Decision ID: bb43469e-6497-5cb2-9c27-a00fd0241ba4
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am (...) Dezember 2019 in der Schweiz
um Asyl. Anlässlich der Personalienaufnahme vom 27. Dezember 2019
und der Anhörung vom 17. Februar 2020 machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen Folgendes geltend:
Er sei kurdischer Ethnie, geboren in B._, wo er bis zu seiner Aus-
reise im (...) 2019 gewohnt habe. Dort habe er ab 2011 studiert und 2013
seinen Abschluss als (...) gemacht. Als Kurde und Alevit habe er jedoch
keine Arbeitsstelle finden können, da die (...) in den Händen der Adalet ve
Kalkınma Partisi (AKP, dt. Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung/Ent-
wicklung) oder der Privatwirtschaft sei. Daher habe er sich mit Teilzeitjobs
und als (...) durchschlagen müssen. Er habe schon lange immer wieder
Beiträge im Zusammenhang mit der politischen C._, dem 1. Mai,
der Partiya Karkerên Kurdistanê (PKK, dt. Arbeiterpartei Kurdistans) sowie
seine Meinung betreffend den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan,
die Situation der Kurden und der Rojava auf Facebook veröffentlicht. Seit
der Universitätszeit habe er dies bewusster gemacht. Er habe ausserdem
an Kundgebungen – unter anderem den verbotenen vom 1. Mai 2011 und
2016 sowie dem Gezi-Protest im Jahr 2013 – teilgenommen. Nach dem 1.
Mai 2016 sei er nicht mehr politisch aktiv gewesen. Während der Wahlzeit
habe er jedoch als (...) gearbeitet und die Halkların Demokratik Partisi
(HDP, dt. Demokratische Partei der Völker) unterstützt, wodurch er indirekt
für die PKK aktiv gewesen. Gegen ihn und seine Familie seien immer wie-
der Drohungen ausgesprochen worden und die Polizei habe aufgrund sei-
ner Tätigkeit immer wieder mit seiner Familie gesprochen. Einer seiner (...)
habe sich politisch für die PKK eingesetzt und sei deswegen inhaftiert wor-
den. Ein weiterer naher Verwandter sei als (...) angeklagt worden und nach
Italien geflohen.
Er sei am (...) 2019 mit einem Visum in die Schweiz gereist, um seinen hier
wohnhaften Bruder zu besuchen. Einen Tag später habe in der Türkei eine
grosse Razzia gegen die "Patrioten" der HDP – deren Gedankengut er teile
– begonnen, welche mehrere Tage angedauert habe. Am (...) 2019 seien
Mitglieder der Antiterrorsektion schwer bewaffnet bei seiner Familie vorbei-
gegangen. Sie hätten seinen Eltern gesagt, dass er Mitglied der "Terroror-
ganisation" PKK sei und verhört werden müsse, ansonsten würde alles
noch viel schlimmer werden. Sie hätten gefragt, ob er einen Computer be-
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sitze und seine Bücher durchsucht. Dass das Ganze einen politischen Hin-
tergrund haben könnte, sei ihm zunächst nicht in den Sinn gekommen, da
seine Mutter von der Polizei gesprochen habe. Sie kenne die Begriffe der
Sondereinheiten nicht. Er habe grosse Angst um seine betagten Eltern und
daher veranlasst, dass diese sich mit ihrem Familienanwalt in Verbindung
setzen, um herauszufinden, was vor sich gehe. Am 6. Dezember 2019
habe sein Anwalt mitgeteilt, dass zwei Verfahren gegen ihn eingeleitet wor-
den seien. Eine ihm unbekannte Person habe Anzeige gegen ihn erstattet.
Bei dem einen Verfahren werde er beschuldigt, den Staatspräsidenten be-
leidigt zu haben und beim anderen, Propaganda für eine Terrororganisation
gemacht zu haben. Er werde mit einer Haftstrafe von einem bis zu fünf
Jahren und mit Folter rechnen müssen. Die Situation im Land sei noch
schlimmer geworden. Solche Verfahren seien gegen mehr als 10'000 Per-
sonen eingeleitet worden. Im Rahmen der erwähnten Razzia seien 52 Per-
sonen mitgenommen und 25 Personen inhaftiert worden. Die anderen
seien bedingt entlassen oder unter Hausarrest gestellt worden. Aus diesem
Grund könne er nicht – wie eigentlich beabsichtigt – zurück in die Türkei
reisen. Sein Facebook-Zugang sei nach seiner Ankunft in der Schweiz blo-
ckiert worden. Auf seinem neuen habe er keine politischen Äusserungen
mehr gemacht.
Als Beweismittel legte der Beschwerdeführer drei Fotos des 30. Jubiläums
der C._ vom (...) 2015 , eine schriftliche Anzeige gegen ihn vom
(...) 2019, das Aussageprotokoll des Anzeigestellers vom (...) 2019, einen
Differenzierungsentscheid der Staatsanwaltschaft (...) vom (...) 2019, ein
Schreiben des Ermittlungsbüros für IT-Verbrechen der Generalstaatsan-
waltschaft D._ vom (...) 2019 an das Ermittlungsbüro für organi-
sierte Verbrechen der Generalstaatsanwaltschaft D._, ein Unzu-
ständigkeitsurteil der Staatsanwaltschaft D._ vom (...) 2019, einen
Auftrag zur Abklärung der Daten des Beschwerdeführers, seiner Tätigkeit
in den sozialen Medien sowie zur Vernehmlassung durch die General-
staatsanwaltschaft B._ vom (...) 2019 an die Terrorbekämpfungsdi-
rektion B._, ein Schreiben von RA E._ vom (...) 2019 an die
zuständige Behörde, Ausschnitte von regierungskritischen Beiträgen des
Gesuchstellers auf Facebook, alles mit Übersetzung und mit Originalum-
schlag, ins Recht. Zum Nachweis seiner Identität reichte er seine Identi-
tätskarte ein.
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Seite 4
B.
Der Beschwerdeführer erhielt von der Vorinstanz die Gelegenheit, zum
Entwurf des ablehnenden Asyl- und Wegweisungsentscheids vom 21. Feb-
ruar 2020 Stellung zu nehmen, wovon er mit Schreiben vom 24. Februar
2020 Gebrauch machte. Er beantragte, nochmals einlässlich zu seinen
Asylgründen befragt zu werden. Ausserdem sei der Entscheid auszuset-
zen, das Verfahren als ordentliches Verfahren weiter zu führen und ihm die
Gelegenheit einzuräumen, zu den in der Türkei gegen ihn geführten Ver-
fahren weitere Unterlagen zu besorgen.
In seiner Stellungnahme führt er zwei Links zu folgenden Medienberichten
auf: Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH), Staat ohne Rechtsstaatlichkeit
vom 24. Februar 2020 sowie zur Informationsplattform von human-
rights.com, Länderinformation: Menschenrechte in der Türkei vom 17. Au-
gust 2018.
C.
Mit Verfügung vom 26. Februar 2020 – eröffnet 29. Februar 2020 – ver-
neinte die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete sie seine Wegweisung
aus der Schweiz und den Vollzug an.
D.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 3. März 2020 be-
antragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von
Asyl. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs festzustellen und die Vorinstanz anzuweisen, ihm
die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Subeventualiter sei die Sache zur
rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung sowie zur neuen Entscheidung
an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu gewähren.
Der Beschwerde legte er ein Schreiben sowie ein ausgefülltes Formular
vom (...) 2020 seines Vaters an den Menschenrechtsverein İnsan Hakları
Derneği (IHD), den bereits im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten
Auftrag zur Abklärung der Daten des Beschwerdeführers, seiner Tätigkeit
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in den sozialen Medien sowie zur Vernehmlassung durch die General-
staatsanwaltschaft B._ vom (...) 2019 an die Terrorbekämpfungsdi-
rektion B._ (mit Übersetzung) sowie ein Schreiben seines türki-
schen Rechtsvertreters vom 28. Februar 2020 bei.
E.
Mit Verfügung vom 5. März 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde und stellte fest, der Beschwerdeführer könne
den Ausgang des Verfahrens einstweilen in der Schweiz abwarten.
F.
Mit Schreiben vom 10. März 2020 reichte der Beschwerdeführer Unterla-
gen ein, bei denen es sich seinen Ausführungen zufolge um die Originale
seiner bisher eingebrachten Dokumente handeln soll, und erklärte, er habe
keine Fürsorgebestätigung besorgen können.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel  so auch vorliegend  endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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1.4 Da der Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung zu-
kommt (vgl. Art. 42 AsylG und Art. 55 Abs. 1 VwVG) und die Vorinstanz
diese nicht entzogen hat, wird auf den Antrag, der Beschwerde sei die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen, mangels Rechtschutzinteresses nicht ein-
getreten
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Den ablehnenden Entscheidentwurf vom 21. Februar 2020 begründete
die Vorinstanz mit der fehlenden Asylrelevanz der Vorbringen des Be-
schwerdeführers.
Der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, als Angehöriger der kurdi-
schen Bevölkerung und als Alevit von den türkischen Behörden benachtei-
ligt zu werden, so insbesondere auf dem Arbeitsmarkt. Es sei allgemein
bekannt, dass Angehörige der kurdischen Bevölkerung in der Türkei Schi-
kanen und Benachteiligungen verschiedenster Art ausgesetzt sein könn-
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Seite 7
ten. Dabei handle es sich nicht um ernsthafte Nachteile im Sinne des Asyl-
gesetzes, die einen Verbleib im Heimatland verunmöglichen oder unzumut-
bar erschweren würden. Aus diesem Grund führe die allgemeine Situation,
in der sich die kurdische Bevölkerung befinde, gemäss gefestigter Praxis
für sich allein nicht zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft. Zudem
habe sich im Zuge der verschiedenen Reformen in der Türkei seit 2001 die
Situation der Kurden merklich verbessert. Rein kulturelle Betätigungen
würden nicht mehr verfolgt. Die kurdische Sprache werde auch im öffentli-
chen Raum toleriert. Entsprechend dieser Ausführungen sei den Aussagen
des Beschwerdeführers zu entnehmen, dass er ohne die eingegangene
Anzeige wieder in seine Heimat zurückgekehrt wäre und nicht vorgehabt
habe, in der Schweiz zu bleiben. Die geltend gemachten Diskriminierungen
gingen demnach in ihrer Intensität nicht über die Nachteile hinaus, welche
weite Teile der kurdischen Bevölkerung in der Türkei in ähnlicher Weise
treffen könnten, weshalb sie nicht als ernsthaft zu qualifizieren und damit
asylrechtlich nicht relevant seien.
Der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, von einem unbekannten
Mann aufgrund seiner Facebook-Beiträge angezeigt worden zu sein, und
die Behörden seien im Rahmen einer Razzia bei seiner Familie vorbeige-
gangen und hätten ihn zum Verhör mitnehmen wollen. Seine subjektive
Furcht begründe er damit, dass er Alevit, Kurde und Student sei, der sich
derzeit im Ausland aufhalte. Alleine deswegen sei gegen ihn ein Verfahren
eingeleitet werden. Ausserdem seien 25 der 52 anlässlich der Razzia mit-
genommenen Personen im Anschluss inhaftiert worden. Damit eine Furcht
als begründet im Sinne des Asylgesetzes gelte, müssten nebst der subjek-
tiven Komponente jedoch auch in objektiver Hinsicht hinreichende Anhalts-
punkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein. Die blosse Möglich-
keit einer zukünftigen Verwirklichung der Gefahr genüge den Anforderun-
gen aus Art. 3 AsylG nicht. Seine niederschwelligen politischen Aktivitäten
hätten das Interesse der Behörden bis zu seiner Ausreise nicht geweckt.
Entsprechend sei er nie mitgenommen oder festgenommen worden. Aus-
serdem sei nie ein Verfahren gegen ihn eingeleitet worden und er habe
legal mit einem Visum in die Schweiz reisen können. Er habe auch nie
persönlich Probleme mit den Behörden gehabt. Lediglich bei den Kundge-
bungen und den Massenaktionen sei die Polizei vor Ort gewesen. Dabei
seien seinen Aussagen keine Hinweise zu entnehmen, dass er bei diesen
Tätigkeiten, die mittlerweile mehrere Jahre zurückliegen würden, auf ir-
gendeine Art und Weise exponiert aufgetreten oder aufgefallen wäre. Zwar
sei seiner Familie hin und wieder mitgeteilt worden, er würde an Kundge-
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bungen und C._ teilnehmen. Doch auch dies habe nie Konsequen-
zen nach sich gezogen. Seine Familie sei – abgesehen von einem (...), zu
dem er keine enge Beziehung pflege – nicht politisch aktiv. Er verfüge
demnach nicht über ein politisches Profil. Gleichermassen hätten auch
seine Facebook-Beiträge das Interesse der Behörden nicht geweckt,
obschon er angegeben habe, seit seinem Studium auf Facebook aktiv zu
sein. Dies gelte auch für seine eingereichten Facebook-Beiträge, die ihm
zufolge die kritischsten Posts, die er je gepostet habe, darstellten. Bei den
eingereichten Facebook-Ausschnitten handle es sich um geteilte Beiträge
zu Qamishli, Rojava und einigen Razzien in der Türkei sowie um einen
Beitrag über den Staatspräsidenten, in welchem (...) kritisiert werde. Bei
diesen Posts handle es sich nicht um derartig regierungskritische Beiträge,
welche den Beschwerdeführer in den Fokus der Behörden rücken bezie-
hungsweise ihm ein entsprechendes Profil zuschreiben könnten. Seit sei-
ner Ausreise habe er auch keine derartigen Beiträge mehr veröffentlicht.
Es ist zwar möglich, dass er aufgrund der Anzeige dieses Unbekannten
seitens der Behörden angehört werde, jedoch sei nicht davon auszugehen,
dass er – entgegen seiner subjektiven Befürchtungen – bei einer Rückkehr
Verfolgungsmassnahmen oder Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG aus-
gesetzt würde.
4.2 In der Stellungnahme vom 24. Februar 2020 zum Entscheidentwurf
machte der Beschwerdeführer geltend, er sei als alevitischer Kurde und
junger Mann mit guter Ausbildung und im wehrfähigen Alter bereits einem
erheblichen Risiko ausgesetzt, besonders in den Fokus des türkischen Re-
gimes zu gelangen. Die "normale" Diskriminierung dieser Personengruppe
werde dadurch verschärft, dass er sich über mehrere Jahre hinweg wie-
derholt an politischen Kundgebungen beteiligt habe und damit sein politi-
sches Interesse, das nicht demjenigen des Erdogan-Regimes entspreche,
manifestiert habe. Auch wenn ihn dies nicht zur Ausreise aus der Türkei
veranlasst habe, würden diese Aktivitäten im Kontext der nun konkret gel-
tend gemachten weiteren Verfolgungsgründe nichtdestotrotz eine durch-
aus relevante Rolle spielen, indem die im Falle einer Rückreise zu befürch-
tende politische Verfolgung erheblich härter und dringlicher zu erwarten
sei, als wenn er nicht das beschriebene ethnische, religiöse, persönliche
und politische Profil hätte. Die erwähnte Razzia zeige, dass das Regime
Erdogan in aller Härte gegen missliebige Personen vorgehe. Es sei zu be-
fürchten, dass er nach einer Rückkehr in die Türkei ebenfalls umgehend
verhaftet würde. Die Vorwürfe des Anzeigers, würden erfahrungsgemäss
zu politisch motivierten Urteilssprüchen und Sanktionen in Höhe von vier
und mehr Jahren Freiheitsstrafe führen, weshalb sie ernst zu nehmen
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Seite 9
seien. Er habe sich ausserdem nicht in der nötigen Ausführlichkeit zu sei-
nen Asylgründen äussern können. Dies sei nachzuholen. So habe er bei-
spielsweise deutlich häufiger bei der C._ mitgewirkt, als von der Vo-
rinstanz angegeben. Das Jahr 2015 habe er lediglich im Zusammenhang
mit den vorgebrachten Fotos genannt. Es komme hinzu, dass seit einiger
Zeit (...) C._ verhaftet würden und sich diese aktuell im Hunger-
streik befinden würden. Die Nähe zu dieser (...) berge deshalb ebenfalls
ein erhebliches Verfolgungspotential. Aufgrund der vorstehenden Ausfüh-
rungen erscheine offenkundig, dass der relevante Sachverhalt im vorlie-
genden, beschleunigten Verfahren nicht einlässlich genug abgeklärt wor-
den sei. Da in der Türkei offensichtlich ein Strafverfahren gegen ihn hängig
sei, sei eine seriöse Abklärung seiner Gefährdung erforderlich und es
müssten weitere Abklärungen zum Verfahren in der Türkei getroffen wer-
den. Berichte nationaler und internationaler Medien würden aufzeigen,
dass seine geltend gemachten Asylgründe durchaus realistisch seien.
4.3 Im Asylentscheid vom 26. Februar 2020 hielt die Vorinstanz an ihrer
Begründung fest und führte zur Stellungnahme des Beschwerdeführers
aus, betreffend die geltend gemachte Kollektiv-Diskriminierung und seine
begründete Furcht vor asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen seien
keine neuen Tatsachen oder Beweismittel vorgelegt worden. Zur Mitwir-
kung bei der C._ und der Aussage, er habe sich nicht ausführlich
genug zu seinen Asylgründen äussern können, legte sie dar, der Be-
schwerdeführer sei wiederholt nach seinen politischen Tätigkeiten gefragt
und jeweils gebeten worden, ausführlich zu erzählen und alles zu erwäh-
nen, was er gemacht habe. Es sei ihm entsprechend während der ganzen
Anhörung immer wieder die Gelegenheit gewährt worden, sich eingehend
zu seinen Vorbringen zu äussern. Entsprechend habe er auf Nachfrage
auch angegeben, es gebe seinen Schilderungen nichts mehr hinzuzufü-
gen. Zu der C._ habe er explizit angegeben, im Jahr 2015 an deren
(...) teilgenommen zu haben. Entsprechend stütze sich diese Annahme
des SEM nicht wie in der Stellungnahme behauptet auf die eingereichten
Beweismittel, sondern auf die Aussagen des Beschwerdeführers. Ausser-
dem habe er erklärt, dass er sich nach dem
1. Mai 2016 – abgesehen von seiner Tätigkeit als (...) für die HDP bei den
Wahlen im Jahr 2017 – in keiner Weise mehr politisch betätigt habe. Es sei
zu erwarten, dass er allfällige über die Teilnahme an (...) im Jahr 2015 hin-
ausgehende Aktivitäten für die C._ im Rahmen der Anhörung er-
wähnt hätte. Er habe sich auch in der Stellungnahme weder in zeitlicher
noch in sachlicher Hinsicht substantiiert zu allfälligen Tätigkeiten für diese
(...) geäussert. Im Übrigen wäre auch eine Bekanntschaft und Nähe zur
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Seite 10
(...) nicht ausreichend, eine Furcht vor Nachteilen gemäss Art. 3 AsylG zu
begründen, zumal jene auch bis zur Ausreise keine derartigen Konsequen-
zen mit sich gezogen hätten. Der relevante Sachverhalt gelte demnach als
einlässlich genug abgeklärt. Ansonsten seien keine Tatsachen oder Be-
weismittel vorgelegt worden, welche eine Änderung des Standpunktes des
SEM rechtfertigen könnten.
4.4 Dem entgegnet der Beschwerdeführer in seiner Beschwerdeschrift, er
habe bewiesen, dass er aus politischen Gründen durch die türkischen Be-
hörden verfolgt werde und gegen ihn zwei Verfahren in der Türkei eröffnet
worden seien. Es sei offensichtlich, dass er in der Türkei keine Zukunft
mehr habe und dort kein normales Leben mehr führen könne. Er könne
sein Studium nicht absolvieren, seinen Beruf nicht ausüben und vor allem
müsse er höchstwahrscheinlich ins Gefängnis, da er sein Grundrecht der
Meinungsäusserungsfreiheit ausgeübt habe. Tausende von Leuten würden
in der Türkei verhaftet, da sie auf Facebook Beiträge veröffentlicht hätten.
Auch zahlreiche türkische Staatsangehörige, die in der Schweiz leben wür-
den, seien in der Türkei angezeigt und bei ihrer Einreise in die Türkei fest-
genommen worden. Die Ausführungen des SEM seien angesichts der ver-
änderten Lage in der Türkei nicht sachgerecht und zu undifferenziert. Er
zitiert die bundesverwaltungsgerichtliche Rechtsprechung, wonach sich
die Menschenrechtslage in der Türkei nach den Parlamentswahlen im Juni
2015 respektive im November 2015 und dem gleichzeitigen Wiederauffla-
ckern des Kurdenkonflikts deutlich verschlechtert habe und die türkische
Regierung seither rigoros gegen tatsächliche und vermeintliche Regimekri-
tiker und Oppositionelle vorgehe. Aus diesem Grund müsse davon ausge-
gangen werden, dass gegen ihn in der Türkei wegen mutmasslicher Pro-
paganda für die PKK ein Ermittlungs- und anschliessend ein Strafverfahren
eingeleitet worden sei und aufgrund einer Vorladung nach ihm gefahndet
werde. Er sei sicher, dass inzwischen ein Datenblatt über ihn angelegt wor-
den sei. Im Falle einer Rückkehr in die Türkei müsse er folglich damit rech-
nen, festgenommen und in Untersuchungshaft genommen zu werden. Dies
würde eine Verletzung des Refoulmentverbots gemäss Art. 3 EMRK mit
sich bringen, da er an Leib und Leben gefährdet wäre. Diesbezüglich ver-
weise er auf ein Schreiben seines Anwalts, welcher darin darlege, womit er
aufgrund der gegen ihn gerichteten Ermittlungen konfrontiert werde. Sein
Vater habe ausserdem einen Menschenrechtsverein in der Türkei um Un-
terstützung gebeten. Das SEM habe folglich den rechtserheblichen Sach-
verhalt unvollständig und falsch festgestellt. Er reiche mit der Beschwerde-
schrift neue entscheidrelevante Beweismittel ein, von welchen die Vo-
rinstanz keine Kenntnis habe.
E-1264/2020
Seite 11
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid un-
geachtet der erhobenen Rügen grundsätzlich in vollem Umfang überprü-
fen. Es stellt den Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 12 VwVG) und
wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Es ist mithin
nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann den Entscheid
auch aus anderen Gründen gutheissen oder abweisen.
5.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m.
Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige
und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sor-
gen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die
rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber
Beweis zu führen. Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn
nicht alle für den Entscheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt
wurden, unrichtig, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird, etwa, weil die Rechtserheblichkeit einer Tat-
sache zu Unrecht verneint wird, so dass diese nicht zum Gegenstand eines
Beweisverfahrens gemacht wird, oder weil Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind (vgl. BVGE 2012/21 E. 5.2 m.w.H.).
Nach den Parlamentswahlen im Juni 2015 respektive im November 2015
und dem gleichzeitigen Wiederaufflackern des Kurdenkonflikts hat sich die
Menschenrechtslage in der Türkei wieder deutlich verschlechtert und seit
dem gescheiterten Militärputsch gegen die Regierung vom 15./16. Juli
2016 ist gar eine Eskalation bezüglich Inhaftierungen und politischer Säu-
berungen festzustellen. Die türkischen Behörden gehen seit dem geschei-
terten Putschversuch im Juli 2016 und der darauffolgenden Verhängung
des Ausnahmezustands (welcher im Juli 2018 faktisch aufgehoben wurde)
rigoros gegen tatsächliche und vermeintliche Regimekritiker und Oppositi-
onelle vor. Dabei sind fingierte Terrorismusanklagen sowie übermässig
lange und willkürliche Inhaftierungen an der Tagesordnung. Tausende von
Leuten sehen sich aufgrund ihrer Aktivitäten in den sozialen Medien mit
gegen sie eingeleiteten Strafuntersuchungen und Anklagen konfrontiert.
Die türkische Justiz ist ebenfalls politischem Druck ausgesetzt, was eine
faire und unabhängige Prozessführung praktisch unmöglich macht. Auch
in neueren Berichten über die Entwicklungen in der Türkei wird darauf hin-
gewiesen, dass in diesem Staat sowohl die demokratischen Werte als auch
die Rechtsstaatlichkeit zunehmend in Frage gestellt sind (vgl. etwa: 2019
Country Reports on Human Rights Practices: Turkey, 11. März 2020,
E-1264/2020
Seite 12
https://www.state.gov/reports/2019-country-reports-on-human-rights-prac-
tices/turkey/, sowie Freedom in the World 2020 – Turkey, 32/100,
https://freedomhouse.org/country/turkey/freedom-world/2020, beide abge-
rufen am 17. März 2020). Vor diesem Hintergrund geht das Bundesverwal-
tungsgericht in seiner aktuellen Praxis davon aus, dass im Einzelfall Per-
sonen, denen in der Türkei Unterstützung von als terroristisch eingestuften
Organisationen vorgeworfen wird, begründete Furcht vor Verfolgung haben
(vgl. dazu beispielsweise Urteile des BVGer D-1764/2019 vom 9. Oktober
2019 E. 6.4 und D-3375/2018 vom 31. Juli 2019 E. 4.3.6 m.w.H.).
5.3
5.3.1 Die vereinfachte Darstellung der Vorinstanz, die Situation in der Tür-
kei habe sich seit 2001 stetig verbessert und rein kulturelle Betätigungen
der Kurden würden nicht mehr verfolgt, greift zu kurz, um die aktuelle Situ-
ation der Kurden und Aleviten in der Türkei zu umschreiben. Die Ausfüh-
rungen des SEM sind angesichts der veränderten Lage in der Türkei und
der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung zu undifferenziert.
5.3.2 Der Vorinstanz kann jedoch insofern beigepflichtet werden, als der
Beschwerdeführer einer Mitwirkungspflicht unterliegt und er somit angehal-
ten ist, im Rahmen der Sachverhaltserstellung sämtliche relevanten Ele-
mente vorzubringen. Der Beschwerdeführer hätte daher detaillierter über
seine politische Tätigkeit informieren können. Letztlich lässt sich aus den
vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismitteln aber schliessen, dass
in der Türkei offenbar seit (...) 2019 zwei strafrechtliche Ermittlungsverfah-
ren im Zusammenhang mit Einträgen respektive geteilten Beiträgen auf
Facebook gegen ihn hängig sind. Der Beschwerdeführer wird anscheinend
verdächtigt, «Propaganda für eine Terrororganisation» betrieben und den
Staatspräsidenten beleidigt zu haben. Aus den eingereichten Unterlagen
geht hervor, dass die Generalstaatsanwaltschaft D._ am (...) 2019
entschieden hat, zwischen der Verfolgung der beiden vorgeworfenen Straf-
taten zu differenzieren, da sie zwei unterschiedlichen Verfahren folgen wür-
den. Die Ermittlungsakte betreffend den Vorwurf der «Propaganda für eine
Terrororganisation» habe sie am (...) 2019 dem Ermittlungsbüro für orga-
nisiertes Verbrechen weitergeleitet. Diese Abteilung habe die Akte am (...)
2019 wiederum an die Generalstaatsanwaltschaft B._ gesandt, da
diese örtlich dafür zuständig sei. Diese habe der Direktion für Terrorbe-
kämpfung am (...) 2019 den Auftrag erteilt, die Personalien des beschul-
digten Beschwerdeführers zu ermitteln, dessen Tätigkeit in den sozialen
Medien zu ergründen und diesen zu vernehmen.
https://www.state.gov/reports/2019-country-reports-on-human-rights-practices/turkey/ https://www.state.gov/reports/2019-country-reports-on-human-rights-practices/turkey/
E-1264/2020
Seite 13
5.3.3 Vorliegend hat sich das SEM nicht explizit zur Echtheit der vom Be-
schwerdeführer eingereichten Beweismittel geäussert. Aufgrund seiner Er-
wägungen ist indessen davon auszugehen, dass es diese grundsätzlich
nicht in Frage stellt. Vielmehr geht die Vorinstanz davon aus, dass der Be-
schwerdeführer kein derartiges politisches Profil aufweise, dass er bei ei-
ner Rückkehr objektiv gesehen eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG
zu befürchten hätte. Wären die vom Beschwerdeführer eingereichten Be-
weismittel echt, müsste davon ausgegangen werden, dass gegen ihn in
der Türkei wegen mutmasslicher Propaganda für die PKK und Beleidigung
des Staatspräsidenten Ermittlungs- beziehungweise Strafverfahren einge-
leitet worden sind und er zur Einvernahme vorgeladen wird. Angesichts
dessen ist denkbar, dass inzwischen über ihn ein Datenblatt angelegt
wurde. Den Akten kann überdies nicht entnommen werden, dass der Be-
schwerdeführer in seinem Facebook-Konto zu strafbaren Handlungen auf-
rief. Dieser reicht auf Beschwerdeebene neue Beweismittel und alte Be-
weismittel im Original ein, welche die Vorinstanz noch nicht hat berücksich-
tigen können. Im Weiteren ist zurzeit unklar, ob – wie dies vom türkischen
Anwalt des Beschwerdeführers behauptet wird – der Beschwerdeführer
tatsächlich verhaftet und zu einer langen Freiheitstrafe verurteilt würde. Die
Frage, ob der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr in die Türkei dort
einer asylbeachtlichen Verfolgung seitens der türkischen Behörden ausge-
setzt wäre, kann daher bei der derzeitigen Aktenlage und ohne weiterge-
hende Abklärungen – beispielsweise mittels Botschaftsabklärung – nicht
mit ausreichender Sicherheit beantwortet werden.
5.4 Gestützt auf die Sachverhaltsfeststellungen der Vorinstanz sieht sich
das Gericht nicht in der Lage, über die Asylrelevanz der vorgebrachten
Strafverfolgung zu befinden. Die Behauptung der Vorinstanz, es ergäben
sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür, dass dem Beschwerdefüh-
rer im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung
drohe, greift insbesondere im Hinblick auf die eingereichten Beweismittel
zu kurz. Die Vorinstanz wäre gehalten gewesen, weitere Abklärungen zu
den Vorbringen des Beschwerdeführers vorzunehmen. Indem sie dies je-
doch unterliess und die objektive Begründetheit der vom Beschwerdefüh-
rer vorgebrachten Furcht vor ernsthaften Nachteilen verneinte, hat sie den
Sachverhalt nicht richtig abgeklärt und damit den Untersuchungsgrundsatz
verletzt.
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6.
6.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätz-
lich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden,
wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht er-
scheint; sie muss dies aber nicht (vgl. dazu BVGE 2012/21 E. 5). Vorlie-
gend liegt der Mangel in einer unvollständigen Sachverhaltsfeststellung,
wobei die unterbliebenen notwendigen Abklärungen eine relativ aufwän-
dige und umfangreiche Beweiserhebung darstellen, weshalb sich eine
Kassation der angefochtenen Verfügung rechtfertigt. Im Übrigen bleibt auf
diese Weise der Instanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als das
Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet.
6.2 Die eingebrachten Dokumente betreffend die in der Türkei gegen den
Beschwerdeführer laufenden Verfahren und die damit einhergehende Ge-
fährdungslage des Beschwerdeführers im Falle einer Rückkehr in die Tür-
kei sind durch das SEM näher zu prüfen.
6.3 Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Die angefochtene Verfü-
gung ist aufzuheben, und die Sache ist zur vollständigen Feststellung des
Sachverhalts im Sinne der vorstehenden Erwägungen sowie zur neuen
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Bei diesem Verfahrens-
ausgang erübrigt es sich, auf die übrigen Ausführungen und Rügen in der
Beschwerde näher einzugehen.
7.
7.1
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Damit sind die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ge-
genstandslos geworden.
7.3 Dem Beschwerdeführer wäre angesichts seines Obsiegens in Anwen-
dung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar
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2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendi-
gerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Da der Beschwerde-
führer nicht vertreten ist, ist davon auszugehen, dass ihm keine Kosten in
diesem Sinne entstanden sind.
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