Decision ID: 26833161-7167-5483-a94e-b6a84bbd906b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am (Nennung Zeitpunkt) im Bundes-
asylzentrum (BAZ) B._ um Asyl nach. Er gab bei der Aufnahme sei-
ner Personalien an, er sei am X._ geboren. Er wurde für die weitere
Behandlung seines Verfahrens dem BAZ C._ zugewiesen.
A.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Euro-
dac) ergab, dass der Beschwerdeführer am (Nennung Zeitpunkt) in
D._, am (Nennung Zeitpunkt) in E._ sowie am Y._ in
Österreich um Asyl ersucht hatte.
A.c Am 1. Juni 2021 stellte das SEM sowohl bei den D._,
E._ als auch den österreichischen Behörden betreffend den Be-
schwerdeführer ein Informationsersuchen nach Art. 34 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz (Dublin-III-VO) und erkundigte sich dabei jeweils über
seinen Status und seine registrierten Personalien.
A.d Am 14. Juni 2021 führte das SEM eine Erstbefragung (Erstbefragung
unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender [EB UMA]) durch. Dabei hielt
der Beschwerdeführer an seinem Geburtsdatum vom X._ fest. Fer-
ner wurden ihm Ergänzungsfragen zu seinem Alter, seinem Geburtsdatum
und allenfalls vorhandenen Identitätsdokumenten sowie seinen in
D._, E._ und Österreich anhängig gemachten Asylverfahren
gestellt. Ferner wurde ihm eröffnet, dass er entgegen seinen Ausführungen
offenbar weder in F._ noch in G._ als Asylbewerber regis-
triert sei. Weiter wurde ihm das rechtliche Gehör zur möglichen Zuständig-
keit D._, E._, Österreichs und F._ zur Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens gemäss Dublin-III-VO, zum Nicht-
eintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsyIG (SR 142.31) so-
wie zur Wegweisung nach D._, E._ und Österreich gewährt.
In diesem Zusammenhang führte er hinsichtlich D._ an, dass er
nicht dorthin zurück möchte. Es sei ihm dort gesagt worden, dass er für
(Nennung Dauer) inhaftiert und danach nach Afghanistan ausgeschafft
würde, was für ihn den Tod bedeuten würde. Bezüglich E._ gab er
an, er wolle auch nicht dorthin zurück. Er habe sich dort während (Nennung
Dauer) in einer Unterkunft aufgehalten. Ausser, dass er eine Karte erhalten
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habe, habe in dieser Zeit niemand mehr nach ihm gefragt. Vor kurzem
seien mehrere Personen in E._ getötet worden. Die Sicherheitslage
für die Asylsuchenden sei dort sehr schlecht, und er wolle nicht wieder an
einem Ort leben müssen, wo sein Leben in Gefahr sei. In Österreich sei
die Situation ähnlich wie in E._ gewesen. Er habe eine Karte erhal-
ten und sich während (Nennung Dauer) in einem Camp aufgehalten, wo
die Sanitäranlagen sehr schmutzig gewesen seien. Auch nach F._
wolle er nicht zurück, zumal er den dortigen Behörden – wenn er jeweils
aus G._ dorthin zurückgeschickt worden sei – jedes Mal gesagt
habe, dass er nicht in F._ bleiben wolle.
Zum Gesundheitszustand erklärte er, er habe derzeit nur Probleme mit sei-
nem (Nennung Körperteil) beziehungsweise denke er viel nach und leide
an Vergesslichkeit, ansonsten gehe es ihm gut.
A.e Am 21. Juni 2021 reichte der Beschwerdeführer medizinische Unterla-
gen ein.
A.f Am 23. Juni 2021 beantworteten die Behörden von D._ das In-
formationsersuchen des SEM. Sie teilten mit, dass der Beschwerdeführer
als (Nennung Personalien), registriert worden sei. Dessen Asylgesuch vom
(...) sei mit Entscheid vom (...), welcher unangefochten geblieben sei, ab-
gelehnt worden. Der Beschwerdeführer sei am (...) verschwunden. Eine
Altersabklärung sei nicht durchgeführt worden.
A.g Am 24. Juni 2021 reichte der Beschwerdeführer eine Kopie seiner
Tazkira und am 1. Juli 2021 weitere medizinische Unterlagen zu den Akten.
A.h Am 2. Juli 2021 beantworteten die österreichischen Behörden das In-
formationsersuchen des SEM. Sie teilten mit, der Beschwerdeführer habe
sich unter den Personalien (Nennung Personalien) in Österreich registrie-
ren lassen. Eine Altersfeststellung sei nicht durchgeführt worden. Bei der
angeführten Identität handle es sich um die Verfahrensidentität, welche auf
den Angaben des Beschwerdeführers beruhe. Das Asylverfahren sei noch
hängig.
A.i In ihrem Antwortschreiben vom 5. Juli 2021 auf das Informationsersu-
chen des SEM hielten die Behörden von E._ fest, der Beschwerde-
führer sei unter den Personalien (Nennung Personalien) bekannt. Das
Asylverfahren in E._ sei noch hängig.
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A.j Die am (Nennung Zeitpunkt) am (Nennung Institution) erstellte 3-Säu-
len-Modell-Analyse (körperliche, radiologische und zahnärztliche Untersu-
chung/Beurteilung) zur Altersbestimmung ergab ein zu berücksichtigendes
höchstes Mindestalter des Beschwerdeführers von 19 Jahren. Sein wahr-
scheinliches Alter liege darüber, weshalb die Altersangabe von (...) nicht
plausibel erscheine. Daraufhin gewährte das SEM dem Beschwerdeführer
am 13. Juli 2021 das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Anpassung sei-
nes Alters mit Geburtsdatum vom (Nennung Datum). Der Beschwerdefüh-
rer hielt mit Eingabe vom 20. Juli 2021 am geltend gemachten Geburtsda-
tum und an seiner Minderjährigkeit fest und stellte die Beibringung seiner
Tazkira im Original in Aussicht.
A.k Das Geburtsdatum des Beschwerdeführers wurde in der Folge im
ZEMIS – mit Bestreitungsvermerk – auf den (Nennung Datum) angepasst.
Der Beschwerdeführer wurde für das restliche Verfahren als volljährig er-
achtet.
A.l Am 26. Juli 2021 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden um
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO. Die österreichischen Behörden lehnten das Ersuchen mit
Schreiben vom 27. Juli 2021 ab.
A.m In der Folge richtete die Vorinstanz am 27. Juli 2021 ein Wiederauf-
nahmeersuchen an die Behörden von E._ im Sinne von Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO, das am 10. August 2021 abgelehnt wurde.
A.n Am 10. August 2021 und mit schriftlicher Erinnerung vom 20. August
2021 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden gestützt auf Art. 5
(2) der Durchführungsverordnung Dublin und unter Berücksichtigung der
Rechtsprechung des EuGH vom 13. November 2018 (Urteil C-47/17 sowie
C-48/17) im Rahmen einer Remonstration erneut um Wiederaufnahme des
Beschwerdeführers. Die österreichischen Behörden hiessen das Ersuchen
am 23. August 2021 gut.
B.
Mit Verfügung vom 23. August 2021 – eröffnet am 26. August 2021 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete dessen Wegweisung aus
der Schweiz nach Österreich an und forderte den Beschwerdeführer auf,
die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf des Beschwerdeverfahrens
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zu verlassen. Zudem stellte es fest, das Geburtsdatum des Beschwerde-
führers sei im ZEMIS mit Bestreitungsvermerk auf den (Nennung Datum)
gesetzt worden. Schliesslich hielt es fest, einer allfälligen Beschwerde
komme keine aufschiebende Wirkung zu, und verfügte die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwer-
deführer.
C.
Mit Eingabe vom 26. August 2021 teilte die damalige Rechtsvertretung
dem SEM die Beendigung des Mandatsverhältnisses mit.
D.
Der Beschwerdeführer focht die Verfügung des SEM vom 24. Juni 2021 mit
Beschwerde vom 1. September 2021 (Poststempel) beim Bundesverwal-
tungsgericht an. Er beantragte, es sei der Nichteintretensentscheid des
SEM aufzuheben und sein Asylgesuch sei vom SEM zu prüfen. In formeller
Hinsicht beantragte er, es sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung
zu erteilen, es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten.
Seiner Beschwerde lagen (Nennung Beweismittel) bei.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
2. September 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
F.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 2. September 2021 setzte die In-
struktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Das Verfahren
richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG
nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Der Beschwerdeführer beantragt ausdrücklich die Aufhebung des Nichtein-
tretensentscheids des SEM und die Prüfung seines Asylgesuchs in der
Schweiz. Darin ist kein – auch nicht ein sinngemässes – Begehren auf Än-
derung des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums zu erkennen. Er hält
denn auch in der Begründung seiner Rechtsmitteleingabe in diesem Zu-
sammenhang fest, es habe nur mit seiner grossen Verzweiflung zu tun ge-
habt, dass er sich als Minderjähriger ausgegeben habe; er habe keinen
anderen Ausweg gesehen. Damit anerkennt er die vom SEM im Entscheid
festgehaltene Schlussfolgerung, wonach er die geltend gemachte Minder-
jährigkeit nicht habe glaubhaft machen können (vgl. SEM act. 1097595-
54/15, S. 5). Mithin hat der Beschwerdeführer die Dispositivziffer 6 der Ver-
fügung vom 23. August 2021 nicht angefochten. Er ist als volljährig zu be-
trachten.
3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten
Richterin oder eines zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weite-
rungen und mit summarischer Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1
und 2 AsylG).
4.
4.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2 je m.w.H.).
4.2 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Diesbezüglich kommt die Dublin-III-VO zur Anwen-
dung.
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Seite 7
4.3 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Im Falle einer unbegleiteten minderjähri-
gen Person ohne familiäre Anknüpfungspunkte (zu einem anderen Mit-
gliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 2 Dublin-III-VO der Staat zuständig, in
welchem jene einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat. Unbe-
gleitete Minderjährige sind vom Wiederaufnahmeverfahren ausgenommen
(vgl. Filzwieser/Sprung, Dublin-III-VO, Wien 2014, Kap. 15 f. zu Art. 8,
m.H.). Da hier die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers nicht glaubhaft
gemacht wurde und von seiner Volljährigkeit auszugehen ist (vgl. E. 2
oben), besteht auch keine der grundsätzlichen Wiederaufnahmezuständig-
keit Österreichs vorrangige Zuständigkeit der Schweiz (vgl. statt vieler: Ur-
teile des BVGer F-6213/2020 vom 5. Januar 2021 E. 3.4; F-5625/2020 vom
18. November 2020; F-3255/2020 vom 2. Juli 2020 E. 5.2).
5.
5.1 Die Vorinstanz hielt zur Begründung der angefochtenen Verfügung be-
züglich der Zuständigkeit Österreichs fest, der Abgleich der Fingerabdrü-
cke mit der Datenbank Eurodac weise nach, dass der Beschwerdeführer
am Y._ in Österreich ein Asylgesuch eingereicht habe. Die österrei-
chischen Behörden hätten das Wiederaufnahmeersuchen gutgeheissen,
womit die Zuständigkeit bei Österreich liege, das weitere Verfahren durch-
zuführen. Die Ausführungen des Beschwerdeführers vermöchten die Zu-
ständigkeit Österreichs zur Durchführung seines weiteren Verfahrens nicht
zu widerlegen. Es sei nicht davon auszugehen, dass er bei einer Überstel-
lung nach Österreich gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art. 3 EMRK ausgesetzt werde, in eine
existenzielle Notlage gerate oder ohne Prüfung seines Asylgesuchs und
unter Verletzung des Non-Refoulement-Gebots in seinen Heimat- oder
Herkunftsstaat überstellt werde. Zudem lägen weder systemische Mängel
in Österreichs Asyl- und Aufnahmesystem noch Gründe gemäss Art. 16
Abs. 1 Dublin-III-VO vor, die die Schweiz verpflichten würden, sein Asylge-
such zu prüfen. Das SEM erachte den medizinischen Sachverhalt ange-
sichts der medizinischen Dokumentation der Pflege und der migrationsme-
dizinischen Abklärungen als ausreichend erstellt, um die Zulässigkeit einer
Wegweisung nach Österreich beurteilen und über die Anwendung der Sou-
veränitätsklausel im Sinne von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 (SR 142.311) i.V.m.
Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO befinden zu können. Es sei nicht davon auszu-
gehen, dass die hohe Schwelle für eine drohende Verletzung von Art. 3
EMRK überschritten werde. Eine medizinische Notlage und eine drastische
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Verschlechterung des Gesundheitszustands bei einer Rückkehr nach Ös-
terreich könne ausgeschlossen werden. Selbst wenn sich durch eine zu-
künftige fachärztliche Beurteilung der Verdacht auf eine (Nennung Diag-
nose) bestätigen würde, würde dies an der Einschätzung des SEM nichts
ändern. Österreich verfüge über eine ausreichende medizinische Infra-
struktur und sei aufgrund der Aufnahmerichtlinie verpflichtet, ihm die erfor-
derliche medizinische Versorgung zu gewähren. Es lägen keine Hinweise
vor, wonach ihm Österreich eine medizinische Behandlung verweigert
hätte oder zukünftig verweigern würde. Für das weitere Dublin-Verfahren
sei einzig die Reisefähigkeit ausschlaggebend, welche erst kurz vor der
Überstellung definitiv beurteilt werde. Insgesamt würden sich somit keine
Gründe für die Anwendung der Souveränitätsklausel ergeben.
5.2 Der Beschwerdeführer wendete in seiner Beschwerdeschrift ein, es
wäre für ihn äusserst schmerzhaft und undenkbar, die Schweiz bereits wie-
der zu verlassen. Er habe hierzulande endlich Freundschaften schliessen
können und einen Therapeuten, welcher einen ausführlichen Bericht über
seinen Gesundheitszustand schreiben werde. Er habe nicht nur in Afgha-
nistan und auf seinem Fluchtweg Traumatisches erlebt, sondern auch in
Österreich, weshalb er nicht dorthin zurückkehren könne. Er sei (Nennung
Erlebnisse) worden. Die österreichischen Behörden hätten davon jedoch
nichts hören und über seine psychische Gesundheit nichts wissen wollen.
Er habe weder Medikamente erhalten noch eine Person gefunden, der er
sich habe anvertrauen können. In der Schweiz habe er bisher keine Gele-
genheit erhalten, seine persönliche Situation darzustellen. Sein Gesuch sei
daher unter Berücksichtigung des einzureichenden Berichts des Psychia-
ters erneut zu prüfen.
6.
6.1 Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden grundsätzlich kein
Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3). Den vorliegenden Akten ist zu entnehmen, dass
der Beschwerdeführer am Y._ in Österreich Asyl beantragte. Am
26 Juli 2021 sowie am 10. August 2021 ersuchte die Vorinstanz die öster-
reichischen Behörden jeweils um Wiederaufnahme des Beschwerdefüh-
rers. Dieses Ersuchen wurde am 23. August 2021 gutgeheissen. Die
grundsätzliche Zuständigkeit Österreichs ist somit gegeben.
6.2 Soweit der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe kritisiert,
obwohl er nicht nur in Afghanistan und auf der Flucht, sondern auch in Ös-
terreich traumatische Erlebnisse gehabt habe – (Nennung Erlebnisse) –,
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hätten die österreichischen Behörden kein Gehör dafür gehabt und sich
nicht für seine psychische Gesundheit interessiert und die Sanitäranlagen
in Österreich seien schmutzig gewesen, ist Folgendes festzuhalten: Es
sind keine Gründe für die Annahme ersichtlich, dass das Asylverfahren und
die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Österreich systemische
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO aufweisen, die
eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im
Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden.
Österreich hat die EMRK, das Übereinkommen vom 10. Dezember 1984
gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende
Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und das Abkommen vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie das
Zusatzprotokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) ratifiziert und
kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es
darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben. Die vom Be-
schwerdeführer geäusserte Kritik vermag an diesen Feststellungen nichts
zu ändern. Bei seinem Vorbringen, er sei (Nennung Erlebnisse), handelt es
sich um eine auch nicht ansatzweise konkretisierte Behauptung, welche
zudem im Widerspruch zu seinen Äusserungen anlässlich des rechtlichen
Gehörs im Rahmen der Erstbefragung vom 14. Juni 2021 steht, wo er ei-
nen solchen gravierenden Zwischenfall mit keinem Wort erwähnte (vgl.
SEM act. 1097595-16/16, Ziff. 8.01). Im Übrigen ist darauf hinzuweisen,
dass der Beschwerdeführer in Österreich noch keinen Asylentscheid in der
Sache erhalten hat. Der Ausgang seines dortigen Asylverfahrens ist dem-
nach noch gar nicht bekannt.
Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
nicht gerechtfertigt.
6.3
6.3.1 Das SEM hat sodann die Anwendung des Selbsteintrittsrechts im
Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu
Recht verneint. Bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 kommt dem
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SEM Ermessen zu (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.) und das Bundesverwaltungs-
gericht beschränkt seine Beurteilung darauf, ob das SEM den Sachverhalt
diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umstän-
den Rechnung getragen und seinen Ermessenspielraum korrekt ausgeübt
hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG). Die angefochtene Verfügung
ist unter diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden.
6.3.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die österreichischen Behörden würden sich weigern, ihn wiederauf-
zunehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung
der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch
keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Österreich werde in seinem
Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise
in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr
laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden.
Ausserdem legte er nicht dar, die ihn bei einer Rückführung erwartenden
Bedingungen in Österreich seien derart schlecht, dass sie zu einer Verlet-
zung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK
führen könnten. Es liegen keine Hinweise dafür vor, dass die Behandlung
seines Asylgesuchs – welches in Österreich derzeit in erster Instanz hängig
ist – mangelhaft vorgenommen und eine allenfalls anzuordnende Wegwei-
sung in Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips verfügt würde. Die
Überstellung des Beschwerdeführers nach Österreich führt vorliegend
nicht zu einer Kettenabschiebung, welche gegen das Non-Refoulement-
Prinzip verstossen würde. Ausserdem liegen keine konkreten Hinweise vor
und wurden vom Beschwerdeführer auch nicht dargetan, dass ihm Öster-
reich die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebens-
bedingungen dauerhaft vorenthielte. Bei einer allfälligen vorübergehenden
Einschränkung könnte er sich im Übrigen nötigenfalls an die österreichi-
schen Behörden wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen
auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie).
6.3.3 Sodann ist hinsichtlich seiner gesundheitlichen Situation Folgendes
festzuhalten: Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesund-
heitlichen Problemen stellt nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK dar. Eine solche Situation ist hier nicht gegeben. Die gesund-
heitlichen Probleme sind nicht von einer derartigen Schwere, dass eine
Überstellung sich als unzulässig erweisen würde oder aus humanitären
Gründen davon abgesehen werden müsste. Im Übrigen ist allgemein be-
kannt, dass Österreich über eine ausreichende medizinische Infrastruktur
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verfügt. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erfor-
derliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und
die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren
psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist
die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigen-
falls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine substanziierten Hinweise vor,
wonach Österreich dem Beschwerdeführer eine adäquate medizinische
Behandlung verweigert hat oder in Zukunft verweigern würde. Das in der
Beschwerdeschrift gemachte Vorbringen, er habe sich in Österreich nicht
zu seinem psychischen Gesundheitszustand äussern können und auch
keine Medikamente erhalten, lässt sich in Ermangelung irgendwelcher Be-
lege durch das Gericht nicht überprüfen. Es ist jedoch festzuhalten, dass
sich der Beschwerdeführer entgegen seinem pauschalen und nicht weiter
differenzierten Einwand grundsätzlich dort behandeln lassen kann. An die-
ser Feststellung vermag der vom Beschwerdeführer in seiner Rechtsmittel-
eingabe in Aussicht gestellte psychiatrische Bericht nichts zu ändern, wes-
halb auf dessen Nachforderung respektive Nachreichung verzichtet wer-
den kann (antizipierte Beweiswürdigung; vgl. BVGE 2008/24 E. 7.2
S. 357).
6.3.4 Zusammenfassend besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messenklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1.
6.4 Somit bleibt Österreich der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO und ist
verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO
wiederaufzunehmen.
7.
Das SEM ist demnach zutreffend zur Erkenntnis gelangt, es sei in Anwen-
dung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht einzutreten
und hat – weil der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufent-
halts- oder Niederlassungsbewilligung ist – in Anwendung von Art. 44
AsylG die Überstellung nach Österreich (Art. 32 Bst. a AsylV 1) angeord-
net.
8.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
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Seite 12
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
9.
Der am 2. September 2021 verfügte Vollzugsstopp fällt mit dem vorliegen-
den Urteil dahin.
10.
10.1 Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um
Erteilung der aufschiebenden Wirkung und um Befreiung von der Kosten-
vorschusspflicht gegenstandslos geworden.
10.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Beschwerde im Dublin-Verfahren gemäss den vorste-
henden Erwägungen als aussichtslos zu bezeichnen war und es damit an
einer gesetzlichen Voraussetzung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG fehlt. Bei
diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdeführer
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzuset-
zen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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