Decision ID: 0377b993-daec-5b6f-ac39-03917b3131c7
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
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St.Galler Gerichte
vertreten durch B._,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
IV-Leistungen (berufliche Massnahmen/Rente)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ (Jg. 19_) wurde am 13. Januar 1998 unter Hinweis auf ein psycho
organisches Syndrom bzw. infantile Störungen des Verhaltens bei Kindern mit normaler
Intelligenz im Sinne einer krankhaften Beeinträchtigung der Affektivität oder der
Kontaktfähigkeit gestützt auf die Ziffer 404 des Anhangs zur GgV erstmals zum Bezug
von Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 1). Die
Invalidenversicherung übernahm in der Folge die Kosten für medizinische und
schulische Massnahmen (Sonderschule). Am 4. Januar 2009 meldete sich der
Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-act. 98). Er beantragte berufliche
Massnahmen. Nach der Durchführung einer praktischen Abklärung beim C._ (C._)
schlug der zuständige IV-Berufsberater die Durchführung eines Vorlehrjahres als Koch
im geschützten Lehrbetrieb des C._ vor (IV-act. 117). Am 11. September 2009 erteilte
die IV-Stelle eine entsprechende Kostengutsprache (IV-act. 122). In der Folge kam es
allerdings aufgrund der Verhaltensauffälligkeiten des Versicherten zu Problemen (vgl.
IV-act. 126 f.) und schliesslich zum vorzeitigen Abbruch der Ausbildung (IV-act. 132 f.).
Dem Versicherten gelang es, im D._ Lehrbetriebsverbund eine weitere
Eingliederungsmassnahme anzutreten; der IV-Berufsberater empfahl die Übernahme
der Mehrkosten der voraussichtlich vom 1. August 2010 bis zum 31. Juli 2012
dauernden Attestausbildung zum Restaurationsangestellten (IV-act. 141). Am
21. Oktober 2010 erteilte die IV-Stelle eine entsprechende Kostengutsprache (IV-
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act. 145). Trotz Schwierigkeiten, unter anderem Cannabiskonsum (vgl. IV-act. 149 ff.),
bestand der Versicherte die dreimonatige Probezeit (IV-act. 154). Am 27. Mai 2011
teilte der zuständige Sozialpädagoge des D._ Lehrbetriebsverbundes dann aber mit,
die Massnahme habe mit sofortiger Wirkung abgebrochen werden müssen (IV-
act. 177). Der IV-Berufsberater empfahl in seinem Schlussbericht vom 11. Juli 2011 die
Rentenprüfung (IV-act. 179).
A.b Bereits am 26. Mai 2011 hatte eine interne Besprechung zwischen dem Sachbe
arbeiter, dem Berufsberater und einem Arzt vom IV-internen regionalen ärztlichen
Dienst (RAD) stattgefunden, anlässlich welcher beschlossen worden war, eine medi
zinische Abklärung unter anderem bezüglich der Frage nach den Gründen für den an
haltenden Cannabiskonsum und die Weigerung, sich in eine psychotherapeutische
Behandlung zu begeben, in Auftrag zu geben (IV-act. 171). Am 3. August 2011
erstattete die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. med. E._ ein entsprechendes
fachärztliches Gutachten (IV-act. 185). Sie hielt fest, sie habe ein ADHS mit ausge
prägten reaktiven Störungen des Verhaltens und der Emotionen sowie schädlichem
Gebrauch von Cannabis, möglicherweise als Selbstmedikation, diagnostiziert.
Momentan sei der Versicherte nicht ausbildungsfähig. Zur Wiederherstellung der
Ausbildungsfähigkeit seien eine integrierte psychiatrisch-psychotherapeutische
Behandlung inklusive Medikation zur Verbesserung der Konzentration und der
Verhaltenssteuerung angezeigt. Da nicht klar sei, inwieweit der Cannabiskonsum die
Ausbildungsfähigkeit zusätzlich vermindere, empfehle sie eine Cannabisabstinenz. Dies
sei allerdings wohl erst realisierbar, wenn die medikamentöse Behandlung installiert sei
und somit keine Notwendigkeit einer „Selbstmedikation“ mehr bestehe. Ausserdem
müsse dem Versicherten eine Tagesstruktur geboten werden. Sollte es dem
Versicherten gelingen, eine erstmalige berufliche Ausbildung zu absolvieren, sei eine
Tätigkeit in der freien Wirtschaft und damit die Erzielung eines zumindest
rentenreduzierenden Einkommens zu erwarten. Am 26. Oktober 2011 forderte die IV-
Stelle den Versicherten mit einem mit „Mitwirkungs- und Schadenminderungspflicht“
betitelten Schreiben auf, folgende Auflagen zu erfüllen: „1. Geben Sie uns bis
spätestens 18. Oktober 2011 (gemeint: 18. November 2011) schriftlich bekannt, durch
wen (Name und Adresse) die fachärztliche psychiatrische Behandlung durchgeführt
wird und wann die erste Therapiesitzung stattfindet. 2. Unterziehen Sie sich einer
regelmässigen Behandlung nach Massgabe des Behandelnden und wirken Sie dabei
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aktiv mit. 3. Geben Sie uns bis spätestens 18. Oktober 2011 (gemeint: 18. November
2011) schriftlich bekannt, durch welche(n) Ärztin/Arzt (Name und Adresse) die
Untersuchungen vorgenommen werden. Bitte übergeben Sie der Untersuchungsperson
das beiliegende Formular, damit sie uns die Untersuchungsergebnisse monatlich
mitteilen kann. 4. Unterziehen Sie sich während mindestens sechs Monaten
monatlichen Urinuntersuchungen. 5. In den Urinuntersuchungen darf durchgehend kein
Nachweis von THC gefunden werden“ (IV-act. 189). Am 3. November 2011 erfuhr die
IV-Stelle, dass sich der Versicherte in der Rekrutenschule befand (IV-act. 191). Am
11. November 2011 ging ihr eine Kopie des Marschbefehls zu, wonach der Versicherte
am 31. Oktober 2011 hatte einrücken müssen (IV-act. 194). Als Entlassungsdatum war
der 6. März 2012 angegeben. Am 10. Februar 2012 teilte der Versicherte mit, dass er
die Rekrutenschule wegen einer Schulterverletzung vorzeitig habe abbrechen müssen
(IV-act. 197 und 199). Am 21. Februar 2012 forderte die IV-Stelle den Versicherten auf,
bis spätestens 9. März 2012 schriftlich bekannt zu geben, durch wen die fachärztliche
psychiatrische Behandlung durchgeführt werde und wann die erste Therapiesitzung
stattfinde (IV-act. 200). Zudem solle er schriftlich bekannt geben, durch welchen Arzt
die Urinuntersuchungen vorgenommen würden. Mit einem mit „Mahn- und Bedenkzeit
verfahren“ betitelten Schreiben forderte die IV-Stelle den Versicherten am 16. März
2012 unter Hinweis auf Art. 21 Abs. 4 und Art. 43 Abs. 3 ATSG auf, bis spätestens
6. April 2012 die Auflagen gemäss dem Schreiben vom 26. Oktober 2011 zu erfüllen
(IV-act. 201). Nachdem der Versicherte innert der gesetzten Frist nicht reagiert hatte,
entschied die IV-Stelle am 13. April 2012, auf das „Leistungsbegehren um berufliche
Massnahmen/Rente“ nicht einzutreten (IV-act. 202).
B.
B.a Dagegen liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) am 16. Mai 2012
eine Beschwerde erheben (act. G 1). Sein Beistand beantragte die Gewährung beruf
licher Massnahmen bzw. „nach Abschluss der Integrationsmassnahme und der daraus
möglichen beruflichen Eingliederungsmassnahmen“ die „definitive Bestimmung“ des
IV-Grades des Beschwerdeführers. Zur Begründung führte er im Wesentlichen aus, der
Beschwerdeführer sei aus medizinischen Gründen nicht in der Lage, die von der
Beschwerdegegnerin verlangten Auflagen zu erfüllen, wie das Gutachten von Dr. E._
belege.
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B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 7. August 2012 die Abweisung der Be
schwerde (act. G 7). Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, die verlangten
Auflagen seien dem Beschwerdeführer gemäss dem Gutachten von Dr. E._ zu
mutbar. Die Feststellung, dass die fehlende Motivation nicht als invaliditätsfremd zu
betrachten sei, habe sich auf die Arbeitstätigkeit und nicht auf die diese erst
ermöglichenden Therapien bezogen. Die Sanktion des Nichteintretens sei die mildere
Variante. Bei einem materiellen Entscheid müsste der Beschwerdeführer beim
Einreichen einer Wiederanmeldung nämlich eine wesentliche Veränderung geltend
machen.
B.c Es fand kein zweiter Schriftenwechsel statt

Erwägungen:
1.
1.1 Versicherungen bezwecken die Deckung von Schäden, die durch den Eintritt
eines bestimmten (versicherten) Risikos verursacht werden. Als Schaden wird die
wirtschaftliche Einbusse bezeichnet, die eine versicherte Person aufgrund des Eintritts
eines versicherten Risikos erleidet. Besteht nach dem Eintritt des versicherten Risikos
noch die Möglichkeit, die Entstehung eines Schadens zu verhindern oder den Schaden
wenigstens so klein wie möglich zu halten, und unterlässt die versicherte Person
entsprechende Anstrengungen, so besteht kein Anspruch auf die Deckung des nicht
verhinderten Schadens (bzw. des nicht verhinderten Teils des Schadens) durch die
Versicherung. Würde der Schaden trotz der Passivität der versicherten Person durch
die Versicherung gedeckt, liefe das dem Wesen der Versicherung, nämlich der
„Vergesellschaftung“ von zufällig auftretenden Schäden, zuwider. Aus dem Zweck des
Versicherungsverhältnisses folgt also die Pflicht/Obliegenheit der von einem
versicherten Risiko betroffenen versicherten Person, alles Mögliche und Zumutbare
vorzukehren, um einen drohenden Schaden doch noch zu verhindern oder ihn
wenigstens so klein wie möglich zu halten. Diese Schadenminderungspflicht ist somit
ein notwendiger Bestandteil jeder Versicherung. Tritt der Schaden allerdings
unmittelbar nach der Verwirklichung des versicherten Risikos in vollem Umfang ein, so
kann keine Schadenminderungspflicht entstehen. Auch im Sozialversicherungsrecht
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wird die Existenz der Schadenminderungspflicht ohne weiteres vorausgesetzt, wie der
Wortlaut von Art. 21 Abs. 4 ATSG zeigt. Für jede einzelne Leistungskategorie besteht
eine spezifische Schadenminderungspflicht. Ein Beispiel für eine solche spezifische
Pflicht ist die Pflicht zur beruflichen Eingliederung zur Vermeidung (oder wenigstens zur
Minimierung) eines Bedarfs nach einer Rente der Invalidenversicherung: Bevor eine
Invalidenrente zugesprochen werden kann, muss sich die versicherte Person
sämtlichen zumutbaren und geeigneten (das heisst sich rentenmindernd auswirkenden)
Eingliederungsmassnahmen unterziehen (sog. Eingliederung vor Rente, vgl. etwa Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Aufl. 2009, Vorbemerkungen N 47). Die versicherte
Person muss ihre rentenspezifische Schadenminderungspflicht soweit als möglich und
zumutbar erfüllt haben, damit ihr eine Rente zugesprochen werden kann. Andernfalls
käme es zu einer unrechtmässigen Besserstellung der betreffenden versicherten
Person, denn sie erhielte eine Invalidenrente, obwohl ein „Schaden“, das heisst eine
einen Anspruch auf eine Invalidenrente begründende Erwerbsunfähigkeit (Art. 7 ATSG),
hätte verhindert werden können. Das wäre weder durch den Versicherungszweck noch
durch das materielle Leistungsrecht oder den Gleichbehandlungsgrundsatz gedeckt.
Gemäss Art. 21 Abs. 4 ATSG sind versicherte Personen, die eine Versicherungsleistung
beanspruchen, ihre leistungsspezifische Schadenminderungspflicht aber nicht erfüllen
wollen, durch die Androhung einer Sanktion dazu zu bewegen, dieser Pflicht
nachzukommen. Diese Sanktion hat eine Doppelnatur: Sie muss einerseits einen so
starken Druck aufbauen, dass die versicherte Person ihren „Widerstand“ aufgibt und
ihrer Schadenminderungspflicht nachkommt, und sie muss andererseits für den Fall,
dass die versicherte Person nicht nachgibt, eine Entscheidung beinhalten, die dem
materiellen Leistungsrecht so weit als möglich gerecht wird. Der unmittelbare Zweck
der Sanktion, die versicherte Person zu einer Erfüllung der Schadenminderungspflicht
zu bewegen, wird am ehesten erreicht, wenn die für die versicherte Person
nachteiligste Regelung angedroht wird. Dem mittelbaren Zweck der Sanktion, eine
angemessene Lösung für den Fall zu bieten, dass die versicherte Person sich nicht zur
Erfüllung der Schadenminderungspflicht bewegen lassen sollte, entspräche an sich im
Minimum der materiellen Lösung, die richtig wäre, wenn die versicherte Person ihre
Schadenminderungspflicht erfüllt hätte. Dabei müsste allerdings auf einen fiktiven
Sachverhalt abgestellt werden, was eine erhebliche Unsicherheit mit sich brächte. Die
Palette der von Art. 21 Abs. 4 ATSG angebotenen Sanktionsmöglichkeiten kennt diese
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Lösung allerdings nicht. Trotzdem zeigen diese beiden idealtypischen
Sanktionsmöglichkeiten, die kaum je inhaltlich identisch sein dürften, das
Spannungsfeld auf, in dem sich die Verwaltung bei der Anordnung einer Sanktion
bewegt: Sie muss abwägen zwischen dem öffentlichen Interesse an der möglichst
vollständigen Durchsetzung der Schadenminderungspflicht und dem Interesse der
versicherten Person, jedenfalls nicht schlechter gestellt zu werden, als wenn die
Schadenminderungspflicht korrekt erfüllt worden wäre.
1.2 Das primäre Ziel einer gestützt auf Art. 21 Abs. 4 ATSG (oder auch gestützt auf
Art. 43 Abs. 3 ATSG) zu erlassenden Verfügung muss es also sein, die versicherte
Person dazu zu bewegen, ihren Widerstand aufzugeben und ihre
Schadenminderungspflicht (bzw. ihre Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung) korrekt zu erfüllen, denn nur so kann schliesslich eine dem
konkreten Leistungsbedarf entsprechende Leistung zugesprochen und ausgerichtet
werden. Die Sanktionsverfügung hat zwar die äussere Form einer „normalen“
materiellen Verfügung und für den Verfügungsadressaten hat sie, solange sie
verbindlich ist, dieselbe Wirkung wie eine „normale“ materielle Verfügung. Wäre sie
aber tatsächlich eine materielle Verfügung, so könnte sie ihren primären Zweck, den
Verfügungsadressaten dazu zu bewegen, seine Schadenminderungspflicht zu erfüllen,
gar nicht erreichen. Als „normale“ materielle Verfügung würde sie es der Verwaltung
nämlich verunmöglichen, auf die Erreichung ihres primären Zieles, also die Bereitschaft
des Verfügungsadressaten, seine Schadenminderungspflicht zu erfüllen, adäquat zu
reagieren. Die Instrumente zur Korrektur formell rechtskräftiger Verfügungen (die
Revision gemäss Art. 17 ATSG, die so genannte prozessuale Revision gemäss Art. 53
Abs. 1 ATSG und die Wiedererwägung gemäss Art. 53 Abs. 2 ATSG) wären nämlich
nicht geeignet, die Aufhebung der Sanktionsverfügung zu ermöglichen, weil diese
Sanktionsverfügung weder als ursprünglich noch im eigentlichen revisionsrechtlichen
Sinn nachträglich unrichtig zu qualifizieren wäre. Der Verfügungsadressat müsste sich
also, wie die Beschwerdegegnerin vorliegend behauptet hat, neu zum Leistungsbezug
anmelden, wobei das Eintreten auf diese Neuanmeldung voraussetzen würde, dass der
Verfügungsadressat eine nach dem Erlass der Sanktionsverfügung eingetretene
erhebliche Veränderung seines Invaliditätsgrades glaubhaft machen könnte. Diese
Glaubhaftmachung wäre wohl in aller Regel gar nicht möglich. Tatsächlich geht es
auch nicht um die Eröffnung eines neuen Verfahrens zur Prüfung eines
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Leistungsbegehrens, sondern um die Weiterführung des „eingefrorenen“ Verfahrens zur
Prüfung des ursprünglichen Leistungsbegehrens. Wenn eine Sanktionsverfügung
bezweckt, eine versicherte Person dazu zu bringen, ihren Widerstand aufzugeben, um
so die Prüfung des Leistungsbegehrens weiterführen zu können, dann muss das
Erreichen des Sanktionszwecks unmittelbar und ohne jede Verfahrenshürde die
Weiterführung des „eingefrorenen“ Verfahrens erlauben. Daraus folgt, dass die
Sanktionsverfügung vorläufiger Natur sein muss. Sie muss ihre Wirkung verlieren,
sobald sie ihren Zweck erreicht, das heisst sobald der Verfügungsadressat seinen
Widerstand aufgegeben hat. Sie weist also eine Ähnlichkeit mit der Anordnung einer
vorsorglichen Massnahme auf. Auch diese Anordnung (die natürlich ebenfalls in
Verfügungsform ergeht) fällt ohne weiteres dahin, ist also für den Adressaten (und die
anordnende Verwaltung) nicht mehr verbindlich, sobald der – vorläufige –
Regelungsbedarf wegfällt oder in der Sache – verfahrensabschliessend – materiell
verfügt wird. Zwischen der Sanktionsverfügung und der Anordnung einer vorläufigen
Massnahme gibt es aber auch einen grundlegenden Unterschied, der es verbietet, die
Sanktionsverfügung als spezielle vorsorgliche Massnahme zu qualifizieren: Für die
vorsorgliche Massnahme ist typisch, dass das Verfahren zur Entscheidung über das
materielle Rechtsverhältnis weiterläuft und mit einer „definitiven“ Verfügung
abgeschlossen wird. Die gestützt auf Art. 21 Abs. 4 ATSG ergehende
Sanktionsverfügung hingegen hat zwingend zur Folge, dass das Verwaltungsverfahren
stillsteht, solange die Weigerung des Verfügungsadressaten, die
Schadenminderungspflicht zu erfüllen, anhält. Der Wortlaut des Art. 21 Abs. 4 ATSG
weist also eine ausfüllungsbedürftige Lücke auf. Diese Lücke ist mit der Anordnung zu
füllen, dass eine Sanktionsverfügung aufzuheben und das Verwaltungsverfahren zur
Prüfung des Leistungsbegehrens fortzuführen sei, sobald die versicherte Person ihre
Weigerungshaltung aufgebe und bereit sei, ihre Schadenminderungspflicht zu erfüllen.
2. Gemäss Art. 21 Abs. 4 Satz 2 ATSG muss die versicherte Person, bevor ihr die
Leistungen sanktionshalber verweigert werden können, schriftlich gemahnt und auf die
Rechtsfolgen hingewiesen worden sein. Der Begriff des Mahnens ist
auslegungsbedürftig. Es genügt offensichtlich nicht, ganz allgemein die fristgerechte
Erfüllung der rentenspezifischen Schadenminderungspflicht abzumahnen, denn damit
wäre die versicherte Person (die in der Regel die Akten und damit den massgebenden
aktuellen Sachverhalt nicht kennt und die auch nicht über die fachlichen Kenntnisse
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verfügt, die zur Würdigung dieses Sachverhalts im Hinblick auf eine allfällige
Schadenminderungspflicht notwendig sind) überfordert. Die Mahnung muss also eine
präzise Handlungsanweisung sein, die so klar formuliert ist, dass sie von der
angesprochenen versicherten Person ohne weiteres verstanden werden kann. Auch der
in Art. 21 Abs. 4 ATSG verwendete Begriff des Hinweises auf die Rechtsfolgen ist
auslegungsbedürftig. Es gilt dasselbe wie bei dem Begriff der Mahnung: Die im Falle
einer Weigerung, sich der Mahnung entsprechend zu verhalten, anzuordnende
Sanktion muss präzis und für die angesprochene versicherten Person ohne weiteres
verständlich umschrieben werden.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat am 16. März 2012 unter der Ziffer 1 verlangt, dass
der Beschwerdeführer bekannt geben müsse, wer ihn psychiatrisch behandle und
wann die erste Therapie durchgeführt werde. Dabei handelt es sich nicht um eine
Schadenminderungspflicht, sondern um eine Anordnung im Rahmen der
Sachverhaltserhebung. Sie bezieht sich auf die Ziffer 2, laut der sich der
Beschwerdeführer einer regelmässigen (fachärztlichen psychiatrischen) Behandlung zu
unterziehen und dabei aktiv mitzuwirken habe. Dabei handelt es sich um die
Abmahnung der konkreten Schadenminderungspflicht. Die Handlungsanweisung ist
präzis und klar formuliert, erfüllt also die Anforderungen an eine Mahnung. Das gilt aber
nicht für den Hinweis auf die Rechtsfolgen der Missachtung der Handlungsanweisung.
Die Beschwerdegegnerin hat angegeben, sie werde die Erhebungen einstellen und
Nichteintreten beschliessen, wenn der Beschwerdeführer der Handlungsanweisung
nicht nachkomme. Diese Androhung war nicht gesetzmässig, denn Art. 21 Abs. 4
ATSG kennt als mögliche Sanktionen nur die vorübergehende oder dauernde Kürzung
oder Verweigerung der beantragten Leistung. Die Beschwerdegegnerin hätte dem
Beschwerdeführer androhen müssen, dass sie ihm eine erstmalige berufliche
Ausbildung (mit dem entsprechenden Taggeld) sowie eine Invalidenrente verweigern
werde, solange er die Handlungsanweisung gemäss der Ziffer 2 nicht vollumfänglich
erfülle. Damit wäre dem Beschwerdeführer klar gewesen, dass er bis zur Aufnahme
einer psychotherapeutischen Behandlung nicht mit Massnahmen zur beruflichen
Eingliederung oder mit Geldleistungen hätte rechnen können. Erst damit hätte die
Beschwerdegegnerin tatsächlich einen ausreichenden Druck auf den
Beschwerdeführer ausgeübt, um ihn zur Erfüllung der Schadenminderungspflicht in der
Form einer medizinischen Behandlung bewegen zu können. In Bezug auf den
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Hinweis auf die Rechtsfolgen der Missachtung der Handlungsanweisung entspricht die
Androhung vom 16. März 2012 nicht den Vorgaben des Art. 21 Abs. 4 ATSG. Damit
erweist sich die angefochtene Verfügung vom 3. April 2012 ungeachtet der Tatsache,
dass sie die am 16. März angedrohte Sanktion des Nichteintretens auf das
Leistungsbegehren zum Dispositiv erhoben hat, als rechtswidrig.
2.2 In der Ziffer 3 ihres Schreibens vom 16. März 2012 hat die Beschwerdegegnerin
festgehalten, dass der Beschwerdeführer schriftlich bekanntzugeben habe, welcher
Arzt die Urinuntersuchungen vornehmen, und dass er diesem Arzt ein bestimmtes
Formular auszuhändigen habe. Diese Mahnung ist nur im Zusammenhang mit den
Ziffern 4 und 5 sinnvoll. Laut diesen beiden Ziffern sollte sich der Beschwerdeführer
monatlichen Urinuntersuchungen unterziehen und dabei sollte sich kein THC im Urin
nachweisen lassen. Das eigentlich abgemahnte Verhalten bestand also in einer
mindestens sechsmonatigen Cannabisabstinenz. Obwohl sich dies den Ziffern 4 und 5
nur indirekt entnehmen lässt, ist davon auszugehen, dass die Mahnung für den
Beschwerdeführer nachvollziehbar diesen Inhalt hatte. Der Cannabisentzug hätte
allerdings nicht den leistungsspezifischen Schaden gemindert bzw. einen allfälligen
Leistungsbedarf reduziert oder sogar vollständig verhindert. Er hätte es nur erlaubt,
klarer zu beurteilen, inwieweit eine Gesundheitsbeeinträchtigung für den
Leistungsbedarf verantwortlich war. Die Mahnung zu einer Cannabisabstinenz hat sich
demnach nicht auf eine Schadenminderungspflicht, sondern auf eine
Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung gemäss Art. 43 Abs. 3 ATSG
bezogen. Allerdings hat Dr. E._ einen solchen Entzug zum einen als nicht zumutbar
qualifiziert, solange nicht eine psychotherapeutische und insbesondere medika
mentöse Behandlung laufe, und zum andern hat sie einem solchen Entzug eher
untergeordnete Bedeutung zugemessen. Die Beschwerdegegnerin hat den
Beschwerdeführer also zur Erfüllung einer unzumutbaren bzw. unverhältnismässigen
Mitwirkungspflicht anhalten wollen, was als rechtswidrig zu qualifizieren ist. Selbst
wenn man die am 13. April 2012 verfügte Sanktion des Nichteintretens auf ein
Leistungsbegehren also nur auf die Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung
gemäss den Ziffern 4 und 5 des Mahnschreibens vom 16. März 2012 beziehen will,
erweist sich die angefochtene Verfügung somit als rechtswidrig.
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3. Dementsprechend ist die angefochtene Verfügung aufzuheben. Da nur die An
ordnung einer Sanktion gemäss Art. 21 Abs. 4 und/oder Art. 43 Abs. 3 ATSG den
Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet, sind der Beschwerdegegnerin keine
Vorschriften zum weiteren Verfahren zu machen. Die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu
erhebenden und angesichts des durchschnittlichen Aufwandes auf 600 Franken
festzusetzenden Gerichtskosten hat die unterliegende Beschwerdegegnerin zu
bezahlen. Ein Anspruch auf eine Parteientschädigung besteht nicht.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP