Decision ID: 67d3a98f-7e64-44e7-91d3-4c8204fc814d
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X wohnt mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder in A, wo er zurzeit in der
sechsten Primarklasse ist. Ab dem Schuljahr 2019/20 (Beginn 12. August 2019) wird er
die Oberstufe im Schulhaus Y in B besuchen. Die Distanz von seinem Wohnort zu
jenem Schulhaus beträgt rund sechs Kilometer, wobei keine grösseren
Höhendifferenzen zu überwinden sind.
Am 10. Oktober 2018 reichte der Vater für seinen Sohn X beim Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen ein Gesuch um vorzeitige Erteilung eines
Führerausweises der Spezialkategorie M ein. Mit Schreiben vom 22. November 2018
teilte das Strassenverkehrsamt mit, dass es die Voraussetzungen für die vorzeitige
Erteilung eines solchen Ausweises nicht als gegeben erachte, weshalb das Gesuch
nicht bewilligt werden könne. Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs (Schreiben vom
30. November 2018) wies das Strassenverkehrsamt das Gesuch um vorzeitigen Erwerb
des Führerausweises für Motorfahrräder mit Verfügung vom 13. Dezember 2018 ab.
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B.- Mit Schreiben vom 14. Dezember 2018 erhob X, vertreten durch seine Mutter,
gegen die ablehnende Verfügung Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission des
Kantons St. Gallen (VRK) mit dem Antrag, ihm sei der Erwerb des Führerausweises für
Motorfahrräder (Spezialkategorie M) vor Erreichen des 14. Altersjahres zu gestatten.
Auf die weiteren Ausführungen zur Begründung des Antrags wird, soweit erforderlich,

in den Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz verzichtete auf eine Vernehmlassung.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 14. Dezember 2018 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Umstritten ist, ob dem Rekurrenten der Führerausweis der Spezialkategorie M vor
Erreichen des Mindestalters zu erteilen ist.
a) Die Vorinstanz erwog in der angefochtenen Verfügung, für den Schulweg mit einer
Länge von 6,2 km und einem Höhenunterschied von 44 m vom Wohnort des
Rekurrenten bis zum Oberstufenschulhaus Y in B benötige man mit dem Fahrrad rund
21 Minuten hin und 22 Minuten zurück. Da die Dauer pro Weg nicht mehr als
30 Minuten betrage, sei die Verwendung des Fahrrads zumutbar, weshalb dem
Rekurrenten keine vorzeitige Bewilligung für den Erwerb des Führerausweises der
Spezialkategorie M erteilt werde. Diese Praxis sei auf das Schuljahr 2017/18 hin
eingeführt worden.
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Der Rekurrent macht im Wesentlichen geltend, zwischen B und A fahre stündlich
lediglich ein Bus und im Sommerhalbjahr über Mittag gar keiner. Er sei daher für die
Bewältigung des Schulwegs auf das Fahrrad oder Mofa angewiesen. Er wolle zudem
nicht mit dem Mofa in die Schule, sondern mit einem E-Bike, und dies nur im
Sommerhalbjahr. Ein E-Bike fahre langsamer als ein Mofa. Sein älterer Bruder habe vor
zwei Jahren die Bewilligung bei gleicher Ausgangslage erhalten. Die
Durchschnittsgeschwindigkeit eines zwölfjährigen Radfahrers betrage gemäss einer
Studie der ETH 10 km/h. Folglich benötige er für die Strecke von rund 6 km
36 Minuten. Hinzu komme, dass er unsportlich sei und sich schwertue, viermal täglich
hin- und zurückzufahren.
b) Das Mindestalter für den Erwerb des Führerausweises der Spezialkategorie M
beträgt nach Art. 6 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die Zulassung von Personen und
Fahrzeugen zum Strassenverkehr (SR 741.51, abgekürzt: VZV) 14 Jahre. Die kantonale
Behörde kann den Führerausweis der Spezialkategorie M vor Erreichen des
Mindestalters erteilen, wenn die Verwendung eines anderen Verkehrsmittels
unzumutbar ist (Art. 6 Abs. 4 lit. b VZV). Nach Praxis der Vorinstanz beträgt das
Mindestalter für ein entsprechendes Gesuch 12 Jahre. Zudem gilt die Verwendung des
Fahrrades für den Schulweg als zumutbar, wenn in eine Richtung nicht mehr als
30 Minuten benötigt werden. Ferner kann der Führerausweis aus gesundheitlichen
Gründen vorzeitig erteilt werden, sofern ein entsprechendes ärztliches Zeugnis vorliegt.
Leicht-Motorfahrräder sind Motorfahrräder mit einem Elektromotor von höchstens
0,5 kW Motorleistung, einer bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h und
einer allfälligen Tretunterstützung, die bis höchstens 25 km/h wirkt (Art. 18 lit. b der
Verordnung über die technischen Anforderungen an Motorfahrzeuge, SR 741.41,
abgekürzt: VTS). Zum Führen eines Leicht-Motorfahrrades ist kein Führerausweis
erforderlich (Art. 5 Abs. 2 lit. d VZV). Das Mindestalter zum Führen von
Motorfahrzeugen, für die ein Führerausweis nicht erforderlich ist, beträgt 16 Jahre
(Art. 6 Abs. 1 lit. f VZV). Die kantonale Behörde kann das Führen von Fahrzeugen, für
die ein Führerausweis nicht erforderlich ist, vor Erreichen des Mindestalters bewilligen
(Art. 6 Abs. 4 lit. a Ziff. 2 VZV). Praxisgemäss wird dabei der Besitz des
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Führerausweises für die Spezialkategorie M vorausgesetzt und für die vorzeitige
Erteilung auf Art. 6 Abs. 4 lit. b VZV abgestellt. Inhaber des Führerausweises der
Spezialkategorie G oder M dürfen Motorfahrzeuge, für die ein Führerausweis nicht
erforderlich ist, vor Erreichen des 16. Altersjahres führen (Art. 6 Abs. 5 VZV).
c) Im Winterhalbjahr hat der Rekurrent die Möglichkeit, den Schulweg von seinem
Wohnort in A in das Oberstufenschulhaus Y in B mit dem öffentlichen Verkehr
zurückzulegen. Da es zwischen den Herbst- und den Frühlingsferien eine zusätzliche
Busverbindung um 13.04 Uhr ab A gibt (jeweils am Montag, Dienstag, Donnerstag und
Freitag), ist die Rückkehr in die Schule nach dem Mittagessen zuhause in jenen
Monaten gewährleistet. Im Sommerhalbjahr sind die Verbindungen mit Ausnahme des
Kurses um 13.04 Uhr dieselben. Daraus ist zu schliessen, dass der Rekurrent – gleich
wie im Winter – an sämtlichen Vormittagen mit dem Bus in das Schulhaus Y nach B (A
ab um 6.34 Uhr) und mittags wieder zurück nach Hause fahren kann (B ab um
12.07 Uhr).
Somit stellt sich die Frage, ob es dem Rekurrenten zuzumuten ist, den Schulweg im
Sommerhalbjahr an vier Nachmittagen in der Woche (ausser mittwochs) mit dem
Fahrrad zurückzulegen. Art. 6 Abs. 4 lit. b VZV, der die Möglichkeit vorsieht, den
Führerausweis der Spezialkategorie M vorzeitig zu erteilen, lässt offen, in welchen
Fällen die Benützung anderer Verkehrsmittel unzumutbar ist. Damit wird den
kantonalen Behörden ein Ermessensspielraum eingeräumt. Seit rund eineinhalb Jahren
erachtet die Vorinstanz die Verwendung des Fahrrades für den Schulweg als zumutbar,
wenn in eine Richtung nicht mehr als 30 Minuten benötigt werden. Damit will sie eine
möglichst einheitliche Handhabung der Ausnahmeregelung gewährleisten, was
durchaus geboten erscheint. Letztlich ist jedoch stets der konkrete Einzelfall zu
beurteilen. Die Zumutbarkeit eines Schulwegs bestimmt sich dabei nach seiner Länge
und der zu überwindenden Höhendifferenz, nach der Beschaffenheit des Weges und
den damit verbundenen Gefahren sowie nach Alter und Konstitution des betroffenen
Kindes. Was die zumutbare Dauer des Schulwegs angeht, rechtfertigt es sich, die im
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Zusammenhang mit der Schulzuteilung sowie dem Anspruch auf einen Schultransport
entwickelte Lehre und Rechtsprechung heranzuziehen. Demnach gilt ein Schulweg von
viermal 30 Minuten zu Fuss pro Tag bereits im Kindergartenalter grundsätzlich als
zumutbar. Für ältere Schüler (13 bis 16 Jahre) ist ein Schulweg von 40 Minuten nicht zu
beanstanden (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 2P.101/2014 vom 14. Oktober 2004
E. 4 mit Hinweisen, 2P.23/2003 vom 28. Mai 2003 E. 3.3, 2C_495/2007 vom 27. März
2008 E. 2.3; Schweizer/Regli, Der zumutbare Schulweg, Faktenblatt 04/2018, Ziff. 3.2,
im Internet abrufbar unter: www.fussverkehr.ch; BGer). Vor dem Hintergrund dieser
Rechtsprechung ist das Kriterium der Vorinstanz für die Beurteilung der Zumutbarkeit,
nämlich eine nicht mehr als 30-minütige Fahrradfahrt für einen Weg, nicht zu
beanstanden.
Im konkreten Fall beträgt die Strecke zwischen dem Wohnort des Rekurrenten in A und
dem Schulhaus Y in B rund sechs Kilometer. Es sind kaum Steigungen zu überwinden
(Steigung 28 m / Gefälle 31 m bzw. umgekehrt, vgl. www.google.com/maps). Die
Variante über die A-Strasse (Distanz 5,9 km) verfügt beinahe durchgehend über einen
von der Fahrbahn getrennten Radstreifen und kann daher als sicher bezeichnet
werden. Bei Annahme einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h, was für einen
jugendlichen Radfahrer auf einer ebenen Strecke durchaus angemessen erscheint,
ergibt dies eine Fahrzeit von 24 Minuten. Selbst wenn man berücksichtigt, dass der
Rekurrent gemäss eigenen Angaben nicht sehr sportlich ist, und von einer geringen
Geschwindigkeit von 12 km/h ausgeht, kommt man auf nicht mehr als 30 Minuten.
Spezifische gesundheitliche Beschwerden, welche dem Rekurrenten das Radfahren
erschweren oder verunmöglichen würden, werden weder geltend gemacht noch sind
solche belegt. Die vom Rekurrenten erwähnte Geschwindigkeit von 10 km/h für ein
zwölfjähriges Kind gemäss einer Publikation der ETH erweist sich für die vorliegend zu
beurteilende Strecke nicht als repräsentativ, da in jener Studie für die Berechnung der
Geschwindigkeit die aufgrund der geokodierten Start- und Zielpunkten berechnete
Distanz des kürzesten Pfades durch die von den Befragten angegebene Unterwegszeit
geteilt wurde. Diese Berechnungsweise bewirkte bei Umwegen und Wartezeiten eine
Reduktion der Geschwindigkeit (B. Girod, Eigenschaften des Fahrradverkehrs,
Semesterarbeit, August 2005, S. 35 ff., unter: www.archiv.ivt.ethz.ch). Auch mit dem
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öffentlichen Verkehr dauert der Schulweg des Rekurrenten gegen 30 Minuten
(Fusswege 12 Minuten, Bus 16 Minuten). Die Bewältigung des Schulweges an vier
Nachmittagen in der Woche mit dem Fahrrad, wobei eine Strecke höchstens
30 Minuten in Anspruch nimmt und beinahe durchgehend auf einem Radweg
zurückgelegt werden kann, erscheint damit für den Rekurrenten als künftigen
Oberstufenschüler ohne Weiteres als zumutbar. Im Vergleich zum Winterhalbjahr
(Busabfahrt 13.04 Uhr) kann er das Haus am Mittag sogar rund zehn bis
fünfzehn Minuten später verlassen. Seine Aufenthaltszeit am Mittag verlängert sich
dementsprechend. Sollte der Rekurrent über Mittag in der Schule bleiben, fallen
ebenfalls zwei Wegstrecken an, eine am Morgen und eine am Abend. Zudem könnte er
dann auch den Bus benutzen. Da die Vorinstanz auf das Schuljahr 2017/18 hin
nachweislich eine Praxisänderung vorgenommen hat, vermag die Tatsache, dass dem
älteren Bruder des Rekurrenten vor zwei Jahren der vorzeitige Erwerb der
Spezialkategorie M noch zugestanden worden war, nichts zu ändern. Insbesondere
liegt deshalb kein Verstoss gegen das Gleichbehandlungsgebot vor. Der Rekurs ist
folglich abzuweisen.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem Rekurrenten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Angemessen erscheint eine Entscheidgebühr von
Fr. 300.– (Art. 7 Ziff. 122 und Art. 5 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist damit zu verrechnen.