Decision ID: 2f4a7c72-afd9-52be-a717-8ff8a4479200
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 8. September 2021 in der Schweiz um
Asyl (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1).
B.
Die Vorinstanz nahm am 14. September 2021 die Personalien des Be-
schwerdeführers auf und am 16. September 2021 gewährte sie ihm recht-
liches Gehör, unter anderem zur Zuständigkeit Italiens für die Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum beabsichtigten Nichtein-
tretensentscheid, zur Wegweisung in diesen Dublin-Mitgliedstaat sowie zu
seinem Gesundheitszustand (vgl. SEM-act. 8 und 13).
C.
Mit Verfügung vom 11. Januar 2022 – eröffnet am 13. Januar 2022 – trat
die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Italien an und
forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der
Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wies die Vorinstanz auf die ei-
ner allfälligen Beschwerde von Gesetzes wegen fehlende aufschiebende
Wirkung hin und beauftragte den Kanton Thurgau mit dem Vollzug der
Wegweisung (vgl. SEM-act. 33 und 36).
D.
Gegen den vorinstanzlichen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am
15. Januar 2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sinnge-
mäss beantragte er, die Verfügung vom 11. Januar 2022 aufzuheben und
die Vorinstanz anzuweisen, sich für das Asylverfahren für zuständig zu er-
klären und das nationale Verfahren durchzuführen (vgl. Akten des Bundes-
verwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1).
E.
Am 18. Januar 2022 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte die Instruktionsrichterin
den Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus
(vgl. BVGer-act. 2).
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Der Be-
schwerdeführer ist zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.3. Die Beschwerde erweist sich – wie im Folgenden zu zeigen ist – als
offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
2.
Mit Beschwerde können die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
Den Einträgen in der "Eurodac"-Datenbank zufolge wurde der Beschwer-
deführer am 27. Juni 2021 in Italien aufgegriffen und daktyloskopiert (vgl.
SEM-act. 6). Die italienischen Behörden liessen das Aufnahmegesuch der
Vorinstanz vom 17. September 2021 innert Frist von Art. 22 Abs. 1 der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO)
unbeantwortet (vgl. SEM-act. 14 und 25). Damit anerkannten sie die Zu-
ständigkeit Italiens gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO implizit (Art. 22
Abs. 7 Dublin-III-VO). Die grundsätzliche Aufnahmezuständigkeit Italiens
ist daher gegeben. Sie wird vom Beschwerdeführer nicht bestritten.
4.
Gegen die Überstellung nach Italien bringt der Beschwerdeführer vor,
diese setze ihn einer Gefahr für seine Gesundheit aus.
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4.1. Ein Verstoss gegen Art. 3 EMRK kann vorliegen, wenn eine schwer
kranke Person durch die Abschiebung mit einem realen Risiko konfrontiert
würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer, 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
4.2. Aus den Akten ergibt sich im Wesentlichen folgender medizinischer
Sachverhalt:
4.2.1. Mit Arztbericht vom 21. September 2021 wurden die Diagnose eines
Verdachts auf eine Kardiopathie sowie eine Analfissur, respektive ein Ver-
dacht auf Hämorrhoiden festgehalten. Der Beschwerdeführer wurde
zwecks kardiologischer Abklärung ins Spital (...) überwiesen (vgl. SEM-act.
17).
4.2.2. Am 22. November 2021 wurde der Beschwerdeführer im Spital (...)
untersucht. Dem dazugehörigen Bericht kann unter anderem entnommen
werden, dass er über Schmerzen in der linken Leiste, Schmerzen am lin-
ken Knie (klinischer Verdacht auf eine Aussenmeniskusläsion) sowie über
atypische Schmerzen im Brustkorb klage. Weiter wurde darin auch ein Zu-
stand nach einer operativen Versorgung einer Krampfader der Venen im
Hoden festgehalten (vgl. SEM-act. 27).
4.2.3. Gemäss dem Bericht der Klinik für Kardiologie (...) vom 30. Novem-
ber 2021 konnte eine pulmonale Hypertonie ausgeschlossen werden (vgl.
SEM-act. 29).
4.2.4. Im Sprechstundenbericht vom 2. Dezember 2021 wurde festgehal-
ten, auf der linken Seite zeige sich ein altersentsprechend normales Knie-
gelenk. Zur weiteren Diagnostik sei ein MRT durchzuführen (vgl.
SEM-act. 31).
4.2.5. Dem Arztbericht des Spitals (...) vom 10. Januar 2022 zufolge
konnte bei einem Verdacht auf eine kongenitale valvuläre Pulmonalste-
nose (Herzklappenfehler der Pulmonalklappe [vgl. Pschyrembel, Klini-
sches Wörterbuch, 264. Aufl. 2013, S. 1737]) mit poststenotischer Erwei-
terung der Pulmonalarterie nach stattgehabtem Rechtsherzkatheter (Un-
tersuchung, u.a. zur Druckmessung im Herz [vgl. Pschyrembel, S. 878 und
S. 1778]) beim Beschwerdeführer kein Hinweis für eine relevante pulmo-
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nale Drucksteigerung, beziehungsweise eine Pulmonalklappenstenose ge-
funden werden. Bei Belastungen (z.B. während Treppensteigen) be-
schreibe der Beschwerdeführer ein Herzrasen sowie Atembeschwerden.
Das 24 Stunden-EKG zeige denn auch eine leichte Herzrhythmusstörung.
Der in der Sprechstunde erneut beschriebene, krampfartige Thorax-
schmerz trete insbesondere während massivem Stress und vermehrter
Traurigkeit auf. Der Thoraxschmerz werde als psychosomatisch angese-
hen, wobei auch an Koronarspasmen gedacht werden könne. Die be-
schriebene Symptomatik sei nicht kardial bedingt. Eine nächste kardiologi-
sche Verlaufskontrolle werde in ein bis zwei Jahren empfohlen (vgl.
SEM-act. 32).
4.2.6. Gemäss einem Arztbericht vom 19. Januar 2022 bestünden beim
Beschwerdeführer keine Anhaltspunkte für einen Leistenbruch. Die
Schmerzen in der Leiste seien am ehesten Narbenbeschwerden bei einem
Zustand nach einer Operation von Krampfadern im Bereich der Hodenve-
nen. Eine operationsbedürftige Erkrankung bestehe nicht (vgl. SEM-
act. 40).
4.3. Vorliegend ergaben die umfassenden medizinischen Abklärungen,
dass betreffend Herz und Leiste beim Beschwerdeführer weder operative
Eingriffe, noch vordringliche Behandlungen notwendig sind. Die verblei-
benden Schmerzen im Brustbereich, am Knie und in der Leiste, sowie die
damit im Zusammenhang stehenden Gesundheitsbeeinträchtigungen wird
der Beschwerdeführer, soweit erforderlich, in Italien behandeln lassen kön-
nen. Diese sind nicht derart gravierend, dass von einer Überstellung nach
Italien abgesehen werden müsste. Italien verfügt über eine ausreichende
medizinische Infrastruktur. Der Zugang zum italienischen Gesundheitssys-
tem über die Notversorgung hinaus ist grundsätzlich gewährleistet (vgl.
[Referenz-] Urteil des BVGer F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 10.5
und E. 11.1; statt vieler: Urteile des BVGer D-5674/2021 vom 10. Januar
2022 E. 9.2.2; F-2661/2021 vom 22. November 2021 E. 5.2). Dem Be-
schwerdeführer steht es frei, in Italien um internationalen Schutz, mithin
um Zugang sowie Integration ins italienische Asylsystem zu ersuchen
(Art. 18 Abs. 2 Dublin-III-VO). Konkrete Hinweise darauf, Italien werde sich
weigern, ihn aufzunehmen oder ihm dauerhaft die ihm zustehenden mini-
malen Lebensbedingungen oder ihm den Zugang zur medizinischen Ver-
sorgung vorenthalten, sind vorliegend nicht ersichtlich. Art. 3 EMRK steht
somit einer Überstellung des Beschwerdeführers nach Italien aus gesund-
heitlicher Sicht nicht entgegen.
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5.
Folglich bleibt es bei der Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens des Beschwerdeführers. Eine die
Schweiz bindende völkerrechtliche Bestimmung verletzt der angefochtene
Entscheid nicht. Eine gesetzeswidrige Ermessensausübung der Vorinstanz
kann nicht ausgemacht werden. Ein Grund für die Anwendung der Ermes-
sensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO und Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) besteht nicht. Demzu-
folge ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz vom Selbsteintrittsrecht
keinen Gebrauch gemacht hat. Zu Recht ist sie auf das Asylgesuch nicht
eingetreten und hat die Überstellung des Beschwerdeführers nach Italien
verfügt. Die Beschwerde ist abzuweisen.
6.
Der Beschwerdeführer macht geltend, die weiteren "Gründe" mit Hilfe ei-
nes Rechtsbeistandes darlegen zu wollen, weshalb er beantrage, dass
sein Asylgesuch in der Schweiz geprüft werde. Er legt eine vom 15. Januar
2022 datierte Vollmacht zugunsten von drei Personen, unter anderem zur
"Vertretung in Asylfragen" ins Recht. Soweit der Beschwerdeführer damit
um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im vorliegenden Beschwerdever-
fahren ersucht, ist das entsprechende Gesuch jedoch abzuweisen. Wie
sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt, sind seine Begehren als
aussichtslos zu betrachten. Die Verfahrenskosten sind somit dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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