Decision ID: d165a5a7-3263-5306-8094-97d1a5d8b86d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, den Angaben zufolge ein ethnischer Kurde aus
der Provinz B._, Nordirak, wurde am (...) zusammen mit seinem
Bruder C._ (nachfolgend C._; Beschwerdeverfahren
D-2745/2019; N_) in D._ von Grenzwächtern angehalten.
Er reichte am (...) ein Asylgesuch in der Schweiz ein.
A.b Zur Begründung machte er geltend, sein ältester Bruder C._
sei wegen der Beziehung mit einem verheirateten Mädchen eines anderen
Stammes in die Schweiz geflohen, wo man dessen Asylgesuch jedoch ab-
gelehnt habe. Nachdem C._ im (Nennung Zeitpunkt) nach Kurdis-
tan zurückgekehrt sei, sei es trotz der Bemühungen seines Bruders nicht
zu einer Einigung zwischen den beiden Stämmen gekommen. Dennoch
habe C._ verschiedene Erwerbstätigkeiten aufgenommen und zu
studieren begonnen. In der Folge hätten die Verwandten des besagten
Mädchens von der Rückkehr seines Bruders erfahren, worauf alle männli-
chen Mitglieder seiner Familie – so auch er – Probleme bekommen hätten.
Man habe gedroht, ein männliches Mitglied aus seiner Familie umzubrin-
gen, was dazu geführt habe, dass er und seine Brüder nur noch gemein-
sam aus dem Haus gegangen seien. Dennoch seien sie mehrmals von
zehn bis fünfzehn Personen attackiert worden. Zudem sei es zu Sachbe-
schädigungen gekommen. Er und seine Brüder hätten sich deswegen im
(...) rächen wollen. Deswegen sei es zu einer heftigen Auseinandersetzung
mit den Verwandten des Mädchens gekommen, worauf die Behörden sei-
nen Bruder C._ und ein paar Mitglieder der anderen Familie verhaf-
tet hätten. C._ sei nach (Nennung Dauer) Haft gegen eine Bürg-
schaft freigekommen. Weil die Familienangehörigen des Mädchens die An-
zeige gegen C._ nicht zurückgezogen und er und seine männlichen
Familienangehörigen getötet worden wären, wenn sie dort geblieben wä-
ren, seien er, C._ und seine (...) anderen Brüder nach E._
geflohen. Von dort hätten sie (Nennung Zeitpunkt) per Auto nach
F._ reisen wollen. Dies sei jedoch lediglich ihm und C._ ge-
lungen, die (...) anderen Brüder seien in den Nordirak zurückgeschickt wor-
den.
A.c Das SEM lehnte das Asylgesuch des Beschwerdeführers mit Verfü-
gung vom 7. Mai 2019 ab und ordnete die Wegweisung des Beschwerde-
führers aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur Begründung führte es
an, die Aussagen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an
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die Glaubhaftmachung gemäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) nicht stand. Mit
Urteil D-2803/2019 vom 29. August 2019 wies das Bundesverwaltungsge-
richt eine gegen den Entscheid des SEM erhobene Beschwerde ab.
B.
B.a Am 29. Juni 2020 reichte der Beschwerdeführer – zusammen mit sei-
nem Bruder C._ (vgl. Beschwerdeverfahren D-4568/2020) – bei der
Vorinstanz ein neues Asylgesuch ein. Er beantragte die Anerkennung als
Flüchtling und die Gewährung des Asyls. Zur Begründung brachte er vor,
die türkische Armee habe kürzlich eine grosse Offensive gegen die tür-
kisch-kurdischen Rebellen im Nordirak gestartet und bombardiere die kur-
dischen Orte, was zu vielen zivilen Opfern geführt habe. Etliche kurdische
Dörfer seien eingenommen und die Bewohner gezwungen worden, diese
zu verlassen. Als Kurde sei er bei einer allfälligen Rückkehr in den Irak
nach wie vor gefährdet. Seine Familie sei seit seiner frühen Kindheit genö-
tigt gewesen, jeweils der kriegsbedingten Gefahrenzone innerhalb des
Nordirak zu entfliehen, um neue sicherere Wohnzonen zu suchen.
B.b Mit Schreiben vom 3. Juli 2020 forderte das SEM – mit Verweis auf
Art. 111c AsylG – den Beschwerdeführer auf, bis am 16. Juli 2020 ein be-
gründetes Gesuch nachzureichen. Es könnten seinem Schreiben vom
29. Juni 2020 keine neuen Gründe entnommen werden, weshalb er bei ei-
ner Rückkehr in seinen Heimatstaat gefährdet sei respektive weshalb in
seinem Fall Wegweisungsvollzugshindernisse bestehen sollten. Er habe
lediglich mitgeteilt, dass sich die Situation im Nordirak zugespitzt habe.
B.c Mit Eingabe vom 15. Juli 2020 teilte der Beschwerdeführer dem SEM
mit, wie er bereits erwähnt habe, sei die Situation im Nordirak momentan
sehr schlecht. Viele Familien – darunter auch seine Familie – hätten auf-
grund türkischer Angriffe ihre Häuser verlassen müssen, wie den einge-
reichten Medienberichten entnommen werden könnten.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er (Aufzählung Beweismittel) zu
den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 4. September 2020 trat die Vorinstanz auf das – von ihr
als Mehrfachgesuch gemäss Art. 111c AsylG qualifizierte – Gesuch nicht
ein, verfügte die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz,
ordnete deren Vollzug an und erhob eine Gebühr von Fr. 300.–.
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Seite 4
D.
Mit Schreiben vom 10. September 2020 ersuchte der Beschwerdeführer
das Bundesverwaltungsgericht um Einräumung einer Frist von zwei Wo-
chen «für die Beschwerde» gegen den SEM-Entscheid vom 4. September
2020.
E.
Die Instruktionsrichterin forderte den Beschwerdeführer mit am 17. Sep-
tember 2020 eröffneter Zwischenverfügung vom 16. September 2020 auf,
innert drei Tagen ab Erhalt der Verfügung eine Beschwerdeverbesserung
einzureichen, unter Androhung des Nichteintretens im Unterlassungsfall.
F.
Mit Eingabe vom 21. September 2020 (Poststempel) beantragte der Be-
schwerdeführer, die Verfügung des SEM vom 4. September 2020 sei auf-
zuheben und es sei ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei er vorläufig in
der Schweiz aufzunehmen, subeventualiter sei die Sache zur Neubeurtei-
lung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung samt Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Der Eingabe lag eine Kopie des angefochtenen Entscheids bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Prüfungsgegenstand ist im vorliegenden Verfahren die Frage, ob die
Vorinstanz gemäss Art. 111c Abs. 1 Satz 1 AsylG zu Recht auf das neue
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist. Die Beschwer-
deinstanz enthält sich – sofern sie den Nichteintretensentscheid als un-
rechtmässig erachtet – einer selbstständigen materiellen Prüfung; sie hebt
die angefochtene Verfügung auf und weist die Sache zu neuer Entschei-
dung an die Vorinstanz zurück (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1 m.w.H.). Die Frage
der Wegweisung und des Vollzugs wird jedoch materiell geprüft.
5.
5.1 In der Beschwerde wird eine Verletzung des rechtlichen Gehörs (Be-
gründungspflicht; unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtser-
heblichen Sachverhalts) gerügt. Diese Rüge ist vorab zu beurteilen, da sie
allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu
bewirken.
5.2 Vorliegend ist weder auf eine Verletzung der Begründungspflicht (vgl.
BVGE 2016/9 E. 5.1) noch auf eine unrichtige oder unvollständige Sach-
verhaltsfeststellung (vgl. BVGE 2016/2 E. 4.3) zu schliessen. In Bezug auf
die Begründungspflicht ist anzumerken, dass das SEM in seiner Verfügung
hinreichend darlegt, wieso es das Mehrfachgesuch für unzureichend be-
gründet hält. Die Verfügung des SEM enthält auch – im angemessenen
Rahmen der Begründung eines Nichteintretensentscheids, in welchem ge-
rade keine materielle Prüfung stattfinden soll (vgl. dazu bspw. Urteil
E-657/2020 vom 13. Februar 2020 E. 5.1.1) – eine Darstellung des Sach-
verhalts, die genügend ist, um nachvollziehen zu können, weshalb das
SEM die neu geltend gemachten Vorbringen des Beschwerdeführers als
nicht genügend individualisiert auf seinen Einzelfall erachtete, als dass es
auf das Gesuch hätte eintreten müssen. Soweit er vorbringt, das SEM habe
http://links.weblaw.ch/BVGE-2016/9 http://links.weblaw.ch/BVGE-2016/2
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insbesondere seine gesundheitliche Situation nicht ausreichend berück-
sichtigt, ist diese Rüge als nicht stichhaltig zu erachten, zumal er in seinem
Mehrfachgesuch seine gesundheitliche Situation gar nicht thematisierte.
Im Weiteren spricht alleine die Tatsache, dass die Vorinstanz aus sachli-
chen Gründen zu einer anderen Würdigung der Vorbringen gelangt, als
vom Beschwerdeführer gewünscht, nicht für eine ungenügende Sachver-
haltsfeststellung. Im Übrigen verkennt der Beschwerdeführer, dass die Vor-
instanz die Authentizität der ins Recht gelegten Beweismittel beziehungs-
weise seine Glaubwürdigkeit als solche nicht in Frage stellte. Eine Verlet-
zung des rechtlichen Gehörs ist nicht ersichtlich, weshalb sich die vorge-
brachte formelle Rüge als unbegründet erweist.
6.
6.1 Zur Begründung seiner Verfügung hielt das SEM im Wesentlichen fest,
der Beschwerdeführer habe im Rahmen seines Mehrfachgesuchs eine an-
gebliche Verschlechterung der allgemeinen Lage für die Bewohner des
Nordirak vorgebracht. Daraufhin habe es ihn aufgefordert, seine Asyl-
gründe gehörig zu begründen. Das weitere Schreiben vom 20. Juli 2020
habe zur Hauptsache den gleichen Inhalt wie sein Gesuch gehabt, ausser
dass dieses mit (Nennung Beweismittel) ergänzt worden sei, worauf sich
Videos befänden, welche die Lage im Nordirak zeigen sollten. Die An-
nahme einer erhöhten, zielgerichteten Verfolgungsgefahr aufgrund der tür-
kischen Offensive erfordere einen persönlichen Bezug der gesuchstellen-
den Person zu eben diesem Ereignis und dessen Folgen. Es genüge nicht,
bloss auf die jüngsten Entwicklungen und die allgemeine Lage zu verwei-
sen. Der Beschwerdeführer lege einen solchen konkreten und direkten Be-
zug zu diesen Ereignissen nicht dar. Dementsprechend überzeuge sein
Vorbringen, er sei nunmehr gefährdet, nicht. Da zwischen der Person des
Beschwerdeführers und den jüngsten Entwicklungen im Nordirak kein hin-
reichender Bezug bestehe, sei das Mehrfachgesuch nicht gehörig begrün-
det, weshalb darauf nicht einzutreten sei.
6.2 In der Beschwerdeschrift führte der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen aus, aufgrund der neusten Entwicklungen, welche er im Mehrfachge-
such und seiner ergänzenden Eingabe dargelegt und mit entsprechenden
Beweismitteln – die die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen belegten – doku-
mentiert habe, sei er bei einer Rückkehr in die autonome kurdische Region
im Nordirak einer besonderen Gefährdung ausgesetzt und wäre dort auch
tatsächlich, konkret und aktuell an Leib und Leben gefährdet. Er erfülle
demnach die Flüchtlingseigenschaft.
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Seite 7
7.
Die in der Rechtsmitteleingabe sinngemäss vorgebrachte Auffassung, mit
den eingereichten Beweismitteln sei ein persönlicher Fallbezug zur aktuel-
len Lage in der autonomen kurdischen Region im Nordirak und damit ein-
hergehend eine individuelle Gefährdung seiner Person dargelegt worden,
sein Gesuch sei demnach nicht als unbegründet zu erachten, ist nicht stich-
haltig. Der Beschwerdeführer hält diesbezüglich bloss an bereits bekann-
ten Sachverhaltselementen fest und verweist erneut in pauschaler Weise
auf die eingereichten Unterlagen, welche eine deutliche Verschlechterung
der allgemeinen Situation in seiner Herkunftsregion belegten. Daraus zieht
er ohne weitere Subsumption den Schluss, er sei als Einwohner der auto-
nomen kurdischen Region im Nordirak in flüchtlingsrechtlich relevanter
Weise gefährdet. Sodann erachtet auch das Bundesverwaltungsgericht die
mit dem Mehrfachgesuch eingereichte Dokumentation als sehr allgemein;
es wurden diverse Filmausschnitte aus Berichten verschiedener internati-
onaler Fernsehsendungen zur Situation im Nordirak und zur Intervention
des türkischen Militärs im Nordirak vorgelegt. Aus diesen wird ein persön-
licher und konkreter Zusammenhang zum Beschwerdeführer – wie von der
Vorinstanz zu Recht festgestellt – nicht ersichtlich.
Demnach hat das SEM in zutreffender Weise das Erfordernis einer ausrei-
chenden Begründung im Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG als nicht erfüllt
erachtet und ist zu Recht in Anwendung von Art. 13 Abs. 2 VwVG auf das
Gesuch nicht eingetreten (vgl. zum Nichteintretensgrund der mangelhaften
Begründung BVGE 2014/39 E. 7).
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
http://links.weblaw.ch/BVGE-2014/39
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gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3
9.3.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer – wie rechtskräftig festgestellt ist – nicht gelungen ist,
eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu
machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschie-
bung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr
des Beschwerdeführers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt
von Art. 5 AsylG rechtmässig.
9.3.2 Sodann ergeben sich weiterhin weder aus den Aussagen des Be-
schwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den
Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe
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oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Ge-
richtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folter-
ausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real
risk») nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rück-
schiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Ur-
teil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssitu-
ation in der autonomen kurdischen Region im Nordirak lässt den Wegwei-
sungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt – entgegen der in der Beschwerde
vertretenen Ansicht – nicht als unzulässig erscheinen. An der in BVGE
2008/5 getroffenen Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts, wonach
der Vollzug der Wegweisung eines Kurden in dieses Gebiet nicht generell
unzulässig sei, hält das Gericht weiterhin fest (statt vieler: Urteil des BVGer
E-5964/2018 vom 11. September 2020 E. 10.2).
9.3.3 Bezüglich der vom Beschwerdeführer behaupteten Beeinträchtigung
seines psychischen Gesundheitszustandes ist Folgendes anzuführen:
Zwar vermag gemäss der Praxis des EGMR der Vollzug der Wegweisung
eines abgewiesenen Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen im
Einzelfall einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Hierfür sind jedoch
ganz aussergewöhnliche Umstände Voraussetzung (vgl. Urteil des EGMR
Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, § 183), Solche Umstände liegen nicht nur in Fällen vor, in denen
sich die von einer Ausschaffung betroffene Person in unmittelbarer Gefahr
befindet, zu sterben, sondern auch dann, wenn Personen darunter fallen,
die angesichts fehlender Behandlungsmöglichkeiten im Zielstaat der Aus-
schaffung einem realen Risiko einer schwerwiegenden, raschen und irre-
versiblen Verschlechterung des Gesundheitszustands ausgesetzt werden,
die zu heftigen Leiden oder einer erheblichen Reduktion der Lebenserwar-
tung führen. Solche aussergewöhnlichen Umstände können aber hier hin-
länglich ausgeschlossen werden (vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1 S. 117 f., BVGE
2009/2 E. 9.1.3; siehe dazu auch die nachfolgende E. 9.4.3). Der Vollzug
erweist sich damit als zulässig.
9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/5 http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/5
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9.4.1 In konstanter Praxis geht das Gericht davon aus, dass ein Wegwei-
sungsvollzug in die autonomen kurdischen Provinzen im Nordirak dann zu-
mutbar ist, wenn die betreffenden Personen ursprünglich aus der Region
stammen, oder eine längere Zeit dort gelebt haben und über ein soziales
Netz (Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder aber über Bezie-
hungen zu den herrschenden Parteien verfügen (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5,
insbesondere E. 7.5.1 und 7.5.8, Referenzurteil des BVGer E-3737/2015
vom 14. Dezember 2015 E. 7.4.5).
9.4.2 Diese Einschätzung hat grundsätzlich nach wie vor Gültigkeit, wobei
den begünstigenden individuellen Faktoren – insbesondere denjenigen ei-
nes tragfähigen familiären Beziehungsnetzes – angesichts der Belastung
der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene («Inter-
nally Displaced Persons» [IDPs]) besonderes Gewicht beizumessen ist
(vgl. etwa Urteil des BVGer E-7215/2018 vom 12. Dezember 2019 E. 7.1
m.w.H.).
9.4.3 Weder die Rechtsmitteleingabe auf Beschwerdeebene noch das
Mehrfachgesuch und dessen Ergänzung enthalten überzeugende Hin-
weise, weshalb der Vollzug der Wegweisung im Fall des Beschwerdefüh-
rers unzumutbar sein sollte. Das Gericht geht davon aus, dass die im Urteil
D-2803/2018 vom 29. August 2019 E. 7.4 getroffenen Aussagen weiterhin
zutreffen, wonach der aus der Provinz B._ stammende Beschwer-
deführer dort über ein intaktes familiäres Beziehungsnetz verfügt, auf des-
sen Unterstützung er zählen kann. Seine Familie besitzt (Nennung Besitz)
und verfügt über einen ausgesprochen guten Zusammenhalt. Es kann so-
mit davon ausgegangen werden, dass es ihm möglich sein wird, sich bei
seiner Rückkehr in den Nordirak sowohl sozial als auch wirtschaftlich zu
reintegrieren. Den Akten sind keine Anhaltspunkte für die Annahme zu ent-
nehmen, dass er in eine existenzielle Notlage geraten könnte.
Mit Blick auf seine gesundheitliche Situation bringt der Beschwerdeführer
vor, er sei aufgrund seiner Flucht und der Gewalt in seinem Heimatland
psychisch stark angeschlagen (Beschwerde S. 7, Ziff. 18). Dieses Vorbrin-
gen hat er jedoch mit keinerlei Beweismitteln unterlegt. Zudem führte er im
vorangegangenen Asylverfahren auf explizite Nachfrage in der BzP an, es
gehe ihm gut und er leide an nichts (vgl. act. A14/12, S. 8, Ziff. 8.02) bezie-
hungsweise brachte er im Rahmen der Anhörung vor, er habe keine Krank-
heiten und es spreche aus medizinischen Gründen nichts dagegen, dass
er in seine Heimat zurückkehre (vgl. act. A20/17, S. 14, F119). Aus diesen
http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/5 http://links.weblaw.ch/BVGer-E-3737/2015 http://links.weblaw.ch/BVGer-E-7215/2018
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Seite 11
Gründen schätzte das Gericht den Beschwerdeführer im vorgängigen Be-
schwerdeurteil D-2803/2018 vom 29. August 2019 in E. 7.4 mangels ge-
genteiliger Hinweise als "junger, gesunder Mann" ein. Angesichts dieser
Ausführungen ist seine Aussage, sein psychischer Gesundheitszustand sei
stark beeinträchtigt, als unbelegte, blosse Parteibehauptung zu werten. Er
vermag daher aus diesem Hinweis kein Wegweisungsvollzugshindernis
abzuleiten.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Mit dem vorliegenden Entscheid in der Hauptsache ist der Antrag auf
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos ge-
worden.
11.2 Die Beschwerde ist in Anbetracht der vorstehenden Erwägungen als
aussichtslos zu erachten. Das in der Beschwerde gestellte Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung ist daher ungeachtet der gel-
tend gemachten prozessualen Bedürftigkeit des Beschwerdeführers abzu-
weisen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
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