Decision ID: f5b75196-234d-5b7f-9213-6d425886ceb9
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._, Bezirk Jaffna (Nordprovinz) –
verliess seinen Heimatstaat gemäss eigenen Angaben Ende 2014 und
reiste am 9. Juni 2015 in die Schweiz ein, wo er am 12. Juni 2015 um Asyl
ersuchte. Am 19. Juni 2015 fand im Empfangs- und Verfahrenszentrum
(EVZ) Basel die summarische Befragung zur Person (BzP) statt. Am 25.
Juli 2016 wurde der Beschwerdeführer einlässlich zu seinen Asylgründen
angehört.
A.a Bei der BzP brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er
habe im Heimatland sowohl mit der sri-lankischen Armee als auch mit der
Polizei und dem CID (Criminal Investigation Department) Probleme ge-
habt. In den Jahren 2006 oder 2007 habe er eine dreimonatige Grenz-
schützerausbildung bei den LTTE gemacht. Am 13. Juni 2011 sei er zu-
sammen mit seinem Bruder C._ (im Nachfolgenden: C._),
welcher bei den LTTE gewesen sei, in B._ festgenommen worden.
Er sei einen Monat lang im Gefängnis festgehalten und etwa am 13. Juli
2011 freigelassen worden. Sein Bruder sei acht Monate lang im Gefängnis
in (...) gewesen und anschliessend nach (...) verlegt worden.
Der Beschwerdeführer sei nach seiner Freilassung zweimal, am 2. und am
29. Oktober 2014, zu Hause gesucht worden. Weil sein Leben in Sri Lanka
in Gefahr gewesen sei, habe er Sri Lanka verlassen.
Zu seinen familiären Verhältnissen gab er an, er habe von 2009 bis No-
vember 2014 in D._ (Bezirk Kilinochchi, Nord Provinz) gelebt. Seine
Eltern würden in B._ leben; sein jüngerer Bruder E._ lebe
versteckt in (...) (Nord-Zentral Provinz).
A.b Bei der einlässlichen Anhörung trug der Beschwerdeführer vor, sein
Bruder C._ sei etwa 1994/1995 von den LTTE zwangsrekrutiert
worden, sei bis 2003 bei den LTTE gewesen und habe damals im Vanni-
Gebiet gelebt. Im Jahr 2003 sei er aus der Bewegung ausgetreten und ins
Ausland – nach (...) – gegangen. Während des Auslandaufenthaltes von
C._ seien die Behörden mehrmals zur Familie nach Hause gekom-
men, hätten nach diesem Bruder gefragt und Hauskontrollen durchgeführt.
Sein Vater sei dabei massiv geschlagen worden.
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Der Beschwerdeführer habe im Jahr 2006 im (...)-Camp in (...) ein Training
der LTTE begonnen. Die Trainings seien nicht einfach gewesen. Nach ein
paar Tagen habe er sich im Camp krankgemeldet, habe dieses verlassen
und sei aus Angst nach Hause zurückgekehrt. Ansonsten habe er keine
Kontakte zu den LTTE unterhalten und sei nie deren Mitglied gewesen.
Der Beschwerdeführer habe mit seinem Bruder C._ eine [Geschäft]
geführt, nachdem dieser vom Ausland zurückgekehrt sei. Drei Monate
nach der Gründung der [Geschäft] – am 13. Juni 2011 – seien die beiden
Brüder verhaftet worden. Zurzeit sei C._ im Gefängnis in (...) inhaf-
tiert. Der Beschwerdeführer sei nach der Verhaftung zunächst ins (...)-
Camp und danach nach (...) gebracht worden, wo er zu eigenen Verbin-
dungen oder Kontakten seines Bruders zu den LTTE befragt worden sei.
Er habe die Schreie seines Bruders gehört und habe Angst bekommen; er
selbst sei in (...) und (...) nicht misshandelt worden. Nach einem Tag sei er
weiter ins „vierte Geschoss“ des CID in Colombo geführt worden, wo er
sich habe ausziehen müssen und 28 Tage lang misshandelt worden sei. Er
sei durch die TID (Terrorist Investigation Division) zu den Verbindungen
seines Bruders zu den LTTE befragt worden. Man habe ihn auch verdäch-
tigt, zusammen mit C._ einen [terroristischen Anschlag] verübt zu
haben. Nach einem Monat, am 13. Juli 2011, sei der Beschwerdeführer mit
Hilfe eines Anwalts aus der Haft entlassen worden. Danach sei er einer
Unterschriftspflicht im (...)-Camp unterstanden, sei dieser nach einem Mo-
nat jedoch nicht mehr nachgekommen. Bis 2013 habe er keine direkten
Probleme gehabt. Seine Familie sei jedoch schikaniert und der Beschwer-
deführer gesucht worden.
C._ sei wegen des [terroristischen Anschlag] festgenommen und
zum Gefängnis (...) in (...) respektive zum Gefängnis in (...) gebracht wor-
den. Als seine Eltern den Bruder in (...) besucht hätten, habe C._
ihnen mitgeteilt, dass er sein Engagement bei den LTTE zugegeben habe.
In (...) und (...) seien Gerichtsprozesse gegen den Bruder geführt worden.
Sein zweiter Bruder E._ sei letztmals vor drei Jahren zu Hause ge-
wesen; seither lebe er versteckt. Sein Cousin (...), welcher nicht LTTE-Mit-
glied gewesen sei, sei am 8. Juli 2007 in einem Markt erschossen worden.
Die Familie kenne die Täterschaft nicht.
Anfangs 2013 sei er tageweise zum Arbeiten mehrmals nach D._
und (...) ins Vanni-Gebiet gegangen und habe dort Aufträge durch ehema-
lige Nachbarn seines Bruders erhalten. Er sei insgesamt dreimal von den
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sri-lankischen Behörden nach (...) mitgenommen worden; er vermute,
dass diese Mitnahmen im Zusammenhang mit der Inhaftierung seines Bru-
ders erfolgt seien. Am 1. November 2013 sei er aufgefordert worden, LTTE-
Angehörige anhand von Fotoaufnahmen zu identifizieren. Ab dem 4. April
2014 bis zur Ausreise sei er im Vanni-Gebiet geblieben. Seine letzte Fest-
nahme sei am 28. März 2014 gewesen. Wegen der Probleme mit den Si-
cherheitskräften sei seine [Geschäft] seit Mai 2016 geschlossen.
Sein Vater habe einen Schlepper kontaktiert, um seine Ausreise zu organi-
sieren. In der Schweiz habe er sich nicht mit der tamilischen Politik befasst.
Seine Familie stehe seit etwa Mitte 2015 unter einer strengen Kontrolle der
sri-lankischen Sicherheitskräfte. Letztmals seien die Behörden am 4. Juli
(2016) zu Hause erschienen und hätten die Familie der LTTE-Zugehörig-
keit beschuldigt. Sein Vater sei geschlagen worden und habe dabei einen
Hörschaden erlitten.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer die folgen-
den Beweismittel ein:
- Schreiben des Anwaltes (...) LL.B. (...) vom 24. Juni 2015 (Original);
- Schreiben des (...), (...) District, vom 12. April 2016 (Original);
- mehrere fremdsprachige Zeitungsausschnitte (teilweise im Original), gemäss Übersetzungen betreffend [terroristischen Anschlag]. den  und Gesundheitszustand der im Gefängnis in (...) Inhaftierten, bei welchen der Bruder C._ namentlich aufgeführt wird;
- Todesurkunde („Register of Deaths“) betreffend den Cousin des  (Original);
- Ausweis des International Committee of the Red Cross (ICRC),  betreffend den Bruder (in Kopie);
- fremdsprachiges, handschriftliches Schreiben (gemäss den Angaben des Beschwerdeführers: Bestätigungsschreiben des Dorfvorstehers; Original; vgl. zum Inhalt A13 F 11);
- Schreiben des «President and Minister (...)» vom 13. Dezember 2011; Original)
- fremdsprachiges sechs-seitiges Dokument mit Stempel des [Gericht] von (...) vom 23. Februar 2016, (gemäss eigenen Angaben: betreffend den Bruder des Beschwerdeführers);
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- zwei Farbfotos (abgebildet sind: ein Pick-Up-Fahrzeug auf der Strasse respektive ein Uniformierter hinter diesem Fahrzeug);
- eine CD-ROM (Inhalt: die beiden Farbfotos mit Pickup-Fahrzeug sowie eine Videosequenz über eine Gruppe von Personen, die ein Gespräch führen).
Zu diesen Beweismitteln führte der Beschwerdeführer aus, seine Schwä-
gerin F._, die Ehefrau seines Bruders (im Nachfolgenden: die
Schwägerin), habe beim (...) eine Anzeige gemacht und dabei deponiert,
dass ihr Sohn – der Neffe des Beschwerdeführers, G._ – psychisch
krank geworden sei. In den eingereichten Zeitungsartikeln werde sein Bru-
der namentlich erwähnt. Auf der Todesurkunde werde festgehalten, dass
sein Cousin erschossen worden sei. In seinem Schreiben bestätige das
IKRK, dass seine Mitarbeitenden den Bruder während seiner Haft besucht
hätten. Im Weiteren bestätige der Dorfvorsteher handschriftlich, dass der
Beschwerdeführer seit dem 4. Dezember 2014 nicht mehr in B._
wohne. Beim Schreiben des Minister (...) handle es sich um eine Bestäti-
gung der Haft seines Bruders; bei den Gerichtsdokumenten des [Gericht]
sei der Bruder C._ namentlich erwähnt. Auf den Farbfotos seien
das Haus des Beschwerdeführers sowie die Personen, die ihn gesucht hät-
ten, abgebildet. Auf der CD-ROM seien weitere Fotos und Videos gespei-
chert, welche aufzeigen würden, dass er vom CID gesucht worden sei.
B.
Mit Verfügung vom 22. Dezember 2016 lehnte das SEM das Asylgesuch
des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
sowie den Vollzug der Wegweisung an.
Zur Begründung wurde ausgeführt, dem Beschwerdeführer sei es nicht ge-
lungen, eine begründete Furcht vor künftiger asylbeachtlicher Verfolgung
glaubhaft darzutun. Seine Vorbringen würden in wesentlichen Punkten Wi-
dersprüche aufweisen. Zudem könne die geltend gemachte Intensität der
behördlichen Suchen nicht geglaubt werden. Die eingereichten Beweismit-
tel würden an dieser Einschätzung nichts ändern. Zudem bestehe zwi-
schen der offiziellen Haftentlassung des Beschwerdeführers im Juli 2011
und der Ausreise im November 2014 kein direkter Kausalzusammenhang.
Es seien auch keine weiteren Faktoren ersichtlich, welche – kumuliert mit
seiner Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie und seiner rund zweijährigen
Landesabwesenheit – eine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG zu be-
gründen vermöchten.
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Der Wegweisungsvollzug wurde unter Verweis auf das soziale Bezie-
hungsnetz und die wirtschaftliche Reintegrierbarkeit im Heimatland als zu-
lässig, zumutbar und möglich qualifiziert.
C.
Gegen diese SEM-Verfügung vom 22. Dezember 2016 erhob der Be-
schwerdeführer mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 23. Januar 2017
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde.
Unter dem Titel "Beweisanträge" (Beschwerde Ziff. 6, S. 26) wurde zudem
beantragt, die vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismittel zu sei-
nem Bruder, insbesondere die Gerichtsunterlagen und Zeitungsartikel,
seien in eine Amtssprache zu übersetzen und korrekt zu würdigen. Ferner
sei der Beschwerdeführer erneut ausführlich anzuhören.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen vorgetragen, das SEM habe die
eingereichten Beweismittel (Unterlagen aus dem sri-lankischen Gerichts-
verfahren sowie Zeitungsartikel betreffend C._) nicht übersetzen
lassen und habe sich mit zahlreichen Vorbringen (LTTE-Training, familiäre
Verbindungen zu Personen mit LTTE-Kontakten, bereits erfolgte Verhaf-
tung und behördliche Registrierung) und Beweismitteln nicht auseinander-
gesetzt und diese nicht gewürdigt. Es sei eine unvollständige Sachver-
haltsabklärung vorgenommen worden.
Der Beschwerdeführer müsse im Zusammenhang mit seinem Bruder
C._ und dessen Involvierung in einen grossen LTTE-Anschlag mit
Reflexverfolgung rechnen. Er erfülle mehrere der vom Bundesverwaltungs-
gericht in seinem Referenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 definierten
Risikofaktoren. Im Falle einer Rückkehr müsse er mit flüchtlingsrelevanten
Nachteilen rechnen. Im Weiteren sei der Wegweisungsvollzug unzulässig
respektive unzumutbar.
Zur Stützung seiner Vorbringen legte der Rechtsvertreter seiner Rechts-
mitteleingabe eine Vielzahl von Beweismitteln, insbesondere einen von sei-
nem Advokaturbüro recherchierten und verfassten 87-seitigen Bericht zur
aktuellen Lage in Sri Lanka vom 12. Oktober 2016 (inklusive CD-ROM mit
Quellen) bei.
D.
Mit Eingabe vom 13. Februar 2017 liess der Beschwerdeführer unter an-
derem ergänzend ausführen, seine Ausführungen würden eine hohe
Dichte an Realkennzeichen aufweisen.
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Der Eingabe wurde eine rudimentäre englische Übersetzung der Gerichts-
dokumente («Charge Sheet» des [Gericht] von [...], datiert am 29. Juli
2015), weitere Unterlagen zum Anschlag der LTTE [terroristischer An-
schlag] sowie eine Dokumentation zum Gefangenenstreik in Sri Lanka
Ende 2015 beigelegt.
Aus diesen Beweismitteln gehe hervor, dass dem Bruder C._ am
29. Juli 2015 (Anmerkung des Gerichts: Ausstellungsdatum des Gerichts-
dokuments) vorgeworfen worden sei, [terroristischer Anschlag] beteiligt ge-
wesen zu sein und sich deswegen gemäss dem PTA (Prevention of Terro-
rism Act) strafbar gemacht zu haben.
E.
Mit Eingabe vom 10. März 2017 liess der Beschwerdeführer ergänzende
Ausführungen und Beweismittel (eine weitere CD-ROM [Beweismittel Nr.
15] mit fünf Videoaufnahmen, Fotoaufnahmen von Körpernarben [Beweis-
mittel Nr. 16] sowie weitere Unterlagen zur aktuellen Lage in Sri Lanka [Be-
weismittel Nr. 17 bis 26]) nachreichen.
Dazu wurde vorgetragen, diese Aufnahmen würden belegen, dass es sich
bei den gefilmten Personen tatsächlich um die Familienangehörigen und
bei den Örtlichkeiten um das Familienhaus des Beschwerdeführers handle.
Die Aufnahmen würden zeigen, dass er ab 2013 zu Hause gesucht worden
sei. Auf den Farbfotos würden seine Folternarben abgebildet, die bei seiner
einmonatigen Inhaftierung entstanden seien. Ferner wurden weitere Aus-
führungen zu aktuellen Entwicklungen in Sri Lanka, unter Beilage entspre-
chender länderspezifischer Unterlagen, gemacht.
F.
Mit Eingabe vom 21. April 2017 reichte der Beschwerdeführer eine
deutschsprachige Übersetzung der auf der im vorinstanzlichen Verfahren
eingereichten CD-ROM (vgl. Sachverhalt oben, Bst. A.b) abgespeicherten
Konversation in singhalesischer und tamilischer Sprache nach.
G.
Am 5. Dezember 2018 liess das Bundesverwaltungsgericht das im
vorinstanzlichen Verfahren eingereichte Gerichtsdokument («Charge
Sheet" des [Gericht] von [...]) betreffend das angebliche Strafverfahren ge-
gen den Bruder C._ gerichtsintern übersetzen.
H.
Mit Vernehmlassung vom 8. Januar 2019 führte das SEM unter anderem
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aus, der Umstand, dass der Bruder C._ angeblich LTTE-Mitglied
sein solle sowie die Inhaftierung des Beschwerdeführers im Jahr 2011
seien bereits in der Verfügung vom 22. Dezember 2016 mitberücksichtigt
worden. Die 2011 erfolgte Verhaftung sei als abgeschlossenes Ereignis
ohne zeitlichen Zusammenhang zur Ausreise zu betrachten. Die für den
Zeitraum danach vorgetragenen Ereignisse und die Reflexverfolgungssitu-
ation könnten nicht geglaubt werden.
I.
In seiner Replikeingabe vom 24. Januar 2019 liess der Beschwerdeführer
ergänzend ausführen, das SEM habe die Wichtigkeit seines Bruders und
dessen Prozesses verkannt. Es habe faktisch keine Stellung bezogen zur
LTTE-Mitgliedschaft von C._ und zur Verhaftung dieses Bruders
und des Beschwerdeführers im Jahr 2011. Die Vorinstanz habe anhand
kleiner Widersprüche versucht, die an sich glaubhafte Verfolgungsge-
schichte des Beschwerdeführers als unglaubhaft erscheinen zu lassen. Es
sei naheliegend, dass der Beschwerdeführer mit seinem Profil klar zu einer
verstärkt gefährdeten Gruppe gehöre und im Fall einer Rückkehr Opfer von
asylrelevanten und völkerrechtswidrigen Verfolgungsmassnahmen werde.
Zur Stützung der Vorbringen wurde erneut eine CD-ROM eingereicht, auf
welcher insbesondere ein weiterer vom Rechtsvertreter verfasster Länder-
bericht (Stand: 22. Oktober 2018) abgespeichert wurde.
J.
Mit Urteil E-483/2017 vom 24. Oktober 2019 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die gegen die SEM-Verfügung vom 22. Dezember 2016 erho-
bene Beschwerde vom 23. Januar 2017 (vgl. Sachverhalt oben, Bst. C)
gut, hob die vorinstanzliche Verfügung auf und wies das SEM an, den
rechtserheblichen Sachverhalt umfassend zu erstellen und in der Sache
neu zu entscheiden.
Das Gericht führte zur Begründung im Wesentlichen aus, der Beschwer-
deführer habe namentlich vorgetragen, er sei beschuldigt worden, zusam-
men mit seinem Bruder C._ einen [terroristischer Anschlag] verübt
zu haben. Er habe zur Untermauerung Gerichtsunterlagen [Gericht] einge-
reicht und dazu vorgebracht, während seiner Inhaftierung in Colombo «im
vierten Stock» zu den Aktivitäten seines Bruders und zum [terroristischer
Anschlag] befragt worden zu sein. Die eingereichten Beweismittel seien
vom SEM nicht übersetzt worden. Namentlich bezüglich der Gerichtsakten
und der Zeitungsberichte zum [terroristischer Anschlag] würden keine
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Übersetzungen oder Zusammenfassungen des wesentlichen Inhalts bei
den Akten liegen (vgl. E-483/2017, a.a.O., E. 4.1 mit Verweis auf die Akten:
A13, F. 118-124 sowie E. 4.2). Dass diese Unterlagen keinen Bezug zum
Beschwerdeführer hätten, wie die Vorinstanz erwäge, treffe nicht zu. Ge-
mäss den Abklärungen des Gerichts sei mehrfach über die [Angaben zum
terroristischen Anschlag] berichtet worden. Die entsprechenden Untersu-
chungen würden auf [Angaben zum terroristischen Anschlag] (vgl. E-
483/2017 E. 4.3.1 mit Verweis auf mehrere internationale Medienquellen).
Der Beschwerdeführer habe seine Verfolgungslage massgeblich von der
LTTE-Mitgliedschaft seines Bruders C._ und dessen behördlicher
Verfolgung im Zusammenhang mit dem [terroristischen Anschlag] abgelei-
tet. Das SEM sei diesen Vorbringen nicht weiter nachgegangen, habe die
diesbezüglich eingereichten Beweismittel nicht übersetzt und sich darauf
beschränkt, pauschal auf den angeblich fehlenden Bezug zur Person des
Beschwerdeführers zu verweisen; die entsprechenden Beweismittel seien
deshalb in der Folge auch nicht gewürdigt worden. Die geltend gemachte
Reflexverfolgung im Zusammenhang mit der LTTE-Mitgliedschaft seines
Bruders und dessen allfälliger Verwicklung in ein LTTE-Attentat, über wel-
ches mehrfach in den internationalen Medien berichtet worden sei, habe
das SEM nicht geprüft. Das SEM habe in seiner Vernehmlassung selbst
nicht grundsätzlich in Frage gestellt, dass der Bruder C._ wegen
möglicherweise strafrechtlicher Delikte inhaftiert sei und habe auch keine
grundsätzlichen Zweifel an der geltend gemachten Haft des Beschwerde-
führers erhoben. Die sich aufdrängenden, vertieften Abklärungen seien
vom SEM nicht vorgenommen worden.
Diese Vorbringen und Beweismittel seien für die Beurteilung des Asylge-
suches des Beschwerdeführers nicht irrelevant. Es sei nicht ausgeschlos-
sen, dass aktuell – und trotz Beendigung der kriegerischen Auseinander-
setzungen zwischen den sri-lankischen Sicherheitskräften und den LTTE
– nach wie vor Angehörige von ehemaligen LTTE-Mitgliedern in Sri Lanka
eine begründete Furcht hätten, Opfer von flüchtlingsrelevanter Reflexver-
folgung zu werden, wozu auf den als Referenzurteil publizierten Entscheid
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016, E. 8.5.3 verwiesen wurde. Für die Beant-
wortung der Frage nach einer flüchtlingsrechtlich relevanten Reflexverfol-
gung des Beschwerdeführers sei die Beleuchtung seines familiären Umfel-
des unabdingbar. Im vorinstanzlichen Verfahren hätten sich sowohl weitere
Abklärungen zum aktuellen Schicksal des Bruders C._ (zur Frage,
ob gegen diesen tatsächlich ein Prozess im Zusammenhang mit dem Ver-
dacht der Beteiligung an einem prominenten LTTE- [Anschlag], geführt
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wurde, ob diesfalls ein Gerichtsurteil betreffend diesen Bruder vorliegt, ob
dieser nach wie vor inhaftiert sei und weshalb) als auch zur aktuellen Situ-
ation der übrigen Familienmitglieder im Heimatland aufgedrängt. Es stelle
sich vorliegend die Frage, ob dem Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner
Ausreise aus Sri Lanka oder allenfalls im Falle einer Rückkehr in sein Hei-
matland eine Reflexverfolgung gedroht habe beziehungsweise drohe.
Die Vorinstanz habe den rechtserheblichen Sachverhalt, namentlich die
aktuelle Situation des Bruders C._, nicht respektive unvollständig
abgeklärt, die diesbezüglich eingereichten Beweise nicht korrekt abgenom-
men und gewürdigt und damit den Anspruch des Beschwerdeführers auf
rechtliches Gehör verletzt. Die aktuelle Aktenlage erlaube eine abschlies-
sende Beurteilung der Vorbringen des Beschwerdeführers nicht. Die Sache
wurde dem SEM zur korrekten Erstellung des rechtserheblichen Sachver-
halts und zum neuen Entscheid überwiesen (vgl. E-483/2017, a.a.O. E.
