Decision ID: 2eec27d8-c793-5339-b14a-7f91d0e5cfe8
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte bei der Stadt Biel ein Baugesuch vom 23. Februar
2017 ein für den Neubau von drei Mehrfamilienhäusern mit insgesamt 17
Eigentumswohnungen und den Neubau einer Einstellhalle mit 30 Parkplätzen auf Parzelle
Biel/Bienne Grundbuchblatt Nr. E._ Die Parzelle liegt in der Bauzone 2 mit
Gebäudelänge/Gebäudetiefe generell (30/-) und in der Mischzone A, Gebiet mit
RA Nr. 110/2017/139 2
Grünflächenziffer mindestens 40 %. Gegen das Bauvorhaben erhob unter anderen der
Beschwerdeführer Einsprache. Mit Gesamtentscheid vom 25. September 2017 erteilte die
Stadt Biel die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 27. Oktober 2017 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt, der
Gesamtentscheid sei aufzuheben und dem Bauvorhaben sei der Bauabschlag zu erteilen.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Beschwerdegegnerin beantragt in
ihrer Beschwerdeantwort vom 22. November 2017 die Abweisung der Beschwerde. Die
Stadt Biel beantragt in ihrer Stellungnahme vom 1. Dezember 2017 (Postaufgabe)
ebenfalls die Abweisung der Beschwerde. Nach Zustellung dieser beiden Eingaben reichte
der Beschwerdeführer eine zusätzliche Stellungnahme vom 24. Februar 2018 ein. Auf die
Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintreten
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
RA Nr. 110/2017/139 3
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG
i.V.m. Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer, dessen Einsprache abgewiesen
wurde, ist als Eigentümer der Nachbarparzelle Biel/Bienne Grundbuchblatt Nr. F._
durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung
legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde wird eingetreten.
2. Akteneinsichtsrecht
a) Der Beschwerdeführer rügt, ihm seien weder die eingeholten Amts- und Fachberichte
zugestellt noch Gelegenheit zur Einsichtnahme in diese Berichte gegeben worden. Damit
habe die Vorinstanz seinen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt.
Die Vorinstanz macht dazu in ihrer Stellungnahme vom 1. Dezember 2017 geltend, die
Akteneinsicht werde durch die Möglichkeit gewährt, am Sitz der entscheidenden Behörde
die Akten einzusehen. Der Beschwerdeführer habe zu keinem Zeitpunkt ein
Einsichtsbegehren bei der Baubewilligungsbehörde gestellt. Hätte er dies getan, wäre ihm
die Akteneinsicht ohne weiteres gewährt worden.
Auch die Beschwerdegegnerin macht in ihrer Beschwerdeantwort vom 22. November 2017
geltend, Akteneinsicht müsse verlangt werden. Es bestehe keine Pflicht der
Baubewilligungsbehörde, den Einsprechenden Amts- und Fachberichte auch ohne
Begehren zuzusenden.
b) In wichtige Beweismittel ist nicht nur Einsicht am Sitz der Behörde zu gewähren,
sondern solche Aktenstücke sind den Beteiligten von Amtes wegen in Kopie zuzustellen,
wenn damit nicht übermässiger Aufwand verbunden ist.4 Erfolgt keine Zustellung, ist den
Beteiligten zumindest Kenntnis vom Beizug der Beweismittel zu geben, soweit es sich nicht
um Unterlagen handelt, in die sich jedermann ohne weiteres Einsicht verschaffen kann und
4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 24 N. 2
RA Nr. 110/2017/139 4
mit deren Beizug die Beteiligten rechnen mussten. Die Zwecke des Einsichtsrechts
kommen nur dann zum Tragen, wenn die Beteiligten zumindest Kenntnis vom Beizug
neuer Akten erhalten.5
Aus den vorhandenen Vorakten ist nicht ersichtlich, dass den Einsprechenden die
eingegangenen Amts- und Fachberichte zugestellt oder die Einsprechenden zumindest
über den Eingang dieser Berichte informiert worden wären. Auch die Stellungnahme der
Stadt Biel vom 1. Dezember 2017 lässt darauf schliessen, dass keine solche Information
stattfand. Insofern hat die Vorinstanz das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers verletzt.
c) Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist ein formeller Anspruch; die Verletzung des
rechtlichen Gehörs führt deshalb grundsätzlich zur Aufhebung des angefochtenen
Entscheids. Eine Gehörsverletzung kann aber dann geheilt werden, wenn die Rechtsmittel-
instanz dieselbe Kognition hat wie die Vorinstanz und der beschwerdeführenden Person
aus der Heilung kein Nachteil erwächst. Die Heilung des rechtlichen Gehörs ist allenfalls
bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen.6
Vorliegend hat die BVE als Rechtsmittelbehörde dieselbe Kognition wie die Vorinstanz (vgl.
Art. 40 Abs. 3 BauG). Zudem ist nicht ersichtlich, welcher Nachteil dem Beschwerdeführer
aus einer Heilung erwachsen würde. Auch in der Beschwerde wird kein solcher geltend
gemacht. Insbesondere ergibt sich aus seiner Einsprache vom 24. Mai 2017, dass der
Beschwerdeführer bereits im vorinstanzlichen Verfahren Kenntnis von den vorliegend
relevanten Protokollen des Fachausschusses für Planungs- und Baufragen der Stadt Biel
hatte. Er zitiert in Ziffer III.6 seiner Einsprache aus dem Protokoll der Sitzung des
Fachausschusses vom 25. März 2015, wobei aus diesem Protokoll auch ersichtlich ist,
dass das Projekt bereits in den Fachausschusssitzungen vom 28. Januar und 25. Februar
2015 behandelt worden ist. Somit sind hier die Voraussetzungen für eine Heilung der
Gehörsverletzung erfüllt und der angefochtene Gesamtentscheid muss wegen der
Gehörsverletzung nicht aufgehoben werden.
5 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 23 N. 11 und Art. 24 N. 2 6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 21 N. 16
RA Nr. 110/2017/139 5
3. Begründungspflicht
a) Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz habe mit keinem Wort ausgeführt, ob und
inwieweit die Vorgaben des Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz
(ISOS) durch das Bauvorhaben eingehalten seien. Auch mit seinen Einwänden habe sich
die Vorinstanz nicht auseinandergesetzt, sondern nur die Äusserungen des
Fachausschusses für Planungs- und Baufragen der Stadt Biel wiederholt. Damit habe sie
ihre Begründungspflicht und seinen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt.
b) Nach Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG7 muss eine Verfügung eine Begründung enthalten.
Eine Begründung muss so abgefasst sein, dass die Betroffenen die Verfügung sachgerecht
anfechten können. Es müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von
denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt. Die Behörde
muss jedoch nicht auf jedes Argument der Parteien eingehen; es genügt, wenn sie sich mit
den wesentlichen Gesichtspunkten auseinandergesetzt hat.8
c) Aus Ziffer 3.5.1.a des angefochtenen Entscheids geht hervor, dass von den
Einsprechenden gegen das Bauvorhaben vorgebracht wurde, es sei überdimensioniert,
füge sich nicht harmonisch ins Quartier ein und stehe damit in Widerspruch zum ISOS. In
Ziffer 3.5.2.a des angefochtenen Entscheids setzt sich die Vorinstanz mit diesen Rügen
auseinander. Aus diesen Ausführungen ist erkennbar, von welchen Überlegungen sich die
Vorinstanz hat leiten lassen. Insbesondere hat sie sich auf die Beurteilung durch den
Fachausschuss für Planungs- und Baufragen abgestützt. Dass sie dabei die Aussagen des
Fachausschusses in ihrem Entscheid teilweise wiederholt hat, ist nicht zu beanstanden.
Hinsichtlich der Verbindlichkeit des ISOS hat sie darauf verwiesen, dass keine
Bundesaufgabe zur Diskussion stehe. Diese Ausführungen haben es dem
Beschwerdeführer erlaubt, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Somit ist die
Vorinstanz ihrer Begründungspflicht nachgekommen. Ob ihre Ausführungen inhaltlich
überzeugen, ist im Zusammenhang mit der Rüge der Verletzung der Begründungspflicht
nicht relevant und daher an dieser Stelle nicht zu prüfen.
7 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 8 BVR 2013 S. 443 E. 3.1.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 5
RA Nr. 110/2017/139 6
4. Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS)
a) Der Beschwerdeführer rügt, das Bauvorhaben zerstöre die schützenswerte,
mehrheitlich aus Villen bestehende Siedlung. Damit widerspreche es dem Schutzziel des
ISOS.
b) Die Bauparzelle ist Teil der im ISOS, Band 2, Seeland, aufgenommenen
Umgebungszone Nr. G._ mit der Umschreibung "H._, uneinheitlich
überbaut". Die Umgebungszone ist der Aufnahmekategorie b zugeteilt. Diese Kategorie "ist
ein empfindlicher Teil des Ortsbildes, d.h. häufig überbaut". Die Umgebungszone ist ohne
besondere räumliche und architekturhistorische Qualität, hat aber besondere Bedeutung.
Sie hat das Erhaltungsziel b. Dies bedeutet, dass die Eigenschaften, die für die
angrenzenden Ortsbildteile wesentlich sind, erhalten werden sollen. Gemäss den
Erhaltungshinweisen braucht es Gestaltungsvorschriften und Auflagen für Neubauten,
Bepflanzungen usw.
Ein kleiner Teil der Bauparzelle in der südöstlichen Grundstücksecke scheint gemäss
ISOS-Plan innerhalb des ISOS-Gebiets Nr. I._ (J._) zu liegen, aufgrund
der Darstellungsgenauigkeit des ISOS-Plans lässt sich dies nicht genau ablesen.
Allerdings dürfte diese Zugehörigkeit lediglich der vorgenommenen Grenzziehung auf dem
Plan und nicht der Sache geschuldet sein. Kommt hinzu, dass diese Ecke der Bauparzelle
durch das Bauvorhaben nicht oder bestenfalls geringfügig überbaut wird. Somit ist das
Gebiet Nr. I._ mit den entsprechenden Bestimmungen auf das Bauvorhaben nicht
anwendbar. Auch die Vorinstanz ist implizit davon ausgegangen, sie hat in Ziff. 3.5.2.a des
angefochtenen Entscheids lediglich die Umgebungszone G._, nicht aber das
Gebiet Nr. I._ erwähnt.
c) Allerdings ist das ISOS auf das Bauvorhaben ohnehin nicht unmittelbar anwendbar,
da es sich um ein gewöhnliches Bauvorhaben in der Bauzone und damit nicht um eine
Bundesaufgabe handelt.9 Auch bei der Erfüllung von kantonalen und kommunalen
Aufgaben sind indessen Bundesinventare wie das ISOS von Bedeutung. Ihrer Natur nach
kommen sie Sachplänen und Konzepten im Sinne von Art. 13 RPG10 gleich. Im Rahmen
der allgemeinen Planungspflicht der Kantone legen diese die Planungsgrundlage in ihrer
9 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 3. Aufl., Band I, Bern 2007, Art. 9/10 N. 33 10 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700)
RA Nr. 110/2017/139 7
Richtplanung im Allgemeinen fest und berücksichtigen die Bundesinventare als besondere
Form von Konzepten und Sachplänen im Speziellen. Aufgrund der Behördenverbindlichkeit
der Richtplanung finden die Schutzanliegen des Bundesinventars auf diese Weise Eingang
in die Nutzungsplanung, insbesondere in die Ausscheidung von Schutzzonen und die
Anordnung von anderen Schutzmassnahmen. Die derart ausgestaltete Nutzungsplanung
ist auch für die Eigentümer verbindlich. Die Pflicht zur Beachtung findet zum einen ihren
Niederschlag in der Anwendung der die Schutzanliegen umsetzenden (Nutzungs-)Planung.
Zum andern darin, dass im Einzelfall erforderliche Interessenabwägungen im Lichte der
Heimatschutzanliegen vorgenommen werden.11
Im vorliegenden Fall hat die Stadt Biel den Erhalt der Eigenschaften der Umgebungszone
G._, die für die angrenzenden Ortsbildteile wesentlich sind, insbesondere mit den
Baulinien im Baulinienplan gesichert. Diese Baulinien gewährleisten, dass die Bebauung
auf der Bauparzelle als Fortsetzung der angrenzenden Häuserzeilen auf den
Nachbarparzellen erfolgt. Damit wird insbesondere eine das Ortsbild störende Überbauung
im Zentrum der Bauparzelle verunmöglicht. Zudem sind zahlreiche Einzelobjekte und
Baugruppen in der Umgebung der Bauparzelle im Bauinventar geschützt. Das
Bauvorhaben ist somit grundsätzlich und primär an den kantonalen und kommunalen
(Schutz-)Bestimmungen zu messen – sind diese eingehalten, ist die Baubewilligung zu
erteilen. Das ISOS ist in diesem Rahmen nur bei der Auslegung der anzuwendenden
Bestimmungen beziehungsweise bei Interessenabwägungen im Einzelfall zu
berücksichtigen. Alleine und direkt gestützt auf das ISOS lässt sich hier somit von
vorneherein kein Bauabschlag rechtfertigen.
5. Denkmalpflege
a) Der Beschwerdeführer rügt, die geplanten Bauten des Bauvorhabens würden weder
mit ihrer Volumetrie noch mit ihrer Architektur in das Quartier passen. Durch diese
Veränderung der Umgebung würden sie die umliegenden Baudenkmäler beeinträchtigen.
Insbesondere stehe das projektierte Haus C viel zu nahe an der geschützten
Häusergruppe K._strasse 45-57, wodurch es diese aufgrund seiner grossen
Kubatur erdrücke. Der Erhalt der geschützten Häusergruppe könne nur mit einer
11 BGE 135 II 209 E. 2.1
RA Nr. 110/2017/139 8
Redimensionierung des Hauses C und der Einhaltung mindestens des grossen
Grenzabstands erreicht werden.
Gemäss Beschwerdeführer hätte die Vorinstanz unter diesen Umständen zwingend die
Denkmalpflege des Kantons Bern (KDP) beiziehen müssen. Die KDP habe nicht auf einen
Beizug verzichten können.
b) Baudenkmäler sind herausragende Objekte und Ensembles von kulturellem,
historischem oder ästhetischem Wert. Dazu gehören namentlich Ortsbilder, Baugruppen,
Bauten, Gärten, Anlagen, innere Bauteile, Raumstrukturen und feste Ausstattungen;
Baudenkmäler sind schützenswert, wenn sie wegen ihrer bedeutenden architektonischen
Qualität oder ihrer ausgeprägten Eigenschaften ungeschmälert bewahrt werden sollen; sie
sind erhaltenswert, wenn sie wegen ihrer ansprechenden architektonischen Qualität oder
ihrer charakteristischen Eigenschaften geschont werden sollen (Art. 10a BauG). Über die
schützenswerten und die erhaltenswerten Baudenkmäler sind Inventare zu erstellen
(Bauinventar) (Art. 10d Abs. 1 Bst. a BauG). In den Inventaren sind die Objekte zu
bezeichnen, für die das Inventar als Inventar des Kantons gilt ("K-Objekte"); dazu gehören
insbesondere die im Bauinventar als schützenswert bezeichneten Baudenkmäler (Art. 13
Abs. 3 Bst. a BauV12). Betrifft ein Bauvorhaben ein Objekt oder die Umgebung eines
Objektes, das Gegenstand eines Inventars oder eines Verzeichnisses von Bund oder
Kanton ist, bezieht die Baubewilligungsbehörde die kantonalen Fachstellen in jedem Fall
ein (Art. 22 Abs. 3 BewD13; vgl. auch Art. 10c BauG und Art. 14 Abs. 2 BauV).
c) Durch das Bauvorhaben ist unmittelbar kein Baudenkmal betroffen. In der näheren
und weiteren Nachbarschaft der Bauparzelle befinden sich jedoch verschiedene
Baudenkmäler, sowohl schützens- und erhaltenswerte Einzelobjekte als auch Baugruppen.
Daraus kann aber nicht ohne Weiteres geschlossen werden, dass die KDP zwingend
einzubeziehen ist. Dazu muss gemäss Art. 22 Abs. 3 BewD die Umgebung eines
entsprechenden Objekts betroffen sein, wobei nicht näher definiert wird, was darunter zu
verstehen ist.
Gemäss Stellungnahme der Stadt Biel vom 1. Dezember 2017 wurde das Bauvorhaben
mehrmals mit der KDP besprochen. Die KDP sei dabei zur Ansicht gelangt, sie müsse
12 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 13 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
RA Nr. 110/2017/139 9
nicht zwingend beigezogen werden, da sich das Bauvorhaben nicht in einem
geographischen Bezug zu den geschützten Objekten befinde, der dem Umgebungsbegriff
von Art. 22 Abs. 3 BewD entspreche. Diese Haltung ist nachvollziehbar und nicht zu
beanstanden. Das Bauvorhaben liegt seitlich versetzt zu den Baudenkmälern und
insbesondere nicht im Garten derselben. Dabei gilt es zu betonen, dass es gerade nicht
um einen Verzicht auf eine Stellungnahme der KDP in einem Fall geht, der der KDP
zwingen vorzulegen ist. Vielmehr ist die KDP zum Ergebnis gekommen, dass es sich nicht
um einen Fall handelt, der ihr zwingend vorzulegen ist.
Im Übrigen ergibt sich daraus, dass die Stadt Biel die KDP im vorinstanzlichen Verfahren
tatsächlich einbezogen hat. Dass diese auf eine förmliche Stellungnahme verzichtet hat,
weil eine solche aus ihrer Sicht unter den gegebenen Umständen nicht zwingend
erforderlich war, ändert daran nichts. Im Übrigen kann aus ihrem Verzicht auf eine
förmliche Stellungnahme geschlossen werden, dass die fraglichen K-Objekte aus ihrer
Sicht durch das Bauvorhaben jedenfalls nicht schwerwiegend beeinträchtigt werden. Dies
ergibt sich explizit aus der Stellungnahme der Stadt Biel vom 1. Dezember 2017, wonach
die KDP die Vereinbarkeit des Bauvorhabens mit den Zielen des Denkmalschutzes
bestätigt habe.
d) In der Sache kommt vorliegend lediglich die Bestimmung zur Anwendung, wonach
Baudenkmäler durch Veränderungen in ihrer Umgebung nicht beeinträchtigt werden dürfen
(Art. 10b Abs. 1 BauG). Das ist nicht absolut zu verstehen und heisst nicht, dass die
Umgebung überhaupt nicht verändert werden darf – es sei denn, sie sei selber schützens-
oder erhaltenswert. Eine Veränderung soll auf das Baudenkmal grösstmöglich Rücksicht
nehmen und dies nicht wesentlich beeinträchtigen. Was das im konkreten Fall heisst, hängt
vom Schutzbedarf des Baudenkmals und seiner Stellung in der Umgebung einerseits und
dem Interesse der Veränderung dieser Umgebung andererseits ab.14
Soweit vorliegend die Baudenkmäler in der Umgebung durch Strassen von der Bauparzelle
getrennt sind oder nicht unmittelbar an die Bauparzelle angrenzen, ist eine
Beeinträchtigung durch das Bauvorhaben aufgrund ihrer Distanz und Abgetrenntheit zur
Bauparzelle ausgeschlossen. Unmittelbar angrenzend an die Bauparzelle und insofern am
stärksten betroffen sind die schützenswerten Einzelobjekt L._weg 4 (Parzelle
14 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 10a–10f N. 7
RA Nr. 110/2017/139 10
Nr. M._), L._weg 16 und 18 (Parzellen Nrn. N._ und
O._) sowie K._strasse 45 und 47 (Parzellen Nrn. F._ und
P._ Die Neubauten des Bauvorhabens kommen aber nicht vor oder hinter diese
Baudenkmäler zu liegen und beeinträchtigen damit weder die repräsentativen Fassaden
noch die Sicht vom öffentlichen Raum auf diese Fassaden. Die Neubauten ordnen sich
vielmehr zwischen den Baudenkmälern ein und übernehmen deren Stellung und
Ausrichtung. Auch die Volumetrien der Neubauten berücksichtigen die umliegenden
Baudenkmäler, die mehrheitlich zumindest eine vergleichbare Grösse aufweisen. Der
Fachausschuss für Planungs- und Baufragen der Stadt Biel spricht in diesem
Zusammenhang davon, dass sich eine logische, in der Körnung stimmige Fortführung der
bestehenden Bauzeile ergebe. Der Fachausschuss hat ausdrücklich bestätigt, dass sich
die mehrfach überarbeiteten Baukörper gut in die Umgebung einordnen. Unter diesen
Umständen werden die Baudenkmäler durch das Bauvorhaben nicht beeinträchtigt, zumal
deren seitliche Umgebungen selber nicht schützens- oder erhaltenswert sind.
Dementsprechend gibt es auch von Seiten der kommunalen und kantonalen
Denkmalpflege keine Einwände gegen das Bauvorhaben. Die Fachstelle Denkmalpflege
der Stadt Biel ist Teil der internen Fachgruppe für Baufragen der Stadt Biel. In diesem
Rahmen hat die kommunale Denkmalpflege das Geschäft begleitet und sich dazu
geäussert.15 Die KDP hat zwar nicht förmlich zum Bauvorhaben Stellung genommen,
gemäss Stellungnahme der Stadt Biel informell aber die Vereinbarkeit des Bauvorhabens
mit den Zielen des Denkmalschutzes bestätigt. Unter diesen Umständen waren von dem
beantragten Beizug der KDP im Beschwerdeverfahren keine wesentlichen Erkenntnisse zu
erwarten, weshalb ein solcher nicht nötig war. Ebenso wenig musste die Eidgenössische
Kommission für Denkmalpflege beigezogen werden, was der Beschwerdeführer ebenfalls
angeregt hat.
e) Soweit der Beschwerdeführer einen Schutz der Häusergruppe K._strasse
45-57 geltend macht, gilt es klar zu stellen, dass die beiden Gebäude K._strasse
45 und 47 sowie K._strasse 49-55 lediglich als Einzelobjekte, nicht aber als
Baugruppe geschützt sind. Im Übrigen erdrückt das Haus C die daneben stehenden
Gebäude K._strasse 45-55 nicht, weshalb auch keine Redimensionierung verlangt
werden kann. So ist das Haus K._strasse 49-55 mit einer Länge von knapp 40 m
15 Siehe Beilage 5 zur Stellungnahme der Stadt Biel vom 1. Dezember 2017
RA Nr. 110/2017/139 11
sogar deutlich länger als das Haus C mit einer Länge von 30 m. Für die Forderung, das
Haus C müsse mindestens den grossen Grenzabstand einhalten, gibt es keine gesetzliche
Grundlage, auch nicht mit Verweis auf Denkmalpflege- oder Ästhetikbestimmungen. Im
Übrigen hält das Haus C gegenüber der Parzelle des Beschwerdeführers nicht nur den
reglementarisch vorgeschriebenen kleinen Grenzabstand von 4 m, sondern einen
Grenzabstand von 7 m und damit fast den geforderten grossen Grenzabstand von 7.5 m
ein.
f) Die Stadt Biel hat in der Beilage 2 zu ihrer Stellungnahme vom 1. Dezember 2017 die
Seite 10 eines Entwurfs des Gesamtentscheids eingereicht. Auf dieser findet sich eine
handschriftliche Notiz des zuständigen Sachbearbeiters der KDP mit dem Inhalt "i.o.
gemäss Besprechung und Rücksprache KDP-intern". Die Stadt Biel hat dieses Dokument
als Beleg dafür eingereicht, dass die KDP die korrekte Vorgehensweise der Stadt Biel
betreffend eines Einbezugs der KDP ins Verfahren bestätigt habe. In seiner Stellungnahme
vom 24. Februar 2018 weist der Beschwerdeführer zu Recht darauf hin, dass dieser
handschriftliche Eintrag der KDP das Datum vom 26. September 2017 trägt und somit nicht
vor Fällung des Gesamtentscheids am 25. September 2017 erfolgte.
Allerdings wurde das Bauvorhaben gemäss Stellungnahme der Stadt Biel vom
1. Dezember 2017 mehrmals mit der KDP besprochen, so dass daraus nicht geschlossen
werden kann, dass vor der Fällung des Gesamtentscheids am 25. September 2017 kein
informeller Austausch mit der KDP erfolgt ist. Zudem spielt es im Beschwerdeverfahren
keine Rolle, ob die KDP ihr Einverständnis mit dem Vorgehen der Stadt Biel vor oder nach
dem erstinstanzlichen Entscheid zu Papier gebracht hat, zum heutigen Zeitpunkt liegt diese
Bestätigung jedenfalls vor. Somit vermag der Beschwerdeführer aus dem Datum des
handschriftlichen Vermerks der KDP nichts zu seinen Gunsten abzuleiten.
6. Ästhetik
a) Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz hätte zwingend die Kommission zur
Pflege der Orts- und Landschaftsbilder (OLK) beiziehen müssen. Dies weil die Bauparzelle
im ISOS liege. Das letztlich bewilligte Projekt scheine vom Fachausschuss für Planungs-
und Baufragen der Stadt Biel nicht mehr begutachtet worden zu sein. Der Beizug der OLK
hätte sich vor diesem Hintergrund umso mehr aufgedrängt.
RA Nr. 110/2017/139 12
In der Sache sei vorliegend von überdurchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten
auszugehen, das Quartier zeichne sich durch Baudenkmäler und eine harmonische
Überbauungsstruktur aus. Die projektierten Neubauten seien von ihrem Volumen, ihrer
Form, ihren Proportionen und Dimensionen sowie der Gliederung der Südfassaden mit der
übermässigen "Befensterung und Verbalkonisierung" Fremdkörper im sonst harmonischen
Quartier. Als solche schafften sie einen Gegensatz zur Umgebung, der erheblich störe.
Zudem kreiere das Projekt eine optische Verbindung zwischen K._strasse und
L._weg, welche nicht dem Ortsbild entspreche. Der Umstand, dass die
baurechtliche Grundordnung eingehalten werde, heisse nicht, dass die fraglichen Bauten
auch in ästhetischer Hinsicht zu genügen vermögen. Die Aussagen des Fachausschusses
für Planungs- und Baufragen seien nichtssagend. Er habe mit keinem Wort begründet, mit
welchen Themen die behauptete städtebauliche Integration erfolge.
b) Die Baubewilligungsbehörde konsultiert die zuständige kantonale Fachstelle, wenn
gegen ein Vorhaben Bedenken oder Einwände wegen Beeinträchtigung des Ortsbildes
oder der Landschaft bestehen, die nicht offensichtlich unbegründet sind (Art. 22 Abs. 1
Bst. a BewD). Wo leistungsfähige örtliche Fachstellen bestehen, können diese konsultiert
werden (Art. 22 Abs. 2 BewD). Die Baubewilligungsbehörde konsultiert die OLK bei
prägenden Bauvorhaben, gegen die ästhetische Bedenken oder Einwände bestehen, die
nicht offensichtlich unbegründet sind und die das Ortsbild oder die Landschaft
beeinträchtigen können, insbesondere in folgenden Gebieten: In einem Gebiet des
Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN),
in einem Gebiet des Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS)
oder in einem Ortsbild- oder Landschaftsschutzgebiet im Sinn von Art. 86 BauG (Art. 22a
Abs. 1 BewD). Die OLK wird aber nicht beigezogen, wenn ein Bauvorhaben bereits von der
Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission, der Kantonalen Denkmalpflege
oder einer leistungsfähigen örtlichen Fachstelle begutachtet wurde sowie bei Bauvorhaben,
die das Ergebnis eines nach anerkannten Verfahrensregeln durchgeführten
Projektwettbewerbs sind (Art. 22a Abs. 2 BewD).
c) Gemäss Art. 31 GBR16 berät ein aus Fachleuten zusammengesetzter Ausschuss die
Planungs- und Baubewilligungsbehörde nach Massgabe eines durch den Gemeinderat zu
erlassenden Pflichtenheftes bei der Beurteilung ausgewählter Bauvorhaben in
16 Baureglement der Stadt Biel vom 7. Juni 1998
RA Nr. 110/2017/139 13
gestalterischen und anderen fachtechnischen Fragen; der Fachausschuss ist durch den
Gemeinderat zu wählen und umfasst mindestens 5 und höchstens 9 Mitglieder. Er ist so
zusammenzusetzen, dass die für die Beurteilung von Bauvorhaben wesentlichen
Fachrichtungen vertreten sind. Gemäss Art. 1 der Verordnung über den Fachausschuss für
Planungs- und Baufragen17 beurteilt der Fachausschuss wichtige planungsrechtliche und
bauliche Vorhaben auf ihre städtebauliche, architektonische und aussenräumliche Qualität
sowie hinsichtlich ihrer Erscheinung im Stadt- und Quartierbild. Gemäss Art. 2 der
Verordnung über den Fachausschuss für Planungs- und Baufragen besteht der
Fachausschuss aus 7 Mitgliedern mit ordentlichem Stimmrecht. Die Mitglieder sollen zur
Vermeidung von Interessenkonflikten in der Regel ausserhalb der Stadt und Region Biel
tätig sein und ihr bisheriges Wirken muss sie als besonders geeignet für die Tätigkeit im
Fachausschuss erscheinen lassen. Gemäss Art. 3 der Verordnung über den
Fachausschuss für Planungs- und Baufragen werden vier Mitglieder des Fachausschusses
durch die Fachverbände SIA, BSA, BSP, SWB, FSAI, STV und BHS, im gegenseitigen
Einvernehmen, der Baudirektion zur Nomination vorgeschlagen. Drei Mitglieder werden
durch die Baudirektion nominiert. Die Wahl des Fachausschusses erfolgt auf Antrag des
Baudirektors / der Baudirektorin durch den Gemeinderat. Gemäss Art. 6 kann der
Fachausschuss bei Bedarf weitere Fachleute zuziehen.
Daraus ist ersichtlich, dass der Fachausschuss für Planungs- und Baufragen der Stadt Biel
aus einer Gruppe von ausgewiesenen Fachleuten besteht18 und er damit die hohen
zuständigkeitsbegründenden Anforderungen an örtliche Fachstellen erfüllt.19 Insbesondere
ist auch seine Unabhängigkeit gewährleistet. Zwar nehmen die Leiter / Leiterinnen von
Hochbauamt, Stadtplanung und Bauinspektorat an den Sitzungen des Fachausschusses
von Amtes wegen teil, sie verfügen aber nur über eine beratende Stimme (Art. 2 Abs. 3
Verordnung über den Fachausschuss für Planungs- und Baufragen). Demzufolge handelt
es sich beim Fachausschuss für Planungs- und Baufragen der Stadt Biel um eine
leistungsfähige örtliche Fachstelle gemäss Art. 22 Abs. 2 BewD.
d) Im Rahmen einer Voranfrage wurde das Bauvorhaben mehrmals durch den
Fachausschuss für Planungs- und Baufragen beurteilt und dabei laufend weiterentwickelt.
17 Verordnung der Stadt Biel über den Fachausschuss für Planungs- und Baufragen vom 22. September 2000 18 Seine aktuelle Zusammensetzung ist unter folgender Internetadresse zu finden: www.biel-bienne.ch > Wirtschaft > Planen & Bauen > Fachausschuss für Planungs- und Baufragen 19 Vgl. VGE 22961 vom 26. November 2007, E. 5.1
RA Nr. 110/2017/139 14
Anlässlich der ersten Beurteilung vom 28. Januar 2015 kam der Fachausschuss zum
Ergebnis, das Projekt sei den Bemerkungen folgend weiter zu bearbeiten und dem
Fachausschuss wieder vorzulegen. Anlässlich der zweiten Beurteilung vom 25. Februar
2015 des überarbeiteten Projekts kam der Fachausschuss wiederum zum Ergebnis, das
Projekt sei den Bemerkungen folgend weiter zu bearbeiten und dem Fachausschuss
wieder vorzulegen. Anlässlich der dritten Beurteilung vom 25. März 2015 des erneut
überarbeiteten Projekts stellte der Fachausschuss fest, die von ihm aufgeworfenen Fragen
hätten die Planer aufgenommen und in ihre Überlegungen bei der Projektentwicklung
einbezogen. Der Fachausschuss unterstütze daher das nun vorliegende Projekt ohne
Vorbehalt. Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens nahm der Fachausschuss noch einmal
zum Projekt Stellung. Anlässlich seiner Sitzung vom 22. November 2017 bestätigte er,
dass das aktuelle Projekt in allen relevanten Aspekten dem ihm zuletzt am 25. März 2015
vorgestellten Stand entspreche. Die Baueingabe sei in der Detaillierung noch weiter
konkretisiert worden. Diese Verfeinerung werde positiv bewertet, so dass das Bauvorhaben
nach wie vor ohne Vorbehalt gestützt werden könne.
Somit hat im vorinstanzlichen Verfahren eine Beurteilung durch eine leistungsfähige
örtliche Fachstelle stattgefunden. Gemäss Art. 22a Abs. 2 BewD war daher die OLK von
der Vorinstanz nicht beizuziehen, die entsprechende Rüge des Beschwerdeführers ist
unbegründet.
e) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die „ästhetische Generalklausel“ im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können (vgl. Art. 9 Abs. 2
BauG). Derartige Vorschriften müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter
gefasst sein als die Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss
allgemein anders formulieren.20
Gemäss Art. 25 Abs. 1 GBR sind Bauten und Anlagen so zu gestalten, dass sie unter
Einhaltung der Vorgaben des Bauzonenplanes zusammen mit ihrer Umgebung eine gute
20 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen
RA Nr. 110/2017/139 15
Gesamtwirkung ergeben. Die Aussenräume sind auf den Charakter der Umgebung
abzustimmen. Insbesondere ist die Fläche zwischen Gebäude und öffentlichem
Strassenraum (Vorgarten) zu begrünen und in quartierüblicher Weise gegen den
Strassenraum abzugrenzen (Art. 25 Abs. 2 GBR). Diese Bestimmungen gehen weiter als
Art. 9 Abs. 1 BauG; ihnen kommt daher selbständige Bedeutung zu.
Der Begriff „gute Gesamtwirkung“ stellt einen unbestimmten kommunalen Gesetzesbegriff
dar, bei dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen
Beurteilungsspielraum haben. Jedoch dürfen auch an das Erfordernis der guten
Gesamtwirkung nicht unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Die gute
Gesamtwirkung ist weder an geringen noch an besonders hohen architektonischen
Qualitäten zu messen. Das bedeutet bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass
das Mittelmass der Umgebung nicht gestört werden darf und sich eine neue Baute oder
Anlage an den qualitativ hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren
hat.21 Gestützt auf Vorschriften des allgemeinen Ortsbild- und Landschaftsschutzes dürfen
in der Regel Art oder Mass der nach der Zonenordnung zulässigen Nutzung nicht
eingeschränkt werden.22
f) Wie bereits erläutert, wurde das Bauvorhaben mehrmals durch den Fachausschuss
für Planungs- und Baufragen beurteilt und dabei laufend weiterentwickelt. Erst anlässlich
der dritten Beurteilung vom 25. März 2015 unterstützte der Fachausschuss das zweimal
überarbeitete Projekt vorbehaltlos. Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens bestätigte der
Fachausschuss, dass das von ihm beurteilte Projekt in der Detaillierung noch weiter in
positiver Art und Weise konkretisiert worden sei, so dass das Bauvorhaben nach wie vor
ohne Vorbehalt gestützt werden könne.
Gestützt auf diese Beurteilung durch den Fachausschuss lässt sich zur Einordnung des
Bauvorhabens in die Umgebung folgendes festhalten: Indem die drei Neubauten den
Baulinien und den reglementarischen Abständen folgen, ergibt sich eine logische, in der
Körnung stimmige Fortführung der bestehenden Bauzeilen. Die gute Einbettung in die
Umgebung wird insbesondere dadurch erreicht, dass die künstliche Terrassierung
21 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 4a; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1 22 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 15 mit Hinweisen
RA Nr. 110/2017/139 16
abgetragen und der ursprüngliche natürliche Geländeverlauf wiederhergestellt wird.
Dadurch kommen die Neubauten im Gelände weniger hoch zu stehen, womit sie sich
zurücknehmen und nicht dominant in Erscheinung treten. Dabei reagieren die drei Bauten
auch auf ihre jeweilige Situation im Gelände, was die gute Einbettung ebenfalls unterstützt.
Eine gute Einordnung wird weiter dadurch erreicht, dass für die Neubauten Element aus
der Nachbarschaft aufgenommen wurden, so z.B. die vertikal aufragenden Fassadenteile.
Die Dachgestalt, die sich mit einer durchgehenden Betonplattenverkleidung vom übrigen
Baukörper absetzt, nimmt ebenfalls Referenz an den quartierüblichen Steil- und
Mansarddächern. Die erkerartig aufragenden Bauteile, die Dachgestaltung und die einfach
gehaltene Umgebungsgestaltung tragen so zu einer guten Gesamtwirkung bei.
Der Vorwurf des Beschwerdeführers, die Aussagen des Fachausschusses seien
nichtssagend, ist somit unbegründet. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass eine
positive Beurteilung in der Regel kürzer ausfällt, als eine negative – Anlass zu längeren
Ausführungen geben primär die zu kritisierenden Punkte. Solche sind hier keine erkennbar.
Die projektierten Neubauten sind von ihrem Volumen, ihrer Form, ihren Proportionen und
Dimensionen der Umgebung angepasst. Ob die Gliederung der Südfassaden einen
gewissen Gegensatz zur Umgebung schafft, ist unerheblich. Ein Gegensatz alleine führt
nicht zu einer Störung der Umgebung. Aus denkmalpflegerischer wie aus gestalterischer
Sicht ist es unproblematisch, wenn Neubauten von den historischen Bauten klar zu
unterscheiden sind. Entscheiden ist, dass dies in qualitätsvoller Weise geschieht, was der
Fachausschuss den drei projektierten Neubauten bescheinigt. Ob das Projekt eine
optische Verbindung zwischen K._strasse und L._weg kreiert, kann offen
bleiben. Selbst wenn dem so wäre, ist nicht nachvollziehbar, inwiefern dies das Ortsbild
stören bzw. einer guten Gesamtwirkung widersprechen würde, zumal die Häuser A und B
am L._weg und das Haus C an der K._strasse innerhalb der
vorgegebenen Baufelder platziert sind. Vielmehr lässt sich festhalten, dass das
Bauvorhaben auch unter Berücksichtigung der überdurchschnittlichen örtlichen
Gegebenheiten so gestaltet ist, dass es zusammen mit seiner Umgebung eine gute
Gesamtwirkung ergibt.
g) Unter diesen Umständen und unter Berücksichtigung der überzeugenden Beurteilung
durch den kommunalen Fachausschuss war auch im Beschwerdeverfahren keine
Begutachtung des Bauvorhabens durch die OLK nötig bzw. angezeigt. Eine vom
Beschwerdeführer angesprochene Ausnahmebewilligung von den Ästhetikbestimmungen
stand hier nicht zur Diskussion. Bis auf die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs im
RA Nr. 110/2017/139 17
Zusammenhang mit dem Akteneinsichtsrecht erweist sich die Beschwerde demzufolge als
unbegründet. Diese Gehörsverletzung konnte im Beschwerdeverfahren geheilt werden.
Daher wird die Beschwerde abgewiesen und der angefochtene Gesamtentscheid wird
bestätigt.
7. Kosten
a) Die Verfahrenskosten im Beschwerdeverfahren bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von Fr. 200.-- bis Fr. 4'000.-- erhoben (Art. 19 Abs. 1 i.V.m. Art. 4 Abs. 2
GebV23). In Anwendung dieser Bestimmungen wird die Pauschale auf Fr. 2'000.--
festgelegt.
Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Da
die Beschwerde abgewiesen wird, gilt grundsätzlich der Beschwerdeführer als
unterliegend. Allerdings macht er geltend, die Verletzung des rechtlichen Gehörs und die
Nachbesserung im Beschwerdeverfahren betreffend Beurteilung des aktuellen Baugesuchs
durch den Fachausschuss für Planungs- und Baufragen im Beschwerdeverfahren durch
die Stadt Biel seien im Kostenpunkt zu berücksichtigen.
Hinsichtlich der festgestellten Gehörsverletzung (siehe oben Erwägung 2) ist zu
berücksichtigen, dass diese für den Beschwerdeführer mit keinen Nachteilen,
insbesondere keinen Mehrkosten aus der Beschwerdeführung verbunden war.24 Er hat mit
seiner Beschwerde nur Rügen betreffend Denkmalpflege und Ästhetik erhoben. Die dafür
relevanten Protokolle des kommunalen Fachausschusses für Planungs- und Baufragen
waren ihm bereits zum Zeitpunkt seiner Einsprache bekannt (siehe oben Erwägung 2.c).
Welche übrigen Amts- und Fachberichte, von denen er keine Kenntnis hatte, für die
eingereichte Beschwerde relevant gewesen sein sollten, ist nicht erkennbar und wird vom
Beschwerdeführer auch nicht dargelegt.
23 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 24 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 108 N. 9
RA Nr. 110/2017/139 18
Hinsichtlich des von der Stadt Biel im Beschwerdeverfahren eingereichten Protokolls des
Fachausschusses vom 22. November 2017 war eine Zustellung an den Beschwerdegegner
im vorinstanzlichen Verfahren noch nicht möglich. Das Bauvorhaben war jedoch seit der
zustimmenden Beurteilung durch den Fachausschuss vom 25. März 2015 überarbeitet
worden. Daher hätte die Stadt Biel bereits im vorinstanzlichen Verfahren den
Fachausschuss noch einmal einbeziehen müssen. Dies hätte dem Beschwerdeführer
erlaubt, in Kenntnis der Stellungnahme des Fachausschusses vom 22. November 2017
Beschwerde zu erheben. Allerdings hielt der Beschwerdeführer in Kenntnis des
Fachausschussprotokolls vom 22. November 2017 mit Stellungnahme vom 24. Februar
2018 unverändert an seiner Beschwerde fest.
Diese Versäumnisse der Vorinstanz, die besondere Umstände im Sinne von Art. 108
Abs. 1 VRPG darstellen, sind daher bei der Kostenverlegung zwar zu berücksichtigen, aber
lediglich von untergeordneter Bedeutung. Dementsprechend wird auf die Erhebung von
einem Fünftel der Verfahrenskosten verzichtet.25 Der Beschwerdeführer hat daher
Fr. 1'600.-- an Verfahrenskosten zu bezahlen.
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Grundsätzlich hat der unterliegende
Beschwerdeführer der obsiegenden Beschwerdegegnerin deren Parteikosten zu ersetzen.
Allerdings sind auch hier die bei den Verfahrenskosten genannten besonderen Umstände
zu berücksichtigen.26
Somit hat der Beschwerdeführer der Beschwerdegegnerin lediglich vier Fünftel ihrer
Parteikosten zu ersetzen. Die Kostennote des Anwalts der Beschwerdegegnerin beläuft
sich auf Fr. 5'929.20 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer). Die Beschwerdegegnerin ist
nicht mehrwertsteuerpflichtig27 und kann somit die von ihrem Rechtsvertreter auf sie
überwälzte Mehrwertsteuer nicht in ihrer eigenen Mehrwertsteuerabrechnung als Vorsteuer
abziehen. Somit ist auch die in der Kostennote des Anwalts aufgeführte Mehrwertsteuer
bei der Bestimmung des Parteikostenersatzes zu berücksichtigen. Im Übrigen gibt die
25 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 108 N. 7 und N. 9 26 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 108 N. 16 27 Siehe Unternehmens-Identifikationsnummer-Register, einsehbar unter: <https://www.uid.admin.ch>
RA Nr. 110/2017/139 19
Kostennote kein Anlass zu Bemerkungen. Der Beschwerdeführer hat der
Beschwerdegegnerin demnach Parteikosten in der Höhe von Fr. 4'743.35 zu bezahlen.
Das restliche Fünftel, ausmachend Fr. 1'185.85, hat die Stadt Biel, welche die besonderen
Umstände zu verantworten hat, der Beschwerdegegnerin zu bezahlen.28
Der Beschwerdeführer hat aufgrund der von der Stadt Biel zu verantwortenden besonderen
Umstände Anspruch auf Ersatz von einem Fünftel seiner Parteikosten. Die Kostennote der
Anwältin des Beschwerdeführers beläuft sich auf Fr. 3'524.15 (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuer) und gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Die Stadt Biel hat dem
Beschwerdeführer somit Parteikosten in der Höhe von Fr. 704.85 zu ersetzen.