Decision ID: 3873d413-eccc-46a1-88e5-04db782ec338
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 3. August 2021 beantragten die Gesuchstellenden – ein Ehepaar und
deren volljährige Tochter (...) – bei der Schweizerischen Botschaft in Beirut
die Ausstellung von humanitären Visa (Akten der Vorinstanz [SEM act.
2/62 ff.]).
B.
Mit Formularverfügung vom 18. August 2021 verweigerte die Botschaft die
Ausstellung der Visa (SEM act. 2/35, 2/28, 2/21).
C.
Mit Verfügung vom 30. November 2021 wies die Vorinstanz die am 29. Ok-
tober 2021 gegen die Verweigerung der Visa erhobene Einsprache des
Beschwerdeführers ab (SEM act. 1 und 3).
D.
Am 4. Januar 2022 gelangte der Beschwerdeführer an das Bundesverwal-
tungsgericht und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
und die Einreise der Gesuchstellenden in die Schweiz sei so rasch wie
möglich zu bewilligen; eventualiter sei die Rechtssache zwecks weiterer
Sachverhaltsabklärungen an die Vorinstanz zurückzuweisen. In formeller
Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht (Akten des
Bundesverwaltungsgerichts [BVGer act. 1]).
E.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Februar 2022 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
(BVGer act. 4).
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 21. März 2022 beantragte die Vorinstanz die
Abweisung der Beschwerde (BVGer act. 7).
G.
Der Beschwerdeführer nahm mit Schreiben vom 28. April 2022 replikweise
Stellung (BVGer act. 9).
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Einspracheentscheide des SEM betreffend humanitäre Visa sind mit
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 112 Abs. 1
AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG). In diesem Bereich entscheidet das
Bundesverwaltungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das
VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde legitimiert (vgl. Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auch die übrigen Sachurteilsvoraussetzungen sind erfüllt,
weshalb auf die Beschwerde einzutreten ist (vgl. Art. 50 und Art. 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht von Am-
tes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Begründung
der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als
den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
3.
3.1 Der Beschwerdeführer macht unter anderem geltend, das SEM habe
das Visumsgesuch nicht genügend umfassend und sorgfältig geprüft. Die
Vorinstanz stütze sich in ihrem Entscheid auf Spekulationen und nicht auf
objektive Tatsachen. Sie habe sich mit der Situation der schwerkranken
Gesuchstellenden kaum auseinandergesetzt und sich zu den in der Ein-
sprache vorgebrachten Argumenten und Tatsachen ungenügend geäus-
sert. Das SEM habe lediglich unter Verwendung pauschaler Feststellungen
und standardisierter Begründungen über das Schicksal der Gesuchstellen-
den entschieden. Mit den aktuellen Berichten über die miserable politische
und wirtschaftliche Lage im Libanon und in Syrien habe sich das SEM hin-
gegen gar nicht auseinandergesetzt und sich zu den dortigen Lebensbe-
dingungen kaum geäussert. Weiter habe die Vorinstanz die Argumente der
Gesuchstellenden und die im Visumsverfahren eingereichten Beweise
nicht richtig gewürdigt. Es seien fallrelevante Tatsachen übersehen worden
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bzw. diese seien im Entscheid nicht beachtet worden (Beschwerde S. 2 f.
und S. 4). Mit diesen Vorbringen wird sinngemäss eine Verletzung der Prü-
fungs- sowie der Begründungspflicht durch das SEM gerügt. Weiter mo-
niert der Beschwerdeführer die unvollständige Feststellung des Sachver-
halts (Beschwerde S. 9).
3.2 Der verfassungsrechtliche Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst
eine Reihe persönlichkeitsbezogener Mitwirkungsrechte der Partei eines
Gerichts- oder Verwaltungsverfahrens. Im Zentrum steht das Recht, vor
dem Erlass einer belastenden Verfügung angehört zu werden (Art. 30
VwVG). Die Behörde hat die Partei jedoch nicht nur anzuhören, sondern
sie hat das Geäusserte sorgfältig zu prüfen, zu würdigen und bei der Ent-
scheidfindung zu berücksichtigen (Prüfungs- und Berücksichtigungspflicht;
vgl. Art. 32 VwVG). In einer engen Verbindung dazu steht die Pflicht der
Behörde, ihren Entscheid zu begründen (Art. 35 VwVG). Die Begründungs-
pflicht dient der rationalen und transparenten Entscheidfindung und soll die
Partei in die Lage versetzen, den Entscheid sachgerecht anzufechten. Das
setzt voraus, dass die Behörde die Überlegungen nennt, von denen sie
sich beim Entscheid leiten liess. Dabei ist sie nicht gehalten, zu jedem Ar-
gument der Partei explizit Stellung zu nehmen. Es genügt, wenn aus der
Gesamtheit der Begründung implizit hervorgeht, weshalb das Vorge-
brachte als unrichtig oder unwesentlich übergangen wird (vgl. BGE 137 II
266 E. 3.2 m.H.; BVGE 2012/24 E. 3.2).
3.3 Die unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts
kann nach Art. 49 Bst. b VwVG gerügt werden. Unvollständig ist die Sach-
verhaltsfeststellung, wenn die Behörde trotz des geltenden Untersu-
chungsgrundsatzes (Art. 12 VwVG) den Sachverhalt nicht von Amtes we-
gen abgeklärt, oder nicht alle für den Entscheid wesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt hat (vgl. BENJAMIN SCHINDLER, in: Kommentar zum
VwVG, 2. Aufl. 2019, Art. 49 N. 29).
3.4 Aus der angefochtenen Verfügung ergibt sich, dass sich die Vorinstanz
eingehend mit der individuellen Situation der Gesuchstellenden auseinan-
dergesetzt hat. Das SEM legte in nachvollziehbarer Weise dar, inwiefern in
Bezug auf die Gesuchstellenden keine unmittelbare, ernsthafte und kon-
krete Gefährdung an Leib und Leben vorliegt. Dabei wurden auch ihre ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen ausführlich beschrieben und gewürdigt.
Eine unvollständige Feststellung des Sachverhalts durch das SEM kann
nicht ausgemacht werden. Dem Beschwerdeführer war eine sachgerechte
Anfechtung möglich. Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser
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Sachlage als unbegründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sa-
che an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das Rechtsbegehren ist demzu-
folge abzuweisen. Aus der Tatsache allein,dass der Beschwerdeführer die
Beurteilung durch die Vorinstanz nicht teilt, kann nicht auf eine Verletzung
der Begründungspflicht durch die Vorinstanz geschlossen werden. Ob die
materielle Beurteilung der Vorinstanz zutrifft, ist nachfolgend zu prüfen.
4.
4.1 Als Staatsangehörige Syriens unterliegen die Gesuchstellenden der Vi-
sumspflicht gemäss Art. 9 der Verordnung vom 15. August 2018 über die
Einreise und die Visumerteilung (VEV, SR 142.204). Mit ihren Gesuchen
beabsichtigen sie einen längerfristigen Aufenthalt, weshalb diese nicht
nach den Regeln zur Erteilung von Schengen-Visa, sondern nach den
Bestimmungen des nationalen Rechts zu prüfen sind (vgl. BVGE 2018
VII/5 E. 3.5 und E. 3.6.1).
4.2 Gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV kann in Abweichung von den allgemeinen
Einreisevoraussetzungen (vgl. Art. 4 Abs. 1 VEV) in begründeten Fällen
aus humanitären Gründen ein Visum für einen längerfristigen Aufenthalt
erteilt werden. Ein solcher Fall liegt insbesondere vor, wenn die betreffende
Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und
Leben gefährdet ist.
4.3 Praxisgemäss werden humanitäre Visa nur unter sehr restriktiven Be-
dingungen ausgestellt (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.3). Diese werden dann als
erfüllt angesehen, wenn bei einer Person aufgrund der konkreten Um-
stände offensichtlich davon ausgegangen werden muss, dass sie sich im
Heimat- oder Herkunftsstaat in einer besonderen Notsituation befindet, die
ein behördliches Eingreifen zwingend erforderlich macht und es rechtfer-
tigt, ihr – im Gegensatz zu anderen Personen in derselben Lage – ein Ein-
reisevisum zu erteilen. Das kann etwa bei akuten kriegerischen Ereignis-
sen oder aufgrund einer konkreten individuellen Gefährdung, die sie mehr
als alle anderen Personen betrifft, gegeben sein. Befindet sich die be-
troffene Person bereits in einem Drittstaat (BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3) oder
ist sie nach einem Aufenthalt in einem solchen freiwillig in ihr Heimat- oder
Herkunftsland zurückgekehrt (vgl. Urteil des BVGer F-4658/2017 vom
7. Dezember 2018 E. 4.3) und hat sie die Möglichkeit, sich erneut in den
Drittstaat zu begeben, ist in der Regel davon auszugehen, dass keine Ge-
fährdung mehr besteht.
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4.4 Das Visumsgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefähr-
dung, der persönlichen Umstände der betroffenen Person und der Lage im
Heimat- oder Herkunftsland sorgfältig zu prüfen. Dabei können auch wei-
tere Kriterien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die hier
bestehenden Integrationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem an-
deren Land um Schutz nachzusuchen, berücksichtigt werden (BVGE 2018
VII/5 E. 3.6.3; Urteile des F-533/2020 E. 3.3 f.; F-898/2021 E. 3.3). Bei der
Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gilt ein gegenüber dem
Asylverfahren erhöhtes Beweismass. Die Gefährdung muss offensichtlich
sein; eine blosse Glaubhaftmachung genügt nicht (statt vieler: Urteil des
BVGer F-596/2022 vom 22. August 2022 E. 5.3 m.H.).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründet ihren ablehnenden Entscheid zusammenfas-
send damit, dass die geltend gemachten gesundheitlichen Beschwerden
der Gesuchstellenden für eine Bejahung der konkreten Gefährdung als zu
wenig gravierend einzustufen seien. Bezüglich der vom Beschwerdeführer
ausführlich dargelegten Lebensumstände der Familienangehörigen im Li-
banon sei anzumerken, dass die Gesuchstellenden bereits wieder nach
Syrien zurückgereist seien und die Situation im Libanon vorliegend nicht
im Vordergrund stehe. Es werde nicht verkannt, dass die Situation in Syrien
ganz allgemein schwierig sei, aber alleine der Umstand, dass die medizi-
nischen Gegebenheiten, das Fachwissen oder die Behandlungsmöglich-
keiten in Syrien und im Libanon nicht dasselbe Niveau aufweisen würden
wie in der Schweiz, vermöge keine Situation der akuten, ernsthaften und
konkreten Gefährdung an Leib und Leben zu begründen (SEM act. 3).
5.2 Der Beschwerdeführer bringt demgegenüber in seiner Rechtsmittelein-
gabe im Wesentlichen vor, die Gesuchstellenden seien vertrieben worden
und hätten alles verloren. Sie seien einzig wegen der Einreichung eines
Visumsgesuches in den Libanon gereist. Es sei ihnen aber nicht gelungen,
dort untergebracht und registriert zu werden. Die Situation dort sei im stän-
digen Wandel. Die Gesuchstellenden seien zudem gemäss Einreisebe-
stimmungen für syrische Staatsangehörige verpflichtet und seien auch ex-
plizit aufgefordert worden, den Libanon zu verlassen. Gemäss Praxis der
Vorinstanz müssten alle syrischen Staatsangehörigen, die in einen Dritt-
staat einreisen würden, vom Verfahren zur Erlangung humanitärer Visa
ausgeschlossen werden. Diese Praxis sei nicht für alle Verfahren zutref-
fend und dürfe nicht verallgemeinert werden. Die Gesuchstellenden seien
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schwer krank und hätten im Libanon keinen hinreichenden Schutz gefun-
den. Sie würden aktuell in einem kleinen Dorf in Syrien leben, welches etwa
10 km vom Stadtzentrum al-Hasaka entfernt sei. Dort würden sie in einer
Lehmbehausung ohne Türen und Fenster wohnen. Sie seien krank und
könnten nicht arbeiten, würden von Almosen leben und müssten um Geld
betteln. Wiederholt hätten sie erfolglos versucht, sich bei humanitären und
karitativen Organisationen registrieren zu lassen. Zusammen mit dem Ge-
such um humanitäre Visa seien mehrere Arztberichte samt Übersetzungen
sowie ein Behindertenausweis eingereicht worden. Auf Beschwerdeebene
seien zudem neue Arztberichte eingereicht worden. Diese würden bestäti-
gen, dass die Gesuchstellenden krank seien und im Ausland medizinisch
behandelt und versorgt werden müssten. Es handle sich um schwere Be-
hinderungen und Krankheiten, die lebensbedrohlich seien. Bei einer Läh-
mung müsse die Schwere der Beeinträchtigungen angeschaut und berück-
sichtigt werden. Das Leben mit einer Lähmung in einem Land, in dem es
an allem fehle, sei eine Qual. Eine Herzkrankheit und ein schwaches Herz
seien eine ernsthafte Sache und sehr besorgniserregend. Das Problem
werde noch gravierender, wenn die notwendige medizinische Behandlung
fehle. Das SEM verkenne weiter, dass die Behandlung der Gesuchstellen-
den anforderungsreicher sei als die ohnehin nicht vollumfänglich gewähr-
leistete Grundversorgung. Die von den Gesuchstellenden dringend benö-
tigte medizinische Versorgung fehle in Syrien vollständig. Auch bei einer
allfälligen Wiederausreise in den Libanon sei in Ermangelung der finanzi-
ellen Kapazitäten eine adäquate Behandlung nicht gewährleistet (BVGer
act. 1).
Mit der Beschwerde wurden diverse medizinische Unterlagen, inkl. einem
Behindertenausweis eingereicht.
5.3 In ihrer Vernehmlassung setzte sich die Vorinstanz mit den auf Be-
schwerdeebene eingereichten medizinischen Berichten und den darin auf-
geführten Diagnosen auseinander. Sie kam zum Schluss, dass die Ge-
suchstellenden zwar unter beeinträchtigenden gesundheitlichen Be-
schwerden leiden würden. Jedoch müsse nicht von einer unmittelbar le-
bensbedrohlichen Situation ausgegangen werden. Offenbar hätten die Ge-
suchstellenden in Syrien Zugang zu Fachärzten, womit zumindest die me-
dizinische Grundversorgung gewährleistet sei. Der Umstand, dass sie im
Ausland eine bessere Behandlung erhalten könnten, ändere am Ausgang
des Verfahrens nichts. Das SEM gehe zudem davon aus, dass sich die
Gesuchstellenden aufgrund ihrer freiwilligen Rückkehr nach Syrien dort
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nicht in einer lebensbedrohlichen Situation befinden würden. Die Lebens-
umstände im Libanon würden daher nicht mehr im Vordergrund stehen
(BVGer act. 7).
5.4 Dagegen wendet der Beschwerdeführer replikweise zusammenfas-
send ein, bei den eingereichten medizinischen Berichten handle es sich
nicht um medizinische Gutachten, sondern um übliche Arztzeugnisse. Für
Ärzte und medizinisches Personal sei es eine Selbstverständlichkeit, dass
sich der Zustand eines Patienten verschlechtern werde, wenn er die ange-
messene Behandlung nicht erhalte und dass Unterlassungen zum Tod füh-
ren könnten. Weiter sei in der Einsprache und der Beschwerde eingehend
ausgeführt worden, weshalb die Gesuchstellenden nach Syrien hätten zu-
rückkehren müssen. Die Situation im Libanon sei wie in Syrien, wenn nicht
sogar noch schlimmer. Die libanesischen Behörden würden Neuankömm-
linge nicht mehr aufnehmen und sie zur Rückkehr nach Syrien zwingen.
Dortige Hilfsorganisationen seien in keiner Weise in der Lage zu helfen.
Ursprünglich hätte die Familie nur für den Botschaftstermin in den Libanon
einreisen dürfen. Einreisende hätten 24 bis 48 Stunden Zeit für einen Bot-
schaftstermin. Wer gegen die Einreisebestimmungen verstosse, werde be-
straft und nach Syrien abgeschoben (BVGer act. 9).
Mit der Replik wurden zwei weitere medizinische Berichte eingereicht.
6.
6.1 Gemäss den vorinstanzlichen Akten hätten die Gesuchstellenden (El-
tern bzw. Schwester des Beschwerdeführers) in der syrischen Stadt (...)
gelebt, bis diese im Oktober 2019 durch die Türkei und islamistische Mili-
zen übernommen worden sei. Danach hätten sie in Al-Hasaka Zuflucht ge-
funden. Nachdem sie sich zwecks Gesuchstellung um humanitäre Visa in
den Libanon begeben hätten, seien sie wieder nach Syrien zurückgekehrt
(SEM act. 2/59). Gemäss Beschwerdeeingabe würden sie sich aktuell im
Dorf B._, welches ca. zehn Kilometer vom Stadtzentrum von Al-Ha-
saka entfernt sei, leben (S. 4 ebenda).
Es gilt somit zu prüfen, ob die Gesuchstellenden dort einer unmittelbaren,
ernsthaften und konkreten Gefährdung an Leib und Leben ausgesetzt sind.
6.2 Der Beschwerdeführer verweist in seiner Rechtsmitteleingabe in wei-
ten Teilen in sehr allgemeiner Weise auf die schwierigen Bedingungen von
syrischen Flüchtlingen innerhalb von Syrien. Diese Vorbringen sind aber
nicht geeignet, eine konkrete Gefährdung der Gesuchstellenden in ihrer
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Heimat aufzuzeigen. Bezüglich ihrer individuellen Verhältnisse wird ledig-
lich ausgeführt, dass sie in einer Lehmbehausung unter prekären Bedin-
gungen unweit der Stadt Al-Hasaka lebten (vgl. E. 5.2). Auch wenn unbe-
stritten ist, dass die Lebensumstände insbesondere für gesundheitlich be-
einträchtigte Menschen in Syrien schwierig sind, so vermag dieses Vorbrin-
gen nicht zur Annahme zu führen, die Lebens- und Existenzbedingungen
der Gesuchstellenden seien – gemessen am Schicksal der restlichen, sy-
rischen Bevölkerung – in gesteigertem Masse bedroht oder derart in Frage
gestellt, dass ein behördliches Eingreifen als zwingend notwendig erschei-
nen würde. Schliesslich gilt es darauf hinzuweisen, dass sie in finanzieller
Hinsicht durch ihre in der Schweiz lebenden Familienangehörigen unter-
stützt werden können und diese Unterstützung gemäss den Akten auch
geleistet wird (SEM act. 2/36, 2/38, 2/42).
6.3 Weiter ist zu prüfen, ob der Gesundheitszustand der Gesuchstellenden
geeignet ist, eine Notlage im Sinne der Rechtsprechung zu begründen.
6.3.1 Einem undatierten Bericht eines Facharztes für Orthopädie und Chi-
rurgie ist zu entnehmen, dass der Vater des Beschwerdeführers an einer
Degeneration des linken Hüftgelenks leide und operiert werden müsse
(Hüftgelenkersatz links); dies benötige eine sorgfältige chirurgische Arbeit;
nach der Operation benötige er eine Physiotherapie mit modernen Hilfs-
mitteln und diese fortschrittlichen Geräte seien in Syrien nicht verfügbar.
Werde die Operation nicht durchgeführt, drohe ihm eine lebenslange Be-
hinderung (SEM act. 2/37; Beilage zu BVGer act. 1). Weiter wurde mit Be-
schwerde ein Behindertenausweis eingereicht (Beilage zu BVGer act. 1).
In einem mit der Replik eingereichten (undatierten) fachärztlichen Bericht
wird aufgeführt, der Gesuchsteller leide an einer Muskelatrophie im linken
Oberschenkel und an einer Degeneration des linken Hüftgelenks. Er benö-
tige dringend eine orthopädische Operation, um das linke Hüftgelenk zu
ersetzen sowie Physiotherapie nach dem Eingriff. Diese komplexe Opera-
tion müsse dringend im Ausland in einem spezialisierten Zentrum durchge-
führt werden. Werde die Operation nicht durchgeführt, drohe ihm eine le-
benslange Gehbehinderung (Beilage zur Replik).
6.3.2 Die Mutter des Beschwerdeführers habe gemäss den Ausführungen
des Beschwerdeführers im vorinstanzlichen Verfahren einen Herzinfarkt
erlitten und leide unter Herzschwäche, Diabetes sowie Anämie und benö-
tige eine Blutanalyse, eine Herzkatheteruntersuchung, einen chirurgischen
Eingriff und eventuell auch einen Herzschrittmacher (SEM act. 2/58). Mit
Beschwerde reichte der Beschwerdeführer einen undatierten Bericht eines
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Gastroenterologen und Internisten ein. Es wurde bestätigt, dass die Ge-
suchstellerin seit 20 Jahren eine Diabetes und seit 10 Jahren eine
Herzischämie habe; sie leide an einer Herzschwäche um 50% infolge eines
Herzinfarkts sowie an einer Anämie; sie benötige eine Blutanalyse und eine
Herzkatheteruntersuchung sowie einen chirurgischen Eingriff, was auf-
grund fehlender Ausrüstung und nicht vorhandener Fachkräfte nicht mög-
lich sei; eventuell benötige sie einen Herzschrittmacher (Beilage zu BVGer
act. 1). Einem mit Replik eingereichten internistischen Bericht vom 26. April
2022 ist zu entnehmen, dass die Gesuchstellerin seit 20 Jahren an Diabe-
tes mellitus Typ 2, Herzinsuffizienz, Herzstolpern und Herzattacken leide.
Sie müsse ins Ausland reisen, damit ihr ein Defibrillator eingesetzt werden
könne (vgl. dazu auch Ausführungen des Beschwerdeführers in der Replik
S. 2).
6.3.3 Die Schwester des Beschwerdeführers leide an einer angeborenen
Luxation der linken Hand. Sie benötige einen chirurgischen Eingriff, um das
Handgelenk «auszuwechseln» und müsse sich einer Physiotherapie unter-
ziehen, ansonsten drohe ihr eine Lähmung des Handgelenks. Sie benötige
Physiotherapie mit modernen Hilfsmitteln, welche in Syrien nicht erhältlich
seien (Beilage zu BVGer act. 1). Der Beschwerdeführer macht in seiner
Replik zudem erneut geltend, die Lähmung könne in Syrien nicht verhindert
werden. Die Schwester könne jedoch genesen, wenn sie die richtige Be-
handlung erhalte (S. 2 ebenda).
6.4 Aus den eingereichten medizinischen Berichten geht zwar hervor, dass
die Gesuchstellenden allesamt an gesundheitlichen Problemen leiden. Die
medizinischen Ausführungen gestalten sich jedoch in Bezug auf die Symp-
tomatik und die entsprechenden Therapiemöglichkeiten wenig differen-
ziert. Es stellt sich insbesondere die Frage, ob alternative Behandlungs-
möglichkeiten vorhanden sind und solche auch in Betracht gezogen wur-
den. Der blosse Verweis darauf, dass eine komplexe Operation dringend
im Ausland in einem spezialisierten Zentrum durchgeführt werden müsse,
führt zudem auch nicht zur Annahme, der Eingriff könne in Syrien gar nicht
stattfinden (zur medizinischen Versorgung im Gouvernement Al-Hasaka im
Allgemeinen vgl. Urteil des BVGer F-4480/2019 vom 17. April 2021
E. 5.2.1). Sollten die für die Physiotherapie benötigten Geräte in Syrien
nicht erhältlich sein, liesse sich auch daraus kein Notfall ableiten. Ins Leere
läuft zudem die Behauptung des Beschwerdeführers, die nötige medizini-
sche Versorgung für die Gesuchstellenden fehle in Syrien komplett (Be-
schwerde S. 9). Die eingereichten medizinischen Berichte lassen vielmehr
den Schluss zu, dass sie vor Ort Zugang zu (fachärztlicher) Behandlung
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haben. Bei dieser Sach- und Aktenlage kann nicht davon ausgegangen
werden, dass eine Einreise in die Schweiz aus medizinischen Gründen
zwingend erforderlich sei. Zudem gilt es darauf hinzuweisen – wie es be-
reits das SEM erwähnt hat –, dass die medizinische Infrastruktur in Syrien
nicht dasselbe Niveau aufweisen muss wie dasjenige hierzulande. Im Üb-
rigen war das SEM nicht gehalten, in seiner Vernehmlassung weitere Aus-
führungen zum Gesundheitszustand des Vaters zu machen, nachdem es
sich bereits in der angefochtenen Verfügung (S. 3 oben) hinreichend damit
auseinandergesetzt hatte. Der mit Beschwerde eingereichte medizinische
Bericht brachte betreffend ihn keine neuen Erkenntnisse (vgl. Replik S. 2).
6.5 Wie vorstehende Erwägungen zeigen, geht auch das Bundesverwal-
tungsgericht nicht davon aus, die Gesuchstellenden seien in ihrem Heimat-
land Syrien ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet. Es erübrigt
sich somit, auf die Situation der Gesuchstellenden im Libanon einzugehen.
Diesbezügliche Ausführungen wären zudem rein spekulativ (vgl. auch Ur-
teile des BVGer F-596/2022 vom 22. August 2022 E. 5.1 und F-231/2022
vom 4. Juli 2022 E. 5.1).
7.
Eine Gesamtwürdigung der Situation der Gesuchstellenden in Syrien führt
zum Schluss, dass ihre Situation zweifellos schwierig und belastend ist.
Eine unmittelbare, ernsthafte und konkrete Gefährdung an Leib und Leben
vermögen jedoch weder der Gesundheitszustand der Gesuchstellenden
noch ihre Wohnsituation zu begründen. Auch die vorhandenen Bindungen
zur Schweiz vermögen an dieser Einschätzung nichts zu ändern. Weiter ist
eine Verletzung der Rechtsgleichheit nicht ersichtlich (vgl. Beschwerde
S. 2).
8.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Gesuchstellenden die
Voraussetzungen für die Ausstellung humanitärer Visa für die Einreise in
die Schweiz nicht erfüllen. Die angefochtene Verfügung erweist sich somit
im Lichte von Art. 49 VwVG als rechtmässig. Damit ist die Beschwerde ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Zufolge der mit
F-34/2022
Seite 12
Zwischenverfügung vom 18. Februar 2022 gewährten unentgeltlichen Pro-
zessführung ist jedoch auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzich-
ten.
(Dispositiv nächste Seite)
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