Decision ID: 9d443f95-72c5-4f2c-8353-07b27b5939a4
Year: 2003
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Aus dem Sachverhalt:
A.- Die 1984 geborene X. brachte am 8. Juli 2001 Zwilllinge zur Welt. Sie hatte zu
diesem Zeitpunkt gerade die 3. Realklasse beendet und noch keine Berufsausbildung
begonnen. Der Vater der Kinder lebt im Ausland. Er hat die beiden Kinder nicht
anerkannt, und es konnten bei ihm keine Alimente erhältlich gemacht werden. In der
Folge wurden die Zwillinge unter Vormundschaft gestellt; sie wurden nach der Geburt
durch X. betreut. Die Gemeinde Z. zahlte ihr für sechs Monate (August 2001 bis Januar
2002) Mutterschaftsbeiträge. Ab Februar 2002 beabsichtigte X. zunächst, eine
Haushaltsschule zu besuchen. Im Februar 2002 teilte sie dem Gemeinderat Z. mit, dass
sie weiterhin ihre Kinder persönlich betreue und deshalb auch bis auf weiteres auf
Mutterschaftsbeiträge angewiesen sei. Dieses Gesuch wies der Gemeinderat Z. mit
Entscheid vom 1. Mai 2002 ab; die Kinder seien gesund und es liege kein Härtefall vor.
B.- Gegen diesen Entscheid reicht X. durch ihre Rechtsvertreterin am 16. Mai 2002
rechtzeitig Rekurs beim Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen ein. Sie
beantragt, der Gemeinderat Z. sei anzuweisen, der Rekurrentin für weitere sechs
Monate Mutterschaftsbeiträge auszurichten. Sie lebe mit den Zwillingen bei ihrer
Mutter, welche als einzige der Familie berufstätig sei. Diese erziele als Arbeiterin einen
monatlichen Nettolohn von Fr. 3'000.--. Die sechsköpfige Familie, zu welcher ihr
Bruder, der noch zur Schule gehe, und ihr arbeitsloser Stiefvater gehörten, lebe von
diesem knapp bemessenen Lohn und der noch knapperen Arbeitslosenentschädigung
von Fr. 2'000.--. Allein die gemeinsame Wohnung koste monatlich Fr. 1'150.--. Die
Rekurrentin arbeite an drei Abenden pro Woche während je zwei Stunden als Putzfrau,
wobei sie einen Nettolohn von monatlich Fr. 200.-- bis Fr. 350.-- erhalte. Jedoch
würden diesem die Busfahrkosten von monatlich ca. Fr. 60.-- gegenüberstehen. Die
Kinder würden während diesen Stunden jeweils von der Mutter der Rekurrentin betreut.
Der Härtefall liege darin, dass die Rekurrentin im Februar 2002 die Haushaltsschule
nicht habe beginnen können, weil kein geeigneter Betreuungsplatz für die Zwillinge
existiert habe. Da es sehr schwierig sei, eine geeignete Person zu finden, die gleich
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zwei Kleinkinder betreue, sei die Betreuung durch die Mutter unverzichtbar. So habe
die Vormundin der Zwillinge im Februar 2002 der Rekurrentin empfohlen, die Kinder
weiterhin selber zu betreuen. Es sei weder möglich noch zumutbar gewesen, die Kinder
im Februar 2002 an einen ungeeigneten Pflegeplatz zu versetzen. Die Rekurrentin
werde im August 2002 eine Lehre beginnen, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass
die Kinder adäquat untergebracht werden könnten.
C.- In seiner Vernehmlassung vom 21. Juni 2002 beantragt der Gemeinderat Z. die
Abweisung des Rekurses. Zur Begründung verweist er auf die Erwägungen des
angefochtenen Entscheids vom 1. Mai 2002. Ergänzend führt er aus, dass die
Vertreterin der Sozialen Dienste einen Betreuungsplatz gefunden habe; jedoch seien
weder die finanziellen Aspekte der Haushaltsschule noch der Betreuung der Kinder
abgeklärt gewesen. Ein Härtefall könne nicht allein mit einer finanziellen Notlage
begründet werden. Sonst würde der Ausnahmefall - nämlich der Härtefall - zum
Regelfall. Die Rekurrentin habe zudem den Bezug von finanzieller Sozialhilfe abgelehnt
(act. G 5).
D.- In der Replik vom 8. Juli 2002 führt die Rechtsvertreterin der Rekurrentin aus, dass
ein passender Pflegeplatz erst nach Schulbeginn gefunden worden sei. Zudem sei die
finanzielle Situation sowie der Transport der Kinder zur Pflegefamilie noch nicht geklärt
gewesen. Deshalb habe es die Rekurrentin vorgezogen, die Kinder selber zu betreuen.
Der Härtefall bestehe vorliegend darin, dass die ausserhäusliche Betreuung der
Zwillinge nach Ablauf der ordentlichen Beitragszeit von 6 Monaten nicht möglich
gewesen sei. Deshalb habe auch die Vormundin der Zwillinge die Mutter angewiesen,
diese weiterhin selber zu betreuen. Im Hinblick auf den bevorstehenden Lehrbeginn der
Rekurrentin habe sich wiederum keine Finanzierungsmöglichkeit eines Pflegeplatzes
finden lassen, weshalb die Rekurrentin die Sache so organisiert habe, dass nun die
Freundin ihrer Mutter die Kinder betreuen werde. Für den Babysitterlohn komme die
Mutter der Rekurrentin auf (act. G 7).
E.- In ihrer Duplik vom 27. August 2002 hält die Vorinstanz fest, die Rekurrentin habe
am 16. Januar 2002 erklärt, dass sie ab Februar 2002 die Haushaltsschule besuche.
Daraus habe geschlossen werden müssen, dass für die Kinder eine Lösung bestehe.
Aus verschiedenen Telefongesprächen mit den Sozialen Diensten wisse sie, dass die
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Rekurrentin ihre Meinung bezüglich Kinder und Ausbildung oft geändert habe man dort
nicht sofort eine geeignete Lösung habe hervorzaubern können. Die Rekurrentin habe
trotz mehrmaligem Unterstützungsangebot ihrerseits bis heute die Sozialhilfeleistungen
abgelehnt und noch kein Unterstützungsgesuch eingereicht (act. G 9).

Aus den Erwägungen:
1.- Gemäss Art. 1 Abs. 1 des Gesetzes über Mutterschaftsbeiträge (GMB; sGS 372.1)
hat die Mutter bei der Geburt eines Kindes Anspruch auf Mutterschaftsbeiträge ihrer
Wohnsitzgemeinde, wenn sie sich persönlich der Pflege und der Erziehung des Kindes
widmet (lit. a) und der Lebensbedarf das anrechenbare Einkommen übersteigt (lit. b).
Die Mehrfachgeburt ist der Einzelgeburt gleichgestellt (Abs. 2). Die gesamten Beiträge
entsprechen dem Unterschied zwischen dem Lebensbedarf gemäss Art. 2 GMB und
dem anrechenbaren Einkommen gemäss Art. 3 GMB (Art. 6 Abs. 1 GMB). Massgebend
sind Lebensbedarf und anrechenbares Einkommen während der gesamten
Bemessungsperiode (Abs. 2). Die Beiträge werden monatlich ausbezahlt (Abs. 3), in der
Regel für die Dauer von sechs Monaten nach der Geburt (Art. 7 Abs. 1 GMB). In
Härtefällen können die Beiträge für den Monat vor und für höchstens ein Jahr nach der
Geburt ausgerichtet werden (Abs. 2).
2.- a) Vorliegend ist strittig, ob die Umstände, in welchen sich die Rekurrentin befindet,
einen Härtefall gemäss Art. 7 Abs. 2 GMB darstellen, was eine Verlängerung der
Beitragsdauer rechtfertigen würde. Die Rekurrentin macht in ihrem Rekursschreiben
vom 16. Mai 2002 geltend, es sei nicht möglich gewesen, die Kinder an einem
geeigneten Ort unterzubringen, weshalb sie diese in der Folge selber betreute und
daher und wegen ihren knappen finanziellen Mitteln auf Mutterschaftsbeiträge
angewiesen sei. Zudem sei der Betreuungsaufwand für zwei Babys beträchtlich,
weshalb es schwierig sei, eine zur Pflege geeignete und gewillte Drittperson zu finden.
Dies mache die Betreuung durch die Mutter unverzichtbar (act. G 1).
b) Das Gesetz umschreibt den Begriff des Härtefalls gemäss Art. 7 Abs. 2 GMB nicht.
In der Botschaft zum GMB heisst es dazu, Härtefälle seien von den zuständigen
Organen zu beurteilen (ABI 1985, 264). Mangels eidgenössischer
Mutterschaftsversicherung sollen mit dem GMB Schwangerschaftsabbrüche aus
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finanzieller Not, Erwerbstätigkeit unmittelbar nach der Niederkunft und Betreuung des
Neugeborenen durch Dritte verhindert werden (Botschaft zum Nachtragsgesetz zum
GMB vom 17. Dezember 1991, ABI 1992, 139). Bei Vorliegen der
Anspruchsvoraussetzungen erachtet der Gesetzgeber dazu Mutterschaftsbeiträge
während sechs Monaten in der Regel als genügend. An diese Auffassung ist das
Gericht gebunden. Als Beispiel für einen Härtefall wird genannt, wenn mit Rücksicht auf
Mutter und Kind eine längere Pflege als unabdingbar erscheint (ABI 1985, 267). Dies
kann unter anderem der Fall sein, wenn das Kleinkind gesundheitliche Schwierigkeiten
hat, welche eine Betreuung durch die Mutter als erforderlich erscheinen lassen bzw.
der Mutter nicht zuzumuten ist, das Kind von Drittpersonen betreuen zu lassen. Ein
Härtefall kann andererseits nicht allein mit einer finanziellen Notlage begründet werden.
Denn sonst würde der Ausnahmefall - nämlich der Härtefall - zum Regelfall; dies
deshalb, weil eine finanzielle Notlage bereits Voraussetzung für die Ausrichtung von
Mutterschaftsbeiträgen während sechs Monaten ist (vgl. Art. 1 Abs. 1 lit. b GMB).
Deshalb ist primär zu prüfen, ob ein Härtefall im sozialen und nicht allein im finanziellen
Sinn vorliegt.
c) Umstritten ist, ob die Situation der Rekurrentin als Härtefall im Sinn von Art. 7 Abs. 2
GMB qualifiziert werden kann. Wie in der regierungsrätlichen Botschaft zum
Gesetzesentwurf festgehalten, soll die offene Formulierung des Art. 7 GMB eine
bessere Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnisse der Mutter ermöglichen
(ABI 1985, 267). Es ist mithin im Einzelfall unter Einbezug aller konkreten Umstände zu
entscheiden, ob ein Härtefall vorliegt. Zu berücksichtigen sind namentlich die
persönlichen Verhältnisse von Mutter und Kind. Im vorliegenden Fall hat die
Rekurrentin bei der Geburt gerade mal die 3. Realklasse beendet und noch keine
Berufsausbildung begonnen; sie lebt bei ihrer Mutter, die aber ihrerseits aus finanziellen
Gründen erwerbstätig sein muss. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht nur für ein
Kind sondern für Zwillinge ein geeigneter Pflegeplatz zu finden war.
Unbestrittenermassen war bis zum Schulbeginn der Haushaltschule (13. Februar 2002)
kein geeigneter Betreuungsplatz vorhanden, weshalb die Rekurrentin auf die
vorgesehene Ausbildung verzichtete. Zwar ist diese Situation offenbar ein Stück weit
von der Rekurrentin zu vertreten, weil sie in ihren Entscheidungen etwas sprunghaft
war, wie dem Schreiben der Sozialen Dienste vom 17. Juni 2002 (act. G 5.2 = 9.2) zu
entnehmen ist. Dies darf aber auf dem Hintergrund der persönlichen Verhältnisse der
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Rekurrentin nicht überbewertet werden. Im jugendlichen Alter mit der Herausforderung
konfrontiert, einerseits plötzlich Mutterpflichten erfüllen zu müssen und gleichzeitig für
sich persönlich die weitere berufliche Zukunft zu planen und in Angriff zu nehmen,
stellten die Rekurrentin zweifellos vor hohe Anforderungen. Die zusätzliche
Schwierigkeit bestand – wie erwähnt - darin, für zwei Säuglinge bzw. Zwillinge einen
geeigneten Pflegeplatz zu finden. Die erst nach dem Schulbeginn in Aussicht stehende
Pflegefamilie wohnt in O., wohin die Rekurrentin mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur
umständlich (mindestens 1 x umsteigen) und mit relativ hohem Zeitaufwand gelangen
konnte. Mangels mobilen Möglichkeiten hätte sie die Kinder unter der Woche dort
belassen müssen und nur am Wochenende bei sich haben können. Unter diesen
Umständen ist es verständlich, wenn die Rekurrentin – nachdem sie die zuerst in
Aussicht genommene Ausbildung nicht weiter verfolgte – schliesslich darauf verzichtete
abzuklären, ob diese Pflegefamilie ihre Kinder tatsächlich aufgenommen hätte.
Immerhin befürwortete auch die Vormundin der Kinder, dass die Rekurrentin diese
weiterhin persönlich betreut. Ein anderer, näher gelegener Pflegeplatz war zum
damaligen Zeitpunkt nicht in Sicht. Zu berücksichtigen ist in dieser Situation auch, dass
die hohen Kosten eines (doppelten) Pflegeplatzes im Vergleich zu den mangels
Ausbildung und Erfahrung eingeschränkten Erwerbsmöglichkeiten der Mutter wohl
unverhältnismässig gewesen wären. Die S. erachtete es denn auch als sinnvoll, der
Rekurrentin eine Ausbildung zu ermöglichen, um sie in der Lage zu versetzen, finanziell
für sich und ihre Kinder selber aufzukommen (vgl. erwähntes Schreiben vom 17. Juni
2002). In Würdigung all dieser Umstände – namentlich der persönlichen Verhältnisse
der Rekurrentin und des Umstandes, dass Zwillinge zu betreuen waren - ist deshalb
vorliegend von einem Härtefall im Sinn von Art. 7 Abs. 2 MBG auszugehen, weshalb ihr
für weitere sechs Monate Mutterschaftsbeiträge zuzusprechen sind.
d) Im Ergebnis ist der Entscheid der Vorinstanz vom 1. Mai 2002 aufzuheben und sind
der Rekurrentin für weitere sechs Monate (Februar bis Juli 2002) Mutterschaftsbeiträge
auszurichten. Zur Festsetzung dieser Beiträge ist die Sache an die Vorinstanz
zurückzuweisen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 28.02.2003 Art. 7 Abs. 2 GMB; Härtefall. Ob ein Härtefall vorliegt, ist im Einzelfall in Würdigung aller konkreten Umstände zu prüfen. Zu berücksichtigen sind nicht nur die finanziellen, sondern namentlich auch die persönlichen und sozialen Verhältnisse von Mutter und Kind. Allein mit einer finanziellen Notlage kann ein Härtefall nicht begründet werden, weil sonst der Härtefall zum Regelfall würde (Versicherungsgericht, 28. Februar 2003, MB 2002/1).
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2021-09-20T00:07:16+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen