Decision ID: c13407ff-e601-4547-b340-89f51d0ffc0a
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
versuchte Tötung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung, vom 19. Dezember 2012 (DG120283)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 22. August
2012 (Urk. 21) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 44)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der versuchten Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB,
− des vorsätzlichen Vergehens gegen das Ausländergesetz im Sinne von
Art. 115 Abs. 1 lit. b AuG,
− der mehrfachen Übertretung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von
Art. 19a Ziff. 1 BetmG.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 6 1⁄2 Jahren Freiheitsstrafe als teilweise Zusatzstrafe zum
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 14. April 2012 sowie mit einer Busse von
Fr. 300.–. Davon sind bis und mit heute 58 Tage durch Haft sowie 185 Tage durch vorzeiti-
gen Strafantritt erstanden.
3. Die Freiheitsstrafe wird vollzogen.
4. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an
deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 3 Tagen.
5. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 20. August 2012
beschlagnahmte Taschenmesser (Asservat Nr. ...) wird eingezogen und der Kantonspolizei
Zürich zur Vernichtung überlassen.
Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 20. August 2012
beschlagnahmten Kleidungsstücke des Beschuldigten (Asservate Nr. ..., ..., ...) und des
Privatklägers (Asservat Nr. ...) werden dem jeweils Berechtigten nach Eintritt der Rechts-
kraft auf erstes Verlangen herausgegeben.
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6. Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte das Schadenersatzbegehren
des Privatklägers von Fr. 1'230.– zuzüglich 5% Zins ab 22. August 2012 anerkannt hat.
Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte das Genugtuungsbegehren des
Privatklägers von Fr. 5'000.– zuzüglich 5 % Zins ab 22. August 2012 anerkannt hat.
7. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 5'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 240.00 Kosten Kantonspolizei
Fr. 4'000.00 Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten
Fr. 3'243.50 Auslagen Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung (ausstehend)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschuldigten
auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sowie die Dolmetscherkosten werden
auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss
Art. 135 Abs. 4 StPO.
9. Der Beschuldigte wird gemäss seiner Anerkennung verpflichtet, dem Privatkläger eine
Umtriebsentschädigung von Fr. 500.– sowie eine Prozessentschädigung von Fr. 3'479.– zu
bezahlen.
10. (Mitteilungen)
11. (Rechtsmittelbelehrung)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 66 S. 1)
1. Aufheben von Ziff. 1 - 3 des Urteils vom 19. Dezember 2012;
2. Schuldspruch wegen mehrfacher Übertretung gegen das Betäubungs-
mittelgesetz im Sinne von Art. 19a Ziff. 1 BetmG, des vorsätzlichen
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Vergehens gegen das Ausländergesetz im Sinne von Art. 115 Abs. 1
lit. b AuG sowie der qualifizierten einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 123 Ziff. 2 Abs. 2 StGB;
3. Aussprechen einer Freiheitsstrafe von maximal 36 Monaten und einer
Busse von Fr. 300.– sowie Gewährung des teilbedingten Strafvollzugs.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 67 S. 1)
1. Bestätigung des Urteils des Bezirksgerichts Zürich vom 19. Dezember
2012.
2. Bestrafung von A._ mit einer Freiheitsstrafe von 7 Jahren unter
Anrechnung der bisher erstandenen Haft, und einer Busse von
Fr. 600.–.
3. Auferlegung der Kosten, exklusive Kosten der amtlichen Verteidigung.
c) Des Vertreters des Privatklägers:
(Urk. 53 S. 1)
Bestätigung des Urteils der Vorinstanz bzw. Abweisung der Berufung.

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 19. Dezember 2012 wurde der
Beschuldigte der versuchten vorsätzlichen Tötung, des vorsätzlichen Vergehens
gegen das Ausländergesetz sowie der mehrfachen Übertretung des Betäu-
bungsmittelgesetzes schuldig gesprochen und, als teilweise Zusatzstrafe zum
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 14. April 2012, mit 6 1⁄2 Jahren
Freiheitsstrafe, wovon 58 Tage durch Haft und 185 Tage durch vorzeitigen Straf-
antritt erstanden waren, sowie mit einer Busse von Fr. 300.– bestraft. Weiter ent-
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schied die Vorinstanz über verschiedene beschlagnahmte Gegenstände und
nahm davon Vormerk, dass der Beschuldigte das Schadenersatzbegehren des
Privatklägers von Fr. 1'230.– sowie dessen Genugtuungsbegehren von
Fr. 5'000.–, je zuzüglich 5 % Zins ab 22. August 2012, anerkannt hat. Die Kosten
der Untersuchung sowie des gerichtlichen Verfahrens wurden dem Beschuldigten
auferlegt und die Kosten der amtlichen Verteidigung sowie die Dolmetscherkosten
unter Vorbehalt der Nachzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO einstweilen
auf die Gerichtskasse genommen. Schliesslich wurde der Beschuldigte gemäss
seiner Anerkennung verpflichtet, dem Privatkläger eine Umtriebsentschädigung
von Fr. 500.– sowie eine Prozessentschädigung von Fr. 3'479.– zu bezahlen
(Urk. 44 S. 27 f.).
1.2. Gegen dieses Urteil liess der Beschuldigte am 20. Dezember 2012 fristge-
recht die Berufung anmelden (Urk. 37). Nach Zustellung des begründeten Urteils
(Urk. 38) liess er am 1. März 2013 ebenfalls innert Frist die Berufungserklärung
einreichen (Urk. 45). Mit Präsidialverfügung vom 2. April 2013 wurde die
Berufungserklärung in Anwendung von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO dem Privat-
kläger sowie der Staatsanwaltschaft übermittelt, um gegebenenfalls Anschlussbe-
rufung zu erheben oder Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 49).
Am 19. April 2013 erhob die Staatsanwaltschaft fristgerecht Anschlussberufung
(Urk. 51). Der Privatkläger teilte am 2. Mai 2013 mit, dass auf eine Anschluss-
berufung verzichtet und kein Nichteintreten beantragt werde (Urk. 53). Nachdem
mit Präsidialverfügung vom 6. Mai 2013 der Staatsanwaltschaft Frist angesetzt
worden war, ihre Anschlussberufung zu verdeutlichen (Urk. 55), reichte diese am
17. Mai 2013 eine entsprechende Eingabe ein (Urk. 57). Mit Präsidialverfügung
vom 22. Mai 2013 wurde die präzisierte Anschlussberufungserklärung dem
Beschuldigten sowie dem Privatkläger zugestellt (Urk. 59).
1.3. Zu Beginn der heutigen Berufungsverhandlung, zu welcher der Beschuldig-
te, der amtliche Verteidiger Rechtsanwalt lic. iur. X._ sowie der Staatsanwalt
lic. iur. A. Kägi erschienen sind, waren weder Vorfragen zu entscheiden noch Be-
weise abzunehmen (Prot. II S. 6 ff.). Das vorliegende Urteil erging im
Anschluss an die Berufungsverhandlung (Prot. II S. 15 ff.).
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2. Umfang der Berufung
2.1. Der Beschuldigte lässt das vorinstanzliche Urteil hinsichtlich des Schuld-
spruchs betreffend versuchte Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung
mit Art. 22 Abs. 1 StGB (Dispositiv-Ziffer 1, Abschnitt 1) und der Strafzumessung
bezüglich der Freiheitsstrafe (Dispositiv-Ziffer 2) anfechten (Urk. 45; Urk. 66).
2.2. Die Staatsanwaltschaft beschränkte ihre Anschlussberufung zunächst aus-
schliesslich auf die Frage der Strafzumessung hinsichtlich der Freiheitsstrafe
(Dispositiv-Ziffer 2; Urk. 57). Anlässlich der Berufungsverhandlung wurde zwar
auch eine höhere Busse beantragt. Auf entsprechende Frage des Vorsitzenden
bestätigte der Staatsanwalt aber, dass die Busse nicht angefochten und dement-
sprechend in Rechtskraft erwachsen sei (Prot. II S. 8 und S. 12).
2.3. Darüber hinaus bildet zufolge des Konnexes aller Strafpunkte auch die
Frage des Strafvollzugs (Dispositiv-Ziffer 3) Berufungsgegenstand.
2.4. Damit ist das vorinstanzliche Urteil in den folgenden Punkten unangefochten
geblieben und demnach in Rechtskraft erwachsen (Art. 399 Abs. 3 StPO in
Verbindung mit Art. 402 und 437 StPO; Prot. II S. 6 ff):
- Schuldsprüche bezüglich des vorsätzlichen Vergehens gegen das
Ausländergesetz und der Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes
(Dispositiv-Ziffer 1, Abschnitte 2 und 3);
- Sanktion hinsichtlich der Busse von Fr. 300.– (Dispositiv-Ziffer 2);
- Vollzug der Busse und der Festsetzung der Ersatzfreiheitsstrafe
(Dispositiv-Ziffer 4);
- Entscheide über verschiedene beschlagnahmte Gegenstände
(Dispositiv-Ziffer 5);
- Entscheide betreffend die Zivilforderungen (Dispositiv-Ziffer 6);
- Kostenfestsetzung und Kostenauferlegung (Dispositiv-Ziffern 7 und 8);
- Entscheide betreffend Umtriebs- und Prozessentschädigung
(Dispositiv-Ziffer 9).
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Vom Eintritt der Rechtskraft dieser Anordnungen ist vorab Vormerk zu nehmen
(Art. 404 StPO).
3. Sachverhalt
3.1. Im Rahmen der - einzig noch strittigen - Thematik der versuchten vor-
sätzlichen Tötung wird dem Beschuldigten im Wesentlichen und zusammen-
gefasst vorgeworfen, er habe am Samstag, 21. April 2012, um ca. 03.15 Uhr, im
Nachgang zu einer zunächst verbalen, teils auch tätlichen Auseinandersetzung
mit dem Privatkläger wegen Zigaretten, seiner rechten Hosentasche ein rotes
Sackmesser entnommen, die Messerklinge geöffnet und die Klinge mit gestreck-
tem rechtem Arm auf horizontaler Höhe in weitem Bogen mit Schwung ca. 3 Mal
von unten nach oben zum Hals resp. Kopf des Privatklägers geschwungen. Trotz
reaktionsschnellem Ausweichen seitens des Privatklägers habe der Beschuldigte
den Privatkläger mit der Messerklinge am Hals oberhalb der Gurgel, an der rech-
ten Wange, am Brillengestell, am Lederjacket am linken Stehkragen gegen das
Kragenende sowie unterhalb des Kragens gegen die linke Schulterpartie erwischt,
wodurch der Privatkläger eine ca. 3 mm tiefe und ca. 8 cm lange Schnittverlet-
zung von der linken Halsseite quer oberhalb der Gurgel zum rechten Unterkiefer
verlaufend sowie eine ca. 3 mm tiefe und ca. 6 cm lange Schnittverletzung an der
rechten Wange ca. 2.5 cm unterhalb des rechten Auges erlitten habe. Dabei habe
der Beschuldigte um das möglicherweise Anschneiden von sich direkt unterhalb
der Haut befindenden Blutgefässen am Hals und damit verbunden um die damit
einhergehenden tödlichen Folgen für den Privatkläger durch rasches Ausbluten
gewusst, wobei er diese Todesfolge auch gewollt oder diese zumindest in Kauf
genommen habe. Ebenso habe der Beschuldigte gewusst, dass das rechte Auge
des Privatklägers infolge der Schnittbewegungen gegen die rechte Wange des
Privatklägers, insbesondere im Rahmen eines dynamischen Geschehens, hätte
irreparabel geschädigt werden können, welche Folge nur durch Zufall nicht einge-
treten sei. Der Beschuldigte habe eine solche irreparable Verletzungsfolge des
rechten Auges gewollt oder eine solche zumindest in Kauf genommen (Urk. 21
S. 2 ff.).
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3.2. Der Beschuldigt anerkennt - wie in der Untersuchung und vor Vorinstanz - in
Übereinstimmung mit dem Untersuchungsergebnis den äusseren Tatvorwurf. Auf
die entsprechenden Ausführungen der Vorinstanz kann verwiesen werden
(Urk. 44 S. 5 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Damit ist der objektive Sachverhalt, wie er in der Anklageschrift umschrieben ist,
rechtsgenügend erstellt und der nachstehenden rechtlichen Würdigung zu Grunde
zu legen.
3.3. Demgegenüber ist der Beschuldigte in Bezug auf den ihm vorgeworfenen
subjektiven Sachverhalt nicht geständig. Zwar bestätigte er in der Untersuchung ,
dass er durch sein Verhalten den Tod des Privatklägers in Kauf genommen habe
(Urk. 7/4 S. 3). Aufgrund seiner übrigen Aussagen erscheint es aber äusserst
zweifelhaft, ob er den tatsächlichen Sinn der "Inkaufnahme" und auch die Trag-
weite dieser Antwort verstanden hat. Entsprechend kann diesbezüglich - mit der
Verteidigung (Urk. 66 S. 2 f.) - nicht von einem Geständnis in subjektiver Hinsicht
ausgegangen werden. So bestritt er denn auch vor Vorinstanz, beim fraglichen
Vorfall mit Eventualvorsatz oder gar Vorsatz gehandelt zu haben. Er habe nicht in
Kauf genommen, den Privatkläger zu töten. Er habe ihn nicht töten wollen. Seine
Schläge hätten nur das Ziel gehabt, den Privatkläger davon abzuhalten, auf ihn
einzuschlagen (Urk. 30 S. 12). Ebenso machte der Beschuldigte anlässlich der
Berufungsverhandlung geltend, der Privatkläger habe ihn erneut schubsen wollen.
Dann habe er das Messer gezogen. Er habe den Privatkläger zwar verletzen,
nicht aber töten wollen (Urk. 65 S. 10 f.).
Was der Täter wusste und wollte bzw. in Kauf nahm, gehört zum subjektiven Tat-
bestand. Es geht dabei um einen inneren Vorgang, auf den nur anhand einer
Würdigung des äusseren Verhaltens des Täters sowie allenfalls weiterer Umstän-
de geschlossen werden kann. Die Feststellung des subjektiven Tatbestands ist
damit Bestandteil der Sachverhaltsabklärung. Da in diesem Bereich Tat- und
Rechtsfragen (insbesondere bei der Frage des Eventualvorsatzes) sehr eng
miteinander verbunden sind, drängt sich regelmässig auf, diese Fragen lediglich
einmal unter dem Aspekt der rechtlichen Würdigung zu behandeln. Hiezu ist
deshalb auf die folgenden Erwägungen zu verweisen.
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4. Rechtliche Würdigung
4.1. Die Vorinstanz hat das Handeln des Beschuldigten hinsichtlich der inkrimi-
nierten Schnittverletzungen gegenüber dem Privatkläger als vorsätzlichen
Tötungsversuch im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB gewürdigt (Urk. 44 S. 7 ff.).
4.2. Der Beschuldigte beantragte, er sei diesbezüglich der einfachen Körper-
verletzung im Sinne von Art. 123 Ziffer 2 Abs. 2 StGB schuldig zu sprechen
(Urk. 66 S. 1). Zur Begründung liess er im Wesentlichen vorbringen, dass selbst
wenn die Wissensseite des Vorsatzes als erfüllt betrachtet werde, es am Willen
zur Verwirklichung des Tatbestandes fehle. Der Beschuldigte habe den Privat-
kläger nicht töten wollen und er habe diese Möglichkeit auch nicht ernsthaft in
Betracht gezogen. Bei potentiell lebensgefährlichen Körperverletzungshandlun-
gen könne gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung nicht zwingend ein
Tötungsvorsatz angenommen werden. Wäre dies der Fall, müsste immer (auch)
von einem versuchten Tötungsdelikt ausgegangen werden, wenn der Täter die
Möglichkeit einer Lebensgefahr erkannt, aber darauf vertraut habe, diese werde
sich nicht realisieren. Genau dies habe aber die Vorinstanz gemacht. So habe sie
zur Frage des Eventualvorsatzes ausgeführt, in Anbetracht der konkreten
Umstände sei das Verletzungsrisiko derart gross gewesen, dass das Verhalten
des Beschuldigten vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Todes gewertet
werden könne. Wie aber die Vorinstanz von einem potentiell grossen Verletzungs-
risiko automatisch auf die Inkaufnahme des Todes schliessen könne, leuchte
nicht ein. Dass das Verletzungsrisiko theoretisch gross gewesen sei, sei nicht be-
stritten worden. Ein Todesrisiko habe aber nie bestanden (Urk. 66 S. 3 und S. 6).
4.3. Nach Art. 111 StGB macht sich schuldig, wer vorsätzlich einen Menschen
tötet, ohne dass eine der besonderen Voraussetzungen gemäss Art. 112 ff. StGB
zutrifft.
In subjektiver Hinsicht setzt Art. 111 StGB Vorsatz voraus, wobei Eventualvorsatz
genügt. Gemäss Art. 12 Abs. 2 begeht ein Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich,
wer die Tat mit Wissen und Willen ausführt (Satz 1; direkter Vorsatz). Vorsätzlich
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handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt
(Satz 2; Eventualvorsatz). Eventualvorsatz im genannten Sinn ist somit gegeben,
wenn der Täter den Eintritt des Erfolgs bzw. die Tatbestandsverwirklichung für
möglich hält, aber dennoch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts
in Kauf nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein
(Bundesgerichtsentscheid 6B_180/2011 vom 5. April 2012, E. 2.1.1, mit Hin-
weisen). Nicht erforderlich ist damit, dass der Täter den Erfolg "billigt" (BGE 125
IV 242 E. 3c). Eventualvorsatz kann etwa angenommen werden, wenn sich dem
Täter der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs infolge seines Verhaltens als
so wahrscheinlich aufdrängte, dass sein Verhalten vernünftigerweise nur als
Inkaufnahme dieses Erfolgs gewertet werden kann (BGE 131 IV 1 E. 2.2 mit
Hinweisen; Urteil des Bundesgerichtes 6B_411/2012 vom 8. April 2013, E.13).
Ein Versuch liegt vor, wenn der Täter, nachdem er mit der Ausführung eines
Verbrechens oder Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu Ende
führt oder der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt oder dieser
nicht eintreten kann (Art. 22 Abs. 1 StGB). Beim Versuch erfüllt der Täter
sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale und manifestiert seine Tatentschlos-
senheit, ohne dass alle objektiven Tatbestandsmerkmale verwirklicht sind
(Bundesgerichtsentscheid 6B_180/2011 vom 5. April 2012, E. 2.1.3, mit Hin-
weisen; BGE 137 IV 113 E. 1.4.2).
4.4. Wie dem erstellten Sachverhalt zu entnehmen ist, erlitt der Privatkläger beim
fragliche Vorfall zwei Schnittverletzungen, die eine an der linken Halsseite und die
andere an der rechten Wange. Gemäss dem ärztlichen Befund des Stadtspitals
B._ vom 3. Mai 2012 betrug die Entfernung dieser Verletzungen zu lebens-
wichtigen Strukturen (Organe oder grosse Blutgefässe) nur ca. 1 cm. Der Privat-
kläger befand sich dadurch aber nicht in unmittelbarer Lebensgefahr (Urk. 3/4).
Angesichts dieser Verletzungen liegt - mit der Vorinstanz (Urk. 44 S. 9 f.) - keine
vollendete vorsätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB vor.
Zu prüfen bleibt demnach, ob der Beschuldigte sich der versuchten vorsätzlichen
Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
schuldig gemacht hat.
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4.5. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann bereits bei einem
einzigen gegen den Oberkörper des Opfers geführten Messerstich auf vorsätzli-
che Tötung erkannt werden (Urteil des Bundesgerichts 6B_829/2010 vom
28. Februar 2011 E. 3.2, Tatwaffe war ein Messer mit einer Klingenlänge von
11 cm, mit Hinweis auf das Urteil 6S.104/2002 vom 22. Oktober 2003 E. 2.; vgl.
z.B. auch Urteile 6B_572/2011 vom 20. Dezember 2011 E. 2.6, gezielter Stich in
den Oberkörper mit einem 27 cm langen Messer; 6B_635/2009 vom 19. Novem-
ber 2009 E. 3.3, Stich in die Nierengegend mit einem Tranchiermesser [Klingen-
länge ca. 23.5 cm]; 6B_788/2008 vom 26. Dezember 2008 E. 1, kräftige, gezielte
Messerstiche in Brust und Rücken [Klingenlänge ca. 20 cm]; 6B_822/2008 vom
5. November 2008 E. 4.3, Stich mit Kraftaufwand in die Brust mit einem Messer
mit einer Klingenlänge von 15.5 cm; 6S.224/2005 vom 21. Juni 2005 E. 2,
Messerstich [Klingenlänge von 8-10 cm] mit voller Wucht in den Bauch; im Urteil
6B_775/2011 vom 4. Juni 2012 E. 2.5 verneint bei einem Stich seitlich unterhalb
der Achsel bei einer Klingenlänge von 34 mm).
Wer in einer dynamischen Auseinandersetzung mit einem Messer in den
Schulter-Brustbereich zusticht, muss in aller Regel mit schweren Verletzungen
rechnen. Bei einem Messerstich in den Brustbereich ist das Risiko einer tödlichen
Verletzung als hoch einzustufen (Bundesgerichtsentscheid 6B_432/2010 vom
1. Oktober 2010 E. 4, mit weiteren Hinweisen). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung bedarf es keiner besonderen Intelligenz, um zu erkennen, dass
ungezielte Messerstiche in Brust und Bauch eines Menschen den Tod zur Folge
haben können (BGE 109 IV 5 E. 2; Bundesgerichtsentscheide 6B_829/2010 vom
28. Februar 2011, E. 3.2, und 6B_177/2011 vom 5. August 2011, E. 2.10).
Dasselbe muss gleichermassen (wenn nicht um so mehr) bei Schnittverletzungen
im Halsbereich gelten, handelt es sich dabei doch um einen sehr sensiblen
Bereich eines Menschen, wo sich lebenswichtige Organe und Blutbahnen
befinden. Entsprechend hält auch das Bundesgericht hierzu fest, dass bei einem
Messerstich in den Hals bzw. bei Schnittverletzungen am Hals das Risiko der
Tatbestandsverwirklichung, d.h. des Todes des Opfers, ebenfalls als hoch einzu-
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stufen ist (Bundesgerichtsentscheide 6B_635/2009 vom 19. November 2009,
E. 3.3, und 6B_480/2011 vom 17. August 2011, E. 1.4).
Nach dem Gesagten liegt bei einem Messerstich bzw. bei einer Schnittverletzung
im Halsbereich eine Todesfolge im allgemein bekannten Rahmen des Kausal-
verlaufs und ist somit vom Vorsatz erfasst. Es darf als allgemein bekannt voraus-
gesetzt werden, dass angesichts der Empfindlichkeit der gesamten Halsregion
grundsätzlich Messerstiche gegen den Hals bzw. Schnittverletzungen am Hals
zum Tod eines Menschen führen können. Demnach muss, wer entsprechende
Gewalt gegen den sensiblen Halsbereich eines Menschen ausübt, aufgrund der
hohen Wahrscheinlichkeit von tödlichen Verletzungen mit solchen Konsequenzen
rechnen und nimmt sie damit zumindest in Kauf.
4.6. Wie dem erstellten Sachverhalt zu entnehmen ist, hat der Beschuldigte
mehrfach das geöffnete Sackmesser mit gestrecktem rechten Arm in weitem
Bogen und mit Schwung von unten nach oben zum Hals resp. Kopf des Privat-
klägers geschwungen. Trotz reaktionsschnellem Ausweichen wurde der Privat-
kläger am Hals oberhalb der Gurgel, an der rechten Wange, am Brillengestell, am
Lederjacket am linken Stehkragen gegen das Kragenende sowie unterhalb des
Kragens gegen die linke Schulterpartie von der Messerklinge getroffen. Dabei
erlitt er eine ca. 3 mm tiefe und ca. 8 cm lange Schnittverletzung von der linken
Halsseite quer oberhalb der Gurgel zum rechten Unterkiefer verlaufend sowie
eine ca. 3 mm tiefe und ca. 6 cm lange Schnittverletzung an der rechten Wange
ca. 2.5 cm unterhalb des rechten Auges.
Den Aussagen des Beschuldigten zufolge ist er wütend und unkontrolliert gegen
den Privatkläger vorgegangen. So führte er in der Untersuchung aus, er habe den
Privatkläger nach Zigaretten gefragt. Dieser habe ihn aber weggestossen, sodass
er umgefallen und sich den Kopf auf dem Trottoir angeschlagen habe. Er sei
bewusstlos geworden. Danach sei er wieder zum Privatkläger gegangen und
habe ihn gefragt, weshalb er ihm keine Zigarette gegeben und ihn geschubst
habe. Dann habe ihn der Privatkläger erneut geschubst und habe ihn auch
schlagen wollen. Dadurch habe ihn der Privatkläger zutiefst verletzt, als wäre er
ein kleiner Junge (Urk. 7/1 S. 2). Weiter gab der Beschuldigte an, der Privatkläger
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habe ihm sozusagen eine Ohrfeige erteilt und sei weggegangen. Er habe sich
damit nicht zufrieden gegeben und sei auf den Privatkläger zugegangen. Er habe
ihn dann mit dem Messer verletzt. Wo er ihn genau verletzt habe, wisse er nicht,
da er betrunken gewesen sei. Er denke, er habe ihn im Gesicht verletzt. Das
Messer habe er auf Gesichtshöhe hin und her geschwungen (Urk. 7/1 S. 4). Er sei
ein wenig betrunken gewesen. Hätte ihn der Privatkläger nicht gestossen, so dass
er umgefallen sei, hätte er ihn nicht verletzt (Urk. 7/1 S. 6). Dieser Fehler sei in
einer Wutsituation passiert (Urk. 7/1 S. 6). Er sei innerlich verletzt gewesen, da
ihn der Privatkläger weggestossen habe. "Wollte er damit ausdrücken, dass er ein
Mann ist und ich eine Frau sein soll?" (Urk. 7/1 S. 12). Der Privatkläger habe ihn
weggeschoben, er habe das Messer gezogen und ihm die Verletzungen zugefügt
und sei dann davon gelaufen (Urk. 7/1 S. 12).
Schliesslich ist als erstellt zu erachten, dass der Beschuldigte beim inkriminierten
Vorfall ein Sackmesser verwendete, welches eine Klingenlänge von ca. 5.5 cm
aufwies (vgl. Urk. 7/1 S. 3; Urk. 4/1).
4.7. Den Verletzungen, die der Privatkläger erlitt, sowie den Schnittspuren am
Brillengestell und am Lederjacket zufolge übte der Beschuldigte durch die ausge-
führten Schnittbewegungen erhebliche Gewalt gegen den Privatkläger aus. Mehr-
fach und unkontrolliert ging er mit einem Sackmesser, das eine nicht unerhebliche
Klingenlänge aufwies, gegen den Hals- und Kopfbereich des Privatklägers vor.
Die Sorgfaltspflichtverletzung des Beschuldigten wiegt schwer. Aufgrund der dar-
gelegten Art und Intensität dieser Schnittbewegungen in Richtung bzw. auf Höhe
des ungeschützten Halses und unter Berücksichtigung der verwendeten Klingen-
länge ist das Risiko der Tatbestandsverwirklichung, d.h. des Todes des Opfers,
ohne Weiteres als hoch einzustufen.
Dem Einwand der Verteidigung, wonach der Beschuldigte "nur" Schnitt- und keine
Stichbewegungen ausgeführt habe (vgl. Urk. 66 S. 7 und S. 8), kann nicht gefolgt
werden. Die Verteidigung verkennt, dass bei beiden Arten des Messereinsatzes
gegen den Hals, d.h. sowohl bei Stich- als auch bei Schnittbewegungen, von
einem hohen Risiko der Zufügung von tödlichen Verletzungen auszugehen ist.
Unbehelflich ist sodann der Einwand der Verteidigung, dass der Privatkläger nicht
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lebensgefährlich verletzt worden sei (Urk. 66 S. 6). Wie nachstehend noch zu
zeigen ist, hing es nicht vom Verhalten des Beschuldigten ab, sondern alleine
vom Zufall, dass der Privatkläger nicht schwerer bzw. tödlich verletzt worden ist.
Dieser Umstand ist somit nicht bei der Beurteilung des Vorsatzes bzw. Eventual-
vorsatzes massgeblich, sondern unter dem Titel des Versuchs.
Weiter ist auch der Einwand des Verteidigers, wonach dem Beschuldigten erst
nach Vorhalt von Fotos überhaupt bewusst geworden sei, dass er den Privat-
kläger am Hals verletzt habe, was gegen eine Tötungsabsicht des Beschuldigten
spreche (Urk. 66 S. 3; vgl. auch Urk. 65 S. 13), unbehelflich. So verkennt der
Verteidiger, dass für die Beurteilung, ob der Beschuldigte mit Vorsatz oder Even-
tualvorsatz handelte, nicht massgeblich ist, ob er den Privatkläger tatsächlich
verletzte bzw. ob er allfällige Verletzungen, die er dem Privatkläger zufügte, auch
wahrnahm. Vielmehr ist entscheidend und zu prüfen, ob der Beschuldigte im
Wissen um die Zufügung von tödlichen Verletzungen handelte und diese auch
wollte oder zumindest in Kauf nahm.
Wie dargelegt, hat der Beschuldigte massiv, unkontrolliert und mehrfach mit
Schnittbewegungen auf den Halsbereich des Privatklägers eingewirkt. Es gehört
zum Allgemeinwissen, dass Schnittverletzungen am Hals tödlich enden können.
Es bedarf hierzu weder ein Spezialwissen noch einer besonderen Intelligenz.
Dass es dem Beschuldigten an diesem Wissen gemangelt hätte, wird weder
geltend gemacht (vgl. Urk. 33 N 5 S. 4), noch ist dies aus den Akten ersichtlich.
Vielmehr war dies dem Beschuldigten durchaus bewusst, bejahte er doch anläss-
lich der ersten staatsanwaltlichen Einvernahme die Frage, ob man sterben könne,
wenn man jemanden mit einem Messer am Hals schneidet (Urk. 7/1 S. 7), und
führte sodann vor Vorinstanz auf die Frage, was passieren könne, wenn man mit
einem Messer gegen das Gesicht oder gegen den Hals einer anderen Person
steche, aus, es sei durchaus möglich, dass die andere verletzt werde oder auch
sterben könne (Urk. 30 S. 11). Auch anlässlich der Berufungsverhandlung
bestätigte der Beschuldigte, dass man bei einem derartigen Verhalten tödliche
Verletzungen ernsthaft in Betracht ziehen müsse (Urk. 65 S. 15).
- 15 -
Damit kann vorliegend davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte dem
Privatkläger die genannten Schnittverletzungen im grundsätzlichen Wissen um
die möglicherweise tödlichen Folgen solchen Handelns zufügte.
4.8. Der Beschuldigte hat bereits im gesamten Verfahren jeglichen Tötungswille
und damit einen direkten Tötungsvorsatz bestritten (Urk. 7/1 S. 8; Urk. 7/4 S. 3
und S. 10; Urk. 30 S. 11). Ein direkter solcher Vorsatz kann ihm schliesslich auch
nicht nachgewiesen werden. Dass der Beschuldigte den Privatkläger mit direktem
Vorsatz hätte töten wollen, kann ihm deshalb - mit der Vorinstanz (Urk. 44 S. 8) -
nicht vorgeworfen werden.
Damit ist zu prüfen, ob der Beschuldigte mit Eventualvorsatz - und damit gleich-
wohl vorsätzlich - gehandelt hat. Vorsätzlich handelt nämlich - wie vorstehend
ausgeführt - auch, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf
nimmt (Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB). Eventualvorsatz ist unter anderem anzuneh-
men, wenn sich dem Täter der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs infolge
seines Verhaltens als so wahrscheinlich aufdrängte, dass sein Verhalten vernünf-
tigerweise nur als Inkaufnahme dieses Erfolgs gewertet werden kann (BGE 109
IV 137 E. 2b mit Hinweisen).
In der Untersuchung hat der Beschuldigte zwar - wie vorstehend ausgeführt -
erklärt, durch sein Verhalten den Tod des Privatklägers durch Verbluten in Kauf
genommen zu haben (Urk.7/4S. 3). Vor Vorinstanz widerrief er allerdings diese
Aussage (Urk. 30 S. 12). Auch im Berufungsverfahren zeigte sich der Beschuldig-
te diesbezüglich nicht geständig (Urk. 65 S. 12 ff.).
Wie dargelegt, hat der Beschuldigte in einer dynamischen Auseinandersetzung
mehrfach mit einem Sackmesser, das eine Klingenlänge von ca. 5.5 cm aufwies,
Schnittbewegungen gegen den Hals- und Kopfbereich des Privatklägers ausge-
führt. Dazu war der Beschuldigte beträchtlich alkoholisiert, herrschten schlechte
Lichtverhältnisse und befanden sich beide Beteiligten in einem gewissen
Erregungszustand. Dieser Sachverhalt unterscheidet sich damit augenfällig von
denjenigen Fällen, die den vom Verteidiger zitierten Bundesgerichtsentscheiden
zugrunde lagen. So wurde ein Fall erwähnt, in dem mit Fäusten und Fusstritten
- 16 -
auf den Kopf und den Oberkörper des auf dem Boden liegenden Opfers einge-
schlagen wurde (vgl. Urk. 66 S. 5, bezugnehmend auf den Bundesgerichtsent-
scheid 6B_754/2012, E. 2). Weiter wurden Fälle zitiert, bei denen das Opfer mit
einem Messerstich unterhalb der Achsel in den Rumpf (Urk. 66 S. 7, bezug-
nehmend auf den Bundesgerichtsentscheid 6B_775/2011) bzw. in die Kniekehle
(Urk. 66 S. 7, bezugnehmend auf BGE 136 IV 49) verletzt wurde. Im vorliegenden
Fall sind demgegenüber weder Schläge auf Kopfhöhe, noch Messerstiche in den
Oberkörper bzw. in das Bein zu beurteilen, sondern Schnittbewegungen auf
Kopfhöhe bzw. in Richtung des Halses.
Der Verteidiger führte schliesslich aus, auch wenn der Beschuldigte leicht reizbar
gewesen sei und er eine niedrige Gewalthemmschwelle gehabt habe, so könne
doch nicht ernsthaft davon gesprochen werden, dass ein so grosses Verletzungs-
risiko vorgelegen habe, das der Beschuldigte gar nicht mehr im Griff gehabt habe.
Für eine solche Annahme gebe es weder Beweise noch genügend Indizien, wes-
halb dies dem Beschuldigten nicht vorgeworfen werden könne (Urk. 66 S. 9).
Diesen Ausführungen kann nicht gefolgt werden. Aufgrund der Verletzungen, die
der Beschuldigte dem Privatkläger durch mehrfache Schnittbewegungen gegen
den Hals- und Kopfbereich zufügte, kann wohl nicht ernsthaft davon ausgegangen
werden, dass der Beschuldigte das durch ihn gesetzte Verletzungsrisiko noch im
Griff gehabt haben soll. Wäre dem so gewesen, hätte der Beschuldigte seine
Schnittbewegungen millimetergenau ausführen müssen. Dies erscheint bereits für
sich alleine unrealistisch. Vorliegend kommt aber noch hinzu, dass der Beschul-
digte wütend und in alkoholisiertem, mithin in unkontrolliertem Zustand gegen den
Privatkläger einwirkte und dieser nur aufgrund von Zufälligkeiten, insbesondere
wegen des reaktionsschnellen Ausweichens, nicht ernsthafter verletzt wurde.
Entsprechend kann in keiner Weise davon gesprochen werden, der Beschuldigte
hätte die von ihm gesetzte Gefahr im Griff gehabt.
Aufgrund dieser massiven und unkontrollierten Weise, wie der Beschuldigte auf
den sensiblen Halsbereich des Privatklägers einwirkte, bestand ein hohes und für
den Beschuldigten bekanntes Risiko der Tatbestandsverwirklichung. Ent-
sprechend musste sich ihm bei seinem Messereinsatz und damit bei den inkrimi-
- 17 -
nierten Schnittbewegungen mit dem Taschenmesser auf den Halsbereich die
Möglichkeit tödlicher Verletzungen als so wahrscheinlich aufdrängen, dass sein
Handeln nur als Billigung dieses Erfolgs ausgelegt werden muss. Er nahm somit
durch sein Verhalten den Tod des Privatklägers in Kauf.
4.9 Damit steht zweifelsfrei fest, dass der Beschuldigte beim fraglichen Vorfall
mit Eventualvorsatz - und damit gleichwohl vorsätzlich - gemäss Art. 111 StGB
gehandelt hat.
4.10. Es wurde weder geltend gemacht noch ist dies aufgrund der vorliegenden
Akten ersichtlich, dass ein Tatbestand gemäss Art. 112 ff. StGB in Betracht fällt.
Hierzu kann vollumfänglich auf die Ausführungen der Vorinstanz verwiesen
werden (Urk. 44 S. 10; Art. 82 Abs. 4 StPO).
4.11. Ebenfalls wurde weder geltend gemacht noch ist aufgrund der vorliegenden
Akten ersichtlich, dass ein Rechtfertigungsgrund oder ein Schuldausschlussgrund
vorgelegen hätte. Auf die entsprechenden zutreffenden Ausführungen der Vor-
instanz kann vollumfänglich verwiesen werden (Urk. 44 S. 11 f.; Art. 82 Abs. 4
StPO). Anlässlich der Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte zwar aus, er
habe sich gegen den Privatkläger verteidigen wollen (Urk. 65 S. 9 ff.). Aufgrund
des erstellten Sachverhalts ist aber in keiner Weise ersichtlich, dass sich der
Beschuldigte tatsächlich hätte gegen den Privatkläger wehren müssen. Ent-
sprechend führte auch die Verteidigung aus, der Beschuldigte habe sich nicht in
einer Notwehrsituation befunden (vgl. Urk. 66 S. 7 und Prot. II S. 10).
4.12. Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass der Beschuldigte
nur rund 1 cm und damit in unmittelbarer Nähe von lebenswichtigen Strukturen
(Organe oder grosse Blutgefässe) den Privatkläger geschnitten und diesen
dadurch verletzt hat (vgl. Urk. 3/4). Dass der Privatkläger diese Aktion überlebte,
hing letztlich vom Zufall ab, insbesondere auch vom reaktionsschnellen Aus-
weichen des Privatklägers. Dementsprechend hat sich der Beschuldigte der
versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig gemacht.
- 18 -
5. Strafzumessung
5.1. Die Vorinstanz hat den Beschuldigten wegen der versuchten vorsätzlichen
Tötung im Sinne von Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB sowie wegen des
vorsätzlichen Vergehens gegen das Ausländergesetz im Sinne von Art. 115
Abs. 1 lit. b AuG mit einer Freiheitsstrafe von 6 1⁄2 Jahren bestraft (Urk. 44 S. 27).
5.2. Die Vorinstanz ging - ausgehend von der vorsätzlichen Tötung als schwerste
Straftat (Art. 49 Abs. 1 StGB) - zutreffenderweise vom ordentlichen Strafrahmen
zwischen 5 und 20 Jahren Freiheitsstrafe aus (Art. 111 StGB). Da mit den
20 Jahren bereits die gesetzliche Höchstdauer einer Freiheitsstrafe erreicht ist
(Art. 40 StGB), wird durch das zusätzlich vom Beschuldigten begangene Delikt
der Strafrahmen nicht - auch nicht theoretisch - gegen oben geöffnet. Zudem
erscheint vorliegend eine Milderung der Strafe, die den Rahmen nach unten
öffnen würde, trotz Reduktionsgründen nicht angezeigt. Damit sind - neben der
Deliktsmehrheit - auch der Versuch und eine allfällige verminderte Schuldfähigkeit
im vorliegenden Fall innerhalb des ordentlichen Strafrahmens entsprechend zu
berücksichtigen (vgl. Urk. 44 S. 13 f.).
5.3. Sodann hat die Vorinstanz die Grundsätze, nach welchen eine Strafe zuzu-
messen ist, richtig dargestellt (Urk. 44 S. 14 f.). Darauf (Art. 82 Abs. 4 StPO) und
auch auf die jüngere Bundesgerichtspraxis zu diesem Thema (BGE 136 IV 55
E. 5.4 ff; BGE 135 IV 130 E. 5.3.1; BGE 132 IV 102 E. 8.1, je mit Hinweisen) kann
vorab verwiesen werden.
5.4. Versuchte vorsätzliche Tötung
5.4.1. Komponente
5.4.1.1. Im Zusammenhang mit der objektiven Tatschwere der mutmasslich voll-
endeten Tötung führte die Vorinstanz verschiedene Elemente an, die methodisch
korrekterweise erst im Rahmen der subjektiven Verschuldensbewertung oder bei
der Gewichtung des Versuchs von Bedeutung sind. Den entsprechenden Erwä-
gungen (Urk. 44 S. 15) kann deshalb nur teilweise gefolgt werden. Zutreffend ist,
dass der Beschuldigte seine Schwung-/Schneidbewegungen in kurzer Distanz
zum Privatkläger vollführt hat. Im Verhältnis zu diesem Vorgehen sind allerdings
- 19 -
im Spektrum aller möglichen tatbeständlichen Handlungen um einiges brutalere
und insbesondere auch "sicherere" Tötungsmethoden denkbar. Weder erscheint
das Handeln des Beschuldigten - immer innerhalb des Tatbestandes von Art. 111
StGB - als speziell grausam oder abstossend, noch müssen die Chancen, so zum
Tötungserfolg zu kommen, als besonders hoch bezeichnet werden: Zwar ist eine
Schnittverletzung am Hals offensichtlich geeignet, den Tod des Getroffenen
herbeizuführen. In manchen Fällen - wie auch vorliegend - wird das Opfer aber
überleben, sei es, weil durch Ausweichen, durch Abwehrhandlungen oder
sonstige Umstände die Einwirkungen des Schnitts gemildert werden können, oder
sei es, weil rasch eine lebensrettende medizinische Notversorgung erfolgt. Es
bleibt aber zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte mehrfach, unkontrolliert und
in erheblicher Weise mit dem geöffneten Sackmesser gegen den Hals- und Kopf-
bereich vorging.
Entgegen der Vorinstanz (Urk. 44 S. 15) darf sodann aber nicht verschuldens-
erhöhend gewertet werden, dass der Beschuldigte den Tatort nach der Tat ver-
lassen hat. Vielmehr ist ein solches Verhalten einem Tötungsdelikt durchaus
immanent und wäre das gegenteilige Handeln strafmindernd oder gar im Rahmen
von Art. 23 Abs. 1 StGB strafmildernd zu berücksichtigen.
Das objektive Tatverschulden für das mutmasslich vollendete Delikt ist im
Ergebnis deshalb als mittelschwer zu würdigen.
5.4.1.2. In subjektiver Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschuldigte aus
nichtigem Anlass gegen den Privatkläger vorging und so eine erhebliche Gering-
schätzung des Lebens Anderer offenbarte. Entgegen der Verteidigung ist nicht
von einem rüpelhaften Benehmen des Privatklägers auszugehen, welches die
Reaktion des Beschuldigten provoziert habe (vgl. Urk. 66 S 10). Vielmehr liess
der Beschuldigte nicht vom Privatkläger ab, obwohl dieser erklärte, ihm keine
Zigaretten geben zu wollen (vgl. Urk. 44 S. 16). Sodann ist der Einwand der
Verteidigung, wonach der Privatkläger angetrunken gewesen sei (vgl. Urk. 66
S. 10), nicht zielführend. Zwar gab der Privatkläger an, 2 1⁄2 Liter Bier sowie
1⁄2 Liter Margherita getrunken zu haben (Urk. 6/1). Im Zeitpunkt der Blutentnahme
wies der Privatkläger aber lediglich einen Blutalkoholwert von 0.06 ‰ auf
- 20 -
(Urk. 6/4 S. 2). Doch selbst wenn mit der Verteidigung davon auszugehen wäre,
dass der Privatkläger angetrunken gewesen sein sollte, kann daraus noch nicht
abgeleitet werden, dass er dadurch rüpelhaft erschienen sei und den Beschuldig-
ten dadurch provoziert haben soll. Wie die Vorinstanz zutreffend ausführte, hat
der Privatkläger, nachdem er dem Beschuldigten mitgeteilt hatte, er wolle ihm
keine Zigaretten geben und er solle sich entfernen, sich gegen die Zudringlichkeit
des Beschuldigten gewehrt, indem er diesen wegstiess (vgl. Urk. 44 S. 16). Dass
sich der Beschuldigte durch das Verhalten des Privatklägers gekränkt und wie ein
kleines Kind, wie ein Hund bzw. wie eine Frau behandelt gefühlt habe (vgl.
Urk. 44 S. 16), mag zwar zutreffen, spricht aber höchstens für ein geringes
Selbstwertgefühl des Beschuldigten und ist bei der vorliegenden Strafzumessung
nicht von Bedeutung. Ohne dass er vom Privatkläger provoziert wurde oder dass
eine Bedrohung oder eine Gefahr von Seiten des Privatklägers ausging, be-
händigte und öffnete der Beschuldigte ein Sackmesser und führte damit Schnitt-
bewegungen gegen den Hals- und Kopfbereich des Privatklägers aus.
Strafmindernd ist - mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 44 S. 16) - zu berücksichtigen,
dass - wie vorstehend ausgeführt - der Beschuldigte den Tod des Privatklägers
nicht wollte, er also nicht mit direktem Vorsatz, sondern eventualvorsätzlich
handelte. Ebenso ist zu gewichten, dass der Beschuldigte seine Tat nicht etwa
von langer Hand geplant gehabt hätte, sondern sich recht spontan dazu hin-
reissen liess.
Weiter ist - mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 44 S. 16) - strafmindernd zu berücksichti-
gen, dass der Beschuldigte im Tatzeitpunkt aufgrund des Alkoholkonsums
vermindert schuldfähig war. So wies der Beschuldigte bei der Tat einen
Blutalkoholgehalt von 1.64 ‰ bis 2.38 ‰ auf (Urk. 5/5 S. 2). Gemäss bundes-
gerichtlicher Rechtsprechung ist bei einer Blutalkoholkonzentration zwischen
2 ‰ und 3 ‰ in der Regel von einer verminderten Zurechnungsfähigkeit auszu-
gehen. Es besteht in diesem Bereich somit eine Vermutung für die Verminderung
der Zurechnungsfähigkeit bzw. - heute - Schuldfähigkeit. Diese Vermutung kann
jedoch im Einzelfall durch Gegenindizien - wie beispielsweise die Gewöhnung an
grosse Alkoholmengen - umgestossen werden (BGE 122 IV 49 E. 1b und 1c). Der
- 21 -
Beschuldigte gab in der Untersuchung an, er habe am fraglichen Tag bereits um
14.00 Uhr begonnen, Alkohol zu trinken. Bis zur Verhaftung habe er 25 Dosen,
mithin 12.5 Liter, Bier getrunken. Diese Menge sei für ihn normal. Im Durchschnitt
trinke er jeweils zwei bis drei Mal in der Woche so viel Bier (Urk. 7/1 S. 15). Vor
Vorinstanz meinte er zwar nur noch, er habe ein bis zwei Mal pro Woche so viel
getrunken, bestätigte aber, er sei regelmässig betrunken gewesen (Urk. 30 S. 13
f.). Gemäss diesen Aussagen kann von einer erheblichen Gewöhnung des Be-
schuldigten an grosse Alkoholmengen ausgegangen werden. Entsprechend gab
der Beschuldigte auch an, er sei - trotz des Alkoholkonsums - normal gelaufen,
wobei er vielleicht etwas getorkelt sei, und er habe normal sprechen können (Urk.
7/1 S. 9; Urk. 7/4 S. 5). Schliesslich bleibt aber zu berücksichtigen, dass der Be-
schuldigte im Tatzeitpunkt - neben dem Alkoholkonsum - zusätzlich unter dem
Einfluss von Clonazepam stand (Urk. 5/5 S. 2), was eine gegenseitige Wirkungs-
verstärkung zur Folge hat (Urk. 5/5 S. 4). Nach dem Gesagten ist von einer in
leichtem bis mittleren Mass eingeschränkten Schuldfähigkeit auszugehen, welche
sich auch in rechtlicher Hinsicht entsprechend auswirkt (vgl. dazu
BGE 136 IV 55 E. 5.7).
5.4.1.3. Die subjektiven Umstände wirken sich damit gegenüber dem objektiven
Tatverschulden der mutmasslich vollendeten Tötung als merklich verschuldens-
mindernd aus.
Als hypothetische Einsatzstrafe für das mutmasslich vollendete Tötungsdelikt
erscheint damit - mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 44 S. 16) - eine Freiheitsstrafe von
9 Jahren als gerechtfertigt.
5.4.1.4. In Bezug auf den Umstand, dass es lediglich beim Versuch blieb, führte
die Vorinstanz aus, es sei nur dem Zufall und nicht dem Verhalten des Beschul-
digten zuzuschreiben, dass keine Halsschlagader des Privatklägers getroffen
worden sei, was zu einer lebensgefährlichen Blutung geführt hätte. Allerdings
seien die tatsächlichen Folgen der Tat objektiv gesehen nicht schwerwiegend.
Der Privatkläger habe keine lebensgefährlichen Verletzungen erlitten. Es seien im
Übrigen, abgesehen von den Narben, keine bleibenden Schäden geblieben und
es sei auch keine Arbeitsunfähigkeit attestiert worden (Urk. 44 S. 17).
- 22 -
Bei einem Versuch gemäss Art. 22 Abs. 1 StGB kann das Gericht die Strafe
mildern. Das Mass der zulässigen Reduktion der Strafe bei einem - wie vorliegend
- vollendeten Versuch hängt unter anderem von der Nähe des tatbestands-
mässigen Erfolgs und den tatsächlichen Folgen der Tat ab (BGE 121 IV 49 E. 1).
Wie vorstehend ausgeführt, hat der Beschuldigte mit einem Taschenmesser mit
mehrmaligen Schnittbewegungen auf den Hals- und Kopfbereich des Privat-
klägers eingewirkt und diesem dadurch eine ca. 3 mm tiefe und ca. 8 cm lange
Schnittverletzung von der linken Halsseite quer oberhalb der Gurgel zum rechten
Unterkiefer verlaufend sowie eine ca. 3 mm tiefe und ca. 6 cm lange Schnitt-
verletzung an der rechten Wange ca. 2.5 cm unterhalb des rechten Auges zuge-
fügt. Der Beschuldigte hat somit ein Vorgehen gewählt, das zwar offensichtlich
geeignet ist, den Tod des Opfers herbeizuführen, indessen nicht a priori auch
effektiv zum Tod führen muss (vgl. vorstehend E. 5.4.1.). Das wäre - zum Ver-
gleich - etwa anders bei einem gezielten Schuss in den Kopf, der Verwendung
eines Messers mit einer deutlich längeren Klinge oder auch nur schon bei wieder-
holten Messerstichen - und nicht nur Schnittbewegungen - in den Brust- und
Halsbereich. Im konkreten Fall lag der tatbestandsmässige Erfolg denn auch tat-
sächlich nicht sehr nahe: zwar hätten durch die mehrfachen und unkontrollierten
Schnittbewegungen lebenswichtige Organe verletzt werden können, der Privat-
kläger erlitt aber lediglich oberflächliche Schnittverletzungen (vgl. Urk. 3/4 S. 1
und Urk. 3/5). Gleichwohl ist im Auge zu behalten, dass der Beschuldigte letztlich
zum Ausbleiben des Erfolgs nur wenig beigetragen hat, sondern dies vorab
Zufälligkeiten zuzuschreiben ist. Festzustellen ist indessen, dass die tatsächlichen
Folgen der Tat neben diesen Zufallselementen auch deshalb nur verhältnismässig
gering geblieben sind, weil der Beschuldigte nicht insistierte und ziemlich rasch
vom Privatkläger abgelassen hat: Dieser wurde im Stadtspital B._
ambulant behandelt (Urk. 3/5) und war durch die Verletzungen nicht arbeits-
unfähig. Eine unmittelbare Lebensgefahr bestand nicht und er trug keine bleiben-
den Schädigungen davon (vgl. Urk. 3/4 S. 2).
Der Versuch muss mithin klar strafmindernde Konsequenzen haben. Wenn die
Vorinstanz in diesem Zusammenhang von einer merklichen Strafreduktion spricht
- 23 -
und damit die Einsatzstrafe um rund einen Drittel, mithin auf 6 Jahre, reduziert
(Urk. 44 S. 17), kann ihr gefolgt werden.
5.4.2. Täterkomponente
5.4.2.1. Die Täterkomponente (Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB) umfasst das Vorleben,
die persönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat und im Strafver-
fahren. Bei der Beurteilung des Vorlebens fallen einerseits früheres Wohl-
verhalten, andererseits Zahl, Schwere und Zeitpunkt von Vorstrafen ins Gewicht.
Unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Verhältnisse ist etwa zu berücksichti-
gen, ob sich der Täter im Strafverfahren kooperativ verhielt, ob er Reue und
Einsicht zeigte, ob er mehr oder weniger strafempfindlich ist.
5.4.2.2. Hinsichtlich der persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten kann
zunächst auf die zusammenfassende Wiedergabe im vorinstanzlichen Urteil ver-
wiesen werden (Urk. 44 S. 18 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Anlässlich der Berufungs-
verhandlung ergänzte der Beschuldigte, er habe keine gesundheitlichen Proble-
me. Er arbeite in der Gärtnerei und verdiene Fr. 23.–. Das Gefängnis behalte das
Geld auf einem Sperrkonto zurück. Er erhalte monatlich Fr. 250.–. Er habe in der
Tatnacht rund 12 1⁄2 Liter Bier getrunken. Wenn er Probleme gehabt habe, dann
habe er sogar noch mehr getrunken. Ein Alkoholproblem habe er aber nicht
gehabt (Urk. 65 S. 2 ff.).
Die persönlichen Verhältnisse wirken sich damit bei der vorliegenden Strafzu-
messung - mit der Vorinstanz (Urk. 44 S. 19) - neutral aus.
5.4.2.3. Der Beschuldigte weist im Schweizerischen Strafregister sieben Vor-
strafen auf (Urk. 48). Diese sind zwar in Bezug auf die versuchte vorsätzlichen
Tötung nicht einschlägig. Es ist aber zu beachten, dass sich der Beschuldigte, seit
er in die Schweiz einreiste (seit Anfang Oktober 2008, vgl. Urk. 7/1 S. 16 und
Urk. 48), grossmehrheitlich entweder in Ausschaffungshaft oder im Strafvollzug
befand. Er wurde letztmals am 3. April 2012 aus dem Strafvollzug entlassen (vgl.
Urk. 21 S. 4). Bereits am 12. April 2012 - und damit nur kurz nach der Entlassung
aus dem Strafvollzug - delinquierte der Beschuldigte erneut, musste für zwei Tage
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in Untersuchungshaft und wurde mit Strafbefehl vom 14. April 2012 wegen Dieb-
stahl verurteilt. Bereits wieder am 21. April 2012 - und damit wiederum unmittelbar
darauf - wurde der Beschuldigte wegen der vorliegend zu beurteilenden versuch-
ten vorsätzlichen Tötung straffällig. Damit manifestierte der Beschuldigte in
augenfälliger Weise seine Geringschätzung gegenüber der geltenden Rechts-
ordnung. Aufgrund dieser fortlaufenden Delinquenz wirken sich die Vorstrafen
leicht straferhöhend aus.
5.4.2.4. In Bezug auf das Nachtatverhalten ist sodann zu berücksichtigen, dass
sich der Beschuldigte in Bezug auf die versuchte vorsätzliche Tötung hinsichtlich
des objektiven Sachverhalts geständig zeigt. Es rechtfertigt sich, dieses
Geständnis merklich strafmindernd zu berücksichtigen.
Schliesslich ist unter dem Titel Einsicht und Reue - mit der Vorinstanz (vgl.
Urk. 44 S. 21 f.) - zu beachten, dass sich der Beschuldigte bezüglich der versuch-
ten vorsätzlichen Tötung anlässlich der Konfrontationseinvernahme vom 12. Juni
2012 beim Privatkläger (Urk. 7/3 S. 3) und vor Vorinstanz in allgemeiner Weise für
diesen Vorfall entschuldigte (Urk. 30 S. 17). Auch anlässlich der Berufungs-
verhandlung erklärte der Beschuldigte, er möchte sich beim Privatkläger ent-
schuldigten, es sei nicht seine Absicht gewesen (Urk. 65 S. 8). Doch auch wenn
der Beschuldigte die begangene Tat bereut, so muss ihm dennoch entgegen
gehalten werden, dass er es an wirklicher Einsicht weitgehend mangeln lässt. So
führte er etwa wiederholt aus, er habe die Tat nur deshalb begangen, da er sehr
betrunken gewesen sei, in einem nüchternen Zustand hätte er das niemals getan
(vgl. Urk. 7/4 S. 3). Zudem machte er gar geltend, der Privatkläger sei selber
schuld an diesem Vorfall, denn hätte er ihn nicht gestossen, so dass er um-
gefallen sei, hätte er ihn auch nicht verletzt (Urk. 7/1 S. 6; ebenso Urk. 30 S. 8 f.;
vgl. auch Urk. 65 S. 8). Und wenn er schliesslich einmal erklärte, er würde sicher
niemanden töten, weil er ja sonst ins Gefängnis müsste (Urk. 7/4 S. 3), so ist mit
der Vorinstanz (Urk. 44 S. 22) zu folgern, dass die "Einsicht" des Beschuldigten
vorab in der Vermeidung persönlicher Nachteile begründet liegt.
5.4.2.5. Unter Würdigung der genannten Umstände kann damit festgehalten
werden, dass sich die Täterkomponente insgesamt leicht strafmindernd auswirkt.
- 25 -
5.4.2.6. Für die versuchte Tötung erscheint eine Strafe von rund 6 Jahren als
angemessen.
5.5. Vergehen gegen das Ausländergesetz
5.5.1. Deliktsmehrheit
Neben der versuchten vorsätzlichen Tötung hat sich der Beschuldigte - gemäss
dem bereits rechtskräftigen Schuldspruch - zudem des vorsätzlichen Vergehens
gegen das Ausländergesetz im Sinne von Art. 115 Abs. 1 lit. b AuG schuldig
gemacht.
Art. 115 Abs. 1 AuG sieht eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geld-
strafe vor. Folglich ist entweder neben einer Freiheitsstrafe für die versuchte vor-
sätzliche Tötung eine Geldstrafe für das Vergehen gegen das Ausländergesetz
auszusprechen oder es ist in Anwendung von Art. 49 Abs. 1 StGB die Freiheits-
strafe für die versuchte vorsätzliche Tötung in Anwendung des Asperations-
prinzips angemessen zu erhöhen.
5.5.2. Tatkomponente
Mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 44 S. 17) ist festzuhalten, dass es sich um eine
relativ kurze Zeitspanne - vom 3. April bis am 21. April 2012 - handelte, in welcher
sich der Beschuldigte rechtswidrig in der Schweiz aufgehalten hat. Dass es
aber lediglich bei dieser kurzen Zeitspanne blieb, ist jedoch kaum dem Beschul-
digten zuzuschreiben, sondern liegt vorab im Umstand begründet, dass er am
21. April 2012 verhaftet wurde. Wie den Aussagen des Beschuldigten entnommen
werden kann, ist er in Bezug auf diese Tat vollumfänglich uneinsichtig. So
bestätigte er, dass er sich in der genannten Zeitspanne nie darum bemüht habe,
die notwendigen Reisepapiere aus C._ [Staat in Nordafrika] zu beschaffen,
denn hätte er sich die ... Dokumente [des Staates C._] beschafft, wäre dies
für ihn kontraproduktiv gewesen, da ihn dann die Behörden nach C._ aus-
schaffen würden, was er aber nicht wolle (Urk. 7/4 S. 10). Wenn er wieder in sein
Heimatland zurückgehe, würde er wieder am gleichen Problem leiden, ihn würde
wieder die Armut einholen: "Wieso sollte ich wieder zurück gehen? Dort sind wir ja
- 26 -
Mause arm" (Urk. 7/1 S. 17). Ebenso führte er anlässlich der Berufungsverhand-
lung aus, er habe sich bisher nie aktiv um Ausweis- bzw. Reisepapiere bemüht
bei den ... Behörden [des Staates C._]. Nach C._ möchte er nicht zu-
rück gehen, dort habe er grosse Probleme (Urk. 65 S. 8). Entsprechend gab der
Beschuldigte ausschliesslich wirtschaftliche Gründe an, weshalb er die Schweiz
nicht verlassen will. Tatsächlich schützenswerte Beweggründe, weshalb er nicht
wieder in seine Heimat zurück gehen möchte, sind nicht ersichtlich, zumal er sel-
ber ausführte, in seinem Heimatland nicht mit dem Leben bedroht zu sein (Urk.
7/4 S. 11). Nach dem Gesagten erscheint es demnach höchst unglaubhaft, wenn
er vor Vorinstanz ausführte, er möchte die Schweiz verlassen, aber ohne Papiere
könne er die Schweiz nicht verlassen (Urk. 30 S. 15). Vielmehr bestehen keine
Zweifel, dass er - wäre er nicht verhaftet worden - weiterhin in der Schweiz ge-
blieben und nicht ausgereist wäre.
Das objektive und subjektive Tatverschulden betreffend die Widerhandlung gegen
das Ausländergesetz wiegt damit - mit der Vorinstanz (vgl. Urk. 44 S. 18) - als
noch leicht. Für sich alleine würde die Tatschwere dieses Delikts eine Geldstrafe
von 30 Tagessätzen oder eine Freiheitsstrafe von einem Monat rechtfertigen.
5.5.3. Täterkomponente
5.5.3.1. Hinsichtlich der persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten kann voll-
umfänglich auf die obgenannten Ausführungen verwiesen werden (vgl. vor-
stehend E. 5.4.2.2.).
5.5.3.2. Der Beschuldigte weist - wie vorstehend ausgeführt - im Schweizerischen
Strafregister sieben Vorstrafen auf. Davon betreffen sechs - unter anderem -
Widerhandlungen gegen das Ausländergesetz und sind damit grösstenteils
einschlägig (Urk. 48). Dies wirkt sich in Bezug auf das Vergehen gegen das Aus-
ländergesetz massiv straferhöhend aus.
5.5.3.3. Der Beschuldigte zeigt sich in Bezug auf das Vergehen gegen das
Ausländergesetz vollumfänglich geständig, jedoch nicht einsichtig. Hier ist aller-
dings zu berücksichtigen, dass diesbezüglich eine erdrückende Beweislage
- 27 -
vorlag. Entsprechend kann dieses Geständnis des Beschuldigten höchstens in
geringem Mass berücksichtigt werden.
Sodann fehlt dem Beschuldigten in Bezug auf das Vergehen gegen das Auslän-
dergesetz - wie vorstehend ausgeführt (vgl. E. 5.5.2.) - die Einsicht in offenkundi-
ger Weise komplett. Damit lässt sich unter diesem Titel keine Strafmilderung
rechtfertigen.
5.5.3.4. Der Beschuldigte treibt mit seinem Verhalten im ausländerrechtlichen Teil
sein Spiel mit den Justiz- und Migrationsbehörden. Er nimmt sie nicht ernst. Straf-
verfahren in diesem Lebensbereich beeindrucken ihn nicht im geringsten. Unbe-
kümmert deliniquiert er in diesem Bereich weiter (vgl. dazu BGE 134 IV 17 E. 2.1.;
Urteil des Bundesgerichts 6B_954/2009 vom 14. Januar 2010, E.2). Unter
Würdigung der genannten Umstände kann damit festgehalten werden, dass sich
die Täterkomponente insgesamt massiv straferhöhend auswirkt.
5.5.3.5. Wie vorstehend ausgeführt, ist für das Vergehen gegen das Ausländer-
gesetz gemäss Art. 115 Abs. 1 AuG eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder
eine Geldstrafe auszufällen. Da der Beschuldigte diesbezüglich diverse, ein-
schlägige Vorstrafen aufweist, erscheint die Ausfällung einer Geldstrafe nicht
mehr angezeigt. Vielmehr ist auch für dieses Delikt eine Freiheitsstrafe auszu-
sprechen.
5.5.4. Gesamtwürdigung
Damit liegt ein Anwendungsfall von Art. 49 Abs. 1 StGB vor, wonach die Strafe für
die schwerste Straftat in Anwendung des Asperationsprinzips angemessen zu
erhöhen ist. Nach dem vorstehend Gesagten wirkt sich das Vergehen gegen das
Ausländergesetz gegenüber der versuchten vorsätzlichen Tötung leicht straf-
erhöhend aus. Bis hierhin erscheint eine Freiheitsstrafe von knapp 6 1⁄2 Jahren als
gerechtfertigt.
- 28 -
5.6. Zusatzstrafe
Der Beschuldigte wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom
14. April 2012 wegen Diebstahls im Sinne von Art. 139 Abs. 1 StGB schuldig
gesprochen und mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von 40 Tagen bestraft,
wovon 2 Tage durch Untersuchungshaft erstanden sind, (Urk. 48 S. 3). Der vor-
liegend vorzunehmenden Strafzumessung liegen Delikte zugrunde, welche der
Beschuldigte - teilweise - vor dem vorstehend genannten Strafbefehl beging. Es
liegt damit eine Konstellation retrospektiver Konkurrenz im Sinne von Art. 49
Abs. 2 StGB vor.
Gemäss Art. 49 Abs. 2 StGB bestimmt das Gericht, wenn es eine Tat zu beurtei-
len hat, die der Täter beging, bevor er wegen einer anderen Tat verurteilt wurde,
die Zusatzstrafe in der Weise, dass der Täter nicht schwerer bestraft wird, als
wenn die strafbaren Handlungen gleichzeitig beurteilt worden wären. Somit soll
das Asperationsprinzip auch bei retrospektiver Konkurrenz gewährleistet werden.
Der Täter soll durch die getrennte Beurteilung von Straftaten, über die zeitlich
zusammen hätte befunden werden können, nicht benachteiligt und soweit als
möglich auch nicht besser gestellt werden. Die Zusatzstrafe gleicht dem-
entsprechend die Differenz zwischen der ersten Einsatz- oder Grundstrafe und
der hypothetischen Gesamtstrafe aus, die nach Auffassung des Richters bei
Kenntnis der später beurteilten Straftat ausgefällt worden wäre. Eine Zusatzstrafe
kann aber nur dann ausgefällt werden, wenn eine zur Grundstrafe gleichartige
Strafe gegeben ist (BGE 137 IV 57).
Die vorliegend auszusprechende Freiheitsstrafe hat somit als (teilweise) Zusatz-
strafe zur am 14. April 2012 ausgesprochenen Freiheitsstrafe von 40 Tagen zu
ergehen. In Beurteilung aller dafür massgeblichen Delikte und unter Berücksichti-
gung des Asperationsprinzips rechtfertigt sich im vorliegenden Verfahren - mit der
Vorinstanz (vgl. Urk. 44 S. 23) - eine Freiheitsstrafe von 6 1⁄2 Jahren.
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5.8. Fazit
In Würdigung aller massgeblichen Strafzumessungsgründe erweist sich eine
Freiheitsstrafe von 6 1⁄2 Jahren als (teilweise) Zusatzstrafe zum Strafbefehl der
Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 14. April 2012 als dem Verschulden und den
persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten angemessen.
An diese Freiheitsstrafe sind die bis und mit heute durch Untersuchungshaft und
vorzeitigen Strafvollzug erstandenen 496 Tage anzurechnen (Art. 51 StGB; vgl.
Urk. 44 S. 23 f.).
Bei einer Strafe dieser Höhe fällt ein bedingter oder teilbedingter Vollzug schon
von Gesetzes wegen nicht in Betracht (Art. 42 Abs. 1 StGB und Art. 43
Abs. 1 StGB). Es kann daher darauf verzichtet werden, dies explizit so im Disposi-
tiv festzuhalten.
6. Kostenfolge
6.1. Verfahrenskosten
6.1.1. Die Verfahrenskosten setzen sich zusammen aus den Gebühren zur
Deckung des Aufwands (Gerichtsgebühr) und den Auslagen im konkreten Straff-
all, wie beispielsweise die Kosten für die amtliche Verteidigung (Art. 422 StPO).
6.1.2. Die Gerichtsgebühr für das zweitinstanzliche Verfahren sind auf Fr. 3'000.–
festzusetzen.
6.1.3. Bei der Festsetzung des Honorars des amtlichen Verteidigers ist bei so
genannten einfachen Standardverfahren - wovon vorliegend auszugehen ist - von
den in der Verordnung über die Anwaltsgebühren vom 8. September 2010
(Anwaltsgebührenverordnung, LS 215.3, nachstehend: AnwGebV) angeführten
Ansätzen auszugehen. Die Anwaltsgebührenverordnung ist jedoch so auszu-
legen, dass die Kosten der Verteidigung - zumindest weitestgehend - gedeckt
sind (vgl. ZR 111 [2012] Nr. 16 E. 2.1.3 mit Hinweisen).
- 30 -
Der amtliche Verteidiger hat mit Eingabe vom 28. August 2013 für das Berufungs-
verfahren eine Entschädigung von Fr. 10'206.– geltend gemacht, bestehend aus
einem Zeitaufwand von 47.25 Stunden zu Fr. 200.– und 8 % Mehrwertsteuer
(Urk. 64).
Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die ersten in Rechnung gestellten Positio-
nen, mithin jene vom 20. Dezember 2012 bis und mit 14. Februar 2013, nicht das
Berufungsverfahren, sondern vielmehr das erstinstanzliche Verfahren betreffen
und deshalb nicht im vorliegenden Verfahren entschädigt werden können. Weiter
ist zu berücksichtigen, dass der vom 16. April 2013 in Rechnung gestellte Betrag
für Recherchen betreffend Genugtuungshöhe nicht zu entschädigen ist, da die
Berufung mit Eingabe vom 1. März 2013 auf den Schuldpunkt bezüglich der ver-
suchten vorsätzlichen Tötung und die Sanktion beschränkt wurde (vgl. Urk. 45).
Entsprechend blieb der vorinstanzliche Entscheid betreffend die Zivilansprüche
unangefochten und bildete damit nicht mehr Gegenstand des Berufungs-
verfahrens.
Die Gebühr für die Führung eines Strafprozesses (einschliesslich Vorbereitung
des Parteivortrages und Teilnahme an der Hauptverhandlung) beträgt im Bereich
der Zuständigkeit des Bezirksgerichts - auch im Berufungsverfahren - in der Regel
Fr. 1'000.– bis Fr. 28'000.–, wobei auch zu berücksichtigen ist, ob das
vorinstanzliche Urteil ganz oder nur teilweise angefochten wurde (§ 18 Abs. 1
i.V.m. § 17 Abs. 1 lit. a AnwGebV). Innerhalb dieses Rahmens wird die Grund-
gebühr nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang der
Bemühungen und Schwierigkeiten des Falles, bemessen (vgl. § 2 AnwGebV).
Angesichts der konkreten Bedeutung und Schwierigkeit des Falles sowie im
Hinblick auf die durch den Verteidiger getätigten Bemühungen ist vorliegend für
das Berufungsverfahren eine Entschädigung von Fr. 8'000.–, einschliesslich
Mehrwertsteuer, festzusetzen.
6.2. Im Berufungsverfahren werden die Kosten nach Obsiegen und Unterliegen
auferlegt (Art. 428 Abs. 1 StPO).
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Sowohl der Beschuldigte als auch die Staatsanwaltschaft unterliegen mit ihren
Berufungsanträgen vollumfänglich (der Beschuldigte betreffend den Schuldpunkt
wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und bezüglich der Strafzumessung; die
Staatsanwaltschaft betreffend die Strafzumessung). Ausgangsgemäss und in
Gewichtung der Themen, die von den jeweiligen Berufungsklägern zum Gegen-
stand des Rechtsmittelverfahrens gemacht worden sind, rechtfertigt sich die
folgende Kostenverlegung:
Die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme derjenigen der amtlichen
Verteidigung, sind zu vier Fünfteln dem Beschuldigten aufzuerlegen und zu einem
Fünftel auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung sind zu einem Fünftel definitiv und zu
vier Fünfteln einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen, wobei hinsichtlich der
vier Fünftel die Rückzahlungspflicht gemäss Art. 135 Abs. 4 vorbehalten bleibt.