Decision ID: af3d1015-98f6-4002-98ab-7309254499b4
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1968, meldete sich am 26. Februar 2007 bei der Inva
lidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 10/2). Die Sozialversicherungs
anstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, wies das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 7. Januar 2008 mangels Vorliegen
s
eines invaliditätsrechtlich relevanten Gesundheitsschadens ab (Urk. 10/22).
1.2
Unter Hinweis auf diverse psychische Beschwerden meldete sich die Versicherte am 4. April 2019 erneut zum Leistungsbezug an (Urk. 10/29). Die IV-Stelle klärte die medizinische und erwerbliche Situation ab, zog Akten der AXA Versicherun
gen AG (AXA) als Krankentaggeldversicherung bei (Urk. 10/33; Urk. 10/41) und verneinte nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 10/43; Urk. 10/47; Urk. 10/53) mit Verfügung vom 22. Januar 2020 einen Rentenanspruch (Urk. 10/56 = Urk. 2).
2.
Die Versicherte erhob am 24. Februar 2020 Beschwerde gegen die Verfügung vom 22. Januar 2020 (Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei ihr spä
testens ab dem 1. November 2019 eine angemessene Rente auszurichten, eventu
ell sei der Fall zurückzuweisen und es sei ein neutrales psychiatrisches Gutachten anzuordnen (Urk. 1 S. 2). Mit Eingabe vom 2. März 2020 (Urk. 6) reichte sie die «Plausibilisierung Arbeitsfähigkeit» der Vertrauensärztin der AXA vom 19. Feb
ruar 2020 nach (Urk. 7).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 20. April 2020 (Urk. 9) die Abweisung der Beschwerde. Am 27. Mai 2020 wurde die Replik (Urk. 13) und am 7. Juli 2020 die Duplik (Urk. 16) erstattet. Letztere wurde der Beschwerdeführerin am 10. Juli 2020 zur Kenntnis gebracht (Urk. 17).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende
ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
men
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundes
gesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
ti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsm
assnahmen wieder herstellen, er
halten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.3
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
1.4
Zur Annahme einer Invalidität aus psychischen Gründen bedarf es in jedem Fall eines medizinischen Substrats, das (fach-)ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. Bestimmen psycho
soziale oder soziokulturelle Faktoren das Krankheitsgeschehen mit, dürfen die Beeinträchtigungen nicht einzig von den belastenden invaliditätsfremden Fakto
ren herrühren, sondern das Beschwerdebild hat davon psychiatrisch zu unter
scheidende Befunde zu umfassen. Solche von der soziokulturellen oder psycho
sozialen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselb
ständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden
kann (BGE 141 V 281 E. 4.3.3; 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 9C_543/2018 vom 21. November 2018 E. 2.2).
Somit sind psychosoziale und soziokulturelle Faktoren nur mittelbar invaliditäts
begründend, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden Folgen des Gesundheitsschadens beeinflussen. Zeitigen soziale Belastungen direkt negative funktionelle Folgen, bleiben sie bei der Beurteilung der Gesundheitsbeeinträchtigung ausgeklammert (Urteil des Bundesgerichts 8C_717/2018 vom 22. März 2019 E. 3).
1.5
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bun
desgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beur
teilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das für somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psychosomatische Leiden entwickelte strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte
Indika
toren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belas
tungs
fak
toren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) ande
rerseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzu
schätzen (BGE
141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesge
richts 9C_590/2017 vom 15. Februar 2018 E. 5.1).
1.6
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Verfahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren über
haupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
entscheidrele
vante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin
begründete die angefochtene
Verfügung (Urk. 2)
damit, dass seitens der Krankentaggeldversicherung AXA eine fachärztliche Untersu
chung durchgeführt worden sei, gemäss welcher bis Ende September 2019 eine
Arbeitsunfähigkeit von 100
%
, ab Oktober 2019 eine Arbeitsfähigkeit von 50
%
und ab Dezember 2019 eine Arbeitsfähigkeit von 100
%
ausgewiesen sei. Die Einschränkungen seien auf Faktoren aus dem sozialen Umfeld zurückzuführen, eine langandauernde gesundheitliche Beeinträchtigung sei nicht ausgewiesen (S. 1 f.).
Die Angaben der behandelnden Ärztin vermöchten nicht zu überzeugen, die Begründung falle knapp aus, es werde lediglich die ICD-10-Definition ohne wei
tere Ausführungen wiedergegeben. Auslöser seien nachweislich die Faktoren aus dem sozialen Umfeld. Der zeitliche Verlauf und die beschriebenen Krankheits
symptome rechtfertigten die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode, nicht aber eine andauernde Arbeitsunfähigkeit von 100
%
. Es sei bisher keine fachärztliche Behandlung und keine leitliniengerechte medikamentöse Behand
lung der psychischen Erkrankung erfolgt (S. 2 Mitte).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1), die Beschwerdegegnerin habe überhaupt keine eigenen medizinischen Abklärun
gen vorgenommen. Lapidar werde ihr unterstellt, dass ausschliesslich psychoso
ziale Faktoren vorlägen (S. 6 Ziff. 5.13). Völlig sachverhaltswidrig werde ihr
von den Ärzten des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD) weiter unterstellt, dass keine fachärztliche Behandlung und keine leitliniengerechte medikamentöse Behandlung der psychischen Erkrankung erfolgten. Entgegen deren Behauptun
gen verfüge die behandelnde Dr. med.
Y._
sodann über den Titel Psychiatrie und Psychotherapie FMH (S. 8 Ziff. 5.19). Anhand der im Dossier befindlichen Unterlagen sei erstellt, dass die Beschwerdeführerin ein schweres seelisches Leiden habe (S. 8 Ziff. 5.20). Spätestens seit dem Tod ihres Ehemannes am 31. Ok
tober 2018 sei sie bis Ende September 2019 zu 100
%
erwerbsunfähig gewesen. Heute sei sie immer noch zu 60
%
erwerbs
un
fähig (S. 9 Ziff. 6.3
; vgl. Urk. 6 S. 2
).
Dies ergebe sich auch aus der Plausibilisierung
der
Arbeitsunfähigkeit der Ver
trauensärztin der AXA vom 19. Februar 2020 (vgl. Urk. 6 S. 2 mit Verweis auf Urk. 7).
Da sie ein weit überdurchschnittliches Erwerbseinkommen erwirtschaftet habe, liege der Invaliditätsgrad klar über 70
%
(S. 9 Ziff. 6.4).
Den Eventualantrag auf Rückweisung an die Beschwerdegegnerin begründete die Beschwerdeführerin damit, dass jene aufgrund des komplexen Krankheitsbildes eines schweren psychischen Leidens zwingend ein umfassendes neutrales psy
chiatrisches Gutachten hätte in Auftrag geben und anschliessend eine
Indikato
renprüfung
hätte durchführen müssen. Die Leistungsverweigerung aufgrund einer nicht fundierten Behauptung, wonach die Einschränkungen alleine auf Faktoren aus dem sozialen Umfeld zurückzuführen seien, sei nicht rechtens, zumal dies nachweislich nicht stimme (S. 10 Ziff. 7.3).
2.3
In der Beschwerdeantwort (Urk. 9) führte die Beschwerdegegnerin aus, der Verlust von nahestehenden Personen sowie der Verlust einer Arbeitsstelle und die damit verbundenen finanziellen Probleme zählten zu den psychosozialen Faktoren. Die Untersuchung der AXA komme zum Schluss, dass diese die Auslöser für die psy
chiatrische Erkrankung seien. Aus den Akten sei nicht ersichtlich, dass das Beschwerdebild nicht einzig von den psychosozial
en Belastungsfaktoren herrühre
(S. 2 oben
Ziff. 2
). Die behandelnde Ärztin Dr.
Y._
habe im Bereich Psycho
therapie zwar eine Dignität, womit sie die Therapiesitzungen nach
Tarmed
abrechnen dürfe. Sie verfüge aber nicht über den Facharzttitel für Psychiatrie und Psychotherapie
(S. 2 Ziff. 3)
2.4
In der Replik (Urk. 13) führte die Beschwerdeführerin
aus, es sei unbestritten, dass die Kündigung der geliebten Arbeitsstelle per Ende August 2018 und der plötzli
che Tod des Ehemannes am 31. Oktober 2018 die Auslöser für das seelische Leiden gewesen seien. Dieses habe aber gemäss der Vertrauensärztin der AXA klar Krankheitswert, es bestehe ein prolongierter Verlauf (S. 3 Ziff. 3). Die Befunde fänden keine hinreichende Erklärung in den psychosozialen Umstände
n
, diese seien bloss Auslöser für das seelische Leiden gewesen (S. 5 Ziff. 4.3).
2.
5
In der Duplik (Urk. 16) stellte sich die Beschwerdegegnerin auf den Standpunkt, die Frage nach dem Krankheitswert der Diagnose sei aus versicherungsmedizini
scher Sicht ir
relevant, da die Ursache der depressiven Episode ausschlaggebend sei (S. 1). Die formalisierten Berichte der Vertrauensärztin der AXA hätten nicht den Stellenwert eines Gutachtens, weswegen sich die Beschwerdegegnerin auf die Beurteilung durch den RAD stütze (S. 2).
2
.
6
Strittig ist somit der Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin. Zu prüfen ist, ob bei ihr ein von psychosozialen Faktoren genügend zu unterscheidender verselb
ständigter psychischer Gesundheitsschaden vorliegt und ob dieser
gegebenenfalls
seitens der Beschwerdegegnerin genügend abgeklärt wurde.
3.
3.1
Dr. med.
Y._
, praktische Ärztin, nannte im Bericht vom 25. März 2019 (Urk. 10/33/5-7 = Urk. 10/41/61-63)
als Diagnose (Ziff. 4) eine längere depressive Reaktion als Anpassungsstörung
(ICD-10 F43.21)
in Bezug auf die vom Arbeitgeber ausgesprochene Kündigung (Ende August 2018) und auf den Tod des Ehemannes (November 2018). Die erste Konsultation sei am 27. November 2018 erfolgt (Ziff. 1).
Die Patientin sei seit dem
6.
November 2018 bis auf Weite
res zu 100
%
arbeitsunfähig (S. 2 Ziff.
6). Es werde damit gerechnet, dass
sie wieder arbeitsfähig
werde, e
s sei jedoch noch nicht abschätzbar, in welchem Zeitrahmen und in welchem Umfang dies
der Fall sein werde (S. 2 Ziff.
7). Psychotherapiesitzungen würden einmal wöchentlich durchgeführt, psychiatrische Sitzungen nach Bedarf. Es erfolge eine antidepressi
ve und schlaffördernde Medikation (vgl. S.
2 Ziff.
8).
3.2
Dr. med.
Z._
, Fachärztin für Neurologie und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
,
untersuchte die Beschwerdeführerin am 3. Juni 2019 im Rahmen der Plausibilisierung der Arbeitsfähigkeit zuhanden der AXA (Urk. 10/41/54-58). Als Diagnose
(S. 3 Frage 3)
nannte sie eine mittelgradige depressive Episode (F32.1). Die Versicherte habe berichtet, dass ihr nach 24 Jah
ren ununterbrochener 100%iger Berufstätigkeit in der Schweiz im vergangenen Jahr aus betrieblichen Gründen (Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Indien) gekündigt worden sei. Dies
e
Kündigung habe ihr sehr zu schaffen gemacht. Am 31. Oktober 2018 um 2 Uhr nachts sei ihr Gatte in ihren Armen an plötzlichem Herztod verstorben. Nach diesem Ereignis habe sie den Boden unter den Füssen verloren. Es gehe ihr nun langsam etwas besser, der Appetit (zuvor 10 kg Gewichtsabnahme) und der Schlaf seien besser. Sie könne sich allerdings kaum konzentrieren, es gelinge ihr weder, die Zeitung noch Bücher zu lesen. Nur knapp und etwas mechanisch gelinge es ihr, ihren häuslichen Aufgaben und der Betreu
ung ihres achtjährigen Sohnes gerecht zu werden (S. 3
Frage 1
).
Zum objektiven pathologischen Untersuchungsbefund (S. 1 Frage 2) hielt Dr.
Z._
fest
,
die Versicherte habe sich
in
einem deutlich reduzierten und vorge
altert wirkenden Allgemeinzustand befunden. Das Auffassungs- und Konzentra
tionsvermögen seien herabgesetzt gewesen, es habe eine leichte Gedächtnisstö
rung sowie eine
Hypomimie
und eine leise, wenig modulierte Sprache bestanden. Das Denken sei eingeengt gewesen, die emotionale Schwingungsfähigkeit herab
gesetzt und der emotionale Rapport nur eingeschränkt herstellbar. Die Stim
mungslage sei deutlich ins Depressive verschoben gewesen mit Verzweiflung, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, leichter Affektlabilität und deutlicher inn
erer Unruhe. Zudem bestehe eine
leichte motorische Unruhe.
Angesichts der auslösenden Faktoren für die Erkrankung der Versicherten sei nachvollziehbar, dass die behandelnde Ärztin die Diagnose einer Anpassungsstö
rung beziehungsweise aktuell noch längeren depressiven Reaktion gestellt habe. Es seien allerdings alle Kriterien einer depressiven Erkrankung – anfänglich aller Wahrscheinlichkeit nach sogar einer schweren, jetzt noch einer mittelgradigen depressiven Episode – vorhanden, so dass angesichts des Schweregrades der Erkrankung diese Diagnose zu stellen sei (S. 1 Frage 3).
Die aktuelle Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit betrage 100
%
. Die mutmassliche Entwicklung der Arbeitsunfähigkeit
könne beurteilt werden und sehe wie folgt aus: Arbeitsunfähigkeit 100
%
ab 3. Juni bis 30. September 2019, Arbeitsunfähigkeit 50
%
ab 1. Oktober bis 30. November 2019, volle Arbeitsfä
higkeit ab 1. Dezember 201
9.
Zur Begründung führte Dr.
Z._
an, angesichts der Umstände und der Schwere der Erkrankung benötige die Versicherte noch eine längere Rekonvaleszenzzeit (S. 4 Frage 4). Auch in einer angepassten Tätigkeit könne eine Reduktion der Arbeitsunfähigkeit nicht früher erreicht werden. Ein
schränkungen bestünden im Konzentrationsvermögen, in der Aufmerksamkeit und im Gedächtnis, in der Reduktion von Energie und des Selbstvertrauens sowie in Verzweiflung (S. 4 Frage 5). Der bisherige Verlauf lasse auf die notwendige therapeutische Compliance schliessen (S. 4 Frage 6).
3.3
Dr.
Y._
(vorstehend E. 3.1) nannte im Bericht vom 10. September 2019
(Urk. 10/46)
als Diagnose eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (F32.11) im Rahmen einer längeren depressiven Reaktion als Anpas
sungsstörung (F43.21) in Bezug auf Kündigung durch den Arbeitgeber wegen Restrukturierungen im August 2018 (Z56.0)
und Tod des Ehemannes im Novem
ber 2018 (Z63.4). Die Patientin sei noch immer schwer betroffen, die depressiven Symptome seien noch immer so ausgeprägt, dass eine Rückkehr in ihre ange
stammte Tätigkeit gesundheitlich nicht zumutbar sei. Die Behandlung sei jedoch soweit wirksam, dass ein Arbeitsversuch im Rahmen von 20
%
in einer angepass
ten Tätigkeit (Arbeit auf mehrere Tage verteilt, wenig Zeitdruck) vertretbar sei.
3.4
Dipl. med.
A._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin
,
und Dr. med.
B._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD), führten in ihrer Stellungnahme vom 13. Januar 2020 (Urk. 10/55 S. 3 f.) aus, d
ie Angaben der behandelnden Ärztin vermöchten nicht zu überzeugen. Die Begründung falle knapp aus, wiedergegeben werde die ICD-10 Definition ohne weitere Ausführungen. Auslöser der psychischen Erkrankung seien nachweislich die bereits beschriebenen psychosozialen Belastungsfaktoren gewesen. Der zeitliche Verlauf und die beschriebenen Krankheitssymptome recht
fertigten die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode, nicht aber eine andauernde Arbeitsunfähigkeit von 100
%
. Es sei bisher keine fachärztliche Behandlung
der psychischen Erkrankung und
k
eine leitliniengerechte medika
mentöse Behandlung
der psychischen Erkrankung erfolgt (S.
3 unten).
3.5
Dr.
Z._
(vorstehend E. 3.2) untersuchte die Beschwerdeführerin am 12. Februar 2020 erneut im Rahmen der Plausibilisierung der Arbeitsfähigkeit zuhanden der AXA (Urk. 7
= Urk. 14
). Als Diagnose (S. 2 Frage 3) nannte sie weiterhin eine mittelgradige
depressive Episode (F32.1). Die Versicherte habe berichtete, dass sie weiterhin an Angst und Unsicherheitsgefühlen leide, ihr Konzentrationsvermögen habe sich aber seit der ersten Untersuchung (vorstehend E. 3.2) gebessert. Seit dem 1. Oktober 2019 sei sie beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) angemeldet und seit dem 6. Februar 2020 wieder zu 40
%
arbeitsfähig, wobei sie am 31. Januar 2020 auch ein erstes Interview auf eine 40
%
- Stelle gehabt habe (S. 1 Frage 1).
Die Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beurteilt werden. Es bestehe ein prolongierter Verlauf, bei dem sich zwar langsame Besserungen abzeichneten, aber doch noch ausgeprägte Krankheitssymptome vorlägen. Seitens der behandelnden Psychiaterin werde im Moment eine Arbeitsfähigkeit von 40
%
attestiert
. Es sei möglich, aber bleibe abzuwarten, ob die Versicherte einer 40%-Stelle gewachsen sei. Eine höhere Belastung scheine aufgrund der noch ausgeprägten Vulnerabilität vorläufig noch nicht möglich (S. 3 Frage 4). Auch in einer angepassten Tätigkeit mit wenig Zeit
druck sei vorläufig keine höhere Arbeitsfähigkeit als 40
%
gegeben (S. 3 Frage
5).
Es bestehe eine gut etablierte Therapie und es sei im Verlauf zu einer langsamen Besserung gekommen. Es könne erwartet werden, dass die bestehende Therapie auch in Zukunft zu einer weiteren Reduktion der Arbeitsunfähigkeit und mög
licherweise auch zu einer vollen Arbeitsfähigkeit beitragen könne. Eine diesbe
zügliche Prognose könne allerdings nicht
ab
gegeben werden (S. 4 Frage 7).
4.
4.1
Der Bericht von Dr.
Z._
zur Plausibilisierung der Arbeitsfähigkeit zuhanden der Krankentaggeldversicherung vom 3. Juni 2019 (vorstehend E. 3.2) erfüllt die Voraussetzungen an einen beweiskräftigen Arztbericht (vorstehend E. 1.3), wes
halb grundsätzlich auf ihn abgestellt werden kann.
4.2
Die Beschwerdegegnerin leitete ihre Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) denn auch direkt aus diesem vertrauensärztli
chen Bericht ab.
In diesem wurde
jedoch lediglich eine Prognose zur weiteren Entwicklung der Arbeitsfähigkeit bei vollständiger Arbeitsunfähigkeit im Unter
suchungszeitpunkt a
bgegeben, weshalb er nicht als zuverlässige Grundlage für eine Anspruchsprüfung taugt.
Es ist
daher zwar
widersprüchlich,
aber
richtig
, wenn
sich
die Beschwerdegegnerin
später in der Duplik auf den Standpunkt stellte, diesem Bericht komme nicht der Stellenwert ei
nes Gutachtens zu (vorste
hend E. 2.
5
).
Das nun gewählte Argument, dass sie sich
lieber auf die Beurteilung durch den RAD stütze
, führt
allerdings
ins Leere
. Damit entzieht sie ihrer Verfügung im Nachhinein
den ohnehin schon
brüchigen Boden
, denn der Stellungnahme der RAD-Ärztinnen Dr.
A._
und Dr.
B._
ist hinsichtlich Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einzig zu entnehmen, dass die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode keine andauernde Arbeitsunfähigkeit von 100
%
zu begrün
den vermöge
(vorstehend E. 3.4)
.
Selbst wenn diese nicht
abwegige
Einschätzung zum Nennwert genommen würde, rechtfertigte sie als solche noch keine Renten
abweisung. Die Beschwerdegegnerin ist darauf hinzuweisen, dass auch eine teil
weise Arbeitsunfähigkeit zum Anspruch auf eine teilweise Rente führen kann (vorstehend E. 1.2).
Entscheidend ist jedoch, dass die RAD-Ärztinnen eben zum Schluss kamen, es liege eine psychische Erkrankung vor. Auslöser seien psychosoziale Belastungs
faktoren gewesen, der zeitliche Verlauf und die beschriebenen Krankheitssymp
tome rechtfertigten die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode. Es ist Dr.
B._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, zuzutrauen,
dass sie die Ausdrücke «psychische Erkrankung» und «depressive Episode» nicht unbedacht wählte und auch der Satzzusammenhang macht klar, dass hier eine gegenüber den ursprünglich auslösenden psychosozialen Belastungsfaktoren verselbstän
digte psychische Störung als
gegeben
erachtet wird (vgl. vorstehend E.
1.
4
).
Auch Dr.
Z._
hatte nach ihrer vertrauensärztlichen Untersuchung im Juni 2019 (vorstehend E. 3.2) diesbezüglich eindeutige Worte gefunden und ausgeführt, es seien alle Kriterien einer depressiven Erkrankung vorhanden, so dass angesichts des Schweregrades der Erkrankung diese Diagnose zu stellen sei. Zu keinem anderen Schluss gelangte sie im Februar 2019 (vorstehend E. 3.5). Schliesslich deckt sich
ihre
Einschätzung
auch mit derjenigen
der behandelnden Ärztin Dr.
Y._
(vorstehend E. 3.3).
4.3
N
icht nur die behandelnde Ärztin
,
sondern auch die
mit dem einschlägigen Fach
arzttitel
für Psychiatrie und Psychotherapie
versehene
Vertrauensärztin der Kran
kentaggeldversicherung
erachteten somit
nach eigener Untersuchung und Aufnahme der subjekt
iven und objektiven Befunde ein medizinisches Substrat in Form einer mittelgradigen dep
ressiven Episode als gegeben
. A
uch der Ein
schätzung durch den RAD lässt sich
nach dem Gesagten (vorstehend E. 4.2)
nichts Gegenteiliges entnehmen. Es ist entsprechend nicht nachvollziehbar,
wie die Beschwerdegegnerin zum Schluss gelangte, die Einschränkungen seien (einzig) auf Faktoren aus dem sozialen Umfeld zurückzuführen, und entsprechend
einen invalidisierenden Gesundheitsschaden
verneinte.
Dies umso weniger, als sie in der angefochtenen Verfügung
andererseits ja
die Einschätzung des RAD aufgriff und erklärte, die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode sei gerecht
fertigt.
Entgegen der Beschwerdegegnerin (vgl. vorstehend E. 2.
5
) ist die Frage nach dem Krankheitswert der Diagnose durchaus relevant,
der Auslöser der psychischen Erkrankung
hingegen zweitrangig
, solange diese eben selbständig besteht.
4.4
Unbegründet liess die Beschwerdegegnerin auch ihren Standpunkt, es finde keine leitliniengerechte medikamentöse Behandlung statt, nachdem die Beschwerde
führerin Psychopharmaka einnimmt (vorstehend E. 3.1) und Dr.
Z._
festhielt, es bestehe eine gut etablierte Therapie, welche voraussichtlich auch in Zukunft zu einer weiteren Reduktion der Arbeitsunfähigkeit und möglicherweise auch zu einer vollen Arbeitsfähigkeit beitragen könne (vorstehend E. 3.5).
Die Frage nach einer allfälligen Therapieresistenz oder nach einem behandlungs
anamnestisch ausgewiesenen Leidensdruck kann ohnehin erst im Rahmen der
Indikatorenprüfung
im vorliegend durchzuführenden strukturierten Beweisver
fahren beantwortet werden. Ein solches läss
t die Aktenlage derzeit nicht zu. Zudem
fehlt
es bereits an einer in einem strukturierten Beweisverfahren
zu veri
fizierenden
fachärztlichen
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit, nachdem Dr.
Z._
im Februar 2020 eine solche als derzeit nicht möglich erachtet hatte (vorstehend E. 3.5).
Somit ist das Einholen eines psychiatrischen Gutachtens
unumgänglich
.
4.5
Der medizinische Sachverhalt kann nach dem Gesagten nicht erstellt werden.
Damit fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid. Die Sache ist daher an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach ergänzender medizi
nischer Abklärung eine neue Beurteilung vornehme und
über den Leistungs
an
spruch der Beschwerdeführerin
neu verfüge. In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 600.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Nach § 34 Abs. 1
GSVGer
hat die obsiegend
e Beschwerde führende Person An
spruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streit
wert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Nach ständiger Recht
sprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57
E. 2.2), weshalb die vertretene Beschwer
deführerin Anspruch auf eine Prozess
ent
schädigung hat.
Beim praxisgemässen Stundenansatz von Fr. 220.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ist die Prozessentsch
ädigung ermessensweise auf Fr. 1’7
00.-- (inklusive Baraus
lagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.