Decision ID: 4bb19416-0d47-50fd-8c29-7849ae12a2b5
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 6. November 2016 fanden in der Einwohnergemeinde (EG) Spiez Gemeindewahlen statt (Gemeinderat, Grosser Gemeinderat, ). Bei der Wahl des Gemeindepräsidiums erreichte keine  und kein Kandidat das absolute Mehr. Der Gemeinderat der EG Spiez ordnete daher am 7. November 2016 einen zweiten Wahlgang an und setzte ihn auf den 27. November 2016 fest. Er wies darauf hin, dass zum zweiten Wahlgang nur die beiden Kandidatinnen zugelassen sind, die im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhalten hatten (Jolanda Brunner und Ursula Zybach). Dieser Beschluss wurde am 10. November 2016 im Simmentaler Anzeiger publiziert.
Am 16. November 2016 reichte die in der EG Spiez wohnhafte A._ beim Regierungsstatthalteramt Frutigen-Niedersimmental Beschwerde gegen «das Auswahlverfahren» ein. Sie verlangte, dass der im ersten Wahlgang für das Gemeindepräsidium drittplatzierte und ebenfalls in den Gemeinderat gewählte Heinz Egli neben Jolanda Brunner und Ursula Zybach im zweiten Wahlgang zur Wahl zugelassen werde.
Der Regierungsstatthalter wies das Rechtsmittel am 23. November 2016 ab und entzog der Beschwerde sowie einer allfälligen  gegen seinen Entscheid die aufschiebende Wirkung ( gbv 4/2016).
B.
Am 27. November 2016 fand der zweite Wahlgang für das  der EG Spiez statt, an dem nur Jolanda Brunner und Ursula Zybach zur Wahl standen. Erstere wurde mit deutlichem Mehr gewählt.
Gegen diese Wahl erhob A._ am 7. Dezember 2016 Beschwerde beim Regierungsstatthalteramt Frutigen-Niedersimmental. Sie beantragte die Wiederholung des zweiten Wahlgangs, weil es rechtswidrig gewesen
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 10.03.2017, Nrn. 100.2016.371/ 100.2017.2U, Seite 3
sei, nur die beiden Kandidatinnen mit den besten Resultaten aus dem ersten Wahlgang zum zweiten Wahlgang zuzulassen.
Mit Entscheid vom 19. Dezember 2016 trat der Regierungsstatthalter auf die Beschwerde nicht ein, weil er die Sache bereits mit seinem Entscheid vom 23. November 2016 beurteilt habe (Verfahren vbv 14/2016).
C.
A._ hat am 28. Dezember 2016 gegen den Entscheid des Regierungsstatthalters vom 23. November 2016 betreffend die Anordnung des zweiten Wahlgangs mit nur zwei Kandidatinnen  erhoben. Sie beantragt sinngemäss die Aufhebung des angefochtenen Entscheids und die Wiederholung des zweiten  in «gesetzeskonformer» Weise (Verfahren 100.2016.371). Am 30. Dezember 2016 hat sie ebenfalls Verwaltungsgerichtsbeschwerde gegen den Entscheid des Regierungsstatthalters vom 19. Dezember 2016 erhoben. Sie beantragt sinngemäss die Aufhebung des angefochtenen , damit der zweite Wahlgang «gesetzeskonform» wiederholt werden könne (Verfahren 100.2017.2). Mit Verfügung vom 3. Januar 2017 hat der Abteilungspräsident die beiden Verfahren vereinigt.
Die EG Spiez hat mit Beschwerdeantwort vom 30. Dezember 2016 die  der Beschwerde im Verfahren 2016/371 beantragt. Mit  vom 9. Januar 2017 schliesst sie auf Abweisung der  in beiden Verfahren, soweit auf sie einzutreten sei. Sie verlangt zudem, dass die aufschiebende Wirkung der Beschwerde im Verfahren 2016/371 entzogen bleibe und diejenige der Beschwerde im Verfahren 2017/2  werde. Der Regierungsstatthalter schliesst mit  vom 3. und 6. Januar 2017 (sinngemäss) auf Abweisung der beiden Rechtsmittel.
A._ hat sich am 23. Januar 2017 nochmals zur Sache geäussert und an ihren Anträgen festgehalten. Überdies beantragt sie, den Beschwerden sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen bzw. nicht zu entziehen.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 10.03.2017, Nrn. 100.2016.371/ 100.2017.2U, Seite 4

Erwägungen:
1.
1.1 Das Verwaltungsgericht ist zur Beurteilung der Beschwerden als letzte kantonale Instanz gemäss Art. 74 Abs. 2 Bst. c des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) . Die Beschwerdeführerin ist in der EG Spiez stimmberechtigt und daher grundsätzlich zur Beschwerde in kommunalen Wahl- und  befugt (Art. 79b Bst. b VRPG).
1.2 Zur Verwaltungsgerichtsbeschwerde gegen Verfügungen oder  im Sinn von Art. 74 Abs. 1 VRPG ist befugt, wer ein  Interesse an der Aufhebung oder Änderung des angefochtenen  hat (Art. 79 Abs. 1 Bst. c VRPG). Ein derartiges Interesse vermag im Allgemeinen nur eine Partei darzutun, die ein aktuelles Interesse an der Behandlung eines Rechtsmittels hat und für die ein günstiger Entscheid von praktischem Nutzen wäre. Dieses Erfordernis soll sicherstellen, dass das Gericht konkrete und nicht bloss theoretische Fragen entscheidet, und dient damit der Prozessökonomie (BVR 2016 S. 529 E. 1.2, 2015 S. 350 E. 4.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 79 N. 8, Art. 65 N. 25 f. und Art. 39 N. 1). Es ist nach der  des Verwaltungsgerichts auch bei der  in kantonalen Wahl- und Abstimmungssachen beachtlich (VGE 2011/378 vom 1.12.2011 E. 2.3 [bestätigt durch BGer 1C_42/2012 vom 25.4.2012, unter altem Recht ergangen]; Gleiches gilt für die sog. Stimmrechtsbeschwerde an das Bundesgericht, vgl. etwa BGE 136 I 404 nicht publ. E. 1.3 [in Pra 100/2011 Nr. 48], 116 Ia 359 E. 2; Gerold , in Basler Kommentar, 2. Aufl. 2011, Art. 89 BGG N. 74; Michel Besson, Legitimation zur Beschwerde in Stimmrechtssachen, in ZBJV 2011 S. 843 ff., 850 f.). Für die (Verwaltungsgerichts-)Beschwerde in  Wahl- und Abstimmungssachen, welche dieselbe Funktion wie die Stimmrechtsbeschwerde an das Bundesgericht erfüllt (grundlegend BVR 2011 S. 314 E. 1.1.2), setzt die Beschwerdebefugnis im Allgemeinen ebenfalls voraus, dass ein aktuelles und praktisches Interesse an der Auf-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 10.03.2017, Nrn. 100.2016.371/ 100.2017.2U, Seite 5
hebung des angefochtenen Entscheids besteht (vgl. Art. 79b Bst. a i.V.m. Art. 79 Abs. 1 VRPG).
1.3 Beide Beschwerden beziehen sich auf die Wahl des  der EG Spiez. Ihnen liegen aber unterschiedliche behördliche Akte zugrunde: Die erste Beschwerde im Verfahren 2016/371 betrifft die Anordnung des Gemeinderats, einen zweiten Wahlgang mit nur noch zwei zur Wahl zugelassenen Kandidatinnen durchzuführen. Sie hat mithin eine Vorbereitungshandlung zur Wahl zum Gegenstand (vgl. BGer 4.9.1995, in ZBl 1997 S. 254 E. 2b; BGer 1C_100/2016 vom 4.7.2016 E. 3.1; allgemein zum Begriff der Vorbereitungshandlung JTA 2015/66 vom 15.1.2016 E. 2.2, u.a. mit Hinweis auf Christoph Hiller, Die Stimmrechtsbeschwerde, Diss. Zürich 1990, S. 325 ff.). Die zweite Beschwerde im Verfahren 2017/2 richtet sich hingegen gegen das Wahlergebnis selber.
1.4 Nachdem der Urnengang erfolgt ist, muss mit der Beschwerde  die Vorbereitungshandlung zumindest sinngemäss (auch) die  des Wahlergebnisses verlangt werden; andernfalls erscheint das aktuelle Rechtsschutzinteresse zumindest fraglich (vgl. BGer 1P.206/2004 vom 4.10.2004 E. 1.2 mit Hinweis auf BGE 116 Ia 359 E. 2c; allgemein zum aktuellen Rechtsschutzinteresse bei Beschwerden betreffend  Gerold Steinmann, a.a.O., Art. 89 BGG N. 74 mit ; ferner VGE 2015/176 vom 12.6.2015). Mit ihrer ersten , welche die vorbereitende Wahlanordnung zum Gegenstand hat, beantragt die Beschwerdeführerin die Aufhebung der Wahl vom 27. November 2016 und deren Wiederholung (vorne Bst. C). Sie hat mit ihrem Begehren somit dem Umstand Rechnung getragen, dass die kritisierte Wahl stattgefunden hat, nachdem der angefochtene Entscheid ergangen war. Das aktuelle Rechtsschutzinteresse ist daher gegeben. Die zweite, gegen das Wahlergebnis gerichtete Beschwerde mit denselben Einwänden, mit denen schon die Vorbereitungshandlung angefochten  ist, wäre demzufolge nicht erforderlich gewesen, schadet der  aber auch nicht (ebenso für das Verfahren der  staatsrechtlichen Beschwerde als Stimmrechtsbeschwerde BGer 1P.582/2005 und 1P.650/2005 vom 20.4.2006, in ZBl 2007 S. 275 E. 1.2; für Gegenstandslosigkeit des ersten Beschwerdeverfahrens hin-
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 10.03.2017, Nrn. 100.2016.371/ 100.2017.2U, Seite 6
gegen BGE 105 Ia 149 E. 2 und dazu Christoph Hiller, a.a.O., S. 335; ferner für das Verfahren der vormaligen Gemeindebeschwerde auch RR 19.3.1986, in BVR 1987 S. 193 E. 5).
1.5 Am Vorliegen eines aktuellen praktischen Rechtsschutzinteresses ändert im Übrigen der Hinweis des Regierungsstatthalters und der  nichts, dass sämtliche politische Parteien sowie alle nicht  Kandidierenden das Ergebnis der Wahl akzeptiert hätten ( Entscheid im Verfahren 2016/371 E. 1.9 und Vernehmlassung vom 3.1.2017 S. 2; Beschwerdeantwort der Gemeinde vom 30.12.2016 S. 2). Denn zum einen ist es eine hypothetische Frage, ob die unterlegenen bzw. nicht zum zweiten Wahlgang zugelassenen Kandidatinnen und Kandidaten tatsächlich auf eine erneute Kandidatur verzichten würden, wenn die Wahl mit Mängeln behaftet sein sollte. Zum anderen steht zur Diskussion, ob die Wahl der Gemeindepräsidentin auf einem korrekten Verfahren beruht. An der Klärung dieser Frage hat die Beschwerdeführerin ein schutzwürdiges Interesse unabhängig davon, wie sich die Kandidatinnen und Kandidaten zu dieser Wahl stellen. Die politischen Rechte sollen den Bürgerinnen und Bürgern die Mitwirkung an der Staatstätigkeit ermöglichen. Den  kommt insoweit Organfunktion zu, die auch in prozessualer Hinsicht zum Ausdruck kommt (vgl. dazu BGE 119 Ia 167 E. 1d; VGE 2011/378 vom 1.12.2011 E. 2.3.2 [bestätigt durch BGer 1C_42/2012 vom 25.4.2012]; Pierre Tschannen, Staatsrecht der Schweizerischen , 4. Aufl. 2016 [nachfolgend: Staatsrecht], § 48 N. 13 ff.). Ein besonderes persönliches Interesse, wie es sich etwa aus einer  politischen Auseinandersetzung ergeben mag, ist für die  in Stimmrechtrechtssachen daher nicht vorausgesetzt (vgl. BGE 128 I 190 E. 1.1, 131 I 442 [BGer 1P.316/2005 vom 7.9.2005] nicht publ. E. 1; Gerold Steinmann, a.a.O., Art. 89 BGG N. 72).
1.6 Nach Art. 81 Abs. 2 Bst. a VRPG beträgt die Frist zur Anfechtung von Entscheiden in kommunalen Wahlsachen zehn Tage; von dieser  werden auch Vorbereitungshandlungen im Vorfeld von Wahlen erfasst (vgl. Herzog/Daum, Die Umsetzung der Rechtsweggarantie im  Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, in BVR 2009 S. 1 ff., 21). Während die Beschwerde im Verfahren 2017/2 fristgerecht eingereicht
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 10.03.2017, Nrn. 100.2016.371/ 100.2017.2U, Seite 7