Decision ID: 46276527-6cc7-4a34-a28f-02dd64c5368c
Year: 2019
Language: de
Court: BE_SRK
Chamber: BE_SRK_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

den Akten entnommen:
A. A._ (Rekurrent) und C._ (Rekursgegnerin) lebten im Steuerjahr 2015 in ungetrennter Ehe in D._. Entsprechend wurden sie mit Verfügungen vom 11. April
2017 pro 2015 von der Steuerverwaltung des Kantons Bern, Region Seeland
(Steuerverwaltung), gemeinsam veranlagt. Da sich das Ehepaar zwischenzeitlich getrennt
hatte, erstellte die Steuerverwaltung für jeden Ehegatten gleichzeitig zusätzliche Verfügungen
über den jeweiligen Anteil an den veranlagten Steuern (nachfolgend: Haftungsverfügungen)
sowie separate Schlussabrechnungen für jeden Ehegatten. Allerdings erfolgte der Versand
sämtlicher Verfügungen, auch derjenigen, die den Rekurrenten betrafen, ausschliesslich an die
Adresse der Rekursgegnerin.
B. Am 8. Mai 2017 erhob die Gemeinde G._ gegen die Veranlagungsverfügungen Einsprache und beanstandete, dass die Steuerteilung nicht korrekt vorgenommen worden sei.
Als Standortgemeinde der selbständigen Erwerbstätigkeit der Rekursgegnerin sei sie bei der
Steuerteilung zu berücksichtigen, was jedoch im Rahmen der Veranlagung irrtümlicherweise
unterblieben sei.
C. Die Rekursgegnerin bezahlte am 8. Mai 2017 den gemäss der auf ihren Namen lautenden Schlussabrechnung geschuldeten Betrag von CHF 155.50 sowie am 15. Mai 2017 den Betrag
von CHF 3'856.65 gemäss der auf den Rekurrenten lautenden Schlussabrechnung an
kantonalen Steuern pro 2015.
D. Am 21. Juli 2017 wurde vom Regionalgericht Berner Jura-Seeland gestützt auf die gleichentags abgeschlossene Scheidungskonvention die Scheidung des Rekurrenten bzw. der
Rekursgegnerin ausgesprochen. In der besagten Scheidungskonvention erklärten sich der
Rekurrent und die Rekursgegnerin mit einer Saldoerklärung als güterrechtlich
auseinandergesetzt.
E. Die Rekursgegnerin teilte der Steuerverwaltung am 8. August 2017 (Eingangsstempel der Steuerverwaltung 14.8.2017) mit, dass sie den gemäss Schlussabrechnung vom 11. April 2017
vom Rekurrenten geschuldeten Anteil von CHF 3'856.65 an den Steuern versehentlich bezahlt
habe und ersuchte um dessen Rückerstattung.
F. Die Steuerverwaltung erliess am 21. August 2017 zuhanden des Rekurrenten und der Rekursgegnerin einen mit "Berichtigung" betitelten Entscheid, in welchem nunmehr die
Gemeinde G._ bei der Steuerteilung berücksichtigt und der geschuldete Steuerbetrag
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angepasst wurde. Dem Entscheid war auf Seiten des Rekurrenten eine Entscheidrechnung
beigelegt, die die eingegangene Zahlung von CHF 3'856.65 zu seinen Gunsten auflistete.
G. Am 11. September 2017 überwies die Steuerverwaltung der Rekursgegnerin CHF 3'856.65.
H. Gegen den Entscheid vom 21. August 2017 erhob die Steuerverwaltung, Abteilung Recht und Koordination, am 12. Oktober 2017 Kantonseinsprache. Darin führte sie aus, dass im
besagten Entscheid die Zahlung von CHF 3'856.65 aufgeführt sei, obwohl der Rekurrent die
Zahlung nicht getätigt habe. Die Rekursgegnerin habe diesen Betrag irrtümlich bezahlt, weil ihr
die den Rekurrenten betreffende Schlussabrechnung zugestellt worden sei. Sie sei deshalb
berechtigt, den genannten Betrag zurückzufordern, was sie mit Schreiben vom 8. August 2017
getan habe.
I. Der Rekurrent, vertreten durch Rechtsanwalt B._ (Vertreter), reichte am 29. November 2017 eine Stellungnahme ein, mit der er bestritt, dass es sich um eine irrtümliche
Zahlung der Rekursgegnerin gehandelt habe und worin er auf die Saldoerklärung in der
Scheidungskonvention verwies.
J. Die Steuerverwaltung eröffnete am 30. Januar 2018 dem Rekurrenten einen Einspracheentscheid, mit welchem die Kantonseinsprache gutgeheissen wurde. Sie erwog
zusammengefasst, dass bei Trennung die Solidarhaftung der Ehegatten wegfalle, weshalb die
Rekursgegnerin nicht verpflichtet gewesen sei, den Anteil des Rekurrenten an den Steuern zu
bezahlen. Da die Steuerverwaltung die Darstellung der Rekursgegnerin als glaubhaft erachte,
wonach die Zahlung des auf den Rekurrenten entfallenden Steuerbetrags von CHF 3'856.65
irrtümlich erfolgt sei, habe sie Anspruch auf dessen Rückerstattung.
K. Gegen diesen Entscheid hat der Vertreter namens des Rekurrenten am 2. März 2018 bei der Steuerrekurskommission des Kantons Bern (Steuerrekurskommission) Rekurs eingereicht
und dessen Aufhebung sowie die Abweisung der Kantonseinsprache vom 12. Oktober 2017
beantragt. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Der Vertreter beanstandet zum einen, dass dem Rekurrenten keine Haftungsverfügung
zugestellt worden und letzterem deshalb die Höhe seines Anteils an den Steuern des Jahres
2015 nicht bekannt sei. Zum anderen bestreitet er mit Verweis auf die im Scheidungsverfahren
erfolgte güterrechtliche Auseinandersetzung und auf die während der Ehe praktizierte
Aufgabenteilung (wonach die Rekursgegnerin alle administrativen Angelegenheiten erledigt
habe) erneut, dass die von der Rekursgegnerin vorgenommene Zahlung irrtümlich erfolgt sei.
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L. Der Rekursgegnerin wurde am 5. März 2018 der Eingang des Rekurses mitgeteilt und ihr eine Kopie davon samt den Beilagen zugestellt.
M. Mit Eingabe vom 30. März 2018 hat die Rekursgegnerin zum Rekurs Stellung genommen und sinngemäss auf dem Vorliegen einer irrtümlichen Zahlung und auf der Rückerstattung
beharrt. Soweit der Rekurrent den bezahlten Betrag behalten wolle, handle es sich um
ungerechtfertigte Bereicherung. Für hochstrittige Familienverhältnisse und ungerechtfertigte
Bereicherung seien nicht die Steuerbehörden zuständig. Sie müssten in einem Zivilverfahren
geregelt werden.
N. Die Steuerverwaltung hat sich am 11. Juni 2018 vernehmen lassen. Sie führt aus, dass nach der Einsprache der Gemeinde G._ vom 8. Mai 2017 richtigerweise ein
Einspracheentscheid hätte erlassen werden müssen, nicht eine Berichtigung. Vom Gehalt her
stelle der Berichtigungsentscheid vom 21. August 2017 einen Einspracheentscheid dar. Vor
diesem Hintergrund sei fraglich, ob die Kantonseinsprache vom 12. Oktober 2017 als Rekurs zu
werten oder ob der Entscheid vom 21. August 2017 in Rechtskraft erwachsen sei. In beiden
Fällen sei die Steuerverwaltung für den Erlass des angefochtenen Entscheids vom 30. Januar
2018 nicht zuständig gewesen, weshalb dieser vermutlich als nichtig anzusehen sei. Aufgrund
der verfahrensrechtlichen Schwierigkeiten verzichte die Steuerverwaltung darauf, einen Antrag
zu stellen.
O. Die Vernehmlassung der Steuerverwaltung wurde sowohl dem Rekurrenten wie der Rekursgegnerin am 12. Juni 2018 übermittelt.
P. Am 3. Juli 2018 hat der Vertreter ein Akteneinsichtsgesuch gestellt und in der Folge die Akten zugestellt erhalten.
Q. Namens des Rekurrenten hat der Vertreter am 14. Juli 2018 eine Stellungnahme eingereicht und sich mit der Sichtweise der Steuerverwaltung einverstanden erklärt. Die
Berichtigung könne nur bei Rechnungsfehlern und Schreibversehen in rechtskräftigen
Entscheiden angewendet werden. Der Berichtigungsentscheid vom 21. August 2017 sei ein
Einspracheentscheid, wogegen die Steuerverwaltung hätte bei der Steuerrekurskommission
Rekurs einreichen müssen. Der Entscheid vom 30. Januar 2018 sei daher wegen
Unzuständigkeit der Steuerverwaltung als nichtig anzusehen.
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Die Steuerrekurskommission zieht in Erwägung:
1. Einspracheentscheide der Steuerverwaltung betreffend die Einkommens- und Vermögensveranlagung können bei der Steuerrekurskommission angefochten werden (Art. 195
ff. des Steuergesetzes vom 21. Mai 2000 [StG; BSG 661.11]). Die Steuerrekurskommission ist
deshalb sachlich und örtlich zuständig.
2. Der Rekurrent ist im vorinstanzlichen Verfahren mit seinen Anträgen nicht durchgedrungen. Er ist daher beschwert und zur Anfechtung befugt (Art. 195 Abs. 2 StG i.V.m.
Art. 86 und 65 des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG
155.21]). Der angefochtene Einspracheentscheid führt die Rekursgegnerin als
Verfahrensbeteiligte auf. Er behandelt den von ihr am 8. August 2017 gestellten Antrag auf
Rückerstattung des Betrags von CHF 3'856.65 (Akten der Steuerverwaltung, pag. 56) und
regelt (auch) die Rechtsstellung der Rekursgegnerin. Sie ist daher durch die Anfechtung des
Einspracheentscheids betroffen und nach wie vor am Verfahren zu beteiligen.
3. Die Rekursgegnerin hat in ihrer Stellungnahme vom 30. März 2018 sinngemäss auf die Zuständigkeit der Zivilgerichte für streitige Familienverhältnisse, insbesondere hinsichtlich der
güterrechtlichen Auseinandersetzung und für Ansprüche aus ungerechtfertigter Bereicherung
hingewiesen. Dem ist beizupflichten, soweit es sich um die Regelung von Verbindlichkeiten im
Innenverhältnis der Ehegatten handelt. In Bezug auf das Bestehen einer Steuerschuld resp.
Nicht-Schuld und dem daraus folgenden Anspruch auf Rückerstattung geht es um das
Aussenverhältnis der Ehegatten zum Fiskus. Hierfür ist die Zuständigkeit der
Steuerrekurskommission gegeben. Auf den form- und fristgerecht eingereichten Rekurs ist
deshalb mit der Einschränkung einzutreten, dass vorliegend nur das steuerrechtliche
Aussenverhältnis Gegenstand des Verfahrens ist (siehe dazu E. 8.4).
4. Da der Streitwert unter CHF 10'000.-- liegt, fällt der vorliegende Entscheid in die einzelrichterliche Zuständigkeit (Art. 70 Abs. 4 Bst. c des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die
Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]).
5. In verfahrensrechtlicher Hinsicht vertreten der Rekurrent wie auch die Steuerverwaltung die Auffassung, dass auf die Einsprache der Gemeinde G._ vom 8. Mai 2017 (pag. 27)
hin ein Einspracheentscheid und nicht ein Berichtigungsentscheid hätte erlassen werden
müssen. Dies stellt sowohl den Berichtigungsentscheid vom 21. August 2017 (pag. 66 - 58), die
Kantonseinsprache vom 12. Oktober 2017 (pag. 67) wie auch den Einspracheentscheid vom
30. Januar 2018 (pag. 79 - 75) in Frage, was von Amtes wegen zu prüfen ist.
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Weiter ist umstritten, wie die Zahlung von CHF 3'856.65 der Rekursgegnerin vom 15. Mai 2017
(vgl. Kontoauszug Postfinance, pag. 55) steuerlich zu behandeln ist. Sie hatte dessen
Rückerstattung von der Steuerverwaltung verlangt, da es sich um die Steuern des Rekurrenten
gehandelt habe, welche sie irrtümlicherweise beglichen hätte. Die Steuerverwaltung ist dem
Rück-erstattungsbegehren nachgekommen, hat den Betrag zurückbezahlt und dazu den
angefochtenen Einspracheentscheid vom 30. Januar 2018 erlassen. Der Rekurrent vertritt
demgegenüber die Auffassung, dass die Zahlung der Rekursgegnerin nicht irrtümlich erfolgt
und die Rekursgegnerin deshalb nicht berechtigt gewesen sei, die Rückerstattung zu verlangen.
Zudem sei ihm die Haftungsverfügung vom 11. April 2017 nicht eröffnet worden, was eine
Verletzung des rechtlichen Gehörs darstelle. Er habe daher keine Kenntnis von seinem Anteil
an den Steuern 2015.
6. Dass dem Rekurrenten die ihn betreffende Haftungsverfügung vom 11. April 2017 (pag. 50) nicht eröffnet worden ist, wird von der Steuerverwaltung nicht bestritten. Allerdings hat
der Berichtigungsentscheid vom 21. August 2017 eine aufgrund der veränderten Steuerteilung
angepasste Haftungsverfügung (pag. 64) bzw. Entscheidrechnung (pag. 63) beinhaltet, welche
die frühere Haftungsverfügung und Schlussabrechnung ersetzten. Da der Vertreter sowohl die
neue Haftungsverfügung wie auch die Entscheidrechnung vom 21. August 2017 dem Rekurs
als Beweismittel beigelegt hat (Teil von Rekursbeilage 12), ist offenkundig, dass der Rekurrent
davon Kenntnis erhalten haben muss. Damit ist die mangelhafte Eröffnung der
Haftungsverfügung vom 11. April 2017 behoben worden und soweit der Rekurrent im
Widerspruch dazu behauptet, von seinem Anteil an den Steuern 2015 keine Kenntnis zu haben,
kann das nicht nachvollzogen werden. Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs ist daher nicht
auszumachen. Abgesehen davon ist der Vertreter in der Lage gewesen, dem Rekursschreiben
auch die ursprüngliche Haftungsverfügung und der Schlussabrechnung beizulegen (Teil von
Rekursbeilage 5). Somit hat er den Rekurs in Kenntnis aller wesentlichen Dokumente abfassen
können.
7. Sowohl die Steuerverwaltung wie der Rekurrent verweisen darauf, dass der als Berichtigung bezeichnete Entscheid vom 21. August 2017 inhaltlich bereits ein
Einspracheentscheid gewesen sei. Dagegen könne nur Rekurs bei der
Steuerrekurskommission eingelegt werden. Beide Parteien betrachten den angefochtenen
Entscheid vom 30. Januar 2018 als nichtig wegen Unzuständigkeit der Steuerverwaltung.
7.1 Gegen eine Veranlagungsverfügung kann innert 30 Tagen Einsprache erhoben werden (Art. 189 f. StG). Die Steuerverwaltung prüft die Einsprache und erlässt einen
Einspracheentscheid (Art. 193 StG). Dagegen kann wiederum Rekurs an die
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Steuerrekurskommission erhoben werden (E. 1). Wird keine Einsprache oder kein Rekurs
erhoben, erwächst die Veranlagungsverfügung bzw. der Einspracheentscheid in Rechtskraft.
Das Gesetz sieht die Berichtigung einer rechtskräftigen Verfügung für den Fall vor, dass sie
Rechnungsfehler oder Schreibversehen aufweist (Art. 205 Abs. 1 StG). Als Rechnungsfehler
gelten fehlerhafte mathematische Operationen und mit Schreibversehen ist die Wahl eines
falschen Ausdrucks oder, wie es das Wort schon sagt, ein Schreibfehler gemeint
(RKE 100 2013 495 vom 15.12.2015, E. 6; Peter Kästli in: Praxiskommentar zum Berner
Steuergesetz, Band 2, Artikel 126 bis 293, 2011, N. 3 f. zu Art. 205 StG). Nicht darunter fallen
eine unrichtige Tatsachendarstellung oder eine falsche Gesetzesauslegung (Peter Kästli,
a.a.O., N. 3 f. zu Art. 205 StG). Allgemein ausgedrückt können Fehler im korrekten Ausdruck
des Willens im Verfahren der Berichtigung korrigiert werden, nicht aber Fehler in der
Willensbildung selbst (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Handkommentar zum DBG, 3. Aufl.,
2016, N. 4 zu Art. 150 DBG).
7.2 Die Steuerverwaltung hat den Berichtigungsentscheid auf die Einsprache der Gemeinde G._ vom 8. Mai 2017 (pag. 27) hin erlassen. Im Zeitpunkt der Einspracheerhebung war
die Veranlagungsverfügung vom 11. April 2017 samt den dazugehörigen Haftungsverfügungen
und Schlussabrechnungen noch nicht in Rechtskraft erwachsen. Demnach hätte wie
vorstehend dargelegt (E. 7.1) ein Einspracheentscheid von der Steuerverwaltung gefällt werden
müssen, da eine Berichtigung immer eine rechtskräftige Verfügung betrifft. Hinzu kommt, dass
die Gemeinde einen materiellen Fehler in der Veranlagung, nämlich die Steuerteilung zwischen
den Gemeinden D._ und G._ (pag. 43) beanstandet hatte. Gegenstand der
Einsprache war somit nicht ein Rechnungsfehler oder ein Schreibversehen, so dass das
Instrument der Berichtigung auch aus diesem Grund nicht anwendbar gewesen wäre. Der
Entscheid (wie auch die darauf beruhenden Haftungsverfügungen und Entscheidabrechnungen)
vom 21. August 2017 kann deshalb nicht als Berichtigung im Sinn von Art. 205 Abs. 1 StG
aufrechterhalten werden.
7.3 Sowohl die Steuerverwaltung wie auch der Vertreter des Rekurrenten haben in ihren Rechtsschriften eine Umdeutung des Entscheids vom 21. August 2017 in einen
Einspracheentscheid erörtert. Die Steuerverwaltung hat in ihrer Vernehmlassung jedoch selber
eingeräumt, dass dies zu schwierigen Verfahrensfragen führe, da der Rechtsmittelweg bei einer
Berichtigungsverfügung nicht derselbe wie bei einem Einspracheentscheid sei.
Gegen die Berichtigungsverfügung ist wie sonst bei einer Veranlagungsverfügung die
Möglichkeit der Einsprache gegeben (Art. 189 f. StG), welche bei einem Einspracheentscheid
nicht zur Verfügung steht. Die Rechtsmittelbelehrung des Berichtigungsentscheids vom 21.
August 2017 (pag. 66) hat daher auf ein Rechtsmittel hingewiesen, das nicht existiert. Daher
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gibt es keinen Raum für eine Kantonseinsprache wie bei einem Einspracheentscheid. Vielmehr
hat das Gesetz den Kantonsrekurs (Art. 195 Abs. 2 StG) als Rechtmittel nach einem
Einspracheentscheid vorgesehen, das an die Steuerrekurskommission zu richten ist (E. 1).
Selbst die Umdeutung einerseits des Berichtigungsentscheids in einen Einspracheentscheid
und andererseits der anschliessenden Kantonseinsprache in einen Kantonsrekurs würde
verfahrensrechtlich in eine Sackgasse führen, weil für einen weiteren Einspracheentscheid wie
demjenigen vom 30. Januar 2018 die Zuständigkeit der Steuerverwaltung fehlt. Um unter
diesen Umständen verfahrensrechtlich wieder eine korrekte Basis herzustellen, erscheint es
daher als angebracht, nicht nur – wie von der Steuerverwaltung und vom Rekurrenten
übereinstimmend ausgeführt – den angefochtenen Entscheid vom 30. Januar 2018 wegen
mangelnder Zuständigkeit der Steuerverwaltung als nichtig zu erklären, sondern auch den
Berichtigungsentscheid vom 21. August 2017 samt den zugehörigen Haftungsverfügungen und
Entscheidrechnungen aufzuheben. Die Angelegenheit ist infolgedessen zur Fällung eines
korrekten Einspracheentscheids aufgrund der Gemeindeeinsprache vom 8. Mai 2017 sowie
zum Erlass neuer Haftungsverfügungen und Schlussabrechnungen an die Steuerverwaltung
zurückzuweisen. Damit fällt auch die Kantonseinsprache vom 12. Oktober 2017 als
gegenstandslos dahin. Nach Eröffnung der neuen Entscheide steht dem Rekurrenten wie der
Rekursgegnerin und der Steuerverwaltung der Rechtmittelweg an die Steuerrekurskommission
offen, was allen Beteiligten erlaubt, ihre Rechte zu wahren.
8. Durch die Aufhebung des Berichtigungs- und des Einspracheentscheids sind von der Steuerverwaltung neue Entscheide resp. Entscheidrechnungen zu erlassen. Aufgrund des
bisherigen Verfahrensgangs erscheint es aus verfahrensökonomischen Gründen angebracht,
an dieser Stelle zu den steuerlichen Auswirkungen der von der Rekursgegnerin am 15. Mai
2017 geleisteten Zahlung von CHF 3'856.65 (pag. 55) und deren Rückerstattung durch die
Steuerverwaltung am 11. September 2017 einige klarstellende Bemerkungen anzubringen.
8.1 Damit Steuern geschuldet sind, muss zuerst eine Veranlagungsverfügung nach Art. 175 StG vorliegen. Wenn es sich wie vorliegend um die gemeinsame Veranlagung von Ehegatten
handelt, die sich zwischenzeitlich getrennt haben, ist nach Art. 233 Abs. 4 StG der Anteil jedes
Ehegatten zusätzlich durch eine Haftungsverfügung festzusetzen. Die Veranlagung wird durch
eine Schlussabrechnung abgeschlossen, welche unter Berücksichtigung der geleisteten
Zahlungen den definitiven Steuerbetrag festlegt (Art. 235 Abs. 1 StG; Markus Langenegger in:
Praxiskommentar zum Berner Steuergesetz, Band 2, Artikel 126 bis 293, 2011, N. 1 ff. zu Art.
235 StG). Auch die Schlussabrechnung stellt eine Verfügung dar (Markus Langenegger, a.a.O.,
N. 9 zu Art. 235 StG). Hat eine steuerpflichtige Person irrtümlicherweise zu viel Steuern bezahlt,
so ist die Steuerverwaltung nach Art. 244 StG zur Rückerstattung des zu viel bezahlten Betrags
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verpflichtet. Ob zu viel Steuern bezahlt wurden, steht erst fest, wenn Veranlagung,
Haftungsverfügung und Schlussabrechnung in Rechtskraft erwachsen sind. Vorher fehlt es an
einer definitiven Festlegung der Steuerschuld. Art. 244 StG bezieht sich daher auf Fälle, in
denen eine Zahlung über den rechtskräftig festgelegten Steuerbetrag hinaus geleistet wurde
(vgl. Hans Frey in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bundesgesetz über die
direkte Bundessteuer [DBG], 3. Aufl., 2017, N. 5 zum gleich wie Art. 244 StG lautenden Art. 168
DBG). Kommt Art. 244 StG zur Anwendung, so legt Art. 245 Abs. 2 StG für getrennte Ehegatten
fest, dass die Rückerstattung je hälftig an die Ehegatten erfolgt, ausser wenn ein
anderslautender gemeinsamer Antrag vorliegt.
8.2 Sind weder die Veranlagungsverfügung noch die Haftungsverfügungen noch die Schlussabrechnungen in Rechtskraft erwachsen, kommen Art. 244 StG und Art. 245 Abs. 2 StG
nicht zur Anwendung. Die Steuerverwaltung hat früher in Anlehnung an Art. 245 Abs. 2 StG
auch in Fällen von nicht rechtskräftigen Verfügungen bei einer Rückerstattung zu viel bezahlter
Steuern eine hälftige Aufteilung vorgenommen, jedoch nach Auftreten von
Inkassoschwierigkeiten ihre Praxis in eine anteilsmässige Aufteilung nach Steuerfaktoren
geändert (Markus Langenegger, a.a.O., N. 9 zu Art. 233 StG). Anlässlich der
Steuergesetzrevision 2008 ist diese Praxis kodifiziert worden (Art. 233 Abs. 3 StG, Markus
Langenegger, a.a.O., N. 10 zu Art. 233 StG), wobei in der Lehre präzisiert wird, dass davon nur
gemeinsam erfolgte Zahlungen vor der Trennung erfasst werden (Markus Langenegger, a.a.O.,
N. 10 zu Art. 233 StG). Der Wortlaut von Art. 233 Abs. 3 StG ("...gemeinsam in Rechnung
gestellte und bezahlte Beträge...") verbietet eine Anwendung auf den vorliegenden Fall, bei
dem es um einen Steuerbetrag geht, der allein dem Rekurrenten und erst nach der Trennung in
Rechnung gestellt und allein von der Rekursgegnerin einbezahlt wurde. Das Bundesgericht hat
für die direkte Bundessteuer entschieden, dass in Fällen, wo die Bezahlung erst nach Wegfall
der Solidarhaftung erfolgt, weder die hälftige Rückerstattung noch diejenige anhand der
Steuerfaktoren sachgerecht ist. Vielmehr sollen zu viel bezahlte Steuern an denjenigen der
getrennt lebenden Ehegatten erfolgen, der die Zahlung geleistet hat, was von der Lehre und der
kantonalen Praxis aufgenommen wurde (BGer 2A.379/2002 vom 18.2.2003, E. 2.2;
Steuerpraxis Kanton Thurgau betreffend Steuerrückerstattung an Ehegatten, Ziff. 3.1, einsehbar
unter: <http://steuerverwaltung.steuer-praxis.tg.ch/html/895088896.827.html>; Hans Frey,
a.a.O., N. 15 zu Art. 162 StG). Dabei hat das Bundesgericht betont, dass allfällige zivilrechtliche
Ansprüche durch diese Rückerstattungsregelung nicht präjudiziert werden (BGer 2A.379/2002
vom 18.2.2003, E. 2.2). Es erscheint angebracht, auch auf der kantonalen Ebene nach
Massgabe der bundesgerichtlichen Praxis zu verfahren und ebenfalls eine Rückerstattung an
den leistenden Ehegatten vorzusehen.
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8.3 Vorliegend erliess die Steuerverwaltung am 11. April 2017 Haftungsverfügungen für jeden Ehegatten sowie separate Schlussabrechnungen für jeden Ehegatten, die sie nur der
Rekursgegnerin zustellte. Aufgrund der Gemeindeeinsprache vom 8. Mai 2017 sind diese
Verfügungen nicht in Rechtskraft erwachsen. Die nachfolgenden Verfahrensschritte
(Berichtigungsentscheid vom 21.8.2017, Einspracheentscheid vom 30.1.2018) werden gemäss
den vorstehenden Erwägungen (E. 7.3) aufgehoben, so dass das Einspracheverfahren immer
noch hängig ist. Wie oben ausgeführt (E. 8.1 und E. 8.2) setzen Art. 244 StG und Art. 233 Abs.
3 StG rechtskräftige Verfügungen bzw. gemeinsam in Rechnung gestellte und bezahlte Beträge
voraus, was hier nicht gegeben ist. Da die Zahlung der Rekursgegnerin am 15. Mai 2017
unbestrittenermassen nach Wegfall der Solidarhaftung erfolgt ist, kommt die Regelung zur
Anwendung, wonach die Rückerstattung an den leistenden Ehegatten zu erfolgen hat (E. 8.2).
Die Rückerstattung vom 11. September 2017 an die Rekursgegnerin steht damit im Einklang
und ist nicht zu beanstanden. Ob die Zahlung irrtümlich erfolgt ist oder nicht, spielt dabei keine
Rolle. Ein Irrtum ist nur Voraussetzung bei einer Rückforderung von zu viel bezahlten Steuern,
wenn die Schlussabrechnung in Rechtskraft erwachsen ist, was hier nicht zutrifft (Art. 244 StG,
E. 8.1).
8.4 Der Entscheid, dass die Zahlung vom 15. Mai 2017 berechtigterweise zurückerstattet wurde, präjudiziert das zivilrechtliche Innenverhältnis nicht (BGer 2A.379/2002 vom 18.2.2003,
E. 2.2). Die Frage, ob sich der Rekurrent auf die Saldoerklärung in der Scheidungskonvention
berufen kann oder die Anrechnung der Zahlung bei ihm zu einer ungerechtfertigten
Bereicherung führen würde, ist nicht von der Steuerrekurskommission zu entscheiden, da es
sich hierbei um zivilrechtliche Ansprüche im Innenverhältnis der Ehegatten handelt. Insoweit ist
auf den Rekurs nicht einzutreten (E. 3). Für die Steuerbehörden ist vorliegend allein
massgeblich, dass gegenüber jedem Ehegatten eine Haftungsverfügung anhand der
Steuerfaktoren zu erlassen (Art. 233 Abs. 4 StG) und im Rahmen einer Schlussabrechnung
über die vor der Trennung eingegangenen Zahlungen abzurechnen ist (Art 235 StG).
9. Aufgrund der Nichtigerklärung des angefochtenen Einspracheentscheids, was von Amtes wegen festzustellen war, gilt der Rekurrent formal als obsiegend, obwohl materiell auf die das
zivilrechtliche Innenverhältnis betreffenden Ausführungen nicht eingetreten werden konnte. Bei
diesem Ausgang des Verfahrens hat er keine Verfahrenskosten zu tragen (Art. 200 Abs. 1 StG).
Der Rekursgegnerin sind aufgrund der besonderen Umstände des Falles, namentlich mit Blick
darauf, dass sie die Nichtigkeit des angefochtenen Entscheids nicht zu vertreten hat, ebenfalls
keine Kosten aufzuerlegen.
10. Weil der Rekurrent im vorliegenden Verfahren vertreten ist und ihm notwendige und verhältnismässig hohe Kosten entstanden sind, wird ihm eine Parteikostenentschädigung
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zugesprochen (Art. 200 Abs. 4 StG). Aufgrund der besonderen Umstände des Falles und in
Würdigung der Tatsache, dass der Vertreter erst auf die Vernehmlassung der Steuerverwaltung
hin die Nichtigkeit des angefochtenen Entscheids thematisiert hat und auf die Ausführungen
zum Innenverhältnis nicht eingetreten werden konnte, wird die Entschädigung pauschal auf
CHF 1'000.-- (inklusive Auslagen und 7.7 % Mehrwertsteuer) festgesetzt.