Decision ID: 7080f55d-a4a3-41c0-bf08-73519737e286
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Die Beschwerdekammer hält fest, dass:
- das Bezirksgericht Zürich mit Urteil vom 10. April 2018 A. wegen Verteilung
eines Flugblattes mit ehrverletzendem Inhalt zum Nachteil der Privatklägerin
B., Regierungsrätin des Kantons Zürich, der Verleumdung i.S.v. Art. 174 Ziff.
1 StGB i.V.m. Art. 174 Ziff. 2 StGB sowie i.V.m. Art. 176 StGB und Art. 28
Abs. 2 StGB i.V.m. Art. 322bis StGB schuldig sprach;
- A. beim Obergericht des Kantons Zürich (nachfolgend „Obergericht“) Beru-
fung erhob; das Berufungsverfahren der II. Strafkammer des Obergerichts
(nachfolgend „II. Strafkammer“) zugeteilt wurde;
- im Berufungsverfahren A. mit Eingabe vom 14. September 2018 ein Aus-
standsbegehren gegen sämtliche Mitglieder des Obergerichts stellte;
- mit Beschluss vom 3. Oktober 2018 die II. Strafkammer in der für das Beru-
fungsverfahren festgelegten Spruchkörperbesetzung die Akten zum Ent-
scheid über das Ausstandsbegehren von A. an die Beschwerdekammer des
Bundesstrafgerichts unter Beilage der Stellungnahmen aller Mitglieder der II.
Strafkammer überwies;
- mit Beschluss BB.2018.175 vom 9. Oktober 2018 die Beschwerdekammer
des Bundesstrafgerichts das Ausstandsgesuch abwies, soweit es darauf ein-
trat;
- im vorgenannten Berufungsverfahren A. am 12. November 2019 ein neuer-
liches Ausstandsgesuch gegen sämtliche Mitglieder des Obergerichts stellte
(act. 1);
- A. zur Begründung des neuerlichen Ausstandsgesuchs ausführte, dass sich
die Sachlage seit dem letzten Ausstandsgesuch insofern geändert habe, als
das Bundesgericht mit Urteil 2C_653/2019 vom 26. Juli 2019 entschieden
habe, die Eidgenössische Steuerverwaltung dürfe den französischen Steu-
erbehörden Datensätze von UBS-Kunden liefern, und in der Folge SVP-Po-
litiker die Nichtwiederwahl eines am betreffenden Bundesgerichtsurteil betei-
ligten SVP-Bundesrichters gefordert hätten;
- damit die Besorgnis der fehlenden Unabhängigkeit, so A. weiter, nicht nur
rein theoretischer Natur sei, sondern auch die Unabhängigkeit des Gerichts
in Bezug auf das Strafverfahren, welches unzweifelhaft im Zusammenhang
mit einer kantonalen Regierungsratswahl stehe, ernstlich in Frage gestellt
sei;
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- A. vorbrachte, dass aufgrund des schweizerischen Justiz-Systems in der
Schweiz kein Gericht bestehe, welches den Anforderungen von Art. 6 Abs. 1
EMRK entspreche, um den ihn betreffenden Straffall, welchem hohe politi-
sche Bedeutung zukomme, entscheiden zu können (act. 1.1);
- mit Beschluss vom 13. November 2019 die II. Strafkammer in der für das
Berufungsverfahren festgelegten Spruchkörperbesetzung die Akten zum
Entscheid über das Ausstandsbegehren von A. an die Beschwerdekammer
des Bundesstrafgerichts unter Beilage der Stellungnahmen der am Beru-
fungsverfahren beteiligten Mitglieder der II. Strafkammer überwies (act. 2);
- mit Eingabe vom 13. November 2019 an das Präsidium des hiesigen Ge-
richts A. sowohl das Bundessstrafgericht als auch das Bundesgericht als be-
fangen bezeichnete; A. die Auffassung vertrat, das Bundesstrafgericht habe
die Akten dem Bundesgericht weiterzuleiten (act. 1.1);
- aus nachfolgenden Gründen auf die Durchführung eines Schriftenwechsels
verzichtet wurde (vgl. Art. 390 Abs. 2 StPO im Umkehrschluss).

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung, dass:
- die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zuständig ist zum Ent-
scheid über Ausstandsgesuche, wenn ein Ausstandsgrund nach Art. 56
StPO geltend gemacht wird und das gesamte Berufungsgericht (eines Kan-
tons) betroffen ist (Art. 59 Abs. 1 lit. d StPO i.V.m. Art. 37 Abs. 1 StBOG);
- eine in einer Strafbehörde tätige Person in den Ausstand tritt, wenn bei ihr
ein in Art. 56 lit. a bis f genannter Ausstandsgrund vorliegt;
- der Gesuchsteller vorab das gesamte Bundesstrafgericht ablehnt und die
Weiterleitung seiner Ausstandsgesuche an das Bundesgericht beantragt
(act. 1.1);
- für die Beurteilung von Ausstandsgesuchen gegen die Beschwerdeinstanz
(einzelne Mitglieder der Beschwerdekammer sowie die gesamte Beschwer-
dekammer des Bundesstrafgerichts) grundsätzlich die Berufungskammer
des Bundestrafgerichts zuständig ist (Art. 59 Abs. 1 lit. c StPO i.V.m. Art. 39
Abs. 1 StBOG);
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- indessen offensichtlich unbegründete Gesuche nach der bundesgerichtli-
chen Rechtsprechung von der betroffenen Instanz selbst abgewiesen wer-
den können, sofern auf sie überhaupt eingetreten werden muss (BOOG, in:
Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N.
6 zu Art. 59, mit Hinweisen auf die Rechtsprechung);
- pauschale Ausstandsgesuche gegen eine Justizbehörde als Ganzes grund-
sätzlich nicht zulässig sind; Ausstandsgesuche sich auf einzelne Mitglieder
der Behörde zu beziehen haben; ein formal gegen eine Gesamtbehörde ge-
richtetes Ersuchen daher in der Regel nur entgegengenommen werden
kann, wenn darin Befangenheitsgründe gegen alle Einzelmitglieder ausrei-
chend substantiiert werden (vgl. hierzu u. a. das Urteil des Bundesgerichts
1B_97/2017 vom 7. Juni 2017 E. 3.2 m.w.H.).
- ausschliesslich an die Parteizugehörigkeit anknüpfende Ausstandsgesuche,
die keine Gründe nennen, weshalb die betreffenden Richter in einem kon-
kreten Fall persönlich befangen sein sollten, unzulässig sind (s. Urteile des
Bundesgerichts 1B_137/2018 vom 4. Juni 2018 E. 2.2; 6B_1043/2014 vom
25. November 2014 E. 2; je mit weiteren Hinweisen);
- sich die bundesgerichtliche Rechtsprechung schon mehrfach mit dem Wie-
derwahlverfahren für Richterstellen auseinandergesetzt und namentlich fest-
gestellt hat, dass die Amtsdauer der Bundesrichter von sechs Jahren mit
Wiederwahlmöglichkeit die richterliche Unabhängigkeit gemäss Art. 30
Abs. 1 BV und Art. 6 Abs. 1 EMRK nicht verletzt (Urteil des Bundesgerichts
1B_137/2018 vom 4. Juni 2018 E. 4.4, mit weiteren Hinweisen); nach dem
Bundesgericht auch Zuwendungen von Richtern an politische Parteien für
sich allein genommen die richterliche Unabhängigkeit nicht in Frage zu stel-
len vermögen (a.a.O.); für Bundesstrafrichter die gleiche Amtsdauer und
dasselbe Wiederwahlverfahren wie für Bundesrichter gilt (Art. 48 Abs. 1
StBOG);
- in diesem Sinne die Berufung auf „systembedingte“ Mängel des schweizeri-
schen Justizsystems (insbesondere Wahl- und Wiederwahlverfahren, Amts-
dauer) nicht geeignet ist, objektive Zweifel an der Unabhängigkeit aller Mit-
glieder des Bundesstrafgerichts zu begründen; derart begründete Aus-
standsgesuche gegen eine Justizbehörde als Ganzes daher grundsätzlich
ebenfalls als nicht zulässig zu erachten sind;
- die vom Gesuchsteller herangezogene Drohung von SVP-Politikern, den
fraglichen Bundesrichter nicht wiederzuwählen, daran nichts ändert; Beein-
flussungsversuche allein ohnehin kein Beweis für mangelnde richterliche
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Unabhängigkeit sind (Urteil des Bundesgerichts 1B_137/2018 vom 4. Juni
2018 E. 4.4); der Gesuchsteller auch nicht behauptet, dass vorliegend ver-
sucht worden sei, irgendeinen Bundesstrafrichter (der [Straf-,] Beschwerde-
und Berufungskammer) zu beeinflussen;
- der Gesuchsteller nach dem Gesagten ganz offensichtlich keinen Aus-
standsgrund im Sinne von Art. 56 StPO geltend macht, weshalb auf sein
Ausstandsgesuch gegen die gesamte Beschwerdekammer durch die Be-
schwerdekammer selber direkt nicht einzutreten ist und sich eine Weiterlei-
tung an die Berufungskammer des Bundesstrafgerichts bzw. an das Bundes-
gericht, beide ohnehin ebenfalls abgelehnt, erübrigt;
- eine Partei, die den Ausstand einer in einer Strafbehörde tätigen Person ver-
langen will, der Verfahrensleitung ohne Verzug ein entsprechendes Gesuch
zu stellen hat, sobald sie vom Ausstandsgrund Kenntnis hat (Art. 58 Abs. 1
StPO); dabei die den Ausstand begründenden Tatsachen glaubhaft zu ma-
chen sind (Art. 58 Abs. 1 StPO);
- aus Sicht des Gesuchstellers die Ende Juli 2019 laut gewordene Forderung
von SVP-Politikern, den vorgenannten Bundesrichter nicht wiederzuwählen,
ein konkretes Beispiel für seine Besorgnis der Befangenheit des Oberge-
richts darstelle;
- aus nachfolgenden Gründen offen bleiben kann, ob das mehr als drei Mo-
nate später gestellte Ausstandsgesuch gegen sämtliche Mitglieder des
Obergerichts als verspätet zu beurteilen ist;
- irgendein gearteter Zusammenhang zwischen der Reaktion einzelner SVP-
Politiker hinsichtlich des fraglichen Bundesrichters und der Situation der Mit-
glieder des Obergerichts nicht ersichtlich ist und dies der Gesuchsteller auch
nicht aufzeigt;
- der Gesuchsteller selbst im vorliegenden Verfahren nicht behauptet, dass im
ihn betreffenden Strafverfahren versucht worden sei, Mitglieder des Oberge-
richts zu beeinflussen; wie vorstehend ausgeführt, Beeinflussungsversuche
allein ohnehin kein Beweis für mangelnde richterliche Unabhängigkeit sind
und auch nicht automatisch den Anschein der Befangenheit begründen;
- darüber hinaus der Gesuchsteller nichts ausführt, das zu einer anderen Be-
urteilung seines Ausstandsgesuchs führen würde als im Verfahren
BB.2018.175, auf welches hiermit ergänzend verwiesen wird;
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- nach dem Gesagten das Ausstandsgesuch gegen das gesamte Obergericht
abzuweisen ist, soweit darauf einzutreten ist;
- bei diesem Ausgang des Verfahrens der Gesuchsteller die Gerichtskosten
zu tragen hat (Art. 59 Abs. 4 StPO);
- die Gerichtsgebühr vorliegend auf Fr. 1’000.-- festzusetzen ist (Art. 73
StBOG i.V.m. Art. 5 und 8 Abs. 2 des Reglements des Bundesstrafgerichts
vom 31. August 2010 über die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in
Bundesstrafverfahren [BStKR; SR 173.713.162]).
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