Decision ID: 46a04b4d-8b87-5f34-a8ef-10a018d6fa03
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reiste eigenen Angaben nach am (...) in die
Schweiz ein, wo er am 11. November 2020 um Asyl nachsuchte. Am
19. November 2020 fand die Personalienaufnahme (PA) statt. Er machte
dabei geltend, er sei im (...)/(...) (...) aus Algerien ausgereist und auf dem
Seeweg nach B._ und später nach C._ gereist, wo er
(...) Monate lang inhaftiert gewesen sei. Daraufhin sei er nach D._
gegangen, wo er ein Asylgesuch gestellt habe. Anschliessend sei er nach
C._ zurückgeschafft worden, wo er (...) Monate geblieben sei. Da-
nach sei er nach E._ und von dort in die Schweiz gereist. Er wolle
in sein Heimatland zurückkehren, sein Vater sei schwer krank.
A.b Am 24. November 2020 wurde mit dem Beschwerdeführer ein Dublin-
Gespräch durchgeführt und ihm das rechtliche Gehör in Bezug auf die Dub-
lin-Zuständigkeiten der betreffenden Länder (D._, C._ und
E._) gewährt. Er bestätigte, er wolle in sein Heimatland zurückkeh-
ren.
A.c Gemäss ärztlicher Bestätigung fand am (...) eine ambulante Behand-
lung des Beschwerdeführers statt, bei welcher der Verdacht auf eine Per-
sönlichkeitsstörung ([...]) und der Konsum sowie die Abhängigkeit von (...)
diagnostiziert wurden.
A.d Mit Verfügung vom 7. Dezember 2020 trat das SEM auf das Asylge-
such des Beschwerdeführers nicht ein und wies ihn in den zuständigen
Dublin-Mitgliedstaat (C._) weg. Das Bundesverwaltungsgericht trat
mit Urteil D-6339/2020 vom 4. Januar 2021 auf seine dagegen erhobene
Beschwerde nicht ein.
B.
B.a Mit Verfügung vom 23. Juli 2021 hob das SEM seine Verfügung vom
7. Dezember 2020 auf und nahm das nationale Asyl- und Wegweisungs-
verfahren wieder auf.
B.b Am 1. September 2021 wurde der Beschwerdeführer vom SEM zu sei-
nen Asylgründen angehört.
Er brachte dabei vor, er sei ethnischer Araber und stamme aus der Provinz
F._, Stadt G._. Er habe (...) Jahre lang die Schule besucht
und in seinem Elternhaus im (...) Stock gewohnt; seine Eltern hätten in der
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(...)wohnung, sein älterer Bruder im (...) Stock und sein jüngerer Bruder im
(...) Stock gelebt. Während seiner Schulzeit habe er mit Unterbrüchen zwi-
schen seinem (...) und (...) Lebensjahr in einem Laden Lebensmittel ver-
kauft. Nach der Schule habe er unterschiedliche, aber unregelmässige Ar-
beiten (wie [...]waschen, [...] oder [...]verkauf) verrichtet. Ansonsten seien
seine Eltern für seinen Lebensunterhalt aufgekommen.
Er habe in seiner Heimatregion Kontakt mit Mitgliedern von zwei unter-
schiedlichen Banden namens «H._» und «I._» gehabt.
Etwa Mitte (...) hätten seine Probleme angefangen. Da er freundlich zu
Mitgliedern beider Banden gewesen sei, hätten diese ihn jeweils als Spion
der anderen Bande verdächtigt. Er sei jedoch nie ein Bandenmitglied ge-
wesen. Etwa im (...) oder (...) sei er in einen Bus gestiegen, der durch das
Gebiet der «H._» gefahren sei. Ein Mitglied dieser Bande habe im
Bus versucht, ihm seine Markenschuhe zu stehlen. Er (Beschwerdeführer)
habe diesem Mitglied einen (...) gebrochen, sei ihm hinterhergerannt und
sei von den anderen Bandenmitgliedern festgehalten worden. Diese hätten
ihm (Beschwerdeführer) die Kleider entwenden und ihn nackt auf der
Strasse stehen lassen wollen, was nicht geklappt habe beziehungsweise
sei er in eine Wohnung gezogen worden, wo er geschlagen worden sei, er
habe sich jedoch befreien können und sei weggerannt. Danach hätten ihn
die Bandenmitglieder mit leeren (...) beworfen beziehungsweise er sei
nicht geschlagen worden und er sei nach ein paar wenigen Schritten von
anderen Menschen wieder in den Bus gezogen worden. Die Person, der er
den (...) gebrochen habe, sei schreiend aus dem Bus gelaufen bezie-
hungsweise dieser Mann sei nicht eingestiegen, da er (Beschwerdeführer)
direkt hinten an der Türe gesessen sei, habe jener versucht, ihm von da
aus den Schuh wegzunehmen.
Nach etwa einem (...) sei er von über (...) Mitgliedern der «H._»
auf einem (...)platz zusammengeschlagen worden. Erst als die zweite
Bande aufgetaucht sei, hätten jene von ihm abgelassen. Einen (...) nach
diesem Vorfall habe er im Meer schwimmen gehen wollen. Er sei auf einem
Boot gewesen, als ihn (...) Personen angegriffen und mit der stumpfen
Seite eines (...) auf den Rücken geschlagen hätten. Zuletzt seien (...) Per-
sonen in sein Wohnquartier gekommen und hätten ihn beschimpft und be-
leidigt, sodass ihm die Bewohner seines Quartiers hätten zu Hilfe eilen
müssen. Er sei von beiden Banden mit Gewalt behandelt worden bezie-
hungsweise die Bande «I._» habe ihm lediglich gedroht, ihn zu
schlagen, wenn er in ihr Gebiet eindringe, ansonsten sei es zu keiner Ge-
waltanwendung seitens dieser Bande gekommen. An die Polizei habe er
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sich nicht gewandt, da die Bandenmitglieder in einem (...) sässen und be-
obachten würden, wer die Polizeistation betrete. Er habe einige Banden-
mitglieder in E._, C._ und auch in J._ wiedergese-
hen. Da er mit Freunden zusammen gewesen sei, hätten es jene nicht ge-
wagt, ihn anzugreifen.
Er habe Magen- und Darmbeschwerden, Schlafstörungen und Probleme
mit seinen Augen. Zudem habe er psychische Probleme und leide an einer
(...). Er nehme dagegen seit (...) Jahren Medikamente ([...], [...] und [...])
ein und sei zwischenzeitlich süchtig danach.
Der Beschwerdeführer reichte eine Fotografie seines Ausweises zu den
Akten.
C.
Das SEM unterbreitete dem Beschwerdeführer am 8. September 2021 ei-
nen Entscheidentwurf zur Stellungnahme. Die Stellungnahme seiner da-
maligen Rechtsvertretung ging am 9. September 2021 ein.
D.
Am (...) reichte der Beschwerdeführer einen Austrittsbericht des Spitals
K._, (...), betreffend zwei ambulanten Gesprächen zu den vor-
instanzlichen Akten. Darin wird ihm zur Hauptsache eine (...) ([...]) diag-
nostiziert. Die Behandlung erfolgte in der Verabreichung eines weiteren
(zusätzlichen) Medikament.
E.
Mit Verfügung vom 10. September 2021 – gleichentags eröffnet – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. Gleichzeitig händigte es dem
Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis
aus.
F.
Die damalige Rechtsvertretung des Beschwerdeführers teilte dem SEM mit
Eingabe vom 13. September 2021 die Beendigung des Mandatsverhältnis-
ses mit.
G.
Der Beschwerdeführer erhob gegen die Verfügung des SEM vom 10. Sep-
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Seite 5
tember 2021 mit Eingabe vom 5. Oktober 2021 Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht. Er beantragt, es sei die angefochtene Verfügung auf-
zuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu ge-
währen, eventualiter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen, subeventu-
aliter sei die Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung an das SEM
zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersucht er um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung samt Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses und um Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
6. Oktober 2021 in elektronischer Form vor. Gleichentags bestätigte es den
Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1 AsylG i.V.m. Art. 10 der Ver-
ordnung über Massnahmen im Asylbereich im Zusammenhang mit dem
Coronavirus vom 1. April 2020 [COVID-19-Verordnung Asyl; SR 142.318]
und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im Ver-
fahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten
Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG)
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ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln
(Art. 111a AsylG).
4.
Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung der Untersuchungspflicht. Er
macht geltend, die Vorinstanz habe nicht ausreichend geprüft, ob die me-
dizinische Versorgung in Algerien für ihn gewährleistet sei. Sie habe kein
(medizinisches) Consulting eingeholt und sich nur auf eine Internetrecher-
che gestützt. Bei einer so starken psychischen Krankheit wie er sie habe,
sei dies keine genügende Sachverhaltsabklärung (Beschwerde, Ziff. II. 2.,
S. 3). Diese formelle Rüge ist vorab zu prüfen.
Der Beschwerdeführer brachte beim Dublin-Gespräch vor, er habe mit sei-
nen Augen Probleme und sehe nicht richtig. Er würde auch viele Medika-
mente nehmen (vgl. SEM act. [...]-14/2, S. 2). An der Anhörung führte er
aus, es gehe ihm gut, aber nicht wirklich sehr gut. Er habe nicht schlafen
können und praktisch jede Minute ein Telefon klingeln gehört. Seit (...) Jah-
ren habe er Magen- und Darmprobleme. Gemäss seinem Arzt seien es
psychische Gründe. Er nehme seit (...) Jahren Medikamente und sei süch-
tig danach. Gemäss seinem Psychiater habe er eine (...) (vgl. SEM
act. [...]-65/15 [nachfolgend: act. 65], F 5 ff., 14, 17 und 19). Gemäss Aus-
trittsbericht des Spitals K._, (...), vom (...) wurde beim Beschwer-
deführer eine (...) ([...]) diagnostiziert.
Vor diesem Hintergrund erweist sich die Kritik, die Vorinstanz habe den
Sachverhalt nicht vollständig erfasst und nicht hinreichend abgeklärt, als
unberechtigt. Diese ging in der angefochtenen Verfügung denn auch ins-
besondere auf den genannten Austrittsbericht und die darin diagnostizierte
Krankheit beim Beschwerdeführer ein. Dem Einwand in der Beschwerde-
schrift, es sei lediglich «rasch im Internet recherchiert» worden, kann des-
halb nicht gefolgt werden. Im Übrigen bestand auch keine Notwendigkeit
ein medizinisches Consulting einzuholen oder etwaige – nicht weiter sub-
stantiierte – Abklärungen vorzunehmen. Der wesentliche Sachverhalt
wurde von der Vorinstanz demnach unter Einhalten der massgeblichen
Verfahrensvorschriften (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG) hinreichend er-
stellt und abgeklärt. Der genannte Austrittsbericht stammt vom (...), wes-
halb das Bundesverwaltungsgericht ebenfalls keine Veranlassung sieht,
den Sachverhalt – auch im Urteilszeitpunkt – nicht als erstellt anzusehen.
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5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in ver-
schiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf
kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2012/5 E. 2.2).
6.
6.1 Die Vorinstanz begründet ihre Verfügung dahingehend, dass die Aus-
führungen des Beschwerdeführers – abgesehen davon, dass aufgrund der
Widersprüche und der teils fehlenden Nachvollziehbarkeit sowie einem
Mangel an Substanz in seinen Erzählungen erhebliche Zweifel an der
Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen bestünden – den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten würden. Sei-
nem Vorbringen (Probleme mit zwei Banden in F._ gehabt zu haben
und von diesen je bezichtigt worden zu sein, ein Spion zu sein) fehle das
asylrelevante Motiv. Die geschilderte Verfolgung sei das Resultat von Ban-
denkriminalität, also Machtausübung und Bereicherung, und nicht flücht-
lingsrechtlich relevant. Der Beschwerdeführer habe auch nie versucht, bei
den algerischen Polizei- und Justizorganen Schutz vor den Bandenmitglie-
dern zu erhalten. Seine Rechtfertigung, die Polizeistation werde durch die
Bandenmitglieder überwacht, sei unzureichend. Er mache Nachteile gel-
tend, die sich aus lokal oder regional beschränkten Verfolgungsmassnah-
men ableiteten. Da er sich diesen Verfolgungsmassnahmen durch einen
Wegzug in einen anderen Teil seines Heimatlandes hätte entziehen kön-
nen, sei er nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen. Es wäre ihm
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auch freigestanden, ausserhalb von F._ um Schutz zu ersuchen.
Die algerischen Polizei- und Justizorgane seien grundsätzlich schutzwillig
und -fähig. Dafür, dass er in Algerien nicht an Leib und Leben bedroht sei,
spreche im Übrigen auch seine Absicht, dorthin zurückzukehren, die er
während der PA und während des Dublin-Gesprächs kundgetan habe.
6.2 Der Beschwerdeführer entgegnet in seiner Rechtsmitteleingabe, es sei
ihm heute vollkommen unmöglich, nach Algerien zurückzukehren. Es
stimme nicht, dass seine Vorbringen asylrechtlich nicht relevant seien. Es
seien zwar kriminelle Banden, die ihn bedrohen würden, aber er könne
nicht vom Staat geschützt werden. In Algerien sei er der Willkür dieser Ver-
brecher ausgesetzt. Da er zusätzlich psychisch handicapiert sei, sei Alge-
rien für ihn nicht schutzfähig und auch nicht schutzwillig. Zudem sei seine
subjektive Angst vor dieser Verfolgung durch seine psychische Krankheit
viel grösser als allgemein. Insgesamt bestehe ein objektiver Anhaltspunkt
für die Begründetheit besonders starker subjektiver Furcht.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz zutreffend festgehalten hat, die Vorbringen
des Beschwerdeführers genügten den Anforderungen an die Flüchtlingsei-
genschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht.
7.2 Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die
Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft voraus, dass die betroffene Per-
son in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichenden Schutz vor
nichtstaatlicher Verfolgung finden kann. Der Schutz gilt als ausreichend,
wenn eine funktionierende Schutzinfrastruktur zur Verfügung steht und
diese dem Betroffenen zugänglich ist, wobei von einem Staat nicht erwartet
werden kann, dass er jederzeit präventiv in alle Lebensbereiche seiner Bür-
ger eingreifen kann (vgl. zu dieser sogenannten Schutztheorie BVGE
2011/51 E. 7.1–7.4; 2008/12 E. 7.2.6.2; 2008/4 E. 5.2).
Ungeachtet der Frage der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwer-
deführers und des Fehlens von Hinweisen auf ein Verfolgungsmotiv ge-
mäss Art. 3 Abs. 1 AsylG hat die Vorinstanz zutreffend festgestellt, dass
Algerien über eine funktionierende Infrastruktur zur Ahndung von Verfol-
gungshandlungen verfügt und grundsätzlich von der Schutzfähigkeit und
dem Schutzwillen der dortigen Behörden im Sinne der obgenannten
Schutztheorie auszugehen ist (vgl. statt vieler Urteile des BVGer
D-2478/2021 vom 4. Juni 2021 E. 6.2; E-5977/2020 vom 17. März 2021
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E. 6.1 ff.). Der Beschwerdeführer hat verneint, je den Versuch unternom-
men zu haben, Schutz von den heimatlichen Behörden zu erlangen (vgl.
SEM act. A65 F109). Damit hat er die Schutzsuche in Algerien offensicht-
lich nicht ausgeschöpft, wozu er jedoch gehalten gewesen wäre. Den Ak-
ten lassen sich sodann keine konkreten Hinweise für die Annahme entneh-
men, die heimatlichen Behörden würden dem Beschwerdeführer bei Be-
darf den erforderlichen Schutz verweigern, zumal auch keine Hinweise vor-
liegen, dass ihm die Hilfe aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten
Gründe verweigert würde. Der geltend gemachten Gefahr von Nachstel-
lungen durch Mitglieder mehrerer Banden ist daher – in Übereinstimmung
mit der Vorinstanz – keine asylrechtliche Relevanz zuzuerkennen.
7.3 In Ermangelung weiterer relevanter Entgegnungen auf Beschwerde-
ebene kann zur Vermeidung von Wiederholungen auf die dementspre-
chenden Erörterungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung ver-
wiesen werden, die insgesamt nicht zu beanstanden sind. Zusammenfas-
send hat die Vorinstanz daher zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
8.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Er-
teilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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9.2
9.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom
28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30],
Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 FoK und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Aus-
länderin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Dritt-
staat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
9.2.2 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist
– wie von der Vorinstanz zutreffend festgehalten – das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 FK und Art. 5 AsylG vorliegend
nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach
den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen
(Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 FoK; Art. 3 EMRK).
9.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies ist dem Beschwerdeführer unter Hinweis auf die
vorstehenden Erwägungen zum Asylpunkt nicht gelungen. Auch die allge-
meine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt den Wegweisungs-
vollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Zudem
kann bei den gesundheitlichen Problemen des Beschwerdeführers nicht
von einem derart gravierenden Krankheitsbild ausgegangen werden, wel-
ches einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen C._ vom 13. Dezember 2016, Grosse
Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Nach dem Gesagten ist der Voll-
zug der Wegweisung sowohl im Sinne der landes- als auch der völkerrecht-
lichen Bestimmungen zulässig.
9.3
9.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
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Seite 11
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.3.2 Unter Berücksichtigung der allgemeinen heutigen Sicherheitslage in
Algerien sind keine Hinweise dafür ersichtlich, dass der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr in sein Heimatland in konkreter Weise gefährdet wäre.
Eine Situation allgemeiner Gewalt oder kriegerischer oder bürgerkriegs-
ähnlicher Verhältnisse liegt in Algerien nicht vor (vgl. statt vieler Urteil des
BVGer D-2478/2021 vom 4. Juni 2021 E. 8.3.2).
9.3.3 Auch in individueller Hinsicht sind keine Gründe ersichtlich, welche
die Wegweisung als unzumutbar erscheinen liessen. Beim Beschwerde-
führer handelt es sich um einen (...)-jährigen Mann, der in Algerien mit sei-
nen Eltern, seinen Brüdern und seiner Schwester auf ein tragfähiges Be-
ziehungsnetz und eine gesicherte Wohnsituation zurückgreifen kann (vgl.
SEM act. A65 F25 und 35). Weiter hat er in seinem Heimatland (...) Jahre
die Schule besucht und danach auch Arbeitserfahrungen ([...] waschen,
[...] und [...]verkauf) gesammelt (vgl. a.a.O. F33), was ihm beim Aufbau
einer neuen wirtschaftlichen Existenz entgegenkommen wird. Sodann
konnte der Beschwerdeführer vor seiner Ausreise von der finanziellen Un-
terstützung seiner Eltern leben (vgl. a.a.O. F34). Bei einer Rückkehr ist da-
von auszugehen, dass dies – zumindest für die erste Zeit nach seiner
Rückkehr, auch wenn der Vater sich in der Zwischenzeit einer (...)operation
hat unterziehen müssen (vgl. a.a.O. F45) – auch weiterhin der Fall sein
wird.
9.3.4 Die Vorinstanz ist sodann übereinstimmend mit der Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts davon ausgegangen, dass psychische Er-
krankungen in Algerien behandelt werden können (vgl. Urteil des BVGer
D-1763/2019 vom 29. April 2019 E. 7.5). Es ist deshalb davon auszuge-
hen, dass sich der Beschwerdeführer in Algerien wird weiterbehandeln las-
sen können. Die nicht weiter substantiierten Einwände in der Beschwerde
betreffend die fehlende angemessene Behandlung bei mangelnden finan-
ziellen Mitteln sind nicht stichhaltig (vgl. zum Ganzen das Urteil des BVGer
E-6848/2018 vom 18. Dezember 2018 E. 7.4.4 f.). Denn wie die Vorinstanz
zu Recht und mit zutreffender Begründung erkannte, ist der Beschwerde-
führer seit seiner Kindheit in Behandlung. Überdies konnte der Beschwer-
deführer nicht konkret und überzeugend darlegen, dass ihm der Zugang
zur medizinischen Versorgung verwehrt geblieben wäre. Im Weiteren ist
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Seite 12
zur Überbrückung möglicher finanzieller Schwierigkeiten auf die Möglich-
keit der medizinischen Rückkehrhilfe zu verweisen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d
AsylG). Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung
auch als zumutbar.
9.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt und – soweit diesbezüglich überprüfbar – angemessen
ist (Art. 106 AsylG) ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Mit vorliegendem Urteil ist der Antrag auf Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
11.2 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG sowie die Beiordnung eines
amtlichen Rechtsbeistandes gemäss Art. 102m Abs. 4 i.V.m. Abs. 1 Bst. a
AsylG. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass seine Be-
gehren als aussichtslos zu gelten haben. Damit ist eine der beiden kumu-
lativ zu erfüllenden Voraussetzungen (Bedürftigkeit und Nicht-Aussichtslo-
sigkeit) nicht gegeben, weshalb die Gesuche abzuweisen sind. Bei diesem
Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdeführer aufzuer-
legen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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