Decision ID: 462fa07d-13d7-5439-8775-ce280b5ee749
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._ (bei Vavuniya/Nordprovinz) –
verliess seine Heimat gemäss eigenen Angaben am (...) 2015 auf dem
Luftweg. Dabei habe er einen sri-lankischen Reisepass lautend auf den
Namen (...) benutzt. Von der Türkei aus sei er auf dem Landweg am
16. Dezember 2015 in die Schweiz gelangt, wo er am gleichen Tag um Asyl
nachsuchte. Am 10. Februar 2016 wurde er dem Kanton (...) zugewiesen.
B.
B.a Am 22. Dezember 2015 fand eine summarische Befragung zur Person
(BzP) statt und am 26. Juni 2017 wurde er eingehend zu seinen Asylgrün-
den angehört. Dabei informierte er, er sei bei C._ (Nordprovinz) auf-
gewachsen und habe eine (...) Fachhochschule (...) abgeschlossen. Im
Februar 2007 habe er seine Ehefrau in B._ geheiratet, mit welcher
er zwei Kinder habe; sie würden sich weiterhin in Sri Lanka aufhalten.
Seit dem Jahr 2004 bis etwa (...) 2007 habe er bei C._ gegen Ent-
gelt für die (...)abteilung der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) im
Bereich (...) gearbeitet und (...) (A20 F36 ff., 56, 170 und 204). Er sei je-
doch nie deren Mitglied gewesen (A20 F28). Neben dem Leiter namens
D._ hätten in dieser Abteilung weitere Personen gearbeitet, darun-
ter auch sein Freund E._ (A20 F43 f.). Mit D._ sei er aus-
serdem regelmässig mit einem Auto unterwegs gewesen und habe sich bei
den jeweiligen Checkpoints (so auch in F._ bei Vavuniya) auf einer
Liste für Zivilisten registrieren lassen (A20 F28 und 64 ff.). Nachdem er im
Februar 2007 geheiratet habe, habe er diese Tätigkeit bei den LTTE been-
det, sei nach (...) zu seiner Ehefrau umgezogen und habe die Leitung einer
(...)firma übernommen (A20 F53 f.).
Im (...) 2007 sei er zweimal von Beamten des CID (Criminal Investigation
Department) auf der Strasse angehalten worden. Man habe ihn verdäch-
tigt, dass über die (...)firma Geld der LTTE fliesse und dass er für diese
Organisation spioniere. Beim ersten Mal sei er bei einem Telekommunika-
tionsbüro in der Nähe des (...) Camps (bei Vavuniya) befragt worden. Beim
zweiten Mal hätten sie ihn für zwei Tage ins Camp mitgenommen und dort
befragt (A20 F19 ff. und S. 29). Dabei sei er von einem Beamten, der früher
beim Checkpoint in F._ gearbeitet habe, als Mitarbeiter respektive
Mitglied der LTTE erkannt worden (A20 F28). Nach diesen zwei Tagen sei
E-349/2018
Seite 3
er aufgrund des Einflusses seiner Schwiegermutter, welche für eine Nicht-
regierungsorganisation (NGO) namens «(...)» gearbeitet habe, freigekom-
men (A20 F32). Der Beschwerdeführer habe diesen Zwischenfall der «Hu-
man Rights Commission» in Vavuniya gemeldet (A20 F15 ff.).
Nach der Entlassung aus dem (...) Camp sei er ohne seine Familie nach
C._ zurückgekehrt und habe dort für ein Bauunternehmen gearbei-
tet (A20 F55 und 85 f.). Seinen Freund E._ habe er in dieser Zeit
oft im Büro der (...)abteilung der LTTE besucht (A20 F55 und 57 ff.). Als
sich gegen Kriegsende im (...) 2009 die Bevölkerung der sri-lankischen
Armee ergeben habe, sei er in F._ von einem ehemaligen LTTE-
Mitglied als deren Angehöriger identifiziert und an einen unbekannten Ort,
vermutlich das (...) Camp bei Vavuniya (A20 F110), gebracht worden (A20
F80 ff.). Während neun Tagen sei er über seine Tätigkeit für die LTTE und
ihre Vermögensbewegungen befragt und gefoltert worden (A20 F87 ff.).
Ausserdem hätten die Beamten gewusst, dass einer seiner älteren Brüder
bei den LTTE als Märtyrer gestorben sei (A20 F104). Offenbar sei er in
dieser Zeit von G._, einem Mitglied der EPDP (Eelam People’s De-
mocratic Party) und Bekannten der Schwiegermutter, in den Gängen des
Camps erkannt worden. Nachdem die Schwiegermutter vom Aufenthaltsort
des Beschwerdeführers erfahren habe, habe sie G._ bezahlt ihn
freizubekommen (A20 F112 ff. und 131 ff.). Um sich zu erholen, habe er
sich die folgenden sechs Monate nur im Haus seiner Schwiegermutter auf-
gehalten (A20 F125).
Ab (...) 2010 (bis [...] 2012) habe er für eine NGO «(...)» gearbeitet (A20
F78 f. und 126 ff.). Im (...) 2010 seien Beamte des CID zu ihm nach Hause
gekommen und hätten ihn festgenommen. Ihm sei eine Mitgliedschaft bei
den LTTE sowie der Umstand, dass er sich nie den Behörden ergeben und
kein Rehabilitationsprogramm durchlaufen habe, vorgeworfen worden
(A20 F133 ff.). Einen Tag später sei er nach Colombo in den «forth floor»
überführt worden, wo er wiederum während drei Tagen befragt und ge-
schlagen worden sei; ausserdem hätten sie ihn daktyloskopiert und foto-
grafiert (A20 F136 ff.). Dank seiner Schwiegermutter, welche mit einem Po-
lizisten in Colombo Kontakt aufgenommen habe, sei er freigekommen (A20
F138, 144 ff.).
Ende 2011 oder im Jahr 2012 habe er sich für zehn Tage geschäftlich an
einem Workshop in Indien aufgehalten. Für diese Reise habe er seinen
eigenen Reisepass, mit einem von seinem (damaligen) Arbeitgeber orga-
nisierten Visum, benutzt (A7 S. 5).
E-349/2018
Seite 4
Ab dem Jahr 2012 bis zum (...) 2015 habe er als (...) für (...) der Vereinten
Nationen [Anmerkung des Gerichts]) in (...) (Nordprovinz) gearbeitet (A20
F69 ff.). Auch nach dem Zwischenfall im «forth floor» im (...) 2010 sei er
weiterhin vom CID beobachtet sowie festgenommen, über zwei Personen
namens H._ und I._ befragt und wieder freigelassen worden
(A20 F167, 169 und 195 ff.). Ausserdem sei er bedroht worden, weil er als
Zeuge bei einer möglichen Untersuchung der Kredgsverbrechen durch die
UNO hätte aussagen können (A20 F171). Sowohl im Jahr 2014 (A20 F192,
195) als auch im Jahr 2015 (A20 F182 f.) sei er je einmal zum Verhör ab-
geholt und in ein Camp gebracht worden. Ferner hätten Beamte des CID
das Haus, in welchem er mit seiner Familie gewohnt habe, im Jahr 2015
(A20 F172, 176 und 179) mehrmals durchsucht und ihn auch zu Hause
befragt; dies auch, weil seine Ehefrau mit einer LTTE-Aktivistin namens
J._ Kontakt gehabt hab. (A20 F167 f., 173, 177 ff.). Irgendwann
habe er gewusst, dass er nicht mehr in diesem Land bleiben könne (A7
S. 8); im (...) 2015 sei er schliesslich ausgereist.
B.b Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer im Juli
2017 folgende Unterlagen ein (A21): Kopien mehrerer «Individual Contrac-
tor Agreements» aus den Jahren 2012, 2013 und 2015 zwischen (...) (Büro
[...] der Vereinten Nationen [Anmerkung des Gerichts]) und dem Be-
schwerdeführer, eine Karte der «Human Rights Commission of Sri Lanka»
aus dem Jahr 2007 (im Original) sowie die Originale von zwei Schreiben
«To whom it may concern» der «(...)» vom 20. Juli 2012 und von (...) vom
4. Juni 2015.
C.
Mit Verfügung vom 8. Dezember 2017 lehnte das SEM das Asylgesuch des
Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz so-
wie den Vollzug der Wegweisung an.
Zur Begründung wurde ausgeführt, dass die Inhaftierungen (...) 2010 im
Zeitpunkt der Ausreise im (...) 2015 rund fünf Jahre zurückgelegen hätten.
Der Beschwerdeführer sei immer wieder – ohne jemals einem Rehabilita-
tionsprogramm zugewiesen zu werden – entlassen worden, weshalb da-
von auszugehen sei, dass die sri-lankischen Behörden nicht von einer
LTTE-Mitgliedschaft ausgegangen seien. Auch wenn er unter Umständen
schlimme Erfahrungen gemacht habe, sei darauf hinzuweisen, dass eine
Asylgewährung keine Wiedergutmachung für früher erlittenes Unrecht sei.
Zudem sei er in den Jahren 2011 oder 2012 nach Indien gereist und wieder
freiwillig nach Sri Lanka zurückgekehrt, woraus zu schliessen sei, dass er
E-349/2018
Seite 5
nach seiner Freilassung im (...) 2010 keine asylrelevante Verfolgung mehr
befürchtet habe.
Überdies seien Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Schilderungen im Zu-
sammenhang mit den geltend gemachten Inhaftierungen zwischen 2007
und 2010 anzubringen: So seien die vorgebrachten Folterungen im (...)
2009 nicht konsistent genug umschrieben worden. Ferner habe er sich be-
züglich der Umstände seiner Freilassung unterschiedlich geäussert. So sei
er gemäss der Aussage in der BzP im Jahr 2010 durch das gleiche Mitglied
der EPDP freigekommen, welches ihm auch schon im (...) 2009 nach der
neuntägigen Inhaftierung geholfen habe. An der Anhörung habe er indes
umschrieben, dass ein Polizist, welcher von seiner Schwiegermutter kon-
taktiert worden sei, seine Freilassung aus dem «forth floor» in Colombo
(2010) veranlasst habe. Ausserdem habe er an der BzP die mehrtätige In-
haftierung in Colombo nicht erwähnt, was angesichts des Umstandes, dass
es sich hierbei um ein einschneidendes Vorkommnis handle, nicht plausi-
bel sei.
Der Beschwerdeführer machte sodann geltend, aufgrund von Kontakten zu
H._ und I._ sowie des Verdachts, die LTTE wieder zum Le-
ben erwecken zu wollen, sei er im (...) 2014 und im Spätsommer 2015
wiederholt zuhause oder in einem Camp befragt worden. Diese Benachtei-
ligungen seien einerseits nicht intensiv genug, anderseits fehle es an ei-
nem asylrelevanten Motiv. Überdies liege keine asylrelevante Verfolgung
vor, wenn staatliche Massnahmen wie vorliegend rechtsstaatlich legitimen
Zwecken dienen würden. Abgesehen davon seien die Schilderungen des
Beschwerdeführers auch bezüglich dieser Vorbringen nicht überzeugend.
So habe er die Aussage in der BzP, das CID habe von ihm verlangt, als
Spitzel tätig zu sein, an der Anhörung mit keinem Wort erwähnt. Die Erklä-
rung, er habe dies vergessen, überzeuge nicht. Zudem scheine das Vor-
gehen des CID, ihn mehrmals festzunehmen und stundenlang zu befragen,
nicht nachvollziehbar. Es wäre vielmehr zu erwarten gewesen, dass gegen
ihn umfassende Untersuchungsmassnahmen eingeleitet worden wären.
Schliesslich würden die eingereichten Beweismittel lediglich seine ver-
schiedenen Tätigkeiten, jedoch keine asylrelevante Verfolgung belegen.
Zusammenfassend habe der Beschwerdeführer nicht glaubhaft darlegen
können, vor seiner Ausreise im (...) 2015 asylrelevanten Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt gewesen zu sein. Ferner seien im Zeitpunkt der Aus-
E-349/2018
Seite 6
reise keine bestehenden Risikofaktoren festzustellen. Aufgrund der Akten-
lage sei ausserdem nicht ersichtlich, weshalb er bei einer Rückkehr nach
Sri Lanka in den Fokus der sri-lankischen Behörden geraten würde.
D.
Mit Eingabe vom 15. Januar 2018 erhob der Beschwerdeführer durch sei-
nen Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und
stellte nachfolgende Anträge: Das Bundesverwaltungsgericht habe nach
dem Eingang der Beschwerde unverzüglich darzulegen, welche Gerichts-
personen mit der Behandlung der vorliegenden Sache betraut würden.
Gleichzeitig habe das Gericht zu bestätigen, dass diese Gerichtspersonen
zufällig ausgewählt worden seien. Das SEM sei anzuweisen, sämtliche
nicht-öffentlich zugänglichen Quellen seines Lagebildes vom 16. August
2016 zu Sri Lanka offenzulegen, und es sei eine angemessene Frist zur
Beschwerdeergänzung anzusetzen. Es sei festzustellen, dass die Verfü-
gung des SEM vom 8. Dezember 2017 aufgrund einer Verletzung des An-
spruchs auf gleiche und gerechte Behandlung nichtig respektive ungültig
sei; das SEM sei anzuweisen, das Asylverfahren des Beschwerdeführers
weiterzuführen. Sodann sei die Verfügung wegen Verletzung des Willkür-
verbots, eventualiter wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs, eventuali-
ter wegen Verletzung der Begründungspflicht aufzuheben und die Sache
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die angefochtene Ver-
fügung aufzuheben und die Sache zur Feststellung des vollständigen und
richtigen rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben
und es sei die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen
und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter seien die Ziffern 4 und 5 der ange-
fochtenen Verfügung aufzuheben und die Unzulässigkeit oder zumindest
die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen. Auf die Be-
gründung dieser Rechtsmitteleingabe wird – soweit entscheidwesentlich –
in den Erwägungen eingegangen.
Unter dem Titel «Beweisanträge» (vgl. Beschwerde Ziff. 7) wurde zudem
beantragt, der Beschwerdeführer sei in einer gleichgeschlechtlichen
Runde erneut zu seinen Asylgründen durch das Bundesverwaltungsgericht
anzuhören. Ferner sei eine angemessene Frist zur Einreichung eines aus-
führlichen medizinischen Berichts sowie von Material seine Schwiegermut-
ter respektive seinen verstorbenen Bruder betreffend anzusetzen.
Zur Stützung seiner Vorbringen legte der Rechtsvertreter der Rechtsmitte-
leingabe unter anderem eine Stellungnahme vom 18. Oktober 2016 zum
E-349/2018
Seite 7
Lagebild des SEM vom 16. August 2016 (verfasst durch sein Advokatur-
büro), ein Rechtsgutachten von Prof. Dr. Walter Kälin zuhanden des SEM
vom 23. Februar 2014 und eine vom Rechtsvertreter besorgte Zusammen-
stellung von Länderinformationen zur aktuellen Lage von Sri Lanka (Stand
12. Oktober 2017, inkl. Anhang) bei.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Januar 2018 teilte das Bundesverwal-
tungsgericht die Zusammensetzung des damaligen Spruchgremiums mit
(welches später änderte, vgl. Bst. L), wies den Antrag, sämtliche nicht-öf-
fentlich zugänglichen Quellen des SEM-Lagebildes vom 16. August 2016
zu Sri Lanka seien offenzulegen und danach sei eine angemessene Frist
zur Beschwerdeergänzung anzusetzen, ab und forderte den Beschwerde-
führer auf, einen Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 750.– zu leisten.
Ferner wurde festgestellt, dass die Frage der Zufälligkeit der Auswahl des
Spruchgremiums die (automatisierte) Geschäftsverteilung und Verfahren-
sabwicklung am Bundesverwaltungsgericht beschlage und diesbezüglich
auf die betreffenden Bestimmungen des Geschäftsreglements vom 17. Ap-
ril 2008 für das Bundesverwaltungsgericht (VGR; SR 173.320.1) verwiesen
werden könne, womit dem Antrag um entsprechende Dokumentierung Ge-
nüge getan sei.
F.
Der Kostenvorschuss wurde am 2. Februar 2018 fristgerecht einbezahlt.
G.
Mit Eingabe vom 2. Februar 2018 wies der Rechtsvertreter darauf hin, dass
der Antrag auf Bestätigung, dass der Spruchkörper zufällig ausgewählt sei,
nicht rechtsgenüglich beantwortet worden sei. Des Weiteren wurde das
Gericht aufgerufen, seinen gesetzlich verankerten Pflichten nachzukom-
men und die bisher nicht-öffentlich gemachten Quellen des Lagebildes des
SEM vom 16. August 2016 offenzulegen.
H.
Im Rahmen seiner ersten Vernehmlassung vom 6. März 2018 hielt das
SEM bezüglich der Rüge der Verletzung des Anspruchs auf gleiche und
gerechte Behandlung fest, dass der Name der Chefin Asylverfahren (mit
dem Kürzel «Wrs») aus dem Staatskalender ersichtlich sei und es sich
beim Kürzel «Mae» um eine Fachreferentin mit Namen (...) handle. Aus-
serdem wies das SEM darauf hin, dass der Beschwerdeführer bezüglich
einer Anhörung durch ein gleichgeschlechtliches Befragungsteam diese
E-349/2018
Seite 8
auf Nachfrage hin explizit abgelehnt habe (A20 F91). Ferner habe er im
vorinstanzlichen Verfahren bis zum Ergehen der angefochtenen Verfügung
keine gesundheitlichen Probleme geltend gemacht und in der BzP auf
Nachfrage gesagt, er sei gesund (A7 S. 9); im Rahmen seiner Mitwirkungs-
pflicht hätte er jedoch jederzeit ein Arztzeugnis einreichen können. Hin-
sichtlich des Vorbringens, sein Bruder sei als Kämpfer der LTTE gestorben
und dies sei als Risikofaktor nicht beachtet worden, sei festzustellen, dass
der Beschwerdeführer nie geltend gemacht habe, aufgrund des Bruders
ein Problem mit den sri-lankischen Behörden gehabt zu haben.
I.
Mit Replik vom 23. März 2018 hielt der Rechtsvertreter an der Nichtigkeit
der Verfügung aufgrund einer Verletzung des Anspruchs auf gleiche und
gerechte Behandlung fest, weil die Namen aller daran beteiligten Personen
im Zeitpunkt des Erlasses der Verfügung hätten bekannt gegeben werden
sollen (und nicht erst später), weshalb dieser formelle Fehler nicht geheilt
werden könne. Ferner habe beim Vorbringen einer geschlechtsspezifi-
schen Gewalt die gesuchstellende Person nicht nur einen Anspruch auf
eine gleichgeschlechtliche Anhörung, sondern es sei die Pflicht der befra-
genden Person, eine solche Anhörung durchzuführen. Bezüglich des Ge-
sundheitszustandes des Beschwerdeführers entbehre es jeder Logik, nach
der Schilderung der Vorbringen an der Anhörung keine diesbezüglich me-
dizinische Abklärung einzuleiten. Mittlerweile sei der Beschwerdeführer zur
Behandlung angemeldet (es wurde die Zuweisungsbestätigung des Ambu-
latoriums für Folter- und Kriegsopfer (...) vom 2. Februar 2018 eingereicht
[Beilage 51]). Im Übrigen sei nochmals darauf hinzuweisen, dass die be-
fragende Person an der Anhörung mit keinem Wort auf die Aussage des
Beschwerdeführers, sein Bruder habe einen Märtyrertod erlitten, eingegan-
gen sei, weswegen nochmals um eine Fristansetzung ersucht werde, um
entsprechendes Material einreichen zu können. Schliesslich wurden aktu-
elle politische Entwicklungen in Sri Lanka dargelegt und auf die Ausführun-
gen des Urteils des EGMR (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte)
X. vs. Schweiz vom 26. Januar 2017 (Nr. 16744/14) sowie auf die anony-
misierte Vernehmlassung des SEM vom 8. November 2017 des Verfahrens
D-4794/2017 (vgl. Beilage 56) hingewiesen.
J.
Mit Eingabe vom 28. August 2018 wurde unter anderem ein Bericht des
Erstgespräches des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer (...) vom
21. August 2018 (vgl. Beilage 57) zu den Akten gereicht. Darin wurde beim
E-349/2018
Seite 9
Beschwerdeführer eine Posttraumatische Belastungsstörung und eine mit-
telgrade depressive Episode diagnostiziert. Zudem wurde eine vom
Rechtsvertreter besorgte weitere Zusammenstellung von Länderinformati-
onen zu Sri Lanka (inklusive Anhang; Stand 15. August 2018) eingereicht.
K.
Mit Eingabe vom 6. April 2020 wurde ein Update (Stand 26. Februar 2020)
zur Ländersituation in Sri Lanka dargelegt und ein vom Rechtsvertreter ver-
fasster Bericht zur aktuellen Lage dieses Landes (Stand 23. Januar 2020,
inkl. Anhang) zu den Akten gereicht (vgl. Beilage 61). Ausgeführt wurde,
die Verschlechterung der Situation erfordere zwingend eine vollständige
materielle Neuprüfung der Sache. Fallbezogen sei im gegenwärtigen Kon-
text aufgrund der Tatsache, dass der Beschwerdeführer tamilischer Ethnie
sei, sich schon aussergewöhnlich lange im Ausland aufhalte, aus der
Schweiz, einem Diasporazentrum der LTTE, nach Sri Lanka zurückkehren
würde und unbestritten über viele Jahre für die LTTE tätig gewesen sei,
von einer Gefährdung seines Lebens auszugehen.
L.
Mit Verfügung vom 28. August 2020 wurde dem Beschwerdeführer die ge-
änderte Zusammensetzung des Spruchgremiums mitgeteilt und die Vor-
instanz zu einer weiteren Vernehmlassung eingeladen.
M.
Im Rahmen seiner zweiten Vernehmlassung vom 29. September 2020 hielt
das SEM bezüglich des eingereichten ärztlichen Berichts fest, dass die
Posttraumatische Belastungsstörung auch in Sri Lanka behandelt werden
könne; das SEM verwies diesbezüglich auf das Urteil des BVGer E-
7137/2018 vom 23. Januar 2019 E. 12.3. Hinsichtlich der Sicherheitslage
in Sri Lanka sei nicht von einer erhöhten Gefährdung zurückkehrender Ta-
milen oder von einer Situation allgemeiner Gewalt gemäss Art. 83 Abs. 4
AIG auszugehen.
N.
Mit Eingabe vom 16. Oktober 2020 nahm der Beschwerdeführer zur Ver-
nehmlassung Stellung. Er widersprach der Erwägung des SEM, die medi-
zinische Versorgung in Sri Lanka habe grosse Fortschritte gemacht, und
reichte diesbezüglich zwei jüngere Botschaftsabklärungen aus anderen
Asylverfahren ein (vgl. Kopien von Abklärungen der schweizerischen Bot-
schaft in Colombo vom 6. November 2019 und vom 10. Januar 2018 [Bei-
E-349/2018
Seite 10
lagen 62 f.]). Weiter hielt er fest, der pauschale Verweis des SEM auf Be-
handlungsmöglichkeiten, ohne die konkrete Zugänglichkeit einer Behand-
lung darzulegen, verletze die Begründungspflicht; die Lage sei ausserdem
aufgrund der Corona-Pandemie zusätzlich erschwert. Erneut beantragte er
eine Ansetzung einer angemessenen Frist zur Einreichung eines aktuellen
Arztberichts.
Ferner wurden weitere Ausführungen zur Lage in Sri Lanka dargelegt und
ein vom Rechtsvertreter verfasster Zusatzbericht (Stand 10. April 2020) be-
ziehungsweise ein "Rapport Ländersituation Sri Lanka 11. April – 26. Juni
2020" inklusive Anhang; Beilagen 64 und 65) zu den Akten gereicht.
Schliesslich wurde der Sachverhalt ergänzt: Der Freund des Beschwerde-
führers E._, der mit ihm in der (...)abteilung ([...]) der LTTE zusam-
mengearbeitet habe (A20 F43), sei im Jahr 2009 aus Sri Lanka geflüchtet
und ein Jahr später in Belgien als Flüchtling anerkannt worden. In der Zwi-
schenzeit habe er die belgische Staatsangehörigkeit erhalten und wohne
heute in der Schweiz . Hierzu reichte der Beschwerdeführer Kopien des
Anhörungsprotokolls von E._ vom 1. Juli 2010 (Beilage 66) und
dessen belgischer Asylverfügung vom (...) 2010 (Beilage 67) sowie Kopien
des belgischen Reisepasses, der Identitätskarte (Beilagen 68 f.) und der
Aufenthaltsbewilligung B (Beilage 70) ein. Im Januar 2020 habe E._
anlässlich eines Aufenthalts in Sri Lanka die Familie des Beschwerdefüh-
rers bei C._ mehrmals besucht. Dabei sei er auf der Strasse ange-
halten und zum Aufenthaltsort des Beschwerdeführers befragt worden. Es
sei ihm mitgeteilt worden, die sri-lankischen Behörden würden den Be-
schwerdeführer verdächtigen, sich in der Schweiz für den tamilischen Se-
paratismus einzusetzen.
O.
Im Dossier der Vorinstanz befinden sich ausserdem die sri-lankische Iden-
titätskarte sowie der Führerausweis (A18) des Beschwerdeführers.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
E-349/2018
Seite 11
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
In der Beschwerde wurden diverse formelle Rügen erhoben, welche vorab
zu beurteilen sind, da sie – sofern begründet – allenfalls geeignet wären,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.1 Vorab gilt es festzuhalten, dass das aktuelle Spruchgremium dem Be-
schwerdeführer am 28. August 2020 bekannt gegeben wurde; diesem
wurde in der Eingabe vom 26. Oktober 2020 nichts entgegengehalten. Auf
den Antrag, es sei die Zufälligkeit des Spruchgremiums zu bestätigen (vgl.
Beschwerde S. 5 f.; Eingabe vom 2. Februar 2018, oben Bst. G), ist – so-
weit über die Ausführungen in der Instruktionsverfügung vom 18. Januar
2018 hinausgehend (oben, Bst. E) – praxisgemäss nicht einzutreten (vgl.
Teilurteil BVGer D-1549/2017 vom 2. Mai 2018 E. 4.2 f.).
E-349/2018
Seite 12
3.2 Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung des Willkürverbots und
eine unvollständige und unrichtige Abklärung des rechtserheblichen Sach-
verhalts. Ausserdem seien der Anspruch auf gleiche und gerechte Behand-
lung, die Begründungspflicht sowie das rechtliche Gehör verletzt.
Gemäss dem verfassungsmässigen Grundsatz von Art. 29 Abs. 1 BV hat
eine Person in einem Verwaltungsverfahren Anspruch auf gleiche und ge-
rechte Behandlung und somit auch auf eine rechtmässig zusammenge-
setzte, zuständige und unbefangene Behörde. Dieser Anspruch setzt die
Bekanntgabe der personellen Zusammensetzung der Behörde voraus, wo-
bei eine Bekanntgabe in irgendeiner Form ausreicht, beispielsweise wenn
deren Namen dem Betroffenen gar nicht persönlich mitgeteilt werden,
diese jedoch einer allgemein zugänglichen Publikation wie etwa in einem
amtlichen Blatt, einem Staatskalender oder einem Rechenschaftsbericht
der Behörde entnommen werden können (vgl. BVGE 2019 VI/6 E. 8.1
m.w.H.).
Die Rüge der Verletzung des Anspruchs auf gleiche und gerechte Behand-
lung bezieht sich darauf, dass aus der angefochtenen Verfügung nicht her-
vorgehe, welche Personen den Asylentscheid vom 8. Dezember 2017 er-
lassen hätten. Diesbezüglich liess sich lediglich ein Name (Kürzel Wrs,
Chefin Fachbereich Asylverfahren EVZ) dem Staatskalender entnehmen.
Bezüglich des anderen Kürzels (Mae) gab das SEM in seiner Vernehmlas-
sung vom 6. März 2018 den Namen und die Funktion der betreffenden
Sachbearbeiterin bekannt. Damit wurde der ursprüngliche Mangel beho-
ben und kann durch die Möglichkeit des Beschwerdeführers, entsprechend
Stellung zu nehmen, als geheilt betrachtet werden, und es war dem Be-
schwerdeführer möglich, seinen Anspruch auf richtige Besetzung der Vo-
rinstanz und die Wahrung der unparteiischen Beurteilung seiner Sache zu
überprüfen. Vor diesem Hintergrund besteht folglich keine Grundlage, den
angefochtenen Entscheid für nichtig zu erklären und die Sache an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen, zumal das Gericht in BVGE 2019 VI/6 E. 8.4 er-
wog, die abgehandelten formellen Mängel seien nicht als krass zu bezeich-
nen.
3.3 Ferner rügt der Beschwerdeführereine Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs.
3.3.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ander-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
E-349/2018
Seite 13
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht der Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1
und BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten
Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so ab-
gefasst sein, dass der oder die Betroffene den Entscheid gegebenenfalls
sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegun-
gen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie
ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit
allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne
Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
3.3.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, es verletze das rechtliche
Gehör, dass die Anhörung erst eineinhalb Jahre nach der BzP durchgeführt
worden sei. Trotz dieser längeren Zeitspanne habe das SEM dem Be-
schwerdeführer vorgeworfen, die Angaben in den jeweiligen Interviews
seien widersprüchlich ausgefallen. Diese Vorgehensweise missachte über-
dies die Empfehlungen von Prof. Dr. Walter Kälin in einem Rechtsgutach-
ten aus dem Jahr 2014. Ausserdem habe der Beschwerdeführer unter an-
derem eine geschlechtsspezifische Gewalt geltend gemacht, weshalb die
Anhörung umgehend hätte abgebrochen und zu einem späteren Zeitpunkt
in einem reinen Männerteam hätte nachgeholt werden müssen, um sicher-
zustellen, dass der Beschwerdeführer nicht aus Scham- oder Schuldgefühl
relevante Sachverhaltselemente verschweige (Beschwerde S. 16 f.) Dies-
bezüglich sei der Vorinstanz auch Willkür vorzuwerfen (Beschwerde
S. 15 f.)
3.3.3 Vorliegend ist nicht schlüssig dargelegt, inwiefern dem Beschwerde-
führer aus dem Umstand, dass die Anhörung 18 Monate nach der BzP
E-349/2018
Seite 14
durchgeführt wurde, konkret ein Nachteil entstanden sein soll. Der Be-
schwerdeführer wurde zunächst zu seiner Person befragt (BzP) und an-
schliessend eingehend angehört, wodurch er uneingeschränkt seine Vor-
bringen darlegen konnte. Ausserdem dürfen Widersprüche gemäss Recht-
sprechung für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit herangezogen werden,
wenn klare Aussagen in der BzP in wesentlichen Punkten der Asylbegrün-
dung von den späteren Aussagen in der Anhörung diametral abweichen
oder wenn bestimmte Ereignisse oder Befürchtungen, welche später als
zentrale Asylgründe genannt werden, nicht bereits anlässlich der BzP zu-
mindest ansatzweise erwähnt werden (vgl. Entscheidungen und Mitteilun-
gen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1993 Nr. 3).
Auch wenn es wünschenswert wäre, dass zwischen BzP und Anhörung nur
ein relativ kurzer Zeitraum liegt, gibt es keine zwingende, mit Rechtsfolgen
versehene gesetzliche Verpflichtung des SEM, die Anhörung innerhalb ei-
nes gewissen Zeitraums nach der BzP durchzuführen. Bei dem vom Be-
schwerdeführer zitierten Rechtsgutachten handelt es sich zudem lediglich
um eine Empfehlung von Prof. Dr. Walter Kälin an das SEM, aus welcher
der Beschwerdeführer keine Ansprüche ableiten kann. Die Frage, ob Wi-
dersprüche in den Aussagen allenfalls mit der Zeitspanne zwischen BzP
und Anhörung begründet werden können, ist im Rahmen der materiellen
Beurteilung zu erörtern (vgl. statt vieler Urteil BVGer D-2130/2017 vom
14. Oktober 2020 E. 5.4.3). Die Rüge geht somit insgesamt fehl.
3.3.4 Des Weiteren ist festzuhalten, dass sich aus dem Protokoll der BzP
keine klaren Hinweise dafür entnehmen lassen, dass der Beschwerdefüh-
rer mit einer geschlechtsspezifischen Verfolgung konfrontiert worden wäre;
der Beschwerdeführer gab dort lediglich zu Protokoll, er sei misshandelt
worden (vgl. A7 S. 8). Er wurde noch am gleichen Tag auf sein Recht hin-
gewiesen, bei der Anhörung ausschliesslich in Gegenwart von Männern
angehört zu werden, und gefragt, ob er dies möchte; der Beschwerdeführer
verneinte das und sagte, es sei ihm egal (vgl. A8).
Als er konkret an der Anhörung geschlechtsspezifische Vorbringen geltend
machte, wurde er nochmals auf sein Recht gemäss Art. 6 der Asylverord-
nung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) aufmerksam gemacht,
was er wiederum ablehnte (A20 F91). Damit hat der Beschwerdeführer
ausdrücklich seinen Verzicht auf eine gleichgeschlechtliche Anhörungs-
runde erklärt. Die Verfahrensgarantien bei Hinweisen auf geschlechtsspe-
zifische Verfolgung sind zwar von Amtes wegen und nicht nur auf ausdrück-
liches Verlangen hin anzuwenden; die betreffenden Gesuchstellenden kön-
nen aber darauf verzichten (vgl. BVGE 2015/42). Das SEM hat somit seine
E-349/2018
Seite 15
Pflicht, in der vorgesehenen Weise vorzugehen, sobald entsprechende
Hinweise vorliegen, korrekt erfüllt und ist auch nicht willkürlich vorgegan-
gen. Die diesbezügliche Rüge ist daher abzuweisen.
3.4 Ferner wird eine Verletzung der Begründungspflicht gerügt.
3.4.1 Aus der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs
ergibt sich, dass die Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermögli-
chen soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist,
wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die
Tragweite des Entscheides ein Bild machen können. Die Begründungs-
dichte richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfah-
rensumständen und den Interessen des Betroffenen, wobei bei schwerwie-
genden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffenen
– und um solche geht es bei Verfahren betreffend Asyl und Wegweisung –
eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1 und
BVGE 2008/47 E. 3.2).
3.4.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, das SEM habe die Tätigkeit
des Beschwerdeführers für die LTTE nicht in Zweifel gezogen, indes habe
es behauptet, dass er – entgegen bekannten Informationen – deswegen in
Sri Lanka nicht verfolgt werden könne. Damit habe das SEM bewusst be-
kannte Informationen ignoriert, sich folglich auch nicht damit auseinander-
gesetzt und demnach die Begründungspflicht verletzt (Beschwerde
S. 17 f.).
Namentlich sei seit dem Erlass des Gerichtsurteils des High Court Va-
vuniya von Ende Juli 2017 bekannt gewesen, dass der sri-lankische Staat
Personen, welche für die LTTE aktiv gewesen seien, jahrelang verfolge und
auch nur ideologische und administrative Arbeiten zugunsten der LTTE zu
einer lebenslangen Inhaftierung führen könnten. Die Behauptung des
SEM, der Beschwerdeführer werde aufgrund seiner Aktivitäten in Sri Lanka
nicht verfolgt, sei daher auch willkürlich (Beschwerde S. 14 f.).
Überdies, so der Beschwerdeführer in der Eingabe vom 16. Oktober 2020,
habe sich das SEM in seiner Vernehmlassung vom 29. September 2020
pauschal auf den Standpunkt gestellt, dass eine psychologische Behand-
lung des Beschwerdeführers in Sri Lanka möglich sei. Ob und inwiefern
diese für ihn auch zugänglich sei, sei indes nicht abgehandelt worden.
Auch dies verletze die Begründungspflicht. Ferner stelle auch die Nichtan-
erkennung der offensichtlichen schweren psychischen Schädigung des
E-349/2018
Seite 16
Beschwerdeführers und das fehlende Verständnis für die Auswirkungen ei-
ner solchen Traumatisierung Willkür dar und verletze in stossender Weise
den Gerechtigkeitsgedanken (Beschwerde S. 15).
3.4.3 Auch diese Rügen sind nicht zu bestätigen. In seiner Verfügung hat
das SEM nachvollziehbar und im Einzelnen hinreichend differenziert auf-
gezeigt, von welchen Überlegungen es sich hat leiten lassen. Es hat sich
ausserdem mit sämtlichen Vorbringen des Beschwerdeführers auseinan-
dergesetzt. So stellt insbesondere das Vorbringen, das SEM habe sich
nicht an bekannten Informationen zur Lage in Sri Lanka orientiert, eine Kri-
tik an der Würdigung des Sachverhalts durch das SEM und mithin eine
materielle Kritik in der Sache selbst dar. Aus den Erwägungen der Ver-
nehmlassung vom 29. September 2020 lässt sich ferner implizit entneh-
men, dass die angegebenen Betreuungs- und Behandlungsplätze für psy-
chisch kranke Personen zugänglich seien. Der blosse Umstand, dass der
Beschwerdeführer die Auffassung des SEM nicht teilt, ist keine Verletzung
der Begründungspflicht oder gar des Willkürverbots, sondern eine materi-
elle Frage. Was schliesslich die Hinweise auf einen Entscheid des High
Court Vavuniya von Ende Juli 2017 betrifft, ist auch auf nachfolgende E. 3.5
zu verweisen.
3.5 Schliesslich wird eine unrichtige und unvollständige Sachverhaltsfest-
stellung gerügt (Beschwerde S. 18 ff.).
3.5.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a-e aufge-
listeten Beweismittel. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersu-
chungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG).
Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl.
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043).
3.5.2 Der Beschwerdeführer macht geltend, der Sachverhalt sei unrichtig
festgestellt worden, weil aufgrund des Urteils des High Court in Vavuniya
vom 25. Juli 2017 (vgl. Beilagen 9 f., 15 ff.) klar sei, dass der sri-lankische
Staat ehemals für die LTTE aktive Personen jahrelang weiterhin verfolge,
E-349/2018
Seite 17
und dass der Beschwerdeführer mithin bei einer Rückkehr behördlich ver-
folgt würde. Gleiches ergebe sich aus einem Verfahren vor dem High Court
in Colombo (vgl. Beilagen 13 f.). Der Einschätzung des Bundesverwal-
tungsgerichts in früheren Äusserungen, im Urteil des High Court in Va-
vuniya sei ein absoluter Ausnahmefall – ein Kriegsverbrechen –- beurteilt
worden, sei zu widersprechen.
Ferner sei der Sachverhalt unvollständig festgestellt worden, weil das SEM
es zum einen unterlassen habe, den Gesundheitszustand des Beschwer-
deführers (Beschwerde S. 28 ff.) sowie die Umstände bezüglich der
Schwiegermutter respektive des Bruders (Beschwerde S. 30) abzuklären.
So hätte es nähere Informationen zu diesen Personen einholen oder die
Schwiegermutter als Zeugin durch die schweizerische Botschaft in Co-
lombo befragen müssen.
Zum anderen habe die Vorinstanz die aktuelle Situation in Sri Lanka nur
ungenügend abgeklärt, weil das von ihr erstellte Lagebild den Anforderun-
gen an korrekt erhobene Länderinformationen nicht genüge. Ferner wur-
den in der Beschwerdeschrift die angeblich mangelhaften Sachverhaltsab-
klärungen betreffend die allgemeine Verbesserung der Menschenrechts-
lage in Sri Lanka durch die Vorinstanz sowie die angebliche Fehlerhaf-
tigkeit von aktuellen Entscheiden des SEM und des Bundesverwaltungs-
gerichts hervorgehoben (vgl. Beschwerde S. 30 ff. und Beilagen 27 ff.).
3.5.3 Zunächst ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer die Feststel-
lung des rechtserheblichen Sachverhalts mit der materiellen Würdigung
der Sache vermengt. Die Vorinstanz hielt in der angefochtenen Verfügung
alle wesentlichen Sachverhaltselemente fest und würdigte die Ausführun-
gen des Beschwerdeführers vor dem Hintergrund der (damals aktuellen)
Lage. Alleine der Umstand, dass die Vorinstanz zum einen in ihrer Länder-
praxis zu Sri Lanka einer anderen Linie folgt, als vom Beschwerdeführer
vertreten, und sie zum anderen aus sachlichen Gründen auch zu einer an-
deren Würdigung der Vorbringen gelangt, als von ihm verlangt, spricht nicht
für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung, sondern stellt eine inhalt-
liche Kritik an der materiellen Würdigung der Vorinstanz dar.
3.5.4 Im Einzelnen ist überdies festzustellen, dass es sich bei den Vorbrin-
gen im Zusammenhang mit dem Urteil des High Court in Vavuniya um ein
vom Beschwerdeführer prognostiziertes hypothetisches Gefährdungssze-
nario handelt. Eine Prognose ist indes bezüglich der Feststellung des
E-349/2018
Seite 18
rechtserheblichen Sachverhalts nicht von Belang, zumal sich der im fragli-
chen Urteil erwähnte Fall eines ehemaligen LTTE-Mitglieds wesentlich von
der Situation des Beschwerdeführers unterscheidet.
Ferner führte der Beschwerdeführer anlässlich der BzP aus, er sei gesund
(A7 S. 9). An der Anhörung beschrieb er, wie genau er bei den jeweiligen
Inhaftierungen misshandelt worden sei. Jedoch hat er nie über konkrete
physische oder psychische Beeinträchtigungen als Folge der Misshandlun-
gen berichtet; auch nicht, als er generell bemerkte, lieber hier (in der
Schweiz) den Gnadentod zu bekommen, als nach Sri Lanka zurückzukeh-
ren und dort zu sterben (A20 F220). Schliesslich beendete er die Anhörung
damit, dass er seines Wissens alles habe erzählen können (A20 F217). Im
Rahmen seiner Mitwirkungspflicht hätte er während der Anhörung – wie
auch zu späterer Gelegenheit – jederzeit die Möglichkeit und auch die Ob-
liegenheit gehabt, sich diesbezüglich zu äussern oder ärztliche Unterlagen
einzureichen (Art. 8 und aArt. 26bis resp. Art. 26a AsylG; vgl. auch BVGE
2009/50 E. 10.2).
Hinsichtlich des Bruders des Beschwerdeführers hat das SEM die Aussage
über dessen Märtyrertod (A20 F104) in seiner Verfügung nicht angezwei-
felt, indes sah es diesen als irrelevant an, weil der Beschwerdeführer keine
diesbezügliche Verfolgung geltend gemacht habe (vgl. Vernehmlassung
vom 6. März 2018).
Soweit schliesslich ergangene Entscheide der Vorinstanz sowie des Bun-
desverwaltungsgerichts – auch bezüglich des Urteils des High Court in Va-
vuniya – kritisiert werden, ist darauf nicht näher einzugehen. Aus dieser
Kritik an einzelnen Verfahren lässt sich für die Beurteilung der Asylvorbrin-
gen des Beschwerdeführers nichts ableiten, werden doch in Asylverfahren
jeweils konkrete Einzelfälle beurteilt.
Im Beschwerdeverfahren wird nichts vorgetragen, was den relevanten
Sachverhalt ergänzen würde. Es bleibt festzuhalten, dass der rechtserheb-
liche Sachverhalt vom SEM richtig und vollständig festgestellt wurde und
folglich auch nicht von einem willkürlichen Verhalten seitens des SEM aus-
zugehen ist.
3.6 Der Antrag des Beschwerdeführers, das SEM sei anzuweisen, ihm
sämtliche nicht-öffentliche Quellen des Lagebildes der Vorinstanz vom
16. August 2016 zu Sri Lanka offenzulegen, wurde bereits mit Verfügung
vom 18. Januar 2018 abgewiesen. Es besteht kein Anlass hierauf
E-349/2018
Seite 19
zurückzukommen (vgl. statt vieler Urteile BVGer D-6759/2017 vom
24. September 2020 E. 5.2.2 und D-4191/2018 vom 8. August 2018 E. 5,
je m.w.H.). Soweit inhaltliche Kritik am Lagebild geübt und dessen
Fehlerhaftigkeit behauptet wird, hat sich das Gericht ebenfalls schon
wiederholt mit diesen Vorbringen auseinandergesetzt (vgl. in jüngster Zeit
Entscheide D-1529/2020 vom 16. Dezember 2020 E. 4.4.2, E-5733/2018
vom 15. Dezember 2020 E. 5.5, D-7345/2017 vom 14. Dezember 2020
E. 4.3); hierauf kann verwiesen werden.
3.7 Die formellen Rügen erweisen sich angesichts dieser Sachlage als un-
begründet, weshalb keine Veranlassung besteht, die Sache aus formellen
Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die diesbe-
züglichen Rechtsbegehren sind somit abzuweisen.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer stellte für den Fall einer materiellen Beurteilung
seiner Beschwerde durch das Bundesverwaltungsgericht folgende Beweis-
anträge (vgl. Beschwerde S. 37 f.):
4.1.1 Er sei in einer gleichgeschlechtlichen Runde erneut zu seinen Asyl-
gründen durch das Bundesverwaltungsgericht anzuhören. In diesem Zu-
sammenhang ist klarzustellen, dass der blosse und substanzlos bleibende
Hinweis auf Abklärungsbedarf keinen Anlass zur Durchführung einer wei-
teren Anhörung – auch nicht in einer reinen Männerrunde – gibt, zumal
bereits festgestellt wurde, dass der Sachverhalt von der Vorinstanz hinrei-
chend abgeklärt wurde und die Verfahrensvorschriften bei Hinweisen auf
geschlechtsspezifische Verfolgung nicht verletzt worden sind (vgl. oben
E. 3.3.4).
4.1.2 Es sei dem Beschwerdeführer eine angemessene Frist zur Einrei-
chung eines ausführlichen ärztlichen respektive psychiatrischen Berichts
beziehungsweise von Material über die Tätigkeit seiner Schwiegermutter
und seines verstorbenen Bruders anzusetzen. Diese Anträge wurden im
Laufe des Verfahrens mehrmals gestellt (vgl. z.B. Eingaben vom 23. März
2018 und 16. Oktober 2020).
Was allfällige Unterlagen betreffend die Schwiegermutter und den Bruder
betrifft, wurde im Verlauf des Beschwerdeverfahrens nichts eingereicht.
Betreffend die geltend gemachten psychischen Schwierigkeiten reichte der
Beschwerdeführer dem Gericht mit den Eingaben vom 23. März und vom
28. August 2018 je eine Kopie einer Zuweisungsbestätigung sowie eines
E-349/2018
Seite 20
Berichts (des Erstgesprächs zwischen dem Beschwerdeführer und den zu-
ständigen Ärzten) des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer (...), da-
tierend vom 21. August 2018 ein (vgl. Beilagen 51 und 57).
Gemäss Art. 32 Abs. 2 VwVG sind Parteivorbringen, die ausschlaggebend
erscheinen, auch ohne vorherige Fristansetzung bis zum Urteilsdatum zu
berücksichtigen. Der Beschwerdeführer war im Beschwerdeverfahren von
einem im Asylverfahren erfahrenen Rechtsvertreter vertreten; er reichte
denn auch wiederholt – neben dem ärztlichen Bericht vom 21. August 2018
– wiederholt (letztmals am 6. April 2020) Unterlagen und allgemeines In-
formationsmaterial zur Situation in Sri Lanka zu den Akten. Es wäre ihm
zumutbar gewesen und hätte ihm aufgrund seiner Mitwirkungspflicht oble-
gen, weitere ärztliche Berichte aus der mutmasslich fortgeführten Behand-
lung einzureichen. Angesichts dieser Umstände sind die Anträge betref-
fend Fristansetzung zur Einreichung von Beweisunterlagen zum heutigen
Zeitpunkt abzuweisen.
4.2 Des Weiteren beantragte der Beschwerdeführer, die Vernehmlassung
des SEM vom 8. November 2017 des Verfahrens D-4749/2017 (recte: D-
4794/2017) sei im vorliegenden Verfahren beizuziehen (vgl. Beschwerde
S. 45). Dort gestehe das SEM ein, dass jeder zurückgeschaffte Tamile am
Flughafen in Colombo einer mehrstufigen intensiven Überprüfung und Be-
fragung unterzogen werde und die von der Schweiz im Rahmen der Pa-
pierbeschaffung übermittelten Daten zur Vorbereitung der Verfolgung ver-
wendet würden. Die fragliche Vernehmlassung wurde mit Eingabe vom
23. März 2018 als Beilage 56 eingereicht; ein weiterer Aktenbeizug erübrigt
sich mithin. Inwiefern sie im individuell-konkreten Fall des Beschwerdefüh-
rers von hinreichender Relevanz sein sollte, wird nicht dargetan. Im Übri-
gen sind die fragliche Vernehmlassung und die damit verknüpften Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers schon in anderen Verfahren wiederholt gewür-
digt worden; auf die entsprechenden Entscheide kann hier verwiesen wer-
den (vgl. z.B. Urteile BVGer D-1701/2018 vom 3. Juni 2020 E. 5.2; D-
1984/2018 vom 7. Mai 2020 E. 8.4 und E-110/2018 vom 17. April 2020
E. 9.2).
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
E-349/2018
Seite 21
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Nach Art. 54 AsylG (subjektive Nachfluchtgründe) wird Flüchtlingen
kein Asyl gewährt, wenn sie erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder
Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise Flüchtlinge
im Sinne von Art. 3 AsylG wurden. Personen mit subjektiven Nachflucht-
gründen erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig
aufgenommen. Massgebend ist dabei einzig, ob die heimatlichen Behör-
den das Verhalten des Asylsuchenden als staatsfeindlich einstufen und
dieser deswegen bei einer Rückkehr in den Heimatstaat eine Verfolgung
im Sinne von Art. 3 AsylG befürchten muss. Es bleiben damit die Anforde-
rungen an den Nachweis einer begründeten Furcht massgeblich (Art. 3
und Art. 7 AsylG; vgl. zum Ganzen auch BVGE 2009/29 E. 5 1 und 2009/28
E. 7.1).
5.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
In seiner Beschwerde machte der Beschwerdeführer geltend, er habe von
2004 bis im (...) 2007 für die (...)abteilung der LTTE gearbeitet, was vom
SEM nicht bezweifelt worden sei. (...). Folglich verfüge er über ein Wissen
von enormer Brisanz, weshalb er besonders gefährdet sei.
Später habe er vor allem bei der Inhaftierung im (...) Camp ([...] 2009)
sowie im «forth floor» in Colombo ([...] 2010) massive Folterungen erfah-
ren, was ihn – auch heute noch erkennbar – traumatisiert habe. Das SEM
habe bei seiner Glaubhaftigkeitsprüfung nicht berücksichtigt, dass sich
eine schwere psychische Traumatisierung im Aussageverhalten in dem
Sinne zeige, dass das Geschehene ständig leicht verändert werde. Ein
E-349/2018
Seite 22
noch einzureichender ärztlicher Bericht werde zeigen, dass der Beschwer-
deführer gar nicht in der Lage gewesen sei, seine Sache widerspruchsfrei
zu schildern.
Hinsichtlich einer durch behördliche Verfolgung erlittenen Traumatisierung
sei ferner auf das Urteil BVGer D-4543/2013 vom 22. November 2017 zu
verweisen, weil sich in diesen Fällen die Frage stelle, ob einer solchen Per-
son zugemutet werden kann, in dieses Land zurückzukehren (sog. «zwin-
gende Gründe»).
Trotz den Folterungen habe sich der Beschwerdeführer indes nicht bre-
chen lassen, wie sein weiteres (...) im kriegszerstörten Vanni-Gebiet ein-
deutig gezeigt habe. Damit habe er einen weiteren Verdacht auf sich ge-
lenkt, zumal er den sri-lankischen Behörden für sein brisantes Wissen be-
reits bekannt gewesen sei. Ausserdem sei er in dieser Zeit im Kontakt mit
wichtigen LTTE-Exponenten wie J._ oder dem Widerstandskämp-
fer I._ gestanden, welche alle dauerhaft überwacht worden seien.
Bezüglich der Gefährdungslage von tamilischen Rückkehrenden (vgl.
hierzu Referenzurteil BVGer E-1866/2015 vom 15. Juli 2016) seien aus-
serdem entsprechende Risikoprofile zu überprüfen. So seien neben den
früheren LTTE-Aktivitäten der Aufenthalt des Beschwerdeführers in der
Schweiz, einem tamilischen Diaspora-Zentrum, seine illegale Ausreise so-
wie der Umstand, dass er über keine Reisepapiere verfüge, zu berücksich-
tigen.
7.
In einem ersten Schritt sind die Vorfluchtgründe des Beschwerdeführers zu
untersuchen. Dabei ergibt sich, dass den Erwägungen des SEM nicht voll-
umfänglich zugestimmt werden kann.
7.1 Zunächst ist festzuhalten, dass das SEM die Tätigkeit des Beschwer-
deführers in der (...)abteilung der LTTE nicht bezweifelt. Indes zieht es die
Inhaftierungen – insbesondere die Foltervorbringen – bis im (...) 2010 wie
auch die Schilderungen bezüglich der späteren Festnahmen (bis zur Aus-
reise im [...] 2015) in Zweifel. Ausserdem seien diese Vorbringen nicht asyl-
relevant (vgl. Bst. C).
7.1.1 Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung einer
Verfolgung ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substantiierte, plau-
sible, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
E-349/2018
Seite 23
dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tat-
sächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Origi-
nalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Darüber hin-
aus muss die gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen,
was insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten oder
nachgeschobenen Vorbringen nicht der Fall ist. Entscheidend für die
Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG ist, ob im Rahmen ei-
ner Gesamtwürdigung aller Elemente die Gründe, die für die Richtigkeit der
gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder
nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Für die Glaub-
haftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt des Vorbringens
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Glaubhaftmachung bedeutet zudem – im Gegensatz
zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel am Vorbringen der gesuchstel-
lenden Person (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2
und 2010/57 E. 2.3).
7.1.2 Die geltend gemachten LTTE-Aktivitäten des Beschwerdeführers,
der zwar nicht Mitglied der LTTE gewesen sei, aber von 2004 bis 2007 als
Zivilist in der (...)abteilung gearbeitet und dort insbesondere Kenntnisse
(...) erlangt habe, erachtet auch das Gericht als glaubhaft gemacht. Der
Beschwerdeführe hat seine Tätigkeiten widerspruchsfrei und substantiiert
geschildert; auch wenn die Ereignisse nicht in einem chronologischen Ab-
lauf zur Sprache kamen, bleiben seine Aussagen kongruent und stimmig.
Im Beschwerdeverfahren wurden Unterlagen beigebracht, die ein damali-
ger Kollege, E._, im Rahmen seines eigenen Asylverfahrens einge-
reicht hatte (vgl. Eingabe vom 16. Oktober 2020 und Beilagen 66 ff.); die
Aussagen des Beschwerdeführers, der seinerseits den Kollegen
E._ wiederholt namentlich genannt hatte (vgl. A20 F 43 f., 59, 62 f.),
decken sich mit dessen Angaben.
7.1.3 Die Umstände der Festnahme des Beschwerdeführers in F._
gegen Kriegsende im (...) 2009 (A20 F80 f.) entsprechen den Kenntnissen
des Gerichts (vgl. hierzu z.B. Meldung des WFP [World Food Programme]
vom 15. Mai 2009, WFP versorgt tausende Flüchtlinge in Sri Lanka
[https://de.wfp.org/pressemitteilungen/wfp-versorgt-tausende-fluechtlinge-
sri-lanka, besucht am 23.11.2020]). Wiederum blieben die Aussagen kon-
gruent, auch wenn sie nicht in chronologischem Ablauf zur Sprache kamen;
die Aussagen in der BzP und in der Anhörung stimmen überein. Auch
E-349/2018
Seite 24
scheint plausibel, dass der Beschwerdeführer an diesem Checkpoint durch
ein LTTE-Mitglied aus der Zeit, als er für die LTTE tätig war, erkannt wurde
(vgl. A20 F82). Ebenso konnte der Beschwerdeführer überzeugend darle-
gen, woran er erkannt habe, dass er wohl ins (...) Camp verbracht worden
sei (vgl. A20 F111).
Die weiteren Schilderungen über seine Misshandlungen während neun Ta-
gen (A20 F87 ff.) sind insgesamt detailliert und substantiiert; angesichts
der Tatsache, dass er während seiner Tätigkeit für die LTTE Einsicht in we-
sentliche Abläufe und Kontaktdaten hatte, ist auch einleuchtend, was die
Folterer vom Beschwerdeführer erfahren wollten. In den Aussagen sind fer-
ner verschiedene Realkennzeichen erkennbar: zum Beispiel die Glühbirne
im Raum ohne Sonnenlicht (A20 F97 und 109), die vier Frauen im Raum,
wovon eine aufgrund der Misshandlungen gestorben ist (A20 F97 und
108), die Kleider der Personen der Anti-Terrorismus-Abteilung (A20 F100),
welche ihm ausserdem Bilder von Personen mit Bezug zu den LTTE ge-
zeigt haben (A20 F100), sowie die Blutspuren und der Gestank im Raum
(A20 F109). Insgesamt unterstreicht es auch die Glaubhaftigkeit der Schil-
derungen, dass der Beschwerdeführer Erinnerungslücken einräumen
musste und auf die Schwierigkeit hinwies, die erlebten Verhöre noch präzis
auseinanderhalten zu können (A20 F105 f.). Das Gericht teilt die Eischät-
zung des SEM, der Beschwerdeführer habe die Misshandlungen nicht kon-
sistent zu schildern vermocht, insgesamt nicht. Ferner ist auch die nicht
aufgebauschte Erwähnung, dass sein Bruder als Märtyrer gestorben ist
(A20 F104) überzeugend. Letztlich sind auch seine Schilderungen, wie er
dank seiner Schwiegermutter und durch die Hilfe von G._, einem
Mitglied der EPDP, freigekommen ist, als widerspruchsfrei und glaubhaft
zu werten (A7 S. 8; A20 F112 ff. und 131 ff.).
Für die Glaubhaftigkeit der im Jahr 2009 erlebten Folterungen spricht
schliesslich auch der eingereichte Arztbericht des Ambulatoriums für Folter
und Kriegsopfer vom 21. August 2018 (Beilage 57; vgl. oben Bst. J).
7.1.4 Die Angaben zu der darauffolgenden vorgebrachten Inhaftierung im
(...) 2010, worauf er im «forth floor» in Colombo während drei Tagen miss-
handelt worden sei, überzeugen hingegen nicht. Zwar kann der Beschwer-
deführer Einzelheiten des Raums umschreiben (A20 F138), dennoch hin-
terlässt das Geschilderte insgesamt einen substanzlosen Eindruck. Aus-
serdem leuchtet seine Überführung von Vavuniya nach Colombo nicht ein,
da man ihn auch in Vavuniya hätte befragen können. Des Weiteren ist un-
klar, ob er mithilfe eines Polizisten (A20 F138, 145, 149 f. und 157) oder
E-349/2018
Seite 25
des gleichen EPDP-Mitglieds wie bei der früheren Haft im (...) Camp (A7
S. 8) freigekommen sei; die Aussagen in der BzP und in der Anhörung sind
in diesem Punkt widersprüchlich. Die diesbezügliche Erklärung, die
Schwiegermutter habe zwar mit dem EPDP-Mitglied Kontakt aufgenom-
men, aber den Polizisten bezahlt (A20 F162), ist nicht nachvollziehbar und
löst den Widerspruch nicht überzeugend auf, zumal nicht vorstellbar ist,
dass die Schwiegermutter zu jeder Zeit die richtigen Kontakte auch in Co-
lombo gehabt hätte. Zudem hat der Beschwerdeführer, wie das SEM be-
reits festgestellt hat, die Mitnahme in den «forth floor» an der BzP nicht
erwähnt, sondern nur, dass er vom CID verhaftet worden sei, «weil er für
die Bewegung gearbeitet hatte und nicht rehabilitiert worden war» (A7
S. 8).
7.1.5 Soweit der Beschwerdeführer sodann geltend macht, im (...) Monat
des Jahres 2014 sei er erneut verhaftet worden (A7 S. 8; A20 F192, 195),
weil er unter anderem auch zu LTTE-Aktivisten namens I._ und
J._ direkt oder indirekt Kontakt gehabt habe (A20 F167 ff.), und
auch im Jahr 2015 sei er einmal in ein Camp gebracht worden (A20 F182 f.)
und seien Beamte des CID mehrmals zu ihm nach Hause gekommen, hät-
ten alles durchsucht und ihn befragt (A20 F172 ff.), überzeugen diese Vor-
bringen nicht. Wäre er wirklich verdächtig gewesen, hätte das CID ihn ohne
Weiteres für eine längere Zeit festhalten können. Ferner erscheinen die
geschilderten Gründe für die Hausdurchsuchungen – Kontakte zu
I._ und J._ – als konstruiert, zumal die Ehefrau des Be-
schwerdeführers direkten Kontakt zur Letztgenannten gehabt habe, aber –
soweit aus den Akten erkennbar – diesbezüglich keine Probleme mit dem
CID gehabt habe. Ausserdem war seit Kriegsende im (...) 2009 zu viel Zeit
verstrichen, als dass der Beschwerdeführer weiterhin für das CID auf sri-
lankischem Boden hätte interessant sein können; an diesen Erwägungen
ändern auch die Aussagen seines Freundes E._ nichts, dass er
auch heute noch verfolgt werde (vgl. Eingabe vom 16. Oktober 2020). Folg-
lich sind diese Vorbringen insgesamt nichtglaubhaft geworden.
7.1.6 Als Zwischenergebnis gilt festzuhalten, dass sowohl die LTTE-Aktivi-
täten des Beschwerdeführers als auch die Festnahme und die Folterungen
im (...) 2009 glaubhaft sind; hingegen sind die späteren Verhaftungen und
Misshandlungen in Zweifel zu ziehen.
7.2 Nachfolgend ist zu prüfen, ob die Vorbringen im Sinne von Art. 3 AsylG
relevant sind.
E-349/2018
Seite 26
7.2.1 Der Beschwerdeführer wurde glaubhaft im (...) 2009 aufgrund eines
Verfolgungsmotivs gemäss Art. 3 AsylG durch staatliche Akteure gefoltert.
Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist jedoch
die Frage nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung o-
der begründeten Furcht vor einer solchen. Dies ist im vorliegenden Fall –
trotz der glaubhaft dargelegten Folterungen im (...) 2009 – zu verneinen.
Dies ergibt sich einerseits daraus, dass nach den Ereignissen im (...) 2009
der Beschwerdeführer keine weiteren ernsthaften Nachteile hat glaubhaft
machen können, weshalb der zeitliche Kausalzusammenhang zwischen
der erlebten Verfolgung und der Flucht zu verneinen ist. Andererseits ist
auch aus dem Grund keine begründete Furcht erkennbar, dass der Be-
schwerdeführer sich im Jahr 2011 oder 2012 in Indien aufgehalten hat; da-
mals will er eigenen Angaben gemäss mit seinem eigenen Reisepass aus-
gereist und nach zehn Tagen wieder nach Sri Lanka zurückgekehrt sein.
Mit seiner Rückkehr hat er auch aus subjektiver Sicht dargetan, dass er
eine weitere Benachteiligung – zwei bis drei Jahre nach den erlittenen Fol-
terungen im (...) 2009 – damals nicht befürchtet hat.
7.2.2 Die nach der Rückkehr aus Indien angeblich erlebten späteren Be-
helligungen in den Jahren 2014 und 2015 müssen nach dem oben Gesag-
ten insgesamt bezweifelt werden. Zutreffend wären im Übrigen auch die
Erwägungen des SEM, dass die geltend gemachten gelegentlichen Befra-
gungen von kurzer Dauer nicht die erforderliche Intensität aufweisen wür-
den, um als relevant im Sinne Art. 3 AsylG zu gelten.
7.2.3 Als weiteres Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass die im (...) 2009
erlittenen, glaubhaft gemachten Folterungen als ernsthafte Nachteile zu
bezeichnen sind, jedoch keinen hinlänglichen Kausalzusammenhang zur
Ausreise aufweisen. Im Zeitpunkt der definitiven Ausreise aus Sri Lanka im
(...) 2015 bestand keine begründete Furcht, dass sich mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft weitere Verfolgungsmass-
nahmen verwirklichen würden.
7.3 In einem zweiten Schritt gilt zu prüfen, wie sich die Situation nach der
Ausreise des Beschwerdeführers im (...) 2015 – mit Einbezug der glaub-
haften Vorgeschichte – im heutigen Zeitpunkt des Entscheids darstellt und
ob subjektive Nachfluchtgründe bestehen (vgl. Referenzurteil BVGer E-
1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 8.5.6).
7.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 eine Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
E-349/2018
Seite 27
Lanka vorgenommen (vgl. a.a.O. E. 8) und festgestellt, dass aus Europa
respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht ge-
nerell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausge-
setzt seien (vgl. a.a.O. E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurtei-
lung des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von
Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Be-
achtlich sind namentlich das Vorhandensein einer tatsächlichen oder ver-
meintlichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, die Teil-
nahme an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und das Vorliegen
früherer Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im
Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu
den LTTE (sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O. E. 8.4.1 ff.).
Einem gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unter-
liegen ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere
nach Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurück-
geführt werden oder die über die Internationale Organisation für Migration
(IOM) nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren
Narben (sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O. E. 8.4.4 f.).
Das Gericht wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemachten Ri-
sikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Per-
son ergeben. Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene Rückkeh-
rer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zugeschrieben
wird, dass sie bestrebt sind, den tamilischen Separatismus wiederaufleben
zu lassen (vgl. a.a.O. E. 8.5.1).
7.3.2 Beim Beschwerdeführer handelt es sich um eine Person, welche in
glaubhafter Weise in den Jahren 2004 bis 2007 für die LTTE in einer Abtei-
lung tätig war, in welcher Informationen (...) der LTTE verarbeitet wurden.
Dass die sri-lankischen Behörden bei Kriegsende im (...) 2009 an diesen
Informationen interessiert waren, lässt sich nicht von der Hand weisen. Der
Beschwerdeführer hatte mithin (auch wenn er offiziell kein Mitglied dieser
Organisation war) eine relevante Verbindung zu den LTTE, zumal er auch
an Checkpoints, welche er mit seinem damaligen Chef D._, passiert
hatte, aufgefallen war und später wiedererkannt wurde (A20 F28 und
64 ff.). Überdies war einer seiner älteren Brüder als Märtyrer bei der LTTE
gestorben (A20 F104), was vom SEM in seiner Verfügung nicht angezwei-
felt wurde; auch diesbezüglich besteht eine weitere Verbindung des Be-
schwerdeführers zu den LTTE.
E-349/2018
Seite 28
Ferner war der Beschwerdeführer – wie er glaubhaft dargelegt hat – im
Jahr 2009 während neun Tagen inhaftiert, was aus heutiger Sicht ebenfalls
einen Risikofaktor darstellt, auch wenn unklar bleibt, ob sein Name auf ei-
ner sogenannten «Stop List» steht oder ob jemals gegen ihn ein Haftbefehl
ausgestellt wurde.
Schliesslich hält sich der Beschwerdeführer nunmehr seit fünf Jahren in
der Schweiz auf, einem für die tamilische Diaspora wichtigen Exilzentrum,
wo namentlich die LTTE – anders als in anderen europäischen Ländern –
als Organisation nicht verboten ist.
7.3.3 Zwar war der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise aus Sri
Lanka im Jahr 2015, wie oben dargelegt wurde, nicht asylrelevant gefähr-
det. Im heutigen Zeitpunkt, im Zusammenhang mit einer Rückkehr nach
jahrelangem Aufenthalt in der Schweiz, kann sich die ehemalige Gefähr-
dungslage wegen seiner LTTE-Verbindungen indessen wieder akzentuie-
ren. Gerade dass er vor Kriegsende Kenntnisse über (...) hatte, könnte
nach einer Rückkehr aus der Schweiz – verbunden mit der Tatsache eines
jahrelangen Aufenthalts in einem Land mit einer bedeutenden tamilischen
Diaspora – wieder an Wichtigkeit gewinnen. Obwohl keine Hinweise vor-
liegen, dass der Beschwerdeführer sich im Exil politisch engagiert hat,
muss die Wahrscheinlichkeit einer künftigen Verfolgung als erheblich gel-
ten, weil er aus Sicht der sri-lankischen Behörden als Bedrohung bezüglich
des tamilischen Separatismus wahrgenommen werden kann.
Eine begründete Furcht vor zukünftigen flüchtlingsrelevanten Nachteilen –
im Sinne subjektiver Nachfluchtgründen – ist daher zu bejahen, zumal die
Schwelle zur Annahme begründeter Furcht bei Personen, die in der Ver-
gangenheit bereits Opfer von Verfolgungen geworden waren, herabgesetzt
ist (vgl. BVGE 2010/9 E. 5.2).
7.4 Nach dem Gesagten ist die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerde-
führers infolge des Vorliegens von subjektiven Nachfluchtgründen zu beja-
hen ist. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich demnach mit Blick auf
das Gebot des Non-Refoulement (Art. 5 AsylG) als unzulässig, da davon
ausgegangen werden muss, dass er im Falle seiner Rückkehr ins Heimat-
land mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer menschenrechtswidrigen
Behandlung ausgesetzt wäre. Die Asylberechtigung bleibt dem Beschwer-
deführer indes aufgrund der Ausschlussklausel von Art. 54 AsylG verwehrt;
das Asylgesuch wurde zu Recht abgelehnt.
E-349/2018
Seite 29
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Die Beschwerde ist folglich gutzuheissen, soweit die Anerkennung der
Flüchtlingseigenschaft und die Feststellung der Unzulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs beantragt wurden. Soweit die Gewährung von Asyl und
Aufhebung der Wegweisung beantragt wurden, ist die Beschwerde abzu-
weisen. Die angefochtene Verfügung ist demnach in den Dispositivzif-
fern 1, 4 und 5 aufzuheben und das SEM ist anzuweisen, den Beschwer-
deführer als Flüchtling vorläufig aufzunehmen.
10.
10.1 Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung
sind grundsätzlich nach dem Verhältnis von Obsiegen und Unterliegen
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen beziehungsweise zuzusprechen
(Art. 63 Abs. 1 und Art. 64 Abs. 1 VwVG). Bei der Verfahrenskonstellation
wie der vorliegenden (Abweisung der Beschwerde betreffend Asylgewäh-
rung und Anordnung der Wegweisung, Gutheissung betreffend Anerken-
nung der Flüchtlingseigenschaft und betreffend den Wegweisungsvollzug)
wird praxisgemäss ein Obsiegen zu zwei Dritteln angenommen.
10.2 Aufgrund der sehr umfangreichen Eingaben auf Beschwerdeebene
mit zahlreichen Beilagen ohne individuellen Bezug zum Beschwerdeführer
sind die Verfahrenskosten praxisgemäss auf insgesamt Fr. 1'500.– festzu-
legen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Weil der Beschwerdeführer jedoch teilweise (zu zwei Drit-
teln) obsiegt hat, sind ihm reduzierte Verfahrenskosten in der Höhe von
Fr. 500.– aufzuerlegen. Dieser Betrag ist dem am 2. Februar 2018 geleis-
teten Kostenvorschuss von Fr. 750.– zu entnehmen. Der Restbetrag von
Fr. 250.– ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
E-349/2018
Seite 30
Der obsiegenden Partei ist von Amtes wegen oder auf Antrag hin eine Ent-
schädigung für die ihr erwachsenen notwendigen (und jedenfalls verhält-
nismässigen) Kosten zu sprechen. Bei teilweisem Obsiegen (vorliegend
Obsiegen zu zwei Dritteln) ist die Parteientschädigung entsprechend zu
reduzieren (Art. 7 Abs. 2 VGKE). Es wurde keine Kostennote zu den Akten
gereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu be-
stimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Als notwendig gelten Kosten,
wenn sie zur sachgerechten und wirksamen Rechtsverfolgung oder
Rechtsverteidigung unerlässlich erscheinen. Weitschweifige und redun-
dante Vorbringen sowie generelle Ausführungen ohne Bezug zum Be-
schwerdeführer gelten folglich nicht als notwendig. In Anwendung der ge-
nannten Bestimmungen und unter Berücksichtigung der massgeblichen
Bemessungsfaktoren wäre die Parteientschädigung von Amtes wegen auf
insgesamt Fr. 1'800.– (inkl. Mehrwertsteuerzuschlag und Auslagen) festzu-
legen, wovon – aufgrund der Reduktion um einen Drittel – dem Beschwer-
deführer durch das SEM Fr. 1'200.– auszurichten sind.
E-349/2018
Seite 31