Decision ID: 04286253-8bbf-5553-9ccc-9b9f8ff1492c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, sri-lankischer Staatsangehöriger aus B._,
C._, Nordprovinz, verliess sein Heimatland gemäss eigenen Anga-
ben am 27. Juni 2017 und gelangte auf dem Luftweg von Colombo via
Dubai und die Türkei am 30. Juni 2017 in die Schweiz, wo er mit schriftli-
cher Eingabe seines Rechtsvertreters vom 3. Juli 2017 sowie in persönli-
cher Vorsprache am 5. Juli 2017 um Asyl nachsuchte.
B.
B.a Am 18. Juli 2017 wurde der Beschwerdeführer vom SEM, in Anwesen-
heit seiner Rechtsvertretung, zur Person und dem Reiseweg (Befragung
zur Person [BzP]) befragt.
B.b Mit Verfügung vom 20. Juli 2017 wies das SEM den Beschwerdeführer
für die Dauer des Asylverfahrens dem Kanton (...) zu.
B.c Am 25. September 2019 fand, wiederum in Anwesenheit der Rechts-
vertretung, eine vertiefte Anhörung zu den Fluchtgründen statt. Dabei
machte er im Wesentlichen geltend, er habe in Sri Lanka im Geschäft sei-
nes tauben beziehungsweise taubstummen [Verwandter] als [Handwerker]
gearbeitet und dabei mitunter für arme Familien kostenlos oder vergünstigt
Aufträge ausgeführt. Am (...) 2017 seien in seiner Abwesenheit fünf Män-
ner, Unbekannte beziehungsweise Angehörige des Criminal Investigation
Department (CID), bei ihm zu Hause erschienen und hätten ihm und sei-
nem [Verwandten] vorgeworfen, Familien von ehemaligen Mitgliedern der
Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) geholfen und diese regelmässig
besucht zu haben. Dabei sei sein [Verwandter] bedroht und die Mutter be-
lästigt worden. Sie hätten den [Verwandten] in einem Van ein kleines Stück
mitgenommen und ihn dann wieder freigelassen. Die Mutter hätten sie an-
gewiesen, dem Beschwerdeführer auszurichten, sich bei ihnen zu melden.
Daraufhin sei er nicht nach Hause zurückgekehrt, habe sich aus Angst
nicht bei den Behörden gemeldet und sich bis zu seiner Ausreise bei zwei
verschiedenen [Verwandten] versteckt. Die unbekannten Besucher hätten
am Folgetag erneut sein Zuhause aufgesucht und mit seiner Mutter ge-
sprochen. Einen Tag später seien sie wieder aufgetaucht und hätten das
Haus beobachtet. Vor dem Vorfall vom (...) 2017 habe der Beschwerde-
führer nie Probleme gehabt. Er sei auch nicht politisch aktiv gewesen. Er
sei mit einem gefälschten Reisepass – vermutlich einem Schweizer Pass
beziehungsweise mit zwei verschiedenen Pässen – bis in die Schweiz ge-
reist.
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Bei der Anhörung reichte der Beschwerdeführer seine Identitätskarte im
Original zu den Akten.
B.d Mit gleichentags datiertem Schreiben gelangte der Beschwerdeführer
an das SEM und wies dieses auf die Intervention der an der Anhörung an-
wesenden Hilfswerksvertretung (HWV) hin, welche den Sachbearbeiter zu
einer sachlichen Vorgehensweise gemahnt habe. Diese habe sich auf-
grund der Voreingenommenheit, des Desinteresses, der fachlichen Un-
kenntnis und der Verhaltensweise des befragenden SEM-Mitarbeiters dazu
veranlasst gefühlt. Da der rechtserhebliche Sachverhalt somit nicht habe
vollständig erhoben werden können, sei erneut eine Anhörung durchzufüh-
ren; dies durch ein/en andere/n SEM-Mitarbeiter/in.
B.e Mit Eingabe vom 16. Oktober 2019 reichte der Beschwerdeführer den
Ausbildungsvertrag seines [Verwandter] als [Handwerker] vom (...) 2007,
eine Bestätigung des (...) Hospital in C._ aus dem Jahre 2007, wel-
ches die Taubstummheit des [Verwandten] belegt, seine Geburtsurkunde
auf Tamilisch mit englischer Übersetzung und zahlreiche öffentlich zugäng-
liche Berichte ins Recht. Diese Beweismittel würden aufzeigen, dass auf-
grund der neuen, veränderten Ausgangslage ein «real risk» von Übergrif-
fen auf den Beschwerdeführer markant angestiegen sei.
C.
Mit Verfügung vom 6. Februar 2020 – eröffnet am 14. Februar 2020 – ver-
neinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte
sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz und den
Wegweisungsvollzug an. Gleichzeitig wies es den Antrag um Wiederho-
lung der Anhörung ab.
D.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe seines
Rechtsvertreters vom 16. März 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde. Darin beantragt er, es sei ihm Akteneinsicht in die Aktenstücke
A13, A14, A15 und A32 zu gewähren und eine Frist zur Beschwerdeergän-
zung anzusetzen. Sodann habe das Gericht unverzüglich darzulegen, wel-
che Gerichtspersonen mit der Behandlung der vorliegenden Sache betraut
und ob diese Gerichtspersonen zufällig ausgewählt worden seien, andern-
falls seien die konkreten objektiven Auswahlkriterien bekannt zu geben.
Ferner sei die angefochtene Verfügung wegen der Verletzung des An-
spruchs auf rechtliches Gehör, eventualiter wegen der Verletzung der Be-
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Seite 4
gründungspflicht, eventualiter zur Feststellung des vollständigen und rich-
tigen rechtserheblichen Sachverhalts aufzuheben und die Sache sei zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Ver-
fügung aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
festzustellen und ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren, eventualiter sei die
Verfügung aufzuheben und es sei die Unzulässigkeit oder zumindest die
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen.
Der Beschwerde wurden unter anderem folgende Unterlagen beigelegt: ein
Gutachten zu "Asylverfahren Sri Lanka" von Prof. Kälin vom 23. Februar
2014; die daraufhin erfolgte Medienmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014;
ein vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers erstellter ausführlicher
Bericht "Sri Lanka – Bericht zur aktuellen Lage", Stand 23. Januar 2020,
samt zahlreichen Beilagen (auf CD, ausnahmslos öffentlich zugängliche
Publikationen); der "Focus Sri Lanka, Lagebild" des SEM vom 5. Juli 2016,
vom Rechtvertreter des Beschwerdeführers mit Schwärzungen versehen;
einen Bericht des International Truth and Justice Project vom 17. Oktober
2016; ein Executive Summary der 59th Session des Anti-Folterkommittees
der Vereinten Nationen mit dem Titel "Freedom from Torture Submission
on Sri Lanka", datierend vom 12. Oktober 2016, sowie eine anonymisierte
E-Mail des SEM vom 6. November 2018 aus einem anderen Asylverfahren.
Die als Beilage Nr. 5 aufgeführte Todesanzeige des Vaters des Beschwer-
deführers fehlt in den eingereichten Unterlagen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 24. März 2020 hielt die Instruktionsrichterin
fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Sie behandelte das Gesuch um Akteneinsicht und wies
den Antrag, eine Frist zur Beschwerdeergänzung anzusetzen, ab. Gleich-
zeitig wurde dem Beschwerdeführer die Zusammensetzung des Spruch-
gremiums mitgeteilt sowie ein Kostenvorschuss in der Höhe von
Fr. 1’500.– erhoben.
Der Kostenvorschuss wurde am 8. April 2020 fristgerecht geleistet.
F.
Auf den Inhalt der vorinstanzlichen Verfügung und der Beschwerdeschrift
wird – soweit für den Entscheid wesentlich – in den nachstehenden Erwä-
gungen eingegangen.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(SR 142.31; AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
2.
2.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Be-
schwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legiti-
miert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist, vorbehält-
lich nachfolgender Einschränkung, einzutreten.
2.2 Auf den Antrag auf Mitteilung betreffend Bildung des Spruchkörpers ist
nicht einzutreten (vgl. Teilurteil des BVGer D-1549/2017 vom 2. Mai 2018
E. 4.3).
2.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wird auf einen Schriftenwechsel
verzichtet.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
4.1 In der Beschwerde wird moniert, der Anspruch auf rechtliches Gehör,
inklusive Begründungspflicht sowie Pflicht zur vollständigen und richtigen
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts seien verletzt worden.
Diese formellen Rügen sind vorab zu beurteilen, da sie sich allenfalls dazu
eignen, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken
(vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren
und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff.
m.w.H.).
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Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör,
welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei ein-
zuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1
mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behör-
den, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Abfassung der Be-
gründung soll es der betroffenen Person ermöglichen, den Entscheid sach-
gerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich sowohl die betroffene
Person als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entschei-
des ein Bild machen können; diesem Gedanken trägt die behördliche Be-
gründungspflicht Rechnung. Die Begründungsdichte als solche richtet sich
dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrensumständen und
den Interessen der betroffenen Person, wobei bei schwerwiegenden Ein-
griffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffenen eine sorg-
fältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1 und
D-3159/2015 vom 29. August 2016 E. 3.1).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden
(vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O., Rz. 1043).
4.2 Soweit der Beschwerdeführer eine nicht korrekte Gewährung der Ak-
teneinsicht rügt (Beschwerde S. 8), wurde dies bereits mit Instruktionsver-
fügung vom 24. März 2020 behandelt; darauf kann an dieser Stelle verwie-
sen werden.
4.3 Dass ferner die Anhörung zu den Asylgründen erst mehr als zwei Jahre
nach der BzP stattgefunden hat, stellt entgegen den Ausführungen in der
Beschwerde (S. 10 f.) keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar
(vgl. Urteil des BVGer E-3397/2019 vom 5. August 2019 E. 6.3).
4.4
4.4.1 Beschwerdeführer beanstandet in formeller Hinsicht namentlich, die
Vorinstanz habe seinen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, weil die
Anhörung mangelhaft ausgefallen sei; der Befrager verfüge über
unzureichendes Fachwissen in Bezug auf Sri Lanka und habe eine
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inakzeptable, ungeduldige und voreingenommene Verhaltensweise an den
Tag gelegt. Dies sei dem SEM bereits mit Schreiben vom 25. September
2019 mitgeteilt worden; dessen diesbezügliche Rechtfertigung sei haltlos.
Die Nichtabklärung insbesondere der familiären Verbindungen des
Beschwerdeführers zur LTTE, die daraus resultierende fehlende Abklärung
von Risikofaktoren und entsprechende Nichterwähnung in der Verfügung,
die nachweislich falsche Einschätzung der aktuellen Lage in Sri Lanka
sowie die faktenwidrige Argumentation stelle eine schwere Verletzung der
Begründungspflicht dar.
4.4.2 Die Vorinstanz stellte sich betreffend die vom Beschwerdeführer an-
geführte Kritik in der Verfügung auf den Standpunkt, anhand des Anhö-
rungsprotokolls lasse sich zwar bei gewissen Fragen tatsächlich ein eher
forscher Anhörungsstil des Befragers erkennen, indessen sei keine Wie-
derholung der Anhörung nötig, da der Sachverhalt vollständig aufgenom-
men worden sei. Der anwesende Mitarbeiter des Rechtsvertreters habe
keine weiteren Fragen gestellt und die Zusatzfragen des Hilfswerksvertre-
ters hätten auch nichts Wesentliches zur Sachverhaltserstellung beigetra-
gen. In der Zuschrift des Beschwerdeführers seien schliesslich keine wei-
teren Elemente angeführt worden, welche in der Anhörung hätten zur Spra-
che kommen müssen. Schliesslich habe der Beschwerdeführer mehrfach
angegeben, nichts mehr hinzuzufügen zu haben und seine Antworten
seien teils substanzlos und ausweichend ausgefallen. Somit seien die Vor-
würfe unbegründet und eine erneute Anhörung nicht angezeigt.
4.4.3 Eine Durchsicht des Anhörungsprotokolls zeigt, dass in der Tat der
anwesende Hilfswerksvertreter die Bemerkung protokollieren liess, der Be-
frager scheine mit seinem Ton und seiner Körperhaltung den Eindruck zu
vermitteln, dass er die Vorbringen nicht glaube, und es sei ein sachlicherer
Ton wünschenswert (vgl. A27 S. 10 sowie Unterschriftenblatt Hilfswerks-
vertreter). Die Anmerkung bezieht sich darauf, dass dem Beschwerdefüh-
rer wiederholt Fragen gestellt wurden, die sich auf die Plausibilität seines
Vorbringens bezogen, er sei wegen der Arbeiten als [Handwerker] in ver-
schiedenen Privathaushalten behördlicherseits verdächtigt worden (vgl.
beispielsweise A27 F50, 57ff., 63ff., 67., 70). Indessen hat das SEM letzt-
lich zutreffend festgehalten, dass der Sachverhalt im Rahmen der Anhö-
rung umfassend und korrekt erstellt worden ist; der Hilfswerksvertretung
wurde ausführlich Gelegenheit eingeräumt, dem Beschwerdeführer Fragen
zu stellen (A 27/16 F94ff.), wobei bereits Protokolliertes vertieft, jedoch
keine zuvor nicht erhobenen Sachverhaltselemente festgestellt wurden. An
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der Anhörung war ferner die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers an-
wesend; diese hätte ebenfalls die Gelegenheit gehabt, Fragen zu stellen
oder bisher nicht angesprochene Elemente zu vertiefen; dies wurde aber
nicht gemacht (vgl. A27 S. 5, 14). Der für die Anhörung zuständige Mitar-
beiter des SEM war sodann mit der Ausarbeitung der angefochtenen Ver-
fügung nicht befasst; dass die Verfügung auf Voreingenommenheit beruht
habe, trifft somit nicht zu.
4.4.4 Auch im Beschwerdeverfahren werden keine Sachverhaltselemente
vorgetragen, die in der Anhörung nicht zur Sprache gekommen wären; die
angeblich nicht erstellten Sachverhaltselemente (familiäre Verbindungen
des Beschwerdeführers zu LTTE-Angehörigen; exilpolitische Aktivitäten)
blieben in den Aussagen des Beschwerdeführers gänzlich unsubstanziiert
(vgl. A27 F20f., 28ff.) oder wurden gar verneint (A27 F90), so dass sich
weitere Fragen hierzu nicht aufdrängten.
4.4.5 Soweit der Beschwerdeführer beantragt, es seien diverse vorinstanz-
liche Dossiers beizuziehen, in denen derselbe Befrager wie in der Anhö-
rung des Beschwerdeführers gewirkt habe, um dessen Fehlverhalten zu
beurteilen und im Sinne eines Einschreitens als Aufsichtsbehörde zu sank-
tionieren (Beschwerde S. 18 f., 47), ist dieser Antrag abzuweisen. Das Bun-
desverwaltungsgericht ist entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers
(Beschwerde S. 19) nicht die Aufsichtsbehörde des SEM. Vorliegend ist
einzig die Anhörung des Beschwerdeführers relevant, welche nach dem
Gesagten als umfassende und korrekte Sachverhaltserstellung gelten
kann. Das SEM hat das Anhörungsprotokoll der Beurteilung des Asylge-
suchs zu Recht zu Grunde gelegt. Auch der Antrag, der Beschwerdeführer
sei erneut anzuhören (Beschwerde S. 18, 47), ist somit abzuweisen.
4.5 Weiter ist auch die Rüge einer Verletzung der Begründungspflicht un-
begründet. Die Vorinstanz hat mit ausreichender Begründung festgehalten,
weshalb sie die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint
und eine Rückkehr des Beschwerdeführers für zumutbar erachtet hat und
zitierte auch die Quellen, auf die sich ihre Lagebeurteilung stützt. Die
Glaubhaftigkeitsprüfung basiert nicht primär auf Widersprüchen zwischen
BzP und Anhörung. Dem Beschwerdeführer war es damit möglich, die Ver-
fügung sachgerecht anzufechten. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs
des Beschwerdeführers, inklusive Begründungpflicht, liegt somit nicht vor.
Dass der Beschwerdeführer die Erwägungen der Vorinstanz inhaltlich als
unzutreffend erachtet und mit der Lagebeurteilung des SEM, die dieses
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seiner Verfügung zu Grunde legt, nicht einverstanden ist (vgl. hierzu aus-
führlich Beschwerde S. 20 ff., 50 ff.), beschlägt nicht die formelle Frage
einer Gehörsverletzung, sondern ist eine materielle Frage.
4.6
4.6.1 Ferner moniert der Beschwerdeführer im Zusammenhang mit seinen
individuellen Asylgründen eine unvollständige und unrichtige Feststellung
des Sachverhalts. Dies betreffe die LTTE-Verbindungen des Beschwerde-
führers selbst und innerhalb der Familie, insbesondere den Hintergrund
des verschollenen Cousins, die Umstände der Flucht des in der Schweiz
lebenden [Verwandten], sowie die Cousins in D._ und somit die
Kontakte des Beschwerdeführers beziehungsweise des [Verwandten] zur
Diaspora in D._. Das exilpolitische Engagement des Beschwerde-
führers sei ebenfalls unzureichend abgeklärt worden, zumal er die entspre-
chende Frage lediglich mit «Nein» beantwortet habe, da er eingeschüchtert
gewesen sei. Er sei indessen als Angehöriger der exilpolitisch aktiven ta-
milischen Diaspora identifiziert worden. Durch die Übernahme der Macht
durch den Rajapaksa-Clan im November 2019 und die seitherige massive
Verschlechterung der Sicherheits- und Menschenrechtslage seien die Ri-
sikofaktoren des exilpolitischen Engagements und des Aufenthaltes in der
Schweiz akzentuierter geworden, womit sich eine Verfolgungsintensität bei
einer Rückkehr verstärkt habe. Die Rückkehr aus der Schweiz stelle einen
weiteren Risikofaktor dar. Schliesslich sei denkbar, dass sich auf dem Mo-
biltelefon der entführten schweizerischen Botschaftsangestellten der Name
des Beschwerdeführers befände; dies sei ebenfalls nicht abgeklärt worden.
4.6.2 Die Vorinstanz hat – wie sich nachfolgend ergibt – die individuellen
Asylgründe entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers genügend
abgeklärt. Aus der Verfügung geht hervor, dass der Beschwerdeführer in
B._ gelebt hat und dort für das Geschäft seines [Verwandten]
[Handwerker]arbeiten bei der Kundschaft zu Hause ausgeführt hat. Die Vo-
rinstanz hat sich eingehend mit seinen Vorbringen auseinandergesetzt,
wonach er vom CID beziehungsweise von Unbekannten behelligt worden
sei, weil er verdächtigt worden sei, sich mit ehemaligen LTTE-Mitgliedern
zu treffen. Ebenso geht aus der Verfügung hervor, dass die Vorinstanz die
familiären Verbindungen des Beschwerdeführers ausreichend berücksich-
tigte. Der Vorwurf der ungenügenden Sachverhaltsabklärung ist unbegrün-
det. Sein exilpolitisches Engagement macht der Beschwerdeführer auf Be-
schwerdeebene erstmals geltend; auch diesbezüglich ist die Rüge des un-
zulänglich erstellten Sachverhalts nicht berechtigt, zumal der Beschwerde-
führer seit seiner Asylgesucheinreichung anwaltlich vertreten war und
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seine Rechtvertretung auch an seiner BzP und Anhörung anwesend gewe-
sen ist.
4.6.3 Die Vorinstanz setzte sich des Weiteren mit der aktuellen Lage in Sri
Lanka auseinander und berücksichtigte die Osteranschläge vom 21. April
2019 sowie die Wahl des Präsidenten Gotabaya Rajapaksa vom 16. No-
vember 2019 und deren Folgewirkungen. Allein der Umstand, dass die Vor-
instanz in ihrer Länderpraxis zu Sri Lanka einer anderen Linie folgt als vom
Beschwerdeführer vertreten, und sie aus sachlichen Gründen zu einer an-
deren Würdigung der Vorbringen (inklusive Risikoanalyse) gelangt als vom
Beschwerdeführer verlangt, spricht nicht für eine ungenügende Sachver-
haltsfeststellung.
4.7 Die formellen Rügen erweisen sich insgesamt daher als unbegründet,
weshalb keine Veranlassung besteht, die Verfügung aus formellen Grün-
den aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das
entsprechende Rechtsbegehren ist abzuweisen.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer stellt für den Fall einer materiellen Beurteilung
seiner Beschwerde durch das Bundesverwaltungsgericht folgende Beweis-
anträge: Es sei ihm eine Frist anzusetzen, damit Beweismittel in Form einer
Beschwerdeergänzung (Beweismittel zu seinen familiären Verbindungen
sowie zu seinen exilpolitischen Aktivitäten) beigebracht werden könnten
(Beschwerde S. 27, 28, 47). Darüber hinaus sei das SEM anzuweisen, ab-
zuklären, ob unter den erpressten Daten im Vorfall der Entführung einer
Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft in Sri Lanka auch der Name des Be-
schwerdeführers zu finden sei. Es habe ausserdem abzuklären, welche
Daten sich im Allgemeinen auf dem Mobiltelefon der entführten Botschafts-
mitarbeiterin befunden hätten (Beschwerde S. 46 f., 48).
5.2 Wie bereits erwähnt, war der Beschwerdeführer während des gesam-
ten vorinstanzlichen Verfahrens anwaltlich vertreten (vgl. Vollmacht an sei-
nen Rechtvertreter vom 3. Juli 2017, A1/4). Es hätte ihm gestützt auf seine
Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG) oblegen, allfällige relevante Unterlagen
betreffend seine Familienangehörigen, ebenso allfällige Beweisunterlagen
betreffend das behauptete exilpolitische Engagement, im Verlauf des Ver-
fahrens einzureichen. Die Beweisofferten im Beschwerdeverfahren bleiben
ferner gänzlich unsubstanziiert (vgl. Beschwerde S. 27, 28, 47). Das Ge-
such um Ansetzung einer Frist zur Einreichung weiterer, nicht näher be-
zeichneter Beweise und zur Beschwerdeergänzung ist daher abzuweisen.
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Seite 11
5.3 Auch der Antrag, es seien weitere Abklärungen vorzunehmen betref-
fend den Vorfall im November 2019, als eine Angestellte der schweizeri-
schen Botschaft in Sri Lanka entführt wurde, ist abzuweisen. Gemäss dem
Gericht vorliegenden diesbezüglichen Abklärungen befanden sich keine
Daten über sich in der Schweiz aufhaltende, asylsuchende Personen aus
Sri Lanka auf dem beschlagnahmten Mobiltelefon der vom Sicherheitsvor-
fall betroffenen lokalen Angestellten der Schweizer Botschaft und es ge-
langten auch anderweitig keine personenbezogenen Informationen an
Dritte. Weitere Abklärungen drängen sich nicht auf.
5.4 Die Beweisanträge sind daher allesamt abzuweisen.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden
(Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Ge-
fährdung des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen,
die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifi-
schen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Flüchtlingen wird nach Art. 54 AsylG kein Asyl gewährt, wenn sie erst
durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ih-
res Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im Sinne von Art. 3 AsylG
wurden (subjektive Nachfluchtgründe). Stattdessen werden Personen, wel-
che subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen kön-
nen, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
Ist die Gefährdung demgegenüber aufgrund von äusseren, nach der Aus-
reise eingetretenen Umständen, auf die der Betreffende keinen Einfluss
nehmen konnte, entstanden, liegen objektive Nachfluchtgründe vor; dies-
bezüglich wird kein Asylausschluss begründet (vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5
m.w.H.).
6.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Seite 12
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Gericht hat die Krite-
rien des Glaubhaftmachens wiederholt in publizierten Entscheiden um-
schrieben (vgl. beispielsweise BVGE 2013/11 E. 5.1, 2015/3 E. 6.5.1); hie-
rauf kann verwiesen werden.
7.
7.1 In einem ersten Schritt ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer im Zeit-
punkt seiner Ausreise aus Sri Lanka ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 AsylG ausgesetzt war respektive solche zu befürchten hatte und mit-
hin Vorfluchtgründe vorliegen.
7.2 Das SEM stellte sich in der angefochtenen Verfügung auf den Stand-
punkt, die Vorbringen des Beschwerdeführers seien insgesamt unglaub-
haft.
Erstens sei der Vorwurf, mit der Ausführung von [Handwerker]arbeiten
durch den Beschwerdeführer, einen einfachen Angestellten eines (...)ge-
schäftes, hätte ein Wiederaufflammen des tamilischen Separatismus er-
möglicht werden können, für einen einfachen Angestellten weit hergeholt.
Der Beschwerdeführer habe lediglich (...) und (...)arbeiten ausgeführt.
Seine vorgenommenen Arbeiten hätten mit einer einfachen Überprüfung
kontrolliert werden können; zudem wäre vielmehr zu erwarten gewesen,
dass gegen jene Personen, bei denen solche verdächtigten [Arbeiten
durchgeführt] worden seien, vorgegangen worden wäre.
Zweitens würden seine Vorbringen – eine behördliche Suche ausgerechnet
dann, wenn die gesuchte Person nicht zu Hause sei und in der Folge ge-
warnt werden könne – einem stereotypen Schema folgen und auf einen
konstruierten Sachverhalt schliessen lassen. Im Fall einer Verfolgungsab-
sicht würden die Behörden anders vorgehen, um der gesuchten Person
habhaft zu werden; so hätte man etwa das Haus beobachten und erst dann
erscheinen können, wenn der Beschwerdeführer zu Hause gewesen wäre,
oder man hätte ihn am Arbeitsort finden können. Auch dass sein [Verwand-
ter] mit der Waffe bedroht worden sein solle, sei lebensfremd, da der Be-
schwerdeführer dadurch gewarnt geworden wäre; es sei nicht glaubhaft,
dass die Behörden so vorgegangen wären.
Weiter wirke das Argument, sein [Verwandter] sei nicht gefährdet, weil er
taubstumm sei, unlogisch, zumal dieser dieselben Arbeiten ausgeführt
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habe wie der Beschwerdeführer und gar der Eigentümer des Geschäfts
sei; gemäss den Ausführungen des Beschwerdeführers sei eine Kommu-
nikation mit dem [Verwandten], wenn auch mit Erschwernissen, möglich.
Der Umstand, dass der [Verwandte] nicht verfolgt worden sei, spreche so-
mit zusätzlich dafür, dass der Beschwerdeführer auch nicht gefährdet sei.
Zudem beinhalteten seine Vorbringen zahlreiche widersprüchliche Ele-
mente. Auch seine illegale Ausreise werde ihm nicht geglaubt, zumal sich
eine Ausreise aus Sri Lanka auch legal realisieren liesse. Er habe nicht mit
Sicherheit angeben können, ob er mit einem oder zwei Pässen gereist sei
und auf welchen Namen diese/r gelautet habe/hätten. Dies sei unglaub-
haft. Vielmehr sei wahrscheinlich, dass er legal ausgereist sei und dies ver-
schleiere, weil es gegen eine Verfolgung spräche.
Der Beschwerdeführer müsse auch nicht in begründeter Weise eine zu-
künftige Verfolgung bei einer Rückkehr ins Heimatland befürchten. Die
diesbezüglich gemäss Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts (Ur-
teil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016) zu prüfenden Risikofaktoren würden
nicht vorliegen. Weder die allenfalls zu erwartende Befragung am Flugha-
fen bei der Rückkehr sei asylrelevant noch sei – auch unter dem neuen
Präsidenten – von einer kollektiven Verfolgung ganzer Volksgruppen aus-
zugehen.
Die eingereichten Berichte zur Lage in Sri Lanka würden keinen persönli-
chen Bezug zum Beschwerdeführer aufweisen und seien nicht geeignet,
eine gegen ihn persönlich gerichtete Verfolgung zu belegen. Die weiteren
Beweismittel würden zwar die berufliche und gesundheitliche Situation des
[Verwandter]s dokumentieren, seien zum Beleg einer Verfolgung ebenfalls
nicht geeignet. Insgesamt lägen somit keine Verfolgungsgründe vor.
7.3 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer
werde weiterhin gesucht und es bestehe weiterhin ein Verfolgungsinte-
resse des sri-lankischen Staates; (...) anfangs (...) 2020 habe die Polizei
sein Haus aufgesucht und sich nach den Familienangehörigen im Ausland
erkundigt. Nebst den Polizeibeamten seien auch Personen in Zivil erschie-
nen, womit naheliegend sei, dass es sich um Personen des CID handle.
Die Familie des Beschwerdeführers habe Verbindungen zu den LTTE; zwei
Cousins seien nach D._ geflüchtet, ein weiterer Cousin verschollen,
ein [Verwandter] lebe wegen seiner Probleme, mit denen er in Sri Lanka
konfrontiert gewesen sei, in der Schweiz. Mit den Arbeiten als [Handwer-
ker] in verschiedenen Haushalten auch ehemaliger LTTE-Angehöriger
E-1542/2020
Seite 14
habe sich der Beschwerdeführer verdächtig gemacht. Entgegen der in der
Verfügung vertretenen Ansicht (die im Übrigen die nicht vertretbare Auffas-
sung des Befragers widerspiegle), sei der Verdacht nicht aus der Verrich-
tung von (...)arbeiten alleine entstanden. Vielmehr sei den Behörden auf-
gefallen, dass er sich gleich zu mehreren überwachten ehemaligen LTTE-
Mitgliedern nach Hause begeben habe und für längere Zeit im Hausinne-
ren verschwunden sei. Denn nur ein Anhänger des tamilischen Separatis-
mus, der am Wiederaufflammen der LTTE interessiert sei, würde sich aus
der Verfolgerperspektive mit ehemaligen LTTE-Mitgliedern mehrere Stun-
den lang unter dem Vorwand von (...)arbeiten treffen. Schliesslich seien
die in der Glaubhaftigkeitsprüfung genannten «weiteren Unglaubhaftigkeit-
selemente» vom SEM nicht näher bezeichnet worden. Es sei stossend,
dass die Taubstummheit seines [Verwandten] nicht als Argument dafür an-
erkannt werde, dass das Verfolgungsinteresse eher auf den Beschwerde-
führer als auf den [Verwandten] gelenkt worden sei. Der diesbezügliche
Hinweis, die Kommunikation mit seinem [Verwandten] sei trotzdem möglich
gewesen, überzeuge wenig, da dieser mit seiner Mutter natürlich auf eine
ganz andere Weise kommuniziere. Das Argument des stereotypen Sche-
mas konstruierter Verfolgungssachverhalte sei pauschalisierend und
bleibe unbegründet. Des Weiteren sei auch das Argument wirkungslos, wo-
nach die Behörden ihn auch bei seinem Arbeitsort hätten aufsuchen kön-
nen, zumal dies ja genau geschehen sei. Schliesslich seien die Hinweise
auf Widersprüche zwischen der BzP und der Anhörung nicht stichhaltig,
zumal es sich bei der BzP um eine summarische Befragung handle. Es
handle sich nicht um diametrale Widersprüche, sondern lediglich um Un-
terschiede hinsichtlich des Detailgrades. Angesichts des Vermerkes im
Protokoll der BzP, wonach der Beschwerdeführer darauf hingewiesen
wurde, sich etwas kürzer zu fassen, sei die Aussage des SEM, dass er an
der BzP ausführlich habe berichten können, falsch. Dass er legal ausge-
reist sei, stelle eine grundlose Behauptung dar. Das SEM habe im Übrigen
in diesem Zusammenhang nicht alle Akten offengelegt; aus den nicht of-
fengelegten Akten, wonach der Beschwerdeführer nicht im Besitz eines
Schengenvisums gewesen sei, hätte nämlich darauf geschlossen werden
können, dass er demnach nicht legal gereist sei. Schliesslich habe das
SEM die vorliegenden Realkennzeichen (freie detaillierte Erzählungen,
Wiedergabe von Dialogen) unberücksichtigt gelassen. Seine Ausführun-
gen seien entgegen der Behauptung des SEM glaubhaft.
Er sei als Flüchtling anzuerkennen weil er folgende Risikofaktoren erfülle:
Er habe familiäre Beziehungen zu LTTE-Mitgliedern und -Unterstützern
und habe im Rahmen seiner Tätigkeit selbst Kontakt zu ehemaligen LTTE-
E-1542/2020
Seite 15
Mitgliedern aufgenommen, sei exilpolitisch aktiv, halte sich bereits über
eine lange Zeit in der Schweiz, dem Hort des tamilischen Separatismus,
auf und verfüge über keine gültigen Reisepapiere. Seit Ergehen des Refe-
renz-urteiles hätten sich diese Risikofaktoren – insbesondere nach der
Wahl des neuen Präsidenten Rajapaksa – intensiviert. Er gehöre der Risi-
kogruppe von Personen mit vergangenen, aktuellen oder vermeintlichen
Verbindungen zur LTTE oder zum tamilischen Separatismus sowie der Ri-
sikogruppe von Personen, welche aus tamilischen Diasporazentren nach
längerer Zeit zurückkehrten, an. Dies stelle ein weiteres, flüchtlingsrecht-
lich relevantes Merkmal dar.
7.4 Das Gericht bestätigt im Ergebnis die Erwägungen des SEM.
Zwar wirken die Ausführungen des Beschwerdeführers an der Anhörung
teilweise lebensecht, da er, wie er selbst zutreffend festhält, zahlreiche Di-
aloge widergibt und teilweise in freiem Redefluss detailreich zu erzählen
vermag. Indessen ist in Übereinstimmung mit den vorinstanzlichen Erwä-
gungen festzustellen, dass die möglichen Beweggründe der Suche nach
ihm bereits spekulativen Charakter aufweisen («Vielleicht habe ich für je-
manden, der illegal dort lebte, eine Arbeit durchgeführt...» vgl. A27 F66;
vgl. auch F52, 57ff., 65, 76). Weiter äussert er sich zur wiederholten Frage,
weshalb er sich nicht um Polizeischutz bemüht habe, in widersprüchlicher
Weise: Einerseits trägt er vor, er habe sich nicht an die Polizei gewandt,
weil er als Tamile kein Vertrauen in die Regierung habe, dazu Beweise be-
nötigt und sowieso keinen Polizeischutz erhalten hätte (vgl. A27 F93). An-
dererseits antwortet er, er hätte sich sicherlich an die Polizei gewandt,
wenn er gewusst hätte, wer ihn suche (A27 F77), beziehungsweise er sei
aus Angst nicht zur Polizei gegangen, da jene Unbekannten mit Waffen zu
ihnen gekommen seien (A27 F61). Im Übrigen wirkt die Argumentation,
sein [Verwandter] sei nicht behelligt worden, weil er taubstumm sei, ange-
sichts der Tatsache, dass dieser und nicht der Beschwerdeführer Ge-
schäftsführer der Firma gewesen sein soll, wenig lebensnah. Insgesamt
entsteht nach Aktendurchsicht der Eindruck, dass der Beschwerdeführer
dort, wo er frei vorträgt, detailreich auszuführen vermag, indessen bei
Rückfragen seine Ausführungen flach, unsubstanziiert und teilweise aus-
weichend ausfallen (vgl. zum Beispiel A27 F70: «Sie sind (...) nicht der
Geschäftsführer. Weshalb sollten Sie die Hauptperson sein? Da ich aus-
wärts arbeite, wie er, sollte es ein Problem sein. Das ist meine Vermutung.
Ich hätte nie gedacht, dass ich so ein Problem bekommen würde»). Durch
dieses Aussageverhalten erhalten die Vorbringen einen konstruierten Cha-
E-1542/2020
Seite 16
rakter, und die Darstellung, der Beschwerdeführer sei von den srilanki-
schen Behörden zu Unrecht als ein LTTE-Unterstützer und als Person, die
den tamilischen Separatismus wiederbeleben wolle, wahrgenommen wor-
den, vermag nicht zu überzeugen.
Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, er habe Familienverbindun-
gen zu den LTTE, ist festzuhalten, dass er diese nur in unsubstanziierter
und vager Weise beschreiben konnte. Er gab an, er selber und seine Ver-
wandten – mit Ausnahme der Cousins, die [in E._] gelebt hätten –
seien nicht politisch aktiv (A18 S. 11, A27 F27). Jene Cousins hätten Sri
Lanka nach Kriegsende verlassen und seien heute in D._; ein wei-
terer Cousin sei verschollen (A27 F28); inhaltlich wusste der Beschwerde-
führer über die Aktivitäten oder Probleme jener Cousins nichts anzugeben
(A27 F 30, 33). Aus den Akten geht auch nicht hervor, dass er mit den
Cousins in D._ in Kontakt stehe; die in der Beschwerde erwähnten
angeblichen Kontakte zur tamilischen Diaspora in D._ bleiben un-
belegt. Auch betreffend seine [Verwandten] in F._ beziehungsweise
in der Schweiz gab er nichts Substanziiertes zu Protokoll (A27 F19ff., 24f.);
in der Beschwerde wird hierzu ebenfalls lediglich festgehalten, dieser [Ver-
wandte] sei "wegen Problemen in Sri Lanka" in die Schweiz gekommen
(vgl. Beschwerde S. 9, 26, 49). Jedenfalls hatte der Beschwerdeführer vor
seiner Ausreise wegen seiner Verwandten offenbar nie Probleme gehabt;
es gelang ihm nicht, einen konkreten Grund zu bezeichnen, weshalb er
wegen seiner Familie behelligt worden sein soll beziehungsweise Behelli-
gungen zu befürchten hätte, zumal bereits angesichts des spärlichen Kon-
takts eine Reflexverfolgung unwahrscheinlich ist.
Insoweit der Beschwerdeführer schliesslich das SEM kritisiert, dass sich
aus den Akten keinerlei Hinweise auf eine legale Reise ergäben, sondern
vielmehr das Gegenteil der Fall sei, zielt die Argumentation an der Sache
vorbei. Der Beschwerdeführer will aus der Tatsache, dass er kein Schen-
genvisum gehabt habe und mithin nicht habe legal in die Schweiz einreisen
können, ableiten, dass er auch nicht legal aus Sri Lanka hätte ausreisen
können (Beschwerde S. 8, Eingabe vom 8. April 2020); diese Argumenta-
tion überzeugt offenkundig nicht. Was die unsubstanziierten und wider-
sprüchlichen Angaben betreffend den angeblich bei der Ausreise benutzten
falschen Reisepass angeht, kann auf die Erwägungen in der angefochte-
nen Verfügung verwiesen werden.
E-1542/2020
Seite 17
7.5 Die Vorinstanz hat demnach zu Recht erwogen, das Bestehen einer
begründeten Furcht vor Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden im
Zeitpunkt seiner Ausreise sei nicht glaubhaft gemacht worden.
8.
8.1 Weiter ist zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer – wie er geltend macht
– im heutigen Zeitpunkt bei einer Rückkehr aufgrund der aktuellen politi-
schen Entwicklungen sowie seiner geltend gemachten exilpolitischen Akti-
vitäten ernsthafte Nachteile (im Sinne von Nachfluchtgründen) drohen wür-
den.
8.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind (vgl. a.a.O. E. 8.3). Die Ausfüh-
rungen, dass alle abgewiesenen tamilischen Asylsuchenden als Mitglieder
einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt würden, gehen daher fehl. Der
Ausgang der Kommunalwahlen vom 10. Februar 2018 ändert an dieser
Einschätzung nichts. Dies gilt auch unter Berücksichtigung der aktuellen
politischen Lage in Sri Lanka. Die aktuelle Lage in Sri Lanka war nach den
Terroranschlägen im April 2019 zwar als volatil zu beurteilen, jedoch ist
aufgrund dessen nicht auf eine generell erhöhte Gefährdung von zurück-
kehrenden tamilischen Staatsangehörigen zu schliessen. Auch der am
6. Oktober 2018 begonnene Machtkampf zwischen Sirisena, Rajapaksa
und Wickremesinghe sowie die Präsidentschaftswahlen von November
2019 vermögen diese Einschätzung nicht in Frage zu stellen.
8.3 Am 16. November 2019 wurde Gotabaya Rajapaksa zum neuen Präsi-
denten Sri Lankas gewählt (vgl. Neue Zürcher Zeitung [NZZ], In Sri Lanka
kehrt der Rajapaksa-Clan an die Macht zurück, 17.11.2019;
https://www.theguardian.com/world/2019/nov/17/sri-lanka-presidential-
candidate-rajapaksa-premadas-count-continues, abgerufen am
05.03.2020). Gotabaya Rajapaksa war unter seinem älteren [Verwandter],
dem ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa, der von 2005 bis 2015
an der Macht war, Verteidigungssekretär. Er wurde angeklagt, zahlreiche
Verbrechen gegen Journalistinnen und Journalisten sowie Aktivisten be-
gangen zu haben. Zudem wird er von Beobachtern für Menschenrechts-
verletzungen und Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht; er bestreitet
die Anschuldigungen (vgl. Human Rights Watch [HRW]: World Report 2020
– Sri Lanka, 14.01.2020). Kurz nach der Wahl ernannte der neue Präsident
E-1542/2020
Seite 18
seinen [Verwandter] Mahinda zum Premierminister und band einen weite-
ren [Verwandter], Chamal Rajapaksa, in die Regierung ein; die drei Brüder
Gotabaya, Mahinda und Chamal Rajapaksa kontrollieren im neuen Regie-
rungskabinett zusammen zahlreiche Regierungsabteilungen oder -institu-
tionen (vgl. https://www.aninews.in/news/world/asia/sri-lanka-35-including-
presidents-brother-chamal-rajapksa-sworn-in-as-ministers-of-
state20191127174753/, abgerufen am 04.03.2020). Beobachter und ethni-
sche / religiöse Minderheiten befürchten insbesondere mehr Repression
und die vermehrte Überwachung von Menschenrechtsaktivistinnen und -
aktivisten, Journalistinnen und Journalisten, Oppositionellen und regie-
rungskritischen Personen (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: Re-
gierungswechsel weckt Ängste bei Minderheiten, 21.11.2019). Anfang
März 2020 löste Gotabaya Rajapaksa das Parlament vorzeitig auf und kün-
digte Neuwahlen an (vgl. NZZ, Sri Lankas Präsident löst das Parlament
auf, 03.03.2020).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich dieser Veränderungen in Sri Lanka
bewusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszu-
gehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind
beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri
Lanka: Families of "Disappeared" Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt
es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen kollektiv einer
Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen Umständen ist weiter-
hin im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asylsuchenden
Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019 respektive
deren Folgen besteht.
8.4 An der Lageeinschätzung des Referenzurteils E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 ist somit weiterhin festzuhalten. Durch seine Ausführungen
zur allgemeinen Situation in Sri Lanka vermag der Beschwerdeführer keine
auf seine Person bezogene konkrete Gefährdung darzulegen. Wie bereits
oben unter E. 5.3 ausgeführt, befanden sich weiter keine Daten über sich
in der Schweiz aufhaltende, asylsuchende Personen aus Sri Lanka auf
dem beschlagnahmten Mobiltelefon der vom Sicherheitsvorfall betroffenen
lokalen Angestellten der Schweizer Botschaft und es gelangten auch an-
derweitig keine personenbezogene Informationen an Dritte.
E-1542/2020
Seite 19
8.5 Das Vorliegen von objektiven Nachfluchtgründen ist nach dem Gesag-
ten ebenfalls zu verneinen.
8.6 Sodann macht der Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene erstmals
geltend, er sei exilpolitisch aktiv, nachdem er dies in der Anhörung vom
25. September 2019 noch verneint hatte (A27 F90). Die nun geltend ge-
machten exilpolitischen Tätigkeiten erschöpfen sich darin, dass der Be-
schwerdeführer «unter anderem» im Jahre 2019 an einer Demonstration
in (...) und in den Jahren 2017 und 2019 am Heldengedenktag in (...) teil-
genommen habe (vgl. Beschwerde S. 9, 27, 46, 61); Beweismittel hierzu
sind bis zum heutigen Tag keine eingetroffen. Auch vor dem Hintergrund
der übrigen Erwägungen weisen diese Vorbringen keine Substanz auf, wo-
mit nicht von einer flüchtlingsrechtlich relevanten exilpolitischen Tätigkeit
des Beschwerdeführers auszugehen ist.
8.7 Zu prüfen bleibt, ob die im Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 (vgl. a.a.O. E. 8.5) aufgeführten Risikofaktoren erfüllt sind, deren Vor-
liegen zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft führen können. Die Asyl-
vorbringen des Beschwerdeführers sind unglaubhaft ausgefallen und er
selbst war nie Mitglied der LTTE. Seine Familie in Sri Lanka weist aktuell
keine glaubhaften Verbindungen zu den LTTE auf. Auf Beschwerdeebene
ergänzt der Beschwerdeführer, Angehörige des CID hätten ihn auch nach
seiner Ausreise bei sich zu Hause gesucht. Angesichts der nicht glaubhaft
gemachten Vorbringen im Zusammenhang mit den Behelligungen durch
das CID und den Separatismusvorwürfen entbehrt auch diese Behauptung
der Grundlage. Eine angebliche exilpolitische Tätigkeit in der Schweiz
wurde nicht substanziiert aufgezeigt und bewegt sich allenfalls auf sehr be-
scheidenem Niveau. Weiter wurde er keiner Straftat angeklagt oder verur-
teilt und verfügt somit auch nicht über einen Strafregistereintrag. Dass er
in einer „Stop List“ aufgeführt sein soll, erscheint aufgrund des Gesagten
als unwahrscheinlich. Allein aus seiner Zugehörigkeit zur tamilischen Eth-
nie und der mittlerweile dreijährigen Landesabwesenheit kann keine Ge-
fährdung abgeleitet werden. Unter Würdigung aller Umstände ist somit an-
zunehmen, dass der Beschwerdeführer von der sri-lankischen Regierung
nicht zu jener Gruppe von Personen gezählt wird, die bestrebt sind, den
tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen und so eine Gefahr für
den sri-lankischen Einheitsstaat darstellen. Es ist nicht davon auszugehen,
dass ihm persönlich im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden. Dies ergibt sich auch
nicht aus den auf Beschwerdeebene eingereichten Dokumenten, Berichten
und Länderinformationen.
E-1542/2020
Seite 20
8.8 Somit liegen auch keine subjektiven Nachfluchtgründe vor.
9.
Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was ge-
eignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat sein Asylgesuch zu Recht abge-
lehnt.
10.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkommens
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25 Abs. 3
BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und
andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AlG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AlG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AlG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AlG).
10.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
E-1542/2020
Seite 21
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.3 Die Vorinstanz führte aus, nachdem der Beschwerdeführer die Flücht-
lingseigenschaft nicht erfülle, könne auch der Grundsatz der Nichtrück-
schiebung nicht angewandt werden und die allgemeine Menschenrechts-
situation in Sri Lanka lasse den Wegweisungsvollzug nicht generell als un-
zulässig erscheinen. Zurückkehrenden Tamilinnen und Tamilen in Sri
Lanka drohe nicht generell eine unmenschliche Behandlung, sondern es
müsse im Einzelfall eine Risikoeinschätzung vorgenommen werden. We-
der aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten würden
sich Anhaltspunkte dafür ergeben, dass ihm im Falle einer Rückkehr mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe
oder Behandlung drohe. Weiter sei der Wegweisungsvollzug nicht generell
unzumutbar. Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regie-
rung und den LTTE sei im Mai 2009 beendet worden. Auch unter den ak-
tuellen Entwicklungen, namentlich den jüngsten Präsidentschaftswahlen
vom 16. November 2019, bestehe keine gänzliche unsichere, von bewaff-
neten Konflikten oder anderen unberechenbaren Unruhen dominierte
Lage, aufgrund derer Rückkehrer unabhängig ihres individuellen Hinter-
grunds konkret gefährdet seien. Somit sei aktuell nicht von einer Situation
allgemeiner Gewalt auszugehen. Gemäss der Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts sei der Wegweisungsvollzug in die Ost- und Nord-
provinz zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskri-
terien bejaht werden könne. Da der Beschwerdeführer aus B._,
Distrikt C._, stamme, über ein tragfähiges Beziehungsnetz, eine
gesicherte Wohnsituation und die Möglichkeit zur Erwerbstätigkeit verfüge,
würden auch keine individuellen Hindernisse vorliegen, weshalb sich der
Wegweisungsvollzug auch als zumutbar erweise. Sodann sei der Vollzug
der Wegweisung technisch möglich und praktisch durchführbar.
10.4 Der Beschwerdeführer hält diesen Erwägungen im Wesentlichen ent-
gegen, der Beschwerdeführer gehöre klarerweise zu den Risikogruppen,
und für ihn als zurückzuschaffenden tamilischen Asylbewerber sei der
Wegweisungsvollzug angesichts der generellen Lage in Sri Lanka unzu-
lässig und generell unzumutbar.
10.5
10.5.1 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung mit zutreffender
Begründung erkannt, dass der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der
E-1542/2020
Seite 22
Nichtrückschiebung mangels Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft keine
Anwendung findet und keine anderweitigen völkerrechtlichen Vollzugshin-
dernisse erkennbar sind. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts lassen weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch
die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungs-
vollzug als unzulässig erscheinen (vgl. Referenzurteil E-1866/2015 E. 12.2
f.). An dieser Einschätzung ist auch unter Berücksichtigung der jüngsten
politischen Entwicklungen in Sri Lanka (vgl. oben E. 8.3) festzuhalten. Auch
im Hinblick auf die diplomatischen Unstimmigkeiten zwischen der sri-lanki-
schen und der schweizerischen Regierung (nach der Entführung einer An-
gestellten der schweizerischen Botschaft in Sri Lanka am 25. November
2019) besteht kein konkreter Grund zur Annahme, die allgemeinen politi-
schen Entwicklungen in Sri Lanka könnten sich zum heutigen Zeitpunkt auf
den Beschwerdeführer auswirken (vgl. beispielsweise Urteil des BVGer D-
1466/2020 vom 23. März 2020 E. 7.2.2). Der Europäische Gerichtshof für
Menschenrechte (EGMR) hat zudem wiederholt festgestellt, dass nicht ge-
nerell davon auszugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe in Sri Lanka
eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoeinschätzung müsse im Ein-
zelfall vorgenommen werden (vgl. Urteil des EGMR R.J. gegen Frankreich
vom 19. September 2013, Nr. 10466/11; Rechtsprechung zuletzt bestätigt
in J.G. gegen Polen vom 11. Juli 2017, Nr. 44114/14). Aus den Akten erge-
ben sich keine konkreten Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genannten „Back-
ground Check“ (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In- und
Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet wäre.
Der Vollzug der Wegweisung ist zulässig.
10.5.2 Wie von der Vorinstanz zu Recht festgehalten, ist der bewaffnete
Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und den LTTE im Mai 2009
zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka weder Krieg noch eine
Situation allgemeiner Gewalt. Das Bundesverwaltungsgericht geht weiter-
hin davon aus, dass der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz zumutbar
ist, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbeson-
dere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnet-
zes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsitua-
tion) bejaht werden kann (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 13.2). Auch der Weg-
weisungsvollzug ins „Vanni-Gebiet“ gilt als zumutbar (vgl. Urteil
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5). Diese Einschätzung bleibt
auch nach den aktuellen Entwicklungen in Sri Lanka weiterhin zutreffend.
E-1542/2020
Seite 23
10.5.3 Auch die Einschätzung des SEM, der Wegweisungsvollzug sei auch
in individueller Hinsicht zumutbar, ist zu bestätigen. Der Beschwerdeführer
lebte bis zu seiner Ausreise mit seiner Mutter und seinem [Verwandter] in
B._, C._, in der Nordprovinz. Er verdiente seinen Lebens-
unterhalt als Angestellter in der Firma seines [Verwandter]. Aus den Akten
gehen keinerlei Hinweise hervor, dass dessen Geschäft nicht weiterhin
operativ sein sollte. Somit ist davon auszugehen, dass er bei einer Rück-
kehr wieder bei seiner Familie wohnen kann und sich wieder problemlos
ins Berufsleben zu integrieren vermag, nachdem sein Arbeitgeber sein
[Verwandter] war. Es liegen auch in individueller Hinsicht keine Wegwei-
sungsvollzugshindernisse vor, womit sich der Wegweisungsvollzug des
Beschwerdeführers als zumutbar erweist.
10.6 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Es erübrigt sich, auf den weiteren Inhalt der
Beschwerde und die eingereichten Beweismittel – die sich allesamt auf die
generelle Situation in Sri Lanka beziehen, ohne einen individuellen Bezug
zum Beschwerdeführer zu haben – noch näher einzugehen. Die Be-
schwerde ist abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten zufolge der sehr
umfangreichen Beschwerde mit zahlreichen Beilagen ohne individuellen
Bezug zum Beschwerdeführer praxisgemäss auf insgesamt Fr. 1'500.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
E-1542/2020
Seite 24
12.2 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers stellte im vorliegenden
Fall zum wiederholten Mal ein Rechtsbegehren, über das bereits in ande-
ren Verfahren mehrfach befunden worden ist (Bestätigung der Zufälligkeit
beziehungsweise Offenlegung der objektiven Kriterien der Zusammenset-
zung des Spruchkörpers). Diese unnötig verursachten Kosten sind deshalb
dem Rechtsvertreter persönlich aufzuerlegen und auf Fr. 100.– festzuset-
zen (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 66 Abs. 3 BGG; vgl. auch Urteil des Bundes-
gerichts 5D_56/2018 vom 18. Juli 2018 E. 6).
12.3 Im restlichen Umfang von Fr. 1'400.– sind die Verfahrenskosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen. Dieser Betrag ist dem geleisteten Kosten-
vorschuss von Fr. 1'500.– zu entnehmen. Der Restbetrag von Fr. 100.– ist
dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
(Dispositiv nächste Seite)
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