Decision ID: 8a15afcb-5b5c-4052-9375-1bcce6430ae1
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1954, bezieht eine Rente der Invalidenversi
cherung. Am 29. März 2006 meldete er sich zusammen mit seiner Ehefrau
Y._
, geboren 1962, bei der Stadt
Z._
, Durch
führungs
stelle für Zusatzleistungen zur AHV/IV (nachfolgend Durchführungs
stelle), zum Bezug von Zusatzleistungen an (Urk. 15/10).
1.2
Gegen die
Revisions-Verfügung vom 26. Mai 2015
erho
ben die Versicherten am
16. Juni 2015
Einsprache
, wobei sie die An
rechnung des hypothetischen Erwerbs
einkommens der Ehefrau rügten.
Die Einsprache wurde von der Durchführungs
stelle mit
Ein
spracheentscheid
vom
1. Juli 2015 abgewiesen
(
Urk.
15/5h)
. Das
hie
sige
Gericht wies die dagegen erhobene Beschwerde mit Urteil vom 1
9.
September 2016 im Verfahren ZL.2015.00070 ab
,
und bestätigte die Anrechnung des hypo
thetischen Einkommens der Ehefrau (
Urk.
15/5).
1.3
G
egen die
Revisions-Verfügung vom 14. Dezember 2016 (
Urk.
15/4)
erho
ben die Versicherten am
1
2.
Januar 2017 Einsprache (
Urk.
15/4j)
, wobei sie die An
rech
nung des hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau rügten.
Die Einsprache wurde von der Durchführungsstelle mit
Ein
spracheentscheid
vom
1
2.
Juli 2017 abgewiesen (
Urk.
15/1).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 1
2
. Juli 201
7
erhoben die Versicherten mit
Eingabe vom
1
1.
September 2017
Beschwerde (Urk. 1) und beantragten
,
der
Ein
spracheentscheid
vom
1
2
.
Juli 201
7
sei auf
zu
heben und es seien die gesetzlichen Zusatzleistungen zu erbringen (S. 2
Ziff.
1 und 2), eventuell sei der Streitgegen
stand an die Vorinstanz zurückzuweisen mit der Verpflichtung, der Sachverhalt sei rechtskonform abzuklären und anschliessend sei neu zu entscheiden (S. 2
Ziff.
3).
Mit Beschwerdeantwort vom
15
.
November 2017
beantragte die Beschwerdegeg
nerin die Abweisung der Beschwerde (Urk.
14
)
.
Mit Gerichtsverfügung vom 2
1.
November 2017 wurde antragsgemäss (vgl.
Urk.
1 S. 2
Ziff.
4 und 5) die unentgeltliche Rechtsvertretung bewilligt und den Beschwerdeführenden die Be
schwerdeantwort zugestellt (
Urk.
16
).
Mit Eingabe vom
7.
Mai 2018 (
Urk.
18) informierten die Beschwerdeführenden, dass im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren ein Vorbescheid ergangen sei, welcher in Kürze in Rechtskraft erwachsen werde.
Mit Eingabe vom 1
6.
Juli 2018 (
Urk.
19) reichte die Beschwerdegegnerin den Vor
bescheid der IV-Stelle (
Urk.
20) zu den Akten.
Mit Eingabe vom 1
9.
September 2018 (
Urk.
21) reichte die Beschwerdegegnerin ergänzende Unterlagen (
Urk.
22/1-5) zu den Akten.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Der Bund und die Kantone gewähren Personen, welche die gesetzlichen Vor
aus
setzungen nach Art. 4-6 des Bundesgesetzes über die Ergänzungs
leistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG) erfüllen, Zusatz
leistun
gen zur Deckung ihres Existenzbedarfs (Art. 2 Abs. 1 ELG; §§ 1, 13, 15 und 20 Abs. 1 des Gesetzes des Kan
tons Zürich über die Zu
satzleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung, ZLG, in den seit 1. Januar 2008 gül
tigen Fassungen).
1.2
Die jährliche Ergänzungsleistung entspricht dem Betrag, um den die anerkann
ten
Ausgaben
die
anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG).
Die anrechenbaren Einnahmen werden nach Art. 11 ELG ermittelt. Zu den an
re
chenbaren Einnahmen gehören unter anderem zwei Drittel der Erwerbs
ein
künfte, soweit sie bei alleinstehenden Personen jährlich Fr. 1'000.-- und bei Ehe
paaren Fr. 1'500.-- übersteigen
(Art. 11 Abs. 1
lit
. a ELG).
Zeitlich
massgebend
sind in der Regel die während des vorausgegangenen Kalen
derjahres erzielten anrechenbaren Einnahmen sowie das am 1. Januar des Be
zugsjahres vorhandene Vermögen (Art. 23 Abs. 1 der Verordnung über die Er
gänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung, ELV). Das zeitlich
massgebende
Einkommen
gemäss
Art. 23 Abs. 1 ELV betrifft vor allem das Erwerbseinkommen. Bei Renten, Pensionen und anderen wieder
kehrenden Leistungen nach Art. 11 Abs. 1
lit
. d ELG sind die laufenden
Betreff
nisse
zu berücksichtigen (Art. 23 Abs. 3 ELV;
Carigiet
/Koch,
Ergänzungsleistun
gen zur AHV/IV, 2. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2009,
S. 185).
Als Einkommen anzurechnen sind unter anderem auch Einkünfte und Ver
mö
gens
werte, auf die verzichtet worden ist (Art. 11 Abs. 1
lit
. g ELG).
1.3
Eine Verzichtshandlung liegt vor, wenn die versicherte Person ohne rechtliche Verpflichtung auf Vermögen verzichtet hat, wenn sie einen Rechts
anspruch auf bestimmte Ein
künfte und Vermögenswerte hat, davon aber fak
tisch nicht Ge
brauch macht bzw. ihre Rechte nicht durchsetzt oder wenn sie aus von ihr zu verant
wortenden Gründen von der Ausübung einer möglichen und zumutbaren Erwerbstätigkeit absieht. Es werden demzufolge nicht nur die tatsächlich er
wirt
schafteten Erwerbseinkommen angerechnet. Auch Personen, denen eine Er
werbs
tätigkeit zugemutet werden kann, müssen ihre Erwerbstätigkeit ausnützen. Das Bundesgericht begründet die Anrechnung eines Einkommensverzichts mit dem allgemeinen Grundsatz der Schadenminderungspflicht im Sozialversiche
rungs
recht, welcher bei der Leistungsfestsetzung regelmässig und zwingend zu berück
sichtigen sei (
Carigiet
/Koch,
a.a.O.,
S. 151 mit Verweisen).
1.4
Die Pflicht des im gemeinsamen Haushalt lebenden Ehepartners der Ergänz
ungs
leistungen be
ziehenden Person, die ihm verbleibenden
Einkunftsmöglichkeiten
tat
sächlich zu realisieren, ist auch Ausdruck der bei der Leis
tungsfestsetzung im
So
zialversiche
rungsrecht regelmässig und zwingend zu be
achtenden Schaden
min
de
rungspflicht (Urteile des Bundesgerichts 8C_380/2008 vom 17. September 2008,
E. 3.2, sowie P 6/04 vom 4. April 2005, E. 2, je mit Hinweisen).
Bemüht sich der Ehegatte trotz (teilweiser)
zumutbarerweise
verwertbarer Arbeits
fähigkeit nicht um eine Stelle, verletzt er dadurch die ihm obliegende
Scha
den
minderungspflicht (Urteil des Bundesgerichts 9C_717/2010 vom 26. Janu
ar
2011
E. 3.1 mit Hinweisen).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin hielt im angefochtenen
Einspracheentscheid
(Urk. 2) fest,
dass der Ehefrau ein hypothetisches Einkommen
angerechnet worden sei, nach
dem
di
e IV-Stelle des Kantons Zürich im April 2015
einen Anspruch der Ehefrau auf eine IV-Rente verneint habe und sie demnach zu 100 % arbeitsfähig sei.
Be
reits im Juni 2015 ha
be die Ehefrau ein neues Gesuch
bei der IV-Stelle einge
reicht. Über dieses Gesuch sei noch nicht entschieden worden, weshalb in der angefochtenen Verfügung als Einnahme unter anderem wiederum ein hypotheti
sches Einkommen der nicht invaliden Ehefrau in Höhe von jährlich Fr. 48'000.-- angerechnet worden sei (S. 1).
2.2
D
emgegenüber stellt
en sich die Beschwerdeführenden
auf den Stand
punkt (Urk. 1), dass
die Ehefrau aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sei, 100 % zu arbeiten.
Dem Gutachten des Universitätsspitals
A._
vom Juni 2016 könne ent
nommen werden, dass die Ehefrau von 2010 bis 2015 wenigstens zu 60
%
krank
heitsbedingt arbeitsunfähig und seit dem Juni 2015 andauernd zu 100
%
arbeits
unfähig in ihrer angestammten Tätigkeit als Köchin sei (S. 6).
2.3
Strittig
und zu prüfen
ist
somit, ob der Beschwerdeführerin 2
ein hypothetisches Ein
kommen von
Fr. 48
‘000
.-- jährlich anzurechnen ist.
3.
3.1
Die Beschwerdeführenden machten im Rahmen des Beschwerdeverfahrens unter anderem geltend, die IV-Stelle habe der Ehefrau mit Vorbescheid den Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente
in Aussicht gestellt (vgl.
Urk.
18-20).
Nachdem
dieser Vorbescheid mit Verfügung
bestätigt und der Beschwerdeführe
rin 2 mit Wirkung ab dem
1.
Juni 2017 eine
Dreiviertelsrente
zugesprochen wurde, machte die Beschwerdegegnerin neue provisorische Berechnungen ab Juni 2017 (
Urk.
22/1-5).
Die Beschwerdegegnerin führte aus,
es werde der Ehefrau nun ab Juni 2017 nur noch ein entsprechendes Mindesterwerbseinkommen für Teil
invalide gemäss
Art.
14a ELV angerechnet. Allerdings seien Leistungen für die Zeit ab
1.
Januar 2017 strittig, weshalb für die definitive Berechnung das vorlie
gende Verfahren abzuwarten sei (
Urk.
22/1).
3.2
Gemäss
Art. 14a Abs. 1 ELV wird bei Teilinvaliden grundsätzlich der Betrag als Er
werbseinkommen angerechnet, den sie im
massgebenden
Zeitabschnitt tat
säch
lich verdient haben. Invaliden unter 60 Jahren sind
jedoch mindestens folgen
de Beträge anzurechnen (Art. 14a Abs. 2 ELV):
-
der um einen Drittel erhöhte Höchstbetrag für den Lebensbedarf von Al
leinstehenden nach Art. 10 Abs. 1
lit
. a Ziff. 1 ELG bei einem Invali
di
täts
grad von 40 bis unter 50 Prozent (
lit
. a)
-
der Höchstbetrag für den Lebensbedarf nach Buchstabe a bei einem Inva
li
ditätsgrad von 50 bis unter 60 Prozent (
lit
. b)
-
zwei Drittel des Höchstbetrages für den Lebensbedarf nach Buchstabe a bei einem Invaliditätsgrad von 60 bis unter 70 Prozent (
lit
. c).
Wird der Grenzbetrag in Art. 14a Abs. 2 ELV nicht erreicht, insbesondere wenn keine Erwerbstätigkeit ausgeübt wird, gilt die Vermutung eines Verzichts auf Ein
künfte im Sinne von Art. 11 Abs. 1
lit
. g ELG. Diese Vermutung kann durch den Nachweis, dass invaliditätsfremde Gründe wie Alter, mangelhafte Ausbil
dung und Sprachkenntnisse, persönliche Umstände oder die Arbeitsmarktsitua
tion die Verwertung der Resterwerbsfähigkeit
übermässig
erschweren oder ver
unmögli
chen, widerlegt werden. Dabei besteht eine verstärkte Mitwirkungs
pflicht
des Be
zügers von Ergänzungsleistungen bei der Sachverhaltsabklärung durch das Durchführungsorgan (Art. 43 Abs. 1 ATSG) in dem Sinne, dass er die Um
stände geltend zu machen hat, welche nach seiner Auffassung geeignet sind, die Ver
mutung eines Einkommensverzichts
umzustossen
. Werden solche Um
stände nicht geltend gemacht und sind sie auch nicht ohne Weiteres ersicht
lich, oder führen die Abklärungen zu keinem schlüssigen Ergebnis, hat der invalide Be
zü
ger von
Ergänzungsleistungen die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (Ur
teil des Bun
desgerichts 9C_600/2009 vom 8. Oktober 2009, E. 3.2 mit Hin
weisen).
3.3
Bei der Festsetzung des anrechenbaren Einkommens Teilinvalider
gemäss
Art. 14a
Abs. 2 ELV haben sich EL-Organe und Sozialversicherungsgerichte mit
Bezug auf die invaliditätsbedingte Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit grund
sätzlich an die Invaliditätsbemessung durch die Invalidenversicherung zu halten
(Urteil des Bundesgerichts 8C_172/2007 vom 6. Februar 2008 E. 7.1).
Die medizinischen Abklärungen der IV-Stelle habe
n
ergeben, dass die Beschwer
deführerin 2 in ihrer angestammten Tätigkeit bereits seit dem Jahr 2010 nicht mehr arbeitsfähig ist und sich der Gesundheitszustand im Juni 2016 verschlech
tert hat, so dass sie nur noch 40
%
arbeitsfähig ist.
Das Wartejahr wurde per Juni 2016 eröffnet.
Gestützt darauf errechnete die IV-Stelle einen Invaliditätsgrad von
60
%
(
Urk.
20).
Demnach ist von einer Arbeitsfähigkeit von
40
%
in einer angepassten Tätigkeit und einem Invaliditätsgrad von
60
% auszu
gehen.
3.4
Weder aus den Akten noch aus den Vorbringen de
r
Beschwerdeführenden
sind Um
stände ersichtlich, welche die Annahme, dass sie das vermutete Mindestein
kom
men nicht erzielen könnte
,
umzustossen vermöchten. So
ist festzuhalten, dass bei der Beschwerdeführerin
2
keine inva
lidi
tätsfremden Beeinträchtigungen der Erwerbsfähigkeit vorliegen, welche ihr
die
Verwertung der Resterwerbsfähigkeit
übermässig
erschweren oder verunmög
li
chen
.
Demnach ist ihr ein hypothetisches
Erwerbseinkommen im Sinne von
Art. 14a Abs. 2 ELG anzurechnen.
Es bleibt allerdings zu bemerken, dass es entgegen den Ausführungen der Be
schwerdegegnerin keinen Unterschied machen kann, ob vorliegend über den An
spruch auf Leistungen ab Januar oder
ab Juni 2017 zu entscheiden ist
,
w
urde doch im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren eine Verschlechterung des Ge
sundheitszustandes der Beschwerdeführerin 2 ab Juni 2016 festgestellt und das Wartejahr per dann eröffnet. Dass ihr eine IV-Rente erst ab Juni 2017 zugespro
chen wurde, ist rein den invalidenversicherungsrechtlichen Bestimmungen
be
treffend Rentenbeginn und nicht dem Gesundheitszustand
zuzu
rech
nen und hat keinen Einfluss auf das Verfahren bezüglich Zusatzleistungen.
3.5
Im Jahr 201
7
betrug das anrechenbare Mindesteinkommen für
Teilinvalide bei einem Invaliditätsgrad von
6
0 bis unter
7
0 Prozent
jährlich
Fr.
7
'
573
.
-- (zwei Drittel des Höchstbetrages für den Lebensbedarf von
Fr.
19'290.--, nach Abzug des Freibetrages von
Fr.
1'500.-- zu zwei Dritteln angerechnet),
was bei der ärzt
lich festgestellten
Restarbeitsfähigkeit der Beschwerde
führerin
2
auch mittels ei
ner
eingeschränkte
n
, gelegentlich ausgeübte
n
Erwerbs
tätig
keit
als erzielbar er
scheint.
4.
Zusammenfassend hat die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin
2
mit Ver
fü
gung vom 1
4
.
Dezember
201
6
und
Einspracheentscheid
vom
12
.
Juli 2017
(Urk. 2) zu
Unr
echt ein hypotheti
sches Einkommen
in der Höhe von
Fr.
48'000.--
angerechnet. Der angefochtene Entscheid erweist sich dem
nach als
un
zutref
fend, weshalb die dagegen erhobene
Beschwerde gutzuheissen
ist.
Der angefochtene
Einspracheentscheid
ist aufzuheben und die Sache an die Be
schwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie den Anspruch der Beschwerde
füh
renden auf Zusatz
leistungen unter Berück
sichtigung der in den Erwägungen ge
machten Aus
führungen neu berechne und hernach neu verfüge.
5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die Beschwerdegegnerin zu verpflichten,
den Beschwerdeführenden
eine angemessene Prozessentschädigung auszurichten.
Diese
bemisst sich nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Pro
zesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streit
wert (§ 34 Abs. 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
Beim
pra
xisge
mässen Stundenansatz von Fr. 220.-- (zu
züglich Mehrwertsteuer) sowie unter Be
rücksichtigung der Bedeutung der Streit
sache und der Schwierigkeit des
Prozesses wird diese auf Fr. 1‘4
00.-- (inkl. Bar
aus
lagen und Mehrwertsteuer) fest
gelegt.