Decision ID: 4081786c-0965-4c79-add4-fb71279695c8
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Fahrzeugkategorie B seit 11. September 2014 auf
Probe. Im Administrativmassnahmen-Register ist sie nicht verzeichnet.
B.- Am Freitag, 8. Mai 2015, um 07.10 Uhr, lenkte X ein Motorfahrrad von Quarten auf
dem Radstreifen der Walenseestrasse in Unterterzen in Richtung Mols. Auf der Höhe
des Bahnhofes Unterterzen beabsichtigte sie, nach links auf den Bahnhofplatz
abzubiegen. Nachdem sie ein entsprechendes Handzeichen gegeben und mit dem
Abbiegemanöver nach links begonnen hatte, kollidierte sie mit einem nachfolgenden
Personenwagen, der sie gerade am Überholen war. X erlitt links eine komplette
Unterschenkelfraktur. An beiden Fahrzeugen entstand Sachschaden.
C.- Am 1. Juni 2015 eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt ein
Administrativverfahren gegen X und gewährte ihr das rechtliche Gehör. Dazu nahm X
mit Schreiben vom 2. Juni 2015 Stellung. Mit Verfügung des Strassenverkehrsamtes
vom 19. Juni 2015 wurde X im Zusammenhang mit dem Vorfall vom 8. Mai 2015 wegen
einer leichten Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften verwarnt.
D.- Am 30. Juni 2015 zeigte Rechtsanwältin Amanda Guyot dem Strassenverkehrsamt
die Übernahme der Vertretung von X an und ersuchte um Widerruf der Verfügung vom
19. Juni 2015 und Sistierung des Verfahrens bis zum Vorliegen eines rechtskräftigen
Strafentscheids. Mit Schreiben vom 2. Juli 2015 teilte das Strassenverkehrsamt der
Rechtsvertreterin mit, dass sie ihre Verfügung nicht widerrufen werde und verwies auf
den Rechtsmittelweg.
E.- Gegen die Verfügung des Strassenverkehrsamtes vom 19. Juni 2015 erhob X mit
Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 6. Juli 2015 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission. Sie beantragte, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und das Rekursverfahren bis zur rechtskräftigen Erledigung des
Strafverfahrens zu sistieren. Eventualiter sei die Sache zum Widerruf der Verfügung und
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Sistierung des Verfahrens an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei eine
angemessene Nachfrist zur Begründung des Rekurses anzusetzen; unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zulasten des Staates. Mit Schreiben vom 8. Juli 2015 sistierte der
Abteilungspräsident der Verwaltungsrekurskommission das Rekursverfahren bis zum
Vorliegen eines rechtskräftigen Strafentscheids. Mit Verfügung des
Untersuchungsamtes Uznach (Zweigstelle Flums) vom 20. August 2015 wurde das
Strafverfahren gegen X nicht anhand genommen. Die Nichtanhandnahmeverfügung
erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
F.- Am 1. September 2015 hob der Abteilungspräsident die Sistierung des
Rekursverfahrens auf. Mit Vernehmlassung vom 15. September 2015 beantragte die
Vorinstanz die Abweisung des Rekurses. Am 23. September 2015 reichte die
Rechtsvertreterin der Rekurrentin eine Rekursergänzung ein. Die ergänzende Eingabe
der Rekurrentin wurde der Vorinstanz am 29. September 2015 zur Kenntnisnahme und
allfälligen Stellungnahme zugestellt. Die Vorinstanz verzichtete stillschweigend auf eine
weitere Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten wird, sofern erforderlich, in den

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 6. Juli 2015 ist unter Berücksichtigung
des Fristenlaufs am Wochenende rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller
und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, abgekürzt: VRP; Art. 58
Abs. 1 und Art. 30 Abs. 1 VRP in Verbindung mit Art. 142 Abs. 3 und Art. 143 Abs. 1
der Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- a) Gemäss Art. 16 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt:
SVG) wird nach Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften, bei denen
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das Verfahren nach dem Ordnungsbussengesetz vom 24. Juni 1970 ausgeschlossen
ist, der Lernfahr- oder Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen.
Das Gesetz unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b
SVG) und schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung
begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit
anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a
SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung begeht, wer durch Verletzung von
Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft oder in Kauf nimmt
(Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Ist die Verletzung von Verkehrsregeln grob und wird
dadurch eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf
genommen, ist die Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Die
mittelschwere Widerhandlung nach Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG stellt einen
Auffangtatbestand dar. Sie liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer
leichten Widerhandlung und nicht alle qualifizierenden Bestandteile einer schweren
Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 II 138 E. 2.2.2).
Der Erwerb und der Entzug der Fahrerlaubnis für Motorfahrräder sind nicht
spezialgesetzlich geregelt. Die Spezialkategorie M (Motorfahrräder) bildet Bestandteil
des Führerausweises (Art. 3 Abs. 3 der Verkehrszulassungsverordnung, SR 741.51) und
es bestehen keine Sondervorschriften für dessen Entzug. Entsprechend sind die SVG-
Bestimmungen über den administrativen Warnungsentzug von Führerausweisen auch
auf die Spezialkategorie M anwendbar (Art. 16 ff. in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1 SVG;
Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_766/2013 vom 1. Mai 2014 E. 4.2).
b) Die Vorinstanz qualifizierte das Verhalten der Rekurrentin als leichte
Verkehrsregelverletzung. Zur Begründung führte sie aus, beim Abbiegen sei auf den
Gegenverkehr und die nachfolgenden Fahrzeuge Rücksicht zu nehmen. Dieser Pflicht
sei die Rekurrentin gegenüber dem vortrittsberechtigten, aufholenden Fahrzeug nicht
nachgekommen. Allein der Umstand, dass die Rekurrentin mittels Handzeichen das
von ihr beabsichtigte Linksabbiegen angezeigt habe, berechtige sie nicht dazu, den
bereits auf etwa 26 Meter aufgeschlossenen Personenwagen zu einer Vollbremsung zu
zwingen. Vielmehr hätte die Rekurrentin ihr Abbiegemanöver erst nach dem
Vorbeifahren des vortrittsberechtigten Personenwagens beginnen sollen. Die
Nichtanhandnahmeverfügung und der daraus resultierende Verzicht auf Strafverfolgung
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sei aus Gründen der unmittelbaren Betroffenheit der Rekurrentin in Bezug auf die
Nebenfolgen der Tat erfolgt und nicht weil der fragliche Straftatbestand oder die
Prozessvoraussetzungen nicht erfüllt seien. Die ergangene
Nichtanhandnahmeverfügung schmälere weder das Verschulden noch die Gefahr,
welche die Rekurrentin mit ihrem Verhalten gesetzt habe.
Die Rekurrentin bringt vor, das Untersuchungsamt Uznach habe das gegen sie
eingeleitete Strafverfahren nicht anhand genommen. Da keine Strafuntersuchung
eröffnet worden sei, sei die voreilig von der Vorinstanz ausgesprochene Verwarnung
nicht gerechtfertigt. Eine Verwarnung könne nach der Rechtsprechung ausgesprochen
werden, wenn kumulativ ein leichtes Verschulden sowie eine geringe Gefahr gegeben
seien. Dies stehe vorliegend nicht fest. Aus der Nichtanhandnahmeverfügung lasse
sich die Mutmassung der Vorinstanz, dass die Verfügung aufgrund der unmittelbaren
Betroffenheit und nicht, weil der fragliche Straftatbestand oder die
Prozessvoraussetzungen nicht erfüllt seien, erlassen worden sei, nicht entnehmen. Aus
dem Wortlaut ʺzumalʺ ergebe sich, dass die unmittelbare Betroffenheit nicht allein
ausschlaggebend für den Verzicht auf Strafverfolgung gewesen sei. Auch wenn die
Nichtanhandnahmeverfügung allein aufgrund der Betroffenheit ergangen wäre, so habe
sie dennoch die gleichen Wirkungen wie ein Freispruch. Nach der Rechtsprechung sei
die Administrativbehörde grundsätzlich an die Feststellungen im Strafurteil gebunden.
Gründe für eine Abweichung seien vorliegend nicht gegeben. Da die
Nichtanhandnahmeverfügung einem freisprechenden Urteil entspreche, sei die
Auffassung der Vorinstanz geradezu stossend und eine Verwarnung nicht
gerechtfertigt.
c) Nach Strassenverkehrsdelikten befindet das Strafgericht über die strafrechtlichen
Sanktionen (Freiheitsstrafe, Geldstrafe, Busse) und die Verwaltungsbehörde in einem
separaten Verfahren über Administrativmassnahmen (insbesondere
Führerausweisentzüge, Verwarnungen). Die Zweispurigkeit des Verfahrens ist zulässig,
kann aber – bei fehlender Koordination – dazu führen, dass derselbe Lebensvorgang zu
voneinander abweichenden Sachverhaltsdarstellungen von Verwaltungs- und
Justizbehörden führt und die erhobenen Beweise abweichend gewürdigt und rechtlich
beurteilt werden. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat die Verwaltungsbehörde im
Interesse von Rechtseinheit und Rechtssicherheit gemäss konstanter
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bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich mit ihrem Entscheid zuzuwarten,
bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt. Denn das Strafverfahren bietet durch die
verstärkten Mitwirkungsrechte des Beschuldigten, die umfassenderen persönlichen
und sachlichen Ermittlungsinstrumente sowie die weiterreichenden prozessualen
Befugnisse besser Gewähr dafür, dass das Ergebnis der Sachverhaltsermittlung näher
bei der materiellen Wahrheit liegt als im nicht durchwegs derselben Formstrenge
unterliegenden Verwaltungsverfahren (BGE 119 Ib 158 E. 2c/bb und E. 3c/bb, 123 II 97
E. 3c/aa). Die Verwaltungsbehörde darf nach konstanter Rechtsprechung von den
tatsächlichen Feststellungen im Strafurteil nur dann abweichen, wenn sie Tatsachen
feststellt und ihrem Entscheid zu Grunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren
oder die er nicht beachtet hat, wenn sie zusätzliche Beweise erhebt, deren Würdigung
zu einem anderen Entscheid führt, wenn die Beweiswürdigung durch den Strafrichter
den feststehenden Tatsachen klar widerspricht, oder wenn der Strafrichter bei der
Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht sämtliche Rechtsfragen abgeklärt hat,
namentlich die Verletzung bestimmter Verkehrsregeln übersehen hat (BGE 124 II 103 E.
1c; VRKE IV-2012/126 vom 21. März 2013 E. 3c, abrufbar unter www.gerichte.sg.ch).
In der rechtlichen Würdigung des Sachverhalts – namentlich auch des Verschuldens –
ist die Verwaltungsbehörde demgegenüber frei, ausser die rechtliche Qualifikation
hängt stark von der Würdigung von Tatsachen ab, die der Strafrichter besser kennt,
etwa weil er den Beschuldigten persönlich einvernommen hat (BGer 1C_169/2014 vom
18. Februar 2015 E. 2.2 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung).
d) Das Untersuchungsamt Uznach nahm das Strafverfahren gegen die Rekurrentin
wegen Verletzung von Verkehrsregeln mit Verfügung vom 20. August 2015 nicht
anhand (act. 5). Dabei wendete es den gesetzlichen Strafbefreiungsgrund von Art. 54
des Strafgesetzbuches (SR 311.0, abgekürzt: StGB) an (in Verbindung mit Art. 8 und
Art. 310 Abs. 1 lit. c sowie Art. 319 ff. der Strafprozessordnung, SR 312.0, abgekürzt:
StPO). Danach sieht die zuständige Behörde von einer Strafverfolgung, einer
Überweisung an das Gericht oder einer Bestrafung ab, wenn der Täter durch die
unmittelbaren Folgen seiner Tat so schwer betroffen ist, dass eine Strafe
unangemessen wäre. Die Nichtanhandnahme des Strafverfahrens erfolgte mithin
aufgrund der schweren Betroffenheit der Rekurrentin und nicht – wie die Rekurrentin
vorbringt –, weil der fragliche Straftatbestand oder Prozessvoraussetzungen eindeutig
nicht erfüllt sind. Daran vermag auch die vom Untersuchungsamt gewählte
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Formulierung bzw. die von der Rekurrentin geltend gemachte Verwendung des Wortes
ʺzumalʺ nichts zu ändern. Die Strafbehörde hat in ihrer Verfügung ausdrücklich auf
Art. 54 StGB und Art. 310 Abs. 1 lit. c StPO hingewiesen und nicht Art. 310 Abs. 1 lit. a
StPO angewendet, wonach die Nichtanhandnahme verfügt wird, wenn feststeht, dass
die fraglichen Straftatbestände oder die Prozessvoraussetzungen eindeutig nicht erfüllt
sind. Die Strafbehörde verzichtete damit vor Klärung der Schuldfrage auf die
Strafverfolgung und hat sich in ihrer Verfügung dementsprechend auch nicht zu einer
möglichen Erfüllung oder einer eindeutigen Nichterfüllung von Straftatbeständen
geäussert. Die Nichtanhandnahmeverfügung des Untersuchungsamtes Uznach
erwuchs unangefochten in Rechtskraft. Die Vorinstanz hat keine neuen Beweise
erhoben. Ihr lag – ebenso wie der Strafbehörde – der Polizeirapport vom 21. Mai 2015
inklusive Fotoblatt und Einvernahmen vor. Unter diesen Umständen ist sie an die
Tatsachenfeststellungen in der Nichtanhandnahmeverfügung gebunden. Dies hindert
sie indessen grundsätzlich nicht, das Verhalten der Rekurrentin als Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften zu qualifizieren. Ebenso wenig besteht eine
Bindung bei der Frage, inwiefern sich die vom Untersuchungsamt Uznach festgestellte
besondere Betroffenheit der Rekurrentin auf eine allfällige Administrativmassnahme
auswirkt; denn hierbei handelt es sich um eine Rechtsfrage. Die Vorinstanz erliess ihre
Verfügung vor Abschluss des Strafverfahrens. Die Nichtanhandnahmeverfügung des
Untersuchungsamtes Uznach war ihr zum Zeitpunkt des Erlasses der Verwarnung, d.h.
am 19. Juni 2015, somit nicht bekannt. Mit der Frage allfälliger Auswirkungen auf das
Administrativmassnahmeverfahren hat sie sich in ihrer Verfügung folglich auch nicht
auseinandergesetzt. In ihrer Vernehmlassung vom 15. September 2015 hält sie zwar
fest, dass die ergangene Nichtanhandnahmeverfügung aus Gründen der unmittelbaren
Betroffenheit der Rekurrentin erfolgt sei und dadurch weder das Verschulden noch die
von der Rekurrentin geschaffene Gefahr geschmälert werde. Auf die möglichen
konkreten Folgen der festgehaltenen Betroffenheit der Rekurrentin auf das
Administrativverfahren ging sie indes nicht weiter ein. Zu prüfen ist deshalb zunächst,
ob die in der Nichtanhandnahmeverfügung vom 20. August 2015 festgestellte schwere
Betroffenheit der Rekurrentin auch im Administrativverfahren Auswirkungen hat.
3.- a) Warnungsentzüge und Verwarnungen wegen Verletzung von Verkehrsregeln
dienen der Besserung des Fahrers und der Bekämpfung von Rückfällen. Der
vorübergehende Entzug des Führerausweises soll eine fühlbare Warnung an jene
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Motorfahrzeuglenker sein, die es an Sorgfalt und Rücksichtnahme im Strassenverkehr
fehlen lassen. Der Massnahme kommt damit primär ein erzieherischer und präventiver
Charakter zu. Der fehlbare Lenker soll zu mehr Sorgfalt und Verantwortung erzogen
und dadurch von weiteren Verkehrsdelikten abgehalten werden (vgl. BGE 128 II 173
E. 3b, 141 II 220 E. 3.1.2; BSK SVG-Rütsche, Basel 2014, Vor Art. 16-17a N 35). Im
Rahmen der Verhältnismässigkeitsprüfung stellt sich deshalb die Frage, ob sich die
Anordnung einer Massnahme zur Ermahnung und Besserung des fehlbaren
Fahrzeuglenkers überhaupt noch rechtfertigen lässt, da der Entzug des
Führerausweises beziehungsweise die Erteilung einer Verwarnung – dem
gesetzgeberischen Ziel entsprechend – geeignet sein muss und den Betroffenen nicht
übermässig belasten darf. Unverhältnismässig müsste in diesem Sinne unter anderem
eine Massnahme erscheinen, die im Einzelfall nicht zum Ziel führen kann oder nicht
mehr nötig ist (vgl. BGE 120 Ib 504 E. 4e, 118 Ib 229 E. 3). In der Lehre wird
überwiegend die Auffassung vertreten, der Warnungsentzug sei eine repressive
Massnahme und der Sache nach eine Strafe. Das Bundesgericht geht davon aus, dass
der Führerausweisentzug mit der Strafe in verschiedener Hinsicht grosse Ähnlichkeiten
aufweise, auch wenn er eine von der strafrechtlichen Sanktion unabhängige
Verwaltungsmassnahme sei (vgl. Hans Giger, Kommentar SVG, 8. Aufl. 2014, Art. 16 N
15; BGE 133 II 331 E. 4.2, 121 II 22 E. 2a). Im Sinne von Art. 6 Ziff. 1 der Konvention
zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101; abgekürzt: EMRK)
ist der Strafcharakter des Warnungsentzuges jedenfalls zu bejahen (BGE 121 II 22
E. 2a und 3b, 131 II 331 E. 4.2; vgl. Philippe Weissenberger, Kommentar SVG und
OBG, 2. Aufl. 2015, Vorbemerkungen zu Art. 16 ff. N 5). Es rechtfertigt sich daher, in
gewissen Fällen auch im Administrativmassnahmeverfahren auf Bestimmungen des
allgemeinen Teils des StGB zurückzugreifen, so beispielsweise bei der Frage der
Anwendung des milderen Rechts (BGE 104 Ib 87 E. 2), beim Notstand (BGer
1C_345/2012 vom 17. Januar 2013 E. 2.1), bei der Zurechnungs- oder (heute)
Schuldfähigkeit (BGer 6A.56/1999 vom 9. März 2000 E. 3b), beim Zusammenfallen
mehrerer Entzugsgründe (BGE 122 II 280 E. 5b), bei der Verjährung (BGE 120 Ib 504)
und in Fällen, in denen der fehlbare Fahrzeuglenker durch die Folgen seines
verkehrswidrigen Verhaltens besonders schwer betroffen ist, beispielsweise wegen
mangelnden Versicherungsschutzes oder schwerer Verletzungen (BGer 6A.24/2004
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vom 18. Juni 2004 E. 2; BGE 118 Ib 229 E. 3; BSK Strafrecht I-Riklin, Basel 2007,
Art. 54 N 10).
b) Bei der Ausfällung der Administrativmassnahme steht den kantonalen Behörden ein
weiter Ermessensspielraum zu. Unter Umständen kann auch der Verzicht auf einen
Führerausweisentzug zu Warnzwecken aus Gründen in Betracht kommen, die analog
zum Strafrecht eine Strafbefreiung rechtfertigen, sei es wegen Betroffenheit des Täters
durch seine Tat gemäss Art. 54 StGB oder infolge Notstandes oder Notstandshilfe
nach den Art. 17 ff. StGB (Weissenberger, a.a.O., Art. 16 N 30 mit Hinweisen auf die
bundesgerichtliche Rechtsprechung). Im Strafverfahren kommt Art. 54 StGB
beispielsweise bei Körperverletzungen des Täters und seelischem Leiden durch die
Verletzung oder (fahrlässige) Tötung einer dem Täter nahestehenden Person zum
Tragen. Unmittelbare Betroffenheit kann auch bei einem Vermögensschaden gegeben
sein. Nicht unmittelbar sind Folgen, welche sich aus der Ergreifung der Massnahme
selbst ergeben. Die schwere der Betroffenheit ist mit der angemessenen Strafe zu
vergleichen. Es ist auch möglich, die Strafe nach freiem Ermessen zu mildern, wenn die
Schuld des Täters grösser erscheint als das für diesen faktisch eingetretene Übel
(Trechsel/Pieth, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013,
Art. 54 N 2 ff.). Gemäss Praxis der Verwaltungsrekurskommission ist es zulässig, die im
SVG vorgesehene Mindestentzugsdauer bei Vorliegen schwerer Betroffenheit im Sinne
von Art. 54 StGB zu unterschreiten und in einem solchen Fall von einer Verwarnung
abzusehen (vgl. VRKE IV-2012/122 vom 28. Februar 2013 E. 3c).
c) Beim fraglichen Unfall erlitt die Rekurrentin auf der linken Seite eine komplette
Unterschenkelfraktur (Schien- und Wadenbeinbruch; act. 5). Sie wurde durch die
Ambulanz ins Spital Walenstadt überführt (act. 10/4) und musste gemäss eigenen
Angaben operiert werden und vier Tage in Spitalpflege verbringen. Darüber hinaus sei
sie für mindestens zwei Wochen krankgeschrieben worden (vgl. act. 10/12). Obschon
keine Arzt- oder Spitalberichte in den Akten liegen, erscheinen diese Aussagen der
Rekurrentin angesichts der erlittenen Verletzung plausibel und glaubhaft. Das
Untersuchungsamt Uznach verzichtete denn auch wegen der besonderen Betroffenheit
der Rekurrentin auf die Eröffnung eines Strafverfahrens und nahm das Strafverfahren
gestützt auf Art. 54 StGB nicht anhand. Es besteht kein Anlass, die ausgewiesene
Betroffenheit der Rekurrentin nicht auch im Administrativmassnahmeverfahren zu
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berücksichtigen. Der erlittenen Verletzung steht – wenn überhaupt – lediglich eine
leichte Verkehrsregelverletzung gegenüber. Den verbindlichen Tatsachenfeststellungen
des Untersuchungsamtes Uznach zufolge hat die Rekurrentin vor ihrem
Abbiegemanöver ein Handzeichen gegeben. Als sie daraufhin nach links abbog, kam
es – gemäss Vorinstanz zufolge mangelnder Vorsicht und Distanz – zu einer Kollision
mit einem nachfolgenden Personenwagen. Unter diesen Umständen wäre der
Rekurrentin höchstens ein leichtes Verschulden am Verkehrsunfall vorzuwerfen.
Mangels Strafverfolgung erscheint auf der anderen Seite aber auch nicht
ausgeschlossen, dass es zu einem Freispruch gekommen wäre. Immerhin hielt der
Polizist dem Unfallgegner vor, einen Verkehrsunfall ʺinfolge Überholen vor
Linksabbiegenʺ verursacht zu haben (act. 10/17). Es kann indessen offen bleiben, ob
die Voraussetzungen zur Annahme einer leichten Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften – wie von der Vorinstanz angenommen und von der
Rekurrentin bestritten wird – gegeben sind. Denn jedenfalls erscheint das Übel der
Tatfolgen, d.h. die erlittene komplette Unterschenkelfraktur der Rekurrentin und deren
Folgen, ungleich grösser als die vom Strassenverkehrsamt ausgesprochene
Verwarnung. Selbst wenn sie eine Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften begangen hätte, wäre der erzieherische und präventive
Effekt bereits eingetreten, weshalb auf das Aussprechen einer Verwarnung verzichtet
werden kann.
d) Der Rekurs ist folglich gutzuheissen und die Verfügung der Vorinstanz vom 19. Juni
2015 aufzuheben.
4.- a) Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 800.– erscheint angemessen
(vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Rekurrentin ist der
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 800.– zurückzuerstatten.
b) Zufolge Obsiegens hat die Rekurrentin Anspruch auf eine volle Entschädigung der
ausseramtlichen Kosten (Art. 98 VRP und Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund der
Rechts- und Sachlage als notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP).
Im Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistandes geboten. Die
Rechtsvertreterin der Rekurrentin hat eine Kostennote über Fr. 2‘541.25 eingereicht
bis ter
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und ein nach Zeitaufwand bemessenes Honorar von Fr. 2‘262.50 ausgewiesen
(vgl. act. 13). Im Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als
Pauschale ausgerichtet; der Rahmen liegt zwischen Fr. 1'000.– und Fr. 12'000.–
(Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten,
sGS 963.75; abgekürzt: HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar
nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen,
der Schwierigkeit des Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten,
bemessen (Art. 19 HonO). Im hier zu beurteilenden Fall war das Prozessthema auf die
Thematik einer Verwarnung und die Beantwortung einer Rechtsfrage beschränkt. In
tatsächlicher Hinsicht ergaben sich keine Schwierigkeiten. Der Aktenumfang war gering
und der Umfang der Eingaben der Rechtsvertreterin dementsprechend überschaubar.
Dazu kommt, dass das Rekursverfahren während mehreren Wochen sistiert war und
seitens der Rechtsvertreterin somit zumindest bis zum Vorliegen der
Nichtanhandnahmeverfügung des Untersuchungsamtes Uznach vom 20. August 2015
keine grösseren Verfahrenshandlungen erforderlich waren. Schliesslich wirkt der von
der Rechtsvertreterin geltend gemachte Aufwand auch im Vergleich zu anderen
Verwarnungsverfahren als zu hoch. Unter den gegebenen Umständen erscheint ein
Honorar von Fr. 1‘200.– als angemessen. Hinzuzuzählen sind die Barauslagen von
pauschal Fr. 48.– (Art. 28 HonO) und die Mehrwertsteuer von Fr. 99.85 (Art. 29
HonO). Die ausseramtlichen Kosten belaufen sich somit auf Fr. 1‘347.85;
entschädigungspflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt).