Decision ID: 56084cde-9e0e-42fc-8f22-3e35eeeb02a6
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juli 2013 erstmals zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1).
Er gab an, eine Anlehre als Holzbauarbeiter absolviert zu haben (IV-act. 3-2). Seine
letzte Arbeitgeberin führte am 12. August 2013 aus (IV-act. 9), der Versicherte habe bis
zum 28. April 2013 in einem 100%-Pensum als Abkanter gearbeitet und dabei einen
Jahreslohn von Fr. 78'000.-- erzielt. Am 13. September 2016 erstattete die Zentrum für
Interdisziplinäre Medizinische Begutachtungen AG (ZIMB) im Auftrag der IV-Stelle ein
polydisziplinäres (internistisches, kardiologisches, orthopädisch-chirurgisches und
psychiatrisches) Gutachten (IV-act. 105). Die Sachverständigen gaben an, mit Einfluss
auf die Arbeitsfähigkeit leide der Versicherte an einer koronaren Eingefässerkrankung
(mit/bei: Erstmanifestation 26.04.2013 mit instabiler Angina pectoris, Nachweis einer
90%igen proximalen RIVA-Stenose auf der Bifurkation zum ersten grossen Diagonalast
und einer 50%igen mittleren RIVA-Stenose, Status nach 2-facher koronarer
Revaskularisation in minimalinvasiver Technik mit Anschluss der linken Arteria interna
sinistra zur LAD und der Vena saphena magna als T-Graft zum ersten Diagonalast am
29.04.2013, kardiovaskulären Risikofaktoren: positive Familienanamnese, anhaltender
Nikotinabusus [kumulativ 40 pack years], Dyslipidämie, aktuell: kardial beschwerdefrei,
erhaltener linksventrikulärer Pumpfunktion, keine Hinweise für eine Restischämie in der
metabolisch ausbelasteten Spiroergometrie vom 30.03.2016) und einer medial
betonten Gonarthrose im Bereich des linken Kniegelenks (mit/bei: Chondropathie Grad
II nach Kellgren, Verdacht auf vordere Kreuzbandläsion). Ohne Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit erhoben die Sachverständigen folgende Diagnosen: Diverse
Lebensmittelallergien, chronische Epicondylitis humeri radialis beidseits ohne
Bewegungseinschränkung, psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol,
schädlicher Gebrauch bei Status nach 6-maligem FiaZ, Probleme mit Bezug auf
Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung, Akzentuierung von Persönlichkeitszügen
mit narzisstischer Ausprägung, Legasthenie mit Besuch der Sonderschule mit
anschliessender Anlehre, Kontaktanlässe mit Bezug auf die wirtschaftliche Lage mit
Beistandschaft, psychische Krankheiten oder Verhaltensstörungen in der
Familienanamnese (Tourette-Syndrom der Tochter), Status nach Anpassungsstörung
nach einem Herzinfarkt mit Bypass-Operation, Status nach Resektion eines Chalazions
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des rechten Oberlides am 03.12.2014, Status nach Osteosynthese einer linksseitigen
Claviculafraktur 2012, Status nach schwerem Autounfall mit Polytrauma 1985. In der
bisherigen Tätigkeit als Stanzer/Abkanter in der Metallindustrie sei der Versicherte seit
Ende April 2013 zu 100% arbeitsunfähig. In einer körperlich adaptierten, leichten und
wechselbelastenden, einfach strukturierten, nicht komplexen Verweistätigkeit bestehe
seit dem 21. November 2014 (Abschluss einer teilstationären Behandlung) eine
mindestens 50% und spätestens ab dem Zeitpunkt der aktuellen Begutachtung wieder
eine 100%ige Arbeitsfähigkeit. Mit einer Verfügung vom 26. März 2018 wies die IV-
Stelle das Rentenbegehren des Versicherten bei einem IV-Grad von 16% ab (IV-act.
162). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.
Im November 2018 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 164). Er gab an, er leide an Hüftproblemen und Depressionen.
Dr. med. B._ von der Orthopädie C._ AG hatte am 26. April 2018 berichtet (IV-act.
177), beim Versicherten seien am 16. März 2018 eine Bursektomie und Refixation des
Gluteus minimus und der medius Sehne linker Trochanter erfolgt. Der postoperative
Verlauf sei regelrecht; für zwei Wochen bestehe weiterhin eine 100%
Arbeitsunfähigkeit, danach theoretisch eine volle Arbeitsfähigkeit. Am 2. Juli 2018 und
8. Oktober 2018 hatte Dr. B._ ausgeführt (IV-act. 180 und 182), aufgrund der
weiterhin bestehenden Schmerzen an der linken Hüfte habe er am 22. Juni 2018 und
am 28. September 2018 je eine Infiltration der linken Hüfte mit Bupivacain und
Kenacort vorgenommen. Am 5. Februar 2019 nahm Dr. B._ eine Operation an der
linken Hüfte (Arthroskopie linke Hüfte, Labrumrekonstruktion und Refixation mit
Knorpelglättung, Acetabularrandanfrischung, fovealer Dekompression und
Schenkelhalsplastik) vor (IV-act. 186). Am 5. Juni 2019 hielt Dr. B._ fest (IV-act.
191-7), der Versicherte habe angegeben, ständig Schmerzen zu haben. Diese seien
aber morphologisch alleine von den Hüften her nicht ganz erklärbar. Dr. B._ gab am
5. August 2019 an (IV-act. 194), er habe beim Versicherten am 19. Juli 2019 erneut eine
Infiltration am linken Hüftgelenk vorgenommen.
B.a.
Die Fachpersonen der Psychiatrie-Dienste G._ berichteten am 13. August 2019
(IV-act. 195-2 ff.), der Versicherte leide an einer leichten Intelligenzminderung: keine
oder geringfügige Verhaltensstörung, einer rezidivierenden depressiven Störung,
B.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegenwärtig leichte Episode, einem Verdacht auf eine narzisstische
Persönlichkeitsstörung und einer Lese- und Rechtschreibeschwäche. Er habe bei der
Testung motiviert gewirkt; die Beschwerdevalidierungstests seien unauffällig gewesen
und das Ergebnis könne soweit ohne Einschränkungen interpretiert werden. Bei den
kognitiven Testungen seien in beinahe allen getesteten Bereichen reduzierte
Leistungen festgestellt worden. Überraschend sei hingegen der normkonforme Befund
beim CORSI rückwärts gewesen. Der Befund des Intelligenztests spreche für eine
Minderintelligenz. Weiter habe der Versicherte Probleme, sich auf zwei Aufgaben
gleichzeitig zu konzentrieren. Das Ergebnis des PSSI sei wie folgt zu interpretieren: Der
Versicherte suche verstärkt nach Aufmerksamkeit und Bestätigung im sozialen Kontext,
erwarte ständig Bestätigung und Lob und möchte im Mittelpunkt stehen. Zudem
dominierten eine chronische Schwärmerei und die Unfähigkeit, negative Seiten im
Selberleben zu sehen, und sich mit Konfliktquellen und Problemen
auseinanderzusetzen. Häufig zeigten sich Personen mit diesem Profil übertrieben
attraktiv und verführerisch. Die negativistische Ausprägung äussere sich in
operationaler Passivität. Der Versicherte dürfte mit seinem Verhalten anecken und
daher am Arbeitsplatz auffällig werden. Er sei in der angestammten Tätigkeit voll
arbeitsunfähig. In einer ideal adaptierten Tätigkeit (kaum Stressquellen, wenig
Reizüberflutung, Möglichkeit für Rückzug in Schmerzphasen, sehr einfache repetitive
Tätigkeit, nicht zu langes Sitzen oder Stehen) bestehe eine 20-50%ige Arbeitsfähigkeit.
Dr. B._ berichtete am 4. September 2019 (IV-act. 196-12), aufgrund der
Schmerzen im linken Hüftgelenk sei die Einsetzung einer Hüfttotalprothese angezeigt.
Dr. D._, Facharzt für Orthopädie und Traumatologie FMH, gab am 29. November
2019 an (IV-act. 196-5), am 9. Oktober 2019 sei beim Versicherten eine
Hüfttotalprothese links eingesetzt worden. Der Versicherte habe ihm berichtet, es gehe
ihm soweit gut und er sei mit dem Resultat zufrieden. Neu habe er über beginnende
Beschwerden auf der rechten Seite geklagt. Der RAD-Arzt Dr. med. E._ gab am 13.
Januar 2020 an (IV-act. 200), es könne weiter davon ausgegangen werden, dass der
Versicherte seine angestammte Tätigkeit auf Dauer nicht ausüben könne. Sofern die
Heilungsphase nach der Implantation der Hüfttotalprothese links abgeschlossen sei
und auf der rechten Seite keine wesentliche Problematik bestehe, sei in einer
adaptierten Tätigkeit eine volle Arbeitsfähigkeit gegeben. Vor einer abschliessenden
B.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Stellungnahme müsse abgeklärt werden, ob die Heilungsphase der
Hüfttotalprothesenimplantation abgeschlossen sei und ob auf der rechten Seite eine
wesentliche Hüftproblematik bestehe. Am 14. Februar 2020 berichtete Dr. D._ (IV-
act. 210), mit der Hüfte gehe es gut und auch die Prognose für eine Arbeitsfähigkeit sei
gut. Sowohl die bisherige Tätigkeit als auch leidensangepasste Tätigkeiten seien
vollumfänglich zumutbar. Der RAD-Arzt Dr. E._ notierte am 2. März 2020 (IV-act. 211)
der letzte Bericht von Dr. D._ sei sehr rudimentär ausgefallen. Entgegen der Ansicht
von Dr. D._ sei die zuletzt ausgeübte Tätigkeit mittel- bis langfristig nicht zumutbar,
weil sie hüftbelastend sei. In einer leidensangepassten Tätigkeit bestehe hingegen eine
volle Arbeitsfähigkeit.
Mit einem Vorbescheid vom 20. Mai 2020 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten
an (IV-act. 219), sie beabsichtige, sein Rentenbegehren bei einem IV-Grad von 16%
abzuweisen. Am 12. Juni 2020 liess der Versicherte sinngemäss einwenden (IV-act.
220), im Vorbescheid sei die Verschlechterung seines psychischen Zustandes
(Verdacht auf posttraumatische Belastungsstörung und Verdacht auf
Alkoholmissbrauch) nicht berücksichtigt worden.
B.d.
Am 7. Juli 2020 berichteten die Fachpersonen der Psychiatrie-Dienste G._ (IV-
act. 224), der Versicherte sei am 2. November 2019 in einer Bahnhofsunterführung
zusammengeschlagen worden. Die Folgen wirkten teilweise noch bis heute nach.
Bezüglich seines Suchtproblems mit Alkohol sei er einsichtig und er möchte dieses
angehen; eine Entzugsbehandlung sei geplant. Anlässlich einer Testung vom 1. Juli
2020 habe eine posttraumatische Belastungsstörung ausgeschlossen werden können.
In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit betrage die Arbeitsfähigkeit 0%. Nach einer
Entzugsbehandlung sei bei einem idealen Therapieverlauf eine Arbeitsfähigkeit von
50-80% in einer ideal adaptierten Tätigkeit (Routinetätigkeit, kein Zeit- oder
Leistungsdruck, wohlwollender Arbeitgeber, Pausenmöglichkeit bei grossen
Schmerzen im Fuss oder bei innerem Stresserleben, kognitiv nicht anspruchsvoll)
möglich. Der RAD-Arzt Dr. E._ notierte am 20. Juli 2020 (IV-act. 226), die geplante
Alkoholentzugsbehandlung des Versicherten sei abzuwarten. Die Psychotherapeutin
M.Sc. F._ von den Psychiatrie-Diensten G._ berichtete am 19. Januar 2021 (IV-act.
231-9 ff.), sie habe anlässlich einer Testung auf eine Autismus-Spektrums-Störung bei
der diagnostischen Zuordnung festgestellt, dass die Diagnosekriterien eines Asperger-
B.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Syndroms erfüllt seien, wobei die reduzierten kognitiven Fähigkeiten den Befund
verzerren könnten. Am 26. Januar 2021 gaben die Fachpersonen des H._ (Zentrum
für Suchttherapie und Rehabilitation) an (IV-act. 231-2 ff.), der Versicherte sei vom 4.
August 2020 bis 4. Januar 2021 (mit einem Unterbruch vom 10. August bis 19. August
2021 infolge einer Legionellenpneumonie) in stationärer Behandlung gewesen. Der
Versicherte habe das Ziel der Alkoholabstinenz vollständig erreicht; auf den
Cannabiskonsum habe er während der Behandlung verzichtet. Am 8. Februar 2021
notierte der RAD-Arzt med. pract. I._ (IV-act. 242), bei einem Asperger-Syndrom
handle es sich um eine angeborene Störung, die bereits in der Kindheit und Schulzeit
auffalle und in aller Regel auch diagnostiziert werde. Beim Versicherten sei jedoch nur
eine Legasthenie festgestellt worden. Da das Asperger-Syndrom definitionsgemäss
schon immer hätte vorgelegen haben müssen, hätte sich auch schon früher eine
Auswirkung ergeben müssen. Der Lebenslauf, die Beziehungsfähigkeit und die
Berufsanamnese des Versicherten seien jedoch diesbezüglich vollkommen unauffällig.
Auch der Austrittsbericht des H._s widerspreche einem Asperger-Syndrom; dort
werde beschrieben, der Versichertes sei hilfsbereit gewesen und habe sich gegenüber
den Mitklienten und dem Werkstattleiter stets kooperativ und freundschaftlich
verhalten. Typisch seien für einen Asperger-Autismus aber gerade die
Selbstbezogenheit, die fehlende Empathiefähigkeit und das "Nichteingehenkönnen" auf
das Gegenüber. Weiter sei die Intelligenzminderung beim Versicherten erstmals im
Alter von 5_ Jahren diagnostiziert worden. Beim Asperger-Syndrom liege gemäss den
Kriterien der ICD-10, im Gegensatz zum "normalen" Autismus, eine normale Intelligenz
vor. Ausserdem hätte die Intelligenzminderung schon früher festgestellt werden
müssen. Selbst wenn der Versicherte einen unterdurchschnittlichen IQ habe, zeige
seine 14-jährige Berufstätigkeit bei seiner letzten Arbeitgeberin, dass er durchaus in der
Lage sei, einer gut strukturierten und intellektuell einfachen Tätigkeit vollschichtig
nachzugehen. Somit sei die gestellte Diagnose eines Asperger-Syndroms nicht
nachvollziehbar. Eine Persönlichkeitsstörung liege ebenfalls nicht vor. Auch diese
entwickle sich in der Kindheit und Jugend und sei vor allem durch ihre Dauerhaftigkeit
der unpassenden Einstellungen und Verhaltensmuster durch die Betroffenen
gekennzeichnet. Eine solche hätte beim Versicherten also bereits früher vorliegen
müssen und sei ebenfalls nicht mit seinem privaten und beruflichen Lebenslauf
vereinbar. Auch bezüglich der Suchterkrankung liege kein Hinweis darauf vor, dass
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
daraus ein dauerhafter Gesundheitsschaden mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
resultiert hätte. Während des Aufenthalts im H._ habe der Versicherte eine Alkohol-
und Cannabisabstinenz einhalten können; dies sei dem Versicherten also möglich und
zumutbar. Die Legasthenie wirke sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit aus. Eine
depressive Symptomatik liege nicht vor. Zusammenfassend habe sich der
Gesundheitszustand des Versicherten mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit im
Vergleich zur medizinischen Aktenlage, die der massgeblichen Verfügung vom 26. März
2018 zugrunde gelegen habe, nicht verändert. In einer leidensadaptierten Tätigkeit sei
eine volle Arbeitsfähigkeit gegeben. In einem Vorbescheid vom 23. Juni 2021 (welcher
jenen vom 20. Mai 2020 ersetze) kündigte die IV-Stelle dem Versicherten an, dass sie
beabsichtige, sein Rentengesuch bei einem IV-Grad von 15% abzulehnen (IV-act. 246).
Der Versicherte wendete am 20. Juli 2021 ein (IV-act. 247), aufgrund seiner
psychischen Verfassung sei eine neue Diagnose gestellt worden; der
Gesundheitszustand habe sich damit seit März 2018 verändert. Mit einer Verfügung
vom 28. September 2021 wies die IV-Stelle wie angekündigt das Rentenbegehren des
Versicherten ab (IV-act. 250).
Am 22. Oktober 2021/25. November 2021 erhob der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) Beschwerde gegen die Verfügung vom 28. September 2021 der IV-
Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) und beantragte sinngemäss (act. G 1 und G
3) die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Durchführung einer Begutachtung
und die Zusprache einer Rente. Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, der
RAD habe die von seiner Psychiaterin neu gestellte Diagnose (gemeint wohl das
Asperger-Syndrom im Rahmen einer Autismus-Spektrums-Störung und die leichte
Intelligenzminderung) ohne persönliche Untersuchung und Begutachtung hinterfragt.
Der Entscheid der Beschwerdegegnerin beruhe auf veralteten Aktenkenntnissen; seit
der Neuanmeldung sei er nie zu einer persönlichen Untersuchung eingeladen worden.
Neben den psychiatrischen und traumatischen Belastungen leide er auch an
körperlichen Beschwerden. Alles zusammen führe zu einer Erwerbsunfähigkeit. Er fühle
sich nicht in der Lage, einer Erwerbstätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt
nachzugehen. Der Gedanke daran versetze ihn in eine enorme Stresssituation und
führe zu einer psychischen Belastung.
C.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
In einer Beschwerdeantwort vom 10. März 2022 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 9). Zur Begründung führte
sie insbesondere aus, sie habe die aktuellen medizinischen Berichte eingeholt. Diese
zeigten keine Verschlechterung des Gesundheitszustandes seit der Begutachtung im
Jahr 2016. Einzig im Bericht von M. Sc. F._ seien neue Diagnosen (Asperger-
Syndrom und Intelligenzminderung) erhoben worden, die sich jedoch nicht mit den
anderen medizinischen Berichten erhärten liessen und vom RAD-Psychiater med.
pract. I._ in Frage gestellt worden seien. Da keine Verschlechterung vorliege und sich
auch die Diagnosen nicht komplex verändert hätten, sei auch keine
(Verlaufs-)Begutachtung notwendig gewesen. Nach wie vor bestehe in der
angestammten Tätigkeit keine Arbeitsfähigkeit, in einer adaptierten Tätigkeit aber eine
volle Arbeitsfähigkeit. Von der Hüftoperation habe sich der Beschwerdeführer jeweils
gut erholt; den Alkoholentzug habe er erfolgreich gemeistert. Die an beiden Händen
durchgeführten Operationen des Karpaltunnels (eine Operation vor und eine nach
Verfügungserlass) seien jeweils komplikationslos verlaufen und der Heilungsverlauf sei
zufriedenstellend gewesen. Davor hätte das Problem darin bestanden, dass die Hände
jeweils in der Nacht "eingeschlafen" seien. Wieso der Beschwerdeführer die Probleme
nun gegenüber der Beschwerdegegnerin beklage, sei nicht nachvollziehbar.
Diesbezüglich hätten keine weiteren ärztlichen Konsultationen stattgefunden. Die
Beschwerdegegnerin reichte diesbezüglich unter anderem einen Bericht des RAD-
Arztes Dr. E._ vom 7. März 2022 ein (act. G 9.3). Dr. E._ hatte darin ausgeführt, die
eingereichten Berichte bezüglich der Operationen am Karpaltunnel (act. G 9.2)
enthielten keine Hinweise für postoperative Komplikationen. Für nicht handwerkliche
Tätigkeiten habe aufgrund der Operationen eine vierwöchige und für handwerkliche
Tätigkeiten eine sechswöchige Arbeitsunfähigkeit bestanden. Vor den Operationen sei
der Beschwerdeführer in nicht handwerklichen Tätigkeiten voll arbeitsfähig gewesen.
Dass nach einer Operation Restbeschwerden bestünden, sei nicht ungewöhnlich; diese
seien jedoch nach den vorliegenden medizinischen Dokumentationen nicht so
erheblich, dass sie zu einer relevanten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führen
würden.
C.b.
In einer Replik vom 11. April 2022 liess der Beschwerdeführer sinngemäss an
seinen Beschwerdeanträgen festhalten (act. G 12). Er reichte einen Bericht von M.Sc.
C.c.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
F._ von den Psychiatrie-Diensten G._ vom 5. April 2022 ein (act. G 12.1). Darin
hatte M.Sc. F._ ausgeführt, der RAD habe moniert, die ASS (Autismus-Spektrums-
Störung) hätte bereits in der Kindheit diagnostiziert werden müssen. Dem
widersprächen jedoch viele Befunde. Beim Kontinuum einer ASS in Richtung Autismus
sei dies zutreffend, nicht jedoch bei einer solchen in Richtung Asperger. Die
Symptomatik sei meist rückblickend (auch durch eine Fremdanamnese) erkennbar
(durch Beziehungswechsel, Eigenheiten in der Kommunikation, Vorlieben von
Beschäftigungen, später häufigen Stellenwechseln, Unfähigkeit der Unterordnung,
monologisierende Sprachformen, Antwortlatenzen). Zudem könnten auch Personen mit
geringer Intelligenz Kompensationsstrategien erwerben; so wirke unter anderem die
Freundlichkeit des Beschwerdeführers sehr erlernt. Häufig trete dann in der
Untersuchungssituation die Irritation auf, dass "es nicht echt wirke". Gemäss den
Ausführungen des Beschwerdeführers sei seine letzte Tätigkeit einem
Nischenarbeitsplatz ähnlich gewesen, was die lange Anstellungsdauer erklären dürfte.
Der Herzinfarkt habe sein Gleichgewicht gestört. Das Funktionsniveau sei durch diesen
"Krisenmodus" aus den Fugen geraten und eine Rückkehr sei nur schwer bis nicht
mehr möglich. Die Probleme bei der Wiedereingliederung des Beschwerdeführers seien
eher symptomatik- als motivationsbedingt.
In einer Duplik vom 5. Mai 2022 hielt die Beschwerdegegnerin an ihren bisherigen
Ausführungen fest (act. G 14). Sie reichte ergänzend einen Bericht des RAD-Arztes
med. pract. I._ vom 26. April 2022 ein (act. G 14.1). Dieser hatte darin ausgeführt, er
halte an seiner bisherigen Einschätzung fest, dass sich ein Asperger-Syndrom bereits
in der Kindheit oder spätestens in der Pubertät hätte zeigen müssen. Dass ein
Asperger-Syndrom erstmals im 5_. Lebensjahr diagnostiziert werde, sei aus
versicherungsmedizinischer Sicht nicht nachvollziehbar. Zudem seien die Kriterien für
ein Asperger-Syndrom seiner Ansicht nach weiterhin nicht ausgewiesen. Im
Austrittsbericht des H._ vom 26. Januar 2021 sei beschrieben worden, dass der
Beschwerdeführer viel Motivation für die Arbeit mitgebracht, sich als hilfsbereiter
Mitmensch gezeigt und sich im Umgang mit den Mitklienten und dem Werkstattleiter
stets kooperativ und freundschaftlich verhalten habe. Anlässlich der polydisziplinären
ZIMB-Begutachtung am 13. September 2016 habe der psychiatrische Sachverständige
angegeben, beim Beschwerdeführer bestehe keine Auffassungsstörung, die
C.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Aufmerksamkeit und die Konzentration seien nicht eingeschränkt und er habe sich
aktiv und sehr lebendig am Gesprächsverlauf beteiligt. Er habe "freudestrahlend",
redselig, freundlich zugewandt und sehr offen berichtet. Aus diesen Berichten gehe
eindeutig hervor, dass die Kriterien für eine Autismus-Spektrums-Störung (Unfähigkeit,
Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung und Gestik zur Regulation sozialer Interaktionen zu
verwenden, Unfähigkeit, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen, Mangel an
sozioemotionaler Gegenseitigkeit, die sich in einer Beeinträchtigung oder devianten
Reaktion auf die Emotionen anderer äussert, Mangel, spontan Freude, Interesse oder
Tätigkeiten mit anderen zu teilen), die auch für ein Asperger-Syndrom gälten, nicht
erfüllt seien. Bei der Intelligenz handle es sich um eine feste Konstante, die im
Erwachsenenalter nicht mehr beeinflussbar sei. Bei der Begutachtung 2016 sei zwar
ein grenzwertiges Intelligenzniveau beschrieben, jedoch keine Intelligenzminderung
diagnostiziert worden. Gegen eine solche spreche auch der Erwerb des
Führerscheines. Aus seiner Sicht sei eine erstmalige Diagnose einer
Intelligenzminderung im Alter des Beschwerdeführers nicht möglich.
Nach einer Abweisung eines früheren Rentenbegehrens wird eine neue Anmeldung
gemäss dem Art. 87 Abs. 3 IVV nur geprüft, wenn die versicherte Person glaubhaft
machen kann, dass sich der für die Bestimmung des Invaliditätsgrades massgebende
Sachverhalt in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
1.1.
Die Beschwerdegegnerin hat ein erstes Rentenbegehren des Beschwerdeführers
mit einer Verfügung vom 26. März 2018 abgewiesen. Bereits im November 2018 hat
sich der Beschwerdeführer erneut zum Leistungsbezug angemeldet. Aus somatischer
Sicht ist dem Bericht von Dr. B._ vom 26. April 2018 (IV-act. 177) zu entnehmen,
dass der Beschwerdeführer am 16. März 2018, also vor Erlass der letzten
Abweisungsverfügung, an der linken Hüfte operiert worden ist. Anlässlich einer
weiteren Operation im Februar 2019 an der linken Hüfte hat Dr. B._ festgestellt, dass
das Problem nicht wie bis anhin durch eine Sehnenrefixation vom Gluteus medius
gelöst werden könne; vielmehr habe sich herausgestellt, dass das Gelenk der linken
Hüfte die Beschwerden mitverursacht haben könne (IV-act. 189). Am 9. Oktober 2019
ist dann eine Implantation einer Hüft-TP links erfolgt (IV-act. 196-5). Die Beschwerden
1.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
an der linken Hüfte, die schliesslich zu einer Hüft-TP geführt haben, haben damit
bereits vor der letzten Abweisungsverfügung am 26. März 2018 bestanden. Die Akten
von Dr. B._ beinhalten keine Hinweise darauf, dass die Probleme mit der linken Hüfte
erst nach der Abweisungsverfügung entstanden wären und sich nach der
Abweisungsverfügung relevant verschlimmert hätten. Vielmehr sind die Beschwerden
des Beschwerdeführers an der linken Hüfte seit Anbeginn auf das Gelenk
zurückzuführen gewesen; Dr. B._ hat dies jedoch erst anlässlich der Arthroskopie
vom 5. Februar 2019 festgestellt. Das heisst, dass bereits vor Erlass der letzten
Abweisungsverfügung im März 2018 die Notwendigkeit einer Hüft-TP links bestanden
haben dürfte. Der Sachverhalt der Hüftproblematik hat damit bereits spätestens Mitte
März 2018 vorgelegen; eine Verschlechterung nach der letzten Abweisungsverfügung
am 26. März 2018 geht aus den Akten nicht hervor und ist damit nicht glaubhaft
gemacht worden. M.Sc. F._ hat am 19. Januar 2021 (IV-act. 231-9 ff.) erstmals ein
Asperger-Syndrom und eine Intelligenzminderung als Diagnosen gestellt. Diese
Diagnosen sind mehr als zwei Jahre nach der Neuanmeldung erhoben worden. Aus
den Akten geht jedoch nicht hervor, dass sich der psychische Gesundheitszustand seit
der letzten Abweisungsverfügung am 26. März 2018 verschlechtert hätte. M.Sc. F._
hat lediglich einen gleichgebliebenen Sachverhalt medizinisch neu qualifiziert. Dies
deckt sich auch mit den Stellungnahmen des RAD-Arztes, laut denen ein Asperger-
Syndrom und eine Intelligenzminderung − wenn überhaupt − spätestens seit der
Jugendzeit vorgelegen haben müssten. Damit hat der Beschwerdeführer auch in dieser
Hinsicht keine Verschlechterung des Gesundheitszustandes seit der letzten
Abweisungsverfügung am 26. März 2018 glaubhaft gemacht. Insbesondere geht aus
den Akten auch keine relevante Verschlechterung des als Asperger-Syndrom bzw. als
Autismus-Spektrums-Störung gedeuteten Befundes seit dem Erlass der letzten
Abweisungsverfügung im März 2018 hervor. Indem die Beschwerdegegnerin den RAD-
Arzt nicht um eine eingehende Prüfung der Eintretensvoraussetzungen ersucht,
sondern ohne weiteres (definitiv) das Rentenverfahren eröffnet hat, hat sie gegen den
Art. 87 Abs. 3 IVV verstossen. Nun könnte zwar eingewendet werden, dass dies im
vorliegenden Fall nicht von Bedeutung sei, weil das Eintreten auf die Neuanmeldung ja
im Interesse des Beschwerdeführers gelegen habe. Einem solchen Einwand wäre
entgegen zu halten, dass die Beschwerdegegnerin dem Legalitätsprinzip und dem
Gleichbehandlungsgebot verpflichtet ist. Das Legalitätsprinzip verbietet ein Abweichen
von den einschlägigen Gesetzes- oder (gesetzmässigen) Verordnungsbestimmungen,
und zwar sowohl zulasten als auch zugunsten der versicherten Person. Eine „Kulanz“
ist dem Sozialversicherungsrecht – und dem Verwaltungsrecht überhaupt – fremd. Das
Gleichbehandlungsgebot zwingt die Sozialversicherungsträger, alle Versicherten und
alle Einzelfälle nach Massgabe ihrer Gleichheit gleich zu behandeln. Liegt in einem
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
konkreten Einzelfall kein sachlicher Grund für eine Ungleichbehandlung vor, muss der
konkrete Einzelfall genau gleich wie die andern vergleichbaren Fälle behandelt werden.
Ein Eintreten auf eine Neuanmeldung ohne Glaubhaftmachung einer relevanten
Sachverhaltsveränderung mag für die betroffene Person zwar positiv sein, aber es
verletzt das Gleichbehandlungsgebot, weil es all jene Personen benachteiligt, auf deren
Neuanmeldung mangels Glaubhaftmachung einer relevanten Sachverhaltsveränderung
nicht eingetreten wird. Folglich kann im vorliegenden Fall nicht darüber hinweggesehen
werden, dass das Eintreten auf die Neuanmeldung zum Rentenbezug vom November
2018 rechtswidrig gewesen ist. Die angefochtene Verfügung vom 28. September 2021,
mit der die Beschwerdegegnerin das (neue) Rentenbegehren des Versicherten
abgewiesen hat, ist deshalb aufzuheben und durch den Entscheid zu ersetzen, nicht
auf die Neuanmeldung vom November 2018 einzutreten. Das schliesst naturgemäss
eine gerichtliche Prüfung eines allfälligen Rentenanspruchs aus. Darin ist keine
reformatio in peius zu erblicken, weil der Beschwerdeführer mit dem
Nichteintretensentscheid nicht schlechter gestellt wird als durch die verfügte materielle
Abweisung seines Rentenbegehrens. Bei einer allfälligen späteren Neuanmeldung
könnte sich die Korrektur tendenziell sogar eher zugunsten des Beschwerdeführers
auswirken, weil der Vergleichszeitraum, für den er eine relevante
Sachverhaltsveränderung glaubhaft machen müsste, dadurch länger würde (vgl. dazu
auch den Entscheid IV 2017/136, IV 2017/221 des Versicherungsgerichts des Kantons
St.Gallen vom 15. Februar 2019, Erw. 2).
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Hinsichtlich der Kosten- und
Entschädigungsfolgen ist trotz der Korrektur der angefochtenen Verfügung vom 28.
September 2021 von einem vollständigen Unterliegen des Beschwerdeführers
auszugehen, denn im Ergebnis besteht aus der Sicht des Beschwerdeführers kein
wesentlicher Unterschied zwischen einer Abweisung seines Rentenbegehrens und dem
Nichteintreten auf die Neuanmeldung: Die Korrektur verschafft ihm keinen relevanten
Vorteil, der es rechtfertigen würde, hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen
auch nur von einem teilweise Obsiegen auszugehen. Eine Gerichtsgebühr von Fr.
600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen.
Dem unterliegenden Beschwerdeführer sind die Gerichtskosten vollumfänglich
aufzuerlegen. Zufolge der Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege wird er aber
von der Pflicht zur Bezahlung dieser Kosten befreit.
2.1.
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte