Decision ID: c6260390-a5eb-515a-b63c-6b5d10e149ae
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 27. Februar 2018 (Eingangsdatum) reichte X._ (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) ein Gesuch um Gewährung eines Solidaritätsbeitra-
ges für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzie-
rungen vor 1981 ein.
B.
Mit Verfügung vom 16. September 2019 trat das Bundesamt für Justiz
(nachfolgend: Vorinstanz) nicht auf das Gesuch der Beschwerdeführerin
vom 27. Februar 2018 ein. Zur Begründung führte die Vorinstanz aus, der
von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Sachverhalt betreffe ge-
mäss den eingereichten Unterlagen Ereignisse nach 1981 und liege somit
klar ausserhalb des Geltungsbereichs des Bundesgesetzes über die Auf-
arbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierun-
gen vor 1981.
C.
Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin am 10. Okto-
ber 2019 Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht. Zur Begründung
führte sie im Wesentlichen aus, sie habe am 6. August 2019 vom Staats-
archiv des Kantons A._ weitere Akten erhalten, welche sie bisher
weder an die Vorinstanz noch an ihre Beiständin weitergeleitet habe. Diese
Akten würden rechtswidrige Fremdplatzierungen dokumentieren, welche
sich vor 1981 zugetragen hätten.
D.
Am 24. Oktober 2019 reichte die Beschwerdeführerin zusätzlich ein Ge-
such um unentgeltliche Prozessführung ein.
E.
Mit Vernehmlassung vom 15. November 2019 ersuchte die Vorinstanz das
Bundesverwaltungsgericht, die Beschwerde in Bezug auf die am 6. August
2019 neu eingereichten Unterlagen betreffend die Ereignisse vor 1981 gut-
zuheissen und zur weiteren Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen, in Bezug auf die Ereignisse nach 1981 jedoch abzuweisen.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten
wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen Bezug ge-
nommen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen und mit freier
Kognition, ob die Prozessvoraussetzungen erfüllt sind und ob auf die Be-
schwerde einzutreten ist (Urteil des BVGer B-3797/2015 vom 13. Ap-
ril 2016 E.1.1, auszugsweise publiziert in BVGE 2017/IV/4; BVGE 2007/6
E.1, je mit Hinweisen).
1.2 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG,
SR 172.021), sofern sie von Behörden erlassen wurden, die gemäss
Art. 33 VGG als Vorinstanzen gelten und überdies keine Ausnahme nach
Art. 32 VGG vorliegt. Das Bundesamt für Justiz gehört zu den Behörden
nach Art. 33 Bst. d VGG und ist daher Vorinstanz im Sinne des Gesetzes.
1.3 Nach Art. 32 Abs. 2 Bst. a VGG ist die Beschwerde an das Bundesver-
waltungsgericht unzulässig, wenn die angefochtene Verfügung nach einem
anderen Bundesgesetz durch Einsprache oder durch Beschwerde an eine
Behörde im Sinne von Art. 33 Bst. c bis f VGG anfechtbar ist.
Nach Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 30. September 2016 über die
Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzie-
rungen vor 1981 (AFZFG, SR 211.223.13) können Beschwerdeführer, de-
ren Gesuch um einen Solidaritätsbeitrag von der Vorinstanz abgelehnt
wurde, innert 30 Tagen Einsprache bei der zuständigen Behörde erheben.
Art. 6 Abs. 3 Bst. a der Verordnung vom 15. Februar 2017 zum Bundesge-
setz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und
Fremdplatzierungen (AFZFV, SR 211.223.131) sieht vor, dass ein Gesuch
dann offensichtlich unbegründet ist, wenn die angegebene fürsorgerische
Zwangsmassnahme oder Fremdplatzierung klar ausserhalb des zeitlichen
Geltungsbereichs des AFZFG liegt.
Die Vorinstanz trat mit ihrer Verfügung vom 16. September 2019 nicht auf
das Gesuch der Beschwerdeführerin ein. Sie verwies dabei auf die von der
Gesuchstellerin zu diesem Zeitpunkt eingereichten Unterlagen betreffend
Ereignisse, welche sich allesamt nach 1981 zugetragen hätten.
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Art. 6 Abs. 3 Bst. a AFZFV hätte aber bei einer solchen Ausgangslage eine
materielle Prüfung bzw. die Abweisung des Gesuches erfordert, wogegen
die Beschwerdeführerin die Möglichkeit der Einsprache bei der Vorinstanz
(Art. 8 Abs. 1 AFZFG) und nicht die Beschwerde an das Bundesverwal-
tungsgericht (Art. 32 Abs. 2 Bst. a VGG) offen gestanden hätte (vgl. zum
Ganzen: Botschaft vom 4. Dezember 2015 zur Volksinitiative «Wiedergut-
machung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnah-
men [Wiedergutmachungsinitiative]» und zum indirekten Gegenvorschlag
[Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmass-
nahmen und Fremdplatzierungen vor 1981], BBl 2016 129).
Auf eine Rückweisung an die Vorinstanz betreffend die Ereignisse nach
1981 ist trotzdem mit Verweis auf prozessökonomische Überlegungen aus-
nahmsweise zu verzichten: Der von der Vorinstanz diesbezüglich vertre-
tene Standpunkt ist bekannt. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die
Vorinstanz ihre Position ändern würde, wenn sie erneut über die Sache zu
befinden hätte, weshalb eine Rückweisung diesbezüglich einem "Leerlauf"
gleichkäme (Urteile des BVGer B-5393/2019 vom 28. Januar 2020 E. 1.3
und B-3598/2019 vom 28. Januar 2020 E. 1.2; MOSER/BEUSCH/KNEUBÜH-
LER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, S. 51
Rz. 2.56).
1.4 Zur Beschwerde ist nach Art. 48 Abs. 1 VwVG berechtigt, wer vor der
Vorinstanz am Verfahren teilgenommen hat oder keine Möglichkeit zur Teil-
nahme erhalten hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Abände-
rung hat. Die Beschwerdeführerin ist als Adressat der angefochtenen Ver-
fügung zur Beschwerde legitimiert.
1.5 Die Eingabefrist sowie die Anforderungen an Form und Inhalt der Be-
schwerdeschrift sind gewahrt (Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.6 Auf die Beschwerde ist daher einzutreten, sowohl betreffend die Ereig-
nisse vor wie auch betreffend die Ereignisse nach 1981.
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerde vom 10. Okto-
ber 2019 im Wesentlichen geltend, sie habe am 6. August 2019 vom
Staatsarchiv des Kantons A._ weitere Akten erhalten, welche sie
bisher weder an die Vorinstanz noch an ihre Beiständin weitergeleitet habe.
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Diese Akten würden Ereignisse dokumentieren, welche vor 1981 stattge-
funden hätten: So habe sie unter anderem einen Aufenthalt im Kinderheim
B._ von Mai 1977 bis Mai 1980 erdulden müssen. Zu den von ihr
ursprünglich zusammen mit dem Gesuch eingereichten Unterlagen betref-
fend die Ereignisse nach 1981 äusserte sich die Beschwerdeführerin im
Beschwerdeverfahren nicht mehr.
2.2 Die Vorinstanz beantragt in ihrer Vernehmlassung vom 15. Novem-
ber 2019, die Beschwerde sei in Bezug auf die neuen Unterlagen betref-
fend die Ereignisse vor 1981 gutzuheissen und zur weiteren Sachverhalts-
abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen, hinsichtlich der Ereignisse
nach 1981 jedoch abzuweisen.
2.3
2.3.1 Mit Blick auf die von der Beschwerdeführerin erst im Beschwerdever-
fahren eingereichten Unterlagen betreffend die Ereignisse vor 1981 ist fest-
zuhalten, dass der Sachverhalt zum Zeitpunkt der Urteilsfindung massge-
bend ist. Bisher noch nicht gewürdigte bekannte wie auch bis anhin unbe-
kannte neue Sachverhaltsumstände, die sich zeitlich vor dem Beschwer-
deverfahren (sog. unechte Noven) oder erst im Laufe des Verfahrens (sog.
echte Noven) zugetragen haben, dürfen vorgebracht und berücksichtigt
werden (MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O. S. 117 Rz. 2.204; SEETHA-
LER/PORTMANN, in: Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar
VwVG, 2. Aufl. 2016, N 78 zu Art. 52). Die von der Beschwerdeführerin erst
im Beschwerdeverfahren eingereichten Unterlagen des Staatsarchivs
A._, welche sich auf Ereignisse beziehen, welche sich vor der Ab-
weisung des Gesuches vom 16. September 2019 zugetragen haben (sog.
unechte Noven), sind im Beschwerdeverfahren grundsätzlich zu berück-
sichtigen.
2.3.2 Die Vorinstanz kann bis zur ihrer Vernehmlassung eine angefochtene
Verfügung in Wiedererwägung ziehen (Art. 58 Abs. 1 VwVG). Die Bestim-
mung erlaubt es der Vorinstanz, auch während eines hängigen Beschwer-
deverfahrens auf ihre angefochtene, noch nicht rechtskräftige Verfügung
zurück zu kommen und sie bei besseren Erkenntnissen durch eine neue
Verfügung zu ersetzen (ANDREA PFLEIDERER, in: Waldmann/Weissenber-
ger [Hrsg.], a.a.O., N 2 zu Art. 58). In ihrer Vernehmlassung vom 15. No-
vember 2019 verwies die Vorinstanz darauf, dass für die materielle Beur-
teilung der neu eingereichten Unterlagen weitere Abklärungen notwendig
seien, insbesondere sei zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin ein Opfer
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Seite 6
von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen oder Fremdplatzierungen vor
1981 nach Massgabe von Art. 4 Abs. 1 AFZFG geworden sei.
2.3.3 Aus den im Beschwerdeverfahren eingereichten Unterlagen der Be-
schwerdeführerin ergibt sich unter anderem, dass die Beschwerdeführerin
nach ihrer Geburt während zwei Monaten in einer Pflegefamilie unterge-
bracht war. Am 6. Mai 1977 ordnete sodann das Waisenamt C._
weitere Kindesschutzmassnahmen an. In der Folge wurde die Beschwer-
deführerin vom 18. Mai 1977 bis zum 30. Mai 1980 im Kinderheim
B._ untergebracht. Zwei Arztberichte erwähnen belastende Heim-
aufenthalte, ohne jedoch die Belastungen weiter auszuführen. Die Be-
schwerdeführerin erwähnt in ihrem Gesuch, körperliche und psychische
Gewalt erfahren zu haben. Die Vorinstanz führte dazu aus, weitere Sach-
verhaltsabklärungen vornehmen zu wollen. Die Beschwerde betreffend die
Ereignisse vor 1981 ist deshalb, wie von der Vorinstanz auch beantragt,
gutzuheissen und zur weiteren Sachverhaltsabklärung an die Vor-instanz
zurückzuweisen.
2.4
2.4.1 Die Beschwerdeführerin macht in ihrem ursprünglich eingereichten
Gesuch weiter geltend, sie sei auch nach 1981 Opfer widerrechtlich erfolg-
ter Fremdplatzierungen geworden.
2.4.2 Das AFZFG bezweckt die Anerkennung und Wiedergutmachung des
Unrechts, das den Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und
Fremdplatzierungen in der Schweiz vor 1981 zugefügt worden ist (Art. 1
Abs. 1 AFZFG). Es gilt auch für Personen, die von Massnahmen betroffen
waren, welche vor 1981 veranlasst, aber erst danach vollzogen worden
sind (Art. 1 Abs. 2 AFZFG). Ganz allgemein gilt das AFZFG für alle Men-
schen, die in der Schweiz, gestützt auf vor dem 1. Januar 1981 geltendes
kantonales-öffentliches Recht, auf Art. a406 des Schweizerischen Zivilge-
setzbuches vom 10. Dezember 1907 (ZGB, AS 24 233) oder Art. a89 ff.
des Schweizerischen Strafgesetzbuches vom 21. Dezember 1937 (StGB,
AS 54 757), durch eine kantonale oder kommunale Behörde einer fürsor-
gerischen Zwangsmassnahme (Art. 2 Bst. a AFZFG) unterzogen oder
fremdplatziert (Art. 2 Bst. b AFZFG) wurden. Das Gesetz ist somit nur an-
wendbar auf fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierun-
gen, welche vor dem 1. Januar 1981 angeordnet wurden. An diesem Stich-
datum traten die neuen Bestimmungen des ZGB zur fürsorgerischen Frei-
heitsentziehung in Kraft. Die Abgrenzung ist deshalb erforderlich, weil der
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Gesetzgeber ausschliessen wollte, dass Anordnungen von fürsorgerischen
Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen nach 1981 – unabhängig
von ihrem möglichen Unrechtsgehalt – ebenfalls unter das AFZFG fallen
(vgl. zum Ganzen: Botschaft vom 4. Dezember 2015 zur Volksinitiative
«Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangs-
massnahmen [Wiedergutmachungsinitiative]» und zum indirekten Gegen-
vorschlag [Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen
Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981], BBl 2016 122).
2.4.3 Aus den von der Beschwerdeführerin ursprünglich zusammen mit
dem Gesuch eingereichten Unterlagen geht unter anderem hervor, dass
sie im Jahr 1983 in das Kinderheim D._ eingewiesen wurde und ab
dem Frühling 1988 die Heimschule E._ besuchte. Die Zwischen-
und Abschlussberichte der jeweiligen Institutionen machen unter anderem
deutlich – was von der Beschwerdeführerin auch nicht bestritten wird –
dass die jeweiligen fürsorgerischen Zwangsmassnahmen allesamt nach
1981 stattfanden. Die Vorinstanz ging deshalb zu Recht davon aus, dass
die von der Beschwerdeführerin mit dem ursprünglichen Gesuch geltend
gemachten Ereignisse nach 1981 nicht unter den zeitlichen Geltungsbe-
reich des AFZFG fallen (vgl. Urteile des BVGer B-3598/2019 vom 28. Ja-
nuar 2020 E. 1.2, B-4597/2019 vom 28. Januar 2019 S. 4, B-5393/2019
vom 28. Januar 2020 E. 1.3). Die Beschwerde ist diesbezüglich abzuwei-
sen (vgl. E. 1.3 hiervor).
3.
Auf die Auferlegung von Verfahrenskosten für die teilweise Abweisung der
Beschwerde wird ausnahmsweise verzichtet (Art. 63 Abs. 1 VwVG in Ver-
bindung mit Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]), auch weil das Verfahren bei Anwendung einer formalisti-
schen Strenge hinsichtlich der Vorfälle nach 1981 an die Vorinstanz hätte
zurückgewiesen werden müssen (vgl. E. 1.3 hiervor). Der Antrag auf un-
entgeltliche Prozessführung ist dadurch gegenstandlos geworden.
Die nicht anwaltlich vertretene Beschwerdeführerin, welche auch keine
Parteientschädigung geltend macht, ist praxisgemäss keine Parteient-
schädigung zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG e contrario und Art. 7
Abs. 4 VGKE).
4.
Gemäss Art. 83 Bst. x des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das
B-5301/2019
Seite 8
Bundesgericht (BGG, SR 173.110) ist die Beschwerde an das Bundesge-
richt gegen Entscheide betreffend die Gewährung von Solidaritätsbeiträ-
gen nach dem AFZFG nur dann zulässig, wenn sich eine Rechtsfrage von
grundsätzlicher Bedeutung stellt oder aus anderen Gründen ein besonders
wichtiger Fall vorliegt.