Decision ID: 53cbd053-04d5-561f-a40c-bdd7b365dfe4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden, alle syrische Staatsangehörige kurdischer Eth-
nie, beantragten bei der schweizerischen Botschaft in Beirut (nachfolgend:
Botschaft), erstmals am 20. Juli 2018 die Ausstellung von humanitären
Visa. Am 23. Juli 2018 wies die Botschaft die Gesuche ab. Eine Einsprache
dagegen wurde am 24. Oktober 2018 durch die Vorinstanz abgewiesen.
B.
Am 7. November 2018 ersuchten die Beschwerdeführenden erneut bei der
Botschaft um Ausstellung von humanitären Visa.
C.
C.a Mit Formularverfügung vom 15. Januar 2019 verweigerte die Botschaft
die Ausstellung der Visa.
C.b Am 3. September 2019 führte die Botschaft in Beirut im Auftrag der
Vorinstanz je eine Befragung der Beschwerdeführerin und des Beschwer-
deführers durch.
D.
Am 21. September 2020 wies die Vorinstanz die Einsprache der Beschwer-
deführenden gegen die Formularverfügung der Botschaft ab.
E.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 26. Oktober 2020 gelangten die Beschwer-
deführenden an das Bundesverwaltungsgericht und beantragten die Auf-
hebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Gutheissung des Antrags
auf Erteilung eines humanitären Visums. Eventualiter sei die Sache zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zudem stellten sie ein
Gesuch um Akteneinsicht und um Gewährung einer Nachfrist zur Be-
schwerdeergänzung. Ferner ersuchten sie um unentgeltliche Prozessfüh-
rung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 4. November 2020 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um Ergänzung der Beschwerde gut. Am 4. De-
zember 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine Beschwerdeergän-
zung ein.
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G.
In ihrer Vernehmlassung vom 8. Januar 2021 beantragte die Vorinstanz die
Abweisung der Beschwerde.
H.
In ihrer Replik vom 19. Februar 2021 hielten die Beschwerdeführenden an
ihren Anträgen und deren Begründung fest.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Einspracheentscheide des SEM betreffend humanitäre Visa sind mit
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 112 Abs. 1
AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl.
Art. 37 VGG).
1.3 Die Beschwerdeführenden sind zur Beschwerde legitimiert (vgl. Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auch die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Rechtsmit-
telfrist [Art. 50 Abs. 1 VwVG] und Form der Beschwerde [Art. 52 VwVG])
sind erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache
endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
2.
Mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Be-
gründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus an-
deren als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2).
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3.
3.1 Die Beschwerdeführenden rügen in formeller Hinsicht eine Verletzung
ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör. Sie beanstanden, dass die Befra-
gung vom 3. September 2019 nicht rechtmässig durchgeführt worden sei,
da diese auf Arabisch stattgefunden habe und kein unabhängiger Dolmet-
scher zugegen gewesen sei. Das Protokoll des Interviews sei zudem auf
Englisch verfasst und den Beschwerdeführenden nicht rückübersetzt wor-
den.
3.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV (bzw.
Art. 29 VwVG) dient einerseits der Sachaufklärung und stellt andererseits
ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Ent-
scheids dar. Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich
vor Erlass eines solchen Entscheids zu äussern (vgl. Art. 30 Abs. 1 VwVG).
3.3 Die Befragung der Beschwerdeführenden vom 3. September 2019
diente zum einen der Gewährung des rechtlichen Gehörs und zum ande-
ren der Abklärung allfälliger Sicherheitsrisiken für die Schweiz. Die beiden
Protokolle wurden von den Beschwerdeführenden signiert. Jeweils am
Ende eines Themenblocks, zu dem sie befragt worden waren, konnten sie
allfällige weitere Anmerkungen anbringen. Die Aussagen in den beiden
Protokollen sind schlüssig, klar und stimmen insbesondere mit den späte-
ren, im Verlaufe des Verfahrens gemachten Ausführungen überein. Aus
den Akten sind keine Anhaltspunkte erkennbar, die auf eine falsche Über-
setzung schliessen lassen oder darauf hindeuten, dass die Beschwerde-
führenden die ihnen gestellten Fragen nicht richtig verstanden hätten. Ihre
diesbezüglichen Ausführungen wirken deshalb unglaubhaft. Einzig die Mit-
gliedschaft in der (...) und der bewaffnete Einsatz an der Front, die anläss-
lich der Sicherheitsbefragung insbesondere vom Beschwerdeführer an
mehreren Stellen erwähnt wurden, werden später in Abrede gestellt. Die
Beschwerdeführenden erhielten zudem im Nachgang zur Befragung vom
3. September 2019 die Möglichkeit, ihre Aussagen zu korrigieren bzw. zu
revidieren. Die Rüge betreffend Verletzung des rechtlichen Gehörs erweist
sich angesichts dieser Sachlage als unbegründet.
4.
4.1 Als Staatsangehörige von Syrien unterliegen die Beschwerdeführen-
den der Visumspflicht gemäss Art. 9 der Verordnung vom 15. August 2018
über die Einreise und die Visumerteilung (VEV, SR 142.204). Mit ihrem Ge-
such beabsichtigen sie ausdrücklich einen längerfristigen Aufenthalt, wes-
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halb dieses nicht nach den Regeln zur Erteilung von Schengen-Visa, son-
dern nach den Bestimmungen des nationalen Rechts zu prüfen ist (vgl.
BVGE 2018 VII/5 E. 3.5 und E. 3.6.1).
4.2 Gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV kann in Abweichung von den allgemeinen
Einreisevoraussetzungen (vgl. Art. 4 Abs. 1 VEV) in begründeten Fällen
aus humanitären Gründen ein Visum für einen längerfristigen Aufenthalt
erteilt werden. Ein solcher Fall liegt insbesondere vor, wenn die betreffende
Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und
Leben gefährdet ist.
4.3 Praxisgemäss werden humanitäre Visa nur unter sehr restriktiven Be-
dingungen ausgestellt (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.3). Diese gelten dann als
erfüllt, wenn bei einer Person aufgrund der konkreten Umstände offensicht-
lich davon ausgegangen werden muss, dass sie sich im Heimat- oder Her-
kunftsstaat in einer besonderen Notsituation befindet, die ein behördliches
Eingreifen zwingend erforderlich macht und es rechtfertigt, ihr – im Gegen-
satz zu anderen Personen in derselben Lage – ein Einreisevisum zu ertei-
len. Dies kann etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder aufgrund
einer konkreten individuellen Gefährdung, die sie mehr als alle anderen
Personen betrifft, gegeben sein. Befindet sich die betroffene Person bereits
in einem Drittstaat (BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3) oder ist sie nach einem Auf-
enthalt in einem solchen freiwillig in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurück-
gekehrt (vgl. Urteil des BVGer F-4658/2017 vom 7. Dezember 2018 E. 4.3)
und hat sie die Möglichkeit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in
der Regel davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr besteht. Das
Visumsgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefährdung, der
persönlichen Umstände der betroffenen Person und der Lage im Heimat-
oder Herkunftsland sorgfältig zu prüfen. Dabei können auch weitere Krite-
rien wie konkrete Bindungen zur Schweiz und die hier bestehenden Integ-
rationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen Land um
Schutz nachzusuchen, berücksichtigt werden (vgl. BVGE 2018 VII/5
E. 3.6.3).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründet die Verweigerung eines humanitären Visums
in Bezug auf den Beschwerdeführer damit, dass er eine Gefahr für die in-
nere und äussere Sicherheit der Schweiz darstelle. Er sei in Syrien Mitglied
der (...) und der (...) gewesen und habe in seiner Sicherheitsbefragung
vom 3. September 2019 selbst angegeben, dass er Wachdienst an Kon-
trollposten geleistet und an der Front gegen die (...) gekämpft habe. Er
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habe das entsprechende Protokoll unterzeichnet und müsse sich auf die-
sen klaren Aussagen behaften lassen. Seine anschliessend im Rahmen
der Stellungnahmen vom 9. Dezember 2019 und 30. Januar 2020 gemach-
ten Aussagen, wonach er nie Mitglied der (...) gewesen sei und in keiner
Weise für die (...) gekämpft und an Menschenrechtsverletzungen teilge-
nommen habe, hätten sein militärisches Engagement nachträglich zu mi-
nimieren versucht. Es sei aber von einem jahrelangen Engagement des
Beschwerdeführers für (...) und (...) mit aktiven Fronteinsätzen auszuge-
hen. Die (...) sei faktisch ein Ableger der (...) und habe in Syrien Men-
schenrechtsverletzungen begangen. Die Schweiz habe ein grosses öffent-
liches Interesse daran, die Einreise von ehemaligen oder nach wie vor ak-
tiven Kämpfern aus dem Syrien-Konflikt zu verhindern, um nicht zu einem
Rückzugsgebiet für die Konfliktparteien und Ort für Aktivitäten zur Unter-
stützung von Konfliktparteien zu werden. In Bezug auf die Beschwerdefüh-
rerin führt die Vorinstanz aus, diese sei im Libanon keiner unmittelbaren
und individuellen Gefahr ausgesetzt oder würde sich in keiner Notsituation
befinden, die ein behördliches Eingreifen erforderlich machen würde. Auch
wenn sie von den Drohungen gegen ihren Ehemann über WhatsApp mit-
betroffen sei, sei ihr im Libanon nichts Konkretes zugestossen. Sie selbst
habe kein herausragendes Profil, das sie zur Zielscheibe allfälliger Über-
griffe seitens eines Geheimdienstes oder militanter Gruppierungen ma-
chen würde. Den Drohungen könnten sich die Beschwerdeführenden
durch einen Wechsel der SIM-Karte entziehen. Es gebe keinen Grund zur
Annahme, dass eine Abschiebung nach Syrien drohe. Darüber hinaus
seien die Beschwerdeführenden beim UNHCR, das weiterhin im Libanon
tätig sei, registriert. Die Behauptung, sie hätten keine Unterstützung von
Hilfswerken erhalten, sei nicht substantiiert.
5.2 Die Beschwerdeführenden bringen dagegen vor, sie seien als Bewoh-
ner der Region (...), über welche die kurdische Partei (...) die Kontrolle
übernahm, verpflichtet gewesen, sich in der kurdischen Selbstverwaltung
zu betätigen. Die Beschwerdeführerin habe zwei Jahre als medizinische
Mitarbeiterin gearbeitet und der Beschwerdeführer habe von (...) bis (...),
während einem Jahr und 2 Monaten, in der Miliz der Selbstverwaltung der
Region (...) gedient. Er sei gezwungen worden, Teil der (...), der bewaffne-
ten Einheit der (...), zu werden. Er habe aber nie an Kampfhandlungen
teilgenommen und habe nicht an der Front gekämpft. Ihm sei zudem keine
wichtige Funktion innerhalb der (...) zugekommen und er habe diese ver-
lassen, sobald dies möglich gewesen sei. Für die (...) habe er gelegentlich
an Sitzungen teilgenommen und geholfen, Parteispenden zu sammeln, da
er davon ausgegangen sei, die (...) vertrete das Prinzip des Friedens und
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des Dialogs und verteidige die Rechte der Kurden ohne Waffen. Er sei je-
doch nie Mitglied der (...) gewesen und unterhalte seit seiner Flucht keinen
Kontakt mehr zur (...) oder (...). Die Vorinstanz führe nicht aus, wieso in
seinem Fall die unfreiwillige und zeitlich begrenzte Zugehörigkeit zur (...)
für die Annahme einer Gefährdung der inneren und äusseren Sicherheit
der Schweiz ausreiche, während andere (...)- und (...)-Mitglieder in der
Schweiz aufgenommen worden seien. Aufgrund seiner Tätigkeit für die kur-
dische Selbstverwaltung und insbesondere die (...) werde der Beschwer-
deführer durch (...) bedroht. Als die Türkei in den Krieg in Syrien eingegrif-
fen habe und sie Opfer von Angriffen geworden seien, seien sie geflüchtet.
Auf der Flucht in den Libanon sei der Beschwerdeführer entführt worden.
Im Libanon befinde sich die Familie weiterhin in Lebensgefahr und erhalte
trotz mehrmaligem Wechseln der Handynummer regemässig Drohnach-
richten und –anrufe. Im April 2018 sei der Beschwerdeführer gezielt von
einem Auto angefahren worden. Ihnen drohe ausserdem eine Abschiebung
nach Syrien, da der politische und gesellschaftliche Druck gegen syrische
Flüchtlinge im Libanon immer mehr ansteige. Sie könnten in keinem Flücht-
lingslager unterkommen, da sowohl die (...) als auch die (...) dort ihre
Leute hätten. Ausserdem würden Kurden in den Lagern von arabischen
Bewohnern schikaniert. Im Januar 2019 sei der Beschwerdeführer im
Flüchtlingscamp (...) verraten worden und habe nur knapp entfliehen kön-
nen. Im Libanon gebe es keine spezifischen gesetzlichen Regelungen be-
treffend den Status und den Schutz von Flüchtlingen. Auch beim UNHCR
hätten sie vergeblich um Schutz angesucht. Ihre beiden kleinen Kinder
würden im Libanon keine Schulbildung erhalten und ihr Kindeswohl sei dort
nicht gewahrt. Eine Rückkehr nach Syrien wäre für die kurdisch-stämmige
Familie ebenfalls lebensbedrohlich. Da der Bruder des Beschwerdeführers
mit seiner Familie in der Schweiz lebe, hätten sie hier ein humanitäres Vi-
sum beantragt. Die Ausführungen der Vorinstanz zur angeblichen Gefahr
des Beschwerdeführers für die Schweiz seien mangelhaft. Es werde nicht
auf ihre ausführlichen Darlegungen in Bezug auf die bestehende Lebens-
gefahr im Libanon eingegangen.
5.3 In der Beschwerdeergänzung bringen die Beschwerdeführenden dar-
über hinaus vor, ihre Befragung vom 3. September 2019 hinsichtlich Si-
cherheitsaspekte sei auf Arabisch durchgeführt worden. Dies sei nicht ihre
Muttersprache und sie verfügten nur über begrenzte Kenntnisse, insbeson-
dere des Libanesisch-Arabischen. Es sei kein Dolmetscher anwesend ge-
wesen. Das Protokoll der Befragung sei zudem auf Englisch verfasst wor-
den und sie hätten keine Englischkenntnisse. Das Protokoll sei ihnen nicht
rückübersetzt worden, weshalb sie auf den darin ausgeführten Aussagen
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nicht behaftet werden könnten. Vielmehr sei durch dieses Vorgehen ihr An-
spruch auf rechtliches Gehör verletzt, weshalb die angefochtene Verfü-
gung grundsätzlich aufgehoben werden müsse. Im Protokoll sei fälschli-
cherweise widergegeben, dass der Beschwerdeführer in der (...) gedient
habe, obwohl er stets «(...)» gesagt habe. Auch die Beschwerdeführerin
habe sich auf die kurdische Organisation in (...) und damit auf die (...) be-
zogen und nicht – wie im Protokoll festgehalten – auf die (...). Die Tatsache,
dass ein Foto des Beschwerdeführers von seinem obligatorischen Dienst
bei der (...) existiere, auf welchem sich dieser in der Nähe der (...) Grenze
aufhalte, deute keineswegs daraufhin, dass er an der Front gekämpft habe.
Vielmehr befinde sich die kurdische Region (...), aus welcher die Be-
schwerdeführenden stammten, nahe der (...) Grenze. Der Sicherheitsüber-
prüfung durch den Schweizerischen Nachrichtendienst (NDB) komme
keine Aussagekraft zu, da sich dieser ausschliesslich auf das Protokoll der
beanstandeten Sicherheitsbefragung stütze. Ende Oktober und anfangs
November 2020 seien die Beschwerdeführenden erneut bedroht worden.
Sie befänden sich im Libanon in unmittelbarer, ernsthafter und konkreter
Gefahr.
5.4 In ihrer Vernehmlassung hält die Vorinstanz fest, für die mündliche
Kommunikation – wie auch anlässlich der Sicherheitsbefragung – werde
grundsätzlich nicht das moderne Standardarabisch, sondern eine regio-
nale Variante des Arabischen verwendet. Der libanesische und der syri-
sche Dialekt seien ähnlich, weshalb die Befragung in einer normalen Ge-
sprächssituation stattgefunden habe. Man könne deshalb davon ausge-
hen, dass es zwischen den syrischen Beschwerdeführern und der libane-
sischen Dolmetscherin keine Verständigungsprobleme gegeben habe. Die
Behauptungen, die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Engage-
ment für die (...) seien alle falsch übersetzt worden, seien nicht plausibel.
Ausserdem habe er das Protokoll der Befragung unterzeichnet. Darüber
hinaus sei nicht einzusehen, weshalb das Protokoll des Beschwerdefüh-
rers voller falscher Übersetzungen sein sollte, während dies für das Proto-
koll der Beschwerdeführerin nicht geltend gemacht werde. Der Beschwer-
deführer widerspreche sich, indem er seine Aktivitäten in der (...) herunter-
zuspielen versuche, gleichzeitig aber ausführe, dass er unter hunderttau-
senden syrischen Kriegsvertriebenen gezielt bedroht werde. Die (...) sei
zwar eine syrische bewaffnete Miliz, die aber faktisch ein (...)-Ableger in
Syrien sei, was mit dem Engagement des Beschwerdeführers für (...) und
(...) kompatibel sei. Es sei allgemein bekannt, dass die (...) und (...) als
bewaffnete militante Organisationen Gewalt anwendeten und Menschen-
rechtsverletzungen begingen. Für die Sicherheitsrelevanz genüge es,
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wenn aufgrund von Indizien gewichtige Gründe für eine Gefährdung vorlie-
gen, z.B. durch logistische Unterstützung, Geldsammlung, Rekrutierung,
Propaganda etc. Genau solche Aktivitäten seien beim Beschwerdeführer
vor seinem Hintergrund zu befürchten. In Bezug auf die Drohungen sei da-
rauf hinzuweisen, dass sich die Beschwerdeführenden seit rund 2,5 Jahren
im Libanon befänden und die Drohungen seither nicht in die Tat umgesetzt
worden seien, was eine Unmittelbarkeit der Gefährdung stark relativiere.
5.5 In der Replik führen die Beschwerdeführenden aus, die Vorinstanz
äussere sich nicht zur Tatsache, dass an der Sicherheitsbefragung vom
3. September 2019 kein unabhängiger Dolmetscher anwesend gewesen
sei. Der Beschwerdeführer verfüge aber nur über begrenzte Arabisch-
kenntnisse, da er nur sechs Jahre zur Schule gegangen sei. Bereits der
Umstand, dass das Interview ohne Übersetzung in die Muttersprache der
Beschwerdeführenden durchgeführt worden sei, verletze ihren Anspruch
auf rechtliches Gehör. Die Rüge bezüglich Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs würde sich auch auf die Befragung der Beschwerdeführerin beziehen,
obwohl diese die besseren Arabischkenntnisse habe und die Verständi-
gungsschwierigkeiten für sie somit weniger gravierend gewesen seien. Der
Beschwerdeführer habe keine detaillierte Kenntnis darüber, weshalb er von
seinen Verfolgern ausgewählt und verfolgt werde, aber er habe die Dro-
hungen und Verfolgungen überzeugend dargelegt und belegt. Es handle
sich um keine leeren Drohungen, da er im Libanon mehrmals nur knapp
einem Angriff entkommen sei. Es gebe keine Gründe für die Annahme,
dass er nach einer Einreise in die Schweiz in irgendeiner Weise für die (...)
oder sogar die (...) tätig werden könnte. Die entsprechenden Unterstellun-
gen durch die Vorinstanz seien völlig unbegründet und gar mutwillig.
6.
6.1 Die Beschwerdeführenden sind im April bzw. Mai 2018 aus Syrien in
den Libanon geflüchtet, wo sie sich seither befinden. Sie halten sich damit
in einem sicheren Drittstaat auf, wo weder (Bürger-)Krieg noch eine Situa-
tion allgemeiner Gewalt herrscht. Die Lage für syrische Flüchtlinge im Li-
banon ist zweifelsohne schwierig und belastend. Dies führt indessen nicht
zur Annahme, die Beschwerdeführenden würden sich in einer besonders
prekären Notlage befinden, welche ein behördliches Eingreifen zwingend
erforderlich machen würde. Vielmehr braucht es für die Ausstellung von
humanitären Visa konkrete Anhaltspunkte für das Bestehen einer unmittel-
baren, ernsthaften und konkreten Gefährdung an Leib und Leben. Es stellt
sich deshalb die Frage, ob die Beschwerdeführenden im Libanon einer
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konkreten individuellen Gefährdung ausgesetzt sind, die sie mehr als an-
dere Personen betrifft.
6.2 Die Beschwerdeführenden machen geltend, sie würden im Libanon be-
droht, und reichen hierzu mehrere Ausdrucke von Whatsapp-Nachrichten
in arabischer Sprache ein. Daraus ist jedoch nicht ersichtlich, von wem die
Bedrohungen ausgehen und wann genau diese stattgefunden haben. Zu-
dem wird nicht klar, was konkret mit den Drohungen erreicht werden soll.
Sofern vom Beschwerdeführer Geld verlangt wird, ist nicht erkennbar, wes-
halb der (...), die (...), die (...) oder die (...) von ihm Geld erpressen wollten.
Dies, zumal diese Akteure mit der Flucht des kurdischen Beschwerdefüh-
rers aus dem syrischen Staatsgebiet ihr Ziel wohl grösstenteils erreicht ha-
ben dürften. Ausserdem erscheint es angesichts seiner untergeordneten
Rolle in der (...) als unwahrscheinlich, dass seine Verfolger während eines
so langen Zeitraums einen solch grossen Aufwand betreiben, um ihn im-
mer wieder ausfindig machen und bedrohen zu können. In diesem Zusam-
menhang ist auch fragwürdig, inwiefern die Verfolger jeweils an die neuen
Aufenthaltsorte und Telefonnummern des Beschwerdeführers oder an die
Nummer der in Deutschland lebenden Schwester gelangen können sollten.
Auch wenn die Mittel und Möglichkeiten dieser Organisationen nicht unter-
schätzt werden dürfen, ist höchst zweifelhaft, dass derart viele Ressourcen
lediglich für die Einschüchterung und Verängstigung des Beschwerdefüh-
rers und seiner Familie eingesetzt werden. Dies umso mehr, als dass die
Drohungen nicht in die Tat umgesetzt wurden, obwohl sich der Beschwer-
deführer bereits seit April 2018 im Libanon befindet. Auch beim angebli-
chen Attentat auf ihn mit einem Auto im April 2018 blieb er körperlich un-
versehrt. Die geschilderten Geschehnisse erwecken insgesamt den Ein-
druck, dass er – zu welchem Zweck auch immer – eingeschüchtert werden
soll, es aber im Endeffekt bei leeren Drohungen bleibt.
6.3 Nicht glaubhaft erscheint, dass die Beschwerdeführenden im Libanon
trotz entsprechender Bemühungen lediglich einen Teil der Geburtskosten
für ihren Sohn D._ und darüber hinaus keine Unterstützung durch
das UNHCR beziehungsweise durch eine nichtstaatliche Hilfsorganisation
erhalten hätten. Die entsprechenden Behauptungen blieben oberflächlich
und unsubstantiiert. Es ist nicht plausibel, dass nach erfolgter Registrierung
beim UNHCR keine weitere Kontaktaufnahme mehr möglich war. Es drängt
sich die Vermutung auf, dass sie sich um eine Registrierung und Inan-
spruchnahme spezifischer Hilfe im Libanon gar nicht ernsthaft bemüht ha-
ben.
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6.4 Zur geäusserten Befürchtung, die Beschwerdeführenden würden
zwangsweise nach Syrien rücküberführt, gilt es vorerst zu bedenken, dass
nach den Erkenntnissen des Gerichts die Mehrheit der syrischen Flücht-
linge im Libanon über keinen geregelten Aufenthalt verfügt. Wegweisungen
werden von den libanesischen Behörden in aller Regel mündlich und in
erster Linie gegenüber syrischen Flüchtlingen ausgesprochen, die erst im
Verlaufe des Jahres 2019 illegal in das Land gelangten (vgl. Urteil des
BVGer F-7310/2018 vom 19. Dezember 2019 E. 5.2.3). Die libanesischen
Behörden haben seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges einen grossen
Teil der Vertriebenen aufgenommen und während Jahren grundsätzlich da-
rauf verzichtet, Betroffene zwangsweise nach Syrien zurückzuschicken
(Urteil des BVGer F-851/2019 vom 20. April 2020 E. 5.2). Auch wenn – wie
u.a. aus den von den Beschwerdeführenden eingereichten Berichten teil-
weise hervorgeht – seit dem Frühjahr 2019 eine Verschärfung der libane-
sischen Flüchtlingspolitik auszumachen ist, scheinen davon in erster Linie
syrische Staatsangehörige betroffen zu sein, die nach dem 24. April 2019
illegal in den Libanon gelangt sind. Die Beschwerdeführenden, die sich ei-
gener Darstellung zufolge im April bzw. Mai 2018 in den Libanon begeben
haben, fallen nicht darunter. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Ur-
teil F-6724/2018 vom 14. Oktober 2019 eingehend mit der Entwicklung der
Lage für syrische Flüchtlinge im Libanon auseinandergesetzt, wobei die-
sen Erwägungen nach wie vor Gültigkeit zukommt (vgl. dortige E. 5.2). Im
dargelegten Kontext besteht für die Beschwerdeführenden keine erhöhte
Gefahr einer zwangsweisen Rückführung vom Libanon nach Syrien. Viel-
mehr ist von der individuellen Situation der betroffenen Personen und de-
ren aktuellen Schutzbedürfnis auszugehen. Wie bereits ausgeführt (vgl.
E. 6.2 hiervor) ist in casu die konkrete individuelle Gefährdung zu vernei-
nen.
6.5 Soweit sich die Beschwerdeführenden auf allgemein erschwerte Le-
bensbedingungen, namentlich die Situation in den Flüchtlingslagern und
die unbestritten schwierigen Lebensumstände für die Kinder berufen, ist
darauf hinzuweisen, dass solche erschwerten Umstände für sich allein –
gemessen am Schicksal der restlichen syrisch-kurdischen Bevölkerung –
nicht zur Annahme einer Notlage führen. Die Behauptung, sie könnten in
keinem Flüchtlingslager unterkommen, da sowohl die (...) als auch die (...)
dort ihre Leute hätten, ist angesichts der grossen Zahl von kurdischen Sy-
rern in den Flüchtlingslagern nicht glaubhaft. Den Beschwerdeführenden
kommt schliesslich zugute, dass sie allenfalls eine gewisse finanzielle Un-
terstützung durch ihre in der Schweiz lebenden Verwandten erhalten dürf-
ten.
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6.6 Zusammenfassend bringen die Beschwerdeführenden keine hinrei-
chend substantiierten Gründe vor, die eine unmittelbare, ernsthafte und
konkrete Bedrohung bzw. eine besondere Notlage glaubhaft machen wür-
den. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen, unter denen ihnen ein nati-
onales Visum aus humanitären Gründen ausgestellt werden könnte, zu
Recht verneint. Dementsprechend kann die Frage, ob der Beschwerdefüh-
rer die innere und äussere Sicherheit der Schweiz gefährden würde, offen
bleiben. Unter diesen Umständen entfällt die Notwendigkeit einer Überprü-
fung der beanstandeten Befragung vom 3. September 2019.
7.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Be-
schwerde ist demzufolge abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten den Be-
schwerdeführenden aufzuerlegen (vgl. Art. 63 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). In Anbetracht
der besonderen Umstände wird vorliegend jedoch auf eine Auferlegung der
Verfahrenskosten verzichtet (vgl. Art. 6 Bst. b VGKE). Das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung wird damit gegenstandslos.
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