Decision ID: f160618d-6ad2-4d6a-a51c-6463270cbbb5
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) war Verwaltungsrat (zeitweise alleiniger) und
Angestellter (zur Funktion Geschäftsführer vgl. act. G 9 S. 3) der im Jahr _ durch
Umfirmierung entstandenen C._ AG (vgl. act. G 1 S. 3 und G 1.1 ff.). Als
Arbeitnehmer war er bei der B._ berufsvorsorgeversichert (vgl. act. G 1.9 und G 1 S.
4).
A.a.
Nach mehreren Mahnungen (vgl. act. G 9.6 ff.) kündigte die B._ der C._ AG
mit Schreiben vom 27. August 2015 den Anschlussvertrag per 30. September 2015
infolge von Zahlungsrückständen bei den BVG-Beiträgen (vgl. act. G 9.9).
A.b.
Mit E-Mail vom 15. April 2016 bestätigte die B._ gegenüber der C._ AG, dass
das Geld (gemeint wohl: die ausstehenden BVG-Beiträge für das Jahr 2015)
eingegangen sei und der BVG-Anschlussvertrag per 1. Oktober 2015 wieder in Kraft
gesetzt werden könne. Die Zahlungsmodalitäten für das Jahr 2016 könnten noch
besprochen werden. Vorerst sei alles in Ordnung (vgl. act. G 1.10). Mit Schreiben vom
11. Oktober 2017 erklärte die B._ gegenüber der Stiftung Z._, dass der Vertrag mit
der C._ AG nach im Februar 2016 erfolgter Absprache mit dem Aussendienst und der
Kundin wieder reaktiviert worden sei, da sämtliche Beiträge für das Jahr 2015
vollständig einbezahlt worden seien. Insofern bleibe der bisherige Anschlussvertrag
bestehen (act. 9.12).
A.c.
Nach einer Mahnung vom 16. Oktober 2017 (vgl. act. G 9.13) kündigte die B._
mit Schreiben vom 30. November 2017 den Anschlussvertag mit der C._ AG infolge
A.d.
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erneuter Zahlungsrückstände bei den BVG-Beiträgen per 31. Dezember 2017 (act. G
1.11 und 9.14).
Am ._ wurde die C._ AG durch Konkurs gemäss Entscheid des Einzelrichters
des [...]-gerichts D._ aufgelöst (vgl. act. G 1.6). Am ._ gab die B._ dem
Konkursamt eine Forderung in der Höhe von Fr. _ (bestehend aus der
Grundforderung von Fr. ._ für ausstehende Pensionskassenbeiträge (...), Verzugszins
zu 5 % für die Zeit vom ._ bis ._ in der Höhe von Fr. ._, Administrationskosten
von Fr. ._ und Betreibungskosten von Fr. ._) ein (act. G 9.17 und 1.12). Mit
Entscheid des Einzelrichters des [...]-gerichts D._ vom ._ wurde das
Konkursverfahren mangels Aktiven eingestellt (vgl. act. G 1.7), jedoch am ._ wieder
aufgenommen und im summarischen Verfahren durchgeführt, da die Durchführung
verlangt und die erforderliche Sicherheit geleistet worden war (vgl. act. G 1.8).
A.e.
Auf eine entsprechende Anfrage des Versicherten (vgl. dazu act. G 1 S. 5) erklärte
die B._ diesem gegenüber am 4. März 2020, dass sich seine reglementarische
Freizügigkeitsleistung per Austrittsdatum vom 30. September 2015 auf Fr. 57'693.15
belaufe. Zusätzlich informierte sie den Versicherten darüber, dass für ihn eine
Freizügigkeitspolice erstellt werde, sofern innert sechs Monaten kein anderslautender
Auftrag eingehe (vgl. act. G 1.9).
A.f.
Am 15. Mai 2020 erhielt die B._ einen vom Konkursamt D._ ausgestellten
Verlustausweis in der Höhe von Fr. 79'676.65 für die im Konkursverfahren eingegebene
Forderung (act. G 1.12).
A.g.
Am 8. Juni 2020 stellte der Versicherte bei der B._ ein Gesuch um
Barauszahlung seiner Freizügigkeitsleistung in der Höhe von Fr. 57'693.15, da er im
Haupterwerb eine selbständige Tätigkeit aufnehme (act. G 1.13, vgl. dort auch die
Bestätigungen des Sozialversicherungszentrums E._ sowie der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, wonach er für das Jahr 2020 bzw.
ab September 2020 als selbständig Erwerbender erfasst sei).
A.h.
In einer E-Mail vom 14. Dezember 2020 erklärte der F._ gegenüber der B._,
dass bei der C._ AG die Leistungen und Kosten für insgesamt ein Jahr und neun
Monate offen seien. Dies erscheine als eine akzeptable Zeitspanne, weshalb der F._
A.i.
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B.
von einer Verweigerung der Sicherstellung von Leistungen wegen missbräuchlichen
Verhaltens absehe. Es sei in diesem Zusammenhang nochmals auf die Möglichkeit
einer Verrechnung der Austrittsleistung mit dem Ausstand aus Verantwortlichkeit
verwiesen, falls einer der beiden Geschäftsführer einen Antrag auf Barauszahlung
stelle. Die Leistungen für A._ für das Jahr 2017 würden jedoch auf einen Bruttolohn
von Fr. 78'000.-- beschränkt. Die gemeldete Lohnerhöhung auf ein Jahreseinkommen
von Fr. 90'800.-- sei nicht nachvollziehbar (vgl. act. G 9.18).
In einer E-Mail vom 18. Dezember 2020 erklärte die B._ gegenüber dem durch
Rechtsanwalt D. Bleuer, St. Gallen, vertretenen Versicherten, dass aufgrund des im
Konkursverfahrens erlittenen Austandes in der Höhe von Fr. 79'676.55 (gemeint: Fr.
79'676.65; vgl. act. G 1.12) und des vom Versicherten gestellten
Barauszahlungsgesuchs die gesamte Freizügigkeitsleistung des Versicherten zur
Verrechnung gebracht werde (vgl. act. G 1.14).
A.j.
Am 12. März 2021 erhob der weiterhin durch Rechtsanwalt Bleuer vertretene
Versicherte (nachfolgend: Kläger) gegen die B1._ AG (gemeint: B._; vgl. act. G 5 f.
und G 9 S. 2) Klage (act. G 1) mit folgenden Rechtsbegehren: 1. Die B._
(nachfolgend: Beklagte) sei zu verpflichten, die ihm gemäss Vertrag Nr. ._
zustehende Freizügigkeitsleistung von Fr. 57'693.15 zuzüglich Zins von 5 % seit 8. Juni
2020 auszuzahlen. 2. Die Beklagte sei zu verpflichten, ihm Rechenschaft über die ihm
zu Gute stehenden Vorsorgeguthaben gemäss Vertrag Nr. _ für die Zeit zwischen
dem 1. Oktober 2015 und dem 31. Dezember 2017 abzulegen. 3. Es sei ihm die
unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung zu gewähren; unter Kosten-
und Entschädigungsfolgen (unter Berücksichtigung von Barauslagen von 4 % sowie
7.7 % MwSt.) zu Lasten der Beklagten (vgl. act. G 1 S. 2; zum Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege vgl. ferner act. G 4).
B.a.
In ihrer Klageantwort vom 14. Juli 2021 beantragte die Beklagte die Abweisung
der Klage unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Klägers (act. G 9).
B.b.
Am 16. Juli 2021 entsprach die verfahrensleitende Richterin dem Gesuch um Be
willigung der unentgeltlichen Rechtspflege (Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) für das Verfahren vor Versicherungsgericht (act. G 10).
B.c.
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Erwägungen
1.
In seiner Replik vom 24. September 2021 hielt der Kläger - abgesehen von der
bereits bewilligten unentgeltlichen Rechtspflege sowie seines Gesuchs um
Berücksichtigung von Barauslagen von 4 % - an den in der Klage gestellten
Rechtsbegehren fest (vgl. act. G 15).
B.d.
In ihrer Duplik vom 19. Oktober 2021 hielt die Beklagte an den in der Klageantwort
gestellten Anträgen vollumfänglich fest (act. G 18).
B.e.
Auf entsprechende Nachfrage der verfahrensleitenden Richterin (vgl. act. G 20)
reichte die Beklagte am 2. März 2022 eine Abrechnung über die reglementarische
Freizügigkeitsleistung des Klägers per 31. Dezember 2017 in der Höhe von Fr.
79'118.85 ein (vgl. act. G 21 und 21.1).
B.f.
Gemäss Art. 73 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinter
lassenen- und Invalidenvorsorge (BVG; SR 831.40) bezeichnet jeder Kanton als letzte
kantonale Instanz ein Gericht, das über die Streitigkeiten zwischen
Vorsorgeeinrichtungen, Arbeitgebern und Anspruchsberechtigten entscheidet. Im
Kanton St. Gallen ist nach Art. 65 Abs. 1 lit. e des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRP; sGS 951.1) das Versicherungsgericht zuständig für
Streitigkeiten nach Art. 73 BVG. Die vorliegende Streitigkeit betreffend Auszahlung
einer Freizügigkeitsleistung unterliegt der Gerichtsbarkeit der in Art. 73 BVG erwähnten
richterlichen Behörden. Den nach Art. 73 BVG zuständigen Gerichten ist vom
Bundesgericht auch die Kompetenz zugesprochen worden, vorfrageweise über einen
verrechnungsweise geltend gemachten Anspruch aus aktienrechtlicher
Verantwortlichkeit zu befinden, um über die Auszahlung der in Frage stehenden
Austrittsleistung entscheiden zu können (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 29.
Dezember 2009, B 20/00, E. 1a, und vom 8. Mai 2008, 9C_203/2007, E. 2.2).
1.1.
bis
Gerichtsstand ist nach Art. 73 Abs. 3 BVG der Sitz oder Wohnsitz des Beklagten
oder der Ort des Betriebes, bei dem der Versicherte angestellt wurde. Vorliegend ist die
örtliche Zuständigkeit des angerufenen Versicherungsgerichts zu bejahen, weil der
Kläger die Tätigkeit, aufgrund derer er berufsvorsorgerechtlich versichert gewesen ist,
im Kanton St. Gallen ausgeführt hat (vgl. act. G 1 S. 2 und G 1.1).
1.2.
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2.
Zur Hauptsache ist vorliegend strittig und zu prüfen, ob die Beklagte dem Kläger eine
Freizügigkeitsleistung in der Höhe von Fr. 57'693.15 (Stand Vorsorgeguthaben per 30.
September 2015; vgl. act. G 1.13) zuzüglich Zins von 5 % seit 8. Juni 2020
auszuzahlen hat (vgl. act. G 1 S. 2).
3.
4.
Da auch sämtliche übrigen prozessualen Voraussetzungen erfüllt sind, ist auf die
Klage einzutreten.
1.3.
Der Kläger ist der Ansicht, dass ihm die von der Beklagten berechnete
Freizügigkeitsleistung zustehe, nachdem er die Auszahlung am 8. Juni 2020 verlangt
und die Belege für die Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit eingereicht habe
(vgl. act. G 1 und 15).
3.1.
Demgegenüber widersetzt sich die Beklagte der Auszahlung mit der Begründung,
sie habe die dem Kläger zustehende Freizügigkeitsleistung mit dem Anspruch gegen
ihn aus aktienrechtlicher Verantwortlichkeit in der Höhe von Fr. 79'676.65
(Verlustausweis im Konkursverfahren) verrechnet. Der Kläger sei als Verwaltungsrat und
Geschäftsführer der konkursiten C._ AG für die Bezahlung der BVG-Beiträge
verantwortlich gewesen. Aufgrund der nicht bezahlten Beiträge treffe ihn eine
Organhaftpflicht (vgl. act. G 9 und 18).
3.2.
Der allgemeine - für das Privatrecht in Art. 120 des Bundesgesetzes betreffend die
Ergänzung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches; Fünfter Teil: Obligationenrecht
(OR; SR 220) verankerte - Rechtsgrundsatz der Verrechenbarkeit sich
gegenüberstehender Forderungen gelangt auch im Verwaltungsrecht zur Anwendung
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 29. Dezember 2000, B 20/00, E. 2a). Wenn zwei
Personen einander Geldsummen oder andere Leistungen, die ihrem Gegenstande nach
gleichartig sind, schulden, so kann jede ihre Schuld, insofern beide Forderungen fällig
sind, mit ihrer Forderung verrechnen (Art. 120 Abs. 1 OR). Wie im Privatrecht ist auch
im Verwaltungs- und insbesondere im Sozialversicherungsrecht eine Verrechnung nur
möglich, wenn folgende Voraussetzungen kumulativ erfüllt sind: Die Forderung und
Gegenforderung, die verrechnet werden sollen, müssen zwischen den gleichen
Rechtsträgern bestehen und inhaltlich gleichartig sein; die zur Verrechnung gebrachte
Forderung muss fällig und rechtlich durchsetzbar sein und schliesslich dürfen keine
4.1.
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gesetzlichen oder vertraglichen Ausschlussgründe bestehen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 29. Dezember 2000, B 20/00, E. 2a; Laurent Killias/Matthias
Wiget, N 4 ff. zu Art. 120, in: Andreas Furrer/Anton K. Schnyder [Hrsg.],
Handkommentar zum Schweizer Privatrecht, 3. Aufl., 2016). Das Berufsvorsorgerecht
sieht ein Verrechnungsverbot von Leistungsansprüchen mit Forderungen, die der
Arbeitgeber der Vorsorgeeinrichtung abgetreten hat, vor, wenn sie sich auf Beiträge
bezieht, die vom Lohn abgezogen worden sind (Art. 39 Abs. 2 BVG).
Zunächst macht der Kläger geltend, dass es den Forderungen, welche die
Beklagte verrechnen will, an der Wechselseitigkeit fehle. Die Forderung der Beklagten
richte sich gegen die C._ AG und nicht gegen ihn. Folglich sei eine Verrechnung
ausgeschlossen (vgl. act. G 1 S. 6). Zwar ist es richtig, dass die BVG-Beiträge nicht
vom Kläger, sondern von der C._ AG zu bezahlen gewesen wären. Aus diesem
Grund hat die Beklagte zunächst auch versucht, die ausstehenden Beiträge im gegen
die C._ AG eröffneten Konkursverfahren erhältlich zu machen (vgl. act. G 9.17). Dies
ist ihr allerdings nicht gelungen, sodass ihr seitens des Konkursamtes D._ ein
Verlustausweis in der Höhe von Fr. 79'676.65 ausgestellt worden ist (vgl. act. G 1.12).
Im vorliegenden Verfahren beruft sich die Beklagte nun aber nicht auf die Verrechnung
der ausstehenden BVG-Beiträge, deren Schuldnerin tatsächlich die konkursite C._
AG gewesen wäre, mit dem Freizügigkeitsguthaben des Klägers. Vielmehr will sie den
Kläger aufgrund seiner Organstellung bei der C._ AG aus aktienrechtlicher
Verantwortlichkeit für den ihr aus der ausbleibenden Bezahlung der BVG-Beiträge
entstandenen Schaden haftbar machen. Folglich stehen sich Forderungen zwischen
denselben Parteien gegenüber, nämlich die Forderung des Klägers gegenüber der
Beklagten auf Auszahlung des Freizügigkeitsguthabens und die Forderung der
Beklagten gegenüber dem Kläger aus aktienrechtlicher Verantwortlichkeit (vgl. dazu
auch Urteil des Bundesgerichts vom 17. April 2009, 9C_366/2008, E. 5). Auch sind die
Forderungen gleichartig, da beide auf die Bezahlung von Geldsummen ausgerichtet
sind. Sodann ist in Anwendung von Art. 75 OR anzunehmen, eine allfällige Forderung
aus aktienrechtlicher Verantwortlichkeit sei sogleich mit Eintritt des Schadens fällig
geworden. Da die zur Verrechnung gebrachten Forderungen nicht vom Arbeitgeber
abgetreten worden sind, fallen sie ferner nicht unter die Ausnahmebestimmung von Art.
39 Abs. 2 BVG, sodass sie demnach verrechnet werden können (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 29. Dezember 2000, B 20/00, E. 4), zumal auch keine
Verjährungseinrede, sonstigen Einreden oder Ausschlussgründe geltend gemacht
worden sind, sodass auch die Klagbarkeit anzunehmen ist. Da es sich um ein Gesuch
um Barauszahlung handelt, steht gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
auch die Zweckbestimmung der Vorsorgegelder der Verrechnung nicht entgegen, da
4.2.
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5.
bei einer Barauszahlung die Mittel nicht mehr für die zukünftige Vorsorge reserviert sind
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 8. Mai 2008, 9C_203/2007, E. 2.2, und vom 17.
April 2009, 9C_366/2008, E. 6). Einer Verrechnung steht somit grundsätzlich nichts im
Wege, sofern die von der Beklagten behauptete Forderung aus aktienrechtlicher
Verantwortlichkeit besteht.
Der Kläger als Verrechnungsgegner bestreitet eine Forderung der Beklagten aus
aktienrechtlicher Verantwortlichkeit, weshalb die Beklagte als Verrechnende diese zu
beweisen hat; mithin trägt sie die Beweislast dafür, dass sie einen Anspruch aus
aktienrechtlicher Verantwortlichkeit gegenüber dem Kläger hat (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 29. Dezember 2000, B 20/00, E. 2a).
5.1.
Nach Art. 754 Abs. 1 OR sind die Mitglieder des Verwaltungsrates und alle mit der
Geschäftsführung oder mit der Liquidation befassten Personen sowohl der
Gesellschaft als auch den einzelnen Aktionären und Gesellschaftsgläubigern für den
Schaden verantwortlich, den sie durch absichtliche oder fahrlässige Verletzung ihrer
Pflichten verursachen. Anspruchsvoraussetzungen sind das Bestehen eines Schadens,
das Vorliegen einer schuldhaften Pflichtverletzung sowie schliesslich das Bestehen
eines adäquaten Kausalzusammenhangs zwischen dem Schaden und der
Pflichtverletzung (vgl. dazu Andreas Binder/Vito Roberto, N 6 ff. zu Art. 754 OR, in: Vito
Roberto/Hans Rudolf Trüeb, Handkommentar zum Schweizer Privatrecht, 3. Aufl. 2016;
vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 11. Juli 2013, 4A_15/2013, E. 3).
5.2.
Die Höhe der ausstehenden BVG-Beiträge ergibt sich aus dem vom Konkursamt
des Kantons D._ ausgestellten Verlustausweis (vgl. act. G 1.12). Soweit der Kläger in
seiner Replik erstmals vorbringt, der Vorsorgevertrag sei niemals reaktiviert worden,
sodass ab 2015 gar keine BVG-Beiträge mehr geschuldet gewesen seien und ein
Schaden somit nicht ausgewiesen sei (vgl. act. G 15 S. 5), kann ihm nicht gefolgt
werden. Wie die Beklagte richtig angemerkt hat (vgl. act. G 18 S. 2 f.), mutet es
rechtsmissbräuchlich an, wenn der Kläger einerseits behauptet, der Vorsorgevertrag
sei per 30. September 2015 aufgelöst und nie wieder reaktiviert worden, andererseits
aber Rechenschaft über das ihm seiner Ansicht nach zustehende Vorsorgeguthaben für
die Zeit zwischen dem 1. Oktober 2015 und 31. Dezember 2017 verlangt (vgl. act. G 1
S. 2, 4 und 8 f.; G 15 S. 2 und S. 7). In seiner Klage hatte der Kläger denn auch noch
explizit festgehalten, dass der Versicherungsvertrag mit Schreiben vom 15. April 2016
wieder reaktiviert worden sei, was nichts Anderes bedeute, als dass die
Arbeitnehmenden für die Zeit nach dem 30. September 2015 Vorsorgeguthaben
5.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/14
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angehäuft hätten. Auch er sei zu dieser Zeit angestellt und bei der Beklagten als
Arbeitnehmer gemeldet gewesen. Die erneute Kündigung sei erst am 31. Dezember
2017 erfolgt. Entsprechend müsste er auch Anspruch auf eine Freizügigkeitsleistung für
sein BVG-Guthaben haben, welches aus der Zeit zwischen dem 30. September 2015
bis zur Kündigung des Versicherungsvertrages vom 31. Dezember 2017 stamme (vgl.
act. G S. 8 f.). Angesichts dieser klägerischen Ausführungen, der an (...) gerichteten E-
Mail vom 15. April 2016, wonach der Anschlussvertrag per 1. Oktober 2015 wieder
reaktiviert werde (vgl. act. G 1.10), des Schreibens vom 11. Oktober 2017, wonach die
Beiträge für das Jahr 2015 nachbezahlt worden seien, sodass der Anschlussvertrag
weiterhin Bestand habe (vgl. act. G 1.10 und 9.12), sowie des Schreibens vom 30.
November 2017 mit Kündigung des Anschlussvertrages per 31. Dezember 2017 (vgl.
act. G 9.14) ist eindeutig erstellt, dass der Anschlussvertrag auch über den 30.
September 2015 hinaus bestanden hatte. Folglich sind auch in der Zeit vom 1. Oktober
2015 bis 31. Dezember 2017 BVG-Beiträge geschuldet gewesen und der Schaden der
Beklagten in der Höhe von Fr. 79'676.65 (vgl. act. G 1.12) infolge der nicht bezahlten
Beiträge kann als ausgewiesen gelten.
5.4.
Eine Pflichtverletzung sieht die Beklagte darin, dass der Kläger der in Art. 66
Abs. 2 BVG statuierten Pflicht, wonach die Arbeitgebenden der Vorsorgeeinrichtung die
Beiträge zu bezahlen haben, als Verwaltungsrat und Geschäftsführer nicht
nachgekommen sei. Bei der C._ AG habe es sich um ein kleines Unternehmen
gehandelt, bei welchem der Kläger seit der Gründung ständiges Mitglied des
Verwaltungsrates gewesen sei. Vor diesem Hintergrund sei es ihm ohne weiteres
möglich und zumutbar gewesen, den Überblick über alle wesentlichen Belange der
Firma zu haben und auch über die Abwicklung der Beiträge an die Beklagte und die
diesbezüglich bestehenden Ausstände im Bilde zu sein. Rechtfertigungs- oder
Exkulpationsgründe seien nicht auszumachen. Damit sei auch ein Verschulden des
Klägers gegeben (vgl. act. G 9 S. 5 f.).
5.4.1.
Demgegenüber ist der Kläger der Ansicht, dass ihm weder eine Pflichtverletzung
noch ein Verschulden vorgeworfen werden könne. Der Grund für die fehlende
Begleichung der von der Beklagten gestellten Rechnungen an die C._ AG habe nicht
bei ihm gelegen. Der Aktiengesellschaft hätten schlicht keine liquiden Mittel zur
Verfügung gestanden, um ihre Rechnungen überhaupt bezahlen zu können. Dieser
Umstand sei nicht mutwillig herbeigeführt worden, sondern sei auf ein gescheitertes
Grossprojekt zurückzuführen. Mit anderen Worten verhalte es sich so, dass er als
5.4.2.
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Verwaltungsrat die Rechnungen seiner Pflicht entsprechend habe bezahlen wollen,
dazu aber ohne liquide Mittel nicht in der Lage gewesen sei. Entsprechend hätte auch
ein vernünftiger Dritter an seiner Stelle nicht anders gehandelt, da er nicht anders habe
handeln können (vgl. act. G 1 S. 7 f.). Auch stelle Art. 66 BVG keine Haftungsnorm dar
und es ergebe sich daraus auch keine direkte Verpflichtung der
Verwaltungsratsmitglieder (vgl. act. G 15 S. 6). Im Übrigen sei er auch nicht alleiniges
Verwaltungsratsmitglied gewesen und somit sei er auch nicht ausschliesslich oder
hauptsächlich für die Bezahlung der Beiträge zuständig gewesen. Vielmehr sei er als
(...) in erster Linie für die [...] Aufgaben und nicht für die Administration zuständig
gewesen. Dies ergebe sich bereits daraus, dass die Korrespondenz nicht direkt an den
Kläger, sondern allgemein an die Aktiengesellschaft adressiert gewesen sei. Auch seien
Entscheidungen an den damaligen Verwaltungsrat G._ delegiert worden. Die
Nachzahlung der Beiträge für das Jahr 2015 zeige zudem auf, dass er alles
unternommen habe, um die offenen Beiträge zu begleichen (vgl. act. G 15 S. 7).
Die Pflichtwidrigkeit des Verhaltens des Klägers und seine Schadensersatzpflicht
nach Art. 754 OR sind vorliegend dadurch begründet, dass er es als Verwaltungsrat
und Geschäftsführer über längere Zeit unterlassen hat, die BVG-Beiträge vollständig zu
bezahlen bzw. darum besorgt zu sein, dass die Beiträge bezahlt werden (vgl. dazu
Urteil des Bundesgerichts vom 17. April 2009, 9C_366/2008, E. 5). Zu Recht hat die
Beklagte diesbezüglich auf Art. 66 Abs. 2 BVG verwiesen, worin die Pflicht der
Arbeitgebenden zur Bezahlung der gesamten Beiträge normiert ist. Zur Bejahung einer
aktienrechtlichen Verantwortlichkeit bedarf es nicht einer Verletzung spezifischer
aktienrechtlicher Pflichten. Vielmehr stellt auch die Verletzung irgendeiner
Gesetzesnorm eine Pflichtverletzung dar (vgl. Binder/Roberto, a.a.O., N 8a zu Art. 754
OR).
5.4.3.
Betreffend Verschulden ist dem Kläger in analoger Anwendung der
Rechtsprechung des Bundesgerichts zu Art. 52 des Bundesgesetzes über die Alters-
und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) darin zuzustimmen, dass die
blosse Nichtbezahlung von BVG-Beiträgen mangels Liquidität noch keinem
qualifizierten Verschulden entspricht, da dies auf eine gesetzwidrige Kausalhaftung
hinauslaufen würde. Auch ein vorschriftswidriges bzw. rechtswidriges Verhalten kann
nur dann als schuldhaft qualifiziert werden, wenn die Möglichkeit zu einem
rechtmässigen Alternativverhalten überhaupt bestanden hätte (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 18. Januar 2011, 9C_330/2010, E. 3 mit Hinweisen; Rahel Aina
Nedi, Die Haftung der GmbH als Arbeitgeberin nach Art. 52 AHVG und Art. 52 BVG, S.
147 f., https://www.wengervieli.ch/WEVI/media/MediaLibrary/Publikatonen/Haftung-
5.4.4.
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der-GmbH-als-Arbeitgeberin.pdf; abgerufen am 17. Februar 2022). Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann die Nichtbezahlung von
Sozialversicherungsbeiträgen entschuldbar sein, wenn eine Arbeitgeberin bei
ungenügender Liquidität zunächst für das Überleben des Unternehmens wesentliche
andere Forderungen (insbesondere solche der Arbeitnehmenden und Lieferanten)
befriedigt, sofern sie aufgrund der objektiven Umstände und einer seriösen Beurteilung
der Lage annehmen darf, sie werde die geschuldeten Beiträge innert nützlicher Frist
nachzahlen können. Eine kurze Dauer bzw. nützliche Frist in diesem Sinne ist gemäss
Bundesgericht zum Beispiel überschritten, wenn die Beitragszahlungspflicht über ein
Jahr lang verletzt wird, zumal wenn dabei kein gezieltes, auch in zeitlicher Hinsicht
konkretes Sanierungskonzept vorliegt oder wenn eine Sanierung erst nach einem
jahrelang defizitären Geschäftsgang erwartet werden kann. Nicht entschuldbar ist die
Rückbehaltung der Beiträge, wenn eine Sanierung überhaupt nicht ernsthaft erwartet
werden kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 18. Januar 2011, 9C_330/2010, E. 3.4
mit vielen Hinweisen auf die Rechtsprechung).
Wie den von der Beklagten eingereichten Mahnungen zu entnehmen ist, sind
erste Zahlungsschwierigkeiten bereits im Jahr ._, also kurz nach der Umfirmierung
zur C._ AG, aufgetreten (vgl. act. G 9.6 ff.). Im Jahr 2015, sprich rund ._ Jahre vor
dem am ._ eröffneten Konkurs (vgl. act. G 1.6), haben sich die
Zahlungsschwierigkeiten derart akzentuiert, dass die Beklagte im August 2015 sogar
die Kündigung des Anschlussvertrages per September 2015 ausgesprochen hat (vgl.
act. G 9.9 ff.). Zwar ist es der C._ AG gelungen, die Beiträge für das Jahr 2015
nachzuzahlen und damit den Anschlussvertrag im Winter oder Frühling 2016
rückwirkend per 1. Oktober 2015 erneut zu aktivieren (vgl. act. G 1.10). Bereits im
Frühjahr 2016, also wohl kurz nach der Reaktivierung des Vertrages, ist es gemäss
Angaben des Klägers jedoch erneut zu finanziellen Schwierigkeiten gekommen (vgl.
act. G 1 S. 4). Auch die Beklagte hat ausgeführt, dass sich die Zahlungsmoral der
C._ AG nach der Begleichung der Ausstände für das Jahr 2015 nicht verbessert habe
(vgl. act. G 9 S. 4). Gemäss Mahnung vom 16. Oktober 2017 haben sich die Ausstände
per 31. Dezember 2016 bereits auf Fr. 30'780.40 belaufen (vgl. act. G 9.13), sodass es
dann am 30. November 2017 schliesslich zur Kündigung des Anschlussvertrages per
31. Dezember 2017 gekommen ist (vgl. act. G 1.14). Die Eröffnung des Konkurses ist
hingegen erst am ._ erfolgt (vgl. act. G 1.6), was dafür spricht, dass zuvor gewisse
Mittel zur Fortführung der Geschäftstätigkeit noch vorhanden gewesen sind, die jedoch
nicht zur Begleichung der BVG-Beiträge eingesetzt worden sind. Unabhängig davon
kann jedoch angesichts der bereits mehrere Jahre vor der Konkurseröffnung
5.4.5.
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6.
Der Antrag des Klägers, wonach die Beklagte zu verpflichten sei, ihm Rechenschaft
aufgetretenen Versäumnisse gegenüber der Beklagten, wovon der Kläger als -
zeitweise alleiniger - Verwaltungsrat unbestrittenermassen gewusst hat (die
unbewiesen gebliebene Behauptung, dass er gewisse Entscheide phasenweise an den
anderen Verwaltungsrat delegiert habe, ändert daran nichts, zumal der Kläger auch
nicht angeführt hat, welche genauen Entscheide dies gewesen sein sollen [vgl. act. G
15 S. 7] und er sich im Übrigen allein aufgrund seiner Funktion ohnehin über
gravierende Liquiditätsprobleme hätte informieren müssen), und der im Verhältnis zum
Bestehen der Aktiengesellschaft lange dauernden Phase der finanziellen
Schwierigkeiten nicht mehr davon ausgegangen werden, der Kläger habe alles getan,
was von einem verständigen Menschen in gleicher Lage verlangt werden darf (vgl.
Urteil des Bundesgerichts vom 11. Juli 2016, H 67/06, E. 5.3 mit zahlreichen Hinweisen
auf die Rechtsprechung). Dies gilt zumindest deshalb, weil der Kläger in keiner Weise
geltend gemacht oder aufgezeigt hat, welche Vorkehrungen er zur Bezahlung der
Beiträge ab Frühling 2016 getroffen hat oder dass er ein Sanierungskonzept erstellt
hätte. Andere Rechtfertigungsgründe sind ebenfalls nicht ersichtlich, sodass von einer
schuldhaften Pflichtverletzung auszugehen ist.
Die schuldhafte Pflichtverletzung in Form der Nichtbezahlung der BVG-Beiträge
steht sodann offensichtlich in einem kausalen Zusammenhang zum Schaden, welcher
der Beklagten durch die nicht bezahlten Beiträge entstanden ist.
5.5.
Zusammenfassend ist von einem Anspruch der Beklagten gegenüber dem Kläger
aus aktienrechtlicher Verantwortlichkeit nach Art. 754 OR in der Höhe von Fr.
79'676.65 (vgl. act. G 1.12) auszugehen. Die Verrechnung dieser Forderung mit dem
Freizügigkeitsguthaben des Klägers in der Höhe von Fr. 57'693.15 (vgl. act. G 1 S. 2) ist
somit nicht zu bemängeln, nachdem, wie bereits dargelegt, auch die übrigen
Verrechnungsvoraussetzungen erfüllt sind (vgl. dazu E. 4). Folglich ist auch nicht zu
beanstanden, dass die Beklagte dem Kläger die Auszahlung der eingeklagten
Freizügigkeitsleistung verweigert hat. Daran ändert auch nichts, dass der Kläger in
seiner Replik angemerkt hat, die Beklagte wäre nach Treu und Glauben verpflichtet
gewesen, ihn über die mögliche Verrechnung für den Fall, dass er die Barauszahlung
verlange, zu informieren (vgl. act. G 15 S. 3). Denn er hat in diesem Zusammenhang
weder einen konkreten Anspruch aus Vertrauensschutz geltend gemacht noch ist ein
solcher erkennbar. Eine Prüfung eines allfälligen Anspruchs infolge falscher oder
fehlender Information hat in diesem Klageverfahren demnach nicht zu erfolgen.
5.6.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/14
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über die ihm zu Gute stehenden Vorsorgeguthaben zwischen dem 1. Oktober 2015 und
31. Dezember 2017 abzulegen (vgl. act. G 1 S. 2 und 15 S. 2 und S 7, unten), ist
hinfällig geworden, nachdem die Beklagte mit Schreiben vom 2. März 2022 Auskunft
über die hypothetische Austrittsleistung des Klägers per 31. Dezember 2017 erteilt hat
(vgl. act. G 20 f.).
7.