Decision ID: 4a525fa3-8984-5df9-aff2-950c72ba3fb1
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1966 geborene X._
bezieht seit dem 1. Januar 2005
aufgrund einer paranoiden Schizophrenie
eine ganze Rente der Invalidenver
sicherung (vgl. die Verfügung der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
, vom 15. September 2005 [Urk. 7/33; vgl. auch
Urk. 7/26 f.
]
sowie deren Mitteilungen vom 25. Oktober 2006, 22. Dezember 2009 und 13. April 2015 betreffend Bestätigung des bisherigen Rentenanspruchs [Urk. 7/40, Urk. 7/45 und Urk. 7/51]
).
2.
Am 22. Januar 2021 (Urk. 7/58; vgl. auch das Aktenverzeichnis [Urk. 7/0]) ging bei der IV-Stelle ein Schreiben des Versicherten ein, in welchem er um Überwei
sung eines Betrages von Fr. 300.-- seiner Invalidenrente bat und dabei
als Adresse das Gefängnis Y._
angab.
Die IV-Stelle tätigte Abklärungen, welche ergaben, dass sich der Versicherte seit dem 5. Januar 2021 in Untersuchungshaft befinde, welche bis
am 7. Juli 2021 verlängert worden sei. Zur Behandlung befinde er sich in der Ps
ychiatrischen Klinik Z._
, Zentrum für Stationäre Forensische Therapie,
A._
(Urk. 7/74
-78
).
Am 13. April 2021 verfügte die IV-Stelle die Sistierung der Invalidenrente für die Dauer des Freiheitsentzuges. Einer
dagegen erhobenen
Beschwerde
entzog sie
di
e aufschiebende Wirkung. Sodann stellte sie den Erlass einer separaten Rückforderungsverfügung in Aussicht
(Urk. 2 [= Urk. 7/77]).
3.
Mit Eingabe vom 23. April 2021, zur Post gegeben am 29. April 2021, erhob der Versicherte Beschwerde gegen die Sistierungsverfügung
vom 13. April 2021
und beantragte die Weiterausrichtung der Invalidenrente (Urk. 1).
Mit Beschwerde
antwort vom 18. Mai 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (Urk. 6). Die dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 19. Mai 2021 angesetzte Frist zur Erstattung einer Replik (Urk. 8)
liess dieser
unbenutzt verstreichen, was der Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 10. Juni 2021 mitgeteilt wurde (Urk. 10)
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Befindet sich die versicherte Person im Straf- oder Massnahme
nvollzug,
kann während dieser Zeit die Auszahlung von Geldleistungen mit Erwerbsersatz
charakter ganz od
er teilweise eingestellt werden (Art. 21 Abs. 5 des
Bundes
ge
setzes über den Allgemeinen Teil des Sozialv
ersicherungsrechts [
ATSG
]).
1.2
Gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung gibt Untersuchungshaft von gewisser Dauer trotz des Wortlautes von Art. 21 Abs. 5 ATSG (Straf- oder
Mass
nahmenvollzug
) in gleicher Weise Anlass zur Rentensistierung wie jede andere Form des von einer Strafbehörde angeordneten Freiheitsentzuges. Ratio
legis
dieser Bestimmung ist die Gleichbehandlung der invaliden mit der validen inhaf
tierten Person, welche durch einen Freiheitsentzug ihr Einkommen verliert. Entscheidend ist, dass eine verurteilte Person wegen der
Verbüssung
einer Strafe oder
Massnahme
an einer Erwerbstätigkeit gehindert wird. Nur wenn die Vollzugsart der verurteilten versicherten Person die Möglichkeit bietet, eine Erwerbstätigkeit auszuüben und somit selber für die Lebensbedürfnisse aufzu
kommen, verbietet es sich, den Rentenanspruch zu sistieren.
Massgebend
für eine Sistierung der Rentenleistung eines Invaliden ist somit, ob eine nicht invalide Person in der gleichen Situation durch den Freiheitsentzug einen Erwerbsausfall erleiden würde. Unerheblich für die Rentensistierung ist dagegen, ob die Behand
lungsbedürftigkeit oder die Sozialgefährlichkeit überwiegt. Es ist allein darauf abzustellen, ob die Strafe oder
Massnahme
eine Erwerbstätigkeit zuläs
st oder nicht (BGE 137 V 154 E. 4.3, E. 5.1 und E. 6; 133 V 1 E.
4.2.4.1).
1.3
Die Sistierung von Rentenleistungen der Invalidenversicherung kann aus Prakti
kabilitätsgründen lediglich für eine Untersuchungshaft gelten, welche eine gewisse Zeit angedauert hat. Diese
«
gewisse Dauer
»
der Untersuchungshaft, während der die Rente noch auszurichten ist, kann – in Anlehnung an die
gemäss
Art. 88a Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 Satz 1 der Verordnung über die Invalidenver
sicherung (IVV) rentenrevisionsrechtlich
massgebende
Zeitspanne der anspruchs
beeinflussenden Änderung der Verhältnisse – bis zu drei Monate betragen. Wenn sich die Untersuchungshaft im Nachhinein als ungerechtfertigt herausstellt, sind die sistierten
Rentenbetreffnisse
nicht nachzuzahlen. Vielmehr stellen diese Teile des Schadens dar, welchen der zu Unrecht Verhaftete allenfalls auf dem Weg der Staatshaftung gelt
end machen kann (BGE 133 V 1 E.
3.1, E. 4.2.4.2).
In Umsetzung dieser bundesgerichtlichen Rechtsprechung hält
Rz
6007 des Kreis
schreibens über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH,
gültig ab 1. Ja
nuar 2015, Stand: 1. Januar 2021
) fest, dass bei einem Freiheits
entzug die Rente ab dem Monat zu sistieren ist, der dem Beginn des Freiheitsent
zugs folgt. Bei Untersuchungshaft darf die Rente allerdings erst nach drei Monaten sistiert werden, wobei die während der Untersuchungshaft zu Unrecht bezogenen Rentenleistungen rückwirkend ab Beginn der Inhaftierung zurück
gefordert werden können.
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die Sistierungsverfügung vom 13. April 2021 damit, dass sich der Beschwerdeführer seit dem 5. Januar 2021 im Straf- oder Massnahmenvollzug befinde, und sistierte die Invalidenrente ab Februar 2021 (Urk. 2).
2.
2
Der Beschwerdeführer machte demgegenüber geltend, er könne seine Rechnun
gen nicht bezahlen, wenn er sich im Gefängnis oder in der Klinik befinde (Urk. 1).
3.
3.1
Der Beschwerdeführer befindet sich seit dem
5. Januar 2021 bis
mindestens
am 7. Juli 2021
in Untersuchungshaft. Damit dauert die Untersuchungshaft länger als drei Monate
an
,
was auch bereits im Zeitpunkt der Sistierungsv
erfügung vom 13. April 2021
galt
. Damit ist die
Rentensistierung gemäss der bundesgericht
lichen Rechtsprechung
grundsätzlich gerechtfertigt
, hat auch eine gesundheitlich unbeeinträchtigte Person während dieser Zeit in der Regel einen Erwerbsausfall
hinzunehmen (vgl. vorstehend E.
1.2-1.3).
Dafür, dass der Beschwerdeführer,
welcher sich berei
ts seit längerer Zeit in A._
im Zentrum für Stationäre Forensische Therapie auf der Sicherheitsstation befindet, im Rahmen dieser Massnahme
eine
r
Erwerbstätigkeit
nachgehen könnte, wäre er gesundheitlich nicht eingeschränkt
, bestehen keinerlei Anhaltspunkte. Er brachte denn auch nichts Entsprechendes vor,
nachdem ihm die Beschwerdeantwort der Beschwer
degegnerin mit dem darin enthaltenen Hinweis auf die bundesgerichtliche Recht
sprechung zugestellt und ihm Frist für die Erstattung einer Replik angesetzt worden war; er
liess
sich
nicht
einmal
vernehmen.
3.2
Die
Rechtmässigkeit
der Sistierung ab 1.
Februar 2021
steht somit
gemäss
der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung
nicht in
Frage. Dass der Beschwerdeführer
während
der Untersuchungshaft grundsätzlich allfä
llige Kosten zu begleichen hat
, führt zu keinem anderen Ergebnis, müsste doch auch eine nicht invalide Person in der gleichen Situation für die entsprechenden Positionen a
ufkommen.
Zusammenfassend erweist sich die von der Beschw
erdegegnerin rückwirkend per 1. Februar 2021
verfügte Sistierung der Invalidenrente als rechtens. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
4.
Da es sich bei der angefochtenen Verfügung um die Bewilligung oder Verweige
rung von Versicherungsleistungen handelt, ist das
Verfahren kostenpflichtig (Art. 69 Abs.
1
bis
IVG).
Da Umstände vorliegen, welche es rechtfertigen keine Kosten aufzuerlegen (§ 33 Abs. 3 des Gesetztes über das Sozialversicherungs
gericht
,
GSVGer
), wird auf eine Kostenauflage
verzichtet
.