Decision ID: 7313c372-676b-54f0-ba79-224858b6050f
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, guineischer Staatsangehöriger, der Ethnie der
Soninke angehörig, verliess sein Heimatland gemäss eigenen Angaben
Ende 2017 beziehungsweise Anfang 2018 in Richtung Mali. Am 30. No-
vember 2018 reiste er in die Schweiz ein, wo er gleichentags um Asyl nach-
suchte.
B.
Anlässlich der Befragung zur Person (Erstbefragung) vom 11. Dezember
2018 gab der Beschwerdeführer an, er sei minderjährig. Als seine Mutter-
sprache nannte er Soninke und als weitere Sprachen, die für eine Anhö-
rung genügen, Malinke, Ful (nachfolgend: Peul), Sousou sowie Franzö-
sisch.
Aufgrund von Zweifeln an der geltend gemachten Minderjährigkeit ge-
währte das SEM dem Beschwerdeführer gleichentags das rechtliche Ge-
hör und zeigte ihm an, dass eine medizinische Altersabklärung durchge-
führt werde.
C.
Das Gutachten des Kantonsspital St. Gallen vom 28. Dezember 2018 kam
in einer Zusammenschau aller Untersuchungsergebnisse zum Schluss,
dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Untersuchung vom 20. De-
zember 2018 das 17. Altersjahr sicher vollendet hat. Eine Vollendung des
18. Lebensjahres könne nicht mit der notwendigen Sicherheit belegt wer-
den. Dazu gewährte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer am 17. Januar
2019 das rechtliche Gehör und teilte ihm mit, er werde für das weitere Ver-
fahren als volljährig betrachtet und als sein Geburtsdatum der 1. Januar
2001 geführt.
D.
Die Vorinstanz hörte den Beschwerdeführer am 24. April 2019 zu den Asyl-
gründen an. Die Befragung wurde auf Französisch durchgeführt. Dabei
machte er im Wesentlichen Folgendes geltend:
Er gehöre der Ethnie der Soninke an und sei in Conakry geboren und auf-
gewachsen. Sein Vater sei im Jahre (...) verstorben. Da seine Mutter nicht
mit seinem Onkel, der die Rolle des Familienoberhaupts eingenommen
habe, habe zusammenleben wollen, habe sie die Familie mit ihrem neuen
Lebenspartner verlassen. Er und seine Schwester seien bei seinem Onkel
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geblieben, der noch eigene Kinder gehabt habe. Als die Schule in Conakry
geschlossen habe – zunächst anlässlich der Epidemie von Ebola und dann
wegen eines Lehrerstreiks – habe der Onkel seinen eigenen Kindern den
Besuch einer privaten Schule ermöglicht. Ihm (Beschwerdeführer) und sei-
ner Schwester habe er dies nicht angeboten, weshalb sie die Schule fortan
nicht mehr hätten besuchen können. Sein Onkel habe zunächst gewollt,
dass er eine Koranschule besuche, was er aber nicht gewollt habe. Dann
habe der Onkel, der ein hoher Angehöriger der Armee sei, ihn zum Militär-
dienst zwingen wollen. Zum ersten Mal habe er im Jahr 2017 mit ihm dar-
über gesprochen. Er habe jedoch keine Militärausbildung absolvieren wol-
len und sich deshalb nach diesem Gespräch während einigen Tagen in ei-
nem anderen Quartier bei einem Freund versteckt. Der Onkel habe darauf-
hin vier Bekannte damit beauftragt, nach ihm zu suchen. Als sie ihn gefun-
den hätten, hätten sie ihn – nachdem er und sein Freund erfolglos versucht
hätten, sich zu wehren – zu einem Rohbau gebracht und ihm befohlen, sich
ausziehen. Daraufhin hätten sie ihn geschlagen und sexuell genötigt. Dann
hätten sie ihn zu seinem Onkel zurückgebracht, der ihn ebenfalls geschla-
gen und mit einem Seil festgebunden habe. Während drei bis vier Tagen
sei er so in seinem Zimmer festgehalten worden. Nachdem er freigelassen
worden sei, habe er die darauffolgenden Tage fast nur zuhause verbracht,
da er sich für das Geschehene geschämt habe und sich nicht mehr habe
draussen zeigen wollen. Von der Polizei hätte er keine Hilfe erhalten, wes-
halb er sie gar nicht informiert habe. Als der Onkel wiederum darüber ge-
sprochen habe, er solle Militärdienst leisten, sei er zu einem benachbarten
Mechaniker gegangen, mit dem er befreundet gewesen sei und dem er
vertraut habe. Dieser habe ihm von seiner geplanten Ausreise aus Guinea
erzählt und ihm angeboten, mitzukommen. Daraufhin habe er sich nach
Hause begeben, um für die Ausreise Geld von seinem Onkel zu stehlen,
und sei in der Folge mit seinem Freund ausgereist.
Zusätzlich zu seinen persönlichen Problemen machte der Beschwerdefüh-
rer geltend, in Guinea komme es immer wieder zu ethnischen Konflikten
und Demonstrationen. Die Ethnie der Peul sei verfeindet mit den Malinke,
denen der Präsident angehöre, und mit den Soninke, die den Präsidenten
unterstützten. Er sei deshalb im Jahr 2013 mit seinen Mitschülern in
Schwierigkeiten geraten. Nach der Präsidentschaftswahl 2015 hätten die
Peul im Rahmen dieser ethnischen Konflikte Steine auf die Soninke gewor-
fen, wobei er verletzt worden sei. Sein Onkel sei von den Peul bedroht
worden.
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E.
Am 20. Mai 2019 zeigte die vormalige Rechtsvertreterin des Beschwerde-
führers die Mandatsübernahme an.
F.
Die Vorinstanz hörte den Beschwerdeführer am 25. Juni 2019 im Beisein
seiner Rechtsvertreterin an. Die in Soninke geführte Anhörung wurde ab-
gebrochen.
G.
Auf Gesuch der Rechtsvertreterin kam das SEM am 28. Juni 2019 auf sei-
nen Entscheid zurück und änderte das Geburtsdatum des Beschwerdefüh-
rers auf den (...). In der Folge wurde dem Beschwerdeführer als Minder-
jährigen eine Vertrauensperson bestellt.
H.
Am 21. November 2019 wurde der Beschwerdeführer erneut zu seinen
Asylgründen angehört. Abgesehen von seiner anwesenden Rechtsvertre-
terin und seiner Vertrauensperson handelte es sich um ein rein männliches
Befragungsteam. Auf Nachfrage äusserte der Beschwerdeführer den
Wunsch, dass seine Rechtsvertretung sowie die Vertrauensperson wäh-
rend dem die geschlechtsspezifischen Vorbringen betreffenden Teil der Be-
fragung den Raum verlassen möchten. Diesem Antrag wurde entsprochen.
Anlässlich dieser Anhörung wiederholte der Beschwerdeführer die in der
Anhörung vom 24. April 2019 geltend gemachten Vorbringen (vgl. Bst. D).
Der Beschwerdeführer reichte keine Beweismittel zu den Akten.
I.
Mit Schreiben vom 29. November 2019 gewährte das SEM dem Beschwer-
deführer das rechtliche Gehör im Hinblick auf eine Rückkehr nach Guinea.
Diese Gelegenheit nahm er mit Eingabe vom 5. Dezember 2019 wahr.
J.
Mit Verfügung vom 10. Dezember 2019 – eröffnet am 12. Dezember 2019
– verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers,
lehnte dessen Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung und ordnete den
Vollzug an.
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K.
Mit Beschwerde vom 10. Januar 2020 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Ver-
fügung, die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung
von Asyl. Eventualiter sei die Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen. Subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses sowie um Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsbeiständin.
Der Beschwerde legte er Kopien der ersten beiden Seiten des Kurzberichts
der an der Anhörung vom 24. April 2019 anwesenden Hilfswerksvertretung
(HWV), Fotos von ihm in Conakry, ein Gruppenbild seiner Fussballmann-
schaft des B._ sowie eine Kostennote bei.
L.
Mit Schreiben vom 20. Januar 2020 reichte der Beschwerdeführer eine
Fürsorgebestätigung vom 13. Januar 2020 zu den Akten.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Januar 2020 hiess die Instruktionsrichterin
die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und um amtliche Rechts-
verbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und setzte die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeistän-
din ein. Gleichzeitig lud sie das SEM zur Vernehmlassung ein.
N.
Mit Vernehmlassung vom 7. Februar 2020 hielt das SEM an seiner Verfü-
gung fest.
Der Vernehmlassungsschrift legte die Vorinstanz das unterschriebene For-
mular von RocConakry bei, welches zuvor unausgefüllt in den Akten gele-
gen hatte. Die Schweizer Organisation, welche ein Waisenhaus in Guinea
unterstützt und mit dem SEM betreffend Betreuung von unbegleiteten min-
derjährigen Rückkehrenden aus der Schweiz zusammenarbeitet, hat dem-
gemäss ihre Zustimmung erteilt, den Beschwerdeführer bei sich aufzuneh-
men und ihn bei seiner Wiedereingliederung in das Leben in Guinea zu
unterstützen.
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Seite 6
O.
Mit Instruktionsverfügung vom 11. Februar 2020 wurde dem Beschwerde-
führer Gelegenheit zur Replik eingeräumt.
P.
Der Beschwerdeführer reichte am 15. Februar 2020 fristgemäss eine Rep-
lik ein.
Q.
Auf die Ausführungen in der Beschwerdeschrift und der Replik sowie die
Erwägungen in der vorinstanzlichen Verfügung und Vernehmlassung wird
– soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachstehenden Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (SR
142.31; AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Gesetzesbezeich-
nung verwenden wird.
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
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1.4 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerdeschrift wird die Verletzung des rechtlichen Gehörs
gerügt. Diese formelle Rüge ist vorab zu prüfen, da sie allenfalls geeignet
sein könnte, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken
(vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2).
3.2 Der Beschwerdeführer moniert, die Vorinstanz sei fälschlicherweise
davon ausgegangen, er sei volljährig und habe folglich die speziellen Ver-
fahrensrechte für Kinder nicht beachtet. Zur später im Verfahren zugewie-
senen Vertrauensperson habe er keine Beziehung aufbauen können und
sie habe ihm keinerlei Hilfestellung im Asylverfahren geboten, insbeson-
dere bei der Beschaffung von Beweismitteln. Zudem sei die Erstbefragung
auf Französisch durchgeführt worden, obwohl seine diesbezüglichen
sprachlichen Fähigkeiten nicht ausreichen würden. Die Anhörung vom
25. Juni 2019 sei auf Soninke, mithin in seiner Muttersprache abgehalten,
jedoch kurzzeitig abgebrochen worden. Die ergänzende Anhörung hätte
auf Französisch mit Übersetzung auf Malinke stattfinden sollen, habe aber
nicht durchgeführt werden können, da die Vertrauensperson kein Franzö-
sisch spreche. Die Anhörung vom 21. November 2019 sei sodann auf
Deutsch mit Übersetzung auf Peul abgehalten worden. Sein Wortschatz
sei in dieser Sprache jedoch eingeschränkt, weshalb es zu Missverständ-
nissen in der Befragung gekommen sei. Ausserdem sei sein Asylgesuch
von mindestens drei Fachspezialisten behandelt worden. Dies habe sich
auf die Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen ausgewirkt.
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Seite 8
3.3
3.3.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2). Dem verfassungsmässigen Grundsatz des rechtli-
chen Gehörs erwachsen behördliche Pflichten, wie bei minderjährigen Ge-
suchstellenden die unverzügliche Bestimmung einer Vertrauensperson,
welche deren Interessen wahrnimmt (Art. 17 Abs. 3 AsylG). Das AsylG als
lex specialis zum VwVG sieht für das Asylverfahren besondere Verfahrens-
bestimmungen vor (Art. 6–17 AsylG).
Gemäss aArt. 7 Abs. 2bis AsylV 1 (in der hier einschlägigen Fassung vom
1. März 2017) beginnt die Tätigkeit der Vertrauensperson mit der Kurzbe-
fragung nach aArt. 26 Abs. 2 AsylG, mithin in der Vorbereitungsphase im
Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) bei der Erhebung der Persona-
lien und der summarischen Befragung zu den Ausreisegründen. Anderer-
seits bestimmt aArt. 17 Abs. 3 AsylG, dass für unbegleitete minderjährige
Asylsuchende eine Vertrauensperson durch die kantonalen Behörden zu
bestimmen ist und diese die Interessen des Minderjährigen unter anderem
für die Dauer des Aufenthalts in einem EVZ wahrzunehmen hat, „wenn dort
über die Kurzbefragung gemäss Art. 26 Abs. 2 AsylG hinausgehende ent-
scheidrelevante Verfahrensschritte durchgeführt werden“ (aArt. 17 Abs. 3
Bst. b AsylG). Das Gericht legt den diesbezüglich unklaren Wortlaut der
Verordnungsbestimmung in aArt. 7 Abs. 2bis AsylV 1 gesetzeskonform da-
hingehend aus, dass eine Vertrauensperson bereits im EVZ zu ernennen
ist, wenn ein Asylverfahren ausschliesslich im EVZ durchgeführt wird, dass
hingegen in jenen Verfahren, in denen eine Zuteilung in den Kanton erfolgt,
die Vertrauensperson erst für die Zeitspanne nach der Kantonszuweisung
ernannt wird (vgl. Urteil E-573/2016 des BVGer vom 12. Dezember 2018
E 7.4 m.w.H.). Die Vertrauensperson ist zuständig für die Erfüllung ver-
schiedener Aufgaben. Insbesondere hat sie die Gesuchstellenden bei der
Beschaffung von Beweismitteln zu unterstützen (aArt. 7 Abs. 3 Bst. b
AsylV 1).
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Seite 9
Bei der Würdigung der Aussagen des Beschwerdeführers in der Erstbefra-
gung ist der Tatsache Rechnung zu tragen, dass er damals minderjährig
und mit den Verhältnissen in der Schweiz nicht vertraut war. Zudem erfolgte
die Befragung, bevor eine Vertrauensperson oder eine Rechtsvertretung
ihm die Bedeutung der anstehenden Verfahrensschritte hätte erklären kön-
nen. Gemäss Schreiben des SEM vom 20. Dezember 2019 an die Rechts-
vertreterin des Beschwerdeführers wurde das Protokoll der abgebroche-
nen Anhörung vom 25. Juni 2019 nicht für die Redaktion des angefochte-
nen Entscheids herangezogen. Indessen wurde der Beschwerdeführer
auch in der Anhörung vom 24. April 2019 ohne Beisein einer Vertrauens-
person befragt, da das SEM (zu Unrecht) von seiner Volljährigkeit ausging.
Demzufolge ist die in der Beschwerde erhobene Rüge begründet, wonach
das SEM das rechtliche Gehör wegen Missachtung der Verfahrensgaran-
tien für Minderjährige verletzt habe. Anhörungen von minderjährigen Asyl-
suchenden ohne Vertrauensperson führen im Allgemeinen zur Kassation
des vorinstanzlichen Entscheides (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen
der [vormaligen] Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1998
Nr. 13, bestätigt im Urteil des BVGer E-7512/2015 vom 12. September
2018, E. 4.2). Im vorliegenden Fall wurde jedoch, nachdem die Minderjäh-
rigkeit des Beschwerdeführers im Nachhinein anerkannt und sein Geburts-
datum entsprechend angepasst wurde, eine Vertrauensperson eingesetzt
und eine weitere Anhörung angeordnet. Der Verfahrensfehler ist somit als
geheilt zu betrachten. Zum heutigen Zeitpunkt erscheint der Sachverhalt
aufgrund der Erstbefragung vom 11. Dezember 2018 sowie der Anhörung
vom 21. November 2019 als vollständig erstellt.
Der Vorwurf, die nachträglich zugewiesene Vertrauensperson habe ihm bei
der Beweisbeschaffung nicht geholfen, ist unbehelflich, da – wie nachste-
hend aufgezeigt (vgl. E. 6) – das Fehlen von Beweismitteln oder Identitäts-
nachweisen keinen Einfluss auf die Beurteilung seiner Vorbringen hat.
3.3.2 In Bezug auf die geltend gemachten sprachlichen Probleme in den
Befragungen ist auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz in ihrer
Vernehmlassung vom 7. Februar 2020 zu verweisen. Aus den Befragungs-
protokollen ist ersichtlich, dass der Beschwerdeführer die Fragen verstan-
den hat und darauf reagieren konnte. Dies bestätigte er in allen Befragun-
gen (vgl. A9/13 S. 2; A30/16 S. 2, Q2 und Q3; A35/9 F1; A44/15 F1 und 2).
Sodann wünschte er gemäss E-Mail seiner ehemaligen Rechtsvertretung
vom 17. Oktober 2019 selbst, die anstehende Anhörung auf Soninke, Ma-
linké oder Peul übersetzen zu lassen (vgl. A42/5). Die Entscheidung der
Vorinstanz, die Anhörung vom 21. November 2019 auf Peul übersetzen zu
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lassen, ist deshalb nicht zu bemängeln. Es ist zu beachten, dass die HWV
in der Anhörung vom 24. April 2019 anmerkte, der Beschwerdeführer spre-
che ungenügend Französisch, um sein Asylgesuch detailliert und substan-
ziiert zu begründen (vgl. A30/16, Unterschriftenblatt der HWV). Auch der
Beschwerdeführer erwähnte, dass er sich auf Französisch nicht gut aus-
drücken könne (vgl. A30/16 Q101). Dies ist bei der Prüfung der Glaubhaf-
tigkeit der Vorbringen zu berücksichtigen. In einer Gesamtwürdigung aller
Befragungsprotokolle ist jedoch festzuhalten, dass der Beschwerdeführer
seine Asylvorbringen vollständig darlegen konnte. Die geltend gemachten
sprachlichen Schwierigkeiten vermögen somit nicht zur Kassation des an-
gefochtenen Entscheids zu führen.
3.3.3 Aus der Tatsache, dass verschiedene Fachspezialisten sein Asylge-
such behandelt haben, kann der Beschwerdeführer ebenfalls nichts zu sei-
nen Gunsten ableiten. Es ist durchaus wünschenswert, dass die Anhörung
von derselben Person durchgeführt wird, die über das Asylgesuch (mit-)be-
findet. Es gibt jedoch keine gesetzliche Verpflichtung der Vorinstanz, dies
immer so zu handhaben; eine solche Verpflichtung ergibt sich auch aus
dem Anspruch auf rechtliches Gehör nicht (vgl. Urteile des BVGer
E-281/2020 vom 26. Februar 2020 E. 6.7 und E-1277/2018 vom 3. April
2018 E. 4.3). Überdies ist nicht ersichtlich und wird vom Beschwerdeführer
auch nicht substantiiert dargelegt, inwiefern ihm aus der Behandlung sei-
nes Asylgesuchs durch verschiedene Personen ein konkreter Nachteil ent-
standen sein soll. Seine Vermutung, die Beteiligung mehrerer Sachbear-
beiter habe sich auf die Beurteilung der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen
ausgewirkt, wird nicht weiter begründet und bleibt daher rein spekulativ.
Ausserdem haben weder er noch die HWV entsprechende Einwände er-
hoben (vgl. A30/16; A35/9; A44/15, Unterschriftenblätter der HWV).
Schliesslich handelt es sich bei dem vom Beschwerdeführer zitierten
Rechtsgutachten lediglich um eine Empfehlung von Professor Walter Kälin
an die Vorinstanz, aus welcher der Beschwerdeführer keine Ansprüche ab-
leiten kann.
3.4 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen erweisen sich die formellen
Rügen insgesamt als unbegründet, weshalb keine Veranlassung besteht,
die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Zur Begründung ihres Asylentscheids führt die Vorinstanz aus, die Vor-
bringen des Beschwerdeführers würden weder den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3 AsylG noch den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG standhalten. Die vorgebrachten
Schwierigkeiten im Jahre 2013 mit den Mitschülern und im Jahre 2015 im
Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen seien zeitlich nicht kausal
für seine Ausreise und deshalb nicht asylrelevant. Sein Vorbringen, er sei
von seinem Onkel zum Militärdienst gezwungen worden, sei unglaubhaft,
weil er damals erst 15 Jahre alt gewesen sei und folglich gar keinen Mili-
tärdienst habe leisten können. Seinen Aussagen zum behaupteten sexuel-
len Übergriff seien kaum Details zu entnehmen, weshalb sie ebenfalls als
unglaubhaft zu qualifizieren seien. Er habe sich nicht bemüht, seine Iden-
tität zu belegen, weshalb ihm mangelnde Mitwirkung vorgeworfen werden
müsse. Anlässlich der Erstbefragung habe er angegeben, bei der Ausreise
einen Geburtsregisterauszug sowie einen Schülerausweis dabei gehabt zu
haben, welche ihm auf der Reise weggenommen worden seien. Dahinge-
gen habe er in der Anhörung vom 24. April 2019 ausgesagt, bei seiner Aus-
reise lediglich einen Schülerausweis auf sich getragen zu haben, welchen
er verloren habe. Dieses widersprüchliche Aussageverhalten lasse den
Schluss zu, dass er seine wahre Identität verheimlichen wolle. Zu seinen
Familienverhältnissen in Guinea habe er nur rudimentäre Angaben ge-
macht. Insbesondere habe er das Alter seiner Schwester nur ungefähr an-
geben können und ausgesagt, nicht zu wissen, wo sich seine Mutter be-
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Seite 12
finde oder weshalb sein Vater verstorben sei. Des Weiteren seien die An-
gaben zu seinem Heimatort substanzlos geblieben. Seine Aussagen ent-
hielten keine Realitätskennzeichen; insbesondere fehlten Details oder in-
dividualisierte Aussagen, welche die persönliche Betroffenheit oder ein
persönlich gefärbtes Reaktionsmuster zum Ausdruck bringen würden.
5.2 Der Beschwerdeführer hält diesen Erwägungen in der Beschwerde-
schrift entgegen, er würde in Guinea aufgrund seiner Zugehörigkeit zu der
sozialen Gruppe der Waisen sowie aus geschlechtsspezifischen Gründen
verfolgt und erfülle deshalb die Flüchtlingseigenschaft. Seinen Erzählun-
gen seien mehrere Realkennzeichen sowie eine persönliche Betroffenheit
und keinerlei Widersprüche zu entnehmen. Er habe Mühe, über den sexu-
ellen Übergriff zu sprechen und schäme sich dafür. Die ihm drohende Ver-
folgung gehe vom Onkel aus und aufgrund dessen hoher Position in der
Armee erfahre er keinen adäquaten staatlichen Schutz. Die Aussage, er
habe bei der Ausreise einen Geburtsregisterauszug auf sich gehabt,
müsse im Lichte der vorangegangenen Frage und der mangelnden Fran-
zösischkenntnisse des Beschwerdeführers betrachtet werden. Er sei da-
nach gefragt worden, woher er sein Geburtsdatum kenne, weshalb er den
Geburtsregisterauszug erwähnt habe. Zwischen "wegnehmen" und "verlie-
ren" sei kein Widerspruch zu erkennen. Auch in der Anhörung vom 24. April
2019 habe er präzisiert, die Araber hätten ihm sämtliche Besitztümer weg-
genommen. Da die Aufnahmequote von Guineern in der Schweiz äusserst
gering sei und er deshalb aus seiner Staatsangehörigkeit keinen Vorteil
ziehen könne, sei aus den fehlenden Identitätsdokumenten nicht der
Schluss zu ziehen, er wolle seine Herkunft verheimlichen. Vor dem kultu-
rellen Hintergrund in Guinea sei es nicht erstaunlich, dass er nicht über die
Todesursache seines Vaters informiert sei. Zudem sei ein Neunjähriger
kaum über die Todesursache des Vaters informiert. Nachvollziehbar sei
auch, dass seine Mutter sich nicht seinem Onkel habe unterwerfen wollen,
der nach dem Tod des Vaters zum Familienoberhaupt geworden sei, zumal
sie sich nicht mit ihm verstanden habe. Die Beziehung zwischen ihm und
seinem Onkel sei äusserst distanziert. Dies erkläre auch, warum er nicht
präziser über dessen Arbeit habe Auskunft geben können.
5.3 Die Vorinstanz hält in der Vernehmlassung an ihrem Entscheid fest und
begründet dies damit, die Beschwerde enthalte keine neuen erheblichen
Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes
rechtfertigen könnten. Der Beschwerdeführer habe seine Herkunft unge-
nügend dargelegt und seine Identität nicht belegt. Ein weiteres Indiz dafür,
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dass er seine Identität verschleiern wolle, zeige sich darin, dass er auf Fa-
cebook nicht auffindbar sei. Es sei der Vorinstanz damit verunmöglicht, an
weitere Informationen über ihn zu gelangen. Das eingereichte Foto zeige
ihn vor einer Schule namens «C._». Der Beschwerdeführer selber
habe hingegen angegeben, eine Schule namens «D._» besucht zu
haben.
5.4 In der Replik legt der Beschwerdeführer zunächst dar, er wolle seine
Identität nicht verschleiern. Das SEM habe nie nach seinem Facebookprofil
gefragt. Er habe dort seinen Vornamen abgekürzt und die empfohlenen
Privatsphäre-Einstellungen ausgewählt. Das eingereichte Foto sei nicht
während der Schulzeit entstanden, sondern zeige ihn bei einem Fussball-
spiel mit seinen Freunden vor einer Schule, die er nie besucht habe. Die
unnötig lange Dauer des Verfahrens sei der Vorinstanz anzulasten und
dürfe nicht zu seinem Nachteil führen.
6.
6.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der
Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei ist auf
eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraussetzung
für die Glaubhaftmachung einer Verfolgung ist eine, die eigenen Erlebnisse
betreffende, substantiierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und kon-
krete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe
Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet
durch Korrektheit, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung.
Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei
wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen
Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine
Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des we-
sentlichen Sachverhaltes, Substantiiertheit und Plausibilität der Angaben,
persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller
sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven
Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht
aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung
der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen
die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3
E-158/2020
Seite 14
E. 6.5.1 sowie BVGE 2013/11 E. 5.1; ANNE KNEER und LINUS SONDEREG-
GER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick über die
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5).
6.2
6.2.1 Der Vorinstanz ist dahingehend zuzustimmen, dass den vom Be-
schwerdeführer vorgebrachten Ereignissen in den Jahren 2013 und 2015
der zeitliche Kausalzusammenhang zu seiner Ausreise fehlt. Damit erübrigt
sich eine Prüfung der Glaubhaftigkeit der diesbezüglichen Vorbringen.
6.2.2 Im Übrigen kann der Auffassung der Vorinstanz in Bezug auf die
Glaubhaftigkeit der Aussagen des Beschwerdeführers nicht gefolgt wer-
den. Der Beschwerdeführer hat auf eine lebensnahe, ausführliche und kon-
gruente Weise erzählt, wie er von seinem Onkel benachteiligt wurde. Er
schilderte nachvollziehbar seine schlechte Beziehung zu seinem Onkel
und seine Weigerung, Militärdienst zu leisten (vgl. A44/15 F26, F49). Sei-
nen Erzählungen lassen sich eine Vielzahl von Realkennzeichen entneh-
men; beispielsweise verwendete er mehrmals die direkte Rede und war im
Stande, Gespräche zwischen ihm und verschiedenen Personen, wie sei-
nem Onkel oder dem benachbarten Mechaniker, der mit ihm gemeinsam
ausreiste, wiederzugeben (vgl. A44/15 F26, F33, F52, F64).
6.2.3 Ferner ist nicht auszuschliessen, dass sich der von ihm beschriebene
sexuelle Übergriff tatsächlich ereignet hat. Offensichtlich ist es dem jungen
Beschwerdeführer äusserst unangenehm, über den Vorfall zu sprechen,
zumal er es vermeidet, den erlebten Missbrauch beim Namen zu nennen
(vgl. A35/9 F43; A44/15 F34, F36, F56). Deshalb habe er diese Ereignisse
bisher niemandem erzählt (vgl. A44/15 F62–63, F65). Es entsteht der Ein-
druck, dass er das Thema so rasch wie möglich hinter sich bringen will und
sich für die sexuelle Gewalt, die ihm widerfahren ist, schämt (vgl. A44/15
F26–27). Seine teilweise detailarmen Angaben dazu lassen nicht auf eine
fehlende Glaubhaftigkeit schliessen, vielmehr sind diese vor dem Hinter-
grund relevanter COI zu betrachten.
Obwohl es ihm schwer zu fallen scheint und er wiederholt darlegt, er
schäme sich aufgrund des Vorfalls, spricht er dennoch darüber, wie er sich
gefühlt hat (vgl. A44/15 F40, F54, F57–58). Nach dem Vorfall habe er es
aus Scham lange nicht mehr gewagt, das Haus zu verlassen (vgl. A44/15
F51, F55). Seinen Aussagen lassen sich Details entnehmen, die den An-
schein erwecken, er habe das Erzählte persönlich erlebt (vgl. A44/15 F42–
E-158/2020
Seite 15
43). Der Argumentation der Vorinstanz, seinen Erzählungen fehle eine per-
sönliche Betroffenheit, kann demnach nicht gefolgt werden.
Entgegen der Ansicht der Vorinstanz erscheinen im guineischen Kontext
auch die Angaben des Beschwerdeführers betreffend seine Familienver-
hältnisse nicht ungewöhnlich. Es kann erstens nicht ausgeschlossen wer-
den, dass die Mutter des Beschwerdeführers sich nicht der Familiengewalt
ihres Schwagers unterziehen wollte und mit ihrem neuen Partner ihren
früheren Wohnort verlassen hat. Zweitens ist das Verhalten des Onkels
gegenüber dem Beschwerdeführer vor dem Hintergrund der relevanten
Länderinformationen nachvollziehbar. Der Beschwerdeführer hat wider-
spruchsfrei und realitätsnah dargelegt, wie sein Onkel zuerst entschieden
hat, er solle die Koranschule besuchen und danach für ihn bestimmte, die
Militärausbildung absolvieren zu müssen, zumal er selbst in der Armee tä-
tig ist (vgl. A9/13 Ziffer 7.01; A44/15 F26). Ein weiterer Hinweis auf die
Glaubhaftigkeit seiner problematischen Beziehung zu seinem Onkel ist
auch seine Angabe, er sei in Libyen in Haft der Aufforderung nicht nachge-
kommen, seine Familie zwecks Bezahlung eines Lösegelds zu kontaktie-
ren. Er habe Angst davor gehabt, seinen Onkel um Hilfe zu bitten und sei
deshalb noch während rund einem Monat inhaftiert gewesen (vgl. A44/15
F18–19). Der vom SEM erwähnte Widerspruch betreffend die Dokumente,
welche der Beschwerdeführer bei der Ausreise auf sich getragen habe, ist
unbeachtlich, zumal die Erklärung auf Beschwerdeebene plausibel ist und
es sich dabei um den einzigen Widerspruch in den insgesamt vier Befra-
gungen handelt.
6.3
6.3.1 Nachdem die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht als unglaub-
haft bezeichnet werden können, ist nachstehend deren Asylrelevanz zu
prüfen.
6.3.2 Eine Verfolgung durch nichtstaatliche Akteure kann grundsätzlich
flüchtlingsrechtlich relevant sein, wenn es der betroffenen Person nicht
möglich ist, davor im Heimatstaat adäquaten Schutz zu finden (vgl. EMARK
2006 Nr. 18). Unabhängig von der Frage, ob der Beschwerdeführer in die-
sem Sinne eine begründete Furcht vor Verfolgung durch seinen Onkel hat,
und ob dieser aufgrund seiner Position in der guineischen Armee allenfalls
als staatlicher Akteur gelten könnte, hängt die Flüchtlingseigenschaft da-
von ab, ob der geltend gemachten Verfolgung ein flüchtlingsrechtlich rele-
vantes Motiv gemäss Art. 3 Abs. 1 AsylG (Rasse, Religion, Nationalität, Zu-
E-158/2020
Seite 16
gehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, politische Anschauun-
gen) zugrunde liegt. Dabei gilt es zu beachten, dass eine Verfolgung im
Sinne des Asylgesetzes und des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) immer wegen des Seins
(d. h. des Anders-Seins), nicht wegen des Tuns erfolgt. Flüchtlingsrechtlich
relevant wird eine Verfolgung dann, wenn sie wegen eines in der Person
liegenden Merkmals, das untrennbar mit ihr oder ihrer Persönlichkeit ver-
bunden ist, erfolgt, mithin in diskriminierender Weise an ein persönliches
Merkmal, das sie "andersartig" macht, anknüpft. Der Verfolger kann zwar
vordergründig auf die Handlungsweise einer Person abzielen (z. B. Teil-
nahme an einer Demonstration oder Besuch eines Gottesdienstes), der
Eingriff wird aber nur dann für die Flüchtlingseigenschaft bedeutsam, wenn
er die hinter der betreffenden Handlung steckende Gesinnung oder Eigen-
art der Person treffen will (vgl. EMARK 2006 Nr. 32; bestätigt in den Urtei-
len des BVGer D-1257/2020 vom 16. März 2020 E. 5.5.1 und
E-5925/2019 vom 26. November 2019 E. 7.1).
6.3.3 Vorliegend ist hinsichtlich der Frage, ob ein flüchtlingsrechtlich rele-
vantes Verfolgungsmotiv gegeben ist, offensichtlich, dass der Beschwer-
deführer nicht wegen seiner Religion, seiner Nationalität oder seinen poli-
tischen Anschauungen einer Gefährdung ausgesetzt ist. Hingegen machte
er auf Beschwerdeebene geltend, es handle sich bei Waisen in Guinea um
eine soziale Gruppe im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG, der er zuzuordnen
sei. Zudem gehöre er der Ethnie der Soninke an, welche in Guinea eine
Minderheit ist. Seine erlittenen Nachteile würden ferner auf einem ge-
schlechtsspezifischen Verfolgungsmotiv beruhen.
6.3.4 Das Kriterium der "Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen
Gruppe" bezieht sich auf Personen, die ein Kollektiv bilden, das sich durch
ein gemeinsames soziales Merkmal auszeichnet, welches Anknüpfungs-
punkt und Anlass für sachlich nicht gerechtfertigte Verfolgungsmassnah-
men bildet. Vorliegend wurde dem Beschwerdeführer indes nicht wegen
der Zugehörigkeit zu einer zur Verfolgung ausgesonderten bestimmten
Gruppe, d. h. wegen seines "Anders-Seins", von seinem Onkel gesucht,
misshandelt und der sexuellen Gewalt ausgesetzt, sondern weil er von zu-
hause weggegangen ist, sich mehrere Tage versteckt und sich den Anord-
nungen seines Onkels widersetzt hat (d. h. des "Tuns"). Die Bedrohungs-
situation hat mithin nicht seine Eigenschaft als Waise an sich ausgelöst. Er
wurde nicht misshandelt, weil er Waise ist. Ebenso war auch seine ethni-
sche Zugehörigkeit, welche er mit seinem Onkel teilt, nicht der Grund der
geltend gemachten Verfolgung. Dasselbe gilt für sein Vorbringen, er sei
E-158/2020
Seite 17
geschlechtsspezifisch verfolgt worden: Die Nachteile, die er erlitten hatte,
trafen ihn nicht aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung als Mann; sie
zielten nicht darauf ab, ihn aufgrund seines Geschlechts schwerwiegend
zu diskriminieren. Die behauptete Straftat knüpfte vielmehr an seinem Ver-
halten an, welches im Widerspruch zu den Anweisungen seines Onkels
stand. Die Frage, ob guineische Waisen überhaupt bestimmte soziale
Gruppen im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG darstellen können, kann daher
offenbleiben.
Nach dem Gesagten ist das Vorliegen eines Verfolgungsmotivs im Sinne
von Art. 3 Abs. 1 AsylG zu verneinen.
6.4 Der Beschwerdeführer erfüllt damit die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG nicht, weshalb das SEM das Asylgesuch im Ergebnis zu Recht
abgelehnt hat.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3
BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AlG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AlG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
E-158/2020
Seite 18
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AlG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Beim Vorliegen
einer Erkrankung kann nur dann auf die Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs geschlossen werden, wenn eine dringend notwendige me-
dizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht und die
Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des
Gesundheitszustands der betroffenen Person führt. Die Unzumutbarkeit ist
nicht allein deshalb zu bejahen, wenn im Heimatstaat eine nicht dem
schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung mög-
lich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3, 2009/2 E. 9.3.2). Der Vollzug ist schliess-
lich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder in den
Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausreisen oder
dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AlG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Aufgrund der eingetretenen Volljährigkeit erübrigen sich inhaltliche
Ausführungen zum Kindeswohl im Urteilszeitpunkt.
8.3 Die Vorinstanz stellt sich auf den Standpunkt, dass weder die in Guinea
herrschende politische Situation noch andere Gründe gegen die Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs sprechen würden. Der Beschwerdeführer
habe seine Mitwirkungspflicht verletzt, indem er Informationen über seine
familiären Verhältnisse verheimlicht und sich nicht bemüht habe, heimatli-
che Dokumente zu besorgen. Die Angaben zu seinen familiären Umstän-
den seien unglaubhaft; insbesondere habe er nur unsubstanziierte Aussa-
gen über den Tod seines Vaters sowie die aktuellen Lebensumstände sei-
ner Mutter gemacht. Es sei nicht nachvollziehbar, dass seine Mutter ihn
nach dem Tod seines Vaters beim Onkel gelassen habe, ohne sich weiter-
hin um ihn zu kümmern. Die familiäre Situation des Beschwerdeführers ge-
stalte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit weit besser, als von ihm dargelegt.
Deshalb sei davon auszugehen, dass er in seinem Heimatland über ein
tragfähiges Familiennetz verfüge und dorthin zurückkehren könne.
E-158/2020
Seite 19
8.4 Der Beschwerdeführer hält dem entgegen, er habe seine Mitwirkungs-
pflicht nicht verletzt, vielmehr habe er all das ausgesagt, was er wisse. Als
sein Vater verstorben sei, sei er ungefähr acht Jahre alt gewesen. Seine
Mutter habe sich nicht dem Onkel unterwerfen wollen, weshalb es nach-
vollziehbar sei, dass sie den gemeinsamen Haushalt verlassen habe. In
dem Quartier, in dem er gewohnt habe, existierten weder imposante Ge-
bäude noch Adressen, weshalb er die Fragen der Vorinstanz zu seinem
Heimatort nicht habe beantworten können. Die Namen der Quartiere, den
Standort seines Hauses sowie die dortigen Machtverhältnisse habe er be-
schreiben können. Er fürchte sich zum heutigen Zeitpunkt noch mehr vor
seinem Onkel als vor seiner Ausreise, da er ihn bestohlen habe und dann
ohne seine Zustimmung sein Heimatland verlassen habe. Falls er zu ihm
zurückkehren müsse, würde ihm eine nach Art. 3 EMRK verbotene Be-
handlung drohen, weshalb der Wegweisungsvollzug sich als unzulässig er-
weise.
Er habe weder eine schulische Bildung noch eine berufliche Ausbildung
abgeschlossen und sei nie einem Beruf nachgegangen. Überdies könne
ihn bei einer allfälligen Rückkehr niemand unterstützen, da seine Bekann-
ten selbst arm seien. Zudem gehöre er einer ethnischen Minderheit an. Er
würde aus diesen Gründen in eine existenzielle Notlage geraten. Des Wei-
teren sei er wegen seines Schwindels und seiner Schlaflosigkeit auf eine
psychologische Unterstützung angewiesen, zu welcher er ohne finanzielle
Unterstützung in seinem Heimatland keinen Zugang habe. Eine Rückkehr
erweise sich auch im Hinblick auf die angespannte politische Lage in
Conakry als unzumutbar. Mit dem Verweis auf seine Aktivitäten in der Fuss-
ballmannschaft, seine guten Schulleistungen sowie seine neu geknüpften
Freundschaften macht er implizit eine fortgeschrittene Integration in der
Schweiz geltend.
8.5
8.5.1 Die Vorinstanz wies in ihrer Verfügung zutreffend darauf hin, dass das
Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt,
die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder
glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der
Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden.
Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Guinea ist demnach unter
dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
E-158/2020
Seite 20
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Weder die allgemeine Menschenrechtslage noch der
Umstand, dass der Beschwerdeführer ethnischer Soninke ist, lassen den
Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als unzulässig erscheinen
(vgl. Urteil des BVGer D-2777/2019 vom 19. Juni 2019 E. 8.2).
8.5.2
8.5.2.1 Im Zusammenhang mit der vom SEM festgestellten Zumutbarkeit
des Wegweisungsvollzuges ist festzuhalten, dass das Gericht gemäss
ständiger Rechtsprechung und auch unter Berücksichtigung der aktuellen
Lage (Gewaltvorfälle und Massenproteste im Rahmen des Verfassungsre-
ferendums) davon ausgeht, dass in Guinea keine Situation von Krieg, Bür-
gerkrieg oder allgemeiner Gewalt herrscht (vgl. Urteile des BVGer
D-1233/2020 vom 15. April 2020 E. 6.5.2; E-1193/2020 vom 17. März 2020
E. 8.4.2; E-281/2020 vom 26. Februar 2020 E. 10.1.1; E-2710/2018 vom
4. Dezember 2019 E. 6.2 und E-6969/2017 vom 15. November 2019
E. 4.3).
8.5.2.2 Nachdem der Beschwerdeführer glaubhaft darlegen konnte, dass
er von seinem Onkel benachteiligt wurde und er sich vor den Konsequen-
zen aufgrund seiner Ausreise mit dem gestohlenen Geld desselben fürch-
tet, ist es nachvollziehbar, dass er nicht an seinen früheren Wohnort zu-
rückkehren möchte. Allerdings ist nicht auszuschliessen, dass ihm eine
Rückkehr zum Onkel zum heutigen Zeitpunkt zugemutet werden könnte.
Es steht nicht fest, ob die geltend gemachten Konflikte mit diesem noch
aktuell sind.
Dessen ungeachtet handelt es sich beim Beschwerdeführer um einen voll-
jährigen, jungen, arbeitsfähigen und gesunden Mann, der den Grossteil
seines Lebens in Guinea verbracht hat, dort sozialisiert wurde und eine
gewisse Schulbildung vorweisen kann. Das Bundesverwaltungsgericht
verkennt nicht, dass die Lebensbedingungen für den Beschwerdeführer in
Guinea schwierig gewesen sind, jedoch verfügt er in seinem Heimatland –
auch wenn allenfalls nicht über ein familiäres – über ein soziales Bezie-
hungsnetz, welches ihn bei der Wiedereingliederung unterstützen kann. Da
er sein ganzes Leben bis zur Ausreise Ende 2017 beziehungsweise Anfang
2018 und somit insbesondere die prägenden Jugendjahre in seinem Hei-
E-158/2020
Seite 21
matland verbracht hat, dort zur Schule ging und Fussball spielte, kann da-
von ausgegangen werden, dass er über zahlreiche Bekanntschaften ver-
fügt (vgl. A9/13 Ziffer 2.01; A44/15 F29). Seinen eigenen Aussagen zufolge
pflegt er nach wie vor Kontakt zu einem Freund (vgl. A44/15 F6, F80). Bei
einem Freund (mutmasslich demselben) hat er vor seiner Ausreise Unter-
schlupf gefunden (vgl. A44/15 F26). Der Zeitpunkt seiner Ausreise liegt
noch nicht sehr lange zurück und er ist mit der heimatlichen Kultur und
Sprache bestens vertraut, so dass ihm eine Reintegration und das Anknüp-
fen an bestehende respektive das Schliessen neuer Beziehungen in der
Heimat gelingen dürfte. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Guinea für sich eine
tragfähige Existenz aufbauen kann und nicht in eine Notlage geraten wird,
zumal ihm auch die Möglichkeit offensteht, in der Schweiz finanzielle Rück-
kehrhilfe zu beantragen.
Bis anhin hat der Beschwerdeführer keinen Nachweis für seine geltend ge-
machten psychischen Probleme (Schwindel und Schlaflosigkeit) erbracht.
Es ist nicht davon auszugehen, dass diese Beeinträchtigung einer Rück-
kehr im Weg steht. Überdies sind aus den Akten keine Bemühungen sei-
nerseits ersichtlich, eine psychologische Behandlung in Anspruch zu neh-
men. Deshalb ist davon auszugehen, dass eine solche nicht notwendig er-
scheint, womit sich weitere inhaltliche Ausführungen zur medizinischen
Versorgung in Guinea erübrigen.
Der Beschwerdeführer hält sich nun seit rund eineinhalb Jahren in der
Schweiz auf, womit auch nicht von einer derart fortgeschrittenen Integra-
tion auszugehen wäre, welche gegebenenfalls einer gesonderten Betrach-
tung bedürfen würde. Auch dieser Aspekt spricht nicht gegen den Wegwei-
sungsvollzug.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung sowohl in
genereller als auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
8.5.3 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
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Seite 22
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung ist jedoch auf die Erhebung von Verfah-
renskosten zu verzichten.
11.
Das Gesuch um Bestellung einer unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im
Sinne von aArt. 110a Abs. 1 AsylG wurde mit Zwischenverfügung vom
24. Januar 2020 gutgeheissen und dem Beschwerdeführer die rubrizierte
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Die notwen-
digerweise erwachsenen Parteikosten sind deshalb durch das Bundesver-
waltungsgericht zu übernehmen (vgl. aArt. 110a Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 9–
14 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der in
den Kostennoten vom 29. Oktober 2019 sowie vom 15. Februar 2020 auf-
geführte zeitliche Aufwand, insbesondere die geltend gemachten neun
Stunden für das Verfassen der Beschwerde und diesbezügliche Recher-
chen, erweist sich mit Blick auf den Umstand, dass der vorliegende Fall
weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht besonders komplex er-
scheint, als überhöht und wird entsprechend angepasst. Der Rechtsvertre-
terin ist insgesamt ein amtliches Honorar von Fr. 1'182.65 (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) zu-
lasten der Gerichtskasse zuzusprechen (Art. 12 und Art. 14 Abs. 2 VGKE).
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