Decision ID: 5b438114-ce51-4563-87aa-7e52de6e23ee
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 30. Oktober 2022 für sich und ihre min-
derjährigen Kinder in der Schweiz um Asyl nach. Sie wurden daraufhin dem
Bundesasylzentrum (BAZ) D._ zugewiesen.
B.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerdeführerin mit dem europä-
ischen Visa-Informationssystem (CS-VIS) ergab, dass ihr am 25. Juli 2022
von der italienischen Vertretung in E._ ein vom 4. September 2022
bis am 3. Oktober 2022 gültiges Visum ausgestellt worden war.
C.
Am 5. November 2022 mandatierte die Beschwerdeführerin die ihr zuge-
wiesene Rechtsvertretung.
D.
Am 14. November 2022 erfolgte das persönliche Gespräch der Beschwer-
deführerin gemäss Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäi-
schen Parlaments und des Rats vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kri-
terien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem
Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO). Angesichts ihres jungen Alters wurden die
beiden Kinder nicht befragt.
Die Beschwerdeführerin machte im Wesentlichen geltend, sie habe nie in
Eritrea gelebt. Sie sei in E._ geboren, wo sie bis zu ihrer Ausreise
am (...) September 2022 gelebt habe. Das italienische Schengen-
visum habe sie mit Hilfe eines Büros in E._ erhalten. In Italien seien
ihnen die Pässe und das Handy gestohlen worden.
Im Rahmen des ihr gewährten rechtlichen Gehörs zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. a des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) sowie zur Möglichkeit der Rückfüh-
rung nach Italien erklärte sie, sie habe Angst, dass die italienischen Behör-
den sie und ihre Kinder nach E._ zurückschicken würden. Italien
habe ihnen das Visum ausgestellt. Des Weiteren würden sie über eine (...)
Aufenthaltsbewilligung verfügen.
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Hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts brachte sie vor, es gehe ihr
und ihrer Tochter gut. Ihr Sohn sei einmal im Alter von (...) Jahren ohn-
mächtig geworden. Zudem habe er Alpträume und leide an starkem Husten
und Asthma. Sie seien deswegen bereits bei der Pflege gewesen und hät-
ten einen Spray erhalten.
Die Beschwerdeführerin reichte keine Beweismittel oder medizinischen
Unterlagen zu den Akten.
E.
Am 14. November 2022 ersuchte das SEM die italienischen Behörden um
Übernahme der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder gemäss Art. 12
Abs. 4 Dublin-III-VO.
F.
Die italienischen Behörden informierten das SEM am 17. November 2022
darüber, dass dem Übernahmeersuchen gemäss Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-
VO nicht entsprochen werden könne, da dem Ersuchen keine Fingerab-
drücke der Beschwerdeführerin beigelegt waren.
G.
Mit Remonstration vom 24. November 2022 ersuchte das SEM die italieni-
schen Behörden erneut um Übernahme der Beschwerdeführerin und ihrer
Kinder.
H.
Die italienischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen des SEM
am 30. November 2022 zu und garantierten, dass die Beschwerdeführerin
und ihre Kinder gemäss Rundschreiben vom 8. Februar 2021 in einer dem
Alter der Kinder angemessenen Unterkunft untergebracht würden, wo auch
die Einheit der Familie gewährleistet sei.
I.
Mit Verfügung vom 5. Dezember 2022 – eröffnet am 6. Dezember 2022 –
trat das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf die Asylgesuche der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder nicht ein,
verfügte die Wegweisung nach Italien und forderte sie auf, die Schweiz
spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleich-
zeitig wurde der Kanton Bern mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt.
Zudem verfügte es die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis und hielt schliesslich fest, einer allfälligen Beschwerde
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gegen den Entscheid komme von Gesetzes wegen keine aufschiebende
Wirkung zu.
J.
Mit Formularbeschwerde vom 6. Dezember 2022 (Poststempel: 8. Dezem-
ber 2022) focht die Beschwerdeführerin für sich und ihre Kinder beim Bun-
desverwaltungsgericht die Verfügung des SEM vom 5. Dezember 2022 an
und beantragte in materieller Hinsicht, die Verfügung vom 5. Dezember
2022 sei aufzuheben, sie seien als Flüchtlinge anzuerkennen und ihnen
sei in der Schweiz Asyl zu gewähren. Eventualiter seien sie aus humanitä-
ren Gründen vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht er-
suchten sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege inklusive Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und amtliche Verbeistän-
dung.
K.
Am 7. Dezember 2022 legte die den Beschwerdeführenden zugeteilte
Rechtsvertretung das Mandat nieder.
L.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
9. Dezember 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
Gleichentags setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG den
Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdefüh-
rerin und ihre Kinder sind als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung
legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist – unter Vorbehalt der nachfolgenden E. 4.2 – einzutreten
(Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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2.
Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, so-
weit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin bzw. eines zweiten
Richters entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Vorliegend handelt es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche, weshalb auf einen Schrif-
tenwechsel verzichtet und der vorliegende Entscheid nur summarisch be-
gründet wird (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Dabei ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist,
4.2 Die Fragen der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft, der Gewäh-
rung von Asyl sowie der Anordnung der vorläufigen Aufnahme bilden dem-
gegenüber nicht Gegenstand des angefochtenen Nichteintretensentschei-
des und damit auch nicht des vorliegenden Verfahrens, weshalb auf die
entsprechenden Anträge nicht einzutreten ist.
5.
5.1 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
5.2 Besitzt der Antragsteller oder die Antragstellerin ein gültiges Visum, so
ist der Mitgliedstaat, der das Visum erteilt hat, für die Prüfung des Antrags
auf internationalen Schutz zuständig, es sei denn, dass das Visum im Auf-
trag eines anderen Mitgliedstaats im Rahmen einer Vertretungsvereinba-
rung gemäß Artikel 8 der Verordnung (EG) Nr. 810/2009 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der
Gemeinschaft erteilt wurde. In diesem Fall ist der vertretene Mitgliedstaat
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für die Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz zuständig (Art. 12
Abs. 2 Dublin-III-VO).
Ist das Visum seit weniger als sechs Monaten abgelaufen, aufgrund des-
sen der Antragsteller oder die Antragstellerin in das Hoheitsgebiet eines
Mitgliedstaats einreisen konnte, so ist Art. 12 Abs. 2 anwendbar, solange
er oder sie das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten nicht verlassen hat
(Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO).
5.3 Nachdem die italienischen Behörden dem Übernahmeersuchen des
SEM betreffend die Beschwerdeführerin und ihre Kinder gestützt auf Art.
12 Abs. 4 Dublin-III-VO am 30. November 2022 nachträglich explizit zuge-
stimmt haben, steht die Zuständigkeit Italiens grundsätzlich fest. Sie wird
als solche in der Beschwerde auch nicht bestritten.
6.
Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerde im Wesentlichen gel-
tend, es sei ihr unmöglich, als alleinstehende Frau mit zwei jungen Kindern
nach Italien zurückzukehren. Sie sei dort völlig verloren, kenne niemanden,
spreche die Sprache nicht und wisse nicht, wo sie Unterstützung finde.
Weil sie seit über einem Jahr keinen Kontakt mehr zu ihrem in Eritrea zu-
rückgebliebenen Mann habe, sei sie stark belastet. Sie mache sich grosse
Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder und sehe für sie keine Chancen in Ita-
lien.
In Italien hätten sie psychische und physische Probleme gehabt. Ihr Sohn
leide an starkem Asthma und brauche medizinische Betreuung, die – wie
sie befürchte – in Italien nicht gewährleistet sei. Eine Rückkehr nach Italien
würde den psychischen Zustand ihrer Kinder destabilisieren.
7.
7.1 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
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Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
7.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen kommt. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser
Staat die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Eu-
ropäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu
gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des inter-
nationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben,
anerkennt und schützt. Das italienische Asylverfahren und das Aufnahme-
system weisen demnach keine systemischen Mängel auf (vgl. vgl. Refe-
renzurteil des Bundesverwaltungsgerichts D-4235/2021 vom 19. April
2022 E. 10.2, mit weiteren Hinweisen). Für eine Änderung dieser Recht-
sprechung besteht – auch unter Berücksichtigung der Ausführungen in der
Rechtsmitteleingabe zur Lage der Asylsuchenden in Italien sowie ange-
sichts der neugewählten Regierung – keine Veranlassung. Die Vorinstanz
konnte deshalb darauf verzichten, dazu nähere Abklärungen zu treffen. Die
Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist daher nicht gerechtfertigt.
8.
8.1 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
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8.2 Die Beschwerdeführerin und ihre Kinder haben kein konkretes und
ernsthaftes Risiko dargetan, die italienischen Behörden würden sich wei-
gern, sie aufzunehmen und ihren Antrag auf internationalen Schutz unter
Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind
denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen, Italien werde in
ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und sie zur
Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit
aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie
Gefahr laufen würden, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu
werden. Ausserdem haben die Beschwerdeführerin und ihre Kinder nicht
dargetan, die sie bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in Ita-
lien seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-
Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten. Inwiefern
Art. 14 FoK verletzt sein soll, erhellt sich dem Gericht nicht, zumal die Be-
schwerdeführerin diesbezüglich nichts Substantiiertes vorbringt.
Die Beschwerdeführerin und ihre Kinder haben auch keine konkreten Hin-
weise für die Annahme dargetan, Italien würde ihnen dauerhaft die ihnen
gemäss Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen
vorenthalten. Die explizite Zusicherung zur Aufnahme in eine Unterkunft im
Sistema Accoglienza Integrazione (SAI) liegt vorliegend vor und reicht aus
(vgl. u.a. Urteil des BVGer E-3911/2022 vom 20. September 2022 E. 5.3 f.
m.w.H.; zudem Verfügung des SEM S. 4-7). Es ist mithin unter diesem As-
pekt nicht davon auszugehen, dass eine Überstellung nach Italien (selbst
bei einer vorübergehenden Unterbringung in einem Erstaufnahmezentrum)
eine Verletzung von Art. 3 EMRK nach sich ziehen würde (vgl. a.a.O.
E. 5.6). Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung ist sie im Üb-
rigen gehalten, sich nötigenfalls an die dortigen Behörden zu wenden und
die ihr zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufor-
dern (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Es bestehen keinerlei Hinweise da-
für, dass sie den benötigten Schutz dort nicht erhalten würde.
8.3 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so hat das Bundesver-
waltungsgericht in seinem Referenzurteil D-4235/2021 vom 19. April 2022
festgehalten, dass Asylsuchende, die noch keinen Asylantrag in Italien ge-
stellt haben (sog. take charge-Fälle bzw. Aufnahmeverfahren, Art. 18
Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO) und daher vor ihrer Ausreise nicht in einem
Erst- oder Zweitaufnahmezentrum in Italien untergebracht worden seien,
hätten grundsätzlich ab ihrer Ankunft in Italien Zugang zu den notwendigen
Dienstleistungen. In einem solchen Fall (d.h. take charge) sei es nicht mehr
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erforderlich, vor der Überstellung von Asylsuchenden, die an schwerwie-
genden medizinischen (physischen oder psychischen) Problemen litten,
von den italienischen Behörden individuelle Zusicherungen einzuholen vgl.
Referenzurteil D-4235/2021 E. 10.4.3.3 und E. 10.4.4; Urteile des BVGer
F-2876/2022 vom 7. Juli 2022 E. 6.5, F-2431/2022 vom 14. Juni 2022
E. 11.5 und F-4471/2021 vom 4. Mai 2022 E. 6.4). Den Akten lässt sich
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin und ihre Kinder psychisch be-
lastet sind und ihr Sohn an starkem Asthma leidet. Medizinische Berichte,
die ihren Gesundheitszustand belegen würden, liegen indes nicht vor. Eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstel-
len. Eine Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung
– mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit ei-
nem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwie-
derbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszustands ausgesetzt
zu werden (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember
2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Eine solche Situa-
tion ist vorliegend nicht zu erblicken. Die Beschwerdeführerin konnte nicht
dartun, dass sie oder ihre Kinder nicht reisefähig wären oder eine Überstel-
lung ihre Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Die unbelegten gesund-
heitlichen Probleme können mithin nicht von einer derartigen Schwere
sein, dass aus medizinischen Gründen von einer Überstellung abgesehen
werden müsste. Im Übrigen verfügt auch Italien über eine ausreichende
medizinische Infrastruktur und ist verpflichtet, den Antragstellern die erfor-
derliche medizinische Versorgung zugänglich zu machen (Art. 19 Aufnah-
merichtlinie). Im Rahmen des SAI ist eine gesundheitliche Betreuung ge-
währleistet und es liegen keine Hinweise vor, wonach Italien der Beschwer-
deführerin oder ihren Kindern eine adäquate medizinische Behandlung
verweigern würde. Die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug der
angefochtenen Verfügung beauftragt sind, werden den medizinischen Um-
ständen bei der Bestimmung der konkreten Modalitäten der Überstellung
der Beschwerdeführerin und ihren Kindern zudem Rechnung tragen und
die italienischen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifi-
schen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Eine Überstel-
lung der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder nach Italien stellt auch aus
gesundheitlichen Gründen keinen Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar.
8.4 Schliesslich ist nicht ersichtlich und wurde nicht weiter ausgeführt, dass
das Kindeswohl einer Überstellung nach Italien entgegenstehen könnte,
zumal Italien das Übereinkommen über die Rechte des Kindes (Kinder-
rechtskonvention, SR 0.107) ratifiziert hat.
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8.5 Nach dem Gesagten ist die Überstellung nach Italien unter Beachtung
der massgeblichen völkerrechtlichen Bestimmungen als zulässig zu erken-
nen, womit keine zwingenden Gründe für einen Selbsteintritt auf das Asyl-
gesuch der Beschwerdeführerin in Anwendung der Ermessensklausel ge-
mäss Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ersichtlich sind. Der Vollständigkeit hal-
ber ist festzuhalten, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein
Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen
(vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
8.6
8.6.1 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Das Gericht be-
schränkt seine Beurteilung deshalb im Wesentlichen darauf, ob das SEM
den Sachverhalt diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen we-
sentlichen Umständen Rechnung getragen und seinen Ermessensspiel-
raum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG).
8.6.2 Die angefochtene Verfügung ist unter diesem Blickwinkel nicht zu be-
anstanden, insbesondere hatte sich die Vorinstanz in ihrer Begründung
auch nicht über allfällige weitere Hinweise für humanitäre Gründe eines
Selbsteintritts zu äussern. Es sind den Akten insgesamt keine Hinweise auf
einen Ermessensmissbrauch zu entnehmen.
9.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder nicht
eingetreten und hat deren Überstellung nach Italien angeordnet.
10.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf einzu-
treten ist, und die Verfügung des SEM zu bestätigen. Mit dem vorliegenden
Urteil fällt der am 9. Dezember 2022 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
11.
11.1 Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ungeachtet einer allfälli-
gen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
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über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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