Decision ID: 279d0a43-4b5e-5186-9ece-9a1bfcda6794
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Oktober 2012 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Sie gab an, sie habe eine Ausbildung zur
Psychiatriepflegerin absolviert. Ihre Arbeitgeberin teilte im November 2012 mit (IV-act.
11), sie beschäftige die Versicherte seit März 2010 als Pflegefachfrau mit einem
Pensum von 80 Prozent. Der Jahreslohn belaufe sich seit Januar 2012 auf 76’773.10
Franken. Eine Psychologin berichtete im November 2012 (IV-act. 19–5 ff.), die
Versicherte habe über eine hoch belastende berufliche Situation und über eine stark
belastete Lebenssituation mit (unter anderem) einer Trennung vom alkoholabhängigen
Ehemann im Jahr 2004, einem anschliessenden siebeneinhalb Jahre dauernden
Scheidungsprozess, Alkoholproblemen des Sohnes und einer hohen
Betreuungsbedürftigkeit der an einem Down-Syndrom leidenden Tochter berichtet.
Eine Discushernie habe für die Versicherte ein „Stoppsignal“ gesetzt. Diagnostisch
lägen eine schwergradige Major Depression und eine Schmerzstörung mit psychischen
und somatischen Faktoren vor. Der Psychiater Dr. med. B._ attestierte im Februar
2013 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit, empfahl aber einen Arbeitsversuch in einem
Pensum von maximal 50 Prozent (IV-act. 22). Im November 2013 berichtete Dr. B._
(IV-act. 34), die Versicherte habe ihren Arbeitsplatz gewechselt, was zu einer
Verbesserung ihres Zustandes geführt habe. Diagnostisch liege eine aktuell remittierte
rezidivierende depressive Störung bei akzentuierten Persönlichkeitszügen (ängstlich
vermeidend) vor. Die Arbeitsfähigkeit der Versicherten sei aktuell nicht eingeschränkt.
Mit einer Mitteilung vom 26. November 2013 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren
der Versicherten betreffend Rente und berufliche Massnahmen ab (IV-act. 38).
A.a.
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Im März 2015 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-act.
39). Die IV-Stelle forderte sie auf, eine wesentliche Veränderung des relevanten
Sachverhaltes glaubhaft zu machen (IV-act. 43). In der Folge berichtete die
behandelnde Psychiaterin Dr. med. C._ (IV-act. 45), die Versicherte leide an einer
rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode.
Momentan sei sie vollständig arbeitsunfähig. Die Arbeitgeberin teilte im Juni 2015 mit
(IV-act. 57), die Versicherte habe seit Oktober 2014 als Pflegefachfrau für sie
gearbeitet. Das Pensum habe 80 Prozent betragen. Der Lohn habe sich auf 13 × 5’200
= 67’600 Franken pro Jahr belaufen. Wegen der längerdauernden Arbeitsunfähigkeit sei
das Arbeitsverhältnis per 31. Juli 2015 aufgelöst worden. Bei einer beruflichen
Abklärung mit einem Pensum von 50 Prozent in einem geschützten Rahmen erbrachte
die Versicherte lediglich eine Leistung von 40 Prozent, weshalb die berufliche
Abklärung mangels Aussicht auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung im ersten
Arbeitsmarkt abgebrochen wurde (IV-act. 84). Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die
Medizinisches Gutachtenzentrum Region St. Gallen (MGSG) GmbH am 14. Januar
2017 ein orthopädisch-psychiatrisches Gutachten (IV-act. 126). Der orthopädische
Sachverständige führte aus, die Versicherte leide an einem Cervicovertebralsyndrom,
an einer Pseudolumbofemoralgie sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an
einer leichten Acromioclaviculargelenksarthrose mit einem leichten Impingement links.
Die angestammte Tätigkeit als Pflegefachfrau sei der Versicherten nur noch zu 50
Prozent zumutbar. Für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit könne dagegen eine
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit attestiert werden. Der psychiatrische
Sachverständige hielt fest, die Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven
Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen depressiven Episode und einem
somatischen Syndrom sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an ängstlich
vermeidenden, selbstunsicheren Persönlichkeitszügen. Aus psychiatrischer Sicht
könne ihr die angestammte Tätigkeit nur noch zu 50 Prozent zugemutet werden; eine
leidensadaptierte Tätigkeit sei zu 70 Prozent zumutbar. Am 30. Januar 2017 empfahl
Dr. med. D._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD), auf das Gutachten
abzustellen (IV-act. 127). Ein Rechtsdienstmitarbeiter notierte (vgl. IV-act. 128), die vom
psychiatrischen Sachverständigen attestierte Arbeitsunfähigkeit sei gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung irrelevant. Mit einer Verfügung vom 6. Juli 2017
wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act. 146). Zur
A.b.
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Begründung führte sie aus, der Invaliditätsgrad sei anhand der sogenannten
gemischten Methode zu berechnen. Der Erwerbsbereich sei mit 80 Prozent, der
Aufgabenbereich (Haushalt) mit 20 Prozent zu gewichten. Bei einem
Valideneinkommen von 67’600 Franken und einem 80 Prozent des statistischen
Zentralwertes der Löhne in der Schweiz entsprechenden Invalideneinkommen von
43’034 Franken resultiere im Erwerbsbereich ein Invaliditätsgrad von 36 Prozent.
Gewichtet mit 80 Prozent ergebe das einen Teilinvaliditätsgrad von 29 Prozent. Im
Aufgabenbereich (Haushalt) bestehe eine Einschränkung von zehn Prozent, was
gewichtet mit 20 Prozent einen Teilinvaliditätsgrad von zwei Prozent ergebe. Der
Gesamtinvaliditätsgrad betrage folglich 31 Prozent. Da erst ab einem Invaliditätsgrad
von 40 Prozent ein Anspruch auf eine Rente bestehe, sei das Rentenbegehren der
Versicherten mangels eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades abzuweisen. Diese
Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
Am 14. Juni 2018 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-
act. 150). Sie machte geltend, seit dem 1. Januar 2018 müsse der Invaliditätsgrad auf
eine neue Weise berechnet werden, wenn die gemischte Methode anzuwenden sei. Die
entsprechende Verordnungsbestimmung sehe deshalb ein „ausserordentliches“ Recht
auf eine Neuanmeldung vor. Auch die Rechtsprechung bezüglich Depressionen habe
sich geändert. Nach der aktuellen Rechtsprechung könne nicht vom Attest einer
Arbeitsunfähigkeit von 30 Prozent aus psychiatrischer Sicht abgewichen werden. Am
17. Juli 2018 notierte ein Mitarbeiter des Rechtsdienstes (IV-act. 152), die abweisende
Verfügung vom 6. Juli 2017 beruhe auf der mittlerweile überholten bundesgerichtlichen
Rechtsprechung, wonach leicht- bis mittelgradige depressive Störungen nicht
invalidisierend sein könnten, solange sie noch therapeutisch angehbar seien. Die
Änderung dieser Rechtsprechung stelle keinen Revisionsgrund dar. Darauf könne
folglich nicht eingegangen werden. Der Invaliditätsgrad sei in der Verfügung vom 6. Juli
2017 falsch berechnet worden; er hätte bei richtiger Berechnung anhand der „alten
gemischten Methode“ nur 18 Prozent betragen. Berechne man ihn neu unter
Berücksichtigung der „neuen gemischten Methode“, resultiere (jetzt erst) ein
Invaliditätsgrad von 31 Prozent. Bei diesem Ergebnis bestehe kein Anspruch auf die
Prüfung der Neuanmeldung im Sinne der Übergangsbestimmung zur IVV. Mangels
einer Sachverhaltsveränderung könne auf die Neuanmeldung nicht eingetreten werden.
A.c.
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B.
Mit einem Vorbescheid vom 17. Juli 2018 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-
act. 155), dass sie vorsehe, ihr Rentenbegehren abzuweisen. Zur Begründung führte
sie an, bei einem auf ein Vollpensum hochgerechneten Valideneinkommen von 84’750
Franken und bei einem ebenfalls auf ein Vollpensum hochgerechneten
Invalideneinkommen von 53’793 Franken resultiere im Erwerbsbereich ein
Invaliditätsgrad von 36 Prozent. Das entspreche einem gewichteten Teilinvaliditätsgrad
von 29 Prozent, sodass der Gesamtinvaliditätsgrad noch immer 31 Prozent betrage.
Die Änderung der Rechtsprechung zur invalidisierenden Wirkung von depressiven
Störungen stelle keinen Revisionsgrund dar. Dagegen liess die Versicherte am 10.
September 2018 einwenden (IV-act. 157), dass es unzulässig sei, einen Fehler zu
korrigieren, an dem die Verfügung vom 6. Juli 2017 ursprünglich gelitten habe; die IV-
Stelle hätte den in der Verfügung vom 6. Juli 2017 enthaltenen Invaliditätsgrad
„hochrechnen“ müssen, was zu einem Invaliditätsgrad von über 40 Prozent geführt
hätte. Auf die Neuanmeldung müsse folglich eingetreten werden. Mit einer Verfügung
vom 15. Oktober 2018 trat die IV-Stelle nicht auf die Neuanmeldung ein (IV-act. 158).
Am 15. November 2018 liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 15. Oktober 2018
erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung, die Zusprache einer Invalidenrente und eventualiter die Rückweisung der
Sache zu weiteren Abklärungen an die IV-Stelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin). Zur Begründung führte sie an, die Beschwerdegegnerin habe in
der angefochtenen Verfügung festgehalten, dass ihre Verfügung vom 6. Juli 2017
falsch gewesen sei. Mit der Korrektur der Berechnung sei sie auf die Neuanmeldung
eingetreten, weshalb es falsch gewesen sei, einen Nichteintretensentscheid zu
erlassen. Im Übrigen habe sie sich auch nicht hinreichend mit der Problematik der
Praxisänderung auseinandergesetzt. Das Bundesgericht lasse nämlich die Anpassung
von formell rechtskräftigen Verfügungen an eine zugunsten der Versicherten geänderte
Praxis unter gewissen Voraussetzungen zu, die hier erfüllt seien.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 7. Februar 2019 die Abweisung der
Beschwerde, soweit überhaupt darauf eingetreten werden könne (act. G 4). Zur
B.b.
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Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung ist die Beschwerdegegnerin nicht auf die
Neuanmeldung der Beschwerdeführerin eingetreten. Sie hat zwar einen
Einkommensvergleich durchgeführt, aber dabei hat es sich nur um einen „vorläufigen“,
auf einem nicht umfassend abgeklärten und deshalb nicht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehenden Sachverhalt
gehandelt, der für die Eintretensprüfung gemäss dem Abs. 2 der
Übergangsbestimmung zur Änderung der IVV vom 1. Dezember 2017 zwingend
erforderlich gewesen ist. Der Regelungsinhalt der Verfügung beschränkt sich also
ausschliesslich auf die Eintretensfrage. Da dieses Beschwerdeverfahren die
Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss
sein Gegenstand zwingend jenem des mit der angefochtenen Verfügung
abgeschlossenen Verwaltungsverfahrens entsprechen, was bedeutet, dass in diesem
Beschwerdeverfahren nur die Frage geprüft werden kann, ob die Beschwerdegegnerin
auf die Neuanmeldung hätte eintreten müssen. Würde das Versicherungsgericht –
darüber hinausgehend – auch die Frage prüfen, ob die Beschwerdeführerin einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung hat, würde es den Gegenstand des
Begründung führte sie aus, den Streitgegenstand bilde nur die Frage, ob auf die
Neuanmeldung hätte eingetreten werden müssen. Die Zusprache einer Rente gehöre
nicht zum Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens, weshalb auf den
entsprechenden Antrag nicht eingetreten werden könne. Für die Beantwortung der
Frage, ob die neue Anmeldung im Sinne der Übergangsbestimmung materiell zu prüfen
sei, habe der Invaliditätsgrad anhand der „neuen gemischten Methode“ berechnet
werden müssen. Diese neue Berechnung habe ergeben, dass auch bei der Anwendung
der „neuen gemischten Methode“ kein rentenbegründender Invaliditätsgrad resultiere,
weshalb kein entsprechender „ausserordentlicher Revisionsgrund“ vorliege. Die
Änderung der Rechtsprechung zur invalidisierenden Wirkung von depressiven
Störungen stelle ebenfalls keinen Revisionsgrund dar. Da auch keine
Sachverhaltsveränderung eingetreten sei, sei die Beschwerdegegnerin zu Recht nicht
auf die Neuanmeldung eingetreten.
Die Beschwerdeführerin liess am 14. März 2019 an ihren Anträgen festhalten (act.
G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 8).
B.c.
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Beschwerdeverfahrens in einer unzulässigen Weise ausdehnen. Daran ändert auch der
Umstand nichts, dass die Beschwerdegegnerin in ihrem Vorbescheid vom 17. Juli 2018
(wohl versehentlich) mitgeteilt hatte, sie sehe die Abweisung des Rentenbegehrens vor,
denn massgebend ist nicht der Vorbescheid, sondern die Verfügung. Auf die
materiellen Beschwerdeanträge der Beschwerdeführerin kann deshalb nicht
eingetreten werden.
2.
Der Art. 29 ATSG sieht ein jederzeitiges Anmelderecht in Bezug auf
Sozialversicherungsleistungen vor. Notwendigerweise muss mit diesem Anmelderecht
ein Anspruch auf ein Eintreten auf jede Anmeldung respektive auf eine materielle
Behandlung jeder Anmeldung verbunden sein. Bei diesem Recht auf die materielle
Behandlung jeder Anmeldung handelt es sich um einen elementaren Grundsatz des
sozialversicherungsrechtlichen Verwaltungsverfahrensrechts, denn es stellt ein
wichtiges Element für die Durchsetzung des Prinzips dar, dass jede versicherte Person
jene gesetzlich vorgesehenen Sozialversicherungsleistungen erhalten soll, auf die sie
Anspruch hat. Da im Art. 29 ATSG nicht zwischen einer erstmaligen Anmeldung und
einer sogenannten Neuanmeldung nach einer formell rechtskräftigen Abweisung eines
früheren Gesuchs unterschieden wird und da sich eine solche Unterscheidung auch
nicht mit dem Sinn und Zweck des Anmelderechtes vereinbaren liesse, muss der
uneingeschränkte Anspruch auf das Eintreten auf ein Leistungsbegehren auch für
Neuanmeldungen gelten. Der Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur Änderung der IVV
vom 1. Dezember 2017 sieht nun aber eine Beschränkung dieses Anspruchs auf das
Eintreten auf eine Neuanmeldung vor, denn nach dieser Bestimmung wird auf eine
Neuanmeldung nach der Abweisung eines früheren Leistungsbegehrens einer
teilerwerbstätigen Person wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades nur dann
eingetreten, wenn die Berechnung des Invaliditätsgrades nach dem neuen Art. 27
IVV voraussichtlich zu einem Rentenanspruch führt. Die ratio legis dieser Bestimmung
besteht darin, die IV-Stellen vor jenem Aufwand zu schützen, mit dem diese
konfrontiert wären, wenn sie sämtliche Leistungsbegehren, die in Anwendung der
früheren bundesgerichtlichen Praxis zur sogenannten „gemischten Methode“
rechtskräftig abgewiesen worden sind, nach der Einführung einer – jetzt gesetzes-,
verfassungs- und EMRK-konformen – „gemischten Methode“ im aktuellen Art. 27 IVV
umfassend materiell prüfen müssten. Der Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur
Änderung der IVV vom 1. Dezember 2017 dient also nicht dazu, möglichst viele der in
Anwendung der früheren bundesgerichtlichen Rechtsprechung rechtskräftig
abgewiesenen Rentenbegehren vor der Anwendung des aktuellen Art. 27 IVV zu
2.1.
bis
bis
bis
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bewahren, sondern nur der Verfahrensökonomie, bei der es sich anerkanntermassen
um kein besonders starkes öffentliches Interesse handelt. Das ist problematisch, weil
die Anwendung des Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur Änderung der IVV vom 1.
Dezember 2017 eine Durchbrechung des im Art. 29 ATSG verankerten Grundsatzes,
dass auf jede Anmeldung einzutreten sei, zur Folge hat. Gemäss der konstanten
Rechtsprechung des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen zum Art. 87 Abs.
3 IVV, der ebenfalls eine Eintretenshürde für Neuanmeldungen vorsieht (vgl. etwa den
Entscheid IV 2017/404 vom 20. Juni 2019, E. 3.1), ist der Abs. 2 der
Übergangsbestimmung zur Änderung der IVV vom 1. Dezember 2017 noch als
gesetzmässig zu qualifizieren, weil die Sachverhaltsabklärung zur Prüfung eines
Rentenanspruchs erfahrungsgemäss sehr oft besonders aufwendig ist. Deshalb
besteht ein gewisser „Schutzbedarf“ der Verwaltung; sie soll davor bewahrt werden,
eine umfassende Anspruchsprüfung vornehmen zu müssen, wenn zum Vornherein klar
ist, dass auch die Anwendung des neuen Art. 27 IVV keinen Anspruch auf eine Rente
entstehen lassen wird. Auch wenn sich der Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur
Änderung der IVV vom 1. Dezember 2017 nicht auf eine explizite gesetzliche Grundlage
stützen kann, die explizit eine Einschränkung des im Art. 29 ATSG verankerten
uneingeschränkten Anspruchs auf ein Eintreten auf ein Leistungsbegehren erlauben
würde, trägt er doch einem wesentlichen öffentlichen Interesse Rechnung, ohne dabei
die Anwendung des Art. 29 ATSG in einem unverhältnismässig hohen Mass
einzuschränken. Der Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur Änderung der IVV vom 1.
Dezember 2017 ist also vom Vollzugsverordnungsauftrag im Art. 86 Abs. 2 Satz 1 IVG
abgedeckt.
bis
Der Wortlaut des Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur Änderung der IVV vom 1.
Dezember 2017 erweist sich allerdings als lückenhaft, denn er äussert sich nicht zum
Zusammenspiel dieser Bestimmung mit dem Art. 87 Abs. 3 IVV, der den Anspruch auf
das Eintreten auf eine Neuanmeldung betreffend eine Rente der Invalidenversicherung
auf jene Fälle beschränkt, in denen eine relevante Sachverhaltsveränderung seit der
Abweisung des früheren Rentenbegehrens glaubhaft gemacht worden ist. Der
Verordnungsgeber hätte also die Frage beantworten müssen, ob im
Anwendungsbereich des Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur Änderung der IVV vom
1. Dezember 2017 auf eine Neuanmeldung einzutreten ist, wenn die Berechnung des
Invaliditätsgrades nach dem neuen Art. 27 IVV zu einem Rentenanspruch führt, oder
ob ein Eintreten nur in Frage kommt, wenn kumulativ auch eine relevante
Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht worden ist. Müsste eine versicherte
Person beide Eintretenshürden kumulativ meistern, läge aus intertemporalrechtlicher
Sicht eine sachlich nicht zu rechtfertigende und damit willkürliche Ungleichbehandlung
2.2.
bis
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vor, denn dadurch würden nur jene Fälle in den Genuss der Anwendung des neuen Art.
27 IVV kommen, bei denen sich – zufällig – auch eine relevante
Sachverhaltsveränderung eingestellt hätte, während alle anderen Fälle, die eigentlich
aus übergangsrechtlicher Sicht auch vom Anwendungsbereich des neuen Art. 27 IVV
erfasst sein müssten, von der Anwendung jener Bestimmung ausgeschlossen wären.
Lückenfüllend kommt eine „kombinierte“ Anwendung des Abs. 2 der
Übergangsbestimmung zur Änderung der IVV vom 1. Dezember 2017 und des Art. 87
Abs. 3 IVV deshalb nicht in Frage. Der Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur Änderung
der IVV vom 1. Dezember 2017 kann folglich lückenfüllend nur so interpretiert werden,
dass in seinem Anwendungsbereich eine Anwendung des Art. 87 Abs. 3 IVV
ausgeschlossen ist.
bis
bis
Hier hat ein Anwendungsfall des Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur Änderung
der IVV vom 1. Dezember 2017 vorgelegen, was auch zwischen den Parteien
unbestritten ist. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb zu Recht geprüft, ob die
Anwendung der „neuen“ anstelle der „alten“ gemischten Methode zu einem
rentenbegründenden Invaliditätsgrad führen könne. Dafür hat sie vom „alten“
Sachverhalt ausgehen müssen, denn wäre der aktuelle Sachverhalt für diese Prüfung
massgebend gewesen, hätte dieser zuerst umfassend ermittelt werden müssen, bevor
die Eintretensfrage hätte beantwortet werden können, was die Eintretensprüfung ad
absurdum geführt hätte. Es ist also richtig gewesen, den „alten“ Sachverhalt unter die
„neue“ gemischte Methode zu subsumieren. Bleibt die Frage nach der Relevanz der
Praxisänderung des Bundesgerichtes zur sogenannten invalidisierenden Wirkung von
„therapeutisch angehbaren“ leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen zu
beantworten. Diesbezüglich ist zu berücksichtigen, dass eine Praxisänderung nicht mit
einer Sachverhaltsveränderung verglichen werden kann. Tritt nach der Zusprache einer
Dauerleistung, die sich für die Zukunft notwendigerweise auf eine
Sachverhaltsprognose hat stützen müssen, eine Sachverhaltsveränderung ein, wird die
Sachverhaltsprognose ab dem Zeitpunkt der Sachverhaltsveränderung unrichtig,
weshalb sie für die Zeit danach durch eine neue, sich auf den aktuellen Sachverhalt
stützende Prognose ersetzt werden muss (zum Mechanismus der Revision vgl. Ralph
Jöhl, Die Revision nach Art. 17 ATSG, in: JaSo 2012, S. 153 ff.). Für die Vergangenheit
bleibt die ursprüngliche leistungszusprechende Verfügung richtig. Erst ab dem
Zeitpunkt der Sachverhaltsveränderung respektive nur für die Zukunft wird die
Verfügung falsch. Bei einer Praxisänderung verhält es sich anders, denn eine Praxis ist
nichts anderes als das Ergebnis der Interpretation einer Gesetzes- oder
Verordnungsbestimmung. Die Änderung einer Praxis drängt sich in aller Regel nur dann
auf, wenn erkannt wird, dass die bisherige Praxis nicht dem wahren Regelungsinhalt
2.3.
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der massgebenden Gesetzesnormen entsprochen hat; das Bundesgericht spricht von
einer besseren Erkenntnis der ratio legis (vgl. etwa BGE 144 V 195 E. 4.5 S. 200 mit
Hinweisen). Bei einer Praxisänderung wird also eine falsche Praxis durch eine richtige
Praxis ersetzt. Rechtslogisch kann nicht behauptet werden, die „alte“ Praxis sei bis
unmittelbar vor dem Zeitpunkt der Praxisänderung richtig gewesen und dann falsch
geworden, denn als Auslegungsergebnis kann sie nur – schon immer – richtig oder
falsch gewesen sein. Bei einer Praxisänderung wird also eine „alte“ Praxis als schon
immer falsch gewesen erkannt und durch eine richtige „neue“ Praxis ersetzt. Muss
nach einer Praxisänderung ein Sachverhalt gewürdigt werden, kann selbstverständlich
nur die Anwendung der richtigen Praxis in Frage kommen. Das muss auch bei der
Prüfung der Eintretensfrage in Anwendung des Abs. 2 der Übergangsbestimmung zur
Änderung der IVV vom 1. Dezember 2017 gelten, denn es besteht keine gesetzliche
Grundlage, die den Rechtsanwender – gegen jede Rechtslogik – zwingen würde, eine
als falsch erkannte Praxis weiterhin anzuwenden, das heisst die massgebenden
Gesetzesbestimmungen bewusst falsch auszulegen. Das bedeutet, dass bei der
Prüfung der Eintretensfrage zwar der „alte“ Sachverhalt, aber nicht die überholte,
falsche Praxis, sondern vielmehr die aktuelle, richtige Praxis massgebend sein muss.
Die Abweisung des (zweiten) Rentenbegehrens der Beschwerdeführerin vom März
2015 ist von der Beschwerdegegnerin in der entsprechenden Verfügung vom 6. Juli
2017 massgeblich mit der damals noch einschlägigen bundesgerichtlichen Praxis
begründet worden, wonach leicht- bis mittelgradige depressive Störungen in der Regel
keine „invalidisierende Wirkung“ hätten, solange sie noch „therapeutisch angehbar“
seien. Mit diesem Hinweis hat die Beschwerdegegnerin nämlich anstelle der vom
psychiatrischen Sachverständigen der MGSG GmbH im Gutachten vom 14. Januar
2017 attestierten Arbeitsfähigkeit von 70 Prozent für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten
eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit für solche Tätigkeiten berücksichtigt, was zur
Folge gehabt hat, dass ein nicht rentenbegründender Invaliditätsgrad von 31 Prozent
resultiert hat. Nun hat das Bundesgericht seine oben erwähnte Praxis wenige Monate
nach der Eröffnung der rentenabweisenden Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 6.
Juli 2017 aufgegeben: Mit seinem Entscheid vom 30. November 2017 (BGE 143 V 418)
hat es auch für leicht- bis mittelgradige depressive Störungen die Anwendung eines
ergebnisoffenen, strukturierten Beweisverfahrens (vgl. dazu BGE 141 V 281)
vorgeschrieben. Bei der Prüfung der Eintretensfrage betreffend die Neuanmeldung der
Beschwerdeführerin vom 14. Juni 2018 hätte die Beschwerdegegnerin folglich nicht
mehr die alte, als falsch erkannte Praxis zur fehlenden „invalidisierenden Wirkung“ von
„therapeutisch angehbaren“ depressiven Störungen anwenden dürfen, sondern sie
hätte die neue, richtige Praxis anwenden müssen, laut der die Frage nach der
2.4.
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3.
Die Gerichtskosten von 600 Franken sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von
600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin
eine Parteientschädigung auszurichten. Diese ist angesichts eines als deutlich
unterdurchschnittlich zu qualifizierenden erforderlichen Vertretungsaufwandes auf
2’500 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.