Decision ID: ef036a84-24b0-5007-8b4f-0745f46b10ea
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie,
gelangte eigenen Angaben zufolge am 1. September 2015 in die Schweiz,
wo er gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
C._ um Asyl nachsuchte. Am 14. September 2015 wurde er zur Per-
son, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt
(Befragung zur Person [BzP]) und am 2. November 2017 eingehend ange-
hört.
Am 24. April 2018 stellte der Beschwerdeführer ein Gesuch um Erteilung
eines humanitären Visums für seine Ehefrau, welches am 7. Mai 2018 gut-
geheissen wurde. In der Folge reiste die Beschwerdeführerin am 17. Juli
2018 in die Schweiz ein, wo sie am 21. Juli 2018 um Asyl ersuchte. Am 26.
Juli 2018 wurde sie zur Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den
Gesuchsgründen befragt (BzP) und am 23. Oktober eingehend angehört.
Zur Begründung ihrer Asylgesuche machten die Beschwerdeführenden im
Wesentlichen geltend, der Beschwerdeführer habe in der Provinz Al-Ha-
saka die Fachhochschule für (...) besucht und sein Studium im Jahr (...)
abgeschlossen. In der Folge sei er im (...) in den Militärdienst eingerückt.
Sein obligatorischer Militärdienst sei nach Ableistung um vier Monate ver-
längert worden und er sei in D._ stationiert worden, wo er für eine
Gruppe von zehn Soldaten zuständig gewesen sei. Im Oktober 2011 sei er
aus dem Militärdienst entlassen worden. Bereits eineinhalb Monate später
habe man ihn zum Leisten von aktivem Reservedienst aufgeboten. Diesem
Aufgebot habe er keine Folge geleistet und habe sein Dorf aus Angst vor
einer Verhaftung kaum mehr verlassen. Anfang 2013 sei er in die Auto-
nome Region Kurdistan geflohen. Nachdem die syrischen Behörden sich
aus der Umgebung seines Dorfes zurückgezogen hätten, sei er etwa ein
Jahr später nach Syrien zurückgekehrt. Am 12. Mai 2015 habe er die Be-
schwerdeführerin geheiratet. Zu dieser Zeit hätten die kurdischen Volks-
verteidigungseinheiten (YPG) begonnen, in seiner Wohngegend verstärkt
junge Männer für den Wehrdienst zu rekrutieren, woraufhin er sich zur Aus-
reise entschlossen und Syrien im Juli 2015 verlassen habe. Die Beschwer-
deführerin sei nach der Ausreise ihres Mannes wieder zu ihren Eltern ge-
zogen. Nach Erteilung eines humanitären Visums sei sie in den Libanon
ausgereist und in die Schweiz geflogen.
B.
Mit Verfügung vom 17. April 2019 (Eröffnungsdatum 23. April 2019) stellte
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das SEM fest, die Beschwerdeführenden würden die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllen und lehnte ihre Asylgesuche ab. Der Vollzug der Weg-
weisung wurde als unzulässig befunden und zugunsten einer vorläufigen
Aufnahme aufgeschoben.
C.
Am 23. Mai 2019 erhoben die Beschwerdeführenden gegen diese Verfü-
gung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragten, diese
sei in den Dispositivpunkten 1 bis 3 aufzuheben, ihnen sei die Flüchtlings-
eigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren, eventualiter sei die Sa-
che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In prozessualer
Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege unter Ver-
zicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses und inklusive Bestellen der
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin beantragt.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 5. Juni 2019 stellte die Instruktionsrichterin
den legalen Aufenthalt der Beschwerdeführenden während des Verfahrens
fest. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und setzte die Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ein.
E.
Mit Eingabe vom 25. November 2020 reichten die Beschwerdeführenden
das Original des Marschbefehls für Reservisten zu den Akten. Dieses sei
für den Beschwerdeführer nach dessen Ausreise am 8. Dezember 2018
erlassen und durch einen Bekannten erhältlich gemacht und in die Schweiz
geschickt worden.
F.
Am 30. Juli 2021 lud die Instruktionsrichterin die Vorinstanz zur Einreichung
einer Vernehmlassung ein. Mit Vernehmlassung vom 19. August 2021 hielt
das SEM an seiner Verfügung vollumfänglich fest und beantragte die Ab-
weisung der Beschwerde. Am 24. August 2021 reichten die Beschwerde-
führenden eine Replik ein.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Die Beschwerdeeingabe richtet sich ausschliesslich gegen die Ablehnung
des Asylgesuchs, die Feststellung des SEM, die Beschwerdeführenden
würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, sowie die Anordnung der
Wegweisung. Die Frage des Vollzugs der Wegweisung bildet damit nicht
Gegenstand des Beschwerdeverfahrens.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihrer Verfügung im Wesentlichen
aus, dem Beschwerdeführer sei es nicht gelungen, eine asylrelevante Ver-
folgung glaubhaft zu machen. Er mache geltend, in den aktiven Reserve-
dienst der syrischen Armee einberufen worden zu sein, mache diesbezüg-
lich jedoch äusserst widersprüchliche und unsubstantiierte Angaben. So
habe er zunächst ausgesagt, ein Polizist habe seinem Vater das Reservis-
tenaufgebot für ihn ausgehändigt. Bei der Übersetzung des Aufgebots
während der Anhörung habe sich jedoch herausgestellt, dass es sich bei
dem Dokument nicht um ein Aufgebot, sondern um eine Reservistenkarte
handle. Dies sei eine Bestätigung, dass er als Reservist eingeteilt sei und
unter gegebenen Umständen einrücken müsste und (noch) kein Aufgebot.
Indem er die Reservistenkarte als Aufgebot zum aktiven Reservedienst be-
zeichnet habe, vermöge sein Sachvortrag nicht zu überzeugen. Darauf an-
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gesprochen sei er der Frage ausgewichen, was impliziere, dass er persön-
lich gar kein Aufgebot erhalten habe. Auf Nachfrage hin habe er erklärt,
sein Vater sei mit den Beamten des Rekrutierungsamtes befreundet gewe-
sen und diese hätten ihm erzählt, dass er zum Leisten von Reservedienst
aufgeboten worden sei. Diese im Nachhinein angepasste Version eines
mündlichen Aufgebots widerspreche jedoch der ursprünglichen Schilde-
rung klar. Es sei ihm somit nicht gelungen, die Einberufung in den aktiven
Reservedienst im Sinne von Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen. Zum Vor-
bringen, die YPG habe im Jahr 2015 verstärkt junge Männer in seiner
Wohngegend rekrutiert, hielt die Vorinstanz fest, der Beschwerdeführer
habe auf Nachfrage hin angegeben, dass die YPG nie persönlich auf ihn
zugekommen sei. Dieses Vorbringen entfalte somit keine Asylrelevanz. Der
Vollständigkeit halber sei festzuhalten, dass auch eine gezielte Aufforde-
rung zum Leisten von Wehrdienst durch die YPG keine Asylrelevanz ent-
falten würde, zumal die Rekrutierungsbemühungen der YPG mangels ei-
nes Verfolgungsmotivs im Sinne von Art. 3 AsylG und mangels hinreichen-
der Intensität ohnehin nicht als asylrelevant einzustufen wären. Ferner wür-
den im Rahmen von Krieg oder Situationen allgemeiner Gewalt erlittene
Nachteile keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes darstellen, soweit
sie nicht auf der Absicht beruhen würden, einen Menschen aus einem der
in Art. 3 AsylG erwähnten Gründe zu treffen. Gemäss Quellenanalyse im
syrischen Kontext würden die syrischen Behörden zum heutigen Zeitpunkt
schliesslich einer Person selbst im Falle von Wehrdienstverweigerung oder
Desertion nicht zwingend eine regierungsfeindliche Haltung unterstellen.
Analog dazu sei im Fall von illegal ausgereisten Reservisten nur beim Vor-
liegen spezifischer politischer Faktoren davon auszugehen, dass die syri-
schen Behörden deren Ausreise als Stellungnahme für die Opposition ein-
stufen und entsprechend bestrafen würden. Im Falle des Beschwerdefüh-
rers würden keine einzelfallspezifischen Risikofaktoren vorliegen, die ein
politisches Profil begründen könnten, weshalb er die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfülle.
5.2 In der Rechtsmitteleingabe hielten die Beschwerdeführenden dem ent-
gegen, bei dem von der Vorinstanz vorgehaltene Widerspruch betreffend
schriftliches oder mündliches Aufgebot für den aktiven Reservedienst
handle es sich bei genauer Betrachtung um keinen solchen, sondern um
eine Präzisierung des Sachverhalts. Der Beschwerdeführer habe im Ver-
lauf der Anhörung erklärt, dass er auch über einen Cousin erfahren habe,
dass seine Reserveeinheit zurzeit nach und nach aufgeboten würde. Dazu
sei gekommen, dass der Vater des Beschwerdeführers durch einen Ange-
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stellten des Rekrutierungsbüros informiert worden sei, dass der Beschwer-
deführer namentlich für den Reservedienst vorgesehen sei. Es sei somit
durchaus glaubhaft, dass er bereits behördlich in den aktiven Reserve-
dienst aufgeboten worden sei. In BVGE 2015/3 werde bereits der Ausreise
kurz vor dem Einrücken besonderes Gewicht eingeräumt, ebenso müsse
vorliegend der Ausreise nach der Aushebung einschlägige Bedeutung zu-
gestanden werden. Auch der Aussage der Vorinstanz, beim Beschwerde-
führer würden keine einzelfallspezifischen Risikofaktoren vorliegen, welche
die illegale Ausreise zum Asylgrund werden liessen, sei zu widersprechen.
Aufgrund der militärischen Stellung als erster Sergeant beziehungsweise
Unteroffizier eines Sonderkommandos für Razzien und Untersuchungen
dränge sich der Schluss auf, dass er in den Augen der Regierung als Ver-
räter gelte. Damit sei eine flüchtlingsrechtliche Motivation gegeben und ihm
sei Asyl zu gewähren. Gemäss Eventualantrag sei die Sache zur erneuten
Beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen und der Sachverhalt bezüg-
lich die konkrete Gefährdungssituation des Beschwerdeführers im Hinblick
auf die Motivation der syrischen Behörden bei der befürchteten konventi-
onsrelevanten Bestrafung abzuklären. Seine besondere militärische Stel-
lung und Funktion werde im Sachverhalt erwähnt, in den Erwägungen er-
schöpfe sich die individuelle Begründung aber in einem einzigen Satz. Da-
mit sei die Begründungspflicht verletzt.
5.3 In ihrer Vernehmlassung legte die Vorinstanz dar, gemäss Rechtspre-
chung vermöge eine Wehrdienstverweigerung die Flüchtlingseigenschaft
nicht per se zu begründen, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung
im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden sei. Im Syrien-Kontext sei im
Falle von Wehrdienstverweigerung dann eine flüchtlingsrechtlich beachtli-
che Verfolgung anzunehmen, wenn die Dienstverweigerung als Ausdruck
der Regimefeindlichkeit aufgefasst werde. Das heisse, die Strafmassnah-
men erlangten eine flüchtlingsrechtliche Relevanz, wenn die drohende
Strafe nicht allein der Sicherstellung der Wehrpflicht diene, sondern damit
zu rechnen sei, dass der Dienstverweigerer als politischer Gegner der sy-
rischen Regierung qualifiziert und als solcher unverhältnismässig schwer
bestraft würde. Es werde davon ausgegangen, dass Dienstverweigerern
ohne zusätzlich exponierende Faktoren keine die Schwelle der flüchtlings-
rechtlichen Relevanz erreichende Strafe drohe. Im Falle des Beschwerde-
führers würden keine zusätzlichen Risikofaktoren vorliegen, die den
Schluss zulassen würden, dass das syrische Regime seine Wehrdienst-
verweigerung als oppositionspolitische Stellungnahme einstufe und ent-
sprechend schwer bestrafe. Somit entfalte die vorgebrachte Wehrdienst-
verweigerung keine flüchtlingsrechtliche Relevanz.
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Seite 8
5.4 In der Replik führten die Beschwerdeführenden aus, die Vorinstanz
habe es auch auf Vernehmlassungsstufe unterlassen, die konkrete Gefähr-
dungssituation des Beschwerdeführers als höherrangiger Militärangehöri-
ger abzuklären. In der Vernehmlassung seien die Versäumnisse weder in
Bezug auf die Sachverhaltserhebung noch auf die Begründung nachgeholt
worden. Der Begründungspflicht sei nicht Genüge getan.
6.
6.1
6.1.1 Die Beschwerdeführenden rügen in formeller Hinsicht, das SEM
habe die Begründungspflicht und damit den Anspruch auf rechtliches Ge-
hör verletzt. Zudem habe es den Sachverhalt nicht richtig respektive un-
vollständig festgestellt. Diese Rügen sind vorab zu beurteilen, zumal sie
allenfalls geeignet sind, die Kassation der angefochtenen Verfügung zu be-
wirken.
6.1.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Dieses umfasst insbesondere das Recht des Betroffenen, sich vor
Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Be-
weise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Be-
weisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Be-
weise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu
äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der An-
spruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Be-
fugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren
ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286
E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.). Die Begründungspflicht gebietet,
dass die betroffene Person den Entscheid gestützt auf die Begründung
sachgerecht anfechten kann und sich sowohl die betroffene Person als
auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild
machen können (vgl. KNEUBÜHLER/PEDRETTI, in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das VwVG, 2. Aufl. 2019,
Rz. 5 ff. zu Art. 35 VwVG; BVGE 2007/30 E. 5.6). Dabei kann sich die ver-
fügende Behörde auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken, sie
hat aber zumindest die Überlegungen kurz anzuführen, von denen sie sich
leiten liess und auf welche sie ihren Entscheid stützt (BVGE 2008/47
E. 3.2). Des Weiteren gilt im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungs-
verfahren auch – der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12
VwVG). Danach muss die entscheidende Behörde den Sachverhalt von
sich aus abklären. Sie ist verantwortlich für die Beschaffung der für den
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Entscheid notwendigen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsre-
levanter Tatsachen (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 142; KRAUS-
KOPF/EMMENEGGER/BABEY, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxis-
kommentar Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Rz. 20 ff. zu
Art. 12 VwVG).
6.1.3 Das SEM hat nachvollziehbar und hinreichend differenziert aufge-
zeigt, von welchen Überlegungen es sich leiten liess und sich auch mit
sämtlichen zentralen Vorbringen der Beschwerdeführenden und den ein-
gereichten Beweismitteln auseinandergesetzt. Der Vorwurf in der Be-
schwerde, die militärische Stellung und Funktion des Beschwerdeführers
seien nicht berücksichtigt worden beziehungsweise es sei diesbezüglich
mangelhaft geprüft worden, kann nicht gestützt werden, zumal die Vor-
instanz den Dienstgrad erwähnt. Dass das SEM diesen Sachverhalt offen-
sichtlich anders gewertet hat als die Beschwerdeführenden stellt keine Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs respektive der Abklärungs- und Begrün-
dungspflicht dar, sondern es handelt sich dabei um eine materielle Frage.
Sodann zeigt die Beschwerdeeingabe deutlich auf, dass eine sachge-
rechte Anfechtung ohne weiteres möglich war.
6.1.4 Zusammenfassend erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün-
det. Der Antrag, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Sache zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts sowie zur Neubeurteilung zurückzuwei-
sen, ist abzuweisen.
6.2 Die Vorinstanz begründet ihre Verfügung teilweise mit der Unglaubhaf-
tigkeit, teilweise mit der mangelnden Asylrelevanz der Vorbringen. So hat
sie das Vorbringen, der Beschwerdeführer sei zum aktiven Reservedienst
aufgefordert, als unglaubhaft eingestuft, da sich die angebliche Aufforde-
rung während der Anhörung als Reservistenkarte herausgestellt habe.
Das Bundesverwaltungsgericht verzichtet im Folgenden auf eine Prüfung
der Glaubhaftigkeit des erwähnten Vorbringens, da es dieses ohnehin als
nicht asylrelevant einstuft. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass das Bun-
desverwaltungsgericht nicht an die Begründung der Vorinstanz gebunden
ist (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus anderen
Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen (sog. Motivsubstitution;
vgl. MADELEINE CAMPRUBI, in: Christoph Auer/Markus Müller/Benjamin
Schindler [Hrsg.], Kommentar zum VwVG, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2019,
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Art. 62, N 16; ALFRED KÖLZ/ ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., Zürich
2013, S. 398).
6.2.1 Nach Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts wurde im Zeit-
raum vor der Ausreise der Beschwerdeführenden – welche im Juli 2015
erfolgt sei – die Heimatregion des Beschwerdeführers von der syrisch-kur-
dischen Partei PYD (Partiya Yekitîya Demokrat; Demokratische Einheits-
partei) und deren bewaffneten Organisation YPG kontrolliert, während sich
die Sicherheitskräfte des staatlichen Regimes weitgehend zurückgezogen
hatten (vgl. dazu BVGE 2015/3 E. 6.7.5.3 sowie das länderspezifische Re-
ferenzurteil D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.9.3). Dies schliesst
zwar nicht aus, dass vereinzelte behördliche Repräsentanten des staatli-
chen syrischen Regimes in diesem Gebiet damals noch Versuche unter-
nahmen, durch die Zustellung von entsprechenden schriftlichen Aufgebo-
ten in gewissen Fällen Rekrutierungen für die staatliche Armee durchzu-
setzen. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass zum fraglichen Zeitpunkt
im Heimatort des Beschwerdeführers für die Sicherheitskräfte des syri-
schen Staats noch die Möglichkeit bestand, entsprechende Rekrutierun-
gen durch Zwangsmassnahmen durchzusetzen. Es ist somit mit überwie-
gender Wahrscheinlichkeit zu verneinen, dass der Beschwerdeführer auf-
grund der nicht erfolgten Leistung des Reservediensts in der staatlichen
syrischen Armee in seiner Heimat zum Zeitpunkt seiner Ausreise der Ge-
fahr einer Verfolgung durch das syrische Regime ausgesetzt war. Diese
Einschätzung wird auch durch die Aussagen des Beschwerdeführers im
Rahmen seiner Anhörung im vorinstanzlichen Verfahren unterstützt. So
machte er geltend, die Militärpolizei sei nicht zu ihm ins Dorf gekommen.
In Dörfern sei die Lage schwer, jemanden festzunehmen, da diese klein
und übersichtlich seien und man die Militärfahrzeuge kommen sehe (vgl.
vorinstanzliche Akten A33 F93f.). Nachdem er sich im fraglichen Zeitraum,
wie ausgeführt, in einem Gebiet aufhielt, welches die staatlichen Sicher-
heitskräfte der weitgehenden Kontrolle der kurdischen militärischen Einhei-
ten überlassen hatten, ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass mit der Feststellung der nichterfolgten Dienstleistung
nicht zugleich der Vorwurf einer Dienstverweigerung verbunden ist, welche
als Feindlichkeit gegenüber dem staatlichen syrischen Regime ausgelegt
wird.
6.3 In Bezug auf die Feststellung des SEM in der angefochtenen Verfü-
gung, der im vorinstanzlichen Verfahren geltend gemachten befürchteten
Zwangsrekrutierung des Beschwerdeführers durch die syrisch-kurdische
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Seite 11
militärische Organisation YPG komme keine asylrechtliche Relevanz zu,
ist festzuhalten, dass allfälligen Rekrutierungsbemühungen durch die YPG
grundsätzlich keine asylrechtliche Relevanz zukommt, da sich nicht das
Bild eines systematischen Vorgehens der YPG gegen Dienstverweigerer
ergibt, welches die Schwelle zu ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG erreichen würde (vgl. Referenzurteil des Bundesverwaltungsge-
richts D-5329/2014 vom 23. Juni 2015 E. 5.3). Diese Einschätzung ist als
nach wie vor grundsätzlich zutreffend zu erachten (vgl. statt vieler Urteile
des BVGer E-2092/2021 vom 17. Mai 2021 E. 5.4 oder E-7316/2018 vom
15. Februar 2021 E. 6.2).
6.4 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass das SEM in zutreffender Weise
zur Einschätzung gelangt ist, die Beschwerdeführenden hätten keine asyl-
rechtlich relevante Gefährdung glaubhaft gemacht und würden die Flücht-
lingseigenschaft nicht erfüllen. Die Vorinstanz hat folglich das Asylgesuch
zu Recht abgelehnt.
7.
7.1 Die Ablehnung eines Asylgesuchs oder das Nichteintreten auf ein Asyl-
gesuch hat in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge
(Art. 44 AsylG). Vorliegend hat der Kanton keine Aufenthaltsbewilligung er-
teilt und zudem besteht kein Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die verfügte Wegweisung
steht daher im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen und wurde
demnach von der Vorinstanz zu Recht angeordnet.
7.2 Im vorliegenden Fall ist im Übrigen anzumerken, dass sich aus den
angestellten Erwägungen nicht der Schluss ergibt, die Beschwerdeführen-
den seien zum heutigen Zeitpunkt angesichts der allgemeinen Situation in
Syrien in ihrem Heimatstaat nicht gefährdet. Indessen ist eine solche Ge-
fährdungslage im Falle der Beschwerdeführenden ausschliesslich auf die
allgemeine in Syrien herrschende Bürgerkriegssituation zurückzuführen,
welche durch die Vorinstanz mit Verfügung vom 17. April 2019 im Rahmen
der Anordnung der vorläufigen Aufnahme wegen Undurchführbarkeit des
Vollzugs der Wegweisung berücksichtigt wurde.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten an sich den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Indes-
sen wurde der mit der Beschwerdeschrift gestellte Antrag auf unentgeltli-
che Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfü-
gung vom 5. Juni 2019 gutgeheissen. Von einer Veränderung in den finan-
ziellen Verhältnissen ist nicht auszugehen. Somit haben die Beschwerde-
führenden keine Verfahrenskosten zu tragen.
9.2 Mit gleicher Zwischenverfügung wurde lic. iur. Monika Böckle, HEKS
Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende SG/AI/AR, als amtliche Rechts-
beiständin eingesetzt, weshalb ihr ein amtliches Honorar zu entrichten ist.
Gemäss der mit der Replik eingereichten Kostennote hatte sie einen Ar-
beitsaufwand von 9 Stunden. Das Gericht geht bei amtlicher Vertretung
praxisgemäss von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für
nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter und von Fr. 200.– bis Fr.
220.– für anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m.
Art. 10 Abs. 2 VGKE). Dieser Stundenansatz wurde der damaligen Rechts-
beiständin im Rahmen der amtlichen Verbeiständung mitgeteilt (Zwischen-
verfügung vom 5. Juni 2019). Der in der Kostennote angegebene Stunden-
ansatz von Fr. 200.– ist für die Aufwendungen von lic. iur. Monika Böckle
entsprechend auf Fr. 150.– zu reduzieren. Der geltend gemachte zeitliche
Aufwand erscheint angemessen. Dazu kommen die geltend gemachten
Auslagen in der Höhe von Fr. 30.–. Somit ergibt sich ein zu Lasten der
Gerichtskasse festzusetzendes amtliches Honorar in der Höhe von
Fr. 1'380.–.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13