Decision ID: 0b86b2bb-8bbf-5ed7-9ade-74984e5f6e2e
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die tamilische Beschwerdeführerin gelangte eigenen Angaben zufolge
am (...) Februar 2015 in die Schweiz und suchte am 5. Februar 2015 im
Empfangs- und Verfahrenszentrum C._ um Asyl nach. Am 16. Feb-
ruar 2015 wurde sie zu ihrer Person (BzP) befragt und am 22. Juli 2015 zu
ihren Asylgründen angehört (Anhörung).
A.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs führte sie bei der BzP aus, sie
stamme aus D._ (E._,), wo sie zusammen mit (...) gelebt
habe. Ihr F._ habe die "Bewegung" unterstützt; er sei deswegen
zweimal festgenommen worden und habe schliesslich im Jahr (...) ausrei-
sen müssen. Sie selber habe sich während zwei Jahren ([...] bis [...]) für
den (...) engagiert. Sie habe vier- oder fünfmal an Protesten teilgenommen
und ehemalige Mitglieder der "Liberation Tigers of Tamil Eelam" (LTTE) un-
terstützt. Sie sei zweimal – im (...) und (...) – vom "Criminal Investigation
Department" (CID) festgenommen und zu den Aktivitäten von ihr sowie (...)
befragt worden. Sie habe sich zur Ausreise entschlossen, weil sie von ei-
nem anderen Mitglied des (...) erfahren habe, dass sie gesucht werde. Im
(...) sei sie mithilfe eines Schleppers mit einem ihr nicht zustehenden Rei-
sepass per Flugzeug von Colombo nach G._ und von dort in die
Türkei gereist, von wo aus sie in einem Fahrzeug in die Schweiz gebracht
worden sei.
Bei der Anhörung brachte sie vor, (...) und ihr (...) verstorbener Vater hät-
ten die "Bewegung" unterstützt, indem sie Geld gesammelt und Unter-
künfte organisiert hätten. (...) sei deshalb zweimal, das zweite Mal im (...),
von der Polizei festgenommen worden. (...) habe ihre Mutter die Freilas-
sung (...) auf Kaution erreicht. In der Folge sei er gesucht worden und des-
halb aus Sri Lanka ausgereist. Er lebe seit (...) in H._. Sie selber
habe sich ab (...) für den (...) in D._ engagiert, weil dieser ihre Fa-
milie nach der ersten Verhaftung (...) unterstützt habe. Der (...) habe mit
Geldspenden benachteiligten Personen Kleinkredite zur Aufnahme einer
handwerklichen Tätigkeit verliehen und Unterkünfte für Personen aus dem
I._ organisiert. Sie habe regelmässig an Veranstaltungen des (...)
teilgenommen und Leute zu diesen eingeladen. Ferner habe sie geholfen,
Spenden für diesen Verein zu sammeln. (...) habe sie sich zur Ausreise
entschlossen, weil sie von Verantwortlichen des Vereins und anderen Leu-
ten erfahren habe, dass sie in Gefahr sei. Dies einerseits, weil sie wegen
ihres Engagements für den (...) gesucht werde, und andererseits, weil
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auch ihr F._ von den sri-lankischen Behörden gesucht werde und
sie aufgrund der Flucht (...) keinen Schutz mehr habe.
A.c Zu ihren Lebensverhältnissen gab die Beschwerdeführerin an, die
Schule bis zum O-Level besucht und danach (...) besucht zu haben. Sie
habe zuletzt zusammen mit ihrer Mutter in D._ gelebt; am selben
Ort wohne auch noch eine verheiratete Schwester. Sie habe sodann meh-
rere Onkel und Tanten im 30 Minuten entfernten E._ sowie mehrere
Geschwister und eine Tante, die im Ausland lebten.
A.d Die Beschwerdeführerin reichte eine Identitätskarte im Original, einen
Geburtsschein in Kopie und die beglaubigte Kopie eines (...) betreffenden
(...) ein.
B.
Mit Verfügung vom 5. Februar 2016 stellte die Vorinstanz fest, die Be-
schwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug
an.
C.
Am (...) wurde die Tochter der Beschwerdeführerin in der Schweiz gebo-
ren.
D.
Mit Urteil E-1532/2016 vom 29. Januar 2018 wies das Bundesverwaltungs-
gericht die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde ab. Es begrün-
dete die Abweisung im Wesentlichen damit, die Beschwerdeführerin habe
die geltend gemachten Ereignisse und insbesondere die behauptete Ge-
fährdung wegen ihres Engagements für den (...) sowie des Profils (...)
nicht glaubhaft gemacht. Sie sei deshalb keiner der im Referenzurteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 umschriebenen Risikogruppen zuzurech-
nen. Es seien keine massgeblichen Hinweise dafür ersichtlich, dass die
Beschwerdeführerin aufgrund ihrer Vorgeschichte ins Visier der sri-lanki-
schen Behörden geraten könnte und diese ein potenzielles Verfolgungsin-
teresse an ihr haben könnten. Insbesondere sei nicht davon auszugehen,
dass sie befürchten müsse, die sri-lankischen Behörden könnten ihr eine
Verbindung zu den LTTE unterstellen, da ihre Vorbringen weder auf eine
relevante Vorverfolgung noch auf ein massgebliches exilpolitisches Enga-
gement schliessen liessen. Es bestehe auch kein Grund zur Annahme ei-
nes aktuellen relevanten Verfolgungsrisikos wegen ihrer Zugehörigkeit zur
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tamilischen Ethnie oder ihrer mehrjährigen Landesabwesenheit. Die Be-
schwerdeführerin erfülle die Voraussetzungen für die Anerkennung subjek-
tiver Nachfluchtgründe nicht. Die angeblich bei einer Gedenkveranstaltung
aufgenommenen Fotos, auf denen sie an einem nicht näher identifizierba-
ren Ort als Teil einer Gruppe mutmasslicher tamilischer Landsleute mit
Fahnen und Transparenten zu sehen sei, liessen nicht auf ein relevantes
exilpolitisches Engagement schliessen. Weitergehende Aktivitäten seien
von ihr weder geltend gemacht noch mit Beweismitteln dokumentiert wor-
den. Es erscheine äusserst unwahrscheinlich, dass sie alleine durch die
Teilnahme an Massenveranstaltungen in der Schweiz ins Visier der sri-lan-
kischen Behörden geraten sei, zumal aufgrund ihrer unglaubhaften Asyl-
vorbringen nicht von einer Registrierung vor ihrer Ausreise aus Sri Lanka
auszugehen sei. Die sri-lankischen Behörden dürften ihre marginale exil-
politische Tätigkeit – sollten sie davon überhaupt Kenntnis erlangen –
kaum als ernsthafte Bedrohung erachten. Das SEM habe somit zu Recht
ihr Asylgesuch abgelehnt und die Flüchtlingseigenschaft nicht anerkannt.
Die Wegweisung aus der Schweiz und der Vollzug seien zu Recht ange-
ordnet worden. In Bezug auf die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
führte das Gericht unter anderem aus, die junge und gemäss Aktenlage
gesunde Beschwerdeführerin verfügten in der Herkunftsregion über Be-
zugspersonen auf deren Unterstützung sie zählen könnten. Des Weiteren
könnten die Beschwerdeführerin und ihre Tochter mit ihrem Lebenspartner
beziehungsweise Vater, dessen Beschwerde mit separatem Urteil gleichen
Datums ebenfalls abgewiesen werde (Urteil des BVGer E-3954/2017 vom
29. Januar 2018), in ihren Heimatstaat zurückkehren. Es könne angenom-
men werden, dass er in der Lage sein werde, für seinen Lebensunterhalt
und denjenigen seiner Angehörigen aufzukommen.
E.
Am (...) fand die Vorsprache der Beschwerdeführerin auf dem sri-lanki-
schen Generalkonsulat zwecks Beschaffung der Ersatzreisepapiere statt.
F.
Mit Eingabe vom 16. August 2018 beim SEM liessen die Beschwerdefüh-
rerin und ihr Lebenspartner für sich und ihre gemeinsame Tochter durch
ihren damaligen Rechtsvertreter (Rechtsanwalt Gabriel Püntener) ein
neues Asylgesuch stellen. Es hätten sich nach den beiden Urteilen vom
29. Januar 2018 neue bisher nicht bekannte und nicht beachtete rechtser-
hebliche Sachverhalte in Bezug auf ihre Flüchtlingseigenschaft verwirk-
licht. Als Beilagen reichten sie eine CD mit einem Länderbericht vom
15. August 2018 und mehrere Zeitungsartikel sowie Berichte zu Sri Lanka
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und Kopien der «Carte de Resident» betreffend der in H._ lebenden
Geschwister (Bruder und Schwester) ein.
G.
Mit Schreiben vom 22. August 2018 ersuchte das SEM die zuständige kan-
tonale Migrationsbehörde darum, vom Vollzug der Wegweisung einstwei-
len abzusehen.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 27. August 2018 gewährte das SEM antrags-
gemäss Einsicht in die Vollzugsakten. Gleichzeitig räumte es der Be-
schwerdeführerin eine Nachfrist von 5 Arbeitstagen für allfällige Ergänzun-
gen ein. Mit Schreiben vom 4. September 2018 reichte sie ihre Stellung-
nahme ein.
I.
Mit separaten Verfügungen einerseits für die Beschwerdeführerin und ihre
Tochter und anderseits für ihren Lebenspartner vom 21. September 2018
– eröffnet am 28. September 2018 – wies das SEM verschiedene Verfah-
rensanträge in der Eingabe vom 16. August 2018 ab, lehnte das Mehrfach-
und Wiedererwägungsgesuch ab, soweit es darauf eintrat, und trat auf die
als Revisionsgründe erkannten Vorbringen nicht ein. Gleichzeitig ordnete
es die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an und erhob eine
Gebühr von Fr. 900.–.
J.
Mit Eingabe vom 28. September 2018 teilte Rechtsanwalt Püntener dem
SEM mit, dass er das ihm erteilte Mandat mit sofortiger Wirkung niederge-
legt habe. Behördliche Mitteilungen und Verfügungen seien somit seinen
Mandanten direkt oder einem neuen Rechtsvertreter zuzustellen, falls ein
solcher bekannt sei.
K.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 23. Oktober 2018 (Datum Poststempel:
24. Oktober 2018) gelangte die Beschwerdeführerin durch ihre Rechtsver-
treterin an das Bundesverwaltungsgericht und beantragt unter Aufhebung
dieser Verfügung die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Ge-
währung von Asyl. In prozessualer Hinsicht beantragt sie – insbesondere
in Bezug auf die Dispositivziffern 9, 10 und 11 der angefochtenen Verfü-
gung – die Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde. Des
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Weiteren beantragt sie unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Als Beila-
gen reichte sie eine Vollmacht vom 23. Oktober 2018 und eine Kopie der
angefochtenen Verfügung ein.
L.
Mit Verfügung vom 26. Oktober 2018 setzte die Instruktionsrichterin den
Vollzug der Wegweisung per sofort einstweilen aus.
M.
Mit Rechtsmitteleingabe, ebenfalls vom 23. Oktober 2018, liess auch der
Lebenspartner der Beschwerdeführerin die ihn betreffende SEM-Verfü-
gung vom 21. September 2018 anfechten. Das entsprechende Beschwer-
deverfahren (E-6063/2018) wurde mit Abschreibungsentscheid vom 7. Au-
gust 2020 wegen unbekannten Aufenthalts als gegenstandslos von der Ge-
schäftskontrolle abgeschrieben.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Die Vorinstanz hat in ihrer Verfügung vom
21. September 2018 die Eingabe der Beschwerdeführerin vom 16. Au-
gust 2018 teils als zweites Asylgesuch und teils als qualifiziertes Wiederer-
wägungsgesuch behandelt. Da Wiedererwägungsentscheide gemäss
Lehre und Praxis grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung auf dem
ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist das Bun-
desverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde
zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch
vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt.108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen oder
zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2).
4.2 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich
und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach
den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG (Art. 111b
Abs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine
nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage
(vgl. BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung un-
angefochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum soge-
nannten "qualifizierten Wiedererwägungsgesuch" vgl. BVGE 2013/22
E. 5.4 m.w.H.).
5.
Die Vorinstanz führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung aus,
die von der Beschwerdeführerin eingereichte Länderdokumentation (CD)
beziehe sich auf zahlreiche Berichte und Zeitungsartikel aus den Jahren
2012 bis Januar 2018, die vor Erlass des Urteils vom 29. Januar 2018 ent-
standen seien. Die meisten Beilagen zu den Ausführungen zur aktuellen
Lage in Sri Lanka seien ebenfalls vor diesem Urteil entstanden. Gleich ver-
halte es sich mit dem Hinweis auf die bilateralen Beziehungen der Schweiz
zu Sri Lanka und den Kopien der «Carte de Resident» der in H._
lebenden Geschwister, die von 2011 und 2014 stammen würden. Sie könn-
ten deshalb nicht Gegenstand des vorliegenden Verfahrens sein. Diese
Ausführungen seien zudem bereits Gegenstand des ersten Asylverfahrens
gewesen, bei dem schon eine Aufenthaltsbewilligung (...) eingereicht wor-
den sei. Auch die zwei Gerichtsprozesse von (...) (Gerichtsurteil des High
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Court von J._ vom (...) und Gerichtsunterlagen zu einem wieder-
aufgenommenen Verfahren gegen Mitglieder der Tamils Rehabilitation Or-
ganisation [TRO] im Fall N [...]) und die dazu eingereichten Beweismittel
datierten alle vor dem Urteil vom 29. Januar 2018. Auf diese Ausführungen
und Beweismittel sei mangels Zuständigkeit nicht einzutreten, zumal sie im
Rahmen eines Revisionsgesuchs geltend zu machen wären. Folglich sei
auch der Antrag auf Ansetzung einer Frist zur Einreichung von Beweismit-
teln zu den Familienangehörigen der Beschwerdeführerin abzuweisen, zu-
mal nicht ansatzweise dargelegt werde, um was für Dokumente es sich
dabei handeln könnte. Der Antrag auf eine Anhörung sei ebenfalls abzu-
weisen, weil das Gesetz im Rahmen von Nachfolgeverfahren keine weitere
Anhörung vorsehe.
Die Beweismittel, die nach dem Urteil vom 29. Januar 2018 entstanden
seien und vorbestandene Tatsachen belegen sollten, seien nicht im Rah-
men eines Revisionsgesuchs vom Bundesverwaltungsgericht, sondern als
qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch gemäss Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG
vom SEM entgegenzunehmen. Die Gesuchsbeilagen 42, 44, 53-57, 62,
206, 275, 298-299, 301-311,313-317, 319-320, 328-331, 334-342, 344-
345, 347, 349-350, 359-361, 363-364, 367-368, 371-373, 376-377 und 383
seien mehr als dreissig Tage nach ihrer Entstehung eingereicht worden.
Auf diese Beweismittel und die darauf abgestützten Ausführungen sei so-
mit grundsätzlich nicht einzutreten. Es bestünden auch keine völkerrechtli-
chen Wegweisungvollzugshindernisse im Sinne von Entscheidungen und
Mitteilungen der (vormaligen) Schweizerischen Asylrekurskommission [E-
MARK] 1998 Nr. 3, zumal die genannten Beilagen keinen individuellen und
konkreten Bezug zur Beschwerdeführerin, die darin nicht vorkomme, auf-
weisen würden. Die Beilagen 374-375, 378-382 und 384-387 der Länder-
dokumentation vom 15. August 2018 seien innerhalb der dreissigtägigen
Frist eingereicht worden. Sie seien jedoch mangels direkten Bezugs zur
Person der Beschwerdeführerin nicht erheblich und somit nicht geeignet,
eine Verfolgungsgefahr in Sri Lanka zu belegen. Diesbezüglich sei das
qualifizierte Wiedererwägungsgesuch abzulehnen.
Das SEM führte dann weiter aus, mit der Eingabe vom 16. August 2018
werde erstmals geltend gemacht, die Beschwerdeführerin habe einen (...),
der sich (...) von den LTTE habe rekrutieren lassen und (...) verstorben
sei. Dieser verspätete Sachverhalt sei einem Mehrfachgesuch nicht zu-
gänglich, sondern im Rahmen eines qualifizierten Wiedererwägungsge-
suchs zu prüfen. Darauf sei aber nicht weiter einzugehen, weil keine nach-
vollziehbaren Gründe vorgebracht würden, weshalb dieses Vorbringen
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nicht bereits im ersten Asyl- oder Beschwerdeverfahren geltend gemacht
worden sei.
Soweit sinngemäss geltend gemacht werde, mit der Datenübermittlung an
das sri-lankische Generalkonsulat für die Ersatzreisepapierbeschaffung sei
ein Backgroundcheck ausgelöst worden, weshalb der Beschwerdeführerin
eine asylrelevante Verfolgung drohe, werde eine nachträgliche Verände-
rung der Sachlage in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft geltend ge-
macht. In diesem Zusammenhang werde um Einsicht in verschiedene Da-
ten im Rahmen der Papierbeschaffung beim Generalkonsulat ersucht und
in Bezug auf das Migrationsabkommen der Schweiz mit Sri-Lanka würden
verschiedene Anträge gestellt. Die Eingabe sei insoweit als Mehrfachge-
such im Sinne von Art. 111c Abs. 1 AsylG entgegenzunehmen.
Das SEM übermittle dem sri-lankischen Generalkonsulat bei der Papierbe-
schaffung die Personalien der betroffenen Person und beantrage die Aus-
stellung eines Ersatzreisepapieres. Dabei handle es sich um ein standar-
disiertes und langjähriges Verfahren, das seit dem 24. Dezember 2016 zu-
sätzlich durch das Migrationsabkommen zwischen der Schweiz und Sri
Lanka geregelt sei. Dafür würden dem Generalkonsulat ausschliesslich
Personendaten bekannt gegeben, die der Beschaffung von Ersatzreisepa-
pieren dienen würden. Die Datenschutzbestimmungen von Art. 97 und Art.
106 AsylG würden vollumfänglich eingehalten. Die vorliegend übermittelten
Personendaten stünden allesamt im Einklang mit dem Verarbeitungs-
zweck; es bestehe deshalb kein Anlass, Massnahmen zur Löschung der
Daten zu treffen oder auf die Übermittlung zu verzichten. Die entsprechen-
den Anträge seien abzuweisen. Es würden mit der Übermittlung von Daten
im gesetzlich vorgesehenen Rahmen keine neuen Gefährdungsmomente
geschaffen, weshalb das Vorliegen einer begründeten Furcht vor Verfol-
gungsmassnahmen zu verneinen sei. Die im Zusammenhang mit der Ver-
nehmlassung vom 8. November 2017 geäusserte Unterstellung, die über-
mittelten Daten würden dazu verwendet, eine politisch motivierte Verfol-
gung durch das CID und den TID vorzubereiten, finde im entsprechenden
Dokument keine Grundlage. Der Antrag auf Fristansetzung zur Einreichung
weiterer Beweismittel (Dokumentation anhand der bisherigen Fälle des
Rechtsvertreters) sei abzuweisen, weil angesichts der umfangreichen Ein-
gabe vom 16. August 2018 und der zahlreichen Beilagen davon auszuge-
hen sei, dass der Anspruch auf rechtliches Gehör gewahrt sei. Es sei nicht
ersichtlich respektive werde nicht dargetan, weshalb die entsprechenden
Dokumente bislang nicht hätten eingereicht werden können.
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Art. 16 Bst. g des Migrationsabkommens komme nur zwischen den sri-lan-
kischen und schweizerischen Behörden zu Anwendung. Wenn eine Einzel-
person Auskunft über die Verwendung der nach Sri Lanka übermittelten
Daten und die damit erzielten Ergebnisse wolle, habe sie ihr Gesuch ge-
mäss Art. 16 Bst. j des Abkommens direkt bei den sri-lankischen Behörden
zu stellen. In Bezug auf die beantragten Handlungsanweisungen für das
Stellen eines Akteneinsichtsgesuches sei es nicht Sache der Asylbehör-
den, die gesuchstellenden Personen in datenschutzrechtlichen Belangen
gegenüber ausländischen Staaten zu beraten und theoretische Überlegun-
gen zu allfälligen Konsequenzen eines allfälligen Akteneinsichtsgesuchs
anzustellen. Es obliege gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts der Beschwerdeführerin, die hierzu benötigten Informationen ein-
zuholen und sich über das Prozedere zu erkundigen. Auf das diesbezügli-
che Begehren sei nicht weiter einzugehen. Zum Gesuch um Einsicht in
verschiedene Daten im Zusammenhang mit der Papierbeschaffung sei da-
rauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführerin mit Zwischenverfügung
vom 27. August 2018 Einsicht in die Vollzugsakten des SEM gewährt wor-
den sei. Es sei ihr eine Nachfrist von fünf Arbeitstagen für allfällige Ergän-
zungen eingeräumt worden. Die zugestellten Akten würden alle vorhande-
nen Dokumente enthalten, weshalb dem Ersuchen entsprochen worden
sei. Die Stellungnahme vom 4. September 2018 vermöge an dieser Ein-
schätzung nichts zu ändern. Es sei auch nicht ersichtlich, weshalb sie we-
gen des Ledignamens ihrer Mutter (K._) bei einer Rückkehr gefähr-
det sein sollte. Neben dem früheren LTTE-Führer L._ gebe es zahl-
reiche andere bekannte Persönlichkeiten in Sri Lanka, die diesen Namen
getragen hätten oder noch tragen würden. Weitere Faktoren in Bezug auf
die Rückkehrgefährdung, die im vorliegenden Mehrfachgesuch zu berück-
sichtigen wären und nicht schon in den vorhergehenden Verfahren behan-
delt worden seien, würden nicht vorliegen.
6.
6.1 Vorab ist festzustellen, dass der Beschwerde gegen den Entscheid des
SEM über das Mehrfachgesuch von Gesetzes wegen aufschiebende Wir-
kung zukommt. Eine Auseinandersetzung mit dem Antrag in der Be-
schwerde auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung erübrigt sich deshalb.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht stellt in Übereinstimmung mit der Vor-
instanz fest, dass es der Beschwerdeführerin offensichtlich nicht gelingt,
neue Asyl- oder Wiedererwägungsgründe darzutun.
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Zur Vermeidung von Wiederholungen kann zunächst vollumfänglich auf die
zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen wer-
den. Das SEM hat in ausführlicher und umfassender Weise begründet,
weshalb die innerhalb der dreissigtägigen Frist eingereichten Beweismittel,
das im ordentlichen Asylverfahren nicht geltend gemachte Vorbringen zum
(...) verstorbenen (...) und die Datenübermittlung an das sri-lankische Ge-
neralkonsulat für die Ersatzreisepapierbeschaffung keine nachträgliche
Veränderung der Sachlage in Bezug auf die Flüchtlingseigenschaft respek-
tive Wiedererwägungsgründe zu begründen vermöchten. Aus der Be-
schwerde erschliesst sich nicht, inwiefern das SEM oder das Bundesver-
waltungsgericht die Situation der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter
falsch beurteilt haben könnte. Für die Ausführungen zum in H._ le-
benden (...) und zu den Aktivitäten für den (...) kann insbesondere auf die
Ausführungen im Urteil des BVGer E-1532/2016 vom 29. Januar 2018 E. 5
verwiesen werden. Es ist auch heute nicht davon auszugehen, die Be-
schwerdeführerin würde bei einer allfälligen Einreise in Sri Lanka unver-
züglich zum Verbleib (...) befragt und es würden ihr deswegen ernsthafte
Nachteile drohen. Im Urteil wurde ausgeführt, selbst unter der Annahme,
dass die Beschwerdeführerin tatsächlich die Schwester des in H._
als Flüchtling anerkannten F._ sei, sei nicht davon auszugehen,
dass sie deswegen mit Reflexverfolgungsmassnahmen zu rechnen habe.
Aus ihren Vorbringen ergäben sich keine konkreten Hinweise dafür, dass
sie bis zu ihrer Ausreise im (...) relevante Verfolgungsmassnahmen wegen
des damals bereits Jahre zurückliegenden Engagements (...) und ihres Va-
ters für die LTTE erlitten hätte (a.a.O. E. 5.3). Zum Vorbringen, die sri-lan-
kischen Behörden würden die Beschwerdeführerin nach der Datenüber-
mittlung durch die Schweiz bei ihrer Ankunft in Sri Lanka festnehmen, und
es würde ihr eine lange Gefängnisstrafe drohen kann vollumfänglich auf
die zutreffenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung und die
dort zitierte Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts verwiesen
werden. Gleich verhält es sich mit dem weiteren Vorbringen, das Bundes-
verwaltungsgericht stütze sich auf Länderberichte, die nicht den alltägli-
chen Geschehnissen in Sri Lanka entsprächen.
Eine Auseinandersetzung mit der Rüge, der Sachverhalt sei unvollständig
respektive unrichtig festgestellt, erübrigt sich, zumal sie nicht ansatzweise
begründet wird und in den Akten auch keine Stütze findet. Es drohen der
Beschwerdeführerin – entgegen ihrer Behauptung – nicht mit der notwen-
digen überwiegenden Wahrscheinlichkeit in konkreter Art und Weise Ver-
folgungsmassnahmen wegen ihrer geltend gemachten Verbindung zu den
LTTE. Im Urteil des BVGer E-1532/2016 vom 29. Januar 2018 E. 6.2.
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Seite 13
wurde festgehalten, es sei aufgrund der überwiegenden Unglaubhaftigkeit
der geschilderten Ereignisse nicht davon auszugehen, dass sie befürchten
müsse, die sri-lankischen Behörden könnten ihr eine Verbindung zu den
LTTE unterstellen, da ihre Vorbringen weder auf eine relevante Vorverfol-
gung noch auf ein massgebliches exilpolitisches Engagement schliessen
liessen. Ebenso bestehe kein Grund zur Annahme eines aktuellen relevan-
ten Verfolgungsrisikos wegen ihrer Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie
oder ihrer mehrjährigen Landesabwesenheit. An dieser Beurteilung hat
sich nichts geändert. Für den Hinweis auf die der Eingabe vom 16. August
2018 beigelegten Unterlagen (insbesondere Beilagen 1 bis 6) betreffend
Menschenrechte der tamilischen Minderheit in Sri Lanka kann auf die nach-
folgende Erwägung 8.2.4 verwiesen werden.
6.3
6.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen (vgl. dort E. 8) und festgestellt, dass aus Europa res-
pektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht gene-
rell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt
seien (vgl. a.a.O. E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung
des Risikos von Rückkehrenden, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von
Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren
(vgl. a.a.O. E. 8.4.1–8.5.1). Angesichts dessen, dass von der Unglaubhaf-
tigkeit der von der Beschwerdeführerin geschilderten Ereignisse auszuge-
hen ist, ist sie keiner dieser Risikogruppen zuzurechnen. Sie weist kein
persönliches Profil auf, das die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Sicher-
heitsbehörden in einer flüchtlingsrechtlich relevanten Weise auf sich ziehen
könnte (vgl. a.a.O. E. 8 und Urteil des BVGer E-1532/2016 E. 6.2). Zudem
sind mit der Papierbeschaffung auf dem sri-lankischen Generalkonsulat
und einer allfälligen Befragung bei der Einreise am Flughafen in Colombo
regelmässig keine asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen verbunden
(vgl. BVGE 2017/6 E. 4.3.3).
6.3.2 An dieser Einschätzung vermag der Machtwechsel vom 16. Novem-
ber 2019 nichts zu ändern. Es kann diesbezüglich auf die Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts nach diesem Machtwechsel und seinen
Folgen verwiesen werden (u.a. Ausführungen im Urteil des BVGer
E-2464/2020 vom 23. Juli 2020 E. 9.1 mit mehreren Hinweisen).
Das Bundesverwaltungsgericht ist sich der Veränderungen in Sri Lanka be-
wusst. Es beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt
E-6067/2018
Seite 14
diese bei seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand
durchaus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszu-
gehen, der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind
beziehungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, HRW, Sri
Lanka: Families of "Disappeard" Threatened, 16.02.2020). Dennoch gibt
es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur Annahme, dass seit dem
Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungsgruppen wie die tamilische
Minderheit kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Im vorlie-
genden konkreten Einzelfall besteht aufgrund des Gesagten kein persönli-
cher Bezug der Beschwerdeführerin zur Präsidentschaftswahl vom 16. No-
vember 2019 respektive deren Folgen. Bezeichnenderweise macht sie
denn auch keinen solchen geltend.
6.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es der Beschwerdeführerin
nicht gelungen ist, eine im Sinne von Art. 3 AsylG relevante Verfolgungsge-
fahr oder Wiedererwägungsgründe darzutun. Die Vorinstanz hat ihr Mehr-
fach- respektive Wiedererwägungsgesuch demzufolge zu Recht abge-
lehnt, soweit sie darauf eingetreten ist.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
E-6067/2018
Seite 15
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den
Beschwerdeführerinnen nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche
Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin
und ihrer Tochter in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von
Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerde-
führerin noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie und ihre Tochter
für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen
Strafe oder Behandlung ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäi-
schen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-
Anti-Folterausschusses müsste die Beschwerdeführerin eine konkrete Ge-
fahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer
Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde
E-6067/2018
Seite 16
(vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kam-
mer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Zudem ergeben sich auch keine kon-
kreten Hinweise darauf, dass sie und ihre Tochter bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten
hätten, die über einen sogenannten "Background Check" (Befragung und
Überprüfung von Tätigkeiten im In- und Ausland) hinausgehen würden,
respektive dass sie persönlich gefährdet wären.
8.2.4 Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka für sich alleine
lässt den Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts nicht unzu-
lässig erscheinen (vgl. Urteil BVGer E-1866/2015, a.a.O., E. 12.2). Auch
der EGMR hat sich mit der Gefährdungssituation im Hinblick auf eine
EMRK-widrige Behandlung namentlich für Tamilen, die aus einem europä-
ischen Land nach Sri Lanka zurückkehren müssen, wiederholt befasst
(vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom 19. September 2013, Be-
schwerde Nr. 10466/11; E.G. gegen Grossbritannien, a.a.O.; T.N. gegen
Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. ge-
gen Dänemark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08;
Rechtsprechung zuletzt bestätigt in J.G. gegen Polen, Entscheidung vom
11. Juli 2017, Beschwerde Nr. 44114/14). Dabei unterstreicht der Gerichts-
hof, dass nicht in genereller Weise davon auszugehen sei, zurückkehren-
den Tamilen drohe eine unmenschliche Behandlung. Daran vermögen der
Regierungswechsel vom November 2019 sowie die aktuelle Situation in Sri
Lanka nichts zu ändern.
8.2.5 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen, und es herrscht weder Krieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1). Im
Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 ist das Gericht nach einer
E-6067/2018
Seite 17
eingehenden Analyse der Sicherheitslage in Sri Lanka zum Schluss ge-
kommen, dass der Wegweisungsvollzug in die Nordprovinz grundsätzlich
zumutbar ist (vgl. E. 13.2). Betreffend den Distrikt E._, aus welchem
die Beschwerdeführerin stammt, hielt es zusammenfassend fest, dass es
den Wegweisungsvollzug dorthin als zumutbar erachte, wenn das Vorlie-
gen der individuellen Zumutbarkeitskriterien – insbesondere die Existenz
eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aus-
sichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation – bejaht wer-
den könne (vgl. E. 13.3.3.).
An der generellen Einschätzung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs vermögen weder die gewalttätigen Angriffe auf Kirchen und Hotels
vom Ostersonntag 2019, die verstärkten ethnischen und religiösen Span-
nungen während des Wahlkampfes und des anschliessenden Regierungs-
wechsels vom November 2019 sowie die aktuelle Situation in Sri Lanka
nichts zu ändern. Die Beschwerdeführerin gehört nicht zu einer Personen-
gruppe, die nach den genannten Vorfällen an Ostern oder aufgrund des
Regierungswechsels vom November 2019 einem erhöhten Risiko ausge-
setzt ist. Hinsichtlich ihrer Ethnie ist, wie bereits im Rahmen der Zulässig-
keit ausgeführt, heute nicht davon auszugehen, die Rückkehr der Brüder
Rajapaksa an die Führungsspitze Sri Lankas bedeute eine konkrete Ge-
fährdung für die gesamte tamilische Bevölkerungsgruppe.
Nach dem Gesagten liegt keine wesentliche Veränderung der Lage in Sri
Lanka vor, die eine Aufhebung der Verfügung vom 21. September 2018
und eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz erforderlich machen
würde.
8.3.3 Es liegen auch keine individuellen Wegweisungsvollzugshindernisse
vor. Die junge und gemäss Aktenlage gesunde Beschwerdeführerin
stammt aus D._, E._. Sie verfügt in ihrer Herkunftsregion
über Bezugspersonen ([...], [...] und [...]), auf deren Unterstützung sie zäh-
len kann. Auch hatte sie vor ihrer Ausreise die Schule abgeschlossen und
(...) besucht. Es ist nicht ersichtlich, weshalb es ihr nicht möglich sein
sollte, allenfalls in der nicht weit entfernten Stadt E._ ein Auskom-
men für sich und ihre Tochter zu finden; dies angesichts des grösseren
sozialen Netzes, das sie dort hat. Hinzu kommen mehrere nähere Ver-
wandte im Ausland, die sie bei Bedarf werden unterstützen können; zu den-
ken ist etwa an ihren (...) in H._, der bereits für ihre Ausreise auf-
gekommen war. Ergänzend ist auch heute nicht ersichtlich, weshalb die
E-6067/2018
Seite 18
Beschwerdeführerin und ihre Tochter nicht mit dem Lebenspartner und Va-
ter in den Heimatstaat zurückkehren könnten, auch wenn seine Be-
schwerde mit Abschreibungsentscheid vom 7. August 2020 (E-6063/2018)
als gegenstandslos geworden abgeschrieben worden ist. Es ist insgesamt
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin und ihre Tochter bei einer Rückkehr nach Sri Lanka
(E._) in eine existenzielle Notlage geraten würden. Auch mit Blick
auf das Kindeswohl sind unter Berücksichtigung der konstanten Recht-
sprechung keine Gründe ersichtlich, die gegen einen Vollzug der Wegwei-
sung sprechen würden (vgl. die vom Bundesverwaltungsgericht übernom-
mene Praxis der [vormaligen] Schweizerischen Asylrekurskommission
[ARK] gemäss Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 2005
Nr. 6 E. 6 und 2006 Nr. 24 E. 6.2.3.; BVGE 2009/28 E. 9.3.2, 2009/51 E.
5.6). Bei der Tochter handelt es sich um ein Kleinkind, das in Begleitung
seiner Mutter und mutmasslich auch seines Vaters nach Sri Lanka reisen
wird.
8.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und auch sonst nicht zu
beanstanden ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Mit dem vorliegenden Urteil sind der Antrag auf Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses und der am 26. Oktober 2018 verfügte Voll-
zugsstopp gegenstandslos geworden.
E-6067/2018
Seite 19
10.2 Die Beschwerdeführerin beantragt die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorste-
henden Erwägungen ergibt sich, dass ihre Begehren als aussichtslos zu
gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen
nicht gegeben, weshalb der Antrag abzuweisen ist.
10.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 1’500.– festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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