Decision ID: b86a8084-94aa-40bd-a4bd-96aa84103bba
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Vernachlässigung von Unterhaltspflichten
Berufung gegen ein Urteil des Einzelgerichtes in Strafsachen des Bezirkes Dietikon vom 26. Juni 2012 (GB120004)
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Anklage:
Der Strafbefehl Nr. B-4/2011/2489 der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis vom
11. Januar 2012 (Urk. 10) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der Vernachlässigung von Unterhaltspflichten
im Sinne von Art. 217 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit gemeinnütziger Arbeit von 90 Stunden.
3. Der Vollzug der gemeinnützigen Arbeit wird nicht aufgeschoben.
4. Die mit Urteil des Obergerichtes des Kantons Luzern vom 18. November
2008 für eine Freiheitsstrafe von 21 Monaten angesetzte Probezeit von
3 Jahren wird um die Dauer eines Jahres verlängert.
5. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 900.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. Kosten Kantonspolizei Fr. 700.00 Gebühr Vorverfahren (Pauschalgebühr) Fr. Kanzleikosten Fr. Auslagen Untersuchung Fr. amtliche Verteidigung Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
Wird auf eine schriftliche Begründung des Urteils verzichtet, so reduziert sich
die Gerichtsgebühr um einen Drittel.
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt, aber abgeschrieben.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 54 S. 2 und Prot. II S. 11)
1. Herr A._ sei vom Vorwurf der angeblichen Vernachlässigung von
Unterhaltspflichten (Art. 217 Abs. 1 StGB) freizusprechen.
2. Die Verfahrenskosten der ersten und zweiten Instanz seien auf die
Staatskasse zu nehmen.
3. Herrn A._ sei eine Entschädigung für die angefallenen Anwalts-
kosten von Fr. 4'210.30 (Anwaltskosten erste Instanz gemäss Rech-
nung) und Fr. 1'875.– (Honorar, inkl. Auslagen und MWST zweite In-
stanz) zu bezahlen.
b) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland:
(Urk. 47, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
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Erwägungen:
I.
1. Das Einzelgericht in Strafsachen des Bezirksgerichts Dietikon sprach den
Beschuldigten mit Urteil vom 26. Juni 2012 anklagegemäss schuldig der Vernach-
lässigung von Unterhaltspflichten im Sinne von Art. 217 Abs. 1 StGB und bestraf-
te ihn mit gemeinnütziger Arbeit von 90 Stunden. Der Vollzug der Strafe wurde
nicht aufgeschoben. Die mit Urteil des Obergerichts des Kantons Luzern vom
18. November 2008 für eine Freiheitsstrafe von 21 Monaten angesetzte Probezeit
von 3 Jahren wurde um die Dauer eines Jahres verlängert. Die Verfahrenskosten
wurden dem Beschuldigten auferlegt, aber sogleich abgeschrieben (Urk. 42
S. 18).
2. Der Beschuldigte liess rechtzeitig die Berufung gegen dieses Urteil an-
melden (Urk. 36; Art. 399 Abs. 1 StPO) und sodann auch fristgerecht die Beru-
fungserklärung einreichen (Urk. 43; Art. 399 Abs. 3 StPO). Er liess einen Frei-
spruch beantragen unter entsprechenden Kosten- und Entschädigungsfolgen
(Urk. 43).
II.
1. a) Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, im Zeitraum vom
1. November 2010 bis zum 31. August 2011 gegenüber der Alimentenhilfe
B._ der Unterhaltspflicht für seine Tochter C._, geboren tt.mm.2001, im
Betrag von monatlich Fr. 670.–, mithin total Fr. 6'700.–, nicht nachgekommen zu
sein, obschon er dazu mit Verfügung des Bezirksgerichtes Zürich vom 30. Januar
2006 (Urk. 2/2) verpflichtet worden war und es ihm im fraglichen Zeitraum möglich
gewesen wäre, dieser zumindest zeitweise oder teilweise nachzukommen, wenn
er nicht per August 2010 seine Festanstellung beim Unternehmen D._ auf-
gegeben hätte, welche Anstellung ihm monatlich rund Fr. 4'200.-- eingebracht ha-
be, um sich selbständig zu machen und das Unternehmen "E._ GmbH" zu
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gründen, welches Unternehmen zu keinem Zeitpunkt rentiert habe, bis schliess-
lich im Herbst 2011 der Konkurs über das Unternehmen eröffnet worden sei
(Urk.10 S. 3).
b) Die Bestrafung nach Art. 217 Abs. 1 StGB setzt voraus, dass der Täter
über die Mittel zur Erfüllung der Unterhaltspflicht verfügt oder verfügen könnte.
Damit wird auch erfasst, wer zwar einerseits nicht über ausreichende Mittel zur
Pflichterfüllung verfügt, es anderseits aber unterlässt, ihm offen stehende und
zumutbare Möglichkeiten zum Geldverdienen zu ergreifen (BGE 126 IV 153
Erw. 2 mit Verweis auf die Botschaft über die Änderung des Schweizerischen
Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzes vom 26. Juni 1985, BBl 1985 II
1055).
c) Der Beschuldigte anerkannte schon während der Untersuchung wie auch
anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung und in der Berufungsverhand-
lung, gegenüber seinem Kind die genannte Unterhaltsverpflichtung zu haben, und
gestand überdies ein, dieser nicht nachgekommen zu sein (Urk. 6 S. 2 und S. 6,
Urk. 15 S. 2 und Urk. 31 S. 2). Diese Zugaben decken sich mit den entsprechen-
den Untersuchungsergebnissen, weshalb als erstellt erachtet werden kann, dass
der Beschuldigte vom 1. November 2010 bis 31. August 2011 seiner Unterhalts-
pflicht im Gesamtbetrag von Fr. 6'700.– nicht nachgekommen ist. Nicht geständig
zeigte sich der Beschuldigte hingegen bezüglich des subjektiven Tatbestandes,
insbesondere seines Vorsatzes (Urk. 6 S. 1 f., Urk. 15 S. 2 und Urk. 31 S. 2 und
4). Konkret machte er bzw. seine Verteidigung geltend, dass er überzeugt gewe-
sen sei, mit der Kündigung seiner Festanstellung und nachfolgender Selbständig-
keit die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Er sei davon ausgegangen, in
seinem angestammten Fähigkeitsgebiet als Hauswart und Allrounder ein besse-
res Einkommen als bei der D._ erzielen und seine Schulden abbauen zu
können. Dieses Unternehmen sei bekanntlich gescheitert. Er sei von F._, der
ihm die neue Tätigkeit vermittelt hatte, hinters Licht geführt worden. Die zugesi-
cherten Aufträge seien ausgeblieben und bereits verrichtete Arbeiten seien nicht
bezahlt worden. Der Beschuldigte habe alles, was er hatte, in diese Unterneh-
mung gesteckt und habe von seiner Familie ein Darlehen erhalten, weshalb er
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sich vor dem finanziellen Ruin gesehen habe. Er habe seine Wohnung verloren.
Er habe nicht nur vorübergehend seinen familiären Verpflichtungen nicht mehr
nachkommen können, sondern habe auch seine Abschlagszahlungen an die Ge-
richtskasse des Kantons Luzern und an einen weiteren Gläubiger vorübergehend
einstellen müssen. Nachdem das Projekt gescheitert war, habe sich der Beschul-
digte umgehend bei der Arbeitslosenkasse gemeldet und sich intensiv um eine
neue Stelle beworben. Bei dieser Sachlage sei erstellt, dass der Beschuldigte in
der fraglichen Zeit objektiv nicht in der Lage gewesen sei, seinen familiären Zah-
lungsverpflichtungen nachzukommen (Urk. 32 S. 4 f.). Im Rahmen des Beru-
fungsverfahrens liess der Beschuldigte ausserdem vorbringen, er habe in der
fraglichen Zeit nicht einmal seine existenziellen Bedürfnisse decken können, da-
her sei er auch nicht fähig gewesen, die Unterhaltszahlungen zu leisten. Er sei
auch vorsichtig vorgegangen und habe seine Stelle bei der D._ erst gekün-
digt, als das Projekt für seine neue Stelle gestanden sei. Die ihm gegenüber ab-
gegebenen Zusagen für Aufträge habe er nicht als haltlos erkennen können, so
dass er das Scheitern des Projektes nicht habe voraussehen können (Urk. 54 S. 5
f.).
d) Die Vorinstanz erachtete den Sachverhalt als in objektiver und subjektiver
Hinsicht erstellt und subsumierte ihn unter Art. 217 Abs. 1 StGB. Im Wesentlichen
befasste sich die Vorinstanz mit den Motiven des Beschuldigten für die Aufgabe
seiner Festanstellung und konstatierte diesbezüglich ein unplausibles bzw. wider-
sprüchliches Aussageverhalten des Beschuldigten (Urk. 42 S. 6 f.). Die Vo-
rinstanz kam deshalb zum Schluss, dass der Beschuldigte nicht hinreichend habe
darlegen können, dass er "nicht unverschuldet" (recte wohl: unverschuldet) sein
Einkommen geschmälert habe, indem er seine sichere Stelle vorsätzlich zuguns-
ten einer unsicheren Anstellung aufgegeben habe (Urk. 49 S. 8).
2. a) Der eingeklagte Sachverhalt, wie er im Strafbefehl vom 11. Januar
2012, der im vorliegenden Verfahren als Anklageschrift gilt (Art. 356 Abs. 1
StPO), umschrieben ist, wird vom Beschuldigten bezüglich des äusseren Ablaufes
als richtig anerkannt. Dementsprechend ist auch der objektive Tatbestand von
Art. 217 Abs. 1 StGB erfüllt. Die Bestreitung durch den Beschuldigten betrifft je-
doch den subjektiven Tatbestand, d.h. die Frage, inwiefern dem Beschuldigten
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der Wechsel der Beschäftigung zum Vorwurf gemacht werden kann. Konkret ist
für die Vorwerfbarkeit des Verhaltens des Beschuldigten zu klären, inwiefern er
damit rechnete bzw. im Sinne eines Eventualvorsatzes in Kauf nahm, dass er
durch die neue Beschäftigung nicht mehr in der Lage sein würde, seine gerichtlich
festgelegten Unterhaltspflichten zu erfüllen. Insofern erscheint bereits die Formu-
lierung im Strafbefehl bzw. in der Anklageschrift problematisch, indem lediglich
festgehalten wird, dass dem Beschuldigten die Bezahlung der Alimente zumindest
zeitweise und teilweise möglich gewesen wäre, wenn er nicht per August 2010
seine Festanstellung beim Unternehmen "D._" aufgegeben hätte, um sich
selbständig zu machen. Weiter wird festgehalten, dass sich das von ihm mitge-
gründete Unternehmen "E._ GmbH" zu keinem Zeitpunkt rentiert habe, bis
schliesslich im Herbst 2011 der Konkurs über das Unternehmen eröffnet worden
sei (Urk. 10 S. 3). Gemäss Anklage wird dem Beschuldigten somit nicht vorgewor-
fen, er wäre während seiner selbständigen Tätigkeit noch in der Lage gewesen,
seinen Unterhaltsverpflichtungen zumindest zeitweise und teilweise nachzukom-
men, sondern einzig seine Aufgabe der Festanstellung und die darauffolgende
Übernahme einer selbständigen Tätigkeit. Der diesbezügliche Vorsatz bzw. Even-
tualvorsatz, wonach er wusste oder zumindest in Kauf nahm, dass er gerade we-
gen der Aufnahme der selbständigen Tätigkeit nicht mehr in der Lage sein würde,
seinen Unterhalspflichten nachzukommen, wird im Strafbefehl bzw. Anklagevor-
wurf jedoch nicht erwähnt, obwohl sich ein solcher Vorsatz nicht ohne Weiteres
aus der Sachverhaltsumschreibung ergibt. Höchstens implizit lässt sich herausle-
sen, dass die Anklagebehörde die Aufgabe der unselbständigen Tätigkeit und die
Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit durch den Beschuldigten als vorsätzli-
chen bzw. eventualvorsätzlichen Verzicht, seine Arbeitskraft im Rahmen des Zu-
mutbaren optimal ökonomisch zu nutzen, wertet (vgl. BGE 126 IV 134 mit Verwei-
sungen). Inwiefern durch diese fragliche bzw. fehlenden Umschreibung des sub-
jektiven Tatbestandes das Anklageprinzip verletzt ist, kann vorliegend offen blei-
ben, da nachfolgend aufgezeigt wird, dass aufgrund der Beweislage der subjekti-
ve Tatbestand von Art. 217 Abs. 1 StGB nicht rechtsgenügend erstellt werden
kann.
b) Wenn der im Anklagetext gemachte Vorwurf der Aufgabe der unselbstän-
digen Tätigkeit und die Aufnahme der selbständigen Tätigkeit die Strafbarkeit be-
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gründen soll, muss der Wechsel der Tätigkeit zumindest vom Eventualvorsatz des
Beschuldigten getragen worden sein, dass er gerade wegen des Wechsels der
Tätigkeit künftig seinen Verpflichtungen nicht mehr werde nachkommen können.
Ein allfälliges fahrlässiges Verhalten, d.h. eine pflichtwidrige Unvorsichtigkeit in
diesem Zusammenhang, reicht für die Strafbarkeit nicht aus. Ob von einem Even-
tualvorsatz auszugehen ist, betrifft eine innere Tatsache, deren Vorhandensein
nur anhand der äusseren Umstände, die für den Beschuldigten ersichtlich waren,
und aufgrund seiner eigenen Verhaltensweise geklärt werden kann.
c) Nach Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB handelt bereits vorsätzlich, wer die Ver-
wirklichung der Tat für ernsthaft möglich hält und diese für den Fall ihres Eintritts
in Kauf nimmt. Gemäss Art. 12 Abs. 3 Satz 1 StGB begeht fahrlässig ein Verbre-
chen oder Vergehen, wer die Folge seines Verhaltens aus pflichtwidriger Unvor-
sichtigkeit nicht bedenkt oder darauf nicht Rücksicht nimmt. Pflichtwidrig ist die
Unvorsichtigkeit, wenn der Täter die Vorsicht nicht beachtet, zu der er nach den
Umständen und nach seinen persönlichen Verhältnissen verpflichtet ist.
d) Gemäss Aussagen des Beschuldigten in der polizeilichen Einvernahme
vom 22. November 2011 sei er von einem gewissen F._ ca. im Mai 2010 an-
gefragt worden, ob er zusammen mit G._ eine Reinigungsfirma gründen wol-
le. F._ habe ihm versprochen, dass es genügend Aufträge geben würde.
Ausserdem habe er versprochen, dass sie bei drei Bürokomplexen die Hauswart-
stelle übernehmen könnten. In der Folge habe er G._, der ein Büro in
H._ hatte, kennen gelernt. Mit diesem habe er die Firma E._ GmbH ge-
gründet (HR-Eintrag: tt. Juni 2010 [Urk. 7]). Seine Arbeitsstelle habe er per Au-
gust/September 2010 gekündigt. Zu seiner grossen Enttäuschung seien jedoch
die Aufträge ausgeblieben und sie hätten keinen Verdienst gehabt. Da es finanzi-
ell immer schlechter gegangen sei, habe er Herrn F._ besucht und gefragt,
ob dieser ihn mit einem Darlehen helfen würde. F._ habe ihm gesagt, das sei
kein Problem, der Beschuldigte müsse nur eine Offshore Firma gründen und er -
F._ - könne dann über diese Firma einen Kredit für den Beschuldigten auf-
nehmen. Die ganze Sache koste € 11'400.--, wobei F._ versprochen habe,
dass der Kredit bis spätestens Weihnachten 2010 zu Verfügung stehen würde
(Urk. 6 S. 2). Da ihm nichts anderes übrig geblieben sei, habe er zusammen mit
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I._, einem Bekannten, das erforderliche Geld aufgetrieben und an F._
übergeben, der dann eine Offshore-Firma in ... gegründet habe. Als der Beschul-
digte F._ später nach dem Kredit gefragt habe, habe dieser ihn immer wieder
vertröstet. Bis heute (Zeitpunkt der polizeilichen Einvernahme vom 22. November
2011) habe er keinen Kredit erhalten. Nur im September 2011 habe ihm F._
einmal € 1'000.-- zurückbezahlt. Schliesslich habe der Beschuldigte genug von
der Sache gehabt und F._ gesagt, er wolle mit der Firma nichts mehr zu tun
haben. Soviel er wisse, handle es sich bei F._ um einen Betrüger. In der Fol-
ge sei der Beschuldigte in finanzielle Schwierigkeiten geraten und habe die Ali-
mente und seine Wohnungsmiete nicht mehr bezahlen können. Heute wohne er
bei einem Kollegen. Er sei seit September 2011 arbeitslos gemeldet und habe
sich bei mehreren Firmen beworben. Auf entsprechende Frage gab der Beschul-
digte zu Protokoll, dass er keine Sozialhilfe beantragt habe, da er hierfür zu stolz
sei. Er werde von seinem Bruder und seinen Eltern finanziell unterstützt, von
ihnen erhalte er durchschnittlich Fr. 1'000.-- pro Monat (Urk. 6 S. 2 f.).
In der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 7. Februar 2012 wurde
der Beschuldigte im Beisein seines Verteidigers befragt, nachdem er gegen den
zwischenzeitlich ergangenen Strafbefehl vom 11. Januar 2012 Einsprache erho-
ben hatte. Auf entsprechende Frage schilderte er, dass er bei seiner früheren Ar-
beitgeberin körperlich schwer habe arbeiten müssen, indem er Dachpappen von
40 bis 80 kg herumgetragen habe. Ausserdem hab er viele Überstunden geleistet.
Als er Vorarbeiter war, habe er sich gesundheitlich schlecht gefühlt, weil er unter
Druck gestanden sei. Auf die Frage, weshalb er seine Festanstellung zugunsten
einer unsicheren selbständigen Erwerbstätigkeit aufgegeben habe, sagte der Be-
schuldigte, er habe zuvor einen leichteren Job gesucht, weil er das nicht mehr
ausgehalten habe. Dann habe er Herrn F._ getroffen, der sein Büro im sel-
ben Gebäude hatte, wie die frühere Arbeitgeberin des Beschuldigten. Es sei eine
zufällige Bekanntschaft gewesen. Er habe sich bei F._ negativ über seine
Arbeit geäussert und dieser habe ihm dann den Vorschlag gemacht, mit Herrn
G._ zusammen zu kommen, der für ein Treuhandbüro Büroräumlichkeiten
vermieten würde. F._ habe dem Beschuldigten gesagt, er könne ca. ab Sep-
tember/Oktober 2010 drei Bürohäuser als Hauswart übernehmen. Herr F._
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habe ihm klar gemacht, dass der Beschuldigte zuerst eine Firma gründen müsse,
damit er die drei Hauswartungen übernehmen könne. In der Folge habe der Be-
schuldigte Fr. 15'000.-- in die neu gegründete Firma investiert, was einem Anteil
von 75 % entsprochen habe. Auf entsprechende Frage der Staatsanwältin meinte
der Beschuldigte, es sei ihm eigentlich nicht klar gewesen, weshalb er eine Firma
habe gründen müssen. Er habe F._ zu viel geglaubt. G._, der die Büros
vermietet habe, habe ihm aber dasselbe gesagt und seinerseits Fr. 5'000.-- (ent-
sprechend 25 % Firmenanteil) in die Firma investiert (Urk. 15 S. 2 ff.). Auf ent-
sprechende Frage räumte der Beschuldigte ein, dass er nie gesehen habe, ob
G._ tatsächlich Geld in die Firma investiert habe. Er habe einfach gesehen,
dass G._ Fr. 20'000.-- auf dem Konto hatte. Es sei ihm ausserdem gesagt
worden, dass er mit den drei Gebäuden pro Jahr Fr. 50'000.-- oder Fr. 55'000.--
verdienen würde, wobei ihn diese Arbeit nur zu ca. 50 % beansprucht hätte, wes-
halb er noch einmal zu 50 % die Möglichkeit gehabt hätte, weiteres Einkommen
zu generieren. Es sei abgemacht gewesen, dass G._ die Administration ma-
che, insbesondere die Buchhaltung, und er - der Beschuldigte - den handwerkli-
chen Teil der Arbeit übernehme. Auf die Frage, weshalb er die gesundheitlichen
Gründe für seinen Weggang von der Firma D._ erst in der staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahme vorbrachte und nicht schon in der polizeilichen Befra-
gung erwähnt hatte, wies der Beschuldigte darauf hin, dass der Polizeibeamte ihn
nicht danach gefragt habe (Urk. 15 S. 6).
e) Es liegen mehrere Arztberichte sowie eine Aktennotiz über ein Telefonat
der Staatsanwaltschaft mit dem J._-Spital vom 7. März 2012 bei den Akten.
Aus diesen Unterlagen geht hervor, dass der Beschuldigte vom 15. April bis
27. Mai 2010 aufgrund eines Unfalles im J._-Spital (Abteilung Radiologie)
gewesen sei (Urk. 16/2). Am 15. April 2010 fand eine Ultraschall-Untersuchung an
der Leiste links statt. Ausserdem wurde ein gespaltenes Sesambein radialseitig
am Daumen diagnostiziert. Dieser Befund sei entweder anlagebedingt oder Folge
eines Unfalles (Urk. 16/4). Von Dr. med. K._ (Hausarzt des Beschuldigten)
stammt ein Bericht vom 12. März 2012, wonach der Beschuldigte ihn am 22. März
2010 konsultiert und von einem Sturz von einer Ladebrücke am 17. März 2010
berichtet habe. Als Diagnose wurde eine Kontusion der Schulter links, der Flanke
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links sowie des Oberschenkels links festgestellt. Ein am 29. März 2010 durchge-
führter Arbeitsversuch sei gescheitert. Er habe den Beschuldigten weiter mit An-
tirheumatika behandelt bis Mitte Mai 2010. Am 9. Februar 2012 sei der Beschul-
digte erneut in die Praxis gekommen und habe berichtet, er habe auf den
31. August 2010 gekündigt wegen Rücken- und Inguinalschmerzen links sowie
grossem Stress. Jetzt hätte er Probleme mit den Alimentenzahlungen. Anamnes-
tisch sei zu erfahren gewesen, dass der Beschuldigte keine Schmerzen mehr ha-
be, seit der nicht mehr so streng körperlich arbeiten würde. Insgesamt hätten im
Jahre 2010 zehn Konsultationen stattgefunden. Der Hausarzt erwähnte bei der
Fragenbeantwortung, dass ihm der Beschuldigte am 4. Mai 2010 berichtet habe,
sein Vorgesetzter habe ihm die Kündigung angedroht (Urk.16/6 S. 1 f.).
f) Aus den Akten geht ausserdem hervor, dass F._ der Sachbearbeite-
rin der Alimentenhilfe B._, L._, am 14. Februar 2011 per E-Mail folgen-
des mitteilte:
"Ich beziehe mich auf Ihr Schreiben vom 21. Januar 2011 wie auch auf die
Bitte von Herrn A._ mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen und möchte Sie
bereits jetzt (während der Ferienabwesenheit) informieren, dass Herr A._ vor
3 Monaten seinen Arbeitsplatz verloren hat und aufgrund dessen den Zahlungs-
verpflichtungen nicht nachkommen konnte, er ab 1. März 2011 bei uns arbeiten
wird und wir ihn anschliessend zulasten seines Monatslohnes die Raten überwei-
sen werden. (...) "
Diese Mitteilung entsprach aufgrund der vorliegenden Beweislage offensichtlich
nicht der Wahrheit und wirft ein bedenkliches Licht auf F._. Dieser hatte dem
Beschuldigten gemäss dessen plausibler Darstellung vorgeschlagen, eine neue
Tätigkeit als Hauswart in Angriff zu nehmen und hierzu eine Reinigungsfirma zu
gründen. Ausserdem gelang es F._ offenbar, vom Beschuldigten einen grös-
seren Geldbetrag erhältlich zu machen, wobei aufgrund der Aussagen des Be-
schuldigten nicht klar wurde, ob diese Zahlung als Vorbereitung für eine Darle-
hensvergabe durch F._ gedacht war (vgl. Urk. 6 S. 2), oder als Investition in
die neu gegründete Firma E._ GmbH (Urk. 15). Die Sachdarstellung anläss-
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lich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 7. Februar 2012 erscheint in
mancher Hinsicht plausibler und auch authentischer, zumal die polizeiliche Ein-
vernahme in der Art erfolgte, dass der einvernehmende Polizeibeamte zur Sache
praktisch keine konkreten Fragen stellte, sondern den Beschuldigten längere zu-
sammenhängende Ausführungen machen liess, ohne bei fraglicher Plausibilität
oder Unklarheiten nachzufragen. So wäre es angezeigt gewesen, den Beschul-
digten näher zu der von ihm erwähnten Darlehensgeschichte und der damit zu-
sammenhängende angeblichen Gründung einer Offshore-Firma in ... durch
F._ zu befragen, was jedoch nicht geschehen ist (Urk. 6 S. 2). In der staats-
anwaltschaftlichen Einvernahme wurden hingegen konkrete Fragen gestellt und
Unklarheiten geklärt bzw. zu klären versucht (Urk. 15). In der Berufungsverhand-
lung stellte der Beschuldigte klar, dass er sowohl den Betrag von € 11'400.– im
Hinblick auf eine Darlehensvergabe, als auch seine Einlage in das Stammkapital
(Fr. 15'000.–) der neu gegründeten GmbH bezahlt habe (Prot. II S. 9).
3. a) Die vom Beschuldigten angeführten Gründe für die Kündigung seiner
Arbeitsstelle und seine Angaben zu den Modalitäten der Firmengründung er-
scheinen zwar infolge der unterschiedlichen Angaben in der polizeilichen Befra-
gung und in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme nicht sehr kohärent. Je-
doch ist zu beachten, dass glaubhaft ist, dass der Beschuldigte von sich aus nicht
eigentlich eine selbständige Tätigkeit suchte, sondern eine weniger anstrengende
Arbeit, wobei die medizinischen Befunde (vgl. Urk. 16/6 S. 1) mit der Sachdarstel-
lung des Beschuldigten zu seinen gesundheitlichen bzw. körperlichen Problemen
bei seiner früheren Arbeitgeberin vereinbar sind bzw. dieser Darstellung zumin-
dest nicht widersprechen. Der Umstand, wonach ihm F._ nicht eine Festan-
stellung anbot, sondern die Gründung einer eigenen Firma nahelegte, spricht eher
für die unlauteren Absichten F._s, der auf diese Weise leichter jegliche Ver-
pflichtung gegenüber dem Beschuldigten ablehnen konnte, als wenn er ihn als
Angestellten hätte arbeiten lassen.
b) Die Darstellung des Beschuldigten, wonach er an die von F._ ge-
machten Versprechen hinsichtlich Arbeitsvolumen, Umsatzmöglichkeiten und
Pensum der künftigen Tätigkeit geglaubt habe, mag für eine durchschnittlich ge-
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bildete und geschäftserfahrene Person reichlich naiv erscheinen. Jedoch weist
der Umstand, dass der Beschuldigte im weiteren Verlauf seiner Tätigkeit im Rah-
men der Firma E._ GmbH keinerlei Einkommen erzielte und er schlussend-
lich sogar seine Wohnung verlor, darauf hin, dass er selber nicht mit einem sol-
chen Misserfolg rechnete oder einen solchen auch nur in Kauf nahm, mithin seine
eigene Existenz bewusst aufs Spiel setzte. Dass der in geschäftlichen Angele-
genheit offensichtlich unerfahrene Beschuldigte mit seiner Primarschulbildung
(Urk. 6 S. 3) die Glaubhaftigkeit und den Realitätsgehalt der Darstellungen bzw.
der Versprechen F._s im voraus nicht einzuschätzen vermochte, kann ihm
strafrechtlich nicht zum Vorwurf gereichen. Dies um so weniger, als mit G._
eine weitere Person als Partner in der genannten Firma mitwirken und die Admi-
nistration führen sollte, der sich ausserdem mit Fr. 5'000.-- an der Firma beteiligte
(vgl. Urk. 7). Unter den gegebenen Umständen lässt sich jedenfalls nicht nach-
weisen, dass der Beschuldigte mit der Möglichkeit rechnete, dass er durch die
Machenschaften F._s seinen Unterhaltspflichten nicht mehr werde nach-
kommen können. Der blosse Umstand, dass der Beschuldigte als Unterhalts-
pflichtiger ein selbständige Tätigkeit aufnahm, kann für sich alleine genommen
nicht als Inkaufnahme einer für die Erfüllung der Unterhaltspflicht relevante Ver-
minderung des Einkommens angesehen werden. Dies ergibt sich zumindest indi-
rekt aus den Erwägungen des Bundesgerichtes in BGE 126 IV 136, wonach dem
selbständig Erwerbenden eine gewisse Zeit zum Aufbau seines Geschäfts einzu-
räumen sei. Diese Zeit dürfe aber im Interesse der Unterhaltsberechtigten nicht zu
lange bemessen werden (a.a.O. Erw. 3b). Im vorliegenden Fall hat sich der Be-
schuldigte im September 2011, mithin rund ein Jahr nach Aufnahme seiner Tätig-
keit als Teilhaber der Firma E._ GmbH beim RAV gemeldet, der Konkurs
über die Firma wurde am 25. Oktober 2011 eröffnet (Urk. 7). Noch im September
2011 schrieb der Beschuldigte offenbar mehrere Bewerbungen (Urk. 5/3). Im Feb-
ruar 2012 begann er temporär bei einer Firma in M._ zu arbeiten, welche ihn
ab Juni 2012 fest als Logistiker anstellte, bei einem Monatslohn von Fr. 5'100.--
brutto (Urk. 30, Urk. 31 S. 5). Die Zahlung der Unterhaltsbeiträge nahm der Be-
schuldigte im März 2012 wieder auf. Diese zeitliche Abfolge und das weitere Ver-
halten sprechen gegen einen vorsätzlichen Verzicht des Beschuldigten auf die
ökonomisch optimale Nutzung seiner Arbeitskraft im Zusammenhang mit dem Tä-
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tigkeitswechsel im Spätsommer 2010. Insbesondere ist zugunsten des Beschul-
digten davon auszugehen, dass er durch F._ getäuscht wurde.
c) Aufgrund der geschilderten Beweislage lässt sich somit nicht rechtsgenü-
gend nachweisen, dass der Beschuldigte damit rechnete bzw. in Kauf nahm, dass
die Aufnahme seiner Tätigkeit als Partner der Firma E._ GmbH ihm die wei-
tere Bezahlung der Unterhaltsbeiträge für seine Tochter C._ verunmöglichen
würde. Seine Handlungsweise kann möglicherweise als fahrlässig im Sinne von
Art. 12 Abs. 3 StGB bezeichnet werden. In diesem Sinne lautete auch der Vorhalt
durch die Staatsanwältin, die ihm in der Befragung sinngemäss mangelnde Vor-
sicht vorwarf (Urk. 15 S. 6). Eine fahrlässige Tatbegehung ist jedoch nicht weiter
zu prüfen, da es sich beim Tatbestand der Vernachlässigung von Unterhaltspflich-
ten um ein Vorsatzdelikt handelt.
d) Aufgrund der dargelegten Beweislage lässt sich der Anklagevorwurf in
subjektiver Hinsicht nicht erstellen. Der Angeklagte ist demzufolge vom Vorwurf
der Vernachlässigung von Unterhaltspflichten im Sinne von Art. 217 Abs. 1 StGB
freizusprechen.
III.
1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Untersuchung
und des gerichtlichen Verfahrens vor erster und zweiter Instanz auf die Gerichts-
kasse zu nehmen.
2. Dem Beschuldigten ist für die Kosten der erbetenen Verteidigung für das
gesamte Verfahren eine Prozessentschädigung von Fr. 6'100.– (inkl. MwSt) aus
der Gerichtskasse zu bezahlen.
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