Decision ID: df92e4a1-15a3-4e40-8296-e809fbe045f0
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Am 14. April 2020 erhob die Staatsanwaltschaft Baden gegen den
Beschuldigten folgende Anklage (bezirksgerichtliche Akten [GA] 1 ff.):
1. Versuchte vorsätzliche Tötung
Eventualiter Gefährdung des Lebens und vorsätzliche einfache
Körperverletzung
Der Beschuldigte hat eventualvorsätzlich versucht, einen Menschen zu töten.
Eventualiter hat der Beschuldigte einen Menschen in skrupelloser Weise in unmittelbare
Lebensgefahr gebracht und vorsätzlich einen Menschen an Körper oder an der Gesundheit
geschädigt.
Die Privatklägerin, B., war Anfang Januar 2020 seit ca. einem Jahr mit dem Beschuldigten
befreundet. Deshalb hielt sich der drogenabhängige Beschuldigte gelegentlich bei der
Privatklägerin in ihrer 1 1/2 Zimmerwohnung in C. (AG), auf, wohnte aber nicht bei ihr.
In der Nacht vom 03.01.2020 zum 04.01.2020 kam es zwischen der Privatklägerin und dem
Beschuldigten in der Wohnung der Privatklägerin zum vorerst verbalen Streit. Der
Beschuldigte wurde laut und schrie herum, worauf die Privatklägerin ihr Mobiltelefon zur
Hand nahm und dem Beschuldigten mitteilte, die Polizei anzurufen, da der Beschuldigte
der Bitte der Privatklägerin, mit dem Herumschreien aufzuhören, nicht nachkam.
Die Privatklägerin ging schliesslich in Richtung Eingangstüre und wollte die Wohnung
verlassen. Daraufhin packte der Beschuldigte die Privatklägerin am Oberarm und hinderte
sie daran, aus der Wohnung zu gehen. Er schubste sie im Eingangsbereich, worauf die
Privatklägerin zu Boden fiel und dabei mit ihrem Hinterkopf gegen die Eingangstüre prallte.
Der Beschuldigte behändigte den in der Wohnungstüre steckenden Schlüssel und schloss
die Wohnungstüre ab, wobei er den Schlüssel an sich nahm. Ebenso riss er entweder
vorher oder nachher der Privatklägerin das Mobiltelefon aus der Hand, damit sie die Polizei
nicht verständigen konnte.
Als die Privatklägerin daraufhin "Hilfe Polizei" schrie, hielt der Beschuldigte ihr den Mund
mit einer Hand zu, worauf die Privatklägerin in Richtung Balkon gehen wollte, um dort um
Hilfe zu schreien. Doch der Beschuldigte schubste die Privatklägerin von der Türe weg und
schloss die Balkontüre. Er riss die Privatklägerin an den Haaren, packte sie, nahm sie in
den Schwitzkasten und drückte zu. Die Privatklägerin ging zu Boden und der Beschuldigte
drückte ihren Kopf mit seinen Beinen zusammen. Er hielt ihr mit seinen Händen den Mund
zu, damit sie nicht weiter schreien konnte, was der Privatklägerin Schmerzen am Kiefer
verursachte. Die Privatklägerin versuchte sich gegen den Beschuldigten zu wehren, war
ihm körperlich jedoch unterlegen. Der Beschuldigte packte die Privatklägerin erneut und
drückte ihr den Mund zu.
- 3 -
Die Auseinandersetzung ging daraufhin auf dem Bett der Privatklägerin weiter. Als sie mit
dem Rücken auf dem Bett lag, setzte sich der Beschuldigte auf die Brust der Privatklägerin,
seine Beine links und rechts neben ihrem Oberkörper positioniert. Die Privatklägerin konnte
bereits so kaum noch atmen. Der Beschuldigte blockierte mit seinen Beinen schliesslich
die Arme und Hände der Privatklägerin und drückte sie mit seinem Gewicht aufs Bett. Die
Privatklägerin versuchte sich mit aller Kraft zu wehren und strampelte mit den Beinen,
konnte aber ihre Arme nicht befreien. Die Privatklägerin gab dem Beschuldigten mehrmals
zu verstehen, dass sie nicht mehr schreien werde und er sie atmen lassen soll, da er mit
seinem Körpergewicht auf ihre Brustimplantate und ihren Brustkorb drückte. Statt von ihr
abzulassen, hielt der Beschuldigte der Privatklägerin mit der Hand den Mund zu, drückte
abwechslungsweise mit einer Hand und dann mit beiden Händen gegen den Hals der
Privatklägerin und würgte sie. Dadurch bekam die Privatklägerin keine Luft mehr und es
wurde ihr in diesem Moment "schwarz vor Augen". Die Privatklägerin konnte sich
schliesslich mit dem Gesicht abdrehen und begann erneut zu schreien.
Weil die Privatklägerin erneut zu schreien begann, drückte der Beschuldigte wiederum
ihren Mund zu, wobei die Privatklägerin inzwischen auf dem Bauch lag und der
Beschuldigte rücklings auf ihr sass. Der Beschuldigte umklammerte die Privatklägerin mit
einem Arm am Hals, zog den Arm nach hinten und würgte die Privatklägerin erneut. Dabei
hielt er mit einer Hand die ganze Zeit ihren Mund zu.
Die Privatklägerin lag letztlich kauernd auf dem Fussboden, wobei sie sich nicht daran
erinnern konnte, wie sie dorthin gelangte. Die Privatklägerin stellte in dieser Position fest,
dass sie aus dem Mund blutete, worauf sie den Beschuldigten mit den Worten "Bitte, bitte
ich blute, lass mich atmen, ich schreie nicht" anflehte. Der Beschuldigte liess daraufhin von
der Privatklägerin ab und sagte zu ihr: "Du wirst sehen." Danach verliess er die Wohnung,
worauf die Privatklägerin die Polizei alarmierte.
Der Beschuldigte würgte die Privatklägerin, als er im Bett bäuchlings auf ihr sass, aggressiv
und mit voller Kraft. Er drückte stark zu, bei einer Skala 1 – 10, mit "10". Die Würgegriffe
von hinten waren weniger stark mit einer Intensität zwischen 7 und 8. Sie bekundete aber
auch dort sehr starke Atemprobleme. Die Kombination aus Druck auf ihrer Brust, von
Würgen und von Mund zuhalten verursachten bei der Privatklägerin Atemnot. Auch als sich
die Privatklägerin zwischendurch wenige Sekunden gar nicht mehr wehrte, würgte der
Beschuldigte sie weiter und hielt ihr den Mund zu.
Während der körperlichen Attacke auf die Privatklägerin wiederholte der Beschuldigte
mehrfach in aggressivem Ton die Worte "Ruhe, fressen (im Sinne von Schweigen), nicht
schreien". Der ganze Vorfall dauerte zwischen 10 und 15 Minuten.
Gemäss Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin, Kantonsspital Aarau, vom 10.01.2020
ergaben sich am 04.01.2020 folgende Befunde, die sich dem von der Privatklägerin
geschilderten Ereignis zuordnen lassen:
 Schwellungen und Rötungen im Gesicht und am Rücken rechts
 oberflächliche Kratzdefekte wie durch Fingernägel um den Mund, über dem rechten
Schulterblatt sowie am Ansatz des rechten Daumens
- 4 -
 Einblutungen am gesamten Hals, im Bereich beider Brüste, über dem linken
Schulterblatt, am rechten und linken Oberarm
 Stauungsblutungen am linken Augenoberlid
Die am Hals dokumentierten Einblutungen sind laut IRM Folge stumpfer Gewalt und lassen
sich plausibel durch eine Einwirkung von Fingern bzw. Fingernägeln erklären und damit als
Würgemale interpretieren. Bei der rechtsmedizinischen Untersuchung zeigten sich
Punktblutungen am linken Augenoberlid, bei denen es sich im Hinblick auf die Angabe der
Betroffenen, wonach sie von ihrem Partner mit zwei Händen von vorne gewürgt und ihr der
Mund zugehalten worden sei, bis sie keine Luft mehr bekommen habe, zwanglos um die
Folgen eines Blutrückstaus infolge Kompression des Halses handelt bzw. welche sich
durch eine Druckerhöhung im Brustkorb bei verstärkter Atemtätigkeit gegen den erhöhten
Atemwiderstand infolge der verschlossenen Atemöffnungen und bei gleichzeitigen Sitzen
auf dem Brustkorb erklären lassen. Neben diesen objektiven Erstickungsbefunden können
aufgrund der subjektiven Angabe, wonach die Privatklägerin kurz bewusstlos geworden sei
zentral-nervöse Ausfallserscheinungen bzw. eine Bewusstlosigkeit infolge
Sauerstoffmangels nachvollzogen werden, weshalb aus rechtsmedizinischer Sicht das
Vorliegen einer konkreten Lebensgefahr zu bejahen ist.
Gemäss ärztlichem Bericht des Kantonsspitals Baden vom 04.01.2020 erlitt die
Privatklägerin ein Würgetrauma, Barotrauma rechts Grad I nach Teed, ein leichtes
Schädelhirntrauma, Oberarmkontusionen beidseits und Kiefergelenkschmerzen beidseits.
Die Privatklägerin leidet nach wie vor an körperlichen Folgen der Gewalteinwirkungen,
indem sie im Bereich der Wangen, wo ihr aus plastisch-ästhetischen Gründen Implantate
eingesetzt wurden, Schmerzen hat.
Der Beschuldigte wollte mit dem Würgen, in den Schwitzkasten nehmen und dem Mund
Zuhalten die Privatklägerin zum Schweigen bringen und sie auch daran hindern, um Hilfe
zu rufen. Der Beschuldigte wusste dabei, dass die Geschädigte aufgrund ihrer
Nasenoperation Mühe hatte, durch die Nase frei atmen zu können. Der Beschuldigte
würgte die Privatklägerin massiv und wiederholt äusserst gewaltsam, hielt ihr mehrfach den
Mund zu, bis sie keine Luft mehr bekam und setzte sich auf die Brust der Privatklägerin, so
dass sie in ihrer Atmung stark eingeschränkt wurde. Dabei hielt es der Beschuldigte für
möglich und nahm in Kauf, dass es zu einem lebensgefährlichen Ausfall der Blut- und
Sauerstoffversorgung des Gehirns der Privatklägerin einschliesslich möglicher Todesfolge
kommen konnte.
