Decision ID: b1644169-eb66-5f3e-ac50-40db4ad2ff07
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Der A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich am 10. März 2020 bei der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (nachfolgend: SVA) zum Bezug einer
individuellen Prämienverbilligung (nachfolgend: IPV) für das Jahr 2020 an (act. G 7.1.1).
A.a.
Nachdem die SVA dem Versicherten am 29. September 2020 mitgeteilt hatte, für
die Berechnung der IPV die Steuerdaten 2018 zu benötigen (act. G 7.1.2), erhielt sie am
30. November 2020 über die Fachabteilung Ergänzungsleistungen die
Steuererklärungen des Versicherten für die Jahre 2018 und 2019 (act. G 7.1.3 f.).
A.b.
Gestützt auf die Steuerzahlen für das Antragsjahr 2020 (Einkommen: "24836",
"Vermögen: 229000"; act. G 7.1.7) stellte die SVA mit Verfügung vom 21. Dezember
2020 fest, dass kein Anspruch auf IPV bestehe. Alleinstehende mit einem steuerbaren
Vermögen von über Fr. 100'000.-- hätten gestützt auf Art. 12 Abs. 3 der Verordnung
zum Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung keinen
Anspruch auf IPV (act. G 7.1.8).
A.c.
Mit Eingabe vom 6. Januar 2021 erhob der Versicherte "Rekurs" (richtig:
Einsprache) gegen die Verfügung vom 21. Dezember 2020. Zur Begründung führte er
an, dass er das Vermögen nicht verkaufen könne, da er es zum Arbeiten brauche. Er
habe sonst kein Einkommen (act. G 7.1.9).
A.d.
Am 13. Januar 2021 forderte die SVA den Versicherten auf, zur weiteren
Bearbeitung der Einsprache die rechtskräftigen Veranlagungsberechnungen über die
Kantons- und Gemeindesteuern 2018/2019 einzureichen (act. G 7.1.10).
A.e.
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B.
Nachdem der Versicherte dieser Aufforderung nicht nachgekommen war, forderte
die SVA die Veranlagungsberechnung der Kantons- und Gemeindesteuern 2018/2019
beim Steueramt ein (act. G 7.1.12 f.) und wies gestützt darauf die Einsprache mit
Entscheid vom 5. März 2021 ab. Ein steuerbares Vermögen bei einer alleinstehenden
Person von über Fr. 100'000.-- stelle keine wirtschaftliche Notlage dar, wobei es
unerheblich sei, wie sich das Vermögen zusammensetze (act. G 7.1.11).
A.f.
Am 16. März 2021 erhob der Versicherte (nachfolgend: Rekurrent) einen Rekurs
mit dem Betreff "Prämienverbilligung 2021", ohne einen Einspracheentscheid
beizulegen. Zur Begründung machte er erneut geltend, dass er das Vermögen zum
Arbeiten brauche (act. G1).
B.a.
Nachdem die Verfahrensleitung den Einspracheentscheid vom 5. März 2021 direkt
bei der SVA (nachfolgend: Vorinstanz) eingefordert hatte, ersuchte sie den Rekurrenten
um Bestätigung, dass er eine gerichtliche Überprüfung des Einspracheentscheids vom
5. März 2021 wünsche, und wies ihn auf die formellen Anforderungen einer
Rekursschrift und mögliche Kostenfolgen eines Rekurses hin (act. G 2).
B.b.
Am 26. März 2021 teilte der Rekurrent der Verfahrensleitung mit, dass er den
Kostenvorschuss nicht bezahlen könne und die Buchhaltung nicht mit dem
Betriebsertrag übereinstimme (act. G 3), worauf ihn die Verfahrensleitung am 9. April
2021 darauf hinwies, dass sein Schreiben vom 26. März 2021 den formellen
Anforderungen an eine Rekursschrift nicht genüge, er aber die Gelegenheit zur
Nachbesserung erhalte (act. G 4).
B.c.
Am 13. April 2021 reichte der Rekurrent eine weitere Eingabe "Begründung
Prämienverbilligung 2020" ein und begründete sinngemäss seinen Anspruch auf eine
IPV 2020 unter anderem damit, viele offene Rechnungen zu haben und im Jahr 2019
keine Direktzahlungen und keinen Teuerungsausgleich erhalten zu haben. Weiter stellte
er den Antrag auf "unentgeltliche Gerichtskosten" (act. G 5).
B.d.
Am 19. April 2021 teilte die Verfahrensleitung der Vorinstanz mit, dass der
Rekurswille der Eingabe des Rekurrenten vom 13. April 2021 sinngemäss ausreichend
B.e.
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Erwägungen
1.
zu entnehmen sei und umständehalber auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
verzichtet werde (act. G 6).
Mit Vernehmlassung vom 26. April 2021 beantragte die Vorinstanz die Abweisung
der Beschwerde (richtig: Rekurs; act. G 7) und reichte die Vorakten ein. Zur
Begründung verwies sie auf die Erwägungen im Einspracheentscheid und die
Stellungnahme des IPV-Fachbereichs vom 20. April 2021 (vgl. dazu act. G 7.1.11 und
G 7.1.19). Das steuerbare Vermögen bestünde vornehmlich aus Liegenschaften. Die
steuerlichen Vermögenswerte lägen schon seit Jahren über dem Grenzwert von Fr.
100'000.-- (vgl. dazu die detaillierte Veranlagungsberechnung der Kantons- und
Gemeindesteuern 2019; act. G 7.1.19 ff.)
B.f.
Der Rekurrent verzichtete auf eine Stellungnahme zu den von der Vorinstanz
eingereichten Akten (vgl. act. G 8 f.).
B.g.
Umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Anspruch des Rekurrenten auf IPV
für das Jahr 2020.
1.1.
Nach Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG; SR
832.10) haben die Kantone den Versicherten in bescheidenen wirtschaftlichen
Verhältnissen eine individuelle Prämienverbilligung zu gewähren. Dazu haben die
Kantone nach Art. 97 Abs. 1 KVG Ausführungsbestimmungen zu Art. 65 KVG zu
erlassen. Der Kanton St. Gallen ist dieser Verpflichtung mit dem Erlass der Art. 9 bis 16
des Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung (EG-
KVG; sGS 331.11) und der dazugehörigen Vollzugsvorschriften in Art. 9 bis 38 der
Verordnung zum Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung über die
Krankenversicherung (Vo-EG-KVG; sGS 331.111) nachgekommen, wobei er
insbesondere die persönlichen (Art. 10 EG-KVG) und die einkommensmässigen (Art. 11
EG-KVG) Voraussetzungen sowie die Höhe der IPV (Art. 12 EG-KVG) festgelegt hat.
1.2.
quater
In Bezug auf die einkommensmässigen Voraussetzungen bestimmt Art. 11 Abs. 1
EG-KVG, dass die Regierung das die Prämienverbilligung auslösende Einkommen
unter teilweiser Berücksichtigung des steuerbaren Vermögens durch Verordnung
festsetzt, wobei Grundlage in der Regel die definitive Steuerveranlagung des vorletzten
1.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/8
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Jahres vor dem Jahr, für das die IPV beansprucht wird, bildet (Abs. 2). Entspricht das
ermittelte Einkommen offensichtlich nicht der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, so
wird auf diese abgestellt (Abs. 3). In der in Ausführung zum EG-KVG erlassenen
Verordnung gilt gemäss Art. 12 Abs. 1 VO-EG-KVG als massgebendes Einkommen für
die Berechnung der Prämienverbilligung das für die Veranlagung nach kantonalem
Steuerrecht ermittelte Reineinkommen der Steuerperiode des vorletzten Jahres vor
dem Bezugsjahr zuzüglich 20% des steuerbaren Vermögens (Abs. 2 Ziff. 1). Keinen
Anspruch auf Prämienverbilligung haben Alleinstehende mit einem steuerbaren
Vermögen von über Fr. 100'000.-- und Verheiratete mit einem steuerbaren Vermögen
von über Fr. 150'000.-- (Art. 12 Abs. 3 Vo-EG-KVG).
Gegenstand der Vermögenssteuer bildet das gesamte Reinvermögen, wobei die
subjektive Leistungsfähigkeit der steuerpflichtigen Person berücksichtigt wird, indem
die nachgewiesenen Schulden abgezogen werden können und nur ein
Aktivenüberschuss besteuert wird (Rainer Zigerlig/Mathias Oertli/Hubert Hofmann, Das
St.Gallische Steuerrecht, 7. Aufl. 2014, S. 191 N 732). Es ist unbestritten und
ausgewiesen, dass der alleinstehende Rekurrent zum massgeblichen Zeitpunkt über
steuerbares Vermögen von mehr als Fr. 100'000.-- verfügte. Im Jahr 2018, dem
vorletzten Jahr vor dem Bezugsjahr 2020, betrug das steuerbare Vermögen Fr.
229'000.-- (act. G 7.1.13, vgl. auch act. G 7.1.7). Auch im Jahr 2019 lag es mit Fr.
217'000.-- (act. G 7.1.12, vgl. auch act. G 7.1.20) über dem genannten Grenzwert. Es
liegen beim Rekurrenten somit keine bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnisse vor.
Entsprechend besteht nach dem klaren Wortlaut von Art. 12 Abs. 3 Vo-EG-KVG kein
Anspruch auf Prämienverbilligung.
1.4.
Die vom Rekurrenten ins Feld geführten Einwände vom 6. Januar 2021, vom 16.
und vom 26. März 2021 sowie vom 13. April 2021 (vgl. act. G 7.1.9, G 1, G 3, G 5) sind
nicht stichhaltig.
1.5.
Es macht nach dem klaren Wortlaut von Art. 12 Abs. 3 Vo-EG-KVG keinen
Unterschied, ob das Vermögen beweglich oder unbeweglich (zu den Begriffen vgl.
Zigerlig/ Oertli/Hofmann, a.a.O., S. 191 N 731 ff.) ist, ob es teilweise oder gänzlich aus
Liegenschaften besteht oder anderweitig in Geldanlagen oder Wertpapiere investiert
wurde und damit nicht ohne weiteres verfügbar ist oder ob es sofort frei verfüg- und
verwertbar ist, wie beispielsweise Bankguthaben oder Barmittel. Eine unterschiedliche
Behandlung der Vermögenswerte führte zu einer nicht zu rechtfertigenden
Ungleichbehandlung zwischen denjenigen Versicherten, welche Erspartes oder
Geerbtes investieren oder angelegt haben, und denjenigen, welche dies nicht getan
1.5.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/8
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haben. In jedem Fall erhöht steuerbares Vermögen die wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit der versicherten Person.
Der Rekurrent bringt sodann vor, dass er das Vermögen zum Arbeiten brauche
und er durch den Verkauf desselben der Möglichkeit der Erzielung eines
Erwerbseinkommens beraubt werde (vgl. act. G 1, vgl. auch G 7.1.9). Gemäss den
Steuerdaten 2018 werden die Vermögenswerte des Rekurrenten den Positionen
"Wertschriften und Guthaben", "Liegenschaften" und "Vermögen im
landwirtschaftlichen Betrieb" zugewiesen (vgl. act. G 7.1.13). Der Grossteil des
Vermögens des Rekurrenten besteht dabei aus Liegenschaften. Weil im EG-KVG und in
der Vo-EG-KVG auf das steuerbare Vermögen verwiesen wird und nach dem Wortlaut
von Art. 53 Abs. 1 des Steuergesetzes des Kantons St. Gallen (StG SG; sGS 811.1)
sämtliche sich im Eigentum des Steuerpflichtigen befindenden Vermögensbestandteile
der Vermögenssteuer unterliegen, macht es keinen Unterschied, ob das Vermögen
dem Privat- oder Geschäftsvermögen zuzuordnen ist (zu den Begriffen vgl. Zigerlig/
Oertli/Hofmann, a.a.O., S. 54 N 159 ff.; Art. 31 Abs. 2 StG SG). Die Aussage des
Rekurrenten, dass "der Buchhalter die Buchhaltung frisiert" (vgl. act. G 5, vgl. auch G
3) habe, ist sodann weder belegt noch liegen konkrete Hinweise darauf vor. Im Übrigen
ist es nicht Sache der Vorinstanz, die unangefochtene definitive Steuerveranlagung des
Jahres 2018 in Zweifel zu ziehen bzw. zu überprüfen. Entsprechend durfte sie für die
Berechnung eines Anspruchs auf IPV auf diese abstellen und das gesamte steuerbare
Vermögen des Rekurrenten berücksichtigen. Selbst wenn das Geschäftsvermögen des
Rekurrenten bzw. das Vermögen im landwirtschaftlichen Betrieb für die IPV-
Berechnungsgrundlage ausgenommen würde, hätte beim Rekurrenten für das Jahr
2018 noch immer ein steuerbares Vermögen von knapp über 100'000.-- bestanden
(vgl. "Total der Vermögenswerte – Vermögen im landwirtschaftlichen Betrieb –
Geschäftsschulden = Reinvermögen von Fr. 180'148.--; Reinvermögen – Abzug für
alleinstehende Steuerpflichtige = steuerbares Vermögen von Fr. 105'148.--; vgl. act. G
7.1.13). Es wird den Versicherten, welche über Vermögen verfügen, zugemutet, einen
Teil davon für die Bezahlung der Krankenkassenprämien zu verbrauchen und einen
Substanzverzehr durch Realisierung von Vermögenswerten hinzunehmen.
1.5.2.
Der Umstand, dass der Rekurrent gemäss seinen Angaben gesundheitlich
beeinträchtigt ist und deswegen Gesundheitskosten zu tragen hat, ist ebenfalls nicht
anspruchsbegründend für eine IPV. Sinn und Zweck der IPV ist die Milderung der Last
bei der Bezahlung der Krankenversicherungsprämie bei versicherten Personen in
bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Der Anspruch auf IPV richtet sich nicht
nach dem konkreten Gesundheitszustand bzw. nach dem Ausmass der
1.5.3.
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2.