Decision ID: f89f7a83-b885-5ad6-8cd9-556018704b4d
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 8. Dezember 2017 bei der Gemeinde Bellmund
ein Baugesuch ein für den Abbruch des bestehenden Einfamilienhauses mit Doppelgarage
und den Neubau eines Mehrfamilienhauses mit fünf Wohnungen und einer Einstellhalle auf
Parzelle Bellmund Grundbuchblatt Nr. F._. Die Parzelle liegt in der Wohnzone
W2b. Die Gemeinde nahm die vorläufige formelle Prüfung vor und überwies das Gesuch
zuständigkeitshalber dem Regierungsstatthalteramt. Gegen das Bauvorhaben erhoben
neben anderen die Beschwerdeführenden Einsprache. Sie machten unter anderem
geltend, bei der Errichtung der bestehenden Baute sei das Gelände aufgeschüttet worden.
Diese Aufschüttung könne nicht das massgebliche Terrain bilden. Auch die Gemeinde wies
in ihrem Amtsbericht darauf hin, dass die Angaben zum natürlich gewachsenen Terrain in
den Baugesuchsunterlagen nicht korrekt seien. Sie liess das gewachsene Terrain durch
den Nachführungsgeometer rekonstruieren. Mit Eingabe vom 23. April 2018 reichte die
Beschwerdegegnerin eine Projektänderung ein, die das rekonstruierte Terrain
berücksichtigte. Die Beschwerdeführenden hielten an ihrer Einsprache fest. Das
Regierungsstatthalteramt verzichtete auf die Durchführung einer Einigungsverhandlung.
Mit Gesamtentscheid vom 28. November 2018 erteilte es die Baubewilligung.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 28. Dezember 2018 Beschwerde
bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen
die Aufhebung des Gesamtentscheids vom 28. November 2018 und die Erteilung des
Bauabschlags. Sie machen insbesondere geltend, bei korrekter Rekonstruktion des
natürlich gewachsenen Terrains würde sich eine Überschreitung der maximalen
Gebäudehöhe ergeben, die Ausfahrt von der geplanten Einstellhalle auf die öffentliche
Strasse sei nicht verkehrssicher und das Bauvorhaben führe zu einer unzulässigen
Beschattung des Wohnhauses der Beschwerdeführenden.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. In ihrer Beschwerdevernehmlassung
vom 15. Januar 2019 beantragt die Gemeinde die Abweisung der Beschwerde, soweit
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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darauf einzutreten sei. Zur Begründung verweist sie auf den Bauentscheid und ihren
Amtsbericht. In seiner Beschwerdevernehmlassung vom 16. Januar 2019 teilt die
Vorinstanz mit, sie habe zur Beschwerde keine Bemerkungen anzubringen. Sie beantragt
deren Abweisung und verweist auf ihren Gesamtentscheid. In ihrer Beschwerdeantwort
vom 5. Februar 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde
und die Bestätigung des Entscheids der Vorinstanz. Auf die Rechtsschriften und Vorakten
wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Der Entscheid des Regierungsstatthalteramts Biel/Bienne ist ein Gesamtentscheid im
Sinne von Art. 9 KoG2. Er ist gestützt auf Art. 11 Abs. 1 KoG in Verbindung mit Art. 5
Abs. 1 KoG mit Baubeschwerde nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 bei der BVE anfechtbar. Die
BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde zuständig.
b) Die Beschwerdeführenden haben sich zulässigerweise als Einsprechende am
Baubewilligungsverfahren beteiligt (Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG). Sie sind zur Beschwerde
befugt (Art. 40 Abs. 2 BauG).
c) Die Beschwerde ist innert der Rechtsmittelfrist eingereicht worden (Art. 40 Abs. 1
BauG). Sie enthält einen Antrag und eine Begründung (Art. 32 Abs. 2 VRPG4). Die BVE tritt
daher auf die Beschwerde ein.
2. Übermässige Beschattung
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, nach konstanter bundesgerichtlicher
Rechtsprechung dürfe die zulässige Dauer des Schattenwurfs einer Liegenschaft auf eine
Nachbarliegenschaft ausgehend von den bestehenden kantonalen Regelungen und den
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 4 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
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systematischen Studien über den Entzug von Sonnenschein in der Regel höchstens zwei
Stunden bei Tag- und Nachtgleich oder an einem mittleren Wintertag betragen. Wegen der
besonderen topografischen Lage des Bauprojekts und des Wohnhauses der
Beschwerdeführenden liege hier bezüglich Beschattung ein besonderer Fall vor. Aus den
Bildern, die der Beschwerde beiliegen würden, könne ohne weiteres geschlossen werden,
dass bei Umsetzung der Baute die Fassade des Wohnhauses der Beschwerdeführenden
bis über den ersten Stock hinaus gänzlich beschattet werden würde. Ein
Schattendiagramm würde dies belegen.
b) Bauten und Anlagen dürfen nicht zu Einwirkungen auf die Nachbarschaft führen, die
der Zonenordnung widersprechen (Art. 24 Abs. 1 BauG). Das gilt auch für den
Schattenwurf, der als negative Immission gilt.5 Grundsätzlich ist es Sache der zuständigen
Planungsbehörde bzw. des kommunalen Gesetzgebers, zwischen dem Interesse der
Nachbarschaft an ausreichender Besonnung bzw. dem öffentlichen Interesse an
gesundem Wohnen (vgl. Art. 3 Abs. 3 RPG6) und dem in Art. 75 Abs. 1 BV7 und Art. 1 Abs.
1 RPG umschriebenen öffentlichen Interesse an der haushälterischen Bodennutzung
abzuwägen. Das Ergebnis dieser Abwägung kann im Baubewilligungsverfahren im
Regelfall nicht mehr in Frage gestellt werden.8 In den Zonenvorschriften sind Art und Mass
der zulässigen Immissionen somit ausdrücklich oder indirekt bestimmt.9 Die Nachbarinnen
und Nachbarn können nur verlangen, dass ein Gebäude die baupolizeilichen Masse
einhält. Die Beschattung durch ein baurechtskonformes Gebäude müssen sie dulden.10
c) Hochhäuser dürfen bestehende zonenkonforme oder nach den geltenden
Vorschriften mögliche Wohnbauten nicht durch übermässigen Schattenwurf
beeinträchtigen (Art. 22 Abs. 3 BauV). Diese Bestimmung gilt ihrem Titel nach nur für
Hochhäuser, d.h. für Gebäude mit einer Gesamthöhe von mehr als 30 m (vgl. Art. 20 Abs.
1 BauG). Das von den Beschwerdeführenden erwähnte, vom Bundesgericht entwickelte
Beurteilungskriterium der zweistündigen Beschattung wurde für Hochhäuser entwickelt.11
5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 24 N. 2; BGE 138 III 49 E. 4.4.1 6 Bundesgesetz vom 22. Juni 1979 über die Raumplanung (Raumplanungsgesetz, RPG; SR 700) 7 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) 8 BGer 1C_114/2015 vom 10. Juli 2015 E. 7.2.1 mit Hinweis auf BGer 1C_539/2011 vom 3. September 2012 E. 4.9 9 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 24 N. 8 10 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 24 N. 31 Bst. a 11 Vgl. dazu Bger 1C_233/2016 vom 20. Januar 2017 E. 4.3
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Beim geplanten Mehrfamilienhaus handelt es sich nicht um ein Hochhaus. Die
Beschwerdeführenden können deshalb aus der fraglichen bundesgerichtlichen
Rechtsprechung nichts zu ihren Gunsten ableiten. Sie können nur verlangen, dass das
Gebäude die massgeblichen baupolizeilichen Masse einhält. Ein Schattendiagramm ist
deshalb nicht erforderlich. Der entsprechende Beweisantrag wird abgewiesen.
3. Massgebendes Terrain
a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, das natürlich gewachsene Terrain sei
nicht richtig bestimmt worden. Bei korrekter Rekonstruktion des natürlich gewachsenen
Terrains würde sich eine Überschreitung der maximalen Gebäudehöhe ergeben. Sie
beantragen, die Baugesuchsakten der bestehenden Baute auf dem Baugrundstück sowie
die Baugesuchsakten sämtlicher an dieses Grundstück anstossenden Bauparzellen und
der Strassenparzelle seien zu edieren und es sei dem Geometer der Auftrag zu erteilen,
das gewachsene Terrain anhand der edierten Akten zu bestimmen.
b) Gemäss Art. 5 Abs. 1 GBR12 sind in der Wohnzone W2b eine traufseitige
Fassadenhöhe von 6.50 m und eine Gesamthöhe von 10.50 m zulässig. Ein Hangzuschlag
von 1 m ist talseitig zulässig, sofern die Hangneigung mehr als 10 Prozent beträgt (Art. 5
Abs. 2 GBR). Die Gesamthöhe ist der grösste Höhenunterschied zwischen dem höchsten
Punkt der Dachkonstruktion und den lotrecht darunter liegenden Punkten auf dem
massgebenden Terrain (Art. 14 BMBV13). Die Fassadenhöhe ist der grösste
Höhenunterschied zwischen der Schnittlinie der Fassadenflucht mit der Oberkante der
Dachkonstruktion und der dazugehörigen Fassadenlinie (Art. 15 BMBV). Als
massgebendes Terrain gilt der natürlich gewachsene Geländeverlauf. Kann dieser infolge
früherer Abgrabungen und Aufschüttungen nicht mehr festgestellt werden, ist vom
natürlichen Geländeverlauf der Umgebung auszugehen (Art. 1 Abs. 1 BMBV). Aus
planerischen oder erschliessungstechnischen Gründen kann das massgebende Terrain in
einem Planungs- oder Baubewilligungsverfahren abweichend festgelegt werden (Art. 1
Abs. 2 BMBV). Wird das Terrain im Hinblick auf ein Bauvorhaben abgegraben, so ist
dieses abgegrabene Terrain massgebend (Art. 1 Abs. 3 BMBV).
12 Baureglement der Gemeinde Bellmund vom 9. Dezember 2014 (GBR) 13 Verordnung vom 25. Mai 2011 über die Begriffe und Messweisen im Bauwesen (BMBV; BSG 721.3)
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c) Das massgebende Terrain im Sinne von Art. 1 BMBV entspricht grundsätzlich dem
gewachsenen Boden im Sinne von aArt. 97 Abs. 1 BauV.14 Mit der Regelung, dass als
massgebendes Terrain der natürlich gewachsene Geländeverlauf gilt, wird bezweckt, dass
auf den seit langem bestehenden, weitgehend durch natürliche Prozesse entstandenen
Geländeverlauf abgestellt wird und nicht auf einen Geländeverlauf, der auf menschliche
Eingriffe zurückgeht. Es soll sich niemand durch künstliche Eingriffe ins Gelände Vorteile
beim Bauen verschaffen können. Wie auf den natürlichen Geländeverlauf geschlossen
wird, bleibt der kantonalen Praxis überlassen.15 Wo der natürlich gewachsene
Geländeverlauf unklar oder umstritten ist, muss die zuständige Behörde dessen Verlauf im
Rahmen des Baubewilligungsverfahrens hoheitlich festlegen. Dabei ist auf den natürlichen
Geländeverlauf in der Umgebung abzustellen, also so weit wie möglich von der Umgebung
oder von älteren Terrainaufnahmen auf den ursprünglichen Geländeverlauf auf dem
Baugrundstück zu schliessen.16 Das massgebende Terrain wird somit grundsätzlich auf
dem Baugrundstück selber ermittelt. Ist es unbebaut und bestehen keine Anzeichen für
eine Abgrabung oder Aufschüttung, so gilt das vor Baubeginn bestehende Terrain als
massgebendes Terrain.17 Falls das Baugrundstück überbaut ist, müssen die damit
verbundenen Veränderungen weggedacht und der natürlich gewachsene Geländeverlauf
ermittelt werden. In der Regel ergeben sich aus den seinerzeit bewilligten Projektplänen
oder aus früheren Geländeaufnahmen Hinweise auf den natürlich gewachsenen
Geländeverlauf.18 Gute Anhaltspunkte können auch Naturobjekte wie alte Bäume auf dem
Baugrundstück bieten.19 Kann der natürlich gewachsene Geländeverlauf auf dem
Baugrundstück selbst wegen früheren Abgrabungen und Aufschüttungen nicht mehr
ermittelt werden, ist vom natürlichen Geländeverlauf in der Umgebung auszugehen. Sind
die angrenzenden Grundstücke ebenfalls überbaut bzw. sichtlich verändert worden, sind
die gleichen Abklärungen wie auf dem Baugrundstück vorzunehmen.20
Im vorliegenden Fall ist das Baugrundstück bereits überbaut. Das bestehende Terrain kann
deshalb unbestritten nicht als massgebendes Terrain für das neue Bauprojekt gelten. Im
14 VGE 2014/105 Vom 8. Januar 2015 E. 3.3; vgl. dazu auch IVHB-Erläuterungen, Stand 3.9.2013, S. 2, einsehbar unter <https://www.dtap.ch>, Rubriken «Konkordate, IVHB» 15 Vgl. IVHB-Erläuterungen zu Ziff. 1.1, Rz. 2 16 Vgl. IVHB-Erläuterungen zu Ziff. 1.1, Rz. 4 17 Michael Fretz, Das massgebende Terrain im Fokus, IVHB Forum vom 15. November 2016, S. 7; Peter Heer/Christian Munz, IVHB – ein Werkstattbericht aus dem Kanton Aargau, in: Anwalts Revue 2013 S. 440 ff., S. 442 18 Michael Fretz, Das massgebende Terrain im Fokus, IVHB Forum vom 15. November 2016, S. 8 f. 19 Peter Heer/Christian Munz, IVHB – ein Werkstattbericht aus dem Kanton Aargau, in: Anwalts Revue 2013 S. 440 ff., S. 442 20 Peter Heer/Christian Munz, IVHB – ein Werkstattbericht aus dem Kanton Aargau, in: Anwalts Revue 2013 S. 440 ff., S. 442
https://www.dtap.ch
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vorinstanzlichen Verfahren wurde deshalb beim Nachführungsgeometer eine
Rekonstruktion des massgebenden Terrains in Auftrag gegeben. Ausgangspunkte dieser
Rekonstruktion bildeten das bestehende Terrain in der Strassenmitte und das aktuell
bestehende Terrain auf der Ostseite des Gebäudes sowie die Annahme, dass das Gebiet
vor dem Bau der Gebäude als Landwirtschaftsland genutzt und somit von einem
gleichmässige Geländeverlauf ohne markante Stufen auszugehen sei. Hingegen wurden
die Baubewilligungsakten und Projektpläne des bestehenden Gebäudes nicht beigezogen,
obwohl diesen Angaben zum seinerzeit massgebenden gewachsenen Terrain entnommen
werden könnten, die bei der Rekonstruktion des natürlich gewachsenen Geländeverlaufs
berücksichtigt werden müssten. Die Beschwerdeführenden kritisieren deshalb zu Recht,
dass die Rekonstruktion des gewachsenen Terrains einzig auf verschiedenen Annahmen
beruht und keine weiteren Quellen bezieht. Zudem ist die von den Beschwerdeführenden
eingereichte Kopie des Überbauungsplans G._ vom 18. November 2004 geeignet,
Zweifel am rekonstruierten gleichmässigen Geländeverlauf zu wecken, da die darin
eingezeichneten Höhenlinien auf einen flacheren Verlauf des natürlich gewachsenen
Terrains im kritischen Bereich hindeuten. Das vom Nachführungsgeometer rekonstruierte
gewachsene Terrain kann deshalb nicht als massgebendes Terrain im Sinne von Art. 1
BMBV gelten.
d) Für den Hangzuschlag massgeblich ist die Neigung des massgebenden Terrains
innerhalb des Grundrisses in der Falllinie (vgl. A133 Abs. 5 GBR). Eine Falllinie entspricht
der Linie, der ein Wassertropfen bei Vernachlässigung der Trägheit hangabwärts folgen
würde. Die Falllinie folgt jeweils der Richtung des grössten Gefälles und schneidet die
Höhenlinien stets rechtwinklig. An einem Hang existieren unendlich viele Falllinien. Die in
A133 Abs. 5 GBR enthaltene Formulierung "Neigung des massgebenden Terrains
innerhalb des Grundrisses in der Falllinie" enthält keine Konkretisierung, welche Falllinie
innerhalb des Gebäudegrundrisses für die Bestimmung der Hangneigung massgebend ist
und die Gemeinde hat dazu keine Praxis. Es handelt sich aber um eine Formulierung, die
nicht nur im Baureglement der Gemeinde Bellmund enthalten ist. Sie entspricht im
Grundsatz Art. 18 NBRD21 sowie der Formulierung in Art. 212 Abs. 5 des
Musterbaureglements22 des AGR und ist in den Reglementen vieler Gemeinden enthalten.
Gemäss Praxis der BVE ist bei der Ermittlung der Hangneigung gemäss der genannten
Formulierung die durch den Schwerpunkt des Gebäudegrundrisses verlaufende Falllinie
21 Dekret vom 10. Februar 1970 über das Normalbaureglement (NBRD; BSG 723.13) 22 Abrufbar unter <www.jgk.be.ch>, Rubriken Raumplanung / Arbeitshilfen / Musterbaureglement
http://www.jgk.be.ch
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massgebend, denn es darf nicht im Belieben der Bauherrschaft stehen, die für sie am
günstigsten verlaufende Falllinie innerhalb des Gebäudegrundrisses zu wählen. Wird auf
die Falllinie abgestellt, die durch den Schwerpunkt des Gebäudegrundrisses verläuft, was
bei rechteckigen oder quadratischen Gebäuden der Gebäudemitte entspricht, besteht am
ehesten Gewähr, dass in einem grossen Teil der Gebäudegrundfläche die erforderliche
Hangneigung vorhanden ist.23
Da Falllinien die Höhenlinien stets rechtwinklig schneiden, ist die zur Bestimmung der
Hangneigung im Gebäudegrundriss massgebende Falllinie wie folgt zu ermitteln: Auf
einem Plan mit Höhenlinien sind ausgehend vom Schwerpunkt des Gebäudegrundrisses
Linien hangaufwärts und hangabwärts jeweils rechtwinklig auf die nächste Höhenlinie
einzutragen und von dort weiterführend jeweils rechtwinklig auf die nächsten Höhenlinien,
bis die Gebäudelinien geschnitten werden. Zur Berechnung der Hangneigung ist
anschliessend für alle so eingetragenen Abschnitte zwischen den einzelnen Höhenlinien
das Gefälle zu bestimmen. Schliesslich ist aus diesen Gefällen ein unter Berücksichtigung
des Verhältnisses der Distanzen der Teilabschnitte zur Gesamtdistanz gewichtetes Mittel
zu berechnen. Diese Vorgehensweise führt zur genauesten Bestimmung der Hangneigung.
In der Praxis wird allerdings oft eine vereinfachte Variante angewendet. Bei dieser wird die
Falllinie wie geschildert eingezeichnet, anschliessend werden die zwei Schnittpunkte dieser
Falllinie mit den Gebäudelinien mit einer geraden Linie verbunden und die Hangneigung
anhand der Höhendifferenz der Schnittpunkte und der Distanz zwischen den
Schnittpunkten berechnet.
Die von der Beschwerdegegnerin berechnete Hangneigung entspricht nicht diesen
Vorgaben. Wie sich dem Projektplan Fassaden entnehmen lässt, wurde die Hangneigung
entlang der Fassaden, d.h. unter Berücksichtigung der Gebäudebreite von 13.10 m, und
nicht in der Falllinie bestimmt. Selbst wenn das rekonstruierte gewachsene Terrain als
massgebendes Terrain gelten würde, müsste näher geprüft werden, ob die Hangneigung
mehr als 10 Prozent beträgt.
4. Strassenanschluss
23 Vgl. BDE RA Nr. 110/2017/126 vom 6. August 2018 E. 3e mit weiteren Hinweisen
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a) Die Beschwerdeführenden machen geltend, hinsichtlich der Verkehrssicherheit
begnüge sich die Vorinstanz damit, die Ausführungen der Beschwerdegegnerin zu stützen,
wonach die Sicht bei der Ausfahrt auf die öffentliche Strasse auf beiden Seiten
gewährleistet sei. Welche Sichtweiten im konkreten Fall überhaupt erforderlich seien, lasse
sie unbeantwortet. Die Beschwerdeführenden würden davon ausgehen, dass eine
eingehende Überprüfung der Sichtweiten eine ungenügende Verkehrssicherheit bei der
Ausfahrt von der geplanten Einstellhalle auf die öffentliche Strasse ergebe. Bei der
Ausfahrt aus der Einstellhalle sei die Sicht eingeschränkt durch die terrassenförmige
Hangsicherung links und rechts der Rampe, die beidseits mit einem wohl mindestens
1.20 m hohen Geländer versehen sei. Wegen der Rampe sei die Sicht zusätzlich
erschwert. Bei einer Geschwindigkeit von 40 km/h müssten die Sichtweiten 35 m nach links
und 50 m nach rechts betragen.
b) Das geplante Mehrfamilienhaus hat eine gesteigerte Benutzung des bestehenden
Strassenanschlusses zur Folge. Dafür ist eine Strassenanschlussbewilligung des
zuständigen Gemeinwesens erforderlich (vgl. Art. 85 Abs. 1 SG24). In koordinierten
Verfahren wie dem vorliegenden wird die Strassenanschlussbewilligung Bestandteil des
Gesamtentscheides und ist im Dispositiv des Entscheides zu nennen (Art. 9 Abs. 2 Bst. a
KoG). Die Gemeinde hat sich zwar in ihrem Amtsbericht knapp zum Strassenanschluss
geäussert, die notwendige Strassenanschlussbewilligung wurde jedoch weder erteilt noch
im Dispositiv aufgenommen. Der angefochtene Gesamtentscheid ist insoweit mangelhaft.
c) Voraussetzung für die Bewilligung eines neuen oder geänderten
Strassenanschlusses ist, dass die Zu- und Wegfahrten die öffentliche Strasse nicht
beeinträchtigen (vgl. dazu Art. 73 Abs. 1 SG und Art. 21 Abs. 1 BauG in Verbindung mit
Art. 57 BauV). Zur Beurteilung der Frage, ob ein Strassenanschluss verkehrssicher ist,
können die Normen des Schweizerischen Verbands der Strassen- und Verkehrsfachleute
(VSS) als Entscheidungshilfe herangezogen werden. Es handelt sich aber nicht um
Rechtsnormen, sondern lediglich um Richtlinien, deren Anwendung im Einzelfall vor den
allgemeinen Rechtsgrundsätzen, insbesondere vor dem Grundsatz der
Verhältnismässigkeit, standhalten muss. Sie dürfen daher nicht unbesehen der konkreten
Verhältnisse der Entscheidung zugrunde gelegt werden.25 Für die Anordnung von
Grundstückzufahrten sowie für die Bestimmung von Sichtweiten privater Ausfahrten in
24 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11) 25 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 21 N. 7
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öffentliche Strassen sind die Normen VSS SN 640 050 (Grundstückzufahrten) und VSS SN
640 273a (Knoten, Sichtverhältnisse in Knoten in einer Ebene) massgebend.
Grundstückzufahrten sind überall dort zu vermeiden, wo die minimalen Knotensichtweiten
nicht gewähreistet werden können.26 Die Norm VSS SN 640 273a legt die Abmessungen
der Sichtfelder fest, die vorhanden sein müssen, damit ein vortrittsbelastetes Fahrzeug den
vortrittsberechtigten Verkehr kreuzen oder in diesen einbiegen kann.27 Das Sichtfeld ist die
Fläche zwischen den Achsen der vortrittsberechtigten Fahrstreifen und den Sichtlinien, d.h.
den Geraden, die den Beobachtungspunkt des vortrittsbelasteten Fahrzeuges mit den
vortrittsberechtigen Fahrzeugen verbinden.28 Das Sichtfeld ist von allen Hindernissen
freizuhalten, die ein Motorfahrzeug oder ein leichtes Zweirad verdecken könnten. Diese
Anforderung gilt auch für Pflanzenwuchs, Schnee, Werbeplakate oder parkierte Fahrzeuge.
In der Regel genügt es, wenn das Sichtfeld in einem Höhenbereich zwischen 0.60 m und
3.00 m über der Fahrbahn hindernisfrei ist. Für die Beurteilung des Sichtfelds ist die
ungünstigste Sichtlinie zu berücksichtigen.29 Als Beobachtungsdistanz wird innerorts ein
Wert von 3.00 m empfohlen.30 Als massgebende Zufahrtsgeschwindigkeit der
vortrittsberechtigten Fahrzeuge gilt der kleinere Wert der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit oder der Projektierungsgeschwindigkeit.31 Die erforderlichen
Knotensichtweiten hängen von der Zufahrtsgeschwindigkeit der vortrittsberechtigten
Motorfahrzeuge ab und werden durch Wertebereiche definiert. Die unteren Werte gelten für
untergeordnete Strassentypen (Erschliessungsstrassen, Sammelstrassen,
Verbindungsstrassen), Sichtwerte zwischen dem unteren und dem oberen Wert sind
erforderlich für übergeordnete Strassentypen wie Hauptverkehrsstrassen und wichtige
Verbindungsstrassen und der obere Wert gilt für übergeordnete Strassen mit ungünstigen
Verhältnissen im Knotenbereich (beispielsweise grosse Längsneigung, mehr als zwei
Fahrstreifen, grosser Schwerverkehrsanteil).32 Da es sich im vorliegenden Fall um eine
Ausfahrt in eine Erschliessungsstrasse handelt, dürften die unteren Werte ausreichen.
Welche Knotensichtweiten erforderlich sind und ob diese eingehalten werden, kann
gestützt auf die Akten nicht beurteilt werden. Die Beschwerdegegnerin hat im Projektplan
Erdgeschoss/Umgebung zwar zwei Linien eingezeichnet, die mit "Sichtweite" beschriftet
26 VSS SN 640 050 Ziff. 5 27 VSS SN 640 273a Ziff. 2 28 VSS SN 640 273a Ziff. 6 und 7 29 VSS SN 640 273a Ziff. 10 30 VSS SN 640 273a Ziff. 11 und 13 31 VSS SN 640 273a, Ziff. 9 32 VSS SN 640 273a Ziff. 12.1
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sind, dabei handelt es sich aber nicht um die massgeblichen Knotensichtweiten nach der
VSS SN 640 273a, sondern um Sichtlinien. Zudem hat sie eine Beobachtungsdistanz von
2.50 m verwendet. Ob die Knotensichtweiten eingehalten werden können, ist somit unklar.
Es ist deshalb nicht erstellt, dass der Strassenanschluss verkehrssicher ist.
5. Rückweisung
a) Die Beschwerdeinstanz entscheidet in der Regel in der Sache. Sie weist die Akten
nur ausnahmsweise und mit verbindlichen Anordnungen an die Vorinstanz zurück (vgl.
Art. 72 Abs. 1 VRPG). Es müssen besondere Gründe, die prozessökonomische
Gesichtspunkte in den Hintergrund treten lassen, dafür sprechen, dass die Vorinstanz noch
einmal zum Entscheid über das streitige Rechtsverhältnis aufgerufen wird. Mangelnde
Entscheidreife der Angelegenheit kann einen solchen Grund darstellen, sofern die
Beschwerdebehörde selber umfassende Beweismassnahmen durchführen müsste.33 Auch
wenn eine Projektänderung im Baubeschwerdeverfahren erfolgt, kann die
Beschwerdeinstanz die Sache zur Weiterbehandlung an die Vorinstanz zurückweisen (Art.
43 Abs. 3 BewD).
b) Aus den vorangehenden Erwägungen geht hervor, dass weitere Abklärungen in
Bezug auf das massgebliche Terrain notwendig sind. Für die Rekonstruktion des natürlich
gewachsenen Geländeverlaufs sind zumindest die bewilligten Pläne des bestehenden
Gebäudes miteinzubeziehen. Sollten sich diesen keine Angaben zum gewachsenen
Terrain entnehmen lassen, wären weitere Unterlagen, wie beispielsweise die bewilligten
Pläne der angrenzenden Liegenschaften und der Erschliessungsstrasse zu
berücksichtigen. Weiter ist zu prüfen, ob die Hangneigung des massgebenden Terrains
innerhalb des Grundrisses in der Falllinie und nicht entlang den Fassaden mehr als 10
Prozent beträgt. Zudem ist die Strassenanschlussbewilligung zu prüfen und zu klären, ob
die Verkehrssicherheit bei der Zufahrt auf die Erschliessungsstrasse gewahrt ist. Dazu ist
eine korrekte Konstruktion der Knotensichtweiten zu verlangen. Je nach Ergebnis ist der
Beschwerdegegnerin Gelegenheit zur Projektänderung einzuräumen.
c) Damit erweist sich der Sachverhalt als noch nicht spruchreif. Es ist nicht Aufgabe der
BVE diese Sachverhaltsabklärungen vorzunehmen und erstmals über einzelne Aspekte zu
33 Zum Ganzen: Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72, N. 2 f.
RA Nr. 110/2019/1 12
befinden. Daher muss das Verfahren zur erneuten Beurteilung an die Vorinstanz
zurückgewiesen werden. Die Beschwerde ist gutzuheissen und der Bauentscheid der
Vorinstanz ist aufzuheben.
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6. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdegegnerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 2'000.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV34).
b) Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung
oder Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten an das Gemeinwesen als
gerechtfertigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten umfassen den durch die
berufsmässige Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG).
Der Anwalt der Beschwerdeführenden beziffert die Parteikosten auf insgesamt
Fr. 6'134.90. Dabei stellte er auch Kosten und Auslagen in Rechnung, die im Rahmen des
Baubewilligungsverfahrens angefallen sind. Diese können jedoch nicht geltend gemacht
werden, da im Verwaltungsverfahren kein Anspruch auf Parteikostenersatz besteht
(Art. 107 Abs. 3 VRPG, Art. 52 Abs. 1 BewD35). Der Parteikostenersatz ist deshalb
festzulegen. Nach Art. 11 Abs. 1 PKV36 beträgt das Honorar in verwaltungsrechtlichen
Beschwerdeverfahren Fr. 400.00 bis Fr. 11'800.00 pro Instanz. Innerhalb des Rahmentarifs
bemisst sich der Parteikostenersatz nach dem in der Sache gebotenen Zeitaufwand sowie
der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 41 Abs. 3
KAG37). Im vorliegenden Fall ist der gebotene Zeitaufwand als unterdurchschnittlich zu
werten, da nur ein Schriftenwechsel stattfand und kein Beweisverfahren durchgeführt
wurde. Angesichts der Baukosten gemäss Baugesuch von rund Fr. 3'500'00.00 und den
umstrittenen Rechtsfragen sind auch die Bedeutung der Streitsache und die Schwierigkeit
des Prozesses insgesamt als eher durchschnittlich einzustufen. Daher erscheint ein
Parteikostenersatz von insgesamt Fr. 4'000.00 (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer)
als angemessen.
34 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 35 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 36 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811) 37 Kantonales Anwaltsgesetz vom 28. März 2006 (KAG; BSG 168.11)
RA Nr. 110/2019/1 14