Eventualiter brachte der Beschuldigte die Privatklägerin bewusst in eine konkrete
unmittelbare Gefahr für ihr Leben. Wissentlich und willentlich und in gewissenloser und
skrupelloser Weise hielt der Beschuldigte der Privatklägerin wie oben dargelegt den Mund
zu, würgte sie und setzte sich auf ihren Brustkorb. Dabei hielt es der Beschuldigte für
möglich und nahm zumindest in Kauf, dass es zu einem lebensgefährlichen Ausfall der
Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns der Privatklägerin. Der Beschuldigte vertraute
aber darauf, dass sich die Gefahr nicht realisieren würde.
Eventualiter fügte der Beschuldigte der Geschädigten mit dem gewalttätigen
Attackieren der Geschädigten wissentlich und willentlich die oben beschriebenen
- 5 -
Verletzungen zu, zumindest hielt er es für möglich und rechnete damit, dass er die
Privatklägerin auf diese Weise verletzen konnte.
Weiterer Tatbestand: Mehrfache Nötigung
2. Mehrfache Nötigung
Der Beschuldigte hat jemanden mehrfach durch Gewalt oder Androhung ernstlicher
Nachteile oder durch andere Beschränkung seiner Handlungsfähigkeit genötigt, etwas zu
unterlassen.
Sachverhalt siehe Ziff. 1.
Der Beschuldigte handelte wissentlich und willentlich, zumindest hielt es für
möglich und rechnete damit, dass er mit dem Abschliessen der Wohnungstüre und
Abziehen des Schlüssels der Privatklägerin das Verlassen der Wohnung
verunmöglichte und mit seinem gewaltsamen Vorgehen die Privatklägerin daran
hinderte, den Balkon zu betreten, um Hilfe zu holen. Weiter hielt er es für möglich
und nahm in Kauf, dass die Privatklägerin durch die Wegnahme des Mobiltelefons
die Polizei nicht alarmieren konnte. Zudem hinderte er die Privatklägerin mit dem
Würgen, in den Schwitzkasten nehmen und Zudrücken des Mundes und mit dem
Worten "Ruhe, fressen, Schweigen" wissentlich und willentlich daran, Hilfe zu
holen.
3. Mehrfache Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes
Der Beschuldigte hat mehrfach unbefugt vorsätzlich Betäubungsmittel konsumiert.
Der Beschuldigte konsumierte mehrfach wissentlich und willentlich von August
2019 bis zum 21.01.2020 an unbekannten Orten in der Schweiz eine unbekannte
Menge Kokain.
2.
Das Bezirksgericht Baden sprach den Beschuldigten mit Urteil vom 18. Mai
2021 der versuchten Tötung, der mehrfachen Nötigung und der
mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes schuldig und
verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren (wovon 56 Tage durch
Untersuchungshaft erstanden), einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu
Fr. 30.00 sowie einer Busse von Fr. 100.00 (Ersatzfreiheitsstrafe von
4 Tagen bei Nichtbezahlung). Es ordnete eine ambulante therapeutische
Massnahme an, ohne die unbedingt ausgesprochene Freiheitsstrafe
aufzuschieben. Der Privatklägerin wurde eine Genugtuung von Fr. 500.00
zugesprochen und ihre geltend gemachten Schadenersatzansprüche auf
den Zivilweg verwiesen. Dem Beschuldigten wurden die Verfahrenskosten
von Fr. 13'322.70 auferlegt. Der amtlichen Verteidigerin wurde eine
Entschädigung aus der Gerichtskasse von Fr. 12'093.05 zugesprochen,
wobei der Beschuldigte diese zurückzubezahlen habe, sobald es seine
wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben.
- 6 -
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 17. Dezember 2021 verlangte der
Beschuldigte einen Freispruch vom Vorwurf der versuchten Tötung bzw.
Gefährdung des Lebens. Er sei der einfachen Körperverletzung und der
Freiheitsberaubung schuldig zu sprechen und unter Anrechnung der
Untersuchungshaft zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à
Fr. 30.00 zu verurteilen. Die vorinstanzlichen Verfahrenskosten, die
vorinstanzliche Entschädigung der amtlichen Verteidigung, die weiteren
Verfahrenskosten und die Kosten für das Berufungsverfahren seien auf die
Staatskasse zu nehmen.
3.2.
Mit Eingabe vom 22. Dezember 2021 erklärte die Staatsanwaltschaft die
Anschlussberufung beschränkt auf die Strafzumessung und verlangte
unter Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungshaft die
Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von 4 3⁄4 Jahren und zu einer Busse
von Fr. 100.00 (Ersatzfreiheitsstrafe 4 Tage).
3.3.
Die Staatsanwaltschaft reichte am 18. Februar 2022 vorgängig zur
Berufungsverhandlung eine schriftliche Begründung ihrer Anträge ein.
3.4.
Die Berufungsverhandlung fand am 24. Juni 2022 statt.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Nach Art. 404 StPO überprüft das Berufungsgericht das erstinstanzliche
Urteil nur in den angefochtenen Punkten (Abs. 1). Es kann zugunsten der
beschuldigten Person auch nicht angefochtene Punkte überprüfen, um
gesetzwidrige oder unbillige Entscheidungen zu verhindern (Abs. 2).
1.2.
Der Beschuldigte hat das vorinstanzliche Urteil vollumfänglich angefochten
(Berufungserklärung). Zudem hat die Staatsanwaltschaft hinsichtlich der
Strafzumessung Anschlussberufung erklärt.
2.
2.1.
Der Beschuldigte fordert mit seiner Berufung einen Freispruch vom Vorwurf
der versuchten Tötung und der Gefährdung des Lebens.
- 7 -
2.2.
2.2.1.
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, ohne dass eine der besonderen
Voraussetzungen der Art. 112 ff. StGB zutrifft, wird gemäss Art. 111
StGB mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.
2.2.2.
Ein Versuch liegt vor, wenn der Täter, nachdem er mit der Ausführung eines
Verbrechens oder Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht
zu Ende führt oder der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt
oder dieser nicht eintreten kann (Art. 22 Abs. 1 StGB). Beim Versuch erfüllt
der Täter sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale und manifestiert
seine Tatentschlossenheit, ohne dass alle objektiven Tatbestands-
merkmale verwirklicht sind (BGE 140 IV 150 E. 3.4; BGE 137 IV 113 E.
1.4.2; je mit Hinweisen).
2.2.3.
Vorsätzlich begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Tat mit Wissen
und Willen ausführt (Art. 12 Abs. 2 Satz 1 StGB). Vorsätzlich handelt
bereits, wer die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält, aber dennoch
handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf nimmt bzw.
sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (sog.
Eventualvorsatz; Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB; vgl. BGE 147 IV 139 E. 7.3.1
mit Hinweisen). Ob der Täter die Tatbestandsverwirklichung in diesem
Sinne in Kauf genommen hat, muss das Gericht bei Fehlen eines
Geständnisses des Beschuldigten aufgrund der Umstände entscheiden.
Dazu gehören die Grösse des dem Täter bekannten Risikos der
Tatbestandsverwirklichung, die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die
Beweggründe des Täters und die Art der Tathandlung. Je grösser die
Wahrscheinlichkeit der Tatbestandsverwirklichung ist und je schwerer die
Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto eher darf gefolgert werden, der Täter
habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen. Das Gericht darf
vom Wissen des Täters auf den Willen schliessen, wenn sich dem Täter
der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die
Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als
Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann (zum Ganzen: BGE 147
IV 139 E. 7.3.1 mit Hinweisen). Eventualvorsatz kann indessen auch
vorliegen, wenn der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs nicht in
diesem Sinne sehr wahrscheinlich, sondern bloss möglich war. Doch darf
nicht allein aus dem Wissen des Täters um die Möglichkeit des
Erfolgseintritts auf dessen Inkaufnahme geschlossen werden. Vielmehr
müssen weitere Umstände hinzukommen. Solche Umstände liegen
namentlich vor, wenn der Täter das ihm bekannte Risiko in keiner Weise
kalkulieren und dosieren kann und der Geschädigte keinerlei
Abwehrchancen hat (BGE 133 IV 1 E. 4.5; BGE 131 IV 1 E. 2.2). Bleibt es
dem Zufall überlassen, ob die Gefahr sich verwirklicht oder nicht, liegt – in
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- 8 -
Abgrenzung zum Tatbestand der Gefährdung des Lebens – (versuchte)
eventualvorsätzliche Tötung vor (Urteil des Bundesgerichts 6B_915/2021
vom 26. Januar 2022 E. 3.2.3 mit Hinweisen).
2.3.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraus-
setzungen der angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für den
Beschuldigten günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO). Bloss
abstrakte und theoretische Zweifel sind nicht massgebend, weil solche
immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann.
Nicht verlangt wird indes, dass bei sich widersprechenden Beweismitteln
unbesehen auf den für den Angeklagten günstigeren Beweis abzustellen
ist (BGE 144 IV 345 E. 2.2.1).
2.4.
2.4.1.
In sachverhaltlicher Hinsicht ist aufgrund des Geständnisses des
Beschuldigten unbestritten, dass er in der Nacht vom 3. auf den 4. Januar
2020 Streit mit B. hatte (GA 139 ff.), er diese auf das Bett zerrte, auf ihren
Brustkorb sass, deren Hände/Arme unter seine Knie nahm und ihr den
Mund zuhielt, damit sie nicht schreie (GA 141). Er räumte auch ein, er habe
damit aufgehört, als er gemerkt habe, dass B. nicht mehr so gut atmen
konnte und Blut aus ihrem Mund gekommen sei (GA 143). Der
Beschuldigte bestreitet jedoch, dass er B. gewürgt und in den
Schwitzkasten genommen habe (GA 142-144). B. hat am 22. Juni 2022 ein
von ihr unterzeichnetes Schreiben eingereicht. In diesem führt sie aus, der
Beschuldigte habe sie nicht gewürgt. Sie sei in den bisherigen
Einvernahmen aufgrund unzureichender Deutschkenntnisse falsch
verstanden worden.
2.4.2.
Das Obergericht hat aufgrund der Aussagen von B. und der
rechtsmedizinischen Untersuchung des Kantonsspitals Aarau vom
4. Januar 2020 (Gutachten vom 10. Januar 2020) keine Zweifel daran,
dass der Beschuldigte B. bei diesem Streit auch würgte. Dies selbst, wenn
die Aussage von B. vom 4. Januar 2020 als nicht verwertbar ausser Acht
gelassen wird. Bei der Einvernahme vom 4. August 2020 zeigte B. durch
ihre Gestik anschaulich, dass der Beschuldigte – auch wenn sie das nicht
weiter beschreiben konnte – sie im Halsbereich anpackte (UA 332). Diese
Angaben bestätigte sie auch anlässlich der Verhandlung vom 18. Mai 2021
vor Bezirksgericht, indem sie erneut angab, der Beschuldigte habe sie «hier
und hier» angefasst und sich dabei an den Hals fasste (GA 106). Auch
anlässlich der Berufungsverhandlung vom 24. Juni 2022 zeigte B. anhand
einer Gestik, dass der Beschuldigte sie im Mund-, Hals- und
- 9 -
Oberkörperbereich angegangen ist (Protokoll der Berufungsverhandlung
vom 24. Juni 2022, S. 4). Es gibt keinen Anlass, an diesen Aussagen von
B. zu zweifeln. Sie hat den gesamten Vorfall in ihren Einvernahmen
einleuchtend und abgesehen von der Gewalt gegen den Hals auch in
Übereinstimmung zu den Angaben des Beschuldigten geschildert. Ein
Belastungseifer ist in keiner Art und Weise auszumachen. Sie räumte auch
ein, wenn sie etwas nicht mehr genau wusste oder beschreiben konnte.
Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 24. Juni 2022 konnte sich das
Obergericht zudem von den ausreichenden Deutschkenntnissen von B.
überzeugen. Ihre Angaben werden auch durch das medizinische
Gutachten vom 10. Januar 2020 (UA 426 ff.) untermauert, in dessen
Rahmen eine eigene Anamnese erhoben wurde (UA 433). Es wurden
Einblutungen im gesamten Halsbereich und Stauungsblutungen am linken
Augenoberlid festgestellt (UA 429, 439 [Abbildung 5-13]), welche die
Folgen stumpfer Gewalt seien und sich plausibel als Würgemale
interpretieren liessen (UA 429). Gemäss der Aussage des
Sachverständigen am 18. Mai 2021 lasse sich ein stattgefundenes Würgen
und Zeichen einer relevanten Sauerstoffmangelversorgung objektivieren
(GA 125). Die Verletzungen seien frisch gewesen (GA 126). Aufgrund des
Ausmasses der Verletzungen und der Stauungsblutung sei belegt, dass
eine anhaltende Kompression am Hals erfolgt sei. In dieser Kombination
sei es typisch und ausnahmslos, dass das Würgen sich ereignet habe (GA
126). Der Sachverständige schloss eine andere Ursache, etwa von
früheren Operationen (GA 126) oder durch Selbstverletzung (GA 127) aus.
Für das Obergericht ist damit erstellt, dass von einer Dritteinwirkung
ausgegangen werden muss, wobei diese gemäss den glaubhaften
Aussagen von B. durch den Beschuldigten erfolgte. Aus diesen Gründen
ist auch der anlässlich der Berufungsverhandlung gestellte Beweisantrag
des Beschuldigten auf eine aussagepsychologische Begutachtung von B.
abzuweisen (Art. 139 Abs. 2 StPO).
2.5.
Der Beschuldigte hat mit seinem Verhalten den Tod von B. in Kauf
genommen. Wie er bei der vorinstanzlichen Verhandlung einräumte,
wusste er, dass ein Würgen bzw. Drücken auf den Hals tödlich sein kann
(GA 142). Nachdem der Beschuldigte auf ihrem Brustkorb sass und ihre
Hände unter seinen Knien fixierte (UA 328 f., vgl. E. 3.3.1 hiervor), hatte B.
praktisch keine Chance, sich zu befreien. Diese stimmt mit der Aussage
des Beschuldigten überein, wonach er B. (erst) losgelassen habe, als diese
nicht mehr geschrien bzw. aus dem Mund geblutet habe (UA 363 Ziff. 95,
UA 364 Ziff. 98). Mithin konnte sich diese nicht selbst befreien. B. konnte
sich gegen das Würgen durch den Beschuldigten nicht wirksam wehren.
Gemäss dem Sachverständigen habe zudem angesichts der festgestellten
Punktblutung hinsichtlich des Todeseintritts fast nichts gefehlt. Wie viel es
noch leiden möge, sei für den Täter grundsätzlich nicht steuerbar. Es hätten
ein oder zwei Sekunden ausreichen können (GA 128). Es ist deshalb zu
- 10 -
schliessen, dass der Eintritt des Todes von B. dem Zufall überlassen war.
Der Beschuldigte hat damit den Tatbestand der versuchten
eventualvorsätzlichen Tötung erfüllt.
3.
Die Vorinstanz (S. 30 ff.) verurteilte den Beschuldigten bezüglich des
angeklagten zweiten Sachverhalts wegen mehrfacher Nötigung. Der
Beschuldigte beantragt, er sei wegen Freiheitsberaubung zu verurteilen
(Berufungserklärung S. 2 Ziff. 3). Er rügt somit die rechtliche Würdigung
(vgl. auch GA 91 f.).
3.1.
3.1.1.
Eine Nötigung gemäss Art. 181 StGB begeht, wer jemanden durch Gewalt
oder Androhung ernstlicher Nachteile oder durch andere Beschränkung
seiner Handlungsfreiheit nötigt, etwas zu tun, zu unterlassen oder zu
dulden. Schutzobjekt von Art. 181 StGB ist die Freiheit der Willensbildung
und Willensbetätigung des Einzelnen (BGE 141 IV 437 E. 3.2.1). Bei der
Androhung ernstlicher Nachteile stellt der Täter dem Opfer ein Übel in
Aussicht, dessen Eintritt er als von seinem Willen abhängig erscheinen
lässt. Ernstlich sind Nachteile, wenn ihre Androhung nach einem objektiven
Massstab geeignet ist, auch eine besonnene Person in der Lage des
Betroffenen gefügig zu machen und so seine Freiheit der Willensbildung
oder Willensbetätigung zu beschränken (Urteil des Bundesgerichts
6B_415/2021 vom 11. Oktober 2021 E. 5.3.1 mit Hinweisen).
3.1.2.
Mehrere Einzelhandlungen sind rechtlich als Einheit anzusehen, wenn eine
natürliche oder tatbestandliche Handlungseinheit vorliegt. Nebst den hier
nicht zu erörternden Fällen tatbestandlicher Handlungseinheiten (vgl. BGE
132 IV 49 E. 3.1.1.3; BGE 131 IV 83 E. 2.4.5 S. 93) können mehrere
Einzelhandlungen zu einer natürlichen Handlungseinheit zusammen-
gefasst werden, wenn sie auf einem einheitlichen Willensakt beruhen und
wegen des engen räumlichen und zeitlichen Zusammenhangs bei
objektiver Betrachtung noch als einheitliches Geschehen erscheinen. Dazu
zählen namentlich Fälle der iterativen Tatbestandsverwirklichung (z.B. eine
«Tracht Prügel») oder der sukzessiven Tatbegehung (z.B. Besprayen einer
Mauer mit Graffiti in mehreren aufeinanderfolgenden Nächten). Eine
natürliche Handlungseinheit fällt jedoch ausser Betracht, wenn zwischen
den einzelnen Handlungen – selbst wenn diese aufeinander bezogen sind
– ein längerer Zeitraum liegt (BGE 133 IV 256 E. 4.5.3; BGE 131 IV 83 E.
2.4.5 S. 94; zum Ganzen: Urteil des Bundesgerichts 6B_783/2018 vom 6.
März 2019 E. 1.5; je mit Hinweisen).
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_415%2F2021&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-IV-437%3Ade&number_of_ranks=0#page437 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2018&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=%22133+iv+256+e.+4.5.3%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F132-IV-49%3Ade&number_of_ranks=0#page49 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2018&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=%22133+iv+256+e.+4.5.3%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F132-IV-49%3Ade&number_of_ranks=0#page49 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2018&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=%22133+iv+256+e.+4.5.3%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-IV-83%3Ade&number_of_ranks=0#page83 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2018&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=%22133+iv+256+e.+4.5.3%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-IV-256%3Ade&number_of_ranks=0#page256 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=01.01.2018&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=%22133+iv+256+e.+4.5.3%22&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F131-IV-83%3Ade&number_of_ranks=0#page83
- 11 -
3.2.
Aufgrund des glaubhaften Geständnisses des Beschuldigten ist in
sachverhaltlicher Hinsicht unbestritten, dass dieser in der Nacht vom 3. auf
den 4. Januar 2020 B. den Mund zugehalten hat, damit diese nicht schreit
(UA 356 Ziff. 32; UA 358 Ziff. 51-52; UA 384 Ziff. 48), sie daran hinderte,
den Balkon zu betreten, da diese «wegen nichts» um Hilfe geschrien habe
(UA 359 Ziff. 61-62; UA 363 Ziff. 92) und sie daran hinderte, die Polizei zu
alarmieren, indem er ihr Mobiltelefon in seine Tasche steckte (UA 359 Ziff.
63; UA 362 Ziff. 91; UA 390 Ziff. 103). Weiter räumte der Beschuldigte auch
ein, B. am Verlassen der Wohnung gehindert zu haben, indem er die
Wohnungstür abgeschlossen, den Schlüssel abgezogen und in seine
Hosentasche gesteckt habe (UA 390 Ziff. 101-102). Der Beschuldigte gab
an, er habe wegen der Nachbarn Lärm und das Rufen der Polizei
vermeiden wollen, da er wegen einer Busse ausgeschrieben gewesen sei
(UA 384 Ziff. 43 f.). An der vorinstanzlichen Hauptverhandlung bestätigte
der Beschuldigte nochmals, die Balkontüre zugemacht sowie die
Wohnungstür abgeschlossen zu haben (GA 140). Auch sagte der
Beschuldigte dabei aus, dass er, bevor er die Wohnung verlassen habe, B.
das Mobiltelefon zurückgegeben habe und dass der Wohnungsschlüssel
alsdann noch bei ihm gewesen sei (GA 145). Er räumte ein, dass er wegen
der offenen Busse nicht wollte, dass die Polizei kommt (GA 140).
3.3.
3.3.1.
Wie die Vorinstanz (S. 33 E. 2.3.1) zutreffend aufgezeigt hat, hat der
Beschuldigte damit den Tatbestand der Nötigung erfüllt. Als Nötigungs-
mittel setzte er Gewalt und andere Beschränkungen der Handlungsfreiheit
ein. Namentlich hat er B. den Mund zugehalten, die Türe abgeschlossen
und den Schlüssel in seine Hosentasche gesteckt und B. das Handy
weggenommen. Er hat damit die Willensfreiheit von B. beeinträchtigt und
verhindert, dass diese die Nachbarn auf sich aufmerksam machen und die
Polizei alarmieren konnte. Der Beschuldigte handelte vorsätzlich: Er
wusste und wollte B. an diesen Handlungen hindern. Dies, weil er nicht
wollte, dass die Polizei kommt, da er ausgeschrieben gewesen sei (UA 384
Ziff. 45).
3.3.2.
Die Vorinstanz (S. 33 f. E. 2.3.2) ging von einer mehrfachen Nötigung aus
mit der Begründung, die verschiedenen Nötigungshandlungen seien nicht
von ein und demselben Willen getragen gewesen. Dem kann nicht gefolgt
werden. Denn es ist aufgrund der Aussagen nicht erstellt, dass der
Beschuldigte die Türe abschloss und den Schlüssel einsteckte, um B.
daran zu hindern, sich dem Streit zu entziehen. Der Beschuldigte gab
vielmehr von Anfang an über sein Motiv glaubhaft Auskunft und nannte
durchgehend, dass er wegen der offenen Busse verhindern wollte, dass die
Nachbarn gestört werden und die Polizei kommt (UA 357 Ziff. 34; UA 359,
- 12 -
UA 384; UA 390). Dies bestätigte er auch bei der vorinstanzlichen
Verhandlung als Beweggrund für das Einstecken des Schlüssels (GA 140).
Der Beschuldigte verfolgte somit mit all seinen Handlungen (Wohnung
abschliessen, Handy wegnehmen, Mund zu halten), dass B. nicht auf sich
aufmerksam machen konnte. Ferner erfolgten die verschiedenen
Nötigungshandlungen im Rahmen eines einzigen, in zeitlicher Hinsicht
überschaubaren Streites, das heisst in engem räumlichem und zeitlichem
Zusammenhang. Es liegt deshalb eine Handlungseinheit vor.
3.3.3.
Die Nötigung wird von der eventualvorsätzlichen Tötung nicht konsumiert.
Denn das Verschliessen der Türe und die Wegnahme des Handys um die
Alarmierung der Polizei zu verhindern und das Würgen im weiteren Verlauf
des Streits gehen nicht auf einen einzigen Willensentschluss zurück. Der
Beschuldigte handelte hinsichtlich der Nötigung direktvorsätzlich,
wohingegen bei der versuchten vorsätzlichen Tötung nur Eventualvorsatz
gegeben war. Es gibt zudem auch keinen Anhaltspunkt, dass der
Beschuldigte bereits zu Beginn des Streites und im Zeitpunkt der ersten
Nötigungshandlungen schon bereit war, den Tod von B. in Kauf zu nehmen.
Dazu kam es erst im weiteren Verlauf mit zunehmender Eskalation des
Streits. Das Verschliessen der Türe und die Wegnahme des Handys
erscheinen somit nicht als Begleiterscheinung der versuchten
eventualvorsätzlichen Tötung.
3.3.4.
Der Beschuldigte ist betreffend den angeklagten Sachverhalt 2 der
Auffassung, er sei wegen Freiheitsberaubung zu verurteilen. Zunächst ist
darauf hinzuweisen, dass der Beschuldigte an dieser Qualifizierung kein
Interesse haben kann. Denn bei einer (allenfalls auch zusätzlichen)
Verurteilung wegen Freiheitsberaubung droht eine strengere Bestrafung,
wird doch die Freiheitsberaubung mit einer Geldstrafe oder einer
Freiheitsstrafe von bis zu 5 Jahren (Art. 183 Ziff. 1 StGB) geahndet,
wohingegen bei einer Nötigung (lediglich) eine Geldstrafe oder
Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren (Art. 181 StGB) droht. Zudem kommt hier
eine Verurteilung wegen Freiheitsberaubung nicht in Frage, da in der
Anklage nicht aufgezeigt wird, dass die Freiheitsberaubung von einer
gewissen Erheblichkeit war (vgl. Urteil des Bundesgerichts 140/2021 vom
24. Februar 2022 E. 3.3 mit Hinweisen; zum Anklagegrundsatz: statt vieler
Urteil des Bundesgerichts 6B_27/2020 vom 20. April 2020 E. 2.3.3).
4.
4.1.
Wer unbefugt Betäubungsmittel vorsätzlich konsumiert oder wer zum
eigenen Konsum eine Widerhandlung im Sinne von Art. 19 BetmG begeht,
wird mit Busse bestraft (Art. 19a Ziff. 1 BetmG).
- 13 -
4.2.
Die Vorinstanz (S. 34 f. E. 3) kam zum Schluss, der Beschuldigte habe sich
der mehrfachen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes schuldig
gemacht. Der Beschuldigte bringt dagegen vor, dass eine Verurteilung
wegen Verletzung des Anklageprinzips nicht in Frage komme, da in der
Anklage keine Mengen, keine Tatorte und keine weiteren Umstände des
Delikts genannt würden (GA 92).
4.3.
4.3.1.
Gemäss Art. 9 Abs. 1 StPO kann eine Straftat nur wegen eines genau
umschriebenen Sachverhalts gerichtlich beurteilt werden. Die
Anklageschrift bezeichnet daher «möglichst kurz, aber genau: die der
beschuldigten Person vorgeworfenen Taten mit Beschreibung von Ort,
Datum, Zeit, Art und Folgen der Tatausführung» (Art. 325 Abs. 1 lit. f
StPO). Das Gericht ist an den in der Anklage wiedergegebenen
Sachverhalt gebunden (Immutabilitätsprinzip), nicht aber an dessen
rechtliche Würdigung durch die Anklagebehörde (Art. 350 StPO). Das
Akkusationsprinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte
und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör (BGE 147 IV 439 E. 7.2).
Entscheidend ist, dass der Betroffene genau weiss, welcher konkreter
Handlungen er beschuldigt und wie sein Verhalten rechtlich qualifiziert wird,
damit er sich in seiner Verteidigung richtig vorbereiten kann. Er darf nicht
Gefahr laufen, erst an der Gerichtsverhandlung mit neuen
Anschuldigungen konfrontiert zu werden (BGE 143 IV 63 E. 2.2; Urteil des
Bundesgerichts 6B_763/2020 vom 23. März 2022 E. 2.3).
4.3.2.
Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift vorgeworfen, von August
2019 bis 21. Januar 2020 an unbekannten Orten in der Schweiz eine
unbekannte Menge Kokain vorsätzlich konsumiert zu haben (GA 5). Damit
sind die strafbaren Handlungen nur vage umschrieben. Zu beachten ist
jedoch, dass bei gehäuften und regelmässigen Delikten dem
Anklagegrundsatz Genüge getan ist, wenn die Handlungen in zeitlicher und
örtlicher Hinsicht lediglich approximativ umschrieben werden (Urteil des
Bundesgerichts 6B_907/2013 vom 3. Oktober 2014 E. 1.5; vgl. auch BGE
143 IV 63 E. 2.3). Mit Blick darauf ist die vorliegende Anklage als
hinreichend einzustufen, denn der Beschuldigte, der einräumte in diesem
Zeitraum Kokain konsumiert zu haben, wusste damit, welches Verhalten
ihm vorgeworfen wird. Seine Verteidigung wurde durch die wenig konkrete
Anklage weder erschwert noch verunmöglicht.
4.4.
Der Beschuldigte räumte den (vorsätzlichen) Kokainkonsum ein. Er gab an,
er habe im Tatzeitraum am Anfang viel, jeden Tag, und gegen Ende
weniger konsumiert (UA 367 Ziff. 125, 390, GA 136). Der Beschuldigte hat
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- 14 -
damit den Tatbestand der mehrfachen Widerhandlung gegen das
Betäubungsmittelgesetz gemäss Art. 19a Ziff. 1 BetmG erfüllt.
5.
5.1.
Die Vorinstanz (S. 35 ff., S. 52) verurteilte den Beschuldigten aufgrund der
festgestellten Tatbestandsverwirklichungen zu einer Freiheitsstrafe von
4 Jahren, einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à Fr. 30.00 und einer
Busse von Fr. 100.00. Der Beschuldigte beantragt, dass er zu einer
bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à Fr. 30.00 zu verurteilen sei.
Er macht eine verminderte Schuldfähigkeit geltend (GA 92 ff.). Ferner sei
sein kooperatives Verhalten, das Geständnis, die aufrichtige Reue, das
Nachtatverhalten (mit Drogenentzugstherapie) und – abgesehen von
Bagatelldelikten – seine Straflosigkeit zu berücksichtigen (GA 99 f.). Die
Staatsanwaltschaft beantragt, der Beschuldigte sei zu einer Freiheitsstrafe
von 4 3⁄4 Jahren und einer Busse von Fr. 100.00 zu verurteilen.
5.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313;
BGE 144 IV 217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit
Hinweisen). Darauf kann verwiesen werden.
5.3.
5.3.1.
Bei der Wahl der Sanktionsart sind neben dem Verschulden unter
Beachtung des Prinzips der Verhältnismässigkeit als wichtige Kriterien die
Zweckmässigkeit und Angemessenheit einer bestimmten Sanktion, ihre
Auswirkungen auf den Täter und sein soziales Umfeld sowie ihre
Wirksamkeit unter dem Gesichtswinkel der Prävention zu berücksichtigen
(BGE 147 IV 241 E. 3; BGE 134 IV 97 E. 4.2; BGE 134 IV 82 E. 4.1).
Das Gericht kann auf eine Gesamtfreiheitsstrafe im Sinne von Art. 49
Abs. 1 StGB nur erkennen, wenn es im konkreten Fall für jeden einzelnen
Normverstoss eine Freiheitsstrafe ausfällen würde (sog. konkrete
Methode). Dass die anzuwendenden Strafbestimmungen abstrakt
gleichartige Strafen vorsehen, genügt nicht (BGE 144 IV 313 E. 1.1).
5.3.2.
Für die versuchte vorsätzliche Tötung gemäss Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22
Abs. 1 StGB kommt als Sanktion nur eine Freiheitstrafe in Betracht, da
keine ausserordentlichen Gründe vorliegen, die ein Unterschreiten des
ordentlichen Strafrahmens oder gar einen Strafartenwechsel erlauben
würden (vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.8).
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- 15 -
Hinsichtlich der Nötigung kommt hingegen auch eine Geldstrafe in Frage.
Wie im Nachfolgenden aufgezeigt wird, kann bezüglich der Nötigung dem
Verschulden mit einer Geldstrafe, die höchstens 180 Tagessätzen
umfassen kann (Art. 34 Abs. 1 StGB), Rechnung getragen werden. Es fragt
sich, ob aus spezialpräventiven Gründen eine Freiheitsstrafe hinsichtlich
der Nötigung erforderlich ist. Der Beschuldigte ist vorbestraft. Er wurde mit
Strafbefehl der Regionalen Staatsanwaltschaft Oberland vom 11. Juli 2017
wegen Fahrens in fahrunfähigem Zustand zu einer Geldstrafe von 14
Tagessätzen und einer Busse von Fr. 800.00 verurteilt. Als
Gesamtfreiheitsstrafe zu diesem Urteil sprach die Staatsanwaltschaft
Zürich-Limmat am 15. Juli 2019 wegen Hehlerei eine unbedingte
Geldstrafe von 30 Tagessätzen aus (UA 1). Diese Vorstrafen zeigen, dass
der Beschuldigte wegen seiner Drogenabhängigkeit schon in Konflikt mit
dem Gesetz gekommen ist. Es handelt sich dabei jedoch weder um
Gewaltdelikte noch Straftaten gegen die Freiheit. Ein verfestigtes
kriminelles Verhaltensmuster ist beim Beschuldigten somit nicht
auszumachen. In diesem Zusammenhang ist auch positiv zu bewerten,
dass der Beschuldigte nun eine Behandlung seiner Suchterkrankung
aufgenommen hat und bereit ist, in dieser Hinsicht an sich zu arbeiten.
Hinzu kommt, dass er wegen der versuchten vorsätzlichen Tötung eine
langjährige Freiheitsstrafe wird verbüssen müssen. Insgesamt erscheint
daher unter spezialpräventiven Gesichtspunkten – auch unter
Berücksichtigung der am 24. März 2021 eröffneten Strafuntersuchung
wegen Diebstahls und betrügerischen Missbrauchs einer Daten-
verarbeitungsanlage – knapp nicht erforderlich, auch für die Nötigung auf
eine Freiheitsstrafe zu erkennen.
5.4.
Hinsichtlich der versuchten vorsätzlichen Tötung, für welche eine
Freiheitsstrafe auszufällen ist, ergibt sich Folgendes:
5.4.1.
Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird gemäss Art. 111 StGB mit
Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. Liegt ein blosser Versuch
vor, ist in einem ersten Schritt die schuldangemessene Strafe für das
vollendete Delikt festzulegen. Die derart ermittelte hypothetische Strafe ist
in der Folge unter Berücksichtigung des fakultativen Strafmilderungsgrunds
von Art. 22 Abs. 1 StGB zu reduzieren (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_466/2013 vom 25. Juli 2013 E. 2.3.1).
Die Vernichtung menschlichen Lebens ist immer von einer extremen
Schwere. Sie ist der vorsätzlichen Tötung immanent und wird bereits im
Strafrahmen (Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren) berücksichtigt. Allein
der Umstand, dass der Beschuldigte das höchste Rechtsgut eines
Menschen, das Leben, verletzt hat, rechtfertigt somit nicht per se die
Ausfällung der Maximalstrafe. Die Rechtsgutverletzung als solche ist
- 16 -
unergiebig, wenn es um eine Tötung geht, da der Erfolgsunwert nicht
abgestuft werden kann. Die objektive Tatschwere bestimmt sich deshalb
vielmehr anhand des Tathergangs und der Tatumstände. Bei Totschlag
(Art. 113 StGB) und bei Mord (Art. 112 StGB) kennzeichnen subjektive
Elemente (eine entschuldbare heftige Gemütsbewegung oder eine grosse
seelische Belastung resp. eine besondere Skrupellosigkeit) den
privilegierten resp. qualifizierten Tatbestand. Subjektive Merkmale wie
Motive, Beweggründe und Absichten des Täters sind implizit aber auch
beim hier einschlägigen Grundtatbestand des Art. 111 StGB massgeblich,
wenn es um die Festlegung des (objektiven) Schweregrades geht. Dieser
bestimmt sich mit andern Worten anhand aller Tatkomponenten, welche
einem gesetzlichen Tatbestandsmerkmal zuzuordnen sind (Urteil des
Bundesgerichts 6B_1038/2017 vom 31. Juli 2018 E. 2.6.1).
5.4.2.
Der Beschuldigte setzte sich auf dem Brustkorb von B., fixierte deren
Hände unter seinen Knien, hielt ihr den Mund zu und würgte sie mehrmals.
Aufgrund der objektiven Befunde konnte der Gutachter feststellen, dass
eine kräftige Kompression am Hals erfolge. Dieser Tatablauf zeigt eine
Rücksichtslosigkeit des Beschuldigten gegenüber der körperlichen
Unversehrtheit von B. und auch eine gewisse Brutalität. Im Rahmen der
möglichen Tötungshandlungen ist dieses Verhalten im mittelschweren
Bereich anzusiedeln. Zugunsten des Beschuldigten ist davon auszugehen,
dass er nicht mit direktem Tötungsvorsatz handelte und die Tat nicht plante.
Vielmehr kam es dazu spontan – aus einem im Wesentlichen von B.
provozierten (vgl. GA 105) – Streit heraus, der dann eskalierte. Sodann war
der Beschuldigte zur Tatzeit alkoholisiert und stand unter dem Einfluss von
weiteren Substanzen. Dies schränkte die Einsichts- und
Steuerungsfähigkeit (Schuldfähigkeit) zwar nicht ein, es ist jedoch aufgrund
der gutachterlichen Ausführungen auch vor dem Hintergrund der
Grundpersönlichkeit des Beschuldigten mit selbstunsicheren Zügen von
einer gewissen Enthemmung und Herabsetzung der Impulskontrolle
auszugehen (UA 189, 193). Das bloss eventualvorsätzliche Vorgehen und
das eingeschränkte Mass an Entscheidungsfreiheit vermögen das
Verschulden vorliegend zu mindern. Allerdings hat der Beschuldigte aus
rein egoistischen Beweggründen in Kauf genommen, B. zu erwürgen, was
die aufgrund bloss eventualvorsätzlichen Handelns mögliche Minderung
des Verschuldens zumindest teilweise relativiert. Die Tathandlung ist
insgesamt deutlich näher beim direktvorsätzlichen als beim fahrlässigen
Handeln anzusiedeln, zumal zwischen dem von ihm verfolgten Ziel
(Vermeidung, dass die Polizei kommt und er eine offene Busse durch
Ersatzfreiheitsstrafe verbüssen muss) und der Inkaufnahme der Tötung B.
ein krasses Missverhältnis besteht und ihm auch naheliegende Alternativen
wie zum Beispiel das Verlassen der Wohnung von B. offen gestanden
hätten.
- 17 -
5.4.3.
Entgegen dem Vorbringen des Beschuldigten ist nicht von einer
verminderten Schuldfähigkeit auszugehen.
Das Gericht stützt sich bei seinem Entscheid über die Schuldfähigkeit des
Täters und über die Anordnung einer Massnahme auf eine sachverständige
Begutachtung (Art. 20 StGB und Art. 56 Abs. 3 StGB; zur Frage der
Einholung eines Gutachtens bei Zweifeln an der Schuld-
fähigkeit: BGE 133 IV 145 E. 3.3 S. 147 f.; Urteil des Bundesgerichts
6B_800/2016 vom 25. Oktober 2017 E. 8.3.1 mit Hinweisen, nicht publ.
in: BGE 143 IV 397). Das Gericht beurteilt die Schlüssigkeit eines
Gutachtens frei (Art. 10 Abs. 2 StPO) und ist nicht an den Befund oder die
Stellungnahme des Sachverständigen gebunden. Es hat vielmehr zu
prüfen, ob sich aufgrund der übrigen Beweismittel und der Parteivorbringen
ernsthafte Einwände gegen die Schlüssigkeit der gutachterlichen
Darlegungen aufdrängen. Auch wenn das gerichtlich eingeholte Gutachten
grundsätzlich der freien Beweiswürdigung unterliegt, darf das Gericht in
Fachfragen nicht ohne triftige Gründe von ihm abrücken und muss
Abweichungen begründen. Das Abstellen auf eine nicht schlüssige
Expertise bzw. der Verzicht auf die gebotenen zusätzlichen
Beweiserhebungen kann gegen das Verbot willkürlicher Beweiswürdigung
verstossen (Art. 9 BV; BGE 142 IV 49 E. 2.1.3 S. 53; Urteil des
Bundesgerichts 6B_360/2020 vom 8. Oktober 2020 E. 2.3, nicht publ.
in: BGE 147 IV 93; je mit Hinweisen).
Der Beschuldigte wurde am 3. April 2020 von Dr. med. D., Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, Zürich, untersucht und gestützt darauf
erstattete jener am 16. April 2020 ein Gutachten zur Schuldfähigkeit und
Gefährlichkeit des Beschuldigten (UA 164 ff.). Der Gutachter kannte die
Vorakten (UA 166 ff.) samt dem Bericht der Psychiatrischen
Universitätsklinik Zürich vom 25. März 2020 (UA 172, 207 ff.), erhob eine
ausführliche Anamnese, in dessen Rahmen er Angaben des Beschuldigten
zu dessen Alkohol- (1 Glas Wein und 3-4 Gläser Bier à 0,5 Liter bzw. 5-
6 Gläser Bier à 0,5 Liter [UA 177, 182]), Drogen- (keine zusätzlichen
Betäubungsmittel an diesem Tag [UA 177]) sowie Medikamentenkonsum
vor der Tat am 3./4. Januar 2020 erfragte (UA 174 ff.) und hielt die aktuellen
Untersuchungsbefunde fest (UA 179 f.). Der Gutachter diagnostizierte
betreffend den Tatzeitpunkt eine psychische und Verhaltensstörung durch
psychotrope Substanzen, Störung durch Alkohol, akute Intoxikation (UA
182 f.). Zur Abklärung der Intoxikation verwendete der Gutachter die
sogenannte Widmark-Formel. Weiter beachtete der medizinische Experte,
dass die Opiate, die sich langfristig und langsam freisetzen würden, eine
verstärkte Intoxikation bewirken könnten. Unter Berücksichtigung der
Literatur zur Schuldfähigkeit bei Alkoholintoxikation sowie der Angaben des
Beschuldigten, wonach dieser im Tatzeitpunkt keine Intoxikationszeichen
bei sich gespürt habe, kam der Gutachter zum Schluss, dass von keiner
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- 18 -
Einschränkung der Urteilsfähigkeit und Steuerungsfähigkeit durch Alkohol
auszugehen sei (UA 183). Es fänden sich keine Hinweise für einen
pathologischen Rauschzustand (UA 184).
Mit der Vorinstanz (S. 24-30) ist festzuhalten, dass dieses Gutachten
beweiswertig ist und dies durch die Einwände des Beschuldigten nicht in
Frage gestellt wird. Unbegründet ist insbesondere die Rüge der
Verteidigung, die Medikamentenabhängigkeit sei nicht erwähnt (GA 94 f.).
Dem ist nämlich entgegenzuhalten, dass der Gutachter unter anderem den
regelmässigen Konsum von Valium (UA 174) – d.h. eines Benzodiazepins
und somit einer psychotropen Substanz – erwähnte und mit der erhobenen
Diagnose einer psychischen und Verhaltensstörung durch psychotrope
Substanzen Rechnung trug. Ferner erwähnte der Gutachter, dass Hinweise
auf ein Abhängigkeitssyndrom von multiplen Substanzen bestünden
(UA 181). Insoweit liegt keine relevante Abweichung zu den Berichten der
Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 18. (UA 215 ff.) und 25. März
2020 (UA 207 f.) vor. Zwischen der gutachterlichen Einschätzung und den
Berichten der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich zeigt sich im
Wesentlichen hinsichtlich des Vorliegens einer Depression eine
Diskrepanz. Nachdem der Gutachter eine solche Erkrankung aufgrund
seines erhobenen Befundes und der Angaben des Beschuldigten bei seiner
Untersuchung und im Tatzeitpunkt nachvollziehbar ausschloss (UA 181),
ist das Gutachten auch in dieser Hinsicht beweiskräftig. Aus dem Umstand,
dass später bei Eintritt (21. Januar 2020) in die Psychiatrischen
Universitätsklinik Zürich eine solche Störung vorgelegen haben soll, lässt
sich nicht ableiten, diese hätte auch im Tatzeitpunkt (3./4. Januar 2020)
bestanden. Noch ist damit in irgendeiner Weise plausibel, dass diese
Störung einen Einfluss auf die Schuldfähigkeit hatte. Zumal gemäss dem
Austrittsbericht der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom
18. März 2020 der Beschuldigte stets in der Lage war, sich angepasst und
adäquat zu verhalten (UA 218). Der Gutachter legte zudem unter
Berücksichtigung der vor der Tat konsumierten Substanzen anhand der
Literatur und der damit übereinstimmenden Angaben des Beschuldigten zu
seinem Zustand im Tatzeitpunkt nachvollziehbar dar, weshalb ein
Rauschzustand nicht anzunehmen sei. Der Einwand des Beschuldigten,
wonach er sich im vorinstanzlichen Verfahren nicht habe erinnern können,
ob er an diesem Tag Kokain konsumiert habe, erweckt keine Zweifel am
Gutachten. Überzeugend sind hier vielmehr die initialen und differenzierten
Angaben des Beschuldigten bei seiner Einvernahme vom 7. März 2020
(UA 357 Ziff. 42) und gegenüber dem Gutachter, dass er am Tattag kein
Kokain einnahm. Denn es ist nicht davon auszugehen, dass der
Beschuldigte sich mit dieser Aussage von einem inkriminierenden
Verhalten schützen wollte, nachdem er grundsätzlich einräumte, dass er
regelmässig Kokain konsumiert hatte (UA 367, 390). Mit Blick darauf und
das schlüssige Gutachten vermag der Einwand des Beschuldigten nicht zu
überzeugen, ein Rauschzustand könne betreffend den Tatzeitpunkt nicht
- 19 -
ausgeschlossen werden (GA 95). Zudem sind entgegen dem
Beschuldigten (GA 94) die Angaben des Gutachters zur Schuldfähigkeit
auch klar. Daran ändert nichts, dass im Rahmen der Fragenbeantwortung
(UA 192) eine etwas umständliche Formulierung verwendet wurde.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschuldigte im Tatzeitpunkt
am 3./4. Januar 2020 uneingeschränkt schuldfähig war.
5.4.4.
Insgesamt ist aufgrund der uneingeschränkten Schuldfähigkeit beim
vollendeten Delikt von einem – in Relation zum Strafrahmen von 5 bis
20 Jahren Freiheitsstrafe – mittelschweren Tatverschulden und einer dafür
angemessenen Freiheitsstrafe von 10 Jahren auszugehen.
Vorliegend ist der Taterfolg nicht eingetreten, es liegt nur ein Versuch vor,
weshalb die Strafe gemildert (Art. 22 Abs. 1 StGB) werden kann. Dabei hat
die Strafminderung umso geringer auszufallen, je näher der tatbestands-
mässige Erfolg und je schwerer die tatsächlichen Folgen der Tat waren
(BGE 121 IV 49 E. 1b). Der ordentliche Rahmen ist nur zu verlassen, wenn
aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die angedrohte Strafe im
konkreten Fall als zu hart erscheint (vgl. BGE 136 IV 55 E. 5.8).
Zu Gunsten des Beschuldigten ist davon auszugehen, dass er aus eigenem
Antrieb von B. abgelassen bzw. mit dem Würgen gestoppt hat. Die
Umstände waren allerdings nicht so, dass es in der Disposition des
Beschuldigten lag, ob der Erfolg eintritt oder nicht. Gemäss dem
rechtsmedizinischen Gutachter bestand Lebensgefahr, und es war nur dem
Zufall zu verdanken, dass der Tod oder ein anderer Sauerstoffschaden
nicht eintrat (GA 128).
B. hat sich vom Vorfall vom 3./4. Januar 2020 physisch wie psychisch
vollständig erholt (GA 114 f.). Auch wenn es letztlich allein dem Zufall zu
verdanken ist, dass sie überlebt hat, ist der Unterschied zwischen der vom
Beschuldigten eventualvorsätzlich in Kauf genommenen Tötung und dem
tatsächlich ausgebliebenen Tod und den nicht mehr vorhandenen Folgen
der Verletzung ausserordentlich gross. Vom Ausbleiben des Taterfolgs
profitiert auch der Täter. Dies rechtfertigt unter den vorliegenden
Umständen, den Versuch im Umfang von 5 Jahren strafmildernd zu
berücksichtigen, so dass die Einsatzstrafe für die versuchte vorsätzliche
Tötung auf 5 Jahre festzusetzen ist.
5.4.5.
Hinsichtlich der Täterkomponente ergibt sich Folgendes:
Der Beschuldigte ist mehrfach vorbestraft, was sich straferhöhend auswirkt,
denn er hat daraus keine genügende Lehre gezogen
(BGE 136 IV 1 E. 2.6.2). Es ist jedoch zu beachten, dass aus dem
- 20 -
täterbezogenen Strafzumessungskriterium der Vorstrafen nicht indirekt ein
tatbezogenes Kriterium gemacht werden darf. Mithin dürfen die Vorstrafen
nicht wie eigenständige Delikte gewürdigt werden (Urteile des Bundes-
gerichts 6B_510/2015 vom 25. August 2015 E. 1.4 und 6B_325/2013 vom
13. Juni 2013 E. 4.3.2).
Keine wesentliche Strafminderung vermag das Aussageverhalten des
Beschuldigten zu begründen. Er hat nur eingestanden, B. auf den
Brustkorb gesessen zu sein und ihr den Mund verschlossen zu haben.
Dass er sie gewürgt und/oder in den Schwitzkasten genommen hat, hat er
jedoch bestritten. Seine Aussagen haben demnach die Untersuchung nicht
erheblich erleichtert.
Leicht strafmindernd ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte sein
Handeln zu bereuen scheint, sich bei B. entschuldigt und am 21. Januar
2020 freiwillig eine Drogenentzugsbehandlung angetreten hat, was auf
eine gewisse Einsicht und Reue schliessen lässt, auch wenn er den
eigentlichen Würgevorgang, ein vorliegend sehr bedeutsamer Umstand,
auch noch im Berufungsverfahren bestritten hat. Es ist denn auch nicht zu
verkennen, dass sein Bedauern in wesentlichem Umfang die ihn nun
treffenden Folgen betrifft. Die blosse Tatfolgenreue kann jedoch nicht
strafmindernd berücksichtigt werden. Eine erhebliche Strafminderung, wie
sie bei einem von Anfang an und vollständig geständigen, einsichtigen und
reuigen Täter möglich ist, kommt vorliegend jedenfalls nicht infrage.
Die weiteren Täterkomponenten wirken sich neutral aus. Ein Wohlverhalten
nach der Tat stellt keine besondere Leistung dar und ist neutral zu werten.
Auch stabile berufliche und private Verhältnisse sind grundsätzlich weder
strafmindernd zu berücksichtigen, noch vermögen sie eine erhöhte
Strafempfindlichkeit zu begründen (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts
6B_196/2021 vom 25. April 2022 E. 5.4.4). Ausserordentliche Umstände,
anhand welcher vorliegend auf eine ausserordentliche Strafempfindlichkeit
zu schliessen wäre, sind keine ersichtlich.
Die positiven und negativen Faktoren halten sich insgesamt etwa die
Waage, weshalb sich die Täterkomponente neutral auswirkt.
5.4.6.
Zusammengefasst erscheint dem Obergericht für die versuchte
vorsätzliche Tötung eine Freiheitsstrafe von 5 Jahren dem mittelschweren
Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten
angemessen.
Die tat- und täterangemessene Strafe für eine einzelne Tat ist grundsätzlich
innerhalb des ordentlichen Strafrahmens festzusetzen (BGE 136 IV 55
E. 5.8). Es sind vorliegend keine aussergewöhnlichen Umstände
- 21 -
auszumachen, die ein Unterschreiten des ordentlichen Strafrahmens
erlauben würden.
5.4.7.
Angesichts der Dauer der Freiheitsstrafe kommt diesbezüglich ein
bedingter oder teilbedingter Vollzug nicht in Frage (vgl. Art. 42 f. StGB).
Die ausgestandene Untersuchungshaft von 56 Tagen (1. April 2019 bis 6.
März 2020 bis 30. April 2020) ist dem Beschuldigten gestützt auf Art. 51
StGB an die Freiheitsstrafe anzurechnen.
5.5.
Hinsichtlich der Nötigung, für welche eine Geldstrafe auszufällen ist, ergibt
sich Folgendes:
5.5.1.
Der Strafrahmen für die Nötigung reicht von Geldstrafe bis zu einer
Freiheitsstrafe von 3 Jahren (Art. 181 StGB).
Ausgangspunkt für die Strafzumessung innerhalb des ordentlichen Straf-
rahmens bildet die Verletzung oder Gefährdung des betroffenen Rechts-
guts (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der Tatbestand der Nötigung schützt die
Handlungsfreiheit bzw. die Freiheit der Willensbildung und Willens-
betätigung (BGE 141 IV 1 E. 3.3.1)
Der Beschuldigte hat B. an der Alarmierung der Polizei und Nachbarn
gehindert, indem er die Wohnung abschloss, ihr das Handy wegnahm und
ihr den Mund zuhielt. Damit wurde die Handlungsfreiheit von B. während
einer Dauer von rund 20 Minuten (vgl. UA 388 Ziff. 87) beeinträchtigt, was
auch seine Absicht war. Der direkte Vorsatz des Beschuldigten erhöht als
Normalfall das Verschulden jedoch nicht (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_680/2012 vom 11. Januar 2013 E. 2.6; Urteil des Bundesgerichts
6B_65/2014 vom 9. Oktober 2014 E. 2.4). Der Beschuldigte wollte aus
egoistischen Gründen vermeiden, dass die Polizei kommt und er eine
Ersatzfreiheitsstrafe hätte verbüssen müssen. Auch wenn er sich subjektiv
in einer schwierigen Situation wähnte, die Nötigung nicht von langer Hand
geplant war, sondern aus einem von B. provozierten Streit heraus entstand,
er alkoholisiert war und unter dem Einfluss von weiteren Substanzen stand,
so verfügte er doch über ein erhebliches Mass an Entscheidungsfreiheit,
zumal gemäss Gutachten seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit
vollständig erhalten war (siehe dazu oben). Insbesondere hätte er einfach
die Wohnung von B. verlassen können. Dazu war er aber aus nicht
nachvollziehbaren Gründen (da am Pasta kochen; UA 361) nicht bereit. Je
leichter es für den Beschuldigten gewesen wäre, die Handlungsfreiheit von
B. zu respektieren, desto schwerer wiegt die Entscheidung dagegen und
- 22 -
damit einhergehend das Verschulden (vgl. BGE 117 IV 112 E. 1 mit
Hinweisen).
Insgesamt ist in Relation zum Strafrahmen von Geldstrafe bis zu drei
Jahren Freiheitsstrafe und den in diesem Rahmen denkbaren
Erscheinungsformen von Nötigungen von einem noch knapp leichten bis
mittelschweren Verschulden und einer dafür angemessenen Strafe von
180 Tagessätzen Geldstrafe auszugehen.
5.5.2.
Hinsichtlich der Täterkomponenten kann grundsätzlich auf die
Ausführungen zur versuchten vorsätzlichen Tötung verwiesen werden. Der
Beschuldigte war hinsichtlich der Nötigungshandlungen zwar von Anfang
an geständig. Ein Abstreiten wäre aufgrund der Beweislage aber auch
aussichtslos gewesen. Entsprechend hat sein Geständnis das Straf-
verfahren nicht wesentlich verkürzt. Die Täterkomponente wirkt sich auch
hinsichtlich der Nötigung neutral aus.
5.5.3.
Die Höhe des Tagessatzes bemisst sich nach den Verhältnissen des Täters
im Urteilszeitpunkt und beträgt in der Regel mindestens Fr. 30.00 und
höchstens Fr. 3'000.00 (Art. 34 Abs. 2 StGB). Wenn die persönlichen und
wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters im Urteilszeitpunkt dies gebieten,
kann der Tagessatz ausnahmsweise bis auf Fr. 10.00 gesenkt werden
(Art. 34 Abs. 2 StGB). Massgebende Kriterien für die Bestimmung der Ta-
gessatzhöhe sind das Einkommen, das Vermögen und der Lebensaufwand
des Beschuldigten, seine Unterstützungspflichten und persönlichen Ver-
hältnisse sowie sein Existenzminimum (BGE 142 IV 315 E. 5 = Pra 2018
Nr. 52, Bestätigung der bisherigen Rechtsprechung). Ausgangspunkt ist
das Nettoeinkommen, das der Täter im Zeitpunkt des Urteils durchschnitt-
lich erzielt bzw. alle geldwerten Leistungen, die ihm zufliessen (BGE 134
IV 60 E. 6.1).
Der Beschuldigte ist aktuell nicht arbeitstätig. Er lebt von Sozialhilfe (GA
134) und hat Schulden (UA 366; siehe auch: Protokoll der
Berufungsverhandlung vom 24. Juni 2022, S. 9). Für den Unterhalt seiner
Kinder, die in der Türkei leben, kommen seine Eltern auf (GA 135). Er lebt
somit nahe oder unter dem Existenzminimum. Das für die Berechnung des
Tagessatzes massgebende Nettoeinkommen wäre deshalb um 50 % zu
reduzieren (BGE 134 IV 60 E. 6.5.2). Da vorliegend eine hohe Anzahl
Tagessätze ausgesprochen wird, wäre zudem eine Reduktion um weitere
10 bis 30 % angebracht (BGE 134 IV 60 E. 6.5.2). Somit ist der Tagessatz
auf das Minimum von Fr. 10.00 festzusetzen (BGE 135 IV 180). Daran
ändert auch die in Aussicht gestellte Invalidenrente (vgl. Vorbescheid vom
4. Oktober 2021 betreffend Zusprechung einer Invalidenrente) nichts.
- 23 -
5.5.4.
5.5.4.1.
Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe
von höchstens zwei Jahren in der Regel auf, wenn eine unbedingte Strafe
nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Begehung weiterer
Verbrechen oder Vergehen abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB). Für die
Gewährung des bedingten Strafvollzugs im Rahmen von Art. 42 Abs. 1
StGB genügt die Abwesenheit der Befürchtung, der Täter werde weitere
Verbrechen oder Vergehen begehen. Vom Strafaufschub darf deshalb
grundsätzlich nur bei ungünstiger Prognose abgesehen werden (BGE 135
IV 180 E. 2.1; BGE 134 IV 1 E. 4.2.2; BGE 134 IV 97 E. 7.3). Bei der
Prüfung des künftigen Wohlverhaltens sind alle wesentlichen Umstände zu
beachten. Ein relevantes Prognosekriterium ist insbesondere die
strafrechtliche Vorbelastung (BGE 135 IV 180 E. 2.1; BGE 134 IV 1 E.
4.2.1; vgl. dazu auch Urteile des Bundesgerichts 6B_1213/2020 vom 30.
September 2021 E. 2.2; 6B_1300/2020 vom 2. September 2021 E.
3.3.3; 6B_447/2021 vom 16. Juli 2021 E. 6.1.2; 6B_1/2020 vom 6. Mai
2021 E. 5.3; je mit Hinweisen). Bei den Bewährungsaussichten sind auch
die voraussichtlichen Wirkungen eines Strafvollzugs zu berücksichtigen
(vgl. BGE 144 IV 277 E. 3.2).
5.5.4.2.
Betreffend die Prognose wirken sich die Vorstrafen ungünstig aus. Der
Beschuldigte liess sich von weiterem strafbarem Verhalten nicht abhalten,
obwohl er erst am 15. Juli 2019 zu einer unbedingten Geldstrafe von
30 Tagessätzen à Fr. 30.00, d.h. Fr. 900.00, verurteilt und der bedingte
Vollzug für eine andere Geldstrafe von 14 Tagessätzen à Fr. 50.00, d.h.
Fr. 700.00, widerrufen wurde (UA 1) und es sich um für den Beschuldigten
durchaus erhebliche Beträge handelte. Vielmehr delinquierte er – wenn
auch vorerst nur im Übertretungsbereich – bereits ab August 2019 wieder.
Ebenfalls als ungünstig anzusehen ist, dass der Beschuldigte keiner Arbeit
nachgeht und es ihm auch nach der Entzugsbehandlung nicht stets
gelungen ist, auf den Konsum von Drogen zu verzichten. Auf der anderen
Seite hat der Beschuldigte nun wegen der versuchten vorsätzlichen Tötung
eine mehrjährige Freiheitsstrafe zu verbüssen. Dies dürfte ihm die
Konsequenzen von strafbarem Verhalten klar vor Augen führen. Mit Blick
darauf ist dem Beschuldigten – auch unter Berücksichtigung der gegen ihn
am 24. März 2021 wegen Diebstahls und betrügerischen Missbrauchs einer
Datenverarbeitungsanlage eröffneten Strafuntersuchung – knapp noch
keine eigentliche Schlechtprognose zu stellen, zumal er nach eigenen
Angaben engmaschig von seinen beiden Schwestern unterstützt werden
soll (Protokoll der Berufungsverhandlung vom 24. Juni 2022, S. 2). Für die
Geldstrafe ist ihm daher der bedingte Vollzug zu gewähren. Den angesichts
der Vorstrafen und seiner persönlichen Umstände noch bestehenden
Bedenken an der Legalbewährung ist aber mit einer erhöhten Probezeit
von 3 Jahren Rechnung zu tragen (Art. 44 Abs. 1 StGB).
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- 24 -
5.6.
Die vom Beschuldigten begangenen Widerhandlungen gegen das
Betäubungsmittelgesetz (mehrfacher Konsum von Kokain) gemäss
Art. 19a Ziff. 1 BetmG werden mit Busse bis zu Fr. 10'000.00 bestraft
(Art. 19a Ziff. 1 BetmG i.V.m. Art. 106 Abs. 1 StGB). Die Busse ist nach den
Verhältnissen des Täters so zu bemessen, dass dieser die Strafe erleidet,
die seinem Verschulden angemessen ist (Art. 106 Abs. 3 StGB).
Die Vorinstanz hat für den mehrfachen Kokainkonsum eine Busse von
bloss Fr. 100.00 ausgesprochen. Mit Blick auf den vom Beschuldigten
zugegebenen erheblichen Eigenkonsum – er bezeichnete sich im
Tatzeitpunkt selber als süchtig – erweist sich die von der Vorinstanz
ausgesprochene Busse von Fr. 100.00 als zu mild. Zu berücksichtigen ist
in diesem Zusammenhang, dass Täter, die lediglich (einmalig) eine
geringfügige Menge Cannabis konsumieren, mit einer Ordnungsbusse von
jeweils Fr. 100.00 bestraft werden (Art. 28b Abs. 2 BetmG bzw. seit
1. Januar 2020 gemäss Art. 1 OBG i.V.m. Art. 14 OBG und Ziff. 8001
Anhang OBV). Das Verschulden des Beschuldigten wiegt klar schwerer,
zumal es sich bei Kokain um eine sogenannte harte Droge handelt und er
diese mehrfach konsumiert hat. Angemessen erscheint eine Busse von
insgesamt Fr. 500.00.
Die Ersatzfreiheitsstrafe bei schuldhaftem Nichtbezahlen der Busse ist aus-
gehend vom als Umrechnungsschlüssel zu verwendenden Tagessatz von
Fr. 10.00 (BGE 134 IV 60 E. 7.3.3 S. 77) auf 50 Tage Freiheitsstrafe fest-
zusetzen (Art. 106 Abs. 3 StGB).
Zusammengefasst ist der Beschuldigte zu einer Freiheitsstrafe von
5 Jahren, einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à Fr. 10.00, d.h.
Fr. 1'800.00, Probezeit 3 Jahre, und einer Busse von Fr. 500.00,
ersatzweise 50 Tage Freiheitsstrafe, zu verurteilen.
6.
6.1.
Die Vorinstanz hat eine ambulante Massnahme im Sinne von Art. 63 Abs. 1
StGB angeordnet. Die Berufung des Beschuldigten, der mit
Berufungserklärung eine vollumfängliche Aufhebung des vorinstanzlichen
Urteils beantragt hat, wendet sich gegen die angeordnete ambulante
Massnahme, weshalb diese zu überprüfen ist. Daran ändert nichts, dass er
sich gegenwärtig in einer freiwilligen Therapie befindet (siehe Plädoyer der
Berufungsverhandlung vom 24. Juni 2022, S. 13).
- 25 -
6.2.
6.2.1.
Gemäss Art. 56 Abs. 1 StGB ist eine Massnahme anzuordnen, wenn eine
Strafe alleine nicht geeignet ist, der Gefahr weiterer Straftaten des Täters
zu begegnen (lit. a), ein Behandlungsbedürfnis des Täters besteht oder die
öffentliche Sicherheit dies erfordert (lit. b) und die Voraussetzungen der
Artikel 59-61, 63 oder 64 StGB erfüllt sind (lit. c). Die Anordnung einer
Massnahme setzt voraus, dass der mit ihr verbundene Eingriff in die
Persönlichkeitsrechte des Täters im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit
und Schwere weiterer Straftaten nicht unverhältnismässig ist (Art. 56
Abs. 2 StGB; vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_1516/2021 vom 28.
Februar 2022 E. 1.3.2).
6.2.2.
Gemäss Art. 63 Abs. 1 StGB kann das Gericht anordnen, dass der
psychisch schwer gestörte oder von Suchtstoffen abhängige Täter nicht
stationär, sondern ambulant behandelt wird, wenn er eine mit Strafe
bedrohte Tat verübte, die mit seinem Zustand in Zusammenhang steht
(lit. a), und zu erwarten ist, dadurch lasse sich der Gefahr weiterer mit dem
Zustand des Täters in Zusammenhang stehender Taten begegnen (lit. b).
6.2.3.
Das Gericht stützt sich bei seinem Entscheid über die Anordnung einer
Massnahme auf eine sachverständige Begutachtung (Art. 56 Abs. 3 StGB).
Diese äussert sich über die Notwendigkeit und die Erfolgsaussichten einer
Behandlung des Täters, die Art und die Wahrscheinlichkeit weiterer
möglicher Straftaten und die Möglichkeiten des Vollzugs der Massnahme
(Art. 56 Abs. 3 StGB, Art. 182 StPO; BGE 146 IV 1 E. 3.1 mit Hinweis BGE
134 IV 315 E. 4.3.1).
6.3.
Aufgrund des Gutachtens des Dr. med. D. vom 16. April 2020 sowie der
Berichte der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 18. und
25. März 2020 steht fest, dass der Beschuldigte an einer Suchterkrankung
bezüglich Sedativa, Hypnotika und Kokain leidet. Ferner kann den Akten
entnommen werden, dass es trotz der Entzugsbehandlung vom 21. Januar
bis 14. Februar 2020 zu erneutem Drogenkonsum gekommen ist (UA 245).
Hinweise auf eine Alkoholabhängigkeit bestehen hingegen nicht. Gemäss
Gutachter fehlten Anhaltspunkte für Alkohol-Entzugssymptome (UA 181)
und die Ärzte der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich haben
beschrieben, der Beschuldigte konsumiere Alkohol nur gelegentlich
(UA 207, 216).
Gemäss dem Gutachten begründe eine Alkoholintoxikation, die Einnahme
von Medikamenten und auch eine zusätzliche alternative Intoxikation eine
erhöhte Wahrscheinlichkeit für Delinquenz. Es fände sich damit teilweise
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1143%2F2021&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F146-IV-1%3Ade&number_of_ranks=0#page1 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1143%2F2021&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-IV-315%3Ade&number_of_ranks=0#page315
- 26 -
ein bestehender Zusammenhang zwischen der Erkrankung sowie der
vorgeworfenen Tat. Mit Blick auf die im Tatzeitpunkt bestehende
Alkoholintoxikation liege ein erhöhter kausaler Zusammenhang vor
(UA 194). Diese Aussage steht jedoch im Widerspruch zur gutachterlichen
Ausführung, wonach zwischen der Abhängigkeitserkrankung und den
körperlichen Übergriffen kein spezifischer Zusammenhang zu sehen sei
(UA 192). Wie es sich damit verhält, kann mit Blick auf die nachfolgende
Erwägung jedoch offenbleiben.
Der Gutachter fand keine Hinweise auf eine allgemein erhöhte
Wahrscheinlichkeit für körperliche Übergriffe durch den Beschuldigten
(UA 188, 193). Der Experte erachtete jedoch die weitere Beziehung
zwischen dem Beschuldigten und B. als problematisch (UA 186 oben) und
kam zum Schluss, in der Interaktion mit B. bei Verbleiben in der Struktur
sei von einer hohen Wahrscheinlichkeit des erneuten Auftretens von
Übergriffen auszugehen (UA 188, 193). Letzteres wirkt sich vorliegend
nicht mehr relevant aus, denn gemäss den Aussagen des Beschuldigten
und jenen von B. führen sie nun nur noch eine freundschaftliche Beziehung
(GA 119-121 und Protokoll der Berufungsverhandlung vom 24. Juni 2022,
S. 3 f. und S. 8). Eine erhöhte Gefahr für weitere ähnliche Delikte,
insbesondere gegen die physische Integrität einer anderen Person ist somit
aufgrund des Gutachtens aktuell nicht mehr ersichtlich. Mangels zu
erwartender schwerer Delikte erscheint eine therapeutische Massnahme
daher nicht verhältnismässig.
Auf die Anordnung einer therapeutischen Massnahme ist zu verzichten.
7.
Die Vorinstanz hat der Privatklägerin B. eine Genugtuung von Fr. 500.00
zugesprochen. Einen allfälligen Schadenersatzanspruch der Privatklägerin
verwies das Bezirksgericht mangels hinreichender Begründung und
Substantiierung auf den Zivilweg.
In der Berufung des Beschuldigten finden sich für den Fall der ganz oder
teilweisen Abweisung der Berufung im Strafpunkt keine Ausführungen zur
von der Vorinstanz zugesprochenen Genugtuung. Darauf ist somit nicht
weiter einzugehen bzw. es kann auf die unbestritten gebliebenen
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO),
zumal hinsichtlich der adhäsionsweise geltend gemachten Zivilforderungen
die Dispositionsmaxime gilt.
8.
8.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Erwirkt eine
Partei, die ein Rechtsmittel ergriffen hat, einen für sie günstigeren
- 27 -
Entscheid, so können ihr die Verfahrenskosten auferlegt werden, wenn der
angefochtene Entscheid nur unwesentlich abgeändert wird (Art. 428 Abs. 2
lit. b StPO).
Vorliegend dringt der Beschuldigte mit seiner Berufung im Vergleich zu
seinen Anträgen nur in untergeordnetem Umfang durch, indem er nicht
wegen mehrfacher Nötigung schuldig zu sprechen ist, ihm hinsichtlich der
Geldstrafe der bedingte Vollzug zu gewähren ist, die Tagessatzhöhe –
gestützt auf die aktuellen persönlichen Verhältnisse – auf Fr. 10.00
festgesetzt wird, und von der Anordnung einer (vollzugsbegleitenden)
ambulanten therapeutischen Massnahme abzusehen ist. Im Übrigen ist
seine Berufung abzuweisen bzw. die Anschlussberufung gutzuheissen.
Mithin wird sowohl eine um ein Jahr höhere Freiheitsstrafe als auch eine
um 120 Tagessätze höhere Geldstrafe ausgesprochen und die Busse um
Fr. 400.00 erhöht. Bei diesem Ausgang des Verfahrens rechtfertigt es sich,
dem Beschuldigten die Gerichtskosten von Fr. 5'000.00 (§ 18 VKD)
vollumfänglich aufzuerlegen.
8.2.
Die amtliche Verteidigerin des Beschuldigten ist für das obergerichtliche
Verfahren gestützt auf die anlässlich der Berufungsverhandlung einge-
reichte Kostennote, jedoch angepasst an die effektive Dauer der
Berufungsverhandlung mit gerundet Fr. 3'500.00 aus der Staatskasse zu
entschädigen (Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und Abs. 2bis AnwT).
Diese Entschädigung ist vom Beschuldigten zurückzufordern, sobald es
seine wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
9.
9.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz einen neuen Entscheid, so befindet sie darin
auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Der Beschuldigte wird hinsichtlich aller Anklagepunkte schul-
dig gesprochen, weshalb ihm die Verfahrenskosten vollumfänglich aufzu-
erlegen sind (Art. 426 Abs. 1 StPO). Dass hinsichtlich der Nötigung
aufgrund der Annahme einer Handlungseinheit kein Schuldspruch wegen
mehrfacher Tatbegehung erfolgt, ändert daran nichts.
9.2.
Die Höhe der der amtlichen Verteidigerin für das erstinstanzliche Verfahren
zugesprochenen Entschädigung wurde mit der Berufung nicht
angefochten, weshalb darauf nicht zurückgekommen werden kann (Urteil
des Bundesgerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2.4). Diese
Entschädigung ist vom Beschuldigten zurückzufordern, sobald es seine
wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO).
- 28 -
10.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).