Decision ID: 51dd6c3b-80e8-44c5-862d-82b7479e7d78
Year: 2006
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X., geboren 1943, wurde vom Kantonsgericht St. Gallen am . . . des
gewerbsmässigen Betrugs, der mehrfachen Gehilfenschaft zur Veruntreuung über mit
Beschlag belegte Vermögenswerte, der mehrfachen Unterlassung der Buchführung,
der Nötigung sowie der versuchten Anstiftung zur Urkundenfälschung schuldig
gesprochen und mit dreieinviertel Jahren Gefängnis bestraft. Zudem widerrief das
Kantonsgericht eine bedingte Zuchthausstrafe von sechzehn Monaten, die vom
Appellationsgericht Basel-Stadt am . . . . 1997 verhängt worden war. Das
Bundesgericht wies mit Urteil vom . . . 2005 die staatsrechtliche Beschwerde von X. ab,
soweit es darauf eintrat, und trat auf die eidgenössische Nichtigkeitsbeschwerde nicht
ein.
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X. wurde aufgefordert, die Freiheitsstrafen am 28. Februar 2005 in der Anstalt C..
anzutreten. Dieser Aufforderung leistete er keine Folge. Am 1. März 2005 wurde er
wegen Verdachts der Begehung eines Tötungsdelikts festgenommen und in
Untersuchungshaft gesetzt. Am 4. April 2005 wurde er in den Strafvollzug im
Regionalgefängnis A. überführt. Am 20. Juli 2005 wurde er in die Strafanstalt
Pöschwies, Regensdorf, versetzt.
Mit Eingabe vom 10. August 2005 ersuchte X. das Justiz- und Polizeidepartement um
einen Strafunterbruch aus gesundheitlichen Gründen. Als Eventualbegehren beantragte
er, in die Strafanstalten Saxerriet oder Gmünden versetzt zu werden. Er machte im
wesentlichen geltend, er sei aufgrund seines gesundheitlichen Zustands nicht
hafterstehungsfähig.
Mit Verfügung vom 11. August 2005 wies das Justiz- und Polizeidepartement das
Gesuch um Strafunterbruch oder Verlegung in eine offene Anstalt ab.
B./ Mit Eingabe vom 24. August 2005 erhob X. Rekurs bei der Regierung und
beantragte sinngemäss, die Verfügung des Justiz- und Polizeidepartements sei
aufzuheben und dem Rekurs sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen.
Am 10. Oktober 2005 widerrief das Justiz- und Polizeidepartement eine X. am 11.
August 2000 gewährte bedingte Entlassung und ordnete den Vollzug eines Strafrests
von 111 Tagen an.
Im Rekursverfahren gegen die Verweigerung des Strafunterbruchs holte das
instruierende Gesundheitsdepartement am 16. November 2005 beim Anstaltsarzt einen
Bericht über die Hafterstehungsfähigkeit von X. ein. Der Anstaltsarzt hielt in seinem
Bericht vom 1. Dezember 2005 fest, die Hafterstehungsfähigkeit sei aktuell knapp
gegeben. In Anbetracht der doch komplexen Situation wäre auch eine Beurteilung
durch das Institut für Rechtsmedizin angezeigt.
Mit Entscheid vom 11. April 2006 wies die Regierung den Rekurs von X. ab. Auf die
Erhebung einer Entscheidgebühr wurde verzichtet.
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C./ Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 27. April 2006 erhob X. Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Entscheid der Regierung vom 11. April 2006
sei aufzuheben und es sei aus gesundheitlichen Gründen ein Strafunterbruch zu
gewähren, unter Kostenfolge. In der Beschwerdeerklärung hielt der Rechtsvertreter
fest, er sei amtlicher Verteidiger des Beschwerdeführers. Dieser führe das Verfahren
selber; die Eingabe ergehe lediglich zur Vorsorge der Fristwahrung. Es werde eine Frist
für die Beschwerdebegründung bis 15. Mai 2006 beantragt. Diesem Antrag
entsprechend setzte das Verwaltungsgericht X. eine Frist für die Ergänzung der
Beschwerde an.
In seiner Beschwerdeergänzung vom 11. Mai 2006 hielt der Beschwerdeführer an
seinem Antrag auf Aufhebung des Entscheids der Regierung fest und beantragte
eventualiter die sofortige Entlassung aus der Haft. Er bringt unter anderem vor, der
Entscheid der Regierung stütze sich auf eine Verurteilung, welche vom Kantonsgericht
aufgehoben worden sei. Im Bericht des Anstaltsarztes sei festgehalten, dass die
Hafterstehungsfähigkeit "nur knapp" gegeben sei. Aufgrund der vorliegenden
Krankheitsbilder verschlechtere sich sein gesamtkörperlicher Zustand von Woche zu
Woche. Er sei ein schwerstkranker, schwerstbehinderter Mann, dem die Strafanstalt
nicht das geeignete Umfeld in medizinischer Betreuung gewähren könne, wie es lege
artis und menschenwürdig geschehen sollte. Er ersuche daher, beim Institut für
Rechtsmedizin Zürich ein aktuelles Statusgutachten seines derzeitigen
Krankheitszustandes im Hinblick auf die Hafterstehungsfähigkeit sowie die Beurteilung
der Möglichkeiten seiner medizinischen Dauerversorgung (ob ausreichend oder nicht)
innerhalb der Strafanstalt Regensdorf einzuholen.
Die Vorinstanz verzichtete auf eine Vernehmlassung zur Beschwerde und hielt am 24.
Mai 2006 fest, das Justiz- und Polizeidepartement habe beim Institut für Rechtsmedizin
der Universität Zürich eine medizinische Begutachtung von X. beantragt.
Die Untersuchung fand am 31. Mai 2006 statt. Das Verwaltungsgericht teilte X. am 28.
Juni 2006 mit, das Ergebnis der Untersuchung werde im Beschwerdeverfahren
berücksichtigt. Es setzte ihn am 3. August 2006 über das Gutachten vom 26. Juli 2006
in Kenntnis und gab ihm Gelegenheit, sich dazu zu äussern. Der Beschwerdeführer
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liess sich am 17. August 2006 innert angesetzter Frist vernehmen und hielt an seinem
Begehren fest.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Der
Beschwerdeführer ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 27. April 2006 und
deren Ergänzung vom 11. Mai 2006 wurden rechtzeitig eingereicht und können als den
gesetzlichen Anforderungen genügend betrachtet werden (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung
mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 und 2 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
Der Beschwerdeführer stellte in seiner Beschwerdebegründung vom 11. Mai 2006 ein
Eventualbegehren um sofortige Entlassung aus der Haft. Soweit damit eine
vorsorgliche Massnahme beantragt wurde, ist das Begehren mit dem Entscheid in der
Hauptsache gegenstandslos geworden.
2./ Nach Art. 374 Abs. 1 Satz 1 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (SR 311.0,
abgekürzt StGB) vollziehen die Kantone die von ihren Strafgerichten aufgrund des
StGB ausgefällten Urteile. Die Vollzugsbehörden müssen ein rechtskräftiges Strafurteil
vollstrecken. Sie dürfen weder auf die Vollstreckung definitiv verzichten noch in ein
Urteil eingreifen oder es abändern. Nur ausnahmsweise ist bei
Straferstehungsunfähigkeit ein Aufschub des Vollzugs auf unbestimmte Zeit zulässig.
Für den Strafvollzug sind bundesrechtliche Vollzugsgrundsätze (insbesondere Art. 37
ff., 374 ff. StGB) und ergänzende Bestimmungen (Art. 397bis StGB) zu beachten. Im
übrigen ist er weitgehend Sache der Kantone (BGE 6A.96/2001 vom 18. Februar 2002
mit Hinweis auf BGE 118 Ia 64 und 108 Ia 69).
Der Bundesrat ist nach Anhörung der Kantone befugt, ergänzende Bestimmungen u.a.
über den Vollzug von Strafen und Massnahmen an kranken, gebrechlichen und
betagten Personen aufzustellen (Art. 397bis Abs. 1 lit. g StGB). Der Bundesrat hat von
dieser Kompetenz keinen Gebrauch gemacht, sondern die Kantone verpflichtet,
diesbezügliche Bestimmungen zu erlassen (Art. 6 Abs. 1 der Verordnung 1 zum
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Strafgesetzbuch, SR 311.01). Die entsprechende Vorschrift von Art. 287 Abs. 3 des
Strafprozessgesetzes (sGS 962.1, abgekürzt StP) bestimmt, dass das zuständige
Departement auf begründetes Gesuch den Vollzug der Strafe um höchstens ein Jahr
aufschieben kann, wenn dem Verurteilten oder seiner Familie aus dem sofortigen
Vollzug schwerwiegende Nachteile erwachsen würden. Bei schwerer Erkrankung kann
es den Strafaufschub verlängern.
Nach Art. 40 Abs. 1 StGB darf der Vollzug einer Freiheitsstrafe nur aus wichtigen
Gründen unterbrochen werden. Als wichtiger Grund gilt die mangelnde
Straferstehungsfähigkeit zufolge schwerwiegender Krankheiten oder Gebrechen
(Niggli/Wiprächtiger [Hrsg.], Kommentar zum Strafgesetzbuch I, Basel 2003, N 8 zu Art.
40). Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung führt aber
Hafterstehungsunfähigkeit oder eine lebensgefährliche Erkrankung nicht ohne weiteres
zu einer Unterbrechung des Strafvollzugs (BGE 106 IV 324). Eine Verschiebung des
Vollzugs kommt nur dann in Frage, wenn mit beträchtlicher Wahrscheinlichkeit damit
zu rechnen ist, dass der Vollzug das Leben oder die Gesundheit des Verurteilten
gefährden würde, und selbst dann noch ist eine Interessenabwägung vorzunehmen,
wobei neben den medizinischen Gesichtspunkten Art und Schwere der begangenen
Straftat und die Dauer der Strafe mitzuberücksichtigen sind (BGE 108 Ia 72).
Unbestritten ist, dass der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers beeinträchtigt
ist. Dieser beantragte eine Untersuchung beim Institut für Rechtsmedizin. Das Justiz-
und Polizeidepartement ordnete eine Begutachtung an. Im Bericht des Instituts für
Rechtsmedizin der Universität Zürich vom 26. Juli 2006 wird zusammenfassend
festgehalten:
". . .
. . .
Vom medizinisch-gutachterlichen Standpunkt aus ist Herr X. zum jetzigen Zeitpunkt als
Straferstehungsfähig anzusehen."
Aufgrund des Gutachtens ist die Hafterstehungsfähigkeit des Beschwerdeführers
zweifelsfrei gegeben. Auch wird im Gutachten ausdrücklich festgehalten, dass sich
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eine wesentliche Verbesserung der gesundheitlichen Situation durch eine Einweisung
in eine offene Strafanstalt oder eine Entlassung in die Freiheit nicht ergeben dürfte, da
unter solchen Umständen die Betreuungs- und Behandlungsmöglichkeiten geringer
seien. Weiter hält das Gutachten unmissverständlich fest, dass der Beschwerdeführer
durch eigenes diszipliniertes Verhalten wesentlich zu einer Verbesserung seiner
gesundheitlichen Situation beitragen kann. Im übrigen ist es in bezug auf die Frage des
Strafunterbruchs nicht ausschlaggebend, dass das Kantonsgericht die vom
Kreisgericht Werdenberg-Sargans am 10. Mai 2005 ausgefällte Strafe von drei Jahren
Zuchthaus auf neun Monate Gefängnis reduzierte.
Zusammenfassend ergibt sich, dass Vorinstanz sowie Justiz- und Polizeidepartement
die Hafterstehungsfähigkeit zu Recht bejaht haben und die Beschwerde gegen die
Verweigerung des Strafunterbruchs als unbegründet abzuweisen ist.
Das Begehren um sofortige Entlassung wird mit dem Entscheid in der Hauptsache
gegenstandslos und ist abzuschreiben.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 2 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS
941.12). Auf ihre Erhebung ist zu verzichten (Art. 97 VRP).
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).