Decision ID: 9ed9a057-2049-5f23-9fdb-5a5e69d8c7eb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 18. April 2019 stellten B._ (geb. [...], Gesuchsteller 1; Akten der
Vorinstanz [vi-act.] 4/26ff), seine Gattin C._ (geb. [...], Gesuchstel-
lerin 2, vi-act. 5/65 ff.) und deren Kinder D._ (geb. [...], Gesuchstel-
lerin 3, vi-act. 6/71 ff.) und E._ (geb. [...], Gesuchsteller 4, vi-act.
7/77 ff.) je ein Gesuch um Erteilung eines nationalen Visums aus humani-
tären Gründen für eine unbestimmte Dauer. Als Wohnort gaben sie
F._ (auch: G._, Provinz Al-Hasaka, Syrien) an, als wahr-
scheinlichen Aufenthaltsort in der Schweiz die Adresse des vorläufig auf-
genommenen Bruders des Gesuchstellers 1, A._ (Beschwerdefüh-
rer). Mit Formularverfügung vom 30. April 2019 lehnte die Schweizer Aus-
landsvertretung in Beirut die Gesuche ab (vi-act. 1/5 [unleserlich] resp.
4/60). Die Vertretung hielt fest, die Gesuchstellenden seien «not in immi-
nent and serious danger of bodily harm in [their] country of origin or in [their]
country of residence.”
B.
Der Beschwerdeführer erhob mit Schreiben vom 23. Mai 2019 namens der
Gesuchstellenden Einsprache gegen diese Verfügung. Er machte geltend,
der Gesuchsteller 1 sei schwer krank und bedürfe dringend medizinischer
Betreuung, diese fehle in Syrien und werde in den Nachbarländern nicht
umsonst angeboten. Er benötige regelmässige Bluttransfusionen respek-
tive dringend eine Knochenmarktransplantation. Die Gesuchstellenden
hätten von Beirut nach Syrien zurückkehren müssen, da sie sich das Leben
in Beirut nicht hätten leisten können und in den Flüchtlingsunterkünften
kein Platz gewesen sei. Eine ambulante medizinische Versorgung im Liba-
non sei mangels finanzieller Mittel verweigert worden. Ein soziales Bezie-
hungsnetz bestehe weder im Libanon noch in Syrien – Verwandte wie Be-
kannte seien geflohen; entsprechend könne er auf keine Unterstützung
zählen. Der Gesuchsteller 1 befinde sich aufgrund der medizinischen Situ-
ation in einer Notlage und sei unmittelbar an Leib und Leben gefährdet,
insbesondere unter Berücksichtigung der allgemeinen Bürgerkriegslage.
C.
Nach Bezahlung des Kostenvorschusses holte die Vorinstanz die Akten der
Auslandsvertretung ein (vi-act. 4-7). Der nachmalige Beschwerdeführer
gab gegenüber der kantonalen Migrationsbehörde eine Stellungnahme ab
(vi-act. 4/31 ff.; vgl. vi-act. 2).
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D.
Mit Verfügung vom 24. Juli 2019 wies das SEM die Einsprache ab und
auferlegte dem Beschwerdeführer die Verfahrenskosten (vi-act. 8, ange-
fochtene Verfügung).
E.
Mit Eingabe vom 22. August 2019 erhob der Beschwerdeführer Be-
schwerde gegen diese Verfügung. Er beantragte die Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung, die Gutheissung der Visa-Gesuche und Bewilligung
der Einreise, eventualiter die Rückweisung der Sache zur weiteren Sach-
verhaltsabklärung an die Vorinstanz. In verfahrensrechtlicher Hinsicht be-
antragte der Beschwerdeführer die Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung, insbesondere den Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 17. September 2019 wies der Instruktionsrich-
ter das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ab. Der folglich einge-
forderte Gerichtskostenvorschuss von Fr. 800.– wurde einbezahlt.
G.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 5. November 2019
die Abweisung der Beschwerde.
H.
Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 11. November
2019 zugestellt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht unter
Vorbehalt der in Art. 32 VGG genannten Ausnahmen Beschwerden gegen
Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer in Art. 33 VGG aufge-
führten Behörde erlassen wurden. Darunter fallen u.a. Verfügungen des
SEM, die im Einspracheverfahren gegen die Verweigerung eines nationa-
len Visums aus humanitären Gründen ergehen. In dieser Materie entschei-
det das Bundesverwaltungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
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1.2 Als Adressat der Verfügung und unterliegender Einsprecher hat der Be-
schwerdeführer ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder
Änderung; er ist zur Beschwerde legitimiert (vgl. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Die
Beschwerde erfolgte frist- und formgerecht, der Gerichtskostenvorschuss
wurde fristgerecht bezahlt (vgl. Art. 50, Art. 52 Abs. 1 und Art. 63 Abs. 4
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.3 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – sofern, wie vorliegend, nicht eine kantonale
Behörde als Beschwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit ge-
rügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im
Beschwerdeverfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist ge-
mäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebun-
den und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemach-
ten Gründen gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die
Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (BVGE 2014/1 E. 2).
3.
3.1 Als Staatsangehörige Syriens unterliegen die Gesuchstellenden für die
Einreise in die Schweiz der Visumspflicht. Mit ihren Gesuchen beabsichti-
gen sie einen längerfristigen Aufenthalt, weshalb nicht die Erteilung eines
Schengen-Visums auf der Grundlage der entsprechenden Übereinkom-
men zu prüfen ist (vgl. dazu immerhin die Bemerkungen in E. 5.4), sondern
mit Art. 4 der Verordnung vom 15. August 2018 über die Einreise und die
Visumserteilung (VEV, SR 142.204) ausschliesslich nationales Recht zur
Anwendung gelangt.
3.2 In Art. 4 Abs. 2 VEV wird ausdrücklich festgehalten, dass ein Visum für
einen längerfristigen Aufenthalt erteilt werden kann, wenn humanitäre
Gründe dies gebieten. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
treffende Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an
Leib und Leben gefährdet ist. Demnach kann ein nationales Visum aus hu-
manitären Gründen erteilt werden, wenn bei einer gesuchstellenden Per-
son aufgrund individuell-konkreter Umstände davon ausgegangen werden
muss, dass sie sich im Heimat- oder Herkunftsstaat in einer besonderen
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Notsituation befindet, die ein behördliches Eingreifen zwingend notwendig
macht. Dies kann etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder aufgrund
einer konkreten individuellen Gefährdung, die die betroffene Person mehr
als andere betrifft, gegeben sein. Befindet sich die gesuchstellende Person
bereits in einem Drittstaat oder ist sie nach einem Aufenthalt in einem sol-
chen freiwillig in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurückgekehrt und hat sie
die Möglichkeit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in der Regel
davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr besteht (vgl. dazu BVGE
2018 VII/5 E. 3.6.3; F-4658/2017 vom 7. Dezember 2018 E. 3.2 m.w.H.).
3.3 Das Visumgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefähr-
dung, der persönlichen Verhältnisse der betroffenen Person und der Lage
im Heimat- oder Herkunftsstaat zu prüfen. Dabei können auch weitere Kri-
terien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die hier beste-
henden Integrationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen
Land um Schutz nachzusuchen, mitberücksichtigt werden (vgl. BVGE 2018
VII/5 E. 3.6.3; F-7298/2016 E. 4.2 am Ende; vgl. ferner BVGE 2015/5
E. 4.1.3; je m.H.).
3.4 Das Institut des humanitären Visums hat massgeblich an Bedeutung
gewonnen, nachdem mit der dringlichen Änderung des Asylgesetzes vom
28. September 2012 (AS 2012 5359) zum 29. September 2012 die Mög-
lichkeit aufgehoben wurde, bei einer Schweizer Auslandsvertretung ein
Asylgesuch einzureichen. Der Bundesrat hielt in diesem Zusammenhang
in seiner Botschaft vom 26. Mai 2010 zur Änderung des Asylgesetzes unter
Hinweis auf die Wahrung der humanitären Tradition der Schweiz ausdrück-
lich fest, dass auch in Zukunft offensichtlich unmittelbar, ernsthaft und kon-
kret gefährdete Personen den Schutz der Schweiz erhalten sollen; dies un-
ter explizitem Verweis auf die bestehende Möglichkeit, um ein Visum "aus
humanitären Gründen" zu ersuchen (vgl. BBl 2010 4455). Dabei sollte die
Bewilligung eines Visums aus humanitären Gründen an restriktivere Vo-
raussetzungen als die im Falle der Auslandsgesuche entwickelten zu knüp-
fen sein (vgl. BBl a.a.O., 4468, 4490, und 4520). Die in diesem Zusammen-
hang gewählte Formulierung der unmittelbaren, ernsthaften und konkreten
Gefahr im Herkunfts- oder Heimatstaat für Leib und Leben, wie sie auch in
Art. 3 AsylG verwendet wird, lässt vermuten, dass das Merkmal der "indi-
viduellen Gefährdung" sich – wie im Falle des Auslandsasylverfahrens –
an der Definition der Schutzbedürftigkeit im Sinne von Art. 3 AsylG orien-
tiert und mithin insbesondere Personen umfassen soll, welche in ihrem Hei-
matstaat wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer
bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen
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ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind. Aber auch akute kriegerische Er-
eignisse wurden als Grund für eine Visumserteilung aus humanitären
Gründen genannt. Die angestrebten Restriktionen dürften sich dabei dar-
aus ergeben, dass ernsthafte Nachteile in Bezug auf die Freiheit oder die
einen unerträglichen psychischen Druck bewirken, nicht aufgeführt wer-
den. Ebenso lässt die Formulierung, dass von einer entsprechenden Ge-
fährdung «offensichtlich» ausgegangen werden müsse, den Schluss zu,
dass das Beweismass anzuheben ist (vgl. Urteil des BVGer D-3367/2013
vom 12. Mai 2014 E. 4.2, 4.4 m.w.H; vgl. auch Urteil des BVGer E-
5105/2014 vom 13. Oktober 2014 E. 3.4).
4.
4.1 Die Vorinstanz ging in der angefochtenen Verfügung – auf die sie in
ihrer Vernehmlassung ohne weitere Ergänzung verweist – von der Fest-
stellung aus, bei den Gesuchstellenden handle es sich um eine in
F._ (Gouvernement al-Hasaka) wohnhafte, kurdische Familie. Die
Familienmitglieder hätten im Krieg ihr Haus verloren und lebten nun in einer
Mietwohnung. Sie würden vom in der Schweiz lebenden Bruder des Ge-
suchstellers 1 mit ca. 100 USD monatlich unterstützt, ein weiterer Bruder
sei ebenfalls nach Europa geflüchtet. Bei ihrer Wohnregion handle es sich
nicht mehr um Kriegsgebiet, auch sei eine Rückkehr dorthin von Beirut her
zumutbar gewesen. Grundsätzlich sei die Familie nicht unmittelbar, ernst-
haft und konkret an Leib und Leben gefährdet, so dass sich behördliches
Eingreifen nicht zwingend aufdrängen würde.
Die geltend gemachte und mit Arztzeugnissen dokumentierte Erkrankung
– eine paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH) – sei als schwer ein-
zustufen. Gemäss vorgelegtem Arztzeugnis sei eine bessere Behandlung
im Ausland, als sie im H._ Hospital in I._ möglich sei, von-
nöten. Indessen sei aber nicht nachgewiesen worden, dass alles unter-
nommen worden sei, um dem Gesuchsteller 1 die notwendige Behandlung
in Syrien oder einem Nachbarland (etwa Libanon oder Türkei) zukommen
zu lassen. Eine Behandlung in der Schweiz erscheine nicht als zwingend,
zumal die in Europa aufhältigen Brüder eine Behandlung in Syrien oder
einem Nachbarland zu unterstützen vermöchten und nicht dargetan sei,
dass eine andere Behandlungsmöglichkeit als eine in der Schweiz über-
haupt in Betracht gezogen worden sei. Humanitäre Visa für die ganze Fa-
milie aufgrund der Beschwerden des Familienvaters seien nicht vorgese-
hen, möge auch nachvollziehbar sein, dass der Gesuchsteller 1 seinem
Bruder in die Schweiz nachfolgen wolle, wo die gesundheitliche Versor-
gung auf hohem Niveau sei.
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Ferner seien auch die Bedingungen für ein gewöhnliches Visum für einen
bewilligungsfreien Aufenthalt nicht gegeben.
4.2 Der Beschwerdeführer hält der Vorinstanz entgegen, sein Bruder sei
auf medizinische Behandlungen angewiesen, die in Syrien und einigen
Nachbarländern fehlten und in letzteren auch nicht kostenfrei angeboten
würden. Im Libanon hätten die Gesuchstellenden aus finanziellen Gründen
nicht bleiben können; sie hätten weder Geld für eine Unterkunft noch Ver-
wandte in Beirut. In Syrien hätten sie wenigstens ein Dach über dem Kopf
und könnten Kurdisch sprechen. Die Familie habe in Syrien alles verloren,
sei mit der Krankheit des Familienvaters überfordert und auf Hilfe angewie-
sen. Angesichts der nach wie vor dramatischen Lage in Syrien könne eine
eigentliche Lebensgefahr nicht ausgeschlossen werden. Eine Rückkehr
aus der Schweiz nach Syrien nach Kriegsende sei zugesichert.
Die Vorinstanz habe den Sachverhalt nicht vollständig festgestellt. Es sei
notorisch, dass sich syrische Staatsangehörige im Libanon in einer Notlage
befänden. Die Gesuchstellenden hätten denn auch im Libanon weder fi-
nanzielle noch medizinische Unterstützung erhalten. Die Plätze für Flücht-
linge seien überfüllt gewesen. Eine ambulante Behandlung sei mangels fi-
nanzieller Mittel verweigert worden. In G._ sei die Versorgung nicht
gesichert, die Verhältnisse aufgrund der türkischen Blockade harsch. In-
folge der Flucht sämtlicher Verwandter und Bekannter bestehe auch kein
Beziehungsnetz, das Unterstützung bieten könne. Die Familie könne auf-
grund der Krankheit des Gesuchstellers 1 nicht für sich sorgen, die vom
Beschwerdeführer geleistete Unterstützung reiche nicht aus für deren Le-
bensunterhalt. Der Gesuchsteller 1 habe alles versucht, um in Syrien oder
Irak behandelt zu werden, indessen bestünden dort keine genügenden Be-
handlungsmöglichkeiten; diesbezüglich sei die Vorinstanz dokumentiert.
Eine Fortführung dauernder Bluttransfusionen könne langfristig kontrapro-
duktiv wirken. Die notwendige Knochenmarktransplantation sei sehr teuer
und weder in Syrien noch in den Nachbarländern möglich. Eine adäquate
Behandlung sei faktisch nur in Europa möglich. Mangels finanzieller Mittel
sei eine solche im Libanon nicht möglich, ein Grenzübertritt in die Türkei
sei aufgrund der angespannten Lage nicht möglich, auch schliesse die ge-
sundheitliche Lage weite Reisen aus. Faktisch sei der Gesuchsteller 1 in
Syrien eingeschlossen und folglich an Leib und Leben gefährdet. Zu be-
achten sei auch die instabile und volatile Bürgerkriegssituation. Die kom-
menden Herrschaftsverhältnisse und die Bedeutung ethnischer, politischer
oder religiöser Zugehörigkeiten sei offen. Die Wohnverhältnisse seien in
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der alten Mietwohnung wegen der schlechten hygienischen Bedingungen
prekär.
5.
5.1 Die Gesuchstellenden vermochten zur Einreichung ihrer Gesuche um
Ausstellung humanitärer Visa in den Libanon zu reisen und kehrten freiwil-
lig und ohne Restriktionen gewärtigen zu müssen nach Syrien (F._/
G._) zurück. Im Libanon wurden keine Bemühungen unternommen,
sich an lokale Hilfsorganisationen oder Behörden zu wenden; der Be-
schwerdeführer verwies in seiner Stellungnahme vor der Vorinstanz auf die
administrative Unbeholfenheit des Gesuchstellers 1, Mutmassungen über
den fehlenden Willen der dortigen Behörden und Annahmen über die vor-
handene Versorgung, Belegungszahlen von Flüchtlingsunterkünften und
die aufgrund der finanziellen Situation fehlende Möglichkeit, medizinische
Hilfe in Anspruch zu nehmen (vgl. vi-act. 4/32). Es ist damit davon auszu-
gehen, dass sich die Gesuchstellenden weder um eine Registrierung noch
um eine Inanspruchnahme spezifischer Hilfe ernsthaft gekümmert haben.
Solche bestehen im Libanon nämlich durchaus (vgl. Urteile des BVGer F-
6511/2018 vom 28. August 2019 E. 4.5; F-4631/2018 vom 27. Dezember
2018 E. 4.5; F-6235/2016 vom 2. Februar 2017 E. 5.1 mit Hinweis auf Urteil
D-6605/2015 vom 18. April 2016 E. 6.3.2 und 6.3.3). Das Vorbringen, man
habe im Libanon auf der Strasse leben müssen und könne keine medizini-
sche Versorgung in Anspruch nehmen, ist damit spekulativ. Die (von der
medizinischen Seite abgesehen) unproblematische Aus- und Rückreise
deutet damit darauf hin, dass sich die Gesuchstellenden in der Heimat
grundsätzlich nicht an Leib und Leben gefährdet fühlen.
5.2 Es ist zu prüfen, ob der Gesundheitszustand des Gesuchstellers 1
und/oder die allgemeine Lebenssituation am aktuellen Wohnort geeignet
sind, eine Notlage im Sinne der Rechtsprechung zu begründen.
5.2.1 Der Beschwerdeführer dokumentierte die Vorinstanz und das Gericht
mit Laborberichten (vi-act. 1/11 ff., 4/48 ff.) und mehreren Stellungnahmen
behandelnder Ärzte seines Bruders (vi-act 4/55 resp. 1/10 [«family physi-
cian» in einer onkologischen Klinik in J._/Irak], 4/56 f. resp. 1/8 f.
[25. Juli 2018, Hämatologe, Onkologe I._/Syrien], 1/6 f. [2. Mai
2019, Hämatologe, Onkologe, I._/Syrien], Beschwerdebeilage 2
[30. Juli 2019, Hämatologe, Onkologe I._/Syrien]).
Aus den Berichten geht hervor, dass der Gesuchsteller 1 an paroxysmaler
nächtlicher Hämoglobinurie (PNH; ICD-10 D59.5) leide. Dabei handelt es
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sich um eine seltene erworbene Erkrankung hämatopoetischer Stammzel-
len des Knochenmarkes mit variablem klinischem Verlauf (vgl. SCHUBERT
et al., Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH), Leitlinie, Empfeh-
lungen der Fachgesellschaft zur Diagnostik und Therapie hämatologischer
und onkologischer Erkrankungen, abrufbar unter https://www.onkope-
dia.com/de/onkopedia/guidelines/paroxysmale-naechtliche-haemoglob-
inurie-pnh/@@guideline/html/index.html, zuletzt aufgesucht 8. März
2021).
Die Berichte geben – zusammengefasst – einen sich seit 2013 unter ande-
rem wegen einer initialen Fehldiagnose verschlechternden klinischen Ver-
lauf wieder. Es seien alle lokal verfügbaren (aber nicht näher detaillierten)
Medikationen ohne Erfolg versucht worden, es seien regelmässige Blut-
transfusionen durchgeführt worden, was indessen ein gefährlicher Thera-
piepfad sei. Als einzige verbleibende Therapieoption biete sich eine Kno-
chenmarktransplantation an, welche in Syrien oder Irak aber nicht verfüg-
bar sei. Es bedürfe einer Behandlung im Ausland.
Angesichts der verschiedenen Ausprägungen der PNH und dem daraus
resultierenden differenzierenden Therapieschema (SCHUBERT et al, a.a.O.
Abschn. 4 und 6) erscheint die Berichtslage zwar bedrückend, aber er-
staunlich wenig differenziert hinsichtlich der spezifischen Symptomatik und
Therapie; insbesondere scheint eine Stammzellentransplantation nurmehr
bei schweren (wenngleich nicht seltenen) begleitenden Erkrankungen indi-
ziert (SCHUBERT et al, a.a.O. Abschn. 4.1.3, 6.1.2.1); im Übrigen steht eine
seit 2006 respektive 2019 marktreife Medikamententherapie zur Verfügung
(SCHUBERT et al, a.a.O. Abschn. 1, 6). Über einen Kontext, der Bluttrans-
fusionen respektive eine Knochenmarktransplantation als einzigen Aus-
weg gebietet, geben die Berichte keine befriedigende Auskunft. Ferner ist
festzustellen, dass der Beschwerdeführer zwar Ärzte in Syrien und Irak
aufsuchte, mit I._ und J._ aber eng begrenzt auf das kurdi-
sche Gebiet. Bemühungen, ausserhalb dieser Region in Syrien oder Irak
oder in anderen näher gelegenen Nachbarländern (Türkei, Libanon) medi-
zinische Unterstützung zu erhalten, sind nicht ersichtlich; auch ist nicht klar,
woran genau der Grenzübertritt in die Türkei gescheitert sein soll. Es stellt
sich aufgrund der wenig differenzierten Berichte und der lokalen Einengung
der bisherigen Behandlung jedenfalls mit Fug die Frage, ob die zwar uni-
sono berichtete Auffassung, die Therapiemöglichkeiten in Syrien und dem
Irak seien ausgereizt, wirklich zutrifft. Es verbleiben damit umgekehrt er-
hebliche Zweifel, ob wirklich alles unternommen wurde, dem Gesuchstel-
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ler 1 die nötige und mögliche Behandlung in Syrien und Umgebung zukom-
men zu lassen. Damit aber ist das notwendige Beweismass für den Nach-
weis einer Notlage, die behördliches Eingreifen gebieten würde, nicht er-
füllt und es ist davon auszugehen, die nötige Behandlung könne in Syrien
selbst oder einem Nachbarland – allenfalls mit finanzieller Hilfe seitens im
Ausland aufhältiger Verwandter – organisiert werden.
5.2.2 Der Umstand, dass in der Schweiz eine medizinische Behandlung
generell geeigneter und leichter zugänglich wäre als in Syrien oder in Liba-
non kann – für sich allein – behördliches Eingreifen jedenfalls nicht recht-
fertigen (vgl. Urteil des BVGer F-1173/2016 vom 25. Januar 2017 E. 5.2;
für eine zurückhaltende Betrachtungsweise siehe FULVIO HAEFELI, Aufent-
halt durch Krankheit, ZBl 107 [2006], S 561 ff., insb. S. 565, 569-572).
5.3 Es ist unbestritten, dass die Lebensumstände sowohl für gesundheit-
lich beeinträchtigte und nicht erwerbsfähige Menschen im syrischen Teil
Kurdistans wie auch – vorliegend: hypothetisch – für syrisch-kurdische
Flüchtlinge im Libanon schwierig sind. Der Umstand, dass die Gesuchstel-
lenden nach dem geltend gemachten Verlust ihres Hauses in einer ältlichen
Mietwohnung unter prekären hygienischen Bedingungen hausen, vermag
jedoch die Annahme nicht zu begründen, die Lebens- und Existenzbedin-
gungen seien – gemessen am Schicksal der restlichen, syrischen respek-
tive syrisch-kurdischen Bevölkerung – in gesteigertem Masse bedroht oder
derart in Frage gestellt, dass ein behördliches Eingreifen als zwingend not-
wendig erscheint.
5.4 Die Vorinstanz prüfte subsidiär und in knappen Worten die Möglichkeit
der Erteilung eines gewöhnlichen Visums für den bewilligungsfreien Auf-
enthalt (sog. «Schengenvisum»).
5.4.1 Gesuchsteller, die sich nicht auf das EU/EFT- Personenfreizügig-
keitsabkommen berufen können, müssen den Zweck und die Umstände
ihres beabsichtigten Aufenthalts belegen und hierfür über ausreichende fi-
nanzielle Mittel verfügen. Namentlich haben sie zu belegen, dass sie den
Schengen-Raum vor Ablauf der – auf 90 Tage begrenzten – Gültigkeits-
dauer des beantragten Visums wieder verlassen bzw. Gewähr für ihre frist-
gerechte Wiederausreise bieten. Sie dürfen nicht im Schengener Informa-
tionssystem (SIS II) zur Einreiseverweigerung ausgeschrieben sein und
keine Gefahr für die öffentliche Ordnung, die innere Sicherheit, die öffentli-
che Gesundheit oder die internationalen Beziehungen eines Mitgliedstaats
darstellen (vgl. zu den Einreisevoraussetzungen: Art. 5 Abs. 1 und Abs. 2
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AIG; Art. 3 Abs. 1 VEV i.V.m. Art. 6 Abs. 1 der Verordnung [EG] Nr.
2016/399 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 9. März 2016
über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch
Personen [Schengener Grenzkodex] [kodifizierte Fassung] ABl. L 77 vom
23. März 2016 [nachfolgend: SGK].
5.4.2 Die Gesuchstellenden verfügen nach Angaben des Beschwerdefüh-
rers über keine namhaften Mittel. Der Gesuchsteller 1 ist gesundheitlich
beeinträchtigt und geht folglich keiner Erwerbstätigkeit nach. Über einen
Broterwerb der Gesuchstellerin 2 ist nichts bekannt. Die Lage im Herkunfts-
land Syrien respektive der Region Kurdistan ist in wirtschaftlicher und poli-
tischer Sicht, aber nach zehn Jahren andauernden Bürgerkriegs beson-
ders auch mit Blick auf die Sicherheitslage schwierig und die weitere Ent-
wicklung nicht prognostizierbar. Bekannte und Verwandte der Gesuchstel-
lenden haben nach Angaben des Beschwerdeführers die Heimatgegend
mehrheitlich verlassen.
5.4.3 Die Zusage eines Schengenvisums scheitert bereits daran, dass kein
Anhaltspunkt dafür besteht, die Aufenthaltsdauer werde maximal 90 Tage
betragen: Beabsichtigt ist wohl ein Aufenthalt, bis die Krankheit des Ge-
suchstellers 1 austherapiert ist, jedenfalls jedoch bis zum Ende des Bür-
gerkrieges. Beides ist innert 90 Tagen unwahrscheinlich. Dazu ist aufgrund
der vorstehend skizzierten Lage ein erheblicher Migrationsdruck aus Sy-
rien (auch dem syrisch-kurdischen Gebiet) nach Europa im Allgemeinen
anzunehmen. Im Falle der Gesuchstellenden ist weiter festzustellen, dass
sie in der Heimatregion weder ein Beziehungsnetz, noch ernsthafte mittel-
fristige wirtschaftliche Perspektiven haben, die sie dort halten respektive
dorthin zurückzukehren anhalten würden.
6.
Damit ist schlussfolgernd festzuhalten, dass die Gesuchstellenden die Vor-
aussetzungen für die Ausstellung von humanitären Visa in die Schweiz
nicht erfüllen. Die angefochtene Verfügung hat den rechtserheblichen
Sachverhalt richtig und vollständig festgestellt, verletzt Bundesrecht nicht
und ist angemessen (Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dessen Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VVG). Diese werden in Anwendung
der massgeblichen Grundsätze (vgl. Art. 1 ff. des Reglements über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
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Seite 12
SR 173.320.2]) auf Fr. 800.– festgesetzt und dem geleisteten Kostenvor-
schuss entnommen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13