Decision ID: ba6796ff-e795-5986-9ab0-63e14f6278e0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste gemäss seiner Darstellung am 15. Juni 2016
in die Schweiz ein und stellte am 16. Juni 2016 im Empfangs- und Verfah-
renszentrum (EVZ) B._ ein Asylgesuch.
B.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Juni 2016 eröffnete das SEM dem Be-
schwerdeführer, dass er in Anwendung von Art. 4 Abs. 3 der Verordnung
über die Durchführung von Testphasen zu den Beschleunigungsmassnah-
men im Asylbereich vom 4. September 2013 (TestV; SR 142.318.1) dem
Verfahrenszentrum C._ zugewiesen und sein Asylgesuch dort be-
handelt werde.
C.
Am 28. Juni 2016 fand die Befragung zur Person des Beschwerdeführers
und am 12. Juli 2016 eine vertiefte Anhörung zu seinen Asylgründen ge-
mäss Art. 17 Abs. 2 Bst. b TestV statt.
D.
Mit Eingabe vom 19. Juli 2016 reichte der Beschwerdeführer ein äthiopi-
sches Identitätsdokument (Mustawaqa) seiner Mutter, ein somalisches
Schuldokument seines Vaters, beide in Kopie, sowie einen Zettel mit dem
Namen seiner Facebook-Seite zu den Akten.
E.
Mit Zuweisungsentscheid vom 21. Juli 2016 wurde der Beschwerdeführer
in das erweiterte Verfahren ausserhalb der Testphasen zugewiesen.
F.
Am 21. März 2018 führte das SEM eine ergänzende Anhörung des Be-
schwerdeführers durch.
G.
Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, er sei somalischer Staatsangehöriger, sei aber in
D._, Äthiopien, geboren worden und aufgewachsen. Seine Eltern
und seine Schwester würden nach wie vor dort leben. Er gehöre dem Clan
Ogaden, (...) an. Seine Mutter habe die äthiopische Staatsangehörigkeit
erworben, als er (...) Jahre alt gewesen sei. Sein Vater sei hingegen So-
malier.
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Seite 3
Ende 2014 sei er (Beschwerdeführer) in D._ zusammen mit einer
Gruppe von Freunden von Soldaten angehalten und verprügelt worden. Da
sie sich danach laut über das Verhalten der Soldaten beschwert und die
äthiopische Regierung kritisiert hätten, seien sie bald darauf von einer an-
deren Soldatengruppe erneut angehalten, geschlagen und schliesslich ver-
haftet worden. Er sei mit sieben weiteren Personen im Gefängnis "(...)"
inhaftiert worden und dort währen fünf bis sechs Monaten festgehalten und
unter dem Vorwurf der Tätigkeit für die Oppositionsgruppe UBO respektive
ONLF wiederholt verhört, geschlagen und mit Strom gefoltert worden.
Nachdem sich seine Eltern für seine Freilassung eingesetzt hätten, sei er
schliesslich einem Gericht vorgeführt und durch den Richter unter Hinweis
auf seine Minderjährigkeit freigelassen worden. Danach habe er jedoch er-
neut eine amtliche Vorladung erhalten, wonach er sich innert einer Woche
hätte auf dem Polizeiposten melden und den Behörden Informationen über
Mitglieder der oppositionellen UBO-Bewegung hätte geben müssen. Vor
diesem Termin sei er am (...) 2015 nach E._ geflohen und von dort
via Sudan und Libyen, wo er sich ein Jahr lang aufgehalten habe, nach
Italien weitergereist. Nach seiner Flucht sei sein Vater einen Monat in Haft
gewesen. Die Zuständigen ihres Quartiers hätten sich zudem wiederholt
nach ihm erkundigt und das Haus seiner Familie durchsucht.
H.
Mit Schreiben vom 29. Januar 2019 gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Erfassung seiner Nationali-
tät als "Staat unbekannt".
I.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 6. Februar 2018 (recte: 2019)
hielt der Beschwerdeführer unter Hinweis auf die somalische Staatsange-
hörigkeit seines Vaters daran fest, somalischer Staatsangehörigkeit zu
sein. Gemäss dem "Ethiopian Nationality Law" seien doppelte Staatsange-
hörigkeiten nicht erlaubt, und die äthiopische Staatsbürgerschaft gelte als
vermutungsweise aufgegeben, sobald eine andere Staatsangehörigkeit
erworben werde. Es müsse ferner im Zentralen Migrationsinformations-
system (ZEMIS) ein Bestreitungsvermerk angebracht werden und die Än-
derung der ZEMIS-Daten habe in Form einer anfechtbaren Verfügung zu
ergehen. Im Weiteren wurde ein Bericht des UNHCR über die somalische
Staatsangehörigkeit vom 9. März 2018 sowie ein Ausdruck der äthiopi-
schen Proclamation No. 378/2003 eingereicht.
E-2085/2019
Seite 4
J.
Mit Verfügung vom 29. März 2019 (eröffnet am 4. April 2019) stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug an.
K.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 2. Mai 2019 erhob der Be-
schwerdeführer gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde und beantragte die teilweise Aufhebung dieses Entscheids
sowie die Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und
die Anordnung der vorläufigen Aufnahme; eventualiter sei die Sache zur
erneuten Überprüfung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner bean-
tragte er, die Vorinstanz sei anzuweisen, die Erfassung seiner Nationalität
von "Staat unbekannt" in "Somalia" zu ändern. In verfahrensrechtlicher
Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er Kopien einer somali-
schen Identitätskarte mit Ausstelldatum (...) ein, die seinem Vater gehöre.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Mai 2019 forderte der Instruktionsrichter
den Beschwerdeführer auf, die von ihm geltend gemachte Mittellosigkeit
zu belegen, stellte fest, dass über das um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung zu einem späteren Zeitpunkt befunden werde, und ver-
zichtete vorderhand auf die Erhebung eines Kostenvorschusses; zudem
wurde die Vorinstanz zu Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
M.
Mit Eingabe vom 21. Mai 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsor-
gebestätigung des Kantonalen Sozialdiensts vom 13. Mai 2019 nach.
N.
Innert erstreckter Frist hielt die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung vom
4. Juni 2019 an ihrer Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
E-2085/2019
Seite 5
O.
Mit Zwischenverfügung vom 6. Juni 2019 hiess der Instruktionsrichter das
Gesuch um unentgeltliche Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG gut und verzichtete definitiv auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Ferner wurde dem Beschwerdeführer das Recht der Einrei-
chung einer Replik zur Vernehmlassung eingeräumt.
P.
Mit Eingabe vom 21. Juni 2019 nahm der Beschwerdeführer zu den Aus-
führungen in der vorinstanzlichen Vernehmlassung Stellung und hielt an
seinen Beschwerdeanträgen fest. Zudem wurde eine am (...) durch die so-
malische Botschaft in der Schweiz ausgestellte Geburtsurkunde (Certificat
de naissance) ins Recht gelegt.
Q.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 19. November 2020 erkundigte
der Beschwerdeführer sich nach dem Stand des Beschwerdeverfahrens.
Zudem wies er darauf hin, dass er sich aktiv um eine Integration in der
Schweiz bemühe und reichte diesbezüglich mehrere Dokumente ein (Lehr-
vertrag der (...) vom 7. August 2019, Zeugnis der Berufsschule F._
vom 22. Juni 2020, Schreiben einer ehemaligen Berufsbetreuerin vom
23. Oktober 2020, Zeitungsartikel vom 22. Oktober 2020).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
E-2085/2019
Seite 6
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist – unter Vorbehalt der Ausführungen in E. 9 –
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
3.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den von der Vorinstanz
angeordneten Vollzug der Wegweisung. Die Dispositivziffern 1–3 der an-
gefochtenen Verfügung des SEM sind – wie bereits vom Instruktionsrichter
in seiner Zwischenverfügung vom 8. Mai 2019 festgestellt – mangels An-
fechtung in Rechtskraft erwachsen und bilden nicht Gegenstand des Ver-
fahrens.
4.
4.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
4.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
E-2085/2019
Seite 7
4.3 Der Vollzug ist nicht möglich, wenn der Ausländer weder in den Her-
kunfts- oder in den Heimatstaat noch in einen Drittstaat verbracht werden
kann. Er ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz einer Weiterreise des Ausländers in seinen Heimat-, Herkunfts-
oder einen Drittstaat entgegenstehen. Der Vollzug kann insbesondere nicht
zumutbar sein, wenn er für den Ausländer eine konkrete Gefährdung dar-
stellt (Art. 83 Abs. 2–4 AIG).
5.
5.1 Zur Begründung ihrer Verfügung stellte die Vorinstanz zunächst fest,
die Identität des Beschwerdeführers stehe nicht fest. Er habe keine Doku-
mente eingereicht, welche die von ihm behauptete somalische Staats-
angehörigkeit belegen könnten. Seine Zugehörigkeit zur somalischen
Ethnie sei hierfür kein Beleg, und die eingereichte Kopie eines Schulzeug-
nisses seines Vaters sei nicht geeignet, die aktuelle Staatsangehörigkeit
von ihm oder seinem Vater zu belegen. Der Beschwerdeführer habe keine
substanziierten und korrekten Angaben zu seiner Clanzugehörigkeit ma-
chen können. Dass er sich zu einem Clan gezählt habe, dessen Stamm-
gebiet ausschliesslich in Äthiopien liege, spreche gegen eine somalische
Staatsangehörigkeit. Zudem habe er ausgesagt, dass sein Vater respek-
tive seine Familie bei den lokalen Behörden in D._ registriert seien
und beide Elternteile über eine Mustawaqa (äthiopisches Identitätsdoku-
ment) verfügen würden. Ausländer mit regulärem Aufenthalt in Äthiopien
würden aber nicht registriert. Dies weise darauf hin, dass beide Eltern des
Beschwerdeführers äthiopische Staatsangehörige seien, was durch die
eingereichte Kopie eines äthiopischen Identitätsdokuments der Mutter des
Beschwerdeführers bestätigt werde. Gemäss der äthiopischen Verfassung
gelte jede Person, deren Eltern oder ein Elternteil Äthiopier seien, als Äthi-
opier. Dass der Beschwerdeführer keine äthiopische Identitätskarte be-
sitze, spreche nicht gegen seine äthiopische Staatsangehörigkeit, zumal
Minderjährigen in Äthiopien in der Regel keine Identitätspapiere ausgestellt
würden. Die Ausführungen in der Stellungnahme vom 6. Februar 2019
seien nicht stichhaltig. Der Beschwerdeführer habe keine Belege für einen
Erwerb der somalischen Staatsbürgerschaft eingereicht. Es entstehe der
Eindruck, dass er versucht habe, seine Staatsangehörigkeit sowie seine
Lebensumstände zu verschleiern. Seine Aussagen betreffend seine feh-
lende Schulbildung seien wenig plausibel. Er verfüge offensichtlich über
eine solide Ausbildung. Durch seine ungenügenden und widersprüchlichen
Angaben habe der Beschwerdeführer eine vollständige Erhebung des
Sachverhalts sowie die Etablierung seiner Staatsangehörigkeit verhindert.
E-2085/2019
Seite 8
Das SEM sei nicht verpflichtet, diesbezüglich weitere Abklärungen zu tref-
fen, da die Untersuchungspflicht ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht
finde. Da es nicht möglich sei, die Staatsangehörigkeit des Beschwerde-
führers festzustellen, werde er als Person mit unbekannter Staatsangehö-
rigkeit betrachtet. Die Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des
Wegweisungsvollzugs seien zwar grundsätzlich von Amtes wegen zu prü-
fen, den Asylsuchenden komme aber eine Substanziierungslast zu. Es sei
nicht Sache der Asylbehörden, bei fehlenden Hinweisen seitens der Ge-
suchstellenden nach etwaigen Wegweisungshindernissen in hypotheti-
schen Herkunftsländern zu forschen. Aufgrund der unglaubhaften Identi-
tätsangaben des Beschwerdeführers und des unglaubhaften Sachverhalts-
vortrags sei vermutungsweise davon auszugehen, es stünden einer Weg-
weisung an seinen bisherigen Aufenthaltsort keine Vollzugshindernisse
entgegen.
5.2
5.2.1 Zur Begründung der Beschwerde wurde ausgeführt, der Vorwurf der
versuchten Verschleierung der Staatsangehörigkeit und der wahren Le-
bensumstände sei nicht haltbar. Der Beschwerdeführer habe von Anfang
an angegeben, in Äthiopien geboren zu sein und dort gelebt zu haben, und
habe das äthiopische Identitätsdokument seiner Mutter selber zu den Ak-
ten gereicht. Der Vorwurf der fehlenden Länderkenntnisse betreffend So-
malia sei daher seltsam. Auch der Vorhalt der fehlenden Kenntnisse zu sei-
ner Clanherkunft sei nicht stichhaltig. Viele junge Somalier würden sich
nicht besonders für die Clanstrukturen interessieren. Der (...) Clan, dem er
angehöre, habe bereits in den 70er-Jahren sein Einflussgebiet nach So-
malia verschoben. Der Subclan (...) sei tatsächlich in Äthiopien beheima-
tet, was aber ein Indiz dafür sei, dass er seine wahre Herkunft nicht ver-
schleiert habe. Zudem liege die Zone, in welcher die (...) leben würden,
direkt an der Grenze zu Somalia und es sei nicht zwingend, dass man im
jeweiligen Heimatgebiet seines Clans gelebt habe. Die Clanzugehörigkeit
könne somit nicht als Indiz gegen seine somalische Staatsangehörigkeit
bewertet werden. Das Argument, Ausländer mit regulärem Aufenthalt wür-
den in Äthiopien nicht registriert, stelle einen unzulässigen Umkehrschluss
dar. In diesem Fall sei es durchaus wahrscheinlich, dass seine Eltern kei-
nen regulären Aufenthalt in Äthiopien hätten. Im Weiteren sei während des
erstinstanzlichen Verfahrens die somalische Staatsangehörigkeit seines
Vaters nie in Zweifel gezogen worden. Da dies nun der Fall sei, würden
Fotos der somalischen Identitätskarte des Vaters nachgereicht. Der Vor-
wurf, seine Fähigkeiten seien zu gut für die geschilderten Lebensverhält-
nisse, sei seltsam, da er nie geltend gemacht habe, aus einem besonders
E-2085/2019
Seite 9
bildungsfernen Umfeld zu stammen. Die gegenteilige Annahme werde
durch das Schulzeugnis seines Vaters, der ein ehemaliger hochrangiger
Militärangehöriger sei, gestützt.
5.2.2 Die Behauptung, der Sachverhalt habe aufgrund widersprüchlicher
und ungenügender Angaben nicht vollständig erhoben werden können, sei
nicht haltbar. Er habe sich nicht widersprüchlich geäussert und es sei ab-
surd, ihm ungenügende Angaben vorzuwerfen, habe er doch alle ihm ge-
stellten Fragen hinreichend beantwortet. Damit habe er seine Mitwirkungs-
pflicht erfüllt. Es komme der Verdacht einer vorgefassten Meinung des zu-
ständigen Sachbearbeiters des SEM auf, was insbesondere durch die For-
mulierung der Frage F206 in der Zweitanhörung vom 21. März 2018 ver-
deutlicht werde. Es treffe nicht zu, dass er eine vernünftige Prüfung von
Wegweisungshindernissen verunmöglicht habe. Er habe seine Herkunft
aus Somalia plausibel dargelegt, und es gebe keine Indizien, die gegen die
von ihm geltend gemachte Herkunft sprächen. Er habe sich darum bemüht,
die Identität seiner Familie offenzulegen. Es könne ihm keine Verschleie-
rung seiner Identität nachgewiesen werden, und es liege keine Verletzung
der Mitwirkungspflicht vor.
5.2.3 Es sei davon auszugehen, dass seine Familie aus Somalia stamme.
Während seine Mutter eine äthiopische Mustawaqa erworben habe, sei
sein Vater somalischer Staatsangehöriger geblieben. Gemäss äthiopischer
Gesetzgebung würden minderjährige Kinder naturalisierter Eltern nicht
automatisch die äthiopische Staatangehörigkeit erhalten. Bei volljährigen
Kindern sei eine nachträgliche Naturalisierung nicht mehr möglich. Ge-
mäss dem somalischen "Citizenship Law" sei jeder von Gesetzes wegen
somalischer Staatsbürger, dessen Vater die somalische Staatsangehörig-
keit besitze und der Willens sei, jegliches Bürgerrecht eines anderen Staats
aufzugeben. Er lehne eine äthiopische Staatsbürgerschaft entschieden ab.
Gemäss dem "Ethiopian Nationality Law" seien doppelte Staatsbürger-
schaften nicht zulässig. Die äthiopische Staatsbürgschaft werde vermu-
tungsweise aufgegeben, sobald eine andere Staatsbürgerschaft erworben
werde. Demnach sei davon auszugehen, dass er sowohl nach somali-
schem als auch nach äthiopischem Recht als somalischer Staatangehöri-
ger gelte.
E-2085/2019
Seite 10
5.2.4 Eine Wegweisung nach Somalia sei in der Regel als unzumutbar zu
erachten. Praxisgemäss seien Wegweisungen nach Somaliland, Puntland
oder Mogadischu zumutbar, sofern begünstigende Faktoren vorliegen wür-
den. Da er sich noch nie in Somalia aufgehalten habe, seien solche Fakto-
ren in seinem Fall nicht gegeben. Die Festlegung seiner Staatsangehörig-
keit als "Staat unbekannt" durch die Vorinstanz sei missbräuchlich und in
seinem Fall besonders stossend, weil damit die begonnene Integration zu-
nichtegemacht werde, ohne dass ein Wegweisungsvollzug faktisch über-
haupt möglich wäre. Das SEM sei daher anzuweisen, seine Nationalität auf
"Somalia" zu ändern.
5.3 In seiner Vernehmlassung führte das SEM aus, die Argumentation in
der Beschwerdeeingabe erschöpfe sich in Aussagen, die bereits während
des erstinstanzlichen Verfahrens gemacht worden seien. Dass der Be-
schwerdeführer behaupte, somalischer Staatsangehöriger zu sein und den
äthiopischen Staat nicht anerkenne, sei kein Beleg für seine somalische
Staatsangehörigkeit. Die eingereichten Dokumente betreffend seinen Va-
ter würden nur darauf hindeuten, dass dieser vor Jahrzehnten somalischer
Staatsbürger gewesen sein könnte, nicht aber, dass der Vater oder der Be-
schwerdeführer diese Staatsangehörigkeit im heutigen Zeitpunkt immer
noch besitzen würden. Er habe trotz entsprechender Aufforderung auch
keine amtlichen äthiopischen Dokumente zum Beleg der Staatsangehörig-
keit des Vaters eingereicht. Es sei davon auszugehen, dass er dies be-
wusst unterlassen habe, um seine wahre Identität zu verschleiern. Es sei
nicht nachvollziehbar, dass ein aktuelles (äthiopisches) Identitätsdokument
der Mutter, nicht aber ein solches des Vaters eingereicht worden sei, son-
dern nur eine vor 50 Jahren ausgestellte somalische Identitätskarte. An-
lässlich der Befragungen habe der Beschwerdeführer ausgeführt, dass
beide Elternteile über eine Mustawaqa verfügen würden und wie der admi-
nistrative Prozess zur Erlangung solcher Dokumente ablaufe. Es könne
angenommen werden, dass der Vater für die ganze Familie äthiopische
Ausweispapiere beantragt habe, und es wäre deshalb umso mehr zu er-
warten gewesen, dass solche Dokumente eingereicht worden wären. An-
gesichts dessen, dass der Beschwerdeführer zwischenzeitlich volljährig
geworden sei, hätte er selber über seinen Vater eine Mustawaqa beantra-
gen und damit Zweifel über seine Identität ausräumen können. Da er die
von ihm behauptete somalische Staatsangehörigkeit an diejenige seines
Vaters anknüpfe, spreche die Einreichung von Identitätsdokumenten der
Mutter nicht für eine transparente Offenlegung seiner Identität.
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Seite 11
Die in der Beschwerde zitierten somalischen und äthiopischen Gesetzes-
bestimmungen würden ebenfalls wenig zur Klärung seiner Staatsangehö-
rigkeit oder der Glaubhaftmachung seiner Vorbringen beitragen. Vorausge-
setzt der Vater des Beschwerdeführers sei tatsächlich somalischer Staats-
angehöriger, wäre es ihm möglich, die somalische Staatsbürgerschaft zu
beantragen. Hierfür bedürfe es aber eines administrativen Prozesses.
Es sei weder ein Beleg für den Widerruf einer möglichen äthiopischen
Staatangehörigkeit noch für den Erwerb der somalischen Staatsbürger-
schaft eingereicht worden. Es sei schwer nachvollziehbar, dass der Be-
schwerdeführer weder die somalischen Behörden noch seine zahlreichen
Verwandten kontaktiert habe, um sich als Bürger Somalias registrieren zu
lassen. Es fehlten jegliche Hinweise dafür, dass er sich jemals um die An-
erkennung als somalischer Staatsangehöriger bemüht habe. Dies
erscheine umso befremdlicher, als er angeblich den äthiopischen Staat ab-
lehne. Das Verhalten des Beschwerdeführers könne auch durch sein
jugendliches Alter nicht erklärt werden. Die Rechtsvertretung habe die von
ihr zitierten Gesetzesbestimmungen aufgrund hypothetischer Annahmen
− namentlich was die somalische Staatsangehörigkeit des Vaters des Be-
schwerdeführers betreffe – interpretiert. Es sei auch nicht nachvollziehbar,
auf welcher Grundlage eine Einbürgerung der Mutter in Äthiopien ange-
nommen werde. Ob eine nachträgliche Einbürgerung des Beschwerdefüh-
rers möglich wäre und ob es dazu eines speziellen Verfahrens bedürfe, sei
nicht relevant, da nichts darauf hinweise, dass er überhaupt in Äthiopien
eingebürgert werden müsste. Die Einschätzung, dass die geltend ge-
machte somalische Staatsangehörigkeit wenig glaubhaft sei, werde durch
weitere Ungereimtheiten in den Angaben des Beschwerdeführers ver-
stärkt. Wäre er tatschlich somalischer Staatsangehöriger und hätte eine
entsprechende Bindung zu diesem Staat, so wäre – namentlich unter Be-
rücksichtigung seines behaupteten guten Bildungsstandes – zu erwarten
gewesen, dass er mehr und präzisere Angaben zu Somalia hätte machen
können. Zudem habe er unglaubhafte Asylgründe vorgebracht, was in der
Beschwerdeschrift nicht bestritten werde. Sein allgemeines Aussagever-
halten spreche nicht für die Glaubhaftigkeit der geltend gemachten soma-
lischen Staatsangehörigkeit. Es sei davon auszugehen, dass er versucht
habe, mit unwahren und ungenauen Angaben ein Bleiberecht in der
Schweiz zu erwirken. Im Weiteren vermöge eine somalische Staatsange-
hörigkeit nicht automatisch die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
zu begründen. Selbst wenn der Beschwerdeführer somalischer Staatsan-
gehöriger wäre, stünde einer Rückkehr nach Äthiopien aus heutiger Sicht
nichts entgegen.
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Seite 12
Die Argumentation betreffend den Vorwurf einer Voreingenommenheit des
zuständigen SEM-Sachbearbeiters sei konstruiert und unsachlich. Dem
Beschwerdeführer sei im Rahmen der Anhörung vom 21. März 2018 das
rechtliche Gehör zu einer Änderung der Nationalität auf "Äthiopien" ge-
währt worden. Die dagegen erhobenen Einwände hätten zu einer neuen
Erwägung der Sachlage geführt. Da die somalische Staatsangehörigkeit
nicht glaubhaft gemacht worden sei und eine äthiopische Staatsangehörig-
keit bestritten werde sowie nicht abschliessend nachgewiesen werden
könne, sei die Staatsangehörigkeit schliesslich mit "Staat unbekannt"
erfasst worden. Im Übrigen sei es die Pflicht des Sachbearbeiters, der
gesuchstellenden Person Gelegenheit zu bieten, Unklarheiten und Wider-
sprüche in ihren Aussagen klarzustellen respektive auszuräumen.
5.4 In der Replik wurde ausgeführt, das in der Vernehmlassung vorge-
brachte Argument, der Beschwerdeführer sehe sich als Somalier, weil er
die äthiopische Staatsbürgerschaft ablehne, sei eine starke Verzerrung des
Sachverhalts. Seine Ablehnung Äthiopiens habe nichts mit der Staats-
angehörigkeit zu tun. Im Weiteren sei er nie konkret zur Einreichung der
Mustawaqa seines Vaters aufgefordert worden, sondern lediglich dazu,
Papiere seiner Eltern sowie deren Niederlassungsbewilligung nach-
zureichen. Dass er dieser Verpflichtung mit der darauffolgenden Nach-
reichung der Mustawaqa seiner Mutter sowie eines Schuldiploms seines
Vaters nicht ausreichend nachgekommen sei, sei nie angedeutet worden.
Auch bei der Zweitanhörung habe es keine Hinweise darauf gegeben, dass
die Staatsangehörigkeit des Vaters bezweifelt werde, sondern erst im Rah-
men der Gewährung des rechtlichen Gehörs zur Änderung der Personalien
vom 29. Januar 2019. Hieraus werde ersichtlich, dass es nicht zutreffe,
dass er den Aufforderungen des SEM nicht nachgekommen sei, sondern
dass die Vorinstanz ihre Vorwürfe nach Belieben zu seinen Ungunsten
anpasse. Es komme der Verdacht auf, dass diese den Sachverhalt nicht
neutral und objektiv beurteile, sondern eine schon früh gefasste Beurtei-
lung mit dem Sachverhalt in Einklang zu bringen versuche. Die Annahme,
der Vater habe für die ganze Familie äthiopische Ausweispapiere bean-
tragt, entbehre jeder Grundlage und stehe im klaren Widerspruch zu seiner
Aussage, wonach seine Mutter Äthiopierin geworden sei, als er etwa (...)
Jahre alt gewesen sei, sein Vater aber Somalier geblieben sei. Der Vorwurf
der Täuschung werde allein aus dem Umstand abgeleitet, dass er eine
Mustawaqa der Mutter, nicht aber eine solche des Vaters vorgelegt habe.
Es sei ihm logischerweise nicht möglich, die Nichtexistenz eines entspre-
E-2085/2019
Seite 13
chenden Dokuments seines Vaters zu belegen. Dieser habe keine Musta-
waqa mehr, weil er sich mittlerweile wieder grösstenteils in Mogadischu
aufhalte.
Die Vorinstanz gehe in ihrem Gedankenspiel davon aus, dass sein Vater
ein Somalier sein könnte, er selber aber nicht, weshalb er einen Beleg für
den Erwerb der somalischen Staatsangehörigkeit oder den Widerruf der
äthiopischen bräuchte. Für eine solche Annahme fehle aber jede Grund-
lage. Es sei nicht in Betracht gezogen worden, dass zwar möglicherweise
ein administrativer Prozess zur Erlangung von somalischen Papieren von-
nöten sei, de jure aber seine somalische Staatsangehörigkeit feststehe.
Der Vorhalt, er habe sich nicht um das Beibringen von Belegen für die
behauptete somalische Staatsangehörigkeit bemüht, sei durch die
zwischenzeitlich bei der somalischen Botschaft in Genf beschaffte und mit
der Replik ins Recht gelegte Bescheinigung hinfällig. Die nicht mit seinen
Aussagen übereinstimmende Angabe des Geburtsorts (G._, Soma-
lia) basiere vermutlich auf einem Versehen. Es handle sich jedenfalls um
ein offizielles Dokument der somalischen Behörden, worin bescheinigt
werde, dass er als Bürger des Staates Somalia angesehen werde. Im Üb-
rigen könnten auch bei etwas besserem Bildungsstand von einem nicht im
Heimatstaat aufgewachsenen Jugendlichen grundsätzlich keine besseren
Länderkenntnisse erwartet werden. Die Frage der Glaubhaftigkeit der Asyl-
vorbringen habe nicht automatisch einen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit
der vorgebrachten Nationalität. Es müssten diesbezüglich alle für oder ge-
gen die behauptete Staatsangehörigkeit sprechenden Punkte des Sach-
verhalts objektiv und neutral gegeneinander abgewogen werden.
Die Vorinstanz habe aber nur nicht oder wenig begründete Vorwürfe auf-
gelistet, die sie zudem im Laufe des Verfahrens angepasst habe. Das SEM
sei von Anfang an ohne faktische Grundlage von einer Identitätstäuschung
ausgegangen. Mit ihrem Vorgehen habe die Vorinstanz mehrfach das
rechtliche Gehör verletzt und den Sachverhalt missbräuchlich festgestellt.
Damit habe sie ihr Ermessen missbraucht.
6.
Zunächst hält das Gericht fest, dass die vom Beschwerdeführer geäusserte
grundsätzliche Kritik am Vorgehen der Vorinstanz sich als unbegründet er-
weist. Sie hat in der angefochtenen Verfügung seine Vorbringen hinrei-
chend geprüft und in der Entscheidungsbegründung angemessen berück-
sichtigt. Der aus mehreren Teilfragen bestehende Vorhalt in der Frage 206
im Rahmen der Zweitanhörung vom 21. März 2018 (vgl. Protokoll A31
S. 22) war zwar in dieser komplexen Form vom Beschwerdeführer kaum
E-2085/2019
Seite 14
beantwortbar. Indem ihm nachträglich schriftlich das rechtliche Gehör zu
den Zweifeln an der von ihm geltend gemachten Staatsangehörigkeit und
der beabsichtigten Änderung des ZEMIS-Eintrags gewährt wurde, erhielt
er aber hinreichend Gelegenheit, sich zu diesen Aspekten zu äussern. Den
sich aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör ergebenden Verpflichtungen
wurde damit Genüge getan. Der Vorwurf der Voreingenommenheit der Vor-
instanz ist ebenso ungerechtfertigt. Es liegen keine stichhaltigen Hinweise
dafür vor, dass die vorinstanzliche Verfügung durch eine vorgefestigte Mei-
nung der daran beteiligten SEM-Sachbearbeitenden beeinflusst worden
wäre. Schliesslich erweist sich auch die Rüge der missbräuchlichen Sach-
verhaltsfeststellung und der willkürlichen Argumentation als nicht stichhal-
tig.
7.
7.1 Der Beschwerdeführer brachte in Bezug auf seine Identität und Her-
kunft vor, seine Eltern würden aus Somalia stammen und seien aufgrund
der nach dem Regierungssturz ausgebrochenen Kämpfe nach Äthiopien
geflüchtet (vgl. Protokoll Anhörung vom 12. Juli 2016, A18 S. 18 F128 ff.).
Er selber sei in D._, Äthiopien geboren worden und habe dort bis
zur Ausreise im Jahr 2015 gelebt. Er habe nie irgendwelche Identitätsdo-
kumente besessen.
7.2 Die vom Beschwerdeführer eingereichten Dokumente sind nicht geeig-
net, die behauptete somalische Staatsangehörigkeit von ihm beziehungs-
weise seinem Vater zu belegen:
7.2.1 Der von der somalischen Botschaft in Genf am 31. Mai 2019 unter
unbekannten Umständen ausgestellten Geburtsbescheinigung kann im
Hinblick auf die Identität und die behauptete somalische Herkunft des Be-
schwerdeführers kein Beweiswert beigemessen werden. Somalia verfügt
über keine Personenregister, mit deren Hilfe die somalischen Behörden die
Identität vorsprechender Personen überprüfen könnten (vgl. Urteile des
BVGer D-2481/2017 vom 3. August 2018 E. 4 und E-1432/2017 vom
17. März 2017 E. 3.2, mit weiteren Hinweisen). Die Einschätzung, dass die
eingereichte Bescheinigung nicht gestützt auf ein bestehendes Register
erstellt wurde, wird dadurch erhärtet, dass der Beschwerdeführer im erst-
instanzlichen Verfahren zu Protokoll gab, er verfüge über keine Geburtsur-
kunde, weil er zu Hause geboren worden sei (vgl. Protokoll BzP A16 S. 7).
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Seite 15
Zudem steht der in diesem Dokument vermerkte Geburtsort (G._,
Somalia) in klarem Gegensatz zu seinen Angaben, wonach er in
D._, Äthiopien geboren sei. Die Erklärung in der Replik, es handle
sich hierbei um ein blosses Versehen, vermag diese massive Ungereimt-
heit nicht überzeugend zu erklären.
7.2.2 Die Identitätskarte des Vaters des Beschwerdeführers liegt lediglich
in Form einer Kopie vor und weist zudem kein Foto des Inhabers auf, was
ihren Beweiswert erheblich reduziert. Zudem vermöchte dieses Dokument
selbst unter Annahme seiner Authentizität nur zu belegen, dass der Vater
des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Ausstellung ([...]) somalischer
Staatsangehöriger war, was aber keineswegs ausschliesst, dass er zu ei-
nem späteren Zeitpunkt die äthiopische Staatangehörigkeit erworben und
entsprechend die somalische aufgegeben oder verloren haben könnte.
Im Übrigen fällt auf, dass der in diesem Dokument vermerkte Name des
Inhabers (H._) nicht mit dem vom Beschwerdeführer in der BzP ge-
nannten und in der von ihm eingereichten Geburtsbescheinigung genann-
ten Namen seines Vaters (I._) übereinstimmt. Das ebenfalls nur in
Form einer Kopie vorliegende Schulzeugnis ist bestenfalls geeignet, einen
Schulbesuch des Vaters in Somalia zu belegen, enthält aber keine Aussa-
gen zu dessen Staatsangehörigkeit.
7.3 Sodann erweisen sich die Aussagen des Beschwerdeführers betref-
fend seine Staatsangehörigkeit im Rahmen der Befragungen als wider-
sprüchlich. In der BzP gab er zunächst auf die Frage nach seiner Staats-
angehörigkeit bei der Geburt zu Protokoll: "Somalia", führte in der Folge
aber aus, er habe keine Staatsangehörigkeit und sei nirgendwo registriert
(vgl. A16 S. 3 Pkt. 1.11; ebenso Protokoll Zweitanhörung, A31 S. 19 F188).
Ferner brachte er vor, seine Eltern würden beide über eine äthiopische
Mustawaqa verfügen, und er werde im Alter von 18 Jahren auch Anspruch
auf Ausstellung eines derartigen Dokuments haben (vgl. A16 S. 7; A18
S. 13 F80 f.). Diese Aussagen deuten eher auf eine äthiopische Staatsan-
gehörigkeit des Beschwerdeführers hin. Die Zweifel an der von ihm be-
haupteten somalischen Staatsangehörigkeit werden dadurch erhärtet,
dass er – wie ihm die Vorinstanz zu Recht vorhielt − ohne plausible Be-
gründung keine aktuellen Identitätsdokumente seines Vaters eingereicht
hat, von welchem er seine somalische Staatsbürgerschaft ableitet. Die Er-
klärung in der Replik, sein Vater sei nicht mehr im Besitz seiner Musta-
waqa, weil er sich inzwischen grösstenteils in Mogadischu aufhalte,
vermag nicht zu überzeugen. Es erscheint nicht nachvollziehbar, dass der
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Seite 16
Vater einen mutmasslich früher bestehenden Anspruch auf ein äthiopi-
sches Identitätsdokument aufgrund eines Auslandsaufenthalts in Somalia
verloren haben soll. Zudem erklärt dies nicht, weshalb keine anderen ak-
tuellen, namentlich somalischen, Identitätspapiere des Vaters vorgelegt
werden konnten. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass der Beschwerde-
führer die wahre Staatsangehörigkeit von ihm und seinem Vater zu ver-
schleiern versucht.
7.4 Nach Würdigung aller Umstände ist es dem Beschwerdeführer dem-
nach nicht gelungen, nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, dass er
somalischer Staatsbürger ist, respektive aufgrund einer somalischen
Staatsangehörigkeit seines Vaters Anspruch auf Anerkennung als solcher
hat. Der Verweis auf das somalische "Citizenship Law" erweist sich als
nicht schlüssig, da der Beschwerdeführer nicht glaubhaft gemacht hat,
dass er die darin genannten Voraussetzungen zur Anerkennung als soma-
lischer Staatsbürger erfüllt.
7.5 Aufgrund der Aktenlage kann aber auch eine äthiopische Staatangehö-
rigkeit des Beschwerdeführers nicht als gesichert angesehen werden:
7.5.1 Unbestritten ist, dass seine Mutter im Besitz eines in Äthiopien aus-
gestellten Identitätsdokuments (Mustawaqa) ist, welches in Kopie zu den
Akten gereicht wurde. Zudem lassen die Aussagen des Beschwerdefüh-
rers im Asylverfahren darauf schliessen, dass auch sein Vater ein solches
Dokument besitzt oder besessen haben dürfte.
7.5.2 In der Verwaltungsregion Somali Äthiopiens wird die Identitätskarte
umgangssprachlich Mustawaqa genannt (vgl. Neuseeland, Refugee Status
Appeals Authority, Wellington. Refugee Appeal No. 76311, 18.06.2009,
N 60, http://www.refworld.org/docid/4a5ddbc22.html, abgerufen am 06.09.
2019). Sie wird grundsätzlich nur an volljährige, äthiopische Staatsange-
hörige ausgestellt (vgl. Country Policy and Information Note, Ethiopia:
Background information, including actors of protection and internal reloca-
tion, October 2017, Ziff. 16.2.1 https://assets.publishing.service.gov.uk/
government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/655462/Ethiop
ia_-_Background_-_CPIN_-_v1.0_pdf.pdf, abgerufen am 09.09.2019). In-
des kommt es im Regionalstaat Somali offenbar vor, dass die Kebele Iden-
titätskarten an Personen ausstellt, die keinen Anspruch auf diese hätten,
so beispielsweise an somalische Staatsangehörige. Die Unterscheidung
zwischen ethnischen Somalis aus Äthiopien und jenen aus Somalia ist
selbst für die Einheimischen schwierig. Zudem arbeiten häufig ethnische
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Seite 17
Somalis auf den Verwaltungen, die anderen Somalis gegenüber loyal sind
und ihnen Identitätskarten ausstellen (vgl. Landinfo, Respons Etiopia: So-
maliere i Etiopia [Anfragebeantwortung Äthiopien: Somalier in Äthiopien],
11.02.2009, http://landinfo.no/asset/814/1/814_1.pdf, abgerufen am
06.09.2019; Urteil BVGer E-3557/2019 vom 30. September 2019, E. 6.2).
7.5.3 Demnach kann aus dem Umstand, dass die Eltern des Beschwerde-
führers äthiopische Mustawaqas besitzen oder besessen haben, nicht
ohne Weiteres darauf geschlossen werden, dass sie über die äthiopische
Staatsangehörigkeit verfügen. Zudem steht nicht fest, ob sie im Zeitpunkt
der Geburt des Beschwerdeführers im Besitz der äthiopischen Staats-
angehörigkeit waren und er demnach einen Anspruch auf Anerkennung als
äthiopischer Staatsbürger durch Abstammung ("Ethiopian national by
descent") geltend machen könnte (vgl. Art. 3 der Nationality Proclamation
aus dem Jahr 2003). Der Beschwerdeführer gab zu Protokoll, seine Mutter
sei Äthiopierin geworden, als er (...) Jahre alt gewesen sei (A31 S. 19
F 187). Wann sein Vater eine Mustawaqa und damit allenfalls die äthiopi-
sche Staatsangehörigkeit erworben hat, lässt sich den Akten nicht entneh-
men.
7.5.4 Angesichts dieser Umstände, der nur in Kopie vorliegenden Musta-
waqa der Mutter des Beschwerdeführers sowie seinen vagen Angaben hin-
sichtlich der Staatsangehörigkeit seiner Eltern kann somit auch nicht ohne
Weiteres davon ausgegangen werden, dass zumindest ein Elternteil im Be-
sitz der äthiopischen Staatsangehörigkeit ist und der Beschwerdeführer
hieraus einen Anspruch auf dieselbe ableiten kann.
7.6 Zusammenfassend gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz zum Schluss, dass aufgrund der bestehenden Aktenlage die
Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers nicht abschliessend beurteilt
werden kann. Bei dieser Ausgangslage erweist sich auch sein Argument,
er könne keinen Anspruch auf Anerkennung als äthiopischer Staatsbürger
erheben, weil das äthiopische Bürgerrechtsgesetz Doppelbürgerschaften
ausschliesse, als nicht schlüssig.
8.
8.1 Die Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit eines Wegweisungs-
vollzugs sind zwar von Amtes wegen zu prüfen, aber die Untersuchungs-
pflicht findet ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht des Beschwerdefüh-
rers. Es ist nicht Aufgabe der Behörden, bei fehlenden, womöglich gezielt
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vorenthaltenen, Hinweisen nach etwaigen Wegweisungsvollzugshindernis-
sen in hypothetischen Herkunftsländern zu forschen (vgl. BVGE 2014/12
E. 5.9 und 6).
8.2 Der Beschwerdeführer hat keine rechtsgenüglichen Identitätspapiere
eingereicht und seine Angaben zu seiner Herkunft sind – wie vorstehend
ausgeführt – unglaubhaft ausgefallen. Dies stellt eine Verletzung der den
Beschwerdeführenden gemäss Art. 8 AsylG obliegenden Mitwirkungs-
pflicht dar. Seine Staatsangehörigkeit steht mithin nicht fest. Durch die Ver-
letzung seiner Mitwirkungspflicht respektive die Verheimlichung seiner
wahren Herkunft verunmöglicht er die Prüfung, welche Staatsangehörigkeit
er besitzt und welchen Status er an seinem bisherigen Aufenthaltsort hatte.
Der Beschwerdeführer hat die Folgen seiner fehlenden Mitwirkung insofern
zu tragen, als seitens der Asylbehörden der Schluss gezogen werden
muss, es spreche nichts gegen eine Rückkehr an den bisherigen Aufent-
haltsort, da er keine konkreten, glaubhaften Hinweise geliefert habe, die
gegen eine entsprechende Rückkehr sprechen würden (vgl. BVGE
2014/12 E. 5.10).
8.3 Die geltend gemachten Integrationsbemühungen des Beschwerdefüh-
rers (vgl. Eingabe vom 19. November 2020) vermögen an dieser Einschät-
zung nichts zu ändern. Der Grad der Integration bildet grundsätzlich kein
Kriterium für die Beurteilung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG (vgl. BVGE 2009/52 E. 10.3). Die Beurtei-
lung einer Härtefallsituation infolge fortgeschrittener Integration im Sinne
von Art. 14 Abs. 2 Bst. c AsylG fällt in die Zuständigkeit der kantonalen Mig-
rationsbehörden (vgl. BVGE 2009/52 E. 10.3).
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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Seite 19
9.
Soweit in der Beschwerdeeingabe beantragt wird, die Vorinstanz sei anzu-
weisen, die Nationalität des Beschwerdeführers (im ZEMIS) von "Staat un-
bekannt" auf "Somalia" zu ändern, ist Folgendes festzustellen: Die vom
Beschwerdeführer in seiner Stellungnahme vom 6. Februar 2019 gestell-
ten Anträge auf Erlass einer anfechtbaren Verfügung betreffend die Ände-
rung der ZEMIS-Daten respektive auf Anbringung eines Bestreitungsver-
merks wurden vom SEM in der angefochtenen Verfügung vom 29. März
2019 nicht behandelt, waren mithin nicht Gegenstand derselben. Demnach
besteht kein Raum, die vom Beschwerdeführer beantragte Änderung der
ZEMIS-Daten im Rahmen des vorliegenden Beschwerdeverfahrens zu
prüfen. Auf den entsprechenden Antrag ist nicht einzutreten. Es bleibt dem
Beschwerdeführer unbenommen, bei der Vorinstanz die Behandlung sei-
ner bisher unbeurteilt gebliebenen Anträge betreffend die im ZEMIS einge-
tragene Nationalität einzufordern.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt und angemessen ist. Für die eventualiter bean-
tragte Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht keine Veranlas-
sung.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem der Instruktions-
richter sein Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 6. Juni 2019 gut-
geheissen hatte und den Akten keine Hinweise auf eine massgebende Ver-
änderung der finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, ist auf eine Kos-
tenauflage zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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