Decision ID: 9178d63f-dd17-4a89-a9fb-fe1c4ab9964c
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die 1975 geborene Beschwerdeführerin meldete sich am 27. Februar 2002
bei der SVA Zürich unter anderem aufgrund einer HWS-Distorsion und ei-
ner Fussverletzung zum Bezug von Leistungen der Eidgenössischen Inva-
lidenversicherung (IV) an. Mit Verfügung vom 6. Mai 2004 wurde das Leis-
tungsbegehren der Beschwerdeführerin gestützt auf ein bei der Aerztliches
Begutachtungsinstitut GmbH (ABI), Basel, in Auftrag gegebenes Gutachten
(ABI-Gutachten vom 19. April 2004) abgewiesen. Die Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
1.2.
Am 24. März 2017 meldete sich die Beschwerdeführerin unter Hinweis auf
gynäkologische und LWS-Beschwerden bei der neu zuständigen Be-
schwerdegegnerin zum Bezug von Leistungen der IV (Berufliche Integra-
tion/Rente) an. Die Beschwerdegegnerin tätigte daraufhin Abklärungen in
beruflicher und in medizinischer Hinsicht und erteilte Kostengutsprachen
für Frühinterventions- und Integrationsmassnahmen. Nach wiederholter
Rücksprache mit dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) wies sie das
Leistungsbegehren der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 21. Mai
2019 ab. Eine dagegen erhobene Beschwerde hiess das hiesige Versiche-
rungsgericht mit Urteil VBE.2019.453 vom 26. Februar 2020 teilweise gut
und wies die Sache zur weiteren Abklärung und zur Neuverfügung an die
Beschwerdegegnerin zurück.
1.3.
Die Beschwerdegegnerin liess die Beschwerdeführerin in der Folge nach
Rücksprache mit dem RAD bei der Zentrum für Medizinische Begutachtung
(ZMB), Basel, polydisziplinär begutachten (ZMB-Gutachten vom 14. Juni
2021). Nach Einwendungen der Beschwerdeführerin im Rahmen des Vor-
bescheidverfahrens holte die Beschwerdegegnerin auf Empfehlung des
RAD bei der ZMB eine ergänzende Stellungnahme ein (ZMB-Stellung-
nahme vom 7. Dezember 2021). Nach erneuter Rücksprache mit dem RAD
wies die Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 14. Dezember 2021 das
Leistungsbegehren der Beschwerdeführerin erneut ab.
2.
2.1.
Dagegen erhob die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 31. Januar 2022
fristgerecht Beschwerde und stellte folgende Rechtsbegehren:
- 3 -
"1. Die Verfügung vom 14. Dezember 2021 sei aufzuheben und die Sache zur Vornahme weiterer Abklärungen an die Beschwerdegegnerin .
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 3. März 2022 beantragte die Beschwerdegegne-
rin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 8. März 2022 wurde die berufli-
che Vorsorgeeinrichtung der Beschwerdeführerin im Verfahren beigeladen
und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Diese liess sich in der
Folge nicht vernehmen.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen
Verfügung (vgl. Vernehmlassungsbeilage [VB] 144) zu Recht den An-
spruch der Beschwerdeführerin auf Ausrichtung einer Invalidenrente ver-
neint und ihr Leistungsbegehren abgewiesen hat.
2.
Die angefochtene Verfügung erging vor dem 1. Januar 2022. Nach den all-
gemeinen Grundsätzen des intertemporalen Rechts und des zeitlich mass-
gebenden Sachverhalts (statt vieler: BGE 144 V 210 E. 4.3.1; 129 V 354
E. 1 mit Hinweisen) sind daher die Bestimmungen des IVG und diejenigen
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) sowie des Bundes-
gesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG) in der bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Fassung anwend-
bar.
3.
3.1.
Die Zusprechung einer Invalidenrente aufgrund einer Neuanmeldung,
nachdem eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verwei-
gert wurde (vgl. Art. 87 Abs. 3 i.V.m. Abs. 2 IVV), bedarf, analog zur Ren-
tenrevision (Art. 17 Abs. 1 ATSG), einer anspruchsrelevanten Änderung
des Invaliditätsgrades (vgl. BGE 133 V 108 E. 5 S. 110 ff.; 130 V 71; Urteil
des Bundesgerichts 8C_29/2020 vom 19. Februar 2020 E. 3.1 f. mit Hin-
weisen).
- 4 -
Gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG wird die Rente von Amtes wegen oder auf
Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufge-
hoben, wenn sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbezügers erheblich ändert. Anlass zur Revision einer Invalidenrente
im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG gibt jede wesentliche Änderung in den
tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit
den Rentenanspruch zu beeinflussen (BGE 134 V 131 E. 3 mit Hinweisen).
Unerheblich unter revisionsrechtlichem Gesichtswinkel ist dagegen nach
ständiger Rechtsprechung die unterschiedliche Beurteilung eines im We-
sentlichen unverändert gebliebenen Sachverhaltes (BGE 112 V 371 E. 2b
S. 372; vgl. auch BGE 135 V 201 E. 5.2 S. 205; MEYER/REICHMUTH, Recht-
sprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesge-
setz über die Invalidenversicherung [IVG], 3. Aufl. 2014, N. 117 ff. zu
Art. 30-31 IVG mit Hinweisen). Insbesondere stellt die bloss unterschiedli-
che Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert ge-
bliebenen Gesundheitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit für sich allein ge-
nommen keinen Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG dar
(BGE 141 V 9 E. 2.3 S. 10 f.; Urteil des Bundesgerichts 9C_698/2019 vom
3. März 2020 E. 2).
3.2.
Zeitlichen Referenzpunkt für die Prüfung einer anspruchserheblichen Än-
derung bildet die letzte (der versicherten Person eröffnete) rechtskräftige
Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit
rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchfüh-
rung eines Einkommensvergleichs (bei Anhaltspunkten für eine Änderung
in den erwerblichen Auswirkungen des Gesundheitszustands) beruht (BGE
133 V 108 E. 5 S. 110 ff.; 130 V 71 E. 3 S. 73 ff.).
4.
4.1.
Der massgebliche Vergleichszeitpunkt in retrospektiver Hinsicht ist die Ver-
fügung vom 6. Mai 2004 (vgl. VB 9.18). Dieser lag im Wesentlichen das
polydisziplinäre ABI-Gutachten vom 19. April 2004 (vgl. VB 9.22) zu-
grunde. Im Rahmen dieser Begutachtung wurde die Beschwerdeführerin
internistisch, psychiatrisch und neurologisch/neuropsychologisch unter-
sucht, wobei im interdisziplinären Konsens folgende Diagnosen gestellt
wurden (vgl. VB 9.22 S. 8):
" Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
Leicht ausgeprägtes Zervikalsyndrom (ICD-10 M53.0) - leicht ausgeprägte zervikozephale Beschwerden - Fehlhaltung und muskuläre Dysbalance - höchstens leicht ausgeprägte kognitive Störungen - (...)
- 5 -
Diagnosen ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
1. Anpassungsstörung (ICD-10 F43.23)
2. Abhängige Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.7)
3. (...)"
Die ABI-Gutachter hielten fest, dass aus somatischer Sicht ein leicht aus-
geprägtes mittleres und oberes Zervikalsyndrom festgestellt werden könne
mit in diesem Rahmen leicht ausgeprägten zervikozephalen Beschwerden.
Hinsichtlich Einschränkungen stünden die belastungsabhängigen wie auch
spontan auftretenden Genick- und Kopfschmerzen, leichten Schwindelbe-
schwerden sowie die in diesem Rahmen auftretenden Konzentrationsdefi-
zite im Vordergrund. Aus psychiatrischer Sicht lägen eine Anpassungsstö-
rung und eine abhängige Persönlichkeitsstörung vor. Es hätten sich in der
Anamneseerhebung verschiedene Diskrepanzen ergeben. Insgesamt be-
stünden Hinweise auf eine psychische Überlagerung der geklagten Be-
schwerden. Die leichte Angststörung, die als eine Anpassungsstörung auf
den Unfall aufgrund der vorbestehenden psychosozialen Belastungssitua-
tion gesehen werden müsse, sei geringgradig ausgeprägt und schränke die
Arbeitsfähigkeit nicht ein. Eine depressive Erkrankung liege nicht vor. Somit
sei der Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht die Willensanstren-
gung zumutbar, einer den allfälligen somatischen Einschränkungen ange-
passten Tätigkeit ohne Einschränkung nachzugehen.
Insgesamt seien der Beschwerdeführerin (somatisch bedingt) seit dem Un-
fall vom 4. Juni 2000 körperlich leichte bis intermittierend mittelschwere,
wechselbelastende Tätigkeiten ganztags zumutbar mit einer Leistungsein-
schränkung von maximal 20 % (vgl. VB 9.22 S. 8 f.).
4.2.
In der vorliegend angefochtenen Verfügung vom 14. Dezember 2021 (vgl.
VB 144) stützte sich die Beschwerdegegnerin in medizinischer Hinsicht auf
das polydisziplinäre (psychiatrisch-internistisch-orthopädisch-neurolo-
gisch-gynäkologisch-neuropsychologische) ZMB-Gutachten vom 14. Juni
2021 (vgl. VB 134.2 ff.) samt ergänzender Stellungnahme vom 7. Dezem-
ber 2021 (vgl. VB 141). Diesem lassen sich folgende Diagnosen entneh-
men (vgl. VB 134.2 S. 10 f.):
" Mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
- Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen , ICD-10 F45.41
- Panvertebralgie klinisch ohne Hinweise für eine zervikale oder  radikuläre Schmerz-, Reiz- oder sensomotorische  (ICD-10: M54.83, M54.86)
- Sensibilitätsstörung mit Hypästhesie und Hypalgesie ab Höhe HWK 7 beidseits paravertebral thorakal und lumbal, seitlich bis zum medialen Scapularand, distal bis zum Beckenkamm bzw. Höhe LWK4 unklarer Ätiologie (ICD-10: R20)
- 6 -
- Status nach aktivierter Facettengelenksarthrose L4/5 2017
- Status nach HWS-Distorsion vom 31.07.2015
- Status nach HWS- und BWS-Kontusion nach Sturz vom 27.05.2012
- Status nach HWS-Distorsion vom 20.02.2012
Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit:
- (...)
- Status nach Zentrierung der Patella rechts 2011 bei trochleärer 
- Status nach OSG-Distorsion rechts mit Bone bruise Os talus nach  vom 06.06.2000
- Status nach distaler Radiusfraktur rechts, konservativ therapiert und Tenolyse des Digitalkanals palmarseitig und Revision der Ringbänder A3 Dig III rechts am 05.08.2014
- Endometriose rASRM Stadium 2 (Score 6), ENZIAN A2 B3
(...)
- Migräne ohne Aura (ICD-10: G43.0)
- Kognitiver Normalbefund"
Die ZMB-Gutachter kamen im Rahmen ihrer interdisziplinären Gesamtbe-
urteilung zum Schluss, dass (lediglich) in psychiatrischer Hinsicht eine Ein-
schränkung der Leistungsfähigkeit um 30 % in der angestammten und ei-
ner angepassten Tätigkeit bestehe, wobei diese Einschränkung retrospek-
tiv seit Abschluss der Integrationsmassnahme im Oktober 2018 gelte. Vor-
her sei seit dem Unfall im Juni 2000 von einer Beeinträchtigung von 50 %
aufgrund der (damals) zusätzlich bestehenden Angststörung und Benzodi-
azepinabhängigkeit auszugehen. Die Beschwerdeführerin habe "aus heu-
tiger Sicht" bereits im Zeitpunkt der ABI-Begutachtung im Jahre 2004 die
Kriterien für eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychi-
schen Faktoren erfüllt. Diese Diagnose sei aber damals nicht gestellt und
deren Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nicht angemessen gewürdigt
worden (vgl. VB 134.2 S. 13).
Die psychiatrische Gutachterin Dr. med. C., Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, führte im psychiatrischen Teilgutachten der ZMB ergän-
zend aus, die Beschwerdeführerin habe "aus aktueller psychiatrischer
Sicht" im Verlauf nach dem Unfall im Juni 2000 eine chronische Schmerz-
störung mit somatischen und psychischen Faktoren und eine "begleitende"
generalisierte Angststörung bzw. Benzodiazepinabhängigkeit entwickelt.
Die Symptomatik in diesem Zusammenhang habe erst ab 2017 nach einem
Wechsel des "Behandlungsteams" stabilisiert und verbessert werden kön-
nen. Retrospektiv sei die generalisierte Angststörung seit Beginn der beruf-
lichen Massnahme im Jahre 2018 remittiert und auch die Benzodiazepin-
abhängigkeit sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr vorhanden gewesen. Die
chronische Schmerzstörung sei spätestens seit Oktober 2018 ebenfalls nur
noch leicht ausgeprägt und führe seither zu einer 30%igen Einschränkung
der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit (vgl. VB 134.7 S. 7; 134.2 S. 10).
- 7 -
5.
5.1.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob die-
ser für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medi-
zinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet
und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 134 V
231 E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
5.2.
Den von Versicherungsträgern im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingehol-
ten Gutachten externer Spezialärzte, welche aufgrund eingehender Be-
obachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, so-
lange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise spre-
chen (BGE 135 V 465 E. 4.4 S. 470; 125 V 351 E. 3b/bb S. 353).
5.3.
Der Beweiswert eines zwecks Rentenrevision erstellten Gutachtens hängt
wesentlich davon ab, ob es sich ausreichend auf das Beweisthema – er-
hebliche Änderung(en) des Sachverhalts – bezieht. Einer für sich allein be-
trachtet vollständigen, nachvollziehbaren und schlüssigen medizinischen
Beurteilung, die im Hinblick auf eine erstmalige Beurteilung der Rentenbe-
rechtigung beweisend wäre, mangelt es daher in der Regel am rechtlich
erforderlichen Beweiswert, wenn sich die ärztliche Einschätzung nicht hin-
reichend darüber ausspricht, inwiefern eine effektive Veränderung des Ge-
sundheitszustandes stattgefunden hat. Vorbehalten bleiben jedoch Sach-
lagen, in denen es evident ist, dass die gesundheitlichen Verhältnisse sich
verändert haben (SVR 2012 IV Nr. 18 S. 81, 9C_418/2010 E. 4.2; Urteil des
Bundesgerichts 9C_113/2019 vom 29. August 2019 E. 2.2).
6.
6.1.
Die ZMB-Gutachter beurteilten die Arbeits(un)fähigkeit der Beschwerde-
führerin ab Juni 2000 durchgehend anders als die ABI-Gutachter (psychi-
atrisch bedingte Arbeitsunfähigkeit von 50 % von Juni 2000 bis Oktober
2018 sowie von 30 % ab November 2018 gemäss ZMB-Gutachten vom
14. Juni 2021 [vgl. VB 134.2 S. 13]; somatisch bedingte Arbeitsunfähigkeit
von maximal 20 % seit 4. Juni 2000 gemäss ABI-Gutachten vom 19. April
2004 [vgl. VB 9.22 S. 9, S. 12]), ohne dass sie diese massgebliche Abwei-
chung näher begründeten. Zur (revisionsrechtlich relevanten) Frage einer
erheblichen Veränderung des Gesundheitszustandes seit der ABI-Begut-
- 8 -
achtung im Januar/Februar 2004 nahmen sie nicht Stellung, wobei die Be-
schwerdegegnerin es auch versäumt hatte, ihnen diese im Rahmen ihres
Fragenkataloges ausdrücklich zu stellen (vgl. VB 126). Daran ändert auch
nichts, dass die ZMB-Gutachter ab November 2018 – zumindest im Ergeb-
nis – von einer eigentlichen Verbesserung des Gesundheitszustandes mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ausgingen, führten sie diese doch ein-
zig auf den Wegfall der von ihnen diagnostizierten Angststörung und Ben-
zodiazepinabhängigkeit bei weiterhin bestehender, lediglich von ihnen ge-
stellter Diagnose einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren zurück. Ausserdem schätzten sie die Arbeitsunfähig-
keit ab diesem Zeitpunkt – trotz von ihnen postulierter Verbesserung des
Gesundheitszustandes – mit 30 % weiterhin höher als die ABI-Gutachter
ein, die von einer Arbeitsunfähigkeit von maximal 20 % ausgegangen wa-
ren. Für den vorliegend zur Ermittlung eines allfälligen Rentenanspruchs
ebenfalls massgebenden Zeitraum vom 1. September 2017 (Neuanmel-
dung vom 24. März 2017 [VB 5]; Art. 29 Abs. 1 und Abs. 3 IVG) bis 31. Ok-
tober 2018 (Ende des Belastbarkeits- und Aufbautrainings [VB 84 S. 1]) be-
scheinigten die ZMB-Gutachter der Beschwerdeführerin eine (gegenüber
den ABI-Gutachtern sogar um 30 % höhere) Arbeitsunfähigkeit von 50 %,
obwohl in dieser Zeitspanne auch aus ihrer Sicht keine wesentliche Verän-
derung des Gesundheitszustandes seit der ABI-Begutachtung im Sinne ei-
ner Verschlechterung stattgefunden hatte. Letztlich nahmen sie zumindest
für den Zeitraum ab dem Unfall vom 4. Juni 2000 bis Ende Oktober 2018
lediglich eine (unter revisionsrechtlichem Gesichtswinkel unerhebliche) an-
dere Beurteilung desselben medizinischen Sachverhaltes mit einer unter-
schiedlichen Einschätzung der Arbeits(un)fähigkeit der Beschwerdeführe-
rin vor (vgl. E. 3.1. hiervor), weil sie insbesondere die Auffassung vertraten,
die ABI-Gutachter hätten die bereits seit dem Jahre 2000 bestehende chro-
nische Schmerzstörung fälschlicherweise nicht als solche erkannt.
Das ZMB-Gutachten vom 14. Juni 2021 erweist sich demnach insgesamt
als unvollständig (vgl. E. 5.3. hiervor), so dass nicht darauf abgestellt wer-
den kann.
6.2.
Der für die Beurteilung des Leistungsanspruchs der Beschwerdeführerin
relevante medizinische Sachverhalt erweist sich somit im Lichte der Unter-
suchungsmaxime (Art. 43 Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG; BGE 133 V 196
E. 1.4 S. 200; 132 V 93 E. 5.2.8 S. 105; 125 V 193 E. 2 S. 195; UELI KIE-
SER, ATSG-Kommentar, 4. Aufl. 2020, N. 13 ff. zu Art. 43 ATSG) als nicht
rechtsgenüglich erstellt. Die Sache ist daher – entsprechend dem Antrag
der Beschwerdeführerin (vgl. Beschwerde, S. 2) – zu weiteren fachärztli-
chen Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (vgl. BGE
139 V 99 E. 1.1 S. 100; 137 V 210 E. 4.4.1.4 S. 264 f.). Anschliessend hat
sie neu über den Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin zu verfügen.
- 9 -
7.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen,
dass die angefochtene Verfügung vom 14. Dezember 2021 aufzuheben
und die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen und zur
Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
8.
8.1.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
8.2.
Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf Ersatz ihrer
richterlich festzusetzenden Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG), denn die
Rückweisung der Sache an die Verwaltung zwecks Vornahme ergänzen-
der Abklärungen gilt als anspruchsbegründendes Obsiegen (BGE 132 V
215 E. 6.1 S. 235 mit Hinweisen).