Decision ID: 9775868e-d535-57f8-adbd-e6fff16126e8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Eth-
nie – suchte am 27. Juli 2018 in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Mit Zuweisungsentscheid vom 27. Juli 2018 wurde er dem Verfahrens-
zentrum Zürich zugewiesen; sein Gesuch sollte gemäss Art. 4 Abs. 3 der
Verordnung über die Durchführung von Testphasen zu den Beschleuni-
gungsmassnahmen im Asylbereich (Testphasenverordnung, TestV, AS
2013 3075, damals SR 142.318.1, in Kraft bis zum 28. September 2019
gemäss Art. 41 Abs. 3 TestV i.d.F. gemäss AS 2015 2055) behandelt wer-
den. Am 2. August 2018 erfolgte im Verfahrenszentrum die Personalienauf-
nahme («PA»), am 13. August 2018 das persönliche Gespräch gemäss
Art. 5 Verordnung (EU) Nr. 604/2013 («Dublin-Gespräch»). Aufgrund der
geltend gemachten Einreise nach Europa via Marokko und Spanien stellte
das SEM der zuständigen spanischen Behörde am 24. August 2018 einen
Antrag auf Übernahme, dem diese mit Mitteilung vom 20. September 2018
zustimmte. Zum Entwurf des Nichteintretensentscheides vom 20. Septem-
ber 2018 nahm die damalige Rechtsvertretung am 24. September 2018
Stellung. Mit Verfügung vom 24. September 2018 trat das SEM auf das
Asylgesuch nicht ein, wies den Beschwerdeführer nach Spanien weg und
setzte eine Ausreisefrist; dies unter Androhung des Vollzuges unter Zwang
und Beauftragen des Kantons B._ mit dem Vollzug. In der Folge
tauchte der Beschwerdeführer unter.
C.
Am 4. April 2020 stellte der Beschwerdeführer ein Gesuch um Wiederauf-
nahme des Asylverfahrens. Auf Rückfrage des SEM nach seinem zwi-
schenzeitlichen Aufenthalt teilte er am 21. April 2020 mit, er habe sich nach
Spanien begeben wollen, aber die Grenze nicht überschreiten können,
weshalb er in der Folge in Frankreich gelebt habe. Seit Ende Februar 2020
befinde er sich wieder in der Schweiz. Mit Verfügung vom 23. April 2020
hob das SEM den Nichteintretensentscheid vom 24. September 2018 auf
und nahm das Asylverfahren wieder auf.
D.
Am 8. Juli 2020 erfolgte die Anhörung des Beschwerdeführers.
Anlässlich der PA und der Anhörung brachte er zu seinen persönlichen Hin-
tergründen vor, er sei am (...) in C._ geboren. Am (...) habe er seine
E-4917/2020
Seite 3
(...) in C._ geborene Ehefrau geheiratet. Er habe – von einer zwi-
schenzeitlichen Umsiedlung während des Bürgerkrieges abgesehen – in
D._ gelebt. Er habe zehn Jahre lang die Schule besucht und später
als Beruf (...). Er habe Sri Lanka am (...) 2007 verlassen. In Sri Lanka
stehe er mit seiner Mutter, Schwester und dem Schwager in telefonischem
Kontakt, der Vater sei schwerhörig. In der Nähe der Eltern wohnten zwei
Tanten; sein Bruder wohne in der Schweiz, ein Onkel in Frankreich. Nach-
dem er Sri Lanka verlassen habe, habe er mit einem Fünfjahresvertrag in
Saudi-Arabien gearbeitet und Klimaanlagen installiert. Er sei 2012 mit ei-
nem indischen Pass nach Marokko weitergereist. Er habe in einem (...)
gearbeitet und eigentlich in die Schweiz kommen wollen, aber keine
Chance gehabt. 2018 sei er über Spanien und Frankreich in die Schweiz
gelangt. Nach dem Nichteintretensentscheid habe er versucht, anord-
nungsgemäss nach Spanien zu reisen, sei aber an der Grenze zurückge-
wiesen worden. Er habe dann bei anderen Sri-Lankern gelebt, die gegen
(...) für ihn aufgekommen seien.
Zu den Fluchtgründen führte der Beschwerdeführer an der Anhörung aus,
er sei in der Bewegung gewesen. Er sei am 19. April 2003 dazu gestossen,
nachdem man ihn einer eigentlichen Hirnwäsche unterzogen gehabt habe.
Ein Mitglied der Familie habe sich der Bewegung anschliessen müssen. Er
habe in E._ – im Waldgebiet (...) – die ersten drei Monate (der auf
ein Jahr angelegten) Grundausbildung durchlaufen, sei dann aber deser-
tiert und zurück nach D._ gegangen. Da gerade eine Periode der
Waffenruhe geherrscht habe, habe das unmittelbar keine Probleme zur
Folge gehabt. Im Jahr 2004 hätten ihn Militärs aus dem Laden eines ent-
fernten Onkels mitgenommen, wo er geholfen habe, Kleider für die LTTE
herzustellen. Die LTTE hätten dort ihre Uniformen respektive zivile Kleider
herstellen lassen und ihn gelegentlich angehalten, Waren aufzuladen. Dar-
über hinaus habe er keine Kontakte zu den LTTE mehr gehabt. Die Arbeit
habe er gemacht, um den Beruf zu erlernen und weil es sich um einen
Angehörigen gehandelt habe. Anlässlich der Mitnahme sei er zu den LTTE
befragt worden, insbesondere, ob er Waffen geliefert habe. Das habe er
zutreffenderweise verneint. Er sei geschlagen worden. Seine Eltern seien
erschienen, seine Mutter habe geweint und schliesslich sei er freigelassen
worden. Die Festnahme habe ca. zwei Stunden gedauert. Der Onkel sei
auch geschlagen worden, da er aber keine Verbindungen gehabt habe,
habe man von ihm abgelassen. Er, der Beschwerdeführer, sei weder in Sri
Lanka noch im Exil politisch tätig (gewesen). Am 12. November 2006 seien
CID und Armee gekommen, um ihn zu suchen, es seien in jener Nacht
E-4917/2020
Seite 4
mehrere seiner Freunde mit Beziehungen zu den LTTE mitgenommen, de-
ren zwei gar getötet worden. Er und sein Bruder seien sodann geflohen.
Sein Bruder habe eine Schusswunde erlitten. Sie hätten sich bis zum Mor-
gen im Gebüsch versteckt, seien dann zu einem Arzt, der die Kugel aus
des Bruders Bein herausgeholt habe. Ein Priester habe ihnen geholfen,
nach Colombo zu gelangen, dorthin sei ein Onkel gekommen, der sie bei
einem hinduistischen Priester untergebracht und die Ausreise organisiert
habe. So sei er nach Saudi-Arabien gelangt. Der Bruder indessen sei in
Colombo aufgegriffen und gefoltert worden. Man habe ihn mittels Beste-
chung befreien und über Malaysia in die Schweiz schleusen können. Er
selbst habe 2012, nach Ablauf seines Arbeitsvertrages, nach Sri Lanka zu-
rückkehren wollen. Wie er seine Mutter darüber informiert habe, habe sie
ihn informiert, es sei eine Vorladung für ihn gekommen. Er solle auf keinen
Fall zurückkehren und woandershin gehen, andernfalls sie ihn töten wür-
den. Auch in seiner Abwesenheit hätten die Militärs regelmässig nach ihm
gefragt. Er habe nachgedacht – schliesslich sei er schon nach Saudi-Ara-
bien, um sein Leben zu retten – und sich an seinen Schlepper gewandt.
Dieser habe ihn mit einem indischen Pass nach Marokko geschickt, von
dort sei er schliesslich in die Schweiz gelangt. Für den Fall einer Rückkehr
nach Sri Lanka fürchte er um sein Leben. Der Beschwerdeführer wurde mit
diversen Unstimmigkeiten konfrontiert (Datum Ausreise aus Saudi-Arabien
und der genannten Vorladung; Widersprüche zur [beigezogenen] Aussage
des Bruders [Datum, gemeinsame Flucht, Fluchtablauf]).
Die Hilfswerksvertretung präzisierte in ihren Bemerkungen einen Wider-
spruch zwischen den Aussagen des Bruders und des Beschwerdeführers
(geringere Divergenz der angegebenen Fluchtdaten) und wies darauf hin,
dass die Befragung unter erschwerten Bedingungen in der Pandemiesitu-
ation stattgefunden habe, sie somit keinen Sichtkontakt zu den Beteiligten
und keine direkte Einsicht in die Dokumente gehabt habe.
Als Beweismittel legte der Beschwerdeführer eine Bestätigung der LTTE
über den Anschluss an die Bewegung, eine Vorladung der Armee zur Be-
fragung und eine Bestätigung der Diözese C._ über die Betreuung
im Rahmen der Flucht vor.
E.
Mit Entscheid vom 7. September 2020 stellte das SEM fest, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle (Dispositiv-Ziffer 1)
und lehnte sein Asylgesuch ab (Ziff. 2). Es wies ihn aus der Schweiz weg
(Ziff. 3), setzte ihm Frist zur Ausreise aus der Schweiz und dem Schengen-
E-4917/2020
Seite 5
Raum, verbunden mit der Androhung des Vollzuges unter Zwang (Ziff. 4)
und der Beauftragung des Kantons B._ mit dem Vollzug (Ziff. 5).
Das SEM hatte für den Entscheid das Dossier des Bruders des Beschwer-
deführers – er hatte mit Verfügung vom (...) Asyl erhalten – beigezogen
(Begründung Ziff. I.7).
F.
Mit Eingabe vom 5. Oktober 2020 lässt der Beschwerdeführer gegen diese
Verfügung Beschwerde erheben. Er beantragt deren Aufhebung in den Dis-
positiv-Ziffern 1 und 3-5 (Rechtsbegehren Ziff. 1), die Zuerkennung der
Flüchtlingseigenschaft bei gleichzeitiger Erteilung der vorläufigen Auf-
nahme als Flüchtling (Ziff. 2), eventualiter die Gewährung der vorläufigen
Aufnahme im Sinne von Art. 83 AIG infolge Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs (Ziff. 4). In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragt er die
Erteilung der unentgeltlichen Rechtspflege; er sei von der Bezahlung eines
Kostenvorschusses und der Verfahrenskosten zu entbinden. Eine Fürsor-
gebestätigung reichte der Beschwerdeführer am 12. Oktober 2020 nach.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig. Es entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls – in der Regel und auch vorliegend – end-
gültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
E-4917/2020
Seite 6
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.4 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
1.5 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
2.
2.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
2.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.
3.1 Die Vorinstanz führte in der Begründung des angefochtenen Entschei-
des zum einen aus, die Schilderungen des Beschwerdeführers betreffend
die Rekrutierung, seine Zeit bei den LTTE im Jahr 2003, zum nächtlichen
Verhör im Jahr 2004, zur Flucht am (...) und zu den regelmässigen Vor-
sprachen der Armee bei seiner Mutter in der Heimat seien kurz und ober-
flächlich gehalten und wirkten nicht wie selbst erlebt. Die Vorbringen seien
nicht ausreichend substantiiert, stereotyp und ohne individuelle Prägung.
Sie seien insgesamt unglaubhaft (Begründung Ziff. II.1). Seine zeitlichen
Angaben im Umfeld seiner geplanten Rückkehr aus Saudi-Arabien und der
Vorladung durch die Armee im Jahr 2012 seien widersprüchlich respektive
E-4917/2020
Seite 7
nach auf Vorhalt erfolgter Korrektur des Ausreisedatums unplausibel. Es
ergäben sich aus den Akten zahlreiche Widersprüche zu den (seinerzeit
als glaubhaft erachteten) Vorbringen seines Bruders in dessen eigenem
Verfahren, insbesondere zum Datum der Flucht, zur Frage, ob sie gemein-
sam geflohen seien und zu zentralen Details des Fluchtablaufs. Die klaren
Widersprüche liessen weitere Zweifel an den ohnehin schlecht begründe-
ten Vorbringen zur Nacht der Flucht aufkommen (Ziff. II.2). Als Beweismit-
tel untauglich sei die eingereichte Bestätigung der Diözese C._, die
leicht fälschbar sei und materiell klare Widersprüche zu zentralen Aussa-
gen des Beschwerdeführers (betreffend Verletzung, zeitlicher Abläufe) auf-
weise. Das Dokument lasse vielmehr zusätzliche Zweifel aufkommen
(Ziff. II.3). Darüber hinaus seien die Vorbringen in mehreren Punkten lo-
gisch nicht nachvollziehbar. So sei unklar, wieso die angebliche Desertion
keine Konsequenzen gehabt haben solle, weshalb aber Armee und CID im
geschilderten Masse an ihm interessiert sein sollten und weshalb er 2012
eine Rückkehr erwogen habe, obwohl er wegen persönlicher Verfolgung
geflohen sein wolle. Insgesamt sei somit die Flüchtlingseigenschaft zu ver-
neinen und das Asylgesuch abzulehnen (Ziff. II. a.E.).
Infolge der Ablehnung des Asylgesuchs sei er zur Ausreise verpflichtet. Zur
Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges bemerkte die Vor-
instanz, mangels Flüchtlingseigenschaft könne sich der Beschwerdeführer
nicht auf den Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5 Abs. 1
AsylG und Art. 33 der Flüchtlingskonvention berufen. Aufgrund der allge-
meinen Menschenrechtssituation in Sri Lanka erscheine der Vollzug zum
heutigen Zeitpunkt nicht generell unzulässig, es sei nicht generell davon
auszugehen, Rückkehrern drohe eine unmenschliche Behandlung. Es sei
eine Risikoabschätzung vorzunehmen. Weder aus den Akten noch des Be-
schwerdeführers Aussagen ergäben sich Anhaltspunkte dafür, dass im
Falle einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine verbotene
Strafe oder Behandlung drohe. Bezüglich der Frage der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges führte die Vorinstanz aus, der bewaffnete Konflikt
zwischen den LTTE und der sri-lankischen Regierung sei im Mai 2009 be-
endet worden. Seither habe sich die Sicherheitslage merklich verbessert.
Seitherige Sicherheitsvorfälle hätten zwar zur Verschärfung der Sicher-
heitsvorkehrungen geführt; der Ausnahmezustand infolge der Anschläge
zu Ostern 2019 sei aber im August 2019 aufgehoben worden, aktuell be-
stehe keine gänzlich unsichere, von bewaffneten Konflikten oder anderen
unberechenbaren Unruhen dominierte Lage, aufgrund derer Rückkehrer
unabhängig ihres individuellen Hintergrundes konkret gefährdet seien. Es
bestehe keine Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4
E-4917/2020
Seite 8
AIG. Sodann prüfte die Vorinstanz mit Verweis auf das Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 die Frage der
Zumutbarkeit des Vollzuges in individueller Hinsicht. Sie hielt fest, der Be-
schwerdeführer sei jung und gesund, verfüge in Sri Lanka und vor allem im
Herkunftsgebiet über ein gefestigtes Beziehungsnetz; bei einer Rückkehr
könne davon ausgegangen werden, dass nötigenfalls Unterstützung von
Verwandten vor Ort und im Ausland erhältlich sei. In der Heimat und im
Ausland habe er Erfahrungen beim (...), im (...), bei der (...), im (...) und
in (...) erworben und verfüge über gewisse Kenntnisse des Englischen und
Arabischen. Mit der vielfältigen beruflichen Erfahrung und den Sprach-
kenntnissen sei anzunehmen, er werde in Sri Lanka eine Beschäftigung
finden. Zudem bestehe die Möglichkeit, individuelle Rückkehrhilfe zu be-
antragen. Damit sei der Wegweisungsvollzug auch in individueller Hinsicht
zumutbar. Schliesslich sei er auch technisch möglich und praktisch durch-
führbar.
3.2 Der Beschwerdeführer bezieht sich in der Beschwerde auf das nämli-
che Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015. Er räumt
ein, die Asylvorbringen nicht glaubhaft gemacht zu haben. Indessen lägen
bei ihm diverse der Risikofaktoren vor, welche gemäss dem genannten Re-
ferenzurteil zu prüfen wären. Als starker Risikofaktor sei die verwandt-
schaftliche Beziehung zum Bruder zu gewichten, dem in der Schweiz aus
politischen Gründen Asyl gewährt worden sei, der den sri-lankischen Be-
hörden hinreichend bekannt sei und als Separatist respektive LTTE-Mit-
glied gelte. Es müsse deshalb damit gerechnet werden, dass der Be-
schwerdeführer bei der Rückkehr in Befragungen mit den Aktivitäten des
landesabgängigen Bruders konfrontiert werde und ihm eigene Verbindun-
gen zu den LTTE unterstellt würden. Aus den Akten des Bruders ergebe
sich auch die LTTE-Mitgliedschaft zweier Onkel. Dazu kämen als schwa-
che Risikofaktoren die langjährige Landesabwesenheit – welche von der
Vorinstanz nicht in Frage gestellt werde und mit den Aussagen des Bruders
übereinstimme – und das Fehlen von Identitätspapieren. Aufgrund der Be-
deutung der Schweiz für die Diaspora und die LTTE dürfte eine Rückkehr
von hier eine erhöhte Aufmerksamkeit der Behörden mit sich bringen. Ins-
gesamt bestehe eine extrem hohe Wahrscheinlichkeit, dass er bereits am
Flughafen inhaftiert, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt oder gar getötet
werde (Beschwerdebegründung, Ziff. II.1)
Seit dem Ausgang der Wahlen vom 16. November 2019 spitze sich die
Menschenrechtslage in Sri Lanka zunehmend zu. Der jetzige Präsident,
Gotabaya Rajapaska (ehedem Verteidigungsminister unter der Regierung
E-4917/2020
Seite 9
seines Bruders und nunmehrigen Premierministers, Mahinda Rajapaska),
gelte als Verantwortlicher der Zerschlagung der Tamil Tigers. Es sei der
Aufbau eines autoritären Regimes mit clanartigen Strukturen zu beobach-
ten. Auch habe die Inhaftierung und Misshandlung einer Angestellten der
schweizerischen Botschaft eine diplomatische Krise zwischen der Schweiz
und Sri Lanka gezeitigt. Es müsse davon ausgegangen werden, dass Per-
sonen, die unter der Regierung von Mahinda Rajapaska schon Furcht vor
Verfolgung hätten haben müssen, wiederum akut gefährdet seien und auch
gegen zurückgeschaffte abgewiesene Asylbewerber aus der Schweiz ver-
mehrt vorgegangen werde. Die Risikoprofile seien folglich neu zu bewerten
und zu gewichten (Ziff. II.2).
Insgesamt erfülle der Beschwerdeführer mehrere Risikofaktoren gemäss
der Rechtsprechung, weswegen klarerweise von einem erhöhten Risiko
auszugehen sei, dass er Opfer von unmenschlicher oder erniedrigender
Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK werde. Das gelte nach dem Regie-
rungswechsel gegenüber dem genannten Referenzurteil gar in verstärktem
Masse. Zusätzlich zur familiären Konstellation sei der Beschwerdeführer
als Rückkehrer aus der Schweiz, wo es eine politisch aktive Diaspora gebe,
für die Behörden als LTTE-Sympathisant verdächtig und werde sich staat-
licher Repression ausgesetzt sehen. Es sei ihm folglich Flüchtlingseigen-
schaft zuzuerkennen und er sei vorläufig aufzunehmen (Ziff. II.3).
4.
4.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist an die Begründung der Vorinstanz
nicht gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG); es kann die Beschwerde auch aus
andern Überlegungen als jenen der Vorinstanz abweisen oder aus anderen
Gründen als in der Beschwerdeschrift vorgebracht gutheissen (sog. Mo-
tivsubstitution; vgl. MADELEINE CAMPRUBI in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.],
VwVG, Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren,
2. Aufl. 2019, N. 16 zu Art. 62 VwVG; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs-
verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, S. 398,
Rz. 1136).
4.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör verlangt von Verfassungs wegen
(Art. 29 Abs. 2 BV), dass eine Behörde die Vorbringen der Parteien tat-
sächlich hört, prüft und in der Entscheidfindung berücksichtigt; daraus folgt
insbesondere die Verpflichtung der Behörde, ihren Entscheid ausreichend
und nachvollziehbar zu begründen (BGE 145 IV 99 E. 3.1 m.w.H.). Um den
Vorgaben von Art. 29 Abs. 2 BV zu genügen, muss die Begründung so ab-
E-4917/2020
Seite 10
gefasst sein, dass sich die betroffene Person über die Tragweite des an-
gefochtenen Entscheids Rechenschaft geben und ihn in voller Kenntnis der
Sache an die höhere Instanz weiterziehen kann. Zu begründen ist das Er-
gebnis des Entscheides, das im Urteilsspruch zum Ausdruck kommt und
das allein die Rechtsstellung der betroffenen Person berührt. Die Begrün-
dung ist also nicht an sich selbst, sondern am Rechtsspruch zu messen
(BGE 145 III 324 E. 6.1 m.w.H.). Dabei ist es nicht erforderlich, dass sich
die Behörde mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt. Vielmehr kann sie sich
auf die für den Entscheid wesentlichen Punkte beschränken (Statt vieler
BGE 143 III 65 E. 5.2). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass nur diejeni-
gen Argumente stillschweigend übergangen werden können, die für den
Entscheid erkennbar unbehelflich sind (SUTTER, in: Auer/Müller/Schindler
[Hrsg.], Kommentar VwVG, 2. Aufl. 2018, Rz. 2 a.E. zu Art. 32 VwVG).
Weiter ist die verfassungsmässige Begründungsdichte abhängig von der
Entscheidungsfreiheit der Behörde und der Eingriffsintensität des Ent-
scheides. Je grösser der Spielraum, welcher der Behörde infolge Ermes-
sen und unbestimmter Rechtsbegriffe eingeräumt ist, und je stärker ein
Entscheid in die individuellen Rechte eingreift, desto höhere Anforderun-
gen sind an die Begründung eines Entscheides zu stellen (BGE 112 Ia 107
E. 2b m.w.H.; eingehend SUTTER, Kommentar VwVG, Rz. 2 zu Art. 32
VwVG, Rz. 9 ff. zu Art. 34 VwVG). Angesichts der Bedeutung der im Asyl-
verfahren zu beurteilenden Interessen der Betroffenen gelten hohe Anfor-
derungen an die Begründungsdichte (Urteil des BVGer E-2479/2018 vom
31. Mai 2018 E. 6.1 Abs. 1).
4.3 Das Verwaltungs- beziehungsweise Asylverfahren wird vom Untersu-
chungsgrundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach
stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient sich
nötigenfalls der unter Buchstaben a–e aufgelisteten Beweismittel. Die
Sachverhaltsfeststellung ist unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und
aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch ge-
würdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid
rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (Urteil des
BVGer E-2479/2018 E. 6.1 Abs. 2). Die Behörde ist allerdings nicht ver-
pflichtet, zu jedem Sachverhaltselement umfangreiche Nachforschungen
anzustellen. Zusätzliche Abklärungen sind vielmehr nur dann vorzuneh-
men, wenn sie aufgrund der Aktenlage als angezeigt erscheinen (vgl. dazu
CHRISTOPH AUER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz. 15 zu
Art. 12; BENJAMIN SCHINDLER, in Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., Rz.
28 zu Art. 49). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der
E-4917/2020
Seite 11
Mitwirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG; vgl. zum
Ganzen BVGE 2012/21 E. 5.1, BVGE 2009/50 E. 10.2 und Urteil des BGer
2C_177/2018 vom 22. August 2019 E. 3.2-3.4, je mit weiteren Hinweisen).
5.
5.1 Die Vorinstanz verneinte die Glaubhaftmachung einer Verfolgung res-
pektive begründeten Furcht vor einer Verfolgung durch die sri-lankischen
Behörden im Zeitpunkt der Ausreise nach Auffassung des Bundesverwal-
tungsgerichts zu Recht. Zumal auch der Beschwerdeführer dem ausdrück-
lich nichts entgegenhält, kann hierzu auf die Ausführungen im angefochte-
nen Entscheid verwiesen werden.
5.2 Zu prüfen bliebe damit, ob dem Beschwerdeführer aus heutiger Sicht
eine begründete Furcht vor Verfolgung zuzusprechen ist.
5.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich nach Beendigung des Bür-
gerkrieges im Mai 2009 wiederholt und eingehend mit der (nach wie vor
prekären) Menschenrechtslage in Sri Lanka im Allgemeinen und mit der
Situation von Rückkehrenden tamilischer Ethnie im Besonderen befasst
(sog. Returnee-Problematik; vgl. insb. BVGE 2011/24 E. 8, und Urteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 [als Referenzurteil publiziert] E. 8 je mit
umfassender Quellenanalyse). Nach wie vor besteht seitens der sri-lanki-
schen Behörden gegenüber Personen tamilischer Ethnie, die aus dem
Ausland zurückkehren, eine erhöhte Wachsamkeit. Indessen kann nicht
generell angenommen werden, jeder aus Europa oder der Schweiz zurück-
kehrende tamilische Asylsuchende sei alleine aufgrund seines Ausland-
aufenthaltes der ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter
ausgesetzt (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.3).
Im Kern geht die Rechtsprechung davon aus, dass jene Rückkehrer eine
begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG
haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden Bestrebungen zuge-
schrieben werden, den nach wie vor als Bedrohung wahrgenommenen ta-
milischen Separatismus wiederaufleben zu lassen respektive den sri-lanki-
schen Einheitsstaat zu gefährden. Die in diesem Zusammenhang geltend
und glaubhaft gemachten Risikofaktoren sind in einer Gesamtschau, inklu-
sive ihrer allfälligen Wechselwirkung und unter Berücksichtigung der kon-
kreten Umstände, in einer Einzelfallprüfung dahingehend zu prüfen, ob sie
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit für eine flüchtlingsrelevante Verfolgung
sprechen (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.5.5). Als stark risikobegründende
E-4917/2020
Seite 12
Faktoren, welche bereits für sich allein genommen zur Bejahung einer be-
gründeten Furcht vor asylrelevanter Verfolgung bei der Rückkehr nach Sri
Lanka führen können, hat die Rechtsprechung dabei namentlich einen Ein-
trag in die sogenannte „Stop-List“ (d.h. das Vorhandensein eines Eintrags
mit Hinweis auf ein Strafurteil, eine gerichtliche Anordnung oder einen Haft-
befehl im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbin-
dung zu den LTTE; vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.2, 8.4.1, 8.4.3 und 8.5.2),
Verbindung zu den LTTE (vgl. a.a.O E. 8.4.1 und 8.5.3) und die regimekri-
tische Betätigung im Ausland (vgl. a.a.O. E. 8.4.2 und 8.5.4) identifiziert.
Demgegenüber stellen schwach risikobegründende Faktoren (namentlich)
dar: Das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri
Lanka, eine zwangsweise respektive durch die IOM begleitete Rückfüh-
rung oder Narben (vgl. a.a.O. 8.4.4, 8.4.5 und 8.5.5); der Dauer eines Auf-
enthaltes im Ausland kommt keine direkte Risikorelevanz zu (vgl. a.a.O.
E. 8.4.6, 9.2.4). Diese Risikofaktoren verstehen sich nicht als abschlies-
send (a.a.O. E. 9.1). Soweit sich solche Risikofaktoren mit solchen decken,
welche bereits vor der Ausreise zu flüchtlingsrelevanter Verfolgung hätten
führen können, schliesst die Tatsache, dass sich dies damals nicht reali-
siert hatte, nicht aus, dass die betroffene Person bei einer Rückkehr be-
gründete Furcht vor Verhaftung und Folter hat (vgl. a.a.O. E. 8.5.6).
5.2.2 Wie der angefochtene Entscheid zu Recht festhält (Begründung
Ziff. III.1), erwartet die Rechtsprechung, dass die Vorinstanz im Einzelfall
eine Risikoeinschätzung vornimmt (vgl. Urteil des BVGer D-2016/2020
vom 18. September 2020 E. 4.4.2). Ausführlich äussert sich der angefoch-
tene Entscheid nur zur Frage der familiären und wirtschaftlichen Reintegra-
tion im Heimatland. Eine Abschätzung der Risikofaktoren erfolgt nur in pau-
schaler Form («Weder aus Ihren Aussagen noch aus den Akten ergeben
sich jedoch Anhaltspunkte dafür, dass Ihnen im Falle einer Rückkehr in den
Heimatstaat mit beachtlichter Wahrscheinlichkeit eine verbotene Strafe o-
der Behandlung droht», Begründung, Ziff. III.1).
Aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers selbst weist er zumindest
zwei schwach risikobegründende Faktoren auf: Er verfügt über keine Iden-
titätspapiere und war lange Jahre landesabwesend. Letzteres wird durch
die Vorinstanz, indem sie die im Ausland erworbenen Berufs- und Sprach-
kenntnisse hervorhebt, wohl explizit nicht in Frage gestellt. Zudem droht
ihm die zwangsweise Wegweisung. Obwohl die Vorinstanz die Akte des
Bruders des Beschwerdeführers beizog, unterliess sie eine Auseinander-
setzung mit dem familiären Hintergrund des Beschwerdeführers anhand
dessen (als glaubhaft erachteten) Aussagen. Eine Risikoabschätzung, die
E-4917/2020
Seite 13
den Anforderungen an die Begründungspflicht gerecht würde, enthielte
eine Erörterung dazu, ob die Gründe, die für eine Asylgewährung an den
Bruder sprachen (allenfalls im Zusammenspiel mit der möglichen aktiven
LTTE-Mitgliedschaft weiterer Angehöriger) in den Augen der sri-lankischen
Sicherheitsbehörden als eine relevante Verbindung zu den LTTE bewertet
werden könnten, respektive ob der (nach langen Jahren ohne Papiere zu-
rückzuschaffende) Beschwerdeführer möglicherweise als bestrebt erschei-
nen könnte, den tamilischen Separatismus zu fördern. Eine Würdigung al-
ler Sachverhaltselemente im Gesamtkontext lässt sich nicht durch einen
pauschalen Textbaustein ersetzen. Das Unterlassen einer Auseinanderset-
zung mit diesen stellt eine schwere Verletzung der Begründungspflicht und
damit des rechtlichen Gehörs dar.
5.2.3 Das rechtliche Gehör ist formeller Natur, dessen Verletzung führt in
der Regel zur Aufhebung des angefochtenen Entscheides. Angesichts der
Schwere der Verletzung kommt eine Heilung im (das Verfahren andernfalls
endgültig abschliessenden) Rechtsmittelverfahren nicht in Frage (vgl. statt
Vieler BGE 144 IV 302 E. 3.1 m.w.H; SUTTER, Kommentar VwVG, Rz. 23
zu Art. 29 VwVG).
5.3 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (WEISSENBERGER/HIRZEL, in: Waldmann/Weissenberger, Praxis-
kommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Rz. 16 zu Art. 61 VwVG). Die in diesen
Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar auch durch
die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall
aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies
aber nicht (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 2004
Nr. 38 E. 7.1). Insbesondere rechtfertigt sich ein Rückweisungsentscheid,
wenn die Vorinstanz zu Unrecht keinen Beweis abgenommen hat und die
betroffene Partei ohne Rückweisung um die Möglichkeit gebracht würde,
die Tatsache vor einer Instanz mit uneingeschränkter Kognition geltend zu
machen oder ihr der Rechtsmittelweg unzulässig verkürzt würde. Schliess-
lich ist die Sache bei schwerer Verletzung von Verfahrensrechten, die nicht
vor der Rechtsmittelinstanz geheilt werden kann, zurückzuweisen. Im Re-
gelfall gilt dies aufgrund dessen formellen Charakters für Verletzungen des
rechtlichen Gehörs (WEISSENBERGER/HIRZEL, Praxiskommentar VwVG,
E-4917/2020
Seite 14
Rz. 17 f. zu Art. 61 VwVG; CAMPRUBI, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.],
Kommentar VwVG, Rz. 11 zu Art. 61 VwVG).
Im vorliegenden Fall ist die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die
Vorinstanz hat die erforderliche Risikoabschätzung nicht in der erforderli-
chen Tiefe vorgenommen. Es sind zur Erstellung des Sachverhalts weitere
Abklärungen zu treffen, welche den Rahmen des Beschwerdeverfahrens
sprengen würde. Auch geht unter den gegebenen Umständen nicht an, den
Rechtsmittelweg des Beschwerdeführers zu verkürzen.
6.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, soweit die Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung beantragt wird. Die Verfügung ist aufzuheben und die
Sache im Sinne der Erwägungen zur Neubeurteilung – unter Würdigung
aller entscheidwesentlichen Sachverhaltselemente und Beweismittel – an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Auf die weiteren Anträge ist an dieser
Stelle nicht einzutreten.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt die Verfahrenskosten in der
Regel der unterliegenden Partei (Art. 63 Abs. 1 Satz 1 VwVG). In der Ver-
waltungsrechtspflege des Bundes gilt die Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz zu weiteren Abklärungen und neuem Entscheid (mit noch offe-
nem Ausgang) praxisgemäss als Obsiegen der Beschwerde führenden
Partei (Urteil des BVGer A-3763/2011 vom 3. Juli 2012 E. 14.1, m.w.H.).
Den Vorinstanzen werden keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2
VwVG).
Beim gegebenen Ausgang des Verfahrens sind somit keine Kosten zu er-
heben.
7.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Bei den Akten liegt keine Kostennote, indessen macht der Rechtsvertreter
geltend, bislang seien Kosten von Fr. 1'010.– in Rechnung gestellt worden.
Mit Blick auf die Verfahrensumstände und die massgebenden Bemes-
sungsfaktoren (Art 8 ff. VGKE) erscheint dies noch angemessen, weshalb
E-4917/2020
Seite 15
auf die Einforderung einer Kostennote verzichtet werden kann (Art. 14 Abs.
2 VGKE).
Die Vorinstanz hat den Beschwerdeführer für seine Parteikosten folglich
mit Fr. 1'010.– (inkl. Auslagen und MWSt) zu entschädigen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-4917/2020
Seite 16