Decision ID: 84624b8f-4d7e-5112-ad3b-5e12404a95b5
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.- X erwarb den Führerausweis für die Fahrzeugkategorie M am 25. November 2009.
Mit Verfügung vom 17. November 2011 wurde ihm der Führerausweis für die Dauer
eines Monats entzogen, nachdem er am 24. September 2011 ein Motorrad gelenkt
hatte, obwohl er nicht im Besitz des Führerausweises für die Fahrzeugkategorie A1
war.
B.- Am 11. Februar 2014 führte die Kantonspolizei St. Gallen am Wohnort von X eine
Hausdurchsuchung durch. Dabei wurden 27 Gramm Marihuana, 1,8 Gramm
Haschisch, 1,8 Gramm andere Betäubungsmittel, 0,5 Gramm Kokain, 16 Tabletten/
Pillen Amphetamine, 4 Marihuana-Joints sowie insgesamt 7,5 Gramm andere
Halluzinogene (2C-B) gefunden. Mit Verfügung vom 25. März 2014 verbot das
Strassenverkehrsamt St. Gallen X aufgrund einer verkehrsrelevanten
Drogenmissbrauchsproblematik vorsorglich das Führen von Motorfahrzeugen ab
sofort, entzog einem allfälligen Rekurs die aufschiebende Wirkung und gewährte ihm
das rechtliche Gehör. Mit Verfügung vom 15. April 2014 entzog es ihm den
Führerausweis auf unbestimmte Zeit. Als Bedingung für die Aufhebung des Entzugs
wurden eine kontrollierte und fachlich betreute Drogenabstinenz (Arzt und
Beratungsstelle) von mindestens sechs Monaten (gemäss Info-Blatt) und eine
verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung festgelegt. Einem allfälligen Rekurs wurde
die aufschiebende Wirkung entzogen. X wurde darauf hingewiesen, dass die Abstinenz
bis zur Neubeurteilung bzw. Wiedererteilung des Führerausweises fortgesetzt werden
sollte, zumal mit entsprechenden Auflagen zu rechnen sei.
C.- Am 19. Juni 2014 stellte X beim Strassenverkehrsamt ein Gesuch um Erteilung
eines Lernfahrausweises für die Fahrzeugkategorie B. Mit Schreiben vom 12. August
2014 teilte das Strassenverkehrsamt X mit, dass das Gesuch um Erteilung eines
Lernfahrausweises abgewiesen werden müsse, da er die ärztlich kontrollierte und
fachlich betreute Drogenabstinenz noch nicht begonnen habe.
D.- Am 20. Juli 2015 liess sich X in der verkehrsmedizinischen Abteilung des Instituts
für Rechtsmedizin am Kantonsspital St. Gallen (IRM) untersuchen. Im Gutachten vom
19. August 2015 wurde festgehalten, dass die Fahreignung aus verkehrsmedizinischer
Sicht vor dem Hintergrund einer Drogenabhängigkeit nach ICD-10 mit Hinweisen auf
einen zumindest episodischen Alkoholüberkonsum mit zwischenzeitlich eingeleiteter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verhaltensänderung unter Auflagen befürwortet werden könne. Das IRM empfahl das
Einhalten einer Drogentotalabstinenz mittels Abstinenzkontrollen (Haaranalyse alle
sechs Monate), monatlichen Urinkontrollen auf Cannabis und Weiterführens der
Fachtherapie (Suchtberatungsstelle), das Einhalten einer Alkoholfahrabstinenz (0,00
Gewichtspromille), das Einreichen von Verlaufsberichten alle sechs Monate und eine
Mindestdauer der Abstinenzkontrollen von drei Jahren. Gestützt auf das
verkehrsmedizinische Gutachten hob das Strassenverkehrsamt mit Verfügung vom 7.
September 2015 den Führerausweisentzug (Kat. M) vom 15. April 2014 auf und erteilte
X den Lernfahrausweis für die Fahrzeugkategorie B unter folgenden Auflagen:
vollständige, kontrollierte Drogenabstinenz gemäss Info-Blatt, Auflagenkontrolle samt
Haaranalyse am IRM alle sechs Monate (jeweils im Januar und Juli) sowie
Alkoholfahrabstinenz (0,00 Gewichtspromille). Die Auflagen wurden auf unbestimmte
Zeit, jedoch mindestens für drei Jahre angeordnet. Für den Fall der Missachtung der
Auflagen wurde der Entzug des Führerausweises – allenfalls auf unbestimmte Zeit –
angedroht.
E.- Am 11. November 2015 führte die Kantonspolizei St. Gallen erneut eine
Hausdurchsuchung am Wohnort von X durch. Bei der Durchsuchung wurden
verbotene Waffen, mehrere Mobiltelefone, ein Laptop, schriftliche Unterlagen,
bodenknallendes Feuerwerk, geringe Mengen Marihuana und mehrere Schlüssel
sichergestellt. Zwei Schlüssel führten zu Räumlichkeiten, in denen sich jeweils eine
Indoor-Hanfanlage befand. X war vom 11. November bis 1. Dezember 2015 in
Untersuchungshaft.
F.- Am 8. Januar 2016 erschien X am IRM zur Abstinenzkontrolle. Im Auflagenzeugnis
vom 29. Januar 2016 wurde festgehalten, dass die Haaranalyse den Nachweis von
Kokain und dessen Abbauprodukten ergeben habe, was für einen Konsum spreche.
Weiter sei die Haaranalyse positiv auf MDMA ausgefallen, womit gesamthaft nicht von
einer überwundenen Suchtmittelabhängigkeit ausgegangen und die Fahreignung
entsprechend nicht weiter befürwortet werden könne. Das IRM empfahl vor einer
Neubeurteilung eine zwölfmonatige, fachtherapeutisch betreute Drogentotalabstinenz
inklusive monatlicher Urinkontrollen auf Cannabis. Gestützt darauf verbot das
Strassenverkehrsamt X mit Verfügung vom 3. Februar 2016 das Führen von
Motorfahrzeugen vorsorglich ab sofort, entzog einem allfälligen Rekurs die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufschiebende Wirkung und gewährte ihm das rechtliche Gehör. Dagegen erhob X mit
Eingabe vom 13. Februar 2016 Rekurs beim Strassenverkehrsamt. Mit Verfügung vom
16. Februar 2016 entzog das Strassenverkehrsamt X den Führerausweis auf
unbestimmte Zeit. Als Bedingung für die Aufhebung des Entzugs wurden eine
kontrollierte und fachlich betreute Drogenabstinenz (Arzt und Beratungsstelle) von
mindestens sechs Monaten (gemäss Info-Blatt) und eine verkehrsmedizinische
Kontrolluntersuchung festgelegt. Einem allfälligen Rekurs wurde die aufschiebende
Wirkung entzogen. Den Rekurs vom 13. Februar 2016 leitete das Strassenverkehrsamt
am 17. Februar 2016 an die Verwaltungsrekurskommission weiter. Mit Entscheid vom
19. Februar 2016 schrieb die Verwaltungsrekurskommission das Rekursverfahren als
erledigt ab, da der vorsorgliche Führerausweisentzug vom 3. Februar 2016 mit dem
Erlass des Sicherungsentzugs vom 16. Februar 2016 dahingefallen war. Am 24.
Februar 2016 widerrief das Strassenverkehrsamt die Verfügung vom 16. Februar 2016
und gewährte X „aufgrund überschneidender Fristen“ erneut das rechtliche Gehör zum
vorgesehenen Sicherungsentzug. Es verbot X weiterhin vorsorglich das Führen von
Motorfahrzeugen und entzog einem allfälligen Rekurs die aufschiebende Wirkung. Mit
Verfügung vom 5. April 2016 entzog es X den Führerausweis wiederum auf
unbestimmte Zeit. Als Bedingung für die Aufhebung des Entzugs wurden eine
kontrollierte und fachlich betreute Drogenabstinenz (Arzt und Beratungsstelle) von – im
Unterschied zur widerrufenen Verfügung – nun mindestens zwölf Monaten (gemäss
Info-Blatt) und eine verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung festgelegt. Einem
allfälligen Rekurs wurde die aufschiebende Wirkung entzogen.
G.- Gegen diese Verfügung erhob X mit Eingabe vom 14. April 2016 Rekurs beim
Strassenverkehrsamt. Dieses leitete den Rekurs am 15. April 2016 zuständigkeitshalber
an die Verwaltungsrekurskommission weiter. X beantragt sinngemäss die Aufhebung
der angefochtenen Verfügung und die Wiedererteilung des Führerausweises nach der
nächsten negativen Haaranalyse im Juli 2016. Die Vorinstanz verzichtete am 18. Mai
2016 auf eine Vernehmlassung.
Auf die Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 14. April 2016 ist rechtzeitig eingereicht
worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege,
sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Zuerst ist zu prüfen, ob die Vorinstanz dem Rekurrenten den Führerausweis
gestützt auf das Auflagenzeugnis vom 29. Januar 2016 zu Recht wegen
Nichteinhaltens der Drogenabstinenz auf unbestimmte Zeit entzogen hat.
a) Gemäss Art. 14 Abs. 2 lit. c des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt:
SVG) fehlt es unter anderem bei demjenigen an der Fahreignung, der nicht frei ist von
einer Sucht, die das sichere Führen von Motorfahrzeugen beeinträchtigt. Wird
nachträglich festgestellt, dass die gesetzlichen Voraussetzungen nicht oder nicht mehr
bestehen, sind Führerausweise zu entziehen; sie können entzogen werden, wenn die
mit der Erteilung im Einzelfall verbundenen Beschränkungen oder Auflagen missachtet
werden (Art. 16 Abs. 1 SVG). Die an die Wiedererteilung des Führerausweises
regelmässig geknüpften Auflagen sind Nebenbestimmungen, die dazu dienen,
Unsicherheiten beim Nachweis Rechnung zu tragen, dass die Sucht, welche die
Fahreignung ausschliesst, tatsächlich behoben ist und die Fahrfähigkeit der
betroffenen Person stabil ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts [BGer] 6A.61/2005 vom
12. Januar 2006 E. 2.1, BGE 125 II 289 E. 2b mit Hinweis auf Schaffhauser, Grundriss
des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band III: Die Administrativmassnahmen,
Bern 1995, Rz. 2224).
b) Nachdem die Kantonspolizei St. Gallen beim Rekurrenten anlässlich einer
Hausdurchsuchung diverse Drogen gefunden hatte, entzog ihm die Vorinstanz mit
Verfügung vom 15. April 2014 den Führerausweis aufgrund einer verkehrsrelevanten
Drogenmissbrauchsproblematik auf unbestimmte Zeit. Am 20. Juli 2015 liess sich der
Rekurrent am IRM verkehrsmedizinisch untersuchen. Im Gutachten vom 19. August
2015 wurde die Fahreignung aus verkehrsmedizinischer Sicht unter Auflagen
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
befürwortet. Gestützt darauf hob die Vorinstanz mit Verfügung vom 7. September 2015
den Führerausweisentzug auf und erteilte dem Rekurrenten den Lernfahrausweis für
die Fahrzeugkategorie B. Gleichzeitig verfügte sie die Auflagen, eine vollständige,
kontrollierte Drogenabstinenz sowie eine Alkoholfahrabstinenz einzuhalten und dies
zusätzlich mit Haaranalysen am IRM alle sechs Monate kontrollieren zu lassen. Sie wies
den Rekurrenten darauf hin, dass bei Missachtung der Auflagen mit dem Entzug des
Führerausweises – allenfalls auf unbestimmte Zeit – zu rechnen sei.
c) Die Haaranalytik ist ein laboranalytisches Verfahren, welches angewendet wird für
das Konsum-Monitoring psychotropischer Substanzen und von Trinkalkohol. Die
Untersuchung von Haarproben ist für diesen Zweck geeignet, da diese durch
zeitaufgelöste Speicherung von Drogen, Medikamenten, deren Metabolite oder von
Alkohol-Markern einen retrospektiven Überblick über einen grösseren Zeitraum
ermöglichen. Haaranalysebefunde geben Auskunft über das Konsummuster einer
solchen Substanz. Das Verfahren ist geeignet, die Abstinenz einer Substanz gegenüber
einer wiederholten Einnahme zu differenzieren. Auch kann – bei nachgewiesenem
Konsum – mit Einschränkung eine grobe Aussage zum Konsumverhalten gemacht
werden. Die primäre Aussage einer Haaranalyse ist „Konsum nachgewiesen“ oder
„Konsum nicht nachweisbar“ (Baumgartner, Nachweis des Konsums von psychotropen
Substanzen und Alkohol mittels Haaranalyse, in: Therapeutische Umschau 2011,
S. 269, unter: www.irm.uzh.ch/downloads).
d) In der Haarprobe des Rekurrenten vom 8. Januar 2016 wurde gemäss
Auflagenzeugnis vom 29. Januar 2016 eine Kokain-Konzentration von 1000 pg/mg und
eine MDMA-Konzentration von 470 pg/mg gemessen. Zudem wurden Abbauprodukte
von Kokain nachgewiesen. Bei diesem Befund ist von einem eher regelmässigem
Konsumverhalten auszugehen, da ein einzelner Drogenkonsum im Rahmen der
Haaranalytik in der Regel nicht feststellbar ist (Thiele, Neue Aspekte in der
Fahreignungsbegutachtung beim Drogenkonsum, in: Jahrbuch zum
Strassenverkehrsrecht 2005, S. 117; Baumgartner, a.a.O., S. 272). Bei der Analyse wird
mit sogenannten Cut-off-Werten gearbeitet. Diese werden allgemein in zweierlei
Hinsicht verwendet, und zwar einerseits zum Ausschluss analytisch unsicherer
Ergebnisse, d.h. zur Vermeidung falsch-positiver Resultate. In diesem Sinne werden bei
chromatographisch-spektroskopischen Verfahren Nachweis- oder
http://www.irm.uzh.ch/downloads
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bestimmungsgrenzen verwendet. Andererseits dienen sie bei sicher nachgewiesener
Konzentration zur Abgrenzung von für die Fragestellung irrelevanten Werten, zum
Beispiel durch einmaligen Konsum oder Probierkonsum. Bei einmaligem oder
vereinzeltem Substanzkonsum innerhalb eines längeren Zeitraums liegt die
Konzentration im Haar unterhalb der Nachweisgrenze und ergibt somit einen negativen
Befund (Baumgartner, a.a.O., S. 272). Der Cut-off-Wert von Kokain liegt gemäss SGRM
bei 500 pg/mg (vgl. SGRM, Arbeitsgruppe Haaranalytik, Bestimmung von Drogen und
Medikamenten in Haarproben, 1. September 2014, Anhang). Andere Autoren setzen ihn
wesentlich tiefer, nämlich bei 100 pg/mg an (Musshoff/Madea, in: Madea/Musshoff/
Berghaus [Hrsg.], Verkehrsmedizin, 2. Aufl. 2012, S. 188). Die im Haar des Rekurrenten
gemessene Konzentration liegt mit 1000 pg/mg deutlich über dem von der SGRM
definierten Cut-off-Wert, was auf einen mehr als einmaligen Kokainkonsum hinweist.
Der Cut-off-Wert von MDMA liegt bei 200 pg/mg (vgl. SGRM, Arbeitsgruppe
Haaranalytik, a.a.O., Anhang). Die beim Rekurrenten gemessene Konzentration von 470
pg/mg MDMA liegt damit ebenfalls über dem Cut-off-Wert, weshalb auch hier von
einem mehr als einmaligen Konsum auszugehen ist. Die Begründung des Rekurrenten,
das in seinem Haar festgestellte Kokain rühre vom Geschlechtsverkehr mit einer Frau,
welche Kokain konsumiert habe, vermag einen Wert von 1000 pg/mg Kokain nicht zu
erklären. Mittels der Haaranalyse wird zuverlässig der direkte Nachweis erbracht, dass
eine Person während eines bestimmten Zeitraums vor der Entnahme der Haarprobe
Drogen konsumierte. Im Haar des Rekurrenten konnte insbesondere das
Kokainabbauprodukt Norcocain nachgewiesen werden. Dies ist ein Kokain-Metabolit,
mit welchem eine externe Kontamination der Haare durch Kokainpulverrückstände
ausgeschlossen werden kann (Baumgartner, a.a.O., S. 271). Der Einwand des
Rekurrenten stellt somit eine Schutzbehauptung dar.
e) Die Auflage einer Drogenabstinenz bedeutet einen vollständigen Verzicht auf Drogen.
Indem in der Haarprobe vom 8. Januar 2016 eine Kokain-Konzentration von 1000 pg/
mg und eine MDMA-Konzentration von 470 pg/mg gemessen und damit ein Konsum
dieser beiden Drogen nachgewiesen werden konnte, verletzte der Rekurrent die
entsprechende Auflage. Die Vorinstanz durfte ihm deshalb den Führerausweis
androhungsgemäss auf unbestimmte Zeit entziehen. Der Rekurrent ist offensichtlich
nicht fähig, eine Drogenabstinenz einzuhalten. Unter den dargelegten Umständen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bestehen Anhaltspunkte dafür, dass er weiterhin stark gefährdet ist, Drogen zu
konsumieren, weshalb die Fahreignung nicht gegeben ist.
3.- Im Rekurs ist sodann umstritten, ob die Vorinstanz als Bedingung für die Aufhebung
des Führerausweisentzugs zu Recht eine kontrollierte und fachlich betreute
Drogenabstinenz von mindestens zwölf Monaten angeordnet hat.
a) Nachdem in der Haarprobe vom 8. Januar 2016 Kokain und dessen Abbauprodukte
sowie MDMA nachgewiesen worden waren und die Fahreignung des Rekurrenten im
Auflagenzeugnis vom 29. Januar 2016 deshalb nicht mehr befürwortet wurde, verbot
die Vorinstanz dem Rekurrenten mit Verfügung vom 3. Februar 2016 das Führen von
Motorfahrzeugen vorsorglich ab sofort, stellte einen Führerausweisentzug auf
unbestimmte Zeit (Sicherungsentzug) in Aussicht und gewährte dem Rekurrenten das
rechtliche Gehör. Gegen den vorsorglichen Führerausweisentzug erhob der Rekurrent
mit Schreiben vom 13. Februar 2016 Rekurs bei der Vorinstanz. Mit Verfügung vom 16.
Februar 2016 entzog diese ihm sodann den Führerausweis auf unbestimmte Zeit. Als
Bedingung für die Aufhebung des Entzugs wurden eine kontrollierte und fachlich
betreute Drogenabstinenz (Arzt und Beratungsstelle) von mindestens sechs Monaten
(gemäss Info-Blatt) und eine verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung festgelegt.
Am 17. Februar 2016 leitete die Vorinstanz den Rekurs an die
Verwaltungsrekurskommission weiter. Diese schrieb das Rekursverfahren am 19.
Februar 2016 als erledigt ab, da der vorsorgliche Führerausweisentzug vom 3. Februar
2016 mit dem Erlass des Sicherungsentzugs vom 16. Februar 2016 dahingefallen war.
Am 24. Februar 2016 widerrief die Vorinstanz die Verfügung vom 16. Februar 2016 und
gewährte dem Rekurrenten „aufgrund überschneidender Fristen“ erneut das rechtliche
Gehör zum vorgesehenen Sicherungsentzug. Das Führen von Motorfahrzeugen verbot
sie weiterhin vorsorglich. Mit Verfügung vom 5. April 2016 entzog sie dem Rekurrenten
den Führerausweis wiederum auf unbestimmte Zeit. Als Bedingung für die Aufhebung
des Entzugs wurden eine kontrollierte und fachlich betreute Drogenabstinenz (Arzt und
Beratungsstelle) von – im Gegensatz zur Verfügung vom 16. Februar 2016 –
mindestens zwölf Monaten (gemäss Info-Blatt) und eine verkehrsmedizinische
Kontrolluntersuchung festgelegt. Zu prüfen ist, ob die Vorinstanz die ursprüngliche
Verfügung vom 16. Februar 2016 gestützt auf Art. 28 Abs. 1 VRP widerrufen konnte.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aa) Die Verwaltungsrechtslehre geht davon aus, dass eine Verwaltungsbehörde auf
Verfügungen oder Entscheide, die sie erlassen hat, grundsätzlich zurückkommen kann.
Dieses „Zurückkommen“ wird als Widerruf bezeichnet und bedeutet, dass die
betreffende Verfügung oder der Entscheid grundsätzlich abänderbar ist (Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, St. Gallen 2003, Rz. 1079). Zu
berücksichtigen ist, dass es keine einheitliche Regelung des Widerrufs gibt. Die
entsprechenden Voraussetzungen richten sich deshalb – innerhalb der
verfassungsmässigen Schranken – nach allfälligen Regelungen in Spezialgesetzen oder
nach kantonalem Prozessrecht. Der Widerruf von Verfügungen der Vorinstanz ist nicht
spezialgesetzlich geregelt, weshalb die allgemeine Bestimmung des Widerrufs in Art.
28 VRP gilt. Insbesondere enthält das SVG keine entsprechende Vorschrift. Nach Art.
28 Abs. 1 VRP können Verfügungen durch die erlassende Behörde grundsätzlich
geändert oder aufgehoben werden, wenn der Widerruf die Betroffenen nicht belastet
oder wenn er aus wichtigen öffentlichen Interessen geboten ist. Das Gesetz erlaubt den
Widerruf somit nur, wenn eine dieser beiden Voraussetzungen gegeben ist. Art. 28 Abs.
1 VRP wird auch auf Verfügungen angewendet, die formell noch nicht rechtskräftig sind
(GVP 2003 Nr. 37, 1990 Nr. 68).
bb) Im Vergleich zur ursprünglichen Verfügung vom 16. Februar 2016 wurde in der
neuen Verfügung vom 5. April 2016 eine höhere Mindestdauer für die kontrollierte und
fachlich betreute Drogenabstinenz festgelegt. Der Rekurrent wurde somit durch den
Widerruf der ursprünglichen Verfügung und den Erlass der neuen Verfügung belastet.
Unter diesen Umständen ist der Widerruf nur zulässig, wenn ihm ein wichtiges
öffentliches Interesse zugrunde liegt. Mit diesem Erfordernis verlangt das Gesetz eine
Wertabwägung. Abzuwägen ist das öffentliche Interesse am Widerruf einerseits gegen
das schutzwürdige Interesse des Betroffenen an der Aufrechterhaltung der ergangenen
Verfügung andererseits. Da das Gesetz für einen Widerruf nur wichtige öffentliche
Interessen als ausreichend erachtet, muss das öffentliche Interesse klar überwiegen.
Bei der Beurteilung fällt vor allem ins Gewicht, dass ein belastender Widerruf stets eine
Hintanstellung des Grundsatzes von Treu und Glauben sowie des Erfordernisses der
Rechtssicherheit mit sich bringt. Je nach den Umständen kann der Vertrauensschutz
des Betroffenen schwerer wiegen als das öffentliche Interesse an der Rücknahme bzw.
Änderung einer möglicherweise fehlerhaften Verfügung (GVP 1990 Nr. 68).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
cc) Vorliegend geht es um den Widerruf einer Verfügung, mit der die Vorinstanz
gegenüber dem Rekurrenten gestützt auf Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG einen
Führerausweisentzug anordnete. Es handelt sich dabei um einen Entzug zu
Sicherungszwecken (einem sogenannten Sicherungsentzug). Dieser bezweckt, die zu
befürchtende Gefährdung der Verkehrssicherheit in der Schweiz durch einen
ungeeigneten Fahrzeugführer in der Zukunft zu verhindern (Philippe Weissenberger,
Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 16d N 8). Anders als bei einem
Warnungsentzug, der primär präventiven und erzieherischen Charakter, teilweise auch
strafähnliche Züge aufweist, geht es beim Sicherungsentzug um die Verkehrssicherheit
(BGer 1C_171/2015 vom 28. Oktober 2015 E. 3.6 mit Hinweis auf BGE 141 II 220
E. 3.1.2; Schaffhauser, a.a.O., N 1986). Die Verkehrssicherheit stellt ein wichtiges
öffentliches Interesse dar (vgl. auch VRKE IV-2015/89 vom 26. November 2015, in:
www.gerichte.sg.ch).
Die Haaranalyse vom 8. Januar 2016 ergab beim Rekurrenten nachweislich den
Konsum von Kokain und MDMA. Sowohl durch den Konsum von Kokain als auch von
MDMA kommt es zu erheblichen Fahrauffälligkeiten. Nach dem Konsum von Kokain
steht in der euphorischen Phase die enthemmte und risikobereite aggressive Fahrweise
mit unangepasst hoher Geschwindigkeit und riskanten Überholmanövern im
Vordergrund, wobei der Fahrzeugführer das eigene Leistungsvermögen überschätzt.
Die Pupillenerweiterung kann zu einer Verminderung des Sehvermögens mit reduzierter
Tiefenschärfe und ausgeprägtem Blendgefühl bei hellem Tageslicht bzw.
Scheinwerferlicht entgegenkommender Fahrzeuge (Tunnel- und Nachtfahren) führen.
Die im eigentlichen Rauschstadium vorkommenden Wahrnehmungsstörungen mit
Koordinationsdefiziten und Verfolgungswahn können sich ebenfalls negativ auf das
Fahrverhalten auswirken. Häufig sind massivste Auffälligkeiten auch in der Phase der
abklingenden Kokainwirkung zu beobachten. Aufgrund eines körperlichen
Erschöpfungszustands kommt es zu grosser Müdigkeit und depressiven
Verstimmungen und nicht selten zu Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit. Zu
auffälligen Fahrweisen kommt es durch die starke Müdigkeit, was sich in langsamen
oder wechselnden Fahrgeschwindigkeiten sowie Schwierigkeiten beim Spurhalten
äussern kann. Orientierungsstörungen, die zum Teil so weit gehen, dass man nicht
mehr weiss, wo man ist und wie man das Ziel erreicht, führen zu erheblichen
Unsicherheiten, zum Beispiel in Kreuzungsbereichen (Musshoff/Madea, a.a.O., S. 511).
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
MDMA gehört zu den Methylendioxyamphetaminen, die unter dem Sammelbegriff
Ecstasy zusammengefasst werden. Amphetamin- und Designer-Amphetamin-Konsum
können ebenfalls in der akuten Wirkphase zu einer enthemmten und risikobereiten
Fahrweise mit unangepasst hoher Geschwindigkeit und zu einer Überschätzung der
eigenen Leistungsfähigkeit führen. In der abklingenden Phase der Amphetaminwirkung
kommt es aufgrund des körperlichen Erschöpfungszustands zu grosser Müdigkeit und
entsprechend auch zu negativen Auswirkungen auf das Fahrverhalten (Musshoff/
Madea, a.a.O., S. 512, 517). Der Konsum von Kokain und MDMA beeinträchtigt somit
die Fahrtüchtigkeit und führt damit zu einer erheblichen Verkehrsgefährdung.
dd) Experten gehen davon aus, dass bei einer Drogenabhängigkeit ein
Führerausweisentzug erst aufgehoben werden kann, wenn eine erfolgreiche
Behandlung des Suchtleidens stattgefunden hat. Die Fahreignung lasse sich in der
Regel erst dann wieder befürworten, wenn eine mindestens einjährige, ärztlich und
fachtherapeutisch kontrollierte und betreute Drogenabstinenz habe nachgewiesen
werden können, und wenn eine erneute verkehrsmedizinische Begutachtung positiv
verlaufe. Die Wiederbewerbung um den Führerausweis und somit auch die damit
verbundene verkehrsmedizinische Neubeurteilung seien erst sinnvoll, wenn die
Drogenproblematik erfolgreich angegangen bzw. therapiert worden sei, und die
verlangte einjährige Drogenabstinenz auch wirklich belegt werden könne. Nur bei
einem günstigen Behandlungs- bzw. Abstinenzverlauf könne davon abgewichen und
eine kürzere, aber mindestens sechsmonatige Drogenabstinenz gefordert werden
(Liniger, Drogen, Medikamente und Fahreignung, in: Arbeitsgruppe Verkehrsmedizin
[Hrsg.], Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, 1. Aufl. 2005, S. 33).
Der Rekurrent gab bei der verkehrsmedizinischen Verlaufskontrolle vom 8. Januar 2016
gegenüber den Gutachtern an, keine Drogen konsumiert zu haben. Die Tendenz zur
Verharmlosung des Konsumverhaltens gibt zu Bedenken Anlass, zumal insbesondere
Kokain ein erhebliches Suchtpotential in sich birgt. Dass der Rekurrent sodann
gegenüber der Vorinstanz den Konsum von Kokain bestritt, indem er die positive
Haarprobe dem Geschlechtsverkehr mit einer Frau, welche Kokain konsumiert habe,
zuschrieb, lässt an seiner Fähigkeit zweifeln, das eigene Konsumverhalten kritisch zu
reflektieren. Die Tendenz zur Verharmlosung des Drogenkonsums ist deshalb
problematisch, weil so die Auswirkungen der Drogen auf das Verhalten im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Strassenverkehr unterschätzt werden. Hinzu kommt, dass dem Rekurrenten der
Führerausweis bereits im April 2014 aufgrund einer verkehrsrelevanten
Drogenmissbrauchsproblematik auf unbestimmte Zeit entzogen war. Da der Rekurrent
in der Folge dennoch nicht auf den Konsum von Drogen verzichtete und damit
insbesondere gegen die Auflagen der Verfügung vom 7. September 2015 verstiess,
obwohl ihm in diesem Fall ein erneuter Führerausweisentzug – allenfalls wiederum auf
unbestimmte Zeit – angedroht wurde, ist nicht von einem günstigen Behandlungs- und
Abstinenzverlauf auszugehen. Entsprechend hat er für eine Wiedererteilung des
Führerausweises eine mindestens einjährige Drogenabstinenz nachzuweisen.
ee) Dass der Rekurrent die festgelegte Dauer der Drogenabstinenz einhält, liegt im
Interesse der Verkehrssicherheit. Andere Verkehrsteilnehmer haben ein Interesse
daran, dass aufgrund von Drogenkonsum ungeeignete Fahrzeugführer vom Verkehr
ferngehalten und erst wieder zum Führen eines Motorfahrzeugs zugelassen werden,
wenn sichergestellt ist, dass sie frei von einer Drogensucht und damit nicht mehr
gefährdet sind, sich unter dem Einfluss von Drogen ans Steuer zu setzen. Das
Interesse der Verkehrssicherheit überwiegt unter diesen Umständen das Interesse des
Rekurrenten an der Aufrechterhaltung der ursprünglich ergangenen Verfügung, womit
die Vorinstanz berechtigt war, gestützt auf Art. 28 Abs. 1 VRP die ursprüngliche
Verfügung vom 16. Februar 2016 zu Lasten des Rekurrenten zu widerrufen.
b) aa) Das Vorgehen der Vorinstanz war aber aus einem anderen Grund nicht korrekt.
Gemäss Art. 23 Abs. 1 SVG ist die betroffene Person vor dem Erlass einer
Administrativmassnahme in der Regel anzuhören. Die Gewährung des rechtlichen
Gehörs dient einerseits der Sachaufklärung, andererseits stellt sie ein
persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht der Verfahrensbeteiligten dar. Der Umfang
des Anspruchs wird zunächst durch das kantonale Verfahrensrecht umschrieben. Wo
dieser kantonale Rechtsschutz sich als ungenügend erweist, greifen die unmittelbar
aus Art. 29 Abs. 2 BV folgenden Minimalgarantien (Kölz/Bosshart/Röhl, Kommentar
zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 2. Aufl. 1999, Rz. 3). Der
Anspruch auf rechtliches Gehör wurde für das Gerichtsverfahren entwickelt. Er gilt
jedoch – zumindest in seinem Kerngehalt – auch in Verfahren vor Verwaltungsbehörde
(vgl. Art. 15 Abs. 2 VRP).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Vorinstanz verbot dem Rekurrenten mit Verfügung vom 3. Februar 2016 vorsorglich
das Führen von Motorfahrzeugen. Gleichzeitig gewährte sie ihm das rechtliche Gehör
zum vorgesehenen Führerausweisentzug auf unbestimmte Zeit. Sie setzte ihn dabei
allerdings nicht in Kenntnis über die Bedingungen, die zu erfüllen sind, damit der
Führerausweisentzug wieder aufgehoben wird und räumte ihm damit keine Möglichkeit
ein, zu diesen Bedingungen Stellung nehmen zu können. Damit verletzte sie seinen
Anspruch auf rechtliches Gehör. Zwar widerrief die Vorinstanz sodann die Verfügung
vom 16. Februar 2016, mit der sie dem Rekurrenten den Führerausweis auf
unbestimmte Zeit entzogen und die Wiedererteilung von einer kontrollierten und
fachlich betreuten Drogenabstinenz von mindestens sechs Monaten sowie einer
verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchung abhängig gemacht hatte, und gewährte
dem Rekurrenten erneut das rechtliche Gehör. Sie kündigte dabei dem Rekurrenten
aber nicht an, dass sie beabsichtigte, die Wiedererteilung des Führerausweises neu
von einer kontrollierten und fachlich betreuten Drogenabstinenz von mindestens zwölf
Monaten abhängig zu machen. Der Rekurrent konnte deshalb zur Erhöhung der Dauer
der einzuhaltenden Drogenabstinenz keine Stellung nehmen, womit die Vorinstanz
seinen Anspruch auf rechtliches Gehör erneut verletzte.
bb) Die Gewährung des rechtlichen Gehörs ist formeller Natur und die Verletzung
dieses Grundsatzes hat in der Regel die Aufhebung der angefochtenen Verfügung zur
Folge (Kneubühler, Gehörsverletzung und Heilung, in: ZBl 99/1998 S. 101; BGE 121 I
232 E. 2.a mit Hinweisen; GVP 1988 Nr. 37). Eine Heilung dieses Verfahrensmangels
kann somit nur in Ausnahmefällen vorgenommen werden. Wesentliche Kriterien, die
gegen eine Heilung sprechen, sind unter anderem dann gegeben, wenn die
Gehörsverletzung schwer wiegt, wenn sie in einem Verfahren erfolgt, welches einen
empfindlichen Eingriff in eine Grundrechtsposition der betroffenen Person bewirkt, und
wenn bei der Vorinstanz eine Tendenz zur regelmässigen Gehörsverletzung besteht
(Kneubühler, a.a.O., S. 116). Das Bundesgericht lässt in Ausnahmefällen die Heilung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör im Rechtsmittelverfahren zu, um einen
prozessualen Leerlauf und damit verbunden eine zeitliche Verzögerung zu vermeiden
(BGE 137 I 195 E. 2.3.2). Vorausgesetzt wird, dass der betroffenen Partei daraus kein
Nachteil erwächst, d.h. dass sie ihre Rechte im Beschwerdeverfahren voll wahrnehmen
und die zweite Instanz alle Tat- und Rechtsfragen frei nachprüfen kann (Häfelin/Müller/
Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, N 1175 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Voraussetzungen für eine Heilung des Mangels im Rekursverfahren sind vorliegend
erfüllt. Der Rekurrent hatte die Möglichkeit, eine Stellungnahme zur Dauer der
einzuhaltenden Drogenabstinenz einzureichen. Die Wiedererteilung des
Führerausweises an die Bedingung zu knüpfen, eine Drogenabstinenz einzuhalten,
stellt keinen empfindlichen Eingriff in eine Grundrechtsposition des Rekurrenten dar.
Die Verwaltungsrekurskommission verfügt sodann über dieselbe (volle) Kognition wie
die Vorinstanz. Eine Rückweisung zu neuer Verfügung an die Vorinstanz erwiese sich
aus verfahrensökonomischen Gründen damit nicht als zweckmässig. Die Verletzung
des rechtlichen Gehörs durch die Vorinstanz wird jedoch bei der Kostenverlegung zu
berücksichtigen sein (vgl. VRKE IV-2013/47 vom 29. August 2013, in:
www.gerichte.sg.ch).
c) Die von der Vorinstanz geforderte Mindestdauer einer Drogenabstinenz von zwölf
Monaten erscheint unter den gegebenen Umständen als angemessen. Schliesslich
empfahl auch das IRM im Auflagenzeugnis vom 29. Januar 2016 vor dem Hintergrund
einer nicht überwundenen Drogenabhängigkeit eine zwölfmonatige fachtherapeutisch
betreute Drogentotalabstinenz.
4.- Zusammenfassend ergibt sich damit, dass die Voraussetzungen für einen
Sicherungsentzug erfüllt sind und die Vorinstanz die Wiedererteilung des
Führerausweises zu Recht von einer kontrollierten und fachlich betreuten
Drogenabstinenz von mindestens zwölf Monaten und einer verkehrsmedizinischen
Kontrolluntersuchung abhängig gemacht hat. Der mit dem Sicherungsentzug
verbundene Eingriff in die Persönlichkeitssphäre des Rekurrenten ist angesichts der auf
dem Spiel stehenden öffentlichen Interessen der Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer
erforderlich und angemessen und liegt nicht zuletzt auch in seinem eigenen,
wohlverstandenen Interesse (vgl. BGer 6A.15/2000 vom 28. Juni 2000 E. 4). Eine
berufliche Angewiesenheit des Rekurrenten auf den Führerausweis kann nicht
berücksichtigt werden, da dieses Kriterium administrativrechtlich einzig für die
Bemessung der Dauer eines Warnungsentzugs, nicht aber für einen Sicherungsentzug
relevant ist (vgl. Art. 16 Abs. 3 SVG; BGer 6A.23/2004 vom 11. Juni 2004 E. 2.2). Die
angefochtene Verfügung erweist sich damit als recht- und verhältnismässig;
entsprechend ist der Rekurs abzuweisen.
http://www.gerichte.sg.ch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.- Mit dem Sicherungsentzug soll sichergestellt werden, dass der Rekurrent zum
Schutz der Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer vom Strassenverkehr
ferngehalten wird. Dieser Zweck wäre gefährdet, wenn er während eines
Beschwerdeverfahrens als Motorfahrzeugführer zum Strassenverkehr zugelassen
würde. Einer allfälligen Beschwerde ist deshalb die vom Gesetz vorgesehene
aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 51 VRP).
6.- Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu tragen,
dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden. Es gilt der Grundsatz der
Kostentragung nach Massgabe des Obsiegens und Unterliegens. Kosten, die ein
Beteiligter durch Trölerei oder anderes ungehöriges Verhalten oder durch Verletzung
wesentlicher Verfahrensvorschriften veranlasst, gehen jedoch zu seinen Lasten (Art. 95
Abs. 2 VRP). Der Rekurrent dringt mit seinen Begehren nicht durch. Auf der anderen
Seite verletzte die Vorinstanz im Verwaltungsverfahren den Anspruch des Rekurrenten
auf rechtliches Gehör (vgl. E. 3.b), weshalb die amtlichen Kosten dem Rekurrenten und
dem Staat je zur Hälfte aufzuerlegen sind. Angemessen erscheint eine
Entscheidgebühr von Fr. 1‘500.– (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1‘500.– ist zu verrechnen und dem
Rekurrenten im Mehrbetrag von Fr. 750.– zurückzuerstatten.