Decision ID: 03db878f-2387-4e58-9682-820bd7324757
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte Tötung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster, Strafgericht, vom
15. August 2013 (DG130006)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 19. März
2013 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 25).
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Beschuldigte ist schuldig des versuchten Totschlags im Sinne von
Art. 113 StGB in Verbindung mit Art. 22 StGB.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit 2 Jahren Freiheitsstrafe (wovon bis und
mit heute 183 Tage durch Haft erstanden sind).
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf
2 Jahre festgesetzt.
4. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
7. März 2013 beschlagnahmte Steakmesser (schwarzer Griff, Klingenlänge
ca. 11 cm; act. 14/2) wird definitiv eingezogen und der Bezirksgerichtskasse
Uster zur Vernichtung überlassen.
5. Der beschlagnahmte Reisepass der Beschuldigten (CH-Reisepass ..., ltd.
auf A._) sowie deren türkische Identitätskarte (No. ..., ..., ltd. auf
A._) werden der Beschuldigten von der Bezirksgerichtskasse Uster auf
erstes Verlangen heraus gegeben.
6. Das Genugtuungsbegehren der Beschuldigten wird abgewiesen.
7. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf Fr. 3'000.–.
8. Die Gerichtsgebühr wird der Beschuldigten auferlegt.
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9. Folgende Untersuchungskosten werden der Beschuldigten auferlegt:
Fr. 4'001.10 Auslagen Vorverfahren
Fr. 5'000.– Gebühr für die Führung der Strafuntersuchung mit  gemäss § 4 Abs. 1 lit. b GebV StrV
Fr. 825.– Dolmetscherkosten Gericht
10. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Geschä-
digtenvertretung werden auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten
bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
11. Rechtsanwalt lic.iur. X._ wird für seine Bemühungen als amtlicher Ver-
teidiger der Beschuldigten mit Fr. 30'000.– (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 79 S. 2 f.)
" 1. Die Beschuldigte sei vollumfänglich freizusprechen. Eventualiter sei die Beschuldigte vom Vorwurf des versuchten Totschlages in Anwendung von Art. 16 Abs. 2 StGB freizusprechen.
2. Mit der Beschlagnahmung des Messers sei anklagegemäss () zu verfahren bzw. es sei davon Vormerk zu nehmen, dass der diesbezüglich Entscheid bereits in Rechtskraft  ist.
3. Die Beschuldigte sei für die erlittene Überhaft von insgesamt 183 Tagen mit einer Genugtuung in der Höhe von Fr. 36'000.-- zu . Die Genugtuung sei direkt an das zuständige  zur Deckung der bereits getätigten Aufwendungen . Vom Verzicht der Geschädigten auf eine Entschädigung sei Vormerk zu nehmen.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Staatskasse.
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Subeventualanträge:
" 1. Die Beschuldigte sei des versuchten Totschlages im Sinne von Art. 113 i.V.m. Art. 22, begangen im Notwehrexzess im Sinne von Art. 16 Abs. 1 schuldig zu sprechen.
2. Die Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten und 3 Tagen (183 Tage) zu bestrafen, wobei davon Vormerk zu  sei, dass die Strafe durch die erstandene Untersuchungshaft von insgesamt 183 Tagen bereits verbüsst ist.
3. Mit der Beschlagnahmung des Messers sei anklagegemäss () zu verfahren.
Die Kosten des Verfahrens seien der Beschuldigte im Umfang zu 1⁄4 aufzuerlegen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung seien  auf die Staatskasse zu nehmen."
b) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 78 S. 1)
" 1. Die Beschuldigte sei der versuchten vorsätzlichen Tötung im  von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen;
2. Sie sei mit einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren, unter Anrechnung der erstandenen Haft von 183 Tagen, zu bestrafen;
3. Von der Rechtskraft des mit Urteil des BG Uster vom 15. August 2013 beschlagnahmten Tatmessers sei Vormerk zu nehmen."
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte und Prozessuales
1.1. Gemäss Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
19. März 2013 wird der Beschuldigten A._ versuchte Tötung im Sinne von
Art. 111 i.V.m. Art. 22 StGB vorgeworfen (Urk. 25).
1.2. Das Bezirksgericht Uster, Strafgericht, sprach die Beschuldigte mit Urteil
vom 15. August 2013 schuldig des versuchten Totschlags im Sinne von Art. 113
i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB. Das Gericht bestrafte die Beschuldigte mit einer be-
dingten Freiheitsstrafe von 2 Jahren, unter Anrechnung von 183 Tagen Haft. Im
Weiteren entschied die Vorinstanz über die Einziehung und Vernichtung des be-
schlagnahmten Steakmessers und über die Herausgabe des beschlagnahmten
schweizerischen Reisepasses und der türkischen Identitätskarte (Urk. 55
S. 30 ff.).
2.1. Mit Eingabe vom 16. August 2013 meldete die Staatsanwaltschaft IV des
Kantons Zürich die Berufung an (Urk. 47). Die Beschuldigte liess mit Eingabe vom
23. August 2013 ihrerseits die Berufung anmelden (Urk. 48). Mit Eingabe vom
19. November 2013 ging innert Frist die Berufungserklärung der Staatsanwalt-
schaft ein. Diese beantragt, die Beschuldigte sei statt wegen versuchtem Tot-
schlag wegen versuchter Tötung schuldig zu sprechen und eine im Vergleich zu
der von der Vorinstanz ausgefällten zweijährigen Freiheitsstrafe höhere Freiheits-
strafe auszufällen (Urk. 56). Mit innert Frist abgegebener Berufungserklärung vom
29. November 2013 liess die Beschuldigte beantragen, sie sei vom Vorwurf des
versuchten Totschlags freizusprechen und es sei ihr für die erlittene Überhaft eine
Genugtuung in der Höhe von Fr. 36'600.– zuzusprechen (Urk. 57 S. 2).
2.2. Der Geschädigte B._, der damalige Ehemann der Beschuldigten, gab
bereits vor der erstinstanzlichen Hauptverhandlung, am 11. April 2013, eine Des-
interesseerklärung an einer Strafverfolgung der Beschuldigten ab und verzichtete
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ausdrücklich auf die Geltendmachung von Schadenersatz- und Genugtuungsan-
sprüchen (Urk. 31; Urk. 32/1).
3. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung
(Art. 402 StPO). E contrario erwachsen die nicht von der Berufung erfassten
Punkte in Rechtskraft (SCHMID, StPO-Praxiskommentar, Zürich/St. Gallen 2009,
N 1 zu Art. 402; vgl. auch Art. 437 StPO). Nicht angefochten wurde die Einzie-
hung und Vernichtung des Steakmessers (Dispositivziffer 4), die Herausgabe der
Ausweisschriften (Dispositivziffer 5) sowie die Entschädigung des amtlichen Ver-
teidigers (Dispositivziffer 11). Diese Dispositivziffern des vorinstanzlichen Urteils
sind somit in Rechtskraft erwachsen, was vorab mittels Beschluss festzustellen
ist.
4.1. Der amtliche Verteidiger wiederholte den bereits vorinstanzlich gestellten
Beweisantrag, zur Klärung der Schuld- bzw. Zurechnungsfähigkeit der Beschul-
digten zum Tatzeitpunkt sei ein forensisch-psychologisches Gutachten im Sinne
von Art. 20 StGB einzuholen. Er stellte sodann den prozessualen Antrag, das
Berufungsverfahren sei bis zum Vorliegen des Gutachtens zu sistieren (Urk. 57
S. 2 f.).
4.2. Mit Beschluss vom 6. Mai 2014 wurde die Einholung eines psychiatrischen
Gutachtens zur Schuldfähigkeit der Beschuldigten, zum allfälligen Vorliegen eines
Affektdelikts und zur allfälligen Notwendigkeit einer Massnahme im Sinne von
Art. 59 ff. StGB angeordnet (Urk. 64). Das am 23. Dezember 2014 bei der hiesi-
gen Kammer eingegangene psychiatrische Gutachten von Dr. med. C._ (Urk.
68) wurde den Parteien mit Präsidialverfügung vom 5. Januar 2015 zur Stellung
von allfälligen Anträgen zur Ergänzung des Gutachtens zugestellt (Urk. 71). Die
Verteidigung verzichtete darauf mit Eingabe vom 19. Januar 2015 (Urk. 73). Die
Staatsanwaltschaft liess sich innert Frist nicht vernehmen.
5. Zur Berufungsverhandlung am 30. April 2015 erschienen sind die Beschul-
digte in Begleitung ihres amtlichen Verteidigers sowie die Vertreterin der Ankla-
gebehörde (Prot. II S. 5)
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6.1. Die Verteidigung der Beschuldigten rügt in ihrer Berufungserklärung die Ver-
letzung des Anklageprinzips durch die Vorinstanz, indem diese die Beschuldigte
wegen versuchten Totschlags verurteilt habe (Urk. 57 S. 3; Urk. 79 S. 8 ff.;
vgl. auch Urk. 43 S. 19). So seien die für eine Verurteilung wegen versuchten
Totschlags erforderlichen Sachverhaltselemente in der Anklageschrift nicht aufge-
führt, weshalb die Beschuldigte vom Vorwurf des versuchten Totschlags freizu-
sprechen sei.
Die Vorinstanz hat sich zum Einwand der Verletzung des Anklagegrund-
satzes nicht geäussert, obwohl die Verteidigung diese Problematik bereits in
ihrem Plädoyer vor Vorinstanz angesprochen hatte. Sie nahm stattdessen eine
Ergänzung des Sachverhaltes ohne Weiterungen vor, womit sich vorliegend die
Frage stellt, ob dem Anklagegrundsatz damit Genüge getan ist bzw. ob dies nicht
den Verteidigungsrechten der Beschuldigten entgegensteht.
6.2. Gemäss dem Anklagegrundsatz darf das Gericht nur den Sachverhalt beur-
teilen, der in der Anklage aufgeführt wird (Art. 350 Abs. 1 StPO). Stützt sich eine
Verurteilung auf einen Lebensvorgang, der nicht mit dem angeklagten Sachver-
halt identisch ist, kann dies der Umgrenzungs-, Fixierungs- und Informationsfunk-
tion zuwiderlaufen. Allerdings stellt nicht jedes Abweichen vom Anklagesachver-
halt eine Verletzung des Anklagegrundsatzes dar. Soweit das gerichtliche Be-
weisverfahren ergibt, dass sich das Tatgeschehen in einzelnen Punkten anders
abgespielt hat, bleibt eine Verurteilung möglich, wenn dadurch die vom Anklage-
prinzip angestrebten Ziele nicht verfehlt werden (BSK-StPO I - NIGGLI / HEIM-
GARTNER, N 52 f. zu Art. 9). Das Gericht kann auch in den Akten liegende Bewei-
se berücksichtigen, die sich nicht im Anklagesachverhalt direkt niedergeschlagen
haben (BSK-StPO II - NIGGLI/HEIMGARTNER, N 17 zu Art. 350). Wenn das Gericht
aufgrund der Beweislage die Meinung bildet, dass ein anderes als in der Anklage
umschriebenes inkriminiertes Verhalten vorliegt, so ist eine Änderung zulässig
und sogar angezeigt. Eine Anklageänderung kann sich aber nur auf Sachverhalte
beziehen, welche mit dem Beweisergebnis korrespondieren und im Kern bereits
in der Anklage enthalten sind, mithin denselben Prozessgegenstand betreffen
(BSK-StPO I - NIGGLI / HEIMGARTNER, N 53 f. zu Art. 9; BSK-StPO II - NIGGLI/
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HEIMGARTNER, N 17 zu Art. 350; Urteil BGer vom 18. Januar 2008 [6B_459/2007],
E. 4.2).
6.3. Vorliegend ergab sich der von der Vorinstanz "ergänzte" Sachverhalt auf-
grund der Aussagen der Beschuldigten selbst und weiterer Zeugen, so dass er
mit dem Beweisergebnis korrespondiert. Der Kern des Anklagesachverhalts, die
versuchte Tötung des Geschädigten mit einem Messerstich in die Brust, wurde
beibehalten. Es wurden lediglich weitere Vorgänge berücksichtigt, welche mit dem
in der Anklageschrift konkretisierten Geschehen eine Einheit bilden. Die Vorge-
schichte und die eingeklagte versuchte Tötung stellen vorliegend einen einheit-
lichen Geschehensablauf dar. Sodann wurden auch die Verteidigungsrechte der
Beschuldigten dadurch nicht verletzt, zumal die Verteidigung in ihrem Plädoyer
vor Vorinstanz ausführlich zum Sachverhalt und zur rechtlichen Würdigung Stel-
lung genommen hat. Die Verteidigung selber hat denn auch entsprechende Er-
gänzungen vorgenommen und das Verhalten der Beschuldigten als versuchten
Totschlag gewürdigt. Zu guter Letzt wurde den Parteien vor Vorinstanz unter Hin-
weis auf Art. 333 StPO und 344 StPO die Gelegenheit gegeben, zu einer von der
Anklage abweichenden rechtlichen Würdigung Stellung zu nehmen (Prot. I S. 22).
Somit war der Beschuldigten klar, was ihr in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht
vorgeworfen wurde. Das Anklageprinzip wurde daher nicht verletzt.
II. Sachverhalt
A. Ausgangslage
1.1. In der Anklageschrift wird der Beschuldigten in objektiver Hinsicht vorge-
worfen, am 12. Oktober 2011 nach einem Streit mit ihrem Ehemann B._
(nachfolgend Geschädigter) ein ca. 23 cm langes Steakmesser (Klingenlänge ca.
11 cm) aus der Küche der gemeinsamen Wohnung behändigt zu haben, damit ins
Wohnzimmer gegangen zu sein und dem auf dem Sofa sitzenden Geschädigten
einen Messerstich in die rechte Brustseite (Einstichtiefe 3-5 cm) versetzt zu ha-
ben. Dadurch habe sie die rechte Brustkorbschlagader des Geschädigten durch-
trennt, was zu einer Blutansammlung von mehr als 2 Litern im Brustkorb rechts
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geführt habe. Diese Verletzung war lebensgefährlich, führte jedoch (zufolge ra-
scher ärztlicher Hilfe) nicht zum Tod. In subjektiver Hinsicht wirft die Staatsan-
waltschaft der Beschuldigten vor, dass sie um die möglicherweise tödlichen Fol-
gen dieses Messerstiches gewusst und diese zumindest in Kauf genommen habe
(Urk. 25).
1.2. Die Beschuldigte anerkannte den äusseren Tatablauf in der Untersuchung
mit Einschränkungen (Urk. 6/1 S. 5; Urk. 21/3 Einvernahme S. 2; Urk. 6/3 S. 13
und 18; Prot. I S. 14 f.) und anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung
vollumfänglich (Prot. I S. 14 f.; Urk. 43 S. 14 - 16). Auch an der Berufungsver-
handlung räumte sie diesen vollumfänglich ein (Prot. II. S. 19 ff.; Urk. 57 S. 3;
Urk. 79 S. 3). Die Beschuldigte gestand sodann ein, zum Tatzeitpunkt gewusst zu
haben, dass ein Messerstich in den Oberkörper eines Menschen tödliche Folgen
haben könnte (Urk. 6/1 S. 10; Prot. I S. 16; Urk. 43 S. 16, 19; Urk. 79 S. 3). Be-
stritten wurde von der Beschuldigten in subjektiver Hinsicht, dass sie in der Ab-
sicht gehandelt habe, den Geschädigten zu verletzen oder zu töten. Sie habe
beim Behändigen des Messers lediglich vorgehabt, ihn damit zum Verlassen der
Wohnung zu motivieren. Damit macht die Beschuldigte eigentlich geltend, dass
sie nicht direkt willentlich die tödliche Verletzung herbeigeführt hat, was der Be-
schuldigten so aber auch nicht vorgeworfen wird. Dieser Einwand ist zur Erstel-
lung des subjektiven Sachverhalts nicht relevant. Insoweit ist mit der Vorinstanz
der anklagegemässe Sachverhalt als erstellt zu erachten (Urk. 55 S. 4 f., Erw. 2.2.
und 2.3.). Um Wiederholungen zu vermeiden, ist vorab darauf zu verweisen
(Art. 82 Abs. 4 StPO).
1.3. Die Beschuldigte lässt indessen geltend machen, dass die der Beschuldig-
ten vorgeworfenen Handlungen das Resultat von Tyrannei und zahlreicher Über-
griffe des Geschädigten gegenüber der Beschuldigten seien. Der amtliche Vertei-
diger verweist dabei insbesondere vor Vorinstanz auf eine Vielzahl von Vorfällen
in der mehrjährigen Ehe der Beschuldigten und des Geschädigten (Urk. 43 S. 3 -
10; Urk. 79 S. 3). Im Ergebnis habe dies zu einer grossen seelischen Belastung
bei der Beschuldigten geführt. Es sei deshalb auf versuchten Totschlag im Sinne
von Art. 113 StGB zu erkennen (Urk. 43 S. 21 f.; Urk. 79 S. 5).
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1.4. Die Staatsanwaltschaft hingegen verneinte anlässlich der Hauptverhand-
lung (Urk. 42 S. 7) und der Berufungsverhandlung (Urk. 78 S. 4 ff.), dass die Be-
schuldigte unter einer entschuldbaren grossen seelischen Belastung gehandelt
habe.
1.5. Die Vorinstanz kam zum Schluss, dass die Umstände, die bei der Beschul-
digten zu einer grossen seelischen Belastung geführt hätten, sich rechtsgenügend
erstellen liessen (Urk. 55 S. 9). Um beurteilen zu können, ob die Beschuldigte aus
rechtlicher Sicht unter einer entschuldbaren grossen seelischen Belastung han-
delte, ist es unabdingbar, anhand der vorhandenen Beweismittel sowohl die Ge-
schehnisse kurz vor und während der Tat als auch die Vorgeschichte, d.h. das
Eheverhältnis der Beschuldigten und des Geschädigten sowie dessen Entwick-
lung, genauer auszuleuchten. Dies ist vorliegend im Rahmen der Sachverhaltser-
stellung zu prüfen. Im Rahmen der rechtlichen Würdigung wird dann zu prüfen
sein, ob diese Umstände die Voraussetzungen für das Vorliegen einer entschuld-
baren grossen seelischen Belastung erfüllen.
B. Sachverhaltserstellung
1. Allgemeines zur Beweiswürdigung
Die Vorinstanz machte zutreffende Ausführungen zu den allgemeinen Grund-
sätzen der Beweiswürdigung (Urk. 55 S. 6; Art. 82 Abs. 4 StPO). Präzisierend ist
festzuhalten, dass das Gericht die in Art. 10 StPO verankerten Grundsätze der
freien Beweiswürdigung sowie der Unschuldsvermutung zu beachten hat. Dem-
nach kann eine strafrechtliche Verurteilung nur erfolgen, wenn die Schuld des Be-
schuldigten mit hinreichender Sicherheit erwiesen ist. Massgebend sind allein er-
hebliche, unüberwindbare Zweifel, weil allfällige abstrakte theoretische Zweifel
immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann. Die
blosse Wahrscheinlichkeit vermag aber auch noch keinen Schuldspruch zu be-
gründen. Hat das Gericht also nach Erschöpfung aller Erkenntnisquellen erhebli-
che und nicht zu unterdrückende Zweifel an der tatsächlichen Erfüllung der objek-
tiven und subjektiven Tatbestandsmerkmale, so muss es von der für den Be-
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schuldigten günstigeren Sachlage ausgehen bzw. den Beschuldigten freisprechen
(vgl. Art. 10 Abs. 3 StPO; SCHMID, Handbuch des Schweizerischen Strafprozess-
rechts, Zürich 2009, N 233 ff.). Wie die Vorinstanz zu Recht feststellte, erfordert
der Nachweis des Vorliegens von Rechtfertigungs-, Schuldminderungs- und
Schuldausschlussgründen – im Gegensatz zu derjenigen von Tatbestandsmerk-
malen – keinen strikten Beweis. Es werden nicht die gleichen materiellen Anforde-
rungen an den jeweiligen Beweis gestellt. Ähnlich wird auch im Zusammenhang
mit dem Nachweis des Vorliegens von Privilegierungsmerkmalen im Sinne von
Art. 113 StGB vorgegangen. Gemäss dem Grundsatz "in dubio pro reo", muss de-
ren Vorliegen vom Beschuldigten nur – aber immerhin – glaubhaft gemacht wer-
den (TRECHSEL/FINGERHUTH, in: TRECHSEL/PIETH (Hrsg.), StGB-Praxiskommentar,
2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2013, N 15 zu Art. 113). D.h. die Überzeugung des Ge-
richts über das Vorliegen dieser Merkmale braucht nicht die gleiche Intensität zu
erreichen wie diejenige hinsichtlich der versuchten Tötung. Ein blosses Behaup-
ten genügt zwar nicht. Die Behauptungen müssen vielmehr mit konkreten An-
haltspunkten oder Indizien untermauert werden. Eine Tatsachenbehauptung ist
aber schon dann glaubhaft, wenn der Richter auf der Grundlage der verfügbaren
Beweismittel zur Überzeugung kommt, dass mehr für als gegen die Verwirkli-
chung der behaupteten Tatsache spricht.
2. Vorgeschichte
2.1. Die Vorinstanz kommt zwar zu Recht zum Ergebnis, dass es während der
Ehe wiederholt zu physischen Übergriffen des Geschädigten auf die Beschuldigte
gekommen sei, und sieht in diesem Umstand den entscheidrelevanten Anhalts-
punkt für das Vorliegen eines Privilegierungsmerkmals. Konkret begründet wird
diese Schlussfolgerung aber zusammengefasst nur damit, dass es gemäss Ak-
tenlage während der Ehe zu mindestens zwei gewalttätigen Übergriffen des Ge-
schädigten gegenüber der Beschuldigten gekommen sei. So hätten eine tätliche
Auseinandersetzung am 30. Januar 2008 und eine weitere am 1. Januar 2011
stattgefunden. Weiter sei es gemäss übereinstimmender Aussagen der Beschul-
digten und des Geschädigten zu immer wiederkehrenden Streitereien zwischen
den Beiden gekommen. Der Geschädigte habe sich schliesslich bei der Beschul-
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digten in einer schriftlichen Vereinbarung zwischen den Beiden für "die mehr-
fachen Vorfälle betreffend häuslicher Gewalt" entschuldigt (Urk. 57 S. 7 f.). Hierzu
ist festzuhalten, dass die Erstellung bzw. Glaubhaftmachung zweier tätlicher
Übergriffe, zwischen welchen ein Zeitraum von knapp vier Jahren liegt, wohl
kaum ausreichen dürfte, um den Unrechtsgehalt einer vorsätzlichen Tötung als
weniger gravierend erscheinen zu lassen und eine privilegierte Behandlung des
Täters hinsichtlich der Strafzumessung zu rechtfertigen. Auch reichen immer wie-
derkehrende Streitigkeiten hierzu nicht aus. Darüber hinaus ist aus den vorin-
stanzlichen Ausführungen nicht kohärent ersichtlich, wie sie auf die Erstellbarkeit
dieser Umstände kam und insbesondere gestützt auf welche Argumente sie es
als erstellt erachtete, dass es während der Ehe wiederholt zu physischen Über-
griffen gekommen sei. Diese Umschreibung kann mit den zwei erstellten Vorfällen
aus den obgenannten Gründen wohl kaum in Einklang gebracht werden. Auch der
Hinweis auf die Zugabe des Geschädigten in der Vereinbarung, sich für die
"mehrfachen Vorfälle betreffend häuslicher Gewalt" zu entschuldigen, weist al-
leine noch nicht darauf hin, dass mehr als nur diese zwei tätlichen Übergriffe
stattgefunden haben, könnte sich der Geschädigte doch mit der Verwendung des
Ausdrucks "mehrfach" gerade eben auf diese zwei Vorfälle bezogen haben. In
diesem Sinne erscheint eine eingehendere Analyse der zur Verfügung stehenden
Beweismittel im Hinblick auf die rechtliche Würdigung und die Strafzumessung als
unumgänglich. Im Folgenden ist demnach zu prüfen, ob mit den zur Verfügung
stehenden Beweismitteln genügend konkrete Anhaltspunkte vorhanden sind,
welche für die von der Beschuldigten geltend gemachten Privilegierungsmerkmale
sprechen.
2.2. Als Beweismittel dienen in diesem Zusammenhang vorliegend die Aussa-
gen der Beschuldigten (Urk. 6/1-4; Urk. 6/12; Urk. 21/3, Einvernahme der Be-
schuldigten), des Geschädigten sowie der Auskunftspersonen bzw. Zeugen
D._ (Urk. 8/3), E._ (Urk. 8/4), F._ (Urk. 8/5), G._ (Urk. 8/6),
H._ (Urk. 8/7), I._ (Urk. 8/8), J._ (Urk. 8/13-14), K._ (Urk.
8/15-16), L._ (Urk. 8/17-18), M._ (Urk. 8/19) und N._ (Urk. 8/12).
Als weitere Beweismittel zur Erstellung des Sachverhalts können die verschiede-
nen ärztlichen Berichte über die Beschuldigte (Urk. 10/4; Urk. 10/6; Urk. 10/11-
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15), Fotodokumentationen (Urk. 9), die Akten des Frauenhauses (Urk. 10/19-25),
die Unterlagen der Sozialen Dienste des Bezirks Uster (Urk. 10/35), die Unterla-
gen betreffend das gegen den Geschädigten geführte Strafverfahren (Urk.
10/29/11; 10/36/14-19; Urk. 10/36/24-26; Urk. 32/1) und die Unterlagen der Vor-
mundschaftsbehörde O._ (Urk. 10/36) sowie das psychiatrische Gutachten
über die Beschuldigte (Urk. 68) herangezogen werden.
2.3.1. Zu ihrer finanziellen Lage und ihrem Eheleben allgemein brachte die Be-
schuldigte stimmig und konstant anlässlich der Einvernahmen zusammengefasst
vor, dass sie und der Geschädigte sich kurz nach Eheschluss in einer äusserst
prekären finanziellen Situation befunden hätten, der Geschädigte fast täglich sehr
viel Alkohol, aber auch Cannabis konsumiert habe, er oft „besoffen“ gewesen und
sie mit Haushalt, Kind und dem Alltag auf sich alleine gestellt gewesen sei. Ge-
mäss ihren detaillierten und präzisen Angaben hätten der Geschädigte und sie
ziemlich bald nach Eheschluss ca. Euro 30'000.– Kreditschulden für die Eltern
des Geschädigten aufgenommen. Der Geschädigte habe seit Beginn ihrer Ehe
jeweils nur in sehr unregelmässigen Abständen (d.h. teilweise über längere Zeit
nicht) sowie mit unterschiedlichen Arbeitspensen (zeitweilen nur 50%) gearbeitet.
Er habe nie eine feste Anstellung für eine längere Zeit gehabt. Eine Zeit lang habe
die Beschuldigte Arbeitslosentaggelder bezogen. Danach habe auch sie kein Ein-
kommen mehr gehabt. Sie habe nie Geld für sich und das Kind gehabt, um etwas
zu kaufen. Sie hätten ihre Rechnungen nie bezahlen können und immer Betrei-
bungen gehabt. Wenn er gearbeitet habe, habe er auch nicht seinen ganzen Lohn
nach Hause gebracht, sondern diesen für Alkohol, fürs Kiffen und für seine Kolle-
gen ausgegeben (Urk. 6/1 S. 4, 11 f.; Urk. 6/2 Nr. 4 f., 8, 10-13; Urk. 6/4 S. 7, 12;
Urk. 68 S. 35, 41, 44, 46; Prot. II S. 11, 15). In betrunkenem Zustand sei er wegen
Nichtigkeiten aggressiv geworden und sei reizbar gewesen (Urk. 6/3 S. 4; Urk. 6/4
S. 8; Urk. 68 S. 44). Der Geschädigte sei ständig mit Kollegen unterwegs gewe-
sen. Diese seien ihm viel wichtiger gewesen als sie und das Kind (Urk. 6/4
S. 10 f.). Ihre Gefühle diesbezüglich schilderte sie lebensecht, indem sie ausführ-
te, dass sie ständig auf ihn gewartet und auf seine Liebe gehofft, viel geweint,
grosse Langeweile verspürt und sich alleine gelassen gefühlt habe. Sie habe eine
grosse Leere in sich wahrgenommen, sei manchmal aber auch nervös und wü-
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tend gewesen (Urk. 6/4 S. 10 f.; Urk. 68 S. 40, 44; Prot. II S. 28). Mit diesen Aus-
führungen zur schwierigen Ehe in Einklang zu bringen ist ohne weiteres die An-
gabe, dass sie sich jeden Tag gestritten hätten, oft auch wegen seines Alkohol-
konsums (Urk. 6/1 S. 11 f.; Urk. 6/4 S. 10; Urk. 68 S. 44, 46). Ihre Aussagen fü-
gen sich damit zu einem stimmigen Ganzen zusammen.
2.3.2. Diese Ausführungen bestätigt der Geschädigte weitgehend. So gab er
ebenfalls an, dass die Beschuldigte und er sich ständig wegen der Schulden und
ihrer beidseitigen Arbeitslosigkeit gestritten hätten (Urk. 7/2 S. 3, 5 f.; Urk. 7/3
Nr. 11). Anlässlich dreier solcher Streitereien sei sogar die Polizei zu ihnen ge-
kommen (Urk. 7/2 S. 2), was darauf hindeutet, dass die Auseinandersetzungen
jeweils ziemlich heftig gewesen sein mussten. Sie hätten vor allem finanzielle
Probleme gehabt (Urk. 7/3 Nr. 19). Weil sie sich oft gestritten hätten, sei es auch
so gewesen, dass er nach der Arbeit jeweils nicht nach Hause gegangen sei. Er
habe den ständigen Streitereien ausweichen wollen. Sie hätten nie ein gutes Ver-
hältnis zueinander gehabt. Wenn er zu Hause gewesen sei, habe die Beschuldig-
te jeweils einfach zu reden ["blablabla"] angefangen (Urk. 6/4 S. 10).
2.3.3. Dass es häufig zu heftigen Streitereien in der Familie AB._ kam und
die Familie finanzielle Schwierigkeiten gehabt hatte, konnten sodann auch Nach-
barn und Bekannte der Beschuldigten glaubhaft bezeugen. D._, eine Nach-
barin der Beschuldigten (1. Stock), führte aus, die Beschuldigte habe ihr im Früh-
ling 2011, ca. im Mai, erzählt, dass sie finanzielle Probleme habe und das Verhal-
ten des Geschädigten zu ihr nicht gut sei. Von den Nachbarn, welche auf dem
gleichen Stockwerk wie die Beschuldigte wohnten, u.a. von Frau I._, habe
sie sodann gehört, dass diese oft Schreie aus der Wohnung der Familie
AB._ vernommen hätten (Urk. 8/3 S. 4). Eine weitere Nachbarin der , E._, gab stimmig zu Protokoll, dass die Beschuldigte sich ihr
gegenüber darüber beklagt habe, dass der Geschädigte zu spät nach Hause kä-
me, täglich Alkohol trinke und dann sehr aggressiv werde, sie sich wöchentlich
streiten würden und sie finanzielle Probleme hätten (Urk. 8/4 S. 4-6). Der Ge-
schädigte seinerseits habe ihr einmal mitgeteilt, dass die Beschuldigte sehr viel
reden und sich ständig wiederholen würde. Dies störe ihn (Urk. 8/4 S. 9). Auch
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F._, I._ und H._ berichteten als direkte Nachbarn der Beschuldig-
ten übereinstimmend, dass sie schon seit längerer Zeit insbesondere laute Streit-
gespräche, das Herumwerfen von Gegenständen, das Weinen des Kindes und
Türeschlagen aus der Wohnung der Familie AB._ vernommen hätten. Dies
sei öfters, aber in unregelmässigen Abständen, ca. alle zwei bis drei Wochen,
vorgekommen (Urk. 8/5 S. 3-5; Urk. 8/7 S. 3 f., 6 f.; Urk. 8/8 S. 3, 5). Weiter gab
F._ an, dass der Geschädigte, wenn er – F._ – diesen gesehen habe,
mehrheitlich nach Alkohol gerochen habe (Urk. 8/5 S. 5). J._, eine sehr gute
Kollegin der Beschuldigten (Urk. 8/13 Nr. 7 f.; Urk. 8/14 S. 3 f.), beschrieb den
Geschädigten als aggressiv und unzuverlässig. Er sei selten zu Hause gewesen
und habe sich nie richtig um seine Tochter gekümmert. Er habe auch oft getrun-
ken. Er sei jeweils nett gegenüber der Beschuldigten gewesen, solange diese das
gemacht habe, was er gewollt habe (Urk. 8/13 Nr. 11, 17, 36; Urk. 8/14 S. 4, 7). K._, die ältere Schwester der Beschuldigten, bekundete eindrücklich, dass
die Beschuldigte erst nach der Geburt ihrer Tochter mit ihren Problemen zu ihr
oder ihren Eltern gekommen sei. Die Beschuldigte und der Geschädigte hätten
sich oft gestritten. Lediglich bruchstückhaft habe sie ihr jedoch jeweils von ihren
Eheproblemen erzählt. Ihre Eltern seien nämlich von Anfang an mit der Ehe zwi-
schen der Beschuldigten und dem Geschädigten nicht einverstanden gewesen.
Deshalb hätten sie und die Zeugin selber abgeblockt, wenn die Beschuldigte von
ehelichen Problemen habe erzählen wollen. Ihrer Ansicht nach habe sich die Be-
schuldigte v.a. deswegen und ihrer Tochter P._ zuliebe vom Geschädigten
nicht trennen können. Sie hätten immer die gleichen Probleme gehabt. Der Ge-
schädigte habe sich nicht gross um seine Tochter gekümmert. Er habe auch nie
gearbeitet und sei manchmal bis am Morgen weggewesen. Sie habe den Ge-
schädigten während der Ehe mit der Beschuldigten nicht mehr als zehnmal getrof-
fen und habe ihn eigentlich nur in angetrunkenem Zustand erlebt. Er spreche sehr
dem Alkohol zu. Sie hätten finanzielle Probleme gehabt. Es sei so gewesen, dass
die Zeugin die Beschuldigte seit der Geburt der Tochter, insbesondere im Jahr
2011, mehrmals – letztmals vor deren Ferien im September – an deren Wohnort
habe abholen müssen. Dies sei manchmal alle zwei bis drei Tage oder einmal pro
Woche oder alle zwei bis drei Wochen vorgekommen. Die Beschuldigte sei viel
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am Weinen gewesen. Nach Ansicht der Zeugin sei die Beschuldigte dem Ge-
schädigten hörig gewesen (Urk. 8/15 Nr. 17, 19, 22-25, 28 f.; 36 f.; Urk. 8/16 S. 4,
7-9). N._, Sozialarbeiterin der Sozialen Dienste Bezirk Uster, erzählte, dass
es immer die Beschuldigte gewesen sei, welche sich um die Finanzen gekümmert
und bei den Amtsstellen um die Entrichtung von Geldern ersucht habe. Der Ge-
schädigte habe sich geweigert, an den Terminen teilzunehmen. Ihr gegenüber
habe die Beschuldigte offenbart, dass es eine schwierige Situation sei. Der Ge-
schädigte kiffe manchmal und trinke Alkohol, woraufhin es jeweils eskaliere (Urk.
8/21 Nr. 5, 7, 13 - 15, 21, 23).
2.3.4. Dass es in der Ehe der Beschuldigten schon früh nicht gut lief, es sogar
mehrmals zu vorübergehenden Trennungen kam, und finanzielle Probleme be-
standen, ergibt sich schliesslich auch aus den Unterlagen. So ist dem Eintrag vom
27. Januar 2009 im Verlaufsbericht des Universitätsspitals Zürich ("Schwanger-
schaftskontrollen / stationäre Aufnahmen / Verlauf / Austritte") folgendes zu ent-
nehmen: "Möchte mit Soz.Dienst Gespräch bzgl. finanz. Situation und neuer
Wohnung. Hat sich mit Ehemann seit 5 Tagen zerstritten und auch getrennt. Er
sei in ... und sie möchte nichts mehr mit ihm zu tun haben. ..." (Urk. 10/15). Ge-
mäss dem ambulanten Bericht des Kantonsspitals Winterthur vom 19. April 2010
(Urk. 10/4) wurde die Beschuldigte notfallmässig wegen starker familiärer Belas-
tung vorstellig. Die Beschuldigte habe von mehreren Suizidversuchen vor der Ge-
burt ihrer Tochter berichtet. Ausserdem habe sie erzählt, dass sie nicht wisse, wie
es weiter gehen solle, da sie immer wieder die gleichen Probleme hätte, welche
sie alleine nicht bewältigen könne. Gemäss dem Bericht der Klinik für Psychiatrie
und Psychotherapie des Universitätsspitals Zürich vom 4. Juni 2011 (Urk. 10/13
S. 3) berichtete die Beschuldigte den sie behandelnden Ärzten anlässlich einer
Konsultation ferner, dass der Geschädigte seit ca. zwei Jahren "Alkoholprobleme"
habe, ihr gegenüber häufig verbal und körperlich aggressiv sei und sich keine Zeit
für die Beschuldigte nehme. Aus der Steuererklärung der Familie AB._ von
2010 geht die prekäre finanzielle Lage besonders klar hervor: so beliefen sich die
Einnahmen in diesem Jahr gesamthaft auf Fr. 24'668.–, nach Abzug aller Ausla-
gen gar nur auf Fr. 10'052.–. Ein objektives Indiz dafür, dass der Geschädigte Al-
koholprobleme zu haben schien, ergibt sich aus den polizeilichen Akten: beim
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Vorfall vom 1. Januar 2011 wurde eine Blutalkoholkonzentration von 1.22 Promille
(Urk. 10/36/22 S. 3), am 30. August 2011 von 1.63 Promille (Urk. 10/36/24 S. 2)
und kurz nach der Tat (nach Verlust von ca. 2.7 Litern Blut; Urk. 11/9 S. 2) eine
solche von immer noch 0.86 Promille (Urk. 12/4-5; Urk. 12/7; Urk. 12/11) festge-
stellt.
2.4.1. In Bezug auf die tätlichen Übergriffe des Geschädigten während der Ehe
führte die Beschuldigte konstant und stimmig zusammengefasst aus, seit Anbe-
ginn der Ehe vom Geschädigten regelmässig geschlagen zu werden. Präzisierend
legte sie fest, dass sich dies ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter P._ am
10. Juli 2009 verschlimmert habe. Der Geschädigte habe sie immer öfters ohne
Grund, wegen jeder Kleinigkeit geschlagen. Anschaulich gab sie individuelle Bei-
spiele hierzu an, wie das Zerbrechen eines Glases beim Abwaschen, das Reden
mit einem anderen Mann oder dass sie nicht gekocht habe (Urk. 6/1 S. 2, 11;
Urk. 6/2 Nr. 16, 26; Urk. 6/3 S. 4 f.; Urk. 6/4 S. 7, 12 f.; Prot. II S. 11). Dass sie
vom Geschädigten geschlagen wurde, sagte die Beschuldigte gleich bei der ers-
ten Einvernahme aus (Urk. 6/1 S. 2). Relativierend und zu Gunsten des Geschä-
digten brachte sie vor, dass dieser nur tätlich werde, wenn er betrunken sei
(Urk. 6/2 Nr. 16; Urk. 6/3 S. 4; Urk. 6/4 S. 7 f., 9; Urk. 68 S. 44, 46). Er könne sich
nachträglich auch nicht mehr an sein Verhalten erinnern (Urk. 6/4 S. 7 f.; Urk. 68
S. 44, 46). Nach solchen Vorfällen entschuldige er sich manchmal und sage, dass
er sie liebe und er sie als seine Ehefrau schlagen dürfe, er es nur gut mit ihr mei-
ne und nicht wolle, dass sie Fehler mache (Urk. 6/2 Nr. 16; Urk. 6/3 S. 3). Die Art
der Tätlichkeiten schilderte sie gleichbleibend: sie werde mit den Fäusten und mit
der offenen Hand geschlagen oder mit den Füssen am ganzen Körper getreten
(Urk. 6/1 S. 4, 7, 11 f., 14; Urk. 6/3 S. 3; Urk. 6/2 Nr. 16, 18; Urk. 68 S. 44, 46;
Prot. II S. 12). Dass er sie ohrfeige, komme alle zwei Wochen vor (Urk. 6/4 S. 10).
Bei einer dieser Übergriffe habe er sie auch ein bis zweimal gewürgt (Urk. 6/4 S.
5). Er habe sie auch zwei bis dreimal so gestossen, dass sie hingefallen sei (Urk.
6/1 S. 12; Urk. 6/3 S. 3; Urk. 6/4 S. 9). Einmal habe er sie sodann mit einem Mes-
ser am Oberschenkel "fein" geschnitten (Urk. 6/2 Nr. 26). Daneben habe der Ge-
schädigte sie auch zweimal mit einer Glasscherbe verletzt. Punktuell ging sie auf
einige tätliche Übergriffe, deren Entwicklung und Verlauf näher ein und setzte die
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von ihr geschilderten Vorfälle mit äusseren, eher beiläufig erscheinenden, aber für
sie subjektiv wichtigen Umständen in Verbindung, versuchte Gründe aus Sicht
des Geschädigten dafür zu nennen und gab ihre eigenen Empfindungen sowie
seine Reaktionen wieder. Von den Tätlichkeiten des Geschädigten habe sie je-
weils überall blaue Flecken, Nasenbluten, Blut am Mund bzw. an der Lippe, an
der Schläfe und am Hals, sowie Beulen am Kopf gehabt (Urk. 6/1 S. 12; Urk. 6/3
S. 3; Urk. 6/4 S. 11). Dass die Beschuldigte nicht von schwerwiegenderen Verlet-
zungen berichtete, spricht für die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen, hätte sie doch
die Verletzung viel gravierender darstellen können. Hinsichtlich der zeitlichen Ein-
ordnung der Tätlichkeiten konnte die Beschuldigte keine genauen Zeitpunkte der
jeweiligen Tätlichkeiten angeben (Urk. 6/3 S. 3). Mehrere der von ihr angegeben
tätlichen Übergriffe vermochte die Beschuldigte jedoch mit Ereignissen zu ver-
knüpfen, welche deren zeitliche Einordnung zulassen. So gab sie in Bezug auf die
ihr zugefügte Verletzung mit der Glasscherbe an, dass dies ein paar Monate nach
der Geburt ihrer Tochter gewesen sei und sie anschliessend zur Behandlung des
Schnittes am Finger ins Spital habe gehen müssen (Urk. 6/1 S. 11, 14 f.; Urk. 6/2
Nr. 26; Urk. 6/4 S. 12 f.). Der den Akten beiliegende Bericht der Klinik für Unfall-
chirurgie des Universitätsspitals Zürich bestätigt diese Ausführung der Beschul-
digten teilweise. So scheint sie am 3. September 2009 zur Behandlung einer
Schnittverletzung am Finger vom Vortag dort gewesen zu sein. Über eine allfällige
Schnittverletzung am Arm wurde zwar nichts festgehalten (Urk. 10/12). Dies
spricht aber nicht gegen die Glaubhaftigkeit dieser Aussagen, zumal es durchaus
denkbar ist, dass die Ärzte nicht jede Verletzung, welche keiner Behandlung be-
darf, jeweils dokumentieren. Ferner machte die Beschuldigte zwei weitere tätliche
Übergriffe des Geschädigten ihr gegenüber an ihrem Geburtstag im Jahre 2008
und am Silvesterabend 2011 geltend. Ebenfalls überzeugend erscheint sodann
die von ihr gemachte Differenzierung hinsichtlich der Quantität der Tätlichkeiten.
So führte sie aus, dass es sehr oft zu Ohrfeigen gekommen sei, manchmal auch
zu Faustschlägen und Fusstritten, diese aber nicht „extrem schlimm“ gewesen
seien (Urk. 6/4 S. 11). Lebensecht, zwangslos und erlebnisbasiert erscheint ins-
besondere, dass sie auf Nachfrage, wie oft sie geschlagen worden sei, antworte-
te, sie sei nicht alle zwei Wochen geschlagen worden. Alle zwei Wochen gebe der
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Geschädigte ihr vielmehr eine Ohrfeige (Urk. 6/4 S. 10). Besonders bemerkens-
wert und aussergewöhnlich wirkt diese Aussage deshalb, weil die Beschuldigte
anscheinend eine Ohrfeige inzwischen nicht mehr als „Schlagen“ empfindet. Wei-
ter gab sie an, dass sie während der Ehe ca. zehn Mal wirklich schlimm geschla-
gen worden sei (Urk. 6/1 S. 12). Die schlimmsten Vorfälle seien an Neujahr und
an ihrem Geburtstag passiert (Urk. 6/3 S. 2-5; Urk. 6/4 S. 10 f.). Diese beiden Vor-
fälle vermag die Beschuldigte detailliert, konstant, flüssig und farbig zu schildern,
ohne dass ihre diesbezüglichen Aussagen stereotyp wirken. Zum Vorfall vom
30. Januar 2008 erzählte sie Folgendes: Die Beschuldigte und der Geschädigte
seien in einer türkischen Bar gewesen. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung habe der
Geschädigte im Lift der von ihr bewohnten Liegenschaft dann plötzlich gegen die
Liftwand geschlagen, worauf sie Angst bekommen habe. Sie habe die Wohnung
zunächst nicht betreten wollen. Er habe sie an den Haaren und an einem Arm in
die Wohnung gezerrt und dort mehrfach mit der Faust gegen ihren Kopf und ihren
Bauch geschlagen. Dies habe er getan, weil er eifersüchtig gewesen sei, dass sie
in der Bar mit einem seiner Kollegen mehr gesprochen habe als mit ihm (Urk. 6/3
S. 5; Urk. 6/4 S. 7). Ebenfalls kontinuierlich und authentisch berichtete sie, dass
der Geschädigte am 1. Januar 2011 im Anschluss an eine verbale Auseinander-
setzung zunächst zehn volle Bierflaschen nach ihr geworfen, sie mehrfach gegen
den Kopf geschlagen, sie getreten und zwischendurch auch ca. 5-6 Sekunden
lang fest gewürgt habe, worauf sie ins Treppenhaus geflüchtet sei. Dort habe er
sie weiter getreten. Die Nachbarn seien dann gekommen und hätten einen Teil
der Auseinandersetzung mitbekommen. Danach sei auch die Polizei gekommen
(Urk. 6/1 S. 7, 11; Urk. 6/3 S. 2, 4; Urk. 6/4 S. 4-6; vgl. hierzu auch die Aussagen
der Beschuldigten bereits direkt nach diesem Vorfall, Urk. 10/36/18). Nach diesem
Vorfall sei sie ca. eine Woche lang im Frauenhaus ... gewesen (Urk. 6/3 S. 5).
Gesamthaft erscheinen die Aussagen der Beschuldigten hinsichtlich der tätlichen
Übergriffe des Geschädigten als erlebnisbasiert und damit glaubhaft. Daran än-
dert auch nichts, dass in ihren Aussagen durchaus auch widersprüchliche Anga-
ben zu finden sind. Soweit sie sich nämlich auf die Anzahl der einzelnen Übergrif-
fe im Verlaufe der Ehe beziehen, ist dies verständlich, zumal es sich dabei doch
um einen Zeitraum von vier Jahren und um eine Vielzahl von tätlichen Auseinan-
- 20 -
dersetzungen handelt. Ferner ist auch zu berücksichtigen, dass ihre Wahrneh-
mung der Schläge als solche sichtlich verzerrt gewesen zu sein scheint, wenn sie
sinngemäss dafürhält, dass eine Ohrfeige kein Schlag sei. Insofern sind die Wi-
dersprüche nicht derart gravierend, dass sie an der Glaubhaftigkeit der diesbe-
züglichen Aussagen der Beschuldigten ernsthafte Zweifel zu erwecken vermögen.
Bei näherer Analyse der Aussageentwicklung wird schliesslich auch deutlich,
dass diese Widersprüche meist darauf zurückzuführen sind, dass sich die Be-
schuldigte bedingt durch ihre grosse Liebe zum Geschädigten, durch dessen
Aussagen, z.B. er wolle sich mit ihr wieder versöhnen oder er liebe sie, beeinflus-
sen liess und die Intensität der körperlichen Eingriffe relativierte (vgl. Urk. 6/4
S. 8 f.). Schliesslich ist auch in Erinnerung zu rufen, dass die Überzeugung des
Richters gemäss den obgenannten Grundsätzen nicht eine derart hochstehende
Sicherheit erfordert, sondern es vorerst genügt, wenn in ihren Aussagen ein kon-
kreter Anhaltspunkt für das Vorliegen von Privilegierungsmerkmalen gesehen
werden muss.
2.4.2. Der Geschädigte bestritt diese von der Beschuldigten angegebenen tät-
lichen Übergriffe weitgehend (Urk. 7/2 S. 4 f.; Urk. 7/5 S. 2; Urk. 7/7 S. 2; Urk. 7/8
S. 2; vgl. auch Urk. 10/36/16). Angesprochen auf die von der Beschuldigten de-
tailliert geschilderten Vorfälle, welche er anfänglich durch pauschale Bestreitun-
gen jeglicher Tätlichkeiten gegenüber der Beschuldigten in Abrede stellte, räumte
er lediglich leichte, auf Gegenseitigkeit beruhende physische Eingriffe ein (ca. im
Juni/Juli 2011: leichte Ohrfeige als Reaktion auf einen Schlag der Beschuldigten
[Urk. 7/2 S. 4 f.; Urk. 6/4 S. 14]; am 1. Januar 2011: "Gestosse", Beschuldigte fällt
immer wieder zu Boden, Hochziehen am Arm, einige Ohrfeigen, gegenseitiges
Schlagen [Urk. 7/5 S. 2; Urk. 7/7 S. 2; Urk. 7/8 S. 2; Urk. 6/4 S. 3-6, 13]; am
30. Januar 2008: Faustschlag gegen Liftwand, "Gerangel", gegenseitiges Schla-
gen [Urk. 6/4 S. 7; Urk. 7/11 S. 4]). Entkräften vermag der Geschädigte die
Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschuldigten damit kaum.
2.4.3. Stimmig mit den Aussagen der Beschuldigten, bestätigten schliesslich auch
etliche neutrale Zeugen die Version der Beschuldigten. Vorweg festzuhalten ist in
diesem Zusammenhang, dass mit Ausnahme von HG._ keiner der einver-
- 21 -
nommenen Zeugen tätliche Übergriffe des Geschädigten gegenüber der Beschul-
digten direkt selber wahrnehmen konnten. Lediglich die genannten zwei Zeugen
konnten eigene Wahrnehmungen vom tätlichen Übergriff am 1. Januar 2011 wie-
dergeben, welche die Version des Geschädigten eindeutig widerlegen. So berich-
teten die Zeugen HG._ jeweils aus ihrer eigenen Perspektive, detailliert, ko-
härent, untereinander stimmig und logisch in der Abfolge über das an diesem
Abend Beobachtete. Zusammengefasst hätten sie ihre eigene Wohnungstüre
aufgrund lauter Geräusche und Stimmen geöffnet und den Geschädigten und die
Beschuldigte im Korridor der Liegenschaft gesehen, wobei G._ präzisierte,
dass die Beschuldigte zu diesem Zeitpunkt bereits seitlich am Hals blau gewesen
sei. Der Geschädigte habe die Beschuldigte geschlagen (G._) und getreten
(HG._), worauf die Beschuldigte (G._: auf ihre rechte Körperseite) auf
den Boden gefallen sei. Am Boden liegend habe der Geschädigte die Beschuldig-
te weiterhin mit Fusstritten gegen deren Bauch und Kopf getreten (HG._)
bzw. sie mit der Faust gegen ihr Gesicht, den Kopf, die linke Schulter und den lin-
ken Oberkörper geschlagen (G._). H._ habe zwischendurch kurz in die
Wohnung der Familie AB._ blicken können und habe dort viele Glasscherben
am Boden gesehen. G._ habe die beiden getrennt und sie hätten die Be-
schuldigte zu sich in die Wohnung aufgenommen. Anschliessend hätten sie die
Polizei gerufen (Urk. 8/6 S. 4-6; Urk. 8/7 S. 5 f., 9). Die übrigen Zeugen konnten
zwar keine eigenen Beobachtungen der Tätlichkeiten gegenüber der Beschuldig-
ten wiedergeben. Jedoch bezeugten etliche Einvernommene, seit geraumer Zeit
von tätlichen Übergriffen des Geschädigten gegenüber der Beschuldigten entwe-
der durch die Beschuldigte oder von anderen Personen gehört zu haben. So habe
D._ bereits vor 2011 von Nachbarn gehört, dass die Beschuldigte geschla-
gen werde (Urk. 8/3 S. 4 f.). E._ habe von der Beschuldigten erzählt erhal-
ten, dass der Geschädigte sie schlage und sie einmal sogar mit Fusstritten trak-
tiert habe (Urk. 8/4 S. 4 - 6). F._ wurde gemäss seiner Aussagen von der
Familie HG._ darüber informiert, dass der Geschädigte die Beschuldigte an
Silvester 2011 getreten habe, als diese am Boden gelegen sei (Urk. 8/5 S. 7 f.).
Der Mann von I._ und deren Sohn hätten dieser von durch den Türspion be-
obachtetem "Prügeln vor dem Lift" berichtet (Urk. 8/8 S. 3). J._ gab zu Proto-
- 22 -
koll, dass ihr die Beschuldigte seit Anfang 2010 mindestens ca. zehnmal offenbart
habe, dass der Geschädigte sie geschlagen habe. Auch habe sie vom Vorfall am
1. Januar 2011 erzählt und ihr gesagt, dass sie – die Beschuldigte – damals ge-
dacht hätte, dass sie sterben müsse. Ferner habe sie vor Anfang 2010 bereits von
Q._, einer ehemaligen gemeinsamen Kollegin, gehört, dass die Beschuldigte
vom Geschädigten geschlagen werde (Urk. 8/13 Nr. 16, 17 f.; Urk. 8/14 S. 4 - 6).
Schliesslich habe die Beschuldigte K._ – so die Zeugin – nach und nach
kundgetan, dass sie vom Geschädigten öfters geschlagen werde, insbesondere,
wenn dieser trinke und aggressiv werde (Urk. 8/16 S. 4, 7, 8). Einige der befrag-
ten Personen bestätigten darüber hinaus, Verletzungen an der Beschuldigten
wahrgenommen zu haben. E._ habe ca. im Frühling 2011 einen rötlich-
bläulichen Fleck auf der rechten Backe und ca. drei Monate vor dem 12. Oktober
2011 einen rötlichen Fleck auf der Stirn der Beschuldigten gesehen (Urk. 8/4 S. 4
- 6). F._ habe bemerkt, dass eine Hautpartie im Gesicht der Beschuldigten
ca. im Januar 2011 leicht geschwollen, rötlich und etwas "asymmetrisch" gewe-
sen sei (Urk. 8/5 S. 6). J._ habe vor dem 1. Januar 2011 am Oberarm und
am Oberschenkel der Beschuldigten lila Flecken, eine Wunde an einer Lippe,
blaue Flecken im Gesicht und einmal einen lila Fleck seitlich eines Auges ent-
deckt (Urk. 8/13 Nr. 15, 25, 30; Urk. 8/14 S. 4, 6 f.). M._ habe im Dezember
2010 und im Januar 2011 einmal mehrere blaue Flecken am Unterarm und ein
weiteres Mal einen blauen Fleck auf Wangenhöhe unterhalb des Auges der Be-
schuldigten registriert (Urk. 8/19 Nr. 10, 12, 14; Urk. 8/20 S. 4 f., 6). K._
sprach von blauen Flecken, Kratzern und Schürfungen zwischen Hals und Schul-
ter, an den Oberarmen und Beinen, welche sie seit der Geburt von P._
manchmal alle zwei bis drei Tage oder einmal pro Woche oder alle zwei bis drei
Wochen bei der Beschuldigten habe feststellen können (Urk. 8/15 Nr. 25 f.;
Urk. 8/16 S. 4, 8 f.). Zu guter Letzt erklärten einige der befragten Nachbarn, dass
sie laute Geräusche (lautes Schreien, Herumwerfen von Gegenständen, Weinen
der Beschuldigten und des Kindes) aus der Wohnung der Familie AB._ ver-
nommen hätten, welche sie sinngemäss darauf schliessen liess, dass die Be-
schuldigte in Gefahr sei bzw. dass sie geschlagen werde. Zu nennen ist in diesem
Zusammenhang F._, welcher angab zweimal bei der Familie AB._ ge-
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klingelt zu haben, weil die aus deren Wohnung zu hörenden Streitereien und Ge-
räusche derart ausgeartet seien, dass ihm die Situation sehr gefährlich erschie-
nen sei. Bei einem dieser Vorfälle habe er sich gedacht, dass er nicht mehr ein-
fach wegschauen könne und er etwas machen müsse, bevor etwas passiere
(Urk. 8/5 S. 3-5). H._ hob von den von ihr gehörten lauten Streitigkeiten ins-
besondere deren drei hervor – nebst demjenigen vom 1. Januar 2011. Als sie En-
de 2009/anfangs 2010 wegen sehr lauten Streitigkeiten ihre eigene Wohnungstü-
re geöffnet habe, habe sie beobachtet, wie die Beschuldigte weggerannt sei und
der Geschädigte ihr hinterher. Beim erhaschten Blick in die Wohnung der Familie
AB._ habe sie Blut am Boden gesehen (Urk. 8/7 S. 3 f.). Im Jahr 2010 und
nach Silvester 2011 habe sie wieder sehr laute Geräusche aus der Wohnung der
Familie AB._ vernommen und vermutet, dass der Geschädigte die Beschul-
digte schlage. F._ sei gekommen und habe an deren Wohnung geklingelt.
Sie seien aber vom Geschädigten beschwichtigt und weggewiesen worden, wo-
rauf sie zurück in ihre Wohnung gegangen sei, auch wenn sie nicht wirklich ge-
glaubt habe, das alles in Ordnung sei (Urk. 8/7 S. 4 f., 6 f.). Einen dieser Vorfälle,
welche sowohl F._ als auch H._ ansprachen, konnte indirekt sodann
auch von I._ gehört werden (Urk. 8/8 S. 5).
2.4.4. Weitere Anhaltspunkte dafür, dass die Aussagen der Beschuldigten in Be-
zug auf die tätlichen Übergriffe des Geschädigten der Wahrheit entsprechen, fin-
den sich in den beiliegenden Unterlagen der Polizei und der Staatsanwaltschaft
See / Oberland. Aus der Sistierungsverfügung der Staatsanwaltschaft See / Ober-
land vom 14. April 2011 (Urk. 10/29/11) sowie den dazugehörigen Polizeiakten
geht hervor, dass es in der Familie AB._ zweimal, am 30. August 2010 und
am 1. Januar 2011 zu polizeilich erfassten Tätlichkeiten gekommen ist. Im Polizei-
rapport vom 30. August 2008 wird vermerkt, dass die Polizei aufgrund eines Hin-
weises von Anwohnern an den Wohnort der Familie AB._ ausgerückt sei. Als
diese dort eingetroffen sei, sei die Lage inzwischen bereits beruhigt gewesen. Der
Geschädigte und die Beschuldigte hätten von gegenseitigen Tätlichkeiten gespro-
chen. Bei der Beschuldigten seien äusserliche Verletzungen der Oberlippe sowie
eine angeschwollene Backe festgestellt worden. Die Beschuldigte habe auf die
ausgerückten Polizisten einen leicht eingeschüchterten, der Geschädigte dahin-
- 24 -
gegen einen eher dominanten, aufgebrachten Eindruck gemacht (Urk. 10/36/24-
25). Gemäss Polizeirapport vom 5. Januar 2011 und der Verfügung der Kantons-
polizei Zürich betreffend der Anordnung von GSG-Massnahmen vom 1. Januar
2011 habe der Geschädigte die Beschuldigte am 1. Januar 2011 nach einem ver-
balen Streit mit diversen Gegenständen beworfen, sie anschliessend mehrmals
mit der Hand gegen den Kopf geschlagen und, nachdem diese zu Boden gegan-
gen sei, mit den Füssen gegen Rücken und Beine getreten. Die Beschuldigte ha-
be Hämatome und Rötungen gehabt (Urk. 10/36/15-16, 18-19; Urk. 10/36/22).
2.4.5. Ferner lassen sich die Aussagen der Beschuldigten auch mit den Aktenno-
tizen des Frauenhauses ... (Urk. 10/19) verflechten. Nach dem Vorfall vom
1. Januar 2011 wurde die Beschuldigte auf Initiative der Kantonspolizei im Frau-
enhaus angemeldet und verblieb dort knapp eine Woche. In den Aktennotizen
wird in Übereinstimmung mit den Aussagen der Beschuldigten vermerkt, dass
diese immer wieder vom Geschädigten geschlagen worden sei. Die Beschuldigte
habe erklärt, dass sie nicht mehr könne, sie habe ihn (wohl den Geschädigten)
satt. Er sei ziemlich brutal, trinke Alkohol und bedrohe sie mit der Wegnahme der
Tochter. Die Beschuldigte sei zwei Monate nach der Hochzeit und an ihrem Ge-
burtstag erstmals vom Geschädigten geschlagen worden. Die Beschuldigte sage,
dass der Geschädigte nur aggressiv werde und sie schlage, wenn er trinke und
kiffe. Einmal habe der Geschädigte sie im Lift geschlagen, weil er eifersüchtig
gewesen sei. Die Tochter sei immer dabei gewesen, wenn der Geschädigte sie
geschlagen habe. Festgehalten wird in den Aktennotizen sodann, dass die Be-
schuldigte blaue Flecken am Bein, im Gesicht und Verletzungen am rechten Ohr
habe (vgl. auch Urk. 10/22).
2.4.6. Schliesslich ist auch in den Unterlagen der Sozialen Dienste des Bezirks
Uster ein Eintrag zu finden, aus dem hervorgeht, dass sich die Beschuldigte spä-
testens am 10. Oktober 2011 auch gegenüber R._ dahingehend geäussert
hat, dass der Geschädigte sie schlage (Urk. 10/35 S. 2).
2.4.7. Aufgrund der vorliegenden Beweislage bestehen damit genügend Anhalts-
punkte dafür, dass die Beschuldigte während der Ehe vom Geschädigten mehr-
mals (d.h. mehr als nur zweimal) und regelmässig teilweise heftig geschlagen
- 25 -
wurde. Anhaltspunkte, die gegen diese Schlussfolgerung sprechen, können nicht
einmal den Aussagen des Geschädigten entnommen werden, zumal auch dieser
einräumt, drei Mal gegenüber der Beschuldigten tätlich geworden zu sein. Auf-
grund der Erzählungen der Zeugen, den Aussagen der Beschuldigten und den
weiteren obgenannten Beweismitteln, muss jedoch davon ausgegangen werden,
dass es häufig zu tätlichen Übergriffen des Geschädigten gegenüber der Be-
schuldigten kam.
2.5.1. Die Beschuldigte führte mehrmals anlässlich ihrer Einvernahmen aus, dass
sie vor der Tat völlig kaputt gewesen sei (Urk. 6/1 S. 4, 7, 11; Urk. 21/3, Einver-
nahme Beschuldigte, S. 2). Ausserhalb dieses Verfahrens sind in den ärztlichen
Unterlagen ebenfalls ähnliche Bekundungen der Beschuldigten zu finden. So soll
sie am 19. April 2011 gegenüber den Ärzten gesagt haben, nicht zu wissen, wie
es weiter gehen soll, da sie immer wieder die gleichen Probleme hätte, welche sie
aber allein nicht bewältigen könne (Urk. 10/4 S. 2). Im Juni 2011 habe die Be-
schuldigte über eine deprimierte Stimmung sowie Lust- und Freudlosigkeit berich-
tet (Urk. 10/13). In den Aktennotizen des Frauenhauses ... ist der Eintrag zu fin-
den, dass die Beschuldigte am 1. Januar 2011 gesagt habe, sie könne nicht
mehr, sie habe es satt (Urk. 10/19 S. 1).
2.5.2. Den Eindruck, dass die Beschuldigte aufgrund ihrer konfliktträchtigen Ehe-
beziehung extrem belastet war, schienen auch mehrere Personen in ihrem Um-
feld gehabt zu haben. So erzählte D._, dass die Beschuldigte im Frühling
2011 "verzweifelt" (Urk. 8/3 S. 3) und kurz vor dem eingeklagten Vorfall "traurig",
"verloren" und "seelisch völlig kaputt" auf sie gewirkt habe (Urk. 8/3 S. 4 f.). Die
Sozialarbeiterin S._ vermerkte, dass die Beschuldigte ständig unter dem
Druck des Geschädigten oder ihrer Eltern gestanden habe (Urk. 8/21 Nr. 5, 7, 13 -
15, 21, 23). Es habe ausgesehen, so die Nachbarin E._, als würde die Be-
schuldigte eine Depression bekommen. Eine Woche vor dem Vorfall habe sie die
Beschuldigte wissen lassen, dass sie sich vom Geschädigten trennen möchte,
weil sie das Ganze nicht mehr lange aushalten könne und keine Kraft mehr habe
(Urk. 8/4 S. 7). Die Nachbarin I._ bemerkte, dass sie in den Augen der Be-
schuldigten oft Angst gesehen habe (Urk. 8/8 S. 4). J._ gab an, dass sie die
- 26 -
Beschuldigte bereits im Jahre 2010 mehrfach als depressiv empfunden habe.
Auch anfangs 2011 sei dies so gewesen (Urk. 8/14 S. 5). Ca. zwei Monate, bevor
die Beschuldigte mit ihren Eltern in die Türkei geflogen sei (muss ca. Juli 2011
gewesen sein), sei sie infolge einer Streitigkeit mit ihren Eltern psychisch am En-
de gewesen (Urk. 8/13 Nr. 18). Weiter tat sie kund, dass die Beschuldigte sich in-
nerlich schon vom Geschädigten habe trennen wollen, es aber gleichzeitig nicht
gekonnt habe. Die Beschuldigte habe ihr gesagt habe, dass sie die Situation mit
den Schlägen und den Streitereien nicht mehr aushalte und nicht mehr könne
(Urk. 8/13 Nr. 24, 38; Urk. 8/14 S. 4 f., 7, 9). Die Schwester der Beschuldigten,
K._, erklärte, sie habe nach der Rückkehr der Beschuldigten aus den Ferien
(Ende September 2011) im Facebook gelesen, dass es ihr nicht so gut gehe. Sie
habe gesagt, sie sei alleine und es gehe ihr psychisch nicht gut (Urk. 8/16 S. 6
ff.). Die Zeugin L._ erklärte, die Beschuldigte sei vor den Ferien (im Septem-
ber 2011 mit ihren Eltern in der Türkei) traurig gewesen und habe ihr gegenüber
offenbart, dass sie "voll sei", genug habe. Sie habe sich aber nicht vom Geschä-
digten trennen wollen, weil sie ihn geliebt habe. Sie habe nicht mehr gewusst,
was sie machen solle. Sie sei "blind vor Liebe" (Urk. 8/17 S. 3 ff.; 8/18 S. 6 ff.).
M._ von den Sozialen Diensten führte aus, der Suizidversuch der Beschul-
digten im März 2011 sei ihrer Ansicht nach wegen Überforderung mit dem Ehe-
mann, der Tochter P._ und der finanziellen Lage erfolgt (Urk. 8/19, Urk. 8/20
S. 4 f.).
2.5.3. Aus den ärztlichen Berichten geht hervor, dass sich die Beschuldigte mehr-
fach wegen "Fehlender Lebensfreude" (am 8. März 2011; Urk. 10/4 S. 1; am
4. Juni 2011; Urk. 10/13 S. 2), wegen "starker familiärer Belastung" (am 19. April
2010; Urk. 10/4 S. 2) oder wegen "belastender psychosozialer Situation" bzw.
"schwierigem Eheverhältnis mit verbalen und körperlichen Aggressionen" (am
4 Juni 2011; Urk. 10/13 S. 2) notfallmässig in psychiatrische Behandlung begab.
Die Vorstellung am 8. März 2011 erfolgte gemäss dem Bericht, nachdem die Be-
schuldigte in parasuizidaler Absicht Medikamente geschluckt hatte (Urk. 10/4).
2.6. Zusammengefasst ist somit glaubhaft gemacht worden und sogar ohne
Verbleib von Restzweifeln erstellt, dass sich der Geschädigte und die Beschuldig-
- 27 -
te bereits seit Anbeginn ihrer Ehe in einer äusserst prekären finanziellen Lage be-
fanden, sie fast täglich teilweise heftige verbale Auseinandersetzungen hatten,
der Geschädigte kaum arbeitete, sehr oft und viel Alkohol konsumierte, er die Be-
schuldigte oft mit Haushalt, den Finanzen und der Erziehung der Tochter alleine
liess und sich wenig um seine Familie kümmerte. Darüber hinaus wurde der Ge-
schädigte in den vier Jahren Ehe häufig gewalttätig gegenüber der Beschuldigten.
Es kann damit von einer schwierigen Beziehung zwischen der Beschuldigten und
dem Geschädigten ausgegangen werden, welche geprägt war von täglichen Strei-
tereien, finanziellen Problemen, Alkoholproblemen und etlichen körperlichen
Übergriffen des Geschädigten. Gleichzeitig bestand eine starke emotionale Ab-
hängigkeit der Beschuldigten vom Geschädigten ("Blind vor Liebe"). Diese Um-
stände in ihrer Gesamtheit belasteten die Beschuldigte in einem erhöhten Masse,
sogar dermassen, dass sie im März 2011 einen Suizidversuch unternahm.
3. Ereignisse vom 10. bis 12. Oktober 2011
3.1. Die Beschuldigte führte zu den Geschehnissen kurz vor der Tat aus, am
10. Oktober 2011 tagsüber beim Sozialamt gewesen zu sein. Dort sei ihr mitge-
teilt worden, dass man ihr ihre Tochter wegnehmen würde, wenn noch einmal et-
was passieren sollte (Prot. I S. 12 f.). Diese Aussage stimmt mit der Aktennotiz
der Sozialen Dienste des Bezirks Uster vom 10. Oktober 2011 dahingehend
überein, dass die Beschuldigte an diesem Tag tatsächlich bei R._ gewesen
sein muss (Urk. 10/35 S. 2 f.). Dass man ihr gesagt habe, ihr werde ihre Tochter
entzogen, wenn noch einmal etwas passieren sollte, wurde in der Aktennotiz zwar
nicht festgehalten. Angesichts der bereits erfolgten Involvierung der Vormund-
schaftsbehörde durch die Polizei (Urk. 10/36/14; Urk. 10/36/26) und dem in Auf-
trag gegebenen Abklärungsbericht erscheint es aber nicht abwegig, dass eine
solche Bemerkung in diesem Gespräch gefallen ist. Für eine solche Annahme
spricht nachgerade die Aktennotiz der Vormundschaftsbehörde vom 31. August
2011: darin wird davon Vormerk genommen, dass T._, die für den Abklä-
rungsbericht zuständige Sozialarbeiterin, der Vormundschaftsbehörde beantragen
werde, ein Gutachten über die Erziehungsfähigkeit der Familie AB._ erstellen
zu lassen (Urk. 10/36/6). Am 6. September 2011 findet ein Telefongespräch zwi-
- 28 -
schen R._ und T._ statt. Es wird über den Abklärungsbericht und den
Kindesschutz gesprochen (Urk. 10/35 S. 3 f.). Der erste darauffolgende Termin
bei R._ fand am 10. Oktober 2011 statt (Urk. 10/35 S. 2 f.). Auch der Um-
stand, dass die Beschuldigte am 10. Oktober 2011 gemäss entsprechender Ak-
tennotiz R._ mitgeteilt habe, dass der Geschädigte ihr versprochen habe,
dass er jetzt nett sein und nicht "so zuschlagen" werde und dass er intensiv auf
Stellensuche sei, macht insbesondere dann einen Sinn, wenn man davon aus-
geht, dass die Beschuldigte auf einen allfälligen Entzug der Tochter bei erneuter
häuslicher Gewalt hingewiesen wurde (Urk. 10/35 S. 2 f.). Somit ist zugunsten der
Beschuldigten von der Glaubhaftigkeit dieser Aussage auszugehen.
Am Abend des 10. Oktober 2011 kam es gemäss übereinstimmender Aus-
sagen der Beschuldigten und des Geschädigten zu einer verbalen Auseinander-
setzung zwischen den Beiden (Urk. 6/4 S. 14 f.). Die Beschuldigte gab darüber
hinaus an, dass der Geschädigte sie an diesem Tag im Anschluss an diese ver-
bale Auseinandersetzung mehrfach mit der offenen Hand ins Gesicht, ins Genick
bzw. den Hinterkopf und in beide Schulterrückseiten geschlagen habe (Urk. 6/1
S. 2; Urk. 6/4 S. 15-17). Der Geschädigte erwiderte, konfrontiert mit dieser Aus-
sage, dass er sich nicht daran erinnern könne, ob er die Beschuldigte an diesem
Tag geschlagen habe (Urk. 6/4 S. 18). Dem Gutachten des IRM vom 13. Oktober
2011 zur körperlichen Untersuchung der Beschuldigten (Urk. 10/1) ist zu entneh-
men, dass unter dem linken Ohr eine 1 x 0.2 cm messende, livide (bläulich-violett
verfärbte), in Kopflängsachse verlaufende Hautunterblutung und an der rechten
Schulter eine ca. 5 cm messende, blau-grüne, druckdolente Hautunterblutung
festgestellt werden konnte (vgl. auch Urk. 9 S. 90 f., 94). Gemäss dem Gutachten
wären diese Verletzungen mit dem von der Beschuldigten erwähnten tätlichen
Übergriff durch den Geschädigten drei Tage zuvor – also dem 10. Oktober 2011 –
vereinbar (Urk. 10/1 S. 3). Da der Geschädigte nicht ausschliesst, dass es zu Tät-
lichkeiten seinerseits gekommen ist, besteht kein unüberwindbarer Zweifel daran,
dass der Geschädigte die Beschuldigte am 10. Oktober 2011 im Verlaufe der ver-
balen Auseinandersetzung wieder mehrmals geschlagen hat.
- 29 -
Die Beschuldigte berichtete weiter, dass sie den Geschädigten daraufhin be-
reits am 10. Oktober 2011 aufgefordert habe, die Wohnung zu verlassen, was
dieser aber nicht getan habe. Mangels gegenteiliger Ausführungen ist diese Tat-
sache als erstellt zu erachten.
3.2. Auch am 11. Oktober 2011, so die Beschuldigte, habe sie den Geschädig-
ten mehrmals aufgefordert die Wohnung zu verlassen. Er sei dieser Aufforderung
aber nicht nachgekommen (Urk. 6/1 S. 3 f.; Prot. I S. 12 f.). Der Geschädigte
nahm hierzu keine Stellung. Unter Berücksichtigung der von der Beschuldigten an
den Geschädigten am 11. Oktober 2011, um 22:39 Uhr, geschickten SMS, in
welchem sie ihn auffordert, aus ihrem Leben zu verschwinden und nicht mehr zu-
rückzukommen (Urk. 13/2), ist auch dieser Aussage der Beschuldigten zu glau-
ben.
3.3. Übereinstimmend führten die Beschuldigte und der Geschädigte zu den
Ereignissen am Tattag aus, dass der Geschädigte an diesem Tag ab Mittag bis
zum Tatzeitpunkt mindestens ca. zwei halbgefüllte Gläser Gin und 2.5 - 3 l Bier
(die Beschuldigte sprach von 4 - 4.5 l und eine halbe Flasche Tequilla) getrunken
habe (Urk. 6/1 S. 4, 10; Urk. 6/4 S. 21; Urk. 7/2 S. 6; Urk. 7/3 Nr. 6). Den ganzen
Tag über habe die Beschuldigte den Geschädigten aufgefordert, die Wohnung zu
verlassen. Er habe zwar gesagt, dass er gehen werde, sei aber nicht gegangen
(Urk. 6/1 S. 4, 6; Urk. 6/3 S. 10; Urk. 6/4 S. 20; Urk. 7/2 S. 2 f.; Urk. 7/11 S. 5). Es
habe sich schliesslich aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten eine verbale
Auseinandersetzung entwickelt, in dessen Verlauf sich beide heftig beschimpft
und sich gegenseitig Vorwürfe gemacht hätten (Urk. 6/4 S. 20 f., 24; 7/1; 7/2 S. 2 -
4: der Geschädigte zur Beschuldigten: zwei bis dreimal Schlampe; die Beschul-
digte zum Geschädigten: Zuhälter, kein Mensch, kein Mann, etc.). Übereinstim-
mend schilderten beide sodann, dass der Geschädigte sich während diesen ge-
genseitigen Streitgesprächen Essen zubereitet, sich aufs Sofa gesetzt und wei-
terhin Alkohol getrunken und gegessen habe (Urk. 6/3 S. 16; Urk. 6/4 S. 20, 25;
Urk. 7/1; Prot. II S. 20). Irgendwann sollen schliesslich Drohungen gefallen sein,
die Tochter dem anderen vorzuenthalten. Darüber, wer dies wem gesagt habe,
gaben sie sich widersprechende Aussagen zu Protokoll. Darauf braucht aber vor-
- 30 -
liegend nicht näher eingegangen zu werden, weil im Hinblick auf die rechtliche
Würdigung v.a. das Zugeständnis des Geschädigten als relevant erscheint, dass
er der Beschuldigten, nachdem diese ihn beschimpft habe, mitgeteilt habe, dass
er diese Beschimpfung aufgenommen habe (Urk. 6/4 S. 22). Nachdem der Ge-
schädigte zuvor ausgeführt hatte, dass die Polizei sie im Sommer 2011 einmal
verwarnt habe, ihnen ihr Kind wegzunehmen (Urk. 7/2 S. 5), ist wohl davon aus-
zugehen, dass diese Aussage sich genau auf diese Verwarnung bezog. Jeden-
falls muss es die Beschuldigte so verstanden haben, führte sie denn auch mehr-
mals aus, dass der Geschädigte ihr an diesem Abend gesagt habe, dass er sie
aufgenommen habe, damit sie das Kind nicht bekommen würde (Urk. 6/4 S. 19;
vgl. Urk. 6/2 Nr. 29). Nach dieser Mitteilung mit der Aufnahme habe der Geschä-
digte die Beschuldigte wiederum als Schlampe bezeichnet. Dabei muss die Be-
schuldigte neben dem Geschädigten gesessen sein, gab sie doch an, dass sie
nach dieser Beschimpfung aufgestanden und ein Messer aus der Küche geholt
habe. Gemäss dem Eingeständnis der Beschuldigten sei sie nun mit dem Messer
in der Hand zum Geschädigten gegangen, welcher ruhig dagesessen sei (Prot. II
S. 20), und habe diesen aufgefordert die Beschimpfungen zu unterlassen und die
Wohnung zu verlassen. Sie habe dem Geschädigten mit dem Messer nur Angst
machen wollen, damit er ihren Aufforderungen nachkomme. Angesichts der Tat-
sache, dass die Beschuldigte, das kleinste zur Verfügung stehende Messer be-
händigte (Urk. 9 S. 54 ff.), kann dieser Aussage wohl durchaus Glauben ge-
schenkt werden. Hätte sie beim Behändigen des Messers die Absicht gehabt, den
Geschädigten zu verletzen, hätte sie sich für ein grösseres Messer entschieden.
Nicht überzeugend ist dahingegen die Aussage der Beschuldigten, das Messer
aus Angst vor einer gewalttätigen Eskalation zu ihrem Schutz behändigt zu haben
(Prot. I S. 14), zumal der Geschädigte einfach nur dasass, ass und trank. Berück-
sichtigt man schliesslich, dass der Geschädigte offenbar nicht jedes Mal, wenn er
stark alkoholisiert war – was gemäss Aussagen der Beschuldigten fast jeden Tag
der Fall gewesen sei –, die Beschuldigte schlug, erscheint diese Aussage noch
unglaubhafter. Gänzlich verneint werden kann deren Glaubhaftigkeit, wenn das
von der Beschuldigten nach der Tat an den Geschädigten geschickte SMS beach-
tet wird. Darin schrieb die Beschuldigte nämlich folgendes: "Weil du mir Nutte ge-
- 31 -
sagt hast. Alles war für dich so einfach. Du hast meinen Schmerz nicht gemerkt.
... Ich hoffe, du schämst dich über den Schmerz, den du hinterlassen hast. Weil
du mir Nutte gesagt hast. Weil du es deiner Frau, die deine Tochter auf die Welt
gebracht hat, gesagt hast. Du hast nichts bemerkt, was wir erlebt haben. Ich wer-
de es dir nicht verzeihen. Du hast mich nicht einmal verstanden. Du hast mich
umgebracht. ...." (Urk. 13/2). Der Inhalt der SMS spricht gegen die behauptete
Bedrohungssituation.
Nicht erstellt werden kann in Anbetracht des Gutachtens zur körperlichen
Untersuchung der Beschuldigten, dass der Geschädigte sie kurz vor dem Behän-
digen des Messers mit der Faust gegen die Schulter geschlagen (Urk. 6/3 S. 10)
bzw. geschubst haben soll (Prot. II S. 23). Dies wird denn auch vom Geschädig-
ten bestritten (Urk. 7/11 S. 5). So wurde im Gutachten zur körperlichen Unter-
suchung der Beschuldigten festgehalten, dass die Verletzung an der Schulter kei-
ne frische sei, sondern vor zwei bis drei Tagen entstanden sein müsse (Urk. 10/1
S. 3). Gemäss Gutachten konnten zwar als frisch zu deutende Verletzungen
(Hautunterblutung) festgestellt werden, aber diese befanden sich scheinbar an
der Unterarmbeugeseite (Urk. 10/1 S. 3), was mit der Aussage der Beschuldigten
nicht in Einklang zu bringen ist. Ferner kann gestützt auf das Beweisergebnis
nicht rechtsgenügend nachgewiesen werden, dass der Geschädigte die Beschul-
digte im Verlaufe der verbalen Auseinandersetzung mit dem Tod bedroht habe,
wie die Beschuldigte dies in ihrer ersten Einvernahme noch behauptete (Urk. 6/1
S. 5). Zum einen stritt dies der Geschädigte ab. Zum anderen verneinte die Be-
schuldigte dies später selbst explizit (Urk. 6/4 S. 36). Zugunsten der Beschuldig-
ten ist einzig davon auszugehen, dass der Geschädigte sie unmittelbar vor der
Tat damit provozierte, dass sie kein Mensch bzw. Dreck sei, wenn sie nicht zu-
steche (Urk. 6/1 S. 7; Prot. I S. 15). Nach einigen in sich widersprüchlichen Aus-
sagen gab die Beschuldigte schliesslich zu, im Anschluss an diese Äusserung
des Geschädigten diesen mit dem Messer in die rechte Brustseite gestochen zu
haben. Abgesehen davon, dass die Beschuldigte (und auch der Geschädigte) nur
diese Variante überzeugend darlegen konnte, ist auch einzig diese vereinbar mit
der rechtsmedizinischen Beurteilung des AGU Zürich vom 17. April 2012
(Urk. 15/7; vgl. auch Urk. 11/3; Urk. 11/4; Urk. 11/5; Urk. 11/9). Bezüglich der Tie-
- 32 -
fe des Einstichs kann vollumfänglich auf die vorinstanzlichen Ausführungen ver-
wiesen werden (Urk. 55 S. 4, Art. 82 Abs. 4 StPO).
III. Rechtliche Würdigung
1. Versuchte vorsätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
1.1. Die Staatsanwaltschaft würdigt das Verhalten der Beschuldigten als ver-
suchte vorsätzliche Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB (Urk. 25 S. 2; Urk. 56; Urk. 78). Sie stellt sich auf den Standpunkt,
dass die Voraussetzungen der grossen seelischen Belastung (asthenischer Af-
fekt), deren Gemütslage auch entschuldbar sein müsse, offenkundig nicht erfüllt
seien (Urk. 56; Urk. 78 S. 4 f.).
1.2. Die Beschuldigte anerkennt in rechtlicher Hinsicht grundsätzlich die Tatbe-
standsmässigkeit der versuchten vorsätzlichen Tötung, macht aber – wie erwähnt
– geltend, dass privilegierende Umstände im Sinne von Art. 113 StGB gegeben
gewesen seien. Die Beschuldigte habe in einer entschuldbaren heftigen Gemüts-
bewegung bzw. unter entschuldbarer grosser seelischer Belastung gehandelt. In
diesem Sinne beantragt sie die Qualifizierung der Handlungen der Beschuldigten
als versuchten Totschlag (Urk. 43 S. 29; Urk. 57 S. 2, 7; Urk. 73 S. 2; Urk. 79
S. 2).
1.3. Wie die Vorinstanz zu Recht feststellte, ist der Tatbestand der versuchten
vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB erfüllt. Auf die vorinstanzlichen Ausführungen kann vollumfänglich verwie-
sen werden (Urk. 55 S. 10 - 12; Art. 82 Abs. 4 StPO). Hervorzuheben ist in die-
sem Zusammenhang lediglich, dass nach der bundesgerichtlichen Recht-
sprechung ein besonders grosses Risiko der Tatbestandsverwirklichung als Indiz
für die Inkaufnahme des Verletzungserfolges gewertet werden kann (BGE 135 IV
18). Vorliegend war die Gefahr des Todeseintrittes bei einem Messerstich in die
Brust derart hoch und naheliegend, dass die Beschuldigte durch ein entsprechen-
- 33 -
des Verhalten den Todeseintritt in Kauf genommen haben muss (vgl. Urteil BGer
vom 13. Juli 2009 [6B_239/2009], E. 2.4, und vom 1. Oktober 2010 [6B_432 /
2010], E. 4). Zudem ist auch darauf hinzuweisen, dass die Beschuldigte angab,
sie wisse, dass ein Messerstich in den Oberkörper zum Tod führen könne. Es sei
aber im Schock, in Panik passiert. Sie habe nichts überlegt (Prot. I S. 14 ff., 18,
23; Prot. II S. 22). Die Beschuldigte handelte damit zumindest eventualvorsätzlich.
1.4. Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass die Frage, warum die Beschul-
digte diese Handlungen vornahm, nicht den Vorsatz, sondern das Motiv für die
Tat beschlägt und im Rahmen der Strafzumessung zu berücksichtigen ist.
2. Versuchter Totschlag im Sinne von Art. 113 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
2.1. Die Vorinstanz befand nach korrekter Darlegung der Lehre und Recht-
sprechung zum Tatbestand des Totschlages, worauf verwiesen werden kann
(Urk. 55 S. 12 f.), dass ausser der der Tat vorangegangenen verbalen Auseinan-
dersetzung keine weiteren, genügend konkreten Umstände vorlägen, welche auf
eine heftige Gemütsbewegung schliessen lassen würden. Darüber hinaus stellte
sie fest, dass eine solche in der vorliegenden Konstellation auch nicht entschuld-
bar gewesen wäre. So sei es die Beschuldigte gewesen, welche durch Zuhilfe-
nahme eines Messers und Bedrohung mittels demselben eine Eskalation des
verbalen Streits massgebend herbeigeführt habe. Diesen Erwägungen ist beizu-
pflichten (Urk. 55 S. 13). Ergänzend ist anzuführen, dass die Beschuldigte den
Geschädigten im Verlaufe des verbalen Streits nicht nur mit einem Messer be-
drohte, sondern auch die von ihr als extrem verletzend empfundene Beschimp-
fung als "Schlampe" provozierte. Gemäss ihren eigenen Zugeständnissen, habe
sie zum Geschädigten im Rahmen der verbalen Auseinandersetzung nämlich ge-
sagt, dass sie sich prostituieren würde, um die Rechnungen bezahlen zu können.
Weiter habe sie ihm gesagt, dass er sie sexuell nicht befriedigen könne und sie
deshalb mit andern Männern schlafen würde (Urk. 6/4 S. 19 f.). Damit kann fest-
gestellt werden, dass die Beschuldigte nicht in einer entschuldbaren heftigen Ge-
mütsbewegung gehandelt hat.
- 34 -
2.2. Eine grosse seelische Belastung, welche entschuldbar ist, liegt dann vor,
wenn der Täter sich zum Tatzeitpunkt in einem chronischen seelischen Zustand
befunden hat, welcher lange Zeit schwelte und zu einem langen Leidensprozess
führte, bis der Täter völlig verzweifelt und keinen anderen Ausweg als die Tötung
mehr sieht. Als namhaften Hintergrund solcher Gemütszustände nennt die Bot-
schaft u.a. völlig zerrüttete Familienverhältnisse (BBl 1985 II 1009, 1023). Dies
bedeutet, dass für die Frage, ob von einer entschuldbaren grossen seelischen Be-
lastung ausgegangen werden kann, nicht allein auf die Situation zum Zeitpunkt
der Tat abzustellen ist, sondern auch deren Vorgeschichte berücksichtigt werden
muss, wenn daraus Aufschlüsse über die Gesinnung des Täters erlangt werden können. Entschuldbar ist die grosse seelische Belastung dann, wenn sie nicht
nur psychologisch erklärbar ist, sondern auch bei objektiver Betrachtung durch die
sie auslösenden Umstände gerechtfertigt und die Tötung dadurch in einem we-
sentlich milderen Licht erscheint. Konkreter Massstab für die Entschuldbarkeit der
grossen seelischen Belastung ist, wie sich ein vernünftiger Mensch mit vergleich-
barer Herkunft, Erziehung und täglicher Lebensführung unter denselben äusseren
Bedingungen (Provokation, ungerechte Kränkung, Notlage) verhalten hätte und
ob dieser auch nicht in der Lage gewesen wäre, die Situation richtig einzuschät-
zen und zu meistern. Folglich ist zwar der Persönlichkeit des Täters bei der Frage
der Entschuldbarkeit Rechnung zu tragen, damit dem Täter nicht irgendein
Mensch zum Vergleich gegenübergestellt wird, sondern jemand aus gleichen so-
zialen/familiären Verhältnissen. Dies bedeutet aber nicht, dass an jeden Täter ein
allen seinen Besonderheiten Rechnung tragender eigener Massstab anzulegen
ist. Abnorme Elemente in der Persönlichkeit des Täters vermögen die grosse see-
lische Belastung deshalb nicht zu entschuldigen. Sie stellen aber allenfalls Fakto-
ren dar, welche bei der Strafzumessung zu berücksichtigen sind (vgl. zum Gan-
zen BSK Strafrecht II - SCHWARZENEGGER, N 15 f. zu Art. 113; BGE 107 IV 103
E. 2b.bb; BGE 107 IV 161 E. 2; BGE 119 IV 202, m.H.; vgl. Urteil BGer vom
16. Juni 2011 [6B_66/2011], E. 4.3.2; Urteil BGer vom 28. Februar 2011
[6B_829/2010], E. 4.3; je m.H.; Urteil BGer vom 22. August 2013 [6B_305/2013],
E. 4.3.2 f.; Urteil BGer vom 24. Oktober 2013 [6B_345/2013], E. 3.1.).
- 35 -
2.3.1. Die Vorinstanz befand, dass eine grosse seelische Belastung gegeben
sei. Dies wird auch von der Staatsanwaltschaft nicht bestritten (Urk. 78 S. 3 f.).
Dem ist zuzustimmen, zumal auch die Gutachterin von einer affektakzentuierten
Tathandlung im Rahmen eines sich über einen längeren Zeitraum zuspitzenden
ehelichen Konfliktes sprach (Urk. 68 S. 79). Um Wiederholungen zu vermeiden
und da das Vorliegen der grossen seelischen Belastung unbestritten ist, ist zur
Bejahung der grossen seelischen Belastung an dieser Stelle zusammenfassend
lediglich folgende Begründung anzuführen: Die Beschuldigte befand sich über vier
Jahre hinweg in einer sehr schwierigen ehelichen Situation, in welcher sie mehr-
mals vom Geschädigten tätlich angegriffen wurde. Tägliche, teilweise heftige
Streitereien, der Alkoholkonsum des Geschädigten und die finanziellen Schwie-
rigkeiten wurden zu einer immer grösseren Belastungsprobe. Immer wieder wurde
sie mit Fäusten geschlagen, mit Füssen getreten, geohrfeigt, zu Boden gestos-
sen, geschnitten und gewürgt. Auf das konkrete Ausmass, die konkreten Ur-
sachen und Umstände dieses Zustandes wird nachfolgend im Rahmen der Beur-
teilung der Entschuldbarkeit einzugehen sein.
2.3.3. Die Vorinstanz bejahte die Entschuldbarkeit der grossen seelischen Be-
lastung. Die Staatsanwaltschaft stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt,
dass die Entschuldbarkeit nicht gegeben sei. Zur Beurteilung der Entschuldbarkeit
einer grossen seelischen Belastung müsse nämlich ein objektiver Massstab an-
gesetzt werden. Zur Annahme der Entschuldbarkeit sei es erforderlich, dass die
seelische Belastung bei objektiver Bewertung nach ethischen Massstäben im
Hinblick auf die sie auslösenden äusseren Umstände als gerechtfertigt erscheine
und sich nicht zu einem erheblichen Teil psychologisch erklären lasse (Urk. 78
S. 5). Vorliegend sei es aber gerade so, dass die seelische Belastung durch
krankhafte, abnorme Elemente in der Persönlichkeit der Beschuldigten bedingt
gewesen sei. So habe die Gutachterin bei der Beschuldigten Persönlichkeitsak-
zentuierungen und eine leichtgradige Alkoholintoxikation festgestellt. Ferner habe
sie die Diagnose gestellt, dass die Beschuldigte – nebst der depressiven Episode
– unter einem Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätssyndrom leide. Diese
Faktoren hätten die Impulsivität der Beschuldigten im Tatzeitpunkt erhöht (Urk. 78
S. 4). Damit sei die seelische Belastung zu einem erheblichen Anteil psycholo-
- 36 -
gisch erklärbar gewesen, was deren Entschuldbarkeit ausschliesse. Darüber hin-
aus sei aber das Entstehen der grossen seelischen Belastung auch nicht nach-
vollziehbar. So wäre ein anständig gesinnter Mensch, der die psychischen Defizi-
te der Beschuldigten nicht aufweisen würde, in der gleichen Situation nicht leicht
in einen derartigen Affekt geraten. Die vom Geschädigten ausgehenden Gewalttä-
tigkeiten hätten sich nämlich auf Tätlichkeiten und Vergehen beschränkt, die Be-
schuldigte habe über persönliche Beziehungen ausserhalb der Ehe verfügt, sei in
ärztlicher Behandlung gewesen und sei durch die Fürsorgebehörde unterstützt
und beraten worden (Urk. 78 S. 5).
Dieser Argumentation kann nicht gefolgt werden. Zwar stellte die Gutachte-
rin fest, dass zum Tatzeitpunkt Persönlichkeitsakzentuierungen mit unreifen,
selbstunsicheren und emotional-instabilen Zügen bestanden haben. Diagnostiziert
wurden der Beschuldigten damit aber zum einen keine krankhaften psychischen
Störungen gemäss dem Internationalen Diagnoseklassifikationssystem der Welt-
gesundheitsorganisation. Zum anderen hält die Gutachterin ausdrücklich fest,
dass diese Persönlichkeitsakzentuierungen bedingt durch die konfliktträchtige Le-
benssituation mit wiederholten Traumatisierungen deutlich zunahmen und sie ge-
rade deshalb im Tatzeitpunkt überhaupt eine Störungswertigkeit erhielten (Urk. 68
S. 73). Somit kann im Umkehrschluss davon ausgegangen werden, dass diese
Persönlichkeitsakzentuierungen vor den traumatischen Erlebnissen mit dem Ge-
schädigten eben noch keine Störungswertigkeit aufwiesen, d.h. die Fähigkeit der
Beschuldigten, die Situation richtig einzuschätzen, davor völlig intakt war. Ferner
mass die Gutachterin dem von der Staatsanwaltschaft erwähnten Aufmerksam-
keitsdefizits- und Hyperaktivitätssyndrom im Verhältnis zu den anderen diagnosti-
zierten Störungen lediglich tatmodulierende Wirkung bei (Urk. 68 S. 77). Insofern
kann auch hier nicht davon gesprochen werden, dass gerade diese Störung allein
die grosse seelische Belastung hervorgerufen hat. Der Vollständigkeit halber ist
schliesslich darauf hinzuweisen, dass es sein mag, dass die Beschuldigte sich be-
reits vor den ehelichen Problemen und den tätlichen Übergriffe des Geschädigten
in einer depressiven Verstimmung befand (Urk. 68 S. 72). Jedoch erhielten diese
erst Krankheitswert, nachdem die Beschuldigte über Jahre vom Geschädigten
geschlagen, gedemütigt und vernachlässigt wurde. Somit war die grosse seeli-
- 37 -
sche Belastung eben gerade nicht zu einem erheblichen Teil durch krankhafte,
abnorme Elemente in der Persönlichkeit der Beschuldigten bedingt, sondern um-
gekehrt; die grosse seelische Belastung führte überhaupt zur diagnostizierten
Persönlichkeitsakzentuierung und depressiven Episode. Unterstützt wird diese
Schlussfolgerung ferner durch folgende eindrückliche Aussage der Beschuldigten
in der Berufungsverhandlung: Die Beschuldigte führte nämlich aus, dass sie sich
anfangs einmal gegen den Geschädigten gewehrt habe, indem sie diesen getre-
ten habe. Dies habe aber nur dazu geführt, dass sie noch mehr bzw. heftiger ge-
schlagen wurde, weshalb sie in Einklang mit den festgestellten selbstunsicheren
Zügen immer mehr in eine defensive Rolle schlüpfte und die Demütigungen und
Tätlichkeiten über sich ergehen liess.
Aus den gleichen Überlegungen verfängt sodann auch der Einwand der
Staatsanwaltschaft nicht, wonach die Beschuldigte der Entstehung der grossen
seelischen Belastung nur nicht durch Trennung habe entgegenwirken können,
weil sie unter Persönlichkeitsakzentuierungen gelitten habe. Denn gerade die letz-
ten den Ausnahmezustand hervorrufenden Umstände gründen auf dem Versuch
der Beschuldigten, sich vom Geschädigten zu trennen. Während zweier Tage for-
derte die Beschuldigte den Geschädigten immer wieder auf, die Wohnung zu ver-
lassen. Dieser Aufforderung kam der Geschädigte aber nicht nach und löste
nachgerade die Eskalation der bereits angespannten Verhältnisse aus.
Schliesslich ist auch zu berücksichtigen, dass die Frage der Entschuldbar-
keit nicht notwendigerweise nach denselben Kriterien zu entscheiden ist, die im
Falle der heftigen Gemütsbewegung massgebend sind. Denn die grosse seeli-
sche Belastung ist ein Zustand, welcher sich über längere Zeit entwickelt und an-
wächst. Deren Ursachen können nicht immer aufgeklärt und einer bestimmten
Person oder einer einzigen Ursache zugeschrieben werden. Deshalb ist durchaus
denkbar (und gar naheliegend), dass sich die grosse seelische Belastung durch
das Zusammenkommen mehrerer Ursachen nach und nach etabliert hat. Die
Rechtsprechung nennt in diesem Zusammenhang beispielhaft das Spiel des Agie-
rens und Reagierens im Rahmen eines ehelichen Konflikts (BGE 118 IV 133 E.
2.a; BGE 119 IV 102 E. 2.a). Dies ist vorliegend eben gerade der Fall. Auch wenn
- 38 -
die depressive Grundstimmung und weitere psychische Auffälligkeiten der Be-
schuldigten ohne Krankheitswert das Ausmass der grossen seelischen Belastung
teilweise erhöht haben mögen, begründeten sie nicht in massgebender Weise
und schon gar nicht allein diesen Ausnahmezustand. Vielmehr lassen sich aus
den Akten etliche weitere Ursachen für die Auslösung der grossen seelischen Be-
lastung ausmachen, die es nachfolgend aufzuzeigen gilt.
Gemäss erstelltem Sachverhalt bildet die schwierige Beziehung zwischen
der Beschuldigten und dem Geschädigten, welche geprägt war von täglichen,
teilweise heftigen Streitereien und häufigen körperlichen Übergriffen des Geschä-
digten über einen Zeitraum von knapp vier Jahren, den Hintergrund des vorlie-
gend versuchten Tötungsdeliktes. Ebenfalls wurde erstellt, dass die finanzielle Si-
tuation der Beschuldigten äusserst prekär war, was die bereits aufgrund der zer-
rütteten Ehe schwierige Situation der Beschuldigten noch verschlimmerte. Bedingt
durch die ständige selbstverschuldete Arbeitslosigkeit des Geschädigten flossen
kaum Einnahmen in den gemeinsamen Haushalt, hohe Schuldkredite belasteten
die Finanzen, Rechnungen konnten nicht bezahlt werden und Betreibungen gin-
gen ein. Der Geschädigte trank täglich Alkohol, war aggressiv und reizbar und
kümmerte sich wenig um die finanzielle Lage, gab im Gegenteil noch das zur Ver-
fügung stehende Geld für seinen Alkoholkonsum aus. Es war die Beschuldigte,
welche den Gang zum Sozialamt machte, um wenigstens ein bisschen die finan-
zielle Drucksituation zu entlasten. Der Geschädigte liess die Beschuldigte mit
Haushalt und Kindererziehung allein, war kaum zu Hause, blieb teilweise über
Nacht weg. Mit dieser Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen seiner Familie
sowie der physischen Gewalt demütigte er die Beschuldigte jahrelang und er-
schwerte ihr das Leben bis zur schieren Unerträglichkeit. Aggravierend kommt
hinzu, dass die Beschuldigte sich niemandem richtig anvertrauen konnte. Ihrer
Familie gegenüber verschloss sie sich, weil diese von Anfang an gegen die Heirat
mit dem Geschädigten gewesen war und sie aufgrund ihrer grossen Liebe zum
Geschädigten nicht wollte, dass dieser sich mit ihren Eltern streitet (Urk. 6/1
S. 12; Urk. 6/2 Nr. 16 f.; Urk. 8/13 Nr. 18, 23 f. 27, 33; 8/14 S. 8 f.). Auch Drittper-
sonen gegenüber konnte sie sich nicht öffnen, hatte sie doch Angst davor, dass
sich ihre Situation noch mehr verschlechtern würde (z.B. vermehrte Aggressivität
- 39 -
des Geschädigten bei einer Anzeige; Urk. 6/2 Nr. 26; Urk. 6/3 S. 5). Daran ändert
nichts, dass die Beschuldigte vom Sozialamt, von Bekannten und ihrer Schwester
Unterstützung und Ratschläge erhielt. Sie war emotional derart an den Geschä-
digten gebunden bzw. dem Geschädigte derart "hörig", dass solche Interventio-
nen (wie die Aufenthalte bei der Schwester mit ihrer Tochter) nur für kurzzeitige
Entspannung ihrer Gemütsverfassung sorgen konnte. Die Gutachterin umschrieb
das Beziehungsmuster so, dass die Beschuldigte die Misshandlungen durch ihren
Ehemann duldete, weil sie ihr trotz physischer und psychischer Schmerzen die
Gewissheit gegeben hätten, dass sich ihr Ehemann (der Geschädigte) mit ihr
auseinandersetzen würde (Urk. 68 S. 75). Die Beschuldigte nahm gegenüber dem
Geschädigten eine ambivalente Haltung ein (Trennungsgedanken, dann doch Zu-
sammenbleiben), immer vor dem Hintergrund ihrer Hoffnung, dass er ein guter
Mensch werde und ein guter Vater für die Tochter P._ (Urk. 6/2 Nr. 17). Dazu
kam ihre Angst, dass ihr angesichts der häuslichen Gewalt die Obhut über ihre
Tochter P._ entzogen würde. Mit der Trennung vom Geschädigten hätte sie
dieses Risiko vermindert, gleichzeitig aber auch ihre Hoffnung auf eine intakte
Familie aufgeben müssen. Mit dem Festhalten an der Ehe wollte sie ihren Eltern
gegenüber ihre Eigenständigkeit behaupten und sodann der Einschätzung ihrer
Eltern widersprechen, der Geschädigte sei nicht "gut" (Urk. 6/2 Nr. 17). Im Falle
einer Scheidung hätte sie sodann zufolge ihrer Herkunft erfahrungsgemäss mit
sehr grossen gesellschaftlichen Nachteilen rechnen müssen. In dieser Konstella-
tion stand die Beschuldigte allein mit ihren Problemen, welche sie dermassen be-
lasteten, dass sie mehrmals notfallmässig psychiatrische Unterstützung suchte
und sogar einen Suizidversuch unternahm. Damit befand sich die Beschuldigte
bereits vor der Tat in einer ausgeprägten und lange andauernden Konfliktsituati-
on, welche für jeden vernünftigen Menschen mit vergleichbarer Herkunft, Erzie-
hung und täglicher Lebensführung in der gleichen Situation eine grosse seelische
Belastung hervorgerufen hätte. Jede vernünftige Person in den gleichen sozialen
Verhältnissen wie die Beschuldigte wäre unter den gleichen Bedingungen eben-
falls nicht in der Lage gewesen, auf die jahrelange eheliche Konfliktsituation mit
dem vorstehend aufgeführten emotionalen Beziehungsmuster (zum Geschädigten
und zu ihrer Ursprungsfamilie) adäquat zu reagieren, und dem Entstehen einer
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grossen seelischen Belastung entgegenzuwirken. Vor dem Hintergrund des vor-
stehend aufgeführten Beziehungsgeflechts greift die Remedur der Staatsanwalt-
schaft zu kurz, wonach sich die Beschuldigte hätte problemlos scheiden lassen
können. Denn zum einen vermochte auch die Unterstützung durch das Sozialamt,
welche notabene bereits wirksam war, den sich zuspitzenden Konflikt nicht zu
entschärfen, da die Ursache für die grosse seelische Belastung sich v.a. auf der
emotionalen Beziehungsebene abspielte. Zum anderen ist darauf hinzuweisen,
dass ein Fehlen jeglicher eigener Schuld des Täters an der Entstehung des Aus-
nahmezustandes gemäss Lehre und Rechtsprechung nicht vorausgesetzt wird.
Nur wenn die grosse seelische Belastung ausschliesslich oder überwiegend auf
eigener Schuld beruht oder egoistischen Regungen entspringt, ist die Entschuld-
barkeit zu verneinen (BSK Strafrecht II - SCHWARZENEGGER, N 10 zu Art. 113
m.w.H.). Vorliegend entsprang die grosse seelische Belastung wie dargelegt eben
nicht überwiegend aus eigener Schuld der Beschuldigten bzw. auf egoistischen
Regungen.
Soweit sich die Staatsanwaltschaft des Weiteren auf den Standpunkt stellt,
dass es sich vorliegend nicht um einen Fall von häuslicher Gewalt mit einer derart
hohen Intensität handle, welche als Auslöser für eine grosse seelische Belastung
angesehen werden könne, ist diesem Einwand folgendes entgegenzuhalten: Wie
bereits ausgeführt handelt es sich bei der grossen seelischen Belastung nicht um
eine Momentaufnahme, sondern um einen sich über längere Zeit und aufgrund
verschiedener Umstände entwickelnden Leidensprozess. Insofern kann es in der
vorliegenden Konstellation nicht angehen, die Entschuldbarkeit der grossen seeli-
schen Belastung anhand der Intensität der einzelnen Gewalttätigkeiten je für sich
allein zu bemessen. Vielmehr müssen die einzelnen, physischen Misshandlungen
und Kränkungen sowie deren Auswirkungen in ihrer Gesamtheit und im Gesamt-
kontext berücksichtigt werden. Abgesehen davon ist in diesem Zusammenhang
darauf hinzuweisen, dass es bei den erstellten Gewalttätigkeiten keineswegs um
leichte Tätlichkeiten handelt. Vielmehr ist es wohl mehr dem Zufall zu verdanken,
dass die Beschuldigte bisher nicht viel schwerer verletzt wurde, wurde sie doch
vom Geschädigten mehrmals mit Fäusten ins Gesicht und auf den Kopf geschla-
gen und am Boden liegend mit den Füssen gegen den Kopf getreten.
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Weiter sprechen die Ereignisse kurz vor der Tat für die Entschuldbarkeit der
seelischen Belastung. Zwei Tage vor der Tat kam es nämlich zu einer Verschär-
fung der Konfliktsituation, mit einer Kumulierung der vorerwähnten Faktoren. Die
Beschuldigte wurde von ihrer Sozialarbeiterin gewarnt, dass sie mit dem Obhuts-
entzug ihrer Tochter rechnen müsse, wenn es zu weiteren Fällen häuslicher Ge-
walt kommen würde. Am gleichen Abend eskalierte die eheliche Situation noch
zusätzlich. Der einmal mehr betrunkene Geschädigte schlug die Beschuldigte
wiederum grundlos und demütigte sie im Verlaufe einer verbalen Auseinanderset-
zung. Daraufhin entschloss sich die Beschuldigte, sich vom Geschädigten zu
trennen und forderte diesen bis zum Tatabend auf, die gemeinsame Wohnung zu
verlassen. Wie bereits früher missachtete der Geschädigte diesen Wunsch der
Beschuldigten. Am Tatabend schliesslich entstand wiederum eine heftige verbale
Auseinandersetzung, zunächst weil die Beschuldigte den Geschädigten im Ver-
laufe des Tages mehrmals aufforderte, die Wohnung zu verlassen. Die Diskus-
sion breitete sich auf die finanziellen Verhältnisse aus. Es fielen äusserst verlet-
zende Worte, u.a. beschimpfte der Geschädigte die Beschuldigte zum ersten Mal
als Schlampe, was die Beschuldigte sehr verletzte. Das Thema kam schliesslich
auf die Tochter, bei wem sie bleiben solle, etc. In dieser bereits äusserst ange-
spannten, emotionsbeladenen Situation sagte nun der Geschädigte, dass er die
Beschimpfungen der Beschuldigten aufgenommen habe. Die Beschuldigte ver-
knüpfte diese Aussage gedanklich mit der zwei Tage zuvor von der Sozialarbeite-
rin gemachten Warnung vor einem möglichen Obhutsentzug. Die angespannte
Lage spitzte sich noch mehr zu. Als der Geschädigte nun die Beschuldigte wie-
derholt als Schlampe bezeichnete und ihre Aufforderungen, die Wohnung zu ver-
lassen, beharrlich ignorierte, sich zwischendurch noch essen zubereitete, ass und
trank, ging die Beschuldigte in die Küche, holte ein Messer und bedrohte den Ge-
schädigten damit, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen. Statt auf diese
Drohung zu reagieren, provozierte er sie mit Aussagen wie, "du bist kein Mensch,
du bist Dreck, wenn du nicht zustichst". Daraufhin stach die Beschuldigte zu.
Zusammengefasst machte der Geschädigte der Beschuldigten jahrelang das
Leben schwer, nicht nur in den Tagen vor der Tat, schlug sie und demütigte sie,
bis sie es kaum noch aushielt. Am Tattag kam es wegen des Geschädigten zu ei-
- 42 -
ner akuten Zuspitzung des Konfliktes und zusätzlich zu Provokationen der schon
lange aufgewühlten, seelisch völlig entkräfteten und verzweifelten Beschuldigten,
aus der heraus sich die Beschuldigte in dem Moment, als der Geschädigte sie
zum Zustechen aufforderte, zur Tat hinreissen liess. Ohne diesen, sich jahrelang
aufbauenden psychischen Druck hätte eine solche Provokation nicht in eine sol-
che Tat gemündet. Sie führte zum Dammbruch der aufgestauten Gefühle. Er-
schwert wurde eine adäquate Reaktion aber – wie oben ausgeführt wurde – teil-
weise auch durch die bereits vor der Ehe bestehende depressive Verstimmung.
2.4. Damit hat die Beschuldigte den Tatbestand des versuchten Totschlags im
Sinne von Art. 113 StGB verwirklicht.
3. Rechtswidrigkeit
3.1. Die Verteidigung machte vor Vorinstanz geltend, dass die Beschuldigte die
ihr vorgeworfene Handlung in rechtfertigender Notwehr im Sinne von Art. 15 StGB
vorgenommen habe und deshalb freizusprechen sei (Urk. 43 S. 29; Urk. 57 S. 2
f.; Urk. 73 S. 2; Urk. 79 S. 11 ff.). Dabei geht die Verteidigung von folgenden tat-
sächlichen Umständen aus: Der Geschädigte habe von morgens bis zum Tatzeit-
punkt sehr viel Alkohol konsumiert. Erste handgreifliche Übergriffe auf die Be-
schuldigte hätten bereits vor dem eigentlichen Vorfall stattgefunden. Der Geschä-
digte sei verbal zusehends aggressiver geworden und habe begonnen, die Be-
schuldigte zu beleidigen und zu bedrohen. Die Beschuldigte habe den Geschädig-
ten daraufhin mit einem Messer in der Hand aufgefordert, die Beleidigungen zu
unterlassen. Dieser habe sich davon aber nicht beeindrucken lassen. In Kenntnis
der früheren aktenkundigen Kaskaden einer solchen Auseinandersetzung habe
sich die Beschuldigte, nachdem sie dem Geschädigten das Messer vorgehalten
habe, in einer ausweglosen Situation wiedergefunden. In diesem Moment habe
sie um ihre körperliche Integrität und ihr Leben fürchten müssen (Urk. 43 S. 23 -
26; Urk. 79 S. 11).
3.2. Wie die Vorinstanz zutreffend feststellte, verfängt diese Argumentation nicht.
Diesbezüglich kann grundsätzlich auf die überzeugenden Ausführungen der Vo-
rinstanz verwiesen werden (Urk. 55 S. 16 - 18). Mit der Vorinstanz ist festzuhal-
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ten, dass es nämlich vorliegend bereits am Bestehen einer Notwehrlage fehlt.
Denn der Geschädigte sass ruhig auf dem Sofa und bewegte sich nicht. "Nur"
verbal wurde er ausfällig. Abgesehen vom doch hohen Alkoholkonsum, welcher –
wie oben bereits dargelegt (Erw. 3.3.) – auch nicht immer in Gewalttätigkeiten ge-
genüber der Beschuldigten mündeten, lagen keinerlei Anhaltspunkte für ein (un-
mittelbar bevorstehendes) physisch bedrohliches Verhalten des Geschädigten
vor. Auch der Argumentation der Verteidigung, wonach sich die Beschuldigte erst
nach dem Behändigen des Messers und dem Bedrohen des Geschädigten mit
demselben in einer Notwehrlage befunden habe, so dass sie damit habe rechnen
müssen, dass der Geschädigte sie aufgrund der Drohung zusammenschlagen
würde (Urk. 43 S. 24 ff.; Urk. 79 S. 13, 18), kann nichts abgewonnen werden.
Denn das Abwehrrecht entfällt, wenn die abwehrende Person den Angriff vorsätz-
lich provoziert (TRECHSEL/GETH, in: TRECHSEL/PIETH [Hrsg.], StGB PK, 2. Aufl., Zü-
rich/St. Gallen 2013, Art. 15 N 11; BSK Strafrecht I - SEELMANN, N 14 zu Art. 15).
Genau dies tat aber die Beschuldigte, indem sie den Geschädigten mit dem Mes-
ser bedrohte bzw. ihn zum Verlassen der Wohnung zu nötigen versuchte. Dieses
Verhalten wird vor Vorinstanz denn auch von der Verteidigung selbst mindestens
tatbestandlich als Drohung oder Nötigung qualifiziert (Urk. 43 S. 17). Es war ent-
gegen der Auffassung der Verteidigung auch insofern rechtswidrig, als eine Not-
wehrlage ebensowenig vor dem Vorhalten des Messers bestand wie nachher. Er-
gänzend ist darauf hinzuweisen, dass nicht erstellt werden konnte, dass der Ge-
schädigte die Beschuldigte an diesem Abend vor der Tat mit der Faust gegen die
Schulter schlug bzw. sie schubste oder sie mit dem Tod bedrohte (siehe oben
Erw. 3.3.). Schliesslich spricht wie bereits ausgeführt auch der Inhalt der von der
Beschuldigten an den Geschädigten nach der Tat verschickten SMS gegen die
behauptete Bedrohungssituation ("Weil du mir Nutte gesagt hast. ... Ich hoffe, du
schämst dich über den Schmerz, den du hinterlassen hast. Weil du mir Nutte ge-
sagt hast. Weil du es deiner Frau, die deine Tochter auf die Welt gebracht hat,
gesagt hast. ...." [Urk. 13/2]).
3.3. Aufgrund des Gesagten kann ausgeschlossen werden, dass die Beschuldig-
te ernstlich mit einem Angriff des Geschädigten zu rechnen hatte und ein Zuwar-
- 44 -
ten ihre Verteidigungsrechte gefährdet hätte. Die Voraussetzung der Notwehr im
Sinne von Art. 15 StGB sind nicht erfüllt. Die Beschuldigte handelte rechtswidrig.
4. Schuldfähigkeit
4.1. Die Verteidigung macht geltend, dass die Beschuldigte die ihr vorgeworfene
Handlung in entschuldbarer Notwehr im Sinne von Art. 16 Abs. 2 StGB vorge-
nommen habe und deshalb freizusprechen sei (Urk. 43 S. 29; Urk. 57 S. 2, 7;
Urk. 73 S. 2; Urk. 79 S. 18 f.). Aufgrund des Obgesagten sind die Voraussetzun-
gen für die Annahme einer entschuldbaren Notwehr nicht gegeben.
4.2. Die Verteidigung verlangte zwar noch vor Vorinstanz, dass die Beschuldigte
eventualiter wegen voller Unzurechnungsfähigkeit und damit infolge Schuldunfä-
higkeit freizusprechen sei (Urk. 43 S. 32). Nach Kenntnis des in Auftrag gegebe-
nen psychiatrischen Gutachtens nahm sie jedoch von diesem Antrag Abstand und
plädierte gestützt auf das Gutachten auf Strafmilderung wegen verminderter
Schuldfähigkeit (Urk. 73 S. 2). Insofern erübrigen sich nähere Ausführungen zur
Schuldfähigkeit der Beschuldigten an dieser Stelle. Es ist im Rahmen der Straf-
zumessung näher darauf einzugehen.
4.3. Damit liegen keine Schuldausschlussgründe vor. Die Beschuldigte handelte
schuldhaft.
5. Nach dem Gesagten ist die Beschuldigte wegen versuchtem Totschlag im
Sinne von Art. 113 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB zu verurteilen.
IV. Strafe
1.1. Bei der Bestimmung des ordentlichen Strafrahmens ist vom gesetzlich vor-
gesehenen Strafrahmen auszugehen. Danach ist zu ermitteln, ob im konkreten
Fall Strafschärfungsgründe wie z.B. solche gestützt auf Art. 49 StGB oder Straf-
milderungsgründe gemäss Art. 48 StGB und Art. 19 Abs. 2 StGB vorliegen,
welche eine Erweiterung des gesetzlichen Strafrahmens bedingen könnten. Dies
ist nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung aber nur dann der Fall, wenn aus-
sergewöhnliche Umstände vorliegen und die für die betreffende Tat angedrohte
- 45 -
Strafe im konkreten Fall zu hart bzw. zu milde erscheint (BGE 136 IV 55, 63 E.
5.8). Das Vorliegen von Strafschärfungs- oder Strafmilderungsgründen führt also
nicht automatisch zu einer Erweiterung des gesetzlich vorgesehenen Strafrah-
mens nach oben oder unten. Ergeben sich aus dem Sachverhalt keine ausserge-
wöhnlichen Umstände der obgenannten Art, so sind die Strafschärfungs- oder
Strafmilderungsgründe erst bei der konkreten Strafzumessung zu berücksich-
tigen, so dass grundsätzlich der ordentliche Strafrahmen dem gesetzlichen ent-
spricht (SCHWARZENEGGER ET. AL., Strafrecht II, 8. Aufl., Zürich 2007, S. 74 und 89;
BSK Strafrecht I - WIPRÄCHTIGER, N 3 zu Art. 48 und N 3 zu Art. 48a).
1.2. Die Beschuldigte hat sich vorliegend des (versuchten) Totschlags im Sinne
von Art. 113 StGB strafbar gemacht. Dafür gibt der Gesetzgeber einen Strafrah-
men von einem Jahr bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe vor (Art. 113 StGB, Art. 40
StGB). Vorliegend liegen keine aussergewöhnlichen Umstände vor, welche eine
Abweichung vom genannten Strafrahmen rechtfertigen würden. Die vorliegend re-
levanten Strafmilderungsgründe des Versuchs sowie der verminderten Schuldfä-
higkeit sind deshalb als Strafminderungsgründe bei der Strafzumessung zu be-
rücksichtigen. Folglich entspricht der ordentliche Strafrahmen dem gesetzlichen,
so dass die auszufällende Strafe den Strafrahmen von einem Jahr bis zu zehn
Jahren Freiheitsstrafe – entgegen der Vorinstanz (Urk. 55 S. 23) – nicht verlassen
darf.
1.3. Hinzuweisen bleibt noch auf die nicht nachvollziehbaren Erwägungen der
Vorinstanz betreffend Strafart und Geldstrafe (Urk. 55 S. 27 f.), welche nachgera-
de peinlich sind.
2.1. Das Gericht misst die Strafe innerhalb des ordentlichen Strafrahmens nach
dem Verschulden des Täters an den von ihm verübten Delikten zu. Das Verschul-
den muss sich auf den gesamten Unrechts- und Schuldgehalt der einzelnen Straf-
tat beziehen. Diese können annähernd erfasst werden, wenn zwischen Tat- und
Täterkomponenten unterschieden wird.
2.2. Zunächst sind die Tatkomponenten im Sinne von Art. 47 Abs. 2 StGB zu be-
rücksichtigen. Dabei handelt es sich um von der Person der Täterschaft losgelös-
- 46 -
te Kriterien, welche die Bewertung des Unrechtsgehalts der konkreten Tat erlau-
ben. Auszugehen ist von der objektiven Schwere der Tat. Anhand des Ausmas-
ses des Erfolgs sowie der Art und Weise des Vorgehens ist zu beurteilen, wie
stark das strafrechtlich geschützte Rechtsgut beeinträchtigt worden ist. Mögliche,
zu beachtende Tatkomponenten sind namentlich das Ausmass des Erfolges bzw.
der Rechtsgutbeeinträchtigung, die Art und Weise deren Herbeiführung, die krimi-
nelle Energie, die Willensrichtung und -intensität, mit welcher der Täter gehandelt
hat, das „Mass an Entscheidungsfreiheit“ beim Täter und seine Beweggründe. Bei
den Beweggründen ist vor allem zu berücksichtigen, ob diese egoistischer Natur
waren. Unter Berücksichtigung solcher Tatkomponenten lässt sich innerhalb des
ordentlichen Strafrahmens eine sog. Einsatzstrafe bestimmen. Die versuchte Tat-
begehung als Tatkomponente kann sich strafmindernd auf diese Einsatzstrafe
auswirken. Das Ausmass der Strafreduktion hängt dabei von der Nähe des tatbe-
standsmässigen Erfolgs und von der Schwere der tatsächlichen Folgen der Tat
ab. Die Reduktion der Strafe wird umso geringer sein, je näher der tatbestands-
mässige Erfolg und je schwerwiegender die Folgen der tatsächlichen Tat waren
(BSK Strafrecht I - WIPRÄCHTIGER/KELLER, Art. 48a N 24, mit weiteren Hinweisen
auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung).
2.3. In einem nächsten Schritt ist das Gericht zur Festsetzung des Verschuldens
gehalten, Täterkomponenten im Sinne von Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB zu berück-
sichtigen, welche eine Bewertung des den Täter treffenden Schuldvorwurfes er-
lauben. Die Täterkomponente umfasst namentlich das Vorleben (frühere Strafen
oder Wohlverhalten), die persönlichen Verhältnisse (Reue und Einsicht, Strafemp-
findlichkeit) und das Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren (DONATSCH/
FLACHSMANN/ HUG/ WEDER, Schweizerisches Strafgesetzbuch, 18. Aufl., Zürich
2006, S. 117 f., vgl. insbesondere die Verweise auf BGE 117 IV 113; 122 IV 241;
123 IV 153; 127 IV 103; 129 IV 20).
3.1. Die Beschuldigte setzte ein Küchenmesser zur Erfolgsverwirklichung ein, al-
so ein Tatmittel, welches nur bei besonderer Nähe zum Opfer und bei einigem
Kraftaufwand die gewünschte Wirkung zeitigt. Insofern kann von einer erheb–
lichen kriminellen Energie gesprochen werden. Auch die von ihr herbeigeführte
- 47 -
Verletzung ist als gravierend zu betrachten, wäre der Geschädigte ohne ärztliche
Behandlung doch v.a. durch Verbluten (verlor bis zum ärztlichen Eingriff mehrere
Liter Blut, Urk. 11/9 S. 4), also langsam und qualvoll, gestorben. Der Geschädigte
musste notfallmässig operiert werden. Sie hat damit eine akute Lebensgefahr ge-
schaffen. Ferner hat sie auf die Brust des Geschädigten gezielt, also einen Be-
reich hinter welchem sich die lebenswichtigsten Organe befinden. Nach der Tat
hat sich die Beschuldigte – obwohl sie Blut am Messer sah, nachdem der Ge-
schädigte die Wohnung verliess –nicht um das Wohlbefinden des Geschädigten
gekümmert. Vielmehr schrieb sie ihm gleich im Anschluss an die Tat eine SMS
(vgl. vorstehend Erw. 3.3.) deren Inhalt den Eindruck erweckt, dass es ihr völlig
egal war, was sie soeben vollbracht hatte. Sie zeigte damit eine erschreckende
Geringschätzung gegenüber dem Leben des Geschädigten. Relativierend aller-
dings fällt diesbezüglich ins Gewicht, dass die Beschuldigte wohl überhaupt nicht
mit einer so schweren Verletzung rechnete bzw. höchstens von einer leichten
ausging, nachdem sich der Geschädigte ohne sichtbare Verletzung aus der Woh-
nung entfernte. Verschuldensmindernd ist zu berücksichtigen, dass die Beschul-
digte nur einmal zustach, das Messer nicht mit voller Wucht in die Brust stiess
und es dadurch "nur" 3 cm und nicht – der Klingenlänge entsprechend – 11 cm in
den Körper des Geschädigten eindrang. Sie handelte intuitiv und ungeplant. In
Würdigung dieser Umstände ist von einem mittleren objektiven Tatverschulden
auszugehen. Die Einsatzstrafe bewegt sich damit im mittleren Bereich des or-
dentlichen Strafrahmens, also bei ca. 5 bis 6 Jahren.
In subjektiver Hinsicht muss zu Gunsten der Beschuldigten berücksichtigt
werden, dass sie nicht direktvorsätzlich, sondern eventualvorsätzlich handelte.
Sodann spricht für die Beschuldigte auch der Umstand, dass sie wohl im Zeit-
punkt, als sie das Messer behändigte, noch nicht den Entschluss gefasst hatte,
den Geschädigten damit zu verletzen. Sie verfolgte primär die Absicht, den Ge-
schädigten zum Unterlassen der Beschimpfungen und zum Verlassen der Woh-
nung zu bringen. Letzteres ist auch vor dem Hintergrund des befürchteten Ob-
hutsentzugs der Tochter zu sehen. Erst als sie damit direkt vor ihm stand und er
sie zusätzlich provozierte, fasste sie spontan und impulsiv den Tatentschluss bzw.
stach zu, obwohl sie um die Möglichkeit des Todeseintritts wusste.
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Das zur Abklärung der Schuldfähigkeit der Beschuldigten in Auftrag gege-
bene psychiatrische Gutachten spricht sich für eine verminderte Schuldfähigkeit
zum Tatzeitpunkt aus. So könne der Beschuldigten für den Tatzeitpunkt eine mit-
telschwere bis schwere depressive Episode, eine leichte Alkoholintoxikation sowie
eine Persönlichkeitsakzentuierung mit unreifen, selbstunsicheren und emotional-
instabilen Zügen diagnostiziert werden. Diese Störungen besässen Tatrelevanz.
Dem ebenfalls festgestellten Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätssyn-
drom vom gemischten Typus könne tatmodulierende Wirkung zugeschrieben
werden (Urk. 68 S. 77). Die Gutachterin geht von einer vollständig erhaltenen
Einsichtsfähigkeit gemäss Art. 19 Abs. 1 StGB aus (Urk. 68 S. 79). Indessen habe
bei der Beschuldigten im Tatzeitpunkt eine deutliche Bewusstseinseinengung mit
beeinträchtigter Aufmerksamkeit vorgelegen, welche mit einer stark eingeschränk-
ten Fähigkeit einhergegangen sei, Reize zu verarbeiten. Die Gutachterin geht da-
bei nicht von einer affektakzentuierten Tat im engeren Sinne aus, sondern von
einer sich ähnlich manifestierenden Dynamik auf dem Boden des mittelschweren
bis schweren depressiven Zustandsbildes. Aufgrund des Umstandes, dass die
Explorandin nach der Tat ihre Tochter im Schlafzimmer geholt und sich mit ihr auf
das Sofa gelegt habe und somit betont geordnet habe Handeln können, geht die
Gutachterin dennoch, wenn auch in geringerem Ausmass, von erhaltenen Fähig-
keiten zur Steuerung aus, sodass eine vollständige Aufhebung der Steuerungsfä-
higkeit ausgeschlossen sei (Urk. 68 S. 82). Sie kommt zum Schluss, dass die Be-
schuldigte bei der vorliegend erstellten Konstellation (Tatvariante A), wonach die
Beschuldigte das Messer in der Absicht behändigte, den Geschädigten zum Ver-
lassen der Wohnung zu bewegen, hochgradig vermindert schuldfähig war
(Urk. 68 S. 86). Das Gutachten erweist sich betreffend die Frage der Schuldfähig-
keit als schlüssig und klar, so dass den dargelegten Ergebnissen gefolgt werden
kann, was zu einer beträchtlichen Verschuldensreduktion führen muss.
Was das Ausmass der Berücksichtigung der hochgradigen Verminderung
der Schuldfähigkeit angeht, ist zu beachten, dass ein gewisser Anteil davon be-
reits bei der Subsumtion der Tat unter den Tatbestand des Totschlags im Sinne
von Art. 113 StGB subsumiert wurde, liegt doch ein Grund für die Anwendung
dieses privilegierten Tatbestandes gerade auch in der grossen seelischen Belas-
- 49 -
tung, welche zur Verminderung der Schuldfähigkeit führte bzw. dieser teilweise
auch entspricht. Aus diesem Grund ist im Zusammenhang mit der Beurteilung der
subjektiven Tatschwere die Verminderung der Schuldfähigkeit der Beschuldigten
nur noch im mittleren Grade zu berücksichtigen. Das Tatverschulden reduziert
sich damit auf noch leicht.
Unter Berücksichtigung der subjektiven Tatkomponenten, insbesondere der
verminderten Schuldfähigkeit, erscheint eine hypothetische Einsatzstrafe von 42
Monaten als dem Verschulden der Beschuldigten angemessen.
3.2. Mit der Vorinstanz ist schliesslich strafmindernd zu berücksichtigen, dass es
vorliegend beim Versuch blieb. Da die Beschuldigte alles tat, was zur Deliktsver-
wirklichung nötig war, konnte der Tod des Geschädigten doch nur dadurch ver-
hindert werden, dass ihn zufällig vorbeigehende Passanten entdeckten und ins
Spital brachten, wo er notfallmässig operiert wurde. Die Gefahr der Erfolgsver-
wirklichung war erheblich nah und akut. Wären keine Passanten zugegen gewe-
sen, hätte es der Geschädigte aufgrund der schweren Verletzung nicht überlebt.
Das Nichteintreten des tatbestandsmässigen Erfolges ist allein auf glückliche Um-
stände zurückzuführen. Bei dieser Ausgangslage ist der Versuch daher nur in
sehr leichtem Masse strafreduzierend zu veranschlagen.
3.3. Die Einsatzstrafe ist unter Berücksichtigung der Tatkomponenten und des
Versuchs auf 36 Monate festzusetzen.
4.1. Was die Täterkomponente angeht, so kann zunächst auf die zutreffenden
Erwägungen der Vorinstanz betreffend Vorleben und persönliche Verhältnisse
verwiesen werden (Urk. 55 S. 26 f.). Daraus sowie aus den Angaben der Be-
schuldigten im Rahmen der psychiatrischen Begutachtung (Urk. 68 S. 26, 28, 31 -
35, 43) ergibt sich, dass die Beschuldigte in .../... im Südosten der Türkei gebo-
ren wurde. Bis 1993 wuchs sie zusammen mit ihrer Mutter und ihren drei Ge-
schwistern in der Türkei auf. Im Alter von fünf bis sieben Jahren besuchte sie in
der Türkei die Primarschule. Ihr Vater ist bereits 1991 in die Schweiz eingereist.
Im Jahr 1993 wohnte sie zunächst zusammen mit ihrer Familie in einem Asyl-
heim. In der Schweiz besuchte die Beschuldigte einen Integrationskurs und wurde
- 50 -
anschliessend im Kanton U._ in der ersten Primarschule eingeschult. Zwei
Jahre später zog die Familie nach ... in eine Blockwohnung um. Die dritte bis
sechste Klasse absolvierte die Beschuldigte in einer Sonderschule. Im Alter von
12 Jahren zog ihre Familie nach ..., wo die Beschuldigte die Oberstufe und das
10. Schuljahr absolvierte. Sie fand erst keine Lehrstelle, dann arbeitete sie als
Verkäuferin und machte schliesslich von 2003 bis 2005 bei V._ Coiffeur eine
zweijährige Anlehre als Coiffeuse. Nach der Anlehre arbeitete sie zuerst als Coif-
feuse, dann ein Jahr bei einer Reinigungsfirma, W._ in ... und 2008 für drei
Monate als Verkäuferin in einem Kiosk in .... Zwei Jahre war sie arbeitslos. 2006
lernte sie ihren Mann – den Geschädigten – kennen. Sie seien ein Jahr verlobt
gewesen, hätten aber nicht zusammen gelebt. Im Jahr 2007 heirateten sie. Am
tt.mm.2009 wurde ihre gemeinsame Tochter geboren. Die Beschuldigte ist inzwi-
schen vom Geschädigten geschieden (Prot. II S. 14) und hatte letztmals vor ca.
eineinhalb Jahren mit diesem Kontakt (Prot. II S. 17 f.). Sie will in der Zukunft
Geld für sich und ihre Tochter verdienen (Prot. I S. 9 f.) und werde im Mai/Juni ei-
nen Coiffeur-Kurs besuchen, um ihre Chancen für den beruflichen Wiedereinstieg
zu verbessern (Prot. II S. 14 f.). Ihre Tochter ist seit dem Vorfall fremdplatziert
(Prot. II S. 16 f.). Seit ca. Oktober/November 2014 unterhält die Beschuldigte eine
Liebesbeziehung zu einem 35-jährigen Türken (Urk. 68 S. 44; Prot. II S. 17). Die-
se persönlichen Verhältnisse der Beschuldigten sind als neutral zu werten, es
sind keine strafzumessungsrelevanten Punkte ersichtlich.
4.2. Die Beschuldigte hat keine Vorstrafen (Urk. 77). Während dem Untersu-
chungs- und den gerichtlichen Verfahren kooperierte die Beschuldigte mit den
Behörden, gab bereitwillig Auskunft und legte vor Vorinstanz schliesslich ein voll-
ständiges Geständnis ab. Die Beschuldigte zeigte einige Zeit nach der Tat Reue
und Einsicht, versöhnte sich auch mit dem Geschädigten und lebte teilweise wie-
der mit ihm zusammen. Dieses Nachtatverhalten fällt strafmindernd ins Gewicht.
Unter Berücksichtigung aller strafzumessungsrelevanter Kriterien erscheint
eine Strafe von 30 Monaten dem Verschulden der Beschuldigten angemessen.
Die bisher Haft von 183 Tagen ist dieser Strafe anzurechnen.
- 51 -
V. Vollzug
1. Für Freiheitsstrafen von mehr als zwei Jahren und höchstens drei Jahren
sieht das Gesetz den teilbedingten Vollzug vor (Art. 42 Abs. 1 und Art. 43 Abs. 1
StGB). Der Gesetzgeber geht davon aus, bei Freiheitsstrafen in dieser Höhe wie-
ge das Verschulden (siehe Art. 43 Abs. 1 StGB) so schwer, dass trotz günstiger
bzw. nicht ungünstiger Prognose ein Teil der Strafe zum Ausgleich des Verschul-
dens vollzogen werden muss (Urteil 6B_538/2007 vom 2. Juni 2008 E. 3.1.3;
BGE 134 IV 241). Dabei darf der unbedingt vollziehbare Teil die Hälfte der Strafe
nicht übersteigen (Art. 43 Abs. 2 StGB), und sowohl der aufgeschobene wie auch
der zu vollziehende Teil der Freiheitsstrafe müssen mindestens 6 Monate betra-
gen (Art. 43 Abs. 3 Satz 1 StGB). Innerhalb des gesetzlichen Rahmens liegt die
Festsetzung im pflichtgemässen Ermessen des Gerichts. Das Verhältnis der
Strafteile ist so festzusetzen, dass darin die Wahrscheinlichkeit der Legalbewäh-
rung des Täters einerseits und dessen Einzeltatschuld andererseits hinreichend
zum Ausdruck kommen. Je günstiger die Prognose und je kleiner die Vorwerfbar-
keit der Tat sind, desto grösser muss der auf Bewährung ausgesetzte Strafteil
sein. Der unbedingt vollziehbare Strafteil darf das unter Verschuldensgesichts-
punkten (Art. 47 StGB) gebotene Mass nicht unterschreiten (BGE 134 IV 97
E. 6.3.4.3; BGE 134 IV 1 E. 5.6).
2. Die Beschuldige ist nicht vorbestraft. Im psychiatrischen Gutachten vom
21. Dezember 2014 wurde die Rückfallgefahr in Bezug auf ein Gewaltdelikt als
gering bis moderat eingestuft, wobei ausserhalb eines Beziehungskontextes diese
Gefahr als äusserst gering beurteilt wurde (Urk. 68 S. 86). Die Gutachterin emp-
fiehlt sodann eine sozialpsychiatrische Begleitung und erwachsenschutzrechtliche
Massnahmen, um den deutlichen Einschränkungen im Lebensvollzug der Be-
schuldigten zu begegnen. Eine stationäre bzw. ambulante Massnahme hält sie
demgegenüber nicht für angebracht (Urk. 68 S. 87). Wie die Beschuldigte heute
anlässlich der Berufungsverhandlung ausgeführt hat, begibt sie sich zweimal die
Woche in psychiatrische Behandlung (Prot. II S. 17). In Anbetracht dessen ist ins-
gesamt von einer günstigen Prognose auszugehen. Ihr Verschulden wurde vorlie-
gend unter Berücksichtigung der verminderten Schuldfähigkeit als noch leicht ta-
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xiert (vgl. vorstehend, Erw. IV. 3.1). Unter diesem Aspekt erscheint es angemes-
sen zum Schuldausgleich von der ausgefällten Freiheitsstrafe von 30 Monaten 6
Monate zu vollziehen. Die restlichen 24 Monate sind aufzuschieben und die Pro-
bezeit auf 2 Jahre festzusetzen (Art. 44 Abs. 1 StGB).
3. Da die bisherige Untersuchungshaft von 183 Tagen an diese Strafe anzu-
rechnen ist (Art. 51 StGB), ist festzuhalten, dass der zu vollziehende Teil bereits
erstanden ist.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1.1. Vorab ist auf ein offensichtliches Versehen im eröffneten Urteil der hiesigen
Kammer hinzuweisen. So ist in dessen Dispositivziffer 4 das (noch nicht in
Rechtskraft erwachsene) erstinstanzliche Kostendispositiv zwar bestätigt. In der
entsprechenden Klammerbemerkung aber wurde zwecks Präzisierung lediglich
auf die Ziffern 9 und 10 des erstinstanzlichen Kostendispositivs hingewiesen, ob-
wohl dieses auch die Ziffern 7 und 8 umfasst (Urk. 55 S. 30 f.). Da es sich dabei
um ein offensichtliches Versehen handelt, welches nur eine zur Präzisierung die-
nende Klammerbemerkung betrifft, im Übrigen aber aus der genannten Ziffer klar
hervorgeht, dass das erstinstanzliche Kostendispositiv, also auch die Ziffern 7 und
8, zu bestätigen ist, wird vorliegend auf eine Berichtigung verzichtet.
1.2. Die erstinstanzlichen Kosten setzen sich u.a. gemäss der vorinstanzlichen
Urteilsdispositivziffern 7 und 9 aus einer Gerichtsgebühr von Fr. 3'000.– sowie
von Untersuchungskosten in der Höhe von Fr. 9'001.10 und Dolmetscherkosten
von Fr. 825.– zusammen. Über die Kosten der amtlichen Verteidigung für das
erstinstanzliche Verfahren (Ziff. 11) wurde mangels Anfechtung bereits rechtskräf-
tig entschieden (vgl. Erw. I.3). Mit Ausnahme der Kosten für die amtliche Verteidi-
gung auferlegte die Vorinstanz die genannten Kostenpositionen allesamt der Be-
schuldigten (Ziff. 8 und 9). Gemäss Art. 426 Abs. 3 lit. b StPO können notwendige
Auslagen für Übersetzungen einer fremdsprachigen, beschuldigten Person nicht
auferlegt. Insofern sind die Dolmetscherkosten von Fr. 825.– auf die Gerichtskas-
se zu nehmen. Im Übrigen ist das erstinstanzliche Kostendispositiv (Ziff. 7 bis 10)
zu bestätigen.
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2. Die Staatsanwaltschaft unterliegt mit ihrer Berufung und die Beschuldigte mit
ihrem Hauptantrag vollumfänglich. Mit ihrem Eventualantrag unterliegt die Be-
schuldigte zwar nur teilweise, da eine tiefere Strafe auszufällen ist. Da es sich je-
doch bei der Strafzumessung um einen Ermessensentscheid handelt und dieses
sich vorliegend auf ein der Vorinstanz noch nicht zur Verfügung stehendes, amt-
lich angeordnetes Gutachten stützt, rechtfertigt es sich, der Beschuldigten die
Kosten dennoch aufzuerlegen. Die Verfahrenskosten der zweiten Instanz (ohne
Verteidigungskosten) sind deshalb zur Hälfte der Beschuldigten aufzuerlegen und
zur Hälfte auf die Gerichtskasse zu nehmen. Angesichts der persönlichen Ver-
hältnisse der Beschuldigten rechtfertigt es sich indessen, von einem Bezug der
hälftigen Kosten abzusehen und diese zufolge offensichtlicher Unerhältlichkeit so-
fort und definitiv abzuschreiben. Die Kosten für die Verteidigung sind definitiv auf
die Gerichtskasse zu nehmen.