Decision ID: 72a7b54b-7cbd-4753-8dec-c443f2861cee
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Beschwerdeführer,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Ergänzungsleistung zur AHV
Sachverhalt:
A.
A.a B._, Jahrgang 1926, meldete sich im März 2009 zum Bezug von
Ergänzungsleistungen (EL) zur Altersrente an. Er gab an, in A._ unentgeltlich bei
einem Freund zu wohnen und in C._ eine Ferienwohnung für Fr. 1'000.- pro Monat
gemietet zu haben. Die EL-Durchführungsstelle berechnete einen
Einnahmenüberschuss von Fr. 5'090.-, wobei sie keine Mietzinsausgaben anerkannte,
und verneinte einen EL-Anspruch mit Verfügung vom 25. Juni 2009 (EL-act. 5).
Dagegen erhob der Versicherte am 23. Juli 2009 Einsprache. Er beantragte sinngemäss
die Aufhebung der Verfügung und die Gewährung von EL, wobei ihm ein Mietzins
anzurechnen sei (EL-act. 3).
A.b Die Beschwerdegegnerin wies die Einsprache mit Entscheid vom 2. September
2009 ab. Nur der Mietzins einer einzigen Wohnung könne als Ausgabe anerkannt
werden. Abklärungen beim Einwohneramt C._ hätten ergeben, dass der Versicherte
nicht in C._ wohne bzw. seinen Wohnsitz eindeutig in A._ habe. Bei der Wohnung
in C._ handle es sich um eine Ferienwohnung, deren Miete nicht nötig sei, um das
Grundbedürfnis 'Wohnen' abzudecken. Anzurechnen wäre grundsätzlich der Mietzins
für die Wohnung in A._. Hier wohne der Versicherte jedoch unentgeltlich, zahle also
effektiv keine Miete. Demnach sei eine solche auch nicht mit EL zu finanzieren (EL-
act. G 1.1).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde des Versicherten
vom 29. September 2009. Sinngemäss beantragt er dessen Aufhebung und die
Zusprache von EL. Im angefochtenen Entscheid seien sehr viele Artikel aufgeführt. Es
übersteige seine Möglichkeiten, alle diese Artikel zu kennen. Aber er denke, es gebe
sicher auch einen Ausnahmeartikel für seinen aussergewöhnlichen Lebenslauf und
Aufenthalt ausserkantonal, der ihm den Bezug von EL ermögliche (act. G 1).
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B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Beschwerdeantwort vom 24. November
2009 die Abweisung der Beschwerde und verweist zur Begründung auf die

Erwägungen im Einspracheentscheid (act. G 3).
Erwägungen:
1.
1.1 Zuständig für die Festsetzung und die Auszahlung der EL ist gemäss Art. 21 Abs. 1
des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) der Kanton, in dem der EL-Bezüger seinen
Wohnsitz hat. Vorab ist daher zu prüfen, ob der Beschwerdeführer seinen Wohnsitz im
Kanton A._ hat und die Beschwerdegegnerin für die EL-Berechnung überhaupt
örtlich zuständig ist.
1.2 Das auch auf den Bereich der EL anwendbare Bundesgesetz über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) hält in Art. 13 Abs. 1
fest, dass sich der Wohnsitz einer Person nach den Artikeln 23-26 des
Schweizerischen Zivilgesetzbuchs (ZGB; SR 210) bestimmt. Gemäss Art. 26 Abs. 1
ZGB befindet sich der Wohnsitz einer Person an dem Ort, wo sie sich mit der Absicht
dauernden Verbleibens aufhält. Niemand kann an mehreren Orten zugleich seinen
Wohnsitz haben (Abs. 2). In objektiver Hinsicht wird bei der Bestimmung des
Wohnsitzes der physische Aufenthalt berücksichtigt, in subjektiver Hinsicht die Absicht
dauernden Verbleibens, wobei letzterer Aspekt nur insoweit von Bedeutung ist, als er
nach aussen erkennbar geworden ist. Massgebend ist der Ort, wo sich der Mittelpunkt
der Lebensbeziehungen befindet (Daniel Staehelin, BSK-ZGB I, 3. Aufl., Basel/Genf/
München 2006, Art. 23 N 5).
1.3 Freilich ist es einem EL-Bezüger unbenommen, seinen Wohnsitz zu verlegen. Hält
sich ein EL-Ansprecher während längerer Zeit ferienhalber in einem anderen Kanton
oder im Ausland auf, so begründet dies noch keinen neuen Wohnsitz, dies unter
Umständen selbst dann nicht, wenn diese "Ferien" mehrere Monate im Jahr
einnehmen. Wird der Bezug zum ursprünglichen Wohnsitz jedoch so schwach, dass
nicht mehr ernsthaft davon ausgegangen kann, dass sich an jenem Ort der
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Lebensmittelpunkt des EL-Ansprechers befindet, so ist von einem Wohnsitzwechsel
auszugehen. Die EL-Durchführungsstelle prüft den Wohnsitz eines EL-Ansprechers frei
und ist nicht an diesbezügliche Annahmen des Einwohneramts oder Steueramts
gebunden.
2.
2.1 Der Beschwerdeführer gab in seiner Einsprache an, in A._ geboren und
aufgewachsen zu sein und sein Leben lang in A._ gearbeitet zu haben. Er sei mit
A._ verwurzelt. Aufgrund der Schwierigkeiten in der Baubranche habe er den
Niedergang seiner Baufirma erleben müssen. Wenn er durch A._ gezogen sei, all
seine Bautätigkeit gesehen habe und zudem den Tod seiner 2001 verstorbenen Frau
habe verkraften müssen, habe ihn eine grosse Traurigkeit überkommen und er habe
gegen Depressionen kämpfen müssen. Wie ein Geschenk des Himmels sei ihm eine
einfache Zweizimmerwohnung in C._ angeboten worden. Dort lebe er alleine wie ein
Eremit, aber er sei froh und glücklich und geniesse die freie Natur. Er könne sich
gesundheitlich erholen und sich dort an einem menschenwürdigen Lebensabend
erfreuen. Sein Domizil in A._ gebe er aber dennoch nicht auf. Wenn er
"gesundheitlich gezwungen" werde, sei A._ ihm näher als C._ (EL-act. 3). In der
Beschwerde wies der Beschwerdeführer darauf hin, der Wohnungswechsel nach C._
sei nicht aus taktischen, sondern aus rein menschlichen und vor allem
gesundheitlichen Gründen erfolgt. Nur für den EL-Bezug könne er aus finanziellen
Gründen keinen Rückzug nach A._ vornehmen (act. G 1).
2.2 Gemäss einer Telefonnotiz der Beschwerdegegnerin vom 12. Mai 2009 wurde
seitens des Einwohneramts in C._ angegeben, der Beschwerdeführer wohne nicht in
C._. Dort wohne seine Lebenspartnerin. Er wohne definitiv in A._ (EL-act. 8-1).
Diese Notiz vermag den üblichen beweisrechtlichen Anforderungen nicht zu genügen.
Eine derartige Auskunft hätte schriftlich zu erfolgen. Der Beschwerdeführer gab in
seiner Einsprache an, er lebe alleine in C._ und nicht mit einer Lebenspartnerin (EL-
act. 3-2). Diesbezüglich ist der Sachverhalt nicht hinreichend erhoben. In A._ wohnt
der Beschwerdeführer gemäss seinen Angaben bei einem Freund D._. Dieser
bestätigte am 2. April 2009 schriftlich, dass der Beschwerdeführer seit Juli 2007
unentgeltlich bei ihm wohne (EL-act. 6-5). Telefonisch gab D._ am 24. August 2009
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gegenüber der EL-Durchführungsstelle offenbar an, der Beschwerdeführer pendle
zwischen C._ und A._. Er habe keine festen Zeiten, wann er in C._ und wann in
A._ sei (Telefonnotiz in EL-act. 3-1). Wie der Beschwerdeführer beim Ehepaar D._
wohnt (eigene Wohnung, eigenes Zimmer etc.), wurde nicht erhoben. Weshalb er
unentgeltlich wohnen kann, ist ebenfalls nicht aktenkundig. Die Akten erlauben keine
abschliessende Beurteilung, wo der Beschwerdeführer seinen effektiven
Lebensmittelpunkt hat. Die Abrechnungen der Kreditkarte und die Auszüge seines
Bankkontos bei der E._ lässt er sich nach C._ schicken (EL-act. 6-13 ff.; 6-31 ff.).
Auf den Kreditkartenrechnungen, die von Oktober 2008 bis Mai 2009 aktenkundig sind,
sind mehrheitliche Bezüge im Kanton Graubünden ausgewiesen, im Kanton St. Gallen
wurden die Kreditkarten nie eingesetzt. Auch vom E._-Privatkonto bezog er gemäss
den für die Monate August 2008 bis und mit April 2009 vorhandenen Auszügen nur in
C._ und nie in A._ Geld. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass er seinen
Wohnsitz in A._ faktisch aufgegeben hat – die Kontaktadresse in A._ allein vermag
daran nichts zu ändern. Beachtlich ist auch, dass er in der Beschwerde von einem
Wohnungswechsel von A._ nach C._ berichtet und anfügt, nur für den EL-Bezug
wolle er keinen "Rückzug" nach A._ vornehmen.
2.3 Bei dieser Aktenlage brach die Beschwerdegegnerin ihre Abklärungen zum
effektiven Lebensmittelpunkt des Beschwerdeführers verfrüht ab. Somit kann noch
nicht festgelegt werden, ob der Wohnsitz des Beschwerdeführers im Kanton St. Gallen
oder im Kanton Graubünden liegt. Die Sache ist zur entsprechenden Ergänzung der
Beweiserhebung an sie zurückzuweisen. Sinnvoll wäre die Zeugeneinvernahme von
D._ (vgl. Art. 28 Abs. 3 ATSG), wobei dieser nicht nur nach Häufigkeit und Dauer der
Aufenthalte des Beschwerdeführers in A._, sondern auch nach der Art der
Unterbringung (eigene Wohnung, eigenes Zimmer, Gästezimmer) zu befragen wäre. Im
Weiteren wäre der Grund für die Unentgeltlichkeit des Mietverhältnisses zu erfragen.
Allenfalls käme auch eine Einvernahme der Vermieterin der Wohnung in C._, F._,
wohnhaft offenbar in G._ (EL-act. 9-1), in Frage, zumal diese vom Einwohneramt
C._ angeblich als die Lebenspartnerin des Beschwerdeführers bezeichnet wurde (EL-
act. 8-1) und auf seinen Kreditkartenrechnungen Bezüge in G._ und H._vermerkt
sind (EL-act. 6-31; 6-35; 6-39, 6-45). Bei den Einvernahmen wäre auf die
Strafbestimmungen des Art. 31 ELG bei falschen Aussagen hinzuweisen (insbesondere
Art. 31 Abs. 1 lit. a ELG).
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2.4 Sollte sich durch die weiteren Abklärungen erhärten, dass der Beschwerdeführer
seinen Lebensmittelpunkt und damit seinen Wohnsitz zurzeit in Graubünden hat, so
wäre die EL-Anmeldung an die zuständige Bündner Behörde weiterzuleiten (Art. 30
ATSG), wobei für den EL-Bezug im Kanton Graubünden das Anmeldedatum im Kanton
St. Gallen (März 2009) massgebend wäre (Art. 29 Abs. 3 ATSG).
3.
Sollten die weiteren Abklärungen den Wohnsitz des Beschwerdeführers im Kanton
St. Gallen hinreichend belegen, sodass die Beschwerdegegnerin für die Beurteilung
des EL-Anspruchs zuständig wäre, hat sie Folgendes zu beachten: Gemäss Art. 10
Abs. 1 lit. b ELG ist als Ausgabe der Mietzins einer Wohnung und die damit
zusammenhängenden Nebenkosten bis zu einem Höchstbetrag von Fr. 13'200.-
jährlich (bei alleinstehenden Personen) anzurechnen. Gemäss Rz. 3024 der vom
Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) herausgegebenen Wegleitung über die
Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (WEL) ist als Mietzinsausgabe der Mietzins bzw.
der Teil des Mietzinses anzuerkennen, für den u.a. Verwandte oder allenfalls Dritte in
fürsorgerischer Weise aufkommen. Ebenso ist eine solche Ausgabe in Fällen
anzuerkennen, in denen versicherte Personen bei nahen Verwandten zu einem
Vorzugspreis oder unentgeltlich wohnen können. Entgegen dem Wortlaut des zweiten
Satzes kann der Anwendungsbereich der Rz. 3024 WEL nicht auf das unentgeltliche
Wohnen bei nahen Verwandten beschränkt werden. Auch Dritte können dem
Wohnbedarf einer versicherten Person unentgeltlich oder verbilligt Rechnung tragen.
Dies rechtfertigt ebenfalls die Anrechnung eines fiktiven Mietzinses als anerkannte
Ausgabe (so auch Ralph Jöhl, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in SBVR-XIV, 2. Aufl.,
Basel 2007, S. 1702 Rz. 97 und Fn. 313). In der EL-Berechnung des
Beschwerdeführers wäre also ein "Mietzinsanteil" für seine Unterkunft in A._ zu
berücksichtigen (zu ermitteln gemäss Art. 16c der Verordnung über
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung [ELV;
SR 831.301], vgl. auch Rz. 3023 WEL).
4.
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4.1 Gemäss den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheids teilweise gutzuheissen und die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese im Sinn der Erwägungen weitere
Abklärungen vornehme und anschliessend je nach Ergebnis entweder die EL-
Anmeldung zuständigkeitshalber an die zuständige Bündner Behörde überweise oder
den EL-Anspruch des Beschwerdeführers neu berechne und darüber verfüge.
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53