Decision ID: e9b5766a-400f-5efe-a4ff-fb44be789d6c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.a Die Beschwerdeführerin ist eritreische Staatsangehörige tigrinischer
Ethnie. Sie verliess Eritrea ihren eigenen Angaben zufolge im September
2014 und gelangte über Äthiopien, Sudan und Libyen, wo sie jeweils län-
gere Zeit gelebt habe, im Mai 2016 nach Italien, wo sie am 27. Juni 2016
ein Asylgesuch einreichte. Im Rahmen des Relocation-Programms kam sie
in die Schweiz und stellte hier am 9. Dezember 2016 ein Asylgesuch (Ak-
ten des SEM [A]1-3). Sie wurde am 13. Dezember 2016 summarisch im
Rahmen der Befragung zur Person (BzP) und am 31. Oktober 2017 ein-
lässlich zu ihren Asylgründen angehört. Am 16. Dezember 2016 wurde sie
dem Kanton B._ zugewiesen. Im Lauf des Asylverfahrens reichte
sie eine Kopie der Identitätskarte ihres Vaters ein (A4, A12, A7, A9 f.).
A.b Zur Begründung ihres Asylgesuchs gab sie an, sie sei in C._,
Subzoba D._, Zoba Debub, geboren und aufgewachsen. Nach dem
Tod des Vaters im Jahr 2012 habe sie die Schule abgebrochen und zu-
hause mitgearbeitet. Für den Militärdienst sei sie nie aufgeboten worden,
weder schriftlich noch mündlich. Es habe aber mehrere Razzien im Ort und
der Umgebung gegeben, bei denen ehemalige Schüler, welche die Schule
abgebrochen hätten, mitgenommen worden seien. Sie habe sich im Haus
ihrer älteren Schwester verstecken können. Aus Angst vor weiteren Raz-
zien sei sie im September 2014 illegal nach Äthiopien ausgereist.
A.c Gemäss den Akten hat die Beschwerdeführerin drei Geschwister in der
Schweiz (E._, [geb. (...), N (...)], F._, [geb. (...), N (...)], und
G._ [geb. (...), N (...)]). Im Rahmen des Asylverfahrens der Be-
schwerdeführerin konsultierte das SEM diese Akten.
B.
Mit Schreiben vom 24. Juni 2019 gewährte das SEM der Beschwerdefüh-
rerin das rechtliche Gehör zu verschiedenen Widersprüchen zwischen ih-
ren Aussagen und den Angaben ihrer Geschwister und ersuchte sie um
Beantwortung diverser Fragen zu ihren familiären Verhältnissen. Die Be-
schwerdeführerin nahm mit Eingabe vom 2. Juli 2019 (Datum des Post-
stempels; die Eingabe ist fälschlicherweise datiert auf den 2. Juni 2019)
Stellung und beantwortete die gestellten Fragen.
C.
Mit Verfügung vom 29. Juli 2019 – eröffnet am 2. August 2019 – verneinte
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die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin (Dispo-
sitivziffer 1), lehnte das Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2), und ordnete die
Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug an (Dispositivziffern 3-5).
D.
Mit Eingabe vom 28. August 2019 reichte die Beschwerdeführerin beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid ein und
beantragte die Aufhebung der Verfügung, die Gewährung von Asyl oder
jedenfalls die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie eventualiter
die Feststellung der Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit oder Unmöglichkeit
des Vollzugs der Wegweisung. Prozessual beantragte sie die Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und den Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses, alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu
Lasten der Vorinstanz (Beschwerdeakten [B-act.] 1). Mit der Beschwerde
reichte sie die Bescheinigung der wirtschaftlichen Sozialhilfe des Sozial-
dienstes der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen des Kantons
B._ vom 9. August 2019 sowie Auszüge aus dem Jahresbericht
2017/2018 von Amnesty International zu Eritrea ein und stellte in Aussicht,
ihre Taufurkunde und Schulzeugnisse nachzureichen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 3. September 2019 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, die Beschwerdeführerin könne den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses (B-act. 2).
F.
Vernehmlassungsweise hielt das SEM am 20. September 2019 im Wesent-
lichen an seinen Erwägungen fest und gab an, die Beschwerde enthalte
keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel.
G.
Die Beschwerdeführerin nahm mit Replik vom 10. Oktober 2019 zur Ver-
nehmlassung Stellung und reichte wie angekündigt ihre Taufurkunde sowie
ein Schulzeugnis für das (...). Schuljahr (...) samt Zustellcouvert aus Erit-
rea nach (B-act. 6). Das Gericht liess die Unterlagen von Amtes wegen
übersetzen.
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Seite 4
H.
Mit Eingabe vom 17. Mai 2021 reichte die Beschwerdeführerin verschie-
dene Empfehlungsschreiben und Bestätigungen ihrer Integration ein und
wies darauf hin, sie besuche derzeit H._ und werde ab Sommer
2022 eine Ausbildung im Gesundheitswesen beginnen. Aus den Unterla-
gen geht hervor, dass die Beschwerdeführerin im August 2021 ein einjäh-
riges Pflegepraktikum angefangen hat.
Ebenfalls mit Eingabe vom 17. Mai 2021 wandten sich der Klassenlehrer
und die Co-Rektorin des H._ des Kantons
B._ ans Gericht und reichten Unterlagen betreffend die guten schu-
lischen Leistungen und die guten bis sehr guten Berichte aus den absol-
vierten Schnupperpraktika im Februar und im April 2021 zu den Akten. Sie
halten fest, der Beschwerdeführerin könnten sehr hohe Erfolgschancen für
eine berufliche Integration attestiert werden.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,
ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1
4.1.1 Zur Begründung ihrer Verfügung führte die Vorinstanz vorab aus, an
der Identität der Beschwerdeführerin, ihrer Sozialisation in C._ und
ihrer Verwandtschaft zu den als Geschwister genannten Personen bestün-
den Zweifel. Ausser einer Kopie der Identitätskarte des Vaters, aus der be-
treffend sie selber nichts hervorgehe, habe sie keine Identitätspapiere vor-
gelegt. Ihre Angaben und die Aussagen der als Geschwister genannten
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Personen würden sich in wichtigen Punkten widersprechen; das SEM legte
ausführlich die aus seiner Sicht unauflösbaren Widersprüche in den Anga-
ben der vier (angeblichen) Geschwister dar. Ausserdem habe die Be-
schwerdeführerin zu ihrer eigenen Sozialisation in C._ nur wenig
substantiierte Angaben machen können und man hätte von jemandem, der
in diesem Gebiet aufgewachsen sei, namentlich in geografischer Hinsicht
oder betreffend den Grenzkrieg der Jahre 1998-2000 substantiiertere An-
gaben erwarten dürfen. Auch zur Arbeit in der Landwirtschaft habe die Be-
schwerdeführerin wenig Substantiiertes sagen können. Ebenso seien die
Aussagen zur angeblich besuchten Schule und zum Schulabbruch teils wi-
dersprüchlich, teils wiederum unsubstantiiert, weshalb auch am angebli-
chen Schulabbruch gezweifelt werden müsse.
4.1.2 Weiter argumentierte das SEM, es sei nicht nachvollziehbar, weshalb
die Beschwerdeführerin nicht regulär von der Kebabi-Verwaltung zum Na-
tionaldienst aufgeboten worden sei. Die Familie sei den Behörden ja be-
kannt gewesen. Die Beschwerdeführerin habe ausgeführt, kein explizites
Aufgebot erhalten zu haben. Es habe jedoch zwischen ihrem Schulabbruch
Anfangs 2014 bis zu ihrer Ausreise im September 2014 in C._ fünf
bis sechs Razzien gegeben. Die Vorinstanz glaubt nicht, dass es in einem
derart kurzen Zeitraum so viele Razzien gegeben habe. Zudem seien auch
diese Schilderungen wenig detailliert ausgefallen. Typische Merkmale ei-
ner glaubhaften Erzählung wie Detailreichtum, Beschreibungen von Emo-
tionen und Gedankengängen, die räumliche und zeitliche Verknüpfung der
erzählten Ereignisse sowie die Schilderungen von nebensächlichen und
ausgefallenen Einzelheiten fehlten. Die Aussagen der Beschwerdeführerin
könnten in der gemachten Form ohne weiteres von irgendjemandem nach-
erzählt werden. Diese einfach gehaltene Sachverhaltsdarstellung sei mit
der erfahrungsgemäss um ein Vielfaches komplexeren Wirklichkeit nicht
zu vereinbaren. Dies weise darauf hin, dass die Beschwerdeführerin sich
bei ihren Schilderungen auf einen konstruierten Sachverhalt und nicht auf
tatsächlich Erlebtes stütze.
4.1.3 Das SEM führte weiter aus, die Beschwerdeführerin mache geltend,
sie habe Eritrea illegal verlassen. Gemäss dem Koordinationsurteil des
Bundesverwaltungsgerichts vom 30. Januar 2017 (D-7898/2015) sei nicht
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich erit-
reische Staatsangehörige aufgrund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen
ihres Heimatstaates konfrontiert sehen, die bezüglich ihrer Intensität und
der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile gemäss Art. 3
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Abs. 2 AsylG darstellen würden. Anknüpfungspunkte, welche die Be-
schwerdeführerin in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige
Person erscheinen lassen könnten, seien nicht ersichtlich. Da es gemäss
ihren Angaben vor ihrer Ausreise keinen Behördenkontakt betreffend einen
allfälligen Einzug in den Nationaldienst gegeben habe, vermöge die gel-
tend gemachte illegale Ausreise alleine keine Furcht vor einer zukünftigen
asylrelevanten Verfolgung zu begründen.
4.1.4 Das SEM führte ausserdem aus, die Beschwerdeführerin habe zwar
in der Anhörung angedeutet, dass ihr in Äthiopien in körperlicher Hinsicht
etwas zugestossen sei, sie habe das nicht näher ausführen wollen. Etwa-
ige in Äthiopien, also in einem Drittstaat, erlittene Nachteile seien indes
nicht asylrelevant.
Insgesamt hielten die Vorbringen der Beschwerdeführerin den Anforderun-
gen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG und an die Glaub-
haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand. Sie erfülle deshalb die Flücht-
lingseigenschaft nicht, weshalb ihr Asylgesuch abzulehnen sei.
4.2 Die Beschwerdeführerin bestritt, dass ihre Angaben nicht glaubhaft
seien. Die Vorinstanz habe den Untersuchungsgrundsatz verletzt, indem
sie keine Abwägung der für sie und gegen sie sprechenden Sachverhalts-
elemente vorgenommen habe, im Gegenteil habe sie auf unwesentliche
Nebenpunkte abstellend nur die angeblich gegen sie sprechenden Ele-
mente erwähnt. Die Würdigung sei einseitig ausgefallen und positive Ele-
mente seien ausgeklammert worden. Sie habe die gestellten Fragen so
genau und ausführlich wie möglich beantwortet. Die Angaben würden dem
Erlebten entsprechen. Die Angaben seien genau, widerspruchsfrei und
schlüssig. Sie gibt zu bedenken, dass sie das Land mit (...) Jahren verlas-
sen habe, und während ihrer meisten erlebten Zeit in Eritrea ein Kind ge-
wesen sei. Dass sie den Fluss, nach dem sie gefragt worden sei, nicht
umgehend erkannt habe, liege daran, dass dieser nicht direkt in C._
fliesse. Sie sei auch keine Rechtsgelehrte, daher wisse sie auch nicht de-
tailliert, wie in ihrer Heimatregion Landstreitigkeiten gelöst würden. Zudem
stamme sie aus Eritrea, nicht aus Tigray, der nördlichsten Provinz Äthiopi-
ens; deshalb habe sie den Tigray-Begriff, nach dem das SEM gefragt habe,
nicht kennen können. Was den Grenzkonflikt betreffe, über den sie nichts
habe sagen können, sei sie bei dessen Ende ein Kleinkind gewesen. Dass
sie viele Fragen zu ihrer Heimatregion habe detailliert beantworten können,
habe die Vorinstanz unbeachtet gelassen. Sie werde zum Beleg ihrer Her-
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kunft ihre Schulzeugnisse einreichen. Im Übrigen sei auf ihre Angaben ab-
zustellen, und nicht auf diejenigen ihrer Geschwister. Was die von der
Vorinstanz beanstandete fehlende Identitätskarte betreffe, werde eine sol-
che in Eritrea erst ausgestellt, wenn man 18 Jahre alt sei und die staats-
bürgerlichen Pflichten erfüllt habe. Es sei ihr aber gelungen, ihre Taufur-
kunde aus Eritrea schicken zu lassen. Wenn trotzdem Zweifel am Ver-
wandtschaftsverhältnis zwischen ihr und ihren Geschwistern bestehen soll-
ten, seien sie jederzeit bereit, sich einer DNA-Analyse zu unterziehen.
Die Beschwerdeführerin fuhr fort, ihre Angaben in den Anhörungen seien
auch nicht überzeichnet gewesen, insbesondere habe sie nichts (Schlim-
mes) dazu erfunden. Sie habe deshalb nicht angegeben, eine (oder meh-
rere) Vorladungen für den Militärdienst erhalten zu haben. Nicht jede
dienstpflichtige Person erhalte eine Vorladung. Aber teilweise würde diese
Personen mit Giffas (Razzien) auf der Strasse festgenommen und direkt in
ein Militärcamp geschickt, ohne vorherige Vorladung. Wenn jede dienst-
pflichtige Person eine reguläre Vorladung erhalten würde, wie die Vor-
instanz behaupte, würde es keine Razzien brauchen. Die Behörden wüss-
ten aber genau, dass die meisten Schulabbrecher sich versteckten und es
keinen Sinn mache, Vorladungen zu schicken. Die Razzien würden teils
auch durch die lokalen Behörden durchgeführt; diese würden in den von
der Vorinstanz zitierten Quellen nicht aufgeführt. Sie habe jedenfalls ihre
Militärdienstpflicht verletzt, weil sie mit 18 Jahren ihren Dienst hätte antre-
ten müssen, sich aber versteckt gehalten habe. Wegen der Dienstpflicht-
verletzung habe sie gegen das eritreische Militärrecht verstossen. Zudem
habe sie das Land auf illegalem Weg verlassen und im Ausland ein Asyl-
gesuch gestellt. Dies werde vom eritreischen Regime als Landesverrat be-
trachtet. Deshalb erwarte sie in Eritrea eine unverhältnismässige oder ver-
botene Strafe und Behandlung.
4.3 In ihrer Vernehmlassung ergänzte die Vorinstanz hinsichtlich der Argu-
mentation der Beschwerdeführerin, diese sei kein Kind mehr gewesen, als
sie Eritrea verlassen habe; vielmehr sei sie erwachsen gewesen, als sie
ausgereist sei, und habe die gesamte Kindheit, Jugend und das junge Er-
wachsenenleben im Dorf verbracht, so dass zu erwarten gewesen wäre,
dass sie substantiiert zur Funktionsweise in der dortigen Dorfgemeinschaft
erzählen könne. Ihre Angaben seien jedoch äusserst vage gewesen. Dass
man von ihr Kenntnis eines Begriffs aus der Region Tigray erwartet hätte,
treffe ebenfalls nicht zu, sei doch der fragliche Begriff vielmehr auch im
eritreischen Hochland einschlägig.
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Soweit die Beschwerdeführerin die Einreichung von Dokumenten zu ihrer
Identität (Taufschein, Schulzeugnisse) in Aussicht stelle, stelle sich die
Frage, woher diese Dokumente stammen würden. In der Anhörung habe
die Beschwerdeführerin noch angegeben, es sei nicht möglich, ihre Schul-
zeugnisse einzuscannen und in die Schweiz schicken zu lassen. Das SEM
ergänzte, bei Taufurkunden handle es sich um sehr fälschungsanfällige
und käuflich leicht erwerbbare Dokumente.
4.4 Replikweise ergänzte die Beschwerdeführerin zur Einreichung ihres
Schulzeugnisses und ihrer Taufurkunde, es sei schwierig, sich Dokumente
aus Eritrea schicken zu lassen. Die angefragten Personen hätten Angst,
Dokumente ins europäische Ausland zu schicken, weil Briefpostsendungen
oft vom eritreischen Regime abgefangen würden. Schliesslich habe sich
eine Freundin bereit erklärt, die Dokumente zu schicken.
5.
5.1 Vorab ist anzumerken, dass die Akten der Geschwister der Beschwer-
deführerin, E._ [N (...)], F._ [N (...)], und G._ [N (...)]
vom Bundesverwaltungsgericht beigezogen wurden. Auch das SEM hatte
diese Akten im vorinstanzlichen Verfahren beigezogen; der Beschwerde-
führerin ist diesbezüglich korrekt das rechtliche Gehör gewährt worden
(vgl. A12 F159 ff. sowie Schreiben SEM vom 24. Juni 2019, A13).
5.2 Das SEM stellte nicht in Frage, dass die Beschwerdeführerin aus Erit-
rea stammt. Es bezweifelte aber einerseits ihre Herkunft aus dem Dorf
C._ und anderseits, dass sie die jüngste Schwester der drei ge-
nannten Geschwister sei. Es stützte sich dabei auf ausführlich dargelegte
Widersprüche aus den Dossiers der verschiedenen Geschwister. Letztlich
liess das SEM die Frage, ob die Beschwerdeführerin die Schwester der
genannten drei Geschwister sei, im Asylpunkt jedoch offen; bei der Begrün-
dung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ging das SEM schliess-
lich davon aus, die Beschwerdeführerin habe mit ihrer Mutter und den zwei
Schwestern in Eritrea dort ein tragfähiges familiäres Netz, in der Schweiz
habe sie drei Geschwister, und die im Ausland lebenden Verwandten könn-
ten im Bedarfsfall finanzielle Unterstützung leisten (vgl. angefochtene Ver-
fügung Ziff. III/2).
Die teils ungereimten und widersprüchlichen biografischen Aussagen der
Geschwister (...) zog das SEM im Übrigen auch im Asylverfahren von
G._ in Betracht, bezweifelte in jenem Verfahren aber letztlich weder
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die Herkunft aus Eritrea noch die Verwandtschaft von G._ mit sei-
nen Geschwistern noch die Glaubhaftigkeit seiner Asylvorbringen (vgl. N
(...) A16).
5.3 Auch das Bundesverwaltungsgericht geht davon aus, dass die Be-
schwerdeführerin aus Eritrea stammt und im Heimatland ihre Mutter und
zwei verheiratete Schwestern hat (vgl. A4 Ziff. 3.01, A12 F21 ff.).
5.4 Was die in der angefochtenen Verfügung ausführlich begründeten
Zweifel des SEM anbelangt, ob die Beschwerdeführerin tatsächlich die jün-
gere Schwester von E._, F._ und G._ ist und aus
C._ stammt, vermögen nicht alle Erwägungen des SEM gleicher-
massen zu überzeugen.
So ergeben sich beispielsweise zahlreiche Ungereimtheiten namentlich
aus den Aussagen der Schwester F._, welche etwa geltend machte,
der Vater sei in Eritrea seit Jahren in Haft, was die andern Geschwister alle
nicht bestätigten, und welche auch in ihren Befragungen im Jahr 2010 an-
gab, der Bruder E._ befinde sich seit 2005 in Eritrea im Gefängnis,
während E._ vielmehr seit 2005 in der Schweiz lebte (vgl. N [...] A8
Ziff. 15, A12 F16 ff., 22, 51). Diesbezüglich macht die Beschwerdeführerin
zu Recht geltend, dass vorliegend die Glaubhaftigkeit ihrer eigenen Aussa-
gen, nicht jener ihrer Schwester zu prüfen sind. Die Schwester F._
ist im Übrigen gemäss den Akten deutlich älter als die Beschwerdeführerin
und hatte auch seit längerer Zeit nicht mehr bei der Familie gelebt, was
Ungereimtheiten möglicherweise erklären könnte (vgl. [...] A12 F24 ff.) An-
dererseits stimmen die Aussagen der Beschwerdeführerin mit jenen der
beiden Brüder E._ und G._ überein; aus deren Aussagen
geht klar hervor, dass es sich bei der Beschwerdeführerin um ihre jüngste
Schwester handle (vgl. N [...] A9 S. 7; N [...] A4 Ziff. 3.02, A12 F 17). Soweit
aus den Akten ersichtlich, stimmen auch die Namen der Eltern und der Ge-
schwister jeweils überein (A4 Ziff. 1.16 und 3.01-3.03, A12 F21 ff.; N [...]
A1 Ziff. 2, A9 S. 4; N [...] A4 Ziff. 1.16, 3.02, A12 F17; vgl. auch N [...] A8
Ziff. 2, 12, A12 F13).
Von einem Gefängnisaufenthalt des Vaters, wie die Schwester F._
dies behauptet hatte, geht das Gericht aufgrund der bestehenden Akten-
lage nicht aus. Die Beschwerdeführerin und ihr Bruder G._ gaben
übereinstimmend an, der Vater sei krank gewesen und sei im Jahr 2012
gestorben (vgl. A4 F 3.01, A12 F59; N [...] A4 Ziff. 3.01). Auch der Bruder
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E._, der seit 2005 in der Schweiz lebt, hat nicht erwähnt, dass der
Vater im Gefängnis gewesen wäre.
Wie aus den nachfolgenden Erwägungen hervorgeht, erweist sich die gel-
tend gemachte Verwandtschaft der Beschwerdeführerin zu den Brüdern
E._ und G._ und zu der Schwester F._ weder bei der
Beurteilung von Vorfluchtgründen noch bei der Prüfung allfälliger Nach-
fluchtgründe der Beschwerdeführerin als ausschlaggebend, und weitere
Erörterungen in diesem Zusammenhang können daher unterbleiben. Na-
mentlich kann auf die Vornahme von DNA-Untersuchungen der Geschwis-
ter (vgl. die ohne Zweifel taugliche Beweisofferte der Beschwerdeführerin
in der Beschwerde S. 5) verzichtet werden.
5.5 Ebenfalls hier als nicht ausschlaggebend erweist sich die Beantwor-
tung der Fragen zur Klärung des länderspezifischen Wissens der Be-
schwerdeführerin, beispielsweise hinsichtlich landrechtlicher Spezialitäten
in der Heimatregion, oder hinsichtlich der Elternvertretung und dem Schul-
verwalter der Schule(n) der Zoba Debub, einer Schule, an der gemäss zi-
tierter Quelle des SEM damals 78 Lehrer unterrichteten (Ministry of Infor-
mation, concerted efforts; vgl. Verfügung SEM E. II 2.c S. 6). Ob die Be-
schwerdeführerin diese Informationen hätte kennen müssen, kann offen-
bleiben. Soweit die Vorinstanz in Erwägung zog, die Beschwerdeführerin
habe nichts über den Grenzkrieg von 1998-2000 gewusst, weist die Be-
schwerdeführerin immerhin zutreffend darauf hin, dass sie dannzumal ein
Kleinkind war, und es kann offen gelassen werden, ob und inwiefern dieser
Krieg, der bei ihrer Ausreise im Jahr 2014 seit 14 Jahren beendet war, auf
den Tagesablauf der Beschwerdeführerin im Dorf einen solchen Einfluss
hatte, dass sie darüber hätte Bescheid wissen müssen.
5.6 Festzuhalten bleibt, dass das Gericht zwar die Herkunft der Beschwer-
deführerin aus Eritrea nicht bezweifelt, dass aber ihre genaue Identität
nicht feststeht. Sie hat weder Identitätspapiere noch andere aussagekräf-
tigen Beweisunterlagen zu ihrer Identität eingereicht.
Zu den im Beschwerdeverfahren eingereichten Beweismitteln (B-act. 6)
bleibt anzumerken, dass das Schulzeugnis der Grundschule in C._
für das Schuljahr (...) der dritten Klasse die Beschwerdeführerin betrifft,
allerdings ist das Schuljahr mit einem anderen Stift und einer anderen
Handschrift als die übrigen Einträge ausgefüllt. Auch die Taufurkunde be-
trifft die Beschwerdeführerin und es geht daraus hervor, dass sie am (...)
in der Kirche I._ in C._ getauft wurde. Zu Recht weist die
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Vorinstanz allerdings darauf hin, dass solche Unterlagen, die keinerlei Fäl-
schungssicherheiten beinhalten und nicht eigentliche Identitätsdokumente
sind, keinen hohen Beweiswert geniessen.
6.
Im Folgenden sind zunächst die Vorbringen der Beschwerdeführerin im
Hinblick darauf zu würdigen, ob sie Vorfluchtgründe geltend machen kann.
6.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, sie habe sich durch ihre Flucht
einer Einberufung in den Militärdienst entzogen, namentlich habe sie das
Land verlassen, nachdem im Dorf vermehrt Razzien auf der Suche nach
Schulabbrechern durchgeführt worden seien. Sie müsse in Eritrea, da sie
einerseits den obligatorischen Militärdienst verweigert und andererseits
das Land unerlaubt verlassen habe, eine unverhältnismässig hohe Strafe
befürchten.
6.2 Vor dem Hintergrund der von der vormaligen Schweizerischen Asylre-
kurskommission (ARK) begründeten (vgl. Entscheidungen und Mitteilun-
gen der ARK [EMARK] 2006 Nr. 3) und vom Bundesverwaltungsgericht
weitergeführten Rechtsprechung (vgl. statt vieler Urteil des BVGer
E-1312/2019 vom 16. Juni 2021 E. 6, Urteil E-5554/2018 vom 6. April 2021
E. 7, je m.w.H.) ist festzustellen, dass Dienstverweigerung und Desertion
in Eritrea unverhältnismässig streng bestraft werden. Die Furcht vor einer
Bestrafung wegen Dienstverweigerung oder Desertion ist dann begründet,
wenn die betroffene Person in einem konkreten Kontakt zu den Militärbe-
hörden stand. Ein solcher Kontakt ist regelmässig anzunehmen, wenn die
betroffene Person im aktiven Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus
ist jeglicher Kontakt zu den Behörden relevant, aus dem erkennbar wird,
dass die betroffene Person rekrutiert werden sollte (zum Beispiel der Erhalt
eines Marschbefehls). In diesen Fällen droht grundsätzlich nicht allein eine
Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung unter unmenschlichen Bedingungen
und Folter, wobei Deserteure regelmässig der Willkür ihrer Vorgesetzten
ausgesetzt sind. Die Desertion wird von den eritreischen Behörden als Aus-
druck der Regimefeindlichkeit aufgefasst. Demzufolge sind Personen, die
begründete Furcht haben, einer solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden,
als Flüchtlinge im Sinne von Art. 1A Abs. 2 FK und Art. 3 Abs. 1-3 AsylG
anzuerkennen.
6.3 Betreffend die Beschwerdeführerin hat die Vorinstanz zwar festgehal-
ten, es sei nicht nachvollziehbar, dass sie vor ihrer Ausreise aus Eritrea
nicht für den Dienst aufgeboten worden sei, da die Familie den Behörden
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ja bekannt gewesen sei. Ausserdem hält das SEM die Angabe der Be-
schwerdeführerin, in C._ seien von anfangs 2014 bis September
2014 zahlreiche Razzien durchgeführt worden, nicht für glaubhaft (vgl. Ver-
fügung SEM E. II 3 S. 7 f.). Dennoch geht es davon aus, dass es gemäss
den Angaben der Beschwerdeführerin keinen Behördenkontakt betreffend
einen Einzug in den Nationaldienst gegeben habe. Das SEM folgert, dem-
nach vermöge das Vorbringen der Beschwerdeführerin, Eritrea illegal ver-
lassen zu haben, für sich alleine keine Furcht vor einer zukünftigen asylre-
levanten Verfolgung zu begründen.
6.4
6.4.1 Das Bundesverwaltungsgericht bezweifelt die wiederholten Razzien
im Heimatdorf der Beschwerdeführerin und in der Umgebung in den Jahren
2013/2014 nicht und geht – entgegen der Auffassung des SEM – davon
aus, dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt ihrer illegalen Ausreise im
September 2014 noch nicht von den eritreischen Behörden als militär-
dienstpflichtig erfasst war, hatte sie doch gemäss ihren Angaben das
10. und 11. Schuljahr nicht absolviert (A4 F1.17.04), keine Identitätskarte
beantragt, und konnte sich zudem vor den durchgeführten Razzien verste-
cken.
6.4.2 Im Ergebnis wird die Auffassung der Vorinstanz jedoch bestätigt. Die
blosse Tatsache, dass die Beschwerdeführerin im militärdienstpflichtigen
Alter ist, genügt nicht, um sie als Dienstverweigererin zu betrachten; einen
konkreten Behördenkontakt zwecks Einberufung hat sie nicht aufgezeigt.
Dass ihr im Heimatland eine Einberufung in den Militärdienst bevorstehen
würde, ist für sich allein, mangels relevanter Verfolgungsmotivation, flücht-
lingsrechtlich nicht beachtlich und vermag keine asylrelevante Verfolgung
zu begründen.
6.4.3 Der Vorinstanz ist ausserdem zuzustimmen, dass die Erlebnisse der
Beschwerdeführerin in Äthiopien, über welche sie nicht sprechen konnte
(vgl. A12 F154 ff.), keinen Einfluss auf ihre Flüchtlingseigenschaft haben.
Es ist zwar gerichtsnotorisch, dass Folteropfer und andere Personen mit
traumatischen Verfolgungserlebnissen häufig nicht sofort über ihre Erleb-
nisse sprechen können (vgl. WALTER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens,
Basel 1990, S. 262; BVGE 2009/51 E. 4.2.3). Da die Erlebnisse sich aber
gemäss der Beschwerdeführerin auf der Flucht in Äthiopien ereignet haben
und nicht in Eritrea, dem Land, aus welchem sie geflohen ist, sind sie für
die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft nicht relevant und demnach für
das vorliegende Verfahren nicht massgebend.
E-4389/2019
Seite 14
Demnach schliesst sich das Bundesverwaltungsgericht der Einschätzung
an, dass die Beschwerdeführerin keine Vorfluchtgründe im Sinne von Art. 3
AsylG aufzeigen konnte.
7.
Zu prüfen ist in einem weiteren Schritt, ob die Beschwerdeführerin subjek-
tive Nachfluchtgründe darlegen konnte.
7.1 Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar gemäss
Art. 54 AsylG kein Asyl, werden aber als Flüchtlinge vorläufig aufgenom-
men. Als subjektive Nachfluchtgründe gelten insbesondere das illegale
Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht), das Einreichen eines
Asylgesuchs im Ausland oder exilpolitische Betätigungen, wenn sie die Ge-
fahr einer zukünftigen Verfolgung begründen. Durch Republikflucht zum
Flüchtling wird, wer wegen illegaler Ausreise Sanktionen des Heimatstaa-
tes befürchten muss, die bezüglich ihrer Intensität ernsthafte Nachteile im
Sinne von Art. 3 AsylG darstellen (BVGE 2009/29).
7.2 Im Zusammenhang mit der von der Beschwerdeführerin geltend ge-
machten illegalen Ausreise aus Eritrea ist auf das Referenzurteil des Bun-
desverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 zu verweisen.
Das Gericht geht gemäss dieser Praxis nicht mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit davon aus, dass sich eritreische Staatsangehörige allein auf-
grund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen ihres Heimatstaates konfron-
tiert sehen, welche bezüglich ihrer Intensität und der politischen Motivation
des Staates ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgesetzes darstellen
(vgl. D-7898/2015, a.a.O., E. 5.1). Gemäss dieser Rechtsprechung ist nur
dann von einer begründeten Furcht vor intensiven und flüchtlingsrechtlich
begründeten Nachteilen auszugehen, wenn zur illegalen Ausreise weitere
Faktoren hinzukommen, welche die asylsuchende Person in den Augen
der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen (vgl.
D-7898/2015, a.a.O., E. 5.1). Es bedarf mit anderen Worten zusätzlicher
Anknüpfungspunkte, welche zu einer Schärfung des Profils der illegal aus-
gereisten Person und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Ver-
folgungsgefahr führen könnten.
7.3 Das SEM ging in der angefochtenen Verfügung davon aus, solche zu-
sätzlichen Anknüpfungspunkte seien für die Beschwerdeführerin nicht er-
sichtlich, zumal sie nie Behördenkontakt im Hinblick auf einen Einzug in
den Nationaldienst gehabt habe und sich mit der Ausreise demnach keiner
Pflicht gegenüber dem Staat entzogen habe.
E-4389/2019
Seite 15
Diese Erwägungen sind zutreffend. Aus den Akten gehen ferner auch keine
hinlänglichen Hinweise hervor, dass die Beschwerdeführerin – die Glaub-
haftigkeit der dargelegten Verwandtschaftsverhältnisse unterstellt – wegen
ihrer Geschwister Verdächtigungen und Schwierigkeiten gewärtigen müss-
te. Zum einen hat sie selber entsprechende Befürchtungen weder im vor-
instanzlichen Verfahren noch im Beschwerdeverfahren explizit geltend
gemacht. Zum andern ist festzuhalten, dass auch in der Vergangenheit die
Familie der Beschwerdeführerin der Geschwister wegen offenbar nicht
behelligt worden ist. So machte die Beschwerdeführerin nicht geltend, dass
die Familie wegen des Bruders E._, der Eritrea Ende 2005
verlassen hat, je in den folgenden Jahren behelligt worden sei; auch wegen
der beiden Brüder G._ und J._, die in der Zeit zwischen
2012 und 2014 inhaftiert gewesen seien, wurde die Familie offenbar nicht
behelligt; die Beschwerdeführerin lebte in dieser Zeit bei ihrer Mutter oder
bei ihrer Schwester, ohne dass dort je im Zusammenhang mit den Brüdern
behördliche Behelligungen erfolgt wären (vgl. A4 Ziff. 7.02; A12 F58 ff., 128
ff.).
Die Angaben der Beschwerdeführerin zur Flucht und zum Fluchtweg nach
Äthiopien – soweit sie dazu selbständig Angaben machte und befragt
wurde (vgl. A12 F58 ff.) – sind übereinstimmend ausgefallen (A12 F58,
149, 153). Ungeachtet der Frage ihrer Glaubhaftigkeit vermag aber eine
illegale Ausreise allein nicht zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft der
Beschwerdeführerin zu führen, nachdem keine anderweitigen Anknü-
pfungspunkte im Sinne der skizzierten Rechtsprechung (Entscheid
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017) aufgezeigt worden sind.
8.
Nach dem Gesagten erfüllt die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigen-
schaft nicht und ihr Asylgesuch wurde zu Recht abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/37
E-4389/2019
Seite 16
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
10.2.1 Da es der Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Die Zulässigkeit des Vollzuges be-
urteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtli-
chen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105], Art. 3 und
4 EMRK).
10.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangte im Grundsatzurteil
BVGE 2018 VI/4 zum Schluss, der Wegweisungsvollzug nach Eritrea sei
auch angesichts einer (allfälligen) drohenden Einziehung in den National-
dienst als zulässig im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG in Verbindung mit
Art. 4 EMRK zu qualifizieren. Dabei wurde erwogen, es handle sich beim
eritreischen Nationaldienst nicht um Sklaverei oder Leibeigenschaft
(vgl. ebenda, E. 6.1.4). Ferner müsse der Nationaldienst zwar grundsätz-
lich als Zwangsarbeit (Art. 4 Abs. 2 EMRK) qualifiziert werden; allerdings
http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/24
E-4389/2019
Seite 17
könne im Falle von Eritrea nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit da-
von ausgegangen werden, dass während der Leistung des Nationaldiens-
tes generell das ernsthafte Risiko einer krassen Verletzung des Verbots
der Zwangs- und Pflichtarbeit bestehe (vgl. ebenda, E. 6.1.5).Es existierten
keine hinreichenden Belege dafür, dass Misshandlungen und sexuelle
Übergriffe im Nationaldienst derart flächendeckend stattfänden, dass jede
Dienstleistende und jeder Dienstleistende dem ernsthaften Risiko ausge-
setzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden (vgl. ebenda, E. 6.1.6). So-
mit besteht selbst bei einer allfälligen Einziehung der Beschwerdeführerin
in den eritreischen Nationaldienst kein ernsthaftes Risiko einer Verletzung
von Art. 3 EMRK. Den Akten sind des Weiteren keine anderweitigen, kon-
kreten und glaubhaften Anhaltspunkte dafür zu entnehmen, dass die Be-
schwerdeführerin im Falle einer Rückkehr nach Eritrea dort mit beachtli-
cher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbote-
nen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Schliesslich lässt auch die
allgemeine Menschenrechtssituation in Eritrea den Wegweisungsvollzug
im heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
10.2.3 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwal-
tungsgericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges – aufgrund des
Fehlens eines Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz
und Eritrea – lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte und die Zulässig-
keit zwangsweiser Rückführungen ausdrücklich offengelassen hat (vgl.
BVGE 2018 VI/4 E. 6.1.7).
10.2.4 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführerin erweist sich
damit – sowohl im Sinn der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestim-
mungen – als zulässig.
10.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.3.1 In BVGE 2018 VI/4 kam das Bundesverwaltungsgericht auch zum
Schluss, dass die drohende Einziehung in den Nationaldienst nicht zur Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führe (a.a.O. E. 6.2.3-6.2.5).
http://links.weblaw.ch/BVGE-2018%20VI/4
E-4389/2019
Seite 18
10.3.2 Laut geltender Rechtsprechung ist in Eritrea nicht von einem Krieg,
Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise
einer generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs auszugehen.
Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwierig. Die medizinische
Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zugang zu Wasser und zur
Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist seit Jahren beendet und
ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte sind nicht zu verzeichnen. An-
gesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Landes muss jedoch in
Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung ausgegangen wer-
den, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als noch unter der
früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle Faktoren jedoch
nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. Au-
gust 2017 E. 16 f.).
10.3.3 Das SEM bejahte die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und
zog in Erwägung, die Beschwerdeführerin könne im Heimatland auf ein
tragfähiges familiäres Netz zurückgreifen. Ihr Mutter und zwei Schwestern
lebten in Eritrea, und sie habe drei Geschwister in der Schweiz, auf deren
finanzielle Unterstützung im Bedarfsfall gezählt werden könne. Der Um-
stand, dass die Familie die Reisekosten für die Beschwerdeführerin und
ihre Geschwister habe aufbringen können, deute ebenfalls auf eine solide
wirtschaftliche Situation hin (vgl. Verfügung SEM Ziff. III 2). Ergänzend ist
festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin ihren Angaben zufolge aus der
Schweiz mit ihrer Familie telefonischen Kontakt hat (A12 F15); ihre Familie
besitze Ackerland; auch sie selber habe nach dem Schulabbruch im land-
wirtschaftlichen Betrieb mitgearbeitet (A12 F26 ff.; Beschwerde S. 4). Fer-
ner sind keine gesundheitlichen Schwierigkeiten der Beschwerdeführerin
aktenkundig; sie ist eine junge, soweit ersichtlich gesunde Frau ohne fami-
liäre Verpflichtungen. Den Befürchtungen, dass die Beschwerdeführerin
bei einer Rückkehr nach Eritrea ein Leben in Armut fristen müsste, zumal
sie keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung besitze (Beschwer-
de S. 9), schliesst sich das Gericht nach dem Gesagten insgesamt nicht
an; es ist immerhin davon auszugehen, dass sie am Herkunftsort über eine
gesicherte Wohnmöglichkeit und ein soziales Beziehungsnetz verfügt, wel-
ches sie bei Bedarf unterstützen könnte. Es ist daher auch kein individuel-
les Vorbringen ersichtlich, welches der Zumutbarkeit des Vollzugs im Weg
stehen könnte.
10.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-2311/2016
E-4389/2019
Seite 19
10.4 Die zwangsweise Rückführung abgewiesener Asylsuchender nach
Eritrea ist zurzeit generell unmöglich. Die Möglichkeit der freiwilligen Rück-
kehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit des
Wegweisungsvollzugs entgegen. Es obliegt daher der Beschwerdeführe-
rin, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine
Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4
AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12).
Der Vollzug der Wegweisung ist deshalb auch als möglich zu bezeichnen
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt daher ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1-4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem indessen das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Instruktions-
verfügung vom 3. September 2019 gutgeheissen worden ist und aus den
Akten keine massgeblichen Veränderungen der finanziellen Lage der Be-
schwerdeführerin hervorgehen (sie absolviert derzeit ein Ausbildungsprak-
tikum, ist aber nicht erwerbstätig), ist auf die Erhebung von Verfahrenskos-
ten zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
http://links.weblaw.ch/BVGE-2008/34
E-4389/2019
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