Decision ID: 9bccdffb-fce6-414c-bb16-5fa137736715
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (geb. 2002) ersuchte am 25. August 2022 in der
Schweiz um Asyl. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-Informationssystem
(CS-VIS) ergab, dass ihm von Italien ein vom 1. Juli 2022 bis am 30. Juni
2025 gültiges Visum ausgestellt wurde.
Gestützt darauf ersuchte das SEM am 30. August 2022 die italienischen
Behörden um seine Übernahme im Sinne von Art. 12 Abs. 2 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaates, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsange-
hörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf in-
ternationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend Dublin-III-VO).
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 7. September 2022 im Bei-
sein der zugewiesenen Rechtsvertretung das rechtliche Gehör zu einem
allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung
nach Italien. Der Beschwerdeführer führte aus, er sei homosexuell und in
seiner Heimat (Marokko) deswegen mehrmals angegriffen worden. In Ita-
lien habe er u.a. einige Zeit in Rom, Venedig und Mailand gelebt, wo viele
Araber leben würden. Er habe sich dort nicht sicher gefühlt und habe Angst,
eines Tages auch in Italien angegriffen zu werden. In islamischen Gesell-
schaften sei es unmöglich, als Homosexueller zu leben.
Auf seine Gesundheit angesprochen, gab er an, körperlich fit zu sein. Hier
fühle er sich wohl und in Sicherheit. Es gehe ihm psychisch gut.
C.
Nachdem die italienischen Behörden innerhalb der festgelegten Frist (zwei
Monate) zum Übernahmeersuchen keine Stellung genommen hatten, trat
das SEM mit Verfügung vom 31. Oktober 2022 (eröffnet am 1. November
2022) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine
Überstellung nach Italien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aus-
händigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
Die zugewiesene Parteivertretung erklärte am 1. November 2022 das
Rechtsvertretungsverhältnis für beendet.
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D.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 8. November 2022 (Postaufgabe) gelangte
der Beschwerdeführer an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und das Asylgesuch von der
Vorinstanz in der Schweiz prüfen lassen. Ferner ersuchte er um Erteilung
der aufschiebenden Wirkung sowie um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege (inkl. Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses).
E.
Am 9. November 2022 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin einen
superprovisorischen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG]) sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
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Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung dieses
Staates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylan-
trag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines sogenannten
Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dub-
lin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip
der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO)
anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeitpunkt, in dem die betref-
fende Person erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat,
auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnah-
meverfahrens («take back») findet demgegenüber grundsätzlich keine (er-
neute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE
2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
3.3 Besitzt eine antragstellende Person ein gültiges Visum, so ist grund-
sätzlich der Mitgliedstaat, der das Visum erteilt hat, für die Prüfung des
Antrags auf internationalen Schutz zuständig (Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.
Dem Beschwerdeführer wurde von Italien ein vom 1. Juli 2022 bis am
30. Juni 2025 gültiges Visum ausgestellt. Das SEM ersuchte die italieni-
schen Behörden deshalb am 30. August 2022 um Übernahme des Be-
schwerdeführers gestützt auf Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO. Diese liessen
das Ersuchen innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist
unbeantwortet, womit sie ihre Zuständigkeit implizit anerkannten (Art. 22
Abs. 7 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Zuständigkeit Italiens ist somit
gegeben, was vom Beschwerdeführer denn auch nicht bestritten wird.
5.
Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (Re-
ferenzurteil F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9.1) weisen das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien keine
systemischen Schwachstellen auf, die eine Gefahr einer unmenschlichen
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oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden. Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO ist daher nicht gerechtfertigt.
6.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO auszuüben ist.
6.1 Der Beschwerdeführer bringt in seiner Rechtsmitteleingabe vom 8. No-
vember 2022 ergänzend zur Befragung vom 7. September 2022 vor, zu-
nächst erleichtert gewesen zu sein, als er in Italien angekommen sei. Als
er jedoch gemerkt habe, dass seine dortige Umgebung von vielen musli-
mischen Menschen geprägt sei, habe ihn erneut ein Gefühl von tiefer Angst
gepackt. Die Angst um sein eigenes Wohl habe ihn dazu getrieben, in die
Schweiz weiterzuziehen. Bereits bei seiner Ankunft in der Schweiz habe er
bei den Menschen eine ganz andere Toleranz festgestellt. Hier habe er
keine Angst um seine Gesundheit oder sein Leben.
6.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die italienischen Behörden würden sich weigern, ihn aufzunehmen
und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der Regeln
der Verfahrensrichtlinie zu prüfen oder die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie
zustehenden minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. In Bezug auf
die geltend gemachte Angst vor Übergriffen ist davon auszugehen, dass
die italienischen Behörden gewillt und fähig sind, staatlichen Schutz vor
Drittpersonen zu gewähren, weshalb sich der Beschwerdeführer gegebe-
nenfalls an die zuständigen Stellen wenden kann (vgl. Urteil des BVGer F-
958/2022 vom 11. März 2022 E. 7.4). Es bestehen keinerlei Hinweise dafür,
dass er den benötigten Schutz dort nicht erhalten würde.
6.3 Zusammenfassend ist liegt kein Grund vor für die Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO beziehungsweise Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1. Weder ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das
Asylgesuch einzutreten, noch liegen humanitäre Gründe vor, welche einen
Selbsteintritt nahelegen würden. Die Vorinstanz ist daher zu Recht gestützt
auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers nicht eingetreten und hat die Überstellung nach Italien angeordnet.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und mit dem Urteil in
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der Sache wird das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ge-
genstandslos. Der angeordnete Vollzugsstopp fällt mit vorliegendem Urteil
dahin.
8.
8.1 Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ungeachtet einer allfälligen
prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
8.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.-
festzusetzen (Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsreicht [VGKE,
SR 173.320.2]).
9.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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