Decision ID: 564c2861-cf3d-512a-821c-3221ee32a700
Year: 2016
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Übersicht
a) Erstmals trat D_, geb. XX.XX.1982, am 1. November 2004 ins Psychiatrische Zentrum
Appenzell Ausserrhoden in Herisau ein, das er Ende Januar 2005 wieder verliess. Der
nächste stationäre Aufenthalt erfolgte im März 2005. Von Mai 2010 bis August 2015 weilte
er wiederholt, teils freiwillig, teils auf ärztliche Einweisung, stationär im Psychiatrischen
Zentrum (act. B 4/8/1-3).
b) Am 3. März 2016 trat D_ wegen Suizidgedanken, Depression, Antriebslosigkeit sowie
einer ausgeprägten Ein- und Durchschlafstörung erneut freiwillig ins Psychiatrische
Zentrum Appenzell Ausserrhoden ein (act. B 4/8/3 Register 4). Am 15. März 2016 wurde
am Nachmittag bei einer Zimmerkontrolle um ca. 15.15 Uhr festgestellt, dass D_ sich
weder auf dem Zimmer noch der Station befand und seinen Schrank ausgeräumt hatte. In
der Folge wurde eine Personenfahndung nach dem Vermissten veranlasst (act. B 4/1, S.
2 und act. B 4/8/3 Register 4, Pflegeinformation Liste, S. 1 und Verlaufsblatt, S. 3).
c) Am 15. März 2016, um 16:57 Uhr, meldete E_ der Kantonalen Notrufzentrale, er habe
soeben beobachtet, wie eine Person von der Hundwilertobelbrücke gesprungen sei. Die
ausrückenden Beamten der Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden fanden einen
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leblosen Körper unterhalb der Brücke in unwegsamem Gelände. Aufgrund einer
Fotografie sowie der aufgefundenen Effekten konnte der Tote zweifelsfrei als D_
identifiziert werden. Nach der Legalinspektion wurde der Leichnam ins Institut für
Rechtsmedizin St. Gallen (IRM) überführt (act. B 4/1).
d) Mit Beschlagnahmebefehl vom 21. März 2015 stellte die Staatsanwaltschaft die
Krankengeschichte des Verstorbenen sicher (act. B 4/5).
e) Am 20. Mai 2016 erstattete das IRM St. Gallen über die durchgeführte Obduktion ein
rechtsmedizinisches Gutachten (act. B 4/6).
f) Mit Verfügung vom 31. Mai 2016 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren U 16 313
betreffend Todesfall vom D_ ein. Weiter wurde angeordnet, dass die edierte
Krankengeschichte PID 618765, welche insgesamt 3 Bundesordner umfasst, nach
Rechtskraft dieser Verfügung an die Psychiatrische Klinik Herisau zurückgeschickt und
die Kosten im Betrag von CHF 340.80 dem Nachlass belastet werden (act. B 3). Der
Begründung ist zu entnehmen, dass D_ am 15. März 2016 in Waldstatt, im Flussbett
der Urnäsch unterhalb der Hundwilertobelbrücke, leblos aufgefunden worden sei. Die
Untersuchung habe ergeben, dass sich die genannte Person selbst von der Brücke
hinunter gestürzt habe und der Tod somit auf eine suizidale Handlung zurückzuführen sei.
Ein Unfallgeschehen oder Dritteinwirkungen könnten ausgeschlossen werden. Das
Verfahren sei daher einzustellen (Art. 319 Abs. 1 lit. b StPO). Die Kosten der ärztlichen
Untersuchung würden praxisgemäss dem Nachlass belastet. Die übrigen
Verfahrenskosten gingen zu Lasten des Staates.
B. Prozessgeschichte
a) Gegen diese Verfügung betreffend Todesfall von D_ vom 31. Mai 2016 (act. B 3) liess
A_ mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 9. Juni 2016 Beschwerde beim
Obergericht einreichen und die eingangs erwähnten Anträge stellen.
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b) Am 13. Juni 2016 wurden RA B_ die Akten des Verfahrens U 16 313 der
Staatsanwaltschaft (inkl. drei Ordner Patientenakten) für 10 Tage zur Einsicht zugestellt
und ihr eine ebenso lange Nachfrist zur Ergänzung der Beschwerde eingeräumt (act. B 5).
c) Die ergänzte Beschwerde ging am 27. Juni 2016 beim Obergericht ein (act. B 6).
d) Mit Verfügung vom 29. Juni 2016 wurde A_ verpflichtet, zur Deckung von allfälligen
Kosten und Entschädigungen eine Sicherheit von CHF 1‘500.00 an die Gerichtskasse zu
leisten (act. B 8). Dieser Obliegenheit kam der Beschwerdeführer am 6. Juli 2016 nach
(act. B 9).
e) Am 8. Juli 2016 wurde der Staatsanwaltschaft je eine Kopie der Beschwerdeschrift und
der Beschwerdeergänzung (samt Kopien der Beilagen) zugestellt und ihr Gelegenheit zur
Einreichung einer schriftlichen Stellungnahme eingeräumt (act. B 10).
f) Die Staatsanwaltschaft nahm am 18. Juli 2016 Stellung zur Beschwerde (act. 13).
g) Mit Verfügung vom 3. August 2016 wurde RA B_ die Stellungnahme der
Staatsanwaltschaft zur Kenntnis gebracht und den Parteien mitgeteilt, dass kein zweiter
Schriftenwechsel und keine mündliche Verhandlung angeordnet werde. Gleichzeitig
erhielt die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers Gelegenheit, eine allfällige
Entschädigung zu beziffern und zu belegen (act. B 14). Die Kostennote von RA B_
datiert vom 8. August 2016 (act. B 16).
Auf die Ausführungen in den diversen, vorgenannten Eingaben kann verwiesen werden;
soweit für die Beurteilung der Beschwerde erforderlich, ist darauf im Rahmen der
nachfolgenden Erwägungen einzugehen.
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Beschluss des Obergerichts
Das Obergericht führte seine Beratung am 13. Dezember 2016 durch und eröffnete
seinen Beschluss anschliessend im Dispositiv.

Erwägungen
1. Formelles
1.1 Bezüglich der im Kanton Appenzell Ausserrhoden ab 1. Januar 2011 für die
Strafrechtspflege zuständigen Behörden nach StPO ist auf Art. 26 des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) hinzuweisen. Nach Art. 26 JG ist das
Obergericht Berufungs- und Beschwerdeinstanz in der allgemeinen Strafrechtspflege.
1.2 Gegen Verfügungen und Verfahrenshandlungen der Staatsanwaltschaft ist die
Beschwerde gegeben (Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO). Eine Einstellungsverfügung der
Staatsanwaltschaft stellt eine solche Verfahrenshandlung dar (Art. 393 Abs. 1 lit. a in
Verbindung mit Art. 322 Abs. 2 StPO)1. Ausschlussgründe gemäss Art. 394 StPO liegen
keine vor.
1.3 Die Beschwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert 10 Tagen
schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO).
Vorliegend hat die Staatsanwaltschaft die Einstellungsverfügung am 31. Mai 2016 nicht
dem Beschwerdeführer, sondern dem Erbschaftsamt zugehen lassen; dieses brachte die
Verfügung dem Letzteren dann zur Kenntnis (act. B 1, S. 2). Mit der Erhebung der
Beschwerde am 9. Juni 2016 (act. B 1) wurde die Beschwerdefrist von Art. 396 Abs. 1
StPO gewahrt.
Auch der Kostenvorschuss wurde rechtzeitig geleistet (act. B 9).
1 PATRICK GUIDON, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 10 zu Art. 393 StPO.
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1.4 Legitimiert zur Anfechtung einer Einstellungsverfügung ist jede Partei, die ein rechtlich
geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des Entscheids hat (Art. 382
Abs. 1 in Verbindung mit Art. 322 Abs. 2 StPO). Parteien sind die beschuldigte Person,
die Privatklägerschaft sowie im Haupt- bzw. Rechtsmittelverfahren die Staatsanwaltschaft
(Art. 104 Abs. 1 StPO). Als andere Verfahrensbeteiligte gilt unter anderem die
geschädigte Person (Art. 105 Abs. 1 lit. a StPO). Werden in Abs. 1 genannte
Verfahrensbeteiligte in ihren Rechten unmittelbar betroffen, so stehen ihnen die zur
Wahrung ihrer Interessen erforderlichen Verfahrensrechte einer Partei zu (Art. 105 Abs. 2
StPO). Als Opfer gilt die geschädigte Person, die durch die Straftat in ihrer körperlichen,
sexuellen oder psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Art. 116 Abs.
1 StPO). Als Angehörige des Opfers gelten seine Ehegattin oder sein Ehegatte, seine
Kinder und Eltern sowie die Personen, die ihm in ähnlicher Weise nahe stehen (Art. 116
Abs. 2 StPO).
D_ wäre bei einer allfälligen Straftat Geschädigter. Die Rechtsnachfolge beim Tod
eines Privatklägers regelt Art. 121 StPO, die Stellung der Angehörigen eines Opfers Art.
116 Abs. 2 StPO. Der Beschwerdeführer ist der Vater und somit Verwandter und direkter
Erbe des am 15. März 2016 verstorbenen D_ (Art. 121 StPO). Zudem gilt der Vater als
sogenanntes indirektes Opfer (Art. 116 Abs. 2 StPO). Ihm stehen selber Verfahrensrechte
zu und als Angehöriger des potentiellen Opfers hat er im Strafverfahren das Recht, sich
als Privatklägerschaft zu konstituieren und geniesst somit Parteistellung2. Falls mehrere
Erben vorhanden sind und eine Erbengemeinschaft bilden, stellt sich die Frage, ob sie
allfällige Ansprüche gemeinsam geltend machen müssten3. Nach einem neuen Entscheid
des Bundesgerichts4 ist im Strafpunkt allerdings kein gemeinsames Vorgehen der Erben
erforderlich; der Angehörige einer verstorbenen Person kann sich im Strafverfahren somit
allein als Privatkläger im Strafverfahren konstituieren.
Vorliegend besteht die Besonderheit, dass eine mögliche Geschädigteneigenschaft mit
der zu untersuchenden Handlung (Suizid) zusammen hängt. Das bedeutet, dass D_
sich nicht als Geschädigter nach Art. 118 f. StPO am Verfahren beteiligen konnte5. Er hat
auf seine Rechte zu Lebzeiten allerdings auch nicht nach Art. 120 StPO verzichtet.
Die Staatsanwaltschaft hat nach Eröffnung des Vorverfahrens die geschädigte Person auf
das Konstituierungsrecht hinzuweisen, falls sie von sich aus keine Erklärung abgegeben
2 MAZZUCCHELLI/POSTIZZI, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N 8 zu Art. 121 StPO und N. 11
zu Art. 115 StPO. 3 MAZZUCCHELLI/POSTIZZI, a.a.O., N. 12 zu Art. 121 StPO. 4 BGE 142 IV 82 E. 3.3. 5 MAZZUCCHELLI/POSTIZZI, a.a.O., N. 7 zu Art. 121 StPO.
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hat (Art. 118 Abs. 4 StPO). MAZZUCCHELLI/POSTIZZI bejahen eine Aufklärungspflicht auch
gegenüber dem Rechtsnachfolger gemäss Art. 121 StPO6. Die StPO sieht keine Sanktion
für den Fall der unterlassenen Aufklärung vor. Unterlässt die Strafverfolgungsbehörde
jegliche Aufklärung, so ist in Anwendung des Prinzips von Treu und Glauben die
verspätete Erklärung der geschädigten Person (etwa im Rahmen einer Beschwerde
gegen die Einstellungsverfügung) als rechtsgültige Konstituierung anzuerkennen7.
Die Behauptung des Beschwerdeführers, dass er durch die Staatsanwaltschaft nicht über
seine oben umschriebenen Rechte informiert wurde (act. B 1, S. 3), ist glaubwürdig, da er
überhaupt nicht ins Strafverfahren einbezogen und ihm auch die angefochtene Verfügung
nicht zugestellt wurde (act. B 3). Nach dem oben Gesagten ist die nachträgliche
Konstituierung (act. B 1, S. 4) somit zu akzeptieren und die Legitimation des
Beschwerdeführers zu bejahen.
1.5 Mit der Beschwerde können
a. Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und Missbrauch des
Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung; b. die unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts; c. Unangemessenheit
gerügt werden (Art. 393 Abs. 2 StPO).
Der Beschwerdeführer liess bezüglich der Einstellungsverfügung insbesondere eine
unvollständige Feststellung des Sachverhaltes rügen, konkret die Staatsanwaltschaft
habe nicht abgeklärt, ob der Todesfall durch eine fahrlässige Unterlassung oder durch
eine unangemessene Medikation eingetreten sei (act. B 1, S. 5).
1.6 Neue Tatsachenbehauptungen und Beweise sind zulässig, wenn die beschwerdeführende
Partei sie nicht schon bei der Vorinstanz hätte vorbringen können8. Die Beschwerde wird
in einem schriftlichen Verfahren behandelt. Heisst das Obergericht die Beschwerde gut,
6 MAZZUCCHELLI/POSTIZZI, a.a.O., N. 12 zu Art. 118 StPO; ebenso KGer GR, 20.12.2012, SK2 12 47,
E. 1b. 7 MAZZUCCHELLI/POSTIZZI, a.a.O., N. 12a zu Art. 118 StPO; VIKTOR LIEBER, in:
Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 14 zu Art. 118 StPO.
8 PATRICK GUIDON, a.a.O., N. 16 zu Art. 393 StPO; vgl. auch ANDREAS KELLER, in: Donatsch//Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 15 zu Art. 396 StPO.
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so fällt es einen neuen Entscheid oder hebt den angefochtenen Entscheid auf und weist
ihn zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück. Bei Gutheissung einer Beschwerde
gegen eine Einstellungsverfügung kann das Obergericht der Staatsanwaltschaft für den
weiteren Gang des Verfahrens Weisungen erteilen (Art. 397 Abs. 1 - 3 StPO). Aufgrund
der Natur der Sache ist immer nur kassatorisch zu entscheiden, wenn die Beschwerde
gegen einen Entscheid auf Nichtanhandnahme, Einstellung oder Sistierung des
Verfahrens gutgeheissen wird9. Gegen Entscheide der kantonalen Beschwerdeinstanzen
ist die Strafrechtsbeschwerde ans Bundesgericht zulässig10.
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
2. Materielles - inadäquate Medikation und/oder man gelnde Betreuung
2.1 Gemäss Einstellungsverfügung der Staatanwaltschaft vom 31. Mai 2016 (act. B 3) wurde
D_ am 15. März 2016 in Waldstatt, im Flussbett der Urnäsch unterhalb der
Hundwilertobelbrücke, leblos aufgefunden. Die Untersuchung habe ergeben, dass sich
die genannte Person selbst von der Brücke hinuntergestürzt habe und der Tod somit auf
eine suizidale Handlung zurückzuführen sei. Ein Unfallgeschehen oder Dritteinwirkungen
könnten ausgeschlossen werden. Das Verfahren sei daher gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit.
b StPO einzustellen.
2.2 Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers kritisiert die obige Schlussfolgerung der
Staatsanwaltschaft (act. B 6, S 4 f.). Zum Zeitpunkt des Todesfalls, am 15. März 2016, um
ca. 17.00 Uhr, sei D_ von der geschlossenen Abteilung der Psychiatrischen Klinik
Herisau abgängig gewesen. Die Akten würden zahlreiche Hinweise auf Behandlungs-
bzw. Betreuungsfehler der Klinik bzw. von Ärzten und Betreuungspersonal liefern. Darauf
hätten sowohl der Beschwerdeführer als auch der Verstorbene bereits vor dem tragischen
Unglück hingewiesen. Die Staatsanwaltschaft sei den Hinweisen in der
Krankengeschichte trotz Untersuchungspflicht nicht nachgegangen. Die Untersuchung sei
somit offensichtlich unvollständig und die Staatsanwaltschaft zu verpflichten, diese
fortzuführen. Aus der Krankengeschichte gehe hervor, dass D_ mehrfach von
Suizidgedanken berichtet, massive Ängste geäussert und sich paranoid präsentiert habe
9 ANDREAS KELLER, a.a.O., N. 7 zu Art. 397 StPO. 10 NIKLAUS SCHMID, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 2. Aufl. 2013, N. 8 zu
Art. 322 StPO; GRÄDEL/HEINIGER, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 7 zu Art. 322 StPO.
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(act. B 6, S. 5 f.). Der Ablauf der Geschehnisse, der sich aus der Krankengeschichte
ergebe, zeige mit aller Deutlichkeit, dass die Frage der richtigen Medikation sowie ein
Entweichen von D_ aus der Klinik während der gesamten Aufenthaltsdauer zentrales
Thema gewesen seien (act. B 6, S. 7 f.). Die richtige Medikation und das Verhindern eines
Suizids seien zentraler Auftrag der Psychiatrischen Klinik gewesen. Sie seien auch der
Grund für den Eintritt gewesen. Der geschilderte Verlauf biete zahllose Anhaltspunkte,
wonach der Tod von D_ auf einen Behandlungsfehler der Psychiatrischen Klinik
Herisau bzw. deren Ärzte und/oder Betreuer zurückzuführen sei (act. B 6, S. 8 f.). Diesen
Hinweisen sei die Staatsanwaltschaft nicht nachgegangen. Sie habe keinerlei
Befragungen durchgeführt und über die wesentlichen, sich stellenden Fragen keinerlei
Beweis geführt. Beim Institut für Rechtsmedizin (IRM) habe die Staatsanwaltschaft zwar
ein Gutachten in Auftrag gegeben und diesem dafür die Krankenunterlagen des
Verstorbenen überlassen (act. B 6, S. 9 f.). Die Gutachter hätten in ihrer Expertise vom
20. Mai 2016 jedoch festgehalten, dass sich im zeitlichen Zusammenhang mit dem
Ableben von D_ in den Krankenakten lediglich Laborwerte befänden. Die ihnen zur
Verfügung gestellten Unterlagen hätten hingegen keine Angaben über Medikation,
Medikamentenspiegel im Blut und dergleichen enthalten. Die Prüfung der sehr
bedeutsamen Frage der sorgfältigen Medikation sei den Gutachtern somit nicht möglich
gewesen. Die Untersuchung sei auch deshalb unvollständig (act. B 6, S. 10 f.), weil weder
der Beschwerdeführer noch die Ärzteschaft oder das Pflegepersonal der Psychiatrischen
Klinik Herisau zum Sachverhalt befragt worden seien. Folglich könne zum jetzigen
Zeitpunkt nicht eindeutig gesagt werden, das Verhalten der Angestellten der Klinik erfülle
keinen Straftatbestand. Diesbezüglich wäre insbesondere zu prüfen, ob eine fahrlässige
Tötung gegeben sei.
2.3 Die Staatsanwaltschaft bringt vor (act. B 13), nach dem in Art. 7 StPO statuierten,
strafprozessualen Legalitätsprinzip sei die Strafverfolgungsbehörde nur bei Vorliegen
genügender Verdachtsgründe verpflichtet, ein Verfahren durchzuführen. Die
Staatsanwaltschaft habe diesem Grundsatz Genüge getan, indem sie geprüft habe, ob
der tödliche Sturz des Verstorbenen aus grosser Höhe direkt durch eine Drittperson
verursacht worden sei. Diese Frage habe klar verneint werden können. Für die
Behauptungen des Beschwerdeführers, der Todesfall sei durch eine fahrlässige
Unterlassung oder eine unangemessene Medikation eingetreten, gebe es keine konkreten
Hinweise. Dabei handle es sich um blosse Mutmassungen des Beschwerdeführers. Aus
den auch vom Institut für Rechtsmedizin geprüften Krankenunterlagen lasse sich
ebenfalls kein hinreichender Verdacht ableiten. Die Beschwerde sei haltlos und daher
abzuweisen.
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2.4 Das Gutachten des IRM St. Gallen hält zunächst fest (act. B 4/6, S. 1 f.), zur Erstattung
der Expertise seien drei Ordner (PID 618765 mit Unterlagen aus den Jahren 2005 bis
2015) zur Verfügung gestellt worden. In zeitlichem Zusammenhang mit dem Ableben im
Jahre 2016 fänden sich in den Akten lediglich Laborwerte und keinerlei Angaben über
Medikation, Medikamentenspiegel im Blut oder dergleichen. Es schliesst mit der
Bemerkung: „Ob sich die im Blut des Verstorbenen nachgewiesenen Medikamente mit der
zum Todeszeitpunkt des Herrn D_ aktuell vorgesehenen Medikation deckt, kann
aufgrund mangelnder aktueller Krankenunterlagen nicht angegeben werden“ (act. B 4/6,
S. 4).
Die drei Ordner mit der Krankengeschichte enthalten Unterlagen seit dem ersten
Aufenthalt des Verstorbenen in Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden im
Jahre 2004 bis zur hier interessierenden Hospitalisation im März 2016.
Aus dem entsprechenden Dossier ergibt sich (act. B 4/8/3, Register 4), dass
- D_ am 3. März 2016 wegen Suizidgedanken, Depressionen, Antriebslosigkeit
sowie ausgeprägter Ein- und Durchschlafstörung ins Psychiatrische Zentrum eintrat;
- eine umfassende Liste der abgegebenen Medikamente mit Angaben zum
Abgabezeitpunkt und der Dosierung vorliegt;
- D_ wiederholt (3. März 2016, 18:48 Uhr; 4. März 2016, 8:00 Uhr) Suizidgedanken
bzw. massive Ängste (4. März 2016, 20:33 Uhr; 6. März 2016, 23:53 Uhr; 7. März
2016, 20:50 Uhr; 11. März 2016, 6:01 Uhr) äusserte und sich paranoid präsentierte
(4. März 2016, 20:33 Uhr; 5. März 2016, 11:19 Uhr; 6. März 2016, 12:00 Uhr; je
Pflegeinformation Liste, Einträge zum angegebenen Datum);
- D_ die Medikamenteneinnahme teilweise verweigerte resp. diese teilweise nach
entsprechender Motivation durch das Pflegepersonal zu sich genommen und
mehrmals darüber geklagt hat, dass er zu viele Medikamente erhalte (6. März 2016,
23:53 Uhr; 7. März 2016, 9:18 Uhr; 7. März 2016, 15:55 Uhr; 7. März 2016, 20:50
Uhr; 7. März 2016, 21:09 Uhr, je Pflegeinformation Liste, Einträge zum angegebenen
Datum);
- das Pflegepersonal D_ am 6. März 2016, um 12:54 Uhr, auf seinem Bett sitzend
vorgefunden hat, um ihn herum viele Glasscherben (je Pflegeinformation Liste,
Einträge zum angegebenen Datum);
- D_ am 8. März 2016 sehr angespannt und verzweifelt wirkte. Am Morgen hat er
mehrmals absichtlich mit dem Kopf bzw. der Stirn gegen die Wand geschlagen. Am
Seite 11
Mittag hat er gesagt, er wisse nicht mehr, wie es weitergehen solle und hat ein
Messer mit Druck an den Handgelenksrücken angesetzt. Am Abend hat er die Frage
nach seiner Suizidalität von 1 bis 10 mit „ich weiss nicht“ beantwortet. Gegen 24:00
Uhr hat er vor dem Lift gestanden und dem Pflegepersonal mit Handzeichen zu
verstehen gegeben, dass er gehen möchte und er hat die Öffnung der Türe verlangt
(Verlaufsblatt, S. 1 bzw. je Pflegeinformation Liste, Einträge zum angegebenen
Datum);
- D_ dem Pflegepersonal am Abend des 11. März 2016 sagte, er habe den
Kupferleiter eines Stromkabels in die Steckdose gehalten (je Pflegeinformation Liste,
Einträge zum angegebenen Datum);
- D_ am Nachmittag des 12. März 2016 Besuch von seinem Vater erhielt. Dieser hat
sich bei der Klinikleitung beschwert, weil sein Sohn sediert und weggetreten wirkte.
Der Vater hat das Gefühl gehabt, man wolle den Sohn mit Medikamenten
„zudröhnen“; er hat deshalb um ein Gespräch mit der Klinikleitung ersucht (je
Pflegeinformation Liste, Einträge zum angegebenen Datum);
- es D_ am 14. März 2016 nicht gut ging und er wiederum klagte, er müsse zu viele
Medikamente nehmen. Die suizidalen Gedanken waren hochpräsent (je
Pflegeinformation Liste, Einträge zum angegebenen Datum, Suizidalität Einschätzung
für den 14. März 2016);
- D_ sich am Morgen des 15. März 2016 wieder einmal über die vielen Medikamente
beklagte. Am frühen Nachmittag gab er an, dass es ihm unverändert schlecht gehe,
er habe manchmal Suizidgedanken. Vom Pflegepersonal ist seine Suizidalität
hingegen als tief eingeschätzt worden (Bericht Einschätzung Suizidalität vom 15.
März 2016, erfasst um 14:52 Uhr). Nur kurze Zeit später, um 15:15 Uhr wurde
festgestellt, dass D_ nicht im Zimmer war und den Schrank leer geräumt hatte (je
Pflegeinformation Liste, Einträge zum angegebenen Datum).
2.5 Die Staatsanwaltschaft verfügt die vollständige oder teilweise Einstellung des Verfahrens
unter anderem dann, wenn:
a. kein Tatverdacht erhärtet ist, der eine Anklage rechtfertigt (Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO); b. kein Straftatbestand erfüllt ist (Art. 319 Abs. 1 b StPO).
Der Grundsatz „in dubio pro duriore“ fliesst aus dem Legalitätsprinzip (Art. 5 Abs. 1 BV
und Art. 2 Abs. 1 StPO in Verbindung mit Art. 319 Abs. 1 und Art. 324 Abs. 1 StPO)11. Er
bedeutet, dass eine Einstellung durch die Staatsanwaltschaft grundsätzlich nur bei klarer
Straflosigkeit bzw. offensichtlich fehlenden Prozessvoraussetzungen angeordnet werden
11 BGE 138 IV 86 E. 4.2; BGE 138 IV 186 E. 4.1.
Seite 12
darf. Bei der Beurteilung dieser Frage verfügen die Staatsanwaltschaft und die Vorinstanz
über einen gewissen Spielraum, den das Bundesgericht mit Zurückhaltung überprüft.
Hingegen ist (sofern die Erledigung mit einem Strafbefehl nicht in Frage kommt) Anklage
zu erheben, wenn eine Verurteilung wahrscheinlicher erscheint als ein Freispruch12. Falls
sich die Wahrscheinlichkeiten eines Freispruches oder einer Verurteilung in etwa die
Waage halten, drängt sich in der Regel, insbesondere bei schweren Delikten, ebenfalls
eine Anklageerhebung auf13.
Das Bundesgericht geht in seiner Rechtsprechung von einer strengen Haftung der
Anstaltsträger für Patienten aus, die wegen ihrer Selbstgefährdung zu behandeln sind und
welche die Klinik vor einer Selbstschädigung zu bewahren hat. Einen psychiatrischen
Behandlungsfehler begeht insbesondere, wer eine konkret erkennbare Suizidgefährdung
oder die Gefahr des Entweichens nicht erkennt, sie fehlerhaft einschätzt oder sie schlicht
nicht beachtet. Je grösser die konkrete, aktuelle Suizidgefahr ist, desto intensiver müssen
die erforderlichen Vorsichtsmassnahmen sein. Zu prüfen ist, ob der behandelnde Arzt mit
der nach medizinischen Gesichtspunkten unter den konkreten Umständen gebotenen
Sorgfalt vorgegangen ist. Eine die Widerrechtlichkeit begründende Pflichtverletzung liegt
vor, wo eine Diagnose, eine Therapie oder ein sonstiges ärztliches Vorgehen nach dem
allgemeinen fachlichen Wissensstand nicht mehr als vertretbar erscheint und damit
ausserhalb der objektivierten ärztlichen Kunst steht. Der Arzt hat für eine unrichtige
Beurteilung einzustehen, wenn diese unvertretbar ist oder auf objektiv ungenügender
Untersuchung beruht, nicht aber für objektive Fehleinschätzungen, die bei einem so
vielgestaltigen und verschiedenartigen Auffassungen Raum bietenden Beruf in gewissem
Umfang als unvermeidbar erscheinen14.
2.6 Merkwürdig ist zunächst, dass das IRM in seinem Gutachten vom 20. Mai 2016 angibt
(act. B 4/6, S. 1), dass die Krankenunterlagen für das Jahr 2016 lediglich Laborwerte
enthielten, jedoch keinerlei Angaben über Medikation, Medikamentenspiegel im Blut oder
dergleichen. Aufgrund mangelnder aktueller Krankenunterlagen konnte das IRM auch
nicht angeben, ob sich die im Blut des Verstorbenen nachgewiesenen Medikamente mit
der zum Todeszeitpunkt von D_ aktuell vorgesehenen Medikation decken (act. B 4/6,
S. 4). Dieser Befund erstaunt, da sich im 3. Ordner mit den Krankenunterlagen sowohl
Angaben zu den verordneten Medikamenten als auch die genaue Art, Menge und Uhrzeit
der abgegebenen Präparate befinden. Am 14. März 2016 wurden sodann Laborwerte
12 BGE 138 IV 86 E. 4.1.1; BGE 138 IV 186 E. 4.1; BGE 137 IV 219 E. 7.1 und 7.2. 13 BGE 138 IV 86 E. 4.1.2; BGE 138 IV 186 E. 4.1. 14 Pra. 100 (2011) Nr. 102, E. 2.6 mit weiteren Hinweisen.
Seite 13
erhoben (act. B 4/8/3, Register 2, Verlaufsblatt, S. 3). Mithin stellt sich die Frage, ob die
Gutachter des IRM die aktuellen Krankenunterlagen nicht zur Kenntnis genommen haben
oder ob diese erst später im Ordner abgelegt wurden. Was der Grund für die
Nichtberücksichtigung der Informationen ist, spielt indes keine Rolle. Auf jeden Fall konnte
das IRM unter diesen Umständen eine der zentralen Fragen, nämlich ob D_ aufgrund
seines Zustandes die richtigen Medikamente in korrekter Dosierung erhalten hat, schlicht
nicht beantworten.
Wie oben ausgeführt (E. 2.4), gab es bei D_ verschiedene Anzeichen für eine erhöhte
Suizidalität sowie die Gefahr des Entweichens. Dabei ist es nicht massgebend, mit
welcher Zuverlässigkeit die Suizidalität von Personen allgemein beurteilt werden kann,
sondern ob die Unterbringung und das Behandlungskonzept von D_ mit Blick auf die
Suizidalität und die Gefahr des Entweichens aufgrund der zur Verfügung stehenden
Informationen und Unterlagen nach dem damaligen allgemeinen fachlichen Wissensstand
als vertretbar erschienen oder nicht15. Um dies beurteilen zu können, hätte die
Staatsanwaltschaft die Umstände der Unterbringung (wie leicht kann ein Patient sich von
der betreffenden Station entfernen) und das Behandlungskonzept prüfen resp.
diesbezüglich ein Gutachten anordnen müssen16.
Mit Bezug auf den massgebenden Sachverhalt liegen demnach so wenig gesicherte
Erkenntnisse vor, dass die Staatsanwaltschaft die Frage, ob ein Tatverdacht erhärtet oder
ein Straftatbestand erfüllt ist, der eine Anklage rechtfertigt (Art. 319 Abs. 1 lit. a und b
StPO) schlicht (noch) nicht beantworten konnte.
2.7 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass aufgrund der vorliegenden Akten
nicht beurteilt werden kann, ob die Angestellten des Psychiatrischen Zentrums die
Suizidalität und die Gefahr des Entweichens bei D_ korrekt eingeschätzt und das
richtige Behandlungskonzept angewendet haben. Diese Fragen können erst aufgrund
weiterer Untersuchungshandlungen beantwortet werden. Die Beschwerde gegen die
Einstellungsverfügung vom 31. Mai 2016 ist daher gutzuheissen und die angefochtene
Verfügung aufzuheben.
15 Pra. 100 (2011) Nr. 102, E. 2.7. 16 Pra. 100 (2011) Nr. 102, E. 2.7.
Seite 14
3. Kosten
3.1 Verfahrenskosten
Art. 428 StPO regelt die Kostentragungspflicht im Rechtsmittelverfahren. Gemäss Absatz
1 tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ihres Obsiegens oder Unterliegens.
Abweichend davon sieht Absatz 4 bei Aufhebung eines Entscheides durch die
Rechtsmittelinstanz und Rückweisung zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz vor,
dass der Kanton die Kosten des Rechtsmittelverfahrens und, nach Ermessen der
Rechtsmittelinstanz, jene der Vorinstanz trägt. Von den vorinstanzlichen Kosten hat die
Beschwerdegegnerin dem Nachlass lediglich die Kosten für die ärztliche Untersuchung in
Höhe von CHF 340.80 belastet; der grössere Teil ging zu Lasten des Staates (act. 3),
wobei allein das Gutachten des IRM CHF 3‘965.00 kostete (act. B 4/6, S. 1). Über die
Verlegung der vorinstanzlichen Kosten ist daher nicht zu befinden; diese können, weil sie
korrekt waren und damit Basis des neuen Entscheids bilden, bei der Prozedur belassen
werden. Über diese Kosten wird also im neuen Entscheid von der Instanz, an welche die
Streitsache zurückgewiesen wird, zu befinden sein17.
In Nachachtung von Art. 428 Abs. 4 StPO sind demzufolge die Kosten des
Beschwerdeverfahrens vom Staat zu tragen. Die Gerichtsgebühr wird auf CHF 1‘500.00
festgesetzt (Art. 29 Abs. 1 lit. b Gebührenordnung, bGS 233.3). Der vom
Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe (act. B 9) ist
zurückzuerstatten.
3.2 Entschädigung
Art. 436 StPO regelt die Entschädigung und Genugtuung im Rechtsmittelverfahren. Abs. 3
dieser Bestimmung lautet wie folgt: „Hebt die Rechtsmittelinstanz einen Entscheid nach
Art. 409 StPO auf, so haben die Parteien Anspruch auf eine angemessene Entschädigung
für ihre Aufwendungen im Rechtsmittelverfahren und im aufgehobenen Teil des
erstinstanzlichen Verfahrens“. Die Bestimmung verweist auf eine Aufhebung im
Berufungsverfahren nach Art. 409 StPO; sie ist aber auch im Beschwerdeverfahren
anwendbar, wenn nach Art. 397 Abs. 2 StPO eine Rückweisung erfolgt. Die
Entschädigung wird hier von der Rechtsmittelinstanz zugesprochen, ebenfalls bezüglich
17 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 15 zu Art. 428 StPO; THOMAS DOMEISEN, Basler Kommentar, StPO, 2.
Aufl. 2014, N. 25 zu Art. 428 StPO.
Seite 15
des aufgehobenen Teils des erstinstanzlichen Verfahrens18. Es stellt sich die Frage, von
wem die Parteien infolge Aufhebung der Einstellungsverfügung eine Entschädigung
zugute haben. Bei einer Rückweisung nach einem Beschwerdeverfahren kann davon
ausgegangen werden, dass das erstinstanzliche Verfahren an solchen Mängeln leidet,
dass das Urteil aufgehoben und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen
werden muss. Die Vorinstanz hat also fehlerhaft gehandelt, wofür nur der Staat die
Verantwortung trägt und entsprechend entschädigungspflichtig wird19. Anspruch auf eine
Entschädigung haben alle Parteien, selbst die unterliegende20. Es bleibt schliesslich
darauf hinzuweisen, dass die Staatsanwaltschaft bzw. der von ihr vertretene Kanton
generell, d.h. auch bei Obsiegen, keinen Anspruch auf Entschädigung hat21.
Für das Beschwerdeverfahren hat RA B_ eine Honorarnote in Höhe von CHF 3‘341.50
eingereicht (act. B 16). Zu beachten ist, dass das mittlere Honorar im Kanton Appenzell
Ausserrhoden CHF 200.00 und nicht CHF 250.00, wie geltend gemacht, beträgt (Art. 13
Abs. 2 in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 Anwaltstarif, bGS 145.53). Somit ist A_ für das
Beschwerdeverfahren eine Entschädigung von insgesamt CHF 2‘673.20 (CHF 2‘380.00
mittleres Honoar + CHF 95.20 Barauslagen + CHF 198.00 Mehrwertsteuer)
zuzusprechen.
18 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 4 und 5 zu Art. 436 StPO; STEFAN WEHRENBERG/FRIEDRICH FRANK,
Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 14 f. zu Art. 436 StPO; PATRICK GUIDON, a.a.O., Rz. 580.
19 STEFAN WEHRENBERG/FRIEDRICH FRANK, a.a.O., N. 14 zu Art. 436 StPO; PATRICK GUIDON, a.a.O., Rz. 580.
20 STEFAN WEHRENBERG/FRIEDRICH FRANK, a.a.O., N. 16 zu Art. 436 StPO; PATRICK GUIDON, a.a.O., Rz. 580.
21 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., N. 2 zu Art. 423 StPO; PATRICK GUIDON, a.a.O., Rz. 581.
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