Decision ID: b4560eec-4bd0-4d89-b6d5-f634c4c89798
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 28.03.2012 Art. 10 f. ELG. Berechnung des Anspruchs auf jährliche Ergänzungsleistung unter Berücksichtigung von Wohneigentum (Entscheid des Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen vom 28. März 2012, EL 2011/35).Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterin Monika Gehrer-Hug,a.o. Versicherungsrichter Christian Zingg; Gerichtsschreiber Tobias BoltEntscheid vom 28. März 2012in SachenA._,Beschwerdeführer,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErgänzungsleistung zur AHVSachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 13. Juni 2011 zum Bezug von Ergänzungsleistungen (EL)
zu seiner Altersrente der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) an. Er und seine
Ehefrau hätten sämtliche Kosten drastisch reduzieren müssen, das Alterskapital der
beruflichen Vorsorge sei vollständig aufgebraucht (EL-act. 24–4 f.). Am 20. Juni 2011
ergänzte der Versicherte, er habe infolge einer Augenoperation neue Brillengläser
benötigt, die Fr. 660.-- gekostet hätten. Seine Schulden hätten sich um diesen Betrag
erhöht (EL-act. 24–3). Mit Schreiben vom 24. Juni 2011 liess der Versicherte der EL-
Durchführungsstelle die Rentenbescheide der Deutschen Rentenversicherung per
1. Juli 2010 für ihn und seine Ehefrau sowie die Zins- und Kapitalbescheinigungen
betreffend die Festhypothek, die variable Hypothek sowie die Bankkonti der Ehegatten
zugehen. Er wies sodann darauf hin, dass er die Staats- und Gemeindesteuern nicht
fristgerecht habe begleichen können und sich die entsprechenden Schulden auf
Fr. 2’800.-- beliefen. Weiter seien Hypothekarzinsen von Fr. 2’700.-- sowie diverse
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Rechnungen für medizinische Behandlungen und Medikamente fällig. Schliesslich sei
nicht einzusehen, weshalb die Billag nun plötzlich Gebühren geltend mache; er bleibe
bis ans Lebensende invalid (EL-act. 24–1 f.). Am 30. Juni 2011 ging der EL-
Durchführungsstelle das ausgefüllte Anmeldeformular zu (EL-act. 23).
A.b Am 14. Juli 2011 forderte die EL-Durchführungsstelle den Versicherten unter
anderem auf, genaue Angaben über den Verbrauch der Altersleistung der beruflichen
Vorsorge von Fr. 280’000.-- bis Fr. 300’000.-- zu tätigen (EL-act. 21). Mit Schreiben
vom 31. Juli 2011 liess der Versicherte der EL-Durchführungsstelle entsprechende,
umfangreiche Belege zugehen. Er und seine Ehefrau hätten nicht verschwenderisch
gelebt. Es sei kein Geld für Erholungskuren vorhanden, das Auto sei 21 Jahre alt, der
Fernseher 18 Jahre, das Geld reiche nicht einmal für ein Abendessen auswärts (EL-
act. 20).
A.c Am 8. August 2011 liess das Steueramt der Stadt B._ der EL-
Durchführungsstelle die Veranlagungsverfügungen der Staats- und Gemeindesteuern
der Jahre 2001–2009 zugehen (EL-act. 8 ff.).
A.d Mit Verfügung vom 9. August 2011 verneinte die EL-Durchführungsstelle einen
Anspruch auf Ergänzungsleistungen sowohl für den Monat Juni 2011 als auch ab Juli
2011 (EL-act. 6 und 18 f.)
B.
B.a Dagegen erhob der Versicherte am 11. September 2011 Einsprache. Er
beanstandete insbesondere, dass ein Liegenschaftsertrag von Fr. 19’608.--
angerechnet, aber nur Wohnkosten von Fr. 15’000.-- anerkannt worden seien (EL-
act. 3).
B.b Mit Entscheid vom 24. November 2011 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache vom 11. September 2011 ab. Für Wohnkosten könne höchstens ein Betrag
von Fr. 15’000.-- pro Jahr anerkannt werden. Bei den Einnahmen sei dagegen der
gesamte Mietwert zu berücksichtigen. Die angefochtene Verfügung erweise sich als
rechtens (act. G 1.2).
C.
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C.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die am 23. Dezember 2011
erhobene Beschwerde, mit der die Ausrichtung von Ergänzungsleistungen beantragt
und zur Begründung im Wesentlichen ausgeführt wird, der Beschwerdeführer und
seine Ehefrau könnten sich nichts mehr leisten und seien mittlerweile verschuldet,
obwohl sie stets versucht hätten, ihren Verpflichtungen nachzukommen (act. G 1).

C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst unter Verweis auf die Erwägungen des
angefochtenen Einspracheentscheides auf Abweisung der Beschwerde
(Beschwerdeantwort vom 20. Januar 2012; act. G 3).
C.c Mit Replik vom 13. Februar 2012 liess der Beschwerdeführer an den mit
Beschwerde vom 23. Dezember 2011 gestellten Anträgen festhalten (act. G 5).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik.
Erwägungen:
1.
Das Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) war ursprünglich als Subventionsordnung
ausgestaltet. Geregelt wurde mit anderen Worten bloss, unter welchen Bedingungen
die Kosten der Kantone für die Unterstützung bedürftiger Bezüger einer Rente der
ersten Säule vom Bund teilweise mitgetragen wurden (vgl. die Botschaft des
Bundesrates zum ELG vom 21. September 1964, BBl 1964 II 689). Dementsprechend
war es nicht Ziel des ELG, im konkreten Fall eine möglichst angemessene
Unterstützung einzelner Versicherter zu gewährleisten. Vielmehr sollten minimale
Voraussetzungen definiert werden, bei deren Erfüllung die Kantone bezüglich ihrer
entsprechenden Ausgaben unterstützt würden. Daraus erhellt, weshalb insbesondere
die anerkannten Ausgaben abschliessend definiert und deren Höhe mehrheitlich
pauschal festgelegt wurde. Das Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG; seit
1. Januar 2007 sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts) hat das ELG indessen
bereits früh als abschliessende Ordnung für den Einzelfall interpretiert. Im Zuge der
Totalrevision per 1. Januar 2008 wurde dann auch auf Gesetzesstufe der Wandel von
der Subventionsordnung zur abschliessenden Ordnung für den Einzelfall (im Sinn eines
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Leistungsgesetzes) vollzogen: Während der frühere Art. 1 Abs. 1 ELG vorgesehen
hatte, dass Kantone, die aufgrund eigener, den Anforderungen des ELG
entsprechender Bestimmungen Ergänzungsleistungen gewährten, Beiträge erhielten
(vgl. BBl 1964 II 711), hält Art. 2 Abs. 1 ELG neu fest, dass der Bund und die Kantone
Personen, welche die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen, Ergänzungsleistungen
zur Deckung ihres Existenzbedarfs gewähren. Eine Anpassung insbesondere
hinsichtlich der anerkannten Ausgaben und deren Höhe ist allerdings weitgehend nicht
erfolgt, wofür wohl vor allem Spargründe ausschlaggebend gewesen sein dürften. So
sieht etwa Art. 10 Abs. 1 lit. b Ziff. 2 ELG vor, dass als Mietzins einer Wohnung
inklusive der damit zusammenhängenden Nebenkosten bei Ehepaaren höchstens ein
jährlicher Betrag von Fr. 15’000.-- anerkannt wird. Dieser Höchstbetrag mag in eher
ländlichen Gegenden nach wie vor angemessen sein; in städtischen Gebieten ist er
dagegen in aller Regel zu tief (vgl. dazu auch Tuor Rudolf, Vermeidung von Altersarmut
mit Ergänzungsleistungen, in: SZS 56/2012, S. 3 ff., S. 19 f.). Allerdings steht es weder
den rechtsanwendenden Behörden noch den rechtsprechenden Gerichten frei, von der
Ordnung gemäss ELG abzuweichen, denn es gelten im Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsverfahren einerseits das strikte Legalitätsprinzip und andererseits
der Grundsatz, dass Bundesgesetze massgebend sind – selbst, wenn sie als
verfassungswidrig zu qualifizieren wären. Mit anderen Worten musste sich die
Beschwerdegegnerin und muss sich das angerufene Gericht an den vom ELG
vorgegebenen Rahmen halten, selbst auf die Gefahr eines im Einzelfall praktisch wenig
überzeugenden Ergebnisses hin.
2.
Als relevante jährliche Ausgaben anerkannt werden können vorliegend lediglich der
pauschale Lebensbedarf gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. a Ziff. 2 ELG bzw. Art. 1 lit. b der
Verordnung 11 über Anpassungen bei den Ergänzungsleistungen zur AHV/IV (AS 2010
4585 f.) von Fr. 28’575.-- für den Beschwerdeführer und seine Ehefrau zusammen, der
Eigenmietwert der Wohnung und die Nebenkosten gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. b Ziff. 2
ELG von zusammen höchstens Fr. 15’000.--, die Krankenkassenprämienpauschale
(nicht die effektiven Krankenkassenprämien) gemäss Art. 10 Abs. 3 lit. d ELG bzw.
Art. 2 lit. a der Verordnung über die Durchschnittsprämien 2011 der Krankenpflegever
sicherung (AS 2010 5833 ff.) von je Fr. 4’272.-- sowie die Hypothekarzinsen von
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Fr. 10’037.-- (Art. 10 Abs. 3 lit. b ELG) und der (pauschalisierte) Gebäudeunterhalt
gemäss Art. 10 Abs. 3 lit. b ELG, Art. 16 Abs. 1 der Verordnung über die
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV;
SR 831.301), Art. 44 Abs. 4 des St. Galler Steuergesetzes (StG; sGS 811.1) und Art. 29
Abs. 1 der St. Galler Steuerverordnung (StV; sGS 811.11) von Fr. 3’922.-- (= 20 % ×
Fr. 19’608.--; vgl. EL-act. 25–1 f.). Die Berücksichtigung der anerkannten Ausgaben
durch die Beschwerdegegnerin (EL-act. 18 f.) ist angesichts dessen nicht zu
beanstanden.
3.
Als Einkommen sind grundsätzlich sämtliche Beträge anzurechnen, die dem
Beschwerdeführer und seiner Ehefrau in irgendeiner Form zufliessen. Dazu zählen
insbesondere die AHV-Renten von gesamthaft Fr. 37’020.-- (Art. 11 Abs. 1 lit. d ELG),
die Renten der Deutschen Rentenversicherung von gesamthaft Fr. 10’448.-- (bis
30. Juni 2010) bzw. Fr. 10’552.-- (ab 1. Juli 2010; Art. 11 Abs. 1 lit. d ELG) und die
Zinserträge von Fr. 38.-- (Art. 11 Abs. 1 lit. b ELG). Anzurechnen sind allerdings auch
die Eigenmietwerte der Wohnung und des Garagenplatzes als Einkünfte, die erzielt
werden könnten, wenn die entsprechenden Grundstücke vermietet würden (Art. 11
Abs. 1 lit. b ELG). Im Gegensatz zum Steuerrecht wird im Ergänzungsleistungsrecht
allerdings kein Abzug gewährt, wenn die Wohnung oder das Haus selbst bewohnt wird
(vgl. das zur Publikation vorgesehene Urteil des Bundesgerichts 9C_495/2011 vom
23. Dezember 2011). Aus diesem Grund ist nicht zu beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin Liegenschaftserträge von gesamthaft Fr. 19’608.-- angerechnet
hat.
4.
Demnach hat der Beschwerdeführer von Gesetzes wegen keinen Anspruch auf eine
jährliche Ergänzungsleistung. Ein Spielraum, der ausgenutzt werden und zu einem
anderen Ergebnis führen könnte, besteht nicht. Allerdings ist der Beschwerdeführer
darauf hinzuweisen, dass gemäss Art. 14 Abs. 6 ELG Personen, die aufgrund eines
Einnahmenüberschusses keinen Anspruch auf eine jährliche Ergänzungsleistung
haben, Anspruch auf Vergütung der Krankheits- und Behinderungskosten haben, die
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den Einnahmenüberschuss übersteigen. Solche Krankheits- und Behinderungskosten
sind Kosten für zahnärztliche Behandlung, Hilfe, Pflege und Betreuung zuhause und in
Tagesstrukturen, ärztlich angeordnete Bade- und Erholungskuren, eine Diät,
Transporte zur nächstgelegenen Behandlungsstelle, Hilfsmittel und die
Kostenbeteiligung (Franchise und Selbstbehalt) der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung (Art. 14 Abs. 1 ELG). Diese Kosten werden vergütet, wenn
die Vergütung innerhalb von fünfzehn Monaten nach Rechnungsstellung geltend
gemacht wird (Art. 15 ELG). Der Beschwerdeführer müsste sich für die Vergütung
solcher Krankheits- und Behinderungskosten bei der Beschwerdegegnerin anmelden.
5.
Nach dem Ausgeführten ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind gemäss
Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) keine zu erheben.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP