Decision ID: 566fccab-6180-43a3-ab1b-d3b5b6434d37
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Am 11. Mai 2016 richtete die französische Steuerbehörde, die Direc-
tion Générale des Finances Publiques (DGFP; nachfolgend auch: ersu-
chende Behörde), gestützt auf Art. 28 des Abkommens vom 9. September
1966 zwischen der Schweiz und Frankreich zur Vermeidung der Doppel-
besteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen und vom Ver-
mögen und zur Vermeidung von Steuerbetrug und Steuerflucht
(SR 0.672.934.91, DBA CH-FR) ein Amtshilfeersuchen an die Eidgenössi-
sche Steuerverwaltung (ESTV; nachfolgend auch: Vorinstanz).
Als vom Ersuchen betroffene Personen nannte die DGFP mutmasslich in
Frankreich steuerpflichtige Personen, die anhand einer dem Ersuchen bei-
gelegten Liste identifizierbar seien. Als Informationsinhaberin in der
Schweiz wurde die UBS AG (heute: UBS Switzerland AG; nachfolgend:
UBS) genannt. Die Informationen würden für die Erhebung der französi-
schen Einkommenssteuer («impôt sur le revenu») für die Steuerjahre 2010
bis 2014 und die Solidaritätssteuer auf Vermögen («impôt de solidarité sur
la fortune») für die Steuerjahre 2010 bis 2015 benötigt.
A.b Grundlage des Ersuchens bildeten drei Listen, die aus einer in
Deutschland gegen die UBS geführten Strafuntersuchung stammen und
Angaben zu über 45'000 UBS-Konten enthalten. Anhand der in den Listen
erfassten Domizil-Codes vermutete die DGFP, dass die ihr mehrheitlich na-
mentlich nicht bekannten Kontoinhaber beziehungsweise wirtschaftlich Be-
rechtigten einer Steuerpflicht in Frankreich unterliegen. Aufgrund zahlrei-
cher Hinweise, wonach französische Steuerpflichtige ihren Steuerpflichten
nicht nachgekommen waren und mit Blick darauf, dass gegen die UBS in
Frankreich ein Strafverfahren wegen des Aufbaus eines umfassenden
Steuerfluchtsystems eingeleitet worden war, nahm die DGFP an, dass die
in den Listen aufgeführten Kontodaten beziehungsweise die damit verbun-
denen Vermögenswerte in Frankreich pflicht- und rechtswidrig weder de-
klariert noch versteuert worden waren. Die DGFP schätzte die dadurch für
den französischen Fiskus entstandenen Mindereinnahmen auf bis zu meh-
rere Milliarden Euro.
A.c Konkret ersuchte die DGFP die ESTV für jedes in der Beilage des Er-
suchens aufgeführte Konto um die Übermittlung der folgenden Informatio-
nen für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis 31. Dezember 2015:
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a) Name(n)/Vorname(n), Geburtsdaten und letzte bekannte Adresse ge-
mäss den Bankunterlagen
(i) des/der Kontoinhaber(s)
(ii) der wirtschaftlich berechtigten Person(en) gemäss Formular A
(iii) jeder anderen Person, die in die Rechte und Pflichten der beiden
letztgenannten Personen tritt
b) die Kontostände jeweils per 1. Januar der Jahre 2010 bis 2015.
B.
B.a Mit Editionsverfügung vom 10. Juni 2016 forderte die Vorinstanz die
UBS auf, die ersuchten Informationen einzureichen. Zudem bat sie diese,
die betroffenen Personen mit noch aktiven Geschäftsbeziehungen über
das Amtshilfeverfahren zu informieren.
B.b Darüber hinaus informierte die ESTV die betroffenen Personen mittels
Publikation im Bundesblatt vom 26. Juli 2016 über das laufende Amtshilfe-
verfahren und den wesentlichen Inhalt des Amtshilfeersuchens.
C.
Die UBS erteilte der ESTV die ersuchten Informationen mit Teillieferungen
im Zeitraum vom 24. Juni 2016 bis 28. Juli 2017.
D.
Am 18. Juli 2016 zeigten die von der Beschwerdeführerin 1 mandatierten
Rechtsvertreter der Vorinstanz das Vertretungsverhältnis an.
E.
Die ESTV und die DGFP einigten sich im Briefwechsel vom 11. Juli 2017
auf eine Verständigungslösung betreffend Einhaltung des Spezialitätsprin-
zips. Zudem teilte die DGFP der ESTV am 11. Juli 2017 mit, allfällige von
den schweizerischen Behörden im Zusammenhang mit UBS-Konten erhal-
tene Informationen würden im Strafverfahren gegen die Bank nicht verwen-
det werden.
F.
F.a Am 9. Februar 2018 erliess die ESTV acht Schlussverfügungen gegen
gewisse betroffene Personen – darunter die UBS, die mit Urteil des Bun-
desverwaltungsgerichts A-4974/2016 vom 25. Oktober 2016 als Partei an-
erkannt worden war –, in denen sie das Amtshilfeersuchen Frankreichs als
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zulässig qualifizierte und die Amtshilfeleistungen im von der DGFP erfrag-
ten Umfang anordnete.
F.b Am 9. März 2018 erhob die UBS beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde. Sie beantragte, die Schlussverfügungen vom 9. Februar 2018
sowie die Editionsverfügung vom 10. Juni 2016 (vgl. B.a.) seien aufzuhe-
ben. Mit Urteil A-1488/2018 vom 30. Juli 2018 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde gut, soweit es darauf eintrat, und hob die
Schlussverfügungen vom 9. Februar 2018 und die Editionsverfügung vom
10. Juni 2016 auf.
F.c Eine gegen dieses Urteil erhobene Beschwerde der ESTV hiess das
Bundesgericht mit Urteil 2C_653/2018 vom 26. Juli 2019, publiziert als
BGE 146 II 150, gut und bestätigte die Editionsverfügung der ESTV vom
10. Juni 2016 und die Schlussverfügungen vom 9. Februar 2018. Das Ge-
richt qualifizierte das Listenersuchen Frankreichs vom 11. Mai 2016 als zu-
lässig und die verlangten Informationen als voraussichtlich erheblich. Wei-
ter erkannte es keine konkreten Anhaltspunkte für eine Verletzung des
Spezialitätsprinzips oder der Geheimhaltungspflicht durch Frankreich.
G.
Im Anschluss an das höchstrichterliche Urteil vom 26. Juli 2019 und die
erst später öffentlich zugänglich gewordene schriftliche Urteilsbegründung
nahm die ESTV die Bearbeitung der sistierten Verfahren, deren Ausgang
von der Beurteilung des Ersuchens der DGFP vom 11. Mai 2016 abhängig
war, wieder auf. Die ESTV gewährte der Beschwerdeführerin 1 das recht-
liche Gehör zur beabsichtigten Datenübermittlung an Frankreich. Die Be-
schwerdeführerin 1 liess sich am 17. August 2020 vernehmen.
H.
Mit Schlussverfügung vom 25. Januar 2021 ordnete die ESTV die Leistung
der Amtshilfe in Bezug auf die von der DGFP erfragten Bankinformationen
betreffend die Beschwerdeführerinnen an.
I.
Am 25. Februar 2021 erhoben die Beschwerdeführerinnen Beschwerde
beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragten, die Schlussverfügung
vom 25. Januar 2021 sei aufzuheben und die Bankunterlagen der UBS für
die Kontobeziehung mit der Nr. [...] bzw. Kundenbeziehung [...], lautend
auf die Beschwerdeführerin 1, sei der ersuchenden Behörde nicht heraus-
zugeben. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
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zurückzuweisen. Subeventualiter sei bei einer Übermittlung der Bankun-
terlagen lautend auf die Beschwerdeführerin 1 der Gesellschaftsname so-
wie die Anschrift (mit Ausnahme des Domizilstaates) und der vollständige
Vor- und Nachname der Beschwerdeführerin 2 sowie die Anschrift (mit
Ausnahme des Wohnsitzstaates) unkenntlich zu machen bzw. zu entfer-
nen, so dass Rückschlüsse auf die Beschwerdeführerinnen nicht mehr
möglich seien; alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der
Staatskasse.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 23. April 2021 hielt das Bundesverwaltungs-
gericht unter anderem fest, über die Beschwerdeberechtigung der am [...]
verstorbenen Beschwerdeführerin 2 werde allenfalls zu einem späteren
Zeitpunkt befunden. Der Beschwerdeführerin 1 sowie den Rechtsvertretern
stehe es frei, bereits jetzt diesbezügliche Unterlagen beizubringen.
K.
Am 7. Juni 2021 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
L.
Am 6. September 2021 teilte das Bundesverwaltungsgericht den Parteien
mit, dass nunmehr die Abteilung VI für die Bearbeitung des von den Be-
schwerdeführerinnen eingeleiteten Verfahrens A-863/2021 zuständig sei
und dieses neu unter der Verfahrensnummer F-863/2021 geführt werde.
Ferner wurde die Zusammensetzung des Spruchkörpers sowie der Name
des eingesetzten Gerichtsschreibers bekannt gegeben und eine Frist zur
Einreichung eines allfälligen Ausstandsbegehrens angesetzt. Die Be-
schwerdeführerinnen liessen sich innert Frist nicht dazu vernehmen.
M.
Am 6. Juli 2022 gab das Bundesverwaltungsgericht den Parteien die aus
organisatorischen Gründen erneut abgeänderte Zusammensetzung des
Spruchkörpers sowie den Namen des eingesetzten Gerichtsschreibers be-
kannt. Es wurde eine Frist zur Einreichung eines allfälligen Ausstandsbe-
gehrens angesetzt. Die Beschwerdeführerinnen liessen sich innert Frist
nicht vernehmen.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Beurteilung von Beschwerden
gegen Schlussverfügungen der ESTV im Bereich der internationalen Amts-
hilfe in Steuersachen zuständig (Art. 19 Abs. 1 und 5 des Bundesgesetzes
vom 28. September 2012 über die internationale Amtshilfe in Steuersachen
[StAhiG, SR 651.1] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin 1 ist zur Erhebung der Beschwerde legitimiert
(Art. 19 Abs. 2 StAhiG, Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist insofern einzutreten (Art. 50 Abs. 1 VwVG;
Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Entgegen der Bezeichnung in der Beschwerdeschrift kommt der am
[...] verstorbenen Beschwerdeführerin 2 vorliegend keine Parteistellung zu.
Die Vorinstanz hat am 12. Mai 2020 eine sie betreffende Schlussverfügung
erlassen und im Bundesblatt publiziert, wie auch aus Ziffer 12 der ange-
fochtenen Schlussverfügung vom 25. Januar 2021 hervorgeht. Bei der
letztgenannten Verfügung handelt es sich in Bezug auf die Beschwerde-
führerin 2 deshalb nicht um eine neue Anordnung, gegen die wiederum der
Rechtsweg offen stünde und in dessen Rahmen ihr beziehungsweise all-
fälligen Erben Parteistellung zukommen würde. Vielmehr stellt sich die
Schlussverfügung vom 25. Januar 2021 für sie beziehungsweise für allfäl-
lige Erben als einfache Erinnerung an die vorangegangene Schlussverfü-
gung vom 12. Mai 2020 dar. Auf die Beschwerde ist insofern nicht einzu-
treten (vgl. zum Ganzen: Urteil des BVGer A-5639/2020 vom 15. Septem-
ber 2021 E. 1.3.3 m.w.H. [angefochten vor BGer]).
2.
2.1 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49
VwVG).
2.2 Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das
Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
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nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen.
2.3 Die streitige Schlussverfügung bezieht sich auf das Listenersuchen der
DGFP, welches durch das Bundesgericht mit Leitentscheid vom 26. Juli
2019 – gefällt in öffentlicher Beratung und auszugsweise amtlich publiziert
in BGE 146 II 150 – als zulässig qualifiziert wurde mit der Folge, dass die
entsprechende Amtshilfe zu gewähren war. Das Bundesverwaltungsgericht
ist an dieses Präjudiz gebunden; es darf in Bezug auf Fragen, welche das
Bundesgericht in diesem Zusammenhang beantwortet hat, nicht von des-
sen Erwägungen abweichen. Ein Beurteilungsspielraum verbleibt ihm le-
diglich in Bezug auf Fragen, welche das Bundesgericht offen gelassen hat
(vgl. Urteile des BVGer A-3045/2020, A-3047/2020 und A-3048/2020, je-
weils vom 29. März 2021 E. 1.4.3, je mit Hinweisen).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin 1 rügt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs.
Eine Auseinandersetzung mit den Ausführungen in ihrer Stellungnahme sei
nicht vorgenommen und die angefochtene Verfügung unzureichend be-
gründet worden.
3.2 Aus dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29 ff.
VwVG) folgt unter anderem die grundsätzliche Pflicht der Behörden, ihren
Entscheid zu begründen. Die Begründung muss so abgefasst sein, dass
der Betroffene den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann.
Sie muss kurz die wesentlichen Überlegungen nennen, von denen sich die
Behörde hat leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt. Nicht erfor-
derlich ist hingegen, dass sich der Entscheid mit allen Parteistandpunkten
einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich
widerlegt (vgl. BGE 142 III 433 E. 4.3.2; 141 III 28 E. 3.2.4).
3.3 Die Vorinstanz hält den Ausführungen der Beschwerdeführerin 1 zu
Recht entgegen, dass die wesentlichen Punkte aus deren Stellungnahme
in der Schlussverfügung berücksichtigt worden seien. Das gelte insbeson-
dere für das Argument der fehlenden Erheblichkeit der zu übermittelnden
Informationen. Tatsächlich behandelt die ESTV diese Thematik in der
Ziff. 4 der angefochtenen Verfügung eingehend. Die Tatsache, dass sie
dies vorab in allgemeiner Weise tut, ist dem Umstand geschuldet, dass das
Bundesgericht in Bezug auf das – auch dem vorliegenden Sachverhalt zu-
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grunde liegende – Listenersuchen Frankreichs vom 11. Mai 2016 im Rah-
men von BGE 146 II 150 festgestellt hat, es liege keine «fishing expedition»
vor und die voraussichtliche Erheblichkeit der ersuchten Informationen sei
zu bejahen (vgl. nachstehend E. 8). Auf dieses höchstrichterliche Urteil
musste sich die Vorinstanz berufen und war aufgrund der dortigen Fest-
stellungen nicht gehalten, eingehendere Ausführungen zu den Parteistand-
punkten zu machen. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt somit
nicht vor. Die Frage, ob die Ansicht der Vorinstanz korrekt ist, ist eine Frage
der Zulässigkeit des Amtshilfeersuchens oder dessen Umfangs und nicht
des rechtlichen Gehörs.
4.
4.1 Landesrechtlich ist die internationale Amtshilfe in Steuersachen im
Steueramtshilfegesetz geregelt, welches am 1. Februar 2013 in Kraft ge-
treten ist. Abweichende Bestimmungen des im Einzelfall anwendbaren Ab-
kommens bleiben vorbehalten (Art. 1 Abs. 2 StAhiG).
4.2 Das Amtshilfeersuchen der DGFP stützt sich auf Art. 28 DBA CH-FR
(in der hier anwendbaren Fassung gemäss Art. 7 des Zusatzabkommens
vom 27. August 2009 [AS 2010 5683; nachfolgend: Zusatzabkommen
2009]) und auf Ziff. XI des im DBA CH-FR integrierten Zusatzprotokolls
(SR 0.672.934.91) in der Fassung gemäss Art. 1 der Vereinbarung vom
25. Juni 2014 über die Änderung des Zusatzprotokolls zum revidierten Ab-
kommen zwischen der Schweiz und Frankreich vom 9. September 1966
zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom
Einkommen und vom Vermögen und zur Vermeidung von Steuerbetrug
und Steuerflucht (AS 2016 1195; nachfolgend: Vereinbarung 2014).
4.2.1 Gemäss Art. 11 Abs. 3 des Zusatzabkommens 2009 findet das Zu-
satzabkommen auf Informationsbegehren betreffend Kalender- oder Ge-
schäftsjahre Anwendung, die ab dem 1. Januar nach der Unterzeichnung
dieses Zusatzabkommens beginnen. Die zitierte Fassung von Art. 28 DBA
CH-FR ist somit anwendbar auf Amtshilfeersuchen, welche die Kalender-
oder Geschäftsjahre ab 1. Januar 2010 betreffen.
4.2.2 In den Übergangsbestimmungen sieht die Vereinbarung 2014 ihre
Anwendung auf Informationsbegehren betreffend Kalender- oder Ge-
schäftsjahre, die ab dem 1. Januar 2010 beginnen, vor (Art. 2 Abs. 2 der
Vereinbarung 2014). Im Sinne einer Ausnahme findet Art. 1 Abs. 1 der Ver-
einbarung 2014 Anwendung auf Informationsbegehren über Sachverhalte,
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Seite 9
welche Zeiträume ab dem 1. Februar 2013 betreffen (Art. 2 Abs. 3 der Ver-
einbarung 2014). Gemäss dem Leiturteil des Bundesgerichts beschränkt
Art. 2 Abs. 3 der Vereinbarung 2014 jedoch die Anwendung von Ziff. XI
Abs. 3 Bst. a des Zusatzprotokolls nur für Gruppenersuchen auf Informati-
onen betreffend Zeiträume ab dem 1. Februar 2013. Demgegenüber kann
die Amtshilfe für den Zeitraum ab dem 1. Januar 2010 gewährt werden,
wenn es sich – wie im vorliegenden Fall – um ein Listenersuchen handelt,
bei welchem die betroffenen Personen nicht namentlich genannt werden,
sondern anhand bekannter Banknummern identifiziert werden (BGE 146 II
150 E. 5.6).
5.
5.1 Gemäss Ziff. XI Abs. 3 des Zusatzprotokolls muss das Amtshilfegesuch
folgende Informationen enthalten: die Identität der in eine Prüfung oder Un-
tersuchung einbezogenen Person, wobei diese Information mittels Angabe
des Namens der betreffenden Person oder weiterer Informationen, welche
ihre Identifikation ermöglichen, geliefert werden kann (Bst. a), die Zeitperi-
ode, für welche die Informationen verlangt werden (Bst. b), die Beschrei-
bung der verlangten Informationen sowie Angaben hinsichtlich der Form,
in der der ersuchende Staat diese Informationen vom ersuchten Staat zu
erhalten wünscht (Bst. c), den Steuerzweck, für den die Informationen ver-
langt werden (Bst. d) und soweit bekannt, den Namen und die Adresse des
mutmasslichen Inhabers der verlangten Informationen (Bst. e). Die Buch-
staben a) – e) sind so auszulegen, dass sie einen wirksamen Informations-
austausch für die Anwendung von Artikel 28 DBA CH-FR nicht behindern.
5.2 Das Bundesgericht hat in BGE 146 II 150 das Amtshilfeersuchen
Frankreichs vom 11. Mai 2016 für zulässig erklärt, womit es implizit auch
die Voraussetzungen von Ziff. XI Abs. 3 des Zusatzprotokolls als erfüllt er-
achtete. Dies wird von der Beschwerdeführerin 1 nicht bestritten.
6.
6.1 Gemäss Art. 28 Abs. 1 erster Satz DBA CH-FR tauschen die zuständi-
gen Behörden der Vertragsstaaten – ohne Rücksicht auf Art. 1 DBA CH-F
(persönlicher Geltungsbereich) – die Informationen aus, die zur Durchfüh-
rung dieses Abkommens oder zur Anwendung oder Durchsetzung des in-
nerstaatlichen Rechts betreffend Steuern jeder Art und Bezeichnung, die
für Rechnung der Vertragsstaaten oder ihrer politischen Unterabteilungen
oder lokalen Körperschaften erhoben werden, voraussichtlich erheblich
sind, soweit die diesem Recht entsprechende Besteuerung nicht dem Ab-
kommen widerspricht.
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Der Verweis auf «voraussichtlich erhebliche» Informationen in Art. 28
Abs. 1 DBA CH-FR soll einen möglichst breiten Informationsaustausch in
Steuersachen gewährleisten, ohne dass die Vertragsstaaten eine «fishing
expedition» durchführen oder Informationen verlangen können, deren Er-
heblichkeit für die Aufklärung der Steuerangelegenheiten bestimmter Steu-
erpflichtiger wenig wahrscheinlich ist (Ziff. XI 2. Abs. des Zusatzprotokolls).
Die Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit der beantragten In-
formationen gilt als erfüllt, wenn zum Zeitpunkt der Einreichung des Amts-
hilfegesuchs bei vernünftiger Betrachtung die Möglichkeit besteht, dass
sich die Informationen als erheblich erweisen. Keine Rolle spielt, ob sich
die Informationen nach ihrer Übermittelung als unerheblich herausstellen.
Die Beurteilung der voraussichtlichen Erheblichkeit obliegt in erster Linie
dem ersuchenden Staat. Der ersuchte Staat beschränkt sich auf die Prü-
fung, ob die verlangten Informationen mit dem im Ersuchen dargelegten
Sachverhalt zusammenhängen und sich möglicherweise für die Verwen-
dung im ausländischen Verfahren eignen (sog. Plausibilitätsprüfung); er
kann die Übermittlung von Informationen nur verweigern, wenn er sicher
ist, dass sie für den ersuchenden Staat nicht sachdienlich sind (BGE 144
II 206 E. 4.3; 142 II 161 E. 2.1.1). Einem Amtshilfeersuchen fehlt es dem-
nach an der voraussichtlichen Erheblichkeit, wenn es zur Beschaffung von
Beweismitteln aufs Geratewohl und ohne konkreten Zusammenhang zum
laufenden Steuerverfahren gestellt wird («fishing expedition»; BGE 146 II
150 E. 6.1.2). Das Verbot der «fishing expedition» entspricht dem Grund-
satz der Verhältnismässigkeit (Art. 5 Abs. 2 BV), der zwingend einzuhalten
ist (Urteil des BVGer A-1562/2018 vom 3. August 2020 E. 2.4.2).
6.2 Gemäss Art. 28 Abs. 2 DBA CH-FR sind alle Informationen, die ein Ver-
tragsstaat nach Absatz 1 erhalten hat, ebenso geheim zu halten wie die
aufgrund des innerstaatlichen Rechts dieses Staates beschafften Informa-
tionen und dürfen nur den Personen oder Behörden (einschliesslich der
Gerichte und der Verwaltungsbehörden) zugänglich gemacht werden, die
mit der Veranlagung oder der Erhebung, mit der Vollstreckung oder der
Strafverfolgung oder mit der Entscheidung von Rechtsmitteln hinsichtlich
der in Absatz 1 genannten Steuern oder mit der Aufsicht darüber befasst
sind. Diese Personen oder Behörden dürfen die Informationen nur für diese
Zwecke verwenden (sog. Spezialitätsprinzip, vgl. BGE 147 II 13 E. 3.4).
Sie dürfen die Informationen in einem öffentlichen Gerichtsverfahren oder
in einer Gerichtsentscheidung offenlegen. Ungeachtet der vorstehenden
Bestimmungen kann ein Vertragsstaat die erhaltenen Informationen für an-
dere Zwecke verwenden, wenn solche Informationen nach dem Recht bei-
der Staaten für solche andere Zwecke verwendet werden dürfen und die
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Seite 11
zuständige Behörde des ersuchten Staates dieser anderen Verwendung
zustimmt.
6.3 Der Grundsatz von Treu und Glauben (Art. 26 des Wiener Übereinkom-
mens vom 23. Mai 1969 über das Recht der Verträge [VRK, SR 0.111])
führt im Rahmen der Amtshilfe in Steuersachen dazu, dass der ersuchte
Staat grundsätzlich an die Angaben des ersuchenden Staates gebunden
ist, soweit diese nicht aufgrund von Fehlern, Lücken oder offensichtlichen
Widersprüchen sofort entkräftet werden können (BGE 144 II 206 E. 4.4;
142 II 218 E. 3.3; Urteil des BVGer A-1562/2018 vom 3. August 2020
E. 2.5). Auf diesem Vertrauen gründet letztlich das ganze Amtshilfeverfah-
ren (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer A-4192/2020, A-4194/2020, A-
4196/2020 vom 25. März 2021 E. 2.5.1).
7.
Die Beschwerdeführerin 1 bringt vor, die zu übermittelnden Informationen
seien für die Verfahren der DGFP infolge eines fehlenden Konnexes zu
Frankreich irrelevant. Die Beschwerdeführerin 1 sei ausschliesslich in [...]
steuerpflichtig. Die beabsichtigte Datenübermittlung stelle eine Verletzung
des Verhältnismässigkeitsprinzips dar respektive halte dem Erfordernis der
Erheblichkeit nicht stand und komme einer unzulässigen Beweisausfor-
schung gleich.
8.
8.1 Das Bundesgericht hat das Amtshilfeersuchen Frankreichs vom
11. Mai 2016 im Rahmen von BGE 146 II 150 beurteilt und für zulässig er-
achtet (vgl. Sachverhalt Bst. F.c). Es führte unter anderem aus, das vorlie-
gende Listenersuchen, welches die betroffenen Personen nicht namentlich
identifiziere, habe analog zur Handhabung bei Gruppenersuchen drei Kri-
terien zu erfüllen. Danach müsse die ersuchende Behörde in ihrem Ersu-
chen (BGE 146 II 150 E. 6.1.3 und E. 6.2):
(i) eine detaillierte Beschreibung der Gruppe geben, welche die spezi-
fischen Tatsachen und Umstände beschreibt, die zum Ersuchen ge-
führt haben;
(ii) das anwendbare (Steuer-)Recht erläutern und aufzeigen, weshalb
Gründe vorliegen, welche annehmen lassen, die Steuerpflichtigen in
der Gruppe hätten ihre Verpflichtungen nicht erfüllt, d.h. das Steuer-
recht verletzt; und
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Seite 12
(iii) aufzeigen, dass die eingeforderten Informationen zur Erfüllung der
Verpflichtungen der Steuerpflichtigen der Gruppe führen.
Das Bundesgericht erachtete alle drei Kriterien als erfüllt und hielt hinsicht-
lich des primär strittigen Kriteriums (ii) fest, das Amtshilfeersuchen nenne
hinreichend konkrete Verdachtsmomente für ein steuerrechtswidriges Ver-
halten der Personen hinter den Listen B und C und damit der von den acht
Schlussverfügungen betroffenen Personen. Es liege keine «fishing expe-
dition» vor und die voraussichtliche Erheblichkeit der ersuchten Informati-
onen sei zu bejahen (BGE 146 II 150 E. 6.3). Aufgrund der höchstrichterli-
chen Klärung der Frage der Zulässigkeit des Amtshilfeersuchens und de-
ren präjudiziellen Bedeutung für das vorliegende Verfahren bleibt für das
Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich kein Raum, die Amtshilfe in Ab-
weichung zu den Erwägungen des Bundesgerichts zu verweigern. Nach-
folgend ist daher einzig auf das individuelle Vorbringen der Beschwerde-
führerin 1 für eine Amtshilfeverweigerung – eine fehlende Steuerpflicht in
Frankreich – einzugehen.
8.2 Zwar ist aufgrund der eingereichten Unterlagen nicht auszuschliessen,
dass die Beschwerdeführerin 1 ihren steuerrechtlichen Sitz im fraglichen
Besteuerungszeitraum von 2010 bis 2015 möglicherweise nicht in Frank-
reich gehabt hat. Sie vermag daraus jedoch nichts zu ihren Gunsten abzu-
leiten: Der Bezug zu Frankreich wird vorliegend durch die in den UBS-Lis-
ten aufgeführten Domizil-Codes hergestellt. Indem das Bundesgericht das
Amtshilfeersuchen vom 11. Mai 2016 als zulässig beurteilt hat, hat es im-
plizit auch den Domizil-Code als hinreichenden Anknüpfungspunkt für eine
mögliche Steuerpflicht in Frankreich qualifiziert. Die Beschwerdeführerin 1
beziehungsweise ihre individuelle Banknummer befand sich unbestritte-
nermassen auf den UBS-Listen, und zwar in Verbindung mit dem Domizil-
Code für Frankreich. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin 1 ist
es im Rahmen des Amtshilfeverfahrens nicht Aufgabe der Schweizer Be-
hörden zu prüfen, ob nach französischem Recht eine steuerliche Ansäs-
sigkeit in Frankreich besteht (vgl. BGE 145 II 112 E. 2.2.2; 142 II 161
E. 2.2.2; Urteil des BGer 2C_805/2018 vom 23. August 2019 E. 4.5). Damit
ist ein hinreichender Anknüpfungspunkt für eine mögliche Steuerpflicht in
Frankreich für die Jahre 2010 bis 2015 gegeben. Die Beschwerdeführerin
1 ist mit ihren diesbezüglichen Einwänden auf das französische Steuerver-
fahren zu verweisen (vgl. Urteil des BVGer A-1562/2018 vom 3. August
2020 E. 4.2).
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Seite 13
9.
Nach dem Ausgeführten sind die Voraussetzungen für die in der Schluss-
verfügung vom 25. Januar 2021 vorgesehene Amtshilfeleistung erfüllt. Die
Beschwerde der Beschwerdeführerin 1 ist vollumfänglich abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat die Beschwerdeführerin 1 die
auf Fr. 5'000.– festzusetzenden Verfahrenskosten zu tragen (Art. 63 Abs. 1
VwVG und Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 4 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der in gleicher Höhe einbe-
zahlte Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Verfahrenskosten zu ver-
wenden.
10.2 Der unterliegenden Beschwerdeführerin 1 ist keine Parteientschädi-
gung zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG e contrario und Art. 7 Abs. 1
VGKE e contrario).
11.
Dieser Entscheid auf dem Gebiet der internationalen Amtshilfe in Steuer-
sachen kann innerhalb von 10 Tagen nur dann mit Beschwerde in öffent-
lich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht weitergezogen
werden, wenn sich eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung stellt
oder wenn es sich aus anderen Gründen um einen besonders bedeuten-
den Fall im Sinne von Art. 84 Abs. 2 des Bundesgesetzes vom 17. Juni
2005 über das Bundesgericht (BGG, SR 173.110) handelt (Art. 83 Bst. h,
Art. 84a und Art. 100 Abs. 2 Bst. b BGG). Ob dies der Fall ist, entscheidet
das Bundesgericht.
(Dispositiv nächste Seite)
F-863/2021
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