Decision ID: 0b004b69-2faa-4b50-9725-d17b857ab42c
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Adrian Gmür, Obere Bahnhofstrasse 11,
Postfach 253, 9501 Wil SG 1,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 9. März 2001 aufgrund von Nacken- und Ohrenleiden zum
Bezug einer Rente der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen
an (IV-act. 16).
A.b Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die Medizinische Abklärungsstelle (MEDAS)
Ostschweiz am 21. März 2002 ein fachärztliches Gutachten. Die Gutachter
diagnostizierten eine Angst- und depressive Reaktion bei unreifer Persönlichkeit, ein
chronisches cervicocephales Syndrom mit vielen vegetativen Begleitbeschwerden
sowie einen rezidivierenden Paukenerguss beidseits bei gestörter
Ohrtrompetenfunktion mit entsprechender mässiger Schallleitungsstörung und
attestierten volle Arbeitsfähigkeit bezogen auf den Aufgabenbereich als Hausfrau und
Mutter sowie grundsätzlich für ausserhäusliche Tätigkeiten, letzteres allerdings nur,
wenn sie nicht für Kinder zu sorgen hätte (IV-act. 11).
A.c Nach Durchführung des Vorbescheidsverfahrens (vgl. IV-act. 13) wies die IV-Stelle
das Rentengesuch mit Verfügung vom 3. Juni 2002 ab (IV-act. 14).
B.
B.a Am 4. Mai 2004 meldete sich die Versicherte zum Bezug von Hilfsmitteln (zwei
Hörgeräte) bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 19).
B.b Am 18. Juni 2004 ging der IV-Stelle der ärztliche Expertenbericht der HNO-Klinik
des Kantonsspitals St. Gallen vom 11. Juni 2004 zu, in welchem ausgeführt worden
war, es sei eine binaurale Versorgung möglich (IV-act. 23).
B.c Mit Verfügung vom 5. August 2004 leistete die IV-Stelle Kostengutsprache für
zwei Hörgeräte gemäss Indikationsstufe 1 (IV-act. 35).
C.
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C.a Ende Juli 2004 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug einer Rente der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an. Als Art der
Behinderung gab sie „Sprach-Hörbehinderung, depressiv, Eingliederung ins
Berufsleben“ an (IV-act. 32 und 36).
C.b Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. med. B._, Facharzt FMH für Psychiatrie
und Psychotherapie, am 13. September 2005 ein fachärztliches Gutachten. Er
diagnostizierte eine Persönlichkeitsstruktur mit emotional instabilen und unreifen Zügen
und attestierte eine 100%ige Arbeitsfähigkeit für der Bildung und den emotionalen
Fähigkeiten der Versicherten entsprechende Tätigkeiten bzw. Hilfstätigkeiten unter
Führung (IV-act. 65).
C.c Mit Verfügung vom 14. Februar 2006 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab (IV-
act. 77).
C.d Die dagegen erhobene Einsprache vom 10. März 2006 (IV-act. 82) wurde mit
Entscheid vom 21. Juni 2006 abgewiesen (IV-act. 85).
C.e Die am 23. August 2006 an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
erhobene Beschwerde (IV-act. 90) wurde mit Entscheid IV 2006/142 vom
14. September 2007 ebenfalls abgewiesen (vgl. IV-act. 111).
D.
D.a Am 17. Juli 2009 meldete sich die Versicherte wiederum zum Bezug einer Rente
der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an. Als Art der
Behinderung gab sie „chronische Schmerzen (Gelenk, Muskel, Rücken,
Kopfschmerzen), Dauererschöpfungszustand, Depression, Hörbeeinträchtigung,
psychosoziale Belastungssituationen“ an; ergänzend führte sie aus, seit der letzten
Anmeldung habe sich der psychische und körperliche Zustand verschlechtert, sie
könne sich nicht recht konzentrieren, sei vergesslich, innerlich unruhig und leide unter
Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen (IV-act. 116).
D.b Am 27. August 2009 liess die Versicherte der IV-Stelle unter anderem zwei
Arztberichte zugehen: Frau Dr. med. C._, Fachärztin FMH für Psychiatrie und
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Psychotherapie, hatte in ihrem Bericht vom 8. August 2009 auf eine
Anpassungsstörung, Angst und depressive Störung, eine chronifizierte depressive
Störung mit mittelgradigen Episoden, eine agitierte Depression, eine
Persönlichkeitsstörung mit emotional instabiler Persönlichkeit und eine psychosoziale
Belastung hingewiesen und eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit im Zeitraum vom
11. Februar bis zum 31. Juli 2009 sowie eine 70%ige Arbeitsunfähigkeit ab dem
1. August 2009 attestiert (IV-act. 131); im Bericht der Klinik für Neurologie des
Kantonsspitals St. Gallen vom 25. Juni 2009 waren aus neuropsychologischer Sicht auf
mittelschwere kognitive Funktionsstörungen sowie Störungen der Emotionalität und
aus psychischer Sicht auf Hinweise für eine depressive Symptomatik hingewiesen und
aufgrund der schweren psychopathologischen Symptomatik vollständige
Arbeitsunfähigkeit attestiert worden (IV-act. 130 bzw. 152).
D.c Mit Verfügung vom 23. September 2009 beschloss die IV-Stelle, auf das
Rentengesuch nicht einzutreten (IV-act. 151).
D.d Nachdem die Versicherte dagegen am 26. Oktober 2009 Beschwerde beim Ver
sicherungsgericht des Kantons St. Gallen hatte erheben lassen (IV-act. 157), widerrief
die IV-Stelle ihre Verfügung vom 23. September 2009 mit Verfügung vom 14. Dezember
2009 (IV-act. 168). Das Beschwerdeverfahren wurde mit Entscheid IV 2009/384 vom
8. Januar 2010 als
gegenstandslos abgeschrieben (vgl. IV-act. 171).
D.e Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. B._ am 25. September 2010 ein
Verlaufsgutachten. Er diagnostizierte insbesondere eine Persönlichkeitsstruktur mit
emotional instabilen und unreifen Zügen sowie einen chronischen Gebrauch von
Benzodiazepinen, Hypnotika, Analgetika und Tabak, attestierte eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit für Hilfstätigkeiten, die ihrer Bildung und ihren emotionalen Fähigkeiten
entsprechen würden. Schliesslich hielt er fest, der Gesundheitszustand habe sich seit
der Begutachtung im Jahr 2005 nicht wesentlich verändert (IV-act. 184).
D.f Mit Vorbescheid vom 18. Oktober 2010 teilte die IV-Stelle mit, dass die
Abweisung des Rentengesuchs vorgesehen sei (IV-act. 187).
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D.g Dagegen liess die Versicherte am 23. November 2010 Einwand erheben. Dr. B._
sei zufolge Vorbefassung als befangen zu qualifizieren. Wie bereits mit Schreiben vom
21. Oktober 2010 (IV-act. 189) liess die Versicherte die Herausgabe der Resultate der
Befragung und der ausgefüllten Fragebogen verlangen, da Dr. B._ die Ergebnisse
falsch wiedergegeben habe (IV-act. 192–1 ff.). Ihrem Einwand liess die Versicherte je
eine Stellungnahme der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen vom
28. Oktober 2010 (IV-act. 192–5 f.) und von Dr. C._ vom 29. Oktober 2010 (IV-
act. 192–7 f.) beilegen.
D.h Am 30. Dezember 2010 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid vom
18. Oktober 2010 (IV-act. 193).
E.
E.a Dagegen richtet sich die am 26. Januar 2011 erhobene Beschwerde, mit der die
Zusprache mindestens einer halben Rente sowie eventualiter die Rückweisung zwecks
Durchführung weiterer Abklärungen beantragt werden (act. G 1).
E.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde
(Beschwerdeantwort vom 24. Februar 2011; act. G 7).
E.c Am 25. Februar 2011 wurde der Beschwerdeführerin die unentgeltliche
Rechtspflege für das Beschwerdeverfahren bewilligt (act. G 9).
E.d Mit Replik vom 17. März 2011 liess die Beschwerdeführerin an ihren mit
Beschwerde vom 26. Januar 2011 gestellten Anträgen festhalten und ergänzend einen
Bericht der Klinik Teufen vom 25. Februar 2011 einreichen (act. G 10 und G 10.1.1).
E.e Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12).

Erwägungen:
1.
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Im Rahmen eines Sozialversicherungsverfahrens haben die versicherten Personen das
Recht, angehört zu werden. Dieser Grundsatz ist in Art. 29 Abs. 2 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV; SR 101) und in Art. 42
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG;
SR 830.1) verankert. Es umfasst insbesondere das Recht der betroffenen Person, sich
vor Erlass eines in ihre Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern,
erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen
Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise
entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn
dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Kein Einsichtsrecht besteht
rechtsprechungsgemäss in Bezug auf rein interne Akten, die für die interne
Meinungsbildung bestimmt sind und denen kein Beweischarakter zukommt. Im
Rahmen einer Begutachtung besteht entsprechend grundsätzlich kein Anspruch auf
Einsicht in die der internen Meinungsbildung dienenden Notizen des Gutachters oder
generell das Gutachten vorbereitende Arbeitsunterlagen, wie Hilfsmittel für die
Erstellung des Gutachtens, z.B. schriftliche Aufzeichnungen über Testergebnisse oder
andere Befunde. Das Gericht kann indessen zum Beizug verpflichtet sein, wenn dies im
Einzelfall zur Überprüfung des Sachverständigengutachtens in seinen Grundlagen und
Schlussfolgerungen angezeigt erscheint (Urteil des Bundesgerichts 9C_591/2010 vom
20. Dezember 2010 E. 5.1.2 mit Hinweisen).
2.
Die Beschwerdeführerin hat mit Schreiben vom 21. Oktober 2010 (IV-act. 189), im
Rahmen ihres Einwandes vom 23. November 2010 gegen den Vorbescheid vom
18. Oktober 2010 (IV-act. 192–1 ff.) und mit der Beschwerdeschrift vom 26. Januar
2011 (act. G 1) um Einsicht in die Resultate der Testbefragung und der ausgefüllten
Fragebögen durch Dr. B._ ersucht und sich diesbezüglich auf den Standpunkt
gestellt, Dr. B._ habe die Ergebnisse nicht korrekt in das Gutachen einfliessen lassen.
Die Beschwerdegegnerin hat dazu im Rahmen des Verwaltungsverfahrens keine
Stellung genommen und im Rahmen ihrer Beschwerdeantwort vom 24. Februar 2011
ausgeführt, dabei handle es sich um interne Akten, bezüglich derer kein Einsichtsrecht
bestehe (act. G 7). Entscheidend ist allerdings nicht, ob es sich bei den relevanten
Dokumenten um Akten handelt, die für gewöhnlich nicht herausgegeben werden, wie
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die Beschwerdegegnerin offenbar annimmt. Vielmehr kommt es darauf an, ob die
Akten entscheidrelevant sind bzw. der Überprüfung des Gutachtens dienen können. Da
Dr. B._ – im Unterschied etwa zu Dr. Z._ (vgl. IV-act. 11–12) – die Ergebnisse der
testpsychologischen Untersuchungen (namentlich des MMPI-2-Tests) in seinem
Gutachten vom 25. September 2010 nur rudimentär wiedergegeben hat (vgl. IV-
act. 184–15 ff.), obwohl er zumindest formal auf dieselben abstellte (vgl. IV-act. 184–1),
ist eine Überprüfung der Schlussfolgerungen ohne Kenntnis der Testergebnisse nicht
möglich. Insbesondere kann eine der wesentlichen Schlussfolgerungen von Dr. B._,
die Tests würden keine zuverlässige Beurteilung erlauben, weshalb ausschliesslich auf
den klinischen Befund abzustellen sei, nicht verifiziert werden. Dabei ist nicht
ausschlaggebend, dass Dr. B._ seine Arbeitsfähigkeitsschätzung gerade nicht
gestützt auf die Testergebnisse abgegeben hat, denn der Schluss, nicht auf die
Testergebnisse abzustellen, kann ebenso entscheidrelevant sein. Jedenfalls ist es ohne
Kenntnis der Testergebnisse nicht möglich, die Schlussfolgerungen von Dr. B._
umfassend zu überprüfen, weshalb die entsprechenden Akten beizuziehen sind.
3.
Die Beschwerdeführerin hat nicht erst im Beschwerdeverfahren um Edition der
erwähnten Unterlagen ersucht, sondern bereits – zweimal – im Verwaltungsverfahren.
Vor Erlass der Verfügung hat die Beschwerdegegnerin die Akten nicht beigezogen und
überdies nicht Stellung zum Antrag der Beschwerdeführerin genommen. Damit hat sie
– wie oben dargelegt – den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Das Versäumnis
der Beschwerdegegnerin ist nicht durch das Gericht nachzuholen, sondern durch die
Beschwerdegegnerin selbst. Sie hat entsprechend die verlangten Akten von Dr. B._
einzufordern und der Beschwerdeführerin Einsicht in dieselben zu gewähren. Nach
erfolgter Stellungnahme der Beschwerdeführerin und hinreichender
Auseinandersetzung mit den Argumenten und allfälligen weiteren Abklärungen ist über
den Rentenanspruch neu zu befinden. Hierfür ist die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.
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Die Rückweisung zu weiteren Abklärungen gilt praxisgemäss hinsichtlich Kosten- und
Entschädigungsfolgen als vollständiges Obsiegen der Beschwerde führenden Person.
Die gemäss Art. 69 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) zu erhebenden und angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwands
auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichtskosten hat demgemäss die
Beschwerdegegnerin zu bezahlen. Zudem hat sie die Beschwerdeführerin mit einer
praxisgemässen Pauschale von Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) zu entschädigen. Die Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege
wird damit obsolet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht