Decision ID: 3f3481f1-e1b8-52a8-8880-00b53e367651
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer gelangte am 6. Juli 2016 in die Schweiz und
suchte noch am selben Tag beim Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ)
B._ um Asyl nach.
A.b Auf dem Personalienblatt gab er an, am (...) geboren und damit noch
minderjährig zu sein, woraufhin das SEM am 7. Juli 2016 eine Handkno-
chenanalyse zur Altersbestimmung anordnete. Die forensische Schätzung
des Skelettalters vom 8. Juli 2016 ergab ein Knochenalter gemäss Greu-
lich und Pyle von (...) Jahren. In der Folge wurde der Beschwerdeführer
für die Fortsetzung des Verfahrens als volljährig erfasst und sein Geburts-
datum im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) fiktiv auf den
(...) festgelegt.
A.c Am 18. Juli 2016 fand die summarische Befragung zur Person (BzP)
statt, wobei ihm unter anderem auch das rechtliche Gehör zum Ergebnis
der durchgeführten Handknochenanalyse zur Bestimmung seines Alters
gewährt wurde. Am 4. April 2019 hörte ihn das SEM einlässlich zu seinen
Asylgründen an.
Anlässlich der Befragungen machte der Beschwerdeführer hinsichtlich sei-
nen persönlichen Verhältnisse geltend, er sei eritreischer Staatsangehöri-
ger, der Ethnie der Nara zugehörig und stamme aus C._ (Subzoba
D._, Zoba E._), wo er am (...) geboren und zusammen mit
seinen drei Geschwistern aufgewachsen sei. Er sei (...) Jahre lang in die
Primarschule gegangen und habe circa (...) Jahre lang die Koranschule
besucht. Sein Vater, welcher in den Militärdienst eingezogen worden sei,
sei seither unbekannten Aufenthalts, weshalb er und sein Bruder die Mutter
bei der Versorgung der Familie finanziell unterstützt hätten, indem sie im
(...) gearbeitet hätten.
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, nachdem sein Bruder
Eritrea im Jahr 2014 verlassen habe, um sich einer drohenden Rekrutie-
rung in den Militärdienst zu entziehen, hätten die eritreischen Behörden
zunächst nach diesem gesucht und dabei ihre Mutter für einige Tage fest-
genommen. Er selber habe sich zu dieser Zeit in der Wildnis aufgehalten,
wo er (...) habe, und sei nur gelegentlich nach Hause zurückgekehrt.
(...) 2015 sei er schliesslich ebenfalls ins Visier der Militärbehörden gera-
ten und sei aufgefordert worden, sich zu melden. In der Folge habe er erst-
mals im (...) 2016 versucht, sein Heimatland illegal zu verlassen. Dabei sei
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er jedoch von Soldaten entdeckt und verhaftet worden. Er sei im Gefängnis
"Under Tesseney" inhaftiert worden. Bei seiner Verlegung nach Hashferay
habe er jedoch fliehen können und sei anschliessend zu Fuss aus Eritrea
in den Sudan geflohen. Von dort aus sei er via Ägypten und Italien schliess-
lich in die Schweiz gelangt.
A.d Im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerde-
führer eine Kopie seines Geburtsscheins und Fotokopien der Identitätskar-
ten seiner Eltern zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 26. Juli 2019 änderte die Vorinstanz das Geburtsdatum
des Beschwerdeführers im ZEMIS auf den (...). Weiter stellte sie fest, er
erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ord-
nete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
C.
Gegen die vorinstanzliche Verfügung erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter – mit Eingabe vom 28. Au-
gust 2019 Beschwerde und beantragte die vollumfängliche Aufhebung der
angefochtenen Verfügung, die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft
und die Gewährung von Asyl. Eventualiter ersuchte er um die Anordnung
der vorläufigen Aufnahme. In formeller Hinsicht beantragte er die Edition
und den Beizug der Asylakten seines Bruders, F._. Weiter ersuchte
er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, unter Verzicht auf
die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung seines
Rechtsvertreters als amtlichen Rechtsbeistand.
Der Beschwerde lagen eine Kopie der Mitgliedschaftsbestätigung des Erit-
rean Youth Movement for Change in Switzerland (EYMCS), eine Kopie ei-
nes Fotos des Beschwerdeführers in G._ vom (...) 2017, mehrere
Fotografien einer Demonstrationsteilnahme am (...) 2018 in H._,
zwei befristete Arbeitsverträge vom 25. September 2018 und
10. März 2019, Lohnabrechnungen vom Dezember 2018 bis März 2019
sowie die RAV-Taggelder von April 2019 bis Juni 2019 bei.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 29. Au-
gust 2019 den Eingang der Beschwerde.
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Seite 4
E.
Mit Eingabe vom 10. September 2019 liess der Beschwerdeführer das Ori-
ginal seiner Mitgliedschaftsbestätigung des EYMCS nachreichen.
F.
Mit Verfügung vom 1. Oktober 2019 wies die Instruktionsrichterin die Ge-
suche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung, amtliche
Rechtsverbeiständung sowie um Entbindung von der Kostenvorschuss-
pflicht mangels Bedürftigkeit ab und forderte den Beschwerdeführer auf,
innert Frist einen Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 750.– zu bezahlen.
G.
Der Kostenvorschuss wurde am 8. Oktober 2019 fristgerecht beim Bun-
desverwaltungsgericht eingezahlt.
H.
Das SEM hielt in seiner innert Frist eingereichten Vernehmlassung vom
4. September 2020 vollumfänglich an den Erwägungen in der angefochte-
nen Verfügung fest.
I.
Mit Eingabe vom 8. Oktober 2020 replizierte der Beschwerdeführer innert
erstreckter Frist. Gleichzeitig reichte er Fotokopien der EYMCS-Versamm-
lung vom (...) 2019 in G._ sowie derjenigen vom (...) 2019 in
H._ und eine Honorarnote zu den Akten.
J.
