Decision ID: 394e88c2-2d6e-56d0-976d-460a5c3a0646
Year: 2019
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger paschtuni-
scher Ethnie aus dem Dorf B._ in der Provinz C._, verliess
seine Heimat eigenen Angaben zufolge ungefähr (...) beziehungsweise im
(...). Am (...) 2019 gelangte er nach misslungenen Einreiseversuchen vom
(...) 2019 und (...) 2019 bei D._ illegal in die Schweiz und suchte
noch am selben Tag um Asyl nach. In der Folge wurde er dem Bundesas-
ylzentrum (BAZ) der Region E._ zugewiesen. Am 3. September
2019 erhob das SEM seine Personalien und befragte ihn zu seinem Rei-
seweg und summarisch zu seinen Asylgründen (sog. Protokoll der Erstbe-
fragung UMA [EB]). Die einlässliche Anhörung zu seinen Asylgründen
(nachfolgend: Anhörung) fand am 22. Oktober 2019 statt.
Hinsichtlich seiner persönlichen Verhältnisse hielt der Beschwerdeführer
fest, er sei circa anderthalb oder zwei Monate vor seiner Ausreise vom Dorf
zu einem Onkel in die Stadt C._ gezogen und habe dabei den
Schulbesuch in der (...) Klasse abgebrochen. Ihm sei bislang weder sein
Alter noch sein Geburtsdatum bekannt gewesen. Beim Ausfüllen des Per-
sonalienblattes sei ihm ein Afghane behilflich gewesen. Dabei habe er erst-
mals sein Geburtsdatum errechnet. Erst in der Schweiz beziehungsweise
wenige Wochen vor der EB habe er von seinem Vater telefonisch erfahren,
dass er (...) Jahre alt sei.
Sein Vater habe zusammen mit seinen Brüdern einen Mullah zur Moschee
des Dorfes gebracht. Da sich dieser für die Taliban eingesetzt habe, hätten
der Vater und die Brüder versucht, den Mullah zu entlassen. Dies sei miss-
lungen. Deswegen sei der Mullah durch zwei Cousins väterlicherseits, wel-
che für die afghanische Armee arbeiteten, angezeigt worden. Als schliess-
lich bekanntgeworden sei, dass er einen Selbstmordattentäter organisiert
habe, sei er verhaftet worden. Der Mullah habe den Taliban berichtet, dass
er durch die beiden Cousins verraten worden sei. Deswegen sei der ältere
der beiden in der Folge in F._ angeschossen worden. Zwei weitere
Cousins väterlicherseits seien von den Taliban rekrutiert worden und beim
Sturz C._ durch die Taliban ums Leben gekommen. Er sei damals
noch sehr jung gewesen. Seine Familie sei auch sonst ständig durch die
Taliban bedroht und schlecht behandelt worden. Um ihn in Sicherheit zu
bringen, hätten die Eltern ihn nach C._ zu einem Onkel väterlicher-
seits geschickt. Seine Eltern und Geschwister seien ihm (...) oder (...) Tage
später dorthin nachgefolgt. Als sein Vater auch in der Stadt erneut von den
D-5923/2019
Seite 3
Taliban bedroht worden sei, habe dieser beschlossen, dass er (Beschwer-
deführer) ausreisen solle.
Bezüglich des Nachweises der Identität gab der Beschwerdeführer bei der
EB zu Protokoll, er habe seine Tazkara während der Reise nach Europa
auf dem Weg vom G._ in H._ verloren. Ausser diesem Do-
kument, dessen Inhalt ihm nicht bekannt gewesen sei und ihn nicht inte-
ressiert habe, habe er keine weiteren Ausweispapiere besessen. Anläss-
lich der Anhörung reichte er eine Kopie einer Tazkara zu den Akten, welche
sein Vater zwischenzeitlich durch die heimatlichen Behörden habe ausstel-
len lassen.
B.
B.a Da der Beschwerdeführer bei der Ankunft in der Schweiz angab, min-
derjährig zu sein, wurde seiner Rechtsvertretung im Anschluss an die EB
am 5. September 2019 das rechtliche Gehör zu seinem Alter gewährt.
B.b Die Rechtsvertretung nahm dazu am 13. September 2019 Stellung.
Sie wandte im Wesentlichen ein, aufgrund der individuellen Situation des
Beschwerdeführers sowie insbesondere dessen kulturellen und gesell-
schaftlichen Umfelds erstaune nicht, dass er sich nicht mit dem Inhalt sei-
ner Tazkara auseinandergesetzt habe. Zudem sei er bei seinem Einreise-
versuch vom Schweizerischen Grenzwachtkorps (GWK) genötigt worden,
eine genaues Geburtsdatum anzugeben und habe gezwungenermassen
ein solches errechnet. Dieser Vorgang habe sich beim Ausfüllen des Per-
sonalienblattes der Schweizer Asylbehörden wiederholt, wobei ihm eine
Person behilflich gewesen sei. Nach seiner Einreise in die Schweiz habe
er telefonischen Kontakt mit seinem Vater in Afghanistan aufgenommen,
welcher ihm bestätigt habe, dass die gemachten Angaben korrekt seien.
Seine Altersangaben seien kongruent ausgefallen und deuteten auf seine
Minderjährigkeit hin. Somit erscheine willkürlich, sein Geburtsdatum auf
den (...) festzusetzen. Bei allfälligen Zweifeln an den Altersangaben wäre
vielmehr angezeigt, weitere Abklärungen sowie nötigenfalls ein Altersgut-
achten anzuordnen. Bis dahin sei der Beschwerdeführer in UMA-Struktu-
ren unterzubringen. Zudem wurde auf Art. 110 Abs. 2 AsylG (SR 142.31)
aufmerksam gemacht, nachdem das SEM in seinem Schreiben vom
5. September 2019 ausgeführt habe, dass die Anhörung des Beschwerde-
führers frühestens in drei Wochen stattfinden werde, weshalb diesem aus-
reichend Zeit für die Einreichung von weiteren Beweismitteln zur Verfügung
stehe. Schliesslich wurde nach der EB erneut darum ersucht, eine Über-
weisung ins erweiterte Verfahren in Betracht zu ziehen.
D-5923/2019
Seite 4
B.c Mit nicht selbständig anfechtbarer Verfügung vom 17. September 2019
wurde das Alter des Beschwerdeführers im ZEMIS auf den (...) gesetzt und
dieser für den weiteren Verlauf des Verfahrens als volljährig betrachtet.
B.d Im Rahmen der Anhörung beantragte die Rechtsvertretung, dass das
Alter des Beschwerdeführers angepasst, dieser in UMA-Strukturen aufge-
nommen sowie ein medizinisches Altersgutachten erstellt werde. Zudem
stellte sie einen Antrag auf Zuweisung ins erweiterte Verfahren.
C.
Am 29. Oktober 2019 unterbreitete das SEM dem Beschwerdeführer den
Entwurf des ablehnenden Asylentscheides zur Stellungnahme. Die Rechts-
vertretung zeigte sich in ihrer Stellungnahme vom 30. Oktober 2019 mit
dem geplanten Entscheid nicht einverstanden. Namentlich wurde die Voll-
jährigkeit des Beschwerdeführers bestritten. Insbesondere habe er bei der
EB erklärt, er kenne sein Geburtsdatum nicht, sein Alter aber schon. Er
habe von Beginn weg offengelegt, wie das angegebene Geburtsdatum er-
rechnet worden sei. In der Folge seien ihm in der EB nur sehr wenige Fra-
gen zur Biografie gestellt worden, um das von ihm angegebene Alter zu
überprüfen. In der Verfügung vom 17. September 2019 sei ihm schliesslich
vorgehalten worden, er habe keinerlei Identitätsdokumente, welche sein
Alter belegen könnten, eingereicht. Anlässlich der Anhörung vom 22. Ok-
tober 2019 habe er aber eine Fotografie einer neuen Tazkara eingereicht
und plausibel erklärt, wie diese beschafft worden sei und das Original auf
dem Postweg von Afghanistan unterwegs sei. Anlässlich der Anhörung
habe die Dolmetscherin die Tazkara summarisch übersetzt, die Altersan-
gabe ("[...] Jahre") und das Ausstellungsdatum ("2019") seien eingetragen
und lesbar. Dies sei im Entscheidentwurf nicht erwähnt worden. Demnach
sei keine umfassende Gesamtwürdigung beziehungsweise Abwägung
sämtlicher Anhaltspunkte, welche für oder gegen die angegebenen Alters-
angaben sprechen, vorgenommen worden. Deshalb sei die Schlussfolge-
rung des SEM, dem Beschwerdeführer sei es nicht gelungen, seine Min-
derjährigkeit glaubhaft zu machen, unzulässig. Auch mit der Beurteilung
der Frage der Asylrelevanz der Verfolgung durch die Taliban sei der Be-
schwerdeführer nicht einverstanden. So bestehe eine besondere Feind-
schaft seiner Familie mit den Taliban, weshalb er einer gezielten Verfolgung
ausgesetzt sei. Im Entscheidentwurf werde aber nicht abgehandelt, ob der
Beschwerdeführer aufgrund der von ihm vorgebrachten Exponiertheit ei-
nem erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt sei.
D-5923/2019
Seite 5
D.
Mit am selben Tag eröffneter Verfügung vom 31. Oktober 2019 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte dessen Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz. Gleichzeitig ordnete das SEM die vorläufige Aufnahme des Be-
schwerdeführers wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs an
und beauftragte den Kanton I._ mit deren Umsetzung. Im Weiteren
händigte es dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis aus.
Zur Begründung führte das SEM im Wesentlichen an, die Vorbringen des
Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flüchtlingseigenschaft
gemäss Art. 3 AsylG stand. So sei es ihm nicht gelungen, seine Minderjäh-
rigkeit glaubhaft zu machen. Zudem seien seine Verfolgungsvorbringen
nicht asylrelevant. Für die detaillierten Ausführungen wird auf die ange-
fochtene Verfügung verwiesen.
E.
Mit Eingabe vom 11. November 2019 erhob der Beschwerdeführer gegen
diese Verfügung durch seine Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde. Dabei beantragte er, die Dispositivziffern 1–3 der Ver-
fügung der Vorinstanz vom 31. Oktober 2019 seien aufzuheben, er sei als
Flüchtling anzuerkennen und es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter
seien die Dispositivziffern 1–3 der vorinstanzlichen Verfügung vom 31. Ok-
tober 2019 aufzuheben und es sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sach-
verhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Das im ZEMIS geführte Geburtsdatum vom (...) sei zu berichtigen und auf
den (...) anzupassen. Eventualiter sei diesbezüglich die angefochtene
(Zwischen)verfügung vom 17. September 2019 aufzuheben und die Sache
zur Durchführung eines medizinischen Altersgutachtens und Neubeurtei-
lung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Schliesslich sei die unentgeltliche
Prozessführung zu gewähren und insbesondere von der Erhebung eines
Kostenvorschusses abzusehen. Als Beweismittel reichte er eine Fotografie
einer Versandbestätigung und einen Track&Trace-Ausdruck der Afghani-
schen Post ein.
F.
Die vorinstanzlichen Akten trafen am 12. November 2019 beim Bundesver-
waltungsgericht ein (Art. 109 Abs. 1 AsylG).
D-5923/2019
Seite 6
G.
Mit Schreiben vom 18. November 2019 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der vorliegenden Beschwerde.
H.
Mit Schreiben vom 21. November 2019 teilte die Rechtsvertreterin unter
Beilage eines diesbezüglichen Schreibens der Eidgenössischen Zollver-
waltung (EZV) vom 18. November 2019 und der Kopie einer Tazkara
(Nr. 33285889) mit, die Postsendung mit dem Originaldokument sei vom
GWK sichergestellt worden. Zudem beantragte sie, das Originaldokument
sei bei der Vorinstanz zu edieren.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Beim angefochtenen Entscheid handelt es sich um eine Verfügung im
Sinne von Art. 5 VwVG, die vom SEM als Vorinstanz im Sinne von Art. 33
Bst. d VGG erlassen wurde. Da keine Ausnahme gemäss Art. 32 VGG vor-
liegt, ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung der Beschwerde
zuständig (Art. 31 VGG).
1.2 Soweit mit der Beschwerde die vom SEM verfügte Verneinung der
Flüchtlingseigenschaft und Ablehnung des Asylgesuchs sowie die von ihm
angeordnete Wegweisung angefochten werden, entscheidet das Bundes-
verwaltungsgericht vorliegend endgültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5). Mit uneinge-
D-5923/2019
Seite 7
schränkter Kognition entscheidet das Bundesverwaltungsgericht vorlie-
gend über die Datenänderung im ZEMIS (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 49
VwVG).
3.
In Anwendung von Art. 37 VGG i.V.m. Art. 57 Abs. 1 VwVG sowie Art. 111a
Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung eines Schriftenwech-
sels verzichtet.
4.
Die Beschwerdeeingabe richtet sich gegen die Ablehnung des Asylge-
suchs, die Feststellung der Vorinstanz, der Beschwerdeführer erfülle die
Flüchtlingseigenschaft nicht, sowie die Anordnung der Wegweisung als
solcher. Die Frage des Vollzugs der Wegweisung bildet nicht Gegenstand
des Beschwerdeverfahrens. Die Beschwerde richtet sich ausserdem ge-
gen den Eintrag des Geburtsdatums im ZEMIS.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer rügt, dass das SEM sein Geburtsdatum willkür-
lich auf den (...) angepasst habe.
5.2 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes über
das Informationssystem für den Ausländer- und Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (ZEMIS-Verord-
nung, SR 142.513) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord-
nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus-
kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa-
tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten,
nach dem Datenschutzgesetz (DSG, SR 235.1) und dem VwVG.
5.3 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem solchen Fall ein
absoluter und uneingeschränkter Anspruch (vgl. die Urteile des BVGer
A-7588/2015 vom 26. Februar 2016 E. 3.2 und A-7822/2015 vom 25. Feb-
ruar 2016 E. 3.2, je m.w.H.; vgl. ferner Urteil des BGer 1C_224/2014 vom
D-5923/2019
Seite 8
25. September 2014 E. 3.1). Die ZEMIS-Verordnung sieht im Übrigen aus-
drücklich vor, dass unrichtige Daten von Amtes wegen zu berichtigen sind.
5.4 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be-
streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen (vgl. Urteil des BGer 1C_240/2012 vom 13. Au-
gust 2012 E. 3.1; BVGE 2013/30 E. 4.1). Nach den massgeblichen Beweis-
regeln des VwVG gilt eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Würdigung
sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünftigen
Zweifel bleiben; unumstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erforderlich.
Die mit dem Berichtigungsbegehren konfrontierte Behörde hat zwar nach
dem Untersuchungsgrundsatz den Sachverhalt grundsätzlich von Amtes
wegen abzuklären (Art. 12 VwVG); die gesuchstellende Person ist jedoch
gemäss Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG verpflichtet, an dessen Feststellung
mitzuwirken (vgl. zum Ganzen Urteile A-7588/2015 E. 3.3 und A-7822/2015
E. 3.3, je m.w.H.).
Amtliche Dokumente ausländischer Staaten, deren Zweck es ist, die Iden-
tität ihres Inhabers nachzuweisen, gelten nicht als öffentliche Urkunden im
Sinne von Art. 9 ZGB, weshalb ihnen nicht ohne Weiteres ein erhöhter Be-
weiswert zukommt und sie wie andere Urkunden einer freien Beweiswür-
digung zu unterziehen sind (vgl. Urteile A-7588/2015 E. 3.3 und
A-7822/2015 E. 3.3, je m.w.H.; vgl. ferner Urteile des BGer 6B_394/2009
vom 27. Juli 2009 E. 1.1 und 5A.3/2007 vom 27. Februar 2007 E. 2).
5.5 Kann bei einer verlangten oder von Amtes wegen beabsichtigten Be-
richtigung weder die Richtigkeit der bisherigen noch diejenigen der neuen
Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich weder die einen
noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1 DSG). Dies
ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmten Personendaten
zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendigerweise bearbeitet
werden. Dies gilt namentlich auch für im ZEMIS erfasste Daten. In solchen
Fällen überwiegt das öffentliche Interesse an der Bearbeitung möglicher-
weise unzutreffender Daten das Interesse an deren Richtigkeit. Unter die-
sen Umständen sieht Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb die Anbringung eines
Vermerks vor, in dem darauf hingewiesen wird, dass die Richtigkeit der be-
arbeiteten Personendaten bestritten und/oder nicht gesichert ist. Spricht
dabei mehr für die Richtigkeit der neuen Daten, sind die bisherigen Anga-
ben zunächst zu berichtigen und die neuen Daten anschliessend mit einem
derartigen Vermerk zu versehen. Ob die vormals eingetragenen Angaben
D-5923/2019
Seite 9
(als Neben- beziehungsweise Aliasidentität) weiterhin abrufbar bleiben sol-
len oder ganz zu löschen sind, bleibt grundsätzlich der Vorinstanz überlas-
sen. Verhält es sich umgekehrt, erscheint also die Richtigkeit der bisher
eingetragenen Daten als wahrscheinlicher, sind diese zu belassen und mit
einem Bestreitungsvermerk zu versehen. Über dessen Anbringung ist je-
weils von Amtes wegen und unabhängig davon zu entscheiden, ob ein ent-
sprechender Antrag gestellt worden ist (vgl. zum Ganzen Urteile
A-7588/2015 E. 3.4 und A-7822/2015 E. 3.4, je m.w.H.; vgl. ferner Urteil
des BGer 1C_240/2012 vom 13. August 2012 E. 3.2).
5.6 Vorliegend obliegt es demnach grundsätzlich dem SEM zu beweisen,
dass das aktuell im ZEMIS eingetragene Geburtsdatum ([...]) korrekt ist.
Der Beschwerdeführer hat wiederum nachzuweisen, dass das von ihm im
Datenänderungsgesuch geltend gemachte Geburtsdatum ([...]) richtig be-
ziehungsweise zumindest wahrscheinlicher ist, als das im ZEMIS erfasste,
ihm mithin eine höhere Glaubwürdigkeit zukommt als dem bisherigen Ein-
trag. Gelingt keiner Partei der sichere Nachweis, ist dasjenige Geburtsda-
tum im ZEMIS zu belassen oder einzutragen, dessen Richtigkeit wahr-
scheinlicher ist.
Dass im Asylverfahren die Glaubhaftmachung der Minderjährigkeit genügt,
ist angesichts der möglichen Rechtsfolgen (etwa höhere Anforderungen an
Unterbringung und Betreuung, erschwerte Rückschaffung oder gar Ver-
zicht darauf im Rahmen des Dublin-Verfahrens) nachvollziehbar. Anders
verhält es sich im datenschutzrechtlichen Verfahren betreffend die Berich-
tigung von Personendaten im ZEMIS. Hier wird verlangt, dass die wahr-
scheinlichsten – also überwiegend wahrscheinlichen – Personendaten ein-
getragen werden. Immerhin ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuwei-
sen, dass sich die Frage des Alters einer im ZEMIS erfassten Person ge-
rade auch für das ausländer- und asylrechtliche Verfahren stellt (vgl. Urteil
des BGer 1C_224/2014 vom 25. September 2014 E. 3.3), weshalb sich ein
ZEMIS-Eintrag auf dieses auswirken kann.
5.6.1 Die Vorinstanz führte in der Verfügung vom 17. September 2019 aus,
der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, seine Tazkara auf der Reise
von Afghanistan in die Schweiz verloren zu haben und nicht zu wissen,
welches Geburtsdatum beziehungsweise Alter in diesem Dokument erfasst
sei, da er aufgrund seines jungen Alters nicht am Inhalt der Tazkara inte-
ressiert gewesen sei und aufgrund der Reisezeit von (...) Monaten verges-
sen habe, was darin gestanden habe. Zunächst ist die Einschätzung der
Vorinstanz zu bestätigen, dass diese Erklärung nicht nachvollziehbar ist,
D-5923/2019
Seite 10
weil der Beschwerdeführer explizit angegeben hat, die Tazkara zum Nach-
weis seiner Personalien besessen und bei seiner Ausreise aus Afghanistan
auf sich getragen zu haben. Zwar trifft der Einwand des Beschwerdeführers
zu, dass in Afghanistan persönliche Daten nicht die gleiche Wichtigkeit wie
in der Schweiz haben. Auf die individuelle Situation des Beschwerdefüh-
rers bezogen, vermag dieser daraus nichts zu seinen Gunsten abzuleiten,
zumal es sich gemäss seinen Angaben bei der Tazkara um sein einziges
persönliches Dokument handelte und er nur mit diesem ausgestattet die
Reise nach Europa antrat, um hier um Asyl nachzusuchen. Unter diesen
Umständen kann vorausgesetzt werden, dass ihm zumindest seine in der
Tazkara enthaltenen Personalien bekannt gewesen sein dürften.
5.6.2 Das SEM führte zur Begründung weiter aus, der Beschwerdeführer
sei gemäss GWK-Rapport am (...) 2019 in D._ kontrolliert worden,
wobei der (...) als Geburtsdatum erfasst worden sei. Dazu habe er anläss-
lich der EB erklärt, er habe den Behörden in D._ lediglich angege-
ben, (...) Jahre alt zu sein. Beim Eintritt ins BAZ habe er auf dem unter-
zeichneten Personalienblatt vom 15. August 2019 dasselbe Geburtsdatum
angegeben. Dazu habe er bei der EB auf Nachfrage erklärt, er habe beim
Ausfüllen des Blattes einem anwesenden Landsmann angegeben, (...)-
jährig zu sein, worauf die anwesenden Personen das erwähnte Geburts-
datum errechnet und aufgeschrieben hätten. Es sei jedoch – so das SEM
– nicht nachvollziehbar, weshalb im GWK-Rapport und auf dem Personali-
enblatt das exakt gleiche Geburtsdatum erfasst worden sei, obwohl er je-
weils nur eine ungefähre Altersangabe gemacht hätte. Zudem habe er so-
wohl anlässlich der EB als auch in seiner Stellungnahme vom 13. Septem-
ber 2019 angegeben, erst nach den gemachten Altersangaben in der
Schweiz telefonisch von seinem Vater erfahren zu haben, dass er ungefähr
(...)-jährig sei, und gemäss seinen Angaben bei der EB vor diesem Telefo-
nat sein Alter beziehungsweise Geburtsdatum nicht gekannt zu haben. So-
mit sei nicht nachvollziehbar, weshalb er den Mitarbeitern des GWK bereits
vor dem erwähnten Telefonat eine Altersangabe habe machen können.
Zwar trifft der Einwand des Beschwerdeführers zu, gemäss seinen Aussa-
gen bei der EB habe er gegenüber dem GWK kein genaues Geburtsdatum
genannt, sondern geschrieben beziehungsweise gesagt, er sei (...) Jahre
alt oder "(...) und etwas." Dagegen handelt es sich beim Vorbringen in der
Beschwerde, dass er vom GWK nach seiner ungefähren Altersangabe zur
Nennung eines genauen Kalenderdatums gedrängt worden sei, lediglich
um eine Behauptung. Zudem erklärte er bei der EB, gemäss seinen Be-
rechnungen müsste er (...), (...) oder (...) Jahre alt sein (vgl. [...]. Dazu
D-5923/2019
Seite 11
hielt die Vorinstanz zutreffend fest, dass nicht ersichtlich sei, auf welchen
Angaben basierend er sein Alter berechnet habe. Sodann vermag er der
vorinstanzlichen Erwägung, er habe erst nach seiner Ankunft in der
Schweiz telefonisch von seinem Vater in Afghanistan erfahren, dass er un-
gefähr (...)-jährig sein, nicht Stichhaltiges entgegenzusetzen. Schliesslich
vermag auch der Einwand in seiner Stellungnahme vom 13. September
2019 nicht zu überzeugen, wonach er beim Ausfüllen des Personalienblat-
tes für das Geburtsdatum einfach seine bereits beim GWK vorgenommene
Berechnung wiederholt habe.
5.6.3 Sodann ist in Übereinstimmung mit dem SEM nicht nachvollziehbar,
weshalb der Beschwerdeführer das Alter seiner Geschwister, mit denen er
zusammengelebt habe, vor seiner Ausreise aus Afghanistan gekannt habe,
sein eigenes Alter jedoch nicht.
5.6.4 In der Beschwerdeschrift wird auf die vom Beschwerdeführer anläss-
lich der Anhörung eingereichte Kopie einer Tazkara verwiesen, wobei sein
Vater das Originaldokument bereits der Post übergeben habe; er habe aus-
serdem nachvollziehbar und plausibel dargelegt, wie sein Vater das Doku-
ment erlangt habe. In der Verfügung vom 31. Oktober 2019 habe das SEM
dazu lediglich ausgeführt, beim eingereichten Dokument handle es sich um
eine schwer leserliche und nicht vollständig ausgefüllte Kopie mit geringem
Beweiswert, welches die unglaubhaften Angaben zum Alter nicht umzu-
stossen vermöge. Auf den Inhalt des Dokuments beziehungsweise die Al-
tersangaben darin, sei die Vorinstanz nicht eingegangen und habe damit
die Begründungspflicht verletzt. Ausserdem habe sie die Untersuchungs-
pflicht verletzt, indem sie den angekündigten Eingang des Originaldoku-
ments trotz entsprechender Anträge auf Fristgewährung nicht abgewartet
habe. Wie die eingereichten Dokumente der Afghanischen Post belegten,
sei der Beschwerdeführer seiner Mitwirkungspflicht nachgekommen und
befinde sich die Sendung seit dem 18. Oktober 2019 in der Schweiz. Die
Schweizerische Post habe auf telefonische Anfrage mitgeteilt, dass sich
die Postsendung, da sie Identitätsdokumente enthalte, bei den Zoll- oder
Migrationsbehörden des Bundes befinde.
Die Vorwürfe des Beschwerdeführers sind unbegründet. So hielt das SEM
in der Verfügung vom 31. Oktober 2019 fest, dass der Kopie der Tazkara
zwar eine Altersangabe und ein Ausstellungsjahr zu entnehmen seien,
diese Elemente aber, obschon die Ausführungen des Beschwerdeführers
zu seiner Biografie keine Widersprüche enthielten, die Gesamtbeurteilung
des SEM bezüglich des Alters nicht umzustossen vermöchten, wobei es
D-5923/2019
Seite 12
auf seine bisherigen Erwägungen und insbesondere auf seine Verfügung
vom 17. September 2019 verwies. Damit ist die Vorinstanz ihrer Begrün-
dungspflicht nachgekommen. Zudem konnte sie in diesem Zusammen-
hang auf die Ansetzung einer Beweismittelfrist (analog Art. 110 Abs. 2
AsylG) verzichten, zumal der Beschwerdeführer bereits bei Eintritt in das
BAZ mit Merkblättern auf seine Mitwirkungspflicht hingewiesen wurde (vgl.
[...]) und anlässlich der EB nochmals ausdrücklich aufgefordert wurde, bis
zur nächsten Befragung Ausweispapiere zu beschaffen (vgl. a.a.O., [...]).
Schliesslich konnte die Vorinstanz vorliegend darauf verzichten, den Ein-
gang des der Afghanischen Post übergebenen Originaldokuments abzu-
warten. So ist die eingereichte Kopie in der Tat schwer leserlich und nur
teilweise ausgefüllt. In der Rubrik "Geburtsdatum/Alter" steht gemäss
Übersetzung "(...) Jahre im Jahr 1398 (2019)." Insbesondere ist aber die
Rubrik "Ausstellungsdatum" nicht ausgefüllt. Unter den gegebenen Um-
ständen ist die Beweiskraft dieser Tazkara in Übereinstimmung mit der Vo-
rinstanz als gering einzuschätzen, weshalb darauf verzichtet werden
konnte, das Originaldokument abzuwarten. Nach dem Gesagten hat die
Vorinstanz auch die Untersuchungspflicht nicht verletzt und ist der Prozes-
santrag auf Edition des Originaldokuments bei der Vorinstanz abzuweisen.
5.6.5 Zwar enthalten die Ausführungen des Beschwerdeführers zu seiner
Biografie, wie die Vorinstanz festhielt, in der Tat keine Widersprüche. Trotz-
dem gelang es ihm nicht, die Ungereimtheiten bezüglich seiner Altersan-
gaben plausibel zu erklären. Mithin hat es die Vorinstanz entgegen den
Ausführungen in der Beschwerdeschrift nicht unterlassen, auch jene Indi-
zien zu würdigen, welche für die Glaubhaftigkeit der Angaben des Be-
schwerdeführers sprechen. Somit erweist sich der Vorwurf, das SEM habe
keine korrekte Gesamtwürdigung vorgenommen und damit die Untersu-
chungspflicht verletzt, als unbegründet. Da der Beschwerdeführer nachzu-
weisen hat, dass das von ihm geltend gemachte Geburtsdatum ([...]) be-
ziehungsweise die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit richtig be-
ziehungsweise zumindest wahrscheinlicher ist, als das im ZEMIS erfasste,
konnte das SEM aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Informationen
darauf verzichten, eine medizinische Altersabklärung zu veranlassen. Des-
halb ist der diesbezüglich gestellte Antrag auf Rückweisung der Sache an
die Vorinstanz abzuweisen.
5.6.6 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, die von der
Vorinstanz erwogenen Ungereimtheiten betreffend seine Altersangaben
plausibel zu erklären, schöpfte sie zu Recht Verdacht, dass er ein fiktives
D-5923/2019
Seite 13
Geburtsdatum angab, um sein wahres Alter zu verschleiern. Zusammen-
fassend ist zwar weder die Richtigkeit des eingetragenen Geburtsdatums
noch die des behaupteten Geburtsdatums bewiesen. Indes erscheint das
vom Beschwerdeführer geltend gemachte Geburtsdatum insgesamt nicht
als wahrscheinlicher als das im ZEMIS eingetragene ([...]). Letzteres ist
daher unverändert zu belassen. Daran ändert auch der Umstand nichts,
dass der aktuelle ZEMIS-Eintrag auf einem fiktiven Geburtstag des Be-
schwerdeführers beruht und daher mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht
richtig ist. Das lässt sich in Fällen, bei denen das Geburtsdatum unbekannt
ist und stattdessen praxisgemäss der 1. Januar als fiktiver Geburtstag er-
fasst wird, nicht vermeiden (vgl. Urteile des BVGer A-4313/2015 vom
14. Dezember 2015 E. 5, A-1732/2015 vom 13. Juli 2015 E. 5.3 und
A-1582/2014 vom 9. Oktober 2014 E. 6).
Der bestehende ZEMIS-Eintrag ist daher unverändert zu belassen, jedoch
mit einem Bestreitungsvermerk zu versehen.
5.7 Aufgrund des Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit sinn-
gemäss die Aufhebung der Dispositivziffer 1 der Verfügung des SEM vom
17. September 2019 (Anpassung des Geburtsdatums) beantragt wird.
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in ihrem
Heimatstaat oder im Land, wo sie zuletzt wohnte, wegen ihrer Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen aus-
gesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu
werden. Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung von
Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen
psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
6.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlings-
eigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
D-5923/2019
Seite 14
6.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
7.
7.1 Der Beschwerdeführer brachte zur Begründung seines Asylgesuchs im
Wesentlichen vor, bei seiner Familie handle es sich aus Sicht der Taliban
um Verräter, weswegen zwei seiner Cousins von den Taliban rekrutiert wor-
den und bei einem Angriff umgekommen seien. Er habe Afghanistan auf-
grund der Probleme seiner Familie mit den Taliban verlassen müssen.
Diese könnten ihn in Zukunft behelligen.
7.2 Das SEM erachtete diese fluchtauslösenden Vorbringen als nicht asyl-
relevant. Dieser Einschätzung pflichtet das Bundesverwaltungsgericht auf-
grund der nachstehenden Erwägungen bei.
7.2.1 Alleine aus dem Umstand, dass die Familie des Beschwerdeführers
im Zusammenhang mit der Inhaftierung des Mullahs ins Visier der Taliban
geraten sei, wobei ein Cousin väterlicherseits in F._ angeschossen
worden sei und zwei weitere Cousins von den Taliban rekrutiert worden
und beim Sturz von C._ gefallen seien, lässt sich weder eine be-
gründete Furcht des Beschwerdeführers vor einer Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG ableiten, noch dass er in Afghanistan Opfer einer Reflexverfol-
gung werden würde. Die Vorinstanz hielt diesbezüglich zutreffend fest,
dass die Rekrutierung der beiden Cousins nicht aus einem asylrelevanten
Verfolgungsmotiv erfolgte – diese seien zum besagten Zeitpunkt als junge,
gesunde Männer verfügbar gewesen und den Taliban somit als kampftaug-
lich erschienen – und die Probleme des Vaters und dessen Brüder mit den
Taliban nicht auf eine gegen den Beschwerdeführer gerichtete Verfolgung
wiesen. So erklärte dieser, dass ihm, mit Ausnahme der Kontrollen des Mo-
biltelefons durch die Taliban, nichts persönlich zugestossen sei. Die Frage
nach einem besonderen Grund, weswegen die Taliban ein besonderes In-
teresse an ihm haben sollten, beantwortete er dahingehend, dass er auf-
grund seines damaligen Alters von den Taliban noch nicht mitgenommen
worden sei. Die Vorinstanz hielt in diesem Zusammenhang weiter zutref-
fend fest, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen sei, ein Profil gel-
tend zu machen, welches ihn in den Augen der Taliban als Oppositionellen
darstellen würde. Schliesslich ist dem SEM auch darin beizupflichten, dass
nicht genügend Hinweise vorhanden seien, dass er bei einer allfälligen
D-5923/2019
Seite 15
Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in ab-
sehbarer Zeit durch die Taliban gekidnappt werden würde, wobei alleine
die Vermutung, dass dies früher oder später geschehen könnte, nicht aus-
reiche, um eine Verfolgungsfurcht zu begründen.
7.2.2 Soweit der Beschwerdeführer generell auf die prekäre Sicherheitssi-
tuation in seiner Heimatgegend zufolge der starken Präsenz der Taliban
hinweist, bleibt festzuhalten, dass es sich hierbei um Nachteile handelt, die
auf der allgemeinen Konfliktlage in seiner Herkunftsregion gründen. Derar-
tigen Nachteilen kommt jedoch gemäss konstanter Rechtspraxis keine
Asylrelevanz zu, da es diesen an der Gezieltheit der Verfolgung fehlt, wes-
halb der Beschwerdeführer aus ihnen ebenfalls keinen Asylanspruch ab-
leiten kann.
7.3 Zusammenfassend ist deshalb festzuhalten, dass es dem Beschwer-
deführer nicht gelungen ist, nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu
machen, zum Zeitpunkt seiner Ausreise aus Afghanistan asylrechtlich rele-
vanter Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt gewesen zu sein
oder eine solche im Falle einer Rückkehr in objektiv begründeter Weise
befürchten zu müssen. Das SEM hat die Flüchtlingseigenschaft zu Recht
verneint und das Asylgesuch des Beschwerdeführers folgerichtig abge-
lehnt. Es erübrigt sich, auf weitere Vorbringen in der Beschwerde einzuge-
hen, da sie am Ergebnis nichts ändern können.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl. BVGE
2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
D-5923/2019
Seite 16
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
9.2 Die Vorinstanz hat infolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers angeordnet. Da die Weg-
weisungsvollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl. Urteil des BVGer
D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 8.4 [als Referenzurteil publiziert];
BVGE 2009/51 E. 5.4), erübrigen sich weitere Ausführungen zur Frage der
Durchführbarkeit des Vollzugs.
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da seine Rechtsbegehren je-
doch nicht als aussichtslos betrachtet werden können und seine Bedürftig-
keit aufgrund der Aktenlage als erstellt zu erachten ist (vgl. Beschwerde
S. 12 f. Bst. C), ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen, und es sind keine
Verfahrenskosten zu erheben. Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses ist mit diesem Entscheid gegenstandslos gewor-
den.
12.
Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Daten-
schutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) bekannt
zu geben.
(Dispositiv nächste Seite)
D-5923/2019
Seite 17