Decision ID: 3a723210-c5c5-5dba-9722-4568a9a1c6a7
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ unterzeichnete am 30. Oktober 2013 das Anmeldeformular zum Bezug von
Leistungen, welches bei der IV-Stelle im November 2013 einging (IV-act. 1). Er gab an,
er leide an einem depressiven Syndrom.
A.a.
Am 22. November 2013 berichtete die Arbeitgeberin, die B._ AG (IV-act. 10), der
Versicherte sei seit dem 10. April 2000 als Mitarbeiter in der Produktion tätig. Der AHV-
beitragspflichtige Lohn betrage seit dem 1. August 2011 bei einer Wochenarbeitszeit
von 42.5 Stunden Fr. 4'450.-- pro Monat bzw. Fr. 57'850.-- (inkl. 13 Monatslohn) im
Jahr.
A.b.
Am 29. November 2013 berichtete med. pract. C._ (IV-act. 16), Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, der Versicherte leide an einer emotional
instabilen Persönlichkeitsstörung (impulsiver Typus) und an einer Anpassungsstörung
(Angst und depressive Reaktion gemischt). Der Versicherte befinde sich seit dem 17.
Juli 2013 in einer teilstationären Behandlung in der psychiatrischen Tagesklinik D._;
er sei vollständig arbeitsunfähig. Ab dem Januar 2014 sei eine 20%ige Arbeitsfähigkeit
gegeben; im Weiteren sei eine sukzessive Steigerung der Arbeitsfähigkeit möglich.
A.c.
Am 17. Januar 2014 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit (IV-act. 18), aufgrund
des Gesundheitszustandes seien derzeit keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen
möglich.
A.d.
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Im Auftrag der E._ Krankenversicherung AG erstattete Dr. med. F._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, am 20. Februar 2014 ein psychiatrisches
Gutachten (Fremdakten act. 3-7 ff.). Er nannte die folgenden Diagnosen: Eine leichte
depressive Episode und eine Persönlichkeitsakzentuierung mit emotional instabilen,
narzisstischen und histrionen Zügen. Er führte weiter aus, aufgrund der eher einfachen
Strukturierung der Primärpersönlichkeit, des sehr niedrigen Bildungsstatus und der
generell erhöhten Beeindruckbarkeit sei der Versicherte in seiner Fähigkeit, mit
psychosozialen Stressoren umzugehen, eingeschränkt. Infolge der anhaltenden
Kränkung durch seine Exfrau habe der Versicherte eine depressive Episode entwickelt.
Der Versicherte habe angegeben, während seiner Ausbildung (die er jedoch wegen
eines Hautausschlages nicht abgeschlossen habe), sei es durch seinen Chef mehrfach
zu sexuellen Übergriffen gekommen. Seine Ehefrau sei vor acht Jahren aufgrund eines
erlebten sexuellen Missbrauchs im Alter von 13 Jahren psychisch krank geworden und
habe eine dominante Position in der Familie eingenommen. Die Angaben des
Versicherten, er habe im gleichen Alter wie seine Exfrau eine sexuelle Ausbeutung
erlitten, entspreche seiner aufgrund der Persönlichkeitsprägung unreflektierten
Wahrnehmung der Situation, wobei dies als Wunsch anzusehen sei, sich aus der
anhaltenden psychosozialen Belastungssituation zu befreien. Der Alkoholkonsum habe
den Versicherten für eine solche Entwicklung labilisiert. Diese Dynamik sei am ehesten
durch eine starke Identifizierung mit der Krankenrolle bedingt. Zwischen den beiden
gutachterlichen Untersuchungen (am 13. August 2013 und 22. Januar 2014) sei es
beim Versicherten unter einer kontinuierlichen psychiatrisch-psycho-therapeutischen
Behandlung zu einer Verbesserung des psychischen Zustandes gekommen, weshalb
bei der zweiten Untersuchung keine psychische Störung mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit mehr vorgelegen habe. Die bisherigen Berichte hätten sich
überwiegend auf die subjektiven Angaben des Versicherten abgestützt; sie hätten
objektive Daten über die psychosoziale Lage des Versicherten nur begrenzt beachtet.
A.e.
Im Austrittsbericht vom 4. März 2014, betreffend den Aufenthalt in der
psychiatrischen Tagesklinik in D._ vom 17. Juli 2013 bis 11. Februar 2014, berichtete
Dr. C._ von unveränderten Diagnosen (IV-act. 21). Weiter führte er aus, der im
Kontakt freundliche Versicherte habe sich mit kurzen stabileren Phasen durchgehend
affektiv deprimiert, ängstlich, angespannt und innerlich wie äusserlich deutlich sichtbar
A.f.
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unruhig und getrieben gezeigt. Er habe Probleme mit seiner Exfrau; sie verwehre ihm
teilweise die Besuchsrechte der Kinder und sie stelle ihn in der Öffentlichkeit und vor
den Kindern als Unperson dar. Die Arbeitsversuche im August 2013 und Januar 2014
seien beide gescheitert. Durch wiederkehrende, reale Belastungen in seinem
Lebensbereich (Stellenverlust der Freundin, Krebserkrankung des Vaters,
Schwierigkeiten mit dem Kontakt zu seinen Kindern) sei es im Verlauf zu einer
Zunahme der Spannungszustände mit einem autoaggressiven Verhalten gekommen,
worauf der Versicherte zur Bewältigung vermehrt Alkohol konsumiert habe. Auch habe
der Versicherte erstmalig über einen sexuellen Missbrauch durch einen ehemaligen
Chef in der Türkei berichtet. Im Rahmen des Behandlungsprogramms seien Skills
erlernt worden; trotzdem sei es in Stresssituationen weiterhin zu
Minderwertigkeitsgefühlen und Spannungssteigerungen mit selbstverletzendem
Verhalten gekommen. Der Versicherte habe Schulden; laufende Betreibungsverfahren
seien eine Belastung. Der Versicherte sei nach wie vor voll arbeitsunfähig.
Die Fachärzte der Psychiatrie-Dienste, Klinik G._, berichteten am 26. März 2014
(Fremdakten act. 3-4 ff.) und am 11. April 2014 (IV-act. 27), dass der Versicherte vom
12. Februar bis 21. März 2014 in einer stationären Behandlung gewesen sei. Folgende
Diagnosen seien erhoben worden: Eine schwere depressive Episode mit psychotischen
Symptomen, eine anamnestisch emotional instabile Persönlichkeitsstörung,
Borderlinetypus und ein Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung. Bis
zum 10. April 2014 wurde eine volle Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. In Anbetracht der
Schwere und der Chronifizierung der psychischen Symptomatik sei es
unwahrscheinlich, dass der Versicherte in absehbarer Zeit wieder arbeitsfähig werde.
Der Versicherte sei in einer teilremittierten psychischen Verfassung in die ambulante
Weiterbehandlung entlassen worden.
A.g.
Am 22. Mai 2014 wurde dem Versicherten durch die B._ AG auf den 31. August
2014 gekündigt (IV-act. 54).
A.h.
Dr. med. H._, Facharzt für Anästhesiologie, berichtete am 5. August 2014 (IV-act.
29), der Versicherte leide an einer schweren depressiven Episode, einer emotional
instabilen Persönlichkeitsstörung sowie einer posttraumatischen Belastungsstörung
(komplexe Traumafolgestörung). Der Versicherte sei vom 14. April bis 3. Oktober 2014
A.i.
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voll arbeitsunfähig. Ab dem 1. Dezember 2014 werde eine 50%ige Arbeitsfähigkeit
bestehen. Im Bericht vom 23. April 2015 gab Dr. H._ dann aber an (IV-act. 42), der
Versicherte sei aufgrund einer Einweisung ins Psychiatriezentrum D._ weiterhin voll
arbeitsunfähig.
Im Auftrag der E._ Krankenversicherung AG erstattete Dr. med. I._, Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, am 24. März 2015 ein psychiatrisches
Gutachten (Fremdakten act. 4-4 ff.). Darin führte Dr. I._ aus, er habe bei der
Untersuchung eine leichte depressive Symptomatik mit noch leichten
Stimmungsschwankungen, zeitweiliger psychomotorischer Anspannung, leichten
Schlafstörungen, leichten Konzentrationsstörungen, Mutlosigkeit insbesondere in
Bezug auf die berufliche Zukunft und subjektiv angegebenem Grübeln bei massiven
psychosozialen Belastungen und vor allem bei sehr hohen Schulden festgestellt.
Diagnostisch sei von einer leichten depressiven Episode im Sinne einer weitgehend
remittierten, mittelgradigen bis möglicherweise kurzzeitig schweren depressiven
Episode (Anfang 2014 kurzzeitig nach dem Tod des Vaters des Versicherte), basierend
auf akzentuierten Persönlichkeitszügen mit histrionisch-infantilen, emotional-instabilen
und passiv-aggressiven Anteilen, auszugehen. Hinweise für eine manifeste, d.h. voll
ausgebildete Persönlichkeitsstörung fänden sich nicht. Eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung hätte früher auffallen müssen. Falls sie doch entgegen aller
aktuellen diagnostischen Erkenntnisse vorgelegen haben sollte, habe sie den Ver
sicherten über 15 Jahre nicht in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Die
psychiatrische Symptomatik habe sich inzwischen gebessert; der Tod des Vaters sei
weitgehend überwunden. Seit Monaten sei der Versicherte unbehandelt; die
Psychopharmaka seien reduziert worden, wobei sich die Symptomatik nicht
verschlechtert habe. Weitere psychische Störungen seien anhand der aktuell
erhobenen objektiven Befunde und der Angaben des Versicherten nicht vorhanden.
Eine adäquate, zielführende Behandlung sei indiziert. Derzeit seien leichte
Einschränkungen der Arbeits- und Leistungsfähigkeit aufgrund von leichten
Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen und einer leicht verminderten
Ausdauer gegeben. Zudem bestünden noch leichte Einschränkungen der emotionalen
Flexibilität und Belastbarkeit sowie der Stress- und Frustrationstoleranz. Diese
Einschränkungen seien voraussichtlich durch eine adäquate und optimierte
A.j.
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Behandlung, inklusive einer kompetenten Psychopharmakotherapie, in den nächsten
zwei bis drei Monaten deutlich besserungsfähig, sodass eine Vollremission der
depressiven Störung zu erwarten sei. Derzeit bestehe (in der angestammten und in
einer adaptierten Tätigkeit) eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit; ab dem 1. Mai oder
spätestens 1. Juni 2015 sei bei einer adäquaten und konsequenten Behandlung eine
volle Arbeitsfähigkeit zu erwarten. Der Versicherte sei ab sofort wieder
eingliederungsfähig, sowohl in seiner bisherigen beruflichen Tätigkeit im Fensterbau
(aufgrund der erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse in den letzten Jahren) als auch
in einer anderen praktischen und handwerklichen Tätigkeit. Eine stufenweise berufliche
Eingliederung könne spätestens ab dem 1. April 2015 mit zunächst 4 bis 5 Stunden
täglich begonnen werden und mit zügiger Aufstockung innerhalb der nächsten sechs
bis acht Wochen auf acht bis achteinhalb Stunden täglich fortgesetzt werden. Das
"Zuhause-Sein" ohne Tagesstruktur sei eher regressions- und ggf.
depressionsfördernd; eine allgemeine Aktivierung und auch die Auseinandersetzung
mit dem beruflichen Alltag könnten neben den anderen Massnahmen zur Besserung
beitragen.
Am 16. Juli 2015 berichtete Dr. C._ (IV-act. 49), dass sie beim Versicherten
folgende Diagnosen erhoben habe: Eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung
(Borderline-Typus infolge Traumatisierung in der Kindheit und Jugendzeit) sowie eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit
somatischem Syndrom. Der Versicherte befinde sich seit dem 21. April 2015 in einer
teilstationären Behandlung in der Tagesklinik D._. Aufgrund der bestehenden
emotionalen Labilität, der Angstzustände, der Deprimiertheit, der
Stimmungsschwankungen, der gestörten Affektregulation und des selbstverletzenden
Verhaltens sei er in seiner bisherigen Tätigkeit beeinträchtigt. Er sei reduziert belastbar
und habe Probleme bei Teamarbeiten. Die Einschränkungen könnten durch eine
Weiterführung der intensiven und integrierten psychiatrischen Behandlung vermindert
werden; damit könnten eine Stabilisierung des Zustandes und eine Steigerung der
Arbeitsfähigkeit erreicht werden. Derzeit sei der Versicherte voll arbeitsunfähig; nach
einer Zustandsstabilisierung sei eine Arbeit im bisherigen Tätigkeitsbereich oder eine
adaptierte Tätigkeit zumutbar. Ab August 2015 bestehe eine 20%ige Arbeitsfähigkeit.
A.k.
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Die RAD-Ärztin Dr. med. J._ notierte am 1. September 2015 (IV-act. 51), dass ein
Eingliederungspotential bestehe mit der Aussicht auf eine mindestens 50%ige
Arbeitsfähigkeit innert 6 bis 12 Monaten.
A.l.
Am 2. Februar 2016 berichtete Oberarzt med. pract. K._ (IV-act. 58), Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, von der psychiatrischen Tagesklinik in D._
über die Behandlung vom 21. April bis 3. November 2015, der Versicherte leide an
einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit impulsiven, emotional instabilen und
paranoiden Anteilen infolge einer Traumatisierung in der Kindheit und der Jugendzeit
sowie an einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig mittelgradige
Episode mit einem somatischen Syndrom. Aufgrund der bestehenden emotionalen
Labilität, der Impulsivität, der paranoiden Verarbeitungstendenz, der
Stimmungsschwankungen, der gestörten Affektregulation und des selbstverletzenden
Verhaltens sei er in seiner bisherigen Tätigkeit massiv beeinträchtigt. Dies habe eine
deutlich verminderte Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit zur Folge. Eine
verminderte Konfliktfähigkeit und eine erhöhte Kränkbarkeit führten zu Problemen bei
Teamarbeiten. Seit dem 21. April 2015 bestehe in der bisherigen und in jeder anderen
Tätigkeit eine volle Arbeitsunfähigkeit; das Erreichen einer verwertbaren
Arbeitsfähigkeit sei unrealistisch.
A.m.
Die RAD-Ärztin Dr. J._ hielt am 10. Februar 2016 fest (IV-act. 60), dass sie eine
Rentenprüfung empfehle, da medizinisch-theoretisch eine volle Arbeitsunfähigkeit für
sämtliche Tätigkeiten auf unbestimmte Zeit bestehe. Aufgrund der
Persönlichkeitsstörung sei der Versicherte keinem Arbeitgeber zumutbar und der
therapeutische Zugang sei wegen der Unfähigkeit, eigene Anteile erkennen zu können,
der massiven Kränkbarkeit und der Impulskontrollstörung nicht gegeben.
A.n.
Die IV-Stelle teilte dem Versicherten am 18. Februar 2016 mit (IV-act. 63), dass
berufliche Massnahmen aufgrund des Gesundheitszustandes nicht möglich seien,
weshalb das entsprechende Leistungsbegehren abgewiesen werde.
A.o.
Am 23. März 2016 notierte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle (IV-act. 64), dass
ein anonymer Hinweis eingegangen sei, laut dem folgendes über den Versicherten
ausgeführt worden sei: Die Einschränkungen des Versicherten seien nicht so
A.p.
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dramatisch, wie dieser sie darstelle. Er spreche schon länger davon, dass man in der
Schweiz nicht arbeiten müsse. Er sei sich bewusst, dass der Nachweis von
psychischen Problematiken für die IV-Stelle schwierig sei. Bereits vor der
Krankschreibung habe er bei der Arbeit immer wieder gefehlt. Grundsätzlich bestehe
beim Versicherten eine geringe Arbeitsmotivation; er wisse, dass in der Schweiz
niemand verhungern müsse.
Die IV-Ärztin Dr. med. L._ notierte am 14. Juli 2016 (IV-act. 66), dass die zwei
Gutachten stark von den Einschätzungen der Behandler abwichen. Die Gutachter
betonten die zentrale Rolle der psychosozialen Belastungsfaktoren und wiesen darauf
hin, dass deren schrittweise Bewältigung durch therapeutische Bemühungen
anzustreben sei. Die starke dysfunktionale Identifizierung mit der Krankenrolle werde
betont. Aus gutachterlicher Sicht erscheine das Therapiekonzept als nicht adäquat und
die Behandler stützten sich insbesondere auf die subjektiven Angaben des
Versicherten und dessen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit und weniger auf die
objektiven Befunde. Die Voraussetzungen für die von den Behandlern gestellte
Diagnose einer Persönlichkeitsstörung seien aus gutachterlicher Sicht grundsätzlich
nicht erfüllt. Die in den Gutachten dargestellte gesundheitliche Situation entspreche
wahrscheinlich dem tatsächlichen Sachverhalt. Zur Klärung des aktuellen
Leistungsniveaus sei eine erneute psychiatrische Begutachtung indiziert.
A.q.
In einem Austrittsbericht vom 6. März 2017 (IV-act. 75) der psychiatrischen Klinik
M._ gaben die Fachärzte an, dass der Versicherte vom 30. Januar bis zum 14.
Februar 2017 hospitalisiert gewesen sei. Sie gaben folgende Diagnosen an: Eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit
somatischem Syndrom, und kombinierte Persönlichkeitsstörungen mit impulsiven,
emotional instabilen und paranoiden Anteilen infolge einer Traumatisierung in der
Kindheit und der Jugendzeit. Während des Aufenthalts habe eine volle
Arbeitsunfähigkeit bestanden.
A.r.
Am 27. Juli 2017 notierte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle (IV-act. 78), dass von
einer anonymen Quelle zwei Privatvideos übermittelt worden seien. Die Sequenzen
zeigten, wie der Versicherte als Gast an einer Hochzeitsfeier am 20. Mai 2017 getanzt
habe. Die IV-Ärztin Dr. L._ notierte am 15. August 2017 (IV-act. 81), dass der
A.s.
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Versicherte auf den zugesandten Videoaufnahmen modisch und festlich gekleidet sei
und dass er entspannt, selbstsicher und situationsadäquat gut gelaunt wirke.
Anzeichen von Ängstlichkeit oder schwerer Depression wie psychomotorische
Auffälligkeiten, Antriebsminderung oder eine Niedergeschlagenheit bestünden nicht.
Die Aufnahmen seien nicht vereinbar mit dem geltend gemachten sozialen Rückzug;
sie würden aber mit den gutachterlichen Einschätzungen einer weitgehenden
Remission der von den Behandlern diagnostizieren mittel- bis schweren depressiven
Episode korrespondieren.
Dr. med. N._, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, erstattete
am 21. August 2017 im Auftrag der IV-Stelle ein psychiatrisches Gutachten (IV-act. 84).
Er führte aus, die Untersuchung habe am 19. Oktober 2016 stattgefunden. Der
Versicherte leide mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung vom Borderline oder vom impulsiven Typus. Eine bestehende
depressive Episode habe er nicht nachweisen können. Für eine sichere Diagnose einer
posttraumatischen Belastungsstörung habe sich bei der Untersuchung kein Nachweis
von spezifischen Diagnosekriterien ergeben. Die bisherige Therapie sei lege artis; die
Kooperation des Versicherten sei wahrscheinlich ausreichend. Die Ausübung der
angestammten Tätigkeit sei in einem vollen zeitlichen Pensum möglich, wobei aus
medizinisch theoretischer Sicht die Leistungsfähigkeit wegen einem vermehrtem
Pausenbedarf oder einem verminderten Arbeitstempo um schätzungsweise 25%
vermindert sei.
A.t.
Die RAD-Ärztin Dr. L._ notierte am 12. Oktober 2017 (IV-act. 85), dass das
Gutachten von Dr. N._ sowohl in formeller Hinsicht als auch aus medizinischer Sicht
nicht in allen Punkten überzeuge. Der Zeitraum zwischen der Untersuchung und der
Gutachtenerstellung betrage 10 Monate, was sehr lange sei. Bei der Beschreibung des
Gesundheitszustandes auf S. 14 breche der Abschnitt mitten im Satz ab. Der
Vorgutachter Dr. med. I._ sei fälschlicherweise mit med. pract. A. I._ angegeben
worden. Die Begründung der diagnostischen Beurteilung gehe aus dem Gutachten
nicht klar, schlüssig und nachvollziehbar hervor. Ohne weitere Ausführungen sei notiert
worden, dass "wahrscheinlich eine Persönlichkeitsstörung vorliege"; die Vorgutachten
hätten jedoch beide akzentuierte Persönlichkeitszüge diagnostiziert und eine
Persönlichkeitsstörung verneint. Eine Begründung für die abweichende Beurteilung und
A.u.
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eine Diskussion über die diagnostischen Eingangskriterien einer Persönlichkeitsstörung
seien nicht vorhanden. Insgesamt fehle es an einer vertieften Auseinandersetzung mit
den ärztlichen und vorgutachterlichen Einschätzungen. Einzelne Indikatoren seien
abgehandelt worden, wobei die Ausführungen teilweise derart knapp seien, dass eine
schlüssige Begründung nicht immer vorhanden sei. Die Konsistenzprüfung falle sehr
knapp aus und erweise sich teilweise als widersprüchlich. Der Verlauf der relevanten
Einschränkungen seit Beginn der Erkrankung/IV-Anmeldung sei nicht klar skizziert.
Am 11. Mai 2018 nahm Dr. phil. O._, Fachpsychologe für Neuropsychologie,
eine neuropsychologische Abklärung beim Versicherten vor (IV-act. 95-117 ff.). Dr.
O._ führte in seinem Bericht vom 23. Juli 2018 aus, dass sich keine Auffälligkeiten
ergeben hätten, die auf eine Simulation oder Aggravation hinweisen würden; der
Versicherte habe der Norm entsprechende Resultate erzielt. Die Reaktionszeit des
Versicherten sei jedoch ungewöhnlich stark beeinträchtigt gewesen und sie habe stark
geschwankt, was bei Personen mit einem suboptimalen Leistungsverhalten vermehrt
zu beobachten sei. Entsprechend den berichteten Symptome sei an eine
posttraumatische Belastungsstörung zu denken. Der Versicherte habe nämlich
berichtet, dass er seit einer Missbrauchserfahrung in der Kindheit an Schlafstörungen
leide. Dies sei jedoch nicht vereinbar mit den Angaben in den Vorberichten, wonach die
Symptome erst nach der Trennung von der Ehefrau aufgetreten seien. Daher seien
gewisse Zweifel an der Validität der Angaben vorhanden. Aufgrund der Auffälligkeiten
und der Diskrepanz zu früheren Angaben sei ein suboptimales Leistungsverhalten nicht
auszuschliessen und es könne nicht sicher gesagt werden, ob die Testresultate mit
dem tatsächlichen Leistungspotential übereinstimmten. Unter Annahme der Validität
der Testergebnisse könne im Hinblick auf die Arbeitsfähigkeit aus rein
neuropsychologischer Sicht unter Berücksichtigung der vorliegenden Befunde gesagt
werden, dass für den Versicherten Aufgaben mit sehr geringen Tempoanforderungen
geeignet seien. Reaktionsanforderungen sollten sehr gering sein, eine Fehlertoleranz
hingegen sollte gegeben sein, womit eine Bedienung von Maschinen nur eingeschränkt
möglich sei. Die Arbeitsaufträge sollten wegen der Gedächtnisdefizite nicht
umfangreich sein. Kreative Anforderungen würden nur eingeschränkt bewältigt. Die
Handlungsanweisungen sollten klar und eindeutig sein.
A.v.
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Daraufhin teilte die IV-Stelle dem Versicherten am 16. Oktober 2017 mit (IV-act.
86), dass eine erneute psychiatrische Begutachtung notwendig sei. Am 2. August 2018
erstattete Dr. med. P._ ein psychiatrisches Gutachten (IV-act. 95). Darin hielt er fest,
im Rahmen der Untersuchung hätten sich keinerlei Hinweise für das Vorliegen einer
organischen, einschliesslich einer symptomatischen psychischen Störung, einer
Störung durch psychotrope Substanzen, einer Schizophrenie, einer schizotypen oder
einer wahnhaften Störung gefunden. Auch lägen keine Hinweise für einen
problematischen oder einen übermässigen Alkoholkonsum vor. Insgesamt sei der
Eindruck einer gewissen Aggravation entstanden. In den Akten fänden sich starke
Diskrepanzen zwischen den Einschätzungen durch die drei Vorgutachter und den
Einschätzungen durch die Behandler. Übereinstimmend sei lediglich, dass die
(psychischen) Probleme des Versicherten nach der Scheidung aufgetreten seien und
seither durch gravierende psychosoziale Belastungsfaktoren aufrechterhalten würden.
Das vorübergehende (auch wiederholte) Vorliegen einer depressiven Episode sei
möglich, aufgrund der widersprüchlichen und unklaren Aktenlage und auch der
diesbezüglich vagen Angaben des Versicherten ("seit 2013 gehe es immer schlecht")
könne jedoch nicht genau gesagt werden, von wann bis wann dies allenfalls der Fall
gewesen sei. Hinweise darauf, dass über längere Zeit eine mittelgradige oder gar
schwere depressive Episode vorgelegen hätte, fänden sich nicht. Eine
posttraumatische Belastungsstörung bestehe nicht. Auch eine Persönlichkeitsstörung
sei nicht gegeben; dabei handle es sich um eine gravierende und anhaltende sowie
gleichförmige Störung, die sich bereits früher auf die Leistungsfähigkeit des Ver
sicherten hätte auswirken müssen, was nicht zutreffe. Insgesamt habe er keine
psychiatrische Störung festgestellt. Einschränkungen (sowohl in der bisherigen als
auch in einer adaptierten Tätigkeit) seien deshalb nicht vorhanden.
A.w.
Die RAD-Ärztin Dr. L._ notierte am 25. September 2018 (IV-act. 96), dass auf
das Gutachten von Dr. P._ abgestellt werden könne, da es umfassend sei und keine
formellen Mängel aufweise. Dr. P._ habe die Aktenlage vollständig und sorgfältig
aufgearbeitet. Er habe die Indikatoren umfassend geprüft (insbesondere auch die
vorliegend wichtige Frage der Konsistenz). Auf die Diskrepanzen zwischen den
früheren ärztlichen Einschätzungen sei er eingegangen.
A.x.
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Mit einem Vorbescheid vom 9. Oktober 2018 kündigte die IV-Stelle dem
Versicherten die Abweisung des Rentenbegehrens an (IV-act. 97). Sie stützte dabei
insbesondere auf das Gutachten von Dr. P._ ab, wonach eine volle Arbeitsfähigkeit
gegeben sei und damit keine Erwerbseinbusse aus gesundheitlichen Gründen vorliege.
Am 8. November 2018 liess der Versicherte dagegen einen Einwand erheben (IV-act.
98) und die Ausrichtung einer Rente beantragen. Zur Begründung liess er ausführen,
das Gutachten von Dr. F._ sei beweisuntauglich. Das Versicherungsgericht habe
Gutachten von Dr. F._ bereits früher als krass mangelhaft beurteilt. Die anonymen
Hinweise seien aus den Akten zu entfernen; diese spotteten jeder Rechtsstaatlichkeit.
Dies gelte auch für die anonym eingegangenen Videodateien. Die pauschale
Bemängelung des Gutachtens von Dr. N._ sei "höchst merkwürdig". Am 7.
Dezember 2018 führte der Rechtsvertreter weiter aus (IV-act. 100), die lange
Zeitspanne zwischen der Exploration und dem Gutachten sei kein Mangel; dies sei sehr
oft der Fall; bis anhin habe dies die IV-Stelle nie gestört. Weiter gab er am 4. Februar
2019 an (IV-act. 102), dass der Versicherte auf den Videos für wenige Minuten tanzend
zu sehen sei. Dies stehe nicht im Widerspruch zu einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung des impulsiven bzw. des Borderline-Typus. Zudem sei zu
klären, ob der Versicherte zu diesem Zeitpunkt allenfalls Medikamente eingenommen
habe, welche die Auswirkung seiner Erkrankung für eine gewisse Zeit zurück
zudämmen vermöchten. Auch sei die Möglichkeit von "lucida intervalla" in Betracht zu
ziehen, was bei einer instabilen Persönlichkeitsstörung zum Krankheitsbild gehöre. Die
Aufnahmen - sofern sie überhaupt aus dem Jahre 2017 stammten - bewiesen damit
nichts. Die Ausführungen von Dr. L._ stellten ein Gutachten (mit Ferndiagnose) dar,
weshalb die Fragestellung und die Wahl des Gutachters dem Rechtsvertreter vorgängig
hätten vorgelegt werden müssen, was nicht geschehen sei. Dr. L._ habe sich weder
zu "lucida intervalla" noch zur Medikation geäussert und auch keine Akteneinsicht
vorgenommen.
A.y.
Am 6. Februar 2019 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des Rentenbegehrens
(IV-act. 103). Zu den Einwänden führte sie aus, dass die Rüge am Gutachten von Dr.
F._ nicht überprüfbar und nicht substanziiert sei und dass sich der Vorbescheid nicht
primär auf dieses Gutachten stütze. Die anonymen Hinweise seien nicht aus den Akten
zu entfernen, sondern im Rahmen der Beweiswürdigung zu berücksichtigen; Gründe
A.z.
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B.
für ein Verwertungsverbot seien nicht ersichtlich. Dr. P._ habe den Versicherten auf
den Videodateien identifiziert und das Vorliegen einer anhaltenden gravierenden
depressiven Verstimmung gestützt auf die Videos in Frage gestellt. Wenn das Verhalten
des Versicherten durch eine Medikamenteneinnahme erklärbar sei, belege dies, dass
die Symptomatik mit der geeigneten Medikation behandelbar sei. Die Mängel des
Gutachtens von Dr. N._ seien von Dr. L._ am 12. Oktober 2017 dargelegt worden;
gemäss diesem Gutachten bestehe ohnehin nur eine 25% Arbeitsunfähigkeit, woraus
sich kein rentenbegründeter IV-Grad herleiten lasse. Bei der These von "lucida
intervalla" sei nicht klar, worauf der Rechtsvertreter sich dabei genau beziehe.
Am 11. März 2019 liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
Beschwerde gegen die Verfügung der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
vom 6. Februar 2019 erheben (act. G 1). Er liess die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung, die Ausrichtung einer Invalidenrente und eventualiter eine erneute
psychiatrische Begutachtung beantragen. Zur Begründung führte er im Wesentlichen
und ergänzend zu den bisherigen Einwänden aus, dass die Ausführung von Dr. I._,
wonach in der angestammten Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von höchstens 50%
bestehe, der Aussage widerspreche, dass auch für eine adaptierte Tätigkeit eine
Arbeitsunfähigkeit von 50% bestehe. Eine Klärung der Begründungsmängel im
Gutachten von Dr. N._ wäre durch Zusatzfragen möglich gewesen; stattdessen sei
ein neues Gutachten in Auftrag gegeben worden. Dr. P._ habe in seinem Gutachten
die Probleme nur auf psychosoziale Belastungsfaktoren zurückgeführt, ohne dies aber
wissenschaftlich belegen oder begründen zu können. Die anonymen Videoaufnahmen
könnten das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung (des Borderline- und des
impulsiven Typus) nicht widerlegen, da es in der Natur dieser Erkrankung liege, dass
massive Schwankungen vorkämen und zwischenmenschliche Beziehungen
unbeständig sowie schwankend seien. Vorübergehend könne eine erkrankte Person
völlig normal erscheinen, zumal wenn sie unter entsprechenden Medikamenten stehe.
Dr. L._ sei in ihrer Stellungnahme hierauf nicht eingegangen; sie sei anhand der
Bilder zum Schluss gekommen, dass diese nicht mit dem geltend gemachten sozialen
Rückzug vereinbar seien und eine weitgehende Remission der mittel- bis schweren
depressiven Episode bestätigten. Der Sachverhalt sei nicht genügend abgeklärt
B.a.
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worden, da die ärztlichen Unterlagen widersprüchliche Informationen über den
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers enthielten, die auch durch das Gutachten
von Dr. P._ nicht geklärt worden seien. Bei einer ergänzenden Begutachtung sei zu
prüfen, ob während der Abklärungsdauer eine rentenrelevante Arbeitsunfähigkeit
vorgelegen habe. Die Widersprüche in den Gutachten von Dr. N._ und P._ seien in
einem Obergutachten zu klären. Die Videodateien seien in Verletzung von
Persönlichkeitsrechten erstellt worden und bei Bekanntwerden des Erstellers sei ein
Strafverfahren wegen Verletzung von Art. 179quater StGB durchzuführen. Auch seien
die Schutzrechte des ZGB verletzt (Recht am eigenen Bild / Art. 28 ZGB). Eine
Einwilligung habe nie vorgelegen. Die Videodateien seien aus den Akten zu verweisen.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 10. Mai 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Sie führte (mit Verweis auf IV-act. 86 ff.) aus, dass keine erneute
Begutachtung vorzunehmen sei, da der Rechtsvertreter eine neue Abklärung
vorbehaltslos akzeptiert habe. Der Beschwerdeführer habe bei der Begutachtung durch
Dr. P._ ein diffuses Beschwerdebild präsentiert, welches medizinisch schwer
einzuordnen sei. Dr. P._ habe dies einlässlich und transparent diskutiert. Eine
vollumfängliche Klärung aller Ungereimtheiten sei nicht auf die mangelnde Qualität des
Gutachtens oder die unzureichende Qualifikation des Gutachters zurückzuführen,
sondern liege daran, dass der Beschwerdeführer nicht an einer authentischen ICD-10-
codierbaren Krankheit leide. Sofern die nicht authentische Beschwerdepräsentation ein
nicht überzeugendes Gutachten zur Folge habe, habe der Beschwerdeführer die
Folgen zu tragen; die IV-Stelle habe dem Beschwerdeführer die Säumnisfolgen für die
mangelnde Mitwirkung gemäss Art. 43 ATSG in einer Mitteilung vom 17. November
2017 angedroht. Art. 179quater StGB sei nicht verletzt worden; die Aufnahme stamme
von einem Fest mit vielen Gästen, an welchem mit der Aufnahme von Bildern und
Videos zu rechnen sei. Die Videos seien verwertbar.
B.b.
Am 20. Mai 2019 bewilligte das Versicherungsgericht des Kantons St.Gallens die
unentgeltliche Rechtspflege für das vorliegende Beschwerdeverfahren (act. G 6).
B.c.
In der Replik vom 19. September 2019 liess der Beschwerdeführer an seinen
Beschwerdeanträgen festhalten (act. G 12). In der Begründung liess er ergänzend zur
Beschwerde im Wesentlichen ausführen, dass sich die Gutachten und die Berichte fast
B.d.
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Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 6. Februar 2019 hat die Beschwerdegegnerin
das Rentenbegehren des Beschwerdeführers abgewiesen. Den Gegenstand dieses
Beschwerdeverfahrens bildet folglich die Frage nach einem allfälligen Rentenanspruch
des Beschwerdeführers.
2.
ausschliesslich einig seien, dass der Beschwerdeführer zumindest zeitweise und
zumindest an einer mittelgradigen depressiven Episode leide und eine
Persönlichkeitsstörung aufweise. Nur Dr. F._ und Dr. P._ seien nicht zu diesem
Schluss gekommen. Dass die Beschwerdegegnerin sich auf eines dieser
"ausreissenden" Gutachten stütze, ohne objektive Gründe dafür zu haben, sei
unhaltbar. Die Beschwerdegegnerin hätte in einem solch unklaren Fall auch ein
Gutachten eines langjährigen Behandlers einholen sollen.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die Einreichung einer Duplik; sie hielt an
den Ausführungen in der Beschwerdeantwort fest (act. G 14).
B.e.
Laut dem Art. 43 Abs. 1 ATSG hat der Versicherungsträger die Begehren zu
prüfen, die notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vorzunehmen und die
erforderlichen Auskünfte einzuholen. Soweit ärztliche oder fachliche Untersuchungen
für die Beurteilung notwendig und zumutbar sind, hat sich die versicherte Person
diesen gemäss dem Art. 43 Abs. 2 ATSG zu unterziehen. Kommt die versicherte
Person ihren Auskunfts- oder Mitwirkungspflichten bei der Sachverhaltsabklärung in
einer unentschuldbaren Weise nicht nach, kann der Versicherungsträger aufgrund der
Akten verfügen oder die Erhebungen einstellen und Nichteintreten beschliessen, wenn
er die versicherte Person vorher schriftlich gemahnt und auf die Rechtsfolgen
hingewiesen und ihr eine angemessene Bedenkzeit eingeräumt hat (Art. 43 Abs. 3
ATSG).
2.1.
Im Rahmen seiner Befundbeurteilung hat Dr. P._ angegeben (IV-act. 95-73 ff.),
dass der Beschwerdeführer trotz Nachfragen kaum konkrete Angaben zu seinem
gegenwärtigen Zustand habe geben können. Im Weiteren hat er ausgeführt, dass
aufgrund der mangelnden Mitwirkung des Beschwerdeführers das Vorliegen einer
2.2.
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Persönlichkeitsstörung nicht definitiv habe ausgeschlossen werden können (IV-act.
95-83). Insgesamt sei der Eindruck von Aggravation entstanden. Aufgrund der
Aggravationsproblematik und der vagen Angaben des Beschwerdeführers,
insbesondere auch unter Beachtung der unklaren Situation in der
neuropsychologischen Abklärung, sei eine sichere Einschätzung des
Beschwerdeführers nicht möglich gewesen (IV-act. 95-89). Dr. O._ hat in seiner
neuropsychologischen Beurteilung nämlich ausgeführt, dass ein suboptimales
Leistungsverhalten des Beschwerdeführers nicht ausgeschlossen sei und daher nicht
mit Sicherheit gesagt werden könne, ob die Testresultate mit dem tatsächlichen
Leistungspotential des Beschwerdeführers übereinstimmten (IV-act. 95-127). Die
Reaktionszeiten des Beschwerdeführers seien ungewöhnlich stark beeinträchtigt
gewesen und sie hätten stark geschwankt, was bei Personen mit einem suboptimalen
Leistungsverhalten vermehrt zu beobachten sei; auch seien Widersprüche zu früheren
Berichten vorhanden gewesen (IV-act. 95-125). Die Beschwerdegegnerin hat trotz der
von Dr. P._ und Dr. O._ festgestellten eingeschränkten Mitwirkung und Aggravation
gestützt auf das Gutachten von Dr. P._ direkt auf eine vollständige Arbeitsfähigkeit
geschlossen. Die Ausführungen im Gutachten von Dr. P._, in die auch die Abklärung
von Dr. O._ in die Beurteilung miteinbezogen worden ist, lassen jedoch die
Möglichkeit offen, dass eine relevante psychische Gesundheitsbeeinträchtigung hätte
diagnostiziert und damit eine zumindest teilweise Arbeitsunfähigkeit hätte attestiert
werden können, wenn der Beschwerdeführer ausreichend mitgewirkt hätte. Hätte der
Beschwerdeführer bei der neuropsychologischen Begutachtung durch Dr. O._ und
der psychiatrischen Begutachtung durch Dr. P._ entsprechend seiner Pflicht gemäss
Art. 43 Abs. 2 ATSG uneingeschränkt mitgewirkt, stünde der Grad der Arbeitsfähigkeit
überwiegend wahrscheinlich fest. Deshalb vermag das (grundsätzlich sehr sorgfältige)
Gutachten von Dr. P._ die gestellte Diagnose und den angegebenen
Arbeitsfähigkeitsgrad nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen. Folglich hätte die Beschwerdegegnerin eine erneute
Begutachtung anordnen und den Beschwerdeführer vorab gemäss Art. 43 Abs. 3
ATSG abmahnen müssen. Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin kann die
Abmahnung gemäss Art. 43 Abs. 3 ATSG nämlich erst erfolgen, nachdem die
Mitwirkungspflicht durch die versicherte Person verletzt worden ist. Die Erwähnung von
Art. 43 Abs. 3 ATSG in der Mitteilung vom 17. November 2017 (IV-act. 88) kann damit
lediglich ein genereller Hinweis der Beschwerdegegnerin gewesen sein, dass das
"Mahn- und Bedenkzeitverfahren" existiere. Die angefochtene Verfügung, mit der die
Beschwerdegegnerin stattdessen das Verwaltungsverfahren ohne Weiteres definitiv
abgeschlossen hat, erweist sich vor diesem Hintergrund als rechtswidrig, denn sie ist in
Verletzung der Abmahnungspflicht (Art. 43 Abs. 3 ATSG) ergangen.
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Dagegen könnte eingewendet werden, die Chancen auf eine Mitwirkung des
Beschwerdeführers bei einer weiteren Begutachtung seien so gering gewesen, dass
selbst bei einer Mahnung mit der Androhung einer Sanktion gestützt auf Art. 43 Abs. 3
ATSG von einer weiteren Begutachtung kein Erkenntnisgewinn zu erwarten gewesen
sei, so dass die Beschwerdegegnerin ohne Weiteres von einer objektiven
Beweislosigkeit habe ausgehen dürfen. Das Bundesgericht betrachtet das „Mahn- und
Bedenkzeitverfahren“ zu Recht als eine „ausnahmslos zu beachtende
Verfahrensregel“ (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 43 N 104, mit
Hinweisen auf die Rechtsprechung). Das verunmöglicht eine verfahrensrechtliche
„Abkürzung“ in der Form des Verzichts auf eine Abmahnung, weshalb die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen und diese zu verpflichten ist, den
Beschwerdeführer nach einer Abmahnung der uneingeschränkten Mitwirkungspflicht
unter der Androhung einer Sanktion im Sinne des Art. 43 Abs. 3 ATSG nochmals
begutachten zu lassen. Bezüglich der Sanktionsmöglichkeiten ist darauf hinzuweisen,
dass der Wortlaut des Art. 43 Abs. 3 ATSG zwar zwei verschiedene Varianten eines
definitiven Verfahrensabschlusses als Sanktion einer Mitwirkungspflichtverletzung
vorzusehen scheint, dass sich ein definitiver Verfahrensabschluss als Reaktion auf eine
Mitwirkungspflichtverletzung aber nicht mit dem Sinn und Zweck des Art. 43 ATSG
vereinbaren lässt. Der Art. 43 Abs. 1 ATSG will nämlich sicherstellen, dass der
massgebende Sachverhalt in jedem Verfahren umfassend ermittelt wird. Als
„flankierende Massnahme“ soll der Art. 43 Abs. 3 ATSG der Verwaltung ein Mittel in die
Hand geben, mit dem diese eine durch eine Pflichtverletzung der versicherten Person
verursachte Blockierung der Sachverhaltsabklärung aufheben und ihre ureigenste
Aufgabe doch noch erfüllen kann. Mit anderen Worten bezweckt der Art. 43 Abs. 3
ATSG eine Erfüllung der Untersuchungspflicht selbst für jene Fälle, in denen eine
versicherte Person ihre Mitwirkungspflicht verletzt. Diesen Zweck könnte der Art. 43
Abs. 3 ATSG gar nicht erreichen, wenn er als Reaktion auf eine
Mitwirkungspflichtverletzung einen definitiven Abschluss des Verwaltungsverfahrens
ohne eine vollständige Sachverhaltsermittlung vorsehen würde. Damit würde der Art.
43 Abs. 3 ATSG seine eigene Zwecksetzung geradezu torpedieren. Als „Sanktion“ kann
folglich nur ein Druckmittel in Frage kommen, das darauf abzielt, dass die versicherte
Person ihren Widerstand aufgibt und dass die Sachverhaltsabklärung doch noch
weitergeführt respektive abgeschlossen werden kann. In einem Verfahren betreffend
eine erstmalige Leistungsprüfung bietet sich dafür eine Verfahrenssistierung an, die
erst dahinfällt, wenn die versicherte Person später doch noch bereit ist, ihre
Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung zu erfüllen (vgl. zum Ganzen auch
Tobias Bolt, Folgen einer Mitwirkungspflichtverletzung, in: JaSo 2016, S. 180 f.). Die
Beschwerdegegnerin wird dem Beschwerdeführer also androhen, dass sie sein
2.3.
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3.
Im Weiteren hat der Beschwerdeführer die Entfernung der anonymen Hinweise aus den
Akten verlangt. In den Akten deutet nichts darauf hin, dass die anonymen Hinweise und
die anonym zugespielte Videoaufzeichnung einen Einfluss auf die Beurteilung des
Gesundheitszustandes des Versicherten und damit auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung
gehabt hätten. Weder die Gutachter noch die Beschwerdegegnerin haben die
anonymen Hinweise als relevant beachtet. So haben die anonymen Hinweise der
Beschwerdegegnerin keinen Anlass gegeben, weitere Abklärungen (bspw. eine
Observation) zu tätigen. Dr. P._ wäre zur selben Beurteilung und
Arbeitsfähigkeitsschätzung gekommen, wenn er die anonymen Hinweise und die
Videoaufzeichnung nicht vorliegen gehabt hätte. Die Videoaufnahmen haben die
Diagnoseerhebung von Dr. P._ nicht beeinflusst; Dr. P._ hat seine Untersuchung
auf die medizinischen Vorakten und auf die Aussagen des Beschwerdeführers gestützt.
Ob die anonymen Hinweise und die Videoaufnahmen im Hinblick auf die Weiterführung
der Sachverhaltsabklärung im wieder aufzunehmenden Verwaltungsverfahren aus den
Akten der Beschwerdegegnerin zu entfernen sein werden, wird diese selbst zu
beurteilen haben.
4.
Rentenbegehren nicht weiter behandeln werde, falls er bei einer erneuten
neuropsychologischen und psychiatrischen Begutachtung nicht uneingeschränkt
mitwirken sollte; das Verwaltungsverfahren zur Prüfung eines Rentenanspruchs werde
erst weitergeführt werden, wenn der Beschwerdeführer ernsthaft bereit sei, bei einer
medizinischen Begutachtung uneingeschränkt mitzuwirken. Im Sinne eines obiter
dictum ist darauf hinzuweisen, dass sich der Beschwerdeführer mit einer erneuten
Weigerung, bei der erneuten neuropsychologischen und psychiatrischen Begutachtung
uneingeschränkt mitzuwirken, selbst schaden würde, denn angesichts der
widersprüchlichen Aktenlage dürfte es unmöglich sein, eine allfällige Arbeitsunfähigkeit
des Beschwerdeführers mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen. Das hätte eine objektive Beweislosigkeit betreffend die
vom Beschwerdeführer behauptete Arbeitsunfähigkeit und damit betreffend eine
rentenspezifische Invalidität zur Folge. Es liegt deshalb im Interesse des
Beschwerdeführers, bei der weiteren medizinischen Abklärung seiner
Mitwirkungspflicht uneingeschränkt nachzukommen (vgl. dazu auch den Entscheid
IV 2016/178 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 4. September 2018, E. 2.3).
Folglich ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zur Weiterführung der
Sachverhaltsabklärung im Sinne der vorstehenden Ausführungen zurückzuweisen.
2.4.
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Rechtsprechungsgemäss gilt die Rückweisung einer Sache zur weiteren Abklärung
hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als ein vollständiges Obsiegen der
beschwerdeführenden Person. Die Gerichtskosten von 600 Franken sind deshalb der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Die Beschwerdegegnerin hat dem
Beschwerdeführer eine Parteientschädigung auszurichten. Angesichts des
durchschnittlichen Vertretungsaufwandes wird diese auf 3’500 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgesetzt.