Decision ID: ea17ebe0-47ff-4593-a9c7-7f51068e84c1
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juli 2016 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (AK-act. 43). Im August 2017 ersuchten die sozialen Dienste
der Gemeinde B._ um eine Drittauszahlung einer allfälligen Rentennachzahlung (AK-
act. 25). Sie hielten fest, dass sie den Versicherten „vorschüsslich“ auf zu erwartende
IV-Taggelder, IV-Renten oder Ergänzungsleistungen unterstützten. Der Versicherte
hatte das Gesuch am 2. August 2017 mitunterzeichnet. Mit einem Beschluss vom 23.
September 2019 teilte die IV-Stelle der Ausgleichskasse mit, dass sie dem Versicherten
mit Wirkung ab dem 2. Mai 2017 (bzw. 1. Mai 2017) eine halbe Rente zusprechen
werde (AK-act. 20).
A.a.
Am 23. Oktober 2019 forderte die Ausgleichskasse die Sozialen Dienste der
Gemeinde B._ auf (AK-act. 17), ein Verrechnungsformular auszufüllen. Sie wies
darauf hin, dass der Versicherte ab dem 1. Mai 2017 eine monatliche Rente von 649
Franken und ab dem 1. Januar 2019 eine monatliche Rente von 654 Franken erhalten
werde, was für den Zeitraum vom 1. Mai 2017 bis zum 30. November 2019 eine
Nachzahlung von insgesamt 20’174 Franken auslösen werde. Am 5. November 2019
beantragten die Sozialen Dienste mittels des zugesandten Formulars (nochmals) die
Verrechnung der Rentennachzahlung mit den von ihnen erbrachten
Sozialhilfeleistungen (AK-act. 15). Sie machten geltend, sie hätten dem Versicherten in
der Zeit vom 1. September 2017 bis zum 30. April 2019 Vorschussleistungen von
insgesamt 24’689.90 Franken ausgerichtet. Dem Formular lag ein entsprechender
Kontoauszug bei. Ein Sachbearbeiter der Ausgleichskasse notierte am 21. November
2019 (AK-act. 14), dass der Versicherte einen Anspruch auf einen Verzugszins von 171
Franken habe. Bei der Verzugszinsberechnung war unter anderem ein „Anspruch
A.b.
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B.
Dritter“ auf 13’000 Franken berücksichtigt worden. In einer weiteren Notiz hielt ein
Sachbearbeiter der Ausgleichskasse fest, dass die Sozialen Dienste der Gemeinde
B._ einen Verrechnungsanspruch von 13’000 Franken hätten. Mit einer Verfügung
vom 21. November 2019 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab dem 1.
Mai 2017 eine halbe Rente zu (AK-act. 10). Sie hielt fest, der Nachzahlungsanspruch
belaufe sich auf 19’520 Franken. Zusätzlich bestehe ein Anspruch auf einen
Vergütungszins von 171 Franken. Von der Nachzahlung werde sie 13’000 Franken
direkt an die Sozialen Dienste der Gemeinde B._ auszahlen. Der laufende
Rentenanspruch betrage 654 Franken pro Monat.
Am 13. Dezember 2019 erhob der Versicherte (nachfolgend: der
Beschwerdeführer) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 21. November 2019
(act. G 1). Er beantragte die Auszahlung der gesamten Rentennachzahlung an ihn
selbst. Zur Begründung machte er geltend, er lebe in wirtschaftlich sehr bescheidenen
Verhältnissen. Seine Einnahmen reichten nicht einmal zur Deckung des
Existenzminimums. Es sei ihm ja nicht einmal möglich, seinen Wohnungsmietzins zu
bezahlen. Das führe bei ihm zu Existenzängsten. Am 30. Dezember 2019 beantragte
der Beschwerdeführer die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (act. G 3).
B.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 23. Januar
2020 die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie an, gemäss
dem Art. 22 Abs. 2 lit. a ATSG könnten Nachzahlungen von
Sozialversicherungsleistungen der öffentlichen Fürsorge abgetreten werden, soweit
diese Vorschusszahlungen geleistet habe. Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung sei für diese Leistungskoordination entscheidend, dass objektiv für
den gleichen Zeitraum Sozialhilfe- und IV-Leistungen geflossen seien. Vorliegend sei
dies für den Zeitraum vom 1. September 2017 bis zum 30. April 2019 der Fall gewesen.
Die Sozialen Dienste der Gemeinde B._ hätten für diesen Zeitraum eine
Verrechnungsforderung von 24’689.90 Franken geltend gemacht. Der auf diesen
Zeitraum entfallende Betrag der IV-Rentennachzahlung belaufe sich aber nur auf
13’000 Franken, weshalb nur in diesem Betrag eine Verrechnung beziehungsweise
Drittauszahlung habe vorgenommen werden können. Der Beschwerdeführer habe das
B.b.
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Erwägungen
1.
Die angefochtene Verfügung beschlägt bei genauer Betrachtung mehrere
Streitgegenstände, nämlich die Zusprache einer Rente der Invalidenversicherung, die
Zusprache eines Verzugszinses und die Anordnung einer Verrechnung respektive
Drittauszahlung eines Teils der Rentennachzahlung. Die Beschwerde vom 13.
Dezember 2019 richtet sich ausschliesslich gegen die Drittauszahlung, weshalb die
Verfügung vom 21. November 2019 bezüglich der Rentenzusprache und bezüglich der
Zusprache eines Verzugszinses von 171 Franken unangefochten in formelle
Rechtskraft erwachsen ist. In diesem Beschwerdeverfahren ist folglich nur die
Rechtmässigkeit der Drittauszahlung eines Teils der Rentennachzahlung zu prüfen.
2.
Verrechnungsgesuch der Sozialen Dienste der Gemeinde B._ im Übrigen
vorbehaltlos unterzeichnet.
Dem Beschwerdeführer wurde am 29. Januar 2020 die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt (act. G 6).
B.c.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (vgl. act. G 7 f.).B.d.
Laut dem Art. 22 Abs. 1 ATSG kann ein Sozialversicherungsleistungsanspruch
weder abgetreten noch verpfändet werden. Gemäss dem Art. 22 Abs. 2 lit. a ATSG
können aber Nachzahlungen von Sozialversicherungsleistungen der öffentlichen
Fürsorge abgetreten werden, soweit diese Vorschusszahlungen geleistet hat. Mit dieser
Ausnahme vom Abtretungsverbot des Art. 22 Abs. 1 ATSG hat der Gesetzgeber
offensichtlich die Absicherung der Rückerstattung von Vorschussleistungen Dritter
bezweckt, worauf ja auch die Marginalie zum Art. 22 ATSG hinweist: Würde eine
Nachzahlung einer Sozialversicherungsleistung stets vollumfänglich an die versicherte
Person ausbezahlt, bestünde nämlich die Gefahr, dass sich der bevorschussende
Dritte mit einer Uneinbringlichkeit der Rückforderung seiner Vorschusszahlungen
konfrontiert sähe, weil die versicherte Person mit der ihr direkt ausbezahlten
Nachzahlung beispielsweise andere Forderungen beglichen hätte. Diese Gefahr
besteht nicht, wenn die Nachzahlung direkt an den bevorschussenden Dritten statt
vollumfänglich an die versicherte Person ausbezahlt wird. Da es sich bei dieser
Drittauszahlung um eine Ausnahme vom Grundsatz des Art. 22 Abs. 1 ATSG handelt,
2.1.
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wonach die Abtretung oder Verpfändung von Sozialversicherungsleistungen unzulässig
ist, muss der enge Wortlaut des Art. 22 Abs. 2 lit. a ATSG, der sich auf
Vorschusszahlungen beschränkt, ernst genommen werden. Das bedeutet, dass der
Drittauszahlungsanspruch zeitlich und betraglich wie folgt begrenzt sein muss: Die
Drittauszahlung ist nur für jenen Teil einer Nachzahlung von
Sozialversicherungsleistungen zulässig, der auf einen Zeitraum entfällt, für den der
bevorschussende Dritte seine Vorschussleistungen erbracht hat; es muss also eine
zeitliche Überschneidung zwischen der Nachzahlung und der Vorschusszahlung geben.
Zudem darf – für diesen „Überschneidungs“-Zeitraum – nur jener Teil einer
Nachzahlung von Sozialversicherungsleistungen direkt an den bevorschussenden
Dritten ausbezahlt werden, der betraglich maximal den Vorschusszahlungen entspricht.
Hat der bevorschussende Dritte also Vorschusszahlungen für einen längeren als den
durch eine Nachzahlung einer Sozialversicherungsleistung abgedeckten Zeitraum
erbracht oder hat der bevorschussende Dritte Vorschusszahlungen erbracht, die
betraglich höher als der Nachzahlungsanspruch gewesen sind, muss er sich mit einer
Drittauszahlung jenes Teils der Nachzahlung der Sozialversicherungsleistung
begnügen, der sich zeitlich und betraglich mit den Vorschusszahlungen deckt.
Die Sozialen Dienste der Gemeinde B._ haben dem Beschwerdeführer in der Zeit
vom 1. September 2017 bis zum 30. April 2019 Vorschusszahlungen im Gesamtbetrag
von 24’689.90 Franken ausgerichtet. Der auf diesen Zeitraum entfallende Teil der
Nachzahlung der Invalidenrente beträgt (4 + 12) × 649 Franken + 4 × 654 Franken =
10’384 Franken + 2’616 Franken = 13’000 Franken. Der über diesen Betrag
hinausgehende Teil der Vorschusszahlungen kann mangels einer zeitlichen
„Überschneidung“ nicht mit der auf die Zeit vor dem 1. September 2017 oder auf die
Zeit nach dem 30. April 2019 entfallenden Teil der Rentennachzahlung „verrechnet“
werden. Das bedeutet, dass die Drittauszahlung der Rentennachzahlung an die
Sozialen Dienste der Gemeinde B._ nur im Betrag von 13’000 Franken zulässig ist.
2.2.
Der Beschwerdeführer macht geltend, dass er die Nachzahlung benötige, um
seinen laufenden beziehungsweise künftigen Existenzbedarf zu sichern. Diese
Argumentation ist aus dem folgenden Grund nicht stichhaltig: Jede einzelne
Rentenzahlung bezweckt die Deckung des Existenzbedarfs für jenen Monat, für den sie
ausbezahlt wird. Wenn es bei der Auszahlung zu einer Verspätung kommt, sodass die
Rentenzahlung nicht für den Monat erfolgt, für den sie bestimmt ist, sondern später
nachbezahlt wird, ändert das nichts an der Zweckbestimmung dieser Rentenzahlung.
Folglich lässt es sich nicht rechtfertigen, eine Rentenzahlung für die Vergangenheit als
zur Deckung des aktuellen oder des künftigen Existenzbedarfs bestimmt zu betrachten.
2.3.
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3.
Die Beschwerde ist abzuweisen. Die Gerichtskosten von 600 Franken wären an sich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Da diesem aber die unentgeltliche Rechtspflege
bewilligt worden ist, ist er von der Pflicht zur Bezahlung der Gerichtskosten befreit.
Sollten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird er zur
Nachzahlung der Gerichtskosten verpflichtet werden können (Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m.
Art. 123 ZPO). Angesichts der klaren Rechtslage und der feststehenden Gerichtspraxis
zur Zulässigkeit einer Drittauszahlung bei einer Rentennachzahlung kann dieser Fall
einzelrichterlich erledigt werden (vgl. Art. 17 Abs. 2 GerG und Art. 18 Abs. 2 OrgR).