Decision ID: 147310b7-22bb-4091-aabe-e56cb3a3bd4c
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherter) war als Elektromonteur bei der B._ AG
angestellt und dadurch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt
(nachfolgend: Suva) gegen die Folgen von Unfällen versichert, als er am 27. September
2015 vom Sofa aufstand, über einen auf dem Boden liegenden Gegenstand stolperte,
stürzte und sich dabei eine pertrochantäre Femurfraktur links sowie eine Kniekontusion
links zuzog (Suva-act. 2, 7). Der Versicherte trat am Unfalltag stationär ins Spital C._
ein, wo am 28. September 2015 durch Dr. med. D._, Arzt Orthopädie, eine
Osteosynthese der pertrochantären Femurfraktur links mit Gammanagel durchgeführt
wurde (Suva-act. 8). Nach einem peri- und postoperativ komplikationslosen Verlauf
wurde der Versicherte am 3. Oktober 2015 in gutem Allgemeinzustand und bei
Attestierung einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit bis voraussichtlich 11. Oktober 2015
aus dem Spital entlassen (Suva-act. 7). Mit Schreiben vom 16. Oktober 2015 sicherte
ihm die Suva die Erbringung von Taggeldleistungen sowie die Vergütung der
Heilbehandlungskosten zu (Suva-act. 3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.b Im weiteren Verlauf klagte der Beschwerdeführer fortdauernd über linksseitige
Schmerzen im Bereich der Hüfte, der Leiste und des Oberschenkels und es wurde ihm
ärztlich eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in der angestammten Tätigkeit bescheinigt
(Suva-act. 15, 27, 31, 33, 35 f., 41, 54, 62). Nach Durchführung physiotherapeutischer
Massnahmen (Suva-act. 11, 19, 30, 34, 45, 51, 53, 82), einem Rehabilitationsaufenthalt
in der Rehaklinik Bellikon vom 21. Januar bis 25. Februar 2016 (Suva-act. 36),
verschiedenen medizinischen klinischen und radiologischen Abklärungen bzw.
Untersuchungen (Suva-act. 20 f., 47, 69 f.), nach Einholung hausärztlicher
Zwischenberichte (Suva-act. 23, 49), einer kreisärztlichen Untersuchung durch Dr. med.
E._, Facharzt für orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, vom 12. Mai 2016 (Suva-act. 61) und nach mehreren
kreisärztlichen Beurteilungen durch Dr. E._, letztmals am 8. Juni 2016 (Suva-act. 24,
40, 48, 71), eröffnete die Suva dem Versicherten mit Verfügung vom 10. Juni 2016 die
Leistungseinstellung per Verfügungsdatum. Zur Begründung hielt sie fest, dass die
Beschwerden des Versicherten im "Rückenbereich (LWS)" nicht mehr unfallbedingt,
sondern ausschliesslich krankhafter Natur seien (Suva-act. 72).
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess der Versicherte durch Rechtsanwalt Mag. iur.
A. Falkner, Vaduz (FL), am 5. Juli 2016 Einsprache erheben. Der Rechtsvertreter reichte
ausserdem einen Sprechstundenbericht von Dr. med. F._, Arzt mbF Neurochirurgie,
Spital C._, vom 17. Juni 2016 zu den Akten (Suva-act. 77). Die Suva ersuchte darauf
Kreisarzt Dr. E._, seine Beurteilung vom 8. Juni 2016 (Suva-act. 71) für das
Einspracheverfahren in Berichtsform zu formulieren und dabei auch den
Untersuchungsbericht von Dr. F._ zu berücksichtigen (Suva-act. 79). Am 8. Juli/4.
August 2016 legte Dr. E._ eine entsprechende ärztliche Beurteilung vor und gelangte
zur Auffassung, dass die beklagten Beschwerden nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit unfallkausal seien (Suva-act. 80).
B.b Nach Einsicht in sämtliche Suva-Akten reichte Rechtsanwalt Falkner am 25.
August 2016 eine Einspracheergänzung ein (Suva-act. 83) und legte einen Arztbericht
von Dr. med. G._, Facharzt für Allgemeinchirurgie, vom 9. August 2016 (Suva-act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
83-5) sowie einen Bericht des Departements Radiologie des Spitals C._ über eine
MRI-Untersuchung der linken Hüfte vom 6. Juli 2016 (Suva-act. 83-6) ins Recht.
B.c Die Suva legte die neu eingereichten medizinischen Akten Dr. E._ zur
Beurteilung vor (Suva-act. 86), der am 7./9. September 2016 erklärte, dass diese an
seiner Kausalitätsbeurteilung vom 8. Juli 2016 nichts ändern würden (Suva-act. 87).
B.d Mit Einspracheentscheid vom 23. Januar 2017 wies die Suva die Einsprache des
Versicherten ab (Suva-act. 94).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die von Rechtsanwalt Falkner für
den Versicherten (nachfolgend: Beschwerdeführer) am 21. Februar 2017 erhobene
Beschwerde mit dem Antrag, es sei die Verfügung der Suva (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) vom 10. Juni 2016 aufzuheben und diese zu verpflichten, dem
Beschwerdeführer weiterhin die ihm gemäss UVG zustehenden Leistungen zu
erbringen. Eventualiter sei der bekämpfte Einspracheentscheid der
Beschwerdegegnerin aufzuheben und die Rechtssache an diese zur neuerlichen
Entscheidung über das Gesuch des Beschwerdeführers zurückzuleiten, unter Kosten-
und Entschädigungsfolge (act. G 1). Zusammen mit der Beschwerde reichte
Rechtsanwalt Falkner Berichte von Dr. med. H._, FMH Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates, Rehabilitation, vom 5. September 2016 (act.
G 1.3) und Dr. med. I._, Allgemeine Medizin FMH, vom 11. Oktober 2016 (act. G 1.4)
ein.
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 30. März 2017 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde und die Bestätigung des angefochtenen
Einspracheentscheids (act. G 3).
C.c Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers verzichtete auf die Einreichung einer
Replik, worauf das Versicherungsgericht den Schriftenwechsel mit Schreiben vom 15.
Juni 2017 abschloss (act. G 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.d Mit Schreiben vom 30. Januar 2018 reichte der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers neue Unterlagen - insbesondere ein Schreiben von Dr. H._ an Dr.
I._ vom 7. Dezember 2016 (act. G 6.3), einen Sprechstundenbericht von Dr. D._
vom 27. Juni 2017 (act. G 6.13), einen Arztbericht von Dr. H._ vom 24. August 2017
(act. G 6.5), einen Kurzaustrittsbericht des Spitals C._ vom 15. August 2017 (act. G
6.8) sowie eine Stellungnahme von Dr. med. J._, Regionaler Ärztlicher Dienst der
Invalidenversicherung (RAD) vom 5. Oktober 2017 (act. G 6.14) - ein, woraus unter
anderem hervorgeht, dass Dr. D._ beim Beschwerdeführer am 15. August 2017 eine
Osteosynthesematerialentfernung (OSME) Gammanagel links vorgenommen hat. Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers erklärte, die Unterlagen würden die
Berechtigung der Beschwerde untermauern bzw. belegen, dass die Beschwerden des
Beschwerdeführers nicht somatoformen Ursprungs gewesen seien, sondern aus der
falsch eingesetzten Schraube im operierten Bereich resultiert hätten. Der
Beschwerdeführer sei nunmehr ab Januar 2018 vollständig genesen und habe keine
Beeinträchtigungen mehr. Damit werde von Seiten der Beschwerdegegnerin eine
befristete Rente bis Ende des Jahres 2017 auszurichten sein (act. G 6).
C.e Mit Schreiben vom 13. Februar 2018 nahm die Beschwerdegegnerin zur Eingabe
des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers Stellung (act. G 8). Weiter reichte sie den
Operationsbericht von Dr. D._ vom 21. August 2017 (act. G 8.1) und ein Schreiben an
den Beschwerdeführer vom 28. August 2017 ein, worin sie diesem im Rahmen eines
Rückfalls (vgl. Art. 11 UVV) die Übernahme der Heilbehandlungskosten für die
Metallentfernung vom 15. August 2017 zusicherte. Eine Taggeldzahlung entfalle, da der
Beschwerdeführer zum aktuellen Zeitpunkt ohne Anstellung sei und keinen Lohn erziele
(act. G 8.2).

Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.220) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden
daher, nachdem ein Ereignis aus dem Jahr 2015 zur Diskussion steht, die bis 31.
Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
2.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet der Einspracheentscheid
vom 23. Januar 2017 (Suva-act. 98). Diesem liegt die Verfügung vom 10. Juni 2016 zu
Grunde (Suva-act. 72). In dieser hat die Beschwerdegegnerin lediglich über Ansprüche
des Beschwerdeführers auf Heilbehandlungs- (Art. 10 Abs. 1 UVG) und
Taggeldleistungen (Art. 16 Abs. 1 UVG), d.h. über die vorübergehenden Leistungen,
befunden. Nicht zum Anfechtungsgegenstand der Verfügung zählte ein Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente (Art. 18 Abs. 1 UVG). Aus dem Hinweis in
der Begründung der Verfügung, dass der Anspruch auf "weitere
Versicherungsleistungen" abgelehnt werde, kann nicht auf einen Rentenentscheid
geschlossen werden. Auf den erweiterten Antrag des Rechtsvertreters des
Beschwerdeführers in seiner Eingabe vom 30. Januar 2018 - von Seiten der
Beschwerdegegnerin sei eine befristete Rente bis Ende des Jahres 2017 auszurichten
(act. G 6) - kann mithin mangels Anfechtungsgegenstands nicht eingetreten werden.
3.
In formeller Hinsicht ist zu prüfen, ob der Anspruch des Beschwerdeführers auf das
rechtliche Gehör verletzt wurde (vgl. act. G 1 S. 4 Ziff. 3.1).
3.1 Gemäss Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (BV; SR 101) haben Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das
rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, andererseits stellt es ein
persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar, welcher
in die Rechtsstellung einer Person eingreift. Dazu gehört insbesondere deren Recht,
sich vor Erlass des in ihre Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu
äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in Akten zu nehmen, mit
erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen (BGE 132 V 370 f. E. 3.1, 129
II 504 E. 2.2, 127 I 56 E. 2b, je mit Hinweisen). Für den Bereich der
Sozialversicherungen regelt Art. 42 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) den Anspruch der Parteien auf rechtliches
Gehör. Danach müssen die Parteien jedoch nicht angehört werden vor Verfügungen,
die durch Einsprache anfechtbar sind. Spätestens im Einspracheverfahren hat die
Verwaltung aber die allgemeinen Grundsätze des rechtlichen Gehörs zu wahren und
folglich der versicherten Person oder ihrem Vertreter Einsicht in die Akten zu gewähren,
auf deren Grundlage sie den Einspracheentscheid abstützt (BGE 132 V 389 E. 4.1 mit
Hinweis). Nach Art. 47 Abs. 1 lit. b ATSG steht das Recht auf Akteneinsicht den
Parteien für die Daten zu, die sie benötigen, um einen Anspruch oder eine Verpflichtung
nach einem Sozialversicherungsgesetz zu wahren oder zu erfüllen oder um ein
Rechtsmittel gegen eine auf Grund desselben Gesetzes erlassene Verfügung geltend
zu machen, sofern überwiegende Privatinteressen gewahrt bleiben.
3.2 Wie das Versicherungsgericht bereits in früheren Entscheiden befand (vgl.
diesbezüglich Urteil vom 6. April 2011, IV 2009/280, E. 1.1, bestätigt durch Urteil des
Bundesgerichts vom 5. August 2011, 9C_436/2011; Urteil vom 3. November 2015, UV
2014/86, E. 2), verschafft das rechtliche Gehör einen Anspruch darauf, sich zu den
tatsächlichen Fragen äussern zu können. Die Sachverhalts- bzw. Beweiswürdigung
gehört indes nicht zur Sachverhaltsermittlung, sondern zur Rechtsanwendung. Wie der
Beweiswert eines medizinischen Aktenstücks einzuschätzen ist, stellt demnach eine
Frage rechtlicher Natur dar. Dient die Stellungnahme des versicherungsmedizinischen
Dienstes nur dazu, dem mit der Sachverhaltswürdigung betrauten Sachbearbeiter zu
helfen, indem diesem medizinisches Fachwissen zur Verfügung gestellt wird, findet
keine Ergänzung des Sachverhalts statt. Eine solche erfolgt lediglich dann, wenn die
Stellungnahme des versicherungsmedizinischen Dienstes eine neue medizinische
Erkenntnis, die weder den bisherigen Akten noch allfälligen von der versicherten
Person eingereichten neuen Arztzeugnissen entnommen werden kann, enthält. In
diesem Fall besteht ein Anspruch auf die Gewährung des rechtlichen Gehörs.
Hingegen lässt die reine Mitwirkung bei der Würdigung der medizinischen Beweismittel
keinen Anspruch auf rechtliches Gehör entstehen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers macht geltend, dessen rechtliches
Gehör sei dadurch verletzt worden, dass ihm die kreisärztliche Beurteilung von Dr.
E._ vom 7./9. September 2016 (Suva-act. UV-act. 87) erst mit dem
Einspracheentscheid zugestellt worden sei (act. G 1). Kreisarzt Dr. E._ hatte vor
dieser Beurteilung bereits zwei andere entscheidrelevante, interne Stellungnahmen
bezüglich der Kausalität abgegeben (UV-act. 71, 80). Diese Akten waren dem
Beschwerdeführer vor dem Einspracheentscheid zugestellt worden (UV-act. 81). Dr.
E._ hat in seiner Beurteilung vom 7./9. September 2016 keine neuen medizinischen
Erkenntnisse dargelegt, sondern lediglich vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
mit der Einspracheergänzung vom 25. August 2016 (Suva-act. 83) neu eingereichte
medizinische Unterlagen gewürdigt und an seiner dem Beschwerdeführer bekannten
Kausalitätsbeurteilung festgehalten. Das Dokument vom 7./9. September 2016 enthielt
keinerlei medizinische Informationen, die dem Beschwerdeführer nicht schon vorher
zugänglich gewesen waren. Wie gesagt, war dem Beschwerdeführer zum
vorgenannten Zeitpunkt die kreisärztliche Kausalitätsbeurteilung bekannt. Dadurch,
dass die Beschwerdegegnerin ihm das Dokument erst mit dem Einspracheentscheid
zugestellt hat, hat sie seinen Anspruch auf rechtliches Gehör nicht verletzt.
4.
4.1 Die Beschwerdegegnerin hat für den Unfall vom 27. September 2015 bzw. die
dabei erlittene pertrochantäre Femurfraktur Heilbehandlungs- und Taggeldleistungen
erbracht und diese per Verfügungszeitpunkt (10. Juni 2016) eingestellt. Materiell-
rechtlich gilt es nachfolgend zu prüfen, ob die Leistungseinstellung per vorgenanntem
Datum zu Recht erfolgt ist.
4.2 Im Rahmen der ärztlichen anamnestischen Befragungen sowie klinischen
Untersuchungen ergaben sich teilweise auch Aspekte, welche auf eine
Rückenproblematik des Beschwerdeführers hindeuteten (Schmerzen linker
Oberschenkel, Sensibilitätsstörung am linken Bein und linken Fuss), weshalb
diesbezügliche medizinische Abklärungen aktenkundig sind (vgl. dazu 61, 69 f.). Zudem
verneinte die Beschwerdegegnerin in der Verfügung vom 10. Juni 2016 eine
Unfallkausalität hinsichtlich solcher über das Leistungseinstellungsdatum hinaus
geklagter LWS-Beschwerden (Suva-act. 72), nachdem sie den Schadenfall Dr. E._
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
am 7. Juni 2016 mit dem Grund "Oberschenkel links/Lendenwirbelsäule" vorgelegt
hatte (Suva-act. 71). Unter den Verfahrensparteien ist jedoch unbestritten, dass es
vorliegend um das Fortbestehen von Restfolgen des Unfalls vom 27. September 2015
geht, bei welchem der Beschwerdeführer die pertrochantäre Femurfraktur links und
keine Rückenverletzung erlitten hat (Suva-act. 7). Entsprechend hielt Dr. F._ in
seinem Sprechstundenbericht vom 17. Juni 2016 ein spinales, radikuläres Problem für
hochunwahrscheinlich. Lumbale Rückenschmerzen bestünden ohnehin nicht, so dass
auch eine Facettengelenksarthrose bildgebend irrelevant sei (vgl. Ergebnis der MRI-
Untersuchung der LWS vom 6. Juni 2016 [Suva-act. 70]). Seiner Ansicht nach handelte
es sich um typische Hüftgelenksbeschwerden links mit Leistenschmerzen und
Schmerzen über dem Trochanter. Die diffuse und im Hintergrund stehende
Ausstrahlung in den linken Unterschenkel und auch das angegebene leichte
Hypästhesiegefühl im linken Bein halte er für Epiphänomene (Suva-act. 77-6). Auch der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers stellt in der Beschwerde vom 21. Februar 2017
(act. G 1 S. 4 Ziff. 3.1) auf die Schmerzdefinition von Dr. F._ ab.
5.
5.1 Nach Art. 6 Abs. 1 UVG werden Leistungen der Unfallversicherung bei
Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz
nichts anderes bestimmt. Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der
Unfallversicherung bildet die Unfallkausalität. Eine Leistungspflicht des
Unfallversicherers besteht demnach nur für Gesundheitsschäden, die natürlich und
adäquat kausal mit einem versicherten Unfallereignis zusammenhängen (ALEXANDRA
RUMO-JUNGO/ANDRÉ PIERRE HOLZER, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/
Basel/Genf 2012, S. 53 ff.). Für die Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher
Kausalzusammenhänge im Bereich der Medizin ist das Gericht in der Regel auf
Angaben ärztlicher Experten und Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht
nach den von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu beurteilen ist (BGE 129 V 181
E. 3.1, 123 III 110, 112 V 30). Bei physischen Unfallfolgen spielt indessen die Adäquanz
als rechtliche Eingrenzung der aus dem natürlichen Kausalzusammenhang sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine Rolle (BGE 117 V 365 mit
Hinweisen; SVR 2000 UV Nr. 14 S. 45).
5.2 Ist die Unfallkausalität im Grundfall einmal mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
erstellt, so entfällt die Leistungspflicht des Unfallversicherers erst dann, wenn der Unfall
nicht mehr eine natürliche und adäquate Ursache der fortdauernd geklagten
Beschwerden darstellt, d.h. wenn die Beschwerden nur noch und ausschliesslich auf
unfallfremden Ursachen beruhen. Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche
Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von
unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sein. Die blosse Möglichkeit gänzlich fehlender Auswirkungen des
Unfalls genügt nicht (RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 4; THOMAS LOCHER/
THOMAS GÄCHTER, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, §
70 N. 58). Da es sich um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die
Beweislast - anders als bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher
Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht bei der versicherten Person, sondern beim
Unfallversicherer (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 E. 2 mit Hinweisen, 1994 Nr. U 206 S.
328; siehe ebenso BGE 117 V 261 E. 3b). Dieser muss jedoch nicht den Beweis für
unfallfremde Ursachen erbringen. Ebenso wenig geht es darum, vom Unfallversicherer
den negativen Beweis zu verlangen, dass kein Gesundheitsschaden mehr vorliege oder
dass die versicherte Person nun bei voller Gesundheit sei (Urteil des Bundesgerichts
vom 29. April 2008, 8C_465/2007, E. 3.1 mit Hinweisen). Welche Ursache ein nach wie
vor geklagtes Leiden hat, ist unerheblich. Entscheidend ist allein, ob die
unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens ihre kausale Bedeutung verloren
haben, also dahingefallen sind.
5.3 Bezüglich der hier zu prüfenden Rechtmässigkeit der Leistungseinstellung der
Taggeld- und Heilbehandlungsleistungen per 10. Juni 2016 stellt sich die Frage, ob
über den 10. Juni 2016 hinaus und gegebenenfalls bis wann natürlich kausale Folgen
der Hüftverletzung vom 27. September 2015 bestehen. Die Frage nach dem Erreichen
eines vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers angeführten "Endzustandes",
welchen dieser aufgrund der Umstände, dass sich der Beschwerdeführer nach wie vor
in ärztlicher Behandlung befände und aufgrund seiner Beeinträchtigungen nach wie vor
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vollumfänglich arbeitsunfähig sei, als nicht erreicht erachtet, ist hingegen vorliegend
irrelevant. Der Begriff "Endzustand" findet im Zusammenhang mit Art. 19 Abs. 1 UVG
Anwendung, wonach die Prüfung eines Rentenanspruchs zu erfolgen hat, wenn
bezüglich einer unfallkausalen Gesundheitsschädigung keine namhafte Besserung des
Gesundheitszustands mehr erreicht werden kann, was gegebenenfalls ebenso einen
Wegfall der Taggeld- und Heilbehandlungsleistungen zur Folge hätte. Im konkreten Fall
steht jedoch kein solcher Sachverhalt zur Diskussion. Die Einstellung der Taggeld- und
Heilbehandlungsleistungen wird hier mit dem Dahinfallen der Kausalität bzw. dem
fehlenden objektiven Nachweis von Unfallfolgen begründet. Diese Prüfung ist
unabhängig von der Möglichkeit der Besserung des Gesundheitszustands jederzeit
möglich. Beim Dahinfallen der Kausalität geht es - wie gesagt - nicht um das
Dahinfallen jeglichen Bedarfs an Heilbehandlung und das Vorliegen einer vollständigen
Arbeitsfähigkeit.
6.
6.1 Hinsichtlich Beweiswert eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
beklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten oder der Expertin begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert
eines ärztlichen Gutachtens ist grundsätzlich weder die Herkunft eines Beweismittels
noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als
Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 232 E. 5.1, 125 V 352 E. 3a mit Hinweis). Insofern
sind Berichte und Gutachten, welche die Versicherungen während des
Administrativverfahrens von ihren eigenen Ärzten und Ärztinnen einholen,
beweistauglich, solange ihre Richtigkeit nicht durch konkrete Indizien erschüttert wird
(BGE 125 V 352 E. 3; RKUV 1991 Nr. U 133 S. 311 ff.). Die Rechtsprechung erachtet
sodann Aktengutachten als zulässig, wenn die Akten ein vollständiges Bild über
Anamnese, Verlauf und gegenwärtigen Status ergeben und diese Daten unbestritten
sind. Voraussetzung ist ein lückenloser Untersuchungsbefund, damit der Experte bzw.
die Expertin imstand ist, sich aufgrund der vorhandenen Unterlagen ein lückenloses
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bild zu verschaffen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 31. März 2014, 8C_724/2013,
E. 4.2.2 mit Hinweisen).
6.2 Die Festlegung des Zeitpunkts der Leistungseinstellung durch die
Beschwerdegegnerin basiert insbesondere auf den Aktenbeurteilungen von Kreisarzt
Dr. E._ vom 8. Juli/4. August 2016 (Suva-act. 80) und 7./9. September 2016 (Suva-
act. 87). Dr. E._ legt die Anamnese ("Aktenmässiger Verlauf") bzw. die Ergebnisse
der im konkreten Fall durchgeführten ärztlichen Untersuchungen - wie sie sich im
jeweils gegebenen Zeitpunkt darstellten - lückenlos dar. Am 12. Mai 2016 hatte im
Übrigen eine persönliche Untersuchung des Beschwerdeführers durch Dr. E._
stattgefunden, was diesem zudem einen persönlichen Eindruck betreffend die
gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers gegeben hatte (Suva-act. 61). Nicht
in Frage zu stellen ist ausserdem als Facharzt für orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates die Fachkompetenz von Dr. E._. Ob
letztlich auf die Beurteilungen von Dr. E._ abgestellt werden kann, ist im Rahmen der
nachfolgend materiell-rechtlichen Beurteilung bzw. Beweiswürdigung zu prüfen. Auch
diese hat nach den allgemeinen Grundsätzen der Schlüssigkeit, Nachvollziehbarkeit,
Widerspruchsfreiheit sowie des Fehlens von Indizien, welche gegen die Zuverlässigkeit
seiner Beurteilungen sprechen, zu erfolgen.
7.
7.1 Der Beschwerdeführer erlitt beim Unfall vom 27. September 2015 unstreitig eine
pertrochantäre Femurfraktur links, welche am 28. September 2015 osteosynthetisch
mit Gammanagel versorgt wurde (vgl. Suva-act. 7 f.). Die Osteosynthese ist ein
operatives Verfahren zur Wiederherstellung der Kontinuität und Funktionsfähigkeit
(Stabilität) von Knochen und strebt damit grundsätzlich eine belastungsstabile und
funktionell befriedigende Frakturheilung an (vgl. dazu PSCHYREMBEL, Klinisches
Wörterbuch, 267. Aufl. Berlin/Boston 2017, S. 606, 1325; ALFRED M. DEBRUNNER,
Orthopädie, Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl. Bern 2005, S. 97 f., S. 357 ff.; ROCHE
LEXIKON, Medizin, 5. Aufl. München 2003, S. 642 f., S. 1383; LEITLINIEN DER
ORTHOPÄDIE, Hrsg. von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und
Orthopädische Chirurgie und dem Berufsverband der Ärzte für Orthopädie, 2.
erweiterte Aufl. Köln 2002, S. 163).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.2 Nach der Operation vom 28. September 2015 wurde die linke Hüfte des
Beschwerdeführers fortlaufend, d.h. am 28. September, 1. Oktober und 15. Dezember
2015 sowie am 22. März 2016, röntgenologisch untersucht. Sämtliche
Röntgenuntersuchungen zeigten eine von den Ärzten übereinstimmend bestätigte
unveränderte Frakturstellung und regelrechte Lage des Osteosynthesematerials ohne
Lockerungszeichen oder sekundäre Dislokation sowie einen regelrechten Verlauf.
Verglichen mit der präoperativen Verletzung liess sich zudem eine gute Frakturposition
und Fragmentadaptation feststellen. Das Röntgenbild vom 22. März 2016 brachte
schliesslich eine vollständige Konsolidierung der Fraktur zur Darstellung (Suva-act. 20
f., 31, 36, 47), welche gemäss medizinischer Literatur die knöcherne Heilung eines
Knochenbruchs bedeutet (vgl. ROCHE LEXIKON, a.a.O., S. 1034). Auch bei der
nachfolgenden MRI-Untersuchung der linken Hüfte vom 6. Juli 2016 liess sich, soweit
bei Metallartefakten beurteilbar, eine weitgehende Durchbauung der pertrochantären
Femurfraktur feststellen (Suva-act. 70). Als mögliche sekundäre Folge einer
Hüftgelenksfraktur liessen sich sodann auf dem Röntgenbild vom 22. März 2016 keine
Hinweise auf eine Coxarthrose und auf dem MRI-Bild keine solchen auf eine
höhergradige Coxarthrose (allseits erhaltender Gelenkknorpel) ausmachen (vgl. dazu
DEBRUNNER, a.a.O., S. 976; PSCHYREMBEL, a.a.O., S. 988; ROCHE LEXIKON,
a.a.O., S. 1047). Eine Femurkopfnekrose wurde verneint. Im Zusammenhang mit der
Verneinung einer höhergradigen Coxarthrose wurden schliesslich im MRI-
Untersuchungsbericht vom 6. Juli 2016 als Befunde kräftige osteophytäre
Ausziehungen am kraniolateralen Acetabulum sowie degenerative Veränderungen des
Labrums erwähnt. Weiter wurde eine leichte fettige Degeneration des Musculus gluteus
maximus aufgeführt (Suva-act. 83-6).
7.3 Gestützt auf die in Erwägung 7.2 dargelegten radiologischen
Untersuchungsergebnisse gelangte Dr. E._ in seinen Beurteilungen vom 8. Juli/4.
August 2016 (Suva-act. 80) bzw. 7./9. September 2016 (Suva-act. 87) in Bezug auf die
beim Unfall vom 27. September 2015 erlittene pertrochantäre Femurfraktur links zum
überzeugenden Schluss, es sei davon auszugehen, dass die Fraktur in korrekter
Stellung vollständig konsolidiert sei. Eine Coxarthrose habe ausgeschlossen werden
können. Die MRI-Abklärung der linken Hüfte habe lediglich leichte degenerative
Veränderungen, wie sie durchaus dem Alter des Beschwerdeführers entsprechen
würden, gezeigt. Relevante Unfallfolgen seien dabei nicht nachgewiesen worden bzw.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
insgesamt seien die vom Beschwerdeführer beklagten Beschwerden nicht
objektivierbar. Die anlässlich des Unfalls vom 27. September 2015 erlittene Verletzung
sei vollständig ausgeheilt, sodass die unfallbedingte Behandlung beendet werden
könne. Aufgrund der bildgebenden Untersuchungsergebnisse seien die beklagten
Beschwerden nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit unfallkausal. Wie von Dr.
E._ dargelegt, weist radiologisch nichts darauf hin, dass die pertrochantäre
Femurfraktur links als zentrale Unfallverletzung im Zeitpunkt der Leistungseinstellung
nicht regelrecht und vollständig, d.h. ohne bleibende Schäden, verheilt gewesen wäre.
Dies wird denn auch von beschwerdeführender Seite nicht explizit bestritten.
8.
8.1
8.1.1 Am 15. August 2017 unterzog sich der Beschwerdeführer einer OSME
Gammanagel links. Gemäss medizinischer Literatur wird eine Metallentfernung bei
bestimmten Indikationen - bei Material, das durch seine anatomische Lage mechanisch
stört, etwa in Gelenknähe oder dicht unter der Haut, bei Schmerzen, die anders nicht
zu erklären sind, bei Entzündungen und Infektionen - vorgenommen. Aber auch
gelockertes Material, vor allem Nägel und Kirschdrähte, die wandern können, sollen
entfernt werden (DEBRUNNER, a.a.O., S. 678). Unbestritten ist, dass die beim
Beschwerdeführer erfolgte Metallentfernung bzw. die Entfernung des Gammanagels
insofern eine (sekundäre) natürlich kausale Folge der von ihm beim Unfall vom 27.
September 2015 erlittenen petrochantären Femurfraktur darstellt, als die Fraktur am 28.
September 2015 durch Dr. D._ mittels Osteosynthese mit dem am 15. August 2017
entfernten Gammanagel operativ behandelt worden war. Entsprechend hat die
Beschwerdegegnerin gegenüber dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom 28. August
2017 (act. G 8.2) die Übernahme der Kosten der Metallentfernung zugesichert. Eine
Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin im Zusammenhang mit der OSME besteht
bis zur Heilung der unmittelbaren Operationsfolgen (Wundheilung, postoperative
Schmerzphase, Einnahme von Medikamenten, Schonungsphase mit möglicher
Arbeitsunfähigkeit usw.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.1.2 Aktenmässig dokumentiert ist sodann, dass sich der Beschwerdeführer
zwischen der Einstellung der Leistungen am 10. Juni 2016 und der Metallentfernung
vom 15. August 2017 wegen linksseitiger Hüftschmerzen in ärztlicher und
physiotherapeutischer Behandlung befand (act. G 6.3 f.). Ob im vorgenannten Zeitraum
auch Arbeitsunfähigkeiten bestanden haben, lässt sich den Akten nicht entnehmen.
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers stellt sich auf den Standpunkt, die über
das Datum der Leistungseinstellung bestandenen Schmerzen seien eine Folge des
Osteosynthesematerials gewesen und hätten mit der Metallentfernung behoben
werden können. Bei Bestehen eines solchen Zusammenhangs wäre die
Beschwerdegegnerin über den Leistungseinstellungszeitpunkt hinaus auch für die im
obgenannten Zeitraum stattgefundenen Heilbehandlungen und allenfalls eingetretenen
Arbeitsunfähigkeiten leistungspflichtig. Zur Frage der Kausalität zwischen den
fortdauernd geklagten Hüftschmerzen links und dem Osteosynthesematerial nimmt Dr.
E._ in seinen ärztlichen Beurteilungen vom 8. Juli/4. August und 7./9. September
2016 (Suva-act. 80, 87) keine Stellung, weshalb den kreisärztlichen Beurteilungen
diesbezüglich kein Beweiswert zukommen kann.
8.2 Entgegen den Darlegungen der Beschwerdegegnerin in ihrer Stellungnahme vom
13. Februar 2018 (act. G 8) lässt sich aufgrund der weiteren medizinischen Akten ein
Kausalzusammenhang zwischen den geklagten Beschwerden und dem am 15. August
2017 entfernten Osteosynthesematerial über das Leistungseinstellungsdatum hinaus
bzw. ein Dahinfallen der Unfallfolgen im Leistungseinstellungszeitpunkt nicht mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit verneinen.
8.2.1 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung eines Falles
grundsätzlich auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses des streitigen
Einspracheentscheids (hier: 23. Januar 2017) eingetretenen Sachverhalt ab (BGE 129 V
356 E. 1 mit Hinweisen). Berichte, welche nach diesem Zeitpunkt datieren, sind zu
berücksichtigen, sofern sie Rückschlüsse in Bezug auf die im Zeitpunkt der
Leistungseinstellung bestehende Situation erlauben (BGE 121 V 366 E. 1b, 99 V 102, je
mit Hinweise). Soweit jedoch Berichte über nachträgliche Veränderungen des
Gesundheitszustandes eingereicht wurden, ist im vorliegenden Beschwerdeverfahren
nicht auf sie abzustellen. Allerdings können sie unter Umständen - wie im konkreten
Fall - zur Anerkennung eines Rückfalls Anlass geben. Wie die nachfolgenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägungen zeigen, lassen sich aus den vom Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
am 30. Januar 2018 eingereichten medizinischen Unterlagen durchaus Hinweise für die
Würdigung des Leistungseinstellungszeitpunkts per 10. Juni 2016 entnehmen.
8.2.2 Zutreffend ist, dass sich der Gammanagel bei der röntgenologischen
Untersuchung vom 22. März 2016 im Spital C._ in regelrechter Lage befunden und
sich bei der am selben Tag durch Dr. D._ durchgeführten klinischen Untersuchung
über dem Trochantermassiv keine Druckdolenz gezeigt hat (Suva-act. 47-1). Ein
identisch in situ liegendes Osteosynthesematerial bei vollständigem Durchbau der
Fraktur hat sich sodann auch anlässlich der durch Dr. H._ im Oktober/November
2016 durchgeführten röntgenologischen Verlaufskontrolle gezeigt. (act. G 6.3). Fraglich
erscheint jedoch, ob ein Gammanagel in situ definitionsgemäss in jedem Einzelfall
Beschwerdefreiheit bedeutet, drückt doch "in situ" lediglich aus, dass sich der Nagel
an der gewünschten Position im Körper befindet, nicht aber, dass ein Gammanagel in
situ durch seine Form oder Grösse bzw. Überlänge keine Beschwerden verursachen
könnte (vgl. dazu auch nachfolgende Erwägung 8.2.3). So wird in der medizinischen
Literatur beschrieben, dass grundsätzlich kein trifftiger Grund besteht,
Osteosynthesematerial zu entfernen, viele Patienten mit Implantaten in situ leben,
Implantate jedoch gerade durch ihre anatomische Lage stören können (DEBRUNNER,
a.a.O., S. 678).
8.2.3 Die Beschwerdegegnerin diskutiert in ihrer Stellungnahme vom 13. Februar
2018 (act. G 8) an sich richtigerweise die für eine Kausalitätsbeurteilung bedeutsame
Schmerzsituation bzw. den Schmerzverlauf. Dies in dem Sinne, dass sich aus der
Lokalisation der Schmerzen im Regelfall massgebende Hinweise auf deren
Ursächlichkeit herleiten lassen. Nicht gefolgt werden kann allerdings ihrer
Argumentation, vor der OSME vom 15. August 2017 habe eine andere
Schmerzproblematik vorgelegen. Der Sachverhalt habe sich nach dem 23. Januar 2017
(Erlass des Einspracheentscheids) bzw. nach der Leistungseinstellung insofern
weiterentwickelt, als sich neu Schmerzen bei den Operationsnarben des linken
Oberschenkels gezeigt hätten, weshalb am 15. August 2017 der Gammanagel entfernt
worden sei. Die Beschwerdegegnerin weist zwar richtig darauf hin, dass Dr. G._ in
seinem Bericht an Dr. H._ vom 8. August 2016 die Schmerzen gluteal links mit
Ausstrahlung in den gesamten Oberschenkel links und zum Teil in die Leiste und den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
linken Hoden und nicht explizit bei den Operationsnarben lokalisiert habe (Suva-act.
84). Damit übereinstimmend hatte der Beschwerdeführer auch anlässlich der
kreisärztlichen Untersuchung vom 12. Mai 2016 über Schmerzen in der Gesäss-/
Hüftregion links, über die Aussenseite des linken Oberschenkels bis in den Fussbereich
ausstrahlend geklagt (Suva-act 61). Die Ausstrahlung von Schmerzen ist jedoch ein
bekanntes Phänomen, weshalb eine indirekte Schmerzsymptomatik grundsätzlich
denkbar erscheint und Schmerzen häufig nur schwer einer bestimmten, genau
abgegrenzten Körperstelle zugeordnet werden können. Angesichts des Gesagten
vermag mithin der obige Sachverhalt allein nicht gegen die Ursächlichkeit des
Gammanagels für die vom Beschwerdeführer beschriebenen Schmerzen zu sprechen.
Das Erfordernis genau und alleinig im Bereich der Operationsnarben lokalisierter
Schmerzen - wie von der Beschwerdegegnerin verlangt - erscheint nicht ohne weiteres
überzeugend. Immerhin wurden vom Beschwerdeführer bereits vor der
Leistungseinstellung bzw. vor Erlass des Einspracheentscheids Schmerzen im Bereich
des Oberschenkels lateral und in der Hüftregion beschrieben (vgl. Suva-act. 61-2). Die
kreisärztliche Untersuchung durch Dr. E._ vom 12. Mai 2016, wie auch die frühere
klinische Untersuchung im Spital C._ vom 22. März 2016 (Suva-act. 47) sowie
diejenige vom 19. Mai 2016 durch Dr. F._ (Suva-act. 69), haben ausserdem eine
schmerzhaft eingeschränkte Beweglichkeit des linken Hüftgelenks bzw. einen
ausgeprägten Schmerz in der Aussenrotation der linken Hüfte und bei Beugung im
Hüftgelenk gezeigt. Auch im Verlauf des stationären Aufenthalts in der Rehaklinik
Bellikon vom 21. Januar bis 25. Februar 2016 hatte der Beschwerdeführer über
belastungsabhängige Schmerzen im Oberschenkel links geklagt und war der
Bewegungsumfang der linken gegenüber der rechten Hüfte eingeschränkt gewesen
(Suva-act. 36). Gerade auch dieses Beschwerdebild lässt sich mit einer mechanischen
Störung des Gammanagels durch seine anatomische Lage vereinbaren.
8.2.4 Im Weiteren ist zu erwähnen, dass in den mit der Eingabe vom 30. Januar
2018 (act. G 6) eingereichten Unterlagen (act. G 6.1 ff.) keiner der Ärzte auf ein
verändertes Beschwerdebild hingewiesen hat. Vielmehr bezeichnete Dr. H._ bereits
in seinem Bericht vom 5. September 2016 und damit kurze Zeit nach der
Leistungseinstellung vom 10. Juni 2016 eine Lokalinfiltration im ehemaligen
Operationsbereich als eventuell interessant (act. G 6.4), womit er offensichtlich von
einer Schmerzproblematik im Operationsbereich ausging. Die von ihm am 3. November
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2016 durchgeführte Infiltration blieb ohne Erfolg. In seinem Bericht vom 7. Dezember
2016 hielt er sodann fest, dass der Lokalbefund "weiterhin lokale Trochanter major
Beschwerden" links gluteal lokalisiert zeige, und stellte immerhin die Diagnose
persistierender Beschwerden nach Gammanagelosteosynthese nach Unfall vom 27.
September 2015 im Sinne der Reaktion auf das Transplantat und seine Frakturheilung
(act. G 6.3). Bereits diese zeitnah zur Leistungseinstellung gemachten Angaben lassen
das Dahinfallen von (indirekten) Unfallfolgen im Zusammenhang mit dem
Osteosynthesematerial bzw. die von der Beschwerdegegnerin hergeleitete
Weiterentwicklung des Sachverhalts nicht als schlüssig und überzeugend erscheinen.
Im Arztbericht vom 24. August 2017 hielt Dr. H._ sodann fest, dass wegen einer
geringen Überlänge eine Tractusirritation entstanden sei und diese in den nächsten 6
bis 12 Wochen nach der Osteosynthesematerialentfernung vom 15. August 2017
sicherlich regredient sein werde (act. G 6.5). Bestätigt wird damit - bei dem sich in situ
befundenen Gammanagel - eine Überlänge desselben, welche wohl kaum im Verlauf
entstanden ist, sondern von Anfang an bestanden haben dürfte. Auch dieser Umstand
stützt die Ursächlichkeit des Gammanagels für die Schmerzproblematik des
Beschwerdeführers über den Leistungseinstellungszeitpunkt hinaus. Laut
Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. J._ vom 5. Oktober 2017 hielt Dr. H._ ihm
gegenüber nochmals fest, die Materialentfernung habe erfolgen müssen, weil der
Trochanter unter einem enormen Druck seitens der subkutanen Schraube gestanden
habe. Diese Situation müsse unzweifelhaft als Ursache der seit der ersten Operation
beklagten Schmerzen bezeichnet werden. Die vom Beschwerdeführer im Vorfeld der
OSME beklagten Schmerzen seien somit vorwiegend somatischen und nicht
somatoformen Ursprungs. Dr. J._ bezeichnete die Äusserungen von Dr. H._ als
nachvollziehbar (act. G 6.14). Mit der vorgenannten Beurteilung liegt keine
anderslautende Behauptung des RAD-Arztes vor, sondern eine weitere Bestätigung
eines Kausalzusammenhangs zwischen dem Gammanagel und der
Schmerzproblematik durch Dr. H._, welche zudem durch Dr. J._ gestützt wird.
Auch Dr. D._ spricht in seinem Sprechstundenbericht vom 27. Juni 2017 von
überstehenden Schrauben. Wenn er diesbezüglich festhält, er habe nicht den Eindruck,
dass diese das Problem verursachen würden, ist darin nur eine andere, vage
formulierte Beurteilung zu sehen, deren Überzeugungskraft insofern relativiert wird, als
Dr. D._ im nächsten Satz erklärte, dass es angesichts der Schmerzen und des doch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
recht prolongierten Verlaufs Sinn mache, den Nagel zu entfernen. Er wies überdies
darauf hin, dass sich bereits nach der Implantation des Gammanagels der Verlauf
prolongiert gestaltet habe (act. G 6.13). Seit der OSME ist der Beschwerdeführer
unbestrittenermassen genesen bzw. schmerzfrei, was ebenfalls für einen
Kausalzusammenhang zwischen Gammanagel und Schmerzproblematik spricht.
8.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die ärztlichen Beurteilungen von Dr. E._
vom 8. Juli/4. August und 7./9. September 2016 (Suva-act. 80, 87) hinsichtlich der hier
insbesondere zu beurteilenden Frage eines natürlichen Kausalzusammenhangs
zwischen dem am 28. September 2015 implantierten Gammanagel und den vom
Beschwerdeführer nach der Leistungseinstellung per 10. Juni 2016 fortdauernd
geklagten Beschwerden keine Ausführungen enthalten und ihnen damit diesbezüglich
kein Beweiswert zukommen kann. Aufgrund der weiteren medizinischen Unterlagen,
insbesondere derjenigen, welche der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit
seiner Eingabe vom 30. Januar 2018 eingereicht hat (act. G 6, G 6.1 ff.), kann sodann
ein Dahinfallen der kausalen Bedeutung von (indirekten) unfallbedingten Ursachen des
Gesundheitsschadens per 10. Juni 2016 nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
als nachgewiesen betrachtet werden, weshalb die Beschwerdegegnerin für
Heilbehandlungen und allfällige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit der linken
Hüfte des Beschwerdeführers auch über den 10. Juni 2016 hinaus die gesetzlichen
Leistungen zu erbringen hat.
9.
9.1 Die Beschwerde ist, soweit darauf einzutreten ist, gutzuheissen und der
Einspracheentscheid vom 23. Januar 2017 aufzuheben. Die Beschwerdegegnerin ist zu
verpflichten, dem Beschwerdeführer auch über den 10. Juni 2016 hinaus die
gesetzlichen Heilbehandlungs- und gegebenenfalls Taggeldleistungen für die Folgen
des Unfalls vom 27. September 2015 zu erbringen. Zur Festsetzung und Ausrichtung
der Leistungen ist die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
9.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
9.3 Dem Verfahrensausgang entsprechend hat der obsiegende Beschwerdeführer
Anspruch auf eine Parteientschädigung für die Kosten der Vertretung und
Prozessführung (Art. 61 lit. g ATSG). Die Parteientschädigung ist vom Gericht
ermessensweise festzusetzen, wobei insbesondere der Bedeutung der Streitsache und
dem Aufwand Rechnung zu tragen ist. In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für
Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.- bis Fr.
12'000.--. Mit Blick auf vergleichbare Fälle erscheint eine Parteientschädigung von
pauschal Fr. 4'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen. Eine Kürzung wegen des Rentenbegehrens drängt sich nicht auf,
verursacht dieses doch keinen nennenswerten Mehraufwand.