Decision ID: 65bf2eab-0fb4-41ee-ae2b-4aa006af50d2
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Horgen, Einzelgericht, vom 25. Juni 2020 (GG190021)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis vom 23. September
2019 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 21).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 83 S. 34 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der fahrlässigen Körperverletzung mit schwerer Schädigung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 125 Abs. 2 StGB sowie
− des pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall im Sinne von Art. 92 Abs. 2 SVG.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 130 Tagessätzen zu Fr. 80.– und
einer Busse von Fr. 2'000.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 2 Jahre festgesetzt.
Die Busse ist zu bezahlen.
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatz-
freiheitsstrafe von 20 Tagen.
5. Der Zivilanspruch der Privatklägerschaft wird dem Grundsatz nach anerkannt und im Übri-
gen auf den Zivilweg verwiesen.
6. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis vom 20. September
2019 beschlagnahmten Gegenstände werden dem jeweiligen Eigentümer nach Eintritt der
Rechtskraft dieses Urteils auf erstes Verlangen vom Forensischen Institut Zürich, Asserva-
te-Triage, bzw. der Kantonspolizei Zürich, RLA-VZN, herausgegeben:
− Velo-T-Shirt, gelb, zerschnitten (A011'667'268)
− Velohelm grau (A011 '667'279)
− Velohose schwarz (A011 '667'304)
− Veloschuhe grau (A011'667'326)
− Mountainbike "Menco FSX-2" schwarz (lagernd im Verkehrsstützpunkt ...)
Nach Ablauf einer unbenutzten Frist von 6 Monaten ab Eintritt der Rechtskraft dieses Ent-
scheides sind die vorgenannten, beschlagnahmten Gegenstände zu vernichten.
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7. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'800.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'358.00 Kosten Kantonspolizei
Fr. 1'500.00 Gebühr Anklagebehörde
Fr. 8.80 Zeugenentschädigung
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
Verlangt keine der Parteien ein Begründung, ermässigt sich die Entscheidgebühr um einen
Drittel.
8. Die Kosten der Untersuchung sowie des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschuldig-
ten auferlegt.
9. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerschaft für das gesamte Verfahren eine
Parteientschädigung von Fr. 6'000.– (inkl. MwSt. und Auslagen) zu bezahlen.
10. (Mitteilungen.)
11. (Rechtsmittel.)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 6 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 85 und Prot. II S. 9 f., teilweise sinngemäss)
1. Der Beschuldigte sei in Gutheissung seiner Berufung vom Vorwurf der fahr-
lässigen Körperverletzung freizusprechen und die gegen ihn ausgefällte
Geldstrafe sei entsprechend auf 40 Tagessätze sowie die Verbindungsbus-
se auf Fr. 800.– zu reduzieren.
2.a. Eventualiter sei das Urteil des Bezirksgerichts Horgen, Einzelgericht, vom
25. Juni 2020 aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen.
2.b. Subeventualiter sei ein verkehrstechnisches Gutachten über den mutmass-
lichen Unfallablauf und die Frage der Kausalität und Vermeidbarkeit des
tragischen Unfallereignisses einzuholen.
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2.c. Sub-subeventualiter sei bei Bestätigung des Schuldspruchs wegen schwerer
fahrlässiger Körperverletzung in Abänderung von Dispositiv-Ziff. 5 eine
grundsätzliche Schadenersatzpflicht des Beschuldigten gegenüber dem
Privatkläger festzustellen, indessen sei dieser Anspruch zur Festsetzung
des Quantitativs und der Haftungsquote auf den Zivilweg zu verweisen.
3. Die Kosten der Untersuchung und Anklageerhebung seien dem Beschuldig-
ten hälftig aufzuerlegen und im Übrigen, auch für das erst- und zweitinstanz-
liche Verfahren, auf die Staatskasse zu nehmen.
4. Dem Beschuldigten sei für die Aufwendungen seiner Verteidigung eine an-
gemessene Parteientschädigung im Umfang von Fr. 18'000.– zzgl. MwSt. für
die Untersuchung und das erstinstanzliche Verfahren, sowie von Fr. 6'000.–
zzgl. MwSt. für das Berufungsverfahren zuzusprechen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 92; schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
c) Des Vertreters des Privatklägers B._:
(Prot. II S. 22)
1. Die Berufung des Beschuldigten sei abzuweisen und das Urteil der Vo-
rinstanz sei zu bestätigen. Insbesondere sei der Beschuldigte der fahrlässi-
gen schweren Körperverletzung schuldig zu sprechen.
2. Im Übrigen seien die erst- und zweitinstanzlichen Verfahrenskosten dem
Beschuldigten aufzuerlegen und er sei zu verpflichten, dem Privatkläger eine
angemessene Prozessentschädigung für das erst- und zweitinstanzliche
Verfahren zu leisten.
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte und Umfang der Berufung
1. Einleitung und Prozessgeschichte
1.1. Am 9. Mai 2018, ca. 16.30 Uhr, stürzte der Privatkläger auf der C._-
strasse Richtung D._-strasse in E._ von seinem Fahrrad und erlitt eine
Querschnittlähmung auf der Höhe C4 (Tetraplegie). Am 23. September 2019 er-
hob die Staatsanwaltschaft Limmattal / Albis Anklage gegen den Beschuldigten
und wirft ihm darin vor, für den Sturz des Privatklägers verantwortlich zu sein. Er
sei im Unfallzeitpunkt ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, habe bei
der Kreuzung F._-gasse/ C._-strasse das Signal "kein Vortritt" missach-
tet und den Privatkläger übersehen. Dadurch habe der Privatkläger stark bremsen
müssen und sei gestürzt, was für den Beschuldigten voraussehbar gewesen sei.
Ferner habe sich der Beschuldigte von der Unfallstelle entfernt, ohne die Polizei
zu avisieren, deren Eintreffen abzuwarten oder einem der Passanten, welche dem
bewusstlos am Boden liegenden Privatkläger halfen, seine Personalien mitzutei-
len. Wegen seines Verhaltens sei der Beschuldigte der fahrlässigen Körperverlet-
zung mit schwerer Schädigung sowie des pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall
schuldig zu sprechen (Urk. 21).
1.2. Nach erfolgter Anklageerhebung stellte die Verteidigung diverse Beweis-
anträge. Während die Vorinstanz den Antrag auf Einholung eines verkehrstech-
nischen Gutachtens mit Verfügung vom 19. Dezember 2019 ablehnte, ordnete sie
in Gutheissung der weiteren Beweisanträge die Einvernahme des Privatklägers
anlässlich der Hauptverhandlung sowie die Durchführung eines Augenscheins am
Unfallort an (Urk. 27 f.). Die Vorinstanz führte hernach am Morgen des 30. Januar
2020 einen Augenschein durch (Prot. I S. 6), worauf die Hauptverhandlung am
Nachmittag desselben Tages stattfand (Prot. I S. 11). Nach durchgeführten
Hauptverhandlung (Prot. I S. 43) stellte die Vorinstanz den Parteien am
5. Februar 2020 das Protokoll des Augenscheins zu und setzte ihnen eine Frist
zur Stellungnahme und zu allfälligen Protokollberichtigungsgesuchen an (Prot. I
S. 45). Einem Protokollberichtigungsbegehren der Staatsanwaltschaft gab die Vo-
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rinstanz mit Verfügung vom 15. März 2020 statt (Prot. I S. 46) und lud am
23. April 2020 zur Fortsetzung der Hauptverhandlung auf den 25. Juni 2020 vor
(Prot. I S. 47).
1.3. An der Fortsetzung der Hauptverhandlung vom 25. Juni 2020 verzichteten
die Parteien auf weitere Anträge. Mit eingangs wiedergegebenem, gleichentags
eröffnetem Urteil sprach der Vorderrichter den Beschuldigten anklagegemäss
schuldig. Der Beschuldigte wurde mit einer bedingten Geldstrafe von 130 Ta-
gessätzen zu Fr. 80.– und einer Busse von Fr. 2'000.– bestraft. Die Probezeit für
die Geldstrafe wurde auf 2 Jahre und die Ersatzfreiheitsstrafe für die Busse auf
20 Tage festgesetzt. Weiter befand die Vorinstanz über die Zivilansprüche des
Privatklägers, die beschlagnahmten Gegenstände sowie die Kosten- und Ent-
schädigungsfolgen (Urk. 83 S. 34). Der Verteidiger des Beschuldigten meldete
noch vor Schranken im Rahmen der mündlichen Urteilseröffnung Berufung an
(Prot. I S. 48). Nachdem der schriftlich begründete Entscheid den Parteien am
29. Januar 2021 zugestellt wurde, reichte der Verteidiger unter dem
18. Februar 2021 fristgerecht die schriftliche Berufungserklärung ein (Urk. 85;
Urk. 82/2). Die Staatsanwaltschaft und die Privatklägerschaft verzichteten mit
Eingaben vom 18. bzw. 30. März 2021 auf Anschlussberufung und beantragten
im Wesentlichen die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 92; vgl. Urk.
94).
1.4. Der Privatkläger hatte mit Eingabe vom 2. Juli 2020 (Datum des Post-
stempels) zunächst ebenfalls Berufung anmelden lassen, doch wurde darauf mit
Beschluss der hiesigen Kammer vom 24. Februar 2021 nicht eingetreten, da in-
nert Frist keine Berufungserklärung erfolgt war (Urk. 76; Urk. 88; vgl. Art. 399
Abs. 3 StPO und Art. 403 Abs. 1 und Abs. 3 StPO).
1.5. Am 21. Mai 2021 wurde zur heutigen Berufungsverhandlung vorgeladen,
zu welcher der Beschuldigte in Begleitung seines erbetenen Verteidigers sowie
der Privatkläger in Begleitung seines Rechtsvertreters erschienen sind (Urk. 100;
Prot. II S. 6). Die Staatsanwaltschaft hatte um Dispensation von der Berufungs-
verhandlung ersucht, weshalb ihr das Erscheinen freigestellt wurde (Urk. 92).
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2. Umfang der Berufung
2.1. Nach Art. 399 Abs. 4 StPO kann die Berufung auf einzelne Urteilspunkte
beschränkt werden. Eine isolierte Anfechtung des Schuldpunktes ist indes nicht
möglich. Bei einem Antrag auf Freispruch gelten für den Fall der Gutheissung au-
tomatisch auch die mit der Tat untrennbar zusammenhängenden Folgepunkte des
Urteils als angefochten. Bestätigt das Berufungsgericht den Schuldpunkt, sind die
weiteren Urteilspunkte – soweit nicht explizit angefochten – jedoch nicht zu über-
prüfen (SCHMID/JOSITSCH, StPO Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, Art. 399 N 18).
2.2. Die Berufung des Beschuldigten richtet sich gegen den Schuldspruch we-
gen fahrlässiger Körperverletzung mit schwerer Schädigung (Dispositiv-Ziff. 1 ali-
nea 1). Damit einhergehend gilt auch die Höhe der Sanktion und deren Aufschub
zu Gunsten einer Probezeit bzw. die Ersatzfreiheitsstrafe der ausgesprochenen
Busse (Dispositiv-Ziff. 2 bis 4), die vorinstanzliche Regelung des Zivilanspruchs
des Privatklägers (Dispositiv-Ziff. 5) sowie die getroffene Kosten- und Entschädi-
gungsregelung als angefochten (Dispositiv-Ziff. 8 und 9; s.a. Urk. 85). Unange-
fochten und damit in Rechtskraft erwachsen sind der Schuldspruch wegen
pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall (Dispositiv-Ziff. 1 alinea 2), die Herausgabe
der beschlagnahmten Gegenstände (Dispositiv-Ziff. 6) sowie die Kostenfestset-
zung (Dispositiv-Ziff. 7; vgl. Prot. II S. 8). Dies ist vorab mittels Beschluss festzu-
stellen.
II. Prozessuales
1. Anklageprinzip
1.1. Die Verteidigung monierte anlässlich der Berufungsverhandlung eine Ver-
letzung des Anklageprinzips, da dem Beschuldigten lediglich vorgeworfen werde,
das Signal "kein Vortritt" missachtet bzw. nicht beachtet zu haben. Damit – so die
Verteidigung weiter – werde ihm ein rechtlicher Tatbestand, mithin das Nichtbe-
achten eines Signals gemäss Art. 27 Abs. 1 SVG zur Last gelegt; worin das
Nichtbeachten des genannten Signals genau bestanden habe, werde in der An-
klage nicht genügend aufgeführt (Prot. II S. 11 f.).
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1.2. Das Anklageprinzip bezweckt den Schutz der Verteidigungsrechte und
dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör. Der Sachverhalt hat möglichst kurz
aber genau die der beschuldigten Person vorgeworfene Tat mit Beschreibung von
Ort, Datum, Zeit, Art und Folgen der Tatausführung zu bezeichnen (Art. 9 StPO;
vgl. Art. 325 Abs. 1 lit. f StPO). Ob der Tatvorwurf hinreichend bestimmt um-
schrieben ist, hängt jeweils von den Umständen des Einzelfalles ab. Entschei-
dend jedoch ist, dass die Darstellung des als strafwürdig erachteten Verhaltens
derart erfolgt, dass das Gericht weiss, worüber es zu befinden hat, und die be-
schuldigte Person erkennt, wogegen sie sich zu verteidigen hat (BGE 143 IV 63
E. 2.2. m.H.; Zürcher Kommentar StPO-WOHLERS, 3. Aufl. 2020, Art. 9 N 1 ff. und
N 8 ff.).
1.3. Die Rüge der Verteidigung ist unbegründet. Der zu prüfende Anklagesach-
verhalt wurde vorliegend als einmaliges Ereignis sowohl in örtlicher, zeitlicher und
sachlicher Hinsicht konkret und präzis umschrieben. So wird dem Beschuldigten
explizit vorgeworfen, er habe das Signal "kein Vortritt" aus pflichtwidriger Unvor-
sichtigkeit missachtet, indem er die C._-strasse überquerte, ohne sich zu
vergewissern, ob vortrittsberechtigte Fahrzeuge auf der C._-strasse gefahren
seien. Dabei habe der Beschuldigte übersehen, dass der Privatkläger auf der
C._-strasse talwärts gefahren sei. Infolge dieser Unachtsamkeit des Be-
schuldigten habe der Privatkläger stark bremsen müssen und sei in der Folge von
seinem Fahrrad gestürzt (Urk. 21 S. 2). Damit wird das pflichtwidrige Verhalten
des Beschuldigten ausreichend umschrieben. Es ist nicht auszumachen, inwiefern
nach Ansicht der Verteidigung noch näher hätte beschrieben werden können, wie
genau der Beschuldigte das Signal "kein Vortritt" missachtet haben soll. Der Vor-
wurf, den talwärts fahrenden und vortrittsberechtigen Privatkläger übersehen zu
haben, geht offensichtlich mit dem Vorwurf einher, in pflichtwidriger Unvorsichtig-
keit unter Missachtung des Signales "kein Vortritt" die C._-strasse überquert
zu haben, was zum Sturz des Privatklägers geführt habe. Es ist für den Beschul-
digten mithin klar ersichtlich, welcher Lebenssachverhalt Gegenstand der Anklage
bildet und gegen welchen Vorwurf er sich zu verteidigen hat (s.a. Urteil
6B_1401/2016 vom 24. August 2017 E. 1.4.). Dass und inwiefern dem Beschul-
digten eine wirksame Verteidigung nicht möglich gewesen sein sollte, ist unter
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dem Gesichtspunkt des Anklagegrundsatzes nicht ersichtlich. Damit steht auch
eine Rückweisung an die Vorinstanz ausser Frage.
2. Beweisantrag
2.1. Wie schon vor Vorinstanz wiederholte der Beschuldigte anlässlich der
Berufungsverhandlung ohne nähere Begründung den Beweisantrag, es sei ein
verkehrstechnisches Gutachten zur Tatrekonstruktion respektive zur Frage der
Kausalität und Vermeidbarkeit des Unfallereignisses einzuholen (vgl. Prot. I S. 29;
Prot. II S. 6 und S. 9).
2.2. Die Verteidigung stützt ihren Beweisantrag unter anderem auf Berechnun-
gen, welche auf den Standorten und Geschwindigkeiten beider Radfahrer grün-
den. Sie macht im Wesentlichen geltend, erst die örtliche und zeitliche Lokalisie-
rung des Reaktionspunktes des Privatklägers (Position im Zeitpunkt seiner
Bremsreaktion) lasse Rückschlüsse auf die Frage zu, was Auslöser für dessen
Notbremsung gewesen sei (vgl. Urk. 17/1; Prot. II S. 13 ff.). Wie nachfolgend auf-
zuzeigen sein wird, erweist sich der Beweisantrag als nicht zielführend, da die
hierfür notwendigen Parameter nicht mehr eruiert werden können. Aber auch auf-
grund des Beweisergebnisses kann darauf verzichtet werden, das beantragte
Gutachten einzuholen. Zur Begründung sei auf die Erwägungen in der Sachver-
haltserstellung verwiesen (vgl. nachfolgend E. III.3.4. ff.).
3. Augenscheinprotokoll
3.1. Die Verteidigung bemängelt das vorinstanzliche Protokoll des Augen-
scheins als unzureichend, da darin keinerlei tatsächliche Feststellungen zu den
Wahrnehmungen vor Ort enthalten seien (Prot. II S. 24; vgl. Prot. I S. 6-10).
3.2. Augenscheine werden gemäss Art. 193 Abs. 4 StPO mittels Bild- oder
Tonaufnahmen, Plänen, Zeichnungen, Beschreibungen oder in anderer Weise
aktenkundig gemacht. Vom Augenschein und den dabei vor Ort gemachten Fest-
stellungen ist ein Protokoll zu erstellen, da die Sinneswahrnehmungen im späte-
ren Verfahren nicht mehr (unmittelbar) zur Verfügung stehen (Zürcher Kommentar
StPO-DONATSCH, 3. Aufl. 2020, Art. 193 N 28-31 m.H.). Das Protokoll soll deshalb
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einerseits den Richtern und dem Gerichtsschreiber als Gedächtnisstütze dienen
und es ihnen ermöglichen, die Feststellungen und Ausführungen der Parteien tat-
sächlich zur Kenntnis zu nehmen und pflichtgemäss zu würdigen; andererseits
soll es Auskunft über die Einhaltung der Verfahrensvorschriften geben und die
Rechtsmittelinstanzen in die Lage versetzen, den angefochtenen Entscheid zu
überprüfen (zum Ganzen: BGE 142 I 86 S. 90 f. E. 2.3).
3.3. Vorliegend führte die Vorinstanz zwar ein den Vorschriften nach Art. 76 f.
StPO entsprechendes Protokoll des Augenscheins, stellte darin aber einzig Ne-
bensächlichkeiten oder bereits bekannte Umstände fest. So wurde unter anderem
protokolliert, dass die Wassersteine in Form einer Rinne die F._-gasse von
der C._-strasse trennen (Prot. I S. 8), oder dass auf der linken Seite der
F._-gasse eine "Kein-Vortritt-Tafel" stehe und kurz vor den Wassersteinen
Bodenmarkierungen in Form von "Haifischzähnen" die Vortrittsregelung markieren
(Prot. I S. 8). Wo bzw. in welcher Entfernung sich diese jeweiligen Markierungen
oder Signalisationen zur C._-strasse befinden, wurde hingegen nicht festge-
halten. Überhaupt fehlen weitgehend sachdienliche eigene Feststellungen der Vo-
rinstanz, beispielsweise zur Frage, ob und wie weit von der Kreuzung aus die
C._-strasse einsehbar ist. Stattdessen beschränkte sie sich darauf, "Hinwei-
se" der Parteien zu protokollieren (Prot. I S. 6 ff.). Ob diese Parteibehauptungen
zutreffen oder nicht, lässt sich aus dem entsprechenden Protokoll nicht entneh-
men. Damit verletzte die Vorinstanz ihre Protokollierungspflicht, können doch we-
der das Berufungsgericht noch Dritte auf dieser Grundlage nachvollziehen, was
vor Ort festgestellt wurde bzw. welche der "Hinweise" der Parteien zutreffen und
welche nicht. Es kann jedoch vorliegend darauf verzichtet werden, einen erneuten
Augenschein durchzuführen bzw. eine verbesserte Protokollierung von der Vo-
rinstanz einzuholen. Der streitgegenständliche Sachverhalt lässt sich ohne Au-
genschein bzw. ohne Konsultation des vorinstanzlichen Augenscheinprotokolls
rechtsgenügend erstellen, zumal sich eine umfassende polizeiliche Fotodokumen-
tation in den Akten befindet (Urk. 8/2).
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III. Sachverhalt
1. Allgemeine Beweisregeln
1.1. Zunächst ist auf die zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz zu den
allgemeinen Beweiswürdigungsregeln zu verweisen (vgl. Urk. 83 S. 9 ff.). Erneut
ist festzuhalten, dass das Gericht die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten
Verfahren gewonnenen Überzeugung würdigt (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen
unüberwindliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der
angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für die beschuldigte Person günsti-
geren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO).
1.2. Gemäss dem in Art. 10 Abs. 1 StPO kodifizierten Grundsatz "in dubio pro
reo" (im Zweifel für den Beschuldigten) gilt jede Person bis zu ihrer rechtskräftigen
Verurteilung als unschuldig. Als Beweislastregel bedeutet dieser Grundsatz, dass
es Sache der Anklagebehörde ist, die Schuld des Beschuldigten zu beweisen,
und nicht dieser seine Unschuld nachweisen muss (SCHMID/JOSITSCH, Handbuch
StPO, 3. Auflage 2017, N 216 f.; BGE 127 I 40). Wenn allerdings ein Beschuldig-
ter eine ihn entlastende Behauptung aufstellt, ohne dass er diese wenigstens in
einem Mindestmass glaubhaft machen kann, findet der Grundsatz "in dubio pro
reo" keine Anwendung. Es tritt nämlich insoweit eine Beweislastumkehr ein, als
nicht jede aus der Luft gegriffene Schutzbehauptung von der Anklagebehörde
durch hieb- und stichfesten Beweis widerlegt werden muss. Ein solcher Beweis ist
nur dann zu verlangen, wenn gewisse Anhaltspunkte wie konkrete Indizien oder
eine natürliche Vermutung für die Richtigkeit der Behauptung sprechen bzw. die-
se zu Zweifeln an der Anklageversion Anlass gibt, oder wenn der Beschuldigte sie
sonst wie glaubhaft macht (BSK StPO I-TOPHINKE, 2. Aufl. 2014, Art. 10 N 21;
TRECHSEL, SJZ 77 [1981] S. 320; SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., N 220 m.H.). Andern-
falls könnte jede Anklage mit einer abstrusen Schutzbehauptung zu Fall gebracht
werden.
2. Würdigung
2.1. Die Vorinstanz hat die Aussagen des Beschuldigten sowie des Zeugen
G._ wiedergegeben und korrekt gewürdigt. Es kann vollumfänglich darauf
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verwiesen werden (Urk. 83 S. 10 ff. und S. 14 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nach-
folgenden Erwägungen verstehen sich als Hervorhebungen und Ergänzungen der
vorinstanzlichen Sachverhaltserstellung.
2.2. Der Privatkläger ist seit dem Sturz von den Schultern an abwärts gelähmt
und hat keine Erinnerungen an den Unfall (Prot. I S. 27 f.).
2.3. Mit der Vorinstanz ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte im dama-
ligen Zeitraum Polizeibeamter der ...-polizei Zürich war und damit Zugang zum
polizeilichen Rapportsystem hatte. Der Beschuldigte hatte sich nach dem Ereignis
vom Unfallort entfernt und stellte sich – trotz Fahndungsaufrufen – erst am
22. Mai 2018 dem Verfahren, wobei er am 29. Juni 2018 erstmals einvernommen
wurde. Davor las er nach eigenen Angaben den Rapport des zuständigen Polizei-
beamten durch (Urk. 7 S. 6). Sodann machte der Beschuldigte in der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme zunächst geltend, sich nicht erinnern zu
können, ob er die Einvernahmen der Auskunftspersonen/Zeugen G._,
H._ und I._ im Vorfeld (ebenfalls) gelesen habe (Urk. 4 S. 7). Auf Vor-
halt, dass er der Zürich Versicherungs-Gesellschaft eine Schadenanzeige betref-
fend Haftpflichtversicherung samt Skizze des Unfallortes eingereicht habe, welche
Skizze derjenigen des Polizeirapports entspreche, räumte der Beschuldigte ein,
die Skizze aus dem Rapport in die Schadenanzeige kopiert zu haben (Urk. 4
S. 7). Entsprechend ist davon auszugehen, dass dem Beschuldigten von Anfang
an auch die Aussagen der (übrigen) Auskunftspersonen zur Verfügung standen.
Dies, zumal er in seiner staatsanwaltschaftlichen Einvernahme von sich aus an-
gab, er sei sich nicht sicher, ob er beim Verlassen der Unfallstelle wirklich gesagt
habe, er müsse auf den Zug (Urk. 4 S. 6), obwohl der Beschuldigte mit dieser
Aussage des Zeugen G._ noch gar nicht konfrontiert worden war. Entspre-
chend ist die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten eingeschränkt und es bestehen
Hinweise darauf, dass seine Aussagen auf jene der übrigen einvernommenen
Personen abgestimmt sind, wodurch sie an Glaubhaftigkeit einbüssen. Darauf hat
auch der Vertreter des Privatklägers zutreffend hingewiesen (Prot. II S. 17 f.).
2.4. Es erstaunt denn auch nicht, dass die Aussagen des Beschuldigten in wei-
ten Teilen mit jenen der übrigen Zeugen, insbesondere des Zeugen G._,
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übereinstimmen. Im Unterschied zu den Ausführungen des Zeugen G._
macht der Beschuldigte aber geltend, er sei langsam über die Kreuzung gefahren
und habe zur C._-strasse bzw. in Richtung des herannahenden Privatklägers
geschaut. Diesbezüglich überzeugen seine Aussagen jedoch nicht. Es ist un-
wahrscheinlich, dass der Beschuldigte den Privatkläger nicht gesehen habe,
wenn er doch nach eigenen Angaben langsam über die Kreuzung gefahren sei
und zur C._-strasse hinaufgeschaut haben will. Wäre er tatsächlich langsam
gefahren und hätte er hochgeschaut, hätte er den Privatkläger sehen müssen.
Diesen Widerspruch konnte der Beschuldigte nicht erklären (vgl. Prot. I S. 22).
Die diesbezügliche Behauptung wirkt vorgeschoben und erscheint unglaubhaft.
2.5. Der in Anwesenheit des Beschuldigten als Zeuge einvernommene G._
wurde bereits wenige Stunden nach dem Geschehen am 9. Mai 2018 polizeilich
befragt. Er führte aus, es seien zwei Fahrradfahrer mit hoher Geschwindigkeit
bergab gefahren. Beide seien zunächst "unsichtbar" gewesen und hätten sich erst
im letzten Moment erkennen können. Beide Fahrradfahrer hätten massiv abge-
bremst, als sie sich gesehen hätten, um eine seitliche Kollision zu vermeiden. Der
von der C._-strasse kommende habe sich bei der Bremsung überschlagen
und sei reglos auf dem Boden liegen geblieben. Es sei nicht zu einer Kollision ge-
kommen. Der andere Fahrradfahrer sei zum Stillstand gekommen und sei danach
beinahe hingefallen, da er vermutlich Klickpedale an seinem Fahrrad gehabt ha-
be. Der nichtverletzte Fahrradfahrer habe bei der Patientenversorgung geholfen
(Urk. 6/5 S. 1). Er (G._) sei ca. 10 Meter vor der Stopplinie der Berghalden-
strasse gestanden. Er habe eine perfekte Sicht auf den Unfallhergang gehabt
(Urk. 6/5 S. 2). Er denke, beide seien 30-40 km/h schnell gefahren, wobei der
Schwerverletzte seiner Einschätzung nach noch etwas schneller gewesen sei
(Urk. 6/5 S. 2). Er denke, beide seien unangemessen schnell gefahren. Beide
hätten Schuld an diesem Unfall. Beide hätten "gewaltig" abgebremst. Es seien
wohl beides trainierte Fahrradfahrer gewesen (Urk. 6/5 S. 3). Diese Aussage wie-
derholte er im Wesentlichen in Gegenwart des Beschuldigten anlässlich der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 31. Oktober 2018 (Urk. 6/6 S. 2 f.).
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2.6. Die Aussagen des Zeugen G._ erscheinen mit dem Vertreter des
Privatklägers realitätsnah und plausibel (vgl. Prot. II S. 18 ff.). Es ist kein Interesse
erkennbar, den Beschuldigten fälschlicherweise zu belasten. So erklärte der Zeu-
ge insbesondere, dass der Beschuldigte den Privatkläger gar nicht habe sehen
können und dieser dem Privatkläger nach dessen Sturz zu Hilfe geeilt sei. Zudem
sei der Privatkläger noch schneller gefahren und es seien beide Schuld am Unfall.
Dies lässt die Aussagen sachlich und neutral erscheinen. Die Aussagen des Zeu-
gen G._ sind daher glaubhaft und zur Erstellung des Sachverhalts heranzu-
ziehen.
3. Einwendungen der Verteidigung
3.1. Soweit geltend gemacht wird, es seien keine Bremsspuren festgestellt
worden (Prot. I S. 34; Prot. II S. 11), weshalb die vom Zeugen G._ geschil-
derte Vollbremsung nicht zutreffen könne, handelt es sich um die eigene Schluss-
folgerung der Verteidigung, welche die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Zeugen
G._ nicht zu erschüttern vermag. Wie sich der Fotodokumentation entneh-
men lässt, wurden entsprechende "Kratz-/Abriebspuren" festgestellt (vgl. Urk. 8/2
Bild 16; Bezeichnung 2a). Insbesondere machten aber weder die Auskunftsper-
sonen noch der Beschuldigte geltend, der Privatkläger habe nicht gebremst. Im
Gegenteil führte der Beschuldigte am 29. Juni 2018 selber aus, dass er unter
anderem wegen Bremsgeräuschen eines (fremden) Fahrrads angehalten habe
(Urk. 4 S. 2). Daran ändert nichts, dass der Beschuldigte im weiteren Verlauf des
Verfahrens solche Bremsgeräusche nicht mehr geltend machte und stattdessen
vor Vorinstanz von Schleifgeräuschen bzw. heute von Sturzgeräuschen sprach,
die er gehört haben will (Prot. I S. 22; Urk. 102 S. 6). So hörte auch der Zeuge
I._ den Pneu "schliergen" (am Boden schleifen), wie wenn man mit einem
Velo bremse (Urk. 6/2 S. 2). Mithin decken sich die Spuren, die Aussagen des
Beschuldigten und jene des Zeugen I._ mit der Aussage des Zeugen
G._, was erheblich für die Glaubhaftigkeit der Aussage des Zeugen G._
spricht. Ob gebremst wurde oder nicht, ist daher nicht weiter in Frage zu stellen.
3.2. Soweit die Verteidigung vorbringt, der Beschuldigte habe den vortritts-
berechtigten Privatkläger gar nicht sehen können (Prot. I S. 34), ist darauf hinzu-
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weisen, dass der Beschuldigte selbst dieser Hypothese widersprach. Er führte
aus, er habe zur C._-strasse hinaufgesehen und dort nichts kommen sehen
(Urk. 4 S. 2). Entsprechend war es auch nach Auffassung des Beschuldigten
möglich, zur C._-strasse hinaufzusehen und damit dortige Verkehrsteilneh-
mer wahrzunehmen, sofern die Kreuzung langsam bzw. unter Beachtung des
Vortrittrechts überquert wird. Zudem ist aus der Fotodokumentation ersichtlich,
dass der Zeuge G._ beide Fahrradfahrer ohne Weiteres gesehen haben
muss (vgl. Urk. 8/2).
3.3. Der weitere sinngemässe Einwand der Verteidigung, der Privatkläger habe
"vielleicht" nicht wegen dem Beschuldigten gebremst, sondern weil er sich vorher
auf den vor der Stopplinie wartenden Smart von G._ konzentriert und daher
in Fahrtrichtung nach links gesehen habe (Prot. I S. 35; Prot. II S. 14), findet in
den Akten ebenfalls keine Stütze bzw. wird dies von keinem der Befragten so
ausgeführt. Es handelt sich dabei um eine reine Spekulation der Verteidigung,
welche keine Zweifel an der deutlichen Aussage des Zeugen G._ zu erwe-
cken vermag.
3.4. Während die Verteidigung vor Vorinstanz noch spekulierte, der Zeuge
G._ habe die Geschwindigkeiten beider Beteiligten falsch eingeschätzt, weil
solche von Laien jeweils schwer abzuschätzen seien (Prot. I S. 35), stellte sie sich
anlässlich der Berufungsverhandlung im Wesentlichen auf den Standpunkt, wenn
schon auf die Aussagen des Zeugen G._ abgestellt werde, müsse auch von
dessen Angaben hinsichtlich der gefahrenen Geschwindigkeiten ausgegangen
werden, d.h. von je rund 40 km/h. Bei dieser gefahrenen Geschwindigkeit – so die
Verteidigung weiter – wäre der Beschuldigte zum Zeitpunkt der Reaktion des
Privatklägers (Bremsvorgang) aber noch mehrere Meter von der Einmündung der
F._-gasse in die C._-strasse entfernt gewesen. Damit habe der Privat-
kläger nicht auf eine auf eine Missachtung des Vortrittsrechts reagiert, sondern
darauf, dass er mit seiner übersetzten Geschwindigkeit vielleicht einen Schatten
von rechts festgestellt habe. Es sei daher nicht das Missachten des Vortritts-
rechts, welches zur fatalen Vollbremsung des Privatklägers geführt habe, sondern
Letzterer müsse aufgrund des Auftauchens eines anderen Fahrzeuges auf Kolli-
- 16 -
sionskurs erschrocken sein und die Vollbremsung eingeleitet haben. Die Verteidi-
gung schliesst daraus, der Privatkläger wäre auch gestürzt, wenn der Beschuldig-
te noch in der F._-gasse angehalten hätte (Prot. II S. 13 f.).
Die Vorbringen der Verteidigung zielen ins Leere und verfangen bereits deshalb
nicht, weil die exakte Geschwindigkeit beider Beteiligten für die Erstellung des
streitgegenständlichen Sachverhaltes letztlich nicht weiter von Bedeutung ist.
Massgeblich ist einzig der vom Zeugen G._ beobachtete Umstand, dass bei-
de Velofahrer mit hohem Tempo auf die Kreuzung zufuhren und beide stark ab-
bremsten, damit es zu keiner Kollision kam. Die eigenen Berechnungen des Ver-
teidigers (Urk. 50; Urk. 103) vermögen keine Zweifel an der Aussage des Zeugen
G._ zu bewirken. Erst recht bestehen keine Anhaltspunkte für die als reine
Spekulation zu wertende Behauptung, der Privatkläger habe die Bremsung früh-
zeitig eingeleitet, welche gar nicht notwendig gewesen sei (Prot. I S. 36; Prot. II
S. 14). Auch dieser Einwand wird weder vom Beschuldigten so geltend gemacht
noch von anderen Beweismitteln gestützt. Im Gegenteil brachte der Beschuldigte
vor, er habe aus dem linken Augenwinkel einen Schatten hinter ihm wahrgenom-
men und dann Brems- und Sturzgeräusche eines Fahrrads gehört, worauf er an-
gehalten habe (Urk. 4 S. 2; s.a. Urk. 102 S. 5 f.). Der Beschuldigte widerspricht
somit auch hier der These der Verteidigung, wonach die Bremsung des Privatklä-
gers viel früher erfolgt sei.
3.5. Vor diesem Hintergrund erweist sich eine Rekonstruktion respektive in
verkehrstechnisches Gutachten von Vornherein als nicht zielführend. Die seitens
der Verteidigung dargelegten Berechnungen bezüglich des möglichen Brems- und
Anhaltewegs des Privatklägers sind sodann zwar rechnerisch grundsätzlich nicht
infrage zu stellen (Prot. II S. 12 ff.; Urk. 103). Allerdings gründen sie, mögen sie
gar plausibel erscheinen, auf rein willkürlich ausgewählten Parametern. Bei den
Geschwindigkeitsangaben des Zeugen G._ handelt es sich um blosse
Schätzungen. So gab dieser zu Protokoll: "Ich denke beide fuhren 30-40 km/h
schnell. Der Schwerverletzte war meines Erachtens noch etwas schneller"
(Urk. 6/5 S. 2). Weder mittels hypothetischer Berechnungen noch anhand einer
Rekonstruktion können daher im Nachgang die exakten individuellen Geschwin-
- 17 -
digkeiten und Standorte der Beteiligten festgestellt werden, und damit einherge-
hend auch nicht der Zeitpunkt, in welchem der Beschuldigte die F._-gasse
verliess und die C._-strasse querte respektive wo sich der Privatkläger dabei
genau befand. All diese Parameter bleiben vorliegend unbekannt. Sämtliche Ge-
schwindigkeits- und Reaktionszeitannahmen (vgl. Urk. 17/1) sind daher reine
Spekulationen theoretischer Natur, welche zur Sachverhaltserstellung weder et-
was beizutragen vermögen noch dafür notwendig sind.
4. Fazit
4.1. Zusammenfassend sagte der Zeuge G._ vorsichtig und glaubhaft aus.
Seine Aussagen stehen in Einklang mit den übrigen Beweismitteln, ausser mit der
Aussage des Beschuldigten, wonach dieser die Kreuzung langsam und unter Be-
achtung des Vortrittrechts überquert habe. Letztere Behauptung erscheint jedoch
wie erwähnt unglaubhaft, weil er gegebenenfalls den Privatkläger hätte sehen
müssen. Sie steht auch nicht mit dem weiteren Untersuchungsergebnis im Ein-
klang.
4.2. Somit ist auf die sehr glaubhafte Aussage des Zeugen G._ abzu-
stellen. Weitere Beweisabnahmen, namentlich die beantragte Tatrekonstruktion in
Form eines verkehrstechnischen Gutachtens, erscheinen weder notwendig noch
zielführend. Auch die Verteidigung legt im Übrigen nicht dar, welches andere
Beweisergebnis sie von einem Gutachten erwartet bzw. welche Tatsache sie da-
mit genau beweisen will. Vielmehr will sie damit die Aussagen des Zeugen
G._ überprüfen. Es bestehen jedoch vorliegend keinerlei Zweifel an den zu-
rückhaltenden und glaubhaften Aussagen des Zeugen, sodass weitere Beweis-
abnahmen unterbleiben können. Wie erwähnt, fügen sich die übrigen Beweismit-
tel, insbesondere die Fotodokumentation, in das seitens des Zeugen geschilderte
Geschehen nahtlos ein.
4.3. Gestützt auf die Aussagen des Zeugen G._ ist erstellt, dass beide
Fahrradfahrer schnell auf die Kreuzung zufuhren, sich zunächst gegenseitig nicht
sahen und sich erst im letzten Moment erkennen konnten. Der Zeuge G._
konnte beide Fahrradfahrer herannahen sehen. Er sah, dass beide massiv ab-
- 18 -
bremsen mussten, um eine Kollision zu vermeiden. Damit wird deutlich, dass der
Beschuldigte nicht vortrittsberechtigt war bzw. die entsprechende Signalisierung
missachtete, andernfalls die Gefahr einer Kollision nicht bestanden hätte. In der
Folge kam es zwar zu keiner Kollision, doch überschlug sich der Privatkläger
zufolge der Bremsung, welche aufgrund des verweigerten Vortritts durch den
Beschuldigten notwendig wurde. Dabei erlitt er die aktenkundigen Verletzungen.
Der Anklagesachverhalt ist rechtsgenügend erstellt.
IV. Rechtliche Würdigung
Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen zur fahrlässigen schweren Körper-
verletzung mit schwerer Schädigung gemäss Art. 125 Abs. 1 in Verbindung mit
Abs. 2 StGB sowie die theoretischen Grundlagen zur Fahrlässigkeit unter Hinweis
auf Lehre und Rechtsprechung sorgfältig erörtert und zutreffend gewürdigt
(Urk. 83 S. 20-22). Auf diese Erwägungen kann zwecks Vermeidung von Wieder-
holungen verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Die rechtliche Würdigung wird
von der Verteidigung sodann nicht in Frage gestellt und ist korrekt.
Zusammenfassend war für den Beschuldigten voraussehbar, dass es durch die
Missachtung der Vortrittsregelung bei der Einmündung der F._-gasse in die
C._-strasse zu abrupten Bremsmanövern von die C._-strasse hinunter-
fahrenden Verkehrsteilnehmern bzw. Fahrradfahrern kommen kann, welche zu
Stürzen mit schweren Verletzungsfolgen führen können. Der Beschuldigte ist da-
her zudem der fahrlässigen Körperverletzung mit schwerer Schädigung im Sinne
von Art. 125 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 125 Abs. 2 StGB schuldig zu sprechen.
V. Strafzumessung
1. Ausgangslage, Strafzumessungsregeln und Strafrahmen
1.1. Der Vorderrichter bestrafte den Beschuldigten mit einer Geldstrafe von
130 Tagessätzen zu Fr. 80.– und einer Busse von Fr. 2'000.–. Während die Ver-
teidigung keine Eventualanträge zum Strafmass im Falle eines vollumfänglichen
- 19 -
Schuldspruchs stellte, beantragt die Staatsanwaltschaft die Bestätigung der vor-
instanzlichen Sanktion (Urk. 92).
1.2. Die Vorinstanz hat die allgemeinen Regeln und Kriterien der Strafzu-
messung unter Hinweis auf Rechtsprechung und Lehre umfassend wiedergege-
ben sowie den massgeblichen Strafrahmen zutreffend abgesteckt (Urk. 83
S. 24 ff.), worauf zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen verwiesen werden
kann.
2. Einsatzstrafe: Fahrlässige Körperverletzung mit schwerer Schädigung
2.1. Zur objektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass der Privatkläger zufolge
des Sturzes eine komplette Tetraplegie, ein Schädel-Hirn-Trauma sowie neuro-
gene Blasen-, Darm-, Kreislauf-/Herzfunktionsstörungen und eine Sexualfunkti-
onsstörung erlitt (Urk. 10/5-8). Diese Verletzungen sind am obersten Rand des
Denkbaren bei schweren Körperverletzungen einzustufen. Es ist zu berücksichti-
gen, dass eine (fahrlässige) Missachtung des Vortrittsrechts in der Regel selten
derartig schwere Konsequenzen nach sich zieht und den tatsächlich eingetrete-
nen Verletzungsfolgen immer auch eine zufällige Komponente zukommt. Gleich-
wohl muss festgehalten werden, dass die Missachtung des Vortrittsrechts im
Strassenverkehr derartige Verletzungen aber grundsätzlich hervorrufen kann und
für die Verkehrsteilnehmer voraussehbar sind. Im vorliegenden Fall war der Be-
schuldigte als Fahrradfahrer unterwegs. Eine Missachtung des Vortrittsrechts hät-
te ihn normalerweise bzw. bei Autoverkehr in erster Linie selbst gefährdet, wenn-
gleich auch ein Autofahrer zufolge einer Bremsung hätte verunfallen können. Auf-
grund der besonderen Konstellation im vorliegenden Fall, bei welcher zwei Fahr-
radfahrer beinahe kollidiert wären und der Sturz vom Fahrrad die aussergewöhn-
lich schweren Verletzungen beim Privatkläger bewirkten, ist das objektive Tatver-
schulden des Beschuldigten insgesamt als nicht mehr leicht zu werten. Dies ent-
spricht einer Einsatzstrafe von 150 Tagessätzen.
2.2. Zur subjektiven Tatschwere ist zu bemerken, dass der Beschuldigte fahr-
lässig handelte. Dieser Umstand verringert jedoch die objektive Tatschwere nicht
erheblich, da dieser Tatsache bereits im deutlich tieferen Strafrahmen des Tat-
- 20 -
bestands Rechnung getragen wird. Auch wenn dem Beschuldigten kein grobfahr-
lässiges Handeln anzulasten ist, stellt es doch eine erhebliche Pflichtverletzung
dar, dass der Beschuldigte seine Fahrt nicht rechtzeitig verlangsamte und in
Missachtung der geltenden Vortrittsregelung die C._-strasse befuhr, selbst
wenn er sich damit im Regelfall primär auch selbst gefährdete, insbesondere
wenn anstatt einem Fahrrad ein Auto auf der vortrittsberechtigten Strasse unter-
wegs gewesen wäre. Letztlich vermag die subjektive Tatschwere die objektive
Tatschwere weder zu erhöhen noch zu verringern. Damit bleibt es bei der Ein-
satzstrafe von 150 Tagessätzen Geldstrafe.
3. Einzelstrafe: Pflichtwidriges Verhalten bei Unfall
3.1. Die Verteidigung erachtet für das pflichtwidrige Verhalten bei Unfall eine
Einzelstrafe von 40 Tagessätzen als angemessen, ohne dies näher zu begründen
(Prot. II S. 9). Dies erweist sich vorliegend als zu tief.
3.2. Zur objektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass sich der Beschuldigte
nach dem Sturz des Privatklägers von der Unfallstelle entfernte, ohne die Polizei
zu avisieren, deren Eintreffen abzuwarten oder jemandem seine Personalien mit-
zuteilen. Er wusste, dass der Privatkläger schwer verletzt war und dass nach ihm
– dem Beschuldigten – gefahndet werden wird. Immerhin ist ihm zugute zu halten,
dass er sich schliesslich aus eigenem Antrieb rund zwei Wochen später bei der
Polizei meldete. Das objektive Verschulden ist innerhalb des relativ weiten Straf-
rahmens als noch leicht zu werten, was einer Einsatzstrafe von 60 Tagessätzen
Geldstrafe entspricht.
3.3. Zur subjektiven Tatschwere ist zu bemerken, dass der Beschuldigte als
Polizeibeamter wissen musste, dass er bei einem Unfall vor Ort zu bleiben hat. Er
handelte mithin vorsätzlich, als er sich entfernte, wenngleich er zunächst unter
Schock stand. Letzterer Umstand ist verschuldensmindernd zu werten, wird je-
doch dadurch aufgewogen, dass der Beschuldigte die Zeit bis er sich stellte dazu
nutzte, sich mit den Polizeiberichten und Aussagen der Zeugen vertraut zu ma-
chen. Damit vermag die subjektive Tatschwere auch hier die objektive Tatschwe-
- 21 -
re weder zu erhöhen noch zu verringern und es bleibt einer Einsatzstrafe von
60 Tagessätzen Geldstrafe.
4. Asperation
Rein rechnerisch resultiert eine Gesamtstrafe von 210 Tagessätzen, welche auf
180 Tagessätze zu asperieren ist. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das pflicht-
widrige Verhalten bei Unfall zwar eine Folge der Verkehrsregelverletzung dar-
stellt, dies dem Tatbestand jedoch häufig immanent und daher keinesfalls als eine
notwendige Konsequenz der Verkehrsregelverletzung zu erachten ist.
5. Täterkomponente
5.1. In Bezug auf die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten kann auf die
Akten und die vorinstanzliche Befragung zu seiner Person verwiesen werden
(Urk. 16/2 und Prot. I S. 12 ff.). Der Beschuldigte wuchs mit zwei Geschwistern in
J._ auf. Nach der Realschule absolvierte er eine Lehre als Landwirt. Hernach
arbeitete er als Zimmermann. Im Jahr 1997 trat der Beschuldigte in die Polizei-
schule ein und arbeitete bis zum streitgegenständlichen Unfall vom 9. Mai 2018
als ...-polizist. Danach wurde der Beschuldigte per sofort freigestellt. Ab Novem-
ber 2018 war er bei der Gemeindepolizei K._ angestellt. Anlässlich der heu-
tigen Berufungsverhandlung erklärte der Beschuldigte, den Arbeitsort gewechselt,
aber weiterhin im öffentlichen Bereich angestellt zu sein. Weitere Angaben zu
seiner beruflichen Tätigkeit und finanziellen Situation wollte er nicht machen. Sei-
ne Einkommens- Vermögens- und Schuldensituation sei jedoch nach wie vor un-
verändert (Urk. 102 S. 2 ff.). Diesbezüglich ist bereits bekannt, dass der Beschul-
digte zuvor ein Einkommen von rund Fr. 7'900.– inkl. Kinder- und Schichtzulagen
erzielte. Zusätzlich verdient er durch seine Tätigkeit bei der freiwilligen Feuerwehr
rund Fr. 1'000.– pro Jahr. Der Beschuldigte ist zum zweiten Mal verheiratet. Seine
Ehefrau, mit welcher er drei minderjährige Kinder hat, ist ebenfalls berufstätig und
erhält ein monatliches Einkommen von rund Fr. 1'300.– (Urk. 102; Prot. I S. 14 f.).
Für den Sohn aus erster Ehe hat der Beschuldigte Unterhaltsverpflichtungen im
Umfang von Fr. 800.– pro Monat. Der Beschuldigte wohnt mit seiner Familie auf
- 22 -
dem elterlichen Hof, welchen er übernommen hat. Dieser ist mit einer Hypothek
von Fr. 300'000.– belastet (Urk 16/2 S. 2 ff.).
5.2. Die persönlichen Verhältnisse und die Vorstrafenlosigkeit (vgl. Urk. 84)
sind strafzumessungsneutral zu werten. Entgegen der Ansicht der Vorinstanz
führt der Umstand, dass der Beschuldigte den Sachverhalt nicht eingestand oder
keine Reue zeigte, zu keiner Straferhöhung (Urk. 83 S. 26). Auch die Tatsache,
dass sich der Beschuldigte erst – aber immerhin – zwei Wochen nach der Tat
meldete, wurde bereits beim Tatverschulden berücksichtigt und kann entgegen
dem vorinstanzlichen Entscheid unter diesem Titel zu keiner weiteren Straferhö-
hung führen. Es bleibt bei einer Gesamtstrafe von 180 Tagessätzen.
6. Tagessatzhöhe
6.1. Die Vorinstanz erachtet angesichts der finanziellen Verhältnisse eine Ta-
gessatzhöhe von Fr. 80.– als angemessen (Urk. 83 S. 27).
6.2. Mit Schreiben vom 26. April 2021 teilte die Verteidigung im Vorfeld der Be-
rufungsverhandlung mit, sie verzichte auf die Einreichung aktualisierter Unterla-
gen zu den persönlichen Verhältnissen, weil mangels Berufung der Staatsanwalt-
schaft oder Anschlussberufung eine reformatio in peius im Sinne einer Erhöhung
des Tagessatzes ausgeschlossen sei (Urk. 98). Diese Auffassung trifft insofern
nicht zu, als dass das Berufungsgericht aufgrund von Tatsachen, die dem erstin-
stanzlichen Gericht nicht bekannt sein konnten, eine strengere Bestrafung ausfäl-
len kann, selbst wenn das Rechtsmittel nur zu Gunsten der beschuldigten Person
ergriffen worden ist. Ob solche Tatsachen vor oder nach dem erstinstanzlichen
Urteil eingetreten sind ist unerheblich. Die persönlichen und wirtschaftlichen Ver-
hältnisse zur Bemessung der Höhe des Tagessatzes nach Art. 34 Abs. 2 Satz 3
StGB können solche Tatsachen sein (vgl. BGE 144 IV 198 E. 5.3 f.).
6.3. Da weder neue noch veränderte Tatsachen vorliegen, erscheint die
vorinstanzlich festgesetzte Tagessatzhöhe aber ohnehin den Verhältnissen des
Beschuldigten angemessen. Entsprechend ist die Tagessatzhöhe bei Fr. 80.– zu
belassen.
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7. Zwischenfazit
Gesamthaft erschiene nach dem Gesagten eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen
zu Fr. 80.– (insgesamt Fr. 14'400.–) dem Verschulden des Beschuldigten ange-
messen.
8. Vollzug und Verbindungsbusse
8.1. Zum Vollzug kann vollumfänglich auf die zutreffenden Ausführungen der
Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 83 S. 28 f.). Der Beschuldigte weist keine
Vorstrafen auf, und es ist zu erwarten, dass ihm das vorliegende Verfahren Lehre
genug sein wird, um sich in Zukunft wohl zu verhalten. Damit sind die Voraus-
setzungen von Art. 42 Abs. 1 StGB erfüllt, weshalb mit der Vorinstanz der Vollzug
der Geldstrafe unter Ansetzung der minimalen Probezeit von zwei Jahren aufzu-
schieben ist.
8.2. Gemäss Art. 42 Abs. 4 StGB kann eine bedingte Strafe mit einer unbeding-
ten Geldstrafe oder mit einer Busse nach Art. 106 StGB verbunden werden.
Dadurch soll unter anderem im Bereich der Massendelinquenz die Möglichkeit
geschaffen werden, eine spürbare Sanktion zu verhängen. Die Bestimmung dient
in erster Linie dazu, die Schnittstellenproblematik zwischen der Busse (für Über-
tretungen) und der bedingten Geldstrafe (für Vergehen) zu entschärfen. Insbe-
sondere soll auf Massendelikte, die im untersten Bereich bloss mit Bussen ge-
ahndet werden, auch mit einer unbedingten Sanktion reagiert werden können,
wenn sie die Schwelle zum Vergehen überschreiten (BGE 134 IV 75). Bei der
Festsetzung der Verbindungsbusse gilt es zu berücksichtigen, dass das Haupt-
gewicht auf der bedingten Geldstrafe zu liegen hat, während der unbedingten
Busse nur untergeordnete Bedeutung zukommen darf. Um dem akzessorischen
Charakter der Verbindungsstrafe gerecht zu werden, darf sich ihr Anteil an der
gesamten Strafe maximal auf einen Fünftel belaufen, wobei im Bereich tiefer Stra-
fen Abweichungen zulässig sind, um sicherzustellen, dass der Verbindungsstrafe
nicht eine lediglich symbolische Bedeutung zukommt (BGE 135 IV 188 E. 3.4.4).
8.3. Mit der Missachtung der geltenden Vortrittsregelung liegt dem vorliegenden
Fall ein Massendelikt zu Grunde, welches im untersten Bereich bloss mit Bussen
- 24 -
geahndet werden würde. Dieser Schnittstellenproblematik ist Rechnung zu tra-
gen. Es erweist sich als gerechtfertigt und angemessen, eine Verbindungsbusse
von Fr. 2'880.–, mithin im Umfang von 20% der verhängten Geldstrafe
(Fr. 14'400.–), festzusetzen. Die Geldstrafe wäre demnach um 20% bzw. um
36 Tagessätze auf 144 Tagessätze zu reduzieren.
9. Fazit
9.1. Zusammenfassend wäre es angemessen, den Beschuldigten mit einer
Geldstrafe von 144 Tagessätzen zu Fr. 80.– sowie mit einer Busse von
Fr. 2'880.– zu bestrafen. Weil jedoch die Staatsanwaltschaft kein Rechtsmittel er-
griffen hat, bleibt es aufgrund des Verbots der reformatio in peius bei der vo-
rinstanzlich ausgesprochenen Strafe (Art. 391 Abs. 2 StPO). Der Beschuldigte ist
daher mit einer Geldstrafe von 130 Tagessätzen zu Fr. 80.– sowie mit einer Bus-
se von Fr. 2'000.– zu bestrafen.
9.2. Ist eine Ersatzfreiheitsstrafe für eine Verbindungsbusse im Sinne von
Art. 42 Abs. 4 StGB festzulegen, besteht die Besonderheit, dass das Gericht die
Höhe des Tagessatzes für die bedingte Geldstrafe und damit die wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit des Täters bereits ermittelt hat. Deshalb erschiene es auch als
sachgerecht, die Tagessatzhöhe als Umrechnungsschlüssel zu verwenden, in-
dem der Betrag der Verbindungsbusse durch jene dividiert wird (BGE 134 IV 60
E. 7.3.3). Vorliegend ergäbe diese Berechnung eine Ersatzfreiheitsstrafe von
25 Tagen. Aufgrund des Verschlechterungsverbots hat es jedoch bei der vo-
rinstanzlich festgelegten Ersatzfreiheitsstrafe von 20 Tagen im Falle der Nichtbe-
zahlung der ausgefällten Busse sein bewenden.
VI. Zivilansprüche
1. Ausgangslage
1.1. Die Vorinstanz erwog, der Zivilanspruch des Privatklägers sei dem Grund-
satz nach gutzuheissen, jedoch sei eine Bestimmung der konkreten Höhe des
Schadens und die sich daraus ergebenden Höhe des Schadenersatzanspruchs
sowie der Genugtuung dem Strafgericht nicht möglich (Urk. 83 S. 31). Gleichzeitig
- 25 -
hielt sie aber auch fest, ein Mitverschulden des Privatklägers sei nicht ersichtlich,
und ordnete hernach im Dispositiv an, der Zivilanspruch der Privatklägerschaft
werde "dem Grundsatz nach anerkannt" und im Übrigen auf den Zivilweg verwie-
sen (Urk. 83 S. 34; Dispositiv-Ziff. 5).
1.2. Die Verteidigung hält dafür, es sei im Dispositiv klarzustellen, dass nicht
nur das Quantitativ, sondern auch die Haftungsquote dem Zivilrichter zur Beurtei-
lung zu überlassen sei. Zumindest aber müssten die vorinstanzlichen Erwägun-
gen korrigiert werden, da dort der Eindruck erweckt werde, es handle sich um ei-
ne volle Haftungsquote (Prot. II S. 15 f.). Demgegenüber erachtet der Vertreter
des Privatklägers die Regelung der Zivilansprüche im vorinstanzlichen Dispositiv
als korrekt und sieht diesbezüglich kein Bedarf für eine Korrektur (Prot. II S. 21 f.).
2. Würdigung
2.1. Bei der Formulierung der entsprechenden vorinstanzlichen Dispositivziffer
handelt es sich offensichtlich um ein Versehen, kann doch die Vorinstanz einen
Zivilanspruch mangels Parteistellung nicht anerkennen. Darauf hat auch die
Verteidigung zu Recht hingewiesen (Prot. II S. 24).
2.2. Es ist unbestritten, dass der Beschuldigte aufgrund seines widerrechtlichen
Verhaltens dem Privatkläger gegenüber aus dem eingeklagten Ereignis grund-
sätzlich schadenersatz- und genugtuungspflichtig ist. Antragsgemäss ist die Fest-
stellung der grundsätzlichen Schadenersatz- bzw. Genugtuungspflicht des Be-
schuldigten im Dispositiv festzuhalten. Zur genauen Feststellung seiner Ansprü-
che ist der Privatkläger jedoch – antragsgemäss – auf den Weg des Zivilprozes-
ses zu verweisen (vgl. Urk. 53). Der Klarheit halber ist darauf hinzuweisen, dass
damit nicht nur das Quantitativ der Haftung, sondern auch die Haftungsquote of-
fen bleibt. Dieser Umstand muss als Teil der Begründung jedoch nicht auch noch
explizit im Dispositiv Erwähnung finden, wie dies die Verteidigung beantragt hat.
2.3. Es ist daher festzustellen, dass der Beschuldigte gegenüber dem
Privatkläger B._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach scha-
- 26 -
denersatz- und genugtuungspflichtig ist. Zur genauen Feststellung dieser Ansprü-
che ist der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Untersuchung und erstinstanzliches Verfahren
Ausgangsgemäss ist das erstinstanzliche Kosten- und Entschädigungsdispositiv
(Ziff. 8 und 9) zu bestätigen. Für die seitens des Beschuldigten beantragte Pro-
zessentschädigung besteht daher kein Raum (Art. 426 Abs. 1 StPO).
2. Berufungsverfahren
2.1. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr ist auf Fr. 3'000.– festzusetzen. Die
Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte unterliegt
mit seiner Berufung vollumfänglich. Der Umstand, dass eine abweichende
Entscheidung hinsichtlich der Regelung der Zivilansprüche erfolgte, ist primär der
missverständlichen Formulierung der Vorinstanz zuzuschreiben und hat keine
Auswirkungen auf die Kostenverlegung. Die Kosten des Berufungsverfahrens sind
daher dem Beschuldigten aufzuerlegen und es ist ihm keine Prozessentschädi-
gung zuzusprechen.
2.2. Der Privatkläger macht gegenüber dem Beschuldigten für seine Aufwen-
dungen im Berufungsverfahren eine Prozessentschädigung von Fr. 6'646.05 (inkl.
MwSt.) geltend (Urk. 104). Gemäss Art. 436 Abs. 1 StPO richten sich Ansprüche
auf Entschädigung im Rechtsmittelverfahren nach den Art. 429-434 StPO. Auch
wenn keine direkte Verweisungsnorm besteht, gilt hinsichtlich des Entschädi-
gungsanspruches und der Entschädigungspflicht jedoch der Grundsatz des Ob-
siegens bzw. Unterliegens, welcher in Art. 428 StPO Niederschlag gefunden hat
(BSK StPO II-WEHRENBERG/FRANK, 2. Aufl. 2014, Art. 436 N 6). Die geltend ge-
machten Aufwendungen waren gerechtfertigt und erscheinen angemessen
(Art. 433 Abs. 1 StPO). Da der Beschuldigte vollumfänglich unterliegt, ist er aus-
gangsgemäss zu verpflichten, dem Privatkläger für das Berufungsverfahren eine
Prozessentschädigung von Fr. 6'646.05 zu bezahlen.
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