Decision ID: d62751f8-9f24-5785-b637-982f7e0d1179
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 18. Oktober 2012 um Gewährung von
Asyl in der Schweiz. Mit Verfügung vom 28. August 2014 stellte das dama-
lige Bundesamt für Migration (BFM; heute: SEM) fest, er erfülle die Flücht-
lingseigenschaft, und gewährte ihm Asyl in der Schweiz.
B.
Nach der erfolgten Asylgewährung wurde dem Beschwerdeführer eine aus-
länderrechtliche Aufenthaltsbewilligung erteilt, welche Bestand hat. Auf sein
Gesuch hin wurde ihm sodann ein Schweizer Reiseausweis ausgestellt.
Dieser Ausweis wäre noch bis zum 12. November 2019 gültig gewesen.
Der Beschwerdeführer gelangte am 10. Oktober 2019 über das Migrations-
amt des Kantons B._ ans SEM und ersuchte um Ausstellung eines
neuen Ausweises.
C.
Nur eine Woche später gelangte der Beschwerdeführer direkt an die Vor-
instanz, wobei er dem SEM in seiner Eingabe vom 17. Oktober 2019 unter
dem Titel "Rückzug Asylgesuch/Aufenthaltsbewilligung gemäss Ausländer-
recht" und Untertitel "Betreffend: Asylgesuch vom 18. Oktober 2012" sowie
unter Vorlage einer Fotokopie seiner ausländerrechtlichen Aufenthaltsbe-
willigung das Folgende mitteilte (Hervorhebungen gemäss Eingabe):
"Zur Untermauerung unseres Gesuches ich möchte Ihnen die folgenden
Angaben machen und mein Asylgesuch zurückziehen gleichzeitig ich bitte
Sie gemäss Ausländerrecht mit Aufenthaltsbewilligung weiterhin in
der Schweiz Bleiben zu dürfen.
Ich bin in der Schweiz ein anerkannter Flüchtling und seit 2012 ich in der
Schweiz und zurzeit ich besitze eine Aufenthaltsbewilligung B
Aus privaten Gründen ich möchte mein Asylgesuch zurückziehen und ich
möchte mit Ausländerrecht mit Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz in der
Schweiz bleiben
Aus oben genanntem Grund hiermit ziehe ich mein Asylgesuch zurück, da-
mit ich mit Ausländerrecht und Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz Blei-
ben kann.
Mein Reiseausweis ist bereits beim SEM Zweck Verlängerung liegt.
Ausweisschriften mir zurück senden.
Ich bitte Sie mir bestätigen.
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Seite 3
Wir bitten Sie um Ihr Verständnis
Mit freundlichen Grüssen
[eigenhändige Unterschrift]
A._
Beilage: Reiseausweis liegt Zweck Verlängerung beim SEM"
D.
Diese Eingabe wurde vom SEM als Erklärung betreffend den Verzicht auf
das Asyl und die Flüchtlingseigenschaft entgegengenommen. Dement-
sprechend bestätigte das SEM dem Beschwerdeführer mit Feststellungs-
verfügung vom 20. November 2019 (eröffnet am 21. November 2019) das
Folgende: Er habe mit Schreiben vom 17. Oktober 2019 mitgeteilt, dass er
aus privaten Gründen auf das ihm in der Schweiz gewährte Asyl und seine
Flüchtlingseigenschaft verzichte. Gemäss Art. 64 Abs. 1 Bst. c AsylG
(SR 142.31) erlösche das Asyl in der Schweiz, wenn der Flüchtling darauf
verzichte. Das SEM nehme von seinem freiwilligen Verzicht Kenntnis.
Diese Erklärung bedeute, dass er künftig nicht mehr dem AsylG unterstehe,
sondern den für ausländische Personen in der Schweiz geltenden Bestim-
mungen des Ausländer- und Integrationsgesetzes (AIG; SR 142.20). Nach
diesen Ausführungen stellte das SEM zuhanden des Beschwerdeführers
förmlich fest, dass das ihm gewährte Asyl erloschen sei und er nicht mehr
als Flüchtling im Sinne des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) gelte. Im Anschluss daran stellte
das SEM ebenso fest, dass der ihm gestützt auf die FK ausgestellte Rei-
seausweis eingezogen werden müsse, da er der FK nicht mehr unterstehe.
Der Reiseausweis befinde sich [jedoch] bereits bei den Akten. Mit der Fest-
stellungsverfügung wurde dem Beschwerdeführer der von ihm anlässlich
der Gesucheinreichung eingereichte Geburtsregisterauszug zurückgege-
ben.
E.
Im Zeitpunkt des Erlasses der Feststellungsverfügung hatte das SEM
allerdings den am 10. Oktober 2019 ersuchten neuen Schweizer Reise-
ausweis bereits an den Beschwerdeführer verschickt. Vor diesem Hinter-
grund verfügte das SEM am 22. November 2019 zusätzlich die Rückgabe
des neuen Reiseausweises. Dieser Entscheid wurde dem Beschwerdefüh-
rer am 25. November 2019 eröffnet, worauf er den neuen Reiseausweis
noch am gleichen Tag beim Migrationsamt des Kantons B._ zurück-
gab.
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Seite 4
F.
Am 19. Dezember 2019 gelangte der Beschwerdeführer – handelnd durch
den rubrizierten Rechtsvertreter respektive dessen Substitutin und vorab
per Telefax – ans SEM, wobei er dringend um Gewährung von Aktenein-
sicht ersuchte. Im Anschluss daran fand zwischen den Parteien ein Aus-
tausch statt, in welchem das SEM die Rechtsvertretung auf die Möglichkeit
der Einreichung eines Gesuches um Wiedereinsetzung in den früheren
Rechtszustand verwies (vgl. dazu die Akten).
G.
Am 23. Dezember 2019 gelangte der Beschwerdeführer – wiederum han-
delnd durch seine Rechtsvertretung – mit einer Eingabe unter dem Titel
"Gesuch um Feststellung des Asyls und der Flüchtlingseigenschaft" ans
SEM, in der er um Wiedereinsetzung des Zustandes vor Erlass der [Fest-
stellungs-]Verfügung vom 20. November 2019 ersuchte. In seiner Eingabe
beantragte er die vollumfängliche Aufhebung sowohl der [Feststellungs-]-
Verfügung vom 20. November 2019 (1.) als auch der Verfügung vom
22. November 2019 betreffend seinen Reiseausweis (2.), verbunden mit
der Feststellung, dass seine Flüchtlingseigenschaft und das ihm gewährte
Asyl immer noch bestehe (3.), eventualiter die erneute Feststellung seiner
Flüchtlingseigenschaft und eine erneute Gewährung von Asyl (4.), sube-
ventualiter den Erlass einer beschwerdefähigen Verfügung (5.). In pro-
zessualer Hinsicht ersuchte er darum, seinem Gesuch die aufschiebende
Wirkung zu erteilen, wie auch darum, das Migrationsamt des Kantons
B._ unverzüglich vorsorglich anzuweisen, von jeglichen Vollzugs-
handlungen Abstand zu nehmen (6.).
Im Rahmen seiner Gesucheingabe macht der Beschwerdeführer nach Be-
kräftigung seiner aus dem Asylverfahren bekannten Gesuchsgründe zur
Hauptsache geltend, bei seiner Eingabe vom 17. Oktober 2019 habe es
sich nicht um eine formell gültige Asylverzichtserklärung im Sinne von
Art. 64 Abs. 1 Bst. c AsylG gehandelt. Die Eingabe sei zunächst in einer
äusserst unbeholfenen Form und schlechtem Deutsch, mithin von einer
offensichtlich rechts- und sprachunkundigen Person verfasst worden. Auch
habe er in dem Schreiben gar nicht formuliert, dass er auf seine Flücht-
lingseigenschaft oder sein Asyl verzichte. In seiner Eingabe habe er viel-
mehr lediglich erwähnt, dass er sein Gesuch zurückziehen wolle, was aber
rechtlich gar nicht mehr möglich sei. Damit könne seine Erklärung von
vornherein keine rechtliche Wirkung entfalten. Das Schreiben vom 17. Ok-
tober 2019 sei zudem äusserst unklar formuliert. So dränge sich gar der
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Verdacht auf, dass er mit dieser Eingabe vielmehr auf Erteilung einer Nie-
derlassungsbewilligung abgezielt habe. Vor dem Hintergrund dieser Um-
stände hätte das SEM zwingend abklären müssen, was sein wahrer Wille
sei. Das sei zu Unrecht unterblieben. Nach diesen Ausführungen machte
der Beschwerdeführer geltend, er sei darüber hinaus auch gar nicht urteils-
fähig gewesen, als er die Eingabe eingereicht habe. Er habe sich nämlich
in einem psychischen Ausnahmezustand befunden, da er zu jenem Zeit-
punkt davon ausgegangen sei, seine einzige noch lebende Verwandte
liege im Sterben. In diesem Zusammenhang sei seine psychische Vorge-
schichte zu berücksichtigen, mithin gerade auch die Diagnosen gemäss
dem bei den Akten liegenden Bericht vom 12. Oktober 2013, wonach er an
einer ernsthaften und schweren depressiven Episode und einer posttrau-
matischen Belastungsstörung gelitten habe. Schliesslich sei er gerade
auch deshalb in den früheren Rechtszustand wiedereinzusetzen, da im Zu-
sammenhang mit dem Schreiben vom 17. Oktober 2019 vom Vorliegen ei-
nes rechtserheblichen [Erklärungs-]Irrtums auszugehen sei. Es sei nämlich
nie seine Absicht gewesen, auf seine Flüchtlingseigenschaft zu verzichten.
Er habe sich vielmehr in einer Notlage befunden und lediglich darum ersu-
chen wollen, als Flüchtling ausnahmsweise in seine Heimat zurückkehren
zu können, um seine kranke Tante zu besuchen. Zum gewählten Vorgehen
sei ihm von einem Bekannten geraten worden, ohne dass ihm (dem Be-
schwerdeführer) die Rechtsfolge klar gewesen wäre. Schliesslich sie ihm
aufgrund seiner mangelnden Deutschkenntnisse auch der Inhalt seines
Schreibens gar nicht klar gewesen. In dem Sinne sei sein Fall ganz ähnlich
gelagert wie der im BVGer-Urteil D-6909/2006 vom 19. August 2008 beur-
teilte Sachverhalt. Sein Irrtum sei schliesslich als wesentlich zu qualifizie-
ren, da er sein Schreiben nie so eingereicht hätte, wäre er sich der Rechts-
folgen bewusst gewesen. Da er sich weiterhin vor einer Rückkehr nach Sri
Lanka fürchte, habe er tatsächlich gar keine Schritte in Richtung der Orga-
nisation einer Reise in die Heimat unternommen. Damit sei auch das ob-
jektive Kriterium für die Annahme eines wesentlichen Irrtums erfüllt.
Für die weiteren Ausführungen in der Eingabe vom 23. Dezember 2019
(Begründung des Eventualantrages) kann auf die Akten verwiesen werden.
H.
Vom SEM wurde diese Eingabe als Gesuch um Wiedereinsetzung in den
früheren Rechtszustand entgegengenommen und das Gesuch mit Verfü-
gung vom 23. Januar 2020 (eröffnet am 24. Januar 2020) abgelehnt, weil
aufgrund der Aktenlage nicht davon auszugehen sei, dass sich der Be-
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schwerdeführer bei Abgabe seiner Erklärung vom 17. Oktober 2019 in ei-
nem wesentlichen Irrtum – mithin einem Grundlagenirrtum – befunden
habe. Für die vorinstanzliche Begründung im Einzelnen kann, soweit nicht
nachfolgend darauf eingegangen wird, auf die Akten verwiesen werden.
I.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 24. Februar
2020 – handelnd durch seine Rechtsvertretung – Beschwerde. In seiner
Eingabe beantragte er die Aufhebung der angefochtenen Verfügung (1.)
und Rückweisung der Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklä-
rung und neuem Entscheid (2.), eventualiter sei festzustellen, dass seine
Flüchtlingseigenschaft und das ihm gewährte Asyl immer noch bestehe,
und die Vorinstanz zur Wiedereinsetzung in den früheren Rechtszustand
anzuweisen (3.), subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, ein neues
Asylverfahren durchzuführen, wobei seine Flüchtlingseigenschaft erneut
festzustellen und ihm erneut Asyl zu gewähren respektive festzustellen sei,
dass der Wegweisungsvollzug unzulässig und unzumutbar sei (4.). In pro-
zessualer Hinsicht ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden Wirkung
der Beschwerde, nach vorsorglicher Anordnung vollzugshemmender
Massnahmen (5.), sowie um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht und
Ausrichtung einer Parteientschädigung (6.).
Auf die Beschwerdebegründung wird – soweit wesentlich – nachfolgend
eingegangen.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 2. März 2020 wurde das Gesuch um Befreiung
von der Kostenvorschusspflicht abgewiesen, weil der Beschwerdeführer
gemäss Aktenlage nicht bedürftig sei. Gleichzeitig wurde er zur Zahlung
eines Kostenvorschusses innert Frist aufgefordert, unter Androhung des
Nichteintretens im Unterlassungsfall (Art. 63 Abs. 4 VwVG).
Am 17. März 2020 ersuchte der Beschwerdeführer um eine wiedererwä-
gungsweise Aufhebung dieser Zwischenverfügung, weil sich seine finan-
ziellen Verhältnisse in der Zwischenzeit zufolge Verlust seiner Arbeitsstelle
massgeblich verschlechtert hätten. Gleichzeitig reichte er ein nachträgli-
ches Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG) ein.
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Der Beschwerdeführer wurde in der Folge aufgefordert, innert Frist voll-
ständige Angaben zu seinen gesamten Einkommens- und Vermögensver-
hältnissen zu machen und entsprechende Belege nachzureichen (vgl. Zwi-
schenverfügung vom 4. Mai 2020). Dieser Aufforderung kam er mit Ein-
gabe vom 18. Mai 2020 nach, wobei er gleichzeitig ein nachträgliches Ge-
such um Gewährung der amtlichen Verbeiständung (nach Art. 102m Abs. 1
AsylG [SR 142.31]) einreichte.
Mit Zwischenverfügung vom 16. Juni 2020 wurde dem nachträglichen Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege entsprochen und
auf die Erhebung des einverlangten Kostenvorschusses verzichtet. Auch
dem nachträglichen Gesuch um amtliche Verbeiständung wurde entspro-
chen. Dabei wurde dem Beschwerdeführer antragsgemäss der rubrizierte
Rechtsvertreter beigeordnet. Das SEM wurde sodann zur Vernehmlassung
eingeladen (Art. 57 Abs. 1 VwVG).
K.
Im Rahmen seiner Vernehmlassung vom 14. August 2020 hielt das SEM
an der angefochtenen Verfügung fest. Auf den Inhalt der vorinstanzlichen
Vernehmlassung wird – soweit wesentlich – nachfolgend eingegangen.
L.
Nachdem er zur Replik eingeladen worden war, hielt der Beschwerdeführer
mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 26. August 2020 an der Be-
schwerde fest. Auf den diesbezüglichen Inhalt der Replikeingabe wird
– soweit wesentlich – nachfolgend eingegangen. Mit der Replik wurde eine
Kostennote der Rechtsvertretung zu den Akten gereicht. Gleichzeitig wur-
den die Angaben zur Einkommenssituation des Beschwerdeführers aktua-
lisiert.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden (Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer hat am Verfah-
ren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die angefochtene Verfü-
gung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren
Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der
Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist da-
her – unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung – einzutreten.
Der Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ergibt sich aus jenem der
angefochtenen Verfügung. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet
daher einzig die Frage, ob das SEM das Gesuch um Wiedereinsetzung in
den früheren Rechtszustand zu Recht abgelehnt hat. Materielle Fragen
dazu, ob der Beschwerdeführer aufgrund seines persönlichen Hintergrun-
des nach wie vor die Flüchtlingseigenschaft erfüllt und ob er von daher
Anspruch auf eine (erneute) Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft und
Asylgewährung hat, sind demgegenüber nicht zu prüfen. Daher ist auf das
Subeventualbegehren nicht einzutreten, mit dem der Beschwerdeführer für
den Fall eines Unterliegens in der Hauptsache verlangt, dass das Gericht
das SEM anzuweisen habe, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und
ihm Asyl zu gewähren, eventualiter das SEM anzuweisen habe, wegen Un-
zulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges seine vorläu-
fige Aufnahme in der Schweiz anzuordnen (vgl. dazu auch die diesbezüg-
liche Begründung [Beschwerde, Ziff. 3.3]).
2.
2.1 Im Rahmen seiner Beschwerdeeingabe beantragt der Beschwerdefüh-
rer die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sa-
che an die Vorinstanz, weil das SEM seinen Anspruch auf das rechtliche
Gehör verletzt habe. Diese formelle Rüge ist vorab zu behandeln, da sie
gegebenenfalls zu einer Kassation der Verfügung führen könnte.
2.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
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wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
Der Beschwerdeführer macht unter Bezugnahme darauf geltend, sein An-
spruch auf das rechtliche Gehör sei verletzt, weil sich das SEM in der an-
gefochtenen Verfügung lediglich mit der Frage nach dem Vorliegen eines
Grundlagenirrtums auseinandergesetzt habe. Damit hätten seine weiteren
Begehren und diesbezüglichen Vorbringen – namentlich dazu, dass gar
kein formell gültiger Asylverzicht vorgelegen habe, dass er auch urteilsun-
fähig gewesen sei und sich in einer psychischen Ausnahmesituation befun-
den habe – keine Auseinandersetzung erfahren. Auch habe das SEM sei-
nen neuen Asylantrag mit keinem Wort erwähnt. Der Umstand, dass sich
das SEM mit all dem nicht auseinandergesetzt habe, wiege besonders
schwer, weil das SEM schon im Vorfeld seiner Feststellungsverfügung not-
wendige Abklärungsmassnahmen unterlassen habe.
2.3 Aufgrund der Aktenlage ist festzustellen, dass diese Rügen nicht zu
überzeugen vermögen. So hat das SEM im Rahmen der angefochtenen
Verfügung zunächst alle für eine allfällige Wiedereinsetzung potentiell re-
levanten Gesuchsvorbringen ausgewiesen (vgl. Verfügung des SEM vom
23. Januar 2020, S. 1 dritter Absatz und S. 2 erster Absatz). Alleine der
Umstand, dass es an dieser Stelle den Eventualantrag des Beschwerde-
führers betreffend die erneute Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft
und eine erneute Gewährung von Asyl nicht erwähnt hat, schadet nicht, da
das SEM an dieser Stelle vorab und zugleich auch einzig über das Gesuch
um Wiedereinsetzung in den früheren Rechtszustand zu entscheiden hatte.
In diesem Sinne weist das SEM im Rahmen seiner Vernehmlassung zu
Recht darauf hin, dass sich die Frage nach der Prüfung des neuen Asylge-
suches nicht stellt, solange betreffend das Gesuch um Wiedereinsetzung
noch kein rechtskräftiger Entscheid vorliegt. Dem hat der Beschwerdefüh-
rer in seiner Replikeingabe nichts entgegnet. In seiner Entscheidbegrün-
dung ist das SEM sodann auf die Vorbringen des Beschwerdeführers ein-
gegangen, wobei es sich in seiner Erwägungen zur Sache mit diesen in
genügender Weise auseinandergesetzt hat. Dem SEM ist kein Vorhalt zu
machen, dass es sich dabei schwergewichtig mit der Frage auseinander-
gesetzt hat, ob sich der Beschwerdeführer – wie von ihm geltend gemacht
– auf einen Grundlagenirrtum berufen könne. Das SEM hat nämlich in die-
sem Zusammenhang zugleich mit hinreichender Deutlichkeit ausgewiesen,
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dass es die anderen Vorbringen des Beschwerdeführers – zum einen jenes
betreffend das angebliche Nicht-Vorliegen einer rechtsgültigen Verzichts-
erklärung und zum andern jenes über dessen angebliche Urteilsunfähigkeit
– als bloss vorgeschoben erachtet (vgl. a.a.O., S. 2 letzter Absatz).
2.4 Nach dem Gesagten können die Vorbringen betreffend eine angebli-
che Verletzung des Anspruchs auf das rechtliche Gehör nicht überzeugen.
Da im Weiteren auch sonst kein Grund ersichtlich ist, der eine Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz als angezeigt erscheinen liesse, ist das
entsprechende Begehren abzuweisen.
3.
3.1 Gemäss Art. 64 Abs. 1 Bst. c AsylG erlischt das Asyl in der Schweiz,
wenn die Flüchtlinge darauf verzichten. Das Erlöschen von Asyl setzt damit
zunächst eine entsprechende Verzichtserklärung und ausserdem, wie jede
Handlung, die rechtliche Wirkungen herbeiführen soll, die Urteilsfähigkeit
des Erklärenden voraus (vgl. hierzu BVGer E-7456/2015 vom 2. Februar
2016 E. 3.1). Die Verzichtserklärung selbst ist grundsätzlich unwiderruflich
und bedingungsfeindlich. Der Beweggrund des Verzichts ist dabei irrele-
vant (vgl. BVGer D-1221/2021 vom 23. August 2021 E. 3.1 m.w.H.).
3.2 Im Rahmen seiner materiellen Beschwerdevorbringen macht der Be-
schwerdeführer geltend, er habe mit dem Schreiben vom 17. Oktober 2019
keine Verzichtserklärung bezüglich Asyl oder Flüchtlingseigenschaft abge-
geben. Da es kein laufendes Asylverfahren mehr gegeben habe, könne die
Aussage, er ziehe sein Asylgesuch zurück, keine Wirkung entfalten. Es fehle
also bereits an einer ausdrücklichen Verzichtserklärung. Ausserdem müsse
von der Urteilsunfähigkeit des Beschwerdeführers im Zeitpunkt des Verfas-
sens des Schreibens ausgegangen werden und schliesslich sei jedenfalls
vom Vorliegen eines rechtserheblichen Grundlagenirrtums auszugehen.
4.
4.1 Da der Beschwerdeführer bestreitet, überhaupt eine Verzichtserklä-
rung bezüglich seines Asylstatus oder der Flüchtlingseigenschaft ausge-
sprochen zu haben, ist zunächst auf diese Frage einzugehen. Dabei drängt
sich jedoch eine Differenzierung zwischen Asyl und Flüchtlingseigenschaft
auf.
4.2 Art. 64 AsylG regelt das Erlöschen des Asyls im Absatz 1 und das Er-
löschen von Asyl und Flüchtlingseigenschaft im Absatz 3. Da also im Ab-
satz 1 – im Gegensatz zum Absatz 3 des gleichen Artikels – allein vom
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Seite 11
Erlöschen des Asyls und nicht auch der Flüchtlingseigenschaft die Rede
ist, stellt sich zunächst die Frage, ob sich der Verzicht im Sinne von Art. 64
Abs. 1 Bst. c AsylG tatsächlich auch auf die Flüchtlingseigenschaft bezie-
hen kann.
4.3 Art. 64 ist in seinem Wortlaut grundsätzlich klar, indem er in Abs. 1 aus-
drücklich und einzig vom Erlöschen des Asyls spricht. Es ist denn auch im
Zusammenhang mit Bst. e des Abs. 1 – anders als beim Verzicht – unbe-
strittene Praxis, dass das Erlöschen bei Landesverweisung nach StGB o-
der MStG allein das Asyl betrifft (vgl. etwa E-4976/2021 vom 9. Dezember
2021 E. 5.1 und D-1594/2021 vom 15. April 2021). Auch aufgrund der Sys-
tematik ist zu schliessen, dass der Gesetzgeber sich in Abs. 1 nur auf das
Erlöschen des Asyls, nicht aber der Flüchtlingseigenschaft bezieht, wird
letzteres doch explizit im Abs. 3 geregelt. Art. 63 AsylG differenziert sodann
ebenfalls klar, indem er in Abs. 1 von Asylwiderruf oder Aberkennung der
Flüchtlingseigenschaft spricht, in Abs. 2 hingegen lediglich vom Asylwider-
ruf. Vor diesem Hintergrund scheint fraglich, ob Art. 64 Abs. 1 Bst. c AsylG
überhaupt als gesetzliche Grundlage für das Erlöschen der Flüchtlingsei-
genschaft herangezogen werden kann.
4.4 Klarheit ergibt sich auch nicht aufgrund der Materialien. In der Botschaft
zur Asylgesetzesrevision vom 26. Juni 1998 wurde der Erlöschensgrund
des Verzichts auf das Asyl mit Verweis auf eine Verfahrensvereinfachung
bei gewünschten Heimatreisen explizit aufgenommen. Von einem Verzicht
auf die Flüchtlingseigenschaft war nicht die Rede. Immerhin aber ist ja ge-
rade die Heimatreise unter bestimmten Bedingungen ein Widerrufsgrund
für Asyl und Flüchtlingseigenschaft. Die Bestimmung trat am 1. Oktober
1999 in Kraft, ohne dass sie im Rahmen der parlamentarischen Beratun-
gen nochmals Gegenstand von Diskussionen geworden wäre (vgl. BBl
1996 II 77 und Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen
Asylrekurskommission [EMARK] 2000 Nr. 25).
4.5 Das Abkommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flücht-
linge (FK, SR 0.142.30) sieht einen freiwilligen Verzicht ebenfalls nicht vor
und spricht lediglich vom Widerruf bei freiwilliger Unterschutzstellung ge-
genüber dem Heimatland (vgl. Art. 1 C. Ziff. 1 FK), welche einen Kontakt
mit diesem voraussetzt (vgl. BVGE 2017 VI/11, E. 4.3).
4.6 Demgegenüber schreibt das SEM in seinem Handbuch Asyl und Rück-
kehr, der Verzicht gemäss Art. 64 Abs. 1 Bst. c AsylG könne sich auch auf
die Flüchtlingseigenschaft beziehen (vgl. ebd., Artikel E6, Die Beendigung
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Seite 12
des Asyls und die Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft, 2.2.3 Verzicht,
S. 13), und handhabt dies auch regelmässig so in seiner Praxis. Dabei ver-
weist es auf das Handbuch des UNHCR über Verfahren und Kriterien zur
Feststellung der Flüchtlingseigenschaft (vgl. Rz 116, in seiner Auflage aus
dem Jahre 1979, welche aber mit der Neuauflage aus dem Jahr 2013 über-
einstimmt). Dort steht geschrieben: «Die Beendigungsklauseln sind ihrem
Wesen nach „negativ“ und sind erschöpfend aufgezählt. Sie sollten daher
restriktiv ausgelegt werden, und es dürfen keine anderen Gründe analog
zur Rechtfertigung der Zurücknahme des Flüchtlingsstatus herangezogen
werden. Wünscht jedoch ein Flüchtling aus irgendeinem Grund, nicht mehr
länger als Flüchtling angesehen zu werden, so besteht keine Veranlas-
sung, ihm weiterhin Flüchtlingsstatus und internationalen Schutz zu ge-
währen.» Dies hat insofern eine gewisse Logik, als die Flüchtlingseigen-
schaft ja auch nur auf Gesuch hin und nicht etwa von Amtes wegen zuer-
kannt wird. Auf der anderen Seite plädiert das UNHCR für eine restriktive
Auslegung beziehungsweise verweist auf die abschliessende Aufzählung.
4.7 In der Lehre wird denn auch klar unterschieden zwischen der Beendi-
gung des Asyls einerseits und der Flüchtlingseigenschaft andererseits, wo-
bei im Zusammenhang mit Art. 64 Abs. 1 Bst. c AsylG stets nur von der
Beendigung des Asyls die Rede ist (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe
[SFH], Handbuch zum Asyl- und Wegweisungsverfahren, 3. Auflage, 2021,
S. 248 ff. und dabei insbesondere die Aufstellung auf S. 253; Migrations-
recht, Caroni, Scheiber, Preisig, Zoeteweij, 4. Auflage, 2018, S. 477 ff.;
CESLA AMARELLE, in : Code annoté du droit des migrations, vol. IV : Loi sur
l’asile [LAsi], art. 64 LAsi, p. 468 ff.). Einzig Stöckli schreibt im Zusammen-
hang mit den Beendigungsverfahren, diese würden mit Ausnahme des Ver-
zichts auf das Asyl (und gegebenenfalls auf die Anerkennung als Flücht-
ling) von Amtes wegen eingeleitet (vgl. Ausländerrecht, Eine umfassende
Darstellung der Rechtsstellung von Ausländerinnen und Ausländern in der
Schweiz, 2. Auflage, 2009, Rz. 11.160).
4.8 Eine abschliessende Klärung der Frage, ob Art. 64 Abs. 1 Bst. c AsylG
als gesetzliche Grundlage für das Erlöschen der Flüchtlingseigenschaft
herangezogen werden kann, kann im vorliegenden Verfahren aber letztlich
unterbleiben. Zweifellos müsste ein entsprechender Verzicht nämlich ex-
plizit erklärt werden. Allein aufgrund des Verzichts auf das Asyl (vgl. dazu
nachfolgend) kann aufgrund der vorstehenden Erwägungen und der rest-
riktiven Handhabung von Erlöschungsgründen nicht automatisch auf den
Verzicht des Flüchtlingsstatus geschlossen werden. Eine solche Verzichts-
erklärung in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft fehlt jedoch vorliegend.
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In seiner Erklärung vom 17. Oktober 2019 hat der Beschwerdeführer nicht
auf den Flüchtlingsstatus verzichtet und stets nur von Asyl gesprochen.
Auch der Hinweis auf den Verbleib in der Schweiz gemäss Ausländerrecht
lässt keinen anderen Schluss zu, zumal Flüchtlinge als vorläufig Aufge-
nommene dem Ausländerrecht unterstehen. Das SEM ist damit in seiner
Feststellungsverfügung zu Unrecht davon ausgegangen, der Beschwerde-
führer habe auf die Flüchtlingseigenschaft verzichtet und hat das Gesuch
um Wiedereinsetzung in die Flüchtlingseigenschaft dementsprechend
diesbezüglich zu Unrecht abgewiesen.
5.
Der Beschwerdeführer stellt sich sodann auf den Standpunkt, aus seinem
Schreiben liesse sich auch kein Verzicht auf das Asyl ableiten, zumal er
einzig den Rückzug des Asylgesuches und damit nicht den Asylverzicht
erkläre.
Diese Argumentation vermag das Gericht jedoch weder mit Blick auf die
klare Form der Eingabe vom 17. Oktober 2019 noch mit Blick auf deren
tatsächlich absolut schlüssigen Aussagegehalt zu überzeugen. Angesichts
dessen, dass der Beschwerdeführer mehrfach betont, er wünsche fortan
einen Aufenthalt in der Schweiz gemäss Ausländerrecht und deshalb das
«Asylgesuch zurückziehe», ist zu schliessen, dass er tatsächlich auf sei-
nen Asylstatus verzichten wollte. Zwar ist die Formulierung technisch tat-
sächlich falsch, dies führt das Gericht aber auf die schlechten Deutsch-
kenntnisse des Beschwerdeführers zurück und nicht darauf, dass er nicht
auf das ihm gewährte Asyl verzichten wollte. In diesem Zusammenhang ist
die Schlussfolgerung des SEM, der Beschwerdeführer habe mit der Ein-
gabe vom 17. Oktober 2019 auf seinen Asylstatus verzichten wollen, zu
stützen.
6.
6.1 Weiter ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer, wie geltend gemacht,
im Zeitpunkt der Verzichtserklärung nicht urteilsfähig war. Der Begriff der
Urteilsfähigkeit enthält einerseits ein intellektuelles Element, nämlich die
Fähigkeit, Sinn, Zweckmässigkeit und Wirkungen einer bestimmten
Handlung zu erkennen, und andererseits ein Willens- bzw. Charakterele-
ment, nämlich die Fähigkeit, gemäss dieser vernünftigen Erkenntnis nach
seinem freien Willen zu handeln. Urteilsfähigkeit ist relativ: Sie ist nicht
abstrakt zu beurteilen, sondern konkret bezogen auf eine bestimmte
Handlung im Zeitpunkt ihrer Vornahme unter Berücksichtigung ihrer
Rechtsnatur und Wichtigkeit (vgl. D-1221/2021 vom 23. August 2021
D-1070/2020
Seite 14
E. 4.2 m.H.a. BGE 144 III 264 E. 6.1.1; 134 II 235 E. 4.3.2). Bei psychi-
schen Störungen gilt, dass ein solcher Zustand allein noch nicht die Urteils-
fähigkeit ausschliesst. Die Relativität der Urteilsfähigkeit kann es selbst
Personen, die in ihrer verstandesgemässen Einsicht stark eingeschränkt
sind, erlauben, gewisse rechtserhebliche Handlungen zu verstehen und
somit rechtsgültig zu handeln (vgl. D-1221/2021 vom 23. August 2021
E. 4.3.3 m.H.a. ROLAND FANKHAUSER, in: GEISER/FOUNTOULAKIS [Hrsg.],
Basler Kommentar zum Zivilgesetzbuch I, Art.1–456 ZGB, 6. Auflage,
2018, N 5 und 29 zu Art. 16 ZGB und BGE 124 III 5 E. 1a).
6.2 Das Vorbringen einer Urteilsunfähigkeit wurde vom SEM in seiner Ver-
fügung im Wesentlichen als bloss vorgeschoben behandelt. Betreffend die
Urteilsunfähigkeit verwies der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde ins-
besondere auf seinen schlechten Gesundheitszustand und auf einen
neuen Arztbericht vom 18. Februar 2020. Das SEM hielt in seiner Ver-
nehmlassung fest, angesichts dessen, dass der Beschwerdeführer im Ok-
tober 2019 auf das Asyl verzichtet habe, im November 2019 wie verlangt
den Flüchtlingspass zurückgegeben habe, aber erst im Dezember 2019 die
Wiedereinsetzung in den früheren Rechtszustand beantragt habe, müsse
er sich während gut zwei Monaten in einem urteilsunfähigen Zustand be-
funden haben. Zudem sei die diagnostizierte Posttraumatische Belastungs-
störung nicht mit einem Zustand der Urteilsunfähigkeit gleichzusetzen.
6.3 Im Sinne obiger Rechtsprechung sind die Erwägungen des SEM zu
bestätigen. Selbst bei Vorliegen einer vorübergehenden psychischen Stö-
rung kann noch nicht auf die Urteilsunfähigkeit des Beschwerdeführers in
Bezug auf die Verzichtserklärung geschlossen werden. Angesichts des kri-
tischen Gesundheitszustands der einzigen und wichtigen familiären Be-
zugsperson ist seine Verzweiflung nachvollziehbar, indes lässt diese allein
noch nicht eine daraus resultierende Urteilsunfähigkeit in Bezug auf die
fragliche Handlung rechtfertigen. Zudem gilt es darauf hinzuweisen, dass
der ärztliche Bericht aus dem Jahr 2013 stammt und eine Urteilsunfähigkeit
sechs Jahre später nur schwerlich zu belegen vermag. Daran ändert auch
die Aufnahme einer psychiatrischen Therapie im Anschluss an die Ereig-
nisse und ein entsprechender äusserst kurz gehaltener Arztbericht aus
dem Jahr 2020 nichts.
7.
7.1 Gemäss der immer noch Gültigkeit beanspruchenden Praxis der
Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) sowie des Bundesverwal-
D-1070/2020
Seite 15
tungsgerichts sind bei der Prüfung der materiellen Begründetheit des Ge-
suchs um Wiedereinsetzung in den früheren Rechtszustand wegen Wil-
lensmängeln die einschlägigen vertragsrechtlichen Grundsätze des OR
sinngemäss anzuwenden (vgl. EMARK 1993 Nr. 5 E. 4a und 1996 Nr. 33
E. 5). Die in Art. 23 ff. OR aufgezählten Willensmängeltatbestände – Irrtum
(Art. 23 ff. OR), absichtliche Täuschung (Art. 28 OR) und Furchterregung
(Art. 29 f. OR) –, die vor allem Verträge betreffen, sind auch auf einseitige
Rechtsgeschäfte anwendbar. Auch wenn die Ausübung eines Gestaltungs-
rechts – im zu beurteilenden Fall eine Verzichtserklärung – nicht beliebig
widerrufen werden kann, so darf doch die Ungültigkeitserklärung eines sol-
chen Rechtsakts aufgrund eines Willensmangels nicht von Vornherein aus-
geschlossen werden. Vorausgesetzt wird, dass einerseits für die sich auf
Willensmängel berufende Partei schwerwiegende Nachteile auf dem Spiel
stehen und andererseits die Rechtssicherheit nicht in unannehmbarer
Weise beeinträchtigt wird (vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer D-1221/2021
vom 23. August 2021 E. 5.3 m.w.H.).
Ein wesentlicher Irrtum liegt u.a. dann vor, wenn er einen bestimmten
Sachverhalt betrifft, der vom Irrenden nach Treu und Glauben im Ge-
schäftsverkehr als eine notwendige Grundlage des Vertrags betrachtet
wurde (Art. 24 Abs. 1 Ziff. 4 OR, sog. Grundlagenirrtum respektive qualifi-
zierter Motivirrtum). Vorausgesetzt wird damit nebst einem Irrtum als sol-
chem, dass dieser einen Sachverhalt beschlägt, der für den Irrenden sub-
jektiv eine unerlässliche Voraussetzung dafür war, den Vertrag überhaupt
oder jedenfalls mit dem betreffenden Inhalt abzuschliessen. Der fragliche
Sachverhalt muss ausserdem auch objektiv, vom Standpunkt oder nach
den Anforderungen des loyalen Geschäftsverkehrs als notwendige Grund-
lage des Vertrags erscheinen (vgl. Urteil des BVGer D-1221/2021 vom
23. August 2021 E. 5.4 m.H.a. BGE 136 III 528 E. 3.4.1 m.w.H.).
7.2 Das SEM führte in seiner Verfügung aus, zwar handle es sich beim
Beschwerdeführer um eine rechtsunkundige Person, er habe sich aber –
wenn auch in etwas mangelhaftem Deutsch – mit einer konkreten Aussage
an das SEM gewandt. Zudem befinde er sich seit bald acht Jahren in der
Schweiz und es sei davon auszugehen, dass er den Inhalt des Schreibens
auch verstanden habe. So sei auch davon auszugehen, dass er sich mit
den Konsequenzen auseinandergesetzt habe. Mit der Formulierung, dass
er gemäss Ausländerrecht mit Aufenthaltsbewilligung weiterhin in der
Schweiz bleiben möchte, werde dies bestärkt.
D-1070/2020
Seite 16
In der Beschwerde wiederholt der Beschwerdeführer im Wesentlichen
seine aus der Gesucheingabe bekannten diesbezüglichen Vorbringen,
ohne inhaltlich weiter auf die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
einzugehen.
7.3 Der Beschwerdeführer gelangte von sich aus an das SEM und erklärte
schriftlich den Verzicht auf seinen Asylstatus. Es bestehen keine Anhalts-
punkte dafür, dass er sich einen Sachverhalt vorgestellt hätte, welcher nicht
der Realität entsprach, und sich damit bei der Willensbildung – dem Ent-
schluss zum Verzicht auf das Asyl – von einer falschen Vorstellung leiten
liess. Sein vorgebrachter Einwand, wonach er angenommen habe, dass er
mit seinem Schreiben an die Vorinstanz um eine Niederlassungsbewilli-
gung beziehungsweise darum ersuche, ausnahmsweise in seine Heimat
zurückkehren zu können, findet in den Akten keine Stütze. Der Beschwer-
deführer machte in der Verzichtserklärung vom 17. Oktober 2019 auch
keine Angaben zu seinen Beweggründen. Der Grund des Verzichts auf das
Asyl ist dabei aber ohnehin irrelevant und ein eventueller Irrtum darüber
nicht als Grundlagenirrtum zu erachten (vgl. hierzu Urteil des BVGer
D-1221/2021 vom 23. August 2021 E. 5.4.1 m.w.H.). Überdies gilt es zu
beachten, dass der Beschwerdeführer in seinem Gesuch insgesamt drei
Mal explizit den Wunsch äusserte, sein Asylgesuch zurückzuziehen. Vor
diesem Hintergrund kann schwerlich von einem Grundlagenirrtum ausge-
gangen werden. Damit unterscheidet sich der vorliegende Fall auch mass-
geblich vom in der Beschwerde zitierten Urteil D-6909/2006 vom 19. Au-
gust 2008. Zudem fällt ins Gewicht, dass der Beschwerdeführer erst am
19. Dezember 2019 – mithin einen Monat später – auf die Verfügung des
SEM vom 20. November 2019 reagierte, mit welcher dieses das Erlöschen
des Asyls festgestellt hatte, und zwischenzeitlich seinen Reisepass zurück-
gegeben hatte. Dass der Beschwerdeführer gemäss seinen Angaben noch
keine Vorbereitungshandlungen zur Ausreise getroffen habe, vermag an-
gesichts des Gesagten in der Sache nichts zu ändern.
7.4 Im vorliegend zu beurteilenden Sachverhalt ist auch kein Erklärungsirr-
tum gemäss Art. 24 Abs. 1 Ziff. 1–3 OR auszumachen. Ein solcher umfasst
den Fall, in welchem der innere Wille des Erklärenden nicht mit seiner Wil-
lensäusserung übereinstimmt, sich der Erklärende also in der Ausdrucks-
bedeutung seiner eigenen Erklärungshandlung täuscht. Gemäss Art. 8 ZGB
trägt der Beschwerdeführer die Beweislast bezüglich der Frage, ob sein
Wille tatsächlich mit der von ihm unterzeichneten Erklärung überein-
stimmte. Da es sich bei einem Willensmangel in der Regel um ein Phäno-
men in der Vorstellung der betroffenen Person handelt, dürfen dabei zwar
D-1070/2020
Seite 17
keine zu strengen Anforderungen an den Nachweis gestellt werden (vgl.
dazu Urteil des BVGer D-1221/2021 vom 23. August 2021 E. 5.4.2
m.w.H.). In casu spricht aber bereits der relativ klare und unmissverständ-
liche Wortlaut der Erklärung vom 17. Oktober 2019 gegen das Vorliegen
eines Erklärungsirrtums. Damit kann der Beschwerdeführer nicht den
Nachweis erbringen, er hätte sich bezüglich der Tragweite seiner Erklärung
in einem Irrtum befunden. Insbesondere kann nach dem Gesagten auch
ein mit dem Vorbringen, er habe die Verzichtserklärung mangels Deutsch-
kenntnisse unterschrieben, ohne den Wortlaut verstanden zu haben, sinn-
gemäss geltend gemachter Erklärungsirrtum nicht geglaubt werden. Der
Beschwerdeführer hält sich bereits seit Oktober 2012 in der Schweiz auf
und war auch davor offenbar in der Lage, schriftlich mit der Vorinstanz zu
kommunizieren, ohne dass es dabei zu Verständigungsschwierigkeiten
kam (vgl. beispielsweise die Korrespondenz bezüglich Ausstellung eines
Flüchtlingspasses). Soweit schliesslich vorgebracht wurde, dass der Be-
schwerdeführer mit Hilfe eines Bekannten die Verzichtserklärung geschrie-
ben habe, ohne den darin enthaltenen Inhalt genau erfasst zu haben, ist
von einer reinen Schutzbehauptung auszugehen.
7.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer sich
bei der Abgabe der Verzichtserklärung vom 17. Oktober 2019 weder auf
einen wesentlichen Grundlagen- noch auf einen Erklärungsirrtum berufen
kann und dieser somit nicht mit einem Willensmangel behaftet ist.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde gutzuheissen
ist, soweit sie die Frage des Verzichts auf die Flüchtlingseigenschaft be-
trifft. Sie ist demgegenüber abzuweisen, soweit sie die Frage des Asylver-
zichts betrifft.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer teilweise aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem mit Zwi-
schenverfügung vom 16. Juni 2020 das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen
worden ist und aufgrund der Akten nicht von einer massgeblichen Verän-
derung seiner finanziellen Verhältnisse auszugehen ist, sind ihm keine Ver-
fahrenskosten aufzuerlegen.
9.2 Dem teilweise obsiegenden Beschwerdeführer ist in Anwendung von
Art. 64 Abs. 1 VwVG sowie Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008
D-1070/2020
Seite 18
über die Kosten und Entschädigungsfolgen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE; SR 173.320.2] für die ihm notwendigerweise erwachsenen
Parteikosten eine reduzierte Parteientschädigung zuzusprechen. Die übri-
gen Kosten sind dem mit Zwischenverfügung vom 16. Juni 2020 als amtli-
cher Rechtsbeistand eingesetzten Rechtsvertreter als Honorar durch das
Bundesverwaltungsgericht auszurichten. Dieser ist unbesehen des Aus-
gangs des Verfahrens zu entschädigen, soweit dieser sachlich notwendig
war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Rechtsvertreter reichte mit
Eingabe vom 26. August 2020 eine aktualisierte Kostennote zu den Akten,
die einen Vertretungsaufwand von 10.36 Stunden zu einem Stundenansatz
von Fr. 300.– und Auslagen in der Höhe von Fr. 44.40 (zuzüglich Mehrwert-
steuerzuschlag) ausweist. Der Stundenansatz ist in Bezug auf das Honorar
zu kürzen, da bei amtlicher Vertretung in der Regel von einem Stundenan-
satz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für Anwältinnen und Anwälte ausgegangen
wird (Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Nach dem Gesagten ist gestützt
auf Art. 14 Abs. 2 VGKE und in Anwendung der massgebenden Bemes-
sungsfaktoren (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 ff. VGKE) die von der Vorinstanz zu
entrichtende Parteientschädigung auf insgesamt (gerundet) Fr. 1700.–
und das durch das Bundesverwaltungsgericht auszurichtende Honorar
auf insgesamt (gerundet) Fr. 1250.– (beide inklusive Auslagen und Mehr-
wertsteuerzuschlag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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