Decision ID: a0c01499-887d-4000-b3cb-6ba7b57b5719
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die 1964 geborene Beschwerdeführerin bezog seit dem 1. April 1995 eine
ihr mit Verfügung vom 20. November 1995 wegen Rückenbeschwerden
und einer Depression zugesprochene, auf einem Invaliditätsgrad von
100 % beruhende ganze Rente der Eidgenössischen Invalidenversiche-
rung (IV). Im Rahmen einer im Dezember 2005 initiierten Rentenrevision
tätigte die Beschwerdegegnerin verschiedene Abklärungen; insbesondere
liess sie die Beschwerdeführerin vom E., T., bidisziplinär (rheumatolo-
gisch/psychiatrisch) begutachten (E.-Gutachten vom 18. März 2008), wo-
bei die Gutachter zum Schluss gelangten, dass die Beschwerdeführerin in
einer angepassten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei. Im Laufe der Zeit
traf sie noch weitere Abklärungen und gewährte der Beschwerdeführerin
dann im Herbst 2019 Kostengutsprache für ein halbjähriges Aufbautraining
(Mitteilung vom 12. September 2019), welches nach Durchführung des
Mahn- und Bedenkzeitverfahrens am 3. Februar 2020 aufgrund ungenü-
gender Mitwirkung der Beschwerdeführerin abgebrochen wurde. Mit Verfü-
gung vom 12. Mai 2020 hob die Beschwerdegegnerin die Rente der Be-
schwerdeführerin auf Ende Juni 2020 revisionsweise auf. Die dagegen am
11. Juni 2020 erhobene Beschwerde hiess das Versicherungsgericht des
Kantons Aargau mit Urteil VBE.2020.289 vom 21. Dezember 2020 teilweise
gut, hob die Verfügung auf und wies die Sache zur weiteren Abklärung und
zur Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurück.
1.2.
In der Folge liess die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin im Rah-
men ihrer weiteren Abklärungen durch die ABI Ärztliches Begutachtungs-
institut GmbH, Basel, polydisziplinär (internistisch, neurologisch, psychiat-
risch, rheumatologisch) begutachten (ABI-Gutachten vom 20. Februar
2022). Gestützt auf das Gutachten stellte die Beschwerdegegnerin der Be-
schwerdeführerin mit Vorbescheid vom 24. März 2022 neuerlich die Aufhe-
bung der bisherigen ganzen Invalidenrente per 30. Juni 2020 in Aussicht.
Nachdem die Beschwerdeführerin dagegen am 3. Mai 2022 Einwände er-
hoben hatte, erliess die Beschwerdegegnerin am 8. Juni 2022 eine ihrem
Vorbescheid entsprechende Verfügung.
2.
2.1.
Gegen die Verfügung vom 8. Juni 2022 erhob die Beschwerdeführerin mit
Eingabe vom 7. Juli 2022 Beschwerde und stellte folgende Rechtsbegeh-
ren:
- 3 -
" 1. Die Verfügung vom 08.06.2022 sei aufzuheben.
2. Es sei der Beschwerdeführerin weiterhin eine Invalidenrente .
3. Eventualiter sei die Sache an die Beschwerdegegnerin zur weiteren  zurückzuweisen.
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich MwSt. zu Lasten der Beschwerdegegnerin."
2.2.
Mit Vernehmlassung vom 15. August 2022 beantragte die Beschwerdegeg-
nerin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 16. August 2022 wurde die aus
den Akten ersichtliche berufliche Vorsorgeeinrichtung der Beschwerdefüh-
rerin im Verfahren beigeladen und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme ein-
geräumt; diese liess sich in der Folge nicht vernehmen.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1.
In ihrer Verfügung vom 8. Juni 2022 geht die Beschwerdegegnerin im We-
sentlichen davon aus, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerde-
führerin seit der Verfügung vom 20. November 1995 wesentlich verbessert
habe. Gestützt auf das ABI-Gutachten vom 20. Februar 2022 (Vernehm-
lassungsbeilage [VB] 196) sei davon auszugehen, dass die Beschwerde-
führerin, wie schon die im Jahr 2008 durchgeführte Begutachtung ergeben
habe, in einer angepassten Tätigkeit zu 100 % arbeitsfähig sei. Den medi-
zinischen Akten könne zudem entnommen werden, dass seit Januar 2022
eine 20-prozentige Einschränkung bestehe. Da damit weiterhin kein
IV-Grad von mindestens 40 % erreicht werde, bestehe auch nach Januar
2022 kein Rentenanspruch. Die bisherige ganze Invalidenrente bleibe da-
her rückwirkend per 30. Juni 2020 aufgehoben (VB 202).
