Decision ID: ac4d6bfa-640e-4371-9419-11ba6fbfcc1b
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
B._ bezog eine Ergänzungsleistung zu seiner AHV-Rente. Diese
Ergänzungsleistung belief sich ab Januar 2018 auf 4’323 Franken pro Monat, wovon
430 Franken direkt der Krankenversicherung ausbezahlt wurden (EL-act. 37). Am 17.
September 2018 reichte die Tochter des EL-Bezügers eine Zusammenstellung der
Krankheitskosten ihres Vaters ein. Sie teilte mit, dass dieser am 17. Juli 2018
verstorben sei (EL-act. 29 bis 32). Eine Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle
notierte noch am 17. September 2018 (EL-act. 28), die Tochter des verstorbenen EL-
Bezügers habe angegeben, sie habe den Tod des EL-Bezügers bereits im Juli 2018
telefonisch mitgeteilt; nun habe sie fesgestellt, dass wieder Zahlungen gekommen
seien. Mit einer an die Tochter des verstorbenen EL-Bezügers gerichteten Verfügung
vom 18. September 2018 stellte die EL-Durchführungsstelle die Ausrichtung der
laufenden Ergänzungsleistung rückwirkend per 1. August 2018 ein; zudem forderte sie
die im August und im September 2018 ausgerichtete Ergänzungsleistung im Betrag
A.a.
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von 7’786 Franken zurück (EL-act. 26). In einer E-Mail vom 24. September 2018 an die
Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle (EL-act. 23–3) führte die Tochter des
verstorbenen EL-Bezügers unter anderem aus, sie habe den Tod ihres Vaters bereits
am 18. Juli 2018 gemeldet, da sie noch Fragen gehabt habe. Sie habe die
Sachbearbeiterin gefragt, wann die letzte Zahlung eintreffen werde, da der Vater am
17. Juli 2018 verstorben sei und sie das Heim aber noch bis Ende Monat habe
bezahlen müssen. Sie habe die Auskunft erhalten, dass die letzte Zahlung anfangs
August erfolgen werde. Nun habe sie im September nochmals eine Zahlung erhalten
und dies sofort gemeldet. Die Dame sei sehr ungehalten gewesen und habe sofort
„den August und September“ zurückgefordert. Eine falsche Auskunft sei bindend. Die
Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle antwortete am 25. September 2018
ebenfalls per E-Mail (EL-act. 23–2), bei einem Todesfall werde die Ergänzungsleistung
per Ende Monat eingestellt, das heisst die Ergänzungsleistung hätte per Ende Juli 2018
eingestellt werden müssen. Der EL-Durchführungsstelle lägen keine Aktennotizen
betreffend eine Meldung des Todesfalls vor dem Telefonanruf der Tochter vom 17.
September 2018 vor. Die Tochter des verstorbenen EL-Bezügers teilte am gleichen Tag
mit (EL-act. 23–1), dass sie gemäss einem Nachweis der Swisscom am 18. Juli 2018
rund elf Minuten mit der EL-Durchführungsstelle telefoniert habe. Sie habe sich korrekt
verhalten, da sie die Auskunft erhalten habe, dass die letzte Zahlung anfangs August
erfolgen werde. Am 26. September 2018 verrechnete die EL-Durchführungsstelle eine
Krankheitskostenvergütung von 1’175.45 Franken mit der Rückforderung von 7’786
Franken (EL-act. 15).
Die Tochter des verstorbenen EL-Bezügers erhob am 30. September 2018 eine
Einsprache gegen die Verfügung vom 18. September 2018 (EL-act. 12). Sie machte
geltend, es sei ihr nach dem Tod ihres Vaters nicht klar gewesen, wann die letzte
Zahlung eintreffen würde. Deshalb habe sie sich telefonisch gemeldet. Das
Telefongespräch habe rund elf Minuten gedauert. Sie habe den Namen der
Gesprächspartnerin leider nicht notiert. Sie habe die Auskunft erhalten, dass die letzte
Zahlung anfangs August eingehen werde. Sie habe die Augustzahlung erhalten, aber
aufgrund der Auskunft nicht reagiert. Am 17. August 2018 habe sie nochmals auf den
Tod ihres Vaters hingewiesen. Im September 2018 habe sie den Eingang der
Septemberzahlung entdeckt und sich sofort mit der EL-Durchführungsstelle in
A.b.
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B.
Verbindung gesetzt. Selbstverständlich werde sie den Betrag für September 2018
überweisen. Mit der Rückforderung der Augustzahlung sei sie hingegen nicht
einverstanden, denn sie habe eine falsche Auskunft erhalten, auf die sie sich habe
verlassen können. Sie habe die Fehlerhaftigkeit dieser Aussage nämlich nicht erkennen
können. Am 11. November 2018 reichte sie ein amtliches Erbenverzeichnis ein, laut
dem sie die einzige Erbin des verstorbenen EL-Bezügers war (EL-act. 9 f.). Das
Bezirksgericht C._ bestätigte der EL-Durchführungsstelle am 20. November 2018,
dass keine Verfügung von Todes wegen und keine Erbausschlagung vorlägen (EL-act.
6). Die Sachbearbeitung der EL-Durchführungsstelle notierte am 29. Januar 2019 unter
anderem (EL-act. 4–2), der Anruf vom 18. Juli 2018 sei erwiesen. Damit habe die
Tochter des verstorbenen EL-Bezügers das Callcenter EL und wohl auch einen
Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin der Abteilung Ergänzungsleistung erreicht. Sollte sie
über den Tod ihres Vaters informiert haben, wären die unterbliebene Gesprächsnotiz
und die unterbliebene Leistungseinstellung von der EL-Durchführungsstelle
verschuldet. Telefonische Anfragen zu den Auszahlungsterminen seien sehr häufig,
weshalb es wenig wahrscheinlich sei, dass die Auskunft erteilt worden sei, die
Ergänzungsleistung werde nachschüssig ausgerichtet, so dass die Zahlung für Juli
2018 erst im August 2018 erfolgen werde. Zudem sei nicht klar, inwiefern die Tochter
des verstorbenen EL-Bezügers aufgrund der falschen Auskunft Dispositionen getroffen
habe, die nicht mehr rückgängig gemacht werden könnten. Die EL-Durchführungsstelle
wies die Einsprache am 11. Februar 2019 mit der Begründung ab (EL-act. 3), es könne
nicht mehr eruiert werden, ob die behauptete Auskunft erteilt worden sei. Die Tochter
des verstorbenen EL-Bezügers könne sich nicht auf den Vertrauensschutz berufen, weil
sie keine Dispositionen getroffen habe, die sie nicht ohne Nachteil rückgängig machen
könne.
Die Tochter des verstorbenen EL-Bezügers (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
erhob am 6. März 2019 eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 11.
Februar 2019 (act. G 1). Sie machte geltend, die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend:
die Beschwerdegegnerin) habe ihr die Auskunft gegeben, dass die letzte Zahlung im
August eintreffen werde. Der Vater der Beschwerdeführerin habe Ergänzungsleistungen
bezogen. Somit sei klar gewesen, dass es finanziell knapp werden würde. Aus diesem
B.a.
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Grund habe die Beschwerdeführerin bei der Beschwerdegegnerin angefragt, wann die
letzte Zahlung eintreffen werde, um damit die finanzielle Lage abschätzen zu können.
Aufgrund der Aussage der Beschwerdegegnerin habe sie das Erbe in der Annahme
angetreten, sie werde alle offenen Rechnungen begleichen können. Das sei nun mit der
Rückforderung nicht mehr möglich, so dass sie eigenes Geld aufwenden müsse. Die
„Falschaussage“ der Beschwerdegegnerin habe also dazu geführt, dass sie das Erbe
angetreten habe. Dieser Umstand lasse sich nicht mehr rückgängig machen. Das führe
zu einem Nachteil für sie.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 14. März 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Sie machte geltend, weder die angebliche Falschauskunft noch
die Tatsache, dass diese für den Erbantritt ausschlaggebend gewesen sei, seien
bewiesen. Aufgrund der Häufigkeit von Anfragen zu Auszahlungsterminen könne nicht
davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin anlässlich des Telefonats
vom 18. Juli 2018 die Auskunft erhalten habe, die Ergänzungsleistungen würden
nachschüssig und damit erst im August für den Monat Juli ausgerichtet.
B.b.
Die Beschwerdeführerin liess die ihr eingeräumte Frist zur Einreichung einer Replik
unbenützt verstreichen (act. G 5).
B.c.
Das Versicherungsgericht forderte die Beschwerdegegnerin am 3. September
2020 auf (act. G 6), den Namen jener Sachbearbeiterin ausfindig zu machen, mit der
die Beschwerdeführerin am 18. Juli 2018 telefoniert habe, damit diese
Sachbearbeiterin als Zeugin einvernommen werden könne. Die Beschwerdegegnerin
antwortete am 17. September 2020 (act. G 7), ihre Bemühungen, den Namen der
Sachbearbeiterin ausfindig zu machen, seien leider erfolglos gewesen. Es habe sich
technisch nicht feststellen lassen, wer das konkrete Telefonat geführt habe, und auf
einen entsprechenden Aufruf an all jene Mitarbeiterinnen, die an diesem Tag gearbeitet
hätten, habe sich niemand gemeldet (vgl. act. G 7.1, G 7.2 und G 7.3). Das Gericht
stellte diese Antwort der Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin zu (act. G 8).
B.d.
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Erwägungen
1.
Mit der Verfügung vom 18. September 2018 hat die Beschwerdegegnerin die
laufende, monatlich ausbezahlte Ergänzungsleistung rückwirkend per 31. Juli 2018
eingestellt. Damit hat für die für August und September 2018 ausbezahlte
Ergänzungsleistung neu die (zwingend notwendige) Verfügungsgrundlage gefehlt. Das
hat diese Ergänzungsleistung zu einer unrechtmässigen Leistung gemacht, die gemäss
Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG zurückzuerstatten ist. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb
in ihrer Revisionsverfügung (Art. 17 Abs. 2 ATSG) vom 18. September 2018 die
entsprechende Rückforderung angeführt. Die Einsprache vom 30. September 2018 hat
sich nicht gegen die rückwirkende Leistungseinstellung per 31. Juli 2018, sondern nur
gegen die daraus resultierende Rückforderung beziehungsweise nur gegen die
Rückforderung der für August 2018 unrechtmässig ausgerichteten Ergänzungsleistung
gerichtet. Die Beschwerdeführerin hat nämlich ausdrücklich akzeptiert, dass ihr
verstorbener Vater nur bis Juli 2018 einen EL-Anspruch gehabt hat. Sie hat
grundsätzlich auch die Unrechtmässigkeit der für August 2018 ausbezahlten
Ergänzungsleistung anerkannt. Sie hat nämlich nur geltend gemacht, dass die
Anwendung des Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG auf die für August 2018 ausbezahlte
Ergänzungsleistung aufgrund der Anwendung des Vertrauensgrundsatzes – in der
Form der Bindung der Beschwerdegegnerin an eine falsche Auskunft – unzulässig
gewesen sei. Sie hat also bewusst nicht argumentiert, wegen der Bindung der
Beschwerdegegnerin an eine falsche Auskunft hätte die revisionsweise Einstellung
nicht per 31. Juli 2018, sondern per 31. August 2018 erfolgen müssen. Vielmehr hat sie
den Wirkungszeitpunkt 31. Juli 2018 als korrekt betrachtet. Ihre Einsprache hat sich
also nur gegen die Rückforderung gerichtet. Damit ist die Frage zu beantworten, ob die
Rückforderung zum Dispositiv der Verfügung vom 18. September 2018 gehört hat oder
ob sie nur dem – in der Regel nicht verfügungsfähigen – Vollzug dieser Verfügung
gedient hat. Wäre letzteres die richtige Antwort, hätte die Beschwerdegegnerin nicht
auf die Einsprache eintreten dürfen.
1.1.
Wird eine laufende Ergänzungsleistung revisionsweise rückwirkend erhöht,
entsteht ein Anspruch des Leistungsbezügers auf eine entsprechende Nachzahlung.
Dieser Anspruch resultiert direkt aus der Revisionsverfügung, das heisst es muss nicht
zusätzlich eine Nachzahlung verfügt werden. Der Anspruch für die Periode zwischen
dem (zurückliegenden) Zeitpunkt der Erhöhung (Nachzahlung) und dem Zeitpunkt der
Eröffnung der Revisionsverfügung ist nämlich nicht unabhängig vom Anspruch für die
1.2.
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2.
Zu beurteilen ist, ob die Beschwerdeführerin (als einzige Erbin des verstorbenen EL-
Bezügers) den Teil der Ergänzungsleistung für August 2018, der nicht der
Krankenversicherung (dritt-) ausbezahlt worden ist, zurückerstatten muss. Eine allfällige
Rückerstattungspflicht der Krankenversicherung ist nicht Gegenstand dieses
Verfahrens. Die Regelung des Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG ist eindeutig: Eine
unrechtmässige Leistung ist zurückzuerstatten. Da der EL-Bezüger nach seinem Tod
im Juli 2018 keinen Anspruch auf eine Ergänzungsleistung mehr gehabt haben kann
Zeit ab der Eröffnung der Revisionsverfügung (laufende Leistung). Das Dispositiv einer
Verfügung, mit der eine laufende Leistung rückwirkend erhöht wird, besteht deshalb
nur aus der rückwirkenden Festsetzung der Leistung. Die Nachzahlung hat einen reinen
Vollzugscharakter. Auf den ersten Blick scheint das auch auf die rückwirkende
revisionsweise Herabsetzung einer laufenden Leistung zuzutreffen. Die Rückforderung
von Leistungen, die durch eine rückwirkende Herabsetzung (im Sinne des Art. 25 Abs.
1 Satz 1 ATSG) unrechtmässig geworden sind, unterscheidet sich aber dadurch vom
Nachzahlungsanspruch bei einer rückwirkenden Leistungserhöhung, dass nicht nur der
Leistungsanspruch eine Veränderung erfährt, sondern dass zusätzlich eine
Rückerstattungspflicht des Leistungsbezügers entsteht. Zwar dient auch die
Rückforderung unrechtmässiger Leistungen nur dem Vollzug der entsprechenden
rückwirkenden Revisionsverfügung, aber die Begründung einer Pflicht des
Leistungsbezügers, bezogene Leistungen zurückzuerstatten, ist – anders als der
„Eingriff“ in der Form einer Leistungsnachzahlung – ein erheblicher Eingriff in die
rechtliche und wirtschaftliche Situation des Leistungsbezügers. Daraus folgt, dass es
sich bei der Rückforderung unrechtmässiger Leistungen um einen gemäss dem Art. 49
Abs. 1 ATSG verfügungsbedürftigen Vollzug einer rückwirkenden Herabsetzungs- oder
Einstellungsverfügung handelt. Das Dispositiv einer Verfügung, mit der eine laufende
Leistung rückwirkend herabgesetzt oder aufgehoben wird, so dass unrechtmässige
Leistungen zurückzuerstatten sind, ist also zweiteilig. Es besteht aus der Abänderung
des Leistungsanspruchs und aus der Anordnung einer Rückerstattungspflicht des
Leistungsbezügers. Das Dispositiv einer Verfügung, mit der eine Leistung rückwirkend
erhöht wird, besteht dagegen nur aus der Veränderung des Leistungsanspruchs. Das
bedeutet, dass die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die sich nur gegen den
Rückerstattungsteil des Dispositivs der Verfügung vom 18. September 2018 richtende
Einsprache der Beschwerdeführerin eingetreten ist und dass eine allfällige Pflicht der
Beschwerdeführerin (als alleiniger Erbin des verstorbenen EL-Bezügers) zur
Rückerstattung der für August 2018 ausbezahlten Ergänzungsleistung den Gegenstand
der gerichtlichen Beurteilung bilden kann und muss.
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(Art. 12 Abs. 3 ELG i.V.m. Art. 21 Abs. 2 AHVG) und da die Beschwerdegegnerin dem
mit der Einstellungsverfügung vom 18. September 2018 Rechnung getragen hat, liegt
ein unrechtmässiger Leistungsbezug vor. Der Tatbestand des Art. 25 Abs. 1 Satz 1
ATSG ist also erfüllt. Die Beschwerdeführerin macht sinngemäss geltend, der Art. 25
Abs. 1 Satz 1 ATSG hätte trotzdem nicht angewendet werden dürfen. Zur Begründung
verweist sie auf den Vertrauensgrundsatz (Art. 9 BV) beziehungsweise auf die Praxis
zur Bindung der Verwaltung an eine falsche Auskunft (vgl. etwa BGE 124 V 215 E. 2 b/
aa m.H.). Für die Beschwerdeführerin wäre also der Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG
„auszuschalten“ und stattdessen eine fiktive Gesetzesbestimmung anzuwenden, die für
Fälle wie den zu beurteilenden keine Rückerstattungspflicht vorsehen würde. Nun
enthält der Art. 25 Abs. 1 ATSG aber in seinem zweiten Satz eine Regelung, laut der in
bestimmten Fällen keine Rückerstattung erfolgen muss, wenn ein schutzwürdiges
Vertrauen (in der Form des guten Glaubens) in die Richtigkeit der – unrechtmässigen –
Leistungsausrichtung bestanden hat. Das schliesst die Anwendung der Praxis zur
Bindung an eine falsche Auskunft notwendigerweise aus, denn ein Sachverhalt kann
nicht gleichzeitig unter zwei Normen subsumiert werden, die zwar jeweils eine
weitgehend identische Rechtsfolge vorsehen, die Anordnung dieser Rechtsfolge aber
von verschiedenen Bedingungen abhängig machen. Laut dem Art. 25 Abs. 1 Satz 2
ATSG muss die unrechtmässige Leistung nicht zurückerstattet werden, wenn diese
Leistung in gutem Glauben empfangen worden ist und wenn deren Rückerstattung als
grosse Härte zu qualifizieren ist. Der Begriff des gutgläubigen Bezugs unrechtmässiger
Leistungen beinhaltet nichts anderes als den Empfang unrechtmässiger Leistungen im
Vertrauen darauf, dass diese Leistungen rechtmässig seien, das heisst dass ein
Anspruch auf diese Leistungen bestehe. Das bezieht sich nicht nur auf jene Fälle, in
denen sich das Vertrauen in den Anspruch auf die unrechtmässigen Leistungen auf
eine formell rechtskräftige Leistungsverfügung stützt. Der Begriff des gutgläubigen
Leistungsbezuges umfasst vielmehr jedes Vertrauen in den Anspruch auf
unrechtmässige Leistungen, unabhängig von der Art, wie ein Sozialversicherungsträger
dieses Vertrauen provoziert hat. Im Sinne des Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG liegt also
auch dann ein gutgläubiger Bezug unrechtmässiger Leistungen vor, wenn die
Gutgläubigkeit auf eine falsche Auskunft des die Leistungen ausrichtenden
Sozialversicherungsträgers zurückzuführen ist. Andernfalls wären nicht alle
Rückforderungen gemäss dem Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG in Anwendung des Art. 25
Abs. 1 Satz 2 ATSG erlassfähig; vielmehr wäre nach der Art und Weise, wie das
Vertrauen in den Anspruch auf die unrechtmässigen Leistungen provoziert worden ist,
die Anwendbarkeit des Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG zu bejahen oder zu verneinen. Eine
solche Interpretation des Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG liesse sich offensichtlich sich
nicht mit dessen Sinn und Zweck in Übereinstimmung bringen, denn es kann nicht von
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der Ursache eines Vertrauens in den Anspruch auf unrechtmässige Leistungen
abhängen, ob die Rechtsfolge im Erlass oder in der Bindung an eine falsche Auskunft
besteht. Auf Bezüger unrechtmässiger Leistungen, deren Vertrauen in einen Anspruch
auf diese Leistungen durch eine falsche Auskunft des die Leistungen ausrichtenden
Sozialversicherungsträgers begründet wurden, wäre dann nämlich die zweite,
kumulativ zu erfüllende Voraussetzung eines Erlasses, die grosse Härte, nicht
anwendbar, was zu einer nicht zu rechtfertigenden Ungleichbehandlung führen würde.
Bezüger unrechtmässiger Leistungen, die in die Rechtmässigkeit und den Bestand der
zugrundeliegenden, formell rechtskräftigen Verfügung vertraut hätten, bei denen die
Rückerstattung aber nicht als grosse Härte qualifiziert werden könnte, wären nämlich
vom Vertrauensschutz ausgeschlossen, während Bezüger unrechtmässiger Leistungen,
die „nur“ auf eine falsche Auskunft des Sozialversicherungsträgers vertraut hätten,
diese unrechtmässigen Leistungen nicht zurückerstatten müssten, selbst wenn die
Rückerstattung für sie keine grosse Härte bedeuten würde. Der Art. 25 Abs. 1 Satz 2
ATSG schliesst somit die Anwendung der Praxis zur Bindung an eine falsche Auskunft
in seinem Regelungsbereich vollständig aus. Das muss deshalb auch für den hier zu
beurteilenden Bezug einer unrechtmässigen Ergänzungsleistung im August 2018
gelten. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb die Einsprache der Beschwerdeführerin
zu Recht abgewiesen, nicht etwa weil die behauptete Auskunft nicht hat nachgewiesen
werden können, sondern weil die Praxis zur Bindung an eine falsche Auskunft nicht
anwendbar ist.
3.
Im Sinne eines obiter dictum bleibt darauf hinzuweisen, dass es der
Beschwerdeführerin freisteht, ein Erlassgesuch zu stellen. Sollte sie das tun und sollte
auf das Gesuch eingetreten werden, müsste die Beschwerdegegnerin wohl
berücksichtigen, dass die Auskunft, wie sie von der Beschwerdeführerin behauptet
worden ist, deshalb nicht beweisbar ist, weil die betreffende Sachbearbeiterin das
Telefongespräch nicht protokolliert hat. Ob es allerdings angesichts der grossen Zahl
telefonischer Auskunftsbegehren bezüglich des Auszahlungstermins, die keiner
Protokollierung bedürfen, notwendig gewesen wäre, im Fall der Beschwerdeführerin
ausnahmsweise ein Gesprächsprotokoll zu erstellen, wäre noch zu prüfen. Müsste die
Protokollierungspflicht betreffend das mit der Beschwerdeführerin geführte
Telefongespräch bejaht werden, könnte sich die Beschwerdegegnerin wohl nicht auf
die dann von ihr selbst pflichtwidrig verursachte materielle Beweislosigkeit bezüglich
der Auskunft und damit bezüglich eines allenfalls gutgläubigen Empfangs der
unrechtmässigen Ergänzungsleistung für August 2018 berufen.
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4.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin die für August 2018
unrechtmässig bezogene Ergänzungsleistung im Betrag von 3’893 Franken
zurückzuerstatten hat. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen. Das
Beschwerdeverfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. a ATSG).