Decision ID: 677f325a-5c05-46a2-b2ce-dd35dbfb08d0
Year: 2005
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Mit Beschluss vom 7. September 2004 erliess der Stadtrat St. Gallen eine
Verkehrsanordnung für das Gebiet Kesselhalden/Guggeien. Er beschloss für das
Teilgebiet Kesselhalden, begrenzt durch die Kesselhalden- und Lukasstras-se sowie
die Bebauung nördlich der Hüttenwies- und Quellenstrasse eine Zonensignalisation mit
der Höchstgeschwindigkeit 30 km/h. Dieselbe Anordnung verfügte er für das Teilgebiet
Guggeien, begrenzt durch die Höchsterstrasse sowie die Bebauung nördlich von
Guggeien- und Kesselhaldenhof.
B./ Gegen die Verkehrsanordnung im Teilgebiet Kesselhalden erhoben X. und weitere
Anwohner Rekurs beim Justiz- und Polizeidepartement und beantragten, von der
Signalisation einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h im Gebiet Hüttenwies- und
Quellenstrasse sei abzusehen, allenfalls seien zur Abklärung von vermuteten
Unkorrektheiten bei der Umfrage die Fragebögen des Quartiervereins zu überprüfen.
Zur Begründung wurde im wesentlichen geltend gemacht, die Vorsteherin der
Bauverwaltung habe in einer Stellungnahme zu einer Eingabe eines Rekurrenten auf
einen Stadtratsbeschluss hingewiesen, wonach Tempo-30-Zonen nur aufgrund von
schriftlichen Anträgen der betreffenden Quartier- und Anwohnervereine sowie einer
positiv verlaufenen Umfrage eingeführt würden. Die Umfrage des Quartiervereins im
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fraglichen Gebiet sei nicht korrekt durchgeführt worden. Ausserdem sei eine
Tempo-30-Zone nicht notwendig.
Das Justiz- und Polizeidepartement wies den Rekurs mit Entscheid vom 23. Februar
2005 ab, soweit es darauf eintrat. Es erwog, weder das Bundesrecht noch das
kantonale Recht würden eine Umfrage als Voraussetzung für den Erlass einer
Verkehrsanordnung vorschreiben. Eine Quartierumfrage habe rein konsultativen und
informellen Charakter. Es bestehe kein Rechtsanspruch auf vorgängige Anhörung mit
der Folge, dass bei deren Unterlassung eine Zonensignalisation rechtswidrig wäre. Die
gegen die Modalitäten der Umfrage vorgebrachten Einwände seien daher unbeachtlich.
Im übrigen seien die Voraussetzungen für eine Zonensignalisation bzw. eine
Tempo-30-Zone gegeben. Die Massnahme liege im öffentlichen Interesse und beruhe
auf einer gesetzlichen Grundlage. Ausserdem erweise sie sich als geeignet und
erforderlich für die Verbesserung der Verkehrssicherheit und die Erhöhung der
Wohnqualität, weshalb das Verhältnismässigkeitsprinzip eingehalten sei.
C./ Mit Eingabe vom 8. März 2005 erhoben X. und ... Beschwerde beim
Verwaltungsgericht. Die Beschwerdeführer halten am Rekursantrag fest und stellen das
Begehren, es sei von der beabsichtigten Signalisation der Höchstgeschwindigkeit von
30 km/h im Gebiet Hüttenwies- und Quellenstrasse abzusehen. Die zur Begründung
vorgebrachten Ausführungen werden, soweit wesentlich, in den nachstehenden
Erwägungen dargelegt und gewürdigt.
Das Justiz- und Polizeidepartement beantragt in seiner Vernehmlassung vom 22. März
2005 unter Hinweis auf den angefochtenen Entscheid die Abweisung der Beschwerde.
Der Stadtrat St. Gallen schliesst in seiner Vernehmlassung vom 12. April 2005 ebenfalls
auf Abweisung der Beschwerde und verweist auf seine Ausführungen in der
Rekursvernehmlassung.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die
Beschwerdeführer sind als unterlegene Rekurrenten zur Beschwerdeführung legitimiert
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(Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeeingabe vom 8.
März 2005 entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen
(Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und 48 Abs. 1 VRP). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2./ Die gesetzlichen Grundlagen für die vorliegend streitige Anordnung befinden sich in
Art. 3 und 32 des Bundesgesetzes über den Strassenverkehr (SR 741.01, abgekürzt
SVG). Art. 3 SVG regelt gemäss Randtitel die Befugnisse der Kantone und Gemeinden
im Bereich des Strassenverkehrs. Diese Befugnisse bilden Ausnahmen vom Grundsatz,
wonach die Regelung des Strassenverkehrs Sache des Bundes ist (Art. 82 Abs. 1 der
Bundesverfassung, SR 101).
a) Nach Art. 3 Abs. 2 SVG sind die Kantone befugt, für bestimmte Strassen
Fahrverbote, Verkehrsbeschränkungen und Anordnungen zur Regelung des Verkehrs
zu erlassen. Sie können diese Befugnis den Gemeinden übertragen unter Vorbehalt der
Beschwerde an eine kantonale Behörde.
Nach Art. 3 Abs. 3 SVG kann der Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr auf Strassen, die
nicht dem allgemeinen Durchgangsverkehr geöffnet sind, vollständig untersagt oder
zeitlich beschränkt werden; Fahrten im Dienste des Bundes bleiben jedoch gestattet.
Vorbehalten ist die Beschwerde an das Bundesgericht wegen Verletzung
verfassungsmässiger Rechte der Bürger.
Andere Verkehrsbeschränkungen oder Anordnungen zur Regelung des Verkehrs
können erlassen werden, soweit der Schutz der Bewohner oder gleichermassen
Betroffener vor Lärm und Luftverschmutzung, die Beseitigung von Benachteiligungen
von Menschen mit Behinderungen, die Sicherheit, die Erleichterung oder die Regelung
des Verkehrs, der Schutz der Strasse oder andere in den örtlichen Verhältnissen
liegende Gründe dies erfordern. Aus solchen Gründen können insbesondere in
Wohnquartieren der Verkehr beschränkt und das Parkieren besonders geregelt werden
(Art. 3 Abs. 4 SVG).
Abs. 3 regelt die sog. Totalfahrverbote, während die Anordnungen nach Abs. 4 als
funktionelle Verkehrsanordnungen bzw. -beschränkungen bezeichnet werden (vgl. BBl
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1999, S. 4481; R. Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen
Strassenverkehrsrechts, Band I, 2. Aufl., Bern 2002, Rz. 35 ff.).
b) Für Geschwindigkeitsbeschränkungen gelten aus-serdem die besonderen
Bestimmungen in Art. 32 SVG.
Gemäss Art. 32 Abs. 2 SVG beschränkt der Bundesrat die Geschwindigkeit der
Motorfahrzeuge auf allen Strassen. Nach Art. 32 Abs. 3 SVG kann die vom Bundesrat
festgesetzte Höchstgeschwindigkeit für bestimmte Strassenstrecken von der
zuständigen Behörde nur aufgrund eines Gutachtens herab- oder heraufgesetzt
werden. Der Bundesrat kann Ausnahmen vorsehen.
c) Der Bundesrat hat von der ausdrücklichen Kompetenz zum Erlass näherer
Bestimmungen in Art. 108 der Signalisationsverordnung (SR 741.11, abgekürzt SSV)
Gebrauch gemacht. Dies erfolgte im Bestreben, dass abweichende Geschwindigkeiten
im schweizerischen Verkehrsraum nach einheitlichen Kriterien erfolgen sollten
(Schaffhauser, a.a.O., Rz. 61).
Die Gründe, aus denen eine Herabsetzung der allgemeinen Höchstgeschwindigkeit
erfolgen kann bzw. die Zwecke, die damit verfolgt werden, sind zunächst in Art. 108
Abs. 1 SSV in allgemeiner Weise und anschliessend in Art. 108 Abs. 2 SSV detailliert
und abschliessend enumeriert (Schaffhauser, a.a.O., Rz. 62).
d) Zur Vermeidung oder Verminderung besonderer Gefahren im Strassenverkehr, zur
Reduktion einer übermässigen Umweltbelastung oder zur Verbesserung des
Verkehrsablaufs kann die Behörde oder das Bundesamt für bestimmte
Strassenstrecken Abweichungen von den allgemeinen Höchstgeschwindigkeiten
anordnen (Art. 108 Abs. 1 SSV).
Die allgemeinen Höchstgeschwindigkeiten können nach Art. 108 Abs. 2 SSV
herabgesetzt werden, wenn eine Gefahr nur schwer oder nicht rechtzeitig erkennbar
und anders nicht zu beheben ist (lit. a), bestimmte Strassenbenützer eines besonderen,
nicht anders zu erreichenden Schutzes bedürfen (lit. b), auf Strecken mit grosser
Verkehrsbelastung der Verkehrsablauf verbessert werden kann (lit. c), dadurch eine im
Sinne der Umweltschutzgesetzgebung übermässige Umweltbelastung (Lärm,
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Schadstoffe) vermindert werden kann, wobei der Grundsatz der Verhältnismässigkeit
zu wahren ist (lit. d). Die Anordnung tieferer als der vom Bundesrat festgelegten
Höchstgeschwindigkeiten ist nur zulässig, wenn sie aus einem der in Art. 108 Abs. 2
SSV aufgezählten Gründe erforderlich ist (vgl. Schaffhauser, a.a.O., Rz. 64).
Vor der Festlegung von abweichenden Höchstgeschwindigkeiten wird durch ein
Gutachten abgeklärt, ob die Massnahme nötig sowie zweckmässig und
verhältnismässig ist oder ob andere Massnahmen vorzuziehen sind. Dabei ist
insbesondere zu prüfen, ob die Massnahme auf die Hauptverkehrszeiten beschränkt
werden kann (Art. 108 Abs. 4 SSV).
Art. 108 Abs. 5 SSV regelt die abweichenden Höchstgeschwindigkeiten auf den
verschiedenen Strassenkategorien; u.a. ist als abweichende Höchstgeschwindigkeit
innerorts mit Zonensignalisationen 30 km/h nach Art. 22a SSV und 20 km/h nach Art.
22b SSV zulässig (Art. 108 Abs. 5 lit. e SSV).
Diese Höchstgeschwindigkeit ist besonders zu signalisieren: das Signal «Tempo-30-
Zone» (2.59.1) kennzeichnet nach Art. 22a SSV Strassen in Quartieren oder
Siedlungsbereichen, auf denen besonders vorsichtig und rücksichtsvoll gefahren
werden muss. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 30 km/h.
e) Die Vorinstanz ging davon aus, der Stadtrat habe die Erhöhung der Sicherheit der
Verkehrsteilnehmer, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, sowie die
Verbesserung der Wohnqualität durch einen flüssigen und immissionsärmeren
Verkehrsablauf auf tieferem Geschwindigkeitsniveau bezweckt. Zu prüfen ist, inwiefern
diese Zwecksetzung im Einklang mit den Vorschriften des SVG und der
Ausführungsverordnungen steht bzw. durch Art. 3 Abs. 4 SVG und Art. 108 Abs. 1 SSV
gedeckt ist, wie die Vorinstanz annahm, wobei aufgrund der vorstehenden
Ausführungen die in Art. 108 Abs. 2 SSV erwähnten Voraussetzungen erfüllt sein
müssen.
aa) Dass eine besondere Gefahr besteht, die nur schwer oder nicht rechtzeitig
erkennbar und nicht anders zu beheben ist, wird weder vom Stadtrat noch von der
Vorinstanz angenommen. Im Gutachten wird festgehalten, die Unfallstatistik weise im
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Zonengebiet für die Zeit vom 1. Januar 1997 bis 15. Juli 2002 zwei Verkehrsunfälle auf,
wobei eine Person verletzt worden sei. In Bezug auf Unfallursache und -folge wird auf
Beilage 4 verwiesen. Dort sind allerdings gar keine Unfälle aufgeführt. Wie es sich
damit genau verhält, kann aber offen bleiben, da im Gutachten festgehalten wird,
aufgrund der Unfälle könnten keine Rückschlüsse auf vorhandene Anlagenmängel oder
Unfallschwerpunkte gezogen werden.
Im weiteren nehmen Stadtrat und Vorinstanz auch nicht an, dass eine übermässige
Umweltbelastung im Sinne von Art. 108 Abs. 1 und Abs. 2 lit. d SSV vorliegt. Im
Gutachten ist vielmehr festgehalten, die Immissionsgrenzwerte der
Lärmschutzverordnung würden innerhalb der Zone nicht überschritten; die Wohn- und
Lebensqualität könne als sehr gut eingestuft werden.
Als weiteren Zweck sieht Art. 108 Abs. 1 und Abs. 2 lit. c SSV vor, dass auf Strecken
mit grossem Verkehrsaufkommen der Verkehrsablauf verbessert werden kann. Auch
diese Zwecksetzung fällt im vorliegenden Fall nicht in Betracht. Gemäss Gutachten
beträgt der durchschnittliche tägliche Verkehr (DTV) an der Hüttenwiesstrasse (Haus
Nr. 44) 340 Fahrzeuge, und als maximaler Tagesverkehr wurden an einem Freitag 397
Fahrzeuge gemessen. Das Gutachten hält fest, die Verkehrsbelastungen sämtlicher
Messquerschnitte wiesen die Merkmale von Erschliessungsstrassen auf. Für die
Hüttenwies- und die Quellenstrasse wurde die Verkehrsbelastung ausdrücklich als
gering qualifiziert.
Schliesslich sieht Art. 108 Abs. 2 lit. b SSV als weitere Zwecksetzung vor, dass
bestimmte Strassenbenützer eines besonderen, nicht anders zu erreichenden Schutzes
bedürfen. Im Gutachten finden sich keine Anhaltspunkte, dass im Bereich Hüttenwies-
und Quellenstrasse gewisse Strassenbenützer eines besonderen Schutzes bedürfen.
Auch diese Zwecksetzung fällt daher ausser Betracht.
bb) Im Gutachten werden als Ziele der Massnahme die Verbesserung der Wohnqualität
mit einem flüssigen und immissionsärmeren Verkehrsablauf auf tieferem
Geschwindigkeitsniveau einerseits und die Erhöhung der Sicherheit aller
Verkehrsteilnehmer anderseits genannt.
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Zu prüfen ist, ob sich die Verbesserung der Wohnqualität und die Erhöhung der
Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer unter Art. 108 Abs. 1 und 2 SSV subsumieren
lassen. Die Vorinstanz ging davon aus, die Zielsetzungen der Massnahme seien durch
Art. 108 Abs. 1 SSV gedeckt.
Weder die Verbesserung der Wohnqualität noch die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer
lassen sich in dieser allgemeinen Form als Zwecksetzungen für eine
Geschwindigkeitsreduktion unter Art. 108 Abs. 1 und 2 SSV subsumieren. Wie erwähnt,
besteht weder eine übermässige Umweltbelastung noch eine besondere Gefährdung,
weshalb die Voraussetzungen für die Anordnung von Massnahmen gemäss Art. 108
Abs. 1 und Abs. 2 SSV nicht gegeben sind.
f) Es fragt sich weiter, ob Art. 108 Abs. 1 SSV einen gegenüber Abs. 2 weitergehenden
Anwendungsbereich aufweist. Der Umstand, dass Abs. 2 keine exemplarische
Aufzählung enthält, ergibt sich aus dem Fehlen des Begriffs "namentlich" oder
"insbesondere". Dies zeigt, dass Abs. 2 eine abschliessende Konkretisierung von Abs.
1 zum Gegenstand hat. Im Schrifttum wird denn auch ausdrücklich festgehalten, dass
die Gründe für eine Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit in Art. 108 Abs. 2 SSV
detailliert und abschlies-send aufgezählt sind (Schaffhauser, a.a.O., Rz. 62).
g) Zu prüfen bleibt, ob im übrigen Verordnungsrecht eine besondere Grundlage für
Tempo-30-Zonen besteht.
Art. 22a und 22b SSV regeln die Art der Signalisation und weitere Einzelheiten, nicht
aber die Voraussetzungen für die Einführung einer Tempo-30- oder einer
Begegnungszone.
Das UVEK erliess am 28. September 2001 eine Verordnung über die Tempo-30-Zonen
und die Begegnungszonen (SR 741.213.3). Diese regelt die Einzelheiten bei der
Anordnung von Tempo-30-Zonen (Art. 22a SSV) und Begegnungszonen (Art. 22b SSV)
und umschreibt insbesondere den Inhalt des Gutachtens nach Art. 32 Abs. 3 SVG bzw.
Art. 108 Abs. 4 SSV. Die Voraussetzungen für die Anordnung solcher Zonen werden
jedoch in dieser Verordnung auch nicht umschrieben.
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h) Die Vorinstanz hielt weiter fest, der Stadtrat folge mit der Einführung von Tempo-30-
Zonen in Wohngebieten den verbindlichen Vorgaben des kantonalen
Massnahmenplans Luftreinhaltung von 1990/1997 und setze das Tieftempo-Konzept
bzw. die etappenweise Einführung von Tempo-30-Zonen gemäss Stadtratsbeschluss
vom 1. März 1994 um. Diese umweltrechtlichen Erlasse bzw. Entscheide genügen
indes als Grundlage für die Reduktion von Höchstgeschwindigkeiten nicht; das
Verfahren richtet sich gemäss den Bestimmungen der Strassenverkehrsgesetzgebung
(vgl. BGE 122 II 101).
i) Zu prüfen bleibt, ob anderweitig eine hinreichende gesetzliche Grundlage für
Tempo-30-Zonen besteht.
In einem Entscheid vom 19. November 1997 erkannte der Bundesrat im
Zusammenhang mit der Einführung einer Tempo-30-Zone, welche mit der Erhöhung
der Verkehrssicherheit und der Reduktion von schädlichen Auswirkungen ("nuisances")
begründet wurde, solche Ziele seien "tout à fait conformes" mit Art. 3 Abs. 4 SVG,
welches die passende gesetzliche Grundlage sei (VPB 1998, 62.26).
aa) Ob die gesetzliche Regelung in Art. 3 Abs. 4 Satz 1 und 2 SVG, wonach zum
Schutz der Bewohner vor Lärm und Luftverschmutzung sowie aus anderen in den
örtlichen Verhältnissen liegenden Gründen in Wohnquartieren der Verkehr beschränkt
werden kann, unabhängig von Art. 108 Abs. 1 und 2 SSV eine genügende gesetzliche
Grundlage für eine Tempo-30-Zone ist, wird im Schrifttum unterschiedlich behandelt.
Es wird ausgeführt, nach Art. 3 Abs. 4 SVG seien funktionelle Beschränkungen
zulässig, wenn sie einem der vier im Gesetz erwähnten Ziele dienen, wobei aus
Gründen des Umweltschutzes insbesondere in Wohnquartieren der Verkehr beschränkt
und das Parkieren besonders geregelt werden dürften (T. Jaag, Verkehrsberuhigung im
Rechtsstaat, in: ZBl 87/1986, S. 294). Allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkungen
auf einzelnen Strassen werden hingegen nur unter den in Art. 108 Abs. 2 SSV
statuierten Voraussetzungen als zulässig erachtet (vgl. R. Meier,
Verkehrsberuhigungsmassnahmen nach dem Recht des Bundes und des Kantons
Zürich, Diss. Zürich 1989, S. 93). Schaffhauser hält fest, aufgrund des Schutzes der
Bewohner und gleichermassen Betroffener vor Lärm und Luftverschmutzung seien die
Ziele der Umweltschutzgesetzgebung explizit in den Kreis der Beschränkungsmotive
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aufgenommen worden. Auch aufgrund des Motives "anderer in den örtlichen
Verhältnissen liegende Gründe" seien bereits vereinzelt Ziele des Umweltschutzes
verfolgt worden. Bezüglich des Fahrverkehrs bestünden solche Schutzmassnahmen
vorab in einer Umlagerung des Verkehrs von Wohnquartieren auf
Hauptverkehrsachsen. Dazu stehe unter anderem das Instrument der besonderen Zone
zur Verfügung, wobei ein Verweis auf die Zonen gemäss Art. 22a bis 22c SSV folgt
(Schaffhauser, a.a.O., Rz. 47 f.). In den spezifischen Ausführungen zu den
Geschwindigkeitsbeschränkungen (Rz. 60 bis 67) fehlen Ausführungen zu den
besagten Zonen; es wird lediglich ein Verweis im Zusammenhang mit dem Bestreben
nach möglichst einheitlichen Kriterien für abweichende Geschwindigkeiten gemacht (Fn
107).
Eine klare Aeusserung zur Frage, ob Tempo-30-Zonen Geschwindigkeitsreduktionen
sind, welche nur bei Erfüllung einer oder mehrerer der in Art. 108 Abs. 2 lit. a bis d SSV
abschliessend aufgezählten Voraussetzungen angeordnet werden dürfen, oder ob es
sich um funktionale Verkehrsanordnungen im weiteren Sinne handelt, die unmittelbar
gestützt auf Art. 3 Abs. 4 SVG angeordnet werden dürfen, wird weder vom einen noch
vom anderen Autor gemacht. Der Bundesrat hielt in seinem Entscheid vom 19.
November 1997 (VPB 62.26) zwar fest, die Erhöhung der Verkehrssicherheit und die
Reduktion von schädlichen Einwirkungen stünden im Einklang mit Art. 3 Abs. 4 SVG. Er
machte indessen keine expliziten Aeusserungen, ob Geschwindigkeitsbeschränkungen
ungeachtet der Bestimmungen von Art. 108 Abs. 1 und 2 SSV zulässig sind.
bb) Somit bleibt zu prüfen, ob die Tempo-30-Zone eine Anordnung im weiteren Sinne
ist, welche unmittelbar gestützt auf Art. 3 Abs. 4 SVG angeordnet werden kann, oder
ob es sich um eine Form einer Geschwindigkeitsbeschränkung handelt, bei der die
Voraussetzungen nach Art. 32 Abs. 3 SVG und Art. 108 Abs. 1 und Abs. 2 SSV erfüllt
sein müssen.
Der Umstand, dass die Zonensignalisationen in Art. 108 Abs. 5 und 6 SSV ausdrücklich
erwähnt sind, spricht für ihre Natur als Geschwindigkeitsbeschränkungen. Wenn diese
Zonen in derjenigen Verordnungsbestimmung aufgeführt sind, welche ausschliesslich
die Voraussetzungen und das Verfahren für die Anordnung von
Geschwindigkeitsbeschränkungen regelt, so lässt dies darauf schliessen, dass sie
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ebenfalls als Geschwindigkeitsbeschränkungen zu betrachten sind und nicht als
funktionelle Verkehrsanordnungen im weiteren Sinn. Zum selben Schluss führt der
Umstand, dass in der einschlägigen Verordnung des UVEK vom 28. September 2001
über die Tempo-30-Zonen und die Begegnungszonen (SR 741.213.3) die
Voraussetzungen für deren Anordnung nicht umschrieben sind. Hinzu kommt, dass die
Tempo-30-Zone im Bereich der Hüttenwies- und der Quellenstrasse nicht mit weiteren
Verkehrsanordnungen verbunden ist, sondern die Massnahme abschliessend und
ausschliesslich eine Geschwindigkeitsreduktion zum Gegenstand hat.
Damit unterscheidet sich der vorliegende Fall von jenem, den der Bundesrat in seinem
Entscheid vom 19. November 1997 zu beurteilen hatte. Jene Tempo-30-Zone bestand
nicht ausschliesslich aus einer Geschwindigkeitsbeschränkung, sondern umfasste
zusätzlich Vorschriften für das Parkieren und besondere Vorschriften für den Verkehr
mit Fahrrädern und Motorfahrrädern. Die vorliegend streitige Massnahme erschöpft
sich demgegenüber im Gebiet Kesselhalden in einer Geschwindigkeitsreduktion auf der
Hüttenwies- und der Quellenstrasse. Dies qualifiziert die streitige Massnahme als
Geschwindigkeitsbeschränkung, welche nur unter den in Art. 108 Abs. 1 und 2 SSV
aufgestellen Rahmenbedingungen zulässig ist.
Der Bundesrat hielt in seinem Entscheid vom 19. November 1997 übrigens fest, die
Voraussetzungen von Art. 108 Abs. 4 SSV müssten erfüllt sein. Im konkreten Fall
genügte das Gutachten den Anforderungen nicht, weshalb die Angelegenheit an die
kantonale Behörde zurückgewiesen wurde. Der Bundesrat hielt aber ausdrücklich fest,
dass tiefere Geschwindigkeitslimiten, welche nicht respektiert würden, gefährliche
Auswirkungen haben könnten, insbesondere für die schwächsten Verkehrsteilnehmer
wie Fussgänger, Betagte und Kinder. Dies deutet darauf hin, dass mit jener Tempo-30-
Zone eine Zwecksetzung gemäss Art. 108 Abs. 2 lit. b SSV verfolgt wurde und der
Bundesrat nicht davon ausgegangen ist, Geschwindigkeitsbeschränkungen könnten
auch ausserhalb der in seiner Verordnung abgesteckten Rahmenbedingungen
angeordnet werden. Im übrigen werden lokale Geschwindigkeitsbeschränkungen ohne
flankierende bauliche und gestalterische Massnahmen an der Strassenanlage als Mittel
zur Verkehrsberuhigung nicht als sinnvoll, sondern als nutzlos und wegen ihrer
praktischen Undurchsetzbarkeit als schädlich für die Verkehrsdisziplin und die
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Verkehrssicherheit erachtet. (vgl. das Urteil des Verwaltungsgerichts Zürich vom 7.
April 2005, in: ZBl 106/2005, S. 595).
cc) Im vorliegenden Fall kommt hinzu, dass die Stadt St. Gallen Tempo-30-Zonen nur
anordnet, wenn die betroffenen Quartierbewohner einen schriftlichen Antrag stellen
und sich mehrheitlich positiv dazu aussprechen. Eine hoheitliche Anordnung muss aber
auch dann, wenn sie grundsätzlich im Ermessen der Behörde steht, die Kriterien der
Notwendigkeit, der Geeignetheit und der Verhältnismässigkeit erfüllen. Steht und fällt
die Anordnung einer Massnahme aber mit der mehrheitlichen Zustimmung der
Quartierbevölkerung, so wird damit ein zusätzliches Kriterium geschaffen, welches
einem hoheitlichen Eingriff wesensfremd ist. Kann ohne Nachteile auf eine
beabsichtigte Massnahme verzichtet werden, wenn die Betroffenen mehrheitlich nicht
damit einverstanden sind, so fehlt es an der Notwendigkeit. Sind hoheitliche Eingriffe
aber nicht notwendig, haben sie in einem Rechtsstaat zu unterbleiben.
j) Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die streitige Verkehrsanordnung keine
hinreichende gesetzliche Grundlage hat. Folglich ist die Beschwerde gutzuheissen, und
der angefochtene Rekursentscheid sowie der Beschluss des Stadtrates sind
aufzuheben.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP).
Eine Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif,
sGS 941.12). Auf die Erhebung ist zu verzichten (Art. 95 Abs. 3 VRP). Der geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 2'000.-- ist den Beschwerdeführern zurückzuerstatten.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98ter VRP in Verbindung mit
Art. 263 Abs. 3 des Zivilprozessgesetzes, sGS 961.2).