Decision ID: bb58a048-9cbd-40fa-8c54-fadf3c13febe
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 2. April 2022 in der Schweiz um Asyl
nach (Akten der Vorinstanz 1146386 [nachfolgend: SEM-act.] 1). Ein Ab-
gleich seiner Fingerabdrücke mit der Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac)
ergab, dass er am 17. Februar 2022 in Bulgarien um Asyl nachgesucht
hatte (SEM-act. 8).
A.b Am 11. Mai 2022 fand die Personalienaufnahme (SEM-act. 10) und am
16. Mai 2022 das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 (Dublin-Gespräch; SEM-act. 13) statt.
Der Beschwerdeführer führte anlässlich des Dublin-Gesprächs, bei wel-
chem ihm auch das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Rückkehr nach
Bulgarien sowie zu seinem Gesundheitszustand gewährt wurde, aus, er
sei bei seiner Einreise nach Europa erwischt worden. Zuvor habe er viele
Probleme gehabt. So habe er sich fünf Tage im Wald aufhalten müssen
und habe weder zu essen noch zu trinken gehabt. Nachdem er zwei Tage
von den Schleppern festgehalten worden sei, sei er von der Polizei aufge-
griffen und in eine abgeschlossene Unterkunft gebracht worden. Dort sei
er geschlagen und mit Füssen getreten worden, wobei keine Kameras vor-
handen gewesen seien, die diese Tortur gefilmt hätten. Manchmal sei er
auch zu einem Container gebracht und dort geschlagen worden. Auch das
Essen sei nicht gut gewesen. Sein Zielland sei die Schweiz gewesen und
deshalb habe er nicht in Bulgarien bleiben wollen. Dies habe er in Bulgarien
auch so mitgeteilt. In Bulgarien habe er «nur ein kleines Interview» gehabt,
an welchem er nach seinem Reiseweg gefragt worden sei. Dabei habe er
einen Dari-Dolmetscher gehabt, welcher ihn gefragt habe, ob er Asyl wolle.
Trotz der Verneinung des Beschwerdeführers sei durch die Behörden et-
was notiert worden, was ihm zur Unterschrift vorgelegt worden sei. Im
Camp habe er an einer (...)verletzung gelitten. Obwohl sein (...) nur zwei-
mal verbunden gewesen sei, habe man ihn nicht zum Arzt gebracht. So
habe er selber zu einem solchen laufen müssen. In Bulgarien habe er etwa
eineinhalb Monate verbracht, wobei er nicht freiwillig dort verblieben sei. Er
habe diesbezüglich keine andere Wahl gehabt. Von Bulgarien sei er nach
Serbien gereist und habe in Sofia selber Medikamente für sein (...) gekauft.
In Serbien sei sein (...) behandelt worden. Anschliessend sei er über Un-
garn und Österreich in die Schweiz gereist.
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Hinsichtlich einer allfälligen Überstellung nach Bulgarien brachte er vor,
dass er bei der Einreise in Bulgarien von den Schleppern festgehalten wor-
den sei. Als er von der Polizei aufgegriffen worden sei, seien die beiden
Schlepper festgenommen worden. Die Schlepper hätten Kontakte in Sofia,
welchen sie sein Foto zugesendet und ihn in einem Videoanruf gezeigt hät-
ten. Die Schlepper hätten ihn festgehalten, da die ersten Schlepper ein
Fahrzeug hätten organisieren wollen, was ihnen aber nicht gelungen sei.
Nachdem er, der Beschwerdeführer, fünf Tage im Wald ohne Essen habe
verbringen müssen, seien andere Schlepper mit einem Fahrzeug erschie-
nen und hätten ihn mitgenommen und eingesperrt. Diese zweite Schlep-
pergruppe habe die erste Schleppergruppe ausfindig gemacht, aufgesucht
und von dieser Geld verlangt. Er sei dann erst freigelassen worden, als das
Geld bezahlt worden sei.
In medizinischer Hinsicht gab er an, er könne (...). Die (...)verletzung sei
verheilt.
A.c Am 17. Mai 2022 ersuchte das SEM die bulgarischen Behörden um
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO (SEM-act. 16). Die bulgarischen Behörden nahmen innerhalb
der festgelegten Frist zum Übernahmeersuchen des SEM keine Stellung.
A.d Mit Eingabe vom 30. Mai 2022 gab der Beschwerdeführer einen Arzt-
bericht, datiert auf den 25. Mai 2022, zu den Akten (SEM-act. 18). Am
8. August 2022 wurde eine interne Mitteilung betreffend medizinischer
Sachverhalt zu den Akten genommen (SEM-act. 20).
B.
Mit Verfügung vom 8. August 2022 (eröffnet am 9. August 2022) trat die
Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete
dessen Wegweisung aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-Mitglied-
staat (Bulgarien) an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Der zuständige Kanton wurde mit dem
Vollzug der Wegweisung beauftragt. Im Weiteren händigte sie dem Be-
schwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus
und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen die Verfügung
keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM-act. 21).
C.
Gegen den Nichteintretensentscheid gelangte der Beschwerdeführer mit
Beschwerde vom 16. August 2022 an das Bundesverwaltungsgericht. Er
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beantragt, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und das SEM
anzuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten. Eventualiter sei die Sache
zur vollständigen Feststellung des Sachverhaltes an das SEM zurückzu-
weisen. Subeventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, individuelle Zusi-
cherungen bezüglich des Zugangs zum Asylverfahren, adäquater medizi-
nischer Versorgung sowie Unterbringung von den bulgarischen Behörden
einzuholen. Der vorliegenden Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung
zu gewähren und das SEM und die Vollzugsbehörden seien im Rahmen
von vorsorglichen Massnahmen unverzüglich anzuweisen, bis zum Ent-
scheid über diese Beschwerde von jeglichen Vollzugshandlungen abzuse-
hen.
In prozessualer Hinsicht sei der Beschwerde die unentgeltliche Prozess-
führung zu gewähren und insbesondere auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses zu verzichten.
Der Beschwerde legte der Beschwerdeführer die Kopie der angefochtenen
Verfügung, eine Vollmacht und vier undatierte Fotos bei.
D.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
17. August 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG
[SR 142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügungen zu bewirken. Der Beschwerdeführer rügt die
unvollständige Erstellung des rechtserheblichen Sachverhalts. Diesbezüg-
lich führt er aus, die Vorinstanz habe nicht rechtsgenüglich abgeklärt, wel-
che spezifische medizinische Behandlung er benötige.
4.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel
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Seite 6
(Bstn. a-e). Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle
für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt wer-
den (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Der Untersuchungs-
grundsatz findet seine Grenze an der Mitwirkungspflicht der Asylsuchen-
den (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
4.3 Aufgrund der im Entscheidzeitpunkt bestehenden Aktenlage war der
medizinische Sachverhalt ausreichend erstellt und die Vorinstanz konnte
sich ein hinreichendes Bild vom Gesundheitszustand des Beschwerdefüh-
rers machen, um die Zulässigkeit der Wegweisung nach Bulgarien zu be-
urteilen sowie über die Anwendung der Souveränitätsklausel zu befinden.
So hat sich die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung mit den ihr zum
Entscheidzeitpunkt zur Verfügung stehenden medizinischen Akten (na-
mentlich mit dem Arztbericht des Zentrumsarztes im Bundesasylzentrum
B._ vom 25. Mai 2022 und mit der Auskunft des Gesundheitsdiens-
tes vom 8. August 2022 betreffend die Arztkonsultationen vom 17. / 19. und
25. Mai 2022 sowie denjenigen vom 2. und 8. August 2022) auseinander-
gesetzt und unter anderem begründet, weshalb sie den medizinischen
Sachverhalt als erstellt erachte (vgl. E 7.3 und 8.3). Von zusätzlichen me-
dizinischen Abklärungen wären, wie die Vorinstanz in der angefochtenen
Verfügung zutreffend festhält, keine rechtserheblichen neuen Erkenntnisse
zu erwarten gewesen. Unter diesen Umständen bestand auch keine Ver-
anlassung, weitere diesbezügliche Abklärungen vorzunehmen (zur antizi-
pierten Beweiswürdigung vgl. BGE 141 I 60 E. 3.3; 136 I 229 E. 5.3). Die
formellen Rügen erweisen sich als unbegründet, weshalb keine Veranlas-
sung besteht, die Sache aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. Das entsprechende Eventualbegehren ist abzuweisen.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Führt diese
Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung
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Seite 7
des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mit-
gliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf
das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel
III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zustän-
digen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die An-
nahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für An-
tragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen,
die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung
im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union
(2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich bringen, ist
zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zu-
ständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als zustän-
dig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat
zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Antragsteller, der während der Prüfung seines Antrags in einem an-
deren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO).
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Seite 8
5.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1
vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser
Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen
auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat
zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshinder-
nisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
6.
6.1 Die bulgarischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen der Vor-
instanz innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbe-
antwortet, womit sie die Zuständigkeit Bulgariens implizit anerkannten
(Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO). Der Beschwerdeführer führt dazu aus, er
habe in Bulgarien kein Asylgesuch stellen wollen. Der Dolmetscher, wel-
cher bei der Anhörung in Bulgarien übersetzt habe, habe Dari gesprochen,
obwohl der Beschwerdeführer Paschtou spreche. Er sei gefragt worden,
ob er ein Asylgesuch stellen wolle, was er verneint habe. Trotzdem sei ein
Asylgesuch registriert worden (SEM-act. 13). Aus den Akten ist ersichtlich,
dass am 17. Februar 2022 in Bulgarien ein Asylgesuch registriert wurde
(SEM-act. 8). Diesbezüglich überzeugt die Argumentation des Beschwer-
deführers nicht, er habe anlässlich der Anhörung in Bulgarien den Befrager
nicht verstanden, da dieser Dari und nicht Paschtou gesprochen habe. Es
ist festzustellen, dass er dies erst auf Beschwerdeebene vorbringt. Anläss-
lich des Dublin-Gesprächs führte er dazu lediglich aus, es habe einen Dari-
Dolmetscher gehabt, der ihn gefragt habe, ob er Asyl wolle. Er habe dies
verneint, trotzdem sei etwas notiert worden, was ihm zur Unterschrift vor-
gelegt worden sei. Es erstaunt, dass der Beschwerdeführer zwar vorbringt,
er habe den Befrager nicht verstanden, sich aber auf Beschwerdeebene
dahingehend festlegt, dass er gefragt worden sei, ob er ein Asylgesuch
würde stellen wollen. Ferner erscheint es unlogisch, dass die bulgarischen
Behörden entgegen dem Willen des Beschwerdeführers ein entsprechen-
des Asylgesuch entgegengenommen hätten. Die Vorbringen des Be-
schwerdeführers erachtet das Gericht aufgrund des Gesagten als unglaub-
haft, die Zuständigkeit Bulgariens ist somit grundsätzlich gegeben.
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Seite 9
6.2 Gegen seine Überstellung nach Bulgarien bringt der Beschwerdeführer
sinngemäss vor, dass das bulgarische Asylsystem und die dortigen Auf-
nahmebedingungen systemische Mängel aufweisen würden.
Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil F-7195/2018
vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asylsystem und
der Situation asylsuchender Personen in Bulgarien auseinandergesetzt. Es
hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die Aufnahmebe-
dingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese aber nicht sys-
temischer Natur seien, weshalb von Überstellungen nach Bulgarien grund-
sätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien in Bulgarien
nicht systembedingt unmöglich. Betroffene Personen könnten gegen einen
negativen Asylentscheid ein wirksames Rechtsmittel einlegen. Zudem
seien die Bedingungen in den Aufnahme- und Haftzentren zwar prekär,
könnten aber nicht als unmenschlich oder entwürdigend qualifiziert werden
(Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.6.1 und 6.6.7). Auch heute geht das Bun-
desverwaltungsgericht praxisgemäss nicht von systemischen Mängeln im
bulgarischen Asylverfahren aus (vgl. u.a. Urteil des BVGer E-1457/2022
vom 31. März 2022 E. 4.2 m.w.H.).
6.3 Bulgarien kommt somit seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus
der EMRK, dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 gegen Folter
und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung
oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem Zusatz-
protokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) grundsätzlich nach.
Im Weiteren darf davon ausgegangen werden, Bulgarien anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
Demnach ist davon auszugehen, dass prinzipiell der Zugang zu einer Asyl-
unterkunft, zu Nahrungsmitteln sowie medizinischer Grundversorgung und
psychologischer Betreuung für Asylsuchende gewährleistet ist (vgl. Urteil
des BVGer D-1720/2022 vom 21. April 2022 E. 9.2 f.).
6.4 Folglich ist eine Übernahme der Zuständigkeit der Behandlung des
Asylgesuchs durch die Schweiz in Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO nicht angezeigt.
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Seite 10
7.
7.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zustän-
digkeit Bulgariens das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz
Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, hätte ausüben müs-
sen.
7.2
7.2.1 Zwar kann die Vermutung, Bulgarien halte seine völkerrechtlichen
Verpflichtungen ein, im Einzelfall widerlegt werden. Dafür bedarf es aber
konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffenen
glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.). Dies gelingt dem
Beschwerdeführer allerdings nicht. Er führt aus, in Bulgarien viel Gewalt
erlebt zu haben, von welcher er unter anderem eine (...)verletzung erlitten
habe. Ferner habe er Medikamente selber erwerben müssen (SEM-act.
13). Diese Vorbringen sind allgemein gehalten und weder belegt noch sub-
stantiiert. Die der Beschwerde beigelegten Fotos sind zum Beweis der vor-
gebrachten erlittenen Gewalt nicht geeignet, da sie weder datiert sind, noch
der Beschwerdeführer darauf identifizierbar ist. Sie entfalten daher keinen
Beweiswert.
7.2.2 Angesichts der anerkannterweise teils schwierigen Bedingungen in
Bulgarien kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer
dort bei seiner Ankunft auf schwierige Umstände traf. Er hat sich allerdings
nur relativ kurze Zeit in Bulgarien aufgehalten. Nach einer Rücküberstel-
lung wird der Beschwerdeführer nicht als Neuankömmling behandelt, son-
dern in ein (hängiges) Asylverfahren und die entsprechenden Asylstruktu-
ren integriert werden, wo er alle ihm zustehenden Rechte wahrnehmen
kann. Gegebenenfalls wird er sich an die zuständigen bulgarischen Behör-
den zu wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem
Rechtsweg einzufordern haben (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Dies gilt
auch in Bezug auf die geltend gemachte Gewalt durch Angehörige staatli-
cher Behörden.
7.2.3 Auch besteht kein Grund zur Annahme, die bulgarischen Behörden
würden dem Beschwerdeführer nach einer Überstellung den Zugang zum
Asyl- respektive zu einem allfälligen Wiederaufnahmeverfahren unter Ein-
haltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie verweigern. Aus dem Vorbrin-
gen in der Beschwerdeschrift (S. 5 f.), wonach sein Asylgesuch im Falle
einer Wegweisung nach Bulgarien nicht hinreichend und rechtskonform ge-
prüft werden würde, lässt sich noch nicht ableiten, das dortige Asylverfah-
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Seite 11
ren würde nicht korrekt durchgeführt werden. Ebenso wenig lässt sich da-
raus ableiten, dass seine Überstellung nach Bulgarien zu einer Kettenab-
schiebung führen würde, beziehungsweise die bulgarischen Behörden
würden in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten
und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben
oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist
oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land ge-
zwungen zu werden (vgl. das Referenzurteil F-7195/2018 vom 11. Februar
2020 E. 6.6.7 und E. 7.2.2).
7.3
7.3.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Eine
vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichem Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Pa-
poshvili gegen Belgien vom 13. Dezember 20126, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
7.3.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, «(...)» zu haben. Er könne
(...). Die Verletzungen am (...) seien verheilt. Im Arztbericht vom 25. Mai
2022 wird als Diagnose festgehalten, er habe (...). Zudem sei (...) nicht
ausgeschlossen. Es wurde eine Salbe zur Behandlung abgegeben (SEM-
act. 18). Mit interner Meldung betreffend medizinischer Sachverhalt vom
8. August 2022 wurde zusätzlich festgehalten, der Beschwerdeführer habe
sich mehrere Male bei MedicHelp gemeldet und vorgebracht, er leide an
(...). Es wurde durch MedicHelp ein Rezept für ein Medikament zum (...)
abgegeben und festgehalten, dass weder ein weiterer Behandlungsbedarf
angezeigt noch ein weiterer Arzttermin geplant sei (SEM-act. 20). In der
Beschwerde wird hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts vorge-
bracht, der Beschwerdeführer leide an grossen (...), welche noch nicht
fachärztlich abgeklärt worden seien. Diesbezüglich ist festzustellen, dass
die vorgebrachten medizinischen Probleme ([...]) offensichtlich nicht den in
E. 7.3.1 aufgeführten Kriterien entspricht.
Im Übrigen ist mit der Vorinstanz festzustellen, dass Bulgarien über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind
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Seite 12
verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung,
die zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behand-
lung von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zu-
gänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern
mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sons-
tige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen
Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen da-
mit keine Hinweise vor, wonach Bulgarien seinen Verpflichtungen im Rah-
men der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde.
Der aktuelle Gesundheitszustand (vgl. dazu E. 4 und 8.3) des Beschwer-
deführers führt somit für den Fall einer Überstellung nach Bulgarien nicht
zur Annahme einer drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK. Damit handelt
es sich beim Beschwerdeführer auch nicht um eine besonders verletzliche
Person und es sind keine individuellen Garantien bei den bulgarischen Be-
hörden einzuholen. Die Reisefähigkeit des Beschwerdeführers wird so-
dann zum Zeitpunkt der Überstellung zu prüfen sein.
7.4 Zusammenfassend besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1.
8.
8.1 Schliesslich wirft der Beschwerdeführer dem SEM mit Blick auf die
Souveränitätsklausel eine Ermessensunterschreitung und damit eine
Rechtsverletzung vor.
Unter Berücksichtigung der Aktenlage zum Entscheidzeitpunkt könne nicht
davon ausgegangen werden, dass der medizinische Sachverhalt von der
Vorinstanz vollständig erstellt worden sei. Diese habe daher gar nicht be-
urteilen können, welche medizinische Behandlung der Beschwerdeführer
benötige beziehungsweise ob diese in Bulgarien erhältlich sei und habe
diesbezüglich ihr Ermessen nicht korrekt ausüben können.
8.2 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Aufgrund der Kog-
nitionsbeschränkung gemäss Art. 106 Abs. 1 Bst. a AsylG überprüft das
Gericht den vorinstanzlichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 nicht auf Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beur-
teilung im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüg-
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Seite 13
lich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rech-
nung getragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106
Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
8.3 Nach dem Gesagten ist nicht ersichtlich, inwiefern das SEM den spe-
zifischen Umständen des Einzelfalles nicht Rechnung getragen hätte. Ins-
besondere ist darauf hinzuweisen, dass es sich mit dem medizinischen
Sachverhalt auseinandergesetzt und dargelegt hat, aus welchen Gründen
es diesen als ausreichend erstellt erachtete und weshalb kein dringlicher
medizinischer Behandlungsbedarf auszumachen sei (vgl. E. 4 und 7.3).
Dass der Beschwerdeführer in seiner Einschätzung bezüglich Selbsteintritt
zu einer anderen Beurteilung gelangt, ist nicht genügend, um von einer
Ermessensunterschreitung und entsprechend einer Rechtsverletzung aus-
zugehen. Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO
den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden
Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
9.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat seine Wegweisung nach Bulgarien angeordnet.
10.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung respek-
tive vorsorglicher Massnahmen als gegenstandslos erweist.
11.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist abzu-
weisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Mit dem Entscheid in der
Hauptsache ist das Begehren um Erlass des Kostenvorschusses gegen-
standslos geworden.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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E-3526/2022
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