Decision ID: 2eba9cde-fc21-4d92-b298-f2f84f18c80d
Year: 2014
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erwarb den Führerausweis für Personenwagen am 30. April 2003. Am Sonntag,
10. September 2012, um 4.30 Uhr, war sie mit einem Lieferwagen auf der Autobahn A1
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
von Zürich in Richtung St. Gallen unterwegs. In Oberbüren wurde sie von der Polizei
kontrolliert. Der dabei durchgeführte Urindrogenschnelltest fiel positiv auf Kokain,
Amphetamin, Metamphetamin und Cannabis aus. Der Führerausweis wurde X auf der
Stelle abgenommen.
Im Bericht vom 16. Oktober 2013 kam das Institut für Rechtsmedizin, Abteilung
Forensische Medizin, zum Schluss, dass im Blut von X Konzentrationen von 120 mg/l
Amphetamin und 46 mg/l Metamphetamin nachgewiesen worden seien. Beide Werte
lägen über den gesetzlichen Grenzwerten, weshalb von einer Fahrunfähigkeit
auszugehen sei. Zur möglichen Kokain- und Cannabiswirkung auf die Fahreignung
könne aufgrund der zu geringen Blutprobenmenge keine Aussage gemacht werden.
Aufgrund des Nachweises mehrerer fahrleistungsrelevanter Substanzen empfahl das
Institut für Rechtsmedizin zudem eine verkehrsmedizinische Fahreignungsbeurteilung.
B.- Mit Verfügung vom 22. Oktober 2012 entzog das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen, Abteilung Personenzulassung (nachfolgend:
Strassenverkehrsamt), X den Führerausweis vorsorglich. Am 22. November 2013 wurde
eine verkehrsmedizinische Untersuchung angeordnet. Der Untersuch fand am Institut
für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen, Abteilung Verkehrsmedizin, statt. Der
Gutachter kam zum Schluss, bei X liege ein verkehrsrelevanter Drogenmissbrauch vor,
weshalb die Fahreignung nur unter der Auflage einer kontrollierten Drogenabstinenz
befürwortet werden könne.
C.- Gestützt auf das verkehrsmedizinische Gutachten hob das Strassenverkehrsamt
den vorsorglichen Führerausweisentzug mit Verfügung vom 5. März 2013 auf und
versah den Führerausweis von X mit der Auflage einer kontrollierten Drogenabstinenz
auf unbestimmte Zeit. Dagegen erhob X mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom
15. März 2013 und Ergänzung vom 18. April 2013 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag um Aufhebung der
Drogenabstinenzauflage, eventualiter sei die Auflage auf höchstens sechs Monate zu
beschränken; ferner sei der Rekurrentin die unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung zu gewähren; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Die
Vorinstanz verzichtete auf eine Stellungnahme. Auf die Ausführungen der Rekurrentin

wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit Verfügung vom 7. Juni 2013 bewilligte der Präsident das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung. Für das Rekursverfahren wurde auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses sowie der amtlichen Kosten verzichtet.
Rechtsanwalt lic.iur. Pascal Baumgardt, St. Gallen, wurde der Rekurrentin als
unentgeltlicher Rechtsvertreter bestellt.
D.- Mit Verfügung des Untersuchungsamtes A vom 26. März 2014 wurde das
Strafverfahren gegen die Rekurrentin wegen Drogenkonsums und Fahrens in
fahrunfähigem Zustand eingestellt. Dazu nahmen die Parteien mit Eingaben vom 7. und
11. April 2014 Stellung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis der
Rekurrentin zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 15. März 2013 ist
rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 18. April
2013 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit.
g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1,
abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- a) Die Rekurrentin macht im Wesentlichen geltend, sämtliche Analysen und Tests
hätten gezeigt, dass sie seit dem Ereignis im September 2012 bis zum Untersuch auf
die Konsumation von Alkohol und Drogen verzichtet habe. Sie leide erwiesenermassen
nicht an einer Alkohol- oder Drogenabhängigkeit und habe keinen verkehrsrelevanten
Alkohol- oder Drogenmissbrauch zu überwinden. Die Schlussfolgerung des
Gutachtens, wonach sie in erheblichem Ausmass suchtgefährdet sei, könne anhand
der Untersuchungsergebnisse nicht nachvollzogen werden. Vielmehr sei sie in der
Lage, den Drogenkonsum und das Lenken von Fahrzeugen zu trennen. Mit ihrer
nachgewiesenen Abstinenz seit dem Vorfall habe sie den Tatbeweis angetreten, in
keiner Art und Wiese an einer Suchtmittelabhängigkeit zu leiden. Ihr automobilistischer
Leumund sei zudem einwandfrei. Der Bericht des Instituts für Rechtsmedizin habe
aufgrund mangelhafter Analyse des untersuchten Blutes an schweren Mängeln gelitten
und sei daher als Beweismittel für die Fahrunfähigkeit am 10. September 2012 gar
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht tauglich gewesen. Es sei daher rechtskräftig festgestellt, dass die Vorwürfe des
Fahrens unter Drogeneinfluss jeglicher Grundlage entbehrten.
Dem hält die Vorinstanz entgegen, das vorliegende Verfahren werde nicht mit dem
Fahren in nicht fahrfähigem Zustand begründet, sondern mit dem Konsum von
Betäubungsmitteln, namentlich von Kokain. Diese Tatsache sei durch die Urinprobe
vom 10. September 2012 belegt. Bei der Rekurrentin liege ein missbräuchlicher
Drogenmischkonsum und somit ein verkehrsrelevanter Drogenmissbrauch vor, der die
Verfügung von Auflagen rechtfertige. Die eingereichten Unterlagen würden lediglich
eine Abstinenz von Cannabis belegen. Haaranalysen seien keine mehr gemacht
worden.
b) Eine Grundvoraussetzung für die Erteilung des Führerausweises ist die Fahreignung.
Dieser Begriff umschreibt die körperlichen und geistigen Voraussetzungen, um ein
Fahrzeug im Strassenverkehr sicher lenken zu können. Die Fahreignung muss
grundsätzlich dauernd vorliegen (BGE 133 II 384 E. 3.1). Nach Art. 14 Abs. 2 lit. c des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.11, abgekürzt: SVG) darf der Führerausweis nicht
erteilt werden, wenn der Bewerber an einer die Fahreignung ausschliessenden Sucht
leidet. Wird nachträglich festgestellt, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur
Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen, ist der Führerausweis zu entziehen (Art. 16
Abs. 1 SVG). Gemäss Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG wird der Führerausweis einer Person
auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn sie an einer Sucht leidet, welche die Fahreignung
ausschliesst (vgl. dazu nachfolgend E. 2b). Nach allgemeinen verwaltungsrechtlichen
Grundsätzen ist es im Rahmen der Verhältnismässigkeit zulässig, aus besonderen
Gründen den Führerausweis mit Auflagen zu versehen, wenn diese der Sicherstellung
der Fahreignung und damit der Verkehrssicherheit dienen sowie mit dem Wesen der
Fahrerlaubnis im Einklang stehen. Die Anordnung von Auflagen kommt dann in Frage,
wenn der Lenker die gesetzlichen Anforderungen an die Fahreignung bei Einhaltung
bestimmter Massnahmen erfüllt; ein Entzugsgrund nach Art. 16 SVG muss dabei nicht
gegeben sein. Erforderlich ist zudem, dass sich die Fahreignung nur mit dieser
Massnahme aufrechterhalten lässt und die Auflagen erfüll- und kontrollierbar sind (BGE
131 II 248 E. 6). Dass ein Fahrzeuglenker zum Missbrauch von Substanzen, welche die
Fahrfähigkeit beeinträchtigen, neigt, stellt einen besonderen Grund dar, der Auflagen
rechtfertigt (zum Alkoholmissbrauch vgl. BGE 131 II 248 E. 6.3). Ein solcher besonderer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Grund liegt bei einem Konsumverhalten vor, bei welchem es überwiegend
wahrscheinlich ist, dass der Betroffene ausser Stande ist, eine drogenkonsumbedingte
zeitweilige Fahruntüchtigkeit rechtzeitig als solche zu erkennen oder trotz einer solchen
Erkenntnis von der aktiven Teilnahme am Strassenverkehr abzusehen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 6A.11/2006 vom 13. April 2006 E. 3.2). Personen, die zwar nicht
drogensüchtig, aber nachweislich in erheblichem Ausmass suchtgefährdet sind, kann
der Führerausweis deshalb unter einer Abstinenzauflage erteilt werden
(Ph. Weissenberger, Administrativrechtliche Massnahmen bei Alkohol- und
Drogengefährdung, in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2004, St. Gallen 2004,
S. 134 f.).
c) Die Vorinstanz stützte die angefochtene Verfügung auf das Gutachten des Instituts
für Rechtsmedizin vom 25. Januar 2013 (act. 3/20 ff.). Sie erwog, aufgrund dieses
Berichts könne die Fahreignung der Rekurrentin nur mit Auflagen befürwortet werden.
Dem Gutachten kommt demnach entscheidende Bedeutung zu. Es ist zu prüfen,
inwiefern es einen verkehrsrelevanten Drogenmissbrauch der Rekurrentin
nachzuweisen vermag.
Das verkehrsmedizinische Gutachten geht in tatsächlicher Hinsicht davon aus, dass die
Rekurrentin am 10. September 2012 ein Fahrzeug unter Drogeneinfluss lenkte. Dieser
Sachverhalt wird als das die Untersuchung auslösende Ereignis dargestellt. Nachdem
das betreffende Strafverfahren jedoch mit Verfügung vom 26. März 2014 eingestellt
wurde, erweist sich diese Annahme im Nachhinein als nicht zutreffend. Der
angeblichen Fahrt unter Drogeneinfluss kam im Gutachten entscheidende Bedeutung
zu. Der Beweiswert des Gutachtens ist deshalb nicht so, dass darauf ohne Weiteres
abgestützt werden kann. Es trifft zwar zu, dass die Rekurrentin anlässlich der
verkehrsmedizinischen Untersuchung vom Konsum verschiedener Substanzen
berichtete. Dabei handelte es sich jedoch um gelegentliche Anlässe (Cannabis zwei-
bis dreimal pro Monat, Speed und Ecstasy alle paar Monate). Davon abgesehen,
ergaben weder die körperliche Untersuchung – mit Ausnahme von einer leicht
geröteten Nasenschleimhaut – noch die Blut-, Urin- und Haaranalysen irgendwelche
Hinweise auf einen aktuellen Drogenkonsum. Hinzu kommt, dass mit Wegfall des
Nachweises einer drogenbedingten Fahrunfähigkeit beim Ereignis vom 10. September
2012 jeglicher Bezug des Drogenkonsums der Rekurrentin zum Strassenverkehr fehlt.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Es sind auch keine anderen Ereignisse aktenkundig, welche auf einen
Drogenmissbrauch allgemein oder auf das Lenken von Fahrzeugen in nicht fahrfähigem
Zustand im Besonderen hinweisen. Zugunsten der Rekurrentin ist deshalb davon
auszugehen, dass sie in der Lage war bzw. ist, eine allfällige drogenkonsumbedingte
zeitweilige Fahruntüchtigkeit als solche zu erkennen und in diesem Zustand von der
aktiven Teilnahme am Strassenverkehr abzusehen. Auch das positive Ergebnis der
Urinprobe vom 10. September 2012 auf Cannabis und Kokain vermag daran nichts zu
ändern. Der bewusste Konsum von Kokain wird von der Rekurrentin gänzlich verneint,
anderweitige Anhaltspunkte dafür gibt es nicht. Zugunsten der Rekurrentin kann daher
nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um ein einmaliges Ereignis handelte.
Aufgrund der zu geringen Probenmenge konnte das Blut damals zudem nicht auf
Kokain untersucht werden, weshalb kein Konsumnachweis im Sinn von Art. 34 der
Verordnung des ASTRA zur Strassenverkehrskontrollverordnung vorliegt. Den
Cannabiskonsum hat die Rekurrentin sodann seit dem Ereignis im September 2012
nachweislich eingestellt (vgl. act. 27). Unter diesen Umständen ist die Schlussfolgerung
der Gutachter, bei der Rekurrentin liege ein missbräuchlicher Drogenmischkonsum, der
letztlich zum Fahren unter Drogeneinfluss geführt habe, und damit ein
verkehrsrelevanter Drogenmissbrauch vor, nicht nachvollziehbar.
d) Da ein schlüssiger Nachweis für einen verkehrsrelevanten Drogenmissbrauch der
Rekurrentin fehlt, können auch keine entsprechenden Abstinenzauflagen verfügt
werden. Der Rekurs ist folglich gutzuheissen und die angefochtene Verfügung vom 5.
März 2013 ersatzlos aufzuheben.
4.- a) Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen. Angemessen erscheint eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– (vgl. Art. 7
Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).
b) Bei diesem Verfahrensausgang hat die Rekurrentin Anspruch auf volle
Entschädigung der ausseramtlichen Kosten (Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund der
Rechts- und Sachlage als notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP).
Im Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistandes angesichts der nicht
einfachen Fragen im Zusammenhang mit der Würdigung des Gutachtens geboten. In
der Kostennote vom 7. April 2014 macht der Rechtsvertreter ein Honorar von Fr.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4'375.– geltend, was einem Aufwand von 171⁄2 Stunden entspricht (act. 28). Im
Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar nicht nach
Zeitaufwand, sondern als Pauschale ausgerichtet; der Rahmen liegt zwischen
Fr. 1'000.– und Fr. 12'000.– (Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte
und Rechtsagenten, sGS 963.75; abgekürzt: HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird
das Grundhonorar nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang
der Bemühungen, der Schwierigkeit des Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen
der Beteiligten, bemessen (Art. 19 HonO). In Berücksichtigung des durchschnittlichen
Aktenumfangs, des getätigten anwaltlichen Aufwands sowie der Tatsache, dass im
Strafverfahren, wo dieselbe Problematik zu behandeln war, bereits eine Entschädigung
von Fr. 2'921.85 zugesprochen wurde, erscheint ein pauschales Honorar von
Fr. 2'500.– als angemessen. Hinzu kommen Barauslagen von Fr. 100.– (Art. 28
HonO) und die Mehrwertsteuer von Fr. 208.– (Art. 29 HonO). Die Vorinstanz ist daher zu
verpflichten, die Rekurrentin für die Kosten der Rechtsvertretung mit Fr. 2'808.– zu
entschädigen. Kostenpflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt).