Decision ID: 3eb431ff-8e84-4aee-bbef-a5e2ecc732e5
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 15. September 2014 bei der Invalidenversicherung zur
Früherfassung (IV-act. 1) und am 2. Oktober 2014 wegen Erschöpfungsdepression und
chronischen Schmerzzustandes zum Leistungsbezug an (IV-act. 5).
A.a.
Dr. med. B._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, hielt im
Arztbericht vom 7. November 2014 fest, der Versicherte leide an einer mittelgradigen
depressiven Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11). Dieses habe sich
rückblickend nicht zuletzt vor dem Hintergrund anhaltender Belastungen am
Arbeitsplatz ausgebildet. Zudem bestünden seit ca. 20 Jahren Schmerzen an der BWS.
Deren Ätiologie bzw. eine somatische Ursache habe bisher noch nicht festgestellt
werden können. Seit dem Erstgespräch am 16. Mai 2014 sei der Versicherte zu 100 %
arbeitsunfähig (IV-act. 17).
A.b.
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RAD-Arzt Dr. med. C._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, nahm am
13. November 2014 Stellung, gemäss Telefonat/Bericht Dr. B._ könne ab Januar
2015 in der bisherigen Tätigkeit an einem anderen Arbeitsplatz und in einer adaptierten
Tätigkeit mindestens von einer 50 %igen Arbeitsfähigkeit, steigerbar, ausgegangen
werden. Der Versicherte sei aus psychiatrischer Sicht in der Stellensuche
eingeschränkt (IV-act. 18). Am 12. Dezember 2014 berichtete Dr. B._ unter anderem
über ein gutes Ansprechen der depressiven Symptomatik auf das Medikament
Valdoxan (Agomelatin; IV-act. 100-9 f.). Die Arbeitgeberin, die D._ AG, bei der der
Versicherte seit 1988 angestellt und als Baukaufmann tätig war, erklärte sich
gegenüber der IV bereit, die Kosten eines Outplacements zu übernehmen (IV-act. 34)
und kündigte das Arbeitsverhältnis am 17. Dezember 2014 auf den 31. März 2015
(Kündigung, IV-act. 36; Arbeitszeugnis vom 21. Januar 2015, IV-act. 45). Die IV-Stelle
sprach dem Versicherten daraufhin ein Coaching bei E._ AG sowie Arbeitsvermittlung
zu (Mitteilungen vom 19. Dezember 2014, IV-act. 39 f.).
A.c.
Das Coaching wurde ohne Vermittlung im ersten Arbeitsmarkt abgeschlossen,
nachdem der Versicherte ab 22. Juni 2015 aufgrund seiner Schmerzen wieder zu
100 % krank geschrieben worden war. Der Verantwortliche F._ hielt im
Schlussbericht vom 3. November 2015 fest, der Versicherte habe sich durch die
Entlassung ungerecht behandelt gefühlt. Er sei schwer vermittelbar, da er sich nicht
habe verändern müssen und seine berufliche Identität ausschliesslich auf die Firma
D._ beziehe. Er habe grosse Defizite im Umgang mit MS Office, für die Arbeit in
einem Bürobetrieb wäre eine Umschulung am PC unabdingbar. In seinen persönlichen
Kompetenzen sei er durch die Beschränkung des Denkens auf die Verarbeitung der
Kündigung eingeschränkt gewesen. Er habe berichtet, dass in letzter Zeit keine
Arbeiten im Team stattgefunden hätten. Es hätten sich zu viele Einschränkungen
gezeigt, um eine reguläre Arbeitsvermittlung abzuwickeln. Der Versicherte könne ohne
besonderen Vorkehren nicht vermittelt werden (IV-act. 87).
A.d.
Im Auftrag des Krankentaggeldversicherers wurde der Versicherte durch Dr. med.
G._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, untersucht. Dieser kam im Bericht vom
3. Juli 2015 (IV-act. 83-5 ff.) zum Schluss, im letzten Jahr habe sich der Zustand
gebessert. Aktuell könne in Übereinstimmung mit Dr. B._ eine besserungsfähige
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11)
A.e.
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diagnostiziert werden (IV-act. 83-10). Eine Verminderung der Konzentration respektive
der Aufmerksamkeit, eine Verminderung des Selbstwertgefühls, negative und
pessimistische Zukunftsperspektiven oder eine Suizidalität seien aktuell nicht mehr
nachweisbar. Während einer Übergangsfrist bis Ende Juli 2015 sei von einer 50 %igen,
danach von einer 100 %igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Die chronische
Schmerzsymptomatik sei derzeit noch unklar, wobei eine Abklärung in der
Schmerzklinik des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) vorgesehen sei. Inwiefern durch
die Schmerzsymptomatik allenfalls die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt sein werde,
könne vorher nicht beurteilt werden (IV-act. 83-11 f.).
Im Schmerzzentrum des KSSG wurde ein chronisches multitopes
Schmerzsyndrom, Chronifizierungsstadium II nach Gebershagen (thorakovertebrale
und lumbospondylogene Schmerzen, Schmerzen linke Ferse; yellow flags:
psychosoziale Belastungssituation, Arbeitsplatzverlust, Depression, im April 2014
Burnout, permanenter Schmerz, sozialer Rückzug; Ressourcen: Partnerschaft,
Religionsgemeinschaft) diagnostiziert bei bildgebend (MRI HWS/BWS vom Januar
2013) festgestellten altersentsprechenden degenerativen Veränderungen in Form von
multisegmentalen Osteochondrosen der Segmente HWK 3/4 bis HWK 6/7 mit dezenten
breitbasigen Bandscheibenprotrusionen sowie beginnender bilateraler Einengung der
Neuroforamen im Segment HWK 5/6 bei bilateraler Unkovertebralarthrose und
dezenten Bandscheibenprotrusionen in den Segmenten BWK 2/3 und 4/5 ohne
abgrenzbaren Bandscheibenvorfall (Bericht Erstkonsultation vom 18. August 2015 vom
8. September 2015; IV-act. 92-1 ff.; vgl. auch Arztbericht Dr. H._, Ärztin
Palliativzentrum KSSG, vom 13. Oktober 2015, IV-act. 82, und Bericht
Schmerzzentrum KSSG vom 21. Oktober 2015, IV-act. 91). In der Klinik für
Psychosomatik des KSSG wurde eine rezidivierende depressive Störung mit Status
nach Burnout 2014, aktuell vordergründig Antriebsverlust (ICD-10: F33.0),
diagnostiziert. Es wurde festgehalten, der Versicherte besorge den ganzen Haushalt
mit erforderlichen Pausen. Die Schmerzen hätten seit fünf Jahren bzw. seit dem
Burnout deutlich zugenommen. Der Versicherte beschreibe leichte depressive
Stimmungslagen nur kurzfristig bei Schmerzattacken, ansonsten habe sich die
depressive Symptomatik seit dem Burnout wieder zurückgebildet. Oft könne er sich
nicht aufraffen und verliere schnell die Motivation. Er sei sehr motiviert für eine
A.f.
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Behandlung am Schmerzzentrum (progressive Muskelentspannung etc.; Bericht vom
9. November 2015, IV-act. 100-11 f.).
Mit Mitteilung vom 25. November 2015 wies die IV-Stelle das Begehren um
(weitere) berufliche Massnahmen ab, da diese nicht zielführend seien (IV-act. 96). Der
Eingliederungsverantwortliche hatte die Eingliederung am 5. November 2015
eingestellt, da der Versicherte in seiner Schuldzuweisung an die ehemalige
Arbeitgeberin verharre, die Ausbildungsressourcen nicht mehr zeitgemäss seien und
die Gelegenheit zu deren Aufarbeitung nicht wahrgenommen worden sei. Daher seien
eine Vermittelbarkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr gegeben und weitere
Eingliederungsmassnahmen zwecklos (Verlaufsprotokoll Eingliederungsberatung, IV-
act. 88).
A.g.
Nachdem weitere medizinische Unterlagen vorlagen (Arztbericht Dr. med. I._,
Allgemeine Innere Medizin FMH, vom 21. Dezember 2015, IV-act. 100-1 ff.; Arztbericht
Dr. B._ vom 29. Januar 2016, IV-act. 103; Berichte Schmerzzentrum KSSG vom
7. April 2016, IV-act. 110, und vom 10. August 2016, IV-act. 127-45 ff.), wurde der
Versicherte im Auftrag der IV-Stelle am Swiss medical assessment- and business-
center (SMAB) AG bidisziplinär begutachtet (Gutachten vom 6. Oktober 2016;
Rheumatologie Dr. med. J._; Psychiatrie Dr. med. K._; Untersuchungen 11. und
17. August 2016; IV-act. 127). Die Gutachter diagnostizierten als Erkrankungen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver
Reaktion (ICD-10: F43.21) bei akzentuierten Persönlichkeitszügen (ICD-10: F43.1), ein
chronisches thorakovertebrales Schmerzsyndrom bei geringgradigen degenerativen
Veränderungen der BWS (MRI vom 19. August 2016) sowie eine Arthrose im OSG links,
Status nach Entfernung Hyperosteose 2014 (IV-act. 127-10). Die Pathogenese der
beklagten heftigen thorakalen Rückenschmerzen sei auch aktuell unklar geblieben (IV-
act. 127-10, 37). Aus psychiatrischer Sicht habe der Versicherte das Bild eines massiv
gekränkten Mannes hinterlassen, der in seinem bisherigen Selbstverständnis
erschüttert worden sei und dem der reife Umgang mit der Gesamtproblematik faktisch
unmöglich sei. Aufgrund fehlender reifer Kompensationsmechanismen habe der
Versicherte deutlich depressiv reagiert. Bis zum Erfolg einer psychotherapeutischen
Intervention sei die Arbeitsfähigkeit um 50 % eingeschränkt (IV-act. 127-11, 31 f.). Es
sei davon auszugehen, dass die Schmerzsymptomatik die depressive Symptomatik
A.h.
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aufrecht erhalte. Vor dem Hintergrund des Kränkungserlebnisses habe allerdings die
depressive Symptomatik eine Eigendynamik entwickelt, d.h. auch wenn die
Schmerzsymptomatik erfolgreich behandelt werden könnte, würde die depressive
Symptomatik solange persistieren, bis das Kränkungserleben bearbeitet werden
konnte (IV-act. 127-15).
Die IV-Stelle bzw. der RAD kamen zum Schluss, das psychiatrische/bidisziplinäre
Gutachten sei für die abschliessende Rentenprüfung mangelhaft. Die Diagnose einer
Anpassungsstörung sei zwar aufgrund der Kündigung und des Kränkungserlebens
nachvollziehbar, allerdings setze sich der Gutachter nicht mit den abweichenden
Diagnosen der behandelnden Ärzte auseinander. Eine Somatisierungsstörung werde
nicht objektiv begründet oder ausgeschlossen, obwohl der Versicherte über Jahre
hochdosierte Schmerzmittel einnehme (Strategie-Protokoll vom 11. November 2016,
IV-act. 130). Der RAD formulierte am 22. November 2016 Rückfragen an die Gutachter
(IV-act. 131). Diese beantworteten die Gutachter am 22. Dezember 2016 (IV-act. 132).
Diese Antwort war aus RAD-Sicht genüglich (IV-act. 134-3). Der Rechtsdienst der IV-
Stelle nahm am 24. Februar 2017 im Wesentlichen Stellung, rechtsprechungsgemäss
gelte eine diagnostizierte Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion
mangels hinreichend ausgeprägter Psychopathologie nicht als invalidisierend. Beim
Versicherten liege kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden vor (IV-
act. 135).
A.i.
Mit Vorbescheid vom 28. Februar 2017 gewährte die IV-Stelle dem Versicherten
das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Abweisung des Leistungsbegehrens (IV-
act. 138). Der Versicherte machte mit Einwand vom 27. März 2017 geltend, aufgrund
seiner Schmerzen sei ihm höchstens ein Arbeitspensum von 50 % möglich (IV-
act. 141).
A.j.
Mit Verfügung vom 24. April 2017 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab. Es
liege kein invalidisierender Gesundheitsschaden vor, welcher die Ausrichtung einer IV-
Rente rechtfertige. Es seien keine relevanten Unterlagen eingereicht worden, die eine
andere Beurteilung des Sachverhalts erforderlich machten (IV-act. 142).
A.k.
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B.
Gegen die Verfügung vom 24. April 2017 lässt A._, vertreten durch Rechtsanwalt
Dr. iur. R. Pedergnana, am 26. Mai 2017 Beschwerde erheben. Er beantragt, die
angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolgen aufzuheben und
es sei ihm eine halbe Rente zuzusprechen. Er führt aus, dass die Beschwerdegegnerin
selbst das Gutachten nicht für zweifelsfrei halte. Er habe jahrelang starke
Schmerzmittel eingenommen, sich am oberen Sprunggelenk operieren lassen und sich
einer monatelangen Schmerztherapie unterzogen, ohne seine Leistungsfähigkeit
zurückgewonnen zu haben. Daher sei von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % auszugehen
und ihm eine halbe Rente zuzusprechen (act. G 1). Mit der Beschwerde reicht er den
Schlussbericht über das absolvierte interdisziplinäre Schmerzprogramm des
Schmerzzentrums des KSSG vom 31. Januar 2017 ein (act. G 1.3).
B.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 18. August 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Der Nachweis der Invalidität setze nach der
Rechtsprechung eine gesundheitlich bedingte, erhebliche und evidente, dauerhafte
sowie objektivierbare Beeinträchtigung voraus. Psychische Störungen gälten
grundsätzlich nur als invalidisierend, wenn sie schwer und therapeutisch nicht (mehr)
angehbar seien. Das SMAB-Gutachten (vom 6. Oktober 2016) erfülle die von der
Rechtsprechung aufgestellten Anforderungen an ein beweiskräftiges, lege artis
erstelltes Gutachten. Zu prüfen sei, ob die attestierte 50 %ige Arbeitsunfähigkeit einer
rechtlichen Überprüfung standhalte. Dabei könne von einer im medizinischen
Gutachten festgestellten Arbeitsunfähigkeit abgewichen werden, ohne dass dieses
seinen Beweiswert verlöre. Gemäss der Rechtsprechung fielen leichte bis mittelgradige
depressive Störungen einzig dann als invalidisierende Krankheit in Betracht, wenn sie
erwiesenermassen therapieresistent seien. Eine Anpassungsstörung werde
diagnostiziert, wenn selbst die Diagnose einer leichten depressiven Episode nicht
möglich sei. Die im SMAB-Gutachten diagnostizierte Anpassungsstörung mit längerer
depressiver Reaktion gelte mangels hinreichend ausgeprägter Psychopathologie nicht
als invalidisierendes Leiden. Die ebenfalls diagnostizierten akzentuierten
Persönlichkeitszüge fielen nicht unter den Begriff des rechtserheblichen
Gesundheitsschadens. Dem SMAB-Gutachten lasse sich kein schlüssiger Nachweis
eines therapieresistenten, schwerwiegenden psychischen Leidens entnehmen, zumal
B.b.
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nach Auffassung des psychiatrischen Experten noch Therapiepotential bestehe. Eine
invalidenversicherungsrechtlich relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit liege
daher nicht vor. Der Beschwerdeführer habe somit keinen Rentenanspruch (act. G 4).
Mit Replik vom 21. September 2017 hält der Beschwerdeführer an seinen
Rechtsbegehren fest und beantragt zusätzlich, eventualiter sei ein gerichtliches
psychiatrisches Gutachten in Auftrag zu geben. Weiter reicht er die Stellungnahme von
Dr. B._ vom 28. Juni 2017 zum SMAB-Gutachten ein (act. G 7.1) sowie eine Studie,
wonach lumbale MRI-Untersuchungen oft fehlerhaft interpretiert würden (John
A. Carrino, MD, MPH et al.; Lumbar spine: Realibility of MR imagigng findings,
Radiology, vol 250, January 2009, 161-170; act. G 7.2). Gemäss Bericht des
Schmerzzentrums vom 31. Januar 2017 seien degenerative Veränderungen mit
multisegmentalen Osteochondrosen HWK 3/4 bis 6/7 mit dezenten breitbasigen
Bandscheibenprotrusionen, die in den Duralschlauch eindellten, festgestellt worden.
Dabei handle es sich nicht um die im rheumatologischen Teilgutachten festgehaltenen
geringgradigen Veränderungen der BWS. Betreffend die psychische Erkrankung stellt
sich der Beschwerdeführer auf den Standpunkt, es liege erwiesenermassen eine
Therapieresistenz vor. Die von der Beschwerdegegnerin angewendete Rechtsprechung
diskriminiere sodann Menschen mit einer psychischen Erkrankung (act. G 7).
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet am 29. September 2017 auf eine Duplik
(act. G 9).
B.d.
Mit Eingabe vom 19. Februar 2018 (act. G 11) legt der Beschwerdeführer einen
Bericht des Schmerzzentrums des KSSG vom 8. Februar 2018 ins Recht (act. G 11.1);
von der am 28. Februar 2018 ermöglichten Gelegenheit zur Stellungnahme macht die
Beschwerdegegnerin nicht Gebrauch (act. G 12).
B.e.
Am 7. Oktober 2019 reicht der Beschwerdegegner einen Bericht der Klinik für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates vom 1. Oktober
2019 sowie eine Verordnung zur Physiotherapie ein und ersucht um baldige
Entscheidung (act. G 13; act. G 13.1). Daraus geht hervor, dass beim
Beschwerdeführer am 30. September 2019 die operative Versorgung einer
Rotatorenmanschetten-Ruptur (Supraspinatus transmural, Subscapularis transmural
B.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
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Erwägungen
1.
mit Bicepssehnen-Luxation) der rechten Schulter erfolgte. Dazu wird der
Beschwerdegegnerin am 10. Oktober 2019 Gelegenheit für eine Stellungnahme
eröffnet, welche sie unbenutzt lässt (act. G 14).
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Die invalidenversicherungsrechtliche Anerkennung von Beschwerden setzt
zunächst eine Abgrenzung zu reaktiven, invaliditätsfremden Geschehen durch eine
einwandfreie fachärztliche Diagnose voraus (BGE 141 V 285 E. 2.1; BGE 143 V 416
E. 4.5.2). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden objektiviert
werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken (vgl. Urteile
des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_350/2017, E. 5.4, und vom 27. März
2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427 E. 6). Für somatisch unklare
Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte Diagnosen) sowie
psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist der Beweis nach dem
strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE 141 V 281 und
BGE 143 V 428, E. 7.1).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Invaliditätsbemessung ist nicht massgeblich, ob
eine versicherte Person unter den konkreten Arbeitsmarktverhältnissen vermittelt
werden kann, sondern einzig, ob sie die ihr verbliebene Arbeitskraft noch wirtschaftlich
1.3.
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nutzen könnte, wenn ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage nach
Arbeitskräften bestünde (ausgeglichener Arbeitsmarkt, Art. 16 ATSG).
Der als ausgeglichen unterstellte Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte
Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei welchen Behinderte mit
einem sozialen Entgegenkommen vonseiten des Arbeitgebers rechnen können. An der
Massgeblichkeit des theoretisch ausgeglichenen Arbeitsmarktes vermag auch der
Umstand nichts zu ändern, dass es für die versicherte Person im Einzelfall schwierig
oder gar unmöglich ist, im tatsächlichen Arbeitsmarkt eine entsprechende Stelle zu
finden. Von einer Arbeitsgelegenheit kann gemäss bundesgerichtlicher
Rechtsprechung nur dann nicht mehr gesprochen werden, wenn die zumutbare
Tätigkeit nurmehr in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene
Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem
Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden
einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteil
des Bundesgerichts vom 28. November 2014, 9C_485/2014 E. 2 und E. 3.3.1 mit
Hinweisen). Fehlt es an einer wirtschaftlich verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt
eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor, die einen Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente begründet (BGE 138 V 460 E. 3.1).
1.4.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
1.5.
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2.
Die medizinischen Gutachter haben sich nicht auf die Diagnosestellung zu
beschränken, sondern die Leistungsfähigkeit bzw. die funktionellen Auswirkungen
unter Beachtung der einschlägigen Indikatoren einzuschätzen (BGE 141 V 307 E. 5.2.1;
BGE 143 V 427 E. 6). Der Beweis für eine lang andauernde und erhebliche
gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet betrachtet werden,
wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden
Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen
(Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143 V 427, E. 6 a. E.).
Die ärztliche Arbeitsunfähigkeitsschätzung kann, zumindest ohne einlässliche
Befassung mit den spezifischen normativen Vorgaben und ohne entsprechende
Begründung den rechtlich geforderten Beweis einer Erwerbsunfähigkeit (Art. 7 Abs. 2
ATSG) nicht erbringen, weil sie weitgehend vom Ermessen des Sachverständigen
abhängt (BGE 143 V 427, E. 6). Die Rechtsanwender prüfen insbesondere, ob die Ärzte
ausschliesslich funktionelle Ausfälle berücksichtigt haben, welche Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung sind (Art. 7 Abs. 2 erster Satz ATSG), sowie, ob die
versicherungsmedizinische Zumutbarkeitsbeurteilung auf objektivierter Grundlage
erfolgt ist (Art. 7 Abs. 2 zweiter Satz ATSG). Recht und Medizin tragen je nach ihren
fachlichen und funktionellen Zuständigkeiten zur Festlegung ein und derselben
Arbeitsunfähigkeit bei. Es soll keine losgelöste juristische Parallelüberprüfung nach
Massgabe des strukturierten Beweisverfahrens stattfinden, sondern im Rahmen der
Beweiswürdigung überprüft werden, ob die funktionellen Auswirkungen medizinisch
anhand der Indikatoren schlüssig und widerspruchsfrei festgestellt wurden und somit
den normativen Vorgaben Rechnung tragen (BGE 141 V 307, E. 5.2.2 f.; BGE 144 V 54,
E. 4.3).
1.6.
Medizinische Grundlage der angefochtenen Verfügung bildet das SMAB-
Gutachten vom 6. Oktober 2016 (IV-act. 127) samt der ergänzenden Stellungnahme
vom 22. Dezember 2016 (IV-act. 132). Umstritten ist die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung sowie die invalidenversicherungsrechtliche Relevanz der
diagnostizierten Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion.
2.1.
Das Bundesgericht hat mit BGE 143 V 415 f., E. 4.4 a.E. und E. 4.5.1 vom
30. November 2017 seine bisherige Rechtsprechung zu den leichten bis
mittelschweren Depressionen fallen lassen und grundsätzlich alle psychischen
Erkrankungen den somatoformen Schmerzstörungen und vergleichbaren
psychosomatischen Leiden in der Beurteilung nach dem strukturierten Beweisverfahren
gleichgestellt. Zur Begründung führte es an, dass aus medizinischer Sicht generell
2.2.
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3.
sämtliche psychische Leiden beschränkt objektivier- und beweisbar seien (vgl. BGE
143 V 415, E. 4.5.1). Die Änderung der Rechtsprechung ist sofort und somit auch im
vorliegenden Fall anwendbar (BGE 142 V 558 f., E. 4.1; Urteil des Bundesgerichts vom
1. April 2014, 9C_769/2013, E. 2). Gemäss altem Verfahrensstandard eingeholte
Gutachten verlieren ihren Beweiswert nicht per se. Mit Blick auf die nunmehr materiell-
beweisrechtlich geänderten Anforderungen bei der Einschätzung des funktionellen
Leistungsvermögens ist jedoch in jedem einzelnen Fall zu prüfen, ob die beigezogenen
administrativen und/oder gerichtlichen Sachverständigengutachten, gegebenenfalls im
Kontext mit weiteren fachärztlichen Berichten, eine schlüssige Beurteilung im Lichte
der massgeblichen Indikatoren erlauben oder nicht (BGE 141 V 309 E. 8; Urteil des
Bundesgerichts vom 13. April 2016, 9C_168/2015, E. 2.2.3; zum Ganzen auch Urteil
vom 19. Oktober 2018, 8C_126/2018, E. 3.2). Die Beweistauglichkeit des SMAB-
Gutachtens ist somit im Folgenden auch unter dem Gesichtspunkt der
Standardindikatoren zu beurteilen.
Anlässlich der rheumatologischen Begutachtung beklagte der Beschwerdeführer
Schmerzen der BWS; diese seien andauernd vorhanden, tags und nachts. Die
zeitweise vor allem links in Arm und Bein ausstrahlenden Schmerzen habe er seit
seiner Jugend. Nach einer Stunde Hausarbeiten müsse er wegen der Schmerzen
pausieren. Die Intensität der Schmerzen liege gemäss der visuellen Analogskala zur
subjektiven Messung der Schmerzstärke (VAS) zwischen 3/10 und 8/10. Er nehme
regelmässig Brufen ein, Targin helfe am besten (IV-act. 127-35 f.). Von den
Medikamenten Targin und Oxynorm sei er ständig müde und müsse schlafen (IV-
act. 127-26). Wegen der Schmerzen habe er eine vom RAV zugewiesene
Eingliederungsmassnahme in einer Übungsfirma abbrechen müssen, da er zu viele
Ausfalltage gehabt habe (IV-act. 127-35 f.). Die manuelle Untersuchung der Wirbelsäule
zeigte keine segmentale Funktionsstörung. Erhoben werden konnte eine Druckdolenz
und ein Rüttelschmerz an der BWS. Die HWS war schmerzfrei und physiologisch
beweglich (IV-act. 127-36). Bildgebend ist ein MRI HWS/BWS vom Januar 2013
aktenkundig. Dieses zeigte altersentsprechende degenerative Veränderungen in Form
von multisegmentalen Osteochondrosen der Segmente HWK 3/4 bis HWK 6/7 mit
dezenten breitbasigen Bandscheibenprotrusionen, dadurch eine ventrale Perlottierung
des Duralschlauches, eine beginnende bilaterale Einengung der Neuroforamen im
Segment HWK 5/6 bei bilateraler Unkovertebralarthrose sowie dezente
Bandscheibenprotrusionen in den Segmenten BWK 2/3 und 4/5 ohne abgrenzbaren
Bandscheibenvorfall (Bericht Erstkonsultation Schmerzzentrum KSSG, IV-act. 92-1 ff.).
3.1.
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Ein aktuelles MRI vom 19. August 2016 bildete geringe degenerative Veränderungen
(leichtgradige Osteochondrosen, geringe ventrale Spondylose) der mittleren und
unteren BWS ab (IV-act. 127-37, 40). Eine Röntgenaufnahme des linken OSG machte
eine Gelenkspaltverschmälerung und geringe osteophytäre Reaktionen sichtbar (IV-
act. 127-37, 40).
3.2.
Der rheumatologische Gutachter diagnostizierte ein chronisches
thorakovertebrales Schmerzsyndrom bei geringgradigen degenerativen Veränderungen
der BWS (IV-act. 127-127-37). Ähnlich war in der Schmerzklinik die Diagnose eines
chronischen multitopen Schmerzsyndroms gestellt worden (Berichte vom 8. September
2015, IV-act. 92-1 f., vom 21. Oktober 2015, IV-act. 91, und vom 7. April 2016, IV-
act. 110). Der Gutachter führte aus, die Pathogenese der beklagten heftigen thorakalen
Rückenschmerzen sei auch aktuell unklar geblieben. Erklärende relevante degenerative
Veränderungen lägen ebenso wenig vor wie Zeichen einer entzündlich rheumatischen
Affektion wie einer Spondyloarthritis. Es bestehe keine aussergewöhnliche
Bewegungseinschränkung des Achsenskeletts, das HLA-B27 sei negativ und das MRI
der BWS unauffällig. Auch seien NSA nicht speziell wirksam. Zur Diskrepanz zwischen
den bescheidenen objektiven Befunden und der stark ausgeprägten subjektiven
Schmerzwahrnehmung passe die Wirkungslosigkeit der Physiotherapie. Eine
beginnende Arthrose im linken oberen Sprunggelenk bedinge eine leichte
Einschränkung der Flexion. Es resultiere aber kein Hinken, und die Hocke sei möglich.
Die auftretenden Schmerzen nach einer Stunde Wandern seien nachvollziehbar.
Darüber hinaus sei keine besondere Behinderung im Alltag ausgewiesen. Eine
muskuloskelettal bedingte Einschränkung bestehe nur für schwere und sehr schwere
Arbeiten auf dem Bau wegen des chronischen, unspezifischen und zurzeit mit Opiaten
behandelten thorakovertebralen Syndroms und der eingeschränkten Gehfähigkeit
wegen der OSG-Arthrose links. Medizinisch-theoretisch sei aus rheumatologischer
Sicht die Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Baukaufmann 100 %.
Im ursprünglich erlernten Beruf als Maurer sei keine Arbeitsfähigkeit mehr gegeben (IV-
act. 127-10 f., 37 f.). In der Stellungnahme vom 22. Dezember 2016 erklärten die
Gutachter, aus Sicht des orthopädischen Fachgebiets seien die Schmerzen körperlich
auch nicht zum Teil erklärbar. Somit schieden Schmerzen mit psychischer
Komorbidität aus. Am ehesten handle es sich um einen Ausdruck der primären
psychischen Erkrankung. Differenzialdiagnostisch wäre an eine somatoforme Störung
zu denken, wobei aufgrund der Komplexität des Krankheitsgeschehens eine genauere
diagnostische Einordnung nicht gelinge (IV-act. 132).
3.2.1.
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Bereits am 7. November 2014 hatte Dr. B._ festgehalten, dass für die
beschriebenen Schmerzen im Bereich der BWS keine somatische Ursache eruierbar
sei (IV-act. 17). Die bildgebenden Befunde wurden als geringgradig bezeichnet, und die
klinische funktionelle Untersuchung der Wirbelsäule ergab keine Einschränkungen,
welche die Schmerzen aus somatischer Sicht objektivieren würden. Es ist folglich mit
dem rheumatologischen Gutachter davon auszugehen, dass für die beklagten
Schmerzen in der BWS kein organisches Korrelat gefunden werden konnte. Dem
gegenüber hielt Dr. H._ im Sprechstundenbericht vom 10. August 2016 fest, vom
Beschwerdeführer berichtete, seit einer Woche neu verstärkte krampfartige Schmerzen
links im Nacken- und Schulterbereich, die streckseitig bis in die Finger der linken Hand
ausstrahlten, dürften einer neuropathischen Schmerzkomponente entsprechen, die zu
den bekannten Befunden der HWS passen könnte (IV-act. 127-45 f.). Anlässlich der
Begutachtung war jedoch die HWS schmerzfrei und physiologisch beweglich, weshalb
nicht von einer relevanten Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit durch diese offenbar
vorübergehenden Beschwerden auszugehen ist.
3.2.2.
3.3.
Interdisziplinär attestierten die Gutachter ausschliesslich aus psychiatrischer
Sicht eine Arbeitsunfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten von 50 % bis zur Wirksamkeit
der psychiatrischen Behandlung (IV-act. 127-11, 31 f.). Dieser Einschätzung zugrunde
liegt einzig die psychiatrische Diagnose einer Anpassungsstörung mit längerer
depressiver Reaktion (ICD-10: F43.21) bei akzentuierten Persönlichkeitszügen (ICD-10:
F43.1 [richtig: Z73]).
3.3.1.
Der psychiatrische Gutachter führt zu seiner diagnostischen Einordnung aus, die
Störungen des Kapitel F, 4. Abschnitt der ICD-10 könnten insofern als
Anpassungsstörungen bei schwerer oder kontinuierlicher Belastung angesehen
werden, als sie erfolgreiche Bewältigungsstrategien behinderten und aus diesem
Grunde zu Problemen der sozialen Funktionen führten (IV-act. 127-29). Die Diagnose
einer Anpassungsstörung sei gewählt worden, weil sich nur dadurch der faktisch
durchgehend depressive Zustand hinreichend erklären lasse, während bei einer
rezidivierenden depressiven Störung zwischen den einzelnen Episoden eine
weitgehende Restitution hätte erreicht werden müssen, woran es vorliegend fehle.
Hinzu komme, dass die Anpassungsstörung das "alte" Konzept der exogenen
Depression ersetzt habe und hierdurch hinreichend zum Ausdruck bringe, dass eine
erkennbare Ursache für die depressive Symptomatik bestehe. Keinesfalls solle damit
ausgedrückt werden, dass die Diagnose an sich nicht zu einer relevanten
3.3.2.
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Einschränkung der Arbeitsfähigkeit führe (IV-act. 132). Abweichend davon hatten
vorgängig Dr. B._ (Berichte vom 7. November 2014, IV-act. 17, vom 29. Januar 2016,
IV-act. 103, sowie Stellungnahme vom 28. Juni 2017, act. G 7.1), Dr. G._ (Gutachten
vom 3. Juli 2015, IV-act. 83-10) sowie die Klinik für Psychosomatik des KSSG (Bericht
vom 9. November 2015, IV-act. 100-11 f.) eine mittelgradig depressive Episode mit
somatischem Syndrom (ICD-10: F32.11) bzw. eine rezidivierende depressive Störung
mit Status nach Burnout 2014, aktuell vordergründig Antriebsverlust (ICD-10: F33.0),
diagnostiziert. Eine zum aus somatischer Sicht erhobenen Schmerzsyndrom
spiegelbildliche psychiatrische Diagnose wie insbesondere eine somatoforme
Schmerzstörung wurde weder vom psychiatrischen Gutachter (IV-act. 127-28) noch
von Dr. G._ (Gutachten vom 3. Juli 2015, IV-act. 83-10) oder vom behandelnden Dr.
B._ (vgl. Berichte vom 7. November 2014, IV-act. 17, vom 29. Januar 2016, IV-
act. 103, sowie Stellungnahme vom 28. Juni 2017, act. G 7.1) gestellt.
3.4.
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt zwar
eine auf objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach
einem wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 396
E. 5.3 und E. 6, BGE 141 V 289 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar
2016, 8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten
Beschwerden objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw.
Erwerbsfähigkeit auswirken (vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017,
8C_350/2017, E. 5.4, und vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427
E. 6). Indes ist invalidenversicherungsrechtlich nicht die Diagnose massgebend,
sondern welche Auswirkungen eine Erkrankung auf die Arbeitsfähigkeit hat (BGE 136 V
279 E. 3.2.1 S. 281; Urteil des Bundesgerichts vom 24. August 2011, 9C_270/2011
E. 4.2.) bzw. sind der lege artis erhobene psychopathologische Befund und der
Schweregrad der Symptomatik entscheidend (Urteil des Bundesgerichts vom 15. März
2016, 9C_634/2015, 9C_665/2015, E. 6.1).
3.4.1.
Der Gutachter kommt diesbezüglich zum Schluss, die psychiatrische
Symptomatik sei mittelgradig ausgeprägt (IV-act. 127-30), was mit der Einstufung der
depressiven Episode als mittelgradig übereinstimmt. Auch in der Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit von 50 % stimmen Dr. B._ (Arztbericht vom 29. Januar 2016) und der
psychiatrische Gutachter (IV-act. 127-11, 31 f.) überein. Sodann stellt sich die Frage,
ob in der Arbeitsfähigkeitsschätzung des psychiatrischen Gutachters die geltend
gemachten Schmerzen, die somatisch nicht erklärbar sind, hätten zusätzlich
3.4.2.
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berücksichtigt werden müssen. Diese Frage kann verneint werden: Zwar führt Dr. B._
aus, die ungünstigen Wechselwirkungen zwischen der mittelgradig depressiven
Episode und dem chronifizierten multitopen Schmerzsyndrom seien zu wenig beachtet
worden. Letzteres habe sich über den ganzen Behandlungsspielraum limitierend auf
die psychiatrische Therapie ausgewirkt, da die üblicherweise die depressive
Symptomatik günstig beeinflussenden aktivierenden Tätigkeiten aufgrund der
Schmerzen nicht hätten durchgeführt werden können. Weiter einschränkend auf die
aktivierenden Massnahmen wirkten die notwendigen, teils starken Schmerzmittel
(Stellungnahme zum Gutachten vom 28. Juni 2017, act. G 7.1). Dennoch hat er aber ab
Februar 2015 keine höhere Arbeitsunfähigkeit attestiert als der Gutachter (Arztbericht
vom 29. Januar 2016, IV-act. 103), weshalb davon auszugehen ist, dass sich seine
Ausführungen auf die Beurteilung durch die Rechtsanwendung beziehen, wonach keine
invalidenversicherungsrechtlich relevante Arbeitsunfähigkeit vorliege. Demnach ist
festzuhalten, dass sowohl der psychiatrische Gutachter als auch Dr. B._ den geltend
gemachten Schmerzen keine über diejenigen der Depression hinausgehende
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zuerkennen. Insoweit ist die psychiatrische
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit von 50 % - letztlich unabhängig von der zutreffenden
diagnostischen Einordnung - schlüssig und nachvollziehbar.
Nach dem Gesagten liegt aus psychiatrischer Sicht insgesamt ein mittelgradiger
Schweregrad der funktionellen Beeinträchtigung vor, was einleuchtet, da der
Beschwerdeführer nicht nur an einer depressiven Symptomatik, sondern auch an
Schmerzen leidet. Der psychiatrische Gutachter hielt fest, beim Versicherten lägen
keine Beeinträchtigungen der Fähigkeit zur Selbstpflege, eine leichte Beeinträchtigung
der Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenzen, der Fähigkeit zu familiären bzw.
intimen Beziehungen und der Verkehrsfähigkeit, mittelgradige Beeinträchtigungen der
Fähigkeit zur Planung und Strukturierung von Aufgaben, der Flexibilität und
Umstellungsfähigkeit, der Fähigkeit zur Anpassung an Regeln und Routinen sowie
schwere Beeinträchtigungen der Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit, der
Durchhaltefähigkeit, der Selbstbehauptungsfähigkeit, der Kontaktfähigkeit zu Dritten,
der Gruppenfähigkeit und der Fähigkeit zu Spontanaktivitäten vor (IV-act. 127-11, 31).
Merkfähigkeit, Kurz- und Langzeitgedächtnis hätten im psychopathologischen Befund
unbeeinträchtigt gewirkt (IV-act. 127-26). Es sei davon auszugehen, dass die
Schmerzsymptomatik die depressive Symptomatik aufrecht erhalte. Vor dem
Hintergrund des Kränkungserlebnisses habe allerdings die depressive Symptomatik
eine Eigendynamik entwickelt, d.h. auch wenn die Schmerzsymptomatik erfolgreich
behandelt werden könnte, würde die depressive Symptomatik solange persistieren, bis
das Kränkungserleben bearbeitet hätte werden können (IV-act. 127-15). Aus der
3.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
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Anamnese des Beschwerdeführers geht hervor, dass er trotz belasteter Biographie mit
Alkoholproblematik im familiären Umfeld und eigener bewältigter Abhängigkeit und
obwohl er seit dem jungen Erwachsenenalter unter Schmerzen im Bereich der BWS
leidet, über zwanzig Jahre lang im selben Unternehmen beschäftigt war, zunächst als
Bauarbeiter und später - nach einer Umschulung - als Baukaufmann. Mit dem
Generationenwechsel änderte sich das vorher familiäre Arbeitsumfeld. Aufgrund
gesteigerter Anforderungen erlitt der Beschwerdeführer ein Burnout und war längere
Zeit arbeitsunfähig, worauf ihm nach rund 27-jähriger Tätigkeit im Unternehmen
gekündigt wurde, was ihn sehr kränkte (vgl. IV-act. 127-22 ff.). Der psychiatrische
Gutachter hält weiter fest, aus psychiatrischer Sicht habe der Beschwerdeführer das
Bild eines massiv gekränkten Mannes hinterlassen, der in seinem bisherigen
Selbstverständnis erschüttert worden sei und dem der reife Umgang mit der
Gesamtproblematik faktisch unmöglich sei. Aufgrund fehlender reifer
Kompensationsmechanismen habe der Versicherte deutlich depressiv reagiert (IV-
act. 127-11, 31 f.). Es fänden sich selbstunsichere, aber auch narzisstische
Persönlichkeitsanteile, welche die persönlichen Ressourcen erheblich einschränkten.
Früher habe er die fehlenden Ressourcen mit Alkohol kompensiert. Es seien gewisse
Ressourcen vorhanden, die allerdings nicht ausreichend seien, um dem Versicherten
die Bewältigung seiner Situation - der erlittenen Kränkung - zu ermöglichen (IV-
act. 127-30). Seine Ehefrau sei für ihn eine grosse Stütze, ein weiteres tragfähiges
soziales Netzwerk bestehe nicht (IV-act. 127-31). Ein Beschwerdevalidierungstest
ergab keine Hinweise auf das Vorliegen einer Aggravation (IV-act. 127-27). Der
Wirkstoff bzw. das Abbauprodukt von Agomelatin und Oxycodon waren nachweisbar
bzw. lagen gar über dem Wirkbereich (IV-act. 127-27). Der Beschwerdeführer ist alle 14
Tage in ambulanter psychiatrischer Behandlung und in ambulanter Therapie im
Schmerzzentrum, eine stationäre Therapie wurde indes nie erwogen. Der Frage, ob
damit, wie der behandelnde Psychiater festhält, die zur Verfügung stehenden Optionen
tatsächlich ausgeschöpft sind (Stellungnahme vom 28. Juni 2017, act. G 7.1), kommt
nach der geltenden Rechtsprechung nicht mehr eine überwiegende Bedeutung zu.
Jedenfalls sprechen die therapeutischen Bemühungen für einen erheblichen
Leidensdruck.
Zusammenfassend berücksichtigt das Gutachten die geklagten Beschwerden und
die medizinischen Akten ausreichend. Wenn es auch diagnostisch nicht vollständig
nachvollziehbar erscheint, ist es doch im Ergebnis - mit Blick auf die
invalidenversicherungsrechtlich wesentlichen funktionellen Einschränkungen -
plausibel. Es folgt den Indikatoren des strukturierten Beweisverfahrens, welches
aufgrund der Diagnosen der organisch nicht erklärbaren Schmerzstörung sowie der
3.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
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4.
depressiven Symptomatik anzuwenden ist. Die Einschätzung der Gutachter ist in der
Beurteilung der massgeblichen Indikatoren nachvollziehbar und schlüssig. Auch aus
RAD-Sicht wurde es nach erfolgter Ergänzung als genüglich erachtet (IV-act. 134-3).
Für eine Abweichung von der gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung im Rahmen
der Rechtsanwendung besteht daher kein Raum. Es ist mithin ab Dezember 2014 von
einer 50 %igen Arbeitsfähigkeit für die angestammte Tätigkeit als Baukaufmann sowie
für eine adaptierte Tätigkeit auszugehen (IV-act. 127-12, 32).
Der Beschwerdeführer war erstmals ab 1. Mai 2014 durch seinen damaligen
Hausarzt, med. pract. L._, Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesie, krank
geschrieben (Fremdakten, act. 1-17). Dr. B._ bestätigte sodann eine durchgehende
Arbeitsunfähigkeit von 100 % bzw. 50 % seit 16. Mai 2014 (IV-act. 17; IV-act. 99). Das
Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG war demnach am 1. Mai 2015 abgelaufen,
ebenso die sechsmonatige Frist gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG, so dass ein allfälliger
Rentenanspruch ab 1. Mai 2015 besteht.
4.1.
Der Beschwerdeführer erzielte an seiner langjährig innegehabten Stelle zuletzt (ab
Januar 2014) ein Jahreseinkommen von Fr. 91'260.-- (Angaben Arbeitgeberin vom
10. Oktober 2014, IV-act. 13). Er könnte gemäss Gutachten die frühere Tätigkeit
weiterhin mit einer Arbeitsfähigkeit von 50 % ausüben. Somit bemisst sich das
Invalideneinkommen nach demselben Lohn wie das Valideneinkommen, was einem
Prozentvergleich entspricht (Urteil des Bundesgerichts vom 4. Februar 2015,
9C_888/2014, E. 2). Dass dieses Lohnniveau realistisch ist, zeigt auch der Vergleich mit
den statistischen Ansätzen der Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für
Statistik (BFS; T 17, Ziff. 41, "allgemeine Büro- und Sekretariatskräfte Männer über 50
Jahre), wonach für das Jahr 2012 und unverändert für 2014 von einem Monatslohn von
Fr. 7'647.-- auszugehen ist und unter Berücksichtigung der betriebsüblichen Arbeitszeit
von 41,5 Stunden ein Jahreseinkommen von Fr. 95'205.-- (Fr. 7'647 x 12 : 40 x 41.5
[betriebsübliche Arbeitszeit]) resultiert.
4.2.
Im Zeitpunkt des Gutachtens vom 6. Oktober 2016 stand der Beschwerdeführer
kurz vor Vollendung seines 60. Altersjahres. Seine Persönlichkeit und die Tatsache,
dass er praktisch das ganze Leben im selben Betrieb tätig war und dieses
Arbeitsverhältnis mit einer schwerwiegenden Enttäuschung endete, dürften die
Umstellung auf eine neue Arbeitsstelle sehr stark erschweren. Dennoch ist der
Beschwerdeführer nach eigener Aussage seit Mai 2017 während 5 bis 10 Stunden
wöchentlich als Aushilfe des Schulabwartes (act. G1-7) und als Schulbuschauffeur
4.3.
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5.