Decision ID: 76e05a74-3b82-507a-8043-ad3e2504cc75
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
M._ absolvierte im Frühling 2018 das Qualifikationsverfahren zur Fachfrau Gesundheit
mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis und erzielte dabei folgende Noten:
Praktische Arbeiten 3.8
Berufskenntnisse 4.0
Allgemeinbildung 4.7
Gesamtnote 4.0
Die Note im Qualifikationsbereich "Praktische Arbeiten" (gemäss hier anwendbarer
Wegleitung OdASanté 2011: "Praktische Arbeit IPA") setzt sich zusammen aus der
doppelt gewichteten Teilnote für die "Individuelle Praktische Arbeit" (4.0, gemäss
Wegleitung
OdASanté 2011: "Praktische Arbeit mit Dokumentation") und der einfach gewichteten
Teilnote für das dazugehörende Fachgespräch und die Präsentation (3.5, auch gemäss
Wegleitung: "Fachgespräch und Präsentation"). Mit Verfügung vom 19. Juni 2018 teilte
der Kantonale Gewerbeverband M._ mit, sie habe das Qualifikationsverfahren nicht
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bestanden, weil sie im Fach "Praktische Arbeiten" die reglementarische Minimalnote
von 4.0 nicht erreicht habe (act. 7/29a/1-6).
B.
Mit E-Mail vom 20. Juni 2018 teilte M._ dem Amt für Berufsbildung mit, sie sei mit der
Bewertung der praktischen Prüfung nicht einverstanden (act. 7/29a/1-1). Am 4. Juli
2018 fand im Amt für Berufsbildung eine Besprechung zwischen der zuständigen
Ausbildungsberaterin des Amtes für Berufsbildung, der Chefexpertin für das
Qualifikationsverfahren Fachfrau Gesundheit (nachfolgend: Chefexpertin) und M._
statt. Am 11. und am 16. Juli 2018 fanden zwei weitere Besprechungen zwischen M._
und der Ausbildungsberaterin statt. Das E-Mail vom 20. Juni 2018 wurde als
Rekurserhebung behandelt und M._ Gelegenheit gegeben, sich bis 20. Juli 2018 über
die Weiterführung des Verfahrens zu äussern.
C.
M._, vertreten durch ihren damaligen Rechtsvertreter, gab dem Bildungsdepartement
mit Eingabe vom 20. Juli 2018 bekannt, sie halte am Rekurs fest, und ergänzte das
Rechtsmittel mit dem Antrag, der Prüfungsentscheid vom 19. Juni 2018 sei aufzuheben
und es sei festzustellen, die Prüfung zur Fachfrau Gesundheit sei insgesamt mit der
Note 5 bestanden, samt Begründung. Das Bildungsdepartement hiess den Rekurs am
12. August 2019 teilweise gut, hob die angefochtene Verfügung vom 19. Juni 2018 auf
und wies den Kantonalen Gewerbeverband an, M._ unentgeltlich und ohne
Anrechnung des bisherigen erfolglosen Prüfungsversuchs die Möglichkeit zu geben,
den Prüfungsteil "Praktische Arbeiten" zu wiederholen.
Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt, die Prüfungsleistung könne
objektiv nicht mehr untersucht werden. Untersucht werden könne einzig, ob es unter
Berücksichtigung der Vorbringen aller Beteiligten und der Akten aus dem
Prüfungsverfahren Hinweise auf Rechtsverletzungen gebe oder ob sich die Expertinnen
von sachfremden oder sonst wie offensichtlich unhaltbaren Erwägungen hätten leiten
lassen, so dass ihr Entscheid unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten nicht mehr
vertretbar sei. Aus dem Umstand, dass das von der vorgesetzten Fachkraft
handschriftlich geführte Prüfungsprotokoll, das Ausgangspunkt für die Festlegung der
Note durch die vorgesetzte Fachkraft und die Expertin war, "verschwunden" war,
schloss das Bildungsdepartement, das Prüfungsverfahren sei unfair und die Benotung
der "Individuellen Praktischen Arbeit" willkürlich gewesen. Dem Begehren, die Prüfung
sei als bestanden zu bewerten, entsprach es nicht mit der Begründung, Voraussetzung
für die Erteilung des eidgenössischen Fähigkeitszeugnisses sei in jedem Fall ein
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gültiges Prüfungsresultat. Ein solches liege selbst bei unzweifelhaft nachgewiesenen
Verfahrensfehlern nicht vor.
D.
M._ (Beschwerdeführerin) erhob gegen den Entscheid des Bildungsdepartements
(Vorinstanz) vom 12. August 2019 durch ihre jetzige Rechtsvertreterin mit Eingabe vom
26. August 2019 Beschwerde beim Verwaltungsgericht. Sie beantragt, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge zuzüglich Mehrwertsteuer sei der angefochtene Entscheid
aufzuheben, soweit der Rekurs abgewiesen worden sei, und es sei der Kantonale
Gewerbeverband anzuweisen, ihr das eidgenössische Fähigkeitszeugnis "Fachfrau
Gesundheit EFZ" auszustellen, das für "Praktische Arbeiten" (Schlussnote IPA) eine
Note von 4.2 und eine Gesamtnote von 4.2 ausweise.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 24. September 2019 die
Abweisung der Beschwerde unter Kostenfolge zu Lasten der Beschwerdeführerin und
verwies zur Begründung auf ihren Entscheid vom 12. August 2019. Mit Eingabe vom
26. September 2019 verzichtete der Kantonale Gewerbeverband (Beschwerdegegner)
auf eine Vernehmlassung.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen der
Beschwerdeführerin zur Begründung ihrer Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Eintreten
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Als Adressatin des
angefochtenen Entscheids ist die im Rekursverfahren teilweise unterlegene
Beschwerdeführerin zur Erhebung des Rechtsmittels berechtigt (Art. 64 in Verbindung
mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerde gegen den Entscheid der Vorinstanz vom
12. August 2019 wurde mit Eingabe vom 26. August 2019 rechtzeitig erhoben und
erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in
Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2. Streitgegenstand
Die Verfahrensbeteiligten gehen übereinstimmend davon aus, dass auf das
Qualifikationsverfahren der Beschwerdeführerin, welche die Ausbildung vor dem
bis
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1. Januar 2017 begonnen hat, entsprechend der Übergangsbestimmung von Art. 26
Abs. 1 der Verordnung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation
über die berufliche Grundbildung Fachfrau Gesundheit / Fachmann Gesundheit mit
eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) vom 5. August 2016 (SR 412.101.220.96)
noch die Verordnung des SBFI über die berufliche Grundbildung Fachfrau Gesundheit /
Fachmann Gesundheit mit eidgenössischem Fähigkeitsausweis vom 13. November
2008 (AS 2008 S. 5963, nachfolgend V FaGe 2008) anwendbar ist.
Gemäss Art. 16 Abs. 1 V FaGe 2008 ist die Abschlussprüfung bestanden, wenn der
Qualifikationsbereich "Praktische Arbeit" mit der Note vier oder höher bewertet wird
(lit. a) und die Gesamtnote vier oder höher erreicht wird (lit. b). Unbestritten ist auch,
dass für die Beschwerdeführerin die Erfahrungsnote entfällt und sich die Gesamtnote
nach der besonderen Regel von Art. 18 Abs. 2 V FaGe 2008 – "Praktische Arbeit"
fünfzig Prozent, "Berufskenntnisse" dreissig Prozent, "Allgemeinbildung" zwanzig
Prozent – berechnet. Ebenso besteht Einigkeit darüber, dass sich die Note für den
Qualifikationsbereich "Praktische Arbeiten" (beziehungsweise "Praktische Arbeit IPA")
aus der Teilnote für die "Individuelle Praktische Arbeit" (beziehungsweise "Praktische
Arbeit mit Dokumentation", zwei Drittel) und der Teilnote für "Präsentation und
Fachgespräch" (ein Drittel) berechnet (vgl. Organisationen der Arbeitswelt Santé,
Ziff. 5.3 der Wegleitung zum Qualifikationsverfahren Fachfrau / Fachmann Gesundheit
EFZ vom 2. Februar 2011, gültig bis und mit Qualifikationsverfahren 2019,
www.odasante.ch, Berufliche Grundbildung / Fachfrau/-mann Gesundheit EFZ,
nachfolgend Wegleitung OdASanté 2011; act. 7/33a/2-11).
Aufgrund des diesbezüglich unbestritten gebliebenen Rekursentscheides steht auch
fest, dass die Teilnote 4.0 für die "Individuelle Praktische Arbeit" in einem willkürlichen
Verfahren zustande gekommen ist und für die Ermittlung der Note im
Qualifikationsbereich "Praktische Arbeiten" und die Gesamtnote der Abschlussprüfung
nicht berücksichtigt werden darf. Umstritten ist, ob die Voraussetzungen erfüllt sind,
um die von der Beschwerdeführerin am 10. April 2018 (act. 7/14a/1-2) bei der
"Individuellen Praktischen Arbeit" erbrachte Leistung mit einer Teilnote von 4.5 zu
bewerten (Rz. 15 der Beschwerde), so dass sich zusammen mit der unbestrittenen
Teilnote von 3.5 für das Fachgespräch und die Präsentation (Rz. 13 der Beschwerde)
für den Qualifikationsbereich "Praktische Arbeiten" eine – auf eine Dezimalstelle
aufgerundete – Note von 4.2 (2x4.5, 1x3.5, Durchschnitt 4.1667, aufzurunden auf eine
Dezimalstelle) ergibt (Rz. 15 der Beschwerde) und die Beschwerdeführerin das
Qualifikationsverfahren mit einer Gesamtnote von 4.2 bestanden hat (Rz. 17 der
Beschwerde).
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3. Tatsachen und Beweiswürdigung
In tatsächlicher Hinsicht geht die Beschwerdeführerin davon aus, dass ihre
Prüfungsleistung vom 10. April 2018 anhand der – um den Einfluss der vorgesetzten
Fachkraft bereinigten – Beurteilung durch die Expertin 1 korrekt und fair bewertet
werden könne, ohne dass eine Rechtsmittelbehörde ihr Ermessen an die Stelle des
Ermessens der Expertin setzen müsse. Mit dem von der Expertin 1 handschriftlich
ausgefüllten Beurteilungs- und Bewertungsraster (act. 7/22a/3) liege ein rechtsgültiger
Beweis vor. Deshalb treffe die Auffassung der Vorinstanz, die Prüfungsleistung könne
objektiv nicht mehr untersucht werden, nicht zu.
Tatsachen
Der Beurteilungs- und Bewertungsraster ist nach den sieben geprüften
Kompetenzbereichen aufgebaut. Je Kompetenz können maximal dreissig Punkte erzielt
werden. Zu jeder der Kompetenzen sind mögliche Bewertungskriterien aus dem
Bildungsplan – aufgeteilt in die Rubriken "Fähigkeiten", "Haltungen" und "Betriebliche
Präzisierungen" – angeführt. Die Expertin 1 hat daneben in der Rubrik "Bemerkungen"
handschriftlich und stichwortartig ihre Feststellungen, die sie anlässlich der Prüfung
machte, festgehalten. Auf eine Punktzahl hat sie sich nicht festgelegt. Ebenso wenig
wie die Vorinstanz verfügt das Verwaltungsgericht über die Fachkenntnisse, die es
erlauben würden, anhand der Vorgaben und der Bemerkungen der Expertin 1 im
Beurteilungs- und Bewertungsraster eine Punktzahl festzulegen.
Die Expertin 1 hat sodann zu jeder der Kompetenzen eine ungefähre Note oder eine
Notenbandbreite festgehalten, nämlich für "Pflege und Betreuung, Kompetenz 3.2" 3.0,
"Pflege und Betreuung, Kompetenz 3.3" 3.0, "medizinaltechnische Verrichtung,
Kompetenz 4.2" 4.5-5, "Medizinaltechnik Kompetenz 4.3" 4.5, "Alltagsgestaltung
Kompetenz 8.2" 5.0-5.5 (ursprünglich 5.5), "Alltagsgestaltung Kompetenz 10.1" 5
(ursprünglich 5-5.5; vgl. auch act. 7/33a/2-9), "Administration und Logistik Kompetenz
12.3" 4.5-5. Aus diesen Noten ergibt sich ein Durchschnitt zwischen 4.21 (Summe der
tiefsten Bewertungen 29.5, abzurunden auf 4.0) und 4.5 (Summe der höchsten
Bewertungen 31.5). Aus den mittleren Bewertungen (3.0, 3.0, 4.75, 4.5, 5.25, 5.25,
4.75) ergäbe sich ein Durchschnitt von 4.36 (Summe der mittleren Bewertungen 30.5,
aufzurunden auf 4.5). Die Beschwerdeführerin ist der Auffassung, unter den gegebenen
besonderen Umständen müsse für die Benotung auf die von der Expertin 1 ihrer
Auffassung nach jeweils höchste gerechtfertigte Note abgestellt werden.
Unbestritten ist, dass auf die Beurteilung der vorgesetzten Fachkraft aufgrund der
fehlenden Handnotizen und des betriebsinternen Drucks auf die vorgesetzte Fachkraft,
3.1.
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die Beschwerdeführerin durch die Prüfung fallen zu lassen, nicht abgestellt werden
durfte. Unter diesen Umständen war die Bewertung der Arbeit der Beschwerdeführerin
durch die vorgesetzte Fachkraft, wie auch immer sie im Detail ausgefallen ist, für die
Benotung der "Individuellen Praktischen Arbeit" der Beschwerdeführerin nicht relevant.
Schon deshalb kann nicht von einer Differenz zwischen der Bewertung durch die
vorgesetzte Fachkraft einerseits und die Expertin 1 anderseits ausgegangen werden.
Der Beschwerdegegner vertrat in der Vernehmlassung vom 4. April 2019 im
vorinstanzlichen Rekursverfahren die Auffassung, die Expertin habe nach den
bestehenden Regeln nicht die Kompetenz, eine Bewertung zu erstellen, so dass sie
sich gegenüber der Bewertung der vorgesetzten Fachkraft nicht durchsetzen könne.
Dieser Sicht steht entgegen, dass überhaupt keine gültige Bewertung durch die
vorgesetzte Fachkraft vorliegt, gegen welche sich die Auffassung der Expertin hätte
durchsetzen können oder müssen. Grundlage der Bewertung kann unter diesen
Umständen einzig die Beurteilung sein, welche die Expertin 1 unabhängig von der
Beurteilung der vorgesetzten Fachkraft vorgenommen hat.
Beim konkreten Vorgehen mit einer zwar lediglich formellen Einigung erübrigte sich ein
Entscheid durch die Chefexpertin. Dass letztere vor der Vorinstanz in der Eingabe vom
4. April 2019 für den Beschwerdegegner äusserte, sie erachte die Note vier als
gerechtfertigt (act. 7/33a/1 zu Rz. 15), kann nicht ausschlaggebend sein, zumal sie im
Rekursverfahren auch mit gegen sie gerichteten Vorwürfen hinsichtlich der Planung
und Durchführung der praktischen Prüfung der Beschwerdeführerin konfrontiert war.
Beweismass
Gemäss Art. 64 in Verbindung mit Art. 21 Abs. 3 VRP würdigt das Verwaltungsgericht
die Beweise nach freier Überzeugung. Als Regelbeweismass gilt der volle (strikte)
Beweis. Dieser ist erbracht, wenn das Gericht – nach objektiven Gesichtspunkten (vgl.
BGE 140 III 610 E. 4.1) – am Vorliegen der behaupteten Tatsache keine ernsthaften
Zweifel mehr hat oder allenfalls verbleibende Zweifel als leicht – unerheblich (BGE 128
III 271 E. 2b/aa) – erscheinen. Verlangt wird ein so hoher Grad der Wahrscheinlichkeit,
dass vernünftigerweise mit der Möglichkeit des Gegenteils nicht mehr zu rechnen ist.
Demgegenüber stellt das Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit eine
Beweiserleichterung dar und genügt nicht für den Vollbeweis (BGer 2C_605/2015 vom
5. November 2015 E. 2.3.2 mit Hinweisen auch auf die zivilprozessuale
Rechtsprechung). Die Funktion des Regelbeweismasses besteht darin, dem materiellen
Recht im Prozess zum Durchbruch zu verhelfen. Die Rechtsdurchsetzung darf nicht
daran scheitern, dass zu hohe oder uneinheitliche Anforderungen an das Beweismass
gestellt werden (vgl. BGE 128 III 271 E. 2b/aa). Absolute Gewissheit kann nicht verlangt
3.2.
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werden. Die Überzeugung muss von der Lebenserfahrung und Vernunft getragen und
auf sachliche Gründe abgestützt sein (vgl. VerwGE B 2015/162 vom 26. Oktober 2016
E. 3.6 mit Hinweisen).
Das Verwaltungsgericht würdigt die Beweise wie dargelegt nach freier Überzeugung.
Dies bedeutet, dass die Bewertung der einzelnen Beweismittel nicht starren Regeln
folgt und dass das Gericht frei darüber befindet, ob das gesetzlich geforderte
Beweismass erreicht ist. Kann eine Tatsache nicht direkt bewiesen werden, ist es
zulässig, mittelbar auf diese zu schliessen. Diesfalls müssen Umstände
(Vermutungsbasis) vorliegen, die auf die zu beweisende Tatsache (Vermutungsfolge)
mit Sicherheit oder doch mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit schliessen lassen (vgl.
VerwGE B 2015/162 vom 26. Oktober 2016 E. 3.6 mit Hinweisen auf Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl. 2003, Rz. 615 f., 619 und 621,
und auf BGE 130 II 482 E. 3.2 mit Hinweisen). Die Gewichtung der einzelnen
Beweismittel soll sich aus der inneren Qualität, das heisst aus der anzunehmenden
Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, ergeben und nicht durch äussere Eigenart (vgl.
VerwGE B 2016/147 vom 14. Dezember 2012 E. 5.2.1 mit Hinweis auf VerwGE B
2013/172 vom 19. August 2014 E. 2.1).
Beweiswürdigung
Ob das Gericht davon überzeugt ist, dass die Expertin 1 bei entsprechender
Bewertung durch die vorgesetzte Fachkraft auch einer Benotung entsprechend der
ihrer Auffassung nach je Kompetenz möglichen mittleren bis höchsten Bewertung
zugestimmt hätte, ist anhand der fachlichen Qualifikation der Expertin 1 und der Art
und Weise, mit welcher sie an der praktischen Prüfung teilgenommen hat, zu
beurteilen.
3.3.
Rolle der Expertin 1 im Regelfall
Die Rolle der Expertin 1 richtete sich nach der Wegleitung des Bundesamtes für
Berufsbildung und Technologie über individuelle praktische Arbeiten (IPA) im Rahmen
der Abschlussprüfung im Qualifikationsverfahren der beruflichen Grundbildung vom
22. Oktober 2007 (nachfolgend Wegleitung BBT, act. 7/22a/6). Die Wegleitung galt für
Qualifikationsverfahren, in denen in der zugehörigen Verordnung über die Grundbildung
– wie in Art. 15 Abs. 2 Ingress und lit. a V FaGe 2008 – im massgebenden Artikel
"Gegenstand, Umfang und Durchführung des Qualifikationsverfahrens" eine
"Individuelle Praktische Arbeit" vorgesehen ist (Ziff. 1.1.1). Sie regelte das Prinzip und
die Rahmenbedingungen für das Qualifikationsverfahren und verteilte die Aufgaben
zwischen der direkt vorgesetzten Fachkraft und der Expertin. Im Rahmen der
3.3.1.
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"Individuellen Praktischen Arbeit" führte die zu qualifizierende Person an ihrem
betrieblichen Arbeitsplatz mit den gewohnten Mitteln und Methoden einen Auftrag aus.
Während einer festgelegten Zeitspanne wurden konkrete Praxisaufträge speziell
beobachtet und beurteilt (Ziffer 1.2.3). Die Beurteilung der Auftragserfüllung und der
erstellten Dokumentation oblag der vorgesetzten Fachkraft (Ziffer 1.2.4). Mindestens
ein Mitglied des Expertenteams hatte die durch die vorgesetzte Fachkraft
vorgenommene Beurteilung der Auftragserfüllung und die Plausibilität der
vorgeschlagenen Bewertung zu überprüfen (Ziffer 2.4.3). Das Expertenteam und die
vorgesetzte Fachkraft sollten sich nach Vorliegen des Bewertungsvorschlags für den
ausgeführten Prüfungsauftrag über die abschliessende Bewertung einigen. Mangels
Einigung hatte die von der kantonalen Behörde bezeichnete Prüfungsinstanz zu
entscheiden (Ziffer 2.4.5). Die Chefexpertin überprüfte die durch das Expertenteam und
die vorgesetzte Fachkraft vorgenommene Beurteilung und die Plausibilität der erteilten
Noten (vgl. Ziffer 6.1.5 der Wegleitung OdASanté 2011, vgl. auch Schweizerisches
Dienstleistungszentrum Berufsbildung / Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung,
Qualifikationsverfahren FaGe EFZ, Erläuterungen 2018; nachfolgend: Erläuterungen
SDBB FaGe EFZ 2018; act. 7/22a/4). Die Leistungen im abschliessenden
Qualifikationsverfahren werden mit den Noten eins bis sechs bewertet, wobei halbe
Zwischennoten zulässig sind (vgl. Erläuterungen SDBB FaGe EFZ 2018, act. 7/22a/4;
vgl. zum Ganzen auch D4 des Bildungsplans FaGe EFZ, Version vom 13. Version vom
13. November 2008, mit Änderungen vom 30. Oktober 2009 sowie vom 1. Juli 2011,
https://www.odasante.ch/ fileadmin/odasante.ch/docs/Berufliche_Grundbildung/
Bildungsplan_FaGe_OdASante_ 01072011.pdf, S. 64 ff.).
Aus den verschiedenen Wegleitungen und Erläuterungen ergibt sich
zusammenfassend, dass die "Individuelle Praktische Arbeit" von der vorgesetzten
Fachkraft bewertet wird. Die Überprüfung der "Individuellen Praktischen Arbeit" auf
formale Korrektheit und die Begleitung der Ausführung des Auftrags durch die Expertin
beschränkt sich grundsätzlich auf Stichproben. Die Prüfungsbesuche beschränken sich
auf das ausführungsabhängige nötige Mass und dienen in erster Linie der
Vertrauensbildung und den ergänzenden Beobachtungen für die Gesamtbeurteilung.
Mindestens ein Mitglied des Expertenteams – das heisst die Expertin 1 – überprüft die
durch die Fachkraft vorgenommene Beurteilung der Auftragserfüllung und die
Plausibilität der vorgeschlagenen Bewertung. Bei Uneinigkeit entscheidet die
Chefexpertin.
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Rolle der Expertin 1 im vorliegenden Fall
Zwar hat die Expertin 1 für die Beurteilung der "Individuellen Praktischen Arbeit"
grundsätzlich keinen Bewertungsauftrag, sondern prüft nur die Bewertung durch die
vorgesetzte Fachkraft auf Plausibilität hin. Dass ihre Rolle diesbezüglich grundsätzlich
beschränkt ist, liegt darin begründet, dass die praktische Prüfung auf die gewohnten
Mittel und Methoden am Arbeitsplatz der Auszubildenden ausgerichtet ist. Zu
berücksichtigen ist allerdings, dass die Beschwerdeführerin ihre Vorbildung ausserhalb
der geregelten beruflichen Grundbildung erworben hat und im Betrieb, in welchem sie
die praktischen Erfahrungen im Hinblick auf den Abschluss der Ausbildung sammelte,
vergleichsweise kurze Zeit tätig war und während längerer Zeit, aufgrund der
schwierigen Situation im Pflegeteam und des belasteten Verhältnisses zur Leitung der
Einrichtung, krankheitsbedingt fehlte. Deshalb relativiert sich die Bedeutung der
betrieblichen Besonderheiten. Entsprechend gewinnt die Einschätzung einer
aussenstehenden Expertin an Gewicht.
Im vorliegenden Fall hat die Expertin 1 sodann aufgrund der besonderen Umstände –
Schwierigkeiten der Beschwerdeführerin am Arbeitsplatz – die gesamte "Individuelle
Praktische Arbeit" der Beschwerdeführerin begleitet und – wie die vorgesetzte
Fachkraft – den Beurteilungs- und Bewertungsraster vollständig ausgefüllt. Bei ihrer
Plausibilitätskontrolle des Bewertungsvorschlags der vorgesetzten Fachkraft kam sie
zum Schluss, dieser entspreche nicht den Vorgaben. Folgerichtig griff sie deshalb in
die Bewertung ein. Die anschliessende Einigung mit der vorgesetzten Fachkraft war
rein formeller Natur, da die Beurteilung durch die vorgesetzte Fachkraft aufgrund der
konkreten Umstände in keiner Weise von Bedeutung sein konnte. Nicht relevant kann
unter diesen Umständen auch sein, dass sich die vorgesetzte Fachkraft nicht auf den
von der Expertin 1 vorgeschlagenen oberen Rahmen ihrer Beurteilung eingelassen hat
(vgl. dazu oben Erwägung 3.3.1).
Im Rekursverfahren führte der Beschwerdegegner in der Vernehmlassung vom
30. November 2018 (act. 7/22a/1) aus, die Expertin 1 sei eine fachlich versierte und
erfahrene Fachperson, die bestens auf ihre Aufgabe und Rolle vorbereitet gewesen sei.
Sie werde als sehr pflichtbewusst erlebt und nehme auch auf der Tertiärstufe
Fachgespräche ab. Vorbehalte und Befangenheiten melde sie transparent. Auch der
Beschwerdegegner hält fest, dass die Expertin 1 aufgrund der besonderen Situation
den Beurteilungs- und Bewertungsraster vollständig ausgefüllt hat. Unter diesen
Umständen ist davon auszugehen, dass die Expertin 1 ohne weiteres in der Lage war,
die von ihr beobachtete Erfüllung des Auftrags durch die Beschwerdeführerin
3.3.2.
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umfassend und gültig zu beurteilen und dies tatsächlich auch gemacht hat. Die
Kompetenzen, welche einer Expertin bei einer Visitation oder Hospitation
normalerweise zukommen, sind deshalb nicht von Belang.
Notenrahmen
Schliesslich fragt sich, ob unter den konkreten Umständen des vorliegenden Einzelfalls
auf die mittlere bis günstigste Beurteilung durch die Expertin 1 abgestellt werden darf.
Die Beschwerdeführerin hat die aus ihrer Sicht gerechtfertigte Benotung der
Leistungen der Beschwerdeführerin in den sieben geprüften Kompetenzen, teilweise
als Bandbreite, festgehalten. Es besteht – angesichts der Rolle der Expertin 1 – kein
ernsthafter Zweifel daran, dass sie im Bewertungsverfahren jeder mit ihrer eigenen
Beurteilung übereinstimmenden Bewertung durch die vorgesetzten Fachkraft
zugestimmt hätte. Das Verwaltungsgericht geht deshalb davon aus, mit dem von der
Expertin 1 vollständig ausgefüllten Beurteilungs- und Bewertungsraster liege ein
Beweismittel vorliegt, mit dem – frei gewürdigt – unter Berücksichtigung aller konkreten
Umstände dargetan ist, dass die Beschwerdeführerin anlässlich der "Individuellen
Praktischen Arbeit" vom 10. April 2018 eine Leistung erbracht hat, die mit einer –
allenfalls aufgerundeten – Teilnote von 4.5 bewertet werden kann.
3.3.3.
Zusammenfassend liegt ein durch die Expertin 1 festgestelltes gültiges
Prüfungsergebnis vor. Da sich die Auffassung der Expertin 1 nicht gegenüber der
vorgesetzten Fachkraft durchzusetzen brauchte, kann mit Blick auf die Besonderheiten
des vorliegenden Falles auf die Noten der Expertin 1 – soweit sie einen Rahmen
festgelegt hat auf den mittleren bis oberen Wert – abgestellt werden. Ohnehin
erschiene es als stossend, wenn die Beschwerdeführerin die "Individuelle Praktische
Arbeit" ohne Anrechnung des "ersten Versuchs" wiederholen "dürfte", vielmehr
müsste, obschon nicht ansatzweise erkennbar ist, dass sie die Nichtverwertbarkeit der
Bewertung der Prüfungsleistung bewirkt oder sonst wie zu verantworten hat. Die
Ursache für die Nichtverwertbarkeit ist vielmehr auf das vom Arbeitgeber ausgelöste
und im Ergebnis unhaltbare Verhalten der vorgesetzten Fachkraft und das nicht
durchwegs professionelle Gebaren der anderen Beteiligten im Nachgang zur Prüfung
zu erblicken. Die Beschwerdeführerin alleine die sich daraus ergebenden Lasten tragen
zu lassen, erschiene unter den dargelegten konkreten Umständen und insbesondere
angesichts einer vollständigen Bewertung ihrer "Individuellen Praktischen Arbeit" durch
eine dazu befähigte Expertin als verfehlt und geradezu stossend.
3.4.
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4.
Die Beschwerde ist somit gutzuheissen. Der angefochtene Entscheid ist insoweit
aufzuheben, als er – in Ziffer 1 des Dispositivs – den Beschwerdegegner anweist, der
Beschwerdeführerin ohne Anrechnung des erfolgslosen Prüfungsversuchs die
Möglichkeit zu geben, den Prüfungsteil "Praktische Arbeiten" zu wiederholen. Es ist
festzustellen, dass die Beschwerdeführerin – ausgehend von der Benotung ihrer
praktischen Prüfung durch die Expertin 1 – die "Praktische Arbeit mit Dokumentation"
mit der Teilnote 4.5, den Qualifikationsbereich "Praktische Arbeiten" mit der Note 4.2
(2x4.5, 1x3.5, Durchschnitt 4.16, auf eine Dezimalstelle aufzurunden) und die
Abschlussprüfung mit der Gesamtnote 4.2 (4.2 fünfzig Prozent, 4.0 dreissig Prozent,
4.7 zwanzig Prozent; 4.24, auf eine Dezimalstelle abzurunden) bestanden hat. Der
Beschwerdegegner ist anzuweisen, der Beschwerdeführerin das entsprechende
Fähigkeitszeugnis gemäss Art. 19 V FaGe 2008 auszustellen.
4.1.
Der vorinstanzliche Kostenspruch ist insoweit aufzuheben, als die amtlichen Kosten
des Rekursverfahrens von CHF 800 vollumfänglich dem Beschwerdegegner
aufzuerlegen sind (Ziffer 2 des Dispositivs). Es bleibt dabei, dass auf die Erhebung der
Kosten beim Beschwerdegegner verzichtet wird und die Vorinstanz der
Beschwerdeführerin den von ihr geleisteten Kostenvorschuss von CHF 800
vollumfänglich zurückerstattet (Ziffer 2 des Dispositivs).
4.2.
Sodann ist der vorinstanzliche Kostenspruch hinsichtlich der Höhe der ausseramtlichen
Entschädigung aufzuheben (Ziffer 3 des Dispositivs), da der Beschwerdegegner die
Beschwerdeführerin für die ausseramtlichen Kosten des Rekursverfahrens
vollumfänglich zu entschädigen hat. Aus der vorinstanzlichen Verlegung der amtlichen
Kosten im Verhältnis von einem Drittel zu zwei Dritteln ergäbe sich eine Entschädigung
der ausseramtlichen Kosten der Beschwerdeführerin im Umfang von einem Drittel. Bei
der festgesetzten Entschädigung von CHF 2‘000 ergäbe das CHF 6‘000. Diese
Entschädigung läge am obersten Rand des Rahmens für die Honorarpauschale im
Verfahren vor Verwaltungsbehörden (vgl. Art. 22 Abs. 1 Ingress und lit. a der
Honorarordnung; sGS 963.75, HonO). Eine solche Pauschalentschädigung möchte
einem Vergleich mit Rekursverfahren in anderen Rechtsgebieten nicht stand zu halten
und überschritte den Rahmen des der Vorinstanz zukommenden Ermessens.
4.3.
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5.