Decision ID: 75f87810-0351-50d1-ae8f-f936d47f6d27
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 20. Juni 2020 reichte A. _, afghanischer Staatsbürger, in der
Schweiz ein Asylgesuch ein und wurde daraufhin dem Bundesasylzentrum
(BAZ) der Region Nordwestschweiz in Basel zugewiesen. Beim Eintritt in
das BAZ gab er auf dem Personalienblatt des Staatssekretariats für Migra-
tion (SEM) handschriftlich als Geburtsdatum den [...] an.
B.
Das SEM ersuchte die griechischen Behörden am 24. Juni 2020 um wei-
tere Informationen zur Person von A. _. Mit Antwortschreiben vom
2. Juli 2020 führten die griechischen Behörden zum Informationsersuchen
aus, dass die betroffene Person als [...] mit einem Geburtsdatum vom [...]
in ihren Systemen erfasst sei.
C.
Anlässlich der Erstbefragung vom 7. Juli 2020 befragte das SEM
A. _ in Anwesenheit seines Rechtsvertreters zu seinen persönli-
chen Umständen sowie summarisch zu den Asylgründen. Dabei machte er
geltend, am [...] (im afghanischen Kalender [...]) geboren respektive 15
Jahre und [...] Monate alt zu sein. Er wisse sein Alter und das Geburtsda-
tum seit er lesen könne, weil seine Eltern seinen Geburtstag auf der Rück-
seite des Korans vermerkt hätten und er es dort jeden Tag in der Koran-
schule gesehen habe. Am 23. Juli 2020 wurde er, wiederum im Beisein
seines Rechtsvertreters, vertieft zu den Asylgründen angehört.
D.
Infolge dieser Abklärungen, bei denen unterschiedliche Angaben zum Ge-
burtsdatum beziehungsweise zum Alter von A. _ festgestellt wur-
den, gab das SEM am 28. Juli 2020 die Erstellung eines medizinischen
Altersgutachtens (nachfolgend: Altersgutachten oder Gutachten) in Auf-
trag. Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Basel nahm am 31. Juli
2020 eine medizinische Altersabklärung zwecks Erstellung des Gutachtens
vor, bei der A. _ forensisch untersucht wurde. Ferner erfolgte eine
radiologische Altersschätzung des linken Handskeletts und der Brustbein-
Schlüsselbein-Gelenke sowie eine zahnärztliche Altersschätzung. Das
vom 5. August 2020 datierende Gutachten konstatiert im Rahmen der kör-
perlichen Untersuchung sexuelle Reifezeichen eines 11 bis 13 Jahre alten
Jungen und ergab in Bezug auf die Zahnanalyse ein Mindestalter von 17
Jahren, in Bezug auf die Schlüsselbeinanalyse ein mittleres Alter von 17.4
± 1.4 Jahren bei einem Mindestalter von 14.4 Jahren und hinsichtlich der
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Handskelettaltersanalyse ein Referenzalter von 19 Jahren bei einem Min-
destalter von 16.1 Jahren. Zusammenfassend kam das Gutachten zum
Schluss, dass der auffallende Genitalbefund in deutlichem Widerspruch zu
den übrigen Befunden stehe, sodass das Lebensalter nicht mit der notwen-
digen Sicherheit eingegrenzt werden könne. Die Vollendung des 18. Le-
bensjahres und damit das Erreichen der Volljährigkeit lasse sich vorliegend
nicht mit der notwendigen Sicherheit belegen, weil der Befund des sexuel-
len Reifestadiums nicht in Einklang mit den übrigen erhobenen Befunden
zu bringen sei. Ursächlich dafür könne eine krankhafte Entwicklungsstö-
rung des Betroffenen sein. Eine sichere forensische Altersschätzung sei
nicht möglich.
E.
Am 13. August 2020 gewährte das SEM A. _ das rechtliche Gehör
zum Resultat des medizinischen Altersgutachtens sowie zu den weiteren
Umständen, aus welchen sich ergebe, dass das geltend gemachte Alter
nicht glaubhaft sei. Aufgrund der Erkenntnisse des Gutachtens, wonach in
der Zusammenschau aller Befunde von einem Mindestalter von 17 Jahren
und in der Gesamtschau eher ein noch höheres Alter anzunehmen sei, be-
absichtige das SEM sein Geburtsdatum im Zentralen Migrationsinformati-
onssystem (nachfolgend: ZEMIS) von Amtes wegen auf den [...] anzupas-
sen und den Eintrag mit einem Bestreitungsvermerk gemäss Art. 25 Abs. 2
des Bundesgesetzes über den Datenschutz vom 19. Juni 1992 (DSG, SR
235.1) zu versehen.
F.
Am 24. August 2020 nahm A. _ Stellung zur Änderung seines Ge-
burtsdatums, mit der er nicht einverstanden sei. Er führte dazu aus, das
Gutachten sei weder in sich stimmig noch vollständig und darum aus dem
Recht zu weisen. Er beantragte, den [...] unverändert als sein Geburtsda-
tum im ZEMIS zu belassen.
G.
Am 26. August 2020 nahm A. _ zum Entwurf des Asylentscheids
des SEM Stellung und bestritt darin unter anderem erneut die Richtigkeit
des geänderten Geburtsdatums.
H.
Mit Asylentscheid vom 28. August 2020 lehnte das SEM das Asylgesuch
von A. _ ab und wies ihn aus der Schweiz weg. Da der Vollzug der
Wegweisung zurzeit nicht zumutbar sei, wurde er vorläufig aufgenommen
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[...]. Als Geburtsdatum von A. _ wurde im ZEMIS der [...] erfasst
und ein Bestreitungsvermerk angebracht [...].
I.
Gegen diese Verfügung lässt A. _ (nachfolgend: Beschwerdefüh-
rer) am 28. September 2020 durch seinen Rechtsvertreter Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht erheben und beantragt unter Kosten- und
Entschädigungsfolge, die Dispositiv-Ziffer [...] der Verfügung des SEM
(nachfolgend: Vorinstanz) vom 28. August 2020 sei aufzuheben. Als sein
Geburtsdatum sei im ZEMIS der [...] einzusetzen; eventualiter sei die an-
gefochtene Verfügung hinsichtlich der Altersfeststellung aufzuheben und
die Sache zur vollständigen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. Zudem sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu ge-
währen und insbesondere sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
zu verzichten.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 1. Oktober 2020 wurde vorläufig auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses verzichtet.
K.
Mit Beschwerdeantwort vom 20. Oktober 2020 führte die Vorinstanz aus,
die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder
Beweismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen
könnten, und beantragte unter Verweis auf die Erwägungen des angefoch-
tenen Asylentscheids sinngemäss die Abweisung der Beschwerde.
L.
Mit Stellungnahme vom 9. November 2020 führte der Beschwerdeführer
aus, das Fehlen seiner Identitätsdokumente könne ihm nicht zum Vorwurf
gemacht werden und er hielt an seinen eingangs gestellten Anträgen fest.
Ebenso hielt die Vorinstanz mit Stellungnahme vom 19. November 2020
an ihrem Antrag fest. Mit Stellungnahme vom 4. Dezember 2020 bekräf-
tigte der Beschwerdeführer nochmals seinen Standpunkt und seine zu Be-
ginn des Verfahrens gestellten Anträge.
M.
Auf die weiteren Vorbringen und die sich bei den Akten befindenden Unter-
lagen wird, soweit entscheidrelevant, in den Erwägungen eingegangen.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Beim angefochtenen Entscheid handelt es sich um eine Verfügung im
Sinne von Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember
1968 (VwVG, SR 172.021), die von einer Vorinstanz im Sinne von Art. 33
Bst. d des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG,
SR 173.32) erlassen wurde. Da keine Ausnahme nach Art. 32 VGG vor-
liegt, ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung der vorliegenden
Beschwerde zuständig (vgl. Art. 31 VGG; statt vieler: Urteil des Bundesver-
waltungsgerichts [BVGer] A-4775 vom 31. März 2021 E. 1.1). Das Verfah-
ren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, so-
fern das VGG nichts anderes vorsieht (Art. 37 VGG).
1.2 Zur Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht ist nach Art. 48 Abs. 1
VwVG berechtigt, wer vor der Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat
oder keine Möglichkeit zur Teilnahme erhalten hat (Bst. a), durch die ange-
fochtene Verfügung besonders berührt ist (Bst. b) und ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat (Bst. c). Der Beschwer-
deführer hat sich am vorinstanzlichen Verfahren beteiligt und ist als Adres-
sat des angefochtenen Asylentscheides, mit dem sein Geburtsdatum sei-
ner Ansicht nach unzutreffend im ZEMIS abgeändert wurde, sowohl formell
als auch materiell beschwert, weshalb er zur Beschwerde legitimiert ist.
1.3 Auf die im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(vgl. Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 VwVG) ist demnach einzutreten.
2.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet grundsätzlich mit uneinge-
schränkter Kognition. Es überprüft die angefochtene Verfügung auf
Rechtsverletzungen – einschliesslich unrichtiger oder unvollständiger Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts und Rechtsfehler bei der Er-
messensausübung – sowie auf Angemessenheit hin (Art. 49 VwVG). Es
wendet das Recht von Amtes wegen an und ist an die Begründung der
Parteien nicht gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Ferner würdigt es die Be-
weise frei, ohne Bindung an förmliche Beweisregeln sowie umfassend und
pflichtgemäss (Grundsatz der freien Beweiswürdigung; vgl. Art. 40 des
Bundesgesetzes über den Bundeszivilprozess [BZP, SR 273] i.V.m.
Art. 19 VwVG).
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Seite 6
3.
In formeller Hinsicht macht der Beschwerdeführer geltend, die Erstellung
des medizinischen Altersgutachtens sei unrechtmässig erfolgt, weshalb die
dabei gewonnenen Erkenntnisse nicht beim Entscheid betreffend die Ab-
änderung seines Geburtsdatums im ZEMIS verwertet werden dürften.
3.1
3.1.1 Der Beschwerdeführer rügt, die Erstellung eines medizinischen Al-
tersgutachtens nach der 4-Punkte-Methode (siehe Näheres dazu hinten
E. 3.2 und E. 5.5.2.4) und die damit einhergehende Verwendung röntgen-
diagnostischer Untersuchungsmassnahmen würden in den Schutzbereich
verschiedener Grundrechte eingreifen (bspw. Art. 7 der Bundesverfassung
der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101]
[Menschenwürde], Art. 10 BV [Recht auf Leben und auf persönliche Frei-
heit], Art. 13 Abs. 2 BV [Schutz der Privatsphäre], u.U. Art. 15 BV [Glau-
bens- und Gewissensfreiheit], Art. 8 der Konvention vom 4. November
1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten [EMRK,
SR 0.101] [Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens]), wobei er
die pauschal geltend gemachten Grundrechtseingriffe in Bezug auf den
vorliegenden Fall nicht näher begründet. Er führt indes weiter aus, auf for-
mell-gesetzlicher Stufe verlange Art. 17 Abs. 3bis des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nach dem klaren Gesetzeswortlaut vor-
bestehende Hinweise (beziehungsweise Zweifel) auf das Erreichen des
Mündigkeitsalters, um die für die Erstellung eines Altersgutachtens not-
wendigen Untersuchungen durchführen zu dürfen. Die Vorinstanz habe
entgegen der Gesetzesvorgaben in rechtswidriger Weise ein Altersgutach-
ten zur „Erlangung von" und nicht „aufgrund von vorbestehenden" Hinwei-
sen auf eine Volljährigkeit durchgeführt. Damit seien die gesetzlichen
Voraussetzungen zur Anordnung beziehungsweise Durchführung eines Al-
tersgutachtens missachtet worden, weshalb die Ergebnisse des Altersgut-
achtens vom Verwertungsverbot rechtswidrig erlangter Beweismittel er-
fasst würden. Infolgedessen seien die Ergebnisse des Altersgutachtens
vorliegend nicht zu berücksichtigen und das Geburtsdatum vom [...] als
das einzig plausible und wahrscheinliche Geburtsdatum unverändert im
ZEMIS zu belassen.
3.1.2 Die Vorinstanz äussert sich hierzu im Rahmen des Schriftenwechsels
vor Bundesverwaltungsgericht nicht, jedoch ist dem Asylentscheid vom
28. August 2020 zu entnehmen, dass im Rahmen der Abklärungen des
SEM nicht schlüssig habe geklärt werden können, weshalb der Beschwer-
deführer von den griechischen Behörden mit den Personalien [...], geboren
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am [...], registriert worden sei. Dieser fragwürdige Umstand habe das SEM
veranlasst zur Einschätzung seines Alters im Nachgang an die Erstbefra-
gung und die vertiefte Anhörung zu den Asylgründen eine medizinische Al-
tersabklärung in Auftrag zu geben.
3.2 Die Anfertigung eines Altersgutachtens stellt ein mögliches Mittel zur
Sachverhaltsabklärung dar. Bei der sog. 4-Punkte-Methode wird das Alter
bestimmt anhand: (1) einer körperlichen Untersuchung sowie (2) einer
Röntgenuntersuchung des linken Handskeletts, (3) einer radiologischen
Untersuchung der Schlüsselbeine mittels Computertomographie (CT) und
(4) einer zahnärztlichen Untersuchung, bei welcher der Zahndurchbruch in
der Mundhöhle inspiziert und die Zahnmineralisation mittels einer Röntgen-
aufnahme des Gebisses beurteilt wird (vgl. JOËL OLIVIER MÜLLER, "Nichts
Genaues" weiss man nicht: Altersbestimmung im schweizerischen Asylver-
fahren, Jusletter vom 20. März 2017, Rz. 78–84). Es handelt sich dabei um
Untersuchungen, deren Durchführung bei der Altersbestimmung in ande-
ren europäischen Ländern weit verbreitet ist (siehe Näheres dazu: Euro-
pean Asylum Support Office [EASO], Practical Guide on age assessment,
2. Aufl. 2018, S. 56. ff., insb. S. 58 [<https://www.easo.europa.eu/si-
tes/default/files/easo-practical-guide-on-age-assesment-v3-2018.pdf>, be-
sucht am 5. Mai 2021]).
3.3 Mit Blick auf den vom Beschwerdeführer nicht substanziiert gerügten
grundrechtlichen Kontext und Art. 36 BV ist bedeutsam, dass das Asylge-
setz eine Rechtsgrundlage für das Erstellen eines Altersgutachtens enthält.
Gemäss Art. 17 Abs. 3bis AsylG kann das SEM ein Altersgutachten veran-
lassen, wenn Hinweise bestehen, dass eine angeblich minderjährige asyl-
suchende Person das Mündigkeitsalter bereits erreicht hat. Im Rahmen der
Feststellung des Sachverhalts kann mit Unterstützung solch wissenschaft-
licher Methoden abgeklärt werden, ob die Altersangabe der asylsuchenden
Person dem tatsächlichen Alter entspricht (Art. 7 Abs. 1 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 [AsylV1, SR 142.311]). Darüber hinausge-
hende Voraussetzungen lassen sich weder dem Asylgesetz noch den da-
zugehörigen Verordnungen entnehmen; ebenso wenig äussern sich die
Botschaft zur Änderung des Asylgesetzes vom 26. Mai 2010 (BBl 2010
4455 ff., 4487) noch die 2. Wegweisung des SEM zum Asylbereich vom
1. Januar 2008 näher hierzu.
3.4 Indes gilt es zu beachten, dass im Asylverfahren einerseits der Unter-
suchungsgrundsatz herrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG) und die
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asylsuchende Person andererseits die Pflicht zur vollständigen und richti-
gen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts obliegt, wovon auch
behördliche Nachforschungen zur Identität und mithin zum Geburtsdatum
einer asylsuchenden Person erfasst sind (vgl. Art. 8 AsylG; siehe ferner
MÜLLER, a.a.O., Rz. 21). Entsprechend hat das SEM gestützt auf seine
Untersuchungspflicht bei Zweifeln an einem vorgetragenen Alter jegliche
sachdienlichen Abklärungen durchzuführen, wobei diese schliesslich zu
Gunsten oder zu Lasten der asylsuchenden Person ausfallen können. Feh-
len – wie vorliegend – rechtsgenügliche Identitätsausweise, kann im Rah-
men der Feststellung des Sachverhalts mit Unterstützung wissenschaftli-
cher Methoden abgeklärt werden, ob die Altersangabe der asylsuchenden
Person dem tatsächlichen Alter entspricht (Urteile des BVGer D-6448/2016
vom 31. März 2017 E. 6.1 und D-2307/2015 vom 12. August 2016 E. 4).
Folglich kommt der Behörde diesbezüglich ein grosses Ermessen zu (Urteil
des BVGer 318/2019 vom 4. Februar 2020 E. 4.2).
3.5
3.5.1 Im konkreten Fall gab der Beschwerdeführer anlässlich der vertieften
Anhörung zu den Asylgründen am 23. Juli 2020 an, er habe nicht gewusst,
wie der europäische Kalender funktioniere. Sein Alter habe er zwischen
Mitternacht und halb 1 Uhr morgens auf einer Polizeistation in Griechen-
land ganz falsch registrieren lassen. Er habe damals sein Geburtsdatum
gemäss afghanischem Kalender angegeben, aber einen Fehler gemacht,
indem er anstatt [...] [...] geschrieben habe. Aufgrund dieser Angabe sei er
zunächst in eine Erwachsenenunterkunft gebracht worden, bis die griechi-
schen Behörden den Fehler rund einen Monat später bemerkt und ihn einer
Unterkunft für Minderjährige zugewiesen hätten. Dann sei er als 15-Jähri-
ger registriert worden. Es seien die Behörden gewesen, die ihm das Ge-
burtsdatum vom [...] gegeben hätten. Er habe sich dieses nicht selber ge-
geben und könne sich die Gründe dafür auch nicht erklären.
3.5.2 Beim im Griechenland registrierten Geburtsdatum fällt auf, dass die
Tageszahl – der [...] des Monats – mit derjenigen des afghanischen Kalen-
ders übereinstimmt, nicht aber die Monatszahl [...], die der Umrechnung
des europäischen Kalenders entspricht. Diese Inkonsistenz läge auch vor,
wenn nicht das Jahr [...] afghanischer Zeitrechnung, sondern das Jahr [...]
gemäss europäischem Kalender als Geburtsjahr genannt würde. Einer-
seits weicht das in Griechenland registrierte Geburtsdatum damit von dem-
jenigen ab, das der Beschwerdeführer als korrekt erachtet; andererseits
bleiben trotz der Ausführungen des Beschwerdeführers mit Blick auf die
seitens der griechischen Behörden nur teilweise erfolgte Umrechnung vom
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afghanischen in den europäischen Kalender Fragen offen. Auch kann nicht
vollends ausser Acht gelassen werden, dass sich der Beschwerdeführer in
Griechenland nach eigenen Angaben während rund einem Monat in einer
Unterkunft für Erwachsene aufhielt.
3.6 Dass die Vorinstanz das Alter des Beschwerdeführers bei dieser Aus-
gangslage genauer abklären wollte beziehungsweise gewisse Hinweise für
das Erreichen des Mündigkeitsalters im Sinne von Art. Art. 17 Abs. 3bis
AsylG in Verbindung mit Art. 7 Abs. 1 AsylV1 erblickt, kann ihr – gerade
auch mit Blick auf den Untersuchungsgrundsatz (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6
AsylG) und die Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person (Art. 8 AsylG)
– nicht zum Vorwurf gemacht werden. Sie war gehalten, den offenen Fra-
gen bestmöglich nachzugehen, und hat den ihr vom Asylgesetz gewährten
Ermessensspielraum gesetzeskonform ausgeübt. Die Erstellung des Al-
tersgutachtens ist daher nicht zu beanstanden.
3.7 Im Übrigen ist anzumerken, dass Art. 17 Abs. 3bis AsylG – entgegen der
Ansicht des Beschwerdeführers – keine Gültigkeitsvorschrift im Rechtssinn
darstellt, deren Nichtvorliegen nachträglich dazu führen könnte, dass das
Resultat eines Altersgutachtens einem Verwertungsverbot – zum Beispiel
analog zu Art. 141 der Schweizerischen Strafprozessordnung vom 5. Ok-
tober 2007 (Strafprozessordnung, StPO, 312.0) – unterliegen würde. Viel-
mehr geht zufolge der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
aus besagter Norm lediglich hervor, dass die Vorinstanz nicht gehalten ist,
flächendeckend in sämtlichen Asylverfahren kostenintensive Altersabklä-
rungen durchführen zu lassen, sondern dass dieser Kostenaufwand ledig-
lich in denjenigen Fällen angebracht erscheint, in denen überhaupt Zweifel
an der behaupteten Minderjährigkeit einer Person bestehen (vgl. Urteil des
BVGer E-3819/2019 vom 28. November 2019 E. 8.2).
4.
In materieller Hinsicht ist der Eintrag des Geburtsdatums des Beschwerde-
führers im ZEMIS umstritten.
4.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (ZEMIS-Verord-
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nung, SR 142.513) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord-
nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus-
kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa-
tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten,
nach den Bestimmungen des DSG und des VwVG.
4.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 in Verbindung
mit Art. 25 Abs. 3 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem sol-
chen Fall ein absoluter und uneingeschränkter Anspruch (statt vieler:
BVGE 2018 VI/3 E. 3.2, Urteil des BVGer A-7615/2016 vom 30. Januar
2018 E. 3.2). Die ZEMIS-Verordnung sieht im Übrigen in Art. 19 Abs. 3 aus-
drücklich vor, dass unrichtige Daten von Amtes wegen zu berichtigen sind.
4.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be-
streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen (Urteil des BGer 1C_240/2012 vom 13. August 2012
E. 3.1; Urteil des BVGer A-3051/2018 vom 12. März 2019 E. 5.3). Nach
den massgeblichen Beweisregeln des VwVG gilt eine Tatsache als bewie-
sen, wenn sie in Würdigung sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist,
dass keine vernünftigen Zweifel bleiben; unumstössliche Gewissheit ist da-
gegen nicht erforderlich. Die mit dem Berichtigungsbegehren konfrontierte
Behörde hat zwar nach dem Untersuchungsgrundsatz den Sachverhalt
grundsätzlich von Amtes wegen abzuklären (Art. 12 VwVG); die gesuch-
stellende Person ist jedoch gemäss Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG in Verbin-
dung mit Art. 8 AsylG verpflichtet, an dessen Feststellung mitzuwirken (zum
Ganzen: BVGE 2018 VI/3 E. 3.3; Urteile des BVGer A-7588/2015 vom
26. Februar 2016 E. 3.3 und A-7822/2015 vom 25. Februar 2016 E. 3.3).
4.4 Amtliche Dokumente ausländischer Staaten, deren Zweck es ist, die
Identität ihres Inhabers nachzuweisen, gelten nicht als öffentliche Urkun-
den im Sinne von Art. 9 des Zivilgesetzbuches (ZGB, SR 210), weshalb
ihnen nicht ohne Weiteres ein erhöhter Beweiswert zukommt und sie wie
andere Urkunden einer freien Beweiswürdigung zu unterziehen sind (Urteil
des BVGer A-7588/2015 vom 26. Februar 2016 E. 3.3; vgl. ferner Urteile
des BGer 6B_394/2009 vom 27. Juli 2009 E. 1.1 und 5A.3/2007 vom
27. Februar 2007 E. 2).
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4.5 Kann bei einer verlangten beziehungsweise von Amtes wegen beab-
sichtigten Berichtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenige
der neuen Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder
die einen noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1
DSG). Dies ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Per-
sonendaten zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendiger-
weise bearbeitet werden, was namentlich auch für im ZEMIS erfasste Da-
ten gilt. In solchen Fällen überwiegt das öffentliche Interesse an der Bear-
beitung möglicherweise unzutreffender Daten das Interesse an deren Rich-
tigkeit. Unter diesen Umständen sieht Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb die An-
bringung eines Vermerks vor, in dem darauf hingewiesen wird, dass die
Richtigkeit der bearbeiteten Personendaten bestritten ist. Spricht dabei
mehr für die Richtigkeit der neuen Daten, sind die bisherigen Angaben zu-
nächst zu berichtigen und die neuen Daten anschliessend mit einem der-
artigen Vermerk zu versehen. Ob die vormals eingetragenen Angaben wei-
terhin abrufbar bleiben sollen oder ganz zu löschen sind, bleibt grundsätz-
lich der Vorinstanz überlassen. Verhält es sich umgekehrt, erscheint also
die Richtigkeit der bisher eingetragenen Daten als wahrscheinlicher oder
zumindest nicht als unwahrscheinlicher, sind diese zu belassen und mit
einem Bestreitungsvermerk zu versehen. Über dessen Anbringung ist je-
weils von Amtes wegen und unabhängig davon zu entscheiden, ob ein ent-
sprechender Antrag gestellt worden ist (zum Ganzen: BVGE 2018 VI/3
E. 3; Urteile des BVGer A-3051/2018 vom 12. März 2019 E. 5.4,
A-7615/2016 vom 30. Januar 2018 E. 3.5; ferner Urteil des BGer
1C_240/2012 vom 13. August 2012 E. 3.2).
4.6 Im vorliegenden Fall obliegt es demnach grundsätzlich der Vorinstanz
zu beweisen, dass das aktuell im ZEMIS eingetragene Geburtsdatum des
Beschwerdeführers [...] korrekt ist. Der Beschwerdeführer hat hingegen
nachzuweisen, dass das von ihm geltend gemachte Geburtsdatum [...]
richtig ist. Gelingt keiner Partei der sichere Nachweis des Geburtsdatums,
ist dasjenige Datum im ZEMIS zu belassen oder einzutragen, dessen Rich-
tigkeit wahrscheinlicher ist (BVGE 2018 VI/3 E. 3.5, Urteile des BVGer
A-3183/2018 vom 22. November 2018 E. 3.2, A-4603/2017 vom 11. April
2018 E. 4).
5.
Mit seinem Hauptbegehren beantragt der Beschwerdeführer, sein Geburts-
datum auf den [...] festzulegen.
A-4806/2020
Seite 12
5.1 Der Beschwerdeführer bringt hinsichtlich seines Alters zusammenge-
fasst vor, er sei am [...] geboren und verfüge über eine entsprechende af-
ghanische Identitätskarte (Tazkera), diese befinde sich allerdings zu Hause
in Afghanistan. Er habe sämtliche Fragen betreffend sein Alter ausführlich
beantwortet und nachvollziehbar erklärt, weshalb in Griechenland ein da-
von abweichendes Geburtsdatum erfasst worden sei (siehe dazu vorne
E. 3.5.1). Seine Auskünfte zur Einschulung, Ausreise und Aufenthalte in
Bezug zu seinem Geburtsdatum seien schlüssig und widerspruchsfrei. Bei
der Prüfung des Alters einer ihre Minderjährigkeit behauptenden asylsu-
chenden Person komme der Würdigung ihrer eigenen Angaben eine ent-
scheidende Bedeutung zu. Vorliegend beruhe die Altersermittlung nicht auf
einer korrekten Gesamtwürdigung, was eine Verletzung der behördlichen
Untersuchungspflicht darstelle. Die Vorinstanz habe gemäss dem Grund-
satz in dubio pro minore im Zweifelsfall von der Minderjährigkeit der ge-
suchstellenden Person auszugehen. Diese Sichtweise entspreche dem
Willen des Bundesrates und sei heute allgemein anerkannt. Zur Untermau-
erung seines Standpunktes verweist er unter anderem auf die Stellung-
nahme der deutschen Zentralen Ethikkommission (ZEKO) zum Thema der
medizinischen Altersschätzung bei unbegleiteten Flüchtlingen vom
30. September 2016. Des Weiteren kritisiert er, dass sich das in den Ein-
zeluntersuchungen festgestellte Mindestalter der radiologischen Untersu-
chung des Handgelenks (16.1 Jahre), des Schlüsselbeins (14.4 Jahre) und
der körperlichen Untersuchung der Genitalien (11-13 Jahre) sowie der Mit-
telwert der zahnärztlichen Untersuchung (16 Jahre) mit dem von ihm vor-
getragenen Geburtsdatum durchaus vereinbaren lasse. Hierbei sei nicht
nachvollziehbar, weshalb das Fazit des Gutachtens bei einer Gesamt-
schau von einem Mindestalter von 17 Jahren beziehungsweise von einem
tendenziell noch höheren Alter ausgehe. Er rügt damit sinngemäss, das
Altersgutachten sei in sich nicht schlüssig und schliesst deswegen auf ei-
nen geringen Beweiswert desselben; vielmehr erachtet er das von ihm an-
gegebene Geburtsdatum vom [...] als bewiesen oder zumindest im Ver-
gleich zum [...] als wahrscheinlicher.
5.2 Die Vorinstanz weist dementgegen darauf hin, der Beschwerdeführer
sei im Spätherbst 2018 in Griechenland als 15-Jähriger registriert worden.
Angesprochen darauf, wie er sich diesen Umstand erkläre, weiche er aus.
Er beharre dezidiert darauf, sein Geburtsdatum in Griechenland gemäss
dem afghanischen Kalender angegeben zu haben. Dieses Geburtsdatum
entspreche im gregorianischen Kalender dem [...]. Es dränge sich deswe-
gen die Frage auf, was die griechischen Behörden dazu veranlasst habe,
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das Geburtsdatum vom [...] zu erfassen. Mit der Frage konfrontiert, wes-
halb die griechischen Behörden ihm dieses Geburtsdatum gegeben haben,
antworte er, dass er sich dies nicht erklären könne und hierfür auch nicht
verantwortlich sei. Er widerspreche sich nach Ansicht des SEM damit aber
selbst, weil er ebenfalls gesagt habe, den griechischen Behörden sein Ge-
burtsdatum selber angegeben zu haben. Es stehe darum fest, dass das
von ihm geltend gemachte Alter von 15 Jahren weder rechtsmedizinisch
belegt sei noch als glaubhaft erscheine. Viel eher sei angesichts des in
Griechenland registrierten Geburtsdatums und des Ergebnisses des Al-
tersgutachtens davon auszugehen, dass er 17 Jahre alt sei. Im Übrigen
weist die Vorinstanz mit Nachdruck darauf hin, dass das Fehlen der Taz-
kera bei der Altersfestsetzung nicht entscheidwesentlich gewesen sei.
5.3 Der Beschwerdeführer vermag für das von ihm behauptete Geburtsda-
tum vom [...] keine Beweise beizubringen, die auf ein exaktes Datum hin-
weisen oder zumindest nahelegen, dass dieses als überwiegend wahr-
scheinliches Geburtsdatum anzusehen wäre. Selbst bei Vorliegen der ori-
ginalen Tazkera würde sich daran aufgrund der fehlenden Fälschungssi-
cherheit (BVGE 2019 I/6 E. 6.2) nichts Substanzielles ändern.
5.4 Ebenso wenig vermag die Vorinstanz das Geburtsdatum mit der dafür
nötigen Schlüssigkeit zu beweisen, sondern legt mit Verweis auf das in
Griechenland registrierte Geburtsdatum und das in ihrem Auftrag erstellte
Altersgutachten vom 5. August 2020 lediglich Indizien vor, die gewisse Hin-
weise auf das tatsächliche Alter des Beschwerdeführers geben und ent-
sprechende Rückschlüsse zulassen.
5.5 Es ist deshalb in der Folge zu prüfen, welches Geburtsdatum als wahr-
scheinlicher zu betrachten ist.
5.5.1 Dabei ist zunächst darauf hinzuweisen, dass das Bundesgericht im
Zusammenhang mit Eintragungen im ZEMIS daran erinnert hat, dass unter
den allein massgeblichen datenschutzrechtlichen Gesichtspunkten das tat-
sächliche Geburtsdatum den Streitgegenstand bilde, nicht aber das biolo-
gisch spätestmögliche Geburtsdatum beziehungsweise das Mindestalter.
Das Geburtsdatum sei dabei nach der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
zu bestimmen. Eine Beweisregel, wonach im Zweifelsfall von der Minder-
jährigkeit auszugehen sei ("in dubio pro minore"), sei dem Datenschutz-
recht fremd (vgl. Urteile des BGer 1C_709/2017 und 1C_710/2017 vom
12. Februar 2019 je E. 2.4). Das Bundesverwaltungsgericht hat in der
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Folge ebenfalls entschieden, dass keine entsprechende Beweisregel exis-
tiere, bei der im Zweifelsfall von der Minderjährigkeit auszugehen sei (vgl.
Urteile des BVGer A-1338/2020 vom 14. Oktober 2020 E. 5.4 und A-
4775/2020 vom 31. März 2021 E. 6.1). Die Behauptung des Beschwerde-
führers, der Grundsatz in dubio pro minore sei allgemein anerkannt, erweist
sich demnach als unzutreffend. Daran vermögen weder seine Vorbringen
noch sein Verweis auf die anderslautende – für die Schweizerische Eidge-
nossenschaft aber ohnehin nicht massgebliche – Stellungnahme der deut-
schen Zentralen Ethikkommission (ZEKO) zum Thema der medizinischen
Altersschätzung bei unbegleiteten Flüchtlingen vom 30. September 2016
etwas zu ändern.
5.5.2 Das Gericht wertet, wie bereits erwähnt, sämtliche Beweise frei, da-
runter auch das Altersgutachten, das unter anderem für den Entscheid der
Vorinstanz wesentlich war (vgl. Art. 40 BZP i.V.m. Art. 19 VwVG; Urteil des
BGer 1C_264/2018 vom 5. Oktober 2018 E. 3.3). Nach der Rechtspre-
chung überprüft das Gericht ärztliche Berichte und Gutachten mit Blick auf
ihren Beweiswert dahingehend, ob sie als schlüssig erscheinen, nachvoll-
ziehbar begründet, lückenfrei sowie in sich widerspruchsfrei sind und keine
Indizien gegen die Zuverlässigkeit der begutachtenden Person bestehen
(einlässlich dazu: BGE 125 V 351 E. 3b/aa; siehe ferner ANJA MARTINA BIN-
DER, Expertenwissen und Verfahrensgarantien, Diss. Zürich, Zürich/Ba-
sel/Genf 2016, S. 69 ff., S. 199 ff., insb. S. 200 m.w.H.). Dies gilt es im
Folgenden näher zu prüfen.
5.5.2.1 Vorliegend nahm das Institut für Rechtsmedizin der Universität Ba-
sel, welches nach den Vorgaben der Schweizerische Akkreditierungsstelle
(SAS) im Bereich der forensischen Medizin und der Verkehrsmedizin zer-
tifiziert ist, die medizinischen Altersabklärungen vor. Das Gutachten datiert
vom 5. August 2020, wurde vom leitenden Oberarzt, seinerseits seit 2005
Facharzt für Rechtsmedizin, erstunterzeichnet sowie von einem
Assistenzarzt zweitunterzeichnet. Es liegen keine Anzeichen vor, die An-
lass zu Zweifeln an der Fachkompetenz der Gutachter geben; ebenso we-
nig bringt der Beschwerdeführer entsprechende Rügen vor.
5.5.2.2 Indes rügt der Beschwerdeführer zusammengefasst, die Schluss-
folgerungen des Gutachtens seien weder nachvollziehbar noch wissen-
schaftlich begründet. Sinngemäss bringt er vor, es sei hinsichtlich der stark
divergierenden und widersprüchlichen Altersbefunde der einzelnen Unter-
suchungen geradezu willkürlich von einem Alter von 17 Jahren bezie-
hungsweise einem tendenziell noch höheren Alter auszugehen, weshalb
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bei der Altersfestsetzung im ZEMIS nicht auf das Gutachten abgestellt wer-
den dürfe.
5.5.2.3 Die Vorinstanz hingegen erachtet die Schlussfolgerungen als aus-
reichend aussagekräftig und in der Summe als schlüssig, insbesondere da
Hinweise für eine Entwicklungsstörung vorlägen, die Wachstumsfugen des
linken Handskeletts vollständig verschlossen seien, bei den Zähnen 1 bis
7 im 3. Quadraten ein vollständiger Abschluss des Wurzelwachstums fest-
gestellt werden konnte und hinsichtlich der Mineralisation der Weisheits-
zähne von einem Mindestalter von 17 Jahren auszugehen sei.
5.5.2.4 Laut dem strittigen Altersgutachten vom 5. August 2020 zeigt sich
im Rahmen der vier vorgenommenen Untersuchungen folgendes Bild:
5.5.2.4.1 Körperliche Untersuchung
Die forensische beziehungsweise körperliche Untersuchung des Be-
schwerdeführers am 31. Juli 2020 zeigte unter anderem, dass weder der
Kehlkopf noch der Bartwuchs ausgeprägt seien und die Behaarung am
Rumpf und die Achselbehaarung spärlich ausgeprägt seien. Der Scham-
bereich sei unbehaart, was dem Stadium II nach TANNER entspreche;
ebenso entspreche die Entwicklung des äusseren Genitals dem Stadium II
nach TANNER. Das mit den übrigen Befunden nicht in Einklang zu brin-
gende Entwicklungsstadium des äusseren Genitals könne hinweisend auf
eine entwicklungsbeeinflussende Erkrankung beziehungsweise das Beste-
hen einer manifesten Entwicklungsstörung sein.
5.5.2.4.2 Zahnärztliche Untersuchung
Es wurde ein abgeschlossenes Wurzelwachstum der Zähne 1 bis 7 im
3. Quadranten (Zahn 31 bis 37), das Mineralisationsstadium „H“ der 3. Mo-
laren (Weisheitszähne) im Oberkiefer (Zahn 18 und 28) sowie ebenso das
Mineralisationsstadium „H“ der 3. Molaren (Weisheitszähne) im Unterkiefer
(Zahn 38 und 48) festgestellt.
5.5.2.4.3 Altersschätzung des linken Handskeletts
Das Handskelett sei proportioniert und weise keine Dysplasiezeichen
(Fehlbildungen) auf. Der Knochenmineralsalzgehalt sei regelrecht. Die
Epiphysenfugen (Wachstumsfugen) seien vollständig verschlossen. Das
Knochenalter der Ossifikationszentren entspreche nach GREULICH und
PYLE dem Referenzbild eines Jungen im Alter von 19 Jahren.
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5.5.2.4.4 Altersschätzung der Brustbein-Schlüsselbein-Gelenke
Der Knochenmineralsalzgehalt der Brustbein-Schlüsselbein-Gelenke sei
regelrecht und miterfasste Weichteile sowie pulmonale Strukturen seien
unauffällig. Das Knochenalter der Claviculae entspreche dem Stadium 2a
nach SCHMELING und KELLINGHAUS.
5.5.2.4.5 Zusammenfassende Beurteilung
In der Zusammenschau aller vorliegenden Untersuchungsergebnisse wür-
den sich aus rechtsmedizinischer Sicht Hinweise auf eine krankhafte Ent-
wicklungsstörung des Betroffenen ergeben; eine forensische Altersschät-
zung sei damit nicht uneingeschränkt möglich. Bei der körperlichen Unter-
suchung zeigten sich sexuelle Reifezeichen im Stadium P2/G2 nach TAN-
NER, wie sie im Schnitt ab einem Alter von 11 bis 13 Jahren vorkämen. Das
kindliche Genitale stehe im Widerspruch zu den Röntgenbefunden. Nach
den Ergebnissen der kinderradiologischen Untersuchung sei von einer ab-
geschlossenen Verknöcherung am linken Handskelett auszugehen. Nach
den Untersuchungen von TISÈ ET AL. sowie GREULICH und PYLE entspreche
der radiologische Befund der linken Hand damit im vorliegenden Fall dem
Referenzbild eines 19-jährigen Jungen. Es sei anzumerken, dass eine Al-
tersschätzung mittels Röntgenuntersuchung der linken Hand grundsätzlich
nur bis zur vollständigen Ossifikation des Handskelettes durchgeführt wer-
den könne, welche bei Knaben normalerweise ab einem minimalen Alter
von 16.1 Jahren vorliege. Nach den Ergebnissen der kinderradiologischen
Untersuchung entspreche der Befund der Ossifikation der medialen
Schlüsselbeinepiphysen gestützt auf die Studie von KELLINGHAUS ET AL.
einem Stadium 2a. Das Stadium 2a entspreche bei Knaben einem mittle-
ren Alter von 17.4 ± 1.4 Jahren. Das minimale Alter, bei welchem das vor-
liegende Stadium 2a in der Studie noch gesehen werden konnte, liege bei
14.4 Jahren. Nach den Ergebnissen der zahnärztlichen Untersuchung
habe an den Zähnen 1 bis 7 im 3. Quadraten ein vollständiger Abschluss
des Wurzelwachstums festgestellt werden können, was nach DEMIRJIAN ab
einem Alter von 16 Jahren zur Beobachtung komme. Da in der angegebe-
nen Studie keine Streuungsmasse angegeben seien, könne dies nur als
Mittelwert und nicht als Minimum gewertet werden. An den 3. Molaren
(Weisheitszähnen) finde sich ein Mineralisationsstadium „H“ nach DE-
MIRJIAN, was einem vollständigen Abschluss des Wurzelwachstums ent-
spreche. Es könne daher nur noch ein Mindestalter angegeben werden.
Nach OLZE betrage dieses 17 Jahre. In Zusammenschau der Befunde liege
nach dem Zahnbefund ein Mindestalter von 17 Jahren vor, wobei in der
Gesamtschau eher ein höheres Alter anzunehmen sei. Der auffallende Ge-
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nitalbefund stehe im deutlichen Widerspruch zu den übrigen Befunden, so-
dass das Lebensalter im gegenständlichen Fall nicht mit der notwendigen
Sicherheit eingegrenzt werden könne.
5.5.2.4.6 Fazit
Bei der untersuchten Person lasse sich die Vollendung des 18. Lebensjah-
res und damit das Erreichen der Volljährigkeit nicht mit der notwendigen
Sicherheit belegen, da der Befund des sexuellen Reifestadiums nicht in
Einklang mit den übrigen erhobenen Befunden zu bringen sei. Ursächlich
könne eine krankhafte Entwicklungsstörung des Betroffenen sein. Eine si-
chere forensische Altersschätzung sei hierdurch nicht möglich.
5.5.2.5 Für das Bundesverwaltungsgericht ist mit Blick auf das Beweis-
mass keine Gewissheit bezüglich des Alters des Beschwerdeführers erfor-
derlich, sondern es genügt für den im ZEMIS notwendigen Eintrag, wenn
entweder das via Altersgutachten ermittelte Alter wahrscheinlicher er-
scheint als dasjenige, welches der Beschwerdeführer behauptet, oder um-
gekehrt. Dass die Gutachter selbst zum Schluss kommen, es sei keine si-
chere forensische Altersschätzung möglich, führt deswegen nicht per se
dazu, dass das im Rahmen der medizinischen Untersuchungen ermittelte
Alter nicht wahrscheinlicher sein kann als die Ausführungen des Beschwer-
deführers hinsichtlich seines Geburtsdatums.
5.5.2.6 In inhaltlicher Hinsicht fällt auf, dass die Befunde dreier Untersu-
chungen ein stimmiges Bild ergeben: Die Verknöcherung der Schlüssel-
beinepiphysen entspricht einem mittleren Alter von 17.4 ± 1.4 Jahren, wo-
bei das minimale Alter bei 14.4 Jahren liegt. Die Wachstumsfugen des lin-
ken Handskeletts sind vollständig verschlossen, was dem Referenzbild
eines 19-Jährigen entspricht und bei Knaben ab einem minimalen Alter von
16.1 Jahren beobachtet werden kann. Das Wurzelwachstum aller unter-
suchten Zähne ist vollständig abgeschlossen, was erst ab einem Alter von
16 Jahren auftritt. Weiter ist angesichts der Mineralisation der Weisheits-
zähne aufgrund von Vergleichswerten von einem Mindestalter von 17 Jah-
ren auszugehen. Diese drei Befunde widersprechen sich nicht und zeigen
für sich allein betrachtet ein schlüssiges Bild, bei dem ein tatsächliches Al-
ter von 17 Jahren als wahrscheinlich erscheint. Einzig der Genitalbefund
weicht hiervon ab, weil ein solcher im Schnitt ab einem Alter von 11 bis 13
Jahren vorkommt. Dies erklären die Gutachter jedoch mit Hinweisen auf
eine Entwicklungsstörung. Das Altersgutachten weist die gewonnenen Er-
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kenntnisse damit transparent sowie differenziert aus und erklärt den zu-
nächst scheinbaren Widerspruch zwischen dem Genitalbefund und den
drei übrigen Befunden in nachvollziehbarer Art und Weise.
5.5.3 Zusammenfassend ist das strittige Altersgutachten vom 5. August
2020 nach wissenschaftlichen Kriterien erstellt worden und basiert auf vier
Einzeluntersuchungen, deren Erkenntnisse nach Auffassung des Bundes-
verwaltungsgerichts nicht zu beanstanden sind. Auch wenn – wie dem
Altersgutachten selbst zu entnehmen ist – sich das Alter des Beschwerde-
führers forensisch nicht mit Sicherheit bestimmen lässt, ist die von den bei-
den Gutachtern getroffene Schlussfolgerung, wonach angesichts des
Zahnbefunds ein Mindestalter von 17 Jahren vorliege und in der Gesamt-
schau ein eher höheres tatsächliches Alter anzunehmen sei, nicht willkür-
lich gemacht worden und es kommt ihr insofern ein gewisser, wenn auch
nicht vorbehaltloser, Beweiswert zu (vgl. allgemein zum Beweiswert von
Altersgutachten das Urteil des BVGer A-318/2019 vom 4. Februar 2020
E. 5.5.3 m.w.H.).
5.5.4 Demgegenüber steht einzig die nicht weiter belegte Behauptung des
Beschwerdeführers, am [...] geboren worden zu sein, und damit zusam-
menhängend der Umstand, dass hinsichtlich der in Griechenland nur teil-
weise erfolgten Umrechnung in den europäischen Kalender offene Fragen
bleiben, die der Beschwerdeführer zu beantworten nicht imstande oder
nicht willens ist (siehe dazu bereits vorne E. 3.5.2).
5.6 Nach dem Gesagten ist weder die Richtigkeit des vom Beschwerdefüh-
rer behaupteten Geburtsdatums vom [...] beziehungsweise vom [...] noch
das im ZEMIS vom SEM verfügungsgemäss auf den [...] abgeänderten
Geburtsdatums bewiesen. In Gesamtwürdigung der Indizien – im Beson-
deren derjenigen des Altersgutachtens vom 5. August 2020 – erscheint je-
doch das im ZEMIS abgeänderte Geburtsjahr 2003 als wahrscheinlicher.
6.
Der Eventualantrag des Beschwerdeführers lautet, es sei die angefochtene
Verfügung hinsichtlich der Altersfeststellung aufzuheben und die Sache zur
vollständigen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
6.1 Der Beschwerdeführer erläutert nicht, inwiefern und mit welchen Mit-
teln der Sachverhalt im Fall einer Rückweisung an die Vorinstanz vervoll-
ständig werden soll. Dies ist denn auch nicht ohne Weiteres ersichtlich,
zumal er sich bereits gegen die Erstellung des Altersgutachtens an sich zur
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Wehr gesetzt hat und er die Berücksichtigung der dabei gewonnenen Er-
kenntnisse für unzulässig hält. Insofern erscheint es widersprüchlich, der
Vorinstanz ein rechtswidriges Vorgehen beim Erstellen des Altersgutach-
tens vorzuwerfen und von ihr zugleich weitere, nicht näher benannte Sach-
verhaltsabklärungen zu fordern.
6.2 Vor diesem Hintergrund ist dem Eventualantrag des Beschwerdefüh-
rers nicht stattzugeben.
7.
Im Ergebnis erweist sich die Beschwerde als unbegründet, weshalb sie ab-
zuweisen ist.
8.
Es bleibt über die Kosten- und Entschädigungsfolgen des Beschwerdever-
fahrens zu befinden.
8.1 Bei diesem Verfahrensausgang wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenverfügung vom
1. Oktober 2020 wurde vorläufig auf die Erhebung des Kostenvorschusses
verzichtet. Nachdem sich die Beschwerde nicht als von vornherein aus-
sichtslos erwiesen hat und keine Anhaltspunkte dafür bestehen, an der Be-
dürftigkeit des Beschwerdeführers zu zweifeln, ist ihm die unentgeltliche
Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren. Somit sind
keine Verfahrenskosten zu erheben.
8.2 Der unterliegende Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 VGKE
e contrario). Als Bundesbehörde steht eine solche auch der Vorinstanz
nicht zu (Art. 7 Abs. 3 VGKE).
9.
Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Daten-
schutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) be-
kanntzugeben.
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