Decision ID: eaef9781-ee35-5e91-aa45-018293cf0a96
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Am 16. November 2009 ersuchte X. Y. die Sozialversicherungsanstalt des Kantons
St. Gallen (nachfolgend SVA) um eine individuelle Prämienverbilligung (nachfolgend
IPV) für sich und seine Ehefrau für das Jahr 2009. Die SVA wies das Gesuch mit
Verfügung vom 9. Dezember 2009 ab. Begründet wurde die Ablehnung damit, das
anrechenbare Einkommen sei zu hoch. Dabei stellte die SVA auf das Reineinkommen
von Fr. 65'565.-- gemäss Veranlagung der Staats- und Gemeindesteuern 2007 ab.
B./ X. Y., vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. A. B., erhob am 7. Januar 2010
Einsprache gegen die Verfügung vom 9. Dezember 2009. Am 19. Januar 2010 reichte
er die Begründung nach. Er beantragte, dass für die Anspruchsberechnung die
Einkommensverhältnisse des Jahres 2008 zu berücksichtigen seien, da sich die
Einkommensverhältnisse gegenüber dem Jahr 2007 wesentlich verändert hätten. Seit
das Krankentaggeld der Ehefrau am 13. Juni 2008 erloschen sei, verfügten sie
gemeinsam nur noch über ein Einkommen von Fr. 2'740.10 pro Monat.
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Am 3. Februar 2010 reichte X. Y. auf Anforderung der SVA die definitive Veranlagung
für das Jahr 2008 und die vorläufige Steuerrechnung für das Jahr 2009 ein.
Mit Entscheid vom 3. Februar 2011 wies die SVA die Einsprache von X. Y. ab. Zur
Begründung führte sie aus, dass es an einer dauerhaften Einkommensveränderung
fehle. Gemäss dem rechtskräftigen Entscheid der SVA vom 1. Oktober 2010 habe die
Ehefrau keinen Anspruch auf den Bezug einer Invalidenrente.
C./ Am 11. Februar 2011 liess X. Y. Rekurs gegen den Einspracheentscheid beim
Versicherungsgericht erheben. Mit Entscheid vom 12. September 2011 wies die
Rekursinstanz das Rechtsmittel ab. Das Versicherungsgericht ging zwar von einer
wesentlichen Einkommensverminderung aus, verneinte jedoch deren Dauerhaftigkeit.
Bei Berücksichtigung des von der Ehefrau erzielbaren Einkommens seien die
Voraussetzungen für eine IPV nicht gegeben.
D./ Gegen den Rekursentscheid liess X. Y. mit Eingabe vom 24. Oktober 2011
Beschwerde beim Verwaltungsgericht erheben und beantragen, es sei der Entscheid
des Versicherungsgerichts aufzuheben und dem Beschwerdeführer die individuelle
Prämienverbilligung für das Jahr 2009 zu gewähren, unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen für beide Verfahren zu Lasten der Beschwerdegegnerin;
eventualiter sei der angefochtene Entscheid aufzuheben und die Streitsache an die
Vorinstanz zwecks Neuabklärung und Neuentscheidung zurückzuweisen.
Die Vorinstanz erklärte mit Schreiben vom 9. November 2011 Verzicht auf eine
Vernehmlassung. Die SVA beantragt in ihrer Vernehmlassung vom 15. November 2011
die Abweisung der Beschwerde unter Verweis auf den angefochtenen Entscheid sowie
die Rekursantwort vor Versicherungsgericht.
Auf die Begründungen des Beschwerdeführers sowie die Ausführungen im
angefochtenen Entscheid wird, soweit notwendig, in den folgenden Erwägungen
eingegangen.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
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1. (...).
2. Beschwerdegegenstand bildet die Frage, ob der Beschwerdeführer und seine
Ehefrau für das Jahr 2009 einen Anspruch auf IPV haben. Einschlägig sind in diesem
Zusammenhang Art. 65 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung
(SR 832.10, abgekürzt KVG), Art. 10-16 des Einführungsgesetzes zur
Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung (sGS 331.11, abgekürzt EG-KVG)
sowie Art. 9-17bis der Verordnung zum Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung
über die Krankenversicherung (sGS 331.111, abgekürzt V-EG-KVG).
3. Gemäss Art. 65 Abs. 1 KVG gewähren die Kantone Versicherten in bescheidenen
wirtschaftlichen Verhältnissen Prämienverbilligungen. Nach Abs. 3 der gleichen
Bestimmung haben sie dafür zu sorgen, dass bei der Überprüfung der
Anspruchsvoraussetzungen, insbesondere auf Antrag der versicherten Person, die
aktuellsten Einkommens- und Familienverhältnisse berücksichtigt werden. Der
Bundesrat hielt hierzu in der Botschaft zur Teilrevision des KVG vom 21. September
1998 fest, das Abstützen auf Steuerdaten zur Ermittlung der IPV habe bei erheblichen
Veränderungen der Veranlagung zur Folge, dass nicht flexibel genug reagiert werden
könne, was in Einzelfällen zu einer nicht unerheblichen Benachteiligung der Betroffenen
führe. Es gehe dabei aber nicht um den Verzicht auf die Steuerdaten als
Bemessungsgrundlage, sondern vielmehr um die Schaffung von Möglichkeiten, die es
erlaubten, bei einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse oder der
Änderung der Familienverhältnisse von Versicherten für die Prüfung der
Anspruchsberechtigung auf aktuellste Daten zurückzugreifen (BBl 1999 844 f.). Das
Parlament schloss sich dem Vorschlag des Bundesrates an und ergänzte ihn um den
Wortlaut "insbesondere auf Antrag der versicherten Person".
4. Der Vollzug der Prämienverbilligung obliegt den Kantonen. In den kantonalen
Ausführungsbestimmungen sind insbesondere die Anspruchsberechtigung und das
Verfahren für die Ermittlung der Berechtigten zu regeln. Die Kantone geniessen dabei
eine erhebliche Freiheit. Gemäss dem Bundesgericht dürfen jedoch die kantonalen
Bestimmungen nicht gegen den Sinn und Geist des Bundesrechts verstossen und
dessen Zweck nicht beeinträchtigen (BGer 8C_212/2009 vom 15. April 2010 E. 6.1 mit
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Hinweisen). Dies folgt aus dem Grundsatz der derogatorischen Kraft des
Bundesrechts.
4.1. Im Kanton St. Gallen regelt Art. 11 EG-KVG das massgebende Einkommen für eine
Prämienverbilligung. Danach setzt die Regierung das die Prämienverbilligung
auslösende Einkommen unter teilweiser Berücksichtigung des steuerbaren Vermögens
durch Verordnung fest (Abs. 1). Grundlage bildet in der Regel die letzte definitive
Steuerveranlagung (Abs. 2). Entspricht das ermittelte Einkommen offensichtlich nicht
der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, wird auf diese abgestellt (Abs. 3).
Das Gesetz delegiert somit an die Regierung, bis zu welcher Einkommenshöhe ein
Anspruch auf IPV besteht. Es sieht sodann vor, dass Grundlage der Anspruchsprüfung
beziehungsweise Bemessung grundsätzlich die letzte definitive Steuerveranlagung
bilden soll. Nur wenn das in der entsprechenden Veranlagung festgesetzte Einkommen
der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit offensichtlich nicht (mehr) entspricht, ist auf
aktuellere (Steuer-)Daten abzustellen.
4.2. Die regierungsrätliche Verordnung zum EG-KVG enthält ergänzende
Bestimmungen zur Anspruchsberechtigung. Gemäss Art. 12 Abs. 1 V-EG-KVG bildet
Grundlage für die Berechnung des massgebenden Einkommens das nach kantonalem
Steuerrecht ermittelte Reineinkommen der Steuerperiode des vorletzten Jahres, und
zwar wird bei noch nicht definitiv veranlagten Personen auf die Steuerdeklaration (lit. a)
und bei den andern auf die definitive Veranlagung (lit. b) abgestellt. Art. 12quater V-EG-
KVG sieht sodann vor, dass auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit anstelle des
ermittelten Einkommens abgestellt wird, wenn sich die Einkommensgrundlagen
dauerhaft verändert haben (Abs. 1), wobei die Abweichung im Bezugsjahr wenigstens
einen Viertel des massgebenden Einkommens des vorletzten Jahres betragen muss.
Auffallend ist, dass Art. 12 Abs. 1 V-EG-KVG im Unterschied zu Art. 11 Abs. 2 EG-KVG
vorsieht, dass Bemessungsgrundlage für den Prämienverbilligungsanspruch
durchwegs das (aus der Steuerdeklaration oder der definitiven Steuerveranlagung
hervorgehende) Reineinkommen der vorletzten Steuerperiode bildet. Dies führt zu einer
Abweichung vom übergeordneten Recht in dem Fall, da im Zeitpunkt der
Antragstellung bereits die definitive Veranlagung der vorangehenden Steuerperiode
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vorliegt. Diesfalls ist gemäss der Vorschrift von Art. 11 Abs. 2 EG-KVG auf diese
("letzte") definitive Veranlagung abzustellen. Offensichtlich ging der Verordnungsgeber
davon aus, dass die Antragstellung jeweils zu Beginn des Anspruchsjahres erfolgt und
in diesem Zeitpunkt die definitive Veranlagung des vorangehenden Jahres noch nicht
vorliegt. Art. 23 Abs. 1 V-EG-KVG sieht zwar vor, dass der Anspruch bis zum 31. März
des Jahres der Prämienverbilligung geltend zu machen ist, wobei diese Frist aus
wichtigen Gründen bis 31. Dezember verlängert werden kann. Offensichtlich wird in der
Praxis aber generell eine Antragstellung bis 31. Dezember des Anspruchsjahres
akzeptiert. So enthält nämlich das von der Beschwerdegegnerin herausgegebene
Anmeldeformular den Hinweis, dass die Anmeldung bis am 31. Dezember einzureichen
ist. Auch im hier zu beurteilenden Fall erfolgte die Anmeldung (erst) am 16. November
2009. Gleichwohl wurde ihre Rechtzeitigkeit im gesamten Verfahren nicht in Frage
gestellt. Erfolgt nun aber eine Anmeldung für die IPV - zulässigerweise - erst am oder
gegen Ende des Anspruchsjahres und liegt dannzumal bereits die definitive
Veranlagung des vorangehenden Jahres vor, so ist gemäss dem klaren Wortlaut von
Art. 11 Abs. 2 EG-KVG diese Veranlagung der Anspruchsprüfung zu Grunde zu legen.
Art. 12 Abs. 1 V-EG-KVG kann somit nur dann einschlägig sein, wenn im Zeitpunkt der
Anspruchsprüfung beziehungsweise am Ende des Anspruchsjahres die definitive
Veranlagung des vorangehenden Jahres noch nicht vorliegt. Ein generelles Abstellen
auf die Steuerdaten der vorletzten Steuerperiode steht hingegen nicht im Einklang mit
Art. 11 Abs. 2 EG-KVG. Dies widerspricht zudem Art. 65 Abs. 3 KVG, wonach die
aktuellsten Einkommensverhältnisse zu berücksichtigen sind. Schliesslich ist auch kein
Grund ersichtlich, der gebieten würde, auf die Steuerdaten der vorletzten
Steuerperiode abzustellen, obschon im Zeitpunkt der Anspruchsprüfung bereits die
definitive Steuerveranlagung des vorangehenden Jahres vorliegt.
Eine Klarstellung ist sodann mit Bezug auf Art. 12quater Abs. 1 V-EG-KVG
anzubringen, welcher bestimmt, dass auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit anstelle
des ermittelten Einkommens abgestellt wird, wenn sich die Einkommensgrundlagen
dauerhaft verändert haben. Diese Bestimmung kann gesetzeskonform nur so gedeutet
werden, dass auf (noch) aktuellere Steuerdaten als im Regelfall von Art. 11 Abs. 2 EG-
KVG abzustellen ist, wenn im Zeitpunkt der Anspruchsprüfung eine dauerhafte
Veränderung der Einkommensgrundlagen offensichtlich ist. Alsdann ist die
Anspruchsprüfung – selbst wenn schon die definitive Steuerveranlagung aus der
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vorangehenden Steuerperiode vorliegt – anhand der aktuellen wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit vorzunehmen.
5. Vorliegend reichte der Beschwerdeführer die Anmeldung für die IPV für das Jahr
2009 am 16. November 2009 ein. In diesem Zeitpunkt lag die definitive
Steuerveranlagung für das Jahr 2008 bereits vor. Diese datiert vom 22. Juli 2009.
Gemäss der Veranlagung beläuft sich das Reineinkommen auf Fr. 45'118.--. Es hat
sich somit gegenüber dem Vorjahr um mehr als Fr. 20'000.-- reduziert (vgl. Beilage Nr.
4 zum Rekurs vom 11. Februar 2011). In Anwendung von Art. 11 Abs. 2 EG-KVG hätte
bei der Prüfung des Prämienverbilligungsanspruchs auf die Veranlagung 2008 vom
22. Juli 2009 abgestellt werden müssen. Die Beschwerdegegnerin beging somit eine
Rechtsverletzung, indem sie nicht auf die Veranlagung für das Jahr 2008, sondern auf
diejenige für das Jahr 2007 abstellte.
Entgegen dem Beschwerdeführer liegt hingegen eine dauerhafte Veränderung der
Einkommensgrundlagen im Sinn von Art. 12quater Abs. 1 V-EG-KVG nicht vor. Hierfür
fehlt es an der erforderlichen erheblichen Veränderung der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit. Das Einkommen des Beschwerdeführers ist konstant; es besteht
aus einer IV- und einer SUVA-Rente. Die im Jahr 2008 eingetretene
Einkommenseinbusse ist ausschliesslich auf den Wegfall der Krankentaggelder zu
Gunsten der Ehefrau des Beschwerdeführers zurückzuführen. Die Einstellung der
Krankentaggelder erfolgte per 12. Juni 2008. In der Folge ging die Ehefrau des
Beschwerdeführers keiner Erwerbstätigkeit nach. Sie erhielt auch kein
Ersatzeinkommen. Am 1. Oktober 2010 erging die Verfügung betreffend
Rentenleistungen der Invalidenversicherung. Die Beschwerdegegnerin nahm darin
einen Einkommensvergleich vor. Dabei kam sie zum Schluss, dass es der Ehefrau des
Beschwerdeführers zumutbar sei, ein Erwerbseinkommen von Fr. 41'094.-- zu
generieren, was im Vergleich zum erzielbaren Einkommen ohne Invalidität einer
Erwerbseinbusse von 20% entspreche (Beilage Nr. 25 zur Rekursvernehmlassung vom
1. März 2011). Die Verfügung vom 1. Oktober 2010 erwuchs offensichtlich in
Rechtskraft. Aufgrund dessen ist davon auszugehen, dass die Ehefrau des
Beschwerdeführers grundsätzlich nach wie vor in der Lage ist, ein Einkommen zu
erzielen. Unter diesen Umständen ist eine offensichtliche Beeinträchtigung der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nicht gegeben.
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6. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass für die Prüfung des Anspruchs
auf eine Prämienverbilligung im Jahr 2009 die definitive Steuerveranlagung für das Jahr
2008 zu berücksichtigen ist. Da zum Zeitpunkt der Antragstellung für eine
Prämienverbilligung zwar von einer erheblichen Einkommenseinbusse, nicht aber von
einer offensichtlich (dauerhaften) Beeinträchtigung der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit auszugehen war, rechtfertigt sich hingegen ein Abstellen auf noch
(aktuellere) Einkommensverhältnisse nicht.
Es liegt an der Beschwerdegegnerin, die Bemessung der IPV aufgrund der definitiven
Steuerveranlagung für das Jahr 2008 vorzunehmen. Die Streitsache ist in diesem Sinn
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
7. (...).
Demnach hat das Verwaltungsgericht