Decision ID: ddc5452d-4e1e-532d-9d5d-a95ea42d7a4a
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (Staatsangehöriger von Marokko, geb. [...]) er-
suchte am 9. Januar 2021 in der Schweiz um Asyl. Ein Abgleich mit der
europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab,
dass er am 2. Juli 2019 in Frankreich und am 15. November 2019 in den
Niederlanden um Asyl ersucht hatte.
B.
Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer am 18. Januar 2021 das
rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der
Möglichkeit einer Überstellung in die Niederlande oder Frankreich. Er er-
klärte, er sei in Frankreich gezwungen worden, ein Asylgesuch zu stellen.
Es sei aber kein Asylverfahren durchgeführt worden. Nach drei oder vier
Tagen sei er aufgefordert worden, Frankreich zu verlassen. In den Nieder-
landen habe er das Verfahren nicht weiterverfolgt. Von dort sei er wegge-
gangen, da man entdeckt habe, dass seine Fingerabdrücke in Frankreich
abgenommen worden seien. Er sei dann nach Belgien (Aufenthalt ca. 6-7
Monate), Frankreich (Aufenthalt ca. 3-4 Monate) und schliesslich nach Ita-
lien (Aufenthalt ca. 3 Monate) gegangen. Danach sei er direkt in die
Schweiz gekommen. Er habe weder gegen Frankreich noch die Nieder-
lande Einwände und wäre bereit, in demjenigen Land, das für seinen Asyl-
antrag zuständig ist, zu leben.
In Bezug auf seinen Gesundheitszustand gab der Beschwerdeführer an,
es gehe ihm gut, aber er nehme Rivotril, um besser schlafen, ruhig bleiben
und sprechen zu können. Er nehme dieses Medikament seit der 7. Klasse
und habe sich über die Jahre daran gewöhnt. Ohne dieses Medikament
könnte er kein Examen bestehen oder schlafen und es gehe ihm nicht gut.
Zudem habe er Zahnschmerzen.
C.
Die niederländischen Behörden hiessen das Gesuch der Vorinstanz um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
am 26. Januar 2021 gut.
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D.
Mit Verfügung vom 26. Januar 2021 (gleichentags eröffnet) trat die Vo-
rinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
dessen Wegweisung in die Niederlande an und forderte ihn auf, die
Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzei-
tig verfügte sie die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte
fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine auf-
schiebende Wirkung zu.
E.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 2. Februar 2021 (Postaufgabe) gelangte der
Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die
angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuwei-
sen, auf das Asylgesuch einzutreten und ein nationales Asylverfahren zu
eröffnen. Eventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, sich gestützt auf
Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 für das vorliegende Asylverfahren für zuständig zu
erklären. Subeventualiter sei die Sache wegen Verletzung des rechtlichen
Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen. Ferner ersuchte er um Erteilung
der aufschiebenden Wirkung, Anweisung der Vollzugsbehörden, von einer
Überstellung abzusehen, bis über die vorliegende Beschwerde entschie-
den worden sei, sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege.
F.
Am 3. Februar 2021 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen su-
perprovisorischen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG
und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Der Beschwerdeführer beantragt, die Sache sei wegen Verletzung des
rechtlichen Gehörs an die Vorinstanz zurückzuweisen, ohne dies zu be-
gründen. Es ist nicht ersichtlich, inwiefern das rechtliche Gehör des Be-
schwerdeführers verletzt worden sein soll. Das Begehren stellt eine reine
Behauptung dar. Dabei handelt es sich nicht um eine aus Versehen oder
aus Unkenntnis begangene Unterlassung des Beschwerdeführers, die ihn
zu einer Nachbesserung i.S.v. Art. 52 Abs. 2 VwVG berechtigen würde.
Vielmehr darf bei bewusst und geplant eingebauten Mängeln nicht mit einer
Nachfrist zur Verbesserung gerechnet werden. Ein solches Vorgehen ver-
dient keinen Schutz (SEETHALER/PORTMANN, in: Praxiskommentar VwVG,
2. Aufl. 2016, N. 109 zu Art. 52). Dementsprechend ist auf den Antrag um
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz nicht einzutreten.
4.
4.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
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4.3. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert
und das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
4.4. Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, in den Niederlanden ein Asyl-
gesuch eingereicht zu haben. Nachdem die niederländischen Behörden in-
nert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist dem Wiederauf-
nahmegesuch der Vorinstanz zugestimmt haben, ist die Zuständigkeit der
Niederlande grundsätzlich gegeben.
5.
5.1. Der Beschwerdeführer bringt vor, dass er im Falle einer Rückweisung
in die Niederlande Gefahr laufe, dass sein Asylgesuch dort nicht bearbeitet
werde, weil er bereits in Frankreich registriert worden sei. Ausserdem be-
sitze er in keinem europäischen Land eine Aufenthaltsbewilligung. Des
Weiteren würden medizinische Gründe gegen eine Rückführung in die Nie-
derlande sprechen, da er vom Medikament Rivotril abhängig sei.
5.2. Da sich die Niederlande vorliegend für zuständig erklärt haben, kommt
eine Rückweisung des Beschwerdeführers nach Frankreich nicht mehr in
Frage. Das entsprechende Vorbringen zielt deshalb ins Leere. Wie die Vo-
rinstanz zutreffend festgehalten hat, gibt es keine wesentlichen Gründe für
die Annahme, das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für asyl-
suchende Personen in den Niederlanden hätten Schwachstellen im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO, die eine Gefahr
einer unmenschlichen Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtcharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden.
5.3. Die Vorinstanz hat sodann die Anwendung des Selbsteintrittsrechts im
Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu
Recht verneint. Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Medikamen-
tenabhängigkeit stellt kein Hindernis für seine Überstellung in die Nieder-
lande dar. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass ihm in den Niederlan-
den die notwendige medizinische Behandlung verweigert werden würde.
Wie die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung bereits aufgezeigt hat,
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werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der angefoch-
tenen Verfügung beauftragt sind, den medizinischen Umständen bei der
Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung Rechnung tragen
und die niederländischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über
die spezifischen Gegebenheiten informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-
VO). Ein Selbsteintritt aus humanitären Gründen ist bei dieser Sachlage
nicht angezeigt. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein-
getreten und hat die Wegweisung in die Niederlande angeordnet.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzu-
treten ist. Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 3. Februar 2021 ange-
ordnete Vollzugsstopp dahin. Das Gesuch um Erteilung der aufschieben-
den Wirkung ist gegenstandslos geworden.
7.
7.1. Die gestellten Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das
Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ungeachtet einer allfälligen pro-
zessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
7.2. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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