Decision ID: 1d1677a6-1c3a-5a8a-b2c0-a5e6dae88418
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Sozialamt der Stadt St. Gallen, Brühlgasse 1, 9004 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente; berufliche Massnahmen
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Sachverhalt:
A.
A.a A._ (Jg. 1981) erlernte den Beruf eines Offsetdruckers. Dabei wurden ihm
Leistungen der Invalidenversicherung im Rahmen einer erstmaligen beruflichen
Ausbildung erbracht. Am 18. September 2002 schloss die IV-Stelle die Ausrichtung
dieser Leistungen ab (IV-act. 99). Am 10. August 2004 meldete sich der Versicherte
erneut zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Er gab an, er könne nicht mehr als
Offsetdrucker arbeiten, weil er nach vier bis fünf Stunden Schmerzen habe. Er benötige
eine Berufsberatung und eine Umschulung in einen anderen Beruf. Dr. med. B._,
Allgemeine Medizin FMH, berichtete am 4. September 2004 (IV-act. 11), beim
Versicherten seien folgende Diagnosen erhoben worden: Kongenitale Hypoplasie
Femur links (St. n. Verlängerungsosteotomie, St. n. Ermüdungsfraktur, St. n.
Osteomyelitis) und unklare belastungsabhängige Schmerzen im Oberschenkel. Am 16.
April 2005 gab Dr. B._ an, der Versicherte sei heroinsüchtig und befinde sich in
einem Methadonprogramm (IV-act. 105). Dr. med. C._, Leitender Arzt der
psychiatrischen Klinik Wil, berichtete am 9. Mai 2005 (IV-act. 107), der Versicherte leide
an einem Opiatabhängigkeitssyndrom in einem ärztlich überwachten
Methadonabgabeprogramm, an einer Störung nach einem multiplen Substanzgebrauch
und wahrscheinlich an einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit ängstlich
unsicheren und emotional instabilen Zügen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden die
emotionale Instabilität und die Selbstunsicherheit zu Konflikten führen, die mehr oder
weniger an jedem Arbeitsplatz auftreten dürften. Die IV-Stelle gab eine psychiatrische
Abklärung in Auftrag. Die Abklärungsstelle teilte am 9. Juni 2006 mit (IV-act. 119), der
Versicherte sei zweimal unentschuldigt nicht erschienen. Die IV-Stelle forderte den
Versicherten auf, sich mit der Abklärungsstelle in Verbindung zu setzen, um einen
Termin zu vereinbaren, und an der Abklärung aktiv mitzuwirken (IV-act. 122). Sollte er
dieser Aufforderung nicht nachkommen, müsse er mit einer Abweisung seines
Leistungsbegehrens rechnen. Da sich der Versicherte nicht bei der Abklärungsstelle
meldete, wies die IV-Stelle sein Leistungsgesuch am 28. Juli 2006 ab (IV-act. 127). Sie
begründete diesen Entscheid damit, dass der Versicherte seiner Mitwirkungspflicht bei
der Sachverhaltsabklärung (Art. 43 Abs. 3 ATSG) nicht nachgekommen sei.
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A.b Der Versicherte meldete sich am 6. September 2007 erneut zum Bezug von IV-
Leistungen an. Er beantragte eine Umschulung und eventualiter eine Invalidenrente (IV-
act. 131). Am 19. Dezember 2007 reichte er diverse Spitalberichte ein (IV-act. 147-152).
Dr. med. D._ vom RAD hielt gestützt auf diese Berichte fest (IV-act. 153), der
Versicherte weise auch nach den in seiner Jugend durchgeführten Operationen noch
eine linksseitige Beinverkürzung auf. Das Hauptproblem sei aber eine Hüftdysplasie mit
einer mangelhaften Überdachung des Hüftkopfes und mit einer ausgeprägten
femoralen Retrotorsion gewesen. Mitte Juni 2007 seien eine Beckenosteotomie nach
Chiari, eine Metallentfernung am Femur und eine intertrochantere
Femurderotationsosteotomie vorgenommen worden. Am Femur sei eine
Revisionsoperation indiziert. Deshalb liege noch ein labiles Krankheitsgeschehen vor.
Dr. med. E._, FMH für Chirurgie, berichtete am 5. Mai 2008 (IV-act. 155), seit der
Operation vom 4. März 2008 könne der Versicherte das Bein schmerzfrei voll belasten.
Es bestehe allerdings ein kleines Problem, nämlich eine Exostose, die bei gewissen
Bewegungen den N. ischiaticus irritiere. Eine allfällige Operation dieser Exostose werde
aber den praktisch definitiven Zustand nicht mehr beeinflussen. Die Einschränkung der
Hüftbeweglichkeit bleibe unverändert. Eine sitzende Tätigkeit, abwechselnd mit Stehen
und Gehen, jedoch ohne Beugen vornüber, sei zu 100% zumutbar. Dr. med. F._,
Leitender Arzt des Kantonsspitals St. Gallen, berichtete am 9. Juli 2008 (IV-act. 159),
als Offsetdrucker sei der Versicherte zu 100% arbeitsunfähig. Der Gesundheitszustand
sei stationär. Eine vorwiegend sitzende Tätigkeit sei an sechs bis acht Stunden täglich
zumutbar. Dr. D._ vom RAD hielt am 9. September 2008 fest (IV-act. 162), die
medizinischen Voraussetzungen für berufliche Massnahmen seien erfüllt. Den Akten
lasse sich nicht entnehmen, dass das Drogenproblem aktuell eine herausragende Rolle
spiele. Der Versicherte stehe in einem Methadonprogramm. Die
Eingliederungsberaterin der IV-Stelle notierte am 21. September 2008 (IV-act. 165), der
Versicherte wolle zum Polygraphen umgeschult werden. Es sei zu prüfen, ob die
Drogenproblematik/Methadontherapie einer Umschulung im Weg stehen könnte. Dr.
E._ berichtete am 18. November 2008 (IV-act. 168), die Beweglichkeit des
Hüftgelenks sei auf Dauer eingeschränkt. In einer sitzenden Tätigkeit sei der
Versicherte zu 100% arbeitsfähig. Am 7. November 2008 sei ein Drogentest
durchgeführt worden. Er habe folgendes Resultat gezeitigt: Methadon positiv,
Benzodiazepine positiv, THC positiv, Morphin positiv (ev. sei die Restsubstanz nach
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der Operation nachgewiesen worden), Kokain negativ, Opiate negativ (womit ein
Heroinkonsum ausgeschlossen werden könne). Am 3. Januar 2009 gab Dr. E._ die
Ergebnisse eines weiteren Drogentests an: Benzodiazepine positiv, Amphetamine
negativ, Morphin positiv, THC positiv, Methadon positiv, Kokain negativ (IV-act. 172).
Dr. D._ vom RAD hielt dazu am 7. Januar 2009 fest (IV-act. 173), der Versicherte sei
im Methadonprogramm, weshalb der entsprechende Nachweis in Ordnung sei. Dass
der Versicherte auf Morphin positiv getestet worden sei, deute auf einen Beikonsum
hin. Dasselbe gelte für THC. Dass die Benzodiazepine positiv seien, sei in der
Medikation begründet. Um die Eingliederungsbemühungen nicht zu gefährden, sei eine
ausreichende Abstinenz von Suchtmitteln nötig. Der Versicherte müsse deshalb im
Rahmen seiner allgemeinen Schadenminderungspflicht zu einer mindestens
sechsmonatigen Drogenabstinenz verpflichtet werden. Den Nachweis könne er
erbringen, indem er sich vierzehntäglichen Drogenuntersuchungen unterziehe und
dabei durchgehend kein Morphin und auch kein THC nachgewiesen werde. Ausserdem
sollten die Werte für Benzodiazepine rückläufig sein.
A.c Die IV-Stelle forderte den Versicherten am 30. Januar 2009 auf, sich
vierzehntäglich einem Drogenurintest zu unterziehen. Die weiteren Abklärungen zur
Klärung des versicherungsmedizinisch relevanten Sachverhalts könnten nämlich erst
nach einer sechsmonatigen Drogenabstinenz durchgeführt werden (IV-act. 174). Der
Versicherte teilte am 27. Februar 2009 mit, dass Dr. E._ diese Tests durchführen
werde (IV-act. 175). Die IV-Stelle machte am 7. Mai 2009 gegenüber dem Sozialamt
geltend, dass sie noch keine Laborwerte erhalten habe (IV-act. 178). Mit einem
Schreiben vom 5. Juni 2009 forderte die IV-Stelle den Versicherten auf, bis 19. Juni
2009 mitzuteilen, wer die Laborkontrollen vornehme, und entsprechende
Kontrollergebnisse einzureichen, ansonsten er mit einer Abweisung seines
Leistungsgesuchs rechnen müsse (IV-act. 182). Dr. E._ berichtete der IV-Stelle am 6.
Juni 2009 über einen Drogentest, bei dem neben Methadon und Benzodiazepinen auch
Morphin und THC nachgewiesen worden waren (IV-act. 183). Ein weiterer Test vom 2.
Juli 2009 zeigte neben Methadon und Benzodiazepinen nur THC an (IV-act. 184).
Dasselbe Ergebnis lieferte ein Test vom 10. Juli 2009 (IV-act. 185). Mit einer Verfügung
vom 1. Oktober 2009 trat die IV-Stelle nicht auf das Leistungsgesuch betreffend
Eingliederungsmassnahmen und Rente ein (IV-act. 186). Sie begründete diesen
Entscheid damit, dass die Mitwirkungs- (Art. 43 Abs. 3 ATSG) und die
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Schadenminderungspflicht (Art. 21 Abs. 4 ATSG) nicht erfüllt worden seien, weil der
Versicherte die geforderte Drogenabstinenz nicht habe nachweisen können.
B.
B.a Der Versicherte liess am 4. November 2009 durch das Sozialamt der Stadt
St. Gallen Beschwerde gegen die Nichteintretensverfügung erheben und beantragen,
die angefochtene Verfügung sei aufzuheben, die Auflage einer mindestens
sechsmonatigen Drogenabstinenz und der Durchführung vierzehntäglicher
Drogenurintests sei aufzuheben und es sei - sofern notwendig - ein medizinisches
Gutachten zu erstellen und gestützt darauf eine IV-Teilrente oder eine berufliche
Massnahme zuzusprechen (act. G 1). Zur Begründung wurde insbesondere ausgeführt,
der Beschwerdeführer nehme keine harten Drogen mehr. Er habe das Methadon stark
reduziert. Ab und zu rauche er noch eine Haschzigarette, denn er leide oft unter starken
Schmerzen und die Zigaretten reduzierten diese Schmerzen. Deshalb habe er keine
Urinproben geliefert, die frei von Tetrahydrocannabiol gewesen seien. Weder die
Haschzigarette noch eine andere Drogenabhängigkeit seien aber der Grund für die sehr
eingeschränkte Arbeitsfähigkeit, sondern die gravierenden Probleme rund um das
Hüftgelenk. Auch nach den Operationen sei er seitens des Hüftgelenks nie schmerzfrei
geworden. Das Problem lasse sich nicht operativ lösen. Die Beschwerden, die eine
50%ige Rente oder eine Umschulung rechtfertigten, liessen sich auch ohne Einhaltung
einer sechsmonatigen THC-Abstinenz beurteilen. Da der Beschwerdeführer den
erlernten Beruf nicht mehr ausüben könne, sei eine Umschulung zum Typographen
sinnvoll.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 12. Februar 2010 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Sie führte aus, sie sei zwar zu Unrecht nicht auf das
Rentenbegehren eingetreten, weil sich die Auflage nur auf die Gewährung beruflicher
Massnahmen bezogen habe. Das Rentenbegehren hätte separat behandelt werden
müssen. Allerdings sei der Beschwerdeführer in einer adaptierten Erwerbstätigkeit zu
80% arbeitsfähig, so dass kein Rentenanspruch resultieren dürfte. Das Verfahren
betreffend berufliche Massnahmen habe sich noch im Abklärungsverfahren befunden;
es habe ohne die Erfüllung der Auflage der Drogenfreiheit nicht weitergeführt werden
können. Der Beschwerdeführer habe die Auflage schuldhaft verletzt, denn die
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Behauptung, die Drogen würden wegen der Schmerzen eingenommen, sei nicht
überzeugend. Dr. med. G._ vom RAD habe am 2. Dezember 2009 festgehalten, dass
ein unkontrollierter Konsum von Cannabis kein therapeutisches Setting sei. Die
Sanktion des Nichteintretens sei die mildere Variante. Bei einem materiellen Entscheid
hätte der Beschwerdeführer bei einer zukünftigen Neuanmeldung eine wesentliche
Veränderung glaubhaft machen müssen. Grundsätzlich sei fraglich, ob die Auflage
nötig gewesen sei, denn bei einer Arbeitsfähigkeit von 80% in einer adaptierten
Tätigkeit bestehe nicht zwingend ein Umschulungsanspruch. Einer Arbeitsvermittlung
oder einer Berufsberatung wäre der Drogenkonsum nicht im Weg gestanden. Dr. G._
hatte in der Aktennotiz vom 2. Dezember 2009 (IV-act. 191) abschliessend festgestellt,
dass aus versicherungsmedizinischer Sicht einige Hinweise darauf bestünden, dass
der Drogenkonsum doch einen relevanten Einfluss auf die berufliche Eingliederung
habe; der Beschwerdeführer sei nämlich mehrmals zu Arztterminen nicht erschienen.
B.c In der Replik vom 3. März 2010 wurde geltend gemacht (act. G 10),
gemäss einer telephonischen Bestätigung von Dr. E._ sei der Beschwerdeführer
körperlich nicht in der Lage, als Offsetdrucker zu arbeiten. In einer sitzenden Tätigkeit
hingegen bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 50-80%. Aus diesen Angaben folge, dass
ein Umschulungsanspruch bestehe. Selbst wenn der Beschwerdeführer ab und zu eine
Haschzigarette rauche, sei er in der Lage, eine Umschulung zu absolvieren. Es brauche
deshalb keine Urinproben, die frei seien von Tetrahydrocannabiol. Diese Auflage sei
überflüssig.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 19. März 2010 auf eine Stellungnahme
zur Replik (act. G 12).

Erwägungen:
1.
In den Schreiben vom 30. Januar und 5. Juni 2009 sowie in der angefochtenen
Verfügung vom 1. Oktober 2009 hat die Beschwerdegegnerin sowohl auf die
Schadenminderungspflicht des Beschwerdeführers als auch auf dessen Pflicht zur
Mitwirkung bei der Sachverhaltsabklärung verwiesen, ohne aber zu erklären, in
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welchem Verhältnis diese Pflichten ihrer Auffassung nach standen. Dass dies auf einer
Unsicherheit in bezug auf die Anwendungsbereiche der beiden Pflichten im konkreten
Fall beruhte, zeigt sich etwa in der Teil der Verfügungsbegründung bildenden Aussage,
der Beschwerdeführer habe "trotz Aufforderung den Nachweis der Drogenabstinenz
nicht erbringen können". Dass der Beschwerdeführer seine Drogenabstinenz selbst
hätte nachweisen sollen, beruht auf der Pflicht zur Mitwirkung bei der
Sachverhaltsabklärung, während die Drogenabstinenz ihrem Wesen nach eher unter
die Schadenminderungspflicht zu subsumieren ist. Die Verfügungsbegründung ist
demnach so zu interpretieren, dass der Beschwerdeführer die Mitwirkungspflicht bei
der Sachverhaltsabklärung verletzt habe, weil nach dem 10. Juli 2009 keine
Drogentestergebnisse mehr eingegangen seien, und dass er die
Schadenminderungspflicht verletzt habe, weil er nicht die geforderten sechs Monate
drogenabstinent gelebt habe.
2.
Die Schadenminderungspflicht ist ansatzweise in Art. 21 Abs. 4 ATSG geregelt. Ihr
konkreter Inhalt hängt von der jeweiligen Sozialversicherungsleistung ab, bei deren
Ausrichtung von einem "Schaden" zu sprechen wäre. "Zwischen dem vorausgesetzten
Verhalten der versicherten Person und der vorausgesetzten Beeinträchtigung der
Erwerbsfähigkeit muss ein Kausalzusammenhang bestehen [...]" (U. Kieser, ATSG-
Kommentar, 2. A., N. 87 zu Art. 21 ATSG). Die Beschränkung auf
Sozialversicherungsleistungen, deren Ausrichtung in irgendeiner Verbindung zur
Erwerbsfähigkeit steht, ist natürlich zu eng; jede Sozialversicherungsleistung kann im
Einzelfall zur Anwendung der Schadenminderungspflicht Anlass bieten. Ein
Kausalzusammenhang besteht, wenn das verlangte Verhalten geeignet ist,
schadenmindernd zu wirken, d.h. einen Bedarf nach einer bestimmten
Sozialversicherungsleistung zu verhindern bzw. wenigstens zu vermindern oder aber -
wie im vorliegenden Fall - zu verhindern, dass eine bestimmte
Sozialversicherungsleistung ihren Zweck verfehlt. Im Fall des Beschwerdeführers hätte
der "Schaden" im Scheitern einer Umschulung bestanden. Tatsächlich ist dem
Beschwerdeführer aber noch gar keine Umschulung bewilligt gewesen, als ihm eine
sechsmonatige Drogenabstinenz auferlegt worden ist. In dieser Situation, in der noch
gar kein "Schaden" drohen konnte, muss sich die Drogenabstinenz selbst (und nicht
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nur deren Nachweis mittels Drogentests) notwendigerweise auf die Mitwirkung bei der
Sachverhaltsabklärung beschränkt haben. De facto hat die Beschwerdegegnerin vom
Beschwerdeführer also verlangt, dass er seine Fähigkeit nachweise, für längere Zeit -
und damit auch während einer allfälligen Umschulung - drogenabstinent leben zu
können, bevor überhaupt daran gedacht werden könne, eine Umschulung
zuzusprechen. Die Beschwerdegegnerin ist offenbar davon ausgegangen, dass es sich
nicht lohne, die Umschulungsfähigkeit des Beschwerdeführers zu prüfen, bevor
feststehe, dass er in der Lage sei, während einer zukünftigen Umschulung
drogenabstinent zu leben. Daraus folgt, dass gar kein Anwendungsfall von Art. 21 Abs.
4 ATSG vorliegt. Die verlangte Drogenabstinenz für mindestens sechs Monate kann nur
unter die Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung gemäss Art. 43 Abs. 3
ATSG subsumiert werden. Die Anordnung dieser Massnahme war unverhältnismässig.
Erst recht gilt das für die angedrohte Sanktion des Nichteintretens auf das
Leistungsbegehren, falls der Beschwerdeführer den "Test" nicht bestehen sollte. Mit
einem negativen Ergebnis bei den Urintests hätte nämlich noch nicht festgestanden,
dass der Beschwerdeführer während einer Umschulung nicht in der Lage wäre,
drogenabstinent zu leben, bzw. dass die eine Umschulung durch die gelegentliche
Einnahme von HTC gefährdet wäre. Seine Motivation, eine Umschulung in den
gewünschten Beruf erfolgreich zu absolvieren, wäre nämlich ungleich höher als die
Motivation, den Drogenabstinenztest zu bestehen. Das in der angefochtenen
Verfügung angeordnete Nichteintreten auf das Leistungsbegehren (das bei genauer
Betrachtung nur eine Verfahrensabschreibung sein kann, weil die Beschwerdegegnerin
längst auf das Leistungsgesuch eingetreten war und ein materielles
Verwaltungsverfahren eröffnet hatte) ist deshalb als rechtswidrig aufzuheben. Die
Sache ist zur weiteren Behandlung des Leistungsbegehrens an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.
Die angefochtene Verfügung wäre selbst dann aufzuheben, wenn der verlangte
Nachweis der Drogenabstinenzfähigkeit des Beschwerdeführers als verhältnismässig
zu qualifizieren wäre. Gemäss Art. 43 Abs. 3 ATSG muss eine versicherte Person
nämlich gemahnt und auf die möglichen Rechtsfolgen hingewiesen werden und es ist
ihr eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen. Der notwendige Inhalt dieser Mahnung
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ist - mit Ausnahme der Nennung der möglichen Rechtsfolgen - gesetzlich nicht
definiert. In der Lehre wird eine substantiierte Bezugnahme auf das geforderte
Verhalten verlangt (vgl. U. Kieser, a.a.O., N. 52 zu Art 43 und N. 90 zu Art. 21 ATSG).
Die Anordnung einer Rechtsfolge, eigentlich einer Sanktion, hält vor dem
Verhältnismässigkeitsprinzip nur stand, wenn die versicherte Person über das von ihr
geforderte Verhalten ausreichend informiert wird. Die Mahnung gemäss Art. 43 Abs. 3
ATSG muss also eine vollständige und präzise Umschreibung des geforderten
Verhaltens beinhalten. Die Beschwerdegegnerin hat in ihrem Schreiben vom 30. Januar
2009 (das erst eine Aufforderung, aber noch keine Mahnung i.S. von Art. 43 Abs. 3
ATSG war) von einer mindestens sechsmonatigen andauernden Drogenabstinenz
gesprochen, die auch Stoffe umfasse, die sich als Morphin oder als THC im Urin
nachweisen liessen. Die Umschreibung des geforderten Verhaltens hat also aus einer
qualitativen Anforderung (Drogenabstinenz) und aus einer zeitlichen Beschränkung
(sechs Monate) bestanden. Obwohl die Beschwerdegegnerin die Umschreibung der
Qualität des geforderten Verhaltens mit der Umschreibung der verlangten Mitwirkung
bei der Sachverhaltsabklärung vermischt hat, ist doch davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer damit über das geforderte Verhalten (Drogenabstinenz inklusive
Morphin und THC) ausreichend informiert gewesen ist. Für die zeitliche Beschränkung
trifft das nicht zu. Die Beschwerdegegnerin hat zwar sowohl am 30. Januar 2009 als
auch in der Mahnung vom 5. Mai 2009 von einer sechsmonatigen Frist gesprochen,
während der die Drogenabstinenz bestehen müsse, sie hat aber den Beginn und das
Ende dieser Frist nicht definiert. Am 30. Januar 2009 hat sie vom Beschwerdeführer nur
verlangt, dass er bis zum 26. Februar 2009 den Namen des Arztes bekannt gebe, der
die Tests durchführen werde. Im Mahnschreiben vom 5. Juni 2009 hat die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer eine Frist bis 19. Juni 2009 gesetzt, um
die verlangten Auskünfte zu erteilen. Ob sich das auf den Namen des Arztes bezogen
hat oder ob damit auch die einzelnen Urintests gemeint gewesen sind, wird in diesem
Schreiben nicht klargestellt. Selbst in der angefochtenen Verfügung vom 1. Oktober
2009 fehlt ein Hinweis auf den Beginn und das Ende der Sechsmonatsfrist. Die
Beschwerdegegnerin hält nur fest, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei,
eine sechsmonatige Drogenabstinenz nachzuweisen. Sie unterstellt also im Ergebnis
ein Ablaufen der Sechsmonatsfrist irgendwann vor dem 1. Oktober 2009. In Bezug auf
diese Frist, die Teil der Umschreibung des vom Beschwerdeführer geforderten
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schadenmindernden Verhaltens hätte bilden müssen, fehlen also sowohl im Schreiben
vom 30. Januar 2009 als auch in der Abmahnung vom 5. Juni 2009 ausreichend
genaue Angaben. Kommt hinzu, dass zwar von einer sechsmonatigen Frist die Rede
gewesen ist, zwischen der Abmahnung und dem Erlass der angefochtenen Verfügung
aber nicht sechs Monate vergangen sind. Die Beschwerdegegnerin hat die mit der
Abmahnung vom 5. Juni 2009 zwingend neu anzusetzende sechsmonatige Frist also
gar nicht abgewartet. Wäre die angefochtene Verfügung nicht bereits wegen der
fehlenden Verhältnismässigkeit des vom Beschwerdeführer verlangten
Drogenabstinenztests rechtswidrig, müsste sie aufgehoben werden, weil die
Beschwerdegegnerin die formalen Vorgaben an die Abmahnung nicht erfüllt hat.
4.
Entsprechend den vorstehenden Ausführungen ist die angefochtene Verfügung
aufzuheben und die Sache ist zur weiteren Behandlung des Leistungsbegehrens vom
6. November 2007 an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Bei diesem
Verfahrensausgang ist in Bezug auf die Kosten von einem vollumfänglichen Obsiegen
des Beschwerdeführers auszugehen. Das Gesuch des Beschwerdeführers um eine
Parteientschädigung ist deshalb gutzuheissen. Die Parteientschädigung bemisst sich
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61
lit. g ATSG). Da es sich unter Berücksichtigung dieser Kriterien um einen
durchschnittlichen Fall handelt, ist die Parteientschädigung inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer praxisgemäss auf Fr. 3500.-- festzusetzen. In IV-Sachen ist das
Beschwerdeverfahren kostenpflichtig. Die Gerichtsgebühr bemisst sich nach dem
Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Dieser ist als durchschnittlich einzustufen,
so dass die Gerichtsgebühr praxisgemäss auf Fr. 600.-- festzusetzen ist.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP