Decision ID: fd7a3b8d-d498-50af-83a0-b84f363710e1
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Rekurrentin,
vertreten durch Rechtsanwältin Dr. iur. Nicole Zürcher Fausch, Oberer Graben 43,
9000 St. Gallen,
gegen
Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen, Oberer Graben 32,
9001 St. Gallen,
Vorinstanz,
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betreffend
Genugtuung
Sachverhalt:
A.
A.a Am 26. September 2011 liess A._, geboren 1995, durch ihre Rechtsvertreterin,
Rechtsanwältin Dr. iur. Nicole Zürcher Fausch, St. Gallen, beim Sicherheits- und
Justizdepartement des Kantons St. Gallen (SJD) vorsorglich ein Gesuch um
Ausrichtung einer Entschädigung und einer Genugtuung gemäss Opferhilfegesetz
(OHG, SR 312.5) stellen. Sie sei am 21. Juni 2011 in B._ zusammen mit einer
Freundin Opfer mehrerer sexueller Übergriffe geworden (act. G 3.1).
A.b Im Psychotherapiebericht vom 9. Januar 2012 des Ostschweizer Kinderspitals
wurde im Wesentlichen festgehalten, bei A._ bestehe eine posttraumatische
Belastungsstörung infolge erlebter Gewaltvorkommnisse. Sie leide unter schweren
Albträumen und einer damit verbundenen Müdigkeit sowie massiven
Konzentrationsproblemen. Sie könne sich aktuell nicht altersentsprechend frei
bewegen und auch ihr berufliches Alltagshandeln sei stark beeinträchtigt. Seit
September 2011 sei sie in ambulanter Therapie (act. G 3.11/3).
A.c Mit Entscheid des Kreisgerichts vom 3. Juli 2012 wurde der Beschuldigte C._
der qualifizierten mehrfachen sexuellen Nötigung, der qualifizierten mehrfachen
Vergewaltigung, der Drohung sowie der mehrfachen Nötigung schuldig gesprochen
und zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren verurteilt. Mit Entscheid gleichen Datums
sprach das Kreisgericht den Beschuldigten D._ der qualifizierten mehrfachen
sexuellen Nötigung, der qualifizierten Vergewaltigung, der Widerhandlung gegen das
Waffengesetz, der falschen Anschuldigung sowie des rechtwidrigen Aufenthalts
schuldig und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren. C._ und D._
wurden u.a. verpflichtet, A._ und E._ je eine Genugtuung von Fr. 22'000.-- bzw. Fr.
12'000.-- nebst Zins zu 5% seit 21. Juni 2011 zu bezahlen. Das Gericht erachtete es
als erwiesen, dass es am 21. Juni 2011 in der Wohnung des Vaters von D._ zu
mehreren sexuellen Übergriffen von C._ in teilweiser Mittäterschaft mit D._ auf
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A._ und ihre Freundin E._ gekommen war, wobei C._ die beiden Frauen mit einer
geladenen Pistole bedroht und mehrere Todesdrohungen ausgestossen habe (act. G
3.5/1, 3.6).
A.d Mit Berufungserklärung vom 5. November 2012 focht C._ neben dem
Schuldspruch und der Sanktion u.a. auch die erstinstanzlich auferlegte Genugtuung im
Betrag von Fr. 22'000.-- an (act. G 3.7). D._ erhob keine Berufung gegen die
auferlegte Genugtuung von Fr. 12'000.-- (vgl. zur Berufung gegen den Schuldspruch
und die Sanktion die Berufungserklärung vom 5. November 2012, act. G 3.3/3).
A.e Mit Schreiben vom 21. November 2012 zog die Rechtsvertreterin beim SJD das
Gesuch um Entschädigung zurück und bezifferte die Höhe der Genugtuungsforderung
nach OHG gegenüber D._ auf den erstinstanzlich zugesprochenen Betrag von Fr.
12'000.--. Gleichzeitig beantragte sie, das Gesuch um Genugtuung betreffend C._ zu
sistieren (act. G 3.3, 3.3/1).
A.f Am 31. Mai 2013 zog C._ die Berufung hinsichtlich der durch ihn zu leistenden
Genugtuung von Fr. 22'000.-- zurück (vgl. act. G 3.8/1). Mit Schreiben gleichen Datums
beantragte die Rechtsvertreterin von A._ beim SJD die Fortführung des Verfahrens
betreffend die Genugtuungsforderung nach OHG gegenüber C._. Sie wies zudem auf
die Schwere der Straftaten und die aussergewöhnlichen Umstände hin (act. G 3.8).
A.g Mit Entscheiden vom 4. Juni 2013 wies das Kantonsgericht die Berufung von
C._ ab und reduzierte die Freiheitsstrafe in Sachen D._ auf 5 1⁄2 Jahre, wobei es ihn
zusätzlich zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen verurteilte (act. G 3.11/1
f.).
A.h Am 18. Juni 2013 teilte die Rechtsvertreterin dem SJD mit, A._ habe die
Therapie abgebrochen und ihre aktuelle Adresse sei zurzeit nicht bekannt (vgl. die
Telefonnotiz vom 18. Juni 2013, act. G 3.10).
A.i Mit Verfügung vom 1. Juli 2013 hiess das SJD das Genugtuungsgesuch in dem
Sinne teilweise gut, als es A._ eine Genugtuung von Fr. 18'000.-- zusprach. Im
Mehrbetrag wurde das Genugtuungsbegehren abgewiesen. Das Entschädigungs
begehren wurde zufolge Gegenstandslosigkeit abgeschrieben. Die Höhe der Genug
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tuung wurde im Wesentlichen damit begründet, dass es aufgrund der Schwere der
Straftaten und deren Folgen bei der Gesuchstellerin angemessen sei, über die vom
Bundesamt für Justiz im Leitfaden zur Bemessung der Genugtuung nach Opferhilfe
gesetz von 2008 (nachfolgend: Leitfaden Genugtuung) bei sehr schweren
Beeinträchtigungen empfohlene Genugtuungsleistung von bis zu Fr. 15'000.--
hinauszugehen (act. G 3.13).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich der von der Rechtsvertreterin eingereichte
Rekurs vom 16. Juli 2013 mit dem Antrag, Ziff. 1 der angefochtenen Verfügung sei
aufzuheben und es sei der Rekurrentin eine Genugtuung nach OHG in der Höhe von
Fr. 22'000.-- sowie eine angemessene Parteientschädigung auszurichten. Zur
Begründung wird angeführt, angesichts der überaus schwerwiegenden Übergriffe und
massiven Beeinträchtigungen der Rekurrentin, welche diese für immer geprägt hätten,
sei
eine Kürzung der zivilrechtlich zugesprochenen Genugtuungen von Fr. 34'000.-- von
mehr als einem Drittel nicht akzeptabel (act. G 1).
B.b Mit Vernehmlassung vom 2. September 2013 beantragt die Vorinstanz die
Abweisung des Rekurses und verweist auf die Ausführungen in der angefochtenen
Verfügung vom 1. Juli 2013 (act. G 3).
B.c Die Rekurrentin hat auf die Einreichung einer Replik verzichtet (vgl. act. G 6).

Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien ist die Höhe des opferhilferechtlichen Genugtuungsanspruchs
der Rekurrentin (Ziff. 1 der Verfügung vom 1. Juli 2013, act. G 3.13) streitig. Die
Abschreibung des Entschädigungsbegehrens zufolge Gegenstandslosigkeit (Ziff. 2) ist
unangefochten in Rechtskraft erwachsen und nicht Gegenstand dieses Verfahrens.
2.
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2.1 Gemäss Art. 22 Abs. 1 OHG hat das Opfer Anspruch auf eine Genugtuung, wenn
die Schwere der Beeinträchtigung es rechtfertigt; die Artikel 47 und 49 des
Obligationenrechts (SR 220) sind sinngemäss anwendbar. Gemäss Art. 23 OHG wird
die Genugtuung nach der Schwere der Beeinträchtigung bemessen und beträgt
höchstens Fr. 70'000.-- für das Opfer bzw. Fr. 35'000.-- für Angehörige. Unter
Beeinträchtigung ist – wie im Zivilrecht – die Verletzung der persönlichen Verhältnisse
bzw. das konkrete Ausmass des Eingriffs in die Persönlichkeitsrechte zu verstehen.
Das Gericht hat auf die objektive Schwere und die subjektiven Auswirkungen des
Eingriffs in das verletzte Rechtsgut abzustellen und dabei die Umstände des den
Genugtuungsanspruch auslösenden Ereignisses und des Einzelfalls zu
berücksichtigen. Im Unterschied zur Bemessung der Integritätsentschädigung nach
dem Unfallversicherungsrecht geht es nicht nur darum, die medizinisch-theoretische
Invalidität zu ermitteln; es geht um die Schätzung erlittener immaterieller Unbill. Nicht
massgeblich sind die Art der Straftat und das Verschulden des Täters; täterbezogene
Faktoren sind nicht zu berücksichtigen.
2.2 Die Höhe der Summe, die als Abgeltung immaterieller Unbill in Frage kommt, lässt
sich naturgemäss nicht errechnen, sondern nur schätzen. Die Festsetzung der Höhe
der Genugtuung ist eine Entscheidung nach Billigkeit und lässt den kantonalen
Behörden einen weiten Ermessensspielraum (Gomm Peter/Zehntner Dominik,
Opferhilfegesetz, 3. Aufl., Bern 2009, N 5 f. zu Art. 23). Faktoren, welche bei der
Erhöhung des Genugtuungsanspruchs eine Rolle spielen können, sind insbesondere
das Alter des Opfers, die Dauer des Spitalaufenthalts, schmerzhafte Operationen,
bleibende Narben, die Auswirkungen auf das berufliche und das private Leben, die
Intensität und Dauer der psychischen Folgen oder Auswirkungen von wiederholten
Taten (Gomm/Zehntner, a.a.O., N 6 zu Art. 23 OHG; Leitfaden Genugtuung, S. 6). Das
Bundesamt für Justiz hat im Leitfaden Genugtuung von 2008 einen Rahmen für die
Bemessung der Genugtuungsleistungen festgelegt, welcher bei sehr schwerer
Beeinträchtigung der sexuellen Integrität eine Genugtuung von Fr. 10'000.-- bis Fr.
15'000.-- vorsieht (Leitfaden Genugtuung, S. 10). In den Empfehlungen der
Schweizerischen Verbindungsstellenkonferenz zur Anwendung des Opferhilfegesetzes
vom 21. Januar 2010 wird im Weiteren davon ausgegangen, dass die
opferhilferechtlichen Genugtuungsleistungen in der Regel 30-40% tiefer ausfallen als
die zivilrechtlichen Genugtuungssummen (Ziff. 4.7.2 der Empfehlungen, S. 42 f.).
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Sowohl bei dem vom Bundesamt für Justiz festgelegten Bemessungsrahmen als auch
bei den in den Empfehlungen genannten Prozentzahlen handelt es sich lediglich um
Richtwerte. Entsprechend kann die Behörde bei ausserordentlich schwerer
Beeinträchtigung über die empfohlenen Beträge hinausgehen (Leitfaden Genugtuung,
S. 11; vgl. auch Gomm/Zehntner, a.a.O., N 23 zu Art. 23 OHG).
3.
3.1 Die Vorinstanz erachtet in der Verfügung vom 1. Juli 2013 (act. G 3.13) eine
Genugtuung in der Höhe von Fr. 18'000.-- als angemessen. Die Rekurrentin macht
ihrerseits einen Genugtuungsanspruch von Fr. 22'000.-- geltend. Zur Begründung führt
sie an, es sei zu berücksichtigen, dass sie Opfer sexueller Handlungen durch mehrere
Täter geworden sei. Die Vorinstanz habe die zivilrechtlich zugesprochenen
Genugtuungen von Fr. 34'000.-- um 47% und damit um weit mehr als die üblichen und
empfohlenen 30-40% gekürzt. Die Vorinstanz verkenne, dass die im Leitfaden des
Bundesamtes für Justiz genannten Beträge wie die Höchstsumme gemäss Art. 23 OHG
pro Genugtuung pro Täter gelten würden und entsprechend von einem
Bemessungsrahmen von Fr. 20'000.-- bis Fr. 30'000.-- auszugehen sei. Somit liege die
beantragte Genugtuung von Fr. 22'000.-- sowohl hinsichtlich der empfohlenen
30-40%igen Kürzung als auch mit Blick auf den Leitfaden im Rahmen (act. G 1).
3.2 In der Botschaft zur Totalrevision des OHG vom 9. November 2005 wird
festgehalten, dass sich der Höchstbetrag der Genugtuung für Angehörige nicht pro
Fall, sondern pro gesuchstellende Person versteht (BBl 2005 7165, S. 7225). Der Lehre
und Rechtsprechung sind keine Hinweise zu entnehmen, welche dafür sprechen
würden, dass bei der Festsetzung der Genugtuung für das Opfer anders zu verfahren
wäre. Entgegen dem Vorbringen der Beschwerdeführerin, die Höchstsumme gemäss
Art. 23 OHG habe pro Genugtuung pro Täter zu gelten und verdopple sich im
vorliegenden Fall aufgrund der Tatsache, dass zwei Täter beteiligt waren, ist somit
davon auszugehen, dass sich der Höchstbetrag für die Genugtuung nicht pro Täter
versteht, die Beteiligung mehrerer Täter aber unbestrittenermassen einen
Erhöhungsfaktor darstellt, welchen es bei der Festsetzung der Genugtuungssumme zu
berücksichtigen gilt.
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3.3 Unbestritten ist darüber hinaus, dass im vorliegenden Fall eine ausserordentlich
schwere Beeinträchtigung vorliegt, weshalb die Vorinstanz richtigerweise über den
empfohlenen Höchstbetrag des Leitfadens Genugtuung hinausgegangen ist. In der
Praxis gilt für den Tatbestand der Vergewaltigung ohne besondere Begleitumstände die
Faustregel, dass opferhilferechtliche Genugtuungen etwa um einen Drittel tiefer
ausfallen als die zivilrechtlich zugesprochenen. Besondere Begleitumstände
rechtfertigen ihrerseits die Zusprache von höheren Genugtuungssummen, so
insbesondere, wenn sowohl die psychische als auch die sexuelle Integrität des Opfers
beeinträchtigt wird (vgl. Gomm/Zehntner, a.a.O., N 23 zu Art. 23 OHG). In der Lehre
wird sodann bei Minderjährigen aufgrund der besonderen Verletzlichkeit und der noch
bevorstehenden Jahre, während der die minderjährigen Opfer später auch als
Erwachsene mit den Folgen der Übergriffe zurechtkommen müssen, die Festsetzung
von höheren Genugtuungssummen postuliert (vgl. Gomm/Zehntner, a.a.O., N 24 zu Art.
23 OHG, mit Hinweisen). Vor diesem Hintergrund erscheint die mit der Zusprache einer
Genugtuung von Fr. 18'000.-- einhergehende Kürzung der erstinstanzlich
zugesprochenen Genugtuungen um 47% als unangemessen hoch. Unter
Berücksichtigung der gesamten Umstände, das heisst insbesondere der besonderen
Begleitumstände der mehrfachen Vergewaltigung (Todesdrohungen unter Verwendung
einer Schusswaffe, Beteiligung von zwei Tätern, Ausnutzung des Ausgeliefertseins der
Rekurrentin) sowie der Schwere der Beeinträchtigung der sexuellen und psychischen
Integrität, unter deren Folgen die Rekurrentin nach Lage der Akten
unbestrittenermassen immer noch leidet (vgl. act. G 3.11/3), rechtfertigt sich im
vorliegenden Fall die Zusprache der rekursweise beantragten Genugtuung von
Fr. 22'000.--, was einer Kürzung der zivilrechtlich zugesprochenen Genugtuungen um
36% und damit im Rahmen der Empfehlungen der Schweizerischen
Verbindungsstellenkonferenz zur Anwendung des OHG entspricht.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist der Rekurs gutzuheissen und die Vorinstanz ist zu
verpflichten, der Rekurrentin eine opferhilferechtliche Genugtuung von Fr. 22'000.- zu
zahlen.
4.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 30 Abs. 1 OHG).
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4.3 Ausgangsgemäss hat die obsiegende rekursführende Partei Anspruch auf Ersatz
der Parteikosten (Art. 98 Abs. 2 VRP). Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der
Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar für das Verfahren vor
Versicherungsgericht pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.-- (vgl. Art. 22 Abs. 1 lit. b
HonO in der ab 1. Juli 2007 geltenden Fassung; sGS 963.75). Die Rechtsvertreterin hat
keine Kostennote eingereicht, so dass die Parteientschädigung ermessensweise
festzusetzen ist. In Anbetracht der eingeschränkten Problemstellung erscheint eine
Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
angemessen.