Decision ID: ee3fb615-d320-4594-a7c1-f3d3d776b4e1
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Am 6. April 2021 stellte A._, vertreten durch die Beratungsstelle Opferhilfe SG-
AR-AI, beim Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen (nachfolgend:
SJD) ein Gesuch um Genugtuung in Höhe von Fr. 15'000.-- (act. G3.1).
A.a.
Die Mutter der Gesuchstellerin, B._ sel., war Opfer eines Tötungsdeliktes
geworden. Dem Entscheid des Kreisgerichts C._ vom 9. Dezember 2020 ist zu
entnehmen, dass sich der Täter mit B._ sel. in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai
2018 in den Luftschutzkeller der von ihm bewohnten Liegenschaft begab, da er sich
vom Teufel verfolgt fühlte. Der Täter habe geglaubt, vom Teufel getötet und gefressen
zu werden. Um dies zu verhindern, habe er B._ sel. mehrere Schnittverletzungen an
den Unterarmen und sechs Stichverletzungen im Brustkorbbereich zugefügt. B._ sel.
ist infolge der vom Täter zugefügten Verletzungen am Tatort verstorben (act. G3.1.3, S.
4 f.). Das Kreisgericht C._ sprach den Täter infolge nicht selbst verschuldeter
Schuldunfähigkeit vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung frei und ordnete eine
stationäre therapeutische Massnahme an. Der Täter wurde verpflichtet, A._ eine
Genugtuung von Fr. 15'000.-- zuzüglich Zins von 5 % seit 16. Mai 2018 zu bezahlen
(act. G3.1.3, S. 31). Zur Beurteilung der Genugtuungsansprüche zog das SJD
zusätzlich eine Aktennotiz der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Region C._
(nachfolgend: KESB) bei (act. G 3.3.1).
A.b.
Mit Verfügung vom 18. Juni 2021 sprach das SJD A._ eine Genugtuung von Fr.
10'000.-- zu. Im Mehrbetrag wies es das Gesuch ab. Zur Begründung führte das SJD
aus, es sei nachvollziehbar, dass die Gesuchstellerin durch den plötzlichen und
gewaltsamen Tod ihrer Mutter eine schwere Belastungssituation erlebt und sich in der
Folge psychische Beschwerden entwickelt hätten. Im Tatzeitpunkt sei die
A.c.
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B.

Erwägungen
1.
Gesuchstellerin 2_-jährig gewesen und habe seit längerer Zeit nicht mehr mit ihrer
Mutter zusammengelebt. Die Mutter der Gesuchstellerin sei erst kurz vor dem
Tötungsdelikt nach einem mehrjährigen Aufenthalt in D._ wieder in die Schweiz
zurückgekehrt. Während des Auslandaufenthaltes habe praktisch kein Kontakt
zwischen der Mutter und der Gesuchstellerin bestanden. Die Beziehung zwischen der
Gesuchstellerin und ihrer Mutter könne daher nicht als besonders eng gelten, auch
wenn sich die Gesuchstellerin nach der Rückkehr ihrer Mutter in die Schweiz intensiv
um sie gekümmert habe (act. G1.1).
Gegen diese Verfügung richtet sich der Rekurs vom 1. Juli 2021. A._
(nachfolgend: Rekurrentin) beantragt die Ausrichtung einer Genugtuung in der Höhe
von Fr. 15'000.--. Zur Begründung macht sie sinngemäss geltend, die Vorinstanz habe
die Genugtuung im Minimum der definierten Bandbreite zugesprochen und den
Umständen, die sie und ihre Mutter betreffen, zu wenig Rechnung getragen. Ihre Mutter
und sie hätten es im Leben nicht immer einfach gehabt, aber das Verhältnis zwischen
ihnen sei immer sehr eng gewesen (act. G1).
B.a.
Mit Vernehmlassung vom 5. August 2021 beantragt die Vorinstanz die Abweisung
des Rekurses (act. G3).
B.b.
Nach Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Hilfe an Opfer von Straftaten
(Opferhilfegesetz, OHG; SR 312.5) hat jede Person Anspruch auf Unterstützung nach
diesem Gesetz, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, psychischen oder
sexuellen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer). Anspruch auf
Opferhilfe haben auch die Angehörigen, insbesondere die Kinder des Opfers. Der
Anspruch besteht unabhängig davon, ob der Täter ermittelt worden ist, sich schuldhaft
verhalten, vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt hat (Art. 1 Abs. 2 und Abs. 3 OHG).
Unter einer Straftat ist ein tatbestandsmässiges, rechtswidriges Verhalten im Sinne des
Strafgesetzbuches zu verstehen. Im Unterschied zum Strafrecht muss dieses Verhalten
im Opferhilferecht jedoch nicht zusätzlich schuldhaft sein, um eine dadurch
1.1.
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2.
geschädigte Person als Opfer anzuerkennen (Peter Gomm/Dominik Zehntner,
Opferhilferecht, 4. Aufl. 2020, Art. 1 N 4).
Gemäss Art. 22 Abs. 1 OHG haben das Opfer und seine Angehörigen Anspruch
auf eine Genugtuung, wenn die Schwere der Beeinträchtigung es rechtfertigt. Artikel 47
und 49 des Obligationenrechts (Bundegesetz betreffend die Ergänzung des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches, Fünfter Teil: Obligationenrecht; OR; SR 220) und
damit die von den Zivilgerichten entwickelten Grundsätze zur Bemessung der
Genugtuung sind sinngemäss anwendbar (BGE 132 II 117 E. 2.2.1 mit Hinweis). Zweck
der Genugtuung im Sinne des Opferhilferechts ist die Abgeltung einer immateriellen
Unbill, die dem Opfer oder seinen Angehörigen aus der Straftat und deren Folgen
erwächst (Gomm/ Zehntner, a.a.O., Art. 22 N 6).
1.2.
B._ sel. ist Opfer eines Tötungsdeliktes geworden. Als Tochter des Opfers hat
die Rekurrentin demnach unstreitig einen grundsätzlichen Anspruch auf Leistungen
nach dem Opferhilfegesetz. Die Vorinstanz hat den Anspruch der Rekurrentin auf
Genugtuung im Grundsatz bejaht. Umstritten und zu klären ist einzig die Höhe der
Genugtuung.
1.3.
Die Bemessung der Genugtuung erfolgt nach der Schwere der Beeinträchtigung
und beträgt für Angehörige höchstens Fr. 35'000.-- (Art. 23 Abs. 1 und 2 OHG). Unter
Beeinträchtigung ist dabei, wie im Zivilrecht, die Verletzung der persönlichen
Verhältnisse bzw. das konkrete Ausmass des Eingriffes in die Persönlichkeitsrechte zu
verstehen. Abzustellen ist auf die objektive Schwere und die subjektiven Auswirkungen
des Eingriffs in das verletzte Rechtsgut der betroffenen Person (Gomm/ Zehntner,
a.a.O., Art. 23 N 6; vgl. BGE 132 II 117 E. 2.2.2 zu Art. 47 OR). Nicht massgeblich sind
täterbezogene Faktoren wie die Art der Straftat und das Verschulden des Täters (BGE
132 II 117 E. 2.2.4 und 2.4.3; Botschaft des Bundesrates vom 9. November 2005 zur
Totalrevision des OHG, BBl 2005 7165 ff., 7224, Ziff. 2.3.2; nachfolgend: Botschaft
OHG).
2.1.
Die Höhe der Summe, die als Abgeltung immaterieller Unbill in Frage kommt, lässt
sich naturgemäss nicht errechnen, sondern nur schätzen. Die Festsetzung der Höhe
der Genugtuung ist eine Entscheidung nach Billigkeit und lässt den kantonalen
Behörden einen weiten Ermessensspielraum. Das Bundesgericht lehnt eine allzu
schematische Bemessung der Genugtuung ab und stellt die Einzelfallgerechtigkeit in
den Vordergrund (vgl. Urteil des Bundesgerichtes vom 23. April 2020, 1C_320/2019,
E. 4.3; Gomm/Zentner, a.a.O., Art. 23 N 1 und 5 f.).
2.2.
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3.
Im Unterschied zum Zivilrecht besteht bei der Bemessung einer Genugtuung nach
dem Opferhilferecht die Besonderheit, dass es sich bei dieser nicht um eine Leistung
aus Verantwortlichkeit des (oft mittellosen oder nicht greifbaren) Täters, sondern um
eine staatliche Hilfeleistung handelt, die von der Allgemeinheit bezahlt wird (BGE 132 II
117 E 2.2.4 mit Hinweisen). Der Gesetzgeber beabsichtigte nicht, dem Opfer eine
volle, umfassende und bedingungslose Wiedergutmachung des erlittenen Schadens zu
garantieren, als er das im OHG vorgesehene Entschädigungssystem geschaffen hat
(Pra 2004 Nr. 4 [BGE 129 II 312 E. 2.3] mit Hinweis). Mit der Einführung von
Höchstgrenzen (Art. 23 Abs. 2 OHG) fallen die opferhilferechtlichen Genugtuungen in
der Bemessung generell tiefer aus, als die zivilrechtlichen (Urteile des Bundesgerichtes
vom 23. April 2020, 1C_320/2019, E. 4.3, und vom 28. November 2017, 1C_82/2017,
E. 2; Gomm/Zehntner, a.a.O., Art. 22 N 7; Botschaft OHG, 7184, Ziff. 1.2.2). Eine
Reduktion gegenüber der zivilrechtlichen Genugtuung rechtfertigt sich namentlich,
wenn diese aufgrund von subjektiven, täterbezogenen Merkmalen (z.B. besonders
skrupellose Art der Begehung der Straftat) erhöht worden ist (BGE 132 II 117 E. 2.2.4
mit Hinweisen). Die nach dem Privatrecht üblicherweise gewährten Beträge können
jedoch einen Hinweis darauf geben, welche Beeinträchtigungen höhere Genugtuungen
rechtfertigen (Urteil des Bundesgerichtes vom 28. Januar 2016, 1C_542/2015, E. 3.2).
Im Sinne eines Richtwertes kann von 60 bis 70 % der durchschnittlichen zivilrechtlich
zugesprochenen Genugtuung im Präjudizienvergleich bzw. der im konkreten Einzelfall
straf- oder zivilrechtlich zugesprochenen Genugtuung ausgegangen, mithin eine
Kürzung von 30 bis 40 % vorgenommen werden (Gomm/Zehntner, a.a.O, Art. 23 N 8 f.;
vgl. auch Urteil des Bundesgerichtes vom 28. Januar 2016, 1C_542/2015, E. 4.2 f.).
2.3.
Das Bundesamt für Justiz hat im Oktober 2019 einen Leitfaden zur Bemessung der
Genugtuung nach Opferhilfegesetz (nachfolgend: Leitfaden) erstellt. Darin hat es einen
Rahmen für die Bemessung der Genugtuungsleistungen für Angehörige festgelegt. Für
den Tod eines Elternteils sieht der Leitfaden eine Bandbreite von Fr. 10'000.-- bis
Fr. 35'000.-- vor. Beträge in der Nähe des Höchstbetrages sind Personen vorbehalten,
die besonders schwere Änderungen in ihrer Lebensweise erleiden mussten und bei
denen eine besonders intensive Beziehung zum Opfer bestanden hatte (Gomm/
Zehntner, a.a.O., Art. 23 N 27 mit Hinweis auf den Leitfaden S. 19, vgl. auch Urteil des
Bundesgerichts vom 23. September 2021, 1C_184/2021, E. 3.2 mit Hinweisen).
3.1.
Für die Bemessung der Genugtuung an die Angehörige im Falle der Tötung ist
insbesondere die Intensität der Beziehung zwischen der getöteten Person und deren
Angehörige massgebend. Auf eine intensive Bindung wird im Allgemeinen anhand des
3.2.
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Verwandtschaftsgrades geschlossen (Botschaft OHG, 7224, Ziff. 2.3.2). Die Höhe der
zu sprechenden Summe hängt massgeblich vom Ausmass der Beeinträchtigung des
tatsächlichen Nähegefühles zwischen der getöteten Person und der gesuchstellenden
Person im Zeitpunkt der Tötung ab. Dabei kommt der Tatsache, ob die
gesuchstellende Person mit dem Opfer zusammengewohnt hat, regelmässig eine
grosse Bedeutung zu, weil darin ein wichtiger Anhaltspunkt für die Intensität einer
Beziehung liegt (Urteil des Bundesgerichtes vom 10. September 2010, 1C_32/2010,
E. 2.4 mit Hinweisen; Baumann/Anabitarte/Müller Gmünder, Genugtuungspraxis
Opferhilfe, Die Höhe der Genugtuung nach dem revidierten OHG, in: Jusletter vom
1. Juni 2015, Rz. 10). Als weitere Indizien dienen auch das Bestehen eines
Abhängigkeits- oder Verantwortlichkeitsverhältnis (z.B. bei minderjährigen Kindern),
das Alter des Opfers sowie der Angehörigen und die Regelmässigkeit von Kontakten
(Baumann/Anabitarte/Müller Gmünder, a.a.O., Rz. 10).
Mit zunehmendem Alter, dem Auszug aus der elterlichen Wohnung und der
Gründung einer eigenen Familie lockern sich in der Regel die affektiven Bindungen
eines Kindes zu den Eltern. Bei erwachsenen Kindern, die nicht mehr bei ihren Eltern
wohnen, geht man von einer geringen Intensität der zerstörten Beziehung und damit
verbunden von kleinerer immaterieller Unbill aus. Haben die Kinder bereits eine eigene
Familie gegründet, verlagert sich der Lebensmittelpunkt weg von den Eltern (Hütte/
Landolt, Genugtuungsrecht, Band 1, 2013, S. 110).
3.2.1.
Wenn auch die täterbezogenen und tatrelevanten Unrechtskriterien – wie z.B.
das Verschulden des Täters – bei der Bemessung einer Genugtuung nach OHG
grundsätzlich aussen vor bleiben müssen, so sind die Umstände der Tat doch insofern
zu berücksichtigen, als sie sich intensiver belastend auf die Persönlichkeit der
Angehörigen auswirken. So können etwa eine besonders verwerfliche Tatausführung
sowie eine besondere Tragik des schädigenden Ereignisses wie beispielsweise ein
Tötungsdelikt an Weihnachten oder bei Gelegenheit eines Familienfestes ebenso wie
die Plötzlichkeit eines schädigenden Ereignisses die Intensität der Verletzung
beeinflussen (vgl. Hütte/Landolt, a.a.O., S. 75 f.). Konnte der Täter oder die Täterin
nicht ermittelt und verurteilt werden, ist der Tod unter besonders schrecklichen
Umständen erfolgt oder der oder die Angehörige Zeuge oder Zeugin der Tat geworden,
kann dies bei der Bemessung der Genugtuung ebenfalls erhöhend berücksichtigt
werden (Botschaft OHG, 7227). Zum Tathergang und zu den Begleitumständen können
auch eine qualifizierte Tatbegehung (Grausamkeit, Verwendung von Waffen oder
anderen gefährlichen Gegenständen) sowie die Intensität und das Ausmass der Gewalt
bei der Bemessung einbezogen werden (Leitfaden, S. 19).
3.2.2.
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4.
Teilweise wird in der Literatur vertreten, ein Alter von 25 bis 55 Jahren des
Anspruchstellers sei nicht besonders exponiert, sodass sich weder ein Zuschlag noch
eine Reduktion der Genugtuung rechtfertige (vgl. Hütte/Landolt, a.a.O., S. 97).
3.2.3.
Der Kasuistik in Gomm/Zehntner (a.a.O, Art. 23 N 32) zur Genugtuung bei Tötung
eines Elternteils unter Berücksichtigung des Leitfadens von Oktober 2019 sind zwei
Fälle zu entnehmen. Im einen Fall wurde zwei Brüdern je eine Genugtuung von
Fr. 35'000.-- zugesprochen, die als 2- und 7-jährige die Tötung ihrer Mutter durch den
Vater miterleben mussten. Im anderen Fall wurde einem vierjährigen Kind eine
Genugtuung von Fr. 20'000.-- zugesprochen, dessen Mutter mit einer Schusswaffe
vorsätzlich getötet wurde. Baumann/Anabitarte/Müller Gmünder (a.a.O, S. 6 ff.) führten
in der Rechtsprechungsübersicht einen Fall auf, bei der einer 21-jährigen eine
Genugtuung von Fr. 9'000.-- zugesprochen wurde, deren Mutter durch ihren Freund
mit dem Messer getötet wurde. Die Gesuchstellerin sei schwer betroffen gewesen,
habe seit vier Jahren alleine gelebt und das letzte Mal circa zweieinhalb Jahre vor der
Tat Kontakt zur Mutter gehabt (13. August 2013, BS 1517). In einem anderen Fall
wurde der Vater eines 16-jährigen erschossen zu Hause aufgefunden und der Täter
konnte nicht ermittelt werden. Dies führte zu einer psychischen Beeinträchtigung des
Gesuchstellers, der eine überaus gute Beziehung zum Vater hatte. Die Behörde sprach
ihm eine Genugtuung von Fr. 20'000.-- zu (15. Mai 2014, BS 1585). Eine Genugtuung
von Fr. 15'000.-- sprach die Behörde einer Gesuchstellerin zu, deren Mutter auf offener
Strasse erschossen worden war und bei der die Tat zu Angstzuständen sowie Verlust
von Lebensfreude geführt hatte, weshalb eine psychiatrische Behandlung notwendig
war (6. Januar 2012, ZH 3/2012). Einer Tochter, die im gleichen Ort wie der verstorbene
Vater lebte und eine nahe Beziehung zu ihm hatte, sprach die Behörde unter
Berücksichtigung der Tat (ein unbekannter, alkoholisierter Mann hatte den Vater
geschlagen, worauf dieser auf der Strasse aufschlug und an Kopfverletzungen
verstarb) und einer psychischen Beeinträchtigung mit erfolgter Psychotherapie eine
Genugtuung von 15'000.-- zu (17. Januar 2013, ZH 482/2011).
3.3.
Für den zu beurteilenden Anspruch auf Genugtuung sind die folgenden Umstände
zu berücksichtigen: Der Täter und das Opfer haben eine Zeit lang in einem Konkubinat
und das Opfer zeitweise beim Täter gelebt. Vor der Tat hat die Rekurrentin das Opfer
intensiv dabei unterstützt, vom Täter unabhängig zu leben (act. G1; G3.1.3, S. 28). Seit
Juni 2020 befindet sich die Rekurrentin in psychologischer Therapie. Der Tod ihrer
Mutter habe ihr Leben von Grund auf erschüttert. Die Rekurrentin mache sich massive
Selbstvorwürfe, da sie davon ausgeht, dass sie bei intensiverer Unterstützung der
4.1.
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Mutter die Tötung hätte verhindern können. Sie habe Mühe zu verstehen, dass der
Täter nicht strafrechtlich belangt werden könne (Bericht von Z._, Fachpsychologin für
Psychotherapie FSP, vom 26. November 2020, act. G3.1.2). Dass der Täter aufgrund
der nicht selbst verschuldeten Schuldunfähigkeit vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung
freigesprochen und stattdessen eine stationäre Massnahme angeordnet wurde, vermag
nichts daran zu ändern, dass es sich zwar vorliegend aufgrund der Umstände um einen
schweren und tragischen Fall handelt, eine Einstufung des Falles als mit schwerster
Betroffenheit und damit im Bereich des gesetzlichen Höchstbetrages von Fr. 35'000.--
aber nicht möglich ist (vgl. Botschaft OHG, 7225).
Die Rekurrentin stand zum Tatzeitpunkt kurz vor ihrem 2_. Geburtstag und wohnte
seit mehr als 10 Jahren nicht mehr im Haushalt des Opfers. Im Alter von 13 Jahren
wurde sie nach der Scheidung der Eltern und einem kurzen Zusammenwohnen mit
dem Opfer in einer Pflegefamilie untergebracht (act. G3.1.3, S. 27). Zu prüfen bleibt, ob
die Rekurrentin trotz des eigenen Haushaltes einen besonders intensiven Kontakt mit
ihrer Mutter pflegte.
4.2.
Nach den Erwägungen im Urteil des Kreisgerichts C._ vom 9. Dezember 2020
hatte die Rekurrentin, bis ihre Mutter im Jahr 2012 in ihr Heimatland zurückgekehrt sei,
regelmässig Kontakt zu ihr. Während des Auslandaufenthaltes und nach der Rückkehr
in die Schweiz hatte sie praktisch keinen Kontakt zur Mutter. Ab Januar 2018 fand
zwischen der Rekurrentin und dem Opfer wieder eine Annäherung statt. Mitte
April 2018 kam es zu einem erneuten Kontaktabbruch (act. G3.1.3, S. 28). Der
Aktennotiz der KESB zum Gespräch vom 8. März 2018 ist zu entnehmen, dass es der
Rekurrentin nicht leichtgefallen sei, ihre Mutter zu unterstützen, da diese sich jahrelang
und auch nach der Rückkehr in die Schweiz nie gemeldet habe. Ihre Mutter habe
ausser der Rekurrentin niemanden mehr, der sich um sie kümmere (act. G3.3). Nach
den Ausführungen im Rekurs habe die Mutter der Rekurrentin nach der Rückkehr aus
ihrem Heimatland, wobei die Auslandsabwesenheit entgegen der Annahme der
Vorinstanz nicht fünf, sondern drei Jahre gedauert habe, eine Woche bei ihrem Exmann
gelebt und sei danach ohne Mitteilung über ihren weiteren Aufenthaltsort
verschwunden. Ende 2017 habe die Rekurrentin erfahren, dass ihre Mutter im Spital
sei, worauf sie ihr gleichentags Kleider und Hygieneprodukte gebracht habe. Seit
Anfang 2018 habe sie ihre Mutter unterstützt, eine neue Wohnung zu suchen, Anträge
an die Behörden auszufüllen, einen Termin bei einem Psychologen zu organisieren, sie
bei der KESB angemeldet und bei allen Terminen begleitet. Über Ostern 2018 sei ihre
Mutter bei ihr gewesen und danach habe die Rekurrentin sie in ihre neue Wohnung in
E._ gebracht. Diese Situation habe die Rekurrentin belastet, da sie einerseits im
4.2.1.
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Tatzeitpunkt schwanger gewesen und ihre Mutter anderseits durch eine depressive
Störung und eine Alkoholkrankheit verändert gewesen sei. Sie habe ihre Mutter gerne
unterstützt, da es ihr so schlecht gegangen und sie immer füreinander da gewesen
seien (act. G1, S. 2).
In Würdigung der gesamten Umstände ist davon auszugehen, dass die
Beziehung zwischen der Rekurrentin und ihrer Mutter über die Jahre von
unterschiedlicher Intensität und Regelmässigkeit war. Während der Unterbringung in
einer Pflegefamilie hat die Rekurrentin ihre Mutter noch regelmässig gesehen. Erst mit
dem Wegzug der Mutter in ihr Heimatland D._ ist der Kontakt abgebrochen. Auch
nach der Rückkehr der Mutter in die Schweiz ist der Kontakt nach der Aktenlage nicht
sofort wiederbelebt worden, denn der Rekurrentin war bis Ende 2017 der
Aufenthaltsort ihrer Mutter nicht bekannt. Ab Januar 2018 näherten sich die Rekurrentin
und ihre Mutter wieder an. So verbrachte die Mutter die Osterfeiertage bei der
Rekurrentin.
4.2.2.
Vorliegend ist zur Bindung zwischen dem Opfer und der Rekurrentin zu
berücksichtigen, dass sich die Rekurrentin vor der Tat intensiv um das Opfer
gekümmert und sie beim Umgang mit den Behörden unterstützt hat (vgl. E. 4.2.1
vorstehend). Aus der Aktennotiz der KESB vom 8. März 2018 geht hervor, dass eine
Errichtung einer Beistandschaft durch eine Drittperson für die Vertretung zur
Personensorge (Wohnen, Tagesstruktur, Beschäftigung) und zur Vermögenssorge
(Administration, Einkommens- und Vermögensverwaltung, Versicherungen und
Behörden) geplant gewesen ist. Die Rekurrentin hätte das Opfer bei gesundheitlichen
und medizinischen Themen weiterhin unterstützt (act. G3.3.1). Anhand von Skizzen und
unter Bezug auf die frühere Beistandschaft sei versucht worden, den
Unterstützungsbedarf einzuschätzen. Dabei sei unklar gewesen, wie weit die Mutter
der Rekurrentin den Unterstützungsbedarf verstanden habe und dem Gespräch habe
folgen können. Die zuständige Abklärungsperson der KESB hielt fest, dass beim
späteren Opfer die eigenen Wünsche und die Realität nicht nur hinsichtlich einer
möglichen Erwerbstätigkeit weit auseinanderliegen würden (act. G3.3.1). Aus den
Ausführungen in der Aktennotiz der KESB lässt sich schliessen, dass das Opfer - wohl
auch aus gesundheitlichen Gründen – sehr hilflos wirkte. Wie vorstehend in
Erwägung 4.2.1 dargelegt, hat die Rekurrentin ab Januar 2018 bis zur geplanten
Errichtung einer Beistandschaft ihre Mutter bei den Behörden angemeldet und sie zu
allen Terminen begleitet. Es lag somit ein umgekehrtes Verantwortlichkeitsverhältnis in
der Eltern-Kind-Beziehung vor, indem sich die Rekurrentin für ihre Mutter
4.3.
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verantwortlich fühlte, obwohl sich diese während Jahren nicht mehr bei ihr gemeldet
hatte.
Bei der Bemessung der Genugtuung sind die direkten Folgen der Tat ebenfalls zu
berücksichtigen. Darunter fallen nach dem Leitfaden insbesondere die Intensität, das
Ausmass und die Dauer der psychischen Folgen sowie die Dauer der Psychotherapie
(Leitfaden, S. 19). Zu berücksichtigen ist, dass die Rekurrentin im Tatzeitpunkt im
fünften Schwangerschaftsmonat und damit besonders vulnerabel war (act. G1, G3.1.4).
Gemäss dem Bericht der behandelnden Psychologin habe sich die Rekurrentin
Wochen und Monate nach dem Tod der Mutter in einer tiefen Verzweiflung befunden
und sich von allen Menschen zurückgezogen. Gegen Ende der Schwangerschaft habe
die Rekurrentin sich schonen müssen. Ein solches Schockerlebnis habe auch
Auswirkungen auf das ungeborene Kind (act. G3.1.4). Die Rekurrentin begab sich rund
zwei Jahre nach der Tat in psychologische Behandlung. Aufgrund von massiven
Selbstvorwürfen sei es ihr nahezu unmöglich gewesen, sich einem fremden Menschen
anzuvertrauen und psychiatrische respektive psychologische Hilfe in Anspruch zu
nehmen. Auch zwei Jahre nach der Tat fühle sie neben der Trauer und Wut eine grosse
körperliche Erschöpfung, zeige ein selbstschädigendes Verhalten, habe Albträume und
grosse Angst alleine zu sein. Zudem würden sich regelmässig Bilder aus der
Vergangenheit aufdrängen, dies führe zu einer Vermeidung von allen Situationen,
welche sie an die Vergangenheit erinnern. Die behandelnde Psychologin attestierte eine
posttraumatische Belastungsstörung und erachtete eine Behandlung von mindestens
einem Jahr als empfehlenswert (act. G3.1.4). Die Rekurrentin erlitt somit durch die Tat
nachweislich eine längerfristige psychische Beeinträchtigung mit Auswirkung auf ihr
Familienleben.
4.4.
Da der Täter die Tötung in nicht selbstverschuldeter Schuldunfähigkeit begangen
hat, wurde er vom Kreisgericht C._ zivilrechtlich zur Bezahlung einer Genugtuung aus
Billigkeit im Sinne von Art. 54 OR verpflichtet. Das Kreisgericht hielt diesbezüglich fest,
dass es sich bei der konkret zu beurteilenden vorsätzlichen Tötung um ein besonders
schweres Abweichen vom geforderten Durchschnittsverhalten handelt und deshalb
trotz den fehlenden finanziellen Mitteln eine Genugtuung aus Billigkeit geschuldet sei
(vgl. Entscheid des Kreisgerichts C._ vom 9. Dezember 2020, E. VIII. 3; act. G3.1.3).
Das Kreisgericht erachtete das Abweichen vom Durchschnittsverhalten als besonders
schwer, weshalb davon auszugehen ist, dass die zivilrechtlich zugesprochene
Genugtuung bei gegebener Schuldfähigkeit des Täters mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit deutlich höher ausgefallen wäre.
4.5.
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5.