Decision ID: 7fd66e3a-a714-446f-b857-3f0f257cef03
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1966,
durchlief
in Kosovo
die Ausbildung an einer S
chule
für Kunst und Industriedesign
(vgl. das Diplom in
Urk.
7/63/3)
.
N
achdem er von 1988 bis 2002
in Deutschland, Spanien und der T
ürkei in verschiedenen Funk
tionen als Hilfsarbeiter tätig gewesen war, zog er i
m
Dezember 2003
in die
Schweiz
und versah
hier
ab Mai 2004
wiederum
verschiedene Stellen als H
ilfsar
beiter
(
Leben
s
la
uf und Zeugnisse in Urk. 7/43/1
13
,
Urk.
7/63/5-8 und Urk.
7/69
;
Auszug a
us
dem individuellen Konto vom 4.
Mai 2017,
Urk.
7/48
). Nachdem im Dezember 2006 eine befristete
Anstellung bei der Z._
AG geendet hat
te (Angaben der Z._
vom 1
2.
Mai 2009,
Urk.
7/12), bezog
X._
Arbeitslosenentschädigung, bis er Ende Januar 2008 ausgesteuert wurde
(vgl. die Unterlagen der Arbeitslosenka
sse des Kantons Zürich, Urk. 7/1
6).
1.2
Am 1
5.
April 2008 war
X._
am Steuer seines Personenwagens von einem Auffahrunfall betroffen, bei dem ein anderer Wagen ins Heck seines Wagens fuhr (vgl. die Unterlagen des Haftpflichtversicherers Axa,
Urk.
7/19).
Nachfolgend klagte er über persistierende
Kopf- und Nackens
chmerzen
mit Aus
strahlung in die Schultern und wurde durch die
Hausärztin
Dr.
med. A._
, Fachärztin für Allgemeine Me
dizin, und durch
Dr.
med. B._
, Facharzt für Rheumatologie, behandelt sowie durch
Dr.
m
ed. C._
, Facharzt für Neurologie, konsilia
r
isch untersucht
(Bericht von
Dr.
A._
vom 23.
September 2008
,
Urk.
7/19/23-24
;
Bericht von
Dr.
C._
vom 1
0.
Oktober 2008,
Urk.
7/19/21-22;
B
erich
t von
Dr.
B._
vom 2
4.
April 2009
, Urk.
7/13/12-13).
Im März 2009 meldete sich
X._
mit H
inweis auf das Ereignis vom 15.
April 2008 bei der Invalidenversicherung an (
Urk.
7/5). Die Sozial
versiche
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-S
telle, holte die
Bericht
e
von
Dr.
B._
vom 27.
/2
8.
April 2008
und vom
7.
Dezember 2009 (
Urk.
7/10 und
Urk.
7/29)
und den Bericht von
Dr.
A._
vom 3
0.
April 2008 ein
(Urk.
7/13
/1-8); ausserdem verfasste die p
sychiatrische Po
liklinik der
psychiatrischen Klinik D._,
Ambulatorium
wo der Versicherte seit Ende Mai 2009 behan
delt wurde
, die Berichte vom
3.
und vom 3
0.
November 2009 zuhanden der IV
Stelle (
Urk.
7/26 und
Urk.
7/27+28). Mit Verfügung vom 2
2.
Juli 2010 verneinte die IV-Stelle den Anspruch des Versicherten auf eine Invalidenrente (
Urk.
7/39;
Einkommensvergleich und Feststell
ungsblatt in Urk.
7/30 und Urk.
7/31); die Verfügung blieb unangefochten.
1.3
1.3.1
Nachdem
X._
im April 2015 eine Vollzeit
stelle als Maler bei der
E._
AG aufgenommen hatte
(Arbeitsvertrag vom
9.
April 2015,
Urk.
7/43/14-15)
und ihm der Arbeitsvertrag
am 3
0.
September 2015 wegen Arbeitsmangels per Ende Oktober 2015 wieder gekündigt worden war (vgl.
Urk.
7/58/50-52),
stürzte er am
5.
Oktober 2015 auf einer Baustelle (Schadenmeldung UVG vom
8.
Oktober 2015,
Urk.
7/58/4-5) und erlitt Kontusionen der Lendenwirbelsäule und des Kreuzbeins (Bericht von
Dr.
A._
vom 1
0.
Dezember 2015,
Urk.
7/58/28).
Die Suva anerkannte ihre Leistungspflicht für die Folgen dieses Ereignisses (Brief vom 1
2.
Oktober 2015,
Urk.
7/58/7) und führte mit d
em Versicherten am 15.
Januar 2016 eine Besprechung durch (
Urk.
7/58/42-43). Diese fand
i
n der p
sychiatrischen Klinik D
._
, Zentrum für Soziale Psychiatrie, Krisenintervention stationär,
statt, wo der Versicherte damals wegen einer depressiven Symptomatik behandelt wurde (Beri
cht von
Dr.
A._
vom 6.
Februar 2016,
Urk.
7/58/53
;
Austrittsbericht des Kriseninterventions
zentrums vom 1
9.
Januar 2016,
Urk.
7/56/13-14
). Mit Schreiben vom
4.
März 2016 infor
mierte die Suva den Versicherten
gestützt auf eine kreisärztliche Stellungnahme von
Dr.
med. F._
, Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation (
Urk.
7/58/46),
über die Einstellung der Versicherungsleistungen auf diesen Tag hin (
Urk.
7/58/56-57
).
Dr.
A._
ersuchte die Suva im Namen des Versi
cherten mit Schreiben vom 1
1.
März 2016 um eine neue Einschätzung (
Urk.
7/58/63 mit dem beigelegten
Radiologiebericht
der Klinik
G._
vom 2
9.
Februar 2016
,
Urk.
7/58/6
4
); diese hielt jedoch nach Rück
sprache mit dem Kreis
arzt
Dr.
med. H._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates (Stellung
nahme vom 31.
März 2016,
Urk.
8/58/67)
, mit Schreiben vom
1.
April 2016 an ihrer Leistungs
einstellung fest und wies auf das Recht des Versicherten hin, eine
einsprachefähige
Verfügung zu verlangen (
Urk.
7/58/68).
1.3.2
In der Folge meldete sich
X._
am
5.
April 2017 erneut bei der Invali
denversicherung an (
Urk.
7/44).
Die IV-Stelle zog die Akten der S
uva bei
(
Urk.
7/58/1-76) - das Begehren um eine
einsprachefähige
Verfügung war unterblieben -,
holte
den Bericht von
Dr.
A._
vom 1
0.
Juni 2017 ein (
Urk.
7/56/1-8, mit dem beigelegten B
eri
cht von
Dr.
B._
vom 2
5.
April 2016,
Urk.
7/56/11-12)
,
nahm den Bericht
des Zentrums für Soziale
Psychiatrie, Ambulatorium, der psychiatrischen Klinik D._
vom
9.
Mai 2017 über die ambulante Behandlung des Versicherten seit Januar 2016 zu den Akten (
Urk.
7/61/1
-
2, ver
fasst zuhanden des Migrationsamtes) und liess durch
das Zentrum für Depressionen, Angsterkra
nkungen und Psychotherapie der psychiatrischen Klinik D._
, wo der Versicherte vom 2
0.
Februar bis zum 2
1.
April 2017 hospitalisiert gewesen war (Kurzaustrittsbericht vom 2
1.
April
2017,
Urk.
7/61/3-4; Austrittsbericht vom 1
7.
Mai 2017,
Urk.
7/78/7
12),
den Bericht vom
9.
Juni 2017
erstellen (
Urk.
7/59)
.
Im Oktober 2017 nahm der V
ersicherte im Zuge von
Frühinterventions
mass
nahmen
ein
Assessment zur Arbeitsvermittlung
auf, das von der Einrichtung
I._
angeboten wurde (
Mitteilung der IV
Stelle und Zielvereinbarung je vom 1
1.
Oktober 2017,
Urk.
7/64 und
Urk.
7/66). Dieses wurde im Dezember 2017 vorzeitig beendet, nachdem sich der Versicherte nicht ausreichend zur aktiven und verbindlichen Teilnahme in der Lage gesehen hatte (Abschlussbericht und Begleitbrief des
I._
vom 21.
Dezember 2017,
Urk.
7/70 und
Urk.
7/72;
Verlaufsprotokolle der Ein
gliede
rungs
beratung in
Urk.
7/74;
Mitteilung der IV
Stelle vom 2
2.
Dezember 2017,
Urk.
7/73).
1.3.3
Im Rahmen der Rentenprüfung holte die IV-S
telle anschliessend den
Verlaufsbe
richt von
Dr.
A._
vom 1
8.
März 2018
ein (
Urk.
7/78
/1-6
) und liess sich
am 3
0.
April 2018
von der
p
sychiatrischen Klinik D._
, Zentrum für Soziale Psychiatrie, Ambulatorium,
berichten, wo der Versicherte bis Mitte März 2018 weiterhin behandelt worden war
(
Urk.
7/80
).
Nachdem eine Fortführung der psychiatrischen Behandlung zunächst nicht zustande gekommen war (vgl.
Urk.
7/83-99), begab sich der Versicherte auf die Veranlassung des zuständigen
Sozialhilfez
entrums (Einverständniserklärung vom
7.
Mai 2019,
Urk.
7/103)
im Mai 2019
in eine
Behandlung
in
der p
sychiatrischen
Poliklinik J._
. Die IV-Stelle holte deren Bericht vom 1
4.
November 2019 ein (
Urk.
7/113
/1-6)
und beauftragte anschliessend
auf die Empfehlung des RAD
Arztes
pract
. med. K._
, Facharzt für Arbeitsmedizin, vom
6.
Januar 2020
hin
(
Urk.
7/140/8-9)
die
L._
AG mit der polydisziplinären Begutachtung des Versicherten (Mitteilung vom 1
1.
Februar 2020,
Urk.
7/125). Diese stellte ihr Gutachten am 2
4.
August 2020 fertig (
Urk.
7/137;
mit den Teilgutachten von Dr.
med. M._
, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin,
Dr.
med. N._
, Facharzt für O
rthopädie und Rheumatologie, O._
, Fachpsychologin für Neur
o
psychol
o
gie, und med.
pract
. P._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und mitunterzeichnet von Prof.
Dr.
med. Q._
, Facharzt für Neurologie und medizinischer Leiter der
L._
AG).
1.3.4
Die IV-Stelle holte die Stellungnahme
von
pract
. med.
K._
vom 8.
Septem
ber 2020 zum Gutachten der
L._
AG ein (
Urk.
7/140/9-10
) und eröffnete dem Versicherten daraufhin mit Vorbescheid vom 1
1.
November 2020, dass eine invalidenversicherungsrechtlich relevante gesundheitliche Beein
trächtigung nicht habe nachgewiesen werden können, weshalb sein Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung schon deswegen zu verneinen sei. Ausser
dem sei ihm
im Gutachten eine 70%ige Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten und in angepassten Tätigkeiten bescheinigt worden und es könne somit auch aus diesem Grund kein
Rentenanspruch entstehen (Urk.
7/142; Feststellungsblatt in
Urk.
7/140).
Gleichzeitig forderte die IV-Stelle den V
ersicherten im Hinblick auf all
fällige künftige Ansprüche
zur Fortführung der fachpsychiatrischen Behandlung, der Anpassung der psychopharmakologischen Therapie und gegebenenfalls zur Durchführung einer
stationären Behandlung auf (
Urk.
7/141).
Der Versicherte, vertreten durch
Y._
(
MSc
ZFH in Management
and
Law), Soziale Dienste der Stadt Zürich, liess mit den Eingaben vom 2
9.
Januar und vom
3.
März 2021 Einwendungen erheben (
Urk.
7/148 und
Urk.
7/158) und liess die Einwendunge
n durch eine Stellungnahme der p
sychiatrischen
Poliklinik J._
vom 2
6.
Februar 2021 zum psychiatrischen Teilgutachten der
L._
AG ergänzen (
Urk.
7/157).
Die IV-Stelle unterbreitete die
se Stellungnahme
der
L._
AG (Rückfragen vom 2
6.
März 20
21,
Urk.
7/160) und nahm
die Aus
führungen von med.
pract
. A.
P._
und Prof.
Dr.
Q._
hierzu
vom 17.
Juni 2021 entgegen (
Urk.
7/166). Der Versicherte liess von der Gelegenheit, sich dazu zu äussern, mit Eingabe vom 1
4.
Juli 2021 Gebrauch machen (Urk.
7/168).
Nach Einholen der weiteren Stellungnahme von
pract
. med.
K._
vom 2
6.
Juli 2021 (
Urk.
7/170/4-5) entschied die IV-Stelle mit Verfügung vom 2
9.
Juli 2021
im Sinne ihres Vorbescheids
und verneinte den Anspruch des Versicherten auf (weitere) Leistungen der Invalidenversicherung (
Urk.
2 =
Urk.
7/169; Fest
stellungsblatt in
Urk.
7/170).
2.
Mit Eingabe vom
9.
September 2021 liess
X._
durch
Y._
der Sozialen Dienste der Stadt Zürich gegen die Verfügung vom 2
9.
Juli 2021 Beschwerde erheben (
Urk.
1) und beantragen, die Verfügung sei aufzuheben, es seien weitere medizinische Abklärungen in die Wege zu leiten und hernach sei über den Leistungsanspruch erneut zu befinden, eventualiter sei ihm mindestens eine befristete Rente zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2).
In prozessualer Hinsicht liess er um die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ersuchen (
Urk.
1 S. 2). Die IV-Stelle schloss in der Beschwerdeantwort vom
1.
Oktober 2021 auf Abwei
sung der Beschwerde (
Urk.
6). Mit Verfügung vom
5.
Oktober 2021 wurde dem Beschwerdeführer antragsgemäss die unentgeltliche Prozessführung gewährt und er wurde von der Beschwerdeantwort und den damit eingereichten Unterlagen (
Urk.
7/1-175) in Kenntnis gesetzt (
Urk.
9).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Am
1.
Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 3
1.
Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesund
heit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verblei
bende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen (Satz 1). Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Satz 2).
2.2
Im Hinblick auf das Erfordernis in Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG hat das Bundes
gericht spezifische Leitlinien aufgestellt. Im Grundsatzurteil vom 3. Juni 2015 (BGE 141 V 281) hat es in Änderung seiner bisherigen Rechtsprechung ein neues Prüfungsraster in Form von spezifischen Standardindikatoren entwickelt, anhand dessen die Auswirkungen von sogenannten
pathogenetisch
-ätiologisch unklaren
syndromalen
Beschwerdebildern ohne nachweisbare organische Grundlage, ins
besondere von somatoformen Schmerzstörungen und vergleichbaren Leiden, zu ermitteln sind. Das Raster präsentiert sich wie folgt (BGE 141 V 281 E. 4.1.3 und E. 6):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad»
-
Komplex «Gesundheitsschädigung»
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder –
resistenz
-
Komorbiditäten
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Ressourcen)
-
Komplex «Sozialer Kontext»
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen ver
gleich
baren Lebensbereichen
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck.
In einem weiteren Schritt hat das Bundesgericht in zwei Grundsatzurteilen vom 30. November 2017 die Anwendbarkeit der neu entwickelten Standardindi
ka
toren auf grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen ausgedehnt, indem es für alle diese Erkrankungen das strukturierte Beweisverfahren als mass
gebend erklärt hat (BGE 143 V 418 E. 7, BGE 143 V 409 E. 4.4 und E. 4.5). Damit hat das Bundesgericht insbesondere seine bisherige restriktive Rechtsprechung zu den depressiven Störungen fallengelassen und nicht länger daran festgehalten, dass Depressionen leicht- bis mittelgradiger Natur nur dann als invalidisierende Krankheiten in Betracht kommen, wenn sie erwiesenermassen therapieresistent sind. Ferner hat das Bundesgericht mit einem Grundsatzurteil vom 1
1.
Juli 2019 die Unterscheidung zwischen invalidenversicherungsrechtlich irrelevanten primären Abhängigkeitssyndromen und invalidenversicherungsrechtlich relevan
ten krankheitswertigen Folgen oder Ursachen eines Abhängigkeits
syndroms auf
gegeben und hat neu erkannt, dass bei fachärztlich diagnostizierten Abhängigkeits
syndromen wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen nach dem strukturierten Beweisverfahren mittels Standardindikatoren zu ermitteln ist, ob und gegebenenfalls inwieweit sich diese Leiden im Einzelfall auf die Arbeits
fähigkeit der versicherten Person auswirken (BGE 145 V 215 E. 7).
2.3
Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG haben Versicherte Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie mindestens zu 70 %, auf eine
Dreiviertelsrente
, wenn sie mindestens zu 60 %, auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 % oder auf eine
Viertels
rente
, wenn sie mindestens zu 40 % invalid sind.
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG (in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG) aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sogenanntes Invalidenein
kommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (sogenanntes
Valideneinkommen
).
Der Rentenanspruch entsteht nach Art. 28 Abs. 1 IVG frühestens in dem Zeit
punkt, in dem die versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40 % arbeitsunfähig war (
lit
. b), sofern sie nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid ist (
lit
. c). Zusätzlich kann der Rentenanspruch gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG nicht vor Ablauf von sechs Monaten nach der Geltendmachung entstehen.
Während für die Erwerbsunfähigkeit (Art. 7 ATSG) und den Invaliditätsgrad (Art. 8 und Art. 16 ATSG), wie sie nach Art. 28 Abs. 1
lit
. c IVG massgebend sind, nach dem Einkommen zu fragen ist, das eine Person auf dem gesamten in Frage kommenden Arbeitsmarkt mit einer dem Gesundheitsschaden angepassten zumut
baren Tätigkeit erzielen könnte, beurteilt sich die Arbeitsunfähigkeit (Art. 6 ATSG), wie sie für das Wartejahr nach Art. 28 Abs. 1
lit
. b IVG massgebend ist, nach der gesundheitlich bedingten Einbusse an funktionellem Leistungsver
mögen, und es kommt dabei in der Regel einzig auf die Einschränkungen im bisherigen Beruf an (vgl. BGE 130 V 97 E. 3.2, 105 V 156 E. 2a, 97 V 226 E. 2).
2.4
Invalide oder von einer Invalidität bedrohte Ver
sicherte haben nach Art. 8 Abs.
1 IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen. Zu diesen Massnahmen gehören die Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung nach
Art.
14a IVG (
Art.
8
Abs.
3
lit
.
a
bis
IVG) und die in
Art.
15 ff. IVG geregelten Massnahmen beruflicher Art (
Art.
8
Abs.
3
lit
. b IVG).
Nach dem Prinzip «Eingliederung vor Rente», wie er in
Art.
28
Abs.
1
lit
. a IVG in der ab Januar 2008 geltenden Fassung ausdrücklich festgeschrieben worden ist, aber schon vorher gegolten hatte, kann vor der Durchführung von Einglie
de
rungsmassnahmen, insbesondere derjenigen beruflicher Art, eine Rente grund
sätzlich nur gewährt werden, wenn die versicherte Person wegen ihres Gesund
heitszustandes (noch) nicht eingliederungsfähig ist (Urteil des Bundesgerichts 9C_186/2009 vom 2
9.
Juni 2009 E. 3.2 mit Hinweisen, insbesondere auf BGE 121 V 190 E. 4a und c). Ausserdem schliesst das Bundesgericht in bestimmten Konstellationen einen Rentenanspruch auch bei an sich eingliederungsfähigen
Personen solange nicht aus, als die Erwerbsunfähigkeit nicht oder noch nicht mit geeigneten Eingliederungsmassnahmen tatsächlich behoben oder in einer für den Rentenanspruch erheblichen Weise verringert werden konnte (vgl. Urteil des Bun
desgerichts I 291/05 vom 3
1.
März 2006 E. 3.2 mit Hinweis; vgl. auch die Urteile des Bundesgerichts 9C_892/2011 vom 2
1.
September 2012 E. 3.3.1 und 9C_420/2011 vom 2
1.
Juli 2011 E. 4.2 mit Hinweisen).
2.5
Ändert sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines Rentenbezü
gers erheblich, so wird die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die
Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1 ATSG
). Anlass zur Rentenrevision gibt rechtsprechungsgemäss jede wesentliche Ände
rung in den tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditäts
grad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen (vgl. BGE 130 V 343 E. 3.5 mit Hin
weisen). Liegt in diesem Sinne ein Revisionsgrund vor, so besteht nach der höchst
richterlichen Rechtsprechung keine Bindung mehr an das Mass der übrigen, unverändert gebliebenen Parameter, die dem vorangegangenen rechtskräftigen Entscheid zugrunde gelegt worden sind. Vielmehr ist der Rentenanspruch für die Zukunft
diesfalls
in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht frei und umfassend zu prüfen (vgl. BGE 141 V 9 E. 2.3, 117 V 198 E. 4b, je mit Hinweisen). Unerheblich unter revisionsrechtlichen Gesichtspunkten ist dagegen nach der Rechtsprechung die unterschiedliche Beurteilung eines im Wesentlichen unverändert gebliebenen Sachverhaltes (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
Die Grundsätze zur Rentenrevision gelten rechtsprechungsgemäss auch dort, wo sich eine versicherte Person, deren Rentenanspruch verneint worden ist, bei der Invalidenversicherung erneut zum Rentenbezug anmeldet. Auch dort ist zu prüfen, ob seit dem Erlass des rentenabweisenden Entscheids eine wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnissen eingetreten ist (vgl. BGE 130 V 71 E. 3.1 und 3.2 mit Hinweisen; vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.4).
2.6
Im sozialversicherungsrechtlichen Verfahren gilt der Untersuchungsgrundsatz. Der Versicherungsträger prüft nach
Art.
43
Abs.
1 ATSG die Begehren, nimmt die not
wendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Aus
künfte ein, wobei mündlich erteilte Auskünfte schriftlich festzuhalten sind.
Für die Beurteilung von Rechtsfragen, denen medizinische Sachverhalte zugrunde liegen, ist das Gericht auf Angaben und Unterlagen von medizinischen Fach
personen, namentlich von Ärztinnen und Ärzten, angewiesen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist nach höchstrichterlicher Praxis entscheidend, ob der Bericht für die strittigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter
suchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten oder der Expertin begründet sind
(BGE
134 V 231 E. 5.1, 1
25 V 351 E. 3a).
3.
Strittig und zu prüfen sind die Ansprüche des Beschwerdeführers aufgrund seiner Anmeldung vom
5.
April 2017 (
Urk.
7/44).
Die Beschwerdegegnerin hatte dem Beschwerdeführer im Rahmen der Früh
inter
vention (
Art.
7d IVG) zunächst Unterstützung in der beruflichen Eingliede
rung durch die Institution
I._
gewährt (
Urk.
7/64-67
) und hatte nach der vor
zeitigen Beendigung des Assessments (
Urk.
7/70 und
Urk.
7/74) die Prüfung des Rentenanspruchs an die Hand genommen (vgl.
Urk.
7/73/1). Der Renten
anspruch steht daher bei der Überprüfung der angefochtenen Verfügung vom 29.
Juli 2021 (
Urk.
2) im V
ordergrund, auch wenn die Beschwerdegegnerin diesen mit der Hauptbegründung verneint hat, es fehle bereits an der relevanten gesundheitli
chen Beeinträchtigung als genereller Anspruchsvoraussetzung.
Der
Anspruch auf (weitere) Eingliederungsmassnahmen
ist
aber
insofern ebenfalls Verfahrens
gegenstand
, als der Grundsatz d
er «Eingliederung vor Rente» stets dessen
Prüfu
ng
gebietet, bevor über
einen
Rentenanspruch befunden wird.
4.
Bei der
Anmeldung vom
April 2017 handelt es sich um eine neue Anmeldung nach der
rechtskräftigen Verneinung des Rentenanspruchs mit der Verfügung vom 2
2.
Juli 2010 (
Urk.
7/39)
.
In einem ersten Schritt stellt sich daher die Frage nach potentiell rentenerheblichen Veränderungen seit dem Erlass dieser Verfü
gung.
Die Beschwerdegegnerin hat diese Frage nicht
ausdrücklich
thematisiert,
hat sie aber
mit der umfassenden Anspruchsprüfung
i
mplizit bejaht. Im Ergebnis kann diesem
Vorgehen
gefolgt werden.
So hatten
bei der Anmeldung vom März 2009 und dem Erlass der
Verfügung vom 2
2.
Juli 2010
die
gesundheitlichen Einschränkungen
vorgeherrscht, die
im Anschluss an den Auffahrunfall vom April 2008 aufgetreten waren
und deren Symptomatik mit Nackenschmerzen und Ausstrahlung in den linken Arm
von Dr
.
B._
und
Dr.
A._
als chronisches
zervik
obrachiales
S
chmerz
syndrom
interpretiert
worden ware
n (
Urk.
7/10/7,
Urk.
7/13/6-7).
Im weiteren Zeitverlauf gelang es dem Beschwerdeführer aber, mit der Aufnahme der Tätigkeit bei der
E._
AG im April 2015 wieder eine Arbeit der Art aufzu
nehmen, wie sie ihm nach dem Unfall des Jahres 2008 zunächst nicht mehr zuzumuten gewesen war
(vgl.
Dr.
B._
im Bericht vom 2
7
./2
8.
April 2009,
Urk.
7/10/8
-9
).
D
ie Anmeldung vo
m
5.
April 2017 (
Urk.
7/44)
erfolgt
e alsdann
, nachdem der Beschwerdeführer
zum einen
im Oktober 2015
den
bei der S
uva
versicherten A
rbeitsunfall mit Kontusionen
im Bereich der Lendenwirbelsäule und des Kreuz
beins erlitten hatte (
Urk.
7/58
/1-76
) und
zum andern
im Januar 2016 im Krisen
interventionszentrum der
p
sychiatrischen Klinik D._
und später von Februar bis April 2017 im
Zentrum für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie der Klinik stationär
behandelt worden war (
Urk.
7/56/13-
14 und
Urk.
7/59)
.
In körperlicher Hinsicht waren
n
unmehr gemäss de
m Bericht von
Dr.
B._
vom 2
5.
April 2016 und dem B
ericht von
Dr.
A._
vom 1
0.
Juni 2017 Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule mit Ausstrahlung ins
linke Bein vorherrschend (Urk.
7/5
6/11
12 und
Urk.
7/56/7)
. Und von Seiten des psychischen Zustands wiesen die behandelnden
medizinischen Fachpersonen
der
p
sychiatrischen Klinik D._
zwar auf die frühere B
ehandlung des Beschwerdeführers
im Jahr 2009 hin
, die in
den Berichten vom
3.
und vom 3
0.
November 2009 dokumentiert ist (
Urk.
7/26 und
Urk.
7/27+28). Auslöser der erneuten Behandlungsaufnahme
war jedoch gemäss dem Bericht des Kriseninter
ventionszentrums
vom 1
9.
Januar 2016 und den Berichten des Zentrums für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie vom 1
7.
Mai und vom
9.
Juni 2017 eine neue, von der Krisensituation im Jahr 2009 zu unterscheidende Beziehungskrise
(2009: Ehescheidung und Trennung von den beiden Kindern
, geboren 2005 und 2006;
201
6: Trennung von d
er
Partnerin nach dreijähriger Beziehung)
, welche zur Verschlechterung des Zustandsbildes der vorbestandenen depressive
n
Störung geführt hatte (vgl.
Urk.
7/56/13,
Urk.
7/78/
7 und
Urk.
7/59/2
-3
)
, und
dieses Zustandsbild bedurfte in der Folgezeit der weiteren
, ambulanten
Behandlung im Zentrum für Soziale Psychiatrie
der
p
sychiatrischen Klinik D._
und in der p
sychiatrischen
Poliklinik J._
(
Urk.
7/80 und
Urk.
7/113/1-6).
Damit hat sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers in der Zeit zwischen dem Erlass der Verfügung vom 2
2.
Juli 2010 und dem Erlass der vor
liegend angefochtenen Verfügung vom 2
9.
Juli 2021
mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
sowohl in körperlicher als
in psychischer Hinsicht in einem Mass verändert, das
sich auf den Rentenanspruch auswirken könnte. Nachfolgend stellt sich daher die Frage nach dem Einfluss der gesundheitlichen Einschränkungen auf die Arbeits- und Erwerb
sfähigkeit
.
5.
Die
Beschwerdegegnerin stützte sich bei der strittigen Anspruchsverneinung mit der
Verfügung vom 2
9.
Juli 2021
auf das G
utachten der
L._
AG vom
24.
August 2020 und auf die Ergänzung
en
dazu vom 1
7.
Juni 2021 (
Urk.
7/137 und
Urk.
7/166; vgl.
Urk.
2,
Urk.
7/140/9-11 und
Urk.
7/170/4-5).
Der Anspruch auf eine allfällige Rente aufgrund der neuen Anmeldung vom April 2017 kann gestützt auf die Regelung in
Art.
29
Abs.
1 und
Abs.
3 IVG
ab dem
1.
Oktober 2017 entstehen,
dem
Anfang des Monates, in dem die sechsmonatige Frist seit der Anmeldung abgelaufen ist.
Voraussetzung für dessen Entstehung ist sodann, dass
vorgängig
im Sinne von
Art.
28
Abs.
1
lit
. b IVG
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch eine mindestens 40%ige Ar
beitsunfähigkeit bestanden hat
.
Im Rahmen der Anspruchsprüfung ist daher
die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers über einen Zeitraum hinweg zu beurteilen, der
bis ins Jahr 2016 zurückreicht
, und dabei
sind
auch
diejenigen Gegebenheiten und Aspekte aus noch früherer Zeit zu berücksichtigen, die für diese Beurteilung relevant
sind
. Es ist zu prüfen
, ob
diese Aufgabe mit dem
Gutachten der
L._
AG hinreichend gelöst worden ist
.
6.
6.1
Nach dem Sturzereignis auf der Baustelle vom Oktober 2015 wurde
n
im Februar 2016
magnetresonanztomographisch Diskusextrusionen auf der Höhe L2/L3 und L4/L5 festgestellt (
Urk.
7/56/9 =
Urk.
7/58/64).
Dr.
B._
beurteilte diesen Befund jedoch im Bericht vom 2
5.
April 2016 als nicht relevant für die fortbeste
hende
Lumboglutealgie
, sondern schrieb dieser muskulären Charakter zu und äusserte den Verdacht auf eine beginnende somatoforme Schmerzstörung (
Urk.
7/56/11-12)
.
Ein gutes Jahr später wies die
Hausärztin
Dr.
A._
in ihrem Bericht zuhanden der Beschwerdegegnerin vom 1
0.
Juni 2017 auf die
nach wie vor vor
handenen
therapieresistenten Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule seit dem Sturz vom
Oktober 2015 hin und führte weiter aus, fast zeitgleich habe der Beschwerdeführer infolge der Trennung von seiner
Partnerin und diverser psychosozialer Probleme eine zunehmende schwere Depressio
n ent
wickelt, die eskaliert sei und den Unfall habe in den Hinterg
rund treten lassen (
Urk.
7/56/6
7).
Die Diagnose einer depressiven Erkrankung
in Form einer rezidivierenden depressiven Störung
war
von fachärztlicher Seite
von den
Ärzten
des
Zentrum
s
für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie der
p
sychiatrischen Klinik D._
anlässlich der
Hospitalisation
vom Frühjahr 2017 gestellt
worden
(
Urk.
7/78/7 und
Urk.
7/59/2), und
die Ärztinnen
vom
Ambula
torium des Zentrums für Soziale Psychiatrie der
p
sychiatrischen Klinik D._
waren
in ihrem Bericht vom
9.
Mai 2017 zur
gleichen Diagnose
gelangt
(
Urk.
8/61/1).
Im Verlaufsbericht vom 1
8.
März 2018
sodann
schilderte
Dr.
A._
den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers als im Wesentlichen unverändert (
Urk.
7/78/1-6), und gleichermassen nannte die Ärztin
des Zentrums für Soziale Psychiatrie der
p
sychiatrischen Klinik D._
nach wie vor die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung, nebst einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit Beginn in der Adoleszenz beziehungsweise im jungen Erwachsenenalter (
Urk.
7/80/5).
Auch die Ärzte der p
sychiatrischen
Poliklinik J._
, die den Beschwerdeführer ab Mai 2019 behandelten, stellten wieder die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung und wiesen zudem auf eine
n
schädlichen G
ebrau
ch von Kokain hin; ausserdem fiel ihnen ein fluktuierend
maniformes
bis
hypomaniformes
Zustandsbild mit
maniformen
Anteilen auf,
das
sie differentialdiagnostisch in einem Zusammenhang mit einer bipolaren Störung oder einem übermässigen Kokainkonsum sahen (
Urk.
7/113/4).
6.
2
Die Akten der behandelnden medizinischen Fachpersonen dokumentieren somit auf der einen Seite Beeinträchtigungen in der Funktionsfähigkeit des Bewegungs
apparates und auf der anderen Seite psychische Beeinträchtigungen. Es ist daher folgerichtig, dass die angeordnete polydisziplinäre Begutachtung die Fachgebiete der Rheumatologie/Orthopädie und der Psychiatrie umfasste.
Demgegenüber
hatte nach dem Auffah
runfall vom April 2008 zwar
auch
ein
e neurologische Abklärung
stattgefunden, und
der Neurologe
Dr.
C._
hatte das geklagte Beschwerdebild mit Kopf- und Nackenschmerzen, Schmerzausstrahlung in die Schultern und Arme sowie Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten
im Bericht v
om 1
0.
Oktober 2018 als Symptomatik
eines Beschleunigungs
traumas der Halswirbelsäule
interpretiert
(
Urk.
7/19/21).
Er hatte
jedoch einen normalen Neurostatus erhoben und eine Verletzung des Nervensystems als wenig wahr
scheinlich bezeichnet (
Urk.
7/19/22).
Zudem trat das
Beschwerdebild, wie es damals vorlag,
im weiteren Verlauf gegenüber den Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule und der psychischen Symptomatik in den Hinter
grund. Es bestand daher
kein Anlass, die Begutachtung des Jahres 2020 auf das Fachgebiet der Neurologie auszudehnen.
Dementsprechend diente
der Einbezug des Fachgebie
tes der Neuropsychologie
vorliegendenfalls
nicht der Abklärung der kognitiven Folgen allfälliger neurolo
gischer Schädigungen
. Vielmehr versprach sich der RAD-Arzt
pract
. med.
K._
, auf dessen Vorschlag die Auswahl der Begutachtungsdisziplinen basiert, von den neuropsychologischen Untersuchungen offenbar allgemein eine Vali
dierung der geklagten Beschwerden
(vgl. hierzu Kaspar Gerber, Neuro
psycholo
gische Evidenz und sozialversicherungspsychiatrische Begut
achtung, in:
Jusletter
3
1.
August 2020);
dies ist aus seiner Klammerbemerkung «Neuro
psychologie (mit
Beschwerdevalidierung)»
zu schliessen (
Urk.
7/140/8). D
er
neuropsychologischen Teilbeguta
chtung durch die Fachpsychologin
O._
kommt somit der Stellen
wert einer Zusatzuntersuchung im Rahmen der psychiatrischen F
achbegut
achtung zu
,
und deren Ergebnisse waren
daher im Rahmen der psychiatrischen Beurteilung zu würdigen.
6
.3
D
ie Feststellung der Neuro
psychologin
O._
, dass die testpsychologischen Untersuchungen infolge nicht authentischer Darstel
lung keine validen Ergeb
nisse erbracht hätten
(
Urk.
7/137/
103-111
), bezieht sich dabei auf diejenigen Bereiche, die Gegenstand dieser Untersuchungen gebildet haben, nämlich die Bereiche der Aufmerksamkeit, der Reaktionsfähigkeit, des verbalen Kurzzeit- und Arbeits
gedächtnisses, des nonverbalen Lernens und Gedächtnisses sowie der
Visuokon
struktion
(
Urk.
7/137/103).
Hingegen
spricht der
Umstand, dass der
Beschwerde
führer gemäss der Neuro
psychologin bei den durchgeführten Testungen
(Untersuchungstermin vom
4.
Juni 2020; vgl.
Urk.
7/137/5)
mangelhaft mitge
wirkt und
unplausible
Resultat
e geliefert hat (Urk. 7/137/104
106),
für sich allein
noch nicht
gege
n die Zuverlässigkeit der
geklagten Beschwerden und
der
erho
benen Befunden ausserhalb
der getesteten kognitiven F
unktionen.
Dies ist zu betonen angesichts dessen, dass
die B
eschwerdegegnerin
der
mangelhafte
n
Mit
wirkung des
Beschwerdeführers bei den
neuropsychologischen Abklärungen
in der Begründung der
anspruchs
verneinenden
Verfügung besonders viel Raum gab (
vgl.
Urk.
2 S. 1
; vgl. auch
Urk.
7/140/11
)
.
Bei der nachfolgenden Würdigung des Gutachtens der
L._
AG wird somit unter anderem
zu prüfen
sein
, ob die Ergebnisse der
neuropsychologischen Abklärungen
plausibel in die
Beurteilung der ärztlichen Fachgutachten
und in die Gesa
mtbeurteilung eingebettet
sind.
7.
7.1
Eine spezifische Problematik, die ins Fachgebiet der Allgemeinen Inneren Medizin fällt,
ist in den Akten der letzten Jahre nicht dokumentier
t;
e
s finden sich darin einzig die Berichte von
Dr.
med. R._
, Facharzt für Gastroenterologie und Innere Medizi
n, über eine
Ileokolonoskopie
vom
April 2007 und eine
Ösophago-Gastro-Duodenoskopie
vom April 201
1.
Die
Ileokolonoskopie
hatte
damals
einen unauffälligen Befund ergeben (
Urk.
7/113/17), und die
Ösop
hago-Gastro-Duodenoskopie
hatte
zum Nachweis
eine
r
Gastritis
pylori
geführt (Urk. 7/113/
18); Hinweise auf ein behandlungsbedürftiges Andauern der Magen-Darm-Beschwerden in der nachfolgenden Zeit bestehen jedoch nicht. Namentlich erwähnte
der Beschwerdeführer gegenüber dem inter
nistischen Fachgutachter
Dr.
M._
im Rahmen der Anamneseerhebung keine ei
nschlägigen Probleme (vgl.
Urk.
7/137/49+50)
.
Die Teilbegutachtung im Gebiet der Allgemeinen Inneren Medizin
(Unter
suchungstermin vom 1
1.
Mai 2020; vgl.
Urk.
7/137/5)
diente somit der Vervoll
ständigung und der Abrundung des Gutachtens der
L._
AG, ohne dass ihr eine spezifische Fragestellung zugrunde ge
legen
hätte
. Es resultierten daraus denn auch keine Befunde von gesundheitlicher Relevanz (vgl.
Urk.
7/137/56-57); die entsprechenden Ausführungen von
Dr.
M._
sind nicht umstritten.
7.2
Gegenüber dem Fachgutachter der Orthopädie und Rheumatologie
Dr.
N._
sodann
(U
ntersuchungstermi
n vom 1
7.
Juni 2020; vgl.
Urk.
7/137/5)
berichtete der Beschwerdeführer von einer Fraktur im rechten Fuss
vom
letzten Februar, von Schmerzen in der linken Schulter und im linken Arm seit einigen Wochen mit vermutetem Zusammenhang mit der Belastung durch die verwendeten Gehstöcke und von
lumbosakralen
Beschwerden, die kämen und gingen (
Urk.
7/137
/72). Dr.
N._
beobachtete während der Untersuchung ein ausgesprochen leidens
betontes Verhalten des Beschwerdeführers mit auffälliger Schonhaltung der linken oberen Extremität
,
bei
wesentlich
unauffällige
re
n Bewegungen ausserhalb der Untersuchungssituation
(
Urk.
7/137/76
+78+79
)
, des Weiteren beschrieb er die gesamte Wirbelsäulenmuskulatur als frei von namhaften Verspannungen und die Wirbelsäule als gut beweglich
(
Urk.
7/137/77-78) und hielt fest, der Beschwerde
führer habe erst auf Befragen hin von Schmerzen im
lumbosakralen
Bereich berichtet und einen Druckschmerz in dieser Region angegeben (
Urk.
7/137/80).
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit stellte
Dr.
N._
aus der gegenwärtigen Sicht des orthopädisch-rheumatologischen Fachgebietes nicht. Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er eine fragliche Periarthritis
humeroskapularis
links und ein rezidivierendes
Fazettensyndrom
auf der Höhe L5/S1 links, ohne
radikuläre
oder
pseudoradikuläre
Symptomatik; aus
serdem wies er auf die
im Januar 2009
kernspintomographisch festgestellten Bandscheibenvorfälle
der Halswirbelsäule (C5/6 und C6/7
)
hin
(vgl. den Beri
cht der Klinik
G._
vom 1
6.
Januar 2009,
Urk.
7/13/9)
, die
ebenfalls
mit
keine
r
radikuläre
n
Symptomatik und keine
n
funktionellen E
inschränkungen verbunden seien
(
Urk.
7/137/79).
Dr.
N._
nahm hingegen
keine
Analyse
der Entwicklung des orthopädisch-rheumatologischen Zustandsbildes in den vergangenen J
ahren vor, sondern ging unter der Frage zum bisherigen Verlauf lediglich kurz auf die Situation im Begutachtungsjahr 2020 ein (
Urk.
7/137/81) und verwies bei der Frage nach dem zeitlichen Verlauf der Entwicklung einer allfälligen Arbeits
unfähigkeit auf die Gesamtbeurteilung (
Urk.
7/137/82). Im Übrigen
beschränkte er sich darauf,
die für sein Fachgebiet einschlägigen V
orberichte nochmals in sein
Fachgutachten einzufügen
(
Urk.
7/137/68-71)
,
und verwendete dafür die fächer
übergreifende, am 2
7.
März 2020 erstellte Akte
n
zusammen
fassung, deren Urheber
schaft nicht namentlich bezeichnet ist (
Urk.
7/137/20 und Urk.
7/137/25
42).
7.3
7.3.1
Der psychiatrische Fachgutachter med.
pract
.
P._
, der den Beschwerde
führer bereit
s einen guten Monat vorher am
5.
Mai 2020 gesehen hatte (vgl.
Urk.
7/137/5),
ging bei der Erstellung der Aktenanamnese im Wesentlichen gleich vor wie der orthopädisch-rheumatologische Fachgutachter und listete ein
gangs diejenigen Berichte und
Berichtsauszüge chronologisch auf,
die er für sein Fachgebiet als rele
vant erachtete
, wobei er sich ebenfalls eng an die zur Verfü
gung gestellte fächerübergreifende Aktenzusammenfassung anlehnte (Urk.
7/137/
118-122).
Im nachfolgenden Gespräch liess sich
med.
pract
.
P._
vom Beschwerde
führer die körperlichen Schmerzen - Kreuzschmerzen und Schmerzen in der linken Schulter - schildern (
Urk.
7/123) und nahm dessen Angaben zum psychi
schen Zustand entgegen. Dabei
sprach der Beschwerdeführer von schweren Depressionen seit vielen Jahren, von
der Verstärkung der depressiven Sympto
matik nach der
E
hetrennung und -scheidung (2008 oder 2009) und nach der Trennung von seiner
neuen Lebenspartnerin (2016), ferner
von der erneuten psychischen Verschlechterung seit dem Tod seiner Mutter im vergangenen Jahr (
Urk.
7/137/123-125)
; als Symptome nannte
der Beschwerdeführer
den
V
erlust
der Freude, de
n
R
ückzug
von sozialen Kontakten
und
einen gestörten Schlaf mit Einschlaf- und Durchschlafproblemen (
Urk.
7/137/124-125); ausserdem erwähnte er den Konsum von Cannabis am Wochenende und einen gelegentlichen Kokain
konsum, den er aber
zurzeit
eingestellt habe (
Urk.
7/137/126).
Zum Tagesablauf gab med.
pract
.
P._
die Angaben des Beschwerdeführers wieder, dass er nach dem Tod der Mutter Unterstützung bei der Wohnungspflege benötigt habe, gegenwärtig aber alle Hausarbe
iten selbständig erledige
, im Übrigen jedoch infolge der Corona-Krise und des Verlusts der Mutter
tagsüber wenig mache
,
abgesehen von täglichen Spaziergängen von ein bis eineinhalb Stunden, gelegentlichem Zeichnen und Fernsehen und dem Kontakt mit den Kindern, die ihn regelmässig besuchten und a
uch bei ihm übernachteten (Urk.
7/
13
7/128-129). In Bezug auf die berufliche Vorgeschichte erwähnte der Psychiater das Diplom
in Kunst und Industriedesign, das der Beschwerdeführer in seiner ursprünglichen Heimat erworben hatte, und
ver
merkte weiter, das
s
der Beschwerdeführer
in Italien und in Deutschland im Baugewerbe tätig gewesen sei und in der Schweiz verschiedene Stellen als Parkettbodenleger, in der Produktion und ebenfalls im
Baugewerbe innegehabt habe, seit dem Unfall des Jahres 2015 jedoch nicht mehr ins Arbeitsleben eingetreten sei und keine Vorstellung davon habe, ob er ange
sichts der unfallbedingten Symptomatik und der psychischen Beschwerden wieder eine Arbeit aufnehmen könne (
Urk.
7/137/127).
In der Exploration nahm med.
pract
.
P._
den Beschwerdeführer als zuge
wandt und aufmerksam, aber etwas demonstrativ,
klagsam
und anklagend
wa
h
r
, das Denken erschien ihm etwas eingeengt auf die Lebensumstände und die erlittenen K
ränkungen, und die Affektivität bezeichnete er als situationsadäquat, jedoch mit etwas bedrückter Stimmung und geminderter Schwingungsfähigkeit, ohne dass er indessen eine eigentliche depressive Herabgestimmtheit zu erkennen vermochte (
Urk.
7/137/131-132). Des Weiteren sprachen für den Psychiater auch die Ergebnisse der
selbst
durchgeführten testpsychologischen Zusatzunter
suchungen gegen eine depressive Störung, hingegen stellte er im Mini-ICF-Rating A
nzeichen für leicht bis mässig ausgeprägte
Beeinträchtigungen in den Bereichen der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, Proaktivität und Spontanaktivität sowie Widerstands- und Durch
haltefähigkeit
fest (U
rk.
7/137/133).
Als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte med.
pract
.
P._
eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (F45.41
der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation [ICD-10
]) und eine Anpassungsstörung (ICD-10 F43.2
;
Urk.
7/137/134
). D
emgegenüber ordnete er die depressive Problematik unter die Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein und charakterisierte sie terminologisch als rezidivierende depressive Störung, gegen
wärtig remittiert (ICD-10 F33.4), und als
Dysthymia
(ICD-10 F34.1
; Urk.
7/137/134
). Ausserdem
konstatierte er zwar eine akzentuierte Persönlichkeit mit narzisstischen,
dysthymen
und
histrionischen
Elementen (ICD-10 Z73.1; Urk.
7/1
37/134),
eine eigentliche Persönlichkeitsstörung, wie sie im Bericht des Zentru
m
s für
Soziale Psychiatrie der
p
sychiatrischen Klinik D._
vom 3
0.
April 2018
zusätzlich zur depressiven Störung aufgeführt worden war
(vgl.
Urk.
7/80/5), vermochte er jedoch
nicht zu diagnostizieren (Urk.
7/137/134+135), und die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstö
rung, die
Dr.
A._
im Verlaufsbericht vom 1
8.
März 2018 genannt hatte (
Urk.
7/78/2), konnte er mangels eines geeigneten auslösenden Ereignisses
nicht bestätigen
(
Urk.
7/137/136-137).
Schliesslich zählte med.
pract
.
P._
auch die psychischen und Verhaltensstörungen durch den schädlichen Gebrauch von Cannabis und Kokain (ICD-10 F12.14 und ICD-10 F14.1) zu den Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Urk.
7/137/134) und wies
zur Begründung
auf den
lediglich sporadischen (Kokain) beziehungsweise wenig
ausgeprägten
(Cannabis) Konsum hin (
Urk.
7/137/138).
7.3.2
Die Beurteilung von med.
pract
.
P._
leuchtet insoweit ein, als er sich gegen die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung aussprach.
Diese Diagnose ist
lediglich einmalig und ohne herleitende Ausführungen in einem hausärztlichen Bericht aufgeführt
und wurde von den beha
ndelnden Ärztinnen und Ärzte
n
der Psychiatrie
nirgendwo zur D
iskussion gestellt.
Hinsichtlich der depressiven Symptomatik und
der Auffälligk
eiten in der Persönlichkeit ging der Psychiater jedoch nicht im erforderlichen vertieften Mass auf die Kranken
geschichte und die Feststellung der behandelnden medizinischen Fachpersonen im gesamten zu beurteilenden zeitlichen V
erlauf ein.
Es trifft zwar zu, dass schwerere depressive Episoden in der Vergangenheit durch einschneidende Verlusterlebnisse ausgelöst worden waren, und die Feststellung des Psychiaters, dass der Beschwerdeführer im
Begutachtungszeitpunkt keine
ausgeprägte depressive Symptomatik gezeigt habe, ist
grundsätzlich nicht in Frage zu stellen
. Diese U
mstände für sich allein ergeben indessen noch kein detailli
ertes, aussage
kräftiges
B
ild zum Ausmass und zur Frage des
Fortbestand
es
der psychischen Einschränkungen in der langjährigen Entwicklung.
Hierfür bed
ürfte
es vielmehr zunächst einer Aktenanamnese und Aktenanalyse, die über die Wiedergabe einiger Stichworte herausgegriffener Passagen aus den medizinischen
Vorakten
hinausgeht und auch die nichtmedizinischen, admini
stra
tiven Unterlagen berücksichtigt, soweit
diese Aufschluss
zur Lebens- und K
rankengeschichte geben
.
Dass eine solche A
nalyse nicht mit der erforderlichen Tiefe erfolgt ist, zeigt sich
jedoch
exemplarisch in der allgemein gehaltenen Fest
stellung, der Beschwerdeführer habe über viele Jahre hinweg den an ihn gestell
ten sozialen Erwartungen ent
sprochen, einen Platz im Alltag
und
im
Berufsleben gefunden, sich in gewisser Weise als Künstler etabliert und sich im jeweiligen Land integriert, in dem er ansäs
sig gewesen sei (
Urk.
7/137/135
136
und
Urk.
7/137/141
). Denn
mit dieser
Feststellung
wird ausgeklammert, dass der Beschwer
deführer gemäss der Aufstellung in seinem Lebenslauf (
Urk.
7/43/2-3)
und gemäss den Eintragungen im Auszug aus dem individuellen K
onto vom 4.
Mai 2017
(
Urk.
7/48)
seit Beginn der 1990er Jahre nie länger als ein bis zwei Jahre in einem Anstellungsverhältnis verblieben i
st,
dass er in der Zeit von 2006 bis 2010
und
von
2012 bis 2015
, die er im Lebenslauf als Jahre der Selbständigkeit mit einer Kunstgalerie bezeichnete,
kein Erwerbseinkommen generiert, sondern Arbeitslosenentschädigung und Sozialhilfe bezogen hat, und dass es sich bei den Tätigkeiten dazwischen (2010 bis 2012) um Arbeits
integrations
programme gehandelt hat.
Dr.
B._
hatte dement
sprechend bereits
im Bericht vom 27./2
8.
April 2009 auf eine sehr schwierige psychosoziale Gesamtsituation hin
gewiesen
(
Urk.
7/10/7-9)
, und D
r.
A._
hatte im Bericht vom 3
0.
April 2009 ebenfalls die Arbeitslosigkeit und die
finanzielle
Unterstütz
ungsbedürftig
keit erwähnt (Urk.
7/13/7).
Ein solcher
be
rufliche
r
Weg,
vereint mit den wieder
holten Schwierigkeiten in privaten Beziehungen
,
lässt indessen
gemäss dem zutreffenden Dafürhalten in der Beschwerdeschrift (vgl.
Urk.
1 S. 12)
nicht nur
die
Frage nach der Entwicklung der depressiven Sympto
matik im langjährigen Verlauf als weiter klärungsbedürftig erscheinen, sondern l
ässt
zusätzlich
daran
zweifeln, ob
es in Bezug auf die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung entspre
chend der Formulierung des Psychiat
ers t
at
sächlich an den dafür charakt
eristi
schen
tief verwurzelte
n
anhaltende
n
Verhaltens
muster
n fehlt
, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche soziale Lebenslagen zeigen (
Urk.
7/137/136). Zumindest ist auch diese Feststellung von med.
pract
.
P._
nicht näher begründet und wird im Kontext der gesamten Aktenlage nicht diskutiert. Namentlich fehlt etwa eine Auseinandersetzung mit
den immer wieder hervorge
hobenen
Schwierigkeiten des Beschwerdeführers, Termine und Vereinbarungen einzuhalten.
Auf diese Schwierigkeite
n war bereits im Bericht der
Poliklinik der
p
sychiatrischen Klinik D._
vom
3.
November 2009 hingewiesen worden (Urk.
7/26/3), und in neuerer Z
eit
berichtete die
zuständige Ärztin des
Zentrums für Soziale Psychiatrie der
p
sychiatrischen Klinik D._
am
3
0.
April 2018, dass der Verlauf seit dem Klinikaustritt im April 2017 anhaltend instabil sei und der Beschwerdeführer die Termine nur unzuverlässig wahrnehme, indem er sie versäume oder verspätet erscheine (
Urk.
7/80/1
+4+6
).
Sodann wies d
ie Ärztin
im besagten Bericht
vom 3
0.
A
pril 2
018
, in dem
auch
die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung erstmals explizit gestellt wurde (Urk.
7/80/5),
auf die nicht geglückten Massnahmen der Frühintervention vom Herbst/W
inter 2017 hin
(
Urk.
7/80/1).
Es ist indessen nicht erkennbar, ob m
ed.
pract
.
P._
den Verlauf dieser Massnahmen zur K
enntnis genommen hat
. Denn auch wenn er den Abschlussbericht vom 2
1.
Dezember 2017 über das durchgeführte Assessment (
Urk.
7/70) in seinen
Aktenauszug aufnahm (vgl.
Urk.
7/137/121), ging er nachfolgend auf dessen Inhalt und den zentralen Hinweis auf die unzuverlässige Terminwahrnehmung nicht ein, sondern ver
merkte lediglich,
es hätten Eingliederungs- und Arbeitsversuche bestanden
, ohne dass sich jedoch Genaues habe klären lassen (
Urk.
7/137/127
). Vor diesem Hintergrund
erscheinen aber
die allgemeinen Hinweise des Psychiaters auf die vorhandenen und noch nicht erschöpften Ressourcen des Beschwerdeführers
(
Urk.
7/137/141)
entsprechend der zutreffenden Kritik in der Stellungnahme der
p
sychiatrischen
Poliklinik J._
vom 2
6.
Februar 2021 (
Urk.
7/157/2-3)
als wenig fundiert. Dies gilt umso mehr, als der Psychiater im stichwortartigen Ressourcenkatalog zwar eine gute Kommunikationsfähigkeit und die künstleri
sche Begabung des Beschwerdeführers aufführte, das soziale Umfeld jedoch nur als «in gewissen Grenzen» vorhanden einstufte und
eine geordnete Tages
struktur als «eher weniger gegeben» bezeichnete (
Urk.
7/137/129). In diesem Zusammen
hang registrierte der Psychiater
denn
auch, dass dem B
eschwerdeführer für die Erledigung seiner administrativen und finanziellen
Angelegenheiten ein Beistand bestellt worden war (
Urk.
7/137/129; vgl.
den Beschluss der Kindes- und Erwachsenenschutzb
ehörde der Stadt Zürich vom 19.
Dezember 2019,
Urk.
7/119
)
, er kommentierte
dies jedoch
nachfolgend
unter dem Aspekt der Ressour
cen nicht nähe
r. Dazu hätte jedoch unzweifelhaft Anlass bestanden, da
schon im Bericht des
Zentrums für Soziale Psychiatrie der
p
sychiatrischen Klinik D._
vom 3
0.
April 2018 auf den
persönlichen
Unter
stützungsbedarf durch den Sozialdienst hingewiesen worden war (
Urk.
7/137/80/3) und die
Ärzte der p
sychiatrischen
Poliklinik J._
im Bericht vom 1
4.
November 2019 erneut von einer erheblichen psychosozialen Problematik mit beträchtlichen Ein
schränkungen in verschiedenen Alltags
funktionen und - entgegen der An
nahme des Gutachters (vgl.
Urk.
7/137/129) - auch von einer eingeschränkten
Medika
menten
compliance
gesprochen hatten (
Urk.
7/113/3-6).
Ob
dieser er
höhte, auch anlässlich eines Hausbesuchs festgestellte Unterstützungsbedarf (
vgl.
Urk.
7/
113/6) lediglich auf eine kurzzeitige Krise aufgrund des Ausnahme
zustandes nach dem Tod der M
utter zurückzuführen gewesen war
- so die sinn
gemässe Annahme von med.
pract
.
P._
(vgl. Urk.
7/137/129
) -
, erscheint angesichts
der dargelegten Vorgeschichte mit wiederkehrenden Einbrüchen als fraglich
. Auf jeden Fall steht ohne eine vertiefende psychiatrische Analyse nicht fest, dass es sich bei den gutachterlich erwähnten p
sychosoziale
n
Belastungs
faktoren (
vgl.
Urk.
7/137/136
und Urk.
7/166/3-4
)
um versicherungspsychiatrisch unerhebliche Gegebenheiten und nicht vielmehr um sekundäre Erscheinungen aufgrund einer psychischen Krankheit handelt.
D
aran ändert im Übrigen auch das festgestellte
aggravatorische
Verhalten bei den
Untersuchungen durch die
Neuropsychologin
O._
nichts,
da dieses Verhalten nach dem bereits Ausge
führten nur einzelne Funktionsbereiche betroffen hatte und med.
pract
.
P._
diese Unter
suchungsergebnisse, die erst nach
der psychiatrischen Explorationen
erhoben wurden,
zwar vermerkte (vgl.
Urk.
7/137/136+137), aber
nicht in den erforderlichen G
esamtzusammenhang stellte.
7.3.3
Beim dargelegten Klärungsbedarf zu den Diagnosen einer depressiven
Störung und einer Persönlichkeitsstörung kann
sodann
den
weiteren
psychiatrischen
Diagnose
n
einer chronischen Schmerzstörung und einer Anpassungsstörung höchstens ein vorläufiger Charakter zukommen.
Dies gilt auch deshalb, weil
die
Gesamtbeurteilung entgegen der Ankündigung von
Dr.
N._
(
Urk.
7/137/82) keine Synthese unter Einbezug der Feststellungen im orthopädisch-rheumato
lo
gischen Fachgutachten durchführte
, sondern
sich
darauf beschränkte, die psychiatrische
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
mit dem Attest einer gegenwärtig 30%igen und einer längerfristig 20%igen Einschränkung aufgrund der Schmerz
störung, die durch die vorübergehende Anpassungsstörung verstärkt worden sei
, zu übernehmen
(
Urk.
7/137/15-16 und Urk. 7/137/142
143)
.
Unter diesen U
mständen braucht an dieser Stelle nicht näher erörtert zu werden, ob es sich bei einer Tätigkeit
im Baugewerbe
tatsächlich um eine
der
allfälligen
Schmerzstörung
optimal angepasste Arbeit im S
inne der Beurteilung durch med.
pract
.
P._
(vgl.
Urk.
7/137/142) handelt.
7.4
Auch in den übrigen Belangen wurde die Gesamtbeurteilung nicht für eine Ver
tiefung der dargelegten klärungsbedürftigen Punkte und eine eingehendere Analyse der Lebens- und Krankengeschichte verwendet, sondern sie stellt im Wesentlichen eine Zusammenfassung der Beurteilungen in den verschiedenen Fachgutachten dar und vermag somit die beschriebenen Mängel namentlich des psychiatrischen Fachgutachtens nicht zu beheben.
Wenn die G
utachter dabei
zum Zeitverlauf ausführten,
eine retrospektive Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei schwierig, da man sich dabei auf die von anderen Personen erhobenen Anamne
sen und Befunde verlassen müsse, und
wenn sie
die früheren Feststellungen mit dem hauptsächlichen Argument verwarfen, dass sie mit den aktuellen, selbst erhobenen Befunden und gestellten Diagnosen nicht übereinstimmten (
Urk.
7/137/15)
, so erfassten sie
damit das Wesen eines Gutachtens
schon in seinem Kern
nicht richtig
. Denn
die
Aufgabe
der Ersteller eines Gutachtens besteht gerade darin, die
möglicherweise kontroversen
Beurteilungen früherer medizinischer Fachpersonen
bezogen auf eine längere Zeitspanne
eingehend zu analysieren, gegen
einander abzuwägen und
in einen einleuchtenden Z
usammenhang zu stellen. Dabei
kommt der
Aufarbeitung des Dossier
s
mit sämtlichen
Vorakten
und der
sorgfältige
n
A
useinandersetzung
mit diesen Akten
eine zentrale Rolle zu.
Soweit ferner ein
einmalig
es
U
nter
suchungsgespräch für die
Schaffung
eines zuverl
ässigen Bildes nicht ausreichen sollte
,
besteht
die Möglichkeit, Folge
termine zu vereinbaren, und dort, wo sich Fragen zur gesundheitlichen Situation in der Vergangenheit nicht anhand der Akten beantworten lassen, bietet sich die Einholung fremdanamnestischer Angaben
an. Des Weiteren kann es auch geboten sein, eine Begutachtung in einem st
ationären Rahmen durchzuführen,
wenn die Erprobung der Leistungs
fähigkeit und des
Durchhaltevermögens eine Beobach
tung während eines längeren Zeitraums erfordert.
8.
Bildet somit das Gutachten der
L._
AG vom 2
4.
August 2020 auch unter Berücksichtigung der ergänzenden Ausführungen vom 1
7.
Juni 2021 keine aus
reichende Grundlage für die Beurteilung des Rentenanspruchs des Beschwerde
führers, so ist die Einholung eines neuen polydisziplinären Gutachten
s
, das den dargelegten Anforderungen genügt, unumgänglich.
Es obliegt der Beschwerde
gegnerin, an welche die Sache zur Veranlassung des neuen Gutachtens zurück
zuweisen ist, die aufgezeichneten Modalitäten der Begutachtung im
E
inzelnen festzulegen.
Damit ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen, dass die angefochtene Ver
fügung vom 2
9.
Juli 2021 aufzuheben
und die Sache an die Beschw
erdegegnerin zurückzuweisen ist
, damit sie die Abklärungen im Sinne der Erwägungen durch
führe und hernach über den Rentenanspruch und allfällige weiteren Ansprüche des Beschwerdeführer
s neu verfüge.
9.
Gestützt auf
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG ist das Verfahren für die unterliegende Beschwerdegegnerin kostenpflichtig. Die Kosten sind unter Berücksichtigung des gesetzlichen Rahmens (
Fr.
200.-- bis
Fr.
1'
000.--) ermessensweise auf
Fr.
7
00.-- festzusetzen.