Decision ID: 504e9ceb-7e98-57f7-97e6-887ddf03745a
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer reichte am 14. Mai 2017 bei der Gemeinde Walkringen ein
Baugesuch ein für die Installation einer Photovoltaikanlage mit vier Feldern auf dem Dach
des Gebäudes auf Parzelle Walkringen Grundbuchblatt Nr. B._. Die Parzelle liegt
in der Zone W 3 (Wohnzone, 3-geschossig).
Mit Bauentscheid vom 8. Juni 2017 erteilte die Gemeinde Walkringen die Baubewilligung
unter der Auflage, dass die Solarfelder entweder rechteckig oder parallel zu den
Dachkanten anzuordnen und zu installieren seien. Massgebend für die Bauausführung
seien die von der Gemeinde mit 9. Juni 2017 datierten Unterlagen (Situationsplan sowie
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grafische Darstellung1). Auf diesen hat die Gemeinde vermerkt: "Gestaltung Anlagefelder
siehe Bauentscheid". Der Beschwerdeführer wurde verpflichtet, der Gemeindeverwaltung
vor Baubeginn einen bereinigten und unterzeichneten Plan zur Genehmigung
einzureichen.
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 14. Juni 2017 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt sinngemäss die
Aufhebung des Bauentscheides vom 8. Juni 2017 und die Erteilung der Baubewilligung
ohne gestalterische Auflagen.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Zudem beauftragte es die Gemeinde
Walkringen, das Bauvorhaben zu publizieren und die Baugesuchsakten öffentlich zur
Einsichtnahme aufzulegen. Die Gemeinde Walkringen teilte am 26. September 2017 mit,
dass die Publikation erfolgt sei und während der 30-tägigen Auflagefrist keine Einsprachen
oder Rechtsverwahrungen gegen das Bauvorhaben eingegangen sind. Sie beantragt die
Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung des angefochtenen Entscheids.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die
Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer ist durch den
1 Vorakten, B 14 und B 15 2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert, da sein Baugesuch nicht wie beantragt,
sondern mit gestalterischen Auflagen bewilligt wurde. Er ist daher zur Beschwerdeführung
legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Baubewilligungspflicht
a) Nach Ansicht des Beschwerdeführers entspricht das Projekt den einschlägigen
Richtlinien und ist baubewilligungsfrei. Auf Aufforderung der Gemeinde hin hat er dennoch
vorsorglich ein Baugesuch eingereicht.
b) Besteht Unsicherheit darüber, ob ein Bauvorhaben baubewilligungspflichtig ist oder
nicht, kann die Bauherrschaft ein Baugesuch einreichen und damit dem Risiko begegnen,
dass sie während des Erstellens der Anlage oder nachträglich noch baupolizeiliche
Massnahmen gewärtigen muss.4 Nach der Praxis hindert die vorsorgliche Einreichung
eines nachträglichen Baugesuches nicht, dass die Bauherrschaft im
Wiederherstellungsverfahren die Baubewilligungspflicht bestreiten kann.5 Entsprechendes
muss auch gelten, wenn die Bauherrschaft das Baugesuch zur Vermeidung allfälliger
baupolizeilicher Massnahmen vor Baubeginn vorsorglich eingereicht hat, dieses nicht
antragsgemäss bewilligt wurde und die Bauherrschaft dagegen Beschwerde führt. Die
Bewilligungspflicht des Bauvorhabens ist daher zu überprüfen.6
c) Nach Art. 18a Abs. 1 RPG7 bedürfen auf Dächern genügend angepasste
Solaranlagen in Bau- und in Landwirtschaftszonen keiner Baubewilligung. Solche
Vorhaben sind lediglich der zuständigen Behörde zu melden. Im kantonalen Recht
bestimmt Art. 6 Abs. 1 Bst. 4 BewD8, dass Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energie
keiner Baubewilligung bedürfen, wenn sie an Gebäuden angebracht werden und den
kantonalen Richtlinien entsprechen. Vorbehalten sind Einschränkungen der
Baubewilligungsfreiheit nach Art. 7 BewD, die hier nicht anwendbar sind.
4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 1b N. 2 5 BDE 120/2016/26 E. 1b 6 Vgl. BVR 1997 S. 355 E. 1b 7 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700) 8 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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Bei der projektierten Photovoltaikanlage handelt es sich um eine Anlage zur Gewinnung
erneuerbarer Energie (Sonnenenergie). Die Anlage soll gemäss den
Baugesuchsunterlagen auf dem Dach des auf der Bauparzelle befindlichen Gebäudes
angebracht werden. Die Anlage ist demnach bewilligungsfrei, sofern die kantonalen
Richtlinien eingehalten werden. Einschlägig sind die Richtlinien des Regierungsrates des
Kantons Bern vom Januar 2015 betreffend "Baubewilligungsfreie Anlagen zur Gewinnung
erneuerbarer Energie". Nach diesen setzt die Bewilligungsfreiheit von Solaranlagen voraus,
dass die Anlage im Sinne von Art. 18a Abs. 1 RPG "genügend angepasst" ist. Art. 32a Abs.
1 RPV9 konkretisiert das Kriterium der genügenden Angepasstheit. Dieses ist erfüllt, wenn
die Anlage die Dachfläche im rechten Winkel um höchstens 20 cm überragt, von vorne und
von oben gesehen nicht über die Dachfläche hinausragt, nach dem Stand der Technik
reflexionsarm ausgeführt ist und als kompakte Fläche zusammenhängt. Kantonale
Gestaltungsvorschriften dürfen die Nutzung der Sonnenenergie nicht stärker einschränken.
Die erwähnten kantonalen Richtlinien enthalten Darstellungen und Beispiele, welche für
verschiedene Dachtypen aufzeigen, welche Anlagen nach diesen Voraussetzungen
baubewilligungsfrei sind und welche nicht. In Bezug auf Anlagen, welche aus mehreren
Feldern bestehen, führt die Richtlinie aus, dass die Anordnung von zwei rechteckigen
Anlagefeldern baubewilligungsfrei ist,10 das Anbringen von mehr als zwei rechteckigen
Anlagefeldern jedoch baubewilligungspflichtig.11 Anlagen, die von der Rechteckform
abweichen, sind baubewilligungsfrei, wenn sie als kompakte Fläche zusammenhängen.12
Auch bei diesen besteht jedoch analog zu rechteckigen Feldern eine Bewilligungspflicht,
wenn mehr als zwei Felder angebracht werden sollen.
d) Die streitige Anlage umfasst vier Felder, die auf verschiedenen Flächen des
Walmdachs auf dem L-förmigen Gebäude angebracht werden sollen.13 Die betroffenen
Dachflächen sind dreieckig (südseitiger Walm), trapezförmig (Dachfläche Ost) und
rhomboid (Dachflächen West und Süd). Die seitlichen Begrenzungen dieser Dachflächen
sind also alle schräg. Die vier Anlagefelder weisen jeweils eine gestaffelte Form auf, so
9 Raumplanungsverordnung des Bundesrates vom 28. Juni 2000 (RPV; SR 700.1) 10 Richtlinien, S. 19 11 Richtlinien, S. 28 12 Richtlinien, S. 20 13 Vorakten, B 15
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dass sie seitlich treppenartig gestuft sind. Sie folgen damit grob den seitlich schrägen
Dachformen.
Geplant sind demnach vier Anlagefelder, die von der Rechteckform abweichen. Die
Kriterien der Bewilligungsfreiheit nach der Richtlinie sind nicht erfüllt. Darin ist keine
Einschränkung gegenüber den bundesrechtlichen Vorgaben zu erblicken. Nach Art. 32a
Abs. 1 RPV setzt die Bewilligungsfreiheit voraus, dass die Anlage als kompakte Fläche
zusammenhängt. Bei vier Anlagefeldern, die auf unterschiedlichen Dachflächen
angebracht werden sollen, ist diese Voraussetzung nicht erfüllt.
Die Gemeinde ging demnach zu Recht davon aus, dass die geplante Anlage
bewilligungspflichtig ist und im Baubewilligungsverfahren auf die Einhaltung der bau- und
planungsrechtlichen Vorschriften hin überprüft werden muss. Dass der Beschwerdeführer
gemäss eigenen Angaben von privaten Anbietern von Photovoltaikanlagen anderslautend
beraten worden ist, vermag daran nichts zu ändern.
e) Die Gemeinde hat im Baubewilligungsverfahren weder das Bauvorhaben publiziert
noch die betroffenen Nachbarn informiert. Auf die Bekanntmachung von
bewilligungspflichtigen Bauvorhaben kann aber nur verzichtet werden, wenn Auswirkungen
auf die Nachbarschaft oder die Allgemeinheit ausgeschlossen sind.14 Dies traf hier nicht zu.
Insbesondere konnte nicht zum Vornherein ausgeschlossen werden, dass Nachbarn durch
die Anlage geblendet werden. Zustimmungserklärungen von Nachbarn lagen nicht vor. Um
zu vermeiden, dass die Rechte potentieller Einspracheberechtigter verletzt werden, musste
daher die Baupublikation nachgeholt werden.15 Dies ist inzwischen erfolgt; die Gemeinde
hat die Durchführung der Publikation bestätigt und mitgeteilt, dass keine Einsprachen
eingelegt worden sind.
3. Gestaltung
a) Nach dem angefochtenen Entscheid sind Solaranlagen unter Berücksichtigung der
Richtlinien "Baubewilligungsfreie Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energie" zu
beurteilen. Gestützt auf die darin enthaltenen Gestaltungsbestimmungen müssten daher
Solaranlagen in entweder rechteckigen oder parallel zu den Dachkanten verlaufenden
14 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 35-35c N. 7 15 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 35-35c N. 11
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Feldern installiert werden. Die Hoch- und Tiefbaukommission der Gemeinde Walkringen
hat am 26. April 2017 eine entsprechende Praxisfestlegung getroffen.16 Der
Beschwerdeführer ist der Ansicht, er habe mit seinem Projekt die Anforderungen der
Richtlinie umgesetzt. Die gewählte Form entspreche den ästhetischen Anforderungen
besser als die Anordnung von rechteckigen Feldern. Zudem würde mit rechteckigen
Feldern die Leistung der Anlage erheblich vermindert. Das exakte Ausrichten der Felder an
den Dachkanten würde das Anbringen von Blindmodulen voraussetzen, was die Anlage
stark verteuere. Bei Solaranlagen dürften die ästhetischen Hürden nicht zu hoch angesetzt
werden.
b) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die „ästhetische Generalklausel“ im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können. Derartige Vorschriften
müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst sein als die
Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein anders
formulieren.17
Das Baureglement der Gemeinde Walkringen18 sieht vor, dass Bauten und Anlagen so zu
gestalten sind, dass zusammen mit ihrer Umgebung eine gute Gesamtwirkung entsteht
(Art. 9 Abs. 3 GBR). Das Baureglement führt sodann die Elemente an, welche bei der
Beurteilung der guten Gesamtwirkung zu berücksichtigen sind. Dazu gehören auch die
Dachgestaltung sowie die Materialisierung und Farbgebung. Diese Bestimmungen gehen
weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG; ihnen kommt daher selbständige Bedeutung zu.
Der Begriff „gute Gesamtwirkung“ stellt einen unbestimmten kommunalen Gesetzesbegriff
dar, bei dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen
Beurteilungsspielraum haben. Jedoch dürfen auch an das Erfordernis der guten
Gesamtwirkung nicht unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Die gute
Gesamtwirkung ist weder an geringen noch an besonders hohen architektonischen
16 Vorakten, B 20 17 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen 18 Vom 10. Februar 2014, genehmigt vom Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) am 22. April 2014
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Qualitäten zu messen. Das bedeutet bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass
das Mittelmass der Umgebung nicht gestört werden darf und sich eine neue Baute oder
Anlage an den qualitativ hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren
hat.19
c) Gemäss den bundesrechtlichen Vorschriften gehen die Interessen an der Nutzung
der Solarenergie auf bestehenden oder neuen Bauten den ästhetischen Anliegen
grundsätzlich vor (Art. 18a Abs. 4 RPG). Daraus ist nicht zu schliessen, dass die Prüfung
der Ästhetik bei solchen Anlagen unterbleiben soll, die kantonalen und kommunalen
Ästhetikvorschriften also ohne Wirkung bleiben. Vielmehr muss, wenn eine Anlage nicht im
Sinne von Art. 32a Abs. 1 RPV "genügend angepasst" und daher ein
Baubewilligungsverfahren durchzuführen ist, eine einzelfallweise Prüfung erfolgen. Da
kantonale und kommunale Ästhetikvorschriften dem Bundesrecht nicht zuwiderlaufen
dürfen, müssen sie aber so interpretiert werden, dass die Interessen an der Nutzung der
Solarenergie gegenüber den ästhetischen Anliegen grundsätzlich Vorrang haben.
d) Die Gemeinde Walkringen hat mit einer Praxisfestlegung beschlossen, dass sie die
kommunalen Gestaltungsanforderungen bei Solaranlagen nur dann als erfüllt betrachtet,
wenn die Gestaltungsbestimmungen der kantonalen Richtlinien erfüllt sind. Die Richtlinien
betreffen in erster Linie die Abgrenzung von bewilligungsfreien und bewilligungspflichtigen
Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien (Richtlinien, Ziff. 2.2 und 2.3). Da die
Einhaltung der Gestaltungsvorschriften nur im Falle der Bewilligungspflicht der Anlage
überhaupt geprüft wird, können dafür nicht die Kriterien zur Abgrenzung der
bewilligungspflichtigen von den bewilligungsfreien Anlagen massgebend sein. Dies hätte
zur Folge, dass sämtlichen bewilligungspflichtigen Solaranlagen ohne weitere Prüfung der
Bauabschlag erteilt würde. Nach dem Gesagten muss aber im Falle der Bewilligungspflicht
eine Einzelfallbeurteilung vorgenommen werden, bei welcher gemäss Art. 18a Abs. 4 RPG
dem Interesse an der Nutzung der Solarenergie höheres Gewicht beigemessen wird. Eine
Verletzung der Gestaltungsvorschriften darf daher nur mit Zurückhaltung angenommen
werden.20 Mit einer Interpretation der Gestaltungsvorschriften, welche die
Bewilligungsfähigkeit bewilligungspflichtiger Solaranlagen generell ausschliesst, würde Art.
18a Abs. 4 RPG verletzt. Vielmehr sind im Baubewilligungsverfahren die ästhetischen
Anliegen gegen das Interesse an der Nutzung der Solarenergie abzuwägen.
19 Zaugg/ Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 4a; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1 20 Vgl. Urteil des Bundesgerichtes 1C_99/2017 vom 20. Juni 2017, E. 3.2
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e) Die kantonalen Richtlinien enthalten unter Ziff. 2.4 auch Gestaltungshinweise für
Solaranlagen. Diesen soll gemäss den Ausführungen in den Richtlinien insbesondere (d.h.
nicht ausschliesslich) beim Anbringen von Solaranlagen an Baudenkmälern Beachtung
geschenkt werden. Zumal hier die kommunalen Gestaltungsvorschriften das Erzielen einer
guten Gesamtwirkung mit der Umgebung vorschreiben, ist es nicht zu beanstanden, wenn
die Gemeinde diese Gestaltungshinweise als massgeblich erachtet. Eine allfällige Störung
der guten Gesamtwirkung durch die projektierte Solaranlage muss aber zusätzlich
gewichtet werden gegen das Interesse an der Nutzung der Solarenergie, welches gemäss
Art. 18a Abs. 4 RPG grundsätzlich Vorrang hat. Dabei fällt nicht nur das
umweltschützerische Interesse an der Förderung erneuerbarer Energiequellen ins Gewicht,
sondern auch das private Interesse der Bauherrschaft, eine von ihrer Grösse her
bedürfnisgerechte Kollektoranlage zu erstellen.21
f) Nach den kantonalen Richtlinien, Ziff. 2.4.1, sind rechteckige Formen bei
Solaranlagen vorzuziehen, weil Bauten im Kanton Bern meist durch rechteckige Formen
geprägt sind. Vorliegend ist allerdings das Dach, auf dem die projektierte Anlage
angebracht werden soll, nicht von rechteckigen Formen, sondern von schräg verlaufenden
seitlichen Dachkanten geprägt.
Die Richtlinien führen in Ziff. 2.4.1 weiter aus, die Anlage werde optisch gut integriert, wenn
die Fläche möglichst an die Hauptkanten (Traufkante, seitliche Dachkante, Firstkante)
anstösst. Letzteres Kriterium wird mit einer Grafik illustriert, bei welcher das Anlagefeld den
Dachkanten exakt, d.h. ohne Abstufung, folgt. Ungünstig sind nach der Richtlinie L- und U-
förmige Felder sowie abgestufte Felder. Sie können das Ortsbild beeinträchtigen.
Es fällt allerdings auf, dass die Richtlinien unter den Beispielen für bewilligungsfreie
Anlagen auch Beispiele von abgestuften Anlagefeldern anführen (Ziff. 2.2.2). Es handelt
sich dabei um grossflächige Anlagefelder, bei denen die Abstufung weniger ins Auge sticht
als bei der vom Beschwerdeführer projektierten Anlage. Zumindest bei solchen kann also
gemäss den Richtlinien auch eine abgestufte Form als "gut angepasst" gelten.
21 Vgl. BVR 1997 S. 355 E. 6c
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g) Das Vorhaben des Beschwerdeführers umfasst vier Anlagefelder, die mittels
Abstufung den schrägen seitlichen Dachkanten folgen. Die Felder reichen auf keiner Seite
exakt bis zur Dachkante. Das Vorhaben entspricht insoweit nicht der Darstellung der
optischen Integration in Ziff. 2.4.1 der Richtlinien. Die seitliche Abstufung findet ein Vorbild
im erwähnten Fotobeispiel für eine bewilligungsfreie Anlage in den Richtlinien, wobei sie
auf den eher kleinen Anlagefeldern des Bauvorhabens augenfälliger wirkt als in jenem
Beispiel.22 Die abgestufte Form der Anlagefelder folgt grob der Dachform, so dass die
optische Störwirkung geringer ist als bei einer L- oder U-Form, die nicht erkennbar an die
Dachform anlehnt. Ob eine Ausgestaltung mit rechteckigen Anlagefeldern23 optisch
vorteilhafter wäre, erscheint fraglich, kann aber letztlich offen bleiben. Mit rechteckigen
Anlagefeldern kann gesamthaft weniger Fläche für die Nutzung der Sonnenenergie
beansprucht werden und die Anlage ist entsprechend weniger leistungsfähig. Bei einer
Ausgestaltung, die der Dachform exakt folgt, müssten entlang den schrägen seitlichen
Dachkanten Blindelemente angebracht werden, die das Vorhaben erheblich verteuern. Aus
Art. 18a Abs. 4 RPG ergibt sich, dass kantonale und kommunale Gestaltungsvorschriften
so ausgelegt werden müssen, dass sie eine effiziente Nutzung der Sonnenenergie nicht
verhindern.24 Anforderungen, welche die Effizienz der Nutzung (auch in wirtschaftlicher
Hinsicht) beeinträchtigen, können sich als Hindernis bei der Nutzung von Sonnenenergie
auswirken. Sie müssen daher durch gewichtige Ästhetikinteressen begründet sein.
Vorliegend steht ein Projekt in Frage, welches zwar der bewilligungsfreien Gestaltung
gemäss den Richtlinien nicht entspricht, weil mehr als zwei – nicht rechteckige –
Anlagefelder geplant sind. Das Projekt lehnt sich jedoch an die Gestaltungsbeispiele der
Richtlinien an, indem davon ausgegangen wird, dass einer schrägen seitlichen
Dachbegrenzung auch mittels Abstufung der Anlagefelder gefolgt werden darf. Es befolgt
damit die allgemeine Stossrichtung der kantonalen Richtlinien, wonach bei nicht als
schützens- oder erhaltenswert inventarisierten Gebäuden die Anlagefelder der Dachform
insoweit folgen müssen, als sich dies mit herkömmlichen funktionellen Modulen (d.h. ohne
speziell angepasste Blindmodule) erreichen lässt. In Anbetracht dessen ist die Störung der
guten Gesamtwirkung hier nicht als so gravierend zu bewerten, dass den ästhetischen
Interessen der Vorrang gegenüber dem Interesse an der effizienten Nutzung der
Solarenergie eingeräumt werden müsste.
22 Vgl. auch die Vergleichsbilder in Beschwerdebeilage 6 23 Vgl. Vorakten, V 9 24 Vgl. Entscheid des Verwaltungsgerichtes des Kantons Zürich VB.2014.00035 vom 8. Mai 2014, E. 7.1
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Zwar ist es verständlich, dass die Gemeinde sich um die optische Wirkung von
Solaranlagen auf das Ortsbild sorgt. Entgegen den Befürchtungen der Gemeinde ist aber
keine unerwünschte Präjudizwirkung für das gesamte Ortsbild zu befürchten. Nach dem
Gesagten darf bei baubewilligungspflichtigen Vorhaben eine einzelfallbezogene Abwägung
zwischen ästhetischen Anliegen und dem Interesse an der Nutzung der Solarenergie nicht
unterbleiben. Bewilligungspflichtige Solaranlagen dürfen also weder pauschal bewilligt
noch pauschal verweigert werden, sondern es muss jeweils eine einzelfallbezogene
Güterabwägung nach den Vorgaben von Art. 18a Abs. 4 RPG erfolgen. Ein Präjudiz kann
schon daher nur begrenzte Wirkung zeitigen. Soweit Kultur- oder Naturdenkmäler von
kantonaler oder nationaler Bedeutung betroffen sind, gilt zudem ein anderer Massstab bei
der Interessenabwägung (Art. 18a Abs. 3 RPG).
4. Zusammenfassung und Kosten
a) Nach dem Gesagten ist die vom Beschwerdeführer beanstandete Auflage, wonach
die Solaranlagefelder entweder rechteckig oder parallel zu den Dachkanten anzuordnen
und zu installieren sind, aufzuheben. Die Publikation des Bauvorhabens hat zu keinen
Einsprachen geführt. Es sind keine Gründe erkennbar, die gegen die antragsgemässe
Bewilligung des Bauvorhabens sprechen. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, die
streitige Auflage gemäss Dispositivziffern 3a) und 3b) des angefochtenen Entscheids
aufzuheben und der angefochtene Entscheid im Übrigen zu bestätigen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens obsiegt der Beschwerdeführer. Die
Verfahrenskosten des Beschwerdeverfahrens werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr
von Fr. 600.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG25 i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV26); sie werden vom
Kanton getragen (Art. 108 Abs. 2 VRPG). Der Beschwerdeführer trägt aber die Kosten des
erstinstanzlichen Baubewilligungsverfahrens gemäss dem im Kostenpunkt bestätigten vor-
instanzlichen Entscheid. Zudem sind ihm die Publikationskosten der Gemeinde
aufzuerlegen (Art. 52 Abs. 1 BewD). Parteikosten sind nicht angefallen.
25 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 26 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2017/60 11