Decision ID: cebe47f0-f09f-531e-bafb-77500e767c10
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat gemäss eigenen Anga-
ben am 26. September 2015. Am 11. Februar 2016 reiste er in die Schweiz
ein und suchte gleichentags um Asyl nach. Am 18. Februar 2016 fand die
Befragung zur Person (BzP) statt. Die Vorinstanz hörte den Beschwerde-
führer am 14. Juni 2016 einlässlich zu seinen Asylgründen an.
Dabei gab der Beschwerdeführer an, er sei ethnischer Belutsche und
stamme aus dem Dorf B._, Distrikt C._, Provinz D._.
Er habe die Schule (...) Jahre lang besucht. Seit dem Jahr 2001 sei er mit
E._ verheiratet. Mit ihr habe er (...) Kinder. Er habe in seinem Dorf
(...) besessen, auf welchem er (...), (...) und (...) angepflanzt habe. Seit
Anfang des Jahres 2014 habe er als (...) für eine Hilfsorganisation aus
F._ namens «(...) » in B._ gearbeitet. Nach einem Jahr sei
er nach G._ versetzt worden. Die «(...)» biete (...)- und (...) für
Frauen an. Alle (...) Monate sei jemand von der Organisation in die Dörfer
gegangen, um (...) abzunehmen. Er sei für (...) Mitarbeiterinnen verant-
wortlich gewesen. Er habe (...) führen müssen, über die (...). Die (...) seien
sehr gefragt gewesen, im Gegensatz zu den (...).
Zu seinen Asylgründen führte der Beschwerdeführer aus, aufgrund seiner
Tätigkeit für die Hilfsorganisation «(...)» sei er von den Taliban bedroht wor-
den. Er habe Drohanrufe von H._ erhalten, einem allseits bekann-
ten (...) aus dem Dorf I._. Dieser habe sich den Taliban angeschlos-
sen und gegen die Regierung den Djihad ausgesprochen. H._ habe
ihn nicht nur aufgefordert, seine Tätigkeit für die «(...)» zu beenden, son-
dern auch mit den Taliban zusammenzuarbeiten und ihnen die (...) Mitar-
beiterinnen «auszuhändigen». Mit diesen würden die Taliban «etwas an-
stellen», damit sie nicht mehr auf die Idee kämen, mit Ausländern zusam-
menzuarbeiten. Die Taliban seien gegen jeden, der für die Regierung oder
für eine Organisation arbeite, insbesondere wenn Frauen involviert seien.
Die (...) und (...) von Frauen verstosse gegen die Gesetze der Taliban. Er
sei ins Visier der Taliban geraten, weil er sowohl mit Frauen als auch für
Frauen gearbeitet habe. Es sei ihm vorgeworfen worden, dass er Frauen
(...) und sie auf den Weg der Ungläubigen bringe. Er habe den Drohbrief
als Einladung zu einem «(...)» erhalten, einer (...), in welcher der (...)
werde. Die Drohungen seien für den ganzen Norden Afghanistans ausge-
sprochen worden. Nach Erhalt des Drohbriefes sei er noch für eine Woche
an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Am (...) September 2015 habe er
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gekündigt. Mehrere Hilfsorganisationen, darunter auch die «(...)», hätten
C._ mittlerweile verlassen. Die Taliban hätten das Dorf G._
eingenommen. Seit etwa (...) Monaten lebe seine Familie in Mazar-i-Sha-
rif.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seinen Pass im Original,
seine Tazkira in Kopie, einen Arbeitsausweis der «(...)» mit Foto, ein
Schreiben über seine Tätigkeit und einen Drohbrief der Taliban vom 29. Au-
gust 2015 ein.
B.
Mit Verfügung vom 20. März 2018 verneinte die Vorinstanz die Flüchtlings-
eigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Den zustän-
digen Kanton beauftragte sie mit dem Vollzug der Wegweisung.
C.
Mit Eingabe vom 19. April 2018 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die Dispositivziffern 1 bis 5
der angefochtenen Verfügung seien aufzuheben, es sei ihm die Flücht-
lingseigenschaft zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die
Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung festzu-
stellen und als Folge davon die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Sub-
eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. Prozessual sei ihm die unentgeltliche Prozessführung, inklusive
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, und die amtliche Ver-
beiständung zu gewähren.
Als Beweismittel gab der Beschwerdeführer eine Bestätigung des (...)mi-
nisteriums der Provinz J._ vom 7. Dezember 2017, einen Zeitungs-
artikel der «(...)» Wochenzeitung, ein Schreiben seiner Ehefrau – alles je-
weils mit einer deutschen Übersetzung –, zwei Zeitungsartikel, drei Arbeits-
verträge und zwei Arbeitszeugnisse sowie eine Kündigung vom
(...) September 2017, alle ausgestellt vom K._, Lohnabrechnun-
gen, einen Ausdruck einer E-Mail des Amts für L._ und Bestätigun-
gen der Krankenkassenkosten zu den Akten.
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D.
Mit Zwischenverfügung vom 24. April 2018 hiess die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und amt-
lichen Verbeiständung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
E.
In der Vernehmlassung vom 30. April 2018 hielt die Vorinstanz an ihren
Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
F.
In seiner Replik vom 16. Mai 2018 hielt der Beschwerdeführer an seinen
Anträgen fest.
G.
Mit Eingabe vom 26. April 2019 teilte der Beschwerdeführer mit, sein (...)
sei aus Afghanistan geflüchtet.
H.
Mit Schreiben vom 12. August 2019 wies der Beschwerdeführer auf die
schlechte Lage in Afghanistan hin und führte aus, mehrere Verwandte hät-
ten zwischenzeitlich das Land verlassen.
I.
Am 5. September 2019 gab der Beschwerdeführer mehrere Ausdrucke von
Fotos zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren
gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Än-
derung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
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setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernom-
men worden. Das Gericht wird nachfolgend die neue Gesetzesbezeich-
nung verwenden.
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Aufgrund
der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Anerken-
nung der Flüchtlingseigenschaft voraus, dass die betroffene Person in ih-
rem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE
2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2).
4.2 Ob eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung vorliegt, ist auf-
grund einer objektivierten Betrachtungsweise zu beurteilen. Es müssen
hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein,
die bei jedem Menschen in der gleichen Lage Furcht vor Verfolgung und
damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Die objektive Be-
trachtungsweise ist durch das vom Betroffenen bereits Erlebte und das
Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu ergänzen. Die erlit-
tene Verfolgung oder die begründete Furcht vor zukünftiger Verfolgung
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muss zudem sachlich und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeitpunkt des Asylentschei-
des noch aktuell sein.
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht genügen.
Gemäss dem Subsidiaritätsprinzip seien Personen mit einer innerstaatli-
chen Fluchtalternative nicht auf den Schutz eines Drittstaates angewiesen.
Der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, wegen seiner Tätigkeit für
die Hilfsorganisation «(...)» mehrfach telefonisch von einem ihm bekann-
ten Mann, der sich den Taliban angeschlossen habe, bedroht worden zu
sein. Zudem habe er einen Drohbrief erhalten, der ihn zur Kündigung bei
der «(...)» und zur Ausreise bewogen habe.
Damit mache der Beschwerdeführer Nachteile geltend, die sich aus lokal
oder regional beschränkten Verfolgungsmassnahmen ableiten würden. Er
habe selbst anlässlich der Anhörung angegeben, dass die Drohung nur für
die nördlichen Provinzen ausgesprochen worden sei. Da er sich diesen
Verfolgungsmassnahmen durch einen Wegzug in einen anderen Landes-
teil entziehen könne, nämlich zu seiner Familie nach Mazar-i-Sharif, sei er
nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen.
5.2 In der Rechtsmitteleingabe rügt der Beschwerdeführer eine Verletzung
von Art. 3 AsylG. Unter Hinweis auf eine Schnellrecherche der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 14. November 2016 zu Afghanistan: «An-
griffe von regierungsfeindlichen Gruppen auf Mitarbeitende der Regierung,
ausländischer Firmen und internationaler Streitkräfte; Drohbriefe; Rekrutie-
rung; psychische Erkrankungen» führt er aus, Zivilpersonen, welche für
eine nationale oder internationale Institution arbeiten würden, gehörten ei-
ner gefährdeten Personengruppe an. Zahlreiche Personen, welche die Re-
gierung oder die internationale Gemeinschaft unterstützen würden, seien
Opfer von Angriffen der Taliban geworden. Auch Entführungen solcher Per-
sonen hätten zugenommen. Drohbriefe der Taliban seien ernst zu nehmen,
da es tödliche Folgen haben könne, wenn die darin enthaltenen Instruktio-
nen nicht befolgt würden. Er sei nirgends in Afghanistan vor einer Bedro-
hung durch die Taliban sicher. Zahlreiche Berichte würden belegen, dass
die Taliban auch in Mazar-i-Sharif aktiv seien und dort mehrere Anschläge
verübt hätten. Sodann seien seine (...) und sein (...) bei einem (...) ums
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Leben gekommen, weshalb er in Mazar-i-Sharif über kein gefestigtes Be-
ziehungsnetz verfüge.
5.3 In der Vernehmlassung hält die Vorinstanz an ihren Erwägungen fest
und führt ergänzend aus, die auf Beschwerdeebene eingereichten Beweis-
mittel seien nicht geeignet, den (...)tod der (...) und des (...) glaubhaft zu
machen. Der Zeitungsausschnitt und das Formular zur Übergabe des
Leichnams könnten keiner materiellen Prüfung unterzogen werden, da sol-
che Dokumente erfahrungsgemäss käuflich leicht erhältlich seien und un-
terschiedliche formale sowie inhaltliche Kriterien bei der Ausstellung eine
schlüssige Überprüfung solcher Unterlagen verunmöglichen würden. So-
dann habe der Beschwerdeführer die Beweismittel nicht nach deren Be-
kanntwerden eingereicht, sondern erst auf Beschwerdeebene. Weitere
Zweifel kämen beim Betrachten des (...) im eingereichten Zeitungsartikel
auf. Obwohl der (...) ziemlich zerstört wirke, scheine der (...) recht unver-
sehrt zu sein, sodass nicht zwangsläufig vom Tod aller Insassen auszuge-
hen sei. Schliesslich habe das an einen Gouverneur gerichtete Schreiben
eindeutig Gefälligkeitscharakter.
5.4 In der Replik macht der Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz habe
zu beweisen, dass die eingereichten Dokumente gefälscht seien. Der Hin-
weis, dass diese leicht käuflich erwerbbar seien, genüge nicht. Er habe
nicht die Unfähigkeit der Vorinstanz, eine schlüssige Überprüfung vorzu-
nehmen, zu verantworten.
6.
6.1 Ungeachtet dessen, dass die Vorinstanz die Glaubhaftigkeit der Vor-
bringen des Beschwerdeführers nicht explizit geprüft hat, ist zunächst fest-
zuhalten, dass nach Einschätzung des Gerichts am Wahrheitsgehalt der
Ausführungen des Beschwerdeführers nicht zu zweifeln ist. Der Beschwer-
deführer hat seine Aufgaben als Mitarbeiter der Hilfsorganisation «(...)»
während der Anhörung detailliert geschildert, auf Nachfrage präzis und
ausführlich geantwortet (vgl. SEM-Akten A5/13 Ziff. 7.01 f. und A20/12
F12 f.). Seine Tätigkeit ist zudem durch einen Ausweis der «(...)» belegt.
Auch die Umstände der gegen ihn gerichteten verbalen und schriftlichen
Drohungen vermochte er weitestgehend plausibel wiederzugeben. So
führte er aus, als er anfangs 2015 ins Dorf G._ versetzt worden sei,
hätten seine Probleme begonnen. All die umliegenden Dörfer seien von
den Taliban kontrolliert worden. Er habe mit (...) Kolleginnen, M._
und N._, zusammengearbeitet. Die Taliban würden Personen, die
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für die Regierung oder eine Organisation arbeiten würden, als Feinde be-
trachten. Dies insbesondere, wenn Frauen involviert seien. Seine Klientin-
nen seien Frauen gewesen und die Organisation habe Frauen beschäftigt
(vgl. SEM-Akten A20/12 F12 und F15). Etwa (...) Monate vor seiner Kün-
digung im (...) 2015 sei er erstmals telefonisch bedroht worden.
H._, ein bekannter (...) aus dem Dorf I._, habe ihn aufge-
fordert, seine Tätigkeit für die «(...)» zu beenden, mit den Taliban zusam-
menzuarbeiten und ihnen die (...) Mitarbeiterinnen «auszuhändigen».
Nach (...) oder (...) Tagen habe H._ erneut angerufen und gefragt,
ob es sich der Beschwerdeführer überlegt habe. H._ habe Sachen
von ihm verlangt, die er nicht mit seinem Gewissen habe vereinbaren kön-
nen. Ausschlaggebend für seine Kündigung sei schliesslich der Erhalt des
Drohbriefes gewesen (vgl. SEM-Akten a.a.O. F15 ff.). Insgesamt hat der
Beschwerdeführer den Ablauf seiner Geschichte übereinstimmend und in
sich stimmig erzählt. Demnach sind die fluchtauslösenden Ereignisse,
auch aufgrund der eingereichten Beweismittel, glaubhaft gemacht.
6.2 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage in Afghanistan lassen sich
Gruppen von Personen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem
erhöhten Verfolgungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören auch Personen,
die der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft na-
hestehen oder als Unterstützer derselben wahrgenommen werden. Betrof-
fen sind insbesondere afghanische wie ausländische Mitarbeitende von in-
ternationalen Organisationen, Unternehmen oder NGOs. So kam es ge-
mäss Angaben des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs
(OCHA) im Jahr 2016 zu rund 200 Vorfällen gegen solche Personen (ge-
genüber 255 im Jahr 2015), worunter namentlich Entführungen und An-
griffe fallen, bei denen Betroffene verletzt oder getötet worden waren (UN
OCHA, Humanitarian Bulletin Afghanistan, Issue 59 – 01-31 December
2016, https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/afghanis-
tan_monthly_hb_dec_2016.pdf, abgerufen am 05.05.2020). Auch andere
Quellen berichten von gezielten Angriffen auf Mitarbeiter der afghanischen
Regierung oder internationaler Organisationen und einem erhöhten Risiko
dieser Personen, einem Gewaltakt – insbesondere durch die Hände der
Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe, Af-
ghanistan: Gefährdungsprofile, Update der SFH-Länderanalyse, 12. Sep-
tember 2019, S. 12; FAZ online, Zahl der Toten steigt nach Taliban-Angriff
in Kabul, 9. Mai 2019, https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afghanis-
tan-zahl-der-toten-steigt-nach-taliban-angriff-in-kabul-16178418.html, ab-
gerufen am 05.05.2020).
https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afghanistan-zahl-der-toten-steigt-nach-taliban-angriff-in-kabul-16178418.html https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afghanistan-zahl-der-toten-steigt-nach-taliban-angriff-in-kabul-16178418.html
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Seite 9
6.3 Auf der Grundlage der verfügbaren Quellen kann nicht von einem ge-
nerellen Risikoprofil für Mitarbeitende internationaler Organisationen aus-
gegangen werden, auch ist die Quellenlage zur Frage der Häufigkeit ge-
zielter Tötungen durch die Taliban nicht eindeutig. Niedrigrangige Ange-
stellte von ausländischen oder internationalen Organisationen in Städten,
die von der Regierung kontrolliert werden, stellen keine primären Angriffs-
ziele der Taliban dar, da sich diese eher auf Personen mit hohem Profil
konzentrierten. Spezifische, individuelle Umstände können das Tötungsri-
siko für niedrigrangigere Mitarbeitende erhöhen (vgl. UK Home Office,
Country Information and Guidance – Afghanistan: persons supporting or
perceived to support the government and/or international forces, Februar
2015). Notorisch ist, dass die Taliban der westlichen Vorstellung von Frau-
enrechten feindlich gegenüberstehen.
6.4 Der Beschwerdeführer ist ehemaliger Mitarbeiter der «(...)», einer der
(...) internationalen NGOs, die sich unter anderem für (...), (...) und (...)
von Frauen einsetzt. Die Organisation arbeitet mit der afghanischen Re-
gierung zusammen und wird in Afghanistan unter anderem von der (...),
weiteren internationale Organisationen sowie vom afghanischen Staat fi-
nanziell unterstützt. Mit Unterstützung des «(...)» des (...) fördert die «(...)»
verschiedene (...)projekte für Mädchen und Frauen in Afghanistan ([...],
abgerufen am 05.05.2020). In seiner Funktion für die «(...)» war der Be-
schwerdeführer an verschiedenen Projekten zur Förderung von Frauen be-
teiligt und arbeitete mit Frauen zusammen. Aufgrund dieser Tätigkeit ist er
den Taliban aufgefallen und hat Drohungen erhalten. Der Beschwerdefüh-
rer weist demnach ein Risikoprofil auf, welches sich anhand der glaubhaft
gemachten Drohungen der Taliban gegen ihn auch auf individueller Ebene
konkretisiert und insgesamt zu einer objektiv begründeten Furcht vor Ver-
folgung durch extremistische regierungsfeindliche Akteure führt.
6.5 Das Gericht gelangt zum Schluss, dass der Beschwerdeführer im
Zeitpunkt seiner Ausreise aus Afghanistan im Jahre 2015 aufgrund seines
Profils eine begründete Furcht vor gezielter Verfolgung durch regierungs-
feindlichen Gruppierungen im Sinne von Art. 3 AsylG hatte. Eine relevante
Verfolgungsmotivation (unterstellte politische Haltung) ist ohne Weiteres zu
bejahen. Nachdem sich die Sicherheits- und Verfolgungslage in
Afghanistan seit seiner Ausreise im Jahr 2015 keineswegs verbessert hat,
ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr
nach Afghanistan begründeterweise auch aktuell künftige Verfolgung vor
Übergriffen seitens regierungsfeindlicher Gruppierungen zu befürchten
hat.
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Seite 10
7.
7.1 Nachdem die festgestellte Verfolgungsgefahr nicht von staatlichen Or-
ganen, sondern von Dritten ausgeht, bleibt die Frage zu prüfen, ob für den
Beschwerdeführer eine innerstaatliche Flucht- beziehungsweise Schutzal-
ternative besteht. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts bedingt die Annahme einer innerstaatlichen Schutzalternative im
Lichte der Schutztheorie, dass am Zufluchtsort eine funktionierende und
effiziente Schutzinfrastruktur besteht und der Staat gewillt ist, der in einem
anderen Landesteil von Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort
Schutz zu gewähren. Praxisgemäss sind an die Effektivität des Schutzes
am Zufluchtsort hohe Anforderungen zu stellen. Namentlich genügt es
nicht, dass der Verfolger am Zufluchtsort nicht präsent ist, sondern es muss
auch die Möglichkeit ausgeschlossen werden können, dass er seinen Ein-
fluss auf diesen Ort ausdehnen kann (vgl. BVGE 2013/5 E. 5.4.3, BVGE
2011/51 E. 8.5.1 und 8.6). Schliesslich muss es dem Betreffenden indivi-
duell zuzumuten sein, den am Zufluchtsort erhältlichen Schutz längerfristig
in Anspruch nehmen zu können. Dabei sind die allgemeinen Verhältnisse
am Zufluchtsort und die persönlichen Umstände der betroffenen Person zu
beachten und es ist unter Berücksichtigung des länderspezifischen Kon-
textes im Rahmen einer individuellen Einzelfallprüfung zu beurteilen, ob ihr
angesichts der sich konkret abzeichnenden Lebenssituation am Zufluchts-
ort realistischerweise zugemutet werden kann, sich dort niederzulassen
und sich eine neue Existenz aufzubauen. Für die Frage der Zumutbarkeit
kommt der Zumutbarkeitsbegriff gemäss Art. 83 AIG zur Anwendung (vgl.
BVGE 2011/51 E. 8).
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Urteil D-5800/2016 vom
13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert) eine Lagebeurteilung zu
Afghanistan vorgenommen. Zusammenfassend ergibt sich eine deutliche
Verschlechterung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Ge-
richts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug der International
Security Assistance Force (ISAF) über alle Regionen hinweg. Seit dem
Übergang der Kontrolle von den ISAF-Kampftruppen auf die Afghan Natio-
nal Security Forces (ANSF) hat der Konflikt mehr und mehr den Charakter
eines Bürgerkrieges angenommen, wobei grosse Teile des Staatsgebiets
direkt von Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen terroristische
Anschläge in den von offenen Gefechten weitgehend ausgenommenen ur-
banen Zentren. Im Visier stehen vor allem die Grossstädte Kabul und Kan-
dahar, aber auch kleinere Städte wie Dschalalabad und Kunduz (vgl. dazu
ausführlich E. 7.3 und E. 7.4 sowie zu den jüngsten Anschlägen: Zeit on-
line, Landesweite Taliban-Angriffe in Afghanistan, 22. April 2020,
E-2285/2018
Seite 11
https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-04/afghanistan-taliban-angriffe-lan-
desweit-tote, abgerufen am 05.05.2020).
7.3 In Bezug auf die Stadt Mazar-i-Sharif gelangte das Bundesverwal-
tungsgericht im Urteil D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 (als Referenzur-
teil publiziert) zum Schluss, dass sich die Sicherheitslage in den letzten
Jahren verschlechtert hat. Bis zum Jahr 2016 zählte Mazar-i-Sharif zu den
sichersten Städten Afghanistans. Seit 2016 hat sich jedoch auch die Si-
cherheitslage im Norden Afghanistans verschärft (vgl. dazu ausführlich
E. 6.2.2.2 f.).
7.3.1 Im Herkunftsgebiet des Beschwerdeführers ist das Bestehen einer
ausreichenden Schutzinfrastruktur zu verneinen; davon geht auch die
Vorinstanz aus, welche den Beschwerdeführer auf die innerstaatliche
Fluchtalternative Mazar-i-Sharif verweist.
7.3.2 Zunächst ist entgegen der vorinstanzlichen Erwägungen festzustel-
len, dass das Verfolgungsinteresse der Taliban auch ausserhalb der Hei-
matregion des Beschwerdeführers zu bestehen scheint. Zwar wurde der
Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge in Mazar-i-Sharif nie direkt
von den Taliban bedroht. Zu berücksichtigen ist aber, dass regierungsfeind-
liche Gruppierungen, namentlich die Taliban, landesweit aktiv sind und in
den vergangenen Jahren eine Entwicklung hin zu einer gut organisierten
Bewegung durchlaufen haben, wodurch sie in verschiedenen Provinzen an
Einfluss, Macht und Stärke gewonnen haben. Sie verübten auch mehrere
Angriffe in Mazar-i-Sharif (vgl. Referenzurteil D-4287/2017 vom
8. Februar 2019 E. 6.2.3.1 ff.). Die afghanischen Sicherheitskräfte können
die feindlich gesinnten Konfliktparteien kaum in genügender Weise zurück-
drängen oder kontrollieren (vgl. Referenzurteil D-5800/2016, E. 7.3.1 f.).
Daraus folgt, dass die afghanischen Sicherheitskräfte für Angehörige von
Personengruppen mit einem Risikoprofil – zu welchen der Beschwerdefüh-
rer gehört – keine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur
Verfügung stellen können (vgl. dazu Urteile des BVGer E-6343/2018 vom
6. Juni 2019 E. 6.6; Referenzurteil D-4287/2017 vom 8. Februar 2019
E. 6.2.3.2; Urteile D-3402/2017 vom 14. Dezember 2017 E. 7.2 und
E-117/2016 vom 31. Oktober 2017 E. 7.4). Eine Schutzalternative im Sinne
der Rechtsprechung besteht offensichtlich auch in anderen Teilen Afgha-
nistans nicht, zumal die Taliban in allen Landesteilen ihre Aktivitäten entfal-
ten und die Schutzinfrastruktur gegenüber derjenigen von Mazar-i-Sharif
auch in anderen grossen Städten nicht effizienter ist (vgl. dazu Urteile
E-6343/2018 vom 6. Juni 2019 E. 6.6 und E-1775/2016 vom 3. Dezember
https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-04/afghanistan-taliban-angriffe-landesweit-tote https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-04/afghanistan-taliban-angriffe-landesweit-tote
E-2285/2018
Seite 12
2018 E. 6.5). Zu berücksichtigen ist schliesslich, dass der Beschwerdefüh-
rer nie ausserhalb seines Dorfes gelebt hat, womit bezüglich der Stadt Ma-
zar-i-Sharif nicht von besonders begünstigenden Umständen auszugehen
ist (vgl. Urteil D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 E. 7.3.1). Unter diesen
Umständen sind die hohen Anforderungen an den Nachweis einer sicheren
und zumutbaren landesinternen Schutzalternative nicht gegeben. Vor die-
sem Hintergrund erübrigt es sich, auf die Ausführungen bezüglich des To-
des der (...) sowie des (...) weiter einzugehen.
7.4 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Vorbringen insgesamt als
glaubhaft zu erachten sind und der Beschwerdeführer die Voraus-
setzungen zur Anerkennung als Flüchtling erfüllt. Den Akten lassen sich
sodann keine Hinweise auf das Vorliegen von Asylausschlussgründen im
Sinne von Art. 53 AsylG entnehmen. Die Beschwerde ist somit gutzu-
heissen und die Verfügung vom 20. März 2018 ist aufzuheben. Der Be-
schwerdeführer ist als Flüchtling anzuerkennen und die Vorinstanz ist
anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfügung vom 24. April
2018 gewährte unentgeltliche Prozessführung gegenstandslos.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Die Rechtsvertreterin reichte mit der Eingabe vom 24. April 2018 eine Ho-
norarnote ein. Darin weist sie einen zeitlichen Aufwand von acht Stunden
à Fr. 200.– sowie Auslagen von Fr. 20.– aus (total Fr. 1'620.–). Der geltend
gemachte zeitliche Aufwand und die Höhe der Auslagen scheinen ange-
messen. Unter Berücksichtigung der Eingaben vom 16. Mai 2018, 26. April
2019, 12. August 2019 und 5. September 2019 ist der Aufwand auf insge-
samt zehn Stunden festzusetzen. Ausgehend von einem Stundenansatz
von Fr. 200. – ist die von der Vorinstanz an den Beschwerdeführer auszu-
richtende Parteientschädigung auf Fr. 2’020.– (inkl. Auslagen) festzuset-
zen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 13