Decision ID: c6660970-ea61-5abf-be76-e8c1d78edf58
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie – verliess Sri Lanka eigenen Angaben zufolge im November 2013.
Er gelangte über Dubai, ein afrikanisches Land – und nach einem einjähri-
gen Gefängnisaufenthalt in der Ukraine – am 17. November 2015 in die
Schweiz, wo er am 18. November 2015 ein Asylgesuch stellte. Am 23. No-
vember 2015 wurde er im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) sum-
marisch befragt und am 1. November sowie am 17. November 2016 ein-
lässlich angehört.
Zur Begründung seines Gesuches machte der Beschwerdeführer im We-
sentlichen geltend, er sei von 1984 bis Kriegsende Mitglied der LTTE und
insbesondere Leibwächter und Fahrer von B._ (dem Leibwächter
von C._) und während einer kurzen Zeit auch von D._ –
beide Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE)-Kader – gewesen. Sein
Name sei E._ gewesen und er habe die Nummer (...) getragen. Im
Jahr 1984/1985 habe er durch die LTTE in Indien eine 14-monatige militä-
rische Ausbildung erhalten. Im Jahr 1997 habe er seine Ehefrau – ebenfalls
ein LTTE-Mitglied – geheiratet. In der letzten Kriegsphase im Jahr 2009
seien er und B._ bei einer Granatenexplosion verletzt worden. Am
(...) 2009 seien sie von den sri-lankischen Sicherheitskräften eingekesselt
gewesen und B._ habe sich mittels Zyankalikapseln das Leben ge-
nommen. Der Beschwerdeführer habe sich in der Folge am (...) 2009 zu-
sammen mit seiner Familie und weiteren Zivilisten der sri-lankischen Ar-
mee ergeben. Er sei jedoch unmittelbar von der sri-lankischen Armee mit-
hilfe von LTTE-Überläufern als LTTE-Mitglied identifiziert und von seiner
Familie getrennt worden. Er sei danach registriert und während einem Jahr
von der sri-lankischen Armee in verschiedenen Camps inhaftiert worden.
Zunächst sei er in einem Gefangenenlager befragt und geschlagen wor-
den. Die Befrager hätten dank eines Verräters schon viel über ihn gewusst
und vermutet, dass er B._’s «Personal Assistent» gewesen sei, was
er abgestritten habe. Später sei er in ein Camp namens F._ verlegt
und zu Waffen- und Geldverstecken befragt worden; er habe B._’s
Grab sowie LTTE-Camps zeigen müssen. Elf Monate später sei er in einem
Camp namens G._ rehabilitiert worden. Er sei am (...) 2010 freige-
lassen worden, da seine rechte Hand und das rechte Bein infolge von
Kriegsverletzungen gelähmt seien, weshalb er als invalide qualifiziert wor-
den sei. Er habe eine Identitätskarte der Internationalen Organisation für
D-6835/2019
Seite 3
Migration (IOM) erhalten und sei folglich während sechs Monaten unter
IOM-Schutz gestanden. Während dieser Zeit habe er mit seiner Familie in
H._ – wo er das Haus aus Angst nie verlassen und sich nicht ange-
meldet habe – gelebt. Von dort aus habe er am (...) 2010 ein Asylgesuch
bei der Schweizerischen Botschaft in Colombo eingereicht (dieses wurde
am 16. Oktober 2013 aufgrund unbekannten Aufenthaltes vom SEM als
gegenstandslos abgeschrieben). Ein halbes Jahr nach seiner Entlassung
sei sein Haus in I._, das bis dahin vom Criminal Investigation De-
partement (CID) besetzt worden sei, freigegeben worden. Deshalb, und
auch weil ihm das IOM in H._ keinen Schutz mehr bieten konnte,
habe er sich fortan mehrheitlich in I._ aufgehalten und dort auch
angemeldet. Er habe aber nicht in seinem eigenen Haus, sondern beim
befreundeten Dorfvorsteher übernachtet, für den er Malerarbeiten erledigt
und Brennholz gesammelt habe. Er sei vom CID nicht weiter belästigt wor-
den, da der Chef des dortigen CID-Büros, ein Freund des Dorfvorstehers,
ihn beschützt habe. Angesichts dessen Versetzung in eine andere Stadt
und dem damit weggefallenen Schutz habe er das Land aus Furcht vor
Entführung oder Verhaftung durch den CID im November 2013 auf dem
Luftweg mit seinem eigenen Pass (den ihm der Schlepper in Dubai abge-
nommen habe) verlassen.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er unter anderem die Kopie einer
Haftbestätigung des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK), die Kopie ei-
nes Schreibens der IOM, diverse Schreiben von und an die Schweizerische
Botschaft in Colombo, ein Foto des Beschwerdeführers mit D._ so-
wie Kopien weiterer Fotos und die Kopie eines Fahndungsaufrufs gegen
seine Ehefrau ein.
B.
Mit Verfügung vom 19. November 2019 – eröffnet am 21. November 2019
– lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete
die Wegweisung sowie deren Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 23. Dezember 2019 erhob der Beschwerdeführer gegen
diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und bean-
tragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Asylgewäh-
rung, eventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit, allenfalls der Unzu-
mutbarkeit, des Wegweisungsvollzugs und die Anordnung der vorläufigen
D-6835/2019
Seite 4
Aufnahme in der Schweiz. In formeller Hinsicht ersuchte er um die Gewäh-
rung der unentgeltlichen Rechtspflege, um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und um amtliche Verbeiständung.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Januar 2020 stellte die vormals zuständige
Instruktionsrichterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten. Das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtspflege hiess sie unter der Voraussetzung des Nach-
reichens einer Fürsorgebestätigung gut.
E.
Mit Eingabe vom 23. Januar 2020 legte die rubrizierte Rechtsvertreterin
eine Kostennote sowie eine Fürsorgebestätigung zu den Akten.
F.
Das Verfahren wurde aus organisatorischen Gründen auf die im Rubrum
erwähnte vorsitzende Richterin umgeteilt.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Mai 2021 bestätigte die neu zuständige
Instruktionsrichterin die Gutheissung der Gesuche um Gewährung der un-
entgeltlichen Rechtspflege und um Verzicht der Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Gleichzeitig wurde die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtli-
che Rechtsbeiständin eingesetzt und die Vorinstanz zur Vernehmlassung
eingeladen.
H.
In seiner Vernehmlassung vom 3. Juni 2021 hielt das SEM vollumfänglich
an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
I.
Mit Replik vom 24. Juni 2021 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehm-
lassung Stellung und reichte eine aktualisierte Kostennote zu den Akten.
D-6835/2019
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
D-6835/2019
Seite 6
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG; vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1
m.w.H.).
3.3 Personen, die erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Her-
kunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge im
Sinne von Art. 3 AsylG wurden (sog. subjektive Nachfluchtgründe), wird
kein Asyl gewährt (vgl. Art. 54 AsylG).
4.
4.1 Das SEM hielt zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen fest,
der Beschwerdeführer habe keine objektiv begründete Furcht vor Verfol-
gung. Er sei nach seiner Freilassung nicht weiter von den Behörden behel-
ligt worden und habe sich in I._ trotz offensichtlicher Militärpräsenz
und entgegen den Aussagen bei der BzP, sich versteckt gehalten zu haben,
in der Gegend frei bewegt. Zudem seien die Behörden über seinen Aufent-
haltsort informiert gewesen, da er in I._ offiziell gemeldet und somit
auch dort auffindbar gewesen sei. Obwohl es durchaus möglich sei, dass
CID-Leute durch ihre persönliche Haltung oder Bestechung von der Kon-
trolle der Einheimischen abgesehen hätten, so sei es doch unwahrschein-
lich, dass eine einzelne CID-Person eine konkret gesuchte Person über
eine Zeitspanne von mehr als einem Jahr hätte schützen können. Gemäss
den Schilderungen des Beschwerdeführers handle es sich bei der Suche
nach ihm vielmehr um standardmässige Kontrollmassnahmen, die vom lo-
kalen CID-Chef auch hätten verhindert werden können. Bei einem tatsäch-
lichen Verfolgungsinteresse hätte das CID zu drastischeren Massnahmen
gegriffen und ihn direkt ins Visier genommen. Es sei unwahrscheinlich,
dass er aus der Rehabilitation entlassen worden wäre, wenn der Verdacht
bestanden hätte, er habe Kenntnisse über versteckte Waffenlager, zumal
die Behörden über seine Rolle bei den LTTE Kenntnis gehabt hätten. Die
eingereichten Beweismittel würden seine Vorbringen zwar untermauern,
seien aber ungeeignet, eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung
D-6835/2019
Seite 7
zu beweisen. Aufgrund einer Fahndung nach seiner Frau könne der Be-
schwerdeführer nichts für sich ableiten. Ausserdem komme der Kopie des
entsprechenden Fahndungsaufrufs geringer Beweiswert zu. Abgesehen
davon, würden die Angaben zur Ehefrau nicht stimmen und diese sei auf
dem Foto nicht erkennbar.
Auch im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka bestehe kein begründeter
Anlass zur Annahme, dass der Beschwerdeführer wegen der geltend ge-
machten LTTE-Verbindungen asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen
ausgesetzt wäre. Er habe ein Rehabilitationsprogramm durchlaufen, das
gemäss offiziellen Angaben ehemalige LTTE-Mitglieder deradikalisiere und
für die Reintegration in die Zivilgesellschaft vorbereite. In der Regel gebe
es keine Beschränkung der Bewegungs- und Reisefreiheit für rehabilitierte
Personen. Allerdings würden diese von den Sicherheitsbehörden vielfach
überwacht, etwa durch Melde- und/oder Unterschriftspflichten, Aufenthalts-
kontrollen und Befragungen. Diese Überwachungsmassnahmen und die
damit verbundenen Beeinträchtigungen hätten jedoch kein asylrelevantes
Ausmass erreicht. Somit habe er keine objektiv begründete Furcht, nach
der Rehabilitation Opfer von Verfolgungsmassnahmen zu werden. Bei feh-
lender Asylrelevanz könne darauf verzichtet werden, auf allfällige Unglaub-
haftigkeitselemente in seinen Vorbringen einzugehen.
4.2 In seiner Rechtsmitteleingabe hielt der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen fest, seine Vorbringen seien glaubhaft, da sie über das gesamte Ver-
fahren kohärent und detailliert ausgefallen seien und er diese mit den ein-
gereichten Beweismitteln untermauert habe. Überdies ergänzte er den
Sachverhalt dahingehend, dass er, anders als im vorinstanzlichen Verfah-
ren vorgebracht, zwischen 1989 und 1995 in Indien inhaftiert worden sei.
Er habe sich anlässlich der Anhörung nicht getraut dies zu sagen, weil er
befürchtet habe, aufgrund der Inhaftierung in Indien seine Asylwürdigkeit
in der Schweiz zu verlieren. Im Jahr 1989 sei er zusammen mit dem indi-
schen Politiker J._ illegal nach Indien gereist. Seine Schussverlet-
zungen seien in Indien medizinisch behandelt worden. Danach habe er
kurzzeitig als LTTE-Chef in Indien fungiert, bevor er von den indischen Be-
hörden verhaftet worden sei. Nach seiner Flucht aus dem Gefängnis sei er
im Jahr 1995 nach Sri Lanka zurückgekehrt. Der ergänzte Sachverhalt
habe keinen Einfluss auf die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen, da er ins
Gesamtbild passe.
Des Weiteren machte der Beschwerdeführer geltend, er habe ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG erlitten, da er etliche Male vom CID
D-6835/2019
Seite 8
gesucht worden sei und jederzeit mit einer Kontrolle und Inhaftierung habe
rechnen müssen. Ausserdem habe er sowohl subjektiv als auch objektiv
begründete Furcht vor zukünftiger asylrelevanter Verfolgung. Seine Furcht
vor Verfolgung sei subjektiv begründet, da er während einem Jahr in Sri
Lanka inhaftiert und mehrfach angehört und gefoltert worden sei. Nachdem
er unter Androhung der Folter wegen seiner LTTE-Tätigkeit gestanden
habe, habe er ein Asylgesuch bei der Schweizerischen Botschaft in Co-
lombo eingereicht. Er sei nur aus der Haft entlassen worden, weil die sri-
lankische Regierung unter immensem Druck der Öffentlichkeit gestanden
und deshalb Frauen und Invalide aus der Haft entlassen habe. Zudem
habe er sich nach seiner Haftentlassung verstecken müssen und sei vom
Schutz des Chefs des CID-Büros abhängig und sehr eingeschränkt gewe-
sen, weshalb er sich vor künftigen Verfolgungshandlungen gefürchtet
habe. Er habe sich nach seiner Entlassung zunächst während eines halben
Jahres versteckt, obwohl er damals noch unter IOM-Schutz gestanden
habe. Auch in I._ habe er sich nicht vollständig frei bewegen kön-
nen, sondern habe stets darauf achten müssen, nicht aufzufallen. Dennoch
habe er sich etwas in Sicherheit wissen können, da der Chef des CID-Bü-
ros ihm versichert habe, er würde in sämtlichen Situationen für ihn einste-
hen. Das SEM liege falsch, indem es davon ausgehe, eine einzelne Person
hätte ihn nicht schützen können. Denn er sei nach der Versetzung des CID-
Chefs in I._ gesucht worden, habe aber I._ zwischenzeitlich
bereits verlassen. Somit sei festzuhalten, er habe keine absolute Bewe-
gungsfreiheit genossen und sei zwei Jahre vom CID-Chef geschützt wor-
den.
Der Beschwerdeführer verfüge über ein hohes Risikoprofil. Er sei während
25 Jahren Mitglied der LTTE gewesen und habe in engem Kontakt zur
LTTE-Führung gestanden. Der sri-lankische Staat verfüge über sein Ge-
ständnis und kenne seine gesamte LTTE-Vergangenheit. Zudem habe er
verschiedene grosse Narben an seinem Körper; seine rechte Hand und
sein Bein seien schwer verletzt worden. Als Tamile aus der Ostprovinz
würde er bereits bei der Einreise systematisch ins Visier der Sicherheits-
kräfte geraten und aufgrund fehlender Identitätspapiere befragt werden.
Als Rückkehrer aus der Schweiz, einem Zentrum der tamilischen Diaspora,
würde er zusätzlich die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich ziehen. Die
aktuelle Lage in Sri Lanka sei angespannt und der Alltag immer noch stark
militarisiert, weshalb sich seine Situation bei einer Rückkehr verschlech-
tern würde. Weiter habe er in den vergangenen Jahren immer wieder an
Protesten gegen die Regierung teilgenommen. So habe er beispielsweise
D-6835/2019
Seite 9
im Jahr 2017 den indischen Politiker J._ bei Protesten in Genf wie-
der getroffen. Zu seiner Familie führte er aus, seine Ehefrau werde seit
2016 ebenfalls von den Behörden gesucht, weil sie aus einem indischen
Gefängnis ausgebrochen sei. Seine Geschwister hätten keinen Kontakt
mehr zu ihm, da dies aufgrund seiner LTTE-Vergangenheit gefährlich für
sie wäre.
4.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, der Beschwerdeführer
habe bereits in der Anhörung angegeben, im Jahr 1985 in Indien eine mili-
tärische Ausbildung absolviert und dabei sogar ein Kampftraining erhalten
zu haben. Dass er diese Informationen preisgegeben habe, wiege nicht
minder schwer in Bezug auf eine allfällige Asylunwürdigkeit, weshalb die
Begründung für seinen Nachtrag nicht nachvollziehbar sei. Seine Ergän-
zungen, dass er nach der Versetzung des CID-Chefs vom CID gesucht
worden sei, seien nachgeschoben. Erstaunlich sei auch, dass er immer
bereits weggegangen sei, als sie ihn gesucht hätten. Die erwähnten exil-
politischen Tätigkeiten liessen auf kein Risikoprofil schliessen, woran auch
das eingereichte Foto mit J._ nichts zu ändern vermöge.
4.4 In der Replik monierte der Beschwerdeführer, der Unterschied zwi-
schen seiner militärischen Ausbildung und der verschwiegenen Zeit in In-
dien betreffe den Umstand, dass er dort inhaftiert worden sei. Aus diesem
Grund habe er befürchtet, seine Asylwürdigkeit zu verlieren. Es gehe um
seine persönliche Begründung; sein Verhalten sei durchaus nachvollzieh-
bar. Weiter bemängelte er, das SEM habe sich nicht dazu geäussert, dass
J._ ihn an der Demonstration in Genf wiedererkannt habe.
Schliesslich sei seine Aussage, dass er nach der Versetzung des CID-
Chefs gesucht worden sei, nicht nachgeschoben. Diesbezüglich sei er an-
lässlich der Anhörung nämlich nicht befragt worden. Es sei nachvollzieh-
bar, dass dies vergessen worden sei; es handle sich bloss um eines von
vielen Elementen, das zu seiner Flucht geführt habe.
5.
5.1 Nach Durchsicht der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers zu seiner langjähri-
gen LTTE-Tätigkeit sowie seinen Verbindungen zu hochrangigen LTTE-Ka-
dern im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG insgesamt als glaubhaft zu qualifi-
zieren sind. Dies wurde denn auch von der Vorinstanz nicht explizit bezwei-
felt.
D-6835/2019
Seite 10
5.2 Einleitend ist festzuhalten, dass sich seine Vorbringen in der ergänzen-
den Anhörung im Jahr 2017 im Wesentlichen mit den Asylvorbringen des
im Jahr 2010 angestrengten Botschaftsverfahrens decken. In seinem
Schreiben an die Botschaft hatte er seine Tätigkeit als Fahrer für die LTTE
erwähnt sowie die Umstände seiner Festnahme und anschliessenden Re-
habilitation. Dass er nicht näher auf seine Tätigkeit als LTTE-Kämpfer be-
ziehungsweise Leibwächter eingegangen ist, vermag – da er in jenem Ver-
fahren aufgrund unbekannten Aufenthaltes nicht angehört werden konnte
– seine insgesamt substantiierten Angaben nicht in Zweifel zu ziehen.
5.3 Die Erzählweise des Beschwerdeführers ist überaus kohärent und
strukturiert (vgl. B17 F102-106). So vermochte er seine Erlebnisse in der
Endphase des Krieges anschaulich und detailliert zu beschreiben (vgl. B17
F104-118). Seine Schilderungen enthalten diverse Realkennzeichen, wo-
bei er in der Anhörung sichtlich betroffen war und öfters in der direkten
Rede antwortete (vgl. B17 F102, F105). Aufgrund seiner konsistenten dies-
bezüglichen Ausführungen sowie der eingereichten Fotos ist für glaubhaft
zu erachten, dass er als Leibwächter für LTTE-Kader tätig war. Seine Re-
habilitation und die Freilassung, untermauert durch Kopien entsprechender
IKRK- und IOM-Bestätigungen, sowie die Umstände seines Verbleibs nach
Kriegsende erscheinen ebenso glaubhaft. Dabei lassen sich seine Aktivi-
täten als Leibwächter und die Darstellungen zur Endphase des Krieges
ohne weiteres mit der Berichterstattung in Einklang bringen (vgl. Centre on
Conflict, Development and Peacebuilding [CCDP], An Institutional History
of the Liberation Tigers of Tamil Eelam [LTTE], 12.2014, http://graduatein-
stitute.ch/files/live/sites/iheid/files/sites/ccdp/shared/Docs /Publica-
tions/CCDP-Working-Paper-10-LTTE-1.pdf, abgerufen am 13.07.2021).
Freilich waren seine Äusserungen über die Verwendung von Waffen und
mögliche Kampfhandlungen im Rahmen seiner Tätigkeit als Leibwächter
beziehungsweise Kämpfer vergleichsweise vage (B17 F89-F92). In Anbe-
tracht der nachfolgenden Erwägungen (vgl. E. 7) kann vorliegend jedoch
offenbleiben, inwiefern er in Kampfhandlungen verwickelt war. Ebenso of-
fenbleiben kann, ob der Beschwerdeführer in Indien kurzzeitig eine lei-
tende Funktion innehatte und dort in Haft war, wie er auf Beschwerdeebene
geltend machte, oder lediglich eine militärische Ausbildung erhielt. Mit der
Vorinstanz ist aber immerhin festzuhalten, dass das Verschweigen einer
solchen Haft in Indien gewisse Fragen aufwirft und diese neuen Vorbringen
klar im Widerspruch zu den angegebenen Aufenthaltsorten stehen.
5.4 Damit ist im Folgenden davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer während etwa 25 Jahren für hohe LTTE-Kader als Leibwächter tätig
D-6835/2019
Seite 11
war. Er ist nach Kriegsende registriert und während einem Jahr inhaftiert
und rehabilitiert worden. Sechs Monate nach seiner Freilassung im Jahr
2010 kehrte er nach I._ zurück, wo er sich während ungefähr zwei
Jahren aufhielt, bevor er im November 2013 ausreiste. Es scheint aufgrund
der gesamten Umstände auch durchaus nachvollziehbar, dass sich der
CID am Ort der Registrierung regelmässig nach dem Verbleib des Be-
schwerdeführers erkundigte. Ob es sich dabei jedoch wie vorgebracht um
asylrechtlich relevante Verfolgungshandlungen handelte – was vom SEM
bestritten wird –, ist nachfolgend zu prüfen.
6.
6.1 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die
Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein
(vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je m.w.H.).
6.2 Das Gericht teilt vorliegend die Einschätzung des SEM, dass der Be-
schwerdeführer im Zeitpunkt der Ausreise keiner genügend intensiven Ver-
folgung ausgesetzt war und auch keine objektiv begründete Furcht vor Ver-
folgung hatte. Eine subjektiv empfundene Furcht des Beschwerdeführers
aufgrund des im Bürgerkrieg Erlebten ist zwar durchaus verständlich. So
ist nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer sich nach seiner Freilas-
sung aus Angst vor den Behörden zunächst versteckt hielt. Bereits sechs
Monate nach seiner Freilassung ist der Beschwerdeführer jedoch wieder
nach I._ in sein Haus zurückgekehrt, wo er sich auch registrieren
liess. Die Behörden hätten ihm sein Haus wohl kaum zurückgegeben, son-
dern ihn bei seiner Rückkehr erneut verhaftet, hätte tatsächlich ein Verfol-
gungsinteresse seitens des sri-lankischen Staates bestanden. Das SEM
hat sodann zu Recht festgestellt, dass sich der Beschwerdeführer offen-
sichtlich recht frei in der Gegend von I._ bewegen konnte. Daran
ändert auch nichts, dass sich der Beschwerdeführer regelmässig beim
Dorfvorsteher aufgehalten habe, hätten die Behörden bei entsprechendem
Interesse doch auch dort ohne weiteres seiner habhaft werden können. Mit
D-6835/2019
Seite 12
dem SEM ist demnach darin einig zu gehen, dass der Beschwerdeführer
zu diesem Zeitpunkt nicht im Fokus der Behörden gestanden haben kann,
die regelmässigen Kontrollen bei seinem Haus sind vielmehr als nicht asyl-
rechtlich relevante Kontrollmassnahmen zu qualifizieren. So konnte ihn der
lokale CID-Chef denn auch von der Meldepflicht sowie von den regelmäs-
sigen Kontrollen entbinden. Es handelte sich somit um die üblichen bei re-
habilitierten Personen angewandten Überwachungs- und Kontrollmass-
nahmen, welche gemäss Rechtsprechung des BVGer nicht die Intensität
von Art. 3 AsylG erreichen (statt vieler BVGer Urteile E-4901/2015 vom
4. April 2016 E. 3.2 und D-4516/2015 vom 2. Juni 2016 E. 6.1). Auch das
Gericht erachtet es vor diesem Hintergrund nicht als wahrscheinlich, dass
allein die Versetzung des befreundeten CID-Mitarbeiters dazu geführt
hätte, dass der Beschwerdeführer einer Verfolgung ausgesetzt worden
wäre. Die angebliche intensive Suche nach dem Beschwerdeführer nach
der Versetzung des CID-Beamten wurde denn auch nachgeschoben und
nur vage und unsubstanziiert dargestellt.
6.3 Der Beschwerdeführer wurde demnach trotz seiner langjährigen LTTE-
Tätigkeit im Jahr 2010 aus der Rehabilitation entlassen und lebte danach
offensichtlich ohne massgebliche Probleme in Sri Lanka, bis er im Jahr
2013 das Land mit seinem eigenen Pass – wenngleich mithilfe eines
Schleppers – verliess. Es ist davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer vorliegend seit erfolgter Rehabilitation keine asylrelevanten Nachteile
erlitten hat. Allein aufgrund des Umstandes, dass es trotz erfolgter Reha-
bilitation zu erneuten Verhaftungen von Personen mit einem ähnlichen po-
litischen Profil gekommen ist, vermag angesichts dieser Erwägungen eine
Furcht des Beschwerdeführer nicht als objektiv begründet erscheinen zu
lassen.
6.4 Nach dem Gesagten erreicht die geltend gemachte Verfolgung im Zeit-
punkt der Ausreise keine Intensität, aufgrund derer der Beschwerdeführer
ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG befürchten müsste. Gesamt-
haft ist daher für den Zeitpunkt der Ausreise nicht von einer Situation aus-
zugehen, welche die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG begrün-
den und zur Asylgewährung führen könnte.
7.
7.1 Es bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer – wie geltend gemacht –
aufgrund von Risikofaktoren bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beacht-
licher Wahrscheinlichkeit ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu
D-6835/2019
Seite 13
befürchten hat, weshalb die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von subjekti-
ven Nachfluchtgründen festzustellen wäre.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1886/2015 vom
15. Juli 2016 festgestellt, dass Angehörige der tamilischen Ethnie bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr
von Verhaftung und Folter ausgesetzt sind (vgl. a.a.O. E. 8.3). Bestimmte
Risikofaktoren (Eintrag in die «Stop-List», Verbindung zu den LTTE, exil-
politische Aktivitäten und Vorliegen früherer Verhaftungen) sind als stark
risikobegründend zu qualifizieren, da sie unter den im Entscheid dargeleg-
ten Umständen bereits für sich allein genommen zur Bejahung einer be-
gründeten Furcht führen können. Demgegenüber stellen das Fehlen or-
dentlicher Identitätsdokumente, gut sichtbare Narben und eine gewisse
Aufenthaltsdauer in einem westlichen Land schwach risikobegründende
Faktoren dar. Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft
gemachten Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der be-
treffenden Person ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere
jene Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im
Sinne von Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden
zugeschrieben wird, dass sie bestrebt seien, den tamilischen Separatis-
mus wiederaufleben zu lassen (vgl. E-1866/2015 E. 8.5.1).
7.3 Vorliegend ist von einer flüchtlingsrelevanten Verfolgungsgefahr bei ei-
ner Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri Lanka auszugehen. Zwar
scheint sein exilpolitisches Engagement – ungeachtet des Treffens mit
J._ in Genf – eher niederschwellig. Aufgrund des eingereichten Fo-
tos ist jedoch davon auszugehen, dass der Kontakt mit dem bekannten
Politiker eher intensiv war und dies den sri-lankischen Behörden, die bei
diesem Anlass zugegen gewesen sein dürften, aufgefallen sein könnte. Vor
allem aber stand der Beschwerdeführer als Fahrer und Leibwächter für
sehr hohe LTTE-Kader über einen Zeitraum von 25 Jahren in engem Kon-
takt mit der LTTE-Führung. In Kombination mit seinem langjährigen Aus-
landaufenthalt – er reiste bereits im Jahr 2013 aus – und der Rückkehr
ohne gültige Reisedokumente dürfte diese Vergangenheit bei der Wieder-
einreise die Aufmerksamkeit der sri-lankischen Behörden auf ihn lenken.
Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass dem Beschwerdeführer
aus Sicht der sri-lankischen Behörden ein Interesse am Wiederaufflammen
des tamilischen Separatismus zugeschrieben und er entsprechend als Ge-
fahr für die nach dem Krieg wiedergewonnene Einheit des Landes wahr-
genommen würde. Seine knapp einjährige Inhaftierung in verschiedenen
D-6835/2019
Seite 14
Camps stellt ein weiteres Indiz für eine Gefährdung dar. Entgegen der Ar-
gumentation der Vorinstanz vermag die erfolgte Rehabilitation des Be-
schwerdeführers dieses Risiko nicht zu entschärfen (vgl. Urteil des BVGer
D-3315/2018 vom 12. Oktober 2020 E.5.2 und SEM, Focus Sri Lanka,
Lage ehemaliger Mitglieder der Liberation Tigers of Tamil Eelam [LTTE],
vom 15. März 2019, S. 11). Hinzu kommt, dass er verschiedene Narben
und Kriegsverletzungen aufweist. Somit erfüllt er mehrere stark sowie ei-
nige schwach risikobegründende Faktoren. Insgesamt ist bei einer Rück-
kehr des Beschwerdeführers von einer flüchtlingsrechtlich relevanten Ver-
folgungsgefahr auszugehen. Dies insbesondere, da er lange Zeit in der
Schweiz geweilt hat, einem für die tamilische Diaspora wichtigen Exilzent-
rum, wo namentlich die LTTE – anders als in anderen europäischen Län-
dern – als Organisation nicht verboten ist, und aus diesem Land zurückge-
schafft würde (vgl. Urteil des BVGer E-6784/2019 vom 19. Mai 2021 E.5.3).
7.4 Gesamthaft ist es vorliegend überwiegend wahrscheinlich, dass der
Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka – im Sinne von sub-
jektiven Nachfluchtgründen – die Zufügung ernsthafter Nachteile im Sinne
von Art. 3 Abs. 2 AsylG zu befürchten hätte.
7.5 Damit erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft, zumal
keine konkreten Hinweise auf relevante Ausschlussgründe gemäss Art. 1
Bst. F des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) ersichtlich sind. Zwar konnte die Rolle des
Beschwerdeführers bei den LTTE nicht gänzlich geklärt werden, zumal er
auf Beschwerdeebene Vorbringen nachschob und bezüglich seiner Kampf-
handlungen äusserst vage blieb. Immerhin führte der Beschwerdeführer
selber aus, eine Kampfausbildung genossen zu haben, sehr hohen LTTE-
Kadern auch persönlich nahe gestanden zu haben und weist auch ver-
schiedene Verletzungen auf, die auf Kampfeinsätze hindeuten. Gemäss
seinen eigenen Angaben wäre er zudem zum Colonel befördert worden.
Auf der anderen Seite gab der Beschwerdeführer überzeugend an, insbe-
sondere als Leibwächter tätig gewesen zu sein. Auch die relativ kurze Re-
habilitationszeit trotz der umfassenden Kenntnisse seiner Rolle seitens der
sri-lankischen Behörden lässt eine führende Rolle bei den LTTE aus-
schliessen.
Eine Asylgewährung bleibt jedoch ausgeschlossen, weil die Flüchtlingsei-
genschaft auf subjektiven Nachfluchtgründen beruht (Art. 54 AsylG). Ob
ein Asylausschlussgrund nach Art. 53 AsylG vorliegt, kann somit offenblei-
ben.
D-6835/2019
Seite 15
8.
8.1 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (vgl. Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV
1, SR 142.311] und BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). Die Wegweisung wurde
zu Recht angeordnet.
8.2 Allerdings ist im Sinne einer Ersatzmassnahme das Anwesenheitsver-
hältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme zu regeln, wenn der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht
zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR
142.20]; BVGE 2009/51 E. 5.4). Für den vorliegenden Fall ergibt sich aus
den vorstehenden Erwägungen, dass der Beschwerdeführer subjektive
Nachfluchtgründe glaubhaft machen konnte. Der Vollzug der Wegweisung
nach Sri Lanka erweist sich daher wegen drohender Verletzung des flücht-
lingsrechtlichen Gebots des Non-Refoulements (Art. 5 AsylG;
Art. 33 Abs. 1 FK) sowie auch mit Blick auf Art. 3 EMRK als unzulässig, da
davon ausgegangen werden muss, dass er im Falle seiner Rückkehr ins
Heimatland mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer menschenrechtswid-
rigen Behandlung ausgesetzt wäre.
9.
Die Beschwerde ist gutzuheissen, soweit damit die Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und die Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung so-
wie die Anordnung der vorläufigen Aufnahme beantragt wurden. Im Übri-
gen ist sie abzuweisen. Die vorinstanzliche Verfügung vom 19. November
2019 ist demnach in den Dispositivziffern 1, 4 und 5 aufzuheben und die
Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführer als Flüchtling vorläufig
aufzunehmen.
10.
10.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen
D-6835/2019
Seite 16
(Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Der Beschwerdeführer ist bezüg-
lich seines Antrags auf Gewährung von Asyl unterlegen. Hingegen hat er
bezüglich der Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und infolgedessen
der Anordnung der vorläufigen Aufnahme obsiegt. Praxisgemäss bedeutet
dies ein Obsiegen zu zwei Dritteln.
10.2 Nach dem Gesagten wären die Verfahrenskosten zu einem Drittel
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit
Verfügung vom 10. Mai 2021 die unentgeltliche Rechtspflege gewährt
wurde und den Akten keine Veränderungen der finanziellen Verhältnisse
zu entnehmen sind, hat er vorliegend keine Verfahrenskosten zu tragen.
10.3 Der Beschwerdeführer ist weiter im Umfang seines Obsiegens – hier
also zu zwei Dritteln – für die ihm erwachsenen notwendigen Kosten zu
entschädigen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die aktualisierte Kostennote vom
24. Juni 2021 erscheint den Verfahrensumständen als angemessen. Die
Dossiereröffnungspauschale sowie die Aufwendungen für die Erstellung
der Kostennote werden jedoch praxisgemäss nicht entschädigt. Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–11 VGKE)
ist das SEM demnach anzuweisen, dem Beschwerdeführer eine Parteient-
schädigung zu zwei Dritteln, mithin in der Höhe von Fr. 1'717.– (inkl. an-
teilsmässige Auslagen; die Parteientschädigung umfasst keinen Mehrwert-
steuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) auszurichten.
10.4 Nachdem die rubrizierte Rechtsvertreterin dem Beschwerdeführer mit
Verfügung vom 10. Mai 2021 als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet
worden ist, ist sie im Umfang des Unterliegens – hier also zu einem Drittel
– für ihren Aufwand unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu entschä-
digen, soweit dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2
VKGE). Der in der Kostennote ausgewiesene Stundenansatz entspricht
dem praxisgemässen Stundenansatz für nicht-anwaltliche Vertreterinnen
und Vertreter. Somit ist zulasten der Gerichtskasse zu einem Drittel ein
amtliches Honorar von Fr. 858.– (inkl. anteilsmässige Auslagen; das amtli-
che Honorar umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9
Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-6835/2019
Seite 17