Decision ID: 38edd5ed-4d9e-5073-b3b4-e34d53d18672
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die gemäss eigenen Angaben aus dem Tschad stammende Beschwerde-
führerin suchte am 6. September 2015 in der Schweiz um Asyl nach, wobei
sie während des Asylverfahrens keine Identitätsdokumente zu den Akten
reichte.
Die Beschwerdeführerin reiste mit ihrem Partner B._ (nachfolgend:
I.) in die Schweiz ein, welcher gleichzeitig ein Asylgesuch stellte. Sein Asyl-
verfahren wurde separat geführt und entschieden (N [...]). Der weitere Ver-
fahrensverlauf die Beschwerdeführerin betreffend (insb. Wiedererwä-
gungsgesuch und Beschwerde gegen den Wiedererwägungsentscheid
des SEM, vgl. unten) deckt sich grösstenteils mit dem Verfahren von I. (vgl.
E-351/2020). Das vorliegende Beschwerdeverfahren wird entsprechend
mit demjenigen ihres Partners koordiniert und vom gleichen Spruchkörper
behandelt.
B.
B.a Mit Verfügung vom 18. Juli 2017 lehnte das SEM das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete deren Vollzug an. Insbesondere da die Beschwerdeführerin keine
Identitätspapiere eingereicht habe und aufgrund ungenügender Herkunfts-
angaben kam das SEM zum Schluss, dass die Beschwerdeführerin ihre
tschadische Staatsangehörigkeit nicht habe glaubhaft machen können,
und änderte diese auf «Staat unbekannt». Die geltend gemachte Verfol-
gung im Tschad wurde in der Folge ebenfalls als unglaubhaft erachtet.
Schliesslich seien die Voraussetzungen des Wegweisungsvollzugs man-
gels ausreichender Mitwirkung der Beschwerdeführerin nicht überprüfbar.
B.b Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
C.
Am 10. August 2017 ersuchten die C._ Behörden die Schweiz um
Rückübernahme der Beschwerdeführerin (dort registriert mit der Staatsan-
gehörigkeit D._). Dem Ersuchen wurde stattgegeben und die Be-
schwerdeführerin reiste im März 2018 in die Schweiz zurück.
D.
Mit Eingabe vom 3. Dezember 2019 gelangte die Beschwerdeführerin an
die Vorinstanz und ersuchte um Wiedererwägung obgenannter Verfügung.
E-348/2020
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Zur Begründung des Gesuchs gab die Beschwerdeführerin an, sie könne
nun einen tschadischen Geburtsregisterauszug sowie eine Heiratsurkunde
von sich und ihrem Partner I. im Original vorlegen. Damit könne sie ihre
Staatsangerhörigkeit belegen. Ihre frauenspezifischen Fluchtgründe seien
bislang nicht ausreichend gewürdigt worden. Sie sei zurzeit in (...) Behand-
lung. Sobald sie in der Lage sei, sei sie in einem reinen Frauenteam erneut
anzuhören. Aus der ebenfalls im Original vorliegenden Vorladung der örtli-
chen Polizei im Tschad gehe hervor, dass sie und ihr Partner polizeilich
gesucht würden. Somit habe sie ihre Angaben glaubhaft darlegen können.
E.
Das SEM ersuchte die kantonalen Behörden mit Schreiben vom 10. De-
zember 2019, den Vollzug der Wegweisung einstweilen auszusetzen.
F.
Mit Verfügung vom 16. Dezember 2019 nahm das SEM die Eingabe vom
3. Dezember 2019 als qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch entgegen
und wies dieses ab. Es erklärte die Verfügung vom 18. Juli 2017 als rechts-
kräftig und vollstreckbar, wies das Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten
ab, erhob eine Gebühr von Fr. 600.–, lehnte die weiteren Verfahrensan-
träge ab und hielt fest, einer allfälligen Beschwerde komme keine aufschie-
bende Wirkung zu.
G.
Mit Eingabe vom 17. Januar 2020 reichte die Beschwerdeführerin durch
ihre Rechtsvertretung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein
und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben; ihre Flücht-
lingseigenschaft sei anzuerkennen und ihr sei Asyl zu gewähren; eventua-
liter sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen; subeventualiter sei
ihr die vorläufige Aufnahme zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht
ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie
Rechtsverbeiständung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
Mit der Rechtsmitteleingabe wurden eine Fürsorgebestätigung vom
17. Dezember 2018 sowie die leeren Blankoformulare eines Geburtsregis-
terauszugs und einer Heiratsurkunde zu den Akten gegeben.
H.
Am 21. Januar 2020 setzte die Instruktionsrichterin den Vollzug der Weg-
weisung per sofort einstweilen aus (Art. 56 VwVG).
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Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
24. Januar 2020 vollständig vor (vgl. Art. 109 Abs. 6 AsylG [SR 142.31]).
I.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Januar 2020 wurde auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses einstweilen verzichtet und festgehalten, über das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung werde zu ei-
nem späteren Zeitpunkt befunden. Das Gesuch um amtliche Rechtsverbei-
ständung wurde abgewiesen. Sodann wurde das SEM um Einreichung ei-
ner Vernehmlassung ersucht, mit dem Hinweis auf vorinstanzliche Verfah-
rensakten, wonach die Beschwerdeführerin und ihr Partner als Staatsbür-
ger des Tschads anerkannt worden seien.
J.
Mit Vernehmlassung vom 30. Januar 2020 nahm die Vorinstanz zu den
Ausführungen in der Beschwerdeschrift sowie dem Hinweis des Gerichts
Stellung und hielt an den bisherigen Erwägungen fest. Diese wurde der
Beschwerdeführerin mit Instruktionsverfügung vom 5. Februar 2020 zur
Kenntnis gebracht.
K.
Nach gewährter Fristerstreckung liess die Beschwerdeführerin dem Ge-
richt mit Eingabe vom 2. März 2020 ihre Replik zukommen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
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1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerde-
führung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist einzutreten.
1.3 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG und im Bereich
des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
1.4 Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden in der
Regel – wie auch vorliegend – in der Besetzung mit drei Richtern oder
Richterinnen (vgl. Art. 21 Abs. 1 VGG).
2.
Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt
(vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert
30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und
begründet einzureichen (Art. 111b Abs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine
nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Blieb – wie vorliegend der Fall – die abzu-
ändernde Verfügung unangefochten oder wurde ein Beschwerdeverfahren
mit einem Prozessentscheid abgeschlossen, können auch Revisions-
gründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum sog. „quali-
fizierten Wiedererwägungsgesuch“ vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.).
3.
3.1 Das SEM führte in seinem ablehnenden Wiedererwägungsentscheid
aus, die eingereichten Beweismittel der Beschwerdeführerin seien keine
Identitätsdokumente, die die behauptete Staatsangehörigkeit nachweisen
könnten. Zudem seien im Tschad jegliche Art von Dokumenten leicht zu
beschaffen oder käuflich erwerbbar. Auch eine Vielzahl von Blankoformu-
laren seien im Umlauf, die handschriftlich ausgefüllt werden könnten und
diverse Manipulationsmöglichkeiten aufweisen würden. Entsprechend
komme Dokumenten aus dem Tschad kein grosser Beweiswert zu. So ver-
halte es sich auch mit den von der Beschwerdeführerin eingereichten Be-
weismitteln. Ferner ergäben sich eine Reihe von Ungereimtheiten zwi-
schen dem Inhalt der Beweismittel und den Angaben im Asylverfahren, wie
zum Zeitpunkt der Eheschliessung oder zu den Namen ihrer Eltern. Auch
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habe sie an der Befragung zur Person erklärt, die Geburtsurkunde auf der
Reise verloren zu haben, was sich nicht mit dem nunmehr eingereichten
Geburtsregisterauszug vereinbaren lasse. Zudem sei die Rückseite dieses
Auszugs nicht ausgefüllt und beinhalte nicht die erforderlichen Namen von
drei Zeugen. Ferner sei sie in C._ als D._ Staatsangehörige
mit Geburtsdatum (...) in Erscheinung getreten, während auf den nun vor-
gelegten Dokumenten vermerkt sei, sie sei am (...) im tschadischen
E._ geboren worden. Die polizeiliche Vorladung vom (...) 2019 sei
ein Dokument ohne Sicherheitsmerkmale und zudem nicht vollständig aus-
gefüllt. Die Bezeichnung der tschadischen Behörden entspreche nicht den
korrekten Angaben und weise Fehler auf. Befremdend wirke zudem, dass
der Partner I. vorgeladen werde. Insgesamt sei von manipulierten Doku-
menten auszugehen. Weiter gebe die Beschwerdeführerin nicht an, wie die
besagten Dokumente entstanden und beschafft worden sowie in die
Schweiz gelangt seien. Unter Berücksichtigung der im ordentlichen Asyl-
verfahren aufgeführten Ungereimtheiten und der neu eingereichten Be-
weismittel sei nach wie vor weder die tschadische Staatsangehörigkeit
noch eine Verfolgung im Tschad glaubhaft gemacht worden. Sodann seien
Wiedererwägungsgesuche schriftlich zu begründen, weshalb keine weitere
Anhörung in einem Frauenteam durchgeführt werde.
Insgesamt lägen somit keine Gründe vor, welche die Rechtskraft der Ver-
fügung vom 18. Juli 2017 beseitigen könnten.
3.2 Hiergegen wendete die Beschwerdeführerin mit der Beschwerdeschrift
ein, sie habe mit neuen Beweismitteln gezeigt, dass der ursprüngliche Asyl-
entscheid falsch sei, da seine Basis, die als unglaubhaft beurteilte Staats-
angehörigkeit, nun widerlegt werden könne. Zwar gebe es im Tschad Kor-
ruption. Die im Original vorgelegten Dokumente (Heiratsurkunde und Aus-
zug aus dem Geburtsregister) – alle Identitätsdokumente, über die sie je-
mals verfügt habe – seien aber tatsächlich Blankoformulare, welche jeweils
handschriftlich ausgefüllt würden (mit Hinweis auf den Internetlink:
https://data.unicef.org/crvs/chad/). Daher sei es ihr nicht möglich, ihre Her-
kunftsangaben über einen anderen Weg zu beweisen. Die Mängel der Ur-
kundenausstellung im Tschad dürften nicht ihr angelastet werden. Das
gelte auch für die polizeiliche Vorladung. Das Formular werde handschrift-
lich ergänzt und enthalte üblicherweise keine Sicherheitsmerkmale. Aus-
serdem hätte das SEM die Echtheit der Dokumente weiter überprüfen kön-
nen, dies aber unterlassen. Die vom SEM dargelegten inhaltlichen Unge-
reimtheiten könne sie erklären. Sie habe im Jahr (...) religiös und im Jahr
(...) offiziell geheiratet. Die Namen ihrer Eltern würden offiziell auf eine
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Weise, im ursprünglichen Stamm mit dem betreffenden Dialekt leicht ab-
gewandelt ausgesprochen werden. Bei ihrer Ankunft in C._ habe
sie falsche Personalien angegeben, aus Angst, sonst direkt wieder in die
Schweiz geschickt zu werden. Die Beweismittel seien von ihrer Mutter im
Tschad beantragt respektive ihr ausgehändigt worden. Sodann habe ihr
eine bekannte Person, die nach Frankreich gereist sei, die Dokumente
übergeben. Die neu vorgelegten Beweismittel seien als erheblich zu wür-
digen. Ihre Aussagen seien neu zu beurteilen und als glaubhaft einzustu-
fen, sowohl in Bezug auf ihre Herkunft aus dem Tschad als auch hinsicht-
lich ihrer Asylvorbringen. Ausserdem habe das kantonale Migrationsamt an
ihrer Identität keine Zweifel, angeblich liege dort ein Laissez-Passer der
tschadischen Behörden für sie vor. Davon hätte die Vorinstanz aber Kennt-
nis gehabt, was die Zweifel an ihrer Identität umso unhaltbarer mache.
3.3 Anlässlich der Vernehmlassung erklärte die Vorinstanz, sie teile die
Ausführungen der Beschwerdeführerin zu den tschadischen Dokumenten
und zu deren Beweiswert nicht. Der Verweis auf den zitierten Internetlink
sei ungeeignet. Die Beschwerdeführerin habe wiederholt widersprüchliche
Angaben gemacht (vgl. Wiedererwägungsentscheid S. 3 f.). Zudem seien
bereits im Asylentscheid Argumente aufgelistet worden, welche gegen die
tschadische Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerin sprächen. Die-
sen Entscheid habe sie nicht angefochten und in der Beschwerde vom
17. Januar 2020 keine weiteren Detailangaben zu den Ungereimtheiten
gemacht, weshalb diese nach wie vor bestünden. Da die tschadische
Staatsangehörigkeit als unglaubhaft angesehen werde, stelle der Verweis
auf eine Anerkennung als tschadische Staatsangehörige lediglich eine Par-
teiaussage dar, welche die Beschwerdeführerin zuhanden einer tschadi-
schen Delegation abgegeben habe und von dieser mutmasslich so aufge-
nommen worden sei. Im Hinblick auf die tatsächliche Staatsangehörigkeit
komme dem keine Aussagekraft zu.
3.4 Darauf replizierte die Beschwerdeführerin, der pauschale Hinweis auf
die Widersprüche in ihrem bisherigen Vortrag reiche nicht aus, um die Echt-
heit und den Beweiswert ihrer vorgelegten Dokumente zu negieren. Dass
sie den Asylentscheid nicht angefochten habe, könne ihr nicht vorgeworfen
werden. Dafür gebe es Gründe. Ihr sei es nicht möglich, weitere Anhalts-
punkte aufzuzeigen, wie man die Echtheit ihrer Dokumente beweisen
könne. Dies wäre für das SEM jedoch ein Leichtes. Dass sie von den tscha-
dischen Behörden als Tschaderin anerkannt worden sei, basiere auf den
Aussagen der Botschaftsangestellten, denen sie vorgeführt worden sei. Da
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diese Vorführung vom SEM bei den betreffenden Landesvertretungen be-
antragt und durchgeführt worden sei, mit dem Ziel der Identitätsfeststel-
lung, sei davon auszugehen, dass dem SEM eine entsprechende Stellung-
nahme der tschadischen Behörden vorliege. Damit sei ihre Staatsangehö-
rigkeit und Identität geklärt.
4.
Mit den im Wiedererwägungsverfahren neu eingereichten Beweismitteln
erklärt die Beschwerdeführerin insbesondere, sie könne nun den Nachweis
für ihre im unangefochten gebliebenen Asylentscheid vom 18. Juli 2017 als
unglaubhaft eingestufte Staatsangehörigkeit erbringen. Die entsprechen-
den Erwägungen des SEM seien falsch, was sich auch auf die Beurteilung
ihrer Angaben zu den Asylvorbringen auswirke. Damit bringt sie neue Tat-
sachen beziehungsweise Beweismittel vor, die vorbestehende, zu ihrem
Nachteil unbewiesen gebliebene Tatsachen betreffen. Das SEM hat ihre
Eingabe demnach zu Recht als qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch be-
handelt (vgl. auch BVGE 2013/22).
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin rügt sinngemäss, das SEM habe seine Unter-
suchungspflicht verletzt, indem der Sachverhalt hinsichtlich ihrer Staatsan-
gehörigkeit unzureichend festgestellt worden sei. Diese formelle Rüge ist
vorab zu beurteilen.
5.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Die Asylbehörde
hat den rechtserheblichen Sachverhalt vor ihrem Entscheid vollständig und
richtig abzuklären (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG). Dabei müssen die
erforderlichen Sachverhaltsunterlagen beschafft, die relevanten Umstände
abgeklärt und darüber ordnungsgemäss Beweis geführt werden. Unrichtig
ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewür-
digt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid
rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/
HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des
Bundes, 3. Aufl., 2013, Rz. 1043). Gemäss Art. 8 AsylG hat die asylsu-
chende Person demgegenüber die Pflicht und unter dem Blickwinkel des
rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 VwVG) das Recht, an der
Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken (BVGE 2016/27 E. 9.1.1). So
http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/22
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ist sie unter anderem zur Mitwirkung bei der Feststellung ihrer Identität ver-
pflichtet (Art. 8 Abs. 1 Bst. a AsylG).
5.3
5.3.1 Im Asylverfahren hat die Beschwerdeführerin keine Identitätsdoku-
mente eingereicht und gemäss Erwägungen der Vorinstanz unglaubhafte
Ausführungen zu ihrer Herkunft gemacht, weshalb die von ihr geltend ge-
machte Staatsangehörigkeit als unglaubhaft eingestuft worden ist. Dies
hatte zur Folge, dass allfällige Wegweisungsvollzugshindernisse im Hei-
matstaat nicht geprüft werden konnten. Die entsprechenden Ausführungen
der Vorinstanz sind detailliert und begründet ausgefallen, ferner ist der Ent-
scheid unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Mittlerweile hat sich die
nun vertretene Beschwerdeführerin jedoch soweit möglich um Beweismit-
tel für ihre Identität bemüht und diese im Wiedererwägungsverfahren ein-
gereicht. Weiter vermochte sie Erklärungen zu den von der Vorinstanz im
Wiedererwägungsentscheid aufgezeigten Mängeln an den Beweismitteln
respektive zu den Ungereimtheiten im Vergleich zu ihren Aussagen im
Asylverfahren abzugeben. Ihrem Ersuchen, weitere Abklärungen bezüglich
der Beweismittel zu treffen, ist die Vorinstanz aufgrund der bisherigen Be-
urteilung, der aufgezeigten Widersprüche und der Ansicht, die Beweise
seien manipuliert, nicht nachgekommen. Vielmehr hat das SEM geschlos-
sen, die behauptete Staatsangehörigkeit bleibe unglaubhaft.
5.3.2 Im Widerspruch dazu ist den vorinstanzlichen Akten (vgl. eDossier
Abteilung Rückkehr) zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin im Hin-
blick auf die Feststellung ihrer Staatsangehörigkeit und die Rückkehr in ih-
ren Heimatstaat vom SEM einer nigerianischen und einer tschadischen De-
legation vorgeführt worden ist (am [...] 2018 respektive am [...] 2019). Sie
hat an den entsprechenden Anhörungen teilgenommen, wobei die Vertre-
ter der nigerianischen Delegation die Beschwerdeführerin nicht als Nigeri-
anerin, sondern aufgrund ihrer gesprochenen Sprache als Tschaderin ein-
gestuft haben und die Delegation des Tschads sie als Tschaderin aner-
kannt hat. Dies wird von der Beschwerdeführerin in der Replik bestätigt.
Auch dem Bericht des kantonalen Migrationsamts über das Ausreisege-
spräch mit der Beschwerdeführerin vom (...) 2020 ist zu entnehmen, dass
die Beschwerdeführerin (und ihr Partner I.) als Tschader anerkannt worden
seien.
5.3.3 Die Vorinstanz wurde auf diesen Widerspruch in den eigenen Akten
hingewiesen (vgl. Zwischenverfügung vom 24. Januar 2020). Die anläss-
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lich der Vernehmlassung abgegebene Erklärung, das Ergebnis der Anhö-
rung durch die tschadische Delegation beruhe auf einer blossen Parteiaus-
sage der Beschwerdeführerin und habe keine Aussagekraft, ist nicht nach-
vollziehbar. Wäre dem so, wären solche vom SEM respektive den Vollzugs-
behörden angeordneten Anhörungen durch eine Delegation der jeweiligen
Landesvertretung ohne Belang. Im Übrigen ist, wie oben erwähnt, der Be-
urteilung der nigerianischen Delegation zu entnehmen, dass unter ande-
rem die gesprochene Sprache beurteilt worden sei (zu Vorführungen vor
Delegationen vgl. u.a. Urteile des BVGer D-7372/2018 vom 23. September
2020 E. 8.10 und F-6073/2014 vom 6. April 2017 E. 5.3). Indem die Vor-
instanz diesen offensichtlichen Widerspruch bezüglich Feststellung der
Staatsangehörigkeit nicht aufklärte, sondern daran festhielt, die von der
Beschwerdeführerin behauptete Staatsangehörigkeit sei unglaubhaft, un-
terliess sie es, den rechtserheblichen Sachverhalt diesbezüglich hinrei-
chend zu erstellen. Wie oben erwähnt, hat die Behörde im Sinne des Un-
tersuchungsgrundsatzes von Amtes wegen für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Ver-
fahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten
Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen.
6.
6.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück.
6.2 Eine Kassation und Rückweisung an die Vorinstanz ist insbesondere
angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müssen und ein
umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist. Die in diesen Fällen feh-
lende Entscheidungsreife kann grundsätzlich auch durch die Beschwer-
deinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozess-
ökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie muss dies aber nicht
(vgl. BVGE 2012/21 E. 5).
6.3 Nach dem Gesagten erweist sich eine Kassation als angezeigt. Zwar
kann auch das Bundesverwaltungsgericht einzelne Untersuchungsmass-
nahmen veranlassen und selber durchführen. Da aber der Sachverhalt auf-
grund der Aktenlage und der obgenannten Unklarheiten in den Verfahren-
sakten nicht abschliessend geklärt erscheint und weitere Untersuchungs-
massnahmen notwendig sind, ist die Beschwerde gutzuheissen, die ange-
fochtene Verfügung aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Das SEM wird angewiesen, in geeigneter Weise und unter Würdigung der
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gesamten Verfahrensakten sowie der eingereichten Beweismittel die
Staatsangehörigkeit der Beschwerdeführerin abzuklären und neu zu beur-
teilen. In der Folge wird – je nach Erkenntnis der Vorinstanz – eine Neube-
urteilung der fluchtauslösenden Vorbringen sowie die Prüfung allfälliger
Wegweisungsvollzughindernisse vorzunehmen sein. Sollte die Beschwer-
deführerin nicht Tschaderin sein, hat auch kein Wegweisungsvollzug in die-
ses Land stattzufinden.
6.4 Bei dieser Sachlage erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit den
restlichen Vorbringen im Beschwerdeverfahren.
6.5 Die Beschwerde ist somit gutzuheissen, soweit die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
beantragt werden.
7.
Der am 21. Januar 2020 verfügte einstweilige Vollzugsstopp fällt mit dem
vorliegenden Urteil dahin.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG), weshalb das noch zu beurtei-
lende Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gegen-
standslos geworden ist.
8.2 Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die
ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten
(Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin hat keine Kostennote
zu den Akten gereicht. Auf die Nachforderung einer solchen kann jedoch
verzichtet werden, da sich im vorliegenden Verfahren der Aufwand zuver-
lässig abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Der Beschwerdeführerin ist
eine Parteientschädigung zu Lasten des SEM von insgesamt Fr. 1’200.–
zuzusprechen.
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