Decision ID: 4ce633a7-4365-43fe-970a-b467dfaf008a
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren am 2
9.
Mai 2007, leidet an einem angeborenen Stra
bis
mus
convergens
auf der re
chen Seite sowie einem hyperopen
Astigma
tismus (vgl. Arztbericht der Augenklinik
Z._
vom 2
4.
September 2008, Urk. 5/5) und wurde durch seine Eltern unter Hinweis auf dieses Leiden am 21. August
2008 (Eingangsdatum) bei der IV-Stelle des Kantons
A._
zu
m Leistungsbezug (medizinische Mass
nahmen) ange
meldet (Urk. 5/1). Die IV-Stelle des Kantons
A._
qualifizierte das Lei
den als Geburtsge
bre
chen Ziffer 427 des Anhangs zur Verordnung über die Ge
burts
gebrechen (
GgV
) und gewährte dem Versicherten vom 2
4.
Juni 2008 bis 30. Juni 2013 Kos
ten
gut
sprache für die Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 427 sowie die ärzt
lich
ver
ordneten Behand
lungs
geräte (vgl. Mitteilung vom 31. Oktober 2008,
Urk.
5/10)
.
Mit Mitteilung vom 1
2.
August 2013 verlängerte die IV-Stelle des Kantons
A._
die Kostengutsprache für medizinische Mass
nahmen vom
1.
Juli 2013 bis 3
1.
Mai 2018 (
Urk.
5/21).
1.2
Aufgrund eines Wohnortwechsels des Versicherten in den Kanton Zürich über
wies die IV-Stelle des Kantons
A._
mit Schreiben vom 22. August 2013 sämtliche Akten an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle (
Urk.
5/22).
Mit Schreiben vom 1
8.
Juni 2018 reichte eine Mitarbeiterin der
B._
AG ein Gesuch um Übernahme der Kosten für eine Brille des Versicherten ein (
Urk.
5/35). Die IV-Stelle nahm dieses Gesuch als ein Zusatzgesuch um Ver
längerung der medizinischen Massnahmen entgegen und ersuchte den Versicher
ten mit Schreiben vom 1
8.
Juni 2018 um weitere Angaben oder Unterlagen (Urk. 5/33), woraufhin der Vater des Versicherten die Einreichung des Arztbe
richtes der
orthoptischen
Abteilung
der Augenklinik des
C._
vom 2
5.
Juni 2018 veranlasste (Urk. 5/39). Gestützt darauf lehnte die IV-
Stelle nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Vorbescheid vom
9.
Juli 2018
,
Urk.
5/42) die Verlängerung der Kostengutsprache für das Geburtsge
brechen
Ziff.
427 mit Verfügung vom 1
9.
September 2018 ab (
Urk.
5/43 =
Urk.
2).
2.
Hiergegen erhob der Vater des Versicherten mit Eingabe vom 1
8.
Oktober 2018
(
Urk.
1) Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung vom 19. Sep
tem
ber 2018 sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, die Verlängerung der Kostengutsprache zu gewähren. Eventualiter sei die Ablehnung detailliert zu begründen.
Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom 2
0.
November 2018 (
Urk.
4) auf Abweisung der Beschwerde und führte zusammengefasst aus, die Vor
aus
setzungen zur Übernahme der Kosten von weiteren medizinischen Mass
nahmen unter dem Titel Geburtsgebrechen
Ziff.
427 seien nicht mehr erfüllt. Mit Verfügung vom 4. De
zember 2018 wurde dem Beschwerdeführer die Beschwer
deantwort zugestellt (
Urk.
6).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Be
handlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3
Abs.
2
des Bundesgesetzes über den All
ge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG]
) notwendigen medizinischen Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1
des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG]
). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Massnahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebrechen von geringfügiger Bedeutung ist (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (
Art.
3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 Satz 1
GgV
). Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeit
punkt, in dem ein Geburtsgebrechen als solches erkannt wird, ist unerheblich (
Art.
1
Abs.
1
GgV
). Die Geburtsgebrechen sind in der Liste im Anhang aufge
führt. Das Eidgenössische Departement des Innern kann die Liste jährlich an
passen, sofern die Mehrausgaben einer solchen Anpassung für die Versicherung insgesamt drei Millionen Franken pro Jahr nicht übersteigen (
Art.
1
Abs.
2
GgV
). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (
Art.
2
Abs.
3
GgV
).
1.2
Für die Annahme einer Leistungspflicht der Invalidenversicherung aufgrund von
Art.
13 IVG genügt nach konstanter Rechtsprechung des Bundesgerichts in be
weisrechtlicher Hinsicht, dass es ein Facharzt oder eine Fachärztin zumindest für wahrscheinlich hält, es liege ein im Anhang der
GgV
enthaltenes Gebrechen vor (BGE 100 V 104 E. 2 in
fine
).
1.3
Nach Art. 21 Abs. 1 Satz 2 IVG werden die Kosten für Brillen nur übernommen,
wenn dieses Hilfsmittel eine wesentliche Ergänzung medizinischer Eingliede
rungs
mas
snahmen bildet
.
1.4
Ziff.
427 des Anhanges der
GgV
umschreibt folgendes Geburtsgebrechen:
Strabis
mus und Mikrostrabismus
concomitans
monolateralis
, wenn eine
Amblyopie
von 0,2 oder weniger (
mit Korrektur
)
vorliegt
.
Gemäss
Rz
427.1 des Kreisschreibens über die medizinischen Eingliede
rungs
massnahmen der Invalidenversicherung (KSME, gültig ab
1.
Juli 2019) des Bun
des
amtes für Sozialversicherung (BSV) fällt darunter jedes einseitige Begleit
schielen, wenn das Schielauge einen verminderten
Visus
von 0,2 oder weniger mit Korrektur aufweist.
1.
5
Das
BSV
hat im
KSME
die Voraussetzungen der Leistungspflicht für solche Ge
burts
gebrechen näher umschrieben. Danach ist die Behandlung prinzipiell bis zum
vollendeten 1
1.
Lebensjahr zu übernehmen. Liess sich der
Visus
bis zu die
sem Zeitpunkt nicht oder nur unwesentlich verbessern, muss von einer Therapie
resistenz ausgegangen werden. In diesen Fällen kann die IV Brillen und ophthal
mologische Kontrollen auch nach dem vollendeten 1
1.
Lebensjahr über
nehmen, sofern die
Visuskriterien
zur Anerkennung eines Geburtsgebrechens weiterhin erfüllt sind, jedoch maximal bis zum vollendeten 2
0.
Altersjahr.
Wer
den medi
zi
nische Massnahmen über das vollendete 1
1.
Lebensjahr beantragt und sind die Kriterien zur Anerkennung eines Geburtsgebrechens nicht mehr erfüllt, so ist die Verlängerung zu begründen (vgl. KSME
Rz
427.1
i.V.m
.
Rz
425.2 und 3). Ferner wird präzisiert: Wird die Anerkennung als Geburtsgebrechen von einem be
stimmten Grad der
Visusverminderung
abhängig gemacht, so ist der entsprech
ende Wert nach erfolgter optischer Korrektur massgebend. Ist der
Visus
nicht messbar, ist dem
Visus
von 0,2 oder weniger die Tatsache gleichzustellen, dass das betreffende Auge nicht zentral fixieren kann (
Ziff.
416, 418, 419, 423, 425, 427
GgV
). Ist die für die Anerkennung als Geburtsgebrechen erforderliche
Visus
verminderung
(nach Korrektur) nachgewiesen, übernimmt die IV in jedem Falle die Brille als Behandlungsgerät, solange medizinische Massnahmen auf Kosten der IV gewährt werden können (KSME
Rz
411-428.1-3).
2.
2.1
In der angefochtenen Verfügung vom 1
9.
September 2018 (
Urk.
2) ging die Be
schwerdegegnerin gestützt auf den Arztbericht
des C._
vom 2
5.
Juni 2018 (
Urk.
5/39) davon aus, dass der Beschwerdeführer mit optimaler Korrektur eine
Visusminderung
über einem Wert von 0,2 an einem Auge oder über dem Wert von 0,4 an beiden Augen erreiche, weshalb ein An
spruch auf medizinische Massnahmen zur Behandlung des Geburtsgebrechens der
Ziff.
427 gemäss dem Anhang zur
GgV
nicht ausgewiesen sei.
2.2
Demgegenüber brachte der Vater des Beschwerdeführers in der Beschwerde vom 1
8.
Oktober 2018 (
Urk.
1) zusammengefasst vor, die Verlängerung der Kosten
gut
sprache habe man beantragt, da das
C._
im Rahmen einer regelmässigen Kon
sultation sowohl einen Folgetermin vereinbart habe, was für die Notwendig
keit der weiteren Behandlung spreche, als auch ein Rezept zum Bezug einer neuen Sehhilfe ausgestellt habe, was auf die Notwendigkeit der weiteren Nutzung einer Sehhilfe hinweise. Somit sei eine weitere Behandlung im bisherigen Rahmen nötig und es liege kein Grund zur Verweigerung der Kostengutsprache vor.
2.3
Die Beschwerdegegnerin präzisierte in ihrer Beschwerdeantwort vom 20. Novem
ber 2018 (
Urk.
4), die IV übernehme die Kosten für die medizinischen Mass
nah
men für angeborenes einseitiges Begleitschielen, wenn eine Schwach
sich
tig
keit
von 0,2 oder weniger (mit Korrektur) vorliege. Sobald das Sehver
mögen über 20
%
liege, falle die Kostenübernahme nicht mehr in den Leis
tungs
bereich der
Invali
denversicherung. Die korrigierten
Visuswerte
des Be
schwer
de
führers würden
bei 1,0 liegen. Mithin hätte bis zum vollendeten 11. Le
bens
jahr eine wesentliche Ver
besserung des
Visus
erreicht werden können, weshalb die IV weitere medizi
ni
sche Massnahmen unter dem Titel Geburtsgebrechen Ziff. 427 nicht mehr übernehme.
2.4
Streitig und zu prüfen ist, ob beim Beschwerdeführer ein Geburtsgebrechen im Sinne von
Ziff.
427
GgV
-Anhang vorliegt.
3.
3.1
Im Arztbericht vom 2
4.
September 2008 der Augenklinik
Z._
(
Urk.
5/5) wurde
n
ein Verdacht auf eine beginnende
Amblyopie
auf der rechten Seite, ein Strabismus
convergens
rechtsseitig sowie ein
hyperoper
Astigmatismus festge
halten. Der
Visus
rechts (0,15) sei tiefer als links (0,21), bei adäquater Therapie bestehe jedoch eine gute Prognose (
Urk.
5/8). Der Arzt des Regional
en Ärztlichen Dienstes (RAD)
D._
erachtete die medizinischen Anspruchsvoraus
setzung
en des Geburtsgebrechens nach
Ziff.
427
GgV
als erfüllt (
Urk.
5/9).
3.2
Im augenärztlichen Verlaufsbericht vom 2
9.
Juli 2013 (
Urk.
5/19) hielten die Ä
rzte der Augenklinik
Z._
die Diagnosen eines Mikrostrabismus rechts, einer
Schiel
amblyopie
rechts sowie eine
Hyperopie
und Astigmatismus beidseits bei Status nach Schieloperation im Juni 2009 fest. Der
korrigierte
Visus
rechts habe sich von 0,286 im September 2011 auf 0,4 im Oktober 2013 verbessert, der
Visus
links von 0,25p im September 2011 auf 0,5 im Oktober 201
3.
Der beur
teilende RAD-Arzt
D._
konstatierte in seiner Stellung
nahme vom
8.
August 2013, mit den
Visuswerten
von 0,5 beidseitig seien die medizi
ni
schen Anspruchs
vor
aus
setzung
en des Geburtsgebrechens nach
Ziff.
427
GgV
und der medizinischen Mass
nahmen nach
Art.
13 IVG nicht mehr ausge
wiesen (Urk. 5/20).
3.3
Im Zuge der Abklärungen betreffend Verlängerung der medizinischen Mass
nahmen im Juni 2018 hielten die Ärzte der Augenklinik des
C._
in ihrem Arzt
bericht vom 25. Juni 2018 (
Urk.
5/39) folgende Diagnosen fest:
-
Konsekutiver Mikrostrabismus rechts
-
Status nach
1.
Augenmuskeloperation im Juni 2009 am Kantonsspital
Z._
(
Oculus
Dexter: Rücklagerung
Musculus
rectus
medialis
5mm, Faltung
Musculus
rectus
lateralis
9.5mm)
-
Status nach
Amblyopietherapie
-
Hyperopie
und Astigmatismus beidseits
Die korrigierten
Visuswerte
seien beidseits 1,
0.
Ein grosser
Visusanstieg
sei nicht zu erwarten, da der
Visus
bereits sehr gut sei. Weitere Massnahmen seien im Rahmen von Kontrollen und gegebenenfalls Brillenanpassungen erforderlich.
4.
Aus dem Arztbericht des
C._
geht hervor, dass der
Visus
mit Korrektur bei jedem einzelnen Auge mehr als 0,2, aber auch an beiden Augen mehr als 0,4 beträgt, nämlich 1,0 beidseits. Damit sind die Voraussetzungen für das Vorliegen des Ge
burtsgebrechens gemäss
Ziff.
427
GgV
-Anhang (vgl. E. 1.3 und E. 1.4 vorstehend) nicht (mehr) gegeben. Daran ändert auch das Vorbringen des Beschwerdeführers, wonach die Ausstellung eines Rezepts zum Bezug einer neuen Sehhilfe auf die Notwendigkeit der Nutzung einer Sehhilfe hinweise, nichts, wird die Aner
ken
n
ung als Geburtsgebrechen nach
Ziff.
427 doch von einem bestimmten Grad der
Visusverminderung
- nach erfolgter optischer Korrektur - abhängig gemacht (vgl. E. 1.4 hiervor). Der
Visus
des Beschwerdeführers konnte mithilfe optischer Kor
rek
tur bis zum vollendeten 1
1.
Lebensjahr (am 2
9.
Mai 2018) wesentlich ver
bessert werden, nämlich von 0,15 rechts respektive 0,21 links (E. 3.1) auf 1,0 beidseits (E. 3.3). Demnach ist nicht zu beanstanden, dass die Be
schwer
de
gegnerin am 1
9.
September 2018 den Anspruch des Beschwerde
führers auf Ver
längerung der Kostengutsprache für medizinische Massnahmen
zur Behand
lung des Ge
burtsgebrechens der
Ziff.
427 gemäss dem Anhang zur
GgV
verneinte (Urk. 2). Unter diesen Umständen ist die Beschwerde vom 1
8.
Oktober 2018 abzu
weisen.
5.
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrens
aufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und auf
Fr.
4
00.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausg
ang des Verfahrens sind sie der
beschwerdeführenden
Partei
aufzuerlegen.