4.3.2 – 4.4).
II.
K.
Am 10. Dezember 2019 liess das SEM die vom Beschwerdeführer einge-
reichte Identitätskarte auf ihre Echtheit hin überprüfen (vgl. Akte A30 und
31).
Ferner liess das SEM die eingereichten Beweisunterlagen übersetzen
(Übersetzungen vom 3. Januar 2020; vgl. SEM Akten A14).
L.
Am 24. Januar 2020 forderte das SEM den Beschwerdeführer auf, ergän-
zende Fragen zu den Asylvorbringen, namentlich zum Bruder C._
und dessen Strafverfahren sowie zum Schicksal seiner Familienangehöri-
gen in Sri Lanka, zu beantworten (vgl. Akte A32).
M.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 28. Februar 2020 (Akte A34) äus-
serte sich der Beschwerdeführer ergänzend zu den gestellten Fragen und
zur aktuellen Lage in Sri Lanka. Namentlich führte er aus, er müsse auf-
grund seiner familiären Nähe zu einem der meistgeächteten Terror-Be-
schuldigten der LTTE mit Vergeltungshandlungen seitens der sri-lanki-
schen Sicherheitskräften rechnen. Er befinde sich seit viereinhalb Jahren
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in der Schweiz und habe seit rund einem Jahr keinen Kontakt mehr zu sei-
ner Familie. Seine Anrufe nach Sri Lanka seien unbeantwortet geblieben.
Er verwies auf die Ausführungen und Beweismittel im vorangehenden Be-
schwerdeverfahren E-483/2017. Seit den Präsidentenwahlen im Novem-
ber 2019 hätten sich zudem zwei neue Risikofaktoren ergeben. Angesichts
der Rückkehr des Rajapaksa-Clans an die Macht stünden insbesondere
Angehörige der tamilischen Minderheit, welche aus dem Ausland zurück-
kehren würden, unter Terrorverdacht. Zudem stelle eine Rückkehr aus der
Schweiz aufgrund der speziellen Beziehung zwischen der Schweiz und Sri
Lanka einen zusätzlichen, verschärfenden Risikofaktor dar. Der Bruder
C._ sei weiterhin in Haft, und das gegen ihn geführte Gerichtsver-
fahren sei weiterhin hängig.
Zur Stützung der Vorbringen wurden ein Auszug aus der Gerichtsrolle des
[Gericht] von (...) mit Stand August 2018, eine Registrierkarte des ICRC
(welche belegen soll, dass C._ in der Haft von Mitarbeitenden des
ICRC besucht worden sei) sowie eine vom Rechtsvertreter verfasste, ak-
tuelle Zusammenstellung von Länderinformationen, Stand 23. Januar 2020
beigelegt.
N.
Am 10. März 2020 beauftragte das SEM die Schweizerische Botschaft in
Colombo mit Abklärungen im Zusammenhang mit dem Bruder des Be-
schwerdeführers, C._, und dessen Gerichtsverfahren sowie zur
Verwandtschaft und deren Schicksal in Sri Lanka (Akte A36).
O.
Die Schweizerische Botschaft in Colombo nahm mit Schreiben vom 6. Juli
2020 (Akte A40) zu den vom SEM aufgeworfenen Fragen Stellung. Dabei
führte die Botschaft im Wesentlichen aus, es sei korrekt, dass ein Gerichts-
verfahren mit der Nummer (...) am [Gericht] in (...) gegen den Bruder
C._ geführt werde. Das Verfahren sei 2011 von der TID eröffnet
worden. C._ sei unter der PTA angeklagt, am [terroristischer An-
schlag] beteiligt gewesen zu sein. [Angaben zum Anschlag]. Aufgrund der
Corona-Epidemie habe der bereits einige Tage dauernde Gerichtsprozess
unterbrochen werden müssen; der Prozess werde am (...) 2020 weiterge-
führt. Da es sich um einen hängigen Gerichtsfall handle, seien keine wei-
teren Informationen zum Gerichtsverfahren erhältlich.
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Die Familie des Beschwerdeführers habe an der angegebenen Adresse
angetroffen werden können. Der Vater, die Mutter und die Ehefrau des jün-
geren Bruders, H._, seien anwesend gewesen. Die Familie sei im
Dorf bekannt als die Familie mit einem Sohn im Gefängnis und einem Sohn
in der Schweiz. Der Vater habe schwere Hör- und Sehbeschwerden, daher
habe er die Fragen der Botschaft nicht beantworten können. Die Mutter sei
psychisch stark angeschlagen und sei sehr vergesslich. Daher habe vor
allem H._ wie folgt die Ereignisse geschildert:
Der jüngere Bruder des Beschwerdeführers E._ arbeite seit 2011
als (...), habe den Status eines Staatsbeamten und habe H._ 2009
geheiratet. Der Beschwerdeführer habe etwa zehn (Geh-)Minuten vom Fa-
milienhaus entfernt eine [Geschäft] aufgebaut und betrieben. C._
habe sich im Alter von 14 oder 15 Jahren den LTTE angeschlossen und die
Bewegung 2005 während des Waffenstillstandes verlassen, um zu heira-
ten; etwa ein Jahr später sei er als Arbeitsmigrant nach (...) gegangen und
sei nach seiner Rückkehr nach Sri Lanka im Jahr 2011 verhaftet worden.
Darüber, ob C._ bereits am Flughafen oder erst zu Hause in der
[Geschäft] verhaftet worden sei, seien sich die Familienangehörigen nicht
sicher gewesen. C._ befinde sich bis heute im Gefängnis und die
Familie, inklusive dessen Ehefrau, würden ihn aus eigenen Sicherheitsbe-
denken nicht besuchen. Während der Covid-19 Krise sei die Familie infor-
miert worden, dass C._ vom (...) ins Gefängnis nach (...) transfe-
riert worden sei. Die Familie wisse nicht, ob C._ tatsächlich am [An-
schlag] mitbeteiligt gewesen sei, doch er sei zu dieser Zeit ([...]) ein «fana-
tisches LTTE-Mitglied» gewesen.
Nach der Verhaftung von C._ im Jahr 2011 seien Armeesoldaten
oft zur [Geschäft] gekommen und hätten den Beschwerdeführer befragt o-
der zur Befragung mitgenommen, anfangs fast täglich. Einmal sei er meh-
rere Tage nicht mehr nach Hause gekommen und sei «schwer geschlagen
worden». Er sei dort in Colombo festgehalten worden, wo man all diese
«Jungs» damals hingebracht habe. Wie oft der Beschwerdeführer insge-
samt aus der [Geschäft] zur Befragung mitgenommen worden sei, habe die
Familie nicht mehr sagen können. Der Beschwerdeführer und sein jüngerer
Bruder seien auch auf der Strasse angehalten und befragt worden. Die drei
Brüder würden sich physisch sehr ähnlich sehen. Der Beschwerdeführer
sei auch zu Hause aufgesucht worden. Obwohl sie nicht im Detail wüssten,
worüber der Beschwerdeführer befragt worden sei, habe es immer mit der
Verhaftung des Bruders C._ und dessen LTTE-Mitgliedschaft zu tun
gehabt. Die Familie sei verdächtigt worden, ebenfalls Verbindungen zu den
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LTTE gehabt zu haben. Der Gerichtsfall von C._ sei sehr wichtig für
die Regierung. Der jüngere Bruder sei anfangs auch befragt worden, doch
sei er zu jung gewesen, um mit den LTTE in Verbindung gebracht zu wer-
den. Seine Befragungen hätten aufgehört, als er 2011 zum Staatsange-
stellten geworden sei.
Im Jahr 2011 habe eine singhalesische Person das Nachbarhaus gekauft.
Es hätten immer Polizisten und deren Familien das Haus bewohnt und
viele Militärangehörige das Haus besucht. Wann immer einer der Brüder
das Haus verlassen habe, seien die Soldaten gekommen, um die Familie
zu kontrollieren und befragen. Diese Kontrollen durch die Personen vom
Nachbarhaus hätten etwa zweieinhalb Jahre gedauert. Danach hätten die
Polizisten das Haus verlassen, doch Armeesoldaten seien immer wieder
gekommen und hätten kurzzeitig dort gewohnt. Die Familie gehe im Nach-
hinein davon aus, dass die Polizei- und Armeeangehörigen das Haus be-
nutzt hätten, um die Familie zu überwachen.
Der Beschwerdeführer, welcher vor der Verhaftung des Bruders auch ein-
mal in (...) gearbeitet habe, habe B._ aufgrund der Probleme mit
den Sicherheitsbeamten an einem (der Familie) nicht bekannten Datum
verlassen und sei nach Colombo gegangen. Aus Colombo habe er sich
dann gemeldet, worauf der Vater seine Ausreise finanziert habe. Zwischen
dem Weggang von B._ und der Ausreise des Beschwerdeführers
seien etwa sechs Monate vergangen. Irgendwann habe die Familie im Jahr
2015 erfahren, dass der Beschwerdeführer in der Schweiz angekommen
sei. Seither würden sie mindestens alle zwei Monate von Polizisten und
zivilen Personen besucht und nach den Familiendaten gefragt. Hinsichtlich
des Beschwerdeführers würden sie angeben, dass dieser nach Colombo
gegangen sei und die Familie seither nicht mehr mit ihm in Kontakt stehe.
Der letzte Besuch der Polizei habe sich im Dezember 2019 zugetragen.
Zwei Tage später seien nachts zwei Personen in Zivil über das Tor auf das
Grundstück der Familie gelangt und hätten nach der Schwägerin, der Ehe-
frau des inhaftierten C._, gefragt; sie hätten deren Namen mehr-
mals gerufen. Damals habe diese Schwägerin mit ihrem Sohn noch dort
gewohnt. Die Mutter sei nach draussen gegangen und habe die sich als
Polizisten ausgebenden Zivilpersonen angesprochen und diesen erklärt,
die Schwägerin sei nicht zu Hause. Die Nachbarn seien dabei aufgewacht.
Innert zwei Tagen nach diesem Vorfall sei die Schwägerin nach Colombo
gezogen; seither sei die Familie nicht mehr besucht worden.
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Gemäss Einschätzung der Botschaftsangestellten hätten die Mutter und
die Schwägerin H._ grosse Mühe gehabt, sich an Daten zu erin-
nern, weshalb nicht klar sei, wann der Beschwerdeführer B._ tat-
sächlich verlassen habe. Sie hätten auch nicht erwähnt, dass er sich zwi-
schenzeitlich im Vanni-Gebiet aufgehalten habe; sie seien vielmehr davon
ausgegangen, dass er direkt nach Colombo gegangen sei, was allerdings
nicht unbedingt so gewesen sein müsse. Es dürfe davon ausgegangen
werden, dass der Beschwerdeführer auch zum eigenen Schutz nicht alles
mit der Familie geteilt habe. Insgesamt seien die Ausführungen der Fami-
lienangehörigen spontan und genügend substanziiert gewesen, weshalb
kein Anlass bestehe, an deren Glaubhaftigkeit zu zweifeln.
P.
Mit Verfügung vom 6. August 2020 (Akte A41) wurde dem Beschwerdefüh-
rer das rechtliche Gehör zur vorgenommenen Botschaftserklärung ge-
währt. Ihm wurden die Abklärungsergebnisse vollständig offengelegt und
einzig die Angaben zu den Personalien der involvierten Botschaftsange-
stellten abgedeckt.
Gleichzeitig führte das SEM aus, es seien zwischen den Angaben des Be-
schwerdeführers und den Aussagen seiner Familie im Rahmen der Bot-
schaftsabklärung Widersprüche feststellbar (namentlich hinsichtlich der
Fragen, welche Personen verhaftet worden seien und wo diese Verhaftung
stattgefunden habe, zu den Aufenthalten des Beschwerdeführer in Sri
Lanka und im Ausland, zum Umstand, dass der Beschwerdeführer gemäss
eigenen Angaben nach der Freilassung aus der Haft bis 2013 keine Prob-
leme mehr gehabt habe, zur effektiven Beteiligung von C._ an dem
ihm zur Last gelegten [terroristischer Anschlag] und zum Aufenthalt und zur
Situation des jüngeren Bruders E._).
Q.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 26. August 2020 (Akte A42) liess
sich der Beschwerdeführer zur Botschaftsabklärung und zu den im Schrei-
ben des SEM vom 6. August 2020 aufgeführten Widersprüchen verneh-
men. Hierauf wird in den Erwägungen (E. 8.3) eingegangen.
Im Weiteren führte er aus, die Botschaftsabklärung habe im Wesentlichen
seine Asylvorbringen bestätigt. Soweit das SEM auf Widersprüche hin-
weise, liessen sich diese erklären; namentlich müsse (wie bereits im ersten
E-6420/2020
Seite 15
Beschwerdeverfahren E-483/2017) auf die erheblichen Verständigungs-
schwierigkeiten und Mängel in der Anhörung des Beschwerdeführers hin-
gewiesen werden.
Im Weiteren habe die Schwägerin des Beschwerdeführers, die Ehefrau von
C._, vor einigen Wochen für sich und ihren Sohn in der Schweiz um
Asyl ersucht, was die drohende Reflexverfolgung des Beschwerdeführers
zusätzlich bekräftige.
Schliesslich verwies der Beschwerdeführer auf ein «Länderupdate» seines
Rechtsvertreters vom 26. Februar 2020, einen «Zusatzbericht vom 10. Ap-
ril 2020» und einen «Rapport Ländersituation Sri Lanka, 11. April bis
26. Juni 2020» und hielt dazu fest, die menschenrechtliche und politische
Lage habe sich in Sri Lanka weiter verschlechtert. Der Beschwerdeführer
erfülle aufgrund seines Risikoprofils (Absolvierung einer LTTE-Ausbildung
im Jahr 2006, älterer Bruder C._ als aktives LTTE-Mitglied und fa-
natischer LTTE-Anhänger bekannt, Inhaftierung von C._ und des-
sen seit 2011 hängiges Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit einem
[Anschlag] der LTTE auf (...), Verhaftung des Beschwerdeführers, einmo-
natige Inhaftierung und dabei erlittene Misshandlungen, Auflage einer Mel-
depflicht und deren Nichteinhaltung, Ausreise aus Sri Lanka, mehrjähriger
Aufenthalt in der tamilischen Diaspora, behördlicher Verdacht der Tätigkeit
im Rahmen der Wiederaufbaubestrebungen der LTTE, persönliche und fa-
miliäre Verbindungen zu den LTTE) die Flüchtlingseigenschaft und werde
im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka Opfer von Verfolgungsmassnah-
men, die Art. 3 EMRK verletzen würden.
R.
Mit Verfügung vom 12. November 2020, eröffnet am 19. November 2020,
lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers erneut ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug der Wegwei-
sung an.
Zur Begründung wurde ausgeführt, die Vorbringen des Beschwerdeführers
hielten weder den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG noch denjenigen an die Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7
AsylG stand.
Dem Anhörungsprotokoll vom 25. Juli 2016 sei zu entnehmen, dass dem
Beschwerdeführer bei Verständnisschwierigkeiten Fragen erklärt oder
diese neu formuliert worden seien. Dieser sei auch aufgefordert worden,
E-6420/2020
Seite 16
bei nicht verstandenen Fragen nachzufragen. Daraus könne gefolgert wer-
den, dass auf Verständnisschwierigkeiten angemessen reagiert und allfäl-
lige Unklarheiten umgehend ausgeräumt worden seien. Das Anhörungs-
protokoll könne deshalb für die vorliegende Verfügung ohne Einschränkun-
gen herangezogen werden.
Der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, ab 2013 wiederholt zu
Hause gesucht und für Befragungen mitgenommen worden zu sein. Ihm
sei es jedoch nicht gelungen, eine begründete Furcht vor künftiger asylbe-
achtlicher Verfolgung glaubhaft darzutun, da sich seine Vorbringen in we-
sentlichen Punkten unterscheiden würden, namentlich zur Anzahl der be-
hördlichen Suchen und zu deren zeitlichen Einordnung. Er sei in der Anhö-
rung auf diese Widersprüche hingewiesen worden und habe diese nicht
plausibel ausräumen können. Die geltend gemachte, tägliche Suche nach
seiner Person könne daher nicht geglaubt werden.
Zudem seien keinerlei Anhaltspunkte ersichtlich, weshalb die sri-lanki-
schen Behörden ihn im fraglichen Zeitpunkt in der vorgetragenen Intensität
hätten suchen sollen. Abgesehen von einigen wenigen Tagen im Jahr 2006
sei er nie in Kontakt mit den LTTE gestanden, er habe dies offensichtlich
bei seiner Inhaftierung im Jahr 2011 überzeugend darlegen können und
habe danach seinen Alltag als [Beruf] über mehrere Jahre hinweg fortfüh-
ren können, ohne dass er sich habe etwas zu Schulden kommen lassen.
Deshalb sei seine Angst im Jahr 2014, demnächst verhaftet zu werden,
nicht nachvollziehbar und unbegründet. Der Vergleich mit seinem Bruder,
der während längerer Zeit für die LTTE aktiv gewesen sei, schlage auf-
grund der gänzlich unterschiedlichen Profile fehl. Gegen ein behördliches
Interesse am Beschwerdeführer spreche schliesslich auch der Umstand,
dass er nach der Haftentlassung im Jahr 2011 seiner Unterschriftspflicht
nur während einem Monat nachgekommen sei und keine diesbezüglichen
Folgen davongetragen habe.
Die eingereichten Beweismittel würden an dieser Einschätzung nichts än-
dern. Das Schreiben des Anwaltes widerspreche inhaltlich den persönli-
chen Angaben des Beschwerdeführers, sowohl in Bezug auf den Ort seiner
Verhaftung als auch hinsichtlich der Besuche beim Bruder im Gefängnis.
Das Schreiben des (...) sei äussert oberflächlich und unkonkret formuliert
und weise den Charakter eines Gefälligkeitsschreibens ohne Beweiswert
auf. Sämtliche Zeitungsartikel, der Auszug aus den Gerichtsakten und die
Todesurkunde seines Cousins, die IKRK-Registrierungskarte sowie die
E-6420/2020
Seite 17
Haftbestätigung seines Bruders stünden in keinem direkten Zusammen-
hang zur Person des Beschwerdeführers. Sie seien daher ungeeignet,
seine Vorbringen zu belegen. Dasselbe treffe auch auf das Schreiben des
Dorfvorstehers zu, welcher bestätige, dass der Beschwerdeführer nicht
mehr in B._ wohne; daraus lasse sich kein Hinweis auf eine aktuelle
Gefährdung entnehmen. Die beiden eingereichten Fotoaufnahmen und
das Video würden zwar sri-lankische Sicherheitskräfte zeigen. Diesen Un-
terlagen lasse sich jedoch nicht entnehmen, wo und wann sie gemacht
worden seien, noch weshalb diese Personen am besagten Ort erschienen
seien. Der Inhalt des Gesprächs sei zudem nicht verständlich. Die Vorbrin-
gen zur intensiven Suche und Verhaftungsgefahr seien insgesamt als un-
glaubhaft einzustufen.
Da der Beschwerdeführer gemäss eigenen Angaben offiziell am 13. Juli
2011 aus der Haft entlassen worden sei und sich danach bis zur Ausreise
im November 2014 weitere drei Jahre lang unbehelligt in Sri Lanka aufge-
halten habe, ohne dass es zu weiteren Festnahmen gekommen wäre, be-
stehe zwischen seiner einmonatigen Inhaftierung im Sommer 2011 und sei-
ner Ausreise im November 2014 kein direkter Kausalzusammenhang. Die
Haft im Jahr 2011 sei somit asylrechtlich nicht relevant, und deren Glaub-
haftigkeit könne offen bleiben. Immerhin sei festzuhalten, dass zwischen
den Angaben des Beschwerdeführers zur Haft im Jahr 2011 und den Aus-
sagen der Familienangehörigen im Rahmen der Botschaftsabklärung er-
hebliche Widersprüche feststellbar seien.
Soweit der Beschwerdeführer ein hängiges Gerichtsverfahren gegen sei-
nen Bruder C._ und eine daraus abgeleitete Reflexverfolgung gel-
tend mache, sei festzustellen, dass die erfolgte Anklage gegen C._
wegen Beteiligung am Anschlag auf [Angaben zum Anschlag] zutreffe und
dieses Verfahren weiterhin hängig sei. Es gebe jedoch keinen Grund zur
Annahme, dass dem Beschwerdeführer deshalb in Sri Lanka asylbeachtli-
che Nachteile drohten. Seine geltend gemachte Verfolgung ab 2013 sei
nicht glaubhaft ausgefallen. Es würden sich keine Hinweise darauf erge-
ben, dass er nach 2011 von den sri-lankischen Behörden in flüchtlings-
rechtlicher Weise behelligt worden sei. Seine Familienangehörigen seien
zwar bis vor Kurzem regelmässig von Polizisten und zivilen Personen be-
sucht und nach Familiendaten befragt worden. Aus den entsprechenden
Aussagen würden sich aber keine Hinweise dafür ergeben, dass die Besu-
che spezifisch dem Beschwerdeführer gegolten hätten. Vielmehr hätten die
Besuche aufgehört, nachdem die Ehefrau von C._ im Dezember
E-6420/2020
Seite 18
2019 weggezogen sei, was vermuten lasse, dass die Besuche hauptsäch-
lich ihr gegolten hätten. Aufgrund des laufenden Gerichtsverfahrens gegen
den Bruder C._ habe der Beschwerdeführer daher keine Verfol-
gung zu befürchten.
Die geltend gemachte Verfolgung ab 2013 sei nicht glaubhaft und die Vor-
bringen betreffend die Haft im Jahr 2011 und die Reflexverfolgungssitua-
tion wegen des Bruders C._ seien flüchtlingsrechtlich nicht rele-
vant.
Es seien auch keine weiteren Faktoren ersichtlich, welche – kumuliert mit
seiner Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie und seinem längeren Aufent-
halt in der Schweiz – eine Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG zu be-
gründen vermöchten. Es sei nicht davon auszugehen, dass der Beschwer-
deführer in den Augen der sri-lankischen Sicherheitskräfte als Person
gelte, die eine besonders enge Beziehung zu den LTTE gepflegt habe. Er
sei gemäss eigenen Angaben im Jahr 2011 unzählige Male befragt und
nach einem Monat freigelassen worden. Wäre er in einem behördlichen
LTTE-Verdacht gestanden, wäre er kaum freigelassen worden. Die für den
Zeitraum von 2013 bis 2014 geltend gemachten behördlichen Suchen und
Befragungen seien nicht glaubhaft ausgefallen. Es gebe keinen begründe-
ten Anlass zur Annahme, dass dem Beschwerdeführer asylbeachtliche
Verfolgungsmassnahmen drohen würden. Unter Verweis auf das Refe-
renzurteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016
wurde festgestellt, es bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme, dass
der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit flüchtlingsrelevanten Verfolgungsmassnahmen
ausgesetzt sein werde.
Schliesslich wurde der Wegweisungsvollzug unter Verweis auf die aktuelle
politische Lage in Sri Lanka, die – durch die getätigte Botschaftsabklärung
bestätigte – Existenz eines grossen sozialen Beziehungsnetzes und die
wirtschaftliche Reintegrierbarkeit des Beschwerdeführers im Heimatland
als zulässig, zumutbar und möglich qualifiziert.
S.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 21. Dezember 2020 (Postauf-
gabe) erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde und beantragte in der Hauptsache, die Verfügung des SEM vom
12. November 2020 sei wegen der Verletzung des Anspruchs auf rechtli-
ches Gehör (Rechtsbegehren 2) respektive eventualiter wegen Verletzung
E-6420/2020
Seite 19
der Begründungspflicht (Rechtsbegehren 3) aufzuheben und die Sache an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die angefochtene Verfü-
gung aufzuheben und die Sache zur Feststellung des vollständigen und
richtigen rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen (Rechtsbegehren 4) respektive es sei die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen und ihm Asyl
zu gewähren (Rechtsbegehren 5). Eventualiter seien die Ziffern 3 und 4
(recte: 4 und 5) der angefochtenen Verfügung aufzuheben und die Unzu-
lässigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen (Rechtsbegehren 6).
In formeller Hinsicht wurde ferner beantragt, das Bundesverwaltungsge-
richt habe das Spruchgremium bekanntzugeben und die zur Bestimmung
dieses Spruchgremiums relevanten objektiven und im vorliegenden Ver-
fahren angewandten Kriterien darzulegen (Rechtsbegehren 1). Zudem sei
das SEM anzuweisen, gegen die beiden Verfasser der angefochtenen Ver-
fügung intern die Notwendigkeit disziplinarischer Massnahmen zu prüfen
(Rechtsbegehren 7).
Unter dem Titel "Beweisanträge" (Beschwerde Ziff. 5, S. 40) wurde zudem
beantragt, die vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismittel seien in
eine Amtssprache zu übersetzen und korrekt zu würdigen. Ferner sei der
Beschwerdeführer erneut ausführlich anzuhören und die Akten der Schwä-
gerin F._ seien beizuziehen.
Das SEM habe in Missachtung der Handlungsanweisungen des Bundes-
verwaltungsgerichts im Urteil E-483/2017 keine rechtliche Würdigung der
Vorbringen des Beschwerdeführers vorgenommen, sondern pauschal die
bewiesene und sich aus der Rechtsprechung ergebende Reflexverfolgung
verneint. Weiterhin seien die eingereichten Beweismittel weder übersetzt
noch gewürdigt worden. Das SEM habe eine «copy paste»-Verfügung er-
lassen. Die im Rahmen des (ersten) Beschwerdeverfahrens vorgebrachten
und mit Beweismitteln belegten Folternarben des Beschwerdeführers
seien in der angefochtenen Verfügung nicht erwähnt und die offensichtliche
Tragweite des Verfahrens von C._ nicht beachtet worden. Die Be-
hauptung, der Inhalt der eingereichten Videoaufnahme sei unverständlich,
sei aktenwidrig, nachdem das Video vom Beschwerdeführer selbst über-
setzt worden sei. Die Beurteilung der Reflexverfolgung zum Zeitpunkt der
Ausreise habe das SEM anhand seiner früheren Glaubhaftigkeitsprüfung
in der mittlerweile kassationsweise aufgehobenen Verfügung vom 22. De-
E-6420/2020
Seite 20
zember 2016 vorgenommen, die in der vorliegend angefochtenen Verfü-
gung unverändert übernommen worden sei. Die Argumentation des SEM
komme einem Beweisausschluss gleich, indem es ohne detaillierte förmli-
che und inhaltliche Auseinandersetzung die Beweismittel als unbeachtlich
erklärt habe, obwohl das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil vom
24. Oktober 2019 festgestellt habe, dass die Beweismittel rechtserheblich
und tauglich seien. Obwohl die BzP vom 12. Juni 2015 und die Anhörung
vom 27. Juli 2016 mit gravierenden Mängeln behaftet seien, habe das SEM
in der angefochtenen Verfügung neu pauschal behauptet, dass die Proto-
kolle ohne Einschränkungen verwendbar seien, und habe den Beschwer-
deführer nicht erneut und korrekt befragt. Das Gericht habe im besagten
Urteil E-483/2017 explizit festgestellt, dass das SEM durch die unterlas-
sene Beweiswürdigung den rechtlichen Gehörsanspruch verletzt habe,
und habe die Sache zur tatsächlichen Neubeurteilung an das SEM zurück-
gewiesen.
Im Weiteren habe das SEM in seiner «Lagefortschreibung» vom 7. Februar
2020 selbst festgestellt, dass sich die Sicherheitslage in Sri Lanka seit
2018 insgesamt verschlechtert habe. Insbesondere sei darauf zu verwei-
sen, dass die Einwanderungsbehörde neu dem Verteidigungsministerium
unterstellt worden sei, was zur Folge habe, dass das für die Verfolgung von
separatistischen und terroristischen Aktivitäten zuständige sri-lankische
Militär direkten Zugriff auf die Daten der Einwanderungsbehörde über zu-
rückgeschaffte abgewiesene Asylgesuchsteller erlange. Das Migrationsab-
kommen zwischen der Schweiz und Sri Lanka setze voraus, dass die Da-
tenschutzbestimmungen eingehalten und nicht zweckentfremdet würden.
Zudem hätten die heimatlichen Behörden unmissverständlich die angeb-
lich gezielten Versuche der tamilischen Diaspora, die LTTE wiederzubele-
ben, zur Bedrohung der nationalen Sicherheit erklärt. Deshalb sei der Aus-
tausch von Geheimdienstinformationen und die Überwachung des Inter-
nets, welche im J ahr 2020 zugenommen habe, besonders wichtig.
Der Beschwerdeführer sei aufgrund der erstellten Risikofaktoren in flücht-
lingsrechtlich relevanter Weise gefährdet. Er habe im Jahr 2006 eine LTTE-
Ausbildung absolviert und stamme aus dem Vanni-Gebiet. Sein Bruder sei
mehrere Jahre lang bei den LTTE gewesen und deswegen seit 2011 inhaf-
tiert; es laufe ein diesbezüglicher Gerichtsprozess gegen ihn im Zusam-
menhang mit einem (...) Anschlag der LTTE im Jahr [Angaben zum An-
schlag]; der Beschwerdeführer sei im Zusammenhang mit seinem Bruder
im Jahr 2011 selbst verhaftet und einen Monat lang inhaftiert und dabei
misshandelt worden. Er weise heute entsprechende Körpernarben auf. Er
E-6420/2020
Seite 21
sei in der Folge einer Meldepflicht unterstanden, habe sich dieser Auflage
entzogen und sei zweifellos auf einer «Stop»- oder «Watch-List» registriert.
Es sei davon auszugehen, dass die heimatlichen Behörden ein Vergel-
tungsinteresse gegenüber dem Bruder hätten, weshalb der Beschwerde-
führer selbst auch reflexverfolgt würde. Mit seinen Narben, seiner Flucht
ins Ausland und dem mehrjährigen Aufenthalt in einem Diasporagebiet der
LTTE mache sich der Beschwerdeführer gegenüber den sri-lankischen Be-
hörden weiter verdächtig, Wiederaufbaubestrebungen der LTTE getätigt zu
haben, insbesondere aufgrund seiner gut dokumentierten persönlichen
und familiären Verbindungen zu den LTTE. Hinzu komme, dass sich seine
Schwägerin seit Januar 2020 in einem Asylverfahren in der Schweiz be-
finde, nachdem sie in Sri Lanka jahrelang ebenfalls unter einer Reflexver-
folgung gelitten habe.
Das SEM habe der angefochtenen Verfügung einen falschen oder akten-
widrigen, nicht weiter belegbaren Sachverhalt zugrunde gelegt und die in-
dividuellen Asylgründe des Beschwerdeführers und die Ländersituation im
Heimatstaat unkorrekt abgeklärt. Insbesondere habe es die Reflexverfol-
gung in Missachtung der Anweisungen des Gerichts überhaupt nicht abge-
klärt. Die getätigte Botschaftsabklärung habe klare Hinweise auf eine Re-
flexverfolgung geliefert: die Familie des Beschwerdeführers sei bis Ende
2019 durch die sri-lankischen Sicherheitsbehörden behelligt worden, bis
die Schwägerin «weggezogen» respektive in Wahrheit in die Schweiz ge-
flüchtet sei. Durch diese Flucht der Schwägerin und ihres Sohnes sei für
den Beschwerdeführer ein weiterer Verdachtsmoment geschaffen worden.
Schliesslich sei der Wegweisungsvollzug unzulässig und unzumutbar.
T.
Mit Zwischenverfügung vom 23. Dezember 2020 hielt das Bundesverwal-
tungsgericht fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Asylver-
fahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig gab das Gericht das voraus-
sichtliche Spruchgremium bekannt und erhob einen Kostenvorschuss in
der Höhe von Fr. 1'500.-
U.
Mit Eingabe vom 28. Dezember 2020 beantragte der Beschwerdeführer
Einsicht in die Asylverfahrensakten seiner Schwägerin F._ (Verfah-
rensnummer N [...]) und reichte ein Schreiben des SEM vom 23. Dezember
2020 zu den Akten, aus welchem hervorgeht, dass das SEM dem Rechts-
vertreter die Akteneinsicht in die besagten Verfahrensakten unter Hinweis
E-6420/2020
Seite 22
auf die noch nicht abgeschlossene Untersuchung im Verfahren der Schwä-
gerin verweigerte.
V.
Mit Eingabe vom 11. Januar 2021 ersuchte der Rechtsvertreter um weitere
Auskünfte betreffend die Bildung des Spruchkörpers (elektronisches
Spruchkörpergenerierungssystem) im vorliegenden Beschwerdeverfahren
und verwies dazu auf eine Zwischenverfügung im Verfahren D-3427/2020
vom 23. Juli 2020.
W.
Am 11. Januar 2021 wurde der Kostenvorschuss fristgerecht geleistet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des Asylgesetzes in Kraft getreten
(AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.4 Die Beschwerde wurde frist- und formgerecht eingereicht. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf diese ist mithin
– unter nachstehenden Vorbehalten – einzutreten.
E-6420/2020
Seite 23
1.5 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
2.
Dem Beschwerdeführer wurde die voraussichtliche Zusammensetzung
des Spruchgremiums mit Instruktionsverfügung vom 23. Dezember 2020
bekanntgegeben. Auf die weiteren Anträge betreffend Spruchkörperbil-
dung ist praxisgemäss nicht einzutreten (vgl. Teilurteil des BVGer D-
1549/2017 vom 2. Mai 2018 E. 4).
3.
Soweit die Anordnung von Disziplinarmassnahmen gegen Mitarbeitende
der Vorinstanz beantragt wird (Rechtsbegehren 7), ist auf diesen Antrag
mangels Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts als Disziplinarbe-
hörde ebenfalls nicht einzutreten.
4.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
5.
In der Beschwerde werden diverse formelle Rügen erhoben, welche grund-
sätzlich vorab zu beurteilen wären, da sie – sofern begründet – allenfalls
geeignet wären, eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewir-
ken.
5.1 Angesichts des Ausgangs des Verfahrens kann auf die vorgängige Prü-
fung der formellen Rügen betreffend Verletzung des rechtlichen Gehörsan-
spruchs respektive der Begründungspflicht (Rechtsbegehren 2 und 3) in-
dessen verzichtet werden, da der Beschwerdeführer mit seinem Rechtsbe-
gehren 5 (Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von
Asyl) vollständig durchdringt.
5.2 Auch auf die in der Rechtsmitteleingabe und der Eingabe vom 28. De-
zember 2020 gestellten Beweisanträge (Übersetzung von eingereichten
Beweismitteln und zusätzliche Anhörung des Beschwerdeführers) ist nicht
weiter einzugehen, da sie im Hinblick auf den Verfahrensausgang obsolet
geworden sind.
Festzuhalten bleibt, dass die Rüge, das SEM habe weiterhin die einge-
reichten Beweismittel nicht übersetzen lassen (vgl. Beschwerde S. 10, 11,
E-6420/2020
Seite 24
19, 42 f.), nicht zutrifft (vgl. oben Bst. K). Wenn sich in der angefochtenen
Verfügung der Satz findet, es könne "auf eine Übersetzung der nur in tami-
lischer Sprache vorliegenden Dokumente verzichtet" werden (Verfügung
vom 12. November 2020 S. 5), wurde diese Überlegung unzutreffend of-
fenbar aus der früheren, mittlerweile kassationsweise aufgehobenen Ver-
fügung vom 22. Dezember 2016 übernommen.
5.3 Was den Antrag betrifft, die Akten der Schwägerin F._ zu edie-
ren, hat das SEM dieses Gesuch angesichts des weiterhin vorinstanzlich
hängigen Asylverfahrens von F._ gestützt auf Art. 27 Abs. 1 Bst. c
VwVG zu Recht abgewiesen und eine derzeitige Akteneinsicht zu Recht
verweigert. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Akten beigezogen. An-
gesichts des Ausgangs des vorliegenden Beschwerdeverfahrens kann auf
eine vorgängige Anhörung des Beschwerdeführers in diesem Zusammen-
hang verzichtet werden (vgl. Art. 30 Abs. 2 Bst. c VwVG).
6.
6.1 Es gilt vorab festzustellen, dass Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7
Abs. 2 AsylG – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Be-
weismass bedeutet und durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel
an den Vorbringen des Gesuchstellers lässt. Eine wesentliche Vorausset-
zung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die
eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen wider-
spruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse.
Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung
ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision
und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Er-
lebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftma-
chung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstim-
mung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und
Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder
gegen den Gesuchsteller sprechen. Dabei ist auf eine objektivierte Sicht-
weise abzustellen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die
positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es dem-
gegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber
in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um-
stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen.
6.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
E-6420/2020
Seite 25
von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet befürchten muss,
welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Or-
gane des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt wor-
den sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4
E. 5.2 S. 37), ohne dass die betroffene Person in ihrem Heimat- oder Her-
kunftsstaat ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12
E.7.2.6.2, BVGE 2008/4 E. 5.2).
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides. Die Verfolgung muss grundsätzlich auch im
Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein, wobei erlittene Verfol-
gung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor
Verfolgung auf eine andauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderun-
gen der Situation im Heimat- oder Herkunftsstaat zwischen Ausreise und
Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person
zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2, BVGE 2010/9 E. 5.2, BVGE
2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
6.3 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexver-
folgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art.
3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet be-
fürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung BVGE 2007/19 E. 3.3
S. 225, unter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; vgl. ausserdem
EMARK 1994 Nr. 17). Dabei kommen in einem solchen Kontext bei der
Prüfung einer begründeten Furcht vor Verfolgung beweiserleichternde
Grundsätze zur Anwendung (vgl. dazu insbesondere EMARK 1993 Nr. 6,
E. 4, S. 38 mit weiteren Verweisen; Weiterführung dieser Praxis durch die
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, beispielsweise im Urteil
des BVGer E-3738/2006 vom 5. Februar 2009 E. 5.3.1 und E-2734/2015
vom 16. April 2018 E. 4.3.1).
6.4 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur
Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus-
reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk-
licht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahr-
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/5 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/17
E-6420/2020
Seite 26
scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurtei-
lung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfol-
gen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE
2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
7.
Im Rahmen einer Gesamtwürdigung der Verfahrensakten gelangt das Bun-
desverwaltungsgericht zum Schluss, dass die vom Beschwerdeführer gel-
tend gemachte Verfolgungssituation vor seiner Ausreise aus Sri Lanka, na-
mentlich die Suche nach seiner Person und die von ihm bereits erlittenen
Behelligungen, entgegen der Einschätzung des SEM, überwiegend glaub-
haft ist. Seine Angaben geben insgesamt ein zusammenhängendes Ge-
samtbild wieder, welches asylrechtlich von Relevanz ist. Die vom Be-
schwerdeführer geschilderten Ereignisse und die daraus abgeleitete Ver-
folgungssituation werden in den Kernpunkten durch die von der Schweize-
rischen Botschaft in Colombo vorgenommenen Abklärungen bestätigt wer-
den. Zudem decken sich seine Vorbringen weitestgehend mit den entspre-
chenden Angaben und Schilderungen seiner Schwägerin und deren Soh-
nes in deren eigenen Befragungen zu den Asylgründen.
8.
8.1 Nachdem im Kassationsurteil E-483/2017 vom 24. Oktober 2019 fest-
gestellt worden war, dass das SEM den rechtserheblichen Sachverhalt
mangelhaft erfasst und die Vorbringen des Beschwerdeführers unvollstän-
dig gewürdigt habe, nahm das SEM weitere Untersuchungsmassnahmen
vor, liess die eingereichten Beweismittel übersetzen und beauftragte na-
mentlich die Schweizerische Botschaft in Colombo mit weiteren Abklärun-
gen; eine zusätzliche Anhörung des Beschwerdeführers wurde nicht durch-
geführt.
Zu den Ergebnissen der Botschaftsabklärung ebenso wie zu gewissen
diesbezüglich entstandenen Widersprüchen wurde dem Beschwerdeführer
schriftlich das rechtliche Gehör gewährt (vgl. oben Bst. P und Q).
E-6420/2020
Seite 27
8.2 Die Botschaftsergebnisse haben die Hauptasylvorbringen des Be-
schwerdeführers im Wesentlichen bestätigt. Sie haben ergeben, dass der
Bruder C._ im Jahr 2011 verhaftet wurde, und dass die TID, die
Sicherheitsbehörde, welche innerhalb der sri-lankischen Sicherheitskräften
für die Terror-Bekämpfung zuständig ist, gegen ihn vor dem [Gericht] in (...)
ein Gerichtsverfahren eröffnet hat. Der Bruder ist unter der PTA – der Ge-
setzgebung betreffend Terrorbekämpfung – angeklagt, [terroristischer An-
schlag]. Darüber wurde in den internationalen Medien ausführlich berichtet
(vgl. dazu: Sachverhalt oben, Bst. Q, mit Verweis auf das Urteil E-483/2017
a.a.O, E. 4.3.1).
Im Weiteren liess sich durch die Abklärungen der Botschaft seitens der
konsultierten Familienmitglieder bestätigen, dass C._ sich im Ju-
gendalter der LTTE angeschlossen und diese Bewegung 2005 verlassen
hatte. Ob er am Anschlag tatsächlich beteiligt gewesen sei, wussten seine
Angehörigen nicht; hingegen gaben sie an, C._ sei zum Zeitpunkt
des fraglichen Anschlags "ein fanatisches LTTE-Mitglied gewesen".
Ferner gab die Familie an, sie sei auch nach der Verhaftung von
C._ – bis in jüngste Zeit – von den Behörden kontrolliert und über-
wacht sowie immer wieder behelligt und aufgesucht worden. Die Nachstel-
lungen hätten sich namentlich gegen den Beschwerdeführer sowie gegen
die Ehefrau von C._ gerichtet. Der jüngere Sohn der Familie sei
demgegenüber zu jung gewesen, um mit den LTTE in Verbindung gebracht
zu werden. Die Aussagen des Beschwerdeführers, sie seien als LTTE-Fa-
milie bekannt gewesen (wobei sein jüngerer Bruder zu jung gewesen sei,
um in selber Weise wie er und C._ behelligt zu werden; vgl. A13 F
199), finden demnach in den Aussagen der Familie im Rahmen der Bot-
schaftsabklärung ihre Bestätigung; es geht aus den Darstellungen ferner
auch übereinstimmend hervor, dass die Behelligungen immer im Zusam-
menhang mit C._ gestanden sind. Den Angaben der Familie zu-
folge seien sie seit 2011 unter Beobachtung und unter generellem Verdacht
gestanden; die Behelligungen der Familie seien ferner auch nachdem der
Beschwerdeführer das Land verlassen habe, weiter gegangen.
Nach Einschätzung der mit der Botschaftsabklärung betrauten Person hät-
ten die Familienangehörigen spontan und substantiiert Auskunft gegeben;
es bestehe kein Anlass, an der Glaubhaftigkeit der Aussagen zu zweifeln.
8.3 Soweit sich in einzelnen Aussagen des Beschwerdeführers und seiner
Angehörigen Widersprüche finden, ist Folgendes festzuhalten:
E-6420/2020
Seite 28
8.3.1 Vorab ist zu berücksichtigen, dass die Angehörigen im Rahmen der
Botschaftsabklärung an verschiedenen Stellen einräumten, sich in den Er-
innerungen nicht sicher zu sein; es ist durchaus denkbar, dass es zu ge-
wissen Verwirrungen gekommen ist. Die Botschaftsmitarbeiterin hielt fer-
ner fest, es sei wohl davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer zum
eigenen Schutz nicht alle Begebenheiten mit seiner Familie geteilt habe
und diese also nicht von allem wüssten. Schliesslich sei zu beachten, dass
die Gesprächspartnerinnen der Schweizer Botschaft – die Mutter des Be-
schwerdeführers und die Ehefrau des jüngeren Bruders – Mühe gehabt
hätten, sich an konkrete Daten zu erinnern; die Mutter sei psychisch stark
angeschlagen, vergesslich und nicht bei guter Gesundheit; die Ehefrau des
jüngeren Bruders ihrerseits sei bei den früheren Ereignissen in die Famili-
enangelegenheiten noch weniger involviert gewesen.
Was demgegenüber die Aussagen des Beschwerdeführers im Rahmen
des schweizerischen Asylverfahrens betrifft, muss festgehalten werden,
dass die Anhörung des Beschwerdeführers offenbar von Verständigungs-
problemen geprägt war (vgl. die Anmerkungen der Hilfswerkvertretung,
A13 S. 27). Verschiedentlich wurden die Aussagen des Beschwerdeführers
nicht umfassend protokolliert, sondern es wurde lediglich in Klammern ver-
merkt, er wiederhole sich (vgl. A13 F 78, 115, 145, 150, 206). Zudem sind
offenbar die Fragen nicht in der Form protokolliert worden, wie sie gestellt
worden sind, da der Dolmetscher die Fragen selber – ohne dass sie aus
dem Protokoll hervorgehen würden – umformuliert habe (vgl. A13 F 92 f.,
168). Schliesslich ergibt sich die Chronologie der Ereignisse aus dem Pro-
tokoll der Anhörung nur erschwert, und die Anhörung folgte nicht einem
chronologisch geradlinigen Ablauf; teils verwechselte der Beschwerdefüh-
rer die Jahre 2011 und 2013 (vgl. A13 F 89), teils ist es unmöglich, aus dem
Protokollkontext seine Aussagen in einen zeitlichen Rahmen zu setzen
(vgl. z.B. die Aussage, der Beschwerdeführer sei mehrere Male für Befra-
gungen mitgenommen worden, ohne dass klar ist, wann das geschehen
sein soll, A13 F 88 und 89).
Was andererseits die Befragung des Beschwerdeführers in der BzP betrifft,
ist festzuhalten, dass die gesamte BzP samt Rückübersetzung lediglich 1
1⁄4 Stunden dauerte; die Aussagen zu den Gesuchsgründen umfassen
knapp eine halbe Seite (vgl. A3 S. 6). Bei dieser Sachlage erweist sich der
in der angefochtenen Verfügung (S. 4) vom SEM erhobene Vorwurf, in der
Anhörung seien Vorbringen nachgeschoben worden, die in der BzP nicht
genannt worden seien, als unhaltbar.
E-6420/2020
Seite 29
8.3.2 Vor diesem Hintergrund hält das Gericht fest, dass zunächst – entge-
gen den vom SEM angedeuteten, aber letztlich offen gelassenen Zweifeln
– die einmonatige Inhaftierung des Beschwerdeführers im Jahr 2011 als
glaubhaft gemacht gelten kann.
Zwar bestehen diesbezüglich Ungereimtheiten zwischen den Aussagen
des Beschwerdeführers und jenen seiner Angehörigen. Der Beschwerde-
führer wurde seinen Angaben gemäss im Sommer 2011 gleichzeitig wie
sein Bruder verhaftet und für einen Monat inhaftiert; er sei zunächst kurze
Zeit im (...) und in (...) festgehalten worden, wo man ihn noch nicht miss-
handelt habe, und dann nach Colombo ins "vierte Geschoss" verbracht
worden; dort sei er einen Monat lang massiv misshandelt worden. Seine
Familie sprach demgegenüber davon, im Jahr 2011 sei C._ verhaf-
tet worden; danach sei der Beschwerdeführer von Armeeangehörigen wie-
derholt befragt oder zur Befragung mitgenommen worden; einmal sei er
mehrere Tage nicht nach Hause gekommen, in Colombo festgehalten wor-
den und dabei schwer geschlagen worden.
Diese Ungereimtheiten sind nach Ansicht des Gerichts nicht geeignet, die
einmonatige Haft im Jahr 2011 als nicht glaubhaft zu werten. Der Be-
schwerdeführer – der die Haft bereits in der BzP anführte (vgl. A3 S. 6) –
machte hierzu in der Anhörung ausführliche, detaillierte und substantiierte
Aussagen, die Realkennzeichen aufweisen und durchaus den Eindruck
von Selbsterlebtem wiedergeben (vgl. insbesondere A13 F 105 ff., 123 ff.).
Festzuhalten ist sodann, dass die Schwägerin und der Neffe des Be-
schwerdeführers im Rahmen ihres Asylverfahrens in der Schweiz bestätigt
haben, der Beschwerdeführer sei im Jahr 2011 zusammen mit C._
für einen Monat verhaftet worden (vgl. nachfolgend E. 8.4).
Das Gericht teilt ferner auch die Einschätzung des SEM nicht, dass das
eingereichte Bestätigungsschreiben von Rechtsanwalt (...) vom 24. Juni
2015 (vgl. A14 Bm 1) einen grundsätzlich fraglichen Beweiswert habe, weil
es den Aussagen des Beschwerdeführers widerspreche. Der Rechtsanwalt
bestätigt die Inhaftierung des Beschwerdeführers im Jahr 2011. Ferner
führt er aus, er selber (der Rechtsanwalt) sei unter Beobachtung der TID
geraten, nachdem die Angehörigen von C._ (namentlich dessen
Ehefrau und der Beschwerdeführer) jenen im Gefängnis besucht hätten;
dem steht die Aussage des Beschwerdeführers gegenüber, er habe seinen
Bruder nicht besucht (vgl. A13 F 164, 169). Dass dem Anwalt hier betref-
E-6420/2020
Seite 30
fend eine nicht auf eigener Wahrnehmung beruhende Tatsache möglicher-
weise ein Fehler unterlaufen ist, stellt nach Ansicht des Gerichts nicht die
gesamte Beweiskraft seiner Bestätigung in Frage.
8.3.3 Ungereimtheiten und Unterschiede zwischen den Aussagen des Be-
schwerdeführers und den Angaben seiner Familie der Botschaft gegenüber
bestehen schliesslich zu den nach 2011 erfolgten behördlichen Behelligun-
gen.
Unklar erscheint namentlich, welche Probleme der Beschwerdeführer nach
seiner einmonatigen Haft im Jahr 2011 bis ungefähr ins Jahr 2013 gehabt
habe. Wie bereits erwähnt, gab seine Familie an, er sei damals, im Jahr
2011, sehr oft, anfangs fast täglich, von Armeeangehörigen aufgesucht, be-
fragt oder zur Befragung mitgenommen worden und einmal während meh-
reren Tagen nach Colombo verbracht und dort schwer geschlagen worden.
Demgegenüber sprach der Beschwerdeführer zwar ebenfalls von Behelli-
gungen bereits ab dem Jahr 2011, wobei es sich aber anfangs um eher
nebensächlich scheinende Schikanen gehandelt habe (es seien Steine ge-
worfen worden; man habe Brennholz (...) weggenommen; vgl. A13 F 150,
155). Der Beschwerdeführer soll damals zwar Probleme gehabt haben,
habe aber andererseits die Meldepflicht nach einem Monat einstellen kön-
nen, ohne dass dies Folgen gehabt hätte; seinen Angaben gemäss seien
die Probleme erst ab dem Jahr 2013 ernsthafter geworden. Seit 2013 sei
er wiederholt festgenommen und auch zu Hause gesucht worden (vgl. A13
F 89, 147 ff., 152, 153 ff., 170 ff.). Auch im Rahmen des ersten Beschwer-
deverfahrens wies der Beschwerdeführer darauf hin, er sei namentlich ab
2013 gesucht worden (vgl. Akten E-483/2017, Eingabe vom 10. März 2017;
oben Bst. E).
Dass die Familie – und damit auch der Beschwerdeführer – behördlich wei-
terhin behelligt und aufgesucht worden sei, und dass dies bis letztmals De-
zember 2019 angedauert habe (die Botschaftsauskunft erfolgte anfangs
Juli 2020), gaben die Angehörigen des Beschwerdeführers auch im Rah-
men der Botschaftsabklärungen an.
Die Schwägerin und der Neffe des Beschwerdeführers bestätigten im Rah-
men ihrer Asylbefragungen in der Schweiz sodann ebenfalls, dass die be-
hördlichen Überwachungen und Behelligungen jahrelang angedauert hät-
ten und auch nach ihrer eigenen Ausreise aus Sri Lanka im Januar 2020
weiterhin stattgefunden hätten (vgl. nachfolgend, E. 8.4).
E-6420/2020
Seite 31
Was die Darstellungen des Beschwerdeführers betrifft, die gegen ihn ge-
richteten behördlichen Behelligungen und die Suche nach ihm seien ab
2013 intensiver geworden, könnte dies auch aufgrund der konkreten län-
derspezifischen Ereignisse zu erklären sein. So ist es nach Einschätzung
des Gerichts durchaus nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer unmit-
telbar nach seiner Freilassung aus der Haft im Juli 2011 in weniger inten-
sivem Ausmass von den sri-lankischen Behörden behelligt wurde als ab
dem Jahr 2013. [Angaben zum terroristischen Anschlag], beide abgerufen
am 8.3.2021), scheint im Länderkontext plausibel, dass die behördlichen
Ermittlungsmassnahmen im Zusammenhang mit [dem terroristischen An-
schlag] erst danach intensiviert wurden und auch die entsprechenden Be-
helligungen und Behördenbesuche beim Beschwerdeführer zunahmen.
Wenn auch die Ungereimtheiten letztlich nicht vollständig ausgeräumt sind,
geht das Gericht nach dem zuvor Gesagten (vgl. E. 8.3.1) davon aus, dass
der Beschwerdeführer vor seiner Ausreise weitere behördliche Behelligun-
gen erlebte und dass nach ihm gesucht wurde. Die Erwägung des SEM,
seit 2011 sei dem Beschwerdeführer nichts mehr passiert, kann das Ge-
richt nicht teilen.
Dass die behördlichen Besuche nicht spezifisch dem Beschwerdeführer,
sondern offenbar eher der Ehefrau von C._ gegolten hätten, wie
das SEM weiter erwägt, überzeugt ebenfalls nicht und verkennt die Prob-
lematik der vorliegend interessierenden Konstellation einer Reflexverfol-
gung. Nachdem C._ seit 2011 im Gewahrsam der sri-lankischen
Behörden ist, kann sich die andauernde Behelligung seiner Angehörigen
nicht darauf beziehen, dass die Behörden etwas über den Verbleib eines
Gesuchten hätten erfahren wollen; vielmehr wird offenbar aus der Tatsa-
che, dass die Behörden mit C._ einen prominenten Terroristen in
Haft und vor Gericht wissen, eine entsprechende Verdächtigung auch sei-
ner engsten Verwandten in dem für LTTE-Verdächtigungen "passenden"
Alter abgeleitet; damit richten sich entsprechende Verdachtsmomente pri-
mär auch gegen den Beschwerdeführer.
8.4 Wie bereits erwähnt, haben die Schwägerin und der Neffe des Be-
schwerdeverfahrens im Rahmen ihres Asylverfahrens in der Schweiz ver-
schiedentlich auf den Beschwerdeführer Bezug genommen.
Aus den vom Gericht beigezogenen Asylverfahrensakten der Schwägerin
und deren Sohnes (N [...]) ergibt sich Folgendes:
E-6420/2020
Seite 32
8.4.1 Das im Januar 2020 von der Schwägerin und ihrem Sohn einge-
reichte Asylgesuch ist zurzeit vor dem SEM noch hängig. Die Personalien-
aufnahme der Schwägerin und ihres Sohnes wurde am 28. Februar 2020
durchgeführt. Der Sohn G._ wurde am 11. Juni 2020, die Schwä-
gerin am 19. August 2020 einlässlich angehört. Ob weitere Abklärungs-
massnahmen seitens des SEM in Betracht gezogen werden, lässt sich den
derzeitigen Akten nicht entnehmen.
8.4.2 Den Angaben von G._ in seiner Anhörung vom 11. Juni 2020
zufolge wurde sein Vater (der Bruder des Beschwerdeführers, C._)
zusammen mit dem Beschwerdeführer im Jahr 2011 festgenommen; der
Beschwerdeführer wurde nach einem Monat wieder freigelassen. Die CID-
Leute seien immer wieder gekommen, um seinen Onkel zu befragen.
G._ nannte den Namen des Beschwerdeführers dabei explizit. Die
Behörden hätten gewusst, dass sie eine «LTTE-Familie» gewesen seien
(vgl. Anhörungsprotokoll des Sohnes: Antworten 8 ff., 86 und 88). Auch
nach der Ausreise von G._ und seiner Mutter seien die Behörden
zu Hause erschienen und hätten bei den Grosseltern Erkundigungen vor-
genommen (vgl. Antworten 104 und 141). G._ bestätigte weiter,
dass seine Mutter ihren Ehemann (C._) aus Angst vor Problemen
mit den Sicherheitsbehörden nicht mehr im Gefängnis besucht habe (vgl.
Antwort 148) und dass er selbst erlebt habe, wie das Haus seiner Familie
unter Beobachtung gestanden habe (vgl. Antwort 156).
8.4.3 Auch die Schwägerin F._ gab im Rahmen ihrer Anhörung vom
19. August 2020 zu Protokoll, zusammen mit ihrem Ehemann C._
sei auch ihr Schwager – der Beschwerdeführer – am 13. Juni 2011 festge-
nommen worden; mit Hilfe eines Anwalts sei der Beschwerdeführer aus der
Haft freigekommen; als ihr Ehemann ins «Vierte Geschoss» gebracht wor-
den sei, sei er vom Beschwerdeführer getrennt worden. Nach der Entlas-
sung ihres Schwagers sei sie – die Schwägerin – von den Behörden be-
fragt worden; dabei seien auch Fragen zum Beschwerdeführer und zu des-
sen Identitätspapieren gestellt worden. Am 26. Oktober 2019 seien zwei
Personen zu ihrer Schwiegermutter gekommen und hätten auch nach dem
Verbleib des Beschwerdeführers gefragt (vgl. Anhörungsprotokoll der
Schwägerin: Antworten 16, 68ff., 86). Aus Angst habe sie ihren Mann nicht
mehr im Gefängnis besucht (vgl. Antworten 99, 101). Die Schwägerin be-
stätigte auch, dass ihr Nachbarhaus von einer singhalesischen Familie be-
wohnt worden sei und dass Soldaten und Polizisten nachts zu jenem Haus
gekommen seien (vgl. Antwort 93).
E-6420/2020
Seite 33
8.4.4 Der Beizug der Verfahrensakten der Schwägerin und des Neffens
des Beschwerdeführers ergibt damit ein übereinstimmendes Bild. Ein Ver-
gleich der jeweiligen Angaben dieser beiden Personen zeigt, dass sich die
Schilderungen des Beschwerdeführers – namentlich zum Verfahren seines
Bruders, dem LTTE-Hintergrund seiner Familie und den selbst erlittenen
Behelligungen – weitgehend und ohne erwähnenswerte Widersprüche mit
den Angaben seiner Schwägerin und seines Neffen decken. Aus diesen
Akten geht übereinstimmend hervor, dass der Beschwerdeführer, wie sein
Bruder C._, aus einer Familie mit LTTE-Hintergrund und -verbin-
dungen stammt und im Jahr 2011 verhaftet wurde. C._ hat wegen
des Verdachts einer Mitbeteiligung an einem Angriff der LTTE das Augen-
merk der sri-lankischen Sicherheitskräfte auf sich respektive auf die ge-
samte Familie gezogen und diese hat in der Folge jahrelang unter ständi-
gen behördlichen Behelligungen, Schikanen und Überwachungen gelitten.
9.
Zu prüfen bleibt die flüchtlingsrechtliche Relevanz der als glaubhaft erach-
teten Vorbringen.
9.1 Das SEM ging davon aus, dass die Verhaftung Beschwerdeführers im
Jahr 2011 – deren Glaubhaftigkeit offen gelassen werden könne – zur Aus-
reise im Jahr 2015 jedenfalls keinen Kausalzusammenhang mehr auf-
weise. Dass der Beschwerdeführer nach dem Jahr 2011 noch Behelligun-
gen erlitten habe, würdigte das SEM als nicht glaubhaft gemacht. Damit
habe im Zeitpunkt seiner Ausreise kein Anlass für eine begründete Furcht
vor weiterer Verfolgung bestanden; namentlich müsse seine Furcht vor ei-
ner ihm möglicherweise drohenden Verhaftung als unbegründet bezeich-
net werden. Dass dem Beschwerdeführer im Zusammenhang mit seinem
Bruder C._ hätte eine Verfolgung drohen können, verneinte das
SEM und wies auf die gänzlich unterschiedlichen politischen Profile des
Beschwerdeführers einerseits und seines Bruders andererseits hin. Auch
im Kontext, dass der Beschwerdeführer sich seit 2015 in der Schweiz be-
findet und aus der Schweiz nach Sri Lanka zurückkehren müsste, verneinte
das SEM, unter Bezugnahme auf das Referenzurteil E-1866/2015 vom 15.
Juli 2016, eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung.
9.2 Das Gericht schliesst sich diesen Erwägungen nicht an.
Zunächst ist nach dem oben Gesagten die Verhaftung des Beschwerde-
führers im Jahr 2011 als glaubhaft gemacht anzuerkennen (vgl. oben E.
E-6420/2020
Seite 34
8.3.2). Damit ist auch eine glaubhafte Grundlage für die geltend gemach-
ten, während der Haft erlittenen massiven Misshandlungen (vgl. A13, Ant-
worten 112, 116 f. und 125-140) gegeben. Durch diese glaubhaft gemachte
erlebte Vorverfolgung und das vom Beschwerdeführer in der Vergangen-
heit subjektiv Erlebte sind an die begründete Furcht vor weiterer Verfolgung
herabgesetzte Anforderungen zu stellen (vgl. oben E. 6.4).
Ferner erachtet das Gericht, anders als das SEM, es auch als glaubhaft
gemacht, dass der Beschwerdeführer auch nach 2011 behördlich behelligt,
verschiedentlich seines Bruders wegen verhört und selber gesucht wurde
(vgl. oben E. 8.3.3). Entgegen dem vom SEM vertretenen Standpunkt han-
delt es sich bei der Festnahme und Inhaftierung im Sommer 2011 nicht um
ein abgeschlossenes Ereignis, sondern die Repressalien gegen den Be-
schwerdeführer und seine Familie dauerten vielmehr nachhaltig an. Der
Vorhalt des SEM, der Beschwerdeführer habe nach Juli 2011 bis zur Aus-
reise mehrere Jahre lang von staatlichen Repressalien unbehelligt in Sri
Lanka ein normales Leben weiterführen können, hält einer Überprüfung
nicht stand. Damit kann den vorinstanzlichen Erwägungen, der Kausalzu-
sammenhang sei seit 2011 abgebrochen, nicht gefolgt werden.
Schliesslich vermag das Gericht auch die Einschätzung der Vorinstanz zur
politischen Relevanz des gegen C._ eröffneten Strafverfahrens und
dessen Auswirkung auf die Situation des Beschwerdeführers nicht zu tei-
len. Es steht ausser Frage, dass C._ angesichts der gegen ihn vor
dem [Gericht] in (...) unter der PTA-Gesetzgebung zur Anklage gebrachten
Vorwürfe in den Augen des sri-lankischen Regimes als prominenter und
gefährlicher LTTE-Exponent gilt. Dass seine Familie während Jahren – ob-
wohl C._ sich ja seit 2011 in behördlichem Gewahrsam befindet –
unter Beobachtung stand, wegen C._ und wegen LTTE-Verdächti-
gungen befragt, behelligt und gesucht wurde, erklärt sich offenbar dadurch,
dass auch gegen nahe Familienangehörige von C._, im Sinne einer
Reflexverfolgung, entsprechende Verdächtigungen nachhaltig bestehen.
Dass Reflexverfolgung in Sri Lanka vorkommt und dass das sri-lankische
Regime die Strategie der Reflexverfolgung im Sinne von Überwachungs-
massnahmen und Repressalien gegenüber Familienangehörigen von Per-
sonen, die der Entfaltung politisch missliebiger Tätigkeiten verdächtigt wer-
den, gezielt anwendet, hat das Bundesverwaltungsgericht im Rahmen sei-
ner Rechtsprechung mehrfach festgestellt (vgl. beispielsweise Urteil vom
D-1345/2015 vom 8. Oktober 2015, D-1529/2020 vom 16. Dezember 2020
E. 8.4).
E-6420/2020
Seite 35
9.3 Zwar mögen die einzelnen Behelligungen, die der Beschwerdeführer
nach dem Jahr 2011 bis zu seiner Ausreise in Sri Lanka erlebt hat, für sich
alleine nicht sehr intensiv gewesen sein und isoliert betrachtet für die Be-
jahung einer Verfolgungssituation nicht genügen. In ihrer Gesamtheit – und
angesichts der Vorverfolgung, die der Beschwerdeführer während der Haft
im Jahr 2011 bereits erlebt hat – waren aber die ständigen, andauernden
behördlichen Vorsprachen und Behelligungen geeignet, eine begründete
Furcht des Beschwerdeführers vor einer weiteren Festnahme und Inhaftie-
rung im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Sri Lanka zu begründen.
Angesichts seines familiären Hintergrunds und der gegen seinen Bruder
bestehenden Anklage betreffend die Beteiligung an einem prominenten ter-
roristischen Anschlag, sodann angesichts der bereits erlebten, mit Miss-
handlungen verbundenen Verhaftung und der Tatsache, dass die Behelli-
gungen der Behörden gegen die Familie von C._, obwohl dieser
nicht mehr gesucht werden musste, während Jahren andauerten, kann die
subjektive Furcht des Beschwerdeführers vor einer erneuten Verhaftung im
Zeitpunkt seiner Ausreise aus Sri Lanka auch objektiv ohne weiteres nach-
vollzogen werden. Der Beschwerdeführer musste im Zeitpunkt seiner Aus-
reise aus Sri Lanka in begründeter Weise befürchten, aufgrund politischer
Verdächtigungen der LTTE-Unterstützung eine gezielte Verfolgung von
ausreichender Intensität zu gewärtigen.
Es ist ferner zu bejahen, dass diese Furcht vor Verfolgung auch zum heu-
tigen Zeitpunkt weiterhin aktuell ist. Aus den vorliegenden Angaben der An-
gehörigen des Beschwerdeführers (seiner Familie der Schweizer Botschaft
gegenüber, beziehungsweise seiner Schwägerin und seines Neffen im
Rahmen ihres Asylverfahrens in der Schweiz) geht hervor, dass die be-
hördlichen Überwachungen und Behelligung bis in jüngste Zeit weiterhin
angedauert haben. Die allgemeine Situation in Sri Lanka und die Haltung
der sri-lankischen Behörden der tamilischen Minderheit sowie den der
LTTE-Aktivitäten verdächtigten Personen gegenüber haben sich zudem
seit der Ausreise des Beschwerdeführers aus seiner Heimat nicht verbes-
sert. Die bei der Ausreise des Beschwerdeführers bestehende Furcht vor
Verfolgung muss auch heute weiterhin als begründet bezeichnet werden
und hat ihre Aktualität nicht eingebüsst.
9.4 Nach dem Gesagten erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG. Da den Akten keine Hinweise zu entnehmen
sind, die auf das Vorliegen von Ausschlussgründen (Art. 53 AsylG) hindeu-
ten, ist ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren (vgl. Art. 49 AsylG).
E-6420/2020
Seite 36
10.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, soweit darauf einzutreten ist.
Die angefochtene Verfügung vom 12. November 2020 ist aufzuheben und
das SEM ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG).
Dem Beschwerdeführer ist der bereits geleistete Kostenvorschuss in der
Höhe von Fr. 1'500.- zurückzuerstatten.
11.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 VGKE eine Entschädi-
gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen. Entschädigungspflichtig ist nur der notwendige Aufwand. Seitens des
Rechtsvertreters wurde mit der Rechtsmitteleingabe vom 21. Dezember
2020 eine Kostennote eingereicht, welche einen Arbeitsaufwand von 23
Stunden, einen Stundenansatz von Fr. 240.- sowie Auslagen von Fr. 31.90
ausweist. Dieser Aufwand erscheint im Verhältnis zu vergleichbaren Ver-
fahren zu hoch. Zudem gilt zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeein-
gabe sowohl redundante Passagen als auch weitschweifige und unnötige
Ausführungen zur allgemeinen Lage in Sri Lanka enthalten, die sich in glei-
cher Form in einer Vielzahl von Eingaben seines Rechtsvertreters in ande-
ren Beschwerdeverfahren finden. Der zu entschädigende Arbeitsaufwand
ist daher zu kürzen.
Die von der Vorinstanz zu entrichtende Parteientschädigung ist in Berück-
sichtigung der genannten Umstände sowie der massgeblichen Bemes-
sungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) auf Fr. 2’000.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzu-
setzen.
(Dispositiv: nächste Seite)
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Seite 37