Decision ID: 0be785a1-4632-4a4a-850d-1e76414a42c4
Year: 2015
Language: de
Court: CH_EDÖB
Chamber: CH_EDÖB_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: public_law

I. Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte stellt fest:
1. Der Bundesrat hat aufgrund einer umfassenden Interessenabwägung beschlossen, dass die
Schweiz die Embargomassnahmen der Europäischen Union betreffend die Ukraine und
Russland nicht übernimmt, aber alle notwendigen Massnahmen trifft, um Umgehungsgeschäfte
über die Schweiz zu vermeiden. Deshalb erliess er am 2. April 2014 gestützt auf Art. 2 des
Bundesgesetzes über die Durchsetzung von internationalen Sanktionen (Embargogesetz,
EmbG; SR 946.231) die Verordnung über Massnahmen zur Vermeidung der Umgehung
internationaler Sanktionen im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine
(SR 946.231.176.72). Im Hinblick auf die weiteren Massnahmen der EU wurde diese
Verordnung auf den 27. August 2015 total revidiert und in der Folge die Anhänge 2,3 und 4
angepasst.1 Die Massnahmen der Verordnung sind Finanz- und Handelsbeschränkungen.
Vorgesehen sind Verbote, Melde- und Bewilligungspflichten.2
2. Der Antragsteller (Journalist) ersuchte mit E-Mail vom 23. Juni 2015 gestützt auf das
Bundesgesetz über das Öffentlichkeitsprinzip der Verwaltung (Öffentlichkeitsgesetz, BGÖ;
SR 152.3) beim Staatssekretariat für Wirtschaft SECO um Zugang zu Listen/Statistiken
betreffend die vorerwähnte Verordnung. Er stellte zudem folgende Fragen:
- Wie viele Bewilligungen nach Art. 5 der Verordnung wurden seit Inkraftsetzung der Verordnung
erteilt? (Bewilligungspflicht für die Begebung von Finanzinstrumenten)
- Wie viele Bewilligungen nach Art. 5 der Verordnung wurden seit Inkraftsetzung der Verordnung
verweigert, betreffend welche Summen? (Bewilligungspflicht für die Begebung von
Finanzinstrumenten)
- Dieselben Fragen betreffend Art. 5a und 6 der Verordnung. (Bewilligungspflicht für die Gewährung
von Darlehen)
1 Vgl. die Verordnung und die Änderungen, abrufbar unter:
http://www.seco.admin.ch/themen/00513/00620/00622/05405/index.html?lang=de (besucht am 2. Dezember 2015). 2 Bericht zur Aussenwirtschaftspolitik 2014, S. 107 f.
http://www.seco.admin.ch/themen/00513/00620/00622/05405/index.html?lang=de
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- Wie viele Anfragen/Meldungen von Finanzintermediären gab es bisher, die zur Anwendung von
Art. 7 der Verordnung führen? (Verbot von Finanzierungen, Beteiligungen und Dienstleistungen auf
der Krim und in Sewastopol)
- Wie viele Anfragen/Meldungen von Finanzintermediären gab es bisher, die zur Anwendung von
Art. 8 der Verordnung führen? (Verbot der Eröffnung neuer Geschäftsbeziehungen)
- Wie viele Anfragen/Meldungen von Finanzintermediären gab es bisher, die zur Anwendung von
Art. 9 der Verordnung führen? (Meldepflichten für bestehende Geschäftsbeziehungen).
3. Mit Schreiben vom 13. Juli 2015 nahm das SECO Stellung und verweigerte den Zugang
gestützt auf Art. 8 Abs. 2 BGÖ (ausstehender politischer oder administrativer Entscheid der
Behörde), Art. 7 Abs. 1 Bst. a BGÖ (wesentliche Beeinträchtigung der freien Meinungs- und
Willensbildung der Behörde) sowie Art. 7 Abs. 1 Bst. d BGÖ (Beeinträchtigung der
aussenpolitischen Interessen oder der internationalen Beziehungen der Schweiz).
4. Mit Schreiben vom 30. Juli 2015 reichte der Antragsteller einen Schlichtungsantrag beim
Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (Beauftragter) ein und hielt fest,
die ablehnende Begründung des SECO überzeuge ihn nicht. Insbesondere hätte das SECO
keine Abwägung zwischen dem Grundsatz der Öffentlichkeit der Verwaltung und den
Ausnahmegründen vorgenommen.
5. Mit Schreiben vom 3. August 2015 bestätigte der Beauftragte gegenüber dem Antragsteller den
Eingang des Schlichtungsantrages und forderte gleichentags das SECO dazu auf, die
betroffenen Dokumente sowie eine ausführliche und detailliert begründete Stellungnahme
einzureichen.
6. Das SECO ersuchte mit E-Mail vom 4. August 2015 um eine Fristerstreckung bis zum
18. September 2015. Der Beauftragte erstreckte gleichentags die Frist bis zum
25. August 2015.
7. Mit Schreiben vom 14. August 2015 reichte das SECO eine Stellungnahme und Dokumente ein.
8. Am 17. November 2015 fand eine Schlichtungsverhandlung statt, in welcher sich die Parteien
nicht einigen konnten.
9. Auf die weiteren Ausführungen des Antragstellers und des SECO sowie auf die eingereichten

Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den folgenden Erwägungen eingegangen.
II. Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte zieht in Erwägung:
A. Formelle Erwägungen: Schlichtungsverfahren und Empfehlung gemäss Art. 14 BGÖ
10. Der Antragsteller reichte ein Zugangsgesuch nach Art. 10 BGÖ beim SECO ein. Dieses
verweigerte den Zugang zu den verlangten Dokumenten. Der Antragsteller ist als Teilnehmer
an einem vorangegangenen Gesuchsverfahren zur Einreichung eines Schlichtungsantrags
berechtigt (Art. 13 Abs. 1 Bst. a BGÖ). Der Schlichtungsantrag wurde formgerecht (einfache
Schriftlichkeit) und fristgerecht (innert 20 Tagen nach Empfang der Stellungnahme der
Behörde) beim Beauftragten eingereicht (Art. 13 Abs. 2 BGÖ).
11. Das Schlichtungsverfahren findet auf schriftlichem Weg oder konferenziell (mit einzelnen oder
allen Beteiligten) unter Leitung des Beauftragten statt, der das Verfahren im Detail festlegt.3
Kommt keine Einigung zustande oder besteht keine Aussicht auf eine einvernehmliche Lösung,
3 Botschaft zum Bundesgesetz über die Öffentlichkeit der Verwaltung (Öffentlichkeitsgesetz, BGÖ) vom 12. Februar 2003,
BBl 2003 1963 (zitiert BBl 2003), BBl 2003 2024.
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ist der Beauftragte gemäss Art. 14 BGÖ gehalten, aufgrund seiner Beurteilung der
Angelegenheit eine Empfehlung abzugeben.
B. Materielle Erwägungen
12. Der Beauftragte prüft nach Art. 12 Abs. 1 der Verordnung über das Öffentlichkeitsprinzip der
Verwaltung (Öffentlichkeitsverordnung, VBGÖ; SR 152.31) die Rechtmässigkeit und die
Angemessenheit der Beurteilung des Zugangsgesuches durch die Behörde. Er prüft damit im
Schlichtungsverfahren einerseits beispielsweise, ob die für das Zugangsgesuch zuständige
Behörde den Begriff des amtlichen Dokumentes (Art. 5 BGÖ) sowie die in Art. 7 f. BGÖ
vorgesehenen Ausnahmeklauseln oder die Bestimmungen in Bezug auf den Schutz der
Personendaten (Art. 9 BGÖ) rechtmässig angewendet hat. Andererseits prüft er in jenen
Bereichen, in denen das Öffentlichkeitsgesetz der Behörde bei der Bearbeitung eines
Zugangsgesuches einen gewissen Ermessensspielraum verleiht (z.B. Art der Einsichtnahme in
amtliche Dokumente), ob die von der Behörde gewählte Lösung auf die Umstände des
jeweiligen Falls abgestimmt und angemessen ist. Dabei kann der Beauftragte entsprechende
Vorschläge im Rahmen des Schlichtungsverfahrens machen (Art. 12 Abs. 2 VBGÖ) oder
gegebenenfalls eine entsprechende Empfehlung erlassen (Art. 14 BGÖ).4
13. Nach der Konzeption des Öffentlichkeitsgesetzes besteht eine Vermutung auf Zugang zu
amtlichen Dokumenten (Art. 6 Abs. 1 BGÖ). Der Zugang kann eingeschränkt, aufgeschoben
oder verweigert werden, wenn überwiegende öffentliche oder private Interessen der
Geheimhaltung einer Offenlegung entgegenstehen (Art. 7 BGÖ) oder bei Vorliegen eines
besonderen Falles gemäss Art. 8 Abs. 1 – 4 BGÖ.
14. In Art. 7 Abs. 1 BGÖ nimmt das Gesetz die Interessenabwägung selber vorweg, indem es in
abschliessender Weise die verschiedenen Fälle überwiegender öffentlicher oder privater
Interessen aufzählt. Nach Art. 7 Abs. 1 BGÖ beruht der Schutz von Geheimhaltungsinteressen
auf dem Bestehen oder Nichtbestehen eines Schadensrisikos und nicht auf einer eigentlichen
Interessenabwägung. Wie dies bei Einschränkungen von Grundrechten im Allgemeinen der Fall
ist, müssen die Ausnahmeklauseln restriktiv ausgelegt werden.5
15. Demgegenüber erfordert Art. 7 Abs. 2 BGÖ eine Interessenabwägung: Bei der Bekanntgabe
von Personendaten hat die Behörde eine Abwägung zwischen dem öffentlichen Interesse an
der Zugänglichkeit und dem privaten Interesse am Schutz der Privatsphäre vorzunehmen.6
16. Art. 8 BGÖ enthält Kategorien amtlicher Dokumente, für welche das Gesetz selber die
Geheimhaltung (Abs. 1, 2, 3 und 4) oder die Öffentlichkeit (Abs. 5) bestimmt. In diesen Fällen
muss die Behörde nicht über eine mögliche Beeinträchtigung zu schützender Interessen
befinden, da der Gesetzgeber bereits entschieden hat.7
17. Sofern die Behörde den Zugang zum amtlichen Dokument nicht vollständig gewährt, muss sie
zur Widerlegung der Vermutung des freien Zugangs (Art. 6 Abs. 1 BGÖ) beweisen, dass die in
Art. 7 aufgestellten Ausnahmen bzw. die besonderen Fälle nach Art. 8 Abs. 1 – 4 BGÖ
bestehen. Die Beweislast obliegt der Behörde.8
4 GUY-ECABERT, in: Brunner/Mader [Hrsg.], Stämpflis Handkommentar zum BGÖ, Bern 2008 (zit. Handkommentar BGÖ),
Art. 13, Rz 8. 5 Urteil des BVGer A-700/2015 vom 26. Mai 2015 E. 4.2. 6 Urteil des BVGer a.a.O. 7 MAHON/GONIN, Handkommentar BGÖ, Art. 8, Rz 4. 8 Urteil des BVGer a.a.O.
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18. Im vorliegenden Fall berief sich das SECO nicht auf die Ausnahmenorm von Art. 7 Abs. 2 BGÖ,
weshalb auch keine entsprechende Interessenabwägung erfolgte. Diesbezüglich greift das
Argument des Antragstellers, wonach das SECO keine Interessenabwägung vorgenommen hat,
nicht. Darüber hinaus musste das SECO für die von ihm geltend gemachten Gründe der
Zugangsverweigerung auch keine solche vornehmen. Vielmehr muss es das Bestehen eines
Schadensrisikos in Bezug auf die Ausnahmefälle von Art. 7 Abs. 1 Bst. a und d BGÖ und das
Bestehen des besonderen Falles nach Art. 8 Abs. 2 BGÖ aufzeigen, was nachfolgend geprüft
wird.
19. Gegenüber dem Antragsteller muss das SECO nach Art. 12 Abs. 4 BGÖ seine
Zugangsverweigerung nur in summarischer Weise begründen, jedoch so, dass dieser den
Entscheid und die Begründungen zumindest in den Grundzügen nachvollziehen kann.9 Die
blosse Wiedergabe von Normen des Öffentlichkeitsgesetzes bzw. allgemeine Ausführungen
zum Thema Sanktionsgesetzgebung durch das SECO genügen den Anforderungen einer
summarischen Begründung nach Art. 12 Abs. 4 BGÖ nicht.
20. Demnach erfüllte das SECO seine summarische Begründungspflicht nach Art. 12 Abs. 4 BGÖ
vorliegend nicht.
21. Im Rahmen des Schlichtungsverfahrens hat die Behörde dem Beauftragten eine ausführliche
Begründung zu liefern (Art. 12b VBGÖ). Ist die Begründung unzureichend oder fehlt sie,
empfiehlt der Beauftragte aufgrund der gesetzlichen Beweislastumkehr zugunsten der
Transparenz.10
22. Der Beauftragte prüft nun aufgrund der zwei schriftlichen Stellungnahmen des SECO vom
13. Juli 2015 und vom 14. August 2015 das allfällige Vorliegen der geltend gemachten
Ausnahmen nach Art. 7 Abs. 1 Bst. a und d BGÖ und/oder des besonderen Falles nach
Art. 8 Abs. 2 BGÖ.
23. In seiner Stellungnahme vom 14. August 2015 an den Beauftragten berief sich das SECO auf
die Ausnahmegründe von Art. 7 Abs. 1 Bst. a und d sowie Art. 8 Abs. 2 BGÖ und erklärte, die
Begründung könne der Stellungnahme an den Antragsteller vom 13. Juli 2015 entnommen
werden. Darüber hinaus ergänzte es minimal seine Stellungnahme und verwies explizit auf
Art. 13 Abs. 2 VBGÖ, wonach die Empfehlung keine Informationen enthalten dürfe, die eines
der geschützten Interessen nach Art. 7 oder 8 BGÖ beeinträchtigen könnte.
24. Das SECO erklärte vorweg Art. 8 Abs. 2 BGÖ als anwendbar. Ausser der Nennung des Artikels
und dessen Wortlauts teilte es in der Stellungnahme vom 13. Juli 2015 mit, der Erlass der
Verordnung sei zwar ein abgeschlossener Entscheid, jedoch könne die Verordnung unter dem
Blickwinkel der aktuellen politischen Lage bzw. der Situation in der Ukraine jederzeit geändert
werden. Ergänzend führte das SECO in seiner Stellungnahme vom 14. August 2015 aus, der
politische Entscheid des Bundesrates, allenfalls weitere Massnahmen zu erlassen, basiere auf
den Erkenntnissen, die aus den in der Verordnung statuierten Melde- und Bewilligungspflichten
gewonnen würden. Gestützt hierauf müsse der Bundesrat seine Politik frei anpassen oder
ergänzen können.
25. Der Antragsteller ist mit der Begründung des SECO nicht einverstanden. Der Entscheid sei, wie
das SECO aufführe, getroffen worden und die Verordnung in Kraft. Der Bundesrat könne jeden
seiner Entscheide irgendwann in Zukunft wieder abändern.
9 PARTSCH/BOURESH/BEHND/SCHNEIDER, Basler Kommentar zum Öffentlichkeitsgesetz (zit. BSK BGÖ), 3. Aufl., Basel 2014,
Art. 12 N 60 mit Verweis auf mehrere EDÖB Empfehlungen. 10 Urteil des BVGer A-6291/2013 vom 28. Oktober 2014 E. 7.
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Liesse man dieses Argument zu, so könnte der Bundesrat damit sämtliche Dokumente aus
seinem Einflussbereich dem Öffentlichkeitsgesetz entziehen.
26. Nach Art. 8 Abs. 2 BGÖ dürfen amtliche Dokumente erst zugänglich gemacht werden, wenn der
politische oder administrative Entscheid, für den sie die Grundlage darstellen, getroffen worden
ist. Dieser Zugangsaufschub gilt nur befristet. Diese Norm überschneidet sich mit der
Ausnahmebestimmung von Art. 7 Abs. 1 Bst. a BGÖ (wesentliche Beeinträchtigung der freien
Meinungs- und Willensbildung).11
27. Ziel des Art. 8 Abs. 2 BGÖ ist es, der Behörde die Möglichkeit der freien Meinungsbildung zu
sichern, abgeschirmt von äusserem Druck, den die sofortige Offenlegung der fraglichen
Dokumente verursachen könnte. Ist der betreffende Entscheid getroffen, besteht diese Gefahr
nicht mehr und der Zugang ist zu gewähren, es sei denn, es wäre eine Ausnahmenorm nach
Art. 7 BGÖ anwendbar. Damit das betreffende Dokument als Entscheidgrundlage gilt, muss
dieses einen direkten und unmittelbaren Zusammenhang mit einem konkreten Entscheid
aufweisen und zugleich für diesen von beträchtlichem materiellem Gewicht sein, damit nicht
über diesen Gesetzesartikel der Zweck des BGÖ ausgehebelt wird.12 Zudem verlangt der
Beauftragte eine gewisse zeitliche Nähe zwischen dem ausstehenden behördlichen Entscheid
und dem Zugangsverfahren.13
28. Zur Anwendbarkeit des Art. 8 Abs. 2 BGÖ im Zusammenhang mit der zu beurteilenden
Verordnung hat sich der Beauftragte bereits in einer kürzlich ergangenen Empfehlung
geäussert und dessen Anwendbarkeit abgelehnt. Er kam zu Schluss, dass jede Verordnung
jederzeit abgeändert werden kann und sich die Behörden stets auf diese Norm berufen
könnten.14 Zu ergänzen ist, dass mit der Argumentation des SECO im Ergebnis auch alle
Zugangsgesuche zu Verordnungen nach Art. 2 EmbG vom Öffentlichkeitsgesetz ausgenommen
werden können. Das käme der Schaffung einer eigenen Ausnahmekategorie gleich, welche im
Öffentlichkeitsgesetz nicht vorgesehen ist. Die eingangs erwähnte Verordnung ist in Kraft.
Somit ist der politische Entscheid bereits gefällt, weshalb ein Zugangsaufschub entfällt. Zudem
konnte das SECO dem Beauftragten nicht nachvollziehbar aufzeigen, inwiefern die
Informationen, die es aufgrund der Verordnung erhält, in einem direkten und unmittelbaren
Zusammenhang mit einem zeitlich nahen Bundesratsentscheid betreffend die Verordnung
stehen und für diesen von beträchtlichem materiellem Gewicht sind. Schliesslich ist aufgrund
der bisherigen Revisionen der Verordnung nach Ansicht des Beauftragten davon auszugehen,
dass andere Gründe für den Entscheid einer allfälligen Änderung der Verordnung relevant sind.
29. Die Voraussetzungen des Zugangsaufschubes sind konkret nicht erfüllt. Es liegt kein
Anwendungsfall von Art. 8 Abs. 2 BGÖ vor.
30. Weiter beruft sich das SECO auf die Ausnahmenormen Art. 7 Abs. 1 Bst. a und d BGÖ. Die
Wirksamkeit der Ausnahmen nach Art. 7 Abs. 1 BGÖ sind als gegeben zu betrachten, wenn die
Behörde das Bestehen eines Schadensrisikos darlegen kann. Beachtlich sind zwei
Bedingungen: Zum einen muss die Beeinträchtigung des geschützten Interesses im Fall einer
Offenlegung von einer gewissen Erheblichkeit sein, zum anderen muss ein ernsthaftes Risiko
bestehen, dass sie eintritt. Der Schaden muss dabei nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge
eintreffen, und dies mit hoher Wahrscheinlichkeit. Im Zweifelsfall ist es angemessen, sich
11 COTTIER/SCHWEIZER/WIDMER, Handkommentar BGÖ, Art. 7 Rz 14. 12 Urteil des BVGer A-3631/2009 vom 15. September 2009 E. 3.5.1. 13 Vgl. Empfehlung vom 16. September 2015: ENSI / Berichte der Kernkraftwerkbetreiber zur Verfügung des ENSI vom
17. Mai 2013 (gezielter Anflug von Flugzeugen), Ziffer 16 f. 14 Vgl. Empfehlung vom 13. Oktober 2015: SECO / Meldungen von Gütern der Ölindustrie, Ziffer 22.
https://www.edoeb.admin.ch/oeffentlichkeitsprinzip/00889/01238/index.html?lang=de&download=NHzLpZeg7t,lnp6I0NTU042l2Z6ln1acy4Zn4Z2qZpnO2Yuq2Z6gpJCDdoR5e2ym162epYbg2c_JjKbNoKSn6A-- https://www.edoeb.admin.ch/oeffentlichkeitsprinzip/00889/01238/index.html?lang=de&download=NHzLpZeg7t,lnp6I0NTU042l2Z6ln1acy4Zn4Z2qZpnO2Yuq2Z6gpJCDdoR5e2ym162epYbg2c_JjKbNoKSn6A-- https://www.edoeb.admin.ch/oeffentlichkeitsprinzip/00889/01238/index.html?lang=de&download=NHzLpZeg7t,lnp6I0NTU042l2Z6ln1acy4Zn4Z2qZpnO2Yuq2Z6gpJCDdoR6gmym162epYbg2c_JjKbNoKSn6A--
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zugunsten des Zugangs zu entscheiden.15 Welchen Anforderungen eine Begründung für das
Bestehen eines Schadensrisikos zu genügend hat, ist im Einzelfall anhand der konkreten
Umstände und Interessen festzulegen. Eine minimale Begründung vermag zu genügen, wenn
die Gründe für den Entscheid offensichtlich sind.16
31. Das SECO hat sich auf Art. 7 Abs. 1 Bst. a BGÖ berufen und erklärt, dass die Offenlegung der
verlangten Informationen die freie Meinungs- und Willensbildung des Bundesrates
beeinträchtige. Der Bundesrat müsse ohne Druck aus der Öffentlichkeit entscheiden können.
Die vom SECO angerufene Ausnahmenorm schützt einzig den aktuellen, hängigen
Entscheidungsprozess und nicht bereits entschiedene sowie alle künftigen Entscheide.
Vorliegend ist der Entscheid der Embargomassnahmen gefällt, da die Verordnung in Kraft ist.
Wie der Antragsteller ausführt, ist bekannt, dass die Sanktionspolitik der Schweiz in Einzelfällen
kritisiert wird und somit Druck entstehen kann.17 Daher kann davon ausgegangen werden, dass
im Zusammenhang mit Embargomassnahmen Kritik und Druck stets vorhanden sind. Das
blosse Risiko, dass mit der Bekanntgabe der Informationen eine heftige, unter Umständen
kontroverse öffentliche Auseinandersetzung provoziert wird, ist nach der Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichtes kein Verweigerungsgrund im Sinne der Norm.18 Konkret muss das
SECO nachweisen, dass mit der Offenlegung von Informationen ein Schadensrisiko besteht,
d.h. dass eine Entscheidfindung des Bundesrates wesentlich beeinträchtigt wird, mithin die
Schwelle der „wesentlichen Beeinträchtigung“ im Sinne der Ausnahmebestimmung erreicht ist.
Die Begründung des SECO ist minimal und allgemeingültig. Sie kann für jedes Zugangsgesuch
einer jeden Embargoverordnung herangezogen werden und zielt letztlich darauf ab, alle
Verwaltungsgeschäfte betreffend die Embargoverordnungen gestützt auf Art. 7 Abs. 1
Bst. a BGÖ vom Öffentlichkeitsgesetz auszunehmen. Diese Ausnahmenorm bietet keine
Grundlage, den Zugang zu den verlangten Dokumenten gestützt auf allgemeine Überlegungen
zu verweigern.19 Es liegt nicht im Ermessen der Behörden, Ausnahmen für einzelne Arten von
Verwaltungsgeschäften, konkret für alle Zugangsgesuche zu entsprechenden Verordnungen
nach Art. 2 EmbG, zu schaffen.20 Nach Ansicht des Beauftragten kann vorliegend auch nicht
gesagt werden, die Gründe für das Vorliegen des Ausnahmegrundes seien offensichtlich. Daher
hätte das SECO das Bestehen eines Schadensrisikos ausführlicher begründen müssen
(Art. 12b VBGÖ). Konkret konnte es dem Beauftragten nicht aufzeigen, dass eine Bekanntgabe
einer Information einen bestimmten Entscheidungsprozess des Bundesrats wesentlich
beeinträchtigt.
32. Demzufolge sind die Voraussetzungen von Art. 7 Abs. 1 Bst. a BGÖ (wesentliche
Beeinträchtigung der freien Meinungs- und Willensbildung der Behörde) nicht erfüllt.
33. Schliesslich macht das SECO geltend, mit der Offenlegung der verlangten Informationen
könnten die aussenpolitischen Beziehungen der Schweiz beeinträchtigt werden (Art. 7 Abs. 1
Bst. d BGÖ), da eine Reihe von Geschäftsbeziehungen, welche in der Schweiz Melde- und
Bewilligungspflichten unterliegen, in der EU und anderen Staaten verboten seien. Das
Bestehen dieser Ausnahmenorm begründete das SECO nur mit dem Verweis auf den Artikel
und den Wortlaut der Bestimmung. Umfangreichere Informationen an den Beauftragten sind
möglich, weil, wie das SECO richtig vermerkt hat, dieser an Art. 13 Abs. 2 VBGÖ gebunden ist.
15 Urteil des BVGer A-6291/2013 vom 28. Oktober 2014 E. 7. 16 Urteil des BVGer A-6377/2013 vom 12. Januar 2015 E. 3.3. 17 Vgl. 13.3475-Motion „Das Embargogesetz modernisieren und Reputationsrisiken vermindern“. 18 Urteil des BVGer A-6291/2013 vom 28. Oktober 2014 E.7.2.3. 19 Vgl. dazu Urteil des BVGer A-6377/2013 vom 12. Januar 2015 E.4.2.2. 20 Vgl. Empfehlung vom 4. Dezember 2014: SECO / Exportgesuche, Ziffer 25.
https://www.edoeb.admin.ch/oeffentlichkeitsprinzip/00889/01153/index.html?lang=de&download=NHzLpZeg7t,lnp6I0NTU042l2Z6ln1acy4Zn4Z2qZpnO2Yuq2Z6gpJCDdoN3gWym162epYbg2c_JjKbNoKSn6A--
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Konkret konnte das SECO dem Beauftragten nicht nachweisen, dass der aussenpolitische
Handlungsspielraum des Bundesrates im Fall einer Offenlegung der verlangten Informationen
erheblich beeinträchtigt wird und ein ernsthaftes Risiko besteht, dass diese Beeinträchtigung
tatsächlich eintrifft. Schliesslich ist die Embargoverordnung in Kraft und es ist allgemein
bekannt, ob und welche Embargomassnahmen die Schweiz ergriffen hat und wie sich diese von
jenen der EU oder anderen Ländern unterscheiden. Die Verordnung zählt zudem auch auf,
welche Massnahmen vorgesehen sind. Es ist zudem letztlich nicht erkennbar, wie die
Bekanntgabe von Listen/Statistiken (Zahlenmaterial) zu einem derart substanziellen äusseren
Druck seitens der Öffentlichkeit, seitens der Medien oder seitens anderer Länder führen könnte,
dass in der Folge der Bundesrat nicht mehr in der Lage wäre, frei über eine Anpassung der
vorliegenden Embargoverordnung zu entscheiden. Da keine ausreichende Begründung des
SECO in Bezug auf die Beeinträchtigung der aussenpolitischen Beziehungen vorliegt, kann der
Beauftragte dieses Schadensrisiko nicht beurteilen, zumal auch keine Gründe für eine
Geheimhaltung offensichtlich sind. Demzufolge bleibt die gesetzliche Vermutung des Zugangs
aufrecht.
34. Demzufolge sind die Voraussetzungen von Art. 7 Abs. 1 Bst. d BGÖ (Beeinträchtigung der
aussenpolitischen Beziehungen) nicht erfüllt.
35. Zusammenfassend kommt der Beauftragte zum Schluss, dass weder ein besonderer Fall nach
Art. 8 BGÖ vorliegt noch Ausnahmebestimmungen nach Art. 7 BGÖ bestehen. Das SECO hat
daher dem Antragsteller den Zugang zu den verlangten Informationen betreffend die
Verordnung über Massnahmen zur Vermeidung der Umgehung internationaler Sanktionen im
Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine (SR 946.231.176.72) zu gewähren.
Schliesslich stellt der Beauftragte fest, dass das SECO seiner Mitwirkungspflicht im
Schlichtungsverfahren nicht ausreichend nachgekommen ist (Art. 12b VBGÖ).