommensvergleich
erfolgen müssen. Anhand der Erfolgsrechnungen würde ein deutlich über 50%
liegender Invaliditätsgrad resultieren. Die Anwendung der gemischten Methode der
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Invaliditätsbemessung beruhe auf einer falschen bzw. missverständlichen
Protokollierung im Bericht über die Abklärung an Ort und Stelle. Die Abklärungsperson
habe protokolliert, was die Versicherte unter Beeinträchtigung ihrer gesundheitlichen
Entwicklung noch als maximal erreichbares Wunschziel betrachtet habe, und nicht das
Wunschziel einer vollständig Gesunden. Die IV-Stelle wies das Rentengesuch mit einer
Verfügung vom 16. September 2010 ab (IV-act. 167).
B.
B.a Die Versicherte liess am 6. Oktober 2010 Beschwerde erheben (act. G 1) und die
Zusprache einer halben Invalidenrente aufgrund eines Invaliditätsgrads von mindestens
50% rückwirkend ab Juli 2003 beantragen. Ihr Rechtsvertreter führte zur Begründung
aus, die Parteien seien sich darin einig, dass eine Arbeitsunfähigkeit von 50% bestehe.
Streitig sei lediglich die Anwendbarkeit der gemischten Methode der Invaliditätsbe
messung. Bis zum Unfall habe die wöchentliche Arbeitszeit 42 Std. betragen. Nach
dem Unfall sei ausschliesslich aus gesundheitlichen Gründen eine Reduktion auf 50%
erfolgt. Es habe damals keinen Hinweis darauf gegeben, dass die Beschwerdeführerin
ihre Arbeitstätigkeit reduziert hätte, wenn sie gesund geblieben wäre. Das gelte auch
heute noch. Die Abklärung an Ort und Stelle sei keine Haushaltsabklärung gewesen,
sondern es seien die Verhältnisse als Selbständigerwerbende untersucht worden. Es
sei nicht die Rede davon gewesen, wieviel die Beschwerdeführerin als Gesunde
arbeiten würde. Die Beschwerdeführerin habe der Abklärungsperson ihr Ziel
angegeben, trotz der Unfallfolgen im Durchschnitt fünf Kunden täglich zu haben.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 6. Dezember 2010 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Sie machte geltend, selbst wenn nicht die gemischte Methode
der Invaliditätsbemessung zur Anwendung gelange, bestehe kein Rentenanspruch. Das
erste MEDAS-Gutachten vermöge nämlich nicht zu überzeugen. Aufgrund der
damaligen somatischen Befundlage sei die Arbeitsfähigkeitsschätzung (50%) gar nicht
nachvollziehbar. Die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin könne damals höchstens
in qualitativer Hinsicht eingeschränkt gewesen sein. Es könne auf die Ausführungen in
der UV-Verfügung und im UV-Einspracheentscheid verwiesen werden. Die MEDAS
selbst habe ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung aus dem ersten Gutachten im zweiten
Gutachten korrigiert. Sie habe nämlich eingeräumt, dass bei der ersten
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Arbeitsfähigkeitsschätzung auf die subjektive Sichtweise der Beschwerdeführerin
abgestellt worden sei. In bezug auf die körperlichen Einschränkungen sei die
Beschwerdeführerin bei objektiver Betrachtung durchgehend zu 100% arbeitsfähig
gewesen. Auch die im ersten Gutachten gestellte psychiatrische Diagnose habe keine
Arbeitsunfähigkeit zu begründen vermocht, da eine zumutbare Willensanstrengung
möglich gewesen wäre. Die im zweiten Gutachten gestellte psychiatrische Diagnose
einer Persönlichkeitsänderung sei falsch, da unbestrittenermassen weder eine
Hirnschädigung noch eine schwere psychische Erkrankung vorliege. Dabei handle es
sich um (alternative) zwingende Voraussetzungen einer solchen Diagnose. Das zweite
Gutachten sei auch falsch, weil es eine Aggravation verneine. Die Beschwerdeführerin
habe nämlich aggraviert, wie sich dem UV-Einspracheentscheid entnehmen lasse. Eine
Persönlichkeitsänderung sei nicht per se invalidisierend. Es bedürfe einer Komorbidität.
Eine solche fehle aber, da die dissoziativen Zeichen nicht einer Komorbidität
gleichgesetzt werden könnten. Auch bei einer Persönlichkeitsänderung sei von einer
zumutbaren Willensanstrengung auszugehen. Die Beschwerdeführerin sei somit zu
100% arbeitsfähig.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 9. Februar 2011 einwenden (act. G 8), die
Beschwerdegegnerin und die Gutachter hätten ihre somatischen Beschwerden
bagatellisiert. Am 15. Dezember 2010 seien eine Diskektomie mit Cap-Einlage C4/5/6
und eine ventrale Plattenosteosynthese C4 bis C6 vorgenommen worden. Der
operierende Neurochirurge Dr. med. Ch. Bärlocher habe am 25. Januar 2011
angegeben, die Beschwerdeführerin habe an klaren physischen Beschwerden in der
Form eines zervikospondylogenen Schmerzsyndroms bei segmentaler Instabilität HWS
4/5 und 5/6 mit therapieresistentem Facettengelenksyndrom gelitten. Die
Nackenschmerzen seien seither fast vollständig verschwunden und die
Beschwerdeführerin dürfte aus somatischer Sicht ab dem 1. März 2011 wieder zu
100% arbeitsfähig sein. Im Operationsbericht sei Bezug genommen worden auf die seit
dem Unfall von 1990 bestehenden Nacken-, Schulter- und Armschmerzen, als deren
Ursache die Streckfehlhaltung mit beginnender Osteochondrose C4/5/6 mit diskreter
Anterolisthesis C4/5 erkannt worden sei. Aus den damaligen echtzeitlichen
medizinischen Akten hätten sich zahlreiche Hinweise auf eine posttraumatische
Instabilität ergeben. Entgegen der Auffassung der MEDAS habe der Unfall also doch
somatische Beschwerden in der Form einer Instabilität der HWS verursacht. Im zweiten
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MEDAS-Gutachten sei ausführlich begründet worden, weshalb eine Aggravation
auszuschliessen gewesen sei. Es sei schwer nachvollziehbar, weshalb die
Beschwerdegegnerin doch eine Aggravation unterstelle. Aufgrund der somatischen
Befunde könne nicht von einer somatoformen Schmerzstörung ausgegangen werden,
womit die von der Beschwerdegegnerin angeführte höchstrichterliche Rechtsprechung
nicht von Belang sei. Allenfalls müsste eine psychische Komorbidität bejaht werden.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 15. Februar 2011 auf eine Duplik (act. G
10).
B.e Mit einem Urteil vom 12. Juli 2011 (UV 2010/1) verneinte das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen die adäquate Kausalität zwischen dem von der Beschwerde
führerin erlittenen Unfall und den geklagten Beschwerden. Einzig in Bezug auf das im
Dezember 2008 operierte Karpaltunnelsyndrom wies es die Sache zur Prüfung einer
allfälligen adäquaten Kausalität an die Unfallversicherung zurück.

Erwägungen:
1.
Die Beschwerdeführerin ist seit dem 28. Januar 1990 in ihrem angestammten Beruf
arbeitsunfähig. Die Anmeldung zum Leistungsbezug ist am 7. Juli 2004 erfolgt. Es steht
also ein Versicherungsfall zur Diskussion, der vor dem 1. Januar 2008, dem Inkraft
tretenszeitpunkt der neuen, nachteiligen Regelung des Rentenbeginns in der 5. IV-
Revision, entstanden ist. Die Anmeldung zum Leistungsbezug ist ebenfalls vor dem
1. Januar 2008 erfolgt. Für solche "alten" Fälle sieht die Übergangslösung zur 5. IV-
Revision (vgl. das IV-Rundschreiben Nr. 253 des Bundesamtes für
Sozialversicherungen) die Weiteranwendbarkeit des "alten", an sich aufgehobenen
Rechts vor. Gemäss aArt. 29 Abs. 1 lit. b IVG entsteht der Rentenanspruch mit der
Erfüllung des sogenannten Wartejahrs, d.h. in dem Zeitpunkt, in dem die versicherte
Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch mindestens zu 40%
arbeitsunfähig gewesen ist. Grundsätzlich stünde also ein Rentenanspruch ab Januar
1991 zur Diskussion. Die Beschwerdeführerin hat sich aber erst im Juli 2004 zum
Rentenbezug angemeldet. Gemäss aArt. 48 Abs. 2 IVG besteht in einem solchen Fall
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für die zwölf der Anmeldung vorangehenden Monate ein Nachzahlungsanspruch, falls
die versicherte Person im massgebenden Zeitraum tatsächlich bereits zu 40% oder
mehr invalid gewesen ist. Zu prüfen ist also, wie die Beschwerdeführerin zu Recht
geltend gemacht hat, ein Rentenanspruch ab 1. Juli 2003.
2.
2.1 Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Bei nichterwerbstätigen Versicherten
im Sinn von Art. 5 Abs. 1 IVG – so namentlich bei im Haushalt tätigen Personen – wird
hingegen für die Bemessung der Invalidität darauf abgestellt, in welchem Mass eine
Behinderung besteht, sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen (Art. 28a Abs. 2
IVG). Als Aufgabenbereich der im Haushalt tätigen versicherten Personen gilt unter
anderem die übliche Tätigkeit im Haushalt sowie die Erziehung der Kinder (Art. 27 IVV).
Bei einer versicherten Person, die nur zum Teil erwerbstätig wäre, wird die Invalidität
diesbezüglich nach Art. 16 ATSG festgelegt. Wäre die versicherte Person daneben in
einem Aufgabenbereich tätig, so wird die Invalidität für diese Tätigkeit nach Art. 28a
Abs. 2 IVG festgelegt. In diesem Fall sind die Anteile der Erwerbstätigkeit und der
Tätigkeit im anderen Aufgabenbereich festzustellen und der Invaliditätsgrad ist
entsprechend der Behinderung in beiden Bereichen zu bemessen (Art. 28a Abs. 3 IVG).
Diese Art der Invaliditätsbemessung wird praxisgemäss als gemischte Methode
bezeichnet. Gemäss Art. 27 IVV ist nur der Einkommensvergleich anzustellen, wenn
anzunehmen ist, dass die versicherte Person im Zeitpunkt der Prüfung des
Rentenanspruchs ohne den Gesundheitsschaden ganztägig erwerbstätig wäre. In
ständiger Rechtsprechung prüft das Bundesgericht die Frage, ob und gegebenenfalls
in welchem Ausmass eine versicherte Person auch ohne den Gesundheitsschaden im
Aufgabenbereich tätig wäre, anhand der hypothetischen Verhaltensweise der
versicherten Person. Nach Ansicht des Bundesgerichts ist dazu abzuklären, ob die
versicherte Person ohne den Gesundheitsschaden mit Rücksicht auf die gesamten
Umstände (persönlicher, familiärer, sozialer und erwerblicher Art) erwerbstätig oder im
Aufgabenbereich tätig wäre. Dabei sollen die finanzielle Notwendigkeit der Aufnahme
oder der Ausdehnung einer Erwerbstätigkeit, allfällige Erziehungs- und
Betreuungsaufgaben, das Alter der versicherten Person, deren berufliche Fähigkeiten,
Neigungen und Begabungen massgebend sein. Abzustellen sei auf die hypothetischen
bis
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Verhältnisse in tatsächlicher Hinsicht, wie sie sich bis zum massgebenden Zeitpunkt
entwickelt haben würden (vgl. etwa BGE 125 V 150). Die Beschwerdegegnerin stützt
sich für ihre Annahme, die Beschwerdeführerin habe angegeben, sie ginge als
Gesunde nur zu 60% einer Erwerbstätigkeit nach, auf einen unklaren Passus im Bericht
über die Abklärung an Ort und Stelle. Dieser Passus lässt sich zwar so interpretieren,
wie die Beschwerdegegnerin annimmt. Sollte die Beschwerdeführerin allerdings die
Fragestellung nicht richtig verstanden und sich deshalb nicht in die fiktive Situation als
Gesunde, sondern - wie sie später behauptet hat - nur in die Situation bei
bestmöglicher Beherrschung der Krankheit versetzt haben, so bezieht sich die Angabe
von täglich fünf Patienten tatsächlich nicht auf den "Gesundheitsfall". Die Aufforderung,
sich in eine fiktive Situation ohne Gesundheitsbeeinträchtigung zu versetzen und sich
dann vorzustellen, in welchem Umfang man einer Erwerbstätigkeit nachginge, ist nicht
leicht nachvollziehbar und setzt im übrigen ein beträchtliches Abstraktionsvermögen
voraus, insbesondere wenn eine versicherte Person schon lange krank ist. Eine
verlässliche Antwort setzt also nicht nur eine klare Fragestellung, sondern auch eine
sorgfältige Erklärung des Zwecks dieser Fragestellung voraus. Da die
Abklärungsperson es in Missachtung ihrer Protokollierungspflicht unterlassen hat, ihre
Fragestellung und allfällige Erklärungen im Abklärungsbericht festzuhalten, lässt sich
der wahre Sinn des relevanten Passus nicht ermitteln. Von einer Wiederholung der
Befragung ist in antizipierender Beweiswürdigung keine überzeugende Klärung der
Sachlage zu erwarten, da sich die Beschwerdeführerin inzwischen der grossen
Tragweite ihrer Antwort bewusst ist. Damit bleibt nur die Möglichkeit, die Frage nach
dem Erwerbsgrad im fiktiven "Gesundheitsfall" anhand von Indizien zu beantworten.
Für die von der Beschwerdegegnerin behauptete Beschränkung auf einen
Beschäftigungsgrad von 60% spricht nur der Umfang der sportlichen Betätigung. Da
die Beschwerdeführerin einen Einpersonenhaushalt zu versorgen hat, wäre sie auch bei
einem Beschäftigungsgrad von 100% in der Lage, sehr viel Zeit in ihre sportlichen
Aktivitäten zu investieren. Damit lässt sich eine Beschränkung des hypothetischen
Beschäftigungsgrads bei fiktiver voller Gesundheit auf 60% also nicht plausibel
begründen. Dem steht gegenüber, dass die Beschwerdeführerin auf das Einkommen
aus einer vollzeitlichen Beschäftigung angewiesen wäre, da ihre Stundeansätze eher
tief sind (bzw. konkurrenzbedingt wohl sein müssen). Ein Beschäftigungsgrad von
100% ist deshalb plausibler als ein solcher von 60%. Das bedeutet, dass die
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Invaliditätsbemessung nicht nach der sogenannten gemischten Methode, sondern
mittels eines reinen Einkommensvergleichs zu erfolgen hat.
2.2 Gemäss Art. 16 ATSG ist zur Bemessung des Invaliditätsgrads das Einkommen,
das die versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung
der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine
ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum Erwerbseinkommen, das sie
erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Ein
allfälliger Rentenanspruch kann bereits ab Juli 2003 bestanden haben. Der
Einkommensvergleich hat deshalb anhand der Verhältnisse im Jahr 2003 zu erfolgen.
Anschliessend ist - analog der regelmässigen revisionsweisen Überprüfung einer seit
2003 laufenden Invalidenrente - zu prüfen, ob sich der Invaliditätsgrad bis 2010
verändert hat. Die Beschwerdeführerin war medizinische Masseurin/Bademeisterin im
B._. Erst aufgrund der durch den Verkehrsunfall bewirkten dauernden, erheblichen
Arbeitsunfähigkeit in diesem Beruf erfolgte eine Umschulung zur Naturheilpraktikerin.
Diese Umschulung hat nur die Qualität der Invalidenkarriere (Naturheilpraktikerin statt
medizinische Masseurin/Badmeisterin) verändert, da sie ausschliesslich dazu bestimmt
gewesen ist, den behinderungsbedingten Verlust an Erwerbsfähigkeit im
angestammten Beruf soweit als möglich zu überwinden. Die Validenkarriere besteht
deshalb in der Tätigkeit als medizinische Masseurin/Bademeisterin, denn es gibt keinen
überzeugenden Hinweis darauf, dass sich die Beschwerdeführerin auch ohne den
Gesundheitsschaden auf eigene Kosten zur Naturheilpraktikerin hätte ausbilden lassen.
Das Valideneinkommen entspricht deshalb dem Lohn, den die Beschwerdeführerin in
den Jahren 2003 bis 2010 als medizinische Masseurin/Bademeisterin erzielt hätte. Das
schliesst den vom Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin vorgeschlagenen erwerblich
gewichteten Betätigungsvergleich aus, denn damit würde die Umschulung zur
Naturheilpraktikerin als IV-spezifische Schadenminderungsmassnahme ("Eingliederung
vor Rente", vgl. U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A., Vorbemerkungen N. 47)
unzulässigerweise ausgeblendet. Der Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin kann nur
durch einen Einkommensvergleich ermittelt werden, bei dem das Valideneinkommen
dem Lohn als medizinische Masseurin/Bademeisterin und das zumutbare
Invalideneinkommen dem Reinertrag aus der selbständigen Tätigkeit als
Naturheilpraktikerin entspricht. Soweit die Abklärung an Ort und Stelle dazu gedient
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hat, die erwerbliche Einbusse im neuen Beruf als Naturheilpraktikerin zu ermitteln, ist
ihr Ergebnis also irrelevant.
2.3
2.3.1 Das ausschlaggebende Element der Bemessung des zumutbaren
Invalideneinkommens - und damit indirekt des Invaliditätsgrads - ist in aller Regel der
Grad der verbliebenen Arbeitsfähigkeit in der Invalidenkarriere. Zu ermitteln ist somit
der Arbeitsfähigkeitsgrad der Beschwerdeführerin in den Jahren 2003 bis 2010. Dazu
liegen zwei Gutachten der MEDAS Zentralschweiz von 2004 und von 2010 vor. In
beiden Gutachten ist der Beschwerdeführerin eine Arbeitsunfähigkeit als
Naturheilpraktikerin von 50%
attestiert worden. Im ersten Gutachten ist dieser Arbeitsunfähigkeitsgrad hauptsächlich
mit einer Gesundheitsbeeinträchtigung rheumatologischer Natur begründet worden.
Der psychiatrische Sachverständige hat zwar damals aus der Sicht seines Fachgebiets
ebenfalls eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit angenommen, aber er hat diese nicht
quantifiziert. Im zweiten Gutachten hat dann der psychiatrische Sachverständige den
massgebenden Arbeitsunfähigkeitsgrad bestimmt. In seinem Konsilium vom 11.
Februar 2004 hat der rheumatologische Sachverständige der MEDAS Zentralschweiz
die Diagnose eines zervikozephalen und eines thorakovertebralen Syndroms mit
latentem thoracic outlet syndrome rechtsbetont (St. n. HWS-Distorsion, radiologisch
leichte Fehlstatik der HWS und diskrete Chondrose C4/5) gestellt. Er hat sich dabei u.a.
auf von ihm selbst veranlasste und damit aktuelle Röntgenbefunde (inklusive
Funktionsaufnahmen) der HWS und der BWS abgestützt. Das Ergebnis der klinischen
und bildgebenden Untersuchung hat seiner Auffassung nach die Muskelanspannungen
und die dadurch eingeschränkte Beweglichkeit und die Brachialgien und
Sensibilitätsstörungen in den Armen erklärt. Er hat die Arbeitsfähigkeit auf 50%
geschätzt, ohne aber darzulegen, wie und in welchem Umfang diese Beschwerden die
Beschwerdeführerin daran hinderten, der Tätigkeit als Naturheilpraktikerin zu mehr als
50% nachzugehen. Er hat aber immerhin angegeben, welche Arten von körperlichen
Tätigkeiten ungünstig seien. Ob er angenommen hat, die Beschwerdeführerin könne
nur noch jene Teilbereiche der Tätigkeit einer Naturheilpraktikerin abdecken, die nicht
behinderungsbedingt ungünstig seien, so dass nur ein Anteil von 50% an "günstigen"
Tätigkeiten verbleibe, oder ob er davon ausgegangen ist, dass die Beschwerdeführerin
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diese ungünstigen Arbeiten zwar weiterhin ausführen könne, dabei aber viel mehr Zeit
benötige oder mehr Pausen machen müsse, so dass die Gesamtleistung nur 50%
ausmache, hat der rheumatologische Sachverständige nicht erklärt. Er hat sich auch
nicht mit der weit pessimistischeren Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin und
mit deren Erklärung für eine (subjektiv) höhere Arbeitsunfähigkeit auseinandergesetzt.
Die Arbeitsfähigkeitsschätzung erweckt den Eindruck, sie beruhe auf einer subjektiven
Ermessenseinschätzung, die weniger den objektiv nachweisbaren Einschränkungen
und mehr dem subjektiven Gesamteindruck und dem damaligen Stand der
medizinischen Kenntnisse über die Folgen einer HWS-Distorsion Rechnung trage.
Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die vom selben Sachverständigen
durchgeführte rheumatologische Abklärung im Jahr 2010. Auch diese
Verlaufsbegutachtung hat auf aktuellen Röntgenaufnahmen der HWS und der LWS
sowie auf einer eingehenden klinischen Untersuchung beruht. Die Schlussfolgerung
des Sachverständigen aus diesen Abklärungen war, die myofaszialen Befunde seien
deutlich weniger ausgeprägt als im Jahr 2004. Die weiteren Ausführungen des
Sachverständigen haben sich hauptsächlich mit der Frage befasst, ob die geklagten
Kopfschmerzen ihre Ursachen im Zervikalsyndrom hätten. Aus rheumatologischer Sicht
ist die Beschwerdeführerin als in einer adaptierten Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig
bezeichnet worden. Begründet worden ist dies nicht nur mit einer Verbesserung des
Gesundheitszustands, sondern auch damit, dass die erste Einschätzung von 2004
durch die damals vorliegenden medizinischen Vorberichte geprägt gewesen sei. Diese
hätten zwar nie relevante strukturelle Läsionen belegen können, aber trotzdem sei
jeweils eine Arbeitsunfähigkeit attestiert worden. Das sei damals "State of the Art"
gewesen bzw. habe dem Zeitgeist entsprochen. Das dürfte so zu verstehen sein, dass
der rheumatologische Sachverständige hat einräumen wollen, im Jahr 2004 eine
Arbeitsunfähigkeit attestiert zu haben, obwohl er keine relevante strukturelle Läsion
habe belegen können. Auch wenn zwischen 2004 und 2010 eine Verbesserung des
Gesundheitszustands eingetreten sein sollte, wecken diese Ausführungen doch den
Verdacht, dass die Verringerung der Arbeitsunfähigkeit (0% statt 50%) weniger auf
diese Veränderung und mehr auf eine abweichende Ermessensausübung
zurückzuführen sei. Bei der Abklärung im Jahr 2004 hat der rheumatologische
Sachverständige ausdrücklich das Vorliegen einer behandlungsbedürftigen,
traumatisch induzierten Instabilität im Bereich der HWS verneint und festgehalten, dass
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die Beschwerdeführerin von einem operativen Eingriff (Spondylodese) wohl nicht
profitieren würde. Im rheumatologischen Teilgutachten von 2010 hat er die Möglichkeit
einer Operation dann nicht einmal mehr erwähnt. Gemäss dem mit der Replik
eingereichten Bericht von Dr. Bärlocher hat die Beschwerdeführerin unter klaren
physischen Beschwerden im Sinn eines zervikospondylogenen Schmerzsyndroms bei
segmentaler Instabilität HWK 4/5 und HWK 5/6 mit therapieresistentem
Facettengelenksyndrom gelitten. Seit einer Operation (Diskektomie, Stabilisation C 4-6)
vom 15. Dezember 2010 sind die Nackenschmerzen vollständig verschwunden. Wäre
die Auffassung des rheumatologischen Sachverständigen der MEDAS richtig gewesen,
dass die von der Beschwerdeführerin geklagten Beschwerden für die Arbeitsfähigkeit
nicht relevant seien, so wäre wohl keine Operationsindikation gestellt worden. Der
rheumatologische Sachverständige hat sich also möglicherweise nicht nur in Bezug auf
die Schwere der Beschwerden, sondern auch in Bezug auf die Diagnose im Irrtum
befunden. Damit erweisen sich die beiden MEDAS-Gutachten von 2004 und 2010
zumindest im rheumatologischen Bereich als ungeeignet, die jeweils angegebene
Arbeitsunfähigkeit mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen. Diesbezüglich beruht die angefochtene Verfügung also
auf einem in Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes unzureichend abgeklärten
Sachverhalt.
2.3.2 Der psychiatrische Sachverständige der MEDAS Zentralschweiz hat in
seinem Teilgutachten vom 25. März 2004 ein anhaltendes Schmerzsyndrom mit einer
somatoformen Komponente (Schmerzausweitung) diagnostiziert. Er hat ausserdem
bereits damals darauf hingewiesen, dass die Unfallfolgen eine unheilvolle Veränderung
der Persönlichkeit der Beschwerdeführerin in Gang gesetzt hätten. Die Diagnose einer
Schmerzausweitung kann auf einem Irrtum beruhen, denn das Ergebnis der damaligen
rheumatologischen Abklärung ist möglicherweise unzutreffend gewesen. Typisch für
die Schmerzausweitung ist die grosse Abweichung zwischen den objektiv zu
rechtfertigenden und den subjektiv empfundenen Schmerzen. Sollte sich aufgrund
einer nachzuholenden rheumatologischen Abklärung rückwirkend ab 2003 ergeben,
dass die damaligen Schmerzangaben objektiv gerechtfertigt gewesen sind, so besteht
also die Möglichkeit, dass auch aus psychiatrischer Sicht eine Neubeurteilung
rückwirkend ab 2003 erfolgen muss, weil nicht mehr oder wenigstens nicht im selben
Ausmass von einer Schmerzausweitung gesprochen werden kann. Die zweite
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Feststellung des psychiatrischen Sachverständigen im Teilgutachten von 2004, nämlich
die Veränderung im Wesen der Beschwerdeführerin, ist davon wohl nicht tangiert, denn
objektiv gerechtfertigte Schmerzen können ebensogut eine solche Veränderung
bewirken wie im Rahmen einer somatoformen Ausweitung subjektiv empfundene
Schmerzen. Ist die im Jahr 2004 gestellte psychiatrische Diagnose nicht überwiegend
wahrscheinlich richtig, so gilt das notwendigerweise auch für die sich auf diese
Diagnose stützende Arbeitsfähigkeitsschätzung. Inwieweit sich auch die im
psychiatrischen Teilgutachten aus dem Jahr 2010 diagnostizierte
Persönlichkeitsänderung/dissoziative Störung auf die Annahme stützt, die geklagten
Schmerzen seien weitgehend auf eine Schmerzausweitung zurückzuführen, lässt sich
den Ausführungen des Sachverständigen nicht entnehmen. Immerhin ist eine
Abweichung zwischen den objektiv erklärbaren (gemäss dem Ergebnis der
somatischen Abklärungen geringen) Schmerzen und den nur subjektiv empfundenen
(starken) Schmerzen als Zeichen für eine gestörte Körperwahrnehmung und damit als
Symptom einer dissoziativen Störung gewertet worden. Die Frage, ob ein allfälliges
Fehlen einer Schmerzausweitung an der psychiatrischen Arbeitsfähigkeitsschätzung
(50%) etwas ändern würde, lässt sich anhand der dem Gericht vorliegenden Akten
nicht beantworten. Solange dies nicht durch einen psychiatrischen Sachverständigen
geklärt ist, muss davon ausgegangen werden, dass auch die psychiatrische
Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht überwiegend wahrscheinlich richtig ist. Das Argument
der Beschwerdegegnerin, die Persönlichkeitsänderung der Beschwerdeführerin
vermöge zum vornherein keine Arbeitsunfähigkeit zu bewirken, da sie durch eine
zumutbare Willensanstrengung überwunden werden könne, ist nicht stichhaltig, denn
die mit der Persönlichkeitsveränderung verbundene dissoziative Störung (Komorbidität)
ist chronifiziert und sie weist eine Qualität auf, die sich direkt auf die Leistungsfähigkeit
der Beschwerdeführerin in der Ausübung ihres Berufs auswirkt. In dieser Situation
dürfte es der Beschwerdeführerin nicht oder nur in einem geringen Ausmass möglich
sein, die Folgen der Persönlichkeitsänderung und der dissoziativen Störung einfach
willensmässig zu unterdrücken und wieder normal zu "funktionieren". Dies würde
nämlich auf eine Selbstheilung durch reine Willenskraft hinauslaufen, was offensichtlich
nicht möglich ist. Allerdings hängen auch in dieser Hinsicht die Qualität und die Stärke
der psychischen Erkrankung - und damit deren Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit -
möglicherweise vom Ausmass der objektiven Beschwerden ab, an denen die
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Beschwerdeführerin bis zur Operation gelitten hat. Damit gilt auch in Bezug auf die
psychiatrische Abklärung, dass die Arbeitsfähigkeit nicht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht. Die Sache ist deshalb zur
weiteren Abklärung des Arbeitsfähigkeitsgrads der Beschwerdeführerin seit 2003 an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen
2.3.3 Der vom Unfallversicherer und in der Folge auch von der
Beschwerdegegnerin erhobene Vorwurf der Aggravation, der sich zur Hauptsache auf
eine angeblich sehr intensive Schiesssporttätigkeit der Beschwerdeführerin stützt, ist
nicht stichhaltig, da das im UV-Einspracheentscheid dargelegte Wettkampfprogramm
der Beschwerdeführerin demjenigen einer fleissigen "Feierabendschützin" entspricht.
Die Resultatlimite, die zur Teilnahme an den Schweizermeisterschaften berechtigt, ist
bei Schützinnen aufgrund der geringen Teilnehmerinnenzahl und der hohen Zahl von
Startplätzen notorisch tief, so dass eine talentierte "Feierabendschützin" auch mit
bescheidenem Trainingsaufwand das Glück haben kann, die erforderliche
Resultatlimite zu erreichen. Wäre die Beschwerdeführerin die Spitzenschützin, als die
sie vom Unfallversicherer dargestellt worden ist, so wäre ihr Kalender weit stärker mit
Trainings und Wettkämpfen gefüllt.
3.
3.1 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin als Element der Bestimmung des zumutbaren
Invalideneinkommens - und damit im Ergebnis auch des Invaliditätsgrads - nicht mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht. Die
Beschwerdegegnerin hat den massgebenden Sachverhalt in Verletzung des
Untersuchungsgrundsatzes nicht vollständig erhoben. Deshalb erweist sich die
angefochtene Verfügung als rechtswidrig. Sie ist aufzuheben und die Sache ist zur
weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Sollte sich
herausstellen, dass eine Arbeitsunfähigkeit im Beruf als Naturheilpraktikerin bestünde,
die eine Erwerbseinbusse von 40% oder mehr bewirken würde, wäre - dem bereits
erwähnten Grundsatz "Eingliederung vor Rente" gemäss - vorab zu prüfen, ob der
Invaliditätsgrad nicht durch eine erneute Umschulung unter der Grenze von 40%
gehalten werden könnte.
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3.2 Dieser Verfahrensausgang ist in Bezug auf die Kosten des Beschwerdeverfahrens
als vollumfängliches Obsiegen der Beschwerdeführerin zu qualifizieren. Diese hat
deshalb einen Anspruch auf eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer). Die unterliegende Beschwerdegegnerin hat für die
Gerichtskosten von Fr. 600.-- aufzukommen. Der Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist
der Beschwerdeführerin zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP