Decision ID: ff4f7e89-7e1a-53f5-92aa-fba2d4281fa1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Schweizerische Ausgleichskasse (nachfolgend: SAK oder Vor-
instanz) sprach A._ (nachfolgend: Versicherter oder Beschwerde-
führer) mit Verfügung vom 14. August 2019 ab dem 1. September 2019
eine ordentliche Altersrente zu (Akten der Vorinstanz [act.] 34).
A.b Gegen die Verfügung vom 14. August 2019 erhob der Versicherte mit
Eingabe vom «17. Dezember 2020» (Poststempel der kosovarischen Post:
17. Januar 2020; Eingang bei der SAK: 23. Januar 2020) Einsprache
(act. 35).
A.c Mit Verfügung vom 5. März 2020 trat die SAK auf die Einsprache nicht
ein, weil die Einsprache nach Ablauf der gesetzlichen Einsprachefrist und
somit verspätet erfolgt sei (act. 37).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 5. März 2020 erhob der Versi-
cherte mit Eingabe vom 5. Oktober 2020 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht (Akten im Beschwerdeverfahren [BVGer act.] 1).
B.b Die Vorinstanz beantragte mit Vernehmlassung vom 25. Januar 2021,
es sei auf die Beschwerde nicht einzutreten (BVGer act. 5).
B.c Mit Instruktionsverfügung vom 28. Januar 2021 wurde der Schriften-
wechsel vorbehältlich weiterer Instruktionsmassnahmen per 8. Februar
2021 abgeschlossen (BVGer act. 6).
B.d Mit Instruktionsverfügung vom 12. Februar 2021 wurde die Vorinstanz
aufgefordert, dem Bundesverwaltungsgericht bis zum 15. März 2021 den
Zustellbeleg für den Einspracheentscheid vom 5. März 2020 einzureichen
(BVGer act. 8).
B.e Die Vorinstanz teilte mit Schreiben vom 15. März 2021 mit, dass eine
postalische Nachforschung zeitlich auf die letzten 6 Monate ab Versand
des Schreibens limitiert sei und sie aus diesem Grund von der Post keinen
Zustellbeleg für den Einspracheentscheid vom 5. März 2020 erhalten habe
(BVGer act. 9).
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C.
Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften ist – soweit
erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bildet der
Einspracheentscheid vom 5. März 2020, mit welchem die Vorinstanz auf
die Einsprache gegen die Verfügung vom 14. August 2019 nicht eingetre-
ten ist.
2.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 85bis Abs. 1 AHVG
[SR 831.10]). Der Beschwerdeführer ist durch den angefochtenen Ein-
spracheentscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen
Aufhebung, womit er zur Erhebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 59
ATSG [SR 830.1]).
3.
Zu prüfen ist zunächst, ob die Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht
rechtzeitig eingereicht worden ist.
3.1 Die Beschwerde ist innerhalb von 30 Tagen nach der Eröffnung des
Einspracheentscheides einzureichen (vgl. Art. 60 Abs. 1 ATSG). Schriftli-
che Eingaben müssen grundsätzlich spätestens am letzten Tag der Frist
der Behörde eingereicht oder zu deren Handen der Schweizerischen Post
oder einer schweizerischen diplomatischen oder konsularischen Vertre-
tung übergeben werden (vgl. Art. 60 Abs. 2 i.V.m. Art. 39 Abs. 1 ATSG;
Art. 21 Abs. 1 VwVG). Nach der Rechtsprechung genügt die Aufgabe der
Sendung bei einer ausländischen Poststelle – anderslautende staatsver-
tragliche Bestimmungen vorbehalten – für die Wahrung der Rechtsmittel-
frist nicht. Um sich gegenüber einer im Ausland wohnhaften Person auf die
in Art. 21 Abs. 1 VwVG (bzw. Art. 39 Abs. 1 ATSG) enthaltene Regel beru-
fen zu können, wonach eine Beschwerdeschrift der Schweizerischen Post
zu übergeben ist, muss die Verwaltung jedoch diese Gesetzesbestimmung
in der Rechtsmittelbelehrung wörtlich wiedergeben, andernfalls auf die Be-
schwerde als Folge unrichtiger Rechtsmittelbelehrung einzutreten ist,
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wenn sie innert Frist bei der ausländischen Post aufgegeben wurde (Urteil
des BGer 9C_339/2008 vom 27. Mai 2008 E. 2.2 mit weiteren Hinweisen).
3.2 Das Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft
und der Republik Kosovo über soziale Sicherheit (SR 0.831.109.475.1;
nachfolgend: Sozialversicherungsabkommen Schweiz-Kosovo) ist am
1. September 2019 in Kraft getreten und ist vorliegend in zeitlicher, sachli-
cher und persönlicher Hinsicht anwendbar (vgl. Art. 2 und 3 Sozialversi-
cherungsabkommen Schweiz-Kosovo). Im Allgemeinen wird in den Staats-
verträgen festgelegt, dass bei Wohnsitz im ausländischen Vertragsstaat die
Eingabe bei der zuständigen Stelle des ausländischen Wohnsitzstaats die
Frist wahrt. Artikel 27 des Sozialversicherungsabkommens Schweiz-Ko-
sovo sieht – analog zu anderen von der Schweiz geschlossenen Sozialver-
sicherungsabkommen – vor, dass Gesuche, Erklärungen und Rechtsmittel,
die in Anwendung der Rechtsvorschriften eines Vertragsstaats innert einer
bestimmten Frist beim zuständigen Träger dieses Vertragsstaats einzu-
reichen sind, als fristgerecht eingereicht gelten, wenn sie innert der glei-
chen Frist beim zuständigen Träger des anderen Vertragsstaats einge-
reicht werden (Abs. 2). Der zuständige Träger, welcher Gesuche, Erklärun-
gen oder Rechtsmittel erhält, übermittelt diese unverzüglich an den zustän-
digen Träger des anderen Vertragsstaats, unter Angabe des Eingangsda-
tums des Schriftstücks (Abs. 3). In solchen Fällen ist die Aufgabe einer Be-
schwerde bei einer ausländischen Poststelle der Aufgabe bei einer schwei-
zerischen Poststelle gleichzustellen (vgl. UELI KIESER, ATSG-Kommentar,
4. Aufl. 2020, Art. 39, Rz. 18; SVR1998 IV Nr. 19 mit Hinweisen; BGE 125
V 503 E. 4c; Urteil des BVGer C-2054/2012 vom 9. Oktober 2014 E. 1.4.2).
3.3 Die Feststellung von Tatsachen, welche für die (den Fristenlauf auslö-
sende) Eröffnung der Verfügung erheblich sind, erfolgt mit Blick auf die Ei-
genheiten der Massenverwaltung anhand des Beweisgrades der überwie-
genden Wahrscheinlichkeit. Nur mit Bezug auf Tatsachen, die für die
Rechtzeitigkeit im gerichtlichen Verfahren ausschlaggebend sind, ist der
volle Beweis erforderlich; dieser kann praktisch nur mit einem förmlichen
Zustellnachweis erbracht werden. Im Verwaltungsverfahren massgebend
ist also der Geschehensablauf mit der grössten Wahrscheinlichkeit. Im Be-
streitungsfall kann die Tatsache oder das Datum der Zustellung einer nicht
eingeschriebenen Verfügung nicht allein anhand des üblichen administra-
tiven Ablaufs als erstellt betrachtet werden. Hingegen kann der Nachweis
aufgrund weiterer Indizien oder gestützt auf die Gesamtumstände erbracht
werden; so kann sich aus der Zahlung der Forderung, aus der Korrespon-
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denz, aus dem Verhalten der versicherten Person oder aus Zeugenaussa-
gen ergeben, dass und wann die Verfügung eröffnet worden ist. Da die
verfügende Behörde die materielle Beweislast hinsichtlich der Zustellung
sowie ihres Zeitpunktes trägt, ist im Zweifel auf die Darstellung des Emp-
fängers abzustellen (Urteil des BGer 9C_348/2009 vom 27. Oktober 2009
E. 2.1; BGE 136 V 295 E. 5.9; 124 V 400 E. 2a; 103 V 63 E. 2a).
3.4 Der vorinstanzliche Einspracheentscheid vom 5. März 2020 wurde mit
eingeschriebener Post an den Beschwerdeführer versandt (act. 37). Die
Vorinstanz vermochte den entsprechenden Zustellbeleg der Post nicht bei-
zubringen. Folglich ist auf die Darstellung des Beschwerdeführers abzu-
stellen, wonach er den Einspracheentscheid vom 5. März 2020 erst am
28. September 2020 erhalten habe (BVGer act. 1). Die 30-tägige Be-
schwerdefrist begann demnach am 29. September 2020 zu laufen und en-
dete am 28. Oktober 2020.
3.5 Der Beschwerdeführer übergab seine Beschwerdeschrift nachweislich
am 5. Oktober 2020 der kosovarischen Post (Briefumschlag zu BVGer
act. 1). Die Sendung gelangte gemäss Sendungsverfolgung am 29. Okto-
ber 2020 in die Schweiz (vgl. BVGer act. 11), mithin einen Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist. Aufgrund des im vorliegenden Fall anwendbaren So-
zialversicherungsabkommens Schweiz-Kosovo war jedoch die Übergabe
der Beschwerdeschrift am 5. Oktober 2020 an die kosovarische Post frist-
wahrend.
3.6 Hinzu kommt, dass die Rechtsmittelbelehrung im vorinstanzlichen Ein-
spracheentscheid vom 5. März 2020 widersprüchlich und unvollständig ist.
So wurde in der Rechtsmittelbelehrung zwar der Wortlaut von Art. 39
Abs. 1 ATSG wiedergegeben und darauf hingewiesen, dass die fristge-
rechte Übergabe an eine ausländische Post nicht genüge. Gleichzeitig
wurde aber auch auf Artikel 27 des Sozialversicherungsabkommens
Schweiz-Kosovo verwiesen und angeführt, dass eine Eingabe als fristge-
recht eingereicht gelte, «wenn sie innerhalb derselben Frist bei einer ent-
sprechenden Stelle des anderen Staates eingereicht» werde. Um eine voll-
ständige Information des Beschwerdeführers zu erreichen, hätte er des
Weiteren auch über das Recht orientiert werden müssen, sich in einer im
Kosovo anerkannten Amtssprache zu äussern (vgl. Art. 26 Abs. 2 Sozial-
versicherungsabkommen Schweiz-Kosovo; BGE 124 V 47 E. 4). Dass der
angefochtene Einspracheentscheid keine klare und vollständige Rechts-
mittelbelehrung enthält, hatte zur Folge, dass der Beschwerdeführer nicht
von sämtlichen Möglichkeiten zur Wahrung der Beschwerdefrist Kenntnis
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hatte. Dieser Fehler der Verwaltung darf ihm jedoch nicht nach dem Grund-
satz, dass Rechtsunkenntnis schadet, angelastet werden (vgl. Urteil C-
2054/2012 E. 1.4.2 a.E.; Urteil des BGer 9C_755/2013 vom 11. Juli 2014
E. 2; BGE 125 V 65 E. 4).
3.7 Somit ist auf die frist- und formgerecht (Art. 52 Abs. 1 VwVG) einge-
reichte Beschwerde vom 5. Oktober 2020 einzutreten.
4.
Im Folgenden bleibt zu prüfen, ob die Einsprache des Beschwerdeführers
gegen die Verfügung vom 14. August 2019 verspätet war und die Vor-
instanz auf die Einsprache zu Recht nicht eingetreten ist.
4.1 Die Verfügung vom 14. August 2019 wurde dem Beschwerdeführer mit
normaler Post direkt an seine Adresse im Kosovo zugesandt (act. 34). Ein
förmlicher Zustellnachweis liegt nicht vor. Andere Hinweise für den Zeit-
punkt des genauen Versands und der effektiven Zustellung der Verfügung
vom 14. August 2019 sind in den Akten nicht zu finden. Der Beschwerde-
führer hat erst mit Eingabe vom 17. Januar 2020 Bezug auf die genannte
Verfügung genommen (act. 35). Damit bleibt unklar, wann der Beschwer-
deführer effektiv Kenntnis von der genannten Verfügung erlangte und die
Einsprachefrist zu laufen begann. Da die Vorinstanz die materielle Beweis-
last hinsichtlich der Zustellung sowie ihres Zeitpunktes trägt, die Tatsache
oder das Datum der Zustellung einer nicht eingeschriebenen Verfügung
nicht allein anhand des üblichen administrativen Ablaufs als erstellt be-
trachtet werden kann (vgl. E. 3.3 vorstehend) und im Zusammenhang mit
Zustellungen ins Ausland Verzögerungen durchaus denkbar sind, muss da-
von ausgegangen werden, dass die Einsprache des Beschwerdeführers
rechtzeitig erfolgt ist.
4.2 Hinzu kommt, dass die Zustellung eines gerichtlichen Schriftstücks o-
der einer Verwaltungsverfügung im Ausland – vorbehältlich einer anders-
lautenden staatsvertraglichen Bestimmung oder eines anderweitigen Ein-
verständnisses des betroffenen Staates – auf dem diplomatischen oder
konsularischen Weg zu erfolgen hat (BGE 124 V 47 E. 3a; vgl. auch Urteil
des BVGer C-6346/2008 vom 18. Mai 2010 E. 5), soweit es sich nicht um
eine Mitteilung rein informativen Inhalts handelt, die keine Rechtswirkun-
gen nach sich zieht und deshalb direkt per Post zugestellt werden darf. Ein
anderes Vorgehen verstösst gegen Völkerrecht (BGE 136 V 295 E. 5.1 und
124 V 47 E. 3b; siehe auch die Verfügung des Eidgenössischen Versiche-
rungsgericht K 18/04 vom 18. Juli 2006 E. 1.2 sowie das Urteil des BVGer
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C-2887/2011 vom 17. Oktober 2012 E. 3.2). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung sind die Folgen einer in Verletzung des Territorialitätsprin-
zips bzw. Völkerrechts erfolgten direkten postalischen Zustellung anhand
der Umstände des Einzelfalles zu prüfen. Als Grundsatz ist davon auszu-
gehen, dass eine mangelhafte Eröffnung die Anfechtbarkeit der Verfügung
nach sich zieht, wobei das Verfassungsprinzip des Verhaltens nach Treu
und Glauben und gesetzliche Konkretisierungen davon die Berufung auf
den Eröffnungsmangel begrenzen. Nichtigkeit im Sinne einer absoluten
Unwirksamkeit einer Verfügung wird hingegen nur in Ausnahmefällen an-
genommen (vgl. Urteil des BGer 2C_827/2015 vom 3. Juni 2016 E. 3.3 f.,
nicht publiziert in BGE 142 II 411; Urteile des BVGer C-3448/2016 vom
9. Januar 2018 E. 4.5 und C-4046/2016 vom 1. November 2017 E. 4.2.1).
4.3 Das Sozialversicherungsabkommen Schweiz-Kosovo, welches den di-
rekten Schriftverkehr (Art. 26 Abs. 1) und die direkte Zustellung von Ent-
scheiden (Art. 28) erlaubt, ist erst am 1. September 2019 in Kraft getreten.
Folglich hätte die noch vor Inkrafttreten dieses Abkommens ergangene
Verfügung vom 14. August 2019 auf dem diplomatischen oder konsulari-
schen Weg zugestellt werden müssen. Die direkte Zustellung der Verfü-
gung vom 14. August 2019 stellt somit einen Eröffnungsmangel dar, der im
vorliegenden Fall zumindest die Anfechtbarkeit der Verfügung zur Folge
hat. Die Einsprache gegen diese per Post versandte Verfügung ist deshalb
selbst dann zulässig, wenn sie verspätet erfolgt ist, da infolge mangelhafter
Eröffnung dieser Verwaltungsakt keinerlei Rechtswirkungen entfaltete.
4.4 Nach dem Gesagten ist die Vorinstanz zu Unrecht nicht auf die Ein-
sprache des Beschwerdeführers eingetreten. Die Beschwerde ist gutzu-
heissen und der angefochtene Einspracheentscheid vom 5. März 2020 ist
aufzuheben. Die Sache ist an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie auf
die Einsprache eintrete und materiell darüber entscheide.
5.
5.1 Das Verfahren ist kostenlos (Art. 85bis Abs. 2 erster Satz AHVG).
5.2 Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden
Partei von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr er-
wachsene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen
(Art. 64 Abs. 1 VwVG). Da der obsiegende Beschwerdeführer vorliegend
nicht anwaltlich vertreten ist und ihm aufgrund der Aktenlage auch keine
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notwendigen, verhältnismässig hohen Kosten entstanden sind, wird ihm
keine Parteientschädigung zugesprochen.