Decision ID: db8d4181-479a-427e-a3c4-ac12db4f1ec4
Year: 2010
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Hausfriedensbruch
Berufung gegen ein Urteil der Einzelrichterin in Strafsachen des Bezirkes
Bülach vom 6. Oktober 2009 (GG090026)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland vom 30. März
2009 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 15).
Urteil der Vorinstanz:
(Urk. 43)
1. Die Angeklagte ist schuldig des Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB.
2. Die Angeklagte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 5 Tagessätzen zu Fr. 130.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf zwei Jahre
festgesetzt.
4. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'200.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 10.– Untersuchungskosten
Fr. 1'210.–
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
5. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden der Ange-
klagten auferlegt.
Berufungsanträge:
a) Des Verteidigers der Angeklagten:
(Urk. 54 S. 1)
1. A._ sei vollumfänglich freizusprechen, soweit auf die Anklage ein-
getreten werden kann.
2. Die Kosten seien auf die Staatskasse zu nehmen.
3. A._ sei eine Umtriebsentschädigung im Betrage von Fr. 11'851.85
zuzusprechen.
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b) Der Vertreterin der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland:
(Urk. 41, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.

Das Gericht erwägt:
I. Ausgangslage und Prozessgeschichte
1. Ausgangslage und Anklagevorwurf
1.1. Im Rahmen einer von der Gewerkschaft Unia organisierten Streikaktion
betrat die Angeklagte am 2. April 2008 zusammen mit anderen Gewerkschaftern
und fremden Bauarbeitern die Zentrumsüberbauung "...", weswegen die B._,
welche gegenüber der Angeklagten am 1. November 2007 für dieselbe Zent-
rumsüberbauung ein unbefristetes Hausverbot erlassen hatte, Strafantrag gegen
A._ wegen Hausfriedensbruchs stellte.
1.2. Die Anklageschrift wirft der Angeklagten vor, ungeachtet des erlassenen un-
befristeten Hausverbotes die Zentrumsüberbauung betreten, sich insgesamt wäh-
rend ca. ein bis eineinhalb Stunden unrechtmässig auf dem Werkplatz aufgehal-
ten und sich dadurch des Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB schul-
dig gemacht zu haben.
2. Erstinstanzliches Urteil und Gegenstand der Berufung
2.1. Mit Urteil vom 6. Oktober 2009 sprach die Einzelrichterin des Bezirkes Bü-
lach die Angeklagte des Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB schul-
dig, bestrafte sie mit einer Geldstrafe von 5 Tagessätzen zu Fr. 130.-- und schob
den Vollzug der Geldstrafe unter Ansetzung einer zweijährigen Probezeit auf (vgl.
Urk. 43).
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2.2. Mit Eingabe vom 9. November 2009 liess die Angeklagte durch ihren Vertei-
diger rechtzeitig Berufung gegen das oben erwähnte Urteil erheben und gleichzei-
tig ihre Beanstandungen vorbringen (vgl. Urk. 38). Die Berufung ist nicht einge-
schränkt und erstreckt sich auf das gesamte Urteilsdispositiv. Unter Hinweis auf
seine Ausführungen anlässlich der Hauptverhandlung verlangt der Verteidiger den
vollumfänglichen Freispruch der Angeklagten, die Übernahme der Kosten auf die
Staatskasse und die Zusprechung einer Prozessentschädigung (vgl. Urk. 38 S. 2
Ziff. 5 in Verbindung mit Urk. 20 S. 1, Urk. 54).
2.3. Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland ihrerseits beantragte mit Ein-
gabe vom 18. November 2009 die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
(vgl. Urk. 41).
2.4. Nachdem sämtliche Ziffern des vorinstanzlichen Urteils angefochten sind,
steht das vorinstanzliche Erkenntnis vollumfänglich zur Disposition.
3. Beweisanträge und Beanstandungen
3.1. Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland verzichtete darauf, Beweisan-
träge zu stellen (Urk. 41). Demgegenüber stellte die Verteidigung für den Fall,
dass auf die Anklage eingetreten und ein Schuldspruch in Betracht gezogen wer-
den sollte den Beweisantrag, E._ als Zeugen zu befragen (vgl. Urk. 50).
3.2. Die Angeklagte liess vorerst beanstanden, das erstinstanzliche Gericht sei
zu Unrecht von einem gültigen Strafantrag ausgegangen. Sodann rügte sie einen
Verstoss gegen die massgeblichen Beweisregeln und machte geltend, der einge-
klagte Sachverhalt sei nicht erstellt. Weiter brachte sie vor, nicht vorsätzlich ge-
gen den Willen der Berechtigten den Hausfrieden gebrochen und nicht wider-
rechtlich gehandelt zu haben. Schliesslich berief sich die Angeklagte im Eventual-
fall sowohl auf einen Sachverhaltsirrtum als auch auf einen Irrtum über die
Rechtswidrigkeit (vgl. Urk. 38).
3.3. Im Folgenden ist daher vorab zu prüfen, ob von einem gültigen Strafantrag
ausgegangen werden kann.
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II. Gültigkeit des Strafantrages
1. Vorinstanzliches Urteil
Die Vorinstanz fasste die von der Verteidigung vorgebrachten Rügen mit Bezug
auf die Gültigkeit des Strafantrages grundsätzlich zutreffend zusammen (Urk. 43
S. 4 Ziff. 3.1.), setzte sich in ihrem Urteil detailliert damit auseinander und kam
zum Schluss, die diesbezüglichen Einwände der Angeklagten erwiesen sich als
unbegründet (vgl. Urk. 43 S. 4 ff. Ziff. 3.2 - 3.6.). Im Folgenden ist im Einzelnen
darauf einzugehen.
2. Strafantrag als Prozessvoraussetzung
2.1. Die Vorinstanz hielt zutreffend fest, dass der der Angeklagten vorgeworfene
Tatbestand des Hausfriedensbruchs nur auf Antrag strafbar ist, und dass der
Strafantrag nach herrschender Lehre und Praxis zu den Prozessvoraussetzungen
gehört. Auf die entsprechenden Ausführungen im vorinstanzlichen Urteil kann zur
Vermeidung von Wiederholungen vorab verwiesen werden (vgl. Urk. 43 S. 4
Ziff. 3.2., vgl. § 161 GVG).
2.2. Das Wesen der Prozessvoraussetzungen liegt darin, dass von ihrer Erfül-
lung die Zulässigkeit der Einleitung und Durchführung eines Strafverfahrens ab-
hängt, woraus folgt, dass sie vom befassten Strafverfolgungsorgan in allen Ver-
fahrensstadien vorweg und laufend sowie von Amtes wegen zu prüfen und zu be-
rücksichtigen sind (vgl. Niklaus Schmid, Strafprozessrecht, 4. Auflage, Zürich
2004, N 532; vgl. hiezu auch die Vorinstanz in Urk. 43 S. 4 Ziff. 3.2. unter Hinweis
auf Donatsch/Schmid, Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Zürich,
Zürich 1997, N 39 und 43 zu § 182 StPO). Wird ein Mangel (hier steht wie gese-
hen das Fehlen eines gültigen Strafantrages zur Diskussion) nach der Anklage-
zulassung festgestellt und ist er nicht zu beheben, so ist das Verfahren durch ei-
nen Nichteintretensentscheid, also ein Prozessurteil, zu beenden (vgl. N. Schmid,
a.a.O., N 534 und N 833). Eine solche Verfahrenserledigung setzt selbstredend
eine eingehende Prüfung über das Vorliegen der fraglichen Prozessvoraus-
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setzung voraus, wozu – wenn nötig – auch die Abnahme von weiteren diesbezüg-
lichen Beweisen gehört.
2.3. Nach Durchführung der Hauptverhandlung hatte die Vorinstanz, veranlasst
durch die von der Verteidigung vorgebrachten Einwendungen gegen das Vorlie-
gen eines gültigen Strafantrages (vgl. Urk. 20 S. 14 ff.), mit Verfügung vom
22. Juni 2009 die Geschädigte B._ über verschiedene Themen um Aus-
kunftserteilung aufgefordert (vgl. Urk. 25). Die Verteidigung monierte die Vorge-
hensweise der Vorinstanz und warf unter Hinweis auf § 183 Abs. 2 StPO insbe-
sondere die Frage auf, ob sich Beweisergänzungen auch auf Prozessvorausset-
zungen erstrecken können (vgl. Urk. 27).
Über Einwendungen, die eine Partei gegen das Eintreten auf die Anklage anläss-
lich der Hauptverhandlung, mithin nach erfolgter Anklagezulassung, erhebt, wie
beispielsweise der Einwand des Fehlens einer Prozessvoraussetzung (vgl.
Donatsch/Schmid, a.a.O. N 39 und 43 zu § 182 StPO), entscheidet das Gericht
gemäss § 182 Abs. 4 StPO sofort oder nach Abnahme hierauf bezüglicher Bewei-
se. Allein aufgrund des Gesetzestextes kann damit nicht fraglich sein, dass das
Gericht, welchem die Verfahrensherrschaft zukommt, von Amtes wegen grund-
sätzlich auch selbst ergänzende Beweise abnehmen kann, was die Vorinstanz in
ihrem Entscheid auch korrekt fest hielt und worauf verwiesen werden kann (vgl.
Urk. 43 S. 4, § 161 GVG).
3. Strafantragsberechtigung
3.1. Vorliegend wurde der Strafantrag vom 7. April 2008 durch die B._ ge-
stellt (vgl. Urk. 2). Es stellt sich daher die Frage, ob diese Firma antragsberechtigt
war und ob der Strafantrag rechtsgültig unterzeichnet wurde. Die Vorinstanz hat
sich in ihrem Entscheid mit diesen Fragen auseinandergesetzt, auf die diesbezüg-
lichen zutreffenden Ausführungen ist vorab zu verweisen (vgl. Urk. 43 S. 5 Ziff.
3.3 und 3.4.). Ergänzend ist folgendes festzuhalten:
3.2. Zu den von Art .186 StGB geschützten Objekten gehören nicht nur Räume,
sondern auch Areale, insbesondere Werkplätze, letztere auch dann, wenn sie
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weder unmittelbar zu einem Hause gehören noch umfriedet sind, sofern sie auf
andere Weise deutlich von ihrer Umgebung abgegrenzt sind (vgl. Donatsch, Straf-
recht III, Delikte gegen den Einzelnen, neunte, vollständig neu bearbeitete Aufla-
ge, Zürich 2008 S. 444 f., vgl. auch BSK, Strafrecht II - Delnon/Rüdy, N 13 zu
Art. 186 StGB). Geschütztes Rechtsgut dieser Gesetzesbestimmung ist das an
ein zugrundeliegendes Rechtsverhältnis anknüpfende Hausrecht, welches die Be-
fugnis verleiht, über die fraglichen Örtlichkeiten ungestört zu herrschen und die
Freiheit einräumt, selbst zu bestimmen, wer sich wann für welchen Zweck und wie
lange in diesen Örtlichkeiten aufhalten darf (vgl. BSK, Strafrecht II - Delnon/Rüdy,
a.a.O.; Christof Riedo, Der Strafantrag, Basel 2004, S. 207). Träger des Haus-
rechts ist derjenige, dem die Verfügungsgewalt über die geschützten Bereiche
zusteht, gleichgültig, ob jene auf einem dinglichen oder obligatorischen oder auf
einem öffentlichrechtlichen Verhältnis beruht (vgl. BSK, Strafrecht II - Delnon/
Rüdy, a.a.O. N 5 a zu Art. 186 StGB).
Es ist vorliegend selbst von der Verteidigung nicht in Frage gestellt, dass es sich
bei der Zentrumsüberbauung "..." um ein umfriedetes Baugelände handelte (vgl.
hiezu Urk. 1, 3 und Urk. 5). Der Verteidiger bezeichnete es sodann als "längst be-
kannt und aktenkundig", dass die B._ Bauherrin der fraglichen Überbauung
war (vgl. Urk. 33 S. 1, vgl. auch Urk. 29/1). Bei diesem Stand der Dinge ist mit der
Vorinstanz und entgegen dem Vorbringen der Verteidigung (vgl. Urk. 33 S. 1, vgl.
Urk. 20 S. 14) nicht fraglich, dass dieser Firma auch ein Hausrecht im Sinne der
obigen Erwägungen zukam, wobei offen gelassen werden kann, ob ihre Stellung
als Bauherrin dinglich oder obligatorisch begründet war (vgl. Vorinstanz Urk. 43 S.
5, Ziff. 3.3.). Damit war die B._ grundsätzlich strafantragsberechtigt.
3.3. Bei der B._ handelt es sich um eine Kollektivgesellschaft (vgl. Urk.
21/11). Kollektivgesellschaften sind zwar keine juristische Personen, sie werden
aber im Aussenverhältnis wie solche behandelt, so dass der Gesellschaft selbst
im Rahmen ihrer beschränkten „Rechtsfähigkeit“ die Berechtigung zukommt, die
Verfolgung und Sanktionierung entsprechender Rechtsgutverletzungen zu verlan-
gen (vgl. hierzu C. Riedo ,a.a.O. S. 353 f.). Die Antragsbefugnis bestimmt sich
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damit – wie bei den juristischen Personen – nach den Statuten und dem Handels-
registereintrag (vgl. C. Riedo, a.a.O. S. 355).
Der vorliegende Strafantrag (Urk. 2) trägt die Unterschrift von C._ und von
F._ (vgl. Urk. 1 S. 7 und Urk. 28). Beide Personen waren gemäss Handelre-
gistereintrag für die B._ unterzeichnungsberechtigt (vgl. Urk. 21/11 beide hat-
ten Kollektivprokura zu zweien). Zu Recht stellte die Vorinstanz daher fest, dass
der Strafantrag rechtsgültig unterzeichnet wurde (vgl. Urk. 43 S. 5 Ziff. 3.4.).
4. Unteilbarkeit des Strafantrages
4.1. Die Verteidigung rügte im Rahmen der Beanstandungen, der Strafantrag
verstosse gegen das Unteilbarkeitsprinzip; insbesondere widerspreche es der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung und der ratio legis, wenn die Mängel eines
Strafantrages erst eineinhalb Jahre nach Ablauf der Strafantragsfrist behoben
würden, was faktisch einer Unterlaufung des Unmittelbarkeitsprinzips gleich
komme (vgl. Urk. 38 S. 1). Bereits anlässlich des erstinstanzlichen Verfahrens
hatte der Verteidiger wiederholt auf die Verletzung des Unteilbarkeitsprinzips hin-
gewiesen (vgl. Urk. 20 S. 15 ff., Urk. 33 S. 2).
4.2. Demgegenüber stellte die Vorinstanz fest, der Strafantrag der Geschädigten
sei nie explizit auf die Angeklagte beschränkt worden und gelte daher für sämtli-
che allfällige Mittäter, Gehilfen oder Anstifter des gemäss Strafantragstellerin am
2. April 2008 begangenen Hausfriedensbruchs. Darüber hinaus habe die
B._ bestätigt, dass sämtliche Beteiligten verfolgt werden sollten. Dass bisher
keine Verfahren gegen weitere Beteiligte eingeleitet worden seien, ändere nichts
an der Gültigkeit des gestellten Strafantrages. Das Verfahren gegen die Ange-
klagte könne unabhängig von den gegen die allfällig weiteren vom Strafantrag er-
fassten Beteiligten eingeleiteten oder einzuleitenden Strafverfahren zu Ende ge-
führt werden (vgl. hierzu Urk. 43 S. 6 Ziff. 3.5.2.).
4.3. Stellt ein Antragsberechtigter gegen einen an der Tat Beteiligten Strafantrag,
so sind alle Beteiligten zu verfolgen (vgl. Art. 32 StGB). Dies bedeutet, dass es
gegen die anderen nicht noch eines besonderen Antrages bedarf, dass vielmehr
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die bundesrechtliche Voraussetzung zur Verfolgung aller Beteiligten schon mit
dem Strafantrag gegen den einen erfüllt ist (vgl. BGE 121 IV 151 E. 3a. aa.). Mit
dem Grundsatz der Unteilbarkeit des Strafantrages soll verhindert werden, dass
der Verletzte nach seinem Belieben nur einen einzelnen am Antragsdelikt Betei-
ligten herausgreift und unter Ausschluss der anderen bestrafen lässt (vgl. BGE
121 IV 150 E. 3a. aa.). Erklärt der Strafantragsberechtigte von vornherein, seinen
Antrag auf einen einzelnen Beteiligten beschränken zu wollen, oder äussert er
sich später in diesem Sinne, so gibt er seinem Strafantrag einen rechtlich unzu-
lässigen Inhalt mit der Folge, dass der Antrag schlechthin als ungültig zu betrach-
ten und das Strafverfahren daher gegen alle Beteiligten einzustellen ist. Wenn
aber der Verletzte ohne solche Einschränkungen fristgerecht Strafantrag stellt,
wird der Weg zur Verfolgung aller Beteiligten, also auch der im Antrag nicht aus-
drücklich genannten Personen, geöffnet. Welche der beiden Wirkungen der in
Art. 32 verankerte Grundsatz der Unteilbarkeit des Strafantrages im Einzelfall hat,
hängt somit entscheidend vom Inhalt der Willenserklärung bzw. Willens-
äusserung des Antragsteller ab (vgl. hierzu BGE 121 IV 150 E. 3a.aa. unter Hin-
weis auf BGE 97 IV 1 E. 2 und BGE 110 IV 87 E. 1c).
4.4. Wie auch der Anklage entnommen werden kann, betrat die Angeklagte am
2. April 2008 zusammen mit anderen Gewerkschaftern der Gewerkschaft Unia
und fremden Bauarbeitern die hier zur Diskussion stehende Baustelle (Urk. 15
S. 2). Unbestritten ist sodann, dass das Betreten des Werkgeländes durch diese
Personen im Rahmen einer geplanten und durch die Gewerkschaft Unia organi-
sierten Streikaktion erfolgte. Die Vorinstanz bezeichnete es als zunächst fraglich,
ob im vorliegenden Fall der Grundsatz der Unteilbarkeit des Strafantrages über-
haupt zur Anwendung gelange, d.h. ob von einem in Mittäterschaft begangenen
Hausfriedensbruch gesprochen werden könne, wenn andere Mitglieder der
Gewerkschaft Unia und baustellenfremde Bauarbeiter das Werkgelände der
B._ ebenfalls gegen deren Willen betraten, oder ob nicht vielmehr Nebentä-
terschaft angenommen werden müsste (vgl. Urk. 43 S. 6 Ziff. 3.5.2.), um diese
Frage dann offen zu lassen. Es ist also zunächst auf diese Problematik einzuge-
hen.
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Mit dem Begriff des Tatbeteiligten verwendet das Gesetz ein Konzept, das der
herkömmlichen Dogmatik in dieser Form fremd ist (vgl. Riedo, a.a.O. S. 510). Aus
der ratio des Unteilbarkeitsprinzips hergeleitet, geht es beim Begriff des Beteilig-
ten darum, auszuschliessen, dass der Verletzte willkürlich Strafantrag nur gegen
einen von mehreren Beteiligten stellt (vgl. Martin Schubarth in ZStrR 112 (1994)
S. 220, N2 a.E.). Zu den "Beteiligten", die nach Art. 32 StGB zu verfolgen sind,
gehören somit sämtliche Formen der Täterschaft und Teilnahme, also Täter, Mit-
täter, Anstifter und Gehilfen (vgl. Walter Huber, Die allgemeinen Regeln über den
Strafantrag im schweizerischen Recht, Diss. Zürich 1967, S. 54). Nebentäter gel-
ten nach dem Bundesgericht und nach der herrschenden Lehre indessen nicht als
Tatbeteiligte nach Art. 32 StGB (vgl. Riedo, a.a.O. S. 511). Von Nebentäterschaft
wird gesprochen, wenn mehrere Personen unabhängig voneinander denselben
Taterfolg wissentlich und willentlich herbeiführen. Im Gegensatz zu den Mittätern
fehlt also bei Nebentätern ein gemeinsamer Tatentschluss und das bewusste Zu-
sammenwirken bei der Ausführung des Deliktes (vgl. Donatsch/Tag, Strafrecht I,
8. Auflage, Zürich 2006, S. 180). Von einer Beteiligung des einen am Delikt des
andern kann also nicht gesprochen werden: Nebentäter sind nicht an der Vorsatz-
tat beteiligt, sie verüben je einzeln eine solche (vgl. Riedo, a.a.O. S. 511).
Führt man sich vor Augen, dass es sich bei dem an jenem 2. April 2008 stattfin-
denden Ereignis um eine von der Gewerkschaft Unia geplante und organisierte, ja
um eine vorangekündigte (vgl. Urk. 10 S. 1, Zeugenaussage E._) Streikakti-
on handelte, an welcher nicht nur diverse Gewerkschafter, sondern auch "fremde"
Bauarbeiter teilnahmen – nach dem Polizeirapport suchten zwei Reisecars mit
Anhängern der Gewerkschaft Unia die fragliche Baustelle auf (vgl. Urk. 1 S. 5) –
so fällt Nebentäterschaft von vorneherein ausser Betracht. Es waren denn auch
offensichtlich mehrere Personen, die im Rahmen dieser Aktion in Missachtung der
erfolgten Aufforderung, sich der Baustelle fern zu halten, das Baustellenareal
betraten (vgl. Urk. 1 S. 5: "Als die Leute ausstiegen und sich auf das Areal begeben wollten,
versuchten E._, der Bauleiter und ich [C._], die Leute wegzuschicken. Dies gelang uns
anfänglich auch, doch dann mussten wir der stürmischen Menge Platz machen. Unter ihnen be-
fand sich auch A._..."). Damit steht aber auch eine Tatbeteiligung sämtlicher dar-
an involvierten Personen im Sinne von Art. 32 StGB bereits fest.
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In diesem Zusammenhang ist sodann zu erwähnen, dass der Zeuge C._ die
ausdrückliche Frage verneinte, die anderen (gemeint neben der Angeklagten)
Vertreter der Unia hätten sich zu Recht auf der Baustelle aufgehalten und be-
merkte, auch diese anderen Leute hätten kein Recht gehabt, sich auf einem priva-
ten Grundstück aufzuhalten (vgl. Urk. 11 S. 3 f.). Steht aber selbst nach der Auf-
fassung der Strafantragstellerin fest, dass sämtliche Personen, die das Bauareal
betraten, dies gegen den Willen des Berechtigten und ohne dessen Zustimmung
taten, so waren diese erst recht an der Tat beteiligt im Sinne von Art. 32 StGB.
Bei dieser Ausgangslage, nämlich angesichts der gemeinsamen Aktion, kann es –
wie dies der Verteidiger zutreffend ausführte (vgl. Urk. 20 S. 16) – nicht darauf
ankommen, dass die Angeklagte bereits im November 2007 mit einem persönli-
chen Hausverbot für diese Örtlichkeit belegt worden war.
4.5. Zu prüfen ist daher weiter, ob aufgrund der in den Akten sich befindenden
Erklärungen des Geschädigten auf ein bewusstes Vorgehen nur gegen die Ange-
klagte zu schliessen ist.
4.5.1. Gemäss Polizeirapport stellte C._, der "unter der stürmischen Menge"
die bereits mit einem Hausverbot belegte Angeklagte erkannt hatte, ausdrücklich
gegen diese Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs (vgl. Urk. 1 S. 5). In Überein-
stimmung mit der im Polizeirapport festgehaltenen Erklärung verlangte die
B._ gemäss ausgefülltem Strafantragsformular einzig die Bestrafung der An-
geklagten (vgl. Urk. 2). Auch anlässlich der Zeugeneinvernahme wiederholte der
Zeuge Specogna, er habe nur gegen die Angeklagte einen Strafantrag gestellt,
weil sie beim zweiten (den vorliegend zur Beurteilung anstehenden) Vorfall das
Hausverbot gebrochen habe (vgl. Urk. 11 S. 3). Dabei ging er selber – wie an an-
derer Stelle bereits ausgeführt – davon aus, dass (zumindest) auch alle anderen
Vertreter der Unia sich nicht zu Recht auf der Baustelle aufgehalten hatten (vgl.
Urk. 11 S. 3 f.).
4.5.2. Abgesehen davon, dass der Zeuge C._ ausdrücklich bestätigte, nur ge-
gen die Angeklagte Strafantrag gestellt zu haben, welche Erklärung an und für
sich nicht an Deutlichkeit mangelt, lassen auch die übrigen soeben zitierten Aus-
führungen sowohl gegenüber der Polizei als auch gegenüber der Staatanwalt-
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schaft als Zeugen keinen anderen Schluss zu, als dass nach Auffassung der An-
tragstellerin einzig A._, nämlich die Angeklagte, strafrechtlich verfolgt werden
sollte, was auch mit der im Strafantragsformular festgehaltenen Erklärung über-
einstimmt.
4.5.3. Dass der Inhalt der Willenserklärung bzw. der Willensäusserung der An-
tragstellerin so war, steht aber auch aus einem anderen Grund fest: Wie den Aus-
sagen des Zeugen E._, des am fraglichen Tag anwesenden Bauleiters der
Firma B._, entnommen werden kann, hatte D._ von der Gewerkschaft
Unia am Vortag die Streikaktion telefonisch angekündigt (vgl. Urk. 10 S. 1). Dieser
D._, der nach Angaben der Angeklagten ihr Vorgesetzter war (vgl. Prot. S. 8)
und der seitens der Gewerkschaft die Federführung und Verantwortung für diese
Aktion hatte (vgl. Urk. 20 S. 3), erschien dann auch an jenem 2. April 2008 auf der
Zentrumsüberbauung und er war es, – dies nach der Darstellung des Zeugen
E._ (vgl. Urk. 10 S. 2) – der schlussendlich veranlasste, dass "die Unia Leute
und die anderen Bauarbeiter" auf die Baustelle kamen. Unter diesen Unia Leute
befand sich auch die Angeklagte (vgl. Urk. 10 S. 2). Nach E._ hielten sich in
der Folge insgesamt zwischen 6-10 Leute von der Unia und fremde Bauarbeiter
auf der Baustelle auf (Urk. 10 S. 2). Stellt man auf die Ausführungen dieses Zeu-
gen ab – Gründe, welche dagegen sprächen, sind keine ersichtlich – so hatte die
Intervention des Gewerkschafters D._ erst dazu geführt, dass die Teilnehmer
an der Streikaktion den Car verliessen und eine Anzahl davon schliesslich die
Baustelle gegen den Willen des Berechtigten betrat. D._ war somit der ei-
gentliche Anführer dieser Aktion, was der Zeuge E._ auch wahrnahm. Jener
hatte wie erwähnt die Streikaktion der Unia sogar vorangekündigt und war dem
Zeugen offensichtlich namentlich bekannt.
