Decision ID: a8c6eb09-6573-50e1-b924-150b9d366c8e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die A._ SA (nachfolgend: Abgabepflichtige) eröffnete
am 27. Juni 2019 für drei Sendungen das nationale Transitverfahren von
der Abgangszollstelle Bardonnex zur Bestimmungszollstelle Genf-Flugha-
fen. Als Frist für den Transit wurde der 1. Juli 2019 festgesetzt.
A.b Auf elektronischem Weg abgeschlossen wurde unbestrittenermassen
nur das Transitverfahren Nr. [1], nicht aber die Verfahren Nr. [2] und Nr. [3].
A.c Am 19. September 2019 veranlagte die Abgangszollstelle die
Waren, in Bezug auf welche das beantragte Transitverfahren nicht
ordentlich abgeschlossen worden war (vgl. Veranlagungsverfügungen [A]
und [B]). Für die Sendung mit der Transit-Nr. [3] wurden Abgaben in Höhe
von insgesamt Fr. 86'387.05 nacherhoben, für jene mit der Transit-Nr. [2]
Abgaben in Höhe von Fr. 85'828.90.
A.d Mit zwei Schreiben vom 20. September 2019 erhob die Abgabepflich-
tige vor der Zollkreisdirektion III Beschwerde gegen die oben genannten
Veranlagungsverfügungen. Sie legte dar, der Abschluss der Transitverfah-
ren Nr. [2] und Nr. [3] sei versehentlich nicht innert Frist gemeldet worden.
Jedoch sei aus den beigelegten Unterlagen ersichtlich, dass die entspre-
chenden Waren die Schweiz kurz nach Ankunft wieder Verlassen hätten.
Dies gehe namentlich aus dem Formular mit der Überschrift «ordre
d'annonce et de décharge d'un transit» hervor. Auf diesem sei als «date
décharge» der 28. Juni 2019 angegeben und neben «pour mise en EDO»
(zur Verbringung in ein offenes Zollfreilager OZL) «NON» vermerkt worden.
A.e Mit Schreiben vom 26. September 2019 teilte die Zollkreisdirektion III
der Abgabepflichtigen bezugnehmend auf deren Schreiben vom 20. Sep-
tember 2019 mit, das Dokument «ordre d'annonce et de décharge d'un
transit» könne nicht als Nachweis für eine fristgerechte Meldung des Tran-
sits der Waren dienen. Sodann könne die Abgabepflichtige im konkreten
Fall weder durch die eingereichten Rechnungen, noch den Speditionsauf-
trag oder den Nachweis der Abfertigung am endgültigen Bestimmungsort
([...]) etwas zu ihren Gunsten ableiten. Keines dieser Dokumente weise
nach, dass die gegenständlichen Waren innert Frist – d.h. spätestens am
1. Juli 2019 – das Zollgebiet verlassen hätten. Entsprechend seien die Wa-
ren in den zollrechtlich freien Verkehr zu überführen.
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Abgesehen davon wies die Zollkreisdirektion III darauf hin, die Eingaben
vom 20. September 2019 könnten als Beschwerde gegen die Veranla-
gungsverfügung entgegengenommen werden, zumal die diesbezügliche
Frist von 60 Tagen gemäss Art. 116 Abs. 3 des Zollgesetzes vom 18. März
2005 (ZG; SR 631.0) eingehalten worden sei. Die eingereichten Nach-
weise in Bezug auf die VOC-Abgabe hätten eine Berichtigung der Veran-
lagungsverfügungen und eine entsprechende Rückzahlung in Höhe von
Fr. 54'204.90 an VOC-Abgabe zur Folge. Die Beschwerde der Abgabe-
pflichtigen könnte demnach in diesem Punkt gutgeheissen werden, sei im
Weiteren aber abzuweisen. Sollte die Abgabepflichtige trotz dieser Ausfüh-
rungen eine anfechtbare Verfügung verlangen, sei ein Kostenvorschuss in
Höhe von Fr. 4'500.-- zu überweisen.
A.f Nach Überweisung des verlangten Kostenvorschusses erliess die Zoll-
kreisdirektion III am 1. November 2019 gegenüber der Abgabepflichtigen
einen Beschwerdeentscheid. Sie wiederholte darin ihre bereits dargelegten
Erwägungen und verfügte die Gutheissung der Beschwerde hinsichtlich
der Reduktion der geschuldeten VOC-Abgabe. Im Übrigen wurde die Be-
schwerde abgewiesen.
B.
B.a Mit Eingabe vom 2. Dezember 2019 liess die Abgabepflichtige (nach-
folgend: Beschwerdeführerin) vor dem Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde gegen den Entscheid der Zollkreisdirektion III vom 1. November
2019 erheben. Sie beantragt die Aufhebung des angefochtenen Ent-
scheids und Gutheissung des Gesuchs um Abschluss der Transitverfahren
Nr. [2] und Nr. [3], unter Kosten- und Entschädigungsfolgen.
B.b Mit Vernehmlassung vom 4. Februar 2020 schliesst die Zollkreisdirek-
tion III (nachfolgend: Vorinstanz), vertreten durch die Oberzolldirektion
(OZD), auf kostenfällige Abweisung der Beschwerde.
Auf die konkreten Ausführungen der Parteien sowie die eingereichten Un-
terlagen wird – soweit entscheidwesentlich – im Rahmen der nachfolgen-
den Erwägungen eingegangen.
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Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Beschwerdeentscheide der Zollkreisdirektionen können gemäss Art. 31
VGG in Verbindung mit Art. 33 Bst. d VGG grundsätzlich beim Bundesver-
waltungsgericht angefochten werden (statt vieler: Urteil des BVGer A-5689/
2015 vom 15. Januar 2016 E. 1.1). Im Verfahren vor dieser Instanz wird
die Zollverwaltung durch die Oberzolldirektion (OZD) vertreten (Art. 116
Abs. 2 ZG).
1.2 Das Verfahren richtet sich gemäss Art. 37 VGG nach den Bestimmun-
gen des VwVG, soweit das VGG nichts Anderes bestimmt.
1.3 Nach Art. 48 Abs. 1 VwVG ist zur Beschwerde berechtigt, wer am vo-
rinstanzlichen Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglichkeit zur Teil-
nahme erhalten hat (Bst. a), durch die angefochtene Verfügung besonders
berührt ist (Bst. b) und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung
oder Änderung hat (Bst. c). Die Beschwerdeführerin erfüllt diese Voraus-
setzungen und ist entsprechend beschwerdelegitimiert.
1.4 Nach dem Dargelegten ist auf die im Übrigen form- und fristgerecht
eingereichte Beschwerde (vgl. Art. 50 Abs. 1 VwVG und Art. 52 Abs. 1
VwVG) einzutreten.
1.5 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid
grundsätzlich in vollem Umfang überprüfen. Die Beschwerdeführerin kann
neben der Verletzung von Bundesrecht (Art. 49 Bst. a VwVG) und der un-
richtigen oder unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts (Art. 49 Bst. b VwVG) auch die Unangemessenheit rügen (Art. 49
Bst. c VwVG; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bun-
desverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.149 ff.; HÄFELIN/MÜLLER/
UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht, 8. Aufl. 2020, Rz. 1146 ff.).
1.6 Im Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht gilt der Grundsatz
der freien Beweiswürdigung (BGE 130 II 482 E. 3.2; Urteil des BVGer
A-4487/2019 vom 26. Oktober 2020 E. 1.4.2). Die Beweiswürdigung endet
mit dem richterlichen Entscheid darüber, ob eine rechtserhebliche Tatsa-
che als erwiesen zu gelten hat oder nicht. Der Beweis ist geleistet, wenn
das Gericht gestützt auf die freie Beweiswürdigung zur Überzeugung
gelangt ist, dass sich der rechtserhebliche Sachumstand verwirklicht hat
(MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 3.141). Es ist dabei nicht an be-
stimmte förmliche Beweisregeln gebunden, die genau vorschreiben, wie
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Seite 5
ein gültiger Beweis zu Stande kommt und welchen Beweiswert die einzel-
nen Beweismittel im Verhältnis zueinander haben (vgl. BGE 130 II 482
E. 3.2; Urteil des BVGer A-983/2018 vom 18. April 2019 E. 1.5.2; MOSER/
BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 3.140).
1.7
1.7.1 Nach dem Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen ist
das Bundesverwaltungsgericht verpflichtet, auf den unter Mitwirkung
der Verfahrensbeteiligen festgestellten Sachverhalt die richtigen Rechts-
normen und damit jenen Rechtssatz anzuwenden, den es als den zutref-
fenden erachtet, und ihm jene Auslegung zu geben, von der es überzeugt
ist (MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., N 1.54 unter Verweis auf BGE
119 V 347 E. 1a). Aus dem Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes
wegen folgt, dass das Bundesverwaltungsgericht als Beschwerdeinstanz
nicht an die rechtliche Begründung der Begehren gebunden ist (vgl. Art. 62
Abs. 4 VwVG; vgl. statt vieler: Urteil des BVGer A-643/2019 vom 11. Sep-
tember 2019 E. 1.3). Es kann eine Beschwerde aus anderen als den gel-
tend gemachten Gründen (ganz oder teilweise) gutheissen oder den ange-
fochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer von der Vorinstanz abweichen-
den Begründung bestätigen (sog. Motivsubstitution; vgl. Urteile des BVGer
A-2860/2019 vom 26. März 2021, A-983/2018 vom 18. April 2019 E. 1.5.4,
A-825/2016 vom 10. November 2016 E. 2.2).
1.7.2 Der Inhalt einer Norm ist durch Auslegung zu ermitteln. Ausgangs-
punkt bildet dabei stets der Wortlaut der jeweiligen Bestimmung. Nur wenn
der Text nicht ohne weiteres klar ist und verschiedene Interpretationen
möglich sind, muss unter Beizug weiterer Auslegungsmethoden nach der
wahren Tragweite der Bestimmung gesucht werden (vgl. BGE 143 II 268
E. 4.3.1; BGE 143 II 202 E. 8.5; Urteil des BVGer A-1777/2019 vom 23. Ja-
nuar 2020 E. 1.5).
2.
2.1 Waren, die ins Zollgebiet oder aus dem Zollgebiet verbracht werden,
sind grundsätzlich zollpflichtig und müssen nach dem ZG sowie nach dem
Zolltarifgesetz vom 9. Oktober 1986 (ZTG; SR 632.10) veranlagt werden
(Art. 7 ZG). Ebenso unterliegt die Einfuhr von Gegenständen grundsätzlich
der Einfuhrsteuer (Art. 50 ff. des Bundesgesetzes über die Mehrwertsteuer
vom 12. Juni 2009 [MWSTG; SR 641.20]). Vorbehalten bleiben Zoll- und
Steuerbefreiungen bzw. -erleichterungen, die sich aus besonderen Bestim-
mungen von Gesetzen und Verordnungen oder Staatsverträgen ergeben
(vgl. Art. 2 Abs. 1 und Art. 8 ff. ZG; Art. 1 Abs. 2 ZTG; Art. 53 MWSTG).
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2.2 Das Zollverfahren wird vom Selbstdeklarationsprinzip bestimmt. Derje-
nige, der Waren ins Zollgebiet verbringt, verbringen lässt oder sie danach
übernimmt, hat die Waren unverzüglich und unverändert der nächstgele-
genen Zollstelle zuzuführen (Art. 21 Abs. 1 ZG). Anmeldepflichtig ist u.a.
die zuführungspflichtige Person (Art. 26 Bst. a ZG). Von den Anmelde-
pflichtigen wird die vollständige und richtige Deklaration der Ware gefor-
dert. Hinsichtlich ihrer Sorgfaltspflichten werden somit hohe Anforderungen
gestellt (vgl. Art. 25 ZG; BGE 135 IV 217 E. 2.1.1 und 2.1.3, 112 IV 53
E. 1a; BARBARA SCHMID, in: Kocher/Clavadetscher [Hrsg.], Handkommen-
tar zum Zollgesetz [ZG], 2009 [nachfolgend: Kommentar ZG], Art. 18
Rz. 3 f.; Botschaft ZG, BBl 2004 567, 601). Die Zollpflichtigen haben sich
vorweg über die Zollpflicht sowie die jeweiligen Abfertigungsverfahren zu
informieren. Unterlassen sie dies, haben sie dafür prinzipiell selbst die Ver-
antwortung zu tragen (vgl. Urteile des BVGer A-1131/2017 vom 11. Januar
2018 E. 4 und A-4988/2016 vom 17. August 2017 E. 4.5). Insbesondere
hat die zollanmeldepflichtige Person selbst das gewünschte Zollverfahren
zu wählen und die Ware entsprechend anzumelden (vgl. Art. 47 Abs. 1
ZG). Zu den wählbaren Zollverfahren zählt u.a. das Transitverfahren
(Art. 47 Abs. 2 Bst. b ZG; vgl. zum Ganzen statt vieler: Urteile des BVGer
A-643/2019 vom 11. September 2019 E. 2.4, A-7140/2017 vom 21. Novem-
ber 2018 E. 2.3 m.w.H.).
2.3
2.3.1 In Art. 49 ZG wird das nationale Transitverfahren geregelt. Gemäss
Art. 49 Abs. 1 ZG sind ausländische Waren, die unverändert durch das
Zollgebiet befördert werden (Durchfuhr) oder die im Zollgebiet zwischen
zwei Orten befördert werden, zum Transitverfahren anzumelden. Nach
Art. 49 Abs. 2 ZG werden in diesem Verfahren die Einfuhrzollabgaben mit
bedingter Zahlungspflicht veranlagt (Bst. a), wird die Identität der Waren
gesichert (Bst. b), wird die Frist für das Transitverfahren festgesetzt (Bst. c)
und werden die nichtzollrechtlichen Erlasse des Bundes angewendet
(Bst. d). Die Transitfrist wird auf die für den Transit erforderliche Zeit fest-
gesetzt (Art. 154 Abs. 1 der Zollverordnung vom 1. November 2006 [ZV;
SR 631.01]). Aus wichtigen Gründen kann die EZV die Gültigkeitsfrist ver-
längern (Art. 154 Abs. 2 ZV). Gemäss Art. 155 Abs. 1 ZV muss der Ab-
schluss des Transitverfahrens innerhalb der Gültigkeitsfrist des Transitdo-
kuments bei der Bestimmungszollstelle beantragt werden. Die Fristanset-
zung soll verhindern, dass Waren im Transitverfahren gelagert werden kön-
nen und stellt folglich ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zum Zoll-
lagerverfahren dar (REMO ARPAGAUS, Zollrecht, in: Heinrich Koller et al.
[Hrsg.], Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, 2. Aufl. 2007, Rz. 766;
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vgl. auch: REGINALD DERKS, in: Kommentar ZG, Art. 49 Rz. 7; vgl. zum
Ganzen: Urteil des BVGer A-643/2019 vom 11. September 2020 E. 2.3.2).
2.3.2 Wird das Transitverfahren nicht ordnungsgemäss abgeschlossen, so
werden Waren, die im Zollgebiet verbleiben, wie Waren behandelt, die in
den zollrechtlich freien Verkehr übergeführt werden. Sind diese Waren vor-
gängig zur Ausfuhr veranlagt worden, so wird das Ausfuhrverfahren wider-
rufen (Art. 49 Abs. 3 ZG). Diese Bestimmung gilt nicht, wenn die Waren
tatsächlich innerhalb der festgesetzten Frist ausgeführt worden sind und
die Identität der Waren nachgewiesen wird. Das entsprechende Gesuch ist
innerhalb von 60 Tagen nach Ablauf der für dieses Zollverfahren festge-
setzten Frist zu stellen (Art. 49 Abs. 4 ZG).
2.3.3 Das Versand- oder Transitverfahren ermöglicht die Zollüberwachung
von Waren bei deren Beförderung von einer Zollstelle an der Grenze zu
einem Zoll(frei)lager oder einer Zollstelle im Innern des Zollgebiets sowie
die Durchführung von Waren durch das Zollgebiet in ein Drittland (REMO
ARPAGAUS, a.a.O., Rz. 760). Im Versandverfahren darf die Ware weder ge-
nutzt noch verändert, sondern nur zum Zweck der Beförderung behandelt
werden. Das Verfahren muss also sicherstellen, dass die Waren der Be-
stimmungszollstelle auch tatsächlich zugeführt werden. Dazu wird die
Ware hinsichtlich Identität durch geeignete Verschlussmassnahmen gesi-
chert, worauf die Zollverwaltung ein Versandpapier mit beschränkter Gül-
tigkeitsdauer ausstellt, innert welcher die verfahrensmässige Beförderung
der Ware durchgeführt werden muss. Die Beförderung stellt damit den ein-
zigen nach aussen sichtbaren und zulässigen Zweck dieses Zollverfahrens
dar (ARPAGAUS, a.a.O., Rz. 761). Hinsichtlich Zollabgaben sind Waren im
Transit- oder Versandverfahren grundsätzlich von Einfuhrabgaben befreit,
da sie nur zur unmittelbaren Weiterbeförderung in ein Drittland oder an eine
Zollstelle im Innern über die Zollgrenze gelangen. Damit erlangen sie wäh-
rend der Dauer des Verfahrens für die Schweiz keinerlei wirtschaftliche Be-
deutung. Gleichwohl lässt das Zollgesetz eine bedingte Zollforderung ent-
stehen, die jedoch mit der Löschung des Verfahrens wieder dahinfällt (vgl.
zum Ganzen: Urteile des BVGer A-643/2019 vom 11. September 2019
E. 2.3.1, A-5569/2018 vom 3. Juni 2019 E. 2.3.1 und A-5689/2015 vom
15. Januar 2016 E. 3.1; ARPAGAUS, a.a.O., Rz. 763).
2.3.4 Gemäss Art. 45 der Zollverordnung der EZV vom 4. April 2007 (ZV-
EZV; SR 631.013) kann ein Transitverfahren ausnahmsweise trotz bereits
abgelaufener Transitfrist noch ordnungsgemäss abgeschlossen werden.
Dies ist dann möglich, wenn ein Unfall oder höhere Gewalt den Abschluss
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Seite 8
des Transitdokuments verhindern. Über das Hindernis ist eine amtliche Be-
scheinigung vorzulegen. Die genannte Bestimmung setzt somit voraus,
dass das Transitverfahren deshalb nicht abgeschlossen werden konnte,
weil Hinderungsgründe vorlagen, auf die der Transitanmelder oder Waren-
führer keinen Einfluss hatte und welche kausal waren für den Umstand,
dass die Frist nicht eingehalten werden konnte. Von höherer Gewalt kann
indes dann nicht die Rede sein, wenn die sich darauf berufende Person
das aussergewöhnliche Ereignis oder dessen Folgen durch zumutbare
Vorkehren hätte abwenden können (vgl. BGE 88 II 283 E. 3c; Urteil des
BVGer A-643/2019 vom 11. September 2020 E. 3.1).
2.4
2.4.1 Nach Art. 3 Bst. e VwVG findet das Verwaltungsverfahrensgesetz
keine Anwendung auf das Verfahren der Zollveranlagung (vgl. statt vieler:
Urteil des BVGer A-396/2020 vom 31. März 2021 E. 1.5). Das bedeutet
auch, dass Art. 22a VwVG (Fristenstillstand) im Verfahren der Zollveranla-
gung nicht zum Zuge kommt (vgl. Urteil des BVGer A-6660/2011 vom
2. Mai 2012 E. 1.2).
2.4.2 Das Zollgesetz enthält sodann keine Bestimmungen über die Wie-
derherstellung einer Frist. Art. 24 Abs. 1 VwVG ist aufgrund von Art. 3
Bst. e VwVG nicht direkt auf das Zollveranlagungsverfahren anwendbar
(statt vieler: Urteil des BVGer A-5569/2018 vom 3. Juni 2019 E. 2.5.1),
kann aber analog angewendet werden, zumal Art. 24 VwVG dem allgemei-
nen Grundsatz des Rechts auf ein faires Verfahren entspricht (Art. 29
Abs. 1 BV; vgl. auch Art. 116 Abs. 4 ZG; Urteile des BVGer A-5569/2018
vom 3. Juni 2019 E. 2.5.1 und A-2656/2018 vom 19. Dezember 2018
E. 3.4; STEFAN VOGEL, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum
Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019,
Art. 24 Rz. 2). Demnach kann eine Frist auf Gesuch hin wiederhergestellt
werden, wenn die gesuchstellende Person (oder ihr Vertreter) unverschul-
det davon abgehalten worden ist, fristgemäss zu handeln. Hierfür muss sie
innert 30 Tagen seit Wegfall des Hindernisses ein begründetes Begehren
um Wiederherstellung einreichen und zugleich die versäumte Rechtshand-
lung nachholen (Art. 24 Abs. 1 VwVG).
3.
Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass in den beiden Transitverfahren
Nr. [2] und Nr. [3] keine fristgerechte elektronischen Ankunftsmeldung bei
der Bestimmungszollstelle erfolgt ist (vgl. Sachverhalt Bst. A.d). Im Streit
liegt, ob dies im hier zu beurteilenden Fall zwangsläufig die Überfügung
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Seite 9
der gegenständlichen Waren in den zollrechtlich freien Verkehr zur Folge
hat oder ob die Voraussetzungen erfüllt sind, um diese Konsequenz abzu-
wenden (vgl. E. 2.3.2).
3.1 Die Beschwerdeführerin bringt im Wesentlichen vor, die Vorinstanz ver-
kenne den rechtserheblichen Sachverhalt, indem sie argumentiere, das
Dokument «ordre d'annonce et de décharge d'un transit» (vgl. Sachverhalt
Bst. A.d) vermöge eine ordnungsgemässe Anmeldung der gegenständli-
chen Waren insbesondere deshalb nicht zu belegen, weil es handschriftlich
ausgefüllt worden sei. Der Vorinstanz sei nicht zu folgen, soweit sie be-
haupte, es könne nicht nachgewiesen werden, dass besagtes Dokument
tatsächlich bereits am 28. Juni 2019 und damit vor Ablauf der Transitfrist
ausgefertigt worden sei. Die Vorinstanz lasse unberücksichtigt, dass auf
dem genannten Dokument alle drei Transitverfahren (vgl. Sachverhalt A.b)
aufgeführt würden, also auch dasjenige, welches auf elektronischem Weg
unbestrittenermassen fristgerecht abgeschlossen worden sei. Diese Tatsa-
che sei als Indiz dafür zu werten, dass das genannte Dokument tatsächlich
am 28. Juni 2019 ausgefüllt worden sei. Im Weiteren sei der Firmenstempel
der Beschwerdeführerin mit deren Unterschrift angebracht worden. Sollte
dieses Dokument, wie von der Vorinstanz suggeriert werde, zu einem spä-
teren Zeitpunkt ausgefertigt worden sein, müsste von einer Urkundenfäl-
schung ausgegangen werden. Dafür gebe es jedoch keinerlei Anhalts-
punkte. Es gehe nicht an, dass die Waren – trotz unbestrittenermassen
erfolgter Ausfuhr – in den zollrechtlich freien Verkehr überführt würden, nur
weil keine elektronische Erfassung des Dokuments «ordre d'annonce et de
décharge d'un transit» stattgefunden habe und die elektronische Löschung
der gegenständlichen Transitverfahren statt am 1. Juli 2019 am 2. Juli 2019
erfolgt sei.
3.2 Wie vorangehend dargelegt, gehört zum Kern des Transitverfahrens,
dass exakt jene Waren, welche zu diesem Verfahren angemeldet werden,
ausschliesslich durch das Zollgebiet befördert werden und dieses innert
der festgesetzten Frist verlassen müssen (vgl. E. 2.3.1, E. 2.3.3). Als Nach-
weis für die rechtzeitige Ausfuhr gilt die fristgerechte ordentliche Anmel-
dung der Waren an der Bestimmungszollstelle (vgl. E. 2.3.1). Diese Anmel-
dung erfolgt üblicherweise elektronisch, wodurch sie im entsprechenden
System erfasst und das Transitverfahren abgeschlossen wird. Erfolgt
die Anmeldung der Waren – auch nur einen Tag – nach der fixierten Tran-
sitfrist, wird das Transitverfahren grundsätzlich nicht ordentlich abge-
schlossen und die Konsequenz der Überführung in den zollrechtlich
freien Verkehr tritt ein. Diese Konsequenz kann nur abgewendet werden,
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Seite 10
wenn die Voraussetzungen von Art. 49 Abs. 4 ZG (vgl. E. 2.3.2) oder Art. 45
ZV-EZV (vgl. E. 2.3.4) erfüllt werden.
3.2.1 Dass die Transitfrist im vorliegenden Fall aufgrund von Unfall bzw.
höherer Gewalt (E. 2.3.4) nicht eingehalten werden konnte, wird weder gel-
tend gemacht, noch ginge dergleichen aus den Akten hervor. Damit erüb-
rigen sich weitere Ausführungen hierzu.
3.2.2 Soweit die Beschwerdeführerin darauf hinweist, die elektronische An-
kunftsanmeldung sei nur einen Tag zu spät erfolgt, kann sie daraus nichts
zu ihren Gunsten ableiten. Die rechtzeitige Ausfuhr der Waren kann
nicht mittels einer Anmeldung belegt werden, welche nach der Transitfrist
erfolgt ist. Um wie viele Tage die Frist überschritten worden ist, spielt da-
bei keinerlei Rolle (vgl. diesbezüglich auch das Urteil des BVGer A-643/
2019 vom 11. September 2019 E. 3.3.2). Vor diesem Hintergrund braucht
vorliegend auch nicht überprüft zu werden, ob in Bezug auf die hier gegen-
ständlichen Transitverfahren (vgl. Sachverhalt Bst. B.a) tatsächlich eine
nachträgliche elektronische Anmeldung der Waren am 2. Juli 2019 erfolgt
ist.
3.2.3 Der Wortlaut von Art. 49 Abs. 3 und 4 ZG ist klar (vgl. E. 2.3.2). Damit
besteht weder Anlass noch Raum für weitergehende Auslegung (vgl.
E. 1.7.2) oder Billigkeitsüberlegungen, welche von der Beschwerdeführerin
ins Feld geführt werden. Es ist an dieser Stelle auf das Anwendungsgebot
von Art. 190 BV zu verweisen. Dieses lässt kein Raum für Verhältnismäs-
sigkeitsüberlegungen, wenn eine Norm vom Bundesgesetzgeber so ge-
wollt ist und innerhalb des diesem eröffneten Regelungsermessens liegt
(Urteil des BGer 2C_703/2009, 2C_22/2010 vom 21. September 2010
E. 4.4.2; Urteile des BVGer A-5569/2018 vom 3. Juni 2019 E. 3.4 und
A-2962/2018 vom 13. März 2019 E. 3.3.5). Dies ist hier der Fall, zumal die
Abgabenerhebung in Art. 49 Abs. 3 ZG und die Voraussetzungen für Aus-
nahmen davon in Art. 49 Abs. 4 ZG klar normiert sind (E. 2.3.2).
3.2.4 Um sich auf Art. 49 Abs. 4 ZG berufen zu können, muss der Nachweis
erbracht werden, dass exakt jene zum jeweiligen Transitverfahren ange-
meldeten Waren tatsächlich innerhalb der festgesetzten Transitfrist ausge-
führt worden sind. Das heisst, zum einen muss die Ausfuhr fristgerecht er-
folgt sein, zum anderen muss die Identität der Waren gesichert sein
(E. 2.3.1 f.). Darüber hinaus muss das entsprechende Gesuch innerhalb
von 60 Tagen nach Ablauf der für dieses Zollverfahren festgesetzten Frist
– im vorliegenden Fall der 1. Juli 2019 – gestellt werden (E. 2.3.2).
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Seite 11
Im hier zu beurteilenden Fall hat die Beschwerdeführerin die in Art. 49
Abs. 4 ZG festgehaltene 60 tägige Frist ab Ende der Transitfrist nicht ein-
gehalten. Die Transitfrist endete am 1. Juli 2019 (vgl. Sachverhalt Bst. A.a)
und die Beschwerdeführerin ist erst am 20. September 2019 – im Zuge der
Beschwerde gegen die Veranlagungsverfügungen (vgl. Sachverhalt
Bst. A.d) – tätig geworden. Da die hier relevante Frist von 60 Tagen
ab Ende der Transitfrist in die Zeit vor Erlass der Veranlagungsverfügung
vom 19. September 2019 fällt und somit zum Veranlagungsverfahren
gehört, kommt die Bestimmung über den Fristenstilltand nicht zur Anwen-
dung (E. 2.4.1). Bereits aus diesem Grund dringt die Beschwerdeführe-
rin mit ihrer Rüge, der nachträgliche Abschluss der Transitverfahren Nr. [2]
und Nr. [3] sei zu Unrecht nicht gewährt worden, nicht durch und ist die
Beschwerde abzuweisen. Es kann an dieser Stelle darauf hingewiesen
werden, dass selbst bei Einhaltung der Frist fraglich erscheint ob das Do-
kument «ordre d'annonce et de décharge d'un transit» geeignet gewesen
wäre, den nötigen Ausfuhr- und Warenidentitätsnachweis zu erbringen (vgl.
E. 2.3.2). Dabei handelt es sich offenbar um ein betriebsinternes Hilfsdo-
kument der Beschwerdeführerin. Dass dieses Dokument der Bestim-
mungszollstelle anlässlich der behaupteten fristgerechten Ausfuhr der
Ware physisch vorgelegt und von dieser visiert worden wäre, wurde weder
geltend gemacht noch ginge dergleichen aus den Akten hervor. Das im
Formular angegebene Datum, belegt jedenfalls nicht, dass die Ware auch
an jenem Tag tatsächlich ausgeführt wurde. Wie es sich damit genau ver-
hält, braucht allerdings unter den gegebenen Umständen aufgrund der
Fristsäumnis nicht abschliessend geklärt zu werden.
3.2.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin im
vorliegenden Fall die Gesuchsfrist für den nachträglichen Nachweis, dass
die gegenständliche Ware tatsächlich innerhalb der festgesetzten Transit-
frist ausgeführt worden ist, versäumt hat. Damit ist die angefochtene Ver-
fügung nicht zu beanstanden und die Beschwerde entsprechend abzuwei-
sen.
4.
4.1 Ausgangsgemäss sind die Verfahrenskosten, die auf Fr. 6'000.-- fest-
zusetzen sind, der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG
i.V.m. Art. 4 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]). Der einbezahlte Kostenvorschuss in derselben Höhe ist
zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden.
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4.2 Der Beschwerdeführerin ist keine Parteientschädigung zuzusprechen
(vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG bzw. Art. 7 Abs. 1 VGKE e contrario).
Das Dispositiv befindet sich auf der folgenden Seite.
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