Decision ID: c70b8e2e-2f85-59fe-9a4c-18465354166d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Mit Schreiben vom 15. Februar 2019 ersuchte die spanische Agencia
Tributaria, Oficina Nacional de Investigación del Fraude, Equipo Central de
Información (nachfolgend: AT) die Eidgenössische Steuerverwaltung
(ESTV) gestützt auf Art. 25bis des Abkommens vom 26. April 1966 zwischen
der Schweizerischen Eidgenossenschaft und Spanien zur Vermeidung der
Doppelbesteuerung auf dem Gebiete der Steuern vom Einkommen und
vom Vermögen (SR 0.672.933.21; nachfolgend: DBA CH-ES) um Amtshilfe
betreffend A._ für die Periode vom 1. Januar 2013 bis zum 31. De-
zember 2014 (mit den beiden Ersuchen [...] und [...]). Die AT führte dabei
Folgendes aus:
Our tax services are carrying out an examination into the tax matters of
A._ concerning Individual Income Tax from 2013 to 2014. lt has
been revealed in the so-called 'Paradise Papers', where documentation
has been published in the press, the possible existence of a structure in
tax havens by B._ and his wife C._. The origin of which
would be the D._ Trust at the Caiman Islands. The daughter of the
couple, A._, appears as beneficiary of the Trust. A._ has
submitted the reporting obligation of assets and rights abroad for years
2013 and 2014.
In the course of the tax proceedings A._ has provided documenta-
tion concerning her bank accounts at E._ AG ([...] and [...]) and her
client number ([...]) at F._ SA during years 2013 and 2014. We en-
sure that all possible sources of obtaining the information in Spain have
been exhausted.
We would be very grateful if you could please provide the following infor-
mation concerning E._ AG and F._ SA for years 2013 and
2014:
– The full name of the bank or credit institution as well as its domicile.
– Identification of bank accounts (...) and (...) and other bank accounts
in the above mentioned entities held by A._.
– Date of opening and cancellation and dates of granting and revocation
of the authorisation.
– Closing balance at 31 December and the average balance correspond-
ing to the last quarter of the year.
A-5741/2019
Seite 3
– Bank statements of the bank accounts (...) and (...) and other above
mentioned bank accounts.
– Identification of any other bank account or fixed-term deposits held by
A._ at E._ AG and F._ SA as holder, signatory or
beneficial owner.
– Where appropriate, bank statements of the above bank accounts.
The aim of this request is to confirm the documentation provided and to
verify the value of assets abroad held by A._. She must be taxed
on her worldwide income and assets. The information requested is essen-
tial to establish if A._ has submitted correctly Individual Income Tax
from 2013 to 2014. In addition, our tax auditors are also checking the re-
porting obligation of assets and rights abroad. According to the Spanish
law, the assets or rights whose ownership, declaration or acquisition does
not correspond to the income or assets declared by the taxpayer shall be
considered unjustified capital gains. Unjustified pecuniary gains will be in-
cluded in the general taxable base of the tax period in respect of which they
are discovered.
A.b Die ESTV behandelte die beiden Ersuchen in (...) und (...) aufgrund
ihres engen sachlichen Zusammenhangs und da sie die gleiche Person
betreffen in einem Verfahren ([...]).
Mit Editionsverfügungen vom 28. März 2019 ersuchte sie die E._
SA und die F._ SA um diverse Informationen, welche diese ihr frist-
gerecht zustellten sowie darum, die im Ausland ansässigen betroffenen
und beschwerdeberechtigten Personen über das laufende Amtshilfever-
fahren zu informieren und aufzufordern, eine zur Zustellung bevollmäch-
tigte Person in der Schweiz zu bezeichnen.
A.c Sowohl A._ als auch B._ wurden von der F._ SA
am 18. April 2019 über das laufende Amtshilfeverfahren informiert. Mit
Stellungnahme vom 19. Juli 2019 ersuchten beide über denselben Rechts-
vertreter um Einsichtnahme in die Verfahrensakten, insbesondere in die
Amtshilfeersuchen sowie um Zustellung der Erklärung der AT, dass das Er-
hältlichkeits- und Subsidiaritätsprinzip gewahrt worden seien. Die ESTV
gewährte ihnen mit E-Mails vom 20. und 27. August 2019 Einsicht in teil-
weise geschwärzte Verfahrensakten und verwies mit E-Mail vom 26. Au-
gust 2019 auf die Erklärungen der AT in den Amtshilfeersuchen, deren Gül-
tigkeit sie bestätigte.
A-5741/2019
Seite 4
A.d Mit Schlussverfügung vom 30. September 2019 im Verfahren (...) leis-
tete die ESTV der AT sodann Amtshilfe betreffend A._. Vorgesehen
wurde die Übermittlung diverser, von der E._ SA und F._ SA
edierter Unterlagen, in welchen auch B._ erwähnt wird. Informatio-
nen, welche als nicht amtshilfefähig erachtet wurden und nicht ausgeson-
dert werden konnten, wurden von der ESTV geschwärzt. Weiter machte
die ESTV die AT darauf aufmerksam, dass die zu übermittelnden Informa-
tionen gemäss Art. 25bis Abs. 2 DBA CH-ES nur eingeschränkt und gemäss
den entsprechenden Geheimhaltungsbestimmungen verwendet werden
dürften.
B.
Mit Eingaben vom 31. Oktober 2019 erheben A._ (nachfolgend: be-
troffene Person oder Beschwerdeführerin 1) im Verfahren A-5741/2019
und B._ (nachfolgend: beschwerdeberechtigte Person oder Be-
schwerdeführer 2) im Verfahren A-5745/2019 Beschwerde beim Bundes-
verwaltungsgericht und beantragen unter Kostenfolgen, die angefochtene
Schlussverfügung der ESTV (nachfolgend: Vorinstanz) sei aufzuheben und
die Amtshilfe sei dementsprechend zu verweigern. Eventualiter sei das
Steueramtshilfeverfahren zu sistieren, bis der Gerichtshof der Europäi-
schen Union (EuGH) einen Entscheid im Vertragsverletzungsverfahren ge-
gen Spanien betreffend «Modelo 720» gefällt habe.
C.
Mit Vernehmlassungen vom 16. Januar 2020 beantragt die Vorinstanz, auf
die Beschwerden sei nicht einzutreten. Eventualiter seien sie, inklusive der
eventualiter geforderten Sistierung der Amtshilfeverfahren, kostenpflichtig
abzuweisen. In prozessualer Hinsicht beantragt sie, die Verfahren
A-5727/2019, A-5734/2019, A-5737/2019, A-5738/2019, A-5739/2019,
A-5740/2019, A-5741/2019, A-5742/2019, A-5743/2019, A-5744/2019,
A-5745/2019 und A-5747/2019 aus prozessökonomischen Gründen zu
vereinigen, da sich substantiell dieselben Rechtsfragen stellten und die
verwandten Beschwerdeführenden durch den gleichen Rechtsanwalt ver-
treten seien, welcher dieselben Argumente in beinahe identischen Rechts-
schriften vorbringe. Unter diesen Umständen dürften deren Interessen als
gleichläufig erachtet werden. Weiter seien keine Geheimhaltungsinteres-
sen ersichtlich, die einer Prozessvereinigung entgegenstünden.
Die eventualiter geforderte Verfahrenssistierung bis zum Entscheid im Ver-
tragsverletzungsverfahren gegen Spanien sei mit Blick auf das Beschleu-
nigungsgebot abzulehnen.
A-5741/2019
Seite 5
D.
D.a Die Beschwerdeführenden stellen mit Eingaben vom 17. Januar 2020
einen Beweisergänzungsantrag bezüglich Publikation der Klage der Euro-
päischen Union (EU) gegen Spanien in der Rechtssache C-788/19 im
Amtsblatt der EU vom 23. Dezember 2019 (ABl C 432/30). Dieses neue
Beweismittel sei ins Beschwerdeverfahren einzubeziehen. Die Vorinstanz
als zuständige Behörde des ersuchten Staats sei anzuweisen, von der AT
als zuständiger Behörde des ersuchenden Staats die Übermittlung einer
Kopie der Klage der europäischen Kommission vom 23. Oktober 2019 so-
wie eine Kopie der Klageanwort Spaniens in der Rechtssache C-788/19 zu
verlangen. Eventualiter sei die Vorinstanz in dieser Funktion anzuweisen,
die vorgenannten Dokumente von der europäischen Kommission zu bean-
tragen.
D.b Mit Eingaben vom 21. Februar 2020 nimmt die Vorinstanz dazu Stel-
lung.
E.
Auf weitere Vorbringen der Parteien und die sich bei den Akten befindlichen
Dokumente wird – sofern entscheidrelevant – im Rahmen der nachfolgen-
den Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Die Vereinigung von Verfahren mit einem engen inhaltlichen Zusam-
menhang kann aus Gründen der Verfahrensökonomie geboten sein und ist
in jedem Verfahrensstadium möglich, wobei seitens der instruierenden Be-
hörde ein grosser Ermessensspielraum besteht (vgl. MOSER ET AL., Pro-
zessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 3.17
m.w.H.). Die durch den gleichen Rechtsanwalt namens der Beschwerde-
führerin 1 eingereichte Beschwerde im Verfahren A-5741/2019 betrifft die-
selben beiden Amtshilfeersuchen wie im Verfahren A-5745/2019, in wel-
chem der Beschwerdeführer 2 – wie erwähnt vertreten von demselben
Rechtsanwalt – Beschwerde erhoben hat. Die beiden Verfahren betreffen
zusammenhängende Rechtsfragen. Allfällige gegenseitige Geheimhal-
tungsinteressen würden durch die Eröffnung des Entscheids an die ge-
meinsamen Rechtsvertreter mit entsprechenden Berufspflichten gewahrt.
Vor diesem Hintergrund rechtfertigt es sich, die Verfahren zu vereinigen
und über die Beschwerden in einem Urteil zu befinden (vgl. statt vieler auch
A-5741/2019
Seite 6
Urteil des BVGer A-6854/2018 vom 3. März 2020 E. 1.1 mit Hinweis). Die
übrigen von der Vorinstanz erwähnten Verfahren (vgl. vorne Sachverhalt
Bst. C) betreffen zwar zusammenhängende Rechtsfragen, basieren jedoch
auf anderen Amtshilfeersuchen, die bereits im vorinstanzlichen Verfahren
nicht zur selben Untergruppe zusammengefasst wurden. Eine umfassende
Vereinigung ist daher aus prozessökonomischer Sicht nicht angezeigt.
1.2 Dem vorliegenden Verfahren liegen zwei Amtshilfeersuchen der AT ge-
stützt auf Art. 25bis DBA-CH ES zugrunde. Die Durchführung der mit die-
sem Abkommen vereinbarten Bestimmungen richtet sich nach dem Bun-
desgesetz vom 28. September 2012 über die internationale Amtshilfe in
Steuersachen (StAhiG, SR 651.1). Zu den beim Bundesverwaltungsgericht
anfechtbaren Verfügungen gehören auch Schlussverfügungen der ESTV
im Bereich der internationalen Amtshilfe (Art. 31 f. des Verwaltungsge-
richtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32] i.V.m. Art. 5 des Ver-
waltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG,
SR 172.021] und Art. 19 Abs. 5 StAhiG). Die Zuständigkeit des Bundesver-
waltungsgerichts zur Behandlung der Beschwerde ist somit gegeben.
1.3 Die Beschwerdeführenden sind als Adressaten der angefochtenen
Schlussverfügung und als vom Amtshilfeersuchen betroffene (Art. 3 Bst. a
StAhiG) bzw. beschwerdeberechtigte Personen an der Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung interessiert und erfüllen damit die Voraussetzun-
gen zur Beschwerdeerhebung (vgl. Art. 19 Abs. 2 StAhiG i.V.m. Art. 48
VwVG).
1.4 Die Beschwerden wurden überdies form- und fristgerecht eingereicht
(Art. 50 Abs. 1 und 52 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 19 Abs. 5 StAhiG). Dem-
nach ist darauf einzutreten.
2.
Im vorliegenden Verfahren ist zu prüfen, ob die Vorinstanz den spanischen
Amtshilfeersuchen zu Recht stattgegeben hat bzw. ob sich die angefoch-
tene Schlussverfügung als bundesrechtskonform erweist. Die Beschwer-
deführenden machen im Wesentlichen geltend, die von der AT verlangten
Informationen seien nicht voraussichtlich erheblich und es liege eine unzu-
lässige «fishing expedition» vor (vgl. E. 4). Weiter seien das Prinzip der
Subsidiarität (vgl. E. 5) sowie das Erhältlichkeits- und Reziprozitätsprinzip
(vgl. E. 6) nicht gewahrt.
3.
A-5741/2019
Seite 7
3.1 Staatsvertragliche Grundlage für die Leistung von Amtshilfe in Steuer-
sachen gegenüber Spanien ist für die fraglichen Steuerperioden 2013 und
2014 Art. 25bis DBA CH-ES sowie Ziff. IV des dazugehörigen Protokolls
vom 29. Juni 2009 in den geltenden Fassungen gemäss Art. 9 bzw. Art. 10-
12 des Änderungsprotokolls vom 27. Juli 2011, von der Bundesversamm-
lung genehmigt am 15. Juni 2012, in Kraft seit 24. August 2013 und im Fall
von Einkommens- und Vermögenssteuern Anwendung findend auf die
Steuerjahre seit 1. Januar 2010 (Art. 13 Abs. 2 Bst. [iii] des Änderungspro-
tokolls, AS 2013 2365 2375 f.; BBl 2011 9153). Gemäss Art. 25bis Abs.1
DBA CH-ES tauschen die zuständigen Behörden der Vertragsstaaten die-
jenigen Informationen aus, die zur Durchführung des Abkommens oder zur
Anwendung oder Durchsetzung des innerstaatlichen Rechts über Steuern
jeder Art und Bezeichnung, die für Rechnung der Vertragsstaaten, ihrer po-
litischen Unterabteilungen oder lokalen Körperschaften erhoben werden,
voraussichtlich erheblich sind, soweit die diesem Recht entsprechende Be-
steuerung nicht dem Abkommen widerspricht. Der Informationsaustausch
ist dabei durch die Art. 1 und 2 DBA CH-ES nicht eingeschränkt.
3.2 Im Rahmen der internationalen Behördenzusammenarbeit besteht
grundsätzlich kein Anlass, an Sachverhaltsdarstellungen und Erklärungen
anderer Staaten zu zweifeln (sog. völkerrechtliches Vertrauensprinzip). Die
Vorinstanz ist deshalb an die Darstellung des Sachverhalts im Ersuchen
insoweit gebunden, als diese nicht wegen offensichtlicher Fehler, Lücken
oder Widersprüchen sofort entkräftet werden kann. Gleiches gilt für die
vom ersuchenden Staat abgegebenen Erklärungen. Werden diese sofort
entkräftet, kann der ersuchte Staat ihnen nicht mehr vertrauen. Es liegt da-
bei an der beschwerdeführenden Person, den Sachverhalt mittels Urkun-
den klarerweise und entscheidend zu widerlegen (vgl. zum Ganzen statt
vieler Urteil des BVGer A-5146/2018 vom 28. Juli 2020 E. 4.2 mit Hinwei-
sen).
4.
4.1 Die Beschwerdeführenden machen geltend, das Amtshilfeersuchen
stelle eine unzulässige Beweisausforschung dar, weil die AT die ersuchten
Informationen nicht (ausreichend) konkretisiere. Es handle sich um ein
spekulatives Ersuchen, das keinen offensichtlichen Bezug zur laufenden
Steueruntersuchung der vom Amtshilfeersuchen betroffenen Beschwerde-
führerin 1 habe.
4.2
A-5741/2019
Seite 8
4.2.1 Das Verbot der Beweisausforschung ist Ausdruck des Verhältnis-
mässigkeitsgrundsatzes. Es sollen soweit als möglich relevante Informati-
onen ausgetauscht werden können, ohne dass ein Vertragsstaat «fishing
expeditions» eines anderen Staates unterstützen oder Informationen lie-
fern muss, deren Relevanz unwahrscheinlich ist (BGE 144 II 206 E. 4.2
sowie statt vieler Urteil des BVGer A-5146/2018 vom 28. Juli 2020 E. 5.2.1
mit Hinweisen).
Dementsprechend hält Ziff. IV Abs. 3 des Protokolls zu Art. 25bis DBA CH-
ES fest, dass der Zweck der Verweisung auf Informationen, die voraus-
sichtlich erheblich sind, darin besteht, einen möglichst weit gehenden In-
formationsaustausch in Steuerbelangen zu gewährleisten, ohne den Ver-
tragsstaaten zu erlauben, «fishing expeditions» zu betreiben oder um In-
formationen zu ersuchen, deren Erheblichkeit hinsichtlich der Steuerbe-
lange einer bestimmten steuerpflichtigen Person unwahrscheinlich ist.
Abs. 2 sieht zwar wichtige verfahrenstechnische Voraussetzungen für die
Vermeidung von «fishing expeditions» vor; seine Bst. a-e sind jedoch nicht
so auszulegen, dass sie einen wirksamen Informationsaustausch behin-
dern.
Weiter besteht nach Ziff. IV Abs. 2 des Protokolls zu Art. 25bis DBA CH-ES
Einvernehmen darüber, dass die Steuerbehörden des ersuchenden Staa-
tes bei der Stellung eines Amtshilfebegehrens nach 25bis DBA CH-ES den
Steuerbehörden des ersuchten Staates die nachstehenden Angaben zu
liefern haben:
– a) die Identität der in eine Überprüfung oder Untersuchung einbezoge-
nen Person;
– b) die Zeitperiode, für welche die Informationen verlangt werden;
– c) eine Beschreibung der verlangten Informationen sowie Angaben hin-
sichtlich der Form, in der der ersuchende Staat diese Informationen
vom ersuchten Staat zu erhalten wünscht;
– d) den Steuerzweck, für den die Informationen verlangt werden;
– e) soweit bekannt, den Namen und die Adresse des mutmasslichen In-
habers der verlangten Informationen.
4.2.2 Als zur Anwendung oder Durchsetzung des innerstaatlichen Rechts
voraussichtlich erheblich gelten Informationen, die für den ersuchenden
Staat notwendig sind, um eine dort steuerpflichtige Person korrekt zu be-
A-5741/2019
Seite 9
steuern. Ob eine Information in diesem Sinne erheblich ist, kann in der Re-
gel nur der ersuchende Staat abschliessend beurteilen. Die Rolle des er-
suchten Staates beschränkt sich dabei darauf, zu überprüfen, ob die vom
ersuchenden Staat verlangten Informationen und Dokumente mit dem im
Ersuchen dargestellten Sachverhalt zusammenhängen und ob sie mög-
licherweise dazu geeignet sind, im ausländischen Verfahren verwendet zu
werden (sog. Plausibilitätskontrolle; zum Ganzen statt vieler BGE 144 II 29
E. 4.2.2, BGE 142 II 161 E. 2.1.1 je mit weiteren Hinweisen sowie Urteil
des BVGer A-5146/2018 vom 28. Juli 2020 E. 5.2.2 mit weiteren Hinwei-
sen). Vor diesem Hintergrund darf der ersuchte Staat Auskünfte mit der
Begründung, die verlangten Informationen seien nicht notwendig, nur ver-
weigern, wenn ein Zusammenhang zwischen den verlangten Angaben und
der im ersuchenden Staat durchgeführten Untersuchung unwahrscheinlich
erscheint (vgl. statt vieler BGE 143 II 185 E. 3.3.2, BGE 141 II 436 E. 4.4.3
mit weiteren Hinweisen und Urteil des BVGer A-5146/2018 vom 28. Juli
2020 E. 5.2.2 mit weiteren Hinweisen; vgl. zum Kriterium der voraussicht-
lichen Erheblichkeit auch Art. 26 Abs. 1 des Musterabkommens der Orga-
nisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung [OECD] zur
Vermeidung der Doppelbesteuerung von Einkommen und Vermögen). In
letzterem Sinne ist auch Art. 17 Abs. 2 StAhiG zu verstehen, wonach Infor-
mationen, welche voraussichtlich nicht erheblich sind, nicht übermittelt
werden dürfen (statt vieler Urteil des BVGer A-5146/2018 vom 28. Juli 2020
E. 5.2.2 mit weiteren Hinweisen; vgl. auch Art. 4 Abs. 3 StAhiG). Keine
Rolle spielt dagegen, wenn sich nach der Beschaffung der Informationen
herausstellt, dass diese nicht relevant sind (BGE 143 II 185 E. 3.3.2 mit
Hinweisen, zit. in Urteil des BGer 2C_615/2018 vom 26. März 2019 E. 3.2).
4.2.3 Die Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit ist demnach
erfüllt, wenn im Zeitpunkt der Gesuchstellung eine vernünftige Möglichkeit
besteht, dass sich die angefragten Angaben als in diesem Sinn erheblich
erweisen werden. Die voraussichtliche Erheblichkeit von geforderten Un-
terlagen oder Auskünften muss sich bereits aus dem Amtshilfegesuch er-
geben (vgl. BGE 143 II 185 E. 3.3.2 und Urteil des BVGer A-5146/2018
vom 28. Juli 2020 E. 5.2.3, je mit Hinweisen). Soweit die Behörden des
ersuchenden Staates verpflichtet sind, den massgeblichen Sachverhalt
darzulegen, kann von ihnen nicht erwartet werden, dass sie dies bereits
lückenlos und völlig widerspruchsfrei tun. Dies wäre mit Sinn und Zweck
der Amtshilfe nicht vereinbar, sollen doch aufgrund von Informationen und
Unterlagen, die sich im ersuchten Staat befinden, bisher im Dunkeln ge-
bliebene Punkte erst noch geklärt werden. Daher ist gemäss Rechtspre-
A-5741/2019
Seite 10
chung von der ersuchenden Behörde nicht der strikte Beweis des Sachver-
halts zu verlangen, doch muss sie hinreichende Verdachtsmomente für
dessen Vorliegen dartun (statt vieler Urteil des BVGer A-5146/2018 vom
28. Juli 2020 E. 5.2.3 mit Hinweisen).
4.2.4 Informationen können im abkommensrechtlichen Sinne nur dann als
voraussichtlich erheblich qualifiziert werden, wenn sie (unter anderem oder
ausschliesslich) Personen betreffen, deren unbeschränkte oder be-
schränkte Steuerpflicht im ersuchenden Staat während der massgebenden
Zeitspanne wahrscheinlich ist. Dafür genügt bereits, dass der ersuchende
Staat Anhaltspunkte nennt, die eine beschränkte oder unbeschränkte Steu-
erpflicht der betroffenen Person in diesem Staat begründen könnten (vgl.
Urteil des BVGer A-5146/2018 vom 28. Juli 2020 E. 5.2.4 mit Hinweis).
4.3
4.3.1 Aus dem in den Ersuchen dargelegten und grundsätzlich unbestrit-
tenen Sachverhalt geht hervor, dass die AT eine Steuerprüfung bei der Be-
schwerdeführerin 1 als betroffener Person für die Jahre 2013 und 2014
durchführt. Dabei sei diese ihrer Offenlegungspflicht betreffend Vermögen
und Einnahmen im Ausland nur unzureichend nachgekommen, indem sie
lediglich zwei Nummern von Konti bei einer Bank und die Kundennummer
einer anderen Bank, jedoch keine entsprechenden Unterlagen übermittelt
habe. Das Ersuchen diene der Ermittlung der weltweiten Besteuerungs-
grundlagen der Beschwerdeführerin 1.
4.3.2 Die betroffene Person hat ihre Einkommens- und Vermögenssitua-
tion im fraglichen Zeitraum nicht vollständig offengelegt bzw. nicht korrekt
deklariert, indem sie lediglich Nummern von Konti bei einer Bank und die
Kundennummer einer anderen Bank, jedoch keine entsprechenden Unter-
lagen übermittelt hat. Den Ersuchen liegen somit konkrete Verdachtsmo-
mente zugrunde, welche die Existenz von Konti der betroffenen Person bei
den fraglichen Banken nahelegen.
Die AT legt sodann nachvollziehbar dar, dass die ersuchten Informationen
für die steuerliche Würdigung der finanziellen Situation der betroffenen
Person, welche nach den Angaben im Ersuchen im innerstaatlichen Ver-
fahren ihren Mitwirkungspflichten nicht vollständig nachgekommen ist (vgl.
vorne Sachverhalt Bst. A.a), bzw. zur Ermittlung ihrer weltweiten Einkom-
mens- und Vermögenssituation und zur Feststellung der Wahrung der ent-
sprechenden Meldepflichten nach spanischem Recht relevant sind. Die an-
geforderten Bankunterlagen sind geeignet, Aufschluss über die Aktiven
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Seite 11
und Einkünfte der Beschwerdeführerin 1 zu geben. Die ersuchten Informa-
tionen sind demnach voraussichtlich erheblich, um sie korrekt besteuern
zu können bzw. nachvollziehen zu können, ob sie in Verletzung ihren steu-
erlichen Meldepflichten dem spanischen Fiskus gewisse Geldwerte ver-
schwiegen hat.
Das von den Beschwerdeführenden erwähnte Beispiel aus dem Kommen-
tar zum Musterabkommen der OECD (Ziff. 8 Bst. e zu Art. 26) ist mit vor-
liegender Situation, in welcher es im Rahmen einer Steueruntersuchung
zur Beschwerdeführerin 1 lediglich um Konti geht, deren Inhaberin bzw.
wirtschaftlich Berechtigte sie ist, nicht jedoch um Konti von mit ihr verwand-
ten Personen, nicht vergleichbar.
4.3.3 Die fraglichen Ersuchen vermögen sich demnach von einer unzuläs-
sigen Beweisausforschung abzugrenzen (vgl. auch vorne E. 4.2.1 und
Sachverhalt Bst. A.a): Sie nennen die betroffene Person, die Zeitperiode
und den Steuerzweck, für welche/n die fraglichen, in den Ersuchen be-
schriebenen Informationen verlangt werden, sowie die Daten der Informa-
tionsinhaberinnen und sind genügend präzise formuliert. Die ersuchten In-
formationen weisen den im Rahmen der reinen Plausibilitätskontrolle zu
prüfenden notwendigen Zusammenhang zum dargelegten Sachverhalt auf
(vgl. vorne E. 4.2.3) und sind somit entgegen der Ansicht der Beschwerde-
führenden voraussichtlich erheblich für die korrekte Bemessung der Ein-
kommenssteuer der betroffenen Person in Spanien, womit sich die Amts-
hilfeersuchen als grundsätzlich zulässig erweisen. Es bestehen im Übrigen
keine Anzeichen dafür, dass der geschilderte Sachverhalt widersprüchlich,
fehler- oder lückenhaft wäre und deshalb an ihm gezweifelt werden müsste
(vgl. vorne E. 3.2). Die strittigen Ersuchen genügen sodann den Anforde-
rungen von Ziff. IV Abs. 2 Bst. a-e des Protokolls zu Art. 25bis DBA CH-ES
(vgl. dazu vorne E. 4.2.1). Die Beschwerden sind in diesem Punkt abzu-
weisen.
5.
5.1 Die Beschwerdeführenden beanstanden zudem, es seien nicht sämt-
liche innerstaatlichen Ermittlungsmöglichkeiten ausgeschöpft worden. Da-
mit rügen sie eine Verletzung des in Ziff. IV Abs. 1 des Protokolls zu
Art. 25bis DBA CH-ES erwähnten Subsidiaritätsprinzips (vgl. dazu und zur
vergleichbaren Regelung in Art. 6 Abs. 2 Bst. g StAhiG statt vieler Urteil
des BVGer A-2725/2019 vom 25. Februar 2020 E. 2.6.1 mit Hinweisen).
Danach besteht Einvernehmen darüber, dass der ersuchende Vertrags-
staat ein Begehren um Austausch von Informationen erst dann stellt, wenn
A-5741/2019
Seite 12
er zur Beschaffung der Informationen alle in seinem innerstaatlichen Steu-
erverfahren vorgesehenen üblichen Mittel ausgeschöpft hat, sofern dies
nicht mit unverhältnismässigen Schwierigkeiten verbunden ist.
5.2 Die spanischen Amtshilfeersuchen enthalten die entsprechenden
Erklärungen: «We ensure that all possible sources of obtaining the infor-
mation in Spain have been exhausted» (vgl. auch vorne Sachverhalt
Bst. A.a) sowie «The requesting, competent authority confirms that it has
exhausted all regular sources of information available under its domestic
tax procedure».
Aufgrund des im Völkerrecht geltenden Vertrauensprinzips ist grundsätz-
lich auf die Zusage der AT, dass alle innerstaatlichen Ermittlungsmöglich-
keiten ausgeschöpft sind, abzustellen. Die Beschwerdeführenden können
dieses Vertrauen zwar erschüttern (vgl. vorne E. 3.2), was vorliegend mit
dem blossen Hinweis, die allgemeine Aussage der AT, alle innerstaatlichen
Ermittlungsmöglichkeiten seien ausgeschöpft, genüge nicht als Nachweis
der vorgenommenen innerstaatlichen Massnahmen, jedoch nicht gelingt.
Ebenso wenig vermögen die Beschwerdeführenden daraus, dass die AT in
den Ersuchen nicht erwähnt hat, dass die Europäische Kommission mit
Bezug auf die Melde- und Bussenvorschriften im «Modelo 720» ein Ver-
tragsverletzungsverfahren gegen Spanien in Gang gesetzt hat, diesbezüg-
lich etwas zu ihren Gunsten ableiten (vgl. dazu im Detail hinten E. 7). Die
Vorinstanz hat sich demnach zu Recht auf die vorgenannte Zusicherung
gestützt. Die entsprechende Rüge der Beschwerdeführenden ist somit
nicht zu hören.
6.
6.1 Nach Art. 25bis Abs. 3 Bst. b DBA CH-ES ist die Schweiz als ersuchter
Staat nicht verpflichtet, Informationen zu erteilen, die nach ihren sowie den
spanischen Gesetzen oder auf ihrem und dem spanischen üblichen Ver-
waltungsweg nicht beschafft werden können (sog. Grundsatz der Rezipro-
zität; vgl. auch Art. 6 Abs. 2 Bst. f StAhiG).
6.2 Gestützt auf diesen Grundsatz machen die Beschwerdeführenden gel-
tend, die Erhältlichkeit der Informationen nach spanischen Recht fehle
ebenso wie die Gegenseitigkeit. Spanien könnte nach seinen innerstaatli-
chen Ermittlungsvorschriften die ersuchten Informationen für die Schweiz
im umgekehrten Fall mangels entsprechender gesetzlicher Grundlage
nicht beschaffen. Die AT versuche über das Amtshilfeverfahren, Informati-
onen betreffend ausländisches Vermögen der betroffenen Person von der
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Seite 13
Schweiz zu erlangen, da die Beschaffung dieser Informationen nach spa-
nischem Recht unzulässig sei und gegen EU-Recht verstosse. Zudem be-
absichtige sie, unzulässige Melde- und Bussvorschriften anzuwenden.
Zwar seien diese Vorschriften noch nicht durch ein Urteil des EuGH aufge-
hoben worden, sie seien jedoch rechtswidrig.
6.3 Die Erhältlichkeit von Informationen ist Teil des Reziprozitätsprinzips
und von Art. 25bis DBA CH-ES miterfasst. Die Reziprozität beschränkt sich
nämlich nicht bloss auf den Fall eines Amtshilfeersuchens in einem ande-
ren Staat, sondern beinhaltet auch die Erhältlichkeit der Informationen in
einem innerstaatlichen Verfahren. Zusammenfassend ist der ersuchte
Staat nicht verpflichtet, über sein innerstaatliches Recht hinauszugehen,
um dem ersuchenden Staat Informationen zu beschaffen oder herauszu-
geben. Er ist lediglich verpflichtet, dem ersuchenden Staat diejenigen Ka-
näle zur Informationsbeschaffung zur Verfügung zu stellen, die auch dem
ersuchten Staat zur Durchführung seines innerstaatlichen Rechts offenste-
hen (Urteil des BGer 2C_646/2017 vom 9. April 2018 E. 2.4 mit Hinweisen).
In der Praxis ist es oft schwierig zu ermitteln, ob der um Amtshilfe ersu-
chende Staat nach seinem Recht die fraglichen Informationen beschaffen
könnte bzw. Amtshilfe leisten dürfte, weshalb das OECD-Amtshilfemuster-
abkommen vorsieht, dass der ersuchende Staat mit dem Amtshilfeersu-
chen eine entsprechende Bestätigung abgeben muss. Liegt eine entspre-
chende Bestätigung des ersuchenden Staates vor, darf der um Amtshilfe
ersuchte Staat aufgrund des völkerrechtlichen Vertrauensprinzips die Ge-
währung von Amtshilfe wegen fehlender Reziprozität nur dann ablehnen,
wenn er Gründe dafür hat, dass die abgegebene Erklärung klarerweise un-
zutreffend ist (vgl. vorne E. 3.2 und Urteil des BGer 2C_646/2017 vom
9. April 2018 E. 2.1 mit Hinweis).
6.4 Spanien hat ausdrücklich bestätigt, dass das Ersuchen im Einklang mit
seiner Gesetzgebung und Verwaltungspraxis steht und es in der Lage ist,
die Informationen in vergleichbaren Fällen zu beschaffen und an die
Schweiz weiterzuleiten («The requesting, competent authority confirms
that the request is in line with the laws and administrative practices of the
authority in charge and the agreement which forms the basis for this requ-
est; in similar circumstances, the information would be available under the
application of domestic laws and administrative practices;»). Im Kontext
der Amtshilfe in Steuersachen besteht grundsätzlich kein Anlass, an der
Richtigkeit und Einhaltung der Sachverhaltsdarstellung und an Erklärun-
gen anderer Staaten zu zweifeln (vgl. vorangehenden Absatz und vorne
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E. 3.2 zum völkerrechtlichen Vertrauensprinzip). Die vorgenannte Erklä-
rung wird nicht sofort wegen offensichtlichen Fehlern, Lücken oder Wider-
sprüchen entkräftet.
So ist der Vorinstanz nämlich beizupflichten, dass solange das laufende
Vertragsverletzungsverfahren nicht abgeschlossen und (noch) keine ent-
sprechende Gesetzeswidrigkeit seitens des EuGH festgestellt worden ist,
aufgrund des vorgenannten völkerrechtlichen Vertrauensprinzips weder an
der Rechtskonformität des geltenden spanischen Rechts noch an der Zu-
sicherung der AT betreffend Gegenseitigkeit und Erhältlichkeit der Informa-
tionen zu zweifeln ist. Ausserdem lässt sich aus der Statistik des Jahres-
berichts 2014 der europäischen Kommission, wonach der EuGH fünf Ur-
teile gegen Spanien erlassen hat, die alle zugunsten der Kommission ent-
schieden wurden, nicht mit den Beschwerdeführenden ableiten, dass auch
das laufende Gerichtsverfahren entsprechend ausfallen wird. Im Übrigen
ist es nicht die Aufgabe der Vorinstanz oder des Bundesverwaltungsge-
richts, das materielle Recht des ersuchenden Staats im Rahmen eines
Amtshilfeverfahren auf seine Rechtmässigkeit hin zu überprüfen. Allfällige
Verstösse dagegen wären in Spanien vor den dortigen Behörden geltend
zu machen (vgl. dazu statt vieler Urteil des BVGer A-5146/2018 vom 28.
Juli 2020 E. 5.3.2 i.f. mit Hinweis).
Die Beschwerden sind auch in diesem Punkt nicht zu hören, sondern zu-
sammenfassend vielmehr gesamthaft abzuweisen und die vorinstanzliche
Verfügung damit zu bestätigen.
7.
7.1 Die Beschwerdeführenden beantragen eventualiter – für den Fall,
dass die angefochtene Verfügung nicht aufgehoben werde –, das vorlie-
gende Verfahren sei zu sistieren, bis der EuGH einen Entscheid im Ver-
tragsverletzungsverfahren der europäischen Kommission gegen Spanien
betreffend «Modelo 720» gefällt habe (vgl. vorne Sachverhalt Bst. B).
Das spanische Abgaberecht auferlege Personen mit steuerrechtlichem
Wohnsitz in Spanien eine Verpflichtung zur Meldung bestimmter im Aus-
land befindlicher Güter und Rechte mittels eines Steuererklärungsformu-
lars («Formblatt 720»). Bei nicht ordnungsgemässer Erfüllung dieser Ver-
pflichtung kämen spezielle Sanktionsregelungen zur Anwendung. Die eu-
ropäische Kommission sei zum Schluss gekommen, dass die Qualifizie-
rung dieser Vermögenswerte als Vermögensgewinne, die Unanwendbar-
keit der allgemeinen Verjährungsvorschriften sowie die Verhängung fixer
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Geldstrafen als Sanktionen Beschränkungen der Grundfreiheiten des Ver-
trags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) sowie des Ab-
kommens über den europäischen Wirtschaftsraum (EWR-Abkommen) dar-
stellten. Auch wenn diese Massnahmen grundsätzlich zur Erreichung der
verfolgten Ziele der Verhinderung und Bekämpfung von Abgabenumge-
hung und -hinterziehung geeignet sein könnten, seien sie im Ergebnis un-
verhältnismässig.
7.2 Eine Sistierung des Verfahrens muss nach bundesgerichtlicher Recht-
sprechung durch zureichende Gründe gerechtfertigt sein, da bei Fehlen
solcher Gründe von einer mit dem Beschleunigungsgebot von Art. 29
Abs. 1 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft
vom 18. April 1999 (BV, SR 101) nicht zu vereinbarenden Rechtsverzöge-
rung auszugehen ist (vgl. statt vieler BGE 138 III 190 E. 6). Eine Verfah-
renssistierung kann namentlich dann angezeigt sein, wenn ein anderes
Verfahren hängig ist, dessen Ausgang von präjudizieller Bedeutung ist. Der
Behörde kommt beim Entscheid darüber, ob das Verfahren zu sistieren ist,
ein erheblicher Ermessensspielraum zu (vgl. BGE 119 II 386 E. 1b; MOSER
ET AL., a.a.O., 2. Aufl. 2013, Rz. 3.16). Zu beachten ist dabei, dass dem
erwähnten Beschleunigungsgebot – auf welches sich auch die Vorinstanz
bezieht (vgl. vorne Sachverhalt Bst. C) – in Amtshilfeverfahren eine her-
ausragende Bedeutung zukommt (vgl. statt vieler Urteil des BVGer A-
223/2019 vom 29. Oktober 2019 E. 2.3.2).
7.3
7.3.1 Die europäische Kommission hat Spanien mit Bezug auf die von den
Beschwerdeführenden erwähnte Angelegenheit mit Schreiben vom
20. November 2015 zur Stellungnahme aufgefordert; dem ist Spanien mit
Schreiben vom 29. Februar 2016 nachgekommen. Mit begründeter Stel-
lungnahme vom 15. Februar 2017 kam die europäische Kommission so-
dann zu diesen Schlussfolgerungen: Die fragliche spanische Regelung
verstosse gegen die Personenfreizügigkeit gemäss Art. 21 AEUV, gegen
die Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Art. 45 AEUV und Art. 28 EWR-Abkom-
men, die Niederlassungsfreiheit nach Art. 49 AEUV und Art. 31 EWR-Ab-
kommen, die Dienstleistungsfreiheit (Art. 56 AEUV und Art. 36 EWR-Ab-
kommen) sowie die Kapitalverkehrsfreiheit nach Art. 63 AEUV und Art. 40
EWR-Abkommen, indem/soweit sie eine Steuererklärungsregelung nach
dem Formular 720 einführe, die im Lichte der einschlägigen Rechtspre-
chung des Gerichtshofs diskriminierend und unverhältnismäßig erscheint,
insbesondere durch (la comisión europea considera que la normativa
española infringe la libre circulación de personas (articulo 21 del TFUE), la
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libre circulación de trabajadores (articulo 45 del TFUE y articulo 28 del A-
cuerdo sobre el EEE), la libertad de establecimiento (articulo 49 del TFUE
y articulo 31 del Acuerdo sobre el EEE), la libre prestación de servicios
(articulo 56 del TFUE y articulo 36 del Acuerdo sobre el EEE) y la libre
circulación de capitales (articulo 63 del TFUE y articulo 40 del Acuerdo
sobre el EEE), en la medida en que establece un régimen de declaración
fiscal en el marco del Modelo 720 que parece discriminatorio y despropor-
cionado a la luz de la jurisprudencia pertinente del Tribunal de Justicia, en
particular al imponer):
– fixe Geldstrafen für die Nichteinhaltung der im Formular 720 vorgese-
henen Informationspflichten in Bezug auf Güter/Vermögenswerte und
Rechte, die sich im Ausland befinden, oder für deren verspätete Vor-
lage, die höher sind als diejenigen in der allgemeinen steuergesetzli-
chen Regelung für ähnliche Verstöße vorgesehenen, (multas pecunia-
rias fijas por incumplimiento de las obligaciones de información del Mo-
delo 720 en lo que se refiere a los bienes y derechos poseídos en el
extranjero o por la presentación extemporánea de este último superio-
res a la establecidas en el régimen general para infracciones similares
reguladas en la Ley General Tributaria);
– die Besteuerung ungerechtfertigter Kapitalgewinne infolge fehlender
Informationen im Formular 720 über im Ausland gehaltene Vermögens-
werte und Rechte oder der bloß nicht rechtzeitigen Vorlage dieser In-
formationen in Formular 720 über solche Vermögenswerte und Rechte,
zusammen mit der Verweigerung des Nachweises, dass das Eigentum
an den Vermögenswerten seit einem bestimmten, verjährten Steuer-
jahr gehalten wurde, (la tributación de las ganancias patrimoniales no
justificadas como consecuencia de la falta de información en el Modelo
720 sobre los bienes y derechos poseídos en el extranjero o de la mera
presentación extemporánea de la información que figura en el Modelo
720 sobre dichos bienes y derechos, junto con la negación de la prueba
de que la propriedad de los activos se mantiene desde un determinado
ejecicio fiscal que ha prescrito);
– eine proportionale Geldstrafe für ungerechtfertigte Kapitalgewinne, die
mit den Gütern und Rechten verbunden sind, welche im Formular 720
nicht mitgeteilt oder im Zusammenhang mit einer nicht fristgerechten
Einreichung des Formular 720 kommentiert werden (una multa pecuni-
aria proporcional sobre las ganancias patrimoniales no justificadas a-
sociadas a los bienes y derechos que no se comuniquen en el Modelo
720 o se comuniquen en el marco de una presentación extemporánea
del Modelo 720).
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Damit sei Spanien seinen Verpflichtungen nach den Art. 21, 45, 49, 56 und
63 AEUV und den Art. 28, 31, 36 und 40 des EWR-Abkommens nicht nach-
gekommen (el Reino de España ha incumplido las obligaciones que les
incumben en virtud de los articulos 21, 45, 49, 56 y 63 del TFUE y los
articulos 28, 31, 36 y 40 del Acuerdo sobre el EEE), weshalb es gemäss
Art. 258 Abs. 1 AEUV aufgefordert werde, die erforderlichen Maßnahmen
zu ergreifen, um dieser begründeten Stellungnahme innerhalb von zwei
Monaten nach deren Erhalt nachzukommen (en aplicación de lo dispuesto
en el articulo 258, párrafo primero, del Tratado de Funcionamiento de la
Uníon Europea, la Comisión invita al Reino de España a que adopte las
medidas requeridas para ajustarse al presente dictamen motivado en un
plazo de dos meses a partir de la recepción del mismo).
7.3.2 Diese Ausführungen zeigen, dass die europäische Kommission
hauptsächlich die als unverhältnismässig hoch erachteten Geldbussen in
Steuerstrafverfahren beanstandet. Aus dem entsprechenden Factsheet
der Europäischen Kommission vom 15. Februar 2017 ergibt sich dement-
sprechend, dass Spanien zwar aufgefordert wird, seine Vorschriften über
ausländische Vermögenswerte verhältnismässig zu gestalten, jedoch das
Recht habe, Steuerpflichtige aufzufordern, den Behörden Informationen
über bestimmte ausländische Vermögenswerte mitzuteilen. Lediglich die
Sanktionen bei Nichteinhaltung dieser Vorschriften würden als unverhält-
nismässig eingestuft, da die Strafgelder viel höher als bei rein innerstaatli-
chen Vorgängen und damit diskriminierend seien bzw. nicht im Einklang
mit den Grundfreiheiten der Europäischen Union stünden.
Nicht bemängelt wird demnach die spanische Regelung an sich, wonach
gebietsansässige Personen verpflichtet sind, im Ausland gehaltene Vermö-
genswerte wie Immobilien, Bankkonti und finanzielle Beteiligungen zu mel-
den, sondern lediglich die Folgen bzw. die Höhe der Geldbussen bei Nicht-
einhaltung der Meldepflicht. Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführen-
den verfolgt die europäische Kommission mit dem Vertragsverletzungsver-
fahren gegen Spanien demnach nicht die Absicht, die Meldevorschriften
des spanischen Rechts aufgrund eines Verstosses gegen das EU-Recht
aufzuheben.
An dieser Beurteilung ändert auch das neu eingereichte Beweismittel
nichts, die Kopie des Amtsblatts der EU vom 23. Dezember 2019, wonach
die europäische Kommission am 23. Oktober 2019 Klage gegen das Kö-
nigreich Spanien eingereicht hat und beantragt, es sei festzustellen, dass
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Letzteres gegen seine Verpflichtungen aus Art. 21, 45, 56 und 63 AEUV
sowie aus den Art. 28, 31, 36 und 40 des EWR-Abkommens verstossen
habe, indem es:
– Rechtsfolgen für die Nichterfüllung der Informationspflichten hinsicht-
lich der Güter und Rechte im Ausland sowie für die nicht fristgerechte
Einreichung des «Formblattes 720» vorgesehen hat, welche die Quali-
fikation dieser Vermögenswerte als ungerechtfertigte Vermögensge-
winne nach sich ziehen und nicht verjähren;
– Bei Nichterfüllung der Informationspflichten hinsichtlich der Güter und
Rechte im Ausland sowie für die nicht fristgerechte Einreichung des
«Formblattes 720» automatisch eine fixe Geldstrafe in Höhe von 150 %
verhängt und
– Bei Nichterfüllung der Informationspflichten hinsichtlich der Güter und
Rechte im Ausland sowie für die nicht fristgerechte Einreichung des
«Formblattes 720» fixe Geldstrafen verhängt, deren Höhe jene der
Sanktionen nach den allgemeinen Regelungen für vergleichbare Zuwi-
derhandlungen übersteigt.
7.4 Primär dienen die fraglichen Amtshilfeersuchen der Feststellung der
vollständigen, weltweiten Einkommens- und Vermögensverhältnisse der
betroffenen Person und damit ihrer Steuerveranlagung. Nicht im Amtshilfe-
verfahren zu klären ist, ob diesbezügliche Meldepflichten verletzt wurden
und falls ja, welche Folgen dies mit Bezug auf die konkrete Höhe einer
allfälligen Busse zeitigt.
Für die vorliegend zu klärende Frage der Zulässigkeit der Übermittlung der
strittigen Informationen, insbesondere deren voraussichtliche Erheblich-
keit, hat das hängige Vertragsverletzungsverfahren demnach keine Bedeu-
tung bzw. wird die Berechtigung Spaniens, amtshilfeweise um Informatio-
nen betreffend ausländische Vermögenswerte zu ersuchen, wenn diese
von der steuerpflichtigen Person selbst nicht erhältlich gemacht werden
können, von der europäischen Kommission nicht thematisiert oder in Frage
gestellt. Demnach hat das noch zu erlassende (rechtskräftige) Urteil des
EuGH entgegen der Ansicht der Beschwerdeführenden keine präjudizie-
rende Bedeutung für das vorliegende Verfahren. Folglich ist das Amtshilfe-
verfahren nicht zu sistieren und sind auch die entsprechenden Beweiser-
gänzungsanträge (vgl. vorne Sachverhalt Bst. D.a) in antizipierter Beweis-
würdigung abzuweisen (vgl. dazu statt vieler Urteile des BVGer
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A-4163/2019 vom 22. April 2020 E. 3.4.7 und A-6589/2016 vom 6. März
2018 E. 5.5, je mit Hinweisen).
8.
Die Verfahrenskosten sind auf Fr. 4'000.– festzusetzen und ausgangsge-
mäss den Beschwerdeführenden in solidarischer Haftung aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG und Art. 1, 2, 4 und 6a des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die einbezahlten Kostenvorschüsse
in den Verfahren A-5741/2019 und A-5745/2019 von je Fr. 2'000. – sind zur
Bezahlung der Verfahrenskosten zu verwenden. Parteientschädigungen
sind nicht zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 VGKE e
contrario sowie Art. 7 Abs. 3 VGKE).
9.
Dieser Entscheid auf dem Gebiet der internationalen Amtshilfe in Steuer-
sachen kann gemäss Art. 83 Bst. h BGG innerhalb von 10 Tagen nur dann
mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundes-
gericht weitergezogen werden, wenn sich eine Rechtsfrage von grundsätz-
licher Bedeutung stellt oder wenn es sich aus anderen Gründen um einen
besonders bedeutenden Fall im Sinn von Art. 84 Abs. 2 BGG handelt
(Art. 84a und Art. 100 Abs. 2 Bst. b BGG). Ob dies der Fall ist, entscheidet
das Bundesgericht.