Decision ID: 7779e21f-8292-4f93-a30c-dc6faccdec6d
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine 1998 geborene syrische Staatsangehörige,
ersuchte am 29. Oktober 2015 in der Schweiz um Asyl. Mit Verfügung vom
16. März 2017 wies die Vorinstanz das Asylgesuch ab, verneinte die
Flüchtlingseigenschaft und wies sie aus der Schweiz weg. Den Vollzug der
Wegweisung schob sie jedoch zufolge Unzulässigkeit auf und ordnete an
dessen Stelle die vorläufige Aufnahme an. Mit der Umsetzung der vorläu-
figen Aufnahme wurde der Kanton Thurgau beauftragt. Eine gegen den
Asylentscheid erhobene Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht
mit Urteil E-2176/2017 vom 4. Mai 2017 ab.
B.
Am 16. August 2018 ersuchte die Beschwerdeführerin ein erstes Mal um
Verlegung ihres Wohnsitzes vom Kanton Thurgau in den Kanton Zürich,
was sie im Wesentlichen mit ihrer Transsexualität beziehungsweise ihrem
sozialen Umfeld in (...) begründete. Die Vorinstanz wies das Gesuch am
1. November 2018 ab. Ein weiteres Gesuch um Kantonswechsel vom
8. September 2020 wies die Vorinstanz mit Verfügung vom 28. Oktober
2020 ebenfalls ab.
C.
Am 3. Mai 2021 ersuchte die Beschwerdeführerin beim Migrationsamt des
Kantons Zürich erneut um Bewilligung eines Wechsels vom Kanton Thur-
gau in den Kanton Zürich. Sie begründete den Antrag damit, in (...) ein
soziales Netzwerk gefunden zu haben, wogegen es im Kanton Thurgau
schwierig sei, als Transfrau offen zu leben. Darüber hinaus habe sie in (...)
eine Lehrstelle gefunden.
D.
Das Migrationsamt des Kantons Zürich übermittelte das Gesuch zustän-
digkeitshalber an die Vorinstanz, welche der Beschwerdeführerin mit
Schreiben vom 20. Mai 2021 mitteilte, dass voraussichtlich weder ein An-
spruch auf Einheit der Familie noch eine schwerwiegende Gefährdung vor-
liege. Gleichzeitig bat sie die Kantone Thurgau und Zürich um Mitteilung,
ob sie einem Kantonswechselgesuch zustimmen oder dieses ablehnen
würden.
E.
Der Kanton Zürich verweigerte am 27. Mai 2021 die Zustimmung zum Kan-
tonswechsel, der Kanton Thurgau verzichtete auf eine Stellungnahme. Mit
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Schreiben vom 9. Juni 2021 gewährte die Vorinstanz der Beschwerdefüh-
rerin rechtliches Gehör zur beabsichtigten Abweisung des Gesuchs. Diese
liess sich dazu nicht mehr vernehmen.
F.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2021 wies die Vorinstanz das Gesuch um Kan-
tonswechsel ab.
G.
Am 26. Juli 2021 ersuchte die Beschwerdeführerin bei der Vorinstanz um
Wiedererwägung der Verfügung vom 8. Juli 2021. Die Vorinstanz überwies
die Eingabe am 9. August 2021 an das Bundesverwaltungsgericht zur Prü-
fung, ob diese als Beschwerde gegen die ablehnende Verfügung zu be-
handeln sei.
H.
Mit Schreiben vom 18. August 2021 forderte das Bundesverwaltungsge-
richt die Beschwerdeführerin auf, innert laufender Rechtsmittelfrist einen
allfälligen Beschwerdewillen zu bestätigen. Die Beschwerdeführerin bestä-
tigte am 21. August 2021, dass ihre Eingabe vom 26. Juli 2021 als Be-
schwerde gegen die Verfügung vom 8. Juli 2021 zu verstehen sei.
I.
Die Vorinstanz hielt mit Vernehmlassung vom 21. Oktober 2021 vollum-
fänglich an ihren Erwägungen fest. Die Beschwerdeführerin liess sich dazu
nicht mehr vernehmen.
J.
Aus organisatorischen Gründen wurde anstelle des bisherigen Instrukti-
onsrichters die vorsitzende Richterin im Spruchkörper eingesetzt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Verfügungen des SEM, die ein Gesuch um Bewilligung eines Kantons-
wechsels von vorläufig aufgenommenen Personen zum Gegenstand ha-
ben, unterliegen der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht
(Art. 112 Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2. Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
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2.
Zu prüfen ist vorab, ob mit Beschwerde vom 26. Juli 2021 ein zulässiger
Rügegrund vorgebracht wurde und ob darauf eingetreten werden kann.
2.1. Die Beschwerdeführerin unterliegt als vorläufig aufgenommene, dem
Kanton Thurgau zugewiesene Person betreffend den Kantonswechsel den
Vorgaben von Art. 85 AIG. Entscheide über den Kantonswechsel können
gemäss Art. 85 Abs. 4 AIG nur mit der Begründung angefochten werden,
sie verletzten den Grundsatz der Einheit der Familie (BVGE 2009/54
E. 1.3.1; Urteile des BVGer F-6389/2020 vom 26. November 2021 E. 1.3;
F-4450/2019 vom 15. Juli 2020 E. 3.2). Werden andere Gründe vorge-
bracht, ist wegen Unzulässigkeit auf das Rechtsmittel nicht einzutreten
(vgl. e contrario BVGE 2008/47 E. 1.2–E. 2). Zu prüfen ist daher, ob die
Beschwerdeführerin in vertretbarer Weise eine Verletzung des Grundsat-
zes der Einheit der Familie rügt.
2.2. Die Beschwerdeführerin bringt im Wesentlichen vor, sie habe keine
Familie im gesetzlichen Sinne. Ihre biologische Familie in Syrien habe den
Kontakt zu ihr aufgrund ihrer Homo- beziehungsweise Transsexualität vor
langer Zeit abgebrochen. Im Jahr 2015 habe sie in Syrien einen Freund
gehabt, welcher in die Schweiz geflohen sei. Sie sei ihm später in die
Schweiz nachgereist, wo man zunächst als Paar zusammengelebt, sich
später aber getrennt habe. Seit ihrer Ankunft in der Schweiz habe sie ne-
ben der erwähnten Beziehung jedoch auch Freundschaften aufbauen kön-
nen, welche dauerhaft seien und ihr im wahrsten Sinne des Wortes die
Familie ersetzten. Wenn sie nach den Arbeitstagen in (...) an ihren Woh-
nort im Kanton Thurgau zurückkehre, sei sie dort allein. Ihre Familie und
somit ihr (soziales) Leben sowie seit letztem Jahr auch ihre Arbeitsstelle
seien in (...). Sie ersuche daher darum, diese Konstellation als eine Form
von Familie anzuerkennen. Als Beschwerdebeilage reichte sie ein Schrei-
ben von Queeramnesty (Amnesty International Schweiz) vom 26. Juli 2021
ein. Die Organisation unterstütze demnach das Gesuch der Beschwerde-
führerin um Kantonswechsel. Im Sinne eines «faktischen Kontexts», in wel-
chen der Entscheid eingebettet werden solle, verweise sie auf zwei beige-
legte wissenschaftliche Studien, worin die soziale und emotionale Bedeu-
tung einer selbst gewählten Familie für LGBTI Jugendliche und junge Er-
wachsene aufgezeigt werde, welche aus verschiedenen Gründen keine bi-
ologische Familie mehr hätten («We Just Take Care of Each Other»: Navi-
gating ‘Chosen Family’ in the Context of Health, Illness, and the Mutual
Provision of Care amongst Queer and Transgender Young Adults, erschie-
nen im International Journal of Environmental Research and Public Health
am 8. Oktober 2020; Conceptualizing «Family» and the Role of «Chosen
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Family» within the LGBTQ+ Refugee Community: A Text Network Graph
Analysis, erschienen in Healthcare am 25. März 2021).
3.
3.1. Der Grundsatz der Einheit der Familie im Sinne von Art. 85 Abs. 4 AIG
entspricht dem Schutzbereich von Art. 8 EMRK (BVGE 2008/47 E. 4.1; F-
2284/2020 vom 5. Mai 2020). Dieser umfasst in erster Linie die Kernfami-
lie, das heisst die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren minderjährigen
Kindern; unter gewissen Voraussetzungen fallen auch Konkubinatspaare
unter den Familienbegriff. Verwandte ausserhalb der Kernfamilie werden
der Familieneinheit zugerechnet, wenn ein besonderes Abhängigkeitsver-
hältnis besteht (vgl. BGE 144 II 1 E. 6.1; 137 I 154 E. 3.4.2).
3.2. Vorliegend besteht weder ein verwandtschaftliches noch ein rechtlich
begründetes Verhältnis der Beschwerdeführerin zu ihren nicht näher be-
zeichneten Freunden im Kanton Zürich, welche von ihr als Ersatzfamilie
betrachtet werden. Selbst wenn jedoch aufgrund einer engen Bindung eine
Beziehung angenommen würde, welche einer familiären Beziehung gleich-
zustellen wäre, würde es zudem an der Voraussetzung des Abhängigkeits-
verhältnisses fehlen. Die Beschwerdeführerin vermag damit nicht in ver-
tretbarer Weise darzutun, dass potenziell ein Anspruch gestützt auf Art. 8
EMRK besteht (vgl. BGE 139 I 330 E. 1.1). Auf die Beschwerde ist daher
nicht einzutreten.
4.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Be-
schwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese sind in An-
wendung von Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2) auf Fr. 400.– festzusetzen.
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