Decision ID: a30d5812-5a30-4e5f-9fa2-42985204641a
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Verwaltungsrekurskommission, 29.03.2018 Art. 16cbis Abs. 1 SVG (SR 741.01. Aufhebung des inländischen Führerausweisentzugs aufgrund einer im Ausland begangenen Geschwindigkeitsüberschreitung und Rückweisung an der Angelegenheit an die Vorinstanz zur weiteren Abklärung des Sachverhalts und zu neuer Verfügung (Verwaltungsrekurskommission, Abteilung IV, 29. März 2018, IV-2018/13).
Präsident Urs Gmünder, Richter Urs Früh und Beat Fritsche, Gerichtsschreiber Raphael
Fisch
A., Rekurrent,
vertreten durch Rechtsanwalt M.A. HSG Patrik Mauchle, St. Gallen,
gegen
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt, Abteilung Administrativmassnahmen, St.
Gallen, Vorinstanz,
betreffend
Führerausweisentzug (Warnungsentzug)
Sachverhalt:
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A.- A. erwarb am XX.XX.1999 den Führerausweis der Kategorien A1, B, D1, BE und
D1E. In Rumänien wurde gegen ihn gemäss den zwei Schreiben der rumänischen
Botschaft vom 6. Mai 2017 sowie der rumänischen Generalpolizei, Abteilung
Verkehrspolizei, vom 2. Oktober 2017 ein Fahrverbot von 90 Tagen ab dem 6. Mai 2017
ausgesprochen. Ihm wurde vorgeworfen, am 20. April 2017 in der rumänischen
Ortschaft U., Kreis V., innerorts die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h um
53 km/h überschritten zu haben.
B.- Aufgrund der erwähnten Schreiben eröffnete das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt gegen A. ein strassenverkehrsrechtliches
Administrativmassnahmeverfahren und gewährte ihm das rechtliche Gehör. Durch
seinen Rechtsvertreter nahm A. Stellung und beantragte die Aufhebung des
Administrativmassnahmeverfahrens, eventualiter einen Führerausweisentzug von einem
Monat. Mit Verfügung vom 8. Januar 2018 ordnete das Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt den Entzug des Führerausweises für die Dauer von drei Monaten an.
C.- Dagegen erhob A. am 23. Januar 2018 mit Eingabe seines Rechtsvertreters Rekurs
bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen. Er beantragte die
kostenpflichtige Aufhebung der Verfügung vom 8. Januar 2018, eventualiter einen
Entzug des Führerausweises für die Dauer eines Monats. Die Vorinstanz verzichtete auf
eine Vernehmlassung.

Auf die Ausführungen im Rekurs wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 23. Januar 2018 ist rechtzeitig
eingereicht worden und erfüllt in formeller und materieller Hinsicht die gesetzlichen
Anforderungen (Art. 41 lit. g , Art. 45, Art. 47 und Art. 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
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2.- Mit seinem Hauptantrag verlangt der Rekurrent, die Verfügung vom 8. Januar 2018
sei aufzuheben und von einem Entzug des Führerausweises sei abzusehen. Zu prüfen
ist deshalb im Folgenden zunächst, ob die Vorinstanz einen Führerausweisentzug
gestützt auf Art. 16c des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) zu
Recht anordnete.
a) Nach Art. 16c Abs. 1 SVG wird nach einer Widerhandlung im Ausland der
Führerausweis entzogen, wenn dort ein Fahrverbot verfügt wurde und die begangene
Widerhandlung nach Schweizer Recht als mittelschwer oder schwer zu qualifizieren ist.
In Absatz 2 von Art. 16c SVG werden die Modalitäten der Festsetzung der
Entzugsdauer geregelt. Die Verfügung des ausländischen Fahrverbots muss von der im
Tatortstaat zuständigen Behörde erlassen worden und in Rechtskraft erwachsen sein
(vgl. Botschaft, in: BBl 2007 S. 7622). Hinsichtlich des Verfahrens im internationalen
Verhältnis kommt im vorliegenden Fall das Europäische Übereinkommen über die
internationalen Wirkungen des Entzuges des Führerausweises für Motorfahrzeuge
(SR 0.741.16, nachfolgend: Übereinkommen) zur Anwendung. Danach teilt jede
Vertragspartei, die einen Entzug angeordnet hat, der Vertragspartei, die den
Führerausweis erteilt hat, sowie der Vertragspartei, in deren Hoheitsgebiet der Täter
seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort hat, einen Entzug unverzüglich mit (Art. 2 des
Übereinkommens). Diesen Mitteilungen sind eine beglaubigte Abschrift der
Entzugsverfügung sowie eine Sachverhaltsdarstellung beizufügen (Art. 6 Ziff. 2 des
Übereinkommens). Sind die übermittelten Auskünfte nach Ansicht der Vertragspartei,
an welche die Mitteilung gerichtet worden ist, nicht ausreichend, um ihr die Anwendung
des Übereinkommens zu ermöglichen, so ersucht sie um die notwendigen zusätzlichen
Auskünfte und erforderlichenfalls um Übermittlung einer beglaubigten Abschrift der
Verfahrensunterlagen (Art. 6 Ziff. 2 und 3 des Übereinkommens).
b) Im Schreiben vom 2. Oktober 2017 teilte die Inspectoratul General al Poliției Române
der Vorinstanz mit, dass der Rekurrent am 20. April 2017 von der rumänischen Polizei
in der Ortschaft U., Kreis V., auf der Nationalstrasse 15 kontrolliert worden sei. Er sei
mit seinem Porsche (Kontrollschild XX XXX XXX) mit einer Geschwindigkeit von
103 km/h gefahren und habe damit die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h
um 53 km/h überschritten. Deswegen habe ihm die Polizei eine Busse auferlegt und die
Fahrerlaubnis in Rumänien ab dem 6. Mai 2017 für 90 Tage entzogen. Dem Schreiben
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legte die rumänische Behörde eine Kopie des Polizeirapports, der vom Rekurrenten
unterschrieben worden sei, samt einigen Radarbildern bei.
c) Wie bereits vor der Vorinstanz (vgl. act. 9/8) bestreitet der Rekurrent die
Sachverhaltsdarstellung der rumänischen Behörden. Er sei zum Kontrollzeitpunkt
keinesfalls mit einer Geschwindigkeit von 103 km/h unterwegs gewesen. Die Messung
der Polizei sei fehlerhaft. Es sei insbesondere unglaubwürdig, dass zu vier
Messzeitpunkten exakt die gleiche Geschwindigkeit von 103 km/h gemessen worden
sei. Die Beamten hätten ihm verweigert, nach der Anhaltung die entsprechenden
Beweismittel einzusehen. Er sei zum Ausfüllen eines Formulars gedrängt worden, das
er nicht verstanden habe und ihm nicht übersetzt worden sei. Dadurch sei sein
rechtliches Gehör verletzt worden.
d) Anhand der im Recht liegenden Unterlagen lässt sich der dem Rekurrenten zur Last
gelegte Sachverhalt nicht hinreichend überprüfen. Das Schreiben der rumänischen
Generalpolizei vom 2. Oktober 2017 enthält lediglich eine summarische
Zusammenfassung des Sachverhalts. Der beigelegte Polizeirapport wurde nicht
übersetzt und ist nicht selbsterklärend. Dessen freiwillige Unterzeichnung in Kenntnis
der relevanten Rechtsfolgen durch den Rekurrenten ist angesichts seiner Vorbringen
zweifelhaft. Auch die Radarbilder vermitteln kein klares Bild, zumal auf den fünf Bildern
unterschiedliche Messangaben enthalten sind und diese zeitlich variieren. Es ist nicht
klar, auf welche Einzelmessung sich die rumänischen Behörden stützten. Angaben zum
verwendeten Radargerät fehlen ebenso. Allein unter Berufung auf die vorhandenen
Akten können die Vorbringen des Rekurrenten nicht ohne Weiteres von der Hand
gewiesen werden. Im Übrigen scheinen auch die Voraussetzungen gemäss Art. 6 Ziff. 2
des Übereinkommens nicht korrekt eingehalten worden zu sein, ist in den Akten doch
keine beglaubigte Abschrift der Entzugsverfügung zu finden, sondern nur ein
Polizeirapport mitsamt den Radarbildern. Unklar bleibt, ob dem Rekurrenten die
rumänische Entzugsverfügung rechtsgültig zugestellt wurde und somit überhaupt in
Rechtskraft erwachsen konnte. Die Einhaltung eines korrekten Verfahrens als Teilgehalt
des rechtlichen Gehörs ist nicht erstellt. Schliesslich fällt auf, dass im letzten Fall vor
der Verwaltungsrekurskommission, in welchem eine in Rumänien begangene
Geschwindigkeitsüberschreitung zu beurteilen war, dem Betroffenen ebenfalls eine
Geschwindigkeit von 103 km/h vorgehalten wurde (Entscheid der
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Verwaltungsrekurskommission IV-2014/184 vom 30. April 2015, im Internet abrufbar
unter www.gerichte.sg.ch). Auch deshalb stellt sich die Frage, ob die
Geschwindigkeitsmessung vom 20. April 2017 korrekt durchgeführt wurde.
e) Insgesamt hätte die Vorinstanz vor Erlass der Verfügung vom 8. Januar 2018 von
den relevanten Tatumständen umfassendere Kenntnis erhalten und die formellen
Voraussetzungen näher prüfen müssen. Sie hätte die rumänischen Behörden gestützt
auf Art. 6 Ziff. 3 des Übereinkommens um weitere Informationen und Unterlagen
ersuchen können. Dies ist nicht geschehen. Dementsprechend ist der Rekurs
gutzuheissen und die angefochtene Verfügung der Vorinstanz vom 8. Januar 2018
aufzuheben. Die Angelegenheit ist gestützt auf Art. 56 Abs. 2 VRP zur weiteren
Abklärung und zu neuer Verfügung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eine
Rückweisung erscheint sachgerecht, weil mit weiteren Abklärungen die
Beweisgrundlagen wesentlich ergänzt werden können. Zudem würde es zu einer
Verkürzung des Rechtsmittelwegs führen, wenn die Verwaltungsrekurskommission die
Beweisergänzung selbst vornehmen würde. Nachdem der Rekurrent mit seinem
Hauptantrag durchdringt, erübrigen sich weitere Ausführungen zu seinem
Eventualantrag zur Festsetzung der Dauer des Führerausweisentzugs.
3.- a) Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint angemessen (vgl. Art. 7
Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Dem Rekurrenten ist der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– zurückzuerstatten.
b) Zufolge Obsiegens hat der Rekurrent Anspruch auf volle Entschädigung seiner
Parteikosten (Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund der Rechts- und Sachlage als
notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Im Rekursverfahren war
der Beizug eines Rechtsbeistandes geboten. Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote
eingereicht, weshalb die Entschädigung für die Anwaltskosten ermessensweise
festzulegen ist (Art. 6 der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS
963.75, abgekürzt: HonO). Im Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird
das Honorar als Pauschale ausgerichtet. Der Rahmen liegt zwischen Fr. 1'000.– und
Fr. 12'000.– (Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das
Grundhonorar nach den besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang der
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Bemühungen, der Schwierigkeit des Falls und den wirtschaftlichen Verhältnissen der
Beteiligten bemessen (Art. 19 HonO). Der Sachverhalt und die sich stellenden
Rechtsfragen waren im vorliegenden Fall überschaubar. Der Aktenumfang war zudem
gering, weshalb ein Honorar von Fr. 1'600.– als angemessen erscheint. Hinzuzuzählen
sind Barauslagen von Fr. 64.– und die Mehrwertsteuer von Fr. 133.10 (Art. 28 Abs. 1
und Art. 29 HonO). Die ausseramtliche Entschädigung beträgt damit insgesamt
Fr. 1'797.10; kostenpflichtig ist der Staat (Vorinstanz).