Decision ID: 1ec41da2-8409-5d8b-be32-967d84d98855
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden suchten am 17. Mai 2016 im Empfangs-
und Verfahrenszentrum (EVZ) E._ um Asyl nach.
Sie machten geltend, armenische Staatsangehörige zu sein und zuletzt in
F._ gewohnt zu haben. A._ (nachfolgend: der Beschwerde-
führer) habe seinen Militärdienst nach Absprache verspätet von (...) 1998
bis (...) 2000 geleistet. Dennoch sei ihm 2003 mitgeteilt worden, dass eine
Untersuchung wegen des (angeblich) ausstehenden Militärdienstes laufe.
Er habe dem zuständigen Militäruntersuchungsrichter anhand verschiede-
ner Beweismittel aufgezeigt, dass er seinen Dienst bereits absolviert habe,
worauf dieser ihm mitgeteilt habe, seiner Ansicht nach sei der Fall abge-
schlossen. Offenbar habe der zuständige Untersuchungsrichter der Staats-
anwaltschaft (G._) dessen Ansicht jedoch nicht geteilt, wohl da er
an der Bezahlung von Schmiergeldern interessiert gewesen sei. Nachdem
sich der Beschwerdeführer zunächst geweigert habe, diese zu bezahlen,
sei vorerst Ruhe eingekehrt. Allerdings habe er dadurch einen mächtigen
Mann gegen sich aufgebracht. Als er 2008 auf dem Militäramt gewesen sei,
habe ihn G._ zu einem Gespräch in dessen Büro zitiert, an wel-
chem ein zweiter Mann, namens H._ – anscheinend ein Gehilfe –
teilgenommen habe. Von da an hätten die Erpressungen begonnen. Er
habe gehofft, dass diese aufhören würden, wenn er anstelle der geforder-
ten 2‘000.– US-Dollar zumindest 1‘000.– US-Dollar bezahle. Vor diesem
Hintergrund habe er im Jahr 2009 des Weiteren die Familienwohnung ver-
kauft und sei mit seiner Familie innerhalb der Stadt in einen anderen Stadt-
bezirk umgezogen, um unter die Zuständigkeit eines anderen Militäramtes
zu fallen. Danach sei einige Jahre nichts mehr passiert. Als er gedacht
habe, dass die ganze Geschichte endlich abgeschlossen sei, sei er aller-
dings erneut bedroht, erpresst und im Jahr 2015 sogar einmal Opfer von
körperlicher Gewalt geworden. Danach hätten sie (die Beschwerdeführen-
den) ihren ganzen Schmuck und ihr gesamtes Erspartes den Erpressern
übergeben. Vor diesem Hintergrund sei der Beschwerdeführer nach Russ-
land gegangen, um Geld zu verdienen. Einige Monate später habe ihn
seine Frau (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) informiert, er müsse zu-
rückkommen, da sie bedroht worden seien. Angesichts dessen sei ihnen
klar geworden, dass sie in Armenien nie mehr sicher vor Verfolgung wären,
weshalb sie nach seiner Rückkehr keinen anderen Ausweg gesehen hät-
ten, als gemeinsam zu fliehen.
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A.b Mit Verfügung vom 29. August 2016 stellte das SEM fest, dass die Be-
schwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllten. Es lehnte die
Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den
Wegweisungsvollzug an.
A.c Mit Eingabe vom 28. September 2016 liessen die Beschwerdeführen-
den beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen die Verfügung der
Vorinstanz erheben.
A.d Mit Urteil D-5951/2016 vom 22. August 2017 wies das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde vom 28. September 2016 ab. Das Gericht
hielt fest, bereits die Beschreibung des Reisewegs sei unglaubhaft. So sei
es unmöglich, dass es am Flughafen in Genf keine Passkontrolle gegeben
habe. Unglaubhafte Vorbringen zum Reiseweg liessen praxisgemäss
Rückschlüsse auf die Glaubwürdigkeit der Beschwerdeführenden und die
Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen zu. Da sich der fehlende Realitätsbezug
der Vorbringen auch bei der Beschreibung der Erpressung zeige, sei die
Flüchtlingseigenschaft nicht glaubhaft gemacht. Des Weiteren sei der
Wegweisungsvollzug zulässig, zumutbar und möglich.
B.
B.a Mit Eingabe vom 29. Januar 2018 reichten die Beschwerdeführenden
ein Wiedererwägungsgesuch beim SEM ein. Sie begründeten dies im We-
sentlichen damit, dass sie mittels neuer Beweismittel den Reiseweg nach-
weisen könnten. Zudem sei der Vollzug unzumutbar, da dieser die Gesund-
heit des Beschwerdeführers akut gefährde und die Kinder (erneut) aus ih-
rem Umfeld reissen würde.
B.b Mit Verfügung vom 1. Februar 2018 trat die Vorinstanz auf das Wie-
dererwägungsgesuch nicht ein und erklärte die Verfügung vom 29. August
2016 für rechtskräftig und vollstreckbar. Sie stellte fest, dass einer allfälli-
gen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme.
B.c Eine dagegen erhobene Beschwerde hiess das Bundesverwaltungs-
gericht mit Entscheid D-805/2018 vom 16. Mai 2018 gut, hob die angefoch-
tene Verfügung auf und wies die Sache an die Vorinstanz zur Neubeurtei-
lung zurück. Es hielt fest, dass die neu eingereichten Beweismittel geeignet
seien, den Reiseweg als zutreffend zu belegen, weshalb vor diesem Hin-
tergrund sowie der neuen Informationen zum Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers die Vorbringen der Beschwerdeführenden im Hinblick auf
deren Glaubhaftigkeit erneut zu prüfen seien.
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Seite 4
C.
C.a Mit Entscheid vom 20. Juni 2018 wies das SEM das Wiedererwä-
gungsgesuch der Beschwerdeführenden ab und hielt fest, dass die Verfü-
gung vom 29. August 2016 rechtskräftig und vollstreckbar sei und einer
allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme. Die Be-
schwerdeführenden hätten geltend gemacht, insbesondere Nachteile auf-
grund von Polizei und Staatsanwaltschaft zu befürchten. Obwohl der Be-
schwerdeführer seinen Militärdienst geleistet habe, sei er aufgrund des
Vorwurfs, den Militärdienst verweigert zu haben, erpresst worden. Um sich
den Erpressungen zu entziehen, seien die Beschwerdeführenden schliess-
lich am (...) 2016 legal ausgereist. Bei der Erpressung sei es jedoch ledig-
lich um Geld und somit nicht um ein asylrelevantes Verfolgungsmotiv ge-
gangen. Zudem sei der Beschwerdeführer nach diesen Ereignissen immer-
fort freiwillig in die Heimat zurückgekehrt, zuletzt im (...) 2016, weshalb die
Ereignisse davor aufgrund des fehlenden zeitlichen und sachlichen Zu-
sammenhangs nicht asylrelevant seien. Weiter sei der armenische Staat
grundsätzlich schutzfähig und -willig, weshalb es den Beschwerdeführen-
den zuzumuten sei, gegen weitere Erpresser Anzeige zu erstatten. Die Vor-
bringen der Beschwerdeführenden seien demnach nicht asylrelevant.
C.b Mit Eingabe an das SEM vom 27. Juni 2018 ersuchten die Beschwer-
deführenden um vorsorglichen Vollzugsstopp und stellten gleichzeitig in
Aussicht, innert Frist Beschwerde zu erheben. Diese Eingabe wurde zu-
ständigkeitshalber an das Bundesverwaltungsgericht weitergeleitet, wo-
rauf die Instruktionsrichterin mit Verfügung vom 3. Juli 2018 superproviso-
risch den Vollzugsstopp der Wegweisung verfügte.
C.c Mit Eingabe vom 4. Juli 2018 nahmen die Beschwerdeführenden Be-
zug auf ihre Eingabe vom 27. Juni 2018 und hielten fest, davon auszuge-
hen, diese sei vom SEM an das Bundesverwaltungsgericht weitergeleitet
und von diesem als Beschwerde entgegengenommen worden; die einge-
hende Beschwerdebegründung werde innert Frist folgen.
C.d Mit Eingabe vom 23. Juli 2018 reichten die Beschwerdeführenden ihre
Beschwerde ein. Sie beantragten, die Verfügungen des SEM vom 20. Juni
2018 und vom 29. August 2016 seien vollumfänglich aufzuheben und das
SEM sei anzuweisen, ihnen Asyl in der Schweiz zu gewähren, eventualiter
seien die Verfügungen teilweise aufzuheben und das SEM sei anzuweisen,
sie vorläufig in der Schweiz aufzunehmen, subeventualiter seien die Ver-
fügungen vollumfänglich aufzuheben und die Sache zur neuerlichen Sach-
verhaltsfeststellung und Entscheidung an das SEM zurückzuweisen. In
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Seite 5
verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie, es sei der Vollzug der Weg-
weisung superprovisorisch auszusetzen und ihnen zu gestatten, sich für
die Dauer des Verfahrens in der Schweiz aufzuhalten. Demzufolge sei das
Amt für Migration I._ anzuweisen, für die Dauer des Beschwerde-
verfahrens von jeglichen Vollzugshandlungen abzusehen. Gegenüber all-
fälligen Stellungnahmen des Beschwerdegegners sei das Replikrecht ein-
zuräumen. Wegen prozessualer Bedürftigkeit sei ihnen die unentgeltliche
Prozessführung und Rechtsverbeiständung durch den Unterzeichneten zu
gewähren, unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Sie betonten, dass ihre Vorbringen nicht aussichtslos seien. Insbesondere
würde das SEM den rechtserheblichen Sachverhalt nicht richtig erkennen,
wenn es davon ausgehe, dass die Ereignisse nicht asylrelevant seien, da
der Beschwerdeführer im (...) 2016 nach Armenien zurückgekehrt sei. Er
sei keinesfalls freiwillig, sondern aufgrund von Drohungen, die gegen seine
Familie gerichtet gewesen seien, zurückgekehrt, weshalb der zeitliche und
sachliche Kausalzusammenhang nicht unterbrochen worden sei.
Der Beschwerde lagen folgende Beweismittel bei: Ein Austrittsbericht der
Psychiatrie (...) vom 27. Juni 2018 betreffend den Beschwerdeführer und
ein Arztbericht vom 9. Juli 2018 betreffend die Beschwerdeführerin.
C.e Mit Instruktionsverfügung vom 2. August 2018 wurde der Vollzug der
Wegweisung ausgesetzt und das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gutgeheissen. Gleichzeitig wurde das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung abgewiesen.
C.f Mit Eingabe vom 6. August 2018 reichten die Beschwerdeführenden
einen Abklärungsbericht vom 26. Juli 2018 der Psychiatrie (...) über die
Tochter C._ zu den Akten. Der Bericht belege, dass diese an einer
Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Störung leide. Da ihre El-
tern ebenfalls psychisch erkrankt seien, könnten sie ihrer Tochter kein in
gewünschtem Mass stützendes Umfeld bieten, weshalb der Wegweisungs-
vollzug zumindest unzumutbar sei.
C.g Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 20. August 2018 im We-
sentlichen an seinen Ausführungen fest und beantragte die Abweisung der
Beschwerde.
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C.h Die Beschwerdeführenden nahmen mit Replik vom 6. September 2018
zur Vernehmlassung des SEM Stellung, indem sie an ihren Vorbringen fest-
hielten und wiedererwägungsweise um unentgeltliche Verbeiständung er-
suchten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt.108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist somit einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift-
lich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren
nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66–68 VwVG
(Art. 111b Abs. 1 AsylG).
In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwägungs-
gesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an eine
nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Blieb die abzuändernde Verfügung unange-
fochten oder wurde ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem blos-
sen Prozessentscheid abgeschlossen, können auch Revisionsgründe ei-
nen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (zum sogenannten „qualifi-
zierten Wiedererwägungsgesuch“ vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.).
Schliesslich sind Revisionsgründe, welche sich auf Beweismittel abstüt-
zen, welche erst nach Abschluss eines Beschwerdeverfahrens entstanden
sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei der Vorinstanz einzu-
bringen, da solche neu entstandenen Beweismittel einem Revisionsverfah-
ren nicht zugänglich sind (vgl. Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a in
fine BGG; vgl. hierzu auch BVGE 2013/22 E. 13). Das SEM hat solche Be-
weismittel, die vorbestehende Tatsachen belegen sollen, aber erst nach
Erlass eines materiellen Beschwerdeentscheids entstanden sind, im Rah-
men eines qualifizierten Wiedererwägungsverfahrens zu prüfen (vgl.
BVGE 2013/22 E. 12.3). Auf ein Gesuch ist einzutreten, wenn die gesuch-
stellende Person Tatsachen vorbringt, die möglicherweise geeignet sein
könnten, zu einem anderen Entscheid zu führen.
Mit dem ausserordentlichen Rechtsmittel der (qualifizierten) Wiedererwä-
gung wird demnach wie bei der Revision die Unabänderlichkeit und Mass-
geblichkeit eines rechtskräftigen Entscheids im Hinblick darauf angefoch-
ten, dass die Rechtskraft beseitigt und über die Sache neu entschieden
werden kann.
3.2 Das SEM ist mit Verfügung vom 1. Februar 2018 auf das Wiedererwä-
gungsgesuch der Beschwerdeführenden vom 29. Januar 2018 nicht einge-
treten und hat somit den grundsätzlichen Anspruch der Beschwerdeführen-
den auf Behandlung ihres Wiedererwägungsgesuchs in Abrede gestellt.
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Nichteintretensverfügung des SEM
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Seite 8
mit Urteil D-805/2018 vom 16. Mai 2018 aufgehoben und das Verfahren an
die Vorinstanz zur Behandlung zurückgewiesen. Dies insbesondere, da die
Beschwerdeführenden mit ihren neuen Beweismitteln ihren Reiseweg, wel-
cher ihnen bislang – mit Rückschlüssen auf ihre Glaubwürdigkeit – nicht
geglaubt wurde, nachweisen und mit der beim Beschwerdeführer gestell-
ten Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung gewisse kleine
Ungereimtheiten und Unsicherheiten bei seinen Angaben erklären konn-
ten. Das Gericht führte aus, damit seien die Voraussetzungen gegeben,
dass auf das qualifizierte Wiedererwägungsgesuch materiell eingetreten
werden müsse, weshalb die vorinstanzliche Verfügung vom 1. Februar
2018 aufgehoben wurde. Vor diesem Hintergrund ist die Vorinstanz wie-
dererwägungsweise auf die Asylgesuche eingetreten und hat diese mit
dem Entscheid vom 20. Juni 2018 beurteilt und abgewiesen. Es ist daher
zu prüfen, ob das SEM zu Recht davon ausgegangen ist, dass es den Be-
schwerdeführenden nicht gelungen sei, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, mithin es die einge-
reichten Beweismittel und geltend gemachten Vorbringen richtigerweise
als im Ergebnis nicht geeignet taxiert hat, die Rechtskraft der ursprüngli-
chen Verfügung vom 29. August 2016 zu beseitigen.
4.
4.1 Das SEM hielt in seinem Entscheid vom 20. Juni 2018 fest, es sei zu-
nächst auf den Arztbericht vom 5. Januar 2018 einzugehen. Diesem könne
im Wesentlichen entnommen werden, dass der Beschwerdeführer unter
einer schweren depressiven Episode und einer komplexen posttraumati-
schen Belastungsstörung durch psychische und physische Gewalt bezie-
hungsweise Folter in Armenien seit 2003 leide. Es müsse jedoch betont
werden, dass der Beschwerdeführer weder in der BzP (A6 Ziff. 7.01) noch
in der Anhörung (A10) erwähnt habe, jemals gefoltert worden zu sein. In
der Anhörung habe er von einem einzelnen physischen Gewaltausbruch
während einer Autofahrt im Jahr 2015 gesprochen, wo es um Geldzahlun-
gen gegangen sei, wobei er zunächst auf die Stirn und in die Rippen ge-
schlagen (A10 F9 und 73) und später eine Pistole auf ihn gerichtet worden
sei (A10 F9). Andere Nennungen von physischer Gewalt, insbesondere vor
2015, seien den Aussagen des Beschwerdeführers nicht zu entnehmen.
Als Begründung für das Wiedererwägungsgesuch habe der Beschwerde-
führer im Wesentlichen angegeben, von Polizei und Staatsanwaltschaft
Nachteile wegen einer angeblichen Militärdienstverweigerung zu befürch-
ten. Hauptsächlich um sich diesen Erpressungen zu entziehen, sei er (...)
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Seite 9
2016 legal ausgereist. In Anbetracht dessen, dass gemäss Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts D-805/2018 gewisse Vorbringen des Beschwerde-
führers durchaus glaubhaft seien, sei nachfolgend zu prüfen, ob diese auch
asylrelevant seien.
Der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, er habe seine Wohnung im
Jahr 2009 verkauft und sich seit 2011 diverse Male für längere Zeit legal in
Moskau aufgehalten, zuletzt von (...) 2015 bis (...) 2016 (A6 Ziff. 2.02).
Allerdings sei er nach seinen Aufenthalten in Russland immerfort nach Ar-
menien zurückgekehrt, namentlich auch im (...) 2016 und somit nach dem
Vorfall im Jahr 2015, bei dem er geschlagen und mit der Pistole bedroht
worden sei und deshalb 38‘000.– US-Dollar bezahlt habe (A10 F67, 74 und
76). Aufgrund des fehlenden zeitlichen und sachlichen Zusammenhangs
seien die Vorbringen vor der letzten freiwilligen Rückkehr im (...) 2016 nicht
asylrelevant.
Weiter gelte es, die erneute Kontaktierung durch das Militäramt im (...)
2016 auf ihre Asylrelevanz zu prüfen. Der Beschwerdeführer habe vorge-
bracht, er sei nach einem Gespräch freigekommen (A10 F42), was nicht
auf eine intensive Gefährdungssituation schliessen lasse. Es sei ohnehin
fraglich, ob der Beschwerdeführer zum Zeitpunkt der Ausreise im Jahr
2016 noch militärdienstpflichtig gewesen sei. Mit dem geleisteten Militär-
dienst und dem Überschreiten des Dienstmaximalalters von 27 Jahren sei
nicht von einer legalen Militärdienstpflicht auszugehen (vgl. National As-
sembly of the Republik of Armenia, Yerevan. Criminal code of the Republic
of Armenia, 18.04.2003 [mit Anpassungen bis 23.05.2018]). Damit müsse
es sich beim Vorwurf des angeblich fehlenden Militärdienstes um ein Mittel
gehandelt haben, das nicht in einem offiziellen Rahmen zu situieren sein
dürfte, sondern illegal zur Druckausübung verwendet worden sei. Weiter
sei das Verfolgungsmotiv die Erpressung von Geld gewesen, was keine
Verfolgung nach Art. 3 AsylG darstelle.
Der armenische Staat sei ferner grundsätzlich schutzfähig und -willig, wes-
halb es dem Beschwerdeführer zuzumuten sei, gegen weitere angebliche
„Gelderpresser“ Anzeige zu erstatten. Diese könnten nicht mit legalen Ak-
tionen armenischer Staatsorgane in Verbindung gesetzt werden. Gegen
eine staatliche Verfolgung im Zeitpunkt der Ausreise spreche zudem der
Umstand, dass die Beschwerdeführenden mit einem griechischen Visum
legal in den Schengenraum gereist seien (A6 Ziff. 2.05). Eine Reise, die
der Beschwerdeführer notabene bereits Anfang (...) 2016, und demnach
vor den zwei Vorladungen im Militäramt, geplant haben müsse. Somit sei
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das vorliegende qualifizierte Wiedererwägungsgesuch in Bezug auf die
Gewährung von Asyl abzulehnen.
4.2 Diesen Erwägungen entgegneten die Beschwerdeführenden, unter
nochmaliger Bekräftigung ihrer bereits bekannten Gesuchsvorbringen (vgl.
dazu Bst. A), das SEM verkenne, dass der Beschwerdeführer im (...) 2016
keineswegs freiwillig, sondern aufgrund von gegen seine Familie gerichte-
ten Drohungen nach Armenien zurückgekehrt sei. Eine unfreiwillige Rück-
kehr sei aber nicht geeignet, den zeitlichen und sachlichen Zusammen-
hang zu unterbrechen. Ebenfalls zu Unrecht habe das SEM ausgeführt,
dass der Beschwerdeführer aufgrund der Militärdienstverweigerung keine
langjährige Haftstrafe zu erwarten habe, da eine Strafe von 10 Jahren le-
diglich bei Kriegsrecht drohe. Armenien befinde sich bekanntlich in einem
bewaffneten Konflikt mit Aserbaidschan um das Gebiet Bergkarabach.
Deshalb sei davon auszugehen, dass Kriegsrecht zur Anwendung käme.
Eine derart unverhältnismässig lange Strafe unter prekärsten Haftbedin-
gungen sei sehr wohl asylrelevant. Der seit Jahrzehnten schwelende Berg-
karabach-Konflikt habe die armenische Gesellschaft hochgradig polari-
siert. Militärdienstverweigerer würden streng verfolgt, weil sie als Verräter
angesehen würden. Somit stehe nicht die Durchsetzung der Wehrpflicht,
sondern die Bestrafung einer feindlichen Gesinnung, und somit ein asylre-
levantes Verfolgungsmotiv, im Vordergrund.
Weiter sei der armenische Staat keinesfalls schutzpflichtig und schutzwil-
lig. Die Verfolgung sei von staatlichen oder parastaatlichen Organen aus-
gegangen. Der G._-Clan werde von I._ geführt, der bis vor
kurzem (...) gewesen sei. Damit sei die Verfolgung dem armenischen Staat
zuzurechnen. Dass G._ heute nicht mehr die Funktionen des (...)
und des (...)-Chefs innehabe, ändere daran nichts. Der Clan sei sehr ein-
flussreich. Angesichts der völligen Abwesenheit eines Rechtstaates in Ar-
menien und der grassierenden Korruption sei von den armenischen Behör-
den kein Schutz zu erwarten. Übergriffe durch staatliche Organe seien häu-
fig und würden faktisch nicht bestraft. An dem ändere auch der kürzlich
erfolgte Regierungswechsel nichts. Der neue Ministerpräsident werde sich
hüten, sich mit den Clanstrukturen anzulegen. Ohnehin sei die Situation
instabil und es könne jederzeit zu einem neuen Machtwechsel kommen.
Hinzu komme, dass die belegten, schweren Erkrankungen des Beschwer-
deführers (Hepatitis C, Posttraumatische Belastungsstörung, schwere de-
pressive Episode und Suizidalität) diesem verunmöglichen, sich gegen
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Übergriffe effektiv zur Wehr zu setzen. Es sei damit zu rechnen, dass sich
bei einer Wegweisung seine Suizidalität verschärfe.
Da dem Beschwerdeführer somit eine asylrechtlich relevante Verfolgung
drohe und sich diese als Reflexverfolgung auch gegen die anderen Be-
schwerdeführenden richte, sei sämtlichen Beschwerdeführenden hierzu-
lande Asyl zu gewähren.
4.3 Die Vorinstanz erwiderte, es wäre zu erwarten gewesen, dass der Be-
schwerdeführer angesichts der Drohungen gegenüber seiner Familie nicht
mehr nach Armenien zurückgekehrt wäre, sondern die Familie selbständig
ausgereist wäre. Weshalb seine Anwesenheit gerade zu jenem Zeitpunkt
unabdingbar gewesen sei, wo er sich zuvor wiederholt monatelang in
Russland aufgehalten habe, sei nicht ersichtlich. Bei einer Dienstverweige-
rung im armenischen Kontext sei kaum zwingend von einem politisch an-
gehauchten Verrat an der Nation auszugehen, seien doch im Normalfall
weit geringere Strafen bis zur Bezahlung einer Busse vorgesehen. Vor die-
sem Hintergrund sei keine begründete Furcht objektiv nachvollziehbar. Da-
für spreche auch, dass die angeblichen Verfolger Geldforderungen gestellt
und andere Bereicherungsabsichten kundgetan hätten.
Zwar bleibe die Rechtsstaatlichkeit in Armenien durch mangelnde Gewal-
tenteilung weiterhin geschwächt, Verfahren würden indes üblicherweise
die meisten Standards für einen fairen Prozess erfüllen, wohingegen Kor-
ruption tatsächlich viele Bereiche der Gesellschaft durchdringe. Dennoch
sei weder bewiesen noch glaubhaft gemacht worden, dass der G._-
Clan tatsächlich als Behörde agiert habe. Es würden jegliche Beweise feh-
len. Zudem wären die angedrohten Strafen und das Dienstalter im vorlie-
genden Militärrechtskontext unhaltbar, was ebenfalls gegen ein behördli-
ches Agieren spreche. Bleibe noch die Vermutung, ob der Clan als Dritt-
person mit Behörden verbunden agiert habe, was jedoch aus folgenden
Gründen zweifelhaft erscheine: Es würden weder (fingierte) behördliche
Beweismittel vorliegen noch ein Verhalten, wonach der Clan kraft seiner
Behördennähe wie eine Behörde mit letzter Konsequenz agiert hätte. So
seien immer wieder Nachteile angedroht worden (Anhörung F9); zudem
solle der Beschwerdeführer nach einem Gespräch beim Militäramt freige-
kommen sein. Schliesslich weise auch die legale Ausreise aus Armenien
nicht auf eine entscheidende Behördennähe hin. Ob sich der Beschwerde-
führer wirklich nicht hätte wehren können, sei vorliegend nicht erstellt, da
er es nicht versucht habe.
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Seite 12
4.4 Dem entgegneten die Beschwerdeführenden, entscheidend sei nicht
der abstrakte Strafrahmen, sondern die drohende Verfolgungspraxis im
Kontext der sich seit langem im Krieg befindlichen und das Kriegsrecht an-
wendenden Republik Armenien. Diese Verfolgungspraxis gegen „Verräter“
sei selbstverständlich asylrelevant. Den Ausführungen, wonach Armenien
kein Rechtsstaat sei, die Korruption grassiere und Übergriffe durch staatli-
che Organe faktisch nicht bestraft würden, setze das SEM bezeichnender-
weise nichts entgegen. Es liege zudem auf der Hand, dass er (der Be-
schwerdeführer) sich gegen den G._-Clan nicht mit rechtlichen Mit-
teln habe wehren können. Abschliessend beantrage er, es sei wiedererwä-
gungsweise die unentgeltliche Verbeiständung zu gewähren.
5.
5.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zur Er-
kenntnis, dass das SEM das Vorliegen von wiedererwägungsrelevanten
erheblichen neuen Tatsachen und Beweismitteln im Sinne von Art. 66
Abs. 2 Bst. a VwVG hinsichtlich der Sachlage vor der Verfügung vom
29. August 2016 zu Recht verneint hat und kein Anlass zur Beseitigung der
Rechtskraft diesbezüglich besteht. Die betreffenden Erwägungen in der an-
gefochtenen Verfügung vom 20. Juni 2018 sind nicht zu beanstanden und
es kann zur Vermeidung von Wiederholungen darauf verwiesen werden.
Die Ausführungen auf Beschwerdeebene und neu eingereichten Arzt- und
Abklärungsberichte sind nicht geeignet, zu einer anderen Beurteilung zu
gelangen.
5.1.1 Zunächst ist festzustellen, dass zwar glaubhaft ist, dass der Be-
schwerdeführer wegen des angeblich ausstehenden Militärdienstes um
Geld erpresst und ihm dabei einmal während einer Autofahrt im Jahr 2015
Gewalt angetan wurde, indem er auf die Stirn und in die Rippen geschlagen
wurde (A10 F9 und 73). Allerdings sind – in Übereinstimmung mit den Aus-
führungen der Vorinstanz – den Aussagen des Beschwerdeführers keine
anderen Nennungen von physischer Gewalt zu entnehmen. Deshalb ist
nicht davon auszugehen, dass er seit 2003 körperlich schwer misshandelt
beziehungsweise gefoltert worden sei. An diesem Schluss vermögen auch
die neu eingereichten Beweismittel nichts zu ändern. Da sich die Vorbrin-
gen betreffend den Zeitraum vor der letzten freiwilligen Rückkehr des Be-
schwerdeführers nach Armenien im (...) 2016 aufgrund des fehlenden
sachlichen und zeitlichen Zusammenhangs als nicht asylrelevant erwei-
sen, kann die Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen letztlich aber offen bleiben.
Die Argumentation der Beschwerdeführenden, der Beschwerdeführer sei
im (...) 2016 – wegen Drohungen gegen die übrigen Familienmitglieder –
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unfreiwillig nach Armenien zurückgekehrt, vermag nicht zu überzeugen. Es
ist nicht nachvollziehbar und wird von den Beschwerdeführenden auch
nicht erläutert, weshalb sich seine Anwesenheit gerade zu diesem Zeit-
punkt als unbedingt nötig erwiesen habe beziehungsweise weshalb die Fa-
milie nicht alleine hätte ausreisen können, nachdem sie zuvor monatelang
alleine zurecht gekommen war. Somit war die Rückkehr des Beschwerde-
führers freiwillig und durchaus geeignet, den sachlichen und zeitlichen Zu-
sammenhang zur späteren Ausreise aus dem Heimatstaat zu unterbre-
chen.
5.1.2 Auch die Vorbringen des Beschwerdeführers zu den Erlebnissen
nach seiner freiwilligen Rückkehr nach Armenien im (...) 2016 sind nicht
asylrelevant ausgefallen. Der Beschwerdeführer macht geltend, er sei
nach seiner Rückkehr zwei Mal zum Militäramt vorgeladen worden. Wäh-
rend dieser Gespräche sei ihm nichts passiert und er habe danach jeweils
wieder gehen können. Da H._ jedoch beim zweiten Gespräch an-
wesend gewesen sei und ihn dabei seltsam angesehen und gelächelt
habe, sei ihm klar geworden, dass er und seine Familie das Land so schnell
wie möglich verlassen müssten, ansonsten die Geschichte nicht harmlos
für sie enden würde (A10 F11 und A6 Ziff. 7.01). Auch auf Nachfrage be-
stätigte er, dass er nach seiner Rückkehr 2016 nicht erpresst worden sei,
sondern es ihm gereicht habe, dass er H._ auf dem Militäramt wie-
dergesehen habe, worauf er so gestresst gewesen sei, dass er umgehend
beschlossen habe, das Land zu verlassen (A10 F76). Dieses Vorbringen
ist aufgrund der fehlenden Intensität nicht relevant, auch wenn der Be-
schwerdeführer gemäss Arztbericht vom 5. Februar 2018 aufgrund des Er-
lebten heute psychische Probleme habe.
5.1.3 Weiter behaupten die Beschwerdeführenden pauschal, dass dem
Beschwerdeführer als Strafe für die vorgeworfene Militärdienstverweige-
rung in Armenien 10 Jahre Haft drohen würden. Es sei nämlich davon aus-
zugehen, dass eine feindliche Gesinnung und nicht die Sicherstellung der
Militärpflicht Grund für das Strafmass sei. Dies vermag indes ebenfalls
nicht zu überzeugen. Trotz vorhandener Strafvorschriften müssen Wehr-
pflichtige, die sich zunächst ihrer Wehrpflicht entzogen haben, grundsätz-
lich nicht mit einer Bestrafung rechnen, wenn sie sich bei der zuständigen
Einberufungsbehörde melden. Zudem können Männer, welche das Dienst-
maximalalter von 27 Jahren überschritten haben, gegen Zahlung einer
Geldbusse die Einstellung der strafrechtlichen Verfolgung erreichen (vgl.
Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, Einschätzung zu Armenien als
möglicher sicherer Herkunftsstaat [SHKS], Wien, 15. Januar 2018, S. 17-
D-3842/2018
Seite 14
19). Demnach ist beim Beschwerdeführer, wie schon die Vorinstanz darge-
legt hat, aufgrund des Überschreitens des Dienstmaximalalters von 27 Jah-
ren (um [...] Jahre) und des geleisteten Militärdienstes nicht (mehr) von
einer Militärdienstpflicht auszugehen (vgl. National Assembly of the Repub-
lik of Armenia, Yerevan. Criminal code of the Republic of Armenia,
18.04.2003 [mit Anpassungen bis 23.05.2018]). Dafür, dass die Verfolger
nicht als Behörde agiert hatten, spricht zudem, dass sie lediglich Bereiche-
rungsabsichten kundtaten. Der Beschwerdeführer wurde weder verhaftet
noch wurde ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet. Auch wenn er durch die
im Wiedererwägungsverfahren neu eingereichten Beweismittel (insb. Arzt-
bericht vom 5. Januar 2018) glaubhaft machen konnte, Angst gehabt zu
haben, sind diese Vorbringen nicht asylrelevant ausgefallen. Allein die Er-
pressung von Geld stellt keine Verfolgung nach Art. 3 AsylG dar. Beim Vor-
wurf des angeblich fehlenden Militärdienstes scheint es sich lediglich um
ein Mittel gehandelt zu haben, das illegal zur Druckausübung verwendet
worden und nicht in einem offiziellen oder legalen Rahmen zu situieren ist.
Weshalb der Beschwerdeführer nicht versuchte, sich gegen die Drohungen
durch G._ (und H._) zu wehren, ist jedoch nicht nachvoll-
ziehbar. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass ihm zuvor der Chef
der Staatsanwaltschaft seine Direktnummer gegeben und mitgeteilt habe,
er könne sich an ihn wenden, falls irgendwelche Schwierigkeiten oder Un-
regelmässigkeiten in Bezug auf den verspätet geleisteten Militärdienst auf-
treten sollten (A10 F9). Zudem will er während Jahren verschiedentlich be-
droht worden sein, habe allerdings während all dieser Zeit keine offiziellen
Nachteile erfahren und das Land legal auf dem Luftweg verlassen. Somit
ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer sich durchaus an die
heimatlichen Behörden um Hilfe hätte wenden können. Selbst wenn ihm
jedoch bei der Rückkehr nach Armenien eine Bestrafung wegen Verletzung
der Militärdienstpflicht drohen würde, gehen weder aus dem Wiedererwä-
gungsgesuch noch sonst aus den Akten Hinweise dafür hervor, dass er
aufgrund eines asylrechtlich relevanten Motivs (Politmalus) eine unverhält-
nismässige Strafe zu befürchten hätte.
5.1.4 Folglich hat das SEM das Vorliegen von wiedererwägungsrelevanten
erheblichen neuen Tatsachen und Beweismitteln der Sachlage vor der Ver-
fügung vom 29. August 2016 zu Recht verneint.
5.2 Die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführenden betreffen die Frage
der Zulässigkeit beziehungsweise der Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs.
D-3842/2018
Seite 15
5.2.1 Vorliegend ist zunächst in allgemeiner Hinsicht festzustellen, dass in
Armenien weder Krieg, Bürgerkrieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt
herrscht, weshalb der Vollzug bezüglich der allgemeinen Situation in Arme-
nien als zumutbar erscheint. Die Beziehungen mit Aserbaidschan sind auf-
grund des Konflikts in Bezug auf die umstrittene Region Bergkarabach
zwar weiterhin schlecht, allerdings ist es in politischer Hinsicht seit Frühling
2018 zu positiven Veränderungen gekommen, indem die vormals zuneh-
mend autoritäre Regierung durch einen neuen Machthaber ersetzt wurde,
welcher der Korruption und dem Machtmissbrauch den Kampf angesagt
hat (Christoph Kersting, Aufbruch in Armenien: Ein Jahr nach der samtenen
Revolution, 11.04.2019, < https://www.deutschlandfunkkultur.de/aufbruch-
in-armenien-ein-jahr-nach-der-samtenen-revolution.979.de.html?dram:ar-
ticle_id=445366 >; Euractiv, Erdrutsch-Wahl in Armenien: Die Vollendung
der Revolution, 10.12.2018 < https://www.euractiv.de/section/eu-aussen-
politik/news/erdrutsch-wahl-in-armenien-die-vollendung-der-revolution/ >,
alle abgerufen am 11.05.2020).
5.2.2 Den Akten lassen sich zudem keine konkreten Anhaltspunkte für die
Annahme entnehmen, wonach die Beschwerdeführenden in Armenien aus
individuellen Gründen wirtschaftlicher oder sozialer Natur in eine existenz-
bedrohende Situation geraten würden. Den Angaben des Beschwerdefüh-
rers kann entnommen werden, dass er über eine langjährige Schulbildung
sowie eine rund zehnjährige Berufserfahrung als (...)händler verfügt (vgl.
A6 Ziff. 1.17.04/05). Es ist davon auszugehen, dass es ihm möglich sein
wird, den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu bestreiten und ihre
wirtschaftliche Existenz zu sichern. Weiter hat die Beschwerdeführerin
zwei Studiengänge abgeschlossen und in Armenien als (...)angestellte ge-
arbeitet (vgl. A7 Ziff. 1.17.04). Es ist deshalb davon auszugehen, dass auch
die Beschwerdeführerin in der Heimat wieder Arbeit finden wird. Zudem
können die Beschwerdeführenden auf ein grosses Beziehungsnetz zurück-
greifen, weshalb davon auszugehen ist, dass sie in Armenien wieder wer-
den Fuss fassen können (A6 Ziff. 3.01-3.03, A7 Ziff. 3.01-3.03).
5.2.3 Die Beschwerdeführenden reichten im Wiedererwägungsverfahren
verschiedene Beweismittel ein, um ihre gesundheitlichen Probleme zu be-
legen. So leide der Beschwerdeführer an einer Posttraumatischen Belas-
tungsstörung, chronischer Virushepatitis C, psychischen und Verhaltens-
störungen durch schädlichen Alkoholgebrauch und einer schweren depres-
siven Episode ohne psychotische Symptome (vgl. Austrittsbericht vom
27. Juni 2018). Zudem leide die Beschwerdeführerin an einer mittelgradi-
gen depressiven Episode mit somatischen und zum Teil psychotischen
D-3842/2018
Seite 16
Symptomen (vgl. Arztzeugnis vom 9. Juli 2018). Schliesslich leide die Toch-
ter C._ an einer Anpassungsstörung mit Angst und depressiver
Stimmung gemischt (vgl. Abklärungsbericht vom 26. Juli 2018). Indes las-
sen auch diese gesundheitlichen Probleme nicht auf eine Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs schliessen. Wie die Vorinstanz bereits im ersten
Asylverfahren in ihrem Entscheid vom 29. August 2016 zutreffend festge-
stellt hatte, ist die medizinische Grundversorgung in Armenien – auch im
heutigen Zeitpunkt – gewährleistet. Die Beschwerdeführenden entgegnen
dem pauschal, in Armenien sei keine auch nur halbwegs adäquate Be-
handlung zugänglich, weshalb die Wegweisung für den Beschwerdeführer
ein Dahinvegetieren und eine Verschärfung der Suizidalität bedeuten
würde. Jedoch liegt Unzumutbarkeit noch nicht vor, wenn im Heimat- oder
Herkunftsstaat eine nicht dem schweizerischen Standard entsprechende
medizinische Behandlung möglich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3 und BVGE
2009/2 E. 9.3.2). Gemäss dem eingereichten Austrittsbericht der Psychiat-
rie (...) vom 27. Juni 2018 leidet der Beschwerdeführer zwar an psychi-
schen Problemen, nahm aber bereits zum Zeitpunkt der Krisenintervention
das ihm verschriebene Antidepressivum (...) nicht mehr regelmässig ein.
Andere ihm verschriebene Medikamente sind nicht bekannt. Der Be-
schwerdeführer konnte aufgrund seiner verbesserten Gesamtkonstitution
und des reduzierten Leidensdrucks bereits früher als geplant aus der Klinik
austreten (Austrittsbericht vom 27. Juni 2018). Was den Arztbericht betref-
fend die Beschwerdeführerin anbelangt, ist dieser wenig aussagekräftig,
hält er doch einzig fest, dass diese an einer mittelgradigen depressiven
Episode mit somatischen und zum Teil psychotischen Symptomen (ICD-10
F32.11) leide und sie medikamentös behandelt werde. Befunde und Anam-
nese lässt der Bericht vermissen. Soweit die Beschwerdeführenden aus-
führen, durch ihre psychischen Probleme ihren Kindern nicht die ge-
wünschte Unterstützung bieten zu können, ist jedenfalls festzuhalten, dass
die Tochter sich gut integrieren konnte und eine sehr gute Schülerin ist,
dies obwohl sie gemäss Aktenlage an einer Anpassungsstörung mit Angst
und depressiver Stimmung leide (vgl. Abklärungsbericht vom 26. Juli
2018). Somit ist trotz der durchaus erschwerenden Umstände, insbeson-
dere auch durch die Alkoholsucht des Beschwerdeführers, nicht von einer
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aufgrund der gesundheitlichen
Situation der Beschwerdeführenden auszugehen. Schliesslich ist darauf
hinzuweisen, dass den Beschwerdeführenden die Möglichkeit offensteht,
im Hinblick auf die Rückkehr in die Heimat in der Schweiz gegebenenfalls
medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen.
D-3842/2018
Seite 17
5.2.4 Sind bei einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so
bildet bei der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichtspunkt
von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus einer völker-
rechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AIG im Licht von Art. 3
Abs. 1 der Konvention vom 20. November 1989 über die Rechte des Kin-
des (KRK, SR 0.107). Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind sämtliche
Umstände einzubeziehen und zu würdigen, die im Hinblick auf eine Weg-
weisung wesentlich erscheinen. Dabei können namentlich folgende Krite-
rien im Rahmen einer gesamtheitlichen Beurteilung von Bedeutung sein:
Alter des Kindes, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähig-
keit) seiner Beziehungen, Eigenschaften seiner Bezugspersonen (insbe-
sondere Unterstützungsbereitschaft und -fähigkeit), Stand und Prognose
bezüglich Entwicklung/Ausbildung, Grad der erfolgten Integration bei ei-
nem längeren Aufenthalt in der Schweiz. Gerade letzterer Aspekt, die
Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz, ist im Hinblick auf die Prüfung der
Chancen und Hindernisse einer Reintegration im Heimatland bei einem
Kind als gewichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund
aus einem einmal vertrauten Umfeld herausgerissen werden sollten. Dabei
ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur das unmittelbare per-
sönliche Umfeld des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen,
sondern auch dessen übrige soziale Einbettung. Die Verwurzelung in der
Schweiz kann eine reziproke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs haben, indem eine starke Assimilierung in der
Schweiz mithin eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge haben kann,
welche unter Umständen die Rückkehr dorthin als unzumutbar erscheinen
lässt (vgl. etwa BVGE 2009/28 E. 9.3.2 und Urteil des BVGer E-3905/2019
vom 29. Oktober 2019 E. 10.2.3, je mit Verweis).
Die Beschwerdeführenden reichten diverse Beweismittel ein, um ihre In-
tegrationsbemühungen und die gelungene Integration ihrer Kinder zu be-
legen. Es handelt sich bei ihnen um eine Familie mit zwei Kindern im Alter
von (...) und (...) Jahren. Sie halten sich seit dem (...) 2016 und somit seit
vier Jahren in der Schweiz auf.
Im Falle des (...) Sohnes kann bereits aufgrund seines Alters nicht von ei-
ner fortgeschrittenen Verwurzelung in der Schweiz gesprochen werden,
zumal seine Eltern (noch) die wichtigsten Bezugspersonen bilden.
Was die (...) Tochter betrifft, ist nachgewiesen, dass diese die Schule in
der Schweiz seit August 2016 besucht, wobei die hiesige Kultur- und Le-
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Seite 18
bensweise bereits einen gewissen Einfluss auf ihre individuelle Persönlich-
keitsentwicklung gehabt haben dürfte. Dennoch ist festzuhalten, dass sie
den weitaus grössten Teil ihrer Kindheit in ihrem Heimatland Armenien ver-
bracht hat, wo nach wie vor mehrere nahe Angehörige ihrer Eltern leben
und wohin sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder zurückkehren würde (vgl.
Akten A6 S. 6 und A7 S. 5). Im Abklärungsbericht vom 26. Juli 2018 wird
zwar ausgeführt, dass sich C._ in der Schweiz sehr wohl fühle, hier
sehr gut integriert sei und grosse Angst vor einer Rückschaffung nach Ar-
menien habe. Allerdings gelang es ihr im Rahmen der Abklärung, ihre Sor-
gen und Ängste zu benennen und offener mit ihrer Situation umzugehen,
was ihre depressive Symptomatik im Laufe der Abklärung verminderte.
Den Akten können ferner keine Anhaltspunkte dafür entnommen werden,
wonach sie sich vorwiegend in einem anderen, von Eltern und Familie ab-
gelösten Umfeld bewegen würde. Eine Wegweisung nach Armenien hätte
damit keine derartige Entwurzelung zur Folge, dass eine Rückkehr dorthin
dem Kindeswohl abträglich wäre. Selbst wenn eine Wiedereingliederung in
Armenien mit gewissen Reintegrationsschwierigkeiten verbunden wäre, ist
davon auszugehen, dass ihr nach einer gewissen Anlaufphase eine Ein-
gliederung ins dortige Schulsystem und das gesamte Umfeld gelingen
dürfte, wobei ihr die in der Schweiz erworbenen Erfahrungen und gewon-
nenen schulischen und sprachlichen Kenntnisse dabei von Nutzen sein
dürften.
5.2.5 Nach dem Gesagten bleibt die Rechtskraft der vorinstanzlichen Ver-
fügung auch diesbezüglich bestehen, zumal sich die Sachlage nicht we-
sentlich verändert hat. Das SEM hat das Wiedererwägungsgesuch somit
zu Recht abgewiesen.
6.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
7.
Die mit Zwischenverfügung vom 2. August 2018 gewährte aufschiebende
Wirkung gemäss Art. 111b Abs. 3 Satz 2 AsylG wird mit vorliegendem Urteil
gegenstandslos.
D-3842/2018
Seite 19
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da jedoch das
mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom
2. August 2018 gutgeheissen wurde, sind keine Verfahrenskosten zu erhe-
ben.
8.2 Nachdem das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung mit
Zwischenverfügung vom 2. August 2018 bereits abgelehnt wurde, ersuch-
ten die Beschwerdeführenden in ihrer Replik vom 6. September 2018,
ihnen wiedererwägungsweise die unentgeltliche Verbeiständung in der
Person des rubrizierten Rechtsvertreters zu gewähren. Wie jedoch bereits
mit Zwischenverfügung vom 2. August 2018 festgestellt wurde, wird einer
mittellosen Partei in einem nicht aussichtslosen Verfahren eine Anwältin
oder ein Anwalt nur dann bestellt, wenn dies zur Wahrung ihrer Rechte
notwendig ist. In Verfahren, welche – wie das vorliegende – vom Untersu-
chungsgrundsatz beherrscht sind, sind strenge Massstäbe an die Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung anzusetzen (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [E-
MARK] 2000 Nr. 6 E. 10 S. 53 f., BGE 122 I 8 E. 2c S. 10). Im asylrechtli-
chen Beschwerdeverfahren sind besondere Rechtskenntnisse im Regelfall
nicht unbedingt erforderlich, weshalb praxisgemäss die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG nur in den be-
sonderen Fällen gewährt wird, in welchen in rechtlicher oder tatsächlicher
Hinsicht erhöhte Schwierigkeiten bestehen. Das vorliegende Verfahren er-
scheint weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht besonders kom-
plex, weshalb das wiedererwägungsweise gestellte Gesuch um unentgelt-
liche Verbeiständung erneut abzuweisen ist.
(Dispositiv nächste Seite)
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