Decision ID: be884526-9898-549c-9795-8193820f3cca
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit unangefochten gebliebener Verfügung vom 22. Januar 2015 lehnte das
SEM ein von B._ (N [...]; vorläufige Aufnahme als Flüchtling) ge-
stelltes Asylgesuch beziehungsweise Familienzusammenführungsgesuch
für drei ihrer sich im Sudan aufhaltenden Geschwister – die Beschwerde-
führerin und die zwei Schwestern C._ und D._ (alle eben-
falls N [...]) – unter gleichzeitiger Verweigerung der Einreisebewilligung in
die Schweiz ab.
B.
Nachdem die Schweiz einem Dublin Take Charge-Ersuchen Italiens zuge-
stimmt hatte, reiste die Beschwerdeführerin am 7. Juni 2018 legal in die
Schweiz ein. Gleichentags stellte sie im Empfangs- und Verfahrenszent-
rum (EVZ) Bern ein Asylgesuch. In der Folge wies das SEM der Beschwer-
deführerin eine eigene Verfahrensnummer zu (N [...] anstelle der bisheri-
gen Verfahrensnummer N [...]). Eine im Zuweisungskanton ansässige
Rechtsberatungsstelle vertrat die damals noch minderjährige Beschwerde-
führerin seit dem 25. Juni 2018 im Asylverfahren.
Anlässlich der im EVZ durchgeführten Befragung zur Person (BzP) vom
14. Juni 2018 und der im Beisein der Rechtsvertretung durchgeführten An-
hörung vom 20. September 2018 zu den Asylgründen machte die Be-
schwerdeführerin im Wesentlichen Folgendes geltend: Sie sei ethnische
Tigrinya und stamme aus E._ ([...]). Ihr Vater sei im Jahre (...) ver-
storben und ihre Mutter sei krank gewesen, weshalb ihr älterer Bruder
F._ (N [...]; Asylgesuch vom 14. Juni 2015 seit dem Urteil D-
7174/2017 vom 2. Oktober 2018 rechtskräftig abgewiesen, inkl. Anordnung
Wegweisung und Wegweisungsvollzug; Vollzugsmeldung ausstehend)
sich um die Felder und die Tiere gekümmert habe und für die Familie auf-
gekommen sei. Es sei alles teuer gewesen. F._ habe einmal ein
Aufgebot zum Militärdienst erhalten, sich deshalb um 2012 zur Aufgabe der
Felder und Tiere und zur Ausreise entschieden und seine Geschwister (Be-
schwerdeführerin, C._ und D._) in den Sudan mitgenom-
men; sie selber sei damals in der (...) Klasse gewesen. Die Reise in den
Sudan sei sehr beschwerlich gewesen. Eine Grenze habe sie nicht be-
merkt. Im Sudan habe sie in der Folge etwa fünf Jahre verbracht; auch dort
sei alles teuer und das Leben schwierig gewesen. Im Jahre 2017 sei sie
mit anderen Flüchtlingen via Libyen nach Italien gelangt, wo sie gegenüber
den Behörden ihren Wunsch nach Zusammenführung mit ihren in der
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Schweiz wohnhaften Geschwistern geäussert habe. Am 7. Juni 2015 habe
sie in die Schweiz weiterreisen können. Hier würden bereits vier ihrer Ge-
schwister leben (G._, F._, H._ und C._); im
Sudan lebe die weitere Schwester D._ und über den Aufenthalt ih-
res weiteren Bruders I._ wisse sie nicht Bescheid; er sei Soldat und
sie kenne ihn kaum. In Eritrea gebe es noch Verwandte; auch diese kenne
sie nicht gut. Sie selber habe in Eritrea keine persönlichen Probleme ge-
habt und wisse auch nicht, weshalb sie ihren Heimatstaat verlassen habe.
Womöglich sei das Leben für ihre Geschwister nicht einfach gewesen und
F._ habe keinen Militärdienst leisten wollen. Sie wisse im Übrigen
nicht, ob die Behörden Kenntnis von ihrer Ausreise hätten.
Als Beweismittel gab die Beschwerdeführerin ihre eritreische Impfkarte
(Kopie) und einen italienischen Gesundheitsausweis (Original) zu den Ak-
ten. Einen Reisepass oder eine Identitätskarte habe sie nie besessen. Sie
besitze noch einen Taufschein, den sie aber bislang nicht erhalten habe.
C.
Mit Verfügung vom 12. November 2018 stellte das SEM fest, die Beschwer-
deführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte ihr Asylge-
such ab. Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus der Schweiz und
den Vollzug an.
In der Begründung wies das SEM zunächst darauf hin, dass die Identität
der Beschwerdeführerin nicht feststehe. Weiter seien die schwierigen fa-
miliären und wirtschaftlichen Verhältnisse, in welchen sich die Beschwer-
deführerin in Eritrea befunden habe, bedauerlich. Dabei handle es sich
aber nicht um eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG (SR 142.31). Man-
gels Asylrelevanz der Vorbringen erfülle sie somit die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, weshalb das Asylgesuch abzulehnen und sie aus der Schweiz
wegzuweisen sei. Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und
möglich. Für die detaillierte Begründung wird auf die Akten verwiesen.
D.
Mit Eingabe vom 13. Dezember 2018 erhob die Beschwerdeführerin durch
ihre neu mandatierte und rubrizierte Rechtsvertreterin beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung. Darin beantragte sie ne-
ben prozessualen Begehren im Wesentlichen die Feststellung ihrer Flücht-
lingseigenschaft, die Gewährung von Asyl und eventualiter die Anordnung
der vorläufigen Aufnahme.
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In der Begründung bekräftigte die Beschwerdeführerin den ausreiseauslö-
senden Umstand, dass sich ihre Mutter nach deren Erkrankung nicht mehr
ausreichend um die Familie habe kümmern können und F._ sie (Be-
schwerdeführerin) mit weiteren Geschwistern in den Sudan mitgenommen
habe. Zusätzlich machte sie darauf aufmerksam, dass sie nunmehr voll-
jährig und im dienstpflichtigen Alter sowie illegal ausgereist sei und einer
regimekritischen Familie entstamme. Für die detaillierte Begründung und
die eingereichten Beweismittel wird auf die Akten verwiesen.
E.
Mit Urteil E-7073/2018 vom 31. Januar 2019 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde insoweit gut, als es die Verfügung des SEM
vom 12. November 2018 aufhob und die Sache zur Neubeurteilung im
Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückwies.
Zur Begründung stellte das Gericht fest, dass das SEM einen materiellen
Entscheid über ein (vermeintliches) Asylgesuch getroffen habe, dessen
Eintretensvoraussetzungen im Verfügungszeitpunkt nicht erfüllt gewesen
seien. Beim zwar formell gestellten Asylgesuch handle es sich nämlich
nicht um ein solches im Sinne von Art. 18 AsylG, denn im gesamten vor-
instanzlichen Verfahren habe die Beschwerdeführerin nicht ansatzweise
mit irgendeiner Äusserung zu erkennen gegeben, dass sie in der Schweiz
um Schutz vor Verfolgung im praxisgemäss weiten Sinne nachsuche. Sie
habe als Anlass des Verlassens ihres Heimatstaates einzig die durch die
Erkrankung der Mutter hervorgerufene schwierige Betreuungs- und Versor-
gungslage der Familie sowie den Umstand erwähnt, dass ihr Bruder
F._ sie mit ins Ausland genommen habe. Das Bestehen persönli-
cher Probleme irgendwelcher Art habe sie ausdrücklich verneint und ein-
geräumt, gar nicht zu wissen, weshalb sie ausgereist sei. Zwar würden auf
Beschwerdestufe nun erstmals ansatzweise Verfolgungsgründe erwähnt
(z.B. möglicherweise bevorstehender Militärdienst, Herkunft aus einer re-
gimekritischen Familie). Unbesehen der Frage, ob es sich dabei um ein
beachtliches oder unbeachtliches Nachschieben von Asylgründen handle,
ändere dies jedoch nichts an der Erkenntnis, dass im Verfügungszeitpunkt
keine Verfolgung vorgelegen habe. Die Erkenntnis des SEM, wonach die
Beschwerdeführerin mangels Asylrelevanz der Vorbringen die Flüchtlings-
eigenschaft nicht erfülle, impliziere die Existenz eines Asylgesuchs und
vertrage sich rechtslogisch nicht mit der zutreffenden anderen Erkenntnis
des SEM, wonach es sich bei den Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht
um eine Verfolgung handle. Wenn nun aber die Anforderungen von Art. 18
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AsylG an ein Asylgesuch nicht erfüllt seien, müsse nach dem klaren Ge-
setzeswortlaut und gefestigter Praxis auf ein solches nach Art. 31a Abs. 3
AsylG entsprechend nicht eingetreten werden.
F.
Mit neuer Verfügung vom 19. Februar 2019 trat das SEM in Anwendung
von Art. 31a Abs. 3 AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin
nicht ein und ordnete deren Wegweisung aus der Schweiz sowie den Voll-
zug an.
G.
Mit Eingabe vom 26. Februar 2019 erhob die Beschwerdeführerin beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diese Verfügung. Darin be-
antragt sie deren Aufhebung, die Anweisung an das SEM zum Eintreten
auf das Asylgesuch, eventualiter die Gewährung von Asyl unter Feststel-
lung ihrer Flüchtlingseigenschaft, subeventualiter die Gewährung der vor-
läufigen Aufnahme unter Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft sowie
sub-subeventualiter die Gewährung der vorläufigen Aufnahme unter Fest-
stellung der Unzulässigkeit und/oder Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzuges. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie die Gewährung
der unentgeltlichen Rechtspflege mit Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses und die Beiordnung ihrer Rechtsvertreterin als amtlich be-
stellte Rechtsbeiständin.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 12. März 2019 bestätigte die Instruktionsrich-
terin den zuvor am 27. Februar 2019 bereits provisorisch festgestellten
rechtmässigen Aufenthalt der Beschwerdeführerin in der Schweiz während
des Beschwerdeverfahrens. Zudem hiess sie die Gesuche um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung, Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses und Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als un-
entgeltliche amtliche Rechtsbeiständin gut. Mit derselben Zwischenverfü-
gung wurde die Beschwerdeführerin unter Fristansetzung aufgefordert,
den Inhalt zweier der Beschwerde als Beweismittel beigelegter fremdspra-
chiger Schreiben in einer schweizerischen Amtssprache wiederzugeben.
I.
Mit fristgerecht eingereichter Eingabe vom 19. März 2019 kam die Be-
schwerdeführerin dieser Aufforderung nach. Zudem gab sie eine aktuelle
Kostennote ihrer Rechtsvertreterin zu den Akten.
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Seite 6
J.
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Asylverfahrensakten der Geschwis-
ter der Beschwerdeführerin beigezogen. Das Urteil E-686/2018 betreffend
die Schwester C._ ergeht ebenfalls mit heutigem Datum.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
Bereits auf den 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. De-
zember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Auslän-
der- und Integrationsgesetz (AIG, SR 142.20) umbenannt. Der vorliegend
bedeutsame Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1-4) ist unverändert vom AuG
ins AIG übernommen worden.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
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Seite 7
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Die Fragen der Anerkennung der Flüchtlingsei-
genschaft und der Gewährung von Asyl bilden demgegenüber nicht Ge-
genstand des angefochtenen Nichteintretensentscheides und damit auch
nicht des vorliegenden Verfahrens. Auf die entsprechenden Beschwerde-
anträge Ziffern 4 und 5 ist deshalb nicht einzutreten.
4.2 Hinsichtlich der Frage der Wegweisung und des Wegweisungsvollzugs
hat die Vorinstanz eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb das
Bundesverwaltungsgericht diese Punkte insoweit ohne Einschränkung
prüft.
5.
5.1 Nach Art. 31a Abs. 3 AsylG tritt das SEM auf ein Gesuch nicht ein, wel-
ches die Voraussetzungen von Art 18 AsylG nicht erfüllt (Satz 1). Dies gilt
namentlich, wenn das Asylgesuch ausschliesslich aus wirtschaftlichen
oder medizinischen Gründen eingereicht wird (Satz 2).
Als Asylgesuch gilt gemäss Art. 18 AsylG jede Äusserung, mit der eine Per-
son zu erkennen gibt, dass sie die Schweiz um Schutz vor Verfolgung er-
sucht.
5.2 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
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5.3 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
6.
6.1 Das SEM begründete seinen auf Art. 31a Abs. 3 AsylG gestützten
Nichteintretensentscheid damit, dass kein Asylgesuch im Sinne von Art. 18
AsylG vorliege. Gemäss eigenen Angaben habe die Beschwerdeführerin
in Eritrea persönlich keine Probleme gehabt und das Land einzig deshalb
verlassen, weil ihr Bruder F._ sie aufgrund der durch die Erkran-
kung der Mutter hervorgerufenen schwierigen Betreuungs- und Versor-
gungslage der Familie ins Ausland mitgenommen habe. Diese rein inner-
familiären respektive wirtschaftlichen Probleme beruhten nicht auf einer
staatlichen Verfolgungsabsicht aus einem Grund nach Art. 3 AsylG oder
Art. 3 EMRK. Die gesetzliche Regelfolge des Nichteintretens auf das Asyl-
gesuch sei gemäss Art. 44 AsylG die Wegweisung aus der Schweiz. Deren
Vollzug sei vorliegend mangels Anwendbarkeit von Art. 5 Abs. 1 AsylG so-
wie mangels Anhaltspunkten für eine nach Art. 3 EMRK verbotene Strafe
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oder Behandlung völkerrechtlich zulässig, da ein dahingehend gefordertes
und mit hohen Anforderungen verknüpftes «real risk» beziehungsweise ein
tatsächliches und unmittelbares Risiko in ihrem Fall nicht ersichtlich sei.
Sie sei denn auch nie im Zusammenhang mit einer Dienstpflicht in Kontakt
mit den eritreischen Behörden gewesen und die erstmals auf Beschwerde-
ebene geltend gemachte drohende Einberufung in den eritreischen Natio-
nal- beziehungsweise Militärdienst stehe der Zulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzuges gemäss dem Koordinationsurteil des Bundesverwaltungs-
gerichts E-5022/2017 vom 10. Juli 2018 nicht entgegen. Darauf und auf
den ebenfalls nachgeschobenen pauschalen Hinweis auf ihre regimekriti-
sche Familie sei daher nicht weiter einzugehen. Betreffend F._
habe im Übrigen das Bundesverwaltungsgericht im Urteil D-7174/2017
vom 2. Oktober 2018 ebenfalls auf die Zulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zuges geschlossen und damit implizit eine drohende Reflexverfolgung ver-
neint. Der Vollzug der Wegweisung sei unter Berücksichtigung der gegen-
wärtigen Situation in Eritrea und mangels gegenteiliger, insbesondere indi-
vidueller Gründe ebenso zumutbar. Dort herrsche weder Krieg noch Bür-
gerkrieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt. Die Beschwerdeführerin
sei zudem jung, gesund und kinderlos. Sie weise eine fünf- bis sechsjäh-
rige Schulbildung auf. Zwar habe sie bis zum Zeitpunkt der Ausreise in wirt-
schaftlich schwierigen Verhältnissen gelebt, jedoch sei sie inzwischen voll-
jährig geworden und verfüge in ihrer Herkunftsregion über ein tragfähiges
und reintegrationsförderliches Beziehungsnetz (Bruder und mehrere Ver-
wandte). Zur finanziellen Unterstützung und Wiedereingliederung könnten
auch Rückkehrhilfe durch die Schweiz und Unterstützung durch die in der
Schweiz lebenden Geschwister beitragen. Es sei somit nicht von einer
existenzbedrohenden Lage im Falle ihrer Rückkehr auszugehen. Der Voll-
zug der Wegweisung sei schliesslich technisch möglich und praktisch
durchführbar.
6.2 In ihrer Rechtsmitteleingabe und der Beschwerdeergänzung bekräftigt
die Beschwerdeführerin zunächst den gegenüber der Vorinstanz geltend
gemachten und im Rahmen des vorangegangenen Beschwerdeverfahrens
ergänzten Sachverhalt. Sodann wendet sie sich gegen die vorinstanzliche
Anwendung des Nichteintretenstatbestandes von Art. 31a Abs. 3 AsylG.
Sie habe zwar im Zeitpunkt der Ausreise und im damaligen Alter von knapp
(...) Jahren keine Probleme mit den eritreischen Behörden gehabt. Jedoch
habe sie durchaus beachtliche Fluchtgründe und Befürchtungen, die sie in
einem beiliegenden Schreiben nunmehr darzulegen imstande sei und in
einem weiteren Schreiben ihres Bruders H._ (N [...]; positiver Asyl-
entscheid des SEM vom 25. September 2017) bestätigt würden. Aus den
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beiden Schreiben gehe hervor, dass sie bei der Ausreise bereits Angst ge-
habt habe, da ihr Vater im Militär gestorben sei und ihre älteren Brüder dort
ebenfalls gedient hätten. Zudem beschreibt sie darin ihre Ausreise. Weiter
kritisiert sie das diktatorische und menschrechtsverachtende Regime in ih-
rer Heimat. Eine Rückkehr dorthin könne für sie einen lebenslangen Mili-
tärdienst oder ihr Todesurteil bedeuten. H._ seinerseits verneint in
seinem Unterstützungsschreiben einen rein wirtschaftlichen und familiären
Hintergrund der Ausreise der Beschwerdeführerin. Diese habe sich infolge
Perspektivlosigkeit, Friedensverlust und politischer Unruhe sowie in Be-
fürchtung des gleichen Schicksals wie insbesondere ihr Vater und ihre Brü-
der zum Verlassen des Landes entschieden. Vor dem Hintergrund der all-
gemeinen politischen Situation in Eritrea, dem Kontext der als regimekri-
tisch geltenden Herkunftsfamilie und ihres jungen Alters dürfe nicht vor-
schnell auf das Fehlen eines Asylgesuchs im Sinne von Art. 18 AsylG ge-
schlossen werden. Dass sie vom damals bereits militärdienstpflichtig ge-
wordenen Bruder F._ ins Ausland mitgenommen worden sei, be-
gründe ihre Reflexverfolgung. Aufgrund ihres jetzigen Alters habe sie ihren
Einzug in den Militär- beziehungsweise Nationaldienst und damit einherge-
hend sexuelle Übergriffe zu befürchten. Die Vorinstanz habe sich mit die-
sen Fluchtgründen und Befürchtungen im angefochtenen Nichteintretens-
entscheid schlicht nicht auseinandergesetzt. Angesichts der erwähnten
Hinweise auf Verfolgung hätte sie dies aber tun und materiell auf das Asyl-
gesuch eintreten müssen. Dies sei mittels Rückweisung an die Vorinstanz
beziehungsweise durch das Gericht selber nun nachzuholen. Dabei seien
neben der illegalen Ausreise auch die weiteren profilschärfenden Anknüp-
fungspunkte in ihrer Person und der regimekritische Hintergrund ihrer Fa-
milie (Vater im Militärdienst umgekommen, mehrere Geschwister in der
Schweiz als Flüchtlinge anerkannt) zu berücksichtigen, welche ihr eben-
falls Anspruch auf Anerkennung als Flüchtling und Gewährung des Asyls
verleihen würden. Sodann sei ein Vollzug der Wegweisung aus den ge-
nannten Gründen jedenfalls unzulässig, da er gegen Art. 3 (Verbot un-
menschlicher Bestrafung oder Behandlung) und – betreffenden den zu be-
fürchtenden Militär- beziehungsweise Nationaldienst – Art. 4 EMRK (Ver-
bot der Sklaverei und Zwangsarbeit) verstossen würde. Sie befinde sich
nun im dienstpflichtigen Alter und müsse bei einer Rückkehr nach Eritrea
mit dem Einzug in den Nationaldienst und mithin mit sexueller Gewalt rech-
nen, zumal sie keine Aussicht auf eine Freistellung vom Dienst habe. Spä-
testens bei der Zumutbarkeitsprüfung müssten diese Umstände aber zu
einer Schutzgewährung aus humanitären Gründen führen. Trotz der im Ur-
teil des Bundesverwaltungsgerichts D-2311/2016 vom 28. August 2017 er-
wähnten allgemeinen Verbesserungen der Situation in Eritrea müsse bei
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ihr von einer Existenzbedrohung im Falle einer Rückkehr nach Eritrea aus-
gegangen werden. Sie sei zwar jung und gesund, habe ihre Heimat aber
schon vor mehreren Jahren verlassen und könne sich entgegen der Vo-
rinstanz dort auf kein soziales Netz abstützen, denn ihre Mutter lebe inzwi-
schen im Sudan (unter Hinweis auf die diesbezüglich im Verfahren E-
7073/2018 vorgelegten Beweismittel) und der Aufenthalt und das Schicksal
des Bruders I._ seien unbekannt. Zudem sei ihr Status mit den erit-
reischen Behörden vor der Rückkehr nicht geregelt, da sie insbesondere
die Diasporasteuer nicht entrichtet habe. Besonders erschwerend komme
hinzu, dass sie ihre Heimat mit (...) Jahren verlassen habe, sich hier zu
integrieren bemühe und auf ihre Geschwister als Bezugspersonen ange-
wiesen sei; insbesondere C._ sei ihre engste Bezugsperson. Dem-
gegenüber wäre sie in Eritrea jung, alleinstehend, ohne soziales Netz und
angesichts ihrer langen Landesabwesenheit ohne Reintegrationschancen.
Ein Wegweisungsvollzug nach Eritrea komme daher für sie infolge Unzu-
mutbarkeit nicht in Betracht.
7.
7.1 Im Kassationsurteil E-7073/2018 vom 31. Januar 2019 hat das Bun-
desverwaltungsgericht erkannt, dass im Zeitpunkt des damals angefochte-
nen Asylentscheids die Anforderungen von Art. 18 AsylG an ein Asylge-
such nicht erfüllt gewesen seien und nach dem klaren Gesetzeswortlaut
und gefestigter Praxis auf das Asylgesuch nach Art. 31a Abs. 3 AsylG ent-
sprechend nach Rückweisung der Sache an das SEM nicht einzutreten sei.
Mit dem vorliegend angefochtenen Nichteintretensentscheid hat das SEM
diesen Mangel mittels seiner Neubeurteilung behoben.
In der aktuellen Beschwerde rügt die Beschwerdeführerin, die Vorinstanz
habe sich mit den in der Beschwerde gegen besagte Verfügung zusätzlich
geltend gemachten Fluchtgründen und Befürchtungen im nun angefochte-
nen Nichteintretensentscheid schlicht nicht auseinandergesetzt. Ange-
sichts der darin enthaltenen Hinweise auf Verfolgung hätte sie dies aber
tun und materiell auf das Asylgesuch eintreten müssen. Die Rüge geht fehl:
Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung klargestellt, dass es die Be-
fürchtung ihrer Einberufung in den eritreischen National- beziehungsweise
Militärdienst und den Hinweis auf ihre regimekritische Familie als nachge-
schoben erachte und darauf nicht weiter einzugehen sei. Dies ist eine Aus-
einandersetzung mit den neuen Fluchtgründen und Befürchtungen und sie
erfolgt auch zutreffend. In Konkretisierung der bereits im Kassationsurteil
E-7073/2018 (dort E. 5) vorgenommen Würdigung ist klarzustellen, dass
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diese Sachverhaltsergänzungen wie auch jene in der vorliegenden Be-
schwerde als für die Eintretensfrage sachverhaltlich unbeachtliche Nach-
schübe und ein nachträgliches Aufbauschen von zuvor asylrechtlich nicht
eintretensfähigen behauptungsgemässen Nachteilen und Befürchtungen
zu qualifizieren sind. Die nun angeblich bereits bei der Ausreise bestan-
dene Angst der Beschwerdeführerin (vor dem Hintergrund der Militär-
dienste des Vaters und ihrer Brüder) und die geltend gemachte illegale
Ausreise erstaunen. Zum einen hat sie in der Befragung und der Anhörung
irgendwelche Ängste und Befürchtungen ausdrücklich verneint und gar er-
klärt, keine Probleme gehabt zu haben und nicht einmal zu wissen, wes-
halb sie ausgereist sei. Im der Beschwerde beigelegten Schreiben tönt sie
zudem an, wenig Verständnis für ihre Mitnahme durch F._ gehabt
zu haben; über die erfolgte Grenzüberschreitung sei sie gar erst im Nach-
hinein durch F._ in Kenntnis gesetzt worden. Zum andern hat die
Beschwerdeführerin in der Anhörung die Ausreise umfassend beschrieben
und erwähnt, dass sie keinen Grenzübertritt bemerkt habe und sie auch
nicht wisse, ob die Behörden von ihrer Ausreise Kenntnis hätten. Es ergibt
sich, dass das SEM bei der Neubeurteilung der Eintretensfrage von einem
richtig festgestellten Sachverhalt ausgegangen ist und somit die Anwei-
sung des Bundesverwaltungsgerichts im Hinblick auf diese Neubeurteilung
korrekt umgesetzt und mithin den erkannten Mangel behoben hat. Die
Frage, ob das SEM die Tatbestandsmerkmale der Nichteintretensvariante
von Art. 31a Abs. 3 AsylG rechtskonform als erfüllt erkannt hat, ist nachfol-
gend sogleich zu prüfen.
7.2
7.2.1 Betreffend den in Art. 18 AsylG erwähnten Passus «jede Äusserung,
mit der eine Person zu erkennen gibt, dass sie die Schweiz um Schutz vor
Verfolgung ersucht» geht die Praxis von einem weiten Verfolgungsbegriff
aus. Neben den in Art. 3 AsylG genannten Gründen sind auch Wegwei-
sungshindernisse im Sinne von Art. 44 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 2-4 AIG
umfasst, sofern diese von Menschenhand geschaffen wurden (vgl. bereits
Entscheidungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizerischen Asylre-
kurskommission [EMARK] 2003 Nr. 18 und seither konstante Praxis). Vom
Verfolgungsbegriff i.S. von Art. 18 AslyG ausgenommen sind – neben den
in Art. 31a Abs. 3 AsylG (2. Satz) ausdrücklich erwähnten rein wirtschaftli-
chen oder medizinischen Gründen – Gefahren, die sich einzig aus der per-
sönlichen Situation (z.B. Alter, Geschlecht) und der Lebenssituation der
asylsuchenden Person (z.B. familiäre Situation) ergeben. Ebenfalls ausge-
schlossen sind Ereignisse höherer Gewalt, die nicht von Menschenhand
verursacht wurden, beispielsweise Naturkatastrophen, Hungersnot oder
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Dürre (vgl. das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-938/2013 vom
18. März 2013 E. 5.1 m.w.H.).
Diese Nichteintretensvoraussetzungen nach Art. 31a Abs. 3 AsylG sind
vorliegend in Stützung der diesbezüglichen vorinstanzlichen Erwägungen
– auf diese kann zur Vermeidung von Wiederholungen verwiesen werden
– sowie unter ergänzendem Hinweis auf die Erwägungen im Kassations-
entscheid E-7073/2018 (dort E. 5) in Verbindung mit der Erwägung E. 7.1
oben erfüllt. Im erstinstanzlichen Verfahren hat die Beschwerdeführerin nie
zu erkennen gegeben, dass sie die Schweiz um Schutz vor Verfolgung im
Sinne des weiten Verfolgungsbegriffs ersuche. Die Beschwerde vermag an
dieser Erkenntnis nichts zu ändern. Das SEM ist daher zu Recht gestützt
auf Art. 31a Abs. 3 AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht
eingetreten.
7.2.2 Selbst unter hypothetischer Annahme, dass die oben in E. 7.1 er-
wähnten Nachschübe (Befürchtung einer dereinstigen Einberufung in den
eritreischen National- beziehungsweise Militärdienst, Herkunft aus einer
angeblich regimekritische Familie, Reflexverfolgung wegen Familienange-
hörigen, illegale Ausreise) als für die Eintretensfrage beachtlich zu qualifi-
zieren wären und zu einem materiellen Asylentscheid hätten führen sollen,
wäre ein solcher materieller Entscheid offensichtlich abweisend ausgefal-
len. Eine allfällige zukünftige Einziehung der Beschwerdeführerin in den
eritreischen Nationaldienst ist für sich besehen unter flüchtlingsrechtlichen
Gesichtspunkten nicht relevant, da diese nicht an ein flüchtlingsrechtlich
relevantes Motiv anknüpft (vgl. Referenzurteil des BVGer D-7898/2015
vom 30. Januar 2017 E. 5.1). Im zitierten Urteil hielt das Bundesverwal-
tungsgericht weiter fest, dass eine illegale Ausreise aus Eritrea für sich al-
lein keine flüchtlingsrechtlich relevante Furcht vor ernsthaften Nachteilen
zu begründen vermöge. Vielmehr bedürfe es hierzu zusätzlicher Anknüp-
fungspunkte, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritrei-
schen Behörden als missliebige Person erscheinen lasse (vgl. a.a.O. E. 5.1
ff.). Solche Anknüpfungspunkte sind in casu nicht ersichtlich, womit der von
der Beschwerdeführerin vorgebrachten illegalen Ausreise aus ihrem Hei-
matstaat praxisgemäss keine flüchtlingsrechtliche Relevanz beizumessen
ist. Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, es sei nicht zum vorn-
herein auszuschliessen, dass der unter ungeklärten Umständen im Militär-
dienst zu Tode gekommene Vater der Beschwerdeführerin als politisch
missliebige Person sein Leben habe lassen müssen, muss sie sich entge-
genhalten lassen, dass es sich dabei um eine reine Vermutung handelt, die
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keinen zusätzlichen Anknüpfungspunkt im Sinne der zitierten Rechtspre-
chung zu begründen vermag. Auch die Tatsache, dass die Schwester
G._ und der Bruder H._ in der Schweiz als Flüchtlinge an-
erkannt sind und letzterer zudem Asyl erhalten hat, führt für sich alleine
noch nicht zu einer reflexiv auf die Beschwerdeführerin wirkende Misslie-
bigkeit in den Augen des eritreischen Regimes. Dies zeigt sich ebenso bei
Betrachtung des Asylbeschwerdeentscheids D-7174/2017 des Bruders
F._ (S. 4 f.): Auch dort hat das Bundesverwaltungsgericht solche
zum Faktor der illegalen Ausreise hinzukommenden familiären Anknüp-
fungspunkte verneint. Im Übrigen kann auf die Erwägung 6.1.2 im heute
parallel ergehenden UrteilE-686/2018 betreffend die Schwester C._
und auf das Urteil D-7174/2017 (dort S. 4 f.) betreffend den Bruder
F._ verwiesen werden, wo diese Themenbereiche abschlägig ge-
würdigt wurden. Die Beschwerdeführerin weist offensichtlich kein Verfol-
gungsprofil auf, das über dasjenige ihrer Geschwister hinausgehen würde.
7.3 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach unter dem Aspekt
von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37
E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Dies wird in der Beschwerde auch nicht
bestritten.
7.4
7.4.1 Für die Beurteilung der Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzuges können neben den in Art. 83 Abs. 4 AIG beispielhaft aufgezählten
Faktoren (Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Not-
lage) namentlich auch die fehlenden oder mangelhaften medizinischen Be-
handlungsmöglichkeiten, die Beeinträchtigung des Kindeswohls bei min-
derjährigen Gesuchstellenden oder eine Kombination von Faktoren wie Al-
ter, Beeinträchtigung der Gesundheit, fehlendes Beziehungsnetz und düs-
tere Aussichten für das wirtschaftliche Fortkommen von Bedeutung sein
(vgl. BVGE 2014/26 E. 7.1-7.7 m.w.H.). Gemäss nach wie vor aktueller
Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg, Bürgerkrieg oder
einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise einer generellen Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen werden. Das Bun-
desverwaltungsgericht geht in Übereinstimmung mit der Beschwerdefüh-
rerin zwar davon aus, dass sich die Lebensbedingungen in Eritrea in den
vergangenen Jahren in einigen Bereichen verbessert haben, wogegen
aber die allgemeine und insbesondere die wirtschaftliche Lage nach wie
vor schwierig bleiben. In Einzelfällen muss daher nach wie vor von einer
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Existenzbedrohung ausgegangen werden, wenn besondere Umstände
vorliegen, wenngleich – anders als noch unter der früheren Rechtspre-
chung – begünstigende individuelle Faktoren nicht mehr zwingende Vo-
raussetzung für die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sind (vgl. Re-
ferenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
Das Bundesverwaltungsgericht geht vorliegend entgegen der Auffassung
des SEM und trotz mehrjähriger Schulbildung von einer solchen existenz-
bedrohenden konkreten Gefährdung der Beschwerdeführerin im Falle ihrer
Rückkehr aus: So kann offensichtlich nicht von einem tragfähigen und rein-
tegrationsförderlichen Beziehungsnetz (Bruder und mehrere Verwandte) in
ihrer Herkunftsregion gesprochen werden, zumal der Aufenthalt des Bru-
ders I._ seit dessen Zwangsrekrutierung unbekannt ist und – für
den hypothetischen Fall einer aktuellen Militär- beziehungsweise National-
dienstleistung dieses Bruders – der Beschwerdeführerin auch nicht nütz-
lich wäre. Die Mutter ist inzwischen gemäss Angaben der Beschwerdefüh-
rerin und in Übereinstimmungen mit jenen ihrer Schwester C._
ebenfalls aus Eritrea ausgereist. Die seit Jahren bestehende Krankheit und
Bettlägrigkeit der Mutter würden aber selbst bei deren weiteren Aufenthalt
in Eritrea dazu führen, dass die Beschwerdeführerin für deren Pflege und
Betreuung verantwortlich wäre und dadurch einer Erwerbsarbeit nicht
würde nachgehen können, zumal ihr keine weiteren Geschwister unterstüt-
zend beiseite stehen könnten. Der Bruder F._ trat gemäss dessen
Akten letztmals im Oktober 2020 in der Schweiz auf ([...]); eine Vollzugs-
erledigung betreffend sein rechtskräftig abgewiesenes Asylgesuch oder
gar seine Rückkehr nach Eritrea sind nicht aktenkundig. C._ erlangt
mit Urteil heutigen Datums ebenfalls einen Anspruch auf Anordnung der
vorläufigen Aufnahme. Über die weiteren Verwandten in Eritrea bestehen
sodann keine weiteren Angaben insbesondere betreffend deren Unterstüt-
zungsfähigkeit. Als besonderes Erschwernis erwähnt die Beschwerdefüh-
rerin, dass sie ihre Heimat mit (knapp) (...) Jahren verlassen habe. Dieser
Umstand wird von der Vorinstanz insofern weitgehend verkannt, als das
SEM sich in der angefochtenen Verfügung bloss auf die zwischenzeitlich
eingetretene und mithin nicht mehr als vollzugshinderlich betrachtete Voll-
jährigkeit beruft, die mehrjährige Landesabwesenheit aus Eritrea und die
Qualität der seither im Ausland verbrachten Jahre aber nicht in die Würdi-
gung miteinbezieht. Die Beschwerdeführerin ist denn auch im heutigen
Zeitpunkt rund zehn Jahre landesabwesend und sie hat den ganzen für die
Persönlichkeitsbildung prägenden Lebensabschnitt im Ausland und insbe-
sondere auch in der Schweiz verbracht. Hier hat sie sich auf ihre familiäre
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-2311/2016
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Bande zu ihren Geschwistern (und insbesondere zu ihrer engsten Bezugs-
person C._) abgestützt und in die hiesigen Verhältnisse verwurzelt.
Sie verweist insoweit in ihrer Beschwerde zurecht auf die praxisgemäss mit
zu berücksichtigende reziproke Wirkung einer Verwurzelung in der
Schweiz auf die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges (vgl.
BVGE 2009/51 E. 5.6; 2009/28 E. 9.3.2; Urteil D-5473/2019 vom 25. No-
vember 2019 E. 5.3.2). Die weitgehende Entwurzelung aus den heimatli-
chen Verhältnissen liegt angesichts des Erwogenen bei der Beschwerde-
führerin denn auch auf der Hand. Ebenfalls als Erschwernis in die Gesamt-
beurteilung einzubeziehen ist die Tatsache, dass sie die Rückkehr nach
Eritrea als junge und alleinstehende Frau zu bewältigen hätte und gleich-
zeitig die Beziehung zu ihren in der Schweiz lebenden Geschwistern weit-
gehend aufgeben müsste.
Ein Wegweisungsvollzug nach Eritrea erscheint somit angesichts des Er-
wogenen für die Beschwerdeführerin nicht zumutbar. Nach dem Gesagten
kann offenbleiben, ob auch die von kriegerischen Ereignissen geprägte Si-
tuation im unmittelbar an den Herkunftsort der Beschwerdeführerin gren-
zenden Konfliktgebiet in J._ einen Einfluss auf die vorliegende Zu-
mutbarkeitsprüfung gehabt hätte.
7.4.2 Zusammenfassend hat die Beschwerdeführerin aufgrund der gesam-
ten vorliegenden Akten und Umstände Anspruch auf Anordnung der vor-
läufigen Aufnahme infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges,
zumal keine Anhaltspunkte für die Anwendbarkeit des Vorbehalts von
Art. 83 Abs. 7 AIG erkennbar sind.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. Urteil des BVGer
D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 8.4 [als Referenzurteil publiziert]
sowie BVGE 2011/7 E. 8 und 2009/51 E. 5.4) gilt bei den Durchführbar-
keitskomponenten des Wegweisungsvollzuges (Zulässigkeit, Zumutbarkeit
und Möglichkeit) das Alternativitätsprinzip. Wird die vorläufige Aufnahme
gestützt auf die eine Undurchführbarkeitskomponente (vorliegend Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzuges) zugesprochen, besteht kein
schutzwürdiges Interesse mehr an der Feststellung einer anderen Un-
durchführbarkeitskomponente, weshalb sich vorliegend Erörterungen be-
treffend die (Un-)Zulässigkeit und (Un-)Möglichkeit des Wegweisungsvoll-
zuges erübrigen.
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3839/2013 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/7
E-1005/2019
Seite 17
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung be-
treffend den angeordneten Vollzug der Wegweisung Bundesrecht verletzt,
im Übrigen aber rechtskonform ergangen ist. Die Ziffern 3 und 4 des Dis-
positivs der angefochtenen Verfügung sind entsprechend aufzuheben und
das SEM ist anzuweisen, der Beschwerdeführerin infolge Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzuges die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Die Be-
schwerde ist insoweit teilweise gutzuheissen. Im Übrigen ist die Be-
schwerde abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
9.
9.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen (Art. 63
Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerin ist bezüglich ih-
rer Hauptanträge (Anweisung an das SEM zum Eintreten auf das Asylge-
such, Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft, Gewährung von Asyl [mit
entsprechender Aufhebung der angefochtenen Verfügung]) unterlegen.
Bezüglich des Wegweisungsvollzugs gilt sie als obsiegend. Praxisgemäss
bedeutet dies ein hälftiges Obsiegen.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären somit die Kosten hälftig der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Vorliegend ist jedoch auf deren Erhe-
bung in Anbetracht des mit Zwischenverfügung vom 12. März 2019 gutge-
heissenen Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
zu verzichten.
9.3 Der Beschwerdeführerin ist im Umfang ihres hälftigen Obsiegens für
die ihr erwachsenen notwendigen Kosten eine Parteientschädigung zu
Lasten der Vorinstanz zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 ff. des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Die Rechtvertreterin weist in ihrer Kostennote vom 19. März 2019 einen
Gesamtaufwand von Fr. 2'848.05 aus. Der Zeitaufwand von acht Stunden
für das Verfassen der zehnseitigen Beschwerde erscheint dabei überhöht.
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 8–13
VGKE) ist der Beschwerdeführerin zulasten der Vorinstanz eine (hälftige)
Parteientschädigung im Betrag von insgesamt Fr. 1’000.– (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) zu-
zusprechen.
E-1005/2019
Seite 18
9.4 Das vom Bundesverwaltungsgericht zugunsten der Rechtsvertreterin
auszurichtende amtliche Honorar für das hälftige Unterliegen ist unter Be-
rücksichtigung der in der Zwischenverfügung vom 12. März 2019 erwähn-
ten Rahmenbedingungen und der oben in E. 9.3 erwähnten Überbemes-
sung des zeitlichen Aufwandes für das Verfassen der Beschwerde auf ins-
gesamt Fr. 800.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne
von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen (Art. 9–12 VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
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