Decision ID: aa75901f-ebe1-5bb6-bf31-c9cfce99d3ba
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
D._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Kreso Glavas, Haus zur alten Dorfbank,
9313 Muolen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente; berufliche Massnahmen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a D._ meldete sich im April 1995 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 2). Dr. med. A._, Facharzt für Allgemeine Medizin,
diagnostizierte beim Versicherten im Bericht vom 2. Juni 1995 ein berufsinduziertes
Asthma bronchiale auf Schweissdämpfe von Chrom-Nickelstahl und unveredeltem
Stahl. Es seien berufliche Massnahmen angezeigt (IV-act. 9). Mit Verfügung vom 7.
Oktober 1996 eröffnete die Sozialversicherungs-anstalt des Kantons St. Gallen dem
Versicherten, der Antrag auf Durchführung von beruflichen Massnahmen werde
abgelehnt. Ihm sei es zumutbar, selbständig eine angepasste Arbeitsstelle zu suchen
und damit ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (IV-act. 21).
Diese Verfügung erwuchs in Rechtskraft.
A.b Im August 2004 meldete sich der Versicherte bei der IV erneut zum Leistungsbezug
an. Er erklärte, dass er unter einem Schleudertrauma leide und zuletzt selbständig
erwerbend gewesen sei (IV-act. 24). Dr. A._ bestätigte im Bericht vom 25. August
2004 die Diagnosen eines HWS-Distorsionstraumas und einer depressiven
Entwicklung. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit sei der Versicherte bis auf weiteres zu
100% arbeitsunfähig. Die zumutbare Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit
könne er nicht beurteilen (IV-act. 34). Nach Durchführung von weiteren medizinischen
Abklärungen kündigte die IV-Stelle des Kantons St. Gallen dem Rechtsvertreter des
Versicherten mit Vorbescheid vom 4. Juli 2007 an, dass kein Anspruch auf
Durchführung von beruflichen Massnahmen bestehe. Es liege eine Arbeitsfähigkeit von
50% vor. Da er sich subjektiv nicht in der Lage sehe, einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen, seien keine weiteren Eingliederungsmassnahmen angezeigt (IV-act. 80).
Mit einem weiteren Vorbescheid vom gleichen Datum kündigte die IV-Stelle die
Ablehnung des Rentenanspruchs an. Bei einem Valideneinkommen 2007 von
Fr. 36'587.-- und einem Invalideneinkommen von Fr. 26'563.-- errechne sich ein
Invaliditätsgrad von 27% (IV-act. 82). Nachdem der Rechtsvertreter des Versicherten
Einwand gegen die Bemessung des Valideneinkommens erhoben hatte (IV-act. 83, 85),
wies die IV-Stelle das Begehren betreffend berufliche Massnahmen sowie das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentenbegehren mit Verfügungen vom 29. und 30. November 2007 im Sinne der
Vorbescheide ab (IV-act. 87, 88).
B.
B.a Gegen diese Verfügungen liess der Versicherte durch Rechtsanwalt Dr. Kreso
Glavas, Muolen, Beschwerde erheben mit den Anträgen, die Verfügungen seien
aufzuheben und ihm seien mindestens eine halbe IV-Rente sowie geeignete berufliche
Massnahmen zu gewähren. Eventualiter sei die Streitsache zwecks Vornahme von
zusätzlichen Abklärungen und zur Neuentscheidung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Zur Begründung führte der Rechtsvertreter unter anderem aus, der
Beschwerdeführer sei zu Unrecht als Selbständigerwerbender qualifiziert worden. Er
habe seine Tätigkeit als Wirt der B._ am 30. April 2003 aufgegeben. Die
entsprechende Firma sei im Handelsregister gelöscht worden. Ab diesem Zeitpunkt
habe der Beschwerdeführer sein Patent einem serbischen Club zur Verfügung gestellt.
Er habe dies als Mitglied des Clubs getan. Ab diesem Zeitpunkt sei er als
Unselbständigerwerbender zu qualifizieren. Die Qualifikation des Beschwerdeführers
verstosse gegen die verfassungsmässigen Rechte und die EMRK-Garantien. Er habe
sein Leben lang mehrheitlich als Unselbständigerwerbender agiert. Mehr als drei
Monate vor dem Unfall vom 12. August 2003 habe er die selbständige Tätigkeit
aufgegeben. Ohne Unfall würde er wahrscheinlich wieder als
Unselbständigerwerbender tätig sein. Selbst wenn der Beschwerdeführer als
Selbständigerwerbender qualifiziert würde, müsste eine substantielle Korrektur am
entsprechenden Einkommen vorgenommen werden. Zudem seien die beruflichen
Massnahmen zu Unrecht abgewiesen worden. Eine unselbständige Tätigkeit, die dem
Beschwerdeführer noch zumutbar sei, werde er ohne Hilfe der Beschwerdegegnerin
nicht finden können.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 6. März 2008 beantragte die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung legte sie unter anderem dar, aus
somatischer Sicht liege keine Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit für
optimal angepasste Tätigkeiten vor. Die beim Beschwerdeführer bestehende
depressive Symptomatik stehe in einem engen Zusammenhang mit der
Schmerzproblematik. Es liege demnach keine vom Schmerzgeschehen losgelöste
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychische Komorbidität von erheblicher Schwere und Dauer vor. Das vom MEDAS-
Psychiater beschriebene Krankheitsbild vermöge aus IV-rechtlicher Sicht keine
Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit zu bewirken. Für angepasste
Tätigkeiten sei der Beschwerdeführer zu 100% arbeitsfähig. Auf die Schlussfolgerung
der MEDAS-Gutachter, wonach aus polydisziplinärer Sicht eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit bestehe, könne nicht abgestellt werden. Da das MEDAS-Gutachten
jedoch auf allseitigen Untersuchungen beruhe, die geklagten Beschwerden und die
Vorakten berücksichtige sowie die medizinische Situation umfassend beschreibe, sei
es grundsätzlich voll beweiskräftig, so dass keine weiteren medizinischen Abklärungen
vorzunehmen seien. Bei einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten sei
es dem als Hilfsarbeiter einzustufenden Beschwerdeführer möglich, in eine andere,
seiner Behinderung angepasste Hilfsarbeitertätigkeit zu wechseln. Durch einen
Wechsel in eine adaptierte Hilfstätigkeit könne er eine Erwerbseinbusse vermeiden.
Damit bestehe kein Anspruch auf berufliche Massnahmen.
B.c Mit Replik vom 18. April 2008 bestätigte der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers seine Anträge und Ausführungen.
B.d In der Duplik vom 8. Mai 2008 hielt die Beschwerdegegnerin an ihrem Standpunkt
fest.

Erwägungen:
1.
1.1 Streitig ist der Anspruch des Beschwerdeführers auf berufliche Massnahmen bzw.
auf eine Rente. Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG;
SR 830.1]). Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen oder geistigen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Gemäss
Art. 17 Abs. 1 IVG besteht ein Anspruch auf eine Umschulung in eine neue
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge der Invalidität notwendig ist und
dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder wesentlich verbessert
werden kann. Invalid im Sinne des Art. 17 Abs. 1 IVG ist ein Versicherter, der "wegen
der Art und Schwere des eingetretenen Gesundheitsschadens im bisher ausgeübten
und in den für ihn ohne zusätzliche berufliche Ausbildung offen stehenden noch
zumutbaren Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde
Erwerbseinbusse von etwa 20% erleidet; dabei bemisst sich die Erwerbseinbusse an
dem vor dem Eintritt des Gesundheitsschadens erzielten Erwerbseinkommen" (U.
Meyer-Blaser, Die Rechtsprechung des Bundesgerichts zum IVG, S. 125). Der
Umschulungsanspruch setzt nicht nur einen ausreichenden, massnahmenspezifischen
Invaliditätsgrad, d.h. eine behinderungsbedingte Erwerbseinbusse voraus. Notwendig
ist auch, dass diese Erwerbseinbusse durch die Umschulung beseitigt würde. Die
Umschulung müsste also eingliederungswirksam sein (vgl. Meyer-Blaser, a.a.O., S.
131). Sie müsste ausserdem - als dritte Anspruchsvoraussetzung - verhältnismässig
sein.
1.2 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze IV-Rente, wenn der
Versicherte mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn er
wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein IV-Grad von mindestens 50% vor, so besteht
Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad von mindestens 40% auf eine
Viertelsrente (Art. 28 Abs. 1 IVG).
2.
2.1 Die Ärzte der Thurgauer Klinik St. Katharinenthal, Diessenhofen, bestätigten im
Bericht vom 1. Dezember 2003 einen Status nach HWS-Distorsionstrauma sowie eine
depressive Entwicklung (IV-act. 41). Im Gutachten vom 8. Juli 2005 kam der Neurologe
Prof. Dr. med. C._ zum Schluss, dass bei der neurologischen Untersuchung keine
pathologischen Befunde hätten objektiviert werden können. Die weiteren
objektivierbaren Befunde seien recht geringfügig und würden das Beschwerdebild
nicht erklären. Ungewöhnlich sei auch, dass die Beschwerden mit zunehmendem
Abstand vom Trauma nicht ab-, sondern eher zunehmen würden. Die nicht
objektivierbaren Befunde bei der neurologischen Untersuchung würden für eine
psychogene Überlagerung sprechen. Er halte eine psychiatrische Abklärung für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dringend (IV-act. 49). Eine in der Folge angeordnete MEDAS-Begutachtung ergab
gemäss Bericht vom 24. Januar 2007 die Diagnosen mit Einschränkung der
zumutbaren Arbeitsfähigkeit eines chronischen, rechtsbetonten zervikozephalen
Schmerzsyndroms und von depressiven Störungen verbunden mit einem chronischen
Schmerzsyndrom nach HWS-Distorsionstrauma (IV-act. 70).
2.2 Abzuklären ist vorweg die zumutbare Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers. Die
MEDAS-Gutachter schätzten diese mit Wirkung ab Februar 2005 polydisziplinär auf
50%. Hierbei hielten sie fest, von psychiatrischer Seite sei von einer rund 35%igen
Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Aus orthopädischer Sicht werde für eine Tätigkeit als
Koch ein höchstens 2x2-stündiger Einsatz (pro Tag) mit einer längeren Pause
dazwischen als zumutbar erachtet, wobei kein langdauerndes Vornüberbeugen des
Kopfes vorkommen dürfe. Internistischerseits ergäben sich zusätzliche qualitative
Einschränkungen, indem lufthygienisch akzeptable Bedingungen vorliegen müssten
und Tätigkeiten unter Dauerstress zu vermeiden seien (IV-act. 70). Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung der MEDAS-Gutachter bezieht sich auf eine dem
Gesundheitsschaden angepasste Tätigkeit. Um eine solche handelt es sich auch bei
der vom orthopädischen Konsiliararzt Dr. med. E._ erwähnten Arbeit als Koch, für
welche der Arzt ebenfalls eine hälftige Arbeitsfähigkeit angab. Der konsiliarisch von der
MEDAS beigezogene Psychiater Dr. med. F._ stellte sodann die Diagnose einer
depressiven Störung, verbunden mit einem chronischen Schmerzsyndrom nach einem
Unfall mit HWS-Distorsionstrauma. Die depressive Störung und die chronischen
Schmerzen würden sich gegenseitig im Sinne eines Teufelskreises verstärken. Die
Beschwerdeursache stehe in Verbindung mit dem HWS-Trauma, aber auch mit
anderen invaliditätsfremden Faktoren (Misserfolg im Geschäft, finanzielle Probleme,
Arbeitslosigkeit, Belastung durch die Krankheit der Ehefrau usw). Aus psychischen
Gründen allein bestehe eine 35%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 70-32/33). Soweit die
Beschwerdegegnerin darauf hinweist, dass keine vom Schmerzgeschehen losgelöste
psychische Komorbidität von erheblicher Schwere und Dauer vorliege (act. G 4 S. 6
unten), ist festzuhalten, dass beim Beschwerdeführer keine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung diagnostiziert wurde, für welche die von der Beschwerdegegnerin
zitierten Anforderungen aufgestellt wurden (vgl. BGE 130 V 352 Erw. 2.2.3). Aus rein
rheumatologischer Sicht war im Übrigen auch Dr. med. G._, Innere Medizin/
Rheumatologie FMH, im Bericht vom 10. Februar 2005 (enthalten in act. G 14.2
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"Fremdakten") zum Schluss gelangt, dass für eine leichte Arbeit in Wechselbelastung
und ohne regelmässige starke Flexion sowie ohne regelmässige Rotationsbewegungen
der HWS eine Arbeitsfähigkeit von 50% zuzumuten sei. Wenn die Beschwerdegegnerin
in der angefochtenen Verfügung noch von der 50%igen Arbeitsfähigkeit gemäss
MEDAS-Gutachten ausging, nunmehr jedoch in der Beschwerdeantwort eine volle
Arbeitsfähigkeit annimmt, so fehlt es für diese Interpretation bei unveränderter
medizinischer Sachlage an einem zureichenden Anlass. Es erscheint damit nicht
gerechtfertigt, den medizinischen Sachverhalt aus juristischer Sicht in Abweichung zur
interdisziplinären Schlussfolgerung im MEDAS-Gutachten zu würdigen.
3.
3.1 Was die Ermittlung des Valideneinkommens anbelangt, ist entscheidend, was die
versicherte Person im Zeitpunkt des frühestmöglichen Rentenbeginns nach dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient
hätte. Dabei wird in der Regel am zuletzt erzielten, nötigenfalls der Teuerung und der
realen Einkommensentwicklung angepassten Verdienst angeknüpft, da es empirischer
Erfahrung entspricht, dass die bisherige Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden
fortgesetzt worden wäre. Ausnahmen müssen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
erstellt sein (BGE 129 V 222 Erw. 4.3.1). Bezog eine versicherte Person aus
invaliditätsfremden Gründen (z.B. geringe Schulbildung, fehlende berufliche
Ausbildung, mangelnde Deutschkenntnisse) ein deutlich unterdurchschnittliches
Einkommen, ist diesem Umstand bei der Invaliditätsbemessung nach Art. 16 ATSG
Rechnung zu tragen, sofern keine Anhaltspunkte dafür bestehen, dass sie sich aus
freien Stücken mit einem bescheideneren Einkommensniveau begnügen wollte (BGE
125 V 146 Erw. 5c/bb mit Hinweisen). Nur dadurch ist der Grundsatz gewahrt, dass die
auf invaliditätsfremde Gesichtspunkte zurückzuführenden Lohneinbussen entweder
überhaupt nicht oder aber bei beiden Vergleichseinkommen gleichmässig zu
berücksichtigen sind (BGE 129 V 222 Erw. 4.4). Diese Parallelisierung der Einkommen
kann praxisgemäss entweder auf Seiten des Valideneinkommens durch eine
entsprechende Heraufsetzung des effektiv erzielten Einkommens oder durch Abstellen
auf die statistischen Werte (vgl. SVR 2008 IV Nr. 2 S. 3 [I 697/05] und Urteil des EVG
vom 5. April 2006 [I 750/04] Erw. 5.5) oder aber auf Seiten des Invalideneinkommens
durch eine entsprechende Herabsetzung des statistischen Wertes (vgl. Urteil vom 6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
September 2006 [U 454/05] Erw. 6.3.3 mit Hinweisen) erfolgen. Die Grundüberlegung
dieser Rechtsprechung ist die folgende: Wenn eine versicherte Person in derjenigen
Tätigkeit, die sie als Gesunde ausgeführt hat, einen deutlich unterdurchschnittlichen
Lohn erzielt, weil ihre persönlichen Eigenschaften (namentlich fehlende Ausbildung
oder Sprachkenntnisse, ausländerrechtlicher Status) die Erzielung eines
Durchschnittslohnes verunmöglichen, dann ist nicht anzunehmen, dass sie mit einer
gesundheitlichen Beeinträchtigung behaftet einen (anteilmässig) durchschnittlichen
Lohn erzielen könnte (BGE 135 V 58 Erw. 3.4.3).
Hinsichtlich des beruflichen Werdegangs ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer,
der in Bosnien eine Lehre zum Maschinenschlosser absolvierte, in die Schweiz
einreiste und seither als Bauarbeiter, als Lagerist, als Schlosser, als Kaminspengler, als
Hilfsabwart im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms der Arbeitslosenversicherung,
als Chauffeur sowie als selbständiger Wirt tätig war (vgl. IV-act. 5, 8, 29, 70-2/33). Die
erwähnte Tätigkeit als Kaminspengler, mit welcher der Beschwerdeführer Fr. 4'500.--
pro Monat (13x) verdiente, konnte aus gesundheitlichen Gründen
(Nichteignungsverfügung der Suva) nicht mehr weitergeführt werden und wurde von
Seiten des Arbeitgebers auf Ende Mai 1995 beendet (IV-act. 8). Bei der - im Nachgang
zu einer längeren Arbeitslosigkeitsphase und anschliessender Chauffeur-Tätigkeit bei
H._ bis Ende 1998 sowie erneuter Arbeitslosigkeit ab 1999 aufgenommenen -
selbständig erwerbenden Arbeit als Wirt erzielte der Beschwerdeführer in den Jahren
2001 bis 2003 gemäss Steuermeldung Einkommen zwischen 19'042.-- und 34'401.--
Franken (IV-act. 37). Die Beendigung der Selbständigkeit hatte nach Lage der Akten
wirtschaftliche Gründe (fehlende Rendite getätigter Investitionen; vgl. IV-act. 70-30/33,
70-32/33, 88-2/3). Die Löschung der Einzelunternehmung des Beschwerdeführers
(B._) im Handelsregister erfolgte auf den 26. Mai 2003 und damit noch vor dem
Unfall vom 12. August 2003 (vgl. act. G 4.2). Die selbständige Tätigkeit stellte soweit
ersichtlich einen Versuch dar, erwerblich wieder Fuss zu fassen, nachdem die früheren
unselbständigen Arbeitsverhältnisse aus verschiedenen Gründen nicht weitergeführt
werden konnten. Bei diesem Sachverhalt kann nicht davon ausgegangen werden, dass
der Beschwerdeführer mit der Aufnahme der selbständigen Erwerbstätigkeit im Jahr
2001 sich freiwillig mit einem tiefen Einkommen begnügen wollte. Das im Rahmen der
selbständigerwerbenden Tätigkeit erzielte Einkommen kann daher nicht Grundlage für
die Bemessung des Valideneinkommens bilden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Fall des Beschwerdeführers hat dies - ausgehend von einer Validenkarriere als
Unselbständigerwerbender - zur Folge, dass vom Durchschnittslohn gemäss LSE-
Tabelle TA1 2006 im Niveau 4 von Fr. 4'732.-- auszugehen und eine entsprechende
nominelle Aufwertung auf die Verhältnisse des Jahres 2007 (1.6%
Nominallohnsteigerung), d.h. auf Fr. 4'808.-- vorzunehmen ist. Hieraus errechnet sich
ein Jahreseinkommen von Fr. 57'696.--.
3.2 Für die Festsetzung des Invalideneinkommens ist nach der Rechtsprechung primär
von der beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person
konkret steht. Ist kein tatsächlich erzieltes Erwerbseinkommen gegeben, so können
nach der Rechtsprechung für die Bemessung des Invalideneinkommens die LSE-
Tabellenlöhne herangezogen werden (BGE 129 V 472 Erw. 4.2.1, SVR 2005 UV Nr. 16
S. 52 [U 192/03 E. 3.1], je mit Hinweisen). Praxisgemäss können dabei persönliche und
berufliche Merkmale der versicherten Person wie Alter, Dauer der
Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie
Beschäftigungsgrad einen auf höchstens 25% begrenzten Leidensabzug von dem
nach den LSE-Tabellenlöhnen zu ermittelnden Invalideneinkommen rechtfertigen,
soweit anzunehmen ist, dass die trotz des Gesundheitsschadens verbleibende
Leistungsfähigkeit infolge eines oder mehrerer dieser Merkmale auf dem allgemeinen
Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem Einkommen verwertet werden kann (BGE
134 V 322 Erw. 5.2 mit Hinweis auf BGE 126 V 75).
Die Beschwerdegegnerin errechnete das Invalideneinkommen unter Berücksichtigung
einer hälftigen Arbeitsfähigkeit und eines 10%igen Teilzeit-Abzuges mit Fr. 26'563.--
(IV-act. 78). In Anwendung des Durchschnittslohnes der LSE-Tabelle TA1 2006, Niveau
4, von Fr. 4'732.-- ergäbe sich nach Aufrechnung auf die Verhältnisse des Jahres 2007
(Nominallohnsteigerung von 1.6%) und Berücksichtigung eines Abzuges von 10% ein
Betrag von Fr. 2'163.47 (bei 50% Arbeitsfähigkeit) bzw. ein Jahresbetreffnis von Fr.
25'962.--. Im Vergleich zum Valideneinkommen von Fr. 57'696.-- errechnen sich
Invaliditätsgrade von 54 bzw. 55%.
4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.1 Es ist abzuklären, ob vorgängig der Gewährung einer Rente
Eingliederungsmassnahmen durchzuführen sind (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts vom 6. Dezember 2001 i/S J. [I 66/01], Erw. 1b; BGE 108 V
212f., 99 V 48). Wenn aufgrund dieser Abklärungen konkrete
Eingliederungsmassnahmen in Aussicht stehen und der Beschwerdeführer diese
ablehnen sollte, hat die Beschwerdegegnerin die Möglichkeit, nach durchgeführtem
Mahn- und Bedenkzeitverfahren (Art. 43 Abs. 3 ATSG) die Verweigerung von
Versicherungsleistungen zu verfügen. Weder die Tatsache, dass eine versicherte
Person eine Eingliederungsmassnahme abgelehnt hat, noch der Hinweis auf die
Möglichkeit einer späteren Neuanmeldung erlauben den Verzicht auf das Mahn- und
Bedenkzeitverfahren (AHI 1997, 36; BGE 122 V 218).
4.2 Die berufliche Laufbahn des Beschwerdeführers (vgl. vorstehende Erw. 3.1) lässt
darauf schliessen, dass er sich eine relativ breit gefächerte berufliche Kompetenz
erarbeitet hat. Dr. F._ vermerkte in seinem Bericht vom 30. November 2006, der
Beschwerdeführer sei intelligent, sei immer aktiv gewesen und habe gute Ressourcen
für eine Wiedereingliederung (IV-act. 70-33/33). Die Eingliederungsberaterin hielt im
Bericht vom 16. Mai 2007 unter anderem fest, nach seinen Angaben habe der
Beschwerdeführer überlegt, was er noch arbeiten könne, habe aber keine Möglichkeit
gesehen. Er habe auch seinen Garten aufgeben müssen. Er habe seit dem Unfall im
Jahr 2003 nicht mehr gearbeitet und diesbezüglich auch keine Bemühungen
unternommen, weil er zu 100% arbeitsunfähig geschrieben gewesen sei. Gleichzeitig
habe er mitgeteilt, dass er schon etwas ausprobieren würde. Sie (die
Eingliederungsberaterin) habe nicht den Eindruck gehabt, dass der Beschwerdeführer
motiviert sei, sich mit der Wiederaufnahme einer Arbeit auseinanderzusetzen. Es seien
keine weiteren Eingliederungsmassnahmen indiziert (IV-act. 74). Gemäss Begründung
der angefochtenen Verfügung vom 29. November 2007 erachtete sich der
Beschwerdeführer subjektiv nicht der Lage, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen (IV-
act. 87). Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens erklärte der Beschwerdeführer sich
demgegenüber grundsätzlich zu einer beruflichen Eingliederung bereit bzw. bot
diesbezüglich seine Mitwirkung an (vgl. act. G 1 S. 5 und G 9 S. 4). Die
Beschwerdegegnerin wird somit vorweg die Möglichkeit der Durchführung von
beruflichen Massnahmen zu prüfen haben.
5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde in dem Sinn gutzuheissen,
dass die Verfügungen vom 29. und 30. November 2007 aufgehoben und die Sache zur
weiteren Abklärung (berufliche Massnahmen oder Rentenausrichtung) an die
Beschwerdegegnerin zurückgewiesen wird. Das Beschwerdeverfahren ist
kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1 IVG). Unter Berücksichtigung des
Verfahrensaufwandes wird die der unterliegenden Beschwerdegegnerin zu
auferlegende Gerichtsgebühr auf Fr. 600.-- festgesetzt. Der geleistete Kostenvorschuss
von Fr. 600.-- ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten. Der Beschwerdeführer hat
bei diesem Verfahrensausgang Anspruch auf Parteientschädigung (Art. 61 lit. g ATSG).
Es rechtfertigt sich, diese auf pauschal Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzulegen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG