Decision ID: 466c93c4-eb48-41fe-a700-7ba21606a98d
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_001
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: civil_law

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die A. als Vermieterin schloss am 29. Mai 2008 mit C. als Mieter einen
Mietvertrag über den Bastelraum Nr. 13.1 im 1. Untergeschoss der Liegen-
schaft X-Strasse in Q. zu einem monatlichen Mietzins von brutto Fr. 70.00
(= Fr. 60.00 Mietzins und Fr. 10.00 Nebenkosten pauschal) ab.
1.2.
Die Liegenschaftsverwaltung B. AG forderte C. mit Einschreiben vom
5. November 2021 nach mehreren versäumten Terminen letztmals auf,
sich bis spätestens 15. November 2021 zwecks Auswechslung der
Schliessanlage des Bastelraums mit ihr in Verbindung zu setzen, und
drohte ihm für den Unterlassungsfall die Kündigung des Mietverhältnisses
wegen Verletzung der Duldungspflicht an.
1.3.
Mit amtlichem Formular vom 19. November 2021 wurde das Mietverhältnis
per 28. Februar 2022 gekündigt.
1.4.
Anlässlich der Schlichtungsverhandlung vom 21. Februar 2022 vor der
Schlichtungsbehörde für Miete und Pacht des Bezirks Zofingen einigten
sich die A. und C. unter anderem darauf, dass die Kündigung des Bastel-
raums per 28. Februar 2022 gültig sei, das Mietverhältnis einmalig bis
30. April 2022 erstreckt werde und die Übergabe des Mietobjekts am 2. Mai
2022 um 16.00 Uhr stattfinden werde.
2.
2.1.
Mit Klage vom 5. Mai 2022 beantragte die A. (Klägerin) beim Bezirksgericht
Zofingen die Ausweisung von C. (Beklagter) aus der Mieträumlichkeit im
Verfahren des Rechtsschutzes in klaren Fällen.
2.2.
Der Beklagte beantragte in seiner Stellungnahme vom 24. Juni 2022 sinn-
gemäss, das Mietausweisungsbegehren der Klägerin sei abzuweisen.
2.3.
Mit Schreiben vom 28. Juni 2022 teilte die B. AG mit, der Beklagte habe ihr
am 11. Mai 2022 die Schlüssel zurückgebracht und am 12. Mai 2022 habe
das Mietobjekt abgenommen werden können.
- 3 -
2.4.
Der Präsident des Bezirksgerichts Zofingen entschied am 14. Juli 2022:
" 1. Das Verfahren wird zufolge Gegenstandslosigkeit von der  abgeschrieben.
2. Die Entscheidgebühr von Fr. 500.00 wird dem Gesuchsgegner auferlegt. Sie wird mit dem Vorschuss der Gesuchstellerin verrechnet, so dass der Gesuchsgegner der Gesuchstellerin Fr. 500.00 direkt zu ersetzen hat. Die Gerichtskasse hat der Gesuchstellerin Fr. 300.00 zurückzubezahlen.
3. Der Gesuchsgegner wird verpflichtet der Gesuchstellerin eine  von Fr. 50.00 zu bezahlen. "
3.
3.1.
Gegen diesen ihm am 22. Juli 2022 zugestellten Entscheid erhob der Be-
klagte mit Eingabe vom 2. August 2022 beim Obergericht des Kantons Aar-
gau Beschwerde mit folgenden Anträgen:
" 1. Dass... Sie die ganze Geschichte und Sachverhalt dokumentarisch  + prüfen.
2. Dass... Sie mich "wegen dem Bagatellfall" wenigstens mich finanziell .
3. Dass... Sie mir einen 'Unentgeltlichen' Rechts-Beistand/-Anwalt ."
3.2.
Es wurde keine Beschwerdeantwort eingeholt.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
Das zulässige Rechtsmittel gegen den vorliegenden Abschreibungsent-
scheid ist die Beschwerde, da der Streitwert weniger als Fr. 10'000.00 be-
trägt (Art. 308 Abs. 2 i.V.m. Art. 319 lit. a ZPO; BGE 148 III 186 E. 6.5).
- 4 -
1.2.
Mit der Beschwerde können die unrichtige Rechtsanwendung und die of-
fensichtlich unrichtige Feststellung des Sachverhalts geltend gemacht wer-
den (Art. 320 ZPO). Offensichtlich unrichtig bedeutet willkürlich (Urteil des
Bundesgerichts 4A_149/2017 vom 28. September 2017 E. 2.2). Neue An-
träge, neue Tatsachenbehauptungen und neue Beweismittel sind ausge-
schlossen (Art. 326 Abs. 1 ZPO). Das gilt sowohl für echte als auch für un-
echte Noven, da die Beschwerde nicht der Fortführung des erstinstanzli-
chen Prozesses, sondern grundsätzlich nur der Rechtskontrolle des erst-
instanzlichen Entscheids dient (DIETER FREIBURGHAUS/SUSANNE AFHELDT,
in: THOMAS SUTTER-SOMM/FRANZ HASENBÖHLER/CHRISTOPH LEUENBERGER
[Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Zivilprozessordnung, 3. Aufl.
2016, N. 3 f. zu Art. 326 ZPO).
2.
Die Vorinstanz schrieb das bei ihr angehobene Mietausweisungsverfahren
SZ.2022.45 zufolge Gegenstandslosigkeit ab, nachdem der Beklagte den
Besitz am fraglichen Bastelraum aufgegeben hatte.
Der Beklagte macht in seiner Beschwerde im Wesentlichen geltend, die
Vorinstanz habe den Sachverhalt unvollständig und damit unrichtig festge-
stellt. Dies ergebe sich insbesondere aus der Kürze des vorinstanzlichen
Entscheids. Insbesondere E. 2.1 und 2.2 seien unzutreffend.
3.
3.1.
Die Gegenstandslosigkeit i. S. v. Art. 242 ZPO tritt insbesondere ein, wenn
der Streitgegenstand oder das Rechtsschutzinteresse der klagenden Partei
nach Eintritt der Rechtshängigkeit definitiv wegfällt (JULIA GSCHWEND/DA-
NIEL STECK, in: Basler Kommentar, Schweizerische Zivilprozessordnung,
3. Aufl. 2017, N. 5 zu Art. 242 ZPO). Das Ausweisungsverfahren wird mit
dem Auszug des Mieters gegenstandslos (BGE 85 II 286 E. 2; GSCHWEND/
STECK, a.a.O., N. 8 zu Art. 242 ZPO). Wenn die Gegenstandslosigkeit des
Verfahrens feststeht, hat das Gericht dieses als erledigt abzuschreiben. Die
Gegenstandslosigkeit ist von Amtes wegen festzustellen (GSCHWEND/
STECK, a.a.O., N. 16 zu Art. 242 ZPO). Nach Eintritt der Gegenstandslosig-
keit kann in der Sache kein gerichtlicher Entscheid i. S. v. Art. 236 ff. ZPO
mehr ergehen. In formeller Hinsicht ist das Verfahren jedoch erst mit dem
gerichtlichen Abschreibungsentscheid erledigt. Der Abschreibungsent-
scheid hat schriftlich zu erfolgen und mindestens eine summarische Be-
gründung der Gegenstandslosigkeit und der Kostenregelung zu enthalten
(GSCHWEND/STECK, a.a.O., N. 17 zu Art. 242 ZPO).
- 5 -
3.2.
Die Klägerin reichte das Mietausweisungsgesuch gegen den Beklagten am
5. Mai 2022 bei der Vorinstanz ein. Damit wurde das Gesuch bei der Vor-
instanz rechtshängig (Art. 62 Abs. 1 ZPO). Gemäss Mitteilung der Klägerin
vom 28. Juni 2022 teilte die Liegenschaftsverwaltung B. AG der Vorinstanz
mit, der Beklagte habe ihr am 11. Mai 2022 die Schlüssel für den Bastel-
raum zurückgebracht und am 12. Mai 2022 habe das Mietobjekt abgenom-
men werden können. Dieser Sachverhalt wurde vom Beklagten nicht be-
stritten. Damit ist das Rechtsschutzinteresse der Klägerin an der Mietaus-
weisung definitiv weggefallen und das vorinstanzliche Verfahren gegen-
standlos geworden. Demzufolge hat die Vorinstanz das Verfahren
SZ.2022.45 zu Recht in Anwendung von Art. 242 ZPO zufolge Gegen-
standslosigkeit abgeschrieben. Von einer offensichtlich unrichtigen Fest-
stellung des Sachverhalts oder einer unrichtigen Rechtsanwendung durch
die Vorinstanz kann deshalb - entgegen der Auffassung des Beklagten -
keine Rede sein.
3.3.
Der Beklagte rügt sodann sinngemäss, die Vorinstanz habe die Begrün-
dungspflicht verletzt.
Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV und Art. 53
Abs. 1 ZPO) folgt unter anderem die grundsätzliche Pflicht der Behörden,
ihren Entscheid zu begründen. Die Begründung eines Entscheids muss so
abgefasst sein, dass der Betroffene ihn gegebenenfalls sachgerecht an-
fechten kann. Dies ist nur möglich, wenn sowohl er als auch die Rechtsmit-
telinstanz sich über die Tragweite des Entscheids ein Bild machen können.
In diesem Sinne müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt wer-
den, von denen sich die Behörde leiten liess und auf welche sich ihr Ent-
scheid stützt. Dabei kann sie sich auf die für den Entscheid wesentlichen
Gesichtspunkte beschränken. Die Behörde hat demnach in der Begrün-
dung ihres Entscheids diejenigen Argumente aufzuführen, die tatsächlich
ihrem Entscheid zugrunde liegen (BGE 134 I 83 E. 4.1, 136 I 184 E. 2.2.1).
Die Vorinstanz führte im angefochtenen Entscheid insbesondere aus, die
Klägerin habe mit Gesuch vom 5. Mai 2022 die Ausweisung des Beklagten
aus den Mieträumlichkeiten im 1. UG an der X-Strasse in Q. innert zehn
Tagen nach Rechtskraft beantragt. Die Räumlichkeiten seien zu räumen
und zu verlassen und der Klägerin ordnungsgemäss gereinigt mit allen
Schlüsseln zurückzugeben (E. 1.1). Mit Schreiben vom 28. Juni 2022 habe
die Klägerin erklärt, dass der Beklagte am 11. Mai 2022 den Schlüssel bei
der Verwaltung zurückgebracht habe. Am 12. Mai 2022 habe das Mietob-
jekt abgenommen werden können (E. 1.5). Nachdem der Beklagte den Be-
sitz an den fraglichen Mieträumlichkeiten aufgegeben habe, sei das
Mietausweisungsbegehren zufolge Gegenstandslosigkeit abzuschreiben
(E. 2.1). Diese Begründung mit zusätzlichem Hinweis auf GSCHWEND/
- 6 -
STECK, a.a.O., N. 8 zu Art. 242 ZPO, enthält kurz die Überlegungen, von
denen sich die Vorinstanz leiten liess und auf welche sich ihr Entscheid
stützt, das erstinstanzliche Verfahren zufolge Gegenstandslosigkeit abzu-
schreiben. Sie ermöglichte es dem Beklagten, den Entscheid sachgerecht
anzufechten, und der Beschwerdeinstanz, diesen zu überprüfen. Da das
Verfahren gegenstandlos geworden ist, ist nicht zu beanstanden, dass die
Vorinstanz keine Ausführungen dazu machte, ob das Ausweisungsbegeh-
ren begründet war oder nicht. Die Vorinstanz hat ihre Begründungspflicht
somit nicht verletzt.
3.4.
Soweit sich die Beschwerde gegen die Verlegung der Gerichts- und Partei-
kosten des erstinstanzlichen Verfahrens (angefochtener Entscheid E. 2.2)
richtet, ist auf sie nicht einzutreten, nachdem der Beklagte mit keinem Wort
begründet hat und auch nicht ersichtlich ist, weshalb diese unrichtig sein
sollte.
3.5.
Aufgrund der obigen Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen, soweit
darauf einzutreten ist.
4.
4.1.
Der Beklagte ersuchte in seiner Beschwerde schliesslich um Bestellung ei-
nes unentgeltlichen Rechtsbeistands für das Beschwerdeverfahren.
4.2.
4.2.1.
Gemäss Art. 117 ZPO hat eine Person Anspruch auf unentgeltliche Rechts-
pflege, wenn sie nicht über die erforderlichen Mittel verfügt (lit. a) und ihr
Rechtsbegehren nicht aussichtslos erscheint (lit. b). Die unentgeltliche
Rechtspflege umfasst die Befreiung von Vorschuss- und Sicherheitsleis-
tungen, die Befreiung von den Gerichtskosten und die gerichtliche Bestel-
lung einer Rechtsbeiständin oder eines Rechtsbeistands, wenn dies zur
Wahrung der Rechte notwendig ist, insbesondere wenn die Gegenpartei
anwaltlich vertreten ist (Art. 118 Abs. 1 ZPO).
Als aussichtslos i.S.v. Art. 117 lit. b ZPO sind nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung Prozessbegehren anzusehen, bei denen die Gewinnaus-
sichten beträchtlich geringer sind als die Verlustgefahren und sie deshalb
kaum als ernsthaft bezeichnet werden können. Dagegen gilt ein Begehren
nicht als aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren
ungefähr die Waage halten oder jene nur wenig geringer sind als diese.
Massgebend ist, ob eine Partei, die über die nötigen Mittel verfügt, sich bei
vernünftiger Überlegung zu einem Prozess entschliessen würde. Eine Par-
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tei soll einen Prozess, den sie auf eigene Rechnung und Gefahr nicht füh-
ren würde, nicht deshalb anstrengen können, weil er sie - zumindest vor-
läufig - nichts kostet. Ob im Einzelfall genügende Erfolgsaussichten beste-
hen, beurteilt sich aufgrund einer vorläufigen und summarischen Prüfung
der Prozessaussichten, wobei die Verhältnisse im Zeitpunkt der Einrei-
chung des Gesuchs massgebend sind (statt vieler BGE 142 III 138 E. 5.1
m.w.H.).
4.2.2.
Aus den Ausführungen in E. 3 hievor ergibt sich, dass im vorliegenden Be-
schwerdeverfahren die Gewinnaussichten von Anfang an beträchtlich ge-
ringer waren als die Verlustgefahren und deshalb kaum als ernsthaft be-
zeichnet werden konnten. Daher war die Beschwerde gegen die Verfügung
des Präsidenten des Bezirksgerichts Zofingen vom 14. Juli 2022 von vorn-
herein aussichtslos. Die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege fällt
deshalb ausser Betracht. Folglich ist das Gesuch des Beklagten um Bestel-
lung eines unentgeltlichen Rechtsbeistands für das Beschwerdeverfahren
abzuweisen.
5.
Bei diesem Ausgang des Beschwerdeverfahrens hat der unterliegende Be-
klagte die obergerichtliche Entscheidgebühr zu bezahlen (Art. 106 Abs. 1
ZPO) und seine Parteikosten selber zu tragen. Da der Klägerin im Be-
schwerdeverfahren kein Aufwand entstanden ist, ist ihr keine Parteient-
schädigung zuzusprechen.
Ergänzend festzuhalten bleibt, dass die Vertretung durch die Liegen-
schaftsverwaltung lediglich vor den Schlichtungsbehörden für Miete und
Pacht und im erstinstanzlichen Mietausweisungsverfahren zulässig ist
(§ 18 Abs. 2 EG ZPO). Vor Obergericht ist die Vertretung der Klägerin
durch die Liegenschaftsverwaltung demnach unzulässig. Es bleibt dies hier
jedoch (abgesehen von der Anpassung im Rubrum des vorliegenden Ent-
scheids) ohne Folgen, da seitens der Klägerin keine Prozesshandlungen
erforderlich waren und die Beschwerde, wie dargelegt, abzuweisen ist, so-
weit darauf einzutreten ist.