Decision ID: 848cbee7-f7f4-5da8-ae02-e207493a2fc3
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer ist sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie und lebte zuletzt in B._, Distrikt C._, Nordprovinz. Er
verliess sein Heimatland gemäss eigenen Angaben im Januar 2016 und
gelangte über die Türkei, Griechenland, Ungarn und weitere europäische
Staaten in die Schweiz nach D._, wo er am 4. März 2016 ein Asyl-
gesuch stellte. Er wurde am 15. März 2016 summarisch im Rahmen der
Befragung zur Person (BzP) und am 8. Februar 2018 vertieft zu seinen
Asylgründen angehört (Akten der Vorinstanz [A]1, A4, A16). Am 20. April
2016 teilte das SEM dem Beschwerdeführer mit, das Dublin-Verfahren sei
beendet und das Asylgesuch werde in der Schweiz geprüft. Am 2. Mai 2016
wurde er dem Kanton E._ zugewiesen (A9-A10). Der Beschwerde-
führer reichte eine temporäre Identitätskarte (des IDP's Registration Pro-
ject, datierend von Juni 2009) und eine aktuelle Identitätskarte (beide im
Original), einen Auszug aus dem Geburtsregister (in Kopie), ein Familien-
foto, eine Kopie des Sterberegisters zum Tod des Vaters, einen Arztbericht
zum Gesundheitszustand der Mutter, eine Kopie der Identitätskarte der
Schwester, zwei Arbeitsbestätigungen vom Sommer 2009, eine Physiothe-
rapieverordnung, Fotos von einer Demonstration in der Schweiz sowie ei-
nen Link zum Video einer Demonstration zu den Akten (A15).
A.b Er machte im Wesentlichen Folgendes geltend: Er sei in F._,
Distrikt G._, Nordprovinz, geboren und aufgewachsen. Im Jahr
2000 sei die Familie nach B._, umgezogen. Die Familie habe einen
Bauernbetrieb mit einer Kuhherde betrieben. In der Nähe sei ein grosses
LTTE-Camp gewesen. Seine Mutter habe für einen LTTE-Kader gekocht.
Er selbst habe den LTTE Kuhmilch zur Verfügung gestellt und auch in der
Landwirtschaft geholfen. In den Jahren 2007 und 2008 sei er für die LTTE
tätig gewesen und habe hauptsächlich deren Kühe gemolken und die (...)
des Lagers abgegeben. Zuständig für ihn seien zwei Personen,
«H._» und dessen Vorgesetzter «I._» gewesen. Wegen die-
ser Tätigkeit für die LTTE sei er nicht bei Kampfhandlungen der LTTE ein-
gesetzt worden. Von der Familie seien zwei Cousins bei den Rebellen ge-
wesen. Ab Januar 2009 habe er an verschiedenen Orten, ab Februar 2009
in einem Flüchtlingslager in J._ gelebt. Im Oktober 2009 sei er von
der Armee verhaftet und während zwei Jahren in verschiedenen Lagern
rehabilitiert worden. In der Rehabilitation sei er körperlich misshandelt wor-
den und habe schwer arbeiten müssen. Am 30. September 2011 sei er ent-
lassen worden. In der Folge habe er hauptsächlich seinem Vater im Betrieb
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geholfen. Er sei als ehemaliger Rehabilitationshäftling im Jahr 2012
zwangsweise für das sogenannte CIC-Programm für die (unentgeltliche)
Arbeit in der Landwirtschaft rekrutiert worden. Ausserdem habe er monat-
lich Unterschriften leisten müssen. Da der Vater krank gewesen und im (...)
gestorben sei, habe er beim CIC-Programm nicht teilgenommen. Die Be-
hörden hätten ihn schliesslich in Ruhe gelassen.
Im Dezember 2014 sei er in B._ auf der Strasse von Soldaten an-
gehalten worden. Sie hätten ihn nach dem Verbleib des (früheren) Kom-
mandanten des LTTE-Lagers, I._, gefragt. Er sei aufgefordert wor-
den, sich im Büro zu melden und es sei ihm gedroht worden, ihn nochmals
ins Rehabilitationslager zu schicken, wenn er nicht die Wahrheit sage. Er
sei nicht hingegangen, stattdessen habe er sich bei seinem Onkel in
F._ versteckt. Er sei in der Folge sechs oder sieben Mal nachts
nach Hause gefahren, um seine kranke Mutter zu besuchen, obwohl sie
ihm dies verboten habe. Am 26. November 2015 habe er mit der Familie in
B._ den Geburtstag seiner jüngeren Schwester gefeiert. Seine
Schwester habe am selben Tag Geburtstag wie der ehemalige LTTE-An-
führer Prabhakaran. SLA-Soldaten seien gekommen und hätten ihnen vor-
geworfen, den Geburtstag des LTTE-Anführers zu feiern. Sie hätten einen
der anwesenden Onkel geschlagen und ausserdem ihn (den Beschwerde-
führer) gesucht. Er habe sich verstecken können. Nachdem das Missver-
ständnis wegen des Geburtstags habe aufgeklärt werden können, seien
die Soldaten gegangen, ohne ihn zu finden. Aus Angst sei er noch in der-
selben Nacht mit dem Zug nach Colombo gefahren. Am nächsten Tag habe
er sich einen Pass ausstellen lassen. Er sei am 26. Januar 2016 mit Hilfe
eines Schleppers legal mit seinem Pass über den Flughafen Colombo aus
seinem Heimatland ausgereist. Nach seiner Ausreise seien weiterhin Per-
sonen des Geheimdienstes bei seiner Familie vorbeigekommen und hätten
sich nach ihm erkundigt, seinen jüngeren Bruder belästigt und auch einmal
vorgeladen.
Der Beschwerdeführer führt schliesslich aus, in der Schweiz habe er an
ungefähr drei Demonstrationen teilgenommen. Fotos und ein Video einer
Veranstaltung in K._ seien im Internet publiziert worden.
B.
Mit Verfügung vom 17. Juni 2019, eröffnet am 18. Juni 2019, führte das
SEM aus, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
an (Dispositivziffern [Ziff.] 1 – 3). Es setzte ihm Frist bis zum 13. August
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2019, die Schweiz zu verlassen und beauftragte den Kanton E._
mit dem Vollzug der Wegweisung (Ziff. 4-5).
C.
Der Beschwerdeführer reichte am 16. Juli 2019 – vertreten durch MLaw
Cora Dubach, Freiplatzaktion D._ – gegen diesen Bescheid Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsricht ein. Er beantragte die Aufhebung
des Entscheids vom 17. Juni 2019 und die Gewährung von Asyl. Eventua-
liter sei die Unzulässigkeit oder die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs festzustellen und ihm als Folge die vorläufige Aufnahme in der
Schweiz zu gewähren, alles unter Kostenfolge zu Lasten der Vorinstanz.
Weiter beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, den
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und die Beiordnung
seiner Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin. Für das Verfahren
beantragte er, es sei festzustellen, dass die Beschwerde aufschiebende
Wirkung habe. Er reichte gleichzeitig eine Fürsorgebestätigung der Ge-
meinde L._, eine Videoaufnahme auf CD, Fotografien einer De-
monstration sowie die Kostennote seiner Rechtsvertreterin ein (Beschwer-
deakten [B-act.] 1). Die Videoaufnahme zeige, wie zivilgekleidete Beamte
die Familie aufsuchen und den Bruder des Beschwerdeführers draussen
befragen würden, während die übrigen Familienmitglieder ins Haus gehen
müssten und dort bewacht würden (vgl. Beschwerde Rz 25).
D.
Mit Zwischenverfügung vom 30. Juli 2019 hielt die Instruktionsrichterin fest,
dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten dürfe, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und um amtliche Rechtsverbeiständung gut und setzte die
mandatierte Rechtsvertreterin, MLaw Cora Dubach, als amtliche Rechts-
beiständin des Beschwerdeführers ein. Weiter lud sie die Vorinstanz zur
Einreichung einer Vernehmlassung ein (B-act. 3).
E.
Mit Vernehmlassung vom 9. August 2019 hielt die Vorinstanz im Wesentli-
chen an ihren Erwägungen fest und äusserte sich ergänzend zum mit der
Beschwerde eingereichten Video (B-act. 4).
F.
Replikweise nahm der Beschwerdeführer am 23. August 2019 seinerseits
Stellung zur Vernehmlassung der Vorinstanz (B-act. 6). Mit Eingabe vom
30. September 2019 liess er ergänzen, dass seine Familie in Sri Lanka,
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insbesondere sein Bruder, der jetzt den Betrieb führe, weiter unter konstan-
ter Beobachtung stehe und von Armeeangehörigen regelmässig unter
Druck gesetzt werde (B-act. 7). Am 11. März 2020 reichte er einen Brief
seiner Mutter zu den Akten, in welcher sie von M._, Justice of
Peace (...), N._, O._, B._, Sri Lanka, die Rehabilita-
tion und die wiederholten Bedrohungen und Behelligungen des Beschwer-
deführers bestätigen liess. Aus dem Brief geht weiter hervor, dass jetzt der
Bruder vom Geheimdienst hinsichtlich des Aufenthalts des Beschwerde-
führers befragt werde (B-act. 8).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete die Ablehnung des Asylgesuchs damit, dass
der Beschwerdeführer keine asylrelevante Verfolgung geltend gemacht
habe, ausserdem seien seine Angaben unglaubhaft.
4.1.1 Einleitend führte das SEM in der Verfügung aus, in Sri Lanka erfüllten
Personen nach erfolgter Rehabilitation die Flüchtlingseigenschaft grund-
sätzlich nicht, es sei denn, es gebe Anzeichen für eine nach der Rehabili-
tation erfolgte asylrelevante Verfolgung. Vorliegend ergäben sich keine
diesbezüglichen konkreten Anzeichen: Die beschriebenen Massnahmen
der Überwachung von rehabilitierten Personen durch die sri-lankischen Be-
hörden (wiederholtes Unterschriftenleisten, Vorladungen) entsprächen
nicht Massnahmen gegen Leib, Leben und Freiheit einer Person in einem
asylrelevanten Ausmass. Dies gelte auch für den zweiten beschriebenen
Vorfall am Geburtstag der Schwester sowie für die Besuche des Criminal
Investigation Departments (CID) beim Beschwerdeführer zuhause; auch
diese Ereignisse hätten kein asylrelevantes Ausmass erreicht. Demnach
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seien die Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt. Auch
sei keine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung zu bejahen; allfäl-
lige im Zeitpunkt der Ausreise bestehende Risikofaktoren im Sinne der
Rechtsprechung (Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016) hätten
kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden auszulösen
vermocht, und es bestünden keine Anzeichen, dass dies seit der Ausreise
des Beschwerdeführers geändert hätte. Es sei auch nicht anzunehmen,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka wegen der geltend gemachten
Verbindungen zu den LTTE mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in abseh-
barer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein
werde.
4.1.2 Das SEM äusserte sich weiter zur Teilnahme des Beschwerdeführers
an mehreren Demonstrationen in der Schweiz und würdigte die diesbezüg-
lich eingereichten Beweismittel (Fotos, Internet-Link). Mitläufertätigkeiten
von untergeordneter Bedeutung wie etwa die blosse Teilnahme am Hel-
dentag reichten für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft nicht aus,
da diese Tätigkeiten das Verfolgungsinteresse des sri-lankischen Staats
nicht auslösten. Vielmehr müsse die Person von staatlicher Seite als ein
überzeugter Aktivist im Bestreben der (radikalen) Diaspora für einen sepa-
raten tamilischen Staat wahrnehmbar sein. Dies treffe für den Beschwer-
deführer nicht zu, es gebe keine Hinweise dazu, dass er sich in qualifizier-
ter Weise exilpolitisch betätigt hätte. Insgesamt betrachtet sei sein Verhal-
ten in der Schweiz nicht geeignet, ein ernsthaftes Vorgehen der sri-lanki-
schen Behörden zu bewirken, und es ergäben sich keine Hinweise dafür,
dass in Sri Lanka gegen ihn aufgrund dieser Aktivitäten behördliche Mass-
nahmen eingeleitet worden wären. Demnach könne nicht davon ausgegan-
gen werden, dass er als konkrete Bedrohung für die sri-lankischen Behör-
den wahrgenommen und deshalb verfolgt werde.
4.1.3 Weiter führte die Vorinstanz hinsichtlich der Frage nach der Glaub-
haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG aus, der Beschwerdeführer habe widerspre-
chende Angaben dazu gemacht, wo er sich ab Dezember 2014 aufgehal-
ten habe, auch die Angaben zur Rehabilitationshaft seien unterschiedlich
gewesen, dasselbe gelte hinsichtlich seiner Teilnahme am CIC-Programm
und zum Verbleib seines ehemaligen Vorgesetzen im LTTE-Camp. Was die
beiden geltend gemachten Ereignisse im Dezember 2014 (Anhalten auf
der Strasse durch Soldaten) und November 2015 (Geburtstagsfest der
Schwester) angehe, seien seine Angaben substanzarm ausgefallen. Er ha-
be daher nicht den Eindruck vermitteln können, diese beiden Ereignisse
tatsächlich erlebt zu haben. Weiter sei nicht nachvollziehbar, weshalb vier
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Jahre nach seiner Entlassung aus der Rehabilitation ein erhöhtes Verfol-
gungsinteresse seitens der Behörden hätte bestehen sollen, obwohl er
nicht über ein politisches Profil verfüge. Es sei auch unwahrscheinlich,
dass die Soldaten am Geburtstag der Schwester angeblich ausschliesslich
wegen ihm gekommen seien, aber dennoch lediglich das Wohnzimmer
durchsucht hätten. Ebenfalls sei unwahrscheinlich, dass er als einzige Per-
son der Familie im Fokus der Behörden gestanden sei, während die Be-
hörden behauptet hätten, die ganze Familie habe Kontakt zu I._
gehabt.
4.1.4 Die eingereichten Beweismittel seien nicht geeignet, einen asylrele-
vanten Sachverhalt zu belegen. So gehe zwar aus der Kopie der Identitäts-
karte der Schwester hervor, dass diese tatsächlich am 26. November (An-
merkung des Gerichts: dem Geburtstag von Velupillai Prabhakaran) Ge-
burtstag habe, doch belege dies die angeblichen Probleme nicht. Die vor-
gelegte Physiotherapieverordnung (Anmerkung des Gerichts: diese datiert
von Dezember 2016; es wird eine Physiotherapie wegen Rückenschmer-
zen verordnet) enthalte keine Hinweise auf die Ursachen der gestellten Di-
agnose und vermöge namentlich nicht allfällige Folterungen zu beweisen.
4.2 Der Beschwerdeführer äusserte sich dahingehend, dass er seine Ver-
folgung detailreich und widerspruchsfrei dargelegt habe. Ausserdem habe
die bereits erlebte Verfolgung in asylrelevanter Weise stattgefunden.
4.2.1 Zur Frage der Glaubhaftigkeit führte er aus, die Beurteilung sei in
einer Gesamtschau aller Elemente zu betrachten und allfällige Widersprü-
che zwischen der BzP und der vertieften Anhörung seien – wenn die Aus-
sagen nicht diametral voneinander abweichen würden – nicht derart stark
zu gewichten.
In der BzP habe er zu seinem letzten Aufenthalt in F._ auch mehr
sagen wollen, sei aber unter Hinweis auf die spätere vertiefte Anhörung
unterbrochen worden. Zudem habe der Dolmetscher keine genaue Rück-
übersetzung gemacht und nur kursorisch und schnell rückübersetzt, wes-
wegen ihm nicht aufgefallen sei, dass dieser Fehler im Protokoll gestanden
habe. Ähnliches gelte auch hinsichtlich der Missverständnisse zu den ver-
schiedenen Stationen in der Rehabilitation. Diese Abweichung vermöge
nicht die ganze Rehabilitationshaft in Zweifel zu ziehen.
Weiter habe er die Ereignisse seiner Verfolgung detailreich und nicht aus-
schweifend, wie die Vorinstanz meine, erzählt, weshalb sie glaubhaft seien.
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Beim Vorfall am Geburtstag der Schwester, wo er sich im Schrank habe
verstecken können, verwies er ebenfalls auf Details und vorhandene Real-
kennzeichen.
Zur Nachvollziehbarkeit des behördlichen Interesses an ihm verwies er auf
die willkürliche Repression bei Personen, die eine Rehabilitationshaft
durchlaufen hätten, die nicht immer durch nachvollziehbare Gründe erklärt
werden könnten. Die beschriebene Repression passe dazu, dass er in Re-
habilitationshaft gewesen sei, und dass ihm weiterhin Kontakte zu
I._ unterstellt würden.
Weiter konstruiere die Vorinstanz einen Widerspruch aus Aussagen, bei
denen es sich lediglich um Mutmassungen seinerseits gehandelt habe:
Zum einen nehme er an, dass die Behörden die ganze Familie verdächti-
gen würden, Kontakte zu I._ zu haben; dies zeige sich auch darin,
dass nun auch sein Bruder behördlich verfolgt werde; zum anderen sei er
der einzige der Familie gewesen, der eine Rehabilitationshaft durchge-
macht habe, weshalb er vermute, dass er für die Behörden von besonde-
rem Interesse gewesen sei; dazu passe, dass er anfangs als einziger der
Familie Repressionen erlebt habe. Beide Vermutungen seien aber lediglich
Spekulationen seinerseits darüber, welche Verfolgungsmotive die Behör-
den haben könnten.
In der Gesamtschau habe er abgesehen von wenigen missverständlichen
Aussagen sehr detailliert und widerspruchsfrei darlegen können, inwiefern
er verfolgt worden sei und habe dies glaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG
machen können.
4.2.2 Hinsichtlich seiner Flüchtlingseigenschaft führte er aus, er sei nach
zweijähriger Rehabilitationshaft mit intensiver Folterung und schwerster
Zwangsarbeit während weiteren drei Jahren unter monatlicher Unter-
schriftspflicht gestanden. Danach sei ihm unterstellt worden, weiterhin mit
einem bekannten untergetauchten LTTE-Kommandanten in Kontakt zu
stehen. Er sei deshalb zum Verhör geladen und es sei ihm eine weitere
Rehabilitationshaft angedroht worden. Davor habe er sich gefürchtet und
sich deswegen versteckt. Als rehabilitierter Person würden ihm auch bei
wenig begründeten Verdachtsmomenten unverhältnismässig starke Verfol-
gungsmassnahmen drohen. Die wiederholten Vorladungen liessen eine er-
neute asylrelevante Verfolgung als sehr wahrscheinlich erscheinen. Ange-
sichts seiner früheren Erlebnisse habe er eine begründete Furcht vor er-
neuter Verfolgung gehabt. Dafür spreche auch, dass seit seiner Ausreise
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stattdessen sein Bruder immer öfters behelligt werde. Der Beschwerdefüh-
rer reichte auf einer CD ein Video ein, das zeigen soll, wie zivilgekleidete
Beamte nach Hause kommen, die übrigen Familienmitglieder ins Haus
schicken und den Bruder draussen befragen.
Gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zur Risiko-
analyse unterliege der Beschwerdeführer als Person, die auch nach Been-
digung des Bürgerkriegs im Verdacht stehe, mit den LTTE in Verbindung
zu stehen oder gestanden zu haben, einer erhöhten Verfolgungsgefahr. Es
reiche bereits, dass ein Verdacht bestehe, Handlungen zugunsten den
LTTE vorgenommen zu haben. Er erfülle den Hauptrisikofaktor der «tat-
sächlichen Verbindung zu den LTTE». Er stehe weiter im Interesse der Be-
hörden, obwohl er bereits eine Rehabilitation durchlaufen habe. Er weise
ferner mehrere Narben auf, die als Brandnarben erkennbar seien und auf
die vergangene Haft beziehungsweise Folterungen hinweisen würden. Da-
mit sei auch eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung zu bejahen.
Die vor der Flucht erlebte Verfolgung sei gezielt gegen ihn gerichtet gewe-
sen, auch wenn der ganzen Familie ein Kontakt mit I._ unterstellt
worden sei. Er sei zweimal vorgeladen worden. Er könne weiter auch kei-
nen Schutz beim sri-lankischen Staat suchen, da er durch dessen Behör-
den behelligt werde. Schliesslich fusse die Verfolgung in seiner ethnischen
Zugehörigkeit und seiner politischen Gesinnung. Er erfülle sämtliche Vo-
raussetzungen der Flüchtlingseigenschaft, weshalb ihm Asyl zu erteilen
sei.
4.3 Die Vorinstanz äusserte sich in der Vernehmlassung zu dem mit der
Beschwerde eingereichten Video, welches angeblich eine behördliche Be-
fragung des Bruders dokumentieren soll. Die Videoaufnahmen würden im
Widerspruch zu den Ausführungen des Beschwerdeführers stehen, nach-
dem darauf lediglich mehrere Personen zu sehen seien, die sich draussen
vor dem Haus aufhalten. Das Video vermöge zudem angesichts der leich-
ten Fälschbarkeit und der unglaubhaften Aussagen im Verlauf des Asylver-
fahrens die Vorbringen des Beschwerdeführers weder zu belegen noch die
Einschätzung des SEM zu ändern (B-act. 4).
4.4 Replikweise führte der Beschwerdeführer aus, das Video zeige nur den
Anfang der Befragung, bis die filmende Person sich habe ins Haus bege-
ben müssen. Die ganze Familie habe ins Haus gehen müssen und sei be-
wacht worden, während der Bruder draussen befragt worden sei. Die ei-
gentliche Befragung habe nicht gefilmt werden können. Dies zeige eben
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gerade, dass es sich um eine echte und nicht um eine konstruierte Situa-
tion handle. Es stehe damit fest, dass das behördliche Interesse am Ver-
bleib des Beschwerdeführers anhalte. Sein Bruder sei ausserdem im Juli
2019 erneut verhört und nach seinem Verbleib gefragt worden. Bei einer
allfälligen Rückschaffung drohe ihm erneut asylrelevante Verfolgung
(B-act. 6).
Mit Eingabe vom 30. September 2019 ergänzte der Beschwerdeführer,
sein Bruder werde weiterhin behelligt. Dieser habe den Behörden angege-
ben, er habe keinen Kontakt zum Beschwerdeführer, gehe aber davon aus,
dass er nicht mehr in der Schweiz sei. Wiederum sei von den Armeeange-
hörigen der Verdacht geäussert worden, der Beschwerdeführer unterhalte
immer noch Kontakte zu den ehemaligen LTTE-Führern I._ und
H._. Die Verdächtigungen würden sich vor allem darauf beziehen,
dass die Familie mit externen Geldern unterstützt werde, nachdem sie bei-
spielsweise eine neue Erntemaschine habe anschaffen können (B-act. 7,
s. auch B-act. 8).
5.
5.1 Das SEM zieht in Erwägung, die Vorbringen des Beschwerdeführers
hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht
stand (oben E. 4.1.3).
5.1.1 Soweit das SEM unterschiedliche Angaben hinsichtlich des Aufent-
halts des Beschwerdeführers in verschiedenen Rehabilitationscamps fest-
stellt, ist dem Beschwerdeführer zuzustimmen, dass er in der BzP nicht die
Möglichkeit hatte, sich dazu ausführlich zu äussern. Auch hatte er im Rah-
men der BzP nicht den Raum, die Verpflichtung zum CIC-Programm durch
die staatlichen Behörden zu erörtern. Zudem kann die Frage nach der
Glaubhaftigkeit hinsichtlich der Details seiner Angaben zur Rehabilitation
im Zeitraum von 2009 bis 2011, seiner Tätigkeit für die LTTE in den Jahren
2007 bis Anfang 2009 und allfälliger Ereignisse im Rahmen der Flucht im
Jahr 2009 offen gelassen werden, da diese Ereignisse mangels zeitlichen
Kausalzusammenhangs in jedem Fall nicht asylrelevant sind. Diese Ereig-
nisse liegen zeitlich mehrere Jahre vor der Ausreise des Beschwerdefüh-
rers aus Sri Lanka. Wie im Folgenden aufgezeigt wird, fehlen nachvollzieh-
bare Gründe, weshalb im Zeitpunkt der Ausreise im Januar 2016 noch vom
Bestehen einer begründeten Furcht vor Verfolgung auszugehen gewesen
sein soll (zur Aktualität der Verfolgung vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.5). Daran
ändern auch allfällige Ungenauigkeiten in der Übersetzung während der
BzP nichts.
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5.1.2 Zu bestätigen sind hingegen die Erwägungen der Vorinstanz, was die
Beurteilung der Glaubhaftigkeit der beiden geltend gemachten Vorfälle im
Dezember 2014, als der Beschwerdeführer auf der Strasse von Soldaten
angehalten worden und anschliessend zum Onkel nach F._ geflo-
hen sei, sowie vom 26. November 2015, als am Geburtstag der Schwester
ebenfalls Soldaten gekommen seien, betrifft.
Das Bundesverwaltungsgericht geht mit der Vorinstanz einig, dass in den
Schilderungen dieser beiden Ereignisse wenig Substantiierung hinsichtlich
bedrohlicher Situationen ersichtlich sind. Dass der Beschwerdeführer an-
geblich seit Dezember 2014 beim Onkel versteckt in F._ gelebt
habe (A16 F23, 25 ff.), entspricht zudem nicht seinen Angaben in der BzP,
er habe bis zur Ausreise in B._ gelebt (A4 Ziff. 2.01)
Beim beschriebenen Ereignis auf der Strasse ist nicht nachzuvollziehen,
was die Soldaten vom Beschwerdeführer, der in untergeordneter Stellung
Jahre zuvor im LTTE-Lager in der Landwirtschaft geholfen hatte, über den
ehemaligen Lagerkommandanten I._ hätten erfahren können. Er
konnte dies auch selbst nicht erklären und begründete es damit, dass der
Familie unterstellt werde, von I._ aus dem Ausland unterstützt zu
werden, weil es ihr finanziell gut gehe. Deshalb werde jetzt seit seiner Aus-
reise auch sein Bruder behelligt (A16 F119-F123). Gemäss seinen Anga-
ben unterstand der Beschwerdeführer jedoch seit seiner Entlassung aus
der Rehabilitation staatlichen Kontrollpflichten und musste monatlich Un-
terschriften leisten. Nach dem Tod seines Vaters am (...) 2014 sei er nicht
mehr hingegangen, weshalb sie in der Folge gekommen seien und ihn auf
seine Pflicht hingewiesen, ihn dann aber schliesslich in Ruhe gelassen hät-
ten (A16 F92-F95). Unter dem Aspekt, dass der Beschwerdeführer offen-
bar seit (...) 2014 seiner Kontrollpflicht nicht mehr nachkam, wäre die An-
haltung durch die Soldaten im Dezember 2014 durchaus nachvollziehbar,
allerdings im Hinblick auf seine Unterschriftspflicht und nicht hinsichtlich
der behaupteten Suche der Behörden nach I._.
Was den Geburtstag der Schwester am 26. November 2015 betrifft, bleibt
aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers offen, aus welchem Grund
die Soldaten gekommen seien. Einerseits gab er an, Nachbarn hätten bei
den Behörden denunziert, dass er zu Hause sei (A16 F67), andererseits
führte er aus, Nachbarn hätten bei den Behörden gemeldet, dass an Prab-
hakarans Geburtstag ein Fest bei der Familie des Beschwerdeführers statt-
finde (A16 F76, 80, Beschwerde Rz 21). Die Soldaten sollen aber jedenfalls
gewusst haben, dass der Beschwerdeführer zu Hause sei (A16 F76, 80);
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nicht nachvollziehbar ist allerdings, dass sie sich lediglich im Wohnzimmer
umgesehen hätten, in den andern Räumen des Hauses, wo der Beschwer-
deführer sich habe verstecken können, hingegen nicht gesucht hätten (A16
F77-F79). Wenn sie wirklich wegen des Beschwerdeführers gekommen
wären und gewusst hätten, dass er anwesend war, hätten sie in nachvoll-
ziehbarer Weise auch das ganze Haus durchsucht. Die geltend gemachten
Ereignisse erscheinen konstruiert. Ebenfalls nicht plausibel ist zudem,
dass der Beschwerdeführer trotz der beschriebenen Furcht vor den Behör-
den überhaupt bei der Feier anwesend war, nachdem er sich angeblich seit
Dezember 2014 beim Onkel in F._ versteckt und die Familie jeweils
nur nachts besucht habe.
Nach dem gesagten ergibt sich mit der Vorinstanz, dass es dem Beschwer-
deführer nicht gelungen ist, die Ereignisse im November 2014 und Dezem-
ber 2015 – aufgrund derer er sich zur Flucht aus Sri Lanka entschlossen
habe – glaubhaft zu machen.
5.1.3 Dazu kommt, dass der Beschwerdeführer in der Nacht vom 26. No-
vember 2015 ohne Probleme von B._, Nordprovinz, mit dem Zug
nach Colombo gereist sein will, das heisst ohne auf dem Weg von Behör-
den aufgehalten oder kontrolliert worden zu sein (A4 F5.01, F7.01; A16
F20, F67 S. 9, F76). Auch hat er offenbar ohne Probleme am nächsten Tag
einen Pass ausgestellt erhalten (A16 F67 S. 9, F130, F139). Wäre er bei
den Behörden als Person mit vermuteten massgeblichen Verbindungen zu
den LTTE registriert gewesen, wäre auch dies nicht nachtvollziehbar.
Ebenfalls gegen eine angebliche Furcht vor Verfolgung spricht seine An-
gabe, er sei auf dem Flughafen in Colombo mit seinem eigenen Pass legal
ausgereist (A4 F5.02). Die Erklärung, er sei bis zum Boarding durchge-
schleust worden, für die Ausreise aus Sri Lanka habe er den Pass zurück-
erhalten, in der Türkei sei er ihm wieder weggenommen worden, weil er
gemäss dem Schlepper für die Reise über die Balkanroute keinen Pass
brauche (A4 F4.02, A16 F131–136), ist nicht glaubhaft.
5.1.4 Die im Beschwerdeverfahren eingereichten Beweismittel sind nicht
geeignet, eine vor der Ausreise erlebte oder für die Zukunft befürchtete
Verfolgung glaubhaft zu untermauern.
Was das eingereichte Video betrifft, das angeblich aufzeigen soll, wie der
Bruder des Beschwerdeführers von den Behörden behelligt werde (vgl.
Beilage zu B-act. 1), sind die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz in
ihrer Vernehmlassung zu bestätigen (vgl. oben E. 4.3). Die kurze Video-
E-3646/2019
Seite 14
sequenz zeigt mehrere Personen, die ausserhalb eines Hauses auf Stüh-
len sitzen; der Film hört auf, als die filmende Person ins Haus geht; aus
dem Film ist weder eine Befragung oder Behelligung des Bruders des Be-
schwerdeführers ersichtlich, noch lässt sich betreffend den Beschwerde-
führer etwas aus dem Film ableiten.
Was die eingereichte Bestätigung des Justice of Peace vom 27. Februar
2018 betrifft, der die Aussagen der Mutter des Beschwerdeführers bekräf-
tigt, kommt diesem Schreiben lediglich die Beweiskraft einer Gefälligkeits-
bestätigung zu. Die Aussagen der Mutter bleiben inhaltlich vage und gene-
rell; es wird bestätigt, der Beschwerdeführer sei "immer wieder vom Ge-
heimdienst bedroht und behelligt" worden, und seit seiner Ausreise werde
nun sein Bruder nach ihm befragt (vgl. B-act. 8); präzisere Angaben finden
sich nicht. Auch dieses Schreiben ist nicht geeignet, die Vorbringen des
Beschwerdeführers beweiskräftig zu untermauern.
5.2 Darüber hinaus ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass sich das Mass
der Überwachungsmassnahmen, die der Beschwerdeführer geltend ge-
macht hat, nicht als asylrelevant erweist. Dies gilt auch – ungeachtet der
fehlenden Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen – für die beiden Ereignisse
vom Dezember 2014 und vom November 2015.
5.2.1 Der Beschwerdeführer unterstand nach der Entlassung aus der Re-
habilitation während drei Jahren einer monatlichen Kontroll- und Überwa-
chungspflicht und musste jeweils Unterschriften leisten. Wie die Vorinstanz
zu Recht ausführte, sind entsprechende Kontrollpflichten, namentlich man-
gels einer hinreichenden Intensität, nicht asylrelevant.
5.2.2 Ebenfalls nicht eine hinlängliche Intensität käme den geltend ge-
machten Überwachungsmassnahmen gegenüber der Familie des Be-
schwerdeführers zu, die seit seiner Ausreise seinen Angaben gemäss be-
helligt werde. Der Beschwerdeführer macht geltend, die ganze Familie
stehe unter Verdacht, noch Beziehungen zu den LTTE respektive zum
Kommandanten I._ zu haben. Seit seiner Ausreise werde nunmehr
sein jüngerer Bruder, der jetzt den Betrieb führe, immer wieder wegen
seine Abwesenheit kontrolliert und befragt, einmal sei er auch vorgeladen
worden. Schwerer wiegende Vorfälle haben sich gemäss den Angaben des
Beschwerdeführers nicht ereignet; auch gegenüber seiner Mutter – die
nach seiner Darstellung während des Bürgerkriegs das LTTE-Lager eben-
falls unterstützt habe (F16 F40) – sind keine weitergehenden Massnahmen
E-3646/2019
Seite 15
erfolgt. Betreffend den Beschwerdeführer lassen sich aus diesen Darstel-
lungen keine Hinweise ableiten, die auf eine begründete Furcht vor Verfol-
gung schliessen lassen könnten.
Daher sind die Eingriffe und Behelligungen gegenüber dem Beschwerde-
führer nicht genügend intensiv, um die Bedrohungslage objektiv als so
schwerwiegend zu beurteilen, wie der Beschwerdeführer subjektiv befürch-
tet. Letztlich war er gemäss seinen Angaben für die LTTE nur in ziviler Hin-
sicht in sehr untergeordneter Funktion tätig und es ist nicht ersichtlich, wes-
halb er über für die sri-lankischen Behörden interessantes Wissen betref-
fend Strategie oder Geheimnisse der LTTE oder betreffend frühere Kader-
persönlichkeiten verfügen könnte. Es bleibt daher auch nicht nachvollzieh-
bar, weshalb ausgerechnet er über den Verbleib des Kommandanten
I._ sollte Auskunft geben können. Daran ändert auch nichts, wenn
der Beschwerdeführer vorbringt, dass in Sri Lanka nach wie vor willkürliche
Repressionen stattfänden, die nicht immer durch nachvollziehbare Gründe
erklärt werden könnten.
5.3 Zusammenfassend ergibt sich, dass die geltend gemachten Verfol-
gungsmassnahmen ab Dezember 2014 den Anforderungen an die Glaub-
haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand halten. Zudem erreichen die Er-
eignisse, selbst wenn sie geglaubt werden könnten, nicht eine genügende
Intensität hinsichtlich einer asylrelevanten Verfolgung. Daher konnte der
Beschwerdeführer das Bestehen einer begründeten Furcht vor Verfolgung
durch die sri-lankischen Behörden im Zeitpunkt seiner Ausreise im Januar
2016 nicht dartun.
6.
6.1 Weiter ist zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer – wie er geltend macht
– im heutigen Zeitpunkt bei einer Rückkehr nach Sri Lanka aufgrund seiner
LTTE-Vergangenheit sowie seiner exilpolitischen Tätigkeit in der Schweiz
ernsthafte Nachteile (im Sinne von Nachfluchtgründen) drohen würden.
6.2 Die zu prüfenden Risikofaktoren hat das Bundesverwaltungsgericht im
Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 skizziert. Sie haben weiter-
hin Gültigkeit. Nach wie vor besteht seitens der sri-lankischen Behörden
gegenüber Personen tamilischer Ethnie, die aus dem Ausland, insbeson-
dere aus der Schweiz, zurückkehren, eine erhöhte Wachsamkeit. Indessen
kann nicht generell angenommen werden, jeder aus Europa oder der
Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende sei alleine aufgrund sei-
nes Auslandaufenthaltes der ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung
E-3646/2019
Seite 16
und Folter ausgesetzt (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.3). Im Kern geht die
Rechtsprechung davon aus, dass jene Rückkehrenden eine begründete
Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen
seitens der sri-lankischen Behörden Bestrebungen zugeschrieben werden,
den nach wie vor als Bedrohung wahrgenommenen tamilischen Separatis-
mus wiederaufleben zu lassen respektive den sri-lankischen Einheitsstaat
zu gefährden. Die in diesem Zusammenhang geltend und glaubhaft ge-
machten Risikofaktoren sind in einer Gesamtschau, inklusive ihrer allfälli-
gen Wechselwirkung und unter Berücksichtigung der konkreten Umstände,
in einer Einzelfallprüfung dahingehend zu prüfen, ob sie mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit für eine drohende flüchtlingsrelevante Verfolgung spre-
chen (vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.5.5). Als stark risikobegründende Fakto-
ren, welche bereits für sich allein genommen zur Bejahung einer begrün-
deten Furcht vor asylrelevanter Verfolgung bei der Rückkehr nach Sri
Lanka führen können, hat die Rechtsprechung dabei namentlich einen Ein-
trag in die sogenannte «Stop-List» (d.h. das Vorhandensein eines Eintrags
mit Hinweis auf ein Strafurteil, eine gerichtliche Anordnung oder einen Haft-
befehl im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbin-
dung zu den LTTE; vgl. Urteil E-1866/2015 E. 8.2, 8.4.1, 8.4.3 und 8.5.2),
Verbindung zu den LTTE (vgl. a.a.O. E. 8.4.1 und 8.5.3) und die regimekri-
tische Betätigung im Ausland (vgl. a.a.O. E. 8.4.2 und 8.5.4) identifiziert.
Demgegenüber stellen schwach risikobegründende Faktoren (namentlich)
dar: Das Fehlen ordentlicher Identitätsdokumente bei der Einreise in Sri
Lanka, eine zwangsweise respektive durch die IOM begleitete Rückfüh-
rung oder Narben (vgl. a.a.O. E. 8.4.4, 8.4.5 und 8.5.5). Der Dauer eines
Aufenthaltes im Ausland kommt keine direkte Risikorelevanz zu (vgl. a.a.O.
E. 8.4.6, 9.2.4). Diese Risikofaktoren verstehen sich nicht als abschlies-
send (a.a.O. E. 9.1). Soweit sich solche Risikofaktoren mit solchen decken,
welche bereits vor der Ausreise zu flüchtlingsrelevanter Verfolgung hätten
führen können, schliesst die Tatsache, dass sich dies damals nicht reali-
siert hatte, nicht aus, dass die betroffene Person bei einer Rückkehr be-
gründete Furcht vor Verhaftung und Folter hat (vgl. a.a.O. E. 8.5.6; zum
Ganzen statt vieler: Urteil E-4917/2020 vom 1. Dezember 2020 E. 5.2.1).
6.3 Der Bezug des Beschwerdeführers zu den LTTE beziehungsweise
seine Mitgliedschaft bei den LTTE von 2007 bis Anfang 2009 wird von der
Vorinstanz nicht bezweifelt. Allerdings geht sie davon aus, dass er nach
erfolgter Rehabilitation in die sri-lankische Gesellschaft reintegriert worden
sei. Die erfolgten Überwachungsmassnahmen und die damit verbundenen
Beeinträchtigungen hätten kein asylrelevantes Ausmass erreicht. Die Vor-
E-3646/2019
Seite 17
instanz verneint weitere im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende Risiko-
faktoren, die ein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden
auszulösen vermocht hätten. Hinsichtlich dem Vorbringen des Beschwer-
deführers, er habe in der Schweiz an Demonstrationen teilgenommen,
kommt das SEM zum Schluss, reine Mitläufertätigkeiten von untergeord-
neter Bedeutung, wie etwa die blosse Teilnahme am Heldentag, reichten
für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft nicht aus. Deshalb ver-
möge die geltend gemachte Teilnahme an drei Demonstrationen in der
Schweiz keine Furcht vor flüchtlingsrelevanter Verfolgung bei einer Rück-
kehr nach Sri Lanka zu begründen.
6.4 Diese Auffassung der Vorinstanz ist zu bestätigen. Hinsichtlich der vor-
handenen Risikofaktoren kann Folgendes präzisiert werden:
6.4.1 Mit der ehemaligen Mitgliedschaft des Beschwerdeführers bei den
LTTE ist grundsätzlich von einem stark risikobehafteten Faktor auszuge-
hen. Allerdings bestand seine Tätigkeit für die LTTE gemäss seinen Anga-
ben darin, sie in der Landwirtschaft zu unterstützen, indem er für das Lager
in B._ zum Vieh geschaut und Kühe gemolken sowie mit dem Trak-
tor gepflügt habe (vgl. A16 F39 ff.). Daraus ergibt sich eine sehr unterge-
ordnete Rolle bei den LTTE, auch wenn er von vorgesetzten Kadern An-
weisungen erhalten habe. Aufgrund dieser Rolle ist nicht nachzuvollziehen,
dass dem Beschwerdeführer durch die Behörden Bestrebungen zuge-
schrieben werden könnten, den tamilischen Separatismus wiederaufleben
zu lassen respektive den sri-lankischen Einheitsstaat zu gefährden. Solche
Verdächtigungen wären zwar hinsichtlich der – gemäss dem Beschwerde-
führer – weiterhin gesuchten Kaderpersonen der LTTE, insbesondere des
ehemaligen Kommandanten I._ denkbar, es ist aber nicht einsich-
tig, weshalb ausgerechnet der Beschwerdeführer aufgrund seiner unterge-
ordneten Rolle im ehemaligen LTTE-Lager in B._ den Behörden auf
der Suche nach diesen Personen dienen könnte. Der Beschwerdeführer
war zudem den Behörden im Nachgang zur Rehabilitationshaft bekannt
und unterstand jedenfalls bis Frühling 2014 einer monatlichen Kontroll-
pflicht. Trotzdem war es ihm im Dezember 2015 möglich, einen Pass zu
erhalten und legal mit diesem Pass auszureisen (oben E. 5.1.3). Hätten die
Behörden ein derartiges Interesse an ihm, wie er behauptet, wäre weder
die Ausstellung eines Passes noch die legale Ausreise über den Flughafen
Colombo denkbar gewesen und ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
zu bezweifeln, dass ein erhöhtes Interesse an ihm bei einer Rückkehr be-
stehen würde.
E-3646/2019
Seite 18
6.4.2 Weiter wird nicht bezweifelt, dass der Beschwerdeführer in der
Schweiz an der Demonstration in K._ vom (...) 2017 sowie an zwei
weiteren Demonstrationen teilnahm und einmal mit einer überlebensgros-
sen Kartonfigur des LTTE-Führers auf der Bühne stand. Darüber hinaus
gibt er selbst an, keinen Kontakt zu irgendwelchen exilpolitischen Gruppie-
rungen oder Organisationen in der Schweiz zu haben (A16 F57 ff.). Der
Vorinstanz ist zuzustimmen, dass die sri-lankischen Behörden allein dar-
aus, dass der Beschwerdeführer bei der Demonstration mit mehreren hun-
dert Personen mitlief und einmalig mit der Kartonfigur des LTTE-Führers
auf der Bühne stand, keine Gefährdung des sri-lankischen Staates ableiten
dürften; es dürfte im Übrigen kaum möglich sein, den Beschwerdeführer
anhand der vorliegenden Bilder namentlich zu identifizieren. Daran ändert
nichts, dass die Demonstration in K._ im Internet live übertragen
wurde und weiterhin abrufbar ist. Von einem exponierten und den Be-
schwerdeführer gefährdenden exilpolitischen Engagement kann nicht die
Rede sein.
6.4.3 Hinsichtlich den schwach risikobegründenden Faktoren ist festzustel-
len, dass der Beschwerdeführer zwar nicht über einen Pass, aber über eine
Identitätskarte verfügt. Weiter macht er noch sichtbare Narben (...) aus der
Rehabilitationshaft geltend (vgl. B-act. 1 Rz. 10 f., Rz. 45). Diese lassen
sich indes durch Kleider verdecken. Weiter käme der Beschwerdeführe
nach mehreren Jahren Abwesenheit aus der Schweiz zurück, wobei der
alleinigen Abwesenheit im Ausland keine Risikorelevanz zukommt und er
legal ausgereist ist. Demnach ergibt sich im Ergebnis in Ergänzung zu den
Ausführungen der Vorinstanz, dass in Berücksichtigung der Risikofaktoren
insgesamt nicht davon auszugehen ist, dass der Beschwerdeführer bei ei-
ner Rückkehr nach Sri Lanka in den Fokus der Behörden geraten und
flüchtlingsrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein könnte.
6.5 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer keine Vorfluchtgründe
glaubhaft gemacht. Soweit er subjektive Nachfluchtgründe geltend macht,
erweist es sich nicht als in einem genügenden Mass wahrscheinlich, dass
er bei seiner Rückkehr in den Fokus des sri-lankischen Staats geraten und
flüchtlingsrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt sein könnte.
Die Vorinstanz hat deshalb zu Recht sein Asylgesuch abgewiesen und die
Flüchtlingseigenschaft verneint.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
E-3646/2019
Seite 19
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs-
vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen-
schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich
ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24
E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
E-3646/2019
Seite 20
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch die all-
gemeine Menschenrechtssituation und die heutige politische Situation in
Sri Lanka lassen den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt als un-
zulässig erscheinen (vgl. statt vieler den Entscheid E-4836/2018 vom 30.
April 2021 E. 12.3.1 m.w.H.). Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Weg-
weisung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Die Vorinstanz hat die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs be-
jaht. Ihre Schlussfolgerungen sind nicht zu beanstanden. Der bewaffnete
Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und den LTTE ist im Mai
2009 zu Ende gegangen. Aktuell besteht in Sri Lanka keine gänzlich unsi-
chere, von bewaffneten Konflikten oder anderen unberechenbaren Unru-
hen dominierte Lage, aufgrund derer Rückkehrer unabhängig ihres indivi-
duellen Hintergrunds konkret gefährdet wären. Das Bundesverwaltungsge-
richt geht weiterhin davon aus, dass in Sri Lanka weder Krieg noch eine
Situation allgemeiner Gewalt herrscht und der Wegweisungsvollzug zu-
mutbar ist, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien
(insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen Bezie-
hungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann (vgl. Referenzurteile E-1866/2015
E-3646/2019
Seite 21
E. 13.2 [Nord- und Ostprovinz ohne Vanni-Gebiet] sowie D-3619/2016 vom
16. Oktober 2017 [Vanni-Gebiet]). Diese Einschätzung bleibt auch nach
den aktuellen Entwicklungen in Sri Lanka bestehen (vgl. statt vieler Ent-
scheid E-4738/2020 vom 21. Juni 2021 E. 8.3.1 m.w.H.).
8.3.2 Der Beschwerdeführer wohnte bis zu seiner Ausreise bei seiner Fa-
milie in B._, Distrikt C._, Nordprovinz, soweit er sich seit De-
zember 2014 nicht bei seinem Onkel in F._, Distrikt G._,
Nordprovinz, aufhielt. Gemäss seinen Angaben leben in B._ seine
Mutter und der jüngere Bruder, der den landwirtschaftlichen Betrieb der
Familie führt. Die Familie besitze verschiedene Grundstücke in B._
und in F._ und sei finanziell gut gestellt. Der Beschwerdeführer ist
gemäss seinen Angaben während elf Jahren zur Schule gegangen und
führte bis zu seinem Weggang den landwirtschaftlichen Betrieb der Fami-
lie. Ausserdem habe er als (...) gearbeitet. Der Beschwerdeführer macht
zwar Rückenprobleme als Folge der Rehabilitationshaft geltend, er war
aber nach der Rehabilitation in der Lage, während Jahren den Familienbe-
trieb zu führen. Darüber hinaus sind aus den Akten keine Hinweise ersicht-
lich, die für ein Vollzugshindernis aus gesundheitlichen oder anderen Grün-
den sprechen würden. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der
Wegweisung demnach auch als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem unterlie-
genden Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem
E-3646/2019
Seite 22
das Bundesverwaltungsgericht ihm mit Zwischenverfügung vom 30. Juli
2019 die unentgeltliche Prozessführung gewährt hat und die Bedürftigkeit
auch weiterhin noch besteht, sind dem Beschwerdeführer jedoch keine
Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
10.2 In der genannten Zwischenverfügung vom 30. Juli 2019 wurde Frau
MLaw Cora Dubach, Freiplatzaktion D._, dem Beschwerdeführer
als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Sie hat mit der Beschwerde
ihre Honorarnote eingereicht und einen Aufwand von 13 Stunden à Fr.
150.–, insgesamt Fr. 1'950.– (inkl. Besprechung mit dem Beschwerdefüh-
rer sowie Aktenstudium und Abklärungen), und Auslagen von Fr. 174.– (Ad-
ministrative Erfassung, Dolmetscheraufwand für die Besprechung mit dem
Beschwerdeführer, Porto), zusammen Fr. 2'124.–, ohne Mehrwertsteuer,
geltend gemacht. Zum geltend gemachten Aufwand kommen drei Kurzein-
gaben vom 23. August 2019, vom 30. September 2019 und vom 11. März
2020.
Das Gericht erachtet den geltend gemachten Aufwand für die Ausarbeitung
der Beschwerde in Berücksichtigung der Schwierigkeit und des nicht über-
mässigen Umfangs der Akten als leicht überhöht, in Berücksichtigung der
weiteren drei Eingaben ist der Aufwand von 13 Stunden für das Verfahren
jedoch als angemessen zu bezeichnen. Der Stundenansatz von Fr. 150.–
für die nichtanwaltliche amtliche Vertreterin ist praxiskonform (siehe Zwi-
schenverfügung vom 30. Juli 2019). Hinsichtlich der geltend gemachten
Auslagen wird die administrative Pauschale zur Dossiereröffnung praxis-
gemäss nicht erstattet; im Übrigen sind die Auslagen (Kosten für die Dol-
metscherin; Porti) angemessen. Mehrwertsteuern sind keine geschuldet.
Demnach ergibt sich ein Honorar von total 2'074.– (inkl. Auslagen), das der
Vertreterin aus der Gerichtskasse auszurichten ist.
(Dispositiv nächste Seite)
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