Decision ID: fe8a9a71-f7ea-4cb7-be66-5bda67410538
Year: 2011
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Kantonsgericht, 17.03.2011 Fehlerhafte Rechtsmittelbelehrung. Rechtliches Gehör. Das Vertrauen in eine falsche Rechtsmittelbelehrung kann nicht zur Schaffung eines gesetzlich nicht (mehr) gegebenen Rechtsmittels führen. Dem rechtlichen Gehör ist Genüge getan, wenn eine neu eingegangene Eingabe den Parteien ohne ausdrücklichen Hinweis auf allfällige weitere Äusserungsmöglichkeiten zur (blossen) Kenntnisnahme übermittelt wird. Kommen Verfahrensbeteiligte, welche eine solche Eingabe ohne Fristansetzung erhalten haben, zum Schluss, sie möchten nochmals zur Sache Stellung nehmen, so sollen sie dies umgehend und ohne darum nachzusuchen tun. Das Gericht hat bei dieser Vorgehensweise mit der Entscheidfällung zuzuwarten, bis es annehmen darf, der Adressat habe auf eine weitere Eingabe verzichtet. Grundsätzlich führt eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung des angefochtenen Entscheids. Eine nicht besonders schwerwiegende Verletzung kann ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt als auch die Rechtslage frei überprüfen kann. Von einer Rückweisung der Sache ist selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des rechtlichen Gehörs dann abzusehen, wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten) Interesse der betroffenen Partei an einer beförderlichen Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären (Kantonsgericht St. Gallen, Einzelrichter im Obligationenrecht, 17. März 2011, BE.2011.1).

Erwägungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
I.
1.1 Am 28. Oktober 2010 ersuchte die Beschwerdeführerin bei der Vorinstanz um
Durchführung einer vorsorglichen Beweiserhebung im Sinne von Art. 199 ZPO/SG
respektive Art. 367 Abs. 2 OR (vi-act. 1). Die Beschwerdegegnerin nahm dazu am
11. November 2010 Stellung. Sie widersetzte sich dem Begehren im Grundsatz nicht,
beantragte aber, die Beschwerdeführerin habe ihr die Parteikosten zu ersetzen (vi-
act. 11, S. 5 Ziff. 6). Am 6. Dezember 2010 zog die Beschwerdeführerin ihr Gesuch um
vorsorgliche Beweiserhebung zurück (vi-act. 12). Daraufhin gab die Vorinstanz der
Beschwerdegegnerin Gelegenheit, sich innert zehn Tagen zur Kostenfrage zu äussern
(vi-act. 14). Mit Schreiben vom 17. Dezember 2010 verlangte diese, die
Beschwerdeführerin habe ihr eine Parteikostenentschädigung im Ermessen des
Gerichts zu bezahlen (vi-act. 15). Dieses Schreiben sandte die Vorinstanz am
22. Dezember 2010 der Beschwerdeführerin "zur Kenntnis" (vi-act. 16).
1.2 Mit Entscheid vom 27. Dezember 2010 (versandt am 29. Dezember 2010; der
Beschwerdeführerin nach eigenen Angaben zugegangen am 3. Januar 2011) schrieb
die Vorinstanz das Verfahren zufolge Rückzugs des Begehrens als erledigt ab,
auferlegte der Beschwerdeführerin die Gerichtskosten und verpflichtete sie, der
Beschwerdegegnerin eine Parteikostenentschädigung von Fr. 800.- zu bezahlen.
2. Mit einer mit "Rekurs" überschriebenen Eingabe vom 13. Januar 2011 verlangt
die Beschwerdeführerin die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids, soweit sie
dazu verpflichtet worden sei, der Beschwerdegegnerin eine Parteikostenentschädigung
zu bezahlen (act. BE1). Am 18. Januar 2011 teilte der Einzelrichter im Obligationenrecht
der Beschwerdeführerin mit, ihre Eingabe sei als Beschwerde gemäss Art. 319 lit. a
ZPO/CH eingeschrieben worden (act. BE5). Vorinstanz und Beschwerdegegnerin
haben auf eine Stellungnahme und Anträge verzichtet (act. BE8 und BE10).
II.
1. Gemäss Eingangsstempel wurde der Beschwerdeführerin der angefochtene
Entscheid am 3. Januar 2011 zugestellt (Beschwerdebeilage) und damit eröffnet
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Marginalie zu Art. 86 ZPO/SG; Leuenberger/Uffer-Tobler, Kommentar zur
Zivilprozessordnung des Kantons St. Gallen, Bern 1999, Art. 86 N 1a). Das
Rechtsmittelverfahren richtet sich daher nach der am 1. Januar 2011 in Kraft
getretenen schweizerischen Zivilprozessordnung und der gestützt darauf erlassenen
st. gallischen Ausführungsgesetzgebung (Art. 405 Abs. 1 ZPO/CH; Art. 29 EGzZPO;
Art. 34 GKV; Art. 44 GO).