Decision ID: 535caeed-98a9-5f83-bdae-d6f37df7a721
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (Beschwerdeführer) und B._ (Beschwerdeführerin)
verliessen ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge zusammen mit ih-
ren Kindern C._, D._ und E._ am (...) und reisten
am 21. September 2016 illegal in die Schweiz ein. Gleichentags suchten
sie im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) G._ um Asyl nach
und wurden dort am 29. September 2016 zu ihrer Identität, zum Reiseweg
sowie summarisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Per-
son; BzP). Ausserdem wurden sie zu allfälligen gesundheitlichen Beein-
trächtigungen befragt. Am (...) gebar die Beschwerdeführerin den Sohn
F._. Die ausführlichen Anhörungen zu den Asylgründen fanden am
13. November 2017 (Beschwerdeführer) respektive 15. Mai 2018 (Be-
schwerdeführerin) statt.
A.b Zur Begründung ihrer Asylgesuche machten die Beschwerdeführen-
den im Wesentlichen geltend, sie seien Kurden und stammten aus
H._ ([...]). Sie seien aus der Türkei ausgereist, weil sie dort keine
Lebenssicherheit hätten und ständig von den Behörden drangsaliert wor-
den seien. Der Beschwerdeführer stamme aus einer politisch aktiven Fa-
milie und werde von den Behörden als Sohn eines Terroristen betrachtet;
denn sein Vater (I._, vgl. N [...]) sei (...) mehrerer kurdischer Par-
teien – unter anderem der (...) – gewesen und in der Türkei verfolgt wor-
den, weshalb er im Jahr (...) in die Schweiz geflüchtet sei. Die Behörden
hätten in der Folge mehrmals bei ihnen nach dem Vater gesucht und na-
mentlich im Dezember (...) eine Razzia in ihrem Haus durchgeführt; die
Beschwerdeführerin habe damals stressbedingt eine Fehlgeburt erlitten.
Auch weitere Verwandte des Beschwerdeführers seien politisch tätig, und
viele seien ins Ausland geflüchtet. Der Beschwerdeführer selber sei im Jahr
(...) der (legalen) (...) beigetreten, habe aber schon zuvor die Parteizeitung
verkauft und an Kundgebungen und Feiern teilgenommen. Bei solchen An-
lässen sei jeweils auch die – ansonsten nicht politisch aktive – Beschwer-
deführerin dabei gewesen. Anfang (...) sei der Beschwerdeführer während
einer Taxifahrt mit einem Kunden vom Militär angehalten, als Terrorist be-
schimpft und genötigt worden, ohne seinen Kunden weiterzufahren. Am
(...) habe ihn das Militär zwei Nächte beziehungsweise zwei Tage lang un-
ter Verweigerung von Nahrung und Wasser festgehalten, verhört und mit
erzwungenem «Wall Standing» bestraft. Ihm sei vorgeworfen worden, für
die (...) als Kurier tätig zu sein. Am (...) sei er mit derselben Anschuldigung
erneut auf den Militärposten mitgenommen und über Nacht festgehalten
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worden. Die Beamten hätten ihm dabei ein Foto seines Vaters gezeigt und
behauptet, dieser sei in den Bergen bei der (...). Sodann habe ihm ein Be-
amter vorgeschlagen, als Spitzel zu arbeiten. Er habe zuerst abgelehnt,
aber nachdem ihm Gefängnis angedroht worden sei, habe er, um Zeit zu
gewinnen, zum Schein eingewilligt. In den darauffolgenden Wochen sei er
mehrmals kontaktiert und nach Informationen zu politischen Veranstaltun-
gen im Dorf sowie zu Parteimitgliedern gefragt worden. Er habe jeweils
erklärt, er sei immer noch am Sammeln von Informationen. Gleichzeitig
habe er aus Angst vor weitergehenden behördlichen Massnahmen damit
begonnen, mithilfe eines Schleppers seine Ausreise zu organisieren. Am
(...) seien sie aus diesen Gründen alle zusammen aus der Türkei ausge-
reist. Im (...) hätten die Behörden zuhause sowie beim Dorfvorsteher er-
neut nach dem Beschwerdeführer gesucht.
A.c Die Beschwerdeführenden reichten im Rahmen des vorinstanzlichen
Verfahrens folgende Unterlagen zu den Akten: (unvollständige) Kopien ih-
rer Identitätsausweise (ausser des in der Schweiz geborenen Sohnes), das
Familienbüchlein (Kopie), die Aufenthaltsbewilligung des Vaters des Be-
schwerdeführers (Kopie), eine Vollmacht des vormaligen Rechtsvertreters,
einen Brief von (...) vom 25. März 2017 (inkl. Zustellcouvert), mehrere Fo-
tos sowie eine schriftliche Zeugenaussage von (...) vom 29. November
2018 (inkl. Kopie von dessen Identitätskarte).
B.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 30. März 2020 fest, die Beschwerde-
führenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte die Asylgesu-
che ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug
an.
C.
Die Beschwerdeführenden fochten diesen Entscheid mit Beschwerde vom
30. April 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie beantragten, die
vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, und die Sache sei zur vollstän-
digen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventuell
sei Asyl zu gewähren, subeventuell sei infolge Unzulässigkeit und/oder Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Einräumung einer Frist zur
Beschaffung von Beweisen aus dem Ausland, um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung sowie um unentgeltliche Verbeiständung.
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Der Beschwerde lagen folgende Unterlagen bei: eine Kopie der angefoch-
tenen Verfügung, eine Vollmacht vom 7. April 2020 (Kopie), zwei Listen mit
Namen von Familienmitgliedern (Kopie), mehrere Presseartikel vom 4. Ap-
ril 2016, mehrere Fotos des Vaters zusammen mit kurdischen Politikern,
mehrere Presseartikel zur (...), ein Foto eines (...)-Abgeordneten, mehrere
Presseartikel zur allgemeinen Lage in (...), ein Presseartikel zu einer Mas-
senverhaftung im Mai 2019, ein Schreiben von (...) vom 21. April 2020,
mehrere Fotos und Facebook-Ausdrucke betreffend die exilpolitische Tä-
tigkeit des Beschwerdeführers, ein Presseartikel von (...) betreffend den
Vater des Beschwerdeführers, mehrere Presseartikel zu den Themen Fol-
ter in Polizeihaft, Verhaftungen und Anwerbung von Spitzeln, ein Schreiben
von Rechtsanwalt (...) vom 20. April 2020 (Kopie) sowie ein Akteneinsichts-
gesuch von (...) vom 21. April 2020 (Kopie).
D.
Mit Zwischenverfügung vom 11. Mai 2020 hielt die Instruktionsrichterin fest,
die Beschwerdeführenden könnten den Abschluss des Verfahrens in der
Schweiz abwarten. Sodann forderte sie die Beschwerdeführenden auf, in-
nert Frist das Formular «Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege» auszu-
füllen und einzureichen, und teilte mit, vorläufig werde kein Kostenvor-
schuss erhoben, und über die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und amtliche Verbeiständung werde nach Ablauf der er-
wähnten Frist entschieden. Die Beschwerdeführenden wurden überdies
aufgefordert, die eingereichten türkischsprachigen Beweismittel innert Frist
übersetzen zu lassen und die in der Beschwerde in Aussicht gestellten Be-
weismittel aus dem Ausland innert Frist einzureichen.
E.
Mit Eingabe vom 27. Mai 2020 wurden die verlangten Übersetzungen, das
ausgefüllte Formular «Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege» samt Bei-
lagen sowie zwei neue, vom Vater des Beschwerdeführers verfasste Na-
menslisten vom 15. Mai 2020 eingereicht.
F.
Mit Eingabe vom 18. Juni 2020 reichten die Beschwerdeführenden ein wei-
teres Beweismittel (Schreiben der Staatsanwaltschaft [...] vom [...[ 2020
[Kopie]) zu den Akten.
G.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Juni 2020 hiess die Instruktionsrichterin die
Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amtliche
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Verbeiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses und ordnete den Beschwerdeführenden ihre Rechtsvertreterin als amt-
liche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig lud sie das SEM ein, innert Frist
eine Vernehmlassung einzureichen.
H.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 14. Juli 2020 vollumfänglich
an seiner Verfügung fest, verwies aber gleichzeitig darauf, dass es die der
Beschwerde beiliegenden Beweismittel nicht erhalten habe.
I.
Nach entsprechender Aufforderung durch die Instruktionsrichterin reichte
das SEM mit Eingabe vom 31. Juli 2020 eine zweite Vernehmlassung ein,
wobei es weiterhin vollumfänglich an seiner Verfügung festhielt.
J.
Die Beschwerdeführenden replizierten mit Eingabe vom 20. August 2020,
beantragten die Gutheissung der Beschwerde und reichten weitere Be-
weismittel ein: eine korrigierte Übersetzung der Beschwerdebeilage 12,
mehrere Unterlagen zu einem in der Türkei hängigen Strafverfahren vom
(...) (Kopien; inkl. Übersetzungen), eine Unzuständigkeitserklärung der
Staatsanwaltschaft (...) vom 7. August 2020 betreffend ein anderes Straf-
verfahren (Kopie; inkl. Übersetzung), ein Schreiben des Dorfvorstehers
vom 8. August 2020 (Kopie; inkl. Übersetzung) sowie einen Facebook-Aus-
druck.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gestützt auf Art. 31 VGG Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer
Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das
Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG vorliegt.
Demnach ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig für die Beurteilung
von Beschwerden gegen Entscheide des SEM auf dem Gebiet des Asyls,
und entscheidet in diesem Bereich in der Regel – und so auch vorliegend
– endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt indes das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist demnach einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheids im Wesentli-
chen aus, der Beschwerdeführer habe bezüglich der geltend gemachten
Festnahmen unlogische und widersprüchliche Angaben gemacht: Es sei
insbesondere nicht plausibel, dass ihn die Behörden zwar verdächtigt hät-
ten, für die (...) tätig zu sein, ihn aber dennoch ohne Anklage nach kurzer
Zeit freigelassen hätten. Angesichts des angeblichen Vorwurfs der (...)-Un-
terstützung könne auch nicht geglaubt werden, dass er als Spitzel rekrutiert
worden sei. Zudem hätten die Behörden die gewünschten Informationen
sicherlich auch ohne Hilfe des Beschwerdeführers beziehungsweise gleich
von ihm selbst in Erfahrung bringen können. Die geltend gemachte Rekru-
tierung als Spitzel sei daher unglaubhaft. Der Beschwerdeführer habe fer-
ner widersprüchliche Aussagen zur Dauer seiner Mitnahme im (...) sowie
zu der ihm angeblich gewährten Bedenkzeit betreffend den Vorschlag der
Spitzeltätigkeit gemacht. Die angeblichen Festnahmen seien daher nicht
glaubhaft. Der Umstand, dass die Beschwerdeführenden mit auf ihre Na-
men lautenden Reisepässen ausgereist seien und dabei keine Probleme
gehabt hätten, spreche ebenfalls gegen die angebliche Verfolgung im Hei-
matland. Die weiteren Vorbringen (der Vorfall vom [...] sowie die Haus-
durchsuchung und die Fehlgeburt im Jahr [...]) seien sodann nicht intensiv
genug und/oder stünden in keinem genügend engen Zusammenhang zur
Ausreise, weshalb sie nicht asylrelevant seien. Demnach sei die Flücht-
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lingseigenschaft der Beschwerdeführenden zu verneinen und die Asylge-
suche abzulehnen. Der Vollzug der Wegweisung in die Türkei (Provinz [...])
erachtete die Vorinstanz als zulässig, zumutbar und möglich.
3.2 In der Beschwerde wird zunächst gerügt, das SEM habe den geltend
gemachten Sachverhalt sowie die eingereichten Beweismittel nicht voll-
ständig geprüft. Die Sachverhaltsdarstellung sei fehlerhaft, und die Ableh-
nung der Asylgesuche sei unbegründet erfolgt. Sodann wird ausgeführt,
der Beschwerdeführer stamme aus einer politisch aktiven Grossfamilie. Er
sei im Zusammenhang mit der politischen Verfolgung seiner Angehörigen
einer Reflexverfolgung ausgesetzt. Zu erwähnen sei insbesondere sein Va-
ter: Dieser sei seit dem Jahr 1979 politisch aktiv, habe in mehreren kurdi-
schen Parteien Führungspositionen innegehabt und sei mehrfach verhaftet
und zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Im Jahr (...) habe sein Vater in
den Bergen von Kandil (Nordirak) mehrere Exponenten der (...) getroffen.
Auch in der Schweiz sei er politisch tätig und habe leitende Funktionen in
kurdischen Institutionen (z.B. [...]) bekleidet. Betreffend die Verfolgung des
Beschwerdeführers wird ausgeführt, dieser sei zweimal verhaftet worden,
einmal am (...) im Zusammenhang mit dem – verbotenen – Geburtstags-
fest von (...), das zweite Mal am (...). Er sei dabei auch gefoltert worden
(Vorenthalten von Wasser und Nahrung, «wall standing»). Anlässlich der
zweiten Verhaftung hätten ihm die Behörden ein Foto gezeigt, auf welchem
sein Vater zusammen mit zwei Führungspersonen der (...) abgebildet sei.
Das Foto sei in (...) aufgenommen worden, wo sich das Hauptquartier der
(...) befinde. Er sei vor die Wahl gestellt worden, als Spitzel zu arbeiten
oder ins Gefängnis zu gehen. Als Spitzel hätte er den Behörden wichtige
Informationen zu Personen mit Verbindungen zur (...) sowie zu geplanten
Kundgebungen liefern können, da er die kurdische Bewegung seit vielen
Jahren unterstützt habe und lokal gut vernetzt gewesen sei. Die vom SEM
erwähnten Widersprüche seien zu relativieren und beträfen ohnehin blosse
Details. Es gehe sodann nicht an, dass das SEM aus der legalen, vom
Schlepper organisierten Ausreise auf die Unglaubhaftigkeit der Asylvorbrin-
gen schliesse. Zur Frage der Asylrelevanz ihrer Vorbringen führen die Be-
schwerdeführenden aus, die geltend gemachten Vorfälle zwischen 2010
und 2016 zeigten, dass sie von den Behörden massiv unterdrückt worden
seien. Für den Ausreiseentschluss entscheidend sei das Foto des Vaters
bei der (...) gewesen; denn die Behörden hätten ihn (Beschwerdeführer)
damit indirekt mit der (...) in Verbindung bringen können und es habe ihm
eine Freiheitsstrafe gedroht. Gegen den Beschwerdeführer sei im Übrigen
wegen seiner Äusserungen in den sozialen Medien ein Strafverfahren ein-
geleitet worden; sie hätten dies vom türkischen Rechtsanwalt (...) erfahren,
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welcher bei den Behörden ein Akteneinsichtsgesuch gestellt habe. Der Be-
schwerdeführer stehe seit seiner Kindheit und schon allein wegen seines
(...) im Fokus der türkischen Behörden. Er sei in der Schweiz weiterhin
politisch tätig (Verweis auf Fotos einer Kundgebung). In den sozialen Me-
dien sei er auf Facebook und Youtube präsent und veröffentliche dort poli-
tische Inhalte. Die türkischen Behörden würden das Internet mithilfe von
Spitzeln überwachen. Alleine wegen Äusserungen im Zusammenhang mit
der Corona-Pandemie seien mehrere Hundert Personen festgenommen
worden. Aus den dargelegten Gründen müsse der Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr in die Türkei damit rechnen, verhaftet zu werden.
3.3 In seinen beiden Vernehmlassungen führt das SEM aus, das Asyldos-
sier des Vaters des Beschwerdeführers sei beigezogen worden (Verweis
auf einen nachträglich erstellten ZEMIS-Ausdruck; A42), und im Asylent-
scheid sei auf die geltend gemachten Probleme nach der Ausreise des Va-
ters eingegangen worden. Bezüglich der eingereichten Beweismittel falle
auf, dass ein Mann namens (...) schriftlich bestätige, der Beschwerdefüh-
rer sei ab dem (...) 29 Tage lang zusammen mit dem Beschwerdeführer
inhaftiert gewesen (Beschwerdebeilage 12). Der Beschwerdeführer selber
habe indessen nie eine derartige Haft erwähnt.
3.4 In der Replik wird entgegnet, der erwähnte ZEMIS-Ausdruck sei nicht
ediert worden, daher könne dazu keine Stellung genommen werden. Die
nach der Flucht des Vaters entstandenen Probleme seien nicht fluchtaus-
lösend gewesen. Fluchtgrund sei vielmehr die Festnahme gewesen, an-
lässlich welcher dem Beschwerdeführer ein Foto seines Vaters mit (...) ge-
zeigt worden sei. Die Behörden hätten ihn mit diesem Foto erpresst. Er
habe in die Spitzeltätigkeit nur eingewilligt, weil er sonst angeklagt worden
wäre. Er habe sich aus seiner Zwangslage nur durch Flucht in die Schweiz
entziehen können. Das SEM habe dies nicht erkannt und die Ablehnung
des Asylgesuchs daher mangelhaft begründet. Das Datum der Inhaftierung
im Schreiben von (...) sei aufgrund eines Übersetzungsfehlers entstanden;
korrekt sei der (...). Der türkische Anwalt des Beschwerdeführers habe so-
dann inzwischen weitere Akten erhalten und dabei erfahren, dass gegen
den Beschwerdeführer ein Strafverfahren (...), hängig sei. Er sei aufgrund
eines Facebook-Kommentars wegen (...) angeklagt, und es bestehe ein
Haftbefehl. Im anderen Strafverfahren, Nr. (...), habe die Staatsanwalt-
schaft von (...) die örtliche Unzuständigkeit festgestellt und die Sache an
das zuständige Gericht in (...) überwiesen. Der Dorfvorsteher (...) habe
schriftlich mitgeteilt, dass sich die Polizei letztmals im (...) nach dem Auf-
enthaltsort des Beschwerdeführers erkundigt habe. Schliesslich sei darauf
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hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer in den sozialen Medien bedroht
werde (Verweis auf einen entsprechenden Facebook-Ausdruck).
4.
Die Beschwerdeführenden weisen in der Replik daraufhin, sie hätten das
Aktenstück A42 nicht erhalten. Es handelt sich dabei um den Ausdruck ei-
ner Seite aus dem Zentralen Migrationsinformationssystem betreffend den
Vater mit der handschriftlichen Notiz «Aktennotiz zu: N (...) Beigezogenes
Dossier des Vaters des Gesuchstellers». Dieses Aktenstück konnte vom
SEM im Zeitpunkt der Eröffnung des Asylentscheids nicht ediert werden,
da es erst nachträglich, nämlich am 13. Juli 2020, erstellt wurde. Im Übri-
gen handelt es sich dabei um eine nicht dem Akteneinsichtsrecht unterlie-
gende interne Akte im Sinne von BGE 115 V 303, weshalb aus der fehlen-
den Einsicht in dieses Aktenstück keine Verletzung des rechtlichen Gehörs
(vgl. Art. 29 Abs. 2 BV; Art. 29 VwVG; Art. 26 ff. VwVG) resultiert.
5.
In der Beschwerde wird unter anderem gerügt, das SEM habe die ihm ob-
liegende Prüfungs- und Begründungspflicht verletzt, weshalb die vorin-
stanzliche Verfügung zu kassieren sei. In diesem Zusammenhang ist fest-
zuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht den Sachverhalt von Amtes
wegen feststellt (Art. 12 VwVG) und das Recht von Amtes wegen anwen-
det, wobei es nicht an die Begründung der Begehren gebunden ist (Art. 62
Abs. 4 VwVG).
5.1 Aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29
VwVG) folgt unter anderem, dass alle erheblichen Parteivorbringen zu prü-
fen und zu würdigen und Entscheide zu begründen sind (vgl. Art. 32 sowie
Art. 35 Abs. 1 VwVG). Die Behörde ist demnach verpflichtet, die Vorbringen
der Betroffenen tatsächlich zu hören, sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und
in der Entscheidfindung zu berücksichtigen (vgl. BGE 136 II 165 E. 4.3).
Ob das Vorgehen der Behörde im konkreten Fall den Anforderungen von
Art. 32 VwVG genügt, lässt sich regelmässig nur anhand der Verfügungs-
begründung beurteilen (vgl. BERNHARD WALDMANN/JÜRG BICKEL, in: Wald-
mann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl., 2016,
Art. 32 N21).
5.2 Der Beschwerdeführer verweist zur Begründung seines Asylgesuchs
unter anderem auf den Umstand, dass er aus einer politischen Familie
stamme. Sein Vater (I._, vgl. N [...]) habe in mehreren kurdischen
Parteien (...) innegehabt und sei auch in der Schweiz, wo er politisches
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Asyl erhalten habe, weiterhin in verschiedenen kurdischen Institutionen po-
litisch tätig. Das SEM hat es indessen unterlassen, in der angefochtenen
Verfügung zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in die
Türkei allenfalls eine Verfolgung im Zusammenhang mit seinem Vater dro-
hen könnte. Eine derartige Prüfung hätte sich aufgrund der Aktenlage aber
offensichtlich aufgedrängt: Der Vater des Beschwerdeführers war seinen
Asylakten zufolge jahrzehntelang auf (...) für mehrere kurdische Parteien
tätig und hatte dabei Führungspositionen inne. Er wurde mehrfach im (...)-
Kontext angeklagt und verbüsste mehrere Haftstrafen. Im (...) wurde sein
Asylgesuch in der Schweiz gutgeheissen. Der Beschwerdeführer reichte
im vorinstanzlichen Verfahren ausserdem ein Foto zu den Akten, welches
angeblich im Jahr (...) entstanden ist und seinen Vater zusammen mit (...)
in den (...) zeigt (vgl. BM 6). Es ist somit davon auszugehen, dass der Vater
des Beschwerdeführers über ein ausgeprägtes politisches Profil verfügt
und möglicherweise (auch in der Schweiz) in (...) Kreisen verkehrt (was
allenfalls näher abzuklären wäre). Dieser Sachverhalt muss sodann im
Kontext der politischen Ereignisse in der Türkei seit dem versuchten Mili-
tärputsch im Juli 2016 betrachtet werden: Seit diesem Zeitpunkt hat sich
die allgemeine Sicherheits- und Menschenrechtslage nachhaltig ver-
schlechtert. Die Inhaftierungen haben deutlich zugenommen, und es kam
zu politisch motivierten Säuberungsaktionen. Die Behörden gehen seitdem
rigoros gegen tatsächliche und vermeintliche Regimekritiker und Oppositi-
onelle vor und schrecken auch vor fingierten Terrorismusanklagen nicht zu-
rück. Es ist zunehmend zu Verhaftungen von Kurdinnen und Kurden ge-
kommen, welche politisch tätig sind. Aber auch Medienschaffende, Mitglie-
der kurdischer Vereine und einfache Sympathisanten der pro-kurdischen
Parteien (...) und (...) wurden wegen Verdachts auf Unterstützung oder
mutmasslicher Mitgliedschaft bei der (...) Opfer von teilweise willkürlichen
Verhaftungen. Wegen (...)-Verbindungen Verhaftete können keine fairen
Verfahren erwarten, und es besteht für sie ein erhebliches Risiko, in Haft
misshandelt zu werden (vgl. dazu beispielsweise die Urteile des BVGer D-
1373/2019 vom 5. Juli 2019 E. 5.4 und D-3375/2018 vom 31. Juli 2019 E.
4.3.6). Das SEM wäre bei der dargelegten Sachlage verpflichtet gewesen,
die Vorbringen des Beschwerdeführers betreffend das (exil-)politische Pro-
fil seines Vaters angemessen zu würdigen und zu prüfen, ob dem Be-
schwerdeführer deswegen im aktuellen türkischen Kontext allenfalls eine
Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG drohen könnte.
5.3 Ferner ist anzufügen, dass das SEM in der angefochtenen Verfügung
auch das Vorbringen des Beschwerdeführers, er sei exilpolitisch tätig, un-
genügend geprüft hat. Auf seine Aussage, er habe im Herbst 2017 an einer
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Kundgebung in G._ teilgenommen (vgl. A25 F191) ist die Vo-
rinstanz überhaupt nicht eingegangen, und seine (exilpolitischen) Face-
book-Aktivitäten hat es nicht unter dem Gesichtspunkt einer allfälligen
flüchtlingsrechtlich relevanten Gefährdung gewürdigt, sondern lediglich im
Rahmen der Prüfung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
5.4 Nach dem Gesagten ist festzustellen, dass das SEM seiner Pflicht, die
vorgenannten rechtserheblichen Vorbringen und Beweismittel sorgfältig
und ernsthaft zu prüfen und zu würdigen, in ungenügender Weise nachge-
kommen ist und damit den Anspruch der Beschwerdeführenden auf recht-
liches Gehör verletzt hat.
6.
6.1 Angesichts des formellen Charakters des Gehörsanspruchs führt des-
sen Verletzung grundsätzlich zur Kassation und Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz, unabhängig davon, ob die angefochtene Verfügung bei
korrekter Verfahrensführung im Ergebnis anders ausgefallen wäre. Im Be-
schwerdeverfahren kann die Gehörsverletzung jedoch unter Umständen
aus prozessökonomischen Gründen geheilt werden, wenn die Rechtsmit-
telinstanz über die volle Kognition verfügt, das Versäumte nachgeholt wird,
die beschwerdeführende Person dazu Stellung nehmen kann und die fest-
gestellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist (vgl. dazu
BVGE 2015/10 E. 7.1 m.w.H.; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes;
3. Aufl. 2013, Rz. 548 ff., 645).
6.2 Im vorliegenden Fall ist eine Heilung der festgestellten Gehörsverlet-
zung nicht in Betracht zu ziehen. Der Verfahrensmangel ist bedeutsam,
und das SEM hat sich auch in seiner Vernehmlassung nicht zur Frage einer
allfälligen Gefährdung des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit sei-
nem Vater geäussert. Überdies haben die Beschwerdeführenden auf Be-
schwerdeebene, namentlich in der Replik, unter Beilage mehrerer amtli-
cher Dokumente (in Kopie) vorgebracht, gegen den Beschwerdeführer
seien in der Türkei (...) wegen seiner Äusserungen auf Facebook zwei
Strafverfahren eingeleitet worden. Es geht dabei um die Straftatbestände
«Propaganda für eine Terrororganisation», «Beleidigung des Präsidenten»
und «Loben von Straftaten und Straftätern». Zu diesem neuen Sachver-
haltselement (Glaubhaftigkeit, flüchtlingsrechtliche Relevanz) konnte sich
das SEM bis anhin nicht äussern. Obwohl die Beschwerde grundsätzlich
reformatorisch ausgestaltet ist (vgl. Art. 61 Abs. 1 VwVG), erscheint aus
diesen Gründen eine Kassation der angefochtenen Verfügung angebracht.
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Seite 12
7.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, soweit die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung und die Rückweisung an die Vorinstanz beantragt
wurde. Die angefochtene Verfügung ist demnach aufzuheben, und die Sa-
che ist zur umfassenden Prüfung und Würdigung der vorgebrachten Asyl-
gründe sowie zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Damit erübrigt es sich, auf die übrigen Vorbringen in der Beschwerde näher
einzugehen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten auszurichten. Es
wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikos-
ten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE).
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13
VGKE) ist ihnen zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von ins-
gesamt Fr. 1200.– zuzusprechen.
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