Auch der Zeuge C._ berichtete darüber, von Seiten der Unia sei eine Person
auf der Baustelle gewesen, welche "offensichtlich den Streik" geleitet habe und
sehr aggressiv aufgetreten sei (vgl. Urk. 11 S. 2). Dieser Streikleiter habe in sei-
nem Beisein (des Zeugen C._) mit E._ (dem Bauleiter) und dem Ge-
schäftsführer G._ gesprochen (vgl. Urk. 11 S. 2 und 3: "Ich stand ja
daneben..."). Im Beisein des Zeugen habe der Streikleiter an jenem Tag auch mit
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H._ von der Unia telefoniert und anschliessend sein Handy an G._ (den
Geschäftsführer) weiter gegeben, welcher ebenfalls mit dem Unia Chef H._
gesprochen habe (vgl. Urk. 11 S. 3). Diese Aussagen des Zeugen C._ do-
kumentieren, dass er die Tätigkeit des Streikleiters im Beisein des Bauleiters und
des Geschäftsführers der B._ wahrnahm. Zwar führte der Zeuge aus, dass
ihm der Streikleiter nicht bekannt war, insbesondere, dass er dessen Name nicht
wusste (vgl. Urk. 11 S. 2 und 3). Fest steht indessen, dass der Streikleiter, der die
Aktion vorangekündigt hatte und sich an jenem Tag bei seiner Ankunft auf der
Baustelle auch angemeldet hatte (vgl. Urk. 10 S. 2) dem Bauleiter E._ na-
mentlich bekannt war, welche Kenntnis der B._ angerechnet werden muss.
Eine einfache Rückfrage der Antragstellerin beim Bauleiter E._ bzw. bei der
Gewerkschaft Unia hätte im Übrigen dem Zeugen C._ die Identität des
Streikleiters klar machen können. Dass er dies unterliess und dass sich auch die
übrigen Verantwortlichen der B._ im Rahmen der Strafantragstellung nicht
darum kümmerten, zeigt wiederum, dass diese die Strafverfolgung von weiteren
Personen nie in Erwägung zogen, mithin diese nicht gewollt war, sondern dass al-
lein die Angeklagte zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Dies wiederum
stimmt mit dem Wortlaut des Strafantrages und den ausdrücklichen oben wieder
gegebenen Erklärungen desselben Zeugen C._ überein.
Die Darstellung der Strafantragstellerin nach Aufforderung der Vorinstanz zur
Auskunftserteilung (vgl. Urk. 25), von den Beteiligten sei nur die Angeklagte na-
mentlich bekannt (vgl. Urk. 28) erweist sich nach dem Gesagten – worauf auch
der Verteidiger zu Recht hinwies (vgl. Urk. 33 S. 2) – als offensichtlich falsch.
4.5.4. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Strafantragstellerin,
welche ihr Vorgehen gegen die Angeklagte mit dem zuvor erteilten Hausverbot
begründete, im Wissen um die Tatsache, dass diverse weitere Beteiligte bei der
geplanten Aktion gegen ihren Willen das Areal betraten, bewusst nur gegen die
Angeklagte Strafantrag stellen wollte und dies obwohl ihr von Anfang an weitere
an der Streikaktion Beteiligte bekannt waren. Aufgrund der durchgeführten Unter-
suchung, insbesondere der Befragung der oben erwähnten Zeugen, ist der Inhalt
der dem vorliegenden Strafantrag gegen die Angeklagte zugrundeliegenden Wil-
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lenserklärung klar. Er umfasste bewusst nur die Angeklagte und offenbarte damit
genau das von Art. 32 StGB verpönte Auspicken eines Täters, verletzte damit den
Unteilbarkeitsgrundsatz und hatte mithin einen rechtlich unzulässigen Inhalt mit
der Folge, dass der Antrag schlechthin als ungültig zu betrachten und das Straf-
verfahren daher gegen alle Beteiligten einzustellen wäre.
4.6. Zu klären ist indessen noch die Frage, ob die vom Bundesgericht im Ent-
scheid BGE 121 IV 150 statuierte Aufklärungs- und Belehrungspflicht gegenüber
dem Strafantragsteller daran etwas zu ändern vermag.
4.6.1. Das Bundesgericht präzisierte im Entscheid BGE 121 IV 150, in jenem Fall,
in welchem ein auf einzelne von mehreren Tatbeteiligten beschränkter Strafantrag
vorliege, sei davon auszugehen, dass der Strafantragsteller erstens einen gülti-
gen Strafantrag stellen wolle und dass er zweitens den Grundsatz der Unteilbar-
keit des Strafantrages sowie die in der Rechtsprechung festgelegten Folgen von
dessen Missachtung nicht im einzelnen kenne (BGE 121 IV 150 E. 3a.bb). Damit
bestehe grundsätzlich Anlass zu Zweifeln, ob der Antragsteller einen allfälligen
Willen, die im Strafantrag nicht genannten Tatbeteiligten vor der Strafverfolgung
zu bewahren, irrtumsfrei gebildet habe. In diesen Fällen treffe die Behörde nach
dem Grundsatz von Treu und Glauben und aus Gründen der Prozessökonomie
gegenüber dem Strafantragsteller eine Aufklärungs- und Belehrungspflicht. So
müsse die Behörde den Strafantragsteller möglichst rasch in geeigneter Form
darüber belehren, dass nach dem Gesetz entweder alle Tatbeteiligten zu verfol-
gen seien oder aber kein Tatbeteiligter verfolgt werden könne, und sie müsse ab-
klären, was der vor diese Alternative gestellte Strafantragsteller wolle (vgl. BGE
121 IV 150 E. 3a.bb). Ein Strafantrag, in dem nicht alle an der eingeklagten Tat
Beteiligten genannt würden – so das Bundesgericht weiter –, dürfe somit erst
dann wegen Verletzung des Grundsatzes der Unteilbarkeit für ungültig erklärt
werden, wenn fest stehe, dass der Strafantragsteller trotz seiner Belehrung über
diesen Grundsatz und die Folgen von dessen Missachtung die im Strafantrag
nicht genannten Tatbeteiligten vor der Strafverfolgung verschonen wolle (vgl.
BGE 121 IV 150 E. 3a.bb; vgl. auch Entscheid des Bundesgerichtes 6S.490/2002
vom 9. Januar 2004 E. 7.2). An der Massgeblichkeit der nach erfolgter Belehrung
- 15 -
abgegebenen Erklärung des Antragstellers hielt das Bundesgericht – wenn auch
im Zusammenhang mit dem Rückzug des Strafantrages – auch in einem späteren
Entscheid fest (vgl. auch BGE 132 IV 97).
4.6.2. In Nachachtung dieser höchstrichterlichen Rechtsprechung hielt die Vorin-
stanz mit Verfügung vom 22. Juni 2009, mithin nach durchgeführter Hauptver-
handlung, die Strafantragstellerin u.a. zur Erklärung an, in welchem Sinn der
Strafantrag zu verstehen sei (vgl. Urk. 43 S. 2 unter Hinweis auf BSK Strafrecht I -
Riedo N 22 f. zu Art. 186 StGB mit Hinweis auf BGE 121 IV 150), indem sie ihr
zur Beantwortung folgender Frage Frist ansetzte: "Soll lediglich die Angeklagte
oder sollen auch die weiteren, sich am 2. April 2008 auf dem Werkareal der Zent-
rumsüberbauung "..." aufhaltenden, betriebsfremden Dritten wegen Hausfrie-
densbruch gemäss Art. 186 StGB verfolgt werden (vgl. Urk. 25 S. 4 1c)?"
Innert Frist beantwortete die Antragstellerin die Frage wie folgt: "Es sollen alle
Beteiligten verfolgt werden. Von den Beteiligten ist jedoch nur A._ namentlich
bekannt, da ihr bereits vorgängig ein Hausverbot erteilt wurde" (vgl. Urk. 28 zu
1.c).
4.6.3. Es wurde bereits oben dargestellt, dass nicht davon ausgegangen werden
kann, der B._ sei im Zeitpunkt der Antragstellung lediglich die Angeklagte
bekannt gewesen (vgl. oben Ziff. 4.5.3). Bekannte Täter sind aber im Strafantrag
aufzuführen, was mit Bezug auf den Mitbeteiligten D._ nicht erfolgte.
4.6.4. In seiner Stellungnahme u.a. zur Erklärung der Strafantragstellerin vom
22. Juni 2009 (Urk. 28), dass alle Beteiligte verfolgt werden sollen, wies der Ver-
teidiger darauf hin, das Bundesgericht habe klipp und klar festgehalten, dass im
Falle eines Verstosses gegen das Unteilbarkeitsprinzip die Behörde den Strafan-
tragsteller "möglichst rasch" zu belehren und zu einer entsprechenden Erklärung
anzuhalten habe (vgl. Urk. 33 S. 2). Unter Hinweis auf eine Unterredung mit Prof.
Riedo machte er sodann geltend, dass das Bundesgericht wohl nur so verstanden
werden könne, dass die angesprochene Behörde so rasch zu handeln habe, dass
wenn möglich ein rechtsgültiger Strafantrag noch innerhalb der Strafantragsfrist
erhältlich zu machen sei. Eine Säumnis von über einem Jahr – wie im vorliegen-
den Fall – müsse als offensichtlich unvereinbar mit der bundesgerichtlichen
- 16 -
Rechtsprechung und dem auch für dieses prozessuale Vorkehren geltenden Be-
schleunigungsgebot nach BV und EMRK bezeichnet werden. Die Annahme eines
gültig gewordenen Strafantrages – so der Verteidiger weiter – stehe sodann in
Widerspruch zu verschiedenen strafprozessualen Grundsätzen (vgl. im Einzelnen
Urk. 33 S. 3).
4.6.5. Aus den Akten kann nicht geschlossen werden, es sei die Strafantragstelle-
rin vor der Hauptverhandlung darüber belehrt worden, dass nach dem Gesetz
entweder alle Tatbeteiligten zu verfolgen sind oder aber kein Tatbeteiligter verfolgt
werden kann. Ebenso wenig kann behauptet werden, vorliegend habe die Beleh-
rung über den Grundsatz der Unteilbarkeit des Strafantrages, welche mit Verfü-
gung vom 22. Juni 2009 nach Durchführung der Hauptverhandlung vom 10. Juni
2009 (vgl. Urk. 25 und Prot. S. 3 ff.), mithin 14 Monate nach der eingeklagten Tat,
durch die Vorinstanz erfolgte, "möglichst rasch" wie dies der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung entsprechen würde, statt gefunden. Diese Verzögerung er-
scheint hier zudem insofern als stossend, als von allem Anfang an klar war, dass
eine gemeinsame Streikaktion stattfand und dass dabei mehrere Beteiligte als Tä-
ter zur Diskussion standen (vgl. Polizeirapport, wo von einer "stürmischen Menge"
gesprochen wird, Urk. 1 S. 5). So war die Polizei an jenem 2. April 2008 an den
Tatort ausgerückt (vgl. Urk. 1 S. 4), weswegen auch behördlicherseits von Anfang
an nicht auf eine Einzeltäterschaft geschlossen werden konnte und daher sofort
Anlass zur Klärung bestanden hätte.
Zu berücksichtigen ist indessen, dass der gültig gegen einen Beteiligten gestellte
Strafantrag – ohne ausdrückliche Beschränkung – auch gegenüber allen andern
Tatbeteiligten gilt und dass die Tatsache, dass Mitbeteiligte von den Behörden
nicht verfolgt werden – was hier offenbar geschehen ist – entgegen der Auffas-
sung der Verteidigung (vgl. Urk. 33 S. 2) keinen Einfluss auf den Fortbestand des
Strafantrags gegenüber den andern Beteiligten hat (vgl. Entscheid des Bundesge-
richtes 6 S.490/2002 vom 9. Januar 2004 E. 7.2., vgl. auch Vorinstanz Urk. 43
S. 6). Damit lag von Anfang an ein gültiger Strafantrag vor, weswegen nicht ge-
sagt werden kann, die Vornahme der vom Bundesgericht geforderten Abklärun-
gen sei – wie der Verteidiger geltend machte – zwingend innerhalb der Strafan-
- 17 -
tragsfrist vorzunehmen gewesen. Das Bundesgericht schrieb sodann zwar vor,
die Belehrung habe "möglichst rasch" zu erfolgen (vgl. BGE 121 IV 153 E. 3a.bb),
ohne die zeitliche Bedeutung dieser Wendung zu verdeutlichen. In diesem Zu-
sammenhang ist indessen zu berücksichtigen, dass das Bundesgericht im zitier-
ten Entscheid vom 8. Juni 1995 (BGE 121 IV 150) ein Nachholen der Belehrungs-
und Aufklärungspflicht vorschrieb, obwohl der dem Entscheid zugrunde liegende
Sachverhalt die Mitbeteilung an Taten betraf, die im Jahre 1993 oder vorher statt-
gefunden hatten. Das Bundesgericht erachtete es also trotz Kenntnis dieser zeitli-
chen Komponente als durchaus angebracht, die Strafantragstellerin über die
rechtlichen Folgen einer persönlichen Beschränkung des Strafantrags noch zu
belehren (vgl. BGE 121 IV 154). Damit kann auch vorliegend nicht von einer in
zeitlicher Hinsicht unzulässigen oder verspäteten Rückfrage an die Antragstellerin
gesprochen werden. Dies obwohl zugegebenermassen nicht ganz einleuchten
will, inwiefern sich eine – wie hier – nach Jahr und Tag vorgenommene Aufklä-
rungs- und Belehrungspflicht "aus Gründen der Prozessökonomie" (vgl. BGE 121
IV 150 E. 3a.bb) rechtfertigen lassen soll, denn eine ohne Einbezug der weiteren
Beteiligten durchgeführte Untersuchung – will man verwertbare Beweismittel er-
reichen, was insbesondere bezüglich der Zeugeneinvernahmen gilt – müsste wohl
später wiederholt werden.
4.7. Wie schon oben dargelegt, spricht zwar einiges dafür, dass die Strafantrag-
stellerin tatsächlich nur die Angeklagte einer Strafverfolgung aussetzen wollte
(vgl. oben Ziff. 4.5.). Nach dem Gesagten ist aber nicht zu bemängeln, dass die
Vorinstanz erst nach Durchführung der Hauptverhandlung der vom Bundesgericht
vorgeschriebenen Aufklärungs- und Belehrungspflicht nachkam. Die Antwort der
Strafantragstellerin fiel denn auch deutlich aus (vgl. Urk. 28), so dass an deren
Willen alle an der Tat Beteiligten zu verfolgen, nicht mehr zu zweifeln ist. Damit
erweist sich der Strafantrag nach wie vor als gültig.
Nachdem das Bundesgericht im Übrigen fest gehalten hat, dass die Tatsache,
dass ein Mitbeteiligter von den Behörden nicht verfolgt wird, keinen Einfluss auf
den Fortbestand des Strafantrags gegenüber den andern Beteiligten hat (vgl. Ent-
scheid des Bundesgerichtes 6S.490/2002 vom 9. Januar 2004 E. 7.2., vgl. auch
- 18 -
BGE 110 IV 87 E. 1c.), ist für den vorliegenden Fall die Untätigkeit der Behörde
gegenüber den anderen Tatbeteiligten entgegen der Auffassung der Verteidigung
(vgl. Urk. 33 S. 3) auch nicht von Belang. Jedenfalls wirkte sich die Untätigkeit der
Behörden allenfalls als Verletzung des Beschleunigungsgebots gegenüber den
anderen später Tangierten aus, was Einfluss auf die konkrete Strafzumessung in
jenen Fällen – und nicht im vorliegenden – haben könnte. Eine weitere Verletzung
von irgendwelchen strafprozessualen Grundsätzen ist aber auch im Übrigen nicht
ersichtlich.
4.8. Zusammenfassend ist vorliegend von einem gültigen Strafantrag auszuge-
hen.
III. Strafbare Handlung
1. Vorgeschichte
1.1. Wie bereits dem vorinstanzlichen Urteil entnommen werden kann (vgl.
Urk. 43 S. 7 Ziff. 4.1.), verhandelten die Gewerkschaften, unter ihnen die Unia
und der Schweizerische Baumeisterverband (SBV), im Frühling 2007 über die Er-
neuerung des Landesmantelvertrages für das Schweizerische Baugewerbe. Die
Verhandlungen waren erfolgslos und endeten damit, dass der SBV am 23. März
2007 den Landesmantelvertrag kündigte, weshalb am 1. Oktober 2007 der ver-
tragslose Zustand begann (vgl. Urk. 21/1 S. 3). Bereits im Sommer/Herbst 2007
kam es an verschiedenen Orten in der Schweiz zu Streiks im Baugewerbe. Am
1. November 2007 streikten über 2500 Bauarbeiter in Zürich und Basel, insbe-
sondere die Bauarbeiter der B._ (hier die Antragstellerin) auf der Zentrums-
überbauung „...“. An der Streikaktion auf der erwähnten Baustelle hatte u.a. die
Angeklagte als Mitarbeiterin der Gewerkschaft Unia teilgenommen, welche dann
gleichentags von der B._ schriftlich mit einem unbefristeten Hausverbot für
die Zentrumsüberbauung belegt wurde (vgl. Urk. 4). Die Arbeitgeberin der Ange-
klagten, die Gewerkschaft Unia, teilte daraufhin der B._ am 26. November
2007 unter Berufung auf die verfassungsmässig garantierte Informations- und
Koalitionsfreiheit schriftlich mit, sie akzeptiere das Hausverbot nicht (Urk. 5). Im
- 19 -
selben Schreiben forderte die Unia die B._ ausdrücklich auf, den Gewerk-
schaftsvertreterinnen und Gewerkschaftsvertretern das Zutrittsrecht zu gewähren
und teilte wörtlich mit: „Aufgrund dieser Rechtslage betrachten wir das von Ihnen
gegenüber unseren Mitarbeitenden ausgesprochene Hausverbot als nicht rechts-
gültig und weisen unsere Leute dementsprechend an“ (vgl. Urk. 5). Das besagte
Schreiben ging in Kopie u.a. an diverse Polizeistellen und an die Angeklagte. Die
B._ reagierte in der Folge nicht auf dieses ihr mit eingeschriebener Post zu-
gestellte Papier.
1.2. Im März 2008 kam es zu weiteren Streiks in der ganzen Schweiz, am
1./2. April 2008 fand eine zweitägige Streikaktion in Zürich statt, an welcher sich
auch die Angeklagte beteiligte. So betrat sie am 2. April 2008 zusammen mit wei-
teren Gewerkschaftsmitgliedern der Unia und fremden Bauarbeitern das Gelände
der Zentrumsüberbauung „...“. Dabei versuchte sie die Bauarbeiter der B._
zur Teilnahme an der Streikaktion zu motivieren. Insgesamt verblieb die Ange-
klagte – was aufgrund des Anklagetextes zu ihren Gunsten anzunehmen ist – ei-
ne Stunde auf dem Werkgelände der B._.
1.3. Die Vorinstanz setzte sich in ihrem Entscheid vorerst im Allgemeinen mit
dem Tatbestand des Hausfriedensbruches auseinander, hielt dabei korrekt fest,
dass das Hausrecht geschütztes Rechtsgut von Art. 186 StGB ist und dass in ob-
jektiver Hinsicht für die Erfüllung des Tatbestandes erforderlich ist, dass der Täter
gegen den erkennbaren Willen des Berechtigten in die von Art. 186 erfassten
"Räume" eindringt oder dort verweilt, auf welche Ausführungen zur Vermeidung
von Wiederholungen verwiesen werden kann (vgl. Urk. 43 S. 8 f. Ziff. 4.3, § 161
GVG). Ebenso korrekt wies die Vorinstanz darauf hin, dass es an der Unrecht-
mässigkeit des Eindringens/Verweilens fehlt, wenn es sich um ein gesetzlich er-
laubtes Eindringen/Verweilen im Sinne von Art. 14 StGB handelt oder der Täter
sich auf einen Rechtfertigungsgrund berufen kann (vgl. Urk. 43 S. 9 Ziff. 4.3.).
1.4. Es ist unbestritten, dass die Zentrumsüberbauung "..." an jenem 2. April
2008 ein von Art. 186 StGB erfasster Werkplatz war (vgl. Urk. 1, 3 und 5, vgl.
auch oben Ziff. II.3.2.). Ebenso unbestritten ist, dass die Angeklagte an diesem
Tag diese Überbauung betrat und sich während ca. einer Stunde dort aufhielt.
- 20 -
Weiter ist das von der B._ gegenüber der Angeklagten am 1. November
2007 ausgesprochene unbefristete Hausverbot für die Zentrumsüberbauung ak-
tenkundig (vgl. Urk. 4).
1.5. Die Verteidigung hatte bereits vor Vorinstanz unter Berufung auf das verfas-
sungsmässige Recht der Koalitionsfreiheit und das ebenfalls verfassungsmässig
garantierte Streikrecht geltend gemacht, die Angeklagte habe als Funktionärin der
Tariforganisation (Gewerkschaft Unia) und damit als Trägerin dieser verfas-
sungsmässigen Rechte die fragliche Baustelle im Rahmen eines legalen, von der
Bundesverfassung gewährleisteten Arbeitskampfes legaler- und legitimerweise
betreten (Urk. 20 S. 4 ff.). Weiter hatte die Verteidigung ausgeführt, die Angeklag-
te habe sich in einem Rechtsirrtum befunden, da sie bei der Aktion vom 2. April
2008 davon ausgegangen sei, das Hausverbot habe keinen Bestand (Urk. 20 S. 9
f.). Schliesslich brachte der Verteidiger vor, aufgrund des Stillschweigens der
B._ nach Erklärung der Rechtslage seitens der Unia habe die Angeklagte
überdies annehmen dürfen und müssen, die im Hausverbot kundgegebene Wil-
lensäusserung sei hinfällig, weshalb mit Bezug auf diese Willensäusserung sie
sich in einem Sachverhaltsirrtum befunden habe (vgl. Urk. 20 S. 10). Auch im
Rahmen der Beanstandungen wiederholte die Verteidigung, die Angeklagte habe
nicht widerrechtlich gehandelt, zumal ihr Tun den ihr als Gewerkschafterin zuste-
henden Befugnissen entsprochen habe und berief sich weiter sowohl auf einen
Sachverhaltsirrtum als auch auf einen Irrtum über die Rechtswidrigkeit (vgl. Urk.
38).
An der Berufungsverhandlung wies der Verteidiger unter anderem erneut darauf
hin, dass sich die Angeklagte im Rahmen ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit am
2. April 2008 zulässigerweise auf dem Baustellenareal der B._ aufgehalten
habe. Der von der Vorinstanz vertretene Standpunkt, wonach Frau Duarte an die-
sem Streiktag ihre Funktion auch von ausserhalb des Baustellengeländes, mithin
vom öffentlichen Grund aus, hätte wahrnehmen können, sei nicht richtig. Ein sol-
ches Vorgehen wäre aufgrund der 10'000 m2 grossen und umfriedeten Baustelle
unmöglich gewesen. Würde das gewerkschaftliche Verhalten der Angeklagten
strafrechtlich sanktioniert, so könnten Unternehmen in Zukunft die Wahrnehmung
- 21 -
von verfassungsmässig garantierten Rechten vereiteln. Seine Mandantin habe
aber auch aus anderen Gründen rechtmässig gehandelt: So habe sie am 2. April
2008 nicht die geringsten Zweifel darüber gehegt, ihren Aufgaben auf der Baustel-
le der B._ nachkommen zu dürfen. Es könne keine Rede davon sein, dass
seine Mandantin den Hausfrieden vorsätzlich gebrochen habe, zumindest hätte
sie sich in einem Irrtum über den Sachverhalt befunden (Urk. 54). Dies bekräftigte
die Angeklagte anlässlich der Berufungsverhandlung auch selber. So führte sie
aus, sie sei der Meinung gewesen, dass das gegen sie erlassene Hausverbot be-
reits obsolet gewesen sei, nachdem sie von ihren Vorgesetzten entsprechend in-
formiert worden war. Sie habe sich auf diese Information verlassen, zumal sie
sich seit dem Erlass des Hausverbots und dem 2. April 2008 auch sicher zehn
Mal auf der Baustelle aufgehalten habe. Dabei sei das Hausverbot nie ein Thema
gewesen. Hätte aus ihrer Sicht ein Konflikt bestanden, so hätte man den Streiktag
anders organisiert, so dass sie die Baustelle der B._ gar nicht besucht hätte
(Prot. II S. 6).
1.6. Vorweg ist darauf hinzuweisen, dass die Anklageschrift der Angeklagten
einzig die Missachtung des am 1. November 2007 ausgesprochenen Hausverbo-
tes vorwirft. Weitere Sachverhaltsvarianten, wie beispielsweise ein Verweilen auf
dem Bauareal trotz erfolgter Wegweisung (vgl. Vorinstanz Urk. 43 S. 13 Ziff. 4.6)
oder auf den Hinweis hin, ihre Anwesenheit auf dem Werkgelände sei uner-
wünscht (vgl. Vorinstanz in Urk. 43 S. 9 Ziff. 4.4.1 a.E.) können daher in Befol-
gung des Anklageprinzips vorliegend nicht zur Diskussion stehen. Selbst wenn
man davon ausgehen wollte, die Anklageschrift erfasse auch diese weiteren
Varianten, so ist festzuhalten, dass der diesbezügliche Sachverhalt aufgrund der
Akten nicht erstellt wäre.
1.6.1. Vorab ist gestützt auf die durchgeführten Einvernahmen des Zeugen
E._ und C._ nicht erstellt, dass an jenem 2. April 2008 die Angeklagte
vom Bauareal weggewiesen wurde, wie dies die Vorinstanz in ihrer Begründung
fest hielt (vgl. Urk. 43 S. 13 Ziff. 4.6.). Nach den im Polizeirapport zusammenge-
fassten, mithin nicht unterzeichneten Aussagen äusserte E._, Bauleiter auf
der fraglichen Baustelle, die Angeklagte sei von C._ aufgefordert worden,
- 22 -
das Areal umgehend zu verlassen, was diese jedoch nicht getan habe (vgl. Urk. 1
S. 5). In Widerspruch dazu erklärte E._ auf entsprechende Frage als Zeuge
indessen, er gehe lediglich davon aus, die Angeklagte sei von C._ darauf
hingewiesen worden, dass sie sich in Missachtung des gegen sie ausgesproche-
nen Hausverbotes auf der Baustelle aufhalte (vgl. Urk. 10 S. 3), welche Aussage
offen lässt, ob dies tatsächlich so war. Von einer erfolgten Aufforderung an die
Adresse der Angeklagten zum sofortigen Verlassen des Areals ist in seinen weite-
ren Depositionen nirgends die Rede. Nachdem seine Aussagen als Zeugen – wie
gesehen – komplett anders lauten, verbietet es sich nicht nur aus prozessualen
Gründen (vgl. Einwand der Verteidigung in Urk. 38) auf das im Polizeirapport
Festgehaltene abzustellen.
1.6.2. Auch der Zeuge C._ machte im Übrigen – wie der Verteidiger zutref-
fend ausführte (Urk. 20 S. 10) – nicht geltend, die Angeklagte am 2. April 2008
ausdrücklich aufgefordert zu haben, das Gelände zu verlassen. Zwar gab er an,
die Angeklagte auf das Hausverbot angesprochen zu haben (Urk. 11 S. 2). Er füg-
te dann bei, sie habe ihm entgegnet, das sei geregelt und sie dürfe sich dort auf-
halten (Urk. 11 S. 2). Ob und wie der Zeuge C._ auf diesen Standpunkt rea-
gierte ist freilich unbekannt, jedenfalls wurde er diesbezüglich nicht weiter befragt.
Ebenso wenig ist bekannt, wann die Angeklagte die Baustelle verliess, insbeson-
dere ist mangels diesbezüglicher Befragung nicht klar, ob sie sich, und wenn ja
für wie lange, nach dem Vorhalt des Hausverbotes noch auf der Baustelle auf-
hielt.
1.6.3. Damit kann nicht als erstellt betrachtet werden – auch nicht aufgrund der
Aussagen der Angeklagten anlässlich der Hauptverhandlung und weitere Be-
weismittel liegen nicht vor –, die Angeklagte sei an jenem Tag konkret erneut zum
Verlassen der Baustelle aufgefordert worden.
1.7. Massgebend bleibt daher allein, ob das erwähnte Hausverbot Bestand hatte
bzw. ob die Angeklagte davon ausging, das früher ausgesprochene Hausverbot
habe für sie keine Gültigkeit bzw. sei hinfällig geworden.
- 23 -
1.7.1. Die Vorinstanz hielt vorerst dafür, das Verhalten der Angeklagten habe den
objektiven Tatbestand des Hausfriedensbruchs erfüllt (vgl. Urk. 43 S. 12). Dabei
setzte sie sich mit der Argumentation der Verteidigung auseinander und gelangte
– stark zusammengefasst – zum Schluss, bei den am 1./2. April 2008 durchge-
führten Streikaktionen habe es sich angesichts des tariflosen Zustandes im Bau-
gewerbe um rechtmässige Streiks im Sinne der Bundesverfassung und der vom
Bundesgericht diesbezüglich entwickelten Rechtsprechung gehandelt. Die Miss-
achtung des Hausrechts der Arbeitgeber resp. vorliegend der B._ sei eine
geeignete Vorgehensweise gewesen, am Morgen des 2. April 2008 noch mög-
lichst viele Bauarbeiter dieser Firma zur Teilnahme an den Streikaktionen zu be-
wegen (vgl. Urk. 43 S. 11 f.). Hingegen – so die Vorinstanz weiter – erweise sich
die Verletzung des Hausrechts des Arbeitgebers resp. der B._ als für die Or-
ganisation eines (rechtmässigen) Streiks nicht erforderlich, weil der Kontakt mit
den Arbeitnehmern resp. den Bauarbeitern auch ausserhalb des Firmengeländes
vom öffentlichen Grund aus habe organisiert werden können (vgl. Urk. 43 S. 12).
Mangels Erforderlichkeit erweise sich daher der gegen den Willen der Strafan-
tragstellerin durchgesetzte Zutritt zu deren Betriebsgelände als unverhältnismäs-
sig und sei entsprechend unrechtmässig gewesen (vgl. Urk. 43 S. 12).
Auch wenn die Verneinung der Verhältnismässigkeit nicht restlos zu überzeugen
vermag (die zur Diskussion stehende Baustelle war nach Darstellung des Zeugen
E._ mit Blechwänden eingezäunt (vgl. Urk. 10 S. 3), was eine Kontaktnahme
mit den Bauarbeitern ausserhalb des Firmengeländes vom öffentlichen Grund aus
nicht erleichterte), so können die sich in diesem Zusammenhang stellenden Fra-
gen dennoch offen gelassen werden. Denn wie zu zeigen sein wird, führen jeden-
falls selbst unter der Annahme, das Verhalten der Angeklagten habe den objekti-
ven Tatbestand des Hausfriedensbruchs erfüllt, andere Gründe zum Freispruch
der Angeklagten.
1.7.2. Die Vorinstanz hielt zutreffend fest, dass Hausfriedensbruch in subjektiver
Hinsicht vorsätzliches Handeln verlangt (vgl. Urk. 43 S. 12 Ziff. 4.5.). Auf die theo-
retischen Ausführungen der Vorinstanz zum Vorsatz kann hier zur Vermeidung
von Wiederholungen verwiesen werden (vgl. Urk. 43 S. 12 Ziff. 4.5., § 161 GVG).
- 24 -
Im Folgenden ist daher zu beurteilen, ob ein vorsätzliches Handeln der Angeklag-
ten vorliegt. Die Angeklagte beruft sich auf Sachverhaltsirrtum, mithin macht sie
einen Vorsatzmangel geltend (vgl. BGE 134 II 35 S. 5.3.).
Einem Sachverhaltsirrtum unterliegt, wer von einem Merkmal eines Straftatbe-
stands keine oder eine falsche Vorstellung hat. In diesem Fall fehlt dem Irrenden
der Vorsatz zur Erfüllung der fraglichen Strafnorm (vgl. BGE 129 IV 240 E. 3.1.).
Oder anders ausgedrückt liegt ein Sachverhaltsirrtum dann vor, wenn dem Täter
das Wissen um das Vorliegen eines von ihm objektiv verwirklichten Merkmals des
Tatbestandes und damit der gemäss Art. 12 Abs. 1 StGB geforderte Vorsatz fehlt
(vgl. Donatsch/Flachsmann/Hug/Weder, StGB Kommentar, 18. Auflage, Zürich
2010, N 1 zu Art. 13 StGB, S. 55). Handelt der Täter in einer irrigen Vorstellung
über den Sachverhalt, so beurteilt der Richter die Tat zugunsten des Täters nach
dem Sachverhalt, den sich der Täter vorgestellt hat (vgl. Art. 13 Abs. 1 StGB).
1.7.3. Die Vorinstanz verneinte einen Irrtum der Angeklagten über den Willen der
B._, am Hausverbot festzuhalten mit der Begründung, sie sei an jenem Mor-
gen von der herbeigerufenen Polizei nochmals auf das Hausverbot hingewiesen
worden. Aufgrund der Akten steht fest, dass die B._ im November 2007 die
Angeklagte im Anschluss an eine von der Unia organisierten Streikaktion mit ei-
nem unbefristeten Hausverbot für die Zentrumsüberbauung belegte (Urk. 4, vgl.
auch Zeuge C._ in Urk. 11 S. 2). Ebenso steht fest, dass die Gewerkschaft
Unia, die Arbeitgeberin der Angeklagten, mit Schreiben vom 26. November 2007
der B._ unter Angabe von Gründen mitteilte, das ausgesprochene Hausver-
bot nicht zu akzeptieren, dieses angesichts der Rechtslage als nicht rechtsgültig
zu betrachten und entsprechend die eigenen Leuten anzuweisen (vgl. Urk. 5). Ei-
ne Reaktion auf dieses Schreiben erfolgte unbestrittenermassen nicht.
1.7.4. Angesichts der Tatsache, dass das von der Arbeitgeberin der Angeklagten
verfasste Schreiben eine ausführliche Begründung für die Rückweisung des
Hausverbotes lieferte, insbesondere des Umstandes, dass dieses Hausverbot
darin – zu Recht oder zu Unrecht kann hier dahingestellt bleiben – klipp und klar
als nicht rechtsgültig bezeichnet wurde, machte die Verteidigung mit Fug geltend,
die Angeklagte habe – weil eine Reaktion auf das Schreiben ausblieb – zu Recht
- 25 -
angenommen, die B._ habe die Rechtsbelehrung verstanden und akzeptiert
(vgl. Urk. 20 S. 9, vgl. auch Aussagen der Angeklagten an der Hauptverhandlung
Prot. I S. 8). Aufgrund des Stillschweigens der
C._ durfte und musste die Angeklagte aber auch annehmen, die dem Haus-
verbot zugrundeliegende Willensäusserung sei hinfällig. Anhaltspunkte dafür,
dass die Angeklagte davon ausging, das Hausverbot sei für sie nicht mehr aktuell,
geht mustergültig auch aus der vom Zeugen C._ geschilderten Reaktion der
Angeklagten auf seinen Hinweis auf das Hausverbot hin, welche lautete, das sei
geregelt und sie dürfe sich dort aufhalten (Urk. 11 S. 2). Denn hier ist klar der Be-
zug der Angeklagten zum nicht beantworteten Schreiben der Unia erkennbar.
Auch gegenüber der vor Ort erschienenen Polizei machte die Angeklagte in An-
lehnung an die von der Unia damals schriftlich abgegebene Rechtsbelehrung gel-
tend, das Hausverbot gelte für sie nicht, da streiken ein Grundrecht sei und sie
deswegen auf der Baustelle sein müsse (Prot. I S. 10). Zu berücksichtigen ist in
diesem Zusammenhang sodann, dass die Angeklagte zusammen mit ihrem Vor-
gesetzten Ricciardi, der die Streikaktion leitete, auf der Baustelle erschien, damit
im Rahmen einer ihr von ihrem Arbeitgeber Unia zugeteilten Arbeit. Auch aus der
Tatsache, dass ihr Vorgesetzter ihren Einsatz ausgerechnet bei dieser Baustelle
C._ anordnete, musste sie doch darin bestärken, dass das im November
2007 ausgesprochene Hausverbot sie nicht mehr betraf. Weiter ist von Belang,
dass sich die Angeklagte zwischen dem Erlass des Hausverbotes und der Streik-
aktion vom 2. April 2008 offenbar ca. zehn Mal auf der Baustelle aufgehalten hat-
te, ohne dass seitens der B._ irgendwelche Einwände erhoben wurden. Mit-
unter wurde sie bei diesen Besuchen nie auf das Hausverbot angesprochen oder
gar weggewiesen (Prot. II S. 6 ff.). Dabei wird ohne Weiteres klar, dass auch die-
se Tatsache der Angeklagten Beweis dafür lieferte, dass sie nichts Unrechtes tat.
Bei diesem Stand der Dinge kann aber nicht mehr gesagt werden, die Angeklagte
habe eine Verletzung des Hausverbotes auch nur in Kauf genommen, weshalb
sie nicht vorsätzlich handelte. Da fahrlässiger Hausfriedensbruch ohnehin nicht
strafbar ist, ist die Angeklagte freizusprechen.
1.7.5. Zu Unrecht schloss also die Vorinstanz ein Irrtum der Angeklagten über den
Willen der B._, am Hausverbot festzuhalten, aus. Wie schon oben ausge-
- 26 -
führt, begründete die Vorinstanz den Vorsatz des Angeklagten damit, sie habe
u.a. „trotz nachfolgender Wegweisung“ den Werkplatz betreten (vgl. Urk. 43 S. 13
Ziff. 4.6.), welcher Vorwurf indessen nicht Inhalt der Anklage bildet und damit
nicht herangezogen werden kann. Dass eine Wegweisung überhaupt erfolgte,
lässt sich mit dem vorliegenden Beweismaterial – wie oben erörtert (vgl. oben Ziff.
1.6.) – nicht erstellen. Im Übrigen setzte sich die Vorinstanz über das Vorbringen
der Angeklagten hinweg, sie habe sich im Anschluss an den 1. November 2007
mehrmals auf der Baustelle C._ aufgehalten (Urk. 20 S. 9 und Prot. I S. 7 f.)
und sei dabei nie weggewiesen worden (Prot. I S. 7). Für die Richtigkeit dieses
Vorbringen berief sich die Angeklagte bereits anlässlich der Hauptverhandlung
(vgl. Urk. 20 S. 9) aber auch im Rahmen des Berufungsverfahrens (vgl. Urk. 50)
auf den Zeugen E._ (vgl. Urk. 20 S. 9). Nachdem heute auch ohne die Ein-
vernahme des Zeugen E._ davon ausgegangen wird, die Angeklagte habe
nicht vorsätzlich gehandelt, erübrigt es sich, diesem Beweisantrag Folge zu leis-
ten.
1.8. Die Angeklagte ist damit freizusprechen.
IV. Kosten und Entschädigungsfolgen
1. Wird die Angeklagte freigesprochen, so werden ihr die Verfahrenskosten nicht
auferlegt, es sei denn, sie hätte die Einleitung der Untersuchung durch ein ver-
werfliches oder leichtfertiges Benehmen verursacht oder ihre Durchführung er-
schwert (§ 189 Abs. 1 u. 5 StPO). Dies kann im vorliegenden Fall der Angeklag-
ten nicht vorgehalten werden, weshalb die erstinstanzliche Kostenauferlegung
(Ziff. 5) aufzuheben ist. Die Kosten der Untersuchung sowie des erstinstanzlichen
Verfahrens sind bei dieser Ausgangslage auf die Gerichtskasse zu nehmen.
2. Die Auflage der Kosten und die Zusprechung einer Entschädigung im Beru-
fungsverfahren erfolgen in der Regel im Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen
der Verfahrensbeteiligten (§ 396a StPO). Die Angeklagte obsiegt mit ihren Anträ-
gen vollumfänglich, weshalb ihr keine Kosten aufzuerlegen sind. Demgegenüber
unterliegt die Staatsanwaltschaft mit ihrem Antrag auf Bestätigung des erst-
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instanzlichen Urteils. Nachdem der Staatsanwaltschaft als staatliche Behörde kei-
ne Gebühren und Auslagen auferlegt werden dürfen (§ 203 Ziff. 1 GVG), sind die
Kosten für das Berufungsverfahren auf die Gerichtskasse zu nehmen.
3. Gestützt auf § 191 StPO ist der freigesprochenen Angeklagten unter Verweis
auf die Voraussetzungen von § 43 StPO eine Entschädigung aus der Staatskasse
zuzusprechen, wenn ihr wesentliche Kosten und Umtriebe erwachsen sind und
sie die Untersuchung nicht durch ein verwerfliches oder leichtfertiges Benehmen
verursacht oder ihre Durchführung erschwert hat.
3.1 Die Angeklagte bezifferte ihre Anwaltskosten bis und mit erstinstanzliches
Verfahren auf Fr. 6‘558.20 (einschliesslich Spesen und Mehrwertsteuer von
7.6 %; vgl. Urk. 21/12 und Prot. I S. 13). Ihr Verteidiger wies darauf hin, bei den
Anwaltskosten sei von der effektiven Anwaltsrechnung auszugehen und keine
Pauschale auszusprechen (vgl. Prot. I S. 13 unter Hinweis auf ZR 102 Nr. 49).
3.2 Die Angeklagte hat nicht geltend gemacht, es seien ihr, abgesehen von den
Verteidigungskosten, durch das Verfahren Aufwendungen oder ein Lohnausfall
entstanden. Zu entschädigen bleibt damit der Aufwand für die Verteidigung, wel-
cher – nach wie vor (vgl. Einwand Verteidigung in Prot. I S.13) – gestützt auf die
Verantwortung, die Schwierigkeit des Falles und den notwendigen Zeitaufwand in
Anwendung der §§ 2 Abs. 2, 10 Abs. 1 lit. a, 10 Abs. 2 lit. a und 12 Abs. 1 der
Verordnung über die Anwaltsgebühren (AnwGebV) zu bemessen ist. Der Vertei-
diger wurde von der Angeklagten erst im Oktober 2008 mandatiert, war damit
nicht von Anfang an dabei. Das Verfahren wurde vor Vorinstanz in einzelrichterli-
cher Kompetenz durchgeführt und der Aktenumfang war beschränkt; es stellten
sich indessen nicht alltägliche Rechtsfragen. Die Entschädigung für das Untersu-
chungsverfahren ist anhand des geltend gemachten Stundenaufwandes bis zum
Eingang der Anklageschrift mit 6.5 Stunden zu entschädigen, wobei diesbezüglich
ein Stundenansatz von Fr. 300.-- (Bandbreite Stundenansatz gemäss § 11 Abs. 2
AnwGebV: Fr. 150.-- bis Fr. 350.--) angemessen erscheint (total Fr. 1'950.--), die-
jenige für das erstinstanzliche Verfahren ist auf Fr. 5'250.--, mithin auf total
Fr. 7'200.--, exklusiv Barauslagen, exkl. Mehrwertsteuer, festzusetzen. Für das
Berufungsverfahren ergibt sich gestützt auf den vom Verteidiger geltend gemach-
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ten Aufwand eine Entschädigung von Fr. 3'600.--. Damit beläuft sich die Entschä-
digung des Stundenaufwandes für das gesamte Verfahren auf Fr. 10'800.--. Unter
Berücksichtigung der vom Verteidiger aufgeführten Barauslagen von Fr. 214.75
sowie nach Hinzurechnung der Mehrwertsteuer von 7.6 % auf dem Betrag von
Fr. 11'014.75 (= Fr. 837.10) ist damit der Angeklagten eine Prozessentschädigung
von total Fr. 11'851.85.-- zuzusprechen (vgl. Urk. 56).