Decision ID: 5c19b043-c577-51a0-b708-225142420c6b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein Tamile aus B._, Distrikt Jaffna (Nord-
provinz) – verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am
30. Januar 2016 und sei am 8. Mai 2016 in die Schweiz gelangt, wo er am
9. Mai 2016 um Asyl nachsuchte. Am 17. Mai 2016 fand die Befragung zur
Person (BzP) statt. Am 3. Juli 2018 wurde er einlässlich zu seinen Asyl-
gründen angehört.
Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, er sei nach seinem Schulabschluss im Jahre 2006 nach Colombo
umgezogen, wo er in einem Laden gearbeitet habe. Der (...) Ladenbesitzer
habe mit (...) gehandelt und (...), (...) und (...) für die Liberation Tigers of
Tamil Eelam (LTTE) importiert. Seine Aufgabe sei gewesen, die Waren vom
Hafen zum Laden zu transportieren. Im Januar 2009 seien er und ein Ar-
beitskollege zu Hause von Sicherheitskräften festgenommen und inhaftiert
worden. Dies sei im Nachgang an ein Ereignis im Laden geschehen, bei
dem Bewaffnete festgenommen worden seien. Er sei während seiner In-
haftierung verhört und geschlagen worden. Nach drei Tagen sei er dank
der Bezahlung einer Kaution durch seinen Vater und der Unterstützung des
Ladenbesitzers freigelassen worden. Er habe nach der Haftentlassung an
einer anderen Adresse in Colombo gewohnt und sich fast immer dort auf-
gehalten. Er sei schliesslich mehrmals bei seinen Eltern gesucht worden,
letztmals im Jahr 2014. Ende 2014 habe er sich für eine Operation in den
Norden begeben und sei nach ungefähr zwei Monaten wieder nach Co-
lombo zurückgekehrt.
Für den Inhalt der weiteren Aussagen wird auf die Akten verwiesen.
Der Beschwerdeführer reichte zur Untermauerung seiner Vorbringen ärzt-
liche Unterlagen zu den Akten, die im Dezember 2014 in der Nordprovinz
ausgestellt worden sind.
B.
Mit Verfügung vom 3. Juli 2019 stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer
erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das Asylgesuch ab.
Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung aus der Schweiz sowie deren
Vollzug an. Es begründete seine Verfügung im Wesentlichen damit, die
Vorbringen würden weder den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit noch
denjenigen an die Flüchtlingseigenschaft standhalten.
E-3943/2019
Seite 3
C.
Mit Eingabe vom 5. August 2019 erhob der Beschwerdeführer durch sei-
nen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht dagegen Be-
schwerde und beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung,
die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie die Gewährung von Asyl,
eventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit und/oder der Unzumutbar-
keit des Vollzugs der Wegweisung und die Gewährung der vorläufigen Auf-
nahme, subeventualiter die Rückweisung an die Vorinstanz zwecks Neu-
beurteilung.
Als Beweismittel reichte er drei Fotos und einen Zeitungsbericht betreffend
die Verhaftung von Studenten zu den Akten.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 7. August 2019 forderte die Instruktionsrichte-
rin den Beschwerdeführer unter Androhung des Nichteintretens auf die Be-
schwerde zur Bezahlung eines Kostenvorschusses auf.
E.
Der Kostenvorschuss wurde am 16. August 2016 fristgerecht einbezahlt.
F.
Die Vorinstanz beantragte in ihrer Vernehmlassung vom 11. März 2021 die
Abweisung der Beschwerde. Diese wurde dem Beschwerdeführer am
24. März 2021 zur Kenntnis gebracht.
G.
Am 6. April 2021 reichte der Rechtsvertreter eine Kostennote ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
E-3943/2019
Seite 4
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben. Sie
sind vorab zu beurteilen, da sie gegebenenfalls geeignet, sind eine Kassa-
tion der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3 S. 17 f.; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2 S. 70).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
E-3943/2019
Seite 5
Aus der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs, ergibt
sich, dass die Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermöglichen
soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn
sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die Trag-
weite des Entscheides ein Bild machen können. Die Begründungsdichte
richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrensum-
ständen und den Interessen des Betroffenen, wobei bei schwerwiegenden
Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffenen – und um
solche geht es bei Verfahren betreffend Asyl und Wegweisung – eine sorg-
fältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1; BVGE
2008/47 E. 3.2).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen
Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die Sachver-
haltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sach-
verhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind;
unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen
Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl., 2013,
Rz. 1043).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer bringt zur Begründung seiner formellen Rügen
insbesondere vor, das SEM habe den Anspruch auf rechtliches Gehör, die
Prüfungspflicht sowie die Begründungspflicht verletzt und den rechtserheb-
lichen Sachverhalt nicht korrekt festgestellt, indem es fälschlicherweise
von Ungereimtheiten in seinen Angaben und dem Fehlen eines Verfol-
gungsinteresses seitens der sri-lankischen Behörden ausgegangen sei.
Zudem habe es weder die vom Bundesverwaltungsgericht in seinem Re-
ferenzurteil definierten Risikofaktoren noch das Vorliegen von individuellen
Wegweisungsvollzugskriterien geprüft, und die aktuellen Entwicklungen in
Sri Lanka ausser Acht gelassen.
4.2 Das Bundesverwaltungsgericht teilt die Auffassung des Beschwerde-
führers nicht. So hat das SEM in der angefochtenen Verfügung den rechts-
erheblichen Sachverhalt richtig und vollständig festgestellt und sich in sei-
nen Erwägungen mit allen relevanten Vorbringen des Beschwerdeführers
auseinandergesetzt. Das SEM hat sich dabei zur Frage des Bestehens von
Risikofaktoren gemäss der bundesverwaltungsgerichtlichen Rechtspre-
chung geäussert (vgl. angefochtene Verfügung, S. 4 ff.) und ausgeführt,
E-3943/2019
Seite 6
aus welchen Gründen der Vollzug der Wegweisung (auch) in individueller
Hinsicht zumutbar sei (vgl. S. 6). Der Beschwerdeführer vermengt sodann
die Frage der Würdigung des Sachverhalts mit der Sachverhaltserstel-
lungs- und Begründungspflicht der Vorinstanz. Die geäusserte Unzufrie-
denheit mit den Schlussfolgerungen des SEM respektive der Umstand,
dass das SEM seine Einschätzung der allgemeinen Lage in Sri Lanka nicht
auf die vom Beschwerdeführer als opportun angesehenen Quellen stützte
und die Asylvorbringen anders würdigte, als dies vom Beschwerdeführer
als richtig erachtet wird, können nicht unter die Tatbestände der ungenü-
genden Sachverhaltsfeststellung, falschen oder gar willkürlichen Beweis-
würdigung oder mangelhaften Begründung subsumiert werden, sondern
stellen vielmehr eine Kritik in der Sache selbst dar. Ferner zeigt die aus-
führliche Beschwerdeeingabe deutlich auf, dass eine sachgerechte An-
fechtung ohne weiteres möglich war, weshalb die Rüge der Verletzung der
Begründungspflicht unberechtigt ist.
4.3 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zur Neubeurteilung zurückzu-
weisen. Das diesbezügliche (Sub-)Eventualbegehren (Nr. 3 der Beschwer-
deanträge) ist abzuweisen.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-3943/2019
Seite 7
5.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 sowie BVGE 2013/11 E. 5.1; ANNE KNEER und LINUS
SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick
über die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015
S. 5).
6.
6.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, die Vorbringen des
Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an die Glaubhaftma-
chung gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flüchtlingseigenschaft
gemäss Art. 3 AsylG stand.
Der Beschwerdeführer habe zu den Gründen seiner Inhaftierung (betref-
fend festgenommener Person[en]), zum Ort seiner Festnahme und den er-
neuten Suchen nach ihm nach der Haftentlassung (Anzahl, Datierung) in
der BzP und anlässlich der Anhörung unterschiedliche Angaben gemacht.
Zudem sei aufgrund seiner Darlegung, bis zur Ausreise im Januar 2016
rund sieben Jahre lang in einem Zimmer in Colombo gelebt und das Haus
nie verlassen zu haben, wobei er nie nach Jaffna gegangen sei, weil er in
B._ gesucht worden sei, seine Aussage, Ende 2014 wegen einer
medizinischen Behandlung in seine Heimatregion zurückgekehrt zu sein,
wenig plausibel. Mit seiner Erklärung, in Colombo alleine in einem Zimmer
gelebt zu haben, weshalb es nicht möglich gewesen wäre, wenn ihm je-
mand hätte helfen wollen – jene Person hätte eine Wohnung mieten müs-
sen, was auffällig gewesen wäre –, habe er diese Ungereimtheit nicht aus-
räumen können. Zudem sei seine Behauptung, rund sieben Jahre alleine
in einem Zimmer in Colombo gelebt zu haben und in dieser Zeit das Haus
nie verlassen zu haben, als fiktiv zu bezeichnen. Die Aktenlage deute da-
rauf hin, dass er diese Behauptung aus asyltaktischen Gründen aufgestellt
habe. Die eingereichten ärztlichen Unterlagen betreffend eine Operation
wegen Atembeschwerden, welche im Dezember 2014 im Bezirk Jaffna
ausgestellt worden seien, würden seine Asylbegründung nicht stützen.
Schliesslich stellte die Vorinstanz fest, auch eine Prüfung anhand der durch
die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts definierten Risikofak-
toren (Urteil E-1866/2015 E.8, 9.1) lasse nicht auf eine begründete Furcht
des Beschwerdeführers vor asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen im
Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka schliessen. Der Beschwerdeführer
habe nicht glaubhaft machen können, vor seiner Ausreise asylrelevanten
E-3943/2019
Seite 8
Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu sein. Vielmehr sei er sei-
nen Angaben zufolge bis Anfang 2016 in Sri Lanka wohnhaft gewesen und
habe nach Kriegsende noch mehr als sechseinhalb Jahre in seinem Hei-
matstaat gelebt. Allfällige, im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehenden Risi-
kofaktoren hätten folglich kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lanki-
schen Behörden auszulösen vermocht. Es sei nicht ersichtlich, weshalb er
nunmehr bei einer Rückkehr nach Sri Lanka in den Fokus der Behörden
geraten und in asylrelevanter Weise verfolgt werden sollte.
6.2 Der Beschwerdeführer macht demgegenüber geltend, der Inhaber des
(...), wo er gearbeitet habe, habe im 1. Stock des Ladens LTTE-Mitglieder
übernachten lassen. Er und sein Arbeitskollege hätten jedoch in
C._ eine Unterkunft gehabt. Eines der LTTE-Mitglieder, das vo-
rübergehend im (...) übernachtet habe, sei anfangs 2009 in D._ ver-
haftet worden. Kurz darauf seien er – der Beschwerdeführer – und sein
Arbeitskollege in C._ festgenommen und des Waffentransports für
die LTTE beschuldigt worden. Während der Befragung auf dem Polizeipos-
ten habe sich herausgestellt, dass der in D._ festgenommene
Junge Waffen auf sich getragen habe und den Behörden wahrscheinlich
von seiner Unterkunft im (...) berichtet habe. Nach seiner Freilassung sei
der Beschwerdeführer nach D._ umgezogen und im Jahre 2014
wegen einer Operation nach E._ gegangen, wo er bei seinem On-
kel untergekommen sei. Er habe seine Eltern in B._ aus Angst nie
besucht. Weil im (...) viele LTTE-Anhänger übernachtet hätten, habe er
befürchtet, mit den LTTE in Verbindung gebracht zu werden. Er sei je ein-
mal in den Jahren 2011 und 2014 und zirka acht oder neun Monate nach
seiner Ausreise bei sich zu Hause in B._ gesucht worden.
Hinsichtlich des ihm vorgehaltenen Widerspruchs zum Verhaftungsort
müsse es sich dabei um einen Übersetzungsfehler handeln. Er habe über-
einstimmend ausgesagt, in den Jahren 2011 und 2014 gesucht worden zu
sein. Da er dabei jeweils nicht vor Ort gewesen sei, habe er sich nicht mehr
genau an alle Daten der Besuche durch die Polizei erinnern können. Er
habe sich weder in Colombo noch in B._ medizinisch behandeln
lassen, damit sein Aufenthaltsort nicht öffentlich werde. Weiter handle es
sich bei seiner Aussage, während mehrerer Jahre in einem Zimmer in Co-
lombo gelebt zu haben, um eine Redewendung. Schliesslich sei vorliegend
zu berücksichtigen, dass er seit seiner Inhaftierung in ständiger Angst, un-
ter Stress, an Albträumen und Depressionen gelitten habe.
E-3943/2019
Seite 9
Im Weiteren sei es gerichtsnotorisch, dass zurückkehrende tamilische
Asylsuchende, die bereits vor ihrer Ausreise als verdächtige Personen vom
Staatsapparat registriert worden seien, bei einer Rückkehr wiederum be-
helligt würden. Seine Schilderungen – der Aufenthalt in Colombo und seine
Tätigkeit im (...) – würden mit den eingereichten Fotos bewiesen. Er erfülle
das vom Bundesverwaltungsgericht in seinem Referenzurteil definierte Ri-
sikoprofil und habe im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka begründete
Furcht vor künftigen Verfolgungsmassnahmen.
6.3 Die Vorinstanz hält in ihrer Vernehmlassung an ihrem Standpunkt fest.
Die eingereichten Dokumente des Beschwerdeführers an seinem Arbeits-
ort und vor einem Tempel in Colombo würden die Unstimmigkeiten in sei-
nen Aussagen nicht beheben.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Vorinstanz das Asylgesuch des Beschwerdeführers zu
Recht abgelehnt hat. Die Vorinstanz ist in ihren Erwägungen zur zutreffen-
den Erkenntnis gelangt, dass die Verfolgungsvorbringen des Beschwerde-
führers weder den Anforderungen an die Glaubhaftmachung noch denjeni-
gen an die Asylrelevanz genügen. Die Ausführungen auf Beschwerde-
ebene und die dabei gemachten Hinweise auf verschiedene Berichte und
die eingereichten Beweismittel sind nicht geeignet, zu einer anderen
Schlussfolgerung zu führen.
7.2 Der Beschwerdeführer vermag den Erwägungen der Vorinstanz nichts
Substanzielles entgegenzusetzen. Insbesondere überzeugen die verschie-
denen Erklärungsversuche hinsichtlich seiner Angaben zur Inhaftierung,
zum Ort seiner Festnahme und den erneuten Suchen nach ihm nicht. Der
Einwand, wonach der festgestellte Widerspruch zum Verhaftungsort auf ei-
nen Übersetzungsfehler zurückzuführen sei, muss als Schutzbehauptung
zurückgewiesen werden. So führte er in der BzP aus, er habe in einem der
Zimmer des Ladens, wo er gearbeitet habe, gelebt. Im Jahre 2009 seien
Personen ins Zimmer gekommen und hätten ihn und den Arbeitskollegen
festgenommen. Während der Festnahme sei ihnen gesagt worden, dass
mehrere Personen mit Waffen festgenommen worden seien (vgl. A5 S. 8).
Demgegenüber gab er in der Anhörung zu Protokoll, er und sein Arbeits-
kollege hätten nicht im Laden, sondern in C._ übernachtet, wo sie
auch festgenommen worden seien. Zudem sprach er lediglich von einem
Jungen, der im Laden übernachtet habe und verhaftet worden sei (vgl. A12
E-3943/2019
Seite 10
F23). Diese unterschiedlichen Schilderungen können nicht mit Überset-
zungsfehlern in der BzP erklärt werden, hat der Beschwerdeführer doch
das Protokoll nach der Rückübersetzung nicht beanstandet und dessen
Richtigkeit mit seiner Unterschrift bestätigt. Ferner muss der Erklärungs-
versuch, wonach er sich nicht an alle Daten der polizeilichen Suche habe
erinnern können, weil er nicht anwesend gewesen sei, ebenfalls als
Schutzbehauptung zurückgewiesen werden. So machte er in der BzP prä-
zise Angaben zur Anzahl (dreimal) sowie ungefähre Angaben zum Zeit-
punkt der Suchen (eine bereits einen Monat nach der Entlassung von 2009,
eine zirka im Jahre 2010/ein Jahr später sowie eine dritte im Jahre 2014;
vgl. A5 S. 8). Im Gegensatz dazu führte er in der Anhörung aus, im Jahre
2011 und 2014 sowie einmal zirka acht oder neun Monate nach seiner Aus-
reise gesucht worden zu sein (vgl. A12 F44ff.). Diese doch sehr unter-
schiedlichen Angaben können nicht damit erklärt werden, dass er nicht vor
Ort gewesen sei. Es besteht zudem nicht der Eindruck, dass er jeweils
Mühe gehabt hätte, ungefähre Daten anzugeben. Auch die übrigen Erklä-
rungsversuche lassen den Schluss zu, der Beschwerdeführer versuche,
den Sachverhalt als schlüssig und nachvollziehbar darzustellen, was ihm
jedoch nicht gelingt.
7.3 Soweit der Beschwerdeführer darüber hinaus geltend macht, er weise
ein Profil auf, das ihn im Falle einer Rückkehr in asylrelevanter Weise in
Gefahr bringen würde, ist Folgendes festzuhalten:
7.3.1 Im Referenzurteil E-1866/2015 hat das Bundesverwaltungsgericht
eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri Lanka
vorgenommen und festgestellt, dass aus Europa respektive der Schweiz
zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht generell einer ernstzuneh-
menden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt seien (vgl. E-
1866/2015 E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung des Risi-
kos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Verhaftung
und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei handelt es
sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeintlichen, aktu-
ellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, um Teilnahme an exil-
politischen regimekritischen Handlungen und um Vorliegen früherer Ver-
haftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusam-
menhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE
(sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. E-1866/2015 E. 8.4.1 – 8.4.3).
Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unter-
liegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere
E-3943/2019
Seite 11
nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurück-
geführt werden oder die über die Internationale Organisation für Migration
(IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren
Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. E-1866/2015
E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaub-
haft gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der
betreffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbeson-
dere jene Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen
im Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behör-
den zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Separa-
tismus wiederaufleben zu lassen (vgl. E-1866/2015 E. 8.5.1). Diese Recht-
sprechung ist auch in Anbetracht der aktuellen Ereignisse in Sri Lanka wei-
terhin ausschlaggebend.
7.3.2 Vorliegend erwog die Vorinstanz zu Recht, es bestehe aufgrund der
Angaben des Beschwerdeführers kein begründeter Anlass zur Annahme,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit oder in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnah-
men ausgesetzt sein werde. Der Beschwerdeführer weist keine Risikofak-
toren im Sinne des Referenzurteils E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 auf,
aufgrund derer davon auszugehen wäre, dass ihm bei einer Rückkehr mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit asylrelevante Verfolgungsmassnahmen
drohten. Nach Ansicht des Gerichts hat der Beschwerdeführer vorliegend
keine Massnahmen zu befürchten, die über einen sogenannten Back-
ground Check (Befragungen, Überprüfung von Auslandsaufenthalten und
Tätigkeiten in Sri Lanka und im Ausland) hinausgehen. Es bestehen keine
Anhaltspunkte, dass er wegen Verbindungen zu den LTTE ins Visier der
heimatlichen Behörden geraten ist, zumal sich seine diesbezüglichen Vor-
bringen als unglaubhaft erwiesen haben. Auch sonst lässt sich seinen An-
gaben keine Verbindung zu den LTTE entnehmen. Er hat sich auch nicht
exilpolitisch betätigt. Wie vorstehend dargelegt, hat er nicht glaubhaft dar-
gelegt, im Zeitpunkt der Ausreise flüchtlingsrechtlich relevant gefährdet ge-
wesen zu sein. Er lebte nach Kriegsende noch über sechseinhalb Jahre in
Sri Lanka. Es ist auch sonst nicht ersichtlich, er gerate bei einer Rückkehr
in den Fokus der sri-lankischen Behörden. Alleine aus der Zugehörigkeit
zur tamilischen Ethnie, der nunmehr über fünfjährigen Landesabwesenheit
und seiner Herkunft aus der Nordprovinz kann er keine Gefährdung ablei-
ten. Auch eine zwangsweise respektive durch die IOM begleitete Rückfüh-
rung nach Sri Lanka ist ein schwach risikobegründender Faktor, der nicht
zur Annahme geeignet ist, dass er bei einer Rückkehr von den sri-lanki-
schen Behörden als Bedrohung wahrgenommen würde und ihm ernsthafte
E-3943/2019
Seite 12
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen könnten. Weiter sind Angehö-
rige der tamilischen Ethnie bei einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht gene-
rell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt
(vgl. E-1866/2015 E. 8.3).
7.3.3 Dies gilt auch unter Berücksichtigung der aktuellen politischen Lage
in Sri Lanka. Die Präsidentschaftswahlen von November 2019 und daran
anknüpfende Ereignisse vermögen diese Einschätzung nicht in Frage zu
stellen (vgl. dazu im Einzelnen: Urteil des BVGer E-1156/2020 vom
20. März 2020 E. 6.2). Das Bundesverwaltungsgericht ist sich der politi-
schen Veränderungen in der Heimat des Beschwerdeführers bewusst. Es
beobachtet die Entwicklungen aufmerksam und berücksichtigt diese bei
seiner Entscheidfindung. Zwar ist beim derzeitigen Kenntnisstand durch-
aus von einer möglichen Akzentuierung der Gefährdungslage auszugehen,
der Personen mit einem bestimmten Risikoprofil ausgesetzt sind bezie-
hungsweise bereits vorher ausgesetzt waren (vgl. E-1866/2015; Human
Rights Watch [HRW], Sri Lanka: Families of "Disappeared" Threatened,
16.02.2020). Dennoch gibt es zum heutigen Zeitpunkt keinen Grund zur
Annahme, dass seit dem Machtwechsel in Sri Lanka ganze Bevölkerungs-
gruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr ausgesetzt wären. Unter diesen
Umständen ist im Einzelfall zu prüfen, ob ein persönlicher Bezug der asyl-
suchenden Personen zur Präsidentschaftswahl vom 16. November 2019
respektive deren Folgen besteht. Für den Beschwerdeführer ist das nicht
der Fall.
7.3.4 An der Lageeinschätzung des erwähnten Referenzurteils ist weiter-
hin festzuhalten. Mit den angeführten Quellenverweisen zur allgemeinen
Situation in Sri Lanka sowie dem eingereichten Zeitungsartikel vermag der
Beschwerdeführer keine auf seine Person bezogene konkrete Gefährdung
darzulegen. Objektive Nachfluchtgründe, bei denen eine Gefährdung ent-
standen ist aufgrund von äusseren, nach der Ausreise eingetretenen Um-
ständen, auf die der Betreffende keinen Einfluss nehmen konnte (vgl.
BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.), liegen nicht vor. Es sind auch sonst keine
Anhaltspunkte ersichtlich, dass der Beschwerdeführer im aktuellen politi-
schen Kontext in Sri Lanka in den Fokus der sri-lankischen Behörden ge-
raten ist und mit asylrelevanter Verfolgung zu rechnen hat, weshalb er
keine Verfolgung oder begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft zu machen vermag.
E-3943/2019
Seite 13
7.4 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die
Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die Vor-
instanz hat sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Daran ändert auch seine Eheschliessung mit einer
deutschen Staatsangehörigen, die ihren Wohnsitz in Deutschland hat,
nichts. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
E-3943/2019
Seite 14
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung nach Sri Lanka dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka
lässt den Wegweisungsvollzug nach Auffassung des Gerichts nicht als un-
zulässig erscheinen (vgl. E-1866/2015 E. 12.2 sowie statt vieler: Urteil
BVGer E-895/2020 vom 15. April 2020 E. 9.2). Es ergeben sich aus den
Akten auch keine konkreten Hinweise darauf, dass der Beschwerdeführer
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genannten "Back-
ground Check" (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im In- und
Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet wäre.
Daran vermögen der Regierungswechsel vom November 2019 sowie die
seither veränderte Lage in Sri Lanka nichts zu ändern.
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
E-3943/2019
Seite 15
9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.4.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen, und es herrscht weder Krieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt (vgl. BVGE 2011/24 E. 13.2.1). Ge-
mäss Referenzurteil des Bundesverwaltungsgerichts D-3619/2016 vom
16. Oktober 2017 ist der Vollzug der Wegweisung auch ins "Vanni-Gebiet"
grundsätzlich zumutbar (vgl. a.a.O. E. 9.5). An der generellen Einschät-
zung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vermögen die gewalttä-
tigen Angriffe auf Kirchen und Hotels vom Ostersonntag 2019 und der da-
raufhin verhängte Ausnahmezustand nichts zu ändern. Auch die verschärf-
ten ethnischen und religiösen Spannungen während des jüngsten Wahl-
kampfes und der Regierungswechsel vom November 2019 sowie die aktu-
elle Situation in Sri Lanka ändern nichts an dieser Beurteilung.
9.4.2 Der Beschwerdeführer stammt aus Jaffna, Nordprovinz, wo er aufge-
wachsen ist. Seinen Angaben zufolge lebte er die letzten Jahre vor seiner
Ausreise in Colombo, wo er über ein gewisses (soziales) Beziehungsnetz
verfügen dürfte. Darüber hinaus leben seine Eltern sowie weitere nahe An-
gehörige weiterhin in der Nordprovinz. Sein Vater soll Ländereien und
Fahrzeuge besessen haben. Es kann somit ohne weiteres von einem nach
wie vor bestehenden gefestigten Beziehungsnetz in seiner Heimat ausge-
gangen werden, das ihm bei einer Rückkehr Unterstützung bieten kann,
insbesondere auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Sodann verfügt er über eine
schulische Ausbildung mit Abschluss des O-Levels sowie gewisse Arbeits-
erfahrungen, so auch in der Schweiz. Aufgrund dieser Ausführungen sollte
dem Beschwerdeführer demnach die wirtschaftliche Reintegration und der
Aufbau einer neuen Existenz gelingen.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.5 Ferner obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Ver-
tretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
E-3943/2019
Seite 16
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.6 Schliesslich steht auch die Coronavirus-Pandemie dem Wegweisungs-
vollzug nicht entgegen. Bei dieser handelt es sich – wenn überhaupt – um
ein temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation in Sri Lanka angepasst wird
(vgl. EMARK 1995 Nr. 14 E. 8d und e, Urteil des BVGer D-4796/2019 vom
27. April 2020 E. 8.9 m.w.H.).
9.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und praxisgemäss auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Der am 16. August 2019 in der gleichen Höhe ge-
leistete Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu ver-
wenden.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3943/2019
Seite 17