Decision ID: 5a3fd75f-e982-4a7a-b8ef-dfaf66e648f2
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren
1966,
hat in Italien eine Ausbildung zur Köchin absolviert und war in dieser Funktion ab dem
1.
November 2015 bei der
Z._
,
A._
, angestellt (
Urk.
7/1, 7/28/1).
Am 2
4.
Februar 2016 fiel sie in der Küche in Ohnmacht und stürzte dabei auf die linke Schulter und den Hals (
Urk.
7/53/222).
Zuvor war g
leichentags
das Arbeitsverhältnis
durch die Arbeit
geberin per 30.
März 2016 aufgelöst worden (
Urk.
7/33/45, 7/53/216).
Am 1
9.
April 2017 meldete
sich die Versicherte
unter Hinweis auf eine posttraumati
sche
Pasta-Läsion der Supraspinatussehne links sowie eine
Cervicobrachialgie
links bei
Diskusprotrusion
C5/6 bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbe
zug an
(
Urk.
7/1). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
holte nebst diversen Arztberichten (
Urk.
7/17, 7/25/2 ff, 7/27/7 f., 7/29 f. und 7/31) insbesondere einen Arbeitgeberbericht (
Urk.
7/28) sowie die Akten des Krankentaggeldversicherers ein (
Urk.
7/33).
Mit Mitteilung vom 3.
November 2017 orientierte sie die Versicherte darüber, dass zurzeit keine Eingliederungs
massnahmen angezeigt seien (
Urk.
7/39).
Nach Eingang der Akten des Unfallversicherers (
Urk.
7/53), weiterer Unterlagen des Krankentaggeldversicherers (
Urk.
7/55, 7/69) sowie Berichten der behandeln
den Ärzte (
Urk.
7/59/6 ff., 7/72) gab die IV-Stelle bei
Dr.
med. B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und
Dr.
med. C._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Rheumatologie, ein psychiatrisch-rheumatologisches Gutachten in Auftrag (
Urk.
7/79). Dieses wurde am 2
3.
Okto
ber 2018 vorgelegt (
Urk.
7/91).
Mit Vorbescheid vom 1
9.
November 2018 stellte die IV-Stelle der Versicherten die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (
Urk.
7/96), wogegen diese unter Beilage von Arztberichten Einwand erhob (Urk. 7/98, 7/10
1
). Am 1
1.
Februar 2019 verfügte die IV-Stelle im angekündigten Sinne (
Urk.
2
/1
=
Urk.
7/103).
2.
Dagegen erhob
X._
am
1
2.
März 2019 Beschwerde mit dem Rechtsbegehren, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, der Sachverhalt sei
rechtsgenüglich
abzuklären und ihr seien Leistungen der Invalidenversicherung zuzusprechen in Form einer (
Teil-)Rente und/oder beruflicher
Massnahmen.
Fer
ner sei ihr f
ür den Fall des Unterliegens die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren (
Urk.
1 S. 2).
Mit Beschwerdeantwort vom 1
5.
April 2019 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6), worüber die Beschwerdeführerin mit Verfügung
vom 2
3.
April 2019 in Kenntnis gesetzt wurde. Gleichzeitig wurde ihr Gesuch um unentgeltliche Prozessführung bewilligt (
Urk.
8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
1.3.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl.
BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V
396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V
215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3.2
Für die Frage der zumutbaren Arbeitsleistung bei psychischen Erkrankungen sind nach der neuen bundesgerichtlichen Rechtsprechung sämtliche psychischen Lei
den einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen (BGE 143 V 409, 143 V 418). Für die Prüfung hat das Bundesgericht spezielle Standardindikatoren entwickelt. Diese im Regelfall beachtlichen Indikatoren wur
den wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1
:
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
1.4
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Sie haben alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und
danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverläs
sige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere dürfen sie bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu
geben, warum sie auf die eine und nicht auf die andere medizinische These ab
stellen (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Her
kunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
Den von Versicherung
strägern im Verfahren nach Art.
44 ATSG eingeholten, den Anforderungen der Rechtsprechung entsprechenden Gutachten externer Spezial
ärzte (sogenannte Administrativgutachten) ist Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Exper
tise sprechen (BGE
135 V 465 E.
4.4; Urteil des Bundesgerichts 9C_823/2018 vom
11. Juni 2019 E.
2 mit Hinweisen).
2.
2.1
In der angefochtenen Verfügung vom 1
1.
Februar 2019 erwog die Beschwerde
gegnerin zusammengefasst,
dass sie im
Zuge
ihrer Abklärungen unter anderem ein psychiatrisch-rheumatologisches Gutachten in Auftrag gegeben habe. Die medizinische Beurteilung habe ergeben, dass die Beschwerdeführerin auch nach Ablauf der einjährigen Wartefrist in i
hrer bisherigen Tätigkeit zu 65
% arbeits
unfähig sei. Für leichte und wechselbelastende Tätigkeiten bestehe eine 70%ige Arbeitsfähigkeit (
Urk.
2
/1
S. 1). Mittels Einkommensvergleich
s
resultiere ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 27
%
.
Die
im Rahmen des
Vorbescheid
verfah
rens
eingereichten Arztberichte
würden keine neuen medizinischen Fakten beinhalten, weshalb an der Abweisung des Rentenbegehrens festgehalten werde (
Urk.
2
/1
S. 2).
2.2
Dagegen brachte die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerdeschrift vom 12. März 2019 im Wesentlichen vor, dass das vorliegende Gutachten die vom Bundesgericht gestellten Anforderungen nicht erfülle. Die Sache sei deshalb zur
rechtsgenüglichen
Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Genauso wie für alle anderen psychischen Erkrankungen müsse bezüglich der diagnostizierten chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren eine strukturierte Abklärung der Überwindbarkeit erfolgen. Falls das Gericht davon ausgehe, dass das Gutachten den höchstrichterlichen Anforderun
gen entspreche, so sei im Rahmen der Überwindbarkeitsprüfung festzustellen, dass wenige Ressourcen vorhanden seien
und ein sehr grosser Leidensdruck bestehe. Sie sei ausser Haus praktisch nicht aktiv und würde im Haushalt ohne die Hilfe ihrer Nichte nicht zurechtkommen. Vor diesem Hintergrund sei die Über
windbarkeit nicht gegeben, weshalb Anspruch auf Leistungen der Invalidenver
sicherung bestehe. Der Anspruch auf berufliche Massnahmen sei zu prüfen, auch wenn sie sich grundsätzlich nicht als arbeitsfähig erachte. Ein Aufbautraining könnte Aufschluss über die effektive Arbeitsfähigkeit geben (
Urk.
1 S. 4).
3.
3.1
Nach ihrem Sturz am Arbeitsplatz war die Beschwerdeführerin vom 2
4.
bis 26. Februar 2016 im
D._
hospitalisiert. Radiologisch konnten an der lin
ken Schulter weder eine frische Fraktur noch eine Luxation oder eine
ossäre
Bankartverletzung festgestellt werden.
An der Halswirbelsäule zeigte sich eine mässige Osteochondrose C5/C6 und C6/C7 (
Urk.
7/53/73 f.). Die Überwachung mittels Glasgow-
Coma
-
Scale
(GCS) sei
gemäss Austrittsbericht vom 2
9.
Februar 2016
stets unauffällig gewesen, sodass die Beschwerdeführerin in gutem Zustand habe entlassen werden können (Urk. 7/53/71).
3.2
Dr.
med.
E._,
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, hielt mit Bericht vom 2
2.
September 2016 fest, dass bei der Beschwerdeführerin posttraumatische Muskelkontrakturen
periscapulär
links bestünden. Dies habe eine eingeschränkte Schulterbeweglich
keit sowie eine
Dyskinesie
der linken
Scapula
zu
r Folge. Weder zwei erfolgte Infiltrationen noch mehrere Sitzungen
Physiotherapie hätten
zur Symptomlinde
rung geführt. Zu empfehlen sei eine intensive
Triggerpunktmassage
mit Dry
Needling
und Lockerung des Schultergürtels. Bis dahin bestehe vorerst weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (
Urk.
7/33/40 f.).
3.3
Im weiteren Verlauf befand sich die Beschwerdeführerin in der
F._
in ambulanter Behandlung
(vgl.
Urk.
7/33/19 ff.)
, wobei
mit Bericht vom 1
2.
Juni 2017
im Wesentlichen folgende Diagnosen gestellt wurden (
Urk.
7/33/19):
-
somatische Dysfunktion der schulterführenden Muskulatur links mehr als rechts mit/bei
-
ausgeprägten posttraumatischen
Myogelosen
per
iscapulär
links bei
Scapuladyskinesie
links, Unfall vom 2
4.
Februar 2016
-
Verdacht auf assoziierte posttraumatische Pasta-Läsion der Supra
spinatussehne intervallnah links
-
Cervic
obrachialgie
links stärker als rechts mit/bei
-
Diskusprotrusion
C5/6
intraforaminal
mit hochgradiger Kompression der Nervenwurzel C6 links,
mässiggradige
Nervenwurzelverlagerung C6 rechts
-
c
ervic
oradikuläres
Reizsyndrom C6 links; Status nach Facettengelenks
infiltration C5/6 links, Wurzelinfiltration C6 (C5/6 links) vom
6.
März 2017.
Die Beschwerdeführerin
klage
über stärkste und invalidis
ierende linksbetonte Schulter-
Arm
-B
eschwerden und eine Beweglichkeitsstörung
im
cervic
othoraka
len
Übergangsbereich. Ferner berichte sie von einer zunehmenden schmerzbe
dingten psychovegetativen Erschöpfungsreaktion. Seitens der
F._
sei vom
1.
März bis
1.
Juni 2017 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert wor
den.
Es könne nicht be
urteilt
werden, ab welchem Datum eine Wiederaufnahme der Arbeit möglich sei (
Urk.
7/33/19).
3.4
Einem weiteren Bericht der
F._
vom 1
0.
Januar 2018 ist
in diagnostischer Hinsicht ergänzend
zu entnehmen, dass
die Beschwerdeführerin
anamnestisch seit mehr als zehn Jahren an einem depressiven Syndrom leide, welches mit
Efexor
gut eingestellt sei. Seit der letzten klinischen Kontrolle habe sie
auch
regelmässig ihre Schmerzmedikation gemäss neu eta
bliertem Schema eingenommen
. Gemäss ihren Angaben habe sie gute und schlechte Tage. Teil
weise sei sie unternehmungslustig und auch in der Öffentlichkeit unterwegs; teil
weise fehle ihr die Kraft. Sie koche nun regelmässig, was ihr eigentlicher Beruf und ihre Passion sei
(
Urk.
7/59/9)
.
Aus ärztlicher Sicht
sei zur Komplettierung der Diagnostik eine Ultraschalluntersuchung der linken Hand durchgeführt worden, wobei sich ein eher altersentsprechender Befund mit
arthrotischen
Veränderun
gen gezeigt habe (
Urk.
7/59/10).
3.5
Dr.
med. G._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, stellte in seinem Bericht vom
7.
September 2018 die Diagnose einer chronischen Schmerz
störung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41).
Die Beschwerdeführerin befinde sich seit dem 2
2.
Juni 2018 in seiner psychosomati
schen und psychosozialen Behandlung
(
Urk.
7/91/53). Schmerz, Erschöpfung, Schlafstörung und Verzweiflung seien bei ihr durch den
frustranen
Verlauf von Abklärungen und Therapien chronifiziert und in sehr starkem Ausmass ausge
prägt.
Vor diesem Hintergrund sei
eine komplette Stress- und Belastungsintole
ranz
für Belastungen jedweder Art
nachvollziehbar. Der Gesundheitszustand könne nur als schlecht und instabil bezeichnet werden (Urk. 7/91/54).
3.6
3.6.1
Dem psychiatrisch-rheumatologischen Gutachten der
Dres
.
B._
und
C._
vom 2
3.
Oktober 2018 sind folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähi
gkeit zu entnehmen (
Urk.
7/91/23
):
-
anhaltende somatoforme Schmerzstörung mit körperlichen und psychi
schen Faktoren (ICD-10 F45.41) mit/bei:
-
massiver Konfliktdynamik in der Beziehung zum Noch-Ehemann in Italien
-
anamnestisch reaktiv depressiver Entwicklung, aktuell nicht die Krite
rien für eine Diagnose aus dem F3-Spektrum hinreichend erfü
llend
-
generalisiertes, vorwiegend
myofasziales
Schmerzsyndrom, formal einer Fibromyalgie entsprechend
-
keine somatisch-organische Ursache erkennbar
-
leicht- bis
mässiggradige
degenerative Veränderung der HWS C5/6 und C6/7
-
PASTA-Läsion (partielle
artikularseitige
Supraspinatussehnen
-Läsion) Schulter links.
3.6.2
Anlässlich der psychiatrischen Exploration durch
Dr.
B._
habe die Beschwerdeführerin
berichtet,
dass sie seit ihrem Sturz am 2
4.
Februar 2016 unter ständigen Schmerzen in der linken Schulter leide. Die Schmerzen hätten sich
danach auf den ganzen Körper
ausgebreitet
. Teilweise könne sie sich bei akuten Schmerzen nicht einmal selbst waschen oder anziehen. Es komme bis heute immer wieder zu Anfällen von Muskelverkrampfungen. In der Nacht seien die Schmerzen mehr vorhanden als tagsüber.
Aufgrund akuter, stromartig einschies
sender Schmerzen schlafe sie wenig und müsse praktisch jede Stunde aufstehen und Wasserlassen. Permanent vorhanden sei ein
Schmerz im Sinne eines bren
nenden Wärmegefühls im ganzen Körper. Es gebe keinen Punkt an ihrem Körper, an dem sie keine Schmerzen verspüre. Der Basisschmerz betrage auf einer Schmerzskala «4 von 10». Am meisten störend wirke sich der praktisch ständige Kopfschmerz aus, der sich wie ein elektrischer, pochender Hammer hinter den Augen anfühle. Seit einigen Tagen seien zudem vermehrt Gesichtsschmerzen vor
handen (
Urk.
7/91/9 f.
).
Aus psychiatrischer Sicht
sei die Beschwerdeführerin bewusstseinsklar und voll
ständig orientiert gewesen. Weder die Auffassungs- und Konzentrationsfähigkeit noch die Gedächtnisleistungen seien klinisch beeinträchtigt erschienen.
Die Beschwerdeführerin habe psychomotorisch leicht angespannt gewirkt; ihr Antrieb sei etwas herabgesetzt gewesen. Sie habe ein Belastungserleben vermittelt, aber nonverbal wenig Schmerzen demonstriert. In der Grundstimmung sei sie vorder
gründig ausgeglichen erschienen, habe prompt und flüssig geantwortet sowie eine gute affektive Modulierbarkeit bei unbelasteten Gesprächsinhalten gezeigt. Bei belastenden Themen habe sich auf der affektiven Ebene situationsadäquat ein Belastungsgeschehen mit trauriger Auslenkung
präsentiert
.
Die Beschwerdefüh
rerin habe zudem angegeben, dass bei vermehrten Schmerzzuständen Suizidge
danken aufträten, wobei keine Hinweise für eine akute Suizidalität bestanden hätten. Mit Blick auf die Persönlichkeitsstruktur hätten sich eher leistungsorien
tierte und potentiell zur Überforderung disponierende Züge im Sinne einer Akzentuierung gezeigt. Ins Zentrum gestellt worden seien die muskulären Schmerzbeschwerden. In diesem Kontext habe sich eine ausgeprägte innerpsy
chische Belastungs- und Konfliktdynamik in der Beziehung zum in Italien leben
den Ehemann gezeigt, von dem die Beschwerdeführerin getrennt lebe. Diese sei geeignet, zu einer erschwerten Schmerzverarbeitung zu führen (
Urk.
7/91/11 f.).
Ausgehend von diesen Befunden sei eine anhaltende somatoforme Schmerzstö
rung mit körperlichen und psychischen Faktoren zu diagnostizieren. Die geschil
derte Schmerzsymptomatik lasse sich nicht hinreichend im Rahmen eines körper
lichen Erkrankungsgeschehens erklären. Gleichzeitig sei
eine psychodynamisch wirksame Belastungs- und Konfliktdynamik vorhanden, welche das Schmerzge
schehen potentiell richtungsgebend verstärke. Die persönlichkeitsstrukturelle Akzentuierung mit hoher Leistungsbereitschaft und potentieller Überforderungs
tendenz erfülle nicht die Kriterien einer Persönlichkeitsstörung. Die zeitweise reaktiv depressive Entwicklung sei aktuell remittiert. Eine gewisse affektive Instabilität mit affektiven Schwankungen sei jedoch zu berücksichtigen
(
Urk.
7/91/13 f.).
Funktionell beeinträchtigt sei die Beschwerdeführerin hinsichtlich Dauerbelast
barkeit, Anpassungs- und Interaktionsfähigkeit sowie
situativer und interperso
neller Flexibilität. Aufgrund dessen und der erhobenen Psychopathologie bestehe sowohl für die bisherige Tätigkeit als Köchin als auch für optimal angepasste Tätigkeiten eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit.
Im Längsverlauf könne davon zeit
nah seit dem Ereignis vom 2
4.
Februar 2016 bis heute ausgegangen werden (
Urk.
7/91/17 f.).
3.6.3
Im Rahmen der rheumatologischen Untersuchung durch
Dr.
C._
habe die Beschwerdeführerin ihre Leiden nachvollziehbar und glaubhaft geschildert. Ein hoher Leidensdruck sei spürbar gewesen.
Die Schmerzintensität werde als ausge
sprochen hoch empfunden mit 7 von 10 auf einer VAS-Skala zwischen 0 und 10
(
Urk.
7/91/42 f.)
. Der klinische Befund habe den Schilderungen der Beschwerde
führerin entsprochen. Die Bewegungsprüfung der Wirbelsäule und der peripheren Gelenke sei absolut unauffällig gewesen, insbesondere auch im Bereich der Hals
wirbelsäule und der Schultergelenke. Dagegen habe sich eine ausgeprägte, dif
fuse, vorwiegend
myofasciale
Druckdolenz
am ganzen Körper
eruieren
lassen, inklusive aller Extremitäten sowie dem ventralen und dorsalen Stamm.
Die durchgeführten Laborabklärungen seien bis auf einen Eisenmangel
ohne Hinweis auf eine entzündliche rheumatische Erkrankung
durchwegs normal gewesen.
Die klinisch komplett unauffälligen Bewegungsprüfungen
wü
rden des Weiteren auch nur eine
teilweise Beteiligung der radiologisch festgestellten strukturellen Verän
derungen am aktuellen Beschwerdebild sehr unwahrscheinlich machen.
Insge
samt könne angesichts des auf keine klare somatische Ursache zurückzuführen
den generalisierten Schmerzsyndroms und den gleichzeitig beklagten, zahlreichen vegetativen Begleitsymptomen aus rein rheumatologischer Sicht die Diagnose eines Fibromyalgie-Syndroms bestätigt werden. Rückblickend habe sich diese im Rahmen einer pathologischen Unfall- und Schmerzverarbeitung entwi
ckelt
(Urk. 7/91/43).
Die bisherige Tätigkeit als Köchin sei rein stehend und mit häufigem, insbesondere auch körperfernem Hantieren von
bis zu
mittelschweren Lasten verbunden. Aufgrund der glaubhaften Schmerzerkrankung sei die Arbeits
fähigkeit trotz fehlender objektivierbarer organisch-struktureller Ursache deutlich eingeschränkt und betrage maximal 30-40
%
.
In einer körperlich leichten bis sel
ten mittelschweren, wechselbelastenden Tätigkeit ohne repetitiv-monotone Belastungen der Hände und Arme sowie ohne häufig zu hantierende Lasten über fünf Kilogramm
oder gelegentliche Einzellasten über 15 Kilogramm sei eine kör
perliche Arbeitsleistung von etwa 70
%
möglich (
Urk.
7/91/46).
3.6.4
Im interdisziplinären Konsens gelangten die Gutachter zum Schluss, dass
die Beschwerdeführerin in ihrer angestammten Tätigkeit als Köchin aus medizini
scher Sicht noch maximal zu 30-40
%
arbeitsfähig sei. In einer den rheumatolo
gischen Vorgaben optimal angepassten Tätigkeit sei eine Arbeitsfähigkeit von etwa 70
%
möglich. Die 30%ige Einschränkung ergebe sich insbesondere durch die Notwendigkeit von vermehrten Pausen. Von dieser Beurteilung sei
für den Zeitraum
von wenigen Wochen nach dem Ereignis vom 2
4.
Februar 2016 bis heute auszugehen (
Urk.
7/91/23 f.).
3.7
Aus dem Austrittsbericht der
H._
vom 2
6.
Oktober 2018 geht hervor, dass die Beschwerdeführerin zwecks Opiatentzugs bei Abhängigkeit von Opioid-Analgetika im Rahmen einer somatoformen Schmerzstörung vom 2
4.
August bis 2
0.
September 2018 hospitalisiert gewesen sei (
Urk.
7/100/7).
Psychopharmakologisch sei eine Reduktion
der Verwendung
des
Fentanyl
-Pflasters gelungen. Unter Dosisreduktionen habe die Beschwerde
füh
r
erin jeweils über vorübergehende Verschlechterungen der Schmerzsympto
matik geklagt, weshalb gelegentlich die orale Einnahme von
Targin
notwendig geworden sei. Die Schmerzen hätten sich
aber
jeweils wieder auf das Ausgangs
niveau eingependelt. Im Weiteren seien
psychoedukative
Gespräche
zur zugrun
deliegenden somatoformen Schmerzstörung durchgeführt worden (Urk. 7/100/9 f.).
3.8
Mit Bericht vom 2
9.
November 2018
attestierte
Dr.
G._
bei unveränderter Diagnose eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Die Beschwerdeführerin sei in ihrem Leben massiv eingeschränkt, könne ihren Haushalt sowie Arzt- und Therapiebe
suche nicht selbständig erledigen und sei auch für die Körperpflege teilweise auf die Hilfe ihrer Nicht
e
angewiesen. Sie nehme zudem verschiedene Therapien wahr, welche
jedoch
im Grossen und Ganzen wirkungslos seien. Hobbies und sozialen Kontakten könne sie krankheitsbedingt nicht nachgehen beziehungs
weise nicht pflegen (
Urk.
7/100/3).
4.
4.1
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin
ein
en Rentenanspruch der Beschwerdeführerin zu Recht verneint hat. In medizinischer Hinsicht stützte sie sich dabei zur Hauptsache auf das psychiatrisch-rheumatologische Gutachten der
Dres
.
B._
und
C._
vom 2
3.
Oktober 2018
(
Urk.
7/91), welchem sie volle Beweiskraft zuerkannte. Der Beschwerdeführerin ist mit Blick auf das psy
chiatrische Teilgutachten zwar beizupflichten, dass
das Bundesgericht mit BGE
143 V 418 (E. 6 und 7)
entschie
d, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind
.
Dr.
B._
nahm von psychiatrischer Seite
nicht explizit auf die massgeblichen Indikatoren (vgl.
diesbezüglich
E. 1.3.2 vorstehend) Bezug
.
Entscheidend ist allerdings, ob
im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des Einzelfalls mit seinen spezifischen Gegebenheiten und den erhobenen Rügen ein abschliessendes
Abstellen auf die vorhandenen Beweisgrundlagen vor Bundesrecht standhält (
vgl.
BGE 141 V 281 E. 8 unter Hinweis auf BGE 137 V 210 E. 6).
Mithin ist im konkreten Fall zu klären, ob die beigezogenen Gutachten – allenfalls zusammen mit weiteren fach
ärztlichen Berichten – eine schlüssige Beurteilung anhand der massgeblichen I
ndikatoren erlauben oder nicht
(vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E. 5.2.2 und 8C_300/2017 vom 1. Februar 2018 E. 4.2).
Wie sich aus den nachfolgenden Ausführungen ergibt, ist dies vorliegend
anhand der medizinische
n
Aktenlage
möglich.
4.2
4.2.1
Zum Komplex «Gesundheitsschädigung» ist festzuhalten, dass
Dr.
B._
bei der Beschwerdeführerin weder hinsichtlich Bewusstsein noch in Bezug auf die Orien
tierung oder die kognitiven Fähigkeiten Beeinträchtigungen feststellen konnte.
Den Antrieb beurteilte er als etwas herabgesetzt, die Psychomotorik als leicht ange
spannt.
Bei unbelasteten Gesprächsthemen zeigte sich eine vordergründig ausge
glichene Grundstimmung mit guter affektiver Modulierbarkeit. Bei belastenden Inhalten kam es zu traurigen Auslenkungen, wobei hintergründig eine emotionale Instabilität mit leichtgradiger depressiver Grundauslenkung deutlich wurde. Im Zentrum standen jedoch die anhaltenden, ausgeprägten und den ganzen Körper betreffenden muskulären Schmerzen mit Schwerpunkt in der linken Schulter sowie permanent beklagte Kopfschmerzen
. In diesem Zusammenhang schilderte die Beschwerdeführerin auch das Auftreten von Verzweiflung und Suizidgedanken (
Urk.
7/91/11 f.).
Der Schluss auf eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung mit körperlichen und psychischen Faktoren
erweist sich bei dieser Befundlage als nachvollziehbar.
Es leuchtet zudem ein, dass
die Beschwerdeführerin dadurch hinsichtlich Dauerbelastbarkeit, Anpassungs- und Interaktionsfähigkeit sowie situativer und interpersoneller Flexibilität eingeschränkt ist (
Urk.
7/91/17).
Insgesamt weist die Ausprägung
der
diagnoserelevanten
Befunde
zumindest
unter gewissen Gesichtspunkten
auf eine nicht mehr leichte psychische Erkran
kung hin, die
sich
grundsätzlich invalidisierend
auswirken
kann.
Entscheidend und zusätzlich zu prüfen ist rechtsprechungsgemäss allerdings, ob nach den übrigen Standardindikatoren auf einen funktionellen Schweregrad der psychischen Störung zu schliessen ist, der sich
nach dessen konkreten Auswir
kungen und insbesondere danach beurteilt, wie stark die versicherte Person in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen F
unktionsbereichen dadurch beein
trächtigt ist (BGE 143 V 418 E. 5.2.3).
4.2.2
Mit Blick auf den Gesichtspunkt der «Therapieresistenz» ist
anzumerken,
dass
keine Anhaltpunkte für eine vollständige Ausschöpfung aller
zumutbaren
Behandlungs
möglichkeiten vorliegen.
Dr.
B._
führte in diesem Kontext aus, dass die ambulant-psychosomatische Behandlung durch
Dr.
G._
prinzipiell zielführend und hilfreich sei.
Ergänzend solle aus fachärztlich psychiatrischer Sicht
die Option einer
interdisiziplinär
-stationär ausgerichteten, multimodalen
Schmerztherapie in einer geeigneten Klinik geprüft werden. Hierunter könne mit einer gewissen Wahr
scheinlichkeit eine Verbesserung im Umgang mit den Schmerzen sowie
bezüglich
der Akzeptanz des Schmerzgeschehens und der damit verbundenen Limitierungen erzielt werden.
Die Prognose sei
aufgrund der beginnenden
Chronifizierungsten
denzen
allerdings bereits kritisch (
Urk.
7/91/16
, 7/91/18
).
Auch dem Austrittsbe
richt der
H._
, wo die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Begutachtung hospi
talisiert war, ist keine Therapieresistenz zu entnehmen, wurden doch Empfehlun
gen zu Medikation und Psychotherapie etwa in dem Sinne abgegeben, dass Strategien zum besseren Umgang mit der Schmerzsymptomatik zu erlernen seien (
Urk.
7/100/11).
Zum Eingliederungserfolg respektive zur Eingliederungsresistenz ist festzuhalten,
dass
die Beschwerdeführerin seit ihrem Sturz am 2
4.
Februar 2016 keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgegangen ist
und keine Anstrengungen unternommen hat, um sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Berufliche Eingliede
rungsmassnahmen wurden seitens
der Beschwerdegegnerin nicht für angezeigt erachtet (
Urk.
7/39).
Im Beschwerdeverfahren beantragte die Beschwerdeführerin zwar deren Durchführung, betonte aber gleichzeitig, sich grundsätzlich nicht
arbeitsfähig zu fühlen
(
Urk.
1 S. 4).
Insgesamt kann jedenfalls nicht von einer Eingliederungsresistenz gesprochen werden.
4.2.3
In Bezug auf den Indikator «Komorbiditäten»
ist darauf hinzuweisen
, dass
aus psychiatrischer Sicht die anhaltende somatoforme Schmerzstörung mit körperli
chen und psychischen Faktoren klar im Vordergrund steht. Psychiatrische Komorbiditäten lagen im Zeitpunkt der Begutachtung nicht vor, da namentlich die Kriterien für eine depressive Episode nicht erfüllt waren.
In Bezug auf das von rheumatologischer Seite diagnostizierte generalisierte, vorwiegend
myofasziale
Schmerzsyndrom im Sinne einer Fibromyalgie mag auf den ersten Blick eine relevante somatische Begleiterkrankung vorliegen.
Bei genauerer Betrachtung handelt es sich bei diese
m Leiden
und der somatoformen Schmerzstörung im Kern jedoch um Beschwerdebilder, die bloss als diagnostisch unterschiedlich erfasste Varianten derselben Entität mit im Wesentlichen identischen Symptomen erscheinen. Diese bilden gemäss
bundesgerichtlicher Praxis von vornherein keine Komorbidität (BGE 141 V 281 E. 4.3.1.3 mit Hinweis).
4.2.4
Was den Komplex «Persönlichkeit» anbelangt, gilt es zu beachten, dass von gut
achterlicher Seite akzentuierte Persönlichkeitszüge festgestellt werden konnten.
Die Beschwerdeführerin sei
laut
Dr.
B._
eher leistungsorientiert
, wobei dies mit einer potentiellen Überforderungstendenz einhergehe.
Die Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung seien allerdings nicht erfüllt
(Urk.
7/91/12, 7/91/14).
Die
grundsätzlich
vorhandene Leistungsbereitschaft ist als positive Ressource
zu wer
ten
, was allerdings durch die Neigung zur Überforderung
wiederum
relativiert wird.
4.2.5
Zum sozialen Lebenskontext ist aktenkundig, dass
die Beschwerdeführe
rin
getrennt von ihrem Ehemann
allein in einer Mietwohnung lebt. Anlässlich der psychiatrischen Exploration führte sie aus, vor der Erkrankung sehr reichhal
tige soziale Kontakte gep
flegt zu haben, welche deutlich weniger geworden seien. Gleichwohl berichtete sie, immer noch viele Freunde zu haben, die sie zu Termi
nen begleiten oder abholen würden.
Des Weiteren reise sie regelmässig nach Italien, um ihre Eltern, ihre Tochter sowie ihr Enkelkind zu besuchen (
Urk.
7/91/10 f.). In Anbetracht dieser Gegebenheiten kann kein erheblicher krankheitsbedingter sozialer Rückzug erkannt werden.
Vielmehr pflegt die Beschwerdeführerin ihr intaktes familiäres und soziales Netz aktiv. Dieses stellt eine
sie stützende
Ressource dar
.
4.2.6
Im Kontext der beweisrechtlich entscheidenden Kategorie «Konsistenz» ist einer
seits
anzumerken, dass
Dr.
B._
keine Anhaltspunkte für Aggravations- oder Simulationstendenzen eruieren konnte. Gemäss den explorierten Angaben und den gewonnenen Eindrücken würden die subjektiven Einschränkungen
alle Lebensbereiche auf beruflicher und privater Ebene betreffen und hätten zu einer Veränderung der Lebens- und subjektiv empfundenen Persönlichkeitssituation geführt (
Urk.
7/91/17). Dieser fachärztlichen Einschätzung kann mit Blick auf die von der Beschwerdeführerin geschilderten Alltagsaktivitäten grundsätzlich
beigepflichtet
werden. So berichtete sie, dass ihre Stimmung sehr unterschiedlich sei
. Meistens sei ihr psychisches Befinden schlecht und sie habe keine Alltags
struktur. An solchen Tagen traue sie sich teilweise nicht alleine aus dem Haus und sei auf die Begleitung ihrer Nichte angewiesen. Sie erledige dann nur das Nötigste in ihrer Wohnung.
An besseren Tagen nehme sie Kontakt mit Freunden auf, backe mit diesen und pflege ihre Pflanzen
. Sie versuche zudem jeden Morgen, eine halbe Stunde zu laufen
(
Urk.
7/91/10 f.).
Erkennbar sind somit einerseits phasenweise krankheitsbedingte Einschränkungen in der Alltagsbewältigung. Andererseits wird
aber
auch deutlich,
dass die Beschwerdeführerin
an besseren Tagen durchaus über Ressourcen verfügt, um ihre Freizeit zu gestalten
inklusive der bereits erwähnten regelmässigen Reisen nach Italien
und
um ihre
Beziehun
g
en
zu Freunden sowie Verwandten
zu pflegen.
Dieses Aktivitätsniveau
steht in
einer
Diskrepanz zur von der Beschwerdeführerin geltend gemachten vollständi
gen Arbeitsunfähigkeit (vgl.
Urk.
1 S. 4).
Ein Leidensdruck i
st insofern ausgewiesen, als die
Beschwerdeführer
in
aufgrund der von ihr empfundenen Schmerzen seit
mehreren
Jahren in ärztlicher Behand
lung steht.
Dabei griff sie auch auf hochpotente Analgetika (
Fentanyl
) zurück, was
zuletzt
eine stationäre Entzugsbehandlung in der
H._
notwendig machte (vgl.
Urk.
7/100/7 ff.).
Die
ambulante
psychosomatische Behandlung bei
Dr.
G._
nimmt sie erst seit Juni 2018 in Anspruch
(vgl.
Urk.
7/91/53), wobei dem Umstand Rechnung zu tragen ist, dass die Beschwerdeführerin aus gut
achterlicher Sicht auf ein rein somatisches Erklärungsmodell fokussiert ist und eine psychische Komponente in der Ausgestaltung der Schmerzsituation nur schwer akzeptieren kann (
Urk.
7/91/17).
4.2.7
Zusammenfassend ergibt sich aus der Prüfung der Standardindikatoren und deren Gesamtwürdigung, dass insbesondere weder eine Therapie- oder Eingliederungs
resistenz noch eine ressourcenhemmende Persönlichkeitsstruktur vorliegen. Im sozialen Lebenskontext ist
k
ein
erheblicher
krankheitsbedingter Rückzug erkenn
bar; die Beschwerdeführerin pflegt nach wie vor Kontakte zu Familienmitgliedern sowie Freunden und
erfährt
von diesen
bei Bedarf
jeweils
auch
Unterstützung bei der
Bewältigung alltäglicher Aufgaben
. Für die Beurteilung ausschlaggebend ist schliesslich, dass zwar mit Blick auf die bis anhin wahrgenommenen Behandlun
gen ein Leidensdruck spürbar ist
,
e
ine
gleichmässige Einschränkung des Aktivi
tätenniveaus in allen
vergleichbaren Lebensbereichen ist allerdings nur teilweise ausgewiesen
. Bei dieser Ausgangslage bestehen insgesamt keine triftigen Gründe, die von
Dr.
B._
sowohl für die angestammte als für leidensadaptierte Tätig
keiten statuierte 70%ige Arbeitsfähigkeit
(
Urk.
7/91/18) in Zweifel zu ziehen.
Damit wurde den konkreten Gegebenheiten
in Abwägung
der vorhandenen
Belastungen und
Leistungsreserven
gebührend
Rechnung getragen
(vgl.
Urk.
7/91/17 f.)
.
4.2.8
Ergänzend bleibt zu betonen, dass
die medizinische Folgenabschätzung notge
drungen eine hohe Variabilität aufweist und unausweichlich Ermessenszüge trägt. Die psychiatrische Exploration eröffnet dem begutachtenden Psychiater daher praktisch immer einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und rechtlich zu respektieren sind, sofern der Experte lege artis vorgegangen ist (BGE 145 V 361 E. 4.1.2 mit Hinweisen).
Dass dem nicht so wäre, wird seitens der Beschwerde
führerin zu Recht nicht geltend gemacht.
Das Gutachten von Dr.
B._
beruht auf umfassenden psychiatrischen Abklärungen und wurde
in
detaillierter Kennt
nis sowie in Auseinandersetzung mit den Vorakten erstellt (vgl.
Urk.
7/91/2 ff., 7/91/15 f.).
Überdies wurden die von der Beschwerdeführerin geklagten Leiden berücksichtigt und die medizinischen Zusammenhänge sowie die Schlussfolge
rungen
in überzeugender Weise begründet. Insgesamt sind die vom Bundesgericht statuierten Kriterien für eine beweiswerte medizinische Expertise er
füllt (vgl. E.
1.4 vorstehend).
Daran vermag auch der von der Beschwerdeführerin erhobene Einwand der feh
lenden Durchführung einer Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit (EFL; vgl.
Urk.
1 S. 3) nichts zu ändern. Praxisgemäss besteht bei zuverlässiger ärztli
cher Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der Regel keine Notwendigkeit, die Rechtsfrage der Erwerbsunfähigkeit durch eine EFL zu überprüfen. Ausnahms
weise kann eine solche erforderlich sein, wenn mehrere involvierte Ärzte eine solche angesichts eines multiplen und schwierig einzuschätzenden Krankheitsbil
des ausdrücklich befürworten (Urteil des Bundesgerichts 8C_312
/2018 vom 2
1.
September 2018 E.
5.1 mit Hinweisen). Solche Umstände sind weder ersicht
lich noch werden sie geltend gemacht.
Abschliessend bleibt anzumerken, dass die Berichte von
Dr.
G._
vom
7.
September und 29. November 2018 (
Urk.
7/91/53 ff., 7/100/2 f.) ebenfalls keine konkreten Indizien enthalten, welche gegen die Zuverlässigkeit der psychiatrischen Teilexpertise sprechen.
Einerseits
verfügt
Dr.
G._
im Gegensatz zu Dr.
B._
über keine fachärztliche Quali
fikation im Bereich
Psychiatrie und Psychotherapie, weshalb seine Einschätzung der Arbeitsfähigkeit aus versicherungsmedizinischer Sicht grundsätzlich nicht verwertbar ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_695/2019 vom 1
8.
Dezember 2019 E. 4.3 mit Hinweisen).
Andererseits ist der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen, dass behandelnde Arztpersonen mitunter im Hinblick auf ihre auftrags
rechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientin
nen und Patienten aussagen (
BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc
).
Vorbe
halten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die anderslautenden Einschätzungen wichtige – und nicht rein subjektiver Inter
pretation entspringende – Aspekte benennen, die bei der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteil des Bundesgerichts 8C_677/2014 vom 2
9.
Oktober 2014 E. 7.2 mit Hinweisen, u.a. auf SVR 2008 IV Nr. 15 S. 43 E. 2.2.1 [I 514/06])
. Solche Gesichtspunkte sind den beiden Berichten von
Dr.
G._
, welcher sich ohnehin
nicht
eingehend
mit der Beurteilung
d
es psychiatrischen Gutachter
s
auseinandergesetzt hat,
nicht zu entnehmen.
4.3
Die rheumatologische Teilexpertise von
Dr.
C._
wurde von beiden Parteien nicht substantiiert in Zweifel gezogen (vgl.
Urk.
1 S. 4,
Urk.
2/1 S. 1 f.).
Auch diese
wurde im Wissen um die relevanten Vorakten erstellt (vgl. Urk. 7/91/
28 ff.). Des Weiteren fand
unter Berücksichtigung
der
von der Beschwerdeführerin geklagten Leiden (
Urk.
7/91/36 f.) eine umfassende klinische Untersuchung
statt
, w
obei auch eine
Labor
analyse veranlasst
wurde (Urk.
7/91/39 f.).
Auf der Grundlage der erhobenen Befunde schloss
Dr.
C._
in nach
vollziehbarer Weise auf die Hauptdiagnose einer Fibromyalgie. So war das gene
ralisierte Schmerz
bild weder aus rheumatologischer noch aus internistischer Sicht erklärbar; die Bewegungsprüfung der Wirbelsäule und der peripheren Gelenke ergab keine Auffälligkeiten
. Es
leuchtet ein, dass von einer ganz wesentlichen nicht-organischen Ursache der chronischen Schmerzproblematik ausgegangen wurde (
Urk.
7/91/45).
Ob
allein angesichts
der als glaubhaft eingestuften Schmerzerkrankung
trotz feh
lender objektivierbarer organisch-struktureller Befunde auf
die von
somatischer Seite attestierte Arbeitsunfähigkeit
von 60-70
%
in der angestammten Tätigkeit als Köchin abgestellt werden kann (
Urk.
7/91/46),
erscheint zwar fraglich, kann aber
offen
bleiben.
Da die Beschwerdeführerin
gehalten
ist, die ihr verbliebene Arbeitsfähigkeit in zumutbarer Weise auszuschöpfen, ist im Ergebnis die von
beiden
Gutachtern
jeweils
eigenständig
attestierte Arbeits
fähigkeit von 70
%
für leidensadaptierte Tätigkeiten
massgeblich, welche auch in die interdisziplinäre
Beurteilung Eingang fand (Urk.
7/91/24).
5.
Ausgehend von den obigen Erwägungen ist der Invaliditätsgrad zu bestimmen.
In diesem Zusammenhang hat die Beschwerdegegnerin zu Recht einen Einkom
mensvergleich vorgenommen (
Urk.
7/93), welcher von der Beschwerdeführerin nicht in Zweifel gezogen wurde.
Es besteht denn auch keine Veranlassung, in dieser Hinsicht korrigierend einzugreifen. Namentlich ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin bei der Festlegung beider Vergleichseinkommen
auf die
Tabellenwerte der
Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik (LSE
2016
) zurückgegriffen hat, da die Beschwerdeführerin ihre letzte Anstellung als Köchin bei der
Z._
aus wirtschaftlichen Gründen verloren (vgl.
Urk.
7/28/1) und seither keine Erwerbstätigkeit mehr aufgenommen hat.
Auf der Basis eines Valideneinkommens
von
Fr.
52'714.50 und ei
nes Invalideneinkom
mens von Fr.
38'359.60
resultiert ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 27.23 % respektive 27
%
([
Fr.
52'714.
50 .
/.
Fr.
3
8'359.60] * 100 /
Fr.
52'714.50
).
6.
Soweit die Beschwerdeführerin um die Gewährung beruflicher Massnahmen ersucht
, bleibt festzuhalten, dass
i
m verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfah
ren grundsätzlich nur Rechtsverhältnisse zu überprüfen beziehungsweise zu beurteilen
sind
, zu denen die zuständige Verwaltungsbehörde vorgängig verbind
lich – in Form einer Verfügung beziehungsweise eines Einspracheentscheids – Stellung genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung beziehungsweise der Einspracheentscheid den beschwerdeweise weiterziehbaren Anfechtungsgegen
stand. Umgekehrt fehlt es an einem Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und insoweit keine Verfügung beziehungsweise kein Einspracheentscheid ergangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1; 125 V 413 E. 1a).
Die Beschwerdegegnerin teilte der Beschwerdeführerin
bereits mit Schreiben vom
3.
November 2017 mit, dass keine
beruflichen
Eingliederungsmassnahmen ange
zeigt seien (
Urk.
7/39). Eine beschwerdefähige Verfügung wurde in der Folge nicht verlangt. In der angefochtenen Verfügung prüfte die Beschwerdegegnerin
nurmehr
den Rentenanspruch; zu einem allfälligen Anspruch auf Eingliederungs
massnahmen nahm sie nicht erneut verbindlich Stellung. Praxisgemäss mangelt es somit an einem Anfechtungsgegenstand, weshalb in diesem Punkt auf die Beschwerde nicht einzutreten ist.
7.
Zusammenfassend
erweist sich die angefochtene Verfü
gung vom 1
1.
Februar 2019 (
Urk.
2
/1
) als rechtens,
da die Beschwerdeführerin mangels eines Invalidi
tätsgrades von mindestens 40
%
keinen Anspruch auf eine Rente der Invaliden
versicherung hat. Die Beschwerde ist abzuweisen
, soweit auf sie einzutreten ist.
8
.
Da die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen zu prüfen war, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfah
rensaufwand sowie unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69 Abs. 1
bis
IVG) und ermessensweise auf
Fr.
700.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen, infolge der ihr
gewährten unentgeltlichen Prozessführung (vgl. Urk. 8) jedoch einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
D
ie
Beschwerdeführer
in
ist zur Nachzahlung der Auslagen für die unentgeltliche
Prozessführung
verpflichtet, sobald
sie
dazu in der Lage ist (
§
16
Abs.
4
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht
, GSVGer
).