Decision ID: f970042d-2708-5180-85af-3f742fff57f6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 14. September 2015 um Asyl in der
Schweiz. Im Wesentlichen machte er geltend, er sei 1996 in den eritrei-
schen Nationaldienst einberufen, seither jedoch nie aus dem Dienst ent-
lassen worden und habe trotz einer Verletzung weiterhin dienen müssen.
Seine letzte Stationierung sei auf dem Stützpunkt B._ gewesen, wo
er als Wache eingesetzt worden sei und in der Küche habe aushelfen müs-
sen. Vergeblich habe er auf seine Demobilisierung gehofft und sei weder
befördert worden noch habe er regelmässigen Urlaub erhalten. Nachdem
ein Heimurlaub an Ostern 2014 verweigert worden sei, habe er sich spon-
tan zur Flucht entschlossen. Gegen Abend sei er vom Stützpunkt wegge-
rannt und habe sich bis zum frühen Morgen gegen vier Uhr in der Umge-
bung des Stützpunktes versteckt gehalten. Am nächsten Tag – am (...). Ap-
ril 2014 – habe er die in ungefähr ein einhalb Stunden zu Fuss erreichbare
äthiopische Grenze überquert.
B.
Mit Entscheid des SEM vom 23. Mai 2018 wurde sein Asylgesuch abge-
lehnt und gleichzeitig die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Voll-
zug angeordnet. Auf die dagegen erhobene Beschwerde vom 18. Juni
2018 trat das Bundesverwaltungsgericht aufgrund des nicht geleisteten
Kostenvorschusses im Sinne von Art. 111 Bst. b AsylG nicht ein (Urteil des
BVGer D-3535/2018 vom 17. Juli 2018).
C.
Mit Eingabe vom 14. Dezember 2019 wandte sich der Beschwerdeführer
an die Vorinstanz und beantragte wiedererwägungsweise die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung von Asyl. Als Eventualan-
trag stellte er das Begehren, es sei ihm die vorläufige Aufnahme aufgrund
von Unzumutbarkeit oder Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs zu ge-
währen. Zudem beantragte er die Aussetzung der Vollzugshandlungen bis
zum Abschluss des Verfahrens im Sinne von vorsorglichen Massnahmen.
In prozessualer Hinsicht beantragte er die Befreiung von der Bezahlung
der Verfahrenskosten inklusive einem Verzicht auf Kostenvorschusses.
Als neue Beweismittel legte er dem Wiedererwägungsgesuch drei Schrei-
ben inklusive entsprechenden Übersetzungen von Personen, welche ge-
meinsam mit ihm im Militär gedient hätten, bei.
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D.
Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme ersuchte die Vorinstanz das Mig-
rationsamt des Kantons Zürich mit Schreiben vom 23. Dezember 2019,
den Vollzug der Wegweisung einstweilen auszusetzen.
E.
Mit Verfügung vom 9. Januar 2020 – eröffnet am 14. Januar 2020 – wies
die Vorinstanz das Wiedererwägungsgesuch des Beschwerdeführers ab,
hielt fest, dass die Verfügung vom 23. Mai 2018 rechtskräftig sowie voll-
streckbar sei. Gleichzeitig machte sie darauf aufmerksam, dass einer all-
fälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme.
F.
Mit Eingabe vom 13. Februar 2020 erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seine Rechtsvertreterin – Beschwerde gegen den vorinstanz-
lichen Entscheid vor dem Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die
Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft
festzustellen und ihm sei Asyl in der Schweiz zu gewähren. Als Eventualan-
trag stellte er das Begehren, die Sache sei zur Neubeurteilung an die Vor
instanz zurückzuweisen und subeventualiter sei ihm die vorläufige Auf-
nahme zu gewähren. Es sei die aufschiebende Wirkung zu konstituieren.
In prozessualer Hinsicht beantragte er die unentgeltliche Prozessführung
inklusive Verzicht auf einen Kostenvorschuss sowie die Einsetzung rubri-
zierter Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
G.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 14. Februar 2020 wurde der Voll-
zug der Wegweisung per sofort einstweilen ausgesetzt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
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auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise
einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich geregelt
(vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM innert
30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schriftlich und
begründet einzureichen (Art. 111b Abs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine
nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde –, beziehungsweise nach
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Abschluss des ordentlichen Verfahrens neue Beweismittel eingereicht wur-
den, die erst danach erstellt wurden und mit denen vorbestandene Tatsa-
chen belegt werden sollen, können auch Revisionsgründe einen Anspruch
auf Wiedererwägung begründen (zum sogenannten "qualifizierten Wieder-
erwägungsgesuch" vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 und 13.1 m.w.H.).
5.
5.1 Die Vorinstanz legte in ihrem Entscheid dar, die vom Beschwerdeführer
behauptete Desertion an (...) 2014 könne – wie dies bereits im ablehnen-
den Asylentscheid von 23. Mai 2018 festgehalten worden sei – nicht der
Wahrheit entsprechen und er sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit be-
reits zu einem früheren Zeitpunkt wegen gesundheitlichen Gründen aus
dem eritreischen Nationaldienst entlassen worden. Seine Vorbringen hin-
sichtlich seiner Desertion an (...) 2014 seien aufgrund widersprüchlicher
und unsubstanziierter Aussagen als unglaubhaft eingestuft worden. Dies
habe das Bundesverwaltungsgericht in seiner Zwischenverfügung vom
25. Juni 2018 bereits bestätigt. Demensprechend führe eine blosse illegale
Ausreise ohne weitere Anknüpfungspunkte gemäss Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts nicht zur Asylanerkennung. Zudem seien
keine Anhaltspunkte ersichtlich, dass ihm eine erneute Einberufung in den
Militärdienst drohen würde, weshalb einem Wegweisungsvollzug nichts im
Weg stehen würde. An der bezweifelten Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen
würden auch die eingereichten schriftlichen Zeugenaussagen nichts zu än-
dern vermögen, da er weder im ordentlichen Verfahren noch auf Beschwer-
deebene gegen den ablehnenden Asylentscheid diese drei Personen na-
mentlich erwähnt habe. Aus seinen Schilderungen gehe nirgends hervor,
dass diese an (...) 2014 mit ihm Dienst geleistet hätten und somit als Zeu-
gen zu seinem Militärdienst und seiner Desertion glaubhafte Aussagen ma-
chen könnten. Vielmehr falle auf, dass die Schreiben inhaltlich sehr ähnlich
und zudem sehr kurz sowie allgemein gehalten verfasst worden seien. Es
würde der Eindruck von in Auftrag gegebenen Gefälligkeitsschreiben ent-
stehen. Insgesamt seien die drei Zeugenschreiben zwar als neu, jedoch
als unerheblich einzustufen.
5.2 Dem hielt der Beschwerdeführer entgegen, die Vorinstanz lasse zu Un-
recht die neuen vorgelegten Beweismittel für die Beurteilung des Wieder-
erwägungsgesuches ausser Acht, da sie die Glaubhaftigkeit der im Asyl-
verfahren vorgebrachten langen Dienstzeit bezweifelt habe. Gerade durch
die eingereichten Schreiben würden die Zweifel, er habe das Militär bereits
zu einem früheren Zeitpunkt verlassen, entkräftet. Es sei unhaltbar, dass
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den Schreiben jeglicher Beweiswert abgesprochen werde, und dies ledig-
lich aus dem Grund, weil er diese Personen im vorhergehenden Verfahren
nicht erwähnt habe. Dazu habe es keinen Grund gegeben. Zudem sei fest-
zuhalten, dass diese drei Personen nicht die eigentliche Desertion beo-
bachtet hätten, sondern bestätigen würden, sie seien gemeinsam zur sel-
ben Zeit auf dem gleichen Stützpunkt stationiert gewesen. Die Ähnlichkeit
des Inhalts sei darauf zurückzuführen, dass die Schreiben von einem Dol-
metscher übersetzt worden seien, was dem Wahrheitsgehalt jedoch nicht
abträglich sei. Schliesslich sei klarzustellen, dass es sich bei den Schrei-
ben weder um einen Auftrag des Beschwerdeführers noch um Gefällig-
keitsschreiben handle.
6.
6.1 Die Vorinstanz hat den grundsätzlichen Anspruch des Beschwerdefüh-
rers auf Behandlung seines Wiedererwägungsgesuches nicht in Abrede
gestellt. Es ist daher zu prüfen, ob dieses Gründe enthält, um die Rechts-
kraft der vorinstanzlichen Verfügung vom 28. Mai 2018 zu beseitigen.
6.2 Die Vorinstanz argumentierte unter Anderem in ihrer Verfügung, dass
das Bundesverwaltungsgericht in seiner Zwischenverfügung vom 25. Juni
2018 die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers respek-
tive die Schlussfolgerungen des Asylentscheids vom 23. Mai 2018 bestä-
tigt habe. Hierzu ist festzuhalten, dass es sich bei der Zwischenverfügung
lediglich um eine summarische Prüfung für die Beurteilung der Prozess-
chancen, jedoch nicht um ein rechtskräftiges Urteil handelt, auf welches
abgestützt werden könnte, da keine vertiefte Prüfung der Glaubhaftigkeit
vorgenommen worden war.
6.3 Die vom Beschwerdeführer eingereichten Beweismittel sind vom
28. September 2019 sowie vom 30. September 2019 datiert und somit
nach dem Urteil D-3535/2018 vom 17. Juli 2018 entstanden. Die dem Wie-
dererwägungsgesuch beigelegten Bestätigungsschreiben der drei ehema-
ligen Soldaten, welche zur gleichen Zeit auf dem gleichen Stützpunkt ge-
dient haben sollen, sind nicht geeignet, um die Militärzeit des Beschwerde-
führers beim eritreischen Nationaldienst belegen zu können, zumal sie
über einen geringen Beweiswert verfügen und ebenso hätten in Auftrag
gegeben worden sein, jedoch sicherlich nicht als unabhängig und ohne
äusseren Anlass redigiert erachtet werden können. So fällt auf, dass aus
zwei der drei Schreiben nicht hervorgeht, in welcher Beziehung die Solda-
ten während der Militärzeit zum Beschwerdeführer gestanden sind. Aus
den äusserst knappen Niederschriften wird zudem lediglich ersichtlich,
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dass sie gemeinsam im selben Regiment, derselben Brigade und demsel-
ben Bataillon gewesen seien, jedoch nicht, an welchem Ort sie wo gemein-
sam stationiert gewesen seien. Überdies verbleibt es unklar, wie er die drei
ehemaligen Soldaten in Deutschland hat ausfindig machen können. Weder
aus den Schreiben noch anhand der Eingabe wird dies ersichtlich. Wenig
einleuchtend und nachvollziehbar erscheint ferner die Tatsache, dass
C._ sich bereits seit 2015 in Deutschland aufgehalten haben soll
und der Beschwerdeführer erst so lange Zeit später Kontakt mit diesem
aufgenommen hatte, obwohl sie bereits seit ihrer gemeinsamen Militärzeit
ab 2005 einander eng verbunden gewesen sein sollten. Die in der Be-
schwerdeschrift dargelegte Begründung, er habe erst sehr viel später
durch Bekannte die drei Männer ausfindig machen können, wirkt aufgrund
der vagen Aussagen etwas unklar und überzeugt nicht. Schliesslich ist
nicht glaubhaft, dass der fast identische Inhalt der Schreiben nur der Über-
setzung geschuldet sein soll.
6.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer nicht
glaubhaft darlegen konnte, er sei bis Ostern 2014 im eritreischen Militär-
dienst gewesen und in der Folge desertiert. Vielmehr ist davon auszuge-
hen, dass er bereits zu einem früheren Zeitpunkt den Militärdienst verlas-
sen hat. Die dem Wiedererwägungsgesuch beigelegten Bestätigungs-
schreiben lassen aufgrund der vorhergehenden Erwägungen keinen ande-
ren Schluss zu und sind nicht geeignet, die Rechtskraft der vorinstanzli-
chen Verfügung vom 23. Mai 2018 zu beseitigen. Die Vorinstanz hat das
Wiedererwägungsgesuch folglich zu Recht abgewiesen.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführer mit den im Wiedererwägungsgesuch eingereichten Be-
weismitteln keine drohende Verletzung im Sinne von Art. 3 EMRK oder an-
derer völkerrechtlicher Bestimmungen darzulegen vermochte. Die Vo-
rinstanz hat das Wiedererwägungsgesuch zu Recht abgelehnt und den
Wegweisungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich be-
zeichnet. Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Be-
tracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
7.2 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und angemessen ist. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
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8.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 und Abs. 2 VwVG ist infolge der Aussichtslosigkeit – wie
oben dargelegt – abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 1'500.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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