Decision ID: 8fd5b7e4-ac1f-4d9a-91d3-15c0518c79c7
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich erstmals am 20. November 2002 für
berufliche Eingliederungsmassnahmen bei der IV-Stelle St. Gallen an (IV-act. 1).
Eigenen Angaben zufolge erlitt er 19_ einen schweren Autounfall. Er arbeitete zuletzt
als Produktionsmitarbeiter (IV-act. 14). Gemäss den medizinischen Abklärungen litt der
Versicherte an einem persistierenden lumbospondylogenen Schmerzsyndrom und einer
Brachialgie links. In einer leidensadaptierten Tätigkeit wurde ihm eine 100%ige
Arbeitsfähigkeit attestiert (IV-act. 55). In der Folge führte die IV-Stelle berufliche
Massnahmen durch (vgl. IV-act. 17 ff., insbesondere IV-act. 41 ff., 55 ff. und 73). Mit
Verfügung vom 10. Januar 2006 bzw. Einspracheentscheid vom 2. März 2006 schloss
sie die Arbeitsvermittlung ab, da die fachmedizinische Abklärung ergeben habe, dass
der Versicherte in angepasster Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei, sich jedoch nicht im
Stande sehe, eine vorgeschlagene Abklärung in der freien Wirtschaft anzutreten (IV-
act. 77 und 89).
A.a.
Am 16. November 2006 meldete der Versicherte sich erneut zum Bezug von
Leistungen bei der IV-Stelle an (IV-act. 97). Nach diversen Abklärungen, insbesondere
einer polydisziplinären medizinischen Begutachtung (IV-act. 128), informierte die IV-
Stelle den Versicherten mit Mitteilung vom 5. März 2009, dass sie die
Arbeitsvermittlung abschliesse, da er sich subjektiv nicht arbeitsfähig fühle (IV-
act. 142). Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (IV-act. 145 ff.) wies die IV-Stelle
das Gesuch um Invalidenrente bei einem errechneten Invaliditätsgrad von 27 % mit
Verfügung vom 27. Juli 2009 ab (IV-act. 158).
A.b.
Am 16. November 2011 meldete der Versicherte sich neuerlich zum Bezug von
Leistungen bei der IV-Stelle an (IV-act. 160). Am 11. Juni 2012 teilte die IV-Stelle ihm
mit, sie erachte eine umfassende medizinische Beurteilung als notwendig (IV-act. 178).
Mit der Begutachtung wurde die SMAB AG Swiss Medical Assessment- and Business-
Center (nachfolgend: SMAB) beauftragt (vgl. IV-act. 181 f.). Im Gutachten vom
A.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5. November 2012 wurden unter anderem eine andauernde Persönlichkeitsänderung
nach Verkehrsunfall, fokale, zum Teil sekundär generalisierende Epilepsie bei
Arachnoidalzyste rechts temporal und ein chronisches lumbovertebrales und
lumbospondylogenes Schmerzsyndrom, Status nach posttraumatischer
Belastungsstörung, nach depressiven Episoden und nach Dysthymie und
Kopfschmerzen, DD vasomotorisch oder medikamenteninduziert diagnostiziert und
dem Versicherten eine um 50 % reduzierte Arbeitsfähigkeit bescheinigt (IV-act. 188,
insbesondere IV-act. 188-24 ff.). Nach Rückfragen an die SMAB (vgl. IV-act. 203 ff.)
und durchgeführtem Vorbescheidverfahren (IV-act. 209 ff.) wies die IV-Stelle das
Rentengesuch mit der Begründung ab, aus rechtlicher Sicht bestehe keine
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Vielmehr würden am ehesten psychosoziale
Ursachen im Vordergrund für die subjektiv empfundene eingeschränkte
Erwerbsfähigkeit stehen (Verfügung vom 11. Februar 2014, IV-act. 214). Die dagegen
erhobene Beschwerde (IV-act. 218) hiess das Versicherungsgericht mit Entscheid IV
2014/212 vom 30. Januar 2017 teilweise gut und wies die Sache zur erneuten
neurologischen und psychiatrischen Begutachtung an die IV-Stelle zurück (IV-act. 225).
Nach Aktualisierung der medizinischen Unterlagen (IV-act. 226 ff.) gab die IV-
Stelle eine umfassende medizinische Untersuchung (Allgemeine/Innere Medizin,
Neurologie, Neuropsychologie, Orthopädie und Psychiatrie) bei der PMEDA AG in
Auftrag (vgl. IV-act. 253 f.). Mit Gutachten vom 3. September 2018 stellten die PMEDA-
Gutachter folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: eine mögliche
strukturelle Epilepsie mit einfach fokalen, komplex fokalen und sekundär generalisierten
Anfällen, DD Spannungskopfschmerz, Migräne, analgetikainduzierter Kopfschmerz,
eine Bandscheiben-Operation LWK4/5 2003 und eine Schultereckgelenks-Arthrose und
-Instabilität rechts. Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten sie
unter anderem eine Fehlmedikation mit Suchtmitteln (Opiat, Benzodiazepin-Derivate;
IV-act. 263-11 f.). Für eine Persönlichkeitsstörung ergebe sich angesichts der
Biographie (unauffällige Entwicklung in Kindheit und Jugend) und der psychiatrischen
Exploration kein ICD-10-konformer Anhalt. Auch würden die objektiven Befundbelege
einer namhaften Wesensänderung fehlen. Für die reklamierten Beschwerden habe sich
zumindest hinsichtlich des angegebenen Ausmasses kein ausreichendes objektives
Befundkorrelat finden lassen. Zudem sei die Symptomvalidierung auffällig im Sinn
A.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eines nicht glaubhaften Antwortverhaltens, was den gesamten Beschwerdevortrag
zweifelhaft erscheinen lasse (IV-act. 263-12). In einer leidensangepassten Tätigkeit sei
der Versicherte uneingeschränkt arbeitsfähig. Zur weiteren Diagnostik hinsichtlich des
geklagten Anfallsleidens empfahl der neurologische PMEDA-Gutachter eine Video-
EEG-Aufzeichnung unter stationären Bedingungen (IV-act. 263-13 und 263-84).
Nach erhobenem Einwand im Vorbescheidverfahren (IV-act. 273 ff.) veranlasste
die IV-Stelle eine neurologische stationäre Abklärung der Epilepsie (vgl. IV-act. 280 ff.).
Diese fand vom 4. bis 9. März 2019 in der Klinik B._ statt und ergab keinen
Anhaltspunkt für das Vorliegen einer Epilepsie sowie keine erkennbare Affektion oder
Signalstörung durch die Arachnoidalzyste temporal anterior rechts (IV-act. 291).
A.e.
Am 20. September 2019 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, sie werde die
PMEDA mit einer polydisziplinären Verlaufsbegutachtung beauftragen (IV-act. 302). Am
11. Oktober 2019 gab sie ihm die Gutachtenspersonen bekannt (IV-act. 306). Da der
Versicherte die PMEDA-Gutachter wegen Vorbefassung und Befürchtung einer
Voreingenommenheit ablehnte und das PMEDA-Erstgutachten als mangelhaft und
unvollständig ansah (vgl. IV-act. 311), ordnete die IV-Stelle mit Zwischenverfügung vom
15. November 2019 eine Verlaufsbegutachtung durch die PMEDA an (IV-act. 313). Die
hiergegen erhobene Beschwerde vom 17. Dezember 2019 (IV-act. 314) wies das
Versicherungsgericht mit Entscheid vom 26. Mai 2020 ab (IV 2019/337, IV-act. 320).
A.f.
Mit Verlaufsgutachten vom 12. Mai 2021 stellten die PMEDA-Gutachter folgende
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: bildgebend degenerative
Alterationen der Lendenwirbelsäule bei Status nach Dekompressions-OP LWK 4/5
2003, ohne höhergradiges lokales oder radikuläres klinisches Befundkorrelat, und
leichtgradige Schultereckgelenksarthrose rechts (IV-act. 343-8). Infolge der
postoperativen spinalen Veränderungen sei der Versicherte dauerhaft in seiner
Belastbarkeit und Funktionalität der Wirbelsäule limitiert und es würden sich
leichtgradige Limitationen für den Armeinsatz rechts über Schulterhöhe ergeben.
Biographisch lasse sich keine in Kindheit oder Jugend einsetzende psychische und das
Verhalten mit erheblichen negativen sozialen Folgen störende Auffälligkeit erheben.
Eine Persönlichkeitsstörung lasse sich somit nicht attestieren. Angesichts der
erheblichen Inkonsistenzen in den hiesigen Befunden und des Laborbefunds, der
A.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
keinen wirksamen Analgetikaspiegel zeige, was die Angaben zur Schmerzintensität und
Beeinträchtigung in Zweifel ziehe, sei eine namhafte Einschränkung der
Alltagsselbständigkeit, Selbstversorgungsfähigkeit und sozialen Aktivität nicht
hinreichend plausibel (IV-act. 343-9). Die Arbeitsfähigkeit betrage in der bisherigen wie
in jeder anderen angepassten Tätigkeit 100 % (IV-act. 343-9 f.).
Nach Durchführung des Vorbescheidverfahrens (IV-act. 355 ff.) wies die IV-Stelle
das Gesuch um Invalidenrente mit Verfügung vom 27. September 2021 erneut ab. Zur
Begründung führte sie aus, der Versicherte sei in einer angepassten Tätigkeit 100 %
arbeitsfähig. Dem Versicherten sei es möglich, auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
ein mindestens gleich hohes Einkommen zu erzielen wie in seiner letzten Tätigkeit.
Dem Einwand vom 10. September 2021 würden keine neuen medizinischen Berichte
beiliegen, welche eine neue Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ermöglichten oder bisher
nicht bekannte Diagnosen enthielten. Deshalb sei weiterhin auf die Einschätzung der
Gutachter abzustellen (IV-act. 362).
A.h.
Gegen diese Verfügung erhebt der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
am 28. Oktober 2021 (Postaufgabe) Beschwerde. Er beantragt, die Verfügung vom
27. September 2021 sei aufzuheben. Ihm sei eine gesetzmässige Rente ab
gesetzlichem Zeitpunkt zu gewähren. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Ihm
sei die unentgeltliche Prozessführung und unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu
gewähren. Zur Begründung macht er geltend, der Untersuch, auf welchen sich die
angefochtene Verfügung stütze, lasse diverse Fragen zur Arbeitsfähigkeit offen und sei
widersprüchlich. Unter anderem bleibe die Frage nach der Ursache seiner Anfälle und
inwiefern sie seine Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen würden ungeklärt. Die Blutwerte
schienen nicht zu stimmen, da angeblich kein wirksamer Medikamentenspiegel habe
festgestellt werden können, was angesichts seines Medikamentenkonsums nahezu
unmöglich erscheine. In den vorherigen Untersuchungen sei ihm ein übermässiger,
unangemessener Schmerzmittelkonsum unterstellt und zu einer raschen Änderung der
Medikation geraten worden. Diesem Rat habe er in Absprache mit seinem Hausarzt
Folge geleistet. Die Beschwerden hätten sich jedoch nach Änderung der Medikation
deutlich verstärkt. Zwischen dem jetzigen Untersuch der PMEDA und dem Bericht des
B.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) vom 8. Februar 2019 sei in Bezug auf seine
Rückenproblematik eine Diskrepanz festzustellen (act. G1).
Am 3. Dezember 2021 (Postaufgabe) ergänzt der Beschwerdeführer seine
Beschwerde und führt im Wesentlichen aus, zwar sei er einer erneuten neurologisch-
psychiatrischen Begutachtung unterzogen worden, doch diese sei, wie auch letztes
Mal, unzureichend. Eine Epilepsie habe weitgehend ausgeschlossen werden können,
jedoch sei die Frage nach dem Ursprung seiner Anfälle ungeklärt. Die psychiatrische
Begutachtung stehe nicht nur im Widerspruch zum vorangehenden Gutachten,
sondern auch zum Austrittsbericht des KSSG vom 8. Februar 2019. Ob die Anfälle
psychischer Natur seien und ob sie durch eine posttraumatische Belastungsstörung
(PTBS) verursacht sein könnten, bleibe offen. Das neurochirurgische Verlaufsgutachten
stehe ebenfalls im Widerspruch zum Bericht des KSSG vom 8. Februar 2019. Sein
Schmerzleiden habe sich bis heute nicht verbessert. Unzutreffend sei auch der von der
IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) eingesetzte Validen- und Invalidenlohn
(act. G5).
B.b.
Mit Beschwerdeantwort vom 10. Februar 2022 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Sie führt aus, der neurologische PMEDA-Gutachter sei
nachvollziehbar zum Ergebnis gelangt, dass beim Beschwerdeführer keine Epilepsie
vorliege und es sich bei der Arachnoidalzyste um einen Zufallsbefund ohne Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit handle. Der psychiatrische PMEDA-Gutachter habe umfassend
und nachvollziehbar die für den psychischen Gesundheitszustand bedeutsamen
Aspekte beschrieben. Er habe beim Beschwerdeführer einen nicht authentischen
Beschwerdevortrag und deutliche Inkonsistenzen festgestellt und im Rahmen der
Konsistenzprüfung bewertet. Insofern leuchte es ein, dass der psychiatrische
Gutachter zum Schluss gelangt sei, aus psychiatrischer Sicht sei eine erhebliche
funktionelle Beeinträchtigung und eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit nicht mit
der gebotenen Wahrscheinlichkeit belegt, denn beim Beschwerdeführer sei kein
psychisches Leiden mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit erstellt. Widersprüche zum vorangehenden Gutachten und zum
Austrittsbericht des KSSG seien nicht erkennbar, nachdem schon im ersten PMEDA-
Gutachten auf psychiatrischem Fachgebiet keine invalidisierende Erkrankung
festgestellt und im Bericht des KSSG vom 8. Februar 2019 eine PTBS lediglich als
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verdachtsdiagnose aufgeführt worden sei. Die formulierten Zumutbarkeitsprofile und
die in somatischer Hinsicht attestierte 100%ige Arbeitsfähigkeit für angepasste
Tätigkeiten würden plausibel und nachvollziehbar erscheinen. Gestützt auf das
beweiskräftige PMEDA-Gutachten sei deshalb auch retrospektiv von einer
Arbeitsfähigkeit von 100 % in einer angepassten Tätigkeit auszugehen, sodass
offensichtlich kein rentenbegründender Invaliditätsgrad resultiere (act. G9).
Am 11. Februar 2022 bewilligt die Präsidentin des Versicherungsgerichts das
Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den
Gerichtskosten; act. G10).
B.d.
Mit Replik vom 14. März 2022 (Postaufgabe) macht der Beschwerdeführer
sinngemäss geltend, PMEDA-Gutachten seien generell mangelhaft, wie sich in
zahlreichen Fällen gezeigt habe. Er beantrage deshalb, dass das Versicherungsgericht
St. Gallen eine Begutachtung bei einer nicht von der Beschwerdegegnerin gewählten
Institution anordne. Das vorliegende PMEDA-Verlaufsgutachten sei in neurologischer,
orthopädischer und psychiatrischer Hinsicht unzureichend. Der Beschwerdeführer
befinde sich im Fachzentrum für Psychotherapie C._ in spezialärztlicher Behandlung.
Dieses habe weitere Abklärungen in Auftrag gegeben. Die Schmerzsymptomatik sei
aus neurologischer Sicht gar nicht geklärt worden. Die PMEDA-Begutachtung sei
bezüglich PTBS falsch. Mehrere voneinander unabhängige Gutachten würden auf ein
PTBS hinweisen. Die Beschwerdegegnerin stütze sich auf reine Annahmen,
Vermutungen und Verdachtsdiagnosen und führe gezielt erforderliche Untersuchungen
nicht durch, obschon der Beschwerdeführer mehrfach geäussert habe, dass nun
endlich ein seriöses psychiatrisches Gutachten erstellt werden müsse, welches klare
Antworten und eine klare Diagnose liefern solle. Ein nicht ausreichender
Medikamentenspiegel sei unmöglich, da er regelmässig und jahrzehntelang in
medizinischer Beobachtung und Betreuung stehe und auf diese Medikamente
angewiesen sei. Diverse orthopädische Leiden seien zudem im Gutachten gar nicht
vermerkt. Das PMEDA-Verlaufsgutachten erfülle die von der Rechtsprechung
aufgestellten Voraussetzungen nicht (act. G12).
B.e.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G15).B.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2022 trat das revidierte Bundesgesetz über die Invalidenversicherung
(IVG; SR 831.20) in Kraft. Die dem angefochtenen Urteil zugrundeliegende Verfügung
erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den allgemeinen Grundsätzen des
intertemporalen Rechts und des zeitlich massgebenden Sachverhalts sind daher die
Bestimmungen des IVG und diejenigen der Verordnung über die Invalidenversicherung
(IVV; SR 831.201) sowie des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in der bis 31. Dezember 2021 gültig
gewesenen Fassung anwendbar (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 20. April 2022,
8C_803/2021, E. 3.2, mit Hinweisen).
1.1.
Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8
Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
1.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 132 V 93 E. 4 und 125 V 261 E. 4).
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Rechtserheblich sind alle
Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder
anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden und das
Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu
veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den
Akten ergebenden Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., Bern/St. Gallen/Zürich 2020, Art. 61 N 107).
1.5.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit Hinweisen). Auf von
Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholte, den Anforderungen
der Rechtsprechung entsprechende Gutachten externer Spezialärzte (sogenannte
Administrativgutachten) ist abzustellen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4, 135 V 466 E. 4.4;
Urteil des Bundesgerichts vom 19. Mai 2022, 8C_84/2022, E. 2.2).
1.6.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts
genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener
Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen Geschehensabläufen als
die wahrscheinlichste würdigt (vgl. BGE 138 V 218 mit Hinweisen).
1.7.
Streitig ist, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf Leistungen der
Invalidenversicherung hat. Die Beschwerdegegnerin stützt sich für die Verneinung
dieses Anspruchs auf die PMEDA-Gutachten, vornehmlich das Verlaufsgutachten vom
12. Mai 2021, während der Beschwerdeführer geltend macht, auf diese könne nicht
2.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
abgestellt werden. Nachfolgend zu klären ist deshalb, ob den PMEDA-Gutachten,
vornehmlich dem Verlaufsgutachten, Beweiswert zukommt. Dabei werden in erster
Linie die Rügen des Beschwerdeführers (act. G1, G5 und G12) geprüft und in einem
zweiten Schritt beurteilt, ob die PMEDA-Gutachten die Anforderungen der
Rechtsprechung an ein beweiskräftiges Gutachten erfüllen.
Soweit der Beschwerdeführer sinngemäss geltend macht, PMEDA-Gutachten
seien generell mangelhaft und die PMEDA-Fachärzte unqualifiziert, weshalb ein
Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben sei, handelt es sich um rein appellatorische
Kritik, welcher nicht gefolgt werden kann. Dass eine Verlaufsbegutachtung bei der
PMEDA im vorliegenden Fall zulässig war, wurde ausführlich im Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 26. Mai 2020 (IV-act. 320) dargelegt, auf welchen an dieser
Stelle verwiesen werden kann. Die beauftragten PMEDA-Verlaufsgutachter verfügen
sodann über die erforderlichen Facharzttitel und der Beschwerdeführer hätte im Vorfeld
der Begutachtung Gelegenheit gehabt, allfällige Ausstandsgründe gegen diese geltend
zu machen (vgl. IV-act. 327 und www.medregom.admin.ch, abgerufen am 3. Oktober
2022).
2.2.
Der Beschwerdeführer bringt vor, zwar habe eine Epilepsie bei ihm
ausgeschlossen werden können, jedoch seien der Ursprung seiner Anfälle und deren
Auswirkung auf seine Arbeitsfähigkeit im Verlaufsgutachten ungeklärt geblieben.
Insbesondere bleibe offen, ob die Anfälle psychisch bedingt seien und ob sie allenfalls
durch eine PTBS verursacht würden.
3.1.
Dem Beschwerdeführer ist insofern zuzustimmen, als eine die Arbeitsfähigkeit
beeinträchtigende Epilepsie durch die Untersuchungen in der Klinik B._ ebenso
ausgeschlossen werden konnte wie negative Auswirkungen auf seinen
Gesundheitszustand und seine Arbeitsfähigkeit durch die seit vielen Jahren bekannte
Arachnoidalzyste (vgl. hierzu IV-act. 263-174, 263-218 und 291; vgl. auch IV-
act. 320-9).
3.2.
Die behandelnden Ärzte konnten keine (andere) somatische Ursache feststellen,
welche die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Anfälle erklären würden. Auch
im Rahmen der Begutachtungen durch die SMAB und die PMEDA in den
Fachdisziplinen Innere Medizin, Neurologie, Neurochirurgie, Orthopädie, Psychiatrie
und Neuropsychologie (vgl. IV-act. 188, 204, 263 und 343) liessen sich keine
somatischen Gesundheitsschäden finden, welche die vom Beschwerdeführer
beschriebene Anfallssymptomatik erklären würden. Vielmehr geht aus den
3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtungen hervor, dass die erhobenen Befunde – nachdem eine Epilepsie und
negative Auswirkungen der Arachnoidalzyste hatten ausgeschlossen werden können –
keine solchen Anfälle verursachen (vgl. IV-act. 263-6 f., 263-174 und 343-90)
Eine psychiatrische Ursache konnte von den begutachtenden PMEDA-Psychiatern
ebenfalls nicht gefunden werden. Sie hielten insbesondere fest, eine (als Erklärung für
die geltend gemachten Anfälle in Frage kommende) namhafte affektive Störung,
somatoforme Schmerzstörung oder Wesensänderung nach Extrembelastung würden
sich nicht ausreichend erkennen lassen. Dabei sei auch die Frage nach Inkonsistenzen
und Diskrepanzen vertieft geprüft worden, wohingegen anlässlich der SMAB-
Begutachtung ohne eine vertiefende Konsistenzprüfung auf den subjektiven Vortrag
des Beschwerdeführers abgestellt worden sei. Für eine Persönlichkeitsstörung ergebe
sich angesichts der Biographie (ungestörte psychosoziale Entwicklung in Kindheit und
Jugend) und der psychiatrischen Exploration kein ICD-10-konformer Anhalt. Die
ICD-10-Kriterien einer wesentlichen depressiven Erkrankung oder einer somatoformen
Schmerzstörung würden nicht vorliegen. Für eine PTBS fehlten die spezifischen
ICD-10-Achsenkriterien von Intrusion und spezifischem Vermeidungsverhalten. Aus
den anamnestischen Angaben des Beschwerdeführers habe sich eine deutliche
Verbitterung hinsichtlich einer vermeintlichen unzureichenden Anerkennung seiner
Beschwerden feststellen lassen. Eine Verbitterung sei indes nicht als namhaft
behinderungsrelevant anzusehen. Aufgrund des erheblich nicht authentischen
Beschwerdevortrags und der deutlichen Inkonsistenzen sei eine höhergradige
funktionelle Beeinträchtigung nicht mit der gebotenen Wahrscheinlichkeit belegt (vgl.
IV-act. 263-7, 263-12, 263-173 ff. sowie IV-act. 343-176, 343-188 und 343-193).
3.4.
Trotz umfassender Abklärungen unter Einbezug der Berichte der behandelnden
medizinischen Fachpersonen konnte somit keine psychiatrische oder somatische
Ursache für die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Anfälle eruiert werden. Von
weiteren medizinischen Abklärungen sind keine wesentlichen zusätzlichen
Erkenntnisse mehr zu erwarten. Hingegen stellten die PMEDA-Gutachter sowohl in
ihrem ersten wie auch im Verlaufsgutachten Inkonsistenzen, Diskrepanzen und
aggravatorische Anteile bei der Beschwerdeschilderung, namentlich auch im
Zusammenhang mit den vom Beschwerdeführer beschriebenen Anfällen, fest (vgl. IV-
act. 263-5, 263-44, 343-6, 343-153, 343-193). Eine auf Aggravation oder einer
vergleichbaren Konstellation beruhende Leistungseinschränkung vermag einen
versicherten Gesundheitsschaden auszuschliessen, wenn Klarheit darüber besteht,
dass nach plausibler ärztlicher Beurteilung die Anhaltspunkte für eine klar als solche
ausgewiesene Aggravation eindeutig überwiegen und die Grenzen eines bloss
3.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
verdeutlichenden Verhaltens zweifellos überschritten sind, ohne dass das
aggravatorische Verhalten auf eine verselbständigte, krankheitswertige psychische
Störung zurückzuführen wäre. Führen die von den Gutachtern einhellig berichtete
Aggravation und die gezeigten Inkonsistenzen zum Ergebnis, dass ein erhebliches
krankheitsmässiges Geschehen nicht mehr mit ausreichender Wahrscheinlichkeit
festgestellt werden kann, so geht die daraus resultierende Beweislosigkeit zu Lasten
der versicherten Person (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 20. September 2018,
9C_659/2017, E. 4.1 und 4.4 mit Hinweisen). Vorliegend stellte der psychiatrische
Verlaufsgutachter unter anderem wegen der festgestellten Diskrepanzen und
Inkonsistenzen keine psychiatrische Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit.
Die Folgen der diesbezüglichen Beweislosigkeit hat der Beschwerdeführer zu tragen.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der medizinische Sachverhalt, namentlich
die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Anfälle betreffend, umfassend,
insbesondere mit einem mehrtägigen Aufenthalt im Epilepsie-Zentrum, abgeklärt
worden ist. Nachdem keine Befunde erhoben werden konnten, welche die geltend
gemachten Anfälle zu objektivieren vermöchten und der Beschwerdeführer selbst
Inkonsistenzen und Diskrepanzen in seinem Verhalten und seinen Aussagen zeigte, ist
nicht zu beanstanden, dass die Gutachter keine die Anfälle betreffenden Diagnosen
gestellt und diesen keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit eingeräumt haben.
Insbesondere der Verdacht auf eine PTBS und die Vermutung des Beschwerdeführers,
die Anfälle könnten eine Folge davon sein, wurden widerlegt.
3.6.
Der Beschwerdeführer bringt vor, die Laborwerte, welche anlässlich der
Verlaufsbegutachtung erhoben worden seien, könnten nicht stimmen. Einerseits
begründet er dies damit, angesichts seines Medikamentenkonsums sei ein
unzureichender Medikamentenspiegel nicht möglich. Andererseits bringt er vor, nach
der ersten PMEDA-Begutachtung die Medikation wie von den Gutachtern empfohlen in
Absprache mit seinem Hausarzt angepasst zu haben.
4.1.
Beide Argumentationen vermögen indes nicht zu überzeugen. Bereits die
Laborwerte anlässlich der ersten PMEDA-Begutachtung standen nicht mit der
angegebenen Medikation in Einklang. Dementsprechend wurde in jenem Gutachten
ausgeführt, die derzeitige Medikation mit einem Opiat und mehreren Benzodiazepin-
Analoga sei nicht leitlinienkonform und bedürfe der Revision, die bestimmten
Medikamentenspiegel würden jedoch auch Zweifel an den anamnestischen Angaben
zur Medikation wecken (vgl. IV-act. 263-6).
4.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Im Verlaufsgutachten wurde kein wirksamer Medikamentenspiegel ermittelt und
festgehalten, dies ziehe die gesamten Angaben zur Schmerzbeeinträchtigung in Zweifel
(vgl. beispielhaft IV-act. 343-6, 343-61, 343-65, 343-99, 373-123). Zwar gab der
Beschwerdeführer anlässlich der Verlaufsbegutachtung an, das Morphin nach der
ersten PMEDA-Begutachtung abgesetzt zu haben. Er behauptete jedoch auch, er
nehme Temesta und Schmerzmittel, derzeit etwa vier bis sieben Tabletten Ibuprofen
600 mg sowie vier bis fünf Tabletten Dafalgan 1 g pro Tag, und Ponstan in Reserve (IV-
act. 343-83 f., 343-110 und 343-141). Diese Medikation konnte mit den Laborwerten
nicht bestätigt werden.
4.3.
Hinweise darauf, dass die ermittelten Laborwerte nicht korrekt wären, ergeben sich
aus den Akten keine. Auch liegen keine anderweitigen, z.B. von den behandelnden
Ärzten in Auftrag gegebenen Laboranalysen im Recht, welche einen therapeutisch
wirksamen Medikamentenspiegel ausweisen würden. Dementsprechend ist auf die
Laborwerte, welche im Rahmen der PMEDA-Begutachtungen ermittelt wurden,
abzustellen und folglich davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer seine
Medikation nicht wie von ihm behauptet eingenommen hat. Dies umso mehr mit Blick
auf die weiteren von den Gutachtern herausgearbeiteten Inkonsistenzen, auf welche
auch der RAD in seiner Stellungnahme vom 1. Juni 2021 zu Recht hingewiesen hat
(z.B. geäusserte Schmerzen VAS 8-10/10, kräftige Beschwielung der Hände, die nicht
auf einen erheblichen Leidensdruck schliessen lassen, vgl. IV-act. 353).
4.4.
Der Beschwerdeführer bringt vor, das PMEDA-Verlaufsgutachten weise
Diskrepanzen zum Bericht des KSSG vom 8. Februar 2019 auf. Er nimmt damit Bezug
auf einen Austrittsbericht der [...] des KSSG über die notfallmässige Selbstzuweisung
vom 28. Januar 2019 (IV-act. 294-3 ff.).
5.1.
Dieser Austrittsbericht des KSSG war den PMEDA-Gutachtern bekannt (vgl.
Aktenzusammenfassung im Verlaufsgutachten, IV-act. 343-40). Die darin genannten
Diagnosen (Lumboischialgien beidseits, linksbetont, am ehesten L5 entsprechend,
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren, V.a. PTBS,
typische Arachnoidalzyste temporopolar rechts; IV-act. 294-3) wurden von den
PMEDA-Gutachtern sorgfältig geprüft. Insbesondere der orthopädische Gutachter
befasste sich eingehend mit diesem Bericht und nahm zu diesem Stellung. Namentlich
hielt er dazu fest, der Bericht objektiviere keine neuen befundbasierten Aspekte
hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit (IV-act. 243-159 ff., namentlich IV-act. 243-160).
5.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die lumbale Situation betreffend kamen die PMEDA-Gutachter zum Schluss, dass
der MR-tomografische Befund einer Protrusion auf Höhe LWK4/5 mit Bedrängung
beider L5-Wurzeln ohne schlüssiges klinisches Korrelat bleibe. Auch das Fehlen einer
umschriebenen Parese des Kennmuskels für L5 spreche klinisch gegen eine erhebliche
Wurzelschädigung. Ein Vertebralsyndrom sei klinisch nicht festzustellen. Bei den
kernspintomographisch nachgewiesenen degenerativen Veränderungen in Form einer
Bandscheibenprotrusion LWK 4/5 mit möglicher sensibler Wurzelkompression L5
handle es sich um unspezifische Befunde, die angesichts fehlender klinischer Korrelate
ohne Krankheitswert bleiben würden (IV-act. 343-91). Die Einordnung der klinischen
Befunde sei durch das demonstrierte Leiden erschwert. Die vorgebrachten
Symptomatiken würden weit über das zu erwartende Beschwerdebild eines lumbalen
Bandscheibenvorfalls LWK 4/5 hinausgehen und seien somit nicht verifizierbar. Speziell
würden die positiven Waddel'schen Zeichen in Richtung Aggravation weisen.
Höhergradige neurologische Defizite vermittelt durch die beiden Bandscheibenvorfälle
würden sich nicht festmachen lassen (IV-act. 343-123). Auch wenn seitens KSSG die
Schmerzpräsentation des Beschwerdeführers nicht vertieft hinterfragt wurde, wurde
doch festgehalten, dass eine Infiltration keine eindeutige Schmerzbesserung gebracht
habe, sodass eine neurochirurgische Intervention nicht angezeigt sei. Die vom
Beschwerdeführer verlangte (erneute) Rückenoperation wurde deshalb seitens KSSG
verweigert. Damit lassen sich die Ausführungen im Austrittsbericht des KSSG ohne
Weiteres mit der Einschätzung der PMEDA-Gutachter in Einklang bringen, wonach
unter Ausklammerung der subjektiven, aggravatorische Anteile aufweisenden
Beschwerdeschilderung des Beschwerdeführers keine die Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit einschränkenden klinischen Befunde erhoben werden können.
Entgegen der Meinung des Beschwerdeführers stehen die Aussagen der PMEDA-
Gutachter, wonach die vorgebrachten Symptomatiken in jedem Fall weit über das zu
erwartende Beschwerdebild hinausgehen würden und sich höhergradige neurologische
Defizite vermittelt durch die beiden Bandscheibenvorfälle nicht festmachen liessen,
somit nicht im Widerspruch zu den Feststellungen des KSSG (breitbasige Diskushernie
LWK 4/5 mit Kompression beider Nervenwurzeln/frustraner Verlauf der Infiltration/keine
Möglichkeit für eine neurologische Intervention zur Besserung der Beschwerden).
Vielmehr haben sich die PMEDA-Verlaufsgutachter mit diesem Arztbericht
auseinandergesetzt und sind zu einer selbständigen und nachvollziehbaren
Einschätzung des medizinischen Sachverhalts gelangt, welche insbesondere in jenen
Teilen einleuchtend begründet ist, als sie nicht mit der Beurteilung des KSSG
übereinstimmt.
5.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zu der vom KSSG aufgeführten Schmerzstörung und dem Verdacht auf PTBS
wurde bereits im ersten PMEDA-Gutachten ausführlich dargelegt, dass diese
Diagnosen nicht ICD-10-konform gestellt werden können (IV-act. 263-173 und
263-175). Die Angaben im Austrittsbericht des KSSG vermögen hieran nichts zu
ändern. Insbesondere werden in jenem Bericht die subjektiven Angaben des
Beschwerdeführers betreffend Schmerzerleben wiedergegeben, ohne dass diese durch
somatische Befunde hätten objektiviert werden können. Im psychiatrischen
Verlaufsgutachten wurde wiederum eine Diskrepanz zwischen der reklamierten sehr
hohen Schmerzbelastung und dem klinisch weitgehend unbeeinträchtigten Eindruck
festgestellt. Der psychiatrische PMEDA-Verlaufsgutachter wies darauf hin, dass sich
damit korrespondierend auch kein wirksamer Nachweis der anamnestisch
eingenommenen Schmerzmittel finde, was die Annahme eines nicht authentischen
Beschwerdevortrags stütze (IV-act. 343-188). Er führte sodann die früheren
psychiatrischen Einschätzungen aus den Akten, namentlich auch jene einer
Schmerzstörung und einer PTBS, auf (vgl. IV-act. 343-189 f.) und kam zum Schluss,
eine invalidisierende Gesundheitsstörung auf psychiatrischem Fachgebiet sei nicht zu
erkennen. Es präsentiere sich ein seit der letzten gutachterlichen Untersuchung
weitgehend unveränderter Gesundheitszustand und eine übereinstimmende
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht (IV-act. 343-191). Somit
wird im Verlaufsgutachten einleuchtend dargelegt, weshalb die Diagnosen einer
Schmerzstörung und einer PTBS nicht zu stellen sind. Die Vorbringen des
Beschwerdeführers, wonach mehrere Gutachten bzw. Arztberichte, darunter jener des
KSSG, deutlich auf eine PTBS hinweisen würden, finden in den vorliegenden Akten
keine Stütze. Auch kann nach dem Gesagten entgegen der Ansicht des
Beschwerdeführers nicht behauptet werden, das psychiatrische PMEDA-Gutachten
lasse die Fragen bezüglich PTBS und Schmerzproblematik gezielt unbeantwortet. Im
Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass sich der Beschwerdeführer lediglich für kurze Zeit
vom 17. Januar 2002 bis 1. Mai 2003 in psychiatrischer Behandlung befand
(Arztbericht von Dr. D._, IV-act. 233). Danach liess er sich über einen sehr langen
Zeitraum nicht mehr spezifisch behandeln, was gegen einen grossen Leidensdruck
spricht. Auch die Anmerkung des RAD-Arztes in seiner Stellungnahme vom 1. Juni
2021 stützen die Einschätzung der Gutachter. Er wies darauf hin, dass bei einer PTBS
typischerweise ein Vermeidungsverhalten bezüglich Aktivitäten vorliege, welche an das
Trauma erinnerten. Die Angabe des Beschwerdeführers, in seiner Heimat Auto zu
fahren, sei gemäss den ICD-10-Kriterien nicht mit der posttraumatischen
Belastungsstörung vereinbar (IV-act. 353-3).
5.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Dass die Arachnoidalzyste keinen die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigenden
Gesundheitsschaden verursacht, wurde bereits dargelegt und wird vom
Beschwerdeführer denn auch nicht mehr bestritten (vgl. E. 3.2 vorstehend).
5.5.
Der Beschwerdeführer bringt in allgemeiner Form vor, das PMEDA-
Verlaufsgutachten lasse diverse Fragen offen, sei in neurologischer, orthopädischer
und psychiatrischer Hinsicht unzureichend und erfülle die von der Rechtsprechung
aufgestellten formellen und materiellen Voraussetzungen nicht. Es würde erhebliche
Mängel und Diskrepanzen aufweisen. Diverse orthopädische Leiden seien darin gar
nicht vermerkt worden. Anweisungen des Gerichts seien missachtet worden. Worauf
sich diese allgemein formulierte Kritik konkret richten soll, ist nicht erkennbar. Vielmehr
erfüllt das PMEDA-Verlaufsgutachten die Beweisanforderungen gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. E. 1.6 vorstehend). Insbesondere waren den
Gutachtern die Vorakten bekannt. Alle Gutachter untersuchten den Beschwerdeführer
persönlich und konnten auf bildgebende wie auch Laborbefunde zugreifen. Der
Beschwerdeführer hatte Gelegenheit, seine Beschwerden zu schildern, was er auch tat.
Die PMEDA-Gutachter erstellten daraufhin ein für die streitigen Belange umfassendes,
in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtendes Gutachten. Sie hielten
insbesondere einhellig fest, es würden Diskrepanzen und Inkonsistenzen vorliegen. Sie
begründeten ihre Schlussfolgerungen nachvollziehbar. Namentlich im vom
Beschwerdeführer bemängelten orthopädischen Teilgutachten wurde detailliert
dargelegt, weshalb keine die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigenden Diagnosen zu stellen
sind, wobei insbesondere auf den Austrittsbericht des KSSG eingegangen wurde (vgl.
hierzu insbesondere IV-act. 343-143 ff. und IV-act. 343-153 f.).
6.1.
Der Beschwerdeführer macht sodann geltend, er befinde sich aktuell in
fachpsychiatrischer Behandlung, in deren Rahmen weitere Abklärungen in Auftrag
gegeben worden seien. Ein Arztbericht wurde bis zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht
eingereicht, sodass bezüglich des Gesundheitszustands nichts Neues bekannt ist. Im
psychiatrischen PMEDA-Verlaufsgutachten wurde anschaulich dargelegt, weshalb
keine psychiatrische Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellt werden
kann. Darauf kann verwiesen werden. Eine allfällige Veränderung des
Gesundheitszustands seit Verfügungserlass dürfte für das vorliegende Verfahren nicht
berücksichtigt werden. Vielmehr wäre eine Verschlechterung des Gesundheitszustands
nach Erlass der angefochtenen Verfügung im Rahmen einer Neuanmeldung geltend zu
machen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 14. November 2018, 8C_562/2018, E. 3.2).
Selbst wenn demnach im Rahmen seiner aktuellen Behandlung weitere medizinische
6.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.
Abklärungen erfolgten, wie der Beschwerdeführer geltend macht, ist nicht zu erwarten,
dass daraus wesentliche neue, für das vorliegende Verfahren relevante Erkenntnisse
resultierten.
In Übereinstimmung mit dem PMEDA-Verlaufsgutachten ist deshalb davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer in der angestammten wie in jeder anderen
angepassten Tätigkeit 100 % arbeitsfähig ist und für den hier interessierenden
Zeitraum zumindest in einer adaptierten Tätigkeit auch stets 100 % arbeitsfähig war
(vgl. zur auch rückwirkend geltenden vollen Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit
namentlich IV-act. 214 i.V.m. 206, IV-act. 255, 263-13, 270, 282, 292, 299 und 303).
6.3.
Der Beschwerdeführer bringt vor, der eingesetzte Validen- und Invalidenlohn sei
unzutreffend, legt aber nicht dar, inwiefern die verwendeten Werte falsch sein sollen.
Die Beschwerdegegnerin stellte beim Valideneinkommen auf die Angaben für das IV-
Taggeld für das Jahr 2003 ab (13 x Fr. 4'200.-- im Jahr 2002) und passte es auf das
Jahr 2012 an. Für das Invalideneinkommen zog es die vom Bundesamt für Statistik
periodisch herausgegebenen Lohnstrukturerhebungen (LSE), Tabelle 2012, heran.
Danach parallelisierte es das Einkommen (vgl. IV-act. 361-3; vgl. auch IV-act. 271).
7.1.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird grundsätzlich das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen; Art. 16 ATSG i.V.m. Art. 28a Abs. 1 IVG). Für den
Einkommensvergleich sind die Verhältnisse im Zeitpunkt des Beginns des
Rentenanspruchs massgebend, wobei Validen- und Invalideneinkommen auf
zeitidentischer Grundlage zu erheben und allfällige rentenwirksame Änderungen der
Vergleichseinkommen bis zum Verfügungserlass zu berücksichtigen sind (BGE 129 V
222 E. 4.1 f. mit Hinweisen).
7.2.
Gestützt auf das PMEDA-Verlaufsgutachten ist der Beschwerdeführer in einer
adaptierten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig, wobei auch die angestammte Tätigkeit als
Z._ adaptiert ist. Die im ersten PMEDA-Gutachten noch attestierte Arbeitsunfähigkeit
in der angestammten Tätigkeit beruhte auf der Berücksichtigung einer möglichen
Epilepsie (welche das Unfallrisiko beim Bedienen von Maschinen erhöht hätte) und
einer unzutreffenden Einschätzung der angestammten Tätigkeit als häufig schwer (vgl.
7.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.