Decision ID: 98e89991-9b22-5600-929a-68712c061c52
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die 1965 geborene A._ wurde von Dezember 2011 bis Februar 2014 mit wirtschaftlicher Sozialhilfe unterstützt (Akten der Einwohnergemeinde B._ [act. IIC], 117-146, 167-169, 211). Am 6. Januar 2015 stellte sie erneut einen Unterstützungsantrag (Akten der Einwohnergemeinde B._ [act. IIB], 370-376), worauf die Einwohnergemeinde B._, Abteilung Soziales (Sozialdienst bzw. Beschwerdegegnerin), eine für die Dauer von sechs Monaten beschlossene Kürzung des Grundbedarfs für den Lebensunterhalt (GBL) um 15 % in den Sozialhilfebudgets betreffend die Monate Januar bis April 2015 (act. IIB 421, 424, 422, 425) umsetzte und mit Verfügung vom 17. Juni 2015 (act. IIB 703-705) einen Anspruch auf wirtschaftliche Sozialhilfe rückwirkend per 30. April 2015 verneinte.
B.
Mit einer als «Anzeige» bezeichneten und an das Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne (RSA bzw. Vorinstanz) gerichteten Eingabe vom 3. April 2015 (Akten des RSA [act. II], 1-7) kritisierte A._ die Kürzung des GBL und beanstandete überdies, dass der Sozialdienst die Sozialhilfe nicht (rechtzeitig) bezahle sowie die Verwandtenunterstützungspflicht ihres Vaters nicht hinreichend abgeklärt habe. Am 24. April 2015 reichte sie weitere Dokumente ein und bemängelte auch das Budget für diesen Monat (act. II 11). Mit Zuschrift vom 21. Mai 2015 (act. II 13 f.) beschwerte sie sich gegenüber dem RSA über die bis dato noch ausstehende Sozialhilfe für den Monat Mai 2015. Ein daraufhin ergangener Entscheid des RSA vom 7. Juli 2015 (act. II 33-40) lautete auf Abweisung der Beschwerde (vgl. aber E. 1.2.1 hiernach).
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Feb. 2016, SH/15/699, Seite 3
C.
Mit Eingabe vom 6. August 2015 erhob A._ (Beschwerdeführerin) Beschwerde beim Verwaltungsgericht und beantragte sinngemäss, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben, ihr sei die wirtschaftliche Sozialhilfe ab Januar 2015 ungekürzt sowie über den April 2015 hinaus zuzusprechen und die Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, die Verwandtenunterstützungspflicht abzuklären bzw. hierüber zu informieren.
In ihrer Vernehmlassung vom 27. August 2015 schloss die Vorinstanz auf Abweisung der Beschwerde.
Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Beschwerdeantwort vom 7. September 2015 ebenfalls die Beschwerdeabweisung und reichte am 21. September 2015 aufforderungsgemäss die vollständigen amtlichen Akten nach (act. IIC 1-365; IIB 366-718).

Erwägungen:
1.
1.1 Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts ist zur Beurteilung der Beschwerde als letzte kantonale Instanz gemäss Art. 74 Abs. 1 i.V.m. Art. 76 und 77 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) und Art. 54 Abs. 2 des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) i.V.m. Art. 18 Abs. 2 des Organisationsreglements des Verwaltungsgerichts vom 22. September 2010 (OrR VG; BSG 162.621) zuständig (vgl. auch Art. 52 Abs. 3 des Gesetzes vom 11. Juni 2001 über die öffentliche Sozialhilfe [Sozialhilfegesetz, SHG; BSG 860.1]). Die Beschwerdeführerin hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen, ist durch den angefochtenen Entscheid besonders berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung (Art. 79
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Feb. 2016 SH/15/699, Seite 4
Abs. 1 VRPG). Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist – unter Vorbehalt der nachstehenden Erwägungen – einzutreten (Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 Abs. 2 VRPG).
1.2
1.2.1 Anfechtungsobjekt bildet der Entscheid vom 7. Juli 2015 (act. II ). Die Vorinstanz nahm die «Anzeige» vom 3. April 2015 (act. II 1-7) als Beschwerde entgegen und trat darauf – soweit die Budgets für Januar und Februar 2015 (act. IIB 422, 425) betreffend – zufolge verpasster Rechtsmittelfrist nicht ein. Wohl fand diese prozessuale Folge keinen Niederschlag im Dispositiv (Entscheidformel) des Beschwerdeentscheids, sie lässt sich indes ohne weiteres den Erwägungen (E. 2.2) entnehmen.
1.2.2 Was die Budgets für März und April 2015 (act. IIB 427, 429) anbelangt, trat die Vorinstanz hingegen auf die Beschwerde ein. Anzumerken ist jedoch, dass das Budget für April 2015 (act. IIB 429) erst am 14. April 2015 vorlag, womit sich die «Anzeige» vom 3. April 2015 (act. II 1-7) nicht darauf beziehen konnte. Da sich die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 24. April 2015 (act. II 11) auch auf das nunmehr vorliegende Budget für April 2015 (act. IIB 429) bezog, ist darin eine separate Beschwerde zu erblicken, über welche die Vorinstanz (nach impliziter Verfahrensvereinigung) zusammen mit jener vom 3. April 2015 (act. II 1-7) im angefochtenen Beschwerdeentscheid (act. II 33-40) befunden hat.
1.2.3 Die Beanstandungen betreffend Verwandtenunterstützungspflicht wurden ursprünglich ebenfalls im Rahmen der «Anzeige» vom 3. April 2015 (act. II 1-7) vorgebracht. Abgesehen davon, dass sich die aufsichtsrechtliche Anzeige nach Art. 101 VRPG an die Aufsichtsbehörde zu richten hätte (hier also die Direktion bzw. den Regierungsrat), stellt diese einen blossen Rechtsbehelf ohne Behandlungs- bzw. Erledigungsanspruch in einem förmlichen Verfahren dar (vgl. VGE 2011/233 vom 6. Juli 2011, E. 2.4; BVR 1991 S. 89 E. 2). Mit dem Einreichen einer aufsichtsrechtlichen Anzeige entsteht noch kein Prozessrechtsverhältnis, weshalb der Entscheid, ob einer Aufsichtsanzeige Folge gegeben wird, keinen mit Beschwerde anfechtbaren Hoheitsakt
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Feb. 2016, SH/15/699, Seite 5
darstellt (vgl. MERKLI/AESCHLIMANN/HERZOG, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 101 N. 13). Mangels eines entsprechenden Anfechtungsobjektes konnte die Vorinstanz die «Anzeige» auch nicht in ein Rechtsmittel umdeuten (vgl. aber E. 2.3 hiernach). Auf die Beschwerde ist insoweit nicht einzutreten.
1.2.4 Sodann monierte die Beschwerdeführerin am 21. Mai 2015 (act. II 13 f.) die damals noch ausstehende Zahlung für den Monat Mai 2015, worüber die Beschwerdegegnerin zu jenem Zeitpunkt indes noch gar nicht befunden hatte. Diese Eingabe ist deshalb vorderhand entweder als eine (angesichts der zeitlichen Abfolge von vornherein unbegründete) Rechtsverzögerungs- bzw. Rechtsverweigerungsbeschwerde (vgl. /AESCHLIMANN/HERZOG, a.a.O., Art. 49 N. 63 ff.) oder als unwirksames verfrühtes Rechtsmittel zu qualifizieren (vgl. dazu: Urteil des Bundesgerichts vom 7. Oktober 2004, 2A.112/2004, E. 3.2). Zwar hat sich die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid (act. II 33-40) auch mit der «Leistungseinstellung ab dem Monat Mai 2015» (E. 2.7) materiell befasst, es ist jedoch nicht so, dass sie damit den Anfechtungs- und Streitgegenstand des Verwaltungsbeschwerdeverfahrens aus prozessökonomischen Überlegungen auf diese Frage ausgedehnt hat (vgl. MERKLI/AESCHLIMANN/HERZOG, a.a.O., Art. 72 N. 6). Denn die Beschwerdegegnerin hatte im Zeitpunkt des Erlasses des vorinstanzlichen Beschwerdeentscheids (act. II 33-40) bereits in der Verfügung vom 17. Juni 2015 (act. IIB 703-705) verbindlich dazu Stellung genommen und die Beschwerdeführerin (erst) am 16. Juli 2015 den verwaltungsinternen Beschwerdeweg beschritten (act. IIB 690-695). Die gerichtliche Überprüfung kann sich folglich nicht auf diesen Punkt erstrecken, weshalb auch diesbezüglich auf die Beschwerde nicht einzutreten ist. Vielmehr wird es an der Vorinstanz sein, dass sistierte Beschwerdeverfahren (vgl. Vernehmlassung vom 27. August 2015, S. 1 f. Ziff. III) wieder aufzunehmen und über den Anspruch der Beschwerdeführerin auf wirtschaftliche Sozialhilfe ab Mai 2015 zu befinden.
1.3 Die Mitglieder des Verwaltungsgerichts behandeln Beschwerden gegen Nichteintretensverfügungen oder -entscheide (Sozialhilfebudgets für Januar und Februar 2015) ebenso als Einzelrichterin oder Einzelrichter
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 1. Feb. 2016 SH/15/699, Seite 6
(Art. 57 Abs. 2 lit. c GSOG) wie solche, auf die offensichtlich nicht eingetreten werden kann (Sozialhilfeanspruch ab Mai 2015; Art. 57 Abs. 1 GSOG). Zudem bewegt sich auch der Streitwert bezüglich der 15%igen GBL-Kürzung (pro März und April 2015) im einzelrichterlichen Zuständigkeitsbereich (Art. 57 Abs. 1 GSOG).
1.4 Das Verwaltungsgericht überprüft den angefochtenen Entscheid auf Rechtsverletzung hin (Art. 80 VRPG).
2.
2.1 Vorab zu prüfen ist, ob die Vorinstanz auf die «Anzeige» vom 3. April 2015 – soweit die Sozialhilfebudgets für Januar und Februar 2015 (act. IIB 422, 425) betreffend – zulässigerweise nicht eintrat.
2.2 Gemäss Art. 67 Abs. 1 VRPG ist die Beschwerde innert 30 Tagen seit Eröffnung oder Veröffentlichung des angefochtenen Akts und unter Beachtung der Formvorschriften von Art. 32 VRPG zu erheben. Verfügungen und Entscheide werden grundsätzlich durch postalische Zustellung eröffnet (Art. 44 Abs. 1 VRPG). Für die Berechnung der Beschwerdefrist ist im kantonalrechtlich beherrschten sozialhilferechtlichen Verfahren das VRPG anwendbar, wobei sich der Fristenlauf aus Art. 41 f. VRPG ergibt und das VRPG Gerichtsferien, welche den gesetzlichen Fristenlauf hemmen oder verlängern, nicht kennt (vgl. MERKLI//HERZOG, a.a.O., Art. 41 N. 6).