Decision ID: ca1142b1-d027-4dce-8dca-c3b7e5d3ea0d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Die Staatsanwaltschaft Frauenfeld führt im Zusammenhang mit einer am
20. Juli 2021 beanzeigten tätlichen Auseinandersetzung in Z./TG eine Straf-
untersuchung gegen A. wegen einfacher Körperverletzung, Sachbeschädi-
gung, Drohung und Tätlichkeiten (Verfahrensakten Kt. Thurgau, gelbes
Mäppchen, nicht akturiert).
B. Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland führt ebenfalls gegen A. ge-
stützt auf eine Anzeige vom 28. Juli 2021 eine Strafuntersuchung wegen
Freiheitsberaubung, Nötigung, Drohung, Tätlichkeiten und Widerhandlung
gegen das Betäubungsmittelgesetz. A. wird vorgeworfen, Ende Juni oder
Anfang Juli 2021 während rund sechs Stunden seine Ex-Partnerin im Estrich
eines Einfamilienhauses in Y./ZH eingesperrt und genötigt haben, Hanfpflan-
zen zu ernten (Verfahrensakten Kt. ZH, «Akten Einvernahmen BES A.»,
nicht akturiert). Die Kantonspolizei Zürich stellte zudem anlässlich einer am
3. August 2021 durchgeführten Hausdurchsuchung im Einfamilienhaus in
Y./ZH ein Laptop sicher, das am 21. September 2018 bei einem Einschleich-
diebstahl in Z./TG gestohlen worden war (Verfahrensakten Kt. ZH, «Akten
Sicherstellungen», nicht akturiert).
C. Mit Schreiben vom 22. Februar 2022 bat die Staatsanwaltschaft Thurgau die
Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland um Übernahme ihrer Strafuntersu-
chung gegen A., was von dieser mit Schreiben vom 23. März 2022 abgelehnt
wurde. Die Staatsanwaltschaft Thurgau stellte sich auf den Standpunkt, dass
es sich bei der im Kanton Zürich beanzeigten Freiheitsberaubung um das
Delikt mit der höchsten Strafandrohung handle, weshalb der Kanton Zürich
zur Verfolgung der A. vorgeworfenen Delikte zuständig sei. Demgegenüber
vertrat die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland die Ansicht, dass beim
Vorfall vom 20. Juli 2021 in Z./TG nicht von einer einfachen Körperverletzung
auszugehen sei, sondern von einer versuchten schweren Körperverletzung,
sodass das Delikt mit der höchsten Strafandrohung im Kanton Thurgau be-
gangen worden sei. Nach einem weiteren Schriftenwechsel zwischen den
beteiligten Staatsanwaltschaften der Kantone Thurgau und Zürich ersuchte
die Generalstaatsanwaltschaft Thurgau im Rahmen des abschliessenden
Meinungsaustausches mit Schreiben vom 8. Juni 2022 die Oberstaatsan-
waltschaft des Kantons Zürich um Übernahme des Verfahrens, was diese
mit Schreiben vom 4. Juli 2022 ablehnte (Verfahrensakten Kt. TG, transpa-
rentes Mäppchen, nicht akturiert).
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D. Daraufhin unterbreitete die Generalstaatsanwaltschaft Thurgau die Angele-
genheit mit Gesuch vom 13. Juli 2022 dem Bundesstrafgericht zum Ent-
scheid. Sie beantragt, es seien die Strafuntersuchungsbehörden des Kan-
tons Zürich für berechtigt und verpflichtet zu erklären, die dem Beschuldigten
A. zur Last gelegten Straftaten zu verfolgen und zu beurteilen (act. 1).
E. In ihrer Gesuchsantwort vom 15. Juli 2022 beantragt die Oberstaatsanwalt-
schaft des Kantons Zürich, die Strafverfolgungsbehörden des Kantons Thur-
gau seien für berechtigt und verpflichtet zu erklären, die dem Beschuldigten
zur Last gelegten Straftaten zu verfolgen und zu beurteilen (act. 3), was dem
Kanton Thurgau am 28. Juli 2022 zur Kenntnis gebracht worden ist (act. 4).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen Bezug genom-
men.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. Die Eintretensvoraussetzungen (durchgeführter Meinungsaustausch zwi-
schen den involvierten Kantonen und zuständigen Behörden, Frist und
Form) sind vorliegend erfüllt und geben zu keinen Bemerkungen Anlass.
2.
2.1 Für die Verfolgung und Beurteilung einer Straftat sind die Behörden des Or-
tes zuständig, an dem die Tat verübt worden ist (Art. 31 Abs. 1 StPO). Der
Ausführungsort befindet sich dort, wo der Täter gehandelt hat (BGE 86 IV
222 E. 1).
2.2 Hat eine beschuldigte Person mehrere Straftaten an verschiedenen Orten
verübt, so sind für die Verfolgung und Beurteilung sämtlicher Taten die Be-
hörden des Ortes zuständig, an dem die mit der schwersten Strafe bedrohte
Tat begangen worden ist. Bei gleicher Strafdrohung sind die Behörden des
Ortes zuständig, an dem zuerst Verfolgungshandlungen vorgenommen wor-
den sind (Art. 34 Abs. 1 StPO).
Die schwerste Tat im gerichtsstandsrechtlichen Sinn ist diejenige mit der
höchsten abstrakten gesetzlichen Strafdrohung, wobei Qualifizierungs- und
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Privilegierungselemente des besonderen Teils des StGB, welche den Straf-
rahmen verändern, zu berücksichtigen sind (Entscheid des Bundesstrafge-
richts BG.2010.14 vom 20. September 2010 E. 2.1). Der Privilegierungs-
grund des Versuches ist grundsätzlich nur bei Vorliegen von zwei oder meh-
reren mit gleichen Höchst- und Mindeststrafen bedrohten Delikten, welche
teilweise versucht begangen wurden, zu berücksichtigen (Beschlüsse des
Bundesstrafgerichts BG.2022.31 vom 28. September 2022 E. 2.1;
BG.2019.20 vom 24. April 2019 E. 3.2; BG.2013.8 vom 30. April 2013 E. 2.1;
MOSER/SCHLAPBACH, Basler Kommentar, 2. Aufl. 2014, Art. 34 StPO
N. 10 m.w.H.).
3. Die Beurteilung der Gerichtsstandsfrage richtet sich nach der aktuellen
Verdachtslage. Massgeblich ist nicht, was dem Beschuldigten letztlich nach-
gewiesen werden kann, sondern der Tatbestand, der Gegenstand der
Untersuchung bildet, es sei denn, dieser erweise sich von vornherein als
haltlos oder sei sicher ausgeschlossen. Der Gerichtsstand bestimmt sich
also nicht nach dem, was der Täter begangen hat, sondern nach dem, was
ihm vorgeworfen wird, das heisst, was aufgrund der Aktenlage überhaupt in
Frage kommt. Dabei stützt sich die Beschwerdekammer auf Fakten, nicht
auf Hypothesen. Generelle Vermutungen, Gerüchte, vorstellbare Lebensvor-
gänge oder mathematische Wahrscheinlichkeiten, reichen zur Begründung
eines Tatverdachts nicht aus (s. auch KARNUSIAN, Der Tatverdacht und seine
Quellen, in forumpoenale 2016, S. 352 und 354; ACKERMANN, Tatverdacht
und Cicero, - in dubio contra suspicionem maleficii, in Niggli/Hurtado Pozo/
Queloz [Hrsg.], Festschrift für Franz Riklin, 2007, S. 319 ff.). Dabei gilt der
Grundsatz in dubio pro duriore, wonach im Zweifelsfall auf den für den Be-
schuldigten ungünstigeren Sachverhalt abzustellen bzw. das schwerere De-
likt anzunehmen ist (vgl. Beschluss des Bundesstrafgerichts BG.2014.10
vom 10. Juni 2014 E. 2.1).
4.
4.1 Unter den Parteien ist umstritten, ob die Tathandlungen von A. im Zusam-
menhang mit der im Kanton Thurgau zur Anzeige gebrachten tätlichen Aus-
einandersetzung (vgl. supra lit. A) unter den Tatbestand der einfachen oder
der versuchten schweren Körperverletzung zu subsumieren ist. Der Tatbe-
stand der schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB wird mit
einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft (Art. 122
Abs. 4 StGB), während sämtliche anderen A. vorgeworfenen Delikte eine
mildere Strafandrohung vorsehen.
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4.2 Der Kanton Zürich ist der Ansicht, dass die Handlungen des Beschuldigten
A. zum Nachteil des Geschädigten B. am 20. Juli 2021 in Z./TG die Tatbe-
standselemente einer versuchten schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB erfülle. A. habe B., der auf einer ca.
1.5 Meter hohen Mauer gesessen habe, einen Faustschlag ins Gesicht ver-
setzt und ihn nach hinten gestossen, sodass dieser rückwärts über die Mauer
zu Boden gefallen sei. Dabei habe A. es in Kauf genommen, dass sich der
Geschädigte schwere Verletzungen (Schädelbruch, Hirnblutung, Schädel-
Hirntrauma etc.) hätte zuziehen können (act. 1 S. 2). Demgegenüber vertritt
der Kanton Thurgau die Meinung, dass sich aus den Akten der Strafuntersu-
chung nichts entnehmen lasse, was darauf hindeute, dass A. mit dem Stos-
sen eine schwere Körperverletzung im Sinne von Art. 122 StGB beabsichtigt
oder in Kauf genommen hätte. Insbesondere sei eine schwere Körperverlet-
zung bei einem Sturz von rund 1.5 Metern nicht dermassen wahrscheinlich
– tatsächlich sei ja auch kein solcher Erfolg eingetreten –, dass ohne Weite-
res anzunehmen sei, dem Beschuldigten habe sich die Risikoverwirklichung
dermassen aufgedrängt, dass auf eine Inkaufnahme einer schweren Körper-
verletzung geschlossen werden müsse. Ausserdem ergäben sich auch keine
Indizien dafür, dass der Beschuldigte überhaupt gewollt habe, dass B. von
der Mauer falle. Schliesslich sei zu berücksichtigen, dass jedes Stossen ei-
ner Person grundsätzlich, was als Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 StGB zu
qualifizieren sei, irgendeine abstrakte Gefahr eines Sturzes und einer
(schweren) Körperverletzung berge (act. 1 S. 4 f.).
4.3
4.3.1 Eine schwere Körperverletzung nach Art. 122 StGB begeht u.a., wer vor-
sätzlich einen Menschen lebensgefährlich verletzt (Abs. 1) oder wer vorsätz-
lich den Körper, ein wichtiges Organ oder Glied eines Menschen verstüm-
melt oder ein wichtiges Organ oder Glied unbrauchbar macht, einen Men-
schen bleibend arbeitsunfähig, gebrechlich oder geisteskrank macht oder
das Gesicht eines Menschen arg und bleibend entstellt (Abs. 2). Vorsätzlich,
d.h. mit Wissen und Willen, handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat
für möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB). Eventual-
vorsatz im Sinne von Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB ist gegeben, wenn der Täter
den Eintritt des Erfolgs bzw. die Tatbestandsverwirklichung für möglich hält,
aber dennoch handelt, weil er den Erfolg für den Fall seines Eintritts in Kauf
nimmt, sich mit ihm abfindet, mag er ihm auch unerwünscht sein (BGE 147
IV 439 E. 7.3.1; 138 V 74 E. 8.2; 137 IV 1 E. 4.2.3).
4.3.2 Ein Versuch liegt vor, wenn der Täter, nachdem er mit der Ausführung eines
Verbrechens oder Vergehens begonnen hat, die strafbare Tätigkeit nicht zu
Ende führt oder der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg nicht eintritt
- 6 -
oder dieser nicht eintreten kann (Art. 22 Abs. 1 StGB). Beim Versuch erfüllt
der Täter sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale und manifestiert
seine Tatentschlossenheit, ohne dass alle objektiven Tatbestandsmerkmale
verwirklicht sind (BGE 137 IV 113 E. 1.4.2; 131 IV 100 E. 7.2.1; je mit Hin-
weisen).
4.3.3 Die rechtliche Qualifikation von Körperverletzungen als Folge von Faust-
schlägen oder Tritten hängt von den konkreten Tatumständen ab. Massge-
blich sind insbesondere die Heftigkeit des Schlages und die Verfassung des
Opfers (Urteile des Bundesgerichts 6B_1151/2020 vom 8. April 2021 E. 2.3;
6B_139/2020 vom 1. Mai 2020 E. 2.3; 6B_1385/2019 vom 27. Februar 2020
E. 4.3.1; mit Hinweisen). Faustschläge, Fusstritte oder Schläge mit gefährli-
chen Gegenständen (beispielsweise einer Glasflasche) gegen den Kopf ei-
nes Menschen sind geeignet, schwere Körperverletzungen oder sogar den
Tod des Opfers herbeizuführen, wobei dieses Risiko umso grösser ist, wenn
das Opfer ohne Reaktions- oder Abwehrmöglichkeit am Boden liegt (vgl.
BGE 135 IV 152 E 2.3.2.2; Urteile des Bundesgerichts 6B_1151/2020 vom
8. April 2021 E. 2.3; 6B_139/2020 vom 1. Mai 2020 E. 2.3; 6B_1385/2019
vom 27. Februar 2020 E. 4; 6B_924/2017 vom 14. März 2018 E. 1.3.1;
6B_901/2014 vom 27. Februar 2015 E. 2.7.3). Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung entspricht es der allgemeinen Lebenserfahrung, dass
Fusstritte und Faustschläge in den Kopfbereich eines am Boden liegenden
Opfers – selbst wenn dieses sich zusammenrollt und den Kopf mit den Hän-
den zu schützen versucht – zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen der
körperlichen Integrität führen können (Urteile des Bundesgerichts
6B_529/2020 vom 14. September 2020 E. 3.2.2; 6B_1180/2015 vom 13. Mai
2016 E. 4.1; mit Hinweisen). Für die Erfüllung des Tatbestandes der versuch-
ten schweren Körperverletzung setzt die Rechtsprechung nicht voraus, dass
neben den eigentlichen Fusstritten oder Schlägen gegen den Kopf ein ag-
gravierendes Moment, etwa eine besondere Heftigkeit der Tritte, die Wehr-
losigkeit des Opfers, die Traktierung mit weiteren Gegenständen oder die
Einwirkung mehrerer Personen, hinzutreten muss (Urteile des Bundesge-
richts 6B_526/2020 vom 24. Juni 2021 E. 1.2.2; 6B_529/2020 vom 14. Sep-
tember 2020 E. 3.2.2; 6B_1180/2015 vom 13. Mai 2016 E. 4.1; mit Hinwei-
sen).
4.4
4.4.1 Der Geschädigte B. stellte das Geschehene anlässlich seiner Einvernahme
durch die Kantonspolizei Thurgau vom 3. August 2021 wie folgt dar: Er sei
am 20. Juli 2021 zusammen mit einem Kollegen zum Restaurant «C.» ge-
fahren. Vor dem Restaurant habe er eine Kollegin, D., angetroffen, die ge-
weint habe. Er habe sich neben sie gesetzt und sie gefragt, was los sei. Sie
- 7 -
habe ihm gesagt, dass ihr Freund, A., sie alle umbringen wolle. Dabei habe
sie B. ihr Natel mit einer Textnachricht gezeigt. Er habe allerdings diese nicht
richtig lesen können, es sei so etwas wie «ich bringe alle um» oder «ich ver-
brenne alle» geschrieben gewesen. In diesem Moment sei A. mit einem
Fahrrad auf sie zugefahren, habe das Fahrrad mit Schwung in den Eingangs-
bereich des Restaurants fahren lassen und habe fast gleichzeitig ihm (B.)
mit der Faust einen Schlag mitten ins Gesicht verpasst. Er habe ihn im Be-
reich zwischen den Augen getroffen. A. habe B. nach hinten von der Mauer
gestossen, sodass er nach hinten über die Mauer auf die Treppe gefallen
sei. Dabei habe er wahrscheinlich seinen Kopf an einem Blumentopf ange-
stossen. Als er unten an der Treppe angekommen sei, habe er aufstehen
wollen, habe aber einen starken Schmerz im linken Knie verspürt, der ihn am
Aufstehen gehindert habe. A. habe mit einer Holzlatte auf ihn eingeschlagen.
Er habe diese Schläge abgewehrt und sich dabei nur leicht am Unterarm
verletzt. A. habe dann mit einem Klappstuhl auf ihn eingeschlagen, er kön-
nen aber nicht mehr sagen, wo er damit getroffen worden sei. Irgendwann
seien andere Kollegen hinzugekommen und hätten ihn und A. getrennt. Bei
der Auseinandersetzung habe er sich am Knie am meisten weh getan. Er
habe zudem starke Kopfschmerzen gehabt und ihm sei übel gewesen. An
der Aussenseite des rechten Unterarms habe er eine leichte Schramme ge-
habt und aus dem Piercing zwischen den Augen geblutet. Das Auge sei nicht
blau geworden, und auch sonst habe er keine Beule davongetragen (Verfah-
rensakten Kt. TG, gelbes Mäppchen, nicht akturiert).
Der ebenfalls an der Örtlichkeit anwesende E. schilderte anlässlich seiner
Einvernahme vom 6. August 2021 bei der Kantonspolizei Thurgau, er könne
nicht sagen, ob A. B. von der Mauer gestossen habe, da er (E.) sich zunächst
im Restaurant «C.» befunden habe. Als er aus dem Restaurant gekommen
sei, habe er gesehen, wie A. und B. unten auf dem Podest vor der Pizzeria
F. am Boden gekämpft hätten. A. sei auf B. gesessen und habe auf ihn ein-
geschlagen. Mit der Faust habe er ihn in Richtung Gesicht geschlagen; das
habe er (E.) gesehen. B. habe den Kopf seitlich abgedreht gehabt, weshalb
A. ihm zwei, dreimal auf die Nase geschlagen habe. Zwei andere Kollegen
hätten A. dann gepackt und von B. weggezerrt. A. habe mit einem Klappstuhl
und einem Besenstil die Anwesenden schlagen wollen, die Schläge seien
aber abgewehrt worden. Im Gerangel habe A. immer wieder gesagt, dass er
alle umbringen werde, dass er sie auseinandernehmen werde und dass sie
dies schon noch zu spüren bekämen, was sie mit D. gemacht hätten (Ver-
fahrensakten Kt. TG, gelbes Mäppchen, nicht akturiert).
Demgegenüber bestritt A. im Rahmen der Einvernahme bei der Kantonspo-
lizei Thurgau vom 30. September 2021, dass er B. mit der Faust ins Gesicht
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geschlagen und ihn über die Mauer die Treppe hinuntergestossen habe. Er
führte aus, er habe B. zusammen mit D. vor dem Eingang des «C.» gesehen.
Er sei eifersüchtig gewesen, weshalb er B. am Kragen gepackt habe. Bei
dieser Gelegenheit seien beide zusammen die Treppe hinuntergefallen.
Auch stimme es nicht, dass er B. nach dem Sturz weiter geschlagen habe.
Sie hätten sich gegenseitig an den Krägen gepackt und geschüttelt. Es sei
vielmehr so, dass er von B. von hinten gewürgt worden sei (Verfahrensakten
Kt. TG, gelbes Mäppchen, nicht akturiert).
4.4.2 Bei sog. Aussage-Gegen-Aussage-Konstellationen bestimmt sich die Ver-
dachtslage für die Gerichtsstandsbestimmung in Anwendung des Grundsat-
zes in dubio pro duriore, wonach vom für den Beschuldigten ungünstigeren
Sachverhalt auszugehen bzw. das schwerere Delikt anzunehmen ist (Be-
schluss des Bundesstrafgerichts BG.2020.19 vom 23. Juli 2020 E. 5.4). Mit-
hin ist gestützt auf die von B. gemachten Aussagen der Sachverhalt zu prü-
fen, wonach A. B. mit der Faust ins Gesicht geschlagen habe, während die-
ser auf der Mauer vor dem Restaurant «C.» gesessen sei. Dieser Faust-
schlag ist gemäss Aussagen von B. für ihn überraschend erfolgt. A. habe in
der Folge B. von der Mauer heruntergestossen, wobei B. aus einer Höhe von
ca. 1.5 Metern (vgl. Fotodokumentation der Kantonspolizei Thurgau) rück-
wärts auf eine Treppe gefallen ist. Gemäss B. und E. soll A. unten an der
Treppe auf B. sitzend, diesem weiter mit der Faust ins Gesicht geschlagen
haben. Zudem habe A. mit einer Holzlatte und einem Klappstuhl auf B. ein-
geschlagen bzw. um sich geschlagen haben. B. hat ausgesagt, dass er we-
der vom Sturz noch von den Faustschlägen schwere Verletzungen davon-
getragen habe. Da es sich jedoch bei der Kopfregion um einen besonders
sensiblen Bereich des menschlichen Körpers handelt und Kopfverletzungen,
insbesondere Verletzungen der Hirnregion, gravierende Folgen nach sich
ziehen können (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_529/2020 vom 14. Sep-
tember 2020 E. 3.2.2), ist der Umstand, ob die Faustschläge auf das Gesicht
von B. gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung geeignet waren, eine
schwere Körperverletzung herbeizuführen Gegensand der Untersuchung.
Dies gilt erst recht für den Rückwärtssturz von der Mauer aus einer Höhe
von 1.5 Metern auf die sich darunter befindende Treppe. Die Untersuchung
hat den Verdacht zu prüfen, ob ein solcher Sturz geeignet ist, eine schwere
Körperverletzung wie Schädelbruch, Hirnblutung oder ein Schädel-Hirn-
trauma herbeizuführen. Entgegen der Ansicht des Gesuchstellers ist ohne
Belang, dass B. keine schweren Körperverletzungen erlitt, nachdem vorlie-
gend nicht eine vollendete, sondern eine versuchte schwere Körperverlet-
zung in Betracht kommt. In subjektiver Hinsicht hat die Untersuchung vom
Verdacht auszugehen, dass A. damit rechnen musste, dass sich B. durch
die Faustschläge ins Gesicht und insbesondere durch den Stoss von der
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Mauer schwere Körperverletzungen zuziehen konnte. A. war eigenen Aus-
sagen zufolge von grosser Eifersucht getrieben. Dass A. nach dem Sturz von
B. von der Mauer von diesem nicht abgelassen, sondern weiter auf ihn ein-
geschlagen hat, spricht für die Vermutung, dass ihm die Folgen seines Stos-
ses und seiner Schläge völlig gleichgültig gewesen sind. Dass A. eine
schwere Schädigung der Gesundheit von B. bedenkenlos in Kauf genom-
men und damit eventualvorsätzlich gehandelt hat, entspricht der Verdachts-
lagen im aktuellen Verfahrensstadium.
4.5 Damit ist gestützt auf die gegenwärtige Aktenlage vom Verdacht einer ver-
suchten eventualvorsätzlichen schweren Körperverletzung (Art. 122 StGB
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB) von A. anlässlich der tätlichen Auseinanderset-
zung vom 20. Juli 2021 in Z./TG auszugehen, womit das schwerste von A.
verübte Delikt im Kanton Thurgau begangen wurde.
5. Nach dem Gesagten erweist sich das Gesuch als unbegründet, und es sind
die Strafverfolgungsbehörden des Gesuchstellers für berechtigt und ver-
pflichtet zu erklären, die A. zur Last gelegten Straftaten zu verfolgen und zu
beurteilen.
6. Es ist keine Gerichtsgebühr zu erheben (Art. 423 Abs. 1 StPO).
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