Decision ID: 1042d00d-9ec8-411c-adf2-c93390140b6a
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A. X arbeitet als Lastwagenchauffeur und besitzt den Führerausweis der Kategorien B,
C, BE und der Unterkategorien D1 und D1E (jeweils seit 22. Februar 1985), CE (seit
20. März 1987) sowie A (seit 1. April 2003). Am 30. Juli 2019 war er auf der Autobahn
bei Muttenz mit einem Sattelschlepper mit Sattelanhänger unterwegs. Aufgrund des
hohen Verkehrsaufkommens stand der Verkehr still. Beim Anfahren verursachte X bei
sehr geringer Geschwindigkeit um 16.18 Uhr eine Auffahrkollision mit dem vor ihm
fahrenden Personenwagen. An diesem entstand geringer Sachschaden. Der Untersuch
des Lenkers des Personenwagens im Universitätsspital Basel ergab keine Hinweise auf
ernsthafte Verletzungen.
B.- Mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom 7. November 2019
wurde X im Zusammenhang mit dem Ereignis vom 30. Juli 2019 wegen einfacher
Verletzung der Verkehrsregeln (Auffahrunfall infolge pflichtwidrig mangelnder
Aufmerksamkeit) zu einer Busse von Fr. 300.– verurteilt. Der Strafbefehl erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
C.- Das Strassenverkehrsamt des Kantons St. Gallen teilte X am 28. August 2019 mit,
dass es den Polizeirapport zum Unfall vom 30. Juli 2019 erhalten habe. Es werde den
Ausgang des Strafverfahrens, dem eine wesentliche Bedeutung zukomme, abwarten.
Am 12. Dezember 2019 eröffnete es gegenüber X ein
Administrativmassnahmeverfahren und gab ihm Gelegenheit, zum beabsichtigten
Führerausweisentzug für die Dauer eines Monats Stellung zu nehmen. Am 23. Januar
2020 teilte das Strassenverkehrsamt X mit, dass es einen Polizeibericht über eine
neuerliche Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften vom 11. Dezember
2019 in St. Gallen erhalten habe. Die Rechtsvertreterin hielt daraufhin dafür, dass für
die beiden Ereignisse (vom 30. Juli und 11. Dezember 2019) eine Gesamtmassnahme
zu verfügen sei. Das Strassenverkehrsamt erklärte am 29. Januar 2020, dass es den
ersten Fall abschliessen wolle, und gab nochmals Gelegenheit zu einer Stellungnahme;
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
davon machte die Rechtsvertreterin am 12. Februar 2020 Gebrauch. Mit Verfügung
vom 19. März 2020 verwarnte das Strassenverkehrsamt X wegen einer leichten
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften.
D.- Dagegen liess X am 2. April 2020 (Datum der Postaufgabe) Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) erheben und im
Hauptpunkt beantragen, die Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 19. März 2020
sei aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und von einer Massnahme abzusehen. Auf
die Ausführungen im Rekurs zur Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich, in

den Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz verzichtete am 17. April 2020 auf eine
Vernehmlassung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekus
vom 2. April 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Hauptantrag verlangt der Rekurrent die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und die Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz zur Neubeurteilung. Zur
Begründung wird ausgeführt, der Rekurrent sei am 19. März 2020 wegen des
Auffahrunfalls vom 30. Juli 2019 verwarnt worden, obwohl die Vorinstanz bereits im
Januar 2020 von einer (möglichen) zweiten Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften vom 11. Dezember 2019 gewusst habe. Dies sei nicht
korrekt, weil in einem solchen Fall für beide Widerhandlungen zusammen eine
Gesamtmassnahme zu verfügen sei (act. 1 S. 3 ff.). Die Vorinstanz hatte die
Rechtsvertreterin am 29. Januar 2020 orientiert, dass sie beabsichtige, "den ersten Fall
abzuschliessen", weil ungewiss sei, wie lange das Strafverfahren hinsichtlich des neuen
Vorfalls vom 11. Dezember 2019 dauere (act. 9/75). In der angefochtenen Verfügung
wurde auf die Frage einer allfälligen Gesamtmassnahme nicht mehr eingegangen.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
a) Die Vorinstanz als eine über eine Massnahme entscheidende Verwaltungsbehörde ist
grundsätzlich an die tatsächlichen Feststellungen des Strafrichters gebunden. Sofern
die beschuldigte Person wusste oder angesichts der Schwere der ihr vorgeworfenen
Delikte voraussehen musste, dass gegen sie ein Führerausweisentzugsverfahren
eröffnet wird, und sie es trotzdem unterlässt oder darauf verzichtet, im Rahmen des
(summarischen) Strafverfahrens die ihr garantierten Verteidigungsrechte geltend zu
machen, gilt dies auch für einen Strafentscheid, der nicht im ordentlichen Verfahren,
sondern im Strafbefehlsverfahren gefällt wurde. Unter diesen Umständen darf die
betroffene Person nicht das Verwaltungsverfahren abwarten, um allfällige Rügen
vorzubringen und Beweisanträge zu stellen, sondern ist nach Treu und Glauben
verpflichtet, dies bereits im Rahmen des (summarischen) Strafverfahrens zu tun, sowie
allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu ergreifen (vgl. Urteil des Bundesgerichts [BGer]
1C_432/2017 vom 7. Februar 2018 E. 2.3 mit weiteren Hinweisen). Dementsprechend
hat die Administrativbehörde, sofern eine Anzeige an den Strafrichter erfolgt oder mit
einer solchen zu rechnen ist, im Interesse der Rechtssicherheit und der Rechtseinheit
grundsätzlich mit ihrer Verfügung zuzuwarten, bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt,
soweit der Sachverhalt oder die rechtliche Qualifikation des in Frage stehenden
Verhaltens für das Verwaltungsverfahren von Bedeutung sind (BGE 119 Ib 158 E. 2c/
bb).
Hier lag der rechtskräftige Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft vom
7. November 2019 vor, womit der Rekurrent wegen Nichtbeherrschens des Fahrzeugs
(leichte Auffahrkollision aufgrund pflichtwidrig mangelnder Aufmerksamkeit) zu einer
Busse von Fr. 300.– verurteilt wurde (act. 9/43). Diesbezüglich waren die
Voraussetzungen erfüllt, um eine Massnahme zu erlassen. Zu prüfen ist im Folgenden,
ob sich daran etwas geändert hat, weil vor Erlass der Verfügung bekannt wurde, dass
der Rekurrent möglicherweise eine weitere Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften begangen hat. Namentlich stellt sich die Frage, wie im
Administrativmassnahmeverfahren vorzugehen ist, wenn ein Fahrzeuglenker mehrere
Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften begangen hat.
b) Im Strafrecht gilt in einem solchen Fall Art. 49 Abs. 1 des Strafgesetzbuchs
(SR 311.0, abgekürzt: StGB). Nach dieser Bestimmung wird der Täter, der durch eine
oder mehrere Handlungen die Voraussetzungen für mehrere gleichartige Strafen erfüllt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zu der Strafe der schwersten Tat verurteilt und diese angemessen erhöht. Oft ist es
Zufall, ob im Entscheid- bzw. Verfügungszeitpunkt alle begangenen Widerhandlungen
beurteilt werden; namentlich kommt vor, dass nachträglich weitere strafbare
Handlungen bekannt werden. Art. 49 Abs. 2 StGB sieht deshalb vor, dass das Gericht,
welches eine Tat zu beurteilen hat, die der Täter begangen hat, bevor er wegen einer
andern Tat verurteilt worden ist, die Zusatzstrafe in der Weise bestimmt, dass der Täter
nicht schwerer bestraft wird, als wenn die strafbaren Handlungen gleichzeitig beurteilt
worden wären (sog. retrospektive Konkurrenz). Hat ein Fahrzeugführer mehrere
Widerhandlungen begangen, wird Art. 49 StGB bei den Admini-strativmassnahmen des
Strassenverkehrsrechts analog angewendet (vgl. BGE 121 Ib 54 E. 2 zu Art. 68 aStGB,
der Art. 49 StGB entspricht; Philippe Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2.
Aufl., Zürich/St. Gallen 2015, Vorbemerkungen zu Art. 16 ff. SVG N 14; BSK SVG-
Bernhard Rütsche, Art. 16 N 134). Dies bedeutet aber auch, dass die Regeln von
Art. 49 StGB im Administrativmassnahmenrecht nur greifen, wenn mehrere gleichartige
Massnahmen ausgesprochen würden (vgl. BSK StGB-Jürg-Beat Ackermann, Art. 49
N 90).
Hinsichtlich der ersten Widerhandlung vom 30. Juli 2019 steht eine Verwarnung zur
Diskussion. Unklar ist, welche Massnahme für die zweite Widerhandlung vom
11. Dezember 2019 allenfalls auszusprechen ist. Aus den Akten ergibt sich kein
Hinweis darauf, was dem Rekurrenten vorgeworfen wird. Sollte es eine Widerhandlung
sein, die einen Führerausweisentzug (Warnungsentzug gemäss Art. 16 Abs. 2 des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) zur Folge hat, so käme Art. 49
StGB nicht analog zur Anwendung; denn Verwarnung und Führerausweisentzug sind
keine gleichartigen Sanktionen. Dementsprechend wäre in dieser Konstellation nicht zu
beanstanden, dass die Vorinstanz den Rekurrenten verwarnt hat, ohne den Ausgang
des Strafverfahrens bezüglich des zweiten Vorfalls vom 11. Dezember 2019 abgewartet
zu haben. Ein Zuwarten mit der Verwarnung wäre aber selbst dann nicht erforderlich
gewesen, wenn für die zweite Widerhandlung eine Verwarnung ausgesprochen würde.
Zwar würde es sich dann um gleichartige Sanktionen handeln, weshalb Art. 49 StGB
analog anzuwenden wäre. Wird für zwei Widerhandlungen, welche beide eine
Verwarnung zur Folge haben, eine Gesamtmassnahme ausgesprochen, wird der
fehlbare Lenker nur (einmal und nicht zweimal) verwarnt. Folglich wäre eine allfällige
Zusatzmassnahme für die zweite Widerhandlung vom 11. Dezember 2019 gleich Null.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Es ist nicht ersichtlich, inwiefern dem Rekurrenten daraus ein Nachteil erwachsen soll.
Namentlich beginnt die zweijährige Probezeit nicht von vorne zu laufen, wenn diese
bereits vor der rechtskräftigen Beurteilung der zweiten Widerhandlung angefangen hat.
c) Zusammenfassend ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz für die
Widerhandlung vom 30. Juli 2019 am 19. März 2020 eine Administrativmassnahme
verfügt hat, ohne den rechtskräftigen Strafentscheid für die zweite Widerhandlung vom
11. Dezember 2019 abgewartet zu haben. Namentlich liegt keine Verletzung von Art. 49
StGB vor, der im Administrativmassnahmeverfahren analog anzuwenden ist. Damit ist
der Rekurs im Hauptpunkt – Antrag auf Rückweisung an die Vorinstanz zur
gemeinsamen Beurteilung der beiden Widerhandlungen vom 30. Juli und 11. Dezember
2019 – abzuweisen. Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht von einer leichten
Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften ausgegangen ist, was im
Rekurs bestritten wird.
3.- Bei der rechtlichen Würdigung des Sachverhalts ist die Verwaltungsbehörde
grundsätzlich nicht an das Strafurteil gebunden. Eine Ausnahme besteht dann, wenn
die rechtliche Beurteilung sehr stark von der Würdigung von Tatsachen abhängt, die
der Strafrichter besser kennt als die Verwaltungsbehörde, etwa, wenn er den
Beschuldigten persönlich einvernommen hat (BGE 119 Ib 158 E. 3c und 136 II 447
E. 3.1). Die Verwaltungsbehörde hat aber auch dabei den Grundsatz der Vermeidung
widersprüchlicher Urteile gebührend zu berücksichtigen (vgl. BGer 1C_413/2014 vom
30. März 2015 E. 2.2 mit Hinweis auf 1C_424/2012 vom 15. Januar 2013 E. 2.3 sowie
1C_746/2013 vom 12. Dezember 2013 E. 3.4; vgl. auch Entscheid der VRK (VRKE)
IV-2016/2 vom 4. Juli 2016 E. 3b, im Internet abrufbar unter: www.sg.ch/recht/gerichte
und dort unter Rechtsprechung). Eine Einvernahme des Rekurrenten durch den
Strafrichter fand nicht statt, weshalb in rechtlicher Hinsicht keine Bindung der
Verwaltungsbehörde an die strafrechtliche Qualifikation besteht.
4.- Gemäss Art. 16 Abs. 2 SVG wird nach Widerhandlungen gegen die
Strassenverkehrsvorschriften, bei denen das Verfahren nach dem OBG
(Ordnungsbussengesetz, SR 314.1) ausgeschlossen ist, der Lernfahr- oder
Führerausweis entzogen oder eine Verwarnung ausgesprochen. Das Gesetz
unterscheidet zwischen leichten (Art. 16a SVG), mittelschweren (Art. 16b SVG) und
http://www.sg.ch/recht/gerichte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schweren Widerhandlungen (Art. 16c SVG). Eine leichte Widerhandlung begeht, wer
durch Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG).
Nach der Rechtsprechung müssen beide Voraussetzungen kumulativ gegeben sein
(BGE 135 II 138 E. 2.2.3). Ist die Verletzung grob und wird dadurch eine ernstliche
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen, ist die
Widerhandlung schwer (Art. 16c Abs. 1 lit. a SVG). Eine mittelschwere Widerhandlung
begeht, wer durch Verletzung von Verkehrsregeln eine Gefahr für die Sicherheit anderer
hervorruft oder in Kauf nimmt (Art. 16b Abs. 1 lit. a SVG). Sie stellt einen
Auffangtatbestand dar und liegt vor, wenn nicht alle privilegierenden Elemente einer
leichten Widerhandlung und nicht alle qualifizierenden Elemente einer schweren
Widerhandlung gegeben sind (BGE 135 III 138 E. 2.2.2). Gemäss Art. 16 Abs. 4 SVG
wird in besonders leichten Fällen auf jegliche Massnahme verzichtet.
5.- In tatsächlicher Hinsicht wird im Rekurs nicht bestritten, dass der Rekurrent am
30. Juli 2019 auf der Autobahn bei Muttenz als Lenker eines Sattelschleppers mit
Sattelanhänger beim Anfahren nach einem Stau eine Auffahrkollision verursachte.
Insoweit ist vom Sachverhalt gemäss Strafbefehl vom 7. November 2018 auszugehen.
Bestritten wird hingegen, dass es sich hierbei um eine leichte Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG handle; vielmehr sei
von einem besonders leichten Fall auszugehen und deshalb nach Art. 16a Abs. 4 SVG
von einer Massnahme abzusehen.
a) Die Vorinstanz erwog, dass der Rekurrent aufgrund des unterlassenen Blicks in den
Frontspiegel die Auffahrkollision mit dem vor ihm fahrenden Personenwagen verursacht
habe. Zwar sei von einer geringen Gefährdung auszugehen, jedoch müsse aufgrund
des unterlassenen Blicks und der damit verbundenen Unaufmerksamkeit bzw. der
Verletzung der Sorgfaltspflicht ein leichtes Verschulden bejaht werden. Da die
Annahme eines besonders leichten Falls nach Art. 16a Abs. 4 SVG aufgrund des
Verschuldens ausgeschlossen sei, sei von einer leichten Widerhandlung nach Art. 16a
Abs. 1 lit. a SVG auszugehen und damit eine Verwarnung gemäss Art. 16a Abs. 3 SVG
auszusprechen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Rekurrent rügt unter Verweis auf seine Stellungnahme vom 12. Februar 2020, dass
die Sorgfaltspflicht und damit das Verschulden aufgrund der konkreten
Verkehrssituation zu beurteilen seien. Er habe wegen des Staus auf der Autobahn
anhalten müssen. Zudem sei für ihn klar gewesen, dass nach Wiederaufnahme der
Fahrt nicht mit weiteren vor ihm stehenden Verkehrsteilnehmern zu rechnen gewesen
sei. Daher sei der Umstand, dass er vor dem Anfahren nicht in den rechten
Frontspiegel geschaut habe, in dieser besonderen Verkehrslage und aufgrund der sehr
geringen Geschwindigkeit von maximal 6 km/h ausnahmsweise als besonders leichtes
Verschulden zu gewichten.
b) In besonders leichten Fällen ist nach Art. 16a Abs. 4 SVG auf jegliche Massnahme zu
verzichten. Mit dieser Formulierung entzieht der Gesetzgeber die
Entscheidungsbefugnis des Gerichts dahingehend, als dieses in besonders leichten
Fällen auf jegliche Massnahmen verzichten muss. Allerdings bleibt es im richterlichen
Ermessen, zu entscheiden, ob ein besonders leichter Fall vorliegt (Hans Giger,
Kommentar zum Strassenverkehrsgesetz Zürich 2014, Art. 16a N 9). Die
Voraussetzungen für die Annahme eines besonders leichten Falls ergeben sich aus der
Umschreibung der leichten Widerhandlung in Art. 16a Abs. 1 SVG. Typisch für einen
solchen ist demnach, dass die Verletzung von Verkehrsregeln eine besonders geringe
Gefahr für die Sicherheit anderer geschaffen hat und den fehlbaren Fahrzeuglenker nur
ein besonders leichtes Verschulden trifft (BGer 6A.52/2005 vom 2. Dezember 2005
E. 2.2.3). Hierunter können etwa geringfügige Streifkollisionen oder das
Zusammenprallen von Rückspiegeln bei sehr tiefer Geschwindigkeit auf einem
Parkplatz fallen (René Schaffhauser, in: HB SVR, § 4 N 162 mit Hinweis auf Mizel,
ZStrR 2006, 40). Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung begeht ein
Fahrzeuglenker, welcher nach dem Überholen mehrerer Fahrzeuge auf der Autobahn
länger als nötig auf dem Überholstreifen bleibt, demgegenüber keine besonders leichte
Widerhandlung (BGer 1C_384/2008 vom 2. Dezember 2008 E. 3). Die Auslegung des
besonders leichten Falls im Sinn von Art. 16a Abs. 4 SVG kann sich an den
Verkehrsregelverletzungen, die nach dem Ordnungsbussengesetz erledigt werden und
keine Administrativmassnahmen nach sich ziehen, orientieren (BGer 1C_608/2017 vom
16. März 2018 E. 3.2.2, 1C_183/2016 vom 22. September 2016 E. 3.1 und
1C_406/2010 vom 29. November 2010 E. 4.2). Auf der anderen Seite werden
Widerhandlungen gegen die Strassenverkehrsvorschriften etwa dann nicht im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ordnungsbussenverfahren geahndet, wenn die beschuldigte Person anlässlich der
Widerhandlung jemanden gefährdet oder verletzt oder Schaden verursacht hat (Art. 4
Abs. 2 OBG; BGer 1C_314/2015 vom 5. Februar 2015 E. 4.3).
c) Der Rekurrent kollidierte während der Anfahrt nach einem staubedingten Halt auf der
Autobahn infolge pflichtwidrig mangelnder Aufmerksamkeit leicht mit dem Heck des
vor ihm fahrenden Personenwagens. Er wurde deshalb von der Staatsanwaltschaft
Basel-Landschaft mittels Strafbefehl vom 7. November 2019 der einfachen Verletzung
der Verkehrsregeln schuldig gesprochen und zu einer Busse in Höhe von Fr. 300.–
verurteilt. Durch den unterlassenen Kontrollblick verletzte der Rekurrent seine
Sorgfaltspflicht als Verkehrsteilnehmer und führte fahrlässig einen leichten Unfall
herbei. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens, der Staubildung und der
Betriebsgefahr seines schweren Sattelmotorfahrzeugs hätte von ihm ein Kontrollblick
erwartet werden müssen. Ein besonders leichtes Verschulden liegt damit nicht vor.
Verglichen mit den oben erwähnten Beispielen kann auch nicht von einer besonders
geringen Gefahr ausgegangen werden. Es geht hier um das Aufprallen eines langsam
fahrenden Sattelschleppers mit Sattelanhänger in das Heck eines Personenwagens. Im
Weiteren entspricht die im Strafverfahren verhängte Busse von Fr. 300.– zwar exakt der
gesetzlichen Obergrenze für Ordnungsbussen (Art. 1 Abs. 4 OBG). Der
Verordnungsgeber hat diesen gesetzlichen Rahmen jedoch nicht ausgeschöpft: Die
höchstmögliche Ordnungsbusse beträgt Fr. 260.– (Überschreiten der
Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen um 21 bis 25 km/h, Ziff. 303.3.e gemäss
Bussenliste in Anhang 1 der OBV; SR 741.031). Daran orientiert sich das
Bundesgericht. Es geht deshalb davon aus, dass eine Busse von Fr. 300.– den
Rahmen des Ordnungsbussenverfahrens sprengt (BGer 1C_406/2010 vom
29. November 2010 E. 4.2). Zu berücksichtigen ist zudem, dass im Strafverfahren keine
Ordnungsbusse verhängt wurde. Die Annahme eines besonders leichten Falls gemäss
Art. 16a Abs. 4 SVG scheidet somit aus verschiedenen Gründen aus, weshalb die
Vorinstanz zu Recht von einer leichten Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG ausgegangen ist. Der
Rekurs ist damit auch im Eventualpunkt abzuweisen.
6.- Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu tragen,
dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden. Es gilt der Grundsatz der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kostentragung nach Massgabe des Obsiegens und Unterliegens. Die Abweisung des
Rekurses hat demnach zur Folge, dass die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen sind. Angemessen erscheint eine Entscheidgebühr von Fr. 800.– (vgl.
Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von
Fr. 800.– ist damit zu verrechnen.