Decision ID: 5a7d9c55-d404-52f2-8700-ef5f93f93beb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 10. November 2021 in der Schweiz um
Asyl. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der europäischen Fingerab-
druck-Datenbank (Eurodac) ergab, dass er am 7. Januar 2019 in Griechen-
land und am 3. November 2021 in Slowenien um Asyl ersucht hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 18. November 2021 das
rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der
Möglichkeit einer Überstellung nach Slowenien, dessen Zuständigkeit für
die Behandlung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Be-
schwerdeführer führte aus, nicht dorthin zurückkehren zu wollen. Ihm seien
die Fingerabdrücke mit Gewalt abgenommen worden und die Polizei habe
einen Hund auf ihn gehetzt. Er glaube nicht, dass er in Slowenien eine
Ausbildung machen und arbeiten könne. Zu seinem Gesundheitszustand
führte er aus, psychisch angeschlagen und gestresst zu sein. Er leide an
Niedergeschlagenheit und Vergesslichkeit. Dies seit Dezember 2017, als
sein Vater vor seinen Augen getötet worden sei. In Afghanistan und Grie-
chenland sei er deswegen in Behandlung gewesen.
C.
Die slowenischen Behörden hiessen das Gesuch der Vorinstanz vom
7. Dezember 2021 um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18
Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO), am 10. Dezember 2021 gut.
D.
Am 10. Dezember 2021 (eröffnet am 13. Dezember 2021) trat das SEM
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete seine Über-
stellung nach Slowenien an und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aus-
händigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
E.
Am 16. Dezember 2021 (Poststempel) gelangte der Beschwerdeführer an
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das Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben und sein Asylgesuch sei vom SEM in der Schweiz zu
prüfen. Der Beschwerde sei ferner die aufschiebende Wirkung zu erteilen
und ihm sei die unentgeltliche Rechtspflege unter Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses zu gewähren.
F.
Am 17. Dezember 2021 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovi-
sorischen Vollzugsstopp an. Am 21. Dezember 2021 wurde der Be-
schwerde die aufschiebende Wirkung zuerkannt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2. Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 31 ff.
VGG). Die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs.
1 VwVG], Frist [Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offen-
sichtlich erfüllt. Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
2.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2. Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1. Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
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3.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Nachdem die slowenischen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-
III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch der Vorinstanz zu-
gestimmt haben, ist die Zuständigkeit Sloweniens grundsätzlich gegeben.
3.3. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
4.
Das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Slowenien weisen
nach konstanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts keine
systemischen Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3
Dublin-III-VO auf (vgl. Urteile des BVGer D-715/2021 vom 19. Februar
2021, F-4659/2020 vom 24. September 2020 E. 4.1 und F-3660/2020 vom
22. Juli 2020 E. 4.1). Der Beschwerdeführer beruft sich zu Recht nicht auf
diese Bestimmung.
5.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1
erster Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311), auszuüben ist.
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5.1. Der Beschwerdeführer macht geltend, in Slowenien während zwei Wo-
chen im Gefängnis gewesen zu sein. Danach sei er ohne Platz zum Schla-
fen und ohne Essen in die Kälte entlassen worden. Er habe keine Sicher-
heit gehabt in Slowenien. Es habe Kämpfe gegeben. Die einzige Lösung
für ihn sei es gewesen, Slowenien zu verlassen.
5.2. Slowenien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es ist somit anzunehmen, dass dieser Staat die Rechte, die
sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen Parlaments
und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren
für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen Schutzes (sog.
Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung
von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz
beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt und schützt. Der
Beschwerdeführer vermag in Bezug auf die Zustände in Slowenien nicht
darzutun, dass die ihn bei einer Rückführung zu erwartenden Bedingungen
derart schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta bzw. Art. 3 EMRK führen könnten. Bei einer allfälligen vor-
übergehenden Einschränkung der ihm zustehenden Aufnahmebedingun-
gen könnte er sich im Übrigen nötigenfalls an die slowenischen Behörden
wenden und seine Rechte auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 Auf-
nahmerichtlinie). Letzteres gilt auch in Bezug auf die geltend gemachte In-
haftierung, sofern er diese als widerrechtlich erachtet. Slowenien ist ein
funktionierender Rechtsstaat und die Behörden sind grundsätzlich gewillt
und fähig, staatlichen Schutz zu gewähren.
5.3. Des Weiteren liegen keine konkreten Anhaltspunkte vor, wonach die
Gesundheit des Beschwerdeführers bei einer Überstellung ernsthaft ge-
fährdet würde. Die einzig vor der Vorinstanz geltend gemachten psychi-
schen Beschwerden scheinen nicht akut zu sein, hat er sich doch während
seines Aufenthalts im Bundesasylzentrum nicht beim medizinischen Per-
sonal gemeldet. Ferner verfügt Slowenien über eine ausreichende medizi-
nische Infrastruktur, weshalb allfällige psychische Beschwerden des Be-
schwerdeführers einer Behandlung dort zugänglich sein dürften. Es liegen
ferner keine Hinweise vor, wonach Slowenien dem Beschwerdeführer eine
adäquate medizinische Behandlung verweigern würde.
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5.4. Die Vorinstanz hat somit das Selbsteintrittsrecht von Art. 17 Dublin-III-
VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausgeübt. Weder ist die
Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, auf das Asylgesuch einzutreten, noch
liegen humanitäre Gründe vor, welche einen Selbsteintritt nahelegen wür-
den.
6.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten und
hat die Wegweisung nach Slowenien angeordnet.
7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt die am 21. Dezember 2021 angeordnete aufschiebende Wir-
kung dahin.
8.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Art. 65
VwVG) ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden
Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrens-
kosten sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG)
und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
9.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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