Decision ID: 23fda1a7-304e-439b-8f18-6378c4fd812a
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im September 2013 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu
einer ganzen Rente der Invalidenversicherung an (EL-act. 166). Sie gab unter anderem
an, dass sie Unterhaltsleistungen von 16’200 Franken pro Jahr erhalte. Dem
Anmeldeformular lag ein Scheidungsurteil vom 20. März 2013 bei (EL-act. 174), mit
dem der ehemalige Ehemann der EL-Ansprecherin verpflichtet worden war, einen
monatlichen Unterhalt in der Höhe der Differenz zwischen 2’800 Franken und der
ausbezahlten Rente der Invalidenversicherung, maximal jedoch 1’350 Franken pro
Monat, zu bezahlen, bis er das ordentliche Rentenalter erreicht habe. Der
Unterhaltsbeitrag war indexiert, das heisst er sollte jedes Kalenderjahr an den neuen
Landesindex der Konsumentenpreise angepasst werden. Die im Scheidungsurteil
erwähnten Beträge basierten auf dem Stand Ende September 2012 von 103,4 Punkten
(Basis Dezember 2005 = 100 Punkte). Im Jahr 2013 belief sich der Betrag der
Invalidenrente auf 691 Franken pro Monat (EL-act. 167–4). Mit einer Verfügung vom 14.
November 2013 sprach die EL-Durchführungsstelle der EL-Ansprecherin mit Wirkung
ab dem 1. September 2013 eine Ergänzungsleistung zu (EL-act. 158). Der Begründung
der Verfügung sowie dem Berechnungsblatt (EL-act. 159 f.) liess sich entnehmen, dass
die EL-Durchführungsstelle die kantonale Durchschnittsprämie für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung, den gesetzlichen Maximalbetrag für den
Wohnungsmietzins sowie die Lebensbedarfspauschale als Ausgaben, die Rente der
Invalidenversicherung, Unterhaltsbeiträge von 16’200 Franken, einen Vermögensertrag
sowie einen hypothetischen Vermögensverzehr von 6’179 Franken als Einnahmen
A.a.
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angerechnet hatte. Den hypothetischen Vermögensverzehr hatte sie wie folgt
berechnet: Sie hatte das Sparguthaben von 23’899 Franken, ein
Freizügigkeitsguthaben von 75’899 Franken sowie einen Vermögensverzicht von
30’394 Franken (Verzicht auf Beteiligung am Erlös des im Rahmen der Scheidung
erfolgten Verkaufs der ehelichen Liegenschaft) als anrechenbares Vermögen
berücksichtigt, davon den Freibetrag von 37’500 Franken abgezogen und vom
Ergebnis einen Fünfzehntel als hypothetischen Vermögensverzehr angerechnet.
Da die zuständige Ausgleichskasse erst nach der Berechnung des Betrages der
Invalidenrente erfahren hatte, dass die EL-Ansprecherin verheiratet gewesen war und
sich hatte scheiden lassen, musste sie nachträglich ein sogenanntes „Splitting“
durchführen und die Rentenbeträge neu berechnen (vgl. EL-act. 157). Mit einer
Verfügung vom 20. November 2013 sprach die IV-Stelle der EL-Ansprecherin mit
Wirkung ab dem 1. Juli 2013 eine Rente von 1’033 Franken pro Monat zu (EL-act. 154–
2). Am 9. Dezember 2013 erhob die EL-Ansprecherin eine Einsprache gegen die EL-
Verfügung vom 14. November 2013 (EL-act. 151). Sie beantragte die Neuberechnung
der Ergänzungsleistung ohne Berücksichtigung eines Vermögensverzichtes. Zur
Begründung führte sie aus, im Zeitpunkt der Scheidungsverhandlung habe von sehr
schlechten Verkaufsaussichten ausgegangen werden müssen. Man habe den
realistischerweise erzielbaren Erlös als sehr gering taxiert. Die EL-Ansprecherin sei
anwaltlich vertreten gewesen. Zudem habe die Vormundschaftsbehörde die
Scheidungskonvention geprüft und genehmigt. Vor diesem Hintergrund könne
keinesfalls von einem Verzicht ausgegangen werden. Mit einem Entscheid vom 21.
Februar 2014 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-act. 140). Bereits
am 3. Januar 2014 hatte sie eine Verfügung erlassen, mit der sie die
Ergänzungsleistung rückwirkend ab Anspruchsbeginn (1. September 2013) neu
festgesetzt respektive das Leistungsbegehren für die Monate September bis und mit
Dezember 2013 zufolge eines Einnahmenüberschusses abgewiesen und mit Wirkung
ab dem 1. Januar 2014 eine Ergänzungsleistung in der Höhe der sogenannten
Minimalgarantie zugesprochen hatte (EL-act. 143). Den Berechnungsblättern zur
Verfügung liess sich entnehmen (EL-act. 144 ff.), dass die EL-Durchführungsstelle den
höheren Betrag der Invalidenrente angerechnet, ansonsten aber keinerlei Korrekturen
vorgenommen hatte. Sowohl die Verfügung vom 3. Januar 2014 als auch der
A.b.
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Einspracheentscheid vom 21. Februar 2014 erwuchsen unangefochten in formelle
Rechtskraft.
Am 29. September 2021 liess die EL-Bezügerin eine Erhöhung der Ergänzungs
leistung beantragen (EL-act. 23). Ihr Beistand machte geltend, die monatlichen
Unterhaltszahlungen des ehemaligen Ehemannes seien letztmals für den Monat März
2021 geschuldet gewesen; die entsprechende Überweisung sei am 26. Februar 2021
erfolgt. Mit einer Verfügung vom 19. Oktober 2021 erhöhte die EL-Durchführungsstelle
die laufende Ergänzungsleistung per 1. September 2021 um 1’350 Franken pro Monat
(EL-act. 21). Zur Begründung führte sie an, sie habe den Anspruch nun ohne die
Unterhaltszahlungen neu berechnet. Die Revision müsse ab jenem Monat erfolgen, in
dem die Veränderung gemeldet worden sei.
A.c.
Am 26. Oktober 2021 liess die durch ihren Beistand vertretene EL-Bezügerin eine
Einsprache gegen die Verfügung vom 19. Oktober 2021 erheben (act. G 18). Ihr
Vertreter machte geltend, im ursprünglichen Verwaltungsverfahren Ende 2013 sei
mehrfach auf den Wegfall der Unterhaltsleistungen mit Erreichen des ordentlichen
Rentenalters des ehemaligen Ehemannes hingewiesen worden. Die EL-Bezügerin hätte
diesen Umstand nicht erneut melden müssen; sie habe ihre Meldepflicht schon längst
erfüllt gehabt. Die revisionsweise Erhöhung der Ergänzungsleistung dürfe deshalb nicht
erst auf den 1. September 2021 hin vorgenommen werden. Eine Sachbearbeiterin der
EL-Durchführungsstelle notierte am 3. März 2022 (EL-act. 9), die Verwaltung sei nicht
verpflichtet, Vormerk von erst acht Jahre später eintretenden
Sachverhaltsveränderungen zu nehmen. Die EL-Bezügerin hätte erneut auf den Wegfall
der Unterhaltsleistungen hinweisen müssen. Das habe sie weder im Rahmen der
periodischen Überprüfung im Dezember 2020 noch im Zusammenhang mit einer
Revision der Ergänzungsleistung im März 2021 getan. Mit einem Entscheid vom 10.
März 2022 wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-act. 8). Zur
Begründung führte sie an, eine Sachverhaltsveränderung müsse zeitnah gemeldet
werden. Die EL-Bezügerin habe zwar im Jahr 2013 auf das mutmassliche Ende der
Unterhaltszahlungen im Jahr 2021 hingewiesen, aber damals sei ja noch gar nicht
definitiv absehbar gewesen, wie sich der Sachverhalt bezüglich der
Unterhaltsleistungen in den folgenden Jahren entwickeln werde. Die EL-Bezügerin
hätte das definitive Ende der Unterhaltszahlungen im Frühjahr 2021 deshalb melden
A.d.
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B.

Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem
des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Auch das Einspracheverfahren ist ein
(„echtes“) Rechtsmittelverfahren gewesen, was bedeutet, dass sich sein Zweck in der
Überprüfung der Verfügung vom 19. Oktober 2021 auf deren Rechtmässigkeit
erschöpft und dass sein Gegenstand folglich jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprochen hat. Das am 19. Oktober 2021 abgeschlossene
Verwaltungsverfahren ist ein Revisionsverfahren im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG
gewesen, dessen Gegenstand ausschliesslich die Frage nach einer revisionsweisen
Erhöhung der Ergänzungsleistung infolge des Wegfalls der Unterhaltszahlungen des
ehemaligen Ehemannes gebildet hat. Auch in diesem Beschwerdeverfahren ist also
müssen, damit die Ergänzungsleistung zu einem früheren Zeitpunkt hätte erhöht
werden können. Das habe sie aber nicht getan.
Am 1. April 2022 liess die EL-Bezügerin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 10. März 2022 erheben (act. G
1). Ihr Vertreter beantragte die revisionsweise Erhöhung der Ergänzungsleistung per 1.
April 2021. Zur Begründung führte er aus, die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die
Beschwerdegegnerin) sei mehrfach mit dem Scheidungsurteil bedient worden. Das
Enddatum der Unterhaltszahlungen sei fixiert gewesen. Die Beschwerdeführerin sei
davon ausgegangen, dass sie damit ihre Meldepflicht erfüllt habe. Als im April 2021
keine Revision erfolgt sei, habe sie zunächst gedacht, angesichts der Pendenzenlast
der Beschwerdegegnerin werde noch etwas Zeit verstreichen, bis die
Revisionsverfügung ergehe. Als sie im September 2021 noch immer keine
Revisionsverfügung erhalten habe, habe sie „zum x-ten Mal auf die Endlichkeit des
Ehegattenunterhaltes hingewiesen“.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 15. Juni 2022 unter Hinweis auf die
Erwägungen im Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 7).
B.b.
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allein die Frage nach einer revisionsweisen Erhöhung der Ergänzungsleistung nach
dem Ende der Unterhaltszahlungen zu beantworten.
2.
Der ehemalige Ehemann der Beschwerdeführerin ist gemäss dem Scheidungsurteil
vom 20. März 2013 verpflichtet gewesen, einen monatlichen Unterhaltsbeitrag von
2’800 Franken abzüglich des Betrages der Invalidenrente, maximal aber 1’350 Franken,
zu leisten. Da der Unterhaltsbeitrag indexiert gewesen ist, hätte sich der Betrag jedes
Kalenderjahr erhöhen müssen. Tatsächlich sind aber bis und mit Ende Februar 2021
stets Unterhaltszahlungen von 1’350 Franken pro Monat erfolgt. Die Frage, ob die
Beschwerdeführerin auf Einnahmen verzichtet hat, indem sie nicht auf der Indexierung
bestanden hat, gehört nicht zum Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens, weshalb
nicht weiter darauf einzugehen ist. Da der Betrag der Invalidenrente im gesamten
Zeitraum tiefer als 2’800 – 1’350 = 1’450 Franken pro Monat gewesen ist, hat der
ehemalige Ehemann der Beschwerdeführerin stets den Maximalbetrag von 1’350
Franken pro Monat respektive 16’200 Franken pro Jahr bezahlt. Im März 2021 hat er
das ordentliche Rentenalter erreicht, weshalb die letzte Zahlung Ende Februar 2021 für
den Monat März 2021 erfolgt ist. Die anrechenbaren Einnahmen der
Beschwerdeführerin haben sich damit (unbestrittenermassen) per 1. April 2021 um
16’200 Franken reduziert, wodurch sich die Ergänzungsleistung an sich per 1. April
2021 um 16’200 Franken hätte erhöhen müssen. Die Beschwerdegegnerin hat sich
allerdings auf den Standpunkt gestellt, die Meldung dieser Sachverhaltsveränderung
sei verspätet, nämlich erst im September 2021, erfolgt, weshalb die
Ergänzungsleistung in Anwendung des Art. 25 Abs. 2 lit. b ELV erst per 1. September
2021 habe erhöht werden dürfen.
2.1.
Entgegen der Behauptung der Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin
bereits im ursprünglichen Verfahren im Herbst 2013 all jene Unterlagen eingereicht, die
erforderlich gewesen sind, um die Alimentenschuld des ehemaligen Ehemannes, die
Höhe dieser Schuld und das Ende der Alimentenzahlungen zu belegen. Einer
elektronischen Notiz zum von der Beschwerdeführerin im Rahmen der periodischen
Überprüfung 2020 eingereichten Formular lässt sich entnehmen, dass die
Beschwerdegegnerin das Scheidungsurteil archiviert hat („im ELAR-Archiv:
Scheidungsurteil“; EL-act. 30–7). Nach der Würdigung dieser Belege hat der
Beschwerdegegnerin klar sein müssen, dass die letzte Alimentenzahlung für den Monat
März 2021 geschuldet sein würde. Die Beschwerdegegnerin hat sinngemäss
behauptet, dass es ihr nicht zumutbar gewesen sei, einen Vormerk von einer erst gut
sieben Jahre später eintretenden Sachverhaltsveränderung zu nehmen. Das wäre
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/7
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3.
Gerichtskosten sind nicht zu erheben (Art. 61 lit. f ATSG). Die nicht anwaltlich
vertretene Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.