Decision ID: 1dae3674-616b-5483-9fa6-ba242aa4e77b
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich am 10. August 2016 erneut bei der
Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 296).
A.a.
Er hatte bereits mit vom 17. Februar 2004 (richtig: 2005) datierter Anmeldung um
Leistungen der Invalidenversicherung (IV) ersucht (IV-act. 1). Gestützt auf ein Gutachten
der MEDAS Ostschweiz vom 29. Februar 2012 (IV-act. 260-1 bis 46) und nach
Vorbescheidverfahren (Vorbescheid vom 21. Juni 2012, IV-act. 268; Einwand vom
11. September 2012, IV-act. 271) hatte die IV-Stelle das Gesuch hinsichtlich Rente mit
Verfügung vom 1. Februar 2013 (IV-act. 281) abgewiesen. Das Versicherungsgericht
hatte mit Entscheid vom 5. März 2015 eine gegen diese Verfügung gerichtete
Beschwerde abschlägig beurteilt (Verfahren IV 2013/89; IV-act. 289). Es hatte erwogen,
gestützt auf das Gutachten der MEDAS Ostschweiz sei mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Versicherte für leidensadaptierte
A.b.
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Tätigkeiten über eine 100%ige Arbeitsfähigkeit verfüge. Unter Berücksichtigung eines
Tabellenlohnabzuges von 10 % resultiere ein Invaliditätsgrad von 20 % bzw. 22 %
(E. 2.3).
Vom 10. August bis 11. September 2015 hatte der Versicherte erstmals in der
Klinik B._ in integrativer tagesklinischer Behandlung gestanden, wo ein Zustand nach
schwerem depressivem Syndrom bei anhaltenden Persönlichkeitsänderungen im
Rahmen der chronischen Schmerzen (ICD-10: F62.8) diagnostiziert worden war
(Bericht vom 11. April 2016, IV-act. 312-5 ff.).
A.c.
Dr. med. C._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, hatte den Versicherten am
7. April 2016 mit der Diagnose eines depressiven Zustandsbildes bei anhaltenden
Persönlichkeitsänderungen bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen (ICD-10:
F62.8) zur stationären Behandlung in die psychiatrische Klinik E._ überwiesen (Über
weisungsschreiben vom 7. April 2016, IV-act. 312-8 f.). Dort waren eine mittelgradige
depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11), eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (ICD.-10: F45.4) sowie eine Agoraphobie mit sozialer
Phobie (ICD-10: F40.01) diagnostiziert worden (Austrittsbericht vom 28. Juli 2016, IV-
act. 299).
A.d.
RAD-Arzt Dr. med. D._ nahm am 26. August 2016 Stellung. Im Bericht
der psychiatrischen Klinik E._ vom 28. Juli 2016 und im MEDAS-Gutachten
beschriebenen Psychostatus handle es sich im Wesentlichen um den selben
medizinischen Sachverhalt (IV-act. 305). Nach Vorbescheidverfahren (Vorbescheid vom
19. September 2016, IV-act. 308; Einwand vom 28. Oktober 2016, IV-act. 312) und
gestützt auf eine erneute Stellungnahme von RAD-Arzt Dr. D._ vom 15. Dezember
2016 verfügte die IV-Stelle am 9. Januar 2017, auf das neue Gesuch nicht einzutreten
(IV-act. 315).
A.e.
Am 20. Februar 2017 überwies Dr. C._ den Versicherten wiederum in die
psychiatrische Klinik E._. Im Bericht führte er aus, seit einem Monat bestehe eine
erneute schwere depressive Dekompensation mit konkreten Suizidvorstellungen (IV-
act. 323).
A.f.
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Der Versicherte erhob am 6. Februar 2017/6. März 2017 gegen die
Nichteintretensverfügung vom 9. Januar 2017 Beschwerde (IV-act. 321). Mit Verfügung
vom 23. März 2017 widerrief die IV-Stelle die angefochtene Verfügung vom 9. Januar
2017 (IV-act. 333) und das Versicherungsgericht schrieb sein Verfahren am 16. Mai
2017 ab (IV 2017/66, IV-act. 342).
A.g.
Die psychiatrische Klinik E._ hielt im Austrittsbericht vom 17. Mai 2017 fest,
während der vom 21. Februar bis 27. April 2017 dauernden stationären Therapie seien
eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit
somatischem Syndrom (ICD-10: F33.11), eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) sowie eine Agoraphobie mit Panikstörung (ICD-10:
F40.01) diagnostiziert worden (IV-act. 341). Dr. C._ führte im psychiatrischen
Verlaufsbericht vom 9. November 2017 (Eingang) aus, es liege ein unveränderter
Verlauf vor. Es müsse von einem chronifizierten Verlauf und schweren
Persönlichkeitsveränderungen ausgegangen werden, weshalb eine berufliche
Wiedereingliederung auf dem freien Arbeitsmarkt nicht zu erwarten sei (IV-act. 347).
A.h.
In seiner Stellungnahme vom 6. Dezember 2017 hielt RAD-Arzt Dr. D._ eine
psychiatrische Verlaufsbegutachtung für notwendig (IV-act. 348). Der damit beauftragte
Prof. Dr. med. F._ , FMH Psychiatrie und Psychotherapie und FMH Neurologie,
diagnostizierte eine chronifizierte, rezidivierende depressive Störung, im Verlauf
mittelgradig bis zunehmend schwer (ICD-10: F33.8); eine somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4); eine Störung durch Sedativa und Hypnotika,
schädlicher Gebrauch (ICD-10: F13.1) sowie multiple psychosoziale
Belastungsfaktoren mit/bei Problemen in Verbindung mit Ausbildung und Beruf
(ICD-10: Z55), Berufstätigkeit und Arbeitslosigkeit (ICD-10: Z56), ökonomischen
Verhältnissen (ICD-10: Z59) sowie Schwierigkeiten bei der kulturellen Eingewöhnung
(Sprachschwierigkeiten, überdauernde südosteuropäisch geprägte Wertevorstellungen;
ICD-10: Z60.3), wobei sich die Depression auf die Arbeitsfähigkeit auswirke (IV-
act. 358-87). Aus rein psychiatrischer Sicht unter dem Blickwinkel eines bio-psycho-
sozialen Krankheitsmodells sei die mittel- und langfristige Arbeitsfähigkeit des
Versicherten um durchschnittlich 80 % reduziert (IV-act. 358-88). Zum Verlauf hielt er
fest, im Frühjahr 2016 sei als Folge psychosozialer Belastungsfaktoren durch die
Abweisung des Rentengesuchs und die Einstellung von Leistungen durch das
A.i.
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Sozialamt vorübergehend eine Verschlechterung der depressiven Erkrankung
aufgetreten. Abgesehen von der zunehmenden Chronifizierung sei (jedoch) von einem
zur Voranmeldung unveränderten Störungsbild auszugehen (IV-act. 358-82).
RAD-Arzt Dr. D._ nahm am 19. März 2018 Stellung, aus
versicherungsmedizinischer Sicht könne auf das Gutachten abgestellt werden. Die
Arbeitsfähigkeit von 20 % könne rückblickend bereits seit Frühjahr 2016 angenommen
werden (IV-act. 359). In der juristischen Einschätzung vom 10. September 2018 wurde
im Wesentlichen dargetan, der Gutachter habe betont, dass er seiner Beurteilung das
bio-psycho-soziale Krankheitsmodell zugrunde lege und ausgeführt, wie sehr die
Kombination der Wertvorstellungen des Versicherten einerseits und seiner
Arbeitslosigkeit andererseits das depressive Geschehen bewirkten und
aufrechterhielten. Durch den Gerichtsentscheid (Entscheid des Versicherungsgerichts
vom 5. März 2015) sei es lediglich zu einer (nachvollziehbaren) vorübergehenden
Verschlechterung des Gesundheitszustands gekommen. Eine wesentliche Veränderung
seit der letzten Verfügung vom 1. Februar 2013 sei vorliegend anzuzweifeln. Überdies
sei ein IV-rechtlich relevanter Gesundheitsschaden nicht nachgewiesen (IV-act. 364).
A.j.
Gestützt auf das Gutachten von Prof. F._ und die Stellungnahmen gewährte die
IV-Stelle dem Versicherten das rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des
Leistungsbegehrens (IV-act. 368). Dagegen erhob der Versicherte am 10. Dezember
2018 Einwand und machte im Wesentlichen geltend, der Gutachter habe
ausschliesslich funktionelle Auswirkungen berücksichtigt. Sozio-kulturelle und
psychosoziale Faktoren habe er ausdrücklich ausgeklammert. Das Leiden habe sich
chronifiziert und von einer Dysthymie zu einer mittelgradig bis schweren Depression
verschlimmert (IV-act. 369).
A.k.
Mit Verfügung vom 24. Januar 2019 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren
mangels einer wesentlichen Veränderung seit dem Referenzzeitpunkt vom 1. Februar
2013 ab. Die Problematik des Versicherten sei seit der Erstanmeldung geprägt durch
dessen Wertvorstellungen. Es liege kein IV-rechtlich relevanter Gesundheitsschaden
vor. Weiter hielt sie fest, der Gutachter mache die Prognose von der wirtschaftlichen
Situation bzw. der "Gewährung von Transferleistungen" abhängig. Dies spreche nicht
nur gegen die Annahme einer wesentlichen Änderung seit dem Referenzzeitpunkt,
A.l.
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B.
sondern auch gegen das Vorliegen einer rechtlich relevanten Arbeitsunfähigkeit (IV-
act. 371).
Gegen die Verfügung vom 24. Januar 2019 lässt A._ (fortan: Beschwerdeführer),
vertreten durch Rechtsanwältin MLaw HSG M. Benz, am 25. Februar 2019 Beschwerde
erheben. Er beantragt, die Verfügung vom 24. Januar 2019 sei unter Kosten- und
Entschädigungsfolge aufzuheben und es sei ihm ab 1. August 2017 eine ganze
Invalidenrente auszurichten. Weiter ersucht er um unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung. Der Gutachter habe ausschliesslich funktionelle Ausfälle
berücksichtigt, welche Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung seien und die
Beurteilung der Zumutbarkeit sei auf objektiver Grundlage erfolgt. IV-rechtlich nicht
relevante psychosoziale Belastungsfaktoren seien vom Gutachter gerade nicht
berücksichtigt worden. Der psychiatrische Status gemäss aktuellem Gutachten
unterscheide sich deutlich von demjenigen bei der Vorbegutachtung im Jahr 2012. Das
Leiden habe sich chronifiziert und von einer Dysthymie zu einer mittelgradig bis
schweren Depression verschlimmert. Weder eine Aggravation noch eine Simulation
lägen vor. Es liege ein aktuelles und beweiskräftiges Gutachten vor, das eine
chronifizierte psychische Krankheit und eine dauernde Erwerbsunfähigkeit von 80 %
bestätige. Somit habe er ab 1. August 2017 Anspruch auf eine ganze Rente (act. G 1).
B.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 30. April 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Sie bringt im Wesentlichen vor, aus der vom Gutachter
beschriebenen seit 2011 eingetretenen Chronifizierung der psychiatrischen
Störungsbilder ergäben sich keine Hinweise auf eine Verschlechterung des
Funktionsniveaus. Die gemäss Gutachter vorliegende Abhängigkeit der Prognose von
der Gewährung von Transferleistungen und die im MEDAS-Gutachten
zusammengefasste Vorgeschichte belegten, dass seit 1. Februar 2013 keine
wesentliche Änderung des Gesundheitszustandes nachgewiesen sei. Die Darlegungen
des Gutachters bestätigten, dass die Einschränkungen nach wie vor nicht in erster
Linie durch einen nicht mehr behandelbaren Gesundheitsschaden zu erklären seien,
sondern namentlich durch die berufliche Perspektivlosigkeit. Es bestehe kein
stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen. Das Abweichen
B.b.
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Erwägungen
1.
von der Arbeitsfähigkeitsschätzung von Prof. F._ sei gerechtfertigt, weil er sich auf
ein bio-psycho-soziales Krankheitsmodell stütze (act. G 5).
Die verfahrensleitende Richterin bewilligt dem Beschwerdeführer am 16. Mai 2019
die unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten, unentgeltliche
Rechtsverbeiständung; act. G 6).
B.c.
Mit Replik vom 17. Juni 2019 führt der Beschwerdeführer mit Blick auf im physi
kalisch-medizinischen Vorgutachten dargelegte Inkonsistenzen aus, vorliegend sei nur
noch die psychiatrische Disziplin relevant. Hier würden weder im MEDAS-Gutachten
2012 noch von Prof. F._ Symptomausweitung, Inkonsistenzen oder Selbstlimitierung
beschrieben. Sodann habe Prof. F._ eindeutig einen Gesundheitsschaden mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit diagnostiziert. Dieser und nicht die finanzielle
Situation stehe im Vordergrund (act. G 8).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G 11).B.e.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 141 V 289 E. 3.2;
BGE 130 V 396 E. 5.3 und E. 6; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016;
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
1.2.
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(vgl. BGE 143 V 427 E. 6; Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017,
8C_350/2017, E. 5.4, und vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1). Für somatisch
unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte
Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist der
Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE
141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang andauernde und
erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6 a. E.).
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
wenigstens zu 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine
Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des
Invaliditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Die urteilenden
Instanzen haben die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie ist den im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -
1.4.
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2.
ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie
nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu
schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227
E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb; Urteile des Bundesgerichts vom 15. Juli 2020,
8C_335/2020, E. 4.1, und vom 13. Februar 2019, 8C_801/2018, E. 4.3).
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Rechtserheblich sind alle
Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder
anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden und das
Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu
veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den
Akten ergebenden Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., N 107 zu Art. 61).
1.5.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
1.6.
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezügers
erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG). Anlass zur
Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen, die
geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Anspruch zu beeinflussen.
Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des
Gesundheitszustandes oder der erwerblichen Auswirkungen des an sich gleich
gebliebenen Gesundheitszustandes revidierbar. Dagegen stellt die unterschiedliche
Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen
Gesundheitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit allein keinen Revisionsgrund im Sinne
von Art. 17 Abs. 1 ATSG dar (Urteil des Bundesgerichts vom 17. Januar 2008,
9C_552/2007, E. 3.1.2, mit weiteren Hinweisen).
2.1.
Zeitlicher Ausgangspunkt für die Beurteilung einer anspruchserheblichen Änderung
des Invaliditätsgrads ist bei der Prüfung eines Gesuchs um Erhöhung der Rente wie
2.2.
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3.
Zu befinden ist über das neue Gesuch vom 10. August 2016 (IV-act. 296), nachdem ein
erstes Leistungsgesuch vom 17. Februar 2005 (IV-act. 1) mit in Rechtskraft
erwachsener Verfügung vom 1. Februar 2013 (IV-act. 281) abgewiesen worden war. Die
Beschwerdegegnerin ist nach dem Widerruf der Nichteintretensverfügung vom 9.
Januar 2017 auf die Wiederanmeldung vom 10. August 2016 eingetreten, weshalb auf
die für das Wiedereintreten nötigen Voraussetzungen nicht einzugehen ist. Zu prüfen
ist, ob die IV-Stelle mit vorliegend angefochtener Verfügung zu Recht einerseits das
Vorliegen einer massgeblichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes seit der
ersten Abweisung am 1. Februar 2013 verneinte und andererseits das Vorhandensein
eines IV-rechtlich relevanten Gesundheitsschadens überhaupt verneinte und das
Leistungsbegehren erneut abwies.
4.
auch bei der Prüfung einer Rentenanpassung von Amtes wegen die letzte
rechtskräftige Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs
mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchführung eines
Einkommensvergleichs beruht (BGE 133 V 108; BGE 130 V 71 E. 3.2.3; Urteil des
Bundesgerichts vom 26. März 2010, 9C_438/2009, E. 1). Bei gegebenem
Revisionsgrund ist der Rentenanspruch gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
umfassend neu zu prüfen (BGE 141 V 9 E. 2.3 und E. 6.1; Urteil vom 5. Dezember
2012, 9C_427/2012, E. 3.4).
Im der in Rechtskraft erwachsenen Verfügung vom 1. Februar 2013 zugrunde
liegenden psychiatrischen Teilgutachten der MEDAS Ostschweiz wurden eine
somatoforme Schmerzstörung und einer Dysthymie diagnostiziert (IV-act. 260-32 ff.). In
der damaligen psychiatrischen Anamnese gab der Beschwerdeführer an, das
Hauptproblem seien die seit mehreren Jahren bestehenden, mehr in das rechte als das
linke Bein ausstrahlenden Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Daneben
leide er unter Kopfschmerzen. Psychisch gehe es ihm schlechter, seitdem er kein Geld
mehr vom Sozialamt erhalte und deswegen regelmässig von seinen Kindern finanziell
unterstützt werden müsse. Die Stimmung sei meistens nicht so gut, die allgemeine
Leistungsfähigkeit etwas geringer und er könne sich nicht mehr allzu oft freuen, ausser
an seinen Kindern. Häufig sei er innerlich angespannt und psychisch wenig belastbar.
Er ziehe sich dann zurück von den Menschen. Seine Konzentration nehme rasch ab
und er vergesse vieles. Der Schlaf sei schlecht, weil er oft an seine finanziellen
Probleme und seine unklare berufliche Zukunft denken müsse (IV-act. 260-29 f.). Der
Vorgutachter beschrieb Konzentration, Aufmerksamkeit, Gedächtnis sowie das formale
4.1.
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5.
und inhaltliche Denken als unauffällig. Die Grundstimmung sei leicht bedrückt, der
affektive Rapport etwas eingeschränkt, der Antrieb etwas reduziert, die Psychomotorik
etwas unterdurchschnittlich ausgeprägt (IV-act. 260-30). Er diagnostizierte eine
Dysthymie (ICD-10: F34.1) sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung
(ICD-10: F45.4). Diese Erkrankungen hätten keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit; die
Folgen der somatoformen Schmerzstörung seien gemäss den nach damaliger
Rechtsprechung massgeblichen Foerster-Kriterien überwindbar (IV-act. 260-35).
Prof. F._ führte im aktuellen Gutachten aus, im Verlauf könne von einer
schwankenden depressiven Störung mit mittelgradig bis schwerer Episode (ICD-10:
F33.8) ausgegangen werden. Der Beschwerdeführer weise entsprechende
psychopathologische Symptome auf (vgl. IV-act. 358-81 f.), unter anderem
Gedankenkreisen und -drängen, eine innere Unruhe, einen hilfesuchenden,
anflehenden Affekt, eine depressive Konfliktverarbeitung, eine stark eingeschränkte
Schwingungsfähigkeit, beinahe Affektstarre, stark geminderte Vitalgefühle, eine
Minderung von Freudfähigkeit, Interessen und Selbstwertempfinden sowie soziale
Rückzugstendenzen (IV-act. 358-70 f., 81 f.; vgl. E. 2.3). Demgegenüber waren laut
Befund des Vorgutachtens die Grundstimmung leicht bedrückt, der affektive Rapport
und der Antrieb "etwas" eingeschränkt und die kognitiven Funktionen sowie das
formale und inhaltliche Denken unauffällig (vgl. IV-act. 260-30). Entsprechend erscheint
plausibel, dass im Vorgutachten eine Dysthymie (vgl. IV-act. 260-35) und im aktuellen
Gutachten eine mittelgradige bis schwere depressive Episode diagnostiziert wurde. Der
Schweregrad der Depression war ab Frühjahr 2016 als Reaktion auf die Finanzen des
Beschwerdeführers betreffende Behörden-/Gerichtsentscheide vorübergehend schwer
und pendelte sich danach auf mittelgradig bis schwer ein (vgl. IV-act. 358-82).
4.2.
Insoweit ist aufgrund des Vergleichs der psychiatrisch-gutachterlichen Befunde
sowie Diagnosen von einer gewissen Verschlechterung des psychischen Gesundheits
zustands seit dem Zeitpunkt der Verfügung vom 1. Februar 2013 auszugehen.
4.3.
Zu prüfen ist nachfolgend, ob diese Verschlechterung rentenwirksam ist. Während
der psychiatrische Vorgutachter keine Arbeitsunfähigkeit attestierte (IV-act. 260-41),
schätzte der aktuelle Gutachter diese auf 80 % (IV-act. 358-86, 88).
5.1.
Im Befund führte der Gutachter aus, es seien keine Gedächtnisstörungen
feststellbar, Aufmerksamkeit und Konzentration seien leicht herabgesetzt. Das Denken
sei auf psychosoziale Probleme eingeengt. Es bestehe eine starke narzisstische
Kränkung durch den Verlust der sozialen Rolle in der Familie mit maladaptiver
5.2.
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Konfliktverarbeitung und autoaggressiven Ideationen und Verhalten mit durch die
soziokulturellen Wertevorstellungen stark gestützte Krankenrolle. Gedankenkreisen
und/oder Gedankendrängen würden nachvollziehbar beklagt mit innerer Unruhe mit
ganz überwiegendem Themenbezug zur finanziellen Situation und
Einkommenslosigkeit. Die Grundstimmung sei gedrückt bei passiven autoaggressiven
Zügen. Es bestehe eine maladaptive Konfliktverarbeitung mit hilfesuchendem,
anflehendem Affekt und depressiver Konfliktverarbeitung. Die Schwingungsfähigkeit sei
stark eingeschränkt, es bestehe beinahe eine Affektstarre. Die Vitalgefühle seien
gemindert, die Freudfähigkeit und Interessen eingeschränkt. Der Antrieb sei leicht
reduziert, das Selbstwertempfinden sei erheblich gemindert, das
Selbstwirksamkeitserleben liege weitgehend darnieder. Es bestehe ein soziales
Rückzugsverhalten (IV-act. 358-70 f.). Der Gutachter diagnostizierte eine chronifizierte,
rezidivierende depressive Störung, im Verlauf mittelgradig bis zunehmend schwer
ausgeprägt (ICD-10: F33.8), welche die Arbeitsfähigkeit einschränke. Weiter seien eine
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4), eine Störung durch schädlichen
Gebrauch von Sedativa und Hypnotika (ICD-10: F13.1) sowie multiple psychosoziale
Belastungsfaktoren zu diagnostizieren, die die Arbeitsfähigkeit nicht einschränkten (IV-
act. 358-87). Die von Dr. C._ gestellte Diagnose einer (schweren)
Persönlichkeitsänderung (Berichte vom 11. April 2016, IV-act. 312-5 ff., und vom
9. November 2017 [Eingang bei der IV-Stelle; IV-act. 347]) und die in der
psychiatrischen Klinik E._ (Austrittsbericht vom 17. Mai 2017, 341) diagnostizierte
Agoraphobie seien nicht nachvollziehbar begründet oder übereinstimmend gestellt
worden (IV-act. 358-77 ff.).
Zu den Einschränkungen führte der Gutachter aus, im Vordergrund des psycho
pathologischen Bildes stünden depressive Symptome. Aufgrund dieser bestehe eine
eingeschränkte allgemeine psychische Belastbarkeit, eine Reduktion der
Dauerbelastbarkeit sowie der Durchhaltefähigkeit, der Flexibilität und
Umstellungsfähigkeit und des Arbeitstempos. Die Selbstbehauptungsfähigkeit und
Durchsetzungsfähigkeit in sozialen Gruppen hätten gelitten. Diese Einschränkungen
lägen in mittelgradiger bis schwerer Ausprägung vor (IV-act. 358-85). Weiter bestünden
vor allem Störungen der Affektregulation und bei zunehmenden innerpsychisch als
Belastung wahrgenommenen Situationen auch impulsive vor allem autoaggressive
Impulskontrollstörungen, die gegenwärtig durch die Antriebsstörung blockiert würden.
Die Eigen- und Fremdwahrnehmung des Beschwerdeführers sei hierdurch stark gefärbt
und entsprechend die Realitätsbeurteilung modifiziert. Zusammenfassend sei hierdurch
die psychische Handlungsfähigkeit des Beschwerdeführers aus medizinischer Sicht
reduziert (IV-act. 358-85). Sodann seien die Ressourcen spärlich; geringe Qualifikation,
5.3.
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unbefriedigende sprachliche Schwierigkeiten und eine geringe Veränderungsmotivation
würden die berufliche Situation erheblich erschweren. Die intellektuellen Kompetenzen
und die Introspektionsfähigkeit seien insgesamt gering (IV-act. 358-86).
Die Anamnese- und Befundaufnahme sowie Diagnostik des Gutachters sind
grundsätzlich umfassend und widerspruchsfrei. Der Gutachter attestiert dem
Beschwerdeführer gestützt darauf eine Arbeitsunfähigkeit von 80 %. Diese erscheint
jedoch in zweierlei Hinsicht nicht nachvollziehbar.
5.4.
Zum einen wird nicht dargetan, inwiefern der Beschwerdeführer in seiner Arbeits
fähigkeit konkret derart massiv eingeschränkt sein soll. Es fehlen zudem auch die
Adaptionskriterien für eine angepasste Tätigkeit. Allein die eingeschränkte allgemeine
psychische Belastbarkeit, die Reduktion der Durchhaltefähigkeit, der Flexibilität, der
Umstellungsfähigkeit, des Arbeitstempos sowie der Selbstbehauptungsfähigkeit
rechtfertigen eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in diesem Umfang wohl kaum.
Dies umso weniger, als der Gutachter festhält, dass es bei der Gewährung von
Transferleistungen zu einer raschen Aufklarung der Situation kommen könne (IV-act.
358-86), m.a.W. sich der Gesundheitszustand bessern und damit einhergehend die
Arbeitsfähigkeit dann gesteigert werden könnte. Die Angabe, dass sich eine
Verschlechterung des Gesundheitszustandes bei Wegnahme der Transferleistungen
abzeichnen würde, zeigt, dass die Arbeitsunfähigkeit lediglich subjektiv vorliegt. Bei
einer Regelung der Finanzen und der Wiederherstellung eines gesellschaftlich
akzeptierten Status des Beschwerdeführers (formell anerkannter Kranker bzw.
Invalider) würden die psychosozialen Belastungen und die damit begründeten
Beschwerden wegfallen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 22. März 2018,
8C_582/2017, E. 5.1; vgl. auch nachfolgende E. 6.3).
5.5.
Zum anderen betont der Gutachter, die Einschätzung erfolge unter dem
Blickwinkel des bio-psycho-sozialen (Hervorhebung durch den Gutachter)
Krankheitsmodells (IV-act. 358-88). Zuvor schreibt der Gutachter, sämtliche
Bewertungen im Zusammenhang mit der Arbeitsfähigkeit beruhten auf medizinisch-
theoretischer Grundlage und implizierten keinesfalls rechtliche Aspekte. Es sei darauf
hinzuweisen, dass sozio-kulturelle und psychosoziale Faktoren (wie z.B. Alter und
Geschlecht, sprachliche Verständigungsschwierigkeiten) der Rechtsprechung des
Bundesgerichts, den SIM-Richtlinien und dem IV-Rundschreiben 339 folgend,
ausgeschlossen worden seien. Die medizinische Beurteilung und die Vorgaben des IV-
Rechts kreuzten sich in diesem Fall in Bezug auf die Beurteilung der mittel- und
langfristigen Arbeitsfähigkeit (IV-act. 358-87). Dies erscheint widersprüchlich: einerseits
berücksichtigt die Einschätzung psychosoziale Belastungsfaktoren und wird die
5.6.
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6.
rechtliche Unverbindlichkeit der Schätzung betont, andererseits wird aber mit Hinweis
auf die einschlägigen Rechtsgrundlagen deren Einbezug in die
Arbeitsfähigkeitsschätzung gerade verneint. Es ist aber aufgrund der vorstehenden
Formulierungen davon auszugehen, dass der Gutachter die Beurteilung abweichend
vom Üblichen unter Berücksichtigung der soziokulturellen Faktoren vorgenommen hat.
Aufgrund des Befundes hinsichtlich des depressiven Leidens und der darauf
gründenden Einschränkungen wäre eine Arbeitsfähigkeit von lediglich 20 % - wie
vorstehend dargetan - denn auch kaum plausibel. Zudem hat der Gutachter deutlich
und detailliert ausgeführt, dass es durch die heimatlich geprägten Wertvorstellungen
zufolge des Verlusts von Arbeit und Einkommen, Ansehen in Familie und
Bekanntenkreis zu Scham, Versagensgefühlen als Ernährer der Familie und einer
massiven narzisstischen Kränkung mit Rückzug in die Krankenrolle gekommen sei (vgl.
IV-act. 358-71, 80 f.).
Zusammenfassend ist nicht auf die gutachterlich attestierte Arbeitsunfähigkeit von
80 % (Arbeitsfähigkeit von 20 %) abzustellen, insbesondere soweit diese unmittelbar
auf psychosozialen oder soziokulturellen Faktoren beruht. Da die Frage nach der
Auswirkung von psychosozialen und soziokulturellen Belastungsfaktoren auf die
Erwerbsfähigkeit eine Rechtsfrage darstellt, kann diesbezüglich von der
gutachterlichen Einschätzung abgewichen werden, ohne dass die Expertise ihren
Beweiswert verliert (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 13. Januar 2014, 9C_463/2013,
E. 2.2).
5.7.
Fraglich ist nun, von welcher Arbeitsfähigkeit im Zeitpunkt der angefochtenen
Verfügung auszugehen ist bzw. es ist nach wie vor offen, ob eine rentenrelevante
Veränderung des Gesundheitszustandes und damit einhergehend der Arbeitsfähigkeit
eingetreten ist.
6.1.
Der Gutachter führte aus, einerseits könne die vordiagnostizierte depressive
Störung gegenwärtig bestätigt werden, andererseits wäre das Störungsbild nicht
aufgetreten, wenn insbesondere die überdauernden heimatlichen soziokulturellen
Wertevorstellungen des Beschwerdeführers nicht anhalten würden. Bei weiteren
schlechten psychosozialen Rahmenbedingungen (geringe schulische und berufliche
Qualifikation, Langzeitarbeitslosigkeit, geringe Ressourcenlage) sei es zur
Aufrechterhaltung und Chronifizierung der soziokulturellen Grundüberzeugungen und
maladaptiven Verhaltensweisen mit Entwicklung einer Depression gekommen. Ohne
diese psychosozialen Belastungsfaktoren hätte sich das Störungsbild einer Depression
6.2.
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mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht entwickelt. Die hierdurch hervorgerufenen
innerpsychischen Bewertungen infolge der überdauernden Wertevorstellungen
bedingten ein gehemmt-autoaggressiv-depressiv-affektives Störungsbild, welches nur
schwer medikamentös behandelbar sei. Gesamthaft prägten somit so genannte IV-
fremde Faktoren das psychiatrische Störungsbild in erheblicher Weise mit und
unterhielten und chronifizierten es (IV-act. 358-81). Die Verschlechterung der
Depression im Frühjahr 2016 sei als Folge psychosozialer Belastungsfaktoren vorüber
gehend aufgetreten. Es würde ein im Vergleich zur Voranmeldung im Wesentlichen
unverändertes Störungsbild vorliegen, wenn die zunehmende Chronifizierung ausser
Acht gelassen würde (IV-act. 358-82).
Wenn psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren das Beschwerdebild
mitprägen, sind die entsprechenden Faktoren als nicht invalidisierende und damit nicht
versicherte Faktoren auszuscheiden, soweit sie unmittelbar (direkt) die Symptomatik
beeinflussen und nicht bloss mittelbar eine (verselbständigte) Gesundheitsschädigung
aufrecht erhalten oder ihre (unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen
bestehenden) Folgen verschlimmern. Ein invalidisierender psychischer
Gesundheitsschaden kann nur gegeben sein, wenn das klinische Beschwerdebild nicht
einzig in psychosozialen und soziokulturellen Umständen seine Erklärung findet,
sondern davon psychiatrisch unterscheidbare Befunde umfasst. Auch bei einer
diagnostizierten Depressionsstörung sind daher das Beschwerdebild prägende
psychosoziale Belastungsfaktoren bei der Beurteilung, ob ein invalidisierender
Gesundheitsschaden vorliegt, zu beachten und auszuklammern (Urteil des
Bundesgerichts vom 15. März 2017, 8C_14/2017, E. 5.3). Nicht als invalidisierend zu
berücksichtigen sind gesundheitliche Störungen, die bei intakten sozialen Verhältnissen
weitgehend entfielen (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 29. Januar 2019,
9C_194/2017, E. 6.3.4 a.E., vom 7. Mai 2019, 9C_740/2018, E. 5.2.1 f., und vom
23. Mai 2020, 9C_171/2020, E. 5.1). Je stärker psychosoziale oder soziokulturelle
Faktoren im Einzelfall in den Vordergrund treten und das Beschwerdebild
mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte psychische
Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das klinische
Beschwerdebild nicht einzig in Beeinträchtigungen, welche von den belastenden
soziokulturellen Faktoren herrühren, bestehen darf, sondern davon psychiatrisch zu
unterscheidende Befunde zu umfassen hat, zum Beispiel eine von depressiven
Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde Depression im
fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen
Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungssituation zu
unterscheidende und in diesem Sinne verselbstständigte psychische Störungen mit
6.3.
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Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, damit
überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo der Gutachter dagegen im
Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen
Umständen ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein
invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben (Urteil vom 22. März 2018,
8C_582/2017, E. 5.1). Der im Hinblick auf Rentenleistungen der Invalidenversicherung
geltende enge Krankheitsbegriff klammert soziale Faktoren jedoch (nur) so weit aus, als
es darum geht, die für die Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit kausalen (Hervorhebung
im Urteilstext) versicherten Faktoren zu umschreiben. Die funktionellen Folgen von
Gesundheitsschädigungen werden durchaus auch mit Blick auf psychosoziale und
soziokulturelle Belastungsfaktoren abgeschätzt, welche den Wirkungsgrad der Folgen
einer Gesundheitsschädigung beeinflussen (BGE 141 V 243, E. 3.4.2.1).
Auszuklammern sind nach den allgemeinen Grundsätzen der Schadenszurechnung
Funktionsausfälle, die einzig auf psychosoziale und soziokulturelle Umstände
zurückzuführen sind oder bei denen psychosoziale und soziokulturelle Umstände
derart dominieren, dass die Funktionsausfälle in einem offensichtlichen Missverhältnis
zur Gesundheitsbeeinträchtigung stehen und diese daher billigerweise nicht mehr als
Ursache für die Funktionsausfälle eingestuft werden kann (Ph. Egli, "Invaliditätsfremde"
Faktoren, in: U. Kieser [Hrsg.], November-Tagung zum Sozialversicherungsrecht 2019,
S. 117 f.; Hervorhebungen durch den Autor).
Vorliegend ergibt sich aus dem Gutachten, dass ohne Vorliegen der vom Gutachter
nachvollziehbar dargelegten soziokulturellen und psychosozialen Belastungsfaktoren
wie zur Zeit des Vorgutachtens eine Dysthymie oder gar keine depressive Erkrankung
vorliegen würde. Daneben besteht eine somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4)
bzw. eine Schmerzverarbeitungsstörung (IV-act. 358-84, 87). Die funktionellen
Auswirkungen der depressiven Symptome sind jedoch gegenüber denjenigen der
Schmerzstörung vordergründig (vgl. IV-act. 358-85). Dies erscheint nachvollziehbar,
denn im Vorgutachten der MEDAS Ostschweiz vom 29. Februar 2012 wurden
hinsichtlich der Rückenschmerzen Inkonsistenzen festgestellt und eine somatoforme
Schmerzstörung ausschliesslich bezüglich der beklagten Kopfschmerzen diagnostiziert
(IV-act. 266-24 ff., 33). Der Beschwerdeführer hat zudem in der aktuellen Begutachtung
wohl vorgebracht, dass die Schmerzen anhaltend und stark seien, nicht aber, dass sie
seit dem Refenzzeitpunkt stärker geworden seien. Die andauernde somatoforme
Schmerzstörung ist zwar ein gegenüber den depressiven Beschwerden
verselbständigter Gesundheitsschaden (vgl. IV-act. 358-85), zeitigt aber keine
schweren funktionellen Auswirkungen.
6.4.
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Gemäss dem psychiatrischen Gutachten ist die im Verlauf mittelgradige bis
zunehmend schwere chronifizierte depressive Störung die einzige diagnostizierte
Erkrankung mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (IV-act. 358-87). Es ist davon
auszugehen, dass nach der Auffassung des Gutachters die diagnosebegründende
Symptomatik nicht ausschliesslich auf psychosoziale Faktoren beruht bzw. der
Gesundheitsschaden nicht gänzlich entfiele, wenn die psychosoziale Komponente
wegfallen würde; die Symptomatik wäre jedoch in ihren funktionellen Auswirkungen
deutlich weniger stark ausgeprägt. Eine stärkere Ausprägung zeigte sich stets bei für
den Beschwerdeführer negativen Ereignissen wie nach Erlass der abweisenden
Verfügung vom 9. Januar 2017 sowie nach der Einstellung der Sozialhilfeleistungen.
Indes lassen die Ausführungen des Gutachters darauf schliessen, dass nicht nur die
Schätzung der Arbeitsfähigkeit, sondern bereits die Beurteilung des Schweregrades
der Diagnose gestützt auf das die psychosozialen Belastungsfaktoren erfolgte. Diese
doppelte Berücksichtigung der psychosozialen Faktoren beim Schweregrad der
funktionellen Auswirkungen und zusätzlich als ressourcenhemmende Aspekte ist zu
korrigieren. Bei der Indikatorenprüfung ist somit von einem leichten funktionellen
Schweregrad auszugehen. Unter dem Aspekt der Persönlichkeit sind die
soziokulturellen Wertvorstellungen des Beschwerdeführers und die dadurch bedingte
Reduktion der Ressourcen zu berücksichtigen. Zur Kategorie der Konsistenz ist
festzuhalten, dass sich keine Hinweise auf Aggravation oder Simulation ergeben
haben, das Verhalten jedoch demonstrativ verdeutlichend gewesen war. Sodann ist
das private Aktivitätsniveau nur leicht bis mittelgradig eingeschränkt gewesen (IV-act.
358-79). Anzumerken ist hierzu, dass der rheumatologische Gutachter eine erhebliche
Selbstlimitation und Inkonsistenzen in Bezug auf die damals geschilderten körperlichen
Beschwerden beschrieb (IV-act. 260-24 f.). Dem wird dadurch Rechnung getragen,
dass der ebenfalls diagnostizierten somatoformen Schmerzstörung keine massgebliche
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zuerkannt wird (IV-act. 358-87) und somit auch
nicht als für die Arbeitsfähigkeitsschätzung massgebliche Komorbidität zu
berücksichtigen ist.
6.5.
Zusammenfassend ist deshalb festzuhalten, dass die Verschlechterung des
Gesundheitszustands vorwiegend das depressive Leiden betrifft und massgeblich
durch soziokulturelle und psychosoziale Belastungsfaktoren verursacht ist bzw.
aufrechterhalten wird. Ohne diese Belastungsfaktoren würde kein invalidisierender
Gesundheitsschaden vorliegen bzw. sich der Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers ähnlich wie im Zeitpunkt der ersten ablehnenden Verfügung vom
1. Februar 2013 präsentieren. Mithin liegt keine rentenbegründende Veränderung des
Gesundheitszustandes vor.
6.6.
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7.
Überdies besteht vorliegend gemäss den Ausführungen des Gutachters zu
Konsistenz, Plausibilität, Persönlichkeit und sozialem Kontext (vgl. E. 6.5; IV-act.
358-79 ff.) kein stimmiges Gesamtbild der gleichmässigen Einschränkung in allen
Lebensbereichen. Zudem müssen die gegebenen psychosozialen Umstände als
alleinige Ursache der geltend gemachten Arbeitsunfähigkeit bei deren normativer
Beurteilung ausser Acht bleiben. Der Gesundheitsschaden bzw. die Depression des
Beschwerdeführers hat sich somit nicht verselbständigt. Deshalb ist der Beweis des
Vorliegens einer IV-rechtlich relevanten Gesundheitsschädigung nicht geleistet, was
sich nach den Regeln über die (materielle) Beweislast zu Ungunsten der
rentenansprechenden Person auswirkt (siehe BGE 145 V 361 E. 3.2.2 und BGE 141 V
281 E. 6). Zu Recht hat die Beschwerdegegnerin auch das Vorhandensein eines IV-
rechtlich relevanten Gesundheitsschadens verneint (vgl. A.l und E. 3). Insgesamt
erfolgte die neuerliche Abweisung des Leistungsbegehrens zu Recht.
6.7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.7.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem unterliegenden
Beschwerdeführer sind die Gerichtskosten vollumfänglich aufzuerlegen. Zufolge
unentgeltlicher Rechtspflege ist er von der Bezahlung zu befreien.
7.2.
bis
Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung des Beschwerdeführers. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen
(Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr.
15'000.--. Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat keine Kostennote
eingereicht. In der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit erscheint mit Blick auf
vergleichbare Fälle eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 3‘500.-- angemessen.
Diese ist um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes, sGS 963.70).
Somit hat der Staat die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers pauschal mit
Fr. 2‘800.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
7.3.
Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur
Nachzahlung verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 der Schweizerischen
7.4.
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