Decision ID: 5d5b3372-4dda-4e76-a38e-77454004569e
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1990,
schloss eine kaufmännische Lehre mit Berufs
maturität ab und erlangte hernach an der Interstaatlichen Maturitätsschule für Erwachsene die Maturität. Anschliessend bildete er sich
von 2013 bis 2017
an der pädagogischen Hochschule zum Grundschullehrer aus, wobei er die praktische Prüfung nicht absolvierte und daher ohne Diplom abschloss. Seit August 2017 arbeitete er als Fachlehrperson an einer Volksschule in befristeten Arbeits
ver
hältnissen bis zum 3
1.
Juli 2019 (letzter effektiver Arbeitstag 2
1.
September 2018) in Teilzeit, zuletzt mit einem Pensum von 37 %
(vgl.
Urk.
8/5,
Urk.
8/20).
Am
1.
Oktober 2019 (Eingangsdatum) meldete sich der Versicherte bei der Sozial
versicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, unter Hinweis auf
eine länger anhaltende Depression
z
um Bezug von Leistun
gen der Invalidenversicherung an (Urk
. 7/1
).
Die IV-Stelle nahm Abklärungen in er
werblicher und medizinischer Hinsicht vor.
Sie holte
die
Bericht
e
de
r behandelnden Ärzte
(Urk.
7/15,
Urk.
7/16
) sowie einen Auszug
aus dem Individuellen Konto des
Versicherten
(IK-Auszug; Urk.
7/6
) ein
und ersuchte die Arbeitgeberin um Auskünfte (Arbeitgeberfragebogen vom
1
7.
Juni 2020,
Urk.
7/20
)
. Zur Klärung der beruflichen Situation fand am
31.
Ok
tober 2019
ein Standort
gespräch mit der IV-Stelle
statt (Urk. 7/4
).
In der Folge veranlasste die IV-Stelle eine aktenbasierte Einschätzung durch
Dr.
med.
Z._
, Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie
sowie Ärztin des Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD;
vgl. Stellungnahme vom
6.
Juli 2020 Urk. 7/22
).
Gestützt darauf stellte die IV
-
Stelle mit Vorbescheid vom
2
7.
Juli 2020
die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht (
Urk.
7/
25
).
Dagegen erhob
der
Versicherte am
2
9.
September 2020
Einwand (
Urk.
7/32
).
Dr.
Z._
nahm
am
2
3.
Februar 2021
eine erneute Beurteilung der medizi
nischen Aktenlage vor (v
gl. Feststellungsblatt,
Urk.
7/34
). Mit Verfügung vom
19. März 2021
ver
neinte die IV-Stelle wie vorbeschieden einen Anspruch auf Leistungen der
Invali
den
versicherung (
Urk.
7/36
=
Urk.
2).
2.
Gegen die Verfügung vom 1
9.
März 2021 erhob der Versicherte mit Eingabe vom 3. Mai 2021 (Urk. 1) Beschwerde und beantragte, die angefoch
tene Ver
fügung sei aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu ver
pflich
ten, weitere medizi
ni
sche Abklärungen in die Wege zu leiten und ihm Eingliederungsmassnahmen zuzu
sprechen.
In pro
zessualer Hinsicht beantragte
er
, es sei
ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren
.
Die Beschwerdegegnerin schloss mit Beschwerdeantwort vom 1
4.
Juni 2021
auf
Abweisung
der Beschwerde (
Urk.
6
)
, was dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 1
5.
Juni 2021 zur Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
8)
.
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den All
gemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts [ATSG]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Fol
gen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit
ist jedoch nicht ohne W
eiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zu
mutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E.
4c
; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
wieder herzustellen
, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen
für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (lit. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (lit.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe; lit. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (lit. d).
Nach Massgabe von
Art.
16
Abs.
2 lit. c IVG (die berufliche Weiterausbildung im bisherigen oder in einem anderen Berufsfeld; seit
1.
Januar 2022
statuiert in
Art.
16
Abs.
3 lit. b IVG) besteht der Anspruch auf Leistungen unabhängig davon, ob die Eingliederungsmassn
ahmen notwendig sind oder nicht, um die Erwerbs
fähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, zu erhalten oder zu verbessern (
Art.
8
Abs.
2
bis
IVG)
.
1.4
Gemäss Art. 17 IVG hat die versicherte Person Anspruch auf Umschulung auf eine neue Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden kann (Abs. 1). Der Umschulung auf eine neue Erwerbstätigkeit ist die Wiedereinschulung in den bisherigen Beruf gleichgestellt (Abs. 2). Als Um
schulung gelten gemäss Art. 6 Abs. 1
der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV)
Ausbildungsmassnahmen, die Versicherte nach Abschluss einer erstmaligen beruflichen Ausbildung oder nach Aufnahme einer Erwerbs
tätigkeit ohne vorgängige berufliche Ausbildung wegen ihrer Invalidität zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit benötigen.
Der Anspruch auf Umschulung setzt voraus, dass die versicherte Person wegen der Art und Schwere des Gesundheitsschadens im bisher ausgeübten Beruf und in den für sie ohne zusätzliche berufliche Ausbildung offen stehenden zumut
baren Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbs
einbusse von etwa 20 % erleidet, wobei es sich um einen blossen Richtwert handelt (BGE 130 V 488 E. 4.2, 124 V 108 E.
2a
und b, je mit Hinweisen; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts
8C_266
/2021 vom 13. Juli 2021 E. 4.2.3 mit Hin
weisen).
1.5
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E.
4b
/cc).
2.
2.1
In der angefochtenen Verfügung vom 1
9.
März 2021 (Urk. 2) hielt die Be
schwer
de
gegnerin fest, medizinische Abklärungen hätten ergeben, dass kein dauerhafter Gesundheitsschaden ausgewiesen sei. Weitere Abklärungen seien nicht not
wen
dig.
2.2
Demgegenüber machte der Beschwerdeführer
in seiner Beschwerde vom 3
.
Mai
2021 (Urk. 1) geltend,
gesundheitliche Einschränkungen hätten es ihm verun
möglicht, die
(praktische)
Abschlussprüfung als Lehrer zu absolvieren, und es sei ihm weiterhin nicht möglich, diese Tätigkeit auszuüben. Es sei deshalb zu prüfen, wie hoch die Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit ausfalle
,
und hernach entsprechende Eingliederungsmassnahmen zu gewähren.
3.
3.1
Dr.
med.
A._
, FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, berichtete am 1
1.
März 2020 über seine Behandlung im Zeitraum Oktober 2018 bis Oktober 2019 (
Urk.
7/16/2-6).
Zur aktuellen Situation könne er keine Angaben machen, da sich der Beschwerdeführer nach seinem Austritt aus der Klinik (vgl. E. 3.2) nicht gemeldet hätte. Im Verlauf seiner Behandlung sei die Symptomatik durch einen Symptomenkomplex aus Depression (Freudlosigkeit, Ratlosigkeit, Antriebs
minderung und -hemmung, starkes Grübeln, Insuffizienzgefühle)
,
das ADHS
(Konzentrationsspanne massiv reduziert, eher verstärkte emotionale Labilität und Impulsivität, motorische Unruhe, unstrukturiertes Verhalten) und Züge einer Per
sönlichkeitsakzentuierung mit selbstunsicheren und vermeidenden Anteilen ge
kennzeichnet gewesen (
Urk.
7/16/4 f.). Funktionseinschränkungen hätten in fast allen Dimensionen
in relevantem Ausmass bestanden
(
Gruppenfähigkeit, Flexibi
lität/Anpassungsvermögen, Umgang mit Regeln und Routinen, Selbstbehaup
tungs
fähigkeit, Selbststrukturierung, Durchhaltevermögen, Konzentrations
span
ne
)
; konkrete Auswirkungen auf ein Arbeitsumfeld könne er aktuell nicht bewer
ten (
Urk.
7/16/6). Seine Prognose zur Eingliederung bezeichnete er als kritisch; ein schrittweiser Prozess/Aufbau zur Überwindung der Versagensängste wäre aber absolut zentral (
Urk.
7/16/7).
3.2
Vom 1
4.
Oktober bis
3.
Dezember 2019
war der Beschwerdeführer
im Zentrum für I
ntegrative Psychiatrie
der
B._
,
C._
,
in
stationärer
Behandlung
.
Die
behandelnden
Ärzte hielten in ihrem Bericht vom
3.
Dezember 2019 (Urk. 7/15) fest, der Be
schwer
de
führer sei im interpersonellen Kontakt freundlich und adäquat, ein af
fek
tiver Rapport sei her
stellbar. Zeitlich, örtlich, situativ und autopsychisch sei er orientiert. Die Kognition hinsichtlich Auffassung und Gedächtnis sei un
auf
fällig, die Kon
zen
tration mittelgradig reduziert. Formal gedanklich sei er leicht be
schleu
nigt, leicht umständlich, inhaltlich jedoch kohärent. Hinweise auf in
halt
liche Denkstörungen, Ich-Störungen oder Sinnestäuschungen gebe es keine. Af
fek
tiv wirke der Be
schwer
deführer leicht niedergestimmt bei erhaltener Schwin
gungs
fähigkeit, psycho
motorisch unruhig mit verminderter Impuls
kon
trolle. Er habe Zukunfts
ängste, Insuffizienz- und Schuldgefühle geäussert und über inter
mittierend vor
kommende Ein- und Durchschlafstörungen berichtet. Der Appetit sei vermindert. Einen Anhalt für akute Eigen- und Fremdgefährdung gebe es nicht, Suizid
ge
danken und passive Todeswünsche würden verneint werden.
Die
Fachä
rzte
äusserten, die zum Zeitpunkt des Eintritts
in die
B._
bestehende mittelgradige depressive Episode mit Antriebsarmut, Freudlosigkeit und Schuld
gefühlen habe
während des Aufenthaltes
reduziert werden können. Es würden aber nach wie vor inter
mittierend Schwie
rig
keiten mit dem gerichteten Antrieb, diffuse Schuldgefühle sowie Insuffizienz
gefühle bestehen. Sie
diagnostizierten eine einfache Aktivitäts- und Aufmerk
sam
keitsstörung (ICD-10:
F90.0
) sowie eine rezidivierende depres
si
ve Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10:
F33.0
) mit Auswirkung auf die Arbeits
fähigkeit. Die psychische und Verhaltensstörung durch Kokain: Abhängig
keits
syndrom (ICD-10:
F14.2
) habe keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. Die bis
herige Tätigkeit als Lehr
person in einer Primarklasse sei aktuell nicht zumut
bar
, denn die Belast
barkeit sei trotz Reduk
tion der depres
siven Symp
to
matik eingeschränkt. Dies manifestiere sich in einer schnellen Er
müd
barkeit und einem erhöhten Be
darf an Pausen. Aufgrund der hyper
kine
tischen Sympto
ma
tik äussere sich eine hohe Ablenkbarkeit sowie Im
pulsivität. Zudem falle es dem Beschwerdeführer schwer, sich lange zu konzen
trieren. Hinzu komme die starke
Desorganisiertheit
, welche insbesondere in Tätig
keiten, die ein
hohes Aus
mass an Organisation und Struktur erfordern würden, mit Schwierig
keiten ver
bun
den sei. Konkret zeige sich das in einer erhöhten Vergesslichkeit, Schwie
rig
keiten, angefangene Arbeiten zu Ende zu führen, sowie in der Ein
teilung der Arbeiten generell. Die tiefe Stress
toleranz bei eben solchen Anfor
de
run
gen in Beruf und Alltag würden zu psychischer Destabilisierung mit Rück
zugs
verhalten und Ängstlichkeit führen.
In einer angepassten Tätigkeit sei mo
men
tan nur eine Teilzeitanstellung bis zu 50 % zumutbar. Um einer Über
be
lastung des Beschwer
de
führers entgegenzuwirken, sei der Wiedereinstieg in das Berufsleben schritt
weise durchzuführen. Die Ärzte empfahlen eine weitergehende ambulante Thera
pie sowie eine tagesklinische Behandlung zur weiteren psychi
schen Stabili
sie
rung.
3.
3
Nach Austritt aus der stationären Behandlung war der Beschwerdeführer vom 16. Dezember 2019 bis 1
3.
Februar 2020 in der Akuttagesklinik in teilstationärer Behandlung (vgl.
Urk.
7/16
/2). Im Austrittsber
icht vom 1
3.
Februar 2020 (Urk.
7/16/9-13) konstatierten die
Fachä
rzte,
der Beschwerdeführer leide an einer Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörung. Eine depressive Symp
to
matik habe während des Aufenthalts nicht beobachtet werden können. Zu Be
ginn seien
- durch die psychiatrischen Diagnosen nicht erklärbare -
ballistisch anmutende Be
wegungsstörungen beobachtet wor
den, welche sich gegen Ende des Aufenthalts etwas zurückgebildet hätten.
Am multimodalen Therapieprogramm habe der Be
schwerdeführer nur unregelmässig teilgenommen. Er hätte Mühe damit gehabt, sich abzumelden und sich die Ter
mine zu merken. Im Verlauf sei ihm dies jedoch besser gelungen. In den Ein
zel
gesprächen sei über Verhaltens
alternativen zum Drogenkonsum gesprochen wor
den. Der Beschwerdeführer sei klar veränderungs- und abstinenzmotiviert, schätze seine Grenzen und Sucht
ten
denz jedoch auch realistisch ein. In der zwei
ten Hälfte des Aufenthaltes sei es ihm gelungen, über einige Wochen vollständig abstinent zu bleiben.
Betreffend die Familiensituation zeige sich der Beschwer
de
führer vor allem dadurch belastet, dass man von ihm einen akademischen Ab
schluss verlangt und seinen Lebensweg nicht respektiert habe.
Psychopharma
ko
logisch sei die Medikation
mit
Focalin
bei nicht ausrei
chen
der Wirksamkeit
auf
Elvanse
umgestellt worden, unter der er fokussier
ter, konzentrierter und aktiver sei. Der Beschwerdeführer habe jedoch an
gegeben, die Medikation nur unregelmässig ein
zunehmen. Die Ärzte empfahlen die Weiter
führung der ambulanten psychia
trischen Behandlung sowie der aktuel
len Medi
kation. Sie attestierten ihm eine
100%ige
Arbeitsunfähigkeit während des Auf
ent
haltes.
Die Ärzte
der Tagesklinik
hielten folgende Diagnosen fest:
-
Einfach
e
Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10:
F90.0
)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch Kokain: schädlicher Gebrauch (ICD-10:
F14.1
)
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert (ICD-10:
F33.4
)
-
Migräne (ICD-10:
FT
)
.
3.
4
RAD-
Ärztin
Dr.
Z._
führte in ihrer
Stellungnahme
vom 2
3.
Februar 2021 (
Urk.
7/34
)
gestützt auf die Aktenlage
aus,
der Beschwerdeführer sei während der Primarschule wegen psychomotorischer Unruhe aufgefallen und in der Sekundar
schule sei erstmals die Verdachtsdiagnose ADHS aufgekommen, jedoch nicht fachlich abgeklärt
worden
. Er habe auf dem zweiten Bildungsweg die Ausbildung zum Lehrer gemacht, die praktische D
iplomprüfung zum E
nde des
Studiums
je
doch terminlich verpasst. Aufgrund der guten theoretischen Prüfung habe er trotzdem eine Stelle als Lehrer seit Sommer 2017 annehmen können und die Möglichkeit
geboten erhalten
, die Prüfung im
S
ommer 2018 mit seiner Klasse nachzuholen. Während seiner Lehrtätigkeit habe er sehr gute Arbeit leisten können, die Mitarbeiterbeurteilung sei sehr gut gewesen. Weil der Beschwerde
führer für die Prüfung im Sommer 2018 den Eingabetermin knapp (um 20 Minu
ten) verpasst habe, sei er zur praktischen Prüfung nicht zugelassen worden. Nach den Herbstferien habe er zunehmend psychische Symptome entwickelt und nicht
weiterbeschäftigt werden können, wegen der Arbeitsunfähigkeit und
dem fehlen
den
Abschluss
.
Im Oktober habe sich der Beschwerdeführer erstmals in ambulante psychiatrische Behandlung begeben, anschliessend in stationäre, danach in teil
stationäre Behandlung. Der Kokainkonsum sei als dysfunktionale Bewälti
gungs
strategie bzw. Selbstmedikation zum
Umg
ang mit der Belastungssituation (Prüfung) gesehen
worden
, welche in einem zweiten Schritt zu einem Abhängig
keitssyndrom geführt habe. Im Therapieverlauf sei er als klar veränderungs- und abstinenzmotiviert beschrieben worde
n
, in der zweiten Hälfte des A
ufenthaltes sei es ihm ge
lungen, vollständig abstinent zu bleiben.
D
ie zunächst gestellte
Diagnose «
Abhängigkeit
»
von Kokain (E. 3.2
) habe daher im Verlauf in
«
Schäd
lichen Gebrauch
»
(E. 3.3
) geändert werden können. Bei Behandlungsbeginn sei eine mittelgradige depressive Episode, dann eine leichte depressive Episode diagnostiziert
(E. 3.2
), schliesslich
die
Remission festgestellt worden (
E
. 3.3
). Die ADHS sei medikamentös eingestellt worden und der Beschwerdeführer habe darunter fokussierter, konzentrierter
und aktiver sein können (E. 3.3
). Der bis Oktober 2019 behandelnde Psychiater habe die Verdachtsdiagnose ängstlich-ver
meidende Persönlichkeitsstörung (ICD-10
:
F60.6
) gestellt bzw. habe Züge einer Persönlichkeitsakzentuierung mit selbstunsicheren und vermeidenden Anteilen in seinem Befund gesehen
(E. 3.1)
. Diese
D
iagnose sei im weiteren Verlauf in der
B._
nicht bestätigt worden. D
ie medizinischen Unterlagen seien konsistent. D
er
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers habe sich bereits deutlich verbessert, so sei er im Februar 2020 bei der Entlassung aus der tages
klinischen Behandlung vollständig abstinent gewesen, die Depression sei remit
tiert und die diagnos
ti
zierte ADHS medikamentös kompensiert.
Vor der psychi
schen Krise mit Arbeits
unfähigkeit seit Oktober 2018 habe d
er Beschwer
de
führer
trotz der seit Kindheit bestehenden und
dahin
unbehan
delten ADHS
seine kauf
männische sowie die theoretische Hochschulausbildung absolvieren und eine sehr gut beurteilte Leis
tung als Lehrer erbringen können. Daher sei nicht zu erwarten, dass er nun durch die gebesserte ADHS in seiner beruflichen Tätig
keit einge
schränkt werde. Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei kein dauer
hafter Ge
sund
heitsschaden aus
gewiesen.
Ferner vermerkte
Dr.
Z._
am
6.
Juli 2020 nach Akten
vorlage, es könne nicht davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer aufgrund gesundheitlicher Einschränkung die Abschlussarbeit/-prüfung nicht habe ein
reichen können (
Urk.
7/22/2).
3.5
Die von der letzten Arbeitgeberin beauftragte Reintegrationsunterstützung, Case Managerin
D._
, berichtete zum Abschluss ihrer Begleitung am 1
8.
Juli 2019 (
Urk.
7/5/14 f.)
, dem Beschwerdeführer sei es aufgrund des schlechten Gesund
heits
zustandes nicht möglich gewesen, die praktische (Diplom)Prüfung im Juni 2019 abzulegen. Infolge dessen erfolgte die Auflösung des Anstellungs
verhältnisses bzw. die befristete Stelle als Lehr
er wurde nicht verlängert (Urk.
7/5/10). Am 3
1.
Oktober 2019 - noch während des stationären Aufenthaltes in der
B._
-Klinik
C._
- fand ein Standortgespräch mit der Eingliederungs
beraterin der Beschwerdegegnerin statt
. Dem Protokoll ist zu entnehmen, dass
sich
der Beschwerdeführer Unterstützung für eine Umschulung
erhoffte
. In der Therapie sei er zum Schluss gekommen, dass er wegen seines Berufes Depres
sio
nen bekommen hätte. Er würde sehr gerne unterrichten, habe aber ein Problem mit dem Bildungssystem in der Schweiz. Er würde gerne eine Umschulung machen im sozialen Bereich oder etwas Künstlerisches
(
Urk.
7/4/4).
Vier Monate n
ach Austritt aus der Tagesklinik meldete sich der Beschwerdeführer per Email vom
9.
Juni 2020 erneut bei der Eingliederungsberaterin und teilte mit, er sei von der
E._
exmatrikuliert worden; er fühle sich stabil und würde gerne eine Umschulung in Angriff nehmen, er werde nicht mehr im Stande sein, als Primarlehrer zu arbeiten; bereits der
G
edanke an ein Schul
haus löse bei ihm Panik aus (
Urk.
7/18). Mit Email vom 2
2.
Juli 2020 präzi
sierte er
unter Angabe einer Internetadresse
, dass er
die Ausbildung bei einer spirituellen Heilerin, Hypnose- bzw. Reinkarnationstherapeutin und Reiki-Aus
bildnerin anstrebe (
Urk.
7/23). Daran, dass dies die richtige Entscheidung sei, hielt er mit Email vom 2
3.
Juli 2020 fest (
Urk.
7/26). Weder im Einwand gegen den
Vorbescheid (
Urk.
7/32) noch beschwerdeweise (
Urk.
1) wird Antrag auf eine konkrete Eingliederungsmassnahme gestellt.
4.
Der Ansicht von
Dr.
Z._
ist insoweit beizupflichten, als sich aus den vor
liegenden Akten eine Remission der im Verlauf als mittelgradig und später leicht qualifizierten depressiven Episode ergibt, die Abhängigkeit von Kokain letztlich als schädlicher Gebrauch diagnostiziert
und die ADHS als medikamentös ein
gestellt festgehalten wurde
, weshalb eine
unveränderte
(vollständige) Arbeits
unfähigkeit als Lehrer
seit Behandlungsabschluss in der Tagesklinik
nicht ein
leuchtet und
eine invalidenversicherungsrechtlich
relevante
Diagnose
letztlich
nicht dargetan ist
.
Die
behandelnden Fachpersonen der Tagesklinik
hielten
im Austrittsbericht vom 1
3.
Februar 2020
(
Urk.
7/16/9-13)
jedoch
weiterhin eine psychotherapeutische Behandlung sowie eine tagesklinische Behandlung der Ab
hängigkeitserkrankung fü
r notwendig
und
vermerkten eine reduzierte Auf
fassung, Konzentration, Merkfähigkeit und Gedächtnis sowie einen reduzierten Antrieb (
Urk.
7/16/10).
Die Fachärzte der
B._
-Klinik
C._
(vgl. E. 3.2) hielten
- wie bereits
Dr.
A._
(E. 3.1) -
einen schrittweisen Wiedereinstieg ins Berufs
leben bei einer Arbeitsfähigkeit von 50
%
in angepasster,
aber
nicht näher
spezi
fizierter
Tätigkeit für notwendig.
Ferner ist festzuhalten, dass der Beschwerde
führer seit Behandlungsaufnahme bei
Dr.
A._
im Oktober 2
018 als Lehrer zu 100
% arbeitsunfähig geschrieben wurde, wobei offenbleiben kann, ob das
(mehr
malige)
Verpassen des Anmeldetermins für die praktische Diplomprüfung krank
heits
bedingt war oder nicht; möglich wäre auch, dass dieser Umstand gar dem im Herbst 2018 erlittenen psychischen Zusammenbruch Vorschub leistete
(vgl. hierzu die Ausführung der Case Managerin,
Urk.
7/5/14)
.
Damit ist aber davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer mangels eines
als vollständig
aner
kann
ten Abschlusses
auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt (vgl. hierzu: BGE 110 V 273 E.
4b
; ZAK 1991 S. 320 f. E.
3b
; Urteile des Bundesgerichts
9C_830
/2007 vom 29. Juli 2008 E. 5.1 und
9C_192
/2014 vom 23. September 2014 E. 3.1, je mit Hinweisen)
keine Anstellung als Primarlehrer erhält (vgl. Urk.
7/5/14,
Urk.
7/5/10 f.
). Ob er das Diplom an der
E._
nachholen könnte
- sofern er denn wollte -
und unter welchen Vorau
ssetzungen, ist nicht abgeklärt, ebenso wenig welche beruflichen Perspektiven ihm mit dem theoretischen Ab
schluss offenstehen.
Der Beschwerdeführer sieht sich auch ausserstande, in diesen B
eruf zurückzukehren, wobei hierfür - wie bereits gesagt - eine schlüssige medi
zinische Diagnose fehlt.
Dabei bleibt zu beachten, dass er diesen Beruf auf dem zweiten Bildungsweg absolvierte und er über eine abgeschlossene kaufmännische Lehre verfügt. Es liegen
keinerlei medizinische Beurteilungen zur Arbeits- und
Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers in diesem Beruf
vor, wobei der Wieder
eingliederungsbedarf in dieses Berufsfeld aus
berufsberaterischer
Sicht ebenfalls nicht abgeklärt wurde.
Nach Austritt aus der stationären und tagesklinischen Betreuung
fanden
keine Eingliederungsabklärungen mehr statt.
Dabei ist darauf hinzuweisen
, dass für die berufliche Weiterausbildung
beispielsweise
nicht voraus
gesetzt wird, dass die Massnahme erforderlich ist, um die Erwerbsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern, sondern es genügt, wenn sie dazu beiträgt (Silvia Bucher, Eingliederungsrecht der Invalidenversicherung, Bern 2011, Rz. 674).
Auch wenn der beschwerdegegnerischen Berufsberaterin darin beizupflichten ist, dass das vom Beschwerdeführer genannte Ziel eines spirituellen Heilers kaum eingliederungswirksam
und wohl auch nicht verhältnismässig
ist
(
Urk.
7/26)
, so ist aufgrund der vorliegenden Akten ein
gesundheitlich bedingter
Bedarf
an Ein
gliederungsmassnahmen nicht auszuschliessen.
Zusammengefasst
erfolgte die Aufgabe des Lehrerberufs im Herbst 2018 zu
min
dest teilweise aus gesundheitlichen Gründen und
es
kann nicht ausgeschlossen werden, dass hinsichtlich dieses Berufsfeldes oder auch im Erstberuf, das heisst in einer kaufmännischen Tätigkeit,
Eingliederungsmassnahmen notwendig oder doch angezeigt sind, wobei vorgängig medizinische Abklärungen zur Arbeits- und Leistungsfähigkeit in diesen Berufen notwendig
erscheinen
.
Hierfür ist die Sache unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung vom
1
9.
März
2021 an die Be
schwerdegegnerin zurückzuweisen. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzu
heissen.
5.
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs.
1
bis
IVG) und auf Fr. 600.-- anzusetzen. Ausgangsgemäss sind sie de
r Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Damit erweist sich das Gesuch
um
unent
geltlichen Prozessführung
als gegenstandslos.