Decision ID: 964178b7-6e9a-54b8-8ffa-abea6ce63da5
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im März 2011 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, sie sei verheiratet und habe zwei
Kinder (Jahrgang 200_ und 200_). Sie habe in ihrem Herkunftsland während sechs
Jahren die Schule besucht, sie habe keine Berufsausbildung absolviert und sie sei
aktuell nicht erwerbstätig. Einem später eingereichten Lebenslauf liess sich entnehmen,
dass sie in den Jahren 2000–2010 verschiedene Hilfsarbeiten verrichtet hatte (IV-act.
15). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete der Psychiater Dr. med. B._ am 17. Juni 2013
ein fachärztliches Gutachten (IV-act. 59). Er hielt fest, die Versicherte leide an einer
rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode bei
einer Persönlichkeit mit abhängigen Zügen und stattgefundenem sexuellen Missbrauch
in der Kindheit, in der Jugendzeit und in der Ehe sowie an Zwangsgedanken und einem
Grübelzwang. Die Versicherte sei in ärmlichen, emotional vernachlässigenden und
gewalttätigen familiären Verhältnissen aufgewachsen. Der alkoholkranke Vater sei oft
abwesend gewesen. Die an Depressionen leidende Mutter habe tatenlos zuhause im
Bett gelegen. Oft habe das Geld für das Beschaffen von Essen gefehlt. Die Versicherte
sei von einem Schwager, einem Cousin und einem drogenabhängigen Bruder über
Jahre hinweg mit Wissen der Eltern sexuell missbraucht worden. Seit etwa dem Jahr
1997 habe sich schleichend eine depressive Störung entwickelt. Diese sei erstmals im
Jahr 2008 klinisch manifest geworden. Die Versicherte habe sich ab dem Jahr 2008
viermal in einer stationären psychiatrischen Behandlung befunden, was jeweils zu einer
Besserung, aber nicht zu einer Remission der depressiven Störung geführt habe.
Aktuell werde die Versicherte ambulant behandelt. Sie bewege sich mit den
Erziehungsaufgaben und der Haushaltführung gerade so an der Grenze der
Belastbarkeit. Nach Angabe der behandelnden Psychiaterin lasse sich mit
A.a.
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gelegentlichen Notfallkonsultationen eine weitere stationäre Behandlung gerade noch
vermeiden. Die Verschlechterungen des psychischen Gesundheitszustandes in der
Vergangenheit hätten jeweils in einem unmittelbaren Zusammenhang mit häuslicher
Gewalt und Drohungen durch den Ehemann (von dem die Versicherte nun schon seit
längerer Zeit getrennt lebe) und der Erkrankung eines der Kinder gestanden. Es sei
nicht auszuschliessen, dass eine Verbesserung der psychosozialen Verhältnisse und
eine Stabilisierung des Gesundheitszustandes in Zukunft wieder das Attest einer
Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent oder mehr erlauben könnten; aktuell sei der
Versicherten aber nur eine Tätigkeit im geschützten Rahmen möglich. Mit einer
Verfügung vom 22. November 2013 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung
ab dem 1. September 2011 eine ganze Rente bei einem mittels eines („reinen“)
Einkommensvergleichs ermittelten Invaliditätsgrad von 100 Prozent zu (IV-act. 71).
Im September 2016 forderte die IV-Stelle die Versicherte auf, einen Fragebogen
zur Überprüfung des Rentenanspruchs auszufüllen. In diesem Fragebogen gab die
Versicherte an, ihr Gesundheitszustand habe sich nicht verändert (IV-act. 84). Der
Psychiater Dr. med. C._ berichtete im März 2017 (IV-act. 96), die Versicherte leide an
einer depressiven Störung mit Zwangsgedanken sowie an einer selbstunsicheren
Persönlichkeitsstörung, die sich allerdings nicht auf die Arbeitsfähigkeit auswirke. Sie
habe einen Arbeitsversuch mit einem Pensum von 50 Prozent in einem geschützten
Rahmen begonnen. Aus psychiatrischer Sicht könne prognostisch davon ausgegangen
werden, dass die Versicherte mittels geeigneter therapeutischer Massnahmen in
diesem Umfang erwerbstätig sein könne. Ob die Versicherte auch auf dem freien
Arbeitsmarkt erwerbstätig sein könne, lasse sich aktuell nicht mit Bestimmtheit sagen.
Im April 2017 notierte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD), die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. B._ sei nicht nachvollziehbar. Dessen
Gutachten enthalte zudem zahlreiche Hinweise auf psychosoziale Belastungsfaktoren,
von denen einige gemäss den Akten zwischenzeitlich entfallen seien. Im November
2017 empfahl der RAD-Arzt Dr. D._ eine psychiatrische Verlaufsbegutachtung (IV-
act. 102). Die geplante Begutachtung musste allerdings verschoben werden, da die
Versicherte schwanger war und im ._ 201_ ihr drittes Kind gebar (vgl. IV-act. 106 ff.).
In einem Fragebogen der IV-Stelle gab sie im Juni 201_ an (IV-act. 122), sie wäre ohne
ihre Gesundheitsbeeinträchtigung zu 50 Prozent als Verkäuferin erwerbstätig, da sie
A.b.
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drei Kinder habe, wovon sich eines noch im Säuglingsalter befinde. Am 10. September
2018 fand eine Haushaltsabklärung statt. Im entsprechenden Bericht hielt der
Sachbearbeiter der IV-Stelle fest (IV-act. 128), die Einschränkung im Haushalt sei
gestützt auf die Angaben der Versicherten auf insgesamt 7,05 Prozent zu schätzen.
Dabei sei bereits eine Mithilfe des Lebenspartners von etwa 40 Minuten pro Tag
berücksichtigt. Im Gespräch habe die Versicherte bestätigt, dass sie ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung in einem Pensum von 50 Prozent erwerbstätig wäre.
Nachträglich habe sie ihre im Abklärungsbericht wiedergegebene Aussage revidiert
und angegeben, dass sie aus finanziellen Gründen in einem Pensum von 80–100
Prozent erwerbstätig wäre, wenn sie gesund wäre, da sie aus finanziellen Gründen auf
ein entsprechendes Erwerbseinkommen angewiesen sei. Ihr Lebenspartner unterstütze
sie nämlich finanziell nicht. Der Sachbearbeiter der IV-Stelle hielt fest, diese
nachträgliche Angabe sei unglaubwürdig. Zudem habe die Versicherte nicht erklärt, wie
die Betreuung des jüngsten Kindes gewährleistet werden könnte, wenn sie zu 80–100
Prozent erwerbstätig wäre.
Am 29. Januar 2019 erstattete der Psychiater Dr. med. E._ im Auftrag der IV-
Stelle ein fachärztliches Gutachten (IV-act. 134). Er hielt fest, die Versicherte leide an
einer rezidivierenden, gegenwärtig remittierten depressiven Störung, an einer
Zwangsstörung mit vorwiegend Zwangsgedanken oder einem Grübelzwang sowie an
einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit selbstunsicheren und emotional-
instabilen Zügen. Retrospektiv sei davon auszugehen, dass sich der
Gesundheitszustand seit der Geburt der Tochter langsam verbessert habe. Da der
Beginn und der Verlauf dieser Verbesserung nicht genauer bestimmt werden könnten,
sei erst ab dem Datum der aktuellen Untersuchung (Dezember 2018) von einer
Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent auszugehen. Der RAD-Arzt Dr. D._ qualifizierte das
Gutachten als überzeugend (IV-act. 135). Mittels eines Einkommensvergleichs
errechnete ein Sachbearbeiter der IV-Stelle einen Invaliditätsgrad von 50 Prozent (IV-
act. 136). Mit einem Vorbescheid vom 26. Februar 2019 teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit (IV-act. 138), dass sie die Aufhebung der Invalidenrente vorsehe. Zur
Begründung führte sie an, die Versicherte sei neu als zu 50 Prozent erwerbstätig und
als zu 50 Prozent im Aufgabenbereich Haushalt tätig zu qualifizieren. Im
Erwerbsbereich liege gestützt auf das Gutachten von Dr. E._ ein Invaliditätsgrad von
A.c.
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50 Prozent vor, was unter Berücksichtigung der Gewichtung des Erwerbsbereichs mit
50 Prozent einen Teilinvaliditätsgrad von 25 Prozent ergebe. Im Aufgabenbereich
Haushalt betrage der Invaliditätsgrad sieben Prozent, was unter Berücksichtigung der
Gewichtung des Aufgabenbereichs mit 50 Prozent einen Teilinvaliditätsgrad von vier
Prozent ergebe. Der Gesamtinvaliditätsgrad betrage folglich 25 + 4 = 29 Prozent.
Dagegen wandte die Versicherte am 28. März 2019 ein (IV-act. 144), ihr
Gesundheitszustand habe sich seit der Begutachtung wieder verschlechtert. Im
Dezember 2018 sei ihre Ehe endlich geschieden worden. Ihr Ex-Mann schulde ihr aber
keine Unterhaltsleistungen, weshalb sie ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung
wirtschaftlich gezwungen wäre, in einem Pensum von 80–100 Prozent zu arbeiten.
Mangels einer Berufsausbildung wäre sie sonst nicht in der Lage, einen zur Deckung
des Lebensbedarfs ausreichenden Lohn zu erzielen. Zudem sei sie überhaupt nicht in
der Lage gewesen, die entsprechende Frage im Fragebogen, den sie vor der
Haushaltsabklärung habe ausfüllen müssen, richtig zu verstehen. Im März 2019 habe
sie ein weiteres Kind zur Welt gebracht.
Im Juni 2019 fand eine weitere Haushaltsabklärung statt. Der Sachbearbeiter der
IV-Stelle hielt in seinem Bericht fest (IV-act. 152), die Versicherte habe angegeben,
dass sie ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung in einem Vollpensum erwerbstätig
wäre. Ihr Lebensgefährte erhalte einen tiefen Lohn, von dem er zudem noch einen
Drittel als Unterhaltsleistungen für seine beiden aus einer früheren Beziehung
stammenden Kinder abgeben müsse. Wäre die Versicherte voll erwerbstätig, würde sie
die Kleinkinder in einen Kinderhort geben. Der Sachbearbeiter führte aus, die
Versicherte sei schlank und gut aussehend. Er könne nicht abschätzen, wie
authentisch ihre Aussagen seien. Ihm sei aufgefallen, dass sie nicht vorgealtert gewirkt
und eine eher sportliche Figur aufgewiesen habe. Gestützt auf die Aussagen der
Versicherten betrage die Einschränkung im Haushalt 16,5 Prozent, wenn man die
Schadenminderungspflicht des Lebenspartners berücksichtige. Ohne die
Berücksichtigung dieser Schadenminderungspflicht würde sich die Einschränkung auf
29,4 Prozent belaufen. Der behandelnde Psychiater Dr. C._ berichtete am 19.
September 2019 (IV-act. 157), die Versicherte leide an einer gegenwärtig leichtgradig
ausgeprägten rezidivierenden depressiven Störung, an einer Zwangsstörung, an einer
Persönlichkeitsstörung mit selbstunsicheren Zügen, an rezidivierenden Lumbalgien
A.d.
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sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einem Carpaltunnelsyndrom
beidseits. Die Beziehung zum Lebenspartner sei emotional stark belastend. Dieser sei
tagsüber und bis spätabends jeweils ausser Haus. Die Versicherte erziehe ihre beiden
Kinder praktisch allein.
Die IV-Stelle beauftragte am 3. Dezember 2019 den Psychiater Prof. Dr. F._ und
den Orthopäden Dr. med. G._ mit einer bidisziplinären Begutachtung der
Versicherten (IV-act. 162). Am 10. Februar 2020 erstatteten die Sachverständigen das
in Auftrag gegebene bidisziplinäre Gutachten (IV-act. 164). Bei der Fertigstellung des
Gutachtens war es allerdings zu mehreren „Kopierfehlern“ gekommen, sodass einzelne
Abschnitte des Gutachtens eine andere versicherte Person betrafen, weshalb die IV-
Stelle die Sachverständigen aufforderte, das Gutachten redaktionell zu verbessern (vgl.
IV-act. 170 f.). Im April 2020 ging das verbesserte Gutachten bei der IV-Stelle ein (IV-
act. 172). Der psychiatrische Sachverständige Prof. Dr. F._ hatte festgehalten, in der
aktuellen Untersuchung habe er eine wenig belastbare Versicherte angetroffen, die
deutliche affektive Schwankungen gezeigt habe. Es habe eine Störung der Nähe-
Distanzregulation bestanden. Auch das Selbstbildnis der Versicherten sei gestört
gewesen. Diagnostisch stehe eine kombinierte Persönlichkeitsstörung im Vordergrund.
Die rezidivierenden depressiven Einbrüche, die gegenwärtige leichtgradige depressive
Episode und die Zwangsgedanken seien aus dieser Persönlichkeitsstörung erwachsen.
Weitere psychiatrische Erkrankungen lägen nicht vor. Die Kriterien für eine
posttraumatische Belastungsstörung seien ebenso wenig erfüllt wie jene für eine
andauernde Persönlichkeitsänderung, wie Dr. E._ bereits überzeugend aufgezeigt
habe. Die Ausführungen von Dr. B._ in dessen Gutachten vom 17. Juni 2013 sowie
die Ausführungen von Dr. E._ in dessen Gutachten vom 29. Januar 2019 seien
nachvollziehbar. Bezüglich der von Dr. C._ angeführten Diagnosen sei anzumerken,
dass nicht nur eine selbstunsichere Persönlichkeitsstörung, sondern vielmehr eine
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit unsicheren und emotional instabilen Anteilen
vorliege. Der behandelnde Psychiater Dr. C._ habe sein Attest einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit medizinisch nicht hinreichend begründet. Zudem habe er seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung teilweise mit psychosozialen Belastungsfaktoren
untermauert, bei denen es sich aber um „IV-fremde Faktoren“ handle. Die Ergebnisse
der Haushaltsabklärung gemäss dem Bericht vom 20. Juli 2019 erschienen aus
A.e.
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medizinischer Sicht als weitgehend korrekt, wobei er, Prof. Dr. F._, aber eher den
Eindruck erhalten habe, dass die Versicherte auch im Haushalt zu 50 Prozent
eingeschränkt sein dürfte, wenn sie diesen alleine führen müsste. Entgegen der
Angaben von Dr. C._ helfe der Partner aber sehr wohl bei der Haushaltsführung und
bei der Kinderbetreuung mit. In der ergebnisoffenen medizinischen Beurteilung der
Standardindikatoren sei aus psychiatrischer Sicht von einem mässiggradigen
Gesundheitsschaden auszugehen. Die Ich-Strukturen seien durch die schwer
traumatisierenden sexuellen Übergriffe in der Kindheit und die emotionale Deprivation
nachhaltig gestört worden. Die psychische Resilienz sei aufgrund der anhaltenden
Stressoren in der Kindheit nachhaltig gemindert. In der Literatur sei aufgezeigt worden,
dass traumatische Erlebnisse in der Kindheit langfristig zu einer Stressintoleranz bei
einer verminderten Dämpfung der Cortisolrezeptoren und damit zu einer vermehrten
Aktivierung des gesamten Stresssystems führten, welches dann bei externen
zusätzlichen Belastungsfaktoren dekompensieren könne. In der Wissenschaft spreche
man von einer epigenetischen Umprogrammierung, die lebenslang eine vermehrte
Stressanfälligkeit bewirke. Hierdurch sei klinisch eine vermehrte Erschöpfbarkeit bei
einer verminderten psycho-physischen Belastbarkeit bedingt. Die Einschränkung der
Versicherten sei damit wissenschaftlich erklärbar und klinisch nachvollziehbar. Die
verminderte Belastbarkeit der Versicherten sei aus gutachterlicher Sicht somit
nachvollziehbar. Die Versicherte sei gezwungen, mit ihren Kräften zu haushalten. Ein
Leidensdruck sei ausgewiesen. Die Versicherte sei nicht in der Lage, durch eine eigene
Willensanstrengung die Symptome ihrer psychischen Störungen zu überwinden. Die
Belastbarkeit und die Durchhaltefähigkeit seien deutlich beeinträchtigt. Die
Ressourcenlage der Versicherten sei dünn. Die Versicherte könne entweder im
Haushalt tätig sein, wobei eine Einschränkung von 30–50 Prozent bestehe, oder aber
einer ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit im Umfang von 50 Prozent nachgehen. Bei
einer ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit blieben keine Ressourcen für die
Haushaltsbesorgung übrig; führe die Versicherte den Haushalt, könne sie maximal im
Umfang von zehn Prozent einer ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit nachgehen.
Gesamthaft habe sich der psychiatrische Sachverhalt seit der ursprünglichen
Rentenzusprache im November 2013 nicht geändert. Die von jener im Gutachten von
Dr. B._ abweichende Arbeitsfähigkeitsschätzung sei der Ausdruck einer
anderslautenden Beurteilung eines unverändert gebliebenen Sachverhaltes. Der
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B.
orthopädische Sachverständige Dr. G._ hatte ausgeführt, die Versicherte leide an
einem belastungsabhängig vermehrten lumbo-spondylogenen Schmerzsyndrom ohne
eine Radiculopathie sowie an belastungsabhängig vermehrten Beschwerden im
Bereich der Fingermittelgelenke bei einer Bouchardarthrose, gegenwärtig ohne eine
Funktionseinschränkung. Diese Diagnosen wirkten sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit
aus. Weder gegenwärtig noch rückblickend hätten je somatische Befunde vorgelegen,
die die Arbeitsfähigkeit der Versicherten für die zuletzt ausgeübte oder für eine
angepasste Tätigkeit zu mehr als 20 Prozent beeinträchtigt hätten. In ihrer
Konsensbeurteilung hatten die Sachverständigen festgehalten, dass für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung nur die psychische Problematik massgebend sei. Für
leidensadaptierte Tätigkeiten sei deshalb ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 50 Prozent zu
attestieren. Allerdings verblieben damit nicht mehr genügend Kräfte für die Haushalts
führung. Müsse die Versicherte ihren Haushalt besorgen, sei sie nur zu zehn Prozent
arbeitsfähig. Ohne eine berufliche Belastung sei von einer Einschränkung im Haushalt
von 30–50 Prozent auszugehen.
Ein Sachbearbeiter der IV-Stelle notierte im April 2020 (IV-act. 174), die Versicherte
sei als zu je 50 Prozent im Haushalt und im Erwerb tätig zu qualifizieren. Die
Einschränkung im erwerblichen Bereich betrage 90 Prozent, was unter
Berücksichtigung der Gewichtung des Erwerbsbereichs mit 50 Prozent einen
Teilinvaliditätsgrad von 45 Prozent ergebe. Die Einschränkung im Haushalt betrage 24
Prozent, was unter Berücksichtigung der Gewichtung des Aufgabenbereichs Haushalt
mit 50 Prozent einen Teilinvaliditätsgrad von zwölf Prozent ergebe. Der
Gesamtinvaliditätsgrad betrage folglich 57 Prozent. Mit einem Vorbescheid vom 20.
April 2020 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die Herabsetzung der
laufenden ganzen Rente auf eine halbe Rente vorsehe (IV-act. 175). Mit einer Verfügung
vom 10. Juni 2020 setzte sie die laufende ganze Rente per 1. August 2020 auf eine
halbe Rente herab (IV-act. 184). Mit zwei weiteren Verfügungen setzte sie gleichentags
die beiden Kinderrenten zur Rente der Versicherten herab (IV-act. 185 f.).
A.f.
Am 17. August 2020 liess die nun anwaltlich vertretene Versicherte (nachfolgend:
die Beschwerdeführerin) beim Obergericht Trogen eine Beschwerde gegen die drei
B.a.
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Verfügungen vom 10. Juni 2020 erheben (act. G 1.1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügungen, die Weiterausrichtung einer vollen (recte:
ganzen) Invalidenrente über den 31. Juli 2020 hinaus und die Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtspflege. Zur Begründung führte er aus, die Beschwerdeführerin
habe anlässlich der Haushaltsabklärung angegeben, dass sie im hypothetischen
„Gesundheitsfall“ vollerwerbstätig wäre. Von dieser Angabe habe die IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) nicht einfach so abweichen dürfen. Es sei
durchaus nicht unüblich, dass eine Mutter von zwei Kleinkindern vollerwerbstätig sei.
Bereits als die beiden älteren Kinder noch Kleinkinder gewesen seien, also in den
Jahren 200_–200_ und 200_–200_, habe die Beschwerdeführerin in einem Vollpensum
ausser Haus gearbeitet. Zudem enthalte der Haushaltsabklärungsbericht verschiedene
Aussagen, die an der Professionalität des Abklärungsbeauftragten (der offenbar ein
„Spezialist IV-Renten“ und kein Abklärungsbeauftragter sei) zweifeln liessen. So habe
dieser offenkundig von der äusseren Erscheinung der Beschwerdeführerin auf deren
psychischen Zustand geschlossen, was unhaltbar sei. Dem Lebenspartner der
Beschwerdeführerin könne keine Schadenminderungspflicht zugemutet werden, da
dieser einer körperlich schweren Tätigkeit auf dem Bau nachgehe und gerade in den
Sommermonaten massiv Überzeitarbeit leisten müsse. Er habe keine Kapazitäten, um
die Beschwerdeführerin massgebend zu unterstützen.
Mit einer Verfügung vom 21. August 2020 trat das Obergericht Trogen mangels
örtlicher Zuständigkeit nicht auf die Beschwerde ein; es überwies diese an das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen (act. G 1.3). Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in formelle Rechtskraft (act. G 2). Das Versicherungsgericht trat in der
Folge auf die Beschwerde ein (act. G 3).
B.b.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 18. November 2020 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 7). Zur Begründung führte sie an, die Beschwerdeführerin sei
zwischenzeitlich vierfache Mutter. Nach der Geburt des dritten Kindes habe sie
angegeben, dass sie nur noch zu 50 Prozent erwerbstätig wäre. Erst später habe sie
ihren Standpunkt geändert. Nach der Beweismaxime der „Aussage der ersten Stunde“
müsse diese erste Angabe als überzeugender als die spätere Angabe qualifiziert
werden. Die Kosten für eine Kindertagesstätte wären zudem so hoch, dass sich die
B.c.
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Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen
Verfügungen vom 10. Juni 2020 auf deren Rechtmässigkeit. Diese drei Verfügungen
haben alle denselben Gegenstand betroffen, nämlich die Herabsetzung der laufenden
Rente der Beschwerdeführerin, die sich aus der „Hauptrente“ und zwei Kinderrenten
zusammengesetzt hat. Den Gegenstand des mit diesen Verfügungen abgeschlossenen
Verwaltungsverfahrens hat die Frage nach einer relevanten Sachverhaltsveränderung
im Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG gebildet. Folglich muss sich auch dieses
Beschwerdeverfahren auf die Beantwortung der Frage beschränken, ob sich der
massgebende Sachverhalt nach der ursprünglichen Rentenzusprache so verändert hat,
dass die laufende Rente hat revisionsweise im Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG
angepasst werden müssen.
2.
Der Sachverständige Prof. Dr. F._ hat in seinem überzeugenden Teilgutachten
festgehalten, dass die Beschwerdeführerin bei der aktuellen Untersuchung objektiv
wenig belastbar gewesen sei und eine Störung der Nähe-Distanzregulation gezeigt
habe. Das Selbstbildnis sei gestört gewesen. Klinisch hätten Zwangsgedanken und
eine gegenwärtig leichtgradige depressive Störung objektiviert werden können. Diese
Störungen hätten sich aus der kombinierten Persönlichkeitsstörung heraus entwickelt.
Der objektive klinische Befund stimme mit jenem Bild überein, das aus
wissenschaftlicher Sicht angesichts der von der Beschwerdeführerin durchlebten
schwer traumatisierenden Übergriffe sowie der emotionalen Deprivation in der Kindheit
zu erwarten sei. Das Zustandsbild der Beschwerdeführerin habe sich also nicht nur
klinisch objektivieren lassen, sondern es sei auch wissenschaftlich gut erklärbar. Die
Folgen respektive die klinisch objektivierbaren Einschränkungen seien längst verfestigt.
Aufnahme einer Vollerwerbstätigkeit gar nicht lohnen würde. Der Abklärungsbericht sei
in jeder Hinsicht überzeugend.
Am 24. November 2020 wurde der Beschwerdeführerin die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt (act. G 8).
B.d.
Die Beschwerdeführerin liess am 11. Januar 2021 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).
B.e.
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Die Beschwerdeführerin leide an einer lebenslang vermehrten Stressanfälligkeit, die
sich klinisch in einer vermehrten Erschöpfbarkeit bei einer verminderten psycho-
physischen Belastbarkeit zeige. Die Beschwerdeführerin sei gezwungen, mit ihren
Kräften zu haushalten. Der Leidensdruck sei ausgewiesen. Bereits die beiden
Sachverständigen Dr. B._ und Dr. E._ hätten in deren Gutachten aus den Jahren
2013 und 2019 einen identischen objektiv klinischen Befund erhoben, was mit dem
Umstand übereinstimme, das aus wissenschaftlicher Sicht nicht mit wesentlichen
Veränderungen der massgebenden psychischen Störungen zu rechnen sei. Der
massgebende objektiv klinische Sachverhalt habe sich im Vergleich zu jenem in den
Jahren 2013 und 2019 nicht verändert. Der Umstand, dass er, Prof. Dr. F._, nicht –
wie Dr. B._ im Jahr 2013 – eine vollständige Arbeitsunfähigkeit, sondern – wie bereits
Dr. E._ im Jahr 2019 – nur eine Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent attestiert habe, sei
nicht auf eine Sachverhaltsveränderung in den Jahren 2013–2019 respektive 2013–
2020 zurückzuführen, sondern nur der Ausdruck einer anderslautenden Beurteilung
eines an sich unverändert gebliebenen Sachverhaltes. Auch der Sachverständige Dr.
G._ hat in seinem orthopädischen Teilgutachten festgehalten, dass angesichts der
von ihm selbst erhobenen objektiven klinischen Befunde und der Angaben in den
medizinischen Vorakten in den Jahren 2013–2020 keine relevante
Sachverhaltsveränderung eingetreten sei; die Beschwerdeführerin habe nie an einer
relevanten somatischen Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten, die ihre Arbeitsfähigkeit
je zu mehr als 20 Prozent eingeschränkt hätte. Gestützt auf das überzeugende
bidisziplinäre Gutachten von Prof. Dr. F._ und Dr. G._ steht also mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass sich der
massgebende medizinische Sachverhalt seit der ursprünglichen Rentenzusprache nicht
wesentlich verändert hat. Damit lässt sich eine revisionsweise Herabsetzung der Rente
also nicht erklären. Als Revisionsgrund kommt deshalb nur ein „Statuswechsel“ in
Frage. Der klare Wortlaut des Art. 17 Abs. 1 ATSG lässt eine Rentenrevision zwar nur
bei einer Veränderung des Invaliditätsgrades zu, was bedeutet, dass
Sachverhaltsveränderungen, die nicht direkt den Invaliditätsgrad betreffen (z.B.
Wohnsitzwechsel, Ehescheidung, Geburt von Kindern etc.), keinen Revisionsgrund im
Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG bilden können, aber das Bundesgericht vertritt seit
Jahrzehnten die Auffassung, dass auch Sachverhaltsveränderungen, die sich (wenn
überhaupt) nur indirekt auf den Invaliditätsgrad auswirken, einen Revisionsgrund im
Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG bilden könnten. So geht das Bundesgericht unter
anderem davon aus, dass eine Veränderung der familiären Verhältnisse einer
versicherten Person zu einem „Statuswechsel“ führen könnte, der wiederum zur
Bemessung der Invalidität anhand einer anderen Methode (z.B. „gemischte Methode“
statt Einkommensvergleich) zwinge, was schliesslich zur Folge haben könne, dass ein
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anderer Invaliditätsgrad als bei der ursprünglichen Rentenzusprache resultiere,
weshalb auch eine Veränderung der familiären Verhältnisse als ein Revisionsgrund im
Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG zu qualifizieren sei. Das Bundesgericht hat sich zwar,
soweit überblickbar, nie eingehend mit der fundierten Kritik im Schrifttum und in der
kantonalen Rechtsprechung an dieser Auffassung auseinandergesetzt, aber eine
Praxisänderung erscheint als höchst unwahrscheinlich, weshalb sich das
Versicherungsgericht genötigt sieht, eingehend zu prüfen, ob der „Statuswechsel“
einen relevanten Einfluss auf den Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin hat.
3.
Nach der bundesgerichtlichen Auffassung richtet sich die Antwort auf die Frage, in
welchem Pensum eine versicherte Person im hypothetischen „Gesundheitsfall“
erwerbstätig gewesen wäre, danach, was die versicherte Person „bei im Übrigen
unveränderten Umständen täte, wenn keine gesundheitliche Beeinträchtigung
bestünde“ (BGE 125 V 146 E. 2c S. 150). Zu berücksichtigen seien dabei die
persönlichen, die familiären, die sozialen und die erwerblichen Verhältnisse sowie
allfällige Erziehungs- und Betreuungsaufgaben gegenüber Kindern, das Alter, die
beruflichen Fähigkeiten, die Ausbildung, die persönlichen Neigungen und die
Begabungen (BGE 125 V 146 E. 2c S. 150). Die Beschwerdeführerin hat keine
Berufsausbildung absolviert, was bedeutet, dass sie bei einer vollzeitigen
Erwerbstätigkeit im hypothetischen „Gesundheitsfall“ lediglich ein durchschnittliches
Hilfsarbeiterinneneinkommen hätte erzielen können. Wäre sie bloss teilerwerbstätig
gewesen, hätte sie folglich nur einen Bruchteil eines durchschnittlichen
Hilfsarbeiterinneneinkommens erzielen können. Ihr Lebenspartner hat einen
Monatslohn von 4’000 Franken erzielt, wovon er allerdings 1’350 Franken als
Unterhaltszahlungen für seine zwei Kinder aus einer früheren Beziehung hat abgeben
müssen (IV-act. 152–4). Wäre die Beschwerdeführerin im hypothetischen
„Gesundheitsfall“ nicht erwerbstätig gewesen, hätte die Familie also von 2’650 Franken
leben müssen, was augenscheinlich unmöglich gewesen wäre. Hätte die
Beschwerdeführerin im hypothetischen „Gesundheitsfall“ nur in einem Pensum von 50
Prozent als Hilfsarbeiterin gearbeitet und damit lediglich die Hälfte eines
durchschnittlichen Hilfsarbeiterinnenlohns erzielt, hätten die Einnahmen noch immer
nicht zur Deckung des Lebensbedarfs der Familie ausgereicht, zumal die Beschwerde
führerin sich ja noch mit zusätzlichen Kosten für eine externe Kinderbetreuung
konfrontiert gesehen hätte. Bei einem Arbeitspensum von 50 Prozent wäre deshalb
wohl eine Sozialhilfeabhängigkeit eingetreten. Ohne Sozialversicherungsleistungen
hätte das ökonomisch einzig vernünftige Verhalten der Beschwerdeführerin darin
3.1.
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bestanden, einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin wäre dies trotz der Betreuungspflichten gegenüber den Kindern
durchaus möglich gewesen. Die beiden älteren Kinder sind bereits selbständig
gewesen und haben ohnehin nicht mehr bei der Beschwerdeführerin gewohnt, weshalb
die Behauptung der Beschwerdegegnerin, die Beschwerdeführerin hätte als vierfache
Mutter nicht voll erwerbstätig sein können, falsch ist. Die beiden jüngeren Kinder sind
ein und zwei Jahre alt gewesen. Eine Kinderbetreuung kann schon für Kinder
organisiert werden, die nur wenige Monate alt sind. Die Beschwerdeführerin hat in den
Jahren 200_ und 200_ vollzeitig gearbeitet (vgl. IV-act. 172–64 f.). Beim Antritt der
Arbeitsstelle im März 200_ ist die ältere Tochter etwas weniger als ._ Jahre alt
gewesen. Die jüngere Tochter ist während der Anstellung zur Welt gekommen; das
Anstellungsverhältnis hat erst geendet, als sie knapp ein halbes Jahr alt gewesen ist.
Danach hat die Beschwerdeführerin in Teilzeit verschiedene Erwerbstätigkeiten
ausgeübt. Ab dem Jahr 2006 ist sie wieder vollerwerbstätig gewesen. In den Jahren
200_–200_ hat sie – zusätzlich zum Lohn für die Teilzeittätigkeit – eine
Arbeitslosenentschädigung bezogen (vgl. IV-act. 5), was bedeutet, dass sie weiterhin in
einem Vollpensum erwerbstätig gewesen wäre, wenn sie schon vor dem Antritt der
Vollzeitstelle im Jahr 2006 eine Vollzeitstelle angetreten hätte, falls sie ein
entsprechendes Angebot erhalten hätte. Weshalb sie sich in der vergleichbaren
aktuellen Situation völlig anders verhalten hätte, wie die Beschwerdegegnerin
behauptet hat, ist nicht einzusehen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass die
Beschwerdeführerin damals bereits gesundheitlich beeinträchtigt gewesen ist und
folglich nicht über jene Leistungsfähigkeit verfügt hat, über die sie im hypothetischen
„Gesundheitsfall“ verfügt hätte. Für den hypothetischen „Gesundheitsfall“ ist deshalb
umso mehr davon auszugehen, dass sie trotz den Betreuungspflichten gegenüber den
beiden Kleinkindern wieder in einem Vollpensum erwerbstätig gewesen wäre. Unter
Berücksichtigung aller Umstände ist zusammenfassend offenkundig, dass die
Beschwerdeführerin im hypothetischen „Gesundheitsfall“ in der Lage und faktisch
sogar gezwungen gewesen wäre, einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit nachzugehen.
In letzter Zeit ist das Bundesgericht immer mehr dazu übergegangen, die
„Statusfrage“ entgegen seiner eigenen, oben wiedergegebenen Praxis nicht mehr
anhand sämtlicher Umstände des konkreten Einzelfalls, sondern ausschliesslich
aufgrund der – soweit überblickbar – in den Haushaltsabklärungsberichten nie korrekt,
das heisst wörtlich protokollierten Aussage der versicherten Person zu beantworten.
Das ist nicht nachvollziehbar, weil es nicht nur im direkten Widerspruch zur oben
erwähnten Praxis, sondern auch zum „allgemeinen“ beweisrechtlichen Grundsatz
steht, dass den subjektiven Angaben einer versicherten Person in aller Regel kein oder
3.2.
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nur ein reduzierter Beweiswert zugemessen wird. Hinzu kommt, dass gerade eine
versicherte Person, die – wie die Beschwerdeführerin – schon seit der Kindheit oder
Jugend dauerhaft in ihrer Gesundheit beeinträchtigt gewesen ist, nicht in der Lage sein
dürfte, sich in eine hypothetische „Gesundheitssituation“ zu versetzen, weil sie in ihrem
Leben noch nie über eine uneingeschränkte Leistungsfähigkeit verfügt hat und deshalb
gar nicht abschätzen kann, welche Leistung sie im hypothetischen „Gesundheitsfall“
effektiv erbringen könnte. Selbst wenn dessen ungeachtet auf die subjektive Angabe
der Beschwerdeführerin abzustellen wäre, müsste die von der Beschwerdegegnerin
gewählte „Qualifikation“ als falsch betrachtet werden. Die Beschwerdeführerin hat zwar
kurz nach der Geburt ihres dritten Kindes, als sie nach vielen Jahren wieder ein
Kleinkind hat betreuen müssen, angegeben, sie wäre nur zu 50 Prozent erwerbstätig.
Aber diese Angabe kann unter Berücksichtigung der damaligen Umstände keinen
ausreichenden Beweiswert haben. Den Berichten der behandelnden Ärzte und dem
Gutachten von Dr. E._ lässt sich nämlich entnehmen, dass die ungeplante
Schwangerschaft die Beschwerdeführerin in eine depressive Krise stürzte, von der sie
sich nach der Geburt erst langsam wieder erholt hat. Zudem hat die
Beschwerdeführerin immer wieder geltend gemacht, sie wolle ihrem dritten Kind eine
bessere Kindheit als den beiden älteren Kindern bieten, wobei zu beachten ist, dass die
Probleme mit den beiden älteren Kindern unter anderem auf die angeschlagene
Gesundheit der Beschwerdeführerin zurückzuführen gewesen sind. Jedenfalls ist es
der Beschwerdeführerin damals mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht möglich
gewesen, sich in den hypothetischen „Gesundheitsfall“ zu versetzen, das heisst ihre
langdauernde Gesundheitsbeeinträchtigung, die akute Krise, die mit der
Gesundheitsbeeinträchtigung in einem engen Zusammenhang stehenden massiven
psychosozialen Schwierigkeiten etc. völlig auszublenden und eine zuverlässige Angabe
dazu zu machen, in welchem Pensum sie erwerbstätig wäre, wenn sie bei voller
Gesundheit wäre. Bereits im Rahmen der ersten Haushaltsabklärung im September
2018 hat die Beschwerdeführerin geltend gemacht, sie wäre ohne eine
Gesundheitsbeeinträchtigung in einem Pensum von 80–100 Prozent erwerbstätig (IV-
act. 128–1). Die Beschwerdegegnerin hat die Aussagen der Beschwerdeführerin wie
auch die konkreten Umstände des Einzelfalls nicht frei gewürdigt, sondern sich auf die
von ihr gerichtsnotorisch als eine formelle Beweisregel verstandene Behauptung
gestützt, massgebend könne immer nur die „Aussage der ersten
Stunde“ („Erstaussage“) sein. Die Anwendung einer formellen Beweisregel widerspricht
aber dem für das Sozialversicherungsrecht massgebenden Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Die Pauschalität der auch vom Bundesgericht propagierten Regel,
wonach die „Aussage der ersten Stunde“ immer zuverlässiger als die späteren
Aussagen sei, zwingt nämlich dazu, die konkreten Umstände des Einzelfalls
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auszublenden und sich allein daran zu orientieren, welches die „Aussage der ersten
Stunde“ gewesen ist. Das mag zwar gelegentlich zum richtigen Ergebnis führen, dürfte
aber oft vom Ergebnis einer umfassenden und freien Beweiswürdigung abweichen (vgl.
dazu auch den Entscheid EL 2020/21 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 3.
August 2021, E. 2.2). Verwendet man also die Regel, wonach immer nur die „Aussage
der ersten Stunde“ zuverlässig sei, als eine formelle Beweisregel, hebelt man damit den
Grundsatz der freien Beweiswürdigung aus. Ein solches Vorgehen liesse sich mit dem
für das Sozialversicherungsrecht massgebenden Grundsatz der freien
Beweiswürdigung nur dann vereinbaren, wenn das Gesetz selbst eine solche formelle
Beweisregel – als Ausnahme vom allgemeinen Grundsatz der freien Beweiswürdigung –
vorsähe. Für eine formelle Beweisregel, wonach immer nur die „Aussage der ersten
Stunde“ massgebend sein könne, existiert aber keine gesetzliche Grundlage, weshalb
die Anwendung dieses Grundsatzes als eine formelle Beweisregel als gesetzwidrig zu
qualifizieren ist. Der vorliegende Fall zeigt exemplarisch, dass die „Aussage der ersten
Stunde“ nicht zwingend immer die zuverlässigste Aussage sein muss. Die erste
Aussage der Beschwerdeführerin, sie wäre nur zu 50 Prozent erwerbstätig, hat aus den
oben ausführlich dargelegten Gründen nur eine eingeschränkte Aussagekraft. Erst bei
der Haushaltsabklärung im September 2018 dürfte der Beschwerdeführerin zum ersten
Mal eingehend und ausführlich erklärt worden sein, worauf die Frage wirklich abzielt,
denn jene Haushaltsabklärung ist nicht nur von einem gerichtsnotorisch sehr
erfahrenen Abklärungsbeauftragten, sondern auch mit der Begleitung einer
Sozialdienstmitarbeiterin durchgeführt worden, die mit der Situation der
Beschwerdeführerin vertraut gewesen ist (vgl. IV-act. 128–13). Erst bei jener Abklärung
dürfte die Beschwerdeführerin – nach den damals erhaltenen Erklärungen –
ansatzweise in der Lage gewesen sein, sich in eine fiktive Situation ohne jede
Gesundheitsbeeinträchtigung hineinzuversetzen. Unter Berücksichtigung aller
Umstände muss die spätere Aussage der Beschwerdeführerin deshalb als wesentlich
überzeugender als die erste Aussage im Fragebogen vom 28. Juni 2018 (IV-act. 122)
qualifiziert werden. Folglich muss der Erwerbsbereich mit mindestens 80 Prozent
gewichtet werden.
Bei einer Einschränkung von 90 Prozent im Erwerbsbereich resultiert selbst bei der
für die Beschwerdeführerin ungünstigsten Berechnungsmethode ein Invaliditätsgrad
von über 70 Prozent, wenn man, wie die Beschwerdegegnerin das zu Recht getan hat,
die Berechnung nach dem neuen Art. 27 IVV vornimmt. Gewichtet man nämlich die
Einschränkung von 90 Prozent mit dem Anteil des Erwerbsbereichs von 80 Prozent,
resultiert ein Teilinvaliditätsgrad von 72 Prozent. Hinzu kommt noch ein
Teilinvaliditätsgrad im Aufgabenbereich von 20 Prozent von mindestens 24 Prozent,
3.3.
bis
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4.
Die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzu
setzenden Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung aus
zurichten. In einem durchschnittlich aufwendigen IV-Rentenfall spricht das
Versicherungsgericht neu eine pauschale Parteientschädigung von 4’000 Franken zu.
In einer Plenarsitzung vom 25. Mai 2021 haben die Versicherungsrichterinnen und
Versicherungsrichter nämlich beschlossen, die durchschnittlichen Ansätze für die
Parteientschädigungen um 500 Franken zu erhöhen. Aus Praktikabilitätsgründen soll
diese Praxisänderung sofort auf alle hängigen Fälle Anwendung finden. Diese
Übergangsregelung führt dazu, dass die Beschwerdegegnerin einen Nachteil erleidet,
weil sie allein deswegen eine um 500 Franken höhere Parteientschädigung ausrichten
muss, weil die Beschwerde erst nach dem Plenumsbeschluss vom 25. Mai 2021
beurteilt wird. Die Beschwerdegegnerin soll dies gemäss dem Beschluss des
Richterplenums allerdings im Interesse der Praktikabilität in Kauf nehmen müssen. Sie
hat der Beschwerdeführerin deshalb eine Parteientschädigung von 4’000 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten.