Decision ID: ee844522-7a63-4993-96f2-ca6d9b66db35
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden, irakische Staatsangehörige kurdischer
Ethnie mit letztem Aufenthalt in D._ (Provinz E._), verlies-
sen ihr Heimatland eigenen Angaben gemäss am 26. Dezember 2018 und
gelangten auf dem Luftweg F._. Von dort aus reisten sie auf dem
Landweg am 6. Januar 2019 in die Schweiz ein, wo sie am 10. Januar 2019
um Asyl nachsuchten.
A.b Am 17. Januar 2019 führte das SEM mit den Beschwerdeführenden
die Befragungen zur Person (BzP) durch.
Der Beschwerdeführer gab dabei an, er habe an der (...) von E._
(...) und sei anschliessend an der (...) von D._ als (...) tätig gewe-
sen. Seine Ehefrau habe in G._ in einem (...) gearbeitet und sei für
die Betreuung der (...) zuständig gewesen. Ein (...) namens H._
habe ab Januar 2018 seine Ehefrau dorthin gebracht und dabei seine (des
Beschwerdeführers) Ehefrau gesehen. Obwohl H._ Familie gehabt
habe, habe er ein Auge auf seine Ehefrau geworfen und sie ab Feb-
ruar/März 2018 telefonisch belästigt. Er habe ihr vorgeschlagen, sie solle
sich scheiden lassen, um mit ihm leben zu können. Er (der Beschwerde-
führer) habe mit H._ darüber sprechen wollen, dieser habe sich
aber geweigert. Als dieser nicht zum Ziel gekommen sei, habe er Drohun-
gen ausgestossen. Die Angelegenheit sei schwierig gewesen, denn
H._ sei Mitglied des (...). Trotzdem seien sie zum Gericht gegangen
und hätten Anzeige erstattet. Weder das Gericht noch die Polizei hätten
etwas unternehmen können und die Drohungen hätten zugenommen. Man
habe ihnen im August 2018 Droh-Zeichnungen zukommen lassen, wonach
ihr Kind entführt werde. Ein- oder zweimal seien Briefe in das Haus seines
Schwiegervaters geworfen und einmal sei eine Kugel auf sein abgestelltes
Auto gelegt worden. Seine Frau habe aufgehört zu arbeiten und er habe
Urlaub bezogen. Nachdem gedroht worden sei, man werde ihr Kind töten,
hätten sie bei Gericht Anzeige erstattet, ohne den Namen von H._
zu erwähnen. Sie hätten gesagt, sie seien von Unbekannten über Face-
book bedroht worden. Sie hätten bemerkt, dass die Leibwächter von
H._ sie beobachtet hätten. Da sie nicht gewollt hätten, dass zwi-
schen den beiden Stämmen ein Krieg ausbreche, seien sie ausgereist.
Wäre er in der Heimat geblieben, wäre er umgebracht worden.
Die Beschwerdeführerin erklärte, sie habe (...) und in einem (...) gearbei-
tet. Anfang 2018 sei ihr eine neue Kundin zugeteilt worden. Man habe ihr
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gesagt, es sei die Ehefrau eines (...). Mit der Zeit sei die Frau von ihrem
Ehemann persönlich abgeholt worden. Dieser habe sie telefonisch zu kon-
taktieren versucht und ihr eröffnet, dass er sie heiraten wolle. Sie habe ihm
gesagt, das gehe nicht und er sei zu alt für sie. Daraufhin habe er sie be-
droht; er habe gesagt, er werde ihren Ehemann töten und ihr Kind entfüh-
ren. Sie hätten bei Gericht Anzeige erstattet. Sie sei über Facebook be-
droht worden und auch ihr Ehemann sei bedroht worden. Als zweimal ein
Brief in das Haus ihres Vaters geworfen worden sei, habe einer ihrer Brüder
wissen wollen, was Sache sei. Hätte ihre ganze Familie von der Angele-
genheit erfahren, wäre zwischen den Stämmen Krieg ausgebrochen.
A.c Mit Schreiben vom 23. August 2019 ersuchten die Beschwerdeführen-
den gestützt auf mehrere Dokumente um Korrektur ihrer Namen im ZEMIS
(Zentrales Migrationsinformationssystem). Das SEM hiess dieses Gesuch
am 28. November 2019 gut.
A.d Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 27. Juli 2020 einlässlich zu
seinen Asylgründen an. Dabei machte er im Wesentlichen geltend, seine
Ehefrau habe in einem (...) gearbeitet, in das Anfang 2018 die Ehefrau ei-
nes wichtigen (...) (H._) in D._ gekommen sei. Dieser habe
sich in seine Ehefrau verliebt. Mit der Zeit habe dieser begonnen, sie an-
zurufen. Nach ungefähr drei Monaten habe seine Ehefrau mit der Frau von
H._ gesprochen. Diese sei überrascht gewesen; als sie am folgen-
den Tag ins (...) gekommen sei, habe seine Ehefrau gefühlt, dass es bei
ihrer Kundin zu Hause Ärger gegeben habe. Einige Tage später sei sie
nicht mehr ins (...) gekommen. Nachdem H._ begriffen habe, dass
seine (des Beschwerdeführers) Ehefrau die vielen Anrufe nicht schätze,
habe er sie telefonisch, mit Nachrichten und mit Stimmnachrichten zu be-
drohen begonnen. Seine Ehefrau habe sich sehr gefürchtet und habe ihr
Telefon ausgeschaltet. H._ habe begonnen, mit ihr über Facebook
in Kontakt zu treten. Nachdem er sie auch auf diesem Weg bedroht habe,
habe sie ihr Facebook-Konto gelöscht. Später sei ein Drohbrief ins Haus
seiner Schwiegereltern geworfen worden und H._ habe begonnen,
ihn (den Beschwerdeführer) telefonisch zu bedrohen. Seine Ehefrau sei
nicht mehr zur Arbeit gegangen und H._ habe gedroht, er werde die
ganze Familie töten, falls sie dieses Telefon ausschalteten. Er habe ge-
droht, er werde seine Ehefrau entführen und schwängern. Sie seien Mitte
Juni 2018 zum Gericht von G._ gegangen und hätten Anzeige er-
stattet. Als der Mitarbeiter am Gericht den Namen des Angezeigten gese-
hen habe, habe er gesagt, gegen diese Person könne er nichts unterneh-
men. Auch die Direktionen der (...) und des (...), bei denen er gearbeitet
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habe, hätten ihm nicht helfen können. Als er mit dem Gedanken gespielt
habe, etwas durch Journalisten oder Zeitungen zu erreichen, habe ihm ein
Freund davon abgeraten, da viele Journalisten wegen ähnlicher Fälle ge-
tötet worden seien. Er sei weiterhin zur Arbeit gegangen und eines Tages
sei eine Kugel auf sein Auto gelegt worden, als er bei der Arbeit gewesen
sei; von der Kugel sei eine Fotografie gemacht worden, die auf sein Handy
geschickt worden sei. H._ habe ihm geschrieben, es wäre einfach,
ihn zu töten, aber er wolle nur seine Ehefrau. Sie hätten bemerkt, dass sie
beobachtet worden seien. Im Sommer 2018 habe H._ gedroht, er
werde ihr Kind entführen. Sie seien zur Polizei gegangen, um Anzeige zu
erstatten; diese habe den Fall dem Gericht in D._ rapportiert, wo
sie ebenfalls ausgesagt hätten. Sie hätten dort indessen teilweise falsche
Angaben gemacht, da sie sich vor H._ gefürchtet hätten. Sie hätten
gedacht, die Behörden würden herausfinden, wer hinter dem Facebook-
Profil stecke, über das die Drohungen geschickt worden seien. H._
habe sich telefonisch erkundigt, ob er (der Beschwerdeführer) die seine
Tochter betreffenden Drohungen erhalten habe. Da er um sein Leben ge-
fürchtet habe, habe er seine Telefonnummer geändert und sein Facebook-
Konto gelöscht. Als ihm bewusstgeworden sei, dass sie mit Anzeigen
nichts erreichen könnten, hätten sie ernsthaft an eine Ausreise gedacht.
Nach einigem Bemühen habe er einen fünfjährigen Urlaub von seiner Ar-
beitsstelle erhalten. Er sei zu Hause geblieben und H._ habe noch-
mals einen Drohbrief an seine Schwiegerfamilie geschickt. Diese habe her-
ausfinden wollen, was hinter den Drohungen stecke. Als sie der Schwie-
gerfamilie den Grund und den Urheber der Drohungen genannt hätten,
habe diese gesagt, dass sie so etwas nicht akzeptieren und dagegen
kämpfen würde. Sie aber hätten nicht gegen H._ kämpfen wollen
und hätten seiner Schwiegerfamilie das Versprechen abgenommen, nie-
mandem von der Angelegenheit zu erzählen, da sie nicht in der Lage seien,
gegen einen so mächtigen Mann zu kämpfen. Sie hätten sich kaum mehr
aus dem Haus getraut und nur noch unmittelbar neben ihnen wohnende
Verwandte besucht. Als sie in der Schweiz angekommen seien, hätten sie
das Bedürfnis gehabt, wieder mit Leuten zu reden. Kurze Zeit später hätten
sie in Facebook erneut Drohungen erhalten. H._ habe ihnen ge-
schrieben, er werde sie finden und töten. Seine Ehefrau habe nun ein an-
deres Facebook-Konto, über das sie mit ihrer Familie Kontakt habe.
A.e Am 29. Juli 2020 wurde die Beschwerdeführerin vom SEM vertieft zu
ihren Asylgründen angehört. Sie machte im Wesentlichen geltend, sie habe
in G._ beim (...) gearbeitet. Anfang 2018 sei eine neue Kundin dort-
hin gekommen. Nach zirka 15 Tagen sei sie erstmals von ihrem Ehemann
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(H._) begleitet worden. Dieser sei immer öfter ins (...) gekommen
und habe sich auch mit den Angestellten unterhalten. Er habe sie auch
angerufen, was mit der Zeit sehr mühsam gewesen sei. Sie habe die Kun-
din darauf angesprochen, die sehr überrascht gewesen sei, dass ihr Mann
sie so oft anrufe. Zwei oder drei Tage danach sei die Kundin wiedergekom-
men; sie (die Beschwerdeführerin) habe den Eindruck gehabt, ihre Kundin
sei mitgenommen gewesen. Diese habe sich entschuldigt und sei danach
nie mehr gekommen. Danach habe H._ sie (die Beschwerdeführe-
rin) angerufen und ihr Vorwürfe gemacht. Sie habe ihm gesagt, sie habe
genug von seinen Anrufen. Während des Gesprächs habe er ihr eröffnet,
dass er sich in sie verliebt habe und sie heiraten wolle. Sie habe ihm ge-
sagt, sie sei verheiratet und habe ein Kind. Er habe ihr geantwortet, er
werde alles für sie tun. Sie habe ihm gedroht, sie werde ihren Ehemann
unterrichten, falls er sie nicht in Ruhe lasse. Er habe gemeint, er werde mit
ihrem Ehemann reden. Tatsächlich habe er mehrmals mit ihm gesprochen
und verlangt, dass er sie verlasse. H._ habe ihr alles Mögliche ver-
sprochen und gesagt, er könne vor Gericht erreichen, dass sie ihr Kind
mitnehmen könne. H._ sei Mitglied des (...) und in der Region von
D._ sehr einflussreich. Sein Vater bekleide in der (...). Nachdem sie
H._ zurückgewiesen habe, habe sie alle ihre Accounts in den sozi-
alen Medien geschlossen und ihr Telefon ausgeschaltet. Später habe er
versucht, sie über Facebook zu erreichen, er habe ihr viele Nachrichten
geschickt. Sie habe auch dieses Profil gelöscht. Danach habe er ständig
versucht, ihren Ehemann anzurufen. Da dieser die Gespräche nicht entge-
gengenommen habe, habe H._ Sprachnachrichten hinterlassen.
Als sie nicht reagiert hätten, hätten sie bemerkt, dass sein Wagen von sei-
nen Leibwächtern vor ihrem Haus herumgefahren worden sei. Da sie sich
sehr gefürchtet hätten, hätten sie auf die Anrufe antworten müssen.
H._ habe ihren Ehemann bedroht. Er habe gesagt, er könne ihn
töten, werde aber versuchen, mit friedlichen Mitteln zu bekommen, was er
wolle. Ihr habe er gesagt, er werde sie entführen, falls sie ihren Ehemann
nicht verlasse. Wenn sie zum (...) gegangen sei, sei sie von H._
verfolgt worden. Einmal habe er sie fotografiert und ihr im Facebook die
Fotografie geschickt. Sie habe Angstzustände gehabt und sei unter Stress
gestanden. Ihre Verwandten hätten Fragen zu stellen begonnen, weil sie
nicht mehr erreichbar gewesen und nicht mehr zu Besuch gekommen
seien. Sie habe jedes Mal eine andere Ausrede finden müssen. Am
12. Juni 2018 hätten sie H._ angezeigt. Sie seien zum Gericht ge-
gangen und hätten eine Anzeige erstattet. Nachdem ein Gerichtsmitarbei-
ter die Anzeige gelesen habe, habe er gesagt, diese werde keinen Erfolg
haben, da die Behörden gegen diesen Mann nichts unternehmen könnten.
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In der Tat hätten sich die Behörden nicht darum gekümmert. Nachdem
H._ gedroht habe, er werde ihre Tochter entführen, hätten sie Mitte
August 2018 eine zweite Anzeige erstattet. Sie hätten betreffend das Da-
tum der Drohung nicht die Wahrheit gesagt und auch den Namen des Dro-
henden nicht genannt, da sie gewollt hätten, dass der Anzeige nachgegan-
gen werde. Sie hätten der Polizei Ausdrucke vom Facebook-Profil gege-
ben, über das die Drohungen gekommen seien. Man habe ihnen gesagt,
man habe die Person, die hinter diesem Account stecke, nicht ausfindig
machen können. H._ habe ein neues Profil erstellt, um sie zu errei-
chen und zu bedrohen. Ihr Ehemann habe ihn jeweils blockiert, weshalb er
versucht habe, mit einem neuen Profil Kontakt zu knüpfen. H._
habe gedroht, dass er sie vergewaltigen und schwängern werde, um sie zu
zwingen, ihren Ehemann zu verlassen. Er habe gedroht, er werde ihren
Angehörigen und ihrem Ehemann etwas antun. Er habe einen Brief an ihr
Elternhaus geschickt, in dem er ihren Ehemann diskreditiert habe. Ihre
Mutter, die Analphabetin sei, habe diesen gefunden. Ihr Bruder habe ange-
rufen und wissen wollen, ob sie Eheprobleme hätten. Nachdem ein zweiter
ähnlicher Brief gekommen sei, habe ihr Bruder von ihrem Ehemann wissen
wollen, was Sache sei. Ihr Ehemann habe dem Bruder gesagt, er solle bei
ihnen vorbeischauen. Sie hätten ihrem Bruder das Versprechen abgenom-
men, dass er niemandem etwas erzählen werde. Als sie ihm die Wahrheit
erzählt hätten, habe ihr Bruder gesagt, er werde so etwas nicht akzeptie-
ren. Sie hätten ihm gesagt, dass sie planten, den Irak zu verlassen. Ihr
Bruder sei ihnen behilflich gewesen, einen Schlepper zu finden. Ihr Ehe-
mann habe auf seinem Telefon weiterhin Drohungen erhalten. H._
habe gedroht, er werde ihr Haus sprengen und sie töten, wenn sie dieses
Telefon ausschalteten. Da ihnen die Mobiltelefone abgenommen worden
seien, seien alle darauf gespeicherten Beweise nicht mehr greifbar. Im
März 2019 hätten sie ein neues Facebook-Profil erstellt, um mit ihren Fa-
milien Kontakt aufzunehmen. H._ habe es herausgefunden und sie
bedroht. Sie hätten sich veranlasst gesehen, das Profil wieder zu löschen.
In der Schweiz habe sie psychiatrische Hilfe gesucht. Sie habe über ein
Jahr lang einen Psychiater besucht, der ihr Medikamente verschrieben
habe. Ungefähr vor fünf Monaten sei sie zum letzten Mal beim Arzt gewe-
sen. Seit sie in einer Wohnung lebten, gehe es ihnen viel besser.
A.f Das SEM führte mit dem Beschwerdeführer am 17. September 2020
eine ergänzende Anhörung durch. Einleitend wurden einige der von den
Beschwerdeführenden eingereichten Beweismittel besprochen. Der Be-
schwerdeführer erklärte im Wesentlichen, er sei von H._ telefonisch
bedroht worden, nachdem seine Ehefrau ihr Handy ausgeschaltet habe.
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Manchmal habe H._ seine Ehefrau angerufen und ihn sprechen
wollen, so dass er nicht sagen könne, wann er das erste Mal von ihm an-
gerufen worden sei. H._ habe gesagt, er werde ihm alle seine Wün-
sche erfüllen, falls er seine Ehefrau verlasse. H._ habe oft mit un-
terdrückten Nummern angerufen und bedrohliche SMS geschrieben, wenn
er die Anrufe nicht entgegengenommen habe. Er habe nicht den Mut ge-
habt, H._ am Telefon zu beschimpfen, und sei während der Anrufe
höflich geblieben. Nachdem er die Kugel gesehen habe, die auf sein Auto
gelegt worden sei, habe er enorme Angst verspürt. Manchmal sei er von
den Bodyguards von H._ verfolgt worden; er habe diese zwar nur
einmal gesehen, habe aber gespürt, dass er mehrmals verfolgt worden sei.
Die erste Anzeige vom Juni 2018 habe er handschriftlich abfassen müssen.
Der Angestellte des Gerichts, der diese entgegengenommen habe, habe
ihm gesagt, die Anzeige werde nicht weiterverfolgt werden, weil der Name
von H._ erwähnt worden sei. Die zweite Anzeige hätten sie im Au-
gust 2018 bei der Polizei erstattet, welche die Anzeige verfasst habe. Sie
hätten gesagt, sie würden seit 2017 bedroht und man habe gedroht, dass
man ihre Tochter entführen werde. Den Namen H._ hätten sie nicht
erwähnt, da sie gewollt hätten, dass die Polizei der Sache nachgehe. Ihre
Aussagen seien aufgeschrieben worden und sie hätten ihre Kontaktdaten
abgegeben. Normalerweise schicke die Polizei das Protokoll zum Gericht;
sie hätten leider nichts gehört. Nur der Bruder seiner Ehefrau habe von
ihrem Problem gewusst. Dem Rest der Familie hätten sie gesagt, sie wür-
den zu Studienzwecken ins Ausland gehen.
A.g Während des vorinstanzlichen Verfahrens reichten die Beschwerde-
führenden mehrere Identitätsdokumente und Beweismittel zu den Akten
(vgl. SEM-act. A6 Ziff. 1 -15).
B.
Mit Verfügung vom 24. September 2020 – eröffnet am folgenden Tag –
stellte das SEM fest, die Beschwerdeführenden und ihr Kind würden die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, und lehnte ihre Asylgesuche ab.
Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete de-
ren Vollzug an.
C.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 26. Oktober 2020 erhoben die Be-
schwerdeführenden beim Bundesverwaltungsgericht gegen diese Verfü-
gung Beschwerde. Darin wurde beantragt, das Gericht habe nach dem Ein-
gang der Beschwerde unverzüglich darzulegen, welche Gerichtspersonen
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mit der Behandlung der vorliegenden Sache betraut würden, gleichzeitig
habe es bekanntzugeben, wie diese Gerichtspersonen ausgewählt worden
seien, falls in diese Auswahl eingegriffen worden sei, habe das Gericht die
objektiven Kriterien bekannt zu geben, nach denen diese Gerichtsperso-
nen ausgewählt worden seien, den Beschwerdeführenden sei dazu Ein-
sicht in die Datei der Software des Gerichts zu gewähren, mit welcher diese
Auswahl nach Eingang der Beschwerde kreiert worden sei, und es sei of-
fenzulegen, wer diese Auswahl getroffen habe [1], es sei ihnen vollständige
Einsicht in die gesamten Akten des SEM, insbesondere in die Beweismittel
7 und 8 (CDs) zu gewähren, und nach der vollständigen Akteneinsicht sei
ihnen eine angemessene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergän-
zung anzusetzen [2], die Verfügung sei wegen der Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör aufzuheben und die Sache sei an das SEM
zurückzuweisen [3], eventuell sei die Verfügung wegen der Verletzung der
Begründungspflicht aufzuheben und die Sache an das SEM zurückzuwei-
sen [4], eventuell sei die Verfügung aufzuheben und die Sache sei zur Fest-
stellung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts
und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen [5], eventuell sei die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden festzustellen und es sei
ihnen Asyl zu gewähren [6], eventuell seien die Ziffern 3 und 4 des Dispo-
sitivs der angefochtenen Verfügung aufzuheben und die Unzulässigkeit
oder die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen [7].
D.
Der Instruktionsrichter setzte die Beschwerdeführenden mit Zwischenver-
fügung vom 5. November 2020 von der Zusammensetzung des Spruchkör-
pers in Kenntnis und teilte ihnen mit, wer den Spruchkörper wann und wie
generiert habe [1]. Er forderte die Beschwerdeführenden auf, bis zum
20. November 2020 einen Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu leisten, unter
der Androhung, bei ungenutzter Frist werde auf die Beschwerde nicht ein-
getreten. Zudem teilte er ihnen mit, dass über die weiteren Anträge zu ei-
nem späteren Zeitpunkt befunden werde.
E.
Am 19. November 2020 wurde zugunsten des Bundesverwaltungsgerichts
ein Kostenvorschuss von Fr. 750.– eingezahlt.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 30. November 2020 wies der Instruktionsrich-
ter das SEM an, den Beschwerdeführenden Einsicht in die von ihnen ein-
gereichten Beweismittel 7 und 8 (abgelegt in SEM-act. A6) zu gewähren.
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Er setzte den Beschwerdeführenden Frist, innerhalb von 15 Tagen ab Er-
halt der ergänzenden Akteneinsicht eine Stellungnahme dazu einzu-
reichen. Der Beschwerdeführerin räumte er die Gelegenheit ein, bis zum
15. Dezember 2020 einen sie betreffenden ärztlichen Bericht einzureichen.
Den Antrag, den Beschwerdeführenden sei Frist zur Einreichung weiterer
Beweismittel anzusetzen, wies er ab.
G.
Am 15. Dezember 2020 wurde ein ärztlicher Befund der (...) vom 19. No-
vember 2020 eingereicht und beantragt, der Beschwerdeführerin sei Frist
zur Einreichung eines fachärztlichen Berichts anzusetzen.
H.
Mit Eingabe vom 16. Dezember 2020 wurde unter Hinweis auf die beige-
legte Korrespondenz mit dem SEM darauf hingewiesen, dieses verlange,
dass die Beschwerdeführenden beziehungsweise ihr Rechtsvertreter am
Sitz des SEM Einsicht in die Beweismittel 7 und 8 nehmen würden. Das
Bundesverwaltungsgericht wurde darum ersucht, das SEM anzuweisen,
ihnen einen elektronischen Datenträger zuzustellen oder ihnen die Beweis-
mittel auf ein dafür speziell errichtetes E-Mail-Konto zu senden.
I.
Der Instruktionsrichter wies den Antrag, es sei den Beschwerdeführenden
Frist zur Einreichung eines ausführlichen fachärztlichen Berichts anzuset-
zen, mit Zwischenverfügung vom 22. Dezember 2020 ab. Gleichzeitig wies
er das SEM an, ihnen beziehungsweise ihrem Vertreter die Beweismittel 7
und 8 (aus SEM-act. A6) in Form einer Kopie auf elektronischem Weg zu-
zustellen.
J.
Das SEM übermittelte den Beschwerdeführenden die auf zwei CDs gespei-
cherten Beweismittel am 11. Januar 2021 auf einem USB-Stick.
K.
Am 28. Januar 2021 wurde die Stellungnahme der Beschwerdeführenden
zu den ihnen zugestellten Beweismitteln 7 und 8 übermittelt. Dieser lagen
mehrere Beweismittel bei (vgl. S. 10 der Eingabe).
L.
Mit Instruktionsverfügung vom 23. März 2021 lud der Instruktionsrichter
das SEM ein, eine Vernehmlassung zur Beschwerde einzureichen.
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M.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 6. April 2021 an seinem
Standpunkt fest.
N.
Der Instruktionsrichter gewährte den Beschwerdeführenden am 14. April
2021 die Gelegenheit, eine Replik zur Vernehmlassung und entsprechende
Beweismittel einzureichen.
O.
In der Replik vom 29. April 2021, der zahlreiche Fotografien beilagen, hiel-
ten diese an ihren Anträgen fest. Es wurde darum ersucht, ihrem Rechts-
vertreter sei vor einem Gutheissungsentscheid eine kurze Frist zur Einrei-
chung einer detaillierten Kostennote anzusetzen.
P.
Mit Zwischenverfügung vom 7. Mai 2021 wies der Instruktionsrichter die-
ses Gesuch unter Hinweis auf die Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
ab.
Q.
Am 12. Mai 2021 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden
eine Kostennote ein.
R.
Mit Eingabe vom 9. Juni 2021 liessen die Beschwerdeführenden dem Bun-
desverwaltungsgericht einen die Beschwerdeführerin betreffenden fach-
ärztlichen Bericht von Dr. med. I._ und Dr. med. J._ vom
8. Juni 2021 zukommen.
S.
Mit Eingabe vom 26. April 2022 teilten die Beschwerdeführenden mit, dass
die Mutter der Beschwerdeführerin, K._, am 7. März 2022 erschos-
sen worden sei. Vor ihrem Tod sei sie mehrfach von H._ bedroht
worden. Der Vater und die Brüder der Beschwerdeführerin hätten Anzeige
erstattet. Der Vorfall belege, dass H._ auch vier Jahre nach ihrer
Ausreise ein Interesse daran habe, ihrer Familie Schaden zuzufügen. Es
erscheine klar, dass die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr in den
Irak mit Verfolgungsmassnahmen zu rechnen hätten. Sollten Zweifel am
vorgebrachten Sachverhalt bestehen, werde um die Anordnung einer Ab-
klärung vor Ort ersucht. Da die psychische Verfassung der Beschwerde-
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Seite 11
führerin äusserst labil sei, seien ihr die Hintergründe der Tötung ihrer Mut-
ter verschwiegen worden. Dies sei zu berücksichtigen und die Sache sei
aufgrund der Dringlichkeit prioritär zu behandeln. Der Eingabe lag eine To-
desbestätigung bezüglich Frau K._, ausgestellt vom (...), bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Nachdem der Kosten-
vorschuss fristgerecht geleistet wurde, ist auf die Beschwerde einzutreten.
1.4 In der Beschwerde wird beantragt, das Bundesverwaltungsgericht
habe Einsicht in die Datei der Software zu gewähren, mit der die Bestim-
mung des Spruchkörpers vorgenommen worden sei [1]. Gemäss Art. 26
Abs. 1 VwVG haben die Partei oder ihr Vertreter Anspruch darauf, in ihrer
Sache folgende Akten einzusehen: Eingaben von Parteien und Vernehm-
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lassungen von Behörden (Bst. a), alle als Beweismittel dienenden Akten-
stücke (Bst. b) und Niederschriften eröffneter Verfügungen (Bst. c). Die
Software, mit welcher das Bundesverwaltungsgericht den Spruchkörper
bestimmt, welcher die bei ihm eingereichten Rechtsmittel beurteilt, ist als
solche keine das konkrete Verfahren betreffende Akte, in die Einsicht ge-
währt werden könnte. Der entsprechende Antrag ist daher abzuweisen. Im
Übrigen ist hinsichtlich der Spruchkörperbildung auf die Zwischenverfü-
gung vom 5. November 2020 zu verweisen (vgl. Bst. D).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, die Schilde-
rungen der Beschwerdeführenden liessen Realkennzeichen vermissen.
Bei denselben handle es sich um eine blosse Aneinanderreihung von Ge-
schehnissen ohne persönliche Note. Bei der BzP sei ihnen genügend Zeit
für eine freie Erzählung gegeben worden. Bei der Anhörung hätten sie die
Aussagen bezüglich der Drohungen durch H._ in stereotyper Art
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wiederholt, ohne zusätzliche Details anzugeben oder eine weiterführende
Szene vorzubringen oder eine gefühlsbetonte Aussage zu machen. Bezüg-
lich ihrer Empfindungen hätte sie lediglich stereotyp wiederholt, sie hätten
Angst gehabt. Die Aussagen hinterliessen einen undifferenzierten Eindruck
und liessen jegliche inhaltliche Besonderheit vermissen. Es fehlten indivi-
dualisierte Aussagen, welche die persönliche Betroffenheit oder ein per-
sönlich gefärbtes Reaktionsmuster zum Ausdruck brächten.
Die Antworten des Beschwerdeführers zu den Geschehnissen seien aus-
weichend und liessen jegliche Konkretheit und Anschaulichkeit vermissen.
Auf die Frage, ob er das Telefongespräch, als H._ ihn angerufen
und gefragt habe, ob er seine Drohungen bezüglich seiner Tochter, welche
er unter einem Pseudonym im Facebook verschickt habe, erhalten habe,
schildern könne, sei er nicht eingegangen. Er habe gesagt, H._
habe viel mit seiner Ehefrau telefoniert. Auf erneute Aufforderung, zu sa-
gen, was H._ bei diesem Telefongespräch gesagt habe, habe er
allgemein von dessen Anrufen unter unbekannter Nummer und von Stimm-
nachrichten gesprochen. Noch einmal danach gefragt, sei die Antwort er-
neut sehr allgemein geblieben. Er habe lediglich erwähnt, H._ habe
gefragt, ob er einverstanden wäre, wenn er seine Tochter entführen würde.
Es sei nicht nachvollziehbar, warum er dieses Ereignis nicht anschaulich
habe schildern können.
Die Schilderungen der Beschwerdeführerin zu den ihr gegenüber ausge-
sprochenen Drohungen seien insgesamt oberflächlich und detailarm. Da-
nach gefragt, was in den Facebook-Drohungen gestanden habe, habe sie
geantwortet, sie habe auch per Telefon Drohungen erhalten. Auf Nachfrage
sei ihre Antwort allgemein geblieben. Sie habe angegeben, H._
habe ihr viele Drohungen geschickt, einmal habe er gedroht, sie zu entfüh-
ren, ein anderes Mal, ihren Ehemann umzubringen oder ihr Haus zu spren-
gen. Diese undifferenzierten Angaben vermittelten nicht den Eindruck,
dass sie über eigene Erlebnisse berichte.
Das SEM gehe davon aus, dass es sich bei den geltend gemachten Vor-
bringen um einen konstruierten Sachverhalt handle.
Der Beschwerdeführer habe bei der BzP behauptet, die Ehefrau von
H._ sei seit Januar 2018 bei seiner Ehefrau (...) gewesen. Die Dro-
hungen hätten im Februar/März 2018 begonnen. Auf die Frage, wann er
letztmals bedroht worden sei, habe er gesagt, dies sei im August 2018 ge-
D-5254/2020
Seite 14
wesen. Bei der Anhörung habe er hingegen geltend gemacht, die Bedro-
hungen hätten im April 2018 eingesetzt. Im Rahmen des rechtlichen Ge-
hörs habe er gesagt, er habe vielleicht unter Stress gestanden, H._
habe früh begonnen, mit seiner Ehefrau zu flirten und seine Worte hätten
auch Drohungen enthalten. Diese Erklärung vermöge den zeitlichen Wi-
derspruch nicht aufzulösen. Zudem habe er bei der ergänzenden Anhörung
gesagt, er habe auch nach der zweiten Anzeigeerstattung im August 2018
Drohungen erhalten. Bei der BzP habe er vorgebracht, er habe einige Male
versucht, mit H._ zu sprechen, dieser habe sich geweigert. Bei der
ergänzenden Anhörung habe er ausgeführt, H._ habe seine Ehe-
frau angerufen, habe aber mit ihm sprechen wollen, um ihn zu fragen, was
er begehre, damit er seine Ehefrau gehen lasse. Auf diesen Widerspruch
angesprochen habe er gesagt, er habe sich nicht mit H._ treffen
wollen, weil dieser sehr mächtig sei.
Die Angaben der Beschwerdeführenden, ein (...) habe sie beide über Mo-
nate hinweg bedroht und beschattet, weil er die Beschwerdeführerin habe
heiraten wollen, erschienen übertrieben. Hätte H._ wirklich ein In-
teresse an der Beschwerdeführerin gehabt, wäre davon auszugehen, dass
er aufgrund seiner angeblichen Macht kaum dabeigeblieben wäre, lediglich
Drohungen auszusprechen. Der Beschwerdeführer habe bei der ergänzen-
den Anhörung angegeben, dass in seiner Kultur viele mächtige Männer
sich alles erlauben könnten und Frauen entführten. Die Beschwerdeführe-
rin habe erklärt, H._ habe gewollt, dass sie in Frieden ihren Ehe-
mann verlasse und mit ihm ein schönes Leben führe. Er habe Drohungen
ausgestossen, weil er nicht mehr habe tun können, um sie zu überzeugen.
Diese Erklärungen entbehrten jeglicher Logik und überzeugten nicht. Wei-
ter erscheine es nicht plausibel, dass H._ dem Beschwerdeführer
einerseits im Facebook Drohungen unter einem Pseudonym habe zukom-
men lassen und ihn anderseits angerufen habe, um nachzufragen, ob er
die Drohungen bezüglich seiner Tochter erhalten habe. Schliesslich ent-
spreche es nicht der geltend gemachten Gefährdungssituation, wenn der
Beschwerdeführer angebe, er habe seine Arbeitsstelle nicht ohne Erlaub-
nis verlassen wollen. Er habe Urlaub beantragt, diesen jedoch erst am
13. September 2018 erhalten. Sein Verhalten lasse Rückschlüsse zu, dass
es sich um eine geplante Ausreise aus dem Heimatstaat und nicht um eine
Flucht vor Verfolgung handle. Aufgrund der unsubstanziierten, realitäts-
fremden und widersprüchlichen Vorbringen könne nicht geglaubt werden,
dass die Beschwerdeführenden von einem (...) bedroht worden seien.
D-5254/2020
Seite 15
Die Beschwerdeführenden hätten mehrere Beweismittel zu den Akten ge-
reicht. Auf einer CD seien Fotografien von der Beschwerdeführerin, die sie
im (...) zeigten, sowie eine Bestätigung bezüglich der Beurlaubung des Be-
schwerdeführers abgespeichert. Zudem hätten sie Ausbildungs-Diplome
eingereicht. An ihren beruflichen Tätigkeiten werde nicht gezweifelt. Die auf
einer der CDs enthaltenen Fotografien und Videos von H._ stünden
nicht im direkten Zusammenhang mit den Vorbringen. Der Beschwerdefüh-
rer habe gesagt, er habe diese aus dem Internet heruntergeladen. Des
Weiteren habe er erklärt, er habe die auf der CD enthaltenen Berichte über
Journalisten und Personen, die von (...) umgebracht worden seien, in der
Schweiz aus Facebook kopiert. Auch aus denselben könne nicht auf eine
Verfolgung der Beschwerdeführenden geschlossen werden. Die weiteren
Beweismittel – vier Aussageprotokolle und zwei Bestätigungen des Polizei-
postens von G._ – lägen nur in Kopie vor. Einzig das Aussagepro-
tokoll vom 12. Juni 2018 weise eine Originalschrift auf, jedoch handle es
sich bei dem vom Beschwerdeführer ausgefüllten Formular ebenfalls um
Kopien. Kopien wiesen aufgrund ihrer leichten Manipulierbarkeit vermin-
derten Beweiswert auf. Zudem sei nicht ersichtlich, warum bei der geltend
gemachten Einreichung einer Anzeige im August 2018 Aussagen zur Ver-
folgungssituation gemacht worden seien, die nicht den Tatsachen entsprä-
chen. Die Beschwerdeführerin habe gesagt, sie habe aus Angst, dass die
Behörden erfahren hätten, gegen wen sie habe Anzeige erstatten wollen,
falsche Angaben zum Zeitpunkt gemacht, ab welchem sie Drohungen er-
halten habe. Die angeblichen Falschaussagen, die sie bei der zweiten An-
zeige gemacht haben wolle, stünden im Widerspruch zu den Aussagen bei
den Anhörungen und bestätigten in keiner Art und Weise die Verfolgungs-
situation. Schliesslich vermöchten die im Irak und in der Schweiz erhalte-
nen Drohschreiben im Facebook eine Verfolgung durch H._ nicht
zu belegen, da keine direkten Rückschlüsse auf den Verfasser der Drohun-
gen gezogen werden könnten. Solche Einträge auf Social-Media könnten
manipuliert und selbst fabriziert werden. Sie taugten daher nicht, die un-
substanziierten Aussagen glaubhaft zu machen. Die Beweismittel könnten
eine Verfolgung der Beschwerdeführenden nicht belegen. Abgesehen da-
von könnten Beweismittel im Heimatland der Beschwerdeführenden leicht
käuflich erworben werden, weshalb sie verminderten Beweiswert aufwie-
sen.
Die Vorbringen der Beschwerdeführenden hielten den Anforderungen an
die Glaubhaftigkeit von Art. 7 AsylG nicht stand, so dass deren Asylrele-
vanz nicht zu prüfen sei.
D-5254/2020
Seite 16
4.2
4.2.1 In der Beschwerde wird der Sachverhalt zusammenfassend darge-
legt und geltend gemacht, die bei der Anhörung des Beschwerdeführers
vom 27. Juli 2020 eingesetzte Dolmetscherin habe nicht korrekt übersetzt,
was wohl dazu geführt habe, dass er ergänzend angehört worden sei. Die
Beschwerdeführerin sei am Ende ihrer Anhörung auf einen Widerspruch zu
den Aussagen ihres Ehemannes aufmerksam gemacht worden. Beim Ge-
spräch mit ihrem Ehemann habe sich herausgestellt, dass er dasselbe ge-
sagt habe wie sie. Dass dies der Wahrheit entspreche, ergebe sich daraus,
dass er bei der BzP gesagt habe, dass Drohbriefe zum Haus des Schwie-
gervaters geschickt worden seien. Bei der ergänzenden Anhörung habe er
den Übersetzungsfehler aufklären können. Es werde klar, dass die Dolmet-
scherin bei der Anhörung ihn nicht ausreichend verstanden habe. Es sei
unsicher, ob ihr noch weitere Fehler unterlaufen seien. Das entsprechende
Protokoll sei unbrauchbar. Wenn aufgrund dieser mangelhaften Grundlage
eine Glaubhaftigkeitsprüfung durchgeführt und ein negativer Asylentscheid
erlassen werde, verletze dies das rechtliche Gehör des Beschwerdefüh-
rers. Das vorliegende Protokoll werde den Anforderungen an dolmet-
schende Personen, die vom SEM in seinem Handbuch festgelegt würden,
nicht gerecht. Sollte die Sache an das SEM zurückgewiesen werden,
werde der Antrag gestellt, dass das SEM gegenüber dem Bundesverwal-
tungsgericht und dem Beschwerdeführer offenzulegen habe, welchem
Auswahlverfahren die Übersetzerin unterzogen worden sei und wie sich
ihre sprachlichen Kompetenzen und ihre Schulung darstelle.
Die Beschwerdeführerin habe bei der Anhörung gesagt, dass es ihr nicht
gutgehe, was auch aus den Aussagen des Beschwerdeführers bei seiner
Anhörung offensichtlich werde. Spätestens anlässlich seiner ergänzenden
Anhörung werde deutlich, dass die Fachreferentin kein Interesse an der
Abklärung des Gesundheitszustands gehabt habe. Ihre Aussage, das vom
Beschwerdeführer angesprochene Dokument (Arztzeugnis; Anmerkung
des Gerichts) sei nicht unbedingt aktuell, sei unzulässig und führe zur Ver-
unsicherung der Betroffenen, was dazu führen könne, dass keinerlei Un-
terlagen zum Gesundheitszustand eingereicht würden. Die Ausführungen
in der Verfügung, in denen impliziert werde, die gesundheitlichen Probleme
der Beschwerdeführerin lägen in der Vergangenheit und diese müsse ge-
sund sein, da sie nicht mehr in ärztlicher Behandlung sei, seien unzulässig
und entbehrten jeglicher Grundlage. Es könne nicht als «gesund» bezeich-
net werden, dass sie jeden Tag weine.
D-5254/2020
Seite 17
Das SEM habe die aktuelle Ländersituation im Irak und in der ARK-Region
(Autonome Region Kurdistan; Anmerkung des Gerichts) unkorrekt abge-
klärt. Im Widerspruch zu seinen Aussagen zur Volatilität und Dynamik der
Situation beziehe sich das SEM auf Länderinformationen, Berichte und Ur-
teile, die über drei Jahre zurücklägen. Die Ausführungen stünden auch in
keinem Zusammenhang mit den Vorbringen der Beschwerdeführenden.
Die landesweiten Proteste und Demonstrationen im Irak seit Oktober 2019
würden nicht erwähnt. Diese Proteste, die «Tishreen Revolution» oder
«Irakische Intifada» genannt würden, erschütterten den Irak. Es verstehe
sich von selbst, dass Personen wie sie, die bei den lokalen Machthabern
in Ungnade gefallen seien, bei einer Rückkehr besonderen Verfolgungs-
massnahmen ausgesetzt wären. Das SEM habe seine Begründungspflicht
verletzt, da es die aktuelle politische und menschenrechtliche Situation
nicht gewürdigt habe. Es rechtfertige sich, die Sache an das SEM zurück-
zuweisen.
Das SEM habe den Gesundheitszustand der Beschwerdeführenden un-
vollständig abgeklärt. Beide Beschwerdeführende schienen unter psychi-
schen Anspannungen zu leiden. Es sei bekannt, dass Personen, denen es
bessergehe, vorschnell eine Therapie abbrächen. Es sei klar, dass die Be-
schwerdeführerin, nachdem sie den post-migratorischen Stressor – Woh-
nen in der Asylunterkunft – beseitigt habe, sich besser gefühlt und deshalb
die Behandlung abgebrochen habe. Dies heisse nicht, dass sie gesund sei.
Vielmehr sei davon auszugehen, dass der negative Entscheid und die dro-
hende Ausschaffung erneut zu einer Verschlechterung ihres psychischen
Gesundheitszustands geführt hätten. Hinzu komme, dass sie aus einer
Kultur stamme, in der psychische Probleme stigmatisiert würden.
Der Beschwerdeführer habe bei seiner Anhörung erklärt, für Personen
ohne Einfluss oder Verbindungen sei es kaum möglich, Original-Doku-
mente zu beschaffen. Da ihre Familien nicht über ihre Probleme informiert
seien, sei es ihnen auch auf diesem Weg nicht möglich, entsprechende
Dokumente zu beschaffen. Viele Behörden arbeiteten mit Kopien von For-
mularen, die dann ausgefüllt würden. Als Originale stellten die eingereich-
ten Beweismittel in Kopie einen Teilbeweis für ihre Vorbringen dar. Das
SEM verkenne den Umstand, der bei der Anzeige vom August 2018 zu
Falschaussagen geführt habe. Die erste Anzeige hätten sie mit dem ge-
nauen Zeitraum, dem Ausmass der Bedrohung und dem Namen von
H._ bei Gericht erstattet. Diese Anzeige sei nicht behandelt worden.
Als die Drohungen zugenommen hätten, hätten sie erneut Anzeige erstat-
tet. Aus Angst, diese werde nicht entgegengenommen, hätten sie sich zur
D-5254/2020
Seite 18
Falschaussage entschieden, die dazu hätte führen sollen, dass der Fall
überhaupt verfolgt werde. Die Falschaussage illustriere ihre Verzweiflung
und unterstreiche die geltend gemachte Verfolgung. Das SEM habe den
Zusammenhang nicht verstanden und die Beweismittel nicht korrekt ge-
würdigt. Nicht nur Social-Media-Einträge, sondern auch Filme, Aussagen,
Fotografien, Dokumente und Unterschriften könnten ohne weiteres mani-
puliert werden; im Grunde sei nichts manipulationssicher. Nur weil die Mög-
lichkeit einer Manipulation bestehe, dürfe nicht von einer solchen ausge-
gangen werden. Vor allem nicht in einem Rechtsgebiet, in dem die Be-
schaffung von Beweisen schwierig sei. Es müsse der Grundsatz «in dubio
pro refugio» gelten. Die Facebook-Einträge belegten, dass die Beschwer-
deführenden bei einer Rückkehr in den Irak asylrechtlich relevant gefährdet
seien. Das SEM habe auch diese Beweismittel nicht korrekt und nicht voll-
ständig gewürdigt.
Die Aussage des SEM, es seien in den Aussagen der Beschwerdeführen-
den keine Realkennzeichen vorhanden, sei falsch. In der Folge wird auf
Interaktionsschilderungen, die Wiedergabe von Gesprächen, die Schilde-
rung ausgefallener beziehungsweise nebensächlicher Einzelheiten, die
Schilderung eigener psychischer Vorgänge und psychischer Vorgänge von
Beteiligten, das Eingeständnis von Erinnerungslücken und auf den gefühls-
mässigen Nachklang von Erlebnissen und (spontane) Verbesserungen ei-
gener Aussagen in den Schilderungen der Beschwerdeführenden hinge-
wiesen (vgl. S. 18 ff. der Beschwerde). Die Einschätzung des SEM habe
damit widerlegt werden können. Es sei klar, dass die Beschwerdeführen-
den einen Sachverhalt schilderten, den sie erlebt hätten. Beim Beschwer-
deführer handle es sich nicht um den Hauptbetroffenen, da seine Ehefrau
die Frau von H._ (...) habe. Dass er möglicherweise keine absolut
konkreten und detaillierten Aussagen habe machen können, sei eine logi-
sche Folge des Umstandes, dass er nicht anwesend gewesen sei und viele
Dinge vom Hörensagen wisse. Beim angeblichen und unwesentlichen Wi-
derspruch handle es sich um keinen solchen. Er habe bei der Anhörung
festgehalten, dass H._ mit den Drohungen begonnen habe, als er
begriffen habe, dass die Beschwerdeführerin seine Anrufe und Geschenke
nicht möge. Obwohl zwischen den Aussagen anlässlich der Anhörung kein
Widerspruch bestehe, habe sich das SEM auf die BzP berufen, was un-
haltbar sei, da diese nur summarischen Charakter habe. Es könne sein,
dass es kleinere Zeitschwankungen in den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers gebe, die dem Umstand geschuldet seien, dass er nur indirekt betrof-
fen gewesen sei. Die Aussagen passten zu denjenigen seiner Ehefrau, die
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klarere und präzisere zeitliche Angaben machen könne, da sie direkt be-
troffen gewesen sei. Ein Mensch, der viel Macht habe, könne sich theore-
tisch alles nehmen, was er wolle, es sei aber auch für ihn nicht von Vorteil,
negativ aufzufallen. Es sei klar, dass H._ zuerst mit «sachten Mit-
teln» versucht habe, die Beschwerdeführerin für sich zu gewinnen. Als dies
nicht funktioniert habe, habe er zu Drohungen, Verleumdungen und Verfol-
gungen gegriffen. Es sei eine Frage der Zeit gewesen, bis er seine Dro-
hungen wahrgemacht hätte. Psychoterror, gegen den nichts unternommen
werden könne, sei oftmals wirksamer als Handlungen. Eine Person wie
H._ habe keine Hemmungen, den Psychoterror so weit zu treiben,
dass sie das Opfer direkt frage, ob es die Drohungen erhalten habe. Das
Erstellen eines neuen Profils und das Versenden von Drohungen mit an-
schliessendem Nachfragen sei ein Zeichen von Macht und Kontrolle. Das
SEM habe verkannt, weshalb H._ dem Beschwerdeführer Drohun-
gen unter einem Pseudonym habe zukommen lassen. Es gehe darum,
dass der eigentliche Account der Beschwerdeführenden blockiert worden
sei und dass H._ möglichst wenig Spuren hinterlassen wolle, die in
die falschen Hände oder an die Öffentlichkeit gelangen könnten. Da die
Familien der Beschwerdeführenden nicht informiert gewesen seien, hätten
sie den Schein gewahrt und vorgebracht, sie strebten ein Studium in Eu-
ropa an. Ein solches Vorgehen sei im akademischen Bereich üblich. Der
Beschwerdeführer habe überlegt, welche Vorbereitungen vor einer Aus-
reise zu treffen seien. Eine rationale Haltung und überlegtes Vorgehen
könnten keinem Menschen vorgeworfen werden.
Zusammenfassend sei festzuhalten, dass die Begründung des SEM in Be-
zug auf die Unglaubhaftigkeit verschiedener Sachverhaltselemente nicht
nachvollziehbar und teilweise falsch sei. Die Vorbringen der Beschwerde-
führenden seien mit unzähligen Realkennzeichen versehen. Sämtliche
Sachverhaltselemente seien entweder mittels objektiven Beweismitteln be-
legt oder glaubhaft gemacht. Es sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustel-
len und ihnen Asyl zu gewähren.
4.2.2 In der Eingabe vom 15. Dezember 2020 wird geltend gemacht, aus
dem ärztlichen Bericht vom 27. November 2020 gehe hervor, dass die Be-
schwerdeführerin unter schweren Depressionen und suizidalen Gedanken
leide. Die Erkrankung sei durch den negativen Asylentscheid erneut belebt
worden. Eine psychiatrische Anbindung in der Schweiz sei für die Besse-
rung ihres Gesundheitszustands von grösster Wichtigkeit. Im Falle einer
Rückkehr in den Irak bestehe eine hohe Suizidgefahr. Sie tue sich schwer
damit, psychotherapeutische Hilfe anzunehmen. Der vorliegende ärztliche
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Seite 20
Bericht stelle eine erste Annäherung an die Annahme von Hilfe dar. Die
Beschwerdeführerin sei für eine Behandlung angemeldet, ein ausführlicher
fachärztlicher Bericht werde nachgereicht.
4.2.3 In der Eingabe vom 28. Januar 2021 wird ausgeführt, dass die ein-
gereichten Beweismittel vom SEM weder vollständig noch korrekt gewür-
digt worden seien. Auf die im Zusammenhang mit der Arbeit der Beschwer-
deführerin eingereichten Fotografien und andere Fotografien sei in der An-
hörung vom 29. Juli 2020 nicht mehr eingegangen worden. Es hätte nach-
gefragt werden müssen, wer auf den Bildern zu sehen sei. Der Beschwer-
deführer habe auf einer der CDs Fälle von Journalisten dokumentiert, die
von der Partei oder der Regierung getötet worden seien. Auf diese Ausfüh-
rungen sei das SEM nicht weiter eingegangen. Die Videos seien weder
gemeinsam angeschaut noch übersetzt worden. Die Befragerin bei der An-
hörung vom 17. September 2020 habe dem Beschwerdeführer gesagt, sie
hätte das Dokument über seine Beurlaubung ausgedruckt gebraucht und
nicht auf einer CD. Sie könne ihm die E-Mail-Adresse nicht geben, da we-
gen möglicher Viren solche Dokumente nicht empfangen werden dürften.
Die Bemerkung der Mitarbeiterin sei falsch und grenze an Arbeitsverwei-
gerung. Das SEM verfüge mit Sicherheit über mehrere Computer, die eine
CD-ROM lesen könnten, damit die Beweismittel ausgedruckt werden könn-
ten. Es sei nicht Sache des Beschwerdeführers alle Beweismittel ausge-
druckt mitzubringen. Das Vorgehen des SEM stelle eine massive Verlet-
zung der Begründungspflicht dar. So sei auch die Urlaubsbestätigung nicht
übersetzt und damit nicht gewürdigt worden. Dass die Beweismittel im
Rahmen der angefochtenen Verfügung weder korrekt noch vollständig ge-
würdigt worden seien, ergebe sich bei deren Auflistung. Es werde ausge-
führt, dass auf der einen CD Fotografien der Beschwerdeführerin im (...)
zu sehen seien, was aktenwidrig sei. Alle eingereichten Fotografien im Zu-
sammenhang mit ihrer Arbeit seien draussen in der Natur aufgenommen
worden. Es ergebe sich, dass das SEM die Beweismittel weder vollständig
noch korrekt gewürdigt habe. Hinzu komme, dass diese nicht übersetzt
worden seien. Die Begründungspflicht sei schwerwiegend verletzt worden.
Das SEM habe die Beweismittel durch deren Entgegennahme als tauglich
zur Abklärung des Sachverhalts erachtet. Trotz Tauglichkeit habe es sie
keiner oder einer mangelhaften Würdigung unterzogen. Ehrlicherweise
hätte das SEM den Beschwerdeführenden mitteilen müssen, dass die Be-
weismittel keine Beweiskraft hätten, weshalb es diese nicht zu den Akten
nehme. Insgesamt sei das rechtliche Gehör der Beschwerdeführenden
schwer verletzt worden.
D-5254/2020
Seite 21
Bei den beim SEM eingereichten Fotografien handle es sich um Fotos vom
Frühling 2017, auf denen eine Outdoor-(...) gezeigt werde. Auf den Fotos
seien Schülerinnen und zwei Mitarbeiter zu erkennen. Der Beschwerdefüh-
rer habe als (...) ebenso teilgenommen. Sollte an den Vorbringen der Be-
schwerdeführenden gezweifelt werden, seien die beiden Mitarbeiter des
(...) im Rahmen einer Zeugenbefragung von einem Botschaftsmitarbeiter
zu den Vorkommnissen im (...) im Zusammenhang mit der Ehefrau von
H._ zu befragen. Die eingereichten Videos seien teilweise in den
meist gesehenen Fernsehsendern ausgestrahlt worden. Viele Journalis-
ten, Angestellte und Schriftsteller erklärten, dass es in Kurdistan keine Re-
geln für Generäle, Offiziere und hochrangige politische Personen gebe. Die
Beschwerdeführenden hätten dazu weitere Videos und Informationen be-
schafft. Sollte eine genaue Übersetzung der Videos benötigt werden, sei
den Beschwerdeführenden Frist anzusetzen. Die Beschwerdeführenden
hätten eine umfassende Fotodokumentation eingereicht, welche die Macht
der Familie von H._ dokumentiere. Auf einer Fotografie sei dieser
mit dem (...) zu sehen.
Sodann folgen weitere Informationen über H._ und dessen Familie
sowie deren Stellung in der ARK. Die von den Beschwerdeführenden zu-
sammengetragenen Quellen zeigten, dass die Familie von H._ in
D._ und Umgebung mächtig sei und nicht davor zurückschrecke,
ihre Macht zu verteidigen. Die Familie gehe dabei teilweise skrupellos vor
und lasse auf Demonstranten schiessen oder Zivilisten Wertsachen abneh-
men. H._ sei oft in Begleitung seines Vaters zu sehen. Den Be-
schwerdeführenden sei es gelungen, fünf gelöschte SMS-Mitteilungen vom
22. bis 25. August 2018 wiederherzustellen. Diese seien nach der Einrei-
chung der zweiten Anzeige und vor ihrer Ausreise versendet worden. Der
Inhalt der SMS bestätige, dass sie auch nach der zweiten Anzeige noch
bedroht worden seien. Die Antwort des Beschwerdeführers auf die erste
Nachricht von H._ entspreche der von ihm bei der Anhörung be-
schriebenen Strategie, wonach er versucht habe, ruhig zu bleiben. Die
SMS-Mitteilungen untermauerten die Vorbringen der Beschwerdeführen-
den und stellten einen Teilbeweis für ihre Gefährdung dar. Die ihnen dro-
hende Gefahr werde auch durch den Umstand deutlich, dass die ehemali-
gen Arbeitskollegen der Beschwerdeführerin sich weigerten, ihr Informati-
onen zur Ehefrau von H._ zu übermitteln, da sie grosse Angst vor
dessen Familie hätten. Die Beschwerdeführenden hätten alles darange-
setzt, ihre vom Schlepper beschlagnahmten Mobiltelefone zurückzuerhal-
ten. Sie hätten bei der türkischen Botschaft angefragt, die sie an die Polizei
D-5254/2020
Seite 22
verwiesen habe. Der von ihnen betriebene Aufwand zeuge von der Glaub-
haftigkeit ihrer Vorbringen.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, die Akteneinsicht in die
von den Beschwerdeführenden eingereichten CDs sei am 11. Januar 2021
gewährt worden. Da die Aussagen der Beschwerdeführenden rücküber-
setzt und von ihnen unterschrieben worden seien, sei davon auszugehen,
dass die Angaben von ihnen gemacht worden seien. Sie seien bei der An-
hörung gefragt worden, wie sie die dolmetschende Person verstünden, und
hätten keine Verständigungsschwierigkeiten geltend gemacht. Auch die
Hilfswerkvertretung habe keine Bedenken bezüglich der Übersetzung ge-
äussert. Die auf Beschwerdeebene eingereichten Beweismittel könnten die
Erwägungen in der angefochtenen Verfügung nicht entkräften. Die meisten
bezögen sich auf den angeblichen Verfolger und sollten dessen Einfluss-
bereich zeigen. Das SEM habe nie in Abrede gestellt, dass es sich bei
demselben um eine einflussreiche Person handle. Ein direkter Zusammen-
hang zu den Beschwerdeführenden sei aus den Beweismitteln nicht er-
sichtlich. Der erhobene Vorwurf, die eingereichten Beweismittel, wie bei-
spielsweise die Fotografien, welche die Beschwerdeführerin im (...) zeig-
ten, seien nicht gewürdigt worden, sei nicht stichhaltig. Das SEM habe
nicht angezweifelt, dass sie als (...) gearbeitet habe. Bei den diversen Mit-
teilungen via Social-Media handle es sich nicht um offizielle Dokumente,
sondern um private Mitteilungen, deren Inhalt beliebig erdacht und zusam-
mengestellt worden sein könnte. Sie seien nicht geeignet, die Angaben der
Beschwerdeführenden glaubhaft zu machen.
4.4 In der Stellungnahme wird entgegnet, die Beschwerdeführenden hät-
ten eine Beschwerde und einen Arztbericht eingereicht. Nach Offenlegung
verschiedener Akten sei eine Beschwerdeergänzung mit Beweismitteln zu
den Akten gegeben worden. Gegenüber der vom SEM im angefochtenen
Entscheid aufgeführten und berücksichtigten Basis sei mittlerweile markant
mehr über den Sachverhalt und die ihnen drohende Verfolgung bekannt.
Vor diesem Hintergrund ergebe es keinen Sinn und werfe erneut die Frage
einer Arbeitsverweigerung auf, wenn in der Vernehmlassung behauptet
werde, dass keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel vorhan-
den seien. Die Beschwerdeführenden beschäftigten sich nachhaltig mit der
Frage, wie sie ihre Verfolgung belegen könnten und seien verzweifelt, dass
das SEM ihre Vorbringen ignoriere oder ins Gegenteil zu verdrehen ver-
sucht habe. Bei einer sorgfältigen Lektüre der Beschwerde würde sich er-
geben, dass nicht während der Übersetzung in der Anhörung des Be-
schwerdeführers der Mangel thematisiert worden sei, sondern danach.
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Seite 23
Erst im Gespräch unter den Ehegatten sei bemerkt worden, dass die Über-
setzung mangelhaft gewesen sei, was mangels Deutschkenntnissen für
die Beschwerdeführenden nicht ersichtlich gewesen sei und auch von der
Hilfswerkvertretung nicht habe erkannt werden können. Es sei nicht nach-
vollziehbar, weshalb das SEM mit der Eingrenzung auf die erste Anhörung
ohne Berücksichtigung der übrigen Akten und ohne die Ausführungen in
der Beschwerde zu beachten, behaupte, es gebe keine Anzeichen für
Übersetzungsprobleme.
In der Beschwerde sei dargelegt worden, dass die Aussagen der Be-
schwerdeführenden ausserordentlich glaubhaft seien und mit den Beweis-
mitteln korrespondierten. Dem SEM sei es offenbar nicht möglich, sich mit
dieser detaillierten Auseinandersetzung zu beschäftigen. Aufgabe des
SEM wäre es, dass es sich im Rahmen einer Vernehmlassung ausgehend
von seiner Verfügung mit eingereichten Beweismitteln und der Argumenta-
tion in der Beschwerde detailliert auseinandersetze. In Art. 7 AsylG sei der
Hinweis nicht enthalten, dass eine geltend gemachte Verfolgung unglaub-
haft wäre, weil das SEM eine noch so verwegene Theorie über die Mani-
pulation von Beweismitteln anführe. Der in der Vernehmlassung ausge-
machte Missbrauch durch die Manipulation von Beweismitteln entspreche
einer nicht gesetzlich vorgesehenen, aber offensichtlich alltäglichen Miss-
trauenskultur innerhalb des SEM. Es bestünden keine Hinweise dafür,
dass es bei der Rekonstruktion der Mitteilungen auf den sozialen Medien
zu einer Manipulation gekommen sei, und die Annahme von bereits vor der
Flucht im Hinblick auf die Einreichung eines Asylgesuchs verfassten SMS-
Mitteilungen zum Beleg der Flüchtlingseigenschaft sei absurd. Das SEM
halte fest, es sei nicht in Abrede gestellt worden, dass es sich beim angeb-
lichen Verfolger um eine einflussreiche Person handeln müsse. Es werde
auch nicht bezweifelt, dass die Beschwerdeführerin als (...) gearbeitet
habe. Nur sei ein direkter Zusammenhang des Verfolgers zu den Be-
schwerdeführenden aus den eingereichten Beweismitteln nicht ersichtlich.
Den Beschwerdeführenden sei es gelungen, Fotografien zu erhalten, wel-
che die Ehefrau von H._ zusammen mit der Beschwerdeführerin
bei (...) zeige. Die Fotografien seien im Februar 2018 in der Nähe von
D._ aufgenommen worden. Der Besitzer des (...) habe sich über-
zeugen lassen, sie den Beschwerdeführenden zu übermitteln. Damit könne
der Zusammenhang zwischen dem, was das SEM als erwiesen erachte,
und dem Sachverhalt, dass die Beschwerdeführerin in der geltend ge-
machten Form in die Geschichte verwickelt gewesen sei, belegt werden.
Das SEM könnte einwenden, bei der abgebildeten Frau handle es sich
nicht um die Ehefrau von H._. In Verletzung der Privatsphäre von
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Seite 24
H._ und seiner Ehefrau könnte illegal über eine Botschaftsabklä-
rung eine Fotografie beschafft werden, welche diese zusammen zeige. Da
es aber keine Zweifel mehr geben könne, dass die Beschwerdeführenden
ihre Flüchtlingseigenschaft teilweise bewiesen und ansonsten überwie-
gend glaubhaft gemacht hätten, dürften sich weder Kosten noch das Risiko
für eine solche Aktion rechtfertigen. Sollte ein solcher Beweis aus Sicht des
Gerichts notwendig sein, werde um Erlass einer entsprechenden Beweis-
anordnung ersucht.
4.5 In der Eingabe vom 9. Juni 2021 wird ausgeführt, die Beschwerdefüh-
rerin leide gemäss dem fachärztlichen Bericht vom Vortag unter einer chro-
nischen und komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit
generalisierter Angststörung. Zudem bestehe der Verdacht auf eine Angst-
störung mit längerer depressiver Reaktion. Die mit den erlebten traumati-
sierenden Situationen im Irak und der ungewissen Aufenthaltssituation ver-
bundenen psychischen Probleme äusserten sich bei ihr in der Einschrän-
kung ihres Funktionsniveaus und ihrer Konzentrationsfähigkeit, Schlafstö-
rungen, Flashbacks bezogen auf die erfahrene Gewalt, suizidalen Gedan-
ken, mangelnder Belastbarkeit und Minderung des Selbstwertgefühls. Die
aktuelle Destabilisierung sei massiv und der Gesundheitszustand äusserst
instabil. Aufgrund der unsicheren Aufenthaltssituation stagniere der Be-
handlungsverlauf, was zu einer Einschränkung der Wirkung der Behand-
lung führe. Die wirksamste therapeutische Massnahme sähen die Fach-
ärzte bei verbesserten äusseren Bedingungen, insbesondere bei der Ge-
währleistung von Sicherheit, Geborgenheit und geografischer Distanz zum
Ort der Traumatisierung. Eine umgehende Fällung eines positiven Ent-
scheids würde zu einer Stabilisierung des Gesundheitszustands der Be-
schwerdeführerin führen. Die Fachärzte gingen davon aus, dass die Be-
schwerdeführerin bei einem negativen Ausgang des Asylverfahrens und ei-
ner Rückkehr in den Irak eine akute Suizidalität entwickle und sich ihr Ge-
sundheitszustand verschlechtern werde. Die Behandlung im Herkunftsland
scheine theoretischer Natur, in Bezug auf die PTBS gar unmöglich. Die
Prognose bei einer Rückkehr sei schlecht und es liege keine Reisefähigkeit
vor. Aus dem Arztbericht folge, dass der fragile Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin rechtserheblich sei und zwingend hätte abgeklärt wer-
den müssen. Dass dies nicht gemacht worden sei, dürfte bereits für sich
allein genommen zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung führen.
5.
5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
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Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
5.1.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, es sei klar, dass die bei der
ersten Anhörung des Beschwerdeführers eingesetzte Dolmetscherin falsch
übersetzt habe. Sie habe ihn wohl nicht ausreichend verstanden. Diese
unrichtige Übersetzung habe denn wohl unter anderem auch dazu geführt,
dass er ergänzend angehört worden sei.
5.1.2 Nach den einleitenden Bemerkungen wurde der Beschwerdeführer
bei der ersten Anhörung gefragt, wie er die Dolmetscherin verstehe. Er gab
an, er verstehe sie gut (vgl. SEM-act. A22/20 S. 2). Dem Anhörungsproto-
koll und dem Unterschriftenblatt der Hilfswerkvertretung sind keinerlei Hin-
weise dafür zu entnehmen, dass es zwischen der Dolmetscherin und dem
Beschwerdeführer Verständigungsschwierigkeiten gegeben hätte. Nach
der Rückübersetzung bestätigte er unterschriftlich, dass ihm das Protokoll
der ersten Anhörung Satz für Satz vorgelesen und in eine ihm verständli-
che Sprache übersetzt worden sei. Das Protokoll sei vollständig und ent-
spreche seinen freien Äusserungen (vgl. SEM-act. A22/20 S. 18). Ange-
sichts dieser Ausgangslage greift die Behauptung in der Beschwerde, es
sei klar, dass die Dolmetscherin falsch übersetzt habe, zu kurz. Bei der
ergänzenden Anhörung sagte der Beschwerdeführer von sich aus, «es
gebe leider Übersetzungsprobleme». Er habe bei der ersten Anhörung den
Ausdruck «Zhen Bram» verwendet, was «der Bruder meiner Frau» be-
deute. Die Dolmetscherin habe «Zheni Bram» verstanden, was «die Ehe-
frau meines Bruders» heisse. Bei der Rückübersetzung habe die Dolmet-
scherin es so vorgelesen, wie er es gesagt habe. Er habe aber nicht be-
merkt, dass sie es auf Deutsch falsch übersetzt habe. Er habe beide Aus-
drücke auf Kurdisch aufgeschrieben, sie seien sehr ähnlich. Deswegen
habe er nicht gemerkt, dass sie einen Fehler gemacht habe. Auf die Frage,
was sonst nicht gestimmt habe bei der ersten Anhörung, antwortete er,
«das sei es gewesen» (vgl. SEM-act. A25/13 S. 4). Angesichts dieser Aus-
gangslage steht entgegen der in der Beschwerde und in der Replik vertre-
tenen Auffassung nicht fest, dass die Dolmetscherin falsch übersetzte. Im
D-5254/2020
Seite 26
Protokoll wurde festgehalten, die Ehefrau des Schwagers des Beschwer-
deführers (und nicht die Ehefrau seines Bruders) habe den zweiten Droh-
brief gefunden. Sie habe herausfinden wollen, was dahinterstecke (vgl.
SEM-act. A22/20 S. 10). Später wurde erneut protokolliert, die Ehefrau des
Bruders der Beschwerdeführerin habe vom Inhalt der Drohbriefe erfahren
und sie habe mit den Beschwerdeführenden Kontakt aufgenommen. Auf
Nachfrage bestätigte der Beschwerdeführer, sie sei zu ihnen gekommen
und sie hätten von ihr ein Versprechen bekommen, dass sie (es) nieman-
dem erzählen werde (vgl. SEM-act. A22/20 S. 13). Es kann zwar nicht aus-
geschlossen werden, dass der Beschwerdeführer sich versprochen oder
sich nicht deutlich genug ausgedrückt oder die Dolmetscherin ihn akustisch
falsch verstanden haben könnte. Angesichts der Tatsache, dass weder
während der Anhörung noch im Rahmen der Rückübersetzung Unstimmig-
keiten aufgetreten sind, besteht jedoch kein Grund zur Annahme, der Dol-
metscherin wären die unterschiedlichen Bedeutungen von Verwandt-
schaftsgraden oder Verschwägerungen beziehungsweise der Unterschied
zwischen «er» und «sie» nicht bekannt. Dass der Beschwerdeführer sich
durchaus falsch oder missverständlich ausgedrückt haben könnte, wird
dadurch verdeutlicht, dass er am Anfang der ersten Anhörung angab, es
gebe ein Dokument für seine Kündigung, «als er zu arbeiten aufgehört
habe» (vgl. SEM-act. A22/20 S. 5). Im weiteren Verlauf der Anhörung sagte
er, er habe versucht, sich von der Arbeit beurlauben zu lassen. Auf die un-
terschiedlichen Angaben angesprochen, räumte er ein, er habe vielleicht
«das Kündigungswort nicht so richtig benutzt» (vgl. SEM-act. A22/20
S. 9 f.). Inwiefern die Aussage des Beschwerdeführers bei der BzP, ein-
oder zweimal seien Briefe ins Haus seines Schwiegervaters geworfen wor-
den (vgl. SEM-act. A7/12 S. 7), Aufschluss darüber geben könnte, was er
bei der ersten Anhörung sagte, erschliesst sich nicht, da sowohl der Bruder
seiner Ehefrau als auch dessen Gemahlin im Haus des Schwiegervaters
gelebt haben dürften; etwas Anderes ist den Akten nicht zu entnehmen.
Dass die in der Beschwerde geäusserte Vermutung, der Beschwerdeführer
sei wohl unter anderem aufgrund der (angeblich; Anmerkung des Gerichts)
falschen Übersetzung ergänzend angehört worden, unzutreffend ist, ergibt
sich bei einer sorgfältigen Durchsicht des Protokolls der ersten Anhörung
vom 27. Juli 2020. Die befragende Person sagte zum Beschwerdeführer
vor Abschluss dieser Anhörung, sie könne diese – wie bereits besprochen
– aus zeitlichen Gründen nicht zu Ende führen und werde ihn noch einmal
vorladen (vgl. SEM-act. A22/20 S. 17). Da die Anhörung der Beschwerde-
führerin am 29. Juli 2020 stattfand, stand der Entschluss der befragenden
Person, den Beschwerdeführer ergänzend anzuhören, bereits zu einem
D-5254/2020
Seite 27
Zeitpunkt fest, zu dem sie von den unterschiedlichen Angaben der Be-
schwerdeführenden, wer aus der Familie der Beschwerdeführerin von den
Problemen mit H._ gewusst habe, noch keine Kenntnis haben
konnte. Die in der Beschwerde gezogene Schlussfolgerung, das Protokoll
der ersten Anhörung des Beschwerdeführers sei unbrauchbar und das
SEM habe durch den Umstand, dass es auf dieses abgestellt habe, den
Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, ist aufgrund des vorstehend Ge-
sagten nicht stichhaltig, weshalb der Hauptantrag der Beschwerde [3] ab-
zuweisen ist.
5.1.3 Angesichts der vorstehend geschilderten Ausgangslage besteht
keine Veranlassung, den Beschwerdeführer unter Beiziehung einer kom-
petenten dolmetschenden Person erneut anzuhören. Der entsprechende
Beweisantrag (vgl. Beschwerde S. 14) ist abzuweisen.
5.2 Die Begründungspflicht stellt sicher, dass es der von einem Entscheid
betroffenen Person ermöglicht wird, diesen sachgerecht anfechten zu kön-
nen, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl die betroffene Person als auch
die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild ma-
chen können. Die Begründungsdichte als solche richtet sich dabei nach
dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrensumständen und den Interes-
sen des Betroffenen, wobei bei schwerwiegenden Eingriffen in die rechtlich
geschützten Interessen des Betroffenen eine sorgfältige Begründung ver-
langt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1 und Urteil des BVGer
E-1445/2020 vom 30. Juli 2020 E. 3.2.2 m.w.H.).
5.2.1 Soweit in der Beschwerde gerügt wird, das SEM habe sich mit dem
gesundheitlichen Zustand der Beschwerdeführenden nicht in ausreichen-
der Weise auseinandergesetzt, ist Folgendes festzuhalten: Die Beschwer-
deführerin gab bei der Anhörung an, es sei ihr in ihrer Heimat psychisch
sehr schlecht gegangen. In der Schweiz habe sie in einem «Camp» ge-
wohnt, in dem sie sich nicht sicher gefühlt habe; es sei ihr nicht gut gegan-
gen. Sie sei bei einem Psychiater gewesen, der ihr Medikamente verschrie-
ben habe. Vor ungefähr fünf Monaten sei sie zum letzten Mal bei ihm ge-
wesen. Jetzt gehe es ihnen viel besser, sie lebten in einer Wohnung und
müssten nicht unter Angst leiden (vgl. SEM-act. A23/22 S. 15). Der Be-
schwerdeführer erklärte bei der ergänzenden Anhörung, er habe ein Doku-
ment gefunden, auf dem der Name seiner Frau und ihr behandelnder Arzt
sowie alle Medikamente, die sie genommen habe, stünden. Er ergänzte,
seine Ehefrau sei damals ein paar Mal zu diesem Arzt gegangen, habe
Medikamente erhalten und habe danach nicht mehr hingehen müssen.
D-5254/2020
Seite 28
Das Dokument sei vom letzten Jahr (also aus dem Jahr 2019; Anmerkung
des Gerichts). Die befragende Person zeigte sich ob der Bedeutung dieses
Dokuments skeptisch, da es nicht mehr aktuell sei. Sie gab dem Beschwer-
deführer dennoch ein vorfrankiertes Couvert und ersuchte ihn, ihr das Do-
kument möglichst schnell zuzuschicken (vgl. SEM-act. A25/13 S. 12).
Entgegen der in der Beschwerde vertretenen Auffassung handelt es sich
bei der Aussage der befragenden Personen, bei einem ärztlichen Doku-
ment aus dem Jahr 2019 handle es sich Mitte September 2020 nicht unbe-
dingt um ein aktuelles Dokument, nicht um eine unzulässige Aussage. Auf
dem mit dem vorfrankierten SEM-Couvert eingereichten Blatt (vgl. SEM-
act. A29/2) sind mehrere Medikamentenschachteln abgebildet (Antidepres-
sivum, Schlaftabletten, pflanzliches Arzneimittel gegen gedrückte Stim-
mung); die Medikamente wurden der Beschwerdeführerin zwischen April
und Oktober 2019 abgegeben. Da die Beschwerdeführenden übereinstim-
mend geltend machten, die Beschwerdeführerin sei seit Monaten nicht
mehr in ärztlicher Behandlung und nehme auch keine Medikamente mehr
ein, verletzte die Einschätzung des SEM in der angefochtenen Verfügung,
wonach die damaligen gesundheitlichen Probleme (das heisst diejenigen,
unter denen sie im Jahr 2019 litt, als sie in einem «Camp» untergebracht
war) nicht gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprächen,
die Anforderungen an die Begründungspflicht nicht.
5.2.2 In der Beschwerde wird ferner gerügt, das SEM habe die aktuelle
Situation im Irak und insbesondere in der ARK-Region unkorrekt abgeklärt.
Die landesweiten Proteste und Massendemonstrationen seit Oktober 2019
seien mit keinem Wort erwähnt worden. Zwar hätten diese noch nicht auf
den Nordirak übergegriffen, aber es verstehe sich von selbst, dass die Be-
schwerdeführenden, die bei den lokalen Machthabern in Ungnade gefallen
seien, im Besonderen diesen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt wären.
Entgegen diesen Ausführungen habe das SEM die politische und men-
schenrechtliche Situation im Nordirak nicht gewürdigt, womit es die Be-
gründungspflicht verletzt habe.
Einleitend wies das SEM bei der Prüfung der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs darauf hin, dass sich die Konfliktlage im Irak durch eine
grosse Volatilität auszeichne. Es räumte ein, dass das Risiko von terroris-
tischen Anschlägen bestehe und sich die wirtschaftliche Lage in der ARK
nach dem Unabhängigkeitsreferendum verschärft habe. Es komme in der
ARK immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die (Todes)Op-
fer unter der Zivilbevölkerung seien als insgesamt gering einzustufen. Das
D-5254/2020
Seite 29
SEM erachte den Wegweisungsvollzug in die ARK als grundsätzlich zu-
mutbar, was im Einklang mit der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
stehe. Die vorstehenden Ausführungen geben die Erwägungen des SEM
stark verkürzt wieder. Mit diesen ist es seiner Begründungspflicht nachge-
kommen, zumal es auf die konstante Rechtsprechung verwies und in der
Beschwerde hervorgehoben wird, die Ausführungen zur aktuellen Situation
im Irak stünden in absolut keinem kausalen Zusammenhang mit den Vor-
bringen der Beschwerdeführenden.
5.2.3 In der Eingabe vom 28. Januar 2021 wird schliesslich geltend ge-
macht, das SEM habe die Begründungspflicht verletzt, weil es die von den
Beschwerdeführenden eingereichten Beweismittel unkorrekt und unvoll-
ständig abgenommen habe.
Die Beschwerdeführerin gab bei der Anhörung an, sie habe Fotos von sich
in ihrem (...) auf eine CD gebrannt (vgl. SEM-act. A23/22 S. 2). Es trifft zu,
dass im weiteren Verlauf der Anhörung auf diese Fotografien, welche die
Beschwerdeführerin übrigens nicht in ihrem (...), sondern im Verbund einer
(...) zeigen, nicht mehr eingegangen wurde. Wären H._ oder seine
Ehefrau auf den Fotografien abgebildet gewesen, hätte erwartet werden
dürfen, dass sie dies von sich aus erwähnt hätte, was jedoch nicht der Fall
ist. Die Fotografien sind hinsichtlich der von ihr vorgebrachten Verfolgungs-
situation somit irrelevant. Der Einwand, die befragende Person sei auf die
Aussage des Beschwerdeführers, auf einer der eingereichten CDs werde
von Journalisten berichtet, die von der Partei oder der Regierung getötet
worden seien (vgl. SEM-act. A22/20 S. 7), nicht mehr eingegangen, ist zu-
treffend. Auf Nachfrage gab der Beschwerdeführer an, auf den auf der CD
enthaltenen Berichten werde von ähnlichen Fällen, wie dem seinen berich-
tet, aber nicht von ihm (vgl. SEM-act. A22/20 S. 7 f.). Aus diesem Grund
bestand für das SEM keine Veranlassung, auf die aus dem Internet über-
spielten Berichte, die keinen konkreten Bezug zur von den Beschwerde-
führenden geschilderten Verfolgungssituation haben, weiter einzugehen,
geschweige denn, sie zusammen mit dem Beschwerdeführer anzu-
schauen oder eine Übersetzung zu verlangen, wie in der Eingabe vom
28. Januar 2021 gefordert wird. Beim Beschwerdeführer handelt es sich
nicht um einen Journalisten, sodass ein Bezug der kopierten Berichte zu
seinen individuellen Verfolgungsvorbringen nicht auszumachen ist. Hin-
sichtlich der Rüge bezüglich der Diskussion zwischen der befragenden
Person und dem Beschwerdeführer hinsichtlich dessen Urlaubsbestäti-
gung ist festzustellen, dass diese Diskussion in der Tat überflüssig war, da
das Dokument auf einer der beiden eingereichten CDs gespeichert war.
D-5254/2020
Seite 30
Von einer Verletzung der Begründungspflicht kann indessen nicht ausge-
gangen werden, da das SEM besagtes Dokument in der angefochtenen
Verfügung erwähnte und nicht bezweifelte, dass der Beschwerdeführer von
seiner Arbeitsstelle beurlaubt wurde. Im Übrigen wurden die Umstände der
Beurlaubung mit ihm bei den Anhörungen ausreichend erörtert (vgl. SEM-
act. A22/20 S. 10 und A25/13 S. 3). Die Anforderung einer Übersetzung
des Dokuments war nicht erforderlich, da der Beschwerdeführer über des-
sen Inhalt befriedigend Auskunft erteilte und das Dokument für die Beurtei-
lung der geltend gemachten Verfolgung irrelevant ist. Soweit geltend ge-
macht wird, das SEM habe sich hinsichtlich der Annahme der Beweismittel
nicht an die eigenen Richtlinien gehalten, ist einmal mehr darauf hinzuwei-
sen, dass es sich beim zitierten «Handbuch Asyl und Rückkehr» des SEM
um eine interne Weisung und damit um eine Verwaltungsverordnung ohne
Aussenwirkung handelt, aus welcher die Beschwerdeführenden keine
Rechte und Pflichten abzuleiten vermögen (vgl. Urteil des BVGer D-
2016/2020 vom 18. September 2020 E. 4.2.2). Die von den Beschwerde-
führenden vertretene Position, das SEM hätte einen Teil der von ihnen ein-
gereichten Beweismittel aus den Akten weisen müssen, falls es diese als
zum Beweis der konkret geltend gemachten Verfolgungssituation untaug-
lich erachtet hätte, ist entgegenzuhalten, dass es ein umständliches Vor-
gehen wäre, einige der auf einer CD enthaltenen Berichte beziehungs-
weise Fotografien aus den Akten zu weisen, andere aber nicht. Zudem ist
den Beschwerdeführenden dadurch, dass keines der von ihnen eingereich-
ten Beweismittel aus den Akten gewiesen wurde, kein Rechtsnachteil ent-
standen.
5.2.4 Angesichts des vorstehend Gesagten, erweist sich auch die Rüge,
das SEM habe seine Begründungspflicht verletzt, als unzutreffend, wes-
halb der entsprechende Eventualantrag [4] abzuweisen ist. Ergänzend ist
festzuhalten, dass die Vorgehensweise des SEM hinsichtlich der
(Nicht)Abnahme der eingereichten Beweismittel entgegen den Ausführun-
gen in der Eingabe vom 28. Januar 2021 auch nicht als schwerwiegende
und willkürliche Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör einzustu-
fen ist.
5.3 Die behördliche Untersuchungspflicht beinhaltet die richtige und voll-
ständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes, die Beschaffung
der für das Verfahren notwendigen Unterlagen, die Abklärung der rechtlich
relevanten Umstände sowie die entsprechende, ordnungsgemässe Be-
weisführung. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfü-
gung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder
D-5254/2020
Seite 31
wenn die Vorinstanz nicht alle entscheidwesentlichen Gesichtspunkte des
Sachverhalts prüfte, etwa, weil sie die Rechtserheblichkeit einer Tatsache
zu Unrecht verneinte. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn
nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt
wurden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwal-
tungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013 Rz. 1043). Im Asylverfahren
wird der Untersuchungsgrundsatz gemäss Art. 13 VwVG durch die Mitwir-
kungspflicht der asylsuchenden Person (Art. 8 AsylG) beschränkt, diese
hat mithin bei der Sachverhaltsermittlung mitzuwirken.
5.3.1 In der Beschwerde wird gerügt, das SEM habe den Gesundheitszu-
stand der Beschwerdeführerin äusserst rudimentär und somit unvollständig
abgeklärt. Dass sie die ärztliche Behandlung abgebrochen habe, heisse
keinesfalls, dass sie gesund sei. Es sei davon auszugehen, dass der ne-
gative Asylentscheid und die drohende Ausschaffung zu einer Verschlech-
terung ihres psychischen Gesundheitszustands geführt haben.
5.3.2 Diesbezüglich ist erneut darauf hinzuweisen, dass die Beschwerde-
führerin zum Zeitpunkt ihrer Anhörung bereits mehrere Monate lang weder
in ärztlicher Behandlung war noch Medikamente einnahm. Sie sagte, es
gehe ihr viel besser seit sie in der Schweiz nicht mehr im «Camp» wohne.
Auch der Beschwerdeführer gab bei der ergänzenden Anhörung an, seine
Ehefrau sei nicht mehr in ärztlicher Behandlung und das Dokument, auf
dem die Medikamente aufgelistet seien, die sie eingenommen habe,
stamme aus dem Jahr 2019. Aufgrund dieser Ausgangslage bestand für
das SEM keine Verpflichtung, weitergehende Abklärungen zum Gesund-
heitszustand der Beschwerdeführerin vorzunehmen. Da sie bei der Anhö-
rung geltend machte, sie sei in der Schweiz vor allem deshalb in psychiat-
rischer Behandlung gewesen, da es im «Camp», in dem sie untergebracht
gewesen seien, viele Probleme gegeben habe, die nunmehr nicht mehr
bestünden (vgl. SEM-act. A23/22 S. 15), bestand für das SEM keine Ver-
pflichtung, die Beschwerdeführerin zur Konsultation eines Psychiaters und
Einreichung eines entsprechenden Berichts aufzufordern, zumal die Aus-
wirkungen eines negativen Asylentscheids auf die psychische Gesundheit
einer davon betroffenen Person schwer einschätzbar und präventive Ab-
klärungen in der Regel nicht zielführend sind.
5.3.3 Somit ist die Rüge, das SEM habe den Sachverhalt falsch bezie-
hungsweise unvollständig abgeklärt, nicht stichhaltig, weshalb auch der
diesbezügliche Eventualantrag abzuweisen ist [5].
D-5254/2020
Seite 32
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
6.2 Entgegen der vom SEM vertretenen Sichtweise geht das Bundesver-
waltungsgericht davon aus, dass in den Schilderungen der Beschwerde-
führenden durchaus Realkennzeichen auszumachen sind. Beide gaben
von ihnen geführte Gespräche mit H._ und anderen Personen wie-
der, beide erwähnten ausgefallene Einzelheiten und führten auch neben-
sächliche Einzelheiten beziehungsweise Sachverhaltselemente an. Sie
wiesen auf ihre psychische Verfassung hin und gaben in diesem Zusam-
menhang Verhaltensweisen und persönliche Ängste wieder, die ihr Befin-
den illustrieren. Die Beschwerdeführenden räumten ein, dass sie sich an
gewisse Begebenheiten nicht mehr erinnern könnten, da diese zum Zeit-
punkt der Anhörungen längere Zeit zurücklagen. Der Beschwerdeführer
wies darauf hin, dass es schwierig sei, die Ereignisse, die sich über meh-
rere Monate erstreckt hätten, in allen Details abzurufen. Zudem zeigten
beide Beschwerdeführende Emotionen, während sie das ihnen Widerfah-
rene schilderten. Anstelle von Wiederholungen kann auf die entsprechen-
den Angaben in der Beschwerde verwiesen werden (vgl. Beschwerde
S. 18 ff.).
6.3 In der angefochtenen Verfügung hält das SEM zu Recht fest, dass in
den Angaben der Beschwerdeführenden hinsichtlich des zeitlichen Ablaufs
der Geschehnisse Ungereimtheiten bestehen. Das Bundesverwaltungsge-
richt erachtet diese Ungereimtheiten aus verschiedenen Gründen als nicht
gewichtig. Die Anhörungen der Beschwerdeführenden fanden im Juli und
im September 2020 statt. Die Vorkommnisse, von denen sie zu berichten
hatten (ihren Angaben gemäss kam H._ Ehefrau erstmals im Ja-
nuar 2018 ins (...), in dem die Beschwerdeführerin arbeitete) lagen damals
über eineinhalb bis zu zweieinhalb Jahre zurück. Dass die Erinnerung an
Vorkommnisse und den genauen zeitlichen Ablauf derselben nach einem
solchen Zeitraum verblassen, ist normal und deshalb nicht erstaunlich. In
der Beschwerde wird ferner zu Recht darauf hingewiesen, dass der Be-
schwerdeführer über gewisse Begebenheiten von seiner Ehefrau informiert
wurde, sodass er von diesen nicht direkt betroffen war, was seine Schwie-
rigkeiten bei der zeitlichen Einordnung zusätzlich als nachvollziehbar er-
scheinen lässt.
D-5254/2020
Seite 33
6.4 Das SEM weist in der angefochtenen Verfügung darauf hin, es er-
scheine nicht plausibel, dass H._ seine Drohungen nicht wahrge-
macht beziehungsweise seinen Willen nicht durchgesetzt habe. Der Be-
schwerdeführer sagte bei der ergänzenden Anhörung auf eine ihm zum
Verhalten von H._ gestellte Frage, er «sei nicht in dessen Kopf ge-
wesen», er wisse nicht, welche Gedanken dieser gehabt habe (vgl. SEM-
act. A25/13 S. 7). Diese zutreffende Feststellung verdeutlicht die Schwie-
rigkeit, das Verhalten von Drittpersonen zu deuten und Prognosen über
deren künftige Schritte zu stellen. Es kann davon ausgegangen werden,
dass H._ aufgrund seiner Position die Möglichkeit gehabt hätte, die
Beschwerdeführerin oder ihre Tochter entführen zu lassen beziehungs-
weise dem Beschwerdeführer oder einer anderen Person aus den Familien
der Beschwerdeführenden etwas antun zu lassen. Weshalb H._ bis
zum Zeitpunkt der Ausreise der Beschwerdeführenden nicht zur Tat ge-
schritten war, kann letztlich nicht beurteilt werden. Die Beschwerdeführen-
den wiesen diesbezüglich darauf hin, dass der Familienclan der Beschwer-
deführerin bereits das bisherige Verhalten von H._ nicht hingenom-
men hätte und trotz dessen Position im von der (...) kontrollierten Gebiet
eingeschritten wäre. Möglicherweise war H._ bewusst, dass es zu
blutigen Auseinandersetzungen hätte kommen können, falls er seine Dro-
hungen wahrgemacht hätte, da die Familienehre im Nordirak einen hohen
Stellenwert geniesst. Gemäss den Ausführungen der Beschwerdeführen-
den wollte H._ sie dazu bringen, sich «freiwillig» scheiden zu las-
sen, damit er die Beschwerdeführerin hätte heiraten können. Er habe ihr
zu verstehen gegeben, dass es für ihn kein Problem sei, vor Gericht zu
erreichen, dass ihre Tochter nach der Scheidung ihr zugesprochen werde.
Authentisch wirkt in diesem Zusammenhang die Schilderung der Be-
schwerdeführenden, dass der Familie der Beschwerdeführerin zwei Briefe
zugestellt worden seien, in denen nicht etwa Drohungen ausgestossen
worden seien, sondern der Beschwerdeführer diskreditiert worden sei.
H._ dürfte sich somit bewusst gewesen sein, dass er die Beschwer-
deführerin nur mit dem Einverständnis deren Familie hätte heiraten kön-
nen, und er dieses wohl nicht erhalten hätte, wenn sie ihre Familie von den
bisherigen Vorkommnissen in Kenntnis gesetzt hätte.
6.5 Die Beschwerdeführerin schilderte während ihrer Anhörung, dass sie
sich nach der Aufgabe ihrer Arbeitsstelle kaum mehr aus dem Haus gewagt
und nur noch zu den in der gleichen Strasse wohnenden Verwandten ihres
Ehemannes soziale Kontakte gepflegt habe. Sie legte dar, dass ihre Fami-
lienangehörigen sich erkundigten, weshalb sie nicht mehr zu ihnen zu Be-
such komme beziehungsweise telefonisch nicht erreichbar sei, und sagte,
D-5254/2020
Seite 34
dass sie sich jeweils andere Ausreden habe einfallen lassen, um dies zu
erklären. Der Beschwerdeführer legte ebenfalls dar, dass sie sich nur noch
getraut hätten, seine Onkel väterlicherseits zu besuchen, die in der glei-
chen Strasse gewohnt hätten. Sie hätten sich nicht getraut, aus dem Haus
zu gehen (vgl. SEM-act. A23/22 S. 6, A22/20 S. 11). Auch diese authen-
tisch wirkenden Ausführungen zu einem Nebenpunkt legen nahe, dass sie
aus eigenen Erfahrungen schöpften.
6.6 Die Beschwerdeführerin schilderte im Rahmen ihrer Anhörung, dass
sie einmal von H._ fotografiert worden sei, als sie zu ihrem vorma-
ligen Arbeitsort gegangen sei, um ihre Nachfolgerin auszubilden. Die Foto-
grafie sei ihr im Facebook zugestellt worden (vgl. SEM-act. A23/22 S. 6
und S. 14). Der Beschwerdeführer führte aus, einmal sei eine Patrone auf
sein Auto gelegt worden, als er dieses auf einem Parkplatz bei seiner Ar-
beitsstelle abgestellt habe. Es sei davon eine Fotografie gemacht worden,
die ihm auf sein Handy übermittelt worden sei. H._ habe ihm ge-
schrieben, es wäre einfach, ihn zu töten, aber er wolle nur seine Ehefrau
(vgl. SEM-act. A22/20 S. 8, A25/13 S. 4, A25/13 S. 6). Diese Schilderungen
erachtet das Bundesverwaltungsgericht nicht als stereotyp, sondern als in-
dividuell gehalten und darauf hindeutend, dass die Beschwerdeführenden
selbst Erlebtes wiedergeben.
6.7 Die Beschwerdeführenden machten geltend, sie hätten über Social
Media auch noch Drohungen erhalten, als sie bereits in der Schweiz ge-
wesen seien. Sie schilderten, wie sie sich an die Betreuungsperson ge-
wandt und diese von den Vorkommnissen in Kenntnis gesetzt hätten. Diese
habe sie beruhigt, sie seien in der Schweiz sicher, und habe ihnen gesagt,
es sei nicht notwendig, dass sie sich an die Polizei wendeten (vgl. SEM-
act. A23/22 S. 8, A22/20 S. 12). Die Beschwerdeführerin schilderte wäh-
rend der Anhörung, dass sie sich in der Asylunterkunft, in der sie damals
untergebracht gewesen seien, gefürchtet habe, da man die Türe nicht habe
abschliessen können. Sie schilderte, wie sie eines nachts beim Toiletten-
gang in Panik geraten sei und sich am Arm verletzt habe, als sie zurück in
ihr Zimmer gehastet und ausgerutscht sei, so dass sie einen Arzt habe auf-
suchen müssen, der ihr mehrere Spritzen verabreicht habe (vgl. SEM-act.
A23/22 S. 15). Übereinstimmend wiesen die Beschwerdeführenden darauf
hin, dass sich die Beschwerdeführerin damals an einen Psychiater ge-
wandt habe, bei dem sie über ein Jahr lang in Behandlung gewesen sei
und der ihr mehrere Medikamente verschrieben habe (Fotoaufnahmen der
Packungsbeilagen belegen diese Angaben). Nachdem die Beschwerde-
D-5254/2020
Seite 35
führenden in eine eigene Wohnung ziehen konnten, habe sich der Gesund-
heitszustand der Beschwerdeführerin verbessert. Diese Schilderungen wir-
ken authentisch und deuten darauf hin, dass die Beschwerdeführerin auf-
grund der in der Schweiz erhaltenen Drohungen in Angstzustände versetzt
wurde, die eine vorübergehende fachärztliche Behandlung notwendig
machten.
6.8 Ebenso authentisch wirken die Angaben der Beschwerdeführenden zu
den Vorkehrungen, die sie getroffen hätten, um den Belästigungen von
H._ zu entgehen. Übereinstimmend gaben sie an, sie hätten die
Telefonnummern gewechselt, Anrufe von H._ nicht entgegenge-
nommen und auch ihre Social-Media-Profile geschlossen sowie neue Pro-
file eröffnet. Die Beschwerdeführerin sagte aus, sie habe in der Schweiz
einen Messenger-Account unter dem Namen eines der Kinder ihrer Ge-
schwister erstellt – niemand könne diesen Namen herausfinden – und kom-
muniziere über diesen mit ihren Verwandten (vgl. SEM-act. A23/22 S. 9,
A22/20 S. 6).
6.9 Während der Anhörung wies die Beschwerdeführerin mehrmals darauf
hin, dass sie sich Gedanken um ihre in der Heimat zurückgebliebenen El-
tern mache, die vielleicht nicht mehr lange zu leben hätten. Sie weine des-
halb jeden Tag. Gegen Ende der Anhörung verlor sie die Fassung und
weinte beim Gedanken an ihre Eltern (vgl. SEM-act. A23/22 S. 9, S. 13,
S. 15 und S. 17). Sie wies mehrmals darauf hin, dass sie in der Heimat
grosse Angst gehabt und sich kaum mehr aus dem Haus getraut habe. Sie
hätten sich so sehr vor H._ gefürchtet, dass sie sich gezwungen
gesehen hätten, ihm zu antworten, als er sie diesbezüglich unter Druck
gesetzt habe. Sie habe Angstzustände bekommen und habe sich sogar
davor gefürchtet, auf die Toilette zu gehen. Sie sei ständig unter Stress
gestanden und habe unter Angstzuständen gelitten. Sie habe sich in ihrem
Haus nicht einmal getraut, von einem Zimmer ins andere zu gehen (vgl.
SEM-act. A23/22 S. 6 und S. 11). Auch diese Schilderungen geben den
Druck, unter dem sie gestanden habe, eindrücklich wieder.
6.10 Gemäss den im Rahmen des Beschwerdeverfahrens eingereichten
ärztlichen Berichten vom 19. November 2020 und 8. Juni 2021 leidet die
Beschwerdeführerin unter einer chronischen und komplexen PTBS mit ge-
neralisierter Angststörung. Zudem besteht der Verdacht auf eine Anpas-
sungsstörung mit längerer depressiver Reaktion. Die ärztlichen Berichte
sind zwar nicht als Beweis für die von der Beschwerdeführerin geltend ge-
machten Ursachen ihrer psychischen Erkrankung zu werten, sie lassen
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sich aber mit den Aussagen, welche sie im Rahmen ihrer Anhörung
machte, vereinbaren. Die ärztlichen Berichte sind vorliegend als Indiz dafür
zu werten, dass die von ihr geschilderten Ängste vor Übergriffen durch
H._, die sie im Rahmen der Anhörung glaubhaft schilderte, real er-
lebt und nicht erfunden sind.
6.11 Die Beschwerdeführenden gaben beim SEM und im Beschwerdever-
fahren zahlreiche Beweismittel zu den Akten. Sie machten bei ihren Anhö-
rungen geltend, dass sie bei den irakischen Behörden (Polizei und Gericht)
zweimal Anzeige erstattet hätten. Die Dokumente, welche im Zusammen-
hang mit diesen Anzeigen eingereicht wurden, weisen keinerlei Sicher-
heitsmerkmale auf, weshalb keine Prüfung ihrer Echtheit vorgenommen
werden kann. Der Inhalt der Dokumente stimmt im Wesentlichen mit ihren
Angaben überein. Sie weisen – mit Ausnahme des Doppels einer vom Be-
schwerdeführer selbst verfassten Anzeige – alle einen Stempel der Direk-
tion der (...)-Polizei, Polizeiposten L._, auf, was sich mit den Aus-
sagen des Beschwerdeführers bei der ergänzenden Anhörung deckt, er
habe diese Dokumente, die von der Polizei abgestempelt worden seien,
über einen (...), der als (...) gewählt worden sei, erhalten können (vgl.
SEM-act. A25/13 S. 12). Ebenso von der Polizei abgestempelt wurden die
Ausdrucke aus dem Facebook, in denen dem Beschwerdeführer mit der
Entführung seiner Tochter gedroht wurde, deren Bild an die Drohungen an-
gehängt wurde.
6.12 Aufgrund der gesamten Aktenlage und des vorstehend Gesagten ge-
langt das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorbringen der
Beschwerdeführenden, H._ habe sie über mehrere Monate hinweg
unter Druck gesetzt und bedroht, weil er sich in die Beschwerdeführerin
verliebt habe und sie habe heiraten wollen, trotz gewisser Ungereimtheiten
in den Aussagen als überwiegend glaubhaft zu werten sind. Die Vorbringen
der Beschwerdeführenden wurden von ihnen im Kern gleichbleibend und
in weiten Teilen übereinstimmend geschildert. Sie haben diese im Verlauf
der Befragungen weder gesteigert geltend gemacht noch offensichtlich
dramatisiert und übertrieben.
7.
7.1 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
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die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind respektive zugefügt zu
werden drohen. Eine begründete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3
Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, die
Verfolgung hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirklicht oder
werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit
in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen demnach hinreichende
Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem
Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Ent-
schluss zur Flucht hervorrufen würden. Die erlittene Verfolgung oder die
begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung muss zudem sachlich und
zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und
grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein. An-
spruch auf Asyl nach schweizerischem Recht hat somit nur, wer im Zeit-
punkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG aus-
gesetzt war (Vorfluchtgründe) oder aufgrund von äusseren, nach der Aus-
reise eingetretenen Umständen, auf die er keinen Einfluss nehmen konnte,
bei einer Rückkehr ins Heimatland solche ernsthaften Nachteile befürchten
müsste (sogenannte objektive Nachfluchtgründe [vgl. zum Ganzen BVGE
2011/51 E. 6, 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2, 2010/57 E. 2, 2008/34 E. 7.1,
2008/12 E. 5.2 und 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.; WALTER STÖCKLI, Asyl,
in: Uebersax/Rudin/Hugi Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009,
Rz.11.17 und 11.18]).
7.2 Hinsichtlich der von den Beschwerdeführenden geltend gemachten Le-
bensumstände vor ihrer Ausreise aus dem Heimatstaat ist festzuhalten,
dass Eingriffe in asylrechtlich geschützte Rechtsgüter, die für sich allein
betrachtet keine ernsthafte Nachteile darstellen, weil sie zu wenig intensiv
sind, in ihrer Gesamtheit asylrechtlich dennoch erheblich sein können. Dies
ist anzunehmen, wenn aufgrund ihrer Art, Dauer oder Wiederholung für die
betroffene Person ein unerträglicher psychischer Druck entsteht, der ihr ei-
nen weiteren Verbleib im Heimatstaat unter menschenwürdigen Umstän-
den objektiv betrachtet verunmöglicht. Ausschlaggebend ist dabei nicht al-
lein, wie die betroffene Person die Situation subjektiv erlebt, sondern ob
aufgrund der tatsächlichen Situation auch für Aussenstehende nachvoll-
ziehbar ist, dass der psychische Druck unerträglich geworden ist (vgl.
CONSTANTIN HRUSCHKA in: Spescha et al. (Hrsg.), Kommentar zum Migra-
tionsrecht, 5. Aufl. 2019, Art. 3 AsylG N. 9, BVGE 2014/29 E. 4.3 f., Urteile
des BVGer E-3522/2020 vom 12. August 2020 E. 6.5 und E-4140/2014
vom 13. Oktober 2014 E. 5.2). Beruht der psychische Druck einzig auf den
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gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder ähnlichen Gegebenheiten in ei-
nem Staat im Allgemeinen beziehungsweise auf der psychischen Verfas-
sung eines Asylsuchenden, ist er hingegen flüchtlingsrechtlich selbst dann
nicht relevant, wenn die Angehörigen bestimmter politischer, religiöser oder
ähnlicher Gruppen besonders darunter leiden.
7.3
7.3.1 Aufgrund der Aktenlage ist gemäss der vom Bundesverwaltungsge-
richt vorgenommenen Würdigung glaubhaft, dass die Beschwerdeführen-
den von H._, einem (...), über mehrere Monate hinweg unter Druck
gesetzt wurden, sich scheiden zu lassen, damit die Beschwerdeführerin
frei gewesen wäre, H._ zu heiraten. Wie bereits vorstehend festge-
halten, konnten sie glaubhaft machen, dass sie wegen ihrer Weigerung,
dem Wunsch von H._ Folge zu leisten, von diesem immer stärker
belästigt und bedroht wurden. Die von ihnen geschilderten Handlungen
von H._ – erwähnt seien beispielsweise die Telefonanrufe, die
schriftlichen Mitteilungen auf ihre Telefone und auf Social Media, die Be-
schattung durch seine Leibwächter, die geäusserten Entführungs-, Verge-
waltigungs- und Todesdrohungen – sind als gezielte schikanöse Massnah-
men beziehungsweise Einschüchterungsversuche zu werten, die sie dazu
hätten bringen sollen, sich den von H._ geäusserten Begehren zu
fügen. Im Sinne der Ausführungen in der Beschwerde ist davon auszuge-
hen, dass die Vorgehensweise von H._ als Stalking einzustufen ist,
das für die Beschwerdeführenden immer mehr zur psychischen Belastung
wurde, zumal sie nicht mit Sicherheit einzuschätzen vermochten, wie weit
zu gehen H._ wirklich bereit war, um sein Ziel zu erreichen bezie-
hungsweise sich im Falle des Nichterreichens seines Ziels an ihnen zu rä-
chen. Die Beschwerdeführenden schilderten den immer grösser werden-
den Druck, der auf ihnen lastete, und die Verängstigung, die sich bei ihnen
immer stärker bemerkbar machte, anschaulich. Angesichts der aus den
eingereichten Berichten hervorgehenden Persönlichkeitsstruktur von
H._ und der brutalen Vorgehensweise desselben gegen Kritiker, ist
nachvollziehbar, dass sie dem auf ihnen lastenden Druck mit der Zeit nicht
mehr standhalten konnten und sich mit dem Gedanken des Verlassens ih-
rer Heimat beschäftigten. Die Beschwerdeführenden durften angesichts
der Position, die H._ im von der (...) kontrollierten Gebiet des Nord-
iraks bekleidete, davon ausgehen, dass die Polizei- und Justizbehörden
der ARK, die sie zweimal um Hilfe ersuchten, ihnen keinen wirksamen
Schutz vor den Drohungen eines (...) beziehungsweise einer allfälligen
Umsetzung derselben gewähren konnten, obwohl davon auszugehen ist,
die Behörden der ARK seien grundsätzlich schutzfähig und -willig (vgl.
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BVGE 2008/4 E. 6.1-6.7; Urteile des BVGer E-3737/2015 vom 14. Dezem-
ber 2015 E. 6.3 [als Referenzurteil publiziert] sowie etwa E-4522/2019 vom
9. März 2021 E. 7.3.1). Die Beschwerdeführerin wies darauf hin, dass sich
ihr Familienclan zur Wehr gesetzt hätte, falls dieser von den Vorhaben von
H._ erfahren beziehungsweise seine Drohungen gegen sie oder
ihre Tochter umgesetzt hätte. Der Schutz durch einen Familienclan wäre
nicht als hinreichende Schutzgewährung im Sinne des Asylgesetzes zu
werten (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.2; 2008/12 E. 7.2.6.2), da die hohen An-
forderungen an Organisation, Stabilität und Dauerhaftigkeit der schutzge-
währenden Körperschaft nicht erfüllt wären. Die Erörterung der Frage, ob
der Familienclan die Beschwerdeführenden vor H._ und seinem
Gefolge überhaupt hätte schützen können – wovon im Sinne einer prima
facie Einschätzung nicht auszugehen ist – kann demnach unterbleiben. Vor
dem durch die Beschwerdeführenden glaubhaft geschilderten Hintergrund
ist davon auszugehen, dass sie aufgrund der monatelangen Belästigungen
und Drohungen durch einen gegenüber Privatpersonen faktisch allmächti-
gen (...), der durch die Sicherheits- und Justizbehörden der ARK nicht hätte
gestoppt werden können, subjektiv unter einem unerträglichen psychi-
schen Druck litten, der objektiv nachvollziehbar ist. Unter Berücksichtigung
der lokalen Begebenheiten im Nordirak, ist nicht davon auszugehen, dass
sie sich zusammen mit ihrer Tochter, ohne von H._ weiterhin behel-
ligt zu werden, in einer anderen Region des Nordiraks hätte ansiedeln und
sich eine Existenz aufbauen können, da sie mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit auch dort nicht sicher vor dessen Behelligungen und allfälli-
gen Übergriffen gewesen wären. Da die Beschwerdeführenden von
H._ nach ihrer Ausreise aus ihrem Heimatland in Social Media wei-
terhin bedroht wurden und H._ in ihrer Herkunftsregion weiterhin
eine einflussreiche Person ist, kann nicht davon ausgegangen werden, an
ihrer Situation hätte sich etwas Entscheidwesentliches verändert.
7.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin im
Rahmen von frauenspezifischen Fluchtgründen Opfer von mit ernsthaften
Drohungen verbundenen Nachstellungen wurde, die von einem (...) aus-
gingen. Unmittelbar damit verbunden waren auch die gegenüber dem Be-
schwerdeführer geäusserten ernsthaften Drohungen. Angesichts der Stel-
lung des Urhebers der Nachstellungen im von (...) kontrollierten Gebiet des
Nordiraks und der glaubhaften Vorbringen der Beschwerdeführenden,
dass dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit straffrei ausginge, kann nicht da-
von ausgegangen werden, dass ihnen seitens der heimatlichen Behörden
wirksamer Schutz zuteil geworden wäre, falls H._ von den Sicher-
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Seite 40
heits- beziehungsweise den Justizbehörden der ARK als Urheber der Dro-
hungen identifiziert würde oder er diese in die Tat hätte umzusetzen versu-
chen sollen. Damit erfüllen die Beschwerdeführenden die Anforderungen
an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG.
8.
8.1 Zusammenfassend ergibt sich, dass die wesentlichen Vorbringen der
Beschwerdeführenden im Sinne von Art. 7 AsylG glaubhaft sind und sie die
Voraussetzungen für die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft nach
Art. 3 AsylG erfüllen. Aus den Akten ergeben sich keine Anhaltspunkte für
eine Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53 AsylG. Den Beschwerdeführen-
den ist demnach Asyl zu gewähren (Art. 2 Abs. 1 AsylG).
8.2 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden unter dem Titel Familienasyl Ehe-
gatten von asylberechtigten Flüchtlingen und deren minderjährige Kinder
als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl, sofern keine besonderen Um-
stände dagegensprechen. Da keine solchen Umstände auszumachen
sind, ist die minderjährige Tochter der Beschwerdeführenden in deren
Flüchtlingseigenschaft einzubeziehen und ihr ebenso Asyl zu gewähren.
9.
Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit beantragt wird, es sei die Flücht-
lingseigenschaft der Beschwerdeführenden festzustellen und es sei ihnen
Asyl zu gewähren (vgl. Eventualantrag 6). Die angefochtene Verfügung
vom 24. September 2020 ist aufzuheben, die Beschwerdeführenden sind
als Flüchtlinge anzuerkennen und das SEM ist anzuweisen, ihnen Asyl zu
gewähren.
10.
Angesichts dieses Ausgangs des Verfahrens erübrigt es sich, auf die wei-
teren Ausführungen in den im Rahmen des Beschwerdeverfahrens einge-
reichten Eingaben sowie die darin enthaltenen Beweisanträge einzugehen.
11.
Angesichts des Ausgangs des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der eingezahlte Kostenvorschuss von
Fr. 750.– ist den Beschwerdeführenden zurückzuerstatten.
12.
12.1 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts des Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
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Seite 41
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE; SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
12.2 Der Rechtsvertreter weist in seiner Kostennote vom 12. Mai 2021 ei-
nen zeitlichen Aufwand von 25.26 Stunden (à Fr. 240.–) und Auslagen von
Fr. 60.90 aus. Er weist darauf hin, dass er der Mehrwertsteuerpflicht unter-
liege. Hinsichtlich des zeitlichen Aufwands ist darauf hinzuweisen, dass der
hohe zeitliche Aufwand entgegen der vom Rechtsvertreter geäusserten
Auffassung nicht zwingend geboten war. Die überaus ausführlichen und
weitschweifigen Ausführungen hinsichtlich der formellen Rügen waren
nicht notwendig. Praxisgemäss wird zudem der zeitliche Aufwand für das
Erstellen von Kostennoten vom Bundesverwaltungsgericht nicht entschä-
digt. Das Bundesverwaltungsgericht erachtet aufgrund des Aktenumfangs
des vorinstanzlichen Verfahrens, der mittleren Komplexität des Falles und
der sich stellenden Rechtsfragen einen zeitlichen Aufwand von 18 Stunden
als gerechtfertigt, wobei der entstandene zusätzliche Aufwand hinsichtlich
der Gewährung der Akteneinsicht in die Beweismittel 7 und 8 (aus SEM-
act. A6) und der zeitliche Aufwand für das Einreichen des ärztlichen Be-
richts vom 8. Juni 2021 sowie der Eingabe vom 26. April 2022 berücksich-
tigt sind. Die vom SEM auszurichtende Parteientschädigung ist demnach
auf insgesamt (gerundet) Fr. 4720.– (zeitl. Aufwand Fr. 4320.–, Auslagen
Fr. 60.90 und Mehrwertsteuerzuschlag von 7,7% Fr. 337.30) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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