Decision ID: 1d2c30dc-8eeb-5d8d-b1fb-bdabc09ab52e
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Bruno Häfliger, Schwanenplatz 7, 6000 Luzern 5,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 21. September 2006 aufgrund bewegungs- bzw.
belastungsabhängiger Schmerzen, einer Beeinträchtigung der Beweglichkeit des
rechten Knies und einer eingeschränkten Gehfähigkeit nach einer Patellaquerfraktur
zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons
St. Gallen an (IV-act. 1).
A.b Am 19. Oktober 2006 ging der IV-Stelle der Austrittsbericht des Spitals B._ vom
30. Januar 2006 betreffend die Hospitalisation vom 26. bis zum 29. Januar 2006 zu.
Gemäss diesem war nach einer Patellaquerfraktur am 9. Mai 2005 eine Zuggurtungs
osteosynthese durchgeführt und am 27. Januar 2006 das Osteosynthesematerial
entfernt worden, nachdem der Versicherte nach der Osteosynthese Schmerzen und
Druckempfindlichkeit der Patella beklagt hatte und nur noch mit Stöcken gegangen
war (IV-act. 11). Am 9. November 2006 ging der IV-Stelle der Austrittsbericht der
Rehaklinik Bellikon vom 7. November 2006 betreffend die stationäre Behandlung vom
11. September bis zum 24. Oktober 2006 zu. In diesem waren im Wesentlichen eine
Retropatellararthrose Grad IV rechts sowie eine längere depressive Reaktion bei
chronischem Schmerzsyndrom im Rahmen einer Anpassungsstörung diagnostiziert
und für die angestammte Tätigkeit als Isoleur eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit ab dem
26. Oktober 2006 attestiert worden. Für andere Tätigkeiten wurde keine Zumutbarkeits
beurteilung abgegeben, da weitere Abklärungen der Knieproblematik in der Uniklinik
Balgrist pendent waren. Das Osteosynthesematerial sei wegen Schmerzen und Funk
tionseinschränkungen verfrüht entfernt worden, am 20. Juni 2006 sei eine arthrosko
pische Teilmeniskektomie und ein peripatelläres Débridement bei unverändertem Be
schwerdebild erfolgt. Bezüglich des rechten Knies bestehe eine erheblich verminderte
Belastbarkeit sowie eine eingeschränkte Gehfähigkeit; im Zusammenhang mit der fest
gestellten längeren Anpassungsstörung bestünden leichte psychische
Einschränkungen (IV-act. 16). In seinem Bericht vom 13. November 2006 wies
Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeine Medizin, darauf hin, dass die Ergebnisse
der bevorstehenden Abklärungen an der Uniklinik Balgrist abzuwarten seien, auf jeden
Fall aber versucht werden müsse, den Versicherten wieder zu integrieren (IV-act. 19–
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1 ff.). Am 17. November 2006 erstattete Dr. med. D._, Facharzt FMH für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, einen
Arztbericht. Darin führte er unter anderem aus, die Beschwerden seien wahrscheinlich
neuropathischer Natur und damit kaum zu beeinflussen; allenfalls käme eine Abklärung
an einem Schmerzzentrum in Frage. Bezüglich der Arbeitsfähigkeit in angepassten
Tätigkeiten führte er aus, der Versicherte könne allenfalls für leichtere Arbeiten in zum
Teil sitzender, zum Teil stehender Stellung eingesetzt werden, soweit dies die
chronischen Schmerzen zuliessen; die effektive Leistungsfähigkeit müsste in einem
praktischen Einsatz erprobt werden (IV-act. 21). Am 5. Januar 2007 berichtete die
Uniklinik Balgrist über die am 14. Dezember 2006 durchgeführte ambulante
Untersuchung. Objektiv hätte eine posttraumatische Femoropatellar-Arthrose mit
Knorpeldefekt retropatellär festgestellt werden können, welche jedoch die
geschilderten Beschwerden und das Ausmass der Invalidisierung nicht ausschliesslich
erklären würde. Es bestehe weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 22).
A.c Am 4. Oktober 2007 erstattete die Academy of Swiss Insurance Medicine (asim)
im Auftrag der IV-Stelle ein polydisziplinäres Gutachten. Die Gutachter diagnostizierten
im Wesentlichen eine Retropatellararthrose rechts sowie einen Status nach Knie
arthroskopie rechts im Jahr 2003 und – ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit – eine
Verhaltensauffälligkeit bei andernorts klassifizierten Erkrankungen. Eine weitere Be
schäftigung als Isoleur scheine aufgrund der festgestellten Symptomatik ohne jegliche
Besserungstendenz langfristig ausgeschlossen, was auch in Bezug auf andere mittel-
bis schwere körperliche Tätigkeiten gelte. Eine sitzende Tätigkeit mit Möglichkeit zu
regelmässigem Stellungswechsel und kurzen Bewegungsphasen in halbstündigen Ab
ständen sei dagegen zumutbar, wobei allerdings vermehrte und verlängerte Pausen
notwendig seien, welche die Leistungsfähigkeit um 20 % mindern würden. Aus psychi
atrischer Sicht bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (IV-act. 36).
A.d Am 30. Januar 2008 schloss die zuständige Eingliederungsberaterin der IV-Stelle
die berufliche Eingliederung ab, da sich der Versicherte nicht arbeitsfähig fühle und
durch das zuständige Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) angemessen
betreut würde (IV-act. 50).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.e Mit Vorbescheid vom 12. März 2008 teilte die IV-Stelle mit, dass bei einem Inva
liditätsgrad von 30 % die Abweisung des Rentengesuchs vorgesehen sei (IV-act. 58).
Dagegen liess der Versicherte am 2. April 2008 Einwand erheben und insbesondere
den Beweiswert der psychiatrischen Begutachtung sowie die Festlegung des Inva
lideneinkommens beanstanden (IV-act. 59). Am 1. Juli 2008 verfügte die IV-Stelle ge
mäss Vorbescheid; das Gutachten sei korrekt erstellt worden, und bei der Festlegung
des Invalideneinkommens sei ein Abzug vom Tabellenlohn von 10 % gewährt worden
(IV-act. 61).
A.f Dagegen liess der Versicherte am 8. September 2008 Beschwerde an das Ver
sicherungsgericht des Kantons St. Gallen erheben (IV-act. 65). Unter anderem reichte
er zur Beschwerde eine Stellungnahme des Psychiatrie-Zentrums X._ vom 2. Juni
2008 ein, in welcher eine rezidivierende depressive Störung mit zuletzt mittelgradiger
Episode und somatischem Syndrom beschrieben und eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit
attestiert worden war (IV-act. 67). Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens reichte der
Versicherte sodann einen weiteren Bericht des Psychiatrie-Zentrums X._ vom
20. Januar 2009 ein, in welchem eine Arbeitsunfähigkeit von maximal 40 % attestiert
worden war (IV-act. 82–3), sowie einen Bericht von Dr. D._ vom 23. Juni 2009 (IV-
act. 82–4). Mit Entscheid IV 2008/372 vom 26. Februar 2010 hiess das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die Beschwerde dahin gehend gut, als es
die IV-Stelle verpflichtete, weitere Abklärungen bezüglich der Arbeitsunfähigkeit
zwischen dem Ablauf des so genannten Wartejahrs im Mai 2006 und der Begutachtung
durch die asim Ende Juli 2007 zu tätigen und die Zusprache einer befristeten Rente für
diesen Zeitraum zu prüfen (vgl. IV-act. 85).
A.g Auf eine am 28. April 2010 dagegen erhobene Beschwerde in öffentlich-
rechtlichen Angelegenheiten (IV-act. 87) trat das Bundesgericht nicht ein (Urteil
8C_254/2010 vom 28. Mai 2010; vgl. IV-act. 89).
A.h Am 23. Juli 2010 hielt Dr. med. E._, Fachärztin FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) auf entsprechende
Anfrage der IV-Stelle hin fest, ab Februar/März 2006 müsste eine Arbeitsaufnahme in
adaptierter Tätigkeit zu 80 % möglich gewesen sein (IV-act. 90).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.i Mit Vorbescheid vom 8. September 2010 teilte die IV-Stelle mit, dass die Ab
weisung des Rentengesuchs vorgesehen sei (IV-act. 93). Dagegen liess der Versicherte
am 5. Oktober 2010 Einwand erheben. Es seien weitere psychiatrische Abklärungen
vorzunehmen. Zwischen Mai und Oktober 2006 habe sich der Versicherte sodann
während 86 Tagen in stationärer Behandlung befunden; eine 80%ige Arbeitsfähigkeit
könne angesichts dessen in diesem Zeitraum nicht vorgelegen haben (IV-act. 94).
A.j Mit Verfügung vom 5. Mai 2011 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab. Es sei
auf das Gutachten der asim abzustellen; es bestehe auch kein Anspruch auf eine
befristete Rente (IV-act. 97).
B.
B.a Dagegen richtet sich die am 6. Juni 2011 erhobene Beschwerde, mit der die Zu
sprache einer durchgehenden ganzen, eventualiter einer Dreiviertels-, subeventualiter
einer halben Rente ab dem 1. Mai 2006 beantragt und zur Begründung im
Wesentlichen ausgeführt wird, die psychiatrische Begutachtung durch die asim sei
nicht lege artis erfolgt, die Schlussfolgerungen des Gutachtens der asim seien nicht
überzeugend, das Gutachten widerspreche den Berichten des Psychiatrie-Zentrums
X._, auch somatisch sei von einer wesentlich erheblicheren Einschränkung des
Gesundheitszustandes auszugehen, und schliesslich sei ein Abzug vom Tabellenlohn
von mindestens 20 % zu gewähren. Der Beschwerdeführer liess die Durchführung
einer mündlichen Verhandlung beantragen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer Be
schwerdeantwort vom 8. August 2011 führte sie zur Begründung im Wesentlichen aus,
der Beschwerdeführer sei auch im Zeitraum von Mai 2006 bis Oktober 2007 nicht
derart in seiner Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt gewesen, dass ein Rentenanspruch
entstanden sei; für die Zeit danach sei auf das Gutachten der asim abzustellen und ein
Rentenanspruch entsprechend zu verneinen (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 12. August 2011 liess der Beschwerdeführer an den mit Be
schwerde vom 6. Juni 2011 gestellten Anträgen festhalten (act. G 6).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete sinngemäss auf eine Duplik (act. G 8).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.e Am 20. März 2012 (act. G 10) liess der Beschwerdeführer einen interdisziplinären
Arztbericht des Medizinischen Zentrums Löwenstrasse vom 22. Februar 2012 ein
reichen, in welchem im Wesentlichen eine mittelgradige depressive Episode, eine an
haltende somatoforme Schmerzstörung, Schmerzen in der Lendenwirbelsäule, chro
nische Knieschmerzen, eine chronische Prostatitis, ein Diabetes mellitus Typ II sowie
eine Pharyngitis sicca diagnostiziert und gesamthaft eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
für sämtliche Tätigkeiten attestiert worden waren (act. G 10.1).
B.f Die Beschwerdegegnerin liess sich dazu nicht vernehmen.
B.g Am 19. Dezember 2012 erklärte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers, auf
die Durchführung einer mündlichen Verhandlung zu verzichten.

Erwägungen:
1.
Der Beschwerdeführer lässt die Aufhebung der Verfügungen der Beschwerdegegnerin
vom 1. Juli 2008 und 5. Mai 2011 beantragen und in der Beschwerdebegründung aus
führen, Gegenstand des vorliegenden Verfahrens sei der Rentenanspruch als solcher,
nicht nur ein Teil desselben bzw. nicht nur die Frage, ob in der Vergangenheit ein be
fristeter Anspruch bestanden habe. Dabei verkennt der Beschwerdeführer zwar, dass
die Verfügung vom 1. Juli 2008 mit Entscheid IV 2008/372 des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen vom 26. Februar 2010 bereits aufgehoben wurde und daher
deren Aufhebung nicht mehr beantragt werden kann. Ansonsten ist ihm allerdings zu
zustimmen, denn Streitgegenstand eines Beschwerdeverfahrens bildet stets ein
Rechtsverhältnis insgesamt, und nicht lediglich ein Teil davon (vgl. BGE 125 V 413); zu
dem hat das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen in seinem Entscheid
IV 2008/372 vom 26. Februar 2010 über den zukünftigen Rentenanspruch nicht definitiv
entschieden (sofern das überhaupt möglich gewesen wäre), sondern die Angelegenheit
an die Beschwerdegegnerin zur Fortführung des Verwaltungsverfahrens zurückge
wiesen, weshalb Gegenstand der angefochtenen Verfügung und damit der Prüfung in
diesem Beschwerdeverfahren der Rentenanspruch insgesamt ist.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich bleibende
oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit, das heisst der
durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach ärztlicher Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Bestimmung des
Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in
Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht
invalid geworden wäre (Valideneinkommen; Art. 16 ATSG).
2.2 Die Feststellung des Gesundheitsschadens, das heisst die Befunderhebung und
die gestützt darauf gestellte Diagnose, aber auch die Prognose und die Ätiologie, die
durch den festgestellten Gesundheitsschaden verursachte Arbeitsunfähigkeit sowie
das noch vorhandene funktionelle Leistungsvermögen oder das Vorhandensein und die
Verfügbarkeit von Ressourcen sind Tatfragen (BGE 132 V 398 E. 3.2), deren
Beantwortung entsprechendes Fachwissen voraussetzt. Im Rahmen des
Untersuchungsgrundsatzes (Art. 43 Abs. 1 ATSG) hat die IV-Stelle daher in aller Regel
ärztliche Sachverständige zur Beantwortung dieser Fragen beizuziehen (vgl. Art. 43
Abs. 2 ATSG und Art. 69 Abs. 2 und 4 der Verordnung über die Invalidenversicherung
[IVV; SR 831.201]), so etwa jene des RAD (vgl. Art. 49 Abs. 1 IVV) oder solche einer
MEDAS. Aufgabe der IV-Stelle und des Versicherungsgerichts ist es, diese Tatsachen
rechtlich zu würdigen, das heisst zu beurteilen, ob die ärztlichen Aussagen und
Schätzungen die zuverlässige Beurteilung des Leistungsanspruchs erlauben und, falls
dies der Fall ist, gestützt auf diese Feststellungen sowie die Feststellungen zu den
beiden Vergleichseinkommen den Invaliditätsgrad zu bemessen (vgl. BGE 132 V 398 f.
E. 3.2 f.).
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Der Beschwerdeführer erlitt im Mai 2005 eine Patellaquerfraktur rechts, welche
am Unfalltag mittels einer Zuggurtungsosteosynthese versorgt wurde; am 27. Januar
2006 erfolgte die Entfernung des Osteosynthesematerials im Rahmen eines viertägigen
Aufenthalts im Spital B._ (vgl. IV-act. 11). Im Juni 2006 erfolgte eine arthroskopische
Teilmeniskektomie (vgl. IV-act. 16 und Suva-act. 51); vom 11. September bis zum
24. Oktober 2006 befand sich der Beschwerdeführer sodann in stationärer Behandlung
in der Rehaklinik Bellikon (vgl. IV-act. 16). Ende Juli 2007 wurde der Beschwerdeführer
schliesslich durch die asim begutachtet (vgl. IV-act. 36–2). Die behandelnden und be
gutachtenden Ärzte qualifizierten die angestammte Tätigkeit als Isoleur (zunächst zu
mindest vorerst und schliesslich dauernd) als unzumutbar. Bezüglich der Arbeitsfähig
keit in einer adaptierten Tätigkeit äusserten sich erst die Gutachter der asim definitiv,
indem sie eine solche als grundsätzlich zu 80 % zumutbar qualifizierten (vgl. IV-
act. 36). Die Ärzte der Rehaklinik Bellikon hatten sich zur Arbeitsfähigkeit in adaptierten
Tätigkeiten nicht geäussert, weil weitere Abklärungen durch die Uniklinik Balgrist
ausstanden (vgl. IV-act. 16). Aufgrund dieser am 14. Dezember 2006 durchgeführten
Abklärungen ergaben sich allerdings keine wesentlichen neuen Erkenntnisse bezüglich
der Arbeitsfähigkeit in leidensadaptierten Tätigkeiten: Die Ärzte attestierten weiterhin
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit und hielten überdies
fest, das Ausmass der geklagten Beschwerden sei durch die objektiven Befunde nicht
hinreichend erklärt (vgl. IV-act. 22). Dr. D._ hatte in seinem Bericht vom
17. November 2006 ausgeführt, angepasste Tätigkeiten seien zumutbar, wobei
allerdings das Ausmass der Leistungsfähigkeit seiner Meinung nach im Rahmen eines
praktischen Einsatzes zu erproben sei (vgl. IV-act. 21). Die Gutachter der asim
äusserten sich nicht zur Arbeitsfähigkeit in leidensangepassten Tätigkeiten für den
Zeitraum zwischen Mai 2005 und Juli 2007 (vgl. IV-act. 36–21). Die RAD-Ärztin
Dr. E._ führte am 23. Juli 2010 gestützt auf die Berichte von Dr. C._ vom
23. Februar und 21. August 2006 (vgl. Suva-act. 35 und 63), des Suva-Kreisarztes vom
8. März 2006 (vgl. Suva-act. 37), von Dr. D._ vom 3. August 2006 (vgl. Suva-act. 54),
der Rehaklinik Bellikon (vgl. IV-act. 16) und der Uniklinik Balgrist (vgl. IV-act. 22) aus, es
habe vom 20. Juni bis etwa am 3. August 2006 sowie während der stationären
Behandlung durch die Rehaklinik Bellikon vom 11. September bis zum 24. Oktober
2006 vorübergehend eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten
bestanden, ansonsten sei aber davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer ab
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Februar/März 2006 im von den Gutachtern der asim geschätzten Umfang (das heisst
zu 80 %) leistungsfähig gewesen sei (vgl. IV-act. 90). Dabei wies sie zutreffend darauf
hin, dass in somatischer Hinsicht für den fraglichen Zeitraum zwischen der Entfernung
des Osteosynthesematerials im Januar 2006 und der Begutachtung durch die asim im
Juli 2007 in den echtzeitlichen medizinischen Berichten keine gravierenderen Befunde
ausgewiesen sind als im Gutachten der asim. Die RAD-Ärztin wies zudem plausibel
darauf hin, dass die behandelnden und untersuchenden Ärzte zunächst gar davon
ausgegangen waren, allenfalls sei die Wiedereingliederung in die angestammte
Tätigkeit möglich. Ausgewiesen ist in den Akten jedenfalls zusammenfassend einzig
eine deutlich höhere Arbeitsunfähigkeit als 20 % für leidensadaptierte Tätigkeiten für
die Zeiträume von Mai 2005 bis und mit Januar/Februar 2006, vom 20. Juni bis zum
3. August 2006 und vom 11. September bis zum 24. Oktober 2006. Diesbezüglich
verkennt der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers offenbar, dass vom 20. Juni bis
zum 3. August 2006 keine stationäre Behandlung durchgeführt wurde. Am 20. Juni
2006 erfolgte vielmehr eine teilstationär durchgeführte Arthroskopie, die auf jeden Fall
keinen längeren stationären Aufenthalt in einer Klinik nach sich zog. Die RAD-Ärztin
hatte einzig deshalb für den Zeitraum vom 20. Juni bis zum 3. August 2006 eine
zusätzliche Verminderung der Arbeitsfähigkeit attestiert, weil Dr. D._ in seinem
Bericht vom 3. August 2006 darauf hingewiesen hatte, die Arthroskopie habe keine
Verbesserung des Gesundheitszustandes bewirkt, aber auch keine Verschlechterung.
Ob andererseits, wie der Beschwerdeführer geltend machen lässt, im Anschluss an die
stationäre Behandlung durch die Rehaklinik Bellikon von einer weiterhin vollständigen
Arbeitsunfähigkeit für zumindest einige Tage oder Wochen auszugehen ist, kann im
Sinne der nachfolgenden Erwägungen offen bleiben. Für die Zeit nach der
Begutachtung durch die asim im Juli 2007 ist aus somatischer Sicht ebenfalls von einer
80%igen Leistungsfähigkeit für dem Leiden angepasste Tätigkeiten auszugehen, denn
aus den Akten ergeben sich weder Zweifel an der Zuverlässigkeit der diesbezüglichen
Schätzung der asim noch Anhaltspunkte für eine zwischenzeitliche wesentliche
Veränderung. Auf den einzigen diesbezüglich relevanten Bericht des Medizinischen
Zentrums Löwenstrasse wird unten näher eingegangen.
3.2 Anhaltspunkte für eine relevante psychische Gesundheitsbeeinträchtigung
ergeben sich erstmals aus dem Austrittsbericht der Rehaklinik Bellikon, wo – nach
Durchführung eines psychosomatischen Consiliums – eine längere depressive Reaktion
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bei chronischem Schmerzsyndrom im Rahmen einer Anpassungsstörung diagnostiziert
wurde; die Auswirkungen derselben wurden im psychosomatischen Konsilium vom
26. September 2006 als eher schwer eingestuft, in der zusammenfassenden
Beurteilung vom 7. November 2006 indessen als leicht qualifiziert (vgl. IV-act. 19–7 und
19–14). Die Gutachter der asim diagnostizierten lediglich eine Verhaltensauffälligkeit
ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit (vgl. IV-act. 36). Im Gegensatz dazu
attestierten die behandelnden Ärzte des Psychiatrie-Zentrums X._ in ihrem Bericht
vom 2. Juni 2008 eine zunächst 100%ige Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer
rezidivierenden depressiven Störung mit mittelgradiger Episode und somatischem
Syndrom. Allerdings berichteten die Ärzte über „Teilsymptome“ einer depressiven
Erkrankung bei Behandlungsbeginn, was sich nicht ohne Weiteres mit einer
vollständigen Arbeitsunfähigkeit in Einklang bringen lässt. Ausserdem besserte sich der
Zustand des Beschwerdeführers nach Umstellung der antidepressiven
Medikamentation spürbar innerhalb einer Woche. Schliesslich attestierten die Ärzte
eine noch 70%ige Arbeitsunfähigkeit einzig in Bezug auf die angestammte (nicht mehr
zumutbare) Tätigkeit (vgl. IV-act. 67). Am 20. Januar 2009 attestierten die Ärzte des
Psychiatrie-Zentrums X._ dann lediglich noch eine maximal 40%ige
Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten, wobei sie einmal eine mittelgradige
Episode und einmal eine leichte Episode einer rezidivierenden Störung diagnostizierten
(vgl. IV-act. 82–3). Insgesamt erscheinen diese beiden Berichte wenig aussagekräftig
und nicht überzeugend, zumal der zweite Bericht bezüglich Diagnose in sich selbst
widersprüchlich ist. Die Ärzte setzten sich auch nicht mit dem Gutachten der asim
auseinander und führten keine eigentliche Zumutbarkeitsbeurteilung durch. Sie sind
daher nicht geeignet, Zweifel an der Zuverlässigkeit des Gutachtens des asim zu
wecken; auch eine relevante Verschlechterung des Zustandes ist aufgrund dieser
Berichte nicht wahrscheinlich. Auf sie kann bezüglich der Arbeitsfähigkeitsschätzung
nicht abgestellt werden.
3.3 Was den Bericht des Medizinischen Zentrums Löwenstrasse vom 22. Februar
2012 betrifft, so beschreibt und beurteilt dieser einen Gesundheitsbefund in einem
Zeitpunkt nach Verfügungserlass. Abgesehen davon ist zu bemängeln, dass die darin
attestierte vollständige Arbeitsunfähigkeit für sämtliche Tätigkeiten nicht
nachvollziehbar ist bzw. sich wohl einzig auf die offenbar im Rahmen einer früheren
neuropsychologischen Testung festgestellte depressive Störung stützt. Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entsprechende neuropsychologische Bericht liegt dem Bericht vom 22. Februar 2012
aber nicht bei, und es wird auch nicht eingehend Bezug darauf oder auf die übrigen
medizinischen Berichte, die angeblich mitberücksichtigt wurden, genommen. Von der
Befundschilderung des Psychiaters lässt sich sodann nicht auf eine schwerer
ausgeprägte depressive Störung schliessen; entsprechende Ausführungen fehlen
gänzlich. Der Bericht ist vor diesem Hintergrund nicht geeignet, die
Arbeitsfähigkeitsschätzung der asim als unzuverlässig oder überholt erscheinen zu
lassen. Gesamthaft ist in medizinischer Hinsicht auf das Gutachten der asim
abzustellen.
4.
Eine länger dauernde mehr als 20 % betragende Arbeitsunfähigkeit auch für dem
Leiden adaptierte Tätigkeiten lag einzig im Zeitraum von Mai 2005 bis und mit Februar/
März 2006 vor. Die beiden nachfolgenden Zeiträume mit weiterer Verminderung der
Arbeitsfähigkeit im Jahr 2006 waren beide vorübergehend, nämlich Folge ent
sprechender Behandlungen (Arthroskopie und stationärer Aufenthalt in der Rehaklinik
Bellikon). Da die Berechnung des Invaliditätsgrades durch die Beschwerdeführerin (die
im Übrigen jener der Suva entspricht) nicht zu beanstanden und insbesondere die
Höhe des gewährten Abzuges vom Tabellenlohn (vgl. BGE 126 V 75) nicht als
rechtsfehlerhaft zu qualifizieren ist, sondern im Rahmen des Ermessens liegt, betrug
der Invaliditätsgrad bereits weniger als ein Jahr nach dem Unfall und seither konstant
weniger als 40 %, weshalb der Beschwerdeführer die Voraussetzungen für die
Zusprache einer Invalidenrente gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG bis Mai 2011 nie erfüllt hat.
Die angefochtene Verfügung ist daher im Ergebnis nicht zu beanstanden, die
Beschwerde entsprechend abzuweisen.
5.
Ausgangsgemäss sind die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und angesichts
des durchschnittlichen Aufwandes auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichtskosten vom
Beschwerdeführer zu bezahlen. Der von ihm geleistete Kostenvorschuss in gleicher
Höhe wird ihm daran angerechnet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP