Decision ID: 74c27f81-f5da-50c5-a71f-30142856a193
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden, alle irakische Staatsangehörige kurdischer
Ethnie aus dem Dorf G._ in der Provinz Q._, verliessen den
Nordirak gemäss eigenen Angaben am 16. Dezember 2020 und gelangten
über die Türkei und weitere ihnen nicht bekannte Länder am 6. Januar
2021 in die Schweiz. Gleichentags stellte die Familie ein Gesuch um Asyl.
Der volljährige gemeinsame Sohn der Beschwerdeführenden reiste eben-
falls mit der Familie; sein Asylgesuch wurde mit Verfügung des SEM
ebenso wie jenes seiner Eltern und Geschwistern abgewiesen. Die dage-
gen erhobene Beschwerde bildet Gegenstand eines separaten Beschwer-
deverfahrens (E-1435/2021).
Am 12. Januar 2021 fanden die Personalienaufnahme des Beschwerde-
führers (PA; Protokoll in den SEM-Akten; 1085213-48/13 [nachfolgend
A48), der Beschwerdeführerin (A49) sowie ihrer minderjährigen Töchter
C._ (A50) und D._ (A51) statt. Am 15. Februar 2021 wurden
der Beschwerdeführer (Anhörung; Protokoll in den SEM-Akten: 1085213-
69/18 [nachfolgend A69]) und die Beschwerdeführerin (A70), jeweils in An-
wesenheit ihrer Rechtsvertretung, zu ihren Asylgründen befragt. Am
18. Februar 2021 wurden die Töchter C._ (A73) und D._
(A74), ebenfalls jeweils in Anwesenheit ihrer Rechtsvertretung, zu ihren
Asylgründen befragt.
B.
B.a Zu seinen Asylgründen führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen
aus, den Nordirak wegen einer befürchteten Verschleppung durch die
nordirakischen Behörden verlassen zu haben. Beruflich habe er zuerst
seinen Vater auf dem familieneigenen (...) unterstützt, bis er nach dessen
Tod in den (...) eingestiegen sei. Bei seiner Tätigkeit als (...) habe er ab
Herbst 2019 begonnen, in unregelmässigen Abständen (...) und Lebens-
mittel an Mitglieder der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu verkaufen. Im
Jahr vor seiner Ausreise, habe er insgesamt sechs bis sieben (...) an je-
weils zwei PKK-Mitglieder namens H._ und I._ verkauft.
Zuerst habe er dazu noch Verträge erstellt, nach einiger Zeit habe er je-
doch auf diese Formalität verzichtet. Die (...) für die PKK habe er ausser-
dem auf Bestellung hin mit Lebensmitteln (...). Die Käufer hätten später
auch das Beschaffen von Medikamenten von ihm verlangt. Solche Waren
habe er jedoch nie besorgt und spätere ähnliche Forderungen konse-
quent ausgeschlagen. Es sei ihm zwar allgemein bekannt gewesen, dass
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eine geschäftliche Beziehung zur PKK eine gewisse Gefahr in sich berge.
Ihm sei jedoch erst im Laufe der Zeit klargeworden, welches hohe Mass
an Loyalität diese Organisation verlange, wenn sie einmal eine geschäftli-
che Beziehung mit jemandem eingegangen sei. Eine solche Beziehung
könne man ohne entsprechende Konsequenzen und persönliche Nach-
teile nicht einfach aufgeben. Im Dezember 2020 habe sein beim staatli-
chen Sicherheitsdienst (Asayesh) als Chauffeur tätiger Cousin ihm telefo-
nisch mitgeteilt, er habe bei seiner Arbeit erfahren, dass im Rahmen einer
Verhaftung von PKK-Mitgliedern der Name des Beschwerdeführers als
Lieferant von (...) und Lebensmitteln sowie mutmasslicher Unterstützer
der Organisation gefallen sei. Der Cousin habe ihn eindringlich aufgefor-
dert, das Land zu verlassen, da er nach seiner Erfahrung auf kein faires
Verfahren hoffen könne und mit einer mehrjährigen Haftstrafe, Verschlep-
pung oder Schlimmerem rechnen müsse. Auch sein Bruder, der bis zu
diesem Zeitpunkt nichts von seinen Geschäften mit der PKK gewusst
habe, habe ihm geraten, das Land zu verlassen und die Ausreise auch
organisiert, da die staatlichen Behörden ihn andernfalls einfach ver-
schwinden lassen würden. Unmittelbar anschliessend sei er zusammen
mit seinem Bruder zum Haus der Familie gefahren. Dort habe er alle Fa-
milienmitglieder versammelt und sie seien am 15. Dezember 2020 zuerst
in ein Dorf in der Nähe von J._ gefahren, um dort zu übernachten.
Am nächsten Abend, in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 2020
hätten sie ihren Heimatstaat verlassen. Der Beschwerdeführer gab weiter
an, nach der Einreise in die Schweiz von seinem Bruder, welcher das
Nachbargrundstück zum ehemaligen Familienhaus bewohne, erfahren zu
haben, dass Angehörige der nordirakischen Behörden sich ein oder zwei
Tage nach ihrer Ausreise unbegleiteten Zugang zu seinem Haus ver-
schafft hätten. Es sei unklar, was die Behörden gesucht oder allenfalls
beschlagnahmt hätten. Schliesslich führte er aus, die Beschwerdeführerin
und seine Kinder nie vollständig über die tatsächlichen Hintergründe ihrer
Ausreise aus dem Nordirak aufgeklärt zu haben, um sie nicht zu belasten.
Die Beschwerdeführerin macht keine eigenen Asylgründe geltend. Sie ver-
weist für die Ausreisegründe auf die Aussagen des Beschwerdeführers. Sie
wisse in groben Zügen um dessen Probleme, kenne aber keine Einzelhei-
ten. Persönlich sei sie nie in Kontakt mit den nordirakischen Behörden oder
der PKK gekommen. Auch ihre Kinder seien nie in die geschäftliche Tätig-
keit des Beschwerdeführers involviert gewesen oder hätten darüber im De-
tail Bescheid gewusst. Die älteste Tochter C._ gab zu Protokoll, sie
habe vor der Ausreise aus dem Nordirak die 10. Klasse besucht. Sie habe
keine Probleme mit irgendwelchen Behörden gehabt und wisse über die
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Hintergründe der plötzlichen Abreise ihrer Familie aus dem Nordirak nichts.
Es sei ihr jedoch ein persönliches Bedürfnis, von ihren Eltern bald darüber
aufgeklärt zu werden. Auch D._ berichtet, ihr Alltag im Nordirak sei
von der Schule geprägt gewesen. Sie hätte eigentlich die 9. Klasse besu-
chen sollen, aufgrund der Covid-19-Pandemie sei dies jedoch nicht mög-
lich gewesen. Sie wisse nichts über die Beweggründe für die Ausreise der
Familie aus dem Nordirak, vermute jedoch, dass gewisse Probleme der
Eltern den Anlass dafür gewesen sein müssten.
B.b Zu seinen Lebensumständen gab der Beschwerdeführer an, den
Grossteil seines Lebens – seit 1991 ununterbrochen bis zur Ausreise – in
G._ gelebt zu haben, zunächst mit seiner Ursprungs- und danach
mit seiner heutigen Familie. Er gab weiter an, in der Provinz Q._,
teilweise in seinem Herkunftsdorf, teilweise in anderen Dörfern oder der
Stadt Q._, lebten zahlreiche Familienangehörige, darunter seine
Mutter sowie mehrere Brüder und Schwestern. Weitere Verwandte, unter
anderem zwei Onkel, lebten in K._ und (...) in der Z._ habe
er eine Schwester. Er habe nur wenige Jahre die Schule besucht, später
seinem Vater (...) geholfen und nach dessen Tod bis zur Ausreise Handel
(...) betrieben. Die Beschwerdeführerin gab zu ihren persönlichen Verhält-
nissen an, neun Jahre lang die Schule besucht zu haben und nie einer
beruflichen Tätigkeit nachgegangen zu sein. Die Familie habe von der Ar-
beitstätigkeit des Beschwerdeführers leben können; sie habe sich vor-
nehmlich um die gemeinsamen Kinder gekümmert. Im Nordirak lebten ihre
Eltern und mehrere Geschwister. Geschwister von ihr lebten in L._
und M._.
C.
Am 26. Februar 2021 nahm der zugewiesene Rechtsvertreter der Be-
schwerdeführenden Stellung zum Verfügungsentwurf vom 25. Februar
2021 und verwies im Wesentlichen auf das niedrige Bildungsniveau des
Beschwerdeführers, das die Vorinstanz bei ihrer Würdigung zu wenig be-
achtet habe. Auch die von Panik geprägte Situation bei der Ausreise sei
nicht genügend berücksichtigt worden. Für Einzelheiten wird auf die Akten
verwiesen.
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D.
Mit Verfügung vom 1. März 2021, gleichentags eröffnet, verneinte das SEM
die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden und lehnte ihre Asyl-
gesuche ab. Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz so-
wie den Wegweisungsvollzug an.
Mit Verfügung vom selben Tag verneinte das SEM auch die Flüchtlingsei-
genschaft des volljährigen Sohnes der Beschwerdeführenden, N._,
wies sein Asylgesuch ab, verfügte seine Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug an.
E.
Am 12. März 2021 legte die zugewiesene Rechtsvertretung das Mandat
nieder.
F.
F.a Die Beschwerdeführenden gelangten mit Beschwerde ihres neu man-
datierten Rechtsvertreters vom 30. März 2021 an das Bundesverwaltungs-
gericht. Sie beantragen, der Entscheid des SEM vom 1. März 2021 sei auf-
zuheben und es sei ihnen in der Schweiz Asyl zu gewähren. Eventualiter
sei festzustellen, dass der Vollzug einer allfälligen Wegweisung in den Irak
nicht zulässig beziehungsweise nicht zumutbar sei und sie deshalb in der
Schweiz vorläufig aufzunehmen seien. Subeventualiter sei die Sache zur
neuerlichen Abklärung des Sachverhaltes und zur neuerlichen Entschei-
dung an das SEM zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchen sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses, sowie um Einsetzung ihres Rechtsvertreters als amtlichen
Rechtsbeistand. Ferner beantragen sie die Koordination ihres Beschwer-
deverfahrens mit jenem ihres volljährigen Sohnes, N._.
Als Beweismittel reichten die Beschwerdeführenden nebst diversen Arti-
keln über die politische Situation im Nordirak die folgenden Beweismittel
ein:
– zwei fremdsprachige Dokumente in Kopie gemäss deren deutscher
Übersetzung es sich um zwei Kaufverträge über Fahrzeuge der Marke
Toyota handle,
– ein fremdsprachiges Dokument in Kopie, gemäss dessen deutscher
Übersetzung es sich um einen Haftbefehl handle. Gemäss dieser Überset-
zung wurde der Haftbefehl vom Justizrat der Region Kurdistan, namentlich
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dem Untersuchungsgericht (...) erstellt und von einem Richter unterschrie-
ben. Darin wird der Beschwerdeführer – genannt mit vollem Namen, Woh-
nort und Berufsbezeichnung – zur Verhaftung und anschliessenden Zufüh-
rung an das Untersuchungsgericht ausgeschrieben. Weiter wird vermerkt,
dass dem Beschwerdeführer Verstösse gegen Artikel 13, 33 und 37 des
Antiterrorgesetzes wegen der Zusammenarbeit mit der Terrororganisation
PKK vorgeworfen werden. Gemäss Übersetzung wurde der Haftbefehl am
14. Februar 2020 unterschrieben,
– einen Ausdruck einer Email vom 4. März 2021 zwischen einem gewis-
sen O._ und dem Rechtsvertreter der Beschwerdeführerenden. Im
Wesentlichen bezieht sich der Inhalt auf verschickte beziehungsweise er-
haltene Dokumente.
F.b Mit Beschwerde desselben Rechtsvertreters, ebenfalls vom 30. März
2021, gelangte auch der volljährige Sohn N._ ans Bundesverwal-
tungsgericht und stellte im wesentlichen dieselben Begehren (vgl. Be-
schwerdeverfahren E-1435/2021).
G.
Am 1. April 2021 bestätigte die zuständige Instruktionsrichterin den Ein-
gang der Beschwerde und stellte das einstweilige Anwesenheitsrecht der
Beschwerdeführenden in der Schweiz fest.
H.
Mit Eingabe vom 13. April 2021 reichten die Beschwerdeführenden eine
Unterstützungsbestätigung vom 8. April 2021 ausgestellt durch das SEM
der Asylregion (...) ein.
I.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
31. März 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR
142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert legitimiert
(Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V. mit Art. 10 Covid-19-Verordnung
Asyl [SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie
nachstehend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
3.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Das vorliegende Verfahren wird insofern antragsgemäss mit jenem des
volljährigen Sohnes N._ (E-1435/2021) koordiniert als es vom sel-
ben Spruchkörper behandelt und mit Urteil vom selben Datum entschieden
wird.
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5.
Die Beschwerdeführenden beantragen subsidiär die Rückweisung der An-
gelegenheit an die Vorinstanz (vgl. Beschwerdebegehren 3). Sie begrün-
den allerdings nicht ansatzweise, inwiefern das SEM den Sachverhalt nicht
richtig oder nicht vollständig festgestellt hat. Solches wird ebenso wenig
aus den Akten ersichtlich wie andere formelle Mängel. Der entsprechende
Antrag ist abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegen-
satz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwer-
deführers. Für das Glaubhaftmachen reicht es jedoch nicht aus, wenn der
Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten
Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorge-
brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. dazu ausführlich BVGE
2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
7.
7.1 Zur Begründung der fehlenden Flüchtlingseigenschaft und der Ableh-
nung des Asylgesuches qualifiziert die Vorinstanz die Vorbringen der Be-
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schwerdeführenden im Wesentlichen als den Anforderungen an die Glaub-
haftigkeit im Sinne von Art. 7 AsylG nicht genügend. Diese Einschätzung
begründet sie hauptsächlich wie folgt:
Bereits die Zuliefertätigkeit des Beschwerdeführers für die PKK erscheine
überaus fragwürdig. Zunächst habe er die Frage, ob er sich der Gefahr
seiner Tätigkeit bewusst gewesen sei, explizit verneint. Dies erscheine im
politischen Kontext seiner Heimatregion für sich genommen bereits abwe-
gig. Erst durch den Anruf des Cousins habe er erfahren, dass seine Ge-
schäftstätigkeit mit der PKK sich zu einem Problem entwickeln könne. Spä-
ter sagte er im Widerspruch dazu, er habe als (...) sehr oft von solchen
Problemen gehört. An einer anderen Stelle habe er auf die Frage, ob er
sich der Gefahr seines Handelns bewusst gewesen sei, geantwortet, man
könne nicht mehr aufhören, sobald man einmal in ein Geschäft mit der PKK
involviert sei, ansonsten könne man von dieser Seite Nachteilen ausge-
setzt sein. Als er erneut mehrfach gefragt worden sei, wie dies bei ihm per-
sönlich gewesen sei, sei er wiederum ausgewichen und habe sich auf un-
spezifische Allgemeinplätze beschränkt. Angesichts seiner Aussage, es
habe in seiner Region viele Händler entsprechender (...) gegeben, sei oh-
nehin nicht nachvollziehbar, weshalb die lokale PKK auf die Zusammenar-
beit mit ihm hätte derart angewiesen sein sollen. Weiter habe der Be-
schwerdeführer selbst sein Handeln im Zusammenhang mit den (...) nicht
kongruent darzubringen vermocht. So habe er zunächst gesagt, am Anfang
Verträge ausgestellt zu haben, später jedoch aus Angst vor Schwierigkei-
ten nicht mehr. Als er später wiederholt konkret darauf angesprochen wor-
den sei, sei er erneut regelmässig ausgewichen, habe unspezifisch geant-
wortet und den Sachverhalt wiederum so dargestellt, dass er mit dem Ver-
zicht auf die Verträge nur habe Geld sparen können.
Generell habe der Beschwerdeführer alle Elemente seiner Ausreisege-
schichte pauschal, ohne nennenswerte Details und weitestgehend frei von
Realkennzeichen dargestellt. In seinen Aussagen fänden sich keinerlei An-
zeichen dafür, dass er das Geschilderte tatsächlich erlebt habe. So sei er
wiederholt gebeten worden, die Zeit rund um den Anruf des Cousins sowie
den Anruf selbst möglichst detailliert zu schildern, wobei er sich auch hier
auf einen plakativen Bericht ohne vertiefte persönliche Eindrücke oder
sonstige Realkennzeichen beschränkt habe. Hinsichtlich des besagten An-
rufs sei auch bemerkenswert, dass der Beschwerdeführer nicht anzugeben
vermocht habe – sowie, nach eigener Aussage, auch nicht nachgefragt ha-
ben wolle –, wie sein Cousin als einfacher Chauffeur der Asayesh über-
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haupt zur Information über seine Gefährdung gekommen sei. Bezeichnen-
derweise habe er auf Nachfrage angegeben, er habe keine Gelegenheit
gehabt, seinen Cousin zu fragen. Auch habe er seine Aussage, er habe im
Zusammenhang mit dem Telefonat versucht, eine «schlankere Lösung» als
die Ausreise zu finden, auf Nachfrage nicht ansatzweise präzisieren kön-
nen. Als er schliesslich gebeten worden sei, so genau wie möglich und mit
allen Details, die ihm in Erinnerung geblieben seien, vom Moment zu be-
richten, als er nach Hause gekommen sei und seine Familie abgeholt habe,
habe er erneut unsubstantiiert und ohne Hinweise, dass ihm diese Situa-
tion persönlich widerfahren sein könnte, geantwortet. Eine solche Situation
hätte aber einen äusserst prägenden Eindruck hinterlassen müssen. Auch
die Beschwerdeführerin habe sich bei dieser Frage auf einen kurzen Be-
richt ohne persönliche Eindrücke beschränkt. Während der Beschwerde-
führer ferner angegeben habe, der Beschwerdeführerin gesagt zu haben,
die Familie würde jemanden besuchen gehen, habe diese nichts solches
erwähnt. Auf Nachfrage habe sie angegeben, der Beschwerdeführer habe
ihr zuhause keinerlei Informationen dazu geliefert, wohin sie sich aufma-
chen würden. Auch nach der Ankunft im Versteck, habe er ihr lediglich of-
fenbart, es gäbe ein Problem, ohne sie aber über den Inhalt zu informieren.
Bis heute habe er ihr nichts über die Ausreisegründe erzählt. Es sei gänz-
lich unverständlich, dass der Beschwerdeführer seine Familie unvermittelt
aus ihrem Leben gerissen habe und nicht im Ansatz den Grund dafür er-
läutert habe, dies um sie nicht zu belasten. Da er sich gemäss eigener
Darstellung nichts Verwerfliches vorzuwerfen habe, sei es überaus fahrläs-
sig, den Grund für die Probleme, die zu einem derart einschneidenden
Bruch im Leben der Familie geführt habe nicht zu nennen. Schliesslich
gebe die Beschwerdeführerin, obwohl der Beschwerdeführer ihr bis heute
nichts über die Ausreisegründe erzählt haben wolle, dennoch exakt die
gleiche Geschichte wie er wieder. Sie gebe an, er habe ihr noch vor der
Ausreise den Grund genannt. Dabei falle auf, dass die Detailkenntnisse
des Beschwerdeführers jene der Beschwerdeführerin nur marginal über-
stiegen.
Auf die Frage, wie die Sache nach der Ausreise weitergegangen sei, habe
der Beschwerdeführer explizit geantwortet, dies nicht zu wissen, da er seit-
her ohne Telefon gewesen sei. Auf vertiefte Nachfrage habe er die Ge-
schichte offensichtlich fortlaufend weiter konstruiert und schliesslich ange-
geben, die Behörden seien nach der Ausreise einmal bei ihm zuhause ge-
wesen und hätten herumgeschaut. Wann diese Hausdurchsuchung statt-
gefunden haben solle, könne er nicht sagen. Der Einwand zum Vorhalt des
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Nachschubs sei angesichts der Explizitheit seiner früheren Aussage un-
behelflich. Gänzlich erfahrungswidrig sei die Haltung des Beschwerdefüh-
rers, wonach die Sache für ihn ohnehin erledigt und nicht wichtig sei, was
in seiner Heimat weiter geschehe. Alle Nachfragen habe er ausweichend
oder pauschal beantwortet. Sein angebliches Desinteresse auch bezüglich
jenes Vorfalls, bei welchem sein Bruder schliesslich doch persönlich anwe-
send gewesen sei, sei keineswegs nachvollziehbar. Es wäre zu erwarten
gewesen, dass er zumindest im Ansatz bei seinem Bruder nachgefragt
hätte, ob es zu Befragungen seiner Angehörigen oder allfällig zu weiteren
Problemen mit den Sicherheitsbehörden gekommen sei.
Schliesslich gingen auch aus den Anhörungen der Kinder N._,
C._ und D._ keine konkreten Anhaltspunkte hervor, die na-
helegen würden, dass ihnen das Vorgebrachte tatsächlich widerfahren sei.
Ergänzend zu den Erwägungen zur fehlenden Glaubhaftigkeit der Sach-
darstellung erwog das SEM, es sei ohnehin nicht davon auszugehen, dass
die Sicherheitsbehörden seiner Heimatregion ihm allein aufgrund seines
blossen Handels mit (...) und Lebensmitteln ein unliebsames politisches
Profil unterstellen könnten.
Sodann sei die Furcht des Beschwerdeführers, die PKK könnte ihm unter-
stellen, sie an die Behörden verraten zu haben, vor dem skizzierten Hin-
tergrund ebenfalls überaus abwegig.
Auch in ihrer Stellungnahme vermöge die Rechtsvertretung des Beschwer-
deführers schliesslich keine Tatsachen oder Beweismittel vorzulegen, wel-
che die festgestellten Unglaubhaftigkeitselemente widerlegen würden.
7.2 In ihrer Beschwerdeschrift bringen die Beschwerdeführenden im We-
sentlichen vor, der Standpunkt der Vorinstanz hinsichtlich der Glaubhaf-
tigkeit ihrer Vorbringen überzeuge nicht. Weiter liege entgegen der An-
nahme der Vorinstanz eine asylrelevante Verfolgung der Beschwerdefüh-
renden vor.
Sie wenden insbesondere ein, es könnten keine ernsthaften Zweifel am
Handel des Beschwerdeführers mit der PKK bestehen. Die mit der Be-
schwerde eingereichten Kaufverträge bestätigten dies. Zwar seien die Aus-
sagen des Beschwerdeführers hinsichtlich des Gefahrenbewusstseins zu
einer geschäftlichen Beziehung zur PKK nicht gänzlich frei von Widersprü-
chen, dennoch werde klar, dass ihm das Ausmass dieser erst durch die
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Unterhaltung mit dem Cousin bewusstgeworden sei, dass er dafür verhaf-
tet oder bis zu 15 Jahre festgehalten werden könnte. Zudem widerspiegel-
ten seine Aussagen das fehlende Unrechtsbewusstsein bezüglich des
Handelns mit der PKK. Schliesslich dürfte die Gefahr nicht von Beginn an
gleich hoch gewesen sein, zumal die Spannungen zwischen den Behörden
der Autonomen Region Kurdistan (ARK) und der PKK in der letzten Zeit
zugenommen hätten. Seine Äusserung, als (...) höre man immer wieder
von solchen Dingen, sei offensichtlich so gemeint gewesen, dass der Be-
schwerdeführer immer wieder davon gehört habe, in Kurdistan kein faires
Gerichtsverfahren erwarten zu dürfen und es oft sinnlos sei, ein solches
überhaupt einzuleiten.
In der Heimatregion der Beschwerdeführenden sei sodann Allgemeinwis-
sen, dass man geschäftliche Beziehungen mit der PKK nicht einfach auf-
geben könne und diese als terroristische Organisation nicht davor zurück-
schrecke, Gewalt anzuwenden. Daher habe es für den Beschwerdeführer
im Speziellen keinen Grund gegeben, sich selbst dadurch in Gefahr zu
bringen, keinen Handel mit der PKK mehr zu betreiben. Seine Aussagen
müssten in diesem Kontext gesehen werden. Dass zu Beginn schriftliche
Kaufverträge ausgestellt worden seien und später darauf verzichtet worden
sei, sei damit zu erklären, dass der Beschwerdeführer sowohl für ein (...)
als auch privat mit (...) gehandelt habe. Im erstgenannten Fall sei eine (...)
fällig gewesen, weshalb ein schriftlicher Vertrag habe aufgesetzt werden
müssen, selbst wenn dem Beschwerdeführer bewusst gewesen sei, dass
er auf diese Weise schriftliche Beweise geschaffen habe für seine Ge-
schäftsbeziehung mit der PKK. Im zweitgenannten Fall sei die genannte
Gebühr entfallen, sodass keine Notwendigkeit für schriftliche Kaufverträge
bestanden habe. Dies habe für den Beschwerdeführer den doppelten Vor-
teil gehabt, dass er einerseits Geld gespart und andererseits keine schrift-
lichen Beweisstücke gegen sich selbst erschaffen habe.
Inwiefern es den Aussagen des Beschwerdeführers an Details fehle, sei
ferner nicht erkennbar. So habe er zum Telefonat mit seinem Cousin ange-
ben können, zu welcher Uhrzeit ungefähr dieses stattgefunden und wo er
sich währenddessen aufgehalten habe. Weiter habe er nie gesagt, sein
Cousin sei einfacher Chauffeur des Asayesh gewesen. Vielmehr habe die-
ser als persönlicher Fahrer eines Untersuchungsoffiziers gearbeitet und sei
bei dieser Tätigkeit sicherlich ständig in dessen Nähe gewesen. Daher sei
auch nicht unwahrscheinlich, dass er von den dienstlichen Angelegenhei-
ten des Untersuchungsoffiziers Kenntnis erlangt habe. Der Beschwerde-
führer habe zudem ein sehr enges Vertrauensverhältnis zu seinem Cousin.
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Da verwundere es nicht, wenn dessen Einschätzungen über den Ernst der
Lage und die Schwere einer möglichen Strafe ihn in eine Stresssituation
versetzt und für ihn kein Anlass bestanden habe, die Richtigkeit der Infor-
mation in Zweifel zu ziehen. Wie der Cousin zu dieser Information gekom-
men sei, sei für den Beschwerdeführer unter den Umständen nicht wichtig
gewesen. Zudem habe das Telefonat für den Cousin vermutlich ein gewis-
ses Gefahrenpotential dargestellt und deshalb schnell gehen müssen.
Dass unter solchen Umständen keine Zeit für detaillierte Fragen bleibe, sei
offensichtlich. Ausserdem habe der Beschwerdeführer versucht, eine an-
dere («schlankere») Lösung zu finden, als mit seiner Familie das Land zu
verlassen. Der Cousin habe jedoch die Ausreise aus dem Nordirak als ein-
zige Möglichkeit gesehen. Es entspreche weiter der allgemeinen Le-
benserfahrung, dass man sich in Paniksituationen nur schwer an Details
erinnern könne. Deshalb sei nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer
nicht detailliert habe wiedergeben könne, welche Überlegungen er sich ge-
macht oder welche Informationen er an die restlichen Familienmitglieder
weitergegeben habe, als er nach Hause gekommen sei. Aus dem gleichen
Grund sei es auch nicht verwunderlich, dass sich die Beschwerdeführerin
nicht an die Aussage des Beschwerdeführers, die Familie würde jemanden
besuchen, erinnere. Allgemein sei der Beschwerdeführer darauf bedacht,
seine Familie möglichst wenig zu belasten. Deshalb habe er den Familien-
mitgliedern möglichst wenig über die wahren Fluchtgründe erzählt. Inwie-
weit er somit fahrlässig gehandelt habe, sei nicht erkennbar. Zudem habe
er ihnen ja gesagt, er habe ein grosses Problem. Es sei auch durchaus
denkbar, dass er die sensible und nur leicht belastbare Beschwerdeführe-
rin vor der emotionalen Herausforderung einer Befragung habe schützen
wollen und deshalb angegeben habe, diese wisse von nichts. Für den Be-
schwerdeführer, der mit seiner Familie aus einer absoluten Gefahrensitua-
tion geflohen sei, sei wichtig, dass sie nun hier in der Schweiz in Sicherheit
seien. Dass die zwischenzeitlichen Geschehnisse in seiner Heimat keine
Priorität hätten, sei nachvollziehbar.
Im Zusammenhang mit der Hausdurchsuchung wird geltend gemacht, der
Beschwerdeführer habe nie angegeben, sein Bruder sei persönlich anwe-
send gewesen. Vielmehr habe er ausgesagt, sein Bruder sei arbeitslos und
im Zeitpunkt der Hausdurchsuchung bei sich zu Hause gewesen. Da er
direkt neben dem Haus der Beschwerdeführerenden wohne, habe er die
Haudurchsuchung mitbekommen. Sein Bruder hätte ihm sodann von sich
aus erzählt, wenn es nach der Flucht der Familie für die Verwandten der
Beschwerdeführenden Probleme gegeben hätte. Es sei auch unter diesem
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Aspekt nachvollziehbar, dass sich der Beschwerdeführer bei seinem Bru-
der nicht weiter nach allfälligen Schwierigkeiten der Familie erkundigt habe.
In einer Gesamtwürdigung seien die Vorbringen der Beschwerdeführenden
glaubhaft, zumal sich auch aus den Anhörungen der Kinder keine Wider-
sprüche zu den Aussagen der Eltern ergebe. Hinzu komme die persönliche
Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführenden, die unter anderem darin er-
kennbar sei, dass sie wirtschaftlich nicht darauf angewiesen gewesen wä-
ren, das Land zu verlassen.
Schliesslich werde die Sachdarstellung inzwischen mit dem nachgereich-
ten Beweismittel – einem authentischen Haftbefehl – belegt. Angesichts
des Länderhintergrundes, insbesondere dem häufig menschenrechtswidri-
gen Vorgehen des Asayesh, drohe den Beschwerdeführenden eine asyl-
rechtlich erhebliche Verfolgung. Nicht unwahrscheinlich sei auch, dass die
PKK den Beschwerdeführer als Verräter betrachten und entsprechend be-
strafen würde.
Dem Argument des SEM zur fehlenden Asylrelevanz sowie der unwahr-
scheinlich erachteten Bedrohung seitens der PKK wenden die Beschwer-
deführenden im Wesentlichen ein, die Möglichkeit, einerseits könnten die
nordirakischen Behörden dem Beschwerdeführer politische Motive bei sei-
nen Geschäften unterstellen und andererseits könnte die PKK ihm künftig
vorwerfen, sie verraten zu haben, sei keineswegs abwegig, wie von der
Vorinstanz behauptet. Für die Argumentation im Einzelnen wird auf die
Ausführungen in der Beschwerdeschrift verwiesen (ebd. Ziff. 22-29, S. 12-
15).
8.
8.1 Das Gericht teilt nach Prüfung der Akten die Einschätzung der
Vorinstanz, dass die Beschwerdeführenden ihre Flüchtlingseigenschaft
nicht glaubhaft machen können und eine asylrelevante Verfolgung im Hei-
matstaat zu verneinen ist. Zur Begründung kann vorab auf die ausführli-
chen und zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung ver-
wiesen werden (vgl. ebd. E. II sowie oben E. 7.1). Weder die Argumente in
der Beschwerde noch die eingereichten Beweismittel vermögen eine an-
dere Sichtweise herbeizuführen.
E-1438/2021
Seite 15
8.2 Zwar brauchen die Ausführungen des Beschwerdeführers, er sei vor
seiner Ausreise als (...) tätig gewesen, nicht in Frage gestellt zu werden.
Dies lässt sich aus den Aussagen des Beschwerdeführers und den zwei zu
den Akten gereichten Verkaufsverträgen vom 18. August 2020 bezie-
hungsweise vom 16. September 2020 sowie den Ausführungen in der Be-
schwerdeschrift durchaus schliessen. Mehr als eine Tätigkeit als (...) kann
der Beschwerdeführer auch aus den eingereichten Beweismitteln jedoch
nicht ableiten. Insbesondere ist aus ihnen in keiner Weise ersichtlich, dass
er mit Mitgliedern der PKK Handel betrieb. Insofern teilt das Bundesver-
waltungsgericht die Einschätzung der Vorinstanz, dass bereits die Zuliefer-
tätigkeit des Beschwerdeführers an die PKK fragwürdig erscheint. In bei-
den Kaufverträgen ist zwar ein gewisser H._, wohnhaft in
P._ in der Region (...) als Käufer aufgeführt. Der Konnex zwischen
ihm und der PKK beruht aber einzig auf den Behauptungen des Beschwer-
deführers. Bei seiner Anhörung identifiziert er einerseits H._ und
I._ als PKK-Mitglieder (A69 F86) und andererseits stellt er fest, die
PKK bevorzuge (...) mit den Produktionsjahrgängen 2013 bis 2015 (ebd.
F46). Eine Verbindung zwischen H._ und I._ zur PKK im
Zeitpunkt des Vertragsschlusses wird aus den Kaufverträgen nicht ersicht-
lich. Auch erscheint es abwegig, dass ein PKK-Mitglied seine Adresse und
Telefonnummer auf einem (...) hinterlassen würde, was im Übrigen auch
für die angebliche Offenlegung der PKK-Zugehörigkeit bereits nach dem
ersten Geschäft gilt (ebd. F106). Weiter ist bekannt, dass (...) wegen ihrer
(...) in bergigen Regionen wie dem Nordirak sehr beliebt und weitverbreitet
sind. Der verkaufte (...) kann offensichtlich nicht als Indiz dafür herangezo-
gen werden kann, dass die PKK die Käuferin (...) gewesen sei. Zwar ist
richtig, dass die Spannungen zwischen der Demokratischen Partei Kurdis-
tan (KDP) und der PKK jüngst zugenommen haben, wie dies in der Be-
schwerde geltend gemacht wird. Dennoch ist die Feststellung des SEM,
das fehlende Bewusstsein des Beschwerdeführers um die Gefährlichkeit
seiner Tätigkeit spreche gegen seine Glaubwürdigkeit, zutreffend. Er
macht auch widersprüchliche Angaben, die sich mit dem Einwand in der
Beschwerde, er sei sich einzig des Umfangs der Gefahr nicht bewusst ge-
wesen, nicht erklären lassen. Einerseits gibt er an, zwar immer wieder Ge-
rüchte gehört und bei seiner Tätigkeit viel über die Vorgehensweise der
PKK gelernt zu haben. Die (...) hätten die Parteien zudem immer alleine,
ohne die Anwesenheit von Fremden übergeben, auch habe er sie nicht in
die Gegenden der PKK überbracht, weil er das entsprechende Risiko nicht
habe eingehen wollen. Auch in der Beschwerde gibt er an, die geänderte
Formalitätenpraxis bezüglich schriftlicher Kaufverträge habe den Vorteil
gehabt, keine Beweismittel gegen sich selbst zu schaffen. Andererseits
E-1438/2021
Seite 16
wollen ihm das Risiko und die möglichen Konsequenzen seiner Geschäfte
jedoch erst durch die Unterhaltung mit seinem Cousin klargeworden sein.
Die Umstände des Telefonats mit dem Cousin sind sodann tatsächlich pau-
schal vorgebracht. Sie entsprechen auch nicht der allgemeinen Lebenser-
fahrung und sind nur bedingt nachvollziehbar. Es ist zwar verständlich,
dass eine Person in einer angespannten oder gar panischen Situation, aus
der Retrospektive betrachtet, unter Umständen unlogisch und irrational
handelt. Wird das eigene Leben bedroht oder stehen negative Umstände
in Aussicht, stehen nicht Details, sondern das grosse Ganze und mögliche
Lösungen im Fokus. Demgegenüber ist nicht nachvollziehbar, dass der Be-
schwerdeführer, obwohl er offensichtlich mit seinen Angehörigen Kontakt
hat, noch immer gar nicht wissen will, wie sein Cousin an die entsprechen-
den Informationen gekommen sei. Der Hinweis, er habe die genaue Uhr-
zeit des Telefongesprächs mit dem Bruder gekannt, ändert daran nichts.
Unabhängig davon, ob der Cousin des Beschwerdeführers tatsächlich für
die nordirakischen Behörden arbeitet, lassen die wenigen Ausführungen
des Beschwerdeführers erheblichen Raum für Zweifel an seinen diesbe-
züglichen Angaben. Gerade bei hochrangigen Beamten, wie es angeblich
der Vorgesetzte des Cousins sei, ist davon auszugehen, dass sie über Er-
fahrung in der Durchführung von Fahndungsoperationen verfügen. Es ist
ohne Weiteres anzunehmen, dass der Offizier um die elementare Wichtig-
keit der Geheimhaltung bei Ermittlungsarbeiten wusste, speziell bei der
Terrorismusbekämpfung. Dass der Cousin eine spezielle Stellung innege-
habt habe, wird aus den Akten gerade nicht ersichtlich, entgegen der Aus-
führung in der Beschwerde auch nicht, dass er "persönlicher" Chauffeur
des Offiziers gewesen sei. Damit ist auch nicht wahrscheinlich, dass er
selbst konkret in die Operation der Asayesh involviert gewesen wäre. Dass
sich ein Untersuchungsoffizier der Asayesh mit seinem Chauffeur (ob per-
sönlich oder nicht) über künftige Fahndungsschritte allgemein und bevor-
stehende Verhaftungen speziell unterhalten würde, ist ebenso unwahr-
scheinlich wie die Vorstellung, dass – so der Einwand in der Beschwerde
– der Cousin derart konkrete und geheime Informationen zufällig erfahren
hätte.
Die Beschwerdeführenden bringen vor, mit dem auf Beschwerdestufe ein-
gebrachten Haftbefehl als schriftliches und authentisches Beweismittel sei
ihre Sachdarstellung belegt. Damit liege einerseits der Nachweis eines
hängigen Verfahrens gegen den Beschwerdeführer vor und andererseits
belege das Dokument die ihm vorgeworfen Straftaten, nämlich Handel mit
der PKK betrieben zu haben. Diese Einschätzung wird vom Gericht nicht
E-1438/2021
Seite 17
geteilt. Vorab ist festzustellen, dass der Haftbefehl nur in Kopie eingereicht
worden ist. Zwar wird in der Beschwerdeschrift ausgeführt, die Beweismit-
tel würden alle in Kopie eingereicht, es würden aber die Originale angebo-
ten, sofern sie in den Händen der Beschwerdeführenden seien (vgl. ebd.
Begründung, Ziff. 4, S. 3). Eine Fristansetzung zur Nachreichung des Ori-
ginals erübrigt sich aber, zumal nicht erkennbar ist, inwiefern es nicht mög-
lich gewesen sein sollte, den Haftbefehl einzureichen, wäre er tatsächlich
im Original vorgelegen (vgl. Art. 8 Abs. 1 AsylG). Unabhängig davon und
von einem allfälligen Übersetzungsfehler fällt auf, dass auch zeitliche As-
pekte gegen das Bestehen eines echten Haftbefehls gegen den Beschwer-
deführer im geltend gemachten Kontext sprechen. Die Beschwerdeführen-
den reisten in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 2020 aus dem
Nordirak aus. Der Telefonanruf mit dem Cousin fand gemäss der Aussage
des Beschwerdeführers einen Tag davor, entsprechend am 15. Dezember
2020, statt. Demzufolge müsste der Haftbefehl im Zeitpunkt des Telefon-
anrufs mit dem Cousin bereits bestanden haben. Geht man von dieser Tat-
sache aus, wären die Informationen aus dem geltend gemachten Verhör
unmittelbar verwertet und der Beschwerdeführer zur Verhaftung ausge-
schrieben worden. Ein solch schnelles und effektives Vorgehen ist kaum
nachvollziehbar und wäre sogar dann kaum zu erwarten gewesen, wenn
die Behörden im Beschwerdeführer ein hohes Gefahrenpotential vermutet
hätten. Dass der Beschwerdeführer, selbst bei Annahme, seine Sachdar-
stellung sei glaubhaft, einem solchen Fahndungsprofil entspricht, ist äus-
serst unwahrscheinlich. Er hatte angegeben, in keiner Weise politisch aktiv
gewesen und weder PKK-Mitglied zu sein noch die Organisation ideolo-
gisch unterstützt zu haben, ja gar ahnungslos hinsichtlich der Brisanz sei-
nes geltend gemachten Handels gewesen zu sein. Diese Einschätzung
wird auch dadurch gestützt, dass die Behörden angeblich erst ein oder
zwei Tage nach der Ausreise der Beschwerdeführenden einen Hausbe-
such durchgeführt und weder den einen noch den anderen Bruder befragt
hätten, obwohl diese Nachbarn gewesen seien. Bis heute seien im Übrigen
keine Angehörigen befragt worden. Auch hinsichtlich dieses Hausbesu-
ches überzeugen im Übrigen die Argumente der Vorinstanz. Insbesondere
ist – angesichts der völlig überstürzten Ausreise – das gänzlich fehlende
Interesse daran, was mit seinem Haus passiert ist, nicht nachvollziehbar.
8.3 Aufgrund des Gesagten, ist auch dem Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers, ihm drohe von Seiten der PKK Vergeltung, da die Organisation ver-
muten könnte, er habe sie an die nordirakischen Behörden verraten, die
Grundlage entzogen. Für eine solche Bedrohung ergeben sich auch keine
Anhaltspunkte aus den Akten.
E-1438/2021
Seite 18
8.4 Zusammenfassend hat das SEM zu Recht festgestellt, die Vorbringen
des Beschwerdeführers seien nicht glaubhaft. Weder die auf Beschwerde-
stufe eingewandten Argumente noch die eingebrachten Beweismittel und
Berichte vermögen an dieser Qualifikation etwas zu ändern und es erübrigt
sich, weiter darauf einzugehen. Schliesslich erübrigt sich angesichts dieser
Würdigung auch eine Auseinandersetzung mit der Frage der Asylrelevanz.
Das SEM hat zu Recht festgestellt, die Beschwerdeführenden erfüllten die
Flüchtlingseigenschaft nicht, und ihr Asylgesuch abgewiesen.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
E-1438/2021
Seite 19
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3
BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der
Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung
unterworfen werden.
10.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den
Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Nachdem sich die Sachdarstellung des
Beschwerdeführers als unglaubhaft erwiesen hat, ist insbesondere auch
kein ernsthaftes Risiko einer unter dem Aspekt von Art. 3 EMRK relevanten
Massnahme seitens der PKK dargetan. Die allgemeine Menschenrechtssi-
tuation im Gebiet der ARK respektive KRG (Kurdistan Regional Govern-
ment) lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt ebenfalls
nicht als unzulässig erscheinen (vgl. den als Referenzurteil publizierten
Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer] E-3737/2015 vom
14. Dezember 2015 E. 6.3, m.H. sowie u.a. E-5986/2017 vom 3. Februar
2021 E. 9.1.2 m.w.H.)
10.2.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
E-1438/2021
Seite 20
10.3
10.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
Im bereits erwähnten Referenzurteil E-3737/2015 (E. 7.4) bestätigte das
Bundesverwaltungsgericht seine in BVGE 2008/5 publizierte Praxis zur
Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die ARK (umfassend
seit Anfang 2015 die Provinzen Q._, Erbil, Suleimaniya sowie der
von Letzterer abgespalteten Provinz Halabja). Demnach sei nicht von einer
Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen.
Diese Einschätzung hat nach wie vor Gültigkeit. Die langjährige Praxis im
Sinne von BVGE 2008/5 für aus dem ARK-Gebiet stammende Kurdinnen
und Kurden bleibt somit weiterhin anwendbar. Besonderes Gewicht ist an-
gesichts der Belastung der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak in-
tern Vertriebene («Internally Displaced Persons» [IDPs]) dem Vorliegen be-
günstigender individueller Faktoren beizumessen (u.a. Urteile des BVGer
D-2775/2020 vom 8. Juli 2020E. 8.3.2; D-787/2020 vom 17. April 2020 E.
7.3; D-7151/2018 vom 25. Februar 2020 E. 7.4.4, m.w.H.; E-2855/2018
vom 14. Januar 2019 E. 5.6.1; D-1779/2016 vom 6. Dezember 2018 E.
7.3.2). Die Anordnung des Wegweisungsvollzugs setzt insbesondere vo-
raus, dass die betreffenden Personen ursprünglich aus der Region stam-
men oder längere Zeit dort gelebt haben und dort über ein soziales Bezie-
hungsnetz (Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder über Be-
ziehungen zu den herrschenden Parteien verfügen (BVGE 2008/5 E. 7.5;
ausführlich zudem Urteil des BVGer E-6430/2016 vom 31. Januar 2018
E. 6.4.1 ff., m.w.H.). Unter Beachtung der genannten Grundsätze qualifi-
ziert das Gericht auch den Vollzug der Wegweisung von Familien mit Kin-
dern in die ARK-Region nicht als grundsätzlich unzumutbar (vgl. das Urteil
BVGer E-7174/2018 vom 14. Februar 2020 E. 8.3.5 mit Hinweisen auf ent-
sprechende Entscheide).
10.3.2 Die Beschwerdeführenden sind alle in der ARK geboren und lebten
bis zu ihrer Ausreise Ende Dezember 2020 in der Provinz Q._. Ge-
mäss eigenen Aussagen verfügt sowohl der Beschwerdeführer mit mindes-
tens der Mutter, drei Brüdern und fünf Schwestern (A69/F25) als auch die
Beschwerdeführerin mit beiden Eltern, drei Brüdern und zwei Schwestern
(A70 F14 und F16) über nahe Familienmitglieder und weitere Verwandte in
E-1438/2021
Seite 21
Q._ beziehungsweise in der ARK. Es kann aufgrund der Akten ohne
weiteres davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführenden dort
über ein tragfähiges Beziehungsnetz verfügen, auf dessen Unterstützung
sie, sollte es notwendig sein, auch zählen können. In diesem Zusammen-
hang fällt überdies auf, dass sowohl der Beschwerdeführer als auch die
Beschwerdeführerin über nähere verwandtschaftliche Beziehungen zu den
Behörden der ARK zu verfügen scheinen (A69 F26, A70 F16). Es liegen
sodann keine Anhaltspunkte für relevante gesundheitliche Probleme vor.
Die Beschwerdeführenden lebten im eigenen Haus und der Beschwerde-
führer übte vor seiner Ausreise eine selbstständige Tätigkeit als (...) aus,
womit er das Einkommen der Familie sichern konnte. Es ist davon auszu-
gehen, dass er auch künftig für sich und seine Familie wird sorgen können,
gegebenenfalls mit Unterstützung seiner im Heimatstaat oder auch im Aus-
land lebenden Verwandten.
Auch unter dem Aspekt des Kindeswohls im Sinne von Art. 3 Abs. 1 des
Übereinkommens über die Rechte des Kindes (KRK; SR 0.107) sind keine
Vollzugshindernisse ersichtlich (vgl. die zu beachtenden Kriterien in BVGE
BVGE 2009/51 E. 5.6 und 2009/28 E. 9.3.2). Die beiden älteren Töchter,
C._ und D._, befinden sich in der Adoleszenz. Die beiden
jüngeren Kinder, die Tochter E._ und der Sohn F._ befinden
sich im Kindesalter und dürften sich bei ihrer Entwicklung stark an ihren
Eltern und älteren Geschwistern orientieren. Vor ihrer Ausreise besuchten
alle vier Kinder die Schule in der ARK. Sie wurden vom Beschwerdeführer
angeblich überstürzt aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen. Die Fa-
milie hielt sich sodann nur wenige Monate in der Schweiz auf, wodurch hier
offensichtlich auch keine besondere Verwurzelung hat stattfinden können.
Es bestehen somit auch keine Anzeichen dafür, die Familie hätte sich in
der Schweiz bereits derart stark assimiliert, dass eine Reintegration im erst
vor kurzem verlassenen Heimatstaat unzumutbar wäre. Es kann vielmehr
davon ausgegangen werden, dass die Kinder sich ohne grössere Schwie-
rigkeiten wieder in ihrem gewohnten kulturellen, sprachlichen und sozialen
Umfeld zurechtfinden werden, zumal sie zusammen mit ihren Eltern und
Geschwistern zurückkehren werden.
10.3.3 Damit sind keine Aspekte ersichtlich, die darauf schliessen lassen
würden, dass die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr aus persönli-
chen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Art in eine
existenzielle Notlage geraten würden. Insgesamt erweist sich der Vollzug
der Wegweisung für die Beschwerdeführenden sowie ihre gemeinsamen
Kinder als zumutbar.
E-1438/2021
Seite 22
10.4 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zu-
ständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendi-
gen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als
möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Die aktuellen Massnahmen im Zusammenhang mit der weltweiten
Ausbreitung der Coronavirus-Krankheit (Covid-19) vermögen aufgrund ih-
rer vorübergehenden Natur nicht, die obigen Schlussfolgerungen in Frage
zu stellen. Würden diese im vorliegenden Fall den Vollzug der Wegweisung
verzögern, so würden dieser zwangsläufig zu einem späteren, angemes-
senen Zeitpunkt erfolgen (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer E-895/2020
vom 15. April 2020 E. 9.6).
10.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine vorläufige Auf-
nahme im Sinne von Art. 83 Abs. 1 – 4 AIG fällt ausser Betracht.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Die Behandlung des Gesuches um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses erübrigt sich mit dem vorliegenden abschliessenden
Urteil in der Sache.
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten grundsätzlich
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG ist unabhängig von der Bedürftigkeit abzuweisen, weil
sich die Beschwerde entsprechend den vorstehenden Erwägungen bereits
bei Eingang des Begehrens als aussichtslos erwiesen hat. Demzufolge ha-
ben die Beschwerdeführenden die Verfahrenskosten in der Höhe von
Fr. 750.- zu tragen (Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
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Seite 23
12.3 Nachdem sich die Beschwerde als aussichtslos im Sinne des Geset-
zes erwiesen hat, ist auch das Gesuch um Beigabe einer amtlichen
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102m Abs. 1 AsylG abzuweisen.
(Dispositiv nächste Seite)
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