Decision ID: d97117f0-eec1-5a73-81fd-aa4025b9f64d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass die Beschwerdeführenden am 24. Juli 2021 in der Schweiz um Asyl
nachsuchten (Akten des SEM [...] / N [...] [SEM-act.] 2),
dass das SEM mit Verfügung vom 30. August 2021 – eröffnet am 2. Sep-
tember 2021 – in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach
Kroatien anordnete und die Beschwerdeführenden aufforderte, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (SEM-act.
31),
dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an die Beschwer-
deführenden verfügte,
dass die Beschwerdeführenden dagegen mit Eingabe vom 9. September
2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht erhoben (Akten des
Bundesverwaltungsgerichts [Rek-act.] 1),
dass sie in der Sache beantragten, die angefochtene Verfügung sei aufzu-
heben und die Vorinstanz anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten,
dass die Angelegenheit eventualiter zur vollständigen Sachverhaltsabklä-
rung und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen sei,
dass die Vorinstanz subeventualiter anzuweisen sei, von den kroatischen
Behörden individuelle Zusicherungen betreffend Zugang zum Asylverfah-
ren, adäquate medizinische Versorgung und Unterbringung einzuholen,
dass die Beschwerdeführenden in prozessualer Hinsicht um Erteilung der
aufschiebenden Wirkung mit sofortigem Vollzugsstopp, ferner um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege und insbesondere um Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses ersuchten,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am
10. September 2021 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3
AsylG),
dass der zuständige Instruktionsrichter am 10. September 2021 gestützt
auf Art. 56 VwVG den Vollzug der Überstellung superprovisorisch aus-
setzte (Rek-act. 2),
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und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass die Beschwerdeführenden am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen haben, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
sind, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung haben und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
sind (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass die Beschwerdeführenden beanstanden, die Vorinstanz habe das
rechtliche Gehör verletzt, indem sie ihre Verfügung auf Abklärungen der
schweizerischen Botschaft in Kroatien zu Dublin-Rückkehrern stütze, die
sich nicht bei den Akten befänden und in die dementsprechend auch keine
Akteneinsicht gewährt worden sei,
dass sie jedoch die Edition der Abklärungen weder verlangen noch jemals
verlangt haben, obwohl ihre rechtskundige, auf Asylverfahren spezialisierte
und von allem Anfang an mit der Mandatsführung betraute Rechtsvertre-
tung von deren Existenz und Relevanz zweifellos wusste,
dass im Übrigen die angefochtene Verfügung die aus den Abklärungen ge-
wonnenen Erkenntnisse in einer Form zusammenfassend wiedergibt, die
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den Anforderungen an eine rechtskonforme Begründung genügt und es
den Beschwerdeführenden gestattete, sich sachgerecht damit auseinan-
derzusetzen (vgl. etwa Urteil des BVGer F-1182/2021 vom 24. März 2021
E. 5.2.3 m.H.),
dass die Rüge der Beschwerdeführenden daher nicht gehört werden kann,
beziehungsweis ihr keine weitere Rechtsfolge zu geben ist,
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass als staatsvertragliche Grundlage die Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist, (nachfolgend: Dublin-III-VO, ABl. L 180/31 vom 29.6.2013) zur
Anwendung kommt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird,
dass sich vorliegend die Zuständigkeit Kroatiens zur Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO
ergibt, denn die Beschwerdeführenden hatten dort am 9. Juni 2021 um Asyl
ersucht (SEM-act. 11, 13),
dass die Vorinstanz daher am 20. August 2021 zu Recht gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO mit Wiederaufnahmegesuchen an die kroati-
schen Behörden gelangte (SEM-act. 25, 27),
dass die kroatischen Behörden der Wiederaufnahme am 27. August 2021
die Zustimmung erteilten und dadurch die Zuständigkeit Kroatiens aner-
kannten (SEM-act. 29, 30),
dass die Beschwerdeführenden die grundsätzliche Zuständigkeit Kroatiens
nicht bestreiten, sondern geltend machen, es gebe besondere Gründe für
eine Übernahme der Zuständigkeit durch die Schweiz,
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dass es nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts auch
unter Würdigung der kritischen Berichte zu den Zuständen in Kroatien zur-
zeit keine Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnah-
mebedingungen dort wiesen für Personen in der Situation der Beschwer-
deführenden systemische Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze
2 und 3 Dublin-III-VO auf,
dass deshalb eine Übernahme der Zuständigkeit gestützt auf die genannte
Bestimmung nicht angezeigt ist (vgl. dazu etwa Urteile des BVGer
E-3281/2021 vom 22. Juli 2021 E. 6.3; F-1074/2021 vom 20. Juli 2021 E. 6;
F-3061/2021 vom 9. Juli 2021 E. 5; je m.H.),
dass sodann jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-
VO beschliessen kann, einen bei ihm gestellten Antrag auf internationalen
Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verordnung festgeleg-
ten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dub-
lin-III-VO; sog. Selbsteintrittsrecht),
dass Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) das Selbsteintrittsrecht landesrechtlich konkretisiert und es
ins pflichtgemässe Ermessen des SEM legt, ein Gesuch aus humanitären
Gründen auch dann zu behandeln, wenn die Prüfung ergeben hat, dass
ein anderer Staat dafür zuständig ist,
dass indessen auf die Ausübung des Selbsteintrittsrechts ein einklagbarer
Anspruch besteht, wenn die Überstellung des Antragstellers in den an sich
zuständigen Mitgliedstaat übergeordnetes Recht, namentlich eine Norm
des Völkerrechts verletzen würde (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2; ferner Urteil
des BVGer E-2851/2021 vom 28.6.2021 E. 8.4.1; je m.H),
dass Kroatien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) ist, und seinen sich daraus ergebenden völkerrechtlichen
Verpflichtungen nachkommt,
dass auch anzunehmen ist, dieser Staat anerkenne und schütze weiterhin
die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäi-
schen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge-
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meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna-
tionalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni
2013) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen
für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen
(sog. Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013), ergeben,
dass zu diesen Rechten unter anderem eine angemessene Unterkunft
(Art. 2 Bst. g, Art. 17 und Art. 18 Aufnahmerichtlinie) und der Zugang zur
erforderlichen medizinischen Versorgung und psychologischen Betreuung
gehört (Art. 19 Aufnahmerichtlinie),
dass zwar die Vermutung, Kroatien halte seine völkerrechtlichen Verpflich-
tungen ein, im Einzelfall widerlegt werden kann, es hierfür aber konkreter
und ernsthafter Hinweise bedarf, die gegebenenfalls vom Betroffenen
glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.; Urteil des BVGer
D-5698/2017 vom 6. März 2018 E. 5.3.1),
dass die Beschwerdeführenden in Zweifel ziehen, ob sie nach ihrer Über-
stellung nach Kroatien Zugang zum Asylverfahren und zu den dortigen
Asylstrukturen erhielten, mit einem fairen Asylverfahren rechnen könnten
und als Familie angemessen untergebracht würden,
dass ihre Ausführungen jedoch allgemein gehalten sind und, soweit sie
konkrete Erfahrungen mit den kroatischen Behörden anlässlich des Grenz-
übertritts und des Aufenthalts in einem kroatischen Asylcamp zum Inhalt
haben, unsubstantiiert bleiben,
dass die Beschwerdeführenden zudem anlässlich der gestützt auf Art. 5
Dublin-III-VO am 20. August 2021 getrennt durchgeführten Dublin-Gesprä-
che Gelegenheit hatten, sich zu ihren Erlebnissen in Kroatien zu äussern,
ihre jeweiligen Schilderungen der Ereignisse jedoch kaum Gemeinsamkei-
ten aufweisen (SEM-act. 21, 23),
dass die Beschwerdeführenden sodann einen schlechten psychischen All-
gemeinzustand behaupten und beanstanden, der medizinische Sachver-
halt sei mit Blick auf eine mögliche Verletzung von Art. 3 EMRK nicht hin-
reichend abgeklärt worden,
dass jedoch den Ausführungen der Beschwerdeführenden und den zusam-
men mit der Beschwerde eingereichten Medizinalakten nichts entnommen
werden kann, was die Frage einer möglichen Verletzung von Art. 3 EMRK
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aufwerfen könnte (vgl. dazu etwa Urteil des BVGer F-3061/2021 vom 9.
Juli 2021 E. 6.2 m.H.),
dass im Übrigen Kroatien über eine mit der Schweiz vergleichbare intakte
medizinische Infrastruktur verfügt und keine Hinweise dafür vorliegen, die-
ses Land könnte seinen Verpflichtungen nicht nachkommen und den Be-
schwerdeführenden die notwendige medizinische Versorgung oder psy-
chologische Betreuung verweigern (vgl. dazu etwa Urteil des BVGer
E-3281/2021 vom 22. Juli 2021 E. 7.5.2 m.H.),
dass daher die Vorinstanz in antizipierter Beweiswürdigung und ohne Ver-
letzung des Untersuchungsgrundsatzes darauf verzichten konnte, den ge-
sundheitlichen Zustand der Beschwerdeführenden einer näheren Abklä-
rung zu unterziehen,
dass den Ausführungen der Beschwerdeführenden insgesamt keine kon-
kreten und ernsthaften Hinweise auf eine nach der Überstellung drohende,
nicht völkerrechtskonforme Behandlung durch die kroatischen Behörden
entnommen werden können,
dass sich unter den gegebenen Umständen die Frage nicht stellt, ob die
Lebensbedingungen, denen die Beschwerdeführenden nach ihrer Über-
stellung ausgesetzt wären, unter dem Gesichtspunkt des Kindeswohls ei-
ner Überstellung entgegenstehen,
dass andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben würden, von ihrem
Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO Gebrauch zu
machen, weder geltend gemacht werden noch ersichtlich sind, wobei an
dieser Stelle festzuhalten bleibt, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchen-
den kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszu-
wählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass unter den gegebenen Umständen auch kein Anlass besteht, von den
kroatischen Behörden im Sinne des Subeventualantrags irgendwelche Zu-
sicherungen einzuholen,
dass das SEM demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführenden nicht eingetreten ist
und – weil diese nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlas-
sungsbewilligung sind – in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung
nach Kroatien angeordnet hat (Art. 32 Bst. a AsylV 1),
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dass allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR
142.20) nicht mehr zu prüfen sind, da das Fehlen von Überstellungshinder-
nissen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheides gemäss
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als
gegenstandslos erweist,
dass das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt
sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
den Beschwerdeführenden aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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