Decision ID: dee4fda8-435f-5593-a9c1-43364745dd3c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 7. Oktober 2015 in der Schweiz um Asyl
nach. Am 27. Oktober 2015 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Am
6. Juni 2017 wurde er vertieft zu seinen Asylgründen angehört.
Dabei machte er geltend, er sei bangladeschischer Staatsangehöriger is-
lamischen Glaubens aus dem Dorf B._ (Distrikt C._) und
habe dort – mit Ausnahme der Examenszeit – bis zu seiner Ausreise ge-
wohnt. Er habe sein Studium in (...) an der Universität in C._ im (...)
Studienjahr im (...) 2011 beziehungsweise (...) 2011 abgebrochen. Neben
dem Studium habe er bis zirka Ende Mai 2010 in einem (...)-Center (...)
gegeben und bis zirka Ende Februar 2011 auf (...) seiner Eltern gearbeitet.
Sein Vater sei verstorben. Seine Mutter lebe gemeinsam mit seinem Bruder
D._ und dessen Familie noch im Heimatdorf. Dieser sei ein politi-
scher Führer der Awami-League (AL) und (...) für diese Partei in der
E._-Union. Zwei seiner Brüder und alle vier Schwestern seien in
Bangladesch wohnhaft, während sich ein weiterer Bruder in F._ in
G._ aufhalte. Seit dem Jahr 2008 sei er Mitglied der Studentenbe-
wegung des Vereins H._ gewesen. Dieser sei islamistisch geprägt
und mit der I._ affiliiert. Die Vereinsmitglieder hätten sich monatlich
in der Moschee des Nachbardorfs J._ getroffen und einmal im Jahr
habe eine Distriktversammlung im K._ in C._ stattgefunden.
Vor seiner Mitgliedschaft bei diesem Verein sei er Mitglied im Studenten-
flügel der AL gewesen. Aufgrund dieses Wechsels habe er Probleme mit
den Anhängern der AL bekommen. Seit dem Jahr 2008 habe er zusammen
mit drei Kollegen illegal ein (...)-Center betrieben, da sie keine Bewilligung
dafür erhalten hätten beziehungsweise diese nicht verlängert worden sei.
Studenten der AL hätten neben seinem (...)-Center ein offizielles (...)-Cen-
ter betrieben. Zirka im Mai 2010 habe er eine tätliche Auseinandersetzung
mit Studenten der AL gehabt. Als er am Tag danach zu seinem (...)-Center
gegangen sei, habe er festgestellt, dass es zerstört worden sei. Daraufhin
habe er sich an den Vorsitzenden seiner Union gewandt, jedoch keine Ge-
nehmigung mehr erhalten. Im September 2010 sei er auf dem Weg ins
Nachbardorf von Anhängern der Studentenbewegung der AL überfallen
und schwer verletzt worden. Er habe sich deshalb während (...) Tagen in
Spitalpflege befunden. Während seines Spitalaufenthalts seien Studenten
der AL zu ihm nach Hause gegangen und hätten seine Mutter und seinen
älteren Bruder bedroht. Sie hätten seinen Austritt aus dem (...)-Verein ver-
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langt, andernfalls seine Familie Probleme bekommen würde. Der Be-
schwerdeführer habe diesen Vorfall nicht bei der Polizei gemeldet, da sein
älterer Bruder dagegen gewesen sei. Am (...) 2011 habe er Bangladesch
legal mit einem Arbeitsvisum für F._ verlassen. Nach (...) Monaten
und (...) Tagen sei er von dort in K._ weitergereist, wo er sich wäh-
rend (...) Jahre illegal aufgehalten und (...) gearbeitet habe. Am 7. Oktober
2015 sei er über die L._, M._ und (...) in die Schweiz ge-
langt.
Der Beschwerdeführer reichte zum Beleg seiner Vorbringen einen Reise-
pass, einen Spitalbericht, ein undatiertes Schreiben der Organisation (...),
ein undatiertes Schreiben der Organisation (...), ein Schreiben des (...) und
ein undatiertes Schreiben der (...), alles in Kopie, sowie die Übersetzung
eines Schreibens des (...) zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 8. April 2019 – eröffnet am 10. April 2019 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Wegweisungsvollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 10. Mai 2019 erhob der Beschwerdeführer gegen diesen
Entscheid durch seinen Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht. Er beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung
und die Rückweisung der Sache zur vollständigen und richtigen Abklärung
und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurtei-
lung an das SEM. Eventualiter sei die vorinstanzliche Verfügung aufzuhe-
ben, festzustellen, dass er die Flüchtlingseigenschaft erfülle, und ihm Asyl
zu gewähren; eventualiter sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen;
eventualiter sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen
und die vorläufige Aufnahme anzuordnen; eventualiter sei die Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme
anzuordnen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der vollum-
fänglichen Einsicht in die vorinstanzlichen Akten A24/7, A29/1, A26/6,
A25/2 und A4/14, eventualiter um Gewährung des rechtlichen Gehörs zu
den genannten Akten und danach um Ansetzung einer Frist zur Beschwer-
deergänzung.
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D.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Mai 2019 teilte die damals zuständige In-
struktionsrichterin dem Beschwerdeführer mit, dass er den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfe. Zugleich wurde er zur Leistung
eines Kostenvorschusses von Fr. 750.– mit Frist bis zum 4. Juni 2019 auf-
gefordert, unter Androhung des Nichteintretens im Unterlassungsfall.
E.
Am 31. Mai 2019 wurde beim Bundesverwaltungsgericht ein Kosten-
vorschuss von Fr. 750.– eingezahlt.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Juni 2019 wies die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der Akteneinsicht ab. Zur Begründung wurde
ausgeführt, dass es sich bei Akte A4 unabhängig von der Klassifizierung
um eine für den Ausgang des Asylverfahrens unwesentliche Akte handle,
auf die sich das SEM bei der Entscheidfindung nicht zulasten des Be-
schwerdeführers abgestützt habe, womit keine Gehörsverletzung vorliege,
während der Aktenkomplex A24 ("interne Konsultation", paginiert als "in-
terne Akte"), A25 ("verwaltungsinterne Information", paginiert als "interne
Akte"), A26 ("internes Abklärungsergebnis", paginiert als "der Geheimhal-
tung unterliegende Akte") und A29 ("interne Aktennotiz: interne Konsulta-
tion", paginiert als "interne Akte") zu Recht als nicht dem Akteneinsichts-
recht unterliegende interne Akten im Sinne von BGE 115 V 303 respektive
der Geheimhaltung gemäss Art. 27 VwVG unterliegende Akten paginiert
worden sei und das SEM sich im Übrigen bei der Entscheidfindung nicht
zulasten des Beschwerdeführers auf diese abgestützt habe, womit eben-
falls keine Gehörsverletzung vorliege. Schliesslich wurde das SEM zur
Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
G.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 2. Juli 2019 vollumfänglich
an seiner Verfügung fest und schloss sinngemäss auf Abweisung der Be-
schwerde.
H.
Am 8. Juli 2019 stellte die Instruktionsrichterin dem Beschwerdeführer die
Vernehmlassung des SEM zu und räumte ihm Gelegenheit zur Replik bis
zum 23. Juli 2019 ein.
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Seite 5
I.
In seiner Replik vom 23. Juli 2019 äusserte sich der Beschwerdeführer ins-
besondere zum Verhältnis zwischen der AL und der N._, verwies
diesbezüglich auf ein Video auf www.youtube.com und reichte (...) Interne-
tartikel betreffend Politik, Wahlen und verschiedene Ereignisse in Bangla-
desch im Zeitraum von 2013 bis zum 16. Juli 2019 zu den Akten.
J.
Am 16. Oktober 2019 führte der Beschwerdeführer unter Bezugnahme auf
einen gleichzeitig eingereichten Internetartikel auf (...) vom (...) 2019 aus,
dass im Zusammenhang mit dem ermordet aufgefundenen Studenten
O._ zahlreiche Mitglieder des Studentenflügels der regierenden AL
festgenommen worden seien und dieser Mord schwerwiegende Unruhen
ausgelöst habe.
K.
Mit Schreiben vom 10. Juni 2020 verwies der Beschwerdeführer auf die
sich täglich verschlimmernde Situation in Bangladesch, auch im Zusam-
menhang mit der Covid-19-Pandemie. Im Fall der Rückkehr nach Bangla-
desch würde er in eine ihm an Leib und Leben gefährdende Situation ge-
raten. Zudem seien die bangladeschischen Behörden weder schutzwillig
noch schutzfähig. So wie höchste politische Exponenten der Verfolgung
ausgeliefert seien (bspw. Khaleda Zia und ihre Familie), wäre der Be-
schwerdeführer als einfacher Bürger erst recht schutzlos ausgeliefert.
L.
Mit Schreiben vom 4. Dezember 2020 wies der Beschwerdeführer darauf
hin, dass er sich seit über fünf Jahren legal in der Schweiz aufhalte, hier
hervorragend integriert und finanziell unabhängig sei, wobei er auf ver-
schiedene gleichzeitig eingereichte Unterlagen verwies, weshalb eine
Rückkehr nach Bangladesch für ihn eine grosse Härte bedeuten würde.
M.
Aus organisatorischen Gründen innerhalb der Abteilung IV wurde das Ver-
fahren am 1. Februar 2021 auf Richterin Nina Spälti Giannakitsas übertra-
gen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
http://www.youtube.com/ http://www.bbc.com/
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Seite 6
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG
(SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bis-
herige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist nach der fristgerechten Leistung des Kostenvorschusses einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E.5).
3.
3.1 In der Beschwerdeschrift werden verschiedene formelle Rügen erho-
ben. Diese sind vorab zu prüfen, da sie angesichts der formellen Natur des
Anspruchs auf rechtliches Gehör allenfalls geeignet sein könnten, eine
Kassation der angefochtenen Verfügung zu bewirken.
Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt, dass die verfügende Behörde
die Vorbringen des Betroffenen tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft
prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt, was sich entsprechend in
der Begründung des Entscheids niederschlagen muss (vgl. BVGE 2015/10
E. 5.2 f.).
Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes we-
gen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufgelis-
teten Beweismittel. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersu-
chungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
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Seite 7
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör resultiert der verfahrensrechtli-
che Anspruch auf Akteneinsicht (Art. 26 VwVG). In jedem Verfahren kön-
nen sich die Betroffenen nur dann wirksam zur Sache äussern und geeig-
net Beweise führen beziehungsweise Beweismittel bezeichnen, wenn
ihnen die Möglichkeit eingeräumt wird, die Unterlagen einzusehen, auf wel-
che sich die Behörde stützt. Vom Akteneinsichtsrecht ausgeschlossen sind
verwaltungsinterne Unterlagen (vgl. BVGE 2013/23 E. 6.4 m.w.H.). Das
Recht auf Akteneinsicht kann eingeschränkt werden, wenn ein überwie-
gendes Interesse an deren Geheimhaltung vorhanden ist. Dies muss indes
aufgrund einer konkreten, sorgfältigen und umfassenden Abwägung der
entgegenstehenden Interessen beurteilt werden, wobei der Grundsatz der
Verhältnismässigkeit zu beachten ist. Je stärker das Verfahrensergebnis
von der Stellungnahme der Betroffenen zum konkreten Dokument abhängt
und je stärker auf ein Dokument bei der Entscheidfindung (zum Nachteil
der Betroffenen) abgestellt wird, desto intensiver ist dem Akteneinsichts-
recht Rechnung zu tragen (vgl. Art. 27 f. VwVG).
Der Anspruch auf Akteneinsicht setzt sodann eine geordnete, übersichtli-
che und vollständige Aktenführung (Ablage, Paginierung und Registrierung
der vollständigen Akten im Aktenverzeichnis) voraus (vgl. BVGE 2012/24
E. 3.2, 2011/37 E. 5.4.1 je m.H.).
3.2 Zur Rüge der Verletzung des Akteneinsichtsrechts und der Pflicht zur
vollständigen und richtigen Paginierung führte der Beschwerdeführer an,
die Vorinstanz habe in den vier Akten A24/7 ("interne Konsultation"), A25/2
("verwaltungsinterne Information"), A26/6 ("internes Abklärungsergebnis"
und A29/1 ("interne Notiz: interne Konsultation") fallspezifische Abklärun-
gen getroffen und diese in der angefochtenen Verfügung weder erwähnt
noch gewürdigt. Betreffend die erwähnten Akten sei zudem die Paginierung
nicht nachvollziehbar. So sei nicht ersichtlich, weshalb die Akte A26/6 mit
"A" statt mit "B" paginiert werden solle. Bezüglich der Akte A29/1 stünden
die Bezeichnung im Widerspruch zueinander. Die Akte A4/14 ("GWK-Rap-
port" sei zu Unrecht mit "C" paginiert worden, zumal solche dem SEM ge-
schickte Akten "anderer Behörden" gemäss Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts zu Akten des SEM würden und dieses somit zur Ge-
währung der Einsicht zuständig werde. Schliesslich stünden die Bezeich-
nungen der Akte A29/1 in Widerspruch zueinander.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2012/24
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Über die Rügen betreffend die Verweigerung der Akteneinsicht und der
Verletzung der Aktenführungspflicht wurde bereits mit Zwischenverfügung
vom 24. Juni 2019 (vgl. Bst. F. oben) befunden. Darauf ist zu verweisen.
Mithin ist der Antrag auf Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung wegen
Verletzung des Akteneinsichtsrecht abzuweisen.
3.3 Soweit der Beschwerdeführer moniert, dass sein Anspruch auf rechtli-
ches Gehör verletzt worden sei, weil bei der Frage der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs mit keinem Wort darauf Bezug genommen worden
sei, dass er Bangladesch am (...) 2011 verlassen habe, und die
Vorinstanz damit zu würdigen unterlassen habe, dass er sich letztmals vor
rund acht Jahren in Bangladesch aufgehalten habe, erweist sich dieser
Vorwurf als unbegründet. So wurde in der angefochtenen Verfügung im
Sachverhalt sehr wohl festgehalten, dass der Beschwerdeführer seinen
Heimatstaat am erwähnten Datum verlassen habe. Somit ist nicht davon
auszugehen, dass diesem Umstand bei der Prüfung des Vollzugs der Weg-
weisung durch die Vorinstanz nicht Rechnung getragen wurde, selbst
wenn er in den Erwägungen zum Wegweisungsvollzugspunkt nicht explizit
erwähnt wurde. Dies ist ebenso wenig als Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs zu werten, wie die Tatsache, dass die Vorinstanz nach einer gesamt-
heitlichen Würdigung der aktenkundigen Parteivorbringen und Beweismit-
tel zu einem anderen Schluss als der Beschwerdeführer gelangt ist.
3.4 Auch der Vorwurf, das SEM habe den Anspruch des Beschwerdefüh-
rers auf rechtliches Gehör dadurch verletzt, dass es zu würdigen unterlas-
sen habe, dass er von den Anhängern der Chatro-League verfolgt worden
sei und die Vorinstanz insbesondere nicht erwähnt habe, dass seine Prob-
leme angefangen hätten, nachdem er selber die Chatro-League verlassen
habe, geht fehl. So geht aus dem Anhörungsprotokoll hervor, dass der Be-
schwerdeführer für die Studentenbewegung der AL den Begriff Chatro-Lea-
gue und für jene des H._ die Bezeichnung Chatro-(...) (auch
Chatro-[...]) verwendete (vgl. act. A21/24 F65, F67, F97–101). Die Vo-
rinstanz führte dazu in ihrer Vernehmlassung zutreffend aus, dass es sich
bei der Chatro-League um den Studentenflügel der AL handle. In ihrem
Entscheid seien statt des Begriffs Chatro-League die Bezeichnungen "Stu-
dent der Awami-League" und "Studentenflügel der Awami-League" ver-
wendet worden. Die im Zusammenhang mit Anhängern der Chatro-League
geltend gemachten Probleme seien sowohl im Sachverhalt erwähnt als
auch in den Erwägungen abgehandelt worden. Die Behauptung, das SEM
habe insbesondere nicht erwähnt, dass die Probleme des Beschwerdefüh-
rers begonnen hätten, nachdem dieser die Chatro-League verlassen habe,
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Seite 9
entbehrten jeglicher Grundlage. So werde im Asylentscheid klar festgehal-
ten, dass der Beschwerdeführer geltend gemacht habe, er habe aufgrund
des Wechsels vom Studentenflügel der AL zum Studentenflügel der
I._ Probleme erhalten. Dass das SEM – wie in der Replik erwidert
wurde – damit eine Argumentation nachgeschoben habe, wonach es für
ein und dieselbe Gruppierung unterschiedliche Bezeichnungen verwendet
habe, findet nach dem Gesagten in den Akten keine Stütze.
3.5 Der Beschwerdeführer wirft dem SEM unter Hinweis auf eine Protokoll-
stelle weiter vor, es habe sein Vorbringen nicht gewürdigt, dass auch an-
dere Mitglieder des H._ verfolgt worden seien und eines sogar ge-
tötet worden sei.
In diesem Zusammenhang gab er zu Protokoll, dass alle Vereinsmitglieder
Probleme gehabt hätten. Viele hätten den Verein nach dem Studium auf
Geheiss ihrer Familien verlassen müssen. Das Mitglied P._ sei ge-
tötet worden, es sei im Spital an einem Hirnschlag gestorben. Dies habe er
in der Schweiz erfahren. Ein weiteres Mitglied sei mit ihm in F._
gewesen, aber später nach Bangladesch zurückgekehrt. Je ein Mitglied sei
nach Q._ beziehungsweise R._ gegangen. Von den andern
wisse er nicht, wo sie sich aufhielten (vgl. act. A18/24 F153–158). Dazu ist
festzuhalten, dass die wesentlichen Elemente der geltend gemachten Asyl-
gründe der angefochtenen Verfügung zu entnehmen sind. Diesbezüglich
ist der Umfang ihrer Berücksichtigung bei der Begründung des Asylent-
scheids vorliegend nicht zu bemängeln. Der Umstand, dass die Vorinstanz
nicht jedes einzelne Detail der Asylvorbringen in der Verfügung festgehal-
ten oder in der Begründung berücksichtigt hat, ist ebenso wenig als Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs zu werten, wie die in E. 3.3 oben bereits er-
wähnte Tatsache, dass sie nach einer gesamtheitlichen Würdigung der ak-
tenkundigen Parteivorbringen und Beweismittel zu einem anderen Schluss
als der Beschwerdeführer gelangt ist.
3.6 Dem SEM wird weiter vorgeworfen, es habe das Asylverfahren jahre-
lang verschleppt und dadurch zusätzlich zu seiner Abklärungspflicht den
Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör schwerwiegend
verletzt. So habe es die Anhörung erst am 6. Juni 2017, eineinhalb Jahre
nach der Einreichung des Asylgesuchs, durchgeführt und seither beinahe
weitere zwei Jahre ungenutzt verstreichen lassen. Dies sei deshalb gravie-
rend, weil eines der zentralen Argumente des SEM dahingehend laute,
dass sich die Situation in Bangladesch im Sommer 2017 fundamental ver-
ändert habe, wobei es sich auf Internetartikel ab dem 29. Juli 2017 stütze,
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mithin auf Ereignisse, welche sich in Bangladesch nach der Anhörung des
Beschwerdeführers zugetragen hätten. Es wiege schwer, dass die
Vorinstanz diese Ereignisse zwei Jahre später als Hauptargument verwen-
det habe, ohne dem Beschwerdeführer dazu das rechtliche Gehör gewährt
und ihm dabei Gelegenheit gegeben zu haben, das Dossier zu aktualisie-
ren. Zudem habe es das SEM unterlassen, eine ergänzende Anhörung
durchzuführen, obwohl sich eine solche zwingend aufgedrängt habe.
Der Vorwurf, das SEM habe das Asylverfahren jahrelang verschleppt und
dadurch seine Abklärungspflicht verletzt, geht fehl. Zwar fand die Anhörung
erst zirka 18 Monate nach der Einreichung des Asylgesuchs statt. Jedoch
stellt diese gerügte grosse zeitliche Distanz keine Verletzung des rechtli-
chen Gehörs dar. So besteht keine zwingende, mit Rechtsfolgen verse-
hene gesetzliche Verpflichtung des SEM, die Anhörung innerhalb eines ge-
wissen Zeitraums nach der BzP durchzuführen. Auch ist nicht ersichtlich,
inwiefern dem Beschwerdeführer aus der Verfahrensdauer Nachteile ent-
standen sind. Diesbezüglich hielt das SEM in seiner Vernehmlassung zu
Recht fest, dass der Beschwerdeführer in der Anhörung darauf hingewie-
sen worden sei, dass es ihm obliege, das SEM über neu eintretende Er-
eignisse, welche bei der Prüfung des Gesuchs zu berücksichtigen seien,
zu informieren (vgl. act. A21/24 S. 21). Praxisgemäss habe sich das SEM
im Rahmen der Entscheidfindung auf die aktuelle Lage im Heimatstaat ei-
nes Gesuchstellers abgestützt. In der Vernehmlassung wurde weiter zu-
treffend ausgeführt, dass für den angefochtenen Entscheid öffentlich zu-
gängliche Quellen genutzt und Quellenangaben gemacht würden, weshalb
nicht von einer Verletzung des rechtlichen Gehörs auszugehen sei und
dem Beschwerdeführer die aktuelle politische Lage in seinem Heimatland
bekannt sein sollte, insbesondere in Bezug auf den Verein, bei welchem er
Mitglied gewesen sein wolle und insbesondere auch, wenn er tatsächlich
so politisch interessiert sein sollte, wie er geltend gemacht habe. Dem ist
ergänzend anzufügen, dass Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flücht-
lingseigenschaft die Frage nach der zum Zeitpunkt der Ausreise vorhande-
nen Verfolgung oder begründeten Furcht vor einer solchen ist. Die Situa-
tion zum Zeitpunkt des Asylentscheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung
nach der Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Verände-
rungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und
Asylentscheid sind deshalb zugunsten und zulasten der das Asylgesuch
stellenden Person zu berücksichtigen (vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51
E. 6 S. 1016 f., 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2 S. 996 ff., 2010/57 E. 2,
2008/34 E. 7.1 S. 507 f., 2008/12 E. 5.2 S. 154 f. und 2008/4 E. 5.2 S. 37,
jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax / Rudin / Hugi Yar /
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Seite 11
Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009, Rz. 11.17 und 11.18). Die
Gewährung des rechtlichen Gehörs zu allgemein bekannten Sachver-
haltselementen ist dabei nicht notwendig. Eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs und der Abklärungspflicht ist nach dem Gesagten zu verneinen.
3.7 Der Beschwerdeführer bringt vor, das SEM habe die Abklärungspflicht
verletzt, weil die Anhörung des Beschwerdeführers viel zu lang gedauert
habe, nämlich von 9 Uhr bis 17:35 Uhr. Somit stehe fest, dass die Anhörung
mehr als doppelt so lang gedauert habe wie vom Bundesverwaltungsge-
richt als Maximaldauer vorgesehen. Zudem sei es zu Schwierigkeiten bei
der Übersetzung gekommen, weil die Dolmetscherin aus Indien stamme.
Er habe festgestellt, dass sie ihn nicht gut verstanden und insbesondere
auch Fehler gemacht habe. Das SEM bestätigte in seiner Vernehmlassung
die Anhörungsdauer, merkte aber an, dass regelmässig Pausen eingelegt
worden seien und die Mittagspause beinahe zwei Stunden gedauert habe.
Dass eine Anhörung länger gedauert habe, als in der internen Weisung des
SEM vorgesehen sei, stelle für sich genommen keine Verletzung von
Art. 29 Abs. 1 BV dar, zumal es sich bei der erwähnten Weisung um eine
Verwaltungsverordnung ohne Aussenwirkung handle und eine asylsu-
chende Person daraus keine Rechte und Pflichten ableiten könne, wobei
das SEM auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-7360/16 vom
9. Februar 2017 E. 4.1 hinwies. Ausserdem habe der Beschwerdeführer an
keiner Stelle der Befragung den Anschein erweckt, auf eine unzumutbare
Weise belastet zu sein. Auch die Hilfswerkvertretung habe keine diesbe-
züglichen Anmerkungen gemacht. Weder während der Anhörung hätten
sich Übersetzungsprobleme ergeben noch seien solche aus dem Anhö-
rungsprotokoll ersichtlich. Der Beschwerdeführer habe anlässlich der
Rückübersetzung auch keine Beanstandungen angebracht und die Rich-
tigkeit des Protokolls mit seiner Unterschrift bestätigt. Darauf wurde in der
Replik erwidert, es sei offensichtlich, dass die erwähnte Weisung sehr wohl
Aussenwirkung entfalte und entfalten müsse, zumal sich die Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts diesbezüglich klar äussere. Sie
diene eben gerade dazu, eingehalten zu werden, und nicht lediglich dazu,
"unzumutbare" Belastungen zu vermeiden. Sie schaffe die Grundvermu-
tung, dass die Dauer von über vier Stunden zu lang und deshalb zu ver-
meiden sei. Mit seiner Argumentation wäre dem SEM Tür und Tor geöffnet,
nach Belieben sehr lange Anhörungen durchzuführen und jeweils lediglich
zu prüfen, ob damit eine "unzumutbare Belastung" geschaffen worden sei,
was willkürlich wäre. Ausserdem sei dem SEM offensichtlich bekannt ge-
wesen, dass die Anhörung mitten im Ramadan stattfinde, zumal es in
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Seite 12
Frage 93 ausdrücklich festgehalten habe, "Sie fasten ja und es ist Rama-
dan." Vor diesem Hintergrund sei die Anhörung als viel zu lang zu qualifi-
zieren und offensichtlich, dass der fastende Beschwerdeführer nicht in der
Lage gewesen sei, während der gesamten Anhörungsdauer die erforderli-
che Konzentration aufzubringen.
Die Dauer der Anhörung mag mit sechs Stunden zwar relativ lang erschei-
nen, jedoch besteht seitens des Beschwerdeführers kein dahingehender
Rechtsanspruch, dass die Anhörung, wie in einer internen Weisung des
SEM vorgesehen (vgl. Urteil des BVGer E-882/2018 vom 15. August 2018
E. 3.4.8) nicht länger als vier Stunden dauern sollte und abgebrochen wer-
den müsse, wenn sich abzeichne, dass ein höherer Zeitbedarf bestehe. In
erster Linie massgebend ist, ob die angehörte Person in der Lage ist, der
Anhörung zu folgen, was nicht vordringlich anhand von starren zeitlichen
Kriterien, sondern im Rahmen einer individuellen Beurteilung ihrer Befind-
lichkeit zu beurteilen ist (vgl. Urteil des BVGer D-4217/2018 vom 6. August
2019 E. 3.4.3). Vorliegend sind dem Anhörungsprotokoll keine Hinweise
darauf zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer gegen Ende der Anhö-
rung nicht mehr in der Lage gewesen wäre, dieser problemlos zu folgen.
So wurde die Anhörung durch die vier Pausen von insgesamt zwei Stunden
und 35 Minuten unterbrochen. Die Befragerin hielt vor der Mittagspause
(ab 11:50 Uhr) fest, dass der Beschwerdeführer faste und Ramadan sei.
Gleichzeitig fragte sie ihn nach seinen Gebetszeiten und machte ihn darauf
aufmerksam, dass ihm ein Gebetsraum zur Verfügung stehe (vgl. act.
A21/24 F93). Der Beschwerdeführer erklärte daraufhin, dass er zwischen
13:30 Uhr und 15 Uhr beten könne, woraufhin ihm die Befragerin mitteilte,
dass sie zu gegebener Zeit eine Pause einlegen werde (vgl. a.a.O.,
F94–96), welche in der Folge auch abgehalten wurde (vgl. a.a.O., S. 16).
So wurden seine Antworten auch im letzten Teil der Anhörung, welcher
nach einer Pause um 14:25 Uhr begann und bis zur letzten Pause um
15:55 Uhr dauerte, bevor ab 16:05 die Rückübersetzung erfolgte, nicht we-
niger ausführlich. Er gab zudem nie an, mit den gestellten Fragen Mühe zu
haben. Das Anhörungsprotokoll vermittelt an keiner Stelle den Eindruck,
dass er nicht in der Lage gewesen wäre, die erforderliche Konzentration
aufzubringen. Auch sind keine Übersetzungsprobleme festzustellen und
erklärte er zu Beginn der Anhörung ausdrücklich, dass er die Dolmetsche-
rin gut verstehe (vgl. a.a.O., F1). Im Anschluss an die Rückübersetzung
bestätigte er sodann mit seiner Unterschrift die Korrektheit und Vollstän-
digkeit des Protokolls. Das SEM durfte somit auf die protokollierten Aussa-
gen abstellen. Nach dem Gesagten ist die Anhörung nicht zu beanstanden.
Eine Verletzung der Abklärungspflicht liegt auch in diesem Punkt nicht vor.
D-2246/2019
Seite 13
3.8 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und zur vollständigen und richtigen Abklärung und
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Das diesbezügliche Rechtsbegehren ist demnach abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die
Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen
Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier
verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, BVGE 2012/5 E. 2.2).
4.3 Subjektive Nachfluchtgründe sind anzunehmen, wenn eine asylsu-
chende Person erst durch die Flucht aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat
oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Wesentlich ist, ob die heimatlichen Be-
hörden das Verhalten des Asylsuchenden als staatsfeindlich einstufen und
dieser deswegen bei einer Rückkehr eine Verfolgung befürchten muss.
Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, wer-
den jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (Art. 54 AsylG; vgl.
BVGE 2009/28 E. 7.1).
5.
5.1 Das SEM begründete den ablehnenden Asylentscheid damit, dass auf-
grund der Aussagen des Beschwerdeführers davon auszugehen sei, dass
es sich bei der mit dem H._ affilierten (...)-Partei um die ähnlich ge-
schriebene und abgekürzte Partei (...) (I._) handle, welche seit dem
Jahr 2013 von den Parlamentswahlen ausgeschlossen sei. Diese Partei
sei trotz des Ausschlusses nicht verboten und nehme nach wie vor an
D-2246/2019
Seite 14
Wahlen der Landkreise teil. Es sei nicht davon auszugehen, dass Mitglie-
der der AL ein Verfolgungsinteresse an einfachen I._-Mitgliedern
hätten, ebenso wenig, dass sie ein besonderes Verfolgungsinteresse an
einfachen Mitgliedern des mit der I._ affilierten, legalen und in ganz
Bangladesch verbreiteten H._ hätten beziehungsweise gehabt hät-
ten. Somit sei nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer auf-
grund seiner Mitgliedschaft bei diesen Organisationen zum Zeitpunkt sei-
ner Ausreise eine asylrelevante Verfolgung zu befürchten gehabt habe.
Diese Einschätzung werde durch den Umstand gestützt, dass er legal und
mit einem Arbeitsvisum für F._ aus Bangladesch ausgereist sei.
Weiter sei festzuhalten, dass der H._ gemäss verschiedenen Be-
richten im Sommer 2017 gemeinsam mit weiteren Organisationen eine Al-
lianz mit der AL eingegangen sei. Somit sei ein zum Zeitpunkt des SEM-
Entscheids weiterhin bestehendes Verfolgungsinteresse an der Person
des Beschwerdeführers durch Anhänger der AL nicht plausibel. Ausser-
dem hätten gemäss seinen Aussagen sowohl sein Bruder D._ als
auch ein Cousin väterlicherseits höhere Funktionen auf lokaler Ebene in
der AL inne. Da sich den Akten keine Hinweise entnehmen liessen, dass
diese Personen ein Interesse an seiner Verfolgung hätten, sei davon aus-
zugehen, dass diese Familienangehörigen ihm bei Problemen ebenfalls
zur Seite stehen könnten. Des Weiteren habe er nach der Schliessung des
(...)-Centers keine weiteren Nachteile erlitten, welche in ihrer Art und Inten-
sität ein menschenunwürdiges Leben in Bangladesch verunmöglicht hät-
ten. Aufgrund seiner Aussagen sei zudem nicht davon auszugehen, dass
es sich um rein politische Meinungsverschiedenheiten gehandelt habe,
welche zur Schliessung seines Zentrums geführt hätten. So habe gemäss
seinen Aussagen die AL nebenan ein eigenes (...)-Center betrieben, wes-
halb anzunehmen sei, dass sie primär aus wirtschaftlichem Konkurrenz-
denken an der Schliessung seines Zentrums interessiert gewesen sei.
Überdies ergäben sich aus seinen Schilderungen keine konkreten Hin-
weise darauf, dass die AL an der Schliessung seines Zentrums überhaupt
aktiv beteiligt gewesen sei. Schliesslich sei zum Zeitpunkt des SEM-Ent-
scheids nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach Bangladesch
rund neun Jahre nach der Schliessung des (...)-Centers diesbezüglich
noch Probleme zu befürchten hätte. Bei dem geltend gemachten tätlichen
Angriff habe es sich um einen solchen durch Dritte gehandelt. Es gäbe
keine Hinweise auf eine staatliche Verfolgung. Dem Beschwerdeführer sei
es möglich und zumutbar, sich an die zuständigen Strafverfolgungsbehör-
den zu wenden, um mit rechtlichen Mitteln und gegebenenfalls mit Hilfe
eines Anwalts gegen die geltend gemachten Übergriffe vorzugehen. An
dieser Einschätzung vermöchten auch die eingereichten Beweismittel
D-2246/2019
Seite 15
nichts zu ändern. Diese hätten grundsätzlich einen geringen Beweiswert,
da es sich dabei lediglich um Kopien handle, deren Authentizität nicht über-
prüft werden könne. Ausserdem könnten Dokumente in Bangladesch leicht
käuflich erworben werden. Letztlich handle es sich bei drei beziehungs-
weise vier eingereichten Beweismitteln, wenn die Übersetzung des nicht
vorhandenen vierten Dokuments dazugezählt werde, lediglich um Gefällig-
keitsschreiben und somit um Parteibehauptungen.
Die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. Bei offensichtlich
fehlender Asylrelevanz könne darauf verzichtet werden, auf allfällige Un-
glaubhaftigkeitselemente in den Vorbringen einzugehen. Diesbezüglich
brachte das SEM einen ausdrücklichen Vorbehalt an, da durchaus Zweifel
am Wahrheitsgehalt der Vorbringen bestünden.
5.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in der Rechtsmitteleingabe im We-
sentlichen, das SEM ignoriere, dass es sich bei ihm nicht lediglich um ein
normales Mitglied der I._ gehandelt habe, zumal er glaubhaft ge-
schildert habe, dass er sehr aktiv gewesen sei und sich missionarisch be-
tätigt habe. Weiter habe es das SEM unterlassen, den Gesamtzusammen-
hang zu würdigen, stelle es doch ein besonderes Profil dar, dass er ein (...)-
Center betrieben und damit die AL gegen sich aufgebracht habe. Zudem
sei offensichtlich, dass sich aus der nationalen politischen Situation in
Bangladesch nichts zu Ungunsten des Beschwerdeführers ableiten lasse,
zumal er konkret und glaubhaft geschildert habe, dass er von der AL auf
lokaler Ebene gezielt verfolgt worden sei; der auf höherer politischer Ebene
abgeschlossene "Kuhhandel" habe an der regionalen Situation nichts ge-
ändert. Weiter habe es das SEM unterlassen, die aktuelle Situation zu wür-
digen: Seit der Wahl vom 30. Dezember 2018, welche die AL erdrutschartig
gewonnen habe, sei diese nicht mehr daran interessiert, eine Allianz mit
der I._ einzugehen, und habe dies aufgrund ihrer Macht auch nicht
nötig. Insbesondere habe der Beschwerdeführer geschildert, dass die
Funktionsausübung in der AL durch einen seiner Brüder für ihn erst Recht
eine Gefährdung bedeute. Sodann habe das SEM ignoriert, dass er selber
in der erwähnten Chatro-League aktiv gewesen sei und die Probleme be-
gonnen hätten, als er diese Organisation verlassen habe. Somit sei die Be-
hauptung der Vorinstanz, wonach es sich bei der Verfolgung durch die
Chatro-League um eine Verfolgung durch Dritte gehandelt habe, aktenwid-
rig. Da der Beschwerdeführer beschuldigt worden sei, ein Terrorist zu sein,
sei offensichtlich, dass er als hochprofiliger Staatsfeind erfasst worden sei
und auch wegen dieser falschen Anschuldigung im Moment der Rückreise
D-2246/2019
Seite 16
nach Bangladesch umgehend asylrelevant verfolgt würde, zumal allfällige
politische Allianzen nichts daran änderten, dass die AL und die Behörden
äusserst hart gegen mutmassliche Terroristen vorgingen. Das SEM habe
die politisch-religiöse Sprengkraft des Betreibens des (...)-Centers durch
den Beschwerdeführer nicht verstanden und nicht gewürdigt, stelle doch
dessen Schliessung sehr wohl eine gezielte asylrelevante Verfolgung dar.
Schliesslich habe das SEM den eingereichten Beweismitteln in willkürlicher
Weise die Beweiskraft abgesprochen und damit Art. 7 AsylG sowie Art. 9
BV schwerwiegend verletzt. Insbesondere habe es den Grundsatz des Vor-
rangs der Beweise missachtet: Es sei offensichtlich, dass Beweise bei der
Prüfung gemäss Art. 7 AsylG Vorrang hätten und somit zwingend umfas-
send zu würdigen seien.
5.3 Das SEM führte in seiner Vernehmlassung aus, soweit der Beschwer-
deführer geltend gemacht habe, er sei ein sehr aktives und missionarisch
tätiges Mitglied des Vereins H._ gewesen, ergäben sich aus seinen
Aussagen keine Hinweise darauf, dass er über ein exponiertes Profil ver-
füge, welches über eine einfache Mitgliedschaft hinausgehe. So habe er
lediglich an Versammlungen teilgenommen, eine Vereinszeitschrift ver-
kauft und Einladungen zu Versammlungen verteilt. Aus seinen Aussagen
im Zusammenhang mit dem (...)-Center ergäbe sich, dass dieses den
Zweck gehabt habe, (...) zu geben und sie (...) zu unterstützen. Solche
Center seien in Bangladesch weit verbreitet und der Beschwerdeführer
habe an keiner Stelle erwähnt, dass er durch dieses bezwecke, sein religi-
öses und politisches Gedankengut zu verbreiten. Auch der Argumentation,
der als Terrorist bezeichnete Beschwerdeführer sei als hochprofiliger
Staatsfeind erfasst worden, könne nicht gefolgt werden. Er habe in keiner
Hinsicht geltend gemacht, von den Behörden als Staatsfeind erfasst bezie-
hungsweise von diesen im Zusammenhang mit terroristischen Aktivitäten
gesucht worden zu sein. Allein die Tatsache, dass eine Person von Privat-
personen als Terrorist beschimpft werde, habe keine staatlichen Verfol-
gungsmassnahmen im Zusammenhang mit Terrorismus zur Folge. Ausser-
dem sei der Verein H._ gemäss den Aussagen des Beschwerde-
führers in Bangladesch registriert und somit legal, weshalb auch nicht da-
von auszugehen sei, dass dessen Mitglieder unter einem generellen Ter-
rorismusverdacht stünden. Was den Vorwurf anbelange, das SEM habe
die aktuelle Lage nicht gewürdigt, habe der Rechtsvertreter seine Einschät-
zung bezüglich fehlendes Interesses der AL an einer Allianz mit dem
H._ nicht belegt.
D-2246/2019
Seite 17
5.4 In der Replik wurde eingewandt, die Behauptung des SEM, dass es
sich bei der Bezeichnung des Beschwerdeführers als Terrorist um eine
simple "Beschimpfung" gehandelt habe, sei aktenwidrig, Dieser habe klar
ausgesagt, die "Chatro-League Anhänger" hätten gesagt, dass er ein Ter-
rorist sei. Es sei offensichtlich, dass sie ihn bei den Behörden denunziert
haben müssen. Somit stehe fest, dass er eine individuelle Bedrohung
glaubhaft gemacht habe.
6.
Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu
Recht abgewiesen hat. Die Entgegnungen in den Eingaben auf Beschwer-
deebene und die darin angerufenen Beweismittel vermögen zu keiner an-
deren Betrachtungsweise zu führen. Zur Vermeidung von Wiederholungen
kann vorab auf die entsprechenden Erwägungen im angefochtenen Asyl-
entscheid verwiesen werden. Zu den vorgebrachten Einwänden ist Folgen-
des festzuhalten:
6.1 Entgegen den Ausführungen in der Rechtsmitteleingabe hat das SEM
den Gesamtzusammenhang gewürdigt. So hat sich die Vorinstanz mit den
wesentlichen Äusserungen des Beschwerdeführers auseinandergesetzt
und die eingereichten Beweismittel gewürdigt. Insbesondere präzisierte sie
in ihrer Vernehmlassung gestützt auf die Aussagen des Beschwerdefüh-
rers, weshalb es sich bei diesem um einen einfachen Anhänger des
H._ handle (vgl. act. A21/24 F86–89; E. 5.3 oben). Sie trug auch
dem Vorbringen Rechnung, dass die Probleme des Beschwerdeführers
nach seinem Wechsel von der Chatro-League zum H._ bezie-
hungsweise dessen Studentenbewegung begonnen hätten (vgl. a.a.O.,
F86). Ebenso begründete das SEM gestützt auf die Aussagen des Be-
schwerdeführers schlüssig, weshalb die AL primär aus wirtschaftlichem
Konkurrenzdenken an der Schliessung beziehungsweise Zerstörung des
(...)-Centers interessiert gewesen sei, keine konkreten Hinweise vorlägen,
dass die AL daran überhaupt aktiv beteiligt gewesen sei und der Beschwer-
deführer an keiner Stelle vorgebracht habe, dass das (...)-Center die Ver-
breitung von religiösem und politischem Gedankengut bezweckt habe (vgl.
act. A5/12 S. 7, A21/24 F46, F49).
6.2 Auch vermag der Beschwerdeführer weder aus seinem Wechsel von
der Chatro-League zur Studentenbewegung des H._ noch aus dem
Umstand, dass deshalb von Anhängern der AL Druck auf seinen Bruder
D._, einen lokalen AL-Funktionär, und die Familie ausgeübt worden
D-2246/2019
Seite 18
sei, und er zusammen mit Kollegen ein (...)-Center betrieb, ein exponiertes
Profil abzuleiten, das über eine einfache Vereinsmitgliedschaft hinausgeht.
Sodann hielt die Vorinstanz zutreffend fest, dass der Beschwerdeführer al-
lein aus dem Umstand, von Anhängern der AL als Terrorist beschimpft wor-
den zu sein, keine staatlichen Verfolgungsmassnahmen im Zusammen-
hang mit Terrorismus abzuleiten vermöge. Dazu ist vorweg auf E. 5.3 oben
zu verweisen. Auch der Umstand, dass er ohne Probleme auf dem Luftweg
unter Verwendung seines Reisepasses legal aus seinem Heimatstaat aus-
reisen konnte (vgl. act. A5/12 S. 5), lässt darauf schliessen, dass er entge-
gen den Ausführungen in der Beschwerde nicht als hochprofiliger Staats-
feind erfasst worden ist.
6.3 Die Vorinstanz hielt weiter zutreffend fest, dass es sich beim geltend
gemachten Überfall auf den Beschwerdeführer im September 2010 durch
Anhänger der Chatro-League um einen solchen durch Dritte gehandelt
habe und keine Hinweise auf eine staatliche Verfolgung vorlägen. In der
Beschwerde wird nicht hinreichend konkretisiert, inwiefern diese Ausfüh-
rungen der Vorinstanz aktenwidrig seien. Soweit der Beschwerdeführer in
seiner Eingabe vom 10. Juni 2020 pauschal vorbrachte, die bangladeschi-
schen Behörden seien weder schutzwillig noch schutzfähig, ist Folgendes
festzuhalten: Eine Verfolgung durch nichtstaatliche Akteure kann grund-
sätzlich flüchtlingsrechtlich relevant sein, wenn es der betroffenen Person
nicht möglich ist, davor im Heimatstaat adäquaten Schutz zu finden. Die
Flüchtlingseigenschaft setzt jedoch auch dann voraus, dass der geltend
gemachten Verfolgung oder der staatlichen Schutzverweigerung ein flücht-
lingsrechtlich relevantes Motiv gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG (Rasse, Reli-
gion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, po-
litische Anschauungen) zugrunde liegt. Nach der sogenannten Schutzthe-
orie ist nichtstaatliche Verfolgung nur dann asylrelevant, wenn der Staat
unfähig oder nicht willens ist, Schutz vor besagter Verfolgung zu bieten. Es
ist dabei nicht eine faktische Garantie für langfristigen individuellen Schutz
der von nichtstaatlicher Verfolgung bedrohten Person zu verlangen, weil
es keinem Staat gelingen kann, die absolute Sicherheit seiner Bürgerinnen
und Bürger jederzeit und überall zu garantieren. Erforderlich ist aber, dass
eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfügung steht,
wobei in erster Linie an polizeiliche Aufgaben wahrnehmende Organe so-
wie an ein Rechts- und Justizsystem zu denken ist, welches eine effektive
Strafverfolgung ermöglicht. Die Inanspruchnahme dieses Schutzsystems
muss der betroffenen Person zudem objektiv zugänglich und individuell zu-
mutbar sein, was jeweils im Rahmen einer Einzelfallprüfung unter Berück-
sichtigung des länderspezifischen Kontexts zu beurteilen ist.
D-2246/2019
Seite 19
Der Beschwerdeführer hat nichts unternommen, um den Überfall und die
dabei erlittenen Verletzungen durch Angehörige der Chatro-League bei
den zuständigen Sicherheitsbehörden zur Anzeige zu bringen. Nach kon-
stanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts erfüllt der Staat
Bangladesch die Voraussetzungen, wonach dieser fähig und willens ist,
Schutz vor Verfolgung Dritter zu bieten und eine funktionierende und effizi-
ente Schutzinfrastruktur zur Verfügung zu stellen (vgl. etwa Urteile des
BVGer E-5266/2010 vom 9. Januar 2013; E-5561/2017 vom 12. Januar
2018). Betreffend die Schutzfähigkeit und den Schutzwillen des heimatli-
chen Staates muss sich der Beschwerdeführer deshalb anlasten lassen,
dass er es unterlassen hat, die Behörden über den Vorfall zu informieren,
womit er ein angemessenes Handeln des Staates verunmöglichte. Die In-
anspruchnahme der örtlichen Polizei wäre ihm zugänglich und zumutbar
gewesen. Daran vermag nichts zu ändern, dass der Bruder D._ des
Beschwerdeführers gegen eine Anzeige gewesen sei, da ihm Anhänger
der Chatro-League mit dem Verlust seiner Position in der AL gedroht hät-
ten, falls er seinem Bruder nicht verbiete, bei seiner Partei zu bleiben (vgl.
act. A21/24 F65).
6.4 Sodann ist auch die Würdigung der vom Beschwerdeführer eingereich-
ten Beweismittel durch die Vorinstanz nicht zu beanstanden (vgl. Bst. A.,
und E. 5.1 oben). Aus dem in der Rechtsmitteleingabe nicht weiter sub-
stanziierten Vorwurf, das SEM habe diesen in willkürlicher Weise die Be-
weiskraft abgesprochen, vermag der Beschwerdeführer nichts zu seinen
Gunsten abzuleiten.
6.5 Dem Beschwerdeführer ist es folglich nicht gelungen, eine zum Zeit-
punkt seiner Ausreise aus Bangladesch bestehende oder unmittelbar dro-
hende asylrechtlich relevante Verfolgung nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen.
6.6 Nach dem Gesagten ist an dieser Stelle lediglich der Vollständigkeit
halber zu prüfen, ob hinreichend konkrete Anhaltspunkte für eine für die
Flüchtlingseigenschaft relevante Verfolgung vorliegen, welche dem Be-
schwerdeführer heute bei einer Rückkehr nach Bangladesch mit beachtli-
cher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft drohen würde.
Den vom Beschwerdeführer zusammen mit seiner Replik eingereichten
Unterlagen (vgl. Bst. I. oben) ist im Wesentlichen zu entnehmen, dass die
AL die Parlamentswahlen vom 31. Dezember 2018 mit überragender
Mehrheit gewann und Hasina Wajed beziehungsweise Scheich Hasina
D-2246/2019
Seite 20
von der AL zum dritten Mal in Folge als Premierministerin gewählt wurde,
wobei es im Vorfeld der Wahlen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen
kam und die Premierministerin des Autoritarismus und der Schikanierung
der Medien und von führenden Personen der Opposition bezichtigt wird.
Da der Beschwerdeführer über kein herausragendes politisches Profil ver-
fügt, kann dahingestellt werden, ob die AL zum jetzigen Zeitpunkt nicht
mehr an einer Allianz mit dem H._ interessiert sei. Dem Beschwer-
deführer gelingt es nach dem Gesagten nicht, einen individuellen Bezug
seiner Vorbringen zu den politischen Ereignissen für den Zeitraum nach
seiner Ausreise aus Bangladesch aufzuzeigen. Mithin ist nicht davon aus-
zugehen, dass ihm heute bei einer Rückkehr eine für die Flüchtlingseigen-
schaft relevante Verfolgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in ab-
sehbarer Zukunft drohen würde.
6.7 Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, eine zum Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende oder unmit-
telbar drohende asylrechtlich relevante Verfolgung nachzuweisen oder zu-
mindest glaubhaft zu machen. Nachdem er keine Vorverfolgung hat glaub-
haft machen können, liegen keine hinreichend konkreten Anhaltspunkte für
eine für die Flüchtlingseigenschaft relevante Verfolgung vor, welche ihm
heute bei einer Rückkehr nach Bangladesch mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zukunft drohen würde. Die Vorinstanz hat die
Flüchtlingseigenschaft mangels Relevanz der Asylvorbringen zu Recht
verneint. Er ist nicht schutzbedürftig im Sinne von Art. 3 AsylG, weshalb
das SEM das Asylgesuch zu Recht abgelehnt hat. Somit erübrigen sich
Ausführungen zur Frage der Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG.
7.
Mit dem Eventualrechtsbegehren 2 forderte der Beschwerdeführer, er sei
als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Da er dieses Begehren in seinen Ein-
gaben mit keinem Wort substanziiert hat, ist darauf nicht einzugehen. Der
Beschwerdeführer erfüllt damit die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG auch unter dem Aspekt der subjektiven Nachfluchtgründe (Art. 54
AsylG) nicht.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
D-2246/2019
Seite 21
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
D-2246/2019
Seite 22
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.4 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung nach Bangladesch dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Zwar ist die allgemeine Menschenrechtslage in Bang-
ladesch in verschiedener Hinsicht als problematisch zu bezeichnen
(vgl. dazu die Ausführungen im Referenzurteil des Bundesverwaltungsge-
richts D-3778/2013 vom 16. Juli 2015 E. 7.2.2, die auch heute noch zutref-
fen). Betreffend den Beschwerdeführer ergeben sich aber keine gewichti-
gen Indizien, dass er den heimatlichen Behörden beziehungsweise der Re-
gierung oder der Polizei in spezifischer Weise als verdächtig erscheinen
und/oder aufgrund von Anfeindungen durch Anhänger der AL für ihn im
Falle der Rückkehr eine Gefährdung in einem flüchtlings- oder menschen-
rechtlich relevanten Ausmass bestehen könnte.
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.5
9.5.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.5.2 Nach aktueller Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
herrscht in Bangladesch keine Situation allgemeiner Gewalt (vgl. Referenz-
urteil des BVGer D-3778/2013 vom 16. Juli 2015 E. 8.4 sowie zuletzt Ur-
teile des BVGer E-7267/2018 vom 9. Januar 2019 E. 8.4.1 und
D-2246/2019
Seite 23
D-1145/2017 vom 19. Oktober 2018 E. 7.5.2). Allein aufgrund der allgemei-
nen Situation in Bangladesch ist demnach nicht von einer konkreten Ge-
fährdung auszugehen.
9.5.3 Auch aufgrund der persönlichen Situation des Beschwerdeführers
sind keine Gründe ersichtlich, die gegen die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs sprechen. Der offenbar gesunde Beschwerdeführer verfügt
– soweit den Akten zu entnehmen ist – über ein nicht abgeschlossenes
Hochschulstudium sowie Arbeitserfahrungen. Vor seiner Ausreise wohnte
er gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder D._ im Heimat-
dorf. Zwei seiner Brüder und seine vier verheirateten Schwestern wohnen
in Bangladesch. Einer der beiden Brüder habe ein eigenes (...) und besitze
auch einige (...); dieser besitze etwa (...), die er wie (...) vermiete. Ein wei-
terer Bruder sei im Jahr 2012 nach F._ gegangen und Ende 2016
nach Bangladesch zurückgekehrt (vgl. act. A5/12 S. 5, A21/24 F22–29).
Der Beschwerdeführer stehe nach wie vor mit seiner Familie in Kontakt
(vgl. act. 21/24 F18). Sodann verbrachte er den überwiegenden Teil seines
Lebens in Bangladesch und ist daher mit den dortigen Lebensumständen
bestens vertraut. Zwar wurde in der Beschwerde eingewandt, dass es nach
einer Auslandsaufenthaltsdauer von rund acht Jahren sehr schwierig sei,
im Heimatland wieder eine Existenz aufzubauen; zudem habe der Be-
schwerdeführer keinen Kontakt mit seinen Schwestern, die sich durch die
Heirat weitgehend von der Familie abgelöst hätten, und ihn nicht unterstüt-
zen könnten; auch mit seinen Brüdern habe er keinen Kontakt mehr, er
wisse nur, dass einer von ihnen offenbar nach R._ ausgereist sei,
während er mit seinem Bruder D._ und seiner Mutter Probleme ge-
habt habe (vgl. act. a.a.O., F104, 113 und 143). Selbst wenn das familiäre
Beziehungsnetz des Beschwerdeführers zwischenzeitlich tatsächlich we-
niger umfangreich geworden sein sollte, ist davon auszugehen, dass ihm
der Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz möglich sein wird. Blosse sozi-
ale und wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevölke-
rung im Allgemeinen betroffen ist, genügen nicht, um eine konkrete Gefähr-
dung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG darzustellen (vgl. BVGE 2008/34
E. 11.2.2).
9.5.4 Soweit der Beschwerdeführer darauf hinwies, dass zusätzlich die
Härtefallkriterien zu würdigen seien (vgl. Bst. L. oben), ist festzuhalten,
dass der Grad der Integration in der Schweiz grundsätzlich kein Kriterium
für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs im Sinne
von Art. 83 Abs. 4 AIG darstellt (vgl. BVGE 2009/52 E. 10.3; Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
D-2246/2019
Seite 24
[EMARK] 2006 Nr. 13 E. 3.5). Die Beurteilung einer Härtefallsituation in-
folge fortgeschrittener Integration im Sinne von Art. 14 Abs. 2 Bst. c AsylG
fällt in die Zuständigkeit der kantonalen Migrationsbehörden (vgl. BVGE
2009/52 E. 10.3). Auf die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Integ-
rationsbemühungen und die hierzu eingereichten Beweismittel ist deshalb
nicht näher einzugehen.
9.5.5 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungs-
vollzug nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt
voraus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist,
sondern voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens
zwölf Monate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporä-
ren Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl.
EMARK 1995 Nr. 14 E. 8d und e).
Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss
temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst
wird.
9.5.6 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
9.6 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Die Kosten sind auf
Fr. 750.– festzusetzen (vgl. Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG). Dabei ist
zur Begleichung der Verfahrenskosten der in selber Höhe geleistete Kos-
tenvorschuss zu verwenden.
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