Decision ID: 2957489d-c947-4cfd-a6b8-b9d58061e14d
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (vormals B._- bzw. C._, vgl. IV-act. 4, 83) meldete sich am 14. August
2001 bei der schweizerischen Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-
act. 4).
A.b Dr. med. D._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin und Hausarzt der
Versicherten, hielt im Arztbericht vom 8. April 2002 als Diagnosen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit eine Operation eines zervikalen Bandscheibenprolaps C 5/6 11/99,
ein Restosteophyt lateral auf der Mittellinie gelegen mit Einengung des Spinalkanals in
Höhe von C5/C6 linksseitig bei ausgeprägter Osteochondrose sowie einen grossen
medialen zervikalen Diskusprolaps mit Myelonkompression (ICD-10: M50.0) fest. Die
bisherige Tätigkeit als Raumpflegerin sei zumutbar, es bestehe eine verminderte
Leistungsfähigkeit. Eine andere Tätigkeit sei nicht zumutbar bzw. es bestehe eine
verminderte Leistungsfähigkeit (IV-act. 19-1 ff.).
A.c Dr. med. E._, Ärztin für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie,
diagnostizierte im Arztbericht vom 10. Februar 2003 ein chronifiziertes
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzsyndrom (ICD-10: F45.5) seit 11/99 und eine emotional instabile
Persönlichkeitsstörung mit rezidivierender Depressivität und Suizidalität bei Zustand
nach Traumatisierung in der Kindheit und nach Vergewaltigung. Die Versicherte sei seit
Behandlungsbeginn am 12. Januar 2002 zu 100% arbeitsunfähig (IV-act. 28). Dr. D._
verwies in seinem Verlaufsbericht vom 8. September 2003 auf Berichte über stationäre
Aufenthalte in der Klinik F._ vom 12. März bis 13. Mai 2003 (IV-act. 40-1 f.) und in der
Psychiatrischen Klinik G._ vom 5. bis 7. August 2003 (IV-act. 36). Als die
Arbeitsfähigkeit einschränkende Diagnosen erwähnte er eine posttraumatische
Belastungsstörung (ICD-10: F43.1) mit/bei rezidivierender Depression, rezidivierender
Suizidalität, Status nach sexueller Belästigung und Vergewaltigung, nach
Gewalterfahrung in Kindheit und Ehe und nach Alkoholabusus, eine stabile
Impressionsfraktur Th 12, chronische Nacken-Schulter-Schmerzen, Status nach
cervikaler Diskushernie C5/6, Spondylodese 11/99, Ausstrahlung in beide Arme mit
Parästhesien, chronische Kopfschmerzen, differenzialdiagnostisch Migräne, Übelkeit,
Photophobie, sowie eine chronische Lumbalgie. Die bisherige Tätigkeit sowie andere
Tätigkeiten seien nicht mehr zumutbar (100 % verminderte Leistungsfähigkeit). Die
Einschränkung beruhe auf orthopädischen Diagnosen, überlagert durch psychiatrische
Diagnosen (IV-act. 39).
A.d Die IV-Stelle des Kantons H._ erteilte am 25. November 2003 Kostengutsprache
für die leihweise Abgabe eines Handrollstuhls (IV-act. 55). Mit Verfügung vom 21. Juli
2004 sprach sie der Versicherten ab 1. November 2002 eine ganze Rente zu
(Invaliditätsgrad 88 %; IV-act. 58, 69).
A.e Ein am 8. Juni 2006 von der IV-Stelle eröffnetes amtliches Revisionsverfahren
(IV-act. 91) wurde gestützt auf Berichte von Dr. med. I._, Orthopädie J._, vom 3.
August 2006 (IV-act. 95-1 ff.), von Dr. D._ vom 1. Oktober 2006 (IV-act. 98) und von
Dr. med. K._, Oberarzt Ambulatorium L._, vom 30. Oktober 2006 (IV-act. 99), am
28. Dezember 2006 mit der Mitteilung abgeschlossen, es bestehe weiterhin Anspruch
auf die bisherige Invalidenrente (Invaliditätsgrad 88 %; IV-act. 104).
A.f Die IV-Stelle gelangte zu einem nicht aktenkundigen Zeitpunkt in den Besitz einer
ausführlichen Schilderung einer intensiven sexuellen Liebesbeziehung mit der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherten, welche im Oktober 20_ begonnen und enttäuschend geendet habe (IV-
act. 127).
A.g Am 11. Dezember 2009 wurde ein weiteres amtliches Revisionsverfahren eröffnet
(IV-act. 124). Dr. D._ attestierte am 19. März 2010 eine zu 100 % verminderte
Leistungsfähigkeit; die Versicherte benötige Hilfe beim Aufstehen (IV-act. 143-1 ff.). Am
26. Mai 2010 wurde die Versicherte durch die IV-Stelle zu ihren Beschwerden befragt
(IV-act. 153-1 ff.).
A.h Zwischen dem 17. Juli und 7. September 2010 wurde die Versicherte an
insgesamt neun Tagen observiert, von denen sie an vier Tagen nicht gesehen wurde.
Sie konnte mehrmals zu Fuss, auch zielstrebig und mit hohen Absätzen, und mit dem
Fahrzeug beobachtet werden (IV-act. 160-2 und 161-3). RAD-Arzt Dr. med. M._ hielt
am 11. Oktober 2010 fest, aufgrund der Videoaufnahmen könne er sich irgendein
körperliches Rückenleiden mit einer für eine verwertbare Arbeitsfähigkeit relevanten
Einschränkung nicht vorstellen. Die Versicherte sei aus somatischer Sicht für leichte bis
mittelschwere Arbeiten ohne häufige Überkopfarbeiten voll arbeitsfähig. Zu den
monierten psychischen Leiden könne aus diesem Observationsmaterial nichts
ausgesagt werden (IV-act. 165). Am 9. November 2010 wurde die Versicherte zu einem
zweiten Standortgespräch bei der IV-Stelle eingeladen (IV-act. 163). Auch an diesem
Tag wurde die Versicherte observiert. Die Versicherte ging mit drei Hunden zu Fuss
spazieren, fuhr anschliessend nach N._ und ging über längere Distanzen zu Fuss,
ohne Gehhilfe, ohne Rollstuhl. Für den Termin bei der IV-Stelle liess sie sich chauffieren
und benutzte für die Wegstrecke vom Parkplatz bis zum Haupteingang der SVA St.
Gallen (Distanz ca. 15 Meter) einen Rollstuhl (IV-act. 171-3).
A.i Dr. med. O._, Leiter Ambulatorium L._, berichtete am 29. November 2010 über
drei kürzere stationäre psychiatrische Behandlungen im Jahr 2004. Die Versicherte
leide an einer gemischten Persönlichkeitsstörung mit histrionischen und emotional
instabilen Zügen (ICD-10: F61.0) sowie an einer posttraumatischen Belastungsstörung
(ICD-10:F43.1). Sie sei seit Behandlungsbeginn am 24. Januar 2006 100 %
arbeitsunfähig (IV-act. 174).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.j Die Versicherte wurde im Auftrag der IV-Stelle von Dr. med. P._, Eidg. Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, begutachtet (Gutachten vom 17. Januar 2011, IV-
act. 181). Der Gutachter diagnostizierte mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit histrionischen und emotional instabilen Anteilen
(ICD-10: F61.0) sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4;
IV-act. 181-17). Er hielt fest, aus psychiatrischer Sicht könne davon ausgegangen
werden, dass die Versicherte nicht erheblich in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt sei
(IV-act. 181-19 [Gutachten S. 20]). Für körperlich adaptierte Tätigkeiten und im eigenen
Haushalt sei die Versicherte, bei zumutbarer Willensanstrengung, voll arbeitsfähig (IV-
act. 181-21).
A.k Gestützt auf eine Stellungnahme von RAD-Arzt Dr. M._ (vom 31. Januar 2011,
IV-act. 182) erliess die IV-Stelle am 24. Mai 2011 einen Vorbescheid, die Verfügung
vom 21. Januar 2004 werde aufgehoben und es werde festgestellt, dass kein
Rentenanspruch bestehe (IV-act. 189). Mit Verfügung vom 11. Juli 2011 stellte die IV-
Stelle die Rente ab sofort vorsorglich ein (IV-act. 198). Gegen den Vorbescheid erhob
die Versicherte am 22. Juli 2011 Einwand (IV-act. 199), den sie mit Eingabe vom 12.
September 2011 (IV-act. 200) und weiteren medizinischen Akten, insbesondere einem
Bericht von Dr. med. Q._ vom 7. September 2011 (IV-act. 201-3 ff.), ergänzte. Dr.
P._ nahm auf Fragen von Dr. M._ (IV-act. 205, 206) am 22. März 2012 (IV-act. 215)
und zur Durchführung von psychologischen Tests am 11. Juli 2012 (IV-act. 221)
Stellung.
A.l Die Versicherte nahm am 30. August 2012 zu den Ausführungen von Dr. P._
Stellung (IV-act. 225). Am 17. Dezember 2012 reichte sie einen Bericht von Dr. Q._
vom 10. Oktober 2012 ein (IV-act. 227 f.). Am 4. Juli 2013 lehnte sie einen
Vergleichsvorschlag ab, weil die ihrer Ansicht nach überzeugend und fundiert
begründete Position von Dr. Q._ die Annahme einer Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit von bloss 25 % nicht zulasse (IV-act. 241).
A.m Am 4. März 2014 erliess die IV-Stelle einen neuen Vorbescheid, wonach die Rente
per 1. August 2011 aufgehoben werde (IV-act. 246). Dagegen erhob die
Beschwerdeführerin am 17. März 2014 Einwand (IV-act. 249). Diesen wies die IV-Stelle
mit Verfügung vom 28. März 2014 ab, indem sie die Rente per 1. August 2011 aufhob
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und einer Beschwerde die aufschiebende Wirkung entzog. Seit der Verfügung vom 21.
Juli 2004 habe sich die familiäre Situation soweit verändert, dass anzunehmen sei, die
Versicherte wäre als Gesunde vollerwerbstätig. Sodann seien zur Zeit der erstmaligen
Rentenprüfung deutliche Anzeichen einer desolaten sozialen Situation erkennbar
gewesen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden könnten. Heute sei eine
wesentliche Beruhigung eingetreten. Somit lägen zwei Revisionsgründe vor, so dass
der Rentenanspruch aufgrund der aktuellen Verhältnisse geprüft werden könne. Es
müsse davon ausgegangen werden, dass die Versicherte gegenüber den Ärzten und
den Vertretern der IV falsche Angaben gemacht und so fehlerhafte Beurteilungen ihres
Gesundheitszustandes und ihrer Leistungsfähigkeit erwirkt habe (IV-act. 250).
A.n Die Beschwerdegegnerin stellte der Versicherten mit Vorbescheid vom 25. Juni
2014 in Aussicht, den Rollstuhl Quickie Neon zurückzufordern (IV-act. 260). Ein
dagegen erhobener Einwand vom 1. September 2014 (IV-act. 265 bzw. IV 2014/466,
act. G 3.1) wurde mit Verfügung vom 16. September 2014 abgewiesen (IV-act. 267
bzw. IV 2014/466, act. G 3.1).
B.
B.a Gegen die rentenaufhebende Verfügung vom 28. März 2014 erhebt A._,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. St. Gerschwiler, am 9. Mai 2014 Beschwerde. Sie
beantragt, die angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge
aufzuheben, es sei ihr über den 31. Juli 2011 hinaus eine ganze Rente auszurichten
und die Beschwerdegegnerin sei vorsorglich anzuweisen, während der Dauer des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens von Massnahmen zur Rückforderung des an sie
abgegebenen Hilfsmittels (Rollstuhl Quickie Neon) abzusehen. Ein Anspruch auf
prozessuale Revision gestützt auf das vorliegende Observationsmaterial sei verwirkt.
Das Gutachten von Dr. P._ bilde keine taugliche Grundlage für die richtige
Einschätzung ihres Gesundheitszustandes, ihrer Arbeits- und Erwerbsfähigkeit (IV
2014/246, act. G 1).
B.b In ihrer Beschwerdeantwort vom 29. August 2014 beantragt die
Beschwerdegegnerin, die Beschwerde sei abzuweisen. Der Verfügung liege nicht eine
prozessuale Revision, sondern eine Anpassung zugrunde. Wenn konkrete Umstände
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
belegten, dass die Beschwerden überwindbar seien, könne auf die Anwendung der
Vermutungsregel verzichtet werden. Es dürfe als erstellt gelten, dass die
Beschwerdeführerin gezielt und in dreister Weise falsche Angaben mache, indem sie
beispielsweise eine körperliche Behinderung vortäusche, die sie mit Sicherheit nicht
habe (IV 2014/246, act. G 6).
C. Am 1. Oktober 2014 lässt A._ gegen die Verfügung vom 16. September 2014
betreffend Rückforderung des Rollstuhls Beschwerde erheben. Sie beantragt deren
Aufhebung unter Kosten- und Entschädigungsfolge und die Vereinigung mit dem
bereits anhängig gemachten Beschwerdeverfahren IV 2014/246. Sie rügt, die
Beschwerdegegnerin setze sich nicht mit ihren im Einwandverfahren vorgebrachten
Argumenten auseinander. Es bestehe kein öffentliches Interesse daran, noch vor
gerichtlicher Klärung der Rechtslage eine sofortige Rückforderung des Rollstuhls
durchzusetzen (IV 2014/466, act. G 1).
D.
D.a Mit Replik im Beschwerdeverfahren betreffend Rente (IV 2014/246) vom 1. Oktober
2014 beantragt die Beschwerdeführerin neu, das vorliegende Beschwerdeverfahren sei
mit der dato erhobenen Beschwerde gegen die von der Beschwerdeführerin am 16.
September 2014 verfügten Rückforderung des Rollstuhls zu vereinigen. Sie trägt vor,
ein Revisionsgrund sei nicht erstellt. Das Gutachten von Dr. P._ sei insbesondere
nicht beweistauglich, weil er sich mit der massgeblichen Veränderung des
Gesundheitszustands mit keinem Wort auseinandersetze. Es handle sich bloss um eine
andere Einschätzung der im Wesentlichen unveränderten medizinischen Situation.
Weiter berücksichtige die Beschwerdegegnerin nicht, dass sich aus den Akten ergebe,
dass sie zeitweise hinke und den Rollstuhl oder Krücken benutzen müsse. Ein
Widerspruch zu den die Erwerbsfähigkeiten beeinträchtigenden Beschwerden (vor
allem psychischer Natur) bestehe nicht. Der von der IV beauftragte Dr. P._ sei der
einzige, der im Gegensatz zu allen vorbehandelnden Ärzten nach kurzer einmaliger
Untersuchung eine Tendenz zu manipulieren erkannt haben wolle (IV 2014/246, act. G
9).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.b In ihrer Duplik vom 3. November 2014 führt die Beschwerdegegnerin aus, die
Beschwerdeführerin habe die Gehhilfe und den Rollstuhl nur am Nachmittag des 9.
November 2009 benutzt, als sie bei der SVA einen Termin gehabt habe. Sie sei
offensichtlich motiviert gewesen, ein schlechteres Funktionsniveau zu demonstrieren,
als noch am Vormittag zu beobachten gewesen sei. Zur Zeit der erstmaligen
Rentenprüfung seien deutliche Anzeichen einer desolaten sozialen Situation erkennbar
gewesen. Es sei nachvollziehbar, dass die Arbeitsfähigkeit damals nicht habe verwertet
werden können. Hätten solche Umstände den Rentenentscheid beeinflusst, sei auch
deren Entwicklung relevant. Inzwischen sei diesbezüglich eine wesentliche Beruhigung
eingetreten, was auf eine Verbesserung der erwerblichen Verwertbarkeit der
Arbeitsfähigkeit schliessen lasse. Das jüngste Kind sei inzwischen _ Jahre alt und die
Beschwerdeführerin sei alleinerziehend und bestreite das Familienbudget allein. Dies
lasse vermuten, dass die Beschwerdeführerin heute als Gesunde voll erwerbstätig
wäre. Das ziehe einen Methodenwechsel nach sich, was auch einen Revisionsgrund
darstelle (IV 2014/246, act. G 11).
E.
E.a Mit Beschwerdeantwort im Verfahren betreffend Rollstuhl (IV 2014/466) vom 12.
November 2014 macht die Beschwerdegegnerin geltend, die Beschwerdeführerin
vermöge nicht überzeugend darzulegen, warum sie derzeit auf einen Rollstuhl
angewiesen sei. Die Beurteilung von Dr. Q._ sei nicht überzeugend, da eine
dissoziative Bewegungsstörung mit einem Verlust der Steuerungsfunktion verbunden
sei. Läge eine solche vor, wäre es unverantwortlich, dass die Beschwerdeführerin Auto
fahre. Besser erkläre sich der Gebrauch des Rollstuhls durch die von Dr. P._
umschriebenen manipulativen Tendenzen (IV 2014/466, act. G 3).
E.b Die Beschwerdeführerin verzichtet auf eine Replik (IV 2014/466, act. G 5).
F.
F.a Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs an die Parteien (IV 2014/246, act. G 14)
und Stellungnahme der Beschwerdegegnerin (IV 2014/246, act. G 15) beauftragt das
Versicherungsgericht am 31. März 2016 die asim Begutachtung, Universitätsspital
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Basel, med. prakt. S._, Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie, mit der Erstellung
eines psychiatrischen Obergutachtens (IV 2014/246, act. G 17).
F.b Mit Eingabe vom 14. Dezember 2016 beantragt die Beschwerdegegnerin mit
Hinweis auf den Entscheid des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom
18. Oktober 2016, 61838/10 i.S. Vukota-Bojic, betreffend die Zulässigkeit von
Observationen im Bereich der Unfallversicherung, das Verfahren zu sistieren oder
zumindest mit einem Entscheid zuzuwarten, bis ein Grundsatzentscheid des
Bundesgerichts vorliege (IV 2014/246, act. G 20; IV 2014/466, act. G 6).
F.c Gemäss Gutachten vom 16. Dezember 2016 (IV 2014/246, act. G 21; IV 2014/466,
act. G 7; im Folgenden: act. G 21) diagnostiziert die Expertin eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F61.0; act. G 21-15). Zusätzlich bestehe der Verdacht
auf eine artifizielle Störung (ICD-10: F68.1), die jedoch im Zusammenwirken mit der
Diagnose der kombinierten Persönlichkeitsstörung einzuordnen sei (act. G 21-16, 18).
Die Gutachterin führt aus, es bestehe eine volle Arbeitsunfähigkeit für jede Tätigkeit im
ersten Arbeitsmarkt (act. G 21-19).
F.d Mit Eingabe vom 23. Dezember 2016 verzichtet die Beschwerdeführerin auf eine
Kommentierung des Gutachtens, behält sich eine Stellungnahme zur allfälligen
Äusserung der Beschwerdegegnerin zum Gerichtsgutachten vor und opponiert gegen
die von der Beschwerdegegnerin beantragte Verfahrenssistierung (IV 2014/246, act. G
23).
F.e Die Beschwerdegegnerin führt in ihrer Stellungnahme zum Gutachten vom 23.
Februar 2017 aus, es sei ihr das rechtliche Gehör verweigert worden, indem ihre
Fragen der Gutachterin nicht unterbreitet worden seien. Die Mängel seien irreparabel,
da die Gutachterin nicht mehr bei der asim arbeite. Das Gutachten leuchte wesentliche
Aspekte nicht aus, sei nicht überzeugend und vermöge das Gutachten von Dr. P._
nicht zu entkräften (IV 2014/246, act. G 31). Sie beruft sich auf eine Stellungnahme von
der IV-Mitarbeiterin Dr. med. T._, Neurologin und zertifizierte Gutachterin SIM, vom
20. Februar 2012, wonach das Gerichtsgutachten erhebliche Mängel aufweise (act. G
31.1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
F.f Das Gericht ersuchte die asim am 21. März 2017 um Stellungnahme zu den von
der Beschwerdegegnerin aufgeworfenen Fragen samt Stellungnahme von Dr. T._ (IV
2014/246, act. G 34).
F.g In ihrer umfassenden Stellungnahme vom 20. April 2017 (IV 2014/246, act. G
36-1-10; im Folgenden: act. G 36) führt die Gutachterin aus, das für die Begutachtung
erstellte Aktenverzeichnis (act. G 36.3) sei dem Gutachten versehentlich nicht beigelegt
worden. Weiter habe sie den Austrittsbericht vom 14. März 2004 über den stationären
Aufenthalt in der Klinik für Psychiatrie U._ (act. G 36.1) sowie einen Bericht der
Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 6. August 2004 (act. G 36.2) eingeholt
und erhalten. Auf diese Akten sei in den ihr unterbreiteten Akten verwiesen worden; sie
seien nicht vorgelegen. Die Gutachterin hält daran fest, aufgrund der seit langem
bestehenden schweren Erkrankung mit den daraus resultierenden massiven
funktionellen Einschränkungen sei die Beschwerdeführerin nicht in der Lage, ihre
Ressourcen zu mobilisieren und eine Leistungsfähigkeit im ersten Arbeitsmarkt zu
erreichen. Es sei von einer durchgehend vollständig aufgehobenen Arbeitsfähigkeit auf
dem ersten Arbeitsmarkt, mindestens seit der initialen IV-Anmeldung im Jahre 2001,
auszugehen (IV 2014/246, act. G 36-9).

Erwägungen
1.
1.1 Da die Beschwerdeverfahren IV 2014/246 betreffend Rentenrevision (Einstellung)
und IV 2014/466 betreffend Hilfsmittel (Rollstuhl) den gleichen Sachverhalt und eng
zusammenhängende Ansprüche betreffen, über die grundsätzlich gestützt auf
dieselben rechtlichen Erwägungen zu entscheiden ist, sind die Verfahren
antragsgemäss zu vereinigen (vgl. etwa BGE 128 V 124 E. 1).
1.2 Die nach Eingang der Denunziation durchgeführte Observation führte zwar zum
Erlass der angefochtenen Verfügung. Indes wird nachfolgend aufgezeigt, dass das
beobachtete Verhalten der Beschwerdeführerin krankheitsbedingt auffällig bzw.
inkonsistent ist und die Aufhebung der Rente und die Rückforderung trotz des
vorliegenden Observationsergebnisses nicht rechtmässig sind. Das Urteil des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte) Vukota-Bojic gegen Schweiz vom 18.
Oktober 2016 (61838/10) ist in diesem Zusammenhang ohne massgebliche Bedeutung,
weshalb sich entsprechende Weiterungen oder eine Sistierung erübrigen.
2.
2.1 Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen
Verhältnissen seit Zusprechung der Rente, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und
damit den Anspruch zu beeinflussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen
Änderung des Gesundheitszustandes oder der erwerblichen Auswirkungen des an sich
gleich gebliebenen Gesundheitszustandes revidierbar (Urteil des Bundesgerichts vom
17. Januar 2008, 9C_552/2007, E. 3.1.2, mit weiteren Hinweisen). Bei gegebenem
Revisionsgrund ist der Rentenanspruch gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
umfassend neu zu prüfen (BGE 141 V 9 E. 2.3 und E. 6.1; Urteil des Bundesgerichts
vom 5. Dezember 2012, 9C_427/2012, E. 3.4). Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen
formell rechtskräftige Verfügungen und Einspracheentscheide in Revision gezogen
werden, wenn die versicherte Person oder der Versicherungsträger nach deren Erlass
erhebliche neue Tatsachen entdeckt oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung
zuvor nicht möglich war. Es liegt im Wesen der Revision, dass der Rückkommenstitel
eine uneingeschränkte materielle Neubeurteilung verlangt (U. KIESER, Kommentar
ATSG, 3. Aufl., Zürich 2015, Art. 53 N 41).
2.2 Die angefochtene Verfügung betreffend Rentenaufhebung vom 28. März 2014
stützt sich verfahrensrechtlich einerseits auf die Ergebnisse der Observation im Sinne
eines Revisionsgrundes gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG und andererseits auf
Revisionsgründe im Sinne von Art. 17 ATSG, nämlich dass sich die familiäre Situation
insofern verändert habe, dass die Beschwerdeführerin als Gesunde inzwischen
vollerwerbstätig wäre, und dass sich die im Zeitpunkt der erstmaligen Rentenprüfung
desolate soziale Situation inzwischen beruhigt habe, was als Verbesserung zu werten
sei (IV-act. 250-8 f.). Unabhängig davon, gestützt auf welche der genannten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsgrundlagen die Rente eingestellt wird, ist vorausgesetzt, dass im Zeitpunkt der
Renteneinstellung kein rentenbegründender Invaliditätsgrad (mehr) vorliegt. Dies ist
vorliegend umstritten.
3.
3.1 In medizinischer Hinsicht stützt sich die angefochtene Verfügung betreffend Rente
auf das Gutachten von Dr. P._ vom 17. Januar 2011 (IV-act. 181). Dieses wurde im
Beschwerdeverfahren vom Gericht als nicht ausreichende medizinische Grundlage
erachtet und das am 16. Dezember 2016 erstattete Gerichtsgutachten (act. G 21) in
Auftrag gegeben. Zu prüfen ist, ob das Gerichtsgutachten beweistauglich ist. Die
Rechtsprechung hat bezüglich Gerichtsgutachten ausgeführt, das Gericht weiche
"nicht ohne zwingende Gründe" von den Einschätzungen der medizinischen Experten
ab. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat diesbezüglich erwogen,
der Meinung eines von einem Gericht ernannten Experten komme bei der
Beweiswürdigung vermutungsweise hohes Gewicht zu (BGE 135 V 469 f. E. 4.4 mit
Hinweisen).
3.2 Die Beschwerdegegnerin hält dem Gerichtsgutachten entgegen, die Gutachterin
habe die Akten nicht sorgfältig genug studiert und gewürdigt. Das Gutachten imponiere
als eindeutig bzw. stark defizitorientiert. Müsste die Beschwerdeführerin tatsächlich
stets mit dissoziativen Anfällen rechnen, würde sie das Haus nie ohne Hilfsmittel
verlassen und es wäre für sie unverantwortlich, überhaupt noch ein Auto zu lenken. Die
Gutachterin habe diese Ungereimtheiten nicht vertieft diskutiert und die Bedeutung der
Observation verkannt. Auch habe sie die Medikamentenspiegel nicht diskutiert.
Psychosoziale Faktoren und der wirtschaftliche Anreiz, weiterhin in den Genuss einer
Rente zu kommen, seien nicht erörtert worden (act. G 31). Gemäss der Stellungnahme
von Dr. T._ fehle eine differenzierte Auseinandersetzung mit einer eventuell zusätzlich
zur krankheitsbedingten, bewusstseinsfernen Ausgestaltung des Krankheitsbildes
vorliegenden bewusstseinsnahen Aggravation. Eine Diskussion der psychosozialen
Belastungsfaktoren finde nicht statt. Die Schlussfolgerung der Gutachterin, dass die
"psychische Störung weit tiefreichender" sei als eine Motivation aus materiellem Anreiz,
vermöge nicht zu überzeugen. Die Gutachterin gehe teilweise von eindeutig falschen
(aktenwidrigen) Annahmen aus, etwa dass die Beschwerdeführerin gemäss Bericht der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Psychiatrischen Klinik V._ vom 22. Oktober 2016 den somatischen Status verweigert
habe; dieser sei jedoch detailliert aufgeführt. Die Schlussfolgerung, dass die
Beschwerdeführerin ev. Hinweise auf eine artifizielle Störung habe kaschieren wollen,
sei somit falsch. Die Gutachterin vermute ein - der gemäss Bericht von Dr. W._ vom
2. September 2009 stattgehabten eitrigen Bursitis zugrundeliegendes -
selbstverletzendes Verhalten, wofür sich aber im besagten Bericht keine Anhaltspunkte
fänden (IV 2014/246, act. G 31.1). Insgesamt sei das Gerichtsgutachten nicht
beweistauglich. Es rechtfertige sich nach wie vor, auf die Beurteilung von Dr. P._
abzustellen (act. G 31).
3.3 Die Gerichtsgutachterin nimmt ausführlich Stellung, das Gutachten basiere auf
einer rund vierstündigen, fachärztlichen Exploration. Der zugehörige Aktenauszug sei
versehentlich beim Versand nicht beigelegt worden (act. G 36-1). Im Rahmen der
gerichtlichen Rückfrage seien u.a. der Austrittsbericht der Klinik U._ vom 14. April
2004 (act. G 36.1) und der Bericht der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 6.
August 2004 (act. G 36.2) eingeholt worden und eingegangen (act. G 36-2). Diese
Berichte belegten zusätzlich die gutachterliche Einordnung des Krankheitsbildes (act. G
36-3). Wie bereits im Gerichtsgutachten und in dieser Antwort nochmals dargelegt, sei
die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer seit längerem bestehenden schweren
Erkrankung bislang nicht in der Lage, ihre Ressourcen zu mobilisieren und eine
Leistungsfähigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu erreichen (act. G 36-9).
3.4
3.4.1 Die Gerichtsgutachterin diagnostiziert eine kombinierte Persönlichkeitsstörung
(ICD-10: F61.0) mit histrionischen und emotional-instabilen Anteilen vom Borderline
Typ, mit dissoziativen Empfindungs-, Bewegungs- und Bewusstseinsstörungen
(ICD-10: F44.6, 44.4 und 44.2), sowie einen Verdacht auf eine artifizielle Störung
(Münchhausensyndrom, ICD-10 F68.1) mit artifiziellen chirurgischen Symptomen (act.
G 21-15). Beim "Münchhausen-Syndrom" würden Krankheiten vorgetäuscht, seltener
auch Krankheitssymptome erzeugt oder bereits bestehende Symptome aggraviert.
Gleichzeitig bestehe das Symptom zwanghaften Lügens. Diese Diagnose diskutiert die
Gerichtsgutachterin aufgrund der erhaltenen anamnestischen Angaben und aufgrund
eigener Beobachtungen und Befunde. Die Diagnosestellung sei schwierig und könne
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nur in Zusammenwertung der Aktenlage erfolgen. Bei der artifiziellen Störung gehe es
nicht um die Erlangung bestimmter direkter Vorteile, wie es bei einer Simulation der Fall
sei, sondern das selbstschädigende Verhalten sei Ausdruck einer komplexen und
schweren Psychopathologie, das nicht willentlich steuerbar sei (IV-act. 21-16).
Anlässlich der Untersuchung habe die Beschwerdeführerin eingeräumt, sich wiederholt
Wundbenzin injiziert zu haben. Die Narben und die orthopädische Aktenlage belegten
dieses Verhalten (act. G 21-17). Die Gerichtsgutachterin sieht sich in der Verdachts-
Diagnose aufgrund der neu eingeholten Berichte aus dem Jahr 2004 bestärkt (act. G
36-5). Aus dem Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 6. August
2004 geht hervor, dass der Beschwerdeführerin im Spital X._ im Juli 2004 eine
abgebrochene Injektionsnadel ("selbstinduziert") aus dem Spinalkanal C3 entfernt
werden musste und zwei weitere (selbstinduzierte) Nadeln in Höhe LWK 3 und LWK 5
radiologisch verifiziert wurden (act. G 36.2). Die Psychiatrische Universitätsklinik hielt
den Verdacht auf Borderline-Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.31) mit Tendenz zu
Automutilismus, somatoformen Störungen und differenzialdiagnostisch eine
dissoziative Störung, Münchhausensyndrom, fest (Bericht vom 6. August 2004, act. G
36.2). Auch die fremdanamnestischen Auskünfte bei der behandelnden Dr. Q._
hätten ergeben, dass es immer wieder zu Konflikten mit Spannungszuständen komme,
die mit riskantem und selbstverletzendem Verhalten einhergingen bzw. suizidale
Handlungen zur Folge hätten und zu stationären Kriseninterventionen führten (act. G
21-11; act. G 36-4). Die selbstverletzenden Verhaltensmuster träten als nach aussen
gerichtete Manifestation der schweren Persönlichkeitsstörung bei Zusammenbrechen
der kaum vorhandenen inneren Strukturen auf. Dies könne durch äussere Faktoren
ausgelöst werden (z. B. Tod der Mutter, drohender Rentenentzug, Entzug des
Sorgerechts, Auseinandersetzungen mit den Kindern; act. G 36-4). Die
Gerichtsgutachterin hält fest, im Rahmen der Exploration sowie anhand der Aktenlage
werde eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung mit emotional-instabilen, histrionischen
und auch dissozialen Anteilen deutlich, die Ausdruck von erheblichen strukturellen
Defiziten im Bereich der Bindungsfähigkeit und der Affektregulation seien. Dies bilde
sich in häufigen Beziehungswechseln, reduzierter Empathie, aggressiv gereizter
Abwehr von Nähe, Flucht in Ersatzwelten und vielfältigen kompensatorischen
Ausgleichshandlungen bis hin zu Selbstverletzung ab (act. G 21-13 f). Sie ergänzt, dass
die komplexe krankheitswertige Störung seit Jahren primär und unabhängig von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychosozialen Faktoren bestehe. Diese (Belastungs-)Faktoren beeinflussten die
Beschwerdeführerin nur insofern, als sie ihr die Stabilisierung im Alltag und den
Umgang mit der Erkrankung erschwerten (act. G 36-4). Die Gerichtsgutachterin
attestiert nicht nur eine deutlich schwerere Ausprägung der gesamten
Persönlichkeitsstörung, sondern zusätzlich zu Dr. P._ auch eine dissoziale,
dissoziative und eine artifizielle Komponente. Diese Abweichung ist erklärbar, denn in
der durch Dr. P._ erhobenen Anamnese und Befunderhebung sind Hinweise auf die
selbstschädigenden Handlungen jedenfalls nicht im effektiven Ausmass enthalten (IV-
act. 181-2 ff.). Lediglich im Aktenauszug ist erwähnt, dass es, nachdem
traumatisierende Erfahrungen zum Teil erstmalig besprochen worden seien, zu einem
versuchten Suizid durch Sprung aus dem Fenster gekommen sei (IV-act. 181-8). Auf
die in der Sprechstundennotiz vom 29. Oktober 2004 von Dr. I._ erwähnten Nadeln
auf der Höhe L3/4 und im Beckenkamm (IV-act. 95-9 f.) ging er nicht ein, während die
Gerichtsgutachterin auch die somatischen Arztberichte umfassend zur Kenntnis nahm
(act. G 21-8, 16; act. G 36.3). Sie hielt die artifiziellen Selbstverletzungen für
ausgewiesen, liess sich die vernarbten Beine auch zeigen (act. G 21-6). Es erscheint
daher nachvollziehbar, dass Dr. P._ seine Diagnosen aufgrund eines nicht
umfassenden Sachverhalts erhob und daher die Schwere der Persönlichkeitsstörung
nicht vollumfänglich erfasste. Entsprechend wurde im Gerichtsgutachten ausgeführt,
Dr. P._ habe nur Teilaspekte des Störungsbildes berücksichtigt. Er habe die
wiederholten, durchaus ernsthaften Suizidversuche und das selbstverletzende
Verhalten nicht berücksichtigt (act. G 21-19, 24). Es erscheint sodann nachvollziehbar,
dass Selbstverletzungen der hier gegebenen Art auf eine schwere, tiefgreifende
Persönlichkeitsstörung hinweisen.
3.4.2 Die Gerichtsgutachterin schildert plausibel die durch die kombinierte
Persönlichkeitsstörung bewirkten Funktionsdefizite: Es fänden sich gravierende Ich-
strukturelle Defizite in der Beziehungsfähigkeit und Affektregulation mit
selbstverletzendem Verhalten. Die dissoziativen Symptome seien Ausdruck einer
Unfähigkeit zur Integration und Regulation bedrohlicher Affekte. Es resultierten
erhebliche Schwierigkeiten, sich in soziale Bezüge stabil und belastbar einzufügen.
Beispiele seien Unpünktlichkeit oder Fernbleiben als Ausdruck mittelgradiger
Einschränkungen der Fähigkeit, sich an Regeln und Routinen anzupassen. Es folgten
Schwierigkeiten in der Planung und Strukturierung von Aufgaben. Anforderungen an
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Flexibilität und Umstellung hätten Irritation und Störungen der Affektregulation zur
Folge, mit schwer berechenbaren Folgen, die überwiegend autoaggressiv anmuteten
(Dissoziation, Selbstverletzung, Intoxikation). Es bestünden keine Einschränkungen der
kognitiven Fähigkeiten mit Einfluss auf die Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, jedoch
sei eine Kritikminderung bezüglich ihrer Selbstwahrnehmung (angemessene
Selbsteinschätzung) gegeben. Ihre Durchhaltefähigkeit sei gravierend beeinträchtigt
und sie könne sich nicht adäquat in sozialen Kontexten selbst behaupten. Auch die
Kontaktfähigkeit zu Dritten sei deutlich beeinträchtigt (act. G 21-14). Dr. P._ hielt in
seiner Beurteilung fest, die kombinierte Persönlichkeitsstörung mit histrionischen und
emotional-instabilen Anteilen könne mit einem persönlichen Leiden und einer gestörten
sozialen Funktions- und Leistungsfähigkeit einhergehen. Ausschlaggebend sei hierzu
die zumutbare Willensanstrengung bei der betreffenden Person (IV-act. 181-19),
welche in der Folge für die Beschwerdeführerin bejaht wird. An anderer Stelle führte er
aus, aufgrund der kombinierten Persönlichkeitsstörung mit histrionischen und
emotional instabilen Anteilen könnten bei bestimmten Konstellationen
Beeinträchtigungen in der Ausübung der Arbeitsfähigkeit auftreten (IV-act. 181-21).
Konkrete Funktionseinschränkungen beschreibt Dr. P._ im Gegensatz zur
Gerichtsgutachterin nicht. Zu den Ressourcen ist seinem Gutachten zu entnehmen, die
Beschwerdeführerin sei weder ratlos noch hilflos, sie könne sich für vorgehabte Ziele
einsetzen und kämpfen, könne also ihren Willen anstrengen, wie es ihr beliebe. Sie
könne ihren Haushalt - derzeit mit zwei pubertierenden Kindern - gut bewältigen, Auto
fahren, die Freizeit selbständig gestalten, Hobbies nachgehen und Beziehungen
pflegen (IV-act. 181-19). Die Gerichtsgutachterin führt dazu aus, Dr. P._ erwäge
nicht, dass neben manipulativ anmutender Defizitschilderung ebenso gravierend
selbstüberschätzende Aussagen vorlägen (act. G 36-8). Sie geht davon aus, dass die
Ressourcen erheblich geringer sind, als dies Dr. P._ aufgrund der Selbstdarstellung
der Beschwerdeführerin ohne kritisches Hinterfragen angenommen hat. Weiter führt sie
aus, die Beziehung der Beschwerdeführerin zu ihren Hunden und die Anbindung an die
behandelnde Psychiaterin seien die einzigen wesentlichen Ressourcen, die geeignet
seien, sie zu stabilisieren. Stabilisierende familiäre Beziehungen bestünden ausser
einem losen Kontakt zum Vater nicht. Die Beziehung zu den Kindern sei geprägt von
Schwierigkeiten und Kontaktabbrüchen. Die Beschwerdeführerin erbringe kaum einen
deutlichen Ressourcenbeleg in ihrem familiären Aufgabengebiet, wie von Dr. P._
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
festgehalten. Eine stabile haltgebende Partnerbeziehung bestehe ebenfalls nicht. Die
angegebenen Hobbies - Handarbeiten und Lesen - seien unter Berücksichtigung der
Schwere der Störung kein wesentlicher stabilisierender Faktor. Die
krankheitsimmanenten funktionellen Einschränkungen seien als so schwerwiegend zu
betrachten, dass sie durch die wenigen vorhandenen Ressourcen nicht aufgewogen
werden könnten (act. G 36-9). Dr. P._ gelangte hingegen zum Schluss, die gezielte
Willenssteuerung zur Überwindung von Defiziten, die bei der Ausübung einer
geeigneten körperlichen adaptierten Tätigkeit nötig wäre, sei der Beschwerdeführerin
zumutbar (IV-act. 181-19, 22). Dazu hält die Gerichtsgutachterin fest, Dr. P._ gehe
aufgrund der Persönlichkeitsstörung davon aus, dass die Beschwerden und Symptome
(z. T.) nicht bewusst tatsachenwidrig dargestellt würden, er mute der
Beschwerdeführerin aber eine willentliche Anstrengung zugunsten einer gesünderen
Lebensführung zu. Eine Überwindbarkeit sei aber aufgrund der tiefgehenden und
komplexen schweren Störung nicht gegeben. Die histrionisch-agierenden Anteile
dürften nicht dazu verleiten, auf bewusste und manipulative (damit überwindbare)
Verhaltensweisen zu schliessen (act. G 21-25). Es sei bei dieser Störung gerade nicht
möglich, das Verhalten vernunftgemäss und funktional zu steuern, sondern es würden
die inneren Konflikte (und äusseren Belastungen) höchst dysfunktional in der
histrionischen Interaktion und ultimativ in der Selbstschädigung ausgelebt (act. G
21-26). In der ergänzenden Antwort hält die Gerichtsgutachterin (nochmals) fest, die
Schwere der zugrundeliegenden Persönlichkeitsstörung als Vulnerabilitätsfaktor werde
durch Dr. P._ völlig unzureichend berücksichtigt. Dem gut dokumentierten
Aktenverlauf seien zahlreiche Hinweise auf Beeinträchtigungen zu finden, in denen ihr
eine Überwindung entgegen ihrem Bestreben (Willen) nicht gelinge (Inobhutnahme der
Kinder). Die Beschwerdeführerin sei lediglich im Rahmen ihrer quasi eigenen, von der
Krankheit beeinflussten Wahrnehmung, bezüglich der für sie wichtigen Dinge wie z. B.
des Rollstuhls, "leistungsfähig" (act. G 36-8).
3.4.3 In Bezug auf die Konsistenz hielt Dr. P._ fest, der Rollstuhlgebrauch sei
weder dauerhaft noch seien die Angaben der Beschwerdeführerin hierzu konsistent (IV-
act. 181-18). Die Beschwerdeführerin sei in ihrem Verhalten höchst manipulativ, ein
Leidensdruck scheine jedoch nicht im Vordergrund zu sein. Aus dem Praktischen
gesehen (nicht zuletzt aufgrund vom Observierungsmaterial), und um das
Psychopathologische nicht allzu sehr in den Vordergrund zu stellen, könne aus
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychiatrischer Sicht davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin nicht
erheblich in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei (IV-act. 181-19). Die
Gerichtsgutachterin führt demgegenüber aus, das lügenhafte Verhalten der
Beschwerdeführerin sei, auch wenn es bewusst erfolge, unzweifelhaft als Symptom der
diagnostizierten kombinierten Persönlichkeitsstörung zu werten und damit
störungsimmanent. Als zwanghaftes Verhalten sei es von der Beschwerdeführerin nicht
wie bei gesunden Personen steuerbar (act. G 36-5). Die beklagte plötzliche
Kraftlosigkeit, "Wegsacken" der Beine, Ohnmacht/Bewusstlosigkeit,
Wahrnehmungsstörungen seien dem Bereich der dissoziativen Störungen zuzuordnen
(act. G 36-5). Insgesamt werde die Präsentation der somatischen Bedürftigkeit
(rollstuhlpflichtig zu sein) als Teil des Selbsterlebens der Beschwerdeführerin gewertet,
indem deutlich werde, dass sie nicht zu angemessen realistischem Umgang fähig sei
und auf dieser Grundlage immer wieder dissoziative Symptome entstünden.
Vereinfacht lasse sich sagen, dass dies für die Beschwerdeführerin eine Möglichkeit sei
auszudrücken, dass sie Hilfe benötige. Aufgrund ihrer histrionischen
Persönlichkeitsstruktur bestehe neben dem positiven Erleben von Aufmerksamkeit
auch eine innere Not, auf die mit diesem aufmerksamkeitserregenden Verhalten
hingewiesen werde act. G 36-6 f.). Das gesamte auffällige Verhalten der
Beschwerdeführerin sei in der diagnostizierten kombinierten Persönlichkeitsstörung
begründet, und es seien keine Anhaltspunkte für (eine) über das krankheitswertige
Verhalten hinausgehende, auf Zusprache von Leistungen gerichtete Simulation oder
Aggravation vorhanden (act. G 36-7; vgl. auch act. G 21-19).
3.5 Zusammenfassend legt die Gerichtsgutachterin aufgrund von Tatsachen, die Dr.
P._ mindestens nicht im vollen Umfang bekannt waren oder von ihm nicht
umfassend gewürdigt wurden, nachvollziehbar dar, dass die Beschwerdeführerin an
einer schwerwiegenden komplexen Persönlichkeitsstörung leidet. Diese enthält
insbesondere zusätzlich zu den von Dr. P._ aufgezeigten Elementen eine sich auf die
Arbeitsfähigkeit massgeblich auswirkende artifizielle Komponente. Indem die
Gerichtsgutachterin die Persönlichkeitsstörung umfassend, insbesondere auch unter
Berücksichtigung der Vorakten (Längsverlauf), erfasst, erscheint auch schlüssig
begründet, dass sie im Gegensatz zu Dr. P._ zum Ergebnis gelangt, die
Beschwerdeführerin könne ihr Verhalten krankheitsbedingt nicht steuern und sei zu
einer willentlichen Überwindung ihrer Beschwerden nicht fähig. Mit dieser
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unterschiedlichen Sichtweise bezüglich der willentlichen Verhaltenssteuerung erklärt
sich auch die unterschiedliche Beurteilung hinsichtlich der Konsistenz des Verhaltens
der Beschwerdeführerin und der Arbeitsfähigkeit. Auf das Gerichtsgutachten ist damit
abzustellen. Es ist somit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin
arbeitsunfähig im ersten Arbeitsmarkt ist und seit der Rentenzusprache am 1.
November 2002 keine stabile Verbesserung eingetreten ist. Die Einstellung der Rente
erfolgte damit zu Unrecht und die diesbezüglich angefochtene Verfügung vom 28. März
2014 ist aufzuheben.
4.
4.1 Zu prüfen bleibt die Rechtmässigkeit der angefochtenen Verfügung betreffend
Rückforderung des Rollstuhls vom 16. September 2014 (IV-act. 267; IV 2014/466, act.
G 3.1).
4.2 Gemäss Art. 21 Abs. 1 Satz 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
(IVG; SR 831.20) haben Versicherte im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden
Liste Anspruch auf jene Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbsfähigkeit
oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich, zur Erhaltung oder Verbesserung der
Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildung oder zum Zwecke der
funktionellen Angewöhnung bedürfen. Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die
Fortbewegung, für die Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die
Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen, haben im Rahmen einer vom Bundesrat
aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf solche
Hilfsmittel (Art. 21 Abs. 2 IVG). Nach Art. 2 Abs. 1 der Verordnung über die Abgabe von
Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI; SR 831.232.51) besteht im Rahmen
der aufgeführten Liste Anspruch auf Hilfsmittel, soweit diese für die Fortbewegung, die
Herstellung des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge notwendig sind.
4.3 Rollstühle sind unter Ziff. 9 der Liste der Hilfsmittel aufgeführt. Der mit
angefochtener Verfügung vom 16. September 2014 (IV-act. 267 bzw. IV 2014/466, act.
G 3.1) zurückgeforderte Rollstuhl Quickie Neon wurde der Beschwerdeführerin am 5.
Februar 2007 zugesprochen (IV-act. 108). Dr. D._ hatte im Formular betreffend
medizinische Angaben für die Abgabe eines Rollstuhls angegeben, diesen benötige die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin als Folgeversorgung wegen eines Schädel-Hirn-Traumas (IV-act.
100-3), welche Diagnose sich mit der Aktenlage nicht deckt. Dr. I._ hatte im
Arztbericht vom 30. Januar 2007 als Diagnose eine Lumboischialgie links festgehalten.
Die Beschwerdeführerin benötige einen Rollstuhl für weitere Gehstrecken. Die
Gehfähigkeit betrage mit Pausen max. 2 km, ohne Pause 200 m; sie müsse sich dann
hinsetzen (IV-act. 107). Im Fragebogen zur Rentenrevision gab die Beschwerdeführerin
am 21. Dezember 2009 an, sie habe vermehrt Schmerzen, so dass sie weniger laufen
könne und stärker auf den Rollstuhl angewiesen sei (IV-act. 124). Dr. D._ erwähnte im
Verlaufsbericht vom 19. März 2010 unverändert beklagte Schmerzen bei geringster
Belastung; es träten wechselhaft Ischialgien auf mit Sensibilitätsstörungen (IV-act. 143).
In der Befragung durch die IV-Stelle am 26. Mai 2010 erklärte die Beschwerdeführerin,
alle Arbeiten, die sie im Rollstuhl ausführen könne, könne sie problemlos selber
erledigen. Wenn es ihr gut gehe, könne sie auch frei gehen. Ansonsten benütze sie
Krücken. Die Distanz sei aber eingeschränkt (IV-act. 158-4). In der Befragung vom 9.
November 2010 erklärte sie, sie sei in den letzten sechs Monaten wegen
Taubheitsgefühlen täglich auf den Rollstuhl angewiesen gewesen. An guten Tagen
hätte sie sicher eine kurze Strecke ohne Hilfsmittel gehen können (IV-act. 167-3). Die
Gerichtsgutachterin äussert sich nicht explizit zur Notwendigkeit eines Rollstuhls,
schreibt jedoch den von der Beschwerdeführerin geschilderten Kraftverlust der
dissoziativen Komponente der kombinierten Persönlichkeitsstörung zu. Über die
Häufigkeit des Rollstuhlgebrauchs liegen keine ausreichenden Angaben vor, so dass
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, die
Beschwerdeführerin benötige den Rollstuhl nicht mehr.
4.4 In formeller Hinsicht wurde mit der angefochtenen Verfügung vom 16. September
2014 weder die den Rollstuhl zusprechende Mitteilung vom 5. Februar 2007 (IV-act.
108) aufgehoben, noch liegt ein - auch für die Aufhebung einer Mitteilung erforderlicher
(KIESER, a.a.O., Art. 51 N 27) - der Rückforderungsverfügung zugrundeliegender
Rückkommenstitel vor, denn die ebenfalls angefochtene Verfügung vom 28. März 2014
bezieht sich ausschliesslich auf den Rentenanspruch (IV-act. 250). Ein eigenständiger
Revisionstitel im Sinne von Art. 53 Abs. 1 ATSG kann in der Rückforderungsverfügung
schon deshalb nicht erblickt werden, da die 90-tägige Frist nicht gewahrt wäre
(KIESER, a.a.O., Art. 53 N 38). Die angefochtene Rückforderungsverfügung vom 16.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
September 2014 ist somit ebenfalls aufzuheben. Eine erneute Rückforderung bedürfte
in materieller Hinsicht ergänzender Abklärungen.
5.
5.1 In Gutheissung der Beschwerden vom 9. Mai 2014 und vom 1. Oktober 2014 sind
die Verfügungen vom 28. März 2014 und vom 16. September 2014 aufzuheben.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Aufgrund der Einholung eines
Gerichtsgutachtens und des damit verbundenen Zeitaufwands erscheint eine
Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.-- in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als
angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat ausgangsgemäss die gesamte
Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.-- zu bezahlen. Der von der Beschwerdeführerin
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihr zurückzuerstatten.
5.3 Die Kosten des Gerichtsgutachtens von Fr. 6'186.10 (act. G 24) und der
ausführlichen Ergänzung von Fr. 4'620.-- (act. G 37) hat die Beschwerdegegnerin zu
tragen (BGE 137 V 265 f. E. 4.4.2).
5.4 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
ist (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP/SG, sGS 951.1]). Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin hat keine Kostennote ein¬gereicht. Im hier zu beurteilenden Fall
erscheint unter Berücksichtigung des durch die Einholung eines Gerichtsgutachtens
(einschliesslich Ergänzung) entstandenen Mehraufwands eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 5'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen.