Decision ID: 346ad852-c190-4df9-8719-01ac6d0edf9c
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1993, reichte am 9. Februar 2016 bei der Direk
tion der Justiz des Kan
tons Zü
rich, Kantonale Opferhilfestelle, ein Gesuch
um Vorschuss auf Entschädigung für Erwerbsausfall für die Zeit von Januar 2014
bis Ende Dezember 2015 im Betrag von Fr. 80‘448.60 sowie ein Gesuch um Übernahme ungedeckter medizinischer Kosten im Betrag von Fr. 494.75 ein (Urk. 7/30).
1.2
Mit unbegründeter Verfügung vom 25. Februar 2016 (Urk. 7/36/1) wurde dem Ge
schädigten für die Zeit von 7. Mai 2014 bis 31. Dezember 2015 ein Vorschuss
auf Entschädigung für Erwerbsausfall im Betrag von Fr. 33‘931.-- zugespro
chen
. Im Mehrbetrag wurde das Gesuch abgewiesen. Das Begehren betreffend
Über
nahme ungedeckter medizinischer Kosten wurde vollumfänglich gutge
hei
ssen.
Auf entsprechendes Begehren wurde die Verfügung mit einer Begründung ver
sehen
(Urk. 7/39 = Urk. 2).
2.
D
er Geschädigte erhob am 2. Mai 2016 Beschwerde
gegen die Verfügung vom 25. Februar 2016 (Urk. 2)
mit dem An
trag,
deren
Dispositiv-Ziffer II sei aufzu
heben und es sei ihm für die Zeit vom 1. Januar 2014 bis 31. Dezember 2015 ein Vorschuss auf Entschädigung für Erwerbsausfall im Betrag von Fr. 62‘745.--
auszurichten. Die Kantonale Opferhilfestelle verzichtete mit Eingabe vom 17. Mai
2016 auf eine Stellungnahme (Urk. 6).
Mit Gerichtsverfügung vom 15. Juni 2016 wurde das Gesuch um unentgeltliche Rechtsvertretung (Urk. 1 S. 2) abgewiesen (Urk. 11). Am 22. Mai 2017 (Urk. 16) reichte der Beschwerdeführer einen per 1. Februar 2017 abgeschlossenen neuen Arbeitsvertrag ein (Urk. 17), welcher dem Beschwerdegegner am 23. Mai 2017 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 18).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach
Art.
1
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Hilfe an Opfer von Straftaten (OHG)
hat jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, psychischen
oder sexuellen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer), An
spruch
auf Unterstützung nach diesem Gesetz (Opferhilfe). Der Anspruch besteht unab
hängig davon, ob der Täter oder die Täterin ermittelt worden ist; sich schuld
haft verhalten hat; vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt hat (
Art.
1
Abs.
3 OHG).
1.2
Nach
Art.
19
Abs.
1 OHG haben das Opfer und seine Angehörigen Anspruch auf eine Entschädigung für den erlittenen Schaden infolge Beeinträchtigung oder Tod des Opfers.
Der Schaden wird nach
Art.
45 (Schadenersatz bei Tötung) und
Art.
46 (Scha
den
ersatz bei Körperverletzung) des Obligationenrechts (OR) festgelegt. Vorbe
hal
ten bleiben die Absätze 3 und 4 (
Art.
19
Abs.
2 OHG).
1.3
Die zuständige kantonale Behörde gewährt einen
Vorschuss
, wenn: (a) die an
spruchsberechtigte Person sofortige Hilfe benötigt und (b) die Folgen der Straf
tat kurzfristig nicht mit hinreichender Sicherheit festzustellen sind (Art. 21 OHG).
2.
2.1
Der Beschwerdegegner ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) davon aus, von Januar 2014 bis Dezember 2015 (S. 5 Mitte) betrage das hypothetische Valideneinkommen des Beschwerdeführers aus näher dargelegten Gründen Fr. 95‘040.--, das Invalideneinkommen rund Fr. 58‘777.-- und der Erwerbs
schaden somit rund Fr. 36‘263.-- (S. 5 unten).
Von diesem anerkannten Schaden seien 93.57 %, mithin Fr. 33‘931.--, zu über
nehmen (S. 6 Mitte).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
aus näher dargelegten Gründen betrage das hypothetische Valideneinkommen ru
nd Fr. 125‘833.-- (S. 5 Ziff. 13), womit beim unbestrittenen Invalidenein
kommen von rund Fr. 58‘777.-- ein Erwerbsschaden von rund Fr. 67‘056.--resul
tiere (S. 5 Ziff. 14) und ihm davon 93.57 %, mithin Fr. 62‘745.--, auszu
rich
ten seien (S. 5 Ziff. 15).
2.3
Strittig und zu prüfen ist, von welchem hypothetischen Valideneinkommen von Januar 2014 bis Dezember 2015 auszugehen ist. Die übrigen Berechnungs
ele
mente sind nicht strittig und auch nach Lage der Akten nicht zu bean
standen.
3.
3.1
Der Beschwerdegegner ging davon aus, in Berücksichtigung aller Umstände und ausgehend von den Angaben der früheren Arbeitgeberin sei von einem Monats
lohn von brutto Fr. 4‘500.-- auszugehen (Urk. 2 S. 5 Mitte).
3.2
Der Beschwerdeführer absolvierte vom 17. August 2009 bis 16. August 2012 erfolg
reich eine Ausbildung zum Koch Fachrichtung Hotel im Y._
(Urk. 7/12/6/1). Anschliessend arbeitete er während eines Jahres in Lon
don im Hotel Z._ (vgl. Urk. 7/30 S. 3 Ziff. 5), dies zu einem Jahreslohn von £ 16‘850.-- (Urk. 7/12/6/4 = Urk. 7/31/5 S. 1 Mitte).
Am 24. November 2013 wurde er zusammengeschlagen (vgl. Urk. 7/12/1-4).
Vom 29. September 2014 bis 9. Oktober 2016 absolvierte er eine Ausbildung an der A._ (Urk. 7/12/6/13), dies als von der Invaliden
ver
sicherung finanzierte erstmalige berufliche Ausbildung zum dipl. Hotelier / Res
tau
rateur (Urk. 7/18/39).
3.3
Der Mindestlohn gemäss Landes-Gesamtarbeitsvertrag für das Gastgewerbe für Mitarbeiter mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis betrug Fr. 4‘108.-- im Jahr 2014 und 2015 (Urk. 7/12/6/21 = Urk. 7/31/14).
Auf telefonische Anfrage wurde dem Beschwerdegegner am 24. November 2015 von der zuständigen Person der Personalabteilung der ehemaligen Arbeitgeberin mitgeteilt, der Mindestlohn nach abgeschlossener Berufslehre gemäss Landes-Gesamtarbeitsvertrag von Fr. 4‘108.-- steige nach einem Dienstjahr noch nicht an. Nach zirka drei Jahren könne er etwas ansteigen, wobei auch hier ein tiefes Lohnniveau von zirka Fr. 4‘300.-- bestehe (Urk. 7/28).
Eine Abfrage im Lohnrechner Salarium des Bundesamts für Statistik (mit den Merk
malen Region Zürich, Branche Gastronomie, Berufe im Bereich personen
bezogener Dienstleistungen, ohne Kaderfunktion, 42.5 Wochenstunden, abge
schlosse
ne Berufsausbildung, 1 Dienstjahr, 50 und mehr Beschäftigte) ergab für das Jahr 2012 einen Medianlohn von Fr. 4‘271.-- (Urk. 7/32 = Urk. 7/36/2).
3.4
Der Betriebsleiter des Restaurants B._ gab am 15. Juli 2015 an, als gelernter Koch mit einjähriger Auslanderfahrung würde der Beschwerdeführer ein Bruttosalär von monatlich Fr. 5‘500.-- (x 13) verdienen (Urk. 7/12/6/23 = Urk. 7/31/16 = Urk. 3/2).
Die Leiterin Personalwesen des Hotels C._ gab am 11. März 2016 an, die dortigen Löhne für Köche lägen zwischen Fr. 4‘500.-- bis Fr. 5‘500.-- (Urk. 3/3).
Der Food & Beverage Manager des Hotels D._ nannte am 11. März 2016 als grobe Angabe, was ein gelernter Koch mit einem Jahr Ausland in einem renommierten Betrieb erwarten könne, brutto monatlich Fr. 4‘500.-- bis Fr. 4‘800.-- (Urk. 3/4).
Die Leiterin Human Resources des Hotels E._ nannte am 17. März 2016 als Jahresgehalt für einen Chef de Partie brutto Fr. 58‘500.-- (Urk. 3/5), was monat
lich Fr. 4‘500.-- (x 13) entspricht.
3.5
Seit 1. Februar 2017 ist der Beschwerdeführer bei der F._ angestellt, und zwar laut Vertrag (Urk. 17) als Assistant Restaurant Manager (Ziff. 1). Der Festlohn beträgt brutto monatlich Fr. 4‘600.-- (+ monat
licher Anteil 13. Monatslohn); basierend auf der „MBO Zielerreichung“ wird ein Bonus von bis zu 20 % des monatlichen Festlohns, hier maximal Fr. 920.--, ausbezahlt (Ziff. 4).
4.
4.1
Auf die Lohnverhältnisse an der aktuellen Stelle (vorstehend E. 3.5) kann schon deshalb nicht abgestellt werden, weil der Beschwerdeführer nunmehr nicht mehr als Koch tätig ist, sondern nach dem Besuch der Hotelfachschule als Restaurant Manager. Davon abgesehen bewegt sich der Grundlohn mit Fr. 4‘600.-- durch
aus in der Grössenordnung dessen, was der Beschwerdegegner eingesetzt hat,
wäh
rend die Bonus-Komponente definitionsgemäss mit Unsicherheit behaftet ist.
4.2
Der vom Betriebsleiter des Restaurants B._ genannte Monatslohn von Fr. 5‘500.-- ist rund 34 % höher als der Mindestlohn gemäss Gesamtarbeits
ver
trag. Damit eine solch massive Abweichung nach oben als einigermassen glaub
haft eingestuft werden könnte, wäre sie näher zu begründen und zu belegen
gewesen, erscheint es doch als ausgesprochen unwahrscheinlich, dass sich ange
sichts des bekannten Kostendrucks in der Gastronomie ein Betrieb ein derartiges Lohnniveau rein betriebswirtschaftlich überhaupt leisten könnte. So überrascht es nicht, dass keine zusätzlichen Angaben wie etwa der Hinweis auf effektiv beschäftigte Mitarbeitende mit ähnlich überhöhten Löhnen gemacht wurden.
4.3
Die übrigen vom Beschwerdeführer angeführten Lohnauskünfte sind nicht geei
g
net, die Annahme des Beschwerdegegners (Fr. 4‘500.--) in Frage zu stellen, wurde
doch gerade dieser Betrag von allen Auskunftspersonen ebenfalls angegeben, wenn auch teilweise als unterer Rand einer anzunehmenden Bandbreite. Ab
ge
sehen davon steht die Repräsentativität der Auskünfte nicht fest, so dass nicht auszuschliessen ist, dass der Beschwerdeführer auch für ihn weniger günstige Angaben erhalten, aber für sich behalten hat.
4.4
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass der Beschwerdegegner mit Fr. 4‘500.-- von einem Monatslohn ausgegangen ist, der einiges über dem Be
trag liegt, der sich dem Lohnrechner Salarium entnehmen lässt, und noch deut
licher über dem Mindestlohn gemäss Gesamtarbeitsvertrag. Damit ist den per
sönlichen Verhältnissen des Beschwerdeführers angemessen Rechnung getragen. Der Beschwerdegegner hat das ihm zuzubilligende Ermessen korrekt gehand
habt, so dass der von ihm gefällte Entscheid nicht zu beanstanden ist.
Damit erweist sich die angefochtene Verfügung als rechtens, was zur Abwei
sung der dagegen erhobene Beschwerde führt.