Decision ID: 5c0db4d2-33b1-5831-a2c4-c8c3811692dd
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am (...) in der Schweiz um Asyl nach. Er
wurde für die weitere Behandlung seines Verfahrens dem Bundesasylzent-
rum (BAZ) B._ zugewiesen.
A.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Euro-
dac) ergab, dass der Beschwerdeführer am (...) erstmals in der Schweiz,
am (...) in C._, am (...) in D._, am (...) in Rumänien sowie
am (...) in E._ um Asyl ersucht hatte.
A.c Am 9. April 2021 wurden im Rahmen des persönlichen Dublin-Ge-
sprächs gestützt auf Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europä-
ischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO) die jeweiligen Umstände der in den verschie-
denen Mitgliedstaaten gestellten Asylgesuche, die Modalitäten seiner Auf-
enthalte und die Beweggründe seiner verschiedenen (Weiter)Reisen näher
beleuchtet. Ferner wurde ihm das rechtliche Gehör zur allfälligen Zustän-
digkeit C._, D._, Rumäniens oder E._ zur Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gemäss Dublin-III-VO, zum
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31 a Abs. 1 Bst. b AsyIG (SR 142.31)
sowie zur Wegweisung in diese Länder gewährt. Bezüglich Rumänien
führte der Beschwerdeführer an, er sei nach einer mehrtägigen Quaran-
täne in ein Camp gebracht worden, wo die Zustände nicht gut gewesen
seien. Daher habe er sich nach (Nennung Dauer) selbstständig in einem
Hotel einquartiert. Er habe Probleme mit seinem (Nennung Körperteil) ge-
habt und sei medizinisch nicht gut versorgt worden. Im Camp sei er sogar
von den Polizisten verprügelt worden, weil er wegen den Schmerzen in
seinem (Nennung Körperteil) zu einem Arzt habe gebracht werden wollen.
Nach (Nennung Dauer) im Hotel sei er über F._ nach E._
gelangt, wo er ebenfalls registriert und in ein Camp gewiesen worden sei.
Die Behörden von E._ hätten ihn gleich zu Beginn auf seinen Auf-
enthalt in der Schweiz hingewiesen und ihm zu verstehen gegeben, dass
sie ihn wieder dorthin überstellen würden. Da in der Folge keine weitere
Reaktion der Behörden von E._ gekommen sei, sei er in der Folge
in die Schweiz weitergereist.
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A.d Am 13. April 2021 ersuchte das SEM die Behörden von E._ um
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gemäss. Dieses Ersuchen lehn-
ten die Behörden von E._ mit Schreiben vom (...) ab.
A.e Am 26. April 2021 ersuchte das SEM die rumänischen Behörden um
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers. Diesem Ersuchen stimmten die
rumänischen Behörden am (...) gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-
VO zu.
A.f Die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers reichte am 7. Mai 2021
Unterlagen über die Zustände in einer rumänischen Asylunterkunft, in wel-
cher der Beschwerdeführer untergebracht gewesen sei, ein, und stellte den
Antrag auf umfassende fachärztliche Behandlung zur Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts.
A.g Der Beschwerdeführer reichte (Aufzählung Beweismittel) zu den Ak-
ten. Aus diesen geht im Wesentlichen hervor, dass er an (Nennung Leiden,
Therapie und Verdachtsdiagnose).
B.
Mit Verfügung vom 4. August 2021 – eröffnet am 9. August 2021 – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Wegweisung aus der
Schweiz nach Rumänien an und forderte den Beschwerdeführer auf, die
Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf des Beschwerdeverfahrens zu
verlassen. Sodann verfügte es die Aushändigung der editionspflichtigen
Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwerdeführer und hielt fest,
einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
C.
Der Beschwerdeführer focht diesen Entscheid mit Beschwerde vom
16. August 2021 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte, es sei
die angefochtene Verfügung aufzuheben und sein Asylgesuch sei vom
SEM materiell zu prüfen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung,
subeventualiter zur Einholung individueller Zusicherungen der rumäni-
schen Behörden bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren sowie ange-
messener Unterbringung, Ernährung, Zugang zur medizinischen Grund-
versorgung sowie des Unterbleibens einer Kettenabschiebung in die
G._ an die Vorinstanz zurückzuweisen.
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In formeller Hinsicht ersuchte er, es sei der Beschwerde die aufschiebende
Wirkung zu erteilen und im Sinne einer vorsorglichen Massnahme von ei-
ner Überstellung nach Rumänien abzusehen, bis das Bundesverwaltungs-
gericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe,
zudem sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die Er-
hebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Seiner Beschwerde lagen (Nennung Beweismittel) bei.
D.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
17. August 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
E.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 17. August 2021 setzte die In-
struktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
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(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde-
instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
3.1 In der Beschwerdeschrift werden der Vorinstanz Verletzungen des An-
spruchs auf rechtliches Gehör (und mithin der Begründungspflicht) sowie
des Untersuchungsgrundsatzes vorgeworfen. Diese formellen Rügen sind
vorab zu prüfen.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör (vgl. auch Art. 29 Abs. 2 BV). Das rechtliche Gehör dient einerseits
der Sachaufklärung, anderseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mit-
wirkungsrecht beim Erlass eines Entscheides dar, welcher in die Rechts-
stellung des Einzelnen eingreift. Dazu gehört insbesondere das Recht des
Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Entscheides zur Sache zu äus-
sern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen,
mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung
wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Be-
weisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu be-
einflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungs-
recht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in
einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl.
BGE 135 II 286 E. 5.1 m.w.H.).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidung an-
gemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss so abgefasst sein,
dass die betroffene Person den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht an-
fechten kann. Die Behörde muss die wesentlichen Überlegungen nennen,
von denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid stützt.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1 m.w.H.).
Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des
Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach hat die
Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Dieser Grundsatz gilt indes
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nicht uneingeschränkt; er findet seine Grenzen an der Mitwirkungspflicht
des Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG).
3.3 Der Beschwerdeführer rügt, das SEM sei nur ungenügend auf seine
Vorbringen zu den Mängeln im rumänischen Asylsystem, das systemische
Schwachstellen aufweise, und seine individuell vorgebrachten Erlebnisse
eingegangen, es habe den Sachverhalt nur unzureichend erhoben und
auch nicht gewürdigt. Dadurch habe es seine Untersuchungs- und Begrün-
dungspflicht verletzt. Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung
dargelegt, aufgrund welcher Überlegungen sie zum Schluss gekommen ist,
dass die Voraussetzungen für einen Nichteintretensentscheid gemäss
Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG erfüllt sind und der Wegweisungsvollzug als
zulässig, zumutbar und möglich zu erachten ist. Sie hat sich namentlich
auch zum Asyl- und Aufnahmesystem in Rumänien, den Eingaben des Be-
schwerdeführers zur dortigen Unterbringung sowie mit seinen geltend ge-
machten individuellen Erlebnissen in Rumänien und seinen gesundheitli-
chen Beeinträchtigungen, insbesondere auch den diversen in den Akten
liegenden medizinischen Unterlagen, den darin gestellten Diagnosen und
Therapien sowie den Lebensbedingungen in Rumänien (vgl. angefochtene
Verfügung, S. 4-7) und dem im Schreiben vom 7. Mai 2021 gestellten Er-
suchen, er sei zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts umfas-
send psychiatrisch/psychologisch zu behandeln (vgl. angefochtene Verfü-
gung, S. 6), hinreichend auseinandergesetzt. Zur gesundheitlichen Situa-
tion führte das SEM an, aufgrund der medizinischen Unterlagen und der
vom Beschwerdeführer geschilderten gesundheitlichen Beeinträchtigun-
gen könne zuverlässig festgestellt werden, dass die hohe Schwelle für eine
drohende Verletzung von Art. 3 EMRK nicht überschritten werde und sich
der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers bei einer Rückkehr in den
für ihn zuständigen Dublin-Staat drastisch verschlechtern würde. Diese Be-
urteilung ist vorliegend nicht zu beanstanden, weshalb aus diesem Vorge-
hen der Vorinstanz keine unrichtige oder unvollständige Feststellung des
Sachverhalts zu erkennen ist. Soweit der Beschwerdeführer moniert, das
SEM habe sowohl die Situation in Rumänien als auch seine Situation nicht
gewürdigt, beschlägt dies die rechtliche Würdigung des Sachverhalts. Im
Übrigen liegt im Vorgehen der Vorinstanz auch keine Verletzung der Be-
gründungspflicht, zumal nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit
allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne
Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1 m.w.H.).
Ausserdem zeigt die vorliegende Beschwerde, dass eine sachgerechte An-
fechtung möglich war.
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Seite 7
3.4 Es besteht folglich kein Anlass, die Sache zwecks weiterer Abklärun-
gen und neuerlicher Prüfung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Der Rück-
weisungsantrag ist daher abzuweisen.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III mehr statt (vgl. zum
Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Von Wiederaufnahmeverfahren ausgeschlossen sind unbegleitete Minder-
jährige (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien 2014, K16
zu Artikel 8). Im Falle von unbegleiteten Minderjährigen ohne familiäre An-
knüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem der Minderjährige seinen An-
trag gestellt hat.
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Art. 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
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zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht ist zwingend auszuüben, wenn die Durchsetzung einer
Zuständigkeit gemäss Dublin-III-VO eine Verletzung der EMRK bedeuten
würde (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, a.a.O., K2 zu Artikel 17). Das Selbstein-
trittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und das SEM
kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humanitären Grün-
den" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer
Staat zuständig wäre.
5.
5.1 Angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer vor seiner Asylgesuch-
stellung in der Schweiz in Rumänien ein Asylgesuch eingereicht hatte und
die rumänischen Behörden dem Ersuchen um Wiederaufnahme des Be-
schwerdeführers am (...) ausdrücklich zustimmten, ist die Zuständigkeit
Rumäniens grundsätzlich gegeben.
5.2
5.2.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist sodann zu prüfen, ob es
wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die
Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Rumänien systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 EU-Grundrechtecharta
mit sich bringen würden.
5.2.2 Rumänien ist Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie des Zusatzpro-
tokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301), der EMRK und des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
SR 0.105) ist und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat aner-
kenne und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richt-
linien des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom
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26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aber-
kennung des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) ergeben.
5.2.3 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz und der aktuellen Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts weist das Asylverfahren in Rumä-
nien keine systemischen Schwachstellen auf (vgl. statt vieler Urteil BVGer
F-2677/2021 vom 14. Juni 2021 E. 5.2 m.w.H.). Mit dem Hinweis, generell
könne in Rumänien eine starke Zunahme von Gewalt gegenüber Asylsu-
chenden in Rumänien und sogenannten Push-Backs festgestellt werden,
wie verschiedene Berichte belegten, sowie die Lebensbedingungen für
Asylsuchenden seien schwierig und unmenschlich, vermag der Beschwer-
deführer diesen Schluss nicht in Frage zu stellen. Eine Anwendung von
Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt nicht in Betracht.
5.3
5.3.1 Es besteht vorliegend auch kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Droht ein Verstoss gegen über-
geordnetes Recht, namentlich gegen eine Norm des Völkerrechts, so be-
steht ein einklagbarer Anspruch auf Ausübung des Selbsteintrittsrechts
(vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2). Die Schweiz ist demnach zum Selbsteintritt
verpflichtet, wenn andernfalls eine Verletzung des Non-Refoulement-Ge-
bots nach Art. 33 FK, von Art. 3 EMRK, Art. 7 des Internationalen Paktes
über bürgerliche und politische Rechte (UNO-Pakt II, SR 0.103.2) oder
Art. 3 FoK droht.
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass der Dublin-Mitgliedstaat, in den
eine Überstellung erfolgen soll, bei der Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens die aus dem Völkerrecht fliessenden Verpflichtungen
respektiert. Diese Vermutung kann im Einzelfall widerlegt werden. Die be-
schwerdeführende Person muss jedoch konkret darlegen, dass eine aktu-
elle und ernsthafte Gefahr einer Verletzung einer direkt anwendbaren
Norm des Völkerrechts droht, wobei es genügt, wenn eine solche Gefahr
glaubhaft gemacht wird (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f. und Urteil BVGer
D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1).
5.3.2 Der Beschwerdeführer wendet auf Beschwerdeebene ein, er sei in
Rumänien von der Polizei verprügelt worden, weil er darauf bestanden
habe, wegen seines schmerzenden (Nennung Körperteil) zu einem Arzt
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Seite 10
gebracht zu werden. Damit vermag er nicht darzutun, mit einer Überstel-
lung nach Rumänien verletze die Schweiz in seinem Fall völkerrechtliche
Verpflichtungen oder Rumänien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Auf-
nahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten.
Er kann sich gegebenenfalls in Rumänien künftig an die zuständigen Be-
hörden, an eine Rechtsvertretung oder eine Ombudsstelle wenden, die ihn
entsprechend beraten respektive ihm Schutz gewähren werden. Die Ver-
mutung, Rumänien respektiere seine völkerrechtlichen Verpflichtungen,
konnte somit nicht umgestossen werden.
5.4 Der Beschwerdeführer vermag in der Rechtsmitteleingabe ferner kein
konkretes und ernsthaftes Risiko aufzuzeigen, dass sich die rumänischen
Behörden weigern würden, ihn wiederaufzunehmen und seinen Antrag auf
internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie
zu prüfen. Den Akten sind auch keine Gründe für die Annahme zu entneh-
men, Rumänien werde in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement
missachten und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib,
sein Leben oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG
gefährdet ist oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein sol-
ches Land gezwungen zu werden. Ausserdem vermag er nicht darzulegen,
dass die ihn bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Rumänien
derart schlecht seien, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-
Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten.
5.5 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Der Vollständigkeit halber ist
festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht ein-
räumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3).
5.6 Es bleibt zu prüfen, ob eine Verletzung der Souveränitätsklausel vor-
liegt.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV1 über einen
Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Aufgrund der Kognitions-
beschränkung gemäss Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG überprüft das Gericht
den vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV1
nicht auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung
im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich kor-
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Seite 11
rekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung ge-
tragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1
Bst. a und b AsylG).
Es ist nicht ersichtlich, dass das SEM die spezifischen Umstände des Ein-
zelfalls nicht genügend berücksichtigt hätte. Ein Ermessensmissbrauch
liegt demnach nicht vor.
5.7 Somit bleibt Rumänien der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Rumä-
nien ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, Art. 24, Art. 25 und
Art. 29 Dublin-III-VO wiederaufzunehmen.
6.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Der
Subeventualantrag um Einholung individueller Zusicherungen der rumäni-
schen Behörden bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren sowie ange-
messener Unterbringung, Ernährung, Zugang zur medizinischen Grund-
versorgung sowie des Unterbleibens einer Kettenabschiebung in die
G._ ist abzuweisen.
Da der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Rumänien in
Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32
Bst. a AsylV 1). Unter diesen Umständen sind allfällige Vollzugshinder-
nisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen,
da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl.
BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
8.
8.1 Der am 17. August Juli 2021 verfügte Vollzugsstopp fällt mit dem vor-
liegenden Urteil dahin.
D-3656/2021
Seite 12
8.2 Mit dem Entscheid in der Hauptsache sind die Gesuche um Erteilung
der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses gegenstandslos geworden.
9.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu-
weisen, da die Beschwerde gemäss den vorstehenden Erwägungen als
aussichtslos zu bezeichnen war und es damit, unbesehen der finanziellen
Verhältnisse des Beschwerdeführers, an einer gesetzlichen Voraussetzung
gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG fehlt. Bei diesem Ausgang des Verfahrens
sind die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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