Decision ID: 6c83b99e-00a2-596f-a5b0-b0d4c4824277
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin – eigenen Angaben zufolge syrische Staats-
angehörige respektive staatenlose Kurdin syrischer Herkunft – suchte am
17. September 2020 in der Schweiz um Asyl nach. Ein Abgleich ihrer Fin-
gerabdrücke mit der "Eurodac"-Datenbank durch das SEM ergab, dass sie
am 14. August 2020 bereits in Rumänien ein Asylgesuch eingereicht hatte.
A.b Am 30. September 2020 gewährte das SEM der Beschwerdeführerin
das rechtliche Gehör zur möglichen Zuständigkeit Rumäniens für die Be-
handlung ihres Asylgesuchs sowie einer Rückkehr dorthin. Sie machte da-
zu geltend, sie habe während ihres zwei- bis dreitätigen Aufenthalts in Ru-
mänien kein Asylgesuch gestellt. Ihre Fingerabdrücke seien dort aus Grün-
den der inneren Sicherheit abgenommen worden. Ausserdem lebe – wie
von ihr schon anlässlich der Asylgesuchstellung und der Personalienauf-
nahme vom 24. September 2020 erwähnt – ihr Ehemann B._
(nachfolgend: B._ [N {...}]; ein am [...] 2018 vorläufig aufgenomme-
ner syrischer Staatsangehöriger [Anmerkung des Gerichts]) in der
Schweiz, weshalb sie hierbleiben wolle. Zu ihrer Ehe gab sie im Wesentli-
chen an, sie und ihr Ehemann hätten im Mai 2019 geheiratet. Sie hätten
nie zusammengelebt und die Ehe sei durch ihre Familien zustande gekom-
men. Sie hätten sich aber gekannt und geliebt.
Die Beschwerdeführerin reichte zum Beleg der geltend gemachten Heirat
eine handschriftliche Erklärung zu einem Ehevertrag vom 1. Dezember
2019 und einen gerichtlichen Entscheid vom 28. November 2019 (je in Ko-
pie) zu den Akten. Des Weiteren reichte sie zwei Beweismittel (in Kopie)
bezüglich ihrer Staatenlosigkeit ein.
A.c Am 27. Oktober 2020 stimmten die rumänischen Behörden – nach ent-
sprechendem Ersuchen des SEM – der Übernahme der Beschwerdefüh-
rerin zu.
A.d Mit Verfügung vom 16. Dezember 2020 trat das SEM in Anwendung
vom Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch der Be-
schwerdeführerin nicht ein, ordnete deren Wegweisung aus der Schweiz
in den zuständigen Dublin-Staat Rumänien an und forderte sie auf, die
Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen.
A.e Mit Eingabe vom 23. Dezember 2020 reichte die Beschwerdeführerin
dem SEM zwei Fotografien von ihr und B._ sowie ein von ihr als
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"Ehevertrag" bezeichnetes fremdsprachiges Dokument (recte wohl: bereits
eingereichter gerichtlicher Entscheid vom 28. November 2019) zu den Ak-
ten.
A.f Mit Eingabe vom 28. Dezember 2020 erhob sie Beschwerde gegen die
Verfügung des SEM vom 16. Dezember 2020 beim Bundesverwaltungsge-
richt und machte unter anderem ergänzende Ausführungen zur Beziehung
zwischen B._ und ihr. Diese Beschwerde wurde vom Bundesver-
waltungsgericht mit Urteil D-6557/2020 vom 7. Januar 2021 abgewiesen.
B.
Am 1. Februar 2021 trat das SEM auf ein von der Beschwerdeführerin am
4. Dezember 2020 gestelltes Gesuch um Anerkennung der Staatenlosig-
keit nicht ein. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.
Am 15. Februar 2021 reichte die sich in Ausschaffungshaft befindende Be-
schwerdeführerin beim SEM ein "Mehrfachgesuch" ein. Zur Begründung
brachte sie im Wesentlichen erneut vor, sie sei in Rumänien im Rahmen
einer Polizeikontrolle wegen illegalen Aufenthalts gezwungen worden, ihre
Fingerabdrücke abzugeben und habe nicht um Asyl ersucht; wäre sie nicht
sofort ausgereist, wäre sie inhaftiert worden. Ausserdem verwies sie wie-
derum auf die Beziehung zu ihrem (angeblichen) Ehemann B._ in
der Schweiz. Dieser habe nicht gewusst, dass es die Möglichkeit gebe, ein
Gesuch um Familiennachzug einzureichen, was ohnehin wegen ihrer Staa-
tenlosigkeit und des Umstands, dass sie keinen Pass besitze, nicht mög-
lich gewesen wäre. Schliesslich hielt sie fest, dass sie in Rumänien und in
Syrien niemanden habe, es für sie kein Zurück gebe und sie sich lieber das
Leben nehmen würde. Sie bitte daher darum, auf ihre Ausschaffung zu ver-
zichten.
D.
Das SEM nahm die genannte Eingabe als Wiedererwägungsgesuch ent-
gegen und wies dieses mit Verfügung vom 23. Februar 2021 – eröffnet am
25. Februar 2021 – ab. Gleichzeitig erklärte es die Verfügung vom 16. De-
zember 2020 für rechtskräftig und vollstreckbar. Es wies das Gesuch um
Anordnung vorsorglicher Massnahmen ab, erhob eine Gebühr in der Höhe
von Fr. 600.– und hielt fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine auf-
schiebende Wirkung zu.
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Seite 4
E.
Mit Eingabe vom 6. März 2021 (Datum Poststempel: 8. März 2021) erhob
die Beschwerdeführerin Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und
beantragte dabei in materieller Hinsicht, die vorinstanzliche Verfügung vom
23. Februar 2021 sei aufzuheben und ihr Asylgesuch sei in der Schweiz zu
behandeln respektive sei das Dublin-Verfahren "aufzuheben" und die Zu-
ständigkeit der Schweiz für die Durchführung des Asylverfahrens festzu-
halten. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses und Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung. Ferner sei der Vollzug der Rückführung nach Rumänien
einstweilen zu stoppen. Der Beschwerdeschrift lagen ein ärztlicher Bericht
der (...) vom 18. Februar 2021 und folgende fremdsprachigen Beweismittel
zur Eheschliessung zwischen der Beschwerdeführerin und B._ (je
in Kopie; inkl. deutschsprachige Übersetzungen) bei: der bereits im or-
dentlichen Verfahren eingereichte gerichtliche Entscheid vom 28. Novem-
ber 2019 (inkl. diversen Beglaubigungen vom Februar 2021), eine am
28. Februar 2021 ausgestellte Eheschliessungsurkunde und ein gleichen-
tags ausgestellter "Auszug aus dem Familienregister Syrischer Bürger", ein
am 22. Februar 2021 ausgestellter Familienausweis.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht setzte mit superprovisorischer Massnahme
vom 9. März 2021 den Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus.
G.
Mit E-Mail vom 9. März 2021 teilte das zuständige Migrationsamt dem Bun-
desverwaltungsgericht mit, dass sich die Beschwerdeführerin in Dublin-
Haft befinde und am (...) 2021 eine unbegleitete Rückführung nach Rumä-
nien verweigert habe. Es werde nun eine polizeilich begleitete Rückführung
nach Rumänien organisiert, weshalb um prioritäre Behandlung der Be-
schwerde ersucht werde.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 12. März 2021 hielt die Instruktionsrichterin
fest, dass der einstweilige Vollzugsstopp in Kraft bleibe. Sie hiess das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzich-
tete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zudem lud sie das SEM
ein, innert fünf Tagen ab Erhalt der Verfügung eine Vernehmlassung einzu-
reichen.
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Seite 5
I.
Mit E-Mail vom 17. März 2021 teilte das zuständige Migrationsamt dem
Bundesverwaltungsgericht mit, dass gleichentags die "Dublin Haft unkoo-
perativ" für sechs Wochen verfügt worden sei. Es werde um prioritäre Be-
handlung der Beschwerdeeingabe ersucht.
J.
Das SEM nahm mit Vernehmlassung vom 23. März 2021 zu den Beschwer-
devorbringen und den eingereichten Beweismitteln Stellung.
K.
Die Beschwerdeführerin machte von dem ihr mit Verfügung vom 26. März
2021 (eröffnet am 30. März 2021) eingeräumten Replikrecht mit Eingabe
vom 31. März 2021 (Datum Poststempel: 5. April 2021) fristgerecht Ge-
brauch.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel
– so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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Seite 6
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Der Vollständigkeit halber ist vorneweg anzumerken, dass die Beschwer-
deführerin in ihrer Beschwerdeschrift vom 6. März 2021 die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung beantragt (vgl. Ziff. 1 der Rechtsbegehren), was
grundsätzlich auch die erstinstanzliche Kostenauflage umfasst. Die Be-
schwerdeschrift enthält indessen keine Ausführungen dazu, dass und wes-
halb diese Kostenauflage zu Unrecht erfolgt sein soll. Auf diese Thematik
ist bei dieser Sachlage nicht weiter einzugehen.
4.
4.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist der Vorin-
stanz innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes
schriftlich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfah-
ren nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG
(Art. 111b Abs. 1 AsylG).
4.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (vgl. zum sog.
„qualifizierten Wiedererwägungsgesuch“ BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.).
Darüber hinaus sind Revisionsgründe, welche sich auf Tatsachen und Be-
weismittel abstützen, die erst nach Abschluss eines Beschwerdeverfah-
rens entstanden sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei der
Vorinstanz einzubringen (vgl. Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a
[letzter Satz] BGG; BVGE 2013/22).
4.3 Die Wiedererwägung ist nicht beliebig zulässig. Sie darf nicht dazu die-
nen, die Rechtskraft von Verwaltungsentscheiden immer wieder infrage zu
stellen oder die Fristen für die Ergreifung von Rechtsmitteln zu umgehen.
Gründe, welche bereits im Zeitpunkt der verpassten Anfechtungsmöglich-
keit im ordentlichen Beschwerdeverfahren bestanden haben, können somit
nicht als Wiedererwägungsgründe vorgebracht werden (vgl. Art. 66 Abs. 3
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Seite 7
VwVG und Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre-
kurskommission [EMARK] 2000 Nr. 24 E. 5b S. 220).
4.4 Beweismittel sind im wiedererwägungsrechtlichen Sinne neu, wenn sie
entweder neu erfahrene erhebliche Tatsachen belegen oder geeignet sind,
Tatsachen zu belegen, die zwar im früheren Verfahren bekannt gewesen,
aber zum Nachteil der gesuchstellenden Person unbewiesen geblieben
sind (vgl. BGE 127 V 353 E. 5b). Sollen bereits vorgebrachte Tatsachen
mit den neuen Mitteln bewiesen werden, so hat die Person auch darzutun,
dass sie die Beweismittel im früheren Verfahren nicht beibringen konnte
(vgl. BGE 127 V 358 E. 5b, 110 V 141 E. 2, 293 E. 2a, 108 V 171 E. 1).
Erheblich ist ein Beweismittel, wenn angenommen werden muss, es hätte
zu einem anderen Urteil geführt, falls das Gericht im Hauptverfahren hier-
von Kenntnis gehabt hätte (vgl. KIENER/RÜTSCHE/KUHN, Öffentliches Ver-
fahrensrecht, 2. Aufl., 2015, S. 490).
5.
5.1 Das SEM verwies in der angefochtenen Verfügung zunächst bezüglich
des Anliegens der Beschwerdeführerin auf Familienzusammenführung res-
pektive ihren Ausführungen zu ihrer Beziehung mit B._ sowie ihrem
Vorbringen, sie sei in Rumänien zu einem Asylgesuch gezwungen worden,
auf die Ausführungen im Nichteintretensentscheid vom 16. Dezember
2020, welche vom Bundesverwaltungsgericht gestützt worden seien. So-
weit sich die Beschwerdeführerin auf ihre Staatenlosigkeit beruft, verwies
es auf die Erwägungen im Nichteintretensentscheid vom 1. Februar 2021.
Schliesslich führte es aus, es sei nachvollziehbar, dass sich bei gewissen
Personen eine suizidale Tendenz bemerkbar mache, wenn auf ihr Asylge-
such nicht eingetreten und die Wegweisung aus der Schweiz angeordnet
werde. Es wäre aber stossend, wenn die Beschwerdeführerin durch Beru-
fung auf eine tatsächliche oder vermeintliche Selbstmordgefahr die Behör-
den zum Einlenken zwingen könnte. Es stehe ihr frei, allenfalls medizini-
sche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die entsprechende Infrastruktur stehe
ihr auch in Rumänien zur Verfügung. Zusammenfassend würden keine
Gründe vorliegen, welche die Rechtskraft der ursprünglichen Verfügung
beseitigen könnten.
5.2 In der Beschwerdeschrift brachte die Beschwerdeführerin zunächst er-
neut vor, dass sie in Rumänien kein Asylgesuch gestellt habe und erläuter-
te in diesem Zusammenhang wiederum die Umstände der dortigen Finger-
abdruckabnahme, welche das SEM nicht untersucht habe. Sie führte aus,
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Seite 8
dass sie dort nicht zu ihren Asylgründen befragt worden sei und ihr Reise-
ziel von Anfang an die Schweiz gewesen sei, damit sie hier mit ihrem Ehe-
mann zusammenleben könne. Eine Familienzusammenführung sei weder
in Syrien, noch in Rumänien möglich. Ihr Ehemann habe ferner gestützt
auf Art. 85 Abs. 7 AIG (SR 142.20) ab Dezember 2021 Anspruch auf Fami-
liennachzug. Weiter zitierte sie Berichte zur generellen Situation von
Flüchtlingen und Asylsuchenden in Rumänien, bevor sie bezogen auf ihre
Situation – und unter Einreichung eines ärztlichen Berichts – ausführte, sie
sei psychisch angeschlagen und befinde sich in psychiatrischer Behand-
lung. Im Jahr 2019 habe sich ihr Bruder das Leben genommen und auch
sie habe Suizidgedanken. Sie lebe in ständiger Angst, sodass sie vieles im
Alltag nicht wahrnehmen könne. Ihre schwere Depression und posttrauma-
tische Belastungsstörung sowie Flashbacks seien medizinisch zu bestäti-
gen. Neben der dringend erforderlichen psychiatrischen Hilfe benötige sie
die Unterstützung ihres Ehemannes, um überhaupt gesund zu werden. Er
sei für sie unverzichtbar und lebensnotwendig. In Rumänien, wo sie auch
kaum behandelt und alleine nicht klarkommen würde, würde sie mithin
nicht gesundwerden können respektive würde sich ihre Gesundheit dort
fortlaufend verschlechtern und allenfalls in ihrem Tod enden. Als kriegstrau-
matisierte Person gehöre sie einer besonders verletzlichen Personenkate-
gorie an. Sie hielt sodann fest, dass spezifische Sachverhaltsfeststellun-
gen zur Rückkehrsituation von Flüchtlingen, die bereits in Rumänien auf
der Durchreise registriert worden seien und aus verständlichen Gründen
kein Asyl in Rumänien hätten haben wollen, und zu den in ihrer Person
liegenden individuellen Umständen getroffen werden müssten. Schliesslich
wies sie erneut – unter Einreichung teils neuer Beweismittel – auf ihre Ehe-
schliessung respektive Beziehung mit B._ und folgerte, dass das
SEM vorliegend aus humanitären Gründen die Souveränitätsklausel anzu-
wenden habe.
5.3 Das SEM verwies in der Vernehmlassung, soweit für das vorliegende
Verfahren relevant, bezüglich der geltend gemachten Ehe erneut auf die
Ausführungen im Nichteintretensentscheid vom 16. Dezember 2020, wel-
che vom Bundesverwaltungsgericht gestützt worden seien. Darüber hinaus
handle es sich auch bei den neu eingereichten Dokumenten lediglich um
Kopien, die nichts an der Zuständigkeit Rumäniens zur Beurteilung des
Asylverfahrens zu ändern vermöchten. Das Bundesverwaltungsgericht
habe ausserdem in seinem Urteil ausgeführt, dass es möglich sei, bei den
zuständigen schweizerischen Behörden einen Antrag auf Familienzusam-
menführung zu stellen. Es habe auch bestätigt, dass ein allfälliger Eingriff
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in das Familienleben der Beschwerdeführerin bei der Abwägung der be-
troffenen Interessen nicht als unverhältnismässig angesehen werden
könne. Bezüglich der medizinischen Vorbringen sei festzuhalten, dass Ru-
mänien über eine ausreichende Infrastruktur verfüge und gemäss Art. 19
Abs. 1 der Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates
2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnah-
merichtlinie) verpflichtet sei, der Beschwerdeführerin die erforderliche me-
dizinische Versorgung, welche zumindest die Notversorgung und die un-
bedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychi-
schen Störungen umfasse, zu gewähren. Es würden keine Hinweise vor-
liegen, wonach Rumänien der Beschwerdeführerin eine medizinische Be-
handlung verweigert hätte oder zukünftig verweigern würde. An diesem
Umstand vermöge auch der eingereichte Arztbericht vom 18. Februar 2021
nichts zu ändern, wonach die Beschwerdeführerin an einer dissoziativen
Störung und möglicherweise auch an einer posttraumatischen Belastungs-
störung leide. Ausserdem sei für das weitere Dublin-Verfahren einzig die
Reisefähigkeit ausschlaggebend. Diese werde erst kurz vor der Überstel-
lung definitiv beurteilt. Zudem trage das SEM dem aktuellen Gesundheits-
zustand bei der Organisation der Überstellung nach Rumänien Rechnung,
indem es die rumänischen Behörden im Sinne von Art. 31 und 32 Dublin-
III-VO vor der Überstellung über den Gesundheitszustand und die notwen-
dige medizinische Behandlung informiere. Es würden sich somit weiterhin
keine Gründe ergeben, welche die Anwendung der Souveränitätsklausel
im Sinne von Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
(AsylV 1, SR 142.311) in Verbindung mit Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO anzei-
gen würden.
5.4 In der Replik wiederholte die Beschwerdeführerin im Wesentlichen die
bisherigen Vorbringen respektive machte geltend, in Rumänien sei vermut-
lich kein Asylverfahren eröffnet worden und sie sei dort schlecht behandelt
worden. Laut Berichten bleibe die staatliche soziale, psychologische und
medizinische Unterstützung ungenügend, speziell für Traumatisierte und
Folteropfer. Rumänien habe zudem ihrer Wiederaufnahme nicht zuge-
stimmt. Sodann wurde darauf hingewiesen, dass die Eheunterlagen im Ori-
ginal unterwegs in die Schweiz seien.
6.
Vorliegend hat das SEM den grundsätzlichen Anspruch der Beschwerde-
führerin auf Behandlung ihres Wiedererwägungsgesuchs nicht in Abrede
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Seite 10
gestellt. Es ist demnach zu prüfen, ob das SEM zu Recht davon ausgegan-
gen ist, es lägen keine Gründe vor, welche die Rechtskraft der Verfügung
vom 16. Dezember 2020 zu beseitigen vermögen.
7.
7.1 Prozessgegenstand bei einem Wiedererwägungsgesuch hinsichtlich
eines gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG gefällten Nichteintretensent-
scheides kann lediglich die Frage bilden, ob sich seit Abschluss des or-
dentlichen Verfahrens eine nachträglich veränderte Sachlage respektive
Gründe nach Art. 66 Abs. 2 VwVG im Hinblick auf die staatsvertragliche
Zuständigkeit des fraglichen Mitgliedstaates oder hinsichtlich Völkerrechts-
konformität einer Wegweisung dorthin ergeben haben, oder ob seither hu-
manitäre Gründe im Sinne von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 eingetreten sind.
7.2
7.2.1 Die Beschwerdeführerin reichte gemäss "Eurodac"-Treffer am
14. August 2020 in Rumänien ein Asylgesuch ein. Die rumänischen Behör-
den hiessen das Übernahmeersuchen des SEM am 27. Oktober 2020 –
entgegen dem entsprechenden Vorbringen in der Replik – ausdrücklich
gut. Da es sich vorliegend um eine take-back-Konstellation handelt, bei der
grundsätzlich keine erneute Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III der
Dublin-III-VO stattfindet (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2; 2012/4
E. 3.2.1; vgl. auch 2019 VI/7 E. 6.3-6.5), gelangen die Art. 9 und 10 Dublin-
III-VO – unabhängig der mit der Beschwerdeschrift eingereichten Beweis-
mittel zur Ehe (vgl. Bst. E. vorstehend) – nicht zur Anwendung (vgl. auch
Verfügung des SEM vom 16. Dezember 2020 S. 3 und Urteil des BVGer
D-6557/2020 vom 7. Januar 2021 E. 8.7). Weitere Ausführungen dazu er-
übrigen sich demzufolge. Die grundsätzliche Zuständigkeit Rumäniens ist
damit unverändert gegeben.
7.2.2 Die Beschwerdeführerin stellt sich im Wiedererwägungsverfahren
sinngemäss nach wie vor auf den Standpunkt, dass die grundsätzliche Zu-
ständigkeit Rumäniens für die Durchführung ihres Asylverfahrens nicht ge-
geben sei, da sie dort kein Asylgesuch gestellt habe und sie unter Haftan-
drohung gezwungen worden sei, ihre Fingerabdrücke zu geben. Diese Vor-
bringen wurden bereits im ordentlichen Verfahren geltend gemacht (vgl.
Bst. A.b vorstehend und Beschwerdeschrift vom 28. Dezember 2020
Ziff. 12) und beurteilt. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf die
entsprechenden Ausführungen im Urteil D-6557/2020 vom 7. Januar 2021
verwiesen werden (vgl. ebenda E. 8.5 f. und im Übrigen E. 9.3). Soweit in
der Beschwerdeschrift hinsichtlich der Umstände der Asylgesuchstellung
D-1017/2021
Seite 11
in Rumänien Ergänzungen angebracht werden respektive diesbezüglich
dem SEM sinngemäss eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes
vorgeworfen wird, ist darauf nicht weiter einzugehen, da dies bereits im
ordentlichen Verfahren hätte vorgebracht werden können und müssen (vgl.
Art. 66 Abs. 3 VwVG).
7.2.3 Nachdem keine neuen Hinweise für die Annahme vorliegen, dass das
Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragssteller in Rumä-
nien systemische Schwachstellen aufweisen würden, die eine Gefahr einer
unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der
EU-Grundrechtecharte mit sich bringen könnten, ist die Anwendung von
Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO – entgegen der in der Beschwerde vertretenen
Ansicht – nicht gerechtfertigt. In diesem Zusammenhang werden in der Be-
schwerdeschrift denn auch lediglich Berichte zitiert, die vor dem Urteil
D-6557/2020 vom 7. Januar 2021 datieren, weshalb daraus offensichtlich
keine Hinweise auf eine nachträgliche Veränderung der Lage in Rumänien
hervorgehen können. Es besteht vor diesem Hintergrund auch keine Ver-
anlassung, spezifische Sachverhaltsfeststellungen zur Rückkehrsituation
von Flüchtlingen, die bereits in Rumänien auf der Durchreise registriert
wurden und dort kein Asyl in Rumänien haben wollten, zu treffen. Der ent-
sprechende Antrag ist deshalb abzuweisen.
7.2.4 Aufgrund des Gesagten liegen in Bezug auf die grundsätzliche Zu-
ständigkeit Rumäniens keine Wiedererwägungsgründe vor.
7.3 Die Beschwerdeführerin kann sich sodann nicht auf das Vorliegen ei-
nes – durch ihren psychischen Gesundheitszustand begründeten – Abhän-
gigkeitsverhältnisses zu ihrem (angeblichen) Ehemann B._ gemäss
Art. 16 Dublin-III-VO berufen. Als abhängige Personen gelten gemäss dem
Wortlaut dieser Bestimmung Kinder, Geschwister oder Elternteile des An-
tragstellers, zu welchem bereits im Herkunftsland eine familiäre Bindung
bestand (Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO). Diese Voraussetzungen sind vorlie-
gend nicht erfüllt. Im Übrigen wurde eine entsprechende Abhängigkeit le-
diglich behauptet und ergibt sich – entgegen dem sinngemässen Be-
schwerdevorbringen – insbesondere nicht aus dem ärztlichen Bericht der
(...) vom 18. Februar 2021.
7.4
7.4.1 Es bleibt zu prüfen, ob sich seit Abschluss des ordentlichen Verfah-
rens die Sachlage wesentlich verändert hat respektive sich Gründe nach
D-1017/2021
Seite 12
Art. 66 Abs. 2 VwVG ergeben haben, so dass heute allfällige Überstel-
lungshindernisse vorliegen, welche einen Selbsteintritt der Schweiz auf
das Asylgesuch der Beschwerdeführerin zur Folge hätten (Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO).
7.4.2
7.4.2.1 Die Beschwerdeführerin brachte in ihrer als Wiedererwägungsge-
such entgegengenommenen Eingabe vom 15. Februar 2021 erstmals vor,
sie würde sich lieber das Leben nehmen, als zurück (nach Syrien oder Ru-
mänien) geschickt zu werden. In der Beschwerdeschrift machte sie – unter
Einreichung eines ärztlichen Berichts der (...) vom 18. Februar 2021 – so-
dann weitere Ausführungen zu ihrem psychischen Gesundheitszustand,
welcher sich im Falle einer Überstellung nach Rumänien verschlechtern
würde. Damit macht sie implizit geltend, ihre Überstellung in diesen Dublin-
Mitgliedstaat verletze Art. 3 EMRK.
7.4.2.2 Abgesehen davon, dass sich dem Bundesverwaltungsgericht nicht
erschliesst, weshalb die psychischen Probleme, die offenbar bereits in Sy-
rien bestanden haben sollen (vgl. ärztlicher Bericht der (...) vom 18. Feb-
ruar 2021 S. 2), nicht schon im Verlauf des ordentlichen Verfahrens vorge-
bracht wurden, ist dazu Folgendes festzuhalten:
7.4.2.3 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitli-
chen Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
troffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheits-
stadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit
dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstüt-
zung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m.H.a. die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.4.2.4 Vorliegend ist eine solche Situation aufgrund der Aktenlage nicht
anzunehmen. Aus dem ärztlichen Bericht der (...) vom 18. Februar 2021
D-1017/2021
Seite 13
ergibt sich im Wesentlichen, dass die Beschwerdeführerin am ehesten an
einer dissoziativen Störung leide, welche sich in plötzlich auftretenden Er-
regungszuständen mit einer konsekutiven Amnesie für den genannten Zeit-
raum äussere. Ein solcher sei aufgetreten, nachdem sie darüber informiert
worden sei, dass sie möglicherweise ausgeschafft werde. Die geltend ge-
machte psychische Belastung steht somit in einem engen Zusammenhang
mit der drohenden Überstellung nach Rumänien. Daran ändert der Um-
stand nichts, dass im genannten ärztlichen Bericht auch festgehalten
wurde, dass die dissoziative Störung möglicherweise auch in einer fraglich
bestehenden posttraumatischen Belastungsstörung begründet sei, wobei
diesbezüglich eine eingehendere testpsychologische Untersuchung not-
wendig wäre. Der Beschwerdeführerin wurden sodann in der Schweiz ent-
sprechende Medikamente verabreicht und es darf davon ausgegangen
werden, dass sie in Rumänien, das – wie vom SEM in der Vernehmlassung
vom 23. März 2021 festgehalten – über eine ausreichende medizinische
Infrastruktur verfügt, bei Bedarf eine adäquate Weiterbehandlung und Be-
treuung findet. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die
erforderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist
die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigen-
falls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen keine Hinweise vor, wonach Rumä-
nien der Beschwerdeführerin eine adäquate medizinische Behandlung ver-
weigern würde.
7.4.2.5 Was die geltend gemachte Suizidalität betrifft, ist zunächst festzu-
halten, dass sich die Beschwerdeführerin gemäss dem ärztlichen Bericht
der (...) vom 18. Februar 2021 klar und glaubhaft von Suizidalität distanziert
habe und keine Hinweise für eine akute Eigengefährdung vorhanden
seien. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung stellt sodann Suizida-
lität kein Vollzugshindernis dar (vgl. Urteil des BGer 2C_856/2015 vom
10. Oktober 2015 E. 3.2.1). Dies entspricht auch der Praxis des Bundes-
verwaltungsgerichts (vgl. Urteil des BVGer F-5933/2019 vom 23. Januar
2020 E. 7.6 m.w.H.). Gemäss Praxis des EGMR ist sodann der wegwei-
sende Staat nicht verpflichtet ist, vom Vollzug der Ausweisung Abstand zu
nehmen, falls die betroffenen Personen für den Fall des Vollzugs des Weg-
weisungsentscheides mit Suizid drohen. Die Überstellung verstösst nicht
gegen Art. 3 EMRK, wenn der wegweisende Staat Massnahmen ergreift,
um die Umsetzung einer entsprechenden Suiziddrohung zu verhindern
D-1017/2021
Seite 14
(vgl. EGMR i.S. Dragan und andere gegen Deutschland vom 7. Oktober
2004, Nr. 33743/03, angeführt in EMARK 2005 Nr. 23 E. 5.1).
7.4.2.6 Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefoch-
ten Verfügung beauftragt sind, werden – was das SEM in seiner Vernehm-
lassung vom 23. März 2021 ausdrücklich festhielt – den medizinischen
Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstel-
lung der Beschwerdeführerin Rechnung tragen und die rumänischen Be-
hörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen
Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO), so dass diese in der
Lage sein werden, allenfalls notwendige Vorkehrungen zeitgerecht zu tref-
fen. Somit kann auch einem allfälligen Risiko einer Selbstgefährdung mit
einer gut vorbereiteten Reise entgegengewirkt werden.
7.4.2.7 Nach dem Gesagten steht der aktenkundige gesundheitliche Zu-
stand der Beschwerdeführerin einer Überstellung nach Rumänien nicht
entgegen (vgl. auch Urteile des BVGer E-350/2021 vom 1. Februar 2021
E. 8.2.1 und E-5656/2020 vom 22. Januar 2021 E. 6.3.1). Daran vermag
der unsubstanziierte Einwand in der Replik, wonach laut Berichten die
staatliche soziale, psychologische und medizinische Hilfe speziell für Trau-
matisierte und Folteropfer ungenügend bleibe, nichts zu ändern. Aufgrund
der obigen Ausführungen ist es sodann nicht notwendig, weitere medizini-
sche Abklärungen in der Schweiz durchzuführen. In antizipierter Würdi-
gung der gesamten Aspekte ist nicht zu erwarten, dass weitere in der
Schweiz erhobene medizinische Befunde hinsichtlich der psychischen Ge-
sundheit der Beschwerdeführerin etwas an dieser Einschätzung zu ändern
vermögen. Der sinngemässe Antrag auf Durchführung weiterer Abklärun-
gen hinsichtlich ihres psychischen Gesundheitszustands ist daher abzu-
weisen.
7.4.3
7.4.3.1 Die Beschwerdeführerin beruft sich im Wiedererwägungsgesuch
und insbesondere in der Beschwerdeschrift erneut auf die Anwesenheit ih-
res (angeblichen) Ehemannes B._ in der Schweiz respektive reicht
diesbezüglich neue Beweismittel ein. Damit macht sie implizit geltend,
Art. 8 EMRK stehe ihrer Überstellung nach Rumänien entgegen.
7.4.3.2 Die Vorbringen zu ihrer Beziehung zu B._ wurden bereits im
ordentlichen Verfahren geltend gemacht und beurteilt. So legte das Bun-
desverwaltungsgericht im Urteil D-6557/2020 vom 7. Januar 2021 ausführ-
D-1017/2021
Seite 15
lich dar, weshalb vorliegend Art. 8 EMRK einer Überstellung der Beschwer-
deführerin nach Rumänien nicht entgegenstehe. Es hielt zunächst fest,
dass ernsthafte Anhaltspunkte (u.a. sich aus den Aussagen der Beschwer-
deführerin und den eingereichten Beweismitteln ergebende Widersprüche)
bestünden, die für die Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Ehe spre-
chen würden (E. 10.6.4.1). Sodann führte es aus, weshalb auch nicht von
einer nahen und echten Beziehung zwischen der Beschwerdeführerin und
B._ im Sinne der einschlägigen Rechtsprechung ausgegangen
werden könne (E. 10.6.4.2). Schliesslich erwog es, dass ein allfälliger Ein-
griff in das Familienleben der Beschwerdeführerin bei einer Abwägung der
betroffenen Interessen nicht als unverhältnismässig angesehen werden
könne, zumal es weiterhin Kontaktmöglichkeiten zwischen ihr und
B._ gebe und es zudem möglich sei, bei der zuständigen Behörde
einen Antrag auf Familienzusammenführung zu stellen (E. 10.6.4.3).
7.4.3.3 Bezüglich der mit der Beschwerdeschrift erstmals eingereichten
Beweismittel zur Ehe zwischen der Beschwerdeführerin und B._ ist
zunächst festzuhalten, dass diese offenbar auf der angeblich am 31. De-
zember 2019 vorgenommenen Eintragung der Heirat basieren (vgl. Ehe-
schliessungsurkunde und Familienausweis) und die Beschwerdeführerin
diese damit grundsätzlich bereits während des ordentlichen Verfahrens
hätte erhältlich machen und einreichen können. In der Beschwerdeschrift
wird nicht dargelegt, weshalb ihr dies nicht möglich war. Das Gleiche gilt
bezüglich der auf Februar 2021 datierten Beglaubigungen des bereits im
ordentlichen Verfahren eingereichten gerichtlichen Entscheids vom 28. No-
vember 2019.
Sodann sind diese Beweismittel nicht geeignet, unter dem Gesichtspunkt
von Art. 8 EMRK zu einer anderen Einschätzung zu gelangen. Abgesehen
davon, dass es sich dabei lediglich um Kopien handelt, deren Beweiswert
gering ist, vermöchten sie – wenn überhaupt – lediglich etwas an der Ein-
schätzung der Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Eheschliessung zu
ändern. Eine ausführliche diesbezügliche Auseinandersetzung erübrigt
sich indessen, da ohnehin nicht ersichtlich ist, inwiefern sie etwas an der
im Urteil D-6557/2020 vom 7. Januar 2021 vorgenommenen Beurteilung,
wonach ein allfälliger Eingriff in das Familienleben der Beschwerdeführerin
nicht als unverhältnismässig angesehen werden könne, zu ändern vermö-
gen. Die in der Replik in Aussicht gestellte Nachreichung der Originaldoku-
mente ist vor diesem Hintergrund nicht abzuwarten.
D-1017/2021
Seite 16
7.4.3.4 Das Vorbringen im Wiedererwägungsgesuch, wonach die Be-
schwerdeführerin respektive B._ kein Familiennachzugsgesuch
einreichen könnten, da sie keinen Pass besitze und staatenlos sei, stellt im
Kern eine appellatorische Kritik an einem rechtskräftigen Urteil und mithin
keinen gültigen Wiedererwägungsgrund dar. Im Übrigen verwies das SEM
in der angefochtenen Verfügung diesbezüglich zu Recht auf den Nichtein-
tretensentscheid vom 1. Februar 2021, in welchem aufgezeigt wurde, dass
die Beschwerdeführerin ihren Antrag auf Anerkennung der Staatenlosigkeit
in Rumänien einreichen könne. Dieser Entscheid erwuchs denn auch un-
angefochten in Rechtskraft.
7.4.4 Nach dem Gesagten liegt keine Verletzung von Art. 3 oder 8 EMRK
vor und es besteht damit kein Überstellungshindernis, welches die Schweiz
zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17 Dublin-III-VO zwingen würde.
7.4.5
7.4.5.1 Soweit in der Beschwerdeschrift das Vorliegen von „humanitären
Gründen“ geltend gemacht wird, ist Folgendes festzuhalten:
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei der
Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen
Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitionsbe-
schränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Streichung
der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts gemäss
Art. 106 Abs. 1 aBst. c AsylG) überprüft das Gericht den vorinstanzlichen
Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf Ange-
messenheit hin. Das Gericht beschränkt seine Beurteilung nunmehr im
Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich korrekt
und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung getra-
gen und seinen Ermessensspielraum korrekt ausgeübt hat (vgl. Art. 106
Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
7.4.5.2 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung und der Vernehm-
lassung vom 23. März 2021 die Vorbringen der Beschwerdeführerin hin-
sichtlich ihrer persönlichen Situation (neue Beweismittel zur Eheschlies-
sung, gesundheitliche Situation) berücksichtigt. Den Akten sind keine Hin-
weise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unter-
schreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb
in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
D-1017/2021
Seite 17
7.5 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Vorbringen
und (nachträglich entstandenen) Beweismittel im Beschwerdeverfahren
nicht geeignet sind, zu einer Anpassung der Verfügung vom 16. Dezember
2020 zu führen. Das SEM hat das Wiedererwägungsgesuch zu Recht ab-
gewiesen. An dieser Einschätzung vermögen die übrigen Beschwerdevor-
bringen (insb. die unsubstanziierten Vorbringen im Zusammenhang mit
dem Asylverfahren in Rumänien und der angeblich dort erfahrenen
schlechten Behandlung) nichts zu ändern, weshalb darauf nicht weiter ein-
zugehen ist.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
Der am 9. März 2021 angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Ur-
teil dahin.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihr jedoch
mit Instruktionsverfügung vom 12. März 2021 die unentgeltliche Prozess-
führung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, ist von der Kosten-
erhebung abzusehen.
(Dispositiv nächste Seite)
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