Decision ID: d04ee4d6-b046-5f41-81fe-6ae5596f88b9
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 23. Juli 2021 in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) vom 27. Juli 2021 ergab, dass die Beschwerdeführerin am
19. Juli 2019 in Griechenland ein Asylgesuch eingereicht hatte und ihr dort
am 28. Juli 2020 Schutz gewährt worden war.
C.
Am 28. Juli 2021 beauftragte die Beschwerdeführerin die ihr zugewiesene
Rechtsvertretung. Gleichentags fand die Personalienaufnahme (PA) statt.
D.
Am 12. August 2021 erfolgte das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO).
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs zu einem allfälligen Wegweisungsvoll-
zug nach Griechenland gab die Beschwerdeführerin an, von den griechi-
schen Behörden als Flüchtling anerkannt worden zu sein. Allerdings habe
sie nach erhaltener Schutzgewährung die Unterkunft verlassen müssen
und danach ein Jahr lang in einem Zelt auf der Strasse gelebt, welches sie
von Mitarbeitern der Vereinten Nationen erhalten habe. Im Übrigen sei sie
auf sich alleine gestellt gewesen. Als alleinstehende Frau habe sie jede
Nacht Angst gehabt, weil sie ständig von fremden Männern in ihrem Zelt
aufgesucht und sexuell belästigt worden sei. Ferner habe sie an (...) gelit-
ten und sei an (...) erkrankt, da sie keine sanitären Einrichtungen zur Ver-
fügung gehabt habe. Obwohl sie die griechischen Behörden mehrmals um
Unterstützung hinsichtlich Unterkunft, Nahrungsversorgung, medizinischer
Versorgung und polizeilichen Schutz gebeten habe, sei ihr jegliche Hilfe
verwehrt geblieben. Angesichts dieser Notsituation sei sie durch Unterstüt-
zung einer somalischen Staatsangehörigen in die Schweiz weitergereist.
Hinsichtlich ihres Gesundheitszustands machte die Beschwerdeführerin
geltend, an (...) und (...) zu leiden. Ausserdem habe sie (...). Sie habe sich
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bereits bei der Pflege im Bundesasylzentrum gemeldet und Medikamente
sowie eine Salbe erhalten.
E.
E.a Am 13. August 2021 ersuchte das SEM die griechischen Behörden ge-
stützt auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Ver-
fahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Dritt-
staatsangehöriger (sog. Rückführungs-Richtlinie) und das Abkommen zwi-
schen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der Helleni-
schen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregulärem
Aufenthalt vom 28. August 2006 (SR 0.142.113.729) um Rückübernahme
der Beschwerdeführerin.
E.b Am 14. August 2021 stimmten die griechischen Behörden dem Rück-
übernahmeersuchen des SEM ausdrücklich zu. Gleichzeitig informierten
sie darüber, dass die Beschwerdeführerin in Griechenland über einen
Flüchtlingsstatus und über eine bis am 27. Juli 2023 gültige Aufenthaltsbe-
willigung verfüge.
F.
Mit Eingabe vom 10. September 2021 liess die Beschwerdeführerin einen
ärztlichen Bericht von B._ (Assistenzarzt [...]) vom 30. August 2021
ins Recht legen. Demnach leidet die Beschwerdeführerin eigenen Angaben
zufolge an (...), (...), (...) sowie (...). Der Untersuchungsbefund besagt,
dass sie bereits auf leichte Berührungen am (...) anschlage und der (...)
fraglich positiv sei. Zur Behandlung wurde eine (...) empfohlen und die Me-
dikamente (...), (...) sowie (...) verschrieben.
G.
G.a Das SEM unterbreitete der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin
am 21. September 2021 einen Entscheidentwurf (Nichteintreten auf das
Asylgesuch und Wegweisung nach Griechenland) zur Stellungnahme.
G.b Mit Eingabe vom 22. September 2021 liess die Beschwerdeführerin
durch ihre Rechtsvertretung eine Stellungnahme einreichen.
Darin führte sie im Wesentlichen aus, sie wolle aufgrund ihrer Erfahrungen
keinesfalls nach Griechenland zurückkehren. In der Realität sei es Schutz-
berechtigten, die weder über die nötigen Sprachkenntnisse, finanzielle
Ressourcen oder Netzwerke verfügten, nicht möglich, ihre Ansprüche in-
nert nützlicher Frist über den Rechtsweg geltend zu machen. Zur aktuellen
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Situation von internationalen Schutzberechtigten in Griechenland könne
auf den Bericht der Stiftung Pro Asyl und Refugee Support Aegean (RSA)
vom April 2021 verwiesen werden. Dieser bestätige die bereits zahlreich
vorhandenen Dokumentationen, wonach Griechenland es nicht annährend
vermöge, seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen. Dem-
entsprechend liessen deutsche Verwaltungsgerichte eine Wegweisung von
Personen mit Schutzstatus nach Griechenland nicht zu, weshalb eine ab-
weichende Lageeinschätzung auch deshalb nicht haltbar sei.
H.
Mit Verfügung vom 23. September 2021 – gleichentags eröffnet – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. a AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht ein (Dispositivziffer 1), wies sie
aus der Schweiz weg (Dispositivziffer 2) und forderte sie auf, die Schweiz
am Tag nach Eintritt der Rechtskraft dieser Verfügung zu verlassen, an-
sonsten sie in Haft genommen und unter Zwang nach Griechenland zu-
rückgeführt werden könne (Dispositivziffer 3). Ferner beauftragte es den
zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung (Dispositivziffer 4)
und händigte der Beschwerdeführerin die editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis aus (Dispositivziffer 5).
I.
Gegen diesen Entscheid erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe ihrer
Rechtsvertretung vom 30. September 2021 (Datum des Poststempels)
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, die ange-
fochtene Verfügung sei im Wegweisungsvollzugspunkt aufzuheben und sie
infolge Unzulässigkeit beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Eventualiter sei die
Vorinstanz anzuweisen, von den griechischen Behörden individuelle Ga-
rantien betreffend die adäquate Unterbringung und den benötigten Zugang
zu fachärztlicher Behandlung einzuholen. Subeventualiter sei die Sache
zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses.
Der Beschwerde beigelegt war – nebst Kopien der angefochtenen Verfü-
gung, der dazugehörigen Empfangsbestätigung sowie der Vollmacht vom
28. Juli 2021 – der bereits aktenkundige ärztliche Bericht vom 30. August
2021.
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J.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
1. Oktober 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
Gleichentags bestätigte dieses den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den von der Vor-
instanz angeordneten Vollzug der Wegweisung (Dispositivziffern 3 und 4),
womit die vorinstanzliche Verfügung vom 23. September 2021, soweit sie
das Nichteintreten auf das Asylgesuch betrifft, unangefochten in Rechts-
kraft erwachsen ist, und auch die verfügte Wegweisung nicht mehr zu über-
prüfen ist (Dispositivziffern 1 und 2).
2.2 Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet demnach
einzig die Frage, ob die Vorinstanz den Vollzug der Wegweisung zu Recht
als durchführbar erachtet hat oder ob allenfalls anstelle des Vollzugs eine
vorläufige Aufnahme anzuordnen ist.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG.
4.
Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachstehend aufgezeigt –
als offensichtlich unbegründet und ist im Verfahren einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG),
ohne Weiterungen und mit summarischer Begründung zu behandeln
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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Seite 6
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
dass der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland zulässig, zumutbar
und möglich sei. Sie führte dazu im Wesentlichen an, die Beschwerdefüh-
rerin finde als anerkannter Flüchtling im Drittstaat Griechenland Schutz vor
Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG, weshalb das Non-Refou-
lement-Gebot bezüglich des Heimat- oder Herkunftsstaates nicht zu prüfen
sei.
Zu den von der Beschwerdeführerin dargelegten Einwänden sei festzuhal-
ten, dass Griechenland die Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parla-
ments und Rates vom 13. Dezember 2011 (sogenannte Qualifikationsricht-
linie), welche unter anderem die Ansprüche von Flüchtlingen und Personen
mit subsidiärem Schutzstatus hinsichtlich Sozialleistungen bestimme so-
wie deren Zugang zu Wohnraum, medizinischer Versorgung oder Beschäf-
tigung regle, umgesetzt habe. Somit müsse davon ausgegangen werden,
dass der Zugang der Beschwerdeführerin zu staatlicher Unterstützung ge-
währleistet sei, sofern sie sich selbständig oder mit Hilfe einer der zahlrei-
chen sozialen Organisationen bei den zuständigen Behörden um Unter-
stützungsleistungen bemühe. Sollte Griechenland seinen Verpflichtungen
hinsichtlich der Fürsorgeleistungen nicht nachkommen, sei es der Be-
schwerdeführerin unbenommen, ihre Rechte bei den griechischen Behör-
den auf dem Rechtsweg geltend zu machen. Ferner sei festzuhalten, dass
Griechenland ein Rechtsstaat sei, welcher über eine funktionierende Poli-
zeibehörde verfüge, die sowohl als schutzwillig wie auch als schutzfähig
gelte. Sollte sich die Beschwerdeführerin künftig in Griechenland vor Über-
griffen durch Privatpersonen fürchten oder solche erleiden, so könne sie
sich an die zuständigen staatlichen Stellen respektive eine höhere Instanz
wenden. Hinsichtlich der gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Be-
schwerdeführerin sei festzuhalten, dass aufgrund der vorhandenen medi-
zinischen Unterlagen und unter Berücksichtigung der geschilderten ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen nicht von einer drohenden Verletzung
von Art. 3 EMRK auszugehen sei. Abgesehen davon verfüge Griechenland
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur und sei gemäss Aufnah-
merichtlinie verpflichtet, ihr die notwendige medizinische Behandlung zu
gewähren. Im Übrigen werde die Vorinstanz ihrem aktuellen Gesundheits-
zustand bei der Organisation der Überstellung nach Griechenland Rech-
nung tragen, indem es die griechischen Behörden vor der Überstellung
über allfällig notwendige medizinische Behandlungen informieren werde.
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Zur Stellungnahme zum Verfügungsentwurf sei schliesslich festzuhalten,
dass damit keine neuen Tatsachen oder Beweismittel vorgelegt worden
seien, welche eine Änderung des dargelegten Standpunktes rechtfertigen
könnten.
5.2 Dem hält die Beschwerdeführerin in der Rechtsmitteleingabe entge-
gen, dass der Sachverhalt in Bezug auf ihren Gesundheitszustand unvoll-
ständig abgeklärt worden sei. Folglich habe das SEM auch nicht abschlies-
send beurteilen können, ob sie in Griechenland Zugang zu adäquater me-
dizinischer Behandlung habe.
Im Übrigen wies sie – wie bereits im Rahmen des rechtlichen Gehörs zum
Verfügungsentwurf – auf die allgemeine schwierige Situation von aner-
kannten Flüchtlingen in Griechenland hin und machte ergänzend auf die
jüngste Rechtsprechung niederländischer Verwaltungsgerichte aufmerk-
sam, wonach in zwei Einzelfällen eine Wegweisung von Personen mit
Schutzstatus nach Griechenland als unzulässig beurteilt worden sei. Als
alleinstehende, weibliche, gesundheitlich angeschlagene und mithin ver-
letzliche Person sei die Unzulässigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs nach Griechenland festzustellen. Sollte das Ge-
richt zu einem anderen Schluss gelangen, sei die Vorinstanz entsprechend
dem Eventualbegehren anzuweisen, individuelle Zusicherungen adäqua-
ter Unterbringung und medizinischer Versorgung von den griechischen Be-
hörden einzuholen.
6.
6.1 In der Beschwerde wird die Verletzung der Pflicht zur richtigen und voll-
ständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt. Diese for-
melle Rüge ist vorab zu beurteilen, da sie gegebenenfalls geeignet ist, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
6.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 49 Bst. b VwVG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. dazu CHRISTOPH AUER/ANJA
MARTINA BINDER, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwal-
tungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 N 16).
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Seite 8
6.3 Die Aktenlage im Zeitpunkt des Verfassens der Verfügung stellte eine
hinreichende Beurteilungsgrundlage dar. In Anbetracht der Dauer der An-
wesenheit der Beschwerdeführerin in der Schweiz (rund zwei Monate), in
welcher die Beschwerdeführerin Gelegenheit gehabt hätte, weitere Arztbe-
richte einzureichen, und ihrer Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG, war
die Vorinstanz nicht verpflichtet, weitere konkrete Sachverhaltsabklärun-
gen zu treffen. Auch gestützt auf die restlichen Vorbringen hatte die Vor-
instanz keinen Anlass, weitere Abklärungen vorzunehmen. Alleine der Um-
stand, dass sie in ihrer Einschätzung zur gesundheitlichen Situation der
Beschwerdeführerin respektive gesundheitlichen Versorgung in Griechen-
land einer anderen Linie folgt, als von der Beschwerdeführerin vertreten,
spricht nicht für eine unrichtige oder unvollständige Sachverhaltsfeststel-
lung.
6.4 Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtene
Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Das entsprechende Subeventualbegehren ist ab-
zuweisen.
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insbesondere Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkom-
mens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30], Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 und 4 EMRK) einer Weiterreise
der Ausländerin oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen
Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
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Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und Aus-
länder unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund
von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizini-
scher Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung fest-
gestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren.
Der Vollzug ist schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der
Ausländer weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen
Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2
AIG).
8.
8.1 Gemäss Art. 6a AsylG besteht zugunsten sicherer Drittstaaten – wie
Griechenland einer ist (vgl. Beschluss des Bundesrates vom 14. Dezember
2007) – die Vermutung, dass diese ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen,
darunter im Wesentlichen das Refoulement-Verbot und grundlegende
menschenrechtliche Garantien, einhalten (vgl. FANNY MATTHEY, in: Cesla
Amarelle/Minh Son Nguyen, Code annoté de droit des migrations, Bern
2015, Art. 6a AsylG N 12 S. 68). Es obliegt der betroffenen Person, diese
Legalvermutung umzustossen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltspunkte da-
für vorzubringen, dass die Behörden des in Frage stehenden Staates im
konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwendigen Schutz
gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensumständen aussetzen
würden (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E-3183/2021 vom 16. Juli 2021
E. 8.4.3).
8.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Rechtsprechung da-
von aus, dass Griechenland als Signatarstaat der EMRK, der FoK, der FK
sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301)
seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen grundsätzlich
nachkommt. Das Vorliegen eines Vollzugshindernisses unter dem Aspekt
der Zulässigkeit bei Personen, denen von den griechischen Behörden ein
Schutzstatus verliehen wurde, wird vom Bundesverwaltungsgericht praxis-
gemäss nur dann bejaht, wenn im jeweiligen Einzelfall konkrete Anhalts-
punkte für Völkerrechtsverletzungen vorliegen. Das Gericht anerkennt,
auch aufgrund der von der Beschwerdeführerin zitierten Berichte und
Rechtsprechung, dass die Lebensbedingungen in Griechenland schwierig
sind. Dennoch ist gemäss Rechtsprechung diesbezüglich nicht von einer
generellen unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung von Schutz-
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berechtigten im Sinne von Art. 3 EMRK auszugehen (so insbesondere Ur-
teil des BVGer D-559/2020 vom 13. Februar 2020 E. 8.2 m.w.H. [als Refe-
renzurteil publiziert]). Die bekannten Unzulänglichkeiten treten nicht in ei-
ner Weise auf, welche darauf schliessen liessen, dass Griechenland grund-
sätzlich nicht gewillt oder nicht fähig sei, Schutzberechtigten die ihnen zu-
stehenden Rechte und Ansprüche zu gewähren, beziehungsweise dass
diese bei Bedarf nicht auf dem Rechtsweg durchgesetzt werden könnten
(vgl. beispielsweise die Urteile des BVGer E-3183/2021 vom 16. Juli 2021
E. 8.4.4 und E-319/2021 vom 27. Januar 2021 E. 5.3). An dieser Einschät-
zung vermögen auch die zitierten Urteile deutscher und niederländischer
Verwaltungsgerichte nichts zu ändern, zumal diese für die Schweiz nicht
verbindlich sind. Im Falle einer Verletzung der Garantien der EMRK steht
zudem gestützt auf Art. 34 EMRK nach wie vor der Rechtsweg an den
EGMR offen (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E-3183/2021 vom 16. Juli
2021 E. 8.4.4).
8.3 Aufgrund der Akten liegen keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür
vor, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Griechenland
dort einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Insbesondere hat sie nicht erwähnt, rechtlich
gegen die geltend gemachte Verweigerung von Unterstützungsleistungen
vorgegangen zu sein. Sodann stellt eine zwangsweise Rückweisung von
Personen mit gesundheitlichen Problemen nur ganz ausnahmsweise einen
Verstoss gegen Art. 3 EMRK dar (zu den Anforderungen vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.). Von einem derart gravierenden Krank-
heitsbild kann bei der Beschwerdeführerin, wie die Vorinstanz zutreffend
darlegte, offenkundig nicht ausgegangen werden. Dem zu den Akten ge-
reichten medizinischen Bericht vom 30. August 2021 ist zu entnehmen,
dass die diagnostizierten respektive geschilderten Beschwerden der Be-
schwerdeführerin medikamentös behandelt werden (vgl. Prozessge-
schichte, Bst. F.). Ein aktuellerer ärztlicher Bericht wurde von der Be-
schwerdeführerin nicht eingereicht, woraus zu schliessen ist, dass eine
weitergehende Behandlung bislang offenbar nicht notwendig geworden ist.
Im Übrigen verfügt Griechenland als EU-Staat über eine hinreichende me-
dizinische Infrastruktur für die vorliegend ausgewiesenen Gesundheitsbe-
schwerden. Das Land hat sich, wie im Urteil E-3110/2020 des BVGer vom
24. Juni 2020 ausführlich dargelegt worden ist, völkerrechtlich verpflichtet,
Asylsuchenden und ausländischen Personen mit einem Schutzstatus die
erforderlichen medizinischen Behandlungen zur Verfügung zu stellen (vgl.
a.a.O. E. 7.4). Die Beschwerdeführerin ist gehalten, diese ihr zustehenden
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Seite 11
Rechte einzufordern und nötigenfalls auf dem Rechtsweg durchzusetzen.
Folglich erweist sich der Vollzug als zulässig.
9.
9.1 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht die Vermutung, dass eine Weg-
weisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist (vgl. An-
hang 2 der Verordnung über den Vollzug der Weg- und Ausweisung sowie
der Landesverweisung von ausländischen Personen [VVWAL,
SR 142.281]). Der Bundesrat ist – auch in Anbetracht der gegenwärtigen
Asylpolitik Griechenlands – auf seine diesbezügliche Einschätzung, welche
periodisch zu überprüfen ist (vgl. Art. 83 Abs. 5bis AIG), bisher nicht zurück-
gekommen.
9.2 Die Vorinstanz hat zutreffend auf die Verpflichtungen Griechenlands
gegenüber Schutzberechtigten bezüglich Unterbringung, medizinischer
Versorgung, Sozialhilfe und Erwerbstätigkeit hingewiesen, welche sich ins-
besondere aus der Qualifikationsrichtlinie sowie auch aus der FK ergeben.
Das Bundesverwaltungsgericht geht nach wie vor davon aus, dass Perso-
nen mit Schutzstatus griechischen Bürgerinnen und Bürgern in Bezug auf
Fürsorge und den Zugang zu Gerichten respektive mit anderen Ausländern
und Ausländerinnen beispielsweise in Bezug auf Erwerbstätigkeit oder die
Gewährung einer Unterkunft gleichgestellt sind (vgl. Art. 16-24 FK). Die
Schutzberechtigten können sich auf die Garantien in der Qualifikations-
richtlinie berufen (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E-3183/2021 vom
16. Juli 2021 E. 8.5.2).
9.3 Auch wenn eine adäquate Eingliederung der Beschwerdeführerin in die
sozialen Strukturen Griechenlands als anerkannter Flüchtling mit nicht zu
verkennenden Erschwernissen verbunden ist, vermögen ihre Vorbringen
die Anforderungen an eine konkrete Gefährdung nicht zu erfüllen. Es darf
von der Beschwerdeführerin erwartet werden, sich bei Unterstützungsbe-
darf an die griechischen Behörden zu wenden und die erforderliche Hilfe
nötigenfalls auf dem Rechtsweg einzufordern, selbst wenn die diesbezüg-
lichen Prozedere langwierig sein sollten. Zur Vermeidung unnötiger Wie-
derholungen kann im Übrigen auf die betreffenden Erwägungen in der an-
gefochtenen Verfügung verwiesen werden. Bei dieser Sachlage besteht
entgegen der Beschwerde kein Anlass zur Einholung individueller Garan-
tien betreffend adäquate Unterbringung und medizinische Betreuung (vgl.
statt vieler Urteil des BVGer E-319/2021 vom 27. Januar 2021 E. 5.5). Bei
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der Beschwerdeführerin handelt es sich insbesondere entgegen der Be-
schwerde nicht um eine besonders vulnerable Person. Der Wegweisungs-
vollzug erweist sich als zumutbar.
10.
Schliesslich ist der Wegweisungsvollzug auch als möglich zu erachten, zu-
mal die griechischen Behörden einer Rückübernahme der Beschwerdefüh-
rerin ausdrücklich zugestimmt haben.
11.
Nach dem Gesagten ist der von der Vorinstanz verfügte Vollzug der Weg-
weisung zu bestätigen. Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit
ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 49
VwVG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
13.
13.1 Die Beschwerdeführerin beantragt die Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass ihre Begehren als aussichtslos zu gelten ha-
ben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht ge-
geben, weshalb das Gesuch ungeachtet der geltend gemachten Mittello-
sigkeit abzuweisen ist.
13.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Das Gesuch um Erlass des Kostenvorschusses ist mit vor-
liegendem Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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