Decision ID: 32190771-975a-431d-8ddb-2624f976a3d8
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Raub etc. (Rückweisung des Schweizerischen Bundesgerichtes)
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom 15. Oktober 2019 (GG190031); Urteil des Obergerichtes des Kantons Zürich, II. Strafkammer, vom 3. Juli 2020 (SB200092); Urteil des Schweizerischen Bundesgerichtes vom 26. April 2021 (6B_914/2020)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 25. April 2019
ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 16).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− des Raubes im Sinne von Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB und − der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 7 Monaten Freiheitsstrafe, wovon 32 Tage
durch Haft erstanden sind, als Zusatzstrafe zum Urteil des Bezirksgerichtes
Zürich vom 1. Februar 2019.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf
3 Jahre festgesetzt.
4. Auf eine Landesverweisung wird gestützt auf Art. 66a Abs. 2 StGB verzichtet.
Dementsprechend wird auf eine Ausschreibung der Landesverweisung im
Schengener Informationssystem ebenfalls verzichtet.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin zufolge Anerkennung
Schadenersatz in der Höhe von Fr. 960.– zu bezahlen. Im Mehrbetrag werden
die Zivilansprüche der Privatklägerin auf den Zivilweg verwiesen.
6. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'200.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 2'100.– Gebühr für die Strafuntersuchung
Fr. 4'620.– Auslagen (Gutachten DANN FOR/IRM)
Fr. 9'588.85 amtl. Verteidigungskosten (inkl. 7.7% MwSt.)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Be-
schuldigten auferlegt; davon ausgenommen sind die Kosten der amtlichen
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Verteidigung, welche einstweilen und unter dem Vorbehalt von Art. 135 Abs. 4
StPO von der Gerichtskasse übernommen werden.
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland:
(Urk. 70 S. 1)
1. Es sei eine Landesverweisung von 7 Jahren sowie deren Ausschrei-
bung im Schengener Informationssystem anzuordnen.
2. Dem Beschuldigten seien die Kosten des Berufungsverfahrens
aufzuerlegen.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 71 S. 1)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Bülach vom 15. Oktober 2019
(GG190091) sei zu bestätigen bzw. es sei auf eine Landesverweisung
des Beschuldigten wie auch deren Ausschreibung im Schengener
Informationssystem zu verzichten.
2. Die Kosten des Verfahrens sowie diejenigen der amtlichen Verteidigung
seien definitiv auf die Staatskasse zu nehmen.
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Erwägungen:
I.
a) Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, sich am 3. August 2018 um ca.
21.40 Uhr an der B._-strasse ... in C._/ZH von hinten der Privatklägerin
genähert, ihr mit einer Hand den Mund zugehalten und sie mit dem anderen Arm
unterhalb des Halses umfasst zu haben. Dann habe er versucht, ihr die Handta-
sche zu entreissen. Die Privatklägerin habe sich aber an die Tasche geklammert
und auf Englisch um Hilfe gerufen. Der Beschuldigte habe sie, ebenfalls auf Eng-
lisch, zur Herausgabe der Handtasche aufgefordert. Es sei zu einem Gerangel ge-
kommen, wobei der Beschuldigte an der Tasche gezerrt habe und die Privatkläge-
rin zu Boden gestürzt sei. Auf dem Boden liegend habe sie dem Beschuldigten ge-
sagt, sie habe Geld, worauf er erwidert habe, sie solle ihm dieses geben. Die Pri-
vatklägerin habe in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie gesucht und, als in
einem nahen Gebäude das Licht angegangen sei, wieder um Hilfe gerufen. Der
Beschuldigte habe erneut an der Tasche gezerrt, so dass deren Riemen gerissen
und ein Sachschaden von Fr. 380.– entstanden sei. Der Beschuldigte habe ein aus
der Handtasche gefallenes Etui mit einer Sonnenbrille im Wert von Fr. 580.– be-
händigt und sei davongerannt.
b) Das Bezirksgericht Bülach, Einzelgericht, sprach den Beschuldigten am
15. Oktober 2019 des Raubes (Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB) und der Sachbeschä-
digung (Art. 144 Abs. 1 StGB) schuldig. Es bestrafte ihn mit 7 Monaten Freiheits-
strafe als Zusatzstrafe zum Urteil des Bezirksgerichtes Zürich vom 1. Februar 2019,
gewährte ihm dafür den bedingten Strafvollzug und setzte die Probezeit auf drei
Jahre fest. Auf die von der Staatsanwaltschaft beantragte Landesverweisung wurde
in Anwendung der Härtefallklausel (Art. 66a Abs. 2 StGB) verzichtet. Das Gericht
verpflichtete den Beschuldigten sodann, der Privatklägerin Fr. 960.– Schadenersatz
zu bezahlen, und auferlegte ihm die Verfahrenskosten (Urk. 32 S. 26/27).
c) Gegen dieses Urteil meldete die Staatsanwaltschaft rechtzeitig die Beru-
fung an (Urk. 20; Art. 399 Abs. 1 StPO) und reichte sodann auch fristgerecht die
Berufungserklärung ein (Urk. 35; Art. 399 Abs. 3 StPO, vgl. Urk. 30). Sie beantrag-
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te, die Freiheitsstrafe auf neun Monate zu erhöhen, deren bedingten Vollzug zu
verweigern und den Beschuldigten unter Ausschreibung im Schengener Informati-
onssystem für sieben Jahre des Landes zu verweisen (Urk. 35 S. 2). Der Beschul-
digte und die Privatklägerin erklärten keine Anschlussberufung.
d) Mit Beschluss und Urteil vom 3. Juli 2020 stellte das Obergericht des Kan-
tons Zürich, II. Strafkammer, fest, dass der bezirksgerichtliche Entscheid vom
15. Oktober 2019 bezüglich des Schuldspruchs, des Zivilpunkts und des Kosten-
dispositivs mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen war. Das Berufungsge-
richt fällte sodann eine Freiheitsstrafe von neun Monaten aus und gewährte dem
Beschuldigten den bedingten Strafvollzug mit vier Jahren Probezeit. Der Beschul-
digte wurde ausserdem für fünf Jahre des Landes verwiesen und die Ausschrei-
bung dieser Massnahme im Schengener Informationssystem angeordnet (Urk. 47
S. 13).
e) Der Beschuldigte erhob daraufhin bundesrechtliche Beschwerde in Strafsa-
chen mit dem Antrag, dass von einer Landesverweisung abzusehen sei (Urk. 53/2).
Mit Urteil vom 26. April 2021 hob das Bundesgericht das Berufungsurteil vom 3. Juli
2020 auf und wies die Sache zu neuer Entscheidung ans Obergericht zurück. Es
erwog, dass sich in den Lebensumständen des Beschuldigten seit der Begehung
des Anlassdelikts Veränderungen ergeben hätten. So scheine nun die Wohnsituati-
on des Beschuldigten gesichert zu sein und seien bezüglich der seit Februar 2019
wieder eingeleiteten Psychotherapie Fortschritte erkennbar. Auch unterstütze nun
eine Beiständin den Beschuldigten bei der Ausbildung und beruflichen Integration,
und habe er durch Vermittlung der Invalidenversicherung eine Lehrstelle als Gärt-
ner gefunden. Der Rückweisungsentscheid präjudiziere die erneute Beurteilung in
der Sache nicht, doch müsse diese anhand der vollständigen Beurteilungsgrundla-
gen unter Einschluss der neueren Entwicklungen erfolgen (Urk. 55).
f) Mit Eingabe vom 13. Oktober 2021 (Urk. 61) beantragte die Staatsanwalt-
schaft den Beizug der beiden ärztlichen Berichte, welche die Verteidigung vor Bun-
desgericht eingereicht hatte, und gab zwei gegen den Beschuldigten am
22. September 2020 bzw. 10. September 2021 ergangene Strafbefehle (Urk. 62/1-
2) zu den Akten. Am 3. November 2021 sandte die Verteidigung dem Gericht die
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erwähnten Arztberichte (Urk. 65/2-3). Die Berufungsverhandlung mit einer erneuten
Befragung des Beschuldigten (Prot. II S. 5 ff.) zu seinen persönlichen Verhältnissen
und Einreichung aktueller Unterlagen hierzu (Urk. 72/1-9) wurde am 26. November
2021 durchgeführt (Prot. II S. 3 ff., Urk. 70 und 71). Das Gericht beschloss darauf-
hin, die Akten der beiden neuen Strafverfahren aus den Jahren 2020 und 2021 bei-
zuziehen sowie einen eingehenden Leumundsbericht und einen aktuellen Verlaufs-
bericht über die therapeutische Behandlung des Beschuldigten einzuholen
(Urk. 74). Die Parteien gaben sodann ihr Einverständnis zur schriftlichen Fortset-
zung des Verfahrens (Prot. II S. 18). Der Leumundsbericht (Urk. 80 und 82) samt
Beilagen (Urk. 81/1-5 und 83/1-2) ging am 14. März 2022 ein. Der medizinisch-
therapeutische Verlaufsbericht von Dr. phil. D._ folgte am 21. März 2022
(Urk. 85). Nach entsprechender Fristansetzung (Urk. 86) nahm die Verteidigung am
13. April 2022 zu den seit der Berufungsverhandlung hinzugekommenen Akten
Stellung (Urk. 89). Die Staatsanwaltschaft liess sich nicht vernehmen und machte
auch von der Möglichkeit, zur Eingabe der Verteidigung Stellung zu nehmen (vgl.
Urk. 91), keinen Gebrauch. Der Prozess erweist sich nunmehr als spruchreif.
II.
Das bezirksgerichtliche Urteil vom 15. Oktober 2019 blieb hinsichtlich des
Schuldspruchs (Ziff. 1), des Zivilpunkts (Ziff. 5) und des Kostendispositivs (Ziff. 6
und 7) unangefochten. Es ist insoweit in Rechtskraft erwachsen (Art. 402 StPO),
was vorab in einem Beschluss festzustellen ist.
III.
Weist das Bundesgericht eine Prozesssache in Gutheissung einer Beschwer-
de zur neuen Beurteilung an das Berufungsgericht zurück, so hat dieses nach
ständiger Rechtsprechung die rechtliche Beurteilung, mit welcher der Rückwei-
sungsentscheid begründet wurde, ihrem neuen Entscheid zugrunde zu legen (BGE
143 IV 214 Erw. 5.3.3 mit Hinweisen). Die Berufungsinstanz hat sich grundsätzlich
nur noch mit jenen Punkten zu befassen, bezüglich welcher das Bundesgericht ihr
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früheres Urteil kassierte (a.a.O., Erw. 5.2.1). Vorliegend handelt es sich dabei um
die Frage der Landesverweisung und der Ausschreibung derselben im Schengener
Informationssystem. Die übrigen Teile des ersten obergerichtlichen Urteils – in casu
die Entscheide über die Strafe und deren Vollzug – sind ins neue Berufungsurteil zu
übernehmen, soweit sie nicht bewirken, dass das abgeänderte Urteil im Ergebnis
bundesrechtswidrig wird (Schmid / Jositsch, Handbuch des schweizerischen Straf-
prozessrechts, 3.A., Zürich/St. Gallen 2017, N 1713 mit Hinweisen). Letzteres ist
vorliegend nicht der Fall, und die Parteien stellten auch keine diesbezüglichen An-
träge.
IV.
1. a) Der Beschuldigte hat zwei Straftatbestände erfüllt, wovon der Raub
(Art. 140 Ziff. 1 Abs. 1 StGB) mit einer von sechs Monaten bis zu zehn Jahren Frei-
heitsstrafe reichenden Strafandrohung der schwerere ist. Die dafür auszuspre-
chende Strafe ist wegen der ausserdem begangenen Sachbeschädigung (Art. 144
Abs. 1 StGB) angemessen zu erhöhen (Art. 49 Abs. 1 StGB).
b) Der Beschuldigte beging die heute zu beurteilenden Delikte, bevor er am
1. Februar 2019 vom Bezirksgericht Zürich wegen mehrfachen Diebstahls (Art. 139
Ziff. 1 StGB), mehrfacher Sachbeschädigung (Art. 144 Abs. 1 StGB) und mehrfa-
chen Hausfriedensbruchs (Art. 186 StGB) zu sieben Monaten Freiheitsstrafe verur-
teilt wurde. Heute ist demnach eine Zusatzstrafe zu jenem Urteil auszufällen. Diese
ist so zu bemessen, dass der Beschuldigte insgesamt nicht schwerer bestraft wird,
als wenn seine damaligen und die nun eingeklagten Straftaten gleichzeitig beurteilt
worden wären (Art. 49 Abs. 2 StGB).
c) Das Gericht misst die Strafe nach dem Verschulden des Täters zu. Es be-
rücksichtigt dabei dessen Vorleben und persönliche Verhältnisse sowie die Wirkung
der Strafe auf sein Leben. Das Verschulden wird nach der Schwere der Rechtsgut-
verletzung, der Verwerflichkeit des Handelns und den Beweggründen und Zielen
des Täters sowie danach bestimmt, wie weit er nach den gesamten Umständen in
der Lage war, rechtskonform zu handeln (Art. 47 Abs. 1 und 2 StGB).
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2. a) Bei der vorliegend zu beurteilenden Raubtat war die Deliktssumme mit
Fr. 580.– bescheiden. Zwar ist anzunehmen, dass der Beschuldigte soviel Beute
wie möglich machen wollte, doch war beim Raub einer Handtasche kaum viel mehr
zu erwarten. Der Vorinstanz ist darin beizupflichten, dass die körperliche Integrität
der Privatklägerin nur in geringem Masse beeinträchtigt wurde. Nicht zu folgen ist
aber ihrer Einschätzung bezüglich der eingesetzten Nötigungsmittel. Der Beschul-
digte packte die Privatklägerin in einem schmalen, nur schwach beleuchteten und
schwer einsehbaren Wegdurchgang (vgl. Fotos in Urk. 3) unvermittelt von hinten,
umfasste sie mit einem Arm am Hals und hielt ihr mit der anderen Hand den Mund
zu. Dieses Tatvorgehen war vorhersehbar geeignet, das Opfer in grosse Angst zu
versetzen. Die Privatklägerin erklärte denn auch, nachdem sie zu Boden gegangen
war, dem Beschuldigten sofort, dass sie Geld habe, und schickte sich an, dieses
herauszugeben, weil sie offensichtlich eine weitere Gewaltanwendung befürchtete.
Im Rahmen der vom Tatbestand des einfachen Raubes umfassten denkbaren
Handlungen erweist sich die objektive Schwere der vom Beschuldigten verübten
Tat zwar noch als leicht. Sie darf aber keinesfalls bagatellisiert werden. In subjekti-
ver Hinsicht brachte der Beschuldigte vor, dass er damals auf der Strasse gelebt
habe und in Geldnot gewesen sei (Prot. I S. 23). Dies vermag indessen sein Ver-
schulden nur geringfügig zu mildern, da hierzulande für Menschen in solchen Notsi-
tuationen ausreichende Hilfsangebote bestehen und deshalb niemand gezwungen
ist, zum Überleben zu delinquieren. Insgesamt erweist sich für das Raubdelikt eine
Einsatzstrafe von zwölf Monaten als angemessen.
b) Zur Beschädigung der Handtasche kam es beim erneuten Versuch des Be-
schuldigten, diese an sich zu reissen. Der Unrechtsgehalt dieses Nebendelikts geht
in demjenigen des Raubes auf, weshalb unter diesem Titel keine Straferhöhung er-
folgen muss.
3. a) A._ wurde 1998 in E._ (Brasilien) geboren. In der Schweiz ver-
fügt er über eine Aufenthaltsbewilligung B. Die ersten neun Lebensjahre verbrachte
der Beschuldigte in Brasilien. 2007 kam er im Rahmen des Familiennachzugs zu
seiner Mutter in die Schweiz, wo auch sein Bruder sowie Tanten, Cousins und
Cousinen leben. In Brasilien war er letztmals 2015 und hat er noch eine Grossmut-
ter, die aber hochbetagt ist, sowie Verwandte väterlicherseits, mit denen er keinen
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Kontakt pflegt. Nach der Übersiedlung in die Schweiz kam es zu familiären Proble-
men und häufigen Wohnortswechseln. Die Schulleistungen des Beschuldigten lies-
sen nach, und er begann, die Schule öfters zu schwänzen. Auch eine Psychothera-
pie brachte keine Besserung. Der Beschuldigte wurde schliesslich von der Schule
verwiesen und kam in ein Heim. Dort entwich er und wurde daraufhin für zwei Jahre
bei einer Pflegefamilie platziert. Zusammen mit der Beiständin suchte man zur Un-
terbringung des Beschuldigten eine geeignete Wohngemeinschaft und fand diese
ca. 2014 im "F._" in G._/ZH, einer sozialpädagogischen Einrichtung zur
Betreuung Jugendlicher. Nach sechs Jahren Primarschule und drei Jahren Sekun-
darschule C besuchte der Beschuldigte noch das 10. Schuljahr. Eine Lehrstelle
fand er indessen nicht, und er hatte in der Folge auch nie eine feste Anstellung,
sondern machte lediglich Praktika. Von diesen beendete er – gemäss seinen An-
gaben wegen psychischer Probleme – keines ordnungsgemäss. So arbeitete er
u.a. bei "H._", wo ihm aber, nachdem man ihn zuerst wegen Zuspätkommens
verwarnt hatte, nach einem handfesten Streit mit einem anderen Mitarbeiter fristlos
gekündigt wurde. Ab Juli 2019 arbeitete der Beschuldigte mit einem vollen Pensum
im Sinne eines Praktikums als Hauswart beim "F._". Im Übrigen blieb er auf
Sozialhilfe angewiesen, bis ihm Leistungen der IV zugesprochen wurden, die der-
zeit monatlich Fr. 3'500.– betragen. Seit Mai 2020 wird der Beschuldigte nun von
seiner Beiständin im Bereich Ausbildung und berufliche Integration, aber auch beim
Erledigen finanzieller und administrativer Angelegenheiten und im Verkehr mit Be-
hörden und (Sozial-)Versicherungen unterstützt. Mit ihrer Hilfe meldete er sich bei
der IV an, die ihm per 1. August 2020 eine Lehrstelle als Gärtner bei der Stiftung
I._, einer Einrichtung für Arbeitsintegration, vermittelte. Er hat in der Berufs-
schule gute Noten (Urk. 72/3-4) und beabsichtigt, im Anschluss an die zweijährige
Attestlehre als Gärtner und Zierpflanzenproduzent noch ein drittes Lehrjahr zu ab-
solvieren, um das eidgenössische Fähigkeitszeugnis zu erlangen. Seit Februar
2019 unterzieht er sich wieder einer Psychotherapie. Der Beschuldigte ist ledig und
kinderlos. Er hat nach dem Abbruch seiner früheren Beziehung seit Herbst 2021
wieder eine Freundin, wohnt aber nicht mit dieser zusammen, sondern (nach einem
vorübergehenden Ausschluss seit November 2018 wieder) im "F._". Dort will
er bis zum Lehrabschluss auch bleiben. Mit seiner Mutter und seinem Bruder hat er
nun wieder einen sehr guten Kontakt. Er beherrscht die hiesige Sprache und spricht
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ausserdem Portugiesisch und etwas Französisch. Der Beschuldigte hat kein Ver-
mögen. Entgegen seinen Angaben in der zweiten Berufungsverhandlung (Prot. II
S. 9/10) ist er nicht schuldenfrei, sondern bestehen offene Verlustscheine über ins-
gesamt ca. Fr. 8'700.– (Urk. 81/5). Noch unbezahlt sind zudem Fr. 5'400.– Geld-
strafe. Immerhin kam es seit Dezember 2020 nicht mehr zu neuen Betreibungen
(Urk. 2 S. 1/2, Urk. 4/1 S. 3, Urk. 4/3 S. 6-8, Urk. 11/3 S. 1, Urk. 34, Urk. 38, Prot. I
S. 8-22, Prot. II S. 5 ff. in SB200092, Urk. 42/1-4, Prot. II S. 5-14, Urk. 80-83).
b) Der Beschuldigte ist im Schweizerischen Strafregister mittlerweile mit vier
Verurteilungen verzeichnet (Urk. 93). Am 27. Mai 2015 bestrafte ihn die Jugendan-
waltschaft Unterland wegen qualifizierten Raubes, Drohung, Sachbeschädigung
und Übertretung des Eisenbahngesetzes mit 40 Tagen Freiheitsentzug, bedingt
vollziehbar mit einem Jahr Probezeit. Das Bezirksgericht Zürich, 10. Abteilung (Ein-
zelgericht), fällte gegen den Beschuldigten am 1. Februar 2019 wegen mehrfachen
Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachen Hausfriedensbruchs
eine Freiheitsstrafe von 7 Monaten aus und gewährte ihm dafür den bedingten
Strafvollzug mit drei Jahren Probezeit. Seit der ersten Berufungsverhandlung sind
nun noch zwei Strafbefehle hinzugekommen. Am 22. September 2020 bestrafte die
Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland den Beschuldigten wegen SVG-
Verstössen mit einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu Fr. 30.– (bedingt vollzieh-
bar mit vier Jahren Probezeit) und mit Fr. 500.– Busse. Seitens der Staatsanwalt-
schaft Zürich-Sihl folgte am 10. September 2021 wegen eines Vergehens gegen
das Waffengesetz eine Verurteilung zu 60 Tagessätzen à Fr. 90.– Geldstrafe, wo-
bei ihm der bedingte Strafvollzug verweigert und die Probezeit aus dem vorange-
gangenen Strafbefehl um ein Jahr verlängert wurde. Die drei letztgenannten Verur-
teilungen gelten im vorliegenden Zusammenhang nicht als Vorstrafen, weil der Be-
schuldigte die nun eingeklagten Delikte vorher beging.
4. a) Die Verurteilung aus dem Jahre 2015 ist zwar einschlägiger Natur, wirkt
sich aber, da es sich um eine Jugendstrafe handelt, nur leicht straferhöhend aus.
b) Der Beschuldigte bestritt während der ganzen Untersuchung, den Überfall
auf die Privatklägerin verübt zu haben (Urk. 4/1 S. 2/3, Urk. 4/2 S. 4, Urk. 4/3
S. 2/5), obwohl ihm wiederholt vorgehalten wurde, dass an der Privatklägerin seine
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DNA festgestellt worden war (vgl. Urk. 6/1 S. 2 und Urk. 6/2 S. 1). Erst in der vor-
instanzlichen Hauptverhandlung legte er ein Geständnis ab (Prot. I S. 23). Dieses
ist aber trotzdem leicht strafmindernd zu berücksichtigen. Auch ist dem Beschuldig-
ten wegen seines schwierigen Vorlebens eine leichte Strafminderung zuzubilligen.
Noch nicht zu einer solchen zu führen vermag hingegen die Verlängerung der Ver-
fahrensdauer, die mit der Aufhebung des ersten obergerichtlichen Urteils entstan-
den ist. Insgesamt halten sich die Strafminderungsgründe und der vorstehend er-
wähnte Straferhöhungsgrund die Waage. Für die vorliegend eingeklagten Delikte
bleibt es somit bei einer Freiheitsstrafe von zwölf Monaten.
c) Das Urteil vom 1. Februar 2019, zu welchem heute eine Zusatzstrafe aus-
zusprechen ist, betraf zwei zusammen mit zwei Mittätern im Juli 2018 innerhalb
weniger Tage begangene Einbrüche in ein Schulhaus mit einer Diebesbeute von
insgesamt Fr. 2'375.45 und insgesamt Fr. 7'500.– Sachschaden (Beizugsakten BG
Zürich, Proz. Nr. GG180239, Urk. 24 S. 2/3 und Urk. 46 S. 4). Aufgrund dieser Ta-
ten ist die Strafe in Anwendung des Asperationsprinzips (Art. 49 Abs. 1 StGB) an-
gemessen zu erhöhen. Dies führt zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt 16 Mona-
ten, von der die schon früher ausgefällten 7 Monate Freiheitsstrafe in Abzug zu
bringen sind. Der Beschuldigte ist somit heute zu einer Zusatzstrafe von 9 Monaten
zu verurteilen.
d) Der Beschuldigte hat im vorliegenden Verfahren 32 Tage Haft erstanden
(Urk. 8/1-11), die ihm auf die Strafe anzurechnen sind (Art. 51 StGB).
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V.
a) Der Vollzug einer Freiheitsstrafe von höchstens zwei Jahren ist in der Re-
gel aufzuschieben, wenn eine unbedingt vollziehbare Strafe nicht als notwendig er-
scheint, um den Täter von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen ab-
zuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB). Dem Täter ist dabei eine Probezeit von mindestens
zwei und höchstens fünf Jahren anzusetzen (Art. 44 Abs. 1 StGB). Die einschrän-
kende Bestimmung, wonach der Vollzugsaufschub nach einer Verurteilung zu mehr
als sechs Monaten Freiheitsstrafe während fünf Jahren nur beim Vorliegen beson-
ders günstiger Umstände zulässig ist (Art. 42 Abs. 2 StGB), findet vorliegend keine
Anwendung, weil eine Zusatzstrafe auszusprechen ist. Diese Sanktion ist so fest-
zusetzen, dass der Beschuldigte insgesamt nicht härter bestraft wird, als wenn die
nun eingeklagten und die am 1. Februar 2019 geahndeten Delikte gemeinsam be-
urteilt worden wären (Art. 49 Abs. 1 StGB).
b) Es ist daher zu prüfen, ob (und unter Ansetzung welcher Probezeit) dem
Beschuldigten diesfalls der bedingte Strafvollzug zu gewähren gewesen wäre. Bei
der Prognosestellung bezüglich der Bewährungsaussichten eines Delinquenten
sind alle relevanten Faktoren wie namentlich die Tatumstände, das Vorleben des
Täters, dessen Nachtatverhalten, aber auch das Mass seiner sozialen und wirt-
schaftlichen Integration und die zu erwartende Warnwirkung der Strafe einzubezie-
hen. Der bedingte Strafvollzug ist nur zu verweigern, wenn dem Täter eine eindeu-
tig schlechte Prognose gestellt werden muss (Trechsel / Pieth, StGB-
Praxiskommentar, 4. A., Zürich / St. Gallen 2021, N 8 f. zu Art. 42 mit zahlreichen
Hinweisen auf die Rechtsprechung).
c) Die heute zu beurteilende Tat des Beschuldigten offenbart ein nicht uner-
hebliches Mass an krimineller Energie (vgl. Erw. III/2a). Hinzu kommt, dass der Be-
schuldigte schon einmal wegen Raubes bestraft wurde, weil er eine Frau mit einem
Küchenmesser bedroht hatte, um ihr das Geld aus dem Portemonnaie zu stehlen
(Urk. 14/3 S. 51). Damals war der Beschuldigte allerdings noch minderjährig und
das Jugendstrafrecht anwendbar. Da heute eine Zusatzstrafe auszufällen ist, muss
er noch so behandelt werden, wie wenn er erstmals als Erwachsener verurteilt wer-
den müsste (Art. 49 Abs. 1 StGB). Bezüglich des Nachtatverhaltens des Beschul-
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digten ist zu berücksichtigen, dass er sich – wenn auch erst vor Bezirksgericht –
schliesslich doch noch zu einem Geständnis durchrang (Prot. I S. 23) und sich seit
Februar 2019 in einer Psychotherapie befindet (Prot. I S. 11/12, Prot. II S. 10,
Urk. 42/2). Als prognostisch ungünstig erscheint hingegen, dass der Beschuldigte
während Jahren grosse Mühe bekundete, im Berufsleben Fuss zu fassen. Auch
kam es im Elternhaus, bei Praktika sowie zeitweise auch im "F._" immer wie-
der zu Problemen (Erw. III/3a), weil es dem Beschuldigten schwer fiel, sich in sozia-
le Strukturen einzufügen und, wo nötig, Autoritäten zu akzeptieren. Immerhin konn-
te er nun aber im Sommer 2020 dank der Unterstützung seitens seiner Beiständin
und der Invalidenversicherung doch noch eine Lehrstelle antreten und hat sich da-
bei bis anhin bewährt. Auch darf von der erlittenen Untersuchungshaft eine gewisse
Warnwirkung erwartet werden. Zu Bedenken führt indessen die Tatsache, dass der
Beschuldigte zwischenzeitlich – wenn auch wegen vergleichsweise leichter Delikte
– zwei weitere Male verurteilt werden musste. Insgesamt erweist sich die Legal-
prognose noch immer als kritisch, aber inzwischen doch etwas besser und jeden-
falls nicht ausgesprochen schlecht. Dem Beschuldigten ist daher auch für die Zu-
satzstrafe der bedingte Strafvollzug zu gewähren, dies allerdings unter Ansetzung
einer vierjährigen Probezeit.
VI.
1. Das Gericht verweist den Ausländer, der einen Raub begangen hat, unab-
hängig von der Höhe der Strafe für 5 bis 15 Jahre aus der Schweiz (Art. 66a Abs. 1
lit. c StGB). Von dieser Massnahme darf nur ausnahmsweise abgesehen werden,
wenn sie für den Ausländer einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde
und das öffentliche Interesse an der Wegweisung gegenüber seinem privaten Inte-
resse am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegt (Art. 66a Abs. 2 StGB).
2. Der Beschuldigte kam im Alter von neun Jahren zu seiner Mutter in die
Schweiz, lebt nun seit 15 Jahren hier und hat in der Schweiz auch sechs Jahre die
Schule besucht. Er ist somit teilweise in der Schweiz aufgewachsen, weshalb bei
der Anordnung einer Landesverweisung eine gewisse Zurückhaltung geboten ist
(Art. 66a Abs. 2 StGB). Er beherrscht demgemäss auch die hiesige Sprache ein-
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wandfrei. Seit Mai 2020 hat der Beschuldigte eine Beiständin, mit deren Hilfe es
ihm gelungen ist, per 1. August 2020 eine Lehrstelle zu finden. Obschon er nicht
auf dem ordentlichen Arbeitsmarkt, sondern auf Vermittlung der IV in einer Einrich-
tung für Arbeitsintegration und somit in einem geschützten Umfeld tätig ist, kann
doch in beruflicher Hinsicht von einer gewissen Stabilisierung gesprochen werden.
Damit besteht zumindest eine realistische Aussicht, dass der Beschuldigte die In-
tegration ins Erwerbsleben doch noch schaffen wird. Die Anordnung einer Landes-
verweisung im jetzigen Zeitpunkt würde den Beschuldigten nicht mehr am (unmit-
telbar bevorstehenden) Abschluss der Attestlehre hindern, wohl aber seinen Plan
durchkreuzen, mit einem weiteren Lehrjahr den eidgenössischen Fähigkeitsausweis
zu erlangen. Der Beschuldigte war von 2016 bis 2020 auf Sozialhilfe angewiesen
und musste mit insgesamt mehr als Fr. 230'000.– unterstützt werden. Seine Ablö-
sung von der Sozialhilfe gelang schliesslich, weil ihm IV-Taggelder zugesprochen
wurden, mit denen er nun seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Während langer
Zeit bekundete der Beschuldigte immer wieder Mühe, sich sozial zu integrieren. So
kam es in der Familie, bei Praktika und auch in der therapeutischen Wohngemein-
schaft zu Konflikten. Den vorliegenden Therapieberichten (Urk. 65/2-3, Urk. 85)
kann entnommen werden, dass die im Jahr 2019 wieder aufgenommene Psycho-
therapie erfolgversprechend verlaufe. Insbesondere könne der Beschuldigte seine
Straftaten in den Therapiesitzungen gut thematisieren. Er bereue diese zutiefst und
schäme sich dafür (Urk. 85 S. 2). Die seit mehr als drei Jahren andauernde Psy-
chotherapie mag auch dazu beigetragen haben, dass der Beschuldigte in berufli-
cher Hinsicht beträchtliche Fortschritte machte. Sie vermochte aber nicht zu verhin-
dern, dass er in den Jahren 2020 und 2021 erneut straffällig wurde (Urk. 62/1-2). In
der Schweiz hat der Beschuldigte nahe Angehörige, namentlich einen Bruder, mit
dem er nun – anders als zur Zeit der ersten Berufungsverhandlung (Prot. II S. 6 und
12 in SB200092) – auch wieder einen guten Kontakt pflegt (Prot. II S. 9), und die
Mutter, mit der er ebenfalls wieder besser auszukommen scheint (a.a.O.). Er selber
ist ledig und kinderlos. Er spricht (brasilianisches) Portugiesisch und dürfte sich in-
soweit in Brasilien nach einigen Anfangsschwierigkeiten zurechtfinden. Allerdings
hat er dort kaum mehr soziale Kontakte, sondern nur noch eine hochbetagte
Grossmutter und entferntere Verwandte, die er aber nicht einmal kennt (Prot. I
S. 21). Nach einer Landesverweisung wäre er also weitestgehend auf sich allein
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gestellt. Allerdings wird er bis dahin zumindest die zweijährige Attestlehre als Gärt-
ner abgeschlossen haben, womit seine Chancen bei der Arbeitssuche auch in Bra-
silien und ohne stützendes soziales Umfeld nicht mehr allzu schlecht stehen dürf-
ten. Bei einer gesamthaften Würdigung der dargelegten Umstände ergibt sich, dass
eine Landesverweisung für den Beschuldigten durchaus eine nicht unerhebliche
Härte bedeutet. Die Schwelle zum schweren persönlicher Härtefall, der nach dem
klaren Willen des Gesetzgebers nur ausnahmsweise anzunehmen ist, wird aber –
wenn auch knapp – noch nicht erreicht.
3. Selbst wenn ein solcher schwerer Härtefall vorläge, bliebe zu prüfen, ob
das öffentliche Interesse an der Fernhaltung des Beschuldigten gegenüber dessen
privatem Interesse am Verbleib in der Schweiz überwiegt und deshalb gleichwohl
eine Landesverweisung anzuordnen ist (Art. 66a Abs. 2 StGB). In Anbetracht der
schon recht langen Aufenthaltsdauer, der gelungenen sprachlichen Integration, der
fast nur in der Schweiz vorhandenen familiären Bindungen und insbesondere auch
der Aussicht auf eine weitere berufliche Ausbildung ist es für den Beschuldigten
von erheblicher Bedeutung, in der Schweiz bleiben zu dürfen. Als sehr gewichtig
erweist sich aber auch das öffentliche Interesse, den seit Jahren immer wieder und
teils in gravierender Weise straffällig werdenden Beschuldigten vom Lande fernzu-
halten. Er muss vorliegend zum zweiten Mal wegen Raubes verurteilt werden,
nachdem er schon mit 16 Jahren eine solche Tat beging und dabei das Opfer mit
einem Messer bedrohte. Dazwischen beging er Einbrüche. Auch das vorliegende
Verfahren vermochte den Beschuldigten offensichtlich nicht hinreichend zu beein-
drucken und von weiteren Delikten abzuhalten, musste er doch im September 2020
wegen Fahrens ohne Berechtigung etc. und im September 2021 wegen eines Ver-
gehens gegen das Waffengesetz erneut bestraft werden (Urk. 62/1-2). Wenngleich
diese jüngste Verurteilungen eher geringfügige Straftaten betrafen, verstärken sie
doch den Eindruck, dass der Beschuldigte nach wie vor nicht willens oder nicht fä-
hig ist, Gesetze konsequent zu befolgen. Hinzu kommt, dass er hinsichtlich des
jüngsten Delikts in der Befragung vor der erkennenden Kammer wahrheitswidrig zu
Protokoll gab, er habe nur kurz auf die Tasche eines Kollegen aufgepasst und nicht
gewusst, dass sich darin ein verbotener Schlagstock befunden habe (Prot. II
S. 10/11 und S. 12/13). Dem einschlägigen Polizeirapport vom 23. August 2021 ist
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demgegenüber zu entnehmen, dass aus der Tasche ein dunkler Gegenstand zu
Boden fiel, als der Beschuldigte diese während der Personenkontrolle auf eine
Bank legte, und dass der Beschuldigte diesen sofort mit dem Fuss wegkickte. Der
Gegenstand habe sich dann als Teleskop-Schlagstock in einem Etui entpuppt
(Urk. 76/1 S. 1). Zum Versuch, den zu Boden gefallenen Gegenstand verschwinden
zu lassen, hatte der Beschuldigte nur einen Anlass, wenn er sehr wohl wusste, wo-
rum es sich handelte. Nachdem der Beschuldigte nicht nur zum zweiten Mal wegen
Raubes verurteilt werden muss, sondern zudem ungeachtet des laufenden Straf-
verfahrens und der drohenden Landesverweisung weitere Delikte verübt hat, ist
ernstlich zu befürchten, dass er auch in Zukunft solche begehen wird. Unter diesen
Umständen überwiegt das öffentliche Interesse an der Fernhaltung des Beschuldig-
ten gegenüber seinem privaten Interesse, weiterhin in der Schweiz bleiben zu dür-
fen.
4. Da sowohl die Härtefallprüfung als auch die Interessenabwägung nur knapp
zu Ungunsten des Beschuldigten ausfallen, ist die Dauer der Landesverweisung auf
das gesetzliche Minimum von fünf Jahren festzusetzen.
5. Der Beschuldigte ist Bürger eines Staates, der nicht Mitglied des Schenge-
ner Abkommens ist. Demgemäss stellt sich die Frage, ob die Landesverweisung im
Schengener Informationssystem ausgeschrieben werden muss. Da heute keine
überjährige Freiheitsstrafe ausgefällt wird, ist praxisgemäss von der Ausschreibung
abzusehen.
VII.
a) Nachdem das obergerichtliche Urteil vom 3. Juli 2020 vom Bundesgericht
kassiert wurde, sind die Kosten des ersten Berufungsverfahrens (SB200092), ein-
schliesslich derjenigen der amtlichen Verteidigung im Betrag von pauschal
Fr. 4'600.– (inkl. MWSt, vgl. Urk. 41), auf die Gerichtskasse zu nehmen.
b) Im zweiten Berufungsverfahren (SB210264) dringt die Staatsanwaltschaft
mit ihrer Berufung hinsichtlich des Strafmasses und der Landesverweisung durch,
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unterliegt aber mit ihrem Antrag auf Verweigerung des bedingten Strafvollzugs. Bei
diesem Prozessausgang sind die Kosten dieses Verfahrens, mit Ausnahme derje-
nigen der amtlichen Verteidigung, zu drei Vierteln dem Beschuldigten aufzuerlegen
und zu einem Viertel auf die Gerichtskasse zu nehmen (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die
Kosten der amtlichen Verteidigung im Betrag von Fr. 6'789.– (inkl. MWSt, vgl.
Urk. 90) sind einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen, unter Vorbehalt der
Rückzahlungspflicht des Beschuldigten im Umfang von drei Vierteln (Art. 135
Abs. 4 StPO).