Decision ID: 3c27a4df-8a64-5146-a9ec-65344179ccc0
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 1. September 2020 in der Schweiz um
Asyl nach.
B.
Ein am 3. September 2020 durchgeführter Abgleich mit der europäischen
Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass der Be-
schwerdeführer am 29. April 2019 in Frankreich ein Asylgesuch eingereicht
hatte.
C.
C.a Am 7. September 2020 fand die Personalienaufnahme (PA) und am
16. September 2020 das persönliche Gespräch (nachfolgend: Dublin-Ge-
spräch) gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) statt.
C.b Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, er sei im
März 2019 legal von Georgien nach B._ geflogen und dann nach
Frankreich gereist, wo er ein Asylgesuch eingereicht habe. Er sei von den
französischen Behörden angehört worden, habe aber schliesslich einen
negativen Entscheid erhalten. Ungefähr im Januar 2020 sei er aufgefordert
worden, Frankreich zu verlassen, was er jedoch nicht getan habe, weil er
auf eine geplante Operation gewartet habe. Diese Operation sei mehrmals
verschoben worden und schliesslich nicht durchgeführt worden, da seine
Krankenversicherung am 31. Juli 2020 abgelaufen sei. So habe er Frank-
reich schliesslich verlassen und sei in die Schweiz gelangt.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zu einer möglichen Zuständigkeit
Frankreichs erklärte der Beschwerdeführer, er könne nicht nach Frankreich
zurückkehren, weil man ihn dann nach Georgien zurückschicken würde. In
diesem Fall würde auch seine Familie Probleme bekommen. Ferner habe
er gesundheitliche Beschwerden, die er unbedingt in der Schweiz regeln
müsse.
D.
D.a Am 16. September 2020 ersuchte das SEM die französischen Behör-
den um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers.
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D.b Am 25. September 2020 stimmten die französischen Behörden dem
Wiederaufnahmeersuchen zu.
E.
Mit Verfügung vom 21. Oktober 2020 – eröffnet gleichentags – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Wegweisung nach Frank-
reich, forderte ihn – unter Androhung von Zwangsmitteln im Unterlassungs-
fall – auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlas-
sen, beauftragte den Kanton C._ mit dem Vollzug der Wegweisung,
händigte dem Beschwerdeführer die gemäss Aktenverzeichnis editions-
pflichtigen Akten aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde komme
keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Am 22. Oktober 2020 legte die zugewiesene Rechtsvertretung ihr Mandat
nieder.
G.
Mit Eingabe vom 28. Oktober 2020 erhob der Beschwerdeführer gegen den
vorinstanzlichen Entscheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
Er beantragte dabei, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und sein
Asylgesuch in der Schweiz zu prüfen. Eventualiter sei die angefochtene
Verfügung aufzuheben und die Sache zur erneuten Abklärung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Ferner sei der Beschwerde die aufschiebende
Wirkung zu gewähren und seine vollständigen Asylakten für die Beurtei-
lung der Beschwerde beizuziehen. Schliesslich sei ihm die unentgeltliche
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung zu gewähren und von der Erhe-
bung eines Kostenvorschusses abzusehen.
H.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
29. Oktober 2020 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterli-
cher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungs-
weise einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorlie-
gend handelt es sich, wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche,
weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist
(Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf ei-
nen Schriftenwechsel verzichtet.
3.
Bei Beschwerden gegen einen Nichteintretensentscheid, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
BVGE 2012/4 E. 2.2 m.w.H.).
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4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: «take charge»)
sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si-
tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei-
nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im
Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: «take back») findet
demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach
Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung oder nach Ablehnung seines
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Antrags in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der
sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel
aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen
(Art. 18 Abs. 1 Bst. b und d Dublin-III-VO).
4.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht).
5.
5.1 Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentral-
einheit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 29. April 2019 in
Frankreich ein Asylgesuch eingereicht hatte. Das SEM ersuchte deshalb
die französischen Behörden am 16. September 2020 um seine Wiederauf-
nahme. Die französischen Behörden stimmten dem Ersuchen am 25. Sep-
tember 2020 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO zu. Die grund-
sätzliche Zuständigkeit Frankreichs ist somit gegeben.
5.2 In seiner Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer im We-
sentlichen geltend, er habe in Frankreich nicht in einer richtigen Unterkunft,
sondern in einem Zelt auf der Strasse gelebt, wobei es kalt gewesen sei
und er nicht jeden Tag zu essen bekommen habe. Auch gehe es ihm ge-
sundheitlich schlecht. Er habe Magenschmerzen, Sodbrennen und eine
Zyste in der (...), welche ihm so grosse Schmerzen bereite, dass er nicht
mehr zur Ruhe kommen und schlafen könne. Er sei daher auch auf die
Einnahme von Methadon angewiesen und benötige dringend eine Opera-
tion. Eine solche sei in Frankreich jedoch nicht vorgenommen, sondern
viermal ohne sein Verschulden verschoben und schliesslich abgesagt wor-
den, weil seine Krankenversicherung am 31. Juli 2020 abgelaufen sei. Es
könne nicht anstehen, dass einem ein Land eine Behandlung verwehre,
weil die Krankenversicherung ablaufe. Die Verweigerung einer Operation
sei eine unmenschliche Behandlung. Deshalb sei er auf die Hilfe der
Schweiz angewiesen. Sodann seien seine Leberwerte (Transaminasen-
werte) deutlich erhöht und er leide an Hepatitis C. Es lägen eine (...) und
deutliche (...) vor. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz könne die entspre-
chende Behandlung nicht in Frankreich stattfinden, da diese dort aufgrund
der abgelaufenen Versicherung nicht vorgenommen werde. Selbst wenn
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Frankreich grundsätzlich verpflichtet sei, ihm die erforderliche medizini-
sche Versorgung zu gewähren sehe die Realität anders aus. So rate auch
die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) von Überstellungen von verletz-
lichen Asylsuchenden nach Frankreich ab und weise darauf hin, dass sich
die bereits früher alarmierende Lage in den letzten Jahren weiter ver-
schlechtert habe. Die aktuellen Aufnahmebedingungen seien offensichtlich
nicht ausreichend. Diese Einschätzung sei vor kurzem auch durch den Eu-
ropäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) bestätigt worden.
Aufgrund des dargelegten Sachverhaltes und jüngster Analysen sowie der
aktuellen Praxis des EGMR sei keineswegs davon auszugehen, dass er in
Frankreich eine adäquate Unterbringung und Versorgung beziehungs-
weise eine medizinische Behandlung erhalten würde. Schliesslich sei der
medizinische Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt worden, weshalb
auch nicht festgestellt werden könne, dass keine lebensbedrohliche physi-
sche oder psychische Beeinträchtigung vorliege.
5.3 Mit seinen Vorbringen fordert der Beschwerdeführer die Anwendung
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO respektive Art. 29a Abs. 3 AsylV 1. Zu-
nächst ist aber im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu prüfen, ob we-
sentliche Gründe für die Annahme bestehen, das Asylverfahren und die
Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Frankreich würden systemi-
sche Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen
oder entwürdigenden Behandlung der Beschwerdeführenden im Sinn des
Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich bringen würden, und weiter,
ob nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszu-
üben ist.
6.
6.1 Frankreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht trotz der in der Beschwerde ge-
äusserten Kritik am französischen Asylsystem und der Befürchtung des
Beschwerdeführers, bei einer Überstellung nach Frankreich nicht ange-
messen untergebracht und medizinisch behandelt zu werden, in konstanter
Praxis davon aus, Frankreich anerkenne und schütze die Rechte, die sich
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für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments und
des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren für
die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (Verfah-
rensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von
Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz bean-
tragen (Aufnahmerichtlinie) ergeben (vgl. statt vieler: Urteile des BVGer
F-4687/2020 vom 30. September 2020 E. 4.2 und F-612/2020 vom
11. Februar 2020, je mit weiteren Hinweisen). Das Bundesverwaltungsge-
richt anerkennt zwar, dass die Situation von Asylsuchenden in Frankreich
schwierig sein kann, jedoch gelingt es dem Beschwerdeführer mit seinen
Angaben nicht, substanziiert darzulegen, dass ihm in Frankreich die adä-
quate Unterstützung und Unterbringung beziehungsweise medizinische
Behandlungen verweigert worden wäre und dass er sich bemüht hätte,
diese gegebenenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern.
6.3 Nach dem Gesagten ist nicht anzunehmen, dass das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Frankreich systemische
Schwachstellen aufwiesen, die die Gefahr einer unmenschlichen oder ent-
würdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtsch-
arta mit sich bringen würden. Insofern der Beschwerdeführer auf einen Ent-
scheid des EGMR verweist, ist festzuhalten, dass der EGMR im zitierten
Urteil neben den Konventionsverletzungen in drei Einzelfällen zwar ge-
wisse Kapazitätsmängel im Aufnahmeverfahren in Frankreich erwogen, in-
dessen keine systemischen Mängel festgestellt hat (vgl. Urteil des EGMR
N.H. und Andere gegen Frankreich vom 2. Juli 2020, Beschwerde n°
28820/13 u.a., §§ 155–209 m.w.H.; hierzu auch das Urteil des BVGer
F 4121/2020 vom 25. August 2020 E. 5.2).
6.4 Unter diesen Umständen ist die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die französischen Behörden würden sich weigern, ihn wieder aufzu-
nehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der
Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Frankreich werde in seinem Fall
den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in
ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet wäre oder in dem er
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Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu wer-
den. Ausserdem hat der Beschwerde-führer nicht dargetan, die ihn bei ei-
ner Rückführung erwartenden Bedingungen in Frankreich seien derart
schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Es liegen keine
Hinweise dafür vor, dass die Behandlung seines Asylgesuchs mangelhaft
gewesen sein könnte und seine Wegweisung in Verletzung des Non-Re-
foulement-Prinzips verfügt worden wäre. In diesem Zusammenhang ist der
Vollständigkeit halber festzustellen, dass ein definitiver Entscheid über ein
Asylgesuch und die Wegweisung in das Heimatland, wie sie beim Be-
schwerdeführer offenbar verfügt wurde (vgl. den Hinweis der französischen
Behörden in SEM-Akte [...], wonach ihm gegenüber offenbar die Wegwei-
sung ["éloignement"] verfügt worden ist) nicht per se eine Verletzung des
Non-Refoulement-Prinzips darstellen. Das Prinzip der Überprüfung eines
Asylgesuchs durch einen einzigen Mitgliedstaat ("one chance only") dient
im Gegenteil der Vermeidung von multiplen Asylgesuchen in verschiede-
nen Staaten (sogenanntes "asylum shopping"; vgl. BVGE 2017 VI/5
E. 8.5.3.3). Vorliegend führt die Überstellung des Beschwerdeführers nach
Frankreich gemäss Akten nicht zu einer Kettenabschiebung, welche gegen
das Non-Refoulement-Prinzip verstossen würde, wie es in Art. 33 FK ver-
ankert ist (und sich ausserdem aus Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3
EMRK oder Art. 3 FoK ableiten lässt).
7.2 Der Beschwerdeführer hat auch keine konkreten Hinweise für die An-
nahme dargetan, Frankreich würde ihm dauerhaft die ihm gemäss Aufnah-
merichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei
einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung könnte er sich im Übri-
gen nötigenfalls an die französischen Behörden wenden und die ihm zu-
stehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einfordern
(vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Weiterhin hat er bei allfälligen Schwierig-
keiten auch die Möglichkeit, die vor Ort tätigen karitativen Organisationen
zu kontaktieren.
8.
8.1 Der Beschwerdeführer beruft sich ferner darauf, sein Gesundheitszu-
stand stehe einer Überstellung entgegen. Aus seinen Vorbringen und den
Akten ergibt sich diesbezüglich folgendes Bild: Der Beschwerdeführer
machte zunächst geltend, eine Zyste in der (...) und damit einhergehende
Schmerzen zu haben. In diesem Zusammenhang ist offensichtlich eine Zu-
weisung an den Arzt erfolgt, wobei eine (...) festgestellt und behandelt wor-
den ist. Es sind keine weiteren Termine vorgesehen. Ein Verdacht auf (...)
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hat sich sodann nicht bestätigt. So zeigte ein abschliessendes (...) einen
unauffälligen Befund. Des Weiteren ist der Beschwerdeführer methadon-
und morphinabhängig und nimmt an einem staatlich bewilligten (...)-Pro-
gramm unter ärztlicher Aufsicht teil. Auch liegt ein schädlicher Gebrauch
von (...) vor und er konsumiert regelmässig (...). Darüber hinaus sind ge-
mäss einer umfassenden Analyse vom 16. September 2020 die Leber-
werte (Transaminasen) des Beschwerdeführers deutlich erhöht. Auch ist
ein Hepatitis C Antikörper Suchtest (HCV Ak Suchtest) reaktiv ausgefallen
und der Nachweis von Virus-RNA des Hepatitis-C-Virus durch eine Poly-
merase-Kettenreaktion (HCV-RNA-PCR) hat eine (...) zu Tage gefördert
und es zeigen sich (...). Die übrigen Laborwerte bewegen sich indessen,
mit Ausnahme der (...), welche unter dem Normalwert liegt und auf einen
(...) hinweist, innerhalb der Referenzbereiche. Im Hinblick auf die Hepati-
tis-C-Infektion gilt es schliesslich festzuhalten, dass gemäss Auskunft der
D._ erst in sechs Monaten eine erneute Kontrolle vorgesehen ist,
wobei erst dann entschieden werde, ob eine Therapie notwendig sei. Aus-
serdem wurde beim Beschwerdeführer ein Ekzem an der (...) festgestellt,
wogegen ihm eine Salbe verschrieben worden ist. Schliesslich gab der Be-
schwerdeführer an, er habe Magenschmerzen und Sodbrennen, wobei
diesbezüglich bis anhin keine Abklärungen erfolgt sind (vgl. zum gesamten
medizinischen Sachverhalt die SEM-Akten [...], [...], [...] und [...]).
8.2 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
8.3 Eine solche Situation ist vorliegend aufgrund der aktenkundigen und
geschilderten gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht gegeben. Der
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Beschwerdeführer konnte nicht nachweisen, dass eine Überstellung seine
Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Sein Gesundheitszustand vermag
eine Unzulässigkeit im Sinne der erwähnten restriktiven Rechtsprechung
nicht zu rechtfertigen.
Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche
medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbe-
dingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychi-
schen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnah-
merichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist die erfor-
derliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer
geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Auf-
nahmerichtlinie). Es ist allgemein bekannt, dass Frankreich über eine aus-
reichende medizinische Infrastruktur verfügt, weshalb sich der Beschwer-
deführer im Bedarfsfall an das dafür zuständige medizinische Fachperso-
nal wenden kann.
Es liegen keine substanziierten Hinweise vor, wonach Frankreich seinen
Verpflichtungen im Rahmen der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht
nicht nachkommen würde. Für das weitere Dublin-Verfahren ist einzig die
Reisefähigkeit ausschlaggebend, welche erst kurz vor der Überstellung de-
finitiv beurteilt wird. Eine allenfalls fehlende Reisefähigkeit stellt lediglich
ein temporäres Vollzugshindernis dar. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass
das SEM – wie es in der angefochtenen Verfügung festhielt – dem aktuel-
len Gesundheitszustand des Beschwerdeführers bei der Organisation der
Überstellung nach Frankreich Rechnung trägt, indem es die französischen
Behörden im Sinne von Art. 31 und 32 Dublin-III-VO vorgängig über den
Gesundheitszustand und die notwendige medizinische Behandlung infor-
mieren wird. Die französischen Behörden werden damit in der Lage sein,
die notwendigen Vorkehrungen zu treffen.
8.4 Nach dem Gesagten besteht kein konkretes und ernsthaftes Risiko,
dass die Überstellung des Beschwerdeführers nach Frankreich gegen
Art. 3 EMRK oder andere völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz
oder Landesrecht verstossen würde.
8.5 Soweit der Beschwerdeführer das Vorliegen von "humanitären Grün-
den" geltend macht, ist Folgendes festzuhalten: Das SEM verfügt bei der
Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen
Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitionsbe-
schränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Streichung
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der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts gemäss
aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vorinstanzlichen
Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf Ange-
messenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung nunmehr im We-
sentlichen auf die Frage, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich kor-
rekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung ge-
tragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1
Bst. a und b AsylG).
Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung aus, in Würdigung der
Aktenlage und der geltend gemachten Umstände würden keine Gründe
vorliegen, die die Anwendung der Souveränitätsklausel der Schweiz recht-
fertigten. Es hat den entsprechenden Umständen in der angefochtenen
Verfügung Rechnung getragen und sich insbesondere auch mit der ge-
sundheitlichen Situation des Beschwerdeführers einlässlich auseinander-
gesetzt ([...]). Auf weitere medizinische Abklärungen durfte daher berech-
tigterweise verzichtet werden. Vor diesem Hintergrund erübrigt es sich, die
angefochtene Verfügung aufzuheben und die Angelegenheit zu weiteren
Sachverhaltsabklärungen an das SEM zurückzuweisen. Der entspre-
chende Eventualantrag ist abzuweisen.
Die Vorinstanz hat nach dem Gesagten innerhalb ihres Ermessensspiel-
raums gehandelt, welcher vom Bundesverwaltungsgericht nicht weiterge-
hend überprüft werden kann, weshalb es sich weiterer Ausführungen zur
Frage eines Selbsteintritts enthält.
8.6 An dieser Stelle bleibt festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutz-
suchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber
auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3), weshalb der Beschwerde-
führer aus seinem Wunsch nach einem Verbleib in der Schweiz nichts zu
seinen Gunsten abzuleiten vermag. Frankreich bleibt der für die Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens zuständige Mitgliedstaat ge-
mäss Dublin-III-VO.
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Frankreich in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Abs. 1
Bst. a AsylV 1).
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10.
Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache sind die Gesuche um Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung und um Verzicht auf Erhebung eines
Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
11.
11.1 Die Begehren waren – wie sich aus den vorgängigen Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG unbe-
sehen der geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist. Dementspre-
chend ist auch das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung ab-
zuweisen.
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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