Decision ID: 0c55a48f-a28c-5a3a-a90d-be996eed8024
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zu-
folge am 20. Februar 2016. Er reiste über den Iran, die Türkei, Griechen-
land und Italien am 10. Oktober 2016 in die Schweiz ein und ersuchte glei-
chentags um Asyl. Am 20. Oktober 2016 befragte ihn das SEM zu seiner
Person, dem Reiseweg und summarisch zu seinen Fluchtgründen (Befra-
gung zur Person BzP). Eine einlässliche Anhörung zu den Asylgründen
fand am 16. Februar 2017 statt.
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs trug der Beschwerdeführer im
Wesentlichen vor, er sei ethnischer Tadschike aus dem Quartier (...), Ka-
bul. Er habe von Geburt bis zur Ausreise dort gelebt. Er sei 14 Jahre lang
zur Schule gegangen und habe im Jahr (...) an der Hochschule ein Diplom
als (...) erworben; um in diesem Beruf zu arbeiten, hätte er aber noch wei-
ter studieren müssen. Er sei nach dem Tod seiner Eltern und der Heirat
seiner Schwester alleine gewesen und habe neben seinem Studium seit
2007 Musik gemacht, sei als Musiker insbesondere in Hotels und an Hoch-
zeiten aufgetreten und habe damit Geld verdient. Entsprechende Film- und
Fotoaufnahmen seien auf Youtube sowie auf seinem Facebook-Profil ab-
rufbar. Er habe zudem etwa im Jahr 2014 oder 2015 auf TV (...) und TV
(...) sowie auf Radio (...) als Musiker Interviews und in mehreren Hotels
Konzerte gegeben.
Die Mullahs und andere religiöse Persönlichkeiten aus seiner Gegend hät-
ten seine Musikleidenschaft nicht geduldet, weil das Musizieren als
Schande und Sünde gelte. Die Ältesten aus seinem Herkunftsgebiet hätten
einige Monate vor seiner Ausreise seine Interviews in den Medien und
seine Filme auf Facebook gesehen und einen Mullah informiert. Er sei von
diesem aufgefordert worden, mit dem Musizieren aufzuhören. Er habe sich
dagegen gewehrt und sei vom Mullah geohrfeigt worden. Nach diesem
Vorfall sei er nicht mehr in die Moschee gegangen und habe nur noch zu
Hause gebetet, was die örtliche Bevölkerung weiter verärgert habe. Dieser
Mullah habe viele Verwandte gehabt. Seine Neffen hätten oft versucht, ihn,
den Beschwerdeführer, zu bedrohen und hätten die Bevölkerung gegen ihn
aufgehetzt. Er sei auf dem Bazar, an der Uni und bei Anlässen mit Steinen
beworfen worden. Er habe sich jeweils nach seinen Konzerten unsicher
gefühlt und sein Leben sei von Tag zu Tag schwieriger geworden.
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Anfangs Februar 2016 sei er von vier Motorradfahrern auf dem Heimweg
von einem Musikanlass im Quartier (...) angehalten und mit dem Tod be-
droht worden. Seine Peiniger hätten ihm seinen Laptop, sein Musikinstru-
ment (...) und sein (...)-Gerät ([...]-Gerät) weggenommen und zerstört. Er
sei zudem mehrmals von jugendlichen Anhängern des Mullahs belästigt
und bedroht worden. Er sei als Musiker als Ungläubiger und in seinem
Wohnquartier als Schande betrachtet, beschimpft und namentlich von den
Kindern der Dorfältesten mit Steinen beworfen und mit «Sazanda»-Zurufen
angegriffen worden. Er habe auch bei seinen Musikauftritten Briefum-
schläge von ihm unbekannten Personen erhalten, die Drohbriefe enthalten
hätten. Während der Gebetszeit, jeweils freitags, habe der Mullah wieder-
holt, dass Musik gemäss islamischem Gesetz verboten sei. Diese Mullahs
würden ihrerseits die Befehle der Taliban ausführen. Er habe sich auch
nicht an die heimatlichen Polizeibehörden wenden können, da diese die
Mullahs respektieren und somit schützen würden. Er habe befürchtet, dass
der Mullah die Jugendlichen weiter gegen ihn aufhetzen und er eines Ta-
ges umgebracht werde.
Er sei verachtet worden und habe nicht mehr in Afghanistan leben können.
Nach der Vernichtung seiner Instrumente habe er im Heimatland keine Zu-
kunft mehr gehabt. Vor den Auseinandersetzungen mit dem Mullah habe
er keine Probleme im Heimatland gehabt. Im Falle einer Rückkehr nach
Afghanistan würden seine Probleme weitergehen. Es gebe viele Videoauf-
nahmen von seinen Musikauftritten in B. [europ. Land] und in der Schweiz.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer seine afgha-
nische Identitätskarte (Tazkira) im Original, zwei Farbkopien der Identitäts-
karte seiner verstorbenen Eltern sowie die folgenden Beweismittel zu den
Akten:
- zwei Farbfotos (mit Aufnahmen als Musiker);
- ein Zertifikat im Original («Certificate of Completion» der «(...)» [betref-
fend Training in (...) im Zeitraum Oktober 2007-April 2009];
- ein Schreiben im Original («Bestätigung/Gutachten» der Niederlassung
der «(...) School (...)» in [Schweiz] vom 28. Januar 2017;
- ein Flyer im Original (betreffend Beteiligung des Beschwerdeführers an
einem am (...) 2017 in [Schweiz] durchgeführten Musik-(...)-Konzerts).
B.
Mit Verfügung vom 18. April 2017 – eröffnet am 19. April 2017 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
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lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung inklusive Wegwei-
sungsvollzug aus der Schweiz an.
Zur Begründung wurde ausgeführt, die vom Beschwerdeführer vorgetrage-
nen Schwierigkeiten als Musiker seien nicht auf eine asylbeachtliche Ver-
folgung zurückzuführen, da sie nicht auf der Rasse, Religion, Nationalität,
Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder auf der politi-
schen Anschauung des Beschwerdeführers basieren würden. Sie resultier-
ten vielmehr aus seiner Weigerung, auf seine Tätigkeit als Musiker zu ver-
zichten. Die Ursache der Schikanen liege in der unterschiedlichen Vorstel-
lung betreffend Glaubensausübung, dies sei nicht als asylrelevante Verfol-
gung einzustufen. Zudem vermöchten die Vorbringen den Anforderungen
an die Intensität einer asylrelevanten Verfolgung nicht zu genügen. Der Be-
schwerdeführer habe selbst angegeben, er habe die erhaltenen Drohbriefe
nicht so ernst genommen. Im Weiteren habe er angegeben, die letzten Mo-
nate vor seiner Ausreise wiederholt belästigt worden zu sein, habe jedoch
weiterhin an Konzerten gespielt. Auch beim vorgetragenen Vorfall vom
4. Februar 2016 habe er sich auf dem Nachhauseweg von einem Konzert
befunden, was darauf schliessen lasse, dass ihm die Fortführung seines
gewohnten Alltages nicht verunmöglicht worden sei. Aufgrund der fehlen-
den Asylrelevanz könne darauf verzichtet werden, die Vorbringen des Be-
schwerdeführers auf ihre Glaubhaftigkeit hin zu überprüfen, obschon ent-
sprechende Vorbehalte anzubringen seien: So habe der Beschwerdeführer
bei der Anhörung sowohl die Fernseh- und Radioauftritte als auch die an-
geblich erhaltenen Drohbriefe nachgeschoben, denn er habe er diese bei
der BzP nicht erwähnt.
Schliesslich sei der Wegweisungsvollzug als zulässig, zumutbar und mög-
lich einzustufen.
C.
Mit Rechtsmitteleingabe seines Rechtsvertreters vom 18. Mai 2017 focht
der Beschwerdeführer die Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungs-
gericht an. Er beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung,
die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl,
eventualiter die Anordnung der vorläufigen Aufnahme.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung mit Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses sowie um Beiordnung seines mandatierten Rechtsvertreters als
amtlicher Rechtsbeistand.
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C.a Zur Begründung trug der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, das
SEM habe die Situation und Bedrohungslage für afghanische Musiker, wel-
che von extremistischen Gruppierungen wie den Taliban bedroht würden,
grundlegend verkannt. Gemäss einer Anfrage beim ACCORD (Austrian
Centre for Country of Origin & Asylum Research and Documentation) vom
22. Juli 2016 würden Musikschaffende von konservativen Mullahs bedroht
und verfolgt, da Musik von diesen als unislamisch eingestuft werde. Medi-
enberichten zufolge sei während der Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001
das Musizieren verboten worden. Es habe Übergriffe auf Musizierende ge-
geben und Musikinstrumente und Schallplatten seien dabei zerstört wor-
den. Musik werde weiterhin von konservativen Mullahs, die in der Bevölke-
rung hohes Ansehen geniessen würden, vehement abgelehnt. Personen,
die trotzdem in der Öffentlichkeit an Konzerten auftreten würden, würden
Opfer von Drohungen und Tötungsversuchen. Personen, die in der Wahr-
nehmung der regierungsfeindlichen Gruppen gegen islamische Grund-
sätze, Normen und Werte verstiessen, würden ein erhöhtes Gefährdungs-
profil aufweisen, wozu auf die Richtlinien des UNHCR (United Nations High
Commissioner for Refugees) vom 19. April 2016 verwiesen werde. Unter
anderem Musiker gehörten zu den Opfern entsprechender Angriffe der Ta-
liban. Entgegen der vom SEM vertretenen Auffassung beruhe die Verfol-
gung von Musikern durch regierungsfeindliche Gruppierungen – konserva-
tive Mullahs und die Taliban – auf einem asylrelevanten Verfolgungsmotiv.
Das SEM habe auch verkannt, dass der Beschwerdeführer durch seine
Auftritte bei Fernseh- und Radiointerviews als [Musiker] über Kabul hinaus
Berühmtheit erlangt habe. Beim Sender TV (...) handle es sich um einen
national ausgestrahlten Fernsehkanal, der beim afghanischen Publikum
sehr beliebt sei. Der Beschwerdeführer habe Videos seiner Fernsehauf-
tritte zu den Akten reichen wollen; die Vorinstanz habe diese nicht entge-
gengenommen, weshalb sie im Rahmen der Beschwerdeerhebung noch-
mals ins Recht gelegt würden. In einer weiteren Aufnahme sei der Be-
schwerdeführer anlässlich eines Auftritts in B [europ. Land] gefilmt worden.
Dabei habe er mit «westlichen Frauen» musiziert. Die diesbezüglichen Auf-
nahmen seien auf Facebook publiziert worden, worauf entsprechende
Hasskommentare erfolgt seien. Von seinem Onkel in Kabul habe er zudem
erfahren, dass Quartierbewohner erneut bei diesem erschienen seien und
wegen den musikalischen Auftritten und den im Internet publizierten Kon-
zertauftritten im Ausland Todesdrohungen gegen den Beschwerdeführer
ausgesprochen hätten.
Das Bundesverwaltungsgericht habe in seiner Rechtsprechung (zum Bei-
spiel im Entscheid E-3366/2014 vom 26. Oktober 2015) Personengruppen
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definiert, die in Afghanistan besonders gefährdet seien, von extremisti-
schen oder fanatisch eingestellten Gruppierungen wie den Taliban als Mus-
lime, die aus deren Sicht Verräter seien, hart bestraft zu werden. Der Be-
schwerdeführer gehöre als bekannter Musiker, der im nationalen Fernse-
hen aufgetreten sei, zweifelsohne zu dieser Risikogruppe. Er habe im Zeit-
punkt seiner Ausreise eine begründete Furcht vor asylrelevanter Verfol-
gung gehabt. Diese Furcht sei auch im Falle einer Rückkehr nach Afgha-
nistan noch aktuell, insbesondere wenn er sich nicht von der Musik ab-
wende. Dies gelte umso mehr, als er auch in B [europ. Land] und der
Schweiz öffentlich aufgetreten sei und die Zuständigen in Kabul hiervon
Kenntnis hätten. Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass eine
funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur im Heimatland vorhan-
den sei, wozu auf das Urteil E-2902/2014 (recte: E-2802/2014) verwiesen
werde. Der Beschwerdeführer habe sein ganzes Leben in Kabul verbracht
und habe ausserhalb der Hauptstadt keine Kontakte oder Familienangehö-
rige. Da er davon ausgegangen sei, dass die Polizei auf Seiten der Extre-
misten stehe, habe er keine Anzeige gegen seine Verfolger erstattet.
Der Beschwerdeführer habe seine Musikertätigkeit auch in der Schweiz
fortgesetzt und unter anderem bisher an zwei Konzerten teilgenommen. Im
Weiteren bestätige C._, welcher in der Schweiz als Flüchtling aner-
kannt worden sei und Asyl erhalten habe, in seinem Schreiben, dass er in
Kabul an derselben Musikinstitution studiert habe wie der Beschwerdefüh-
rer und mit diesem musiziert habe, und dass der Beschwerdeführer in Ka-
bul als Musiker sehr bekannt gewesen sei. Das SEM sei auf die Bekannt-
heit des Beschwerdeführers und die damit einhergehende Gefährdung mit
keinem Wort eingegangen und habe das besondere Risikoprofil nicht be-
rücksichtigt. Von einer Schutzfähigkeit und -willigkeit des afghanischen
Staates vor einer Verfolgung seitens privater Akteure sei nicht auszugehen
und eine innerstaatliche Fluchtalternative sei nicht gegeben.
Es treffe auch nicht zu, dass die vom Beschwerdeführer erlittenen Bedro-
hungen und Belästigungen die erforderliche Intensität nicht aufwiesen. Er
habe dargelegt, wie er mehrfach behelligt worden sei. Die Situation sei
nach dem Überfall am 4. Februar 2016 eskaliert und die Aggressionen hät-
ten deutlich zugenommen. Die Zerstörung seiner Musikinstrumente könne
als letztes Warnzeichen gedeutet werden, dass die ausgestossenen To-
desdrohungen bei der Fortsetzung der musikalischen Tätigkeit in Taten
umgesetzt würden. Der Beschwerdeführer leide wegen seiner Erlebnisse
an entsprechenden psychischen Beschwerden.
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Das SEM habe die Musikertätigkeit nicht in Frage gestellt, habe aber den-
noch Vorbehalte zur Glaubhaftigkeit angebracht und auf nachgeschobene
Vorbringen der Fernseh- und Radioauftritte geschlossen. Der Beschwer-
deführer habe jedoch bereits bei seiner BzP angegeben, dass er wegen
seiner musikalischen Tätigkeit von den Mullahs angegangen worden sei.
Er habe auch davon berichtet, dass er nach Konzerten mit dem Tod be-
droht worden sei. Die zentralen Fluchtgründe habe er im Kern bei der BzP
vorgetragen. Die Art und Weise, wie er berühmt geworden sei und die Auf-
merksamkeit der Mullahs auf sich gezogen habe, habe er nicht detailliert
schildern können, nachdem er zu Beginn der rund 2 1⁄4-stündigen BzP (in-
klusive Rückübersetzung) zu knappen Antworten angehalten worden sei.
Er könne belegen, dass er über Kabul hinaus bekannt sei und Zielscheibe
von fundamentalistischen und talibannahen Kräften geworden sei. Er habe
nur durch die Flucht ins Ausland den gegen ihn ausgesprochen Todesdro-
hungen entgehen können.
In Kabul sei zwar nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt auszugehen,
es werde aber auf die Verschlechterung der Sicherheitslage in der Haupt-
stadt verwiesen. Kabul werde häufig Zielscheibe spektakulärer Terroran-
schläge mit unkonventionellen Spreng- oder Brandvorrichtungen. Die El-
tern des Beschwerdeführers seien beide verstorben, sein Onkel sei mittler-
weile 75-jährig und könne ihn aufgrund seines hohen Alters bei der Rein-
tegration im Heimatland nicht unterstützen. Der Beschwerdeführer könne
nicht auf ein tragfähiges Familiennetz zurückgreifen. Er habe mit seiner
musikalischen Tätigkeit seine Schwester selbst finanziell unterstützt, so
dass er nicht mit ihrer Hilfe rechnen könne. Mit der Zerstörung seiner Mu-
sikinstrumente sei seine Existenzgrundlage vernichtet worden. Er habe
keine finanziellen Mittel, um sein (...)studium fortzusetzen und habe nie
diesen Beruf ausgeübt. Bei einer Rückkehr nach Afghanistan müsse er mit
der Verschlechterung seines psychischen Gesundheitszustandes rechnen.
Der Wegweisungsvollzug sei deshalb als unzumutbar einzustufen.
C.b Zur Stützung seiner Vorbringen wurden folgende Beweismittel einge-
reicht:
- eine CD-ROM mit Filmaufnahmen von Fernseh- und Radioauftritten
des Beschwerdeführers;
- ein Zeitungsbericht aus «(...)» vom (...) 2017;
- ein Schreiben von C._, undatiert;
- ein Arztzeugnis und Verlaufsbericht des (...) vom 16. Mai 2017;
- eine Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit der (...) vom 5. Mai 2017.
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D.
Mit Instruktionsverfügung vom 30. Mai 2017 wurde das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege inklusive Rechtsverbeiständung
gutgeheissen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet und
MLaw Roman Schuler, Rechtsanwalt, (...), als amtlicher Rechtsvertreter
eingesetzt. Zudem wurden die Verfahrensakten N (...) (C._) von
Amtes wegen beigezogen.
E.
In seiner Vernehmlassung vom 14. Juni 2017 hielt das SEM an seinen bis-
herigen Erwägungen fest. Ergänzend führte es aus, der Beschwerdeführer
weise in grundlegender Weise nicht dasselbe Profil auf wie der von ihm
genannte Musiker C._, insbesondere hinsichtlich des Bekanntheits-
grades und betreffend den Inhalt und die Motivation ihrer Musikausübung.
Zudem habe der Beschwerdeführer bei der Anhörung weder die später vor-
getragenen Hasskommentare im Internet noch den Umstand vorgetragen,
dass sein Onkel von Unterstützern des Mullahs aufgesucht worden sei.
Diese nachgeschobenen Ereignisse und das angeblich fehlende Bezie-
hungsnetz würden angezweifelt. Zudem beruhe die Interpretation des Be-
schwerdeführers, wonach es sich beim Überfall vom 4. Februar 2016 um
ein letztes Warnzeichen gehandelt habe, auf blossen Vermutungen.
F.
Mit Eingabe vom 28. Juni 2017 ersuchte der Beschwerdeführer um Ein-
sichtnahme in das vom Gericht von Amtes wegen beigezogene Dossier
von C._ (N [...]).
Nachdem der Beschwerdeführer eine entsprechende Einwilligungserklä-
rung vom 4. Juli 2017 eingereicht hatte, wurden die Verfahrensakten zur
Behandlung des Akteneinsichtsgesuchs dem SEM überwiesen, worauf
dem Beschwerdeführer entsprechende Akteneinsicht gewährt wurde.
G.
Mit Replikeingabe vom 24. Juli 2017 trug der Beschwerdeführer weiter vor,
er habe mit C._ an der gleichen Musikinstitution in Kabul studiert.
Der Ausgangspunkt der beiden Karrieren sei derselbe. Die beiden hätten
während des Studiums in denselben Kreisen verkehrt und gemeinsam mu-
siziert, was naheliege, da beide (...) respektive (...) spielen würden.
C._ habe zwar als (...) mit weltweiten Auftritten internationale Be-
kanntheit erlangt. Doch auch er, der Beschwerdeführer, habe mit seinen
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Fernsehauftritten im nationalen Fernsehen zumindest in Afghanistan Be-
kanntheit erlangt, was ihn zur Zielscheibe konservativer Kräfte gemacht
habe. Aus den Akten von C._ gehe hervor, dass die Bedrohung von
dessen (...) durch die afghanische Polizei durch Videoaufnahmen doku-
mentiert worden seien. Die Schilderungen von C._ würden offen-
baren, dass die afghanischen Behörden weder willens noch fähig seien,
Musiker gegenüber Angriffen und Todesdrohungen zu schützen. Dies gelte
für ihn, den Beschwerdeführer, umso mehr, als er nicht über die finanziellen
Möglichkeiten zum Schutz vor Angriffen verfüge, anders als sein besser
verdienender Musikerkollege. Aus Sicht konservativer und talibannaher
Kräfte sei jegliche Musik und Tanz verboten. Öffentliche Konzerte seien
gänzlich untersagt. Mit seinen Auftritten habe er gegen die Moral- und Sit-
tenvorstellungen der konservativen Kräfte verstossen. Es könne daher
nicht aufgrund des Inhalts der Musik der Schluss gezogen werden, er sei
keiner Gefährdung ausgesetzt, weil er keine (...) aufgeführt habe. Die Be-
drohungslage beider Musiker sei sehr wohl vergleichbar.
Die in der Beschwerde geschilderten Ereignisse zur Bedrohung des On-
kels hätten erst im März 2017 stattgefunden. In der Zwischenzeit sei ein
handschriftliches Schreiben des Onkels eingetroffen, worin er die Ereig-
nisse nach der Ausreise des Beschwerdeführers schildere. Der Onkel sei
am 25. März 2017 von vier Personen bedroht worden. Dieser Vorfall habe
nach der Anhörung des Beschwerdeführers vom 16. Februar 2017 stattge-
funden. Der vom SEM erhobene Vorhalt vorgeschobener Vorbringen gehe
deshalb fehl. Im Weiteren habe er die Videoaufnahmen auf Facebook in
der Anhörung in Frage 56 vorgetragen.
Seine Befürchtungen vor künftiger Verfolgung beruhten nicht bloss auf sub-
jektiven Einschätzungen, sondern seien auch angesichts der Medienbe-
richte über die Verfolgung von afghanischen Musikern, der Belästigungen
des Onkels am 25. März 2017 und des dokumentierten Übergriffs der Po-
lizei gegenüber der [...] von C._ objektiv begründet. Schliesslich
seien die in der Schweiz ärztlich dokumentierten psychischen Probleme
zumindest als Indiz für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen und für die Inten-
sität des psychischen Drucks zu werten.
Zur Stützung der Vorbringen wurde die Kopie eines handschriftlichen Do-
kuments, gemäss den Angaben des Beschwerdeführers ein (undatiertes)
Schreiben seines Onkels, inklusive Übersetzung zu den Akten gereicht.
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H.
In seiner zweiten Vernehmlassung vom 4. August 2017 führte das SEM
ergänzend aus, der Beschwerdeführer habe keine Probleme mit Behörden
geltend gemacht, wie aus den Befragungsprotokollen (S. 8 des BzP- und
Antwort 86 des Anhörungsprotokolls) hervorgehe. Es sei daher nicht er-
sichtlich, inwiefern die Bedrohungslage von C._ durch die afghani-
sche Polizei Rückschlüsse auf die Asylrelevanz der vom Beschwerdeführer
vorgebrachten Ereignisse in Afghanistan zulassen würden.
Das handschriftliche Schreiben des Onkels weise als einseitige Parteiaus-
sage den Charakter eines Gefälligkeitsschreibens ohne Beweiswert auf.
Angesichts der Wiederintegrationschancen des Beschwerdeführers
(Sprachkenntnisse, Ausbildung, familiäre Kontakte) werde der Wegwei-
sungsvollzug nach wie vor als zumutbar erachtet.
I.
Mit Eingabe vom 15. August 2017 trug der Beschwerdeführer weiter vor,
das SEM halte in seiner zweiten Stellungnahme nicht mehr daran fest,
dass er und sein Musikerkollege C._ unterschiedliche Risikoprofile
aufweisen würden. Es treffe zwar zu, dass der Beschwerdeführer nie we-
gen seiner Tätigkeit als Musiker verhaftet worden sei, er habe dies auch
nie geltend gemacht. Die Schilderungen von C._ würden jedoch
aufzeigen, dass in Afghanistan kein wirksamer behördlicher Schutz vor
Verfolgung bestehe. Das Schreiben des Onkels enthalte einen realitätsna-
hen Bericht über die jüngsten Vorkommnisse im ehemaligen Quartier des
Beschwerdeführers. Auch wenn diesem Schreiben nicht ein gleich hoher
Beweiswert wie einem behördlichen Dokument zukomme, stütze es den-
noch die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen. Das SEM habe sich nicht zur
verschlechterten Lage in Kabul geäussert und verkenne, dass Wegwei-
sungshindernisse von Amtes wegen abzuklären seien. Der betagte Onkel
könne ihm beim beruflichen Wiedereinstieg ausserhalb der Musikbranche
nicht weiterhelfen.
J.
Im Rahmen einer dritten Vernehmlassung vom 6. November 2017 zog das
SEM unter Bezugnahme auf das Referenzurteil des Bundesverwaltungs-
gerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 seine Verfügung vom 18. April
2017 teilweise in Wiedererwägung, hob die Ziffern 4 und 5 auf und ordnete
wegen der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges die vorläufige Auf-
nahme des Beschwerdeführers an.
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Seite 11
K.
Mit Eingabe vom 9. November 2017 teilte der Beschwerdeführer auf An-
frage des Gerichts hin mit, dass er an seiner Beschwerde im Asylpunkt
festhalte.
L.
Mit Schreiben vom 11. Februar 2019 erkundigte sich der Rechtsvertreter
nach dem Stand des Beschwerdeverfahrens. Das Gericht beantwortet die
Anfrage mit Schreiben vom 19. Februar 2019.
M.
Mit Instruktionsverfügung vom 30. Juni 2020 wurde dem Beschwerdeführer
Gelegenheit eingeräumt, ergänzende und abschliessende Ausführungen
zu seiner Beschwerdeeingabe vom 18. Mai 2017 sowie Erläuterungen zu
den mit dieser Eingabe eingereichten Beweismitteln (CD-ROM mit vier
Filmsequenzen) und zu den Kommentaren auf seinem Facebook-Profil
einzureichen. Dazu wurde ihm eine Aktennotiz des Bundesverwaltungsge-
richts sowie ein USB-Stick, beide betreffend Inhalt der Filmsequenzen auf
der eingereichten CD-ROM, zugestellt.
N.
Mit Eingabe vom 17. August 2020 überweis der Beschwerdeführer dem
Gericht die Standbilder der aus seiner Sicht relevanten Passagen der ein-
gereichten Filmausschnitte.
Dazu wurde ausgeführt, im ersten Filmausschnitt «(...) TV 2014» sei er
neben seinem Band-Kollegen zu sehen bei einem Auftritt im Fernsehen
(...) TV im Jahr 2014. Diese Aufnahme belege die Tatsache, dass er im
afghanischen Fernsehen aufgetreten und einer breiteren Öffentlichkeit be-
kannt gewesen sei. Unter anderem diese öffentlichen Auftritte seien der
Grund, dass er ins Visier der Mullahs in seinem Quartier und der radikalis-
lamistischen Taliban geraten sei.
Im zweiten Filmabschnitt «TV (...) 2015» sei er bei der Aufnahme eines
Musikvideos in einer Band, beim Spielen auf (...), einem traditionellen af-
ghanischen (...)instrument, in Grossaufnahme abgebildet. Dieses profes-
sionell produzierte Musikvideo sei im Jahr 2015 immer wieder auf der Fern-
sehstation (...) ausgestrahlt worden. Dadurch habe er den Hass von radi-
kalen Mullahs auf sich gezogen, welche der Auffassung gewesen seien,
dass solche Musik verboten und die Musiker verfolgt gehörten.
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Seite 12
Die dritte Filmsequenz «Musizieren B [europ. Land]» sei nach seiner Flucht
aus Afghanistan entstanden. Darin sei er beim Musizieren in einem (...) im
Jahr 2016 zu sehen. Er habe diese Aufnahme auf seinem damaligen Fa-
cebook-Account veröffentlicht, was zu vielen Hasskommentaren geführt
habe, weil er mit «westlichen» Frauen zu sehen sei. Diese Aufnahme be-
lege die Tatsache, dass er auch nach Verlassen seines Heimatlandes wei-
terhin musiziert habe und deswegen im Blickfeld radikaler Kräfte gestan-
den sei, welche ihm im Falle einer Rückkehr ins Heimatland mit dem Tod
drohen würden.
In der Filmaufnahme «Konzert [Schweiz] 2017» werde exemplarisch die
Tatsache belegt, dass er auch in der Schweiz als (...) und afghanischer
Musiker bekannt sei und Konzerte gebe. Auf dem Filmausschnitt sei er in
Grossaufnahme beim Spielen (...), aufgenommen.
Es sei davon auszugehen, dass über die afghanische Diaspora die Mullahs
in seiner Heimat von seinen öffentlichen Auftritten im Ausland Kenntnis hät-
ten. Die Videos von Auftritten in B [europ. Land] und in der Schweiz seien
im Rahmen von subjektiven Nachfluchtgründen zu würdigen.
Aus der Zeit vor seiner Flucht aus Afghanistan könne er keine Facebook-
Kommentare mehr einreichen, weil er sein damaliges Profil aufgrund der
Hasskommentare gelöscht habe. In der Schweiz habe er ein neues Face-
book-Profil eröffnet mit seinem Namen (...), wo er regelmässig Fotos und
Videoaufnahmen seiner Auftritte veröffentliche.
Zur Stützung dieser Vorbringen wurden zwei Facebook-«Posts» und ein
Flyer des letzten grösseren Konzerts vom (...) 2019 in [Schweiz] einge-
reicht. Den Screenshots sei zu entnehmen, dass die Videos von Hunder-
ten von Leuten auf Facebook gesichtet worden seien (632 und 411 Auf-
rufe). Diese Beweismittel würden belegen, dass er heute noch ein sehr be-
kannter afghanischer Musiker in der Schweiz sei und regelmässig auftrete.
Der Eingabe wurde eine aktualisierte Kostennote des Rechtsvertreters bei-
gelegt.
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Seite 13

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und 108 Abs. 1
aAsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl.BVGE
2014/2016 E. 5).
3.
Das SEM hat im Rahmen der Vernehmlassung vom 6. November 2017 die
vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers infolge Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges angeordnet. Diesbezüglich ist das Beschwerde-
verfahren gegenstandslos geworden.
Damit beschränkt sich das vorliegende Verfahren auf die Fragen, ob der
Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen, ihm Asyl zu gewähren und
die Wegweisung als solche anzuordnen ist.
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Seite 14
4.
4.1 Es gilt vorab festzustellen, dass Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7
Abs. 2 AsylG – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Be-
weismass bedeutet und durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel
an den Vorbringen des Gesuchstellers lässt. Eine wesentliche Vorausset-
zung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die
eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen wider-
spruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse.
Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung
ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision
und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Er-
lebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftma-
chung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstim-
mung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und
Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder
gegen den Gesuchsteller sprechen. Dabei ist auf eine objektivierte Sicht-
weise abzustellen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die
positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es dem-
gegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber
in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um-
stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen.
4.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet befürchten muss,
welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Or-
gane des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt wor-
den sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen, ohne dass die be-
troffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat ausreichenden
Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E.7.2.6.2, BVGE 2008/4 E. 5.2).
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides. Die Verfolgung muss grundsätzlich auch im
Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein, wobei erlittene Verfol-
gung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor
Verfolgung auf eine andauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderun-
gen der Situation im Heimat- oder Herkunftsstaat zwischen Ausreise und
Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person
E-2843/2017
Seite 15
zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2, BVGE 2010/9 E. 5.2, BVGE
2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
4.3 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur
Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus-
reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk-
licht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahr-
scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurtei-
lung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfol-
gen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE
2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
5.
5.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die vom
Beschwerdeführer geltend gemachte Bedrohungslage sei nicht asylrele-
vant, weil dieser kein Motiv gemäss Art. 3 AsylG zugrunde liege. Sie resul-
tiere vielmehr aus der Weigerung des Beschwerdeführers, auf seine Tätig-
keit als Musiker zu verzichten. Die Ursache der Behelligungen liege in der
unterschiedlichen Auffassung betreffend Glaubensausübung. Zudem wür-
den die erlittenen Nachteile die vom Asylgesetz geforderte Intensität nicht
aufweisen. Schliesslich habe der Beschwerdeführer die bei der Anhörung
vorgetragenen Fernseh- und Radioauftritte bei der BzP nicht erwähnt, wes-
halb diese Vorbringen als nachgeschoben zu würdigen seien.
5.2 Der Beschwerdeführer verweist in seiner Rechtsmitteleingabe zu-
nächst auf den mit mehreren Berichten untermauerten Umstand, wonach
Musikschaffende von den konservativen, talibannahen Mullahs bedroht
und verfolgt würden. Während der Taliban-Herrschaft sei das Musizieren
als unislamisches Verhalten verboten worden. Gemäss UNHCR wiesen
Personen, die in der Wahrnehmung der regierungsfeindlichen Gruppen ge-
gen islamische Werte verstossen würden, ein erhöhtes Gefährdungsprofil
auf. Unter anderem Musiker gehörten zu den Opfern von Angriffen durch
die Taliban. Er sei selbst mehrfach in öffentlichen Fernseh- und Radiosen-
dungen aufgetreten und habe als (...) auch über Kabul hinaus Berühmtheit
E-2843/2017
Seite 16
erlangt. Seine Musiktätigkeit habe er auch nach seiner Ausreise aus Afgha-
nistan fortgesetzt, indem er auch in B [europ. Land] und der Schweiz mehr-
fach öffentlich an Konzerten aufgetreten sei. Zudem veröffentliche er regel-
mässig auf seinem Facebook-Profil Aufnahmen seiner Auftritte.
6.
6.1
In einem ersten Schritt sind die vom SEM aufgeführten Unglaubhaftigkeits-
argumente zu prüfen.
6.2 Der Beschwerdeführer hat seine Ausbildung und Tätigkeit als Musiker
bereits im vorinstanzlichen Asylverfahren mit zahlreichen Unterlagen be-
legt. Im Rahmen seiner Verfügung vom 18. April 2017 warf das SEM keine
konkreten Zweifel an der Tätigkeit des Beschwerdeführers als Musiker auf.
Das SEM verwies indessen auf die bei der Anhörung am 16. Februar 2017
geltend gemachten Fernseh- und Radioauftritte und erhaltenen Drohbriefe,
welche bei der BzP nicht vorgetragen worden seien, und würdigte diese
Vorbringen als nachgeschoben und somit unglaubhaft.
6.2.1 Aus dem BzP-Protokoll geht hervor, dass der Beschwerdeführer zu-
nächst eine Speicherkarte abgab, auf welcher – nebst seiner Schul- und
Ausbildungsdokumente – auch Aufnahmen seiner Tätigkeit als Musiker ab-
gebildet sein sollen. Entsprechende Aufnahmen seien auch auf Youtube
veröffentlicht worden. Es wurde weiter protokolliert, dass die Aufnahmen
auf der Speicherkarte ausgedruckt worden seien und die Speicherkarte
selbst dem Beschwerdeführer zurückgegeben worden sei (vgl. Akte A8, Zif-
fern 1.17.04 und 1.17.05). Auf den diesbezüglichen Farbausdrucken und
Filmaufnahmen ist der Beschwerdeführer im Rahmen seiner Musikertätig-
keit und bei Musikanlässen abgebildet (vgl. Beweismittelcouvert, A10). Aus
dem BzP-Protokoll geht nicht hervor, dass der Beschwerdeführer einläss-
lich zu diesen Aufnahmen, insbesondere bei welcher Gelegenheit sie ent-
standen seien, befragt worden wäre. Allerdings ist auf einem als Standbild
zu den Akten genommenen Foto (Standbild aus einer Videosequenz) oben
rechts das Signet von TV (...) zu sehen (vgl. zu diesem TV-Signet die Ein-
gabe vom 17. August 2020, BVGer act. 30 Beilage 1).
6.2.2 Der Vorhalt des SEM, der Beschwerdeführer habe bei der BzP nicht
explizit erwähnt, dass er in Afghanistan im Fernsehen und Radio aufgetre-
ten sei, trifft zwar isoliert betrachtet zu. Dieser Umstand kann dem Be-
schwerdeführer jedoch nicht – im Sinne eines Unglaubhaftigkeitselemen-
E-2843/2017
Seite 17
tes – vorgehalten werden, da er ein entsprechendes Beweismittel (Stand-
bild-Foto) einreichen und somit immerhin Hinweise für seine in mehreren
Medien ausgestrahlten musikalischen Auftritte darlegen konnte.
6.2.3 Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer mit seiner Rechtsmittelein-
gabe eine CD-ROM einreichte, auf welcher unter anderem seine Auftritte
bei afghanischen Fernseh- respektive Radiosendern gespeichert sind. Im
Rahmen der beiden Vernehmlassungen vom 14. Juni 2017 und 4. August
2017 äusserte sich das SEM nicht zu diesen Filmaufnahmen, weshalb da-
von ausgegangen werden muss, dass das SEM keine Zweifel mehr daran
hegt, dass diese Auftritte stattgefunden haben. Auch das Bundesverwal-
tungsgericht hat keine Veranlassung, an diesen bereits mehrheitlich vor
der Ausreise aus Afghanistan vom Beschwerdeführer entfalteten musikali-
schen Auftritten zu zweifeln. An dieser Stelle ist auch festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer seine Tätigkeit als Musiker in der Schweiz fortge-
setzt und an mehrfachen Musikkonzerten (in [...]) aufgetreten ist und diese
Auftritte mit Beweismitteln dokumentiert hat, was das Gericht als Fortset-
zung seiner bereits vor der Ausreise aus dem Heimatland entfalteten mu-
sikkünstlerischen Tätigkeit einschätzt.
6.2.4 Soweit das SEM ausführt, der Beschwerdeführer habe bei der BzP
keine Drohbriefe erwähnt, ist festzuhalten, dass er bei der Erstbefragung
durchaus Drohungen vortrug. Er gab namentlich an, die Mullahs und die
religiösen Persönlichkeiten seiner Heimatgegend hätten seine Musiklei-
denschaft nicht geduldet; der Mullah habe ihm mehrfach das Musizieren
untersagt; die Gefolgsleute dieses Mullahs hätten ihm mit dem Tod gedroht
(vgl. A8, Ziffer 7.01). Diese Kernpunkte seiner Asylbegründung trug der Be-
schwerdeführer somit bereits bei der Erstbefragung vor. Der Umstand,
dass er bei der einlässlichen Anhörung im Rahmen der freien Schilderung
auf die während seiner Konzertauftritte erhaltenen Briefumschläge mit
Drohbriefen zu sprechen kam (vgl. A17, Antwort 51) und diese Angabe auf
konkrete Nachfrage hin nochmals bestätigte (Antworten 74-76), ist deshalb
nicht als Widerspruch, sondern als Konkretisierung der bereits bei der BzP
erwähnten Drohungen zu würdigen. Seine weitere Angabe bei der Anhö-
rung, er sei als Ungläubiger beleidigt und mit Steinen beworfen worden
(A17, Antworten 60 und 66), trug er ebenfalls bereits bei der BzP (vgl. Ziff.
7.01) vor.
6.3 Im Rahmen einer Gesamtwürdigung der vorliegenden Akten gelangt
das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Aussagen des Be-
schwerdeführers nicht in einem Mass ungereimt, widersprüchlich oder der
E-2843/2017
Seite 18
Logik des Handelns widersprechend ausgefallen sind, dass grundsätzliche
Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen, welche ihn zum Verlassen
seiner Heimat veranlasst haben sollen, anzubringen wären. Das Gericht
hat nach dem Gesagten keine Veranlassung, an den Schilderungen des
Beschwerdeführers zu seiner Tätigkeit als Musikkünstler und den damit
verbundenen Problemen zu zweifeln. Es ist daher mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG davon auszugehen,
dass die Schilderungen des Beschwerdeführers betreffend die Bedrohung
durch den Mullah, dessen Gefolgsleute und konservative Kräfte in seiner
Heimatgegend glaubhaft sind.
7.
7.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die als überwiegend glaubhaft zu wür-
digenden Vorbringen des Beschwerdeführers, insbesondere die im Zusam-
menhang mit seiner Ausübung der Musikkunst resultierenden Behelligun-
gen seitens der lokalen Machthaber, Asylrelevanz entfalten.
7.2 Es ist zunächst auf die länderspezifischen Begebenheiten zu verwei-
sen:
7.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat zuletzt mit Urteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert) eine Lagebeurteilung
zu Afghanistan vorgenommen (das Referenzurteil D-4287/2017 vom
8. Februar 2019 befasst sich sodann mit der Situation in Mazar-i-Sharif).
Zu verzeichnen war und ist eine deutliche Verschlechterung der Sicher-
heitslage seit dem letzten Länderurteil des Bundesverwaltungsgerichts im
Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug der International Security As-
sistance Force (ISAF) über alle Regionen hinweg. Seit dem Übergang der
Kontrolle von den ISAF-Kampftruppen auf die Afghan National Security
Forces (ANSF) hat der Konflikt mehr und mehr den Charakter eines Bür-
gerkrieges angenommen, wobei grosse Teile des Staatsgebiets direkt von
Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen terroristische Anschläge
in den von offenen Gefechten weitgehend ausgenommenen urbanen Zen-
tren. Im Visier stehen vor allem Grossstädte wie Kabul. An dieser Einschät-
zung ist angesichts der weiterhin sehr volatilen Sicherheitslage nach wie
vor festzuhalten (vgl. etwa Urteil des BVGer D-1788/2018 vom 3. Novem-
ber 2020 mit weiterem Verweis auf D-5407/2017 vom 24. Februar 2020
E. 6.3).
E-2843/2017
Seite 19
7.2.2 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich Gruppen von Per-
sonen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, wel-
che der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft in-
klusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder als Unterstützer
derselben wahrgenommen werden sowie westlich orientierte oder der af-
ghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entspre-
chende Personen (vgl. Urteil des BVGer E-5522/2017 vom 30. Januar
2018 E. 6.1 sowie: United Nations High Commissioner for Refugees [UN-
HCR], Eligibility Guidelines for Assessing the International Protection
Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 30. August 2018,
HCR/EG/AFG/18/02, S. 40 ff.; CORINNE TROXLER, Schweizerische Flücht-
lingshilfe [SFH]: "Afghanistan: Gefährdungsprofile" vom 30. September
2020, insbesondere S. 12; European Asylum Office [EASO], "Country of
Origin Information Report: Afghanistan: Individuals targeted by armed ac-
tors in the conflict" vom Dezember 2017, S. 28 ff.; EASO, "Country Guid-
ance: Afghanistan, Common analysis and guidance note" vom Dezember
2020, S. 82 ff.). Auch andere Quellen berichten von gezielten Angriffen auf
Mitarbeiter der afghanischen Regierung oder internationaler Organisatio-
nen und einem erhöhten Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – ins-
besondere durch die Hände der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. Urteil
des BVGer E-1551/2019 vom 5. Dezember 2019 E. 7.3 mit weiteren Ver-
weisen auf internationale Berichte).
7.2.3 In Übereinstimmung mit den Vorbringen des Beschwerdeführers ist
festzuhalten, dass Personen, welche «unmoralischer Verhaltensweisen»
bezichtigt werden, über die parallelen Justizstrukturen regierungsfeindli-
cher Kräfte in Afghanistan zu harten Strafen, einschliesslich zum Tod ver-
urteilt werden können. In diesem Zusammenhang sind Verstösse gegen
die Scharia beziehungsweise deren Auslegung durch die Taliban, bei-
spielsweise durch Blasphemie, Apostasie, Führen einer gleichgeschlecht-
lichen Beziehung, Missachtung von Kleidervorschriften zu nennen (vgl. das
oben bereits zitierte Urteil E-5522/2017 E. 6.2). Das UNHCR hält in seinen
Guidelines vom 30. August 2018 auch fest, dass Personen, die aus westli-
chen Ländern nach Afghanistan zurückgekehrt seien, getötet wurden,
nachdem sie als «verwestlicht» wahrgenommen worden waren (vgl. UN-
HCR Guidelines, a.a.O., S. 46 f.; vgl. auch S. 65 f.).
7.3 Die vom Gericht konsultierten Quellen halten fest, dass unter der Tali-
ban-Herrschaft von 1996 bis 2001 das Musizieren gänzlich verboten war
E-2843/2017
Seite 20
(Anmerkung des Gerichts: alle konsultierten Internetquellen wurden zuletzt
am 29. März 2021 abgerufen).
Im Zusammenhang mit der Lage der Musiker in Afghanistan verweisen
auch neuere Berichte auf die Ideologie der Taliban, nach welcher Musik
beziehungsweise das Spielen von Instrumenten, nach wie vor verboten ist
(vgl. Afghanistan Analysts Network [AAN]: Ideology in the Afghan Taliban,
Juni 2017: https://www.afghanistananalysts.org/wp-content/uplo-
ads/2017/06/201705-AGopal-ASvLinschoten-TB-Ideology.pdf, sowie: The
Guardian, The Kabul college turning street children into musicians,
16.09.2015). Gegenüber dem Wall Street Journal gab der Sprecher der
Taliban im Jahr 2013 zu verstehen, dass Musik im Islam verboten sei (vgl.
Wall Street Journal (WSJ), Young Afghans Face Backlash Over Music,
01.02.2013, http://online.wsj.com/news/articles/SB10001424127887324-
156204578275942288892434).
Weitere Quellen verweisen darauf, dass – obwohl Musik in der paschtuni-
schen Kultur verbreitet ist – religiöse Konservative wie Mullahs nach wie
vor Musik ablehnen (vgl. Reuters, Afghan teenager braves threats, family
pressure to lead women’s orchestra, 18.04.2016, http://www.reu-
ters.com/article/us-afghanistanorchestra-idUSKCN0XF00X. Die Taliban
sind nicht nur gegen “westliche Musik” angetreten und haben diese ver-
bannt, sie haben auch Afghanistans eigenes, reichhaltiges musikalisches
Kulturerbe verboten (vgl. Forbes: Taliban Music Ban May Befall Afghanis
After U.S. Troop Withdrawal, 28.12.2020: https://www.forbes.com/sites/wil-
liamhochberg/2021/12/28/afghan-musicians-worry-a-troop-withdrawal-
could-bring-back-the-talibans-total-ban-on-music/?sh=7f35543e4f5d).
Im bereits zitierten Forbes Artikel vom 28. Dezember 2020 wird namentlich
seitens des Direktors der grössten Medienagentur Afghanistans auf die
grosse Unsicherheit in Bezug auf die Friedensverhandlungen mit den Tali-
ban aufmerksam gemacht. Das Afghanistan Analysts Network (AAN) ver-
öffentlichte im Oktober 2020 und Januar 2021 Berichte über die Lage der
Bevölkerung in Gebieten unter der Herrschaft beziehungsweise Kontrolle
der Taliban: Für den Nad Ali Distrikt in der Provinz Helmand berichtet das
AAN, dass die "dawat aw ershad" (Einladung und Führungskommission)
das von den Taliban als islamisch legitimierte Musikverbot durchsetze. Die
Taliban seien nicht mehr so rigid (“harsh”) wie während ihrer Herrschaft in
den 1990-er und frühen 2000-er Jahren. Musik und Tanz an Feiern wie
Hochzeiten sollen aber nach wie vor nicht erlaubt sein. Der Leiter des Af-
ghanistan National Institute of Music (ANIM) berichtete in einem Interview
E-2843/2017
Seite 21
mit Forbes von mindestens sechs Vorfällen im November 2020, bei wel-
chen die Taliban Musiker bestraft und deren Instrumente zerstört hätten
(Forbes, Taliban Music Ban May Befall Afghanis After U.S. Troop Withdra-
wal, 28.12.2020, a.a.O.; sowie: AAN: Living with the Taleban (2): Local ex-
periences in Nad Ali district, Helmand province, 18.01.2021,
https://www.afghanistan-analysts.org/en/reports/war-and-peace/livingwith-
the-taleban-2-local-experiences-in-nad-ali-district-helmand-province/).
Weitere Quellen berichten von Anschlägen auf Musikveranstaltungen und
Institutionen, Drohungen und Belästigungen durch die Taliban und Konser-
vative, die Behörden sowie durch das soziale Umfeld/Familie: Die Afgha-
nistan Times berichtete im Oktober 2020, dass Bewaffnete in Kalkan, ei-
nem Vorort von Kabul, eine Hochzeitshalle verwüstet hätten. Die Gruppe
habe zudem die Instrumente der Musiker zerstört und Drohungen ausge-
sprochen (Afghanistan Times: Gunmen vandalize wedding house on Kabul
outskirts, 07.10.2020: http://www.afghanistantimes.af/gunmen-vandalize-
wedding-house-on-kabul-outskirts/).
Auch die Sicherheitsvorkehrungen bei Konzerten in Kabul sind wegen der
befürchteten Anschläge sehr streng und Konzertbesucher müssen bis zu
zehn Sicherheitscheckpoints passieren (vgl. Time, We Won't Be Silenced,
Afghan Female Musicians Tell Taliban, 18.04.2019,
https://time.com/5573842/afghanistan-female-women-musicians-music-
taliban/). Selbst in Kabul gibt es Anzeichen einer graduellen Rückkehr zu
einer konservativeren und politisch angespannteren Vergangenheit, in wel-
cher sich betroffene Kunstschaffende – vom Malkünstler bis zum Poeten –
aufgrund ihrer Arbeit mit gravierenden Risiken konfrontiert sahen (vgl. Glo-
balPost, The risky craft of being an artist in Afghanistan, 13.04.2013,
http://www.globalpost.com/dispatch/news/regions/asia-pacific/afghanis-
tan/130412/artists-musicianssingers-painters-threats-nato-withdrawal-tali-
ban). Auch dem Bericht des ACCORD vom 22. Juli 2016 zufolge gab es
Übergriffe auf Musiker und Musikerinnen, und Musikinstrumente und
Schallplatten wurden zerstört. (vgl. ACCORD – Austrian Centre for Country
of Origin & Asylum Research and Documentation: “Anfragebeantwortung
zu Afghanistan: Lage von MusikerInnen [a-9728-v2]”, Document #1397661
- ecoi.net, mit weiterem Verweis auf: Guardian: «The Kabul College turning
Street Children into Musicians» vom 16. September 2015, und “Suicide
bomb attack hits Afghan TV station in Kabul" vom 20. Januar 2016). In
einer aktuelleren Meldung berichtet die New York Times (NYT: In Afgha-
nistan, Being an Artist is a Dangerous Job) am 15. Januar 2020, dass das
Kunstschaffen («making art») nach wie vor ein gefährliches Unterfangen
E-2843/2017
Seite 22
(«hazardous pursuit») darstellt. Zeitgenössische Kunst werde als die Reli-
gion, Moral und die Ehre der afghanischen Tradition schädigend betrach-
tet. Wegen der unterstellten Assoziation mit dem «unreinen Westen» stelle
die Entfaltung von Kultur eine Zielscheibe der Taliban dar.
Einem neueren Bericht des ACCORD vom 15. Juni 2020 zufolge wird
Rückkehrenden aus westlichen Ländern unterstellt, dass sie sich «im un-
gläubigen Westen» nicht an die Regeln gehalten hätten. Dies bedeute,
dass sie ihren Glauben und die religiös legitimierten Alltagsregeln beson-
ders überzeugend leben müssten, um den Vorwurf zu entkräften. Gegen-
über den Taliban sei dieses Entkräften jedoch kaum möglich. Die Bezeich-
nung «Ungläubige» habe nicht unbedingt einen religiösen Hintergrund; es
handle sich vielmehr um einen politischen Vorwurf. Rückkehrenden afgha-
nischen Staatsangehörige werde mit Misstrauen begegnet, und sie würden
von ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft als «vom Westen kontaminiert»
und «unislamisch» wahrgenommen. Darunter fielen unter anderem Ju-
gendliche und junge Erwachsene mit Anzeichen kultureller Veränderung,
mit andersartiger Kleidung, Verhalten und sprachlichen Akzenten (vgl. AC-
CORD: Afghanistan: Apostasie, Blasphemie, Konversion, Verstoss gegen
islamische Verhaltensregeln, gesellschaftliche Wahrnehmung von Rück-
kehrerInnen aus Europa, S. 14, 18, 19 und 24: ACCORD – Austrian Centre
for Country of Origin & Asylum Research and Documentation: „Afghanis-
tan: Apostasie, Blasphemie, Konversion, Verstoss gegen islamische Ver-
haltensregeln, gesellschaftliche Wahrnehmung von RückkehrerInnen aus
Europa“, Dokument #2031618 - ecoi.net).
In einer weiteren Auskunft von ACCORD vom 15. Februar 2018 betreffend
«Situation von Künstlern (Wahrnehmung, Gefährdung bei öffentlichen Auf-
tritten, akzeptierte Kunstrichtungen, regionale Unterschiede, Rolle von re-
ligiösen Führern, Lage von TeilnehmerInnen an Castingshows» wird von
Musikverboten und von Angriffen auf und von der Unterdrückung von Mu-
sikkünstlern berichtet. Zudem sollen die Taliban und Daesh (der soge-
nannte "Islamische Staat") die Medien in den Provinzen Ghazni, Logar und
Pakitia gezwungen haben, das Senden von Inhalten mit "weiblichen Lie-
dern" («female songs») oder von Musik oder Propaganda für den Friedens-
prozess («ads related to the peace process») zu unterbinden (vgl. AC-
CORD – Austrian Centre for Country of Origin & Asylum Research and
Documentation: Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Situation von
Künstlern (Wahrnehmung, Gefährdung bei öffentlichen Auftritten, akzep-
https://www.ecoi.net/de/dokument/1426057.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1426057.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1426057.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1426057.html
E-2843/2017
Seite 23
tierte Kunstrichtungen, regionale Unterschiede, Rolle von religiösen Füh-
rern, Lage von TeilnehmerInnen an Castingshows) [a-10484]“, Dokument
#1426057 - ecoi.net).
7.4
7.4.1 Wie bereits festgehalten, trug der Beschwerdeführer glaubhaft vor,
dass er als Musiker vom örtlichen Mullah, den konservativen Kräften, der
Dorfbevöllkerung und den Ältesten aus seiner Herkunftsgegend in Kabul
behelligt und bedroht wurde. Er hat weiter glaubhaft gemacht, dass er Film-
material auf den sozialen Medien (Facebook, Youtube etc.) veröffentlicht
hat, bei welchem er bei der Ausübung seiner Musiktätigkeit aufgenommen
wurde. Im Beschwerdeverfahren wird die Bestätigung des Musikers
C._ beigebracht, dass der Beschwerdeführer in Kabul dank vielen
Konzerten und Fernseh- und Radioauftritten als Musiker berühmt gewesen
sei. Auch der Onkel des Beschwerdeführers bestätigt in einem Schreiben
(eingereicht mit Replikeingabe vom 24. Juli 2017, BVGer act. 12 Beilage
1), sein Neffe sei in Afghanistan im Radio, Fernsehen und an verschiede-
nen Anlässen als Musiker aufgetreten und sei auch auf Youtube und Face-
book zu sehen, was zu Drohungen und Verwarnungen durch den Mullah
geführt habe; im März 2017 hätten vier vom Mullah geschickte Personen
den Onkel aufgesucht und Todesdrohungen gegen den Beschwerdeführer
ausgesprochen.
Die vorgetragenen Behelligungen im Heimatstaat lassen sich nach dem
Gesagten mit den länderspezifischen Begebenheiten in Afghanistan ver-
einbaren und erscheinen im Länderkontext plausibel.
7.4.2 Das SEM stellte sich in der angefochtenen Verfügung auf den Stand-
punkt, die Repressionen gegen den Beschwerdeführer basierten auf einer
unterschiedlichen Vorstellung betreffend Glaubensausübung, was nicht als
asylbeachtliche Verfolgung einzustufen sei.
7.4.3 Diese Argumentation des SEM geht fehl. Die Verfolgungsmassnah-
men gegen den Beschwerdeführer erfolgten aufgrund seiner künstleri-
schen Tätigkeit als Musiker und bezweckten, ihn an der Ausübung seines
Musikerberufes, welcher als unislamisch betrachtet wurde, zu hindern.
Dass der Beschwerdeführer eine Verfolgung hätte vermeiden können,
wenn er sich nie als Musiker betätigt hätte, mag zutreffen; dies ist aber
irrelevant für die Frage, ob die ihm zugefügten oder drohenden Verfolgun-
gen auf einer flüchtlingsrechtlich relevanten Motivation beruht hätten. So
könnte beispielsweise auch eine als politisch oppositionell verfolgte Person
https://www.ecoi.net/de/dokument/1426057.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1426057.html https://www.ecoi.net/de/dokument/1426057.html
E-2843/2017
Seite 24
eine ihr drohende Verfolgung vermeiden, wenn sie sich gar nie oppositio-
nell betätigt und sich aller politischen Äusserungen enthalten hätte – diese
rein hypothetische Aussage wäre ebenso wenig geeignet, der politischen
Verfolgung die Relevanz abzusprechen, da es an einer Verfolgungsmoti-
vation fehle.
7.4.4 Personen, die in der Wahrnehmung regierungsfeindlicher Gruppie-
rungen wie den Taliban und den konservativen Mullahs gegen islamische
Grundsätze, Normen und Werte verstossen, gehören gemäss den UN-
HCR-Eligibility-Guidelines vom 30. August 2018 zu einer in Erwägung 7.2.2
aufgeführten Risikogruppe (vgl. UNHCR Eligibility Guidelines, a.a.O., S. 65
und 76). Zur Bestreitung seines Lebensunterhalts übte der Beschwerde-
führer den Musikerbruf aus. Dabei entfaltete er eine Tätigkeit, welche als
gegen die sozialen, religiösen und moralischen Normen verstossend wahr-
genommen wurde. Darauf basierende Verfolgungsmassnahmen sind –
entgegen der Einschätzung des SEM – ohne weiteres unter ein relevantes
Verfolgungsmotiv (sei es der Religion, sei es der politischen Überzeugung)
zu subsumieren. Der Beschwerdeführer gilt als Person, die ein Gefähr-
dungsprofil aufweist, welches insgesamt zu einer objektiven Furcht vor Ver-
folgung durch die Taliban und die regierungsfeindlichen Gruppierungen
führt. Die Verfolgung drohte dem Beschwerdeführer gezielt und basierte
auf einem flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsmotiv gemäss Art. 3
AsylG.
7.4.5 Entgegen den Einschätzungen des SEM ist die im Zeitpunkt der Aus-
reise befürchtete Verfolgung ferner auch als genügend intensiv im Sinne
von Art. 3 AsylG einzuschätzen. Die Vorfälle, die der Beschwerdeführer vor
seiner Ausreise bereits erlebt hatte – die Auseinandersetzungen mit dem
Mullah, Beschimpfungen und Schmähungen durch die Bevölkerung, die
ihn mit Steinen beworfen hätten, Drohungen, schliesslich der Angriff durch
vier Unbekannte, die die Instrumente des Beschwerdeführers zerstörten –
können zwar je isoliert betrachtet noch nicht als ernsthafte Nachteile gel-
ten; dennoch bilden sie – insbesondere angesichts der Drohungen, die sich
in der Zwischenzeit dem Onkel gegenüber wiederholt haben – vor dem
oben skizzierten afghanischen Hintergrund als ausreichender Anlass für
eine begründete Furcht vor ernsthaften, hinlänglich intensiven Nachteilen.
Auch in subjektiver Hinsicht hat der Beschwerdeführer glaubhaft machen
können, im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Afghanistan im Februar 2016 be-
gründete Furcht vor Verfolgung durch die den Taliban nahestehenden kon-
servativen Kräfte im Sinne von Art. 3 AsylG gehabt zu haben.
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Schliesslich müssen die Befürchtungen auch im heutigen Zeitpunkt weiter-
hin als aktuell gelten. Nachdem sich die Sicherheitslage in Afghanistan seit
2016 weiter deutlich verschlechtert hat und es zu vermehrten Anschlägen
durch die Taliban und andere islamistische Gruppierungen in allen Landes-
teilen, auch in Kabul, gekommen ist, ist anzunehmen, dass er im Falle einer
Rückkehr begründeterweise auch zum heutigen Zeitpunkt bei der Aus-
übung seines Musikerberufs künftige Angriffe insbesondere seitens der Ta-
liban zu befürchten hat.
7.5 Nachdem die festgestellte Verfolgungsgefahr nicht von staatlichen Or-
ganen, sondern von Dritten ausgeht, stellt sich die weitere Frage, ob der
Beschwerdeführer an seinem Herkunftsort in der Provinz Kabul mit staatli-
chem Schutz rechnen kann respektive ob ihm allenfalls eine innerstaatliche
Flucht- respektive Schutzalternative zur Verfügung steht.
7.5.1 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bedingt
die Annahme einer innerstaatlichen Schutzalternative im Lichte der Schutz-
theorie, dass am Zufluchtsort eine funktionierende und effiziente Schutz-
infrastruktur besteht und der Staat gewillt ist, der in einem anderen Lan-
desteil von Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu ge-
währen. Praxisgemäss sind an die Effektivität des Schutzes am Zufluchts-
ort hohe Anforderungen zu stellen. Namentlich genügt es nicht, dass der
Verfolger am Zufluchtsort nicht präsent ist, sondern es muss auch die Mög-
lichkeit ausgeschlossen werden können, dass er seinen Einfluss auf die-
sen Ort ausdehnen kann (vgl. BVGE 2013/5 E. 5.4.3, BVGE 2011/51 E.
8.5.1 und 8.6). Schliesslich muss es dem Betreffenden individuell zuzumu-
ten sein, den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz längerfristig in Anspruch
nehmen zu können. Dabei sind die allgemeinen Verhältnisse am Zufluchts-
ort und die persönlichen Umstände der betroffenen Person zu beachten
und es ist unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes im
Rahmen einer individuellen Einzelfallprüfung zu beurteilen, ob ihr ange-
sichts der sich konkret abzeichnenden Lebenssituation am Zufluchtsort re-
alistischerweise zugemutet werden kann, sich dort niederzulassen und
sich eine neue Existenz aufzubauen. Für die Frage der Zumutbarkeit
kommt der Zumutbarkeitsbegriff gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG zur Anwendung
(vgl. BVGE 2011/51 E. 8).
7.5.2 Vorliegend ist zu berücksichtigen, dass die Taliban landesweit aktiv
sind und in den vergangenen Jahren eine Entwicklung hin zu einer gut or-
ganisierten Bewegung durchlaufen haben, wodurch sie in verschiedenen
Provinzen an Einfluss, Macht und Stärke gewonnen haben. Sie verübten
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auch mehrere komplexe Angriffe in Kabul. Die afghanischen Sicherheits-
kräfte können die feindlich gesinnten Konfliktparteien kaum in genügender
Weise zurückdrängen oder kontrollieren (vgl. Referenzurteil D-5800/2016,
E. 7.3.1 und 7.3.2). Die kürzlich erfolgte Aufnahme von Friedensgesprä-
chen zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban vermag daran
nichts zu ändern, zumal diese Gespräche bereits wieder ins Stocken gera-
ten sind (vgl. https://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan-doha-frie-
densverhandlung-taliban-101.html; zuletzt abgerufen am 29. März 2021).
7.5.3 Daraus folgt, dass die afghanischen Sicherheitskräfte für den Be-
schwerdeführer in Kabul keine funktionierende und effiziente Schutzinfra-
struktur zur Verfügung stellen können (vgl. etwa Urteile des BVGer
D-1788/2018 E. 5.2.4 vom 3. November 2020, mit weiterem Verweis auf:
D-5923/2018 vom 17. August 2020 E. 8.3 sowie D-2879/2018 vom 7. Mai
2020 E. 7.6, jeweils mit weiteren Hinweisen). Eine Schutzalternative im
Sinne der Rechtsprechung besteht offensichtlich auch in anderen Teilen
Afghanistans nicht, zumal die Taliban ihre Aktivitäten in allen Landesteilen
entfalten und die Schutzinfrastruktur gegenüber derjenigen von Kabul auch
in anderen grossen Städten nicht effizienter ist.
8.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass der Beschwerdefüh-
rer die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Bei dieser
Sachlage erübrigt es sich, auf die übrigen Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers und die entsprechenden Erwägungen des SEM weiter einzugehen.
Anhaltspunkte für das Vorliegen von Asylausschlussgründen im Sinne von
Art. 53 AsylG gehen aus den Akten nicht hervor, weshalb ihm Asyl zu ge-
währen ist (Art. 49 AsylG).
9.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Die Verfügung des SEM vom
18. April 2017 ist aufzuheben und die Vorinstanz ist anzuweisen, dem Be-
schwerdeführer in der Schweiz in Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft
Asyl zu gewähren.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
https://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan-doha-friedensverhandlung-taliban-101.html https://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan-doha-friedensverhandlung-taliban-101.html
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21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) zu Lasten der Vorinstanz eine
Entschädigung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten
zuzusprechen.
Der Rechtsvertreter macht in seiner aktualisierten Kostennote vom 17. Au-
gust 2020 einen zeitlichen Aufwand von 15.5 Stunden bei einem Stunden-
ansatz von Fr. 300.-, einen Mehrwertsteuerbetrag von Fr. 373.35 sowie
Spesen von Fr. 48.80 geltend. Der Arbeitsaufwand und der geltend ge-
machte Stundenansatz erscheinen gesamthaft als angemessen und regle-
mentskonform. Die von der Vorinstanz dem Beschwerdeführer auszurich-
tende Parteientschädigung beläuft sich damit auf insgesamt Fr. 5'072.15
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag).
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