Decision ID: 137fb603-4926-4be1-98a4-4109b18195c6
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Wiedererwägungsgesuch in Sachen Familiennachzug
Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. A.Y., geb. 1986, Staatsangehöriger von Somalia, reiste am 4. September 2003 illegal
in die Schweiz ein und stellte ein Asylgesuch (Vorakten Migrationsamt). Am 3. Februar
2004 wurde sein Asylgesuch abgewiesen, A.Y. aber vorläufig in der Schweiz
aufgenommen. Aus humanitären Gründen wurde ihm eine ordentliche
Aufenthaltsbewilligung erteilt. Am 17. Dezember 2010 heiratete A.Y. die Landsfrau B.Y.,
geb. 1988, die in Bulgarien als Flüchtling anerkannt ist. Sie haben drei gemeinsame
Kinder: C.Y., geb. 2011, E.Y., geb. 2015, und D.Y., geb. 2012.
B. Ein erstes Gesuch um Familiennachzug von A.Y. für seine Ehefrau wies das
Migrationsamt mit Verfügung vom 31. August 2011 ab. Am 23. Januar 2014 reichte
A.Y. ein zweites Gesuch ein. Mit Verfügung vom 26. November 2014 wies das
Migrationsamt auch dieses Gesuch ab (act. 8/1 S. 3 ff.). Der beim Justiz- und
Sicherheitsdepartement erhobene Rekurs wurde abgewiesen (act. 8/34, RDRM.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2014.156), ebenso am 20. Dezember 2016 die Beschwerde an das Verwaltungsgericht
(act. 8/47, B 2016/31). Der Entscheid des Verwaltungsgerichts wurde unangefochten
rechtskräftig.
C. Mit Schreiben vom 1. März 2017 stellte A.Y. erneut ein Gesuch um Familiennachzug
für seine Ehefrau B.Y. und die Kinder C.Y., D.Y. und E.Y. Er machte geltend, der
Gesundheitszustand seines Sohns verlange die dauernde, tägliche Betreuung durch
den Vater. Darin sei ein Wiedererwägungsgrund zu erkennen. Zudem habe die Familie
Anspruch auf prozeduralen Aufenthalt in der Schweiz. Mit einer zusätzlichen Eingabe
vom 21. März 2017 beantragte er zudem wiedererwägungsweise die Prüfung von
Wegweisungshindernissen, wobei er gleichzeitig den Erlass einer erstmaligen
Wegweisungsverfügung durch das Migrationsamt verlangte. Das Migrationsamt
erblickte in diesen Eingaben ein Wiedererwägungsgesuch betreffend das rechtskräftig
abgeschlossene Verfahren RDRM.2014.156 beziehungsweise B 2016/31 und leitete die
Eingaben an das Verwaltungsgericht weiter. Daraufhin erhob A.Y.
Rechtsverweigerungsbeschwerde beim Sicherheits- und Justizdepartement (act. 7/1).
Das Verwaltungsgericht wies die Eingaben von A.Y. mit Schreiben vom 31. März 2017
an das Migrationsamt zurück, da A.Y. keine Revision beabsichtige (act. 7/4). In der
Folge erliess das Migrationsamt eine Verfügung, womit das Verfahren betreffend
Rechtsverweigerungsbeschwerde am 1. Mai 2017 abgeschrieben werden konnte. Mit
Verfügung vom 6. April 2017 trat das Migrationsamt auf das Wiedererwägungsgesuch
von A.Y. nicht ein (act. 6/1.1).
D. Das Sicherheits- und Justizdepartement wies den von A.Y. durch M.X. mit Eingaben
vom 21. und 23. April 2017 (act. 6/1-2) erhobenen Rekurs gegen die Verfügung des
Migrationsamts am 15. November 2017 ab (act. 2).
E. A.Y., seine Frau und die Kinder (Beschwerdeführer) erhoben gegen den
Rekursentscheid des Sicherheits- und Justizdepartements (Vorinstanz) vom
15. November 2017 mit Eingabe vom 29. November 2017 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht mit den Anträgen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge,
eventuell unter Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und -verbeiständung, sei
der angefochtene Entscheid unter Gewährung des prozeduralen Aufenthaltsrechts
aufzuheben, eventuell das kantonale Migrationsamt anzuweisen, erstmals eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wegweisungsverfügung zu erlassen. Der zuständige Abteilungspräsident entsprach am
1. Dezember 2017 dem Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege.
Mit Vernehmlassung vom 7. Dezember 2017 verwies die Vorinstanz auf die

Erwägungen im angefochtenen Entscheid und beantragte die Abweisung der
Beschwerde. Auf die Ausführungen der Beschwerdeführer zur Begründung ihrer
Anträge sowie die Akten wird, soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Als Adressat des
angefochtenen Entscheids ist der im Rekursverfahren unterlegene Beschwerdeführer
A.Y. zur Ergreifung des Rechtsmittels berechtigt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45
Abs. 1 VRP). Auf seine Beschwerde ist deshalb grundsätzlich einzutreten. Nicht
einzutreten ist auf die Beschwerde, soweit der Beschwerdeführer beantragt, das
kantonale Migrationsamt sei anzuweisen, erstmals eine Wegweisungsverfügung zu
erlassen. Denn der Entscheid über das Gesuch in Sachen Familiennachzug setzt eine
solche nicht voraus; sie ist bei Bedarf ohne Aufforderung vor dem Vollzug zu erlassen.
Da die Beschwerden der Ehefrau des Beschwerdeführers sowie seiner Kinder nicht von
der Beschwerde des Beschwerdeführers abweichen, wird auf sie ebenfalls eingetreten.
Die Beschwerde gegen den Entscheid der Vorinstanz vom 15. November 2017 wurde
mit Eingabe vom 29. November 2017 rechtzeitig erhoben und erfüllt formal und
inhaltlich die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und
Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist deshalb – unter dem angeführten Vorbehalt
– einzutreten.
2. Gemäss Art. 27 VRP sind Wiedererwägungsgesuche zulässig, begründen aber
keinen Anspruch auf eine Stellungnahme der Behörde in der Sache und hemmen den
Fristenlauf nicht. Ein Anspruch auf materielle Wiedererwägung besteht, wenn sich die
Verhältnisse (Sach- und Rechtslage) seit dem Erlass der ursprünglichen Verfügung
erheblich geändert haben beziehungsweise wenn wichtige Tatsachen oder Beweise
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geltend gemacht werden, die zur Zeit der ersten Entscheidung nicht bekannt waren
oder nicht geltend gemacht werden konnten (Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 575 mit Hinweisen).
Die Ablehnung einer ausländerrechtlichen Bewilligung entspricht einer Verfügung mit
Dauerwirkung. Gemäss Rechtsprechung bedeutet dies, dass auf eine ablehnende
Verfügung nicht ohne weiteres zurückgekommen werden kann. Ein genereller Anspruch
auf Wiedererwägung nach Art. 27 VRP besteht nicht. Dagegen ist ein Anspruch auf
Wiedererwägung beziehungsweise auf Erlass einer neuen materiellen Verfügung
gegeben, wenn sich die Sach- und Rechtslage gegenüber derjenigen im Zeitpunkt des
Erlasses der formell rechtskräftigen Verfügung wesentlich geändert haben. In Bezug
auf ein ausländerrechtliches Bewilligungsverfahren bedeutet dies, dass auf erneute
Gesuche oder Anträge in der Regel nicht eingetreten werden muss, sofern ein
identisches Gesuch formell rechtskräftig abgewiesen worden ist. In solchen Fällen
besteht kein Anlass, vom ersten Entscheid abzuweichen, sondern es kann auf diesen
verwiesen werden. Die ursprüngliche Verfügung ist indessen auf ein gleiches Gesuch
hin in Wiedererwägung zu ziehen, wenn sich seit dem Erlass der früheren Verfügung
eine anspruchsbegründende neue Sach- oder Rechtslage ergeben hat (vgl. VerwGE
B 2014/249 vom 28. April 2015 E. 2 mit Hinweis auf GVP 2007 Nr. 67,
www.gerichte.sg.ch).
Das ursprüngliche Familiennachzugsgesuch des Beschwerdeführers für seine Ehefrau
und die gemeinsamen Kinder wurde mit Entscheid des Verwaltungsgerichts vom
20. Dezember 2016 rechtskräftig abgewiesen. Ausgangspunkt sind somit die
Verhältnisse zu jenem Zeitpunkt. Nun wird vorgebracht, dass der Sohn des
Beschwerdeführers aufgrund seiner Diabeteserkrankung auf dauernde Betreuung
seines Vaters angewiesen sei. Gemäss Bescheinigung des Kinderspitals vom
27. Februar 2017 leidet der Sohn an Diabetes (act. 7/1 S. 7). Am 18. Oktober 2016 sei
eine Entgleisung mit Salzverlust und Ketoazidose erfolgt. Der Sohn benötige mehrfach
täglich Insulin-Spritzen und sechs bis sieben Blutzuckermessungen. Da der Vater alles
manage, sei sein Sohn auf dessen Pflege angewiesen. Ohne Behandlung sei der Sohn
hochgradig gefährdet, schwere Unterzuckerungen mit nachfolgenden Hirnschäden
oder Ketoazidose-Entgleisungen mit lebensbedrohlichen Folgen zu entwickeln. Aus
diesen Ausführungen geht hervor, dass die Ketoazidose-Entgleisung am 18. Oktober
2016 festgestellt wurde. Damit ist die Krankheit spätestens seit jenem Tag bekannt. Sie
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hätte somit bereits im mit Entscheid des Verwaltungsgerichts vom 20. Dezember 2016
rechtskräftig beendeten Verfahren vorgebracht werden können und entsprechend der
Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers gemäss Art. 90 des Bundesgesetzes über
die Ausländerinnen und Ausländer (Ausländergesetz; SR 142.20, AuG) müssen. In der
vorbestehenden Krankheit des Sohnes des Beschwerdeführers ist damit keine
erhebliche Veränderung der tatsächlichen oder rechtlichen Verhältnisse zu erblicken,
die eine Wiedererwägung rechtfertigen würde.
Die übrigen Wegweisungshindernisse wurden durch das Migrationsamt und durch die
Vorinstanz bereits geprüft. Und auch das Verwaltungsgericht setzte sich im Entscheid
vom 20. Dezember 2016 ausführlich mit der Frage der grundsätzlichen Zulässigkeit und
Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung nach Bulgarien auseinander. Entgegen
den Ausführungen des Beschwerdeführers war die Frage von
Wegweisungshindernissen somit vor allen Instanzen Gegenstand des Verfahrens und
wurde mehrfach und umfassend geprüft. Auch diesbezüglich ist somit kein
Wiedererwägungsgrund zu erblicken.
Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass die medizinische Grundversorgung im
EU-Staat Bulgarien gewährleistet und eine Diabeteserkrankung behandelbar ist (vgl.
BVGer E 4097/2015 vom 15. Juli 2015 E. 3.2 und 5.3). Der Umstand, dass die
gesundheitliche Versorgung in der Schweiz besser als im Herkunftsland
beziehungsweise im asylrechtlichen Erstaufnahmeland ist, reicht für die Annahme eines
Wegweisungshindernisses nicht aus. Hierzu müssten die gesundheitlichen Probleme
so gravierend sein, dass eine Wegweisung ins Herkunftsland beziehungsweise ins
asylrechtliche Erstaufnahmeland in medizinischer Hinsicht unhaltbar erscheint (BGer
2C_491/2017 E. 3.2 mit weiteren Hinweisen). Dies ist vorliegend offensichtlich nicht der
Fall.
Die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung sind daher nicht gegeben. Die
Beschwerde gegen den Entscheid der Vorinstanz ist deshalb abzuweisen.
3. Das Begehren um prozeduralen Aufenthalt während der Dauer des Verfahrens ist
aufgrund des nun ergehenden Entscheids in der Hauptsache infolge
Gegenstandslosigkeit abzuschreiben.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4. (...).