Die Beschwerdeführerin bringt dagegen zusammengefasst vor, im ABI-
Gutachten fehle "eine Auseinandersetzung, was sich seit dem Jahr 1995
verändert haben sollte". Auch die E.-Gutachter seien von einem identi-
schen Gesundheitszustand seit dem Jahr 1995 ausgegangen. Es liege
deshalb "heute noch immer der Identische Zustand seit dem Jahr 1995" vor
(Beschwerde S. 15). Zudem sei, gehe man dennoch von einer Restarbeits-
fähigkeit aus, diese jedenfalls nicht verwertbar (Beschwerde S. 16 ff.).
Schliesslich habe die Beschwerdegegnerin ihr beim Invalideneinkommen
zu Unrecht keinen leidensbedingten Abzug gewährt (Beschwerde S. 19 ff.).
- 4 -
1.2.
Damit ist streitig und nachfolgend zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin
die Invalidenrente der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 8. Juni 2022
zu Recht per 30. Juni 2020 aufgehoben hat.
2.
2.1.
Gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG wird die Rente von Amtes wegen oder auf
Gesuch hin für die Zukunft entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufge-
hoben, wenn sich der Invaliditätsgrad einer Rentenbezügerin oder eines
Rentenbezügers erheblich ändert. Anlass zur Revision einer Invalidenrente
im Sinne von Art. 17 Abs. 1 ATSG gibt jede wesentliche Änderung in den
tatsächlichen Verhältnissen, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit
den Rentenanspruch zu beeinflussen (BGE 134 V 131 E. 3 S. 132 f. mit
Hinweisen). Unerheblich unter revisionsrechtlichem Gesichtswinkel ist
nach ständiger Rechtsprechung die unterschiedliche Beurteilung eines im
Wesentlichen unverändert gebliebenen Sachverhaltes (BGE 112 V 371
E. 2b S. 372; vgl. auch BGE 135 V 201 E. 5.2 S. 205 und MEYER/REICH-
MUTH, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht,
Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG], 3. Aufl. 2014,
N. 117 ff. zu Art. 30–31 IVG mit Hinweisen). Insbesondere stellt die bloss
unterschiedliche Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen un-
verändert gebliebenen Gesundheitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit für
sich allein genommen keinen Revisionsgrund im Sinne von Art. 17 Abs. 1
ATSG dar (BGE 141 V 9 E. 2.3 S. 10 f. und Urteil des Bundesgerichts
9C_698/2019 vom 3. März 2020 E. 2).
2.2.
Zeitlichen Referenzpunkt für die Prüfung einer anspruchserheblichen Än-
derung bildet die letzte (der versicherten Person eröffnete) rechtskräftige
Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit
rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchfüh-
rung eines Einkommensvergleichs (bei Anhaltspunkten für eine Änderung
in den erwerblichen Auswirkungen des Gesundheitszustands) beruht
(BGE 133 V 108 E. 5 S. 110 ff.; 130 V 71 E. 3 S. 73 ff.). Dabei braucht es
sich nicht um eine formelle Verfügung zu handeln: Ändert sich nämlich
nach durchgeführter Rentenrevision als Ergebnis einer materiellen Prüfung
des Rentenanspruches nichts und eröffnet die IV-Stelle deswegen das Re-
visionsergebnis gestützt auf Art. 74ter lit. f IVV auf dem Weg der blossen
Mitteilung, ist im darauf folgenden Revisionsverfahren zeitlich zu verglei-
chender Ausgangssachverhalt derjenige, welcher der Mitteilung zugrunde
lag (MEYER/REICHMUTH, a.a.O., N. 39 ff. zu Art. 30-31 IVG; SVR 2013 IV
Nr. 44 S.135, 8C_441/2012 E. 3.1.2).
- 5 -
2.3.
Ist eine anspruchserhebliche Änderung des Sachverhalts nicht mit über-
wiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, bleibt es nach dem Grundsatz der
materiellen Beweislast beim bisherigen Rechtszustand (SVR 2013 IV
Nr. 44 S.135, 8C_441/2012 E. 3.1.3).
3.
3.1.
Die massgeblichen Vergleichszeitpunkte werden vorliegend zum einen
durch die rentenzusprechende Verfügung vom 20. November 1995 (VB 1
S. 13 ff.) und zum anderen durch die angefochtene Verfügung vom 8. Juni
2022 (VB 202) definiert.
3.2.
Der rentenzusprechenden Verfügung vom 20. November 1995 lagen Be-
richte der behandelnden Ärzte zugrunde, welche im Wesentlichen ein re-
zidivierendes lumbalbetontes Panvertebralsyndrom, eine generalisierte
Tendomyopathie sowie eine depressive Störung mit somatischen Sympto-
men (VB 2 S. 9, 10) bzw. eine endogene Depression (VB 2 S. 7) diagnos-
tizierten und der Beschwerdeführerin eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
attestierten (VB 2 S. 6, 8).
3.3.
Die Beschwerdegegnerin stützt sich in ihrer Verfügung vom 8. Juni 2022
(VB 202) in medizinischer Hinsicht zum einen auf das polydisziplinäre ABI-
Gutachten vom 20. Februar 2022 (VB 196) und zum anderen auf das bidis-
ziplinäre (rheumatologisch-psychiatrische) E.-Gutachten vom 18. März
2008 (VB 45.1).
3.3.1.
Dem bidisziplinären E.-Gutachten der Dres. med. J., Facharzt für Allge-
meine Innere Medizin sowie für Rheumatologie, und C. Facharzt für Psy-
chiatrie und Psychotherapie, vom 18. März 2008 sind folgende Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit zu entnehmen (VB 45.1 S. 21):
"Panvertebrales Schmerzsyndrom bei - Wirbelsäulen-Fehlform/Wirbelsäulen-Fehlhaltung (rechtskonvexe
Skoliosierung, Hyperkyphose/Hyperkyphosierung mit  Nacken)
- minimalsten degenerativen Veränderungen (angedeutete Chondrose L5/S1 und Protrusion C4-C6)
- St. n. Akzellerationstrauma (Heckauffahrunfall anamnestisch 5.07) Generalisierte Tendomyopathie (Fibromyalgie mit 18/ 18 Tenderpoints)"
Eine krankheitswertige psychische Störung habe nicht festgestellt werden
können (VB 45.1 S. 21). Sowohl in der bisherigen als auch in einer adap-
tierten Tätigkeit bestehe keine verminderte Leistungsfähigkeit (VB 45.1
- 6 -
S. 22 ff.). Im E.-Gutachten wurde weiter ausgeführt, dass eine Arbeitsunfä-
higkeit aus der aktuellen gutachterlichen Sichtweise zu keinem Zeitpunkt
ausgewiesen gewesen sei. Vielmehr habe "aus versicherungspsychiatri-
scher Sicht volle Arbeitsfähigkeit" bestanden. Selbst für die Jahre 1993-
1995 seien "bei krankheitsfremden Faktoren, Sorgen um die Familie,
Schwangerschaften, Rückenschmerzen und dem etwaigen Vorliegen einer
Anpassungsstörung oder auch einer depressiven Episode die Hinweise auf
einen derartigen eigenständigen psychischen Gesundheitsschaden nicht
ausreichend, um daraus eine andauernde deutliche Minderung der Arbeits-
fähigkeit um 20 % oder mehr aus psychiatrischer Sicht zu begründen"
(VB 45.1 S. 20 f.).
3.3.2.
RAD-Arzt Dr. med. L., Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilita-
tion, hielt in seiner Stellungnahme vom 27. Mai 2019 fest, das Gutachten
von 2008 sei "der letzte psychiatrische Bericht, der nachvollziehbar eine
AF-relevante Psychopathologie beschreib[e], für die Zeit ca. 1994 bis
ca. 2003". In den Jahren 1994/1995 sei es zu einer Verschlechterung des
psychischen Gesundheitszustandes gekommen. Anschliessend sei es zu
einer klaren Verbesserung gekommen, deren Zeitpunkt im Gutachten
nachvollziehbar auf ca. 2003 geschätzt werde. Wegen des erfolgreich ope-
rierten, gutartigen Kleinhirntumors sei eine Einschränkung der Arbeitsfähig-
keit in der Zeit von Frühling bis Ende 2018 anzunehmen. Seither bestehe
diesbezüglich keine Einschränkung mehr (VB 110 S. 3).
3.3.3.
Im Urteil des Versicherungsgerichts VBE.2020.289 vom 21. Dezember
2020 (VB 156) gelangte das Versicherungsgericht zum Schluss, dass im
Jahr 2017 erhobene bildgebende Befunde vorlägen, welche auf einen im
Vergleich zum Zeitpunkt der Begutachtung im Jahr 2008 veränderten Ge-
sundheitszustand hinweisen würden, weshalb das E.-Gutachten keine
taugliche Grundlage für die Beurteilung des (aktuellen) Gesundheitszu-
standes der Beschwerdeführerin zu bilden vermöge. Auch RAD-Arzt
Dr. med. L. habe sich nicht zu möglichen Auswirkungen der seit dem E.-
Gutachten zusätzlich erhobenen Befunde geäussert. Überhaupt sei der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Rentenauf-
hebung nicht abgeklärt worden. Die Beschwerdegegnerin habe daher den
aktuellen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin und das Vorliegen
einer revisionsrechtlich relevanten Veränderung des Gesundheitszustan-
des im Vergleich zur ursprünglichen Rentenzusprache abzuklären und da-
nach erneut über den weiteren Rentenanspruch zu befinden (E. 4.5. des
Urteils in VB 156 S. 8).
In der Folge ersuchte die Beschwerdegegnerin mit Begutachtungsauftrag
vom 4. November 2021 die ABI – nebst der Beantwortung der "Standard-
fragen[ ]" – um eine Beurteilung des "AUF-Verlaufs seit November 1995 bis
- 7 -
aktuell, insbesondere mit Vergleich der AF-Situation von 11/1995 zu aktu-
ell" (vgl. VB 188 S. 2).
3.3.4.
Das ABI-Gutachten vom 20. Februar 2022 vereint eine internistische und
eine rheumatologische Beurteilung durch Dr. med. M., Facharzt für Allge-
meine Innere Medizin und für Rheumatologie, eine neurologische Beurtei-
lung durch Dr. med. N., Facharzt für Neurologie, sowie eine psychiatrische
Beurteilung durch med. pract. O., Facharzt für Psychiatrie und Psychothe-
rapie. Dem Gutachten sind folgende polydisziplinär gestellte Diagnosen mit
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu entnehmen (VB 196 S. 20):
" Chronisches lumbal betontes panvertebrales Schmerzsyndrom (ICD-10 M53.8, M54.5) - radiomorphologisch im MRT BWS und LWS vom 27.12.2021: im Ver-
gleich zur MRT der BWS vom 27.10.2021 keine zwischenzeitlich  BWK- Frakturen, keine Zunahme der geringfügigen  Veränderungen der BWS, im Vergleich zur MRT der LWS vom 03.12.2019 diskrete Zunahme der Osteochondrose LWK4/5 mit  Diskusprotrusion sowie ligamentär bedingte Einengung des  intervertebrale LWK4/5 rechts mit möglicher Irritation der  L4 foraminal rechts
- leichte lumbal rechts- sowie thorakal linkskonvexe Skoliose mit  Lot zwischen C7 und der Rima ani, betonte langgezogene  Kyphose mit konsekutiv HWS- sowie 
- muskuläre Dekonditionierung mit Abschwächung der abdominellen und rückenstabilisierenden Muskelgruppen"
Es bestünden zudem diverse Diagnosen, die sich nicht auf die Arbeitsfä-
higkeit auswirkten, unter anderem eine leichte depressive Episode (VB 196
S. 20). In einer angepassten Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von
80 % bzw. eine Arbeitsunfähigkeit von 20 % (VB 196 S. 22). Bezüglich des
zeitlichen Verlaufs der Arbeits(un)fähigkeit seit November 1995 wurde aus-
geführt, im Auftrag der Beschwerdegegnerin sei bereits eine interdiszipli-
näre versicherungsmedizinische Evaluation am 18. März 2008 erfolgt. "Die-
ses Gutachten lieg[e] den Referenten vor und [ergebe] vor allem weder aus
rheumatologischer noch psychiatrischer Sicht eine höhergradige Ein-
schränkung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit, sodass bereits im Frühjahr
2008 postuliert [worden sei], dass die frühere[n] oder sonstige[n] berufliche
Tätigkeiten voll als zumutbar erachtet [worden seien]. Es entzieh[e] sich der
Kenntnis der Referenten, weshalb trotz dieser Begutachtung vom März
2008 von Seiten der zuständigen IV-Stelle offensichtlich keine Konsequen-
zen gezogen [worden seien] und dass die IV-Rente über Jahre weiter voll
ausgerichtet [worden sei]! In diesem Sinne [könne] im Langzeitverlauf si-
cherlich postuliert werden, dass die obigen Angaben bereits seit vielen Jah-
ren ihre Gültigkeit [hätten]. Unter Berücksichtigung der Aktenlage [könne]
diskutiert werden, dass ab Frühjahr 2008 im gesamten Langzeitverlauf
- 8 -
keine höhergradige oder anhaltende Arbeits- und Leistungsunfähigkeit an-
genommen werden [könne] im Sinne einer invalidisierenden Erkrankung.
Wie insbesondere im rheumatologischen Gutachten dargelegt [worden
sei], besteh[e] eine um 20 % reduzierte Leistungsfähigkeit ab Januar 2022.
Die Zeit von 1995 bis 2008 [könne] bei den vorliegenden Akten nicht sicher
interpretiert werden. Offensichtlich [müsse] damals eine höhergradige de-
pressive Störung vorgelegen haben, welche die primäre Berentung [aus-
gelöst habe]" (VB 196 S. 22). Im rheumatologischen Teilgutachten wurde
sodann bezüglich der Frage nach dem Verlauf der Arbeits(un)fähigkeit seit
November 1995 bis aktuell ausgeführt, es sei [seriöser Weise kaum mög-
lich, dass der Referent einen Verlauf einer Arbeitsunfähigkeit in den letzten
27 Jahren kommentieren" könne (VB 196 S. 67). Med. pract. O. hielt im
psychiatrischen Teilgutachten fest, es fänden sich "[s]owohl aktuell als
auch retrospektiv [...] keine Anhaltspunkte für eine etwaige verminderte Ar-
beitsfähigkeit" in der angestammten und/oder in einer angepassten Tätig-
keit (VB 196 S. 54).
4.
4.1.
Die ABI-Gutachter untersuchten die Beschwerdeführerin in sämtlichen re-
levanten Fachbereichen fundiert, hatten Kenntnis der Vorakten, berück-
sichtigten die von der Beschwerdeführerin geklagten somatischen wie auch
psychischen Beschwerden und begründeten ihre Schlussfolgerungen
nachvollziehbar (zum Beweiswert eines Gutachtens vgl. BGE 134 V 231
E. 5.1 S. 232; 125 V 351 E. 3a S. 352). Sie gingen zwar davon aus, dass
die Beschwerdeführerin nach wie vor an einem lumbal betonten Panver-
tebralsyndrom und (u.a.) einer depressiven Störung leide, massen diesen
Gesundheitsstörungen indes – anders als die behandelnden Ärzte dies im
Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache taten – keine Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit zu (VB 196 S. 20 f.).
Dass es zu einer erheblichen Veränderung des Gesundheitszustands der
Beschwerdeführerin im Vergleich zur ursprünglich Rentenzusprache ge-
kommen wäre, geht aus dem Gutachten allerdings nicht hervor. Bezüglich
des Zeitraums zwischen 1995 und 2008 hielten die Gutachter zwar fest, es
müsse damals eine höhergradige depressive Störung vorgelegen haben.
Dabei handelt es sich aufgrund der Formulierung aber um eine blosse Ver-
mutung (vgl. dazu etwa Urteile des Bundesgerichts 8C_701/2018 vom
28. Februar 2019 E. 6.1.2, 8C_733/2017 vom 29. März 2018 E. 4.3.1), wel-
che offenbar weniger auf medizinischen Überlegungen als auf dem Um-
stand, dass der Beschwerdeführerin eine ganze Rente zugesprochen wor-
den war, gründete (vgl. VB 196 S. 22). Zudem geht aus dem psychiatri-
schen Teilgutachten hervor, dass med. pract. O. auch retrospektiv von ei-
ner in psychischer Hinsicht uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit ausging
(vgl. VB 196 S. 54). Betreffend den physischen Gesundheitszustand geht
aus dem Gutachten hervor, dass die für die ursprüngliche Rentenzuspra-
- 9 -
che in somatischer Hinsicht relevanten lumbal betonten Rückenbeschwer-
den nicht nur fortbestehen, sondern von den ABI-Gutachtern diagnostisch
im Wesentlichen auch gleich gewertet wurden wie von den damals behan-
delnden Ärzten (vgl. VB 2 S. 9 f.; VB 196 S. 20).
Aus dem E.-Gutachten geht ebenfalls nicht hervor, dass sich der Gesund-
heitszustand der Beschwerdeführerin (bis zur Begutachtung im September
2007) im Vergleich zur ursprünglich Rentenzusprache erheblich verändert
hat. Bezüglich der Fragen, welche Befunde sich seit der ersten Verfügung
im Jahr 1995 verbessert hätten und seit wann diese Verbesserung bestehe,
verwiesen die Gutachter auf den Abschnitt "Beurteilung und Prognose" des
Gutachtens (VB 45.1 S. 23). Dort führen sie aus, dass selbst für die Jahre
1993-1995 "die Hinweise auf einen [...] eigenständigen psychischen Ge-
sundheitsschaden nicht ausreichend [seien], um daraus eine andauernde
deutliche Minderung der Arbeitsfähigkeit um 20 % oder mehr aus psychiat-
rischer Sicht zu begründen" (VB 45.1 S. 20). Somit liegt eine unterschiedli-
che Beurteilung der Auswirkungen eines im Wesentlichen unverändert ge-
bliebenen Gesundheitszustandes auf die Arbeitsfähigkeit seitens der Gut-
achter sowohl der ABI als auch der E. vor, was revisionsrechtlich irrelevant
ist (vgl. E. 2.1.). Daran vermag auch die Einschätzung von RAD-Arzt Dr.
med. L. nichts zu ändern (VB 110). Dass dieser in seiner Stellungnahme
vom 27. Mai 2019 festhielt, gemäss dem Gutachten der E. sei es nach einer
Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes in den Jahren
1994/1995 im Jahr 2003 zu einer Verbesserung gekommen, entbehrt näm-
lich einer Grundlage nicht nur im fraglichen Gutachten, sondern auch in den
weiteren Akten.
4.2.
Vorliegend bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die ursprüngliche
Rentenzusprache zweifellos unrichtig im wiedererwägungsrechtlichen
Sinne war (vgl. Art. 53 Abs. 2 ATSG; BGE 140 V 85 E. 4.2 S. 87 mit Hin-
weisen). Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang darauf, dass der Be-
schwerdeführerin damals nicht nur von ihrem Hausarzt, sondern auch von
der behandelnden Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert worden war (vgl. VB 2 S. 6 f.).
- 10 -
5.
5.1.
Zusammenfassend liegt gegenüber dem Vergleichszeitpunkt vom 20. No-
vember 1995 keine wesentliche Änderung in den tatsächlichen Verhältnis-
sen vor, die geeignet ist, den Invaliditätsgrad und damit den Rentenan-
spruch zu beeinflussen. Ein Revisionsgrund ist demnach zu verneinen. Da
auch kein Wiedererwägungsgrund vorliegt, besteht kein Rückkommensti-
tel. Die Rentenherabsetzung entbehrt damit einer rechtlichen Grundlage
und es bleibt beim bisherigen Rechtszustand. Folglich ist die Beschwerde
gutzuheissen und die angefochtene Verfügung vom 8. Juni 2022 aufzuhe-
ben. Die Beschwerdeführerin hat auch über den 30. Juni 2020 hinaus An-
spruch auf eine ganze Rente. Angesichts dieses Ergebnisses braucht auf
die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht eingegangen zu
werden.
5.2.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrensaus-
gang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.3.
Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf Ersatz der
richterlich festzusetzenden Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG).