Decision ID: 2546dfdc-96c9-5257-9aad-d27aaf2fa185
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Afghanistan gemäss eigenen Angaben am
21. November 2015. Am 28. Dezember 2015 reiste er in die Schweiz ein
und suchte am folgenden Tag um Asyl nach. Am 14. Januar 2016 wurde er
im Empfangs- und Verfahrenszentrum zur Person befragt (BzP). Die Vor-
instanz hörte den Beschwerdeführer am 18. September 2018 sowie am
21. September 2018 zu seinen Asylgründen an.
Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er sei afghani-
scher Staatsbürger und gehöre der (...) Ethnie an. Er stamme aus
B._, Distrikt C._, Provinz D._. Nach Abschluss der
(...) im Jahr 20(...) habe er eine sechsmonatige militärische Ausbildung in
E._ absolviert. In der Folge sei er während (...) Jahren für eine mi-
litärische Spezialeinheit in F._ im Einsatz gewesen, welche mit den
Amerikanern zusammengearbeitet habe. Er habe den Rang eines (...) be-
ziehungsweise (...) innegehabt und rund (...) Soldaten geführt. Aufgrund
der Lage um G._ im Jahr 20(...) sei seine Einheit dorthin verlegt
worden. Damit habe er sich in seiner Heimatregion befunden, in welcher
die Taliban verbreitet seien. Diese hätten ihm eine Warnung zukommen
lassen und ihn als Verräter bezeichnet. Eines Abends – er habe Urlaub
gehabt – sei er auf der Strasse angehalten und derart zusammengeschla-
gen worden, dass er (...) in Spitalpflege habe verbringen müssen. Im Rah-
men der Kämpfe um G._ habe er im September 20(...) bei einem
Einsatz in H._ den Talibanführer I._ – einen ehemaligen
Schulkameraden – und einen seiner Soldaten bei einem nächtlichen Hin-
terhalt verletzt und verhaftet. Nach zehn Tagen sei er nach G._ zu-
rückgekehrt. 17 Tage später habe ihm sein Vater telefonisch mitgeteilt, er
habe einen Brief des «(...)» erhalten und solle nach Hause kommen. Er
habe deshalb beim Kommandanten um Urlaub ersuchen wollen. Da dieser
nicht vor Ort gewesen sei, habe er ihn erst 14 oder 15 Tage später spre-
chen können. Der Kommandant habe ihm einen Urlaubsschein ab dem fol-
genden Tag ausgestellt. Noch bevor er habe weggehen können, sei
G._ von den Taliban gestürzt und alle Wege seien gesperrt worden;
die Stadt sei «zu» gewesen. Die Gefangenen – darunter auch I._ –
seien freigekommen. Im Rahmen der Kämpfe um G._ sei er nach
J._ verlegt worden. Dort habe er einen Anruf von I._ erhal-
ten, welcher ihm und seiner Familie mit dem Tod gedroht habe. Erneut
habe er um Urlaub gebeten, welcher ihm indes nicht bewilligt worden sei.
Da er seine Familie habe beschützen wollen, habe er am (...) 2015 seine
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Einheit unerlaubt verlassen, indem er sich mit dem (...) nach E._
begeben habe. Er habe Geld bei der Bank abgehoben, sich zivile Kleider
gekauft und sei in sein Dorf zu einem Freund gegangen. Dort habe er von
seinem Vater telefonisch erfahren, dass er vom Kommandanten zu Hause
gesucht worden sei. Auch habe er einen weiteren Drohanruf der Taliban
erhalten. Mitte November sei ein Anschlag mit einer (...) auf das Haus sei-
ner Familie verübt worden. Drei Stunden später sei er nach Hause zu sei-
ner Familie gegangen und habe mit dieser über einen Weggang diskutiert.
Nach einer Unterhaltung seines Vaters mit den Dorfältesten habe die Fa-
milie ihr Hab und Gut in einem Tag verkauft und zwei Tage nach dem An-
schlag das Dorf verlassen. Unterwegs sei er von seiner Familie getrennt
worden.
Schliesslich führte der Beschwerdeführer aus, sein Dienst sei ihm «heilig»
gewesen. Wegen seines Dienstes habe er seine ganze Familie ins Elend
gebracht.
Als Beweismittel gab er unter anderem diverse Dokumente betreffend
seine Ausbildungen, seine militärische Tätigkeit sowie Personalien, einen
Drohbrief und diverse Fotografien zu den Akten. Ferner legte er einen me-
dizinischen Bericht von Dr. med. K._, (...), vom 26. Juli 2018 sowie
von Assistenzarzt L._, (...), vom 22. August 2018 ins Recht.
B.
Mit Verfügung vom 26. Oktober 2018 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
such ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz, schob den Vollzug
jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
In den Erwägungen wurde ferner festgehalten, dem anlässlich der Anhö-
rung gestellten Antrag auf Korrektur des Geburtsdatums beziehungsweise
Änderung des Eintrages im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) werde entsprochen und als Geburtsdatum der (...) erfasst.
C.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 26. November 2018 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft anzuerken-
nen und ihm Asyl zu gewähren. Ferner sei ihm die unentgeltliche Rechts-
pflege zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu
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verzichten und die Unterzeichnete als amtliche Rechtsbeiständin einzuset-
zen.
Als Beweismittel gab er insbesondere diverse Unterlagen zu seiner militä-
rischen Tätigkeit, einen Drohbrief, diverse Aufnahmen von seinen militäri-
schen Einsätzen sowie zwei Zeitungsartikel zu den Akten.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 6. Dezember 2018 hiess die Instruktionsrich-
terin – unter Vorbehalt der Nachreichung der Fürsorgebestätigung innert
angesetzter Frist – das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege gut, ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte die bevoll-
mächtigte Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ein. Zudem lud
sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung innert Frist ein.
E.
In der Vernehmlassung vom 20. Dezember 2018 beantragt die Vorinstanz
sinngemäss die Abweisung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde
dem Beschwerdeführer am 11. Januar 2019 zur Kenntnisnahme zugestellt.
F.
Am 9. Januar 2019 ging beim Gericht der Nachweis betreffend die Fürsor-
geabhängigkeit des Beschwerdeführers ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016
3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die verfügte Wegweisung. Der Wegweisungs-
vollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Beschwerde-
führer zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufge-
nommen hat.
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3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken.
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2).
5.
Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an
das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht-
lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG stand.
Zur Begründung führt die Vorinstanz aus, im Zusammenhang mit der gel-
tend gemachten Tätigkeit für die afghanische Armee habe der Beschwer-
deführer anlässlich der BzP und der späteren Anhörung unterschiedliche
Angaben gemacht und seine diesbezüglichen Schilderungen seien sub-
stanzlos geblieben. Er habe nicht glaubhaft machen können, er werde we-
gen seiner militärischen Tätigkeit verfolgt oder habe begründete Furcht, in
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Zukunft flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgung ausgesetzt zu sein. Be-
züglich seiner geltend gemachten Desertion sei festzuhalten, dass er diese
anlässlich der BzP trotz entsprechender Nachfrage nicht erwähnt habe und
die Ausführungen betreffend die angebliche Suche nach ihm undifferen-
ziert ausgefallen seien. Sodann seien die geltend gemachten Probleme mit
dem Vorgesetzten beziehungsweise dem Sicherheitskommandanten
ebenfalls nicht glaubhaft ausgefallen.
6.
In der Rechtsmitteleingabe macht der Beschwerdeführer vorab geltend, bei
der Würdigung seiner Aussagen sei insbesondere der Zeitraum zwischen
der BzP und den Anhörungen, der psychische Druck sowie seine allge-
meine psychische Verfassung zu berücksichtigen. Zudem habe er die an
der BzP anwesende Farsi sprechende Dolmetscherin offensichtlich nicht
verstanden und sei anlässlich der Befragung angehalten worden, sich kurz
zu fassen. Er habe sodann insbesondere seine militärischen Einsätze ein-
drücklich und glaubhaft schildern können und die von ihm geltend ge-
machte telefonischen Drohungen durch die Taliban seien ebenfalls sub-
stantiiert und persönlichkeitsbezogen vorgetragen worden. Auch liessen
sich die von ihm geschilderte Attacke auf offener Strasse sowie der Angriff
auf seine Eltern zum bereits Vorgebrachten in einen logischen Zusammen-
hang bringen. Er habe seine Motivation für seine Desertion, das Verlassen
des Militärstützpunktes und die darauffolgende Suche nach ihm glaubhaft
beschreiben können. Ferner sei zu erwähnen, dass der Kommandant, mit
welchem er sich zerstritten habe, ein Cousin von I._, dem Taliban-
führer, sei. Im Übrigen habe die Vorinstanz keine eigentliche Beweiswürdi-
gung vorgenommen.
Schliesslich sei festzuhalten, dass er aufgrund seiner unbestrittenen lang-
jährigen Tätigkeit für die afghanische Armee ein geschärftes Risikoprofil
aufweise.
7.
In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, der Umstand, dass im an-
gefochtenen Entscheid versehentlich davon ausgegangen worden sei, der
tätliche Angriff auf den Beschwerdeführer auf offener Strasse habe sich in
G._ und nicht während seines Heimaturlaubes ereignet, vermöge
an der grundsätzlichen Einschätzung der Unglaubhaftigkeit der geltend ge-
machten Bedrohungslage nichts zu ändern.
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8.
8.1 Soweit in der Rechtsmitteleingabe vorgebracht wird, der Beschwerde-
führer habe anlässlich der BzP die Farsi sprechende Dolmetscherin offen-
sichtlich nicht verstanden, ist festzuhalten, dass er an der Befragung er-
klärte, die Dolmetscherin gut zu verstehen, ihm das Protokoll rückübersetzt
wurde und er unterschriftlich bestätigte, dieses entspreche seinen Aussa-
gen (vgl. SEM-Akten A5/12 S. 2 und 9). Dass er die Dolmetscherin offen-
sichtlich nicht verstanden habe, kann nicht festgestellt werden und wird in
der Rechtsmitteleingabe auch nicht näher dargelegt. Auch die anlässlich
der Anhörung gemachten Bemerkungen des Beschwerdeführers zur BzP
lassen eher darauf schliessen, dass allfällige Unstimmigkeiten nicht auf
Verständigungsprobleme zurückzuführen sind, erklärt er doch, dass er un-
erfahren gewesen sei, sich nicht gut gefühlt und ungefähre Angaben ge-
macht habe (vgl. SEM-Akten A26/20 F3).
Aufgrund des Ausgeführten kann nicht festgestellt werden, die Verfahrens-
rechte des Beschwerdeführers wären durch die Vorinstanz verletzt worden.
8.2 Die Vorinstanz stützt den abweisenden Entscheid zu einem erhebli-
chen Teil darauf, dass der Beschwerdeführer zahlreiche Elemente seiner
Fluchtgeschichte anlässlich der BzP noch unerwähnt gelassen und erst
anlässlich der Anhörung vorgebracht habe.
Hierzu ist vorab festzuhalten, dass der Beschwerdeführer anlässlich der
BzP dazu angehalten wurde, seine Fluchtgeschichte in wenigen Sätzen
darzulegen. Während seinen Ausführungen wurde er unter Hinweis auf die
grosse Anzahl von Gesuchstellern abermals dazu angehalten, sich auf das
Wesentliche zu beschränken (vgl. SEM-Akten A5/12 Ziff. 7.01). Insofern ist
nicht zu beanstanden, dass er bei seinen Vorbringen anlässlich der BzP
nach der zweiten Aufforderung, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren,
im Kern lediglich mitteilte, dass er im Dienste der afghanischen Armee ge-
standen und ihm dies Probleme mit der Taliban-Miliz eingebracht habe.
Beim Umstand, dass er trotz expliziter Frage anlässlich der BzP, ob er
Probleme mit den heimatlichen Behörden gehabt habe, den Sachverhalts-
komplex rund um die Desertion erst anlässlich der Anhörung vorbrachte,
ist zu berücksichtigen, dass der Desertion für sich genommen keine flücht-
lingsrechtliche Relevanz beizumessen ist (vgl. BVGE 2015/3 E. 5, Urteil
des BVGer E-2939/2020 vom 15. Juli 2020 E. 7.5.1 f.). Diesbezüglich kann
ihm nicht vorgehalten werden, er habe ein flüchtlingsrechtlich relevantes
Element zu Beginn des Verfahrens nie erwähnt. Insbesondere geht aus der
Anhörung hervor, dass die Desertion für ihn beziehungsweise für seine
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Fluchtgeschichte von untergeordneter Bedeutung war (vgl. SEM-Akten
A26/20 F80 ff.). Gleiches gilt für die – teilweise lückenhaften – Vorbringen
im Zusammenhang mit dem Sicherheitskommandanten, wobei zusätzlich
zu berücksichtigen ist, dass er anlässlich der Anhörung angehalten wurde,
sich diesbezüglich kurz zu halten (vgl. SEM-Akten A26/20 F83 ff.).
Mit der Vorinstanz ist insofern übereinzustimmen, dass es dem Beschwer-
deführer vereinzelt Mühe bereitet, seine Vorbringen kohärent in den Ge-
samtkontext seiner Fluchtgeschichte einzubetten, die Erzähldichte sowie
Substantiiertheit seiner Vorbringen bisweilen variieren und er auf konkrete
Fragen nicht immer konkrete Antworten erteilt (vgl. zum Beispiel SEM-Ak-
ten A26/20 F86). Nichtsdestotrotz gelingt es ihm – auch unter Berücksich-
tigung der Vielzahl der Ereignisse und der relativen Komplexität seiner
Fluchtgeschichte – insgesamt ein in sich stimmiges und nachvollziehbares
Bild zu zeichnen, welches auch mit den allgemein bekannten Verhältnissen
im Land übereinstimmt. Namentlich die Ausführungen zu seiner militäri-
schen Tätigkeit fallen überzeugend aus (vgl. zum Beispiel die Schilderung
des Einsatzes im Zusammenhang mit der Festnahme des I._: SEM-
Akten A33/14 F26 ff.). Auch lassen sich seine Ausführungen ohne Weiteres
mit der Schlacht um G._ im Jahre 20(...) zeitlich in plausibler Weise
in Einklang bringen. Die Vorinstanz hat die militärische Tätigkeit denn auch
nicht in Frage gestellt und die substantiierten Vorbringen zur Dienstzeit sind
durch eine Vielzahl von Beweismitteln abgestützt.
Unter weiterer Berücksichtigung, dass Angehörige der afghanischen Ar-
mee – insbesondere wenn sie mit ausländischen Streitkräften zusammen-
gearbeitet haben – bekanntermassen einem erhöhten Risiko von Verfol-
gung durch die Taliban ausgesetzt sein können (vgl. Urteil des BVGer
D-2879/2018 vom 7. Mai 2020 E. 7.4.2) sowie dem Umstand, dass insbe-
sondere die Schilderungen des Beschwerdeführers betreffend den (...) auf
sein Familienhaus sowie die darauffolgenden Reaktionen seines Umfeldes
plausibel und substantiiert ausgefallen sind (vgl. SEM-Akten A26/20 F81 f.
sowie A33/14 F7 ff.), kann das Gericht die Zweifel der Vorinstanz, dass
zwischen dem Anschlag und der militärischen Tätigkeit des Beschwerde-
führers tatsächlich ein Zusammenhang bestand, nicht teilen.
Angesichts des Ausgeführten ist für das Gericht glaubhaft dargelegt, dass
der Beschwerdeführer aufgrund seines Dienstes in der afghanischen Ar-
mee in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise in den Fokus der Taliban-Miliz
geraten und schliesslich aus der Armee desertiert ist.
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9.
9.1 Befürchtungen, künftig staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt zu werden, sind nur dann asylrelevant, wenn begründeter Anlass zur
Annahme besteht, eine Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft verwirklichen. Eine bloss ent-
fernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete
Indizien vorliegen, welche den Eintritt der erwarteten – und aus einem der
vom Gesetz aufgezählten Motive erfolgenden – Benachteiligung als wahr-
scheinlich und dementsprechend die Furcht davor als realistisch und nach-
vollziehbar erscheinen lassen. Ob eine begründete Furcht vor künftiger
Verfolgung vorliegt, ist aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu
beurteilen. Es müssen hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in der gleichen Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Die objektive Betrachtungsweise ist durch das vom Betroffenen
bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fäl-
len zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausge-
setzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht
(vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1 m.w.H.).
9.2 Aus dem Grundsatz der Subsidiarität des internationalen Schutzes
ergibt sich, dass eine Person, die nur in einem Teil des Landes verfolgt wird
und sich in eine andere, sichere Region begeben kann, keinen internatio-
nalen Schutz benötigt. Wirken sich die Benachteiligungen nur lokal, nicht
aber im ganzen Staatsgebiet aus und ist der Heimatstaat in der Lage und
willens, dem Betroffenen in anderen Landesteilen wirksamen Schutz vor
Verfolgung zu gewähren, so kann dem Asylsuchenden das Vorliegen einer
innerstaatlichen Flucht- beziehungsweise Schutzalternative entgegenge-
halten werden (vgl. BVGE 2011/51 m.w.H.).
10.
Wie bereits unter der vorstehenden Ziffer ausgeführt, können Angehörige
der afghanischen Armee einem erhöhten Risiko vor Verfolgung ausgesetzt
sein (vgl. die oben zitierte Rechtsprechung). Die entsprechende Gefahr hat
sich beim Beschwerdeführer bereits vor seiner Ausreise konkret realisiert.
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Die Situation in Afghanistan wurde im Referenzurteil E-5800/2016 vom
13. Oktober 2017 als Bürgerkrieg charakterisiert, wobei unter anderem auf
den in den vergangenen Jahren gewachsenen Einfluss der Taliban hinge-
wiesen wurde (vgl. a.a.O. E. 7.3 f.). Dieser Einfluss dürfte – auch mit Blick
auf den im Frühjahr 2020 beschlossenen sukzessiven Abzug der amerika-
nischen Streitkräfte (vgl. New York Times, How the Taliban Outlasted a Su-
perpower: Tenacity and Carnage; 26. Mai 2020, < https://www.ny-
times.com/2020/05/26/world/asia/taliban-afghanistan-war.html; besucht
am 28. Juli 2020) – keine Schmälerung erfahren haben. Sodann kann nicht
von der Schutzfähigkeit des afghanischen Staates und aufgrund der lan-
desweiten Tätigkeit der Taliban nicht vom Vorhandensein einer innerstaat-
lichen Schutz- beziehungsweise Fluchtalternative ausgegangen werden
(vgl. Referenzurteil des BVGer E-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 7.4
sowie aus neuerer Zeit die Urteile des BVGer E-4196/2018 vom 16. Okto-
ber 2019 E. 8 sowie D-2879/2018 vom 7. Mai 2020 E. 7.6). Insgesamt be-
steht für den Beschwerdeführer nach wie vor begründete Furcht bei einer
Rückkehr in das Heimatland von Seiten des politischen und ideologischen
Gegners – den Taliban – in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt zu
werden. (Zu den einzelnen Begriffen vgl. das unter E. 4 Ausgeführte).
11.
Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. Anhaltspunkte für
das Vorliegen von Asylausschlussgründen im Sinne von Art. 53 AsylG ge-
hen aus den Akten nicht hervor, weshalb die Vorinstanz anzuweisen ist,
ihm Asyl zu gewähren (Art. 49 AsylG). Die Wegweisung und die vorläufige
Aufnahme fallen somit dahin.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten auzuferlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Damit ist die mit Zwischenverfügung vom
6. Dezember 2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung und folglich
auch die unentgeltliche Rechtsverbeiständung gegenstandslos geworden.
12.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
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Die Rechtsvertreterin reichte mit Schreiben vom 26. November 2018 eine
Kostennote ein. Insgesamt weist sie einen zeitlichen Aufwand von 13.75
Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 200.– sowie Spesen in der Höhe
von Fr. 20.– aus. Der geltend gemachte Zeitaufwand erweist sich als zu
hoch und ist auf zwölf Stunden zu reduzieren. Im Übrigen erscheint der
deklarierte Aufwand als angemessen. Dem Beschwerdeführer ist somit
durch die Vorinstanz ein Betrag von Fr. 2'420.– auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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