Die Verfahrensakten des Bruders des Beschwerdeführers, F._,
wurden im vorliegenden Beschwerdeverfahren beigezogen (N [...] und
[...]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101; SR 142.31); für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
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Seite 5
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das SEM führt zur Erfüllung seiner gesetzlichen Aufgaben ein Informa-
tionssystem (ZEMIS), welches der Bearbeitung von Personendaten im
Ausländer- und Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 und 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich
[BGIAA, SR 142.51]). In diesem Rahmen bearbeitet es auch Begehren um
Berichtigung von Personendaten im Sinne von Art. 5 Abs. 2 des Bundes-
gesetzes über den Datenschutz (DSG; SR 235.1). Das diesbezügliche Ver-
fahren richtet sich nach dem VwVG (Art. 25 Abs. 4 DSG; vgl. auch Art. 19
Abs. 1 der Verordnung über das Zentrale Migrationsinformationssystem
[ZEMIS-Verordnung, SR 142.513]). Das Bundesverwaltungsgericht ist da-
mit gestützt auf Art. 47 Abs. 1 Bst. b VwVG i.V.m. Art. 31 VGG zuständige
Beschwerdeinstanz, zumal wiederum keine die Materie betreffende Aus-
nahme gemäss Art. 32 VGG vorliegt.
Die Vorinstanz verfügte in der angefochtenen Verfügung explizit die Berich-
tigung des Geburtsdatums des Beschwerdeführers (vgl. Dispositivziffer 1
der angefochtenen Verfügung). Diese Frage kann damit als zum Streitge-
genstand gehörig angesehen werden.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.5 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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Seite 6
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). Ebenfalls
mit uneingeschränkter Kognition prüft das Bundesverwaltungsgericht vor-
liegend die Berichtigung des Geburtsdatums des Beschwerdeführers im
ZEMIS (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 49 VwVG).
3.
Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Recht von Amts wegen an und
ist nicht an die Anträge oder die rechtlichen Begründungen der Parteien
gebunden (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 62 Abs. 4 VwVG).
4.
4.1 Auf Beschwerdeebene wurden formelle Rügen erhoben, welche vorab
zu beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der
erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken. Der Beschwerdeführer rügte, die
Vorinstanz habe zu Unrecht seine Minderjährigkeit im Zeitpunkt der Ge-
suchseinreichung verneint und dabei den Untersuchungsgrundsatz sowie
sein rechtliches Gehör verletzt. Sie habe es nicht nur Unterlassen, ihm eine
Vertrauensperson zu bestellen, sondern den vorliegenden Fall auch priori-
tär zu behandeln, und die besonderen Pflichten zur Abklärung des Kindes-
wohls im Rahmen des Wegweisungsvollzuges nicht wahrgenommen.
4.2 Die Altersfeststellung des SEM ist in der Tat zweifelhaft. Der Beschwer-
deführer gab auf dem Personalienblatt, welches er selber ausfüllte, den
(...) als Geburtsdatum an (vgl. SEM-Akte A/1). Aus der von der Vorinstanz
angeordneten Handknochenanalyse resultierte hingegen gemäss Greulich
und Pyle ein Alter von (...) Jahren, wobei im Bericht des Arztes auf eine
"gewisse statistische Streubreite" hingewiesen wurde (vgl. SEM-Akten 5).
Als er im Rahmen der BzP nach seinem Alter gefragt wurde, gab er wiede-
rum an, am (...) geboren und (...) Jahre alt zu sein (vgl. SEM-Akte A/7,
Ziff. 1.06), wobei er auf eine Geburtsurkunde verwies, welche er zu be-
schaffen versuchen werde (vgl. SEM-Akte A/7, Ziff. 1.06). Auch die weite-
ren diesbezüglichen Fragen, namentlich im Zusammenhang mit dem
Schulbesuch, beantwortete er konsistent (vgl. SEM-Akte A/7,
Ziff. 1.17.04). Konfrontiert mit dem sich aus der Untersuchung ergebenden
Skelettalter von (...) Jahren hielt er weiterhin daran fest, noch minderjährig
zu sein. Ergänzend fügte er an, dass er wirklich gross gebaut und sogar
grösser als der anwesende Dolmetscher sei. Der Festlegung des Geburts-
datums auf den (...) brachte er entgegen, er sehe zwar älter aus, sei aber
wirklich nicht (...), sondern erst (...) Jahre alt und er werde versuchen seine
Geburtsurkunde zu beschaffen (vgl. SEM-Akte A/7, Ziff. 8.01). Anlässlich
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der Anhörung brachte der Beschwerdeführer schliesslich eine Kopie seiner
Geburtsurkunde bei, auf welcher der (...) als Geburtsdatum vermerkt ist
(vgl. SEM-Akten A/20, S. 7 f. [Übersetzung der Geburtsurkunde] und A/21
[Beweismittelcouvert]). Zudem behauptete er weiterhin, Eritrea im Alter von
(...) Jahren verlassen zu haben (vgl. SEM-Akte A/20, F 28 f. und F 96) und
gab übereinstimmend mit seinen Aussagen in der BzP an, weder eine Iden-
titätskarte noch einen Pass besessen zu haben (vgl. SEM-Akten A/7,
Ziff. 4.02 f. und A/20, F 97).
Es ergibt sich aus den Akten folglich gerade nicht, dass das vom Beschwer-
deführer geltend gemachte Geburtsdatum ([...]) nicht den Tatsachen ent-
sprechen würde. Das SEM konnte sich in Bezug auf die Änderung des Al-
ters dennoch lediglich noch auf zwei Sachverhaltselemente stützen: Einer-
seits die Einschätzung des äusseren Erscheinungsbilds und andererseits
die Handknochenanalyse. Diesbezüglich hat jedoch bereits die vormalige
Asylrekurskommission (ARK) festgestellt, dass Rückschlüsse vom äusse-
ren Erscheinungsbild auf das Alter der Person, insbesondere bei der Al-
tersgruppe an der Grenze zur Volljährigkeit, nicht möglich sind (vgl. hierzu
Entscheidungen und Mitteilungen der ARK [EMARK] 2004 Nr. 30, E. 6.3).
Ferner stellt – ebenfalls gemäss langjähriger und bereits auf die ARK zu-
rückgehender Rechtsprechung – eine Handknochenanalyse, bei welcher
das geltend gemachte Alter innerhalb der normalen Abweichung liegt, kein
Beweismittel für die Annahme einer Alterstäuschung dar (vgl.
EMARK 2001 Nr. 23, E. 4b). Insbesondere kann ein Knochenalter von
(...) Jahren bei Personen vorliegen, welche deutlich unter (...) Jahre alt
sind, womit ein solches Analyseergebnis höchstens ein schwaches Indiz
für die Volljährigkeit der betreffenden Person bilden kann (vgl.
EMARK 2004 Nr. 30, E. 6.2). Zudem machte der Beschwerdeführer in di-
versen Verfahrensschritten konsistent das spätere Geburtsdatum geltend.
Des Weiteren bestätigte sein älterer Bruder, unabhängig vom Beschwer-
deführer, dessen Angaben (vgl. SEM-Akten A/5, Ziff. 3.01 sowie A/15,
F 13 f. und F 48). Schliesslich spricht auch die zu den Akten gereichte Ge-
burtsurkunde, in welcher übereinstimmend mit seinen Aussagen das Ge-
burtsdatum (...) vermerkt wurde, für die Glaubwürdigkeit des Beschwerde-
führers. Zwar liegt die Urkunde nicht im Original vor, womit ihr nur einen
geringen Beweiswert zukommt, jedoch stimmen die formellen Erforder-
nisse (Sprache, Stempel, Layout) mit entsprechendem Vergleichsmaterial
überein.
Vor diesem Hintergrund ist von der Richtigkeit der Angaben des Beschwer-
deführers – mithin von einem Geburtsdatum am (...) – auszugehen. Das
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Geburtsdatum des Beschwerdeführers im ZEMIS ist dementsprechend
durch das SEM zu berichtigen und mit dem (...) einzutragen sowie mit ei-
nem Bestreitungsvermerk zu versehen.
Die unrichtige Feststellung des Alters des Beschwerdeführers stellt einen
formellen Fehler der Vorinstanz dar, welcher grundsätzlich geeignet wäre,
zur Kassation der Verfügung zu führen. Zwar sind dem Beschwerdeführer
durch die falsche Alterseinschätzung – wie in der Beschwerde wiederum
zu Recht ausgeführt – gewisse Verfahrensrechte als Minderjähriger ver-
wehrt geblieben, doch war er bei der Anhörung bereits volljährig (vgl. das
Urteil des BVGer D-7132/2016 vom 24. Mai 2017 E. 5.2 zur gesetzeskon-
formen Auslegung des damals gerade neu eingeführten Art. 7
Abs. 2bis AsylV1 i.V.m. Art. 17 Abs. 3 AsylG). Im Rahmen der Beurteilung
seiner Asylvorbringen ist sodann davon auszugehen, dass er in Bezug auf
seine Personalien glaubhafte Angaben gemacht hat. Entsprechend ist
seine Minderjährigkeit auch bei der Erstbefragung im Rahmen der Beurtei-
lung der Glaubhaftigkeit seiner Schilderungen zu berücksichtigen. Wie im
Folgenden aufgezeigt werden wird, ist der Sachverhalt für das Gericht ge-
nügend erstellt und beim Ausgang des Verfahrens entstehen dem Be-
schwerdeführer keine Nachteile. Von einer Kassation kann demnach ab-
gesehen werden.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 m.w.H.).
6.
6.1 Zur Begründung ihrer ablehnenden Verfügung führte die Vorinstanz im
Wesentlichen aus, die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den An-
forderungen an die Glaubhaftmachung gemäss Art. 7 AsylG sowie denje-
nigen an die Asylrelevanz gemäss Art. 3 AsylG nicht genügen.
Obwohl der Beschwerdeführer eingehend zur Suche des eritreischen Ge-
heimdienstes nach ihm befragt worden sei, habe er den Sachverhalt nicht
konkretisieren können. So sei es ihm nicht gelungen, das fluchtauslösende
Moment konzis herzuleiten. Da gemäss seinen Angaben aufgrund des
Schulabbruchs ein erhöhtes Risiko bestanden habe, wegen einer Rekru-
tierung in den Militärdienst gezielt ins Visier der Behörden zu geraten, mute
es sodann realitätsfremd an, dass er die mutmasslichen intensiven Behör-
denkontakte nach der Ausreise seines Bruders nicht als riskant eingestuft
habe. In Anbetracht seiner unvereinbaren Angaben zu seinem tatsächli-
chen Aufenthalt nach der Ausreise seines Bruders und den wenig schlüs-
sigen Ausführungen zum mutmasslichen Vorgehen der Behörden, kämen
weitere erhebliche Vorbehalte auf. Ferner sei es ihm nicht gelungen, einen
zeitlich und kausal genügend engen Zusammenhang zwischen der Aus-
reise seines Bruders im Jahr 2014 und seiner eigenen Ausreise im
(...) 2016 glaubhaft zu machen. Alsdann habe er seinen Aufenthalt im Ge-
fängnis "Under Tesseney" nach seinem gescheiterten ersten Ausreisever-
such nicht ausreichend substantiiert. So seien die Angaben zum Areal und
der Umgebung des Gefängnisses auffällig allgemein sowie wenig erlebnis-
geprägt gewesen und hätten sich lediglich auf äussere Ereignisse und
Handlungsabläufe bezogen. Nicht nachvollziehbar sei sodann, dass er in
Haft seine mutmassliche Minderjährigkeit nicht geltend gemacht habe, ob-
wohl er dadurch eine Haftbefreiung hätte erwirken können. Überdies sei es
zu unterschiedlichen zeitlichen und geografischen Verortungen seines
mutmasslichen Geständnisses unter Folter gekommen. Weiter seien auch
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Seite 10
seine Darlegungen zum Hergang seiner Flucht bei der Verlegung ins Ge-
fängnis "Hashferay" mehrheitlich oberflächlich, pauschal und unsubstanti-
iert ausgefallen. Dabei sei insbesondere auffällig, dass er sich trotz des
Tumultes und der Fluchtsituation habe orientieren können, womit die Ver-
mutung aufkomme, dass er die Gegend respektive die Gegebenheiten um
das Gefängnisgelände von "Under Tesseney" unter anderen als den gel-
tend gemachten Umständen kennengelernt habe. Schliesslich kämen an-
gesichts der Vorbringen seines Bruders (vermehrte Razzien in C._)
weitere Zweifel an den Umständen seiner Ausreise auf. So mute es reali-
tätsfremd an, dass er nicht bereits zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt
Massnahmen zu seiner Sicherheit beziehungsweise Vorbereitungen für
seine Ausreise umgesetzt habe. Zudem laufe es jeglicher Logik zuwider,
dass die Behördenvertreter, nachdem sie ihn wiederholt Zuhause gesucht
und schliesslich mündlich einbestellt haben sollen, nicht – wie im Falle sei-
nes Bruders – einfach eine schriftliche Vorladung hinterliessen.
Ferner sei eine allfällige illegale Ausreise asylrechtlich unbeachtlich, nach-
dem gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen sei, dass sich erit-
reische Staatsangehörige aufgrund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen
ihres Heimatstaates konfrontiert sähen, die bezüglich ihrer Intensität und
der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3
Abs. 2 AsylG darstellen würden. Andere Anknüpfungspunkte, welche den
Beschwerdeführer in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige
Person erscheinen lassen könnten, seien nicht ersichtlich. Die illegale Aus-
reise alleine vermöge demnach keine Furcht vor einer künftigen asylrele-
vanten Verfolgung zu begründen.
In Bezug auf allfällige Wegweisungsvollzugshindernisse führte die
Vorinstanz aus, es würden sich aus den Akten keine konkreten Hinweise
dafür ergeben, dass er bei einer Rückkehr nach Eritrea mit hinreichender
Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behand-
lung drohe. Auch eine drohende Einberufung in den eritreischen National-
dienst stehe der Zulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung nach Eritrea
nicht entgegen. Weiter seien weder allgemeine noch individuelle Gründe
ersichtlich, welche den Wegweisungsvollzug als unzumutbar erscheinen
lassen würden und schliesslich sei der Vollzug technisch möglich und prak-
tisch durchführbar.
6.2 In der Beschwerdeschrift wird dem im Wesentlichen entgegengehalten,
die Ausführungen des Beschwerdeführers zur behördlichen Suche seien
D-4353/2019
Seite 11
plausibel und stringent ausgefallen. Er habe aus seiner jugendlichen Per-
spektive als (...) beschrieben, wie zunächst lediglich seine Mutter nach der
Ausreise seines Bruders im Jahr 2014 die behördlichen Repressalien zu
spüren bekommen habe. Als sich der Fokus von seinem älteren Bruder auf
ihn gerichtet habe und die Behörden angefangen hätten, konkret nach ihm
zu fragen, sei ihm klargeworden, dass er nicht mehr weiter in seinem Hei-
matland bleiben könne. Als fluchtauslösendes Ereignis benannte er hierbei
den Tag, an welchem ihm seine Schwester mitgeteilt habe, dass der Ge-
heimdienst ihn gar in der Nacht gesucht hätte. Weiter sei nachvollziehbar,
dass seine Angst vor einer Zwangsrekrutierung mit seinem steigenden Al-
ter zugenommen habe. Ausserdem sei er in einem ländlichen Umfeld auf-
gewachsen, wo eine grosse soziale Kontrolle geherrscht habe. Diesbezüg-
lich werde aus den Aussagen seines Bruders, welcher seine Vorbringen
untermaure, klar, was er damit meinte, als er aufgeführt habe, dass er sich
als Kind (im noch nicht rekrutierungsfähigen Alter) unbehelligt im Quartier
habe aufhalten können. Ohnehin habe zweifelsohne Kontakt mit den Mili-
tärbehörden bestanden, da er beim ersten Ausreiseversuch aufgegriffen
worden sei. In Bezug auf seine Inhaftierung im Gefängnis "Under Tes-
seney" habe er Einzelheiten und Nebensächlichkeiten (wie zum Beispiel
die Barfüssigkeit während der gesamten Haftdauer, die Nahrungsauf-
nahme in halbierten PET-Flaschen und die Zeiten, um die Notdurft zu ver-
richten) genannt und zudem würden seine Schilderungen verschiedene
Realkennzeichen enthalten und seien erlebnisgeprägt. Dass ein Jugendli-
cher mit seinem rudimentären Bildungsstand zu solchen Beschreibungen
fähig sein sollte, ohne sie wirklich erlebt zu haben, könne ausgeschlossen
werden. Auch der angebliche Widerspruch zur unterschiedlichen zeitlichen
und geografischen Einordnung des Geständnisses unter Folter sei bei ge-
nauerer Betrachtung keiner, da er während der Anhörung stets ausgesagt
habe, sowohl in "Enda Silaya" als auch in "Under Tesseney" geschlagen
und verhört worden sei, wobei er seinen Ausreiseversuch zugegeben
habe. In Bezug auf die Möglichkeit der Haftbefreiung wegen seiner Minder-
jährigkeit sei zu betonen, dass dies unter Berücksichtigung des eritreischen
Kontextes, wo willkürlich Inhaftierung, körperliche Misshandlungen und
Folter in Gefängnissen an der Tagesordnung stehe, völlig abwegig sei. Als-
dann seien seine Ausführungen zur Flucht während dem Gefangenen-
transport, wonach er zunächst einfach fortgerannt sei und sich, als er nicht
mehr in der Gefahrenzone gewesen sei, orientiert und anschliessend in die
Gegend gelaufen sei, wo er gewöhnlich (...), glaubhaft. Die diesbezügli-
chen Vorbehalte der Vorinstanz seien gesucht und rein spekulativ. Des
Weiteren hob der Beschwerdeführer hervor, dass die Aussagen seines äl-
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Seite 12
teren Bruders seine Vorbringen stützen und keine wesentlichen Widersprü-
che enthalten würden. Die Argumentation der Vorinstanz, er hätte früher
Sicherheitsmassnahmen treffen und seine Ausreise planen müssen, sei
nicht fundiert und höchst spekulativ. Schliesslich sei nicht entscheidend,
dass er nicht explizit eine schriftliche Vorladung erhalten habe, sondern in
Kontakt zu den Militärbehörden gestanden habe und aktiv zu Rekrutie-
rungszwecken gesucht worden sei. Im Rahmen einer objektiven Gesamt-
betrachtung sei festzuhalten, dass die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen
insgesamt zu bejahen sei, denn er habe substantiiert und detailreich zum
Leben in seinem Heimatdorf in ständiger Angst vor Zwangsrekrutierung,
zum geschilderten Fluchtversuch und dem Gefängnisaufenthalt berichtet.
Seine Darlegungen seien sodann asylrechtlich relevant. Er habe nachwei-
sen beziehungsweise glaubhaft machen können, dass er nach seiner
Flucht auf einem Gefangenentransport illegal das Land verlassen und sich
so dem Wehrdienst entzogen habe. Er habe begründete Furcht, als Wehr-
dienstverweigerer behandelt und deswegen bei einer Rückkehr unverhält-
nismässig bestraft zu werden. Die Bestrafung sei politischer Natur und
demnach flüchtlingsrechtlich relevant. Da die Bestrafung durch die staatli-
chen Behörden erfolge, stehe ihm zudem keine zumutbare innerstaatliche
Fluchtalternative offen. Er erfülle somit die Flüchtlingseigenschaft, weswe-
gen ihm Asyl zu gewähren sei.
Selbst wenn dem Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 gefolgt werden würde, werde er bereits
aufgrund dessen, dass er aus einer Familie stamme, welche den Behörden
bereits wegen regimefeindlichen Verhaltens bekannt sei und infolge seiner
Inhaftierung durch die eritreischen Behörden als missliebige Person einge-
stuft. Dementsprechend gründe sein Vergehen nicht nur in der illegalen
Ausreise. Weiter habe er sich in der Schweiz der regimekritischen eritrei-
schen Jugend angeschlossen, sei Mitglied der EYMC und habe an ver-
schiedenen Demonstrationen teilgenommen. Weil sein älterer Bruder zu-
sätzlich einer der treibenden Kräfte des jugendlichen Widerstandes und ei-
nem breiten Publikum bekannt sei, sei davon auszugehen, dass er von der
eritreischen Vertretung in der Schweiz als Oppositioneller namentlich iden-
tifiziert worden sei. Im Falle einer zwangsweisen Rückführung in sein Hei-
matland würde er zu seinem Auslandsaufenthalt intensiv befragt und zu-
sätzlich zu seiner illegalen Ausreise und Wehrdienstverweigerung als akti-
ver regierungskritischer Politiker wahrgenommen werden. Er erfülle die
Flüchtlingseigenschaft somit (auch) infolge subjektiver Nachfluchtgründe.
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Seite 13
Alsdann sei der Wegweisungsvollzug unzulässig, da ihm bei einer Rück-
kehr nach Eritrea Gefahr von Folter und unmenschlicher Behandlung
(Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der Men-
schenrechte und Grundfreiheiten [EMRK, SR 0.101]) drohe. Bereits bei der
Einreise am Flughafen habe er mit einer willkürlichen Festnahme, un-
menschlicher Behandlung und anschliessender Inhaftierung oder einer di-
rekten Zuführung zum Militärdienst zu rechnen. Im Militärdienst sei er
ebenfalls einer willkürlichen und unmenschlichen Behandlung ausgesetzt.
Der eritreische Militärdienst sei ausserdem als Sklaverei und Zwangsarbeit
im Sinne von Art. 4 EMRK zu erachten. Schliesslich sei der Vollzug der
Wegweisung auch als unzumutbar einzuschätzen. Von seiner Familie sei
nur noch seine Mutter und die jüngste Schwester zurückgeblieben, wes-
halb er sich daher in keiner begünstigenden Situation befinde und auch
nicht auf familiäre Unterstützung bei der Wiedereingliederung zählen
könne. Da er sich im militärpflichtigen Alter befinde und bei guter Gesund-
heit sei, würde er mit Sicherheit direkt in den Militärdienst eingezogen wer-
den. Im Übrigen würde eine Wegweisung die weit fortgeschrittene soziale
und berufliche Integration des Beschwerdeführers, welcher hier eine neu
Heimat gefunden habe, abrupt zunichtemachen und eine besondere Härte
darstellen.
6.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz an den Erwägungen der
angefochtenen Verfügung vollumfänglich fest. Hinsichtlich des mit der Be-
schwerde erhobenen Vorwurfes, die Erstbefragung sei in Arabisch durch-
geführt worden, weshalb er nicht habe überprüfen können, ob seine Aus-
sagen korrekt protokolliert worden seien, führte das SEM aus, dass er in
der Erstbefragung angegebenen habe, den Dolmetscher gut verstanden
zu haben. Auf konkrete Nachfrage habe er sogar bestätigt, alles verstan-
den zu haben. Sodann habe er die Richtigkeit des Protokolls auf jeder Seite
mit seiner Unterschrift bestätigt, weshalb er sich darauf behaften lassen
müsse. Weiter ergebe sich aus dem auf Beschwerdeebene vorgebrachten
exilpolitischen Engagement des Beschwerdeführers kein hinreichender zu-
sätzlicher Anknüpfungspunkt dafür, dass er dem eritreischen Regime als
Oppositioneller aufgefallen sein könnte. Die eingereichten Fotografien, auf
welchen er als einfacher Teilnehmer an einer Kundgebung in H._
zu sehen sei, liessen nicht auf ein relevantes exilpolitisches Engagement
schliessen und die Mitgliedsbestätigung der EYMCS müsse als Gefällig-
keitsschreiben qualifiziert werden. Es erscheine äusserst unwahrschein-
lich, dass er durch die blosse Teilnahme an Massenveranstaltungen in der
Schweiz ins Visier der eritreischen Behörden geraten sei, zumal aufgrund
seiner unglaubhaften Asylvorbringen nicht davon auszugehen sei, dass er
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vor seiner Ausreise aus Eritrea von den heimatlichen Sicherheitsbehörden
registriert worden sei. Die eritreischen Behörden dürften seine marginale
exilpolitische Tätigkeit – sollten sie davon überhaupt Kenntnis erlangen –
kaum als ernsthafte Bedrohung erachten.
6.4 In seiner Replik entgegnete der Beschwerdeführer bezüglich der Über-
setzung bei der Erstbefragung, diese sei unbestrittenermassen nicht in sei-
ner Muttersprache durchgeführt worden. Zudem bestehe bekanntermas-
sen bei asylrechtlichen Befragungen ein Machtgefälle, wodurch es insbe-
sondere für ihn als in diesem Zeitpunkt noch minderjährigen Asylsuchen-
den schwierig gewesen sei, sich gegen ein problematisches Befragungs-
setting zu wehren. Ungenaue Protokollierungen und Verständigungsprob-
leme dürften ihm folglich nicht zum Nachteil ausgelegt werden, insbeson-
dere weil er die nicht-konforme Befragungssituation nicht zu verantworten
gehabt habe. Weiter habe sich die Vorinstanz, welche aufgrund ihrer Akten
Kenntnis vom exilpolitischen Engagement des Bruders des Beschwerde-
führers habe, nicht mehr dazu geäussert und auch nicht berücksichtigt,
dass dieser bereits im (...) 2017 einer der Wortführer des jugendlichen Pro-
testes gewesen sei und mit seinen Videos auf Facebook mehr als 10'000
Personen erreicht habe. Sie beide würden ihren jahrelang andauernden
politischen Kampf und ihre öffentliche Kritik am eritreischen Regime auch
heute noch unentwegt fortsetzen, was mit den eingereichten Beweismitteln
dokumentiert werden könne. Er sei demnach nicht nur wegen seinen eige-
nen politischen Aktivitäten, sondern auch wegen der Bekanntheit seines
Bruders sicherlich ins Blickfeld der eritreischen Behörden geraten, zumal
er bereits vor seiner Ausreise als Dienstverweigerer und politischer Gegner
negativ aufgefallen und registriert worden sei. Aus deren Sicht sei er ein
Landesverräter und würde entsprechend bestraft werden.
7.
7.1 Entgegen der Argumentation der Vorinstanz beurteilt das Gericht die
Aussagen des Beschwerdeführers als glaubhaft.
7.2 Das SEM erachtete die Darlegungen des Beschwerdeführers zur Su-
che nach ihm durch Angehörige des Geheimdienstes, der diesbezüglichen
Vorgehensweise der eritreischen Behörden sowie seinem daraus resultie-
renden Verhalten nicht ausreichend konkret sowie realitätsfremd und infol-
gedessen unglaubhaft. Dieser Schlussfolgerung kann nicht gefolgt werden.
Hinsichtlich des Aussageverhaltens des Beschwerdeführers ist zunächst
festzuhalten, dass er während der Anhörung zwar mehrmals aufgefordert
wurde, ausführlicher zu erzählen (vgl. SEM-Akte A/20, F 76 ff., F 84, F 93,
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F 104 und F 122), dennoch hat er die ihm gestellten Fragen insgesamt
sorgfältig beantwortet, seine Aussagen sind differenziert, in sich stimmig
und es sind – bis auf eine Ausnahme (vgl. nachfolgende Ausführungen) –
keine widersprüchlichen Angaben erkennbar. Die Darstellungen machen
keinen aufgebauschten Eindruck und er fragte bei Unsicherheiten auch
nach (vgl. SEM-Akte A/20, F 70, F 77, F 80, F 82 und F 93). In Bezug auf
seine Aussagen ist sodann sein jugendliches Alter sowie sein geringes Bil-
dungsniveau zu berücksichtigen. Ferner stimmen seine Angaben in den
wesentlichen Kernpunkten mit denjenigen, welche sein Bruder anlässlich
seines Asylverfahrens gemacht hat, überein, was ebenfalls für seine
Glaubwürdigkeit spricht. Der Beschwerdeführer hat anschaulich dargelegt,
wie sein Alltag in Eritrea aussah, wie sich die Behörden nach der Ausreise
seines Bruders zunächst auf seine Mutter fokussierten und wie er sich in-
folgedessen verhalten hat, um den Kontakt zu den eritreischen Behörden
zu vermeiden. Demnach habe er die Schule in der (...) Klasse abgebro-
chen, um zu Arbeiten und seine Familie finanziell unterstützen zu können.
Er habe mit seinem Bruder in der (...) und als (...) gearbeitet. Sein Bruder
sei im Jahr 2014 aus Eritrea ausgereist, um der Rekrutierung für den Mili-
tärdienst zu entgehen. In der Folge sei seine Mutter von den Behörden
mitgenommen und inhaftiert worden. Er selber habe sich nach der Flucht
seines Bruders mehrheitlich in der Wildnis aufgehalten, wo er (...), und nur
noch ab und zu (in der Nacht) nach Hause gegangen sei, um Lebensmittel
zu holen. So sei er zunächst nicht ins Visier der Behörden geraten. Erst im
(...) 2015 hätten die Behörden angefangen sich nach ihm zu erkundigen
und zu Hause nach ihm zu suchen. Er habe die Aufmerksamkeit – knapp
(...) nach der Ausreise seines Bruders – auf sich gezogen, weil er immer
weniger im ländlichen Quartier gesehen worden sei und weil er ins rekru-
tierungsfähige Alter gekommen sei (vgl. SEM-Akten A/7, Ziff. 1.17.04 und
A/20, F 35, F 40–42, F 47–50, F 69, F 70–102). Der Beschwerdeführer gibt
sodann – entgegen der vom SEM vertretenen Auffassung – deutlich zu ver-
stehen, dass es sich bei der mündlichen Vorladung um den ausschlagge-
benden Moment für die Entscheidung zur illegalen Ausreise gehandelt
habe. Er sei nachts zu Hause vom Geheimdienst gesucht worden, wobei
– aufgrund seiner Abwesenheit – seiner Schwester mitgeteilt worden sei,
dass er sich bei den Behörden melden müsse. Aus Angst in den Militär-
dienst eingezogen zu werden, habe er sich infolgedessen zur Ausreise ent-
schlossen (vgl. SEM-Akte A/20, F 69 und F 82 f.). Anlässlich der Anhörung
gab er zu verstehen, dass ihm klar gewesen sei, dass es sich bei der Auf-
forderung sich zu melden, um den Militärdienst gegangen sei (vgl. SEM-
Akte A/20, F 83 ff.), was im eritreischen Kontext denn auch ohne Weiteres
plausibel erscheint. Es ist allgemein bekannt, dass Minderjährige, welche
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Seite 16
die Schule vor dem 12. Schuljahr verlassen haben, in ein Ausbildungslager
zur Absolvierung des Militärdienstes rekrutiert werden, wenn sie durch so-
genannte „gifas“ oder Vorladungen gefasst werden (vgl. BVGE 2018 VI/4
E. 5.1.4 und Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017
E. 12.2; Home Office of the United Kingdom: Country Policy and Informa-
tion Note, Eritrea: National Service and illegal exit, Version 5.0, Juli 2018,
N. 7.3; Landinfo, Eritrea: National Service, Mai 2016, S. 12 und 14 f.; Aus-
kunft der Schweizerischen Flüchtlingshilfe [SFH], Eritrea: Rekrutierung von
Minderjährigen, 21. Januar 2015, S. 4). Bezüglich des Zuwartens bis zur
Ausreise ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer selber nicht unmit-
telbar nach der Flucht seines Bruders gesucht wurde. Er stellte anlässlich
der Anhörung ausdrücklich klar, dass nach dessen Ausreise lediglich seine
Mutter befragt worden sei (vgl. SEM-Akte A/20, F 101). Zudem sei er da-
mals noch zu jung gewesen, als dass die Behörden ihn eingezogen hätten
(vgl. SEM-Akte A/20, F 100). Erst ab (...) 2015 geriet er selber in den Fo-
kus der Behörden. Als sich die Suche nach ihm intensivierte und ihm im
(...) 2016 auch nachts, wenn er jeweils nach Hause ging, um Vorräte zu
holen, nachgestellt wurde, wobei er explizit aufgefordert worden war, sich
direkt bei den Behörden zu melden, versuchte er unmittelbar daraufhin
auszureisen.
Stets übereinstimmend schilderte der Beschwerdeführer, dass er im
(...) 2016 festgenommen worden sei beim Versuch, Eritrea illegal zu ver-
lassen (vgl. SEM-Akten A/7, Ziff. 5.02 und A/20, F 69). Das Gericht sieht
keinen Grund, daran und an der darauffolgenden Inhaftierung zu zweifeln.
Er beschrieb die Haftbedingungen überzeugend, wobei seine Angaben
auch Details und Realkennzeichen enthielten. So gab er beispielsweise zu
Protokoll, sie hätten die Hosen mit Seilen anschnallen müssen, es habe
Linsen und Sorghum zu essen gegeben und sie hätten barfuss herumlau-
fen müssen (vgl. SEM-Akte A/20, F 104). Seine übrigen Aussagen zur Haft
entsprechen ebenfalls zugänglichen Herkunftsländerinformationen. So
handelt es sich beim (unterirdischen) Gefängnis "Under Tesseney" um ei-
nen Sammelort, wo insbesondere aus dem Sudan zurückgeführte Wehr-
dienstverweigerer respektive Wehrdienstverweigerinnen festgehalten wer-
den, bevor sie in verschiedene Militärcamps oder Gefängnisse weiterver-
legt werden (vgl. hierzu Themenpapier der SFH, Eritrea: Rückkehr,
19. September 2020, S. 7 sowie S. 11 und Bericht von European Asylum
Support Office [EASO, Europäisches Unterstützungsbüro für Asylfragen],
Eritrea Nationaldienst, Ausreise und Rückkehr, Herkunftsländer-Informati-
onsbericht, September 2019, Ziff. 4.2). Bezüglich des Einwandes der
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Vorinstanz, wonach es im Zusammenhang mit seinem Geständnis zu Un-
gereimtheiten gekommen sei, gilt festzuhalten, dass den Akten diesbezüg-
lich keine Widersprüche zu entnehmen sind. Der Beschwerdeführer gab
anlässlich der Anhörung zu Protokoll, dass sein Freund I._ und er
nach der Festnahme seines ersten Ausreiseversuchs nach "Enda Sileya"
gebracht worden seien. Dort seien sie zu ihrer Zieldestination sowie ihren
Reisegründen befragt und geschlagen worden. Als die Schläge ihnen zu
viel geworden seien, hätten sie zugegeben, dass sie ausreisen wollten.
Anschliessend seien sie nach "Under Tesseney" verlegt worden, wo sie
nach der Ankunft erneut gefoltert worden seien (vgl. SEM-Akte A/20,
F 103–108). Im späteren Verlauf der Befragung wurde ihm dann vom Be-
frager vorgehalten, er habe ausgesagt, in "Under Tesseney" so lange ge-
schlagen worden zu sein, bis er seinen illegalen Ausreiseversuch zugege-
ben habe. Wie in der Beschwerdeschrift zu Recht ausgeführt wurde, lässt
sich diese widersprüchliche Aussage im Anhörungsprotokoll nicht finden.
Der Beschwerdeführer stellte daraufhin jedenfalls erneut (gestikulierend)
klar, dass er in "Enda Sileya" geschlagen worden sei, bis er sein Geständ-
nis abgelegt habe, und als er in "Under Tesseney" angekommen sei, hätten
die Behörden bereits gewusst, dass er wegen der illegalen Ausreise fest-
genommen worden sei (vgl. SEM-Akte A/20, F 137). Das Argument der Vo-
rinstanz, dass er wohl freigelassen worden wäre, wenn er seine Minderjäh-
rigkeit angegeben hätte, erscheint im Lichte der Notorietät der Rekrutie-
rung und Festnahme von Minderjährigen als reine Mutmassung.
Auch die Flucht während des Gefängnistransports nach Hashferay schil-
derte er substantiiert. Er führte anschaulich aus, dass er aufgrund der Ex-
plosion des geplatzten Reifens des Lastwagens schockiert gewesen sei
und plötzlich einige Häftlinge weggerannt seien. Dabei erwähnte er, wie
einige Handschellen trugen, wohingegen er und sein Freund nicht gefes-
selt gewesen seien. Sie seien dann barfuss losgerannt, wobei ihre Fuss-
sohlen von den Kieselsteinen geblutet hätten. Er sei einfach losgerannt und
habe nicht nach hinten geschaut, wobei er Schüsse gehört habe. Sie seien
so lange gerannt, bis sie erschöpft gewesen seien und seien erst danach
langsamer gelaufen. Sie seien dann in Richtung J._ und von dort
aus nach K._ geflüchtet, wo sie früher gemeinsam (...) (vgl. SEM-
Akte A/20, F 122). Dass der Beschwerdeführer sich in der Gegend orien-
tieren konnte erscheint entgegen der Ansicht der Vorinstanz nicht auffällig,
sondern ist angesichts dessen, dass er unbestrittenermassen in der Nähe
aufgewachsen ist, auch zu erwarten. Im Protokoll wurde zwar festgehalten,
dass er nicht das erste Mal in diesem Gefängnis gewesen sei, jedoch er-
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scheint die entsprechende Passage in der Tat – wie in der Beschwerde-
schrift angemerkt wurde – nur bruchstückhaft wiedergegeben worden zu
sein (vgl. SEM-Akte A/7, Ziff. 5.02). Als er anlässlich der Anhörung auf
diese Bemerkung angesprochen wurde, fragte er denn auch nach, ob er in
der BzP gesagt habe, vorher dort inhaftiert gewesen zu sein, denn er sei
das erste Mal dort gewesen (vgl. SEM-Akte A/20, F 136). Sodann ist zu
berücksichtigen, dass die BzP lediglich in stark verkürzter Form stattfand
(sie dauerte insgesamt nur eine Stunde und fünfzehn Minuten), wobei er
nicht explizit zu seinen Asylgründen befragt wurde (vgl. SEM-Akte A/7).
Schliesslich erklärte er zwar, den Dolmetscher gut zu verstehen (vgl. SEM-
Akte A/7, Bst. h und Ziff. 9.02) und bestätigte auch mit seiner Unterschrift,
dass das Protokoll seinen Aussagen entspreche, diese wahrheitsgemäss
erfasst und in eine ihm verständliche Sprache (Arabisch) rückübersetzt
worden seien (vgl. a.a.O., S. 10), womit er sich auf diese protokollierte Aus-
sage behaften lassen muss, dennoch ist im Rahmen der Glaubhaftigkeits-
prüfung zu berücksichtigen, dass die Befragung nicht in seiner Mutterspra-
che Nara durchgeführt wurde und er zu diesem Zeitpunkt noch minderjäh-
rig war. Die Gesamtheit der freien Schilderung und der Beantwortung der
vom Befrager gestellten Verständigungs- und Konkretisierungsfragen
ergibt jedenfalls ein in sich schlüssiges und substantiiertes Bild der Vor-
kommnisse.
Es gibt schliesslich auch keinen Grund, an der illegalen Ausreise des Be-
schwerdeführers aus Eritrea zu zweifeln, denn seine Schilderungen wirken
auch diesbezüglich authentisch. In der Anhörung erzählte er zwar ausführ-
licher über seine Reise, bestätigte jedoch die in der BzP gemachten Aus-
sagen weitgehend. So machte er übereinstimmende Angaben zum Ausrei-
sezeitpunkt, den Orten, welche er auf seiner Reise passierte, und zu den
Ausreiseumständen (vgl. SEM-Akten A/7, Ziff. 5.02 und A/20, F 128–132).
8.
8.1 Damit ist als nächstes zu prüfen, ob der Beschwerdeführer aufgrund
des von ihm glaubhaft dargelegten Sachverhaltes die Flüchtlingseigen-
schaft erfüllt, ihm mithin Asyl zu gewähren ist.
8.2 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
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Seite 19
oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die
Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein.
Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat zwischen dem
Ausreisezeitpunkt und dem Zeitpunkt des Asylentscheids sind deshalb zu-
gunsten und zulasten der Asylsuchenden zu berücksichtigen (vgl. dazu
BVGE 2010/57 E. 2 m.w.H.).
8.3 Wehrdienstverweigerung oder Desertion vermögen für sich allein die
Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen, sondern nur dann, wenn damit
eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden ist, mit ande-
ren Worten wenn die betroffene Person aus den in dieser Norm genannten
Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten
sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) wegen ihrer Wehrdienst-
verweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen hat, die
ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkommt. Im spezi-
fisch eritreischen Kontext können Wehrdienstverweigerung oder Desertion
– unter bestimmten Umständen – zur Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft führen (vgl. zum Ganzen beispielsweise das Urteil des BVGer
E-2058/2016 vom 11. Juli 2018 E. 7.2 f., mit Hinweisen auf BVGE 2015/3
sowie den dort referenzierten und diesbezüglich immer noch einschlägigen
Leitentscheid der vormaligen ARK: EMARK 2006 Nr. 3).
Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismässig
streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweigerung
oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in einem
konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt ist
regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven Dienst
stand und desertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den Behör-
den relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person rekru-
tiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen droht
grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung unter
unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure/Deserteurin-
nen regelmässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die De-
sertion wird von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeind-
lichkeit aufgefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht ha-
ben, einer solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im
Sinn von Art. 1A Abs. 2 FK und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen
(vgl. zum Ganzen EMARK 2006 Nr. 3; Zusammenfassung der Praxis in
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Seite 20
BVGE 2015/3 E. 5.7.1 sowie beispielsweise bestätigt in den Urteilen des
BVGer E-1740/2016 vom 9. Februar 2018 E. 5.1 und E-6507/2016 vom
24. Juni 2019 E. 6.4).
8.4 Aus den vorstehenden Erwägungen (E. 6.2) ergibt sich, dass die Vor-
fluchtgründe entgegen der von der Vorinstanz vertretenen Auffassung ins-
gesamt als überwiegend glaubhaft zu beurteilen sind. Es ist somit erstellt,
dass der Beschwerdeführer von den Behörden zwecks Rekrutierung für
den Militärdienst gesucht worden ist, womit er im Kontakt mit den Militär-
behörden stand (vgl. EMARK 2006 Nr. 3 E. 4.10). Indem er aus Eritrea
ausreiste und ins Ausland flüchtete, verweigerte er seinen Dienst. Vor dem
Hintergrund ist eine objektiv begründete Furcht, im Fall einer Rückkehr
nach Eritrea ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt
zu sein, zu bejahen. Da die zu befürchtende Bestrafung durch staatliche
Behörden erfolgen würde, steht ihm keine zumutbare innerstaatliche
Schutzalternative zur Verfügung (vgl. dazu BVGE 2011/51 E. 8).
8.5 Zusammenfassend erfüllt der Beschwerdeführer aufgrund von Vor-
fluchtgründen die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG. Den
Akten sind keinerlei Hinweise auf das Vorliegen von Asylausschlussgrün-
den im Sinne von Art. 53 AsylG zu entnehmen. Die Voraussetzungen für
die Asylgewährung sind damit erfüllt. Ob der Beschwerdeführer durch sein
exilpolitisches Engagement, welches aufgrund der Aktenlage nicht in Ab-
rede zu stellen ist, ins Visier der eritreischen Sicherheitsbehörden geraten
ist und deswegen bei einer (hypothetischen) Rückkehr nach Eritrea einer
flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung ausgesetzt wäre, muss bei die-
sem Ausgang des Verfahrens nicht weiter erörtert werden.
9.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht verletzt. Die Beschwerde ist demnach gutzuheis-
sen. Die angefochtene Verfügung vom 26. Juli 2019 ist aufzuheben und die
Vorinstanz anzuweisen, die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
festzustellen und ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der geleistete Kostenvorschuss ist zurückzu-
erstatten.
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Seite 21
10.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Der Rechts-
vertreter des Beschwerdeführers hat mit seiner Eingabe vom 8. Okto-
ber 2020 eine Honorarnote zu den Akten gereicht, mit welcher er einen
Vertretungsaufwand von insgesamt Fr. 3'551.10 geltend macht, ausge-
hend von einem zeitlichen Aufwand von 10.90 Stunden zu einem Stunden-
ansatz von Fr. 300.– sowie Spesen in der Höhe von Fr. 27.20 und einem
Mehrwertsteuerzuschlag von Fr. 253.90. Diese erscheint angemessen.
Dem Beschwerdeführer ist eine Parteientschädigung im geltend gemach-
ten Rahmen zulasten der Vorinstanz zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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