Decision ID: 4cc8fddc-957f-464b-9b9d-74122ff464a8
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhob am 3. Mai 2021 Anklage ge-
gen den Beschuldigten wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit einem
Kind, mehrfacher sexueller Nötigung und mehrfacher Schändung. Sie be-
antragte, der Beschuldigte sei hierfür mit einer unbedingten Freiheitsstrafe
von 5 Jahren, unter Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungshaft,
zu bestrafen. Daneben beantragte sie die Anordnung einer ambulanten
Massnahme und die Verhängung eines lebenslänglichen Tätigkeitsverbots
im Sinne von Art. 67 Abs. 3 lit. a und b und Abs. 6 StGB.
2.
Mit Urteil vom 30. September 2021 erkannte das Bezirksgericht Lenzburg:
1. Der Beschuldigte ist schuldig - der mehrfachen, teilweise versuchten sexuellen Handlungen mit einem Kind gemäss
Art. 187 Ziff. 1 StGB, teilweise i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB, - der mehrfachen, teilweise versuchten sexuellen Nötigung gemäss Art. 189 Abs. 1
StGB, teilweise i.V.m. Art. 22 StGB ab dem 1. Dezember 2013 - der mehrfachen Schändung gemäss Art. 191 StGB bis 30. November 2013.
2. Der Beschuldigte wird hierfür in Anwendung der genannten Gesetzesbestimmungen sowie Art. 47 StGB, Art. 49 Abs. 1 StGB und Art. 40 StGB zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren verurteilt.
3. Die bisher ausgestandene Untersuchungshaft von 4 Tagen (20. Januar 2020, 12:30 Uhr, bis Donnerstag, 23. Januar 2020, 15:30 Uhr) sowie die angeordneten Ersatzmassnahmen im Umfang von 3 Tagen, insgesamt 7 Tage, werden dem Beschuldigten auf die  angerechnet.
4. Gestützt auf Art. 63 Abs. 1 StGB wird eine ambulante therapeutische Massnahme zur  von psychischen Störungen angeordnet.
5. Dem Beschuldigten wird gestützt auf Art. 67 Abs. 3 lit. b und c StGB lebenslänglich jede berufliche und jede organisierte ausserberufliche Tätigkeit, die einen regelmässigen  zu Minderjährigen umfasst, verboten.
6. Es wird gestützt auf Art. 67b StGB ein Kontaktverbot angeordnet.
Dem Beschuldigten ist es verboten, mit der Zivil- und Strafklägerin persönlich, brieflich, telefonisch oder elektronisch (per SMS, WhatsApp, Viber, E-Mail etc.) in Kontakt zu treten. Der Beschuldigte hat sich umgehend von der Privatklägerin zu entfernen, sollte er dieser begegnen.
Dieses Kontaktverbot gilt für 5 Jahren.
- 3 -
7. 7.1. Der Beschuldigte anerkennt die Schadenersatzforderung der Privatklägerin im Umfang von CHF 715.00 nebst Zins zu 5 % seit 28. Dezember 2019.
7.2. Der Beschuldigte hat der Privatklägerin als Genugtuung CHF 35'000.00 nebst Zins zu 5 % seit 1. Januar 2015 zu bezahlen.
8. Der Beschuldigte hat die Verfahrenskosten, bestehend aus einer Staatsgebühr von CHF 5'000.00 sowie den Auslagen von CHF 15'316.70 (inkl. Kosten des Gutachtens der B. von CHF 14'100.00), insgesamt CHF 20'316.70, zu bezahlen.
9. Der Beschuldigte hat die Anklagegebühr von CHF 3'100.00 zu bezahlen.
10. Der Beschuldigte hat seine Parteikosten selber zu tragen.
11. Der Beschuldigte hat der Privatklägerin die gerichtlich auf CHF 14'336.15 (inkl. 7.7 %  von CHF 1'024.95) festgesetzten Parteikosten zu ersetzen.
3.
3.1.
Der Beschuldigte beantragte mit Berufungserklärung vom 4. November
2021, dass er zu einer Freiheitsstrafe von 32 Monaten zu verurteilen sei,
wobei der Vollzug der Freiheitsstrafe zugunsten der vom Bezirksgericht
Lenzburg angeordneten ambulanten Massnahme aufzuschieben sei; im
Weiteren sei die der Privatklägerin zugesprochene Genugtuung von
Fr. 35'000.00 auf Fr. 20'000.00 zu reduzieren.
3.2.
Der Beschuldigte reichte am 17. Dezember 2021 vorgängig zur Berufungs-
verhandlung eine schriftliche Berufungsbegründung ein.
3.3.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 6. Januar 2022 beantragte die Pri-
vatklägerin C. die Abweisung der Berufung des Beschuldigten.
3.4.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 10. Januar 2022 beantragte die
Staatsanwaltschaft die Abweisung der Berufung des Beschuldigten.
3.5.
Die Privatklägerin C. reichte am 25. April 2022 eine von den Parteien ab-
geschlossene Vereinbarung über die Zivilansprüche von C. ein. Der Be-
schuldigte erklärte darin sodann den Rückzug seiner Berufung hinsichtlich
der Höhe der vorinstanzlich zugesprochenen Genugtuung und C. verzich-
tete auf ihre Stellung als Privatklägerin.
- 4 -
4.
Die Berufungsverhandlung fand am 23. Mai 2022 statt.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Die Berufung des Beschuldigten richtet sich, nachdem sich der Beschuldig-
te und die Privatklägerin C. aussergerichtlich über die Zivilansprüche geei-
nigt haben, nunmehr ausschliesslich gegen die Strafzumessung und die
Vollzugsmodalität der erstinstanzlich angeordneten ambulanten Mass-
nahme. Beantragt wird eine Reduktion der Freiheitsstrafe auf 32 Monate,
wobei der Vollzug der Freiheitsstrafe zugunsten der von der Vorinstanz an-
geordneten ambulanten Massnahme aufzuschieben sei. In den übrigen
Punkten ist das vorinstanzliche Urteil unangefochten geblieben. Eine Über-
prüfung dieser unbestrittenen Punkte findet somit nicht mehr statt (Art. 404
Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
Der Beschuldigte hat sich der mehrfachen, teilweise versuchten sexuellen
Handlungen mit einem Kind gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB, der mehrfachen,
teilweise versuchten sexuellen Nötigung gemäss Art. 189 StGB, je teilwei-
se in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, sowie der mehrfachen Schän-
dung gemäss Art. 191 StGB strafbar gemacht.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten hierfür zu einer unbedingten Frei-
heitsstrafe von 6 Jahren verurteilt (vorinstanzliches Urteil E. 6).
Der Beschuldiget beantragt mit Berufung, er sei zu einer Freiheitsstrafe von
32 Monaten zu verurteilen. Er moniert, die Vorinstanz habe mehrfach we-
sentliche Faktoren ausser Acht gelassen, sei von einer zu hohen Anzahl
Übergriffe ausgegangen und habe im Rahmen der Täterkomponente das
vollumfängliche Geständnis zu wenig strafmindernd berücksichtigt (siehe
Berufungsbegründung, S. 7 und 13 ff.).
2.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 144 IV
217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit Hinweisen).
Darauf kann verwiesen werden.
Am 1. Januar 2018 ist das teilrevidierte Sanktionenrecht in Kraft getreten.
Wie zu zeigen sein wird, zeitigt es auf die auszusprechenden Strafen je-
doch keine konkreten Auswirkungen. Es erweist sich mithin nicht als milder
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1233%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-IV-61%3Ade&number_of_ranks=0#page61 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1233%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-IV-55%3Ade&number_of_ranks=0#page55
- 5 -
(vgl. sog. «lex mitior», Art. 2 Abs. 2 StGB). Entsprechend findet das im Zeit-
punkt der Taten geltende Recht Anwendung (Art. 2 Abs. 1 StGB).
2.3.
2.3.1.
Die Einsatzstrafe ist für die schwerste Straftat festzusetzen. Es handelt sich
dabei um die Schändung, anlässlich welcher sich der Beschuldigte von sei-
ner damals 9-jährigen Stieftochter C. auf sein Verlangen hin oral befriedi-
gen liess.
Der Täter, der eine Schändung begeht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn
Jahren oder Geldstrafe bestraft. Das Gericht misst die Strafe innerhalb des
ordentlichen Strafrahmens nach dem Verschulden zu (Art. 47 Abs. 1
StGB). Ausgangspunkt für die Strafzumessung bildet die Verletzung oder
Gefährdung des betroffenen Rechtsguts (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der Straf-
tatbestand der Schändung schützt die sexuelle Selbstbestimmung von Per-
sonen, die seelisch oder körperlich nicht in der Lage sind, sich gegen sexu-
elle Zumutungen zu wehren (Urteil des Bundesgerichts 6B_518/2020 vom
15. September 2021 E. 1.3; BGE 133 IV 49 E. 7.2).
Der Beschuldigte wies im Jahr 2012 C. an, seinen erigierten Penis in den
Mund zu nehmen. Der Vorfall habe – gestützt auf die Aussagen des Be-
schuldigten – nur wenige Sekunden gedauert. C. habe seinen Penis zu weit
in den Mund genommen, weshalb sie habe husten müssen und sich ver-
schluckt habe. Die Situation habe ihn erregt, er sei aber nicht zum Orgas-
mus gekommen (UA act. 562). Beim Eindringen mit dem Penis in den Mund
eines Kindes handelt es sich im weiten Spektrum möglicher sexueller
Handlungen gegenüber einem zum Widerstand unfähigen kindlichen Opfer
um eine schwerwiegende Form der Schändung mit einer hohen Eingriffs-
intensität. Entsprechend schwer wiegt die Verletzung der sexuellen Integri-
tät und damit einhergehend das Verschulden. Entgegen dem Vorbringen
des Beschuldigten kann sich nicht verschuldensmindernd auswirken, dass
es nicht zu einer noch schwerwiegenderen sexuellen Handlung wie einer
vaginalen oder analen Penetration gekommen ist. Wäre dies der Fall ge-
wesen, wäre das Verschulden vielmehr entsprechend höher ausgefallen.
Nichts zu seinen Gunsten kann der Beschuldigte sodann daraus ableiten,
dass C. physisch nicht verletzt worden ist und er keine physische Gewalt
angewendet hat. Das Fehlen eines zur Erfüllung des objektiven Tatbe-
stands nicht notwendigen Umstandes wirkt sich nicht verschuldensmin-
dernd, sondern neutral aus.
Leicht verschuldenserhöhend wirkt sich die Art und Weise bzw. die Ver-
werflichkeit der Tatbegehung aus, die erheblich über die blosse Erfüllung
des Tatbestands hinausgegangen ist und eine nicht unerhebliche kriminelle
Energie des Beschuldigten offenbart. Die sexuelle Handlung geschah nicht
etwa spontan, sondern wurde vom Beschuldigten systematisch angestrebt,
- 6 -
indem er zunächst durch spielerisches Verhalten die Nähe von C. suchte
und dabei darauf achtete, dass die Kindsmutter nicht zu Hause war. Mithin
hat er bewusst und gezielt das aufgrund der familiären Verbindung beste-
hende Vertrauensverhältnis und seine Autoritätsposition als Stiefvater
schamlos ausgenutzt. Das Ausmass der Verwerflichkeit seines Handelns
wird auch nicht dadurch gemindert, dass der Vorfall nicht sehr lange ge-
dauert hat, ist dies doch allein darauf zurückzuführen, dass C. den Penis
des Beschuldigten zu weit in den Mund nahm und deshalb husten musste.
Der Tatbestand der Schändung setzt voraus, dass das Opfer unfähig war,
sich gegen die sexuellen Handlungen zu wehren. Der vorliegend zur Erfül-
lung des Tatbestands wesentliche Umstand, dass C. aufgrund ihres dama-
ligen Alters die Handlung noch nicht richtig einordnen konnte, kann sich
deshalb nicht zusätzlich verschuldenserhöhend auswirken.
Der Schändung ist eine (rein) sexuelle sowie egoistische Motivation im-
manent, was für sich allein nicht verschuldenserhöhend zu berücksichtigen
ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.194/2001 vom 3. Dezember 2002
E. 7.4.2). Der Beschuldigte verfügte jedoch über ein hohes Mass an Ent-
scheidungsfreiheit. Je leichter es für den Beschuldigten gewesen wäre, die
sexuelle Integrität von C. zu respektieren, desto schwerer wiegt die Ent-
scheidung dagegen und damit einhergehend das Verschulden (vgl. BGE
117 IV 112 E. 1 mit Hinweisen). Entgegen dem Vorbringen des Beschuldig-
ten (Berufungsbegründung, S. 10) lässt die bei ihm diagnostizierte pädophi-
le Störung sein hohes Mass an Entscheidungsfreiheit hinsichtlich der an C.
begangenen Schändung nicht als eingeschränkt erscheinen. Die Gutach-
terin hat ihm denn auch stets eine voll erhaltene Einsichts- und Steuerungs-
fähigkeit in Bezug auf die sexuellen Handlungen mit seiner Stieftochter
attestiert. Aus forensisch psychiatrischer Sicht lägen keine Hinweise vor,
welche eine aufgehobene oder eingeschränkte Schuldfähigkeit begründen
würden (UA act. 515). Es ist absolut kein Grund ersichtlich, weshalb er die
sexuelle Integrität von C. nicht hätte respektieren können. Vielmehr wäre
es in der Verantwortung des Beschuldigten als Erwachsener und Stiefvater
gelegen und es wäre von ihm ohne Weiteres zu erwarten gewesen, dass
er seine sexuelle Lust anderweitig befriedigt als seine minderjährige Stief-
tochter zu schänden.
Insgesamt ist in Relation zum Strafrahmen von bis zu 10 Jahren Freiheits-
strafe und den in diesem Rahmen denkbaren Erscheinungsformen von
Schändungen von einem mittelschweren Verschulden und einer dafür an-
gemessenen Einsatzstrafe von 2 Jahren Freiheitsstrafe auszugehen.
2.3.2.
Der Beschuldigte hat nebst der schwersten Schändung, für welche die Ein-
satzstrafe gebildet worden ist, zwischen dem 1. Januar 2010 und Novem-
- 7 -
ber 2013, somit während rund vier Jahren zahlreiche weitere Schändungs-
handlungen an und mit der damals 5 bis 9 Jahre alten C. vollzogen. Dabei
ist es zu rund 10 Handlungen mit Oralverkehr (act. 577 ff.) gekommen.
Die genaue Anzahl der Übergriffe lässt sich aufgrund des mehrjährigen Tat-
zeitraums nicht exakt eruieren. Zugunsten des Beschuldigten ist hinsicht-
lich aller angeklagten Tathandlungen von insgesamt rund 30 Übergriffen
auszugehen (Berufungsbegründung, S. 7 ff.; siehe dazu auch unten). Sind
die einzelnen Missbrauchshandlungen, wie vorliegend, in einem familiären
Umfeld erfolgt, ist im Rahmen der Asperation ohnehin die Gesamtheit der
Handlungen im Blick zu behalten und es ist nicht für jede Handlung geson-
dert nach Art. 49 Abs. 1 StGB zu verfahren, zumal die Anzahl der einschlä-
gigen Handlungen gar nicht bestimmbar ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_453/2020 vom 30. September 2021 E. 1.4 mit Hinweisen).
Der Beschuldigte beliess es bei den als Schändung zu qualifizierenden
Missbrauchshandlungen nicht etwa bei oberflächlichen, flüchtigen Berüh-
rungen, sondern drang mit seinen Fingern und in einem Fall mit einem Ge-
genstand in die Vagina von C. ein. Sowohl das Einführen der Finger resp.
des Gegenstands als auch das Massieren mit seinem Penis an der Vagina
von C. stellen beischlafsähnliche Handlungen dar und dauerten von einigen
Minuten bis zu einer halben Stunde. Weiter massierte er die Vagina von C.
mit den Fingern oder seinem erigierten Penis. Nebst diesen schwerwiegen-
den Handlungen an C. wies er sie an, mit seinem Geschlechtsteil zu «spie-
len» und ihn zu stimulieren.
Auch wenn es sich nicht durchgehend um schwerste Formen sexuellen
Missbrauchs gehandelt hat, ist hinsichtlich eines jeden Vorfalls von einem
schwerwiegenden Eingriff in die sexuelle Integrität von C. auszugehen. Die
Auswirkungen der sexuellen Handlungen haben bei C. denn auch tiefe
Spuren hinterlassen. Sie leidet an einer posttraumatischen Belastungsstö-
rung sowie einer Anpassungsstörung. Gemäss dem eingereichten Arztbe-
richt sei die psychosexuelle Entwicklung massiv beeinträchtigt; C. sei auf
eine lange und intensive therapeutische Begleitung angewiesen (vgl. Arzt-
bericht in Beilage 4 der an der erstinstanzlichen Hauptverhandlung einge-
reichten Unterlagen).
Was im Übrigen die Verwerflichkeit des Handelns des Beschuldigten, seine
Beweggründe und das hohe Mass an Entscheidungsfreiheit betrifft, kann
auf die bereits im Rahmen der Einsatzstrafe erfolgte Begründung verwie-
sen werden.
Nach dem Gesagten wäre hinsichtlich der weiteren Schändungen bei einer
Einzelbetrachtung von einem jeweils nicht mehr leichten bis mittelschweren
Verschulden und dafür angemessenen Einzelstrafen von je 14 bis 24 Mo-
naten auszugehen. Im Rahmen der Asperation dieser weiteren Straftaten
- 8 -
ist einerseits zu berücksichtigen, dass insofern ein gewisser Zusammen-
hang zwischen den einzelnen Schändungshandlungen besteht, als sie im-
mer wieder zum Nachteil von C. begangen wurden. Andererseits besteht
hinsichtlich der verschiedenen Zeitpunkte und Örtlichkeiten sowie des
langen Tatzeitraums keine natürliche Handlungseinheit. Vielmehr hat der
Beschuldigte den Vorsatz hinsichtlich der während rund vier Jahren zahl-
reich vorgenommenen sexuellen Handlungen immer wieder von Neuem
gefasst. Insgesamt rechtfertigt es sich, die Einsatzstrafe von 2 Jahren auf-
grund der hohen Anzahl von Missbräuchen um insgesamt 4 Jahre auf 6
Jahre zu erhöhen.
2.3.3.
Bezüglich der sexuellen Nötigungen gemäss Art. 189 Abs. 1 StGB ergibt
sich Folgendes: Der Tatbestand der sexuellen Nötigung schützt – sowohl
bei Erwachsenen als auch bei Kindern – die sexuelle Freiheit (BGE 146 IV
153 E. 3.5.2). Der Beschuldigte hat während drei Jahren an der damals 9
bis 15 Jahre alten C. verschiedene, teilweise versuchte, sexuelle Hand-
lungen vorgenommen und dabei gezielt seine Vertrauens- und Autoritäts-
position ebenso wie das emotionale Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt.
Er missachtete den klar geäusserten Willen von C. und reagierte beleidigt,
wenn sie versuchte, ihm auszuweichen oder ihn abwies. Ebenso war ihm
auch die Tatsache bewusst, dass sich die Kindsmutter im Konfliktfall mit
ihm solidarisieren würde. Den so aufgebauten psychischen Druck wusste
er gar soweit auszunutzen, dass er nicht einmal davor zurückschreckte, C.
im Aquarena und im Gartenpool sexuell zu nötigen (vgl. E. 6.2.3). Schliess-
lich auferlegte er C. ein Schweigegebot. Dass er in diesem Zusammenhang
von einer Abmachung, einem «Gentlemen’s Agreement» (vgl. UA act. 557)
spricht, mutet zynisch an. Was im Übrigen die Verwerflichkeit des Handelns
des Beschuldigten, seine Beweggründe und das hohe Mass an Entschei-
dungsfreiheit betrifft, kann auf die bereits im Rahmen der Schändung er-
folgte Begründung verwiesen werden.
Insgesamt wäre in Relation zum Strafrahmen von bis zu 10 Jahren Frei-
heitsstrafe und den in diesem Rahmen denkbaren Erscheinungsformen
von sexuellen Nötigungen bei einer Einzelbetrachtung von einem jeweils
nicht mehr leichten bis mittelschweren Verschulden und dafür angemesse-
nen Einzelstrafen von je 14 bis 24 Monaten auszugehen. Im Rahmen der
Asperation ist wiederum zu beachten, dass die einzelnen sexuellen Nöti-
gungen in einem Zusammenhang stehen, als sie sich jeweils gegen C. rich-
teten und jeweils auf ähnliche Art und Weise begangen worden sind. Sie
liegen aber zeitlich so weit auseinander, dass nicht mehr von einer natürli-
chen Handlungseinheit ausgegangen werden kann. Die exakte Anzahl der
Übergriffe lässt sich nicht eruieren. Zugunsten des Beschuldigten ist insge-
samt für alle angeklagten Vorfälle von rund 30 Missbräuchen auszugehen.
Angemessen erscheint eine Erhöhung um 3 auf 9 Jahre.
- 9 -
2.3.4.
In Bezug auf die sexuellen Handlungen mit einem Kind ergibt sich Folgen-
des:
Der Beschuldigte hat sich hinsichtlich der als Schändung und als sexuelle
Nötigung zu qualifizierenden Vorfälle aufgrund des damaligen Alters von C.
zufolge echter Konkurrenz auch der sexuellen Handlungen mit einem Kind
gemäss Art. 187 Ziff. 1 Abs. 1 StGB strafbar gemacht. Der Tatbestand der
sexuellen Handlungen mit Kindern schützt die ungestörte psychisch-emo-
tionale und sexuelle Entwicklung des Kindes (BGE 146 IV 153 E. 3.5.2).
Auch wenn es dabei um eine Gefährdung (siehe Marginalie zu Art. 187 f.
StGB) und nicht einen Angriff auf die sexuelle Freiheit und Ehre geht (siehe
Marginale zu Art. 189 ff. StGB), spielen dabei die konkret vorgenommenen
sexuellen Handlungen, deren Intensität und deren Häufigkeit eine wichtige
Rolle. Es versteht sich denn auch von selbst, dass als besonders schwer
zu qualifizierende sexuelle Handlungen auch zu einer entsprechend höhe-
ren Gefährdung der ungestörten psychisch-emotionalen und sexuellen Ent-
wicklung des betroffenen Kindes führen.
Was die einzelnen Handlungen, die Verwerflichkeit des Handelns des Be-
schuldigten, seine Beweggründe und das hohe Mass an Entscheidungs-
freiheit betrifft, kann auf die bereits erfolgten Erwägungen zu den Schän-
dungen und sexuellen Nötigungen verwiesen werden. Der Beschuldigte hat
verschiedene sexuelle Handlungen an und mit C. vorgenommen, wobei es
auch zu schweren Eingriffen in Form von Oralverkehr und anderen bei-
schlafsähnlichen Handlungen gekommen ist. Daneben berührte er sie in
unsittlicher Weise oder liess sich von ihr stimulieren. Er hat dadurch ganz
bewusst und erheblich die psychisch-emotionale und sexuelle Entwicklung
von C. gefährdet. Der Taterfolg wiegt entsprechend schwer. C. wurde zwar
physisch nicht verletzt, was sich jedoch neutral auswirkt (siehe dazu oben).
Zu berücksichtigen sind jedoch die tiefgreifenden psychischen Auswirkun-
gen auf C. und deren gestörte sexuelle Entwicklung. Gemäss dem Thera-
pieverlaufsbericht von Dr. phil. D. vom 26. August 2021 ist die psychose-
xuelle Entwicklung von C. erheblich beeinträchtigt. Sie leidet unter massi-
ven depressiven Symptomen, wie mangelndem Selbstwertgefühl, tiefer
Traurigkeit, Resignation, Hoffnungslosigkeit, quälenden Flashbacks,
Schuld- und Schamgefühlen, sowie einem gestörten Körperbild. Die Folgen
sind gemäss diesem Bericht noch nicht abschätzbar und es ist von einer
langen, therapeutischen Begleitung auszugehen. Aufgrund der Intensität
der Handlungen und der langen Zeitdauer ist von einer erheblichen und
nachhaltigen psychischen Beeinträchtigung auszugehen.
Im Rahmen der Asperation ist zu berücksichtigen, dass die sexuellen
Handlungen mit den vorgenannten Missbrauchshandlungen einhergingen,
so dass der Gesamtschuldbeitrag geringer zu veranschlagen ist. Das damit
einhergehende Verschulden ist weitgehend mit den sexuellen Nötigungen
- 10 -
und Schändungen abgegolten. Angemessen erscheint eine Erhöhung für
die sexuellen Handlungen mit einem Kind um insgesamt 1 Jahr auf 10 Jah-
re.
2.4.
In Bezug auf die Täterkomponente ergibt sich Folgendes: Der Beschuldigte
weist keine Vorstrafen auf (vgl. aktueller Strafregisterauszug), was jedoch
als Normalfall gilt und neutral zu werten ist (BGE 136 I E. 2.6.4).
Der Beschuldigte zeigte sich in tatsächlicher Hinsicht vollumfänglich ge-
ständig. Durch seine Geständnisse hat er die Strafverfolgung und Wahr-
heitsfindung ganz erheblich erleichtert und verkürzt, was deutlich zu seinen
Gunsten zu berücksichtigen ist (Urteil des Bundesgerichts 6B_65/2014
vom 9. Oktober 2014 E. 2.4). Zwar reichte der Beschuldigte am 13. Januar
2020 eine Selbstanzeige bei der Polizei ein (UA act. 545). Wie die Vorin-
stanz in diesem Zusammenhang zurecht festhält, erfolgte dieser Schritt
nicht spontan (vorinstanzliches Urteil E. 6.3.), sondern vielmehr, um einer
Anzeige durch den leiblichen Vater von C. zuvorzukommen. Letzterer zeig-
te den Beschuldigten am selben Tag, am Nachmittag, und damit in un-
mittelbarer zeitlicher Nähe, an (UA act. 545). Anlässlich der Berufungsver-
handlung bestätigte der Beschuldigte, dass er sich ohne die drohende An-
zeige durch den leiblichen Vater von C. nicht selbst angezeigt hätte (Proto-
koll der Berufungsverhandlung, S 6). Der Beschuldigte legte jedoch im
Rahmen der ersten Einvernahme und damit zu einem sehr frühen Zeitpunkt
des Verfahrens (UA act. 554 ff.) ein Geständnis ab und kooperierte in der
nachfolgenden Strafuntersuchung vollumfänglich. Entgegen der Vorinstanz
wirkt sich dieser Umstand ganz erheblich strafmindernd aus, hängt eine
Verurteilung bei Sexualdelikten mit kindlichen Opfern doch zumindest
dann, wenn keine objektiven Beweismittel vorliegen, im Wesentlichen auch
von den Aussagen beziehungsweise dem Geständnis des Täters ab. Dies
gilt vorliegend insbesondere für jene Handlungen, als C. noch ein Kleinkind
war und sich die Wahrheitsfindung sehr schwierig gestaltet hätte. Das Ge-
ständnis ermöglichte auch eine Verurteilung bezüglich der schwersten
Schändung, welche zur Bildung der Einsatzstrafe diente. Der Beschuldigte
bereut seine Taten (GA act. 82, Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 18)
und zeigt sich einsichtig. Dass er sich nicht persönlich bei C. entschuldigte,
ist auf das ihm auferlegte Kontaktverbot zurückzuführen. Er bemühte sich
insofern, als er einen Brief an C. verfasste, welcher aufgrund eines Ver-
säumnisses der Verteidigung nicht weitergeleitet wurde (vgl. Berufungsbe-
gründung, S. 15, Screenshot gemäss Beilage 1 zur Berufungsbegrün-
dung).
Der Beschuldigte hat im vorinstanzlichen Verfahren eine Schadenersatz-
forderung im Umfang von Fr. 715.00 sowie eine Genugtuung im Umfang
von Fr. 20'000.00 anerkannt. Am 22. April 2022 hat er eine aussergericht-
liche Vereinbarung unterzeichnet, zufolge welcher er sich verpflichtet hat,
- 11 -
C. einen Betrag von Fr. 50'000.00 als Schadenersatz und Genugtuung zu
bezahlen. Zudem hat er sich verpflichtet, C. für das Berufungsverfahren
eine Parteientschädigung von Fr. 3'500.00 zu bezahlen. Der Abschluss die-
ser Vereinbarung hat dazu mithin dazu geführt, dass von einer erneuten
Einvernahme von C. hinsichtlich der erstinstanzlich zugesprochenen, vom
Beschuldigten jedoch in der Höhe angefochtenen Genugtuung hat abgese-
hen werden können. Es ist anzuerkennen, dass der Beschuldigte dadurch
– nebst der Anerkennung einer vergleichsweise hoch erscheinenden Ge-
nugtuung – im Interesse von C. Hand zu einer Lösung geboten hat, um
eine erneute starke psychische Belastung mit der Gefahr eines Rück-
schlags zu vermeiden. Auch wenn unter den vorliegenden Umständen nicht
von einem Strafminderungsgrund im Sinne von Art. 48 lit. e StGB ausge-
gangen werden kann, da sich der Beschuldigte erst vergleichsweise spät –
mithin nach seiner Berufungserklärung, in welcher er die Höhe der Genug-
tuung noch angefochten hatte – und zumindest teilweise erst unter dem
Druck des hängigen Strafverfahrens mit der Privatklägerin geeinigt hat, so
wirkt sich sein Verhalten doch im Rahmen von Art. 47 StGB strafmindernd
aus, zumal von einer erheblichen Wiedergutmachungszahlung auszuge-
hen ist (vgl. BGE 135 IV 96 E. 6).
Leicht positiv fällt schliesslich ins Gewicht, dass er eigeninitiativ eine ambu-
lante Psychotherapie organisierte und diese bis heute, mithin seit knapp
zwei Jahren, regelmässig besucht (vgl. Therapiebestätigung vom 23. März
2022; Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 8). Zwar auferlegte das
Zwangsmassnahmengericht dem Beschuldigte mit Verfügung vom
23. Januar 2020 als Ersatzmassnahme anstelle von Untersuchungshaft die
Auflage, eine Therapie bei der E. oder einer vergleichbaren Institution zu
absolvieren (UA act. 86 f.). Der Beschuldigte versuchte aber bereits vor
seiner Inhaftierung mit der Praxis E. in Kontakt zu treten, weshalb nicht
gesagt werden kann, dass er erst aufgrund des äusseren Drucks und um
der Anordnung von Untersuchungshaft zu entgehen, einen Therapeuten
aufsuchte. An der Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte aus, dass
er sich im Zeitpunkt der Selbstanzeige um die Therapie gekümmert habe,
eine entsprechende Anmeldung bereits vor der ersten Einvernahme vorge-
nommen habe und kurz danach mit der Therapie begonnen habe (Protokoll
der Berufungsverhandlung, S. 7). Entsprechend darf dieser Umstand nicht
unberücksichtigt bleiben, sondern fällt leicht positiv ins Gewicht.
Die übrigen persönlichen Verhältnisse bieten zu keinen Bemerkungen An-
lass. Der Beschuldigte ist verheiratet, lebt mit seiner Ehefrau (der Kinds-
mutter von C.) und dem gemeinsamen Sohn zusammen. Seine langjährige
Anstellung hat er vor kurzem aufgegeben und ist nun mit einer eigenen
Firma F. selbständig erwerbstätig (Protokoll der Berufungsverhandlung, 4
f.; Kündigungsbestätigung vom 1. März 2022 gemäss Beilagen zur Beru-
fungsverhandlung).
- 12 -
Der Freiheitsentzug bewirkt für jede beruflich sowie sozial integrierte Per-
son eine Härte und führt insoweit zu keiner Strafminderung; eine erhöhte
Strafempfindlichkeit lässt sich nur bei aussergewöhnlichen Umständen be-
jahen (statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 6B_1053/2018 vom 26. Fe-
bruar 2019 E. 3.4 mit Hinweis auf die Urteile 6B_1416/2017 vom 29. No-
vember 2018 E. 1.4.4: 6B_698/2017 vom 13. Oktober 2017 E. 7.1.2; je mit
Hinweisen). Solche liegen vorliegend nicht vor.
Insgesamt sind die positiven Faktoren deutlich strafmindernd zu berück-
sichtigen. Angemessen erscheint – insbesondere aufgrund des vollum-
fänglichen Geständnisses und der Anerkennung der Zivilforderungen von
C. – die Täterkomponente im Umfang von 3 Jahren strafmindernd zu be-
rücksichtigen.
2.5.
Zusammengefasst erscheint dem Obergericht eine Strafe von 7 Jahren
dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten
angemessen.
Nachdem nur der Beschuldigte ein Rechtsmittel ergriffen hat, bleibt es auf-
grund des Verschlechterungsverbots (Art. 391 Abs. 2 StPO) bei der von der
Vorinstanz ausgesprochenen Freiheitsstrafe von 6 Jahren. Diese kann
unter keinem Titel herabgesetzt werden.
2.6.
Bei einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren kommt weder der bedingte noch der
teilbedingte Strafvollzug infrage, weshalb die Freiheitsstrafe unbedingt aus-
zusprechen ist (Art. 42 f. StGB).
Die ausgestandene Untersuchungshaft von vier Tagen (20. Januar 2020
bis 23. Januar 2020) ist auf die Freiheitsstrafe anzurechnen. Die Vorinstanz
hat zudem die dem Beschuldigten auferlegten Ersatzmassnahmen im Um-
fang von insgesamt 3 Tagen an die Freiheitsstrafe angerechnet, was unbe-
stritten geblieben ist und angemessen erscheint.
3.
3.1.
Die Vorinstanz hat gestützt auf Art. 63 Abs. 1 StGB eine ambulante, voll-
zugsbegleitende Massnahme angeordnet. Die Anordnung der Massnahme
an sich ist unbestritten geblieben. Der Beschuldigte beantragt gestützt auf
Art. 63 Abs. 2 StGB jedoch den Aufschub der Freiheitsstrafe zu Gunsten
der ambulanten Massnahme.
- 13 -
3.2.
Gemäss Art. 63 Abs. 2 StGB kann das Gericht den Vollzug einer zugleich
ausgesprochenen Freiheitsstrafe zu Gunsten einer ambulanten Massnah-
me aufschieben, um der Art der Behandlung Rechnung zu tragen.
Diese Voraussetzungen für einen Aufschub der Freiheitsstrafe i.S.v. Art. 63
Abs. 2 StGB sind vorliegend nicht erfüllt. Nach bundesgerichtlicher Recht-
sprechung ist eine ambulante Massnahme grundsätzlich gleichzeitig mit
dem Strafvollzug durchzuführen. Der Aufschub ist die Ausnahme. Er ist an
zwei Voraussetzungen gebunden. Einerseits muss der Täter ungefährlich
und andererseits die ambulante Therapie vordringlich sein. Ein Aufschub
muss sich aus Gründen der Heilbehandlung hinreichend rechtfertigen
(BGE 129 IV 161 E. 4.1; Urteil des Bundesgerichts 6B_53/2017 vom 2. Mai
2017 E. 1.3 mit Hinweisen). Der Beschuldigte verkennt den Ausnahmecha-
rakter des Strafaufschubs und die für den Aufschub erforderliche Erheb-
lichkeit der Beeinträchtigung der Erfolgsaussichten durch die vollzugsbe-
gleitende Anordnung der Massnahme.
Dr. G. hat die Frage, ob eine Behandlung bei gleichzeitigem Strafvollzug
möglich sei, in ihrem schlüssigen und nachvollziehbaren Gutachten explizit
bejaht (UA act. 519). Die von ihr erwähnten Einschränkungen betreffen all-
gemeine Nachteile, die jeder Strafvollzug für einen sozial und beruflich gut
integrierten Täter mit sich bringen, und vermögen entsprechend einen Auf-
schub nicht zu rechtfertigen (Urteile des Bundesgerichts 6B_53/2017 vom
2. Mai 2017 E. 1.4.3; 6B_131/2016 vom 3. März 2016 E. 2.2). Hinweise
darauf, dass der Erfolg der Therapie durch einen Freiheitsentzug erheblich
beeinträchtigt würde, lassen sich den Ausführungen der Gutachterin nicht
entnehmen. Dass die bisherige Therapie gut verläuft, mag zutreffen. Dass
ein Therapeutenwechsel den Therapieerfolg grundsätzlich in Frage stellt,
ist hingegen nicht ersichtlich. So hat der Beschuldigte bereits einen Thera-
peutenwechsel vollzogen, da seine bisherige Therapeutin die E. verlassen
habe. Daher lasse er sich nun in Q. von einem neuen Therapeuten behan-
deln (Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 7). Der Beschuldigte macht
keine Beeinträchtigung des Therapieerfolgs aufgrund des Therapeuten-
wechsels geltend.
Nach dem Gesagten erweist sich die Berufung des Beschuldigten in die-
sem Punkt als unbegründet und die ambulante therapeutische Massnahme
gemäss Art. 63 Abs. 1 StGB ist vollzugsbegleitend anzuordnen.
4.
4.1.
Der Beschuldigte hat die Berufung hinsichtlich der Höhe der C. vorinstanz-
lich zugesprochenen Genugtuung zurückgezogen und gilt diesbezüglich
als unterliegend. Im Übrigen erweist sich seine Berufung als unbegründet
und ist deshalb abzuweisen. Ausgangsgemäss hat er die obergerichtlichen
- 14 -
Verfahrenskosten von Fr. 5'000.00 (§ 18 VKD) vollumfänglich zu tragen
(Art. 428 Abs. 1 StPO).
4.2.
Der Kostenentscheid präjudiziert die Entschädigungsfrage (BGE 147 IV
47). Ausgangsgemäss hat der Beschuldigte seine Parteikosten im Beru-
fungsverfahren für seinen freigewählten Verteidiger selber zu tragen
(Art. 436 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 429 Abs. 1 StPO e contrario).
4.3.
Die bisherige Privatklägerin C. hat mit Einreichung der zwischen ihr und
dem Beschuldigten abgeschlossenen Vereinbarung, in welcher sich die
Parteien auch auf eine Entschädigung für das Berufungsverfahren geeinigt
haben, ausdrücklich auf ihre Parteistellung verzichtet. Unter diesen Um-
ständen ist C. mit dem Berufungsurteil keine Parteientschädigung zuzu-
sprechen.
5.
5.1.
Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, befindet sie
auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO).
Gemäss Art. 426 Abs. 1 StPO trägt die beschuldigte Person die Verfah-
renskosten, wenn sie verurteilt wird. Da der Beschuldigte hinsichtlich sämt-
licher Delikte verurteilt wird, erweist sich die vorinstanzliche Kostenverle-
gung als korrekt und wird im Übrigen vom Beschuldigten zurecht nicht be-
anstandet. Die erstinstanzlichen Verfahrenskosten in der Höhe von insge-
samt Fr. 23'416.70 (inklusive einer Anklagegebühr von Fr. 3'100.00) sind
vollumfänglich dem Beschuldigten aufzuerlegen.
5.2.
Nachdem der Kostenentscheid die Entschädigungsfrage präjudiziert, hat
der Beschuldigte keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Er hat die
Kosten für seinen freigewählten Verteidiger selber zu tragen (Art. 429
Abs. 1 lit. a StPO e contrario).
5.3.
Die der Privatklägerin C. für das erstinstanzliche Verfahren zugesprochene
Entschädigung ist im Berufungsverfahren unbestritten geblieben, weshalb
darauf nicht zurückzukommen ist. Im Übrigen haben sich der Beschuldigte
und C. auch darüber in ihrer Vereinbarung geeinigt.
- 15 -
6.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).