Decision ID: 83dedc4a-28c5-4abd-913f-8304b87733c5
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend vorsätzliche Tötung etc.
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Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Hinwil vom 24. Juni 2021 (DG200022)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 17. Dezem-
ber 2020 (Urk. 31) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte wird vom Vorwurf
− der vollendeten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB, − der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB i.V.m.
Art. 22 Abs. 1 StGB sowie − der mehrfachen einfachen Köperverletzung im Sinne von Art. 123
StGB
freigesprochen.
2. Der Beschuldigte ist schuldig der mehrfachen Veruntreuung im Sinne von
Art. 138 Ziff. 1 Abs. 2 StGB.
3. Von einer Bestrafung wird in Anwendung von Art. 53 StGB abgesehen.
4. Die Privatklägerin wird mit ihren Zivilklagen auf den Zivilweg verwiesen.
5. Dem Beschuldigten wird eine Entschädigung für die wirtschaftlichen Einbus-
sen von Fr. 138'533.75 sowie eine Genugtuung für die erstandene Haft von
581 Tagen von Fr. 87'150.– aus der Gerichtskasse zugesprochen.
6. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 6'000.00 ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 5'000.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 37'503.95 Auslagen (Gutachten)
Fr. 13'567.45 Obduktion
Fr. 1'159.00 Auslagen
Fr. 44.40 Entschädigung Zeuge
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Fr. 42'026.55
Kosten amtliche Verteidigung bis 30.09.2020 durch RA Y2._ (inkl. Barauslagen und MwSt), durch  der Staatsanwaltschaft I des Kantons  bereits entrichtet
Fr. 25'323.75 Kosten amtliche Verteidigung RAin Y1._ ab 01.10.2020 (inkl. Barauslagen und MwSt)
Fr. 5'551.20 Kosten unentgeltlicher Rechtsvertreter der Privatklä-gerin (inkl. Barauslagen und MwSt)
Verlangt keine der Parteien eine schriftliche Begründung des Urteils, ermäs-
sigt sich die Entscheidgebühr auf zwei Drittel.
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, der amtli-
chen Verteidigung des Beschuldigten sowie die Entschädigung der unent-
geltlichen Rechtsvertretung der Privatklägerin werden vollumfänglich und
definitiv auf die Staatskasse genommen.
Berufungsanträge:
a) Des Vertreters der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich:
(Urk. 78 S. 3; Urk. 95 S. 1)
1. Schuldigsprechung des Beschuldigten der
− mehrfachen vollendeten und teilweise versuchten vorsätzlichen
Tötung im Sinne von Art. 111 StGB, teilweise in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB (Anklageziffer A.1 und A.2) sowie
− der mehrfachen einfachen Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 und Ziff. 2 Abs. 3 StGB (Anklageziffern A.3-
A.6).
2. Bestrafung mit einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren.
3. Kostenauflage auf den Beschuldigten.
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b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 97 S. 1)
1. Es sei festzustellen, dass die Dispositivziffern 2-7 des vorinstanzlichen
Urteils in Rechtskraft erwachsen sind.
2. Die Berufung der Staatsanwaltschaft sei abzuweisen. Das vorinstanzli-
che Urteil sei zu bestätigen.
3. Unter ausgangsgemässer Kosten- und Entschädigungsfolge (zzgl.
MwSt.).
_

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirksgerich-
tes Hinwil vom 24. Juni 2021 meldete die Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich
(fortan Staatsanwaltschaft) am 2. Juli 2021 Berufung an (Urk. 70). Das begründe-
te Urteil der Vorinstanz wurde ihr am 27. Oktober 2021 zugestellt (Urk. 74), wo-
rauf sie am 2. November 2021 die Berufungserklärung einreichte (Urk. 78).
1.2. Innert angesetzter Frist gemäss Art. 400 Abs. 3 lit. b StPO verzichtete die
Privatklägerin explizit auf Erhebung einer Anschlussberufung (Urk. 84). Der Be-
schuldigte liess sich nicht vernehmen.
1.3. Am 19. September 2022 wurde ein neuer Strafregisterauszug über den Be-
schuldigten eingeholt (Urk. 92). Zudem hatte der Beschuldigte bereits am
3. Dezember 2021 das Datenerfassungsblatt eingereicht (Urk. 83).
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1.4. Zur Berufungsverhandlung sind der Beschuldigte und seine amtliche Vertei-
digerin Rechtsanwältin Dr. iur. Y2._, sowie Assistenz-Staatsanwalt mbA lic
iur. Kaegi zusammen mit Staatsanwältin lic. iur. Bienz erschienen (Prot. II S. 3).
2. Umfang der Berufung
Die Staatsanwaltschaft beschränkte ihre Berufung auf die erfolgten Freisprüche
(Dispositivziffer 1) und verlangte damit zusammenhängend die Bestrafung des
Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren unter vollumfänglicher Kos-
tenauflage, womit auch die Dispositivziffer 7 angefochten ist (Urk. 78 S. 3;
Art. 399 Abs. 4 lit. a, b und f StPO).
Da im Falle eines Schuldspruches auch der dem Beschuldigten erstinstanzlich
zugesprochene Schadenersatz für wirtschaftliche Einbussen und die zugespro-
chene Haftentschädigung überprüft werden müssen, muss entgegen den Vorbrin-
gen der Parteivertreter (Urk. 97 S. 2; Prot. II S. 14) zwingend auch Dispositivziffer
5 als mitangefochten gelten. Entsprechend ist vorab festzuhalten, dass der
Schuldspruch wegen mehrfacher Veruntreuung (Dispositivziffer 2), das Absehen
von einer Bestrafung betreffend mehrfache Veruntreuung (Dispositivziffer 3), die
Verweisung der Zivilforderungen auf den Zivilweg (Dispositivziffer 4) und die Kos-
tenfestsetzung (Dispositivziffer 6) in Rechtskraft erwachsen sind (vgl. BSK StPO-
Eugster, 2. Aufl. 2014, Art. 402 N 1 f.).
3. Sachverhalt
3.1. Dem angefochtenen Urteil kann die folgende Zusammenfassung des An-
klagevorwurfs entnommen werden (Urk. 78 S. 7 ff.):
"Am 26. Juli 2019 betreute der Beschuldigte seinen damals knapp 9 Monate, bei
Frühgeburtlichkeit korrigiert 5 Monate alten Sohn †C._ ab ca. 12.00 Uhr al-
leine. Die Privatklägerin, Ehefrau des Beschuldigten und Mutter von †C._,
kam am Abend um ca. 22.10 Uhr von der Arbeit nach Hause und hat aufgrund
des Zustandes von †C._ die Ambulanz gerufen. †C._ wurde sodann mit
einem "Status epilepticus" (persistierender epileptischer Anfall) ins Universitäts-
Kinderspital Zürich gebracht. Aufgrund der spitalärztlich festgestellten Verletzun-
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gen von †C._ wurde der hochgradige Verdacht auf ein nicht-akzidentelles
Trauma (Schütteltrauma) bzw. eine körperliche Kindsmisshandlung festgestellt
und Strafanzeige erstattet (vgl. act. D1/4/1 und act. D1/4/2). Am 2. August 2019
ist †C._ im Spital verstorben (act. D1/4/3). Dem Beschuldigten wird nun Fol-
gendes vorgeworfen, wobei er bei seinen Taten jeweils um die durch diese aus-
gelösten Verletzungen und deren Folgen gewusst und diese zumindest in Kauf
genommen haben soll (vgl. act. 31 und act. 64 S. 4):
- er habe †C._ zwischen ca. Donnerstag, 25. Juli 2019 und ca. Frei-
tag, 26. Juli 2019, 22.30 Uhr, in seiner Wohnung mit beiden Händen
kräftig am Brustkorb gepackt und kräftig geschüttelt, ohne dabei den
Kopf zu unterstützen, wobei dieser mehrere Male nach vorne und hin-
ten geschleudert worden sei; dadurch habe †C._ lebensgefährli-
che Kopfverletzungen, nämlich ein Schädel-Hirn-Trauma mit Unterblu-
tungen der harten und weichen Hirnhaut (Subdural- und Subarachnoi-
dalhämatom) mit akuten bis subakuten Gewebeuntergängen im
Grosshirn, in den Stammganglien, im Mittelhirn und Kleinhirn, eine
konsekutive Hirnschwellung, eine Einengung der Seitenventrikel in den
vorderen und mittleren Abschnitten sowie eine beginnende obere und
untere Einklemmung erlitten, an deren Folgen, namentlich einer sauer-
stoffmangelbedingten ausgeprägten Hirnschädigung und einer daraus
resultierenden zentralen Atemlähmung, er am 2. August 2019 im Kin-
derspital Zürich verstorben sei (vollendete vorsätzliche Tötung durch
Schütteln; Anklageziffer A.1);
- er habe †C._ zwischen Freitag, 19. April 2019, und ca. Freitag,
19. Juli 2019, in seiner Wohnung mit beiden Händen am Körper ge-
packt und ihn mittelkräftig bis kräftig geschüttelt, ohne dabei den Kopf
zu unterstützen, wobei dieser mehrere Male nach vorne und hinten ge-
schleudert worden sei; dadurch habe †C._ lebensgefährliche
Kopfverletzungen, nämlich ein Schädel-Hirn-Trauma mit Unterblutun-
gen der harten und weichen Hirnhaut (Subdural- und Subarachnoidal-
hämatom), erlitten, wobei die damit verbundenen möglichen tödlichen
Folgen (sauerstoffmangelbedingter Hirnschaden mit Eintritt einer zent-
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ralen Atemlähmung) glücklicherweise nicht eingetroffen seien (ver-
suchte vorsätzliche Tötung durch Schütteln; Anklageziffer A.2);
- er habe †C._ zwischen ca. Dienstag, 23. Juli 2019 und ca. Frei-
tag, 26. Juli 2019, 22.30 Uhr, in seiner Wohnung mit beiden Händen
gepackt und ihn leicht bis mittelkräftig geschüttelt, ohne dabei den Kopf
zu unterstützen, wobei der Kopf von †C._ mehrere Male nach
vorne und hinten gekippt worden sei; dadurch habe †C._ eine
Kopfverletzung, namentlich ein Schädel-Hirn-Trauma mit Einblutungen
zwischen dem Sehnerv und der Sehnervscheide beider Augen erlitten,
welche für sich alleine nicht lebensgefährlich gewesen seien (einfache
Körperverletzung durch Schütteln; Anklageziffer A.3);
- er habe †C._ zwischen Samstag, tt.mm.2018 und ca. Montag,
8. Juli 2019, in seiner Wohnung mit beiden Händen am Oberkörper
gepackt und kräftig zugedrückt, wodurch er Brüche der wirbelsäulen-
nahen rechten 6. und 7. Rippe erlitten habe, welche für sich alleine
nicht lebensgefährlich gewesen seien (einfache Körperverletzung
durch Zudrücken; Anklageziffer A.4);
- er habe †C._ zwischen Samstag, tt.mm.2018 und ca. Montag,
8. Juli 2019 in seiner Wohnung mit beiden Händen am Oberkörper ge-
packt und kräftig zugedrückt, wodurch er einen Bruch der wirbelsäu-
lennahen linken 12. Rippe und eine Lungeneinblutung erlitten habe,
welche für sich alleine nicht lebensgefährlich gewesen seien (einfache
Körperverletzung durch Zudrücken; Anklageziffer A.5);
- er habe ca. am Mittwoch, 24. Juli 2019 in seiner Wohnung †C._
auf nicht genau eruierbare Art und Weise einen kräftigen Schlag gegen
den linken [recte: rechten] Unterarm versetzt, wodurch er einen Quer-
bruch des Schaftes des rechten Unterarms (Speiche) erlitten habe,
welcher für sich alleine nicht lebensgefährlich gewesen sei (einfache
Körperverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung; Anklageziffer A.6)."
3.2. Der Beschuldigte hat stets bestritten, durch sein Handeln vorsätzlich Ver-
letzungen oder den Tod von †C._ verursacht zu haben (Prot. I S. 11,
Urk. D1/6/10 S. 14 ff.). An der Berufungsverhandlung erklärte er, im bisherigen
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Verfahren wahrheitsgemäss ausgesagt zu haben, und machte im Übrigen von
seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch (Prot. II S. 9 ff.).
Die Vorinstanz kam nach ausführlicher Würdigung der Beweismittel, insbesonde-
re der medizinischen Unterlagen und der bei den Akten liegenden Aussagen, zum
Schluss, dass sich der Sachverhalt nicht rechtsgenügend erstellen lasse und
sprach den Beschuldigten von den Vorwürfen der vorsätzlichen, teilweise ver-
suchten Tötung sowie der mehrfachen (einfachen) Körperverletzung von
†C._ frei (Urk. 76 S. 33 ff.).
Die Staatsanwaltschaft rügt in ihrer Berufung primär, die Vorinstanz habe bei der
Beweiswürdigung das "Ausschlussprinzip" ausser Acht gelassen, wonach bei ei-
ner Gesamtschau aller Indizien einzig der Beschuldigte als Täter in Frage komme.
Der Kreis von möglichen Tätern sei im vorliegenden Fall auf fünf Personen be-
grenzt, da der Verstorbene im Tatzeitraum ausschliesslich vom Vater und seiner
Mutter betreut worden sei. Sodann sei er unregelmässig von seinen Grosseltern
betreut worden, jedoch stets in Anwesenheit zumindest eines der Elternteile. Die
Mutter und die Grosseltern könnten als Täter ausgeschlossen werden. Die zahl-
reichen und mehrzeitigen Verletzungen sprächen dafür, dass als Täter nur in Fra-
ge komme, wer mit dem Verstorbenen im fraglichen Zeitraum engsten Kontakt
und die Möglichkeit gehabt habe, ihn immer wieder zu malträtieren. Es sei im al-
lerhöchsten Masse unwahrscheinlich und darum auszuschliessen, dass †C._
von einer anderen Person als dem Beschuldigten getötet worden sei. Schliesslich
verkenne die Vorinstanz auch, dass dieser selbst durch seine Aussagen den Tat-
verdacht erhärtet habe. Insgesamt ergäben sich keine vernünftige Zweifel, dass
der Beschuldigte durch repetitive und mehrzeitige Gewalteinwirkung †C._
getötet habe (Urk. 78 S. 2 und Urk. 95 S. 2 ff.).
3.3. Aufgrund der Berufungserhebung durch die Staatsanwaltschaft ist die Be-
weisführung der Vorinstanz zu überprüfen, wobei nach denselben Beweisregeln
vorzugehen ist, wie sie im angefochtenen Urteil ausführlich und zutreffend darge-
legt wurden, weshalb darauf verwiesen werden kann (Urk. 78 S. 4 ff.; Art. 82
Abs. 4 StPO). Quintessenz der Beweisführungsregeln und Voraussetzung für ei-
nen Schuldspruch ist dabei, dass der Staat dem Beschuldigten die Tat beweis-
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mässig stringent nachweisen kann, ohne dass unüberwindliche Zweifel verbleiben
(Art. 10 StPO; vgl. auch Art. 8 und 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 2 EMRK). Insbe-
sondere darf ein Schuldspruch nicht auf blosser Wahrscheinlichkeit beruhen.
3.4. Die Anklage stützt ihre Beweisführung massgeblich auf die eingeholten
Gutachten, die weiteren medizinischen Unterlagen (Urk. D1/4/1-43, Urk. 32) und
die Aussagen des Beschuldigten, im Übrigen aber auch auf die Ausführungen der
Kindsmutter (Urk. D1/7), der Grosseltern (Urk. D1/8-9) sowie weiterer Zeugen
(Urk. D1/10-11), wobei von diesen niemand je direkte Beobachtungen zu den be-
haupteten Vorfällen gemacht hat.
3.5. Sämtliche der erwähnten Beweismittel wurden rechtskonform erhoben und
sind insofern uneingeschränkt verwertbar (Art. 141 StPO e contrario). Soweit er-
sichtlich bestehen sodann – abgesehen von bereits aufgrund der prozessrechtli-
chen Stellung abzuleitenden Eigeninteressen – keine grundsätzlichen Vorbehalte
betreffend die allgemeine Glaubwürdigkeit der verschiedenen einvernommenen
Personen. Ohnehin kommt diesem Kriterium gemäss gefestigter Praxis des Bun-
desgerichtes keine überragende Bedeutung zu. Entscheidend ist vielmehr, ob ei-
ne Aussage inhaltlich glaubhaft erscheint oder nicht.
3.6. Die Vorinstanz hat den Inhalt der einzelnen sachlichen Beweismittel (insb.
medizinische Unterlagen) wie auch die Aussagen der Einvernommenen ausführ-
lich und zutreffend wiedergegeben (Urk. 79 S. 10 ff.), weshalb grundsätzlich da-
rauf verwiesen werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO). Zwecks besserer Verständ-
lichkeit der nachfolgenden Würdigung scheint es jedoch angebracht, den wesent-
lichen Inhalt insbesondere der medizinischen Befunde an dieser Stelle kurz in Er-
innerung zu rufen.
3.6.1. Vorab ist darauf hinzuweisen, dass †C._ als extreme Frühgeburt am
tt.mm.2018 in der 23 6/7 Schwangerschaftswoche mit 540 Gramm Geburtsge-
wicht zur Welt kam. In der Folge war er bis zum 18. Februar 2019 auf der Neona-
tologie des Unispitals Zürich hospitalisiert, wo er infolge von Atemaussetzern wie-
derholt intubiert bzw. beatmet werden musste (vgl. den Austrittsbericht der Klinik
für Neonatologie des Universitätsspitals Zürich vom 15. Februar 2019, Sammel-
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beilage Urk. D1/4/34). Kurz nach der Entlassung musste er aufgrund von Infekten,
welche wiederum Intubationen nötig machten, vom 24. Februar 2019 bis zum
3. März 2019 und vom 13. März 2019 bis zum 22. März 2019 erneut stationär
hospitalisiert werden (vgl. Sammelbeilage Urk. D1/4/34, div. Spitalberichte). Nach
seiner Entlassung wurde er verhältnismässig engmaschig medizinisch betreut
(vgl. Urk. 32, S. 3 f. KG-Auszug Dr. med. D._ und weitere Berichte) und auch
regelmässig physiotherapeutisch behandelt (vgl. Urk. 32 S. 9), wobei offenbar zu
keinem Zeitpunkt irgendwelche Verletzungen bemerkt wurden oder ein Verdacht
auf Kindsmisshandlung bestanden hat.
Das Strafverfahren wurde am 27. Juli 2019 durch Anzeige des Kinderspitals Zü-
rich eingeleitet, nachdem †C._ am 26. Juli 2019 wegen eines schwerwie-
genden epileptischen Anfalls hospitalisiert worden war und im Schädel-CT Sub-
duralhämatome beidseits mit mehrzeitigen Einblutungen sowie eine kleine suba-
rachnoidale Blutung und im Röntgen mehrerer Rippenfrakturen nachgewiesen
worden waren (Urk. D1/4/1).
3.6.2. Das Gutachten zur körperlichen Untersuchung des Instituts für Rechtsme-
dizin der Universität Zürich (IRM) vom 27. August 2019 hielt fest, dass abgesehen
von einer kratzerartigen Hautabschürfung am rechten Unterbauch, die auch im
Rahmen der medizinischen Versorgung entstanden sein könnte, äusserlich keine
auf eine Kindsmisshandlung oder Vernachlässigung hinweisende Befunde vorlä-
gen (Urk. D1/4/15).
3.6.3. Das Gutachten des IRM vom 30. April 2020 basiert unter anderem auf dem
rechtsmedizinischen Obduktionsprotokoll vom 29. April 2020 (Urk. D1/4/24; Ob-
duktion vom 5. August 2019), der postmortalen Bildgebung (Ganzkörper-
Computer- sowie Magnetresonanztomografie vom 5. August 2019; vgl. den foren-
sisch-radiologischen Befund vom 21. November 2019, Urk. D1/4/23) und der fo-
rensischen Beurteilung der zu Lebzeiten durchgeführten Bildgebung (Schädel-CT
vom 27. und 28. Juli 2019, Röntgen vom 31. Juli 2019, MR Gehirn/Hals vom 31.
Juli 2019; vgl. den forensisch-radiologischen Zweitbefund vom 18. März 2020,
Urk. D1/4/22) sowie der feingeweblichen Organuntersuchung (vgl. das rechtsme-
dizinische Histologieprotokoll vom 29. April 2020, Urk. D1/4/25). Von wesentlicher
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Bedeutung ist sodann die neuropathologische Begutachtung (vgl. den neuropa-
thologischen Autopsiebericht vom 30. Januar 2020 betreffend die Autopsie vom
20. August 2019, Urk. D1/4/26).
Als Todesursache bezeichnet das Gutachten eine zentrale Atemlähmung infolge
eines sauerstoffmangel-bedingten Hirnschadens (Urk. D1/4/28 S. 1).
Im Rahmen der Befundaufnahme wurden mehrzeitige Unterblutungen der harten
und weichen Hirnhaut (Subdural- und Subarachnoidalblutungen), spärlich ab-
grenzbare Brückenvenen, [wohl vom Todeszeitpunkt an gerechnet] wenige Tage
alte Einblutungen zwischen dem Sehnerv und der Sehnervenscheide beider Au-
gen (kein Nachweis von Netzhautblutungen), nicht mehr ganz frische (mehrere
Wochen, [vom Obduktionszeitpunkt an] älter als vier Wochen alte) Brüche der
wirbelsäulennahen rechten 6. und 7. Rippe, ein noch älterer Bruch der wirbelsäu-
lennahen linken 12. Rippe sowie ältere Lungeneinblutungen und ein (vom 31. Juli
2019, Datum der Röntgenaufnahme an gerechnet) ca. eine Woche alter Quer-
bruch des Schaftes des rechten Unterarmes festgestellt (Urk. D1/4/28 S. 17 in
Verbindung mit den oben genannten Einzeluntersuchungen).
Mit Blick auf die neuropathologische Begutachtung erwähnenswert scheint, dass
diese die klinische Verdachtsdiagnose eines Schütteltraumas weder bestätigen
noch zweifelsfrei ausschliessen konnte. Im Einzelnen wurde ausgeführt, dass sich
bei †C._ ein ausgeprägter Hirnschaden zeige. Als ursächlich sei in erster Li-
nie eine bereits mehrere Tage zurückliegende Minderversorgung des Gewebes
mit Sauerstoff bzw. mit sauerstoffhaltigem Blut anzusehen. Zeitlich passe hier gut
die festgestellte Veränderung des Gehirns in der CT-Kontrolle am 28. Juli 2019.
Als Ursache für die Minderversorgung seien zunächst vorübergehende Herz- oder
Atemstillstände und schwere Schockzustände mit Absinken des arteriellen Dru-
ckes zu erwähnen. Die am Abend des 26. Juli 2019 beschriebene Symptomatik
mit Krampfereignissen, Schnappatmung etc. könne klinisches Korrelat einer sol-
chen Minderversorgung darstellen. Auch könnte eine Druckerhöhung im Schädel
zu einer Minderdurchblutung des Hirngewebes geführt haben, wobei als primäre
Ursache dafür die subduralen Hämatome bzw. Hygrome prinzipiell gut geeignet
seien (Urk. D1/4/26 S. 8). Bezüglich der Blutungsanteile (zum Teil frische, zum
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Teil ältere) würden die feingeweblichen Befunde gut zu den klinisch-radiologisch
erhobenen Befunden mehrzeitiger Subduralhämatome beidseits passen. Eine
akute Unterblutung der harten Hirnhaut (Subduralhämatom) entstehe am häufigs-
ten durch eine äussere Gewalteinwirkung und überwiegend infolge einer venösen
Blutung, seltener auch spontan, z.B. bei Gefässmissbildung oder Gerinnungsstö-
rungen. Weitere Risikofaktoren seien u.a. Geburtsstillstand, Notfallkaiserschnitt,
Frühgeburtlichkeit und männliches Geschlecht. Etwa bei der Hälfte der Neugebo-
renen, die spontan vaginal oder ungeplant mittels Kaiserschnitt geboren werden,
könnten solche Blutungen nachgewiesen werden. Viele Neugeborene mit sub-
duralen Blutungen seien asymptomatisch, sodass sie nicht unbedingt klinisch auf-
fallen würden. Auch wenn solche Blutungen in einigen Fällen später nicht mehr
nachweisbar seien, könnten sie über Wochen und Monate persistieren. Ob bei
†C._ chronische Subduralhämatome nachgewiesen worden wären, sei dem
Gutachter nicht bekannt. Zudem würden sich bei †C._ diffuse frische und äl-
tere Subarachnoidalblutungen (Unterblutungen der weichen Hirnhaut) finden,
welche Folge einer Verletzung der Brückenvenen darstellen und nicht selten bei
Obduktionen beobachtet würden, ohne dass klinisch der Verdacht einer Blutung
im Kopfinneren bestanden habe (S. 9 f.). Des Weiteren würden sich bei †C._
am Hirnbalken eine partielle Unterbrechung der Faserverbindung in den vorderen
und mittleren Abschnitten sowie eine vollständige Unterbrechung im Bereich des
hinteren Balkens mit eingestreuten roten Blutkörperchen zeigen. Eine traumati-
sche Axonschädigung sei im Balken nicht sicher abgrenzbar. Da auch weitere
Folgen einer Axonschädigung fehlen würden, lasse sich eine Zerreissung des
Balkens infolge eines Akzelerations-/Dezelerationstraumas, wie es das Schüttel-
trauma darstelle, vor dem Spitaleintritt nicht sichern. Die Befunde würden besser
zu einer sehr akuten Schädigung der Faserverbindungen direkt vor dem Tod z.B.
durch die akute Einklemmung des Balkens infolge des erhöhten Hirndrucks pas-
sen (S. 10). Ferner deute die Verschmälerung der Balkenformation in den mittle-
ren Abschnitten auf eine zusätzliche vorbestehende Pathologie in diesem Bereich
hin. Diese Veränderung könne auf eine vorbestehende Erweiterung der Hirnwas-
serkammern, z.B. bei einer Abfluss- oder Zirkulationsstörung des Hirnwassers,
z.B. infolge der Subduralhämatome hindeuten. Allerdings seien andere Ursachen
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für eine Zirkulationsstörung oder auch eine Überproduktion von Hirnwasser für die
Erweiterung der Hirnwasserkammern denkbar. Axonschäden, die es erlauben
würden, einen diffusen axonalen Schaden, wie er bei einer traumatischen Hirn-
schädigung beschrieben ist, zu diagnostizieren, würden fehlen (S. 11).
Zahlreiche Autoren würden die Trias aus subduralen Blutungen, Netzhautblutun-
gen und Erkrankungen oder Schädigungen des Gehirns wie Scherverletzungen
als pathognomonisch (für das Krankheitsbild charakteristisch/kennzeichnend) für
ein schweres Schütteltrauma ansehen. Allerdings werde dies kontrovers disku-
tiert. Aufgrund der bisherigen klinischen Studienlage zum Schütteltrauma habe
eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2017 nur ein sehr niedriges bis niedriges Evi-
denzlevel für die diagnostische Genauigkeit und die Assoziation der Trias mit dem
traumatischen Schütteln aufgezeigt. Biomechanische Studien würden zeigen,
dass die Kraft, die aufgewendet werden müsse, um Subduralhämatome zu indu-
zieren, deutlich grösser sein müsse, als es beim Schütteln der Fall sei. Man gehe
davon aus, dass durch Schlag und/oder Stoss mehr Kraft auf den Kopf wirke, als
bei alleinigem Schütteln, und diese auch nötig seien, um Subduralhämatome zu
induzieren. Die Kräfte, die zum Zerreissen der Brückenvenen führen würden, sei-
en zudem in der Regel so hoch, dass man eine zusätzliche Schädigung der knö-
chernen Strukturen sowie des Weichgewebes und des Rückenmarks erwarten
würde. Neuropathologisch würden sich bei †C._ keine solchen Verletzungen
feststellen lassen. Das Fehlen von neuropathologischen Korrelaten sei jedoch
kein sicherer Beweis dafür, dass kein nicht-akzidentelles Trauma vorliege. Aller-
dings sollte das eigentliche Schütteln als Ursache hinterfragt werden. Die neuro-
pathologisch festgestellten Veränderungen seien schliesslich insgesamt hinrei-
chend geeignet, ein zentrales Regulationsversagen und damit den Tod von
†C._ zu erklären (Urk. D1/4/26 S. 11 ff.).
Diese Erwägungen scheinen von vordringlichster Bedeutung und fanden denn
auch ungeschmälert Einlass ins rechtsmedizinische Gutachten (vgl. Urk. D1/4/28
S. 17 ff.).
Weiter ist dem Gutachten zu entnehmen, dass die neuropathologisch und bildge-
berisch festgestellten Veränderungen, nämlich ein sauerstoffbedingter Hirnscha-
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den mit akuten bis subakuten Gewebeuntergängen im Grosshirn, in den Stamm-
ganglien, Mittelhirn und Kleinhirn, konsekutiver Hirnschwellung, Einengung der
Seitenventrikel in den vorderen und mittleren Abschnitten sowie beginnender obe-
rer und unterer Einklemmung, insgesamt hinreichend geeignet seien, eine zentra-
le Atemlähmung und damit den Tod von †C._ zu erklären (Urk. D1/4/28 S.
16). Die festgestellten Rippenbrüche und der Querbruch des rechten Unterarm-
schaftes würden aus rechtsmedizinischer Sicht Folge einer stumpfen Gewaltein-
wirkung darstellen. Die Rippenfrakturen würden dabei eine sehr hohe Spezifität
bezüglich einer körperlichen Misshandlung aufweisen. Sie würde gemäss Litera-
tur in etwa 90 % bei Kindern unter 2 Jahren gefunden und aufgrund der Elastizität
der kindlichen Rippen auch bei schweren Verkehrsunfällen und bei kardiopulmo-
naler Reanimation nur selten akzidentell nachgewiesen. Bei Misshandlungen
würden sie zumeist auf Kompressionskräften beruhen, die auf den Brustkorb ein-
wirken. Gehe kein schwerer Unfall voraus, seien solche Rippenbrüche charakte-
ristisch für eine körperliche Misshandlung. Der Bruch des Schaftes der rechten
Speiche hingegen könne einerseits durch eine direkte Schlageinwirkung und an-
dererseits auch akzidentell z.B. sturz- oder anprallbedingt entstehen (S. 17). In
Bezug auf den festgestellten Hirnschaden bzw. auf die in der neuropathologi-
schen Begutachtung genannte Möglichkeit chronischer Subduralhämatome führte
die Gutachterin aus, dass solche gemäss den vorliegenden Krankenunterlagen
nicht vorliegen würden (S. 19).
Bezüglich möglicher Tathandlungen hält die Gutachterin fest, obwohl das voll-
ständige typische Triasbild eines Schütteltraumas nicht vorliege (insb. keine
Netzhauteinblutungen und keine Scherverletzungen), würden die mehrzeitigen
Blutungen im Kopfinneren in Kombination mit den nicht mehr ganz frischen Rip-
penbrüchen für einen nicht-akzidentellen Entstehungsmechanismus sprechen.
Die Rippenbrüche und die älteren Blutungsanteile im Kopfinneren könnten dabei
gleichzeitig bzw. zeitnah durch ein Schütteln entstanden sein. Ein Schütteltrauma
erfordere massivstes, heftiges, gewaltsames Hin- und Herschütteln eines Säug-
lings, welches zu unkontrolliertem Umherrotieren des kindlichen Kopfes führe. Es
seien erhebliche physikalische Kräfte erforderlich. Klinische Symptome nach ei-
nem solchen Schütteln seien etwa Trinkschwäche, Schläfrigkeit, Bewusstseins-
- 16 -
trübung, Benommenheit, reduzierter Allgemeinzustand bis Apathie, Koma, zereb-
rale Krampfanfälle, Atemaussetzer und Erbrechen. Aus rechtsmedizinischer Sicht
könnten ein Schütteltrauma mehrere Wochen vor dem Tod bzw. mehrere daran
anschliessende, nicht so heftige Schüttelvorgänge und Stürze mit Anprall des
Kopfes nicht ausgeschlossen werden (Urk. D1/4/28 S. 21 f.).
Die unterschiedlich alten, sich an unterschiedlichen Körperstellen befindlichen
Knochenbrüche bei einem fünf Monate alten Säugling seien unter Berücksichti-
gung des eingeschränkten selbstgesteuerten Bewegungsumfanges hochverdäch-
tig auf eine Fremdhandlung. Aufgrund der unterschiedlich alten Knochenbrüche
könne von mindestens drei Gewaltvorfällen ausgegangen werden. Zum Entste-
hungszeitpunkt der Blutungen im Kopfinneren könne keine genaue Angabe ge-
macht werden (Urk. D1/4/28 S. 22 f.).
Was den Aufprall von †C._ auf den Parkettboden am 26. Juli 2019, die
Schüttelvorgänge am 26. Juli 2019 sowie die Vorfälle zwischen 12. und 15. Juli
2019 betreffe, sei festzuhalten, dass die festgestellten Rippenbrüche mehrere
Wochen alt und somit vor dem 26. bzw. 12. Juli 2019 entstanden seien. Da im
neuropathologischen Gutachten auch frische Blutungsanteile nachgewiesen wor-
den seien, könne nicht ausgeschlossen werden, dass †C._ am 26. Juli 2019
und/oder Mitte Juli 2019 ohne Verursachen von neuen Knochenbrüchen geschüt-
telt worden sei. Über die Heftigkeit des Schüttelns könne somit keine Angabe ge-
macht werden. Auch ein Sturz aus 40 bis 50 cm Höhe mit Anprall des Kopfes auf
den Parkettboden bzw. Sturz auf das Bett aus einer Höhe von ca. 30 bis 40 cm
auf die Bettumrandung bzw. Anprall des Kopfes an der Wand würden bei einem
vorbestehenden chronischen Subduralhämatom eine erneute Einblutung unter-
halb der harten Hirnhaut verursachen können. Somit sei auch eine sturzbedingte
Ursache des frischen Bruches der rechten Speiche am 26. Juli 2019 plausibel
denkbar (Urk. D1/4/28 S. 23 f.). Was den Wickeltisch-Vorfall betreffe, sei ein An-
prall des Kopfes auf eine hölzerne Kante einerseits nicht geeignet, die Rippen-
frakturen zu verursachen. Aber auch die Einblutungen im Kopf seien mit diesem
Entstehungsmechanismus nicht plausibel zu erklären; hierzu bedürfe es einer hef-
tigeren Gewalteinwirkung gegen den Kopf (S. 24).
- 17 -
Schliesslich wird im Gutachten festgehalten, dass aus rechtsmedizinischer Sicht
nicht beurteilt werden könne, ob die Komplikationen der extremen Frühgeburtlich-
keit von †C._ und die Folgen davon die Bildung der Blutungen im Kopfinne-
ren begünstigt hätten (Urk. D1/4/28 S. 24).
3.6.4. Dem Ergänzungsgutachten des IRM vom 19. August 2020 (Urk. D1/4/35)
ist im Wesentlichen zu entnehmen, dass bei einer Gesamtschau aller Verletzun-
gen durch ihre hohe Spezifität bezüglich körperlicher Misshandlung bei einem kor-
rigiert fünf Monate alten Säugling mit eingeschränktem selbstgesteuertem Bewe-
gungsumfang kein begründeter Zweifel bestehe, dass nicht akzidentelle Traumata
die Ursache der festgestellten Verletzungen darstellen. Auch wenn eine krank-
heitsbedingte Ursache bzw. Entstehungsbegünstigung der Verletzungen vorhan-
den gewesen wäre, wäre dennoch eine stumpfe, wenn auch weniger starke Ge-
walteinwirkung notwendig gewesen, die festgestellten Brüche hervorzurufen. Ge-
mäss der vorliegenden Unterlagen liege kein Anhaltspunkt für eine Osteopenie
(verminderte Knochendichte) vor, wobei auch keine Untersuchung für eine solche
Knochenveränderung ersichtlich sei. Auch bei Säuglingen mit einer Osteopenie,
die eine erhöhte Frakturneigung besitzen, bedürfe es einer direkten oder indirek-
ten Einwirkung von aussen, damit die Knochen brechen würden. Geringere
Krafteinwirkungen als Ursache könnten zwar nicht ausgeschlossen werden. Eine
unsachgemässe Durchführung einer Physiotherapie könne z.B. zu Knochenbrü-
chen führen. In den Unterlagen lasse sich jedoch nur eine kurz dokumentierte
Physiotherapie zum Taping der Füsse/Zehen finden. Inwieweit unsanfter Umgang
beim Spielen oder physiotherapeutischen Behandlungen die Knochenbrüche hät-
ten verursachen können, könne nicht beurteilt werden.
3.6.5. Im zweiten Ergänzungsgutachten des IRM vom 28. Dezember 2020
(Urk. 32) wurden die neu edierten medizinischen Unterlagen zur Krankenge-
schichte von †C._ zusammengefasst und festgehalten, dass diese keinen
Einfluss auf die in den bereits verfassten Gutachten erstellten Schlussfolgerungen
hätten. Auf die Tatsache, dass †C._ – anders als im Ergänzungsgutachten
vom 19. August 2020 angemerkt – wöchentlich eine ambulante Physiotherapie
bei Frau E._ im F._ G._ besuchte, wurde bei dieser Aussage nicht
- 18 -
näher eingegangen. Allerdings war in diesem Zusammenhang bereits im ersten
Ergänzungsgutachten festgehalten worden, dass die Möglichkeit der Verursa-
chung der Knochenbrüche durch physiotherapeutische Manipulation ohne nähere
Angaben zur konkreten Behandlung durch die Gutachter nicht beurteilt werden
könne.
3.6.6. Bei den Akten liegt sodann eine CD des Unispitals Zürich mit verschiede-
nen Thorax-Röntgenaufnahmen von †C._, deren neueste datierend vom
3. Dezember 2018 (Urk. D1/4/42). Dass auch im Februar 2020 im Unispital Zürich
Röntgenaufnahmen des Brustkorbs bzw. der Rippen von †C._ gemacht wur-
den, wird zwar im vorläufigen Gutachten vom 19. November 2019 impliziert (Urk.
D1/4/16 S. 4, vgl. auch Urk. D1/4/6), lässt sich aufgrund der vorliegenden Unter-
lagen jedoch nicht verifizieren. Derartige Bilder lagen jedenfalls den Gutachtern
nicht vor (vgl. die Aufzählung der zur Verfügung stehenden Unterlagen,
Urk. D1/4/28 S. 2, Urk. D1/4/35 S. 1 f. und Urk. 32 S. 1 f.).
3.6.7. Die für die (Ergänzungs-)Gutachten beigezogenen Unterlagen sind bei den
Akten weder nummeriert noch im Einzelnen akturiert und zudem teilweise mehr-
fach vorhanden, was es erschwert, sich einen Überblick zu verschaffen (vgl.
Sammelbeilage Urk. D1/4/34). Jedenfalls fehlen – wie von der Verteidigung zu
Recht moniert (Urk. 66 S. 12) – Unterlagen zur regelmässig wöchentlich durchge-
führten Physiotherapie (vgl. den Bericht der Klinik für Neonatologie des Unispitals
Zürich, wiedergegeben im zweiten Ergänzungsgutachten, Urk. 32 S. 8 f.) und
wurden auch die Unterlagen des behandelnden Kinderarztes, Prof. Dr. med.
H._, in dessen Praxis †C._ am 16. Juli 2019 zuletzt – ohne Befund –
untersucht wurde, nicht offiziell zu den Akten beigezogen (trotz Editionsverpflich-
tung, vgl. Urk. D1/4/38). Allerdings liegt ein entsprechend beschriftetes, jedoch
nicht akturiertes Mäppchen mit einer CD unbekannter Herkunft, enthaltend Datei-
en die aus der von Prof. Dr. med. H._ geführten Krankenakte für †C._
zu stammen scheinen, zuhinterst in Urk. D1/4. Die darin aufgeführten Dokumente
werden teilweise im Ergänzungsgutachten vom 28. Dezember 2020 wiedergege-
ben (Urk. 32 S. 2). Weder die Physiotherapeutin E._ noch der Kinderarzt
Prof. Dr. med. H._ noch die Kinderärztin Dr. med. D._, welche offenbar
- 19 -
in der Praxis von Prof. Dr. med. H._ in die Betreuung von †C._ involviert
war, wurden im Übrigen im Rahmen der Untersuchung als Zeugen befragt.
3.6.8. Sodann wurde unter der grundsätzlichen Prämisse seiner Täterschaft über
den Beschuldigten von Prof. Dr. med. I._ am 2. März 2020 ein psychiatri-
sches Gutachten erstattet (Urk. D1/12/11). Darin wird zu dessen Persönlichkeit
ausgeführt, dass bei ihm immer wieder abrupte Affektwechsel zu beobachten sei-
en. Überdies habe er grundsätzlich eine stark kognitiv geprägte, theoretisch und
technisch wirkende Herangehensweise an nahezu alle Phänomene des Lebens.
Des Weiteren bestehe bei ihm die Tendenz, Dinge und Sichtweisen, die er sub-
jektiv als richtig, angemessen oder legitim betrachte, zu tun, und er sei in diesem
Sinne stark auf die Handlung und die Umsetzung von Handlungen konzentriert.
Diese Auffälligkeiten würden bei Weitem nicht das Ausmass einer psychischen
Störung im Sinne einer allgemein-psychiatrischen diagnostischen Klassifizierung
erreichen und hätten auch keineswegs zwingend und noch nicht einmal mit einer
hohen Wahrscheinlichkeit zu irgendeiner strafrechtlich relevanten Gewalttat füh-
ren müssen. Diesen Eigenschaften komme jedoch im Zusammenhang mit dem
Anlassdelikt eine grosse Bedeutung zu, denn sie könnten dazu dienen, das An-
lassdelikt zu erklären und die Basis für den Deliktsmechanismus auszumachen.
Die drei Verhaltenstendenzen seien die Grundlage für die Unangemessenheit im
Umgang mit dem besonders schutzbedürftigen Kleinkind, die schliesslich zu den
bekannten gravierenden und tragischen Folgen geführt hätten. Es werde durch
diese Beschreibung aber auch deutlich, dass beim Beschwerdegegner keine ge-
nuine Gewaltneigung vorliege. Es sei bislang nicht einmal eine Tendenz zu einer
leicht auslösbaren Impulsivität zu erkennen, die zum Beispiel in einer Überforde-
rungssituation oder bei situativer Frustration zu einer aggressiven Handlungsbe-
reitschaft führen würde. Es sei insgesamt einerseits kein stark und andererseits
erst recht kein spezifisch auf gewalttätige Handlungen ausgerichtetes Risikoprofil
bei ihm festzustellen. Im vorliegenden Fall hätten vielmehr bestimmte Umstände
und situative Faktoren eine überproportionale Rolle für das Zustandekommen des
Delikts gespielt. Zu denken sei beispielsweise an eine besondere Vulnerabilität
und Schutzbedürftigkeit des verstorbenen †C._ oder an einen erhöhten Be-
treuungsbedarf, der zu mehr Betreuungssituationen geführt und durch die höhere
- 20 -
Kontaktdichte die Wahrscheinlichkeit für "fatale Fehler" im Umgang erhöht habe
(S. 59 ff. und 86 ff.). Der Gutachter weist weiter darauf hin, dass die beschriebe-
nen Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltenstendenzen im Kontext von Ge-
walttaten ungewöhnlich seien. Üblicherweise seien bei Gewaltdelikten gänzlich
andere Risiko-Eigenschaften und Risiko-Profile anzutreffen; auch im Zusammen-
hang mit Kindesmisshandlungen handle es sich um eine ungewöhnliche Konstel-
lation. Häufig liessen sich in diesen Fällen Problematiken identifizieren, die im en-
geren Sinne mit Aggressionsthemen zusammenhingen. Es gäbe keinerlei Er-
kenntnisse dafür, dass beim Beschuldigten eine solche oder eine vergleichbare
Problematik vorliege, die im weitesten Sinne etwas mit einer genuin aggressiven
Persönlichkeitsproblematik zu tun hätte (S. 62 f.).
Weiter führte der Gutachter aus, da der Sachverhalt unklar sei (insbesondere sei
unklar, durch welche konkreten Handlungen und aufgrund welcher Motivationsla-
ge die Verletzungen von †C._ verursacht worden seien, zumal sich der Be-
schuldigte den Tod nicht erklären könne und die Ereignisse, bei denen er eine
mögliche ursächliche Wirkung vermute, grob mit Begrifflichkeiten wie alltagsnahe
Missgeschicke, Unfälle bzw. unsachgemässer Umgang mit dem Kleinkind um-
schrieben werden könnten), sei mit Varianten gearbeitet worden. Der favorisierte
Deliktsmechanismus (Hauptvariante) könne als subjektives Unfallgeschehen auf-
grund eines objektiv unsachgemässen und gefährlichen Umgangs mit dem Klein-
kind beschrieben werden. Der Kern bestehe in einer überproportional unange-
messen kognitiv-technischen Herangehensweise, was durch die beschriebenen
Risiko-Eigenschaften "fokussierte Zielgerichtetheit" und "leicht korrigierbare, risi-
korelevante Sichtweise, mit einer Einschränkung der üblicherweise bestehenden
potenziell leichten Korrigierbarkeit" zu erklären sei. Diese These werde durch die
Exploration abgestützt und damit in ihrer Plausibilität bestätigt. In dieser Perspek-
tive wäre das massive und unangemessene Schütteln des kleinen Kindes nicht
primär Folge eines aggressiven oder gar gewalttätigen Impulses. Es wäre dann
vielmehr eine unangemessene und der Konstitution des Sohnes gegenüber un-
verhältnismässige Einwirkung. Sie würde auf der beschriebenen kognitiv-
technischen Herangehensweise beruhen, bei der der Beschuldigte die intuitiv und
emotional selbstverständlich erfassbare gefährliche Unverhältnismässigkeit sei-
- 21 -
nes Handels nicht bewusst als solche wahrnehmen würde. Bei einem solchen De-
liktsmechanismus würde es sich nicht um eine beabsichtigte und zielgerichtete
Aggression bzw. Gewalttat handeln. In subjektiver Sicht entspräche dieser De-
liktsmechanismus vielmehr einem "Unfall". Das Schütteltrauma wäre dann Folge
eines Wahrnehmungsdefizits aufgrund einer grundsätzlichen einseitig kognitiv-
technischen Ausrichtung, die sich auch auf soziale Situationen und Beziehungs-
gestaltungen bezieht und zu unangemessenen und Risiken unterschätzenden
Handlungen führen könne. Diese Hypothese würde das Aussageverhalten des
Beschuldigten erklären, ohne dass dann zwingend davon auszugehen wäre, dass
er eine bestehende Problematik bewusst verschweige. Zusammenfassend lasse
sich dieser eindeutig favorisierte Deliktsmechanismus dahingehend, dass die
"leicht korrigierbare risikorelevante Sichtweise" den Beschuldigten zu gefährli-
chen, unsachgemässen und in der Wirkung misshandelnden Verhaltensweisen
disponiere und die "fokussierte Zielgerichtetheit" es zusätzlich erschwere, die Un-
angemessenheit und die damit verbundene Gefahr selbstkritisch zu reflektieren
und innezuhalten. Die Kombination beider Risiko-Eigenschaften sei die Basis der
im Ergebnis tödlichen Misshandlungen, die der Beschuldigte in den entsprechen-
den Situationen als solche in seiner subjektiven Perspektive nicht als das wahr-
nehme, was sie seien (Urk. D1/12/11 S. 67 ff.).
Auch wenn der Deliktsmechanismus der Hauptvariante die Diskrepanz zwischen
dem Tatvorwurf und dem subjektiven Erleben reduziere, vermöge er diese nicht
völlig aufzulösen, es gebe drei Möglichkeiten, diese Diskrepanz zu erklären: (1)
Die durch das IRM festgestellten Verletzungen seien auch durch andere Ereignis-
se erklärbar (2) massive misshandelnde Schüttelhandlungen seien nicht durch
den Beschuldigten verursacht, sie seien auf andere Ereignisse oder andere Ver-
ursacher zurückzuführen, oder (3) der Beschuldigte verschweige massive Schüt-
telhandlungen. Abhängig davon, wie das Gericht die Aussagen des Beschuldigten
bzw. deren Glaubhaftigkeit einschätze, müssten deshalb von der Haupthypothese
abweichende Beurteilungsvarianten diskutiert werden (Nebenvarianten 1-3). In
der Nebenvariante 1 sei davon auszugehen, dass der Beschuldigte massive
Schüttelhandlungen verschweige, wofür es eher unproblematische Erklärungen,
wie bspw. Scham, die Angst vor sozialer Stigmatisierung oder eine nicht erträgli-
- 22 -
che Diskrepanz zum Selbstbild, gebe. All diese und ähnliche Gründe seien mit
dem favorisierten Deliktmechanismus gut vereinbar, es würde sich dann lediglich
um die Variante handeln, dass dieser Deliktmechanismus mit einem verschleiern-
den Aussageverhalten einhergehe. Sobald man aber von substantiellen Falsch-
aussagen des Beschuldigten aus anderen Gründen ausgehe, eröffne sich ein
Spektrum von Erklärungen, die problematischer und mit dem hier favorisierten
Deliktmechanismus nicht mehr in Einklang zu bringen seien. Dann sei von einem
primär aggressiven, gewaltassoziierten Motivationshintergrund auszugehen (Ne-
benvarianten 2 und 3). Dabei könnte es sich um eine Problematik aus dem Be-
reich einer wutgeprägten Aggressivität/Impulsivität oder einer generellen Aggres-
sionshemmung, die sich eruptiv entladen könne, handeln (Nebenvariante 2), oder
– in der Extremvariante einer primär gewaltbezogenen Problematik – könnte es
sich sogar um eine beabsichtigte und gezielt umgesetzte Tötung aus unbekann-
tem Motiv handeln (Nebenvariante 3). Diese Nebenvarianten stellten Alternativen
zur Hauptvariante dar, sobald das Gericht in seiner Sachverhaltsbewertung und
vor allem seiner Glaubhaftigkeitsbeurteilung von einem bewusst verschleiernden
Aussageverhalten des Beschuldigten ausgehen würde, wobei dann die Nebenva-
riante 1 die wahrscheinlichste und die geschilderte Extremvariante (Nebenvarian-
te 3) mit Abstand die unwahrscheinlichste wäre (Urk. D1/12/11 S. 73 ff.).
3.7. Würdigung
3.7.1. Mit der Vorinstanz ist grundsätzlich festzuhalten, dass die medizinischen
Gutachten die verwendeten Grundlagen übersichtlich auflisten und die Ausfüh-
rungen nachvollziehbar und schlüssig sind und darauf ohne Weiteres abgestellt
werden kann (vgl. Urk. 78 S. 33 f.). Ebenfalls zu folgen ist der Vorinstanz, wenn
sie die in der Anklageschrift aufgezählten Verletzungen von †C._ (Subdural-
und Subarachnoidalhämatome mit akuten bis subakuten Gewebeuntergängen im
Grosshirn, in den Stammganglien, im Mittelhirn und Kleinhirn, eine konsekutive
Hirnschwellung, eine Einengung der Seitenventrikel in den vorderen und mittleren
Abschnitten sowie eine beginnende obere und untere Einklemmung, ältere Sub-
dural- und Subarachnoidalhämatome, Einblutungen zwischen Sehnerv und der
Sehnervscheide beider Augen, Brüche der wirbelsäulennahen rechten 6. und 7.
- 23 -
Rippe, älterer Bruch der wirbelsäulennahen linken 12. Rippe, Lungeneinblutung
sowie Querbruch des Schaftes des rechten Unterarms) als beweismässig erstellt
bzw. als rechtsgenügend nachgewiesen ansieht und ausführt, die festgestellten
Hirnveränderungen hätten eine zentrale Atemlähmung und damit den Tod von
†C._ verursacht (ebenda S. 34).
3.7.2. Hinsichtlich der Verletzungen von †C._ kann sodann – wiederum unter
Verweis auf die äusserst sorgfältigen, einleuchtenden und nachvollziehbaren Er-
wägungen im angefochtenen Urteil (Urk. 78 S. 34 ff.) – festgehalten werden, dass
− die vorliegenden Gutachten betreffend den Unterarmbruch (rechte Speiche)
nicht bestätigen, dass dieser durch eine körperliche Misshandlung (nicht-
akzidentell) entstanden sein muss, vielmehr wird ausdrücklich darauf hinge-
wiesen, dass dessen Ursache auch ein Unfall wie Sturz oder Anprall sein
könnte (Urk. D1/4/28 S. 17);
− die mehrzeitigen Rippenbrüche (6./7. Rippe einerseits, 12. Rippe anderseits)
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht-akzidentell entstanden sind, wobei aller-
dings nicht abschliessend geklärt wurde, ob bei †C._ Anhaltspunkte für
eine neonatale Osteopenie vorlagen und bei Vorliegen einer derartigen Vor-
belastung bereits geringere Krafteinwirkungen ausreichen würden (wie z.B.
die unsachgemässe Durchführung einer Physiotherapie), die Verletzung zu
verursachen; sodann ist hinsichtlich des Entstehungszeitpunkts nur erstellt,
dass die Brüche der 6. und 7. Rippe mindestens vier Wochen alt waren
(mithin vor dem 8. Juli 2019 entstanden sein müssen) und der Bruch der 12.
Rippe demgegenüber älter war, wobei aufgrund der Akten immerhin davon
auszugehen ist, dass die Brüche nach Anfang Dezember 2018 (letzte akten-
kundige Röntgenbilder vor dem Tod, Urk. D1/4/42) bzw. allenfalls nach Ende
Februar 2019 (vgl. vorstehend Ziff. 3.6.3) entstanden sein müssen; diese
zeitliche Einordnung lässt im Übrigen auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit
für eine akzidentelle Beibringung im Zusammenhang mit den im März 2019
mehrfach nötigen Wiederbelebungsmassnahmen offen, können solche ge-
mäss dem Gutachten doch selten zu Rippenbrüchen führen;
- 24 -
− sich betreffend die Hirnverletzungen gerade keine typische Befundkonstella-
tion eines Schütteltraumas vorfinden liess, da weder Netzhauteinblutungen
noch Scherverletzungen festgestellt wurden und auch traumatische Axon-
schädigungen sowie zusätzliche Schädigungen der knöchernen Strukturen
sowie des Weichgewebes und des Rückenmarks fehlten; die rechtsmedizi-
nischen Gutachten konnten entsprechend nicht mit Sicherheit bestätigen,
dass die Hirnverletzungen ausschliesslich durch heftige, gewaltsame Schüt-
telvorgänge entstanden sind, vielmehr wurde festgehalten, dass ein Schüt-
teltrauma mehrere Wochen vor dem Tod bzw. mehrere daran anschliessen-
de, nicht so heftige Schüttelvorgänge und Stürze mit Anprall des Kopfes als
Ursache der Hirnverletzungen (gerade bei vorbestehenden chronischen
Subduralhämatomen) nicht ausgeschlossen werden könnten, was bedeutet,
dass durchaus die Möglichkeit besteht, dass ein Sturz auf den Kopf auf-
grund einer vorliegenden Prädisposition geeignet gewesen wäre, die Verlet-
zungen zu verursachen; zwar schlossen die Gutachten chronische Sub-
duralhämatome bei †C._ aus rechtsmedizinischer Sicht aufgrund der
vorliegenden Krankenunterlagen aus, allerdings fällt doch deutlich ins Auge,
dass bei †C._ gleich mehrere der im neuropathologischen Gutachten
aufgezählten Risikofaktoren für chronische Subduralhämatome vorlagen
(insb. Frühgeburtlichkeit) und nach seiner Geburt offenbar nur Ultraschallun-
tersuchungen durchgeführt wurden (welche keine solchen Blutungen nach-
gewiesen haben), die vorliegenden Blutungen nach der Spitaleinlieferung
jedoch im Ultraschall (auch) nicht feststellbar waren, sondern nur mittels CT
und MRT (so zutreffend die Verteidigung: Urk. 97 S. 10); folgerichtig be-
gründete das IRM seinen Verdacht auf nicht-akzidentelle Traumata denn
auch nicht aufgrund des Vorliegens sämtlicher Merkmale eines Schüttel-
traumas, sondern (nur) aufgrund einer Gesamtschau der Verletzungen und
hielt dazu explizit fest, die mehrzeitigen Hirnblutungen in Kombination mit
den Rippenbrüchen würden für einen nicht-akzidentellen Entstehungsme-
chanismus sprechen – eine zweifelsfreie Bestätigung für das Vorliegen
mehrfacher Schütteltraumata, wie in der Anklageschrift aufgeführt, ist in die-
ser Formulierung nicht zu finden; ebenso wenig kann die Verursachung der
- 25 -
Hirnverletzungen zeitlich zweifelsfrei festgemacht werden, vielmehr ist mit
der Vorinstanz (Urk. 78 S. 37) festzuhalten, dass die vorliegenden Gutach-
ten weder klare Nachweise betreffend die in der Anklageschrift genannten
Tatzeiträume noch betreffend den Bestand und die Intensität von Schüttel-
vorgängen, nämlich kräftiges Schütteln zwischen 25. und 26. Juli 2019, mit-
telkräftiges bis kräftiges Schütteln zwischen 19. April und 19. Juli 2019
und/oder leichtes bis mittelkräftiges Schütteln zwischen 23. und 26. Juli
2019, zu liefern vermögen;
− die Einblutungen zwischen dem Sehnerv und der Sehnervscheide beider
Augen nicht zwingend traumatischer Ursache sein müssen und im Rahmen
eines erhöhten Hirndrucks auftreten können;
− den medizinischen Gutachten und Berichten schliesslich nicht zu entnehmen
ist, wann und unter welchen Umständen die festgestellten älteren Lungen-
einblutungen entstanden sein sollen.
3.7.3. Hinsichtlich der Aussagen des Beschuldigten ist mit der Vorinstanz (Urk. 76
S. 38 ff.) festzuhalten, dass vor dem Hintergrund der tragischen Vorkommnisse
nachvollziehbar erscheint, dass der Beschuldigte in den verschiedenen Einver-
nahmen immer neue mögliche Ursachen bzw. Vorfälle schilderte, suchte er doch
offensichtlich nach einer nachvollziehbaren Erklärung für die festgestellten Verlet-
zungen seines Sohnes. Dieses Bemühen kann deshalb – entgegen der Staats-
anwaltschaft – nicht als taktisch motiviertes Vorbringen von Schutzbehauptungen
gewertet werden, sondern überzeugt gerade vor dem Hintergrund des gutachter-
lich attestierten kognitiv-theoretisch-technischen Problemlösungsverhaltens des
Beschuldigten als authentisch und folgerichtig. Insbesondere lässt sich bei die-
sem Hintergrund auch nicht ausschliessen, dass der Beschuldigte den Sturz von
den Oberschenkeln am 26. Juli 2019 deshalb erst in der dritten Einvernahme er-
wähnte (vgl. Urk. D1/6/4 S. 3 f.), weil er dies bis dahin selbst nicht als Ursache für
die schweren Kopfverletzungen in Betracht zog. Insgesamt erweisen sich seine
Aussagen demnach als widerspruchsfrei, lebensnah und reflektiert, was sie in ih-
rer Gesamtheit als glaubhaft erscheinen lässt. Mithin ist – um mit der Systematik
- 26 -
des psychologischen Gutachtens zu sprechen – nicht von bewussten Falschaus-
sagen auszugehen.
Ebenfalls zu folgen ist den Ausführungen der Vorinstanz, dass die vom Beschul-
digten geschilderten Vorfälle als Ursache der Rippenbrüche ausgeschlossen wer-
den können, während hinsichtlich der Hirnblutungen die Möglichkeit besteht, dass
bei vorbestehendem chronischen Subduralhämatom (evtl. bedingt durch die ext-
reme Frühgeburtlichkeit) die geschilderten Stürze von den Oberschenkeln auf den
Parkettboden bzw. auf das Bett mit Anprall des Kopfes an die Wand erneute Ein-
blutungen verursacht haben (Urk. 76 S. 40 ff.). Dies wäre geeignet, die festge-
stellten Verletzungen im Sinne eines (zum Anklagevorwurf) alternativen Entste-
hungsvorgangs zu erklären.
Aus den Aussagen des Beschuldigten kann sodann entgegen den Vorbringen der
Staatsanwaltschaft (Urk. 95 S. 4) keine Zugabe von heftigen, unkontrollierten
Schüttelvorgängen entnommen werden, wie bereits die Vorinstanz ausführlich
und zutreffend analysiert hat (vgl. Urk. 76 S. 42 f.).
3.7.4. Die Privatklägerin, Ehefrau des Beschuldigten und Mutter von †C._,
machte keine den Beschuldigten belastenden Aussagen und auch die befragten
Grosseltern berichteten nichts Negatives betreffend seinen Umgang mit dem Ba-
by. Insbesondere schilderten die Schwiegereltern des Beschuldigten von diesem
ihnen gegenüber zugestandene (kontrollierte) Schüttelereignisse einzig im Kon-
text mit am 26. Juli 2019 erfolgten Wiederbelebungsmassnahmen (Urk. D1/9/1 S.
4 in Verbindung mit Urk. D1/9/2 S. 4), was hinsichtlich der Anklagevorwürfe kein
Schuldeingeständnis darstellt, da die Hirnschädigungen zwangsläufig vor dem
Auftreten von Atemaussetzern bzw. weiteren Symptomen verursacht worden sein
müssen.
3.7.5. Die Aussagen der Polizeibeamten J._ und K._, die am 26. Juli
2019 zum Wohnort der Familie ausrückten (Urk. D1/10/1-2), bzw. des Gefängnis-
aufsehers L._, welcher dabei war, als dem Beschuldigten am 1. August 2019
eröffnet werden musste, dass †C._ sterben werde (Urk. D1/11/1), vermögen
zum Tathergang nichts beizutragen. Auch daraus, dass der Beschuldigte offenbar
- 27 -
nicht den Erwartungen der Polizeibeamten bzw. des untersuchenden Staatsan-
waltes entsprechend emotional auf die Vorkommnisse reagierte, kann kein Täter-
nachweis abgeleitet werden. Vielmehr ist festzuhalten, dass Personen individuell
auf belastende Situationen reagieren und die spezifische Reaktion des Beschul-
digten vor dem Hintergrund des über ihn erstellten psychologischen Gutachtens
nachvollziehbar, typentsprechend und damit authentisch erscheint (vgl. hierzu
auch Urk. 76 S. 48).
3.7.6. Vor dem Hintergrund der medizinischen Erkenntnisse und der Aussagen
des Beschuldigten ist betreffend die Anklagevorwürfe A.1 und A.2 (versuchte so-
wie vollendete Tötung durch Schütteln) zu statuieren, dass es am zweifelsfreien
Nachweis relevanter (heftiger) Schüttelvorgänge fehlt und alternative Verlet-
zungsursachen denkbar bleiben (insb. chronische Subduralhämatome infolge
Frühgeburtlichkeit sowie erneute Hirnblutung bereits aufgrund minderschwerer
Kopfanstösse mit Unfallcharakter).
Der Beschuldigte selbst erklärte, †C._ nie roh angefasst oder derart bewegt
zu haben, dass sein Kopf frei rotiert hätte. Derartiges – oder auch nur unsanfter
oder unangemessener Umgang mit dem Frühchen – wurde auch von niemand
anderem beobachtet. Hinzu kommt, dass der Beschuldigte gemäss psychologi-
scher Beurteilung keine Gewaltproblematik aufweist. Soweit der Beschuldigte
selbst von Schüttelvorgängen am Tattag sprach, setzte er dies einerseits in Rela-
tion zu Wiederbelebungsmassnahmen und andererseits schilderte er hernach im
Detail gerade keine unkontrollierten Kopfrotationen, sondern ein gestütztes Hin-
und Herschwenken, um den Säugling aufzuwecken bzw. zu geregelter Atmung zu
bewegen. Hinzu kommt, dass †C._ offenbar bereits am Mittag, als er die Be-
treuung übernahm, schläfrig und trinkunwillig war, worüber der Beschuldigte der
Privatklägerin ohne Verzug Bericht erstattete, wodurch er gerade kein verschlei-
erndes Verhalten an den Tag legte.
Auch Anklagesachverhalt A.3 (Schädel-Hirn-Trauma mit Einblutungen zwischen
dem Sehnerv und der Sehnervscheide beider Augen durch leichtes bis mittelkräf-
tiges Schütteln zwischen ca. Dienstag, 23. Juli 2019, und Freitag, 26. Juli 2019,
22.30 Uhr) ist beweismässig nicht zu erstellen. Die Einblutungen in beiden Augen
- 28 -
können gemäss Gutachten anders als durch Schütteln entstanden sein. Zudem ist
den medizinischen Berichten zu entnehmen, dass die Blutungen wenige Tage alt
waren, weshalb auch in Betracht zu ziehen ist, dass diese (erst) nach der Einliefe-
rung von †C._ ins Spital entstanden sind. Der in der Anklageschrift ausge-
führte Zeitraum (23. bis 26. Juli 2019), in welchem der Beschuldigte †C._
geschüttelt haben soll, sowie Schütteln als Ursache der Einblutungen lassen sich
jedenfalls aufgrund der vorliegenden Beweismittel nicht rechtsgenügend bewei-
sen.
Was die Anklagesachverhalte A.4 und A.5 angeht (Brüche der 6./7. sowie 12.
Rippe durch kräftiges Zudrücken des Oberkörpers) bleibt völlig unklar, wann diese
Verletzungen entstanden sind. Angesichts der grossen Zeitspanne (gemäss An-
klageschrift zwischen Geburt und 8. Juli 2019, realistischer scheint eine Entste-
hung frühestens ab 3. Dezember 2019, mithin nach Erstellung der bei den Akten
liegenden Thoraxröntgenbildern gemäss Urk. D1/4/42) erweist sich das von der
Staatsanwaltschaft angerufene Ausschlussprinzip von vornherein als unbehelflich,
da †C._ in dieser Zeit nebst den Eltern auch mehrfach durch medizinisches
Personal reanimiert, intubiert und stationär bzw. auch nach seiner Entlassung
noch regelmässig betreut wurde (inkl. regelmässige Physiotherapie). Auch wurde
weder abschliessend abgeklärt, ob eine neonatale Osteopenie vorliegt, was Aus-
wirkungen auf die nötige Heftigkeit der Einwirkungen hätte, noch welcher Art die
regelmässige Phy-siotherapiebehandlung war, zumal sogar die lebensnotwendi-
gen Reanimationen von März 2019 – wenn auch mit untergeordneter Wahr-
scheinlichkeit – Ursache der Rippenbrüche sein könnten. Nachdem niemand eine
grobes Zudrücken des Brustkorbs von †C._ durch den Beschuldigten (oder –
trotz äusserst engmaschiger medizinischer Betreuung – auch nur Verletzungsan-
zeichen) bemerkte, er selber solches in Abrede stellt und auch sonst nichts auf
seine Täterschaft hinweist, kann ihm diesbezüglich nichts zu Lasten gelegt wer-
den. Insbesondere fehlt es auch an einem nachvollziehbaren Motiv und es ist aus
den Akten auch keine Überforderungssituation erkennbar, wobei bei ihm gemäss
gutachterlicher Einschätzung nicht einmal eine Tendenz zu einer leicht auslösba-
ren Impulsivität zu erkennen ist, die in einer Überforderungssituation zu einer ag-
gressiven Handlung führen könnte.
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Der Unterarmbruch (Anklagesachverhalt A.6) kann sodann – wie bereits oben un-
ter Ziff. 3.7.2 festgehalten wurde – auch unfallbedingt entstanden sein. Hinzu
kommt, dass der Beschuldigte den ihm vorgeworfenen kräftigen, vorsätzlichen
Schlag in Abrede stellt und niemand sonst derartiges beobachtet hat. Gerade das
von der Staatsanwaltschaft angerufene Ausschlussprinzip führte hier zudem zur
Entlastung des Beschuldigten, hat er sich am 24. Juli 2019 doch gar nie alleine
um †C._ gekümmert, wie die Verteidigung zutreffend ausführt (Urk. 97 S. 25;
Urk. D1/6/9 S. 6).
3.8. Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass einerseits bereits die zwei-
felsfreie Rekonstruktion der Verletzungsursache schwerfällt, mithin fraglich er-
scheint, ob wirklich ein bzw. mehrere heftige Schüttelvorgänge zu den Verletzun-
gen von †C._ geführt haben, und dass anderseits das von der Staatsanwalt-
schaft angerufene Ausschlussprinzip vorliegend nicht geeignet ist, rechtserhebli-
che Zweifel an der Täterschaft des Beschuldigten zu beseitigen, da entgegen der
Behauptung der Anklagebehörde nicht nur die Eltern (bzw. zeitweise die Grossel-
tern) †C._ regelmässig betreuten, sondern auch weitere Personen regel-
mässig mit †C._ zu tun hatten, so bspw. die Physiotherapeutin und weiteres
medizinisches Personal im Rahmen seiner stationären Notfallaufenthalte. Auch
kann aus den Aussagen des Beschuldigten keine geständnisgleiche Selbstbelas-
tung herausgelesen werden. Das Aussageverhalten des Beschuldigten wirkt viel-
mehr – gerade auch mit Blick auf die im Gutachten geschilderten Charakterzüge –
nachvollziehbar und kohärent, zumal weder ein Motiv für die dem Beschuldigten
vorgeworfenen Kindsmisshandlungen ersichtlich ist, noch aus seiner Vorge-
schichte oder psychologischen Einschätzung auf aggressiv-gewalttätige Impulse
zu schliessen wäre. Damit kann letztlich nicht zweifelsfrei eruiert werden, was im
Vorfeld vom und am 26. Juli 2019 geschehen ist und zum tragischen Tod von
†C._ geführt hat. Zwischenmenschlich vorwerfbar bleibt wohl, dass der Be-
schuldigte nicht sofort den Notarzt alarmierte, als er am Abend die ersten
Atemaussetzer (Schnappatmung) von †C._ bemerkte. Das Krampfen vom
Nachmittag wurde demgegenüber auch von der Privatklägerin, der er eine Video-
aufnahme geschickt hatte, fehlinterpretiert. Dass er in dem Sinne falsch reagierte,
indem er selbst aktiv wurde, †C._ kühlte, beatmete etc. erweist sich bei ret-
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rospektiver Betrachtung klar als falsch, allerdings kann daraus in strafrechtlicher
Hinsicht kein Tötungsvorwurf begründet werden. Insgesamt bleibt damit festzuhal-
ten, dass der anklagegegenständliche Sachverhalt aufgrund der vorliegenden
Beweismittel nicht rechtsgenügend erstellt werden kann. Nicht nur verbleiben an
der möglichen Täterschaft des Beschuldigten erhebliche Zweifel, vielmehr steht
schon gar nicht hinreichend fest, dass ein sogenanntes Schütteltrauma zu den
Verletzungen und letztendlich zum Tod von †C._ geführt hat.
4. Rechtliche Würdigung
Mangels erstellbarer Sachverhalte ist der Beschuldigte hinsichtlich Anklagesach-
verhaltskomplex A (Delikte zum Nachteil von †C._) vom Vorwurf der vollen-
deten vorsätzlichen Tötung (Art. 111 StGB), der vorsätzlich versuchten Tötung
(Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB) sowie der mehrfachen vor-
sätzlichen (einfachen) Körperverletzung (Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 und Ziff. 2 Abs. 3
StGB) freizusprechen. Lediglich der Vollständigkeit halber ist in diesem Zusam-
menhang anzumerken, dass sich aufgrund der gutachterlichen Feststellungen von
Prof. Dr. med. I._ vorliegend selbst bei erstellbarem Sachverhalt der ankla-
gebehauptete Vorsatz bzw. Eventualvorsatz wohl kaum nachweisen liesse, wäre
aufgrund grundsätzlich glaubhafter Aussagen des Beschuldigten doch primär von
der Haupt- oder allenfalls von der Deliktsnebenvariante 1 auszugehen.
Fahrlässigkeitsdelikte wurden – trotz den unter Ziff. 3.6.8 zitierten Ausführungen
im Gutachten von Prof. Dr. med. I._ – von der Staatsanwaltschaft bewusst
nicht, auch nicht eventualiter, zur Anklage gebracht (vgl. Urk. 64 S. 10 ff.). Aller-
dings stünde, nebst dem nicht erstellbaren Sachverhalt, der Verfolgung fahrlässi-
ger Körperverletzungsdelikte der fehlende Strafantrag (Art. 125 Abs. 1 StGB) ent-
gegen und eine fahrlässig versuchte Tötung gibt es bereits begrifflich nicht. Eine
Rückweisung zur Anklageergänzung, um einen Vorwurf der fahrlässigen Tötung
zu prüfen, da der Beschuldigte nicht sofort die Ambulanz alarmierte, als er am
Abend die ersten Atemaussetzer von †C._ bemerkte, ist schliesslich nicht
zulässig. Selbst wenn die Erforschung der materiellen Wahrheit in einem derart
schwerwiegenden Fall wie hier hoch zu gewichten ist, kann ein gänzlich anderer
Lebenssachverhalt und zusätzlich eine andere rechtliche Würdigung in Anwen-
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dung von Art. 329 Abs. 1 lit. a StPO und Art. 333 Abs. 1 StPO nicht mehr mit einer
Rückweisung der Anklage ins Verfahren eingebracht werden (vgl. BGE 147 IV
167 E. 1 ff.). Im Übrigen wäre die im Rahmen der Fahrlässigkeit zu prüfende
Vermeidbarkeit bei einer schnelleren Alarmierung der Ambulanz denn auch kaum
beweisbar.
5. Kosten- und Entschädigungsfolgen
5.1. Die Vorinstanz nahm sämtliche Kosten vollumfänglich und definitiv auf die
Staatskasse, wozu sie darauf hinwies, dass die Verfahrenskosten hinsichtlich des
Vorwurfs der mehrfachen Veruntreuung keinen grossen Raum in der Untersu-
chung bzw. den Befragungen einnähmen und in Anbetracht des gesamten Um-
fanges des Verfahrens von derart untergeordneter Bedeutung seien, dass sich ei-
ne besondere Ausscheidung dieser Kosten und deren anteilmässige Auferlegung
an den Beschuldigten nicht rechtfertige (Urk. 76 S. 58). Dem kann uneinge-
schränkt gefolgt werden. Entsprechend ist die vorinstanzliche Kostenregelung
(Dispositivziffer 7) zu bestätigen. Ebenfalls zu bestätigen ist die erstinstanzliche
Regelung der Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche des Beschuldigten
gemäss Art. 429 Abs. 1 lit. b und c StPO (Dispositivziffer 5), nachdem diese vom
Beschuldigten nicht angefochten wurde und aufgrund des zu bestätigenden Frei-
spruchs auch gar keine Befugnis besteht, die Regelung von Amtes wegen neu zu
beurteilen (BGer 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019, E. 2.3; Zürcher Kommen-
tar StPO-Zimmerlin, 3. Auflage, Art. 399 N 19).
5.2. Im Verlaufe des bisherigen Verfahrens gelangten der Beschuldigte bzw.
die Staatsanwaltschaft mehrfach mit Beschwerden an die III. Strafkammer des
Obergerichts, welche in ihren Entscheiden – mit Ausnahme der Verfahren Ge-
schäfts-Nrn. UH200082 und UB210032 (Urk. D1/25/8 und Urk. 49) – jeweils eine
Gerichtsgebühr festsetzte, die Kostenregelung jedoch dem Endentscheid vorbe-
hielt (vgl. die Beschlüsse der III. Strafkammer in den Verfahren Geschäfts-Nrn.
UB190192, UB200094, UB200188 und UB210005; Urk. D1/20/26, 46 und 61 so-
wie Urk. 41). Auch diese Kosten sind nunmehr vollumfänglich auf die Gerichts-
kasse zu nehmen.
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5.3. Sodann ist für das Berufungsverfahren auf die Erhebung einer Gerichtsge-
bühr zu verzichten und sind die weiteren Kosten – namentlich die Kosten der amt-
lichen Verteidigung, welche ausgehend von der eingereichten Honorarnote auf
Fr. 7'800.– festzusetzen sind (Urk. 98; § 23 in Verbindung mit § 17 f. AnwGebV) –
auf die Gerichtskasse zu nehmen, da die Staatsanwaltschaft mit ihrer Berufung
vollumfänglich unterliegt (vgl. Art. 428 Abs. 1 StPO).