Decision ID: 0ac55eab-0c6b-4908-bd4b-adc2da1d5d98
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_004
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. Mit Steuererlassgesuch vom 13. Juni 2022 (act. C.1) wandte sich das
Ehepaar A.A._ und A.B._ an das Steueramt der Gemeinde
B._. Aufgrund eines von A.A._ erlittenen Unfalls einerseits, der
zu hohen Kosten geführt habe, sowie der Aufgabe der Arbeitstätigkeit
wegen Invalidität durch A.B._ andererseits seien sie nicht in der Lage,
die verlangten Steuerbeträge für das Jahr 2021 zu begleichen, was ihnen
sehr unangenehm sei.
2. Das Steueramt gewährte ihnen mit Schreiben vom 7. Juli 2022 einen
Zahlungsaufschub (act. C.2).
3. Aus den Akten ergibt sich aufgrund der zwei definitiven
Veranlagungsverfügungen vom 18. Mai 2022 für die direkte Bundessteuer
2021 ein steuerbares Einkommen von CHF 81'700.00, satzbestimmend
CHF 82'500.00, mithin ein Steuerbetrag von CHF 1'159.65 (act. C.3), für
die Kantons- und Gemeindesteuern ein steuerbares Einkommen von
CHF 83'300.00, bei satzbestimmendem Einkommen von CHF 84'100.00,
sowie ein Vermögen von CHF 0.00, mithin ein Steuerbetrag von
CHF 4'254.00 an Kantonssteuern und CHF 4'690.00 an Gemeindesteuern
(act. C.4). Die entsprechenden Rechnungen wurden am 30 Mai 2022
versandt, wobei darauf keine Zahlungen oder Gutschriften berücksichtigt
wurden (act. C.5, C.6 und C.7).
4. A.A._ und A.B._ füllten das von der Steuerverwaltung des
Kantons Graubünden (nachfolgend mit KSTV abgekürzt) zuvor am
10. Juni 2022 zugestellte Formular zur Überprüfung der Vermögens- und
Erwerbsverhältnisse im Zusammenhang mit einem Erlassgesuch für
Steuerforderungen am 23. Juli 2022 aus (act. C.8). Darin gaben sie an,
über Schulden im Umfang von über CHF 45'000.00 zu verfügen, bei
monatlichen Auslagen von rund CHF 10'000.00 und bei monatlichen
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Einnahmen in Höhe von CHF 9'362.85. Aus den Beilagen ergibt sich, dass
ein Leasingvertrag zu einem Fahrzeug in Höhe von monatlichen
CHF 259.90 belegt ist. Weiter findet sich eine Zinsbescheinigung, die sich
zum Kreditsaldo per 31. Dezember 2020 äussert, ein Schreiben von
A.A._ an seine Frau vom 9. Februar 2021, mit dem er ihr gegenüber
erklärt, über CHF 46'657.00 Schulden zu verfügen, sowie verschiedene
Ratenvereinbarungen und Rechnungen. Verzichtserklärungen wurden
hingegen keine beigelegt.
5. Gemäss den von A.A._ und A.B._ dem Gericht übermittelten
Akten erliess die KSTV am 29. August 2022 einen Entscheid zu einem
Steuererlassgesuch der Eheleute vom 4. Juni 2022, mit welchem diese
um Erlass noch offener Forderungen der Einkommenssteuer des Bundes
2021 im Betrag von CHF 1'159.65 sowie der Einkommens- und
Vermögenssteuern des Kantons 2021 im Umfang von CHF 4'254.00
ersucht hatten. Darin wies die KSTV das Steuererlassgesuch für beide
Beträge vollumfänglich ab. Ob dieser Entscheid angefochten wurde, ist
nicht ersichtlich; jedenfalls ist am Verwaltungsgericht von diesen Parteien
keine Beschwerde hängig.
6. Am 11. Oktober 2022 erliess auch das Steueramt der Gemeinde B._
einen praktisch gleichlautenden Entscheid. Dieser betraf jedoch das oben
erwähnte Steuererlassgesuch vom 13. Juni 2022, welches hinsichtlich der
Einkommens- und Vermögenssteuern der Gemeinde 2021 im Umfang von
CHF 4'690.00 ebenfalls vollumfänglich abgewiesen wurde.
Das Steueramt erwog, wie die KSTV in ihrem Entscheid, dass gemäss den
eingereichten Unterlagen hätten die Steuerpflichtigen Schulden bei
anderen nicht privilegierten Gläubigern, wobei sie keinerlei Verzicht der
Gläubiger geltend machen würden. Die Voraussetzungen der
Opfersymmetrie bzw. der Gläubigergleichbehandlung seien damit nicht
gegeben, weshalb das Gesuch abzuweisen sei. Im Sinne einer
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Zahlungserleichterung könnten jedoch Ratenzahlungen gewährt werden.
Ausserdem könne auf die Einforderung der Verzugszinsen verzichtet
werden, allerdings nur, sofern die Zahlungen rechtzeitig erfolgen würden.
Allfällige Vereinbarungen betreffend Ratenzahlungen seien schriftlich an
das zuständige Steueramt der Gemeinde einzureichen.
7. Mit ans Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden adressierter
Eingabe vom 23. Oktober 2022 (act. A.1) teilen A.A._ und A.B._
mit, dass sie den Entscheid zur Kenntnis genommen haben, ihn aber nicht
verstehen können. In ihrer Situation sei sehr wohl eine grosse Härte
gegeben. Das Gesetz besage zudem, dass die Vermögenslosigkeit und
die zu kleine Deckung ihrer Lebenskosten zu berücksichtigen sei. Durch
den Unfall von A.A._ und die Krankheit von A.B._ seien sie so
viele Abzahlungen am tätigen, dass sie keine weiteren vermögen würden.
Wenn eine Notlage so klar gegeben sei, sei mindestens ein Teilerlass zu
geben. Sie würden deshalb höflichst darum bitten, dass sie nicht weitere
Schulden machen müssten und reichten somit Beschwerde beim
Verwaltungsgericht ein. Eine Kopie ihrer Eingabe schickten sie an das
Steueramt der Gemeinde B._.
8. Mit Beschwerdeantwort vom 10. November 2022 (act. A.2) beantragt die
Gemeinde B._, die Beschwerde sei unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei.
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II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Die steuerpflichtigen Personen können gemäss Art. 139 Abs. 1 des
Steuergesetzes für den Kanton Graubünden vom 8. Juni 1986
(BR 720.000, nachfolgend mit StG/GR abgekürzt) gegen
Einspracheentscheide sowie Entscheide über Steuererlasse innert
30 Tagen seit Zustellung des Entscheids beim Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden schriftlich Beschwerde erheben. Dasselbe gilt
gemäss Art. 1 Abs. 2 des Gesetzes über die Gemeinde- und
Kirchensteuern vom 31. August 2006 (GKStG; BR 720.200) für
Steuererlassentscheide der Gemeinden.
2. Das Gericht entscheidet in einzelrichterlicher Kompetenz, wenn der
Streitwert – wie vorliegend – CHF 5'000.00 nicht überschreitet und keine
Fünferbesetzung vorgeschrieben ist (Art. 43 Abs. 3 lit. a des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege vom 31. August 2006 [VRG;
BR 370.100]).
3. Sowohl für die direkte Bundessteuer als auch für die Kantons- und
Gemeindesteuern sehen die einschlägigen Gesetze die Möglichkeit des
Steuererlasses vor. So bestimmt etwa Art. 167 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die direkte Bundessteuer vom 14. Dezember 1990
(DBG; SR 642.11), dass wenn für eine steuerpflichtige Person infolge
einer Notlage die Zahlung der Steuer (oder eines Zinses oder einer Busse
wegen einer Übertretung) eine grosse Härte bedeutet, die geschuldeten
Beträge auf Gesuch hin ganz oder teilweise erlassen werden können. Der
Steuererlass bezweckt gemäss Abs. 2 dieser Bestimmung, zur
dauerhaften Sanierung der wirtschaftlichen Lage der steuerpflichtigen
Person beizutragen. Er hat der steuerpflichtigen Person selbst und nicht
ihren Gläubigerinnen und Gläubigern zugutezukommen. Mit anderen
Worten verlangt das Gesetz ausdrücklich, dass ein Steuererlass nur in
demjenigen Rahmen gewährt werden darf, in welchem auch die anderen
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allfälligen nicht privilegierten Gläubiger auf ihre Forderungen verzichten,
so dass die erforderliche Gleichstellung der Gläubiger (sogenannte
Opfersymmetrie) gewährleistet ist. Der Nachweis, dass diese
Voraussetzung erfüllt ist, obliegt nach den allgemeinen Regeln über die
Beweislast die steuerpflichtige Person.
Dasselbe gilt für die Kantonssteuern (Art. 156 StG/GR) sowie für die
Gemeindesteuern, wobei für diese die Bestimmungen des StG/GR
sinngemäss zur Anwendung kommen.
4. Im hier zu beurteilenden Fall haben die Beschwerdeführer zwar mehrere
Dokumente zum Nachweis ihrer Notlage eingereicht. Darüber braucht
jedoch nicht entschieden zu werden, denn sie haben weder behauptet
noch nachgewiesen, dass ihre Gläubiger insgesamt im gleichen Umfang
wie die zu erlassenden Gemeindesteuern auf ihre Forderungen (oder
zumindest Teile davon) verzichtet hätten. Wie das Steueramt der
Gemeinde deshalb zu Recht erwogen hat, ist die Opfersymmetrie so nicht
gewährleistet. Würde unter diesen Umständen ein Steuererlass gewährt,
würde sich der Verzicht des Staates nicht zugunsten der Gesuchsteller
(hier: Beschwerdeführer), sondern zugunsten derer Gläubiger auswirken.
Auf diese Weise würde aber das Ziel des Steuererlasses, namentlich die
langfristige und dauernde Sanierung der wirtschaftlichen Lage der
Beschwerdeführer durch ausnahmsweisen Verzicht auf die mit
rechtskräftiger definitiver Veranlagungsverfügung festgelegten und
geschuldeten Steuerbeträge, verfehlt.
5. Daraus folgt, dass das Steuererlassgesuch zu Recht abgewiesen wurde
und damit die Beschwerde ebenfalls abgewiesen werden muss.
6. Anders als das Verfahren vor der Erlassbehörde, das ausser bei
offensichtlich unbegründeten Gesuchen kostenfrei ist (siehe Art. 18 der
Verordnung des EFD über die Behandlung von Gesuchen um Erlass der
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direkten Bundessteuer vom 12. Juni 2015 [Steuererlassverordnung;
SR 642.121]; vgl. auch Praxisfestlegung der KSTV zum Steuererlass nach
Art. 156 StG/GR S. 3), sind im verwaltungsgerichtlichen
Beschwerdeverfahren grundsätzlich Kosten zu erheben. Ausnahmsweise
wird auf die Erhebung von Verfahrenskosten verzichtet.
7. Der in ihrem amtlichen Wirkungskreis obsiegenden Gemeinde steht
gemäss Art. 78 Abs. 2 VRG – und anders als von ihr beantragt – keine
aussergerichtliche Entschädigung zu, zumal zu Recht kein
Ausnahmetatbestand geltend gemacht wird.