Decision ID: 83eac6e0-baca-5d7c-8ed8-0ad2c862e03f
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Oktober 2004 erstmals zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie machte keine Angaben zu ihrer schulischen
und beruflichen Ausbildung, wies aber darauf hin, dass sie seit dem Jahr 1994 bei der
Z._ angestellt sei. Im Dezember 2004 gab sie einem Berufsberater der IV-Stelle auf
eine telefonische Nachfrage hin an, dass sie keine Berufsausbildung absolviert habe
und dass das Arbeitsverhältnis mit der Z._ zwischenzeitlich aufgelöst worden sei (IV-
act. 16). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die medizinische Abklärungsstelle (MEDAS)
Bern am 27. Juli 2006 ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 47). Die
Sachverständigen hielten fest, die Versicherte leide an einem Status nach einer am 2.
April 2001 erlittenen Schnittverletzung mit einer Nervendurchtrennung Strahl I
metatarsal am rechten Fuss sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an
einer Schmerzverarbeitungsstörung mit einer Symptomausweitung, einer
Selbstlimitierung und Versorgungswünschen, an Verdauungsstörungen nach einer
Cholecystektomie, an einer leichten Gastritis, an einer Fehlstatik der Wirbelsäule und
an einer beidseits deutlich verkürzten Ischiocruralmuskulatur. Die Vielfalt der geklagten
Beschwerden könne sowohl aus neurologischer als auch aus orthopädischer Sicht
nicht durch die Nervenverletzung, die drei Operationen nach sich gezogen habe, erklärt
werden. Es handle sich um eine bewusstseinsnahe Symptomausweitung mit einer
Selbstlimitierung. Für angepasste Tätigkeiten bestehe eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit. Am 21. April 2008 erstattete die MEDAS Bern ein Verlaufsgutachten
(IV-act. 93). Der neurologische Sachverständige führte aus, in der aktuellen
neurologischen Untersuchung hätten lediglich fragliche, sehr diskrete Atrophien im
Bereich des Quergewölbes des Fusses festgestellt werden können. Die sensiblen
Nervenanteile seien hingegen massiv beeinträchtigt. Auffallend sei eine massive
A.a.
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Ausweitung des Schmerzsyndroms weit über das Innervationsgebiet des Nervus tibialis
rechts beziehungsweise des Nervus suralis hinausgehend. Aufgrund der
Schmerzwahrnehmung könne eine Leistungsminderung von 20 Prozent berücksichtigt
werden. Der orthopädische Sachverständige hatte allerdings unter Berücksichtigung
der seitengleichen Muskulatur und Sohlenbeschwielung eine andauernde Schonung
des Fusses für unwahrscheinlich erachtet. Der Medikamentenspiegel hatte ergeben,
dass die Versicherte die vom behandelnden Psychiater verordneten Antidepressiva
nicht eingenommen hatte; der Spiegel von Ibuprofen hatte deutlich unter dem
therapeutischen Bereich gelegen, was laut den Sachverständigen nicht vereinbar mit
der von der Versicherten angegebenen Einnahme von 1800–2400mg pro Tag war. Der
psychiatrische Sachverständige diagnostizierte zwar neu eine rezidivierende depressive
Störung mit einer allenfalls mittelgradigen depressiven Episode, aber in ihrer
Schlussbeurteilung führten die Sachverständigen aus, die objektiven klinischen
Befunde hätten weitgehend jenen bei der ersten Begutachtung entsprochen; es sei
weder auf dem psychiatrischen noch auf dem orthopädischen oder auf dem
neurologischen Fachgebiet zu einer wesentlichen Verschlechterung gekommen. Mit
einer Verfügung vom 27. Februar 2009 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der
Versicherten mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ab (IV-act. 109).
Eine dagegen erhobene Beschwerde wurde vom Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen mit einem Entscheid vom 25. März 2011 abgewiesen (IV 2009/127; vgl. IV-act.
126).
Im Februar 2012 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf eine seit dem Jahr
2007 bestehende Depression erneut zum Leistungsbezug an (IV-act. 130). Ein
Sachbearbeiter der IV-Stelle vermerkte zwar, dass es sich um eine Wiederanmeldung
handle (vgl. die elektronische Notiz zu IV-act. 130–1), aber die Versicherte wurde in der
Folge nicht aufgefordert, eine relevante Sachverhaltsveränderung seit der Abweisung
ihres ersten Leistungsbegehrens am 27. Februar 2009 glaubhaft zu machen. Die IV-
Stelle beauftragte das Zentrum für medizinische Begutachtung (ZMB), ein
Verlaufsgutachten zu erstellen (IV-act. 163). Das ZMB erstattete das Gutachten am 5.
September 2013 (IV-act. 177). Die Sachverständigen hatten festgehalten, die
Versicherte leide an einem chronifizierten neuropathischen Schmerzsyndrom im
rechten Fuss, an einer Persönlichkeitsveränderung bei einer chronischen massiven
A.b.
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zentralnervösen Schmerzverarbeitung im Sinne einer rezidivierenden depressiven
Störung mit einer gegenwärtig schweren Episode und einem somatischen Syndrom,
einer generalisierten Angststörung und einer malignen Regression im Rahmen des
affektiven Leidens sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an einem
cervico-radiculären linksbetonten Syndrom C6 und C7, an einem lumbo-radiculären
Reizsyndrom L5 rechts, an einer Hyperthyreose und an einem Status nach einer
peripheren vestibulären Unterfunktion links. Angesichts des psychischen Leidens und
des somatisch begründbaren neuropathischen Schmerzsyndroms sei der Versicherten
keine Arbeitstätigkeit mehr zumutbar. Diese vollständige Arbeitsunfähigkeit bestehe
gemäss dem in einem Bericht des behandelnden Psychiaters Dr. med. B._ vom Juli
2012 genannten Datum seit Januar 2011. Im Oktober 2013 notierte Dr. med. C._ vom
IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), das Gutachten des ZMB sei
überzeugend, weshalb darauf abzustellen sei (IV-act. 181).
Im März 2014 beauftragte die IV-Stelle die CX Partners GmbH mit einer
verdeckten Überwachung der Versicherten (IV-act. 191). Die CX Partners GmbH
observierte die Versicherte im Zeitraum vom 17. März 2014 bis zum 21. März 2014. In
ihrem Bericht vom 26. März 2014 hielt sie fest (IV-act. 194), die Versicherte habe sich
ohne sichtbare Einschränkungen oder Beschwerden bewegt. In ihrem Bewegungsbild
hätten keine Schonhaltungen beobachtet werden können. Die Versicherte habe
aufmerksam, beweglich und fit gewirkt; sie habe gelacht und sie sei kommunikativ
gewesen. Ein sozialer Rückzug sei nicht aufgefallen. Die RAD-Ärztin Dr. med. D._
notierte im April 2014 (IV-act. 197), das bei der Observation beobachtete
Aktivitätsniveau der Versicherten entspreche jenem einer physisch und psychisch nicht
stark beeinträchtigten Frau. Die Versicherte habe während des gesamten
Beobachtungszeitraums einen selbständigen und zufriedenen Eindruck hinterlassen.
Das Gangbild sei völlig unauffällig gewesen. Eine kurze Nahaufnahme des
Schuhsohlenprofils habe keine Asymmetrie erkennen lassen. Offensichtlich habe die
Versicherte das getragene geschlossene Schuhwerk gut vertragen. Insgesamt müsse
von einem deutlich höheren als dem im Gutachten des ZMB geschilderten
Funktionsniveau ausgegangen werden. Vor diesem Hintergrund sei eine erneute
Begutachtung zu empfehlen. Am 7. Mai 2014 fand eine Haushaltsabklärung in der
Wohnung der Versicherten statt. Die Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle hielt in ihrem
A.c.
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Bericht fest (IV-act. 211–9 ff.), die Versicherte habe einen demonstrativ leidenden
Eindruck erweckt. Die Abklärung habe sich als sehr schwierig erwiesen, da die
Versicherte zuerst nur sehr leise und kaum verständlich gesprochen habe und da sie
auf konkrete Fragen zu ihrem Gesundheitszustand begonnen habe, hysterisch zu
schreien, in die Hände zu klatschen und mit den Füssen an Ort und Stelle zu treten.
Dieser hysterische Anfall sei theatralisch vorgetragen worden. Der Versicherten sei es
aber offensichtlich möglich gewesen, ohne Schmerzäusserungen mit den angeblich
stark schmerzenden Füssen auf den harten Holzboden zu treten. Während des 90
Minuten dauernden Gesprächs habe sie sich wiederholt vom Stuhl erhoben, um sich
etwas zu bewegen. Sie sei dabei in Socken auf dem harten Holzboden hin und her
gegangen. Auf die Bitte hin, die Medikamente zu zeigen, sei die Versicherte zügig
aufgestanden und ohne ersichtliche Schmerzen oder eine Gehbehinderung in die
Küche gegangen. Die Wohnung sei blitzblank sauber, fast schon steril gewesen. Sie
habe einen nahezu unbewohnten Eindruck erweckt. Die Kinderzimmer hätten eher
Büroräumen als Kinderzimmern geglichen. Obwohl die Versicherte angegeben habe,
dass sie sich häufig auf das Sofa legen müsse, seien weder Decken noch Kissen auf
dem Sofa gelegen. Die angeblich rund um die Uhr betreuende Mutter sei nicht
anwesend gewesen. Die Versicherte habe die Erlaubnis gegeben, die von der Suva
abgegebenen Spezialschuhe zu fotografieren. Die Sohlen seien seitengleich abgenutzt
gewesen (vgl. IV-act. 212). Auf die Bitte hin, den Rest der Wohnung zu zeigen, sei die
Versicherte sehr zügig aufgestanden und zügigen Schrittes ins Schlafzimmer
verschwunden. Dort habe sie eine am Boden liegende Matratze hochgehoben und zur
Seite gestellt. Das habe nicht zum demonstrativ leidenden Eindruck gepasst, den sie
während des Gesprächs vermittelt habe. Im Juli 2014 wurde die Versicherte erneut
observiert. Die CX Partners GmbH hielt in ihrem zweiten Observationsbericht vom 24.
Juli 2014 fest (IV-act. 214), die Versicherte habe sich während der zweiten
Überwachungsphase auffallend anders bewegt. In ihrem Bewegungsbild seien
zeitweise Schonhaltungen zu beobachten gewesen. Ein sozialer Rückzug sei dagegen
nicht aufgefallen. Die RAD-Ärztin Dr. D._ notierte im September 2014 (IV-act. 216),
das allgemeine Aktivitätsniveau der Versicherten sei während der zweiten
Observationsphase tiefer als noch während der ersten Observationsphase gewesen.
Am Tag nach der Haushaltsabklärung habe sie ausgeprägt „allgemein leidend“ gewirkt,
was eventuell eine Reaktion auf die für die Versicherte „schwierige“ Abklärung
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gewesen sei. Auffälligerweise sei aber gerade das Gangbild nicht spezifisch
beeinträchtigt gewesen. Es habe nicht den am Vortag geschilderten Einschränkungen
entsprochen. Etwa drei Wochen später hätten einige der von der Versicherten
angegebenen Einschränkungen beim Treppensteigen beobachtet werden können. So
habe die Versicherte (mit ihren eigenen Angaben übereinstimmend) das
Treppensteigen mit dem linken Fuss begonnen. Allerdings habe sie die Treppe dann
aber im Widerspruch zu ihren eigenen Angaben wechselschrittig bestiegen. Das in
wechselnder Ausprägung teilweise steif anmutende und keineswegs stereotype
Bewegungsmuster sei aus medizinischer Sicht für die geklagte Überempfindlichkeit der
Fusssohle nicht typisch.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete das Neurologicum Zürichsee am 18. März 2016
ein bidisziplinäres – neurologisches und psychiatrisches – Gutachten (IV-act. 244 f.).
Der neurologische Sachverständige Dr. med. E._ führte aus, die Versicherte habe
den Untersuchungsraum mit einem flüssigen und symmetrischen Gangbild ohne
pathologische Bewegungsmuster betreten. Während der Exploration, bei der sie über
Schmerzen am rechten Fuss und (weniger stark) am linken Fuss, im Nacken, in der
Hüfte sowie am linken Knie und über einen „komischen“ Kopf geklagt habe, habe sie
für eine Stunde entspannt auf ihrem Stuhl gesessen. Sie habe den Kopf spontan frei in
alle Richtungen bewegt. Das An- und Auskleiden sei ihr zügig und geschickt gelungen.
Während der gesamten Begutachtung habe sie nicht schmerzgequält gewirkt. In der
körperlichen ntersuchung nach der eineinhalbstündigen Exploration habe sie plötzlich
demonstrative, bizarre Bewegungsmuster gezeigt, die bei einer oberflächlichen
Betrachtung an Dyskinesien oder an Dystonien erinnert, bei einer genaueren
Betrachtung und Untersuchung diesen allerdings nicht entsprochen hätten. An der
Halswirbelsäule habe keine radiculäre Symptomatik festgestellt werden können. Der
Befund bezüglich der Hirnnerven sei komplett unauffällig gewesen. Die Untersuchung
der Motorik, der Koordination, der Reflexe und der Sensibilität am Rumpf und an den
Extremitäten habe keine Auffälligkeiten gezeigt. Die Versicherte habe zwar ein bizarres
Bewegungsmuster und eine extreme Empfindlichkeit demonstriert, aber das
Bewegungsmuster habe jenem in unbeobachteten Momenten diametral widersprochen
und die Sensibilität sei unter Ablenkung vollständig unauffällig gewesen. An der
Wirbelsäule hätten keine Defizite festgestellt werden können. Ausserhalb der
A.d.
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eigentlichen Untersuchung seien der Stand und der Gang völlig unauffällig gewesen. In
der Untersuchungssituation habe die Versicherte dann aber ein deutlich verlangsamtes
Gehen gezeigt. Den Zehengang habe sie rechts angeblich wegen Schmerzen nicht
ausführen können. Als Dr. E._ sie aufgefordert habe, es trotzdem zu versuchen, habe
sie aggressiv und gereizt reagiert. Sie habe das Einbeinhüpfen angeblich wegen
Schmerzen verweigert. Alle anderen Gangvarianten seien problemlos möglich
gewesen. Im Verhalten habe die Versicherte verschlossen und teilweise gereizt gewirkt.
Sie habe mit einer leisen Stimme gesprochen. Die anamnestischen Angaben seien
häufig sehr unscharf, Nachfragen nicht zielführend gewesen. Die Exploration habe sich
dadurch teilweise sehr mühsam gestaltet. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis
seien unauffällig gewesen. Die Versicherte habe dem Gespräch auch bei schnellen
Themenwechseln gut folgen können. Sie habe aber auch problemlos länger bei einem
Thema verbleiben können. Anzeichen für eine Aufmerksamkeits- oder
Gedächtnisstörung hätten nicht festgestellt werden können. Auch die übrigen
neurokognitiven Funktionen seien uneingeschränkt gewesen. Die Elektroneurographie
habe abgesehen vom nach einer Nerventransplantation zu erwartenden, nicht
ableitbaren Potential des Nervus suralis links keine auffälligen Resultate ergeben.
Diagnostisch leide die Versicherte an einem chronischen Schmerzsyndrom ohne ein
sicheres organpathologisches Korrelat, an einem Nervus suralis-Schaden links, an
demonstrativen motorischen Manierismen während der Untersuchung sowie an einer
erheblichen demonstrativen Tendenz in der Untersuchungssituation. Keine dieser
Diagnosen wirke sich auf die Arbeitsfähigkeit der Versicherten aus. Folglich sei aus
neurologischer Sicht eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit zu attestieren. Das
neurologische Teilgutachten des ZMB aus dem Jahr 2013 enthalte keine überzeugende
Begründung für die Diagnosestellung und für die Arbeitsfähigkeitsschätzung. Zu
bemängeln sei unter anderem, dass sich der Sachverständige nicht mit den
(abweichenden) Vorgutachten und mit den in den Akten enthaltenen Hinweisen auf eine
bewusstseinsnahe Verdeutlichungstendenz auseinander gesetzt habe. Der
psychiatrische Sachverständige PD Dr. med. F._ führte aus, die Versicherte sei bei
den beiden Explorationsgesprächen bewusstseinsklar und vollständig orientiert
gewesen. Sie habe regungslos im Stuhl gesessen, den Blickkontakt vermieden, oft vor
sich hingeschaut und manchmal auch unruhig in der Gegend herumgeschaut. Ihr Blick
habe sich manchmal nach oben zur Seite gewendet, als würde sie dort etwas sehen
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oder hören. Sie habe aber Wahrnehmungsstörungen verneint. Während des gesamten
Gesprächs habe die Versicherte mit ihrer rechten Hand teils bizarr, teils verkrampft und
angespannt anmutende, zum Teil fast dystone Bewegungen ausgeführt, ohne dass
dabei die typischen Haltungsanomalien einer Dystonie zu beobachten gewesen wären.
Zu beobachten seien jedoch orale Dyskinesien dystoner Art gewesen. Dieses
Phänomen sei manchmal als eine Nebenwirkung von Neuroleptika zu beobachten, es
könne sich dabei aber auch um Manierismen oder um erlernte Verhaltensschablonen
handeln. In der Untersuchungssituation habe sich keine Aufmerksamkeits-,
Gedächtnis- oder Konzentrationsstörung nachweisen lassen. Die Auffassung der
Versicherten sei prompt gewesen. Abgesehen von einer allenfalls etwas angespannten
Grundstimmung seien keine typischen depressiven Formen einer Affektstörung
aufgefallen. Insgesamt habe die Versicherte in den Untersuchungsgesprächen einen
etwas diffusen Eindruck hinterlassen. Einerseits habe sie sehr über Schmerzen im
rechten Fuss geklagt, andererseits habe sie zeitweise im Gespräch abgelenkt und
stellenweise etwas ratlos gewirkt. Das Observationsmaterial stehe in einem sehr
krassen Gegensatz zu diesem Verhalten der Versicherten in der
Untersuchungssituation. Es zeige im Wesentlichen eine junge Frau, die sich
vollkommen physiologisch und erkennbar ohne irgendwelche
Bewegungseinschränkungen oder gar ein schmerzschonendes Verhalten bewege und
sich in einer leichten und gelösten Weise um ihren kleinen Sohn kümmere, diesen
umsorge und beaufsichtige. Zwar müssten Filmausschnitte naturgemäss mit grosser
Zurückhaltung beurteilt werden, weil sie nur einen Ausschnitt aus dem Alltag
abbildeten, aber das vorliegende Material spreche deutlich dagegen, dass
durchgehend über einen längeren Zeitraum ein schweres Schmerzschonverhalten
vorgelegen hätte. Insgesamt lasse sich auf dem psychiatrischen Fachgebiet keine
Diagnose stellen. Aus psychiatrischer Sicht bestehe deshalb eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit. Die RAD-Ärztin Dr. D._ qualifizierte das bidisziplinäre Gutachten als
überzeugend (IV-act. 247). Der behandelnde Psychiater Dr. B._ hielt am 24. Juni
2016 fest (IV-act. 248–2 f.), die Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven
Störung mit einer gegenwärtig schweren Episode. Sie sei gegenwärtig vollständig
arbeitsunfähig. Dass der Sachverständige PD Dr. F._ das Vorliegen der seit Jahren
diagnostizierten depressiven Störung nicht bestätigt habe, sei absolut nicht
nachvollziehbar. Man frage sich, ob sich der Sachverständige das Recht herausnehme,
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an den Fachtiteln der anderen Ärzte zu zweifeln. Die RAD-Ärztin Dr. D._ notierte am
30. August 2016 (IV-act. 250), offenbar habe Dr. B._ nicht über eine umfassende
Sachverhaltskenntnis verfügt. Er habe sich nämlich nicht zu den Inkonsistenzen
geäussert. Es sei wohl sinnvoll, PD Dr. F._ um eine Stellungnahme zum Bericht von
Dr. B._ vom 24. Juni 2016 zu bitten und ihn aufzufordern darzulegen, weshalb er
keine depressive Störung diagnostiziert habe. Auf entsprechende Rückfragen der IV-
Stelle hin hielt PD Dr. F._ am 8. Mai 2017 fest (IV-act. 267), das psychiatrische
Teilgutachten des ZMB sei aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar. Zwar könne die
damalige Beurteilung nicht per se als falsch qualifiziert werden, weil sich der
Gesundheitszustand der Versicherten in den vergangenen zweieinhalb Jahren
zwischen der damaligen Begutachtung und der aktuellen Begutachtung wesentlich
verändert haben könne, aber zum jetzigen Zeitpunkt seien die damaligen
Schlussfolgerungen jedenfalls nicht mehr zutreffend. Der behandelnde Psychiater Dr.
B._ habe in seinem aktuellsten Bericht abgesehen von einer Deprimiertheit und
einem verminderten Antrieb keine psychopathologischen Befunde einer Depression
erwähnt. Es fehle folglich an einer ausreichenden Begründung für die diagnostizierte
schwere depressive Episode. Auch die Arbeitsfähigkeitsschätzung sei nicht begründet
worden. Vermutlich habe Dr. B._ keine Kenntnis vom Observationsmaterial gehabt.
Sein Bericht stelle die gutachterliche Beurteilung nicht in Frage. In einer Stellungnahme
vom 13. Juli 2017 hielt Dr. B._ fest (IV-act. 272), ihm lägen nun sämtliche Akten
inklusive Observationsmaterial vor. Er könne eine Aggravation und eine Simulation
ganz klar ausschliessen. Die RAD-Ärztin Dr. D._ notierte am 18. August 2017, die
Stellungnahme von Dr. B._ wecke keine ernsthaften Zweifel an der
Überzeugungskraft des Gutachtens des Neurologicum Zürichsee (IV-act. 275).
Mit einem Vorbescheid vom 21. November 2017 teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit (IV-act. 276), dass sie die Abweisung des Rentenbegehrens mangels
eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades vorsehe. Am 16. Januar 2018 erliess die
IV-Stelle eine Verfügung, mit der sie das Rentenbegehren der Beschwerdeführerin
abwies (IV-act. 279).
A.e.
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B.
Am 16. Februar 2018 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 16. Januar 2018 erheben (act. G 1). Ihr
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Ausrichtung der gesetzlichen Leistungen. Zur Begründung führte er an, PD Dr. F._ sei
der erste Psychiater, der keine psychiatrische Gesundheitsbeeinträchtigung
diagnostiziert habe. Schon aus diesem Grund müsse sein Teilgutachten „sehr kritisch
betrachtet“ respektive als „nicht schlüssig“ qualifiziert werden. Die „durchwegs
positive“ Beurteilung des Observationsmaterials durch PD Dr. F._ überzeuge nicht,
weil ja sogar die Beschwerdegegnerin selbst auf ein auffälliges Verhalten der
Beschwerdeführerin während der Observation hingewiesen habe. Natürlich könne die
Beschwerdeführerin während der Observation „auch kein Theater gespielt“ haben, weil
sie ja nicht gewusst habe, dass sie observiert worden sei. Der Sachverständige PD Dr.
F._ habe sich nicht substantiiert mit der Kritik von Dr. B._ auseinandergesetzt, was
einen weiteren Mangel seines Gutachtens darstelle. Für die Arbeitsfähigkeitsschätzung
sei auf die Berichte von Dr. B._ abzustellen, der diese angesichts der bereits Jahre
andauernden Behandlung am besten beurteilen könne.
B.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 22. Mai 2018
die Abweisung der Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie aus, während des
gesamten Observationszeitraums habe die Beschwerdeführerin nur an einem Tag
Anzeichen für eine Gesundheitsbeeinträchtigung gezeigt. Ansonsten habe ihr Verhalten
stark mit den von ihr in Untersuchungs- und Behandlungssituationen geklagten
Beschwerden und präsentierten Einschränkungen kontrastiert. Sowohl PD Dr. F._ als
auch Dr. E._ hätten auf zahlreiche Diskrepanzen hingewiesen, die bei der
Begutachtung aufgefallen seien. Der behandelnde Psychiater Dr. B._ habe nach der
Einsichtnahme in das bidisziplinäre Gutachten plötzlich eine
Persönlichkeitsveränderung „aus dem Hut gezaubert“, was nur als ein
Gefälligkeitsattest interpretiert werden könne. Offenbar habe Dr. B._ sich durch das
Gutachten des Neurologicum Zürichsee auch persönlich angegriffen gefühlt. Seine
Stellungnahme habe keinerlei Beweiswert.
B.b.
Die Beschwerdeführerin liess am 6. Juli 2018 an ihren Anträgen festhalten (act. G
12). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 14).
B.c.
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin hat sich im Februar 2012 zum zweiten Mal zum Bezug einer
Rente der Invalidenversicherung angemeldet. Gemäss dem Art. 87 Abs. 3 IVV hat das
Eintreten auf diese Neuanmeldung die Glaubhaftmachung einer relevanten
Sachverhaltsveränderung seit der Abweisung des ersten Rentenbegehrens am 27.
Februar 2009 vorausgesetzt. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hat die
Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin nach dem Eingang der Neuanmeldung
aber nicht aufgefordert, eine relevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft zu machen.
Das Unterbleiben einer solchen Aufforderung kann nicht mit dem Umstand begründet
werden, dass die Beschwerdeführerin im Anmeldeformular auf eine seit dem Jahr 2007
bestehende Depression hingewiesen hat, denn erstens ist mit dieser blossen
Behauptung noch keine relevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht
gewesen und zweitens wäre diese behauptete Sachverhaltsveränderung bereits zwei
Jahre vor der Abweisung des ersten Rentenbegehrens eingetreten, weshalb sie zum
Am 9. Mai 2019 liess die Beschwerdeführerin eine ergänzende Stellungnahme
einreichen (act. G 19). Ihr Rechtsvertreter beantragte neu zusätzlich die Entfernung des
Observationsmaterials und des bidisziplinären Gutachtens aus den Akten. Zur
Begründung führte er an, das Bundesgericht habe in seinem Urteil 9C_483/2019 vom
21. November 2018 festgehalten, unter welchen Voraussetzungen
Observationsmaterial verwertet werden dürfe. Die Beschwerdegegnerin habe bis heute
nicht begründet, weshalb das Ergebnis der von ihr angeordneten Observation
verwertbar sein sollte.
B.d.
Die Beschwerdegegnerin machte am 28. Mai 2019 geltend (act. G 21.1), die
Observation sei zweifellos angebracht gewesen, da Versorgungswünsche der
Beschwerdeführerin, eine mangelnde Medikamentencompliance und ein nicht
nachvollziehbarer medizinischer Verlauf mit einem grotesken Ausmass ausgewiesen
gewesen seien. Der Anfangsverdacht sei in den Akten sauber dokumentiert worden.
Das Observationsmaterial sei verwertbar.
B.e.
Die Beschwerdeführerin liess am 16. Januar 2020 einwenden, die Akten belegten
entgegen der Darstellung der Beschwerdegegnerin keinen ausreichenden
Anfangsverdacht (act. G 23).
B.f.
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Vorneherein nicht geeignet sein konnte, eine relevante Sachverhaltsveränderung nach
der Abweisung des ersten Rentenbegehrens glaubhaft zu machen. An sich hätte die
Beschwerdegegnerin folglich nicht ohne weiteres auf die Neuanmeldung eintreten
dürfen. Allerdings enthält das Anmeldeformular keinen Hinweis darauf, dass die
gesuchstellende Person nach der Abweisung eines früheren Leistungsbegehrens
verpflichtet ist, eine relevante Sachverhaltsveränderung nach jener Abweisung
glaubhaft zu machen. Sie muss deshalb bei einer Neuanmeldung von der zuständigen
IV-Stelle explizit darauf hingewiesen werden. Würde ohne einen solchen vorgängigen
Hinweis nicht auf eine Neuanmeldung eingetreten, wäre darin eine Verletzung der Be
ratungs- und Aufklärungspflicht (Art. 27 Abs. 1 ATSG) zu erblicken, weil die versicherte
Person in der Regel gar nicht wissen kann, dass sie eine Pflicht zur Glaubhaftmachung
einer relevanten Sachverhaltsveränderung trifft. Die Beschwerdegegnerin hätte sich
treuwidrig verhalten, wenn sie die Beschwerdeführerin nicht auf die Pflicht zur
Glaubhaftmachung einer relevanten Sachverhaltsveränderung hingewiesen hätte und
dann mangels Glaubhaftmachens einer relevanten Sachverhaltsveränderung nicht auf
die Neuanmeldung eingetreten wäre. Ein solches Verhalten hätte keinen Rechtsschutz
verdient, weshalb trotz des Nichterfüllens der Eintretensvoraussetzungen des Art. 87
Abs. 3 IVV auf die Neuanmeldung hätte eingetreten werden müssen. Da die in der
Folge von der Beschwerdegegnerin eingeholten Berichte der behandelnden Ärzte
verschiedene Hinweise auf mögliche Sachverhaltsveränderungen seit der Abweisung
des ersten Rentenbegehrens im Februar 2009 enthalten haben, erweist sich das
Eintreten auf die Neuanmeldung vom Februar 2012 im Ergebnis als rechtmässig. Das in
der Folge eröffnete Verfahren hat sich in nichts von einem Verfahren zur Prüfung eines
ersten Rentenbegehrens unterschieden, weshalb zu prüfen ist, ob die
Beschwerdeführerin nach Februar 2012 einen Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung gehabt hat.
2.
Vorab ist zu prüfen, ob das Observationsmaterial verwertbar ist. Sollte diese Frage zu
verneinen sein, müssten nämlich die mit der Observation im Zusammenhang
stehenden Dokumente und damit auch das bidisziplinäre Gutachten des Neurologicum
Zürichsee, das sich in einem relevanten Umfang auf das Observationsmaterial stützt,
aus den Akten entfernt werden, was wohl zur Folge hätte, dass die Sache ohne
weiteres zur erneuten medizinischen Sachverhaltsabklärung an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden müsste. Die Durchführung der
Observation ist zwar gesetzwidrig gewesen, weil keine ausreichende formalgesetzliche
Grundlage dafür bestanden hat, aber nach der bundesgerichtlichen Auffassung
bedeutet das nicht, dass die Ergebnisse der Observation zwingend unverwertbar
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wären und aus den Akten entfernt werden müssten. Vielmehr soll die Frage nach der
Verwertbarkeit von Observationsmaterial anhand einer Abwägung zwischen den
persönlichen Interessen der Beschwerdeführerin und den öffentlichen Interessen der
Beschwerdegegnerin beantwortet werden (vgl. BGE 143 I 377). Mit dem Urteil
9C_483/2018 vom 21. November 2018 hat sich offensichtlich nichts an der Auffassung
des Bundesgerichtes geändert, denn auch in diesem Urteil hat das Bundesgericht eine
Interessenabwägung im Sinne des BGE 143 I 377 vorgenommen. Der Umstand, dass
in jenem Fall die persönlichen Interessen der Versicherten höher als die öffentlichen
Interessen der IV-Stelle gewichtet worden sind, bedeutet nicht, dass das
Bundesgericht seine Praxis geändert hätte. Vorliegend fällt ins Gewicht, dass das
Verhalten der Beschwerdeführerin bereits bei der ersten Begutachtung (durch die
MEDAS Bern im Jahr 2006) zahlreiche Diskrepanzen und Inkonsistenzen aufgewiesen
hat, die (zumindest) auf eine bewusstseinsnahe Beschwerdeverdeutlichung
hingewiesen haben, und dass das Verhalten der Beschwerdeführerin bei der zweiten
Begutachtung (durch das ZMB im Jahr 2013) noch auffälliger gewesen ist. Trotzdem
hat die Beschwerdeführerin die Sachverständigen aber letztlich davon überzeugen
können, dass dieses Verhalten authentisch respektive in einer schwerwiegenden
Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit begründet sei. Der psychiatrische
Sachverständige des ZMB hat auf Indizien hingewiesen, die auf eine Aggravation oder
auf eine Simulation hindeuten könnten, aber er ist dennoch davon ausgegangen, dass
die Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht vollständig arbeitsunfähig gewesen
sei, ohne dass er dafür eine überzeugende Begründung geliefert hätte. In dieser
Situation hat der Verdacht bestanden, dass der psychiatrische Sachverständige des
ZMB einem aggravierenden oder sogar simulierenden Verhalten der
Beschwerdeführerin bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit keine Rechnung getragen
hat. Dieser Verdacht hat nicht direkt mit einer weiteren Begutachtung, sondern nur mit
einer weiteren Begutachtung nach der Beschaffung von „fremdanamnestischen“
Angaben (im weitesten Sinne) beseitigt oder erhärtet werden können. Dazu hat es nahe
gelegen, eine Observation der Beschwerdeführerin im vermeintlich unbeobachteten
Alltag durchzuführen. Da vor der Auftragserteilung zur Durchführung einer Observation
ein Anspruch auf eine ganze Rente im Raum gestanden hat und da die
Beschwerdeführerin noch relativ jung gewesen ist, hat die Beschwerdegegnerin ein
sehr grosses Interesse an der Beantwortung dieser Frage gehabt. Das öffentliche
Interesse an der Observation der Beschwerdeführerin ist also hoch gewesen. Es hat
das persönliche Interesse der Beschwerdeführerin auf Wahrung ihrer Privatsphäre klar
überwogen. Zudem ist die Observation nur an wenigen Tagen durchgeführt worden
und die Beschwerdeführerin ist nur auf öffentlichem Grund überwacht worden, sodass
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nach der oben erwähnten bundesgerichtlichen Auffassung kein Anlass zur Entfernung
des Observationsmaterials aus den Akten besteht.
3.
Laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit
nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern kann, die während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem
Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, einen Anspruch auf eine
Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität wird gemäss dem
Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das Erwerbseinkommen, das
die versicherte Person nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach
der Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu jenem
Erwerbseinkommen gesetzt, das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie
gesund geblieben wäre.
3.1.
Die Beschwerdeführerin hat keinen Beruf erlernt. Ihre Validenkarriere besteht
deshalb in der Verrichtung einer durchschnittlich entlöhnten Hilfsarbeit. Das zuletzt
erzielte Einkommen ist nicht massgebend, weil das letzte Arbeitsverhältnis bereits
mehrere Jahre zurückliegt. Das Valideneinkommen entspricht folglich dem statistischen
Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne in der Schweiz.
3.2.
Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
entscheidend, welche Tätigkeiten der Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht in
welchem Umfang noch zumutbar sind. Die Beschwerdegegnerin hat zur Beantwortung
dieser Frage ein bidisziplinäres Gutachten beim Neurologicum Zürichsee eingeholt. Die
beiden Sachverständigen Dr. E._ (Neurologie) und PD Dr. F._ (Psychiatrie) haben
die Beschwerdeführerin eingehend persönlich befragt und untersucht. Sie haben sich
zudem intensiv mit den medizinischen Vorakten auseinandergesetzt. Der für ihre
Beurteilung massgebende medizinische Sachverhalt ist den beiden Sachverständigen
deshalb vollumfänglich bekannt gewesen. Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise
darauf, dass die Sachverständigen ein wesentliches Sachverhaltselement übersehen
hätten. In ihren beiden Teilgutachten haben die Sachverständigen eine klare Aufteilung
zwischen den von der Beschwerdeführerin subjektiv geklagten Beschwerden und den
objektiv erhobenen klinischen Befunden vorgenommen. Sie haben sich eingehend mit
den Diskrepanzen auseinandergesetzt, die sich im Rahmen ihrer Untersuchung und bei
3.3.
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der Würdigung der Vorakten (einschliesslich des Observationsmaterials) ergeben
haben. Aus dem neurologischen Teilgutachten geht hervor, dass Dr. E._ trotz einer
umfassenden klinischen Untersuchung praktisch keine objektiven Auffälligkeiten im
klinischen Befund hat feststellen können. Die von Dr. E._ gestützt darauf attestierte
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin aus neurologischer Sicht
überzeugt vollumfänglich. Der psychiatrische Sachverständige PD Dr. F._ hat
detailliert aufgezeigt, dass die von der Beschwerdeführerin bei der Untersuchung
demonstrierten Auffälligkeiten keinem bekannten Krankheitsbild haben zugeordnet
werden können und dass die Beschwerdeführerin diese Auffälligkeiten auch nicht
konsequent gezeigt hat, was den starken Verdacht auf eine willkürliche Steuerung
geweckt hat. Allerdings haben die von PD Dr. F._ durchgeführten Tests auf eine stark
ausgeprägte depressive Störung hingewiesen. Die Symptomvalidierungstests haben
keinen Hinweis auf eine Aggravation oder Simulation ergeben. Für sich allein betrachtet
haben die Testergebnisse also für eine stark ausgeprägte depressive Störung
gesprochen. Der Sachverständige PD Dr. F._ hat diesen Testergebnissen aber keine
massgebende Bedeutung eingeräumt, weil die objektiven Ergebnisse der
massgebenden klinischen Untersuchung eindeutig gegen das Vorliegen einer stark
ausgeprägten depressiven Störung gesprochen haben. Zudem hat auch das
Observationsmaterial eindeutig gegen das Vorliegen einer stark ausgeprägten
depressiven Störung gesprochen. Im Rahmen der Würdigung des
Observationsmaterials hat PD Dr. F._ nämlich darauf hingewiesen, dass auch
bezüglich der während der Observation teilweise gezeigten Auffälligkeiten keine
Konsistenz hat festgestellt werden können. Schliesslich ist zu berücksichtigen, dass die
durchgeführten Tests nicht dazu entwickelt worden sind, eine objektive Grundlage für
eine Arbeitsfähigkeitsschätzung zu liefern, sondern sie sollen vielmehr dazu dienen, das
richtige therapeutische Vorgehen festzulegen. Entgegen der Ansicht des
Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin erscheint es im Übrigen als durchaus
plausibel, dass die Beschwerdeführerin teilweise aggraviert oder sogar simuliert hat,
weil sich jene Phase der Observation, in der gewisse Auffälligkeiten haben festgestellt
werden können, direkt an eine Haushaltsabklärung angeschlossen hat, sodass die
Beschwerdeführerin durchaus den Verdacht gehegt haben könnte, dass sie im Auftrag
der Beschwerdegegnerin observiert werde. In der Zeit vor der Haushaltsabklärung hat
sich die Beschwerdeführerin nämlich während der Observation völlig unauffällig
verhalten; auch in der letzten Phase der Observation, die erst einige Wochen nach der
Haushaltsabklärung erfolgt ist, hat sie sich wieder völlig unauffällig verhalten. Der
psychiatrische Sachverständige PD Dr. F._ hat überzeugend aufgezeigt, dass dieses
Verhalten in einem diametralen Widerspruch zu jenem Verhalten gestanden hat, das die
Beschwerdeführerin während der Begutachtung gezeigt hat, und dass angesichts des
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bereits während der Untersuchung entstandenen Eindrucks einer willkürlichen
Steuerung davon auszugehen gewesen ist, dass die Beschwerdeführerin den Ärzten
etwas „vorgespielt“ hat. Das deckt sich vollständig mit der Beurteilung der MEDAS
Bern und auch mit dem von den Sachverständigen des ZMB zunächst gehegten
Verdacht einer Aggravation oder Simulation. Die von der Abklärungsbeauftragten der
Beschwerdegegnerin im Haushaltsabklärungsbericht festgehaltenen Hinweise auf
zahlreiche Diskrepanzen im Verhalten der Beschwerdeführerin stimmen damit ebenfalls
überein. Was Dr. B._ gegen das psychiatrische Teilgutachten von PD Dr. F._
vorgebracht hat, überzeugt dagegen nicht. Angesichts der langjährigen
Behandlungsdauer und des damit verbundenen therapeutischen Auftrags von Dr. B._
besteht nämlich der objektive Anschein einer Befangenheit von Dr. B._. Die
Tatsache, dass Dr. B._ dann nach einer (angeblichen) Sichtung der gesamten Akten
einschliesslich des Observationsmaterials – ohne eine überzeugende Begründung –
eine Aggravation oder eine Simulation „ganz klar“ als ausgeschlossen erachtet hat,
deutet auf eine effektive Befangenheit von Dr. B._ hin. Wie PD Dr. F._ überzeugend
dargelegt hat, enthalten die Stellungnahmen von Dr. B._ schliesslich auch keine
Hinweise auf objektive klinische Befunde, die die von Dr. B._ diagnostizierten
(schweren) psychischen Gesundheitsbeeinträchtigungen respektive die von Dr. B._
attestierte Arbeitsunfähigkeit begründen könnten. Die abweichenden Angaben von Dr.
B._ erwecken deshalb keinen Zweifel an der Richtigkeit des psychiatrischen
Teilgutachtens des Neurologicum Zürichsee.
Bleibt die Frage zu beantworten, ob gestützt auf das Gutachten des Neurologicum
Zürichsee und damit in Abweichung vom Gutachten des ZMB auch für die Zeit im Jahr
2013 (respektive sechs Monate nach der Neuanmeldung im Februar 2012) von einer
uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin ausgegangen werden
kann. Der Sachverständige PD Dr. F._ hat dazu in seinem Teilgutachten festgehalten,
dass seine Einschätzung in Übereinstimmung mit den beiden Gutachten der MEDAS
Bern aus den Jahren 2006 und 2008 stehe; die Einschätzung des ZMB könne er
dagegen „jedenfalls zum gegenwärtigen Untersuchungszeitpunkt“ nicht
nachvollziehen. Selbst wenn diese Aussage so interpretiert werden könnte, dass PD
Dr. F._ seine eigene Beurteilung aus dem Jahr 2016 nicht nur für das Jahr 2016,
sondern auch – retrospektiv – für das Jahr 2013 als überzeugender als jene des ZMB
qualifiziert hat, würde das nicht automatisch bedeuten, dass nicht auf das Gutachten
des ZMB abzustellen wäre. Eine solche Aussage von PD Dr. F._ könnte nur ein Indiz
dafür sein, dass das Gutachten des ZMB möglicherweise keine besonders starke
Aussagekraft aufweisen würde. Bei der Würdigung des (ausschlaggebenden)
psychiatrischen Teilgutachtens des ZMB fällt auf, dass der psychiatrische
3.4.
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Sachverständige mehrfach auf einen initial erweckten Eindruck einer
Symptomverdeutlichung hingewiesen hat: „Die Versicherte berichtet initial mit leiser
Stimme, antwortet sehr unspezifisch kurz, sodass sie aufgefordert werden muss, lauter
und etwas ausführlicher zu sprechen“ (IV-act. 177–53); „initial deutlicher Eindruck einer
Symptomverdeutlichung“ (IV-act. 177–53); „initial leicht theatralisch“ (IV-act. 177–54);
„sicherlich ist die Leistungsmotivation bei dieser Versicherten erheblich
herabgesetzt“ (IV-act. 177–56); „eine Symptomverdeutlichung musste dann – bei
allerdings Persistieren auffälliger Dyskinesien im Kinnbereich/Unterkieferbereich – nicht
mehr konstatiert werden“ (IV-act. 177–56). Im Verlauf der psychiatrischen Exploration
muss der Sachverständige offenbar zur Auffassung gelangt sein, dass dieser erste
Eindruck getäuscht habe, denn er hat letztlich – in expliziter Abweichung von den
Hinweisen auf eine mögliche Simulation oder Aggravation in den beiden Vorgutachten
der MEDAS Bern – das Vorliegen einer Aggravation oder einer Simulation verneint.
Diese Beurteilung hat er unter anderem auch massgeblich auf das Ergebnis eines Tests
(„Beck Depressions-Inventar“) gestützt, das auf eine schwere depressive Störung
hingedeutet hat (vgl. IV-act. 177–56). Der Sachverständige PD Dr. F._ hat in seinem
späteren Gutachten aber überzeugend aufgezeigt, dass die Ergebnisse der
standardisierten Tests vorliegend ein verfälschendes Bild zeigten, weshalb nicht
massgeblich darauf abgestellt werden dürfe. Gesamthaft erwecken die Ausführungen
des psychiatrischen Sachverständigen des ZMB den Verdacht, dass dieser sich über
den wahren Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin hat täuschen lassen. Die
Ergebnisse der nur wenige Monate später durchgeführten Observation und die
Würdigung dieser Observationsergebnisse durch die RAD-Ärztin Dr. D._ und durch
den Sachverständigen PD Dr. F._ bestärken diesen Verdacht, sodass das Gutachten
des ZMB retrospektiv betrachtet nicht zu überzeugen, das heisst nicht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen vermag,
dass die Beschwerdeführerin damals an einer relevanten Gesundheitsbeeinträchtigung
gelitten hätte. Auch die übrigen Akten können den Arbeitsfähigkeitsgrad der
Beschwerdeführerin in jener Zeit nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegen. Von weiteren Abklärungen sind in
antizipierender Beweiswürdigung keine wesentlichen neuen Erkenntnisse zu erwarten.
Folglich liegt eine objektive Beweislosigkeit hinsichtlich des Arbeitsfähigkeitsgrades der
Beschwerdeführerin in der Zeit zwischen der Neuanmeldung zum Leistungsbezug im
Februar 2012 und der Observation im Jahr 2014 vor. Für die Vergangenheit ist also
kein höherer Arbeitsunfähigkeitsgrad nachgewiesen. Das muss sich in einer
(lückenfüllenden) analogen Anwendung des Art. 8 ZGB zulasten der
Beschwerdeführerin auswirken. Für die Vergangenheit lässt sich die Arbeitsfähigkeit
deshalb nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
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4.
Die Beschwerde ist folglich abzuweisen. Die angesichts des durchschnittlichen
Verfahrensaufwandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind der
unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Sie sind durch den von ihr
geleisteten Kostenvorschuss von 600 Franken gedeckt. Die unterliegende
Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.