Decision ID: 7734368c-26c3-4f8b-984f-c529cd2accb9
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 19
61
,
gelernte Hotelfachassistentin mit Handelsdiplom (vgl.
Urk.
10/M32 S. 1),
war
seit dem
1
8.
Juni
2007
als Sachbearbeiterin
bei der
Y._
angestellt (
wobei ihr per
2.
Juli
2007 gekündigt wurde, vgl. Urk.
10/A1;
Urk.
10/A18).
Am 2
9.
Juni 2007 wurde sie Opfer eines Gewaltdelikts (vgl. Unfallmeldung vom 1
6.
Juli 2007,
Urk.
10/A1). Die erstbehandelnden Ärzte des
Universitätsspitals
Z._
diagnostizierten eine Schädelkontusion mit Brillenhämatom und
Bulbusruptur
rechts, Pneumothorax rechts, Fraktur Costa 8-10 lateral rechts, 9-12
posterior
rechts, Fraktur diverse
Costae
links teilweise, Fraktur Processus
transversi
LWK 1 + 2 rechts sowie
Nierenlaceration
links mit Hämatom
perirenal
(
Urk.
10/M1).
Die AXA erbrachte die gesetzlichen Leistungen.
Mit
Verfügung v
om 1
5.
Juli 2010 (
Urk.
10/A149) stellte die AXA die
Taggeldleis
tungen per 3
0.
Juni 2010
ein
,
setzte die
Übernahme der Heilbehandlung (psycho
logische Therapie
und Bewegungstherapie) bis 3
0.
Juni
2012
fest
und
sprach der Beschwerdeführerin bei eine
m
Invaliditätsgrad von 58 % eine monatliche Invali
denrente von
Fr.
3'569.--
ab
1.
Juli 2010 sowie einen physischen
Integritätsscha
d
en von 35
% (Kapital von
Fr.
37'380.--) zu. Eine
Prüfung
der Rente sowie
des psychischen Integritätsschadens
stellte sie
per
1.
Juli 2012
in Aussicht.
1.2
Mit Schreiben
vom
7.
September 2010
meldete die Versicherte der AXA einen Rückfall
(
Urk.
10/A155)
.
Nach mehreren kurzen Aufenthalten in der
Klinik
A._
(
vgl.
Urk.
10/M30
) sowie in der
p
sychiatrischen
K
linik
B._
(
vgl.
Urk.
10/M32
) erfolgte vom
3
1.
August 2010
bis Mai 2011 eine
Hospitalisation
in der Klinik
C._
(
Urk.
10/M28).
Die Kausalität eines er
neuten Klinikaufenthaltes wurde von der A
XA als gegeben betrachtet (Urk.
10/A182).
Im Mai 2011 nahm die Versicherte die Arbeit wieder auf (vgl.
Urk.
10/A187,
Urk.
10/A192).
Die IV-Stelle sprach der Versicherten mit Verfügung vo
m
4.
Januar 2012 (Urk.
10/A200) ab
1.
Februar 2011 eine ganze Rente
und
ab
1.
August 2011 eine halbe Rente zu.
1.3
Nach weiteren Klinikaufenthalten ab Juli 2013 (vgl.
Urk.
10/M64) meldete
die Versicherte der AXA
mit Eingabe vom
1.
Dezember 2014
erneut einen Rückfall (Verschlechterung Gesundheitszustand, Freistellung von der Arbeitsstelle seit Juni
2014;
Urk.
10/A251).
Die AXA erbrachte Taggeldleistungen basierend auf einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % (vgl.
Urk.
2
S. 3
unten
).
Die IV-Stelle
erhöhte die halbe Rente mit
Verfügung vom 2
5.
No
vember 2015 (
Urk.
3/8) per September 2014
auf
eine
ganze Rente (100%ige Erwerbsunfähigkeit ab Juni 2014)
.
Mit
Verfügung v
om 2
1.
Juli 2016 (
Urk.
10/A312) stellte die AXA
die
Taggeldleis
tungen per 3
0.
Juni 2015
ein
(bei weiterem Anspruch auf
eine
Invalidenr
ente bei
einem
IV-
Grad von 58
%) und hielt fest, dass
kein weiterer An
spru
ch auf
eine
Integritätsentschädigung und ab
1.
Juli 2015
keine Übernahme von Heilbehand
lungen mehr
bestehe
(Ausnahmen: Kunstauge, Zahnbehandlungen)
. Die dagegen erhobene
Einsprache vom 1
8.
August 2016 (
Urk.
10/A317)
wies die AXA mit
Ein
spracheentscheid
vom 1
4.
Juli 2017
ab (Urk. 10/A341 =
Urk.
2).
2.
A
m 1
2.
September 2017 (
Urk.
1) erhob die Versicherte Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid
vom 1
4.
Juli 2017 (
Urk.
2) und beantragte,
die laufende
UV
G
-Rente
sei ab Juli 2014
von 58
% auf 100
%
zu erhöhen
und bis dahin
sei
ein
volle
s Taggeld auszurichten. Des Weiteren
sei die
Integritätsentschädigung um weitere 65
%
zu erhöhen
und
die Heilungskosten
seien
ab
1.
Juli 2015 wei
terhin auszurichten (S. 1
Ziff.
1). E
ventuell
sei ein
Gerichtsgutac
hten anzuordnen (S. 1
Ziff.
2).
Mit
Beschwerdeantwort
vom 2
7.
November 2017 (Urk.
9) ersuchte die Beschwerdegegnerin um
Abweisung der Beschwerde
.
Mit Verfügung vom 1
6.
Februar 2018 (
Urk.
12) zog das hiesige Gericht ein seitens der Pensionskasse veranlasstes Gutachten (
Urk.
14)
bei
. Mit Replik vom 1
4.
Juni 2018 (
Urk.
19) hielt die Beschwerde
führerin an ihren Anträgen fest und legte ihre Teilnahme an Gerichtsverhandlungen gegen den Täter dar (vgl. auch
Urk.
20). Mit Duplik vom 2
4.
August 2018 (
Urk.
27) ersuchte die Beschwerdegegnerin er
neut um Abweisung der Beschwerde.
Nach Durchführung der notwendigen Verfahrensschritte (
Urk.
29
-
3
6; Urk.
40
)
und
dem
Beizug
von Akten der
Klinik D._
(
Urk.
37-38;
Urk.
41;
Urk.
42/1; Urk.
44;
Urk.
47-48) -
beauftragte das hiesige Gericht mit
Beschluss
vom
2.
Mai 2019
Dr.
med.
E._
mit der Begutachtung der Beschwerdeführerin (
Urk.
49
).
Dr.
E._
erstattete d
as
psychiatrische
Gutachten am
9.
August 2019
(
Urk.
54
). Dazu nahm
en
die
Beschwerdeführerin am
2
4.
September 2019
(
Urk.
59) und
die
Beschwerdegegnerin am
2
5.
November 2019 (
Urk.
62)
Stellung. Diese Eingaben wurden der jeweiligen Gegenpartei am
2
8.
November 2019
zur Kenntnis gebracht (
Urk.
63
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 10 Abs. 1 des
Bundesgesetz
es
über die Unfallversicherung (UVG)
hat die versicherte Person Anspruch auf die zweckmässige Behandlung ihrer Unfall
folgen. Ist sie infolge des Unfalles voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art. 6 des
Bundesgesetz
es
über den Allgemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts, ATSG), so steht ihr gemäss Art. 16 Abs. 1 UVG ein Taggeld zu. Wird sie infolge des Un
falles zu mindestens 10 % invalid (Art. 8 ATSG), so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Der Rentenanspruch entsteht, wenn von der Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesund
heitszustandes erwartet werden kann und allfällige Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (IV) abgeschlossen sind. Mit dem Rentenbeginn fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin (Art. 19 Abs. 1 UVG).
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der me
dizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (
Art.
16 ATSG; vgl. BGE 130 V 121).
1.2
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen
(E. 7.2; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.1). Diese Abklärungen enden laut Bundesgericht stets mit der Rechtsfrage, ob und in welchem Umfang die ärztlichen Feststellun
gen anhand der nach BGE 141 V 281 rechtserheblichen Indikatoren auf Arbeits
unfähigkeit schliessen lassen (BGE 143 V 418 E. 7.1; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
Gemäss der Rechtsprechung kommt das strukturierte Beweisverfahren nach den Vorgaben von BGE 141 V 281 auch im Bereich des UVG sinngemäss zur Anwen
dung, wenn zwischen dem Unfall und den psychischen Beschwerden ein natürli
cher und adäquater Kausalzusammenhang besteht (Urteile des Bundesgerichts 8C_181/2019 vom
2.
Mai 2019 E. 5.2 und 8C_261/2019 vom
8.
Juli 2019 E. 4.3.1; BGE 141 V 574)
.
1.3
Anlass zur Revision einer Invalidenrente im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente (zum massgeblichen Vergleichszeitpunkt vgl. BGE 133 V 108 E. 5.4), die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beein
flussen. Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesund
heitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich gebliebenem Ge
sundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs- oder Aufgabenbe
reich von Bedeutung; dazu gehört die Verbesserung der Arbeitsfähigkeit aufgrund einer Angewöhnung oder Anpassung an die Behinderung. Hingegen ist die ledig
lich unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen gleich gebliebenen Sach
verhalts im revisionsrechtlichen Kontext unbeachtlich (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in rechtli
cher und tatsächlicher Hinsicht umfassend («allseitig») zu prüfen, wobei keine Bindung an frühere Beurteilungen besteht (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen und E. 6.1). Entsprechend ist gegebenenfalls nicht nur der natürliche Kausalzu
sammenhang, sondern auch dessen Adäquanz für die Zukunft neu zu prüfen, wobei die im Zeitpunkt der erwogenen revisionsweisen Leistungsanpassung ge
gebenen tatsächlichen Verhältnisse massgebend sind (Urteil des Bundesgerichts 8C_248/2017 vom 24. Mai 2018 E. 3.3 mit Hinweisen).
Zeitlicher Ausgangspunkt für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Ände
rung des Invaliditätsgrades ist die letzte rechtskräftige Verfügung, welche auf einer
materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachver
haltsabklärung, Beweiswürdigung und – sofern Anhaltspunkte für eine Verände
rung der erwerblichen Auswirkungen einer Gesundheitsschädigung bestehen – Durchführung eines Einkommensvergleichs beruht (BGE 134 V 131 E. 3, 133 V 108 E. 5.3.1 und E. 5.4).
1.
4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Strittig und zu prüfen ist eine z
usätzliche Leistungspflicht der Beschwerdegegne
rin (höhere R
ente, höhere Integritätsentschädigung, Taggelder, Hei
lungskosten) aus dem Ereignis
vom
2
9.
Juni
200
7.
2.2
Die Beschwerdegegnerin stützte sich im angefochtenen
Einspracheentscheid
(Urk.
2)
auf die Beurteilung ihres Vertrauensarztes.
Sie hielt fest,
dass die Tag
geldleistungen per
1.
Juli 2015 eingestellt worden seien, da
die Erhöhung der Arbeitsunfähigkeit von bisher 50
% auf 100
%
spätestens ab
diesem Zeitpunkt
nicht mehr unfa
llkausal gewesen
sei
(
Urk.
2 S. 3 unten
). Die Beschwerdeführerin habe sich bereits vor dem Ereignis vom
2
9.
Juni
2007 zweimal (1994 und 2006) stationären Alkoholentwöhnungsbehandlungen unterziehen müssen
(S.
4 oben)
.
Das Ereignis vom 2
9.
Juni
2007 habe zu einer vorübergehenden Verschlimme
rung geführt. Rein unfallbedingt bestehe keine Behandlungsbedürftigkeit mehr. Aus psychia
trischer Sicht bestehe keine zu
sätzliche Integritätseinbusse zur bereits entschädigten Ein
busse von 35
%
(S. 4 Mitte)
.
Der letzte Bericht der
Klinik
F._
vom 2
3.
Februar
2016 gehe aktenkundig von div
ersen falschen tatsächlichen An
nahmen aus
. So sei die Beschwerdeführerin aktenkundig schon über ein Jahr vor dem Ereignis nicht mehr arbeitsfähig
gewesen und schon seit dem
7.
März
2006 (bis
2.
November
2006)
zwecks Alkoholentwöhnung
in stationärer Behandlung in der
Klinik
D._
(
Urk.
2 S. 10
oben
). Es sei da
von auszugehen, dass die Be
schwerdeführerin die Traumatisierung durch den Übergriff als Ursache nur noch vorschiebe, um sich nicht mit ihrem wirk
lichen
, vorbestehenden, Alkohol
miss
brauchsproblem auseinandersetzen zu müssen (
Urk.
2 S. 11 oben).
Eine bleib
ende, auf das Ereignis
vom 2
9.
Juni
2007 zurückzuführende Verschlechterung des psy
chischen Gesundheitszustandes sei seit Juni 2014 aufgrund der Aktenlage weder ausgewiesen noch erklärbar (S. 12 o
ben).
Im Rahmen der
Beschwerdeantwort (
Urk.
9)
hielt die Beschwerdegegnerin unter anderem fest, dass
i
nfolge der spätestens ab
1.
Juli 2015 weggefallenen Unfa
ll
kausalität der psychischen Be
schwerden inklusive
Alkoholmissbrauch, die Frage, ob eine d
auerhafte erhebliche Ver
schlechterung des psychischen Vorzustandes vorliege, offengelassen werden
könne
(S. 4
Mitte
). Die Beurteilung
durch den Vertrauensarzt
erweise sich als umfassend, sch
lüssig und nachvollziehbar, wes
halb
darauf abzustellen sei (S.
8.
unten
).
In der
Duplik (
Urk.
27)
führte die Beschwerdegegnerin aus, dass
eine lebenslange Auswirkung d
er Traumatisierung durch das Ereignis vom 2
9.
Juni 2007 gerade nicht erwiesen sei (S. 6 oben).
Es bestehe keine in den medizinischen Akten aus
gewiesene, unfallkausale Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Be
schwerdeführerin (S. 10 unten).
Mit Stellungnahme vom 2
8.
März 2019 (
Urk.
46) hielt die Beschwerdegegnerin fest, dass einzig strittig sei, ob per Juli 2015 ein Rentenrevisionsgrund bestanden habe (S. 1 Mitte).
Mit Stellungnahme zum G
erichtsg
utachten (
Urk.
62) machte die Beschwerdegeg
nerin geltend, dass das Gerichtsgutachten als Revisionsgutachten nicht beweis
tauglich sei (S. 1 Mitte). Es könne nicht nur auf die aktuelle Situation abgestellt werden, sondern müsse eine eingehende Auseinandersetzung mit den Abklärun
gen im Zeitpunkt der erstmaligen Rentengewährung (hier: 2010) stattfinden, da einzig massgebend sei, ob seither eine erhebliche Veränderung eingetreten sei
(S. 1 unten).
Das Gutachten habe sich mit dem Gesundheitszustand der
Be
-
schwerde
führerin
im Jahr 2010 überhaupt nicht detailliert auseinandergesetzt, weshalb es an einer für die Beurteilung zwingend erforderlichen Vergleichsbasis fehle (S. 2 Mitte).
Die Diagnosen der rezidivierenden depressiven Störung sowie der Alko
holabhängigkeit hätten ausweislich der medizinischen Akten bereits vor dem Er
eignis vom 2
9.
Juni 2007 bestanden (S. 3 oben und S. 4 Mitte).
Seit Herbst 2015
habe die Beschwerdeführerin nicht mehr
wegen Alkoholintoxikation
hospitali
siert werden müssen (S. 3 unten) und a
us dem Gutachten ergebe sich in vielerlei Hinsicht eine Verbesserung des Gesundheitszustandes (
strukturierter Tagesablauf mit Walking, Betreuung der
Mutter, Ferien in Mallorca etc
.
, S. 3 f., S. 8 Mitte
).
Sie nehme seit längerem keine engmaschige psychologische
Behandlung
mehr in Anspruch und benötige
seit
drei
Jahren keine Antidepressiva
mehr
(S. 9 f.).
I
m Gutachten
sei
keine
Verschlechterung
des Gesundheitszustandes
nachgewiesen worden
, womit kein Revisionsgrund nach
Art.
17 ATSG bestehe
(
S.
6 Mitte
;
S. 11 unten
).
Das Gutachten setze sich nicht mit der Frage auseinander
, weshalb heute -
im Unterschied zum Jahr
2010 –
eine
50%ige
Arbeitstätigkeit nicht mehr mög
lich und zumutbar sein solle.
Es handle sich lediglich um eine unterschiedliche Beurteilung des Sachverhalt
e
s (S. 6 unten
).
Heute
liege keine oder
höchstens noch
eine
leichte psychische Störung
vor
,
welche
kei
nen Anspruch auf eine weitere Integritätsentschädigung ergebe
(S. 11 Mitte, S. 12 oben).
2.3
Die Beschwerdeführerin machte in ihrer Beschwerde (
Urk.
1) geltend,
dass die Beschwerdegegnerin m
it der fortgesetzten Weigerung, sich gestützt auf die - bei
zuziehenden - Strafakten des genaueren Umfangs des erlittenen dreitägigen Trau
mas zu vergewissern, das rechtliche Gehör und die Beweiswürdigungspflicht
ver
letze
(
Urk.
1 S. 10 unten). Die Begründung der Beschwerdegegnerin, den Vorzu
stand für die Verschlechterung verantwortlich zu machen, greife nicht. Früher habe sie sich Trost «angetrunken», seit dem Gewaltereignis erfolge der übermäs
sige Alkoholkonsum im Zustand der dissoziativen
Fugue
(S. 12 unten). In Anbe
tracht des tagelangen Martyriums sei die gesundheitliche Beeinträchtigung im Sinne einer schweren chronischen, posttraumatischen Belastungsstörung mehr als nur nachvollziehbar (S. 14 Mitte). Die wiederholten Alkoholabstürze oder viel
mehr die zunehmenden Auswirkungen der posttraumatischen Belastungsstörun
gen mit den dissoziativen Zuständen im Jahr 2014 und nachfolgend würden auch mit der wiederholten Traumatisierung durch die jeweiligen Prozessverfahren zu
sammenhängen, mit welchen der Täter bis heute versuche, die Massnahme der Verwahrung aufheben zu lassen (S. 15
oben
).
D
ie
Beschwerdeführerin
habe an sämtlichen Gerichtsverhandlungen gegen den Täter, zuletzt 2016, teilgenommen (S. 16 oben).
Zusammenfassend sei der Beschwerdegegnerin vorzuhalten, dass sie sich zu Unrecht auf ein Aktenurteil ihres Vertrauenspsychiaters stütze, obwohl seine Beurteilung in keiner Weise allen rechtsprechungsgemässen Kriterien für eine beweistaugl
iche medizinische Entscheidungs
grundlage genüge
(S. 21 oben)
.
Im Rahmen der
Replik (
Urk.
19)
führte
die Beschwerde
führ
erin
aus
,
dass die Di
agnose «Alkoholabhängigkeitssyndrom vom Intoxikationstyp» so nicht stimme, weil es sich um einen sekundären Alkoholmissbrauch gehandelt habe (S. 7 Mitte).
Mit Stellungnahme zum Gerichtsgutachten
(
Urk.
59)
hielt
die Beschwerdeführerin
fest, dass -
mit Ausnahme der
Ausführungen zum «gesamthaften» Integritätsscha
den
– auf dieses abgestellt werden könne
(S. 2). Der psychische
Integritätsschaden von 65
%
sei
zu
m bisherigen von 35
%
zu addieren
(S. 2 f.)
.
3.
3.1
Betreffend
den Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
vor dem Ereignis vom 2
9.
Juni 20
07 liegen folgende Berichte vor:
3.2
Dr.
med.
G._
,
Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie,
nannte im Bericht vom 3
0.
Mai 2017 betreffend die Zusammenfassung der Psychotherapie vom
9.
Dezember 2005 bis 2
9.
April 2006 (
Urk.
10/M79) folgende Diagnosen:
-
Al
koholabhängigkeitssyndrom vom Intoxikationstyp (F10.24)
-
rezidivierende depressive Stö
rung, gegenwärtig
leichte Episode
-
Nik
otinabhängigkeit
Dr.
G._
führte aus,
die Abhän
gigkeitsproblematik habe die Be
schwerd
eführe
rin seit 1994 beschäftigt.
Damals habe eine stationäre Behandlung stattgefunden. Nach 11-jähriger Alkoholabstinenzphase habe sie erneut mit einem kontrollierten Konsumverhalten begonnen.
3.3
Vom 2
9.
Mai bis
2.
November 2006 war die Beschwerdeführerin in der
Kli
nik
D._
hospitalisiert. Im Bericht der Ärzte der
Klinik
D._
vom 1
0.
Januar 2007 (
Urk.
48) wurden folgende Diagnosen genannt (S. 1 Mitte):
-
Alkoholabhängigkeit vom Typ des Intoxikationstrinkens, gegenwärtig un
ter beschützenden Bedingungen abstinent
-
Nikotinabhängigkeitssyndrom
-
Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion, zurzeit teilweise remittiert
Die Ärzte der
D._
führten aus, dass es 1994 im Zusammenhang mit Be
ziehungsschwierigkeiten, ungewollten Schwangerschaften mit Abbrüchen und der Beendigung einer Partnerschaft zu massiv gesteigertem Alkoholkonsum und einer ersten Entgiftung in der Klinik
A._
und einer Anschlussbehandlung in der
Klinik
D._
gekommen sei.
Die Trinkphasen hätten damals mehrere Tage ge
dauert und sie habe bis zu drei Liter Wein und Schnaps getrunken.
Von Oktober 1994 bis Oktober 2004 habe sie keinen Alkohol mehr konsumiert
. In Zusammen
hang mit einer hohen Arbeitsbelastung und einer schwierigen Teamkonstellation habe sie mit Schlafstörungen reagiert. Im Oktober 2004 habe sie erstmals wieder Weisswein konsumiert. Nach etwa einem Jahr sei es zu einer sukzessiven Steige
rung des Konsums gekommen. Im Dezember 2005 habe sie bis zu zwei Liter Wein getrunken. Im März 2006 habe sie eine 14-tägige Entgiftung im Spital
H._
gemacht
(S. 2 Mitte).
Nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz habe sie schnell wieder zu Alkohol
gegriffen, weil sie den Druck nicht ausgehalten habe. Vor dem freiwilligen Eintritt in die psychiatrische Klinik
A._
(1
8.
- 2
9.
Mai 2006) habe sie während 14 Tagen bis zum Rausch getrunken. Alkohol habe sie zum Entspannen, Abschalten und zum Schlafen eingesetzt. Der regelmässige Alkohol
konsum habe die depressive Stimmungslage verstärkt und sie habe sich fast voll
ständig von ihrem Umfeld abgeschottet (S. 2 unten).
In der Klinik habe sie sich mit einem Mitpatienten befreundet, mit dem sie vor allem die Freizeit und die sportlichen Aktivitäten geteilt habe (S. 3 Mitte).
3.4
Aus der «Meldung an den Vertrauensarzt der Krankenversicherung betreffend der Kostenübernahme von Psychotherapie» vom 1
4.
März 2007 (
Dr.
med.
I._
,
Fachärztin für
Psychiatrie und
Psychotherapie;
Urk.
10/M78)
ergeben sich folgende
Diagnosen
:
-
F43.21 (längere depressive Reaktion)
-
F1
0.23 (Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig
abstinent)
Als Beschwerden und Symptome wurden eine deprimierte Grundstimmung, ein sozialer
Rückzug, Zukunftsa
ngst, Mangel an Selbstvertrauen sowie
Scham- und Schuldgefühle
genannt
. Nach
einer
grosse
n
Liebesenttäuschung mit 30
Jahren
seien
erstmals Alkoholprobleme
aufgetreten
. Die Beschwerdeführerin habe sich 1994 in der
Klinik
D._
aufgehalten
, danach
sei sie
10 Jahre
lang
abstinent
ge
wesen
.
Sie
habe
voll auf Weiterbildung im Beruf
gesetzt
, kein Privatleben gehabt
.
Zurzeit
sei
d
ie
Beschwerdeführerin
arbeitslos, wohne
in
der
Dachwohn
ung im Elternhaus
,
und es bestehe ein
zaghafter Beziehungsversuch zu einem Mann.
Ziel der Behandlung seien ein Aufhellen der depressiven Grundstimmung, eine Ver
besserung von Selbstwertgefühl, Beziehungsfähigkeit und sozialen Komponenten sowie eine bessere Abgrenzung von den Eltern und im Arbeitsbereich.
4.
4.1
Der partiellen
Leistungszusprache
vom 1
5.
Juli 2010 lagen folgende Akten zu
grunde
:
4.2
Die Ärzte des
Z._
berichteten am 1
3.
Juli
2007 (
Urk.
10/M1)
über die
Hospitali
sation
der Beschwerdeführerin vom
4.
bis 1
6.
Juli 200
7.
Sie nannten die folgen
den
Diagnosen
(S. 1 Mitte):
-
Schädelkontusion mit Brillenhämatom und
Bulbusruptur
rechts
-
Pneumothorax rechts
-
Fraktur Costa 8-10 lateral rechts, 9-12
posterior
rechts
-
Fraktur diverse
Costae
links teilweise
-
Fraktur Processus
transversi
LWK 1 + 2 rechts
-
Nierenlaceration
links mit Hämatom
perirenal
Die
Ärzte gaben an, dass die
Beschwerdeführerin
von ihrem Lebe
nspartner in der Nacht
vom 29./
3
0.
Juni 2007 verprügelt und bis zum
4.
Juli
2007 von ihm fest
gehalten worden
sei
. Sie habe sich mit multiplen Hämatomen am Körper und massivem
Monokelhämatom
vorgestellt
(S. 1 Mitte)
.
4.3
Die Ärzte der
Klinik
J._
diagnostizierten im Bericht vom
4.
Oktober 2007 (Urk.
10/M3)
eine
akute Belastungsreaktion (F43.0)
sowie ein
Alkoholabhängig
keitssyndrom (F10.2)
. Die Beschwerdeführerin sei am 2
1.
August 2007 in die Kli
nik
J._
eingetreten, nach einer Überweisung durch die Klinik
K._
. Seit dem massiven körperlichen Angriff durch den Ex-Partner sei sie einer schwer kontrollierbaren Gedankenüberflutung ausgesetzt (S. 1 Mitte).
4.4
Die Ärzte des
Psyc
hiatriez
entrum
s
K._
diagnostizierten im Bericht
vom 3.
Juni
2008 (
Urk.
1
0/M12) eine
posttrau
matische
Belastungsstörung
(S. 1 Mitte).
4.5
Die Ärzte der
p
sychiatrische
n
Kl
inik
B._
nannten im Bericht
v
om 2
0.
März
2009 (
Urk.
10/M15)
zuhanden der Beschwerdegegnerin folgende
Diagnosen
(S. 1 Mitte):
-
posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
mit/
bei
-
Status nach
posttraumatischer
Anophtalmie
rechts (2007)
-
leichte depressive Episode ohne somatisches Syndrom (F32)
-
Alkoholabhängigkeitssyndrom, episodischer Gebrauch (F10.21)
Sie führten aus, die Beschwerdeführerin befinde sich seit dem 2
7.
September 2008 bis auf Weiteres in teilsta
tionärer Behandlung in der K
linik
L._
. Ihr
Zustand habe sich weiterhin stabilisieren können. Der Beschwerdeführerin
sei es gelungen, eine Stelle in der Dermatologischen Klinik des
Z._
mit einem Pensum von 50 % zu finden.
Aktuell bestehe seit dem
1.
März 2009 eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
. Aus psychiatrischer Sicht sei eine weitere Steigerung der Arbeitsfähig
keit in den kommenden Monaten zu erwarten
(S. 1 unten).
4.6
Die Ärzte des
Ambulatorium
s
M._
nannten im Bericht
vom 1
8.
August 2009 (Urk.
10/M18)
folgende
Diagnosen
(S. 1 Mitte):
-
posttraumatische Belastungsstörung
-
rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig
leichte Episode
-
Störung durch Alkohol,
gegenwärtig
abstinent
Sie gaben an, die
Traumafolgen
hätten sich gebessert, seien aber immer noch permanent einschränkend (S. 1 unten).
Im Hinblick auf den bisherigen Krank
heitsverlauf sei die Prognose bei fortgesetztem Ansprechen auf die Behandlung
mittelfristig gut und eine weitere Symptomverbesserung wahrscheinlich.
Wieweit die Reintegration ins Arbeitsleben gelinge, sei aktuell noch nicht beurteilbar
(S. 2 unten).
4.7
Im
Bericht
des Ambulatoriums
M._
vom
9.
März
2010 (
Urk.
10/M2
2
)
wurden folgende
Diagnosen
genannt (S. 1 Mitte):
-
posttraumatische Belastungsstörung
-
rezidiv
ierende depressive Störung, gegenwärtig
mittelgradige Episode
-
Störung durch Alkohol, gegenwärtig
abstinent unter
Antabus
Die behandelnden Ärzte führten aus, e
ine seit Anfang 2010 zu beobachtende Verschlechterung des Zustandes gebe Anlass zur Sorge
, das bestehende Leiden könnte sich ohne baldige Veränderung der äusseren Umstände verschlimmern oder gar chronifizieren. Die Arbeitsfähigkeit drohe abzunehmen, die grosse Dis
ziplin und Eigeninitiative der Beschwerdeführerin weiche zunehmender Antriebs
losigkeit und Erschöpfung (S. 1 oben).
Die Anstellung in der Patientenadminist
ration sei suboptimal. Das verbleibende Auge werde überbeansprucht und sie werde unregelmässig, abwechselnd etliche ganze Tage hintereinander und stre
ckenweise wieder kaum eingesetzt (S. 1 f.). Auch sei ein 50%-Pensum ihrer An
sicht nach grenzwertig, was die Belastung angehe. Die Beschwerdeführerin be
wältige es offensichtlich nur auf Kosten ihrer Gesundheit (S. 2 oben). Eine Stei
gerung des Arbeitspensums sei zumindest für die nächsten zwei Jahre nicht zu erwarten, die Zusprechung einer Invalidenrente wäre zur Stab
ilisierung respek
tive zur Vermeidung einer Verschlechterung dringend angebracht (S. 2 unten).
4.8
Dr.
med.
N._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, beratender Arzt der Beschwerdegegnerin, führte
am 1
9.
Mai 2010
aus
,
die Beschwerdeführe
rin habe ein schweres psychisches Trauma erlitten und leide immer noch an Fol
gen davon. Gemäss
(Suva-)
Tabelle 19 könne ein
Integritäts
schaden erst fünf bis sechs Jahre nach dem Unfall beurteilt werden, weil das Kriterium der Dauerhaf
tigkeit der Beeinträchtigung früher kaum beurteilbar sei
(Urk. 10/M24).
5.
5.1
D
ie nach der Verfügung vom
1
5.
Juli 2010 ergangenen Berichte ergeben über den Gesundheitszustand der Be
schwerdeführerin folgendes Bild:
5.2
Die Ärzte der
K
linik
C._
hielten im Bericht
vom 25.
Ok
tober 2010 (
Urk.
10/M28) fest, dass die Beschwerdeführerin seit dem 31.
August 2010 in ihrer Klinik
hospitalisiert sei. Sie nannten
aus psychiatrischer Sicht
fol
gende
Diagnosen
(S. 1 unten):
-
posttraumatische Belastungsstörung
-
rezidiv
ierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
Die behandelnden Ärzte führten aus, Anlass für den Klinikaufenthalt sei eine zu
nehmende Destabilisierung seit etwa Dezember 2009 und eine erneute Exazerba
tion der posttraumatischen Symptomatik (S. 2 oben). Die posttraumatische Belas
tungsstörung zeige sich in mehrmals täglich vorkommenden Flashbacks und dis
soziativen Zuständen. Während dissoziativen Zuständen sei es auch zu Alkohol
konsum und dadurch zu weiterem Kontrollverlust gekommen (S. 3 unten).
Die depressive Symptomatik zeige sich in einer niedergeschlagenen, freudlosen Stim
mung, Interesseverlust, Konzentrationsstörungen, ständigem Gedankenkreisen und ausgeprägten Zukunftsängsten (S. 4 oben).
5.
3
Dr.
N._
führte mit Stellungnahme vom 1
9.
Januar 2011 (
Urk.
10/M33)
zuhan
den der Beschwerdegegnerin
aus,
z
usammenfassend könne festgestellt werden, dass das Alkoholabhängigkeitssyndrom im Vordergrund stehe und bereits viele Jahre vor der erlittenen Tätlichkeit schon bestanden und zu zwei stationären Ent
wöhnungsbehandlungen geführt habe
(S. 1 unten)
.
5.4
Im
Bericht
der
Klinik
C._
vom 2
1.
März
2011 (
Urk.
10/M34)
wurde ausgeführt, dass die Beschwerdeführerin trotz Besserungstendenzen noch unter posttraumatischen und depressiven Symptomen leide, welche ihre allgemeine und emotionale Belastbarkeit deutlich einschränken würden. Die Fortschritte seien noch nicht ausreichend stabilisiert, um die Behandlung in einem ambulanten Set
ting weiterzuführen. Die Gefahr eines Rückfalles sei zurzeit noch zu hoch (S.
6 Mitte).
5.
5
Vom
1
5.
Juli 2013
bis 2
7.
September 2013
war die Beschwerdegegnerin erneut in der
Klinik
C._
hospitalisiert
(vgl.
Urk.
10/M43 S. 2 Mitte)
. Aus dem Bericht
vom 3
1.
Juli
2013 (
Urk.
10/M37)
ergibt sich
,
dass eine neuerliche Kon
frontation mit dem Täter (Gerichtsverhandlung vom Mai 2013) sowie zusätzlich das Miterleben des Krebstodes der Tochter einer Freundin und die alltägliche Be
lastung durch die Unterstützungsleistungen an ihre Mutter zu einer psychischen Überlastung und Dekompensation mit Reaktivierung der PTBS-Symptome als Folge geführt
hätten
(S. 2 oben).
Die Beschwerdeführerin sei aktuell durch das Wiederauftreten der posttraumatischen Symptome mit starken Intrusionen und die zusätzlich bestehende depressive Symptomatik emotional sehr labil und ak
tuell nicht in der Lage, ihren Alltag angemessen zu bewältigen und insbesondere auch nicht ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen (S. 4 unten).
Zusätzlich zu den bekannten Diagnosen
wurde ein schädlicher Gebrauch von Alkohol genannt
(S. 1 unten).
5.6
Bereits am 1
0.
Oktober 2013 trat die Beschwerdeführerin erneut in die Klinik
C._
ein. Im Bericht vom 1
6.
Oktober 2013 (10/M43) wurden folgende psychiatrische
n
Diagnosen genannt (S. 1 unten):
-
posttraumatische Belastungsstörung
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome
-
sekundäre Alkoholabhängigkeit bei oben genannten psychischen Erkran
kungen
Die behandelnden Ärzte führten aus, die Anforderungen des Alltags hätten die Beschwerdeführerin noch zu stark überfordert und sehr rasch na
ch der letzten Entlassung berei
t
s
wieder zur erneuten Hospitalisierung geführt
. Die Situation zu Hause habe in kurzer Zeit zu einem psychophysischen Erschöpfungszustand mit grossen Ängsten und latenter Suizidalität aufgrund starker Selbstzweifel geführt
(S. 3 unten; vgl. auch Austrittsbericht vom 1
2.
Juni 2014 über die
Hospitalisati
onen
vom 1
0.
bis 1
9.
Oktober 2013 und vom 2
1.
Oktober 2013 bis 2.
März 2014,
Urk.
10/M55)
.
5.
7
Dr.
N._
hielt mit
St
ellungnahme vom 3
0.
Oktober
2013 (
Urk.
10/M45) fest,
d
er ern
eute Aufenthalt ab 1
0.
Oktober
2013 in der Klinik
C._
sei teilweise auf den erlittenen Unfall zurückzuführen (
S. 2
Ziff.
6).
5.
8
Die Ärzte des
Ambulatorium
s
M._
nannten im Bericht
vom
9.
Juli
2014 (
Urk.
10/M56)
folgende Diagnosen:
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode
-
Störung durch Alkohol
-
dissoziative Störung gemischt
Die Beschwerdeführerin habe im vergangenen Monat im Zusammenhang mit De
pressionssymptomen und Flashbacks wieder Alkoholrückfälle erlitten, die als Su
izidversuche zu bewerten und teilweise auch lebensbedrohlich ausgefallen seien (S. 1 f.). Es sei zu zwei Aufenthalten in der
B._
gekommen. Es scheine offensichtlich, dass die Folgen der sehr schweren Traumatisierung von 2007 noch nicht genügend verarbeitet seien (S. 2 oben).
5.
9
Mit
Stellungnahme v
om 1
3.
August
2014 (
Urk.
10/M60
) führte
Dr.
N._
aus, d
ie Schwierigkeit liege darin, dass bei der
Beschwerdeführerin
einerseits eine Alko
holkrankheit vorbestehe
nd gewesen sei
, d
ass sie aber ander
er
seits am 29.
Juni
2007
ein schweres Trauma in psychischer und somatischer Hinsicht erlitten habe. Wenn sie in irgendeiner Weise an das erlittene Trauma erinnert we
rde, bestehe regelmässig die Ge
fahr eines erneuten Abgleitens in den Alkoholmissbrauch
(S. 1 oben)
.
Am 1
3.
Juni
2014 sei es zu
eine
m Rückfall gekommen, weil die
Be
schwerdeführerin
vernommen habe, dass sie dem Täter vor Bundesgericht begeg
nen würde. Dieser Rückfall sei eindeutig eine Folge der
posttraumatischen Belas
tungsstörung
gewesen
(S. 1
Ziff.
2)
.
5.
1
0
Im
Bericht
der
Klinik
O._
vom
1
0.
November 2014 (
Urk.
10/M65
) wurden folgende
Diagnosen
genannt (S.
1 Mitte
)
:
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome (F33.2)
-
Störung durch Alkohol, schädlicher Gebrauch (F10.1), sekundärer Alko
holmissbrauch im Sinne einer Selbstmedikation
-
dissoziative Störungen gemischt (F44.7)
-
Opfer von Gewalt und Verbrechen (
Z65.4 und
T74.2)
-
psychische Belastung im Rahmen der Urteilsüberprüfung des Täters (Z73.3)
Bei der Beschwerdeführerin liege ein komplexes und komorbides Störungsbild vor (S. 6 Mitte). Aktuell bestehe eine stark verminderte Leistungsfähigkeit auf
grund psychophysischer Beeinträchtigung durch die Depression und akute Belas
tungsreaktion. Die Beschwerdeführerin sei derzeit im offenen Therapiesetting so
wohl emotional, kognitiv als auch bezüglich ihrer
Mentalisierungsfähigkeit
über
fordert. Im Verlauf der kurzen Behandlungsdauer habe sich eine deutliche Baga
tellisierung bis hin zur Verleugnung der schweren Alkoholproblematik gezeigt
(S. 6 unten).
5.11
Die Ärzte des Ambulatoriums
M._
führten im Bericht vom 1
8.
November 2014 (Urk. 10/M64) aus, dass die Beschwerdeführerin trotz ambu
lant und stationär erfolgter Teilbearbeitung der Traumatisierung nach stabilen Phasen immer wieder schwere depressive Episoden und Alkoholrückfälle mit su
izidalem Hintergrund erlitten habe. In der Folge seien weitere stationäre Aufent
halte nötig geworden und sie sei im Juni 2014 beruflich freigestellt worden. Es sei davon auszugehen, dass sie vorläufig auch weiterhin nicht in der Lage sein werde, einer Arbeit in ungeschütztem Rahmen nachzugehen (S. 1 unten).
5.12
Im
Bericht
des
Vertrauensarzt
es
der Pensionskass
e vom
7.
Februar 2015 (
Urk.
14) wurde festgehalten, dass die Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht ab dem
Eintritt in die stationäre Behandlung (
B._
ab 1
7.
Juni 2014) zu 100 % arbeits
unfähig für alle Tätigkeiten im ersten Arbeitsmarkt sei. Die Prognose sei aufgrund des langjährig chronifizierten Verlaufs schlecht. Eine Besserung sei nicht mehr zu erwarten (S. 6 oben).
5.
13
Dr.
N._
führte in der Stellungnahme
vom
1.
April
2015 (
Urk.
10/M68)
aus, die posttraumatische Belastungsstörung, welche die Beschwerdeführerin im An
schluss an das Ereignis vom 2
9.
Juni 2007 entwickelt habe, sei schwer. Dazu kä
men noch dissoziative Zustände, welche vermutlich ebenfalls im Zusammenhang mit dem erlittenen Ereignis stünden (S. 2
Ziff.
1).
5.
14
V
o
m 1
3.
Januar
bis
3
0.
Juni
2015
erfolgte ein stationärer Aufenthalt in der Klinik
F._
. Im Austrittsbericht vom 2
2.
Juli 2015 (
Urk.
10/M71) wurden folgende
Diagnosen
genannt (S. 1 Mitte):
-
posttraumatische Belastungsstörung
(
F43.1
)
mit dissoziativer
Fugue
(
F44.1
)
als
Restfolge des Unfalls
(vgl.
Bericht v
om 2
8.
April 2015, Urk.
10/M69
S. 2
)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode
(
F33.1
)
-
schädlicher Gebrauch von Alkohol
(
F10.1
)
im Zustand der dissoziativen
Fugue
Die Beschwerdeführerin verlasse den stationären Rahmen in einem stabileren emotionalen Zustand
(S. 5 unten)
. Sie wohne nach Austritt in
einer
eigene
n
Woh
nung, wo sie durch die psychiat
rische Spitex begleitet werde. Z
usätzlich
werde eine
ambulante psychotherapeutische Betreuung
stattfinden (S. 6 oben).
5.
15
Im
Berich
t
der
Klinik
A._
vom 2
2.
September
2015 (
Urk.
10/M73)
wurden folgende Diagnosen genannt (S. 1 Mitte):
-
F10.0 psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: akute Intoxi
kation (akuter Rausch)
-
F10.26 psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Abhängig
keitssyndrom, episodischer Substanzkonsum
-
F 43.1 posttraumatische Belastungsstörung
Die Beschwerdeführerin sei zur Krisenintervention aufgenommen worden (S. 2 oben). Die Fortsetzung der ambulanten psychotherapeutischen Behandlung sowie eine konsequente Alkoholabstinenz würden dringend empfohlen (S. 2 unten).
5.
16
Die Ärzte der
B._
nannten im Bericht
vom 2
9.
September
2015 über die stationäre Behand
lung vom 1
5.
Juli
bis
1
3.
August
2015 (
Urk.
10/M
74
)
folgende psychiatrische Diagnosen (S. 1):
-
F 43.1
komplexe posttraumatische Belastungsstörung
-
Status nach T74.1: körperlicher Missbrauch (29.06.07-01.07.07)
-
Status nach T73.2: sexueller Missbrauch (29.06.07-01.07.07)
-
Status nach Z65.4: Opfer von Verbrechen, Terrorismus oder Folterung (29.06.07-01.07.07)
-
F44.88
sonstige dissoziative Störungen
-
F10.0 psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: akute Intoxi
kation
-
F10.2 psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Abhängig
keitssyndrom
Die Ärzte führten aus, neben den Symptomen Vermeidung, Wiedererleben und Übererregbarkeit bestünden wiederkehrende dissoziative Episoden sowie eine Störung der Emotionsregulation, der interpersonellen Kompetenzen und eine se
kundäre Alkoholabhängigkeit (S. 4).
5.
17
Dr.
N._
führte mit Stellungnahme vom
4.
November 2015 (
Urk.
10/M75) aus,
d
ie Alkoholabhängigkeit stehe nicht in einem natürliche
n Kausalzusammenhang mit dem Ereignis vom 2
9.
Juni 2007
(S. 2 oben)
. Da das Ereignis vom 2
9.
Juni
2007 eine
massive psychische Traumatisie
rung der Beschwerdeführerin bedeutet habe, sei es geeign
et gewesen, die Beschwerdeführe
rin zusätzlich zur vorbeste
henden Labilisierung zu beeinträchtigen. Wie der Verlauf gezeigt habe, sei der Alkoholabsturz vom 1
3.
Juni
2014 in Zusammen
hang mit der zu erwartenden Kon
frontation mit dem Täter gestanden. Damals habe der
Kausalzusammenhang noch überwie
gend wahrscheinlich bejaht werden können. Nach der ausf
ührlichen und an sich erfolgrei
chen stationären Behandlung in der Klinik
F._
von Januar bis Juni 2015
müsse die
Situation anders beurteilt wer
den
. Es habe wäh
rend dieser Zeit genug Gelegenheit best
anden, die durchgemachte Trauma
tisie
rung
als Folge des Unfalls vom 2
9.
Juni
2007 zu verarbeite
n. Bei den beiden Alkoholabstür
ze
n kurz nach dem Austritt aus der
F._
habe kein erkennbarer Zusam
menhang mit dem Unfall vom 2
9.
Juni
2007 vorgelegen. Hingegen hätten diese Rü
ckfälle dem Muster der vorbeste
henden Anfälligkeit der Beschwerdefüh
rerin auf Alkoholabstürze gefolgt, wie sie schon seit dem Jahr 1994 immer wieder dokumentiert worden seien.
Es könne also davon ausgegangen werden, dass das
Ereignis vom 2
9.
Juni
2007 zu einer vorübergehenden Verschlimmerung des Vor
zustandes geführt habe
(S. 2 Mitte)
.
Es
müsse davon ausgegangen werden, dass die psychischen Folge
n des Traumas vom 2
9.
Juni
2007 in den Hintergrund getreten seien. Es seien jetzt seither acht Jahre vergangen und das Muster der jetzigen Alkoholrückfälle sei wieder etwa das
gleiche wie zur Zeit des vorbestehenden Alkoholmissbrauchs der Beschwer
deführerin
(S. 2 unten)
. Die Erhaltung der Resterwerbsfähigkeit der Beschwerde
führerin sei im heutigen Zeitpunkt durch die ausgeprägte Neigung zu alkoholi
schen Exzessen und Rückfällen gefährdet und nicht mehr durch die Unfallfolgen. Rein unfallbedingt bestehe
zurzeit
keine Behandlungsbedürftigkeit
(S. 3 oben)
.
5.
18
Mit
Stellungnahme
vom 1
8.
November 2015 (
Urk.
10/M76) hielt
Dr.
N._
fest, i
m heutigen Zeitpunkt seien keine psychischen Beschwerden bekannt, die nicht durch die bisherige Schätzung des Integritätsschadens abgedeckt seien.
5.
19
Im
Bericht
der Ärzte der
Klinik
F._
vom 1
1.
Februar
2016 (
Urk.
10/M77) wurden folgende
Diagnosen
genannt:
-
schädlicher Gebrauch von Alkohol (F10.1) im Zustand
der
dissoziativen
Fugue
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung
(
F43.1
)
mit dissoziativer
Fugue
(F44.1)
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (F33.1)
-
Armaurosis
rechts bei Status nach
Gewaltsdelikt
(H54.4), Augenprothese rechts
-
Status nach
Abort im
7.
Schwangerschaftsmo
nat, genaue Ursache unbe
kannt (O
06.9)
-
Status nach
bösartiger Neubildung der Tuba
uterina
mit konsekutiver uni
lateraler
Salpingektomie
(C57.0)
5.
20
Die Ärzte der
Klinik
F._
führten in ihrer Stellungnahme vom 2
3.
Februar 2016 zuh
anden
der Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin
(im Anhang zu Urk. 10/A309 =
Urk.
3/9) aus,
dass d
ie Beschwerdeführerin nach wie vor Symp
tome einer PTBS in allen drei Hauptbereichen
(
Vermeidung, In
trusionen und Übererregung respektive
Untererregung
)
und somit noch das Vollbild einer PT
B
S auf
weise
. Erschwerend
dazu
komme der Zust
and der dissoziativen
Fugue
(S. 1 Mitte).
Die PTBS mit dissoziativer
Fugue
und dem dann stattfindenden Alkohol
missbrauch stehe in unmittelbarem Zusamm
enhang mit dem Ereignis vom 2
9.
Juni
2007
(S. 1 unten)
. Es könne davon ausgegangen werden, dass die rezidi
vierende depressive Störung schon vorher bestanden habe. Auch habe der Alko
holkonsum als Versuch einer Selbstmedikation bei Lebenskrisen bestanden. Die
ser habe aber jeweils aufgehört, sobald die Krise behoben gewesen sei
. Ihres Er
achtens sei
die Beschwerdeführerin nicht mehr arbeitsfähig
(S. 2 oben)
.
Es müsse von einem dauerhaften Integr
i
t
ät
sschaden ausgegangen werden. Die Beschwer
deführerin sei in ihrer Integrität schwer und nachhaltig verletzt worden
(S. 2 Mitte)
.
Die
Beschwerdeführerin sei zwei Mal in der
Klinik
D._
gewesen. Ursa
chen seien aussergewöhnliche Lebensereignisse
gewesen
, die sie im Rahmen einer Selbstmedikation mit Alkohol zu bewältigen versucht habe. Bei beiden Ereignis
sen sei sie mehr oder weniger «Herrin» über ihren Alkoholkonsum gewesen (S. 2 unten). Seit dem Unfall sei ein Alkoholmissbrauch im Zustand der
dissoziativen
Fugue
vorhanden und sei der Beschwerdeführerin somit nicht mehr willentlich zugänglich (S. 3 oben). D
i
e Klinik
F._
habe für sie einen sicheren Ort dar
gestellt, so dass es zu keiner
Fugue
gekommen sei.
Nicht der Alkoholmissbrauch
,
sondern die Traumatisierung stelle das Hauptproblem dar
(S.
3 Mitte).
6.
Im Verlauf des vorliegenden Verfahrens wurde bei
Dr.
med.
E._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
ein psychiatrisches Ge
richtsgutachten eingeholt, welches am
9.
August 2019
erstattet wurde (Urk.
54)
. Darin
nannte
Dr.
E._
folgende Diagnosen
mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
(S.
61 f.)
:
-
komplexe posttraumatische Belastungsstörung bzw. kombinierte Persön
lichkeitsstörung
gemäss F61
-
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig anhaltende depressive Episode leicht bis mittelschweren Ausmasses
gemäss F33.0/1
-
Abhängigkeitssyndrom von Alkohol mit gegenwärtigem Substanzge
brauch
(F10.24)
Zum Tagesablauf habe die Besc
hwerdeführerin angegeben, dass s
ie zwischen 6:
00 Uhr und 7:00 Uhr aufwache und dann sofort aufstehe. Nach einem Kaffee gehe sie nach draussen. Sie mache ihre Walkingstrecke und dusche anschliessend. Gegen 11:00 Uhr gehe sie zu ihrer knapp 90jährigen Mutter. Sie würden zusammen kochen und essen. Manchmal begleite sie ihre Mutter noch zum Einkaufen oder zu Arztterminen. Manchmal gehe sie mit dem Hund eines Nachbarn spazieren und manchmal treffe sie sich mit einer Freundin oder einer Nichte. Gegen 18:00 Uhr nehme sie das Nachtessen ein und sehe dann noch fern oder gehe laufen. Gegen
23
:00 Uhr gehe sie zu Bett (S. 29).
Sie gehe noch alle zwei Monate in Therapie, Antidepressiva nehme sie keine mehr. Sie trinke keinen Alkohol (S. 30).
Sie habe sich bei der Arbeit in der Dermatologischen Abteilung im
P._
sehr wohl gefühlt
, es sei ein gutes Team gewesen (S. 36 oben). Sie vermisse diese Zeit, auch die Sozialkontakte (S. 38 unten).
Zum psychopathologischen Befund
führte
Dr.
E._
aus,
dass es in der Untersuchung – abgesehen von ganz kurzen dissoziativen Momenten – keine
Hinweise auf
Auffassungsstörungen gegeben habe (S. 39 f.). Zum Vermeidungs
verhalten gebe die Beschwerdeführerin Menschenmengen an. Zudem werde deut
lich, dass sie Kontakte mit Männern meide. Auch vermeide sie es, sich selbst anzuschauen. Intrusionen und Flashbacks gebe es nur noch selten. Sorgen mache sie sich vor allem wegen ihrer Stabilität, aber auch um ihre Mutter (S. 40 Mitte). Die Grundstimmung sei leicht depressiv herabgestimmt. Sie leide an Gefühllosig
keit (nicht durchgängig), innerer Unruhe und ausgeprägten Schuldgefühlen. Die Schwingungsfähigkeit sei deutlich eingeschränkt und zum depressiven Pol ver
schoben. Die Beschwerdeführerin gebe nachgelassene Energie, erhöhte Tagesmü
digkeit und reduzierte Leistungsfähigkeit an. Der Antrieb sei phasenweise redu
ziert, manchmal müsse sie sich schon zum Duschen aufraffen (S. 40 unten). Es sei zu einem deutlichen sozialen Rückzug gekommen: Sie pflege noch enge Be
ziehungen zu vier Freundinnen, zur Mutter und zum Bruder, deutlich weniger zu den Schwestern. Ansonsten scheine es keine Aussenkontakte zu geben. Alko
holexzesse seien in den letzten etwa vier Jahren nicht mehr aufgetreten. Schlaf
störungen gebe es episodisch (S. 41 oben).
Zur Kausalität führte
Dr.
E._
aus,
das Grundproblem, auf schwere Belastungen und depressive Symptomatik mit Alkoholkonsum zu reagieren, habe bereits vor dem Tötungsversuch bestanden. Zu so schweren, lebensbedrohlichen Exzessen mit Blutalkoholspiegeln zwischen 3 ‰ und 4.5 ‰ sei es jedoch zuvor nie gekommen. Bei einer Literaturrecherche hätten sämtliche Übersichtsarbeiten gezeigt, dass es bei einer nachgewiesenen (komplexen) posttraumatischen Belas
tungsstörung deutlich häufiger zur Alkoholabhängigkeit komme (S. 57 Mitte).
Eine Teilkausalität der verbleibenden Störungen zum Unfallereignis, sei es die Beeinträchtigung durch die komplexe posttraumatische Belastungsstörung, sei es die Dekompensation der Alkoholabhängigkeit bis Herbst 2015 in Form von schweren Intoxikationen, aktuell in Form von fortgesetztem Substanzgebrauch, bestehe mit überwiegender Wahrscheinlichkeit fort (S. 58 Mitte).
Betreffend Leistungsfähigkeit sei die Beschwerdeführerin in für eine berufliche Tätigkeit relevanten Fähigkeiten eingeschränkt: leicht in der Kompetenz- und Wissensanwendung und der Selbstpflege und Selbstversorgung; mittelschwer in der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, der Entscheidungs- und Urteilsfähig
keit, der Konversations- und Kontaktfähigkeit zu Dritten und der Gruppenfähig
keit sowie der Mobilität und Verkehrsfähigkeit; mittelschwer bis schwer in der Planung und Strukturierung von Aufgaben, der Proaktivität und Spontanaktivi
täten und der Selbstbehauptungsfähigkeit; schwer in der Widerstands- und Durchhaltef
ähigkeit (S. 61 Mitte).
Betreffend Arbeitsfähigkeit hielt
Dr.
E._
fest, dass der
Beschwerdeführerin unfallbedingt ab Juli 2015 weder die angestammte Tätigkeit als Sachbearbeiterin noch angepasste Tätigkeiten zumut
bar waren. Sie habe in den letzten Jahren mehrere Versuche unternommen, zu
mindest einer (freiwilligen) Tätigkeit nachzugehen. Diese Versuche habe sie wie
der aufgeben müssen und sei auch mit der Hauptverantwortung für die Betreuung und Begleitung ihrer Mutter überfordert gewesen. Die Belastbarkeit, um verläss
lich einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, sei nicht gegeben
. Dies gelte auch in Bezug auf den heutigen Gesundheitszustand
(S. 64 oben).
Dr.
E._
führte weiter aus, dass die Situation bei der Beschwerde
führerin der schwierigsten entspreche, da sowohl eine rezidivierende depressive Störung als auch eine komplexe PTBS als auch eine Alkoholabhängigkeit vor
liege. Spezifische Behandlungssequenzen der PTBS wie der Alkoholabhängigkeit hätten stattgefunden. Angesichts der schwerwiegenden Ausgangssituation sei es als Erfolg zu betrachten, dass die Beschwerdeführerin bis jetzt überlebt habe und aktiv daran arbeite, aus ihrem Opferstatus herauszufinden (S. 62 Mitte).
Die kom
plexe PTBS entspreche einer kombinierten Persönlichkeitsstörung, wobei selbst
unsichere, emotional instabile und schizoide Anteile im Vordergrund stünden. Als Ressourcen sei das stabile Umfeld von wenigen langjährigen Freundinnen und Familie zu werten sowie ihr stetiges Ringen darum, soweit irgend möglich in ihrem Leben wieder Tritt zu fassen (S. 62 unten).
Zur Veränderung des Gesundheitszustandes seit der Berentung im Jahr 2010 führte
Dr.
E._
aus, die Symptomatik habe sich etwas verändert, weg von den häufigen dissoziativen Symptomen und den schweren Intoxikatio
nen hin zu mehr Kontrolle über den Alkoholkonsum und die Dissoziationen, unter Verlust von Vitalität und Belastbarkeit (S. 66 f.).
Zur Verhinderung einer Ver
schlimmerung werde die Fortsetzung der laufenden psychologisch-psychothera
peutischen Behandlung notwendig sei
n
(S. 67 Mitte).
Den Integritätsschaden schätzte
Dr.
E._
schliesslich auf gesamthaft 65
%
. Zu den bereits gesprochenen 35 % kämen damit
weitere 30
%
hinzu
(S. 65
Ziff.
14).
7.
7
.1
Vorab ist festzuhalten, dass vorliegend nur die psychischen Leiden zu beurteilen sind. Die somatische Seite ist mit
der
Zusprache
von
Rente und Integritätsent
schädigung
im Juli 2010
abgedeckt. Unbestritten ist, dass die Beschwerdeführerin Opfer eines massiven Gewaltdelikts wurde, das unter anderem zum Verlust ihres
rechten Auges führte. Ebenso unbestritten ist, dass sie auch ein schweres psychi
sches Trauma erlitten hat (Urk. 10/M24). Gleichzeitig steht fest, dass die Be
schwerdeführerin bereits vor dem Ereignis des Jahres 2007 Alkoholprobleme hatte und sich deshalb bereits zweimal Alkoholentwöhnungstherapien in einer Klinik unterzogen hatte. Auch unter depressiven Episoden litt sie bereits früher (vgl. zum Vorzustand vorstehende Erwägung 3).
7
.2
Des Weiteren ist zu bemerken, dass e
in
Beizug
der Strafakten
, wie er von der Beschwerdeführerin beantragt wurde (
Urk.
1 S. 3),
nicht erforderlich
erscheint
, zumal zwei
Anklageschrift
en betreffend
(versuchte)
vorsätzliche Tötung (Urk.
3/13) und betreffend sexuelle Nötigung (
Urk.
3/14) vorliegen
und
aus me
dizinischer Sicht
für die Beurteilung des Gesundheitszustandes
offenbar keine
detaillierte
re
Schilderung
der Gewalttat erforderlich
ist
.
Dies wurde in den vorlie
genden medizinischen Akten jedenfalls nicht bemängelt.
Eine Verletzung des rechtlichen Geh
örs, wie sie die Beschwerdefüh
rerin geltend machte (
Urk.
1 S.
10 unten), ist in diesem Zusammen
hang nicht
zu
erkennen.
7
.3
Das
psychiatrische
Gerichtsgutachten
von
Dr.
E._
vom
August 2019
erfüllt die Anforderungen an den Beweiswert medizinischer Berichte im Sinne der Rechtsprechung
(vgl. vorstehend E.
1.
4
).
Es setzt sich mit allen Aspek
ten der gesundheitlichen Beeinträchtigungen auseinander und berücksichtigt ins
besondere auch sämtliche ärztlichen Untersuchungsberichte. Insgesamt ist das Gutachten umfassend und vermag zu überzeugen.
Dem Gerichtsgutachten steht
einzig
die Stellungnahm
e
des Vertrauensarztes Dr.
N._
vom
4.
November 2015
gegenüber, auf welche sich die Beschwerde
gegnerin stützte
.
Dr.
N._
hielt
damals
fest, dass während der ausführlichen und an sich erfolgreichen stationären Behandlung in der Klinik
F._
von Januar bis Juni 2015
genug Gelegenheit bestanden
habe
, die durchgemachte Traumati
sierung als Folge des Unfalls vom 2
9.
Juni 2007 zu verarbeiten.
Die psychischen Folgen des Traumas vom 2
9.
Juni 2007 seien in den Hintergrund getreten und das Muster der A
lkoholrückfälle sei wieder etwa
das gleiche wie zur Zeit des vor
bestehenden Alkoholmissbrauchs.
Dr.
E._
führte
zur Beurteilung durch
Dr.
N._
aus, dass sich
die
ser
auf die Alkoholabhängigkeit fokussiert habe, speziell auf das zum Zeitpunkt der relevanten Stellungnahme wiederholte Intoxikationstrinken. Nicht berück
sichtigt habe er dabei das Ausmass der Intoxikationen vor und nach dem Ereignis, vor allem aber die Schwere der posttraumatisc
hen Belastungsstörung (
Urk.
54
S. 64 unten).
In diesem Sinne führten auch die Ärzte der Klinik
F._
aus, dass nicht
der Alkoholmissbrauch, sondern die Traumatisierung das Hauptproblem darstelle.
Auch
Dr.
N._
hatte i
n seiner früheren Stellungnahme vom
1.
April 2015
noch festgehalten, dass die posttraumatische Belastungsstörung schwer sei und noch dissoziative
Zustände
hinzukämen
, welche vermutlich ebenfalls im Zu
sammenhang mit dem erlittenen Ereignis stünden. Insgesamt vermag die Akten
beurteilung durch
Dr.
N._
vom November 2015 das
umfassende
psychiatrische Gutachten von
Dr.
E._
nicht zu entkräften.
Zur Arbeitsfähigkeit gab
Dr.
E._
auf Frage hin
an, dass der Be
schwerdeführerin im Juli 2015 wie auch heute weder die angestammte Tätigkeit als Sachbearbeiterin noch angepasste Tätigkeiten zumutbar gewesen seien.
D
ie
se
Beurteilung lässt sich mit den
Arbeitsfähigkeits-
Beurteilungen in den übrigen medizinischen Akten
vereinbaren
. So führten die Ärzte des Ambulatoriums
M._
im November 2014 aus, dass die Beschwerdeführerin
im Juni 2014 freigestellt worden sei und
vorläufig auch weiterhin nicht in der Lage sein werde, einer Arbeit in ungeschütztem Rahmen nachzugehen. Der Ver
trauensarzt der Pensionskasse hielt im Februar 2015 fest, dass die Beschwerde
führerin zu 100 % arbeitsunfähig und eine Be
sserung nicht zu erwarten sei. Auch d
ie Ärzte der Klinik
F._
gaben im Februar 2016 an,
dass
die Beschwerde
führerin
ihres Erachtens
nicht mehr arbeitsfähig
sei
.
Nach dem Gesagten kann auf
das
psychiatrische
Gutachten von
Dr.
E._
vom August 2019
abgestellt werden, wonach
bei der Beschwerdeführerin
–
bei den
Diagnosen einer komplexen posttraumatischen Belastungsstö
rung be
ziehungsweise einer
kombinierten Persönlichkeitsstörung, einer rezidivierenden depressiven Störung sowie eines Abhängigkeitssyndroms von Alkohol
–
eine volle Arbeitsunfähigkeit besteht
.
8.
8.1
Wie unter E. 1.2 festgehalten, kommt das strukturierte Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 auch im Bereich des UVG sinngemäss zur Anwendung.
8.2
Dr.
E._
setzte sich
im Gerichtsgutachten
mit den Standardindika
toren (vorstehend E. 1.2) auseinander (vgl. Urk.
54 S. 62 f.
). Ihre Beurteilung um
fasste das ganze Leistungsprofil mit sowohl negativen als auch positiven Anteilen und ist so verfasst, dass die attestierte Arbeitsunfähigkeit «gleichsam aus dem Saldo aller wesentlichen Belastungen und Ressourcen» (BGE 141 V 281 E. 3.4.2.1) abgeleitet wurde. Die psychiatrische Gutachterin ist bei der Beantwortung der Frage, wie sie das Leistungsvermögen einschätzte, den einschlägigen Indikatoren gefolgt, sie hat
ausschliesslich
funktionelle Ausfälle berücksichtigt, welche Folge der
gesundheitlichen Beeinträchtigung sind, und ihre versicherungsmedizinische Zumutbarkeitsbeurteilung ist auf objektivierter Grundlage erfolgt. Die von der Rechtsan
wendung zu prüfende Frage, ob sie
sich an die
massgebenden
normati
ven Rahmenbedingungen gehalten und das Leistungsvermögen in Berücksichti
gung der einschlägigen Indikatoren eingeschätzt hat (BGE 141 V 281 E. 5.2.2), ist klar zu bejahen. Die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestell
ten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage lassen sich anhand der Standardindi
katoren schlüssig und widerspruchsfrei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nachweisen, weshalb auf
das Gutachten abzustellen ist.
9.
9
.1
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwi
schen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Inva
lidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des na
türlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhan
densein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der glei
chen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Ent
sprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausalzu
sammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Ver
waltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm ob
liegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Be
weisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Mög
lichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
an
spruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
9
.2
Dr.
N._
hielt in seiner Stellungnahme vom
4.
November 2015 fest, dass die Alkoholabhängigkeit nicht in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem
Ereignis vom 2
9.
Juni 2007 stehe.
Die Erhaltung der Resterwerbsfähigkeit der Be
schwerdeführerin sei im heutigen Zeitpunkt durch die ausgeprägte Neigung zu alkoholischen Exzessen und Rückfällen gefährdet und nicht mehr durch die Un
fallfolgen.
Es sei davon auszugehen, dass die
psychischen Folgen des Traumas vom 2
9.
Juni 2007
in den Hintergrund getreten
seien
.
Diese Einschätzung
durch
Dr.
N._
findet in den Akten keine Stütze. So wurde in den aktuellen Berichten nach wie vor die Diagnose einer (komplexen) post
traumatischen Störung genannt (
vgl.
Berichte der Klinik
F._
vom 2
2.
Juli 2015 sowie 1
1.
und 2
3.
Februar 2016, der
Klinik
A._
vom 2
2.
September 2015, der
B._
vom 2
9.
September 2015). Die Ärzte der Klinik
F._
führten am 2
3.
Feb
ruar 2016 explizit aus, dass die PTBS mit dissoziativer
Fugue
und dem dann stattfindenden Alkoholmissbrauch in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Er
eignis vom 2
9.
Juni 2007 stehe.
Dr.
E._
führte
i
m Gerichtsgutach
ten z
ur Frage
der natürlichen Kausalität aus
, dass mit überwiegender Wahrschein
lichkeit eine Teilkausalität der verbleibenden Störungen zum Unfallereignis fort
bestehe, so die Beeinträchtigung durch die komplexe posttraumatische Belas
tungsstörung
und die Dekompensation der Alkoholabhängigkeit bis Herbst 2015 in Form von schweren Intoxikationen, aktuell in Form von fortgesetztem Sub
stanzgebrauch
.
Somit ist gestützt auf
die Beurteilung durch
Dr.
E._
mit überwie
gender Wahrscheinlichkeit von einem natürlichen
(Teil
)
Kausalzusammenhang zwischen dem Ereignis vom 2
9.
Juni 2007 und
den bei der Beschwerdeführerin vorliegenden Störungen
auszugehen
.
Festzuhalten ist, dass
die
posttraumatische Belastungsstörung
, welche klarerweise auf das Gewaltdelikt zurückzuführen ist
, im Vordergrund steht
.
Ob und inwieweit die
rezidivierende depressive Störung und das A
lkohola
bhängigkeitssyndrom
ebenfalls unfallbedingt sind, ist
somit
nicht
massgebend
.
Zu prüfen bleibt
indessen
der adäquate Kausalzusammenhang.
9
.3
.
Für die Beurteilung der Frage, ob ein Unfall nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, eine psychische Ge
sundheitsschädigung herbeizuführen, ist nach der in BGE 115 V 133 ergangenen Rechtsprechung auf eine weite Bandbreite von Versicherten abzustellen. Dazu gehören auch jene Versicherten, die aufgrund ihrer Veranlagung für psychische Störungen anfälliger sind und einen Unfall seelisch weniger gut verkraften als Gesunde, somit im Hinblick auf die erlebnismässige Verarbeitung des Unfalles zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko gehören, weil sie aus versicherungsmässiger Sicht auf einen Unfall nicht optimal reagieren (BGE 115 V 133 E. 4b).
Für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhanges zwischen dem Unfall und psychischen Gesundheitsschädigungen ist im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall für die Entstehung der Arbeits- beziehungsweise Erwerbsunfähigkeit eine massgebende Bedeutung zukommt. Dies trifft dann zu, wenn er objektiv eine gewisse Schwere aufweist oder mit anderen Worten ernsthaft ins Gewicht fällt (vgl. RKUV 1996 Nr. U 264 S. 288 E. 3b; BGE 115 V 133 E. 7 mit Hinweisen). Für die Beurteilung dieser Frage ist an das Unfallereignis anzuknüpfen, wobei – aus
gehend vom augenfälligen Geschehensablauf – folgende Einteilung vorgenom
men wurde: banale beziehungsweise leichte Unfälle einerseits, schwere Unfälle anderseits und schliesslich der dazwischen liegende mittlere Bereich (BGE 115 V 133 E. 6; vgl. auch BGE 134 V 109 E. 6.1, 120 V 352 E. 5b/
aa
; SVR 1999 UV
Nr. 10 E. 2).
9
.4
Bei schweren Unfällen ist der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall und psychisch bedingter Erwerbsunfähigkeit in der Regel zu bejahen. Denn nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung sind solche Unfälle geeignet, invalidisierende psychische Gesundheitsschäden zu bewirken (BGE 120 V 352 E. 5b/
aa
, 115 V 133 E. 6b; RKUV 1995 Nr. U 215 S. 90 E. 3b).
Bei Unfällen aus dem mittleren Bereich lässt sich die Frage, ob zwischen Unfall und Folgen ein adäquater Kausalzusammenhang besteht, nicht aufgrund des Un
falles allein schlüssig beantworten. Es sind daher weitere, objektiv erfassbare Um
stände, welche unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang stehen oder als direkte beziehungsweise indirekte Folgen davon erscheinen, in eine Gesamtwür
digung einzubeziehen. Als wichtigste Kriterien sind zu nennen:
-
besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalles;
-
die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere ihre erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen;
-
ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung;
-
körperliche Dauerschmerzen;
-
ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;
-
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
-
Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit (BGE 134 V 109 E. 6.1, 115 V 133 E. 6c/
aa
).
Der Einbezug sämtlicher objektiver Kriterien in die Gesamtwürdigung ist nicht in jedem Fall erforderlich. Je nach den konkreten Umständen kann für die Beurtei
lung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein einziges Kriterium genügen. Dies trifft
einerseits dann zu, wenn es sich um einen Unfall handelt, welcher zu den schwereren Fällen im mittleren Bereich zu zählen oder sogar als Grenzfall zu einem schweren Unfall zu qualifizieren ist (vgl. RKUV 1999 Nr. U 346 S. 428, 1999 Nr. U 335 S. 207 ff.; 1999 Nr. U 330 S. 122 ff.; SVR 1996 UV Nr. 58). Anderseits kann im gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium genügen, wenn es in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist, wie zum Beispiel eine auf
fallend lange Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit infolge schwieri
gen Heilungsverlaufes. Kommt keinem Einzelkriterium besonderes beziehungs
weise ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Krite
rien herangezogen werden. Dies gilt umso mehr, je leichter der Unfall ist. Handelt es sich beispielsweise um einen Unfall im mittleren Bereich, der aber dem Grenz
bereich zu den leichten Unfällen zuzuordnen ist, müssen die weiteren zu berück
sichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die Adäquanz bejaht werden kann. Diese Würdigung des Unfalles zusammen mit den objektiven Kriterien führt zur Bejahung oder Verneinung der Adäquanz. Damit entfällt die Notwendigkeit, nach andern Ursachen zu forschen, die möglicher
weise die psychisch bedingte Erwerbsunfähigkeit mitbegünstigt haben könnten (BGE 115 V 133 E. 6c/
bb
, vgl. auch BGE 120 V 352 E. 5b/
aa
; RKUV 2001 Nr.
U 442 S. 544 ff., Nr. U 449 S. 53 ff., 1998 Nr. U 307 S. 448 ff., 1996 Nr. U 256 S. 215 ff.; SVR 1999 UV Nr. 10 E. 2).
9
.
5
Das Ereignis vom 2
9.
Juni 2007 könnte wohl bereits als schwerer Unfall beurteilt werden. Aber auch bei einer Qualifikation im mittleren Bereich als Grenzfall zu einem schweren Unfall wäre die Adäquanz ohne Weiteres zu bejahen.
So ist das Kriterium der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzungen
klarer
weise gegeben, hat die Beschwerdeführerin aufgrund des Ereignisses
doch
ein Auge verloren. Zudem ist auch von einer besonderen Eindrücklichkeit des Unfal
les auszugehen.
Nach dem Gesagten liegt sowohl ein natürlicher als auch ein adäquater Kausal
zusammenhang zwischen dem Ereignis vom 2
9.
Juni 2007 und den psychischen Gesundheitsschädigungen vor.
10.
10.1
Die Beschwerdegegnerin machte geltend, dass
keine Verschlechterung
des Ge
sundheitszustandes
nachgewiesen worden
sei, womit kein Revisionsgrund nach
Art.
17 ATSG bestehe.
Das Gutachten von
Dr.
E._
sei nicht beweis
tauglich; es habe sich überhaupt nicht detailliert mit dem Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin im Jahr 2010 auseinandergesetzt, weshalb es an einer für die Beurteilung zwingend erforderlichen Vergleichsbasis fehle.
10.2
Bei der
Leistungszusprache
im Jahr 2010
wurde
offenbar auf die faktischen Ver
hältnisse abgestellt und der Invaliditätsgrad gestützt auf das damals erzielte Ein
kommen in der 50%-Anstellung errechnet (vgl.
Urk.
10/A148 und Urk. 10/A146).
Angesichts der damals vorlieg
enden Akten (vgl. vorstehende Erwägung
4)
ergibt sich
, dass sich einzig die Ärzte der
B._
zur Arbeitsfähigkeit äusserten. Sie be
scheinigten der Beschwerdeführerin am 2
0.
März 2009
«zum aktuellen Zeitpunkt»
eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
seit
1.
März 2009, ohne dies näher zu begründen. Als Diagnosen nannten sie eine PTBS, eine leichte depressive Episode sowie ein Alkoholabhängigkeitssyndrom.
Sie führten jedoch nicht näher aus
, auf welchen Diagnosen
, Befunden und entsprechenden Einschränkungen die 50%ige Arbeits
unfähigkeit
beruhte.
In den übrigen vorliegenden Berichten wurden keine Anga
ben zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin gemacht.
Im Bericht des Ambulatorium
s
M._
vom März 2010 wurde die damalige Ar
beitstätigkeit
indessen als nicht optimal und das 50 %-Pensum als grenzwertig be
urteilt
.
Es liegt weder ein
Gutachten
noch
eine Stellungnahme eines Vertrau
ensarztes vor.
10.3
Soweit die Beschwerdegegnerin geltend machte, dass ein Vergleich des Gesund
heitszustandes im Jahr 2010 mit demjenigen im Jahr 2017 erforderlich sei (
Urk.
62 S. 2 f.), ist festzuhalten, dass der Gesundheitszustand im Jahr 2010 nicht genau abgeklärt und beurteilt worden war
und auch
noch kein stabiler Zustand vorlag.
So konnte i
m Juli 2010, mithin d
rei Jahre nach der Gewalttat
,
noch nicht von einem stabilen Gesundheitszustand ausgegangen werden. Die Ärzte der
B._
at
testierten der Beschwerdeführerin im März 2009, wenige Tage nach Arbeitsbe
ginn, eine 50%ige Arbeitsfähigkeit und gingen von einer weiteren Steigerung der Arbeitsfähigkeit aus.
Diese Prognose erwies sich
indessen
als unzutreffend.
Die Ärzte des Ambulatoriums
M._
hielten im August 2009 fest, es sei noch nicht beurteilbar, wieweit die Reintegration ins Arbeitsleben ge
linge. Im März 2010 gaben sie schliesslich an,
dass
die Arbeitsfähigkeit abzuneh
men
drohe respektive das 50 %-Pensum
grenzwertig
sei
.
Somit war die 50%ige Arbeitsfähigkeit offenbar bereits ein Jahr nach Arbeitsbeginn fraglich.
Im April 2010 und im Mai 2010
waren
zwei kurze
Hospitalisationen
in der
Klinik
A._
notwendig
(eine fürsorgerische Freiheitsentziehung
v
om 1
5.
bis 1
9.
April 2010
aufgrund akuter Alkoholintoxikation mit
einhergehender Selbst
gefährdung
sowie
eine freiwillige
Hospitalisation
vom 2
6.
Mai bis
2.
Juni 2010
aufgrund Alkoholabhängigkeit;
Urk.
10/M30). Vom 3
0.
Juni bis 2
1.
Juli 2010 be
fand sich die Beschwerdeführerin wiederum im stationären Aufenthalt in der
Klinik
A._
. Nach einer ersten Stabilisierung sei sie ihrer Arbeit im
Sinne eines Arbeitstrainings von de
r Klinik aus nachgegangen (Urk.
10/M30 S. 6 oben). Vom
4.
bis
8.
August 2010 folgte ein weiterer Klinikaufenthalt in der
Klinik
, wobei die Beschwerdeführerin die Behandlung gegen ärztlichen Rat noch vor Abschluss der körperlichen Entzugsbehandlung beendete
(
Urk.
10/M30 S. 7 unten). Nur zehn
Tage später trat sie in die
B._
ein (vgl.
Urk.
10/M32) und am 3
1.
August 2010 erfolgte der Übertritt in die Klinik
C._
(
Urk.
10/M28), wo sie sich bis Mai 2011 aufhielt (vgl.
Urk.
54 S. 50 Mitte).
Angesichts dieses Verlaufs
wird klar, dass
im Zeitpunkt der partiellen
Leistungs
zusprache
vom Juli 2010 aus psychiatrischer Sicht noch kein stabiler Gesund
heitszustand vor
lag
.
Bei
der seitens
der
Ärzte der
B._
attestierten
50%igen Ar
beitsfähigkeit handelte es sich um eine
vorläufige
Annahme,
basierend auf der damals neu aufgenommenen Arbeitstätigkeit.
Der
Gesundheitszustand und
damit auch die
Arbeitsfähigkeit
waren
noch sehr unbeständig. Dies ergibt sich auch aus dem Gerichtsgutachten
von
Dr.
E._
. Die Gutachterin
führte aus, dass im Zeitpunkt der Berentung noch zu hoffen gewesen sei, dass die Beschwer
deführerin längerfristig stabil leistungsfähig sei. Wie die längerfristige Perspek
tive aussehe, sei drei Jahre nach einem solchen Ereignis in der Regel noch nicht absehbar (
Urk.
54 S. 67 oben).
Schliesslich wurde auch die Bemessung des psy
chischen Integritätsschadens auf später verschoben, da die Dauerhaftigkeit der psychischen Beeinträchtigung frühestens fünf bis sechs Jahre nach dem Unfall beurteilt werden könne (
Urk.
10/A149 S. 3
Ziff.
5).
10.4
Vor diesem Hintergrund
handelt es sich vorliegend nicht um eine Revisionsfra
gestellung.
Bezüglich der gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin im Juli 2010 bestanden noch verschiedene Unbestimmtheiten
und es wurden keine näheren medizinischen Abklärungen getätigt
.
Wenn nicht zweifellos unrichtig, dann war die Beurteilung
im Jahr 2010
doch nur vorläufig. Damit fehlt es
indes
sen
bereits an einem Vergleichssubstrat f
ür eine Revisionsfragestellung, bildet doch die letzte rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdi
gung und Durchführung eines Einkommensvergleichs beruht, den Ausgangs
punkt
für die Beurteilung einer Änderung des Invaliditätsgrades
(vgl. E. 1.3).
Vor
liegend
erfolgte
nun
erstmals
eine
Beurteilung gestützt auf einer
rechtskonforme
n
Sachverhaltsabklärung
.
11
.
11.1
Zusammenfassend
ist zum Sachverhalt festzuhalten, dass der Beschwerdeführerin
mit Verfügung vom 1
5.
Juli 2015 eine Rente ab
1.
Juli 2010 zugesprochen wurde (ausgehend von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % und einem Invaliditätsgrad von 58 %). Nachdem die Beschwerdeführerin am
1.
Dezember 2014 eine (zweite) Rückfallmeldung eingereicht hatte, erbrachte die Beschwerdegegnerin für die Zeit
ab
1
5.
Juli 2013 Taggelder
basierend auf einer Arbeitsunfähigkeit von 100 %
.
Mit Verfügung vom 2
1.
Juli 2016 (
Urk.
10/A312) stellte die Beschwerdegegnerin die Taggeldleistungen per 3
0.
Juni 2015 ein (bei weiterem Anspruch auf
die bisherige
Rente) und hielt fest, dass kein weiterer Anspruch auf eine Integritätsentschädi
gung und ab
1.
Juli 2015 keine Übernahme von Heilbehandlungen mehr bestehe.
Die Beschwerdeführerin beantragte vorliegend
,
die laufende UVG-Rente sei ab Juli 2014 von 58 % auf 100 % zu erhöhen und bis dahin sei
ihr
ein volles Taggeld auszurichten. Des Weiteren sei die Integritätsentschädigung um weitere 65 % zu erhöhen und die Heilungskosten seien ab
1.
Juli 2015 weiterhin auszurichten.
11.2
Betreffend Höhe der Invalidenrente
ist d
er
Invalidität
sgrad
und damit auch die Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin
massgebend.
Dr.
E._
hielt in ihrem Gutachten
fest, dass bei der Beschwerdeführerin im Juli 2015 wie auch heute eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden habe respektive bestehe.
Angesichts der vollen Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin ist von einem Invalideneinkommen von
Fr.
0.-- auszugehen, womit sich ein Invaliditätsgrad von 100 % ergibt (vgl. E. 1.1).
Damit hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Invalidenrente
bei
einem Invaliditätsgrad von 100 %.
Demzufolge
ist d
ie laufende
Invalidenr
ente der Beschwerdeführerin
ab
1.
Juli 2015
- im Anschluss an die Taggeldleistungen -
entsprechend
dem Invaliditäts
grad von
100
%
zu erhöhen
.
11.3
In Bezug auf die Behandlungskosten ist festzuhalten, dass die
Beschwerdeführerin
im Zusammenhang mit den psychischen Beschwerden
ab
1.
Juli 2015
keinen
An
spruch auf Übernahme von Heilbehandlungen
mehr hat, da dieser mit dem Ren
tenbeginn
- respektive vorliegend mit der Rentenerhöhung
aufgrund der psychi
schen Beschwerden
–
dahinfällt (vgl. E. 1.1
)
und auch kein Anwendungsfall von
Art.
21
Abs.
1 UVG ersichtlich ist
.
Zu prüfen bleibt die
beantragte
Erhöhung der Integritätsentschädigung.
12.
12.1
Nach Art. 24 Abs. 1 UVG hat die versicherte Person Anspruch auf eine angemes
sene Integritätsentschädigung, wenn sie durch den Unfall eine dauernde erhebli
che Schädigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Integrität erleidet. Die Integritätsentschädigung wird in Form einer Kapitalleistung gewährt. Sie darf den am Unfalltag geltenden Höchstbetrag des versicherten Jahresverdienstes nicht übersteigen und wird entsprechend der Schwere des Integritätsschadens ab
ge
stuft (Art. 25 Abs. 1 UVG).
Gemäss Art. 25 Abs. 2 UVG regelt der Bundesrat die Bemessung der Entschädi
gung. Von dieser Befugnis hat er in Art. 36 UVV Gebrauch gemacht. Abs. 1 dieser Vorschrift bestimmt, dass ein Integritätsschaden als dauernd gilt, wenn er vo
raussichtlich während des ganzen Lebens minde
stens in gleichem Umfang be
steht. Er ist erheblich, wenn die körperliche oder geistige Integrität, unabhängig von der Erwerbsfähigkeit, augenfällig oder stark beeinträchtigt wird. Gemäss Abs. 2 gelten für die Bemessung der Integritätsentschädigung die Richtlinien des Anhanges
3.
Fallen mehrere körperliche oder geistige Integritätsschäden aus ei
nem oder mehreren Unfällen zusammen, so wird die Integritätsentschädigung nach der gesamten Beeinträchtigung fest
gesetzt (Abs. 3).
12.
2
Im Anhang 3 zur UVV hat der Bundesrat Richtlinien für die Bemessung der In
tegritätsschäden aufgestellt und in einer als gesetzmässig erkannten, nicht ab
schliessenden Skala (BGE 124 V 29 E. 1b mit Hinweisen) wichtige und typische Schäden prozentual gewichtet (RKUV 2004 Nr. U 514 S. 416). Für die darin ge
nannten Integritätsschäden entspricht die Entschädigung im Regelfall dem ange
gebenen Prozentsatz des Höchstbetrages des versicherten Verdienstes (
Ziff.
1
Abs.
1). Die Entschädigung für spezielle oder nicht aufgeführte Integritätsschäden wird nach dem Grad der Schwere vom Skalenwert abgeleitet (
Ziff.
1
Abs.
2). In
tegritätsschäden, die gemäss der Skala 5 % nicht erreichen, geben keinen An
spruch auf Entschädigung (
Ziff.
1
Abs.
3). Die völlige Gebrauchsunfähigkeit eines Organs wird dem Verlust gleichgestellt; bei teilweisem Verlust und teilweiser Ge
brauchsunfähigkeit wird der Integritätsschaden entsprechend geringer, wobei die Entschädigung jedoch ganz entfällt, wenn der Integritätsschaden weniger als 5 % des Höchstbetrages des versicherten Verdienstes ergäbe (
Ziff.
2).
Die Medizinische Abteilung der Suva hat in Weiterentwicklung der
bundesrätli
chen
Skala weitere Bemessungsgrundlagen in tabellarischer Form (sog. Feinras
ter) erarbeitet. Diese von der Verwaltung herausgegebenen Tabellen stellen zwar keine Rechtssätze dar und sind für die Parteien nicht verbindlich, umso mehr als
Ziff.
1 von Anhang 3 zur UVV bestimmt, dass der in der Skala angegebene Pro
zentsatz des Integritätsschadens für den «Regelfall» gilt, welcher im Einzelfall Ab
weichungen
nach unten wie nach oben ermöglicht. Soweit sie jedoch lediglich Richtwerte enthalten, mit denen die Gleichbehandlung aller Versicherten gewähr
leistet werden soll, sind sie mit dem Anhang 3 zur UVV vereinbar (BGE 124 V 29 E. 1c, 116 V 156 E. 3a).
12.3
Betreffend Integritätsschaden
liegen die Beurteilungen durch
Dr.
N._
vom No
vember 2015 und durch
Dr.
E._
vom August 2019 vor
.
Dr.
N._
ging davon aus, dass die psychischen Folgen des Traumas vom 2
9.
Juni 2007 in den Hintergrund getreten seien und hielt fest, es seien keine psychischen Beschwerden bekannt, die nicht durch die bisherige Schätzung des Integritätsschadens abgedeckt seien.
Dies vermag angesichts der übrigen Aktenlage nicht zu überzeugen. Vielmehr besteht aufgrund der psychischen Beschwerden, insbesondere der posttraumati
schen Belastungsstörung, eine volle Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin (vgl. vorstehende
Erwägung
7.3). Des Weiteren wurde bisher einzig der physische Integritätsschaden beurteilt.
Dr.
E._
führte aus, dass die komplexe PTBS im Zentrum stehe, wel
che seit Jahren mittelschwer bis schwer ausgeprägt sei. Nach
Suva-
Tabelle 19 entspreche eine gesamthaft mittelschwere bis schwere Störung einem Integritäts
schaden zwischen 50 % bis 80 %. Ausgehend von einem Integritätsschaden von 65 % könne dieser nicht einfach mit dem bereits gesprochenen Integritätsschaden
für den Augenverlust – zu welchem keine Überschneidung bestehe –
addiert wer
den, weil damit die Abgeltung für den Integritätsschaden im Quervergleich zu hoch ausfallen würde. Sie
schätzte den Integ
ritätsschaden auf gesamthaft 65
%. Zu den bereits gesprochenen 35 % kämen damit weitere 30
%
hinzu (
Urk.
54
S. 65
Ziff.
14).
12.
4
Für die Beurteilung des psychischen Integritätsschadens kann auf die Einschät
zung durch
Dr.
E._
abgestellt werden
.
Aus
Suva-
Tabelle 1
9
, Integ
ritätsschaden bei
psychischen Folgen von Unfällen
,
ergibt sich, dass bei mittel
schweren bis schweren Unfallfolgen die psychische Symptomatik und begleitende kognitive Beeinträchtigung andauernd und deutlich vorhanden seien. Das alltäg
liche Leben sei deutlich beeinträchtigt, aber im Wesentlichen selbständig möglich. Die Arbeitsfähigkeit sei auch bei adaptierter Tätigkeit deutlich reduziert oder nicht mehr gegeben.
Diese Beschreibung trifft ziemlich genau auf die Situation der Beschwerdeführerin zu.
Insgesamt erscheint die Einschätzung von
Dr.
E._
, wonach für die psychischen Beschwerden von einem Integritäts
schaden von 65 % auszugehen
sei
,
nachvollziehbar und vermag zu überzeugen.
12.
5
Die
Beschwerdeführerin
machte
geltend
, dass der psychische
Integritätsschaden von 65
%
zum
bisherigen von 35
%
zu addieren
sei.
Liegen
verschiedene Integritätsschäden
vor,
wird die Integritätsentschädigung nach der gesamten Beeinträchtigung festgesetzt
(BGE 116 V 156 E. 3b).
Von ver
schiedenen Integritätsschäden ist auszugehen, wenn die Beeinträchtigungen sich medizinisch eindeutig feststellen und in ihren Auswirkungen voneinander klar unterscheiden lassen
(
Urteil 8C_826/2012 vom 2
8.
Mai 2013 E. 3.2 mit Hinweis)
.
Klar unterscheidbare und sich gegenseitig nicht beeinflussende Integritätsschäden sind grundsätzlich zu addieren (
Urteil 8C_19/2017 vom 2
2.
Mai 2017 E. 4.4 mit Hinweisen).
Die vorliegend zu beurteilenden Integritätsschäden für den Augenverlust einer
seits und für die psychischen Unfallfolgen andererseits sind klar unterscheidbar und es bestehen keine Überschneidungen. Entsprechend sind sie
- entgegen den Ausführungen von
Dr.
E._
–
zu addieren. Die Integritätsentschä
digung für den Augenverlust in der Höhe von 35 % ist somit unter zusätzlicher Berücksichtigung des psychischen Integritätsschadens von 65 % auf 100 % zu erhöhen.
13.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde in Aufhebung des angefochtenen
Ein
spracheentscheides
vom
1
4.
Juli
201
7
teilweise gutzuheissen mit der Feststellung, dass
die laufende Invalidenrente der Beschwerdeführerin
ab
1.
Juli 2015
basie
rend auf einem
Invaliditätsgrad von
100
%
zu erhöhen und
d
ie Integritätsent
schädigung
unter zusätzlicher Berücksichtigung des psychischen Integritätsscha
dens
um
65
%
auf
100
%
zu erhöhen
ist
.
14.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die Beschwe
rdegegnerin zu verpflichten, der
Beschwerdeführer
in
eine angemessene Proze
ssentschädigung auszurichten (§
34 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht). Unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses wird diese beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
220.-- (zu
züglich Mehrwertsteuer) auf Fr.
3’400
.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgelegt.