Decision ID: ae73a7e3-e19c-5372-90cd-6564212e02fd
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Kurt Gemperli, advokatur am brühl,
Scheffelstrasse 2, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 2. Oktober 2007 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act.
1). Im Gesuchsformular gab er u.a. an, er habe keinen Beruf erlernt. Die B._ AG teilte
am 19. Oktober 2007 mit, sie habe den Versicherten seit 1990 als "Maschinenführer
Blechbearbeitung" beschäftigt (IV-act. 10). Der aktuelle beitragspflichtige Lohn betrage
Fr. 77'610.--. Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, berichtete am 18.
November 2007 (IV-act. 20), der Versicherte leide an einer ausgedehnten
Rotatorenmanschettenläsion links (St. n. Reinsertion der Supraspinatussehne am
18.09.06 mit ausgedehnter Reruptur), und an degenerativen Veränderungen der
Rotatorenmanschette rechts mit einer mindestens auf eine Partialruptur verdächtigen
Konturabflachung der Supraspinatussehne. Seit dem 31. Juli 2006 sei der Versicherte
am bisherigen Arbeitsplatz zu 100% arbeitsunfähig. Die mangelhafte
Schulterbeweglichkeit und die Schmerzen wirkten sich auf die Arbeit aus. Zumutbar sei
eine nicht schulterbelastende Arbeit in sitzender oder wechselnder Position. Die IV-
Stelle beauftragte das Medizinische Gutachtenzentrum mit einer orthopädischen und
psychiatrischen Abklärung (IV-act. 29). Dr. med. univ. D._, Facharzt für Psychiatrie
und Neurologie, allg. beeideter gerichtl. Sachverständiger, Arzt für
psychotherapeutische Medizin, Psychosomatik und Psychosoziale Medizin, berichtete
in seinem psychiatrischen Teilgutachten vom 4. September 2008 (IV-act. 44-11 ff.), der
Versicherte leide an Anpassungsstörungen bei Partnerproblemen seit ca. sechs Jahren
und zuletzt nach Verlust der Arbeitsstelle und zunehmenden finanziellen Belastungen.
Diese Störungen führten bei körperlichen Beschwerden oder exogenen
Belastungssituationen zu depressiven Stimmungsschwankungen, Traurigkeit,
Unzufriedenheit und wiederholten Unruhezuständen. Depressive Verstimmungen im
Sinne einer leicht- bis mittelgradigen depressiven Störung liessen sich beim
Versicherten aber nicht erheben. Dieser sei aus rein psychiatrischer Sicht zu 100%
arbeitsfähig. Dr. med. E._, Spezialarzt Orthopädische Chirurgie FMH, Sportmedizin
(SGSM), hielt in einem Gutachten fest (IV-act. 44-1 ff.), der Versicherte leide an einer
chronischen Tendovaginitis der langen Bizepssehne und Reruptur der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Supraspinatussehne bei St. n. Reinsertion 09/06 und Acromioclaviculargelenksarthrose
links, an einer Tendovaginitis der langen Bizepssehne und Bursitis subacromialis sowie
an kleineren Verkalkungen der Supraspinatussehne und
Acromioclaviculargelenksarthrose rechts, an einer Rhizarthrose links, an einer
Intercarpalarthrose und an einer Radicocarpalarthrose links, an einer medialen und
lateralen Meniskusläsion und an einer beginnenden lateralen Gonarthrose rechts, an
Präadipositas und - ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit - an Senk-/Spreizfüssen.
Wahrscheinlich könne mit medizinischen Massnahmen keine Steigerung der
Arbeitsfähigkeit erreicht werden. Diese liege für körperlich leichte Arbeiten in
temperierten Räumen, die abwechslungsweise sitzend oder stehend ausgeübt werden
könnten, ohne dass dabei häufig knieende Positionen eingenommen, Gegenstände
über 5 kg gehoben bzw. getragen werden müssten oder Kraftanwendungen der linken
Hand notwendig seien, bei 85% (volle Stundenpräsenz). Die Klinik F._ berichtete am
19. Januar 2009 (IV-act. 57), der Versicherte leide insbesondere an einer
Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion in Form einer mittelgradigen
depressiven Episode mit somatischem Syndrom. Als Maschinenführer sei er zu 100%
arbeitsunfähig (Selbst- bzw. Fremdgefährdung). Die Einschränkungen bestünden in
einem Antriebsmanko, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit. Sollte
der Versicherte die notwendige finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit im Rahmen
einer erfolgreichen Wiedereingliederung oder einer Berentung erlangen, könne mit einer
weitgehenden Rückbildung der depressiven Reaktion gerechnet werden. Dr. med.
G._ vom RAD empfahl am 27. Januar 2009 (IV-act. 60), weiterhin auf das Gutachten
E._/D._ abzustellen. Die IV-Stelle verglich ein Valideneinkommen 2008 als
Maschinenführer von Fr 79'798.-- mit einem zumutbaren Invalideneinkommen
(adaptierte Tätigkeit, Arbeitsfähigkeit 85%) von Fr. 51'224.-- und ermittelte so einen
Invaliditätsgrad von 36% (IV-act. 62). Mit einem Vorbescheid vom 23. Februar 2009
teilte sie dem Versicherten mit (IV-act. 65), dass sie beabsichtige, sein Rentengesuch
abzuweisen.
A.b Der Versicherte liess am 27. April 2009 sinngemäss einwenden (IV-act. 70), bei
der Vielzahl von qualitativen Einschränkungen, die Dr. E._ beschrieben habe, sei
seine Arbeitskraft auch auf dem allgemeinen und ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht
mehr verwertbar. Dr. E._ habe nicht angegeben, wie er auf den Wert von 85%
gekommen sei. In psychiatrischer Hinsicht stimmten die psychopathologischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Befunde von Dr. D._ und der Klinik F._ in verschiedenen wichtigen Punkten nicht
überein. Bei der Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens hätte ein
Tabellenlohnabzug erfolgen müssen. Die Klinik F._ hatte am 21. April 2009
gegenüber dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers u.a. ausgeführt (IV-act. 72),
die reaktive Aethiogenese der depressiven Störung habe dazu geführt, dass die
Diagnose einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion gestellt worden
sei. Da die Symptomatik nach den ICD-10-Diagnosenrichtlinien den Rahmen einer
mittelgradigen depressiven Episode erfülle, sei diese Diagnose beigefügt worden. Die
Zeitlimite für Anpassungsstörungen betrage zwei Jahre. Sollte das Beschwerdebild
länger anhalten, müsste die Diagnose auf eine mittelfristige depressive Episode mit
somatischem Syndrom oder auf eine rezidivierende depressive Störung, aktuell
mittelgradige Episode, mit somatischem Syndrom geändert werden. Dr. G._ vom
RAD schlug am 11. Mai 2009 eine RAD-Abklärung vor (IV-act. 74). Der Versicherte liess
am 26. Juni 2009 mehrere Arztberichte einreichen. Dr. med. H._, Rheumatologie,
hatte dem Hausarzt am 6. August 2008 berichtet (IV-act. 77), er habe ein zervikal- und
lumbalbetontes Panvertebralsyndrom festgestellt. Die starken Einschränkungen der
Beweglichkeit vor allem der HWS sprächen für degenerative Veränderungen. Die
lateralen Hüft- und Oberschenkelschmerzen seien im Rahmen eines
lumbospondylogenen Syndroms zu beurteilen. Die linke Schulter sei wahrscheinlich
schmerzbedingt stark eingeschränkt, während die Elevation rechts bis 160° möglich
sei. Beide Schultern seien diffus druckdolent gewesen, links ausgeprägter als rechts.
Die Ellbogenschmerzen bds. lateral und rechts medial dürften durch Ausstrahlungen
vom Rücken verursacht sein. An den Händen hätten sich klinisch deutliche
Fingerarthrosen gezeigt. Dr. med. I._, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie,
hatte dem Hausarzt am 11. März 2009 angegeben (IV-act. 78), am 26. Januar 2009 sei
eine Kniegelenksarthroskopie rechts erfolgt. Seit der letzten Kontrolle gehe es besser,
aber der Versicherte sei nicht beschwerdefrei. Dr. med. J._, Fachärztin für Psychiatrie
und Psychotherapie, vom RAD hielt in einem Bericht vom 9. November 2009 über eine
psychiatrische RAD-Untersuchung vom 21. Juli 2009 fest (IV-act. 89-1 ff.), die
Schmerzen, die Zunahme der körperlichen Beschwerden, der soziale Abstieg und die
fehlende Bestätigung durch die Arbeit hätten zu einer depressiven Entwicklung geführt,
zunächst wie von Dr. D._ beschrieben reaktiv als Anpassungsstörung, jetzt als leicht-
bis mittelgradige depressive Episode mit somatischen Symptomen. Es handle sich um
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine schwerwiegende psychische Störung, die aufgrund einer Beeinträchtigung der
psychischen Belastbarkeit zu einer reduzierten Arbeitsfähigkeit führe. Seit Oktober
2008 (Beginn der psychiatrischen Behandlung) bestehe aus psychiatrischer Sicht eine
Arbeitsunfähigkeit von 30%. Dr. med. K._, Facharzt für Rheumatologie, Physikalische
Medizin und Rehabilitation, Innere Medizin, zertifizierter medizinischer Gutachter SIM,
vom RAD hielt in seinem Bericht über eine rheumatologische Untersuchung vom 30.
September 2009 fest (IV-act. 89-12 ff.), die Funktionsfähigkeit der linken Schulter sei
eingeschränkt (vor allem bei Abduktion), verbunden mit organisch bedingten
Schmerzen. Die Schultergürtelmuskulatur sei leicht atrophiert. Der Versicherte habe
sich recht gut an den Gesundheitsschaden adaptiert. Mit den Alltagsfunktionen komme
er gut zurecht. Die linke Extremität sei bis auf Brusthöhe für leichte Tätigkeiten gut
einsetzbar. Für adaptierte Tätigkeiten sei aufgrund des Bedarfs nach vermehrten
Pausen ein Abzug von 15% als adäquat zu betrachten. Die chronische Periarthropathia
humeroscapularis rechts sei eher leichter Natur. Bei adaptierten Tätigkeiten bewirke sie
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Trotz der beginnenden Gonarthrose rechts
sei die Funktionsfähigkeit der Kniegelenke gut. Die Arbeitsfähigkeit sei durch diese
Beeinträchtigung nicht eingeschränkt. Das chronische zervikolumbovertebrale
Syndrom bewirke keine Arbeitsunfähigkeit, falls Zwangspositionen und häufiges
Bücken vermieden werden könnten und nur leichte Gewichte gehoben werden
müssten. Im Bereich der HWS liege eine Symptomausweitung vor. Auch in diesem
Bereich bestehe kein Anlass für die Annahme einer Arbeitsunfähigkeit. Die Funktion der
Hände sei nicht eingeschränkt, so dass die adaptierte Arbeitsfähigkeit nicht
eingeschränkt sei. Bei der rechten Hand sei ebenfalls eine Symptomausweitung
festzustellen gewesen. Zusammenfassend sei festzuhalten, dass sich seit der
Begutachtung durch Dr. E._ keine Veränderung ergeben habe. Die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit durch Dr. E._ könne vollumfänglich nachvollzogen werden. Aufgrund
des Schulterleidens sei die Arbeitsfähigkeit somit um 15% eingeschränkt. Die
interdisziplinäre Stellungnahme ergab eine Gesamtarbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit von 70% ab Oktober 2008 (IV-act. 89-19). Dr. G._ vom RAD notierte am 19.
November 2009 (IV-act. 90), ab 31. Juli 2006 habe angestammt eine Arbeitsunfähigkeit
von 100% bestanden. Bis September 2008 habe sich die Arbeitsfähigkeit adaptiert auf
85% belaufen, seither bestehe eine Arbeitsfähigkeit adaptiert von 70%.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Die IV-Stelle verglich ein Valideneinkommen von Fr. 79'257.-- mit einem
zumutbaren Invalideneinkommen von Fr. 43'208.-- (Basisjahr 2008) und ermittelte so
einen Invaliditätsgrad von 45,71% (IV-act. 92). Das zumutbare Invalideneinkommen
beruhte auf der Lohnstrukturerhebung 2008 des Bundesamtes für Statistik. Die IV-
Stelle hatte keinen Abzug vom Tabellenlohn vorgenommen. Mit einem Vorbescheid
vom 16. Dezember 2009 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten die Zusprache einer
Viertelsrente rückwirkend ab Oktober 2008 an (IV-act. 97). Der Versicherte verlangte in
seiner Stellungnahme vom 21. Januar 2010 die Zusprache mindestens einer halben
Invalidenrente. Sein Rechtsvertreter wies darauf hin, dass im früheren
Einkommensvergleich in höheres Valideneinkommen eingesetzt worden sei, dass
wieder kein Abzug vom Tabellenlohn vorgenommen worden sei, dass wenigstens ein
"Teilzeitabzug" hätte erfolgen müssen und dass zahlreiche qualifizierte
Einschränkungen bestünden, die sich in einem "Leidensabzug" niederschlagen
müssten. Dr. K._ vom RAD hielt am 11. März 2010 fest (IV-act. 101), der Versicherte
sei bei der Arbeit verlangsamt, weshalb er etwa 8,5 Std. täglich benötige, um eine
Leistung von 70% zu erbringen. Am 18. Juni 2010 sprach die IV-Stelle dem
Versicherten eine Viertelsrente von Fr 409.-- monatlich zu, allerdings nur für die Zeit ab
Juli 2010 (IV-act. 118-2). Sie kündigte aber den Erlass einer weiteren Verfügung für die
Zeit von Januar 2009 bis und mit Juni 2010 an, sobald das Verrechnungsverfahren
abgeschlossen sei. Am 14. Juli 2010 erging die angekündigte Verfügung für die Periode
Januar 2009 bis und mit Juni 2010 (IV-act. 118-10). Allerdings sprach die IV-Stelle dem
Versicherten nur eine monatliche Viertelsrente von Fr. 405.-- zu, da sie bei der früheren
Rentenberechnung einen Fehler gemacht hatte. Am 15. Juli 2010 erging eine korrigierte
Verfügung für die Zeit ab Juli 2010, mit der ebenfalls nur eine monatliche Viertelsrente
von Fr. 405.-- zugesprochen wurde (IV-act. 118-16). Die IV-Stelle ordnete gleichzeitig
eine Rückforderung für Juli 2010 von Fr. 4.-- an, die sie dann mit der Rentenzahlung für
August 2010 verrechnete.
B.
B.a Der Versicherte liess am 9. August 2010 Beschwerde gegen die Verfügungen vom
18. Juni, 14. und 15. Juli 2010 erheben und die Zusprache einer halben Invalidenrente
beantragen (act. G 1). Die Beschwerdegegnerin erliess am 22. September 2010 eine
Verfügung, mit der sie dem Beschwerdeführer als Folge eines nachträglich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eingereichten IK-Auszugs rückwirkend ab Januar 2009 eine Viertelsrente von Fr. 419.--
zusprach, was zu einer Nachzahlung von Fr. 294.-- führte (IV-act. 115). In der
Beschwerdeergänzung vom 19. November 2010 (act. G 10) machte der Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers geltend, auch bei einer reduzierten Arbeitsfähigkeit, die
vollzeitlich umgesetzt werden müsse, sei ein "Teilzeitabzug" gerechtfertigt. Das
Bundesgericht habe diese Frage in einem Urteil vom 21. September 2010
(9C_728/2009) offen gelassen. Bei einem Tabellenlohnabzug von 10% würde ein
Invaliditätsgrad von über 50% resultieren. Der Beschwerdeführer habe zwar an seinem
letzten Arbeitsplatz keine Schwerarbeit geleistet, aber der Tabellenlohnabzug sei nun ja
nicht mehr auf Schwerarbeiter im engeren Sinn beschränkt. Der Beschwerdeführer sei
ausserdem in vielerlei Hinsicht funktionell eingeschränkt, was bei der Bemessung der
Arbeitsunfähigkeit noch nicht berücksichtigt worden sei. Diese Einschränkungen
erschwerten die erwerbliche Umsetzung des verbliebenen Leistungsvermögens und
verminderten dadurch die Verdiensterwartungen. Schliesslich sei auch das vorgerückte
Alter des Beschwerdeführers zu berücksichtigen.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 14. Januar 2011 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 12). Sie machte sinngemäss geltend, der Beschwerdeführer sei
überwiegend wahrscheinlich zu 85% arbeitsfähig. Das Valideneinkommen betrage
Fr. 76'479.-- (2005). Das durchschnittliche Einkommen der Hilfsarbeiter habe sich im
Jahr 2005 auf Fr. 58'389.-- belaufen. Bei einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 85% und
einem "Teilzeitabzug" von 10% resultiere ein zumutbares Invalideneinkommen von
Fr. 44'668.--. Demnach belaufe sich der Invaliditätsgrad auf 42%.
B.c In seiner Replik vom 9. Mai 2011 (act. G 20) wandte der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers ein, die Beschwerdegegnerin habe nun zwar eingeräumt, dass ein
Abzug vom Tabellenlohn von 10% gerechtfertigt sei. Allerdings hätte der Abzug höher
ausfallen müssen. Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin sei das
Gutachten D._ demjenigen des RAD nicht vorzuziehen. Es gehe nicht an, dass die
Rechtsabteilung eines Sozialversicherungsträgers eine versicherungsmedizinische
Beurteilung abändere, die aus einem eigenen Administrativgutachten hervorgegangen
sei. Der RAD habe klar zum Ausdruck gebracht, dass der Beschwerdeführer auch unter
Aufbietung aller zumutbaren Willensenergie psychisch eingeschränkt bleibe.
Massgebend seien im übrigen die Einkommenszahlen 2008.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 16. Mai 2011 auf eine Duplik (act. G 22).

Erwägungen:
1.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der Verfügung vom 15. Juli 2010 die noch nicht
formell rechtskräftige Verfügung vom 18. Juni 2010 "ersetzt", d.h. sie hat sie
aufgehoben und dann neu über das Rentenbegehren verfügt. Das war zulässig, da
noch nicht formell rechtskräftige Verfügungen voraussetzungslos widerrufen werden
können. Entgegen der Auffassung des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers konnte
am 9. August 2010 also nur die beiden Verfügungen vom 14. und 15. Juli 2010 den
Anfechtungsgegenstand bilden, denn die Verfügung vom 18. Juni 2010 existierte zu
diesem Zeitpunkt gar nicht mehr. Am 22. September 2010, also nach der
Beschwerdeerhebung, hat die Beschwerdegegnerin dann - sinngemäss - auch die
Verfügungen vom 14. und 15. Juli 2010 widerrufen und die Viertelsrente ab 1. Januar
2009 neu festgesetzt. Auch das war zulässig, denn gemäss Art. 53 Abs. 3 ATSG kann
die Verwaltung eine angefochtene Verfügung bis zur Beschwerdeantwort in
Wiedererwägung ziehen. Die höchstrichterliche Rechtsprechung hat diese Möglichkeit
zwar auf die für den Verfügungsadressaten vorteilhaften Verfügungen pendente lite
beschränkt (vgl. U. Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A., N. 47 zu Art. 53 ATSG), aber diese
Bedingung ist vorliegend erfüllt, weil der Betrag der Viertelsrente erhöht worden ist.
Anfechtungsgegenstand des Beschwerdeverfahrens ist somit nur noch die
Rentenverfügung vom 22. September 2010.
2.
Anspruch auf eine Invalidenrente hat, wer zu mindestens 40% invalid ist (Art. 28 Abs. 2
IVG). Gemäss Art. 16 ATSG ist zur Bemessung des Invaliditätsgrades das Einkommen,
das die versicherte Person nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung
der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine
ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum Erwerbseinkommen, das sie
erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Das ausschlaggebende Element der Bemessung des zumutbaren
Invalideneinkommens - und damit indirekt des Invaliditätsgrades - ist in aller Regel der
Grad der verbliebenen Arbeitsfähigkeit, so dass dessen Bemessung normalerweise den
ersten Schritt bei der Ermittlung des massgebenden Sachverhalts bildet. Dr. E._ hat
eine Arbeitsfähigkeit von 85% angegeben. Er hat seine Einschätzung auf eine
umfassende bildgebende Untersuchung und auf eine ebenso ausgedehnte klinische
Untersuchung abgestützt. Dr. K._ vom RAD hat ebenfalls eine umfassende und
sorgfältige Abklärung durchgeführt. Er hat in seinem Untersuchungsbericht angegeben,
dass sich seit der Begutachtung durch Dr. E._ keine Veränderung eingestellt habe.
Die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._ könne vollumfänglich nachvollzogen
werden. Diese Abklärungsergebnisse und die daraus resultierenden,
übereinstimmenden Arbeitsfähigkeitsschätzungen sind vom Beschwerdeführer zu
Recht nicht in Zweifel gezogen worden, denn sie beruhen auf lege artis durchgeführten
Abklärungen qualifizierter und erfahrener rheumatologischer Sachverständiger. Deshalb
steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der
Beschwerdeführer aus rein rheumatologischer Sicht in einer der Behinderung
bestmöglich Rechnung tragenden Hilfsarbeit durchgehend zu 85% arbeitsfähig
gewesen ist. Die Arbeitsfähigkeitsschätzungen durch die psychiatrischen
Sachverständigen Dr. D._ und Dr. J._ hingegen stimmen nicht überein. Dr. D._
ist davon ausgegangen, dass aus psychiatrischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit
bestehe. Er hat dies mit der (einzigen) Diagnose rezidivierender Anpassungsstörungen
bzw. mit dem Fehlen einer depressiven Störung begründet. Dr. J._ vom RAD ist
knapp ein Jahr später davon ausgegangen, dass nun eine leichte bis mittelschwere
depressive Episode mit somatischen Symptomen vorliege. Daraus hat sie auf eine
Arbeitsunfähigkeit von 30% geschlossen. Den Beginn dieser Arbeitsunfähigkeit hat sie
auf Oktober 2008, also auf einen Zeitpunkt unmittelbar nach der Abklärung durch Dr.
D._, datiert. Begründet hat sie diese Datierung mit dem Beginn der psychiatrischen
Behandlung im Oktober 2008, da sich damals erstmals psychische Symptome im Sinn
einer depressiven Episode manifestiert hätten. Da sowohl das Gutachten von Dr. D._
als auch der Bericht von Dr. J._ auf umfassenden, von erfahrenen Sachverständigen
durchgeführten Untersuchungen beruhen, besteht kein Grund, an der Richtigkeit der
beiden Arbeitsfähigkeitsschätzungen zu zweifeln. Der psychische Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers muss sich also nach der Untersuchung durch Dr. D._ schnell
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erheblich verschlechtert haben. Die Veränderung der Diagnose in dieser kurzen Zeit ist
demnach von der Beschwerdegegnerin zu Recht nicht in Zweifel gezogen worden.
Hingegen ist die Beschwerdegegnerin, allerdings erst im Rahmen des
Beschwerdeverfahrens, davon ausgegangen, dass der von Dr. J._ ermittelte
Arbeitsfähigkeitsgrad von 70% nicht richtig sein könne, weil der Beschwerdeführer
durch eine zumutbare Willensanstrengung verhindern könnte, dass die leicht- bis
mittelgradige depressive Episode bei ihm eine Arbeitsunfähigkeit bewirken würde. Mit
dieser Argumentation hat die Beschwerdegegnerin unbeachtet gelassen, dass in
diesem Zusammenhang zwischen einer somatoformen Schmerzstörung und einer
leicht- bis mittelgradigen depressiven Episode ein qualitativer Unterschied besteht.
Symptom der somatoformen Schmerzstörung ist ein andauernder, schwerer und
quälender Schmerz (vgl. Weltgesundheitsorganisation, Taschenführer zur ICD-
Klassifikation psychischer Störungen, 5. A., F45.4, S. 195). Schmerzempfindungen
können selbstverständlich durch eine zumutbare Willensanstrengung nicht im
eigentlichen Wortsinn überwunden werden, denn das willensmässige "Zum-
Verschwinden-Bringen" der Schmerzempfindungen käme einer Selbstheilung gleich.
Durch eine Willensanstrengung überwindbar sind also nicht die Schmerzempfindungen,
sondern nur die durch sie ausgelöste subjektive Überzeugung, schmerzbedingt keiner
Erwerbstätigkeit mehr nachgehen zu können. Es ist bis zu einem gewissen Mass
objektiv zumutbar, trotz Schmerzempfindungen zu arbeiten. Die Symptome einer
depressiven Episode sind nicht nur vielfältiger als diejenigen einer somatoformen
Schmerzstörung (vgl. Weltgesundheitsorganisation, a.a.O., F32, S. 132 f.), sondern
teilweise auch von anderer Qualität. Dazu gehören folgende Symptome: Antriebs- und
Aktivitätsminderung, Beeinträchtigung von Interesse und Konzentration, ausgeprägte
Müdigkeit nach kleinsten Anstrengungen, Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls und
des Selbstvertrauens, deutliche psychosomatische Hemmung, Agitiertheit. Diese
Symptome sind geeignet, die Arbeitsfähigkeit objektiv herabzusetzen, denn anders als
die Schmerzempfindung können sie nicht durch eine Willensanstrengung "umgangen",
d.h. einfach nicht zur Kenntnis genommen werden. Es nützt nichts, wenn eine
depressive Person "die Zähne zusammenbeisst", um konzentriert, interessiert, ohne
vorzeitig zu ermüden etc. zu arbeiten, denn diese Eigenschaften können nicht durch
eine Willensanstrengung erzwungen werden, wenn sie krankheitsbedingt fehlen.
Andernfalls käme es zu einer (teilweisen) willensmässigen Selbstheilung von einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
depressiven Episode. Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin kann also
nicht davon ausgegangen werden, dass eine leicht- bis mittelgradige depressive
Episode vermutungsweise keine Arbeitsunfähigkeit bewirke. Dr. J._, der die
bundesgerichtliche Rechtsprechung zur somatoformen Schmerzstörung als mögliche
Ursache einer Arbeitsunfähigkeit bekannt gewesen sein muss, hat ganz bewusst eine
Arbeitsunfähigkeit von 30% angegeben, weil die depressive Episode eine
Beeinträchtigung der psychischen Belastbarkeit zur Folge habe. Entgegen der von der
Beschwerdegegnerin im Beschwerdeverfahren vertretenen Auffassung ist deshalb
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer in einer adaptierten Erwerbstätigkeit
bis September 2008 zu 85% und ab Oktober 2008 zu 70% arbeitsfähig gewesen ist.
2.2 Auf den vorliegenden Sachverhalt ist gestützt auf die Übergangsregelung zur 5.
IV-Revision (vgl. das IV-Rundschreiben Nr. 253 des Bundesamtes für
Sozialversicherungen) weiterhin die an sich aufgehobene Fassung von Art. 29 Abs. 1 lit.
b IVG anwendbar. Das bedeutet, dass ein Rentenanspruch nicht ab April 2008 (sechs
Monate nach der Anmeldung), sondern ab der Erfüllung des sogenannten Wartejahres
zu prüfen ist. Gemäss den Angaben des Hausarztes ist der Beschwerdeführer an
seinem letzten Arbeitsplatz seit dem 31. Juli 2006 zu 100% arbeitsunfähig. Deshalb ist
mit Wirkung ab 1. Juli 2007 zu prüfen, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf
eine Invalidenrente hat. Massgebend sind der Arbeitsfähigkeitsgrad in einer
behinderungsadaptierten Tätigkeit ab diesem Zeitpunkt und die Einkommenszahlen
2007. Die Validenkarriere besteht in der (fiktiven) Weiterbeschäftigung am bisherigen
Arbeitsplatz bei der B._ AG, da nicht anzunehmen ist, dass der Beschwerdeführer
den Arbeitsplatz gewechselt hätte, wenn er gesund geblieben wäre. Die Arbeitgeberin
hat am 19. Oktober 2007 einen aktuellen Jahreslohn des Beschwerdeführers von Fr.
77'610.-- angegeben. Dieser Betrag ist als Valideneinkommen in den
Einkommensvergleich einzusetzen. Die Invalidenkarriere besteht in einer
unbestimmten, durchschnittlichen, aber der Behinderung angepassten Hilfsarbeit. Der
Beschwerdeführer könnte in praktisch allen Branchen einen adaptierten Arbeitsplatz
finden. Die krankheitsbedingten qualitativen Einschränkungen sind nämlich nicht so
stark, dass sie die verbliebene Arbeitsfähigkeit als ökonomisch nicht mehr verwertbar
erscheinen liessen. Es ist davon auszugehen, dass der allgemeine und ausgeglichene
Arbeitsmarkt im Jahr 2007 Arbeitsstellen aufgewiesen hat, an denen der
Beschwerdeführer durch die behinderungsbedingten qualitativen Einschränkungen in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seiner Arbeitsleistung von 85% nicht beeinträchtigt gewesen wäre.
Ausgangseinkommen zur Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens ist deshalb
der schweizerische Durchschnittslohn der Hilfsarbeiter. Dieser hat gemäss der Tabelle
im Anhang 2 zu der von der Informationsstelle AHV/IV edierten Textausgabe IVG, die
auf der Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik beruht, Fr. 60'167.--
betragen. Ausgehend von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 85% resultiert ein
Jahreseinkommen von Fr. 51'142.--. Bei einem Arbeitsfähigkeits- bzw.
Beschäftigungsgrad von 85% hatten Hilfsarbeiter gemäss den Angaben in der vom
Bundesamt für Statistik herausgegebenen Lohnstrukturerhebung 2006, Tabelle T2*,
S. 16, einen überproportionalen Lohnnachteil von etwas mehr als 6% in Kauf zu
nehmen. Die ökonomischen Ursachen für einen solchen Lohnnachteil bestehen nicht
nur bei effektiver Teilzeitarbeit (reduzierte Tagesarbeitszeit bei voller Leistung), sondern
auch bei Teilzeitarbeit in der Form einer reduzierten Leistung bei vollzeitlicher
Anwesenheit am Arbeitsplatz (vgl. Philipp Geertsen, Der Tabellenlohnabzug, in: JaSo
2012, Jahrbuch zum Sozialversicherungsrecht, S. 148 ff.). Berücksichtigt man im
vorliegenden Fall zusätzlich zum Teilzeitnachteil, dass der Beschwerdeführer auch an
einem vollständig adaptierten Arbeitsplatz aus der Sicht eines Arbeitgebers gesunden
Arbeitnehmern gegenüber gewisse Nachteile aufweisen würde (z.B. Unfähigkeit,
Überstunden zu leisten bzw. vorübergehend zu mehr als 85% tätig zu sein;
Unfähigkeit, vorübergehend an einem nicht adaptierten Arbeitsplatz tätig zu sein), so
rechtfertigt sich ein Tabellenlohnabzug von 10%. Das ergibt ein zumutbares
Invalideneinkommen von Fr. 46'028.--. Die Erwerbseinbusse von Fr. 31'582.--
entspricht einem Invaliditätsgrad von aufgerundet 41%. Der Beschwerdeführer hat
deshalb ab Juli 2007 einen Anspruch auf eine Viertelsrente. Ab Oktober 2008 ist der
Einkommensvergleich auf der Grundlage einer Arbeitsfähigkeit von 70% vorzunehmen.
Das Valideneinkommen ist der Nominallohnentwicklung anzupassen (vgl. die vom
Bundesamt für Statistik herausgegebene Lohnentwicklung 2008, Anhang Tabelle
T1.05, Wirtschaftszweig 27-28 Herstellung von Metallerzeugnissen), was einen Betrag
von Fr. 78'824.-- ergibt. Das Durchschnittseinkommen der Hilfsarbeiter hat sich 2008
auf Fr. 59'979.-- belaufen. Bei einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 70% resultiert ein
Jahreseinkommen von Fr. 41'985.--. In bezug auf den zusätzlichen Abzug vom
Tabellenlohn ist ab Oktober 2008 von einem erhöhten Nachteil gegenüber gesunden
Hilfsarbeitern auszugehen, denn bei depressiven Arbeitnehmern besteht ein grosses
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Risiko überproportionaler Krankheitsabsenzen. Hinzu kommt, dass auch mit
kurzfristigen Leistungsschwankungen zu rechnen ist, was die Einsatzplanung
erschwert. Zudem benötigen depressive Personen grössere Rücksichtnahme seitens
der Vorgesetzten und der Arbeitskollegen. All diese Nachteile sind ökonomisch als
zusätzliche Lohnkosten zu qualifizieren, so dass der Beschwerdeführer bei identischem
Nettolohn für einen Arbeitgeber deutlich "teurer" wäre als ein gesunder Arbeitnehmer.
Dies rechtfertigt es, den Abzug vom Tabellenlohn von 10% auf 15% zu erhöhen. Damit
beläuft sich das zumutbare Invalideneinkommen auf Fr. 35'687.--. Die Erwerbseinbusse
von Fr. 43'137.-- entspricht einem Invaliditätsgrad von aufgerundet 55%. In analoger
Anwendung des Art. 88a Abs. 2 IVV bzw. der dazu entwickelten Bundesgerichtspraxis
hat der Beschwerdeführer deshalb mit drei Monaten Verzögerung, d.h. ab 1. Januar
2009, einen Anspruch auf eine halbe Invalidenrente.
2.3 Der Einkommensvergleich zur Bemessung des Invaliditätsgrades setzt, wie sich
dem Wortlaut des Art. 16 ATSG entnehmen lässt, eine abgeschlossene medizinische
oder berufliche Eingliederung oder aber die Feststellung voraus, dass keine (weitere)
medizinische oder berufliche Eingliederung möglich ist. Die angefochtene Verfügung
äussert sich ihrem Wortlaut nach nicht zu dieser Eingliederungsfrage. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen geht praxisgemäss davon aus, dass die
Beschwerdegegnerin die zwingend vorab zu klärende Eingliederungsfrage in ihren
rentenzusprechenden Verfügungen jeweils konkludent verneine. Davon ist auch im
vorliegenden Fall auszugehen. Diesbezüglich erweist sich die angefochtene Verfügung
als korrekt, denn in medizinischer Hinsicht steht fest, dass von weiteren
therapeutischen Massnahmen keine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Erwerbstätigkeit zu erwarten ist (vgl. insbesondere IV-act. 44-9 und 89-10).
Eine berufliche Eingliederungsmassnahme kommt zum vornherein nicht in Frage, weil
der Beschwerdeführer angesichts des überdurchschnittlichen Valideneinkommens auf
eine sogenannt höherwertige Eingliederung, d.h. auf eine qualifizierte Berufsausbildung
angewiesen wäre, um die aus der Arbeitsunfähigkeit resultierende hohe
Erwerbseinbusse durch ein höheres Verdienstniveau so weit zu kompensieren, dass
der Invaliditätsgrad unter 40% bliebe. Dafür bringt der Beschwerdeführer aber weder
die schulischen noch die intellektuellen Voraussetzungen mit und zudem wäre die nach
der Berufsausbildung verbleibende erwerbliche Aktivitätsphase zu kurz, als dass eine
höherwertige Umschulung noch als verhältnismässig qualifiziert werden könnte. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin ist deshalb zu Recht davon ausgegangen, dass die
Invalidenkarriere in einer adaptierten Hilfsarbeit bestehe. Dem Grundsatz der
"Eingliederung vor Rente" (vgl. U. Kieser, a.a.O., Vorbemerkungen N. 47) ist also
Rechnung getragen.
3.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer ab 1. Juli 2007
Anspruch auf eine Viertelsrente und ab 1. Januar 2009 Anspruch auf eine halbe
Invalidenrente hat. Die Sache ist zur Festsetzung der Rentenbeträge an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Da der Beschwerdeführer vollumfänglich
obsiegt, hat er einen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Diese bemisst sich nach
der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g
Satz 2 ATSG). Da es sich unter Berücksichtigung dieser beiden Kriterien um einen
durchschnittlichen Fall handelt, ist die Parteientschädigung (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) praxisgemäss auf Fr. 3'500.-- festzusetzen. Das Beschwerdeverfahren
in IV-Sachen ist kostenpflichtig. Die Gerichtsgebühr bemisst sich nach dem
Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Auch in diesem Zusammenhang ist von
einem durchschnittlichen Fall auszugehen ist, weshalb die Gerichtsgebühr
praxisgemäss auf Fr. 600.-- festgesetzt wird. Da die unterliegende
Beschwerdegegnerin für diese Gebühr aufzukommen hat, ist der vom
Beschwerdeführer geleistete Kostenvorschuss im Betrag von Fr. 600.--
zurückzuerstatten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP