Decision ID: 4063575b-cb56-45bd-91c7-dc0eab71a7d8
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
Concordia Schweizerische Kranken- und Unfallversicherung AG, Bundesplatz 15,
Postfach, 6002 Luzern,
Beschwerdeführerin,
und
A._,
Beigeladene,
vertreten durch B._,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Hilfsmittel (für A._, Vers.-Nr. X._)
Sachverhalt:
A.
Die im Jahr 1988 geborene A._, an einer ataktisch-dystonen Bewegungsstörung,
einem schweren mentalen Entwicklungsrückstand bei Mikrocephalie und Dandy-
Walker-Variante mit cerebellärer Hypoplasie sowie an Epilepsie leidende A._ bezieht
seit Jahren Leistungen der Invalidenversicherung, unter anderem eine Hilf
losenentschädigung für eine Hilflosigkeit schweren Grades (vgl. IV-act. 85 f. und 32)
und eine ganze Rente (vgl. IV-act. 36).
B.
B.a Am 20. September 2011 liess die Versicherte um Übernahme der Kosten für eine
proprioceptive Knöchelorthese ersuchen (IV-act. 20).
B.b Am 29. September 2011 antwortete die IV-Stelle des Kantons St. Gallen, pro
prioceptive Knöchelorthesen würden der Behandlung an sich dienen und seien deshalb
als Behandlungsgeräte zu qualifizieren. Die Kosten könnten aus diesem Grund nicht
durch die Invalidenversicherung übernommen werden (IV-act. 19).
B.c Dagegen wendete sich die Concordia Schweizerische Kranken- und Unfallver
sicherung AG mit Schreiben vom 13. Februar 2012. Die Versicherte benötige die
Orthese im Rahmen ihrer Körperbehinderung zum Erhalt ihrer Gehfähigkeit und nicht
zur Behandlung des Grundleidens. Das Ostschweizer Kinderspital bestätige eine lang
fristige Tragedauer. Die Orthese sei daher als Hilfsmittel zu qualifizieren (IV-act. 18–1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dem Schreiben lag ein Bericht des Ostschweizer Kinderspitals vom 29. Dezember
2011 bei, in welchem darauf hingewiesen worden war, bei der Versicherten zeige sich
ein Midfoot-Break mit Abduktion des Vorfusses und fehlender Abstützung nach ventral.
Beim Gehen falle eine Kniebeugung von 30° auf, was die Versicherte sehr viel Kraft
koste. Mithilfe der Knöchelorthese könne der Fuss wieder aufgerichtet und korrigiert
werden. Die Abstützung nach ventral könne zudem wiederhergestellt werden (IV-
act. 18–4 f.).
B.d In seiner Beurteilung vom 24. Februar 2012 führte Dr. med. C._ vom IV-internen
regionalen ärztlichen Dienst (RAD) aus, proprioceptive Knöchelorthesen nach Nancy
Hilton seien dynamische Orthesen für die Behandlung neurologischer Erkrankungen.
Als Wirkung solle über eine verstärkte tiefensensorische Information eine verbesserte
Haltungs- und Bewegungskontrolle erfolgen. Die Orthesen würden entsprechend nicht
unmittelbar der Fortbewegung dienen und seien daher aus medizinischer Sicht nicht
als Hilfsmittel, sondern als Behandlungsgeräte zu qualifizieren (IV-act. 17).
B.e Mit Schreiben vom 28. Februar 2012 teilte die IV-Stelle der Concordia mit, die
Invalidenversicherung treffe keine Leistungspflicht im Zusammenhang mit der be
antragten Knöchelorthese (IV-act. 16).
B.f Am 30. März 2012 beantragte die Concordia die Eröffnung einer beschwerde
fähigen Verfügung. Werde eine proprioceptive Knöchelorthese eingesetzt, um direkt
den Knöchel zu stützen, habe sie Hilfsmittelcharakter (IV-act. 13).
B.g Am 23. April 2012 erstattete Dr. med. D._, Fachärztin FMH für Neurologie, einen
Verlaufsbericht. Sie führte unter anderem aus, in der Untersuchung habe sie eine
Spitzfuss- und Krallenzehenstellung beidseits festgestellt. Die Versicherte könne mit
Hilfe etwa 15–20 Meter gehen, vorwiegend auf den Zehenspitzen, zum Teil mit über
kreuzten Beinen (IV-act. 11).
B.h Am 2. Mai 2012 eröffnete die IV-Stelle einen abweisenden Vorbescheid (IV-act. 8),
gegen welchen die Concordia am 14. Mai 2012 Einwand erhob (IV-act. 6).
B.i Mit Verfügung vom 19. Juni 2012 wies die IV-Stelle das Gesuch um Kostenüber
nahme der Knöchelorthese ab (IV-act. 4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
C.a Dagegen richtet sich die am 10. August 2012 erhobene Beschwerde, mit der die
Übernahme der Kosten für die Knöchelorthese durch die Beschwerdegegnerin be
antragt und zur Begründung ausgeführt wird, die Versicherte sei in ihrer Fortbewegung
erheblich beeinträchtigt, was die Voraussetzung einer Versorgung durch eine Orthese
als Hilfsmittel erfülle (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer Be
schwerdeantwort vom 29. Oktober 2012 führte sie zur Begründung im Wesentlichen
aus, die orthetische Versorgung sei medizinisch erforderlich, da sie der Behandlung
und Vorbeugung einer Zunahme des Leidens der Versicherten diene, vermöge aber
nicht einen der gesetzlich statuierten Zwecke der Fortbewegung, des Kontaktes mit der
Umwelt oder der Selbstsorge zu erreichen, da die Versicherte insbesondere für die
Fortbewegung dauernd der Hilfe Dritter bedürfe (act. G 4).
C.c Mit Replik vom 13. November 2012 liess die Beschwerdeführerin an ihrem Antrag
festhalten (act. G 6). In der Beilage reichte sie ein Urteil des Verwaltungsgerichts Luzern
vom 15. Januar 2010 ein, mit welchem die Invalidenversicherung verpflichtet worden
war, einer anderen versicherten Person mit cerebraler Bewegungsstörung die Kosten
einer proprioceptiven Knöchelorthese zu vergüten (act. G 6.1).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 8).
C.e Am 28. November 2012 wurde die Versicherte beigeladen (act. G 9). Sie liess sich
nicht vernehmen.

Erwägungen:
1.
1.1 Versicherte, die infolge ihrer Invalidität für die Fortbewegung, für die Herstellung
des Kontaktes mit der Umwelt oder für die Selbstsorge kostspieliger Geräte bedürfen,
haben gemäss Art. 21 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) im Rahmen einer vom Bundesrat aufzustellenden Liste ohne Rücksicht auf
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Erwerbsfähigkeit Anspruch auf Hilfsmittel. Besagte Liste findet sich im Anhang zur
Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI;
SR 831.232.51). Anspruch besteht gemäss Art. 2 Abs. 4 HVI nur auf Hilfsmittel in ein
facher, zweckmässiger und wirtschaftlicher Ausführung. Vergütet werden unter
anderem die Kosten für Beinorthesen (HVI, Anhang, Ziff. 2.01).
1.2 Abzugrenzen sind die Hilfsmittel von Geräten, die der medizinischen Behandlung
dienen, denn bezüglich letzterer richtet sich ein allfälliger Anspruch nicht nach Art. 21
Abs. 2 IVG bzw. nach der HVI, sondern nach Art. 12 f. IVG. Kann ein Gerät sowohl der
medizinischen Behandlung als auch einem mit einem Hilfsmittel gemäss Art. 21
Abs. 2 IVG angestrebten Zweck dienen, ist zu prüfen, welcher der beiden Zwecke im
konkreten Einzelfall unter Würdigung sämtlicher Umstände im Vordergrund steht.
Gemäss Rz. 1006 des Kreisschreibens über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die
Invalidenversicherung (KHMI, in der im Jahr 2012 gültigen Fassung) ist bei Gegen
ständen, die ihrer Natur nach sowohl den Charakter eines Hilfsmittels als auch den
jenigen eines Behandlungsgeräts oder eines anderen Behelfs aufweisen können, zu
beachten, dass das Gerät den vom Gesetz genannten Zweck (z.B. Fortbewegung)
unmittelbar erfüllt.
2.
2.1 Die Beigeladene leidet an schweren cerebralen Störungen, welche sich unter
anderem auch auf ihre Gehfähigkeit auswirken. Gemäss dem Bericht des Ostschweizer
Kinderspitals vom 29. Dezember 2011 hat sich in der Untersuchung vom 30. August
2011 ein Midfoot-Break mit Abduktion des Vorfusses und fehlender Abstützung nach
ventral gezeigt. Beim Gehen ist eine Kniebeugung von 30° aufgefallen. Die Ärzte haben
eine Knöchelorthese für die Wiederaufrichtung des Fusses, die Korrektur des Fusses,
die Wiederherstellung der Abstützung nach ventral und damit auch für einen ökono
mischeren Gang bei voller Kniestreckung empfohlen und ausgeführt, die Tragedauer
betrage sicherlich mehr als ein Jahr (IV-act. 18–4 f.). Gemäss dem Bericht von
Dr. D._ vom 23. April 2012 kann die Beigeladene nur mit Hilfe gehen und lediglich
Distanzen von maximal 20 Metern zurücklegen (IV-act. 11–7). Gemäss Formular zur
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Überprüfung des Anspruchs auf eine Hilflosenentschädigung der
Invalidenversicherung, das am 15. Januar 2011 letztmals ausgefüllt worden ist, kann
sich die Beigeladene in der Wohnung nur mit Unterstützung und im Freien nur mit dem
Rollstuhl fortbewegen (IV-act. 24–3).
2.2 In Berücksichtigung dieser Ausführungen ist davon auszugehen, dass eine
Knöchelorthese in erster Linie den Fuss bzw. den Knöchel stützt und das eigentliche –
cerebrale – Leiden nicht zu beeinflussen vermag, insofern also keine Leidensbehand
lung im engeren Sinn vorliegt. Eine gewisse Behandlungswirkung kann allerdings
gemäss der Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. C._ vom 24. Februar 2012 darin
gesehen werden, dass die Einlagen und Knöchelorthesen die tiefensensorische
Information verstärken und dadurch neurologisch die Haltungs- und
Bewegungskontrolle verstärken. Dr. C._ stellte sich auf den Standpunkt, für einen
maximalen Nutzen der Orthesen sei ein aktiver und kontinuierlicher Gebrauch
derselben erforderlich. Sie würden dabei nicht unmittelbar der Fortbewegung dienen
und seien daher gemäss Rz. 1006 KHMI nicht als Hilfsmittel, sondern als Behand
lungsgeräte zu qualifizieren (vgl. IV-act. 17).
2.3 Die Orthese wirkt sich nach Lage der Akten nur geringfügig auf die Fähigkeit zur
selbständigen Fortbewegung aus. Auf den Rollstuhl wird die Beigeladene zur
Fortbewegung im Freien weiterhin angewiesen sein, ebenso wie auf Dritthilfe für die
Fortbewegung in der Wohnung. Die behandelnden Ärzte erhoffen sich zwar insgesamt
eine Verbesserung der Gehfähigkeit und sehen insbesondere eine Notwendigkeit dafür,
die Fussstellung zu korrigieren, auch in langfristiger Hinsicht. Mittels der Orthese
könnte eine weitere Deformation des Fusses verhindert oder wenigstens vermindert
werden. Der ökonomischere Gang könnte kurz- und mittelfristig mit einer Erhöhung der
Gehstrecke verbunden sein (vgl. IV-act. 18–4 f.). Diese Ausführungen erwecken
insgesamt aber den Eindruck, die beantragte Orthese diene überwiegend der
Behandlung oder Minderung des Leidens und nicht der Fortbewegung. Jedenfalls geht
aus den Berichten nicht hervor, dass die beantragte Orthese unmittelbar der
Fortbewegung dienen würde, weshalb sie keinen Hilfsmittelcharakter im Sinne von
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rz. 1006 KHMI aufweist (vgl. auch das Urteil des Bundesgerichts 8C_531/2009 vom
23. Oktober 2009, das in einem ähnlich gelagerten Fall ergangen ist).
2.4 Vor diesem Hintergrund ist die beantragte Knöchelorthese daher in Würdigung der
gesamten Umstände nicht als Hilfsmittel zu qualifizieren. Die Übernahme der Kosten
unter dem Titel der medizinischen Massnahmen (Art. 12 f. IVG) fällt ebenfalls zum
Vorneherein nicht in Betracht, weil die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt ihres Antrags
das zwanzigste Altersjahr bereits vollendet hatte. Die angefochtene Verfügung ist damit
nicht zu beanstanden.
3.
3.1 Die Beschwerde ist gemäss den vorstehenden Erwägungen abzuweisen.
3.2 Die angesichts des durchschnittlichen Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden
Gerichtskosten sind ausgangsgemäss der Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Der von
ihr geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe ist daran anzurechnen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39