Decision ID: 93363f16-ce9d-4cf5-a518-fbb3aa4f2908
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VB
Chamber: SG_VB_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Sachverhalt
A.
a) Die A._, Z._, ist Eigentümerin von Grundstück Nr. 001,
Grundbuch Z._, an der M._strasse in Z._. Das Grundstück liegt
gemäss geltendem Zonenplan der Gemeinde Z._ vom 27. Dezem-
ber 2018 in der Wohnzone (10,5 m). Das Grundstück ist mit dem Ein-
familienhaus Vers.-Nr. 002 überbaut.
b) Am 30. Mai 2012 nahm die Gemeinde einen Augenschein auf
dem Grundstück vor, weil dort in den letzten Jahren diverse bauliche
Massnahmen ohne Baubewilligung ausgeführt worden waren. Als Er-
gebnis des Augenscheins erstellte die Gemeinde eine Liste genehmi-
gungsfähiger Bauteile, für deren Bewilligung ein nachträgliches Bau-
gesuch einzureichen gewesen wäre. Obwohl kein solches eingereicht
wurde, erteilte die Gemeinde am 15. Januar 2013 eine nachträgliche
Bewilligung für verschiedene Bauteile, verzichtete bezüglich einer Auf-
stockung mit Einstellraum und der Überschreitung der Ausnützungs-
ziffer auf eine Wiederherstellung und verfügte im Übrigen die Wieder-
herstellung des rechtmässigen Zustands. Gegen diesen Beschluss er-
hob die A._ am 30. Januar 2013 Rekurs beim Baudepartement
(Verfahren Nr. 13-622). Im Verlauf des Verfahrens widerrief die Ge-
meinde am 10. September 2013 die angefochtene Verfügung, worauf
der Rekurs am 15. Oktober 2013 von der Geschäftsliste des Baude-
partementes abgeschrieben wurde.
c) Mit Schreiben vom 16. Dezember 2013 forderte die Gemeinde
die A._ erneut auf, ein nachträgliches Baugesuch einzureichen. Das
Baugesuch wurde am 4. Januar 2014 eingereicht. Es lag vom 12. bis
26. Mai 2014 öffentlich auf, wobei die Grundeigentümer des südlich
angrenzenden Grundstücks Nr. 003 Einsprache erhoben. Vom 8. bis
21. Juni 2016 wurde ein Korrekturgesuch öffentlich aufgelegt, gegen
das wiederum die Grundeigentümer des Grundstücks Nr. 003 Einspra-
che erhoben. Am 16. November 2017 fand ein weiterer Augenschein
auf dem Grundstück Nr. 001 statt. Dabei einigten sich die Beteiligten
auf ein gemeinsames Vorgehen mit einer nochmaligen Anpassung der
Baugesuchspläne, der Bewilligung der Korrekturen und des Rückbaus
der rechtswidrigen Bauteile. In der Folge erklärten die Einsprecher wie
auch die Bauherrin am 2. bzw. 26. September 2018 ihre Zustimmung
zu folgendem Beschluss-Dispositiv:
1. Für folgende Bauten, Bauteile sowie Anlagen auf dem
Grundstück Nr. 001 wird die nachträgliche  erteilt:
a. Neu eingebaute zwei Dachflächenfenster in der
westseitigen Steildachfläche;
b. Réduit auf der Ostseite des Gebäudes (anschlies-
send an Geräteraum);
c. Vordach an der südöstlichen Hausfassade (rückge-
baute Balkonverlängerung);
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 3/13
d. Glasdach für Treppenaufgang und Vordach ent-
lang der Nordfassade;
e. Glasdach anstelle Holzvordach entlang der West-
fassade;
f. Teich im Hauseingangsbereich;
g. Neue Wegführung im Aussenraum;
h. Stützmauer entlang der Südseite des Grundstücks
einschliesslich dahinterliegender Aufschüttung so-
wie Boden der Terrasse an der Südfassade;
i. An die südliche Stützmauer anschliessendes Che-
minée; (...)
j. Aufstockung über ostseitigem Geräteraum.
Bewilligt sind nur diejenigen Bauteile, die in den  rot bezeichnet sind.
2. Im Übrigen wird die nachträgliche Bewilligung des Baugesuchs vom 4. Januar 2014 verweigert.
3. Folgende Massnahmen zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands sind innert drei Monaten seit Rechtskraft dieses Beschlusses umzusetzen:
- Südseitige Pergola: Abbruch des Dachs  der darüber liegenden Terrasse, der südseitig erstellten Wand sowie der westseitig  Verglasung;
4. Folgende Bauteile werden als rechtswidriger Bestand geduldet:
a. OG: Bad/WC und Küche;
b. EG: Öffnung zwischen dem Bereich Essen/Küche
sowie Wintergarten;
c. EG: Küche in Südwestecke;
d. UG: Sauna, Baderaum
Dem Grundeigentümer ist es freigestellt, nach der rechtskräftigen Aufhebung der Ausnützungsziffer  ein Baugesuch zu stellen.
5. (Rückzug Einsprache)
6. (Ersatzvornahme)
7. (Strafandrohung)
8. (Gebühr)
9. (ausseramtliche Entschädigung)
d) Die an diese Vereinbarung angepassten Baugesuchspläne wur-
den vom Gemeinderat Z._ am 23. Oktober 2018 mit genau dem vor-
erwähnten Dispositiv bewilligt. Zur Begründung der Dispositiv-Ziff. 3
wurde ausgeführt, dem Rechtsvorgänger der A._ sei im Jahr 1987
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 4/13
die Erstellung einer allseitig offenen, nicht gedeckten Pergola bewilligt
worden. Inzwischen sei diese mit befensterten Wänden versehen
(Südseite) bzw. verglast (Westseite) sowie zur Realisierung eines Sitz-
platzes fest überdacht worden. Dadurch sei ein Anbau entstanden, der
nicht bewilligungsfähig sei und zurückgebaut werden müsse. Dazu
müssten das Dach einschliesslich der darüber liegenden Terrasse, der
südseitig erstellten Wand sowie der westseitig erstellten Verglasung
abgebrochen werden.
Abb. 2
Abb. 3
e) Am 13. Mai und 5. November 2019 kontrollierte der Gemeinde-
präsident auf Grundstück Nr. 001 den Vollzug der am 23. Oktober
2018 angeordneten Rückbaumassnahmen. Dabei wurde festgestellt,
dass keine der in Ziff. 3 des Dispositivs angeordneten Massnahmen
umgesetzt worden war. Dem Vertreter der Grundeigentümerin wurde
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 5/13
deshalb angezeigt, dass nun die Ersatzvornahme eingeleitet werde,
worauf dieser mitteilte, ein neues Baugesuch einzureichen.
f) Am 18. Dezember 2019 führte der Gemeindepräsident, in An-
wesenheit der Bauherrschaft und deren Vertreters, lic.iur. Jörg Frei,
Rechtsanwalt, St.Gallen, einen weiteren Augenschein vor Ort durch.
Dabei wurde festgestellt, dass inzwischen der aus Holz bestehende
Teil des Dachs der Pergola, nicht aber der steinerne Teil des Dachs,
abgebrochen waren. Zudem waren die Fenster aus den Seitenwänden
entfernt worden.
Abb. 4
g) Mit Schreiben vom 15. Januar 2020 teilte der Vertreter der Bau-
herrschaft dem Gemeindepräsidenten mit, dass die Pergola nun doch
gesamthaft abgebrochen worden sei; es auch der widerrechtliche Teil
der Terrasse bzw. des Balkons entfernt worden. Der Erlass der in Aus-
sicht gestellten Ersatzvornahme-Verfügung erübrige sich damit.
h) Am 18. Februar 2020 fasste die Baukommission Z._ folgen-
den Beschluss:
1. Zur Beseitigung der rechtswidrig ausgeführten Arbei-
ten auf dem Grundstück Nr. 001 wird die  angeordnet. Die Baukommission beauftragt eine Bauunternehmung zur Ausführung der  verfügten Wiederherstellungsmassnahmen auf diesem Grundstück.
2. Die Kosten, welche sich schätzungsweise auf Fr. 10'000.– belaufen, werden der Grundeigentümerin auferlegt.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 6/13
3. Die von der Baukommission beauftragte  wird am 1. April 2020 mit den Rückbauarbeiten beginnen.
4. Die A._ wird verpflichtet, bis zum 31. März 2020 die Wiederherstellung selber vollständig auszuführen und abgeschlossen zu haben.
(...)
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, aufgrund der ein-
gereichten Fotoaufnahmen könne zwar festgestellt werden, das noch-
mals zusätzliche Abbrucharbeiten vorgenommen worden seien. Aller-
dings sei der Terrassenboden nach wie vor nicht vollständig abgebro-
chen. Es fehlten die folgenden, rot eingezeichneten Rückbauten des
Terrassenbodens:
Abb. 6
i) Gegen diese Verfügung erhob die A._ durch ihren Vertreter
am 13. März 2020 Rekurs beim Baudepartement (Verfahren Nr. 20-
2087). Im Rahmen des Rekursverfahrens wurden die Ziff. 3 und 4 der
Ersatzvornahme-Verfügung von der Baukommission mit Beschluss
vom 5. Juni 2020 folgendermassen angepasst:
3. Die von der Baukommission beauftragte Unterneh-
mung wird nach unbenütztem Ablauf der Frist gemäss Punkt 4 mit den Rückbauarbeiten beginnen.
4. Die A._ wird verpflichtet, die Wiederherstellung  drei Monaten ab Rechtskraft des Baugesuches vom 12. März [2020] selber vollständig auszuführen und abgeschlossen zu haben.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 7/13
Als Folge dieser Anpassung wurde der Rekurs zurückgezogen und
das Verfahren am 24. Juni 2020 von der Geschäftsliste des Baudepar-
tementes abgeschrieben.
B.
a) Bereits mit Baugesuch vom 12. März 2020 hatte die A._ bei
der Baukommission Z._ die Baubewilligung für eine "Balkon- und/
oder Sitzplatzerweiterung" beantragt. Nach dem Kurzbeschrieb im
Baugesuchsformular soll im Bereich der früher gedeckten Anbaute –
auf der Höhe des früheren Dachs – eine "Balkonverlängerung zum
Zweck einer Sitzplatzerweiterung oder als Vordachverlängerung" vor-
genommen werden. Dadurch sollen die in obiger Abbildung 6 rot dar-
gestellten Balkonelemente 1 und 2 belassen werden können. Das
Baugesuch enthält dazu den folgenden Grundrissplan (Erdgeschoss,
Massstab 1:100):
Abb. 7
b) Die Baukommission interpretierte dieses Baugesuch in ein Wie-
dererwägungsgesuch im Sinn von Art. 27 des Gesetzes über die Ver-
waltungsrechtspflege (sGS 951.1; abgekürzt VRP) um. Mit Beschluss
vom 23. April 2020 (Versand 4. Mai 2020) trat die Baukommission auf
das Wiedererwägungsgesuch nicht ein. Zur Begründung wurde aus-
geführt, es bestehe nur ausnahmsweise Anspruch auf Eintreten auf
ein Wiedererwägungsgesuch. Das sei der Fall, wenn sich die Verhält-
nisse (Sach- und Rechtslage) seit dem Erlass der ursprünglichen Ver-
fügung erheblich geändert hätten. Nachdem dies vorliegend nicht der
Fall sei, werde auf das Wiedererwägungsgesuch nicht eingetreten.
C.
Gegen diesen Beschluss erhob die A._ durch ihren Vertreter mit
Schreiben vom 19. Mai 2020 Rekurs beim Baudepartement mit den
Anträgen:
Element 1
Element 2
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 8/13
1. Der Beschluss vom 23. April 2020 (. 44/2020) sei aufzuheben und die Sache zur  an die Baukommission zurückzuweisen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Zur Begründung wird geltend gemacht, Verfahrensgegenstand sei
kein Wiedererwägungsgesuch, sondern ein neues Baugesuch, das
einzig einen Balkon zum Inhalt habe. Der verlangte Rückbau sei ord-
nungsgemäss vorgenommen worden. Die beiden verbliebenen Teil-
stücke des ehemaligen Pergoladachs (bzw. der Terrasse) seien für
sich allein betrachtet baurechtskonform; sie könnten indessen derzeit
nicht gefahrlos als Balkon genutzt werden, weil zuerst noch die Bal-
konränder fertiggestellt und Geländer montiert werden müssten. Damit
handle es sich also offensichtlich um ein neues Projekt, das aufgrund
der durchgeführten Rückbaumassnahmen notwendig geworden sei.
Dass dafür Teile des ehemaligen Pergoladachs neu als Balkon ver-
wendet würden, sei unbeachtlich.
D.
Mit Vernehmlassung vom 20. Juli 2020 beantragt die Vorinstanz, der
Rekurs sei abzuweisen. Zur Begründung wird geltend gemacht, die
Rekurrentin habe ihm Rahmen des Wiederherstellungsverfahrens ein-
gewilligt – und das sei in der Folge dann auch rechtskräftig so verfügt
worden –, das Dach der Pergola einschliesslich der darüber liegenden
Terrasse abzubrechen. Diese Präzisierung sei deshalb vorgenommen
worden, weil das Dach der Anbaute (Pergola) aus einem Holzteil und
einem um einen herum angeordneten, mit Steinplatten belegten Ter-
rassenteil bestanden hatte. Der östlich des Pergoladachs verblei-
bende Rest der Terrasse habe dagegen belassen werden dürfen. Der
Holzteil des Pergoladachs sei inzwischen beseitigt, der Terrassenteil
bestehe hingegen immer noch. Folglich sei der Wiederherstellungs-
verfügung nicht vollumfänglich nachgekommen worden. Mit dem
neuen Baugesuch werde beabsichtigt, nicht nur die (eigentlich zurück-
zubauende) Terrasse wieder auszubauen, sondern sogar einen Teil
des abgebrochenen Pergoladachs zu ersetzen.

Erwägungen
1.
1.1 Die Zuständigkeit des Baudepartementes ergibt sich aus
Art. 43bis VRP.
1.2 Die Frist- und Formerfordernisse von Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
VRP sind erfüllt. Die Rekursberechtigung ist gegeben (Art. 45 VRP).
Auf den Rekurs ist einzutreten.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 9/13
2.
Die Rekurrentin macht geltend, sie habe der Vorinstanz kein Wieder-
erwägungsgesuch, sondern ein neues Baugesuch eingereicht; dieses
sei zu behandeln. Demgegenüber bringt die Vorinstanz vor, das ein-
gereichte Baugesuch beinhalte genau diejenigen Elemente, die ge-
mäss der Wiederherstellungsverfügung vom 23. Oktober 2018 abge-
brochen werden müssten. Folglich sei auf das Baugesuch nicht einge-
treten worden.
2.1 Ein Baugesuch im Sinn von Art. 137 des Planungs- und Bauge-
setzes (sGS 731.1; abgekürzt PBG) ist der an die zuständige Behörde
gerichtete Antrag, das in den Baugesuchsunterlagen umschriebene
Bauprojekt aufgrund der öffentlichen Bauvorschriften sowie weiterer
zu beachtender öffentlich-rechtlicher Normen zu prüfen und nach
Massgabe des Ergebnisses dieser Prüfung die Bewilligung zur Bau-
ausführung zu erteilen. Nach ständiger Rechtsprechung ist es allein
der Baugesuchsteller, der mit seiner Eingabe den Umfang eines Bau-
gesuchs bestimmt (Baudepartement SG, Juristische Mitteilungen
2018/IV/6 mit Hinweisen; GVP 1998 Nr. 9 mit Hinweisen). Damit ist es
auch allein der Baugesuchsteller, der mit der Einreichung des Bauge-
suchs (mittels ausgefülltem Baugesuchsformular) die Durchführung
des Baubewilligungsverfahrens beantragt und dieses damit auslöst.
2.2 Es liegt nicht in der Kompetenz der Baubewilligungsbehörde,
darüber zu befinden, ob sie ein Baubewilligungsverfahren einleitet
oder nicht. Vielmehr ist es ihre Pflicht, ein solches durchzuführen,
wenn es von einem Bauwilligen ausdrücklich beantragt wird, indem er
ein Baugesuch einreicht. Die Durchführung des förmlichen Verfahrens
kann in der Regel nur dann unterlassen werden, wenn die Bauge-
suchsunterlagen unvollständig sind und der Baugesuchsteller trotz
Aufforderung nicht bereit ist, das Gesuch zu vervollständigen; diesfalls
tritt die Bewilligungsbehörde auf das Baugesuch nicht ein (Art. 21
Abs. 3 der Verordnung zum Planungs- und Baugesetz [sGS 731.11];
Baudepartement SG, Juristische Mitteilungen 2018/IV/6).
2.3 Die Vorinstanz vertritt die Auffassung, es sei darüber hinaus
auch zulässig, auf ein Bau- bzw. Wiedererwägungsgesuch nicht ein-
zutreten, wenn dieses eine bereits "abgeurteilte Sache", eine soge-
nannte "res iudicata" beinhalte, also einen Streitgegenstand, über den
bereits in einem früheren Verfahren rechtskräftig entschieden worden
sei.
2.3.1 In Bezug auf die Rechtskraft einer Verfügung ist strikt zwischen
formeller und materieller Rechtskraft zu unterscheiden. Während die
formelle Rechtskraft zur Folge hat, dass eine Verfügung von den Be-
troffenen nicht mehr mit ordentlichen Rechtsmitteln angefochten wer-
den kann, bedeutet materielle Rechtskraft, dass die Verfügung unab-
änderbar ist, also auch von Seiten der Verwaltungsbehörden nicht
mehr widerrufen werden kann. Ob es eine materielle Rechtskraft im
öffentlichen Recht gibt, ist indessen sehr fraglich. Nach Auffassung
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 10/13
des Bundesgerichtes entspricht es "der Eigenart des öffentlichen
Rechts und der Natur der öffentlichen Interessen, dass ein Verwal-
tungsakt, der dem Gesetz nicht oder nicht mehr entspricht, nicht un-
abänderlich ist" (BGE 94 I 336 Erw. 4). In diesem Sinn werden Verfü-
gungen in der Regel nicht materiell rechtskräftig. Dadurch unterschei-
det sich das Verwaltungsrecht wesentlich vom Zivilrecht. Urteile von
Zivilgerichten erwachsen mit Eintritt der formellen Rechtskraft stets
auch in materielle Rechtskraft. Die Parteien sind dadurch gebunden,
und kein Gericht darf in der gleichen Sache noch einmal entscheiden,
es sei denn, ein ausserordentliches Rechtsmittel stehe zur Verfügung
(GVP 2010 Nr. 108). Wegen dieser Unterschiede hält ein Teil der
Lehre die Verwendung des Begriffs der materiellen Rechtskraft, der
aus dem Zivilprozessrecht stammt, im Verwaltungsverfahren für unan-
gebracht (HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines Verwaltungsrecht,
7. Aufl., Zürich/St.Gallen 2016, Rz. 1091 ff.; P. KARLEN, Schweizeri-
sches Verwaltungsrecht, Zürich 2018, S. 209 f.; RRB 1994/931 vom
21. Juni 1994 Erw. 3b). Im Gegensatz zu Zivilurteilen werden Verwal-
tungsakte somit nicht materiell rechtskräftig, das heisst, unabänderlich
und zur Einrede der abgeurteilten Sache ermächtigend.
2.3.2 Aus der Tatsache, dass die Möglichkeiten der Wiedererwägung,
des Widerrufs und der Wiederaufnahme ausdrücklich gesetzlich gere-
gelt sind, lässt sich aber zwingend ableiten, dass Verwaltungsakte
nicht beliebig geändert oder aufgehoben werden können. Es kommt
ihnen vielmehr eine Rechtsbeständigkeit, eine Verbindlichkeit zu, die
der materiellen Rechtskraft von Urteilen wenn auch nicht gleichkommt,
so doch nahesteht. Die Rechtsbeständigkeit von Verwaltungsakten ist
gegeben, wenn und weil diese durch spätere Verfügungen und Ent-
scheide nicht voraussetzungslos, sondern nur unter den angeführten,
normativ genau festgelegten Voraussetzungen wieder aufgehoben
und geändert werden können. Ihre Wirkung ist beschränkt auf das im
einzelnen Verwaltungsakt geregelte Rechtsverhältnis, und verbindli-
che Wirkung kommt deshalb prinzipiell allgemein dem Dispositiv, nicht
auch den Erwägungen zu, mit Ausnahme der Motive eines für die
Vorinstanz verbindlichen Rückweisungsentscheids. Die Rechtsbe-
ständigkeit von Verwaltungsakten schliesst nicht zum vornherein aus,
dass ein abgewiesenes Gesuch erneuert werden kann, immerhin un-
ter Vorbehalt des Rechtsmissbrauchs und der Rücksicht auf die Ver-
fahrensökonomie (E. ZIMMERLIN, Baugesetz des Kantons Aargau,
Aarau 1985, N 8 zu § 3). Angewendet auf das Baubewilligungsverfah-
ren – wo stets ein konkretes Baugesuch zu beurteilen ist – führt dies
dazu, dass auf erneuerte Baugesuche in der Regel nicht eingetreten
werden muss, sofern ein identisches Baugesuch formell rechtskräftig
abgewiesen wurde. Wurde in einem vorgängigen Verfahren über das
konkrete Baugesuch hinaus auch über weitere Fragen rechtskräftig
entschieden (wurden beispielsweise Auflagen angeordnet), ist in der
Regel auch auf Baugesuche nicht einzutreten, welche diese Fragen
erneut und in gleicher Weise betreffen (M. RUOSS FIERZ, Massnahmen
gegen illegales Bauen, Diss. Zürich 1999, S. 112 ff.; RHINOW/KRÄHEN-
MANN, Verwaltungsrechtsprechung, Basel und Frankfurt a.M. 1990, Er-
gänzungsband, Nr. 42; F. GYGI, Verwaltungsrecht, Bern 1986,
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 11/13
S. 303 ff.). Hingegen ist auf all jene erneuten Baugesuche einzutreten,
welche in einer abgeänderten Form den Abweisungsgründen substan-
tiell Rechnung tragen, so dass sich eine Neubeurteilung rechtfertigt,
oder die nach einer Änderung des geltenden Rechts eingereicht wur-
den (BDE Nr. 42/2020 vom 12. Mai 2020 Erw. 5.2; GVP 1996 Nr. 104).
2.3.3 Die Anwendung dieser Grundsätze auf den vorliegend zu beur-
teilenden Fall ergibt das Folgende: Das frühere, vom Jahr 2014 bis ins
Jahr 2018 dauernde nachträgliche Baubewilligungsverfahren wurde
letztlich mit einer Verfügung formell rechtskräftig abgeschlossen, mit
der verschiedene Bauten und Anlagen auf Grundstück Nr. 001 teils
bewilligt, teils aber auch nicht bewilligt wurden. In Ziff. 3 dieser Verfü-
gung vom 23. Oktober 2018 wurde betreffend die hier interessierende
Pergola der Abbruch des Dachs einschliesslich der darüber liegenden
Terrasse, der südseitig erstellten Wand sowie der westseitig erstellten
Verglasung angeordnet. Die Anordnung dieser Wiederherstellungs-
massnahmen ist mit den von der heutigen Rekurrentin im damaligen
Grundrissplan "Untergeschoss" (Revision 3 vom 9. August 2018,
Massstab 1:100) und im Fassadenplan "Südfassade" (Revision 3 vom
9. August 2018, Massstab 1:100) dargestellten Abbruchmassnahmen
identisch.
Das Baugesuch vom 12. März 2020 dagegen betrifft gemäss roter
Markierung im Plan "Erdgeschoss, Massstab 1:100, vom 4. Februar
2020" die Erstellung bzw. Belassung des Balkons an der Südfassade
und des Dachs über dem Cheminée. Nach dem Kurzbeschrieb im
Baugesuchsformular soll im Bereich der früher noch vorhandenen ge-
deckten Pergola – auf der Höhe ihres früheren Dachs – eine "Balkon-
verlängerung zum Zweck einer Sitzplatzerweiterung oder als Vordach-
verlängerung" vorgenommen werden. Dieses neue Baugesuch enthält
damit nicht mehr eine gedeckte, allseitig umwandete Anbaute (Per-
gola), die zudem gemäss den damaligen Plänen nicht erstellt, sondern
abgebrochen werden sollte, sondern lediglich eine Balkonverlänge-
rung an der südlichen Hausfassade und eine Überdeckung des beste-
henden Cheminées im Untergeschoss, die auch als Erweiterung der
bestehenden Terrasse im Erdgeschoss angesehen werden kann. Da-
mit beinhaltet das neue Baugesuch vom 12. März 2020 von vornherein
nicht den gleichen Verfahrensgegenstand wie das der Verfügung vom
23. Oktober 2018 zugrunde gelegene Baugesuch. Folglich hätte die
Vorinstanz auf das neue Baugesuch eintreten und dieses materiell be-
handeln müssen.
2.4 Im Übrigen handelte es sich bei dem von der Rekurrentin der
Vorinstanz eingereichten Gesuch ausdrücklich um ein neues Bauge-
such und nicht um ein Wiedererwägungsgesuch. Ein Wiedererwä-
gungsgesuch basiert auf Art. 27 VRP und ist grundsätzlich lediglich ein
formloser Rechtsbehelf, mit dem eine Behörde ersucht wird, die Frage
der Änderung einer Verfügung zu prüfen. Es begründet keinen An-
spruch darauf, dass die Behörde auf das Gesuch eintritt (Baudeparte-
ment SG, Juristische Mitteilungen 2007/III/39). Demgegenüber wer-
den Baugesuche nach Art. 137 PBG – nach dem oben unter Erw. 2.1
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 12/13
und 2.2 Ausgeführten – der Baubehörde eingereicht, auf deren Gebiet
die Baute oder Anlage errichtet werden soll. Die Baubehörde ist in der
Folge regelmässig verpflichtet, das Baubewilligungsverfahren durch-
zuführen, das Gesuch zu prüfen und über die Bewilligung zur Bauaus-
führung zu befinden. Dagegen liegt nicht in ihrem Ermessen, wie vor-
liegend ein Baugesuch gegen den Willen eines Gesuchstellers in ein
Wiedererwägungsgesuch umzudeuten und die Baugesuchsbehand-
lung zu unterlassen.
3.
Zusammenfassend ergibt sich damit, dass der Rekurs begründet und
er deshalb im Sinn der Erwägungen gutzuheissen ist. Der Beschluss
der Baukommission Z._ vom 23. April 2020 ist aufzuheben und die
Angelegenheit zur unverzüglichen Durchführung des Baubewilli-
gungsverfahrens und zum Entscheid über das Baugesuch vom
12. März 2020 an die Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
4.1 Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die
Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen
werden. Die Entscheidgebühr beträgt Fr. 3'000.– (Nr. 20.13.01 des
Gebührentarifs für die Kantons- und Gemeindeverwaltung,
sGS 821.5). Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend wären die
amtlichen Kosten der Politischen Gemeinde Z._ zu überbinden. Auf
deren Erhebung wird jedoch verzichtet (Art. 95 Abs. 3 VRP).
4.2 Der von der Rekurrentin am 29. Mai 2020 geleistete Kostenvor-
schuss von Fr. 1'800.– ist zurück zu erstatten.
5.
Die Rekurrentin stellt ein Begehren um Ersatz der ausseramtlichen
Kosten.
5.1 Im Rekursverfahren werden ausseramtliche Kosten entschädigt,
soweit sie auf Grund der Sach- und Rechtslage notwendig und ange-
messen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Die ausseramtliche Entschä-
digung wird den am Verfahren Beteiligten nach Obsiegen und Unter-
liegen auferlegt (Art. 98bis VRP). Die Vorschriften der Schweizerischen
Zivilprozessordnung (SR 272) finden sachgemäss Anwendung
(Art. 98ter VRP).
5.2 Die Rekurrentin obsiegt mit ihren Anträgen. Da das Verfahren
zudem in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht Schwierigkeiten bot,
die den Beizug eines Rechtsvertreters rechtfertigen, besteht grund-
sätzlich Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädigung (Art. 98bis
VRP). Weil keine Kostennote vorliegt, ist die ausseramtliche Entschä-
digung in Anwendung von Art. 6 in Verbindung mit Art. 22 der Hono-
rarordnung (sGS 963.75; abgekürzt HonO) ermessensweise auf
Fr. 2'750.– festzulegen; sie ist von der Politischen Gemeinde Z._ zu
bezahlen.
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 73/2020), Seite 13/13
Da kein begründeter Antrag um Zusprechung der Mehrwertsteuer ge-
stellt wurde, wird diese aufgrund des per 1. Januar 2019 geänderten
Art. 29 HonO nicht zum Honorar hinzugerechnet.