Decision ID: 30d7d128-d71d-5c2b-9b78-94e455f99e2d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ethnischer Tigrinya mit letztem Wohnsitz in
B._, verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am
3. März 2015 auf illegale Weise auf dem Landweg nach Äthiopien. Am
12. Juni 2015 reiste er in die Schweiz ein, wo er gleichentags um Asyl
nachsuchte.
B.
Im Rahmen einer verkürzten Befragung zur Person (BzP) wurde der Be-
schwerdeführer am 17. Juni 2015 zunächst summarisch zu seinen Perso-
nalien und am 29. September 2016 eingehend zu seinen Asylgründen an-
gehört. Dabei machte er im Wesentlichen folgendes geltend:
Als jüngstes Kind der Familie habe er Betreuungsaufgaben für seine Eltern
wahrnehmen müssen und die finanzielle Verantwortung getragen. Drei sei-
ner Brüder hätten derweil Militärdienst geleistet, ein Bruder habe sich in
der Schweiz befunden und seine Schwester sei zusammen mit ihrem
dienstleistenden Ehemann in B._ wohnhaft gewesen. Seine Familie
sei in der Landwirtschaft tätig allerdings auch von grosser Armut betroffen
gewesen. In der neunten Klasse sei er volljährig geworden und habe des-
halb eine Vorladung zum Militärdienst erhalten. Da er sich seiner Verant-
wortung den Eltern gegenüber bewusst gewesen sei, habe er dieser Auf-
forderung nicht nachkommen wollen. Um dem Militärdienst zu entkommen
habe er die Schule abgebrochen und sich nach C._ begeben. Dort
sei er während einer Woche einer Tätigkeit auf einer Plantage nachgegan-
gen ehe er im März 2014 festgenommen worden sei. Zunächst sei er im
Gefängnis D._ unter prekären Bedingungen inhaftiert gewesen.
Nach drei Monaten habe eine Haftverlegung nach E._ stattgefun-
den. Wiederum zwei bis drei Tage später sei er schliesslich nach
F._ überstellt worden, um dort das militärische Training zu absolvie-
ren. Er habe sich drei Monate in F._ aufgehalten, wobei er während
dieser Zeit gesundheitlich stark angeschlagen gewesen sei. Sein dreimo-
natiger Aufenthalt habe schliesslich im August 2014 mit seiner Flucht ge-
endet, bei der auch zahlreiche weitere Personen aus dem Ausbildungsla-
ger hätten entkommen können. Er habe sich nach der Flucht aus
F._ für weitere sechs Monate zuhause versteckt gehalten. Im Feb-
ruar 2015 habe er schliesslich eine weitere Vorladung erhalten, da die Be-
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hörden erfahren hätten, dass er sich vom militärischen Ausbildungsort ent-
fernt habe. Dies habe ihn schliesslich dazu bewogen, das Land zu verlas-
sen.
C.
Mit Verfügung vom 8. Mai 2018 – eröffnet am 14. Mai 2018 – verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asyl-
gesuch ab und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz sowie den
Vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 13. Juni 2018 liess der Beschwerdeführer handelnd durch
seinen mandatierten Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung erheben. Er beantragte da-
rin die vollumfängliche Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie die
Asylgewährung unter Anerkennung seiner Flüchtlingseigenschaft, eventu-
aliter sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht er-
suchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung einschliess-
lich Verzichts auf die Kostenvorschusserhebung sowie um Beiordnung sei-
nes Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand. Auf Beschwerdeebene
wurden ausserdem neue Beweismittel – insbesondere ein Zeugenbericht
zur Flucht aus F._ – beigebracht, die zur Untermauerung der ur-
sprünglichen Vorbringen dienen sollten.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Juni 2018 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut und setzte den Rechts-
vertreter als amtlichen Rechtsbeistand ein. Überdies wurde die Vorinstanz
zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
F.
Die Vorinstanz liess sich am 12. Juli 2018 zur Beschwerde vernehmen und
hielt dabei vollumfänglich an ihren Erwägungen der angefochtenen Verfü-
gung fest.
G.
Mit Verfügung vom 17. Juli 2018 wurde dem Beschwerdeführer die Ver-
nehmlassung zusammen mit einer Einladung zur Replik übermittelt.
H.
Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 2. August 2018 und
hielt an seinen Rechtsbegehren fest.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Der
Beschwerdeführer ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert
(Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid im Wesentli-
chen mit der mangelnden Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen des Be-
schwerdeführers. So habe er etwa anlässlich der BzP und der Anhörung
widersprüchliche Angaben zu den Gründen für seine Inhaftierung sowie
den Umständen seines Freikommens gemacht. Zudem würden seine
Schilderungen der Substanz entbehren und es sei beispielsweise nicht
nachvollziehbar, wie er trotz starker Bewachung aus dem Militärdienst
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habe fliehen können oder dass er sich nach der geltend gemachten Deser-
tion noch rund sechs Monate zuhause aufgehalten habe, wo er erneut vor-
geladen worden sei. Insgesamt entstehe ausserdem mangels emotionaler
Anteilnahme nicht der Eindruck, beim Behaupteten handle es sich um tat-
sächlich Erlebtes. Angesichts der Unglaubhaftigkeit dieser Vorbringen sei
nicht darauf zu schliessen, dass der Beschwerdeführer je in Kontakt mit
den eritreischen Militärbehörden gestanden habe. Alleine die Furcht vor ei-
nem drohenden Einzug in den Militärdienst sei für sich genommen jedoch
nicht asylrelevant. Überdies kämen weder der illegalen Ausreise noch den
geltend gemachten schwierigen Lebensumständen Asylrelevanz zu.
3.2 Der Beschwerdeführer führte zur Begründung seines Rechtsmittels im
Wesentlichen aus, die Vorinstanz habe seine Vorbringen nicht in einer Ge-
samtwürdigung beurteilt, sondern deren Glaubhaftigkeit einzig aufgrund
konstruierter Widersprüche infolge der verkürzten BzP verneint. Er sei an-
lässlich der stark verkürzten BzP nicht zu seinen Fluchtgründen befragt
worden, womit der vorinstanzliche Vorwurf, seine militärische Ausbildung
und die Flucht aus dem Ausbildungslager während der BzP nicht erwähnt
zu haben, treuwidrig sei. Im Übrigen bestünden zwischen der BzP und der
Anhörung keine eigentlichen Widersprüche.
Die Vorinstanz verweise in ihrer Verfügung pauschal auf seine wortkarge
und detailarme Erzählweise ohne diesen Vorwurf zu konkretisieren oder
entsprechende Protokollstellen zu nennen. Aus den Protokollen gehe je-
doch hervor, dass er präzise und lebhaft geantwortet habe. Entgegen der
Behauptung der Vorinstanz sei er Fragen nicht ausgewichen, sondern
habe die ihm gestellten Fragen jeweils zuerst in einen Gesamtkontext ge-
setzt (beispielsweise betreffend seine Vorladung und Verhaftung). Auf
Nachfrage hin habe er dann jeweils präzisierend weitere Ausführungen ge-
macht. Daraus lasse sich schliessen, dass er mit der zunächst meist offe-
nen Fragestellung wenig anzufangen gewusst habe, er auf konkrete Fra-
gen jedoch detailreich habe antworten können. Insofern sei auch nicht er-
sichtlich, weshalb die Vorinstanz in seinen Schilderungen keine emotionale
Anteilnahme gesehen habe, da er etwa die menschenunwürdige Situation
in Haft und sein Verantwortungsbewusstsein gegenüber seiner Familie ein-
drücklich und nachvollziehbar dargetan habe. Ebenfalls überzeugend und
substanziiert seien seine Ausführungen betreffend die militärische Ausbil-
dung und die Massenflucht aus dem Ausbildungslager ausgefallen.
Diesbezüglich verwies er zudem auf einen mit der Beschwerde eingereich-
ten Zeugenbericht von G._, der die gemeinsame Flucht aus dem
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Ausbildungslager bestätige. G._ habe in der Schweiz Asyl erhalten,
weshalb die entsprechende Fluchtgeschichte in jenem Asylverfahren als
glaubhaft erachtet worden sei und ihm somit im Sinn der Rechtsgleichheit
ebenfalls Asyl zu gewähren sei. Ferner sei der vorinstanzliche Einwand,
der Erhalt einer zweiten Vorladung erscheine widersinnig und unplausibel,
dadurch entkräftet, dass er während der militärischen Ausbildung geflohen
und somit noch keiner Einheit zugeteilt worden sei, die ihn persönlich zu-
hause hätte aufsuchen können.
Insgesamt habe er glaubhaft gemacht, vor seiner Ausreise bereits mit den
eritreischen Militärbehörden in konkretem Kontakt gestanden zu haben,
weshalb seiner illegalen Ausreise entgegen der vorinstanzlichen Einschät-
zung sehr wohl Asylrelevanz zukomme und er begründete Furcht vor zu-
künftiger Verfolgung habe. Jedenfalls weise er nebst seiner – nicht in Zwei-
fel gezogenen – illegalen Ausreise weitere Faktoren auf, die ihn in den Au-
gen der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen
würden, weshalb er mindestens subjektive Nachfluchtgründe habe nach-
weisen können. In diesem Zusammenhang sei zusätzlich zu seinen eige-
nen Vorbringen auch die Desertion seines älteren Bruders zu erwähnen,
die sich im Falle einer Rückkehr ebenfalls negativ auswirken könne.
3.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz fest, die auf Beschwerde-
ebene eingereichten schulischen Dokumente seien nicht geeignet, die
Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Vorbringen nachzuweisen. Der ein-
gereichte Zeugenbericht von G._ sei als reines Gefälligkeitsschrei-
ben ohne Beweiswert zu qualifizieren. Zudem könne der Beschwerdefüh-
rer aus dem Aufenthaltsstatus seines Bruders, der seit dem 14. April 2010
als Flüchtling vorläufig in der Schweiz aufgenommen ist, nichts zu seinen
Gunsten ableiten.
3.4 Der Beschwerdeführer entgegnete in seiner Replik im Wesentlichen,
dass die eingereichten schulischen Dokumente die Richtigkeit seiner Aus-
führungen zu seiner schulischen Laufbahn untermauern und somit die
Zweifel der Vorinstanz an den Beweggründen für seinen Schulabbruch ent-
kräften würden. Das Schreiben von G._ bestätige seine Aussagen
vollumfänglich, weshalb die Vorinstanz gehalten gewesen wäre, dessen
Akten zur Verifizierung seiner eigenen Vorbringen heranzuziehen. Es sei
nicht haltbar, dem Schreiben zum Vornherein jeglichen Beweiswert abzu-
sprechen. Aufgrund der Desertion und illegalen Ausreise seines Bruders,
die in der Schweiz zu dessen Flüchtlingseigenschaft geführt habe, drohe
ihm in Eritrea zudem Reflexverfolgung.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe gel-
tend (vgl. Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die
Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls (Art. 2 AsylG). Stattdessen wer-
den Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder
glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl.
BVGE 2009/29 E. 5.1 und E. 7.1 sowie 2009/28 E. 7.4.3, beide mit weite-
ren Hinweisen).
5.
5.1 Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorinstanz die Vorbringen des Beschwerdeführers zu
Recht als unglaubhaft respektive nicht asylrelevant qualifiziert hat. Der Be-
schwerdeführer vermag mit seinen Ausführungen in der Beschwerdeschrift
den Erwägungen des SEM nichts entgegenzusetzen, das geeignet wäre
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/29
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zu einer anderen Einschätzung zu führen. Somit kann vorab auf die zutref-
fenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden
(vgl. act. A16/9 Ziff. II S. 2 ff.).
Ergänzend ist Folgendes festzuhalten:
5.2 Es ist dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die geltend gemachte
Festnahme in C._, die darauffolgende Inhaftierung in unterschied-
lichen Anlagen sowie die Massenflucht aus dem militärischen Ausbildungs-
lager glaubhaft zu machen.
5.2.1 Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer anlässlich der
BzP und der Anhörung abweichende Angaben zum Grund seiner angebli-
chen Festnahme machte. Es ist zwar zutreffend, dass die BzP lediglich in
stark verkürzter Form stattfand und der Beschwerdeführer nicht explizit zu
seinen Asylgründen befragt wurde. Dennoch ist seine – in Bezug auf sei-
nen letzten Wohnort getroffene – Aussage "ich war davon noch ca. 5 Mo-
nate in D._, in der Nähe von H._, inhaftiert. Dies weil ich
illegal ausreisen wollte und sie mich dabei erwischt haben" (vgl. act. A4/10
2.01) ohne Weiteres verwertbar. Obwohl der Beschwerdeführer während
der BzP nicht explizit zu seinen Fluchtgründen befragt wurde, muss er sich
auf getroffene Aussagen behaften lassen. Soweit die Vorinstanz dem Be-
schwerdeführer in ihrer Verfügung vorwirft, anlässlich der BzP weder sei-
nen dreimonatigen Aufenthalt in F._ noch die militärische Ausbil-
dung erwähnt zu haben, überzeugt dies vor dem Hintergrund des Ablaufs
beziehungsweise Umfangs der BzP tatsächlich nicht. Dies ändert aller-
dings nichts daran, dass sich die Aussage aufgrund der versuchten illega-
len Ausreise festgenommen worden zu sein, mit den weiteren Ausführun-
gen im Rahmen der Anhörung nicht vereinbaren lässt. Insofern ergeben
sich erste Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerde-
führers. Mit den widersprüchlichen Angaben zum Grund für seine Fest-
nahme konfrontiert, gelang es dem Beschwerdeführer nicht, diese schlüs-
sig aufzulösen (vgl. act. A11/23 F168 f.) und auch seine Ausführungen auf
Beschwerdeebene vermögen nicht zu einer anderen Einschätzung zu füh-
ren (vgl. Beschwerde S. 6 f.). Insbesondere nicht überzeugend ist der Ein-
wand, es sei ihm an der BzP gesundheitlich nicht gut gegangen (vgl. act.
A11/23 F164 und Beschwerde S. 5). In den Akten findet sich keine Stütze
für gesundheitliche Beschwerden, die das Aussageverhalten des Be-
schwerdeführers beeinträchtigt haben könnten, vielmehr gab er während
der BzP an "mir geht es gut, ich bin gesund" (vgl. act. A4/10 8.02).
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Seite 9
5.2.2
5.2.2.1 Auch ungeachtet dieses Widerspruchs bestehen an der Glaubhaf-
tigkeit der geltend gemachten Vorbringen erhebliche Zweifel. Die Aussa-
gen des Beschwerdeführers zu seinen Kernvorbringen (Festnahme, Inhaf-
tierung, militärische Ausbildung) erweisen sich als unsubstanziiert und
kaum erlebnisbasiert. Zunächst konnte der Beschwerdeführer keine kon-
kreten Angaben zu seiner angeblichen Festnahme auf einer Plantage in
C._ machen (vgl. act. A11/23 F73 f., F80). So führte er zwar aus,
dass es eigentlich schwierig sei dort ohne Passierschein und Bewilligung
auf der Plantage zu arbeiten. Es gelang ihm jedoch nicht nachvollziehbar
zu schildern, weshalb er sich trotz fehlendem Passierschein ausgerechnet
dafür entschied, zu versuchen, im mehrere hundert Kilometer entfernten
C._ Arbeit auf einer Plantage zu finden (vgl. act. A11/23 F77 ff.).
Sofern der Beschwerdeführer anführte, er habe diese Arbeit zur Unterstüt-
zung seiner Eltern aufnehmen wollen, überzeugt dies insofern nicht, als er
auch zu Protokoll gab, seine Eltern nicht über die geplante Reise nach
C._ informiert zu haben (vgl. act. A11/23 F68).
5.2.2.2 Seinen angeblichen Aufenthalt im Gefängnis D._ schilderte
der Beschwerdeführer lediglich in pauschaler Weise und ohne persönliche
Färbung. So war er trotz rund dreimonatigem Aufenthalt beispielsweise
nicht in der Lage, konkrete oder erlebnisgeprägte Angaben zu den Wäch-
tern
oder den übrigen Haftinsassen zu machen (vgl. act. A11/23 F86 und F88).
Auch die Ausführungen zum Tagesablauf oder den örtlichen Gegebenhei-
ten im Gefängnis erschöpfen sich grösstenteils in detailarmen Angaben
(vgl. act. A11/23 F83 und 85).
5.2.2.3 Ebenso unsubstanziiert stellen sich die Schilderungen des Be-
schwerdeführers zur militärischen Ausbildung und der Flucht aus dem Aus-
bildungslager dar. Der Beschwerdeführer berichtete zwar, während seines
dreimonatigen Aufenthalts dort sehr krank gewesen und mitunter von sei-
ner Krankheit an einer Flucht gehindert worden zu sein (vgl. act. A11/23
F91 und F94). Auch diesbezüglich lassen die Ausführungen des Beschwer-
deführers jedoch eine persönliche Färbung vermissen, da er hinsichtlich
der Ausbildung lediglich erwähnte, diese trotz seines geschwächten Zu-
stands ausgeführt haben zu müssen (vgl. act. A11/23 F94). Nebst dem
Mangel an persönlicher Betroffenheit bleiben die Vorbringen des Be-
schwerdeführers etwa auch in Bezug auf die in der Ausbildung vermittelten
Inhalte oberflächlich (vgl. act. A11/23 F93). Auch die Beschreibung des ei-
gentlichen Fluchtmoments – der Ausbruch dutzender Personen aus einer
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Halle – fällt auf mehrfache Nachfrage hin weder eingehend noch lebens-
nah aus (vgl. act. A11/23 F94 ff. und F98). Insgesamt entsteht nicht der
Eindruck, der Beschwerdeführer habe während dreier Monate eine militä-
rische Ausbildung absolviert oder sei bei dem von ihm geschilderten Mas-
senausbruch persönlich zugegen gewesen. Die Zweifel an der Glaubhaf-
tigkeit der Kernvorbringen erhärten sich vor dem Hintergrund der Schilde-
rungen bezüglich der Rückkehr des Beschwerdeführers an dessen Woh-
nort nach dem Ausbruch, da auch diese wenig nachvollziehbar erscheinen
(vgl. act. A11/23 F100 ff. und F106 f.).
5.2.3 Der auf Beschwerdeebene eingereichte Zeugenbericht von
G._ vermag den insgesamt unglaubhaften Sachvortrag des Be-
schwerdeführers zur militärischen Ausbildung und der Massenflucht aus
dem Ausbildungslager nicht entscheidend zu beeinflussen. Aus dem Um-
stand, dass G._ basierend auf derselben Fluchtgeschichte Asyl er-
halten habe, kann der Beschwerdeführer nichts zu seinen Gunsten ablei-
ten. Anhand der Ausführungen des Beschwerdeführers anlässlich der An-
hörung entsteht – wie bereits dargelegt – nicht der Eindruck, er habe tat-
sächlich die militärische Ausbildung in F._ durchlaufen oder den ge-
schilderten Massenausbruch persönlich miterlebt. Insofern ist das einge-
reichte Schreiben als Gefälligkeitsschreiben zu qualifizieren. In diesem Zu-
sammenhang ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer anlässlich sei-
ner Anhörung G._ an keiner Stelle erwähnt hat und auch aus der
Beschwerde nicht hervorgeht, wie er in der Schweiz mit diesem in Kontakt
kam, nachdem sie im August 2014 gemeinsam aus dem Ausbildungslager
geflohen seien.
5.3 Angesichts der Unglaubhaftigkeit der Kernvorbringen des Beschwer-
deführers bestehen auch erhebliche Zweifel daran, dass er vor seiner Aus-
reise eine Vorladung für den Militärdienst erhalten haben soll. Wie bereits
dargelegt ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer inhaf-
tiert war oder aus einem militärischen Ausbildungslager flüchtete. Soweit
der Beschwerdeführer also angab, aufgrund der ersten Vorladung nach
C._ gereist zu sein und nach Erhalt einer weiteren Vorladung bei
sich zuhause schliesslich ausgereist zu sein, überzeugt dieses Vorbringen
vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen nicht. Auch die auf Be-
schwerdeebene eingereichten schulischen Dokumente sind nicht geeignet,
den angeblichen Schulabbruch nach Erhalt der ersten Vorladung im neun-
ten Schuljahr des Beschwerdeführers zu belegen.
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Seite 11
5.4 Aus den Akten ergeben sich ausserdem keine Anhaltspunkte, wonach
der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr mit Reflexverfolgung aufgrund
seiner Brüder zu befürchten hätte. Soweit ein Bruder 2010 als Flüchtling
vorläufig in der Schweiz aufgenommen wurde und die Beschwerde eines
weiteren Bruders gegen dessen ablehnenden Asylentscheid derzeit am
Bundesverwaltungsgericht hängig ist, vermag der Beschwerdeführer hie-
raus nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Im Übrigen sind auch den kon-
sultierten Akten der beiden Brüder keine Hinweise zu entnehmen, die in
Bezug auf die Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers zu
einer anderen als der dargelegten Einschätzung führen würden.
5.5
5.5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich sodann im Rahmen des Ur-
teils D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil publiziert) mit
der Frage befasst, ob Eritreerinnen und Eritreer, die ihr Land illegal verlas-
sen haben, allein deswegen bei einer Rückkehr Verfolgung zu befürchten
haben. Das Gericht kam dabei zum Schluss, dass sich die bisherige Praxis
nicht mehr aufrechterhalten lässt und vom SEM zwischenzeitlich zu Recht
angepasst worden sei. Für die Entscheidfindung des Gerichts war auch die
Tatsache von Bedeutung, dass seit einiger Zeit Personen aus der eritrei-
schen Diaspora für kurze Aufenthalte in ihren Heimatstaat zurückkehren
und sich unter ihnen auch Personen befinden, die Eritrea zuvor illegal ver-
lassen hatten. Es sei mithin nicht mehr davon auszugehen, dass einer Per-
son einzig aufgrund ihrer unerlaubten Ausreise aus Eritrea eine flüchtlings-
rechtlich relevante Verfolgung drohe. Von der begründeten Furcht vor in-
tensiven und flüchtlingsrechtlich relevanten Nachteilen sei nur dann aus-
zugehen, wenn zur illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzukämen, wel-
che die asylsuchende Person in den Augen der eritreischen Behörden als
missliebige Person erscheinen liessen (vgl. a.a.O. E. 5).
5.5.2 Vorliegend fehlt es an konkreten Anhaltspunkten dafür, dass beim
Beschwerdeführer – neben der behaupteten illegalen Ausreise – zusätzli-
che Faktoren hinzukommen, welche ihn in den Augen der eritreischen Be-
hörden als missliebige Person erscheinen lassen würden. So konnte der
Beschwerdeführer – wie bereits dargelegt – insbesondere nicht glaubhaft
machen, dass er bereits einmal inhaftiert war oder dass er die militärische
Ausbildung bereits begonnen hatte und somit im Zeitpunkt seiner Ausreise
einer militärischen Dienstpflicht unterstand. Ebenfalls nicht ausreichend ist
der Umstand, dass der ältere Bruder des Beschwerdeführers aus dem Mi-
litärdienst desertiert und in der Schweiz als Flüchtling vorläufig aufgenom-
men worden ist. Wie in der Beschwerde ausgeführt wird, soll die Familie
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Seite 12
des Beschwerdeführers bis zu seiner Ausreise deswegen nicht behelligt
worden sein (vgl. Beschwerde S. 17). Soweit geltend gemacht wird, es
könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Ausreise des Bruders bei
einer Rückkehr thematisiert werde, reicht dies zur Annahme weiterer rele-
vanter Faktoren zur Profilschärfung im obigen Sinn nicht aus. Auch die gel-
tend gemachte illegale Ausreise des Beschwerdeführers führt mithin nicht
zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft. Die Glaubhaftigkeit dieses Vor-
bringens kann damit letztlich offenbleiben.
5.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass die geltend gemachten Asyl-
gründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung
im Sinne von Art. 3 AsylG – respektive von Art. 54 AsylG, soweit Nach-
fluchtgründe betreffend (illegale Ausreise) – beziehungsweise eine ent-
sprechende Verfolgungsfurcht glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat
demnach die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht ver-
neint und sein Asylgesuch abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 In Bezug auf den Vollzug der Wegweisung führte das SEM in seiner
Verfügung zunächst aus, dass der Grundsatz der Nichtrückschiebung ge-
mäss Art. 5 Abs. 1 AsylG keine Anwendung finde, da der Beschwerdefüh-
rer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Aus den Akten würden sich
überdies – trotz der bestehenden Defizite im Bereich der Menschenrechte
in Eritrea – keine Anhaltspunkte ergeben, wonach der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr nach Eritrea mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
Strafe oder Behandlung unterworfen wäre, die mit Art. 3 EMRK nicht zu
vereinbaren sei. Die blosse Möglichkeit bei der Rückkehr zwecks Zufüh-
rung zu einem militärischen Training allenfalls in Haft genommen zu wer-
den reiche für die Annahme einer konkreten Bedrohung nicht aus. Der Be-
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schwerdeführer habe zwar gemäss Aktenlage das dienstpflichtige Alter er-
reicht, aufgrund widersprüchlicher Aussagen bezüglich Vorbringen, Identi-
tät, Familie und Schulbildung werde die Prüfung, ob eine Einberufung in
den eritreischen Nationaldienst vorliegend eine Verletzung von Art. 4
EMRK darstelle, jedoch verunmöglicht. Es könne nicht von einem tatsäch-
lichen und unmittelbaren Risiko einer Rekrutierung und gegebenenfalls ei-
ner zukünftigen Verletzung von Art. 4 EMRK ausgegangen werden. In Erit-
rea herrsche keine Situation, die den Vollzug der Wegweisung in genereller
Weise unzumutbar erscheinen lasse. Den Akten seien auch keine individu-
ellen Gründe für die Annahme der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs zu entnehmen. Es gebe keine Anhaltspunkte, dass der Beschwerde-
führer bei einer Rückkehr nach Eritrea in eine existenzbedrohende Situa-
tion gerate, wobei auch diesbezüglich eine abschliessende Prüfung durch
die unglaubhaften Angaben des Beschwerdeführers verunmöglich werde.
7.2 Demgegenüber machte der Beschwerdeführer in seinem Rechtsmittel
im Wesentlichen geltend, es sei angesichts seines Alters zum Ausreisezeit-
punkt ausgeschlossen, dass er den Nationaldienst ordentlich abgeschlos-
sen habe und regulär daraus entlassen worden sei. Ausserdem sei auch
ausgeschlossen, dass er von Nationaldienst befreit worden sei. Daher
werde er bei einer Rückkehr mit Sicherheit dem eritreischen Nationaldienst
zugeführt. Somit bestehe ein tatsächliches und unmittelbares Risiko einer
zukünftigen Verletzung von Art. 3 und 4 EMRK und nicht bloss die Möglich-
keit der Verwirklichung der Gefahr einer zukünftigen Verletzung, weshalb
sich der Vollzug der Wegweisung als unzulässig erweise. Angesichts der
desolaten wirtschaftlichen und sozialen Situation könne nicht von der ge-
nerellen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen werden.
Jedenfalls aber seien mehrere individuelle Faktoren gegeben, welche die
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs begründen würden. So sei
seine verwitwete Mutter betagt und verfüge über kein Einkommen. Er ver-
füge lediglich über eine geringe Schul- und keine Ausbildung oder Berufs-
erfahrung. Zudem habe er keine Verwandten in der Diaspora, die ihn un-
terstützen könnten. Da er ausserdem ständig mit einer Inhaftierung rech-
nen müsse, sei seine soziale und berufliche Integration mindestens erheb-
lich erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht, da sie im Versteckten zu er-
folgen hätte.
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8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Gemäss BVGE 2018 VI/4 E. 6.1 stehen das Verbot der Sklaverei und
der Leibeigenschaft (Art. 4 Abs. 1 EMRK) dem Vollzug der Wegweisung
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des Beschwerdeführers auch bei einer anstehenden Einziehung in den Na-
tionaldienst nicht entgegen. Sodann ist gemäss dem erwähnten Koordina-
tionsentscheid auch nicht davon auszugehen, es bestehe generell das
ernsthafte Risiko einer krassen Verletzung des Verbots der Zwangs- und
Pflichtarbeit während des Nationaldiensts im Sinne von Art. 4 Abs. 2 EMRK
sowie des Verbots von Art. 3 EMRK.
8.2.4 Aufgrund des Alters des Beschwerdeführers erscheint es möglich,
dass er bei einer Rückkehr nach Eritrea in den Nationaldienst eingezogen
werden könnte. Aus den Akten ergeben sich jedoch keine Anhaltspunkte
für die Annahme, er müsste bei einer Rückkehr in den Heimatstaat dort mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK
verbotenen Strafe oder Behandlung befürchten. Auch die problematische
allgemeine Menschenrechtssituation in Eritrea lässt den Wegweisungsvoll-
zug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Die diesbe-
züglichen Ausführungen des Beschwerdeführers in seinem Rechtsmittel
vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern, da es sich vornehm-
lich um Kritik an der aktuellen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts handelt, die in Bezug auf den vorliegenden Fall nicht geeignet ist, zu
einer anderen Betrachtung zu führen.
8.2.5 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungs-
gericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges – aufgrund eines feh-
lenden Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz und Eritrea –
lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte und die Zulässigkeit zwangs-
weiser Rückführungen ausdrücklich offenliess (vgl. BVGE 2018 VI/4
E. 6.1.7).
8.2.6 Der Vollzug der Wegweisung erweist sich damit – sowohl im Sinn der
landes- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen – als zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
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8.3.2 Gemäss dem bereits erwähnten BVGE 2018 IV/4 vermag eine bevor-
stehende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst allein nicht zur Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu führen (vgl. a.a.O. E. 6.2.3–
6.2.5). Im Sinn der obigen Ausführungen erübrigt es sich zudem, auf den
Umgang der eritreischen Behörden mit Deserteuren einzugehen, da der
Beschwerdeführer nicht glaubhaft machen konnte, im Zeitpunkt seiner
Ausreise einer Dienstpflicht unterstanden zu sein.
8.3.3 Laut aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea sodann nicht von ei-
nem Krieg, Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt bezie-
hungsweise einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
ausgegangen werden. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor
schwierig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation,
der Zugang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der
Krieg ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Kon-
flikte sind nicht zu verzeichnen. Angesichts der schwierigen allgemeinen
Lage des Landes muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Exis-
tenzbedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorlie-
gen. Anders als noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünsti-
gende individuelle Faktoren jedoch nicht mehr zwingende Voraussetzung
für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des
BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
8.3.4 Vorliegend kann nicht auf die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs aufgrund von in der Person des Beschwerdeführers liegenden Grün-
den geschlossen werden. Besondere individuelle Umstände, aufgrund de-
rer bei einer Rückkehr nach Eritrea von einer existenzbedrohenden Lage
für den Beschwerdeführer ausgegangen werden müsste, sind den Akten
nicht zu entnehmen. Seinen Angaben gemäss leben seine Mutter und ei-
nige seiner Geschwister nach wie vor in Eritrea. Seit dem Versterben des
Vaters erhält die betagte Mutter zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes
Unterstützung von Verwandten und den Geschwistern des Beschwerde-
führers (vgl. act. A11/23 F34). Überdies wird das Land, das seiner Familie
gehört, nach wie vor von Verwandten bewirtschaftet (vgl. act. A11/23
F38 f.). Der Beschwerdeführer verfügt sodann über eine gewisse Schulbil-
dung und aufgrund seiner Aussagen ist davon auszugehen, dass er infolge
der landwirtschaftlichen Tätigkeit seiner Familie ebenfalls ein Mindestmass
an entsprechender Arbeitserfahrung mitbringt (vgl. act. A11/23 F20 und
F37). Im Übrigen lebt einer seiner Brüder mit einem gesicherten Aufent-
haltsstatus in der Schweiz. Das Vorbringen in der Beschwerde, er verfüge
über keine Verwandten innerhalb der Diaspora, ist daher tatsachenwidrig.
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Es ist deshalb davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer bei seiner
Rückkehr mit Unterstützung seiner Familie eine gesicherte Wohnsituation
und Möglichkeiten zur wirtschaftlichen und sozialen Wiedereingliederung
vorfinden wird.
8.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung des
Beschwerdeführers auch als zumutbar.
8.4 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass eine zwangsweise Rückfüh-
rung nach Eritrea derzeit generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der frei-
willigen Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmög-
lichkeit des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG entge-
gen. Es obliegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist demnach als möglich zu
bezeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit In-
struktionsverfügung vom 27. Juni 2018 sein Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheis-
sen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich seine finan-
zielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist von der Auflage
von Verfahrenskosten abzusehen.
10.2 Mit der Instruktionsverfügung vom 27. Juni 2018 wurde auch das
Gesuch des Beschwerdeführers um amtliche Verbeiständung
gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und sein Rechtsvertreter als
amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Demnach ist diesem ein Honorar für
die notwendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten.
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Der Rechtsbeistand reichte mit der Replik vom 2. August 2018 die
aktualisierte Honorarnote zu den Akten, in welcher er einen
Vertretungsaufwand von 12,45 Stunden auflistet, was in zeitlicher Hinsicht
angemessen erscheint. Bei amtlicher Vertretung geht das Gericht in der
Regel von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-
anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10
Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschädigen ist
(vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Stundenansatz ist daher von Fr. 300.– auf
Fr. 150.– zu kürzen. In Anwendung der massgebenden Bemessungs-
faktoren und unter Berücksichtigung des in Ansatz zu bringenden
Stundenansatzes von höchstens Fr. 150.– ist das vom Gericht auszu-
richtende Honorar demnach auf insgesamt Fr. 2'027.– (inklusive Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag) festzulegen.
(Dispositiv nächste Seite)
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