Decision ID: 2bc635c1-aa6f-44b9-baf5-4ff02d8fd25c
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1982,
Mutter zweier Kinder (geboren 2008 und 2013)
schloss
2009 ihr
Studium in Ethnologie an der Universität
Z._
ab (Urk. 9/29/9). Von 2002 bis 2005 war sie als Call-Center Agentin bei der
A._
AG, von 2004 bis 2008 und von 2010 bis 2011 als Luftverkehrsangestellte am Flughafen
B._
und von 2011 bis 2017 als Rückkehrberaterin bei der Organisation
C._
und
daneben
von 2013 bis 2017 als Mitglied der Schulbehörde
D._
tätig (
Urk. 9/2/3,
Urk. 9/29/4-5
; Urk. 9/19
). Am 24. April 2014 meldete sie sich unter Hinweis auf eine Makuladegeneration bei der Inva
li
denversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 9/2).
Am 5. September 2014 erteilte
die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, Kostengutsprache für eine Lupenbrille (Urk. 9/13), und am 8. September 2014 für ein portables Bildschirmlesegerät (Urk. 9/14). Seither
wurden der Versicherten von der IV-Stelle
zahlreiche weitere Hilfsmittel
zugesprochen
(vgl. etwa Urk. 9/21).
Die IV-Stelle erachtete zur Abklärung der Eingliederungs- und Arbeitsfähigkeit ein sehbehindertentechnisches Assessment als notwendig (Urk. 9/38), welches am 27. September 2016 bei der
E._
durchgeführt wurde (Urk. 9/37).
Am 19. Juli 2017 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für eine Hilfsmittelschulung bei der
F._
(Urk. 9/58), welche die Versicherte sodann vom 1. August 2017 bis 31. Januar 2018 absolvierte (Urk. 9/117). Mit Verfügung vom 26. Oktober 2017 sprach die IV-Stelle der Versicherten eine Hilfslosenentschädigung infolge Hilflosigkeit leichten Grades ab 1. Juni 2017 zu (Urk. 9/107). Am 5. April 2018 teilte die IV-Stelle mit, es bestehe kein Anspruch auf berufliche Massnahmen, da die Versicherte sich zurzeit gesundheitlich dazu nicht in der Lage fühle
. Betreffend Rente werde später eine separate Verfügung ergehen
(Urk. 9/124).
Am 19. August 2019 lud die IV-Stelle die Versicherte zu einem Gespräch betreffend berufliche Situation
ein, welche
s
am 5. September 2019
stattfand
(Urk. 9/160
; Urk. 9/161
).
Die Versicherte
beantragte am 28. Okto
ber
2018 (richtig wohl:
2019
)
(Urk. 9/163), es sei ihr eine Umschulung zur Tanz
therapeutin zuzusprechen, wobei sie die entsprechende Ausbildung bereits be
gonnen habe.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(Urk. 9/182-189) verneinte die IV-Stelle
mit Verfügung vom 15. Juni 2020 einen Anspruch auf berufliche Mass
nahmen (Urk. 9/192 = Urk. 2).
Ein Rentenentscheid erging bislang nicht.
2.
Die Versicherte erhob am
24. August 2020
Beschwerde gegen die Verfügung vom
15. Juni 2020
(Urk. 2) und beantragte, diese sei aufzuheben und es sei
en
ihr
be
ruf
liche Massnahmen in Form einer Umschulung zur Kunsttherapeutin Fach
richtung Tanz und Bewegung
zuzusprechen, eventuell sei
das Dossier an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, um ihr eine andere angepasste berufliche Massnahme zuzusprechen
(Urk. 1 S. 2).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom
2. November 2020
(Urk.
8
)
die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde der Beschwerdeführerin am
3. Novem
ber 2020
zur Kenntnis gebracht (Urk.
10
).
Mit Eingabe vom 14. November 2020 (Urk. 11) reichte die Beschwerdeführerin den bereits in den Akten befindlichen
(Urk. 9/211) Haushaltsabklärungsbericht der Beschwerdegegnerin vom 1. Septem
ber 2020 sowie Lohnunterlagen ein (Urk. 12/1-2).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsun
fähig
keit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben gemäss Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit:
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Bei der Festlegung der Massnahmen ist die gesamte noch zu erwartende Dauer des Erwerbslebens zu berücksichtigen (Abs. 1
bis
).
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (
lit
. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung (
lit
.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlung, Kapitalhilfe;
lit
. b) und in der Abgabe von Hilfsmitteln (
lit
. d).
1.
3
Gemäss Art. 17 IVG hat die versicherte Person Anspruch auf Umschulung auf eine neue Erwerbstätigkeit, wenn die Umschulung infolge Invalidität notwendig ist und dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden kann (Abs. 1
)
.
Als Umschulung gelten gemäss Art. 6 Abs. 1
der Verord
nung über die Invalidenversicherung (IVV)
Ausbildungsmassnahmen, die Versi
cherte nach Abschluss einer erstmaligen beruflichen Ausbildung oder nach Auf
nahme einer Erwerbstätigkeit ohne vorgängige berufliche Ausbildung wegen ihrer Invalidität zur Erhaltung oder Verbesserung der Erwerbsfähigkeit benötigen.
1.4
Nach der Rechtsprechung ist unter Umschulung grundsätzlich die Summe der Eingliederungsmassnahmen berufsbildender Art zu verstehen, die notwendig und geeignet sind, der vor Eintritt der Invalidität bereits erwerbstätig gewesenen ver
sicherten Person eine ihrer früheren annähernd gleichwertige Erwerbsmöglichkeit zu vermitteln. Dabei bezieht sich der Begriff der «annähernden Gleichwertigkeit» nicht in erster Linie auf das Ausbildungsniveau als solches, sondern auf die nach erfolgter Eingliederung zu erwartende Verdienstmöglichkeit. In der Regel besteht nur ein Anspruch auf die dem jeweiligen Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber auf die nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren. Denn das Gesetz will die Eingliederung lediglich so weit sicherstellen, als diese im Einzelfall notwendig, aber auch genügend ist (BGE 130 V 488 E. 4.2 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 8C_163/2008 vom 8. August 2008 E. 2.2). Schliesslich setzt der Anspruch auf Umschulung voraus, dass die versicherte Person wegen der Art und Schwere des Gesundheitsschadens im bisher ausgeübten
Beruf
und in den für sie ohne zusätzliche berufliche Aus
bildung offen stehenden zumutbaren Erwerbstätigkeiten eine bleibende oder längere Zeit dauernde Erwerbseinbusse von etwa 20 % erleidet, wobei es sich um einen blossen Richtwert handelt (BGE 130 V 488 E. 4.2, 124 V 108 E. 2a und b mit Hinweisen auf u.a. AHI 1997 S. 80 E. 1b; ZAK 1984 S. 91 oben, 1966 S. 439 E. 3).
1.5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1
des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
entscheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) davon aus, dass die Beschwerdeführerin für die berufliche Wiedereingliederung keine Umschulung benötige (S. 1). Diese verfüge über ein abgeschlossenes Studium in Ethnologie sowie über Berufserfahrung in der Beratung von Migranten. Damit seien ihr auch mit ihrer Sehbehinderung Tätigkeiten in einer sozialen Institution, in einem Hilfswerk (Beratung, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation) oder in Museen
möglich. Sehbehindertenspezifische Schulungen seien bereits durchge
führt worden. Falls die Beschwerdeführerin für eine Anstellung in ihrer ange
stammten Tätigkeit weitere Unterstützung benötige, könnten die behinderungs
bedingten Mehrkosten (Hilfsmittel, Hilfsmittelschulung, Supported Education) geprüft werden (S. 2 oben).
Für stark Sehbehinderte stünden heute verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung, mit denen insbesondere Lese- und Schreibarbeiten wieder ermöglicht würden. Der Beschwerdeführerin seien ein Assessment bei der
E._
sowie eine Hilfsmittelschulung durch die
F._
zugesprochen worden
. Damit seien beratende Tätigkeiten, wie die Beschwerdeführerin sie schon vor Eintritt der Behinderung ausgeübt habe, wieder möglich. Die dazugehörenden Aufgaben wie Lesen und Protokollieren seien mit geeigneten Hilfsmitteln und einem geübten Umgang damit gut zu bewältigen. Einschränkungen bestünden sicher im Erkennen der Mimik des Gegenübers, doch zeige die Erfahrung, dass Sehbe
hin
derte trotzdem in solchen Berufen erwerbstätig sein könnten. Die Beschwerde
führerin verfüge mit ihrem Hochschulstudium über eine gute Ausbildung und sei damit in der Lage gewesen, eine Stelle in einer beratenden Tätigkeit zu finden. Daran ändere die inzwischen eingetretene Sehbehinderung nichts; im Gegenteil könne sie nun zusätzliche entsprechende Berufserfahrung vorweisen (S. 2 Mitte).
Wenn d
ie
Beschwerdeführerin
Unterstützung bei der Stellensuche benötige, kön
ne sie sich wieder bei
der Beschwerdegegnerin melden (S. 3 oben).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
obwohl sich ihre Sehkraft in den vergangenen Jahren massgebend verschlechtert habe, sollte gemäss derzeitigem Wissensstand keine vollständige Erblindung eintreten, auch wenn noch eine weitere Verschlechterung erwartet werden müsse.
Deshalb sei dringend angezeigt, dass
sie sich
jetzt in ihrem noch jungen Alter von 38 Jahren auf eine berufliche Tätigkeit umschule, die sie möglichst bis zur Pensionierung ausüben könne (S. 6 Ziff. 10). Sie weise eine schwere Sehbe
hinderung auf (S. 6 Ziff. 12).
Die von der Beschwerdegegnerin
vorgeschlagene Tätigkeit in einem Museum könne sie nicht ausüben. Dazu legitimiere eine
Ethnologiestudium
nicht mehr, sondern es würden Zusatzausbildungen benötigt. Zudem könnten etliche Arbei
ten in diesem Bereich wegen der Sehbehinderung gar nicht oder nur mit einer grossen Leistungseinbusse ausgeübt werden
.
Bei Hilfswerken seien sodann viele Arbeiten mit Reisetätigkeit verbunden, was auf Grund der gesundheitlichen Ein
schränkung nicht möglich sei. Für administrative Tätigkeiten habe sie keine Aus
bildung und werde nur wegen ihres
Ethnologiestudiums
sicher nicht angestellt, da sie nach Ansicht der Arbeitgeber überqualif
iziert sei (S. 12 oben Ziff. 21
). Bei
Beratungsgesprächen müsse
sodann
immer mehr protokolliert werden, zudem müsse man diverse Dokumente der Beratenen lesen, um Auskunft geben zu können. In diesen Bereichen sei sie stark eingeschränkt
.
Um qualifiziert
beraten
zu können, werde neben Beratungskompetenz auch Fachwissen verlangt. Genau dieses Fachwissen fehle ihr für diverse in Frage kommende Tätigkeiten, würden doch heute auf dem Arbeitsmarkt immer mehr Diplome verlangt. Sie hätte Interesse an Sozialberatung, wofür heute aber eine Fachhochschulausbildung ver
langt werde (S. 12 Mitte Ziff. 21
)
.
Physiotherapie oder Ergotherapie kämen im Übrigen nicht in Frage, weil sie in der einen Hand seit einer Operation Probleme habe (S. 12 unten Ziff. 21
).
Die Berufsberatung der Beschwerdegegnerin sei somit nicht in der Lage gewesen, ihr realistische Tätigkeiten aufzuzeigen.
Hingegen
werde sie die Tätigkeit als Tanz- und Bewegungstherapeutin trotz ihrer starken Sehbehinderung ausüben können. Es bestehe ein Bedarf für solche Therapien, weshalb sie mit einer ent
sprechenden Ausbildung gute Aussichten auf dem Stellenmarkt habe oder auch eine selbständige Tätigkeit aufnehmen könne (S
. 13 unten Ziff. 21).
Das Dossier sei bis heute nie von einem Ophthalmologen beurteilt worden, was bereits eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes darstelle (S. 17 Ziff. 29).
Zudem sei es weder dem Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) noch dem Rechts
dienst für inhaltliche Belange vorgelegt worden (S. 17 Ziff. 30). Es sei nicht einmal geklärt worden, ob es sich um eine schwere oder eine mittelschwere Seh
behinderung handle (S. 17 Ziff. 31).
Dies sei vorliegend ab
er massgebend (S. 17 Ziff. 32).
Die bereits begonnene Ausbildung zur Tanz- und Bewegungstherapeutin könne sie gemäss Auskunft der Schule prästieren, weil hier Lesen und Schreiben eine untergeordnete Rolle spiele. Dies werde auch später im Beruf so sein, weshalb sie eine höhere Arbeits- und Erwerbsfähigkeit erreichen werde als mit den von der Beschwerdegegnerin vorgeschlagenen Tätigkeiten (S. 18 Ziff. 35
).
Es könne nicht akzeptiert werden, dass ihr lediglich Unterstützung bei der Stellensuche gewährt werden solle, nachdem die Beschwerdegegnerin bis heute keinen Einkom
mens
ver
gleich durchgeführt habe (S. 19 Ziff. 38).
2.3
Strittig und zu prüfen ist der Anspruch der Versicherten auf berufliche Mass
nahmen und dabei insbesondere, ob ein Anspruch auf Umschulung zur Kunstthe
rapeutin Fachrichtung Tanz und Bewegung besteht
.
3.
3.1
Dr. med.
G._
, Facharzt für Ophthalmologie, nannte im Bericht vom 14. Juli 2014 (Urk. 9/9) folgende Diagnosen
:
-
infantile
heredogenerative
Makuladystrophie nach BEST beidseits
-
hohe Hypermetropie beidseits
Die Versicherte benötige zum Erhalt ihrer Arbeitsfähigkeit eine binokulare Lupenbrille sowie ein Kleinbildschirmlesegerät. Der
Fernvisus
des rechten Auges (OD) betrage cc 0.3, derjenige des linken Auges (O
S) cc 0.4. Es liege kein stabil
er Zustand vor, es sei eindeutig eine Verschlechterung bis zum Leseunvermögen zu erwarten. Es sei eine rasche Verschlechterung des
Visus
innerhalb von Monaten bis wenigen Jahren zu erwarten.
3.2
Im augenärztlichen Zeugnis vom 21. Juni 2016 (Urk. 9/22
= Urk. 9/28
) hielt Dr.
G._
einen
Fernvisus
OD von cc 0.1 und OS von cc 0.16 fest.
3.3
Die Fachleute der
F._
führ
t
en in ihrem Antrag für berufliche Mass
nahmen vom 8. Juni 2016 (Urk. 9/24) aus, die Sehkraft der Versicherten habe sich inzwischen verschlechtert, so dass die Arbeitsbelastung trotz den vorhandenen Hilfsmitteln stark zugenommen habe. Die Arbeitsschritte erforderten mehr visu
elle Anstrengung und der dynamische Arbeitsplatz mit der damit verbundenen Hektik sei schwieriger auszuhalten. Die Auswirkungen zeigten sich in Form von Kopfschmerzen und allgemeiner Erschöpfung. Weitere
kompensatorische Anpas
sungen seien
vermutlich nicht realisierbar, da die Versicherte im Wechsel an drei verschiedenen Arbeitsplätzen arbeite.
3.4
Die Fachleute der
E._
berichteten am 27. September 2016 über das am Vortag durchgeführte sehbehindertentechnische Assessment (Urk. 9/37). Sie führten aus, es bestehe auf dem rechten Auge mit vorhandener Gleitsichtbrille ein 4.6facher Vergrösserungsbedarf in 25 cm Lesedistanz sowie ein
Fernvisus
von 0.1. Auf dem linken Auge bestehe ein Vergrösserungsbedarf
von 3.6fach und ein
Fernvisus
von 0.2. Für den binokularen
Nahvisus
erreiche die Versicherte mit der vorhandenen Lupenbrille einen Wert von 0.32 in 13 cm
(gemeint wohl: Lesedistanz)
. Die Detailerkennung sei somit insgesamt sowohl in der Nähe als auch in der Ferne eingeschränkt, womit sie auf vergrössernde Hilfsmittel, kompensatorische Arbeitstechniken und – vor allem bei längeren Texten
- auf auditive Entlastung angewiesen sei. Die tatsächliche Lesefähigkeit und auch die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, werde durch zentrale Gesichtsfelddefekte weiter eingeschränkt, so dass – je nach Grösse des Textes – einzelne Buchstaben oder ganze Wörter bei der Lektüre nicht wahrnehmbar seien. Der Lichtbedarf der Versicherte
n
sei eben
falls erhöht. Zwar verfüge sie an ihren PC-Arbeitsplätzen über zusätzliche Leuch
ten, welche sie aber zum Beispiel im Beratungsgespräch nicht einsetzen könne (S. 1 f.). Die Sehbehinderung der Versicherte sei aufgrund der Befunde als mittelschwer einzustufen (S. 2 oben).
Die Versicherte arbeite aktuell an mehreren Arbeitsorten. Für die
C._
kämen drei verschiedene Arbeitsorte zusammen, teilweise unter rudimentären Arbeits- und Lichtbedingungen in den Asylunterkünften. Die verwendeten Laptops seien mit der Vergrösserungssoftware
Zoomtext
inklusive Sprachausgabe ausgerüstet. Über einen Grossbildschirm mit Bildschirmschwenkarm
, über
Realspeak
zur leichteren Verständlichkeit der Sprachausgabe sowie über
die Software
OpenBook
, welche ihr eingescannte Texte vorlese
,
verfüge sie hingegen lediglich im Homeoffice
. Durch die eingeschränkte Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, habe sie Mühe, die Personen in den Unterkünften zu finden und in den anschliessenden Beratungs
gesprächen führe die Schwierigkeit der Gesichtserkennung gepaart mit der schlechten Lichtsituation zu einer visuellen Belastung (S. 2 Mitte).
Zirka 60 % ihrer Arbeitszeit arbeite die Versicherte am PC und beherrsche die einschlägigen Microsoft-Programme gut. Sie sei eine versierte Anwenderin und
beherrsche das Tastaturschreiben inklusive Nummernblock im zügigen Tempo und
ohne visuelle Kontrolle. Bislang sei es ihr jedoch noch nicht gelungen, Tastatur
befehle in ihren PC-Bedienungsalltag zu integrieren. Die Sprachausgabe werde nur selten eingesetzt und Anwenderkenntnisse der Vergrösserungssoftware seien
lediglich im Ansatz vorhanden. Insgesamt verfüge die Versicherte derzeit über keine sehbehindertengerechte und effiziente Arbeitsweise am PC, wodurch die Gesamtbelastung vergrössert werde. Deshalb werde ihr die Absolvierung einer sehbehindertentechnischen Grundschulung empfohlen
. Auch der von der Ver
sicherten angedachte Stellenwechsel hin zu einem einzigen Arbeitsplatz würde die Installierung eines angepassten Hilfsmittelsettings wohl vereinfachen
(S. 3). Diese Massnahme sei geeignet, um die Leistungsfähigkeit respektive Belastbarkeit der Versicherte in Bezug auf die visuelle Einschränkung zu erhöhen.
Trotz des Ein
satzes der Hilfsmittel und kompensatorischer Arbeitstechniken
bleibe
mög
licherweise ein behinderungsbedingter Mehraufwand bestehen, weshalb die Leis
tungsfähigkeit nach Abschluss der vorgeschlagenen Hilfsmittelausrüstung und der Schulung überprüft werden sollte (S. 4).
3.5
Dem Verlaufsprotokoll vom 4. Oktober 2016 zur Berufsberatung (Urk. 9/39) ist zu entnehmen, dass anlässlich des Erstgesprächs vom 10. August 2016 von der Versicherten ein Stellenwechsel angesprochen worden sei. Einerseits könne man nicht zu lange in dem Bereich arbeiten, andererseits könnte ihre Stelle infolge Änderungen be
im Staatssekretariat für Migration (SEM)
mit der Zeit gefährdet sein
. Sie habe allerdings keine rechte Ahnung, wohin sie wechseln könnte. Sie würde gerne mit Leuten zusammenarbeiten. Eine administrative Arbeit könne sie sich nicht recht vorstellen, da sie dadurch stark ermüde. Mit adäquater Technik sollte sich dies aber verbessern. Aus Sicht der Berufsberaterin sei eine Tätigkeit wie die aktuelle angepasst (S. 4 Ziff. 3).
3.6
Dr. med.
H._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
,
RAD, führte in ihrer Stellungnahme vom
7
. November 2016 (Urk. 9/41) aus, die Versicherte leide an einer
Maculadystrophie
nach BEST, einer ererbten Erkrankung des Auges, die schon in frühen Jahren zu einer erheblichen Sehbeeinträchtigung führe. Zwi
schen den Berichten von 2014 und 2016 habe eine ganz erhebliche Verschlech
terung stattgefunden. Da das zentrale scharfe Sehen fehle, müsse von einer funktionellen Blindheit ausgegangen werden. Es sei möglich, dass das noch vorhandene Sehen in der Peripherie erhalten bleibe. Es könne aber auch zu einer vollständigen Erblindung kommen.
Die Arbeit an sich mit einem hohen Anteil an Beratungsarbeit könne als ange
passt angesehen werden. Die Versicherte könne hier auf ihre Ausbildung und auf reichhaltige Erfahrung zurückgreifen. Auch administrative Tätigkeit könne mit
den entsprechenden Hilfsmitteln als angepasst angesehen werden. Allerdings müsse
hier wohl auf Dauer auch bei guter Ausrüstung mit einem verlangsamten Arbeitstempo gerechnet werden. Die derzeitigen Arbeitsbedingungen müssten aber bei drei
verschiedenen Arbeitsorten und ungenügender Beleuchtung sowie fehlender Schulung
und
Optimierung der Ausstattung mit Hilfsmitteln als unzu
reichend angesehen werden.
3.7
Dr. med.
I._
, Facharzt für Ophthalmologie
,
führte im Bericht vom 28. März 2017 (Urk. 9/50) aus, durch die
vitelliforme
Netzhaut-Dystrophie werde die Sehschärfe deutlich reduziert, aktuell OD 0.1 und OS 0.2, jeweils mit Korrek
tion. Die Erkrankung sei momentan nicht therapierbar und schreite in der Regel mehr oder weniger schnell fort: Der
Visus
sei in den letzten beiden Jahren von 0.3 rechts und 0.4 links abgefallen. Eine Umschulung sei auf jeden Fall in Erwägung zu ziehen, zumal eine Tätigkeit an einem Bildschirmarbeitsplatz sicher nur mit maximaler Vergrösserung und unter erheblichem Zeitaufwand möglich sei.
3.8
Im Verlaufsprotokoll vom 19. Juli 2017 zur Berufsberatung (Urk. 9/60) wurde festgehalten, dass die Versicherte ungefähr Anfang
des Jahres 2017 von der Psy
chiaterin krankgeschrieben worden sei, dies wegen einer Erschöpfungsdepression und Anpassungsstörung im Zusammenhang mit der zu dieser Zeit stattfindenden Kampfscheidung, verschärft durch die zunehmende Sehbehinderung, die deswe
gen anstrengende Berufstätigkeit und die beiden Kinder. Anfang Mai 2017 sei
schliesslich eine Hilfsmittelschulung über die
F._
beschlossen worden
. Zu einem späteren Zeitpunkt werde sich die Versicherte beruflich wohl neu orientieren müssen. Zwar sei die bisherige Tätigkeit an sich ziemlich angepasst gewesen
,
nicht jedoch der Umstand, dass diese an mehreren Orten stattgefunden habe. Möglicherweise werde eine Umschulung nötig sein (S. 2 Mitte
)
.
Gleichentags erteilte die Beschwerdegegnerin Kostengutsprache für die Kosten der Hilfsmittelschulung bei der
F._
vom
1. August
2017 bis 31. Januar 2018 (Urk. 9/58).
3.9
Die Fachleute der
F._
führten in ihrem Antrag für eine Lupenbrille vom 21. September 2017 (Urk. 9/101) aus, die Low Vision Beratung habe ergeben, dass die Versicherte mit einer binokularen Lupenbrille bei 2.5facher Vergrös
se
rung, angepasst auf das bessere linke Auge, wieder Zeitungsdruckgrösse lesen könne. Die Lupenbrille könne überall hin mitgenommen werden (Urk. 9/101). Im gleichentags erstellten Antrag für ein Bildschirmlesegerät (Urk. 9/102) wurde ausgeführt, mit dem Bildschirmlesegerät könne die Versicherte ihre Kinder bei den Schulaufgaben unterstützen, da es einen grossen Überblick für beide Parteien gleichzeitig ermögliche. Dank dem hohen Positiv- und Negativkontrast bei 5facher Vergrösserung und der Echtfarbeneinstellung könne sie Schulunterlagen lesen, Bilder erkennen und auch
hineinschreiben
.
Für die erwähnten sowie weitere Hilfsmittel erteilte die Beschwerdegegnerin am 23. November 2017 Kostengutsprache (Urk. 9/110-113).
3.10
Am 16. Januar 2018 (Urk. 9/117) berichteten die Fachleute der
F._
über die vom 1. August 2017 bis 31. Januar 2018 durchgeführte Hilfsmittel
schu
lung. Sie führten aus, die Versicherte habe in der Schulung kompensatorische Arbeitstechniken erlernt, die ihr helfen würden, alle PC-Arbeiten durchführen zu können. Die Versicherte arbeite nach wie vor visuell und nutze ihr Sehvermögen. Durch die Vergrösserung sei es ihr möglich, auch kleine Schriftgrössen am PC zu lesen
.
Die Sprachausgabe diene als Unterstützung, könne manchmal als Ent
lastung eingesetzt werden, stosse aber sicherlich bei gewissen Anwendungen an ihre Grenzen, so zum Beispiel bei der Informationsbeschaffung im Internet und bei Darstellungsfragen in Word oder
Powerpoint
. Eine rein auf das Hören ausge
richtete Arbeit am Computer mache weder Sinn, noch sei dies ein Vorteil für die Effizienz oder Geschwindigkeit. Wegen der reduzierten Sehleistung könne davon ausgegangen werden, dass sämtliche Arbeiten anstrengender seien als ohne Seh
behinderung. Die kompensatorischen Arbeitstechniken hülfen, der Ermüdung ent
gegen zu wirken, könnten diese aber nicht wegzaubern. Es werde nicht davon
ausgegangen, dass nach abgeschlossener Hilfsmittelschulung eine höhere Arbeits
fähigkeit vorliege. Die Arbeitstechnik der Versicherten habe jedoch in dem Masse verbessert werden können, dass Arbeiten am Computer
trotz Sehbehinderung weiterhin gewährleistet seien (S. 2
).
3.11
Im Verlaufsprotokoll vom 5. April 2018 zur Berufsberatung (Urk. 9/125) wurde festgehalten, dass die Versicherte ihre Stelle bei
C._
auf Ende 2017 verloren habe
. Nach absolvierter Hilfsmittelschulung beherrsche die Versicherte die Hilfsmittel nun gut. Ob dies wirklich den Anforderungen des ersten Arbeitsmarkts ent
spreche, müsse an sich noch überprüft werden
.
Bei einer Besprechung im Januar 2018 habe die Versicherte angegeben, dass sie das ihr aktuell mögliche Arbeits
pensum auf 40-50 % schätze. Ihr psychischer Gesundheitszustand sei immer noch schwankend. Die Versicherte habe die Idee einer kaufmännischen Ausbildung im Heimstudium gebracht (vgl. dazu auch Urk. 9/120). Die Berufsberatung habe hierzu nicht Hand bieten können, da davon ausgegangen werde, dass es der Ver
sicherten mit dem Ethnologie-Studium möglich sein sollte, eine angepasste Stelle zu finden. Eine neue Ausbildung würde die Eingliederbarkeit kaum verbessern. Stattdessen sei ihr eine Unterstützung bei der Stellensuche plus Coaching durch die
E._
während einer Einarbeitungsphase angeboten worden. Die Versicherte sehe sich hierzu aber derzeit ausserstande, dies anzunehmen, da sie gesundheit
lich belastet sei, und bitte um die Rentenprüfung (S. 2 oben).
Die Stellungnahme seitens der Berufsberatung falle so aus, dass die Versicherte stark sehbehindert sei. Dazu komme noch eine psychische Erkrankung, zu welcher allerdings kein Arztbericht vorliege. Betreffend die Sehbehinderung sei die Ver
sicherte in der Lage, erwerbstätig zu sein, wenn auch wahrscheinlich mit einge
schrä
nkter Leistung. Die Leistungsfähigkeit sei schwer einzuschätzen, hänge aber auch von der jeweiligen Tätigkeit ab. Es werde geschätzt, dass sie bei einer starken Sehbehinderung und hohen Ressourcen der betroffenen Person bei 50 % liege (S. 2
unten
).
3.
12
Der Bericht von
l
ic.
phil.
J._
, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP (Urk. 9/126)
,
ging am 3. Mai 2018 bei der Beschwerdegegnerin ein. Sie
hielt fest, sie behandle die Versicherte seit dem 3. Juli 2017 (Ziff. 1.1), und
nannte als Fach
diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 2.5) eine Anpassungs
störung, längere depressive Reaktion ICD-10 F43.21, beginnend im Laufe 2016, weiterhin instabil in Belastungssituationen.
Der Scheidung im November 2017 seien lange und heftige Paarauseinan
der
setzungen und Streitigkeiten um die Kinder vorausgegangen, die auch durch Kontakte mit Behörden und Beratungsstellen nicht hätten entschärft werden können und die Patientin sehr belastet hätten. Die Mädchen lebten heute bei ihr, sie trage die Last der Betreuung und Erziehungsarbeit weitgehend alleine. In die schwierige Trennungsphase sei auch die zunehmende Verschlechterung des Seh
ver
mögens wegen der fortschreitenden Augenerkrankung gefallen. Infolgedessen habe sich auch der psychische Zustand verschlechtert und die Patientin habe sich
aufgrund einer depressiven Symptomatik in psychologisch-psychiatrische Be
hand
lung
in die Vorgängerpraxis
begeben müssen (Ziff. 2.1). Im Laufe der Be
handlung sei ein leichter Rückgang der depressiven Symptomatik erfolgt, die Stimmung sei etwas stabiler geworden, die Patientin sei aber immer noch schnell ermüdbar und in ihrer Belastbarkeit eingeschränkt (Ziff. 2.4). Sie könne bis auf Weiteres keiner Erwerbstätigkeit nachgehen und sei bereits
aufgrund ihrer Aufgabe als alleiner
ziehende Mutter
a
n ihre Belastungsgrenze gelangt
. Es sei nicht möglich, genau zu differenzieren,
welcher
Anteil an der Arbeitsunfähigkeit durch die psychische Einschränkung oder durch die somatische Erkrankung bedingt sei. Die Sehbe
hinderung sei jedoch sicher ausschlaggebend (Ziff. 2.7). Ihre Tätigkeit als Rück
führungsberaterin habe die Patientin primär wegen der Verschlechterung des Sehvermögens aufgeben müssen. Auch ihre Tätigkeit als Mitglied der Schulbe
hörde
D._
habe sie aufgeben müssen (Ziff. 3.2-3).
3.
13
Dr.
G._
(vorstehend
E. 3.1) führte im Bericht vom 20. Juni
2018 (Urk. 9/129
) aus, es bestehe ein
Fernvisus
rechts von 0.1 und links von 0.2 (Ziff. 2.4). Es bestehe keine
Arbeitsfähigkeit im normalen
Arbeitsmarkt
(Ziff. 2.7). Der normale Arbeitsmarkt stelle niemanden ein, der nicht sehe (Ziff. 3.
3
).
Die Patientin könne nur grosse Texte mit vergrössernden Sehhilfen langsam lesen (Ziff. 3.4). Ihre funk
tionelle Blindheit steht einer Eingliederung im Wege (Ziff. 4.4). Sie sei sehr intelligent. Mit einem Stipendium der IV könnte sie zum Beispiel als Hypno
setherapeutin arbeiten oder als Beraterin im Asylwesen für kulturelle Fragen (Ziff. 5).
3.14
Lic. phil.
J._
(vorstehend E. 3.
12
)
und Dr. med.
K._
,
Fach
ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, führten im Bericht vom 4. Oktober 2018 (Urk. 9/140) aus, es sei seit Frühjahr 2018 eine deutliche und rasche Ver
besserung des psychischen Zustandsbilds erfolgt. Die depressive Symptomatik sei remittiert (Ziff. 2.2), die Patientin sei aus psychiatrischer Sicht wieder arbeitsfähig (Ziff. 2.7). Lediglich die bisherige Tätigkeit in der Arbeit mit Migranten sei an
strengend sowie psychisch belastend und deshalb wegen des Risikos eines Rezi
divs
kurz- und mittelfristig nicht empfehlenswert. (Ziff. 3.4; Ziff. 4.
1
).
3.15
Dr. med.
L._
, Fachärztin für Ophthalmologie, führte im Bericht vom 19. März 2019 (Urk. 9/156
= Urk. 9/166
) aus, es sei
funduskopisch
eine deutliche Progredienz der atrophischen Zonen am hinteren Pol aufgefallen. Der
Visus
betrage momentan 0.1 rechts und 0.16 links mit Sehhilfe. Perimetrisch habe ein zentrales Skotom bis 10-12 Grad bewiesen werden können.
3.16
Dr.
I._
(vorstehend E. 3.
7
) führte im Schreiben an die Beschwerdegegnerin vom 2. Mai 2019 (Urk. 9/158) aus, von der Patientin könnten Tätigkeiten, bei denen ein genaues Sehvermögen einschliesslich räumlichen Sehens und vor allem auch Farbensehen erforderlich sei, nicht ausgeübt werden
.
3.17
Die Ausbildner des
M._
führten in ihrem Schreiben vom 22. Oktober 2019 (Urk. 9/164) aus, die Beschwerdeführerin habe anfangs März 2019 ihr Studium als Tanz- und Bewegungstherapeutin gestartet. Sie sei eine sehr motivierte Studentin und ihre Sehbehinderung sei kein Hindernis für ihre Ausbildung. Gewisse Pflichtbücher seien als Hörbücher erhältlich, das übrige Lernmaterial werde ihr von den Mitstudenten ihrer Lerngruppe mündlich vermittelt. Da ein grosser Teil der tanztherapeutischen Methode über die Eigenerfahrung im Tanzen und in der Bewegung erfolge, habe die Beschwerdeführerin sogar Vorteile, da ihr Bewegungsrepertoire ziemlich reich sei.
Im Anschluss an die Ausbildung werde sie die Möglichkeit haben, selbständig oder in Anstellung als Tanztherapeutin zu arbeiten
. Sie habe sich bereits ent
schie
den, nach ihrem Studium mit Blinden und Sehbehinderten tanztherapeutisch zu arbeiten. Das Angebot sei für diese Klientel gering, es gebe aber einen grossen Bedarf nach solchen Projekten. Als Betroffene sei die Beschwerdeführerin be
sonders geeignet, mit solchen Menschen zu arbeiten, da sie ihre Problematik be
reits bestens kenne.
Im Schreiben des
M._
-Sachberaters vom 20. November 2019 (Urk. 9/169) wurde ausgeführt, die Beschwerdeführerin werde voraussichtlich im Dezember 2021 die dreijährige Grundausbildung «Ressourcenorientierte Tanz- und Bewegungsthe
rapie
» abschliessen. Das entsprechende Ausbildungszertifikat entspreche den Anforderungen des EMR (Erfahrungsmedizinisches Register). Der erfolgreiche Abschluss der Grundausbildung sei zudem Voraussetzung für die Aufnahme in die zweijährige Aufbauausbildung in «Prozessorientierter Tanz- und Bewegungs
therapie
». Diese ermögliche die Zulassung zur Höheren Fachprüfung HFP und damit zum eidgenössischen Berufsabschlusses.
3.18
Im Verlaufsprotokoll vom 18. Februar 2020 zur Berufsberatung der Beschwerde
gegnerin (Urk. 9/183)
wu
rd
e zum Erstgespräch vom 14. Januar 2020 (S. 3 f.)
fest
gehalten,
die Beschwerdeführerin wisse noch nicht, ob sie nach der dreijährigen Grundausbildung noch die zweijährige Weiterausbildung mache. Nur mit letzterer aber sei man EMR-anerkannt, so dass die Kosten von der Krankenkasse (Zu
satzversicherung) übernommen würden. Die Beschwerdeführerin habe erfahren, dass es in Kliniken sogar Vollzeitstellen gebe, wobei der Lohn dem einer Pflege
fachfrau entspreche. Im Büro zu arbeiten sei nicht möglich, es werde ihr nach 2
Stunden am PC schwindlig und sie bekomme Kopfschmerzen. Betreffend Bera
tungstätigkeit könne sie die Gesichter der Ratsuchenden nicht erkennen und bekomme so die Mimik nicht mit, was gerade bei Fremdsprachigen, die sich nicht gut ausdrücken könnten, wichtig sei. Sie könne sich generell nicht vorstellen, in etwas hineingepresst zu werden, wo Druck herrsche, würde sie doch dort psy
chisch zugrunde gehen (S. 4
).
Gemäss der Einschätzung der Berufsberatung seien für Sehbehinderte generell Tätigkeiten in der Beratung oder im Bürobereich angepasst. Spezifische Hilfs
mittel könnten eingesetzt werden, mit denen bei effizientem Gebrauch einiges kompensiert werden könne. Eine gewisse Verlangsamung gegenüber Sehenden werde allerdings bestehen bleiben. Weiterhin sei keine Umschulung indiziert. Mit dem
Ethnologiestudium
und der Erfahrung in der Beratung verfüge die Be
schwer
deführerin schon über eine gute Grundlage, um eine entsprechende Stelle zu finden
,
beispielsweise in einer sozialen Institution oder einem Hilfswerk (Bera
tung, Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation) oder in Museen (S. 2 unten
; vgl. auch S. 5 unten
).
D
er Antrag auf Kostenübernahme für die Ausbildung zur Tanz- und Bewegungstherapeutin müsse abgewiesen werden. Es sei die Rente zu prüfen.
Gemäss Erfahrung der Berufsberatung betrage die Leistungsfähigkeit bei einer schweren Sehbehinderung und hohen Ressourcen maximal 50 %. Unklar sei, ob bei der Beschwerdeführerin noch eine Einschränkung durch ihre psychische Erkrankung dazukomme (S. 3 oben
).
3.19
Im Bericht der Beschwerdegegnerin vom 1. September 2020 zur am 27. August 2020 durchgeführten Abklärung der beeinträchtigten Arbeitsfähigkeit in Beruf und Haushalt (Urk. 9/211 = Urk. 12/1) wurde ausgeführt, aufgrund der Angaben und Eindrücke vor Ort erschienen die Bemühungen und Absichten der Beschwer
deführerin in einem ausgewogenen Rahmen zu liegen und die avisierte Aus
bil
dung zur Tanz- und Bewegungstherapeutin eine passende Option für eine spätere berufliche Tätigkeit im Rahmen ihrer gesundheitlichen Einschränkung zu sein (S. 4 unten). Die Beschwerdeführerin wurde als 100 % Erwerbstätige qualifiziert (S. 7 oben).
4.
4.1
Der Anspruch auf Umschulung setzt im Sinne eines Richtwertes voraus, dass die versicherte Person in der bisher ausgeübten und den weiteren ohne Zusatzaus
bildung offenstehenden Erwerbstätigkeit
en
eine nachhaltige Erwerbseinbusse von etwa 20 % erl
eidet. Die Umschulung sollte
sodann
ihre Erwerbsfähigkeit voraus
sichtlich erhalten oder verbessern
und
ihr
damit
eine ihrer früheren annähernd gleichwertige Erwerbsmöglichkeit vermitteln (vorstehend E. 1.4).
4.2
Was die erstgenannte Voraussetzung angeht,
liegen in
concreto
ärztlicherseits kaum quantitative Einschätzungen der Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätig
keit der Beschwerdeführerin als Rückkehrberaterin
oder den anderen von der Beschwerdegegnerin
als möglich und zumutbar erachteten
Tätigkeiten in de
r Beratung oder
Kommunikation für eine soziale Institution beziehungsweise in einem Museum (vgl. vorstehend E. 2.1)
vor. Die behandelnden Ärzte beschränk
ten sich
im Wesentlichen
darauf, den Fern- und
Nahvisus
beider Augen zu be
ziffern und die dadurch resultierenden qualitativen funktionellen Einschrän
kungen zu beschreiben. Immerhin hielt Dr.
G._
im Bericht vom Juni 2018 (vorstehend E. 3.
13
)
zwar
fest, es bestehe keine Arbeitsfähigkeit im normalen Arbeitsmarkt. Seine Begründung, der Arbeitsmarkt stelle niemanden ein, der nicht sehe, wird allerdings durch die Lebenswirklichkeit widerlegt und ist auch insofern nicht nachvollziehbar, als die
Beschwerdeführerin noch über – wenn auch wenig – Sehkraft verfügt.
Es ist mit der Beschwerdeführerin (vorstehend E. 2.2) zu bedauern, dass die Beschwerdegegnerin für die RAD-Beurteilungen keinen Facharzt und keine Fachärztin für Ophthalmologie aufzubieten vermochte. Zwar ist die Einschätzung durch RAD-Ärztin Dr.
H._
vom November 2016 durchaus plausibel, wonach bei administrativer Tätigkeit auch bei guter Aus
rüstung mit einem verlangsamten Arbeitstempo gerechnet werden müsse (vorste
hend E. 3.
6
). Dazu, in welchem Mass die
Arbeitsfähigkeit
in de
n ohne Um
schulung möglichen Tätigkeiten
dadurch eingeschränkt sei, äusserte sich jedoch auch sie nicht.
Die Berufsberaterin
der Beschwerdegegnerin wiederum
ist keine medizinische
Fachperson.
Ihrer
S
chätzung
vom
April 2018
, dass die Leistungsfähigkeit bei einer starken Sehbehinderung und hohen Ressourcen der betroffenen Person bei 50 % liege (
vorstehend
E. 3.
11
), kann
kein Beweiswert zu
kommen, auch wenn
sie
nicht abwegig
erscheint
.
Ohnehin versah die Berufsberaterin auch diese Ein
schätzung mit der Relativierung,
es müsse an sich noch überprüft werden,
ob die Versicherte nun, nach absolvierter Hilfsmittelschulung, die Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes erfüllen könne
. Auch im Februar 2020, als s
ie diese Ein
schätzung wiederholte,
fügte
sie relativierend hinzu,
es sei unklar, ob noch eine
Einschränkung durch die psychische Erkrankung dazukomme (vorstehend E. 3.
18). Ein durchaus berechtigter Hinweis, nachdem
die Beschwerdeführerin im Laufe des Jahres 2016 gemäss ihrer behandelnden Psychologin
lic.
phil.
J._
(vorste
hend E. 3.12) eine
Anpassungstörung
, längere depressive Reaktion, erlitten
habe
und sich im Frühjahr 2018 ausserstande sah, an beruflichen Massnahmen teilzu
nehmen (vorstehend E. 3.11). Im Oktober 2018 hielten
lic.
phil.
J._
und Dr.
K._
sodann fest
,
die depressive Symptomatik sei zwar mittler
weile remittiert und die Patientin aus psychiatrischer Sicht wieder arbeitsfähig, die bisherige Tätigkeit in der Arbeit mit Migranten sei aber wegen des Risikos eines Rezidivs kurz- und mittelfristig nicht zu empfehlen
(vorstehend E. 3.14)
.
Das Ausmass der Erwerbseinbusse, welche die Beschwerdeführerin in der bisher ausgeübten und den weiteren ohne Zusatzausbildung offenstehenden Erwerbs
tätigkeiten erleidet, wurde somit vorliegend nicht genügend genau evaluiert.
4.3
Noch nichts gewonnen wäre vorliegend mit der Annahme,
unter
den genannten
Umständen sei der Richtwert einer 20-prozentigen Erwerbseinbusse
jedenfalls
klarerweise überschritten
.
Denn auch in diesem Fall
wäre der
Anspruch auf Um
schulung
noc
h nicht zuverlässig überprüfbar, sollte diese
doch die Erwerbsfähig
keit der Versicherten
erhalten oder verbessern, indem
ihr
eine ihrer früheren annähernd gleichwerti
ge Erwerbsmöglichkeit vermittelt wird
(vorstehend E. 1.4).
Auch die Prüfung dieser zweiten Voraussetzung
ist schwerlich durchzuführen, wenn die ohne Umschulung bestehende Erwerbsfähigkeit gar nicht
als Ver
gleichs
wert zur Verfügung steht.
Auch sie
krankt
zudem
daran, dass die in der anvisierten Tätigkeit als Tanz- und Bewegungstherapeutin – aber auch in
weite
ren
vergleichbaren
angepassten Tätigkeiten
wie etwa in der Ergotherapie
–
ge
stellten Anforderungen und bestehenden
Einschränkungen
der Beschwerdefüh
rerin
seitens der Beschwerdegegnerin
nicht fachärztlich abgeklärt und schon gar nicht eine medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit quantifiziert wurde. Dies ändert sich auch durch die Bemerkung durch die Abklärungsperson im Bericht zur erst nach Erlass der angefochtenen Verfügung durchgeführten Haushaltsab
klärung nicht, wonach die avisierte Ausbildung eine passende Option für eine spätere berufliche Tätigkeit zu sein scheine (vorstehend E. 3.19).
Dass
eine Tätigkeit als Tanz- und Bewegungstherapeutin
der gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin in dem Sinne angepasst wäre, dass sie be
deutend weniger Lese- und Schreibarbeiten beinhaltet als eine Bürotätigkeit, leuchtet zunächst ein.
Durchaus wären
aber auch
hier
zumindest
Fragezeichen
dahingehend
angezeigt
,
wie sich das Anforderungsprofil einer Tanz- und Be
wegungstherapeutin
im Detail
präsentiert und ob
beziehungsweise in welchem Umfang
die Beschwerd
eführerin dieses erfüllen kann. Zu klären wäre,
wie
bei
spielsweise eine Therapies
tunde bei der vorliegenden ausgeprägten Sehbehinde
rung konkret durchgeführt werden soll, etwa wie die Beschwerdeführerin ihren Schülern Hilfestellung geben möchte, ohne diese gut zu sehen, oder wie sie deren Stimmung erfassen möchte, ohne die Mimik erkennen zu können. Gerade auch bei der angestrebten
Bewegungstherapie
mit sehbehinderten Teilnehmern
kann es
sodann
etwa unter Sicherheitsaspekten durchaus auch als Nachteil erscheinen, wenn weder Lehrperson noch Schüler über genügend Sehkraft verfügen.
Zudem stellt sich die Frage nach allfälliger erforderlicher schriftlicher Dokumentation der Therapie zu
Handen
Dritter.
4.4
Auch m
it diesen zur Beurteilung des Falles entscheidenden Fragen setzte sich die Beschwerdegegnerin nicht auseinander und unterliess entsprechende Abklärun
gen. Solche wären nicht nur in medizinischer, sondern auch in
berufsberate
rischer
Hinsicht angezeigt gewesen
(und allenfalls kombiniert)
. So ist der Berufs
zweig der Tanz- und Bewegungstherapie vergleichsweise noch relativ jung und der Stellenmarkt soweit ersichtlich klein (vgl.
etwa
die einschlägigen Stellen
portale im Internet), weshalb die Einschätzung der Ausbildner des
M._
(vorstehend E. 3.17), die Beschwerdeführerin werde im Anschluss an die Ausbildung die Mög
lichkeit haben, selbständig oder in Anstellung als Tanztherapeutin zu arbeiten, nicht unbesehen zum Nennwert genommen werden darf. Die erwähnte Stellung
nahme
kann angesichts des bestehenden Ausbildungsverhältnisses
ohnehin
nicht als
neutral
oder objektiv
gelten. Ob der ins Auge gefasste Kundenkreis von
Blinden und Sehbehinderte
n
die Erwerbsaussichten angesichts
seines
engen Radiu
s
vermindert oder aufgrund der Spezialisierung erhöht, kann derzeit ebenfalls nicht beurteilt werden. Schliesslich ist auch das erzielbare Einkommen bei Ausfüllen eines Pensums von 100 %
beim derzeitigen Aktenstand
schwierig festzustellen.
4.5
Zusammenfassend hat die Beschwerdegegnerin den Sachverhalt nicht genügend genau abgeklärt,
sodass
die Prüfung des geltend gemachten Anspruchs auf eine Umschulung zur Tanz- und Bewegungstherapeutin
oder auf eine andere Umschu
lung
nicht
möglich
ist
.
Damit fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid. Die Sache ist daher an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese nach ergänzender medizi
nischer und
berufsberaterischer
Abklärung eine neue Beurteilung vornehme und über den Umschulungsanspruch der Beschwerdeführerin neu verfüge. In diesem Sinne ist die Beschwerde
gutzuheissen
.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 700.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Nach § 34 Abs. 1
GSVGer
hat die obsiegende Beschwerde führende Person An
spruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streit
wert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Nach ständiger Recht
sprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklä
rung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57
E. 2.2),
weshalb die vertretene Beschwer
deführerin Anspruch auf eine Prozessent
schädigung hat.
Beim praxisge
mässen Stundenansatz von Fr. 185
.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ist die Prozessentschädigung ermessensweise a
uf Fr. 2’
0
00.-- (inklusive Baraus
lagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.