Decision ID: 07a38d0b-9bd8-5cdb-97f1-55f4abe3da73
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Markus Heer, Degersheimerstrasse 6, Postfach
354, 9230 Flawil,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
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St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A. A._ meldete sich am 12. Februar 2003 erstmals zum Bezug von IV-Leistungen an
(IV-act. 1). Gemäss einem Bericht von Dr. med. B._, Allgemeine Medizin FMH, vom
28. Februar 2003 hatte sie am 6. Mai 2002 eine Fraktur des Tuberculum majus humeri
links und eine Supraspinatussehnenruptur links erlitten (IV-act. 8). Sie war bis 30.
September 2002 als Betriebsmitarbeiterin für die C._ GmbH angestellt gewesen, wo
sie bis zum Unfall täglich 6,5 Std. (betriebsüblich 8,35 Std.) tätig gewesen war. Der
Stundenlohn hatte Fr. 18.-- betragen. Die IV-Stelle ermittelte nach der sogenannten
gemischten Methode (Erwerbsanteil 78%) einen Invaliditätsgrad von 7%. Sie wies das
Rentenbegehren am 5. Januar 2004 ab (IV-act. 19).
B.
B.a Am 13. September 2006 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 26). Sie gab an, ihr psychischer Gesundheitszustand habe sich
seit Sommer 2005 massiv verschlechtert. Sie habe in dieser Zeit ein Einsatzprogramm
des RAV absolviert. Gemäss einem Bericht der Psychiatrischen Klinik D._ vom 26.
Juli 2006 (IV-act. 33) war die Versicherte dort vom 21. März bis 30. Juni 2006 stationär
und vom 3. bis 28. Juli 2006 teilstationär hospitalisiert gewesen. Die Ärzte hatten eine
mittelgradig depressive Episode bei einem chronischen Schmerzsyndrom
diagnostiziert und angegeben, spätestens im Sommer 2005 sei bei fortgesetzter
Verausgabung in Beruf und Familie die Grenze der Belastbarkeit überschritten
gewesen, worauf die Versicherte psychische und somatische Symptome entwickelt
habe. Beim Klinikaustritt habe die Arbeitsfähigkeit in einer leichten Tätigkeit 35%
betragen. Die IV-Stelle gab eine orthopädische und psychiatrische Abklärung in
Auftrag. Dr. med. E._, Psychiatrie/Psychotherapie FMH, führte in seinem
psychiatrischen Teilgutachten vom 28. Februar 2007 aus (IV-act. 39), die Versicherte
habe angegeben, die Familienverhältnisse seien sehr harmonisch, es bestünden
keinerlei Belastungen. Sie vertrage die Familienmitglieder aber nicht immer, am liebsten
sei sie allein zuhause. Dr. E._ gab weiter an, die als Folge des Sturzes mit
Schulterverletzung notwendige Operation im Kantonsspital habe massive Ängste
ausgelöst. Wegen der ständigen Schmerzen sei die Versicherte dann immer nervöser
geworden, so dass sie schliesslich in der Psychiatrischen Klinik D._ hospitalisiert
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worden sei. Dort habe sich ihr Zustand gebessert. Sie habe gelernt, mit den Schmerzen
besser umzugehen. Während seiner Exploration habe es keine Hinweise für Störungen
der mnestischen Funktionen inklusive Konzentration und Aufmerksamkeit gegeben. Im
formalen Denken sei die Versicherte eher überlegend als verlangsamt gewesen. Das
Denken sei insgesamt sehr geordnet und inhaltlich ohne Hinweise auf Wahn,
Halluzinationen und Ich-Störungen gewesen. Im Affekt sei die Versicherte klagsam,
jammerig, verunsichert und verängstigt gewesen. Der Antrieb sei leicht vermindert
gewesen. Motorisch sei die Versicherte unauffällig gewesen. Der SCL-90-R-Test habe
ergeben, dass die Versicherte unter einer sehr hohen psychischen Belastung leide, die
deutlich über dem Durchschnitt liege. Vorhandene Belastungen würden zudem als
überdurchschnittlich stark empfunden. Sämtliche Skalen hätten deutlich über dem
Durchschnitt gelegen. Eine subjektive Überbewertung der Belastung sei offensichtlich
gewesen. Im Beck Depression Inventar sei eine starke Belastung unter depressiven
Symptomen festzustellen gewesen. Auch hier sei eine subjektive Überbewertung
vorhanden gewesen. Auf der Hamilton Depression Scale (HAMD) habe die Versicherte
9 Punkte erreicht. In seiner Beurteilung kam Dr. E._ gestützt auf die anamnestischen
Angaben, die vorhandenen Akten und die aktuellen psychopathologischen Merkmale
zum Schluss, dass eine leichte depressive Episode mit somatischen Symptomen im
Rahmen einer Anpassungsstörung vorliege. Es scheine, dass sich der psychische
Zustand durch die regelmässige psychotherapeutische Behandlung in der
Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle Wil deutlich gebessert habe. Die Punktzahl im
HAMD deute auf eine leichte depressive Symptomatik hin. Da die Versicherte jegliche
psychosoziale Belastung bestritten habe, entfielen die Kriterien für eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung. Die chronischen Schmerzen seien wohl auf die
Muskelverspannungen infolge der Fehlhaltung der Schulter zurückzuführen. Die
Arbeitsfähigkeit betrage wenigstens 80%. Dr. med. F._, Spezialarzt Orthopädische
Chirurgie FMH, Sportmedizin (SGSM), berichtete in seinem Gutachten vom 1. März
2007 (IV-act. 40), er habe folgende Diagnosen erhoben: Supraspinatussehnenläsion bei
St. n. nicht dislozierter Fraktur des Tuberculum majus links, Myogelose des M.
trapezius und Präadipositas. Er gab weiter an, die Schmerzen in der linken Schulter
und die abnormen Untersuchungsbefunde derselben könnten aufgrund des MRI-
Befunds zwar objektiviert werden, aber das Ausmass der Beschwerden könne nicht
nachvollzogen werden. Die Versicherte sei nicht in jenem Mass in ihrer körperlichen
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Leistungsfähigkeit eingeschränkt, das sie vorgebe. Angesichts der sehr tiefen
Schmerzschwelle und des bisherigen Verlaufs wären durch eine operative Revision
zwar ein befriedigendes Resultat, aber postoperativ ein schlechter Verlauf zu erwarten.
Die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit als Mitarbeiterin eines Versandhauses
betrage 60%. Körperlich leichte Tätigkeiten, bei denen nicht regelmässig Gegenstände
über 10 kg gehoben oder getragen werden müssten und die nicht mit häufigem
Arbeiten über der Horizontalen verbunden seien, könnten zu 90% zugemutet werden.
Aus psychiatrischer Sicht komme eine Arbeitsunfähigkeit von 20% hinzu. Die
gemeinsame orthopädisch-psychiatrische Beurteilung habe für eine leidensadaptierte
Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 80% ergeben.
B.b Dr. med. G._ vom RAD hielt am 27. März 2007 fest (IV-act. 41), der
Gesundheitszustand habe sich seit Sommer 2005 verschlechtert und im Februar 2006
ein behandlungsbedürftiges Ausmass mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit erreicht. Vom
17. Februar bis 28. Juli 2006 habe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit bestanden. Die
Arbeitsfähigkeit von 80% bestehe seit dem 29. Juli 2006. Der zuständige
Sachbearbeiter der IV-Stelle notierte am 13. April 2007 (IV-act. 44), da die Versicherte
zu 78% als Erwerbstätige zu qualifizieren sei, bestehe im Erwerb keine Einschränkung.
In Bezug auf den Haushalt werde die 30%ige Einschränkung gemäss dem Vorbescheid
von 2004 übernommen. Mit einem Vorbescheid vom 21. Mai 2007 kündigte die IV-
Stelle die Abweisung des Rentenbegehrens an (IV-act. 49). Die Versicherte wandte am
15. Juni 2007 ein (IV-act. 55), sie sei mit der Einschätzung durch Dr. E._ nicht
einverstanden. Das gelte auch für die Qualifikation als Teilerwerbstätige. Gemäss den
Angaben ihres Hausarztes leide sie an einer mittelschweren Depression. Sie habe
früher immer zu 100% gearbeitet, nur im C._ sei das nicht möglich gewesen. Jetzt
wäre sie gezwungen, zu 100% erwerbstätig zu sein, weil ihr Ehemann seit zwei Jahren
arbeitslos sei und sich bei der Invalidenversicherung angemeldet habe. Dr. med. H._,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, und lic. phil. I._, Psychologin FSP,
gaben am 7. August 2007 an (IV-act. 57), die Versicherte leide an einer mittelgradigen
depressiven Episode und an einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung. Dr.
E._ habe sich auf eine Momentaufnahme abgestützt, ein Verlauf fehle. Bei der
testpsychologischen Abklärung falle die sehr unterschiedliche Beurteilung zwischen
der Selbsteinschätzung der Versicherten und der Einschätzung des Untersuchers
anhand der Hamilton Depression Scale auf. Dr. E._ habe die grosse Diskrepanz nicht
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diskutiert, sondern die Selbsteinschätzung ohne weitere Begründung als subjektive
Überbewertung der Belastung gewertet. Dem sei entgegenzuhalten, dass die beiden
angewandten Tests (SCL-90-R und Depressionsinventar von Beck) als zuverlässig und
valid gälten. Entgegen der Auffassung von Dr. E._ seien die Familienverhältnisse
nicht so harmonisch, denn der Ehemann sei seit zwei Jahren arbeitslos, was die
Versicherte belaste, und die Tochter leide unter dem Zustand der Versicherten, was bei
dieser Schuldgefühle auslöse. Fremdanamnestische Auskünfte, die für die
Arbeitsfähigkeitsschätzung unverzichtbar seien, fehlten. Aufgrund der schweren
Chronifizierung und der gedanklichen Fixierung und Einengung müsse von einer
Arbeitsunfähigkeit von 100% ausgegangen werden. Mit einer Verfügung vom 15.
August 2007 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren gestützt auf einen reinen
Einkommensvergleich ab (IV-act. 60). Am 7. Januar 2009 hiess das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen eine gegen diese Verfügung erhobene
Beschwerde gut (IV-act. 82). Es wies die Sache zur weiteren Abklärung an die IV-Stelle
zurück. Zur Begründung führte das Gericht aus, auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung von
Dr. F._ könne abgestellt werden. Nicht zu überzeugen vermöge die
Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._, da dieser fälschlicherweise von einer
harmonischen familiären Situation der Versicherten ausgegangen sei und da er auf
fremdanamnestische Informationen verzichtet habe. Tatsächlich sei der Ehemann der
Versicherten seit zwei Jahren arbeitslos und habe gesundheitliche Probleme; zudem
sei auch der jüngere Sohn arbeitslos. Das Gericht verlangte eine erneute Abklärung der
psychischen Beschwerden der Versicherten.
C.
C.a Am 4. August 2009 erfolgte eine Untersuchung durch Dr. med. J._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie (D) und für Kinder- und Jugendpsychiatrie (D) vom
RAD. Dr. J._ führte dazu auch ein längeres Gespräch mit dem Ehemann der
Versicherten. Er berichtete am 10. September 2009 (IV-act. 91), bei der Prüfung der
Beweglichkeit der Extremitäten habe die Versicherte überzogene Schmerzäusserungen
angegeben, so dass nur eine erschwerte Beurteilung gestützt auf die Beobachtung der
Bewegungsabläufe beim Aus- und Ankleiden möglich gewesen sei. Bei der Prüfung der
Muskeleigenreflexe an den Oberarmen sei es wieder zu völlig überzogenen
Schmerzäusserungen mit massiv demonstrativ-appellativem Charakter gekommen.
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Eine vernünftige Prüfung der Sensibilität, der Koordination und der muskulären
Kraftentfaltung sei nicht möglich gewesen. Gestützt auf die Beobachtung sei davon
auszugehen, dass die Versicherte keine Gang- und Standprobleme und keine
Einschränkung der grobmotorischen Funktionen der oberen und der unteren
Extremitäten aufweise und dass sie beim Aus- und Ankleiden feinmotorisch koordinativ
sei. Aus psychiatrischer Sicht sei das formale Denken nicht beeinträchtigt, aber
inhaltlich auf die Schmerzempfindung und -verarbeitung fokussiert gewesen. Die
Wahrnehmung und die Wahrnehmungsverarbeitung seien nicht psychopathologisch
relevant beeinträchtigt gewesen. Die Stimmung sei rasch änderbar gewesen:
Jammernde Klagsamkeit und dann wieder Reaktionen mit Freude. Es bestehe eine
Affektdurchlässigkeit mit Weinen, Selbstaufgabe, Selbstbedauern und fehlender
Zukunftsperspektive. Psychomotorisch habe die Versicherte erlahmt, mimisch und
gestisch eher zurückgenommen, aber ausgiebig die Beschwerden verbalisierend
gewirkt. Die Antriebslage sei leicht reduziert gewesen. Während des Gesprächs habe
die Konzentrationsfähigkeit leicht nachgelassen und die Versicherte sei ermüdet, wobei
sie zusätzlich aggraviert habe. Von der Primärpersönlichkeit her stünden
psychasthenische, selbstbemitleidende und appellativ-aggravatorische Züge im
Vordergrund. Hervorzuheben seien die Angaben der Versicherten über ein Morgentief
in der Stimmung und im Antrieb mit einer Besserung ab den Nachmittagsstunden hin
zum Abend. Dr. J._ stellte folgende Diagnose: Depressive Störung, gegenwärtig
leichte bis mittelgradige Episode mit somatischen Symptomen und
Chronifizierungstendenz. In seiner Beurteilung führte er aus, bei den Unfallfolgen habe
es sich um ein einschneidendes Ereignis gehandelt. Die Schmerzen seien zunächst auf
eine bestimmte anatomische Region bezogen gewesen, aber schon sehr früh habe
sich eine psychogene Schmerzausweitung abgezeichnet. Diese Ausweitung sei durch
die Therapie (schmerzlindernd und schmerzakzeptierend) sowie durch das IV-Verfahren
tendenziell gefördert worden. Die Psychiatrische Klinik D._ habe ein chronisches
Schmerzsyndrom diagnostiziert, ohne auf die entsprechenden Symptome, die
psychosozialen Hintergründe und/oder eine plausible unbewusste Konfliktsituation
Bezug zu nehmen. Entgegen der Auffassung von Dr. H._ könne ein chronisches
Schmerzsyndrom nicht einfach einer anhaltenden Schmerzstörung gleichgesetzt
werden. Dr. E._ habe zu Recht darauf hingewiesen, dass die Spannungen zwischen
der Versicherten und der Schwiegertochter und auch die Ablösungsproblematik vom
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Sohn abgeklungen seien. Die diagnostischen Kriterien für eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung seien anlässlich der aktuellen Untersuchung nicht
festzustellen gewesen. Vielmehr sei eine chronifizierte Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren in Betracht zu ziehen, die in ihren
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit anders zu bewerten sei als eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung mit einer komorbiden depressiven Störung. Sowohl die
Versicherte als auch ihr Ehemann hätten übereinstimmend innerfamiliäre Spannungen
und Konflikte verneint. Eine psychosoziale Belastungssituation als
schmerzunterhaltendes Agens fehle, ebenso ein Hinweis auf eine un- oder
vorbewusste schwere Konfliktsituation. In Bezug auf die von Dr. H._ monierten
Depressionstests, die von Dr. E._ durchgeführt worden seien, sei festzuhalten, dass
Testverfahren im Zusammenhang mit Begutachtungsfragen höchst kritisch zu
beurteilen seien, da der Proband die Intention der Fragen unschwer erkennen könne.
Zur Beurteilung des Schweregrades einer Depression seien sie nur tauglich, wenn das
Testergebnis und der klinische Untersuchungsbefund zueinander konsistent seien.
Unbestritten sei, dass bei der Versicherten eine depressive Symptomatik und ein
psychophysisches Schmerzsyndrom vorlägen. Sozial ergäben sich, die Depression
betreffend, keine schwerwiegenden Einschränkungen wie etwa ein totaler sozialer
Rückzug oder eine konkrete Suizidalität. Die Versicherte und ihr Ehemann hätten über
innerfamiliäre Kontakte und über ein ausserfamiliäres Kommunikations- und
Kontaktverhalten berichtet. Die Belastbarkeit der Versicherten sei auf der psychischen
Ebene durch die leicht- bis mittelgradige Depression (Antriebsreduzierung, zirkadiane
Rhythmik mit Morgentief) unter Berücksichtigung der chronifizierten Schmerzstörung
mit somatischen und psychischen Faktoren eingeschränkt. Dies betreffe die Ausdauer,
die Durchhaltefähigkeit und die Stimmungsschwankungen. Auf der sozialen Ebene
gebe es keine leidensbestimmenden Faktoren. Die Arbeitsfähigkeit betrage aus
psychiatrischer Sicht 60%.
C.b Dr. med. K._ vom RAD notierte am 22. September 2009 u.a. (IV-act. 94), Dr.
J._ habe nachvollziehbar beschrieben, dass das Gutachten von Dr. E._ angesichts
der fehlenden psychosozialen Belastungsfaktoren vollständig und schlüssig gewesen
sei, so dass darauf abgestellt werden könne. Allerdings habe sich der psychische
Gesundheitszustand seither leicht verschlechtert und die Funktionseinschränkungen
hätten sich etwas verstärkt, so dass jetzt eine geringere Arbeitsfähigkeit bestehe. Damit
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gelte: Arbeitsfähigkeit ab 29. Juli 2006 80%, ab 4. August 2009 60%. Am 13. Januar
2010 bewilligte die IV-Stelle eine Arbeitsvermittlung (IV-act. 96), die am 22. Juli 2010
wieder eingestellt wurde (IV-act. 102). Als Reaktion auf den entsprechenden
Vorbescheid (IV-act. 105) verlangte die Versicherte am 21. September 2010 die
Durchführung beruflicher Eingliederungsmassnahmen (IV-act. 108). Die abweisende
Verfügung erging am 28. September 2010 (IV-act. 109). Mit einem Vorbescheid vom 7.
Oktober 2010 (IV-act. 110) kündigte die IV-Stelle der Versicherten die Abweisung des
Rentenbegehrens an. Sie begründete den vorgesehenen Entscheid damit, dass eine
leichte bis mittelgradige Depression in Kombination mit einer Schmerzstörung durch
eine Willensanstrengung überwunden werden könne. Aus der orthopädisch bedingten
Arbeitsunfähigkeit von 10% resultiere ein Invaliditätsgrad von 6%. Dr. H._ teilte dem
Rechtsvertreter der Versicherten am 26. Oktober 2010 mit (IV-act. 114-5 ff.), sie habe
folgende Diagnosen erhoben: Chronifizierte mittelgradige Depression und anhaltende
somatoforme Schmerzstörung. Sie führte weiter aus, das langjährige chronische
Schmerzgeschehen mit der typischen Schmerzausbreitung in weitere Körperregionen
habe zu einer willentlich nicht mehr kontrollierbaren Fixiertheit auf die Schmerzen
geführt. Die gedankliche und emotionale Einengung auf das Schmerzgeschehen lasse
sich nicht mehr überwinden. Die Arbeitsfähigkeit betrage maximal 20%. Der
Rechtsvertreter teilte der IV-Stelle am 11. November 2010 mit, dass sich die
Versicherte in einer psychiatrischen Abklärung befinde (IV-act. 114). Dr. med. L._,
Fachärztin Psychiatrie und Psychotherapie FMH, gab dem Rechtsvertreter der
Versicherten am 22. Dezember 2010 an (IV-act. 119-4 f.), sie habe folgende Diagnosen
erhoben: Anhaltende mittelschwere dysphorisch-depressive Störung, Merkmale einer
Persönlichkeit Cluster-Gruppe B, anhaltende somatoforme Schmerzstörung sowie
Störungen im Zusammenhang mit der Menopause und dem Klimakterium. Sie führte
weiter aus, der jüngere Sohn der Versicherten, der keine Berufsausbildung habe, sei
schwer krank und arbeitsunfähig. Er leide an einer Leukozephalopathie unklarer
Ätiologie. Auffallend sei gewesen, mit welcher Distanz und Gefühllosigkeit die
Versicherte über das Schicksal ihres Sohnes berichtet habe. Die Arbeitsfähigkeit der
Versicherten betrage höchstens 40%, die aber ausserhäuslich nicht erbracht werden
könne. Der Rechtsvertreter der Versicherten verlangte am 23. Dezember 2010 eine
Neubewertung des Invaliditätsgrades ausgehend von einem Arbeitsunfähigkeitsgrad
von mehr als 60%, eventualiter die Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen (IV-
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act. 119-1). Dr. med. M._ vom RAD hielt dazu am 12. April 2011 fest (IV-act. 120-3),
die Einschätzung durch Dr. H._ beruhe auf einer anderen Beurteilung des gleichen
Gesundheitszustands und auf einer anderen Anwendung der Leiturteile. Dr. L._ habe
den Gesundheitszustand aus bio-psycho-sozialer Sichtweise beurteilt. Die Beurteilung
müsse aber aus versicherungsmedizinischer Sicht erfolgen. Die IV-Stelle verglich ein
Valideneinkommen 2008 als Betriebsmitarbeiterin (C._) von Fr. 45'138.-- mit einem
anhand eines Tabellenlohns und eines Arbeitsfähigkeitsgrads von 60% ermittelten
zumutbaren Invalideneinkommen von Fr. 28'437.--. Die Erwerbseinbusse von Fr.
16'701.-- entsprach einem Invaliditätsgrad von 37% (IV-act. 121). Mit einem neuen
Vorbescheid kündigte die IV-Stelle wieder die Abweisung des Rentenbegehrens an (IV-
act. 124). Die Versicherte liess am 14. Juni 2011 einwenden (IV-act. 125), es hätte ein
Teilzeit- und Leidensabzug berücksichtigt werden müssen. Mit einer Verfügung vom 4.
Juli 2011 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab (IV-act. 126).
D.
D.a Die Versicherte liess am 5. September 2011 Beschwerde erheben (act. G 1) und die
Zusprache mindestens einer halben Invalidenrente rückwirkend ab 13. September 2006
beantragen; eventualiter sei erweitert medizinisch abzuklären. Zur Begründung verwies
ihr Rechtsvertreter auf die Arbeitsfähigkeitsschätzungen der behandelnden Ärzte. Er
machte weiter geltend, der RAD-Bericht sei keine polydisziplinäre Begutachtung,
weshalb ihm kein höherer Beweiswert zukommen könne als den Berichten der
Fachärzte. Der Unterschied in den Arbeitsfähigkeitsschätzungen sei nicht erklärbar. Da
keine Anhaltspunkte dafür bestünden, dass sich die Beschwerdeführerin aus freien
Stücken mit einem bescheidenen Erwerbseinkommen hätte begnügen wollen, seien
das Validen- und das Invalideneinkommen auf der gleichen Grundlage zu bestimmen.
Zudem sei ein "Leidensabzug" von 10% vorzunehmen.
D.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 26. September 2011 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Sie machte insbesondere geltend, die Rechtsprechung zum
Beweiswert der Angaben von externen Spezialärzten könne analog auf "RAD-
Begutachtungen" angewendet werden. Ein "RAD-Gutachten" habe somit volle
Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien gegen seine Zuverlässigkeit sprächen. Ein
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unterdurchschnittliches Einkommen dürfe nicht auf ein durchschnittliches aufgerechnet
werden.
D.c Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin wandte am 7. November 2011 u.a. ein
(act. G 10), Dr. L._ und Dr. H._ seien ausgewiesene Fachärztinnen. Sie hätten eine
eindeutige, nachvollziehbare und widerspruchsfreie Diagnose gestellt. Damit habe sich
der RAD nur oberflächlich und wenig überzeugend auseinandergesetzt. Die
Beschwerdeführerin habe sich nicht aus freien Stücken mit einem
unterdurchschnittlichen Einkommen begnügt. Das sei vielmehr auf die fehlende
Ausbildung, auf die fehlenden Sprachkenntnisse und den ausländerrechtlichen Status
zurückzuführen gewesen.
D.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 11. November 2011 auf eine
Stellungnahme zur Replik (act. G 12).
D.e Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin reichte einen Austrittsbericht des
Psychiatriezentrums N._ vom 5. Juli 2012 ein (act. G 14.1). In diesem Bericht war
festgehalten worden, die Beschwerdeführerin sei vom 16. April bis 29. Juni 2012 in der
Tagesklinik behandelt worden. Die Diagnose laute: Mittelgradige depressive Störung
mit somatischem Syndrom. Bei der Behandlung sei schnell deutlich geworden, dass
sich die Beschwerdeführerin schuldig fühle am Schicksal ihres jüngeren Sohns: Wenn
sie früher mehr für ihn da gewesen wäre, hätte sie ihm die Suchtproblematik ersparen
können. Die Schuldthematik sei oft das Thema der Einzeltherapie gewesen.

Erwägungen:
1.
Die erste Abweisungsverfügung vom 5. Januar 2004 beruhte auf einem nach der
gemischten Methode ermittelten Invaliditätsgrad. Die Beschwerdegegnerin war davon
ausgegangen, dass die Beschwerdeführerin zu 78% erwerbstätig wäre und zu 22%
den Haushalt besorgen würde, wenn sie gesund wäre. Der nächsten
Abweisungsverfügung vom 14. August 2007 lag dann ein durch einen reinen
Einkommensvergleich ermittelter Invaliditätsgrad zugrunde. Die Beschwerdegegnerin
hatte die Beschwerdeführerin neu als vollerwerbstätig qualifiziert, da diese angegeben
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hatte, sie wäre aus finanziellen Gründen (Ehemann arbeitslos) im fiktiven
"Gesundheitsfall" zu 100% erwerbstätig; die Beschwerdeführerin habe bei der C._
GmbH nur deshalb mit einem Beschäftigungsgrad von 80% gearbeitet, weil die
Arbeitgeberin keine vollzeitliche Beschäftigung angeboten habe. Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hat sich nicht explizit zur Qualifikation der
Beschwerdeführerin geäussert. Es hat nur in seinen allgemeinen Ausführungen zu den
rechtlichen Grundlagen der Rentenberechtigung formelhaft auf Art. 16 ATSG (und nicht
auf Art. 28a Abs. 3 IVG) verwiesen. Darin kann keine verbindliche Entscheidung über
die anwendbare Methode der Invaliditätsbemessung erblickt werden. Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb die Kompetenz, aber auch die Pflicht gehabt, diese
Frage erneut zu beantworten. Sie hat die Beschwerdeführerin erneut als
vollerwerbstätig qualifiziert. Die angefochtene Abweisungsverfügung beruht deshalb
auf einem reinen Einkommensvergleich. In diesem Punkt erweist sie sich als
rechtmässig, denn die Beschwerdeführerin wäre im fiktiven "Gesundheitsfall" mit
grosser Plausibilität zu 100% erwerbstätig gewesen. Das Ehepaar A._ hat nämlich
aufgrund der Arbeitslosigkeit des Ehemanns finanzielle Probleme und damit einen
Bedarf nach einem vollen Lohn der Beschwerdeführerin als Hilfsarbeiterin und diese
wäre im fiktiven "Gesundheitsfall" durch nichts daran gehindert, vollzeitlich einer
ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit nachzugehen.
2.
Anspruch auf eine Invalidenrente haben Versicherte, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern können (Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG), die während eines Jahres ohne
wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen
sind (Art. 28
Abs. 1 lit. b IVG) und die nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40% invalid sind
(Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG), denn ein Rentenanspruch besteht erst ab diesem
Invaliditätsgrad (Art. 28 Abs. 2 IVG).
2.1 Gemäss Art. 6 Satz 1 ATSG ist die Arbeitsunfähigkeit die durch eine
Gesundheitsbeeinträchtigung bedingte volle oder teilweise Unfähigkeit, im bisherigen
Beruf zumutbare Arbeit zu leisten. Dr. F._ hat in seinem Gutachten vom 1. März 2007
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angegeben, die Beschwerdeführerin sei allein schon aufgrund der somatischen
Beeinträchtigung (Supraspinatussehnenläsion bei Status nach nicht dislozierter Fraktur
des Tuberculum majus links) an ihrem letzten Arbeitsplatz bei der C._ GmbH zu 40%
arbeitsunfähig. Da sich seit dem Unfall am 6. Mai 2002 keine massgebende
Veränderung des somatischen Zustandes eingestellt hatte, ist davon auszugehen, dass
die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. F._ nicht nur für den Zeitpunkt der
Begutachtung, sondern bereits für die Zeit ab 6. Mai 2002 gültig ist. Schon im ersten
Urteil des Versicherungsgerichts vom 7. Januar 2009 wurde denn auch festgehalten,
dass auf diese Arbeitsfähigkeitsschätzung abgestellt werden kann (vgl. IV 2007/343, E.
3.2).
2.2
2.2.1 Die Psychiatrische Klinik D._ hat in ihrem Austrittsbericht vom 26. Juli 2006
angegeben, die Beschwerdeführerin sei bei einem chronischen Schmerzsyndrom und
depressiver Symptomatik zur stationären Behandlung zugewiesen worden. Sie hat die
depressive Episode als mittelgradig taxiert und eine Arbeitsunfähigkeit bei Klinikaustritt
von 65% angegeben (vgl. IV-act. 27 und 33). Dr. E._ hat angenommen, dass die
stationäre Behandlung in der Psychiatrischen Klinik und die anschliessende
psychotherapeutische Behandlung in der Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle zu
einer Verbesserung geführt hätten. Er hat nämlich nur noch eine leichte depressive
Episode mit somatischem Syndrom im Rahmen einer Anpassungsstörung
angenommen. Er hat diese Diagnose damit begründet, dass die Beschwerdeführerin
jegliche psychosoziale Belastung bestritten habe und dass die in der psychiatrischen
Klinik festgestellte Ablösungsproblematik vom älteren Sohn nicht mehr im Vordergrund
gestanden habe (IV-act. 39-6). Dr. H._ hat am 7. August 2007 eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit angegeben und diese mit einer mittelgradigen depressiven Episode
und einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung begründet. Sie hat darauf
hingewiesen, dass entgegen der Feststellung von Dr. E._ durchaus eine
psychosoziale Belastungssituation vorliege. Die Beschwerdeführerin betrachte sich
nämlich als auf die Hilfe der Schwiegertochter angewiesen, aber es komme immer
wieder zu Spannungen, weil sie mit der Arbeitseinstellung der Schwiegertochter nicht
einverstanden sei und weil die Schwiegertochter an den Schmerzen zweifle. Zudem sei
der Ehemann arbeitslos und er leide unter dieser Situation, was wiederum die
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Beschwerdeführerin belaste. Hinzu kämen Schuldgefühle der Beschwerdeführerin
gegenüber der Tochter (IV-act. 57). Dr. J._ gegenüber haben die Beschwerdeführerin
und der Ehemann innerfamiliäre Spannungen und Konflikte explizit verneint. Aufgrund
seiner Anamneseerhebung ist Dr. J._ davon ausgegangen, dass weder eine
psychosoziale Belastungssituation noch eine un- oder vorbewusste schwere
Konfliktsituation als schmerzunterhaltenes Agens vorlägen. Aus diesem Grund hat er
ausdrücklich - wie schon Dr. E._ - eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung
verneint, denn diese setze voraus, dass der entscheidende ursächliche Faktor des
Schmerzes in einem emotionalen Konflikt oder in psychosozialen Belastungen bestehe
(IV-act. 91-12f.). Für das Gericht besteht kein Anlass, von dieser medizinischen
Einschätzung von Dr. J._ abzuweichen, auch wenn Dr. L._ am 22. Dezember 2010
erneut die Diagnose einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung (neben einer
mittelgradigen depressiven Störung) gestellt hat. Dr. L._ hat auf erhebliche
innerfamiliäre Spannungen verwiesen, ohne sich zur Art dieser innerfamiliären
Spannungen zu äussern. Immerhin soll sich der Konflikt mit der Schwiegertochter
durch deren Umzug inzwischen entspannt haben (vgl. IV-act. 119-5). In ihrer
Stellungnahme fehlt insbesondere eine Auseinandersetzung mit dem ausführlichen
Arztbericht von Dr. J._. Mit Dr. J._ ist somit nicht von einer somatoformen
Schmerzstörung, sondern von einem chronischen Ganzkörperschmerzsyndrom
auszugehen, wobei es sich hierbei um eine Diagnose ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit handelt.
2.2.2 Als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit hat Dr. J._ eine
depressive Störung, gegenwärtig leichte bis mittelgradige Episode mit somatischem
Symptomen und Chronifizierungstendenz (ICD F32.11) festgestellt. Die Einschränkung
betreffe die Ausdauer und die Durchhaltefähigkeit sowie die Stimmungsschwankungen.
Der Beschwerdeführerin sei aufgrund dieser Einschränkungen aus psychiatrischer
Sicht nur noch eine 60% Tätigkeit zumutbar bei zeitlicher Präsenz von fünf Stunden
täglich bei voller Leistung, also ohne Leistungseinschränkung. Demgegenüber gingen
Dr. H._ und Dr. L._ von einer sehr viel tieferen Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin aus. Eine hohe oder sogar vollständige Arbeitsunfähigkeit würde
allerdings voraussetzen, dass die Beschwerdeführerin in ihrem Antrieb, in ihrer
Konzentrationsfähigkeit, in ihrer Ausdauer und ihrem Durchhaltevermögen usw. massiv
eingeschränkt wäre. Ihr konkretes Verhalten zuhause bildet keinen verlässlichen
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Massstab, denn dank der Hilfe der Familienangehörigen kann die Beschwerdeführerin
ihr Krankheits- und Arbeitsunfähigkeitsgefühl ausleben im Wissen darum, dass das
Alltagsleben doch irgendwie funktionieren wird. Stellt die Psychiaterin, wie es im
Therapieverhältnis üblich ist, weitgehend auf die Selbstdarstellung einer Patientin ab,
dann wird nicht dem objektiven Ausmass der Einschränkung im Antrieb, in der
Konzentrationsfähigkeit, in der Ausdauer und dem Durchhaltevermögen usw.
Rechnung getragen, denn erfahrungsgemäss wird die Einschränkung - unbewusst -
erheblich überschätzt. Bei einem Abstellen auf die konkrete Situation und/oder die
Selbstangaben der Patientin fällt die Arbeitsfähigkeitsschätzung also regelmässig zu
pessimistisch aus. Deshalb erweisen sich die Arbeitsfähigkeitsschätzungen
behandelnder Psychiater oft als nicht überzeugend. Sie sind nur dann als überwiegend
wahrscheinlich richtig zu qualifizieren, wenn nachweislich ein objektiver Massstab zur
Anwendung gelangt ist. Dabei genügt es nicht, darauf zu verweisen, dass eine
mittelgradige Depression den Willen so weit lähme, dass praktisch keine
Erwerbstätigkeit mehr möglich sei. Das bedeutet, dass die
Arbeitsfähigkeitsschätzungen von Dr. H._ und Dr. L._ nicht als überwiegend
wahrscheinlich richtig betrachtet werden können. Auch wenn es sich bei Dr. L._ nicht
um eine behandelnde Therapeutin handelt, lagen ihrer Arbeitsfähigkeitsschätzung
offensichtlich nicht die gesamten Vorakten zugrunde, insbesondere fehlt in ihrer als
"Zweitbeurteilung" bezeichneten
Stellungnahme eine Auseinandersetzung mit dem Gutachten von Dr. E._ und dem
ausführlichen Untersuchungsbericht von Dr. J._. Dr. J._ hat sich als erfahrener
Arbeitsmediziner nicht in einem therapeutischen, sondern ausschliesslich in einem
beurteilenden Kontext mit dem Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin befasst.
Das einzige Ziel seiner Exploration ist die Ermittlung der objektiv noch vorhandenen
Arbeitsfähigkeit gewesen. Die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch Dr. J._ ist für
das Gericht überzeugend, darauf ist spätestens ab dem Tag der Untersuchung (4.
August 2009) abzustellen. Indizien, dafür, dass sich der Gesundheitszustand bis zum
Erlass der angefochtenen Verfügung am 4. Juli 2011 verändert hätte, sind nicht
vorhanden. Für die Ermittlung des Invaliditätsgrades bis zum Tag des
Verfügungserlasses ist somit von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 60% auszugehen,
wobei die Arbeitsunfähigkeit von 40% sowohl somatisch (vgl. Gutachten F._) als
auch psychiatrisch (Untersuchungsbericht Dr. J._) begründet ist.
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2.3 Die für den Rentenanspruch massgebende Invalidität ist gemäss Art. 16 ATSG
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln, bei dem das Einkommen, das die ver
sicherte Person durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage
erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Erwerbs
einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Die Beschwerdegegnerin hat das Valideneinkommen anhand
eines im Jahr 2008 bei der C._ GmbH bei einem Beschäftigungsgrad von 100%
erzielbaren Lohns bemessen. Tatsächlich ist das Arbeitsverhältnis mit der C._ GmbH
aber bereits im Jahr 2002 aufgelöst worden. Diese hypothetische "Validenkarriere" ist
nicht plausibel, denn wenn die C._ GmbH bis 2002 keinen Beschäftigungsgrad von
100% akzeptiert hat, dann ist es wenig wahrscheinlich, dass sie später dazu
eingewilligt hätte. Die Beschwerdeführerin wäre aber aufgrund der finanziellen
Probleme bereits im Jahr 2006, jedenfalls jedoch im Jahr 2009 (vgl. Steuerveranlagung
2009 in act. G 7.1) als Folge der Arbeitslosigkeit des Ehemanns darauf angewiesen
gewesen, ihre Arbeitskraft vollumfänglich verwerten zu können. Im Übrigen ist die
Entwicklung des Geschäftsgangs der C._ GmbH nicht bekannt. Es ist durchaus
möglich, dass die Beschwerdeführerin ihre Arbeitsstelle aus wirtschaftlichen Gründen
verloren hätte. All das spricht gegen die Hypothese, dass die Beschwerdeführerin auch
im Jahr 2008 noch für die C._ GmbH tätig gewesen wäre und dass sie bis dahin
ihren Beschäftigungsgrad auf 100% hätte erhöhen können. Die deutlich plausiblere
hypothetische "Validenkarriere" besteht darin, dass die Beschwerdeführerin im Jahr
2008 eine andere (Vollzeit-) Stelle innegehabt und einen durchschnittlichen
Hilfsarbeiterinnenlohn erzielt hätte. Ihr Valideneinkommen bemisst sich deshalb nach
dem statistischen Lohn einer Hilfsarbeiterin. Da auch das zumutbare
Invalideneinkommen auf diesem Durchschnittslohn beruht, kann der
Einkommensvergleich auf einem Prozentvergleich beschränkt bleiben. Dabei ist von
einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 60% auszugehen. Ausserdem ist ein
Tabellenlohnabzug zu berücksichtigen, da die Beschwerdeführerin für einen
potentiellen Arbeitgeber verschiedene Nachteile gegenüber einer gesunden
Hilfsarbeiterin aufweisen würde. Diese Nachteile (Gefahr überdurchschnittlicher
Krankheitsabsenzen, Unfähigkeit zur Leistung von Überstunden, fehlende Flexibilität in
Bezug auf den Arbeitsplatz, Bedarf nach besonderer Rücksichtnahme, nur noch leichte
Tätigkeit möglich) stellen betriebswirtschaftlich betrachtet zusätzliche Lohnkosten dar,
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die bei gesunden Hilfsarbeiterinnen nicht anfallen. Deshalb müsste die
Beschwerdeführerin ihre Arbeitskraft zu einem unterdurchschnittlichen Lohn anbieten,
um dieselbe Chance auf einen Arbeitsplatz zu haben wie eine gesunde Hilfsarbeiterin.
Diese Lohnnachteile sind allerdings nicht genau bezifferbar. Deshalb wird
praxisgemäss ein pauschaler Abzug vom Tabellenlohn vorgenommen. Im vorliegenden
Fall erscheint ein Abzug von 10% angemessen. Damit resultiert eine Erwerbseinbusse
von 46%, was einen Anspruch auf eine Viertelrente begründet. Berufliche
Eingliederungsmassnahmen im Sinne einer Umschulung sind bei der
Beschwerdeführerin angesichts ihrer ungenügenden Deutschkenntnisse sowie ihres für
eine Berufsbildung ungenügenden schulischen Wissens nicht angezeigt.
2.4 Was den Beginn der psychiatrisch begründeten Arbeitsunfähigkeit von 40%
anbelangt, ist die Aktenlage nicht eindeutig: Zwar steht eine Verschlechterung des
psychischen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin spätestens am 17. Februar
2006 (Indikationsgespräch für stationäre Behandlung in der Psychiatrischen Klinik
D._) und während des Klinikaufenthaltes vom 21. März bis 28. Juli 2006 fest (vgl.
Stellungnahme RAD-Ärztin Dr. G._ vom 27. März 2007, wonach für diese Zeit von
einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit auszugehen ist, IV-act. 41). Für die Zeit nach
dem Klinikaustritt hat Dr. J._ in seinem Untersuchungsbericht ausgeführt, die
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch Dr. O._ mit 30 bis 50 % liege wie auch die
durch Dr. E._ mit 50% im etwa gleichen Rahmen wie gutachtenaktuell von 60% (vgl.
IV-act. 91-14). Er ist somit offenbar von einem seit dem Austritt aus der Klinik
mehrheitlich konstanten Gesundheitszustand ausgegangen. Zwar hat RAD-Arzt Dr.
K._ zu Recht festgehalten, dass die verwendeten Prozentzahlen unzutreffend seien
(IV-act. 94-1). Richtigerweise hat nämlich Dr. O._ eine Arbeitsfähigkeit von 50 bis
70% bestätigt (was der inhaltlichen Aussage von Dr. J._ entsprechen würde, vgl. IV-
act. 78), und Dr. E._ eine solche von 80% (vgl. IV-act. 39-6). Die Schlussfolgerung
von Dr. K._, wonach folglich erst ab dem Untersuchungsdatum bei Dr. J._ von
einer Arbeitsunfähigkeit von 40% ausgegangen werden könne und bis zu diesem
Zeitpunkt auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. E._ abgestellt werden solle,
erscheint demgegenüber nicht plausibel, denn eine erst im Zeitpunkt der Untersuchung
von Dr. J._ eingetretene Verschlechterung des Gesundheitszustandes ergibt sich aus
seinem Untersuchungsbericht gerade nicht. Vielmehr wird in sämtlichen echtzeitlichen
Arztzeugnissen konstant eine mittelgradige depressive Episode bzw. Depression
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bestätigt und einzig Dr. E._ ist von einer nur leichten depressiven Episode
ausgegangen. Es bleibt damit unverständlich, wieso hier die Beschwerdegegnerin auf
eine Rücksprache mit Dr. J._ verzichtet hat. Die Beschwerdegegnerin wird daher
zum Rentenbeginn, insbesondere zum Eintritt der psychiatrischen Arbeitsunfähigkeit
von 40% noch weitere Abklärungen zu tätigen haben und je nach Ergebnis dieser
Abklärungen den Rentenbeginn festzusetzen haben.
3.
Zusammenfassend ist die Beschwerde dahingehend gutzuheissen, dass die
angefochtene Verfügung aufzuheben und der Beschwerdeführerin eine Viertelsrente
zuzusprechen ist. Die Sache ist zur Abklärung und Festsetzung von Rentenbeginn und
Rentenhöhe an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.
4.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen (vgl. betreffend Überklagung das Urteil des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 19. Dezember 2011, IV 2009/459, E. 5.2 f.).
4.2 Die Beschwerdeführerin hat sodann Anspruch auf eine Parteientschädigung. Die
Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht
auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). Im hier zu beurteilenden Fall erscheint mit
Blick auf vergleichbare Fälle eine Parteientschädigung von pauschal Fr. 3'500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen. Die Festlegung einer
Entschädigung aus unentgeltlicher Rechtsverbeiständung erübrigt sich bei diesem
Prozessausgang.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP entschieden:
bis
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1. Die Beschwerde wird dahingehend gutgeheissen, dass die Verfügung vom 4. Juli
2011 aufgehoben und der Beschwerdeführerin eine Viertelsrente zugesprochen wird.
2. Die Sache wird zur weiteren Abklärung und Festsetzung von Rentenbeginn und
Rentenhöhe an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
3. Die Beschwerdegegnerin hat eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.
4. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von
Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 11.12.2013 Art. 16 ATSG. Invaliditätsbemessung mittels Einkommensvergleich (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 11. Dezember 2013, IV 2011/262) Bestätigt durch Urteil des Bundesgericht 8C_56/2014.
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2021-09-19T11:54:28+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen