Decision ID: 3784cc81-eb09-5e34-9fa9-d627ebf5d582
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführenden verliessen ihre Heimat eigenen Angaben
zufolge am 26. August 2017 gemeinsam mit ihrem Kind auf dem Landweg
mit echten, ein (...) Touristenvisum enthaltenden Reisepässen in Richtung
E._. Anschliessend flogen sie am 30. August 2017 via F._
direkt in die Schweiz, wo sie noch am selben Tag ankamen. Am 1. Septem-
ber 2017 ersuchten sie hier um Asyl. Am 12. September 2017 erhob das
SEM im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) G._ ihre Perso-
nalien und befragte sie zum Reiseweg sowie summarisch zu den Gründen
für das Verlassen des Heimatlandes (sogenannte Befragung zur Person;
BzP). Gleichzeitig gewährte ihnen das SEM das rechtliche Gehör zu einer
allfälligen Wegweisung nach E._ im Rahmen des Dublin-Verfah-
rens. Mit Schreiben vom 25. September 2017 teilte das SEM den Be-
schwerdeführenden mit, das Dublin-Verfahren sei beendet und es werde
das nationale Asyl- und Wegweisungsverfahren in der Schweiz durchge-
führt. Am 6. Oktober 2017 hörte das SEM den Beschwerdeführer bezie-
hungsweise am 12. Oktober 2017 dessen Ehefrau einlässlich zu ihren
Asylgründen an.
A.b Der Beschwerdeführer machte hinsichtlich seiner persönlichen Ver-
hältnisse geltend, er sei in H._, Kreis I._ (Provinz
J._) geboren. Zwecks Absolvierung des Gymnasiums sei er unge-
fähr im Jahr 2003 oder 2004 nach K._ (Provinz K._) gezo-
gen, wo er – abgesehen vom (...)studium an der Uni von L._ (2010
bis Ende 2013) – bis zu seiner Ausreise gelebt habe. Er habe das Ab-
schlussdiplom allerdings nicht erhalten, weil seine Abschlussarbeit über ein
kurdisches Thema nicht angenommen worden sei. Am 2. September 2014
habe er seine jetzige Ehefrau geheiratet. Zwischen 2014 bis zu seiner Aus-
reise habe er gelegentlich zusammen mit Freunden (...) gebaut.
A.c Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer
im Wesentlichen geltend, er habe sich bereits seit langem für die Belange
des kurdischen Volkes interessiert und sei bereits während seiner Studien-
zeit für die HDP (Halkların Demokratik Partisi; Demokratische Partei der
Völker) politisch tätig gewesen. Im Verlaufe des Jahres 2014 sei er dieser
Partei beigetreten. Seine Tätigkeiten als einfaches Mitglied der HDP hätten
nebst der Teilnahme an verschiedenen Parteikongressen in L._, Is-
tanbul und Diyarbakir, anderen öffentlichen Anlässen und Protestveranstal-
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tungen darin bestanden, im Namen der Partei bei Beerdigungen und Hoch-
zeiten anwesend zu sein. Anfang des Jahres 2016 sei er in die mehrköpfige
(...)kommission der HDP gewählt worden und dann einer der Verantwortli-
chen (...) der HDP gewesen. In dieser Eigenschaft habe er Schriftstücke
für die Partei verfasst und Treffen von politischen Gefangenen mit deren
Angehörigen in K._ organisiert.
Die Kurden würden überall in der Türkei unterdrückt. Noch schwieriger sei
es, in einer türkischen Stadt wie K._ zu leben. Einmal habe jemand
die Polizei gerufen, weil seine Frau mit anderen Nachbarn laut Kurdisch
gesprochen habe. Als politisch aktiver Kurde sei er seitens der türkischen
Behörden zusätzlich unter Druck geraten. Eine erste Hausdurchsuchung
Ende 2014 habe bei ihm zuhause stattgefunden, weil er sich damals wäh-
rend ungefähr drei Monaten als Unterstützer in Kobane aufgehalten habe.
Dabei habe die Polizei jeweils nach Unterlagen und Schriften der HDP ge-
sucht und dabei auch die Wohnung verwüstet. Es sei insgesamt zu zwei
oder drei derartigen Hausdurchsuchungen gekommen. Der behördliche
Druck auf ihn habe nach der Festnahme des HDP-Präsidenten im Novem-
ber 2016 weiter zugenommen, weil dieser im Gefängnis von K._
inhaftiert gewesen sei. Darüber hinaus sei er während mehreren Jahren
von Polizisten bei Parteiveranstaltungen zusammen mit vielen weiteren
Personen mitgenommen und dabei jeweils einige Stunden lang festgehal-
ten worden. Im Jahr 2016 sei er bei einem solchen Ereignis von einem
Polizisten mit einem Gummiknüppel auf den linken Oberschenkel geschla-
gen worden, wobei sich ein Hämatom gebildet habe, das später operativ
habe entfernt werden müssen.
Schliesslich habe ihn sein Vermieter wegen der häufigen Polizeipräsenz
aufgefordert, die Wohnung zu verlassen. Da es für Kurden in K._
schwierig sei, eine Wohnung zu finden, habe er sich zusammen mit seiner
Ehefrau und seinem Sohn für die letzten drei bis vier Monate vor der Aus-
reise zu einem ebenfalls in K._ wohnhaften entfernten Cousin na-
mens M._begeben. Dort sei es zu keinen weiteren Problemen ge-
kommen, weil der Polizei nicht bekannt gewesen sei, dass er bei
M._ wohne. Da sie indessen nicht ewig als Gäste in der Wohnung
von M._ hätten bleiben können, habe er sich schliesslich im Mai
oder Juni 2017 an einen Schlepper gewandt, um ihre Ausreise aus der Tür-
kei zu organisieren.
Ein weiterer Grund für das Verlassen der Heimat seien die Probleme ge-
wesen, die sich aus seiner Abkehr vom Islam ergeben hätten. So habe er
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im Jahr 2015 auf seiner neuen Identitätskarte seinen religiösen Status von
"Islam" zu "konfessionslos" ändern lassen. Auch auf der Identitätskarte sei-
nes 2015 geborenen Sohnes habe er keine Religion eintragen lassen. Er
wolle nicht, dass dieser in der Schule angesichts des erstarkenden Islams
zu einem Radikalen erzogen werde. Er schreibe es auch seiner Konfessi-
onslosigkeit zu, dass er trotz einwandfreier schriftlicher Prüfung nie eine
der ausgeschriebenen Stellen erhalten habe. Seine Abkehr vom Islam
habe auch zu innerfamiliären Problemen geführt. So hätten sich sowohl
seine Familie als auch diejenige seiner Frau gegen ihn und seine Frau ge-
stellt, sie beschimpft und bei Besuchen oder Telefonaten aufgefordert, zum
islamischen Glauben zurückzukehren und ihren Sohn religiös zu erziehen.
Aus diesem Grund habe er den Kontakt zu seiner Familie weitgehend ab-
gebrochen. Er unterhalte lediglich noch Kontakte zu einem in J._
lebenden Onkel, bei dem jetzt auch seine (des Beschwerdeführers) Mutter
lebe, und darüber hinaus zu entfernten Cousins in K._ sowie dort
lebenden Parteifreunden.
Darüber hinaus sei es in der Vergangenheit auch zu Drohungen durch
Anhänger der MHP (Milliyetçi Hareket Partisi; Partei der Nationalistischen
Bewegung) gekommen. So habe er mehrmals über ehemalige Klassenka-
meraden vernommen, dass sich MHP-Leute dahingehend geäussert hät-
ten, ihn umbringen zu wollen. Er sei indessen nie persönlich von MHP-
Anhängern angegriffen worden. Es seien vermutlich auch MHP-Sympathi-
santen gewesen, die ein Zeichen auf seiner Wohnungstür angebracht hät-
ten, um andere Bewohner auf seine "Ungläubigkeit" hinzuweisen. Das
letzte Mal sei er entweder Ende 2016 oder Anfang 2017 verbal bedroht
worden. Seine Ehefrau und sein Sohn seien einmal dabei gewesen, als er
von Anhängern der MHP auf der Strasse bedroht worden sei. Er habe sich
wegen dieser Drohungen indessen nie hilfesuchend an die Polizei ge-
wandt.
A.d Die Beschwerdeführerin führte hinsichtlich ihrer Herkunft, Ausbildung
und Familienverhältnisse aus, sie sei nach ihrer Heirat von ihrer Geburts-
stadt J._ nach K._ gezogen. Sie habe die Maturität im Jahr
2017 im Fernunterricht erlangt. Vor ihrer Heirat habe sie in verschiedenen
Verkaufsgeschäften in J._ ausgeholfen. Nach der Heirat sei sie kei-
ner Erwerbstätigkeit mehr nachgegangen. Bis zu ihrer Heirat habe sie ge-
meinsam mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in J._ gelebt.
A.e Bezüglich ihrer Asylgründe machte sie geltend, in K._ oftmals
bei Meetings der HDP mitgeholfen und an diesen teilgenommen zu haben.
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Im Weiteren habe sie mit Menschen Gespräche geführt, um diese für die
HDP zu gewinnen.
Jedesmal, wenn sich in Kurdistan etwas ereignet habe, sei die Polizei bei
ihnen zuhause erschienen. Das erste Mal sei die Polizei im Herbst 2014
bei ihnen aufgetaucht, als sie schwanger und ihr Ehemann in Kobane ge-
wesen sei. Die Polizei habe ihre Wohnung durchsucht und belastendes
Material der Partei gesucht. Dabei sei sie von den Polizisten eingeschüch-
tert worden. Die Polizei habe sie persönlich indessen nie mitgenommen.
Ausserdem sei sie in der Öffentlichkeit beschimpft worden, wenn sie Kur-
disch gesprochen habe. Einmal hätten Nachbarn die Polizei gerufen, weil
sie sich mit ihrem Ehemann zuhause auf Kurdisch unterhalten habe.
Im Zusammenhang mit der Abkehr vom islamischen Glauben führte die
Beschwerdeführerin ergänzend aus, sie habe diesen Schritt ebenfalls voll-
zogen, ihre Religionszugehörigkeit in ihrer ID indessen unverändert beim
Vermerk "Islam" belassen. Als Folge der Konfessionslosigkeit ihres Ehe-
mannes habe ihre Familie sie aufgefordert, ihren Ehemann zu verlassen,
was sie verweigert habe. Ausserdem habe ihre Familie damit gedroht, ihr
den Sohn wegzunehmen, damit er eine religiöse Erziehung erhalte. Auch
sei sie dazu angehalten worden, weiterhin das Kopftuch zu tragen. Aus den
genannten Gründen habe sie den Kontakt zu ihrer Familie seit 2016 abge-
brochen. Seither habe sie lediglich noch Kontakt zu ihrer Schwester in Is-
tanbul.
In Bezug auf Drohungen durch MHP-Anhänger auf der Strasse gegenüber
ihrem Ehemann liess sie verlauten, bei derartigen Situationen zwei bis drei
Male (vgl. BzP) beziehungsweise einmal (vgl. Bundesanhörung) dabei ge-
wesen zu sein. Ihr Ehemann habe sich wegen dieser Drohungen an die
Polizei gewandt.
Schliesslich führte sie aus, sie müsse hier im EVZ das Zimmer mit einem
Ehepaar teilen, das sehr religiös sei und viele religiöse Ausdrücke ver-
wende. Das erinnere sie an ihre Kindheit, als sie von einem Imam sexuell
missbraucht worden sei. Sie habe geglaubt, diesen Vorfall seelisch über-
wunden zu haben. Durch das Verhalten des vorerwähnten Ehepaars wür-
den nun aber die Erinnerungen an diesen Vorfall wieder wachgerufen. Sie
fühle sich deswegen emotional aufgewühlt.
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A.f Am 12. Oktober 2017 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das
rechtliche Gehör zu einigen Widersprüchen in seinen Ausführungen bei der
Bundesanhörung mit denjenigen seiner Ehefrau.
A.g Mit Zwischenverfügung vom 25. Oktober 2017 wies das SEM die Be-
schwerdeführenden für die Dauer des Asylverfahrens dem Kanton
N._ zu.
A.h Die Beschwerdeführenden reichten im Rahmen des erstinstanzlichen
Verfahrens zum Beleg ihrer Identität ihre Identitätskarten im Original inklu-
sive diejenige ihres Sohnes zu den Akten. Darüber hinaus reichte der Be-
schwerdeführer seinen Führerausweis sowie einen Zivilregisterauszug ein.
Weiter reichten die Beschwerdeführenden ein Familienbüchlein im Original
sowie Kopien zweier Mitgliederanträge für die HDP vom 15. Februar 2016,
zweier Fotos der letzten Hausdurchsuchung in ihrer Wohnung sowie des
Parteibeschlusses der HDP vom 22. April 2016 (letzterer in Form einer Fo-
tografie des Dokumentes) ein. Dem Parteibeschluss der HDP ist zu ent-
nehmen, dass der Beschwerdeführer zum (...) der Partei ernannt worden
ist. Zwei zusätzlich eingereichte Auszüge von Internetseiten beziehen sich
auf Ereignisse die HDP betreffend, die allerdings in keinem direkten Zu-
sammenhang mit den Vorbringen des Beschwerdeführers stehen. Demge-
genüber seien ihnen die türkischen Reisepässe, der im Jahr 2015 ausge-
stellte Nüfus des Beschwerdeführers, in dem keine Religionszugehörigkeit
mehr erfasst sei, sein HDP-Parteiausweis aus dem Jahr 2014 sowie wei-
tere Parteiunterlagen von den Schleppern in O._ abgenommen
worden.
B.
Mit – am selben Tag eröffneter – Verfügung vom 26. Oktober 2017 stellte
das SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte ihre Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
C.
Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 27. November 2017 erhoben die
Beschwerdeführenden beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ge-
gen die vorinstanzliche Verfügung und beantragten, die Verfügung des
SEM vom 26. Oktober 2017 sei aufzuheben, ihre Flüchtlingseigenschaft
festzustellen und ihnen Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässig-
keit, allenfalls die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen
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und als Folge davon die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Weiter bean-
tragten sie, es sei auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-
ten. Dabei legten sie ihrer Beschwerde eine auf die Person des Beschwer-
deführers ausgestellte Sozialhilfebestätigung der Gemeinde P._
vom 2. November 2017 bei.
D.
Mit Schreiben vom 1. Dezember 2017 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der vorliegenden Beschwerde.
E.
Am 19. Januar 2018 hielt der zuständige Instruktionsrichter fest, die Be-
schwerdeführenden dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten. Gleichzeitig hiess er das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses gut und lud die Vorinstanz zur Einreichung einer
Vernehmlassung bis zum 5. Februar 2018 ein.
F.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 26. Januar 2018 fest, es ver-
zichte auf eine inhaltliche Würdigung der Beschwerde, da alle darin ange-
führten Sachverhalte bereits in der angefochtenen Verfügung gewürdigt
worden seien.
G.
Mit Begleitschreiben vom 1. Februar 2018 sandte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführenden dem Bundesverwaltungsgericht eine Bestätigung
des HDP-Provinzpräsidiums der Provinz K._ vom 16. Januar 2018
inklusive deutschsprachiger Übersetzung im Original zu. Ergänzend fügte
er bei, im genannten Schreiben des Parteipräsidiums werde bestätigt, dass
der Beschwerdeführer für die (...) und andere technische Sachen zustän-
dig gewesen sei. Darüber hinaus werde bestätigt, dass seine Ehefrau
ebenfalls ein Mitglied der HDP gewesen sei und dass die Familie infolge
des ständigen Drucks sowie Drohungen durch Polizei und MHP-Anhänger
ins Ausland habe flüchten müssen. Die Aussagen der Beschwerdeführen-
den würden somit durch diese Bestätigung belegt. Selbstverständlich
stehe es der Vorinstanz frei, ihre Angaben via die Schweizer Botschaft in
der Türkei überprüfen zu lassen.
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H.
Am 7. Februar 2018 stellte das Bundesverwaltungsgericht den Beschwer-
deführenden die Vernehmlassung des SEM vom 26. Januar 2018 zur
Kenntnisnahme zu.
I.
Am (...) brachte die Beschwerdeführerin die Tochter D._ zur Welt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel sind unverändert vom AuG ins AIG übernommen worden,
weshalb nachfolgend die neue Gesetzesbezeichnung verwendet wird.
1.4 Die Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teil-
genommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungs-
weise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legiti-
miert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
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1.5 Die am (...) geborene Tochter D._ ist in das vorliegende Verfah-
ren einzubeziehen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
4.
4.1
4.1.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung einleitend aus, der
Beschwerdeführer habe vorgebracht, wegen seiner politischen Aktivitäten
für die HDP von der Polizei unterdrückt worden und namentlich als Kom-
munikationsverantwortlicher seiner Partei Anfang 2016 besonders expo-
niert gewesen zu sein. Dabei habe er die Hausdurchsuchungen in den Vor-
dergrund gestellt und erklärt, die Polizei habe bei ihm mehrere solcher
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Durchsuchungen mit dem Zweck durchgeführt, Unterlagen der Parteien
und Schriften zu finden. Die letzte Hausdurchsuchung habe unmittelbar vor
der Aufgabe der Mietwohnung und dem Wegzug zu seinem Freund
M._ stattgefunden. Ausserdem sei er wegen seiner politischen Ak-
tivitäten ein paar Mal zusammen mit vielen weiteren Personen von der Po-
lizei festgenommen und jeweils für einige Stunden festgehalten worden. Im
Jahr 2016 sei er mit einem Gummiknüppel auf den linken Oberschenkel
geschlagen worden, wobei das hierdurch entstandene Hämatom später
operativ habe entfernt werden müssen.
Die diesbezüglichen Vorbringen würden indessen nicht die vom Asylgesetz
geforderte Intensität aufweisen. So habe die erste Hausdurchsuchung be-
reits Ende 2014, die letzte wenige Monate vor ihrer Ausreise (Ende August
2017) stattgefunden. Sie umfasse somit eine Zeitspanne von fast drei Jah-
ren. Die Beschwerdeführenden hätten in den Befragungen indessen nicht
erkennen lassen, dass sie in dieser Zeit aktiv irgendwelche Massnahmen
ergriffen hätten, um sich dem Druck durch die Polizei zu entziehen. So hät-
ten sie gemäss ihren Aussagen nie in Betracht gezogen, in eine andere
Stadt innerhalb der Türkei umzuziehen, obwohl Verwandte von ihnen in
Q._ und R._ lebten und der Beschwerdeführer in
K._ keine feste Arbeitsstelle gehabt habe. Zwar hätten sie erwähnt,
wenige Monate vor ihrer Ausreise ihre Wohnung verlassen zu haben und
zu M._ gezogen zu sein, hätten dies jedoch nicht getan, um sich
dem Zugriff der Behörden zu entziehen, sondern weil der Vermieter sie
zum Verlassen der Wohnung aufgefordert habe, und weil es für Kurden
schwierig sei, eine neue Wohnung zu finden. Bezeichnenderweise habe
auch der Anlass, sich im Mai oder Juni 2017 an einen Schlepper zu wen-
den, weniger mit den Problemen mit der türkischen Polizei zu tun gehabt,
sondern mit dem Wunsch, ihrem Gastgeber nicht länger zur Last fallen zu
wollen.
4.1.2 Soweit die Beschwerdeführenden geltend gemacht hätten, sie seien
als Kurden in der Türkei, insbesondere in einer türkischen Stadt (gemeint
ist wohl eine Stadt mit einer ethnisch mehrheitlich türkischen Bevölkerung;
Anmerkung des Gerichts) allgemeinen Behelligungen ausgesetzt gewe-
sen, indem sie ihre kurdische Kultur nicht hätten leben dürfen und beispiel-
weise beschimpft oder polizeilich angezeigt worden seien, wenn sie Kur-
disch gesprochen hätten, gingen ihre geschilderten Behelligungen in ihrer
Intensität nicht über die Nachteile hinaus, die weite Teile der kurdischen
Bevölkerung in der Türkei in ähnlicher Weise treffen könnten. Es sei allge-
mein bekannt, dass Angehörige der kurdischen Bevölkerung in der Türkei
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Seite 11
Schikanen und Benachteiligungen verschiedenster Art ausgesetzt sein
könnten. Dabei handle es sich nicht um ernsthafte Nachteile im Sinne des
Asylgesetzes, die einen Verbleib im Heimatland verunmöglichen oder un-
zumutbar erschweren würden. Aus diesem Grund führe die allgemeine Si-
tuation, in der sich die kurdische Bevölkerung befinde, gemäss gefestigter
Praxis für sich allein nicht zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft.
Ausserdem habe sich im Zuge der verschiedenen Reformen in der Türkei
seit 2001 die Situation der Kurden merklich verbessert. Die geltend ge-
machten Zwischenfälle seien somit im Sinne der vorigen Erwägungen nicht
als ernsthaft zu bezeichnen und damit asylrechtlich nicht relevant.
4.1.3 Der Umstand, dass der Beschwerdeführer politische Tätigkeiten für
die HDP ausgeführt habe und deswegen von den heimatlichen Behörden
angegangen worden sei, genüge nicht, um eine begründete Furcht vor ei-
ner zukünftigen asylrelevanten Verfolgung anzunehmen, zumal er im Zeit-
punkt seiner Ausreise aus dem Heimatland bereits weit über ein Jahr als
lokaler (...) der Partei tätig gewesen sei, ohne deswegen irgendwelchen
asylbeachtlichen Massnahmen seitens der türkischen Behörden ausge-
setzt gewesen zu sein.
Ausserdem habe er sich nach der letzten Hausdurchsuchung von sich aus
ins Polizeipräsidium begeben, nachdem die Polizei nach ihm gefragt habe,
weil er während der damaligen Hausdurchsuchung abwesend, nämlich bei
der Arbeit, gewesen sei (vgl. act. A5/15 S. 11 Ziff. 7.02). Ein solches Ver-
halten sei als unmissverständlicher Hinweis darauf zu deuten, dass er sich
seitens der Polizei subjektiv nicht gefährdet gefühlt habe. Er bestätige
diese Annahme durch seine Äusserung, nichts Illegales oder Aggressives
getan zu haben (vgl. act. A12/21 S. 14 F102). Weiter habe er erklärt, Kon-
flikte zu lieben und es zu schätzen, sich für etwas einzusetzen, weshalb er
schon morgen in die Türkei zurückkehren würde, um dort zu kämpfen, falls
seine Frau und sein Sohn in der Schweiz bleiben könnten (vgl. act. A12/21
S. 7 F51).
Auch objektiv gesehen lägen keine konkreten Hinweise dafür vor, dass er
bei einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit mit einer Fest-
nahme zu rechnen hätte. So sei er seit dem Jahr 2014 weder inhaftiert, vor
ein Gericht gestellt noch jemals gezielt gesucht worden. Die Hausdurchsu-
chungen hätten nicht seiner Person gegolten, sondern dem Zweck gedient,
Unterlagen der Partei und Schriften zu finden. Daraus sei zu schliessen,
dass er "augenscheinlich" kein politisches Profil aufweise, welches eine
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Seite 12
künftige Verfolgungsabsicht seitens der türkischen Behörden als nachvoll-
ziehbar erscheinen liesse.
Aufgrund dieser Überlegungen seien die von ihm geäusserten Befürchtun-
gen, bei einer Rückkehr in die Türkei wegen seiner exponierten politischen
Tätigkeit als Kommunikationsverantwortlicher der HDP verhaftet zu wer-
den, als nicht asylrelevant zu qualifizieren.
4.1.4 Der Beschwerdeführer habe weiter berichtet, seine Abkehr vom isla-
mischen Glauben habe zu verschiedenen Schwierigkeiten geführt (erfolg-
lose Stellenbewerbung, Druck durch die Familie etwa dahingehend, ihren
Sohn beschneiden zu lassen und religiös zu erziehen oder weiterhin das
Kopftuch zu tragen). Der religiöse Streit mit den Familien der Beschwerde-
führenden habe zu einem Abbruch ihres gegenseitigen Kontaktes geführt.
Allgemein gebe es in der Türkei eine Entwicklung Richtung Islamisierung,
was sich zum Beispiel auch darin zeige, dass in jedem Quartier Koranschu-
len eingerichtet würden.
Diesbezüglich sei einerseits auszuführen, dass Nachteile, welche auf die
allgemeinen politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Lebensbedingun-
gen in einem Staat zurückzuführen seien, keine asylbeachtliche Verfolgung
im Sinne von Art. 3 AsylG darstellen würden. Andererseits handle es sich
bei den angeführten Sachverhalten um private Konflikte und nicht, wie vom
Asylgesetz vorgeschrieben, um solche mit staatlichen Organen, weshalb
sie grundsätzlich nicht asylbeachtlich seien. Darüber hinaus hätten die Be-
schwerdeführenden viele der erwähnten Probleme, die sie auf ihre Abkehr
vom Islam zurückgeführt hätten, auf Nachfragen hin wieder relativiert. Die
diesbezüglichen Vorbringen erfüllten deshalb die Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht.
4.1.5 Hinsichtlich der geltend gemachten Drohungen durch Anhänger der
MHP führte das SEM aus, diese seien aufgrund massiver Widersprüche in
den Aussagen der Eheleute nicht glaubhaft. So habe die Beschwerdefüh-
rerin wiederholt ausgesagt, ihr Ehemann habe sich diesbezüglich an die
Polizei gewandt, während der Beschwerdeführer erklärt habe, in diesem
Zusammenhang nie an die Polizei gelangt zu sein.
4.1.6 Schliesslich hielt das SEM fest, Widersprüche und Ungereimtheiten
in Bezug auf die verschiedenen Aufenthaltsorte vor der Ausreise sowie ge-
genseitige Wissenslücken der Eheleute hinsichtlich ihrer Aktivitäten für die
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HDP würden letztlich auch gewisse Zweifel an der Glaubhaftigkeit ihrer Ge-
samtvorbringen aufwerfen. In diesem Zusammenhang sei weiter anzumer-
ken, dass der Beschwerdeführer in der BzP zunächst ausgeführt habe,
sein Parteiausweis der HDP befinde sich bei seinem Freund M._ in
der Türkei (vgl. act. A5/15 S. 11, Ziff. 7.04), um im Verlaufe der Anhörung
auf die Frage nach der Verfügbarkeit desselben zu behaupten, M._
habe den Parteiausweis bei sich nicht gefunden, weshalb ihn wahrschein-
lich die Schlepper in O._ behändigt hätten (vgl. act. A12/21 S. 9
F61 f. i.V.m. F65). Weiter läge der Parteibeschluss der HDP vom 22. April
2016, worin die Ernennung des Beschwerdeführers zum (...) erwähnt
werde, nur in Form einer fotografischen Abbildung vor. Die beiden lediglich
in Kopie eingereichten Fotos, die eine Hausdurchsuchung in der früheren
Wohnung der Beschwerdeführenden dokumentieren sollen, liessen keinen
unmittelbaren Zusammenhang mit einer Hausdurchsuchung erkennen.
4.2
4.2.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, entgegen den Darlegun-
gen in der angefochtenen Verfügung sei der Beschwerdeführer aufgrund
seiner langjährigen politischen Aktivitäten ins Visier der türkischen Polizei
geraten. Insbesondere seit der Übernahme des Amts als lokaler (...) be-
ziehungsweise (...) der HDP Anfang des Jahres 2016, wo er immer wieder
im Namen der HDP Presseerklärungen abgegeben habe, sei er politisch
stark exponiert gewesen. Aus diesem Grund habe die Polizei ein paar Male
seine Wohnung gestürmt und diese verwüstet. Deswegen habe ihn die Po-
lizei auch mehrmals festgenommen. Aufgrund dieses ständigen polizeili-
chen Drucks hätten er und seine Familie mehrmals die Wohnung wechseln
beziehungsweise für eine bestimmte Zeit zu einem Freund ziehen müssen.
Mit der Zeit habe der polizeiliche Druck auf die Familie dermassen zuge-
nommen, dass die Beschwerdeführenden sich gezwungen gesehen hät-
ten, ins Ausland zu flüchten.
Es sei eine bekannte Tatsache, dass eine Person, die im Zusammenhang
mit der PKK oder HDP eine Strafe verbüsst habe oder festgenommen wor-
den sei, fichiert werde. Denn nach dem Massstab des türkischen Staates
gelte die HDP als Unterstützerin des Terrorismus, womit die PKK gemeint
sei. So hätten gemäss verschiedenen Quellen seit der erneuten Eskalation
des Kurdenkonflikts Mitte 2015 und dem Putschversuch Mitte 2016 Folter
und Misshandlungen durch die türkischen Sicherheitskräfte – auch gegen
PKK-Verdächtige – stark zugenommen. So habe etwa der UNO-Sonder-
berichterstatter zu Folter im April 2017 angegeben, dass die Folter in der
Türkei nach dem Putschversuch weit verbreitet gewesen sei, und dass er
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glaubwürdige Hinweise habe, dass sie im Kurdenkonflikt weiterhin regel-
mässig und verbreitet praktiziert werde. Der türkische Staat habe bereits
im Sommer 2015 in der Osttürkei (in den kurdischen Provinzen) die EMRK
ausgesetzt und den Sicherheitskräften im Krieg gegen die PKK Straffreiheit
zugesichert. Seither würden die türkischen Spezialeinheiten und die Polizei
in kurdischen Gebieten schalten und walten, wie sie wollten. Aussergericht-
liche Exekutionen, Folter und willkürliche Verhaftungen seien an der Ta-
gesordnung.
Angesichts der aktenkundigen und durch die eingereichten Beweismittel
bewiesenen politischen Aktivitäten des Beschwerdeführers und des harten
Durchgreifens der türkischen Behörden gegenüber Anhängern der HDP
müsste im Falle einer Rückkehr des Beschwerdeführers in die Türkei da-
von ausgegangen werden, dass er erneut festgenommen beziehungs-
weise verhaftet würde, da eine angebliche Verbindung zur PKK genüge,
um in Haft genommen zu werden. Vor diesem Hintergrund erwiesen sich
die Behauptungen der Vorinstanz, wonach der Beschwerdeführer in der
HDP nicht exponiert gewesen sei und seine Asylvorbringen nicht asylrele-
vant seien, als unzutreffend.
4.2.2 Soweit die Vorinstanz argumentiere, die für die Beschwerdeführen-
den aus ihrer Abkehr vom islamischen Glauben resultierenden schweren
Nachteile seien nicht asylrelevant, weil es sich dabei um private (innerfa-
miliäre) Konflikte handle und nicht um solche mit staatlichen Organen sei
folgendes festzuhalten. Seit die AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi; Partei für
Gerechtigkeit und Entwicklung) an der Macht sei, erlebe die Türkei eine
Reislamisierung auf allen Ebenen des Lebens. Diejenigen, die nicht nach
den Regeln des Islams lebten, würden benachteiligt, schikaniert und aus-
gegrenzt. Dies gelte erst recht, wenn ein Moslem, zu einer anderen Reli-
gion konvertiert sei. Genau das hätten die Beschwerdeführenden am eige-
nen Leibe erlebt. Sobald ihr familiäres Umfeld davon erfahren habe, dass
sie zum Christentum übergetreten seien, seien sie schikaniert, beleidigt, ja
sogar mit dem Tode bedroht worden. Da die Konvertierten in der heutigen
Türkei nicht auf behördlichen Schutz zählen könnten, seien die türkischen
Behörden auch nicht als schutzwillig zu erachten, weshalb in Anwendung
der aktuellen Schutztheorie eine asylrelevante nichtstaatliche Verfolgung
vorliege.
4.2.3 Hinsichtlich der Todesdrohungen und Schikanen durch Anhänger der
rechtsradikalen MHP habe der Beschwerdeführer ausgesagt, ein MHP-An-
hänger, den er bereits von früher gekannt habe, habe ihn Ende 2016, als
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er mit seiner Ehefrau und seinem Sohn in einen Park in der Nähe ihres
Quartiers habe gehen wollen, angesprochen und ihm gesagt, er solle doch
in die Berge gehen, damit ihn die Soldaten töten könnten. Weiter habe der
Beschwerdeführer vor den Schweizer Asylbehörden erwähnt, dass im
März 2016 bei helllichtem Tag auf das Parteibüro in K._ geschos-
sen worden sei, nachdem er selbst etwa zehn bis fünfzehn Minuten vorher
das Parteibüro verlassen habe. Die Polizei habe die fehlbare Person zwar
festgenommen, indessen bereits nach einer Nacht wieder freigelassen.
Diese Person habe nach ihrer Entlassung verkündet, sie werde sie alle tö-
ten. Folglich sei erstellt, dass er selbst durch rechtsradikale MHP-Anhänger
mit dem Tode bedroht worden sei beziehungsweise auch im Visier der
MHP-Anhänger gestanden habe.
4.2.4 Soweit die Vorinstanz behaupte, die von den Beschwerdeführenden
zur Untermauerung ihrer HDP-Mitgliedschaft eingereichten Beweismittel
seien nicht geeignet, ihre Parteimitgliedschaft zweifelsfrei zu belegen, sei
zu entgegnen, dass sie mehrere Beweismittel beigebracht hätten, die ihre
Mitgliedschaft bei der HDP belegen würden. Ausserdem sei der Beschwer-
deführer daran, weitere Belege zu beschaffen, um seine Mitgliedschaft bei
der HDP und seine Funktion als (...) zu belegen.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer machte zunächst geltend, er sei seit 2014 Mit-
glied der HDP gewesen. Wegen seiner politischen Arbeit und insbesondere
aufgrund seiner Funktion als örtlicher (...) seit Anfang des Jahres 2016 sei
er exponiert gewesen und im Fokus behördlichen Interesses gestanden.
Aus diesem Grunde – so die Verlautbarungen in der Beschwerde – habe
die Polizei ein paar Mal seine Wohnung gestürmt und ihn mehrmals fest-
genommen (vgl. a.a.O. S. 4 unten).
Den Protokollen ist zwar zu entnehmen, dass es zwischen Herbst 2014
und ungefähr April 2017 zu mehreren Hausdurchsuchungen in der Woh-
nung der Beschwerdeführenden gekommen sein soll (vgl. act. A5/15
S. 10 f. Ziff. 7.02; act. A6/16 S. 10 Ziff. 7.02; act. A12/21 S. 13 F100 und
act. A13/19 S. 6 F56 i.V.m. S. 9 F81). Dabei stellten die Beschwerdefüh-
renden die Hausdurchsuchungen vorwiegend in einen Kontext mit der Su-
che nach belastenden Unterlagen beziehungsweise Unterlagen der HDP
(vgl. act. A5/15 S. 10 und act. A6/16 S. 10), ohne diese in irgendeiner
Weise zu spezifizieren. Auf die Häufigkeit der Hausdurchsuchungen ange-
sprochen, vermochten die Beschwerdeführenden keine schlüssigen Anga-
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ben zu machen, sondern gaben übereinstimmend, aber gleichsam stereo-
typ an, jedes Mal, wenn es in Kurdistan ein politisches Ereignis gegeben
habe, sei bei ihnen eine Hausdurchsuchung durchgeführt worden (vgl. act.
A5/15 S. 10 Ziff. 7.02; act. A6/16 S. 11 Ziff. 7.02). Weitergehende behörd-
liche Folgen hatten die Hausdurchsuchungen für die Beschwerdeführen-
den offenbar aber nicht. So soll sich der Beschwerdeführer eigenen Anga-
ben zufolge nach der letzten Hausdurchsuchung gar an die Polizei ge-
wandt und diese gefragt haben, "was das Problem sei". Daraufhin hätten
die Polizisten ihm eröffnet, sie seien informiert worden, dass er ein Terrorist
sei, ihn aber danach wieder gehen lassen (vgl. act. A12//21 S. 13/14
F100 f.). Vor diesem Hintergrund kommt den Hausdurchsuchungen – de-
ren Glaubhaftigkeit vorausgesetzt – bereits mangels hinlänglicher Intensi-
tät keine asylbeachtliche Bedeutung zu. Dasselbe gilt für das Vorbringen
des Beschwerdeführers, er sei wiederholt kurzzeitig (manchmal zwei Stun-
den, manchmal eine Nacht lang) von der Polizei zusammen mit vielen wei-
teren Personen festgenommen worden (beispielsweise nach einer öffentli-
chen Presseerklärung oder nach seiner Teilnahme am Weltfrauentag oder
beim Newroz-Fest [vgl. act. A5/15 S. 10/11 Ziff. 7.02]). Darüber hinaus hat
der Beschwerdeführer ausdrücklich verneint, jemals im Gefängnis oder in
Haft beziehungsweise in ein Gerichtsverfahren involviert gewesen zu sein
(vgl. a.a.O. S. 11 Ziff. 7.02). Selbst unter der Annahme, dass er zwischen
Anfang 2016 bis zu seiner Ausreise im August 2017 als örtlicher (...) fun-
giert hätte, deutet nichts darauf hin, dass er in diesem Zusammenhang
asylbeachtlichen Verfolgungsmassnahmen seitens der türkischen Behör-
den ausgesetzt gewesen wäre. Aufgrund des Gesagten bestehen deshalb
auch keine konkreten Hinweise dafür, dass er bei einer Rückkehr in die
Türkei mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit mit einer Festnahme zu rechnen
hätte.
5.2 Der Beschwerdeführer machte weiter geltend, er habe sich im Verlaufe
des Jahres 2015 offiziell vom islamischen Glauben losgesagt, indem er die
Religionszugehörigkeit in seiner neuen türkischen Identitätskarte von Islam
zu konfessionslos habe ändern lassen. Auch seinem bei den Akten befind-
lichen Zivilregisterauszug sei zu entnehmen, dass unter der Rubrik Glau-
benszugehörigkeit anstelle des bisherigen Vermerks "Islam" kein Eintrag
mehr zu finden sei. Auch im Nüfus seines Sohnes C._ seien keine
Angaben zu dessen Religionszugehörigkeit enthalten. Diese Abkehr vom
islamischen Glauben habe zu verschiedenen Schwierigkeiten geführt. So
habe er trotz diverser Bewerbungen keine Stelle gefunden. Ausserdem
seien er und seine Frau von ihren Familien dazu gedrängt worden, sich
wieder religiös im Sinne des Korans zu verhalten. Die Familien hätten auch
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angeregt, dass ihr Sohn beschnitten werde. Ausserdem habe die Familie
der Beschwerdeführerin angedroht, ihr den Sohn wegzunehmen, falls sie
ihn nicht in islamischem Geiste erziehen würden. Der Beschwerdeführerin
sei von ihrer Familie auch untersagt worden, ihr Kopftuch abzulegen.
Schliesslich fügten sie an, ihrem Sohn könnten in der Schule wegen seines
armenischen Namens sowie seiner Konfessionslosigkeit Nachteile drohen.
Einleitend ist anzumerken, dass die erfolglose Stellensuche des Beschwer-
deführers wegen seiner Konfessionslosigkeit – von einer Konversion zum
Christentum ist lediglich in der Beschwerde die Rede (vgl. S. 7 Ziff. 2) –
keinen ernsthaften Nachteil im Sinne von Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG dar-
stellt, da es dieser bereits an der erforderlichen Intensität des Eingriffs er-
mangelt. Zudem bleibt aufgrund der Aktenlage ungewiss, ob dessen Kon-
fessionslosigkeit tatsächlich ursächlich für seine fruchtlosen Stellenbemü-
hungen war, räumte er doch auf Vorhalt ohne Weiteres ein, sich bereits ab
Ende des Jahres 2013, also lange vor seinem offiziellen Bruch mit dem
Islam im Jahr 2015, erfolglos auf Stellen hin beworben zu haben (vgl. act.
A12/21 S. 4 F24 i.V.m. S. 5 F28). Hinsichtlich der Zwistigkeiten mit den Fa-
milien der Beschwerdeführenden ist festzustellen, dass es sich dabei um
private Streitigkeiten unter Familienangehörigen handelt, weshalb diesen
bereits deswegen keine Asylrelevanz zukommt. Darüber hinaus haben die
Beschwerdeführenden auf Nachfragen hin die Anstände mit ihren Fami-
lienangehörigen in zahlreichen Punkten wieder relativiert. So erklärte die
Beschwerdeführerin, die entsprechenden Vorhaltungen hätten sich anläss-
lich gegenseitiger Besuche durch oder bei ihre(n) Eltern zugetragen (vgl.
act. A13/19 S. 8 F71). Der Beschwerdeführer sagte etwa aus, es sei aus
kulturellen Gründen nicht einfach, das Kopftuch plötzlich abzulegen, wenn
man es zuvor, wie seine Ehefrau, immer getragen habe (vgl. act. A12/21
S. 5 f. F35 bis F37). Weiter relativierte er die Aussage seiner Ehefrau, ihre
Familie habe ihr damit gedroht, ihr das Kind wegzunehmen, dahingehend,
sie übertreibe da etwas, da es in der Türkei nicht möglich sei, einem das
Kind einfach zunehmen (vgl. act. A14/3 S. 2). Hinsichtlich der Beschnei-
dung seines Kindes legte er dar, anlässlich einer Operation seines Sohnes
habe seine Familie befunden, man hätte ihn bei dieser Gelegenheit auch
beschneiden lassen können (vgl. act. A14/3 S. 2). Bezüglich des Vorbrin-
gens der Beschwerdeführenden, ihr Sohn könnte in der Türkei infolge sei-
nes armenischen Namens sowie seiner Konfessionslosigkeit Nachteile er-
leiden, handelt es sich hierbei um reine Annahmen. Zwar bestehen in der
Türkei Tendenzen zur Reislamisierung der Gesellschaft. Es bleibt den Be-
schwerdeführenden indessen – wie bereits von der Vorinstanz in der an-
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gefochtenen Verfügung erwogen (vgl. S. 8 II/3.) – unbenommen, ihre Kin-
der in eine Privatschule zu schicken, falls sie tatsächlich die Meinung ver-
treten, sie könnten in öffentlichen Schulen Probleme haben.
5.3 Soweit die Beschwerdeführenden vorbringen, sie seien von Anhängern
der MHP verbal bedroht, worden, ist in Einklang mit der Einschätzung des
SEM davon auszugehen, dass diese Vorbringen zufolge massiver Wider-
sprüche in den Aussagen der Eheleute als unglaubhaft zu beurteilen sind:
So erklärte die Beschwerdeführerin bei der BzP, sie sei insgesamt drei
Male mit ihrem Mann in der Stadt unterwegs gewesen, als er durch MHP-
Anhänger bedroht worden sei. Ihr Ehemann habe sich deswegen zweimal
an die Polizei gewandt (vgl. act. A6/16 S. 11 f.). Bei der Anhörung gab sie
an, sie habe ihren Ehemann einmal begleitet, als sie von MHP-Leuten be-
droht worden seien, worauf ihr Ehemann am selben Tag Anzeige bei der
Polizei erstattet habe (vgl. act. A13/19 S. 14 f. F132 bis 138). Der Be-
schwerdeführer behauptete demgegenüber, er sei einmal, als er mit seiner
Ehefrau und seinem Sohn in eine Parkanlage in der Nähe ihres Wohnquar-
tiers habe gehen wollen, von einem Anhänger der MHP bedroht worden,
ohne sich deswegen an die Polizei gewandt zu haben (vgl. act. A12/21
S. 13 F96 i.V.m. S. 15 F108 f.). Die vom Beschwerdeführer auf Vorhalt die-
ses Widerspruchs abgegebene Erklärung, er habe sich nach der Drohung
im Park doch an die Polizei gewandt (vgl. act. A14/3 S. 1 F2), erweist sich
als unbehelflich. Aufgrund des Gesagten können den Beschwerdeführen-
den die angeblichen Drohungen durch MHP-Leute nicht geglaubt werden.
5.4 Soweit in der Beschwerde geltend gemacht wird, die Beschwerdefüh-
rerin seit durch die in der Kindheit erlebte sexuelle Misshandlung (durch
einen Imam) noch heute traumatisiert, weshalb ihr auch unter diesem As-
pekt Asyl zu gewähren sei (vgl. a.a.O. S. 8 Abs. 2), ist festzuhalten, dass
diesem Vorkommnis, so gravierend dessen Folgen auch sein mögen, be-
reits mangels eines hinreichenden zeitlichen und sachlichen Zusammen-
hangs zum Zeitpunkt der Ausreise keine asylbeachtliche Bedeutung zu-
kommt.
5.5 Ergänzend anzufügen bleibt, dass an der angeblichen Parteizugehö-
rigkeit der Beschwerdeführenden und ihren Gesamtvorbringen gewisse
Zweifel aufkommen. Diesbezüglich kann mangels stichhaltiger Gegenar-
gumente in der Beschwerde auf die Ausführungen des SEM in der ange-
fochtenen Verfügung (vgl. S. 9 ff. II/4. und 5. sowie E. 4.1.6 oben) verwie-
sen werden.
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Seite 19
5.6 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass es den Beschwerde-
führenden nicht gelungen ist, eine asylrechtliche Verfolgungssituation
nachzuweisen beziehungsweise glaubhaft zu machen. Das SEM hat ihre
Asylgesuche demnach zu Recht abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 Abs. 1
AsylG; BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis nach
den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
In Bezug auf die Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt ge-
mäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Be-
weisstandard wie bei der Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu
beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.1.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
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mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden. Das flüchtlingsrechtliche Refoulement-Ver-
bot schützt nur Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da
es den Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr in den Heimatstaat
ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
7.1.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdefüh-
renden noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer
Ausschaffung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müssten
die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen
oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse Kam-
mer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde
Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, m.w.H.). Das ist ihnen im vorliegenden Fall –
wie vorstehend ausgeführt – nicht gelungen. Die allgemeine Menschen-
rechtssituation in der Türkei lässt den Wegweisungsvollzug der Beschwer-
deführenden im heutigen Zeitpunkt ebenfalls nicht als unzulässig erschei-
nen.
7.1.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.2 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.2.1 Gemäss konstanter Praxis und selbst unter Berücksichtigung der
Entwicklungen im Nachgang des Putschversuchs vom Juli 2016 ist nicht
davon auszugehen, dass in der Türkei eine landesweite Situation allgemei-
ner Gewalt herrscht. Auch in den vorwiegend von Kurden besiedelten Pro-
vinzen im Osten und Südosten des Landes ist nicht von einer flächende-
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Seite 21
ckenden Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnlichen Verhält-
nissen auszugehen. Ausgenommen sind die Provinzen Hakkari und
Sirnak; den Wegweisungsvollzug dorthin erachtet das Bundesverwaltungs-
gericht aufgrund einer anhaltenden Situation allgemeiner Gewalt als unzu-
mutbar (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6). Demnach ist der Vollzug der Wegwei-
sung der Beschwerdeführenden an ihre Herkunftsorte (H._ bezie-
hungsweise J._, Provinz J._) oder an ihren letzten Wohnsitz
vor der Ausreise (K._, Provinz K._) als generell zumutbar zu
erachten.
7.2.2 Aufgrund der Aktenlage bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür,
dass die Beschwerdeführenden und ihre beiden Kinder bei einer Rückkehr
an einen der vorgenannten Orte aus individuellen Gründen in eine exis-
tenzbedrohende Situation geraten würden. Entgegen den diesbezüglichen
Ausführungen in der Beschwerde (a.a.O. S. 11 f. III.) spricht die angebliche
HDP-Mitgliedschaft der Beschwerdeführenden nicht gegen die Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs, da aufgrund der vorstehenden Erwägun-
gen nicht davon auszugehen ist, dass sie allein deswegen einer konkreten
Gefahr ausgesetzt wären. Der Beschwerdeführer ist (...) Jahre alt und auf-
grund der Aktenlage gesund. Beide Beschwerdeführenden verfügen über
eine gute Schulbildung. Der Beschwerdeführer hat vor der Ausreise zu-
sammen mit Freunden während mehreren Jahren Dächer für Häuser ge-
baut (vgl. act. A5/15 S. 4 Ziff. 1.17.05). Verwandte der Beschwerdeführen-
den leben in J._, Q._ und K._ (vgl. act. A5/15 S. 6
Ziff. 3.01 und act. A6/16 S. 6 Ziff. 3.01). Es ist somit davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführenden im Heimatland über ein tragfähiges famili-
äres Beziehungsnetz verfügen, welches sie bei einer Reintegration unter-
stützen kann. Hinsichtlich allfälliger psychischer Probleme zufolge ihres
Kindheitstraumas ist es der Beschwerdeführerin unbenommen, sich in der
Türkei medizinisch behandeln zu lassen. Mit Blick auf das im Rahmen der
Zumutbarkeitsprüfung im Lichte von Art. 3 Abs. 1 des Übereinkommens
vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (SR 0.107) zu be-
rücksichtigende Kindeswohl (vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.2) ist ergänzend
festzuhalten, dass im Vollzug der Wegweisung kein Verstoss gegen das
Kindeswohl erblickt werden kann. Die Kinder C._ und D._
sind gerade mal (...) und (...) Jahr alt und somit aufgrund ihres Alters noch
in erster Linie an ihren Eltern orientiert. Auch wenn C._ schon eine
gewisse Integration in der Schweiz erfahren haben sollte, dürfte er mit der
Kultur der Eltern und deren Sprache (Kurmançi/Türkisch) hinreichend ver-
traut sein, so dass ihm eine Reintegration und das Schliessen neuer
Freundschaften in der Heimat problemlos gelingen dürfte.
D-6721/2017
Seite 22
7.2.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar.
7.3
7.3.1 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zu-
ständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendi-
gen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der Weg-
weisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.3.2 Hinsichtlich der allfälligen, aufgrund der Corona-Pandemie derzeit
gegebenen Unmöglichkeit des Vollzugs ist Folgendes festzuhalten: Ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist die Unmöglichkeit des
Vollzugs dann festzustellen, wenn sich sowohl eine freiwillige Ausreise als
auch ein zwangsweiser Vollzug klarerweise und aller Wahrscheinlichkeit
nach für die Dauer von mindestens einem Jahr als undurchführbar erwei-
sen (vgl. Urteil des BVGer E-7575/2016 vom 28. Juli 2017 E. 6.2). Dies ist
in Anbetracht der derzeitigen Entwicklung der Pandemie nicht anzuneh-
men. Der aktuellen Situation kann indessen im Rahmen der Ansetzung der
Ausreisefrist Rechnung getragen werden.
7.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat.
Eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt damit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1 – 4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG; Art. 49 VwVG) und – soweit
diesbezüglich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist demnach
abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten den Beschwer-
deführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch das
mit der Beschwerde gestellte Gesuch um unentgeltliche Prozessführung
mit Verfügung vom 19. Januar 2018 gutgeheissen worden und nicht von
einer veränderten finanziellen Lage der Beschwerdeführenden auszuge-
hen ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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