Decision ID: d9247995-82b5-5b68-9a5e-d425de0b588c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 26. Oktober 2020 wurde der Beschwerdeführer von der Luzerner Poli-
zei vorläufig festgenommen, als er mit dem Zug von Chiasso herkommend
in Luzern eintraf. Es wurde festgestellt, dass er sich illegal in der Schweiz
aufhielt (elektronische Akten der Vorinstanz [SEM act.] 3 und 4). Ein Ab-
gleich mit der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass der Beschwerdeführer
am 3. März 2015 in Italien ein Asylgesuch gestellt hatte.
B.
Das Migrationsamt des Kantons Luzern ersuchte die Vorinstanz mit E-Mail
vom 28. Oktober 2020 um Einleitung des Dublin-Verfahrens (SEM act. 1
und 8). Tags zuvor verfügte das kantonale Migrationsamt in Bezug auf den
Beschwerdeführer die Vorbereitungshaft gemäss Art. 76a AIG (SR 142.20)
und gewährte ihm das rechtliche Gehör hinsichtlich der Zuständigkeit Itali-
ens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens sowie zur
Wegweisung nach Italien (SEM act. 5).
C.
In der Folge stellte das SEM bei den italienischen Behörden am 29. Okto-
ber 2020 ein Gesuch um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers ge-
mäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europä-
ischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der
Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO). Die italienischen Behörden stimmten dem Er-
suchen am 10. November 2020 gestützt auf dieselbe Bestimmung zu (SEM
act. 9 und 14).
D.
Mit Entscheid vom 4. November 2020 erklärte das Zwangsmassnahmege-
richt des Kantons Luzern die angeordnete Vorbereitungshaft als rechtmäs-
sig und angemessen. Weiter wurde sie für sieben Wochen bestätigt (SEM
act. 16).
E.
Mit Verfügung vom 11. November 2020 (Eröffnung 16.11.2020) ordnete die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 64a Abs. 1 AIG die Wegweisung des Be-
schwerdeführers nach Italien an. Sie forderte ihn auf, die Schweiz spätes-
tens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (SEM act. 15).
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F.
Gegen die vorinstanzliche Wegweisungsverfügung gelangte der Be-
schwerdeführer mit Rechtsmitteleingabe vom 20. November 2020 (Datum
des Poststempels) an das Bundesverwaltungsgericht (Akten des Bundes-
verwaltungsgerichts [BVGer act.] 1).
G.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 24. November 2020 setzte die
Instruktionsrichterin den Vollzug der Überstellung des Beschwerdeführers
gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus (BVGer act. 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist für Beschwerden gegen Verfügun-
gen der Vorinstanz betreffend Wegweisung aufgrund der Dublin-Assoziie-
rungsabkommen (Art. 64a AIG) zuständig (Art. 31 ff. VGG i.V.m. Art. 5
VwVG; Art. 112 Abs. 1 AIG). Das Gericht entscheidet endgültig (Art. 83
Bst. c Ziff. 4 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts
anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 64a Abs. 2 AIG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.4 Die Beschwerde erweist sich, wie nachfolgend aufgezeigt, als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb gestützt auf Art. 57 Abs. 1 VwVG kein
Schriftenwechsel durchgeführt wurde.
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes sowie die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG).
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Seite 4
3.
3.1 Eine Wegweisungsverfügung nach Art. 64a Abs. 1 AIG setzt den ille-
galen Aufenthalt einer ausländischen Person in der Schweiz sowie die Zu-
ständigkeit eines anderen, an das Dublin-Assoziierungsabkommen gebun-
denen Staates für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfah-
rens voraus.
3.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche An-
wesenheitsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Er hält sich in der Schweiz somit illegal auf. Die italienischen Behör-
den stimmten dem Übernahmeersuchen der Vorinstanz gemäss Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-II-VO überdies ausdrücklich zu (vgl. SEM act. 14). Die
Zuständigkeit Italiens wird denn auch vom Beschwerdeführer nicht bestrit-
ten. Die Voraussetzungen für eine Wegweisung nach Art. 64a Abs. 1 AIG
sind demzufolge gegeben.
4.
Zu prüfen bleibt, ob dem Vollzug der Wegweisung Hindernisse im Sinne
von Art. 83 Abs. 1-4 AIG entgegenstehen. Erweist sich der Vollzug einer
Wegweisung als unzulässig, unzumutbar oder unmöglich, hat die Vorin-
stanz eine vorläufige Aufnahme anzuordnen (Art. 83 Abs. 1-4 AIG). Nicht
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist hingegen die freiwillige Aus-
reise, weshalb auf den Wunsch des Beschwerdeführers, selbständig in
sein Heimatland X._ zurückzukehren, nicht weiter einzugehen ist
(vgl. dazu auch Urteil des BVGer F-216/2020 vom 21. Januar 2020 S. 4
m.H.).
4.1 Der Beschwerdeführer lehnt des Weiteren eine Rückkehr nach Italien
ab und macht in seiner Rechtsmitteleingabe zusammenfassend geltend, er
habe in Italien auf der Strasse gelebt und sei auf sich alleine gestellt gewe-
sen. Als Ausländer habe man dort keine Chancen, ein gutes Leben zu füh-
ren. Italien sei kein Land für ihn.
4.1.1. Es bestehen derzeit keine Hinweise darauf, dass Italien seinen völ-
kerrechtlichen Verpflichtungen aus der EMRK, dem Übereinkommen vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Ab-
kommen vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie dem Zusatzprotokoll der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) nicht nachkommt.
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Seite 5
4.1.2. Der Beschwerdeführer hat auch nicht hinreichend dargetan, dass die
ihn bei einer Überstellung erwartenden Bedingungen in Italien derart
schlecht seien, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der Charta der
Grundrechte der Europäischen Union (ABl. C 364/1 vom 18.12.2000),
Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Insbesondere könnte er sich
bei einer allfälligen Einschränkung der minimalen Lebensbedingungen an
die italienischen Behörden wenden und die ihm zustehenden Aufnahme-
bedingungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 der Richtlinie des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen; Art. 1 und Art. 14 der Richtlinie 2008/115/EG
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008
über gemeinsame Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rück-
führung sich illegal aufhaltender Drittstaatsangehöriger). Schliesslich neh-
men sich auch mehrere private Hilfsorganisationen der Betreuung von
Asylsuchenden und Flüchtlingen an (vgl. bspw. Urteile des BVGer
F-2009/2020 vom 24. April 2020 E. 8.3 oder F-762/2020 vom 18. Februar
2020 S. 5). Es steht ihm damit offen, sich an diese zu wenden.
4.2 Mit diesen Ausführungen ist das SEM zutreffend von der Zulässigkeit
und Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen (Art. 83 Abs. 3
und 4 AIG). Der Vollzug der Wegweisung nach Italien ist überdies auch
möglich (Art. 83 Abs. 2 AIG).
5.
Die angefochtene Verfügung verletzt Bundesrecht nicht (Art. 49 VwVG).
Die Beschwerde ist daher abzuweisen.
6.
Der am 24. November 2020 angeordnete, vorsorgliche Vollzugsstopp fällt
mit dem vorliegenden Urteil dahin.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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