Decision ID: b2f2b391-69d3-5f88-9109-6d0b6f4e06cf
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der aus der Türkei stammende A._ am 14. Juli 2020 in der
Schweiz um Asyl ersuchte, nachdem er sich zuvor in Frankreich aufgehal-
ten und dort am 28. März 2018 ein Asylgesuch deponiert hatte,
dass das SEM mit ihm am 27. Juli 2020 ein persönliches Gespräch führte,
dies gestützt auf Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(Abl. L 180/31 vom 29. Juni 2013; nachfolgend: Dublin-III-VO),
dass der Beschwerdeführer im Rahmen des dazu gewährten rechtlichen
Gehörs äusserte, Frankreich habe sein Asylgesuch abgelehnt, damit sei
der dortige Rechtsweg ausgeschöpft, und er habe Angst, von den franzö-
sischen Behörden in die Türkei ausgeschafft zu werden,
dass das SEM unter Hinweis auf Art. 18 Abs. 1 Dublin-III-VO ein Übernah-
meersuchen an die französischen Behörden richtete, welche dem Ersu-
chen am 31. Juli 2020 explizit zustimmten,
dass das SEM mit Verfügung vom 11. August 2020 auf das Asylgesuch von
A._ nicht eintrat und seine Wegweisung nach Frankreich anordnete
unter Hinweis darauf, dass er die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen habe,
dass es gleichzeitig die Aushändigung der editionspflichtigen Akten ge-
mäss Aktenverzeichnis verfügte und feststellte, einer allfälligen Beschwer-
de komme keine aufschiebende Wirkung zu,
dass A._ gegen die ihm am 12. August 2020 eröffnete Verfügung
am 19. August (Poststempel) Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
erhob,
dass er in der Hauptsache beantragt, es sei die Verfügung aufzuheben, auf
sein Asylgesuch einzutreten und das Asylverfahren in der Schweiz durch-
zuführen,
dass er in verfahrensrechtlicher Hinsicht um unentgeltliche Prozessführung
und um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde
ersucht,
F-4141/2020
Seite 3
dass er zur Begründung seiner Beschwerde zum einen geltend macht, im
Falle einer Rückkehr in die Türkei drohe ihm aufgrund seiner Verbindungen
zur B._ Folter und Haft,
dass er zum anderen unter Hinweis auf die Einschätzungen verschiedener
Nichtregierungsorganisationen und der Agentur der Europäischen Union
für Grundrechte die Aufnahmebedingungen in Frankreich kritisiert und da-
raus ableitet, es müsse «mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon aus-
gegangen werden», dass er «bei einer Rückführung nach Frankreich in
Verhältnisse überstellt werde, welche sich nicht rechtfertigen lassen»,
dass auf den weiteren Inhalt seiner Beschwerde, soweit entscheiderheb-
lich, in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen ist,
dass der Instruktionsrichter, gestützt auf Art. 56 VwVG, den Vollzug der
Überstellung mit superprovisorischer Massnahme vom 20. August 2020
per sofort aussetzte,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am glei-
chen Tag zur Verfügung standen,

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asylrechts – in
der Regel und so auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen
Verfügungen des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 ‒ 33 VGG
und Art. 5 VwVG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass sich das Verfahren nach dem VGG, dem VwVG und dem AsylG richtet
(Art. 6 AsylG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung hat und daher zur Einrei-
chung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass die Beschwerde frist- und formgerecht eingereicht wurde (Art. 108
Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass die Beschwerde offensichtlich unbegründet ist, weshalb über sie in
einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters
F-4141/2020
Seite 4
bzw. einer zweiten Richterin – und nur mit summarischer Begründung – zu
entscheiden ist (vgl. Art. 111 Bst. e und Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass sich die Beschwerde gegen einen Nichteintretensentscheid im Sinne
von Art. 31a Abs. 1 AsylG richtet und deshalb lediglich zu prüfen ist, ob die
Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE
2012/4 E. 2.2 m.H.),
dass das SEM die insoweit relevanten Zuständigkeitskriterien gemäss
Art. 7 – 15 Dublin-III-VO prüft und im vorliegenden Fall zu Recht festgestellt
hat, dass Frankreich – wo sich der Beschwerdeführer vor seiner Einreise
in die Schweiz offensichtlich mehr als fünf Monate aufgehalten hat – für die
Durchführung des Asylverfahrens zuständig ist (vgl. Art. 3 Abs. 1 und
Art. 13 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass die Zuständigkeit Frankreichs auch über ein allenfalls rechtskräftig
abgeschlossenes Asylverfahren hinaus bestehen bleibt und erst mit dem
Vollzug der Wegweisung endet (vgl. Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO),
dass Frankreich Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) ist und seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nachkommt,
dass nichts darauf hindeutet, dass Frankreich den Grundsatz des Non-Re-
foulement missachten und den Beschwerdeführer zwingen würde, in ein
Land auszureisen, in welchem er einer Gefahr im Sinne von Art. 3 Abs. 1
oder 2 AsylG ausgesetzt wäre, oder in dem er Gefahr laufen würde, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden,
dass angesichts der von Frankreich eingehaltenen völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen auch zu erwarten ist, dass das Land die vom Beschwerdefüh-
rer geltend gemachten Fluchtgründe materiell überprüft beziehungsweise
bereits überprüft hat,
dass Frankreich die Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Auf-
nahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen, umgesetzt
hat,
F-4141/2020
Seite 5
dass diese sogenannte Aufnahmerichtlinie zahlreiche Mindestnormen für
die Aufnahme und Betreuung von Asylsuchenden beinhaltet und demzu-
folge davon auszugehen ist, dass Betroffene in Frankreich die von der Auf-
nahmerichtlinie garantierten Grundleistungen erhalten und somit auch
keine unmenschliche und erniedrigende Behandlung im Sinne von Art. 3
EMRK zu befürchten haben (zum Asylverfahren in Frankreich: vgl. ULRICH
KOEHLER, Praxiskommentar zum Europäischen Asylzuständigkeitssystem,
Berlin 2018, Art. 3 Dublin-III-VO N 108 m.H.),
dass der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe keine eigenen
negativen Erfahrungen in Frankreich schildert, sondern sich nur pauscha-
lierend auf fremde Einschätzungen beruft,
dass angesichts der vorstehenden Erwägungen die vom Beschwerdefüh-
rer gegen die Wegweisung erhobenen Einwände keine Berücksichtigung
finden können,
dass sein Wunsch, mithilfe eines neuen Asylantrags einen für ihn positiven
Verfahrensausgang herbeizuführen, keine Zuständigkeit der schweizeri-
schen Behörden begründen kann,
dass die Dublin-III-Verordnung den Schutzsuchenden kein Recht einräumt,
den ihren Antrag prüfenden Staat selbst auszuwählen,
dass im Falle des Beschwerdeführers, der sich anlässlich des Dublin-Ge-
sprächs als gesund bezeichnet hat, insbesondere auch keine Gründe er-
sichtlich sind, welche die Vorinstanz zu einem Selbsteintritt gemäss Art. 17
Dublin-III-VO bzw. gemäss Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 (AsylV 1;
SR 142.311) hätten verpflichten können,
dass die Vorinstanz angesichts der vorstehenden Erwägungen zu Recht
und ohne Ermessensfehler auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers
nicht eingetreten ist und seine Wegweisung verfügt hat (vgl. Art. 31a Abs. 1
Bst. b und Art. 44 AsylG),
dass die Beschwerde, soweit auf sie eingetreten werden kann, folglich ab-
zuweisen ist,
dass das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG)
aufgrund des offensichtlich unbegründeten und damit von vornherein aus-
sichtslos erscheinenden Rechtsmittels ebenfalls abzuweisen ist,
F-4141/2020
Seite 6
dass das Gesuch um Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der
Beschwerde (Art. 55 Abs. 3 VwVG) mit dem vorliegenden Urteil gegen-
standslos geworden ist,
dass aus dem gleichen Grund der am 20. August 2020 gemäss
Art. 56 VwVG angeordnete Vollzugsstopp dahinfällt,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m.
Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
F-4141/2020
Seite 7