Decision ID: 43e65e90-5a41-5054-9ac6-ce893a8cc1f7
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) war bei der B._ AG als Verkäuferin in einem
Pensum von 60 % angestellt und dadurch bei der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt (Suva) unfallversichert. Am 29. August 2013 erstattete die
Arbeitgeberin eine Unfallmeldung, wonach die Versicherte am ._ 2013 früh am
Morgen in der Tankstelle Z._ von zwei Tätern überfallen und gefesselt worden sei.
Erst eine Stunde nach der Tat sei sie von ihrer Arbeitskollegin gefunden worden (Suva-
act. 1). Noch am Tag des Überfalls war die Versicherte notfallmässig ins Spital
eingeliefert worden, wo die behandelnden Ärzte Fesselspuren an den Hand- und
Fussgelenken festgestellt und die Diagnose einer akuten Belastungsreaktion bei
Raubüberfall am ._ 2013 gestellt hatten (Suva-act. 12). Am 21. August 2013 war die
Versicherte dem Psychiatrischen Zentrum Y._ zugewiesen worden, wo sie bis zum 4.
Oktober 2013 stationär behandelt wurde. Gemäss Austrittsbericht wurde sie in einem
seelischen Ausnahmezustand eingeliefert. Völlig erschöpft und wie betäubt, unfähig
das Geschehene in irgendeiner Form zu erfassen oder gar zu beschreiben, habe die
A.a.
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Versicherte innerhalb von Sekunden von Teilnahmslosigkeit zu heftigen
Gefühlsausdrücken und sogar Selbstvorwürfen, am Geschehenen Verantwortung zu
tragen, gewechselt. Unter Tränen habe sie von Spannungszuständen, Ängsten,
Intrusionen, Konzentrationsstörungen und massiven Schlafstörungen erzählt. Weiter
habe die Versicherte berichtet, vor ca. zehn Jahren als Mitarbeiterin eines Kiosks schon
einen ähnlichen Vorfall erlebt zu haben, ohne dabei jedoch einen persönlichen Schaden
erlitten zu haben. Bereits vor dem Überfall vom ._ 2013 sei es ihr psychisch nicht gut
gegangen. Sie habe sich überfordert und erschöpft gefühlt, da sie für alles in der
Familie zuständig gewesen sei. Ihr Ehemann sei Kriegsveteran und durch
Kampfhandlungen traumatisiert. Durch seine affektive Labilität sei der Alltag manchmal
schwierig. Anamnestisch habe die Versicherte zudem eine schwierige Kindheit erlebt.
Der Vater sei alkoholkrank und im Rausch jeweils gewalttätig gewesen. In den ersten
vier bis fünf Wochen der Hospitalisation habe es den Anschein gemacht, als würde
sich die Versicherte durch enge Bezugspflege und täglich geführte therapeutische
Gespräche stabilisieren. Getriggert durch einen Termin bei der Opferhilfe habe sie sich
in der Folge jedoch immer öfter zurückgezogen und selbst die Patientengemeinschaft,
die ihr zuvor noch als grosse Stütze erschienen sei, habe sie plötzlich als extrem
belastend erlebt. Beim Versuch, die Versicherte in ein störungsspezifisches,
multimodales, interdisziplinäres Behandlungssetting einzubringen, seien erneut heftige
Symptome aufgetreten. Gequält von traumatischen Bildern des Überfalls, welche
zunehmend in den Therapiealltag eingedrungen seien, habe die Versicherte ein
ausgeprägtes Vermeidungsverhalten entwickelt, was eine konsequente Teilnahme am
Therapieprogramm verunmöglicht habe. Auch habe die Versicherte die vorgesehene
stufenweise Reduktion der Lorazepam-Dosierung, die zuvor unproblematisch gewesen
sei, nicht mehr toleriert. Um den bisherigen Therapieerfolg nicht weiter zu gefährden,
habe man sich dazu entschieden, die begonnene Therapie zu unterbrechen und die
Versicherte vorerst in das von ihr als sehr unterstützend erlebte, häusliche Umfeld zu
entlassen. Als Diagnosen stellten die behandelnden Ärzte eine akute
Belastungsreaktion im Übergang zur posttraumatischen Belastungsstörung vor dem
Hintergrund einer mittelgradigen depressiven Episode im Vorfeld, früherer Traumata in
der Anamnese sowie des Verdachts auf eine Persönlichkeitsakzentuierung mit
vorwiegend ängstlich-vermeidenden und abhängigen Zügen. Weiter attestierten sie bei
Austritt eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 20).
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Am 22. Oktober 2013 berichtete Dr. med. C._, Fachärztin Innere Medizin, dass
sich der Schlaf und der Appetit der Versicherten verbessert hätten. Sie wirke agiler. Am
21. Oktober 2013 habe sie einen deutlich besseren Eindruck gemacht (Suva-act. 21). In
einem Bericht vom 28. Oktober 2013 erklärte Dr. C._, dass sie die Versicherte schon
seit Jahren behandle. Es sei immer um eine Eisenmangelanämie gegangen. Im
September 2011 habe sie ihr wegen einer Erschöpfungsdepression vorübergehend
Deanxit und Citalopram verordnet. Allerdings habe ihr die Versicherte mitgeteilt, dass
sie lediglich Deanxit kurzfristig eingenommen habe. Bei der Kontrolluntersuchung vom
27. Oktober 2011 habe sich die Versicherte bereits besser gefühlt. Ein drohendes
Burnout-Snydrom sei damals als abgewendet erschienen. Zwischenzeitlich sei es zu
keinen depressiven Episoden mehr gekommen (Suva-act. 23).
A.b.
Am 2. Dezember 2013 berichtete Dr. med. D._, Psychiatrische Dienste X._,
dass bei der Versicherten psychopathologisch-diagnostisch eine akute, durch eine
gewisse Aggravationstendenz nunmehr prolongierte Belastungsreaktion vorliege.
Angesichts der Tatsache, dass sich die Versicherte recht enttäuscht und gekränkt über
die fehlende Zuwendung ihrer Arbeitgeberin und der Ämter gezeigt habe und sie ihr
Leiden deutlich zur Schau stelle, erachte er eine spezifische traumafokussierende
Behandlung als nicht geeignet. Die Unterscheidung zwischen einer posttraumatischen
Belastungsstörung und einer Anpassungsstörung sei in der kurzen Zeit der Behandlung
und angesichts der inkonsistenten und teilweise auch widersprüchlichen Berichte der
Versicherten kaum möglich gewesen. Gewisse Elemente einer posttraumatischen
Störung würden wohl bereits zum Vorschein zu kommen. Zudem erscheine die
Versicherte gegenüber einer solchen Entwicklung biographisch durch Ereignisse
während ihrer Kindheit und Jugend sowie einen Einbruch an einer früheren Arbeitsstelle
in gewisser Hinsicht disponiert. Die Versicherte habe ihn, Dr. D._, in drei
aufeinanderfolgenden Wochen konsultiert, wobei sich rasch gezeigt habe, dass sie eine
idiosynkratische Vorstellung von Wiedergutmachung und Entlastung vertrete, in der
sein psychiatrisch-psychotherapeutisches Angebot nicht enthalten zu sein scheine. Die
Versicherte habe sich genötigt gefühlt, ihn aufzusuchen, und wäre lieber zu Dr. med.
E._, Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie - welchen sie bereits zuvor
aufgesucht gehabt habe - gegangen. Am Anfang der dritten Sitzung habe sie, verärgert
durch eine kurze Wartezeit, ihre Mitarbeit aufgekündigt. Er würde aktuell eine stationäre
A.c.
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Abklärung und Behandlung der Versicherten in der Psychiatrischen Klinik W._
empfehlen (Suva-act. 29).
Am 24. Januar 2014 berichtete Dr. C._, dass die Versicherte einen
Hausarztwechsel vorgenommen habe und nicht mehr zu ihr komme (Suva-act. 41).
A.d.
In einem Bericht vom 25. Februar 2014 nannte Dr. E._ als Diagnosen eine
posttraumatische Belastungsstörung, eine selbstunsichere Persönlichkeitsstörung
sowie eine mittel- bis schwergradige depressive Episode. Weiter hielt er fest, dass in
der nunmehr dreimonatigen Behandlungsphase intensive Ängste im Vordergrund
gestanden hätten. Die Versicherte sei immer sehr angespannt, klage über zwanghafte
Erinnerungen an den erlebten Überfall und äussere Angst, an ihre bisherige
Arbeitsstelle zurückzukehren, zumal sie bereits vor sieben Jahren einen ähnlichen
Überfall erlebt habe. In der bisherigen Therapie seien nur kleine Schritte erreicht
worden. Die Versicherte sei tagsüber noch immer auf die Anwesenheit einer Drittperson
angewiesen. In der Nacht werde sie von Albträumen heimgesucht. Ihr erscheine häufig,
dass jemand an die Türe oder die Fenster klopfe, was bei ihr Panik auslöse. Die
Versicherte habe Angst vor Kontakten mit Personen. Sie lebe seit dem Überfall sozial
ganz isoliert. Schon in ihrer Kindheit habe sie eine Reaktion auf die erlebte Aggression
ihres Vaters gezeigt. Man könne aber annehmen, dass auch der Überfall, der vor
einigen Jahren stattgefunden habe, eine wichtige Rolle in der Art und Weise der
aktuellen Reaktion spiele. Es sei von einer Retraumatisierung auszugehen (Suva-
act. 52). Am 12. Juli 2014 berichtete Dr. E._, dass die Versicherte sehr
niedergeschlagen, äusserst ängstlich, lustlos und im Antrieb stark vermindert sei. Die
Symptome eines starken sozialen Rückzugs seien noch immer vorhanden. Die
Versicherte habe Angst, die Wohnung zu verlassen und gehe meist nur in Begleitung
fort. Immer habe sie auch Angst, dass jemand ins Haus einbrechen könnte,
insbesondere finde sie in der Nacht diesbezüglich keine Ruhe. Trotz ihrer Müdigkeit
könne sie nicht ruhig schlafen. Sie werde häufig von Albträumen heimgesucht und
erwache dann in grosser Angst, schweissgebadet und mit starkem Herzklopfen. Um
die Versicherte mehr von zu Hause wegzubringen, sei eine Anmeldung in der
Tagesklinik Y._ getätigt worden. Von psychiatrischer Seite sei ihr auch empfohlen
worden, einen Aufenthalt in einer Rehaklinik zu machen. Er, Dr. E._, erwarte davon
A.e.
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eine Linderung der Beschwerden, weshalb er um Bewilligung des Aufenthaltes bitte
(Suva-act. 71).
In einem Bericht vom 18. Juli 2014 zum Vorgespräch vom 16. Juli 2014 nannte Dr.
med. F._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Tagesklinik, Psychiatrisches
Zentrum Y._, dass die Versicherte im Gespräch sehr aufgewühlt und ängstlich
gewesen sei und eine Panikattcke bekommen habe, sodass nur wenige Informationen
eingeholt worden seien, um sie nicht noch mehr zu destabilisieren. Über den Vorfall
vom ._ 2013 habe die Versicherte nicht berichten können. Sie habe zu
hyperventilieren begonnen. Sie zeige eine Symptomatik einer komplexen
posttraumatischen Belastungsstörung, die am ehesten einer stationären Behandlung
bedürfte. Die Versicherte sei gegenüber einer solchen jedoch sehr ablehnend, da sie
sich nicht von ihrem Mann und vor allem den Kindern trennen wolle, die sie abends
sehr vermissen würde. Aus diesem Grund wolle sie in die Tagesklinik eintreten, sodass
sie abends zusammen mit ihrer Familie sein könne. Der Wunsch werde aufgenommen,
jedoch mit erheblichen Zweifeln, dass die Versicherte das Wochenprogramm besuchen
könne (Suva-act. 75). Vom 18. August bis 24. Oktober 2014 wurde die Versicherte in
der Tagesklinik des Psychiatrischen Zentrums Y._ behandelt. Im Austrittsbericht
wurden als Diagnosen eine posttraumatische Belastungsstörung sowie eine
schwergradige depressive Episode ohne psychotische Symptome genannt. Weiter
hiess es, eine Teilnahme an Gruppenaktivitäten sei für die Versicherte kaum aushaltbar
gewesen. Sie habe anschliessend längere Pausen im Ruheraum benötigt. An der
Kochgruppe habe sie stets mit Freude teilgenommen und habe sich manchmal auch
kreativ einbringen können. Einzelgespräche seien nie länger als 15 Minuten möglich
gewesen. Die Versicherte habe sich rasch überfordert und ängstlich gefühlt und sei
deutlich leidend gewesen. Aufgrund der Überforderung habe man eine Pause vom
teilstationären Rahmen beschlossen. Der Versicherten sei auch der Vorschlag einer
psychiatrischen Spitex unterbreitet worden, was diese aber zunächst mit Dr. E._
habe besprechen wollen. Die Versicherte werde in einem leicht verschlechterten
Zustand in die alten Verhältnisse entlassen mit der Empfehlung einer stationären
Behandlung in einer traumaspezifischen Klinik (Suva-act. 95).
A.f.
Am 24. März 2015 berichtete Dr. E._, dass seit der Entlassung aus der
Tagesklinik die Therapie bei ihm fortgesetzt worden sei. Die Beschwerden hätten nichts
A.g.
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an ihrer Intensität verloren. Die therapeutische Arbeit mit der Versicherten bestehe
aktuell zum Teil auch darin, zu erreichen, dass diese einen stationären Aufenthalt in
einer Traumaabteilung akzeptieren könne. Die Versicherte werde demnächst
überwiesen (Suva-act. 108).
Vom 3. bis 11. Februar 2016 nahm die Versicherte an einer stationären
Traumatherapie in der Klinik G._ teil. Im Austrittsbericht vom 24. Februar 2016 hiess
es, dass bei der Versicherten zu Beginn der Behandlung erhebliche Schwierigkeiten
bestanden hätten, sich befriedigend ins Alltagsleben einzubringen. Ängste, emotionale
Labilität, seelische Leere sowie schädigende Kompensationsformen hätten im
Vordergrund gestanden. Die Versicherte sei im stationären Rahmen kaum fähig
gewesen, neue Anpassungsstrategien zu nutzen. Sie habe sich wenig in die
Stationskultur eingelebt, sondern habe sich nach eigenen Angaben vorwiegend in
ihrem Zimmer aufgehalten und auf den Besuch der Familie gewartet, der morgens und
abends stattgefunden habe. Die Versicherte sei der Therapie gegenüber ambivalent
eingestellt gewesen, habe äussere Gegebenheiten verleugnet und die
Auseinandersetzung mit kritischen Themen vermieden. Die ausbleibende
Kostengutsprache habe die Versicherte durcheinander gebracht, da sie angenommen
habe, diesbezüglich sei alles bereits bei Eintritt geregelt gewesen. Sie habe andere
gebeten, die ungeklärten Angelegenheiten zu regeln. Die Versicherte habe eine
Therapeutin, die nach einer Woche einmalig um Klärung der Kostengutsprache
gebeten habe, als in hohem Masse strafend und verfolgend erlebt. Infolgedessen habe
sich die Versicherte einen Therapeutenwechsel gewünscht. Da dies im aktuellen
Setting nicht möglich gewesen sei, habe die Versicherte den Aufenthalt auf eigenen
Wunsch vorzeitig beendet. Sie wolle die ambulante Therapie bei Dr. E._ weiterführen.
Als notwendige Bedingungen für einen erneuten Eintritt würden das Beibehalten einer
Tagesstruktur sowie die Bereitschaft, sich in einem Mindestmass in eine bestehende
Gruppe einzuleben, sowie die regelmässige ambulante Psychotherapie gesehen. Bei
Bedarf und entsprechender Vorbereitung könne sich die Versicherte zu einem erneuten
Vorgespräch anmelden (Suva-act. 135; zum Einweisungsschreiben von Dr. E._ vgl.
Suva-act. 136).
A.h.
Am 13. Mai 2016 nannte Dr. E._ als Diagnosen eine posttraumatische
Belastungsstörung nach einem Überfall im ._ 2013, eine ängstliche
A.i.
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Persönlichkeitsstörung sowie eine depressive Störung, gegenwärtig mittel- bis
schwergradige Episode. Weiter berichtete er, dass die Versicherte in der stationären
Behandlung überfordert gewesen sei. Um die von der G._ definierten Ziele zu
erreichen, werde die Therapie bei ihm weitergeführt. Die Versicherte übe, im
alltäglichen Leben aktiver zu sein, mit ihrer Familie nach draussen zu gehen und
zeitweise Kontakt mit Mitmenschen aufzunehmen. Sobald die Tagesstruktur besser
aufgebaut sei, sei die erneute Einweisung in die Klinik geplant (Suva-act. 150). Am 16.
Januar 2017 erwähnte Dr. E._ neu eine schwere depressive Episode ohne
psychotische Symptome. Sodann berichtete er, dass trotz gewisser Fortschritte die
Notwendigkeit für eine intensivere Behandlung bestehe, um eine weitere psychische
Stabilität zu erreichen. Deswegen werde die Versicherte in die Tagesklinik V._
überwiesen, um an ihrer Selbstständigkeit und Gruppenfähigkeit zu arbeiten. Es sei zu
hoffen, dass sie durch diese Behandlung für die Fortsetzung der Traumatherapie
vorbereitet werde (Suva-act. 174). Mit Schreiben vom 13. Februar 2017 informierte die
Tagesklinik V._ die Suva darüber, dass die Versicherte vom 16. bis 31. Januar 2017
dort behandelt worden sei. Die Behandlung sei von der Versicherten abgebrochen
worden. Die Behandler gingen von einer Überforderung der Versicherten durch das
Behandlungssetting aus (Suva-act. 183).
In seiner Aktenbeurteilung vom 25. August 2017 hielt Dr. med. H._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, Konsiliarpsychiater der Suva, fest, dass in den
vergangenen vier Jahren eine Reihe von Behandlungen durchgeführt worden sei, auf
welche sich die Versicherte nur zum Teil habe einlassen können und welche von ihr
immer wieder vorzeitig abgebrochen worden seien. Die Gründe für die
Behandlungsabbrüche dürften einerseits schon in einer Überforderung der Versicherten
zu suchen sein, andererseits aber auch in ihrer Ambivalenz gegenüber den
angebotenen Behandlungsmassnahmen. Nach nun knapp vier Jahren zeige die
Versicherte keinen nachhaltigen Rückgang der Symptome und keine nachhaltige
Besserung der psychischen Situation. Sie ziehe sich in die Familie zurück und könne
sich nicht auf teilstationäre und stationäre Behandlungen einlassen, da sie dann ihre
Familie vermissen würde. Deshalb habe auch trotz umfangreicher Vorbereitung keine
Traumatherapie umgesetzt werden können. Demnach könne mit grosser
Wahrscheinlichkeit nicht die gesamte Symptomatik auf das Erleben des Überfalls
A.j.
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B.
C.
bezogen werden, jedoch sei davon auszugehen, dass ein erheblicher Anteil im Sinne
einer natürlichen Kausalität auf dieses Überfallereignis zu beziehen sei. Als Hinweise
dafür dürften die bis in die aktuelle Zeit hinein reichenden Zwangserinnerungen, die
nächtlichen Albträume sowie der soziale Rückzug angesehen werden. Nachdem durch
die in den vergangen vier Jahren durchgeführten Therapien keine Besserung der
Symptome erreicht worden sei, sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass durch die weitere Behandlung keine namhafte Verbesserung des
Gesundheitszustandes mehr zu erwarten sei (Suva-act. 198).
Mit Verfügung vom 28. November 2017 stellte die Suva die bisher erbrachten
Versicherungsleistungen per 30. November 2017 ein, da die Adäquanz der noch
geklagten, organisch nicht hinreichend nachweisbaren Beschwerden zu verneinen sei.
Zudem verneinte die Suva mangels adäquater Unfallfolgen einen Anspruch auf eine
Invalidenrente und eine Integritätsentschädigung (Suva-act. 205).
A.k.
Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt lic.
iur. T. Zogg, St. Gallen, am 22. Dezember 2017 Einsprache (Suva-act. 211).
B.a.
Mit Einspracheentscheid vom 30. Januar 2019 wies die Suva die Einsprache ab
und entzog einer allfälligen dagegen erhobenen Beschwerde die aufschiebende
Wirkung (Suva-act. 218)
B.b.
Gegen diesen Einspracheentscheid erhob die weiterhin durch Rechtsanwalt Zogg
vertretene Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 1. März 2019
Beschwerde. Sie beantragte, der Einspracheentscheid vom 30. Januar 2019 sei
aufzuheben und ihr seien die gesetzlichen Versicherungsleistungen, insbesondere die
Kosten der notwendigen Heilbehandlung sowie die Unfalltaggelder, rückwirkend ab
dem 1. Dezember 2017 auszurichten. Eventualiter, für den Fall, dass vom Erreichen des
medizinischen Endzustands ausgegangen werde, seien ihr rückwirkend ab dem 1.
Dezember 2017 eine ganze Invalidenrente sowie eine angemessene
Integritätsentschädigung zuzusprechen; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
In formeller Hinsicht beantragte die Beschwerdeführerin die Wiederherstellung
C.a.
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Erwägungen
1.
Vorliegend strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht die von ihr
ausgerichteten Versicherungsleistungen (Heilbehandlung und Taggeld) per 30.
November 2017 eingestellt und die Ansprüche auf Invalidenrente sowie
Integritätsentschädigung verneint hat.
aufschiebenden Wirkung (act. G 1). Zudem stellte sie ein Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung für das Verfahren vor Versicherungsgericht
(act. G 1 und 4).
In ihrer Beschwerdeantwort vom 17. April 2019 beantragte die Suva (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin), vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. R. Bachmann, Luzern, die
Abweisung der Beschwerde (act. G 7).
C.b.
Am 24. April 2019 entsprach die verfahrensleitende Richterin dem Gesuch um
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsvebeiständung für das Verfahren vor
Versicherungsgericht (act. G 8).
C.c.
In ihrer Replik vom 19. August 2019 hielt die Beschwerdeführerin an den in der
Beschwerde gestellten Anträgen vollumfänglich fest (act. G 14).
C.d.
Mit Entscheid vom 14. Oktober 2019 wies das Versicherungsgericht das Gesuch
um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde ab (act. G 16).
C.e.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete stillschweigend auf die Erstattung einer
Duplik (act. G 17).
C.f.
Mit Schreiben vom 26. Oktober 2020 informierte das Versicherungsgericht die
Parteien über den Beizug der Akten der Invalidenversicherung (IV) des Kantons St.
Gallen aus einem bereits beim Gericht hängigen Beschwerdeverfahren (act. G 18 und
26). Zu den beigezogenen Akten nahm die Beschwerdegegnerin am 5. November 2020
(act. G 22) und die Beschwerdeführerin am 18. Januar 2021 Stellung (act. G 25).
C.g.
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2.
3.
Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
832.20) werden die Leistungen der Unfallversicherung bei Berufsunfällen,
Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt. Als Unfall gilt gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die plötzliche, nicht beabsichtigte,
schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den
menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. Ist die versicherte Person infolge
des Unfalls voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG), so hat sie Anspruch auf ein
Taggeld (Art. 16 Abs. 1 UVG). Sie hat zudem Anspruch auf die zweckmässige
Behandlung der Unfallfolgen (Art. 10 UVG).
2.1.
Ist die versicherte Person infolge des Unfalls mindestens zu 10 Prozent invalid, so
hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Der Rentenanspruch
entsteht, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte
Besserung des Gesundheitszustandes der versicherten Person mehr erwartet werden
kann und allfällige Eingliederungsmassnahmen der IV abgeschlossen sind. Mit dem
Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs.
1 UVG). Erleidet die versicherte Person durch den Unfall eine dauernde erhebliche
Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität, so hat sie zudem
Anspruch auf eine angemessene Integritätsentschädigung (Art. 24 Abs. 1 UVG). Die
Entschädigung wird mit der Invalidenrente festgesetzt oder, falls kein Rentenanspruch
besteht, bei der Beendigung der ärztlichen Behandlung gewährt (Art. 24 Abs. 2 IVG).
2.2.
Die Beschwerdegegnerin hat den Vorfall vom ._ 2013 als Unfall im Sinne eines
Schreckereignisses anerkannt und zunächst Versicherungsleistungen in Form von
Heilbehandlung und Taggeld erbracht, diese jedoch per 30. November 2017 eingestellt
(vgl. Suva-act. 205 und 218).
3.1.
Die Leistungseinstellung der vorübergehenden Versicherungsleistungen (Heil
behandlung und Taggeld) per 30. November 2017 ist nicht zu beanstanden. Dr. H._
hat in seiner Beurteilung vom 25. August 2017 überzeugend dargelegt, dass aus
psychiatrischer Sicht von einer Fortsetzung der medizinischen Behandlung mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit keine namhafte Besserung des
Gesundheitszustandes mehr zu erwarten sei (Suva-act. 198). Angesichts der
langjährigen ambulanten und der seitens der Beschwerdeführerin mehrfach
3.2.
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4.
5.
abgebrochenen teilstationären und stationären Behandlungen, die allesamt zu keiner
namhaften Besserung des Beschwerdebildes geführt haben, leuchtet die Annahme des
medizinischen Endzustandes ein. Auch die Beschwerdeführerin geht von einem
solchen aus. In ihrer Beschwerde vom 1. März 2019 hat sie zwar in ihrem Hauptantrag
die Weiterausrichtung von Taggeld und Heilbehandlung verlangt (vgl. act. G 1 S. 2), in
ihrer Replik vom 19. August 2019 ist sie demgegenüber selber von einem nicht mehr
verbesserungsfähigen Gesundheitsschaden ausgegangen und hat die Ansprüche auf
Rente und Integritätsentschädigung in den Vordergrund gestellt (vgl. act. G 14 S. 7). Da
im Zeitpunkt der Leistungseinstellung von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung
also mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine namhafte Besserung des
Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin und seitens der Invalidenversicherung
keine Eingliederungsmassnahmen zu erwarten gewesen sind (vgl. Suva-act. 63 und
102), hat die Beschwerdegegnerin die vorübergehenden Versicherungsleistungen zu
Recht eingestellt (Art. 19 Abs. 1 UVG; vgl. E. 2.1 f.).
Zu prüfen bleibt somit, ob die Beschwerdeführerin aufgrund der über den 30.
November 2017 hinaus bestehenden psychischen Beschwerden Ansprüche auf eine
Invalidenrente und eine Integritätsentschädigung hat. Die Beschwerdegegnerin hat
diese Ansprüche mangels Adäquanz verneint (vgl. Suva-act. 221).
4.1.
Bei Schreckereignissen, die nicht mit einer körperlichen Beeinträchtigung einher
gehen bzw. bei welchen die somatischen Beeinträchtigungen der versicherten Person,
wie im vorliegenden Fall, von untergeordneter Bedeutung sind, beurteilt sich der
adäquate Kausalzusammenhang nach der allgemeinen Adäquanzformel (BGE 129 V
184 E. 4.2; Urteil des Bundesgerichts vom 11. Juli 2011, 8C_168/2011, E. 3.2). Nach
dieser hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolgs zu gelten, wenn es
nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an
sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt
dieses Erfolges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 125 V
461 f. E. 5a mit Hinweisen).
4.2.
Im Folgenden ist zunächst festzustellen, welcher Schaden, d.h. welche
gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei der Beschwerdeführerin über den 30.
November 2017 hinaus überhaupt noch Bestand haben und namentlich für die
Rentenprüfung, welche Arbeitsunfähigkeit noch gegeben ist.
5.1.
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Den Gesundheitszustand einer versicherten Person zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsfähig ist, ist Aufgabe von medizinischen Fachpersonen. Die
Verwaltung - und im Beschwerdefall das Gericht - ist somit auf Unterlagen angewiesen,
die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben
(BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis
der Vorakten bzw. der Anamnese abgegeben worden ist, in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a mit Hinweis).
5.2.
Die Beschwerdegegnerin hat zwar Dr. H._ danach gefragt, ob von der
Fortsetzung der medizinischen Behandlung noch eine namhafte Verbesserung des
Gesundheitszustandes erwartet werden könne (Suva-act. 198). Auf eine eingehende
Abklärung des Gesundheitszustandes und der funktionellen Auswirkungen allfälliger
gesundheitlicher Beeinträchtigungen hat die Beschwerdegegnerin jedoch verzichtet.
5.3.
Demgegenüber hat die IV-Stelle im Rahmen des IV-Verfahrens ein psychiatrisches
Gutachten in Auftrag gegeben. Med. pract. I._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
hat dieses am 2. November 2019 erstattet (IV-act. 96) und darin folgende Diagnosen
festgehalten: eine depressive Episode, gegenwärtig leicht bis allenfalls zeitweilig
mittelgradig, eine posttraumatische Belastungsstörung, gegenwärtig weitgehend
remittiert, sowie eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen und
abhängigen Persönlichkeitszügen (IV-act. 96-39). Sodann ist med. pract. I._ im
Gutachten zum Schluss gekommen, dass die Beschwerdeführerin die bisherige
Tätigkeit noch ca. 5 bis 5.5 Stunden pro Tag ausüben könne bei einer
Leistungsminderung von ca. 10 %. Gesamthaft betrage die Arbeitsfähigkeit in der
bisherigen Tätigkeit bezogen auf ein Pensum von 100 % ca. 50 %. Im Haushalt liessen
sich bei einer freien Zeiteinteilung keine Einschränkungen feststellen. Die der
Beschwerdeführerin ab August 2013 attestierte 100%ige Arbeitsunfähigkeit lasse sich
aus gutachterlicher Sicht bis Oktober 2013 gut nachvollziehen. Vermutlich seit Oktober
2013, mit überwiegender Wahrscheinlichkeit seit Oktober 2014 und mit Sicherheit
spätestens ab dem Zeitpunkt der Begutachtung, also ab Oktober 2019, liege eine ca.
50%ige Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit vor. In einer optimal
leidensangepassten Tätigkeit sei die Arbeitsfähigkeit auf 100 % zu schätzen.
Tätigkeiten mit hohen Anforderungen an die Stresstoleranz, die emotionale
5.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/24
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6.
Belastbarkeit und die selbständige Strukturierung der Arbeitsabläufe seien nicht zu
empfehlen. Auch Nachtschichten seien ungeeignet (IV-act. 96-55).
In einer Stellungnahme vom 13. November 2019 hat der regionale ärztliche Dienst
(RAD) das Gutachten als umfassend und einleuchtend bezeichnet. Die festgestellten
psychischen Einschränkungen entsprächen in ihrer Ausprägung nicht den von der
Beschwerdeführerin angegebenen Beeinträchtigungen. Die Einschätzung von med.
pract. I._, wonach es sich um ein eigenwilliges, subjektives Krankheitskonzept mit
einem daraus resultierenden maladaptiven Krankheits-, Schon- und
Vermeidungsverhalten bei einem hohen sekundären Krankheitsgewinn handle, werde
vom RAD geteilt. Es fänden sich sowohl in den Aussagen als auch im Verhalten der
Beschwerdeführerin zahlreiche Inkonsistenzen und Widersprüche, die von med. pract.
I._ beschrieben worden seien. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung von med. pract. I._
sei plausibel. In der angestammten Tätigkeit sei von einer 50%igen und in einer
angepassten Tätigkeit von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Diese
Arbeitsfähigkeiten würden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit seit Oktober 2014
und mit Sicherheit seit Oktober 2019 gelten (IV-act. 97-5 f.).
5.5.
Die Beschwerdeführerin erachtet das Gutachten von med. pract. I._ aus
verschiedenen Gründen als nicht beweiskräftig und hat diesbezüglich auch auf ihre
Eingaben im Beschwerdeverfahren IV 2020/55 vor Versicherungsgericht gegen die
ablehnende Rentenverfügung der IV-Stelle vom 7. Februar 2020 verwiesen (act. G 25
und 25.1-25.3).
6.1.
6.2.
Zunächst bemängelt die Beschwerdeführerin das Gutachten von med. pract.
I._ dahingehend, dass es Inkonsistenzen enthalte. So habe med. pract. I._
einerseits ausgeführt, dass sie, die Beschwerdeführerin, in ihren Antworten auf
konkrete Fragen zu den geltend gemachten Beschwerden trotz wiederholter
Nachfragen wenig konkret und stereotyp geblieben sei. Andererseits habe med. pract.
I._ festgehalten, dass die Angaben bei konkreten Nachfragen wiederholt
inkonsistent, punktuell auch widersprüchlich gewesen seien. Diese Schlussfolgerungen
seien nicht nachvollziehbar. Wenn Antworten stereotyp seien, könnten sie nicht
gleichzeitig inkonsistent sein. Des Weiteren habe med. pract. I._ ausgeführt, dass
viele ihrer Fragen nicht beantwortet worden seien, da sie, die Beschwerdeführerin, eine
fehlende Erinnerung bzw. massive Gedächtnisstörungen seit dem Überfall geltend
6.2.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/24
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gemacht habe. Im Widerspruch dazu habe die Gutachterin dann aber festgehalten,
dass bei der Konfrontation mit den in den Akten beschriebenen Ereignissen ein gutes
Erinnerungsvermögen vorgelegen habe (act. G 25.1 S. 8 f.).
Dass die Beschwerdeführerin teilweise angegeben hat, sich nicht erinnern zu
können, sich andererseits aber an gewisse Ereignisse sehr gut hat erinnern können, ist
tatsächlich widersprüchlich. Diese Widersprüchlichkeit hat aber nicht die Gutachterin,
sondern die Beschwerdeführerin zu verantworten. Med. pract. I._ weist insofern
plausibel auf dieses widersprüchliche Erinnerungsvermögen hin, als es eben gerade
Zweifel an den geltend gemachten Erinnerungslücken aufkommen lässt. Was den
Einwand der Beschwerdeführerin hinsichtlich des Antwortverhaltens betrifft, ist
anzumerken, dass Antworten durchaus oberflächlich, also in gewisser Weise stereotyp,
und gleichzeitig inkonsistent sein können. Dies zeigt sich in der im Gutachten
enthaltenen detaillierten Dokumentation der gegebenen Antworten (vgl. IV-act. 96-26
ff.).
6.2.2.
6.3.
Weiter macht die Beschwerdeführerin geltend, dass das psychiatrische
Gutachten nicht überzeuge, da sich med. pract. I._ nicht rechtsgenügend mit
anderslautenden fachärztlichen Beurteilungen auseinandergesetzt habe. Ihre
Einschätzung stehe im Widerspruch zur Beurteilung des behandelnden Psychiaters Dr.
E._, welcher eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für angepasste Tätigkeiten attestiert
habe. Auch der Hausarzt Dr. med. J._, Arzt für Allgemeine Medizin FMH, sei in
seinem Bericht vom 28. März 2018 von einer schweren Depression ausgegangen und
habe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit attestiert. Dr.
med. K._, praktischer Arzt, sei in seinem Bericht vom 27. April 2015 ebenfalls von
einer akuten Belastungsreaktion ausgegangen. Schliesslich stehe das Gutachten von
med. pract. I._ auch in einem Widerspruch zum Bericht des Psychiatrischen
Zentrums Y._ vom 13. Januar 2014 und demjenigen der Tagesklinik des
Psychiatrischen Zentrums V._ vom 23. Mai 2017, in welchen die Arbeitsunfähigkeit
ebenfalls auf 100 % geschätzt worden sei. Weiter widerspreche das Gutachten auch
der Stellungnahme von Dr. H._ vom August 2017. Dieser sei davon ausgegangen,
dass ein überwiegender Teil der Symptomatik ohne den Überfall vom ._ 2013 nicht
vorhanden wäre und dass sämtliche zur Verfügung stehenden
Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft seien, weshalb von der weiteren Behandlung
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine namhafte Besserung mehr erwartet
werden könne (act. G 25 S. 2 ff. und 25.1 S. 9 ff.).
6.3.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/24
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Entgegen der Behauptung der Beschwerdeführerin hat sich med. pract. I._
ausreichend mit den teils divergierenden Einschätzungen der behandelnden Ärzte
auseinandergesetzt. Die Herleitung der von ihr gestellten Diagnosen hat sie im
Gutachten detailliert beschrieben und dabei auf die von anderen Ärzten gestellten
Diagnosen ausreichend Bezug genommen. Sie hat ausführlich begründet, weshalb eine
allenfalls früher vorhandene schwere depressive Episode sowie eine posttraumatische
Belastungsstörung als weitgehend remittiert anzusehen seien (vgl. IV-act. 96-39 ff.). Im
Weiteren hat sie bezüglich der Diagnosestellung auch auf Inkonsistenzen in den
Berichten der behandelnden Ärzte hingewiesen. So hat sie beispielsweise festgehalten,
dass im Austrittsbericht der Tagesklinik des Psychiatrischen Zentrums Y._ vom 13.
Januar 2014 (vgl. IV-act. 26) die Diagnose einer schweren depressiven Episode gestellt
worden sei, eine solche aber nicht zu den im Bericht enthaltenen Beschreibungen,
wonach die Beschwerdeführerin stets mit Freude an einer Kochgruppe teilgenommen
habe und sich dabei kreativ habe einbringen können, passe (IV-act. 96-49). Auch hat
med. pract. I._ den zeitlichen Verlauf der Erkrankung unter Würdigung der Berichte
der behandelnden Ärzte dargelegt. Dabei hat sie namentlich darauf hingewiesen, dass
die ärztlicherseits kurz nach dem Überfall vom ._ 2013 erfolgte diagnostische
Einschätzung einer akuten Belastungsreaktion ebenso wie die im Austrittsbericht des
Psychiatrischen Zentrums Y._ vom 3. Oktober 2013 erwähnte posttraumatische
Belastungsstörung überzeugend seien. Retrospektiv sei auch die damals
diagnostizierte schwere depressive Episode nachvollziehbar. Dr. D._ habe dann
allerdings in seinem Bericht vom Dezember 2013 (Suva-act. 29) bereits Inkonsistenzen
und Widersprüche in der Beschwerdeschilderung der Beschwerdeführerin
beschrieben, die gerade auch vor dem Hintergrund der hausärztlichen Berichte von Dr.
C._ (vgl. Suva-act. 22, 28 und 41) sowie vor dem Hintergrund des Austrittsberichts
des Psychiatrischen Zentrums Y._ vom 4. Oktober 2013 (IV-act. 37-6 ff.)
einleuchtend seien (IV-act. 96-48 ff.). In der Tat erscheint es fragwürdig, wenn sich der
Zustand der Beschwerdeführerin in den ersten Wochen des stationären Aufenthaltes
im Psychiatrischen Zentrum Y._ stark verbessert hat, während sich gegen Ende des
Aufenthaltes - angeblich ausgelöst durch einen Termin bei der Opferberatung -
plötzlich ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten eingestellt hat, welches eine
konsequente Teilnahme am Therapieprogramm verunmöglicht hat (vgl. IV-act. 37-6 ff.).
Auch im Rahmen der im Jahr 2014 begonnenen tagesklinischen Behandlung im
Psychiatrischen Zentrum Y._ ist gegen Ende des Aufenthaltes - wiederum angeblich
ausgelöst durch einen Kontakt mit einer anderen Institution - eine Dekompensation
bzw. eine Verschlechterung der Beschwerden eingetreten (vgl. IV-act. 26). Aus
psychiatrischer Sicht hat med. pract. I._ keinen nachvollziehbaren Zusammenhang
6.3.2.
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zwischen den Dekompensationen und der Problematik der posttraumatischen
Belastungsstörung erkannt (IV-act. 96-53). Auch die nachfolgenden Versuche einer
stationären oder teilstationären Behandlung sind gescheitert. Der Aufenthalt in einer
speziell auf Opfer von Traumata ausgerichteten Station der G._ im Februar 2016 ist
seitens der Beschwerdeführerin nach wenigen Tagen abgebrochen worden, da ihrem
Wunsch nach einem Wechsel der Therapeutin nicht nachgekommen worden ist.
Gemäss Austrittsbericht der G._ vom 24. Februar 2016 hat sich die
Beschwerdeführerin kaum in die Patientengruppe eingefügt, sondern morgens und
abends auf den Besuch der Familie gewartet. Die behandelnden Ärzte der G._ haben
für einen allfälligen erneuten Aufenthalt die Bedingung formuliert, dass die
Beschwerdeführerin die Bereitschaft mitbringen müsste, sich in einem Mindestmass in
eine bestehende Gruppe einzuleben sowie an einer regelmässigen Psychotherapie
teilzunehmen (IV-act. 71). Auch die Teilnahme am Programm der Tagesklinik des
Psychiatrischen Zentrums V._ anfangs 2017 ist von der Beschwerdeführerin vorzeitig
beendet worden (IV-act. 66-2 f.). Schon Dr. H._ hat in seiner Beurteilung vom August
2017, auf die sich die Beschwerdeführerin unter anderem beruft (vgl. act. G 25 und
25.1-3), bezweifelt, dass die zahlreichen Therapieabbrüche einzig aufgrund eines
Überforderungsgefühls erfolgt seien. Als mögliche Ursache für die
Behandlungsabbrüche hat er auch die Ambivalenz der Beschwerdeführerin gegenüber
den angebotenen Therapien erwähnt (vgl. Suva-act. 198). Weiter hat der RAD in seiner
Stellungnahme vom 2. August 2018 darauf hingewiesen, dass die Anspruchshaltung
der Beschwerdeführerin (z.B. der dezidierte Wunsch nach einem Therapeutenwechsel
oder der Abbruch der ambulanten Behandlung bei Dr. D._ aufgrund einer kurzen
Wartezeit) nicht unbedingt auf einen Leidensdruck hindeuten würden. Diese
Anspruchshaltung passe auch nicht zu einer ängstlich-abhängigen Persönlichkeit (IV-
act- 75-5). Damit übereinstimmend hat med. pract. I._ retrospektiv lediglich
hinsichtlich der ersten stationären psychiatrischen Behandlung im Zeitraum von August
bis Oktober 2013 eine gute Motivation der Beschwerdeführerin erkannt, während sie
die Motivation hinsichtlich der von August bis Oktober 2014 erfolgten tagesklinischen
Behandlung vor dem Hintergrund eines sekundären Krankheitsgewinns zumindest als
ambivalent gewertet hat. Eine tragfähige Motivation zu einer Trauma-spezifischen
Behandlung in der G._ im Februar 2016 oder zur tagesklinischen Behandlung in
V._ anfangs 2017 ist für die Gutachterin nicht erkennbar gewesen (IV-act. 96-50).
Diese Einschätzung von med. pract. I._ wird durch die im Rahmen der Begutachtung
durchgeführte Messung der Spiegel der verordneten Medikamente gestützt. Der
Serumspiegel des Medikaments Temesta (Wirkstoff Lorazepam) hat nämlich unterhalb
des therapeutischen Bereichs gelegen und jener des schlafanstossenden
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Antidepressivums Trimipramin ist überhaupt nicht nachweisbar gewesen (IV-act. 96-50
f.). Darüber hinaus sind med. pract. I._ im Rahmen der Begutachtung weitere
Inkonsistenzen im Verhalten und in den seitens der Beschwerdeführerin geltend
gemachten Erinnerungslücken aufgefallen (vgl. IV-act. 96; vgl. auch E. 5.5). Auch das
von der Beschwerdeführerin anlässlich der Haushaltsabklärung durch die
Beschwerdegegnerin gezeigte Verhalten, das bereits den RAD irritiert hatte (die
Beschwerdeführerin hat die ganze Zeit auf der Polstergruppe gelegen und keine
Auskunftsbereitschaft gezeigt; vgl. IV-act. 82), hat sich med. pract. I._ medizinisch
nicht hinreichend erklären können (vgl. IV-act. 96-54). Gerade vor diesem Hintergrund
ist es nicht zu beanstanden, dass med. pract. I._ nicht unbesehen auf die von den
behandelnden Ärzten attestierten Diagnosen und bescheinigten Arbeitsunfähigkeiten
abgestellt, sondern diese kritisch hinterfragt hat, zumal die behandelnden Ärzte wegen
ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung geneigt sein können, eher zugunsten ihrer
Patienten auszusagen (vgl. BGE 135 V 465 E. 4.5; Urteil des Bundesgerichts vom 29.
Oktober 2014, 8C_677/2014, E. 7.2). Med. pract. I._ hat denn auch einleuchtend
dargelegt, dass Dr. E._ sich als behandelnder Arzt nicht mit den bereits von Dr. D._
beschriebenen Inkonsistenzen befasst, sondern in seinen Berichten zu grossen Teilen
auch auf die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin abgestellt habe (vgl. IV-act.
96-52). Sodann seien in den Austrittsberichten der G._ (IV-act. 67-5 ff.) und der
Psychiatrischen Tagesklinik V._ (IV-act. 66-2 f.) Diagnosen unkritisch übernommen
worden und die in den Berichten erwähnten psychopathologischen Befunde stellten
eine Vermischung von subjektiven Beschwerden und tatsächlich festgestellten
psychischen Symptomen dar. Deshalb könne aus gutachterlicher Sicht auf diese
Berichte nicht abgestellt werden könne (vgl. IV-act. 96-53). Soweit die
Beschwerdeführerin sich auf den Bericht von Dr. J._ vom 28. März 2018 beruft, ist
auf die darin enthaltenen Ausführungen zu verweisen, wonach sie diesen Hausarzt
nach November 2012 lediglich im Oktober 2017 einmalig wegen thorakaler Schmerzen
aufgesucht habe und am 6. März 2018 erneut vorstellig geworden sei, um über die
letzten fünf Jahre zu berichten. Dementsprechend hat Dr. J._ bezüglich Diagnosen
und Arbeitsunfähigkeiten auf die Einschätzung von Dr. E._ abgestellt und die
Beschwerdegegnerin für weitere Angaben an ihn verwiesen (vgl. IV-act. 67-1 ff.). Auch
Dr. K._ hat in seinem Bericht vom 27. April 2015 im Wesentlichen auf weitere
Berichte verwiesen (vgl. IV-act. 37-2 ff.). Zusammenfassend erscheint die Einschätzung
von med. pract. I._, wonach eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit lediglich bis Oktober
2013 gut nachvollziehbar sei, während vermutlich schon danach und mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit seit Oktober 2014 in der angestammten Tätigkeit
eine 50%ige und einer leidensangepassten Tätigkeit eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
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vorliege (vgl. IV-act. 96-55), einleuchtend. An diesem Ergebnis vermag auch der im
Beschwerdeverfahren eingereichte Bericht von Dr. E._ vom 4. März 2020 nichts zu
ändern (vgl. act. G 25.3). Ein medizinisches Administrativ- oder Gerichtsgutachten ist
nämlich nicht stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu
nehmen, wenn die behandelnden Ärzte später zu anderslautenden Einschätzungen
gelangen oder an vorgängig geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten.
Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil
die behandelnden Ärzte wichtige Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung
unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteil des Bundegerichts vom 27. Mai
2008, 9C_24/2008, E. 2.3.2 mit weiterem Hinweis). Solche im Rahmen der
Begutachtung unberücksichtigt gebliebenen Aspekte sind dem Bericht vom 4. März
2020 nicht zu entnehmen.
6.4.
Schliesslich rügt die Beschwerdeführerin die Dauer der Begutachtung. Es liege
auf der Hand, dass die aus einem knapp dreistündigen Gespräch gezogenen Schlüsse
nicht vergleichbar seien mit der Diagnose und der Einschätzung von Dr. E._, der sie
über längere Zeit regelmässig fachärztlich betreut habe. Insbesondere bei psychischen
Problemen erscheine eine einmalige Begutachtung nicht ausreichend, um eine
verlässliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit vornehmen und die Berichte der
behandelnden Fachärzte in Frage stellen zu können (vgl. act. G 25.1 S. 7).
6.4.1.
Dass sich eine psychiatrische Begutachtung nicht auf einen gleich langen
Beobachtungszeitraum wie Berichte behandelnder Fachleute stützen kann, liegt in der
Natur der Sache. Dieser Umstand allein vermag den Beweiswert einer Expertise jedoch
nicht zu schmälern (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 15. November 2012,
9C_671/2012, E. 4.5). Med. pract. I._ hat die Beschwerdeführerin sorgfältig und in
Kenntnis der Vorakten exploriert. Vorliegend sind keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich,
dass die Dauer der Untersuchung keine seriöse Beurteilung der Beschwerdeführerin
erlaubt hätte.
6.4.2.
Die von der Beschwerdeführerin gegen das Gutachten von med. pract. I._
vorgebrachten Einwände erweisen sich nach dem Gesagten als nicht stichhaltig.
Vielmehr leuchten die von med. pract. I._ gestellten Diagnosen und die von ihr
bescheinigte Arbeitsfähigkeit in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und
in der Beurteilung der medizinischen Situation ein. Weiter bestehen keine
Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche Tatsachen im Gutachten nicht
berücksichtigt worden wären. Auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung von med. pract. I._
6.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/24
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7.
kann somit abgestellt werden. Folglich ist bis September 2014 eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit anzunehmen. Ab Oktober 2014 ist in der angestammten Tätigkeit als
Verkäuferin von einer 50%igen und in optimal leidensangepassten Tätigkeiten von
einer 100%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-act. 96-55 und 97-6). Ob sämtliche
gutachterlich attestierten Diagnosen und die damit einhergehenden funktionellen
Einschränkungen auf das Unfallereignis zurückzuführen sind, kann für die
Rentenprüfung demnach offenbleiben, zumal die im Gutachten festgehaltenen
qualitativen Einschränkungen vorliegend auch keinen Tabellenlohnabzug erfordern (vgl.
dazu die nachfolgende Erwägung 7).
Für die Prüfung des Rentenanspruchs gilt es in einem nächsten Schritt die
erwerblichen Auswirkungen der Gesundheitsbeeinträchtigung festzustellen. Anspruch
auf eine unfallversicherungsrechtliche Invalidenrente besteht, wenn die versicherte
Person infolge des Unfalls zu mindestens 10 % invalid ist (Art. 18 Abs. 1 UVG). Als
Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Die Invalidität ist grundsätzlich durch einen
Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der
Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen kann, in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG). Bei vor dem Unfall
Teilzeitbeschäftigten erfolgt die Invaliditätsbemessung dergestalt, dass das
Valideneinkommen auf eine hypothetische Vollzeitbeschäftigung hochgerechnet wird
(vgl. Marc Hürzeler/Claudia Caderas, N 19 ff. zu Art. 18, in: Marc Hürzeler/Ueli Kieser
(Hrsg.), Bundesgesetz über die Unfallversicherung, Kommentar zum schweizerischen
Sozialversicherungsrecht, 2018 [nachfolgend zitiert: KOSS UVG], mit Hinweisen).
7.1.
Gemäss den Angaben der ehemaligen Arbeitgeberin hätte die Beschwerdeführerin
im Jahr 2014 als Gesunde ein Jahreseinkommen von Fr. 30'160.-- verdient (IV-
act. 15-2 ff.). Hochgerechnet auf ein Pensum von 100 % kann von einem
Valideneinkommen von gerundet Fr. 50'267.-- (Fr. 30'160.-- / 60 x 100; vgl. dazu IV-
act. 15-2 und 18-2; vgl. ferner auch IV-act. 107) und nominallohnbereinigt bis zum Jahr
7.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 21/24
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2017 (Jahr des potentiellen Rentenbeginns) von Fr. 51'132.-- (Fr. 50'267.-- / 2673 x
2719; vgl. Bundesamt für Statistik, Tabelle T 39, Entwicklung der Nominallöhne, der
Konsumentenpreise und der Reallöhne, 2010-2018) ausgegangen werden.
Für die Ermittlung des Invalideneinkommens könnte grundsätzlich auf den
Medianlohn der schweizerischen Lohstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für
Statistik für die im Kompetenzniveau 1 beschäftigten Frauen abgestellt werden. Den
LSE-Werten folgend ergäbe sich für das Jahr 2017 für ein Pensum von 100 % (bei
einer betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41.7 Stunden) ein
Jahreseinkommen von Fr. 54'783.-- (vgl. Anhang 2 der von der Informationsstelle AHV/
IV herausgegebenen Gesetzesausgabe "Invalidenversicherung, Allgemeiner Teil des
Sozialversicherungsrechts", Ausgabe 2019). Bei LSE-Daten handelt es sich allerdings
lediglich um statistische Durchschnittswerte, was sich daran zeigt, dass die
Beschwerdeführerin im vorliegenden Fall als Gesunde in einem Pensum von 100 % ein
unter dem LSE-Wert für Hilfsarbeitertätigkeiten liegendes Einkommen erzielt hat. Da
die Akten keinerlei Anhaltspunkte dafür liefern, dass die Beschwerdeführerin freiwillig
auf ein höheres Einkommen verzichtet hat, ist anzunehmen, dass die
Unterdurchschnittlichkeit ihres Validenlohns auf die für die Invaliditätsbemessung nicht
zu berücksichtigenden Zwänge des realen Arbeitsmarktes zurückzuführen ist. Folglich
rechtfertigt es sich vorliegend, das Valideneinkommen auf das Invalideneinkommen
anzuheben, wie dies auch die IV-Stelle getan hat (vgl. IV-act. 107-2).
7.3.
Da somit sowohl hinsichtlich des Validen- als auch hinsichtlich des
Invalideneinkommens von derselben Lohnbasis auszugehen ist, kann der
Einkommensvergleich anhand eines sogenannten Prozentvergleichs vorgenommen
werden. Dabei entspricht der Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit,
allenfalls unter Berücksichtigung eines Abzugs vom Tabellenlohn (vgl. BGE 126 V 75
und 114 V 313 E. 3a je mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts vom 24. Januar 2019,
9C_492/2018, E. 4.3.1 f. mit Hinweisen). Gründe, die einen weiteren Abzug auf Seiten
des Invalideneinkommens rechtfertigen würden, sind vorliegend nicht ersichtlich und
werden auch nicht geltend gemacht.
7.4.
Für die Zeit ab Oktober 2014, in welcher von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in
angepassten Tätigkeiten auszugehen ist, resultiert demnach ein Invaliditätsgrad von 0
%. Folglich hat die Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf eine Invalidenrente zu
Recht abgelehnt.
7.5.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/24
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8.
Zu prüfen bleibt der Anspruch auf eine Integritätsentschädigung. Gemäss Art. 24
Abs. 1 UVG besteht ein Anspruch auf eine Integritätsentschädigung, wenn die
versicherte Person durch den Unfall eine dauernde und erhebliche Schädigung ihrer
körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität erleidet. Als dauernd gilt ein
Integritätsschaden, wenn er voraussichtlich während des ganzen Lebens mindestens in
gleichem Umfang bestehen bleibt, und als erheblich, wenn die körperliche, geistige
oder psychische Integrität, unabhängig von der Erwerbsfähigkeit, augenfällig oder stark
beeinträchtigt wird (Art. 36 Abs. 1 der Verordnung über die Unfallversicherung [UVV;
SR 832.202]).
8.1.
In Anlehnung an die Gerichtspraxis zur Adäquanz bei psychischen Unfallfolgen ist
gemäss Bundesgericht der Anspruch auf eine Integritätsentschädigung für psychische
Leiden bei banalen bzw. leichten Unfällen regelmässig zu verneinen. Auch bei Unfällen
im mittleren Bereich ist die Dauerhaftigkeit eines psychischen Integritätsschadens
gemäss der höchstrichterlichen Rechtsprechung in der Regel nicht gegeben, ohne
dass in jedem Fall eine nähere Abklärung der Art und der Dauerhaftigkeit des
psychischen Schadens vorzunehmen wäre. Etwas anderes gilt gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung nur ausnahmsweise bei Unfällen im Grenzbereich
zu den schweren Unfällen, wenn sich aufgrund der Aktenlage erhebliche Anhaltspunkte
für eine besonders schwerwiegende Beeinträchtigung der psychischen Integrität
ergeben, die einer Besserung nicht mehr zugänglich zu sein scheint. Solche Indizien
können in den unfallbezogenen Kriterien, wie sie bei der Adäquanzbeurteilung zu
berücksichtigen sind, erblickt werden, sofern sie besonders ausgeprägt und gehäuft
gegeben sind und die Annahme nahelegen, dass sie als Stressoren eine lebenslang
chronifizierende Auswirkung begünstigt haben. Bei schweren Unfällen schliesslich ist
die Dauerhaftigkeit des Integritätsschadens gemäss Bundesgericht stets zu prüfen und
falls notwendig durch ein psychiatrisches Gutachten abklären zu lassen, sofern sie
nicht bereits aufgrund der Aktenlage als eindeutig ausgewiesen betrachtet werden
kann (zum Ganzen BGE 124 V 44 f. E. 5 c/bb; KOSS UVG-Frei, N 18 f. zu Art. 24; je mit
Hinweisen).
8.2.
Dem Unfallereignis vom ._ 2013, bei dem die Beschwerdeführerin über einen
längeren Zeitraum an Händen und Füssen gefesselt worden war, ist eine besondere
Eindrücklichkeit nicht abzusprechen und es ist gut nachvollziehbar, dass es für die
Beschwerdeführerin einschneidend gewesen ist. Indessen handelt es sich nicht um ein
Unfallereignis vom Ausmass einer eigentlichen Katastrophe oder ausserordentlicher
Schwere, sodass es unter die schweren Unfälle zu subsumieren wäre. Vielmehr ist es
8.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 23/24
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9. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Ansprüche auf Rente und
Integritätsentschädigung mangels einer rentenbegründenden Invalidität bzw. eines
dauerhaften psychischen Integritätsschadens zu verneinen sind. Damit erübrigen sich
weitere Ausführungen zur Unfallkausalität.
10.
bei den mittelschweren Unfallereignissen, maximal im Grenzbereich zu den schweren
Unfallereignissen einzustufen. Wird es als mittelschweres Unfallereignis betrachtet, fällt
eine Integritätsentschädigung gemäss der oben dargelegten Rechtsprechung
grundsätzlich ohnehin ausser Betracht. Selbst bei der Einstufung des Unfallereignisses
im Grenzbereich zu den schweren Unfällen muss die Dauerhaftigkeit eines psychischen
Integritätsschadens im Sinne einer lebenslangen Einschränkung vorliegend verneint
werden, deutet doch die Aktenlage nicht auf eine besonders schwerwiegende
Beeinträchtigung der psychischen Integrität hin. Vielmehr ist die posttraumatische
Belastungsstörung gemäss med. pract. I._ im Zeitpunkt der Begutachtung bereits als
weitgehend remittiert zu betrachten gewesen und die noch bestehende depressive
Episode hat sie als gegenwärtig leicht bis allenfalls zeitweilig mittelgradig eingestuft (IV-
act. 96-39). Was die diagnostizierte Persönlichkeitsstörung betrifft, ist auf die
Ausführungen von med. pract. I._ hinzuweisen, wonach bei der Beschwerdeführerin
keine Persönlichkeitsstörung nach Extrembelastung vorliege. Die bei der
Beschwerdeführerin seit der Jugend bestehenden Persönlichkeitseigenschaften hätten
keine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit gehabt. Bei einer guten Motivation sei es
der Beschwerdeführerin möglich gewesen, über Jahre hinweg einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen (IV-act. 96-41; zu den bereits vorbestehenden ängstlichen
Persönlichkeitszügen vgl. ferner Suva-act. 20, 52 und 135). Folglich lassen sich auch
aus der Diagnose der kombinierten Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen und
abhängigen Persönlichkeitszügen (IV-act. 96-39) keine Anhaltspunkte für eine
besonders schwerwiegende unfallkausale Beeinträchtigung der psychischen Integrität
ableiten. Nach dem Gesagten hat die Beschwerdegegnerin einen Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine Integritätsentschädigung zu Recht verneint.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.10.1.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (aArt. 61 lit. a ATSG in der bis 31.
Dezember 2020 gültigen, für das vorliegende Verfahren gemäss Art. 83 ATSG noch
anwendbaren Fassung).
10.2.
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