Decision ID: 6902fc63-2331-5ce8-b764-74b446aa8b7b
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat gemäss eigenen Anga-
ben am 11. September 2018 auf dem Luftweg in Richtung Spanien. Am
14. September 2018 reiste er in die Schweiz ein und suchte am 8. Dezem-
ber 2019 um Asyl nach. Am 18. Dezember 2019 fand die Personalienauf-
nahme (PA) statt. Die Vorinstanz hörte den Beschwerdeführer am 4. Feb-
ruar und 12. März 2020 einlässlich zu seinen Asylgründen an.
Dabei gab der Beschwerdeführer an, er stamme aus B._. Er habe
(...) studiert und sei danach verschiedenen Tätigkeiten nachgegangen.
Seit (...) Jahren sei er verheiratet und habe eine Tochter. Zuletzt habe er
zusammen mit seiner Frau eine (...) betrieben. Er habe keine Verwandten
mehr in Venezuela. Seine (...) würden in den USA und Ecuador leben.
Zu seinen Asylgründen führte der Beschwerdeführer aus, seit dem Jahr
(...) habe er an Demonstrationen teilgenommen. In seiner Region würden
viele Oppositionelle leben. Die Behörden hätten begonnen, gezielt gegen
Demonstrationsteilnehmer vorzugehen. Sie hätten ihm (...) abgestellt und
(...) ausgeschaltet, weshalb er seine (...) nicht mehr habe betreiben kön-
nen. Er sei mehrmals mit dem Tod bedroht worden. Eines nachts auf der
Autobahn sei sein Fahrzeug von einem Reifen getroffen worden, den je-
mand geworfen habe. Einmal sei er von drei Personen ausgeraubt worden.
Aufgrund dieser Vorfälle habe er sich entschlossen, das Land zu verlassen.
Im Oktober 2016 sei er mit seiner Familie nach C._ (USA) gereist.
Im (...) 2017 habe er erfahren, dass sogenannte «colectivos», bewaffnete
Zivilisten, seine Wohnung in B._ besetzt hätten, weshalb er nach
Venezuela zurückgekehrt sei. Er habe alles versucht, um die Wohnung zu-
rückzuerhalten. Eine Anzeige habe er nicht erstattet, da die Behörden die
Besetzer schützen würden. Bis zu seiner Ausreise im September 2018
habe er bei Freunden gelebt.
Seine Frau und Tochter würden weiterhin in den USA leben. Er wisse nicht,
ob er noch verheiratet sei, da seine Frau in den USA angeblich wieder ge-
heiratet habe.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer seine Identitätskarte im Origi-
nal, einen Führerausweis, einen Kaufvertrag einer Wohnung, den Geburts-
schein der Tochter und einen Eheschein – alles jeweils in Kopie – zu den
Akten.
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B.
Am 19. März 2020 stellte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer den Ent-
scheidentwurf zu und gewährte ihm das rechtliche Gehör. Mit Schreiben
vom 20. März 2020 nahm der Beschwerdeführer Stellung.
C.
Mit Verfügung vom 23. März 2020 verneinte die Vorinstanz die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte das Asylgesuch ab und for-
derte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz nach Ablauf der Beschwer-
defrist von sieben Tagen zu verlassen, ansonsten er in Haft genommen
und unter Zwang in den Heimatstaat zurückgeführt werde. Den zuständi-
gen Kanton beauftragte sie mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte
dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis aus.
D.
Mit Eingabe vom 9. April 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die Ziffern 3 bis 5 der Ver-
fügung vom 23. März 2020 seien aufzuheben und er sei vorläufig aufzu-
nehmen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Prozessual sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu
gewähren und es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu ver-
zichten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
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3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden einzig die
Fragen der Wegweisung und des Vollzugs der Wegweisung. Die Ziffern 1
(Verneinung der Flüchtlingseigenschaft) und 2 (Ablehnung des Asylge-
suchs) der Verfügung vom 23. März 2020 sind daher mangels Anfechtung
in Rechtskraft erwachsen.
4.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten
Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer rügt eine unvollständige Sachverhaltsfeststel-
lung durch Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes sowie eine Verlet-
zung der Begründungspflicht. Dabei handelt es sich um formelle Rügen,
welche vorab zu beurteilen sind, da sie allenfalls geeignet sind, eine Kas-
sation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
5.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes,
3. Aufl., 2013, Rz. 1043).
5.3 Der Beschwerdeführer macht geltend, der Sachverhalt sei in Bezug auf
den Wegweisungsvollzug nicht hinreichend erstellt worden. Die Vorinstanz
habe weder seine individuelle Situation noch die aktuelle Lage in Vene-
zuela berücksichtigt. In der letzten Zeit habe sich die wirtschaftliche und
soziale Situation in seinem Heimatstaat rapide verschlechtert.
5.4 Dem Beschwerdeführer ist beizupflichten, dass sich die Vorinstanz
nicht mit der aktuellen Lage in Venezuela auseinandergesetzt hat. In der
angefochtenen Verfügung führt sie lediglich aus, weder die politische Situ-
ation noch andere Gründe würden gegen die Zumutbarkeit einer Rückkehr
sprechen. Seit der Ausreise des Beschwerdeführers im September 2018
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hat sich die Lage in Venezuela indes wesentlich verschlechtert. Beispiels-
weise ist dem Bericht der Vereinten Nationen vom 7. Juli 2019 zur Situation
der Menschenrechte in Venezuela zu entnehmen, dass die Anzahl derjeni-
ger, die gezwungen gewesen seien Venezuela zu verlassen, seit 2018 dra-
matisch zugenommen habe und bis 6. Juni 2019 auf über vier Millionen
gestiegen sei; hierbei seien «violations of the rights to food and health» die
Hauptursachen (UN Human Rights Council [UNHRC], Report of the United
Nations High Commissioner for Human Rights on the situation of Human
rights in the Bolivarian Republic of Venezuela (A/HRC/41/18), 05.07.2019,
Ziff. 13 und 69 f., https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/
resources/A_HRC_41_18.pdf, abgerufen am 15.04.2020). Im Mai 2019 be-
schrieb die New York Times den Kollaps der venezolanischen Wirtschaft
als den schlimmsten seit mindestens 45 Jahren in einem Land, in dem kein
Krieg herrsche (The New York Times, Venezuela’s Collapse Is the Worst
Outside of War in Decades, Economists Say, 17.05.2019, https://www.ny-
times.com/2019/05/17/world/americas/venezuela-economy.html, abgeru-
fen am 15.04.2020). Zudem soll das Land nicht mehr in der Lage sein Er-
krankte adäquat zu versorgen oder notwendige Operationen durchzufüh-
ren (Deutsches Auswärtiges Amt, Venezuela: Reise- und Sicherheitshin-
weise, letzte Aktualisierung am 15.04.2020, https://www.auswaertiges-
amt.de/de/aussenpolitik/laender/venezuela-node/venezuelasicherheit/
224982#content_5, abgerufen am 15.04.2020). Vor diesem Hintergrund
wäre die Vorinstanz gehalten gewesen, weitere Abklärungen – sowohl in
genereller als auch individueller Hinsicht – zu treffen und diese adäquat in
die Verfügung einfliessen zu lassen. Indem die Vorinstanz dies unterlassen
hat, hat sie den Sachverhalt unvollständig festgestellt. Die kurzen Fristen
im beschleunigten Verfahren entbinden die Vorinstanz nicht davon, den
Sachverhalt vollständig und richtig abzuklären (vgl. dazu Urteil des BVGer
D-3333/2019 vom 12. Juli 2019 E. 6.5). Die Rüge der Verletzung des Un-
tersuchungsgrundsatzes erweist sich demnach als begründet.
6.
Nach Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in
der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Wei-
sungen an die Vorinstanz zurück. Eine Rückweisung kommt insbesondere
dann in Betracht, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und
ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist (WEISSENBER-
GER/HIRZEL, N 16 zu Art. 61 VwVG, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.],
Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016). Angesichts
der Tatsache, dass sich die Entscheidungsreife im vorliegenden Fall nicht
mit geringem Aufwand herstellen lässt, ist es gestützt auf Art. 61
https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/venezuela-node/venezuelasicherheit/224982#content_5 https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/venezuela-node/venezuelasicherheit/224982#content_5 https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/venezuela-node/venezuelasicherheit/224982#content_5
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Abs. 1 VwVG angezeigt, die Sache zur vollständigen und richtigen Sach-
verhaltsabklärung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzu-
weisen.
7.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen. Die Ziffern 3, 4 und 5 der Verfü-
gung vom 23. März 2020 sind aufzuheben und die Sache ist zur neuen
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit sind die Gesuche um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung und Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses gegenstandslos geworden.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung aus-
zurichten, da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche
Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen
vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl.
auch Art. 111ater AsylG).
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