Decision ID: b03e4cbb-342b-477f-a06d-a0f3eff2526c
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 24./28. November 2016 wegen eines seit etwa einem Jahr
bestehenden Hörverlusts zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
(Hörgeräte) bei der Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-
act. 1). Sie sei vollzeitlich als Sachbearbeiterin _ tätig. - Gemäss Arztbericht von
Dr. med. B._, Fachärztin für HNO-Krankheiten, vom 2. Dezember 2016 (IV-act. 4)
betrug der Hörverlust rechts 100 %. Nach Kostengutsprache stellte die Versicherte
einen Antrag auf Prüfung eines Härtefalls (IV-act. 7, 6). Die Geräteunternehmung
bezeichnete eine Cros-Variante als einzige sinnvolle Lösung (vgl. IV-act. 11). Gemäss
Härtefallabklärung der Hals-Nasen-Ohrenklinik am Kantonsspital St. Gallen vom
26. April 2017 (IV-act. 14-2 f.) bestand bei der Versicherten ein Akustikusneurinom
rechts. Am 14. Juni 2017 (IV-act. 21) wurden die Mehrkosten der Hörgeräteversorgung
übernommen.
A.a.
Am 2. Mai 2017 (IV-act. 15) hatte sich die Versicherte nach möglichen weiteren
Leistungen der IV erkundigt, etwa einer Beteiligung an Umschulungskosten. Wegen der
immer wieder auftretenden Schwindelanfälle und des anhaltenden Tinnitus infolge des
Tumors sei ihr auf längere Sicht nicht mehr möglich, zu 100 % im Grossraumbüro mit
oft sehr viel Lärm zu arbeiten. Von kleineren Unternehmungen habe sie nur Absagen
bekommen, da Stellen für _ Sachbearbeitung sehr gefragt seien. Nun werde sie eine
Weiterbildung in der _-Branche machen. - Gemäss einer Aktennotiz vom 4. Mai 2017
(IV-act. 16) war der Versicherten geantwortet worden, was Stellen im _ Bereich
betreffe, sei die wirtschaftliche Situation das Problem. Es seien keine Leistungen
ersichtlich, welche die berufliche Lage der Versicherten verbessern könnten. Sie selber
habe auch keine konkreten Vorstellungen davon und habe sich lediglich erkundigen
wollen. Die Versicherte sei darauf hingewiesen worden, dass sie sich für weitere Fragen
melden könne.
A.b.
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Am 5./13./30. April 2018 (IV-act. 22/32, 25) meldete sich die Versicherte für IV-
Leistungen der beruflichen Integration bzw. eine Rente an. Sie sei von Beruf C._. Sie
leide auch an starken Kopfschmerzen.
A.c.
Die Klinik D._ gab im Arztbericht vom 8. Mai 2018 (IV-act. 29) an, es bestehe bei
der Versicherten ein Vestibularisschwannom rechts (Ertaubung rechts, St. n.
retrosigmoidaler subtotaler Tumorentfernung in Narkose am 06.11.2017, periphere
vestibuläre Unterfunktion rechts, aktuell verstärkt). Das MRI zeige wie erwartet einen
kleinen Resttumor. Die Versicherte beschreibe noch starke Kopfschmerzen. Trotz
täglicher Einnahme von 4-mal 1 g Novalgin komme es alle zwei bis drei Tage zu
heftigen Kopfschmerzen, die invalidisierend seien. Die Häufigkeit habe abgenommen,
Gleichgewichtsbeschwerden bestünden kaum, der Tinnitus habe sich insofern
verbessert, als noch ein Rauschen vorhanden sei, das präoperative Pfeifgeräusch aber
nicht mehr. Mit der Hörminderung allein komme die Versicherte gut zurecht. Sie sei
aber noch nicht in der Lage, sich länger als eine Stunde am PC zu konzentrieren,
weshalb eine Arbeitsaufnahme momentan nicht möglich sei. Es seien ab 2. November
2017 Arbeitsunfähigkeiten wechselnden Ausmasses (100 % und 70 %) attestiert
worden, zuletzt eine solche von 70 % ab 7. Mai 2018 bis auf weiteres; Ziel sei eine
Steigerung der Arbeitsfähigkeit in den nächsten Monaten. Die Wiedereingliederung sei
im Gang und müsse wegen der Gefahr eines Burn-outs sachte erfolgen. - Gemäss
Operationsbericht (IV-act. 29-5 f.) war ein kleines Stück des Tumors zurückgeblieben,
da dieser sehr stark am N. facialis adhärent gewesen war.
A.d.
Die Arbeitgeberin gab in einer Arbeitgeberbescheinigung vom _. _ 2018 (IV-
act. 30) an, die Versicherte sei seit dem _. _ 2012 angestellt. Seit _. _ 2016 mache
der Monatslohn Fr. 4'_.-- aus, der Jahreslohn seit 1. September 2016 Fr. 58'_.--.
Seit 2017 betrage der Jahreslohn Fr. 58'500.--. Nach Eintritt des Gesundheitsschadens
sei die Versicherte seit _. Februar 2019 (richtig 2018, vgl. auch IV-act. 30-13) noch an
ca. 12.5 Stunden pro Woche tätig.
A.e.
Die Krankentaggeldversicherung reichte die Akten ein, darunter verschiedene
Arbeitsunfähigkeitsatteste und medizinische Berichte. So hat etwa die Klinik für
Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen am 19. Mai 2018 (Fremd-act. 1-61 f.; vgl.
auch Fremd-act. 1-60) von einer notfallmässigen ambulanten Untersuchung vom
A.f.
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22. Februar 2018 berichtet. Die Versicherte leide bereits seit zwei Tagen an einer nicht
enden wollenden Episode von Kopfschmerz, am rechten Hemikranium lokalisiert,
ausstrahlend von orbital bis nuchal und von Erbrechen und Lichtempfindlichkeit
begleitet. Die neurologische Untersuchung sei unauffällig gewesen, radiologisch (CT
Neurocranium nativ vom 22. Februar 2018) habe sich ebenfalls keine Ursache finden
lassen. Die Schmerzen seien nicht reproduzierbar gewesen. Sie seien unter Morphin
gut eingestellt. Akuter Handlungsbedarf habe nicht bestanden. Man gehe von einem
multifaktoriellen Geschehen aus, zumindest teilweise bedingt durch die Kraniotomie,
aber auch als Spannungs- und Analgetika-induzierter Kopfschmerz zu werten. - Die
Klinik für Neurologie am Kantonsspital St. Gallen hatte am 23. März 2018 (Fremd-
act. 1-58 f.) erklärt, die Versicherte habe mitgeteilt, die Kopfschmerzepisoden
begännen innert einer Sekunde und würden etwa zwei Stunden anhalten. Mit
Physiotherapie habe sie aufgehört, da dies die Symptomatik verschlechtert habe. Ein
Arbeitsversuch sei fehlgeschlagen, weil sie sich nicht habe konzentrieren können.
Zweimal habe sie beim Autofahren wegen einer Episode umkehren müssen. Die
ehemals empfohlene Therapie mit niedrigdosiertem Acetazolamid (Diamox) habe sie
bisher nicht durchgeführt. Das MRT vom Januar 2018 und das cCT vom Februar seien
(postoperativ) unauffällig gewesen. Diagnostiziert wurden attackenartige
Kopfschmerzepisoden unklarer Ätiologie, DD intermittierender Liquorspitzendruck bei
St. n. Resektion eines Vestibularisschwannoms rechts. Es sei eine konsequente
Therapie mit Sirdalud und Diamox und ausserdem (zur Lockerung der Muskulatur) mit
Pfefferminzöl zu empfehlen. Auch Akupunktur könne hilfreich sein. - Dr. med. E._,
Allgemeine Innere Medizin, hatte am 30. April 2018 (Fremd-act. 1-56 f.) festgehalten,
vom 19. März 2018 bis 22. April 2018 habe eine Arbeitsfähigkeit von 10 % bestanden,
seither betrage diese 30 %. Alle Tätigkeiten, körperliche Belastungen oder
Bürotätigkeit, würden die Attacken auslösen. Es könne mit einer Steigerung der
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit gerechnet werden.
Der IV-Eingliederungsverantwortliche hielt am 7. Juni 2018 (IV-act. 39) fest, die
Versicherte habe erklärt, anstrengende Sportaktivitäten nicht mehr ausüben zu können.
Schnelle Bewegungen könne sie nicht machen und Bücken könne sie sich ebenfalls
nur langsam. Sie benötige Unterstützung im Haushalt. Seit 4. Mai 2018 arbeite sie
wieder mit einem Pensum von 50 %. Zurzeit wäre eine weitere Erhöhung insbesondere
A.g.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/23
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wegen der mangelnden Konzentration bei der Bildschirmarbeit und wegen Schmerzen
nicht möglich. Sie wolle aber wieder ihr früheres Pensum erreichen und erkenne im
Moment keine Möglichkeit der Eingliederungsunterstützung.
Die Versicherte berichtete kurz darauf, sie sei am 19. Juni 2018 notfallmässig im
Spital St. Gallen hospitalisiert und dort schmerztherapeutisch behandelt worden, am
3. Juli 2018 habe sie in die Rehabilitation gewechselt (vgl. IV-act. 39-5). - In einem
Austrittsbericht vom 10. August 2018 (IV-act. 41) über den Aufenthalt der Versicherten
vom 3. Juli 2018 bis 3. August 2018 gab die RehaKliniK F._ an, es bestünden
chronifizierte Kopfschmerzen nach Vestibularisschwannom-Resektion mit Kraniotomie
rechts am 06.11.2017 und ein Status nach Vestibularisschwannom rechts. Es sei eine
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bis zum 31. August 2018 ausgestellt worden.
Postoperativ habe sich bei der Versicherten die Kopfschmerzsymptomatik entwickelt.
Hinweise auf eine Sinusthrombose hätten sich im MRI Schädel nicht ergeben. Nach
einer _ Manipulation der Operationsnarbe am _. Juni 2018 sei es zu intensiven
Schmerz-Exazerbationen mit entsprechendem Medikamenten-Übergebrauch
gekommen. Seit der Operation habe die Versicherte täglich mehrmals diverse
Schmerzmedikamente (auch präventiv) genommen (Novalgin, Dafalgan, Irfen,
Paracetamol). Die Attacken seien zeitlich unberechenbar aufgetreten und die
Medikamente hätten kaum noch Wirkung gezeigt, was sie sehr beunruhigt habe. Sie
sei in der Angst vor den Schmerzen gefangen gewesen und habe kaum noch gewagt,
nach draussen zu gehen. Trotz oft mehrmals täglich auftretenden Attacken habe sie im
Verlauf der Rehabilitation wieder eine innere Sicherheit und Vertrauen in die Besserung
ihrer Situation gewonnen und sich eine Rückkehr nach Hause zugetraut. Sie habe von
einer Besserung der Intensität der Schmerzattacken um 50 % (bei unveränderter
Dauer) berichtet. Einen beruflichen Wiedereinstieg habe sie ab 1. Oktober 2018
geplant.
A.h.
Im November 2018 (IV-act. 45) wurde ein IV-Eingliederungsplan zur Beibehaltung
des Arbeitsplatzes unterzeichnet. Bei vorläufig weiterdauernder Arbeitsfähigkeit von
20 % werde die Versicherte versuchen, an vier Vormittagen pro Woche jeweils
innerhalb von vier Stunden dreieinhalb Stunden Arbeit zu leisten (unterbrochen durch
eine halbe Stunde Pause). Am 20. November 2018 (IV-act. 47) wurde ihr entsprechend
A.i.
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mitgeteilt, es würden ihr im Rahmen der Arbeitsvermittlung Beratung und
Unterstützung im Hinblick auf die Erhaltung des Arbeitsplatzes gewährt.
In einem IV-Verlaufsbericht vom 8. Januar 2019 (IV-act. 52) gab die Klinik D._
bekannt, die Schmerzen der Versicherten seien seit der letzten Kontrolle vom
20. November 2018 rückläufig, aber nicht ganz verschwunden. Die Versicherte habe
zudem über eine Episode von kurz (ca. 30 Sekunden) anhaltendem Schwindel
berichtet. Schmerzen und Schwindel könnten bei Ausübung jeglicher Tätigkeit sehr
einschränkend sein. Es bestehe der Verdacht auf einen BPLS (benignen paroxysmalen
Lagerungsschwindel) posteriorer Bogengang links. Ob die bisherige oder eine andere
Tätigkeit noch zumutbar seien, könne nicht beantwortet werden. - Über ein MRI Gehirn
inkl. Schädelkalotte vom 20. November 2018 (IV-act. 52-8) war berichtet worden, dass
mehrere Voruntersuchungen, zuletzt ein MRI vom 4. Mai 2018, vorlägen. Der Resttumor
sei grössenstationär.
A.j.
Am 25. Januar 2019 (IV-act. 53) hielt der IV-Eingliederungsberater fest, die
Versicherte sei dabei, ihre Arbeitstätigkeit in der angestammten Tätigkeit weiter zu
erhöhen. Sozialpraktisch sei nachvollziehbar, dass sie das in kleinen Schritten tue. Sie
zeige sich bestrebt, möglichst rasch das Maximum der Arbeitsfähigkeit zu erreichen.
Dabei treibe sie die Angst vor einem Verlust der Arbeitsstelle an.
A.k.
Die Psychiatrie G._ gaben in einem Bericht vom 21. Februar 2019 (IV-act. 55) an,
es lägen eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
und eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion nach Hirn-OP vor. Die
Versicherte sei im Rahmen einer Notfallkonsultation vom 5. September 2018 wegen
einer sehr starken depressiven Symptomatik mit [...] vor dem Hintergrund einer
massiven und die Lebensqualität stark einschränkenden chronischen Schmerzstörung
in Behandlung gekommen. Sie habe einen sehr intensiven sozialen Rückzug, einen
Wegfall aller vormals stützenden Verstärker (Sport, Sozialkontakte, Vorhersehbarkeit
und Planbarkeit des Arbeits- und Alltagslebens usw.), sehr starke Selbstzweifel und
eine deutlich reduzierte Belastbarkeit im Arbeitsprozess gezeigt. Die stark depressive
Dekompensation habe sich in einem markanten Hilflosigkeits- und
Wertlosigkeitserleben, sehr markanter Freud- und Lustlosigkeit, deutlichen Ein- und
Durchschlafstörungen und einem markanten Grübeln (betreffend Zukunft, berufliche
A.l.
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Entwicklung und verschlechternden Verlauf der Schmerzerkrankung) gezeigt. Es hätten
stark einschränkende Symptome wie Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen,
eine Verlangsamung der kognitiven Prozesse, eine deutlich reduzierte Stresstoleranz,
eine starke kognitive Einengung auf Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Anhedonie und
mangelnder Appetit vorgelegen, ausserdem eine stark dysfunktionale
Schmerzverarbeitung. Zustandsverschlechternd sei die sehr negative Verarbeitung der
verschiedenen, nicht zielführenden Lösungsversuche. Die Verschlimmerung der
Schmerzbelastung nach dem Rehabilitationsaufenthalt mit dem notwendig
gewordenen Entzug von stark abhängig machenden Opiaten und Benzodiazepinen und
vom versuchsweise eingesetzten Methadon habe eine markante Symptomvertiefung
bewirkt. Dazu sei die nun entstandene mangelnde Leistungsfähigkeit gekommen, so
dass die Versicherte zu Beginn der Behandlung mehrfach sehr starke _ Krisen
durchlebt habe. Nun habe eine relativ stabile Verbesserung der Symptombelastung
erreicht werden können. Ein sich andeutender rasanter Verlust der Belastbarkeit infolge
der Steigerung des Arbeitspensums habe vermieden werden können, weil mit allen
Beteiligten (Versicherte, Umfeld, Arbeitgeberin, behandelndes Team) eine
Stabilisierungsphase vereinbart worden sei. Die bisherige Tätigkeit sei bereits
leidensangepasst (jederzeit Pausen möglich, kein Leistungsdruck, sehr verständnisvolle
Vorgesetzte). Die Arbeitsfähigkeit sei aus psychiatrischer Sicht eingeschränkt. Eine
weitere Erhöhung über die derzeit ausgeübten 40 % Beschäftigung hinaus sei
schrittweise in langsamem Tempo zu empfehlen.
In einem polydisziplinären Gutachten vom 20. August 2019 (IV-act. 69) gaben die
medexperts AG (im Folgenden auch medexperts) bekannt, als Diagnosen mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit lägen bei der Versicherten (erstens) ein Vestibularisschwannom,
ED 11.11.2016 (bei St. n. subtotaler retrosigmoidaler Tumorentfernung rechts am
06.11.2017, mit dauerndem Tinnitus rechts), (zweitens) eine chronische
Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren und (drittens)
Kopfschmerzen nach Kraniotomie am 06.11.2017 (aktuell zusätzlich
Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz) vor. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
sei eine Adipositas Grad I. Es bestünden Funktionseinbussen, die zu einer
Teilarbeitsunfähigkeit von 20 % für jegliche Tätigkeit führten. Die Arbeitsfähigkeit
mache bezogen auf ein volles Pensum 80 % aus. Im Februar 2019 sei von
A.m.
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psychiatrischer Seite eine schrittweise Erhöhung des Pensums von damals 30 bis
40 % empfohlen worden. Es werde gutachterlich ein erneuter (stationärer oder
ambulanter) Schmerzmittelentzug unter Betreuung durch ein Schmerzzentrum oder
einen Neurologen mit multimodalem Ansatz empfohlen. Die weitere Einnahme von
Duloxetin, das im Serumspiegel deutlich erniedrigt bzw. nicht messbar gewesen sei,
sei dabei empfehlenswert und sollte nach erfolgreichem Absetzen der
Schmerzmedikation dann ebenfalls ausgeschlichen werden.
Auf Fragen der Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle vom 22. August 2019 (IV-
act. 72) antworteten die medexperts am 7. Oktober 2019 (IV-act. 81), aus
psychiatrischer Sicht liege die Arbeitsfähigkeit ab der Untersuchung vom Juni 2019 bei
80 %; eine schrittweise Steigerung des Arbeitspensums von derzeit 40 % auf diese
80 % in drei bis sechs Monaten wäre ideal, aber nicht unbedingt nötig, zumal keine
schwerwiegenden Symptome vorlägen. Aus ORL-Sicht sei ebenfalls von 80 %
Arbeitsfähigkeit auszugehen, am besten verteilt auf die ganze Woche. Retrospektiv
habe vom Eintrittstag (für die Operation) vom 2. November 2017 während dreier
Monate bis zum 2. Februar 2018 eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden, danach eine
solche von 50 %. Sechs Monate nach dem 2. November 2017, also ab 6. Mai 2018,
habe eine Arbeitsunfähigkeit von 20 % bestanden.
A.n.
Die kantonale Arbeitslosenkasse teilte am 11. November 2019 (IV-act. 88) mit, die
Versicherte sei seit 1. November 2019 für ein volles Arbeitspensum als arbeitslos
gemeldet. - Gemäss einem Assessment- und Verlaufsprotokoll (IV-act. 89) wurde
festgehalten, die Versicherte habe berichtet, ihr vertragliches Arbeitspensum bei der
bisherigen Arbeitgeberin ab November 2019 von 100 % auf 30 % reduziert zu haben,
weil sie sich zu mehr Leistung nicht in der Lage fühle. Sie habe sich bis zum IV-
Rentenentscheid beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet und sei
von jener Seite einstweilen von einer Stellensuche befreit. Bis zum IV-Entscheid erhalte
sie im Rahmen der ALV-Vorleistungspflicht Arbeitslosentaggelder. Sie könnte auch zu
ihrer derzeitigen Arbeit hinzu keine zusätzliche Stelle annehmen. Der IV-
Eingliederungsberater hielt fest, die gesundheitliche Situation habe sich nicht
verändert, neu dazugekommen seien aber Gallenblasenbeschwerden, derentwegen die
Versicherte seit dem 23. November 2019 im Spital behandelt werde ([...]). Eine
Eingliederungsunterstützung sei nicht möglich, weil die Versicherte mit den 30 % so
A.o.
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viel arbeite, wie sie es subjektiv maximal vermöge. - Mit Mitteilung vom 3. Februar
2020 (IV-act. 94) hielt die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle fest, weitere berufliche
Massnahmen seien daher nicht angezeigt.
Mit Vorbescheid vom 6. März 2020 (IV-act. 99) stellte sie der Versicherten eine
Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht. Sie sei zu 80 % arbeitsfähig. Als
Valideneinkommen werde auf das letzte regelmässig bei der Arbeitgeberin erzielte
Einkommen von Fr. 58'500.-- abgestellt, das Invalideneinkommen betrage
Fr. 48'360.--, der Invaliditätsgrad 17 %.
A.p.
Die Versicherte liess am 4. Mai 2020 (IV-act. 104) durch eine
Rechtsschutzversicherung Einwand erheben und Anspruch auf eine Rente und auf
weitere medizinische Abklärungen stellen. In der Ergänzung vom 8. Juni 2020 (IV-
act. 108) liess sie vorbringen, das Gutachten sei nicht verwertbar, weil der
neuropsychologische Teil der Begutachtung, der gerade am wichtigsten gewesen
wäre, nicht in die Beurteilung der Erwerbsfähigkeit eingeflossen sei. Die Gutachterin
habe erwähnt, das Leistungsvermögen könne nicht abschliessend beurteilt werden.
Führe ein Teil einer Begutachtung zu keinen objektiven Rückschlüssen, müsse er
wiederholt werden oder es müssten dem Gutachter Rückfragen gestellt werden, damit
die Arbeitsfähigkeit objektiv angegeben werden könne. Die Versicherte habe sich im
März bzw. April 2020 selber einer neuen neuropsychologischen Begutachtung durch
_ H._, Klinische Psychologin, Psychiatrie G._, unterzogen. Es sei nach dem
beigelegten Bericht (IV-act. 108-7 ff.) davon auszugehen, dass ein Pensum von 80 %
wegen der nachlassenden Konzentration nicht möglich sei. Es habe eine erneute
neuropsychologische Abklärung stattzufinden bzw. es müssten die betreffenden
Testergebnisse der Gutachterin vorgelegt werden. Des Weiteren sei das
Valideneinkommen auf Fr. 59'043.-- zu setzen und bei der Bemessung des
Invalideneinkommens ein Leidensabzug zu machen. - Im erwähnten Bericht war
festgehalten worden, die Versicherte habe engagiert mitgearbeitet. Die auditiven
Gedächtnisleistungen seien konstant im unterdurchschnittlichen Bereich anzusiedeln
gewesen; das Kurz- und das Langzeitgedächtnis hätten sich beeinträchtigt gezeigt.
Bezogen auf die visuellen Gedächtnisleistungen hätten die Werte geschwankt.
Insgesamt hätten deutliche Beeinträchtigungen im verbalen und nonverbalen
Gedächtnis vorgelegen.
A.q.
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B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Fürsprecher Urs Kröpfli für die Betroffene
am 9. September 2020 erhobene Beschwerde (act. G 1). Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und der
Beschwerdeführerin seien ab 1. November 2018 die gesetzlichen Leistungen in Form
einer Dreiviertelsrente auszurichten, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
(zuzüglich MwSt und Auslagen). Auf das Gutachten könne nicht abgestellt werden. Es
seien keine Diskussion des Zusammenwirkens der einzelnen Beschwerden und deren
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit sowie keine nachvollziehbar begründete
polydisziplinäre Gesamtbeurteilung erfolgt. Zweifelsfrei ungenügend sei die bloss
einzelne Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit in den einzelnen Disziplinen, ungenügend
auch, Fragen der Überschneidung und Kumulation nicht interdisziplinär zu begründen.
Die pauschale Behauptung einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um gesamthaft
20 % sei angesichts der aus psychiatrischer, neurologischer und ORL-Sicht je
gleichermassen festgestellten Arbeitsunfähigkeit von 20 % nicht nachvollziehbar.
Ausserdem hätten sich die Gutachter bei der Gesamtbeurteilung nicht zu den
Anforderungen an eine adaptierte Tätigkeit geäussert, die in den einzelnen Disziplinen
wesentlich unterschiedlich umschrieben worden seien. Eine Ergänzung durch die
bisher involvierten Experten werde nicht erfolgen können, da sie lediglich die pauschal
behauptete Arbeitsunfähigkeit nachträglich irgendwie zu begründen versuchen würden.
Stattdessen werde die Sache zur Einholung eines neuen Gutachtens bei einer anderen
Stelle zurückzuweisen oder es werde die Bemessung der Gesamtarbeitsunfähigkeit
angesichts voller Kognition durch das Gericht gestützt auf die einzelnen Teilgutachten
Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) der Invalidenversicherung hielt am 11. Juni
2020 (IV-act. 109) an seiner früheren Einschätzung fest, wonach auf das Gutachten
abgestellt werden könne. Gemäss den Vorgaben der Schweizerischen Gesellschaft für
Versicherungsmedizin seien neuropsychologische Untersuchungsbefunde bei einer
auffälligen Symptomvalidierung als nicht valid anzusehen und dürften nicht in die
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit mit einfliessen. Da _ H._ keinen
Symptomvalidierungstest durchgeführt habe, sei nicht objektiviert worden, ob die von
ihr erhobenen Testresultate valid seien.
A.r.
Mit Verfügung vom 11. August 2020 (IV-act. 111) lehnte die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle den Rentenanspruch wie angekündigt ab. Weitere
Abklärungen seien nicht erforderlich, wie auch der Rechtsdienst festgehalten habe.
A.s.
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vorzunehmen sein. Es könne davon ausgegangen werden, dass sich
Arbeitsunfähigkeiten aus einzelnen Disziplinen addierten, wenn abweichende
Anforderungen an die Zumutbarkeit adaptierter Tätigkeiten zu stellen seien. So sei eine
Tätigkeit für die Beschwerdeführerin neurologisch betrachtet adaptiert, wenn sie etwa
bei Bedarf Telefonate abgeben könne. Psychiatrisch gesehen seien zumindest implizit
erhebliche Anforderungen an eine konkrete Arbeitstätigkeit benannt worden, doch sei
überhaupt keine Diskussion dieser Kriterien erfolgt. Aus ORL-Sicht seien etwa die
Notwendigkeit des Gangs zum Drucker und des Wechsels vom Computer auf
Schriftstücke sowie die akustische Belastung im Grossraumbüro bei konstanter
Lärmkulisse ungünstig. Arbeiten mit erhöhten Ansprüchen an das Gleichgewichtsorgan
seien gänzlich ungeeignet. Auch wenn es sich bei der Neuropsychologie lediglich um
eine Hilfsdisziplin handle, seien doch dabei erkannte Defizite zu beachten. Das sei bei
der IV-Begutachtung nicht der Fall gewesen. Es gehe aber nicht an, erkannte Defizite
mit dem Hinweis auszublenden, diese seien angesichts teilweise auffälliger
Testergebnisse nicht plausibel. Denn aus sämtlichen Teilgutachten gehe
übereinstimmend hervor, dass sich keine Hinweise auf Aggravation, Simulation oder
ungenügende Mitwirkung der Beschwerdeführerin ergeben hätten. Deshalb sei davon
auszugehen, dass allenfalls auffällige Testergebnisse nicht aus willentlicher
Beeinflussung, sondern aus dem Gesundheitsschaden resultierten. Die einzelnen
Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit seien additiv zu bemessen, so dass die
Arbeitsunfähigkeit 60 % betrage und die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente habe. Da die Gutachter festgestellt hätten, dass es sich bei der
aktuellen Tätigkeit der Beschwerdeführerin um eine weitgehend bestmöglich adaptierte
Arbeit handle, und weil die Beschwerdeführerin ein Arbeitspensum von maximal 40 %
tatsächlich verwerte, werde auf diesen der medizinischen Gesamtbeurteilung mit einer
Arbeitsunfähigkeit von 60 % entsprechenden Invaliditätsgrad abzustellen sein.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 5. November 2020 (act. G 4) beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Eine Konsensbeurteilung und
eine Gesamtwürdigung der Arbeitsfähigkeit hätten bei der Begutachtung
stattgefunden. Die Gesamtschätzung sei nicht zu beanstanden, auch wenn sie nicht
dem tatsächlichen Arbeitspensum der Beschwerdeführerin entspreche. Wie im
Gutachten festgehalten, sei aus neuropsychologischer Sicht nicht gewährleistet, dass
die festgestellten Testleistungen der Beschwerdeführerin ihr eigentliches
Leistungsvermögen darstellten. Im psychiatrischen Teilgutachten seien die Ergebnisse
der neuropsychologischen Untersuchung eingehend diskutiert worden, und zwar
gemäss der RAD-Stellungnahme vom 21. August 2019 lege artis. Unter
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Berücksichtigung der eigenen psychopathologischen Befunde habe die Gutachterin
der Psychiatrie keine relevanten kognitiven Einschränkungen beschrieben. Weitere -
auch neuropsychologische - Abklärungen erübrigten sich demnach. In der als
Privatexpertise zu wertenden Untersuchung durch _ H._ sei kein
Symptomvalidierungstest durchgeführt worden, weshalb sie nicht verwertet werden
könne. Was den Rückweisungsantrag betreffe, habe die Beschwerdeinstanz in der
Regel ein Gerichtsgutachten einzuholen, wenn sie zum Schluss der Erforderlichkeit
gutachterlicher Klärung insgesamt oder in wesentlichen Teilen gelange. Dem
Gutachten komme aber volle Beweiskraft zu.
D.
Mit Replik vom 1. Dezember 2020 (act. G 6) hält der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin daran fest, dass keine nachvollziehbar begründete interdisziplinäre
Gesamtbeurteilung und keine interdisziplinäre Diskussion der Arbeitsfähigkeit erfolgt
seien. Hieran ändere die blosse Auflistung der diversen somatischen und
psychiatrischen Diagnosen nichts. Die polydisziplinäre Bemessung der Arbeitsfähigkeit
mit 80 % für alle Tätigkeiten sei rein pauschal - ohne Begründung - erfolgt. Auch auf
Parteigutachten könne im Weiteren abgestellt werden und auch sie seien geeignet,
genügende Zweifel an einem Gutachten zu erwecken. Die Beschwerdegegnerin zweifle
wohl inzwischen ebenfalls an der Schlüssigkeit der interdisziplinären
Gesamtbeurteilung, wie ihren Hinweisen auf eine mögliche Rückweisung zur
Ergänzung zu entnehmen sei. Unabhängig davon, ob ein Obergutachten als
Gerichtsgutachten oder nach Rückweisung als von der Beschwerdegegnerin in Auftrag
gegebene Expertise zu erstatten sei, bleibe es bei der Kostentragungspflicht der
Beschwerdegegnerin für die Gutachtenskosten.
E.
Die Beschwerdegegnerin hält am 9. Dezember 2020 (act. G 8) an ihrem in der
Beschwerdeantwort gestellten Antrag fest und verzichtet im Übrigen auf die Erstattung
einer Duplik.
F.
Am 22. Dezember 2020 (act. G 10) reicht der Rechtsvertreter eine Kostennote über
einen Betrag von Fr. 2'169.70 (Honorar Fr. 1'895.--, Barauslagen Fr. 119.60, MwSt
Fr. 155.10) ein. - Die Beschwerdegegnerin hält dazu mit Eingabe vom 6. Januar 2021
(act. G 12) fest, es sei nur derjenige Aufwand zu entschädigen, der sich in einem
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vernünftigen Rahmen bewege. Der in Rechnung gestellte Betrag entspreche dem, was
das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen bei vollständigem Obsiegen in der
Regel zuspreche.

Erwägungen
1.
Im Streit liegt die Verfügung vom 11. August 2020, mit welcher die
Beschwerdegegnerin den Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine Rente abgelehnt
hat. Die Beschwerdeführerin lässt im Beschwerdeverfahren einzig Rentenleistungen
beantragen. Berufliche Massnahmen waren gemäss Mitteilung vom 3. Februar 2020
nicht als angezeigt bezeichnet worden. Sollte sich zeigen, dass ohne
Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in Frage kommt, so gehörte zum
Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob die Beschwerdegegnerin den
Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine allfällige Pflicht der
Beschwerdeführerin zu Massnahmen ausreichend in Anspruch genommen habe.
2.
Anspruch auf eine Rente haben nach Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) versicherte Personen, die ihre Erwerbsfähigkeit
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1) gewesen sind (lit. b)
und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (lit. c).
2.1.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2.
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens
einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor,
wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG; vgl. schon
BGE 102 V 165).
2.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/23
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3.
Sämtliche psychischen Erkrankungen sind nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung (vgl. BGE 143 V 418 E. 7.1 f.) grundsätzlich (bei Ausnahmen nach dem
jeweiligen Beweisbedarf) einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu
unterziehen. Die funktionellen Folgen der Gesundheitsschädigung sind danach
qualitativ zu erfassen und quantitativ einzuschätzen. Für die Beurteilung des
funktionellen Leistungsvermögens sind in der Regel diverse Standardindikatoren
beachtlich, die in zwei Kategorien systematisiert werden, nämlich einerseits in der
Kategorie des funktionellen Schweregrads und anderseits in jener der Konsistenz.
2.4.
Zum Gesundheitszustand und der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin wurde
im Lauf des Verfahrens eine polydisziplinäre Begutachtung veranlasst. Grundlage des
Gutachtens vom 20. August 2019 der medexperts bildeten Teilgutachten in allgemein-
internistischer, oto-rhino-laryngologischer (ORL)-, neurologischer, psychiatrischer und
neuropsychologischer Hinsicht.
3.1.
Im Einzelnen hielt die Gutachterin der Allgemeinen Inneren Medizin fest, die
Versicherte habe von Dauerkopfschmerzen (jeden Tag) mit Schmerzspitzen berichtet,
sie habe aber keine Gleichgewichtsstörungen oder Schwindel. Nach dreieinhalb
Stunden Arbeit (immer vormittags; zwischen acht und zwölf Uhr mit einer
halbstündigen Pause) lasse die Konzentration nach. Psychisch gehe es ihr deutlich
besser als im Vorjahr. Es bestünden Durchschlafstörungen wegen Schmerzen im
Bereich der Narbe und Kopfschmerzen. Als Dauermedikation nehme sie Duloxetin ein
(einmal täglich 30 mg), bei Bedarf einmal täglich 20 Tropfen Novalgin. - Die Gutachterin
hielt fest, es liege keine diesbezügliche Diagnose mit Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit vor. Zu empfehlen sei u.a. eine Kontrolle des Gamma-GT-Werts in drei
Monaten.
3.2.
Bei der ORL-Exploration berichtete die Beschwerdeführerin gemäss dem
Teilgutachten, die Gleichgewichtsstörung mache sich beim Gehen und bei
wiederholtem Bücken oder Nach-oben-Schauen bemerkbar. Müsse sie das
Gleichgewichtssystem vermehrt gebrauchen, sei ihr oft schlecht. Seit der Operation sei
sie vermehrt müde und vertrage Menschenmengen und Lärm schlechter. Ein
Kinobesuch sei zu viel gewesen und ein Restaurantbesuch sei oft noch zu
anstrengend. Nach der Arbeit schlafe sie mindestens eine bis eineinhalb Stunden. Der
Lagerungsschwindel sei erfolgreich behandelt worden. Das Hörgerät trage sie wegen
der Schmerzen hinter dem Ohr nicht gern. Dominierend seien die phasenweise
auftretenden vernichtenden Kopfschmerzen, die einen invalidisierenden Charakter
3.3.
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zeigten. Ihre Arbeit müsse exakt gemacht werden; sie habe Mühe, sich lange zu
konzentrieren. - Die ORL-Gutachterin hielt fest, die fehlende Funktion des gesamten
rechten Innenohrs bedinge eine erhöhte rechnerische Leistung des Gehirns und habe
somit erhöhte Ermüdung zur Folge, selbst bei einer Tätigkeit im Sitzen. Immer wieder
seien ein Gang zum Drucker oder ein Wechsel vom Computer zu Schriftstücken
erforderlich und seien akustische Belastungen im Grossraumbüro vorhanden. Auch das
schlechte Tolerieren von Lärm und von Menschenmengen sowie das schlechte (sc.
Sprach-) Verständnis im Störlärm seien nachvollziehbar. Es bestehe eine erhöhte
Pausenbedürftigkeit. Die Arbeitsfähigkeit sei um 20 % vermindert.
Über die Angaben der Beschwerdeführerin anlässlich der neurologischen
Begutachtung wurde festgehalten, ein grosses Problem seien für sie die
unaufhörlichen, unberechenbaren Schmerzen, die insbesondere im Haushalt, in der
Freizeit und bei der Arbeit einschränkend seien. Diese hätten etwa eine Woche nach
der Operation begonnen und seien nicht mit Licht-, Lärm- oder Geruchsempfindlichkeit
verbunden. Nach den Schmerzen sei sie oft erschöpft und leichte Kopfschmerzen
persistierten. Anstrengung verstärke die Schmerzen. Die Attacken seien seit der
Operation insgesamt kürzer geworden. Hilfe verschaffe es meistens, sich hinzulegen
oder Novalgin einzunehmen. Wegen der Schmerzen sei sie in der Konzentration
eingeschränkt und bedürfe bei der Haushaltsarbeit öfters der Hilfe. Schwindel habe sie
keinen mehr. Manchmal fühle sie sich vom Gleichgewicht her noch leicht unsicher. Als
Dauermedikation setze sie Duloxetin und Marvelon (einmal täglich) sowie ca. fünfmal
wöchentlich (nicht mehr als fünf Tage) Novalgin ein. Im letzten Jahr habe sie ein
deutliches psychisches Tief gehabt. - Der Gutachter der Neurologie gab bekannt,
neurologische Funktionsdefizite bestünden keine. Aufgrund von Kopfschmerzen könnte
von einer Arbeitsunfähigkeit von 20 % ausgegangen werden. Es bestehe zurzeit ein
erhöhter Pausenbedarf wegen auftretender Konzentrationsstörungen und Schmerzen
bei erhöhter Konzentrationsarbeit. Nach Besserung des Analgetika-induzierten
Kopfschmerzes - es bestehe wieder Handlungsbedarf zur Reduktion des erneuten
Schmerzmittelübergebrauchs mit fast täglicher Novalgin-Einnahme - sei innerhalb von
ein bis zwei Jahren eine weitere Verbesserung zu erwarten.
3.4.
Im psychiatrischen Teilgutachten wurde festgehalten, die Beschwerdeführerin
habe berichtet, vor etwa einem Jahr im Kantonsspital St. Gallen behandelt worden zu
sein und dort neue Medikamente erhalten zu haben, die sie nicht gut vertragen habe. In
der Rehabilitation habe sie dann den Schmerzmittelentzug gemacht. Die Behandlung
im Psychiatrischen Zentrum, die erfolgt sei, weil sie leicht reizbar, verzweifelt und hilflos
gewesen sei, habe sie im letzten Monat eingestellt. Die Dauerschmerzen seien nun
3.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/23
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4.
ausserdem aushaltbar, die Schmerzspitzen ohne Novalgin aber nicht. Sie setze derzeit
Duloxetin 30 mg ein. Sie habe sich nach der Entzugsbehandlung stabilisieren können
und habe keine psychischen Beschwerden mehr. Das Antidepressivum Duloxetin tue
ihr jedoch nach wie vor gut. - Die Gutachterin der Psychiatrie erklärte, infolge einer
Schmerzverarbeitungsstörung sei - spätestens ab dem Untersuchungszeitpunkt - von
einer leichten Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit von 20 % auszugehen.
Innerhalb von drei bis sechs Monaten sei eine Erhöhung der Arbeitsfähigkeit (von 80 %)
zu empfehlen. Im Februar 2019 sei (von den Psychiatrie G._) eine schrittweise
Erhöhung des Arbeitspensums (von damals 30 bis 40 %) empfohlen worden.
Über die neuropsychologische Untersuchung wurde festgehalten, die
Beschwerdeführerin habe erklärt, wegen morgendlicher Kopfschmerzen mit der Stärke
8 auf der VAS-Skala 10 Tropfen Novalgin eingenommen zu haben (das tue sie auch im
Übrigen bei Bedarf). Seit zwei Wochen nehme sie Duloxetin 90 mg täglich ein. - Die
Fachpsychologin und Gutachterin für Neuropsychologie hielt fest, in den
Testergebnissen hätten sich Auffälligkeiten ergeben, welche durch die Schmerzen oder
Nebenwirkungen der Medikation nicht zufriedenstellend erklärt werden könnten.
3.6.
Zunächst lässt sich feststellen, dass der Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin bei der Begutachtung durch die medexperts unter allen in
Betracht fallenden medizinischen Disziplinen abgeklärt wurde. Das Gutachten wurde in
Kenntnis der Vorakten abgegeben. Die geklagten Beschwerden wurden von der
Beschwerdeführerin ebenso erfragt wie die übrige Anamnese. Jedes
Teilbegutachtungsergebnis basiert auf einer Erhebung der jeweiligen Befunde, die im
Gutachten auch beschrieben wurden. Die Gutachter befassten sich auch mit den
vorgefundenen Fähigkeiten und Ressourcen, ebenso wie mit den Belastungen.
4.1.
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Die Beschwerdeführerin lässt indessen gegen die Stichhaltigkeit des Gutachtens
vorbringen, die Disziplin der Neuropsychologie sei zu Unrecht nicht (in die
psychiatrische Begutachtung bzw. in das Gutachten) miteinbezogen worden, obwohl
bei ihr (der Beschwerdeführerin) wesentliche neuropsychologische Defizite bestünden.
Letztere dürften nicht unter Hinweis auf fehlende Plausibilität infolge teilweise
auffälliger Testergebnisse ausgeblendet werden. Da nämlich in sämtlichen
Teilbegutachtungen darauf hingewiesen worden sei, dass überhaupt keine Hinweise
auf Aggravation, Simulation oder ungenügende Mitwirkung von ihrer Seite bestanden
hätten, sei davon auszugehen, dass allenfalls auffällige Testergebnisse aus dem
Gesundheitsschaden resultierten.
4.2.
Es zeigte sich bei der neuropsychologischen Exploration, dass die
Beschwerdeführerin in verschiedenen überprüften kognitiven Funktionsbereichen
altersnormgerechte Ergebnisse erzielt hat, in mehreren beschriebenen Bereichen leicht
bis deutlich unterdurchschnittliche und in einem Funktionsbereich sogar deutlich
unterdurchschnittliche Ergebnisse (vgl. IV-act. 70-3).
4.2.1.
Die Expertin der Neuropsychologie erwog den Umstand, dass nach
Gehirnoperationen kognitive Auffälligkeiten auftreten und dass auch psychische
Störungen die entsprechende Leistungsfähigkeit mindern könnten. Möglicherweise
habe das reduzierte Hörvermögen in Teilen einen negativen Einfluss auf die
Wahrnehmung der Beschwerdeführerin, sie habe dieses aber im Rahmen der
neuropsychologischen Begutachtung nicht als beeinträchtigend bezeichnet, vielmehr
Kopfschmerzen und teilweise eine eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit. Die
Expertin schloss wie erwähnt, die angegebenen Schmerzen oder Nebenwirkungen der
Medikation könnten die Auffälligkeiten in den vorliegenden Testergebnissen aber nicht
zufriedenstellend erklären. Im Testprofil hätten sich teilweise neuropsychologisch
schwer erklärbare Ergebnisse gezeigt. In dem einen Symptomvalidierungsverfahren
seien nicht erklärbare Auffälligkeiten festgestellt worden. Auch in der klinischen
Verhaltensbeobachtung hätten sich Hinweise auf ein teilweise suboptimales
Leistungsverhalten ergeben. Es sei nicht durchgängig von einer ausreichenden
Anstrengungsfähigkeit oder -bereitschaft in der Testbearbeitung auszugehen (vgl. IV-
act. 70-4). Die Beschwerdeführerin habe mit einer kurzen Unterbrechung bei der
mehrstündigen neuropsychologischen Abklärung bis zum Ende mitgearbeitet (vgl. IV-
act. 70-3). Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit sei davon auszugehen, dass die in
der Begutachtung festgestellten Testleistungen (bzw. -befunde) das eigentliche
Leistungsvermögen der Beschwerdeführerin nicht wiedergäben (vgl. IV-act. 70-4; vgl.
IV-act. 69-5). Hierin ist eine neuropsychologische Bewertung zu sehen. Ein Grund, von
4.2.2.
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einem Ausfall des entsprechenden Teils der Begutachtung auszugehen, wie ehemals
im Einwand geltend gemacht, liegt darin nicht. - Damit zeigt sich, dass die Expertin die
möglichen gesundheitsbedingten Faktoren gegen allfällige anderweitige Einflüsse
abgewogen hat. Das Ergebnis ist insofern nachvollziehbar begründet worden.
Wie der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin zutreffend anführt, stellt die
neuropsychologische Abklärung eine Hilfsdisziplin dar. Nach der Rechtsprechung
handelt es sich um eine Zusatzuntersuchung und es bleibt grundsätzlich Aufgabe des
Facharztes oder der Fachärztin der Psychiatrie - oder allenfalls der Neurologie -, die
Arbeitsfähigkeit unter Berücksichtigung allfälliger neuropsychologischer Defizite
einzuschätzen (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 27. Juni 2019, 9C_299/2019 E. 4; vgl.
auch Bundesgerichtsurteil vom 12. April 2019, 9C_752/2018 E. 5.3). Entscheidend ist
die (sc. entsprechende) klinische Untersuchung mit Anamneseerhebung,
Symptomerfassung und Verhaltensbeobachtung (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 7. Juni
2021, 8C_138/2021 E. 4.2). - Der Gutachter der Neurologie hatte zum klinisch-
neuropsychologischen Befund festgehalten, es seien keine Hinweise für Müdigkeit,
raschere Ermüdbarkeit oder konsistente Gedächtnisstörungen, keine Fluktuationen der
Vigilanz und keine Interferenzanfälligkeit zu beobachten gewesen. Aufmerksamkeit und
Konzentration hätten klinisch der zu erwartenden Kapazität entsprochen (vgl. IV-
act. 69-27). Auch aufgrund der psychiatrischen Begutachtung wurde festgehalten,
Konzentration und Aufmerksamkeit seien während des einstündigen Gesprächs
unauffällig gewesen (vgl. IV-act. 69-35). Die neuropsychologischen Erhebungen wurden
auch in diesem Teil gutachterlich berücksichtigt.
4.2.3.
Die Abklärung des neuropsychologischen Sachverhalts erweist sich demnach als
nicht ergänzungsbedürftig. Aus dem von der Beschwerdeführerin (dennoch)
veranlassten neuropsychologischen Bericht von _ H._ vom 15. Mai 2020
(Untersuchungen vom 26. März 2020 und vom 30. April 2020) ergeben sich keine
relevanten Zweifel am oben Dargelegten. Die Beschwerdeführerin hatte dort ebenfalls
von Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen berichtet, doch war wiederum
festgestellt worden, dass sie in der Lage war, Aufmerksamkeit und Konzentration über
die Dauer der Testung aufrechtzuerhalten (vgl. IV-act. 108-11). Beschrieben wurden
zwar insgesamt deutliche Beeinträchtigungen im verbalen und nonverbalen
Gedächtnis, doch wurde auch darauf hingewiesen, dass die Leistungen geschwankt
hätten (vgl. IV-act. 108-12). Eine Symptomvalidierung hat nach Lage der Akten nicht
stattgefunden, was den betreffenden Aussagewert, wie der RAD festhält, relativiert.
4.2.4.
Bei diesen Gegebenheiten rechtfertigt es sich insgesamt, auf die gutachterlichen
(Teil-) Beurteilungen abzustellen. Dass mit Ausnahme der nicht objektivierbaren
4.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/23
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Konzentrationsdefizite (vgl. IV-act. 69-6) keine Inkonsistenzen (vgl. IV-act. 69-14, -20,
-27 und -30, -35 und -38 f.) erwähnt wurden (vgl. allerdings auch die Laboranalyse,
dazu IV-act. 69-34 Ziff. 3.2.11 und IV-act. 70-9 unten), vermag hieran nichts zu ändern.
- Anzumerken ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass in der gutachterlichen
ORL-Beurteilung dennoch eine allgemein vermehrte Ermüdbarkeit der
Beschwerdeführerin infolge des einseitigen Ausfalls des Gleichgewichtsorgans
angenommen wurde, die gerade Grund für die attestierte Arbeitsunfähigkeit von 20 %
wegen erhöhten Pausenbedarfs bildete (vgl. IV-act. 69-7 und -23). Auch der
neurologisch-gutachterlich anerkannte Pausenbedarf wurde im Übrigen mit den von
der Beschwerdeführerin angegebenen Konzentrationsstörungen und Schmerzen bei
erhöhter Konzentrationsarbeit begründet (vgl. IV-act. 69-30). Insofern erscheinen die
Arbeitsunfähigkeitsschätzungen etwas knapp - aber als gutachterliche Bewertung in
Kenntnis des Sachverhalts ausreichend - objektiviert zu sein.
Des Weiteren wird am Gutachten bemängelt, dass Fragen der Überschneidung
bzw. Kumulation der Auswirkungen der Beschwerden nicht interdisziplinär begründet
worden seien. Im polydisziplinären Teil des Gutachtens sind die Ergebnisse der
Arbeitsfähigkeitsschätzungen aus den jeweiligen einzelnen Teilbegutachtungen
zusammengetragen worden und es ist eine polydisziplinäre Schlussfolgerung gezogen
worden (vgl. IV-act. 69-6 f.), ohne allerdings die Art und Weise der Synthese
ausdrücklich zu beschreiben. Wenn diesbezüglich auch ein gewisses Defizit der
Gutachtensbegründung zu verzeichnen sein mag, so handelt es sich doch vorliegend
nicht um einen relevanten Mangel (so wenig wie im Bundesgerichtsurteil vom
5. November 2008, 9C_761/2008 E. 2). Wie dem Gutachten zu entnehmen ist (vgl. IV-
act. 69-9), haben an drei Tagen interdisziplinäre Besprechungen stattgefunden und
sind die Gutachter zur Einschätzung einer Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin von
insgesamt 80 % gelangt. Dass durch das Zusammenfallen der in den einzelnen Teilen
angenommenen Arbeitsunfähigkeit von 20 % vorliegend eine Erhöhung der
Arbeitsunfähigkeit oder gar eine Addition der anzunehmenden Arbeitsunfähigkeitsgrade
erforderlich wäre, wird durch keine Anhaltspunkte nahegelegt. Vielmehr wurde in zwei
Disziplinen wie erwähnt eine erhöhte Pausenbedürftigkeit festgestellt (vgl. IV-
act. 69-23, -30) und auch psychiatrisch wurden lediglich leichte Beeinträchtigungen
beschrieben (vgl. IV-act. 69-39), was dafür spricht, dass die (gleichen) Pausen
genügen. Die verschiedenen qualitativen Einschränkungen einer angepassten Tätigkeit
stellen keinen Grund dar, die polydisziplinär medizinisch angegebene
Arbeitsunfähigkeit in Frage zu stellen und die quantitativen Arbeitsunfähigkeitsgrade
zusammenzurechnen. - Ob sich die einzelnen aus mehreren Behinderungen
resultierenden Einschränkungsgrade summieren und gegebenenfalls in welchem Mass,
4.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/23
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5.
stellt eine spezifisch medizinische Problematik und Einschätzung dar, von der das
Gericht grundsätzlich nicht abrückt. Eine einfache Addition verschiedener
Teilarbeitsunfähigkeiten kann dabei je nach den konkreten Merkmalen eines
Sachverhalts ein zu hohes oder zu niedriges Ergebnis zeitigen (vgl.
Bundesgerichtsurteil vom 26. Oktober 2020, 8C_483/2020 E. 4.1).
Auf das Ergebnis der Begutachtung - nämlich einer Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin von 20 % für jegliche Tätigkeiten - ist demnach abzustellen.
4.5.
Nach Art. 16 ATSG (vgl. Art. 28a Abs. 1 IVG) wird für die Bestimmung des
Invaliditätsgrads das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der
Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
5.1.
Für die Ermittlung des Valideneinkommens ist entscheidend, was die versicherte
Person im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns überwiegend wahrscheinlich
als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten,
nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepassten
Verdienst angeknüpft, da es der Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne
Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 6.
Oktober 2020, 9C_316/2020 E. 3.1, und vom 22. August 2019, 9C_868/2018 E. 3.1,
BGE 139 V 28 E. 3.3.2, BGE 129 V 222). Letzteres ist vorliegend anzunehmen. Gemäss
der Arbeitgeberbescheinigung hätte die Beschwerdeführerin im Jahr 2017 Fr. 58'500.--
verdient. Hierauf hat die Beschwerdegegnerin abgestellt. Die Beschwerdeführerin
beruft sich auf ein Einkommen gemäss dem IK-Auszug von Fr. 59'043.-- im Jahr 2017.
5.2.
Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist primär von der beruflich-
erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret steht.
Übt sie nach Eintritt der Invalidität eine Erwerbstätigkeit aus, bei der - kumulativ -
besonders stabile Arbeitsverhältnisse gegeben sind und anzunehmen ist, dass sie die
ihr verbleibende Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise voll ausschöpft, und erscheint
zudem das Einkommen aus der Arbeitsleistung als angemessen und nicht als
Soziallohn, gilt grundsätzlich der tatsächlich erzielte Verdienst als Invalidenlohn. Ist
aber kein solches effektives Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil die
versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine
5.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/23
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ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen hat, so können nach der
Rechtsprechung statistische Werte beigezogen werden (vgl. Bundesgerichtsurteil vom
7. April 2016, 9C_783/2015; BGE 139 V 592 E. 2.3; BGE 129 V 472 E. 4.2.1). - Nach der
Aktenlage hat die Beschwerdeführerin ihre bisherige Anstellung, an der sie bereits
angepasste Arbeit leistet (vgl. IV-act. 69-31), beibehalten können. In einem
Assessment- und Verlaufsprotokoll war erwähnt worden, das vertragliche
Arbeitspensum sei ab November 2019 auf 30 % reduziert worden. Nach Angaben bei
der Begutachtung übt sie die Tätigkeit zu rund 40 % (wöchentlich 17.5 Stunden; vgl.
IV-act. 69-26) aus, was ihr medizinisch zumutbares Arbeitspensum von 80 % deutlich
unterschreitet. Für die Bemessung des Invalideneinkommens nach Art. 16 ATSG taugt
das tatsächlich erzielte Einkommen demnach nicht. Es rechtfertigt sich vielmehr die
Annahme, dass die Beschwerdeführerin bei zumutbarem Ausschöpfen der
Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit als Sachbearbeiterin ein Einkommen zu
erreichen in der Lage ist, das in etwa 80 % des ohne Gesundheitsschadens erzielbaren
Lohns entspricht.
Es kann aber auch davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdeführerin ein
entsprechendes Einkommen auch anderweitig auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
erzielen könnte. Der massgebliche theoretische und abstrakte ausgeglichene Markt
(vgl. BGE 134 V 64, BGE 129 V 480 E. 4.2.2) hat rein hypothetischen Charakter und
dient ausserdem dazu, die Risiken von Arbeitslosigkeit und Invalidität voneinander
abzugrenzen (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 23. September 2014, 9C_192/2014 E. 3.1;
BGE 110 V 276 E. 4b, vgl. auch BGE 134 V 64, BGE 129 V 480 E. 4.2.2). Was die
verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch den körperlichen
Einsatz angeht, weist er einen Fächer verschiedenster Tätigkeiten auf (vgl.
Bundesgerichtsurteile vom 5. November 2018, 9C_304/2018 E. 5.1.1, und vom
10. April 2019, 8C_811/2018 E. 4.4.1). - Oto-rhino-laryngologisch gesehen sind
Tätigkeiten wie Arbeiten auf Leitern oder Gerüsten und solche mit hohen
Kommunikationsanforderungen im Lärm sowie mit erforderlichem wiederholtem
Bücken oder Richtungshören für die Beschwerdeführerin nicht geeignet (vgl. IV-
act. 69-23). Die Anforderungen erlauben eine Verwertung der Arbeitsfähigkeit auf einem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt ohne weiteres. Daher können auch die Tabellenlöhne
zum Vergleich beigezogen werden. Mit einfachen Tätigkeiten körperlicher oder
handwerklicher Art, also des Kompetenzniveaus 1, konnten Frauen im Jahr 2017
statistisch gesehen durchschnittlich ein Lohnniveau von Fr. 54'783.-- erreichen (vgl.
Anhang 2 der Textausgabe Invalidenversicherung, Allgemeiner Teil des
Sozialversicherungsrechts, Gesetze und Verordnungen, 2019, herausgegeben von der
Informationsstelle AHV/IV, S. 228, basierend auf der Schweizerischen
5.4.
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6.