Decision ID: 66777b72-094d-4916-8cd1-cfae89b6d6fe
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- Mit Verfügung des Strassenverkehrsamtes des Kantons Zürich vom 28. September
2009 wurde X der Führerausweis auf Probe wegen mangelnder Fahreignung
(Suchtmittel- und Charakterproblematik) annulliert und der Lernfahrausweis der
Kategorie CE (Lastwagen) auf unbestimmte Zeit entzogen. Als Bedingung für eine neue
Beurteilung der Fahreignung wurde eine Drogen- und Alkoholabstinenz gefordert. Das
Strassenverkehrsamt des Kantons Thurgau hob die Annullierung am 26. April 2013 auf
und erteilte X einen neuen Lernfahrausweis mit der Auflage, die Alkohol und
Drogenabstinenz samt Cannabis auf unbestimmte Zeit fortzuführen sowie während
zwölf Monaten eine Psychotherapie zu absolvieren.
Nachdem X am 29. Mai 2013 einen epileptischen Anfall erlitten hatte, wurde ihm der
Lernfahrausweis mit Verfügung des Strassenverkehrsamtes das Kantons Thurgau vom
11. Juni 2013 auf unbestimmte Zeit entzogen (sog. Sicherungsentzug). Die
Wiedererteilung wurde vom Vorliegen eines positiv lautenden verkehrsmedizinischen
Gutachtens abhängig gemacht.
B.- Am 11. August 2014 beantragte X, der seinen Wohnsitz am 2. Dezember 2013 nach
A verlegt hatte, beim Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen
(nachfolgend: Strassenverkehrsamt) den Lernfahrausweis der Kategorie B. Gestützt auf
Abklärungen des Strassenverkehrsamtes des Kantons Thurgau beim Institut für
Rechtsmedizin am Kantonsspital St. Gallen (nachfolgend: IRM), welches die
Fahreignung für die dritte medizinische Gruppe mit Aktengutachten vom 6. August
2014 befürwortet hatte, verfügte das Strassenverkehrsamt am 25. August 2014 die
Erteilung des Lernfahrausweises der Kategorie B unter Auflagen (kontrollierte Alkohol-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und Drogenabstinenz samt Cannabis gem. Info-Blatt, Haaranalyse alle sechs Monate
jeweils im Februar und August, Einhalten der ärztlichen Weisungen zur epileptischen
Erkrankung). X hatte sich zuvor damit ausdrücklich einverstanden erklärt.
Nur kurze Zeit später, am 3. September 2014, hob das Strassenverkehrsamt des
Kantons Thurgau den Sicherungsentzug des Lernfahrausweises auf. Weiterhin hatte X
die Alkohol- und Drogenabstinenz (eine Urinprobe pro Monat auf Cannabis,
Haaranalyse alle sechs Monate) sowie neu die epileptische Erkrankung gemäss
ärztlichen Weisungen behandeln zu lassen. Am 6. November 2014 erwarb X den
Führerausweis auf Probe. Die Abstinenzkontrolle beim IRM St. Gallen vom 23. Februar
2015 verlief unauffällig.
C.- Mit Verfügung vom 26. August 2015 verbot das Strassenverkehrsamt X das Führen
von Motorfahrzeugen vorsorglich ab sofort, weil er trotz Aufforderung des IRM keinen
Termin für die Auflagenkontrolle im August 2015 vereinbart habe und eine Urinprobe im
April 2015 positiv auf LSD ausgefallen sei. Am 3. September 2015 wurde X beim IRM
eine Haarprobe entnommen, welche keine Auffälligkeiten bezüglich Drogen- oder
Alkoholkonsums ergab. Der Verkehrsmediziner stellte aber fest, dass der
Abstinenznachweis auf Cannabis nicht lückenlos vorhanden und eine Urinprobe im
April positiv auf LSD gewesen sei.
D.- Am Montag, 5. Oktober 2015, um 22.33 Uhr, lenkte X einen Personenwagen auf der
Langgasse von Wittenbach stadteinwärts nach St. Gallen. Die Stadtpolizei St. Gallen
führte bei der Busendstation Heiligkreuz eine Geschwindigkeitskontrolle durch. Die
Messung ergab, dass X bei einer signalisierten Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h mit
70 km/h unterwegs war. Die Polizei wollte X anschliessend Vorhalt machen, worauf
dieser sein Fahrzeug wendete und zu fliehen versuchte.
Wegen Nichteinhaltens der Auflagen entzog das Strassenverkehrsamt X den
Führerausweis auf Probe mit Verfügung vom 17. November 2015 bei einer Sperrfrist
von drei Monaten auf unbestimmte Zeit. Die Verfügung erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E.- Am Donnerstag, 26. November 2015, um 07.50 Uhr, lenkte X trotz Entzugs des
Führerausweises in B einen Personenwagen. Mit Schreiben vom 23. Dezember 2015
stellte das Strassenverkehrsamt dem fehlbaren Lenker deswegen die Annullierung des
Führerausweises auf Probe in Aussicht. Am Montag, 4. Januar 2016, um 11.53 Uhr,
war X in A erneut ohne Führerausweis unterwegs. Der Drogenschnelltest ergab ein
positives Ergebnis für Kokain. Ebenso fiel die Untersuchung der am 4. Februar 2016
entnommenen Haarprobe positiv auf Kokain und Amphetamin aus.
Mit Schreiben vom 3. Februar und 14. März 2016 beantragte der Rechtsvertreter von X
beim Strassenverkehrsamt die Feststellung der Nichtigkeit der Verfügung vom 25.
August 2014, die Wiedererwägung der Verfügungen vom 26. August 2015 und 17.
November 2015 sowie den Verzicht auf eine Annullierung des Führerausweises auf
Probe. Mit Verfügung vom 4. April 2016 trat die Vorinstanz auf die
Wiedererwägungsgesuche nicht ein.
F.- Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 8. April 2016 und Ergänzung vom 6. Juni
2016 erhob X dagegen Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, die
gestellten Anträge formell und materiell zu behandeln, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge.
Mit Schreiben vom 24. Juni 2016 verzichtete die Vorinstanz auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen des Rekurrenten zur Begründung seines Antrags wird, soweit

erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Der Rekurrent
stellte bei der Vorinstanz zwei Wiedererwägungsgesuche. Das eine bezog sich auf den
Sicherungsentzug vom 17. November 2015, wofür im Rekursverfahren die
Verwaltungsrekurskommission als Gesamtgericht zum Sachentscheid zuständig ist.
Das andere betraf den vorsorglichen Führerausweisentzug vom 26. August 2015. Hier
liegt die Zuständigkeit im Rekursverfahren und damit auch im Zusammenhang mit der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wiedererwägung einer solchen Verfügung beim Präsidenten der
Verwaltungsrekurskommission (vgl. Art. 44 Abs. 2 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Da jedoch der vorsorgliche
Führerausweisentzug mittlerweile dahingefallen ist und nicht in Wiedererwägung
gezogen werden kann (vgl. nachfolgend unter E. 5c), ist dafür kein separates Verfahren
zu eröffnen. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 8. April
2016 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 6.
Juni 2016 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41
lit. g , 45, 47 und 48 VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Anfechtungsgegenstand ist die Verfügung vom 4. April 2016, mit welcher die
Vorinstanz auf die Wiedererwägungsgesuche vom 3. Februar 2016 nicht eingetreten ist.
Diese bildet die sachliche Begrenzung des Anfechtungsverfahrens (vgl. Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz 579). Im
Rekursverfahren kann daher nur geprüft werden, ob die Vorinstanz auf die
Wiedererwägungsgesuche zu Recht nicht eingetreten ist. Käme die
Verwaltungsrekurskommission zum Schluss, die Vorinstanz hätte auf die
Wiedererwägungsgesuche eintreten müssen, so müsste sie die Streitsache zur
materiellen Beurteilung an die Vorinstanz zurückweisen.
3.- a) Der Rekurrent rügt in formeller Hinsicht eine Verletzung des rechtlichen Gehörs.
Er macht im Wesentlichen geltend, die Vorinstanz habe seinem Rechtsvertreter mit
Schreiben vom 23. März 2016 eine letzte Frist zur Stellungnahme bis 5. April 2016
gewährt. Diese Gelegenheit sei mit Eingabe vom 4. April 2016 form- und fristgerecht
wahrgenommen worden. Die Vorinstanz habe indessen den Ablauf der gewährten Frist
nicht abgewartet, sondern bereits vor Ablauf derselben am 4. April 2016 verfügt und
damit sein rechtliches Gehör verletzt. Indem die Vorinstanz sodann keine Ausführungen
zur Nichtigkeit der Verfügung vom 25. August 2014 gemacht habe, sei die
Begründungspflicht verletzt worden. Schliesslich stelle auch die von der Vorinstanz
selbst festgestellte Unvollständigkeit der Akten eine Verletzung des rechtlichen Gehörs
dar.
b) Der in Art. 29 Abs. 2 BV verankerte Anspruch auf rechtliches Gehör ist das Recht
des Privaten, in einem vor einer Verwaltungs- oder Justizbehörde geführten Verfahren
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit seinen Begehren angehört zu werden, Einblick in die Akten zu erhalten und zu den
für die Entscheidfindung wesentlichen Punkten vorgängig Stellung nehmen zu können.
Er umfasst auch das Recht auf Vertretung und Verbeiständung sowie auf Begründung
von Verfügungen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der
Sachaufklärung und stellt andrerseits zugleich ein persönlichkeitsbezogenes
Mitwirkungsrecht der Parteien dar. Der Grundsatz verlangt, dass die Behörde die
Vorbringen der vom Entscheid oder der Verfügung in ihrer Rechtsstellung Betroffenen
auch tatsächlich hört, prüft und berücksichtigt und ihren Entscheid vor diesem
Hintergrund begründet (vgl. G. Steinmann, St. Galler Kommentar, 3. Aufl. 2014, N 49 zu
Art. 29 BV). Der von einem Entscheid oder einer Verfügung Betroffene soll wissen,
warum die Behörde entgegen seinem Antrag entschieden hat; die Begründung muss
deshalb so abgefasst sein, dass er den Entscheid oder die Verfügung gegebenenfalls
sachgerecht anfechten kann (BGE 133 III 439 E. 3.3, 129 I 232 E. 3.2; vgl. auch Häfelin/
Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, Rz 1071). Das
Bundesgericht lässt in Ausnahmefällen die Heilung des Anspruches auf rechtliches
Gehör im Rechtsmittelverfahren zu, um einen prozessualen Leerlauf und damit
verbunden eine zeitliche Verzögerung zu vermeiden (BGE 137 I 195 E. 2.3.2).
Vorausgesetzt wird, dass der betroffenen Partei daraus kein Nachteil erwächst, d.h.
dass sie ihre Rechte im Beschwerdeverfahren voll wahrnehmen und die zweite Instanz
alle Tat- und Rechtsfragen frei nachprüfen kann (Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., Rz
1175).
c) Die Vorinstanz räumte dem Rechtsvertreter des Rekurrenten im Verfahren zur
Annullierung des Führerausweises auf Probe mit Schreiben vom 23. Dezember 2015
Gelegenheit zur Stellungnahme ein und kündigte an, das Verfahren mittels
kostenpflichtiger Verfügung abzuschliessen. Mit Schreiben vom 3. Februar 2016 stellte
dieser verschiedene Anträge, unter anderem verlangte er die Feststellung der
Nichtigkeit der Verfügung vom 25. August 2014 und die Wiedererwägung der
Verfügungen vom 26. August 2015 und 17. November 2015. Ferner rügte er fehlende
Akten (act. 4/343). Mit Begleitschreiben vom 15. Februar 2016 stellte die Vorinstanz
dem Rechtsvertreter weitere Aktenstücke zu und gab ihm erneut Gelegenheit zur
Stellungnahme bis 14. März 2016 (act. 4/463). Am 14. März 2016 liess sich der
Vertreter vernehmen, wobei er erneut beantragte, es seien sämtliche noch fehlenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Akten beizuziehen und ihm anschliessend zur Stellungnahme zu unterbreiten (act.
4/473). Daraufhin nahm die
Vorinstanz mit Schreiben vom 23. März 2016 zum Vorwurf der fehlenden Akten
nochmals Stellung und räumte dem Rechtsvertreter eine letzte Frist zur Stellungnahme
bis 5. April 2016 ein. Nach Ablauf dieser Frist werde aufgrund der vorliegenden Akten
entschieden (act. 4/476). Entgegen dieser Ankündigung verfügte die Vorinstanz bereits
vor Ablauf der von ihr selbst gesetzten Frist, dass auf die Wiedererwägungsgesuche
nicht eingetreten werde. Die rechtzeitig eingereichte Stellungnahme vom 4. April 2016
(Eingang beim Strassenverkehrsamt am 6. April 2016) nahm sie dabei nicht mehr zur
Kenntnis. Dadurch wurde das rechtliche Gehör des Rekurrenten – namentlich sein
Recht, vor Erlass einer ihn belastenden Verfügung angehört zu werden – in
unzulässiger Weise verletzt. Auf die Rückweisung der Angelegenheit an die
Vorinstanz zu neuer Verfügung ist trotzdem zu verzichten, da die Gehörsverletzung im
vorliegenden Rekursverfahren geheilt werden kann. Das Gericht verfügt über volle
Überprüfungsbefugnis (Art. 46 Abs. 1 VRP). Eine Rückweisung wurde vom Rekurrenten
denn auch nicht beantragt. Der Umstand, dass die Vorinstanz das rechtliche Gehör des
Rekurrenten verletzte, ist jedoch bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen.
d) Eine Verletzung der Begründungspflicht liegt demgegenüber nicht vor. Die
Vorinstanz hatte lediglich zu prüfen, ob ein Wiedererwägungsgrund vorlag, was sie
mangels neuer erheblicher Tatsachen verneinte. Die gerügte Unvollständigkeit der
Akten stellt ebenfalls keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Das fragliche
verkehrspsychologische Gutachten aus dem Jahr 2012 ist für die aktuell zu klärenden
Fragen ohne Belang. Die dem Rekurrenten gegenüber verfügten geltenden Auflagen
stützen sich nicht auf jenes Gutachten.
4.- Der Rekurrent rügt sodann eine Rechtsverweigerung, indem die Vorinstanz trotz
entsprechenden Antrags nicht über die Feststellung der geltend gemachten Nichtigkeit
der Verfügung vom 25. August 2014 entschieden habe.
a) Eine formelle Rechtsverweigerung liegt vor, wenn sich eine Behörde weigert, eine
vorgeschriebene Amtshandlung vorzunehmen oder sie ungerechtfertigt verzögert (Art.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
88 Abs. 2 lit. a VRP). Voraussetzung für eine Rechtsverweigerungsbeschwerde ist
demzufolge, dass der Betroffene Anspruch auf Erlass einer Verfügung hat. Die
Rechtsprechung bejaht das Vorliegen eines Feststellungsinteresses, wenn der
Betroffene ein rechtliches oder tatsächliches aktuelles Interesse am Erlass einer
Feststellungsverfügung dartut und wenn die Verfügung Rechtsfolgen und nicht nur
theoretische Rechtsfragen zum Gegenstand hat. Die Interessen des Gesuchstellers
dürfen zudem nicht dadurch gewahrt sein, dass ebenso gut eine gestaltende
Verfügung erlassen werden kann (BGE 123 II 300 E. 2c; Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz 560).
b) Genau dies ist indessen vorliegend der Fall. Derzeit ist bei der Vorinstanz ein
Verfahren um Annullierung des Führerausweises auf Probe des Rekurrenten hängig.
Diesem wird vorgeworfen, mehrmals ein Fahrzeug trotz Entzugs des Führerausweises
gelenkt zu haben. Dabei wird vorfrageweise zu prüfen sein, ob der vorsorgliche
Führerausweisentzug vom 26. August 2015 und der Sicherungsentzug vom
17. November 2015, die sich wiederum auf die zu einem früheren Zeitpunkt verfügten
Auflagen stützten, rechtmässig erfolgten. Folglich besteht kein schutzwürdiges
Interesse am Erlass einer separaten Feststellungsverfügung zur Verfügung vom
25. August 2014 und damit auch keine entsprechende Rechtsverweigerung der
Vorinstanz.
5.- a) Der Rekurrent macht schliesslich geltend, die Vorinstanz sei zu Unrecht nicht auf
seine Wiedererwägungsgesuche eingetreten. Zur Begründung bringt er im
Wesentlichen vor, sowohl der vorsorgliche Führerausweisentzug vom 26. August 2015
als auch der Sicherungsentzug vom 17. November 2015 beruhten auf einem
offenkundigen Fehler: Die angeblich nicht eingehaltenen Auflagen seien gar nie
rechtswirksam geworden und daher als inexistent zu betrachten. Daher stehe dem
Rekurrenten gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ein verfassungsmässiger
Anspruch auf Wiedererwägung zu.
b) Gemäss Art. 27 VRP sind Wiedererwägungsgesuche zulässig, begründen aber
keinen Anspruch auf eine Stellungnahme der Behörde in der Sache und hemmen den
Fristenlauf nicht. Beim Wiedererwägungsgesuch handelt es sich „um eine Bitte
(Petition) um Überprüfung der Verfügung und um eine andere Würdigung der Sach-
oder Rechtslage“ (vgl. Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., Rz 1272). Als sogenannter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
formloser Rechtsbehelf ist es weder an eine Form noch an die Einhaltung einer Frist
gebunden, vermittelt jedoch grundsätzlich auch keinen Anspruch auf Prüfung und
Beurteilung des Gesuchs (vgl. U. Beerli-Bonorand, Die ausserordentlichen Rechtsmittel
in der Verwaltungsrechtspflege des Bundes und der Kantone, Zürich 1985, S. 171;
Art. 27 VRP). Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung besteht
ausnahmsweise ein solcher Anspruch, wenn sich die Verhältnisse (Sach- und
Rechtslage) seit dem Erlass der ursprünglichen Verfügung erheblich geändert haben
oder wenn wichtige Tatsachen oder Beweise geltend gemacht werden, die zur Zeit der
ersten Entscheidung nicht bekannt waren oder nicht geltend gemacht werden konnten
(BGE 136 II 177 E. 2.1, 113 Ia 146 E. 3.a mit weiteren Hinweisen). Die Wiedererwägung
ist nicht beliebig zulässig, sie darf namentlich nicht dazu dienen, Rechtsmittelfristen zu
umgehen (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 2C_339/2009 vom 5. Januar 2010 E. 2.1).
c) Mit Verfügung vom 26. August 2015 entzog die Vorinstanz dem Rekurrenten den
Führerausweis auf Probe vorsorglich, da dieser trotz Aufforderung keinen Termin beim
IRM für die Auflagenkontrolle vereinbart hatte und im April 2015 eine Urinprobe positiv
auf LSD getestet worden war. Der vorsorgliche Führerausweisentzug nach Art. 30 der
Verordnung über die Zulassung von Personen und Fahrzeugen zum Strassenverkehr
(SR 741.51, abgekürzt: VZV) stellt lediglich eine vorübergehende Massnahme zur
Gewährleistung der Verkehrssicherheit dar und ist so bald als möglich durch eine
definitive Verfügung zu ersetzen oder wieder aufzuheben. Vorliegend sprach die
Vorinstanz gegenüber dem Rekurrenten am 17. November 2015 einen
Sicherungsentzug aus. Damit fiel die Verfügung des vorsorglichen
Führerausweisentzugs vom 26. August 2015 ohne weiteres dahin, hat bis heute keine
Gültigkeit mehr und kann daher nicht in Wiedererwägung gezogen werden.
Mit Verfügung vom 17. November 2015 wurde der Führerausweis auf Probe auf
unbestimmte Zeit entzogen. In der Begründung wurde festgehalten, dass der
Führerausweis mit Verfügung vom 3. September 2014 mit einer
Drogenabstinenzauflage versehen worden sei. Gemäss Mitteilung des IRM seien die
Auflagen nicht korrekt eingehalten worden. Für vier Monate fehle der
Abstinenznachweis für Cannabis und eine Urinprobe sei positiv auf LSD gewesen.
Wenn der Rekurrent nun der Ansicht gewesen wäre, die Abstinenzauflagen seien
damals von der unzuständigen Behörde verfügt worden oder er habe diese gar nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verletzt, hätte er diese Verfügung mit dem ordentlichen Rechtsmittel anfechten können
und auch müssen. Er liess die entsprechende Verfügung jedoch unangefochten in
Rechtskraft erwachsen. Seit Erlass jener Verfügung haben sich die Verhältnisse weder
in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht erheblich geändert. Es liegen auch keine
wichtigen Tatsachen oder Beweise vor, die zur Zeit der ersten Entscheidung nicht
bekannt gewesen wären oder nicht hätten geltend gemacht werden können.
Demzufolge liegen kein Wiedererwägungsgrund und damit kein Anspruch auf Prüfung
des Wiedererwägungsgesuchs vor.
d) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Verfügung des vorsorglichen
Führerausweisentzugs vom 26. August 2015 bereits dahingefallen ist und bei der
Verfügung des Sicherungsentzugs vom 17. November 2015 kein
Wiedererwägungsgrund vorliegt, weshalb die
Vorinstanz auf die Wiedererwägungsgesuche zu Recht nicht eintrat. Der Rekurs ist
folglich abzuweisen.
6.- a) Dem materiellen Verfahrensausgang entsprechend – der Antrag, die Vorinstanz
sei anzuweisen, die mit Eingabe vom 3. Februar 2016 gestellten Anträge und Gesuche
(Feststellung der Nichtigkeit der Verfügung vom 25. August 2014,
wiedererwägungsweise Prüfung und Widerruf der Verfügungen vom 26. August und 17.
November 2015) formell und materiell zu behandeln, ist vollumfänglich abzuweisen –
wären die amtlichen Kosten von Fr. 600.– vollständig dem Rekurrenten aufzuerlegen
(Art. 95 Abs. 1 VRP; Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12).
Zufolge Verletzung des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz sind sie indessen auch
zur Hälfte vom Staat zu tragen. Der Kostenvorschuss von Fr. 600.– ist bis zum Betrag
von Fr. 300.– mit der Entscheidgebühr zu verrechnen und dem Rekurrenten im
Restbetrag von Fr. 300.– zurückzuerstatten.
b) Bei diesem Verfahrensausgang besteht kein Anspruch auf eine ausseramtliche
Entschädigung (Art. 98 VRP).