Decision ID: d9e1d83f-49f7-4244-8181-2de5ebb0a644
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 15. Mai 2017 wegen starker Nackenschmerzen,
Verspannungen und Kopfschmerzen zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1).
Dessen Arbeitgeberin berichtete am 15. Juni 2017, der Versicherte sei bei ihr seit
3. Oktober 1988 angestellt und als angelernter (vgl. IV-act. 1-4) bauleitender
B._monteur tätig (IV-act. 8 und IV-act. 85-5). Im Auftrag des Taggeldversicherers
wurde der Versicherte am 2. August 2017 von Dr. med. C._, Fachärztin für
Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates, untersucht. Sie
diagnostizierte: ein sehr gutes postoperatives Ergebnis nach Implantation von drei
Cages in Höhe HWK 4-7 im 12/2016 ohne nervenwurzelbezogenes neurologisches
Defizit (zum Operationsbericht vom 22. Dezember 2016 siehe IV-act. 20); rezidivierende
Beschwerden im Verlauf der HWS bei endphasigen Funktionseinschränkungen und im
Übergang HWS/BWS bei muskulären Dysbalancen; eine Fehlstatik der Wirbelsäule,
eine Haltungsinsuffizienz, einen muskulären Hartspann und eine verschmächtigte
Rumpfmuskulatur sowie eine deutlich verkürzte Ischiokruralmuskulatur; anamnestisch
rezidivierende Beschwerden bei Epicondylitis humeri ulnaris beidseits und einen Status
nach Operation beider Kniegelenke bei Ruptur des vorderen Kreuzbands mit links
geringer vorderer Instabilität. Ab sofort sei der Zeitpunkt einer beruflichen Reintegration
gegeben mit einer Arbeitsfähigkeit von 100% für körperlich leichte und mittelschwere
Tätigkeiten, die bevorzugt aus wechselnder Ausgangslage verrichtet werden könnten.
Häufige Tätigkeiten über Kopf müssten vermieden werden. Die zuletzt ausgeübte
Tätigkeit könne auf Dauer nicht mehr durchgeführt werden (Bericht vom 3. August
2017, fremd-act. 3).
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eine Frühinterventions-Berufsberatung der IV-Stelle ergab als pragmatische
Umschulungsoptionen: Buschauffeur, Lastwagenchauffeur, Lokführer, CNC-Operateur
und Hauswart (Dokument vom 20. November 2017 [Datum gemäss Aktenverzeichnis],
IV-act. 45).
A.b.
Eine am linken Ellbogen am 19. Dezember 2017 durchgeführte MRI-Untersuchung
ergab eine ausgedehnte Tendinopathie mit Teilruptur des gemeinsamen Ansatzes der
Extensoren auf der Höhe des Capitulum humeri radialis und eine Begleitreaktion des
lateralen Kollateralallignements (IV-act. 62).
A.c.
Vom 19. März bis 13. April 2018 nahm der Versicherte an einer im Auftrag der IV-
Stelle in Appisberg durchgeführten BEFAS-Abklärung teil. Die beobachtete
Leistungsfähigkeit habe sich im Bereich von 80% bewegt. Körperlich möglich seien
leichte bis selten mittelschwere wechselbelastende Tätigkeiten ohne Zwangshaltungen
der Wirbelsäule und ohne Tätigkeiten über Schulterhöhe. Der zusätzliche Pausenbedarf
sei meist durch eine ungünstige Ergonomie am Arbeitsplatz begründet gewesen. Als
zumutbare Tätigkeiten wurden «Taxi- oder Buschauffeur, Kurierdienste mit leichtem
Stückgut [z.B. Medikamententransporte], einfache mittel-grobmotorische Montagen,
Verpackungs- und Versandarbeiten, eine Verkaufstätigkeit in einem Bau- und
Hobbymarkt oder eine Logistiktätigkeit in einem hochautomatisierten Lager»
beschrieben (IV-act. 85-23 und -25 unten). Die Frage der IV-Stelle, ob die Tätigkeit als
Buschauffeur als adaptiert beurteilt werden könne (IV-act. 52), bejahten die
Abklärungspersonen, da die Busse über bequeme und stossdämpfende Sitze
verfügten. Im Weiteren bestehe an Endhaltestellen die Möglichkeit, kurze Pausen
einzulegen, aufzustehen und etwas herumzugehen (IV-act. 85-27). Der Versicherte
könne als eingliederungswillig beurteilt werden (IV-act. 85-25 Mitte; zum Schlussbericht
zur beruflichen Abklärung vom 15. Mai 2018 siehe IV-act. 85).
A.d.
Dr. med. D._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie, berichtete am 30. April
2018, bei längeren Sitz- und Stehphasen komme es beim Versicherten zu
Verspannungen mit Schmerzen thorakolumbal, was sich auch in Appisberg gezeigt
habe. Entsprechend sei jetzt eine Neubeurteilung der LWS erforderlich. Die LWS-
Beschwerden seien auf einen Unfall vom 28. November 1999 zurückzuführen, als der
Versicherte bei einem Gleitschirmflug eine LWK 1-Fraktur erlitten habe (IV-act. 88; zu
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
den posttraumatischen Veränderungen nach LWK 1-Fraktur siehe auch den Bericht
von Dr. D._ vom 11. Juni 2018, IV-act. 90). Im ärztlichen Zeugnis vom 23. Juli 2018
führte Dr. D._ aus, für die berufliche Reintegration sei darauf zu achten, eine Tätigkeit
maximal auf Augenhöhe ohne Überkopfarbeiten mit Wechselbelastung stehend,
sitzend und gehend ohne «Lasttragenüberschreitung» von 5 bis 8 kg zu finden.
Denkbar seien leichte Montagetätigkeiten usw., wobei dann die Praxisexposition
zeigen würde, wieviel effektive Leistung der gut motivierte Versicherte noch erbringen
könne (fremd-act. 11-7).
Mit Vorbescheid vom 21. September 2018 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Abweisung des Gesuchs um berufliche Massnahmen in Aussicht. Zur Begründung
führte sie aus, gemäss den Ergebnissen der beruflichen Abklärung «wurde eine
Umschulung zum Buschauffeur als leidensadaptiert beurteilt». Jedoch habe der
Versicherte kein Interesse an einer Umschulung. Weitere berufliche Massnahmen seien
nicht angezeigt (IV-act. 103). Dagegen erhob der Versicherte am 18. Oktober 2018
Einwand und brachte vor, er habe die Umschulung zum Buschauffeur nicht aus
Interessenlosigkeit abgelehnt. Er reichte ein ärztliches Attest von med. pract. E._,
Facharzt für Allgemeinmedizin, vom 16. Oktober 2018 ein. Dieser vertrat darin die
Auffassung, dass eine Umschulung zum Buschauffeur aus medizinischen Gründen
nicht zu empfehlen sei, da der Versicherte des Öfteren auch Muskelrelaxantien
einnehme, welche die Aufmerksamkeit im Strassenverkehr negativ beeinflussen
könnten (IV-act. 107). Am 12. November 2018 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des
Gesuchs um berufliche Massnahmen (IV-act. 110).
A.f.
Gegen die Verfügung vom 12. November 2018 richtet sich die vorliegende als
«Einsprache» bezeichnete Beschwerde vom 1. Dezember 2018 (Datum Postaufgabe).
Der Beschwerdeführer beantragt darin sinngemäss deren Aufhebung. Er bestreitet,
kein Interesse an einer Umschulung zu haben. Eine Umschulung zum Buschauffeur sei
ihm aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich. Denn diese Tätigkeit setze eine gute
gesundheitliche Konstitution voraus (act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 6. Februar
2019 die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung bringt sie vor, der
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Anspruch des
Beschwerdeführer habe keinen Beruf erlernt und sei stets als Hilfsarbeiter tätig
gewesen. Zudem habe er sich nie schulisch weitergebildet. Er verfüge auch nur über
ein knappes intellektuelles Potential mit einem entsprechenden Schulwissen. Er wäre
somit aufgrund der lange zurückliegenden Schulbildung und seiner intellektuellen
Fähigkeiten gar nicht in der Lage, innert vernünftiger Frist eine Umschulung zu
absolvieren. Des Weiteren sei der Beschwerdeführer subjektiv nicht
eingliederungsfähig (act. G 4).
In der Replik vom 21. März 2019 beantragte der Beschwerdeführer, nunmehr
vertreten durch Rechtsanwalt Rainer Braun, es seien ihm weiterhin berufliche
Massnahmen zu gewähren; unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Er rügt, dass sich
die Beschwerdegegnerin nur mit einer Umschulung zum Buschauffeur beschäftigt
habe. Diese Tätigkeit sei nicht leidensangepasst. Sie setze insbesondere voraus, dass
keine Rückenschäden bestünden. Die Tätigkeit als Buschauffeur sei denn auch von
den behandelnden Ärzten als nicht geeignet bezeichnet worden. Dass er (der
Beschwerdeführer) sich skeptisch dazu geäussert habe, könne ihm deshalb nicht
vorgehalten werden. Nicht richtig sei deshalb, dass er subjektiv nicht
eingliederungsfähig sei. Zurzeit befinde er sich zur weiteren Abklärung im Werkbahnhof
in Z._. Zudem werde er von der Berufs- und Laufbahnberatung Y._ betreut. Er sei
in seiner angestammten Tätigkeit nicht mehr arbeitsfähig und erleide aus
gesundheitlichen Gründen selbst nach der Argumentation der Beschwerdegegnerin
einen erheblichen Einkommensverlust. Damit stünden (ausser einer Umschulung)
weitere berufliche Massnahmen zur Diskussion, die von der Beschwerdegegnerin nicht
geprüft und zu Unrecht abgelehnt worden seien (act. G 10). Mit der Beschwerde reicht
der Beschwerdeführer u.a. das Beratungsergebnis der Berufs- und Laufbahnberatung
Y._ vom 11. Februar 2019 ein (act. G 10.2).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet stillschweigend auf eine Duplik (act. G 12).B.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführers auf berufliche Massnahmen (Art. 15 ff. des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]).
Die Beschwerdegegnerin verneinte jeglichen (weiteren) Anspruch auf berufliche
Massnahmen (u.a. Berufsberatung, Umschulung und Arbeitsvermittlung) mit der
fehlenden subjektiven Eingliederungsfähigkeit des Beschwerdeführers (IV-act. 110).
1.1.
Dieser Auffassung ist nicht zu folgen. Aus den Akten ergeben sich vielmehr
wiederholte und deutliche Hinweise auf die Eingliederungsbereitschaft des
Beschwerdeführers. Dr. D._ beschrieb den Beschwerdeführer in den Berichten vom
19. April 2017 und vom 16. Juni 2017 als «sehr leistungswillig» (fremd-act. 1-4 unten)
bzw. als «sehr motiviert», aber das Angebot bei seiner Arbeitgeberin sei nicht mehr
kompatibel mit seinen Restkapazitäten (IV-act. 10-2). Auch der RAD-Arzt Dr. med.
F._, Facharzt für Innere Medizin, ging in der Stellungnahme vom 23. Juni 2017 von
einer guten Motivationslage aus (IV-act. 12-2). Der Beschwerdeführer sehe ein, dass er
sich beruflich verändern müsse und sei auch bereit für eine Ausbildung (E-Mail des
Beraters berufliche Integration vom 27. September 2017, IV-act. 36-1 oben; siehe auch
den Eintrag im Assessment- und Verlaufsprotokoll vom 4. Oktober 2017, IV-act. 93-6
unten). Auch anlässlich der beruflichen Abklärung in Appisberg wurde ihm seitens der
Abklärungspersonen bescheinigt, dass er «sich mit kooperativem Einsatz am
Abklärungsprogramm» beteiligt habe und sich den ihm unterbreiteten Arbeitsproben
gegenüber offen gezeigt habe (IV-act. 85-13). Die Eingliederungswilligkeit des
Beschwerdeführers wurde denn auch im BEFAS-Bericht vorbehaltlos bejaht (IV-
act. 85-25 oben und Mitte). Hinweise auf behinderungsfremde Faktoren hätten sich aus
psychiatrischer Sicht nicht ergeben (IV-act. 85-25 Mitte). Dr. D._ bezeichnete die
Prognose zur Eingliederung im Bericht vom 23. August 2018 ebenfalls als «gut», «der
Patient will arbeiten» (IV-act. 97-5 unten; zur guten Motivation siehe auch die
Einschätzung von Dr. med. D._ in der Stellungnahme vom 23. Juli 2018, fremd-
act. 11-7 unten).
1.2.
Sowohl aus dem Vorbescheid- (IV-act. 107 und IV-act. 109) als auch dem
Beschwerdeverfahren (etwa act. G 10.2) geht zudem ein glaubhafter
Eingliederungswille hervor. Die darin zum Ausdruck gebrachte allgemeine und
ernsthafte Eingliederungsbereitschaft des Beschwerdeführers wird durch seine
ausschliesslich die Umschulung zum Buschauffeur ablehnende Haltung nicht in Frage
gestellt. Dies gilt umso mehr, als die Akten mehrere Gesichtspunkte enthalten, die an
der Leidensadaption und einer erfolgreichen Umschulung zum Buschauffeur ernsthafte
Zweifel entstehen lassen. Dr. C._ wies darauf hin, dass eine leidensangepasste
Tätigkeit «bevorzugt aus wechselnder Ausgangslage» zu verrichten sei (fremd-act. 3-7).
1.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. D._ wies ebenfalls darauf hin, dass ein wesentlicher Aspekt einer
leidensangepassten Tätigkeit in der «Wechselbelastung stehend/sitzend/gehend»
bestehe (fremd-act. 11-7). Zum gleichen Schluss kam auch med. pract. E._ in der
Zumutbarkeitsbeurteilung vom 3. April 2018 (IV-act. 73-5). Nichts anderes ergibt sich
aus der beruflichen Abklärung in Appisberg (IV-act. 85-23 Mitte). Auch die Suva vertrat
die Auffassung, dass nur noch Tätigkeiten «in Wechselbelastung und ohne anhaltende
Arbeiten in Reklination» den Leiden angepasst seien (Schreiben vom 9. Januar 2019,
fremd-act. 19-2). Wie der Beschwerdeführer unter Beilage eines Anforderungsprofils für
die Erwerbstätigkeit eines Buschauffeurs (act. G 1.2, S. 3) nachvollziehbar geltend
macht und zudem gerichtsnotorisch ist, sind Rückenschäden mit einer dauerhaft
sitzend zu verrichtenden Tätigkeit als Chauffeur nicht vereinbar. Da die Leiden des
Beschwerdeführers nicht - zumindest nicht primär - durch Erschütterungen des
Bewegungsapparats, sondern durch Bewegungen des Kopfes hervorgerufen werden,
erscheint eine Leidensanpassung auch nicht durch «bequeme» und stossdämpfende
Sitze (IV-act. 85-27 Mitte) gewährleistet zu sein. Die Tätigkeit als Buschauffeur
beinhaltet, dass permanent die gesamten relevanten Strassenverhältnisse und zudem
die Situation im Fahrgastraum sowie an den Türen - vor allem an Haltestellen - visuell
kontrolliert wird. Zwangsläufig sind damit permanent Kopfbewegungen verbunden, bei
denen fraglich ist, ob sie mit dem HWS-Leiden des Beschwerdeführers vereinbar sind
(siehe zum HWS-Leiden etwa fremd-act. 3-4 und 3-6). Die erforderlichen
Drehbewegungen des Kopfes dürfte der Beschwerdeführer beim Sitzen im
Chauffeurstuhl mit Rückenlehne wohl nicht mit einer Drehung des Oberkörpers
kompensieren können (vgl. zu den Kompensationsmöglichkeiten IV-act. 93-2 unten).
Ebenso ist gerichtsnotorisch, dass der öffentliche Verkehr durch einen dichten Zeit-
und Frequenzplan geprägt ist. Deshalb bestehen ernsthafte Zweifel an der Vermutung
im beruflichen Abklärungsbericht (IV-act. 85-27 Mitte), dass für den Beschwerdeführer
an den Endhaltestellen die Möglichkeit besteht, in ausreichendem Mass Pausen
einlegen zu können, sodass die Chauffeurtätigkeit mit der aus medizinischer Sicht
geforderten wechselbelastenden Tätigkeit vergleichbar wäre. Offenbar gehört zum
Stellenprofil u.a. auch die Grobreinigung des Fahrzeugs (act. G 1.2, S. 2 oben), wobei
die Zumutbarkeit einer solchen Betätigung an einem mehrere Meter hohen Bus fraglich
erscheint. Hinzu kommen die ärztlicherseits vorgebrachten Vorbehalte an einer
vollständigen, durchgehenden Fahrtauglichkeit aufgrund der Medikamenteneinnahme
(Stellungnahme von med. pract. E._ vom 16. Oktober 2018, IV-act. 107-2), zu denen
sich die Beschwerdegegnerin bislang nicht geäussert hat. Die schon früh
vorgebrachten Bedenken des Beschwerdeführers (siehe den Eintrag vom
11. Dezember 2017 im Assessment- und Verlaufsprotokoll, IV-act. 93-9 Mitte) sind
damit nicht von der Hand zu weisen, sondern vielmehr nachvollziehbar, zumal bislang
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Leidensadaption der Buschauffeurtätigkeit weder fachorthopädisch bescheinigt
noch sozialpraktisch erprobt wurde. Aus dem vom Beschwerdeführer eingereichten
Anforderungsprofil geht ausserdem hervor, dass eine Ausbildung zum Buschauffeur in
der Regel den Abschluss einer beruflichen Grundbildung voraussetzt (act. G 1.2, S. 3
oben), über die der Beschwerdeführer gerade nicht verfügt. Unter diesen Umständen
bleibt unklar, weshalb die Beschwerdegegnerin schon früh auf die Umschulung zum
Buschauffeur - und auch die berufliche Abklärung darauf - fokussierte (siehe etwa IV-
act. 44-2 oben; zur ausdrücklichen Frage nach der Umschulungsmöglichkeit zum
Buschauffeur siehe IV-act. 52-1) und berufliche Möglichkeiten etwa im Bereich der von
Dr. D._ empfohlenen leichten Montagetätigkeiten (fremd-act. 11-7; siehe auch zu von
ihm empfohlenen Werkstatttätigkeiten auf Tisch- oder maximal Augenhöhe fremd-
act. 2-3) oder der vom Vorgesetzten des Beschwerdeführers angesprochenen
«Hausautomation/Haustechnik» (IV-act. 93-7) dagegen nicht vertieft abklären liess.
Sowohl aus dem beruflichen Abklärungsbericht (IV-act. 85-25 unten) als auch aus dem
Ergebnis der Berufs- und Laufbahnberatung Y._ vom 11. Februar 2019 ergeben sich
genügend andere berufliche Optionen (act. G 10.2). Jedenfalls - und das ist
entscheidend - ist die nachvollziehbare ablehnende Haltung des Beschwerdeführers
allein gegenüber der vorgeschlagenen Umschulung zum Buschauffeur nicht geeignet,
um ihm gesamthaft eine nicht vorhandene Eingliederungsfähigkeit zu unterstellen.
Dass die Arbeitsversuche bei der bisherigen Arbeitgeberin scheiterten, kann nicht
auf eine mangelnde Leistungsbereitschaft des Beschwerdeführers zurückgeführt
werden. Vielmehr geht aus den Akten glaubhaft hervor, dass der Vorgesetzte die
krankheitsbedingten Arbeitsausfälle des Beschwerdeführers nicht akzeptiert bzw. nicht
verstanden habe. Er habe immer wieder Arbeiten ausführen müssen, die klar seinem
Gesundheitszustand widersprochen hatten (siehe etwa die Einträge im Assessment-
und Verlaufsprotokoll vom 27. September und 4. Oktober 2017, IV-act. 93-6). Ein
Arbeitsversuch im Lager blieb erfolglos, da die Tätigkeiten mit – unbestrittenermassen
– dem Beschwerdeführer nicht mehr zumutbaren Überkopfarbeiten verbunden waren
(zum medizinischen Anforderungsprofil einer leidensangepassten Tätigkeit siehe etwa
fremd-act. 3-7 Mitte). Motivationale Probleme sind nicht beschrieben (Eintrag vom
11. Dezember 2017, IV-act. 93-9 Mitte).
1.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Eingliederungsbereitschaft des Beschwerdeführers wird durch die Hinweise
der Beschwerdegegnerin (act. G 4, III. Rz 4) auf einzelne Stellen des beruflichen
Abklärungsberichts vom 15. Mai 2018 (IV-act. 85) ebenfalls nicht erschüttert.
1.5.
Soweit die Beschwerdegegnerin auf schmerzbedingte Absenzen und
schmerzbedingt erfolgte frühere Arbeitsbeendigungen verweist, so bestehen keinerlei
stichhaltigen Hinweise, dass diese nicht gesundheitsbedingt, sondern ausschliesslich
motivational begründet waren. Nichts anderes gilt mit Blick auf die erwähnte «gewisse
Verdeutlichungstendenz» (act. G 4, III. Rz 4). Von sämtlichen mit dem
Beschwerdeführer befassten medizinischen Fachpersonen wurde denn auch zu keiner
Zeit eine Inkonsistenz in der Leidensdarstellung oder eine Aggravation festgestellt,
sondern vielmehr dessen Motivation beschrieben (siehe vorstehende E. 1.2). Auch
anlässlich der versicherungsmedizinischen Untersuchung von Dr. C._ zeigten sich
keine Zweifel an der Compliance des Beschwerdeführers oder Diskrepanzen in der
Leidensdarstellung (fremd-act. 3-9 oben).
1.5.1.
Aus dem Umstand, dass die übergerade Haltung beim Sitzen aufgefallen und
dem Beschwerdeführer eine wechselbelastende Arbeit sehr wichtig gewesen sei (act.
G 4, III. Rz 4), kann die Beschwerdegegnerin nichts zulasten des Beschwerdeführers
und seiner subjektiven Eingliederungsfähigkeit ableiten. Sie begründet denn auch gar
nicht näher, weshalb dieses Verhalten gegen die Eingliederungsbereitschaft sprechen
könnte. Dass der Beschwerdeführer bestrebt war, das von den medizinischen
Fachpersonen beschriebene Anforderungsprofil zu beachten (siehe hierzu etwa fremd-
act. 3-7 Mitte oder fremd-act. 11-7), spricht vielmehr für dessen gute Compliance
sowie seine ernsthafte Motivation, eine nachhaltige berufliche Lösung zu finden.
1.5.2.
Die vom Beschwerdeführer teilweise gezeigte Rat- und Hilflosigkeit vermögen
angesichts der gesamten Umstände und Aktenlage das Fehlen einer
Eingliederungsbereitschaft nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit darzutun.
Vielmehr sind sie ein verständlicher Ausdruck der schwierigen Lebenssituation und
existentiellen Sorgen des Beschwerdeführers um seine berufliche Zukunft, muss er
doch krankheitsbedingt seine ausserordentlich langjährige Tätigkeit, in der er - ohne
berufliche Aus- oder Weiterbildung - zu reüssieren vermochte, aufgeben (siehe hierzu
IV-act. 93-3). Zwar ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Beschwerdeführer nicht
durchgehend eine optimale Mitwirkungsbereitschaft zeigte. Indessen trifft es nicht zu,
dass der Beschwerdeführer überhaupt keine eigenen Ideen für eine Umschulung
einbrachte. So zeigte er sich interessiert an einer Tätigkeit als Hauswart, wie sie im
Rahmen der FI-Berufsberatung herausgearbeitet wurde (IV-act. 45). Allerdings schien
1.5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Ob der Beschwerdeführer die nebst der subjektiven Eingliederungsfähigkeit zusätzlich
zu beachtenden Voraussetzungen für eine Umschulung erfüllt, welche die
Beschwerdegegnerin erst im Rahmen des Beschwerdeverfahrens bestreitet (act. G 4,
III. Rz 4), ist nachfolgend zu prüfen.
diese mit seinem Zumutbarkeitsprofil nicht vereinbar (IV-act. 85-9). Zudem nannte er im
Rahmen der beruflichen Abklärung als Berufstraum «Fotograf» (IV-act. 85-43).
Im Übrigen wurde die Eingliederungswilligkeit im beruflichen Abklärungsbericht
vorbehaltlos bejaht (IV-act. 85-25 oben und Mitte), womit die mit der beruflichen
Abklärung betrauten Personen trotz der von der Beschwerdegegnerin genannten
Umstände (act. G 4, III. Rz 4) ebenfalls keinen Anlass sahen, die
Eingliederungsbereitschaft zu verneinen.
1.6.
Im Licht dieser Umstände erweist sich die ausschliesslich mit einer fehlenden
subjektiven Eingliederungsfähigkeit begründete Abweisung des Gesuchs um berufliche
Massnahmen - zumindest bezüglich Berufsberatung und Arbeitsvermittlung - als
rechtswidrig. Der Beschwerdeführer ist allerdings darauf aufmerksam zu machen, dass
er für eine erfolgreiche berufliche Wiedereingliederung noch aktiver als bisher
mitzuwirken haben wird.
1.7.
Eine versicherte Person hat gemäss Art. 17 Abs. 1 IVG Anspruch auf eine
Umschulung auf eine neue Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität
notwendig ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder
verbessert werden kann. Unter Umschulung ist dabei nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts grundsätzlich die Summe der Eingliederungsmassnahmen
berufsbildender Art zu verstehen, die notwendig und geeignet sind, der vor Eintritt der
Invalidität bereits erwerbstätig gewesenen versicherten Person eine ihrer früheren
annähernd gleichwertigen Erwerbsmöglichkeit zu vermitteln. Dabei bezieht sich der
Begriff der «annähernden Gleichwertigkeit» nicht in erster Linie auf das
Ausbildungsniveau als solches, sondern auf die nach erfolgter Eingliederung zu
erwartende Verdienstmöglichkeit. In der Regel besteht nur ein Anspruch auf die dem
jeweiligen Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber
auf die nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren. Denn das Gesetz
will die Eingliederung lediglich so weit sicherstellen, als diese im Einzelfall notwendig,
aber auch genügend ist. Dabei setzt der Umschulungsanspruch nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichts grundsätzlich eine Mindesterwerbseinbusse von
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rund 20% in den für die versicherte Person ohne zusätzliche Ausbildung
offenstehenden, noch zumutbaren Erwerbstätigkeiten voraus (siehe zum Ganzen das
Urteil des Bundesgerichts vom 11. Januar 2018, 8C_808/2017, E. 3 mit Hinweisen).
Die Beschwerdegegnerin bringt gegen einen Umschulungsanspruch im
Beschwerdeverfahren neu und entgegen der im Verwaltungsverfahren noch vertretenen
Auffassung vor, der Beschwerdeführer habe keinen Beruf erlernt und stets als
Hilfsarbeiter gearbeitet. Zudem habe er sich schulisch nie weitergebildet (act. G 4,
III. Rz 4). Diese Einschätzung kann nicht geteilt werden. Der Beschwerdeführer
arbeitete seit 1988 als B._monteur bei der G._ AG (IV-act. 1) und vermochte sich -
ohne eine entsprechende berufliche Aus- oder Weiterbildung - zum bauleitenden
Monteur (IV-act. 8-2 oben; IV-act. 12-1) zu entwickeln. Dabei führte er Baustellen mit
bis zu vier Monteuren. Die geistigen Anforderungen an seine Tätigkeit wurden mit
«gross» bezeichnet. Die Arbeitgeberin konnte sich nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit
denn auch grundsätzlich vorstellen, dass der Beschwerdeführer nur noch die
Baustellen leiten würde, ohne selbst körperlich mitzuarbeiten (siehe zum Ganzen IV-
act. 8-3 unten; siehe auch bezüglich Bauleitung IV-act. 23-1 unten). Im Jahr 2015
erzielte der Beschwerdeführer einen Jahreslohn von Fr. 81'900.-- (Fr. 6'300.-- x 13; IV-
act. 8-4). Auch die beruflichen Abklärungspersonen hielten fest, dass sich der
Beschwerdeführer ein grosses Wissen in der B._montage erarbeitet habe (IV-
act. 85-21). Angesichts dieser beruflichen Weiterentwicklung des Beschwerdeführers,
die sich auch im Lohn wiederspiegelt, der deutlich über dem LSE-Hilfsarbeiterlohn liegt
(gemäss Anhang 2: Lohnentwicklung, IVG-Gesetzesausgabe der Informationsstelle
AHV/IV, Ausgabe 2019, betrug der Hilfsarbeiterlohn im Jahr 2015 Fr. 66'633.--), ist
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer im Wesentlichen nicht bloss
Hilfsarbeiten verrichtete und als Berufsmann zu gelten hat. Der Verweis auf
unqualifizierte Hilfsarbeiten erscheint daher im Vergleich zum (an-)gelernten Beruf des
Beschwerdeführers qualitativ nicht als annähernd gleichwertig. Deshalb schadet die
fehlende berufsschulische Aus- und Weiterbildung dem Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine Umschulung nicht.
2.2.
Ausserdem hält die Beschwerdegegnerin einem Umschulungsanspruch im
Beschwerdeverfahren entgegen, dass der Beschwerdeführer gar nicht über die für eine
Umschulung erforderlichen intellektuellen Fähigkeiten verfügen würde (act. G 4,
III. Rz 4). Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die vom Beschwerdeführer erfolgreich
ausgeübte Tätigkeit als bauleitender B._monteur kognitiv anforderungsreich und u.a.
mit administrativen Arbeiten verbunden war (IV-act. 8-3), was für das Vorhandensein
von entsprechenden intellektuellen Ressourcen spricht. Im Rahmen der beruflichen
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Abklärung in Appisberg erzielte der Beschwerdeführer bei den intellektuellen/
schulischen Tests im Wesentlichen durchschnittliche Resultate, wenn auch im unteren
Durchschnittsbereich (IV-act. 85-13 und -15 oben). Bei der Prüfung der praktischen
Intelligenz erreichte er sogar überdurchschnittliche Ergebnisse (IV-act. 83-15 Mitte).
Zudem zeigte er eine gute Methodenkompetenz, die u.a. in einer guten
Auffassungsgabe sowie einem guten Verständnis und einer guten Umsetzung von
mündlichen Instruktionen, schriftlichen Anleitungen oder Plänen zum Ausdruck kam
(IV-act. 83-19; siehe auch IV-act. 85-27). Sowohl die beruflichen Abklärungspersonen
(IV-act. 85-27) als auch die mit der Berufsberatung betrauten Personen der
Beschwerdegegnerin (etwa IV-act. 45 und IV-act. 110) gingen davon aus, dass der
Beschwerdeführer über die für eine Umschulung zum Bus- oder Taxichauffeur
erforderlichen intellektuellen Fähigkeiten verfügt. Auch das Alter spricht nicht gegen
eine Umschulung. Im Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung vom 12. November 2018
standen dem 1969 geborenen Beschwerdeführer noch 16 Jahre Berufsleben bevor.
Deshalb ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit von einer objektiven
Eingliederungsfähigkeit bezüglich einer Umschulungsmassnahme auszugehen.
Da der Beschwerdeführer aufgrund seines Gesundheitsschadens
unbestrittenermassen einen mindestens 20%igen Verdienstausfall erleidet und nach
dem Gesagten auch die übrigen Voraussetzungen für einen Anspruch auf Umschulung
erfüllt, erweist sich die Abweisung des Gesuchs um eine Umschulung ebenfalls als
rechtswidrig.
2.4.
In Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung vom 12. November 2018 auf
zuheben und die Sache zur Fortsetzung der beruflichen Eingliederung des
Beschwerdeführers im Sinn der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
3.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat ausgangsgemäss die gesamte
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen. Der vom Beschwerdeführer geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist ihm zurückzuerstatten.
3.2.
bis
Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte