Decision ID: 77dfb6f6-3f96-56e8-8304-91275d522eaa
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1986, wurde am 21. Juli 2015 als Lenkerin eines Motor
rades
in einem Verkehrskreisel
vo
n eine
m Personenwagen angefahren
und zog sich Verletzungen zu
(Urk. 7/4/1 S. 3). Die Staatsanwaltschaft See/Oberland erkannte
den Täter
mit Strafbefehl vom 13. Juli 2016 der fahrlässigen schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 des Strafgesetzbuches (StGB) für schuldig und bestrafte ihn mit einer Geldstrafe von
30 Tagessätzen zu je Fr. 500.
entsprechend Fr. 15'000.--.
Der Vollzug der Geldstrafe wurde i
m Umfang von 20 Tagessätzen unter Ansetzung einer Probezeit von drei Jahren aufgeschoben
. Die restlichen Tagessätze waren zu bezahlen
(Urk. 7/4/1 S. 1 Dispositiv Ziff. 1-2).
1.2
Die Geschädigte stellte
am
20. Juli 2020 bei der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich, Kantonale Opferhilfestelle, ein Gesuch um finanzielle Leistungen der Opferhilfe. Sie beantragte, er
sei ihr eine Genugtuung von Fr.
150'000.-- zuzusprechen und eine Entschädigung in noch zu bestimmender Höhe zu gewähren (Urk. 7/1 S. 1 Ziff. 1-2).
Mit unbegründeter Verfügung vom 27. Juli 2020 (Urk. 7/5) wies die Kantonale
Opferhilfestelle das Gesuch ab, worauf di
e Geschädigte am 13. August 2020
(Urk.
7/6)
um eine Begründung der Verfügung
ersuchte
.
Am 15. September 2020 (Urk. 7/10 = Urk.
2) erliess die
Kantonale Opferhilfestelle die begründete Verfügung.
2.
Die Geschädigte erhob am 15. Oktober 2020 Beschwerde gegen die Verfügung vom 15. September 2020 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei die Kantonale Opferhilfestelle anzuweisen, auf das Gesuch einzutreten und das Verfahren bis zum Abschluss der haftpflicht- und sozialversicherungsrechtlichen Verfahren zu sistieren (
Urk. 1 S. 2
Ziff. 1 oben). Verfahrensrechtlich sei ihr die vollumfängliche Akteneinsicht zu gewähren.
Weiter sei ihr eine Nachfrist zur Begründung
anzusetzen und es sei jedenfalls ein zweiter Schriftenwechsel anzu
ordnen (Urk. 1 S. 2 Ziff. 2 oben).
Die Kantonale Opferhilfestelle verzichtete am 30. Oktober 2020 auf eine Stellung
nahme (Urk. 6). Die Beschwerdeführerin hielt
mit Replik
vom 29. Januar 2021 an
den in der Beschwerde
gestellten Anträgen
fest (Urk. 12). Dies wurde dem Beschwerdegegner am 12. Februar 2021 zur Kenntnis gebracht (Urk. 13).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Hilfe nach dem Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftaten (OHG) erhält jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, psychischen oder sexuellen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer), und zwar unabhängig davon,
ob der Täter oder die Täterin ermittelt worden ist, ob sie vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt oder ob sie sich schuldhaft verhalten haben (Art. 1 Abs. 1 und 3 OHG).
1.2
Nach Art. 19 Abs. 1 OHG haben das Opfer und
seine Angehörigen Anspruch auf eine Entschädigung für den erlittenen Schaden infolge Beeint
rächtigung oder Tod des Opfers.
Leistungen, welche die gesuchstellende Person von Dritten als Schadenersatz erhalten hat, werden für die Berechnung der Entschädigung an den Schaden
ange
rechnet (Art. 20 Abs. 1 OHG).
Haftpflichtansprüche sind immer anrechenbar, und zwar Ansprüche gegen den Straftäter selber oder gegen eine Haftpflicht
versicherung (Peter
Gomm
, Opferhilfegesetz, 3. Aufl., N 5 zu Art. 20 OHG).
1.3
Das Opfer und seine Angehörige haben Anspruch auf eine Genugtuung, wenn die Schwere der Beeinträchtigung es rechtfertigt; die Artikel 47 und 49 des Obliga
tionenrechts sind sinngemäss a
nwendbar (Urk. 22 Abs. 1 OHG).
2.
2.1
Gemäss Art. 29 Abs. 2
der Bundesverfassung (
BV
)
haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung einer Person eingreift. Dazu gehört insbesondere deren Recht, sich vor Erlass des in ihre Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen (BGE 132 V 368 E. 3.1 mit Hinweisen).
2.2
Die Beschwerdeführerin beanstandete,
der
Beschwerdegegner
habe
ihr bislang keine Akteneinsicht gewährt (Urk. 1 S. 3 Ziff. 4).
Zusammen mit der Beschwer
deantwort wurden ihr
im vorliegenden Verfahren
sämtliche Akten (Urk. 7/1-10) zur
Einsicht überlassen
(vgl. Urk. 10). Ein al
lfälliger Verfahrensmangel ist damit
als geheilt anzusehen.
3
.
3
.1
Der Beschwerdegegner hielt im angefochtenen Entscheid (Urk. 2) fest, die Beschwerdeführerin sei am 21. Juli 2015 als Lenkerin eines Motorrades von einem P
ersonenwagen angefahren worden und habe
mehrere Verletzungen erlitten
(S.
2 E. 2a). Bezüglich finanzieller Opferhilfeleistungen sei Zurückhaltung geboten, wenn
eine Haftpflichtversicherung
involviert sei. In solchen Fällen sei davon auszugehen, dass ein solventer Haftpflichtiger bestehe, der für sämtliche adäquat kausalen Schäden aufkomme.
Die finanzielle Opferhilfe decke
zudem
keine über die zivilrechtlichen Ansprüche hinausgehenden Schäden.
Solche Leistungen würden
zudem nur gewährt, wenn der Straftäter respektive dessen Haftpflicht
versicherer oder eine andere verpflichtete Person oder Institution keine oder keine genügenden Leistungen erbringe
n würden
. Vorliegend seien
keine
Gründe ersichtlich, weshalb der obligatorische Motorfahrzeughaftpflichtversicherer
die
Leistungen verweigern sollte oder könnte
. Es liege eine Straftat vor und Herab
setzungsgründe seien nicht ersichtlich
(S. 2 E 2b).
Die Beschwerdeführerin habe es trotz Aufforderung unterlassen, eine Haftungs
anerkennung des Haftpflichtversicherers einzureichen.
Aus einer telefonischen Besprechung vom 10. September 2020
gehe jedoch hervor, dass der Versicherer bereits einen Teil der Kosten übernommen habe. Dass
die
Haftung abgelehnt würde
,
werde nicht geltend gemacht
(S. 3 E. 2b). Da keine Leistungspflicht der Opferhilfe auszumachen sei, liege auch kein
Gr
und für eine Sistierung vor (S. 3 E.
3).
3
.2
Die Beschwerdeführerin brachte
weiter
vor, es seien weder das haftpflicht- noch das sozialversicherungsrechtliche Verfahren abgeschlossen. Infolge Subsidiarität sei die Verfügung des Beschwerdegegners nicht spruchreif, wenngleich die Verwirkungsfrist abzulaufen drohe. Folgerichtig sei das Opferhilfeverfahren zu sistieren und es sei dem Beschwerdegegner eine Rechtsverweigerung vorzuwerfen (Urk. 1 S. 3 Ziff. 3).
Ihr
Gesundheitszustand sei noch nicht stabil im Sinne von Art. 19 des Bundes
gesetzes über die Unfallversicherung (UVG). Es fänden Eingliederungs
massnahmen statt. Damit könne im Hinblick auf den Haftpflichtversicherer noch nicht einmal ein Schadenersatzanspruch bestimmt werden. Der Rechtsvertreter sei gehalten,
einen Opferhilfeanspruch
rechtzeitig anzumelden und das Verfahren sistieren zu lassen, bis die Ansprüche
gegenüber
der Sozial- und der Haftpflicht
versicherung beendet
seien. Just dies verhindere der Beschwerdegegner, indem er vorschnell eine Verfügung erlasse. Weiter habe
die Beschwerdeführerin ein
Anrecht darauf, Opferhilfeansprüche anzumelden, auch wenn noch nicht feststehe, ob das Subsidiaritätsprinzip greife (S. 3 Ziff. 6).
Die Beschwerdeführerin hielt in
der Replik
vom 29. Januar 2021 an den Rechts
positionen
gemäss
der
Beschwerde vom 15. Oktober 2020 fest (Urk. 12).
3
.3
Streitig und zu prüfen ist, ob der Beschwerdegegner zu Rech
t
aufgrund der vorliegenden Akten entschieden hat.
4.
4.1
Im
Strafbefehl
der Staatsanwaltschaft See/Oberland
vom 13. Juli 2016
(Urk.
7/4/1)
wurde zum Tathergang ausgeführt,
die Beschwerdeführerin
habe sich
am 21. Juli 2015 um zirka 20.10 Uhr als Lenkerin eines Motorrades in einem Verkehrskreisel in
Y._
befunden. Der Täter habe als Lenker eines Personen
wagens bei der Einfahrt
in den
Verkehrskreisel die
Beschwerdeführerin
über
sehen, worauf es zur Kollision der
beiden Fahrzeuge gekommen sei. Die Beschwerdeführerin sei
dabei
zu Fall gekommen und habe sich eine mehrfrag
mentäre Fraktur der linken Speiche mit Gelenksbeteiligung sowie Schmerzen an der linken Körperseite mit Hämatomen zugezogen. Sie sei nach wie
vor
, bis auf einen kurzen Unterbruch, zu 100 % arbeitsunfähig. Weiter drohe eine Versteifung des betroffenen Handgelenks (S. 3).
Die Staatsanwaltschaft See/Oberland erkannte den Täter der fahrlässigen schweren Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB für schuldig und bestrafte ihn mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je Fr. 500.-- entsprechend Fr. 15'000.--. Im Umfang von 20 Tagessätzen wurde der Vollzug der Geldstrafe unter Ansetzung einer Probezeit v
on drei Jahren aufgeschoben (S.
1 Dispositiv Ziff. 1-2).
4.2
Gemäss einem
Schreiben der
AXA
Winterthur (nachfolgend:
AXA
) an die Kantonspolizei Zürich vom 16. August 2015 (Urk. 7/4/4) handelt es sich bei der
AXA
um die zuständige Motorfahrzeugversicherung
des fehlbaren Lenkers
.
5.
5.1
Die Beschwerdeführerin wurde
am
21. Juli 2015
als Lenkerin eines Motorrades
von
eine
m
Personenwagen
angefahren.
Beim Sturz zog sie sich im Wesentlichen eine
distale dislozierte intraartikuläre Radiusfraktur links
zu
und war vom
23. bis 26. Juli 2016 in der Klinik für Unfallchirurgie,
Spital Z._
, hospi
talisiert (vgl. Urk. 3). Zudem bestand eine längere Arbeitsunfähigkeit (E. 4.1 hier
vor).
5.2
Bezüglich finanzieller Opferhilfeleistungen ist Zurückhaltung geboten, wenn eine Haftpflichtversicherung involviert ist. In solchen Fällen ist davon auszugehen, dass ein solventer Haftpflichtiger vorhanden ist, der für sämtliche adäquat kausal auf die Straftat zurückzuführenden Schäden aufkommt
.
Sinn der finanziellen Opferhilfe ist es, in denjenigen Fällen zu helfen, in denen der an sich haftpflichtige Straftäter nicht leistet, weil er unbekannt, flüchtig oder zahlungsunfähig ist. Der Staat
haftet nicht aus eigener Verantwortlichkeit, son
dern ihn trifft lediglich eine Pflicht zur Schadensübernahme. Die finanzielle Opferhilfe deckt keine über die zivilrechtlichen Ansprüche gegen den Täter hinausgehenden Schäden ab (BGE 133 II 361 E. 5.1 mit Hinweisen). Gemäss dem Grundsatz der Subsidiarität der Opferhilfe wird finanzielle Opferhilfe nur gewährt, wenn der Straftäter oder eine andere verpflichtete Person oder Institu
tion keine oder keine genügende Leistung erbringt. Zum Kreis der primär Leis
tungspflichtigen gehören neben dem Straftäter die Sozial- und Privatver
sicherungen (Urteil des Bundesgerichts 1C_256/2009 vom 8. Februar 2010
E. 5
).
5.3
Vorliegend sind primär die
AXA
als Haftpflichtversicherer des Unfallverursachers und der Unfallversicherer für d
ie Deckung
der
der Beschwerdeführerin entstan
denen
finanziellen Folgen
des Ereignisses
vom 21. Juli 2015 zuständig.
Die Beschwerdeführerin machte geltend,
es lasse sich noch nicht beurteilen, inwieweit Entschädigungs- und Genugtuungsansprüche nach Opferhilfe geschul
det seien (Urk. 1 S. 4 Ziff. 7).
Nachdem die Opferhilfe ohnehin keine über die zivilrechtlichen Ansprüche hinausgehenden Schäden abdeckt, ist nicht zu beanstanden, dass der Beschwerdegegner den Fall abgeschlossen hat.
Die Beschwerdeführerin äusserte sich
nicht zur Frage, ob eine Haftungsanerkennung des Haftpflichtversicherers vorliegt.
Es wurde
jedoch
auch
nicht
geltend gemacht
, dass
dieser
eine
Haftung abgelehnt hätte.
Ferner
wurden offensichtlich bereits
Versicherungsleistungen
ausgerichtet (vgl. Urk. 7/9).
Nach
Art. 63 des Strassen
verkehrsgesetzes (SVG)
ist daher
grundsätzlich
von
der
Leistungspflicht des Haft
pflichtversicherers auszugehen.
Der Beschwerdegegner durfte den Fall
bei dieser Ausgangslage
abschliessen und war nicht gehalten, diesen über Jahre
zu sistieren
.
Eine Rechtsverweigerung liegt
somit
nicht vor.
5
.4
Zusammenfassend hat der Beschwerdegegner eine Leistungspflicht nach OHG zu Recht
verneint
. Der angefochtene Entscheid erweist sich demzufolge als rechtens
und d
ie
dagegen erhobene
Beschwerde ist abzuweisen.