Decision ID: d8e63c03-df85-55e9-8ab1-7e670528f89b
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerschaft reichte am 19. Februar 2016 bei der Gemeinde
Wichtrach ein vom 10. Februar 2016 datierendes Baugesuch ein für den Abbruch des
Unterstands, die Erweiterung des Wohnhauses sowie den Neubau eines
Ökonomiegebäudes und einer Einstellhalle mit Lagerraum auf den Parzellen Wichtrach
(Oberwichtrach) Grundbuchblatt Nrn. E._ und F._. Die Parzellen liegen in
der Landwirtschaftszone. Gegen das Bauvorhaben erhoben die Beschwerdeführenden
Einsprache. Da das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) die geplante
Wohnraumerweiterung als überdimensioniert erachtete, nahm die
Beschwerdegegnerschaft mehrere Projektänderungen vor. Mit Verfügung vom 20. März
2017 stellte das AGR die Zonenkonformität des Neubaus des Ökonomiegebäudes und der
Einstellhalle mit Lagerraum sowie der Betriebsleiterwohnung und des Wohnraums für zwei
Lehrlinge im Bauernhaus fest. Für die Erweiterung des Wohnraums im Bauernhaus auf
maximal 326 m2 erteilte es eine Ausnahmebewilligung für das Bauen ausserhalb der
Bauzone. Mit Gesamtentscheid vom 15. Juni 2017 erteilte das Regierungsstatthalteramt
Bern-Mittelland die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 14. Juli 2017 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen die
Aufhebung des Gesamtentscheides vom 15. Juni 2017 und die Verweigerung der
Baubewilligung. Sie machen insbesondere geltend, die von der Beschwerdegegnerschaft
beabsichtigte Verlegung ihres Betriebsstandortes inklusive der geplanten Errichtung einer
überdimensionierten Pouletmasthalle mitten im Grüngürtel der Aaretalebene, welcher der
gesamten regionalen Bevölkerung als Naherholungsgebiet diene, widerspreche sämtlichen
raumplanerischen Grundsätzen.
3. In ihrer Eingabe vom 3. August 2017 verzichtete die Gemeinde auf eine erneute
Stellungnahme in der fraglichen Angelegenheit. Sie hielt ausdrücklich fest, dass sie eine
einvernehmliche und aussergerichtliche Lösung zwischen den Parteien begrüssen würde.
RA Nr. 110/2017/73 3
In seiner Eingabe vom 17. August 2017 verzichtete das Regierungsstatthalteramt Bern-
Mittelland unter Verweis auf die Vorakten auf das Einreichen einer förmlichen
Vernehmlassung.
In seiner Stellungnahme vom 17. August 2017 beantragte das AGR die Abweisung der
Beschwerde. Es weist insbesondere darauf hin, dass die Schaffung einer
Intensivlandwirtschaftszone nicht erforderlich sei, wenn ein Vorhaben als zonenkonform
beurteilt werde. Die Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder (OLK) sei im
Rahmen der Voranfrage beigezogen worden. Deren Empfehlungen seien im Bauprojekt
umgesetzt worden.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 20. August 2017 beantragt die Beschwerdegegnerschaft
die Abweisung der Beschwerde. Der Standort ihres heutigen Betriebes sei ungünstig. Am
neuen Standort befänden sich nicht nur ihr Landwirtschaftsland, sondern auch alle nötigen
Erschliessungsanlagen. Der Alternativstandort erfülle die gesetzlichen Abstandsauflagen
nicht. Sämtliche Behörden hätten ihr Bauvorhaben geprüft und zum Teil mit
Nebenbestimmungen gutgeheissen.
4. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, liess verschiedene
Anwaltsvollmachten der Beschwerdeführenden verbessern. Es holte bei der Gemeinde die
Akten der Voranfrage sowie Auskünfte zur Erschliessungsstrasse ein. Zudem holte es
beim Amt für Landwirtschaft und Natur (LANAT) und beim Amt für Berner Wirtschaft (beco)
Fachberichte ein. Die Beteiligten erhielten anschliessend Gelegenheit,
Schlussbemerkungen einzureichen. Von dieser Möglichkeit machten einzig die
Beschwerdeführenden Gebrauch. Sie reichten ausserdem zusätzliche Beweismittel ein.
Das Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland verzichtete ausdrücklich, die übrigen
Beteiligten stillschweigend auf die Einreichung von Schlussbemerkungen.
Auf die Rechtsschriften und die Fachberichte wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
RA Nr. 110/2017/73 4

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Der Entscheid des Regierungsstatthalteramts ist ein Gesamtentscheid im Sinne von
Art. 9 KoG2, die Verfügung des AGR eine weitere Verfügung im Sinne von Art. 9 Abs. 2
Bst. b KoG. Diese sind gestützt auf Art. 11 Abs. 1 KoG in Verbindung mit Art. 5 Abs. 1 KoG
mit Baubeschwerde nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 bei der BVE anfechtbar. Die BVE ist somit
zur Beurteilung der Beschwerde zuständig.
b) Nach Art. 40 Abs. 2 BauG in Verbindung mit Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG sind zur
Beschwerde Personen befugt, die durch das Bauvorhaben unmittelbar in ihren eigenen
schutzwürdigen Interessen betroffen sind. Diese Interessen können rechtlicher oder
tatsächlicher Natur sein. Es braucht aber eine besondere Betroffenheit, eine besonders
nahe Beziehung zur Streitsache. Es ist erforderlich, dass die Einsprecherinnen und
Einsprecher persönlich vom Bauvorhaben in höherem Mass als die Allgemeinheit berührt
werden.4 Die Nähe der Beziehung zum Streitgegenstand muss bei Bauprojekten
insbesondere in räumlicher Hinsicht gegeben sein.5 Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung sind Personen, die in der Umgebung eines Bauvorhabens wohnen, zur
Beschwerdeführung legitimiert, wenn sie mit Sicherheit oder zumindest grosser
Wahrscheinlichkeit durch Immissionen (Lärm, Staub, Erschütterungen, Licht oder andere
Einwirkungen) betroffen werden, die der Bau oder Betrieb der fraglichen Anlage hervorruft.
Bei weiträumigen Einwirkungen kann ein grosser Kreis von Personen zur
Beschwerdeführung legitimiert sein, etwa beim Betrieb eines Flughafens oder einer
Schiessanlage.
Als wichtiges Kriterium zur Beurteilung der Betroffenheit dient in der Praxis die räumliche
Distanz zum Bauvorhaben bzw. zur Anlage. Die Rechtsprechung bejaht in der Regel die
Legitimation von Nachbarn, deren Liegenschaften sich in einem Umkreis von bis zu rund
100 m befinden. Bei grösseren Entfernungen muss eine Beeinträchtigung aufgrund der
konkreten Gegebenheiten glaubhaft gemacht werden. Dabei darf nicht schematisch auf
einzelne Kriterien wie Distanz zum Vorhaben, Sichtverbindung usw. abgestellt werden,
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 16 5 BGer 1C_246/2011 vom 1. Februar 2012 E. 2.2
RA Nr. 110/2017/73 5
sondern es ist eine Gesamtwürdigung anhand der konkreten Verhältnisse erforderlich. Die
Legitimation ergibt sich nicht allein aus der räumlichen Nähe, sondern aus der daraus
herrührenden besonderen Betroffenheit.6 Diese ist umso weniger offensichtlich, je grösser
die Entfernung zwischen dem Baugrundstück und den Liegenschaften der
Einsprecherinnen und Einsprecher ist. Bei grösseren Distanzen müssen deshalb konkrete
Interessen vorliegen und dargetan werden, die durch das Bauprojekt beeinträchtigt werden
könnten und denen ein gewisses Gewicht zukommt, das es rechtfertigt, eine Betroffenheit
zu bejahen, die grösser ist als diejenige der Allgemeinheit. Dabei genügt eine direkte
Sichtverbindung allein oder eine minimale Beeinträchtigung der Aussicht nicht.7
Die Parzellen der Beschwerdeführenden befinden sich circa 220 m bis 350 m von den
Bauparzellen entfernt. Die Distanz zwischen der geplanten Pouletmasthalle und den
Liegenschaften der Beschwerdeführenden beträgt zwischen rund 280 m und 420 m. Es ist
deshalb fraglich, ob alle Beschwerdeführenden im Lichte der oben erwähnten
Rechtsprechung hinreichend betroffen sind. Zumindest die Beschwerdeführenden Ziff. 1
bis 4, 7 und 8 sowie 11 bis 16 sind zur Beschwerde legitimiert, da eine Sichtverbindung
zum Bauvorhaben besteht und nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Bauprojekt
Geruchsimmissionen verursacht, die bei bestimmten Windverhältnissen auf diesen
Liegenschaften noch wahrnehmbar sind.8 Somit muss sich der Entscheid auf jeden Fall mit
den einzelnen Rügen auseinandersetzen. Bei dieser Ausgangslage kann darauf verzichtet
werden, die Beschwerdebefugnis der übrigen Beschwerdeführerinnen und
Beschwerdeführer näher abzuklären. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass die
Legitimation in einem allfälligen Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren nachgewiesen
werden müsste.
c) Die Beschwerde ist innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden (Art. 40 Abs. 1
BauG i.V.m. Art. 41 Abs. 2 VRPG9). Sie enthält einen Antrag und eine Begründung (Art. 32
Abs. 2 VRPG). Die mangelhaften Anwaltsvollmachten wurden innert der Nachfrist
verbessert (Art. 33 Abs. 2 VRPG). Auf die Beschwerde wird deshalb eingetreten.
6 BGE 140 II 214 E. 2.3, mit weiteren Hinweisen 7 BGer 1C_124/2016 vom 7. Juli 2016 E. 3.3.1 8 Vgl. dazu BGer 1C_198/2012 vom 26. November 2012 E. 1 9 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
RA Nr. 110/2017/73 6
2. Verfahrensanträge
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, das Vorhaben sei ungenügend geprüft
worden. Nicht nachvollziehbar sei, warum die Vorinstanz keinen Augenschein durchgeführt
habe. Ebenso unverständlich sei, dass sie keinen Fachbericht bei der OLK eingeholt habe.
Das beco beschränke sich im Bericht vom 9. März 2015 darauf, die Angaben des
Schweizer Bauernverbands daraufhin zu prüfen, ob sie plausibel seien. Eine eigene
Beurteilung hinsichtlich der seitens der Beschwerdeführenden befürchteten
Geruchsimmissionen habe das beco nicht vorgenommen. Der sich bei den amtlichen Akten
befindende Fachbericht LANAT vom 26. Februar 2015 basiere auf Betriebszahlen von
2014. Die Frage der Zonenkonformität sei offensichtlich gestützt auf überholte Zahlen
geprüft worden. Die Beschwerdeführenden stellen deshalb mehrere Verfahrensanträge.
b) Die Behörden stellen den Sachverhalt von Amtes wegen fest; sie sind nicht an die
Beweisanträge der Parteien gebunden (Art. 18 VRPG). Der Anspruch auf rechtliches
Gehör (Art. 21 ff. VRPG) verpflichtet aber die Behörden, die von den Parteien angebotenen
Beweise abzunehmen, sofern diese nötig sind für die Klärung des Sachverhalts. Wenn die
Behörde bei freier, pflichtgemässer Beweiswürdigung zur Überzeugung gelangt, die
vorhandenen Akten erlaubten die richtige und vollständige Feststellung des Sachverhalts
oder die behauptete Tatsache sei für die Entscheidung der Streitsache nicht von
Bedeutung, so kann sie auf das Erheben weiterer Beweise verzichten. Diese sogenannte
antizipierte Beweiswürdigung verletzt den Anspruch auf rechtliches Gehör nicht.10
c) Die Beschwerdeführenden begründen nicht näher und es ist auch nicht ersichtlich,
aus welchen Gründen im vorinstanzlichen Verfahren ein Augenschein für die Klärung des
Sachverhalts erforderlich gewesen wäre. Ein Fachbericht der OLK wurde bereits im
Rahmen der Voranfrage eingeholt. Da das Baugesuch im Wesentlichen der Voranfrage
entspricht, durfte die Vorinstanz auf das Einholen eines weiteren Berichts im
Baubewilligungsverfahren verzichten (vgl. dazu auch E. 5 d). Zum von den
Beschwerdeführenden kritisierten Fachbericht des beco vom 9. März 2015 ist vorab
festzuhalten, dass auch dieser im Rahmen der Voranfrage erstattet wurde. Massgeblich ist
jedoch der im vorinstanzlichen Verfahren eingeholte Amtsbericht des beco vom 6. April
2016.11 Dagegen erheben die Beschwerdeführenden keine ausdrücklichen Einwände.
10 BVR 2012 S. 252 E. 3.3.3, mit Hinweisen 11 Vgl. Vorakten pag. 447 ff.
RA Nr. 110/2017/73 7
Soweit sie bemängeln, der sich bei den amtlichen Akten befindende Fachbericht des
LANAT vom 26. Februar 201512 basiere auf Zahlen aus dem Jahr 2014, übersehen sie,
dass es sich dabei ebenfalls um einen Bericht handelt, der im Rahmen der Voranfrage
erstattet wurde. Anlässlich des vorinstanzlichen Verfahrens wurde ein weiterer Fachbericht
des LANAT zur Zonenkonformität eingeholt. Dieser datiert vom 19. Juli 2016 und stützt
sich auf die Betriebsdaten von 2016.13 Im Übrigen basiert das Baugesuch im Wesentlichen
auf dem gleichen Betriebskonzept wie die Voranfrage. Die Rüge der
Beschwerdeführenden, die Frage der Zonenkonformität sei offensichtlich gestützt auf
überholte Zahlen geprüft worden, geht somit fehl. Zudem wurde im Rahmen des
Beschwerdeverfahrens beim LANAT ein aktueller Fachbericht zur Zonenkonformität
eingeholt, der auf den Betriebsdaten von 2017 beruht und unter anderem auch das in der
Zwischenzeit veröffentlichte Urteil des Bundesgerichts 1C_426/2016 vom 23. August 2017
zur inneren Aufstockung berücksichtigt. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die
Vorinstanz die Sachlage genügend abgeklärt und das Vorhaben umfassend geprüft hat.
Das Erheben weiterer Beweise war für die Beurteilung des Vorhabens nicht nötig. Eine
Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt deshalb nicht vor.
d) Den Beweisanträgen der Beschwerdeführenden wurde im vorliegenden Verfahren
insoweit stattgegeben, als beim beco ein Fachbericht zu den topographischen und
meteorologischen Verhältnissen im fraglichen Gebiet und deren Auswirkungen auf die
Geruchsimmissionen bei den Liegenschaften der Beschwerdeführenden und beim LANAT
ein aktualisierter Fachbericht zur Zonenkonformität eingeholt wurde. Des Weiteren wurden
bei der Gemeinde Auskünfte betreffend die M._strasse, über die die Erschliessung
erfolgen soll, eingeholt. Weitere Instruktionsmassnahmen wie beispielsweise die Einholung
eines Berichts der Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder oder die
Vornahme eines Augenscheins sind jedoch, wie sich aus dem Folgenden ergibt, nicht
erforderlich. Die entsprechenden Beweisanträge werden deshalb abgewiesen.
3. Einigungsverhandlung
a) Die Beschwerdeführenden bemängeln, dass keine Einigungsverhandlung
durchgeführt worden ist.
12 Vgl. Vorakten pag. 273 ff. 13 Vgl. Vorakten pag. 277 ff.
RA Nr. 110/2017/73 8
b) Nach Art. 34 Abs. 1 BewD14 kann die Baubewilligungsbehörde eine
Einigungsverhandlung durchführen, sofern die Beteiligten nicht darauf verzichten. Dies
bedeutet, dass die Baubewilligungsbehörde nicht zu einer Verhandlung einladen muss,
wenn sie es nicht für notwendig erachtet. Die Verfahrensbeteiligten haben somit keinen
Anspruch darauf, dass eine Einigungsverhandlung durchgeführt wird, da das
Baubewilligungsdekret das Abhalten einer solchen ins Ermessen der Bewilligungsbehörde
stellt. Der Verzicht auf die Einigungsverhandlung kann vorab dann sinnvoll sein, wenn die
Aussicht auf eine Einigung äusserst gering ist. Beurteilt die Bewilligungsbehörde eine
Einigungsverhandlung als aussichtslos, darf sie selbst dann auf die Durchführung
verzichten, wenn sowohl Bauherrschaft als auch Einsprechende eine Verhandlung
wünschen.
c) Die Beschwerdegegnerschaft hat in ihrer Stellungnahme vom 25. Mai 2016
ausdrücklich ihre Bereitschaft bekundet, an Einspracheverhandlungen teilzunehmen. Der
Vorwurf der Beschwerdeführenden, die Beschwerdegegnerschaft hätte es offenbar
vorgezogen, auf die Durchführung einer Einigungsverhandlung zu verzichten und den
Bauentscheid zu verlangen, statt die berechtigten Anliegen der Nachbarn anzuhören, ist
somit aktenwidrig. Es war die Entscheidung des Regierungsstatthalteramts, auf die
Durchführung einer Einigungsverhandlung zu verzichten. Es erachtete den
Verhandlungsspielraum zwischen den Parteien offenbar als gering und verzichtete daher
auf eine Einigungsverhandlung. Wie das Beschwerdeverfahren zeigt, trifft diese
Einschätzung zu: Eine während, aber ausserhalb des Verfahrens unter der Leitung des
Gemeindepräsidenten durchgeführte Verhandlung zwischen einer Delegation der
Beschwerdeführenden und dem Beschwerdegegner 1 führte zu keiner Einigung. Für die
Beschwerdeführenden gibt es demnach nur eine Einigung, wenn das Projekt an der
Autobahn realisiert oder zumindest auf die Pouletmasthalle verzichtet wird.15 Die
Vorinstanz hat die Bestimmung von Art. 34 Abs. 1 BewD nicht verletzt, sondern von ihrem
Ermessen korrekt Gebrauch gemacht.
4. Zonenkonformität
14 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (BewD; BSG 725.1) 15 Vgl. dazu Aktennotiz der Besprechung vom 2. November 2017 (Entwurf 2), Beilage 3 zu den Schlussbemerkungen der Beschwerdeführenden vom 18. Dezember 2017
RA Nr. 110/2017/73 9
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Vorinstanz habe den Neubau der
Geflügelmasthalle zu Unrecht als innere Aufstockung beurteilt und das Vorhaben mithin zu
Unrecht als zonenkonform qualifiziert. Aktuell werde zwar der Bau von Pouletmasthallen in
der Landwirtschaftszone bewilligt, wenn die Voraussetzungen der inneren Aufstockung
erfüllt seien, diese Praxis stosse jedoch auf Kritik. Mit der Bewilligung von
Pouletmasthallen als zonenkonforme innere Aufstockung werde der Grundsatz des
Vorrangs der Planung missachtet. Deshalb müsse das Vorhaben minutiös geprüft werden,
bevor es als zonenkonform in der Landwirtschaftszone bewilligt werde. Die Vorinstanz
habe den Neubau der Pouletmasthalle gestützt auf den Bericht des LANAT vom 26.
Februar 2015 bzw. des AGR vom 2. März 2015 zu Unrecht als innere Aufstockung
bewilligt. Das LANAT habe im Bericht vom 26. Februar 2015 tel quel auf die Zahlen der
Beschwerdegegnerschaft abgestellt, ohne diese Zahlen zu prüfen. Sie verweisen in diesem
Zusammenhang ausdrücklich auf die Berechnung der Standardarbeitskräfte (SAK). Die
Beschwerdeführenden machen weiter geltend, das LANAT hätte auf Daten aus den Jahren
2016/2017 abstellen und diese im Detail prüfen müssen. Die Berechnung betreffend die
Deckungsbeitrags-/Trockensubstanz-kalkulation basiere auf einer Haltung von angeblich
18'000 Geflügel. Die Praxis zeige aber, dass normalerweise bei der Poulemast eine
Vormast im Form von sogenannten "Mistkratzerli" erfolge. Je nach Haltedauer könnten
daher bis zu 27'000 Mastküken gehalten werden. Diese Vormast sei in der Kalkulation
nicht berücksichtigt worden. Bei einer Fläche von 1'200 m2 und 18.66 Mastpoulets pro m2
sei mit 22'392 Mastpoulets pro Umgang zu rechnen. Eine Berechnung mit den richtigen
Zahlen führe dazu, dass vorliegend weder das Deckungsbeitrags- noch das
Trockensubstanzkriterium erfüllt seien. Die Voraussetzungen einer inneren Aufstockung
seien daher nicht erfüllt. Beim vorliegenden Bauvorhaben handle es sich vorwiegend um
eine bodenunabhängige Bewirtschaftung, die über eine innere Aufstockung hinausgehe.
Richtigerweise wäre das Bauvorhaben in einer Intensivlandwirtschaftszone zu realisieren.
Das gesamte Bauvorhaben sei deshalb nicht zonenkonform.
b) In der Landwirtschaftszone zonenkonform sind Bauten und Anlagen, die zur
landwirtschaftlichen Bewirtschaftung oder für den produzierenden Gartenbau nötig sind
(Art. 16a Abs. 1 Satz 1 RPG16). Ebenfalls zonenkonform sind Bauten und Anlagen, die der
inneren Aufstockung eines landwirtschaftlichen oder eines dem produzierenden Gartenbau
zugehörigen Betriebs dienen (Art. 16a Abs. 2 Satz 1 RPG). Bauten und Anlagen für die
bodenunabhängige Tierhaltung, die über eine innere Aufstockung hinausgehen, sind nur in
16 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700)
RA Nr. 110/2017/73 10
speziellen, in einem Planungsverfahren dafür freigegebenen Gebieten der
Landwirtschaftszone zonenkonform (Art. 16a Abs. 3 RPG). Die Anforderungen an die
Zonenkonformität von Bauten und Anlagen in der Landwirtschaftszone werden in der
RPV17 präzisiert. Danach sind unter anderem Bauten und Anlagen zonenkonform, die der
bodenabhängigen Bewirtschaftung oder der inneren Aufstockung dienen, namentlich wenn
sie für die Produktion verwertbarer Erzeugnisse aus Pflanzenbau und Nutztierhaltung
dienen (Art. 34 Abs. 1 Bst. a RPV). Als bodenabhängig gilt die Bewirtschaftung, wenn ein
enger Bezug zum natürlichen Boden besteht, wie etwa beim Acker- und Gemüsebau. Die
Tierhaltung erfolgt dann bodenabhängig, wenn die Tiere im Wesentlichen auf der
Grundlage der auf dem Betrieb produzierten Futtermittel ernährt werden.18 Zonenkonform
sind zudem unter anderem Bauten und Anlagen, die der Aufbereitung, der Lagerung oder
dem Verkauf landwirtschaftlicher oder gartenbaulicher Produkte dienen, die auf dem
Standortbetrieb erzeugt werden (vgl. Art. 34 Abs. 2 Bst. a RPV). Zonenkonform sind
schliesslich Bauten für den Wohnbedarf, der für den Betrieb des entsprechenden
landwirtschaftlichen Gewerbes unentbehrlich ist, einschliesslich des Wohnbedarfs der
abtretenden Generation (Art. 34 Abs. 3 RPV). Die Bewilligung darf nur erteilt werden, wenn
die Baute oder Anlage für die in Frage stehende Bewirtschaftung nötig ist (Art. 34 Abs. 4
Bst. a RPV), ihr am vorgesehenen Standort keine überwiegenden Interessen
entgegenstehen (Art. 34 Abs. 4 Bst. b RPV) und der Betrieb voraussichtlich längerfristig
bestehen kann (Art. 34 Abs. 4 Bst. c RPV). Die Baute oder Anlage muss an die objektiven
Bedürfnisse des Betriebs angepasst sein, namentlich mit Bezug auf ihre Grösse und ihren
Standort, und darf insbesondere nicht überdimensioniert sein.19
Die Landwirtschaftszone ist bodenabhängig wirtschaftenden Landwirtschaftsbetrieben
vorbehalten. Die ebenfalls als zonenkonform anerkannte innere Aufstockung soll es
bodenabhängig wirtschaftenden Stammbetrieben ermöglichen, zusätzlich eine kleinere
bodenunabhängige Produktion zu errichten. Der Boden muss aber der überwiegende
Produktionsfaktor bleiben, d. h. die bodenunabhängige Produktion muss gegenüber der
bodenabhängigen von untergeordneter Bedeutung sein. Ziel der inneren Aufstockung ist es
letztlich, traditionelle, überwiegend bodenabhängige Landwirtschaftsbetriebe längerfristig
zu erhalten, auch wenn seit der RPG-Revision 2007 nicht mehr verlangt wird, dass der
17 Raumplanungsverordnung des Bundesrates vom 28. Juni 2000 (RPV; SR 700.1) 18 BGE 133 II 370 E. 4.2; Ruch/Muggli, in: Praxiskommentar RPG: Bauen ausserhalb der Bauzone, 2017, Art. 16a RPG, N. 30 f. 19 BGE 129 II 413 E. 3.2 S. 416; 125 II 278 E. 3a S. 281; 114 Ib 131 E. 3 S. 133 f.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&subcollection_mI12=on&insertion_date=&top_subcollection_aza=any&query_words=landwirtschaftliches+Gewerbe&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F129-II-413%3Ade&number_of_ranks=0#page413 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&subcollection_mI12=on&insertion_date=&top_subcollection_aza=any&query_words=landwirtschaftliches+Gewerbe&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F125-II-278%3Ade&number_of_ranks=0#page278 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&subcollection_mI12=on&insertion_date=&top_subcollection_aza=any&query_words=landwirtschaftliches+Gewerbe&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F114-IB-131%3Ade&number_of_ranks=0#page131
RA Nr. 110/2017/73 11
Betrieb zum Überleben auf das Zusatzeinkommen angewiesen ist.20 Die RPV definiert,
unter welchen Voraussetzungen ein der inneren Aufstockung dienender Betriebsteil als
untergeordnet gilt.21 Als zulässige innere Aufstockung im Bereich der Tierhaltung gilt nach
Art. 36 Abs. 1 RPV die Errichtung von Bauten und Anlagen für die bodenunabhängige
Tierhaltung, wenn der Deckungsbeitrag der bodenunabhängigen Produktion kleiner ist als
jener der bodenabhängigen Produktion (Bst. a) oder wenn das Trockensubstanzpotenzial
des Pflanzenbaus einem Anteil von mindestens 70 % des Trockensubstanzbedarfs des
Tierbestandes entspricht (Bst. b). Bei der Deckungsbeitragsmethode wird somit verlangt,
dass die Differenz zwischen dem Erlös und den variablen Kosten der bodenunabhängigen
Produktion kleiner ist als diejenige der bodenabhängigen Produktion. Beim
Trockensubstanzkriterium wird der Ertrag aus dem Pflanzenbau des Betriebs
(Trockensubstanzpotenzial) dem Futterbedarf der Tierhaltung gegenübergestellt
(Trockensubstanzbedarf). Deckungsbeitrags- und Trockensubstanzvergleich sind anhand
von Standardwerten vorzunehmen; sofern Standardwerte fehlen, ist auf vergleichbare
Kalkulationsdaten abzustellen (Art. 36 Abs. 2 RPV). Führt das Deckungsbeitragskriterium
zu einem höheren Aufstockungspotenzial als das Trockensubstanzkriterium, so müssen in
jedem Fall 50 % des Trockensubstanzbedarfs des Tierbestandes gedeckt sein (Art. 36
Abs. 3 RPV).
c) Die Zonenkonformität von Bauten und Anlagen in der Landwirtschaftszone richtet
sich nach Art. 16a RPG und der Ausführungsbestimmung von Art. 34 RPV. So darf die
Bewilligung nur erteilt werden, wenn die Baute oder Anlage für die in Frage stehende
Bewirtschaftung nötig ist (Art. 34 Abs. 4 Bst. a RPV). An der betrieblichen Notwendigkeit
eines Neubaus fehlt es, wenn die vorgesehene Nutzung (allenfalls nach einem Umbau) in
einer bereits vorhandenen Baute möglich wäre.22 Bei Neubauten ist zudem zu prüfen, ob
sie an der Stelle von bisherigen, in Zukunft nicht mehr benötigten Bauten errichtet werden
können, um eine weitere Zersiedelung der Landschaft zu vermeiden.23 Werden die
Gebäude an einem neuen Standort konzentriert, müssen am alten Ort nicht mehr benötigte
Bauten in der Landwirtschaftszone abgebrochen werden.24
20 BGer 1C_426/2016 vom 23. August 2017 E. 5.6, mit weiteren Hinweisen; Peter Hänni, Planungs-, Bau- und besonderes Umweltschutzrecht, 6. Aufl., 2016, S. 183 f. 21 Ruch/Muggli, in: Praxiskommentar RPG: Bauen ausserhalb der Bauzone, 2017, Art. 16a RPG, N. 35 22 BGE 129 II 413 E. 3.2 S. 416 mit Hinweis 23 BGer 1C_567/2015 vom 29. August 2016 E. 4.1 mit Hinweisen 24 Bger 1C_567/2015 vom 29. August 2016 E. 6.2
RA Nr. 110/2017/73 12
d) Für die Erteilung der Baubewilligung ist weiter erforderlich, dass der Baute oder
Anlage am vorgesehenen Standort keine überwiegenden Interessen entgegenstehen (Art.
34 Abs. 4 Bst. b RPV). Bei der Standortwahl für Bauten in der Landwirtschaftszone ist der
Bauherr somit nicht frei, sondern er muss nachweisen, dass die geplante Baute am
vorgesehenen Standort objektiv notwendig ist, d.h. ein schutzwürdiges Interesse daran
besteht, sie am gewählten Ort zu errichten und, nach Abwägung aller Interessen, kein
anderer, besser geeigneter Standort in Betracht kommt. Die erforderliche
Interessenabwägung hat sich an den Zielen und Grundsätzen der Raumplanung zu
orientieren (Art. 1 und 3 RPG). Dabei ist auf die rationelle Bewirtschaftung des Bodens,
insbesondere die Einfügung in die bestehende Betriebsstruktur, die vorhandene
Erschliessung, den raumplanerisch gebotenen Schutz des Orts- und Landschaftsbilds, die
Erhaltung genügender Fruchtfolgeflächen, die Belange des Natur- und Heimatschutzes
sowie allenfalls den Immissionsschutz Rücksicht zu nehmen.25 Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung gebietet das öffentliche Interesse an der Vermeidung
der Zersiedelung, landwirtschaftliche Ökonomiebauten möglichst beim Betriebszentrum zu
errichten.26 Landwirtschaftszonen sollten von Bauten und Anlagen möglichst freigehalten
werden. Dieser Grundsatz gebiete es, auch innerhalb der Landwirtschaftszone auf eine
Konzentration der Bauten hinzuwirken und die räumliche Trennung landwirtschaftlicher
Ökonomiebauten bzw. das Erstellen von Bauten ausserhalb des landwirtschaftlichen
Siedlungsgebiets nur restriktiv zuzulassen.27 An einer Konzentration der Ökonomiebauten
unter Berücksichtigung des Standorts des Wohnhauses besteht sowohl ein öffentliches als
auch ein privates, betriebliches Interesse.28 Im Rahmen der Interessenabwägung sind
allfällige Alternativstandorte zu prüfen. Es ist Aufgabe der Bauherrschaft aufzuzeigen, dass
andere Standorte nicht besser geeignet wären. Da auf die Bewilligung zonenkonformer
Bauten und Anlangen in der Landwirtschaft grundsätzlich ein Anspruch besteht, kommt
eine völlige Verweigerung der Baubewilligung jedoch nur in Betracht, wenn sich auf dem
Land der gesuchstellenden Person kein Standort finden lässt, dem nicht überwiegende
Interessen entgegenstehen.29
Im Rahmen der Interessenabwägung ist gewissermassen zweistufig vorzugehen: Soweit
das positive Verfassungs- und Gesetzesrecht einzelne Aspekte der allgemeinen
25 BGer 1C_165/2016 vom 27. März 2017 E. 3.2 mit Hinweisen 26 BGer 1C_165/2016 vom 27. März 2017 E. 3.3 mit Hinweisen 27 BGer 1C_550/2009 vom 9. September 2010 E. 6.1 28 Bger 1C_567/2015 vom 29. August 2016 E. 6.2 29 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band II, Bern 2017, Art. 80 N. 15 Bst. c, mit Hinweisen
RA Nr. 110/2017/73 13
Interessenabwägung konkret regelt, sind Bauvorhaben im Bewilligungsverfahren vorweg
nah diesen Sondernormen zu prüfen. Erst wenn sich zeigt, dass nach diesen
Sondernormen das Vorhaben nicht verhindert wird, ist die Abwägung aller für und gegen
das Vorhaben sprechenden privaten und öffentlichen Interessen durchzuführen.30
5. Betriebsdaten
a) Die Beschwerdeführenden üben in mehrfacher Hinsicht Kritik am vorinstanzlichen
Verfahren im Zusammenhang mit der Beurteilung der Zonenkonformität. Insbesondere
bemängeln sie, es sei auf falsche Daten abgestellt worden und die Angaben der
Beschwerdegegnerschaft seien ungeprüft übernommen worden. Darauf ist im Folgenden
näher einzugehen.
b) Das Bundesrecht verlangt, dass eine zentrale kantonale Behörde bei allen
Bauvorhaben ausserhalb der Bauzonen entscheidet, ob sie zonenkonform sind oder ob für
sie eine Ausnahmebewilligung erteilt werden kann (Art. 25 Abs. 2 RPG).31 Im Kanton Bern
ist dafür das AGR zuständig (Art. 84 Abs. 1 BauG und Art. 19 BewD in Verbindung mit
Art. 108a BauV32 und Art. 12 Bst. e OrV JGK33). Bevor es entscheidet, holt es die nötigen
Amts- und Fachberichte ein. Dazu gehört in der Regel ein Fachbericht des LANAT zur
Zonenkonformität. Dieses gibt in seinem Fachbericht die aktenkundigen Betriebsdaten
bekannt und prüft, ob das Vorhaben aus landwirtschaftsrechtlicher Sicht bewilligungsfähig
ist. Die abschliessende Beurteilung der Zonenkonformität ausserhalb der Bauzone, die
insbesondere auch eine Interessenabwägung umfasst, nimmt jedoch das AGR und nicht
die Baubewilligungsbehörde vor; diese hat die entsprechende Verfügung des AGR
zwingend zu beachten. Massgeblich und verbindlich für die Gesamtbewilligung des
Regierungsstatthalteramts waren nicht die von den Beschwerdeführenden erwähnten und
kritisierten Berichte des LANAT und des AGR aus dem Jahr 2015, sondern die Verfügung
des AGR vom 20. März 2017. Diese stützt sich zwar auch auf die im Rahmen der
Voranfrage verfassten Berichte des LANAT vom 26. Februar 2015 und der OLK vom 28.
30 BGer 1A.122/2004 vom 30. Mai 2005 E. 2.1 mit Hinweisen 31 Vgl. dazu BGE 128 I 254 32 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 33 Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion (OrV JGK; BSG 152.221.131)
RA Nr. 110/2017/73 14
April 2015, hauptsächlich aber auf die im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens
erstatteten Amts- und Fachberichte des beco, des LANAT sowie des Amts für Wasser und
Abfall des Kantons Bern (AWA).
c) Sowohl mit ihrer Voranfrage vom 26. Januar 2015 als auch bei der Einreichung des
Baugesuchs hat die Beschwerdegegnerschaft eine Berechnung der Standardarbeitskräfte
(SAK) eingereicht. Danach beträgt das Total der SAK für den geplanten Betrieb mit Acker-
und Gemüsebau sowie dem neuen Betriebszweig Pouletmast 5.025. Demgegenüber
bezifferte das LANAT in seinem Fachbericht vom 26. Februar 2015 die SAK des aktuellen
Betriebs gestützt auf die Daten von 2014 mit 2.279 und diejenigen des geplanten Betriebs
mit insgesamt 3.785, wobei der Betrieb ohne Pouletmast 1.625 SAK beansprucht. In
seinem Fachbericht vom 19. Juli 2016 beziffert das LANAT die SAK des aktuellen Betriebs
gestützt auf die Daten von 2016 auf 2.634. Zum geplanten Betrieb macht es keine (neuen)
Angaben, da sich das massgebliche (künftige) Betriebskonzept nicht geändert hat. Die
Behauptung der Beschwerdeführenden, das LANAT habe auf die Zahlen der
Beschwerdegegnerschaft abgestellt, ohne diese zu prüfen, ist somit aktenwidrig. Das
Gleiche gilt für den Vorwurf, es seien nicht die aktuellen Betriebszahlen berücksichtigt
worden. Anders als die Beschwerdeführenden in ihren Schlussbemerkungen geltend
machen, ist in den Vorakten auch ausgewiesen, wie viele SAK künftig für den
bodenabhängigen und wie viele auf den bodenunabhängigen Betrieb entfallen.
d) Auch die Kritik der Beschwerdeführenden an der Berechnung des Deckungsbeitrags-
und Trockensubstanzkriteriums nach Art. 36 RPV überzeugt nicht. Soweit sie in ihrer
Beschwerde bemängeln, dass die Vormast nicht berücksichtigt worden sei, übersehen sie,
dass sowohl der Deckungsbeitrags- als auch der Trockensubstanzvergleich anhand von
Standardwerten vorzunehmen ist.34 Es handelt sich um ein normiertes
Berechnungssystem, das auf Durchschnittswerte abstellt. Wie der aktuellen Berechnung
des Deckungsbeitrags- und Trockensubstanzkriteriums des LANAT entnommen werden
kann, wird bei Mastpoulets mit 15 Stück pro m2 und nicht, wie von den
Beschwerdeführenden aufgeführt, mit 18.66 Stück pro m2 gerechnet. Eine separate
Berücksichtigung der Vormast ist somit nicht vorgesehen. Zudem sind die Angaben der
Beschwerdegegnerschaft massgebend für die Beurteilung des Baugesuchs. Diese hat die
Anzahl Mastpoulets in allen Formularen mit 18'000 beziffert. Dabei handelt es sich um die
34 Vgl. dazu Vollzugshilfe des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE), Deckungsbeitrags- und Trockensubstanzkriterium nach Artikel 36 RPV, S. 3 und 8
RA Nr. 110/2017/73 15
maximal zulässige Zahl für Mastpoulets, die mehr als 42 Tage alt werden.35 Im Übrigen
wäre eine Erhöhung des Tierbestandes baubewilligungspflichtig.36
35 Annemarie Straumann, Poulet-Mast generiert weitere Bauten ausserhalb der Bauzone, in: VLP-ASPAN,  3/2015, S. 12 36 Vgl. dazu Ruch/Muggli, in: Praxiskommentar RPG: Bauen ausserhalb der Bauzone, 2017, Art. 16a RPG, N. 36
RA Nr. 110/2017/73 16
6. Innere Aufstockung
a) Die Beschwerdegegnerschaft führt ein landwirtschaftliches Gewerbe im Sinn von
Art. 7 BGBB37. Sie bewirtschaftet eine landwirtschaftliche Nutzfläche von rund 32 ha,
betreibt Ackerbau, Milchvieh- und Mastschweinehaltung. Der heutige Betriebsstandort
befindet sich an der G._strasse 29 auf Parzelle Wichtrach (Oberwichtrach)
X._. Diese wurde im Rahmen der letzten Ortsplanungsrevision der Bauzone
zugewiesen (Zonen mit Planungspflicht mit Nutzungsart und -mass nach den
Bestimmungen der Wohn- und Arbeitszone; vgl. Art. 33 GBR38). Die
Beschwerdegegnerschaft beabsichtigt deshalb, den Betriebsstandort zu verlegen und den
Betrieb neu auszurichten. Anstelle der Rindvieh- und Schweinehaltung soll
Pouletmasthaltung betrieben werden. Es ist unbestritten, dass es sich bei diesem
Betriebszweig um eine bodenunabhängige Tierhaltung handelt. Die geplante
Pouletmasthalle kann deshalb nur unter dem Titel der inneren Aufstockung bewilligt
werden. Im vorinstanzlichen Verfahren wurde das Vorliegen einer zonenkonformen inneren
Aufstockung aufgrund des Einhaltens des Trockensubstanzkriteriums bejaht. Da das
Bundesgericht in seinem Urteil 1C_426/2016 vom 23. August 2017 festhielt, die
Trockensubstanzbilanz stelle bei einer Schweine- oder Hühnermast nicht sicher, dass die
bodenabhängige Produktion überwiege, holte das Rechtsamt der BVE einen ergänzenden
Fachbericht zur Bodenabhängigkeit des aktuellen und des geplanten Betriebs der
Beschwerdegegnerschaft sowie eine aktualisierte Deckungsbeitrags-
/Trockensubstanzkalkulation ein.
b) Gemäss Fachbericht des LANAT vom 6. November 2017 führt die
Beschwerdegegnerschaft zurzeit einen bodenabhängig bewirtschafteten
landwirtschaftlichen Betrieb, da die (bodenunabhängige) Mastschweinhaltung beim
Deckungsbeitragsvergleich der bodenabhängigen Produktion (Milchviehhaltung, Gemüse,
Kartoffeln, Getreide, Futterbau) deutlich untergeordnet sei. Zudem weise das
Trockensubstanzpotential des Pflanzenbaus einen Anteil von 250 % auf. Demgegenüber
beurteilt das LANAT die neu geplante Mastpoulethaltung als bodenunabhängige
Tierhaltung, da Mastpoulets erfahrungsgemäss mit zugekauften, betriebsfremden
Futtermitteln ernährt werden. Beim gemäss zukünftigen Bewirtschaftungskonzept
vorgesehenen Ackerbau (Kartoffeln, Gemüse, Getreide, Raufutterproduktion) handle es
37 Bundesgesetz vom 4. Oktober 1991 über das bäuerliche Bodenrecht (BGBB; SR 211.412.11) 38 Gemeindebaureglement der Gemeinde Wichtrach vom 10. September 2009 (GBR)
RA Nr. 110/2017/73 17
sich um eine bodenabhängige Produktionsweise. Der Deckungsbeitrag aus der
bodenabhängigen Produktion werde Fr. 174'972.00 betragen, derjenige aus der
bodenunabhängigen Produktion Fr. 151'694.00. Der Deckungsbeitrag aus der
bodenabhängigen Produktion sei somit grösser als derjenige aus der bodenunabhängigen
Produktion. Das Trockensubstanzpotential aus dem betriebseigenen Pflanzenbau werde
einen Anteil von rund 100 % des Trockensubstanzbedarfs aller auf dem Betrieb gehaltenen
Tiere erreichen.
c) In ihren Schlussbemerkungen machen die Beschwerdeführenden geltend, die
Berechnungen des LANAT vom 6. November 2017 basierten einzig auf dem
Trockensubstanzpotential. Es fehle eine Berechnung, die aufzeigen würde, dass nach der
Einführung der Pouletmasthaltung der bodenunabhängige Betriebsteil nach wie vor
überwiege. Der zusammenfassende Vergleich der Deckungsbeiträge aus
bodenabhängiger und bodenunabhängiger Produktion sei schlicht falsch, weil die
Viehwirtschaft, welche aufgegeben werden solle, in die Berechnung einfliesse. Zwar werde
für die Berechnung des bodenunabhängigen Deckungsbeitrages tatsächlich auf die
Situation nach Betriebsumstellung (Pouletmasthaltung) abgestellt, bei der Berechnung des
bodenabhängigen Deckungsbeitrages sei aber auf die aktuelle Situation (mit Milchkühen)
vor Betriebsumstellung und nicht etwa auf die geplante Situation nach Betriebsumstellung
(ohne Milchkühe, aber mit Ackerbau) abgestellt worden. Das Ergebnis sei damit falsch.
Beim Vergleich der Deckungsbeiträge (bodenunabhängig/bodenabhängig) bleibe völlig
unberücksichtigt, dass die bodenabhängige Produktion nach Betriebsaufnahme der
Pouletmast massgeblich zurückgedrängt werde, weil die Milchkuhhaltung gerade
aufgegeben und durch Ackerbau ersetzt werde.
Diese Kritik ist nicht nachvollziehbar. Zum einen hat das LANAT auftragsgemäss sowohl
einen Deckungsbeitrags- als auch einen Trockensubstanzvergleich vorgenommen. Es hat
also beide in Art. 36 RPV alternativ genannten Voraussetzungen überprüft. Zum anderen
berücksichtigt die aktualisierte Deckungsbeitrags-/Trockensubstanzkalkulation
ausschliesslich das künftige Betriebskonzept der Beschwerdegegnerschaft. Unter dem
Titel "Tierhaltung" werden einzig die 18'000 Plätze für Mastpoulets aufgeführt. Andere
(bodenabhängige oder bodenunabhängige) Tierhaltungen sind nicht erwähnt. Da die
Rindvieh- und Mastschweinehaltung aufgegeben werden soll, ist sie richtigerweise auch
nicht in die Kalkulation eingeflossen. Bei Berücksichtigung des zukünftigen
Betriebskonzepts sind somit nach der nachvollziehbaren Berechnung des LANAT sowohl
RA Nr. 110/2017/73 18
das Deckungsbeitrags- als auch das Trockensubstanzkriterium gemäss Art. 36 Abs. 1 RPV
erfüllt. Im Gegensatz zu Art. 37 RPV, der die innere Aufstockung im Bereich des
Gemüsebaus und des produzierenden Gartenbaus regelt, verlangt Art. 36 RPV für die
innere Aufstockung im Bereich Tierhaltung auch nicht, dass eine bodenabhängige
Tierhaltung vorhanden ist. Es ist daher zulässig, dass sich ein bodenabhängiger
Pflanzenbaubetrieb ein Zusatzeinkommen mit der bodenunabhängigen Tierhaltung
verschafft. Anders als im vom Bundesgericht mit Urteil 1C_426/2016 vom 23. August 2017
beurteilten Fall einer geplanten Schweinezucht führt die Beschwerdegegnerschaft somit
auch künftig einen überwiegend bodenabhängigen Landwirtschaftsbetrieb. Die geplante
Pouletmasthalle stellt deshalb eine innere Aufstockung dar. Dass die Baute für die
geplante Bewirtschaftung nötig ist und dass der Betrieb voraussichtlich längerfristig
bestehen kann, wird zu Recht nicht bestritten. Die Grundvoraussetzungen der
Zonenkonformität sind deshalb erfüllt. Im Folgenden ist deshalb noch zu prüfen, ob dem
Vorhaben am vorgesehenen Standort überwiegende Interessen entgegenstehen.
7. Ortsbild- und Landschaftsschutz sowie Konzentrationsprinzip
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, ein Landwirt könne den Standort von
landwirtschaftlichen Bauten nicht völlig frei wählen. Es bestehe ein erhebliches öffentliches
Interesse daran, Kulturland zu erhalten und Zersiedlung zu vermeiden. Bauten und
Anlangen müssten daher im Sinne des raumplanerischen Konzentrationsprinzips so weit
wie möglich gruppiert werden. Darauf könne nur unter besonderen Umständen verzichtet
werden, etwa bei schädlichen oder lästigen Immissionen für nahegelegene Wohnbauten.
Die geplante überdimensionierte Pouletmasthalle mitten im Grüngürtel der weitläufigen
Aaretalebene missachte die Grundsätze betreffend Konzentrationsprinzip, Schonung von
Kulturland und Landschaftsschutz. Das Projekt trage zur Zersiedlung bei und verschandle
die Landschaft. Es grenze an keiner Seite an andere Bauten an, sondern komme mitten
auf die grüne Wiese zu stehen. Dass es einen Alternativstandort gäbe, der dem
Konzentrationsprinzip Rechnung tragen würde, würden sowohl die OLK im Rahmen der
Voranfrage als auch die Vorinstanz völlig ausser Acht lassen. Die Vorinstanz hätte
aufgrund dieser Rügen der Beschwerdeführenden im Rahmen des Einspracheverfahrens
die OLK zwingend beiziehen müssen. Der unverbindliche Voranfragebericht genüge nicht.
Da das fragliche Gebiet als Naherholungsgebiet diene, würden nicht nur die
Beschwerdeführenden, sondern die gesamte erholungssuchende Bevölkerung durch das
RA Nr. 110/2017/73 19
Projekt beeinträchtigt. Sämtliche Beschwerdeführenden hätten im Rahmen des
Einspracheverfahrens diese Rüge vorgebracht. Die Vorinstanz hätte daher zwingend die
OLK beiziehen und zu einem Augenschein vor Ort anhören müssen.
b) Es trifft zu, dass die Bauherrschaft bei der Standortwahl für Bauten in der
Landwirtschaftszone nicht frei ist (vgl. dazu Art. 34 Abs. 4 Bst. a und b RPV). Standort und
Ausgestaltung einer zonenkonformen Baute dürfen keine überwiegenden Interessen
verletzen. Massstab sind die Ziele und Grundsätze von Art. 1 und 3 RPG. Dazu gehört
unter anderem, dass sich Bauten und Anlagen in die Landschaft einordnen sollen (Art. 3
Abs. 2 Bst. b RPG). Bei der Standortwahl für landwirtschaftliche Bauten ist also auf den
raumplanerisch gebotenen Schutz des Orts- und Landschaftsbilds Rücksicht zu nehmen.
Zudem gilt der Konzentrationsgrundsatz: Die landwirtschaftlichen Bauten sind soweit
möglich zu gruppieren, unter Berücksichtigung des Standorts des Wohnhauses.39 Im von
den Beschwerdeführenden erwähnten, vom Bundesgericht mit Urteil BGer 1C_892/2013
vom 1. April 2015 entschiedenen Fall befanden sich im südöstlichen Teil eines grossen
Grundstücks in der Landwirtschaftszone bereits mehrere Gebäude, die der Eigentümer für
seinen Betrieb nutzt. Als Standort für den geplanten Legehennen-Stall wurde jedoch nicht
dieses bereits überbaute Gebiet gewählt, sondern der unbebaute nördliche Teil der
Parzelle. Aus den Akten ergab sich nicht, dass ein Standort bei den bestehenden Bauten
unmöglich war. Das Bundesgericht kam deshalb zum Schluss, dass das
Konzentrationsprinzip verletzt sei.40 Anders als in jenem Fall entspricht das Vorhaben der
Beschwerdegegnerschaft dem Konzentrationsprinzip: die geplanten neuen
Ökonomiebauten werden nicht auf dem freien Feld, sondern angrenzend an das bereits
vorhandene Wohnhaus auf Parzelle Nr. F._ erstellt. Die Gebäude werden somit,
wie vom Bundesgericht verlangt, an einem Ort konzentriert.
c) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Eine Beeinträchtigung
liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden Überbauung schafft,
der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften erlassen, die über
die kantonalen Vorschriften hinausgehen können. Um selbständige Bedeutung zu
erlangen, müssen solche Vorschriften konkreter gefasst sein als die Anordnungen des
39 BGer 1C_429/2015 vom 28. September 2016 E. 5.1, mit Hinweisen 40 Vgl. dazu Christa Perregaux DuPasquier, Auch in der Landwirtschaftszone muss Boden gespart werden, in: VLP-ASPAN, Info-Raum 3/2015, S. 14 ff., insbes. S. 17 (Plan)
RA Nr. 110/2017/73 20
kantonalen Rechts.41 Gemäss Art. 34 Abs. 1 GBR sind Bauten und Anlagen so zu
gestalten, dass zusammen mit ihrer Umgebung eine gute Gesamtwirkung entsteht. Diese
Bestimmung geht weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG; ihr kommt daher selbständige Bedeutung
zu. Der Begriff „gute Gesamtwirkung“ stellt einen unbestimmten kommunalen
Gesetzesbegriff dar, bei dessen Auslegung die kommunalen Behörden einen gewissen
Beurteilungsspielraum haben. Jedoch dürfen auch an das Erfordernis der guten
Gesamtwirkung nicht unverhältnismässig hohe Ansprüche gestellt werden. Die gute
Gesamtwirkung ist weder an geringen noch an besonders hohen architektonischen
Qualitäten zu messen. Das bedeutet bei durchschnittlichen örtlichen Gegebenheiten, dass
das Mittelmass der Umgebung nicht gestört werden darf und sich eine neue Baute oder
Anlage an den qualitativ hochwertigeren Bauten und Anlagen der Umgebung zu orientieren
hat.42
d) Nach Art. 22 Abs. 1 Bst. a BewD konsultiert die Baubewilligungsbehörde die
zuständigen kantonalen Fachstellen, wenn gegen ein Vorhaben Bedenken oder Einwände
wegen der Beeinträchtigung des Ortsbildes oder der Landschaft bestehen, die nicht
offensichtlich unbegründet sind. Wo leistungsfähige örtliche Fachstellen bestehen, können
diese konsultiert werden (Art. 22 Abs. 2 BewD). Da gemäss Art. 34 Abs. 4 Bst. b RPV eine
Baubewilligung in der Landwirtschaftszone nur dann erteilt werden darf, wenn der Baute
oder Anlage am vorgesehenen Standort keine überwiegenden Interessen entgegenstehen,
und sich im vorliegenden Fall aufgrund der Dimensionen der geplanten Bauten die Frage
stellte, ob diese das Landschaftsbild zu beeinträchtigen vermögen, verlangte das AGR
bereits im Rahmen der Voranfrage einen Bericht der OLK. Da das Baugesuch im
Wesentlichen der Voranfrage entspricht und zudem gemäss Beurteilung des AGR die
Anregungen der OLK betreffend Materialisierung berücksichtigt,43 durfte die Vorinstanz auf
das Einholen eines weiteren Berichts im Baubewilligungsverfahren verzichten. Dies gilt
umso mehr, als die OLK sich in einem nachfolgenden Baubewilligungs- oder
Rechtsmittelverfahren an die im Rahmen der Voranfrage erteilte Empfehlung zu halten
hat.44 Ein erneuter Beizug der OLK käme unter diesen Umständen einem
Verwaltungsleerlauf gleich. Zudem entscheidet letztlich nicht die OLK, sondern die
41 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen 42 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 4a; BVR 2009 S. 329 E. 5.3, BVR 2006 S. 491 E. 6.3.1 43 Vgl. dazu Vorakten pag. 117 44 Vgl. dazu Vortrag des Regierungsrats zur Änderung der Bauverordnung vom 8. Februar 2017, S. 27
RA Nr. 110/2017/73 21
Baubewilligungsbehörde darüber, ob ein Vorhaben den Vorschriften betreffend Ortsbild-
und Landschaftsschutz entspricht.
Gemäss Angaben des AGR in seiner Beschwerdevernehmlassung vom 17. August 2017
hatte die OLK für die Prüfung der Einpassung ins Orts- und Landschaftsbild nicht nur die
Voranfrageakten zur Verfügung, sondern sie nahm auch einen Augenschein vor Ort vor.
Dies entspricht dem üblichen Vorgehen der OLK, wenn sie einen Bericht abfasst. In ihren
Schlussbemerkungen machen die Beschwerdeführenden geltend, falls ein solcher
informeller Augenschein ausserhalb des Verfahrens stattgefunden habe, würde dies
sämtlichen Verfahrensgrundsätzen zuwider laufen. Art. 29 Abs. 1 BV45 verlange ein
bestimmtes Mass an Unparteilichkeit, Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit der
Entscheidbehörde. Er gelte auch für administrativ bestellte Sachverständige, während sich
die Anforderungen an gerichtliche Experten nach Art. 30 Abs. 1 BV richten würden. Die
Unvoreingenommenheit der Entscheidbehörde sei in Frage gestellt, wenn objektive
Umstände glaubhaft gemacht würden, die den Anschein des Misstrauens in
Behördenmitglieder begründe. Unerheblich sei, ob die betroffene Amtsperson tatsächlich
befangen sei. Mit schriftlichen Amtsberichten könne amtliches Fachwissen verfügbar oder
Auskunft über die behördliche Praxis erhältlich gemacht werden. Nehme die Verwaltung
gutachtenmässig Stellung, könne ein Amtsbericht eine Expertise ersetzen und erhöhte
Beweiskraft beanspruchen. Von ihm solle die entscheidende Behörde alsdann nur aus
triftigen Gründen abweichen, Kommissionen würden in der Regel nicht eigentliche
Gutachten, sondern fachliche Stellungnahmen im Sinne von Amtsberichten erstellen. Den
Beschwerdeführenden sei es auch ein Anliegen, an dieser Stelle nochmals auf die
verlangten Korrekturen betreffend die bundesrechtswidrige Volumenerweiterung für das
Wohnhaus hinzuweisen. Unter Berücksichtigung dieser Grundsätze müssten die
Beschwerdeführenden an einem Augenschein der OLK teilnehmen können und angehört
werden.
Für die Beurteilung der Frage, ob die Volumenerweiterung des Wohnhauses
bundesrechtswidrig sei, ist weder ein Bericht noch ein Augenschein unter Beizug der OLK
erforderlich, da es sich dabei nicht um eine Frage des Ortsbild- und Landschaftsschutzes
handelt. Unklar ist, was die Beschwerdeführenden mit ihren Ausführungen zu Art. 29 Abs.
1 und Art. 30 Abs. 1 BV genau geltend machen wollen. Soweit es sich dabei um ein
Ablehnungsbegehren gegen Personen, die am vorinstanzlichen Verfahren mitgewirkt
45 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101)
RA Nr. 110/2017/73 22
haben, handeln sollte, wäre es verspätet. Soweit die Beschwerdeführenden damit eine
Verletzung ihres rechtlichen Gehörs geltend machen wollen, ist folgendes festzuhalten: Die
Parteien sind berechtigt, an Instruktionsverhandlungen und amtlichen Augenscheinen
teilzunehmen, Personenbefragungen beizuwohnen und um Beantwortung von
Ergänzungsfragen zu ersuchen (Art. 22 VRPG). Bei der Ortsbesichtigung durch die OLK
handelt es sich jedoch nicht um einen Augenschein im Sinne von Art. 22 VRPG und damit
nicht um ein Beweismittel im prozessrechtlichen Sinn. Für die Ortsbesichtigung durch die
OLK gelten daher grundsätzlich nicht die gleichen Regeln über die Mitwirkung der Parteien
wie bei den Beweismitteln. Da eine solche Ortsbesichtigung bloss der informellen
Orientierung der OLK dient, darf sie in der Regel ohne Beizug der Verfahrensbeteiligten
erfolgen. Anders wäre nur dann zu entscheiden, wenn vor Ort noch zusätzliche
Feststellungen über den entscheidwesentlichen Sachverhalt zu treffen wären – in einem
solchen Fall müsste den Beteiligten die Teilnahme ermöglicht werden.46 Solche
zusätzlichen Feststellungen sind im vorliegenden Fall nicht erkennbar. So sind
insbesondere der genaue Ort und die Ausmasse des Bauvorhabens bekannt und nicht
umstritten. Diese feststehenden Tatsachen sind von der OLK lediglich sachverständig zu
würdigen, wozu sie sich ein Bild vor Ort machen muss.
e) Die OLK umschreibt das Bauvorhaben und seine Umgebung in ihrem Bericht vom
28. April 201547 folgendermassen:
«Das erworbene Areal befindet sich im offenen Gürtel der weitläufigen Aaretalebene zwischen Thun und Bern, in der Nähe des östlichen Siedlungsrandes von Wichtrach und der Autobahn. Zwischen den einzelnen Dörfern ist die intensiv genutzte Kulturlandschaft nur punktuell baulich besetzt. Dazu gehören einzelne Wohnhäuser oder Bauernhöfe sowie zwischen der Eisenbahnlinie und der Autobahn grössere Volumen mit meist gewerblicher Nutzung.
Das Bauvorhaben beinhaltet neben des Umbaus und der Erweiterung des bestehenden Wohnhauses die Erstellung einer Geflügelmasthalle von rund 75 m x 23 m mit einer Firsthöhe von 6 m und einer Remise bzw. Lagerhalle von rund 60 m x 30 m. Letztere wird sich mit einer Firsthöhe von 10 m etwas mehr abheben. Die Anordnung beider Betriebsbauten soll orthogonal zur vorhandenen Erschliessungsstrasse erfolgen. Deren Materialisierung ist mit Metallpaneelen angedacht.»
Die OLK kommt ihrem Bericht vom 28. April 201548 zu folgender Beurteilung:
«Aus Sicht der OLK kann das Bauvorhaben im umschriebenen Kontext als unproblematisch beurteilt werden. Als Teil der zwischen der Eisenbahnlinie und der
46 BVR 1994 S. 20 E. 2; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 22 N. 3 47 Bericht der OLK vom 28. April 2015, Vorakten pag. 451 f. 48 Bericht der OLK vom 28. April 2015, Vorakten pag. 451 f.
RA Nr. 110/2017/73 23
Autobahn gelegenen Ebene, innerhalb eines bereits gewerblich und industriell genutzten Streifens mit entsprechenden Volumen wie z. B. der benachbarten Eishalle von Wichtrach, stellen die beträchtlichen Stallbauten im freien Feld keine aussergewöhnliche Dimension dar. Eine störende Wirkung im Gebiet kann nicht geltend gemacht werden.
Um eine bessere Gesamtwirkung zu erzielen empfiehlt die OLK jedoch, wie sie dies bereits schon bei anderen landwirtschaftlichen Bauvorhaben mit Erfolg getan hat, unterstützt durch eine dunkle Farbgebung (z. B. Anthrazit anstelle des üblichen Eierschalengelbs) einen in der Landschaft weniger auffälligen Auftritt. Des Weiteren ist in Bezug auf die grössere Lagerhalle, in Anlehnung an die Bauweise traditioneller Schopfbauten, eine einfache Holzkonstruktion mit entsprechender Verschalung ästhetisch deutlich ansprechender.»
Aufgrund der Akten und des Zonenplans sowie unter Berücksichtigung des im kantonalen
Geoportal einsehbaren Orthofotos49 kann die BVE die Beurteilung der OLK und der Vor-
instanzen nachvollziehen. Ein Augenschein ist deshalb nicht erforderlich. Gemäss
Zonenplan der Gemeinde Wichtrach befinden sich weder die Bauparzellen noch die
Liegenschaften der Beschwerdeführenden in einem Ortsbildschutzgebiet. Die Bauparzellen
liegen auch nicht in einem Landschaftsschutzgebiet. Gestützt auf Vorschriften des
allgemeinen Ortsbild- und Landschaftsschutzes dürfen in der Regel Art oder Mass der
nach der Zonenordnung zulässigen Nutzung nicht eingeschränkt werden50. Gemäss Art. 10
Abs. 1 GBR richten sich die Nutzung und das Bauen in der Landwirtschaftszone nach den
Vorschriften des eidgenössischen und des kantonalen Rechts. Gemäss Kommentar zu
dieser Bestimmung gelten in der Landwirtschaftszone der Gemeinde Wichtrach keine
baupolizeilichen Masse. Die Gebäudemasse werden im Einzelfall entsprechend den
Bedürfnissen aufgrund der einschlägigen Normen der Forschungsanstalt Agroscop
Reckenholz-Tänikon (ART) im Baubewilligungsverfahren festgelegt. Sie richten sich somit
nach dem objektiven Bedarf des jeweiligen Landwirtschaftsbetriebs; dieser wird jeweils
vom LANAT im Rahmen des Fachberichts zur Zonenkonformität überprüft. Im vorliegenden
Fall gaben die Dimensionen der Ökonomiebauten zu keinen Bemerkungen Anlass.51
Zudem handelt es sich bei der geplanten Geflügelmasthalle um einen Normstall, dessen
Dimensionen sich aufgrund der Anzahl Mastpoulets gestützt auf die Vorgaben der
Tierschutzgesetzgebung ergeben. Obwohl sie eine beachtliche Grösse aufweisen, stellen
die beiden geplanten Ökonomiebauten im fraglichen Gebiet bezüglich ihrer Dimensionen
nichts Aussergewöhnliches dar, befindet sich doch in der Nähe eine Arbeitszone A3 mit
vergleichbar grossen Gebäuden. Eine Verletzung der massgeblichen Gestaltungs- und
49 <https://www.geo.apps.be.ch/de> 50 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 9/10 N. 15 mit Hinweisen 51 Vgl. dazu Fachberichte zur Zonenkonformität vom 26. Februar 2015 (Vorakten pag. 273 ff.) und vom 19. Juli 2016 (Vorakten pag. 277 ff.)
RA Nr. 110/2017/73 24
Einordnungsvorschriften in diesem nicht besonders geschützten Orts- und Landschaftsbild
ist deshalb nicht erkennbar. Die Anregungen der OLK zu Gestaltung und Farbgebung
wurden beim Bauprojekt umgesetzt. Den Projektplänen lässt sich entnehmen, dass die
Ökonomiegebäude in einer dunklen Farbgebung gestaltet werden sollen.
RA Nr. 110/2017/73 25
8. Geruchsimmissionen
a) Die Beschwerdegegnerschaft hat eine Berechnung von Mindestabständen bei
Tierhaltungsanlagen eingereicht. Danach muss der Mindestabstand gegenüber der
Wohnzone 181 m betragen. Das beco beurteilte diese Mindestabstandsberechnung als
plausibel und nachvollziehbar. Es ging davon aus, dass die geplante Tierhaltungsanlage
keine übermässigen Immissionen verursachen werden. Die Beschwerdeführenden machen
geltend, das beco stütze sich nur auf die im Baugesuch angegebenen Zahlen. Eine eigene
Berechnung des Mindestabstands nach FAT 476 habe es nicht vorgenommen. Es erachte
einzig die Berechnung der Bauherrschaft als plausibel und nachvollziehbar. Der von der
Bauherrschaft ermittelte Mindestabstand beruht auf falschen Zahlen (18'000 Mastpoulets
statt 22'400 - 27'000 Mastgeflügel). Die in Wichtrach herrschenden besonderen
meteorologischen Verhältnisse (von den Bergen herkommender Fallwind bzw. Berg-
/Talwind mit starkem Südwestwind; Nebelbildung) seien im Fachbericht des beco nicht
berücksichtigt worden und es sei keine Einzelfallabklärung vorgenommen worden. Der
Sachverhalt bezüglich Windsituation sei unvollständig ermittelt worden. Es hätte ein FAT-
Bericht erstellt werden müssen, der die Windsituation vor Ort berücksichtige. Dies sei
nachzuholen. Starke Geruchsimmissionen seien in bewohnten Gebieten ein nicht zu
vernachlässigendes Umweltproblem, das das Wohlbefinden der Bevölkerung massiv
beeinträchtigen könne. Die Stärke des Geruchs könne mittels Olfaktometrie quantifiziert
werden. Es könnten Grenzwerte festgelegt und Erfolgskontrollen durchgeführt werden.
Neben der Messung der Geruchsemissionen sei häufig die Beurteilung der
Geruchsbelastung in der Umgebung wichtig. Eine bestehende Geruchsimmission werde
durch die Befragung der Bevölkerung oder die Begehung durch ortsfremde Probanden
erhoben. Mit Computermodellen könnten die Immissionen geplanter Anlagen oder der
Effekt von Sanierungsmassnahmen abgeschätzt werden. Geruchsimmissionen von
Pouletmasthallen seien ein echtes und akutes Problem. Es müsse ein umfassender Bericht
angefertigt werden, der die konkrete Situation vor Ort im Detail berücksichtige. Das
Beispiel einer Geflügelmasthalle in Uetendorf zeige, dass die Befürchtungen der
Beschwerdeführenden nicht realitätsfremd seien. Auch dem Bund sei die Problematik
bekannt. Er plane deshalb neue Regeln für die Geruchsabstände von Ställen. Dass
Geruchsimmissionen durch die regelmässig wiederkehrenden abendlichen Winde
besonders begünstigt würden, sei auch der Gemeinde bekannt. Auf einer Nachbarparzelle
der Baugrundstücke sei eine Feldrandkompostierung betrieben worden, die aufgrund von
üblen Gerüchen wieder eingestellt werden musste. Deshalb müsse ein umfassender
RA Nr. 110/2017/73 26
Bericht angefertigt werden, der die konkrete Situation (inkl. Meteorologische Verhältnisse
und Windsituation) vor Ort im Detail berücksichtige.
b) Die geplante Pouletmasthalle ist eine stationäre Anlage im Sinne von Art. 2 Abs. 1
LRV52. Ihr Betrieb wird unter anderem Geruchsstoffemissionen erzeugen. Nach Art. 11
Abs. 2 USG53 sind Emissionen im Rahmen der Vorsorge unabhängig von der bestehenden
Umweltbelastung so weit zu begrenzen, als dies technisch und betrieblich möglich und
wirtschaftlich tragbar ist. Massgeblich sind in erster Linie die vorsorglichen
Emissionsbegrenzungen der Anhänge 1-4, die sowohl für neue (Art. 3 LRV) als auch für
bestehende Anlagen gelten (Art. 7 LRV). Ist für bestimmte Anlagen keine
Emissionsbegrenzung festgelegt oder eine bestimmte Begrenzung als nicht anwendbar
erklärt, sind die Emissionen von der Behörde vorsorglich so weit zu begrenzen, als dies
technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar ist (Art. 4 Abs. 1 LRV). Die
Emissionsbegrenzungen werden verschärft, wenn feststeht oder zu erwarten ist, dass die
Einwirkungen unter Berücksichtigung der bestehenden Umweltbelastung schädlich oder
lästig werden (Art. 11 Abs. 3 USG). Als übermässig gelten Immissionen, die einen oder
mehrere Immissionsgrenzwerte nach Anhang 7 LRV überschreiten (Art. 13 USG; Art. 2
Abs. 5 LRV). Bestehen keine Grenzwerte, ist die Schädlichkeit oder Lästigkeit im Einzelfall
nach den in Art. 14 USG und Art. 2 Abs. 5 LRV aufgestellten Kriterien zu prüfen. Nach dem
klaren Wortlaut des Gesetzes sind Emissionsbegrenzungen nach Art. 12 Abs. 2 USG nicht
nur zum Schutz gegen schädliche oder lästige Emissionen geboten, sondern gestützt auf
das Vorsorgeprinzip auch zur Vermeidung unnötiger Emissionen. Sie werden insbesondere
durch das Verhältnismässigkeitsprinzip begrenzt.54 Es besteht kein Recht darauf, dass eine
Anlage absolut geruchsfrei funktionieren müsste. Das Vorsorgeprinzip hat nach der
Konzeption des Umweltschutzgesetzes emissionsbegrenzenden und nicht -eliminierenden
Charakter.55
c) Für Anlagen der bäuerlichen Tierhaltung und der Intensivtierhaltung gelten die
speziellen Anforderungen nach Anhang 2 Ziff. 51 LRV (Art. 3 Abs. 2 Bst. a LRV). Bei der
Errichtung dieser Anlagen müssen die nach den anerkannten Regeln der Tierhaltung
erforderlichen Mindestabstände zu bewohnten Zonen eingehalten werden. Als solche
Regeln gelten insbesondere die Empfehlungen der Eidgenössischen Forschungsanstalt für
52 Luftreinhalte-Verordnung des Bundesrates vom 16. Dezember 1985 (LRV; SR 814.318.142.1) 53 Bundesgesetz vom 7. Oktober 1983 über den Umweltschutz (Umweltschutzgesetz, USG; SR 814.01) 54 BGE 140 II 33 E. 4.1 55 BGE 133 II 169 E. 3.2 mit Hinweisen
RA Nr. 110/2017/73 27
Betriebswirtschaft und Landtechnik (FAT; heute Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-
Tänikon ART) (vgl. Anhang 2 Ziff. 512 LRV). Einschlägig ist der FAT-Bericht Nr. 476 (1995)
"Mindestabstände von Tierhaltungsanlagen - Empfehlungen für neue und bestehende
Betriebe" (nachfolgend: FAT-Bericht). Dabei handelt es sich um einen Bericht, der
Forschungs- und Untersuchungsarbeiten in anwendungsorientierter Kurzform an Praxis,
Beratung und Öffentlichkeit vermittelt.56 Seit der Publikation des FAT-Berichts im Jahr 1995
hat sich die Tierhaltung stark verändert: Die Herden sind grösser geworden, die
Auslaufflächen haben aus Gründen des Tierwohls zugenommen, und der Anteil von Silage
in der Fütterung ist angestiegen. Zudem sind landwirtschaftliche Biogasanlagen
entstanden. Diese Entwicklungen führen zu mehr Geruchsemissionen und verbunden mit
der Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung zu mehr Konfliktpotenzial. Agroscope hat
deshalb Geruchsquellen und Geruchsausbreitung untersucht. Die Ergebnisse sind noch
nicht publiziert worden, zeigen aber, dass die Geruchsimmissionen der heute gebauten
Tierhaltungsanlagen sehr unterschiedlich sind; je nach einzelbetrieblicher Konstellation
resultiert eine grössere oder kleinere Geruchsausbreitung als bei früher gebauten Anlagen.
Mit wirkungsvollen Massnahmen kann die Geruchsausbreitung gemindert werden.57 Auch
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung kann entnommen werden, dass der geltende
FAT-Bericht nicht mehr bei allen Stallsystemen eine störungsgerechte Beurteilung erlaubt;
dies gilt insbesondere für die Schweinehaltung mit Stallauslauf.58 Der
Vernehmlassungsentwurf zur Revision des FAT-Berichts vom 7. März 2005 wurde
aufgrund der starken Opposition im Vernehmlassungsverfahren zurückgezogen. Agroscop
wurde beauftragt, einen neuen Revisionsentwurf zu erarbeiten. Solange die revidierten
Mindestabstandempfehlungen nicht vorliegen, ist für die Beurteilung nach wie vor der FAT-
Bericht Nr. 476 von 1995 wegleitend.
d) Die Mindestabstände gemäss FAT-Bericht sind als Massnahmen der vorsorglichen
Emissionsbegrenzung konzipiert. Sie werden aber auch als Hilfsmittel zur Beantwortung
der Frage herangezogen, ob eine Tierhaltungsanlage voraussichtlich übermässige
Immissionen verursachen wird. Dies ist im Sinne einer Faustregel zu erwarten, wenn der
halbe Mindestabstand unterschritten wird, und kann verneint werden, wenn der
Mindestabstand eingehalten wird.59 Gemäss FAT-Bericht werden die Mindestabstände in
einem dreistufigen Verfahren berechnet. In einem ersten Schritt wird die Geruchsbelastung
56 Vgl. dazu <https://www.agroscope.admin.ch>, Rubriken «Publikationen, Publikationssuche, Reihen bis 2013» 57 Vgl. dazu Stellungnahme des Bundesrates vom 16. August 2017 zur Interpellation 17.3478 (Hausammann Markus) "Mindestabstände von Tierhaltungsanlagen in Kohärenz mit der Raumplanung" 58 Vgl. BGE 133 II 370 E. 6.2 59 FAT-Bericht Ziff. 3 S. 7;BGer 1C_260/2016 vom 6. Juni 2017 E. 2.2, mit Hinweisen
https://www.agroscope.admin.ch
RA Nr. 110/2017/73 28
nach Tierart und -zahl bestimmt. Danach wird basierend auf dieser Geruchsbelastung der
Normabstand berechnet. Dieser wird schliesslich durch Einflussfaktoren des
Haltungssystems, der Lüftung, des Standorts und der Geruchsreduktion im Bereich der
Stallluft korrigiert (Korrekturwerte) und auf diese Weise der Mindestabstand ermittelt.
Dieser ist gegenüber reinen Wohnzonen einzuhalten; gegenüber bewohnten Zonen, die
neben der Wohnnutzung mässig störende Gewerbebetriebe zulassen und denen deshalb
ein höheres Mass an Immissionen zugemutet werden kann, sind 70 Prozent des
Mindestabstands einzuhalten.60 Nicht als bewohnte Zonen gelten Gewerbe-, Industrie- und
Landwirtschaftszonen.61 Der Abstand muss zwischen dem Emissionspunkt
(Ausgangspunkt) und dem nächstgelegenen Wohnhaus (Empfangspunkt) gemessen
werden.62 Die Mindestabstandsregelung dient der Aufrechterhaltung der Wohnqualität von
an Landwirtschaftszonen angrenzenden Bauzonen (vgl. Art. 3 Abs. 3 Bst. b RPG).
Gleichzeitig sollte in der Landwirtschaftszone die Errichtung von Anlagen zu
landwirtschaftlichen Zwecken nicht übermässig erschwert werden.63 Wird der
Mindestabstand eingehalten, ist in der Regel nicht von einer übermässigen
Geruchsimmission auszugehen. Die Immissionen liegen dann in einem von den
Anwohnern zu tolerierenden Bereich.
e) Das Baugesuch hat das Bauvorhaben in allen für die Beurteilung wesentlichen
Punkten zu beschreiben. Unter anderem sind bei Bauvorhaben, die der Energie- oder
Umweltschutzgesetzgebung unterstehen, die dort verlangten Unterlagen beizulegen (Art.
10 Abs. 5 BewD). Die Umweltschutzgesetzgebung erfordert insbesondere nähere Angaben
hinsichtlich Emissionen und Immissionen.64 So kann die Behörde von der Bauherrschaft
einer stationären Anlage, aus der erhebliche Emissionen zu erwarten sind, eine
Immissionsprognose verlangen (vgl. Art. 28 Abs. 1 LRV). Die Prognose muss angeben,
welche Immissionen in welchen Gebieten, in welchem Umfang und mit welcher Häufigkeit
zu erwarten sind (Art. 28 Abs. 2 LRV). In der Prognose sind die Art und Menge der
Emissionen sowie die Ausbreitungsbedingungen und die Berechnungsmethoden
anzugeben (Art. 28 Abs. 3 LRV). Die Behörde beurteilt, ob die ermittelten Immissionen
übermässig sind (Art. 30 LRV). Es war somit Sache der Beschwerdegegnerschaft als
60 FAT-Bericht Ziff. 2.3 S. 6 61 FAT-Bericht S. 16 62 vgl. Hans Maurer, Lufthygienerechtliche Mindestabstände von Tierhaltungsanlagen – Stellungnahme zu ausgewählten Rechtsfragen, URP 4/2003, S. 297 ff., S. 319 63 BGE 126 II 43 E. 4a 64 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 34 N. 15
RA Nr. 110/2017/73 29
Bauherrschaft und nicht des beco, eine Berechnung des Mindestabstands gemäss den
Vorgaben der FAT-Richtlinie zu erstellen und einzureichen. Es ist deshalb nicht zu
beanstanden, dass das beco lediglich die Berechnung der Beschwerdegegnerschaft
überprüft hat. Der von der Beschwerdegegnerschaft ermittelte Mindestabstand beruht
zudem auf den richtigen Zahlen. Wie bereits erwähnt, sind die Angaben der Bauherrschaft
massgebend für die Beurteilung eines Baugesuchs. In allen Formularen wird die Anzahl
Mastpoulets mit 18'000 beziffert. Eine Erhöhung des Tierbestandes wäre
baubewilligungspflichtig. Die Berechnung der Geruchsbelastung und des Normabstandes
nach FAT-Bericht beruht somit zu Recht auf dieser Anzahl Mastpoulets.
Auch die berücksichtigten Korrekturfaktoren geben grundsätzlich zu keinen Bemerkungen
Anlass. Obwohl die Kaminlüftung gemäss den Projektplänen und den Angaben im
Baugesuch65 senkrecht über Dach geführt wird und die Kaminmündung den Dachfirst um
3.30 m überragt, wurde unter dem Titel "7. Lüftung" berücksichtigt, dass sich in der Nähe
des Stalls ein Wohngebäude befindet. Der Mindestabstand wurde deshalb um 20 Prozent
erhöht und gegenüber der Wohnzone auf 181 m beziffert. Dies wirkt sich auch zugunsten
der Beschwerdeführenden aus.
Im vorliegenden Verfahren wurde ein Fachbericht des beco eingeholt. Dieses führt zur
topographischen Beurteilung aus, das Bauvorhaben liege in einem grossflächigen ebenen
Gebiet. Der Standort befinde sich demnach weder am Hang noch am Rande eines Hanges
oder in einem engen Tal oder Talkessel. Gemäss Beurteilung des beco ist es deshalb
vertretbar, dass in der mit dem Baugesuch eingereichten Berechnung der
Mindestabstände66 unter dem Titel "1. Geländeform" der Korrekturfaktor 1 berücksichtigt
wurde. Wird zugunsten der Beschwerdeführenden auch unter dem Titel "1. Geländeform"
ein Korrekturfaktor von 1.2 berücksichtigt, welcher den Mindestabstand um weitere 20
Prozent erhöht, müsste der Mindestabstand gegenüber der Wohnzone rund 218 m
betragen. Auch dieser Abstand kann problemlos eingehalten werden, befindet sich doch
das nächste Wohnhaus in der Wohnzone über 280 m vom Pouletmaststall entfernt. In der
Regel heisst das, dass nicht von einer übermässigen Geruchsimmission auszugehen ist
und dass die Beschwerdeführenden als Anwohnerinnen und Anwohner die Immissionen
tolerieren müssen.
65 Vgl. Formular 2.0 Technik, Immissionsschutz, Vorakten pag. 013 66 Vgl. Formular Berechnung von Mindestabständen bei Tierhaltungsanlagen (nach FAT-Bericht Nr. 476), Vorakten pag. 045 f.
RA Nr. 110/2017/73 30
f) Die Beschwerdeführenden sind der Auffassung, die besonderen Windverhältnisse in
Wichtrach hätten im Rahmen einer Sonderbeurteilung berücksichtigt werden müssen. Es
trifft zu, dass die Ermittlung des Mindestabstandes gemäss FAT-Bericht keine Rücksicht
auf die Häufigkeiten von Windrichtungen nimmt. Dies wird bei Bedarf mit einer
Sonderbeurteilung ergänzt. Bei besonderen Windverhältnissen, die sich auf
meteorologische Messungen oder eine fachliche Standortbeurteilung abstützen, muss der
vorläufig errechnete Mindestabstand entsprechend der Sonderbeurteilung angepasst
werden.67 Aus der Windhäufigkeitsverteilung kann hervorgehen, dass Wohnhäuser, die
innerhalb des Mindestabstands liegen, entweder nicht oder nur sporadisch von
Geruchsimmissionen betroffen werden, weil der Wind nur sehr selten aus der Richtung des
betreffenden Stalles weht (nebensächliche Windrichtung), oder häufig von
Geruchsimmissionen betroffen werden, weil der Wind häufig aus der Richtung des Stalles
weht (Hauptwindrichtung).68 Das beco weist in seinem Fachbericht darauf hin, dass
Hinweise auf häufig auftretende Windrichtungen mit einer Windmessung von
Wetterstationen von MeteoSchweiz oder durch Anwohner zu verifizieren seien. Aus diesen
Angaben könne eine Windhäufigkeitsverteilung für Wohnhäuser ermittelt werden, die
innerhalb des massgebenden einzuhaltenden Mindestabstands liegen würden und somit
mit übermässigen Immissionen nach Art. 2 Abs. 5 Bst. b LRV belastet werden könnten. Die
Wohnhäuser der Beschwerdeführenden in nördlicher Richtung lägen jedoch ausserhalb
des einzuhaltenden Mindestabstands und könnten deshalb nicht mit übermässigen
Immissionen belastet werden. Allfällig auftretende Windverhältnisse wie
Fallwindsituationen bzw. Berg- und Talwindsituationen würden mit einem topographisch
bedingten Zuschlag von 20 Prozent genügend berücksichtigt. Das beco beurteilt den
Standort deshalb aus meteorologischer Sicht nicht als problematisch.
Die Beschwerdeführenden haben zusammen mit ihren Schlussbemerkungen ein
meteorologisches Gutachten der Firma Meteotest eingereicht. Dieses äussert sich zu den
Häufigkeitsverteilungen der Windrichtungen in der Gemeinde Wichtrach. Es stützt sich im
Wesentlichen auf eine von MeteoSchweiz erstellte Klimatologie zu den Wind- und
Wetterverhältnissen am Regionalflugplatz Bern-Belp und führt aus, die Auswertungen des
Windfeldes am fraglichen Standort könnten auf Wichtrach übertragen werden, weil die
Topographie die bodennahe Strömung kanalisiere. Über das gesamte Jahr und bezogen
auf die Betriebszeit des Flugplatzes betrage der Anteil von Wind aus Sektor Nord rund
67 BGer 1A.58/2001 vom 12. November 2001 E. 2d 68 vgl. dazu FAT-Bericht S. 6, Sonderfälle
RA Nr. 110/2017/73 31
zwei Drittel der Zeit. Eine talaufwärts gerichtete Strömung trete im Zusammenhang mit
dem Berg-Talwindsystem und bei Wetterlagen auf, an denen sich die grossräumige
Strömung aus West- bis Nordwind im Mittelland durchsetzen würde. Dies sei in der Regel
vor, während und nach dem Durchgang von Fronten der Fall. Das Windfeld aus Sektor Süd
setze sich überwiegend aus Windgeschwindigkeiten zwischen einem und fünf Knoten
zusammen. Rein rechnerisch stagniere die Luft pro Arbeitstag am Flugplatz während rund
zwei Stunden. Im Einzelfall könne dieser Wert auch eine längere Periode umfassen. Im
Herbst und im Winter trete häufiger Stagnation auf als im Frühling und Sommer. Darin
wiederspiegle sich unter anderem der Effekt der Tageslänge. Für die Geruchsimmissionen,
die die Gemeinde Wichtrach beträfen, würden vor allem die bodennahen Strömungen aus
Sektor Süd zu Situationen beitragen, an denen die Luft stagniere. Die richtungsabhängige
Häufigkeitsverteilung der lokalen Windklimatologie zeige, dass die Südströmung vor allem
nachts, am Morgen und Abend auftrete. Die Luft stagniere, wenn entlang der Talachse kein
ausgeprägtes Druckgefälle bestehe. An Tagen mit Berg- und Talwind würden die
Stagnationen die Zeit des Richtungswechsels von einem Strömungsregime zum anderen
betreffen. Während der übrigen Zeit trete dann Stagnation auf, wenn lokal ein seichtes
Kissen von Kaltluft entstehe. Dies sei bei nächtlichem Aufklaren und an Tagen mit einer
Schneedecke, deren Temperatur nahe am Schmelzpunkt liege, der Fall. Intervalle mit
stagnierender Luft seien im Aaretal oft mit Bodennebel verbunden. Meteotest kommt
deshalb zum Schluss, der bodennahen Wind im Siedlungsgebiet "H._" der
Gemeinde Wichtrach wehe überwiegend aus den Sektoren Nord und Süd. Wind aus Süd
habe mehrheitlich eine Geschwindigkeit zwischen einem und fünf Knoten und wehe
vorwiegend zwischen dem späteren Nachmittag und dem frühen Vormittag. Stagnierende
Luft treffe in den Stunden des Windwechsels auf und an Tagen mit fehlender Berg-
Talwindzirkulation. Im Fall des Siedlungsgebietes "H._" liege insofern eine
besondere Windsituation vor, als dass das Immissionsgebiet (Quartier) während mehr als
einem Viertel der Zeit von Schwachwinden aus Richtung der Tierhaltungsanlage betroffen
sei.
Gemäss Auskunft des beco69 bringt das meteorologische Gutachten der
Beschwerdeführenden keine neuen Erkenntnisse, die seine bisherigen Beurteilungen
beeinflussen könnten. Das Gutachten sei plausibel und nachvollziehbar. Es treffe zu, dass
für die Höhe der Immissionen die Schwachwind-Situation aus Richtung Süd nach Nord
massgebend sei. Diese Situation bestehe jedoch mehrheitlich im ganzen Aare- und
69 E-Mail vom 9. Januar 2018
RA Nr. 110/2017/73 32
Gürbetal. Demnach sei diese Situation nicht so abnormal. Je grösser die Distanz, über
welche der Wind Gerüche verfrachte, desto stärker würden diese verdünnt. Deshalb
arbeite der FAT-Bericht vorwiegend mit Abständen. Im vorliegenden Fall sei ein
Mindestabstand von 181 m zur Wohnzone berechnet worden. Die Distanz zu den
Beschwerdeführenden betrage mehr als 280 m. Es bestehe also eine Reserve von mehr
als 100 m, was eine zusätzliche Verdünnung bewirke. Das beco teilt auch die Auffassung
des Gutachtens, wonach der Mastbetrieb im Ortsteil "H._" Geruchsimmissionen
verursachen werde. Diese dürften jedoch nicht übermässig sein und der Vorsorge müsse
Rechnung getragen werden. Wenn die Mindestabstände eingehalten würden, werde der
Regel der Vorsorge genügend Rechnung getragen. Dass im vorliegenden Fall trotzdem
übermässige Immissionen entstehen könnten, sei trotz der Feststellungen im Gutachten
unwahrscheinlich, da die Mindestabstände im vorliegenden Fall mehr als gut eingehalten
seien. Sollte die Gefahr von übermässigen Immissionen vertieft abgeklärt werden, müsste
ein Geruchsgutachten angefordert werden, das nicht nur die meteorologische Seite
betrachte. Die Firma Meteotest erstelle nach Wissen des beco keine solchen Gutachten,
da sie nicht über die nötigen Berechnungsmodelle verfüge.
g) Beim als Gutachten bezeichneten Bericht der Firma Meteotest handelt es sich um ein
Parteigutachten. Es besitzt nicht den gleichen Rang, wie ein von der
Verwaltungsjustizbehörde eingeholtes neutrales Gutachten oder gutachtensmässige
Ausführungen einer Amtsstelle, von denen nur aus triftigen Gründen abgewichen wird.70
Das Parteigutachten stützt sich hauptsächlich auf den von MeteoSchweiz erstellten
Arbeitsbericht Nr. 204 zu den Wind- und Wetterverhältnissen am Regionalflugplatz Bern-
Belp71. Dieser wurde für die Luftfahrt erstellt und ist nicht für andere Zwecke vorgesehen.
Er stützt sich auf Daten, die während 10 Jahren während der für den Flugverkehr
relevanten Zeit erhoben wurden. Sie umfassen also bloss einen Zeitraum von 17 und nicht
24 Stunden pro Tag.72 Es fehlen somit gesicherte Erkenntnisse für 7 Stunden. Zudem gibt
das Parteigutachten die im Arbeitsbericht Nr. 204 von MeteoSchweiz zusammengestellten
Windrichtungen und Windgeschwindigkeiten eher undifferenziert wieder. Es ist lediglich
von Wind aus den Sektoren Nord und Süd die Rede, während der Arbeitsbericht Nr. 204
eine differenzierte Darstellung der jeweiligen Windrichtungen und Windgeschwindigkeiten
enthält. Die Aussagekraft des Parteigutachtens ist deshalb beschränkt. Selbst wenn das
70 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 19 N. 8 und 16 71 Daniela Schmuki / Christoph Schmutz / Simon Rohling, Aeronautical Climatological Information Bern LSZB, Arbeitsbericht MeteoSchweiz Nr. 204, 2004, nachfolgend "Arbeitsbericht Nr. 204", einsehbar unter http://www.meteoschweiz.admin.ch, Rubriken «Service & Publikationen, Publikationen» 72 Vgl. Arbeitsbericht Nr. 204, S. 4
http://www.meteoschweiz.admin.ch
RA Nr. 110/2017/73 33
Wohnquartier im Gebiet "H._" insgesamt während mehr als einem Viertel der Zeit
von Schwachwinden aus Richtung der Tierhaltungsanlage betroffen sein sollte, heisst das
nicht, dass dies auch für die einzelnen Wohnhäuser der Beschwerdeführenden zutrifft.
Weitere Abklärungen sind allerdings nicht erforderlich, da sie für die Beurteilung aus den
nachfolgenden Gründen nicht relevant sind. Die Berechnung des Mindestabstands gemäss
FAT-Bericht erfolgt schematisch und vermag deshalb nicht allen Einzelheiten Rechnung zu
tragen. Es ist aber zulässig, aus Gründen der Rechtssicherheit und der Praktikabilität auf
eher grobe, dafür leicht handhabbare Kriterien abzustellen, auch wenn damit ein Verlust an
Einzelfallgerechtigkeit verbunden ist. Da die Topografie in der Schweiz selten eben ist,
müssten sonst in den meisten Baubewilligungsverfahren Sonderbeurteilungen durchgeführt
werden. Dies entspricht nicht dem Sinn und Zweck der Mindestabstandsregelung nach
FAT-Bericht, der eine Sonderbeurteilung nur dann verlangt, wenn besondere Verhältnisse
vorliegen. Mit dem beco ist davon auszugehen, dass im Gebiet "H._" weder
besondere topografische noch besondere Windverhältnisse herrschen, die sich von den
Verhältnissen an anderen Standorten im Aare- und Gürbetal unterscheiden würden. Das
folgt indirekt auch aus dem Parteigutachten, das sich auf Daten stützt, die für den rund 10
Kilometer entfernten Flughafen Bern-Belp erhoben wurden, und diese auf den Standort im
Gebiet "H._" überträgt. Eine eigentliche Sonderbeurteilung ist deshalb im
vorliegenden Fall nicht angezeigt. Hingegen ergibt sich aus dem Parteigutachen, dass die
Topographie im Gürbetal die bodennahe Strömung offenbar kanalisiert. Diesem Umstand
kann aber hinreichend Rechnung getragen werden, in dem bei der Geländeform
berücksichtigt wird, dass der Betrieb in einem Tal liegt, und deshalb ein Korrekturfaktor von
20 Prozent eingesetzt wird. Zudem ist gemäss FAT-Bericht eine Sonderbeurteilung nur
dann erforderlich, wenn Wohnhäuser innerhalb des Mindestabstands liegen.73 Diese
Voraussetzung ist im vorliegenden Fall auch dann nicht erfüllt, wenn zugunsten der
Beschwerdeführenden sowohl bei der Geländeform als auch bei der Lüftung jeweils der
maximale Korrekturfaktor eingesetzt wird. Es besteht deshalb kein Anlass, die
Mindestabstandsberechnung mit einer Sonderbeurteilung zu ergänzen.
h) Es ist unbestritten, dass der Betrieb der Beschwerdegegnerschaft je nach Wetterlage
und Windrichtung zu Geruchsimmissionen bei den Beschwerdeführenden führen wird. Das
haben auch die Erfahrungen mit der Feldrandkompostierung gezeigt, die auf einer
Nachbarparzelle der Baugrundstücke betrieben wurde. Diese kann aber nicht mit dem
geplanten, geschlossenen Stall verglichen werden. Erfahrungsgemäss treten
73 vgl. dazu FAT-Bericht S. 6, Sonderfälle; vgl. auch BVR 2003 S. 447 E. 2b
RA Nr. 110/2017/73 34
Geruchsimmissionen von Landwirtschaftsbetrieben nicht mit der gleichen Regelmässigkeit
auf wie beispielsweise Verkehrsimmissionen eines Einkaufszentrums.74 Dem
Zeitungsartikel über die Geflügelmasthalle in Uetendorf lässt sich entnehmen, dass die
Geruchsimmissionen bei jenem Betrieb dann am stärksten sind, wenn die Halle gereinigt
und der Hühnermist auf den umliegenden Äckern verteilt wird.75 Die
Beschwerdegegnerschaft trägt diesem Umstand insofern Rechnung, als sie den
anfallenden Mist in eine Biogasanlage geben und lediglich die Gärgülle (ohne Ammoniak)
auf die Felder bringen wird. Zudem hat sie bereits im Rahmen des
Baubewilligungsverfahrens mitgeteilt, sie werde die Pouletmasthalle zusätzlich mit einem
Abluftreinigungssystem versehen. Dies bestätigt sie auch in ihrer Beschwerdeantwort.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der massgebende Mindestabstand
gemäss FAT-Bericht bei weitem eingehalten ist. Dem Vorsorgeprinzip wird genügend
Rechnung getragen. Anhaltspunkte, dass der Betrieb der Pouletmasthalle zu
übermässigen Immissionen führen könnte, sind keine vorhanden. Die
Beschwerdeführenden haben zudem keinen Anspruch darauf, dass die Anlage geruchsfrei
funktioniert.
9. Lärmimmissionen
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, das Vorhaben werde unzulässige
Lärmimmissionen hervorrufen. Diese würden vorab durch die An- und Ablieferung, die
Maschineneinsätze, Lüftungen, Kühlaggregate und durch die Tiere verursacht. Das beco
habe die konkrete Situation vor Ort unberücksichtigt gelassen und auf die Meinung des
Projektverfassers abgestellt. So seien die Windsituation und die nächtlichen
Lastwagenfahrten nicht berücksichtigt worden. Die Beschwerdeführenden verweisen auf
die bundesgerichtliche Praxis, wonach die Behörde zur Durchführung eines Beweis- und
Ermittlungsverfahrens verpflichtet sei, wenn Grund zur Annahme bestehe, dass die
Belastungswerte überschritten werden könnten. Sie beantragen deshalb, dass die konkrete
Situation vor Ort im Detail geprüft wird.
b) Die Emissionen einer neuen Anlage sind im Rahmen der Vorsorge so weit zu
begrenzen, wie dies technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar ist (Art. 11
74 Vgl. BGE 133 II 370 E. 6.4 75 Vgl. Beschwerdebeilage Nr. 9
RA Nr. 110/2017/73 35
Abs. 2 USG und Art. 7 Abs. 1 Bst. a LSV). Eine neue Anlage darf nur errichtet werden,
wenn die durch sie allein erzeugten Lärmimmissionen in ihrer Umgebung zu keiner
Überschreitung der Planungswerte führen (Art. 25 Abs. 1 USG; Art. 7 Abs. 1 Bst. b LSV).
Besteht ein überwiegendes öffentliches, namentlich auch raumplanerisches Interesse an
der Errichtung einer Neuanlage und würde die Einhaltung der Planungswerte zu einer
unverhältnismässigen Belastung für das Projekt führen, so können Erleichterungen
gewährt werden, wobei die Immissionsgrenzwerte nicht überschritten werden dürfen (Art.
25 Abs. 2 USG; im gleichen Sinne Art. 7 Abs. 2 LSV). Die LSV enthält jedoch nicht für alle
Lärmarten Belastungsgrenzwerte. Solche fehlen insbesondere für sogenannten
"untechnischen" Alltagslärm. Fehlen Belastungsgrenzwerte, so beurteilt die
Vollzugsbehörde die Lärmimmissionen nach Art. 15 USG, unter Berücksichtigung der Art.
19 und 23 USG (Art. 40 Abs. 3 LSV). Nach Art. 15 USG sind die Immissionsgrenzwerte für
Lärm so festzulegen, dass nach dem Stand der Wissenschaft oder der Erfahrung
Immissionen unterhalb dieser Werte die Bevölkerung in ihrem Wohlbefinden nicht erheblich
stören. Im Rahmen dieser Einzelfallbeurteilung sind der Charakter des Lärms, Zeitpunkt
und Häufigkeit seines Auftretens sowie die Lärmempfindlichkeit bzw. Lärmvorbelastung zu
berücksichtigen. Dabei ist nicht auf das subjektive Lärmempfinden einzelner Personen
abzustellen, sondern eine objektivierte Betrachtung unter Berücksichtigung von Personen
mit erhöhter Empfindlichkeit (Art. 13 Abs. 2 USG) vorzunehmen.76
Nach Art. 36 Abs. 1 LSV ermittelt die Vollzugsbehörde die Aussenlärmimmissionen
ortsfester Anlagen oder ordnet deren Ermittlung an, wenn sie Grund zur Annahme hat,
dass die massgebenden Belastungsgrenzwerte überschritten sind oder ihre
Überschreitung zu erwarten ist. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist die
Behörde zur Durchführung eines Beweis- und Ermittlungsverfahrens verpflichtet, ohne
dass ihr insoweit noch ein Ermessensspielraum zusteht, wenn Grund zur Annahme
besteht, dass die Belastungsgrenzwerte überschritten werden. Dabei dürfen keine hohen
Anforderungen an die Wahrscheinlichkeit einer Überschreitung der Planungswerte gestellt
werden. Setzt die Erteilung der Baubewilligung eine positive Prognose zur Einhaltung der
Planungswerte voraus, so sind weitere Ermittlungen in Form einer Lärmprognose (im Sinne
von Art. 25 Abs. 2 erster Satz und Art. 36 ff. LSV) schon dann geboten, wenn eine
Überschreitung der Planungswerte möglich erscheint bzw. beim aktuellen Kenntnisstand
nicht ausgeschlossen werden kann.77
76 BGE 133 II 292 E. 3.3 77 BGE 137 II 30 E. 3.4 mit Hinweisen
RA Nr. 110/2017/73 36
c) Die Bauparzellen befinden sich in der Landwirtschaftszone. Es gelten die
Bestimmungen der Empfindlichkeitsstufe III (Art. 10 Abs. 2 GBR). Die Liegenschaften der
Beschwerdeführenden befinden sich in den Wohnzonen W1 und W2. Es gelten die
Bestimmungen der Empfindlichkeitsstufe II (Art. 2 Abs. 3 GBR). Die Vorinstanz stützte sich
bei der Beurteilung der Lärmimmissionen auf den Fachbericht des beco vom 6. April 2016.
Dieses beurteilte den geplanten Betrieb gestützt auf das Baugesuch und auf eine inhaltlich
nicht näher bezeichnete Rücksprache mit dem Projektverfasser als unproblematisch. Als
lärmrelevant beurteilte es die Anlagen der Haustechnik sowie den Güterverkehr und -
umschlag auf dem Betriebsgelände. Unter Berücksichtigung der Distanz zu den Wohn- und
Arbeitszonen von über 200 m kam es zum Schluss, eine unzulässige Lärmbelastung
gegenüber den Anliegern sei nicht zu erwarten. Den Güterverkehr und -umschlag auf dem
Betriebsgelände beurteilte es als kaum massgebend bezüglich Lärmimmissionen.
Bezüglich der haustechnischen Anlagen stellte es fest, dass der Lärm durch die
Gebäudehülle gedämmt wird. Es verlangte mittels Auflage die Einhaltung der
Vorsorgewerte des beco am Immissionsort. Es trifft somit nicht zu, dass das beco die
konkrete Situation vor Ort nicht berücksichtigte und dass es sich vorab auf die
Parteimeinung des Projektverfassers abstützte.
d) Gemäss Angaben der Beschwerdegegnerschaft wird während einer Mastdauer zwei-
bis dreimal Futter angeliefert. Es finden pro Jahr sieben bis acht Umtriebe statt. Für das
Abführen der Poulets braucht es jeweils rund drei Lastwagen.78 Es geht somit um
insgesamt 48 Transporte pro Jahr. Angesichts der sehr geringen Anzahl Fahrten ist die
Beurteilung des beco, der Güterverkehr sei kaum massgeblich für die Lärmimmissionen,
ohne weiteres nachvollziehbar. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um Tages- oder
Nachtverkehr handelt. Weitere Abklärungen zum Thema Strassenverkehrslärm waren
deshalb nicht erforderlich. Der Warenumschlag wird auf dem Hofplatz zwischen den
Gebäuden stattfindet und bereits dadurch gedämpft werden. Sowohl der Lärm der
haustechnischen Anlagen als auch der Tierlärm entstehen im Gebäudeinneren und werden
von der Gebäudehülle gedämmt. Der Lärm wird zusätzlich durch die Abstandsdämpfung
gemindert. Angesichts der grossen Entfernung zwischen dem Betrieb der
Beschwerdegegnerschaft und den Liegenschaften der Beschwerdeführenden wird dieser
78 Vgl. dazu 2. Entwurf des Protokolls der Sitzung vom 2.11.2017 (Beilage 3 zu den Schlussbemerkungen der Beschwerdeführenden);
RA Nr. 110/2017/73 37
Lärm erfahrungsgemäss nicht von grosser Bedeutung sein.79 Aus diesen Gründen kann
eine massgebliche Überschreitung der Planungswerte beim heutigen Kenntnisstand
ausgeschlossen werden. Weitere Lärmermittlungen oder Abklärungen sind deshalb nicht
erforderlich.
10. Ungenügende Erschliessung
a) Die Beschwerdeführenden bestreiten, dass eine genügende bestehende
Erschliessung vorliegt. Sie machen geltend, die Erschliessung des Vorhabens sei über die
M._strasse geplant. Diese führt durch die Landwirtschaftszone und sei mit einem
Fahrverbot belegt. Die M._strasse sei bis anhin nicht als Erschliessungsstrasse
benutzt worden. Die Zu- und Wegfahrt zum Geflügelmastbetrieb erfordere den Einsatz von
40-Tönnern. Dies schaffe zusammen mit dem Verkehr, der durch die Einstellhalle mit
Lagerraum hervorgerufen werde, einen erheblichen Mehrverkehr auf der
M._strasse. Ein Erschliessungskonzept liege nicht vor. Die Beschwerdeführenden
gehen davon aus, dass 80 - 90 Fahrten pro Jahr anfallen. Es sei unerklärlich, warum die
Vorinstanz diese Erschliessungssituation als genügend bezeichnen konnte, habe sie doch
nicht einmal einen Fachbericht eingeholt. Die Erschliessung zur geplanten Pouletmasthalle
führe durch ein ruhiges Wohnquartier. Künftig müssten Anwohner, deren Häuser sich in
der Wohnzone befänden, damit rechnen, dass nachts und in den frühen Morgenstunden
Lastwagen das Wohnquartier durchqueren würden. Dieses hohe Verkehrsaufkommen in
der Nacht und in den frühen Morgenstunden sei mit dem Sinn und Zweck einer Wohnzone
nicht vereinbar. Die geplante Erschliessung widerspreche den Anliegen der Raumplanung.
Eine solche Erschliessung sei nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung nicht
bewilligungsfähig. Zudem sei die Verkehrssicherheit nicht gewährleistet. Die Strasse sei zu
schmal. Ein Kreuzen von Motorahrzeugen sei kaum möglich. Eine genügende
Verkehrssicherheit sei umso wichtiger, weil die M._strasse als Schulweg diene.
b) Eine wichtige Voraussetzung für die Baubewilligung ist, dass das Baugrundstück
genügend erschlossen ist (Art. 22 Abs. 2 RPG und Art. 7 Abs. 1 BauG). Das bernische
Recht regelt die Anforderungen an die hinreichende Erschliessung in den Art. 7 und 8
BauG sowie in den Art. 3 ff. BauV näher. Die Erschliessung ist unter anderem dann
genügend, wenn die Zufahrtsstrasse hinreichend nahe an Bauten und Anlagen heranführt
79 Vgl. dazu auch BVR 2003 S. 447 E. 2a
RA Nr. 110/2017/73 38
und diese für Feuerwehr und Sanität gut erreichbar sind (Art. 7 Abs. 2 Bst. a BauG). Die
Erschliessungsanlagen müssen den Beanspruchungen gewachsen sein, die sich aus der
Nutzung des Baugrundstücks und der weiteren Grundstücke ergeben können, denen sie
nach der Planung zu dienen bestimmt sind (Art. 7 Abs. 3 BauG). Benachbarte
Grundeigentümer haben ihre Erschliessungsanlagen aufeinander abzustimmen und,
soweit nötig, gemeinsam zu erstellen (Art. 7 Abs. 4 Satz 1 BauG). Der Regierungsrat
umschreibt die Anforderungen an eine genügende Erschliessung näher (Art. 8 Abs. 1
BauG). Er ordnet namentlich auch die Fälle, in denen eine bestehende
Erschliessungsstrasse als genügend geltend kann, obgleich sie den Anforderungen an
eine Neuerschliessung nicht entspricht (Art. 8 Abs. 2 Bst. a BauG) und die für besondere
Fälle möglichen Erleichterungen oder geltenden strengeren Anforderungen (Art. 8 Abs. 2
Bst. b BauG). So genügen bestehende Erschliessungsstrassen in einem weitgehend
überbauten Gebiet oder ausserhalb der Bauzone, wenn die insgesamt zu erwartende
Mehrbelastung verhältnismässig gering ist und Verkehrssicherheit und Brandbekämpfung
gewährleistet sind (Art. 5 Abs. 1 Bst. a BauV).
Die zu erwartende Mehrbelastung wird aufgrund der geltenden Zonenvorschriften und des
bestehenden Verkehrsaufkommens beurteilt. Für die insgesamt zu erwartenden
Mehrbelastung ist auf die nach den geltenden Zonenvorschriften gesamthaft mögliche
Nutzung abzustellen. Die Mehrbelastung muss im Verhältnis zum gegenwärtigen
Verkehrsaufkommen verhältnismässig gering sein. Eine Verdoppelung des
Verkehrsaufkommens bedeutet aber nicht automatisch, dass die Mehrbelastung nicht mehr
gering ist. Andernfalls wäre bei einer Erschliessungsstrasse, die nur einer Wohnung dient,
das Bauen einer weiteren Wohnung unzulässig. Entscheidend ist vielmehr, ob der zu
erwartende Mehrverkehr im konkreten Fall gering ist. Für die Beurteilung wesentlich sind
dabei die örtlichen Verhältnisse (bisherige Nutzung, Fahrbahnbreite, Länge und
Übersichtlichkeit der Zufahrt) sowie die Benützerkategorien (Personenwagen, Lastwagen,
Schulkinder, usw.).80 In Art. 6 ff. BauV sind die Anforderungen an die Zufahrt vom
allgemeinen Strassennetz zum Baugrundstück geregelt. Bei der Strassengestaltung,
insbesondere bei der Bemessung der Fahrbahnbreite, ist auf die Verkehrssicherheit sowie
auf Landschaft und Ortsbild Rücksicht zu nehmen; besonderen Verhältnissen ist Rechnung
zu tragen (Art. 6 Abs. 3 BauV). Für die Fahrbahnbreite sieht Art. 7 BauV Mindest- und
Maximalwerte vor. Diese sind nach Massgabe der Verkehrsbelastung zu bestimmen (Art. 7
Abs. 1 BauV). So soll die Fahrbahnbreite bei Strassen mit Gegenverkehr grundsätzlich
80 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 7/8 N 10 Bst b: VGE 2011/206 vom 4. Mai 2012 E. 7.2
RA Nr. 110/2017/73 39
4.2 m nicht unterschreiten (Art. 7 Abs. 2 BauV). Bei Quartiersammelstrassen darf die
Fahrbahnbreite höchstens 6 m, bei den übrigen Strassen höchstens 5 m erreichen (Art. 7
Abs. 4 BauV). Allerdings kann bei besonderen Bedürfnissen, z.B. in der Industriezone,
ausnahmsweise von dieser Bestimmung abgewichen werden.81
c) Die Pouletmasthalle und die Einstellhalle werden direkt ab der M._strasse
erschlossen. Die Zufahrt zum Wohngebäude erfolgt wie bis anhin ab der
M._strasse über die I._strasse. Die Zufahrt mit Lastwagen erfolgt
ausschliesslich über die M._strasse, da die I._strasse nicht für
Schwerverkehr ausgebaut ist.82 Die M._strasse ist eine Gemeindestrasse. Sie
verläuft ab der Talgutstrasse zwischen der Autobahn A6 und der Eisenbahnlinie in
Richtung Kiesen. Sie erschliesst auf den ersten 200 m den westlichen Teil des
Wohnquartiers H._ und anschliessend die daran angrenzende
Landwirtschaftszone. Ab der Talgutstrasse verläuft sie zuerst in südöstlicher Richtung am
Rand des Wohngebiets. Im Bereich der L._strasse weist sie eine leichte
Rechtskurve auf und verläuft anschliessen gerade und parallel zur Autobahn in südlicher
Richtung. Ab der Einmündung K._weg gilt ein Fahrverbot für Autos und
Motorräder. Zubringerdienst ist gestattet. Die M._strasse weist Breiten von
4.56 bis 6.09 m auf. Im Bereich des Wohnquartiers beträgt die Breite zwischen 6.09 m und
5.11 m, ab dem Fahrverbot bis zur Bauparzelle beträgt die Breite zwischen 5.08 m und
5.04 m. Über die M._strasse führen gemäss kantonalem Sachplan Veloverkehr83
sowohl eine Hauptverbindung für den Alltagsverkehr (von Münsingen bis Kiesen) als auch
zwei wichtige Routen des Freizeitverkehrs, nämlich die nationale Velolandroute Nr. 8
(Aare-Route von Oberwald bis Koblenz) und die regionale Velolandroute Nr. 64
(Lötschberg - Jura).
d) Bei der M._strasse handelt es sich um eine bestehende
Erschliessungsanlage. Anders als die Beschwerdeführenden geltend machen, dient sie
bereits heute als Erschliessungsstrasse für die Landwirtschaftszone. Das Fahrverbot
unterbindet zwar den motorisierten Durchgangsverkehr, gilt aber nicht uneingeschränkt.
Viel mehr ist der Zubringerdienst gestattet und die Gemeindestrasse ist zudem für den
Schwerverkehr ausgebaut. Die zu erwartende Mehrbelastung, die von den
Beschwerdeführenden auf 80 bis 90 Lastwagenfahren pro Jahr beziffert wird, ist sehr
81 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 7/8 N. 17 82 Vgl. Amtsbericht Baupolizeibehörde 2 vom 26. Mai 2016, Vorakten pag. 537 83 Einsehbar im Geoportal des Kantons Bern <https://www.geo.apps.be.ch>
RA Nr. 110/2017/73 40
gering, handelt es sich doch bloss um ein bis zwei zusätzlichen Fahrten pro Woche.
Gemäss Angaben der Gemeinde wird die M._strasse zwar vereinzelt als
Schulweg genutzt, es handelt sich dabei jedoch nicht um die Hauptroute der Schülerinnen
und Schüler. Aufgrund der Lage und des Einzugsgebiets der Schulen (insbesondere der
Sekundarschule) erscheinen diese Angaben als plausibel, sind aber letztlich nicht
entscheidrelevant. Unbestritten ist auch, dass es sich bei der M._strasse um eine
wichtige Route für den Veloalltags- und Velofreizeitverkehr handelt. Dies ergibt sich bereits
aus dem Sachplan Veloverkehr. Mangels Velozählanlage auf der M._strasse sind
zwar keine genauen Zahlen bekannt, mit den Beschwerdeführenden ist aber davon
auszugehen, dass sich die durchschnittliche Anzahl Velofahrten in einem ähnlichen
Rahmen bewegt, wie bei der Velozählstelle Münsingen.84 Die M._strasse gehört
sicher zu den stark befahrenen Routen auf dem Land. In der Stadt und in der
Agglomeration gibt es aber Routen mit einer deutlich höheren Anzahl Velos.
Die M._strasse verläuft gerade und ist übersichtlich. Sie ist gemäss Norm SN 640
201 "Geometrisches Normalprofil" der Vereinigung Schweizerischer Strassenfachleute
VSS breit genug für den Begegnungsfall zwischen Fahrradfahrenden und schweren
Lastfahrzeugen. Die eher selten zu erwartenden Kreuzungs- oder Überholmanöver
zwischen Lastwagen und Fahrradfahrenden oder Fussgängerinnen- und Fussgängern sind
somit gefahrlos möglich. Die Verkehrssicherheit auf der M._strasse ist deshalb
weiterhin gewährleistet. Wie die Beschwerdeführenden zwar zu Recht festhalten, hat das
Bundesgericht in einem Entscheid die Erschliessung mittels Lastwagen durch
Wohngebiete als unzulässig erklärt. Hintergrund war allerdings, dass die Erschliessung von
Abbau- und Deponiezonen durch Wohngebiete Planungsgrundsätzen gemäss Art. 3 Abs. 3
Bst. a und b RPG widersprach.85 Im vorliegenden Fall geht es jedoch nicht um die
Erschliessung einer Abbau- und Deponiezone. Die M._strasse dient bereits heute
auch der Erschliessung der Landwirtschaftszone. Zudem führt sie nicht mitten durch ein
Wohnquartier, sondern an dessen westlichem Rand entlang und bildet die Grenze zu einer
Wohn- und Arbeitszone bzw. zur Landwirtschaftszone. Die bestehende Erschliessung
genügt, weil die zu erwartende Mehrbelastung gering und die Verkehrssicherheit
gewährleisten ist. Zudem entspricht die M._strasse auch den Vorgaben von Art. 7
BauV für eine neue Zufahrt. Sie entspricht deshalb den Anforderungen an eine genügende
Erschliessung.
84 Vgl. SchweizMobil, Velozähldatenzentrale, Auswertung 2016, Beilage 1 zu den Schlussbemerkungen der Beschwerdeführenden 85 BGE 127 I 103 E. 7f; vgl auch BVR 2007 321 E. 5
RA Nr. 110/2017/73 41
11. Fehlende Umweltverträglichkeitsprüfung
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, sie hätten in ihrer Einsprache die
Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) verlangt. Die Vorinstanz habe
sich zu dieser Rüge nicht geäussert und damit den Anspruch der Beschwerdeführenden
auf rechtliches Gehör verletzt. Die Beschwerdeführenden würden befürchten, dass in der
Halle nicht 18'000, sondern 22'400 bis 27'000 Mastpoulets eingestallt würden. Deshalb sei
eine UVP erforderlich.
b) Nach Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG86 muss eine Verfügung eine Begründung enthalten.
Eine Begründung muss so abgefasst sein, dass die Betroffenen die Verfügung sachgerecht
anfechten können. Es müssen wenigstens kurz die Überlegungen genannt werden, von
denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt. Die Behörde
muss jedoch nicht auf jedes Argument der Parteien eingehen; es genügt, wenn sie sich mit
den wesentlichen Gesichtspunkten auseinandergesetzt hat.87 Einige Beschwerdeführende
verlangten in ihren Einsprachen unter anderem die Durchführung einer UVP. Es trifft zu,
dass die Vorinstanz dazu nicht ausdrücklich Stellung nahm. Sie setzte sich jedoch
ausführlich mit den zahlreichen, wesentlichen Rügen der Beschwerdeführenden
auseinander und führte zum Schluss aus, im Übrigen habe die ausführliche Prüfung der
Baugesuchsakten ergeben, dass das Bauvorhaben den bau- und planungsrechtlichen
Vorschriften sowie den nach anderen Gesetzen im Baubewilligungsverfahren zu prüfenden
Vorschriften entspreche. Damit hielt sie implizit fest, dass nach ihrer Beurteilung keine UVP
erforderlich war. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt deshalb nicht vor. Im
Übrigen könnte die BVE eine allfällige Gehörsverletzung heilen.
c) Der UVP unterstellt sind Anlagen, die Umweltbereiche erheblich belasten können, so
dass die Einhaltung der Vorschriften über den Schutz der Umwelt voraussichtlich nur mit
projekt- oder standortspezifischen Massnahmen sichergestellt werden kann (Art. 10a Abs.
2 USG). Die Anlagen sind im Anhang der UVPV88 aufgeführt (Art. 10a Abs. 3 USG i.V.m.
Art. 1 UVPV). Gemäss Anhang Ziff. 80.4 UVPV unterstehen Anlagen für die Haltung
86 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 87 BVR 2013 S. 443 E. 3.1.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 5 88 Verordnung des Bundesrates vom 19. Oktober 1988 über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVPV; SR 814.011)
RA Nr. 110/2017/73 42
landwirtschaftlicher Nutztiere der UVP, wenn die Gesamtkapazität des Betriebs 125
Grossvieheinheiten (GVE) übersteigt. Für die Umrechnung der landwirtschaftlichen
Nutztiere der verschiedenen Kategorien in GVE gelten die Faktoren im Anhang der
Landwirtschaftlichen Begriffsverordnung89 (Art. 27 Abs. 1 LBV). Gemäss Anhang Ziff. 8.3
LBV gilt für Mastpoulets jeden Alters ein Faktor von 0,004 pro Tier. Die maximale und
damit auch bewilligte Anzahl Mastpoulets wird im Baugesuch mit 18'000 angegeben. Dies
ergibt eine GVE von 72. Die Grenze der UVP-Pflicht wird somit deutlich unterschritten.
12. Belastung von Boden und Grundwasser
a) Die Beschwerdeführenden rügen, dass das geplante Vorhaben das Grundwasser
gefährde und dass die geplante Entwässerung nicht den Vorschriften entspreche. Das
Bauvorhaben sehe zudem eine grossflächige Versieglung des Bodens vor, was mit dem
Schutz der Grünfläche nicht vereinbar sei. Die geplante Jauchegrube sei auf den Plänen
nicht eingezeichnet. Die Beschwerdeführenden bestreiten, dass die vom AWA
vorgesehenen Auflagen genügen, um eine umweltverträgliche Grundstückentwässerung
sicherzustellen. Es sei insbesondere fraglich, ob der Fachstelle sämtliche relevanten
Unterlagen bei der Prüfung des Vorhabens vorgelegen hätten. Es wäre Sache der
Vorinstanz gewesen, diese Rügen der Beschwerdeführenden detailliert zu prüfen. Sie
dürfe sich ihrer Prüfungspflicht nicht mit einem pauschalen Verweis auf die fraglichen
Amts- und Fachberichte entledigen.
b) Das Bauvorhaben erfordert neben der Baubewilligung nach Art. 32 ff. BauG unter
anderem auch eine Gewässerschutzbewilligung nach Art. 11 KGschG90. Zuständig für die
Erteilung dieser Bewilligung wäre an sich das AWA (vgl. Art. 11 Abs. 2 und 3 KGSchG
i.V.m. Art. 10 Abs. 1 Bst. a, c und f OrV BVE). Die Koordination der beiden Verfahren
richtet sich allerdings nach dem Koordinationsgesetz (Art. 2a Abs. 1 BauG und Art. 1 KoG).
Demnach ist im Baubewilligungsverfahren als Leitverfahren ein Gesamtentscheid zu fällen,
welcher die sonst selbständigen Verfügungen und Entscheide zusammenfasst (Art. 4
Abs. 1, 5 Abs. 1 und 9 Abs. 1 KoG). Verfügende Behörde ist deshalb die Leitbehörde. Die
Amtsstellen, welche ausserhalb eines koordinierten Verfahrens für die Erteilung einer
Bewilligung zuständig wären, reichen der Leitbehörde einen Amtsbericht mit Anträgen ein
89 Verordnung vom 7. Dezember 1998 über landwirtschaftliche Begriffe und die Anerkennung von Betriebsformen (Landwirtschaftliche Begriffsverordnung, LBV; SR 910.91) 90 Kantonales Gewässerschutzgesetz vom 11. November 1996 (KGSchG; BSG 821.0)
RA Nr. 110/2017/73 43
(Art. 6 Abs. 1 Bst. a KoG). Dieser ersetzt die jeweilige Verfügung.91 Die Amtsberichte
unterliegen wie die Fachberichte der freien Beweiswürdigung durch die Leitbehörde. Diese
kann davon abweichen, wenn sie die Beurteilung der anderen Behörden und Fachstellen
aufgrund der Interessenabwägung oder aus anderen rechtlichen Gründen nicht teilt oder
wenn sie Widersprüche unter den Amtsberichten feststellt. Allerdings muss sie in diesem
Fall vor dem Entscheid mit den betroffenen Amtsstellen ein Bereinigungsgespräch führen
(Art. 8 Abs. 1 KoG). Ist eine Einigung nicht möglich, so entscheidet die Leitbehörde. Dabei
darf sie nicht einfach willkürlich von einem Antrag in einem Amtsbericht abweichen können.
Es müssen viel mehr triftige Gründe vorliegen, um von der Auffassung der fachlich
spezialisierten Amtsstelle abzuweichen 92 Im vorliegenden Fall beurteilte die Vorinstanz
den Amtsbericht des AWA offensichtlich als schlüssig. Sie durfte deshalb im
Gesamtentscheid darauf verweisen.
c) Den Akten lässt sich entnehmen, dass das AWA das Vorhaben gründlich geprüft hat.
Es hat unter anderem eine Vervollständigung der Gesuchsunterlagen verlangt.93 Die
Beschwerdegegnerschaft reichte die fraglichen Unterlagen in der Folge ein (insbesondere
Angaben zum Grundwasserspiegel, Berechnungsunterlagen und Pläne für die
Versickerungsmulde, Schnitt der Güllengrube, Entwässerungs- und Kanalisationsplan,
hydrogeologische Baugrundbeurteilung).94 Das AWA verfügte somit über die für die
Beurteilung erforderlichen Unterlagen. Die Jauchegrube ist – wie vom AWA verlangt – in
den Plänen eingezeichnet und zwar unter dem Titel "Waschwasserbehälter". Dabei handelt
es sich um das Reinigungswasser des Stalls, das aus technischer Sicht Jauche darstellt
(vgl. dazu Amtsbericht AWA vom 28. April 2016, Ziff. 1, 1.5)95. Die Beschwerdeführenden
legen nicht dar und es ist auch nicht erkennbar, inwiefern das Vorhaben das Grundwasser
gefährden könnte, zumal der Boden des Stalls und des Wintergartens betoniert ist. Ebenso
wenig wird dargelegt, inwiefern die geplante Entwässerung nicht den Vorschriften
entsprechen soll. Dem Bodenschutz wurde mittels Auflagen hinreichend Rechnung
getragen. Aus gewässerschutzrechtlicher Sicht ist das Vorhaben deshalb
bewilligungsfähig.
91 Heidi Walther Zbinden, Amtsberichte im Baubewilligungsverfahren, in KPG-Bulletin 6/2002 S.163 ff., Ziff. 4.1. 92 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 2a N. 6; Heidi Walther Zbinden, Amtsberichte im Baubewilligungsverfahren, in KPG-Bulletin 6/2002 S.163 ff., Ziff. 4.2; Heidi Walther Zbinden, Kurzkommentar zum Koordinationsgesetz (1. Teil), in KPG-Bulletin 2/1996, S. 22 ff., Heidi Walther Zbinden, Kurzkommentar zum Koordinationsgesetz (2. Teil), in KPG-Bulletin 3/1996, S. 6. 93 Vgl. Schreiben AWA vom 14. März 2016, Vorakten pag. 089 94 Vgl. Schreiben des Regierungsstatthalteramts Bern-Mittelland, Vorakten pag. 115 95 Vorakten pag. 477
RA Nr. 110/2017/73 44
13. Interessenabwägung
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, eine Bewilligung dürfe nur erteilt werden,
wenn der Baute oder Anlage am vorgesehenen Standort keine überwiegenden Interessen
entgegenstünden. Eine seriöse Abwägung zwischen dem Kulturlandschutz und den
bäuerlichen Interessen sei wichtig. Für den Standort der Bauten seien deshalb nicht nur
betriebliche, sondern auch raumplanerische Gründe (Kulturlandverlust, Landschaftsschutz)
massgebend. Zu prüfen sei immer, ob das Vorhaben in einem bestehenden Gebäude
realisiert werden könne. Die Vorinstanz hat es in pflichtwidriger Weise unterlassen, eine
Interessenabwägung vorzunehmen. Die Beschwerdegegnerschaft müsste nachweisen,
dass die Baute oder Anlage am vorgesehenen Standort objektiv notwendig sei, und dass
nach Abwägung aller Interessen kein anderer, besser geeigneter Standort in Betracht
komme. Überdies verlange der Konzentrationsgrundsatz, dass der Standort in der Regel
beim landwirtschaftlichen Betriebszentrum liege. Die Vorinstanz habe weder geprüft, ob
der gewählte Standort notwendig sei noch habe sie eine Abwägung der widerstrebenden
Interessen vorgenommen. Sie sei zum diametral falschen Schluss gekommen, dass die
Beschwerdegegnerschaft in der Standortwahl frei sei. Das Projekt solle nicht in der Nähe
des bestehenden Betriebsstandortes errichtet werden. Die Beschwerdegegnerschaft plane
vielmehr, den Betriebsstandort in das freie Landschaftsgebiet im Grüngürtel der Aareebene
zu verlegen. Ein geeigneter Alternativstandort würde sich auf einem benachbarten
Grundstück befinden, das an die Gewerbezone N._ angrenze. Dieser würde den
Grundsätzen des Konzentrationsprinzips nicht widersprechen, weil er direkt neben einer
bestehenden grossflächigen Gewerbebaute liege, an die Autobahn angrenze und sich
damit optimal in die bestehende Umgebung einordne. Der gewählte Standort lasse sich
nicht rechtfertigen. Die Interessen am Kulturlandschutz, an der Beibehaltung des
Naherholungsgebietes und eines nicht verbauten und verschandelten Grüngürtels der
Aareebene würden die bäuerlichen Einzelinteressen überwiegen. Die geplante
Pouletmasthalle eine der Beschwerdegegnerschaft nicht der Existenzsicherung. Die
Interessenabwägung falle unter Berücksichtigung des gegebenen Alternativstandortes
umso deutlicher zu Ungunsten der Beschwerdegegnerschaft aus.
RA Nr. 110/2017/73 45
b) Die erforderliche Interessenabwägung ist Bestandteil der Beurteilung der
Zonenkonformität.96 Die Interessenabwägung liegt daher in der Zuständigkeit jener
Behörde, die über die Zonenkonformität entscheidet. Dies ist gemäss Art. 25 Abs. 2 RPG
bei allen im Sinne von Art. 22 RPG bewilligungspflichtigen Bauten und Anlagen ausserhalb
der Bauzone zwingend eine einzige kantonale Behörde.97 Diese Regelung dient der
Sicherstellung eines einheitlichen Vollzugs in den für die geordnete Besiedlung des Landes
entscheidenden Fragen der Zonenkonformität und der Erteilung von
Ausnahmebewilligungen.98 Die vorgeschriebene umfassende Interessenabwägung soll
eine koordinierte Gesamtbeurteilung in materieller Hinsicht gewährleisten, indem die
Berücksichtigung aller in Frage stehender Interessen sichergestellt wird. Im Kanton Bern ist
dafür das AGR zuständig (vgl. E. 5 b). In seiner Verfügung vom 20. März 2017 nahm das
AGR zu den Rügen der Einsprecherinnen und Einsprecher Stellung und nahm in diesem
Zusammenhang zumindest die erste Stufe der Interessenabwägung vor. Im Übrigen hatte
sich das AGR bereits im Rahmen der Voranfrage mit der Interessenabwägung befasst und
darauf hingewiesen, im konkreten Fall stelle sich die Frage, ob die geplanten Bauten
aufgrund ihrer Dimensionen das Landschaftsbild nicht nachteilig zu beeinträchtigen
vermöchten. Es verlangte deshalb den Beizug der OLK.99
c) Es trifft zu, dass gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung immer geprüft werden
muss, ob das Vorhaben in einem bestehenden Gebäude realisiert werden kann. Wie die
Beschwerdeführenden selber einräumen, ist dies jedoch bei Mastbetrieben selten der Fall.
Sie machen weder geltend noch ist ersichtlich, dass die Pouletmasthalle und die
Einstellhalle mit Lagerraum in einem bestehenden Gebäude eingerichtet werden könnte.
Weder am geplanten noch am aktuellen Betriebsstandort der Beschwerdegegnerschaft
noch an den von den Beschwerdeführenden genannten Alternativstandorten gibt es ein
bestehendes, genügend grosses Gebäude, das dafür verwendet werden könnte. Es trifft
auch zu, dass gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung der Abbruch nicht mehr
benötigter Bauten geprüft werden muss. Die Beschwerdeführenden machen jedoch nicht
geltend und es ist auch nicht ersichtlich, welche nicht mehr benötigten Bauten in der
Landwirtschaftszone abgebrochen werden könnten, zumal der aktuelle Betriebsstandort
der Beschwerdegegnerschaft seit der letzten Ortsplanungsrevision der Wohn- und
Gewerbezone zugewiesen worden ist. Pouletmasthalle und die Einstellhalle mit Lagerraum
96 BGer 1A.154/2002 vom 22.1.2003 E. 1.2; BGE 125 II 278 E. 3a, 122 II 160 E. 3.a, 121 II 307 E. 3.b, 118 Ib 335 E. 2.b; Waldmann/Hänni, Handkommentar RPG, 2006, Art. 16a N 5, 1. Lemma 97 Vgl. dazu BGE 128 I 254 98 dazu BGE 128 I 254 E. 3.8.4 99 Vgl. Vorakten pag. 059 f.
RA Nr. 110/2017/73 46
werden nicht auf dem freien Feld sondern neben zwei bereits bestehenden Bauten geplant.
Dem Konzentrationsprinzip wird somit Rechnung getragen, umso mehr als die
Beschwerdegegnerschaft auch ihren Wohnsitz an den neuen Standort verlegt.
d) Seit der Einzonung des heutigen Betriebsstandortes in die Bauzone plant die
Beschwerdegegnerschaft eine Betriebsverlegung. Zudem will sie den Betrieb neu
ausrichten, um dem Wandel in der Landwirtschaft Rechnung zu tragen. Vor Einreichung
des Baugesuchs nahm sie eine Standortanalyse vor, trafen Abklärungen bei den
kommunalen und kantonalen Behörden, erwarb die Liegenschaft "O._" samt
Kulturland und reichten eine Voranfrage ein.100 Sie begründet ihre Standortwahl im
vorinstanzlichen Verfahren folgendermassen: Der gewählte Standort liege mitten in der
grössten zusammenhängenden Fläche ihres Betriebes. Strom und Wasser seien auf der
Bauparzelle bereits vorhanden. Die Zufahrt könne von der M._strasse erfolgen.
Das Bauvorhaben gliedere sich an ein bestehendes Bauernhaus an. Alternative Standorte,
insbesondere am J._weg 10 und entlang der Autobahn seien geprüft worden. In
beiden Fällen verhindere der ungenügende Abstand ein Bauen an diesen Standorten.101
Die Beschwerdegegnerschaft hat damit hinreichend aufgezeigt, warum die
Alternativstandorte nicht besser geeignet sind als der geplante Standort.
e) Der aktuelle Betriebsstandort befindet sich an der G._strasse 29. Er liegt in
der Bauzone (ZPP Nr. 13, Wohn- und Arbeitszone). Das Grundstück grenzt an die
Kernzone und, durch eine Bahnlinie getrennt, an eine Wohn- und Arbeitszone. Die
nächsten Wohnzonen befinden sich weniger als 100 m entfernt. Abgesehen davon, dass
die Platzverhältnisse für die geplante Pouletmasthalle und die Einstellhalle mit Lagerraum
wohl nicht ausreichen dürften, kommt dieser Standort aufgrund der Geruchsimmissionen
nicht in Frage. Die erforderlichen Mindestabstände zu der Kernzone, der Wohn- und
Arbeitszone sowie den Wohnzonen können nicht eingehalten werden. Der von den
Beschwerdeführenden erwähnte Alternativstandort, der sich südlich angrenzend an die
Eisporthalle "N._" befindet, wäre wohl grundsätzlich ähnlich geeignet wie der
geplante Standort, da er in der gleichen Geländekammer liegt, bereits strassenmässig
erschlossen ist und an das Baugebiet grenzt. Hingegen könnten auch hier die
erforderlichen (halben) Mindestabstände gemäss FAT-Bericht gegenüber dem Wohnhaus
an der M._strasse 22 (Parzelle Nr. P._) und der Eissporthalle nicht
100 Vgl. Schreiben Agriexpert vom 26. Januar 2015, Akten Voranfrage der Gemeinde 101 Vgl. Stellungnahme der Beschwerdegegnerschaft vom 25. Mai 2016 zu den Einsprachen, Vorakten pag. 265 ff.
RA Nr. 110/2017/73 47
eingehalten werden. Zudem hätte dieser Standort den Nachteil, dass die Ökonomiebauten
nicht einem bestehenden Bauernhaus angegliedert werden könnten. Es müsste deshalb
zusätzlich ein Wohngebäude erstellt werden. Beim Standort J._weg 10 könnten
die Ökonomiebauten zwar einem bestehenden Bauernhaus angegliedert werden. Es sind
aber ebenfalls Wohnhäuser vorhanden, die innerhalb des erforderlichen Mindestabstandes
gemäss FAT-Bericht liegen. Zudem wäre dieser Standort auch aus Sicht des Orts- und
Landschaftsbildes weniger gut geeignet, gibt es doch in der näheren Umgebung keine
Arbeitszone mit vergleichbar grossen Gebäuden.
Die Beschwerdegegnerschaft besitzt weitere Grundstücke in Wichtrach. Bei mehreren
handelt es sich allerdings um Wald; sie kommen somit von vornherein nicht als neuer
Betriebsstandort in Betracht. Andere Grundstücke grenzen an die Wohnzone (so bspw. die
Parzellen Nrn. Q._, R._, S._ und T._), so dass die
Mindestabstände gemäss FAT-Bericht nicht eingehalten werden können. Andere
Grundstücke, die sich in der Nähe des geplanten Betriebsstandorts Standorts befinden,
sind nicht überbaut und liegen weiter vom überbauten Gebiet entfernt (bspw. Parzellen
Nrn. U._, V._ und W._). Aufgrund des Konzentrationsprinzips
erscheinen sie deshalb nicht als geeignet. Es bestehen somit nachvollziehbare Gründe,
warum sich die Beschwerdegegnerschaft gegen diese Standorte entschieden hat.
f) Bei der Interessenabwägung ist auch zu berücksichtigen, dass der Landwirtschaft
genügende Flächen geeigneten Kulturlandes, insbesondere Fruchtfolgeflächen, erhalten
bleiben (Art. 3 Abs. 2 Bst. a RPG). Es ist Aufgabe der Kantone, die Fruchtfolgeflächen zu
sichern (vgl. Art. 30 RPV). Diese geniessen aber keinen absoluten Schutz. Wenn
Ökonomiebauten Fruchtfolgeflächen beanspruchen, muss deren Notwendigkeit,
Dimensionierung und Standort im Einzelfall sorgfältig abgeklärt werden.102 Das
Bundesgericht verlangt dabei insbesondere die Prüfung von Alternativen ohne oder mit
weniger Beanspruchung von Fruchtfolgeflächen, einschliesslich von
Kompensationsmöglichkeiten. Zudem muss sichergestellt sein, dass der Anteil des
Kantons am Mindestumfang der Fruchtfolgeflächen gemäss Sachplan des Bundes dauernd
erhalten bleibt (Art. 30 Abs. 2 RPV).103 Das Bauvorhaben soll auf einem Grundstück erstellt
werden, dass sich im Inventar der Fruchtfolgeflächen befindet.104 Das gilt aber auch für die
übrigen Grundstücke, die grundsätzlich als Alternativstandorte in Frage kämen, ebenso für
102 BGer 1C_429/2015 vom 28. September 2016 E. 3 und E. 6.1 103 BGE 134 II 217 E. 3; BGer 1C_429/2015 vom 28. September 2016 E. 6.2 104 Richtplan-Informationssystem, einsehbar im Geoportal des Kantons Bern <https://www.geo.apps.be.ch/de>
RA Nr. 110/2017/73 48
die daran angrenzenden Parzellen. Insbesondere sind die von den Beschwerdeführenden
erwähnten Alternativstandorte und deren weitere Umgebung ebenfalls der
Fruchtfolgefläche zugeordnet. Von den Grundstücken der Beschwerdegegnerschaft
befinden sich lediglich die Parzellen Nrn. X._ (aktueller Betriebsstandort),
Q._ und R._ nicht in einer Fruchtfolgefläche. Angesichts deren Nähe zur
Bauzone kommen sie jedoch als Standort nicht in Frage. Ein anders geeignetes
Grundstück, das nicht in einer Fruchtfolgefläche wäre, ist nicht ersichtlich. Ohne
Beanspruchung von Fruchtfolgefläche liesse sich ihr Vorhaben somit nicht realisieren. Die
Bauten sind so angeordnet, dass eine möglichst geringe Beanspruchung der
Fruchtfolgefläche resultiert. Von einer Kompensation kann abgesehen werden, da in der
Landwirtschaftszone grundsätzlich zonenkonforme Bauten realisiert werden sollen (vgl. Art.
8b Abs. 4 Bst. b BauG).
Aus den vorangehenden Erwägungen ergibt sich, dass auch keine anderen Interessen
dem Vorhaben entgegenstehen. Unter Berücksichtigung der betrieblichen Gegebenheiten
und Bedürfnisse sowie der Anliegen bezüglich Landschaftsschutz, Umweltschutz und
Raumplanung erscheint der geplante Standort als der am besten geeignete. Die
Vorinstanzen haben deshalb die Pouletmasthalle und die Einstellhalle mit Lagerraum zu
Recht als zonenkonform beurteilt.
14. Um- und Anbau Wohnhaus
a) Das bestehende Bauernhaus I._strasse 77 auf Parzelle Nr. F._
verfügt heute über drei Wohnungen auf drei Etagen. Die Beschwerdegegnerschaft
beabsichtigt, die beiden Wohnungen im Erd- und im Obergeschoss zusammenzulegen und
darin für ihre sechsköpfige Familie eine Betriebsleiterwohnung zu erstellen. Die Wohnung
im Dachgeschoss soll als Wohnung für einen Lehrling und einen ledigen Angestellten bzw.
für zwei Lehrlinge genutzt werden. Die Beschwerdeführenden machen geltend, die
Erweiterung des Gebäudevolumens, die eine Ausnahme für das Bauen ausserhalb der
Bauzone benötige, widerspreche Art. 24c Abs. 4 RPG. Die Beschwerdegegnerschaft
beabsichtige, eine Treppe ausserhalb des Hauses, d.h. ausserhalb des bestehenden
Gebäudevolumens zu erstellen. Dadurch werde nicht nur das Volumen erweitert, sondern
auch das äussere Erscheinungsbild verändert. Dies sei nur zulässig, wenn damit die
Wohnnutzung auf einen zeitgemässen Stand gebracht werde. Das sei bei der vorliegenden
RA Nr. 110/2017/73 49
Treppe nicht der Fall, sei doch davon auszugehen, dass man auch beim bestehenden
Objekt eine Treppe im Inneren des Gebäudes nutze um in die oberen Etagen zu gelangen.
Das Verschieben der Treppe in einen externen Anbau finde wohl nur statt, um im Inneren
des Gebäudes mehr Raum für eine anderweitige Wohnnutzung zu gewinnen. Dies zeige
auch die Tatsache, dass offenbar ein Vorprojekt einen Eingangsbereich und ein Bad
ausserhalb des bestehenden Volumens vorgesehen habe. Diese externe
Volumenerweiterung habe das AGR im Bericht vom 24. Oktober 2016 als nicht
bewilligungsfähig erachtet. Das Vorgehen der Beschwerdegegnerschaft diene
augenscheinlich weniger der Sicherstellung einer zeitgemässen Wohnnutzung, sondern
viel mehr dem Wunsch nach einer grösseren Dimensionierung der Baute selber. Hinzu
komme, dass mit dem Umbau des Wohnhauses der Charakter des bestehenden
Bauernhauses verloren gehe. Die Vorinstanz hätte prüfen müssen, ob auch nach dem
geplanten Umbau das äussere Erscheinungsbild und damit der Charakter des
Bauernhauses gewahrt bleibe.
b) In der Landwirtschaftszone sind Bauten für den Wohnbedarf zonenkonform, wenn sie
für den Betrieb des entsprechenden landwirtschaftlichen Gewerbes unentbehrlich sind
(Art. 16a RPG i.V.m. Art. 34 Abs. 3 RPV). Wohnraum ist somit nur zonenkonform, wenn er
in einer unmittelbaren funktionellen Beziehung zu einem Landwirtschaftsbetrieb steht und
für die bodenabhängige Nutzung des Landes unentbehrlich erscheint. Das trifft zu, wenn
für die zonenkonforme Bewirtschaftung des Bodens eine lange Anwesenheit vor Ort
erforderlich ist und die nächstgelegene Wohnzone weit entfernt liegt. In der
Landwirtschaftszone sind zudem nur Wohngebäude zonenkonform, die mit Blick auf den
durch die Bodenbewirtschaftung bedingten Wohnbedarf nicht überdimensioniert sind.105
Das Recht, ausserhalb der Bauzone zu wohnen, ist einem relativ engen Personenkreis
vorbehalten. Dazu zählen nur Leute, die als Betriebsinhaber oder Hilfskraft unmittelbar in
der Landwirtschaft tätig sind, sowie ihre Familienangehörigen und die abtretende
Generation, die ein Leben lang in der Landwirtschaft tätig war.106 Im Interesse, die
Zersiedelung des Landes zu verhindern (Art. 1 Abs. 2 und Art. 3 Abs. 3 RPG), stellt die
Rechtsprechung an die Zonenkonformität von Wohnraum in der Landwirtschaftszone
strenge Anforderungen und bejaht sie nur zurückhaltend. Besonders streng wird
Wohnraum für Personen beurteilt, welche die Landwirtschaft im Nebenerwerb führen,107 für
105 BGE 125 III 175 E. 2b, 121 II 307 E. 3b je mit Hinweisen 106 BGE 121 II 307 E. 3b 107 BGE 121 II 307 E. 5 mit Hinweisen
RA Nr. 110/2017/73 50
die Freizeitlandwirtschaft ist er von vornherein ausgeschlossen (Art. 34 Abs. 5 RPV).108 Die
Unentbehrlichkeit von Wohnraum beurteilt sich allein nach objektiven Kriterien. Subjektive
Vorstellungen und Wünsche sind ebenso wenig massgebend wie die persönliche
Zweckmässigkeit und Bequemlichkeit. Ausschlaggebend ist eine Gesamtbetrachtung, die
sich mehr an qualitativen als an quantitativen Faktoren orientiert. Zu berücksichtigen sind
namentlich die Art und Grösse des Betriebs, seine topografische Lage, sein
wirtschaftliches Umfeld (insbesondere die Lage in einem Abwanderungsgebiet), aber auch
weitere Eigenheiten wie etwa die biologische Produktionsweise. In diesem Zusammenhang
ist auch den besonderen Bedürfnissen der Familienbetriebe Rechnung zu tragen, da an
der Erhaltung landwirtschaftlicher Familienbetriebe und der Verbesserung ihrer Struktur ein
öffentliches Interesse besteht (Art. 1 Abs. 1 Bst. a BGBB109). Es darf deshalb der Umstand,
dass die Arbeiten auf einem Landwirtschaftsbetrieb nur zweckmässig organisiert werden
können, wenn die Betriebsleiterfamilie auf dem oder nahe beim Hof wohnt, bei der
Beurteilung der Zonenkonformität mitberücksichtigt werden. Schliesslich ergibt sich die
allfällige Notwendigkeit der ständigen Präsenz aus der Gesamtheit der auf dem Hof
anfallenden Arbeiten, nicht aus den einzelnen Verrichtungen. Diese sind im Licht der
Erfordernisse einer zweckmässigen und kostengünstigen Betriebsorganisation zu
betrachten, wobei die technischen Möglichkeiten zur Automatisierung und Kontrolle nicht
allein massgebend sind.110
c) Gemäss der unbestrittenen und nachvollziehbaren Beurteilung des LANAT111 und
des AGR112 können aufgrund des Betriebskonzepts maximal eine Betriebsleiterwohnung
und zwei Zimmer mit Sanitäranlagen für zwei Lehrlinge als zonenkonform beurteilt werden.
Weiterer Wohnraum für ein Angestellten oder die abtretende Generation kann aufgrund der
konkreten Bewirtschaftung, der Nähe zur Wohnzone und des bereits vorhandenen (und
vermieteten) Wohnraums in der Liegenschaft J._weg 10 nicht als zonenkonform
beurteilt werden. Im Bauernhaus I._strasse 77 gilt deshalb eine
Bruttogeschossfläche (BGF) von insgesamt 240 m2 als zonenkonform, und zwar 180 m2
BGF für die Betriebsleiterwohnung sowie zweimal 30 m2 BGF für die beiden
Lehrlingszimmer. Als Zwischenergebnis ist somit festzuhalten, dass die
Betriebsleiterwohnung grundsätzlich zonenkonform ist. Den nachvollziehbaren
108 BGer 1C_227/2014 vom 11. Mai 2016 E. 3.1 109 Bundesgesetz vom 4. Oktober 1991 über das bäuerliche Bodenrecht (BGBB; SR 211.412.11) 110 BGer 1C_227/2014 vom 11. Mai 2016 E. 3.3, mit Hinweisen 111 Vgl. Fachbericht des LANAT zur Zonenkonformität vom 19. Juli 2016, Vorakten pag. 277 ff. 112 Vgl. Stellungnahme des AGR betreffend Bauvorhaben ausserhalb der Bauzone vom 22. Juli 2016, Vorakten pag. 283 ff.
RA Nr. 110/2017/73 51
Ausführungen des AGR lässt sich entnehmen, dass die geplante Betriebsleiterwohnung
das zulässige Mass inklusive Lehrlingszimmer ausschöpft.
d) Die Beschwerdegegnerschaft beabsichtigt, die Lehrlingszimmer nicht in der
flächenmässig an sich genug grossen Betriebsleiterwohnung einzurichten, sondern dazu
die bestehende Wohnung im Dachgeschoss zu nutzen. Diese über das zonenkonforme
Mass hinausgehende Nutzung bedarf einer Ausnahmebewilligung nach Art. 24 ff. RPG.
Das AGR hat deshalb den gesamten Um- und Ausbau des Bauernhauses unter dem Titel
von Art. 24c RPG beurteilt. Danach werden bestimmungsgemäss nutzbare Bauten und
Anlagen ausserhalb der Bauzonen, die nicht mehr zonenkonform sind, in ihrem Bestand
grundsätzlich geschützt (Art. 24c Abs. 1 RPG). Sie können mit Bewilligung der zuständigen
Behörde erneuert, teilweise geändert, massvoll erweitert oder wiederaufgebaut werden,
sofern sie rechtmässig erstellt oder geändert worden sind (Art. 24c Abs. 2 RPG). Dies gilt
auch für landwirtschaftliche Wohnbauten sowie angebaute Ökonomiebauten, die
rechtmässig erstellt oder geändert worden sind, bevor das betreffende Grundstück
Bestandteil des Nichtbaugebietes im Sinne des Bundesrechts wurde (Art. 24c Abs. 3 Satz
1 RPG). Veränderungen am äusseren Erscheinungsbild müssen für eine zeitgemässe
Wohnnutzung oder eine energetische Sanierung nötig oder darauf ausgerichtet sein, die
Einpassung in die Landschaft zu verbessern (Art. 24c Abs. 4 RPG). Die Voraussetzung der
teilweisen Änderungen im Sinne von Art. 24c Abs. 2 RPG hat der Bundesrat in der RPV
konkretisiert. Eine Änderung gilt als teilweise und eine Erweiterung als massvoll, wenn die
Identität der Baute oder Anlage einschliesslich ihrer Umgebung in den wesentlichen Zügen
gewahrt bleibt. Verbesserungen gestalterischer Art sind zulässig (Art. 42 Abs. 1 RPV).
Massgeblicher Vergleichszustand für die Beurteilung der Identität ist der Zustand, in dem
sich die Baute oder Anlage im Zeitpunkt der Zuweisung zum Nichtbaugebiet befand
(Art. 42 Abs. 2 RPV). Ob die Identität der Baute oder Anlage im Wesentlichen gewahrt
bleibt, ist unter Würdigung der gesamten Umstände zu beurteilen (Art. 42 Abs. 3 RPV).
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts muss die Wesensgleichheit der Baute
hinsichtlich Umfang, äusserer Erscheinung sowie Zweckbestimmung gewahrt werden und
es dürfen keine wesentlichen neuen Auswirkungen auf die Nutzungsordnung, Erschließung
und Umwelt geschaffen werden.113
Gemäss den Berechnungen des AGR ist innerhalb des bestehenden Volumens eine
Erweiterung der Wohnfläche um maximal 45 m2 auf total 326 m2 BGF zulässig. Das
113 BGE 127 II 215 E. 3a und b, mit Hinweisen; BGer 1C_171/2017 vom 3. Oktober 2017 E. 2.1, mit Hinweis
RA Nr. 110/2017/73 52
ursprüngliche Bauprojekt entsprach diesen Vorgaben nicht. Die Beschwerdegegnerschaft
passte deshalb ihr Projekt gestützt auf die Stellungnahme des AGR vom 22. Juli 2016 an
(Projektänderung vom 22. August 2016). In seiner Stellungnahme vom 24. Oktober 2016
hielt das AGR unter anderem fest, nach neuer Praxis seien Erweiterungen ausserhalb des
bestehenden Volumens nicht mehr zulässig. Das Projekt weise noch Erweiterungen
ausserhalb des bestehenden Volumens auf (Eingangsbereich im Erdgeschoss, Bad im
ersten Obergeschoss). Es sei in diesen Bereichen anzupassen. Zudem verlangte das AGR
eine nachvollziehbare BGF-Berechnung. Die Beschwerdegegnerschaft reichte am 3.
Januar 2017 eine weitere Projektänderung ein. Sie verzichteten auf die beanstandeten
Erweiterungen, beantragten aber eine Ausnahmebewilligung für den Anbau eines
Treppenhauses. In seiner Verfügung vom 20. März 2017 beurteilte das AGR das
geänderte Vorhaben als bewilligungsfähig. Das Vorhaben erfülle nun die Anforderungen,
die an das zeitgemässe Wohnen gestellt würden. Die Erweiterung ausserhalb des
bestehenden Volumens (Treppenhaus) werde mit dem verkleinerten Wiederaufbau des
Unterstandes kompensiert. Die Liegenschaft besitze schon heute auf der Nordseite einen
angeschleppten Anbau. Das Treppenhaus (Erdgeschoss/Untergeschoss) sei offen. Mit der
Erweiterung des Anbaus werde das offene Treppenhaus mit Holz eingewandet. Dadurch
entstehe ein ruhiges, einheitliches Erscheinungsbild.
e) Anders als die Beschwerdeführenden meinen, hat das neue Treppenhaus nicht zur
Folge, dass im Inneren des Gebäudes mehr Raum für Wohnnutzung geschaffen wird. Wie
sich den Plänen entnehmen lässt, gibt es keine bestehende Treppe im Inneren des
Gebäudes, die von der Wohnung im Erdgeschoss ins erste Obergeschoss führt, und die
nun zugunsten von neuem Wohnraum abgebrochen werden soll. Die Wohnung im ersten
Obergeschoss wird viel mehr auf der Ostseite durch eine Aussentreppe über die
bestehende Laube erschlossen. Geplant ist zwar nun eine Verschiebung dieser
Aussentreppe. Das hat aber keinen Einfluss auf das Volumen, was vorliegend auch nicht
umstritten ist. Zudem führt eine bestehende Treppe vom ersten Obergeschoss ins
Dachgeschoss. Diese bleibt gemäss den Plänen unverändert bestehen. Am Standort des
neuen Treppenhauses auf der Westseite des Gebäudes befindet sich bereits eine Treppe,
die einerseits in den Keller und andererseits in die bestehende Wohnung im Erdgeschoss
führt. Diese wird nun mit einer Treppe ergänzt, die ins erste Obergeschoss führt. Diese
Treppe dient der internen Erschliessung der Betriebsleiterwohnung, die sich über zwei
Geschosse erstreckt und grundsätzlich zonenkonform ist. Das neue Treppenhaus ist
deshalb nötig für eine zeitgemässe Wohnnutzung. Im Übrigen wird die Erweiterung
RA Nr. 110/2017/73 53
ausserhalb des Volumens mit dem verkleinerten Wiederaufbau des Unterstands
kompensiert. Zudem hat das AGR zwar ausgeführt, die Prüfung des Erscheinungsbildes
falle nicht in seine Zuständigkeit, da das Vorhaben grundsätzlich bzw. mehrheitlich
zonenkonform sei. Bei zonenkonformen Bauten habe die Baubewilligungsbehörde gestützt
auf das GBR zu entscheiden, ob das Projekt bezüglich Einordnung in das Ortsbild
bewilligungsfähig sei. Dennoch hat es das Erscheinungsbild geprüft und ist zum Ergebnis
gelangt, dass dieses dank der Holzverschalung ruhig und einheitlich wirke. Diese
Beurteilung erscheint aufgrund der Pläne als schlüssig. Die Rügen der
Beschwerdeführenden sind deshalb unbegründet.
15. Kosten
a) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerde als unbegründet
abzuweisen ist. Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die
Beschwerdeführenden. Sie haben deshalb die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1
VRPG). Diese werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 3'400.00 (Art. 103 Abs. 2
VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 und 20 Abs. 2 GebV114). Die Beschwerdeführenden haften
solidarisch für den ganzen Betrag.
b) Laut Art. 108 Abs. 3 VRPG hat die unterliegende Partei der Gegenpartei
grundsätzlich die Parteikosten zu ersetzen. Die Parteikosten umfassen den durch die
berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Da die
Beschwerdegegnerschaft nicht berufsmässig vertreten ist, sind weder Parteikosten noch
eine Parteientschädigung zu sprechen. Die Beschwerdeführenden haben als unterliegende
Partei keinen Anspruch auf Parteikostenersatz. Es kann unter diesen Umständen
offenbleiben, ob die Kostennote ihrer Rechtsvertretung bei der Festsetzung des
Anwaltshonorars dem in der Sache gebotenen Zeitaufwand sowie der Bedeutung der
Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses angemessen Rechnung trägt (vgl. Art. 41
Abs. 3 KAG115).
114 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 115 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11)
RA Nr. 110/2017/73 54