Decision ID: b89e1ef4-7e2e-52ec-92d9-0b3d9b5f3ee6
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- X erwarb den Führerausweis auf Probe am 12. September 2006. Am 15. November
2006 verursachte er einen Verkehrsunfall. Wegen Nichtanpassens der Geschwindigkeit
entzog ihm das Strassenverkehrsamt den Führerausweis auf Probe mit Verfügung vom
20. Februar 2007 für die Dauer von drei Monaten. Gleichzeitig wurde die Probezeit um
ein Jahr verlängert. Einen dagegen bei der Verwaltungsrekurskommission erhobenen
Rekurs zog X am 20. März 2007 zurück. Am 10. Juli 2010 lenkte er einen
Personenwagen mit einer minimalen Blutalkoholkonzentration von 1,09 Gew.-‰. Als
Folge davon wurde der Führerausweis auf Probe mit Verfügung des
Strassenverkehrsamtes vom 3. September 2010 annulliert und eine Wartefrist für den
Erwerb eines neuen Lernfahrausweises bis 10. Juli 2011 angeordnet.
B.- Am 17. März 2011 lenkte X in A einen Personenwagen mit einer minimalen
Blutalkoholkonzentration von 1,34 Gew.-‰. Zudem überschritt er die zulässige
Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h und verursachte zufolge nicht angepasster
Geschwindigkeit einen Selbstunfall. Mit Strafbescheid des Untersuchungsamtes B vom
9. Juni 2011 wurde er wegen mehrfacher Verletzung von Verkehrsregeln, Führens eines
Personenwagens in angetrunkenem Zustand, Führens eines Personenwagens ohne
Führerausweis, Nichttragens der Sicherheitsgurte sowie unberechtigter Verwendung
von Händlerschildern zu einer bedingten Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu je Fr. 60.--
und einer Busse von Fr. 2'550.-- verurteilt. Eine bedingt ausgefällte Geldstrafe von
15 Tagessätzen zu je Fr. 120.-- aus einem anderen Strafverfahren wurde widerrufen
und vollziehbar erklärt.
C.- Aufgrund des Vorfalls vom 17. März 2011 eröffnete das Strassenverkehrsamt
gegenüber X ein Administrativmassnahmeverfahren. Mit Verfügung vom 31. Mai 2011
verlängerte es die Wartefrist für den Erwerb eines neuen Lernfahrausweises "um ein
Jahr, d.h. neu bis zum 09.10.2012". Mit Schreiben vom 10. Juni 2011 berichtigte das
Strassenverkehrsamt diese Verfügung, indem die Ziffer 1 folgendermassen abgeändert
wurde: "Verlängerung der Wartefrist um 15 Monate, d.h. neu bis zum 09.10.2012".
D.- Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 10. Juni 2011 erhob X gegen diese
Verfügung Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, die Ziffern 1
und 2 der angefochtenen Verfügung seien aufzuheben und die Wartefrist lediglich um
ein Jahr bis 9. Juli 2012 zu verlängern, unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
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Mit Vernehmlassung vom 15. Juli 2011 beantragte die Vorinstanz die Abweisung des
Rekurses. Dazu nahm der Rekurrent mit Eingabe vom 22. August 2011 Stellung.
Auf die von den Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge gemachten
Ausführungen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 10. Juni 2011 gegen die Verfügung vom
31. Mai 2011 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und inhaltlicher
Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes
über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist
einzutreten. Der "Berichtigung" der Vorinstanz vom 10. Juni 2011 (Abänderung der
Ziffer 1 der angefochtenen Verfügung) kommt keine Bedetung zu, da die Verfügung im
fraglichen Punkt angefochten wurde und vom Gericht deshalb zu prüfen ist.
2.- Streitig ist die Verlängerung der Wartefrist für den Erwerb eines neuen
Lernfahrausweises.
a) Der Rekurrent macht geltend, Art. 15a Abs. 5 des Strassenverkehrsgesetzes
(SR 741.01, abgekürzt: SVG) sehe ausdrücklich und ohne Ermessensspielraum eine
Verlängerung um ein Jahr vor, wenn die betroffene Person während der Wartefrist ein
Motorrad oder einen Motorwagen geführt habe. Für eine behördliche Erhöhung dieser
Frist fehle es an einer gesetzlichen Grundlage. Es sei unerheblich, dass er das
Fahrzeug im konkreten Fall in alkoholisiertem Zustand gelenkt habe. Dies sei bereits
strafrechtlich ausreichend berücksichtigt worden. Eine weitergehende Pönalisierung im
Administrativmassnahmeverfahren sei gesetzlich nicht vorgesehen und daher nicht
zulässig.
Dem hält die Vorinstanz entgegen, wenn man die besonderen Umstände des Falles,
der zur Verlängerung führe, nicht berücksichtige, resultiere eine rechtsungleiche
Behandlung. Der Rekurrent habe während der Wartefrist nicht nur ein Motorfahrzeug
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ohne Ausweis gelenkt, sondern gleichzeitig in schwerer Weise gegen die
Verkehrsregeln verstossen. Es sei daher gerechtfertigt, die zwölfmonatige Wartefrist
um drei Monate im Sinn von Art. 14 Abs. 2 lit. d SVG (gemeint ist wohl Art. 14 Abs. 2
SVG) zu verlängern. Es werde auf die zutreffenden Bemerkungen im Strafbefehl vom 9.
Juni 2011 verwiesen, die es ebenfalls angemessen zu berücksichtigen gelte.
b) Der erstmals erworbene Führerausweis für Motorräder und Motorwagen wird
zunächst auf Probe erteilt. Die Probezeit beträgt drei Jahre (Art. 15a Abs. 1 SVG). Er
wird unbefristet erteilt, wenn die Probezeit abgelaufen ist und der Inhaber an den vom
Bundesrat vorgeschriebenen, in erster Linie praktischen Weiterbildungskursen zur
Erkennung und Vermeidung von Gefahren sowie zu umweltschonendem Fahren
teilgenommen hat (Art. 15a Abs. 2 SVG). Wird dem Inhaber der Ausweis auf Probe
wegen einer Widerhandlung entzogen, so wird die Probezeit um ein Jahr verlängert.
Dauert der Entzug über die Probezeit hinaus, so beginnt die Verlängerung mit der
Rückgabe des Führerausweises (Art. 15a Abs. 3 SVG). Der Führerausweis auf Probe
verfällt mit der zweiten Widerhandlung, die zum Entzug des Ausweises führt (Art. 15a
Abs. 4 SVG). Ein neuer Lernfahrausweis kann frühestens ein Jahr nach Begehung der
Widerhandlung und nur aufgrund eines verkehrspsychologischen Gutachtens erteilt
werden, das die Eignung bejaht. Diese Frist wird um ein Jahr verlängert, wenn die
betroffene Person während dieser Zeit ein Motorrad oder einen Motorwagen geführt
hat (Art. 15 Abs. 5 SVG). Nach erneutem Bestehen der Führerprüfung wird ein neuer
Führerausweis auf Probe erteilt (Art. 15a Abs. 6 SVG).
c) Nach der zweiten schweren Widerhandlung des Rekurrenten gegen die
Verkehrsvorschriften wurde der Führerausweis auf Probe von der Vorinstanz mit
Verfügung vom 3. September 2010 annulliert. Gleichzeitig wurde eine Wartefrist für den
Erwerb des neuen Lernfahrausweises bis 10. Juli 2011 angesetzt. Innerhalb dieser
Wartefrist lenkte der Rekurrent am 17. März 2011 einen Motorwagen. Die
Verfahrensbeteiligten sind sich einig, dass dies eine Verlängerung der Wartefrist
gemäss Art. 15a Abs. 5 SVG nach sich zieht.
Umstritten ist die Dauer der Verlängerung. Die Vorinstanz hat die Wartefrist um
15 Monate verlängert. Der Gesetzeswortlaut besagt indessen klar und
unmissverständlich, dass die Frist um ein Jahr verlängert wird, wenn die betroffene
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Person während dieser Zeit ein Motorrad oder einen Motorwagen lenkt. Die
Möglichkeit, die Verlängerung bei weiteren Verletzungen von Verkehrsregeln über ein
Jahr hinaus auszudehnen, ist weder im Gesetz vorgesehen noch ergibt sie sich aus
Lehre, Rechtsprechung oder den Gesetzesmaterialien. Allfällige im Zusammenhang mit
der unerlaubten Fahrt ohne Führerausweis begangene Verkehrsregelverletzungen
bleiben daher in Bezug auf die Verlängerung der Wartefrist unberücksichtigt. Diese
Umstände fliessen jedoch in die Beurteilung der Fahreignung mit ein, welche die
betroffene Person mittels eines positiv lautenden verkehrspsychologischen Gutachtens
nach Ablauf dieser Frist für den Erwerb nachzuweisen hat. Der Lernfahrausweis darf
nämlich nur dann erteilt werden, wenn der Bewerber über die körperliche und geistige
Leistungsfähigkeit verfügt, die zum sicheren Führen vom Motorfahrzeugen ausreicht
(Art. 14 Abs. 2 lit. b SVG), wenn er an keiner die Fahreignung ausschliessenden Sucht
leidet (lit. c) und nach seinem bisherigen Verhalten Gewähr bietet, dass er als
Motorfahrzeugführer die Vorschriften beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht
nehmen wird (lit. d). Die Wartefrist gemäss Art. 15a Abs. 5 SVG dient nicht der
Sanktionierung von Widerhandlungen gegen Strassenverkehrsvorschriften. Vielmehr
soll damit sichergestellt werden, dass die nötigen Massnahmen zur Abklärung der
Fahreignung innerhalb dieser Frist getroffen werden können (vgl. Urteil IV-2010/87 der
Verwaltungsrekurskommission vom 25. November 2010, E. 3d, publiziert in:
www.gerichte.sg/Rechtsprechung). Schliesslich werden die begangenen
Verkehrsregelverletzungen strafrechtlich geahndet.
Die dem Rekurrenten ursprünglich bis 9. Juli 2011 angesetzte Wartefrist ist somit
antragsgemäss um ein Jahr bis 9. Juli 2012 zu verlängern. Nach Ablauf dieser Frist
kann der Rekurrent einen neuen Lernfahrausweis beantragen, wenn er seine Eignung
zum Lenken von Motorfahrzeugen mittels eines Gutachtens nachgewiesen hat. Da er
innerhalb von neun Monaten zweimal ein Motorfahrzeug in angetrunkenem Zustand
gelenkt hat, rechtfertigt es sich, vom Rekurrenten für die Erteilung des
Lernfahrausweises ein positiv lautendes verkehrsmedizinisches und -psychologisches
Gutachten (MPU) zu verlangen.
d) Der Rekurs ist demzufolge gutzuheissen und die Ziffern 1 und 2 der angefochtenen
Verfügung der Vorinstanz vom 31. Mai 2011 sind wie folgt abzuändern:
"1. Verlängerung der Wartefrist um ein Jahr, d.h. neu bis 9. Juli 2012.
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2. Ein neuer Lernfahrausweis kann frühestens ab 10. Juli 2012 und nur
aufgrund eines verkehrsmedizinischen und -psychologischen Gutachtens
(MPU) erteilt werden, das die Fahreignung bejaht und nicht älter als drei
Monate ist."
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Die
Finanzverwaltung ist anzuweisen, dem Rekurrenten den Kostenvorschuss von
Fr. 1'200.-- zurückzuerstatten.
Bei diesem Verfahrensausgang hat der Rekurrent Anspruch auf volle Entschädigung
der ausseramtlichen Kosten (Art. 98 VRP und Art. 98 VRP; GVP 1983 Nr. 56; vgl.
Leuenberger/Uffer-Tobler, Schweizerisches Zivilprozessrecht, Bern 2010, Rz. 10.36 ff.),
soweit diese aufgrund der Rechts- und Sachlage als notwendig und angemessen
erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Im Rekursverfahren war der Beizug eines
Rechtsbeistandes geboten. Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht. Im
Verfahren vor der Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale
ausgerichtet, und zwar liegt der Rahmen zwischen Fr. 1'000.-- und Fr. 12'000.--
(Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS
963.75; abgekürzt: HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den
besonderen Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der
Schwierigkeit des Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten,
bemessen (Art. 19 HonO). Umstritten war eine Rechtsfrage, namentlich die
Verlängerung der Wartefrist für den Neuerwerb des Lernfahrausweises. Angesichts des
umfangmässig bescheidenen Aktendossiers sowie des eingeschränkten
Prozessthemas erscheint ein Honorar von Fr. 1'400.-- (Barauslagen und
Mehrwertsteuer inbegriffen, Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 HonO) als angemessen;
entschädigungspflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt).