Decision ID: 5869e9b1-8614-4a5b-ae3c-2268f35d6314
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1981 geborene
X._
absolvierte eine Detailhandelslehre und arbeitete bis 2007 bei verschiedenen Arbeitgebern als
Detailhandelsange
stellter
. Am 12. Februar 2009 meldete er sich unter Hinweis auf eine psychische Störung seit Kindheit bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug (Mass
nahmen für die berufliche Eingliederung) an (Urk. 8/5). In der Folge tätigte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, beruflich-erwerbliche (Urk. 8/11, Urk. 8/12, Urk. 8/19, Urk. 8/20) sowie medizinische (Urk. 8/15, Urk. 8/16, Urk. 8/18, Urk. 8/
26, Urk. 8/27, Urk. 8/37, Urk. 8/39, Urk. 8/41, Urk. 8/51)
Abklärungen
. Mit Mitteilung vom 18. April 2011 schloss sie die am 7. Dezember 2010 (Urk. 8/56/3) aufgenommene Arbeitsvermittlung erfolglos ab (Urk. 8/55).
Anschliessend zog sie
eine
n weiteren Arztbericht
(Urk. 8/57)
bei und liess
den Versi
cherten durch Dr. med.
Y._
, Facharzt FMH Psychiatrie und Psychotherapie, begutachten (Gutachten vom 14. Oktober 2011, Urk. 8/62). Nach Erlass des Vorbescheides vom 9. November 2011 (Urk. 8/71) verneinte sie mit Ve
rfügung vom 4. Januar 2012
ein
en Leistungsa
nspruch des Versicherten (Urk. 2).
2.
Hiergegen erhob
X._
durch Rechtsanwältin
Christina Ammann
am 2. Februar 2012
Beschwerde mit den Anträgen, es sei ihm rück
wirkend ab Februar 2008 eine ganze Invalidenrente zuzusprechen und es sei ihm ein unentgeltlicher Rechtsbeistand sowie die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen (Urk. 1 S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom 8. März 2012 ersuchte die Beschwerdegegnerin um Abweisung der Beschwerde (Urk. 7). Am 14. März 2012 bewilligte das Gericht für das vorliegende Verfahren die unentgeltliche Prozessführung und bestellte Rechtsanwältin Christina Ammann als unentgeltli
che Rechtsvertreterin (Urk. 9). Mit Stellungnahme vom 19. März 2012 (Urk. 10) reichte der Beschwerdefüh
rer einen weiteren Arztbericht ins Recht
(Urk. 11).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien sowie die Akten ist, soweit für die
Entscheidfin
dung
erforderlich, in den Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (
Art.
8
Abs.
1 ATSG). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (
Art.
4
Abs.
1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmög
lichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7
Abs.
1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berück
sichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
Gemäss ständiger Rechtsprechung begründet eine Drogensucht für sich allein keine Invalidität, sondern nur in Verbindung mit einem die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigenden geistigen, körperlichen oder psychischen
Gesundheitsscha
den
mit Krankheitswert, der zur Sucht geführt hat oder als deren Folge einge
treten ist (BGE 102 V 167, 99 V 28 E. 2; AHI 2002 S. 30 E. 2a, 2001 S. 228 f.
E.
2b; SVR 2001 IV Nr. 3 S. 7 E. 2b; Urteil des Bundesgerichts I 940/05 vom 10. März 2006 E. 2.1 mit Hinweisen).
Eine psychisch bedingte Invalidität im Sinne des Gesetzes liegt nur dann vor, wenn ein psychisches Leiden mit Krankheitswert fachärztlich ausgewiesen ist und es der betroffenen Person trotz Aufbietung allen guten Willens, die verblei
bende Leistungsfähigkeit zu verwerten, wegen ihrer Beschwerden nicht zuzu
muten ist, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, wobei das Mass des
Forderbaren
weitgehend objektiv bestimmt wird (BGE 130 V 352 f. E. 2.2.1, 131 V 49).
1.2
Das Sozialversicherungsgericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustel
len und alle Beweismittel objektiv zu prüfen, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden, ob sie eine zuverlässige Beur
teilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten. Insbesondere darf es beim Vorliegen einander widersprechender medizinischer Be
richte den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweisma
terial zu würdigen und die Gründe anzu
geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (ZAK 1986 S. 188 E. 2a). Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist im Lichte dieser Grundsätze ent
scheidend, ob es für die Beant
wortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen allseitigen Untersuchun
gen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit
diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt
was vor allem bei psychischen Fehlent
wicklungen nö
tig ist
, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinander
setzung mit den
Vorakten
abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge ein
leuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Exper
ten in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszu
räumende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Be
antwortung der Fragen erschweren oder ver
unmöglichen, gegebe
nenfalls deutlich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; U. Meyer
Blaser, Die Rechtspflege in der Sozialversi
cherung, BJM 1989, S. 30 f.; derselbe in H.
Fredenhagen
, Das ärztliche Gutach
ten,
3.
Aufl. 1994, S. 24 f.).
2.
2.1
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Anspruch des Beschwerdeführers zu Recht abgewiesen hat.
2.2
Die Beschwerdegegnerin
erwog in der angefochtenen Verfügung
, die Abklärun
gen hätten ergeben, dass die Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers vor allem durch sein Abhängigkeitsverhalten begründet sei und deshalb keine Inva
lidität im Sinne des Gesetzes vorliege (Urk. 2).
2.3
Dem hielt der Beschwerdeführer zusammengefasst entgegen, Gutachter Dr.
Y._
ersehe zwar ein psychisches Leiden mit Krankheitswert, sei jedoch im Widerspruch dazu der Auffassung, die Sucht sei Ursache des psychischen und somatischen invalidenversicherungsrechtlich relevanten Leidens. Dabei verkenne er den tatsächlichen Ablauf der bereits seit der Jugend bestehenden
Borderline
-Störung
sowie der
Aufmerksamkeitsdefizit- und
Hyperaktivitätsstö
rung
(ADHS)
mit depressiver Entwicklung. Dr.
Y._
halte zwar fest, dass er bereits im vierten und fünften Lebensjahr unter den Streitigkeiten der Eltern und der Alkoholabhängigkeit des Vaters schwer gelitten habe, er zuhause des
wegen ständig Angst
gehabt habe
, etwas falsch zu machen, und er
,
wie auch seine Mutter und Schwester
,
vom Vater immer im Affekt geschlagen worden sei. Bereits im Primarschulalter habe er sich heimlich Schnittverletzungen zugefügt. Dr.
Y._
habe
sich mit der traumatisier
ten
Jugend in keiner Art und Weise auseinander
gesetzt
(Urk.
1
S. 6).
3.
3.1
Die Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin hängt aufgrund der hier unstrittig vorliegenden Suchtproblematik davon ab, ob die
Polytoxikomanie
im Sinne der dargelegten Recht
sprechung (vgl. E. 1.1) Folge einer vorbestehenden, die Erwerbsfähigkeit einschränkenden
,
gesundheitlichen Beeinträchtigung mit Krankheitswert ist oder die Suchtmittelabhängigkeit zu einer solchen geführt hat
,
oder ob ohne kausale Verknüpfung mit der Suchtproblematik eine
Gesund
heitsstörung
mit invaliden
versicherungsrechtlich relevanter Auswirkung auf die Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit besteht.
3.
2
3.2.1
Gemäss Bericht des
Z._
, Poliklinik für Drogenmedizin, vom 22. Juni 2009 (Urk. 8/18) befand sich der Beschwerdeführer ab dem 24. November 2005 auf
grund von Alkohol-, Opioid- und
Kokainabusus
in einer
Substitutionsbehand
lung
, welche er
am 24. Februar
2009 abbrach. Mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit wurde eine rezidivierende depressive Störung seit dem 20. April 2006, unter Antidepressiva remittiert, diagnostiziert (Urk. 8/18/2).
3.2.2
Von August 2007 bis Februar 2009 wurde der Beschwerdeführer durch den Psychologen
lic
. phil.
A._
sowie Dr. med.
B._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, behandelt, welche im Bericht vom 3.
April 2009 (Urk. 8/16) neben den
Abhängigkeitsdiagnosen (ICD-10 F11.22 und F14.20) eine abhängige Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.7)
und
eine
Dys
thymie
(ICD
-10 F34.
1
) diagnostizierten sowie
den Verdacht auf ein
e
ADHS äusserten (Urk. 8/16/2).
3.2.3
Die erste psychiatrische
Hospitalisation
fand vom 18. Februar bis 12. Mai 2009 in der
Privatklinik
C._
(
Klinik
C._
)
statt (Urk. 8/15). Im
Aus
trittsbericht
vom 12. Mai 2009 (Urk. 8/26) wurden
ein
Opiatabhängigkeitssyn
drom
(gegenwärtig Teilnahme an einem ärztlich überwachten
Ersatzdrogenpro
gramm
), psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol mit schädlichem Gebrauch,
eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung und eine remittierte leichte depressive Episode diagnostiziert (Urk. 8/26/1).
Von den
Wochenendur
lauben
sei
d
er Beschwerdeführer
bis auf einen einmaligen Rückfall mit Konsum von Kokain und Alkohol stets ohne Konsum zurückgekehrt. Er habe erlernte Handlungsstrategien zunehmend besser umsetzen und in dieser Zeit auch wie
der Kontakt zu den für ihn wichtigen Personen aufnehmen und kleine Unter
nehmungen durchführen können. Der Beschwerdeführer sei psychisch gut sta
bilisiert in die Therapieeinrichtung
D._
zur Anschlussbehandlung überge
treten (Urk. 8/26/4).
3.2.
4
Im Anschluss an die
Hospitalisation
in der Klinik
C._
nahm der Beschwerde
führer
vom
12. Mai 2009
bis 14. Mai 2010
an einem
sozialthera
peutischen
abstinenzorientierten Programm der Sozialtherapeutischen Gemein
schaft
D._
teil (Urk. 8/39/6
, Urk. 8/41/2
).
Parallel dazu wurde er in der Psychiatrischen
Klinik E._
vom 29. Mai bis 8. Dezember 2009 ambulant behandelt (Urk. 8/37/1). Dem Bericht des
D._
vom 14. Juni 2010 (Urk. 8/39) ist zu entnehmen, dass sich der Beschwerdeführer in den ersten Monaten motiviert und angepasst verhalten habe. Mit der Zeit habe sich eine Art Doppelleben etabliert, das in Rückfällen, mangelnder Transparenz und letztlich einem Diebstahl
ge
gipfelt
habe
, der zum Ausschluss aus dem
The
rapieprogramm
geführt habe (Urk. 8/3
9
/6).
Die behandelnden Ärzte der
E._
hielten im Bericht vom 1. Juli 2010 (Urk. 8/37) fest, die beim Beschwerdeführer bestehende
ADHS
habe einen hohen Erklärungswert für die Einschränkungen des Beschwerdeführers. Insbesondere die Schwierigkeiten in der
Handlungspla
nung
bei komplexeren Anforderungen und die nachlassende Konzentration im
ida
liessen sich so plausibel erklären. Der in der Vergangenheit liegende
Sub
stanzkonsum
könne dabei im Wesentlichen als eine Selbstmedikation verstan
den werden. Der Gebrauch von Kokain reduziere dabei die
spezifischen Defizite durch die
ADHS und diene gleichzeitig der Regulation der Gefühlswelt zum Beispiel bei
Spannungen
. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt könne noch auf eine vollständige Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit hingearbeitet werden. Dies, da der Beschwerdeführer trotz klarer Einschränkungen auch selbst eine Tätigkeit auf dem Ersten Arbeitsmarkt anstrebe. Der Umgang mit krankheitsspezifischen Einschränkungen könne durch
supportive
Psychotherapie erlernt werden (Urk. 8/37/3).
3.2.5
Im Anschluss an
seinen Aufenthalt
im
D._
trat der
Beschwerdeführer
am 14. Mai 2010 in
die Klinik
C._
über
.
Im gegenseitigen Einvernehmen bei fehlender Selbst- und Fremdgefährdung
wechselte
er
am 1. Juli 2010 in die Stiftung
F._
(Interinstitutionelle Zusammenarbeit
,
Urk. 8/41/4). Im Zeitpunkt der Entlassung gingen die behandelnden Ärzte davon aus, dass durch kontinuierliches Arbeitstraining und berufliche Fördermassnahmen eine Ein
gliederung ins Erwerbsleben im Umfange von 80 bis 100 % möglich sein sollte (Urk. 8/41/5).
3.2.6
3.2.6.1
Vom 10. Juli 2010 bis 5. Mai 2011
wurde der Beschwerdeführer in der
E._
, Tagesklinik, Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen, teilstatio
när und anschliessend ambulant intern und extern durch den Psychologen
A._
behandelt (Urk. 8/57/1)
.
Im Bericht der
E._
vom 4. Juli 2011 (Urk. 8/57) ist
vermerkt, dass der Beschwerdeführer i
m September 2010 einen Konsum
r
ückfall mit danach lückenhafter Präsenz
erlitten habe. Insgesamt falle
eine Diskrepanz zwischen höflichen Umgangsformen, hoher Reflexionsbereitschaft und dekla
rierter Behandlungsmotivation und andererseits dem Nicht-Einhalten von Ter
minen und Absprachen auf. Formal sei die tagesklinische Behandlung per Ende April 2011 abgeschlossen gewesen, nachdem diese de facto seit Wochen
nicht mehr gegeben gewesen sei (Urk. 8/57/4). Mittelfristig sei eine Arbeitsfähigkeit von 50 % denkbar, zum Beispiel im Verlauf des Jahres 2011 (Urk. 8/57/6).
3.2.6.2
Im Bericht vom 12. Dezember 2010 (Urk. 8/51) führten die behandelnden Ärzte der
E._
zur psychiatrischen Vorgeschichte auf, beim Beschwerdeführer bestün
den seit der Jugend schnelle Stimmungswechsel
. Er habe
in der Schule anfäng
lich Konzentrations- und Lernschwierigkeiten
gehabt
. Später habe er sich Selbstverletzungen zwecks Spannungsreduktion zugefügt sowie an depressiven Tiefs immer wieder über einige Tage gelitten. Vor vier bis fünf Jahren habe eine längere depressive Verstimmung mit sozialem Rückzug, Ängsten, massiven Antriebsstörungen und exzessivem Konsum insgesamt länger als ein Jahr ange
dauert. Vor ca. eineinhalb Jahren sei nach einer entsprechenden Abklärung und Testung die Erstdiagnose ADHS erfolgt. Unter der Behandlung mit Ritalin habe sich der Beschwerdeführer deutlich stabiler, weniger impulsiv und konzentrier
ter gezeigt.
Er
beschreibe intermittierende Flashbacks mit Schwitzen und innerer Unruhe sowie Spannungen im Zusammenhang mit seinen Erinnerungen an seine Zeit auf dem Stric
h
mit Gewalterfahrungen, wobei früher oft
Selbstverlet
zungen
in diesem Zusammenhang erfolgt
seien
(Urk. 8/51/3).
3.2.6.3
Im Bericht vom 4. Juli 2011
(Urk. 8/57)
hielten die behandelnden Ärzte der
E._
a
namnestisch fest
,
dass
der Beschwerdeführer
die Familienverhältnisse als sehr schwierig beschrieben
habe
. Bereits als Kind sei
er
regelmässig vom Vater geschlagen worden. Der Beschwerdeführer werde von seiner Mutter als „unruhig und zappelig“ beschrieben. Er habe sich schlecht konzentrieren können, was schon im Kindergarten und später auch in der Schule zu Schwierigkeiten geführt habe. Im Rahmen einer schulpsychologischen Abklärung sei eine Legasthenie diagnostiziert worden. Aufgrund von Lispeln sei er logopädisch behandelt worden. In der Schule sei er gut integriert gewesen und habe viele Freunde gehabt. Mittels Nachhilfeunterricht in Mathematik sei ein
prüfungs
freier
Übertritt in die Sekundarschule möglich gewesen. Dort seien keine gros
sen schulischen Schwierigkeiten aufgetreten. Auch sozial sei er gut integriert geblieben
und
habe sich mit Fussball und Musik befasst.
Er
habe eine Ausbil
dung zum Kaminfeger aufgenommen, welche er mangels beruflicher Perspekti
ven nach eineinhalb Jahren wieder abgebrochen habe. Mit ca. 15 Jahren habe
er begonnen, Partydrogen zu konsumieren. Mit 16 Jahren sei auch Heroin- und Kokaingebrauch dazugekommen. Als Zusatzverdienst sei der Beschwerdeführer während etwa eineinhalb Jahren anschaffen gewesen. Im selben Zeitraum habe eine etwa sechs Jahre dauernde Phase mit Selbstverletzungen (Schneiden an Armen und Beinen sowie Zufügen von Verbrennungen) eingesetzt, welche
er
zur Spannungsreduktion eingesetzt habe.
Er
habe später eine Ausbildung zum Detailhandelsangestellten aufgenommen. Nach Ausbildungsabschluss sei er
zuerst
als stellvertretender Geschäftsführer
, dann
für zwei Jahre als Geschäfts
führer
in einem Feinkostladen tätig gewesen
.
Später sei die Filiale geschlossen worden. An den nächsten Stellen habe er die Arbeit als monoton und langweilig erlebt. Er habe keine Herausforderung mehr gesehen, was zu einer Steigerung des Konsums von Heroin, Kokain und Alkohol geführt habe. Die späteren Anstellungen bei
G._
und
H._
habe er aufgrund von Drogenkonsum und Konflikten mit seinen Vorgesetzten nach kurzer Zeit verloren. Seit 2006 gehe er keiner Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt mehr nach. Zwischenzeitlich sei er bei Taglohnprojekten und Kursen des Regionalen
A
rbeitsvermittlungszent
rums
eingebunden gewesen (Urk. 8/57/2).
3.2.7
Dr.
Y._
hielt im Gutachten vom 14. Oktober 2011 (Urk. 8/62) als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine
Polytoxikomanie
, ICD-10 F19, Alkohol, Cannabis, Heroin, Kokain, LSD, etc., seit Jugend, unter Meth
adon
und
Stimulanzienbehandlung
sowie nach Therapieprogrammen bzw. bei laufender Rehabilitation teilweise stabilisiert, und als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (1) eine persistierende ADHS, ICD-10 F90.0, seit Kindheit, unter
Stimulanzientherapie
weitgehend remittiert, (2) eine emotionale Dysregulation mit Selbstverletzungen, ICD-10 X.84, inzwischen weitgehend stabilisiert, nicht im Ausmass einer Persönlichkeitsstörung im engeren Sinne, (3) eine rezidivie
rende depressive Störung, vorwiegend leichte Episoden, ICD-10 F33.4, langjäh
rig, gegenwärtig remittiert sowie (4) eine
subsyndromale
bis
leichtgradige
Ago
raphobie mit Panikstörung, F40.01, langjährig,
ohn
e wesentliche
„
alltagsprak
tische
“
Einschränkungen
, fest
(Urk. 8/62/15-16). Die mit Ritalin inzwischen gut kompensierte ADHS
wie auch die bisherigen
leichtgradigen
depressiven Episo
den schränkten die Arbeitsfähigkeit nicht oder nur geringfügig ein. Aktuell könnten beide Störungen in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit vernachlässigt wer
den. Die fragliche Persönlichkeitsstörung bzw. emotionale Instabilität an sich habe bis Ende 2006 zu keiner Einschränkung der Arbeitsfähigkeit geführt. Es gebe keinen erkennbaren Grund, warum dies jetzt, nach/bei fortgeschrittener Suchttherapie und unter stabilisierender Medikation, der Fall sein sollte. Die Arbeitsfähigkeit sei und werde durch den langjährigen
Substanzabusus
beein
trächtigt. Ab 2007, mit Verlust der Stelle bei
G._
, sei es dem Beschwerdeführer nicht mehr über längere Zeit gelungen, arbeitstätig zu sein. Während der laufenden Therapie habe ohnehin aufgrund der Therapien keine Arbeitsfähigkeit bestanden. Aktuell arbeite der Beschwerdeführer halbschichtig geschützt im Bürobereich. Eine stabile Abstinenz habe bisher nicht erreicht werden können. Bis Ende 2011 müsse man deshalb von einer Arbeitsfähigkeit von 0 % im freien Markt bzw. einer Arbeitsfähigkeit von 50 % im geschützten Rahmen ausgehen. Ab Januar 2012, eine Fortführung der aktuellen Therapie vorausgesetzt, sollte der Beschwerdeführer wieder stabiler sein und folglich die Arbeitsfähigkeit auch im freien Markt bei 50 % liegen, mit einer Steigerung auf 100 % innerhalb von drei bis sechs Monaten (Urk. 8/62/19).
3.3
3.3.1
Das Gutachten von Dr.
Y._
vom 14. Oktober 2011 (Urk. 8/62) basiert auf psychiat
rischen Untersuchungen und wurde in Kenntnis der und in Auseinan
dersetzung mit den
Vorakten
(Anamnese) abgegeben. Dr.
Y._
erhob detail
lierte und nachvollziehbare Befunde und Diagnosen und setzte sich mit den vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden und seinem Verhalten auseinan
der. Zudem legte er die medizinischen Zusammenhänge und die me
dizinische Situation einleuchtend dar und begründete seine Schlussfolgerungen nachvoll
ziehbar. Dem Gutachten von Dr.
Y._
kommt somit grundsätzlich volle Beweiskraft zu (vgl. Erwägung 1.2).
3.3.2
Einigkeit besteht zwischen
den
Parteien hinsichtlich der Diagnosen der
Polytoxi
komanie
, der Depression
sowie
der
ADHS (Urk. 8/62/18).
Streitig ist hingegen, ob der Beschwerdeführer an einer die Arbeitsfähigkeit beeinträchti
genden Persönlichkeitsstörung, welche die Sucht verursachte
, oder aber er an einer emotio
nalen Dysregulation leidet, welche als Folge der Suchterkrankung bereits in der Jugend entstand.
3.3.3
Dr.
Y._
diagnostizierte beim Beschwerdeführer einzig eine
Polytoxikomanie
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Ein anderes selbständiges psychisches Leiden mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit konnte er hingegen beim Beschwer
deführer nicht ersehen. So führte er bezüglich der streitigen
Persönlichkeitsstö
rung
aus, durchgängig sei
en
Selbstverletzungen zur intrapsychischen
Span
nungsregulation
dokumentiert. Diese hätten sich aber offenbar deutlich gebes
sert. Die Emotionsregulation sei nur ein Teilbereich der Persönlichkeit. Es gebe durchaus Patienten, die zwar eine emotionale Dysregulation hätten, aber keine Persönlichkeitsstörung im engeren Sinne. Auf Strukturebene
könne
sich der Beschwerdeführer selber und seine wichtigsten Lebensziele konsistent beschrei
ben. Auch die sexuelle Identität sei klar. Insofern liege keine emotional-insta
bile Persönlichkeitsstörung vor, sondern nur eine inzwischen gut kompensierte Störung der emotionalen Dysregulation (Urk. 8/62/15).
Bezüglich abweichender ärztlicher Beurteilungen in den Akten
hielt Dr.
Y._
fest, der frühe
Suchtmit
telgebrauch
blockiere die übliche altersgerechte emotionale Entwicklung, inso
fern hätten Suchtkranke, wenn sie später abstinent würden, erhebliche Defiz
ite im emotionalen Bereich, die
sie dann aber im Verlauf weiterer Therapie wieder schliessen könnten. Auch der Beschwerdeführer könne sich emotional inzwi
schen besser regulieren. Die emotionale Dysregulation mit Selbstverletzungen rechtfertige zudem alleine noch keine Persönlichkeits
störungs
diagnose. Min
destens aktuell erfülle der Beschwerdeführer nicht mehr die Kriterien einer
Per
sönlichkeitsstörung
im Sinne der ICD. Selbst wenn man davon ausginge, dass eine solche vorläge, wäre damit keine Arbeitsunfähigkeit verknüpft, da der Beschwerdeführer jahrelang trotz Drogenkonsum und Persönlichkeitsstörung hatte vollzeitig lernen und arbeiten
können. Über die emotionale Dysregulation, die aktuell gut kompensiert sei, lasse sich auch kein sekundärer Drogenkonsum herleiten. Die Hauptmotivation für den Drogenkonsum sei
en
Experimentierlust und die Vermeidung von Langeweile mit rascher Abhängigkeitsentwicklung und suchtspezifischer Eigendynamik gewesen (Urk. 8/62/18). Einleuchtend qua
lifizierte Dr.
Y._
die
Polytoxikomanie
als
primäre Krankheit
und als
Ursache
eines psychischen
Leiden
s
ohne Auswi
rkung auf die Arbeitsfähigkeit.
3.3.4
Der vom Beschwerdeführer vorgetragene Einwand, wonach er bereits in der
Pri
marschulzeit
mit Selbstverletzungen begonnen und Dr.
Y._
die schwierigen Familienverhältnisse zwar erhoben, jedoch nicht berücksichtig
t
habe, verfängt nicht.
Der Beschwerdeführer gab an, im Zusammenhang mit dem beginnenden Heroin- und Kokaingebrauch und dadurch bedingtem „Anschaffen“ habe eine Phase mit
Selbstverletzungen begonnen. Damals war der Beschwerdeführer aber bereits 16 Jahre alt (vgl. E. 3.2.6.3).
Andernorts wurde festgehalten, in der Schule habe er anfänglich Konzentrations- und Lernschwierigkeiten gehabt und später habe er sich Selbstverletzungen zwecks Spannungsreduktion zugefügt (vgl. E. 3.2.6.2). Nicht belegt sind damit Selbstverletzungen bereits während der Primarschulzeit.
Unter „Krankheitsentwicklung“ notierte Dr.
Y._
die
vom Beschwerdeführer beschriebenen
schwierigen Familienv
er
h
ältnisse (vgl. Urk. 8/62/8)
.
Allerdings
erachtete
er sie
nicht als derart gravierend, dass sie eine ursächliche Persönlichkeitsstörung bewirkten. Dies erscheint angesichts der anamnestischen Anhaltspunkte
überzeugend
. Aktenkundig
sind
zwar
die
durch die ADHS induzierten
Probleme in Kindergarten und Primarschule, jedoch
war der Beschwerdeführer
immer gut in
der Schule i
ntegriert und
benötigte lediglich
zum prüfungsfreien Übertritt in die Sekundarschule Nachhilfeunterricht in Mathematik. Anschliessend erfolgte das Durchlaufen der
Sekun
darschule ohne grosse Probleme (vgl. E. 3.2.6.2). Der Drogenkonsum begann somit
in einer Phase ohne
nennenswerte Schwierigkeiten. Selbst die
erst viel später diagnosti
zierte, jedoch gemäss med
izinischer Beurteilung
schon seit Kindheit bestehende und damals unbehandelte ADHS vermochte nicht, ihm in
der
Sekundarschule Probleme zu bereiten
. Die
anschliessend
e
Lehre als Kaminfeger
brach er
wegen
mangelnder
Berufsaussichten
und
nicht
aufgrund
psychische
r
Beschwerden
ab. Ebenso absolvierte er die
Detailhandelslehre
mühe
los
mit einer Gesamtnote 5.0 (
Urk.
8/4/15).
Auch der Berufseinstieg und die Berufsausübung an mehreren Stellen
waren unauffällig
. Der Beschwerdeführer erhöhte den Suchtkonsum,
nachdem er seine Tätigkeit als
Geschäftsführer
hatte aufgeben müssen und
weil
die
nächste
n
Stelle
n
langweilig und öde
gewesen waren (vg
l
. E. 3.2.6.3)
.
Richtig ist zwar, dass die
E._
die
Polytoxikomanie
als durch die
Persönlichkeitsstörung
verursacht qualifizierte
.
Hierzu ist jedoch festzuhalten, dass
rechtsprechungsge
mäss
psychiatrische Explorationen von der Natur der Sache her nicht
ermes
sensfrei
erfolgen, weshalb verschiedene medizinisch-psychiatrische Interpretati
onen möglich, zulässig und zu respektieren sind, sofern der Experte lege
artis
vorgegangen ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 5. März 2009 in Sachen A., 8C_694/2008,
Erw
. 5.1). Insofern lässt sich nur schon deshalb die unterschiedli
che
Beurteilung der Kausalität erklären
.
Kommt hinzu, dass die abweichende Einschätzung anderer – insbesondere behandelnder – Ärzte nicht zwingend gegen den Beweiswert des Gutachtens von Dr.
Y._
sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/
bb
und cc S. 353).
3.4
Zusammenfassend ist gestützt auf das Gutachten von Dr.
Y._
lediglich eine primäre
Polytoxikomanie
mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ausgewiesen, welche jedoch gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
invalidenversiche
rungsrechtlich
ohne Relevanz bleibt. Damit verneinte die Beschwerdegegnerin den Leistungsanspruch des Beschwerdeführers zu Recht. Dies führt zur Abwei
sung der Beschwerde.
4.
4.1
Die Entschädigung der unentgeltlichen Rechtsvertretung wird gestützt auf § 9 in Verbindung mit § 8 der Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschä
digungen vor dem Sozialversicherungsgericht sowie in Verbindung mit § 34 Abs. 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) nach der Be
deutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und
den Barauslagen bemessen, wobei ein unnötiger oder geringfügiger Aufwand nicht ersetzt wird.
4.2
Mit
Honorarnote vom 25. Juni 2013
machte
Rechtsanwältin
Christina Ammann
Aufwendungen von total
8.25
S
tunden sowie Auslagen von Fr. 27.80
geltend
(Urk. 15, Urk. 16
), was angemessen erscheint.
Bei einem gerichtsüblichen Stundenansatz von Fr. 200.-- und unter Berück
sich
ti
gung von Barauslagen von Fr.
27.80
resultiert demnach eine Entschädigung inklusive 8 % Mehrwert
steuer von Fr.
1‘812.-- (8.25
Stunden x Fr. 200.-- = Fr.
1‘650.--;
Barausla
gen
: Fr. 27.80
; 8 % Mehrwertsteuer = Fr.
134.20
).
4.3
Kommt der Beschwerdeführer künftig in günstige wirtschaftliche Verhältnisse, so kann ihn das Gericht zur Nachzahlung der ihm erlassenen Gerichtskosten und der Auslagen für die unentgeltliche Vertretung verpflichten (vgl.
§
16
Abs.
4 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht [
GSVGer
]).
5.
Gestützt auf Art. 69 Abs. 1
bis
IVG ist das Beschwerdeverfahren kostenpflichtig. Die Kosten sind unabhän
gig vom Streitwert nach dem Verfahrensaufwand fest
zule
gen und vorliegend auf Fr. 7
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie dem Beschwerdeführer aufzuerlegen,
jedoch zufolge der Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung einstweilen auf die Gerichts
kasse zu nehmen.