Decision ID: e5bf16ee-f1c1-4958-b6fe-8781a212c764
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend sexuelle Nötigung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Dietikon vom 29. November 2011 (DG110012)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis vom 1. Juni 2011 (HD
Urk. 24) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der Vergewaltigung im Sinne von Art. 190 Abs. 1 StGB,
− der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB,
− der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von
Art. 187 Ziff. 1 StGB,
− der versuchten Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der mehrfachen Pornographie im Sinne von Art. 197 Ziff. 3 StGB,
− des Vergehens gegen das Waffengesetz im Sinne von Art. 33 Abs. 1
lit. a WG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 lit. c WG, Art. 5 Abs. 1 lit. c
WG, Art. 8 WG, Art. 27 Abs. 1 WG und Art. 10 lit. c WV.
2. Der Beschuldigte ist einer strafbaren Handlung zum Nachteil der Geschädig-
ten C._ nicht schuldig und wird diesbezüglich freigesprochen (ND 6).
3. Mit Bezug auf den Vorwurf der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kin-
dern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB zum Nachteil von D._ wird von
einer Bestrafung abgesehen.
4. Der Beschuldigte wird bestraft mit 3 1⁄2 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 554
Tage durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft bis und mit heute erstanden
sind.
- 3 -
5. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 61 StGB in eine Einrichtung für jun-
ge Erwachsene eingewiesen. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird zu diesem
Zweck aufgeschoben.
6. Die Privatklägerin A._ (HD) wird mit ihrem Schadenersatzbegehren auf
den Weg des ordentlichen Zivilprozesses verwiesen.
7. Der Beschuldigte wird – gemäss seiner Anerkennung – verpflichtet, der Pri-
vatklägerin E._ (ND 1) Fr. 771.75 als Schadenersatz zu bezahlen.
Im Mehrbetrag wird das Schadenersatzbegehren auf den Zivilweg verwie-
sen.
8. Der Beschuldigte wird – teilweise gemäss seiner Anerkennung – verpflichtet,
den nachgenannten Privatklägerinnen wie folgt eine Genugtuung zu bezah-
len:
a) A._ Fr. 8'000.– (HD);
b) E._ Fr. 1'000.– (ND 1);
c) F._ 1'000.– (ND 7).
Im Mehrbetrag werden die Genugtuungsbegehren der Privatklägerinnen
A._ und E._ abgewiesen.
9. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis vom 27. Mai 2011
beschlagnahmten Gegenstände (Sachkaution-Nr. ...) werden dem Beschul-
digten nach Eintritt der Rechtskraft des Urteils auf erstes Verlangen heraus-
gegeben, wobei die Datenspeicher des Notebooks, der Handy's und des
PC-Sticks vorgängig durch die Staatsanwaltschaft zu löschen sind.
10. Es wird davon Vormerk genommen, dass der Antrag betreffend Erhebung
einer DNA-Probe und die Erstellung eines DNA-Profils des Beschuldigten
gegenstandslos geworden ist.
11. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin A._ für das ge-
samte Verfahren eine Prozessentschädigung von Fr. 5'000.– (zuzüglich 8.0
- 4 -
% Mehrwertsteuer) zu bezahlen. Diese Entschädigung wird aus der Staats-
kasse bezahlt und die Staatskasse tritt dementsprechend in die Rechte der
Privatklägerin gemäss Art. 138 Abs. 2 StPO ein.
12. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 6'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 450.– Kosten Kantonspolizei
Fr. 2'000.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten
Fr. 21'026.30 Auslagen Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
13. Die Verfahrenskosten (bestehend aus der Entscheidgebühr, den Kosten der
amtlichen Verteidigung, den Untersuchungskosten sowie den Kosten für die
unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin A._) werden dem
Beschuldigten auferlegt, mit Ausnahme der Kosten der amtlichen Verteidi-
gung und der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin, welche
einstweilen auf die Staatskasse genommen werden. Diesbezüglich bleibt ei-
ne Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO vorbehalten. Über die Höhe
der Kosten der amtlichen Verteidigung wird mit separatem Beschluss ent-
schieden.
Berufungsanträge:
a) der Privatklägerin A._:
(schriftlich; Urk. 117 S. 2)
1. Ziff. 8 lit. a und Ziff. 11 des Dispositives des Urteils des Bezirksgerich-
tes Dietikon vom 29. November 2011 seien aufzuheben;
- 5 -
2. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin A._ eine
Genugtuung in der Höhe von Fr. 15'000.-- zuzüglich 5% Zins seit dem
24. Mai 2010 zu bezahlen;
3. Die Vorinstanz sei anzuweisen, vorerst in einem separat anfechtbaren
Beschluss über die Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsbeistän-
din zu befinden und danach sei der Privatklägerin eine Prozessent-
schädigung entsprechend der Entschädigung ihrer amtlichen Rechts-
beiständin zuzusprechen;
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zuzüglich MWST) zu Lasten
des Beschuldigten.
b) der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten:
(schriftlich; Urk. 123 S. 2)
Der Antrag der Berufungsklägerin, wonach der Beschuldigte unter Aufhe-
bung von Dispositivziffer 8 lit. a des Urteils des Bezirksgerichts Dietikon vom
29. November 2011 zur Leistung einer Genugtuungssumme von Fr. 15'000.-
- (zuzüglich 5% Zins seit dem 24. Mai 2010) zu verpflichten sei, sei abzu-
weisen;
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. MwSt) zu Lasten der Beru-
fungsklägerin.
c) der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis:
(schriftlich; Urk. 86)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
_
- 6 -

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Mit Urteil vom 29. November 2011 sprach das Bezirksgericht Dietikon den Be-
schuldigten der Vergewaltigung, der sexuellen Nötigung, der mehrfachen sexuel-
len Handlungen mit Kindern, der versuchten Nötigung, der mehrfachen Pornogra-
phie sowie des Vergehens gegen das Waffengesetz schuldig und bestrafte ihn mit
3 1⁄2 Jahren Freiheitsstrafe, unter Anrechnung von 554 Tagen Untersuchungs- und
Sicherheitshaft. Vom Vorwurf der sexuellen Nötigung und der sexuellen Handlun-
gen mit Kindern gemäss ND 6 wurde er freigesprochen, mit Bezug auf den Vor-
wurf der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern zum Nachteil von
D._ gemäss ND 2 wurde von einer Bestrafung abgesehen. Der Beschuldigte
wurde im Sinne von Art. 61 StGB in eine Einrichtung für junge Erwachsene ein-
gewiesen und der Vollzug der Freiheitsstrafe zu diesem Zweck aufgeschoben.
Der Beschuldigte wurde ferner zu Schadenersatz- und Genugtuungszahlungen an
die Privatklägerinnen verpflichtet (Urk. 78/1).
2. Gegen das Urteil, das ihrer Vertreterin am gleichen Tag mündlich eröffnet wur-
de (Prot. I S. 21), liess die Privatklägerin am 7. Dezember 2011 Berufung anmel-
den (Urk. 54). Das begründete Urteil wurde ihr am 20. März 2012 zugestellt
(Urk. 72/2). Mit Eingabe vom 10. April 2012 reichte sie ihre Berufungserklärung
ein (Urk. 77). Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf Anschlussberufung und be-
antragte die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 86). Die Privatklägerin
2 verzichtete ebenfalls auf Anschlussberufung (Urk. 87). Der Beschuldigte bean-
tragte mit Eingabe vom 9. Mai 2012, auf die Berufung sei nicht einzutreten
(Urk. 88). Nachdem mit Beschluss des Obergerichts des Kantons Zürich vom
24. Mai 2012 auf die Berufung teilweise eingetreten wurde, wurde mit Beschluss
vom 6. Juli 2012 das schriftliche Verfahren angeordnet (Urk. 101). Innert zweimal
erstreckter Frist reichte die Privatklägerin am 10. September 2012 ihre Beru-
fungsbegründung ein (Urk. 117). Mit Eingabe vom 11. Oktober 2012 folgte die Be-
rufungsantwort des Beschuldigten (Urk. 123). Am 9. November 2012 folgte die
- 7 -
Replik der Privatklägerin (Urk. 127), am 20. November 2012 die Duplik des Be-
schuldigten (Urk. 131). Beweisanträge wurden keine gestellt.
3. Die Privatklägerin beschränkte ihre Berufung auf die Entscheide über die ihr
zugesprochene Genugtuung und Prozessentschädigung. Das Urteil der Vo-
rinstanz ist demnach hinsichtlich Dispositivziffern 1 (Schuldspruch), 2 (Frei-
spruch), 3 (Absehen von Strafe), 4 (Strafmass), 5 (Massnahme und Vollzug), 6
und 7 (Schadenersatzforderungen), 8 lit. b) und c) (Genugtuungen für Privatkläge-
rinnen 2 und 4), 9 (Beschlagnahmungen), 10 (DNA-Profil) sowie 12 und 13 (Kos-
tendispositiv) nicht angefochten und damit rechtskräftig geworden. Dies ist vorab
festzustellen.
II. Zivilansprüche
1. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen für die Zusprechung einer Genugtu-
ung korrekt aufgeführt. Auf die entsprechenden Erwägungen kann verwiesen
werden (Urk. 76 S. 64 f.).
Gemäss erstelltem Sachverhalt missbrauchte der Beschuldige die Privatklägerin
oral und mit seinen Fingern und drückte und rieb seinen Penis wiederholt gegen
ihre Schamlippen. Unter diesen Umständen kann entgegen der Ansicht der Ver-
teidigung (Urk. 123 S. 4) nicht mehr davon gesprochen werden, es liege ein un-
bestrittenermassen geringfügigerer Eingriff in die sexuelle Integrität eines Men-
schen als eine Vergewaltigung vor, nur weil es nicht zur eigentlichen Penetration
mit dem Penis kam, sondern dies mit den Fingern erfolgte. Hinzu kommt, dass
der Beschuldigte mit einer gewissen Planung vorging und zuerst unter falschem
Namen vorgab, eine Liebesbeziehung anzustreben, ehe er das so zur Privatklä-
gerin aufgebaute Vertrauensverhältnis schamlos ausnutzte. Dabei musste ihm
bewusst sein, dass die Privatklägerin aufgrund ihrer Behinderung verletzlicher
war, als ein durchschnittliches Mädchen ihres Alters. Er ging zwar nicht beson-
ders gewalttätig vor, drohte ihr aber zweimal mit Schlägen, um sie gefügig zu ma-
chen, und hielt ihr auch den Mund zu, um sie zum Schweigen zu bringen. Der
Vorinstanz ist dahingehend zuzustimmen, dass die Tat des Beschuldigten die
- 8 -
psychische Belastung der Privatklägerin massgebend verstärkt und langfristige
negative Auswirkungen auf deren Psyche hatte. Gleichwohl darf, wie auch die
Verteidigung zutreffend anführt (Urk. 131 S. 5), nicht übersehen werden, dass die
Privatklägerin bereits aufgrund ihrer Behinderung und Mobbingerfahrungen psy-
chisch vorbelastet war und die Tat daher nicht die alleinige Ursache für ihre be-
stehenden Probleme darstellt.
Unter Berücksichtigung der Rechtsprechung erweist sich daher eine Genugtuung
von Fr. 10'000.-- zuzüglich Zins zu 5% seit dem 21. Mai 2010 als angemessen. Im
Mehrbetrag ist das Begehren der Privatklägerin abzuweisen.
2. Eine Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin
wurde von der Vorinstanz noch nicht festgelegt. In Ihrem Urteil setzte sie nur eine
Prozessentschädigung für die Privatklägerin fest, welche gemäss Art. 138 Abs. 2
StPO im Umfang der Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsbeiständin an die
Staatskasse fällt. Die Vorinstanz hat daher nach Eingang der Honorarnote der
unentgeltlichen Rechtsbeiständin einen entsprechenden Beschluss über deren
Entschädigung zu fassen.
Die Privatklägerin beantragt ferner eine Prozessentschädigung im Umfang der
noch von der Vorinstanz festzusetzenden Entschädigung für die unentgeltliche
Rechtsbeiständin. Wie bereits erwähnt würde aber diese Prozessentschädigung
gemäss Art. 138 Abs. 2 StPO vollumfänglich dem Staat zufallen. Da die Kosten
der unentgeltlichen Rechtsbeiständin im erstinstanzlichen Verfahren einstweilen
auf die Staatskasse zu nehmen sind und der Staat diese im Falle einer Besserung
der wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschuldigten ohnehin direkt von diesem
einzufordern hätte, ist der Privatklägerin daher keine Prozessentschädigung zu-
zusprechen.
III. Kosten- und Entschädigungsfolgen
Im Berufungsverfahren erfolgt die Auflage der Kosten nach Massgabe des Obsie-
gens oder Unterliegens der Parteien (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Privatklägerin
dringt mit ihrem Antrag auf Zusprechung einer höheren Genugtuung und mit ihren
- 9 -
übrigen Anträgen nur teilweise durch. Der Beschuldigte unterliegt teilweise bezüg-
lich der Privatklägerin zuzusprechenden Genugtuung, wird aber darüber hinaus
nicht zusätzlich belastet. Demzufolge wären die Kosten des Berufungsverfahrens
etwa zu 1/6 der Privatklägerin und zu 2/6 dem Beschuldigten aufzuerlegen und im
Übrigen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Der Beschuldigte wurde allerdings in
eine Einrichtung für junge Erwachsene eingewiesen, bezieht eine IV-Rente und ist
verschuldet. Die Vermögens- und Einkommensverhältnisse der Privatklägerin
wiederum machten eine unentgeltliche Verbeiständung notwendig. Angesichts der
finanziellen Situation der Privatklägerin und des Beschuldigten rechtfertigt es sich
daher, die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme der Kosten der amtli-
chen Verteidigung und derjenigen der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Pri-
vatklägerin, auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Kosten der amtlichen Verteidi-
gung und diejenigen der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin sind
der Gerichtskasse zu überbinden, wobei die Rückzahlungspflicht gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO vorbehalten bleibt.