Decision ID: f2c0f295-497c-4441-9ef4-b0abbc304d4b
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren
1965, war seit 1. Juli 1992 als Haushalthilfe tätig, als sie am 3. November 1992 als Beifahrerin in einen Auffahrunfall verwickelt wurde und dabei ein Whip
lash
-Trauma der Halswirbelsäule mit neurologischen Störun
gen erlitt (Urk. 8/2 und Urk. 8/34).
Am 19. Dezember 2002 unterbreitete die Ersatzkasse UVG der Versicherten einen Vorschlag zur Schaden
s
erledigung (
Urk. 8/147). Dazu nahm die Versicherte am 15. Januar 2003 Stellung (Urk. 8/
150
). Mit Verfügung vom 10. April 2003 sprach die Ersatzkasse UVG der Versicherten gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 50 % mit Wirkung ab 1. April 2003 eine Invalidenrente
(Komplementärrente)
und eine Entschädigung entsprechend einer Integritätseinbusse von 10 % zu (Urk. 8/15
5
). Diese Verfügung wuchs unange
fochten in Rechtskraft.
Mit Verfügung vom
25. September 20
0
4 (Urk. 8/180)
und vom 8. Dezember 2004 (Urk. 8/162)
wurde die Invalidenrente
infolge Wegfalls der Kinderrenten der Inva
lidenversicherung
bei einem Invaliditätsgrad von
weiterhin
50 % im Betrag
erhöht
.
1.2
Am 5. April 2018 machte die Versicherte eine Verschlechterung ihres Gesund
heits
zustandes geltend und ersuchte um «Prüfung und Anpassung» der Rente (Urk. 8/181). Die Ersatzkasse ordnete in der Folge die interdisziplinäre Begutach
tung der Versicherten an (Urk. 8/186),
worauf die Versicherte telefonisch mit
teilte,
dass sie nicht reisefähig sei (Urk. 8/187) und ein ärztliches Zeugnis der Haus
ä
rztlichen Gemeinschaftspraxis Y._ und Z._
, Fachärzte für Allgemeinmedizin, vom 27. November 2018 (Urk. 8/190) einreichte
.
Die Ersatz
kasse bat die Ärzte am 7. Januar 2019 um einen detaillierten und aktuellen Arztbericht (Urk. 8/191), der nach Lage
der
Akten nie eintraf.
Mit Verfügung vom 27. März 2019 stellte die Ersatzkasse die Versiche
rungs
leis
tungen auf Ende April 2019 ein (Urk. 8/193). Die dagegen gerichtete Einsprache vom 12. April
2019 (Urk. 8/194;
Einspracheergänzung
vom 4. Juni
2019, Urk. 8/196) wies sie mit
Einspracheentscheid
vom 1. Dezember
2020 ab (Urk. 8/197 = Urk. 2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 1. Dezember 2020 (Urk. 2) erhob die Ver
sicherte am 15. Januar 2021 Beschwerde mit dem Antrag, die Ersatzkasse sei zu verpflichten
,
ihr die gesetzlichen Leistungen weiterhin auszurichten (Urk. 1).
Mit Beschwerdeantwort
vom 2. Februar 2021
schloss die Ersatzkasse auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 7). Mit Replik vom 17. März 2021 (Urk. 10) und Duplik vom 6. Mai 2021 (Urk. 15) hielten die Parteien an ihren Rechtsbegehren fest, was ihnen gegenseitig zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 13 und Urk. 16).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen, die in Geltung standen, als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b). Dementsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. September 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeitpunkt ausge
brochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu beurteilende Unfall hat sich
vor Inkrafttreten der neuen Bestim
mun
gen
ereignet, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Gemäss Art. 6 UVG werden – soweit das Gesetz nichts
anderes
bestimmt – die
Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufs
krank
heiten gewährt (Abs. 1).
1.3
Wird die versicherte Person infolge eines Unfalles zu mindestens 10 % invalid (Art. 8
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche
rungs
rechts,
ATSG), so hat sie Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Für die Bestimmung des Inva
liditätsgrades wird das Erwerbseinkommen, das die ver
sicherte Person nach Eint
ritt
der unfallbedingten Invalidität und nach Durchführung allfälliger Eingliede
rungs
massnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeits
marktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG).
1.4
Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gemäss UVG setzt voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Inva
lidität, Tod) ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhanden
sein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist für die Bejahung des natürlichen Kausal
zusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder un
mittelbare Ursache gesundheitlicher Störungen ist; es genügt, dass das schädi
gende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die körperliche oder geis
tige Integrität der versicherten Person beeinträchtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weg
gedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene ge
sundheitliche Störung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1, 402 E. 4.3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
Ob zwischen einem schädigenden Ereignis und einer gesundheitlichen Störung ein natürlicher Kausalzusammenhang besteht, ist eine Tatfrage, worüber die Ver
waltung beziehungsweise im Beschwerdefall das Gericht im Rahmen der ihm ob
liegenden Beweiswürdigung nach dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu befinden hat. Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung eines Leistungs
an
spruches nicht (BGE 129 V 177 E. 3.1, 119 V 335 E. 1, 118 V 286 E. 1b, je mit Hinweisen).
1.5
Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt im Weiteren voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein adäquater Kau
salzusammenhang besteht. Nach der Rechtsprechung hat ein Ereignis dann als adäquate Ursache eines Erfolges zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Erfolges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 129 V 177 E. 3.2, 402 E. 2.2, 125 V 456 E. 5a).
1.6
Gemäss
Art.
53 Abs.
2 ATSG kann der Versicherungsträger auf formell rechts
kräftige Verfügungen oder
Einspracheentscheide
zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung
ist. Diese Bestimmung wurde in Anlehnung an die Kriterien erlassen, welche die Rechtsprechung bis zum Inkrafttreten des ATSG am 1.
Januar 2003 entwickelt hatte (
BGE
133
V
50
E.
4.1
; vgl. auch
BGE 138 V
147
E.
2.1).
Voraussetzung einer Wiedererwägung ist - nebst der erheblichen Bedeutung der Berichtigung -, dass kein vernünftiger Zweifel an der Unrichtigkeit der Verfügung (gemeint ist hie
r
bei immer auch ein allfälliger
Einspracheentscheid
) besteht, also nur dieser einzige Schluss denkbar ist. Dieses Erfordernis ist in der Regel erfüllt, wenn eine
Leistungszusprache
aufgrund falscher Rechtsregeln erfolgt ist oder wenn massgebliche Bestimmungen nicht oder unrichtig angewandt wurden (
BGE
1
38 V
324
E.
3.3). Ob dies zutrifft, beurteilt sich nach der bei Erlass der Verfügung bestandenen Sach- und Rechtslage, einschliesslich der damaligen Rechtspraxis (vgl.
BGE 138 V
147
E.
2.1
,
BGE 138 V
324
E.
3.3).
Um wiedererwägungsweise auf eine verfügte Leistung zurückkommen zu können, genügt es aber nicht, wenn ein einzelnes Anspruchselement rechtswidrig fest
gelegt wurde. Vielmehr hat sich die
Leistungszusprache
auch im Ergebnis als offensichtlich unrichtig zu
erweisen. So muss etwa, damit eine zugesprochene
Rente wegen einer unkorrekten Invaliditätsbemessung wiedererwägungsweise auf
gehoben werden kann, - nach damaliger Sach- und Rechtslage - erstellt sein, dass
eine korrekte Invaliditätsbemessung hinsichtlich des Leistungsanspruchs zu einem
anderen Ergebnis geführt hätte (vgl.
BGE 117 V
8
E.
2c/
aa
). Eine Wiederer
wä
gung einer prozentgenauen Invalidenrente bedingt sodann, dass die Differenz des Invaliditätsgrades zu der als zweifellos unrichtig erkannten Verfügung mindes
tens 5 Prozentpunkte beträgt (
BGE 140 V
85
E.
4).
1.
7
1.
7
.1
N
ach
Art. 50 ATSG
können Streitigkeiten über sozialversicher
ungsrechtliche Leis
tungen durch
Vergleich
erledigt werden (
Art. 50 Abs.
1 ATSG).
Der Versiche
rungsträger hat den
Vergleich
in Form einer anfechtbaren Verfügung zu eröffnen (Art.
50 Abs.
2 ATSG
; BGE 140 V 77 E. 3.2
mit Hinweisen
).
1.
7
.2
D
ie Befugnis zum Abschluss eines
Vergleichs
ermächtigt die Behörde nicht, be
wusst eine gesetzwidrige Vereinbarung zu schliessen, also von einer von ihr als
richtig erkannten Gesetzesanwendung im Sinne eines Ko
mpromisses abzuwei
ch
en. Ist der
Vergleich
im Gesetzesrecht zugelassen, so wird aber damit den Par
teien bei ungewisser Sach- oder Rechtslage die Befugnis eingeräumt, ein Rechts
ver
hältnis vertraglich zu ordnen, um die bestehende Rechtsunsicherheit zu besei
tigen. Dabei und damit wird in Kauf genommen, dass der Vergleichsinhalt von der Regelung des Rechtsverhältnisses abweicht, zu der es bei umfassender Klä
rung des Sachverhalts und der Rechtslag
e allenfalls gekommen wäre. Ein
Ver
gleich
ist somit zulässig, soweit der Verwaltung ein Ermessensspielraum zukommt sowie zur Beseitigung rechtlicher und/oder tatsächlicher Unklarheiten (
BGE
140
V
77
E. 3.2.1 mit Hinweisen).
1.
7
.3
Rechtsprechungsgemäss kann ein Vergleich
grundsätzlich ebenso in Wiederer
wägung gezogen werden wie eine Verfügun
g. Es sind jedoch im Rahmen von
Art.
53 Abs.
2 ATSG
höhere Anforderungen zu stellen, um dem Vergleichs
cha
rakter Rechnung zu tragen (
BGE 138 V
147
E.
2.3). Der Mechanismus der Inte
ressenabwägung ist som
it bei der Wiedererwägung eines Vergleichs bezie
hungs
weise
einer Verfügung der gleiche; Unterschiede ergeben sich jedoch bei der Gewichtung, namentlich des Schutzes des berechtigten Vertrauens in den Be
stand, der tendenzmässig beim Vergleich stärker als bei der Verfügung ausfällt (
BGE 138 V
147
E.
2.4).
Zu beachten ist dabei auch, dass die
Zusp
rache
von Sozialversi
cherungsleis
tun
gen in der Regel auf verschiedenen Anspruchsgrundlagen beruht. Im UVG sind dies, nebst etwa der Versicherungsdeckung und den notwendigen kausalen Zusammenhängen, bei der Invalidenrente in erster Linie der Invaliditätsgrad - mit den diesem
zugrunde liegenden
Faktoren der Invaliditätsbemessung - und der versicherte Verdienst, bei der Integritätsentschädigung die Integritätseinbusse. Werden Sozialversicherungsleistungen gestützt auf einen
Vergleich
verfügt, um
fasst dieser für gewöhnlich eine gesamthafte Würdigung aller relevanten An
spruchsfaktoren. Das heisst, jede Vergleichspartei bezieht ihre Überlegungen mit ein und nimmt in Kauf, dass bei der vergleichsweisen Erledigung einige An
spruchsfaktoren eher zu ihren Gunsten, andere eher zu ihren Ungunsten ausgelegt werden als bei einer umfassenden Prüfung, und sie wägt ab, welchem Ergebnis sie bei gesamthafter Betrachtung zustimmen will. Der Versicherungsträger hat sich hie
r
bei im Rahmen des ihm zustehenden Ermessens zu halten. Für die ver
sicherte Person wird die rasche Zusprechung einer möglichst hohen Leistung im Vordergrund stehen (vgl.
vorstehende
E.
1.5.2
).
1.
7
.4
Der wie dargelegt gesa
mthaften Betrachtungsweise beim Vergleich
und den ihr
zugrunde liegenden
Wechselwirkungen läuft zuwider, wenn der Unfallversicherer im Nachhinein ein einzelnes Element des Leistungsanspruchs herausgreift und einer Wiedererwägung der damaligen Verfügung zugrunde legen, an den ü
brigen Anspruchsfaktoren gemäss Vergleich
aber ohne nähere Prüfung festhalten will.
Um eine Wiedererwägung vornehmen zu können, müsste vielmehr feststehen, dass
die vergleichsweise verfügte Leistung bei einer auch sämtliche weiteren An
spruchsfaktoren umfassenden Klärung des Sachverhalts und der Rechtslage - auf damaligem Stand - im Ergebnis als offensichtlich unrichtig zu betrachten ist.
1.
8
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schluss
folgerungen der Experten begründet sind (BGE 134
V
231 E. 5.1, 125
V
351 E. 3a mit Hinweis).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin hob die Rentenverfügung vom 10. April 2003 (Urk. 8/
155) mit Verfügung vom 27. März 2019 wiedererwägungsweise auf (Urk. 8/193). Die Rente sei ohne Adäquanzprüfung zugesprochen worden. Gemäss Rechtsprechung (vgl. BGE 130 V 352, nunmehr BGE 141 V 281) sei bei Schleudertraumata die Adäquanz zwingend zu prüfen
:
sei eine solche unterlassen worden, sei die ver
fügte Leistung offensichtlich falsch und ein Wiedererwägungsgrund gegeben (S. 3). Der adäquate Kausalzusammenhang könne ohne weiteres verneint werden, da es sich lediglich um einen leichten Unfall gehandelt habe (S. 4).
Im
Einspracheentscheid
führte sie aus (Urk. 2), es sei bei der Rentenberechnung von einem falschen versicherten Verdienst ausgegangen worden (S. 10 Ziff. 41). Zudem sei beim Erlass der fallabschliessenden Verfügung vom 10. April 2003 weder implizit noch explizit die kumulative Leistungsvoraussetzung der Adä
quanz geprüft worden (S. 10 Ziff. 42). Ein Wiedererwägungsgrund sei erfüllt, wo
mit die Anspruchsberechtigung und allenfalls der Umfang des Anspruchs pro
futuro
umfassend abzuklären sei (S. 11 Ziff. 47).
Laut dem Gut
achten von Prof. Dr. med. A._
seien somatische Unfallfolgen lediglich möglich, jedoch nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erstellt (S. 13 Ziff. 59). Es sei mangels überwiegend wahrscheinlichen organischen Unfallfolgen eine separate Prüfung der Adäquanz vorzunehmen (S. 13 Ziff. 60). Diese sei anhand der Psycho-Praxis durchzuführen, da sich die psychische Überlagerung von allfälligen Unfallfolgen seit Herbst 1993 als roter Faden durch die gesamte Krankengeschichte der Ver
sicherten gezogen habe und allfällige somatische Unfallfolgen praktisch keine Rolle spielten (S. 14 Ziff. 64). Die Prüfung der Adäquanzkriterien ergebe, dass im Zeitpunkt der Wiedererwägungsverfügung keines erfüllt sei, was die Leistungs
ein
stellung nach sich ziehe (S. 18 Ziff. 80).
Mit Beschwerdeantwort (Urk. 7) führte sie
schliesslich
aus, es treffe nicht zu, dass die ursprüngliche
Rentenzusprache
auf einem Vergleich beruhe. Das von der Be
schwerdeführerin angerufene Aktenstück (Urk. 8/147) sei explizit als rechtliches Gehör gekennzeichnet und der ursprünglichen Rentenverfügung (Urk. 8/155) könne kein Hinweis auf eine vergleichsweise erfolgte
Rentenzusprache
abgeleitet werden. Dasselbe gelte für das Aktenstück (Urk. 8/156), wonach sich die Beschwerdeführerin mit der Rentenverfügung einverstanden erklärt habe
(S. 4 Ziff. 7)
.
2.2
Die Beschwerdeführerin brachte vor (Urk.
1), die Beschwerdegegnerin verkenne einerseits, dass die Verfügung vom 10
.
April 2003 auf der Basis eines Vergleichs erlassen worden sei und zum anderen, dass die Rechts- und Sachlage im Zeit
punkt der
Leistungszusprache
im April 2003 massgebend sei (S.
4 Ziff.
8). Es könne ausgeschlossen werden, dass mit dem Vergleich eine offensichtliche Un
richtigkeit oder gar Rechtswidrigkeit der
Leistungszusprache
erfolgt sei, sondern es seien Unklarheiten im Sachverhalt, nämlich das Ausmass der Arbeits
un
fähigkeit und der Invaliditätsgrad geregelt worden (S.
6 Ziff.
12 f.). Angesichts der tatsächlich getätigten medizinischen Abklärungen könne nicht von einer mangelhaften Sachverhaltsabklärung ausgegangen werden (S.
7 Ziff.
13.2). Im Vergleichsgespräch hätten sich die Parteien mit sämtlichen Leistungsvorausset
zungen auseinandergesetzt. Die Tatsache, dass diese
s
Gespräch nicht protokolliert worden sei und die Akten diesbezüglich unvollständig seien, könne nicht ihr angelastet werden (S.
9 oben). Die Festsetzung des IV-Grades auf 50
% in der leistungszusprechenden Verfügung sei in jeder Hinsicht nachvollziehbar (S.
11 Mitte). Der Vergleich habe eine Unsicherheit in rechtlicher Hinsicht bezüglich Adäquanz beseitigt (S.
11 Ziff.
14). Im Übrigen sei die Adäquanz zu bejahen (S.
15 Ziff.
14.6). Die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung seien nicht gegeben (S.
16 Ziff.
16). Auch ein Revisionsgrund liege nicht vor (S.
6 Ziff.
17).
Mit Replik (Urk. 10) hielt die Beschwerdeführerin an ihrer Auffassung fest, dass zwischen ihr und der Beschwerdegegnerin ein Vergl
e
ich abgeschlossen worden sei (S. 2 Ziff. 1).
3.
3.1
Im Zeitpunkt der Verfügung vom 10. April 2003 (Urk. 8/150) lagen der Be
schwerdeführerin die folgenden wesentlichen ärztlichen Berichte vor:
3.2
Laut Arz
tbericht von Dr. med. B._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin,
vom 14. Dezember 1992
(Urk. 8/2)
erlitt die Beschwerdeführerin ein
W
hip
lash
-Trauma (Schleudertrauma) der
Halswirbelsäule (
HWS
)
mit neuro
logischen Störungen. Es bestehe der Verdacht auf po
sttraumatische Lumbalgien und in der
Magnetresonanz
tomographie
(
MRI
)
zeige sich eine kleine mediane Diskushernie auf Höhe C5/6 (Ziff. 2 c). Die Beschwerdeführerin
klage
über Kopf
weh, Versteifung des Halses, Schmerzausstrahlung in den Rücken und Parästhe
sien im Arm rechts. Es bestünden
Druck
d
olenzen
an der
«
HWS-DF
» und
die Be
wegung der HWS sei praktisch vollständig eingeschränkt. Die Armreflexe rechts seien verstärkt. Bei C8 rechts bestehe eine Sensibilitätsverminderung.
Gestützt auf das Röntgenbild der HWS
bestehe
der Verdacht auf einen kleinen Kantenabbruch
C6
(Ziff. 2
lit
. b)
.
Am 18. September 1993 (Urk. 8/5) berichtete Dr.
B._
über Sensibilitätsstö
run
gen und ein schmerzbedingtes Schonhinken links (Ziff. 1).
Sie attestierte eine vollständi
ge Arbeitsunfähigkeit vom 4. bis 15. November, eine Arbeitsunfähigkeit von 66 2/3 vom 16. bis 25. November und wieder eine vollständige Arbeitsun
fähigkeit ab 26. November 1992 (Ziff. 4).
3.3
Der von der Hausärztin hin
zugezogene Dr. med. C._
, Facharzt für Neurologie
am Zentrum D._
,
gab am 18. November 1992 (Urk. 8/141/2) folgende Beurteilung ab: Nach klassischem Auffahrunfall seien bei der Beschwerdeführerin typische Beschwerden aufgetreten im Sinne von heftigen Nacken- und Schulterschmerzen. Zudem seien Kribbelparästhesien im C8-Bereich rechts aufgetreten. Hier fänden sich neurologisch auch eine Hypästhesie und
Hypalgesie
im
Dermatom
C8. Eigentliche motorische Ausfälle liessen sich aber klinisch nicht finden. Nach dem Unfall hätten sich auch die von lumbal ins linke Bein ausstrahlenden Schmerzen verstärkt, die allerdings schon bereits in früheren Jahren gelegentlich aufgetreten seien. Im
Dermatom
S1 distal zeigten sich auch eine
Hypalgesie
und Hypästhesie, die möglicherweise bereits seit früher vor
handen seien. Es sei durchaus möglich, dass es während des Auffahrunfalls auch zu einer Exazerbation eines vorbestehenden S1-Syndroms gekommen sei (S. 2 Mitte).
Im MRI fänden sich keine Hinweise für das Vorliegen einer Fraktur. Hingegen habe sich auf Niveau C5/6 eine kleine mediane Diskushernie gefunden, die aber für die C8-Symptomatik nicht verantwortlich sein k
ö
nn
e
. Die sensible C8-Läsion rechts sei wahrscheinlich durch die transiente Hyperflexion und eine damit kom
biniert transiente Verschiebung zustande kommen (S. 2 unten).
3.
4
Im Austrittsbericht der
Klinik E._
vom 19. November 1993 (Urk. 8/7), wo die Beschwerdeführerin vom 27. September bis 16. November 1993 stationär be
handelt wurde, wurde die Diagnose einer HWS-Verletzung mit Verdacht auf In
stabilität C4/5 oder C5/6 mit therapier
e
sistenter rechtsseitiger
Cervico-Brach
ia
lgie
und
eine
Zerrung der C7-Nervenwurzel rechts
sowie eine
Qua
dri
cepsschwäche
links mit
Hypästhesiezone
am linken Bein (
Dermatom
S1
)
gestellt (S. 1
Mitte
). Seit der N
achkontrolle durch PD Dr. F._
vom 1. März 1993 liege ein klinisch persistierendes
cervico-cephales
Schmerzsyndrom mit zum Teil Schmerzausstrah
lung in den rechten Arm vor.
Bildgebend
falle
als mögliche posttraumatische Folge
eine
Diskusprotrusion
C5/6 im Bereich der HWS auf, die in Anbetracht des Alters der Beschwerdeführerin doch ungewöhnlich sei.
Gestützt auf die
Funk
tionsaufnahmen
bestehe der
Verdacht auf
eine
H
y
permobilität C4/5. Bezüglich der Beinbeschwerden links beschreibe die Beschwerdeführerin nun einen stark wechselnden Verlauf, zeitweise - auch jetzt über eine Woche - sei sie be
schwerdefrei. In der klinischen Untersuchung
liege
der
Lasègue
bei 45 Grad, der
Langsitz
sei
jedoc
h problemlos möglich. Die Muske
leigenreflexe seien symme
trisch. Es liege eine diffuse Hypästhesie am linken Bein, am ehesten dem
Der
matom
S1 entsprechend
, und
eine leichte Schwäche der Kennmuskel L5 vor, je
doch mit ruckartigen
In
n
ervationen
. Die elektromyographische Untersuchung der Muskeln zeige keine
D
e
nervierungszeichen
(S. 2 oben). Die notfallmässige Ein
weisung sei aufgrund akut
exazerbierender
Schmerzen im Nackenbereich und «Parese» des linken Armes erfolgt (S. 2 Mitte)
.
3.5
Am 3. Mär
z 1997 erstattete Dr. med. G._
, Facharzt für Neurologie
,
seinen Bericht (Urk. 8/72) und stellte folgende Diagnosen (S. 1)
:
-
mittelschweres
Cervikalsyndrom
-
posttraumatische Kopfschmerzen
-
vegetative Labilität
-
wahrscheinliche neuropsychologische Funktionsstörungen
-
Konversionsstörung mit sensomotorischem
Hemisyndrom
links
Klinisch fassbar, kompatibel mit den anamnestischen Angaben und
ätiologisch
auf das HWS-Distorsionstrauma in linksrotierter Stellung zurückzuführen sei ein mittelschweres
Cervikalsyndrom
mit lokalen, bewegungsabhängigen Schmerzen. Wahrscheinlich liege auch eine Instabilität auf Höhe C5/6 vor. Ebenfalls im Rahmen des
St
atus nach HWS-Trauma sei
en
die Kopfschmerzen, die wahrschein
lichen neuropsychologischen Defizite sowie auch die vegetative Labilität mit Tendenz zu gastrointestinalen Symptomen und
präsynkopalen
Gefühlen zu inter
pretieren. Die Beschwerdeführerin gehe mit zwei Amerikanerstöcken relativ flüssi
g
hinkend
. Ohne diese
sowie in der Untersuchungssituation präsentiere si
e
eine ausgeprägte Schwäche der Motorik
mit angegebener ausgeprägter Sensibilitäts
störung
auf der linken Körperseite. Bei der klinisch-neurologischen Untersuchung sei ein normaler Reflexbefund zu finden, Pyramidenzeichen könnten
keine ge
funden werden.
Elektroenzephalographisch
finde sich höchstens eine leichte Allge
meinveränderung. Hinweise für eine zentrale Läsion, die die schwere Behin
derung erklären könnten, fänden sich keine.
Ätiologisch
käme differ
e
ntialdia
gnos
tisch eine Läsion der langen Bahnen im
Cervi
k
almarkbereich
in Frag
e
, diese würde aber in der klinischen Untersuchung
klar fassbare neurologische Befunde aufweisen
wie Reflexsteigerung, positive
Ba
binski
zeichen
und ev
entuell
eine ge
kreuzte Sensibilitätsstörung (S. 2 oben).
Auf psychosomatischer Ebene falle der geringe Leidensdruck bezüglich der Hemi
parese auf, wahrscheinlich im Sinne einer «belle
indifférence
». Dies ergebe den dringenden Verdacht auf eine Konversionsstörung; der Konflikt, der damit gelöst werde
, und
das Model
l habe in
der Exploration nicht gefasst werden
können
(S. 2 Mitte).
3.6
Im
neurologisch-neuropsychologischen Gutachten
diagnostizierten
Dr. med. H._
, Fachärztin f
ür Neurologie, Dr. I._
, Assistenzär
zt
in, und
lic
. phil
.
J._
, Psychol
o
ge FSP Neuropsychologie, der
Klinik K._
a
m 3. November 1998 (Urk. 8/87)
einen Zustand nach
cervik
ocephalem
Beschleunigungstrauma, posttraumatische Kopfschmerzen sowie
den dringenden Verdacht auf Konversionsstörung mit sensomotorischem
Hemi
syndrom
(S. 11 Ziff. 1). Der neurologische Befund im Zeitpunkt der Begut
achtung sei unauffällig gewesen. Neuropsychologisch habe sich eine deutliche Beein
trächtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit, die jedoch mit hoher Wahr
schein
lichkeit nicht als hirnorganisch bedingte Defizite zu interpretieren seien, gezeigt. Unter Zusammenfassung aller erhobenen Befunde handle es sich bei der Hemi
parese um eine Konversionsstörung (S. 10 unten). Von neurologischer Seite he
r gebe es keine objektivierbare
n
somatische
n
Befunde, die die
Hemisym
p
t
o
matik
links begründen könnten (S. 11 Ziff. 3).
Das Unfallereignis vom 2. November 1992 sei mitwirkende Ursache der
aktuell
vorliegenden Beschwerden (S. 12 Ziff. 4
lit
. b). Als Bürohilfe bei einem Arbeits
pensum von 60 % bestehe keine unfallbedingte Einschränkung, bei einem Arbeits
pensum von 100 % eine unfallbedingte Einschränkung von 40 %. Als Haushalts
hilfe bei einem Arbeitspensum von 30 % bestehe keine unfallbedingte Ein
schrän
kung, bei einem Arbeitspensum von 100 % eine solche von 40 % (S. 13 oben).
3.7
3.7.1
Am
16
. Juli 2001 wurde
das
orthopädisch-psychiatrisch
e Gutachten von Dr. med.
L._
, Facharzt für Orth
opädie, und Dipl.-Psych. M._
(Urk. 8/125) erstattet.
3.7.
2
Im orthopädischen
Teilg
utachten
(Urk. 8/125/3)
gab
Dr.
L._
folgende B
eurtei
lung ab
:
Die bei der aktuellen klinischen Untersuchung erhobenen Befunde seien im Hinblick auf die anamnestischen Angaben der Beschwerdeführerin nicht zur Deckung zu bringen
(S. 25 unten)
. Angesichts der Tatsache, dass die Ergebnisse der klinischen und radiologischen Untersuchungsbefunde eine prim
ä
r struk
tu
relle, d.h. organische/orthopädische Ursache der Beschwerden und
die
empfun
denen Behinderungen mit hinreichender Sicherheit ausschlössen, werde es darauf
ankommen, die zugrundeliegende psychiatrische beziehungsweise psycholo
gische
Störung zu ermitteln, um die ursächliche Verbindung zum Unfallgeschehen best
möglich einzuschätzen
(S. 27 Mitte)
.
Derzeit sei festzustellen, dass die anamnes
tischen Angaben der Beschwerdeführerin in Kombination mit den klinischen Befunden mit orthopädischen Krankheitsbildern nicht zu vereinbaren seien. Dies insbesondere auch deshalb, da die MRI-Untersuchung der HWS vom 3. Juli 2001 (vgl. Urk. 8/125/4) eine absolut unauffällige Darstellung des Halsmarkes sowie der HWS erbracht habe (S. 28 oben
)
.
3.7.
3
Der Psychologe
(Urk.
8/125/1)
führte zur Verhaltensbeobachtung
an, die Be
schwe
r
deführerin sei in Kleidung und Erscheinungsbild gepflegt, verhalte sich der Situa
tion angemessen und sei kooperativ. Im Gespräch sei sie zugewandt, offen und gebe bereitwillig Auskunft. Sie schildere ihre Lebenssituation seit Ehe
schlies
sung und Trennung sehr konkret und anschaulich, erscheine dabei nicht
klagsam
son
dern eher teilweise nüchtern und distanziert. Im emotionalen Ausdruck erscheine sie niedergeschlagen. Stärkere emotionale Betroffenheit sei deutlich geworden, als sie über die Beziehung zu ihren Kindern gesprochen habe (S. 13 unten).
Im Rahmen der Exploration dränge sich der Verdacht - wie bereits von Dr.
G._
(vgl. E. 3.6) geäussert - einer Konversionsstörung auf. Die Beschwerdeführerin sollte daher nervenärztlich abgeklärt werden, da einerseits die Aussage im Raum stehe, sie benötige lebenslang Physiotherapie und andererseits
das Leiden
wo
möglich durch gezielte wissenschaftlich begründete nervenärztliche Begleitung und Schmerztherapie
gemindert werden könn
t
e (S 14 Mitt
e
).
3.7.
4
Am 8. Oktober 2001 (Urk. 8/127) ergänzte Dr.
L._
sein
Gutachten
(E. 3.7.2)
da
hingehend, dass er die darin enthaltenen Aussagen im Hinblick auf die gutach
ter
l
iche Fragestellung präzisierte: Der vorliegende klinische und technische Unter
suchungsbefund liefere bei orthopädisch somatischer Betrachtungsweise keine
Diagnose, die ausreichend umfassend zur Erklärung des Klagevortrages der Be
schwerdeführerin beitragen könne (S. 2 Ziff. 3). Eine primär orthopädisch-soma
tische Ursache des Klagevortrages und der berichteten sowie gezeigten Leistungs
einschränkungen könne praktisch ausgeschlossen werden (S. 2 Ziff. 4).
3.8
Im Gutachten vom 18. November 2002 (Urk. 8/146) kam P
rof. Dr. med.
A._
, Facharzt für Neurologie, zum Schluss, dass es sich beim Unfall vom 2. November 1992 zweifellos um eine Auffahrkollision gehandelt habe und dieser mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eine Distorsionsverletzung der
HWS
verursacht habe. Es spreche allerdings nichts dafür, dass es sich um eine über
durchschnittlich schwere Traumatisierung gehandelt habe: Es müsse festgehalten werden, dass der Fahrzeugschaden offenbar so geringfügig gewesen sie, dass man
weiter gefahren
sei ohne die Polizei zu rufen. Auch seien zu Beginn, also an der Unfallstelle, keine nennenswerten Beschwerden vorhanden gewesen, sondern die Beschwerden seien erst etwa eine halbe Stunde später aufgetreten. Auch dieses Element deute zwar auf eine erlittene und nicht völlig bedeutungslose Distorsion, spreche aber nicht für eine besonders schwere
V
erletzung, bei welcher erfah
rungsgemäss schon auf der Unfallstelle nennenswerte Beschwerden auftreten. Auch die nachfolgend entstandenen Beschwerden
, nennenswerte
Nacken
schmer
zen und auch Kopfschmerzen, bald danach auch ausstrahlende Schmerz
sen
sa
tionen zumindest in einen Arm
, hätten zwar bestanden, es
seien jedoch nirgends in den Akten Ausfälle beschrieben worden, welche auf eine direkte Schädigung einer der an der HWS austretenden Nervenwurzeln oder des in der HWS ver
laufenden Rückenmarks hingewiesen hätten. Die in den Akten beschriebenen Zu
satzuntersuchungen hätten zwar gelegentlich von einer Instabilität einzelner Segmente der HWS gesprochen, ohne dass dies aber schlussendlich beibehalten worden sei
,
und man
habe
ausdrücklich
auf
eine anfänglich sogar erwogene ope
rative Stabilisierung verzichtet
.
Ein nennenswerter Bandscheibenschaden sei aus
drücklich verneint worden, wobei eine beschriebene
Protrusion
der Bandscheibe C5/6 zu den sehr häufigen Befunden bei beschwerdefreien Personen gehöre. Traumatische Läsionen des knöchernen Apparates seien nie festgestellt worden. I
m MRI
sei auch keine Schädigung des Halsmarkes nachgewiesen, und die neu
rologischen Befunde hätten auch später keinen diesbezüglichen Verdacht erge
ben. Zusammenfassend sprächen also alle aufgeführten Elemente dafür, dass die Beschwerdeführerin am 2. November 1992 zwar zweifellos eine HWS-Distor
sions
verletzung erlitten habe, dass es sich hierbei aber nicht um eine besonders gravierende Läsion gehandelt habe (S. 7 unten).
Die spätere Entwicklung des Beschwerdebildes sei wahrscheinlich schon im Janu
a
r 1993 und mit Sicherheit im Herbst 1993 entweder übergegangen in oder massiv überlagert worden durch eine nicht organische, sondern durch psychische Mecha
nismen hervorgehobene Lähmung. Diese habe vorwiegend die linke Körperseite, nach den Akten vorübergehend offenbar auch den rechten Arm betroffen. Die nicht organische Natur dieser Beschwerden sei bereits im Herbst 1993 von den behandelnden Ärzten identifiziert worden und sei in den Akten durch verschie
dene Instanzen ganz klar dokumentiert worden. Es bestehe also kein vernünftiger Zweifel daran, dass bei der Beschwerdeführerin zumindest eine massive psy
chi
sche Überlagerung mit Pseudolähmungen stattgefunden habe (S. 8 unten).
In ihrem gegenwärtigen Zustand sei die Beschwerdeführerin zweifellos voll inva
lid. Die auch in den letzten Gutachten geschilderte Befindlichkeit begründeten dies. Hinzu komme die Erfahrung, dass ein Zustandsbild, welches sich seit nun
mehr neun Jahren etabliert, die Beschwerdeführerin zur beruflichen Untätigkeit geführt und eine volle Invalidenrente begründet habe, mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit nicht zu beheben sei. Daraus ergebe sich, dass prognostisch du
rch
irgendwelche therapeutische
und im Besonderen auch durch psychotherapeu
tische
Massnahmen keine Besserung zu erwarten sei. Zusätzliche Bemühungen seien nicht angezeigt, und im Besonderen sollte auch eine Physiotherapie, welche ja lediglich das Gefühl, krank zu sein, verstärke, nicht mehr angewandt werden. Eine der Inkongruenzen der vorliegenden Situation bestehe ja unter anderem darin, dass trotz besserem diagnostischem Wissen über Jahre nutzlose Physio
therapien begründet, angewendet und verrechnet worden seien (S. 9 Mitte).
Es dränge sich auch die Frage auf, ob überhaupt noch Folgen des Unfalls vor
handen seien. Dies könne letzten Endes nicht sicher entschieden werden, ver
unmögliche doch die offensichtliche und massive psychisch bedingte Störung
,
eine allenfalls darunter versteckte echte organische Unfallfolge klar zu erkennen. Man wiss
e
, dass das Vorhandensein eines psychogen bedingten Zustandsbildes keineswegs ausschliesst, dass zugleich auch eine organische Unfallfolge vorliegen
könne. Man könne sich fragen, ob man
sich
in dieser Situation nicht doch auf d
ie allgemeinen Erfahrungen stützen dürfe: Immerhin habe die Beschwerde
füh
rerin eine Distorsionsverletzung der HWS erlitten, die zwar nicht besonders schwer
wiegend, jedoch auch nicht völlig belanglos gewesen sei. Immerhin hätten kom
petente Ärzte in den ersten Monaten nach dem Unfall ein nennenswertes Be
schwerdebild dokumentiert. Man wisse immerhin, dass in dieser Situation ein wenn auch kleiner Teil der Patienten durchaus echte, über viele Jahre bestehende Beschwerden zurückbehielten. Schliesslich könne auch jemand, der aufgrund von
hier nicht näher zu klärenden individualpsychologischen Konstellationen soma
to
forme Störungen entwickle, auch noch echte Unfallbeschwerden haben (S. 9 unten).
Unter Berücksichtigung dieser Überlegungen und gestützt auf die langjährige
eigene Erfahrung könne angenommen werden, dass eine unfallbedingte Dauer
be
hinderung aufgrund echter organischer Unfallfolgen im Ausmass von etwa 5-10 %
durchaus vertretbar sei. Handfest belegen oder beweisen lasse sich dies zuge
ge
benermassen im vorliegenden Fall nicht, sondern höchstens überwiegend wahr
scheinlich machen (S. 10 Mitte).
4.
4
.1
D
en Akten der Beschwerdegegnerin kann entnommen werden, dass
s
ie der Be
schwerdeführerin gestü
tzt auf das Gutachten von Prof.
A._
, Facharzt für Neurologie, vom 18. Oktober 2002 (Urk. 8/146) am 11./19. Dezember 2002
zur Wahrung des rechtlichen Gehörs
einen Vorschlag zur Schadenserledigung unterbreitete, welcher ausgehend von einem Jahresverdienst von Fr. 51'582.95 und einem Invaliditätsgrad von 10 % unter anderem die Ausrichtung einer Jahresrente von Fr. 4'126.65 ab Januar 2003 vorsah (Urk. 8/147).
Damit erklärte sich die Beschwerdeführerin am 15. Januar 2003 aus näher dargelegten Gründen nicht einverstanden (Urk. 8/150), worauf sich die Parteien zu einem Gespräch trafen und die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin in der Folge mit Verfügung vom 10. April 2003 (Urk. 8/155) eine Invalidenrente gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 50 % und einem Jahresverdienst von Fr. 51'582.96 (S. 3 Ziff. 2.1) respektive eine Komplementärrente gestützt auf einen auf 100 % hoch
gerechneten Jahresverdienst von Fr. 60'425.75 zusprach (S. 3 Ziff. 2.2).
In der Verfügung wurde auf eine Besprechung v
om 29. Januar 2003 an der Strasse N._
(Sitz des
damaligen
Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin) hingewie
sen, anlässlich welcher die Einwendungen der Beschwerdeführerin hatten be
seitigt werden können (S. 1 Mitte und S. 2 unten).
Insbesondere a
ufgrund dieses Hinweises ist
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
davon auszugehen, dass die Parteien einen Vergleich ab
ge
schlossen
haben
.
4
.2
Welches
auf Seiten de
r Beschwerdegegnerin
die massgeblichen Motive waren, einer Rente aufgrund eines Invaliditätsgrades von
50 %
zuzustimmen
, ist weder der Verfügung noch den Akten zu entnehmen
.
Der Verfügung (Urk. 8/150) lässt sich lediglich entnehmen, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerde
füh
rerin nach diversen medizinischen Massnahmen nicht verändert habe und der Endzustand per Oktober 2002 erreicht gewesen sei. Gemäss der Beurteilung durch
Prof.
A._
und des Vertrauensarztes werde der Rentenbeginn auf den 1. April 2003 festgelegt
(S. 1)
. Überdies sind der Verfügung Erörterungen be
treffend das
Valideneinkommen
zu entnehmen (S. 2 oben; vgl. auch Urk. 8/147 S. 2 oben).
Welche
weiteren
Überlegungen eine Rolle gespielt haben könnten, lässt sich
den Akten nicht entnehmen
. Die fehlende Begründung und Nach
voll
ziehbarkeit der Entscheidung kann aber nicht der Beschwerdeführerin zum Nachteil gereichen.
Es ist davon auszugehen, dass der Vergleich bezüglich der vorliegend strittigen Rentenfrage
zunächst
eine
Unsicherheit in rechtlicher Hinsicht bezüglich des natürlichen
und des adäquaten Kausalzusammenhangs beseitigte.
5.
5.1
Laut dem Bericht der erstbehandelnden
Dr.
B._
(
E. 3.2
) klagte die Be
schwer
deführerin kurz nach dem Unfall über Kopfweh, Versteifung des Halses mit praktisch vollständig eingeschränkter Bewegung der HWS und Schmerzaus
strah
lung
in
den
gesamten
Rücken
sowie
eine Sensibilitätsverminderung auf Höhe C8. Aufgrund der bildgebenden Untersuchungen fand die Ärztin eine kleine mediane Diskushernie auf Höhe C5/6 und äusserte den Verdacht auf einen kleinen
Kan
tenabbruch C6
, welcher sich allerdings nicht bestätigte (vgl. Urk. 8/141/4)
. Die mediane Diskushernie wurde
einzig
von den Ärzten der
Klinik E._
(E. 3.
4
) in Anbetracht des jungen Alters der Beschwerdeführerin als mögliche posttrau
matische Unfallfolge bezeichnet
, wobei rechtsprechungsgemäss
praktisch alle Diskushernien bei Vorliegen degenerativer Bandscheibenveränderungen entste
hen und ein Unfallereignis nur ausnahmsweise, unter besonderen Voraus
set
zun
gen, als eigentliche Ursache in Betracht fällt
(statt vieler: Urteil des Bundesge
richts 8C_669/2015 vom 3. November 2015 E. 2.2)
.
Die Frage allerdings, ob die Diskushernie auf den Unfall zurückzuführen ist, kann, wie auch die von Dr.
A._
(E. 3.8)
geäusserte Möglichkeit, dass sich unter der massiven psychisch bedingten Störung versteckte echte organische Unfallfolge
n
befinden könnten,
wie im Folgenden zu zeigen sein wird,
offen bleiben,
wurde
doch
in den
ärztlichen
Berichten
übereinstimmend eine Schädigung der Nervenwurzel oder des Halsmarkes
verneint und die geklagten Beschwerden als mit den objektiven Befunden als nicht vereinbar erklärt.
5.2
Obwohl die Beschwerdeführerin echtzeitlich lediglich über Kopfschmerzen und eine Schmerzausstrahlung in den Rücken bei Nackensteife und eingeschränkter Beweglichkeit der HWS klagte,
war
es
a
usgehend von der Rechtsprechung des
Bundesgerichts
, wonach ein natürlicher Kausalzusammenhang in der Regel anzu
nehmen ist, wenn ein Schleudertrauma der HWS diagnostiziert ist und ein für
diese Verletzung typisches Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnis
störun
gen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit,
Visusstörungen
, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderungen usw. vorliegt (BGE 117 V 360 E
.
4b),
im Zeit
punkt des Vergleichs
unter Berücksichtigung, dass sämtliche involvierten Ärzte von einer HWS-Distorsion ausgingen, nicht abwegig, ein
tatsächlich erlittenes
Schleudertrauma der HWS
anzunehmen
.
Zu prüfen ist im weiteren das Vorliegen des a
däquate
n
Kausalzusammenhang
s.
6.
6.
1
6.1.1
Die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und der infolge eines Schleudertraumas der Halswirbelsäule auch nach Ablauf einer ge
wissen Zeit nach dem Unfall weiterbestehenden gesundheitlichen Beein
trächtigun
gen, die nicht auf organisch nachweisbare Funktionsausfälle zurückzu
führen sind, hat nach der in BGE 117 V 359 begründeten Rechtsprechung des Bundesgerichts in analoger Anwendung der Methode zu erfolgen, wie sie für psy
chische Störun
gen nach einem Unfall entwickelt worden ist (vgl. BGE 123 V 98 E. 3b, 122 V 415 E. 2c). Es ist im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall eine massgebende Bedeu
tung für die Entstehung der Arbeits- beziehungsweise der Erwerbsunfähigkeit zu
kommt. Das trifft dann zu, wenn er eine gewisse Schwere aufweist oder mit ande
ren Worten ernsthaft ins Gewicht fällt. Demnach ist zu
nächst zu ermitteln, ob der Unfall als leicht oder als schwer zu betrachten ist oder ob er dem mittleren Bereich angehört. Auch hier ist der adäquate Kausalzu
sammenhang zwischen Unfall und gesundheitlicher Beeinträchtigung bei leichten Unfällen in der Regel ohne Weiteres zu verneinen und bei schweren Unfällen ohne Weiteres zu bejahen, wogegen bei Unfällen des mittleren Bereichs weitere Kriterien in die Beurteilung mit einzu
beziehen sind. Je nachdem, wo im mittleren Bereich der Unfall einzuordnen ist und abhängig davon, ob einzelne dieser Kriterien in besonders ausgeprägter Weise erfüllt sind, genügt zur Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein Kriterium oder müssen mehrere herange
zogen werden.
Als Kriterien nennt die Rechtsprechung hier:
-
besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls;
-
die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen;
-
fortgesetzt spezifische, belastende ärztliche Behandlung;
-
erhebliche Beschwerden;
-
ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;
-
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
-
erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen.
Diese Aufzählung ist abschliessend. Anders als bei den Kriterien, die das Bundes
gericht in seiner oben zitierten Rechtsprechung (BGE 115 V 133) für die Beurtei
lung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall und einer psy
chischen Fehlentwicklung für relevant erachtet hat, wird bei der Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen einem Unfall mit Schleudertrauma der Halswirbelsäule und den in der Folge eingetretenen Beschwerden auf eine Dif
ferenzierung zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet, da es bei Vorliegen eines solchen Traumas nicht entscheidend ist, ob Beschwerden medizinisch eher als organischer und/oder psychischer Natur bezeichnet werden (BGE 134 V 109; RKUV 2001 Nr. U 442 S. 544 ff., 1999 Nr. U 341 S. 409 E. 3b, 1998 Nr. U 272 S. 173 E. 4a; BGE 117 V 359 E. 5d/
aa
und 367 E. 6a).
6.1.2
Die Schwere des Unfalles ist auf Grund des augenfälligen Geschehensablaufs mit den sich dabei entwickelnden Kräften zu beurteilen
.
Dabei werden einfache Auf
fahrkollisionen auf ein haltendes Fahrzeug in der Regel als mittelschwerer Unfall im Grenzbereich zu den leichten Unfällen betrachtet
(Urteil des Bundesgerichts
8C_783/2015 mit Hinweisen
).
Laut der Unfallmeldung vom 3. Dezember 1992 (Urk. 8/49/1)
hielt
das von ihrem Ehemann geführte Fahrzeug der Beschwerdeführerin
vor einem Lichtsignal an
, worauf d
er nachfolgende Autolenker auf das stehende Auto auf
fuhr
. Der Lenker des geschädigten Fahrzeuges
sei ausgestiegen
, um
zu
sehen, was passiert
sei
. Da keine grösseren Schäden am Auto
hätten
fest
gestellt werden können
und es so
ausgesehen habe,
als sei den Insassen (die Beschwerdeführerin und deren Kind) nichts geschehen,
sei
die Polizei nicht gerufen
worden
. Erst zirka eine halbe Stunde später habe die Beschwerdeführerin über starke Schmerzen in der Nacken
gegend geklagt und am nächsten Tag
habe
sie die Ärztin auf
gesucht
.
L
aut
Anam
nese im Bericht der
Klinik
O._
vom 22. Dezem
ber 1993 (Urk. 8/8/1)
habe
der Aufprall bei einer ungefähren Geschwindigkeit des nachfolgenden Fahrzeuges von 80 km/h
statt
gefunden, und gemäss der Bestäti
gu
ng von P._
vom
8. September 1995 (Urk. 8/29/3) habe
das Fahrzeug
einen
Heckschaden
aufgewiesen, dessen
Reparatur sich bei dem alten Auto nicht mehr gelohnt
habe
.
Wie sich der Unfall zutrug, kann aufgrund der Akten nicht mehr schlüssig beur
teilt werden.
Jedenfalls wurde er mit den Jahren immer dramatischer berichtet.
Unter Berücksichtigung der Beweismaxime, wonach die sogenannten spontanen «Aussagen der ersten Stunde» in der Regel unbefangener und zuverlässiger sind als spätere Darstellungen, die bewusst oder unbewusst von nachträglichen Über
legungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein können (BGE 121 V 45 E. 2a), ist von einem geringen Schaden am Fahrzeug und der Unwahr
schein
lichkeit, dass das nachfolgende Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 80 km/h aufgefahren ist, auszugehen. Das Unfallereignis
ist daher
bei
einem mittelschweren Unfall im Grenzbereich zu einem leichten Unfall
anzusiedeln
.
6.2
6.
2.1
Nach der Rechtsprechung ist bei der Beurteilung der Adäquanz von psychischen Unfallfolgeschäden wie folgt zu differenzieren: Zunächst ist abzuklären, ob die versicherte Person beim Unfall ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule, eine dem Schleudertrauma äquivalente Verletzung (SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 E. 2) oder ein Schädel
Hirntrauma erlitten hat. Ist dies der Fall, sind bei Unfällen aus dem mittleren Bereich die in BGE 117 V 359 E. 6a und 382 E. 4b umschriebenen Kriterien anzuwenden. Andernfalls erfolgt die Adäquanzbeurteilung in den dem mittleren Bereich zuzuordnenden Fällen nach den Kriterien gemäss BGE 115 V 133 E. 6c/
aa
(siehe zur Begründung der teilweise unterschiedlichen Kriterien: BGE 117 V 359 E. 6a, letzter Absatz).
Gemäss der für psychische Fehlentwicklungen nach Unfall erarbeiteten soge
nannten Psychopraxis (BGE 115 V 133) werden die Adäquanzkriterien unter Aus
schluss psychischer Aspekte geprüft, während nach der bei Schleudertraumen anwendbaren sogenannten
Schleudertraumapraxis
(BGE 117 V 133) auf eine Differenzierung zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet wird (BGE 134 V 109 E. 2.1)
Ergeben die Abklärungen, dass die versicherte Person ein Schleudertrauma der Hals
wirbelsäule, eine
diesem äquivalente Verletzung
oder ein Schädel-Hirntrau
ma erlitten hat, ist zusätzlich zu beurteilen, ob die zum typischen Beschwerdebild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise vorlie
gen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten. Ist dies der Fall, sind für die Adäquanzbeurteilung bei Fällen aus dem mittleren Bereich die in BGE 115 V 133 E. 6c/
aa
für Unfälle mit psychischen Folgeschäden festgelegten Kriterien (und nicht jene für Fälle mit Schleudertrauma
der Halswirbelsäule, äquivalenter Verletzung oder Schädel-Hirntrauma gemäss BGE 117 V 359 E. 6a und 382 E. 4b) massgebend (BGE 127 V 102 E. 5b/
bb
, 123 V 98 E. 2a
.
6.2.2
Dr.
A._
ging in seinem Gutachten (E. 3.8) davon aus, dass die Be
schwer
den wahrscheinlich schon im Januar 1993 und mit Sicherheit im Herbst 1993 (vgl. auch das neuropsy
chol
o
gische Konsilium S. 3 Mitte
in Urk. 7/8/1) entweder übergegangen in oder massiv überlagert worden seien durch eine nicht organi
sche, sondern durch psychische Mechanismen hervorgehobene Lähmung. Aller
dings wurde erstmals im März 1997 durch Dr.
G._
(E. 3.5) ein Verdacht auf eine Konversionsstörung mit sensomotorischem
Hemisyndrom
links geäussert,
im ge
samten Verlauf der Behandlungen und Untersuchungen aber
nie eine psychia
trische Diagnose gestellt. Die Adäquanz ist daher nach der Schleudertrauma-Rechtsprechung gemäss BGE 117 V 359 zu prüfen
(vgl. vorstehend E. 6.1.1)
.
6.3
6.3.1
Von besonders dramatischen Begleitumständen oder einer besonderen Ein
drück
lichkeit des Unfalls kann gestützt auf die Akten nicht ausgegangen werden.
6.
3
.2
Die Diagnose eines HWS-Schleudertraumas, durch welches das hie
r
für typische Beschwerdebild hervorgerufen wird, vermag für sich allein keine besondere Art oder Schwere der erlittenen Verletzung zu begründen (
BGE 134 V 109 E. 10.2.2)
. Ob das Kriterium erfüllt ist, bedarf der Prüfung im Einzelfall. Bejaht hat die Recht
sprechung eine besondere Art oder Schwere der HWS-Distorsion etwa im Falle einer besonderen Körperhaltung zum Zeitpunkt der mechanischen Einwirkung und damit verbundenen Komplikationen (RKUV 2003 Nr. U 489 S.
361 E. 4.3 mit Hinweisen; Drehung von Kopf und Oberkörper; Urteile
des Bundegerichts
U 346/02
vom 7. August 2003
E.
5.2
,
U 323/00
vom 5. September 2001
E
.
5b
,
U 237/99
vom 10. Februar 2000
E
. 3b)
. In Anbetracht der nach dem Unfall aufge
tretenen Häufung verschiedener, für das HWS-Schleudertrauma typischer Be
schwerden und
dem Umstand, dass am Autositz gemäss Arztbericht von Dr.
B._
(E. 3.2) keine Nackenstütze angebracht war und sich die Beschwerdeführerin laut Anamnese i
m Bericht der
Klinik
O._
vom 22. Dezember 1993 (Urk. 8/8/1) im Zeitpunkt des Aufpralls nach hinten zu ihrem Sohn umgedreht hatte,
spricht einiges dafür, das Kriterium der besonderen Art der erlittenen Verletzung zu bejahen.
6.
3
.3
Die Beschwerdeführerin leidet ständig an
in den Kopf und den gesamten Rücken ausstrahlenden Nackenschmerzen und begleitenden Schwindelattacken und an einer ausgeprägten Schwäche der Motorik mit Sensibilitätsstörungen (
Hemisyn
drom
)
, wobei Dr.
L._
diese in Kombination mit den klinischen Befunden nicht
mit orthopädischen Befunden vereinbar
erachtete
(E. 3.7.1)
.
Dr.
A._
(E. 3.8)
kam in seinem Aktengutachten zum Schluss, dass die nicht organische Natur der Beschwerden bereits im Herbst 1993 identifiziert worden seien. Dies ist nach der Rechtsprechung insofern unerheblich, als auch Schmerzen, die im Wesentlichen Ausdruck einer psychischen Fehlentwicklung sind, nicht unbe
rücksichtigt bleiben (Urteil des Bundesgerichts U 237/99 vom 10. Februar 2000 E. 3b).
6.
3
.4
I
m Weitern ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin ungewöhnlich lange Zeit nach dem Unfall ärztlicher Behandlung bedurfte.
Den
Akten ist
dazu zu entneh
men
, dass die Beschwerdeführerin von verschiedenen Ärzten untersucht wurde, einmal stationär in der
Klinik E._
weilte (vgl. E.
3.4
)
und
stationäre
Heil
versuche
in
der
Klinik
O._
(vgl. Urk. 8/8/1)
und in der
Klinik K._
(vgl. Urk. 8/77)
stattfanden
.
W
eitere Behandlungen
- ausgenommen Physiotherapie -
wurden
nicht durchgeführt, insbesondere unterzog sich die Beschwerdeführerin nach Lag
e der Akten keiner Psychotherapie. Das Kriterium einer ungewöhnlich
langen Be
handlungsdauer
sowie
nach einem schwierigen Heilverlauf
sind
daher
eher
zu verneinen.
6.
3
.5
Anhaltspunkte für eine ärztliche Fehlbehandlung können den Akten nicht ent
nommen werden.
6.
3
.6
Die Beschwerdeführerin
nahm nach dem Unfall keine Tätigkeit mehr auf. Dr.
A._
(E. 3.8)
äusserte sich im
G
utachten nicht explizit zur Arbeits
fähig
keit
. I
ndem er aber von einer auf den Unfall zurückzuführende 10- bis
höchs
tens 15%igen Behinderung ausging (S. 11
lit
. c), muss angenommen wer
den
, dass er fast 10 Jahre nach dem Unfallereignis vom Vorliegen einer Einschränkung in der Arbeitsfähigkeit überzeugt war.
Aktenkundig wurde der Beschwerde
füh
rerin erstmals sechs Jahre nach dem Unfall mit Bericht von Dr.
H._
vom 3. November 1998 (E. 3.6) eine teilweise Arbeitsfähigkeit attestiert.
Es
kann
daher
durchaus
v
on einer langen Dauer einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit
aus
gegangen werden
.
6.4
Unter Berücksichtigung, dass jedes der sogenannten Adäquanzkriterien wie auch die Beurteilung des Schweregrads des Unfalls und die Frage, ob die sogenannte
Pyscho
p
raxis
oder die
Schleudertraumapraxis
anwendbar ist, einen Beurteilungs
spielraum eröffnet (Urteil des Bundesgericht 8C_727/2011 vom 1. März 2012 E. 3.2.1), hielt sich
im Zeitpunkt des Vergleichs
bei Anwendung der Kriterien gemäss BGE 117 V 359 und gestützt auf einen Unfall im mittleren Bereich eine Bejahung der Adäquanz innerhalb des B
eurteilungsspielraums.
7.
7.1
Mit dem
V
ergleich beziehungsweise der darauf gestützten Verfügung vom 10. April
2003 (Urk. 8/156) wurden sodann das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit und der Invaliditätsgrad geregelt.
7.2
Zur Arbeitsfähigkeit äusserten sich die Ärzte folgendermassen: Dr.
B._
(E. 3.2) attestierte eine mit
einem Unterbruch von ein paar Tagen durchgehende
voll
ständige Arbeitsunfähigkeit
, wobei ihre Berichterstattung mit Bericht vom 19. Januar 1994 (Urk. 8/10) endet. Später wurde die Beschwerdeführerin offenbar du
rch Dr. med. Q._
, Facharzt für Chirurgie, betreut, welcher am 18. Juli 1994 (Urk. 8/19) weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfäh
i
gkeit attestierte, und am 1. Mai 1995 den Grad der «medizinisch-theoretischen» Invalidität mit 90
%
bezifferte (Urk. 8/23 S. 6).
Eine B
eurteilung der Arbeitsfähigkeit,
unterschie
den
zwischen Arbeitsfähigkeit
in bishe
riger und angepasster Tätigkeit,
wurde ers
t
mals im neurologisch-neuropsychologischen Gutachten der
Klinik K._
vom 3. November 1998 (E. 3.6)
vorge
nommen. Die Fachpersonen kamen damals zum Schluss, dass die Beschwerdefüh
rerin als Bürohilfe bei einem Pensum von 60 % nicht,
bei
einem Pensum von 100 % jedoch zu 40 % eingeschränkt
sei
und als Haushaltshilfe bei einem Pensum von 30 %
keine und
bei einem Pensum von 100
%
eine Einschränkung von 40 % bestehe. Dr.
L._
und Dipl. Psych
.
M._
empfahlen im Gutachten vom 16. Juli 2001 (E. 3.7.1) eine psychiatrische Abklärung ohne die Arbeitsfähigkeit einzuschätzen und Dr.
A._
erachtete in seinem Gutachten vom 18. November 2002 (E. 3.8) eine Dauerbehinderung aufgrund der Unfallfolgen im Ausmass von 5-10 % als durchaus vertretbar.
U
nter Berücksichtigung des Umstandes, dass die Invalidenversicherung der Be
schwerdeführerin mit Verfügung vom
9. Dezember 1994 (Urk. 8/150/3) bei einem Invaliditätsgrad von 85 % eine ganze Rente zugesprochen und dies mit Mitteilung vom 19. September 2001 (Urk. 8/150/1) bestätigt hatte, und im Hinblick darauf,
dass im Zeitpunkt des Fallabschlusses von funktionellen Einschränkungen aus
ge
gangen wurde, die im Gutachten zwischen 30 und 40 % bei einem Arbeits
pen
sum von 100 % beziffert wurden, lag die Annahme eines 50%igen Invaliditäts
grades durchaus im Beurteilungsspielraum der Parteien.
8.
8.1
Die invalide Person kann einen Anspruch auf eine Invalidenrente nach UVG und gleichzeitig einen Rentenanspruch gegenüber der Invalidenversicherung haben. Sie wäre unter Umständen überentschädigt, wenn beide Renten vollumfänglich ausbezahlt würden. Art. 20 Abs. 2 UVG legt daher fest, dass der versicherten Person eine Komplementärrente gewährt wird, wenn sie Anspruch auf eine Rente
der Invalidenversicherung oder der Alters- und
Hinterlassenenversicherung
hat; diese entspricht der Differenz zwischen 90 Prozent des versicherten Verdienstes und der Rente der Invalidenversicherung oder der Alters- und
Hinterlassenen
ver
sicherung
, höchstens aber dem für Voll- oder Teilinvalidität vorgesehenen Betrag. Die Komplementärrente wird beim erstmaligen Zusammentreffen der er
wähnten Renten festgesetzt.
8.2
Die Beschwerdegegnerin ging bei der Rentenberechnung von einem als Jahres
verdienst bezeichneten versicherten Verdienst von Fr. 51'582.95 aus (Urk. 7/155 S. 3 und Urk. 7/162). Diesen rechnete sie bei der Berechnung der Komplemen
tärrente auf eine 100%iges Arbeitspensum auf Fr. 6
0
'425.75 auf
und richtete der Beschwerdeführerin eine Komplementärrente aus
. Dafür besteht keine gesetzliche Grundlage
. Die Komplementärrente wäre vielmehr gestützt auf den versicherten Verdienst von Fr. 51'582.95 zu berechnen gewesen, womit der monatliche Ren
ten
anspruch wesentlich tiefer ausgefallen wäre.
Dies
war
jedoch
im Zeitpunkt der Rentenaufhebung durch die Beschwerdegegnerin
unerheblich, da die Komple
mentärrente mit Wegfallen der Kinderrenten der Invalidenversicherung höher ausf
iel
als die
Invalidenrente
und damit keine Überentschädigung mehr vorlag.
9
.
Nach dem Dargelegten war die
gestütz
t
auf einen
Vergleich
am 10. April 2013 (Urk. 8/156)
zugesprochene
Invalidenrente
nicht offensichtlich unrichtig
(vgl. vorstehend E. 1.7.4)
, weshalb ein Zurückkommen mittels Wiedererwägung unzu
lässig ist. Der
Einspracheentscheid
der Beschwerdegegnerin
vom 1. Dezember 202
0 (Urk. 2)
ist daher ersatzlos aufzuheben. Dies führt zur Gutheissung der Be
schwerde.
10
.
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend hat d
ie
Beschwerdeführer
in
Anspruch auf eine Parteientschädigung. Diese wird ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen, wobei für unnötigen Aufwand keine Parteientschädigung zugesprochen wird (§
34 Abs.
3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht in Verbindung mit §
7 Abs.
1 der Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialversicherungsgericht).
Unter Berücksichtigung des gerichtsüblichen Stundenansatzes von Fr. 220.
zuzüglich Mehrwertsteuer (
MWSt
) ist die Parteientschädigung ermessensweise auf Fr. 2'700.
inklusive Barauslagen und
MWSt
festzusetzen.