Decision ID: a01d7486-e716-5c3c-895a-72dad8c75309
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführenden führen seit Juni 2014 an der E._strasse 1, 2503
Biel/Bienne, als Mieter einen Gastgewerbebetrieb. Das Gebäude auf Parzelle Biel/Bienne
Grundbuchblatt Nr. F._ steht im Eigentum der von Amtes wegen Beigeladenen.
Am 12. Dezember 2014 meldeten die Beschwerdeführenden der Gewerbepolizei der Stadt
Biel den Namenswechsel des Betriebs. Die Behörden wurden gleichzeitig darüber in
Kenntnis gesetzt, dass die neuen Schaufensterbeschriftungen bereits angebracht worden
seien. Das Polizeiinspektorat teilte den Beschwerdeführenden am 22. Dezember 2014 mit,
dass die Reklamebeschriftungen wegen Verletzung des Werbeverbots für alkoholische
Getränke unzulässig seien. Am 5. August 2015 reichten die Beschwerdeführenden ein
nachträgliches Baugesuch bei der Stadt Biel ein für Reklamebeschriftungen mit "neuem
Logo «G._ Bar» an vier Schaufenstern der bestehenden Bar: 1 Fenster
Südfassade (Logo 68 x 184 cm) und 3 Fenster Westfassade (Logo je 68 x 184 cm)"1.
2. Mit der als "Gesamtbauentscheid, Bauabschlagsverfügung" bezeichneten Verfügung
vom 8. Februar 2016 erteilte die Präsidialdirektion der Stadt Biel den Bauabschlag und
ordnete die Entfernung der Reklamebeschriftungen an. Die
Wiederherstellungsmassnahmen seien sofort vollstreckbar, da es sich um verbotene
Werbung handle. Der Rückbau habe bis am 28. März 2016 zu erfolgen. Als
Wiederherstellungsmassnahme sah sie das "Entfernen der Folien mit den gefüllten
Biergläsern und Namen von alkoholischen Produkten" vor. Gleichzeitig drohte sie die
Ersatzvornahme und eine Busse bei Nichtbefolgung an. Diese Verfügung wurde den
Beschwerdeführenden eröffnet. Mit Datum vom 9. Februar 2016 eröffnete die
Stadtplanung, Baubewilligungen und Kontrollen den Beschwerdeführenden und der von
Amtes wegen Beteiligten eine weitere Wiederherstellungsverfügung mit der sie die
Entfernung der Reklamebeschriftungen bis am 30. März 2016 anordnete. Auch in diesem
Fall drohte sie die Ersatzvornahme und eine Busse bei Nichtbefolgung an.
3. Gegen diese Verfügungen reichten die Beschwerdeführenden am 16. März 2016
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. In
1 Vorakten, Register 1
RA Nr.110/2016/38 3
der Beschwerde gegen die Bauabschlagsverfügung vom 8. Februar 2016 beantragen sie,
dass die Verfügung aufzuheben und das Baugesuch gutzuheissen sei. In der Beschwerde
gegen die Wiederherstellungsverfügung vom 9. Februar 2016 beantragen sie deren
Aufhebung. Eventualiter sei den Beschwerdeführenden im Falle eines rechtskräftigen
Bauabschlages für die Wiederherstellung eine neue, angemessene Frist zu setzen. Zudem
sei das Verfahren bis zu einem rechtskräftigen Entscheid über die Erteilung der
Baubewilligung zu sistieren.
4. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, vereinigte mit
Verfügung vom 22. März 2016 die beiden Verfahren. Es beteiligte die Grundeigentümerin
der betroffenen Parzelle von Amtes wegen am Verfahren, holte die Vorakten ein und führte
den Schriftenwechsel durch.
Die Stadt Biel beantragt mit Stellungnahme vom 25. April 2016, die beiden Beschwerden
seien abzuweisen und die beiden Verfügungen vom 8. Februar 2016 und vom 9. Februar
2016 seien zu bestätigen. Sie führt zudem aus, dass sie einen Antrag auf einen Entzug der
aufschiebenden Wirkung geprüft, aber darauf verzichtet habe. Die Beschriftung verstosse
zwar gegen den Jugendschutz und sei ohne Genehmigung angebracht worden. Aus ihrer
Sicht seien aber keine wichtigen Gründe für den Entzug der aufschiebenden Wirkung
gegeben. Die Beschwerdeführenden haben mit Eingabe vom 29. Juni 2016 von ihrem
Replikrecht Gebrauch gemacht. Die von Amtes wegen am Verfahren Beteiligte liess sich
nicht vernehmen.
5. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Angefochten sind die Bauabschlagsverfügung vom 8. Februar 2016 und die
Wiederherstellungsverfügung vom 9. Februar 2016. Nach Art. 40 Abs. 1 und Art. 49 Abs. 1
BauG3 können Bauentscheide und baupolizeiliche Verfügungen innert 30 Tagen seit
Eröffnung mit Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Zur Beschwerde befugt
sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die
zuständige Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden sind als
Adressaten durch die angefochtenen Verfügungen beschwert und daher zur Beschwerde
legitimiert. Auf ihre form- und fristgerecht eingereichten Beschwerden ist einzutreten.
2. Nichtigkeit der Wiederherstellungsverfügung?
a) Gemäss den Organisationsvorschriften der Stadt Biel ist die Präsidialdirektion für die
Durchführung des Baubewilligungsverfahrens und die Durchsetzung baupolizeilicher
Vorschriften zuständig. Zudem entscheidet sie über Reklamegesuche.4 Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter, die einem Mitglied des Gemeinderates direkt unterstellt sind, können nach
Art. 59 der Stadtordnung5 verbindliche Anordnungen treffen (Abs. 1). Zudem können der
Stadtrat und der Gemeinderat in ihrem Kompetenzbereich mittels Reglement oder
Verordnung weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für verbindliche Anordnungen
zuständig erklären. Sie führen ein Verzeichnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit
Organstellung (Abs. 2). Als in diesem Sinne "zuständige Mitarbeitende" gelten gemäss Art.
8a der städtischen Verordnung6 unter anderem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die direkt
der Stadtpräsidentin oder dem Stadtpräsidenten unterstellt sind, die Leiterinnen oder Leiter
der Abteilungen der Direktion, wie auch deren Stellvertreterinnen und Stellvertreter. Der
Sachbearbeiter, der die Wiederherstellungsverfügung vom 9. Februar 2016 unterschrieben
3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 4 Art. 8 Abs. 5 des Reglements vom 17. April 1997 über die Grundsätze der Organisation der Stadtverwaltung Biel und über die vom Stadtrat zu wählenden ständigen Kommissionen (Organisationsreglement; SGR 152.01) 5 Stadtordnung vom 9. Juni 1996 (SGR 101.1) 6 Art. 8 und 8a der Verordnung vom 2. November 2012 über die Organisation der Stadtverwaltung (SGR 152.011)
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hat, gehört nicht zu den unterzeichnungsberechtigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der
Stadt Biel. Die Beschwerdeführenden sind der Ansicht, dass die Verfügung vom 9. Februar
2016 wegen der fehlenden Unterschrift eines vertretungsbefugten Behördenmitglieds
ungültig sei. Es stellt sich somit die Frage nach der Nichtigkeit dieser Verfügung.
b) Die Nichtigkeit einer Verfügung ist jederzeit und von sämtlichen staatlichen Instanzen
von Amtes wegen zu beachten. Fehlerhafte Verwaltungsakte sind aber in der Regel nicht
nichtig, sondern nur anfechtbar, und sie werden durch Nichtanfechtung rechtsgültig.
Nichtigkeit wird nach der sogenannten Evidenztheorie nur angenommen, wenn der Mangel
der Verfügung besonders schwer ist, wenn er offensichtlich oder zumindest leicht
erkennbar ist und wenn die Rechtssicherheit durch die Annahme der Nichtigkeit nicht
ernsthaft gefährdet wird. Offenkundig ist ein Fehler, der einer durchschnittlich (nicht
juristisch) gebildeten Person auffallen sollte. Nichtigkeitsgründe sind hauptsächlich
schwerwiegende Verfahrensfehler und die Unzuständigkeit der verfügenden Behörde. Die
funktionelle oder sachliche Unzuständigkeit führt indes dann nicht zur Nichtigkeit des
Entscheids, wenn der verfügenden Behörde auf dem betreffenden Gebiet allgemeine
Entscheidungsgewalt zukommt. Inhaltliche Mängel haben nur in seltenen Ausnahmefällen
die Nichtigkeit einer Verfügung zur Folge; erforderlich ist hierzu ein ausserordentlich
schwerwiegender Mangel.7
c) Im vorliegenden Fall handelt es sich nicht um einen schwerwiegenden
Verfahrensfehler, da die fragliche Wiederherstellungsverfügung gemäss
Organisationsreglement der Stadt Biel8 durch die auf dem betreffenden Gebiet
grundsätzlich zuständige Präsidialdirektion erlassen wurde. Zudem war der Mangel für
einen Laien nicht offenkundig oder zumindest nicht leicht erkennbar, da der fragliche
Verfahrensleiter schon die vom Stadtpräsidenten korrekt unterzeichnete
Bauabschlagsverfügung vom 8. Februar 2016 vorbereitet hatte. Die
Wiederherstellungsverfügung vom 9. Februar 2016 ist daher nicht als nichtig zu betrachten.
7 BGer 1C_423/2012 vom 15.3.2013 E. 2.5; BGE 133 II 366 E. 3.2; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 55 ff. 8 Reglement vom 17. April 1997 über die Grundsätze der Organisation der Stadtverwaltung Biel und über die vom Stadtrat zu wählenden ständigen Kommissionen (Organisationsreglement; SGR 152.01)
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3. Verbotene Werbung
a) Die Beschwerdeführenden bestreiten, dass die Schaufensterbeschriftungen nach
Art. 15 Abs. 1 HGG9 als unerlaubte Werbung für alkoholische Getränke gelten. Zudem
seien Anschriften und Schilder von Betrieben gemäss Art. 15 Abs. 3 Bst. a HGG vom
Verbot ausgenommen. Der Bauabschlag sei unberechtigterweise erfolgt.
b) Gemäss Art. 6a Abs. 1 BewD sind Firmenanschriften oder Firmensignete an oder vor
den Fassaden bis zu 1,2 Quadratmetern pro Gebäudeseite sowie Eigenreklamen bis zu
insgesamt 1,2 Quadratmetern pro Gebäudeseite baubewilligungsfrei (Bst. a und e). Mit
einer Grösse von 68 x 184 cm weisen die vier Fensterfolien je eine Fläche von über 1,2
Quadratmetern auf und unterliegen damit der Baubewilligungspflicht. Gemäss Art. 2 Abs. 1
BauG sind Bauvorhaben zu bewilligen, wenn sie den bau- und planungsrechtlichen
Vorschriften und den nach anderen Gesetzen im Baubewilligungsverfahren zu prüfenden
Vorschriften entsprechen, die öffentliche Ordnung nicht gefährden und wenn ihnen keine
Hindernisse der Planung im Sinne der Artikel 63 und 62 entgegenstehen.
Die Stadt Biel hat die nachträgliche Baubewilligung gestützt auf Art. 15 Abs. 1 HGG und
die eingeholten Berichte des beco Berner Wirtschaft und der Gewerbepolizei verweigert10.
Gemäss deren Einschätzung stellt die Abbildung eines Bierglases im Schaufenster klar
eine Werbung für alkoholische Getränke dar, die im Kanton Bern im öffentlichen Raum
nicht zulässig sei.
c) Die Reklamebeschriftungen im Format 68 x 184 cm bestehen je aus einem Logo
(Kombination von Bild- und Schriftzeichen), das aus einem Glas oder Trinkgefäss mit
"schäumendem Inhalt" mit der Aufschrift "G._ Bar" besteht. Die verkürzte Form
des Namens "G._" findet sich als weisser Schriftzug in ovalem blauem Feld hinter
dem Fuss des Glases11. Das Logo ist hochformatig und nimmt jeweils die ganze
Fensterhöhe der insgesamt vier Fenster an der Süd- und Westfassade des Gebäudes ein.
9 Gesetz vom 4. November 1992 über Handel und Gewerbe (HGG; BSG 931.1) 10 Vorakten, Register 1 11 Vorakten, Fotodokumentation
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Insbesondere bei den drei, der H._ zugewandten Fenster (Westfassade), treten
die fensterhohen Gläser und die Aufschrift markant in Erscheinung.
d) Gemäss Art. 15 Abs. 1 HGG ist Werbung für alkoholische Getränke auf öffentlichem
Grund und auf von diesem einsehbaren privaten Grund verboten (Bst. a). Der Gesetzgeber
hat sich im Interesse der öffentlichen Gesundheit (Prävention) und des Jugendschutzes für
ein generelles Werbeverbot ausgesprochen, d.h. es gelten im Kanton Bern keine
Ausnahmen für Wein und Bier.12 Zu prüfen ist, ob die Schaufensterbeschriftungen unter
das Werbeverbot für alkoholische Getränke fallen. Die Beschwerdeführenden bringen in
ihrer Replik vor, dass die Einschätzung, ob es sich um ein Bierglas oder um ein
"alkoholfreies Erfrischungs- oder Malzgetränk" handle, "im Auge des Betrachters" liege.
Dem ist nicht zu folgen. Das gefüllte Glas ist sowohl von seiner Form wie auch von seinem
Inhalt unschwer als Bierglas zu erkennen. Unabhängig davon, ob es sich um
alkoholhaltiges oder alkoholfreies Bier handelt, trägt das Getränk die für Bier typische
Schaumkrone. Mit der Verwendung des Begriffs J._ wird ein Zusammenhang zu
Bier geschaffen, da in vielen slawischen Sprachen mit J._ Bier und kein
Erfrischungs- oder Malzgetränk gemeint ist. Für Passantinnen und Passanten der
H._ und der E._strasse fallen die über 1,8 m hohen wirklichkeitsnahen
Biergläser und die blau-weisse Anschrift sofort ins Auge. Der Werbecharakter ist den
Reklamebeschriftungen nicht abzusprechen. Damit fallen sie grundsätzlich gemäss Art. 15
Abs. 1 HGG unter das Werbeverbot für alkoholische Getränke.
e) Von diesem Verbot ausgenommen sind laut Art. 15 Abs. 3 HGG unter anderem
"Anschriften und Schilder von Betrieben" (Bst. a). Zu prüfen ist, ob die
Schaufensterbeschriftungen unter diesem Titel eine Ausnahme beanspruchen können.
Unter "Anschriften und Schilder" von Betrieben sind beispielsweise die herkömmlichen
runden Wirtshausschilder gemeint, die einerseits den Namen einer bestimmten Biermarke,
aber auch den Namen des Gastgewerbebetriebs enthalten.13 Die vorliegend zu
beurteilende Darstellung eines Bierglases mit Anschrift geht sowohl in ihrer Grösse als
auch in ihrer Form weit über das hinaus, was der Gesetzgeber als zulässige Anschrift oder
Beschilderung als Ausnahme vom Werbeverbot zulassen wollte.14 Im Fokus des Logos
12 Vgl. Vortrag der Volkswirtschaftsdirektion an den Grossen Rat vom 19. Oktober 2005, Tagblatt des Grossen Rates 2006, Beilage 12, S. 10 f. (nachfolgend Vortrag VOL) 13 Vorakten, Fotodokumentation: benachbarter Gastgewerbebetrieb an der H._strasse 14 BSIG Nr. 7/722.51/1.1 vom 17. März 2014, S. 2
RA Nr.110/2016/38 8
steht das Bierglas und der damit verbundene Werbeeffekt, während der Name des
Betriebs diesem untergeordnet ist. Art. 15 Abs. 3 HGG ist hier nicht anwendbar.
Die Rüge, die Vorinstanz habe die Reklamebeschriftung zu Unrecht als unerlaubte
Werbung für alkoholische Getränke gestützt auf Art. 15 Abs. 1 HGG behandelt, erweist
sich somit als unbegründet.
f) Die Beschwerdeführenden machen geltend, die Stadt Biel habe bei anderen
Gastgewerbebetrieben Werbung für alkoholische Getränke zugelassen: sie berufen sich
sinngemäss auf das Rechtsgleichheitsgebot. Selbst wenn die Stadt Biel in anderen Fällen
Werbung und Anschriften für alkoholische Getränke zugelassen hätte, gäbe dies den
Beschwerdeführenden keinen Anspruch darauf, ebenfalls abweichend vom Gesetz
behandelt zu werden. Denn der Grundsatz der Gesetzmässigkeit der Verwaltung geht dem
Rechtsgleichheitsprinzip, und damit dem Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht, in
der Regel vor. "Die Gleichbehandlung im Unrecht setzt voraus, dass die zu beurteilenden
Fälle in den tatbestandserheblichen Sachverhaltselementen übereinstimmen, dass
dieselbe Behörde in ständiger Praxis vom Gesetz abweicht und zudem zu erkennen gibt,
auch inskünftig nicht gesetzeskonform entscheiden zu wollen."15 Die von den
Beschwerdeführenden ins Recht gelegte Fotografie zeigt die Schaufensterbeschriftung und
Anschrift des Geschäfts "I._". Diese unterscheiden sich sowohl von ihren
Dimensionen als auch von ihrer Art (Piktogramm einer Flasche; einzelne Anschrift auf
Jalousie) wesentlich von den Beschriftungen der "G._ Bar". Daraus lässt sich kein
Gleichbehandlungsanspruch ableiten. Vorliegend gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass
die Stadt Biel mit dem angefochtenen Entscheid von einer ständigen Praxis abweicht. Die
Rüge der Ungleichbehandlung ist daher unbegründet.
4. Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit
a) Die Beschwerdeführenden bringen vor, dass der Bauabschlag einen Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit darstelle. Die Wirtschaftsfreiheit erfasse auch die Werbefreiheit.
Vorliegend handle es sich um einen schweren Grundrechtseingriff, da die
Beschwerdeführenden die kostspieligen Schaufensterbeschriftungen entfernen müssten
15 BGer 1C_400/2014 vom 4.12.2014, E. 2.3; vgl. BGE 139 II 49 E. 7.1
RA Nr.110/2016/38 9
und andererseits den Namen und das dazugehörige Signet nicht gegen aussen
präsentieren dürften. Für den Bauabschlag fehle es an einer genügenden gesetzlichen
Grundlage.
b) Gemäss Art. 27 Abs. 1 BV16 ist die Wirtschaftsfreiheit gewährleistet.
Einschränkungen von Grundrechten bedürfen nach Art. 36 BV einer gesetzlichen
Grundlage, sie müssen durch ein öffentliches Interesse oder den Schutz von Grundrechten
Dritter gerechtfertigt und verhältnismässig sein, ausserdem darf der Kerngehalt des
Grundrechts nicht angetastet werden17.
c) Die Beschwerdeführenden können sich auf den Schutzbereich von Art. 27 Abs. 1 BV
berufen, der individualrechtlich den Anspruch des Einzelnen auf wirtschaftliche,
insbesondere berufliche Entfaltung sichert.18 Der erteilte Bauabschlag stellt einen Eingriff in
die Wirtschaftsfreiheit dar. Jedoch ist dieser leichte Eingriff vorliegend gerechtfertigt. Für
den Bauabschlag besteht mit Art. 15 Abs. 1 HGG eine genügende gesetzliche Grundlage.
Die Durchsetzung des Werbeverbots liegt im öffentlichen Interesse19. Der Gesetzgeber hat
sich im Sinne des Präventionsgedankens bzw. der öffentlichen Gesundheit für ein
Werbeverbot aller alkoholischen Getränke ausgesprochen.20 Demgegenüber ist das private
Interesse der Beschwerdeführenden als relativ gering einzustufen, da sie trotz
Bauabschlag nicht grundsätzlich in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit tangiert sind und die
Führung des Gastgewerbebetriebs uneingeschränkt möglich ist. Ihnen ist es unbenommen,
eine mit den rechtlichen Vorgaben konforme Eigenreklame und Anschrift ihres
Gastgewerbebetriebs anzubringen.
d) Zusammengefasst steht fest, dass für die Schaufensterbeschriftungen in der
gewählten Form keine nachträgliche Baubewilligung erteilt werden kann. Dem Vorhaben ist
der Bauabschlag zu erteilen.
5. Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands
16 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 17 Vgl. Regina Kiener/Walter Kälin, Grundrechte, 2. Auflage, Bern 2013, S. 88 ff., S. 355 ff. 18 Regina Kiener /Walter Kälin, a.a.O., S. 357 19 Vgl. BGE 128 I 295 E. 5b 20 Vgl. Vortrag VOL, S. 11
RA Nr.110/2016/38 10
a) Die Vorinstanz hat in den angefochtenen Verfügungen angeordnet, dass die
Beschwerdeführenden die Reklamebeschriftungen an den Schaufenstern bis 28. März
2016 bzw. 30. März 2016 entfernen müssen. Die Beschwerdeführenden machen geltend,
die Entfernung der Schaufensterbeschriftungen sei unverhältnismässig. Sie seien auf
Grund des Verhaltens der Behörden davon ausgegangen, dass die Anschrift gestattet sei.
Wenn die Beschriftungen im Lichte des Jugendschutzes tatsächlich unzulässig seien,
hätten die Behörden den rechtswidrigen Zustand zudem früher beseitigen müssen.
b) Kann ein bereits ausgeführtes Bauvorhaben nachträglich nicht bewilligt werden, so
entscheidet die Baubewilligungsbehörde mit dem Bauabschlag darüber, ob und inwieweit
der rechtmässige Zustand wiederherzustellen ist (Art. 46 Abs. 2 Bst. e BauG). Die
Wiederherstellung muss im öffentlichen Interesse liegen, verhältnismässig sein und darf
den Vertrauensgrundsatz nicht verletzen (Art. 47 Abs. 6 BewD21). Eine
Wiederherstellungsmassnahme ist verhältnismässig, wenn sie geeignet ist, das
angestrebte Ziel zu erreichen, nicht weiter geht, als zur Herstellung des rechtmässigen
Zustands nötig ist und die Belastung für die pflichtige Person in einem vernünftigen
Verhältnis zum verfolgten Ziel steht.22
c) Ein öffentliches Interesse an der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands ist
im Allgemeinen gegeben, da das Interesse an der Einhaltung der baurechtlichen
Bestimmungen generell gross ist.23 Vorliegend besteht zudem ein erhebliches öffentliches
Interesse an der Durchsetzung des dem Jugendschutz und der Prävention dienenden
Werbeverbots für Alkohol gemäss Art. 15 HGG. Die Beschwerdeführenden können sich
auch nicht auf den Vertrauensgrundsatz berufen, da sie bereits am 22. Dezember 2014
darüber in Kenntnis gesetzt worden sind, dass die angebrachten Beschriftungen
rechtswidrig sind.24 Die gleiche Auskunft erhielt die Beschwerdeführerin 2 nach direkter
Anfrage vom beco im Juni 2015.25 "In der Regel kann Vertrauensschutz nur geltend
machen, wer gestützt auf sein Vertrauen eine Disposition getätigt hat, die ohne Nachteil
nicht wieder rückgängig gemacht werden. Zwischen Vertrauen und Disposition muss
21 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD, BSG 725.1) 22 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9; BVR 2013 S. 85 E. 5.1 23 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N 9a 24 Vorakten, Register 2 25 Vorakten, Register 2
RA Nr.110/2016/38 11
zudem ein Kausalzusammenhang gegeben sein."26 Dies ist vorliegend nicht der Fall. Auch
die von den Beschwerdeführenden gerügte Untätigkeit der Behörden ist nicht geeignet,
einen Vertrauenstatbestand zu begründen, da der Zustand nicht während "sehr langer
Zeit", sondern während einiger Monate geduldet worden ist. Das vorübergehende Dulden
eines rechtswidrigen Zustands hindert die Behörde grundsätzlich nicht am späteren
Einschreiten.27 Die Beschwerdeführenden sind damit bösgläubig, was bei der
nachfolgenden Prüfung der Verhältnismässigkeit zu berücksichtigen ist.28
d) Die Anordnung, die fraglichen Reklamebeschriftungen bzw. Schaufensterfolien zu
entfernen, ist zweifellos geeignet und erforderlich, um die Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustandes zu erreichen. Eine für die Beschwerdeführenden weniger
einschneidende Massnahme ist nicht ersichtlich. Die Entfernung der
Schaufensterbeschriftungen (Folien) ist nicht sehr aufwendig. Die finanziellen Nachteile,
die ihnen durch diese Massnahme erwachsen, sind nicht erheblich. Die angeordnete
Entfernung der Beschriftungen erweist sich damit auch als zumutbar und insgesamt als
verhältnismässig.
e) Die angeordneten Wiederherstellungsmassnahmen betreffen die Liegenschaft auf
Parzelle Biel/Bienne Grundbuchblatt Nr. F._. Diese steht im Eigentum der von
Amtes wegen am Verfahren Beteiligten. Die Stadt Biel hat dieser Beteiligten nur die mit
Mängeln behaftete Wiederherstellungsverfügung vom 9. Februar 2016 eröffnet.
Nach der Praxis des Verwaltungsgerichts ist eine Wiederherstellungsverfügung
regelmässig auch an die Grundeigentümerin oder den Grundeigentümer zu richten, um
damit eine allfällige Zwangsvollstreckung sicher zu stellen, die ohne förmlichen Beizug der
Grundeigentümerschaft ausgeschlossen wäre.29 Vorliegend wurde die angefochtene
Bauabschlagsverfügung nur den Beschwerdeführenden eröffnet. Unterbleibt der Einbezug
der Grundeigentümerschaft im Wiederherstellungsverfahren, so sind verschiedene
Möglichkeiten denkbar: Die Gemeinde kann später auch noch eine Verfügung gegen die
Grundeigentümerin oder den Grundeigentümer erlassen. Die Gemeinde hat das mit
Eröffnung der Wiederherstellungsverfügung an die von Amtes wegen Beteiligte als
26 BVR 2013 S. 85 E. 6.1 27 BVR 2013 S. 85 E. 6.2 28 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N 9b und 9c. 29 BVR 2007 S. 362 E. 4.1 mit Hinweisen; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 46 N 12
RA Nr.110/2016/38 12
Zustandsstörerin getan; diese Verfügung ist zwar mangelhaft, aber nicht nichtig (vgl. E. 2).
Zudem wurde aus Gründen der Prozessökonomie die Grundeigentümerin von Amtes
wegen in das Verfahren einbezogen.
6. Frist zur Wiederherstellung
a) Die Baupolizeibehörde setzt dem jeweiligen Grundeigentümer eine angemessene
Frist zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes (Art. 46 Abs. 2 BauG).
b) Die Stadt Biel hat für die Entfernung der Reklamebeschriftungen eine Frist bis
28. März 2016 bzw. 30. März 2016 angesetzt. Da die angesetzten Fristen zur
Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands während des Beschwerdeverfahrens
abgelaufen sind, setzt sie die BVE neu an. Dabei wird eine Frist von zwei Monaten ab
Rechtskraft des Entscheides als angemessen erachtet.
7. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie haben die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG30)). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 600.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV31). Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).