Decision ID: 21908f1d-75f8-564c-bd46-b753c2e8434f
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt PD Dr. Dieter Kehl, Poststrasse 22, Postfach 118,
9410 Heiden,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
berufliche Massnahmen (Umschulung)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 8. Januar 2001 aufgrund der Folgen eines am 18. Juni
2000 erlittenen Verkehrsunfalls zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung,
namentlich Berufsberatung und Arbeitsvermittlung, bei der IV-Stelle des Kantons
St. Gallen an (IV-act. 1).
A.b Am 18. Januar 2001 erstattete ein Arbeitsvermittlungsbüro einen Arbeitgeber
bericht. Der letzte Einsatz des Versicherten als ungelernter Autolackierer sei am
17. Juni 2000 beendet worden; der Lohn habe Fr. 26.-- pro Stunde betragen (IV-act. 5).
Gemäss einem Auszug aus dem Individuellen Konto vom 30. Oktober 2001 hatte der
Versicherte in den Jahren 1992–2000 für verschiedene Arbeitgeber gearbeitet und
dazwischen immer wieder Arbeitslosenentschädigungen bezogen (IV-act. 21).
A.c Am 24. November 2001 erstattete Dr. med. B._, Facharzt FMH für Innere
Medizin, einen Arztbericht. Er führte aus, der Versicherte habe am 18. Juni 2000 bei
einer Kollision als Inlineskater mit einem Auto multiple Knochenbrüche erlitten und
klage noch über lokale Schmerzen im Bereich der Tibia rechts sowie über dem oberen
Sprunggelenk. Es sei eine weitgehende restitutio ad integrum zu erwarten, nach langer
Absenz vom Arbeitsmarkt werde der Versicherte allerdings wohl Mühe mit dem
Wiedereinstieg haben. Die Suva als zuständige obligatorische Unfallversicherung gehe
per 1. November 2001 von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit aus (IV-act. 20–1 f.).
A.d Mit Vorbescheid vom 28. November 2002 stellte die IV-Stelle dem Versicherten
die Zusprache einer befristeten ganzen Rente für den Zeitraum vom 1. Juni 2001 bis
zum 30. Juni 2002 in Aussicht (IV-act. 32). Dagegen liess der Versicherte am
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13. Dezember 2002 vorsorglich Einwand erheben und mehrmals um Fristerstreckung
ersuchen (IV-act. 35 ff.).
A.e Am 13. Januar 2004 erlitt der Versicherte einen zweiten Verkehrsunfall (vgl. IV-
act. 48). Er wurde als Lenker eines Personenwagens unverschuldet in eine Frontal
kollision verwickelt (Suva-act. 9.40341.04.3/1).
A.f Am 16. Juli 2004 erlitt der Versicherte während der Arbeit einen weiteren Unfall,
bei welchem er sich durch Anschlagen an der Werkbank am rechten Knie verletzte (IV-
act. 54–5).
A.g Am 27. Oktober 2004 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass zu seinem
Gesuch um berufliche Massnahmen schriftlich Stellung genommen werde, sobald ein
rechtskräftiger Entscheid der Suva vorliege (IV-act. 56).
A.h Am 2. November 2005 reichte der Versicherte über seinen Anwalt einen
Arztbericht vom
18. Oktober 2005 von Dr. med. C._, Facharzt FMH für Innere Medizin, ein. Dr. C._
diagnostizierte im Wesentlichen einen Status nach Polytrauma anlässlich eines Unfalls
am 18. Juni 2000, einen Status nach Verkehrsunfall (Frontalkollision) am 13. Januar
2004, den Verdacht auf eine Einklemmungsneuropathie des Nervus peronaeus rechts
sowie ein neuropsychologisches Defizit und führte aus, als Lackierer sei der Versicherte
aufgrund der zur Verfügung stehenden apparativen Hilfe zwar zu 100 % arbeitsfähig.
Langfristig sei diese Arbeitsfähigkeit aber insbesondere wegen der eingeschränkten
Gehfähigkeit und dem neuropsychologischen Defizit in Frage gestellt; es dürften sich
berufliche Massnahmen aufdrängen (IV-act. 64–3 f.).
A.i Mit Verfügung vom 16. März 2006 sprach die IV-Stelle dem Versicherten eine
ganze Rente für den Zeitraum vom 1. Juni 2001 bis zum 30. Juni 2002 zu. Die Ab
klärungen hätten ergeben, dass der Versicherte nach dem 30. Juni 2002 nicht mehr
durchgehend zu mindestens 40 % in seiner Erwerbsfähigkeit eingeschränkt gewesen
sei (IV-act. 67 und 69).
B.
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B.a Am 1. September 2008 ersuchte der Rechtsvertreter des Versicherten bezug
nehmend auf das Schreiben der IV-Stelle vom 27. Oktober 2004 erneut um berufliche
Massnahmen (IV-act. 75). Auf Aufforderung der IV-Stelle hin reichte er am 8. Oktober
2008 eine neue Anmeldung ein (IV-act. 76 f.).
B.b Am 20. Oktober 2008 führte Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen
Dienst (RAD) ein Telefonat mit Dr. C._. Dieser führte aus, es würden hauptsächlich
erhebliche Beschwerden am linken Knie vorliegen, weswegen im Januar 2008 eine
Operation durchgeführt worden sei; die Diagnostik bzw. Weiterbehandlung sei noch
nicht abgeschlossen. Dennoch sei eine Kontaktaufnahme durch einen IV-
Eingliederungsberater seiner Meinung nach sinnvoll, da der Versicherte in eine
leidensadaptierte Tätigkeit wechseln sollte (IV-act. 84).
B.c Am 24. Oktober 2008 erstattete die Arbeitgeberin des Versicherten einen Arbeit
geberbericht. Sie führte aus, der Versicherte arbeite seit dem 1. Mai 2005 für sie und
erhalte seit dem 1. Januar 2008 einen Jahreslohn von Fr. 63’310.--. Der Versicherte
arbeite wieder voll; der Arzt habe keine Einschränkungen angegeben (IV-act. 88).
B.d Am 6. November 2008 wurde ein Assessmentgespräch durchgeführt. Der Ver
sicherte gab unter anderem an, er arbeite als Industrie-Lackierer, habe auch ent
sprechende Kurse besucht. Die Arbeit könne er verrichten; er müsse vorwiegend gehen
und nur selten stehen, sitzen könne er nur in der Pause. Seit einem Jahr verrichte er
aber monotone Arbeit, für die er eigentlich überqualifiziert sei. Er suche deshalb eine
neue Arbeitsstelle; er erwarte auch eine weniger schwere Arbeit. Unterstützung durch
die Invalidenversicherung benötige er dafür nicht; die IV-Stelle solle sich auch nicht bei
der Arbeitgeberin melden (IV-act. 92).
B.e In seinem Bericht vom 5. Dezember 2008 wies Dr. C._ darauf hin, dass die
aktuelle Tätigkeit ungeeignet sei. Der Versicherte sei in seiner Geh- und Stehfähigkeit
sowie beim Heben und Tragen von schweren Gegenständen wegen Schmerzen am
Rücken und im linken Knie eingeschränkt. Tätigkeiten ohne starke Beinbelastungen mit
Stehen und Gehen sowie ohne rückenbelastende Arbeiten seien dagegen ganztags
zumutbar (IV-act. 96–1 ff.).
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B.f Am 9. Januar 2009 teilte der Versicherte der IV-Stelle telefonisch mit, dass er eine
neue Arbeitsstelle angetreten habe. Die Arbeit sei viel leichter als bei der letzten Stelle
(IV-act. 98).
B.g Auf Anfrage der IV-Stelle hin teilte die Klinik für Orthopädische Chirurgie des
Kantonsspitals St. Gallen am 23. März 2009 mit, dass der Versicherte „nach erfolgter
Umschulung von Lackierer auf Pulverbeschichter“ wieder zu 100 % arbeitsfähig sei (IV-
act. 104).
B.h Am 8. Juli 2009 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass die Arbeitsver
mittlung erfolgreich abgeschlossen sei, nachdem er per 1. April 2009 eine der gesund
heitlichen Situation angemessene Tätigkeit gefunden habe und rentenausschliessend
eingegliedert sei (IV-act. 110).
B.i Am 21. August 2009 brachte der Rechtsvertreter des Versicherten dagegen vor,
dass die neue Tätigkeit der gesundheitlichen Situation des Versicherten nicht ange
messen sei (IV-act. 113).
B.j Mit Schreiben vom 9. Juli 2010 liess der Rechtsvertreter des Versicherten der IV-
Stelle unter anderem einen Bericht von Dr. C._ vom 1. Juli 2010 zugehen, in welchem
auf die progrediente Gehbehinderung und Wirbelsäulenprobleme hingewiesen und eine
intensive stationäre Behandlung empfohlen worden war. Er ersuchte um Erbringen der
Versicherungsleistungen (IV-act. 114 f.).
B.k Am 29. September 2010 erstattete die Klinik Valens dem Hausarzt Dr. C._
einen Austrittsbericht betreffend den stationären Aufenthalt vom 25. August bis zum
21. September 2010. In diesem waren im Wesentlichen eine Periarthropathia genu
beidseits, ein chronisches cervicocephales Syndrom sowie eine gastrooesophageale
Refluxkrankheit diagnostiziert und eine 100%ige Arbeitsfähigkeit für mittelschwere
wechselbelastende Tätigkeiten ab Austrittsdatum attestiert worden (IV-act. 128).
B.l Am 2. Dezember 2010 erstattete die letzte Arbeitgeberin des Versicherten
einen Arbeitgeberbericht. Das Arbeitsverhältnis habe vom 1. April 2009 bis zum
31. August 2010 gedauert, der letzte effektive Arbeitstag sei der 8. Februar 2010
gewesen. Das Arbeitsverhältnis sei durch die Arbeitgeberin gekündigt worden; seit dem
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8. Februar 2010 sei der Versicherte zu 100 % krank gewesen. Der Jahreslohn habe bei
Fr. 65’000.-- gelegen (IV-act. 136).
B.m Am 12. September 2011 liess der Rechtsvertreter des Versicherten der IV-Stelle
einen Bericht eines Berufsberaters vom 7. September 2011 zugehen. Dieser hatte aus
geführt, dass die bisherigen Tätigkeiten nicht leidensadaptiert gewesen seien. Der Ver
sicherte sei auf eine Umschulung angewiesen, da er ohne eine Qualifikation, die ihm
körperlich entlastendere Tätigkeiten ermögliche, beruflich immer mehr ins Hintertreffen
gelangen werde. Als erster Schritt biete sich eine stationäre Abklärung durch eine
Berufliche Abklärungsstelle (BEFAS) an (IV-act. 152).
B.n Nach diversen Gesprächen mit dem Versicherten, der seit dem 24. Januar 2011
wieder einer Vollzeittätigkeit nachging, fand am 8. November 2011 eine Triage statt,
anlässlich welcher beschlossen wurde, dass berufliche Massnahmen, insbesondere
eine Umschulung, abzuweisen und der Fall entsprechend abzuschliessen seien (IV-
act. 154).
B.o Mit Vorbescheid vom 14. Dezember 2011 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit,
dass mangels eines Invaliditätsgrades von mindestens 20 % kein Umschulungs
anspruch bestehe, weshalb vorgesehen sei, das Gesuch um berufliche Massnahmen
abzuweisen (IV-act. 160).
B.p Dagegen liess der Versicherte am 3. Februar 2012 Einwand erheben. Die aktuelle
Tätigkeit als Pulverbeschichter sei nicht leidensadaptiert und daher nicht zumutbar (IV-
act. 164).
B.q Am 7. März 2012 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid vom 14. Dezember
2011. Gemäss Beschreibung der aktuell ausgeübten Tätigkeit als Pulverbeschichter sei
diese in medizinischer Hinsicht nicht geeignet und daher nicht länger zumutbar. In
dessen sei es dem Versicherten zumutbar, in einer leidensadaptierten Tätigkeit ein
gleichwertiges Einkommen zu generieren, weshalb kein Umschulungsanspruch be
stehe. Ausserdem hielt sie fest, es bestehe auch keine gesundheitliche Einschränkung
bei der Stellensuche, weshalb es nicht Aufgabe der IV-Stelle sei, ihn diesbezüglich zu
unterstützen (IV-act. 168).
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C.
C.a Dagegen richtet sich die am 14. März 2012 erhobene Beschwerde, mit der Ein
gliederungsmassnahmen, insbesondere eine Umschulung, beantragt werden und zur
Begründung im Wesentlichen ausgeführt wird, der Beschwerdeführer könne seinen
angestammten Beruf als Pulverbeschichter nicht mehr ausführen. Es sei durch be
rufliche Abklärung festzustellen, in welcher Weise er gleichwertig und eingliederungs
wirksam umgeschult werden könne (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer Be
schwerdeantwort vom 4. Juni 2012 führte sie zur Begründung im Wesentlichen aus,
der Beschwerdeführer habe keinen Beruf erlernt und als Hilfsarbeiter gearbeitet. Trotz
seiner gesundheitlichen Beeinträchtigungen stünde ihm ein grosses Spektrum von
Hilfsarbeitertätigkeiten nach wie vor offen, weshalb kein Anspruch auf berufliche Mass
nahmen bestehe (act. G 6).
C.c Mit Replik vom 9. Juli 2012 liess der Beschwerdeführer an den mit Beschwerde
vom 14. März 2012 gestellten Anträgen festhalten. Zur Begründung liess er ergänzend
insbesondere ausführen, die Beschwerdegegnerin sei von einem falschen Invaliden
einkommen ausgegangen. Ausserdem bestehe ein Umschulungsanspruch schon dann,
wenn ein Minderverdienst von etwa 20 % drohe (act. G 8).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
1.1 Berufliche Massnahmen im Sinne des Bundesgesetzes über die Invalidenver
sicherung (IVG; SR 831.20) umfassen Berufsberatung, erstmalige berufliche Aus
bildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung und Kapitalhilfe (Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG).
Anspruch auf Berufsberatung haben Versicherte, die infolge Invalidität in der
Berufswahl oder in der Ausübung ihrer bisherigen Tätigkeit behindert sind (Art. 15 IVG).
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Anspruch auf eine erstmalige berufliche Ausbildung haben Versicherte, die noch nicht
erwerbstätig waren und denen infolge Invalidität bei der erstmaligen beruflichen
Ausbildung in wesentlichem Umfang zusätzliche Kosten entstehen (Art. 16 Abs. 1 IVG).
Anspruch auf eine Umschulung haben Versicherte, wenn diese infolge Invalidität
notwendig ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder
verbessert werden kann (Art. 17 Abs. 1 IVG). Anspruch auf Arbeitsvermittlung haben
Versicherte, welche arbeitsunfähig und eingliederungsfähig sind (Art. 18 Abs. 1 IVG).
Eingliederungsfähigen invaliden Versicherten kann eine Kapitalhilfe zur Aufnahme oder
zum Ausbau einer Tätigkeit als Selbständigerwerbende und zur Finanzierung von
invaliditätsbedingten Umstellungen gewährt werden (Art. 18d IVG).
1.2 Die angefochtene Verfügung vom 7. März 2012 ist betitelt mit: „Keine Kostengut
sprache für Umschulung“, doch wird im Dispositiv generell festgehalten, dass das
Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen abgewiesen werde. In der Begründung
wird unter anderem ausgeführt, der Beschwerdeführer sei bei der Stellensuche nicht
eingeschränkt, weshalb das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum zuständig sei.
Dieses Begründungselement bezieht sich augenscheinlich auf den Anspruch auf
Arbeitsvermittlung. Zwar stand wohl der Anspruch auf Umschulung im Fokus der
angefochtenen Verfügung, doch hatte der Beschwerdeführer weitere Leistungen be
antragt, bildeten solche weiteren Leistungen auch Gegenstand des Verwaltungs
verfahrens und werden solche vom Dispositiv der angefochtenen Verfügung erfasst.
Streitgegenstand ist daher nicht nur der Anspruch auf Umschulung, sondern sind viel
mehr sämtliche in Betracht fallenden beruflichen Massnahmen, nämlich Umschulung,
Arbeitsvermittlung und Berufsberatung.
2.
2.1 Dem Wortlaut von Art. 17 IVG lässt sich nicht entnehmen, welches die Voraus
setzungen für einen Anspruch auf Umschulung sind. Es heisst bloss, dass ein
Anspruch besteht, wenn eine Umschulung infolge Invalidität notwendig sei und
dadurch die Erwerbsfähigkeit erhalten oder verbessert werden könne. Mit „Invalidität“
kann dabei nicht Invalidität im Sinne von Art. 7 f. des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) gemeint sein, denn
diese setzt eine abgeschlossene Eingliederung voraus, kann also noch gar nicht
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eingetreten sein, solange Eingliederungsmöglichkeiten bestehen. Unklar ist auch, unter
welchen Voraussetzungen eine Umschulung infolge Invalidität „notwendig“ ist. Der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) lassen sich keine
weiteren Hinweise zur Auslegung von Art. 17 IVG entnehmen. Der Botschaft des
Bundesrates zum Entwurf des IVG vom 24. Oktober 1958 (BBl 1958 II 1137 ff.) lässt
sich immerhin entnehmen, dass unter Umschulung jede berufliche Umstellung zu
verstehen ist, die notwendig wird, wenn infolge einer bestehenden oder unmittelbar
drohenden Erwerbsunfähigkeit die Ausübung der bisherigen Tätigkeit nicht mehr
möglich oder nicht mehr zumutbar ist, und dass aufgrund der Kostspieligkeit von
Umschulungsmassnahmen eine Umschulung nur dann auf Kosten der
Invalidenversicherung erfolgen soll, wenn dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich
erhalten oder verbessert werden kann (BBl 1958 II 1182). Es handelt sich beim
letzterwähnten Passus um einen Teilaspekt des Verhältnismässigkeitsprinzips, dass
nämlich das staatliche Handeln geeignet sein soll, den gewünschten Zweck zu
erreichen. Umschulungsmassnahmen, die sich nur unbedeutend auf die Er
werbsfähigkeit auswirken, sollen mit anderen Worten nicht durch die Invalidenver
sicherung finanziert werden; sie wären unverhältnismässig. Das ehemalige Eidge
nössische Versicherungsgericht (EVG; seit 1. Januar 2007 sozialrechtliche Abteilungen
des Bundesgerichts) interpretierte Art. 17 Abs. 1 IVG bereits früh dahingehend, dass
ein Umschulungsanspruch dann zu bejahen sei, wenn aufgrund einer gesundheitlichen
Beeinträchtigung eine berufliche Umstellung notwendig wird, die mit einer nicht un
erheblichen Erwerbseinbusse einhergeht. In ZAK 1966, 439, ist ein Entscheid wieder
gegeben, in welchem ein Umschulungsanspruch bei einer Einbusse von 20 % bejaht
wurde. Dieser Anteil der Erwerbseinbusse im Einzelfall entwickelte sich daraufhin zu
einer Richtgrösse; gemäss konstanter bundesgerichtlicher Rechtsprechung (vgl. etwa
BGE 124 V 108 E. 2b S. 110 f. oder BGE 130 V 488 E. 4.2 S. 490) ist für die Beurteilung
eines Umschulungsanspruchs entscheidend, ob eine Einbusse von „etwa 20 %“
vorliegt (vgl. auch Ulrich Meyer, Die Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG,
2. Aufl. 2010, S. 191). Massgebend ist dabei der vor Eintritt des Gesundheitsschadens
erzielte Verdienst, wobei unerheblich ist, ob die betroffene Person eine berufliche
Ausbildung absolviert hatte (Meyer, a.a.O.). Einer versicherten Person darf daher eine
Umschulung nicht bloss mit der Begründung verweigert werden, sie habe vor Eintritt
der Gesundheitsbeeinträchtigung als Hilfsarbeiter gearbeitet.
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2.2 Entscheidend ist demnach in erster Linie der Vergleich zwischen der mut
masslichen, ohne Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung verfolgten Berufskarriere
und der Karriere, welche die versicherte Person – ohne berufliche Eingliederung –
bestenfalls auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt einschlagen könnte. Beträgt die
Differenz zwischen den beiden entsprechenden Erwerbseinkommen mindestens „etwa
20 %“, besteht Anspruch auf eine Umschulung.
2.2.1 Der Beschwerdeführer hat keine Berufslehre absolviert. Er hat in den
Jahren 1992–2000 für diverse Arbeitgeber gearbeitet und dabei eher tiefe Einkommen
erzielt, wohl vor allem deshalb, weil er bis 1999 jedes Jahr auch
Arbeitslosenentschädigung beziehen musste. Auch nach der Anmeldung zum Bezug
von Leistungen der Invalidenversicherung hat der Beschwerdeführer für verschiedene
Arbeitgeber gearbeitet, vornehmlich als Lackierer oder Pulverbeschichter. Die mit
diesen Tätigkeiten erzielten Einkommen sind ab 2005 deutlich höher als die in den
Jahren vor der ersten Anmeldung erzielten, bewegen sich insgesamt aber nicht
entscheidend über den durchschnittlichen Löhnen für Hilfsarbeiter. Gemäss den letzten
Ergebnissen der vom Bundesamt für Statistik (BFS) regelmässig durchgeführten
Lohnstrukturerhebungen (LSE) erzielten Männer für die Verrichtung von Hilfsarbeiten im
Jahr 2008 einen standardisierten Monatslohn von Fr. 4’806.-- (BFS, LSE 2008, TA1),
wobei „standardisiert“ bedeutet, dass von einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40
Stunden ausgegangen worden ist. Umgerechnet auf die durchschnittliche
Wochenarbeitszeit von 41,6 Stunden (BFS, Betriebsübliche Arbeitszeit nach
Wirtschaftsabteilungen) entspricht dies einem Jahreslohn von Fr. 59’979.--. Der
Beschwerdeführer erhielt für das Jahr 2008 einen Lohn von Fr. 63’310.-- (vgl. IV-
act. 88–3); im Jahr 2007 hatte er einen solchen von Fr. 65’044.-- erhalten (vgl. IV-
act. 88–4). Der Lohn des Beschwerdeführers betrug also knapp 10 % mehr als der
Durchschnittslohn eines Hilfsarbeiters.
2.2.2 Es ist zwar unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer ohne
Gesundheitsbeeinträchtigung eine Ausbildung absolviert hätte. Wesentlich
wahrscheinlicher ist, dass der Beschwerdeführer weiterhin als Hilfsarbeiter gearbeitet
und seine Qualifikationen mit weiteren Weiterbildungen via Arbeitgeber verbessert
hätte (vgl. IV-act. 137). Da der Beschwerdeführer erwiesenermassen in der Ausübung
der vorwiegend ausgeübten Tätigkeit als Pulverbeschichter seit Jahren beeinträchtigt
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ist, entspricht das Valideneinkommen nicht dem in den Jahren ab 2005 tatsächlich
erzielten Einkommen. Der Beschwerdeführer hatte sich, wie erwähnt, mittels internen
Weiterbildungen zusätzliche Qualifikationen erarbeitet, womit ein stetiger Lohnanstieg
einher ging (vgl. IV-act. 88–4). Vorwiegend aufgrund seiner gesundheitlichen
Beeinträchtigungen wechselte er im Jahr 2009 den Arbeitgeber, was einen Knick in der
Einkommensentwicklung zur Folge hatte. Er erzielte in den Jahren 2009 und 2010
nämlich einen etwas tieferen Lohn als im Jahr 2008 (vgl. IV-act. 136). Nach dem
Wechsel zurück zur früheren Arbeitgeberin zum Jahreswechsel 2010/2011 entwickelte
sich das Einkommen wieder positiv weiter. Gesamthaft liegen daher wesentliche
Hinweise dafür vor, dass das Einkommen des Beschwerdeführers ohne
gesundheitliche Beeinträchtigungen höher gewesen wäre als die tatsächlich erzielten,
rund 10 % über dem Durchschnittslohn für Hilfsarbeiter liegenden Einkommen. Es
erscheint überwiegend wahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer in der Lage
gewesen wäre, mittels interner Weiterbildungen und beruflicher Erfahrungen ein
Einkommen entsprechend dem Durchschnitt für gelernte Arbeiter in der
Metallbearbeitung und Metallverarbeitung (Anforderungsniveau 3) zu erzielen, was im
Jahr 2008 einem Jahreslohn von Fr. 71’073.-- entsprochen hätte.
2.2.3 Die Mediziner attestierten dem Beschwerdeführer für leidensadaptierte
Tätigkeiten eine volle Arbeits- und Leistungsfähigkeit (vgl. insb. IV-act. 96–1 ff., 104
und 128). Nicht zumutbar sind Arbeiten, bei denen wiederholten Kniebeugen, Hocke,
Gehen, Tätigkeiten über Schulterhöhe und vorgeneigtes Stehen mehr als einen Drittel
eines Arbeitstages ausmachen (vgl. IV-act. 128–3) bzw. rückenbelastende Tätigkeiten
und solche mit starken Beinbelastungen durch Stehen und Gehen (vgl. IV-act. 96–7).
Vorwiegend sitzende Tätigkeiten sind dem Beschwerdeführer mit anderen Worten voll
umfänglich, die bisher vorwiegend ausgeübte Tätigkeit als Pulverbeschichter dagegen
nicht mehr zumutbar. Der Beschwerdeführer kann daher seine gewonnene berufliche
Erfahrung bzw. seine beruflichen Qualifikationen als Pulverbeschichter
zumutbarerweise nicht mehr verwerten, sondern muss sich eine andere Arbeit suchen,
die seinen gesundheitlichen Beeinträchtigungen angemessen Rechnung trägt. Der
massgebende, ausgeglichene Arbeitsmarkt, der sich durch ein breites Spektrum
verschiedenster Tätigkeiten und ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage
auszeichnet (BGE 110 V 273 E. 4 S. 275), kennt diverse Hilfsarbeiten, die vorwiegend
sitzend ausgeübt werden können und keine besonderen Belastungen für den Rücken
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mit sich bringen. Dem Beschwerdeführer kann der Wechsel in eine entsprechende
Tätigkeit, für die er keine eigentliche Ausbildung absolvieren muss, grundsätzlich
zugemutet werden.
2.2.4 Mit einem solchen Wechsel verliert der Beschwerdeführer allerdings die
Möglichkeit, seine langjährige Erfahrung und beruflichen Weiterbildungen im Bereich
der Lackier- und Pulverbeschichtungsarbeiten lohnsteigernd zu verwerten. Er muss
allenfalls damit rechnen, einen entsprechend tieferen Lohn im Bereich des statistischen
Durchschnitts für Hilfsarbeiten zu erhalten. Dagegen hat er nicht mit einer zusätzlichen
erheblichen Lohnminderung zu rechnen, die einen Abzug vom Tabellenlohn (vgl. BGE
126 V 75) rechtfertigen würde. Der Beschwerdeführer ist noch relativ jung, hat durch
gehend gearbeitet, geht nach wie vor einer Arbeitstätigkeit nach, ist in einer leidens
adaptierten Tätigkeit voll leistungsfähig und hat bewiesen, dass er sich in einem neuen
beruflichen Umfeld zusätzliche Qualifikationen „on the job“ aneignen kann.
2.2.5 Die Erwerbseinbusse entspricht damit dem Betrag, um den sich der Durch
schnittslohn eines Hilfsarbeiters auf dem ausgeglichenen, allgemeinen Arbeitsmarkt
vom Durchschnittslohn für einen gelernten Arbeiter in der Metallverarbeitung und
Metallbearbeitung unterscheidet. Sie hätte im Jahr 2008 rund 18,5 % ([Fr. 71’073.-- –
Fr. 59’979.--] ÷ Fr. 59’979.--) betragen. Eine Aufrechnung der Vergleichswerte ins
massgebende Jahr 2010 hat lediglich marginalen Einfluss. Jedenfalls ist ausgewiesen,
dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Beschwerdeführers eine zumindest
drohende Invalidität von „etwa 20 %“ zur Folge haben, was grundsätzlich Anspruch auf
Umschulung vermittelt.
2.3 Umschulung bedeutet nicht zwingend, dass eine mehrjährige vollzeitige
Ausbildung zu absolvieren ist. Gerade im vorliegenden Fall scheint fraglich, ob damit
den Neigungen und Fähigkeiten des Beschwerdeführers angemessen Rechnung
getragen werden könnte. Eine Weiterbildung „on the job“ bzw. mittels geeigneter Kurse
könnte insgesamt angemessener und besser geeignet sein, dem Beschwerdeführer die
Erzielung eines gleichwertigen Einkommens in einer anderen Tätigkeit zu ermöglichen.
Es wird Sache der Berufsberater der Beschwerdegegnerin sein, zu klären, welcher Weg
am ehesten erfolgsversprechend ist.
3.
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3.1 Der Zweck der Berufsberatung im Sinne von Art. 15 IVG ist, Versicherten, die an
sich zur Berufswahl oder beruflichen Neuorientierung fähig, infolge ihres Gesundheits
schadens aber darin behindert sind, weil die Kenntnisse über Neigungen, berufliche
Fähigkeiten und Möglichkeiten nicht ausreichen, um einen der Behinderung ange
passten Beruf wählen zu können, unentgeltliche Unterstützung durch IV-interne oder
spezialisierte externe (vgl. Art. 59 Abs. 3 IVG) Berufsberater anzubieten (vgl. Meyer,
a.a.O., S. 174). Ein minimaler Erwerbsunfähigkeitsgrad wird dabei nicht vorausgesetzt,
dagegen aber, dass die betroffene Person infolge „Invalidität“ in der Berufswahl oder in
der Ausübung ihrer bisherigen Tätigkeit behindert ist (BBl 1958 II 1258). Ob und in
welchem Ausmass Berufsberatung im Einzelfall angeboten wird, beurteilt sich unter
anderem auch anhand des Verhältnismässigkeitsprinzips.
3.2 Die Umschulung des Beschwerdeführers setzt notwendigerweise eine vorgängige
Berufsberatung voraus, zumal der Beschwerdeführer offenbar auch keine
Vorstellungen darüber hat, welche Tätigkeiten seinen Neigungen und Fähigkeiten
entsprechen könnten, hätte er sonst nicht durchwegs als Lackierer oder
Pulverbeschichter gearbeitet, obwohl ihm dies medizinisch nicht mehr zumutbar ist.
Der Beschwerdeführer hat zwar gewisse eigene Bemühungen hinsichtlich eines
Berufswechsels unternommen und namentlich die Dienste eines privaten
Berufsberaters in Anspruch genommen und eine Art Schnupperlehre absolviert (vgl. IV-
act. 152). Diese Versuche waren offenbar nicht zielführend. Es erscheint daher als
notwendig, dass durch die Beschwerdegegnerin gezielt und strukturiert abgeklärt wird,
welche Möglichkeiten einer Umschulung näher in Betracht kommen.
4.
Was den Anspruch auf Arbeitsvermittlung betrifft, ist festzuhalten, dass der Be
schwerdeführer die Voraussetzungen dafür augenscheinlich erfüllt. Die Beschwerde
gegnerin hat ihn daher während und/oder nach erfolgter Umschulung entsprechend zu
unterstützen.
5.
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5.1 Gesamthaft ist die angefochtene Verfügung deshalb in Gutheissung der Be
schwerde aufzuheben und die Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zur Prüfung
beruflicher Massnahmen und zu neuer Verfügung im Sinne der Erwägungen zurück
zuweisen.
5.2 Die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und angesichts des durch
schnittlichen Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichtskosten hat ausgangs
gemäss die Beschwerdegegnerin zu bezahlen. Dem Beschwerdeführer wird der von
ihm geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe zurückerstattet.
5.3 Die Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer mit einer praxisgemässen
Pauschale von Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu ent
schädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP