Decision ID: 5a5dd9dd-328a-4d84-a6e8-3e2912f0166f
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. A1. alias A. reiste am Freitag, 25. Juni 2021, bei Z. in die Schweiz ein. Die
Kantonspolizei St. Gallen nahm ihn gestützt auf eine «Interpol Red Notice»
der United Nations Interim Administration Mission in Kosovo (UNMIK) fest
(act. 4.3). Das Bundesamt für Justiz (nachfolgend «BJ») ordnete am
26. Juni 2021 gegen A. provisorisch Auslieferungshaft an zum Vollzug eines
kosovarischen Strafurteils wegen versuchten und vollendeten Mordes
(act. 4.1, 4.2; Vollstreckung einer Restfreiheitsstrafe von 8 Jahren und 8 Mo-
naten, act. 4.4A). Am 26. Juni 2021 fand die Hafteinvernahme statt (act. 4.3).
Das BJ erliess am 28. Juni 2021 den förmlichen Auslieferungshaftbefehl
(act. 4.4A).
B. Die Republik Kosovo stellte am 29. Juni 2021 formell das Auslieferungsge-
such für A., unter Beilage seiner Verurteilung durch das Bezirksgericht Priz-
ren vom 10. April 2006 und der Feststellung der kosovarischen Strafvollzugs-
behörden betreffend seine Strafverbüssung. Er sei im Jahr 2016 von einem
Hafturlaub nicht wieder in die Strafanstalt zurückgekehrt (act. 4.6).
Rechtsanwalt Andreas Fäh reichte am 9. Juli 2021 seine Vollmacht ein
(act. 4.7).
Am 14. Juli 2021 führte die Staatsanwaltschaft St. Gallen die Einvernahme
zur Auslieferung mit A. durch (act. 4.8). A. bestätigte, die gesuchte Person
zu sein. Er hielt am ordentlichen Auslieferungsverfahren fest und verzichtete
nicht auf die Anwendung des Spezialitätsprinzips.
Am 11. August 2021 reichte Rechtsanwalt Andreas Fäh die Stellungnahme
zum Auslieferungsersuchen ein (act. 4.11). Er beantragte im Wesentlichen,
von einer Auslieferung sei abzusehen.
C. Das BJ bewilligte mit Entscheid vom 2. September 2021 (act. 4.14) die Aus-
lieferung von A. an die Republik Kosovo.
D. Dagegen gelangte A. am 6. Oktober 2021 an die Beschwerdekammer des
Bundesstrafgerichts. Er beantragt:
1. Der Auslieferungsentscheid des Bundesamtes für Justiz BJ vom 2. September 2021
sei aufzuheben;
2. Von einer Auslieferung des Beschwerdeführers in die Republik Kosovo zwecks Ver-
büssung der verbleibenden Freiheitsstrafe sei abzusehen;
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3. Der Beschwerdeführer sei umgehend aus der Auslieferungshaft zu entlassen;
4. Eventualiter sei der Beschwerdeführer in seinen Wohnsitzstaat Deutschland zu Han-
den der dortigen Justizbehörden zu entlassen und die Republik Kosovo sei anzuwei-
sen, einen Antrag auf Übernahme des Strafvollzugs an Deutschland zu stellen;
5. Eventualiter sei der Beschwerdeführer nach Kroatien in sein Heimatland zu Handen
der dortigen Justizbehörden zu entlassen und die Republik Kosovo sei anzuweisen,
einen Antrag auf Übernahme des Strafvollzugs an Deutschland zu stellen;
6. Subeventualiter seien die Schweizer Behörden zur Einholung der folgenden Garan-
tien der Republik Kosovo zu verpflichten;
– dass der Beschwerdeführer im kosovarischen Strafvollzug nicht in seiner phy-
sischen und psychischen Integrität verletzt wird;
– dass der Beschwerdeführer jederzeit Zugang zu erforderlichen medizinischen
Behandlungen wie Physiotherapie, Medikation gegen Diabetes und ärztlichen
Untersuchungen aufgrund kardialer Leiden erhält;
– dass die diplomatische Vertretung der Schweiz die Haftbedingungen des Be-
schwerdeführers jederzeit überprüfen kann;
– dass der Beschwerdeführer nicht im Dubrava Gefängnis inhaftiert wird;
– dass dem Beschwerdeführer jederzeit die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit
seiner Familie gewährt wird.
7. Dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Rechtspflege in Bezug auf die Ge-
richtskosten zu gewähren;
8. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen;
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der verfügenden Behörde.
E. Die Beschwerdekammer zeigte dem BJ am 8. Oktober 2021 den Eingang
der Beschwerde an, vorab per Fax (act. 2), und lud das Amt gleichentags mit
separatem Schreiben zur Beschwerdeantwort ein (act. 3).
Am 12. Oktober 2021 ersuchte das BJ das Justizministerium der Republik
Kosovo per E-Mail um Abgabe der «üblichen Garantien» (usual guarantees;
act. 4.16). Mit Schreiben vom 13. Oktober 2021 sicherte die Republik Kosovo
zusammengefasst zu, (lit. a) Gegenrecht zu gewähren, (lit. b) gemäss EMRK
die körperliche und geistige Integrität zu achten, (lit. c) die Strafe EMRK-
konform zu vollziehen, (lit. d) das Spezialitätsprinzip zu achten, (lit. e und f)
Schweizer Behörden den Ort des Strafvollzugs mitzuteilen und ihnen den
jederzeitigen Besuch zu ermöglichen sowie (lit. g und h) Besuche des An-
waltes und der Familie zu ermöglichen.
Das BJ reichte am 18. Oktober 2021 die Beschwerdeantwort ein (act. 4). Das
Amt beantragt, die Beschwerde sei abzuweisen. Es führt zur Abgabe von
diplomatischen Garantien aus, solche im Auslieferungsverkehr mit Kosovo
nicht systematisch zu verlangen. Sie würden gegebenenfalls im Einzelfall
einverlangt, namentlich wenn die verfolgte Person zu einer besonders ge-
fährdeten Gruppe zähle oder wenn andere besondere Gründe geltend ge-
macht worden seien. Vorliegend seien Garantien nicht erforderlich: Eine
ernsthaft zu befürchtende schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte
habe der Beschwerdeführer weder belegt noch glaubhaft gemacht. Seine
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Beschwerde enthalte dazu keine weiteren Argumente, weshalb an dieser
Einschätzung festzuhalten sei. Das BJ habe dennoch gewisse Garantien im
üblichen Rahmen eingefordert.
F. A. hielt in der Beschwerdereplik vom 25. November 2021 daran fest, Garan-
tien zu verlangen (act. 8). Er habe zudem in Kroatien beantragt, die Strafe
dort verbüssen zu können. Das vorliegende Beschwerdeverfahren sei daher
bis zum Entscheid über das Gesuch um Vollzug in Kroatien zu sistieren.
G. Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen Bezug genom-
men.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Bis heute ist die Republik Kosovo weder Vertragsstaat des Europäischen
Auslieferungsübereinkommens noch wurde mit der Schweiz ein bilateraler
Staatsvertrag bezüglich Auslieferungsverfahren abgeschlossen. Mangels
staatsvertraglicher Regelung gelangen daher vorliegend die Vorschriften des
internen schweizerischen Rechts zur Anwendung, d.h. diejenigen des Bun-
desgesetzes vom 20. März 1981 über internationale Rechtshilfe in Strafsa-
chen (IRSG; SR 351.1) und die Verordnung vom 24. Februar 1982 über in-
ternationale Rechtshilfe in Strafsachen (IRSV; SR 351.11; vgl. TPF 2008 61
E. 1.5 S. 65 f.). Im Auslieferungsverkehr sind auch die menschenrechtlichen
Verpflichtungen der Schweiz zu beachten (vgl. auch Art. 2 IRSG).
1.2 Auf das vorliegende Beschwerdeverfahren sind zudem anwendbar die Be-
stimmungen des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Ver-
waltungsverfahren (Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG; SR 172.021;
Art. 39 Abs. 2 lit. b i.V.m. Art. 37 Abs. 2 lit. a des Bundesgesetzes vom
19. März 2010 über die Organisation der Strafbehörden des Bundes, Straf-
behördenorganisationsgesetz, StBOG, SR 173.71; BGE 139 II 404 E. 6/8.2;
ZIMMERMANN, La coopération judiciaire internationale en matière pénale,
5. Aufl. 2019, N. 273).
- 5 -
2.
2.1 Gegen Auslieferungsentscheide des BJ kann innerhalb von 30 Tagen nach
Eröffnung des Entscheids bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafge-
richts Beschwerde geführt werden (Art. 25 Abs. 1 IRSG i.V.m. Art. 50
Abs. 1 VwVG und Art. 12 Abs. 1 IRSG). Die Frist beginnt an dem auf ihre
Mitteilung folgenden Tage zu laufen (Art. 20 Abs. 1 VwVG).
2.2 Als Verfolgter (vgl. Art. 11 Abs. 1 IRSG) ist der Beschwerdeführer zur Einrei-
chung des Rechtsmittels legitimiert. Dieses ist auch frist- und formgerecht
erhoben worden. Auf die Beschwerde ist damit einzutreten.
3.
3.1 Das BJ hat im Auslieferungsentscheid vom 2. September 2021 geprüft, ob
die Auslieferungsvoraussetzungen (namentlich ein auslieferungsfähiges De-
likt, beidseitige Strafbarkeit, keine Verjährung) vorliegen und dies bejaht. Der
Beschwerdeführer bestreitet dies nicht. Entsprechende Auslieferungshinder-
nisse wären auch nicht ersichtlich.
3.2 Der Beschwerdeführer berichtet, er habe sich bei der Arbeit im Gefängnis
Dubrava die Beine gebrochen. Er habe keine angemessene medizinische
Versorgung erhalten, die notwendigen zwei Operationen habe er selbst be-
zahlen müssen. Sein Bruder habe dafür das Operationsmaterial (Schrau-
ben/Platten) aus der Schweiz bringen müssen. Er könne heute noch seine
Knie nicht mehr richtig beugen und dadurch weder in die Hocke gehen noch
knien. Die Stehtoiletten im Gefängnis würden ihm keinen Toilettengang unter
würdigen hygienischen Bedingungen erlauben. Ihm seien zudem aufgrund
eines Herzinfarktes zwei Stents eingesetzt worden. Er sei auf regelmässige
kardiologische Untersuchungen angewiesen. Er benötige überdies wegen
Diabetes täglich Medikamente. Die Auslieferung komme daher aus gesund-
heitlichen Gründen nicht in Frage. Das BJ habe sich mit diesen Vorbringen
gar nicht auseinandergesetzt. Im Gefängnis Dubrava sei er nur nach Zah-
lung einer hohen Geldsumme weg vom Pavillon 3 verlegt worden. Der Be-
richt des Antifolterkomitees des Europarates bestätige, dass er zum Bewoh-
nen durch Menschen nicht geeignet sei. Korruption sei im Gefängnis
Dubrava verbreitet und der Alltag gefährlich. Seine Reststrafe dort zu ver-
büssen, würde gegen seine Menschenrechte verstossen.
3.3 Das BJ führt im Auslieferungsentscheid aus, aufgrund der bisherigen Erfah-
rungen lägen keine Gründe zur Annahme vor, dass der Beschwerdeführer
im Kosovo einen Strafvollzug zu erdulden hätte, welcher unter Art. 2 IRSG
fallen könnte. Dem BJ seien keine entsprechenden Beanstandungen aus
früheren Auslieferungsverfahren bekannt. Es sei dabei nie zu stichhaltigen
- 6 -
Rügen der ausgelieferten Personen gekommen, wonach die Republik Ko-
sovo z.B. das Spezialitätsprinzip nicht eingehalten oder Menschenrechte
verletzt hätte. Dem Beschwerdeführer werde ein gemeinrechtliches und kein
politisches Delikt vorgeworfen und er gehöre auch keiner im ersuchenden
Staat besonders gefährdeten Personengruppe an (act. 4.14 S. 5).
Das BJ ergänzt in der Beschwerdeantwort (act. 4), das Amt verlange im Aus-
lieferungsverkehr mit dem Kosovo nicht systematisch diplomatische Garan-
tien. Diese würden gegebenenfalls verlangt, falls die verfolgte Person zu
einer gefährdeten Gruppe gehöre oder wenn andere besondere Gründe gel-
tend gemacht würden. Im vorliegenden Fall erachte das BJ Garantien nicht
als erforderlich. Eine objektiv und ernsthaft zu befürchtende schwerwie-
gende Verletzung der Menschenrechte habe der Beschwerdeführer weder
belegt noch glaubhaft gemacht. Weil der Beschwerdeführer nun aber explizit
gewisse Garantien gefordert hat, habe das BJ diese im üblichen Rahmen
eingefordert. Die bisherige Erfahrung im Auslieferungsverkehr habe dem BJ
gezeigt, dass kein Grund bestehe, an ihrer Einhaltung durch die Republik
Kosovo zu zweifeln.
3.4 Der Beschwerdeführer rügt spezifisch, vor Bezirksgericht seien ihm die mi-
nimalsten Verfahrensgarantien verwehrt geblieben. So sei der zuständige
Richter mit der Familie des Getöteten verwandt gewesen. Der Neffe des Ge-
töteten sei Polizist und im Vorfeld des Delikts beteiligt. Wichtige Beweise
seien unberücksichtigt geblieben. Er habe dies beim obersten Gerichtshof
der Republik Kosovo gerügt, jedoch sei sein Recht auf eine wirksame Be-
schwerde (Art. 13 EMRK) verletzt worden.
Der Beschwerdeführer schildert nichts, was einem schwerwiegenden
Verstoss gegen die Verfahrensrechte der EMRK gleichkäme (EGMR i.S. So-
ering v. UK vom 7. Juli 1989, No 14038/88, Ziff. 113; EGMR i.S. Othman
[Abu Qattada] v. UK vom 17. Januar 2012, No 8139/09, Ziff. 233, 258–262).
Die schweizerische Rechtshilfebehörde hat die Gültigkeit der vom ersuchen-
den Staat unternommenen Verfahrensschritte und der von ihm vorgelegten
Unterlagen nicht zu prüfen, es sei denn, es liege eine besonders schwerwie-
gende und offensichtliche Verletzung des ausländischen Verfahrensrechts
vor, die das Auslieferungsersuchen als geradezu rechtsmissbräuchlich er-
scheinen liesse (Urteil des Bundesgerichts 1C_454/2019 vom 12. Septem-
ber 2019 E. 2.2). Der Beschwerdeführer konnte gegen das erstinstanzliche
Urteil den obersten Gerichtshof der Republik Kosovo anrufen und seine Sa-
che vorbringen. Dass er damit keinen Erfolg hatte, setzt kein Auslieferungs-
hindernis.
- 7 -
3.5 Der Beschwerdeführer macht weiter geltend, Unionsbürger zu sein und in
Deutschland zu wohnen. Es könne nicht angehen, dass trotz Kenntnis der
für ihn menschenrechtsgefährdenden Situation weder Kroatien noch
Deutschland formell angefragt worden seien, die Strafe stellvertretend für die
Republik Kosovo zu vollziehen.
Gemäss Art. 37 Abs. 1 IRSG kann die Auslieferung abgelehnt werden, wenn
die Schweiz die Vollstreckung des ausländischen Strafentscheides überneh-
men kann und dies im Hinblick auf die soziale Wiedereingliederung des Ver-
folgten angezeigt erscheint. Die Vollstreckung von Strafentscheiden eines
anderen Staates setzt ein ausdrückliches Ersuchen des betreffenden Staa-
tes voraus (vgl. Art. 94 Abs. 1 IRSG; BGE 129 II 100 E. 3.1; 120 Ib 120 E. 3c).
Aus der EMRK kann kein Recht abgeleitet werden, die Strafe in einem be-
stimmten Staat vollziehen zu lassen. Vorliegend fehlt es schon an einem Er-
suchen der Republik Kosovo, dass die Schweiz ihr Strafurteil vollziehe. Die
Schweiz kann einen anderen Staat nicht verpflichten, ein solches zu stellen.
Dass der Beschwerdeführer von Kroatien ein Strafvollzugsersuchen erwir-
ken möchte, rechtfertigt nicht, das vorliegende Verfahren zu sistieren. Der
Beschwerdeführer hat sodann zur Schweiz auch keine besonders engen Be-
ziehungen, wohnt er doch in Deutschland. Seine Rüge geht damit in mehr-
facher Hinsicht fehl.
3.6 Der Beschwerdeführer macht sodann geltend, ihm und seiner Familie drohe
zu Lebzeiten jederzeit die Blutrache der gesamten weitgefassten männlichen
Familie des Getöteten. Er schwebe daher im Kosovo in höchster Gefahr. Er
müsse deshalb zur Gruppe der im Kosovo gefährdeten Personen gezählt
werden, weshalb die Auslieferung zu versagen sei.
Der Beschwerdeführer bringt damit vor, wegen seines Mordes und Mordver-
suchs drohe ihm Blutrache, weshalb er nicht ausgeliefert werden dürfe. Der
Beschwerdeführer hat seine Situation selbst geschaffen. Der Beschwerde-
führer steht unter dieser Drohung, ob er sich nun in der Schweiz, Deutsch-
land oder Kosovo aufhält. Die Schweiz hat sein Leben im Auslieferungsver-
fahren zu schützen und die Republik Kosovo im Strafvollzug, was letztere in
den Jahren vor seiner Flucht bereits getan hatte. Auch diese Rüge steht ei-
ner Auslieferung nicht entgegen.
4. Der Beschwerdeführer beantragt schliesslich, eine allfällige Auslieferung
dürfe nur unter annahmebedürftigen Auflagen gemäss Art. 80p IRSG erfol-
gen.
- 8 -
4.1 Bei Ländern mit bewährter Rechtsstaatskultur – insbesondere jenen West-
europas – bestehen regelmässig keine ernsthaften Gründe für die Annahme,
dass der Verfolgte bei einer Auslieferung dem Risiko einer Art. 37 Abs. 3
IRSG verletzenden Behandlung ausgesetzt sein könnte. Deshalb wird hier
die Auslieferung ohne Auflagen gewährt. Dann gibt es Staaten, in denen
zwar ernsthafte Gründe für die Annahme bestehen, dass der Verfolgte im
ersuchenden Staat einer menschenrechtswidrigen Behandlung ausgesetzt
sein könnte, dieses Risiko aber mittels diplomatischer Garantien behoben
oder jedenfalls auf ein so geringes Mass herabgesetzt werden kann, dass
es als nur noch theoretisch erscheint. Ein solches theoretisches Risiko einer
menschenrechtswidrigen Behandlung kann, da es praktisch immer besteht,
für die Ablehnung der Auslieferung nicht genügen. Sonst wären Auslieferun-
gen überhaupt nicht mehr möglich und könnten sich Straftäter durch Grenz-
übertritt vor der Verfolgung schützen. Schliesslich gibt es Staaten, in denen
das Risiko einer menschenrechtswidrigen Behandlung auch mit diplomati-
schen Zusicherungen nicht auf ein Mass herabgesetzt werden kann, dass es
als nur noch theoretisch erscheint. Als Beispiel kann auf das Urteil des Eu-
ropäischen Gerichtshofes in Sachen Chahal gegen Vereinigtes Königreich
vom 15. November 1996 (Recueil CourEDH 1996-V S. 183) verwiesen wer-
den (vgl. BGE 134 IV 156 E. 6.7).
4.2 Für die Beantwortung der Frage, in welche Kategorie der Einzelfall gehört,
ist eine Risikobeurteilung vorzunehmen. Dabei ist zunächst die allgemeine
menschenrechtliche Situation im ersuchenden Staat zu würdigen. Sodann –
und vor allem – ist zu prüfen, ob der Verfolgte selber aufgrund der konkreten
Umstände seines Falles der Gefahr einer menschenrechtswidrigen Behand-
lung ausgesetzt wäre (BGE 117 Ib 64 E. 5 f.; 115 Ib 68 E. 6). Dabei spielt
insbesondere eine Rolle, ob er gegebenenfalls zu einer Personengruppe ge-
hört, die im ersuchenden Staat in besonderem Masse gefährdet ist (BGE 135
I 191 E. 2.3; 134 IV 156 E. 6.8; TPF 2010 56 E. 6.3.2 [Iran]; TPF 2008 24
E. 4 [Moldawien]). Der im ausländischen Strafverfahren Beschuldigte muss
glaubhaft machen, dass objektiv und ernsthaft eine schwerwiegende Verlet-
zung der Menschenrechte im ersuchenden Staat zu befürchten ist (BGE 130
II 217 E. 8.1; 129 II 268 E. 6.1; 126 II 324 S. 328 E. 4e; 125 II 356 S. 364
E. 8a; 123 II 161 S. 167 E. 6b; 123 II 511 S. 517 E. 5b). Abstrakte Behaup-
tungen genügen nicht. Im Rahmen eines Beschwerdeverfahrens muss der
Beschwerdeführer seine Vorbringen im Einzelnen präzisieren (Urteil des
Bundesgerichts 1A.210/1999 vom 12. Dezember 1999 E. 8b). Dies gilt auch
für allfällige Drohungen und Gefährdungen durch Drittpersonen (Urteil des
Bundesgerichts 1C_317/2014 vom 27. Juni 2014 E. 1.5; GARRÉ, Basler Kom-
mentar, 2015, Art. 37 IRSG N. 10; ZIMMERMANN, a.a.O., N. 681–693).
https://expert.bger.ch/php/expert/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2017&sort=date_desc&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=BGE+117+Ib+64+&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F117-IB-64%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page64 https://expert.bger.ch/php/expert/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2017&sort=date_desc&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=BGE+117+Ib+64+&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F115-IB-68%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page68
- 9 -
4.3 Nach Art. 80p Abs. 1 IRSG können die ausführende Behörde und die Rechts-
mittelinstanz sowie das Bundesamt die Gewährung der Rechtshilfe ganz
oder teilweise an Auflagen knüpfen (dazu ZIMMERMANN, a.a.O., N. 654).
Kosovo ist kein Mitgliedstaat des Europarates und ist auch keinem hier
massgeblichen Menschenrechtsinstrument beigetreten (namentlich nicht
dem UNO-Pakt II, SR 0.103.2, oder dem UN-Übereinkommen vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe, SR 0.105). Gestützt auf ein Abkommen
vom 23. August 2004 zwischen dem Europarat und der United Nations Inte-
rim Administration Mission in Kosovo (UNMIK) unternahm das Europäische
Komitee zur Verhütung von Folter im Jahr 2007 einen Besuch und führte
seine Tätigkeit auf gleicher Grundlage auch nach der Unabhängigkeit der
Republik Kosovo weiter (Besuche in den Jahren 2010, 2015, 2020). Das Ko-
mitee wurde geschaffen durch das Europäische Übereinkommen vom
26. November 1987 zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder er-
niedrigender Behandlung oder Strafe (SR 0.106).
4.4 Die Praxis des Bundesstrafgerichts hat Auslieferungen an die Republik Ko-
sovo regelmässig (nur) unter Garantien zugelassen und zwar sowohl Auslie-
ferungen
 zum Strafvollzug – Entscheide RR.2020.104 vom 19. Juni 2020;
RR.2019.299_338 vom 12. Februar 2020; RR.2019.168 vom 22. Au-
gust 2019; RR.2017.336 vom 15. Februar 2018; RR.2016.37 vom
11. Mai 2016; RR.2016.38 vom 10. Mai 2016; RR.2012.198 vom
16. Januar 2013; RR.2012.118 vom 11. September 2012; RR.2012.56
vom 8. Juni 2012;
 wie auch zur Strafuntersuchung – Entscheide RR.2019.40 vom 4. April
2019; RR.2010.233/254 vom 4. April 2011.
Der Entscheid RR.2015.298 schützte eine Auslieferung ohne Garantien zum
Strafvollzug wegen versuchten Mordes. Ausschlaggebend war ein Bericht
des EDA vom 23. April 2015 (dortige E. 3.3.1), wonach beim Strafvollzug in
der Republik Kosovo keine Verletzungen von Grundrechten festgestellt wur-
den (vgl. demgegenüber den damaligen Bericht des Europäischen Komitees
zur Verhütung von Folter vom 8. September 2016, CPT/Inf (2016) 23 zum
Besuch vom 15. bis 22. April 2015).
Soweit gegen obige Entscheide Beschwerde erhoben wurde, trat das Bun-
desgericht darauf nicht ein (Urteile 1C_388/2020 vom 13. Juli 2020 zu
RR.2020.104; 1C_454/2019 vom 12. September 2019 zu RR.2019.168;
1C_211/2019 vom 23. April 2019 zu RR.2019.40; 1C_113/2020 vom
10. März 2020 zu RR.2019.299/338; 1C_99/2018 vom 27. März 2018 zu
- 10 -
RR.2017.336; 1C_6/2018 vom 12. Februar 2018 zu RR.2017.278;
1C_10/2018 vom 12. Februar 2018 zu RR.2017.264; 1C_234/2016 vom
24. Mai 2016 zu RR.2016.37; 1C_232/2016 vom 24. Mai 2016 zu
RR.2016.38; 1C_37/2016 vom 28. Januar 2016 zu RR.2015.298;
1C_181/2011 vom 24. Mai 2011 zu RR.2010.233/254).
4.5
4.5.1 Seit dem Entscheid des Bundesstrafgerichts RR.2020.104 vom 19. Juni
2020 E. 3.3 f. ist das Beobachtungsmandat der EULEX bis 14. Juni 2023
verlängert worden. Es gibt einen neuen Bericht zu einem Besuch des Euro-
päischen Komitees zur Verhütung von Folter (Bericht vom 23. September
2021, CPT/Inf (2021) 23). Im Rahmen des Beitrittsprozesses zur EU er-
schien am 19. Oktober 2021 der «Kosovo 2021 Report» der Europäischen
Kommission (SWD (2021) 292 final/2). Zum Gefängnissystem hielt der Ko-
sovo 2021 Report fest, die Republik Kosovo beachte im Allgemeinen weiter-
hin die «UN Standard Minimum Rules for the Treatment of Prisoners», wie
auch die Europäischen Strafvollzugsgrundsätze (European Prison Rules).
Besuche des Nationalen Präventionsmechanismus der Republik Kosovo zur
Verhütung von Folter und Misshandlung (NPM) zeigten weder Beschwerden
von Gefangenen über die Behandlung noch eine Überbelegung. Gemäss
NPM sei die Gesundheitsversorgung angemessen. Die Behörden sollten An-
strengungen unternehmen, Beschäftigungen der Gefangen ausserhalb der
Zellen so weit wie möglich zu fördern (S. 29 f.).
4.5.2 Beim Besuch vom 15. bis 22. April 2015 des Europäischen Komitees zur
Verhütung von Folter war ein Schwerpunkt die Situation von Personen in
Polizeigewahrsam sowie in Gefängnissen (Bericht vom 8. September 2016,
CPT/Inf (2016) 23, S. 4–6). In den Gefängnissen hatte sich die Behandlung
der Gefangenen wesentlich verbessert, wobei es auch durch medizinische
Berichte gestützte Hinweise auf Misshandlungen gab. Im grössten Gefäng-
nis (Dubrava) hatte der Kampf gegen die Korruption jedoch eher Rück- als
Fortschritte verzeichnet (S. 17, 19–21). Der Zustand der Zellen war in den
verschiedenen Einrichtungen sehr unterschiedlich (S. 16, 21 f.). Deren Zu-
stand war in der Anstalt Pejë/Peć generell ungenügend («poor») und über-
belegt (S. 22 f. Absatz 41). Das Komitee empfahl, die Anstalt Pejë/Peć so-
bald wie möglich zu schliessen.
4.5.3 Beim Besuch vom 6. bis 16. Oktober 2020 ging es dem Europäischen Komi-
tee zur Verhütung von Folter ebenfalls um die Verhältnisse in den Strafvoll-
zugsanstalten (Bericht vom 23. September 2021, CPT/Inf (2021) 23, S. 28–
43). Überbelegung war nun kein allgemeines Problem mehr (S. 29). Der Zu-
stand der Zellen und Gebäude war mit Ausnahme von Dubrava im Allgemei-
- 11 -
nen gut oder akzeptabel, in der neu eröffneten Anstalt Prishtinë/Priština we-
gen der schlechten Bausubstanz verbesserungswürdig. Wie bereits schon
im Jahr 2015 gab es von der Mehrheit der Gefangenen keine Klagen über
Misshandlungen (S. 31). Krankenzimmer waren allgemein in gutem Zustand,
ausreichend ausgestattet und im Allgemeinen mit genügend Personal aus-
gestattet. Die Versorgung mit Medikamenten war gewährleistet (S. 37–39).
Es war unklar, ob die Anstalt Pejë/Peć noch in Betrieb war (S. 28). Im gröss-
ten Gefängnis Dubrava war Korruption nach wie vor virulent. Nach weitver-
breiteter Auffassung seien Vorzugsbehandlungen wie Unterbringung in einer
Einzelzelle, Arbeitsgelegenheiten, Ausgang am Wochenende, Drogen und
Mobiltelefone käuflich (S. 29). Teile des Gefängnisses Dubrava waren in
einem sehr schlechten Zustand. Zellen waren teilweise für die Unterbringung
von Menschen nicht geeignet. Gemeinschaftsduschen waren in einem sehr
schlechten Zustand, in zwei Blöcken gar ausser Betrieb (S. 34 Abs. 72).
Die Haftbedingungen/Beschäftigungsmöglichkeiten (das «regime») in den
Gefängnissen waren sehr unterschiedlich (vgl. S. 35 f.). Das Grundregime
(basic regime) gilt für die ersten 28 Tage oder als Disziplinarmassnahme.
Nach drei bis sechs Monaten im Standardregime (standard regime) können
Gefangene dann ins fortgeschrittene Regime (advanced regime) aufrücken
(S. 35 Fussnote 46). Die Verhältnisse im Standard- und fortgeschrittenen
Regime waren gesamthaft deutlich besser, im Grundregime zum Teil armse-
lig («very poor», vgl. Absätze 77, 78, 81). Das Komitee hebt hervor, je länger
die Haft dauert, desto ausgeprägter sollten die Beschäftigungsmöglichkeiten
sein. Gefangene sollen nicht monatelang für sich und unbeschäftigt bleiben.
4.6 Die Berichte des Europäischen Komitees zur Verhütung von Folter zeigen
konkrete Fortschritte zur Verbesserung des Strafvollzugs in der Republik Ko-
sovo und die stetigen Bemühungen hierzu. Ein EMRK-konformer Strafvoll-
zug ist in der Republik Kosovo danach und nach dem Kosovo 2021 Report
möglich. Schreibt sich diese Entwicklung mit dem Bericht zum nächsten Be-
such des Komitees weiter, so beeinflusst dies zumindest das Ausmass der
nötigen Garantien. Das BJ hat vorliegend zurecht Garantien verlangt und
auch erhalten. Im jetzigen Zeitpunkt bestehen Mängel weiter und zwar Män-
gel, die sich konkret in den Anfälligkeiten des Beschwerdeführers auswirken.
Den vorliegenden Fall zeichnet aus, dass der Beschwerdeführer eine lang-
jährige Strafe (deutlich über 3 Jahre) zu verbüssen haben wird. Er ist damit
über längere Zeit der Situation in den kosovarischen Gefängnissen ausge-
setzt. Speziell die Unterbringung und Beschäftigungsmöglichkeiten haben
für ihn eine erhöhte Bedeutung. Zu seinen Gunsten ist weiter davon auszu-
gehen (das BJ klärte dies nicht näher ab, act. 4.14 S. 5 Ziff. 6.1), dass der
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Beschwerdeführer in seinen täglichen Verrichtungen durch einen Arbeitsun-
fall im Gefängnis teilweise eingeschränkt sei: Hocken und Knien bereiteten
ihm aufgrund seiner Teilinvalidität von 33% Mühe (act. 1 S. 7). Immerhin
konnte er in Deutschland als Lastwagenfahrer arbeiten. Nach einer Herzope-
ration und aufgrund seines Diabetes ist der Beschwerdeführer auf eine me-
dizinische Grundbetreuung angewiesen. Eine solche ist im kosovarischen
Strafvollzug gemäss den zitierten Berichten möglich. Der Kumulation von
medizinischen Beeinträchtigungen tragen die Garantien Rechnung.
Bei den Haftbedingungen ist neben der Garantie eines Art. 3 EMRK-konfor-
men Strafvollzugs in der Regel keine spezifische Garantie erforderlich. Vor-
liegend akzentuieren die spezifischen Anfälligkeiten des Beschwerdeführers
jedoch eine punktuell besondere Gefahr. Die Berichte des Komitees zeigen
auf, dass in den Gefängnissen Dubrava und Pejë/Peć aufgrund der Situation
in den Gebäuden – in Dubrava kombiniert mit grassierender Korruption – bei
einem dortigen Strafvollzug objektiv und ernsthaft eine schwerwiegende Ver-
letzung der Menschenrechte im ersuchenden Staat zu befürchten ist. Das
verbreitet armselige («very poor») basic regime schafft konkrete und ernst-
hafte Risiken, gerade bei zusätzlich beschränkten Beschäftigungsmöglich-
keiten (Arbeiten) bedingt durch körperliche Einschränkungen. Auf die Situa-
tion bei den Beschäftigungsmöglichkeiten weist auch der Kosovo 2021 Re-
port hin. Das Erwähnte macht eine spezifische Garantie erforderlich. Sie ist
insoweit stark wirksam, als sie (hinsichtlich der Strafanstalten) besonders
leicht zu überwachen ist (vgl. die folgende Erwägung 4.7, Garantie Nr. 2 ver-
bunden mit der Garantie Nr. 5).
4.7 Wer unter Garantien ausgeliefert wird, dem soll ein wirksamer Schutz mitge-
geben werden. Sind Garantien erforderlich, so bilden die sechs Standard-
Garantien eine sinnvolle rechtsstaatliche Einheit und den konkreten Aus-
gangspunkt. In der Regel sind dazu keine spezifischen Erweiterungen erfor-
derlich (z.B. die Gesundheitsgarantie mit der Zusicherung von «Physiothe-
rapie, Medikation gegen Diabetes und ärztlichen Untersuchungen aufgrund
kardialer Leiden» zu ergänzen, vgl. Garantie Nr. 3 und Antrag Ziff. 6). Vor-
liegend findet mit der Garantie Nr. 2 aus den in vorstehender Erwägung 4.6
genannten Gründen eine punktuelle Erweiterung statt. Voraussetzung einer
Auslieferung sind damit die folgenden Garantien:
«(1) Die Haftbedingungen des Ausgelieferten dürfen nicht unmenschlich
oder erniedrigend im Sinne von Art. 3 EMRK sein; seine physische und psy-
chische Integrität wird gewahrt. (2) Der Ausgelieferte darf nicht in den An-
stalten Dubrava oder Pejë/Peć inhaftiert und nicht im Grundregime («basic
regime») untergebracht sein. (3) Die Gesundheit des Ausgelieferten wird si-
chergestellt. Der Zugang zu genügender medizinischer Betreuung, insb. zu
- 13 -
notwendigen Medikamenten, wird gewährleistet. (4) Die diplomatische Ver-
tretung der Schweiz ist berechtigt, den Ausgelieferten jederzeit und unange-
meldet ohne jegliche Überwachungsmassnahmen zu besuchen. Der Ausge-
lieferte hat das Recht, sich jederzeit an die diplomatische Vertretung der
Schweiz zu wenden. (5) Die Behörden des ersuchenden Staates geben der
diplomatischen Vertretung der Schweiz den Ort der Inhaftierung des Ausge-
lieferten bekannt. Wird er in ein anderes Gefängnis verlegt, informieren sie
die diplomatische Vertretung der Schweiz unverzüglich über den neuen Ort
der Inhaftierung. (6) Der Ausgelieferte hat das Recht, mit seinem Wahl- oder
Offizialverteidiger uneingeschränkt und unbewacht zu verkehren. (7) Die An-
gehörigen des Ausgelieferten haben das Recht, ihn im Gefängnis zu besu-
chen.»
Die Republik Kosovo hat mit Schreiben vom 13. Oktober 2021 (act. 4.16) die
Garantien Nr. 1 und 4–7 bereits genügend zugesichert. Vor der Auslieferung
sind zusätzlich die Garantien Nr. 2 und 3 erforderlich. Das BJ wird in enger
Zusammenarbeit mit dem Departement für auswärtige Angelegenheiten
EDA sicherzustellen haben, dass die schweizerische diplomatische Vertre-
tung die Einhaltung der Garantien überwacht (vgl. BGE 134 IV 156 E. 6.16;
123 II 511 E. 7c am Schluss S. 525; Urteil des Bundesgerichts 1A.4/2005
vom 28. Februar 2005 E. 4.6 nicht publ. in BGE 131 II 235).
5.
5.1 Wie jedes Gericht und jede Verwaltungsbehörde ist das Bundesamt für Jus-
tiz an die Grundrechte der Verfassung gebunden. Auslieferungsrecht anzu-
wenden heisst, auch den einschlägigen internationalen menschenrechtli-
chen Verpflichtungen der Schweiz zu entsprechen. Das Amt hat nach Ein-
gang der Beschwerde entschieden, von der Republik Kosovo diplomatische
Garantien zu verlangen. Solche sind vorliegend auch erforderlich. Bundes-
gericht wie Bundesstrafgericht standen im Auslieferungsverkehr mit der Re-
publik Kosovo regelmässig hinter der Notwendigkeit von Garantien. Das BJ
verlangt demgegenüber im Auslieferungsverkehr mit der Republik Kosovo
nicht systematisch diplomatische Garantien (act. 4 S. 3 Ziff. IV; act. 4.14 S. 5,
2. Absatz; vgl. obige Erwägung 3.3). Zwischen Gerichts- und Behördenpra-
xis besteht so eine gewisse Spannung. Dafür kann es sachliche Gründe ge-
ben.
Das BJ geht vorliegend nicht auf die Berichte des Europäischen Komitees
zur Verhütung von Folter zur Republik Kosovo ein. Die Berichterstattung und
Entscheidpraxis von Konventionsorganen wie der Antifolterkomitees der
UNO (SR 0.105) und des Europarates (SR 0.106), des EGMR (SR 0.101)
- 14 -
oder des UNO-Paktes II (SR 0.103.2) geben konkrete Hinweise auf die Men-
schenrechtssituation in nationalen Strafsystemen. Ihre Prüfungen erfolgen
für die Mitgliedstaaten und sie geben nicht die eigene Einschätzung der
Schweiz wieder. Das Gericht setzt voraus, dass das Bundesamt für Justiz
sie kennt und von Amtes wegen berücksichtigt, zumal die Schweiz selbst
Mitgliedstaat der Konventionen ist, und insoweit hat sie selbst ihren Ver-
pflichtungen aus Art. 3 EMRK zu entsprechen.
5.2 Auslieferungen sind Zwangsmassnahmen, die stark in die Rechtsstellung
der Betroffenen eingreifen und daher vertieft zu begründen sind
(vgl. BGE 145 IV 99 E. 3.1). Ist dem Bundesamt für Justiz mit den Berichten
und Entscheiden von Konventionsorganen Wesentliches zu ausländischen
Strafsystemen bekannt, so muss es sich damit im Auslieferungsentscheid
auseinandersetzen. Könnten diplomatische Garantien angezeigt sein, darf
sich das BJ im Auslieferungsentscheid nicht darauf beschränken, wie vorlie-
gend Stellung zur Substantiierung von Vorbringen Verfolgter zu nehmen.
Verlangen Schweizer Gerichte in gewissen Fällen (wirksame) Garantien, so
müsste sich das BJ damit auseinandersetzen und eine abweichende Behör-
denpraxis vertieft begründen. Dabei kann ein konkreter Auslieferungsfall
durchaus vom Regelfall abweichen, aufgrund der Berichte und Entscheide
der Konventionsorgane problemlos sein und keine Garantien erfordern. Es
greift jedoch zu kurz, dies pauschal mit einem «problemlosen Auslieferungs-
verkehr» zu gewissen Staaten zu begründen (Entscheid des Bundesstrafge-
richts RR.2019.222 vom 9. Oktober 2019 E. 4.10) oder damit, dass aus
früheren Auslieferungsverfahren keine entsprechenden Beanstandungen
dem BJ bekannt seien (obige Erwägung 3.3). Letzteres könnte justiziabel
sein, wenn das Amt aufzeigt, wie es Auslieferungsfälle konsequent und aus-
sagekräftig nachverfolgt und mit welchen Resultaten. Im Vergleich dazu brin-
gen die Berichte und Entscheide von Konventionsorganen tragfähigere Er-
kenntnisse und dies wohl mit weniger Aufwand.
5.3 Insgesamt: Setzt sich das Bundesamt für Justiz im Auslieferungsentscheid
mit Berichten und Entscheiden von Konventionsorganen auseinander, so
kommt es seiner Begründungspflicht nach und macht seine Behördenpraxis
greifbarer. Pauschalierte behördliche Auslieferungserfahrungen sind dafür
weniger justiziabel und geeignet. Es hat der Beschwerdekammer des Bun-
desstrafgerichts zu erlauben, ihre Aufgabe als Rechtsmittelinstanz zu erfül-
len: Berichte und Entscheide von Konventionsorganen sollten nicht erst im
gerichtlichen Verfahren thematisiert werden. Im ungünstigsten Fall könnte
eine wichtige Frage wie Garantien erst nach dem Schriftenwechsel und
durch das Gericht von Amtes wegen aufgeworfen werden, was zu vermeiden
ist.
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6.
6.1 Der Beschwerdeführer beantragt seine Entlassung aus der Auslieferungs-
haft (vgl. oben lit. D).
6.2 Wer sich in Auslieferungshaft befindet, kann jederzeit ein Haftentlassungs-
gesuch einreichen (Art. 50 Abs. 3 IRSG). Das Gesuch ist an das Bundesamt
für Justiz zu richten, gegen dessen ablehnenden Entscheid innert zehn Ta-
gen Beschwerde an die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts ge-
führt werden kann (Art. 48 Abs. 2 und Art. 50 Abs. 3 IRSG; Art. 37 Abs. 2
lit. a Ziff. 1 StBOG; TPF 2009 145 E. 2.5.2; ZIMMERMANN, a.a.O., N. 350 und
N. 501). Ausnahmsweise kann die Beschwerdekammer in erster Instanz
über ein Haftentlassungsgesuch befinden, wenn sie auf Beschwerde die
Auslieferung verweigert und als unmittelbare Folge die Entlassung aus der
Auslieferungshaft anordnet. Das Haftentlassungsgesuch ist insofern rein ak-
zessorischer Natur (Urteil des Bundesgerichts 1A.13/2007 vom 9. März 2007
E. 1.2; Entscheide des Bundesstrafgerichts RR.2013.9 vom 23. April 2013
E. 10.3; RR.2008.59 vom 19. Juni 2008 E. 2).
6.3 Da die Auslieferung des Beschwerdeführers nach den obigen Erwägungen
gewährt werden kann, ist das akzessorische Haftentlassungsgesuch abzu-
weisen.
7. Insgesamt kann der Beschwerdeführer unter den genannten Garantien an
die Republik Kosovo ausgeliefert werden. Der Beschwerdeführer unterliegt
in diesem Punkt mit seinen Rügen. Die Gesuche um Sistierung des Be-
schwerdeverfahrens und Entlassung aus der Auslieferungshaft sind abzu-
weisen. Insoweit das BJ nach der Beschwerdeerhebung Garantien einholte
und da sie – wie auch weitere – erforderlich sind, obsiegt der Beschwerde-
führer.
8.
8.1 Wegen der obgenannten Besonderheiten des Falles (vgl. supra Erwägungen
4 und 5) ist keine Gerichtsgebühr zu erheben. Das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege in Bezug auf die Gerichtskosten ist damit gegenstandslos ge-
worden.
8.2 Der anwaltlich vertretene Beschwerdeführer obsiegt teilweise und hat inso-
weit Anrecht auf eine Prozessentschädigung. Das Bundesamt für Justiz ist
zu verpflichten, dem Anwalt des Beschwerdeführers eine Prozessentschädi-
gung von pauschal Fr. 1'500.-- auszurichten.
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