Decision ID: 7c251318-4411-54d1-a899-9b1ff0c5bff0
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die 1964 geborene A._ (nachfolgend: Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) kündigte ihr Arbeitsverhältnis bei der ... am 29. Oktober 2014 per Ende Februar 2015 (Akten der Arbeitslosenkasse Bern [act. II] 11). Am 9. Juni 2015 meldete sie sich bei der Arbeitsvermittlung an und am 19. Juni 2015 stellte sie einen Antrag auf Arbeitslosenentschädigung ab dem 9. Juni 2015 (Akten des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums [RAV] Region ... [act. IIb] 4 f.; act. II 12 f.). Da für die Zeit vor Beginn des Leistungsbezugs bei der Arbeitslosenversicherung zu wenige Arbeitsbemühungen eingegangen waren, erhielt die Versicherte mit Schreiben vom 22. Juni 2015 Gelegenheit, diese nachzureichen oder die fehlenden Arbeitsbemühungen zu begründen (act. IIb 34). Mit Schreiben vom 26. Juni 2015 teilte die Versicherte dem RAV mit (act. IIb 53), sie habe aus zwei Gründen in den letzten drei Monaten keine Arbeitsbemühungen vorgenommen: Einerseits aufgrund eines geplanten Umzuges nach .../..., wobei die neue Stelle ihres Ehemannes bzw. das entsprechende Projekt Ende Mai 2015 bewilligt worden sei, die schriftliche Bestätigung erfolge Ende Juni/Anfang Juli 2015. Andererseits sei sie im Zusammenhang mit ihrer bisherigen Arbeitsstelle an einem Burnout erkrankt, in der Folge habe sie im Herbst 2014 ihre Stelle gekündigt. Es sei ihr geraten worden, sich nicht sofort bei der Arbeitslosenversicherung anzumelden, da dies wieder mit Druck verbunden gewesen wäre. Sie habe sich einige Zeit ausruhen und erholen müssen.
Im Juli 2015 reichte die Versicherte aufforderungsgemäss weitere Unterlagen ein, darunter auch solche medizinischer Natur. Hinsichtlich Letzterer fand zwischen der Versicherten und dem RAV ein schriftlicher Austausch per E-Mail statt (act. II 19, 36 - 42).
Mit Verfügung vom 4. August 2015 (act. IIb 63 - 65) stellte das RAV die Versicherte ab dem 9. Juni 2015 wegen erstmalig fehlenden Arbeitsbemühungen vor Antragsstellung für 15 Tage in der Anspruchsberechtigung ein, wobei die Verfügung aus ungeklärten Gründen
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Juni 2016, ALV/16/134, Seite 3
nicht versandt wurde (act. IIb 98). Die erwähnte Verfügung wurde der Versicherten in der Folge am 10. August 2015 in Kopie durch ihre  persönlich ausgehändigt (act. II 78, 98).
Nachdem die Versicherte am 17. August 2015 ein medizinisches Zeugnis eingereicht hatte (act. II 47), ersetzte und annullierte das RAV mit Verfügung vom 20. August 2015 (act. IIb 81 - 83) diejenige vom 4. August 2015 (act. IIb 63 - 65), wobei die Versicherte wiederum ab dem 9. Juni 2015 wegen erstmalig fehlenden Arbeitsbemühungen vor Antragsstellung für 15 Tage in der Anspruchsberechtigung eingestellt wurde. Dagegen erhob die Versicherte am 22. September 2015 Einsprache unter Beilage eines ärztlichen Zeugnisses (act. IIb 92 - 97). Nachdem am 28. September 2015 ein weiteres medizinisches Zeugnis eingegangen war (act. IIb 104), hiess das beco, Berner Wirtschaft, Arbeitsvermittlung (nachfolgend: beco bzw. Beschwerdegegner), die Einsprache mit Entscheid vom 17. Dezember 2015 (act. IIb 106 - 110) teilweise gut und reduzierte die Anzahl Einstelltage von 15 auf 12 Tage; soweit weitergehend wurde die Einsprache abgewiesen.
B.
Dagegen erhob die Versicherte am 22. Januar 2016 Beschwerde. Sie beantragt die Aufhebung des angefochtenen Entscheides und die Auszahlung der 12 Taggelder.
Mit Beschwerdeantwort vom 24. März 2016 beantragt der Beschwerdegegner die Abweisung der Beschwerde.
Mit Eingabe vom 18. Mai 2016 reichte die Beschwerdeführerin zusätzlich medizinische Unterlagen ein.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Juni 2016, ALV/16/134, Seite 4

Erwägungen:
1.
1.1 Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft vom 11. Juni 2009 (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträgen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 100 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung vom 25. Juni 1982 [AVIG; SR 837.0] i.V.m. Art. 128 Abs. 2 der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung vom 31. August 1983 [AVIV; SR 837.02]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege vom 23. Mai 1989 [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
1.2 Angefochten ist der Einspracheentscheid vom 17. Dezember 2015 (act. IIb 106 - 110). Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdeführerin zu Recht wegen fehlender Arbeitsbemühungen vor Antragsstellung für 12 Tage in ihrer Anspruchsberechtigung auf Arbeitslosenentschädigung eingestellt wurde.
1.3 Bei einer Einstellung von 12 Tagen und einem versicherten Verdienst von Fr. 9‘176.-- (act. II 26/2) beträgt der Streitwert Fr. 3‘552.-- (Fr. 9‘176.-- x 0.7 : 21.7 x 12 [vgl. Art. 22 Abs. 2 AVIG und Art. 40a AVIV]) und liegt folglich unter Fr. 20'000.--, weshalb die Beurteilung der
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Juni 2016, ALV/16/134, Seite 5
Beschwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit fällt (Art. 57 Abs. 1 GSOG).
1.4 Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).
2.
2.1 Nach Art. 17 Abs. 1 AVIG müssen Versicherte, die Versicherungsleistungen beanspruchen wollen, mit Unterstützung des zuständigen Arbeitsamtes alles Zumutbare unternehmen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen. Insbesondere sind sie verpflichtet, Arbeit zu suchen, nötigenfalls auch ausserhalb ihres bisherigen Berufs. Sie müssen ihre Bemühungen nachweisen können. Gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. c AVIG ist die versicherte Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie sich persönlich nicht genügend um zumutbare Arbeit bemüht. Bei der Beurteilung der Frage, ob sich eine versicherte Person genügend um zumutbare Arbeit bemüht hat, ist nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität ihrer Bewerbungen von Bedeutung (BGE 139 V 524 E. 2.1.1 S. 525 und E. 2.1.4 S. 528).
2.2 Eine Einstellung in der Anspruchsberechtigung setzt nicht (zwingend) den Nachweis eines Kausalzusammenhangs zwischen dem Verhalten der versicherten Person und der Verlängerung der Arbeitslosigkeit, mithin dem (auch) der Arbeitslosenversicherung entstandenen Schaden voraus. Vielmehr werden bestimmte Handlungen und Unterlassungen bereits dann sanktioniert, wenn sie ein Schadensrisiko in sich bergen (BGE 141 V 365 E. 2.1 S. 367).
2.3 Aus der Pflicht, den Eintritt der Arbeitslosigkeit zu verhindern, fliesst die Last für die versicherte Person, sich bereits vom Zeitpunkt der Kündigung des früheren Arbeitsverhältnisses an und damit vor Eintritt der Arbeitslosigkeit intensiv um eine neue Arbeit zu bemühen. Die versicherte Person hat sich dementsprechend während einer allfälligen Kündigungsfrist, aber auch generell während der Zeit vor der Anmeldung,
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Juni 2016, ALV/16/134, Seite 6
unaufgefordert um Stellen zu bemühen. Sie kann sich insbesondere nicht damit exkulpieren, nicht gewusst zu haben, dass sie schon vor der Anmeldung zum Leistungsbezug zur ernsthaften Arbeitssuche verpflichtet war und nicht darauf aufmerksam gemacht worden sei. Bei der Anmeldung hat die arbeitslos gewordene Person den Nachweis ihrer Bemühungen um Arbeit vorzulegen (Art. 20 Abs. 1 lit. d AVIV). Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird sie sämtliche während der Kündigungsfrist getätigten Stellenbewerbungen einzureichen haben (BGE 139 V 524 E. 2.1.2 S. 526).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin macht in der Beschwerde, S. 1, geltend, die ursprüngliche Verfügung vom 4. August 2015 (act. IIb 63 - 65) sei ihr nie mit eingeschriebener Post zugestellt worden, sie habe am 10. August 2015 von ihrer RAV-Beraterin eine Kopie davon erhalten. Die 15 Taggelder seien bereits in Abzug gebracht worden, obwohl ihr das Schreiben nie zugestellt worden sei. Sie beanstandet, dass ein Entscheid ersetzt und annulliert worden sei, der nur im System erfasst worden und nie beim Empfänger eingetroffen sei, wobei eine Erklärung hierfür bis heute seitens des Beschwerdegegners – auch im Einspracheentscheid – ausgeblieben sei. Sie erachte daher ihre Beschwerde allein deshalb als gerechtfertigt.
Zwar war die ursprüngliche Verfügung vom 4. August 2015 (act. IIb 63 - 65) der Beschwerdeführerin unbestrittenermassen nicht per Einschreiben zugestellt worden. Indessen wurde sie ihr am 10. August 2015 von ihrer RAV-Beraterin persönlich ausgehändigt (act. II 78, 98), womit die Rechtsmittelfrist zu laufen begann, so dass sie ihre Rechte ohne weiteres wahren konnte. Dieser Einwand ist demnach unbeachtlich. Im Übrigen wurde die Verfügung vom 4. August 2015 durch diejenige vom 20. August 2015 ersetzt und annulliert (act. IIb 81 - 83). Dass die Zustellung dieser neuen Verfügung nicht korrekt erfolgt wäre, wird weder von der Beschwerdeführerin geltend gemacht noch ergibt sich Dergleichen aus den Akten.
3.2 Die Beschwerdeführerin hat ihre Stelle bei der ... am 29. Oktober 2014 per Ende Februar 2015 gekündigt (act. II 11). Zur Arbeitsvermittlung
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Juni 2016, ALV/16/134, Seite 7
hat sie sich am 9. Juni 2015 angemeldet und einen Antrag auf Arbeitslosenentschädigung hat sie am 19. Juni 2015 gestellt (act. IIb 4 f.; act. II 12 f.). Zwar hat die Beschwerdeführerin, indem sie nach der Beendigung des von ihr gekündigten Arbeitsverhältnisses nicht sofort Arbeitslosenentschädigung bezogen hat, zur Minderung des Schadens beigetragen; indessen wird damit die direkt aus Art. 17 Abs. 1 AVIG fliessende Schadenminderungspflicht nicht aufgehoben, vielmehr hat die versicherte Person sich auch unter solchen Umständen mit der erforderlichen Intensität um eine neue Arbeitsstelle zu bemühen (Entscheid des Bundesgerichts [BGer] vom 23. Februar 2015, 8C_768/2014, E. 3.1).
Es ist unbestritten und aufgrund der Akten erstellt, dass sich die Beschwerdeführerin seit der Kündigung Ende Oktober 2014 von November 2014 bis Januar 2015 drei Mal auf offene Stellen beworben hat (act. IIb 44 f.) und in der Zeit von Februar 2015 bis zur Anmeldung bei der Arbeitslosenversicherung im Juni 2015 keine Arbeitsbemühungen vorgenommen bzw. mit diesen erst am 15. Juni 2015 begonnen hat (act. IIb 47 - 49). Mit Blick auf den Umstand, dass in der Praxis durchschnittlich zehn bis zwölf Stellenbewerbungen pro Monat verlangt werden (BGE 141 V 365 E. 4.1 S. 369, 139 V 524 E. 2.1.4 S. 528), ist dies ungenügend bzw. in den letzten vier Monaten vor Antragsstellung fehlen die Arbeitsbemühungen ganz. Es bleibt zu prüfen, ob Gründe gegeben sind, die einen Verzicht auf den Nachweis von Arbeitsbemühungen rechtfertigen (vgl. AVIG-Praxis ALE des Staatssekretariats für Wirtschaft [SECO], B320).
3.3 Die fehlenden Arbeitsbemühungen in den letzten drei (bzw. vier Monaten) vor Antragsstellung begründet die Beschwerdeführerin unter anderem damit (act. IIb 53), dass sie und ihr in ... lebender Ehemann sich bereits vor Einreichung ihrer Kündigung Ende Oktober 2014 dazu entschieden hätten, die Zukunft in ... per 2015 gemeinsam neu zu gestalten. Ihr Ehemann habe sich im Januar 2015 auf eine neue Stelle auf ... beworben. Sie habe entschieden, den diesbezüglichen Entscheid abzuwarten. Es wäre sinnlos gewesen, eine neue Arbeitsstelle in der Schweiz anzunehmen und nach kurzer Zeit wieder zu kündigen. Ende Mai 2015 hätten sie erfahren, dass das Projekt bewilligt worden sei, die
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Juni 2016, ALV/16/134, Seite 8
schriftliche Bestätigung würden sie hingegen erst Ende Juni/Anfang Juli 2015 erhalten.
Diese Vorbringen sind jedoch nicht zu hören, denn die offene Stellenbewerbung ihres Ehemannes bzw. das hängige Projekt auf ... konnte die Beschwerdeführerin nicht von der Verpflichtung entbinden, für die allenfalls beschränkte Zeit bis zum Umzug nach ... bzw. bis zum Projektbeginn Arbeit zu suchen und dadurch ihrer Schadenminderungspflicht nachzukommen.