Decision ID: 94ccf646-efda-4d8b-8324-faa10e2c5d3a
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend vorsätzliche Tötung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Horgen, III. Abteilung, vom 22. Juni 2011 (DG100022)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 24. August
2010 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 39).
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Beschuldigte ist schuldig der fahrlässigen Tötung im Sinne von
Art. 117 StGB.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit 14 Monaten Freiheitsstrafe, wovon 371
Tage durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft erstanden sind.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2
Jahre festgesetzt.
4. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
4. August 2010 beschlagnahmte olivgrünfarbene Halstuch sowie die mit Ver-
fügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 4. August 2010
beschlagnahmten Betäubungsmittelutensilien werden eingezogen und der
Kantonspolizei Zürich zur Vernichtung überlassen.
5. Es wird festgestellt, dass die Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin aus
dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist.
Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches
wird die Privatklägerin auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
6. Die Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin Fr. 5'000.– als Genug-
tuung zu bezahlen.
7. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf Fr. 3'600.–. Über die weiteren Kos-
ten (Barauslagen usw.) wird die Gerichtskasse Rechnung stellen.
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8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden der
Beschuldigten auferlegt, aber abgeschrieben. Die Kosten der amtlichen Ver-
teidigung werden auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt eine
Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO. Über die Höhe der Kosten der
amtlichen Verteidigung wird mit separater Verfügung entschieden.
Berufungsanträge:
a) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 74 S. 1)
1. Schuldigsprechung im Sinne der Anklage
2. Bestrafung mit einer Freiheitsstrafe von 8 1⁄2 Jahren
3. Anrechnung der erstandenen Haft
4. Anordnung einer ambulanten Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB
während des Vollzuges der Freiheitsstrafe
5. Definitive Einziehung und Vernichtung der mit Verfügung der Staats-
anwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 4. August 2010 beschlag-
nahmten Gegenstände
6. Kostenauflage
b) Der Verteidigung der Beschuldigten:
(Prot. II S. 7)
1. Die Berufung sei abzuweisen und das Urteil des Bezirksgerichts Hor-
gen vom 22. Juni 2011 zu bestätigen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates.
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Erwägungen:
I.
1. Am tt. September 2009 kurz nach 7 Uhr morgens stellte der Rettungsdienst
den Tod von +A._ fest. Die Beschuldigte hatte ihren Freund +A._ in ei-
nem Streit gewürgt und danach telefonisch den Rettungsdienst alarmiert, als er
sich nicht mehr bewegte. Das spielte sich in der Wohnung der Beschuldigten in
D._ ab.
2. Am 24. August 2010 erhob die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
Anklage gegen die Beschuldigte wegen vorsätzlicher Tötung (Urk. 22). Da eine
Behandlung bis zum Inkrafttreten der Schweizerischen Strafprozessordnung und
der damit verbundenen Abschaffung des Geschworenengerichts per Ende 2010
nicht mehr möglich war, wurde das Verfahren an das Bezirksgericht Horgen
überwiesen, wo am 22. Juni 2011 die Hauptverhandlung stattfand (Prot. I S. 4 ff.).
3. Die III. Abteilung des Bezirksgerichts Horgen sprach die Beschuldigte mit
Urteil vom 22. Juni 2011 vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung frei und verurteilte
sie stattdessen wegen fahrlässiger Tötung und bestrafte sie mit einer bedingt voll-
ziehbaren Freiheitsstrafe von 14 Monaten. Im Zivilpunkt wurde der Privatklägerin
eine Genugtuung von CHF 5'000.00 zugesprochen und festgestellt, dass die Be-
schuldigte dem Grundsatz nach schadenersatzpflichtig sei (Urk. 61 S. 33).
Dieser Entscheid wurde den Parteien im Anschluss an die Hauptverhandlung und
die geheime Urteilsberatung mündlich eröffnet und im Dispositiv übergeben (Prot.
I S. 14 f.). Die Staatsanwaltschaft meldete mit Eingabe vom 24. Juni 2011 die Be-
rufung an (Urk. 53). Die begründete Ausfertigung des Urteils erhielten die Partei-
en am 23. September 2011 (Urk. 57/1-3). Die Berufungserklärung trägt das Da-
tum des 23. September 2011 und ging am 11. Oktober 2011 hierorts ein (Urk. 63).
Die gesetzlichen Fristen wurden somit eingehalten.
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Die Staatsanwaltschaft hat ihre Berufung nicht eingeschränkt und verlangt einen
Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung und eine Freiheitsstrafe von 8 1⁄2 Jah-
ren, verbunden mit einer ambulanten Massnahme (Urk. 63; Urk. 74 S. 1). Die Be-
schuldigte und die Privatklägerin haben das vorinstanzliche Urteil nicht angefoch-
ten. Dieses ist demnach in Bezug auf die Einziehung von beschlagnahmten Ge-
genständen (Dispositivziffer 4), den Zivilpunkt (Dispositivziffern 5 und 6) und die
Regelung der Kostenfolgen (Dispositivziffern 7 und 8) rechtskräftig geworden,
was vorab festzustellen ist.
4. Der mit der Berufungserklärung gestellte Beweisantrag auf Einholung eines
Zweitgutachtens zum Obduktionsgutachten des Instituts für Rechtsmedizin der
Universität Zürich vom 31. Dezember 2009 (Urk. 63 S. 2 f.) wurde von der Verfah-
rensleitung am 24. April 2012 abgewiesen (Urk. 71).
II.
A. Objektiver Tatbestand
1. Die Vorinstanz kam zusammenfassend zum Schluss, dass der Tod des Op-
fers, wenn auch begünstigt durch die kombinierte Wirkung von Opiaten, Opioiden,
Benzidiazepinen und Alkohol, so doch in erster Linie durch das Würgen der Be-
schuldigten eingetreten sei (Urk. 61 S. 13 f. E. 2.10.9.), welche damit zumindest
eine Mitursache für den Todeseintritt gesetzt habe, was sie auch anerkenne (Urk.
61 S. 15 E. 3.1.). Damit habe sie den objektiven Tatbestand der vorsätzlichen wie
auch der fahrlässigen Tötung erfüllt (Urk. 61 S. 20 E. 3.1.13).
2. Die Vorinstanz bezeichnete das Obduktionsgutachten des Instituts für
Rechtsmedizin, auf dessen Feststellungen die oben wiedergegebenen Schluss-
folgerungen beruhen, als mangelhaft (vgl. Urk. 61 S. 11). Dieses Urteil ist jedoch
nicht berechtigt, wie nachstehend gezeigt wird, und die Einholung eines Zweitgut-
achtens, was die Staatsanwaltschaft unter Bezugnahme auf die kritischen Worte
der Vorinstanz beantragte (Urk. 63 S. 2 f.; Urk. 74 S. 5), erübrigt sich daher.
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Auf eine Ergänzungsfrage, bei deren Formulierung ein von der Verteidigung bei-
gezogener Experte behilflich gewesen war (vgl. Urk. 49 S. 6 f.; Urk. 6/15 und Urk.
6/16), hält das Ergänzungsgutachten vom 17. Mai 2010 fest, dass die vom Che-
miker nachgewiesene Opiatintoxikation (vgl. Urk. 6/7) unter Berücksichtigung der
Gewöhnung des Opfers insbesondere an den Wirkstoff Methadon (vgl. Urk. 6/19
S. 2 ff. und 6/20 S. 2 f.) lediglich zu einer Beeinträchtigung des Atemregulations-
zentrums im Sinne einer Atemdepression, jedoch nicht zu einer für sich allein töd-
lichen Atemlähmung geführt habe (Urk. 6/20 S. 3). Diesen Unterschied verkennt
die Verteidigung, wenn sie in ihrem Plädoyer vor der Vorinstanz gleichwohl von
einer tödlichen Atemlähmung ausgeht (Prot. I S. 12 E. 5), obwohl es dafür nach
Auffassung der Sachverständigen keinen Grund gibt. Im Plädoyer im Berufungs-
verfahren ist nurmehr von einer Atemdepression die Rede (Prot. II S. 7). Vielmehr
steht aufgrund der Gutachten fest, dass das Würgen durch die Beschuldigte kau-
sal für den Todeseintritt war. Das drückt die Aussage im Obduktionsgutachten
aus, dass ein Tötungsdelikt vorliege (Urk. 6/8 S. 5), die deshalb nicht so banal
und unqualifiziert ist, wie die Vorinstanz meint (Urk. 61 S. 12).
Sowohl das ursprüngliche Obduktionsgutachten vom 31. Dezember 2009 als
auch die Ergänzung vom 17. Mai 2010 halten im Übrigen keineswegs "apodik-
tisch" (Urk. 61 S. 11; Urk. 51 S. 3 Ziff. 3) fest, dass es sich beim Würgen um die
alleinige Todesursache handle. Vielmehr schliessen sie eine Beeinflussung des
Todesverlaufs durch den Drogenkonsum nicht aus, wie die Hinweise auf eine
damit verbundene Einschränkung der Handlungs- und Urteilsfähigkeit des Opfers
(welch erstere dazu beigetragen haben mag, dass er sich nicht wehrte) und auf
eine Atemdepression zeigen (vgl. Urk. 6/8 S. 5 und Urk. 6/20 S. 20). Die Kritik der
Vorinstanz, das Gutachten gehe auf das Zusammenwirken des Würgens mit an-
deren Ursachen nicht ein (Urk. 61 S. 11 ff.), geht daher fehl.
Ob eine kausale Ursache, wie vorliegend das Würgen, auf ein geschwächtes Op-
fer trifft, so dass bereits ein vergleichsweise geringer Einsatz von Kraft oder sons-
tigen Mitteln zum (deliktischen) Erfolg führt, ist aus forensisch-medizinischer Sicht
unerheblich (Urk. 6/20 S. 3), und hat auf die Strafbarkeit keinen Einfluss (vgl. BGE
131 IV 145). Allenfalls kann sich ein solcher Umstand auf das Verschulden aus-
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wirken (vgl. dazu unten III.3), wobei vorliegend zu beachten ist, dass der ge-
schwächte Zustand des Opfers - ebenso wie angebliche Herzprobleme (vgl. Urk.
3/3 S. 14 A. 95; Urk. 3/3 S. 2) - der Beschuldigten laut eigenen Angaben bekannt
war (Urk. 48 S. 12 f.; Urk. 3/1 S. 5; Urk. 3/2 S. 9 A. 65 ff. und A. 72).
3. Das von der Verteidigung eingereichten Privatgutachten von Prof. Dr. med.
E._ vom 8. Februar 2010 erwähnt, dass die bei der Legalinspektion und bei
der Obduktion festgestellten Petechien (punktförmige Einblutungen; vgl. Urk. 6/9
und 6/10) nicht nur vital durch Strangulation (wie im Obduktionsgutachten ange-
nommen, Urk. 6/8 S. 4 f.), sondern auch postmortal in Bauchlage aufgetreten sein
könnten. Darauf gebe es hier allerdings keine Hinweise, so dass man "von vital
entstandenen Stauungsblutungen als Folge eines längerdauernden (aber nicht
zwingend direkt zum Tode führenden) Würgens ausgehen" könne (Urk. 49 S. 2).
Unter Hinweis darauf, dass die Beschuldigte von der Telefonistin des Rettungs-
dienstes angewiesen wurde, das Opfer auf den Rücken zu drehen (vgl. Urk. S.
11/2 S. 2), zweifelte die Verteidigung vor der Vorinstanz den Schluss auf ein län-
gerdauerndes Würgen als Todesursache an. Den Widerspruch zur Auffassung
des von ihr beigezogenen Sachverständigen erklärte sie damit, dass dieser über
diese zusätzlichen Informationen nicht verfügt habe und deshalb eine postmortale
Bauchlage vorschnell ausgeschlossen habe (Urk. 51 S. 5 f.).
Dabei handelt es sich jedoch um einen Trugschluss. Die Verteidigung übersieht,
dass die Beschuldigte gemäss ihren eigenen Angaben sofort den Notruf verstän-
digte, als sie bemerkte, dass sich das Opfer nicht mehr bewegte (Urk. 48 S. 13;
Urk. 3/2 S. 17 A. 124). Laut dem polizeilichen Wahrnehmungsbericht, auf den zu-
gunsten der Beschuldigten ergänzend zu ihren Aussagen abgestellt werden kann,
nannte sie eine Zeitspanne von 1 bis 10 Minuten bis zur Alarmierung des Ret-
tungsdienstes (Urk. 4/1/2 S. 2). Auch wenn das Opfer unmittelbar nach der Tat of-
fenbar nicht in Rückenlage war - womit noch nicht feststeht, dass es sich in
Bauchlage befand - kann von einer postmortalen Bauchlage mit den vom Privat-
gutachter erwähnten möglichen Folgen bei einer so kurzen Dauer von vornherein
keine Rede sein, so dass kein Anlass besteht, an der vom Obduktionsgutachten
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angenommenen vitalen Entstehung der Einblutungen als Folge der Strangulation
zu zweifeln.
Die Argumentation der Verteidigung würde voraussetzen, dass zwischen Würgen
und Notruf eine längere Zeitdauer verstrichen ist. Darauf könnten Beobachtungen
von Nachbarn hindeuten, die ungefähr eine Stunde vor dem Eintreffen der Ret-
tungskräfte zum letzten Mal Geräusche hörten, die vom Opfer stammten, und die
berichteten, danach sei es ruhig gewesen, bis der Rettungsdienst gekommen sei
(vgl. Urk. 1/1 S. 6; Urk. 4/4/2 S. 6 A. 24 f.). Da keine Konfrontation mit diesen
Nachbarn stattgefunden hat, sind diese Aussagen nur zugunsten der Beschuldig-
ten verwertbar. Es würde kein günstiges Licht auf die Beschuldigte werfen, wenn
sie mit der Alarmierung der Rettungskräfte eine Stunde oder mehr zugewartet
hätte, nachdem sie das Opfer gewürgt hatte und sich dieses nicht mehr bewegte.
Ausserdem wäre sie in einem wichtigen Punkt der Lüge überführt, was auch die
Glaubhaftigkeit ihrer übrigen Aussagen stark beeinträchtigen würde.
Das Obduktionsgutachten äussert sich nicht zur Dauer des Verlaufs und postuliert
insbesondere keinen raschen Todeseintritt, wie das Ergänzungsgutachten vom
17. Mai 2010 zu den vom Privatgutachter als atypisch für einen raschen Ersti-
ckungstod durch Erwürgen bezeichneten Befunden einer schweren Hirnüberwäs-
serung und einer massiven Blutstauung der Lungen (Urk. 49 S. 3) festhält (Urk.
6/20 S. 2 A. 2). Die vom Privatgutachter aufgestellte These eines protrahierten
Verlaufs (Urk. 49 S. 4), lässt sich aus diesen Befunden jedoch nicht ableiten, wie
das Ergänzungsgutachten weiter klarstellt (Urk. 6/20 S. 2 A. 3).
Ganz abgesehen davon würde auch ein protrahierter Verlauf nichts an der Kausa-
lität ändern, da auf jeden Fall das Würgen die Kausalkette in Gang setzte und der
- frühere oder spätere - Todeseintritt eine ohne Weiteres voraussehbare und da-
mit adäquat kausale Folge davon darstellt. An die Adresse des Privatgutachters
(vgl. Urk. 49 S. 6) ist festzuhalten, dass es sich dabei um eine Rechtsfrage han-
delt, bei deren Beantwortung das Gericht nicht auf die Unterstützung von Sach-
verständigen angewiesen ist. Eine Ergänzung des Gutachtens drängt sich damit
auch aus diesem Grund nicht auf.
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4. Es steht demnach aufgrund des Gutachtens fest, dass der Tod als Folge
des Würgens eintrat. Damit liegt - was auch in diesem Zusammenhang keine un-
qualifizierte Feststellung ist - ein Tötungsdelikt vor, mit der Folge dass namentlich
der objektive Tatbestand der folgenden Delikte erfüllt ist: vorsätzliche Tötung i.S.
von Art. 111 StGB, Totschlag i.S. von Art. 113 StGB und fahrlässige Tötung i.S.
von Art. 117 StGB. Eine Qualifikation als Mord wird zurecht von keiner Seite gel-
tend gemacht (Urk. 50 S. 6). Die Abgrenzung zwischen den genannten Tatbe-
ständen hängt ab vom subjektiven Tatbestand, der nachfolgend zu erstellen ist.
B. Eventualvorsatz oder Fahrlässigkeit
1. Da der Vorsatz als innere Tatsache der direkten Beobachtung nicht zugäng-
lich ist, stehen bei seiner Ermittlung die verschiedenen Einvernahmen der Be-
schuldigten im Vordergrund (Urk. 3/1-6; Urk. 48; Urk. 73). Ausser gegenüber den
Ermittlungsbehörden und den gerichtlichen Instanzen schilderte die Beschuldigte
den Tathergang auch im Rahmen der psychiatrischen Begutachtung (Urk. 8/7 S.
30 f.). Da diese Äusserungen nicht ordnungsgemäss protokolliert wurden, sind ih-
re im forensisch-psychiatrischen Gutachten vom 26. Mai 2010 wiedergegebenen
Aussagen jedoch nicht gegen sie verwertbar (vgl. Schmid, Kommentar zur Straf-
prozessordnung, Art. 186 StPO N 11 a.E.).
Neben den Einvernahmen der Beschuldigten sind die Aufzeichnung des Notrufs
der Beschuldigten beim Rettungsdienst (Urk. 11/1-2), sowie die polizeilichen
Wahrnehmungsberichte über die Verhältnisse unmittelbar nach dem Eintreffen
des Rettungsdienstes in der Wohnung der Beschuldigten (Urk. 4/1/1-2) von Be-
deutung. Die Aussagen von Verwandten und Nachbarn, von denen sich letztere
teilweise nicht nur zu ihrer Person, sondern auch zur Sache, d.h. zu den Vorgän-
gen in der Tatnacht, äusserten (Urk. 4/3/1-4 und Urk. 4/4/1-8), können nicht ge-
gen sie verwendet werden, da keine Konfrontation stattfand und die Beschuldigte
somit ihre prozessualen Teilnahmerechte nicht wahrnehmen konnte.
2. Zwar steht im Rahmen der Beweiswürdigung grundsätzlich nicht die Glaub-
würdigkeit der befragten Person, sondern die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen im
Vordergrund, die sich aus einer inhaltsanalytischen Würdigung dieser Aussagen
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ergibt, wie die Vorinstanz richtig festhielt (Urk. 61 S. 9 E. 2.8). Angesichts der
grossen Bedeutung ihrer Aussagen kann es jedoch mit dem vorinstanzlichen
Hinweis auf das mit ihrer Rolle als Beschuldigter verbundene persönliche Interes-
se am Verfahrensausgang nicht sein Bewenden haben (vgl. Urk. 61 S. 9 E. 2.8),
sondern ist ihre Glaubwürdigkeit einer eingehenderen Prüfung zu unterziehen.
Für die Aussagemotivation der Beschuldigten ist neben ihrer von der Vorinstanz
erwähnten prozessualen Rolle weiter bedeutsam, dass sie bei diesem Vorfall ih-
ren Freund verlor, den sie trotz allem (vgl. zur Illustration ihres Beziehungslebens
die Beschreibung der Tatnacht, unten 3) geliebt hatte, wie sie glaubhaft versicher-
te, so dass sie damit leben muss, dass sie durch eigenes Verschulden (wie auch
immer dieses juristisch zu qualifizieren ist) ihren Freund verloren hat (vgl. Urk. 3/1
S. 7; Urk. 3/5 S. 6; Urk. 48 S. 15). Die Wahrnehmungsberichte der Polizisten, die
mit dem Rettungsdienst vor Ort waren, schildern denn auch, dass sie sich deswe-
gen Vorwürfe machte (vgl. Urk. 4/1/1 und 4/1/2).
Man darf diese Selbstvorwürfe nicht als Schuldeingeständnis werten. Auch bei ei-
ner fahrlässigen Tatbegehung wäre die Beschuldigte (nicht nur nach ihrem eige-
nen Verständnis) als Verursacherin am Tod ihres Freundes nicht unschuldig.
Ebenso wenig ist aber der Schluss zulässig, sie könne den Tod ihres Freundes
unmöglich (im Sinne der gängigen Definition des Eventualvorsatzes, vgl. dazu un-
ten 7) in Kauf genommen haben, auch wenn dies ausserhalb des Tatzeitraums ef-
fektiv nicht der Fall gewesen sein mag, wie ihre erste Reaktion nahelegt und wo-
rauf auch der Umstand hindeutet, dass sie die Gelegenheit nicht nutzte, ihr Han-
deln als Notwehrhandlung zu rechtfertigen, sondern Berichte der Nachbarn über
Streitigkeiten relativierte und bestritt, dass das Opfer jemals gegen sie gewalttätig
geworden sei (Urk. 3/2 S. 5 ff. A. 34 ff.; Urk. 3/3 S. 2 A. 10 ff.).
Der Umstand, dass das Opfer der grundsätzlich geliebte Lebenspartner war, ist
aus psychologischer Sicht eine hohe Hürde für das Eingeständnis eines irgendwie
gearteten Vorsatzes. Im Bereich zwischen Eventualvorsatz und Fahrlässigkeit, wo
die Abgrenzung nicht auf objektiv feststellbaren Fakten, sondern auf Nuancen be-
ruht, kann das durchaus genügen, um die Erinnerung so zu beeinflussen, dass
ein riskantes Verhalten von einem bewussten Wagnis zu einer blossen Unacht-
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samkeit umgedeutet wird. Vor allem wo sie sich nicht auf konkrete Beobachtun-
gen, sondern auf Gefühle oder Gedanken beziehen, sind die Aussagen der Be-
schuldigten daher vor diesem Hintergrund mit grosser Zurückhaltung zu würdigen.
Zu beachten ist ferner, dass die Abgrenzung zwischen Eventualvorsatz und Fahr-
lässigkeit juristisch sehr komplex ist, was nicht nur die gerichtlichen Erwägungen
zeigen (Urk. 61 S. 16 f. E. 3.1.3 ff.), sondern auch der Briefwechsel zwischen dem
untersuchungsführenden Staatsanwalt und dem Verfasser des Polizeirapports il-
lustriert (Urk. 1/3 S. 2). Fragen nach Rechtsbegriffen überfordern (nicht nur) Laien
und sind daher wenig ergiebig (vgl. Urk. 3/5 S. 6 oben). Wie die Vorinstanz in Be-
zug auf die ermittelnden Polizisten richtig schreibt (Urk. 61 S. 19 E. 3.1.10), inte-
ressiert nicht die juristische Qualifikation der Tat, sondern die Schilderung ihrer
Wahrnehmungen. Das gilt auch für die Beschuldigte. Es ist die Aufgabe des Ge-
richts, den so ermittelten Sachverhalt rechtlich zu würdigen. Die Vorinstanz weicht
von diesen Grundsätzen ab, wenn sie auf rechtliche Ausführungen der Polizisten
zum Vorsatz abstellt (Urk. 61 S. 19 E. 3.1.10).
3. Die Beschuldigte und das Opfer kamen in der Tatnacht zwischen 22 und 23
Uhr nach Hause, nachdem sie am Abend in Zürich bei städtischen Einrichtungen
ihre Betäubungsmittelrationen abgeholt hatten. Die Nacht war von Streit ("Gekif-
fel", Urk. 3/2 S. 15 A. 119), unterbrochen von kurzen Pausen, geprägt. Das Opfer
schlief im Verlauf der Nacht weniger als eine Stunde (Urk. 3/2 S. 12 A. 93) bzw.
eine bis zwei Stunden (Urk. 48 S. 10) in gekrümmter Stellung auf dem Fussbo-
den, während die Beschuldigte laut eigenen Angaben die ganze Nacht kein Auge
schloss. Beide tranken Alkohol, die Beschuldigte Wodka, das Opfer mehrere Do-
sen Bier. Nach Mitternacht beklagten sich Nachbarn wegen Ruhestörung, was
anscheinend öfter vorkam. Daraufhin zerschlug das Opfer mit einem Krückstock
der Beschuldigten eine Fensterscheibe, worauf die Beschuldigte befürchtete, sie
verliere nun die Wohnung, weil sie anscheinend von der Verwaltung eine entspre-
chende Androhung erhalten hatte, was das Opfer allerdings nicht beeindruckt ha-
be (Urk. 3/1 S. 2 f.; Urk. 3/2 S. 8 ff.; Urk. 48 S. 7 ff.; Urk. 73 S. 6 ff.)
4. Zur Tat sagt die Beschuldigte aus, sie sei vor dem Sofa auf dem Boden ge-
sessen, als der Getötete zu ihr gekommen sei - in den Worten der Beschuldigten -
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"um mich zu plagen" (Urk. 3/1 S. 3): Er habe sie an den Haaren gerissen und
"gepüngt", was sie als leichten Stoss mit der Faust gegen Schulter oder Oberarm
bezeichnet (Urk. 3/3 S. 2 A. 9), was aber an anderer Stelle als schnalzende Be-
rührung mit den Fingern am Hinterkopf beschrieben wird (Urk. 8/7 S. 29; Urk. 48
S. 9 unten; Urk. 73 S. 6). Das sei sein "Tigg" gewesen, sonst habe er sie nie an-
gerührt (Urk. 3/2 S. 6 f. A. 46 ff.). Da habe sie sich umgedreht und sei "auf ihn los"
(Urk. 3/1 S. 3; Urk. 3/2 S. 16 A. 119; Urk. 3/3 S. 9 A. 60).
Danach wird ihre Erinnerung lückenhaft (Urk. 3/1 S. 3; Urk. 3/3 S. 10 A. 63 ff.).
Sie bestreitet jedoch nicht, dass sie den Beschuldigten mit den Händen am Hals
packte (Urk. 3/2 S. 16 A. 119; Urk. 3/5 S. 1 f.; Urk. 48 S. 10; Urk. 73 S. 7), was
sich im Übrigen mit den Feststellungen des Obduktionsgutachtens deckt (Urk. 6/8
S. 4 f.). Bei der Schlusseinvernahme weiss sie zwar nicht mehr, ob sie ihn schüt-
telte (Urk. 3/6 S. 3). Sowohl bei der vorherigen Einvernahme (Urk. 3/5 S. 3) als
auch anlässlich der vorinstanzlichen Hauptverhandlung erwähnt sie diesen As-
pekt jedoch und stellt ihn gegenüber dem Würgen in den Vordergrund (Urk. 48 S.
7 und 10).
Wie lange sie das Opfer so festhielt, kann sie nicht sagen (Urk. 3/1 S. 7; Urk. 3/2
S. 16 A. 119). Das auf die entsprechende Frage nachgeschobene Gefühl, es sei
nicht lange gewesen, ist wenig aussagekräftig (Urk. 3/5 S. 2), und die ergänzen-
den Fragen des Gerichts brachten keine Klarheit (Urk. 48 S. 15). Alles andere wä-
re auch erstaunlich, da Zeitschätzungen notorisch unzuverlässig sind, umso mehr
wenn sie von direkt Beteiligten stammen und Erlebnisse betreffen, die stark emo-
tional besetzt sind und teilweise verdrängt wurden, worauf die lückenhaften Aus-
sagen der Beschuldigten hindeuten (Urk. 3/3 S. 10 ff.).
Laut Obduktionsgutachten belegen die Stauungsblutungen "eine nicht unerhebli-
che stumpfe mechanische Energie durch Würgen" (Urk. 8/7 S. 4). Das von der
Beschuldigten eingereichte Privatgutachten ist spezifischer und geht von einem
längerdauernden Würgen aus, das dafür mit eher geringer Kraftanwendung aus-
geführt worden sei (Urk. 49 S. 5 f.). Die Anklageschrift macht daraus einige weni-
ge Minuten, was allerdings letztlich nicht genauer ist (Urk. 39 S. 3). Bereits eine
einzige Minute kann sehr lange sein, vor allem wenn es sich nicht um eine dyna-
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mische Abfolge von Bewegungen, sondern um einen mehr oder weniger stati-
schen Vorgang handelt wie hier. Genauer, als dass es sich um einen längeren
Zeitraum handelte (vgl. Urk. 49 S. 4 unten) und nicht bloss um einige Sekunden,
wie die Vorinstanz mutmasste (Urk. 48 S. 15), lässt sich dies nicht mehr eruieren,
was allerdings genügt, um eine Entscheidung zu treffen.
Der Getötete habe sich nicht gewehrt, wie die Beschuldigte wiederholt mit sichtli-
cher Verwunderung beschreibt (Urk. 3/1 S. 2; Urk. 3/2 S. 16; Urk. 3/3 S. 12 A. 79
ff.; Urk. 3/5 S. 4; Urk. 3/6 S. 3; Urk. 48 S. 7; Urk. 73 S. 10). Auch als sie ihn losge-
lassen habe, habe er nichts gemacht. Sie habe gemeint, er stelle sich tot, und ha-
be ihn aufgefordert, damit aufzuhören. Als er sich noch immer nicht bewegt habe,
habe sie gemerkt, dass er sich nicht verstelle, sondern dass etwas nicht stimme,
und habe die Sanität angerufen (Urk. 3/2 S. 16 A. 119; Urk. 3/5 S. 2; Urk. 48 S.
14).
Auf der Aufnahme des Anrufs beim Rettungsdienst ist zu hören wie die Beschul-
digte während der Reanimationsbemühungen sagt: "A._ es isch nüme lusch-
tig jetzt" (Urk. 11/2 S. 5), und in der ersten Einvernahme am Morgen nach der Tat
sagte sie aus, sie habe gedacht, "er macht Scheisse und tue einfach so... Er hat
das schon einige Male gemacht" (Urk. 3/1 S. 2). In der delegierten Einvernahme
vom 15. September 2009 konnte sie sich jedoch auch auf Vorhalt von entspre-
chenden Beobachtungen in den Wahrnehmungsberichten der Polizisten, die mit
dem Rettungsdienst vor Ort waren (Urk. 4/1/1 S. 2 und Urk. 4/1/2 S. 2), nicht an
Situationen erinnern, in denen sich ihr Freund tot gestellt hatte. Jedenfalls seien
das keine Gewaltsituationen gewesen, es sei höchstens vorgekommen, dass er
sich schlafend gestellt habe, um sie mit einem Nebenbuhler zu belauschen, sagte
sie schliesslich auf mehrmalige Nachfrage (Urk. 3/3 S. 8 ff. A. 47 ff.).
Auch an ein grünes Halstuch, das sie laut einem der beiden Wahrnehmungsbe-
richte am Morgen danach als Tatwerkzeug bezeichnete (Urk. 4/1/1 S. 2) und das
sich bei den Akten befindet (Urk. 40), vermochte sich die Beschuldigte später
nicht mehr zu erinnern (Urk. 3/ 1S. 4; Urk. 3/3 S. 13 A. 88 ff.; Urk. 3/6 S. 3). Auf-
grund der Obduktion steht zwar nicht fest, kann aber auch nicht ausgeschlossen
werden, dass neben den Händen ein Drosselinstrument zum Einsatz kam (Urk.
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6/8 S. 4 f.). Die Anklageschrift nimmt darauf jedoch keinen Bezug, sondern geht
von einem reinen Würgevorgang aus (vgl. Urk. 39 S. 3), so dass darauf nicht wei-
ter einzugehen ist.
5. Mit der Aufnahme des Anrufs bei der Notrufzentrale ist zwar das unmittelba-
re Nachtatverhalten der Beschuldigten (sofern man ihrer Darstellung folgt, dass
sie sofort den Rettungsdienst verständigte, nachdem sich das Opfer nicht mehr
bewegte; vgl. oben A.3) dokumentiert. Es ist allerdings ein Irrtum zu glauben,
dass man damit einen direkten Einblick in die Haltung der Beschuldigten zur Tat-
zeit erhält.
Wie die Beschuldigte selbst sagt, war der Anlass für ihren Anruf beim Notruf die
Feststellung, dass ihr Freund nicht mehr atmete (vgl. Urk. 11/2 S. 1). Vermutlich
war er damals bereits tot, was der Beschuldigten zwar nicht bewusst war. Sie
merkte jedoch, "dass etwas nicht stimmt" (Urk. 48 S. 14), wie auch die Wahl der
Nummer des Notrufs zeigt. Ihre spätere heftige Reaktion auf die Feststellung des
Todes (vgl. Urk. 4/1/2 S. 2) deutet darauf hin, dass sie auf einen Erfolg ihrer Re-
animationsversuche gehofft hatte, was vielleicht auch auf die motivierenden Wor-
te der Telefonistin des Rettungsdienstes zurückzuführen war (vgl. Urk. 11/2).
Es ist zwar richtig, dass die Beschuldigte am Telefon hörbar ergriffen war bzw.
emotional sehr betroffen schien. Der Hinweis, dass diese Gefühle und Intentionen
nicht gespielt sein dürften (Urk. 61 S. 9 E. 2.9 und S. 19 E. 3.1.10), führt jedoch
nicht weiter, denn diese Momentaufnahme stammt aus der Zeit nach der oben
geschilderten Entdeckung, "dass etwas nicht stimmt", und es ist durchaus vor-
stellbar, dass die Entdeckung, dass ihr Freund sich auf einmal nicht mehr beweg-
te, dazu führte, dass Wut (vgl. Urk. 48 S. 10 oben) in Reue umschlug. Aus der auf
dieser Aufnahme dokumentierten Stimmung kann daher nicht auf die Gefühlslage
zur Tatzeit zurückgeschlossen werden.
Ferner sind diese Äusserungen mehrdeutig. Zwar ist denkbar, dass die Beschul-
digte durch den Eintritt des Todes überrascht wurde, weil sie nicht damit gerech-
net hatte, was zwar vielleicht sorgfaltspflichtwidrig und damit fahrlässig gewesen
wäre, aber zugleich bedeuten würde, dass sie dieses Ereignis nicht in Kauf ge-
- 15 -
nommen und somit nicht vorsätzlich gehandelt hatte, wie die Verteidigung geltend
macht und die Vorinstanz als glaubhaft erachtet. Es kann jedoch genau so gut
sein, dass sie den Tod zwar nicht wollte, doch zumindest in Kauf nahm, dass sie
dann aber trotzdem erschrak, als dieses Ereignis tatsächlich eintrat, und darauf-
hin von Gewissensbissen gepackt wurde, worauf sie den Rettungsdienst alarmier-
te und das Opfer wiederzubeleben versuchte. Aus den von der Vorinstanz er-
wähnten Reanimationsversuchen (Urk. 61 S. 19 f. E. 3.1.10) lässt sich nichts ab-
leiten, da ihr angesichts der bestimmenden Aufforderung durch die Telefonistin
des Rettungsdienstes gar keine andere Wahl blieb (Urk. 11/2).
Aussagen der Beschuldigten zur Tat, die einer inhaltlichen Würdigung zugänglich
wären, liegen aus jener Zeit entgegen der Auffassung der Vorinstanz nicht vor
(Urk. 61 S. 10 E. 2.9). Die früheste Beschreibung des Tathergangs findet sich in
den Wahrnehmungsberichten der Polizisten, die mit den Rettungskräften in der
Wohnung waren (Urk. 4/1/1 und 2). Es ist jedoch unklar, was darin auf Äusserun-
gen der Beschuldigten beruht und was Interpretation darstellt. So findet sich etwa
die Behauptung, sie habe das Opfer wachrütteln wollen, was die Vorinstanz als
ihre Schilderung bezeichnet und für glaubhaft hält (Urk. 61 S. 20 E. 3.1.10), nicht
in den ersten Aussagen der Beschuldigten, sondern nur in einem dieser polizeili-
chen Wahrnehmungsberichte, und wird dort ausdrücklich als persönlicher Ein-
druck des Verfassers deklariert (Urk. 4/1/1 S. 2). Wenn die Beschuldigte diese
Argumentation später in der staatsanwaltschaftlichen Befragung vom 22. Januar
2010 aufgreift (Urk. 3/5 S. 5 m.H. auf S. 3), ist die Authentizität dieser Aussage
daher fraglich.
6. Die Beschuldigte schilderte vor der Vorinstanz, sie habe sich aufgeregt (Urk.
48 S. 7) bzw. sei "so hässig" gewesen, als ihr Freund sie in der weiter oben be-
schriebenen Art und Weise gepiesackt habe und trotz ihrer Aufforderung nicht
damit aufgehört habe. Da habe sie sich umgedreht und ihn am Hals genommen
und geschüttelt (Urk. 48 S. 9 f.). Heute bestätigte sie auf Befragen, sie sei wütend
geworden. Nachdem sie, seit sie um 22 oder 23 Uhr nach Hause gekommen sei-
en, habe hören müssen, was sie für ein "Arschloch" sei, habe es sich aufgestaut.
Mit dem "Püngen" und Plagen sei es dann fertig gewesen (Urk. 73 S. 8). Auch
- 16 -
wenn Emotionen wie Ärger oder Wut in früheren Aussagen der Beschuldigten
nicht vorkommen, erscheint diese Schilderung angesichts der Provokationen, de-
nen sie laut ihrer konstanten Darstellung von Seiten des Opfers ausgesetzt war
(vgl. Urk. 3/1 S. 3), gut einfühlbar. Bereits in den ersten Befragungen durch den
Staatsanwalt und die Polizei erwähnt sie den Wunsch, in Ruhe gelassen zu wer-
den bzw. dass sich das Opfer beruhige (Urk. 3/1 S. 3; Urk. 3/2 S. 16), was in die
gleiche Richtung geht.
Wie aufgrund der in diesem Punkt übereinstimmenden verschiedenen, von der
Staatsanwaltschaft und der Verteidigung eingeholten gerichtsmedizinischen Gut-
achten feststeht, würgte die Beschuldigte das Opfer während längerer Zeit (vgl.
oben B.4). Die Beschuldigte betont immer wieder, dass sich das Opfer nicht wehr-
te (Urk. 3/2 S. 16 A. 119; Urk. 3/3 S. 10 A. 61; Urk. 3/5 S. 2, S. 4 und S. 6; Urk.
3/6 S. 3; Urk. 48 S. 7 und S. 14; Urk. 73 S. 10 f.). Das bedeutet, als sie das Opfer
mit den Händen um den Hals fasste, trat der gewünschte Effekt rasch ein, und
das Opfer war ruhig (Urk. 3/5 S. 3). Trotzdem liess sie das Opfer nicht los, son-
dern hielt es weiterhin im Würgegriff, obwohl ihr die möglicherweise tödlichen Fol-
gen bekannt waren, wie sie mehrfach anerkannte (Urk. 3/1 S. 3; Urk. 3/5 S. 5;
Urk. 48 S. 7). Dass sie mit einer Gegenwehr rechnete, wie sie betont, verdeutlicht
dass ihr der aggressive und potentiell (lebens-) gefährliche Charakter ihres Ver-
haltens bewusst war.
Gerade weil sie so sehr wünschte, das Opfer solle endlich ruhig sein und sie in
Ruhe lassen, kann ihr nicht entgangen sein, dass sich dieses auf einmal nicht
mehr rührte und die erwünschte Wirkung somit eingetreten war (vgl. Urk. 73
S. 11). Ihr nachträglicher Erklärungsversuch, sie habe ihn wachrütteln wollen
(Urk. 3/5 S. 5), den die Vorinstanz aufnimmt (Urk. 61 S. 30 E. 3.1.10), steht im
Widerspruch zu ihrem erklärten Ziel - Ruhe - und erscheint daher wenig überzeu-
gend. Im Übrigen beruht diese Behauptung, wie bereits erwähnt, auf der Interpre-
tation eines Polizisten, der anscheinend davon ausging, dass die Beschuldigte
das Opfer als Wiederbelebungsmassnahme geschüttelt habe, nachdem sie be-
merkt hatte, dass sich dieses nicht mehr bewegte (Urk. 4/1/1 S. 2), was nicht Ge-
genstand der Anklage ist.
- 17 -
Wollte die Beschuldigte wirklich nur in Ruhe gelassen werden, ist unverständlich,
weshalb sie nicht aufhörte, als sich ihr Plagegeist (vgl. Urk. 3/1 S. 3) auf einmal
nicht mehr rührte. Der Umstand, dass sich ihr Freund nicht wehrte, wie die Be-
schuldigte mit erkennbarem Erstaunen berichtet (Urk. 3/2 S. 16 A. 119; Urk. 3/3
S. 10 A. 61; Urk. 3/5 S. 2, S. 4 und S. 6; Urk. 3/6 S. 3; Urk. 48 S. 7 und S. 14;
Urk. 73 S. 10), war ein - von der Vorinstanz gesuchtes - äusserliches Anzeichen
für eine Todesgefahr (Urk. 61 S. 14 E. 2.11.2). Wollte die Beschuldigte aufhören,
bevor es gefährlich wurde, wie ihr die Vorinstanz zugesteht (Urk. 61 S. 20 E.
3.1.10 und S. 21 E. 3.1.15), hätte sie in diesem Moment reagieren müssen.
Auch wenn es zutreffen sollte, dass sich das Opfer schon öfter tot gestellt hatte,
weshalb die Beschuldigte zuerst an einen Scherz glaubte, wie sie anfänglich be-
kundet habe (vgl. oben 4 m.H. auf Urk. 3/1 S. 2 und Urk. 3/3 S. 8 ff. A. 47 ff.), gab
es keinen Grund, so lange weiterzumachen, bis sich das Opfer endlich zu wehren
begann. Vor dem Hintergrund des Wunschs der Beschuldigten nach Ruhe mach-
te das erst recht keinen Sinn, da es dadurch höchstens zu einem Wiederaufflam-
men der Auseinandersetzung gekommen wäre, die sie ja beenden wollte. Wollte
die Beschuldigte das Opfer zur Vernunft zu bringen (vgl. Urk. 3/5 S. 5; Urk. 61 S.
21 E. 3.1.15), ist ebenfalls unverständlich, weshalb sie weitermachte, nachdem
das Opfer endlich ruhig war.
Die Beschuldigte bestreitet, dass sie den Tod des Opfers in Kauf genommen ha-
be. Auf diesen Standpunkt, den sie verständlicherweise im Prozess einnimmt,
kann jedoch angesichts ihres Eigeninteresses (vgl. oben B.2) nicht abgestellt
werden, wie auch die Vorinstanz findet (Urk. 61 S. 19 E. 3.1.10). Angesichts der
erstellten äusseren Tatumstände und ihres anerkannten Wissens um das mit ih-
rem Handeln verbundene Risiko, ist die einzige plausible Erklärung dafür, dass
sie das Opfer weiter würgte, obwohl sie bemerkte, dass sich dieses nicht mehr
bewegte, dass sie die Möglichkeit eines Erstickungstodes sehend in Kauf nahm.
Ihre Erklärungsversuche - sie habe das Opfer wachrütteln bzw. zur Vernunft brin-
gen wollen - halten einer genaueren Betrachtung nicht stand und stellen nachträg-
liche Schutzbehauptungen dar.
- 18 -
7. Sowohl dem eventualvorsätzlichen als auch dem bewusst fahrlässigen Täter
ist das Risiko des Eintritts des strafrechtlichen Erfolgs bekannt. Die beiden For-
men des Vorsatzes, die vorliegend voneinander abzugrenzen sind, unterscheiden
sich nicht in Bezug auf das Wissen, sondern auf den Willen: Während der be-
wusst fahrlässige Täter trotz grundsätzlicher Kenntnis des Risikos (= Wissen)
leichtfertig darauf vertraut, es werde schon nichts passieren, d.h. das Risiko wer-
de sich nicht verwirklichen, rechnet der eventualvorsätzliche Täter mit dieser Mög-
lichkeit und handelt trotzdem, d.h. er lässt es darauf ankommen und nimmt den
Eintritt des Erfolgs in Kauf (so die bekannte Formel) bzw. findet sich damit ab,
wobei nach der neueren Rechtsprechung nicht erforderlich ist, dass er den Erfolg
auch billigt (Trechsel / Jean-Richard, Praxiskommentar, Art. 12 StGB N 14).
Es ist ja noch denkbar, dass die Beschuldigte darauf vertraute, es werde schon
nichts passieren, als sie das Opfer am Hals packte und zu würgen begann, ob-
wohl bereits dies angesichts des geschwächten Zustands des Opfers riskant war,
wie die Verteidigung selbst einräumt (Urk. 51 S. 10 unten). Die Beschuldigte hörte
jedoch nicht auf, als sich das Opfer nicht mehr bewegte, was ein klares Warnzei-
chen war, sondern machte weiter. Der Zusammenhang zwischen Würgen, Erwür-
gen und Tod war der Beschuldigten grundsätzlich bekannt, wie sie anerkennt
(Urk. 3/1 S. 3; Urk. 3/5 S. 5; Urk. 48 S. 7), und ist so naheliegend, dass es nicht
vorstellbar ist, dass sie nicht mit dieser Möglichkeit rechnete und diese zumindest
in Kauf nahm, als sie das regungslose Opfer während einer längeren Zeitdauer
(vgl. dazu oben 4 m.H. auf Urk. 49 S. 4 unten und S. 5 unten) würgte. Die Be-
schuldigte handelte damit eventualvorsätzlich im Sinne der oben wiedergegebe-
nen Umschreibung.
C. Rechtliche Qualifikation
1. Der Eventualvorsatz wird in Bezug auf die Strafbarkeit dem direkten Vorsatz
gleichgestellt (Art. 12 Abs. 2 zweiter Satz StGB). Die unterschiedliche Intensität
des Willens wirkt sich jedoch auf das Verschulden aus und ist somit bei der Straf-
zumessung zu berücksichtigen. Die Beschuldigte hat demnach den Grundtatbe-
stand der vorsätzlichen Tötung i.S. von Art. 111 StGB erfüllt und ist, da keiner der
- 19 -
gesetzlichen Spezialtatbestände erfüllt ist (vgl. zum Totschlag i.S. von Art. 113
StGB unten 2) dieses Delikts schuldig zu sprechen.
2. Die Vorinstanz stellte anlässlich der Hauptverhandlung eine Qualifikation als
Totschlag zur Diskussion (Prot. I S. 5), ohne diesen Tatbestand jedoch in ihrem
Entscheid zu prüfen, weil sie den Grundtatbestand der vorsätzlichen Tötung man-
gels Vorsatz verneinte und so von vornherein zu einem anderen Ergebnis kam.
Die Verteidigung nimmt diese Position im Berufungsverfahren im Sinne eines
Eventualstandpunktes auf (Prot. II S. 8 f. m.H. auf Urk. 75 = Auszüge aus
Schwarzenegger, BSK, Art. 113 StGB N 6 ff.).
Es trifft zwar zu, dass die Anwendung von Art. 113 StGB voraussetzt, dass die
heftige Gemütsbewegung - und nicht die unter dem Einfluss dieses Affekts be-
gangene Tat - nach den Umständen entschuldbar ist. Dabei ist jedoch ein objekti-
ver Massstab anzulegen. Es genügt nicht, dass der Affekt psychologisch erklärbar
ist, sondern seine Entstehung muss aus der Sicht eines objektiv wertenden Be-
trachters als menschlich begreiflich bzw. verständlich erscheinen, so dass anzu-
nehmen ist, auch ein anderer, an sich anständig Gesinnter, wäre in der betreffen-
den Situation leicht in einen solchen Affekt geraten (Trechsel / Fingerhuth, Art.
113 StGB N 9; Schwarzenegger, BSK, Art. 113 StGB N 8 f.).
Eine heftige Gemütsbewegung ist der Beschuldigten zweifellos zuzubilligen. Wie
die Charakterisierung der Tat als affektakzentuiert durch den psychiatrischen
Gutachter zeigt, der einen Zusammenhang zur Alkoholproblematik der Beschul-
digten herstellt (Urk. 8/7 S. 47), handelt es sich dabei jedoch nicht um eine emoti-
onale Reaktion, wie sie allgemein in dieser Situation zu erwarten wäre. Es liegt
daher keine Entschuldbarkeit im Sinne der oben erwähnten Lehre und Rechtspre-
chung vor. Der subjektiven Erklärbarkeit dieser Gemütsbewegung - die in der An-
nahme einer leicht- bis mittelgradigen Reduktion der Schuldfähigkeit im psychiat-
rischen Gutachten zum Ausdruck kommt - ist im Rahmen der Strafzumessung bei
der Würdigung des subjektiven Verschuldens Rechnung zu tragen.
- 20 -
III.
1. Der ordentliche Strafrahmen für eine vorsätzliche Tötung reicht von fünf bis
zwanzig Jahre. Da verschiedene Strafmilderungsgründe vorliegen (insbesondere
Art. 19 Abs. 2 StGB; vgl. dazu unten 4 und 5), kann er auch unterschritten wer-
den. Dazu kommt es jedoch nur in seltenen Ausnahmefällen, wie die Staatsan-
waltschaft vor der Vorinstanz mit Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesge-
richts vorsorglich ausführte (Urk. 50 S. 7). Ob dazu Anlass besteht, kann erst am
Schluss der Strafzumessung aufgrund einer umfassenden Würdigung aller we-
sentlichen Strafzumessungsfaktoren entschieden werden, wenn das aus dem
Tatverschulden und der Täterpersönlichkeit hergeleitete Strafmass im Sinne einer
Kontrolle dem Strafrahmen gegenübergestellt wird (vgl. Mathys, Zur Technik der
Strafzumessung, SJZ 100 / 2004 S. 173 ff., S. 180).
2. Die Strafe wird nach dem Verschulden zugemessen. Das Verschulden be-
stimmt sich nach der Schwere der Verletzung oder Gefährdung des betroffenen
Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den Beweggründen und Zie-
len des Täters sowie danach, wie weit der Täter nach den inneren und äusseren
Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden. Ne-
ben dem Verschulden werden das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse
sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters berücksichtigt (Art. 47
StGB).
3. Vergleicht man die Tat der Beschuldigten mit anderen Formen von Tötungs-
delikten, so ist zu berücksichtigen, dass bloss ein Eventualvorsatz als mildeste
Vorsatzform vorliegt und dass die Tat auf der anderen Seite weit von einem Mord
entfernt ist, wie auch die Staatsanwaltschaft einräumt (Urk. 50 S. 7). Die Höchst-
strafe für eine bewusst fahrlässige Tatbegehung, worauf die Vorinstanz erkannte
(vgl. Urk. 61 S. 24 E. 4.3.1.2), liegt bei drei Jahren. Der Vorsatz ist in der Regel
das zentrale Element für die Bewertung des Tatverschuldens. Liegen keine aus-
sergewöhnlichen Umstände vor, ist das Tatverschulden bei einer eventualvorsätz-
lichen Begehung im unteren Drittel des zur Verfügung stehenden Strafrahmens
anzusiedeln, was aufgrund der konkreten Tatumstände näher einzugrenzen ist.
- 21 -
Sowohl die Vorinstanz als auch die Staatsanwaltschaft haben die Tötungsart mit
den blossen Händen zutreffend als erschwerendes Element erwähnt (Urk. 61 S.
23 E. 4.3.1.1; Urk. 50 S. 7). Die Dauer des Würgens war kausal für den Eintritt
des Todes und wurde bereits zur Begründung des Eventualvorsatzes herangezo-
gen, so dass dieser Umstand bei der Strafzumessung nicht mehr erschwerend ins
Gewicht fällt. Dass die Beschuldigte mit grosser Kraftanstrengung gewürgt habe,
wie die Staatsanwaltschaft schreibt (Urk. 50 S. 7), ist nicht erstellt. Der einleitend
erwähnte Umstand (vgl. oben A.1), dass das Opfer geschwächt war und deshalb
ein vergleichsweise geringer Krafteinsatz genügte, um den Tod herbeizuführen,
vermag sie hingegen nicht zu entlasten, da ihr dieser geschwächte Zustand be-
kannt war und da überdies erstellt ist, dass sie das Opfer nicht nur kurz würgte.
Die Vorinstanz gesteht der Beschuldigten in subjektiver Hinsicht eine entschuld-
bare heftige Gemütsbewegung i.S. von Art. 48 lit. c StGB zu (Urk. 61 S. 24). Der
Wortlaut dieser Bestimmung entspricht dem des Tatbestands des Totschlags, zu
dem dieser allgemeine Strafmilderungsgrund im Verhältnis der Subsidiarität steht.
Es kann demnach auf die oben gemachte Feststellung verwiesen werden, wo-
nach die Voraussetzung der Entschuldbarkeit nicht erfüllt ist (oben II.C.2; Trech-
sel / Affolter-Eijsten, Art. 48 StGB N 17 f.; Wiprächtiger, Basler Kommentar, Art.
48 StGB N 26). Der Verlauf der Tatnacht mit den Provokationen des Opfers ent-
lastet die Beschuldigte. Die vom Gutachter bei der Tat beobachtete Affektakzen-
tuierung, die sich auf die Schuldfähigkeit auswirkt, ist jedoch nur dort zu berück-
sichtigen (vgl. unten 4), um eine Doppelberücksichtigung zu vermeiden (Urk. 50
S. 8).
Zusammenfassend ist das Tatverschulden der Beschuldigten unter Berücksichti-
gung all dieser Umstände im Rahmen einer vorsätzlichen Tötung als noch leicht
zu bezeichnen, was einer Einsatzstrafe von rund zehn Jahren entspricht.
4. Das ausführliche forensisch-psychiatrische Gutachten von Dr. med. F._
vom 26. Mai 2010 diagnostiziert bei der Beschuldigten zum Tatzeitraum eine
ängstlich (vermeidende) Persönlichkeitsstörung mit dependenten Zügen, eine mit-
telgradig depressive Episode sowie Abhängigkeiten von den Substanzen Heroin,
Benzodiazepin und Alkohol (Urk. 8/7 S. 44). Zum Tatzeitraum habe sich die Be-
- 22 -
schuldigte längerfristig in einer zumindest mittelgradig depressiven Grundstim-
mung befunden als Folge der Schicksalsschläge nach dem Tod ihres Vaters im
Jahr 2004, in dessen Folge die Beschuldigte neben Betäubungsmitteln massiv Al-
kohol zu konsumieren begann, und der Beinamputation im Jahr 2008 (Urk. 8/7 S.
45).
Die eigentliche Tat bezeichnet der Gutachter als affektakzentuiert, weil das ge-
zeigte Tatverhalten bei der Beschuldigten aus der Vorgeschichte nicht bekannt
sei. Allerdings erwähnt er eine sich seit 2008 entwickelnde affektive Instabilität mit
Impulskontrollschwierigkeiten und aggressiver Gespanntheit durch den Alkohol-
konsum und die depressive Symptomatik. Auf eine Affektakzentuierung deuteten
neben den ausgeprägten Erinnerungsinseln auch das nach der Gewaltanwen-
dung gezeigte Hilfeverhalten und die Distanzierung von der Tat mit Bestürzung
hin. Dass es der Beschuldigten während der Tatnacht trotz zahlreicher Provokati-
onen durch das Opfer lange gelungen sei, Ruhe zu bewahren, spreche jedoch für
eine grundsätzliche erhaltene Steuerungsfähigkeit. Es könne daher von einer
höchstens leicht- bis mittelgradigen Minderung der Steuerungsfähigkeit aufgrund
der Affektakzentuierung und der Alkoholwirkung ausgegangen werden. Hinweise
auf eine Einschränkung der Einsichtsfähigkeit seien demgegenüber nicht vorhan-
den (Urk. 8/7 S. 45 ff.).
Daraus schloss der Gutachter auf eine höchstens leicht- bis mittelgradig einge-
schränkte Schuldfähigkeit i.S. von Art. 19 Abs. 2 StGB (vgl. Urk. 8/7 S. 47 und
S. 50 zu 2). Dieser überzeugend begründeten Einschätzung ist zu folgen. Es ist
zu beachten, dass der Gutachter mit dieser Angabe nicht eine Bandbreite zwi-
schen zwei Werten, sondern einen Punkt auf einer Skala bezeichnet, der zwi-
schen diesen beiden Werten liegt. Es besteht daher entgegen der Auffassung der
Vorinstanz (Urk. 61 S. 24 E. 4.3.1.5) und der Verteidigung (Prot. I S. 12 f.) kein
Anlass, den Grundsatz in dubio pro reo zur Anwendung zu bringen und eine mitt-
lere Verminderung der Schuldfähigkeit anzunehmen.
5. Die Beschuldigte konsumiert seit über 25 Jahren regelmässig Drogen. Ihre
heutige Situation darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie keine typi-
sche Drogenkarriere hinter sich hat, sondern viele Jahre sozial gut integriert war
- 23 -
und einer geregelten Arbeit nachging, was insbesondere dadurch zum Ausdruck
kommt, dass sie keine Vorstrafen erwirkte, was von einer überdurchschnittlichen
Disziplin und Anpassung zeugt, wie die Vorinstanz und die Staatsanwaltschaft zu-
recht hervorheben (Urk. 61 S. 26; Urk. 50 S. 9; Urk. 74 S. 9). Die Vorstrafenlosig-
keit der Beschuldigten ist ihr jedoch, entsprechend der aktuellen bundesgerichtli-
chen Rechtsprechung nicht strafmindernd anzurechnen (BGE 136 IV 1 ff.).
Die Lebenssituation der Beschuldigten geriet anscheinend aus dem Gleichge-
wicht als ihr Vater starb, der Alkoholiker gewesen sei, worauf sie selbst massiv zu
trinken begann. Sie stürzte mehrmals - ob der Alkohol dabei eine Rolle spielte, ist
nicht bekannt - und verletzte sich am Knie. Im Verlauf der Behandlung zog sie
sich eine Infektion zu, die nicht ausheilte. Schliesslich musste das Bein amputiert
werden (vgl. Urk. 13/6 S. 5 A. 15). In dieser Zeit verlor sie ihre Stelle und lernte
den ebenfalls drogensüchtigen +A._, das nachmalige Opfer, kennen, der ih-
ren langjährigen Freund G._, mit dem sie seit dem Beginn ihrer Drogensucht
zusammen gewesen war, als Lebenspartner ablöste. Diese neue Beziehung war
nicht frei von Spannungen, wie aus den Ausführungen zur Sache hervorgeht (vgl.
oben II.B.2 und 3). Diese Schicksalsschläge und der damit verbundene gesund-
heitliche und soziale Absturz sind leicht strafmindernd zu berücksichtigen.
Auch wenn das Gericht einen Eventualvorsatz annimmt, hält es die Versicherun-
gen der Beschuldigten, dass sie den Tod ihres Freundes nicht wollte (vgl. Urk. 49
S. 15), für glaubhaft. Es ist ihr deshalb zuzugestehen, dass sie durch die unmit-
telbaren Folgen ihrer Tat zwar nicht physisch, aber psychisch unmittelbar betrof-
fen ist. Davon geht nicht nur die Vorinstanz (Urk. 61 S. 25 E. 4.3.2.1), sondern
auch die Staatsanwaltschaft aus (Urk. 50 S. 9). Diese Betroffenheit ist zwar nicht
so gross, dass es zu einer - bei Vorsatzdelikten nur sehr restriktiv zu gewähren-
den - Strafbefreiung kommt (vgl. Riklin, Basler Kommentar, Art. 54 StGB N 36 f.),
sie führt jedoch zu einer Strafminderung (vgl. Trechsel / Pauen Borer, Art. 54
StGB N 3 a.E.).
Nachdem die Beschuldigte die Folgen ihrer Tat realisierte, alarmierte sie die Ret-
tungskräfte und versuchte das Opfer unter der telefonischen Anleitung der Tele-
- 24 -
fonistin des Rettungsdienstes wiederzubeleben (vgl. Urk. 11/2), was zwar nicht
gelang, aber als Ausdruck tätiger Reue strafmindernd zu würdigen ist.
Ebenfalls strafmindernd zu berücksichtigen ist das kooperative Verhalten der Be-
schuldigten im Strafverfahren. Da die Abgrenzung zwischen Eventualvorsatz und
Fahrlässigkeit eine Rechtsfrage darstellt, kann ihr die Bestreitung des Eventual-
vorsatzes entgegen der Auffassung der Staatsanwaltschaft (Urk. 50 S. 9) nicht als
Einschränkung ihrer Geständnisbereitschaft entgegengehalten werden.
6. Unter Berücksichtigung der soeben angeführten persönlichen Faktoren ist
die schuldangemessene Strafe auf fünf Jahre zu reduzieren. Die Beschuldigte ist
demnach mit einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren zu bestrafen. Der ordentliche
Strafrahmen wird demnach nicht verlassen (vgl. oben 1). An diese Strafe ist die
verbüsste Haft anzurechnen (Art. 51 StGB). Die Beschuldigte befand sich seit
dem Morgen nach der Tat bis am tt. September 2010 während 371 Tagen in Haft
(vgl. Urk. 29; Urk. 33; Urk. 61 S. 26 f. E. 4.2.2). Bei diesem Strafmass ist sowohl
die Gewährung des bedingten als auch des teilbedingten Vollzugs von Gesetzes
wegen ausgeschlossen (Art. 42 f. StGB).
7. Die Staatsanwaltschaft beantragt die Anordnung einer ambulanten Behand-
lung im Sinne von Art. 63 StGB während des Vollzuges der Freiheitsstrafe (Urk.
50 S. 9; Urk. 63 S. 2 Ziff. 4; Urk. 74 S. 1; Prot. II S. 6). Die Beschuldigte erklärte
sich mit der Anordnung einer ambulanten Massnahme einverstanden (Urk. 48
S.6; Prot. II S. 9).
Dem bereits erwähnten forensisch-psychiatrischen Gutachten von Dr. med.
F._ vom 26. Mai 2010 lässt sich entnehmen, dass die Beschuldigte im Tat-
zeitpunkt unter einer ängstlichen (vermeidenden) Persönlichkeitsstörung, einer
zumindest mittelgradigen Depression sowie einer Heroin-, Benzodiazepin- und
Alkoholabhängigkeit gelitten habe. Sämtliche Diagnosen seien in deutlicher Aus-
prägung vorliegend. Die für die Tatzeit festgestellten psychischen Störungsbilder
würden weiterhin bestehen (Urk. 8/7 S. 44 und 50). Die Rückfallgefahr für ähnlich
gelagerte Straftaten wie die zur Last gelegte Tötung schätzt Dr. med. F._ als
gering-moderat ein. Die Persönlichkeitsstörung, die Alkoholabhängigkeit sowie die
- 25 -
Depressionsproblematik würden mit der Tatbegehung in ursächlichem Zusam-
menhang stehen und die Legalprognose belasten. Angesichts der dargelegten
Rückfallgefahr bezüglich schwerwiegender Delikte sei die Anordnung einer The-
rapie als Massnahme zwar nicht zwingend nötig. Es bestehe jedoch ein ausge-
prägter Behandlungsbedarf, der sich nicht auf die Alkohol- und Drogenproblema-
tik beschränke. Eine Massnahme würde sich sowohl auf die psychische Gesund-
heit als auch auf das verbleibende Restrisiko günstig niederschlagen (Urk. 8/7
S. 48 ff.). Nach dem Gesagten kann die Massnahmebedürftigkeit der Beschuldig-
ten bejaht werden.
Gemäss dem psychiatrischen Gutachten können die festgestellten psychischen
Störungen sowie die Suchtproblematik behandelt werden. Die Beschuldigte sei
zudem bereit und motiviert, sich einer solchen Behandlung zu unterziehen
(Urk. 8/7 S. 49 ff.). Vor der Vorinstanz hat sich die Beschuldigte denn auch aus-
drücklich mit der Anordnung einer ambulanten Behandlung einverstanden erklärt
(Urk. 48 S. 6). Wie bereits die Staatsanwaltschaft festgehalten hat (Prot. II S. 6),
kann aus dem Umstand, dass die Beschuldigte ihre Psychologin seit September
2011 nicht mehr konsultiert hat, nicht darauf geschlossen werden, dass sie nicht
mehr bereit dazu wäre, sich einer Massnahme zu unterziehen, gab die Beschul-
digte als Grund dafür doch an, sie habe nach dem erstinstanzlichen Verfahren an
Angstzuständen gelitten und das Haus nicht mehr verlassen können (Urk. 73 S. 2
f. und 12). Damit ist auch heute von der Massnahmefähigkeit und Massnahmewil-
ligkeit der Beschuldigten auszugehen.
Unter diesen Umständen ist für die Beschuldigte eine ambulante Massnahme im
Sinne von Art. 63 Abs. 1 StGB anzuordnen, ohne dass der Strafvollzug zugunsten
dieser Massnahme aufzuschieben ist, da nicht ersichtlich ist, inwiefern der gleich-
zeitige Vollzug der Freiheitsstrafe den Behandlungserfolg negativ beeinflussen
könnte.
- 26 -
IV.
Die Beschuldigte trägt ausgangsgemäss die Kosten des Berufungsverfahrens. Mit
Rücksicht auf ihre finanziellen Verhältnisse sind diese jedoch sogleich abzu-
schreiben (Art. 425 StPO). Davon ausgenommen sind die Kosten der amtlichen
Verteidigung, die (unter dem Vorbehalt der Nachforderung gemäss Art. 135 Abs.
4 StPO) auf die Gerichtskasse genommen werden (Art. 426 Abs. 1 StPO).