Decision ID: 93dcb00f-b763-4559-b2bf-0e3c914314dd
Year: 2022
Language: de
Court: SG_KG
Chamber: SG_KG_002
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: civil_law

Sachverhalt:
Die Klägerin, der Kläger 1 und der Kläger 2 arbeiteten als Lehrpersonen im Vollpensum
an der von der Beklagten betriebenen Internatsschule Y._. Im Januar 2020
kündigten sie ihre Arbeitsverhältnisse jeweils unter Einhaltung einer siebenmonatigen
Frist per Ende August 2020. Die Klägerin und der Kläger 1 arbeiteten bis Ende Juni
2020 und bezogen anschliessend Ferien. Der letzte Arbeitstag des Klägers 2 war der
27. Juni 2020; danach bezog er ebenfalls Ferien.
Aufgrund der Covid-19-Pandemie bzw. infolge der vom Bundesrat mit Verordnung vom
13. März 2020 angeordneten Massnahmen schloss die Beklagte den Internatsbetrieb
und stellte, da kein Präsenzunterricht mehr stattfinden konnte, auf einen – gemäss ihrer
Darstellung beschränkten – Online-Unterricht um. Mit Schreiben vom 15. April 2020
teilte die Beklagte den Klägern sodann Folgendes mit:
"Lieber Mitarbeiter,
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
In der Folge richtete die Beklagte den Klägern für die Monate Juli und August 2020
einen gekürzten Lohn aus. Bei der Klägerin wurde wegen 129.5 "Minusstunden" ein
Betrag von insgesamt Fr. 4'713.80 brutto bzw. Fr. 3'588.20 netto, beim Kläger 1 wegen
123 "Minusstunden" ein Betrag von insgesamt Fr. 4'477.20 brutto bzw. Fr. 3'405.50
netto und beim Kläger 2 wegen 176 "Minusstunden" ein Betrag von insgesamt
Fr. 6'406.40 brutto vom Lohn abgezogen.

Aus den Erwägungen:
III.
Wir alle gehen aufgrund der Coronavirus-Krise durch turbulente Zeiten. Das Y._ wurde durch die behördlichen
Massnahmen besonders hart getroffen, da wir unseren Internatsbetrieb vorerst einstellen mussten. Der Unterricht für
unsere Studentinnen und Studenten kann zwar noch Online stattfinden. Unser Arbeitsalltag ist jedoch nicht mehr
derselbe und zahlreiche Mitarbeitende können ihre Arbeit gar nicht mehr oder nur sehr stark reduziert ausführen.
Aufgrund dieser Umstände erreichen auch Sie als Lehrer trotz Online-Unterricht die vertraglich vereinbarte
Arbeitszeit nicht mehr.
Aufgrund der aktuellen Situation ist unklar, wann der normale Internatsbetrieb wieder aufgenommen werden kann.
Pandemien und die daraus resultierenden behördlichen Massnahmen gehören nicht zum Betriebsrisiko des
Arbeitgebers. Den Umstand, dass Sie derzeit nur reduziert oder gar nicht mehr arbeiten können, hat das Y._
nicht zu vertreten. Deshalb sind wir rechtlich auch nicht dazu verpflichtet, Ihnen für die entfallene Arbeit den Lohn
weiterzubezahlen.
Da Sie Ihren Arbeitsvertrag mit dem Y._ gekündigt haben, ist es leider auch nicht möglich, Kurzarbeit für Sie zu
beantragen.
Wir sehen uns daher leider gezwungen, Ihren Lohn im Umfang der entfallenen Arbeitszeit zu kürzen. Da nicht
ausgeschlossen ist, dass Sie allfällige Minusstunden in den verbleibenden Monaten Ihrer Anstellung noch
nacharbeiten können, bieten wir Ihnen an, Ihren Lohn vorerst – im Sinne eines Vorschusses für die
nachzuarbeitenden Stunden – weiterhin ungekürzt auszurichten und allfällige verbleibende Minusstunden mit der
letzten Lohnzahlung zu verrechnen. Sollte absehbar werden, dass ein Nacharbeiten von Minusstunden nicht
realistisch ist, müssten wir uns jedoch vorbehalten, eine Lohnkürzung bereits vorher vorzunehmen."
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. Der vorliegende Rechtsstreit dreht sich im Wesentlichen um die (Grundsatz-)Frage,
ob bei Arbeitsausfällen, welche auf behördlich angeordnete Betriebsschliessungen
bzw. -einschränkungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie
zurückzuführen sind, eine Lohnfortzahlungspflicht des Arbeitgebers besteht oder nicht.
In tatsächlicher Hinsicht ist zwischen den Parteien darüber hinaus strittig, ob im
vorliegenden Fall während der Schulschliessung ein 100%-Online-Unterricht möglich
gewesen wäre und so gar keine Minusstunden angefallen wären. Ebenfalls umstritten
ist das Quantitativ der von der Beklagten abgezogenen Minusstunden.
2. Die Vorinstanz kam im angefochtenen Entscheid zum Schluss, eine
Betriebsschliessung im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gehöre zum
Betriebsrisiko der Arbeitgeberin. Könne diese pandemiebedingt keine oder zu wenig
Arbeit anbieten, gerate sie in Annahmeverzug i.S.v. Art. 324 OR und habe grundsätzlich
weiterhin die Löhne der Arbeitnehmenden zu bezahlen. Zur Begründung führte die
Vorinstanz zusammengefasst aus, die Lohnfortzahlungspflicht gemäss Art. 324 Abs. 1
OR bei Annahmeverzug gelte auch aus Gründen, für welche die Arbeitgeberin kein
Verschulden treffe. Immerhin müssten die Gründe, die zum Wegfall der Arbeitsleistung
geführt hätten, im weitesten Sinn aus ihrer, der Arbeitgeberin, Risikosphäre stammen.
Der Verzug trete aber klar auch dann ein, wenn sie den Arbeitnehmer nicht
beschäftigen könne. Da sie trotzdem lohnfortzahlungspflichtig bleibe, habe sie mithin
das sog. Betriebsrisiko (Wirtschafts-, Unternehmerrisiko) zu tragen. Darunter fielen
Betriebsstörungen technischer, wirtschaftlicher oder behördlicher Art, wozu u.a. auch
Unterbrechungen in der Energieversorgung, Naturkatastrophen oder ein staatliches
Herstellungsverbot gehörten. Die Arbeitgeberin habe also auch die Folgen von höherer
Gewalt oder von Zufall zu tragen. Der Sinn und Zweck des Konzepts des
Betriebsrisikos basiere auf der grundsätzlichen Risikoverteilung zwischen Arbeitgeberin
und Arbeitnehmer im Arbeitsrecht. Das Arbeitsrecht beabsichtige den Schutz des
Arbeitnehmers als schwächere Vertragspartei. Folge man der Auffassung, dass eine
Pandemie nicht zum Berufsrisiko gehöre, so gerate das Konzept der Risikolast, der
eine Risikogewinnchance entgegenstehe, in Schieflage. Gegen die Subsumtion von
Betriebsschliessungen unter das Betriebsrisiko werde argumentiert, Art. 324 OR sei
eine Konkretisierung der Regelung der Unmöglichkeit, in der abweichend von Art. 119
OR das Risiko im Einzelfall zulasten des Gläubigers gehe, der die Leistung vom
Schuldner nicht erhalte (Art. 119 Abs. 3 OR). Es sei nicht die Absicht des Gesetzgebers
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen, die Arbeitgeberin für Fälle höherer Gewalt verantwortlich zu machen, die den
Einflussbereich ihres Betriebes überschritten. Weiter werde unter Hinweis auf Art. 91
OR vorgebracht, da die Betriebsschliessungen alle (in einer bestimmten Branche)
getroffen hätten und die Arbeitgeberin keinen Einfluss auf die behördlichen
Anordnungen habe, sei die Annahmeverweigerung der Arbeitsleistung aus objektiven
Gründen gerechtfertigt und liege daher kein Gläubigerverzug vor. Der Auslegung von
Art. 324 OR sei indessen durch die in dieser Bestimmung vorgenommenen
gesetzlichen Risikoverteilung Grenzen gesetzt. Insofern sei Art. 324 OR lex specialis zu
Art. 91 sowie Art. 119 Abs. 1 und 2 OR und sehe eine davon abweichende und
umfassende Risikoverteilung zulasten der Arbeitgeberin vor. Es könnten nicht einfach
die Rechtfertigungsgründe des allgemeinen Teils des OR auf den Annahmeverzug der
Arbeitgeberin übernommen werden. Schliesslich spreche auch die Ausgestaltung der
Kurzarbeitsentschädigung dafür, dass eine behördliche Betriebsschliessung in den
Risikobereich der Arbeitgeberin falle. Der Blick auf die Voraussetzungen und
Modalitäten der Kurzarbeitsentschädigung zeige, dass dieses Instrument darauf
beruhe, dass ein Fall von Art. 324 OR vorliege.
Weiter erwog die Vorinstanz, nach Art. 324 Abs. 1 OR sei die Arbeitgeberin bei
Annahmeverzug zur Entrichtung des Lohnes verpflichtet, ohne dass der Arbeitnehmer
zur Nachleistung verpflichtet sei. Trotz dieses klaren Wortlauts solle gemäss Lehre bei
Ereignissen wie der Betriebsschliessung wegen der Corona-Pandemie aber von den
Arbeitnehmenden ausnahmsweise im Rahmen der Treuepflicht erwartet werden
können, einzelne ausgefallene Stunden ohne zusätzliche Entschädigung nachzuholen.
Auch sei es in solchen Situationen möglich, den Arbeitnehmenden eine andere als die
vertraglich vereinbarte Arbeit zuzuweisen oder an einen anderen Arbeitsort zu
transferieren, soweit dies zumutbar sei. Lohnreduktionen seien hingegen mit der
grössten Zurückhaltung anzunehmen, denn die Bestimmung verfolge gerade das Ziel,
den Arbeitnehmenden den für ihren Lebensunterhalt erfahrungsgemäss notwendigen
Lohn zu sichern. Hier sei die vereinbarte Arbeitsleistung grundsätzlich der
Präsenzunterricht während der üblichen Unterrichtszeiten gewesen. Die Kläger hätten
sich flexibel gezeigt und seien, nachdem ihnen dies angeboten worden sei, ohne
weiteres auch auf Online-Unterricht umgestiegen. Damit hätten sie Ersatzleistungen zur
Verminderung des Arbeitsausfalls geleistet. Die Beklagte habe zudem nie bestritten,
dass die Kläger ihre Arbeitskraft während der ganzen üblichen Unterrichtszeit immer
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wieder für weiteren (Online-)Unterricht bzw. weitere Arbeiten zur Verfügung gestellt
hätten. Zusätzlich in den unterrichtsfreien Sommerferien die gemäss Beklagter
fehlenden Unterrichtsstunden nachzuholen, sei den Kläger hingegen nicht zumutbar
gewesen. Dies auch deshalb, weil die Beklagte den Klägern im Gegensatz zu den
anderen Angestellten nicht die Möglichkeit gegeben hatte, im April 2020 Minusstunden
zuzustimmen, sie die Kläger erst später über die Möglichkeit informiert habe, im Juli
und August fehlende Stunden nachzuholen und ihnen gegenüber erst Ende Juli 2020
das tatsächliche Ausmass der angeblichen Minusstunden quantifiziert habe. Damit sei
die Beklagte ihrer Pflicht, alle Mitarbeitenden gleich zu behandeln und insbesondere
auch transparent und zeitnah zu informieren, nicht nachgekommen. Entscheidend
hinzu komme, dass es nicht um das Nacharbeiten einzelner weniger Stunden gehe. Die
Kläger seien damit jedenfalls nicht zur Nachleistung allfälliger Minusstunden in den
Sommerferien verpflichtet gewesen, womit die Beklagte ihnen die abgezogenen
Minusstunden noch ersetzen müsse. Es könne daher offenbleiben, ob es für die
Beklagte möglich gewesen wäre, einen 100%-Online-Unterricht anzubieten, und ob die
Minusstunden von der Beklagten tatsächlich korrekt ermittelt worden seien.
3. In ihrer Berufung bringt die Beklagte im Wesentlichen vor, durch die
pandemiebedingte Betriebsschliessung sei sie nicht in Annahmeverzug geraten und
habe deshalb auch keine Lohnfortzahlungspflicht nach Art. 324 OR gehabt. Nicht jede
Annahmeverweigerung durch den Arbeitgeber habe einen Verzug desselben i.S.v.
Art. 91 und Art. 324 OR zur Folge; vorausgesetzt sei, dass der Arbeitgeber die
angebotene Arbeitsleistung ungerechtfertigterweise verweigere. Infolge der im
Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie im März 2020 angeordneten behördlichen
Massnahmen, namentlich des gesamtschweizerischen Verbots des Präsenzunterrichts
an Schulen, sei die Annahme der Arbeitsleistung für die Beklagte indessen aus
objektiven Gründen, die nicht der Risikosphäre des Arbeitgebers zuzuordnen seien,
unmöglich gewesen. Ein Annahmeverzug liege deshalb nicht vor. Sodann könnten die
Regeln der im Sozialversicherungsrecht verankerten Kurzarbeitsentschädigung nicht
einfach auf das Zivilrecht angewendet werden. Was als Betriebsrisiko im
Zusammenhang mit der Kurzarbeit gelte, stelle nicht zwangsweise ein Betriebsrisiko
des Arbeitgebers im Hinblick auf einen Annahmeverzug i.S.v. Art. 91 und Art. 324 OR
dar, zumal im Arbeitsvertragsrecht – anders als im Sozialversicherungsrecht – der
Begriff des Betriebsrisikos nicht ausdrücklich verwendet werde und keinen festen
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begriffsinhalt habe. Zudem unterscheide auch das Arbeitslosenversicherungsgesetz
(AVIG), welches vorsehe, dass ein Arbeitsausfall nicht anrechenbar sei, wenn er durch
Umstände verursacht werde, die zum normalen Betriebsrisiko des Arbeitgebers
gehörten, zwischen Gründen, die der Arbeitgeber zu vertreten habe und eine
Kurzarbeitsentschädigung ausschlössen, und solchen, die ausserhalb seines
Einflussbereichs lägen und zum Bezug von Kurzarbeitsentschädigung berechtigten.
Verfehlt sei sodann der von der Vorinstanz an sie, die Beklagte, gerichtete Vorwurf der
Ungleichbehandlung und (angedeutet) der Fürsorgepflichtverletzung. In der Phase nach
der Betriebsschliessung im März 2020 und des reduzierten Online-Unterrichts ab April
2020 seien alle verfügbaren Lehrkräfte entsprechend des Bedarfs gleich eingesetzt
worden. Für den ausserordentlichen Internatsbetrieb während der Sommerferien sei
der Bedarf an Lehrpersonal im Vergleich zum regulären Internatsbetrieb eingeschränkt
gewesen und habe sie vorab mit den in ungekündigtem Arbeitsverhältnis stehenden
Lehrkräften geplant. Diese Priorisierung sei sachgerecht und in ihrem, der Beklagten,
berechtigten Interesse gewesen. Dass primär die Lehrkräfte in gekündigter Stellung mit
Arbeit zu bedienen gewesen wären, könne aus der Fürsorgepflicht nicht abgeleitet
werden. Unzutreffend sei weiter, dass ihr Vorgehen die Haltung zum Ausdruck bringe,
die Pandemie gehe ausschliesslich auf Rechnung der Angestellten und sie, die
Beklagte, könne diese nach Belieben zu Ersatzarbeiten aufbieten, ohne dass ihr selbst
Pflichten auferlegt seien, um den Arbeitsausfall der Angestellten zu reduzieren. Was
den Vorwurf der fehlenden Transparenz bzw. Information betreffe, habe die Vorinstanz
übersehen, dass die Kläger die Anzahl angefallener Minusstunden jederzeit selbst
hätten überprüfen können, während die Erstellung individueller Übersichten für sie, die
Beklagte, ein immenser Aufwand gewesen wäre. Die vermeintlich fehlende Transparenz
sei auch nicht der Grund dafür gewesen, dass sich die Kläger zur Arbeit während der
Sommerferien nicht bereit erklärt hätten.
4.a) Der Arbeitsvertrag ist ein synallagmatischer Schuldvertrag, bei welchem die
Arbeitsleistung des Arbeitnehmers und die Lohnzahlung der Arbeitgeberin im
Austauschverhältnis stehen. Für nicht geleistete Arbeit hat der Arbeitnehmer daher
grundsätzlich keinen Lohnanspruch; es gilt der Grundsatz "kein Lohn ohne
Arbeit" (Art. 82, Art. 119 Abs. 2 OR; BGer 4A_291/2008 E. 3.2; SHK-von Zedtzwitz/
Keller, 2021, Art. 324 OR N 1; BSK OR I-Portmann/Rudolph, 7. Aufl., Art. 324 N 1). Von
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
diesem Grundsatz gibt es allerdings insbesondere zwei gewichtige Ausnahmen: Zum
einen hat die Arbeitgeberin den Lohn des Arbeitnehmers zu entrichten, wenn sie sich
selber im Annahmeverzug befindet (Art. 324 OR). Zum anderen besteht aus
sozialpolitischen Gründen eine Lohnfortzahlungspflicht der Arbeitgeberin für eine
gewisse Dauer, sofern der Arbeitnehmer aus Gründen, die in seiner Person liegen,
unverschuldet an der Arbeitsleistung verhindert ist (Art. 324a OR).
Gemäss Art. 324 Abs. 1 OR bleibt die Arbeitgeberin, wenn die Arbeit infolge ihres
Verschuldens nicht geleistet werden kann oder sie aus anderen Gründen mit der
Annahme der Arbeitsleistung in Verzug kommt, zur Entrichtung des Lohnes verpflichtet,
ohne dass der Arbeitnehmer zur Nachleistung verpflichtet ist. Art. 324 OR ist lex
specialis zu den allgemeinen Bestimmungen über den Gläubigerverzug und geht
diesen dementsprechend vor. Im Falle eines Annahmeverzugs der Arbeitgeberin ist der
Arbeitnehmer in Abweichung von Art. 95 OR nicht zum Vertragsrücktritt berechtigt,
sondern behält seinen Lohnanspruch, ohne die nicht geleistete Arbeit nachholen zu
müssen (BGE 124 III 346 E. 2.a; BGE 116 II 142 E. 5.b; BGer 4A_291/2008 E. 3.2;
Streiff/ von Kaenel/Rudolph, Arbeitsvertrag, Praxiskommentar zu Art. 319-362 OR,
7. Aufl., Art. 324 N 2; SHK-von Zedtzwitz/ Keller, Art. 324 OR N 3). Der Annahmeverzug
gemäss Art. 324 OR setzt kein Verschulden der Arbeitgeberin voraus. Er tritt auch dann
ein, wenn die Arbeitsleistung wegen eines Ereignisses unmöglich geworden ist,
welches in der Risikosphäre der Arbeitgeberin liegt (BGer 4A_291/ 2008 E. 3.2 m.w.H.;
Streiff/ von Kaenel/Rudolph, a.a.O., Art. 324 N 4; ZK-Staehelin, 4. Aufl., Art. 324 OR
N 10).
Entscheidend ist damit immer die Frage, in wessen Risikosphäre das entsprechende
Ereignis fällt (BGer 4A_291/2008 E. 3.2). Einigkeit besteht in der Lehre und
Rechtsprechung, dass das Betriebs- und Wirtschaftsrisiko von der Arbeitgeberin zu
tragen ist (BGE 124 III 346 E. 2.a; Streiff/ von Kaenel/Rudolph, a.a.O., Art. 324 N 4; ZK-
Staehelin, Art. 324 OR N 13 f., je m.w.H.). Dazu werden namentlich Betriebsstörungen
betriebstechnischer Art (Unterbrechung der Energieversorgung, Maschinenschaden,
Brände oder Naturkatastrophen im Betrieb, Personalmangel, Inventur oder Überholung
von Maschinen), wirtschaftlicher Art (Rohstoffmangel, Auftragsmangel) oder
behördlicher Art (Entzug der gewerbepolizeilichen Bewilligung, staatliches
Herstellungsverbot, Arbeitsruhe wegen Landestrauer) gezählt (BSK OR I-Portmann/
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rudolph, Art. 324 N 4; BK-Rehbinder/Stöckli, 2010, Art. 324 N 39; SHK-von Zedtzwitz/
Keller, Art. 324 OR N 11; ZK-Staehelin, Art. 324 OR N 12 ff.).
b/aa) In der Lehre ist umstritten, ob Arbeitgeber, die aufgrund der behördlichen
Massnahmen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie ihren Betrieb schliessen
oder einschränken mussten, in Annahmeverzug gerieten und daher gemäss Art. 324
Abs. 1 OR zur Lohnfortzahlung verpflichtet waren. Nach einem Teil der Lehre fallen
behördlich angeordnete Betriebsschliessungen und –einschränkungen in die
Risikosphäre der Arbeitgeberin und ist der Lohn nach Art. 324 Abs. 1 OR weiter
geschuldet (Geiser/ Müller/ Pärli, Klärung arbeitsrechtlicher Fragen im Zusammenhang
mit dem Coronavirus, Jusletter 23. März 2020, N 22 und 40 f.; Pärli/Eggmann, Corona
und die Arbeitswelt, Jusletter 8. Februar 2021, N 35 ff.; Geiser, Arbeitsrechtliche
Regelungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus, AJP 2020, S. 545 ff., 550 f.;
Schwaab, Der Arbeitnehmende in Quarantäne, ARV online 2020 Nr. 174, Ziff. 2; Flück,
Das Betriebsrisiko im Arbeitsverhältnis, 2021, S. 91; s. auch Tschannen, Das Corona-
Massnahmenpaket des Bundesrats, Jusletter 14. April 2020, N 32). Ein anderer Teil der
Lehre vertritt dagegen die Auffassung, die behördlich angeordneten
Betriebsschliessungen und -einschränkungen aufgrund der Covid-19-Pandemie und
deren Folgen lägen ausserhalb der Risikosphäre der Arbeitgeberin bzw. stellten
objektive Gründe i.S.v. Art. 91 OR dar, welche einen Annahmeverzug ausschlössen;
folglich sei keine Lohnfortzahlung nach Art. 324 Abs. 1 OR geschuldet (Blesi/Hirsiger/
Pietruszak, Covid-19 – Ein Panorama der Rechtsfragen zur Corona-Krise, § 2 N 16 f.;
SHK-von Zedtzwitz/Keller, Art. 324 OR N 28; Wildhaber, Das Arbeitsrecht in
Pandemiezeiten, ZSR 2020, S. 157 ff., 168 f.; CR CO I-Perrenoud, 3. Aufl., Art. 324 N 8;
Müller, Rechte und Pflichten von Arbeitgebern im Hinblick auf das Epidemiengesetz,
2021, S. 78). Einig ist sich das Schrifttum aber zumindest darin, dass die
pandemiebedingten Betriebsschliessungen und -einschränkungen nicht der
Risikosphäre des Arbeitnehmers zuzurechnen seien. Höchstgerichtlich ist die Frage
nach der Lohnfortzahlungspflicht – soweit ersichtlich – nach wie vor ungeklärt (s. aber
für Deutschland: Urteil Bundesarbeitsgericht 5 AZR 211/21 vom 13. Oktober 2021).
bb) Die Vorinstanz gelangte nach eingehender Auseinandersetzung mit den
verschiedenen Lehrmeinungen und den von diesen vorgebrachten Argumenten zum
Schluss, dass Betriebsschliessungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie der
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Risikosphäre der Arbeitgeberin zuzuordnen seien. Dieser Auffassung ist zuzustimmen.
Insbesondere erweist sich die vorinstanzlich vorgenommene Risikozuweisung mit Blick
auf das Wesen des Arbeitsvertrags und den Sozialschutzgedanken des Arbeitsrechts
als gerechtfertigt und letztlich überzeugender. So kennzeichnet sich der Arbeitsvertrag
entscheidend durch die Eingliederung des Arbeitnehmers in eine fremde
Arbeitsorganisation bzw. das damit begründete Abhängigkeits- bzw.
Subordinationsverhältnis in persönlicher, betrieblicher und wirtschaftlicher Hinsicht. Zu
den typischen Merkmalen des Arbeitsvertrags gehört weiter, dass der Arbeitnehmer auf
eine Marktteilnahme als Unternehmer unter Tragung des Wirtschaftsrisikos verzichtet
und stattdessen – im Gegenzug für ein gesichertes Einkommen – den Nutzen aus
seiner Leistung einem anderen überlässt (vgl. BGer 4A_64/2020 E. 6.3 m.w.H.). Dies
spricht dafür, im Rahmen von Art. 324 OR die Risikosphäre der Arbeitgeberin eher
weiter zu fassen. Die Auffassung der Vorinstanz steht sodann im Einklang mit der (zum
damaligen Zeitpunkt) vom SECO geäusserten Haltung, dass bei einer
Betriebsschliessung aufgrund behördlicher Anweisung ein Anspruch des
Arbeitnehmers auf Lohnfortzahlung bestehe, da der Betrieb das Betriebs- und
Wirtschaftsrisiko trage, auch wenn dies die Arbeitgeberin stark belaste (FAQ
"Pandemie und Betriebe", zit. in: Geiser/ Müller/ Pärli, a.a.O., N 39). Die im
angefochtenen Entscheid ebenfalls zitierte Aussage des SECO, wonach dieses "das
unerwartete Auftreten des neuen Coronavirus und dessen Auswirkungen als nicht zum
normalen Betriebsrisiko gehörend" erachte, bezieht sich dagegen auf die Frage des
anrechenbaren Arbeitsausfalls nach Art. 33 Abs. 1 lit. a AVIG, d.h. auf die Anspruchs
voraussetzungen der Kurzarbeitsentschädigung. Es kommt hinzu, dass das
Bundesgericht ebenfalls von einem weiter gefassten Verständnis der Risikosphäre der
Arbeitgeberin auszugehen scheint, zumal es in seiner Rechtsprechung auch Zufall und
höhere Gewalt zu dieser zählte (BGer 4A_291/ 2008 E. 3.2 mit Verweis auf ZK-
Staehelin, Art. 324 OR N 19 f.). Soweit die Beklagte schliesslich vorbringt, der Begriff
des Betriebsrisikos werde im Arbeitsvertragsrecht nicht gesetzlich definiert und weise
keinen gefestigten Begriffsinhalt auf, vermag sie daraus nichts Entscheidendes für sich
abzuleiten, zumal es sich mit Bezug auf den Begriff des "objektiven Grundes" im
Zusammenhang mit Art. 91 OR letztlich ebenso verhält (vgl. dazu auch Flück, a.a.O.,
S. 72).
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
c) Weiter wehrt sich die Beklagte in der Berufung zwar gegen die im angefochtenen
Entscheid erhobenen Vorwürfe der Ungleichbehandlung und der fehlenden
Transparenz bzw. ungenügenden Information, allerdings macht sie nicht geltend, die
Vorinstanz habe im Ergebnis zu Unrecht darauf erkannt, die Kläger hätten die ihnen
zumutbaren Ersatzleistungen zur Verminderung des Arbeitsausfalls geleistet und seien
nicht dazu verpflichtet gewesen, zusätzlich in den unterrichtsfreien Sommerferien die
gemäss ihrer, der Beklagten, Darstellung fehlenden Unterrichtsstunden nachzuholen.
Entsprechend ist darauf bereits mangels (begründeter) Anfechtung nicht mehr näher
einzugehen. Abgesehen davon könnte selbst wenn – entgegen dem Wortlaut von
Art. 324 OR – als Ausfluss der Treuepflicht von den Klägern gegebenenfalls verlangt
werden könnte, allfällige Minusstunden nachzuarbeiten, eine solche Pflicht –
unabhängig davon, ob der Beklagten eine Ungleichbehandlung der Kläger gegenüber
den übrigen (ungekündigten) Lehrpersonen bzw. mangelnde Transparenz vorzuwerfen
ist – im vorliegenden Zusammenhang jedenfalls nicht im Umfang der gemäss
beklagtischer Darstellung offenen Minusstunden während der unterrichtsfreien Zeit
angenommen werden.
d) Nach dem Gesagten erkannte die Vorinstanz richtigerweise darauf, dass die
Beklagte infolge Annahmeverzugs gemäss Art. 324 Abs. 1 OR zur Lohnfortzahlung
verpflichtet ist und den Klägern demzufolge die im Juli und August 2020 jeweils vom
Lohn abgezogenen Beträge noch schuldet. Bei diesem Ergebnis kann in tatsächlicher
Hinsicht weiterhin offengelassen werden, ob während der Schulschliessung ein 100%-
Online-Unterricht möglich gewesen wäre. Ebenfalls offenbleiben kann die umstrittene
Frage nach dem Quantitativ der von der Beklagten abgezogenen Minusstunden.
5. Damit ist die Berufung abzuweisen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Kantonsgericht, 08.12.2022 Art. 324 Abs. 1 OR (SR 220): Bei Arbeitsausfällen, welche auf behördlich angeordnete Betriebsschliessungen bzw. -einschränkungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie zurückzuführen sind, besteht eine Lohnfortzahlungspflicht des Arbeitgebers (Kantonsgericht, III. Zivilkammer, 8. Dezember 2022, BO.2021.36/37/38).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte