Decision ID: 546c9c5a-1625-504c-b381-6bc7bc03fc5a
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 20. Dezember 2016 bei der Gemeinde Sigriswil
ein Baugesuch ein für die Umnutzung und die Aufstockung des bestehenden
Hotelgebäudes zu einer Physiotherapiepraxis und zu Wohnungen auf Parzelle Sigriswil
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Grundbuchblatt Nr. F._. Gegen das Bauvorhaben erhoben die
Beschwerdeführenden am 24. Februar 2017 Einsprache. Mit Zwischenverfügung vom
9. Oktober 2017 trat das Regierungsstatthalteramt Thun auf die Einsprache der
Beschwerdeführenden nicht ein.
2. Gegen diese Zwischenverfügung reichten die Beschwerdeführenden am 19. Oktober
2017 (Postaufgabe: 20. Oktober 2017) Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen sinngemäss, auf ihre
Einsprache sei einzutreten.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Beschwerdegegnerin in ihrer
Beschwerdeantwort vom 26. Oktober 2017 und das Regierungsstatthalteramt Thun in
seiner Beschwerdevernehmlassung vom 26. Oktober 2017 beantragen die Abweisung der
Beschwerde. Die Gemeinde Sigriswil beantragt in ihrer Stellungnahme vom 15. November
2017 ebenfalls die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf eingetreten werden könne.
4. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in
den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintreten
a) Für die beschwerdeführenden Einsprecher handelt es sich bei der Verfügung des
Regierungsstatthalteramts Thun vom 9. Oktober 2017, wonach auf ihre Einsprache nicht
eingetreten wird, um eine instanzabschliessende Endverfügung. Diese können sie wie den
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
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Bauentscheid selbst innert 30 Tagen mit Baubeschwerde bei der BVE anfechten (Art. 40
Abs. 1 BauG2).3 Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde zuständig.
b) Im Streit um die eigene Verfahrenslegitimation ist eine Person, die sich am Verfahren
beteiligen will, Partei und als Adressatin einer Nichteintretensverfügung formell beschwert.
Sie ist damit zur Anfechtung dieser Verfügung befugt, unbesehen darum, ob sie in der
Sache selber, d.h. im Streit um den Anspruch auf Verfahrensbeteiligung, Erfolg haben
wird.4 Die Beschwerdeführenden sind demzufolge zur Beschwerde legitimiert. Auf die form-
und fristgerecht eingereichte Beschwerde wird eingetreten.
2. Einsprachelegitimation
a) Die Vorinstanz hat das Nichteintreten auf die Einsprache der Beschwerdeführenden
damit begründet, dass bei ihnen keine besondere Betroffenheit bestehe. Die
Beschwerdeführenden stünden nicht als unmittelbare Nachbarn des Baugrundstücks in
einer besonders nahen Beziehung zur Streitsache, insbesondere begründe die
Beeinträchtigung ihrer Aussicht keine Einsprachelegitimation.
Die Beschwerdeführenden machen in ihrer Beschwerde geltend, sie seien trotzdem
legitimiert, wenn sie feststellen würden, dass Baureglementsbestimmungen nicht korrekt
berücksichtigt würden. Sie hätten ein schutzwürdiges Interesse an der Einhaltung des
geltenden Baureglements. Durch die Verletzung der Vorschriften zur zulässigen
Gebäudehöhe werde ein Präzedenzfall geschaffen, den auch andere Grundstücksbesitzer
in der Kernzone von Gunten künftig in Anspruch nehmen könnten. Dadurch werde das
Dorfbild verändert und die dahinter liegenden Liegenschaften entwertet.
Die übrigen Verfahrensbeteiligten machen geltend, bei der Einsprache der
Beschwerdeführenden handle es sich um eine unzulässige Popularbeschwerde. Die
Parzelle der Beschwerdeführenden sei keine Nachbarparzelle der Bauparzelle. Daher
seien die Beschwerdeführenden vom Bauvorhaben nicht mehr als jedermann betroffen.
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0) 3 Vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 49 N. 14 und Art. 61 N. 2 4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 65 N. 6.
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b) Nach Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG sind nur Personen zur Einsprache befugt, welche
durch das Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind.
Nach Lehre und Rechtsprechung ist eine Person in schutzwürdigen Interessen berührt,
wenn sie durch ein Bauvorhaben in höherem Mass als die Allgemeinheit betroffen ist und
zum Streitgegenstand eine besondere Beziehungsnähe hat. Diese Anforderungen grenzen
die Beschwerden betroffener Drittpersonen von der unzulässigen Popularbeschwerde ab.
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts muss die besondere Beziehungsnähe zum
Streitgegenstand bei Bauprojekten insbesondere in räumlicher Hinsicht gegeben sein. In
einer besonders nahen Beziehung zur Streitsache stehen naturgemäss die Nachbarn des
Baugrundstücks. Der Kreis der betroffenen Nachbarschaft kann aber nicht allgemein
festgelegt werden, sondern muss im Einzelfall nach den konkreten Verhältnissen bestimmt
werden. Die Nachbarschaft reicht so weit wie die allfälligen nachteiligen Auswirkungen des
Bauvorhabens. Eine weite Umschreibung des Kreises der beschwerdeberechtigten
Nachbarschaft kann sich daher dort rechtfertigen, wo von einer Baute besonders starke
Emissionen ausgehen. Die mögliche Störung muss aber deutlich wahrnehmbar sein und
objektiv betrachtet als Nachteil empfunden werden. In der Regel zu bejahen ist die
Einsprachebefugnis des Nachbarn, wenn dessen Liegenschaft unmittelbar an das
Baugrundstück angrenzt oder allenfalls nur durch einen Verkehrsträger davon getrennt
wird. Es wird darauf verzichtet, auf bestimmte feste Werte abzustellen. Nach der
bundesgerichtlichen Praxis sind Nachbarn bis im Abstand von etwa 100 m in der Regel zu
Verwaltungsgerichtsbeschwerden gegen Bauvorhaben legitimiert. Allerdings ergibt sich die
Legitimation nicht schon allein aus der räumlichen Nähe, sondern erst aus einer daraus
herrührenden besonderen Betroffenheit.5
c) Die kleinste Distanz zwischen der Parzelle Sigriswil Grundbuchblatt Nr. G._,
an denen die Beschwerdeführenden Stockwerkeigentum besitzen, und der Bauparzelle
beträgt rund 60 m. Die Hauptgebäude auf den beiden Parzellen liegen rund 100 m
voneinander entfernt. Zwischen den beiden Parzellen liegen in dieser Reihenfolge die
H._strasse, die Parzelle Nr. I._ mit dem Wohnhaus H._strasse 4,
die Parzelle Nr. J._ mit dem Wohn- und Geschäftshaus K._strasse 5, die
K._ sowie der L._bach.
5 Vgl. dazu Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 35– 35c N. 16 bis 17a, mit Hinweisen auf die Rechtsprechung
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Rein aufgrund der Distanz scheint somit ein Grenzfall vorzuliegen. Die beiden Gebäude
liegen rund 100 m voneinander entfernt, was gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
in etwa dem Abstand entspricht, bis zu dem in der Regel eine Legitimation bejaht werden
kann. Allerdings setzt diese Rechtsprechung eine wahrnehmbare Nachbarschaft voraus,
was insbesondere dann der Fall ist, wenn zwischen zwei Gebäuden offenes Gelände oder
allenfalls ein Verkehrsträger liegt. Dem ist hier nicht so, zwischen den beiden Gebäuden
liegen zwei Strassen, zwei andere Gebäude und ein Bach. Die beiden Parzellen liegen
somit lediglich in einer gewissen räumlichen Nähe, welche aufgrund der trennenden
Gegebenheiten keine besondere Beziehungsnähe zum Streitgegenstand zu begründen
vermag. Ob vom Gebäude der Beschwerdeführenden Sichtkontakt zum Bauvorhaben
besteht, ist nicht bekannt. Wenn überhaupt, ist das Bauvorhaben von der Liegenschaft der
Beschwerdeführenden jedenfalls nur sehr beschränkt sichtbar. Dementsprechend
beeinträchtigt das Bauvorhaben auch die Aussicht der Beschwerdeführenden, wenn
überhaupt, nur marginal. Vom Bauvorhaben gehen schliesslich auch keine besonders
starken Emissionen aus, die eine weite Umschreibung des Kreises der
beschwerdeberechtigten Nachbarschaft rechtfertigen würde. Demzufolge liegt bei den
Beschwerdeführenden keine besondere Betroffenheit vor, sie sind durch das Bauvorhaben
nicht in höherem Mass als die Allgemeinheit betroffen.
Die Beschwerdeführenden begründen ihre Legitimation in ihrer Beschwerde denn auch
lediglich mit allgemeinen Interessen, insbesondere dem Interesse an der Einhaltung der
baurechtlichen Vorschriften. Inwiefern eine besondere Beziehungsnähe bestehen würde,
legen sie nicht dar. Die Beschwerde erweist sich demzufolge in diesem Punkt als
unbegründet. Die Vorinstanz ist zu Recht nicht auf die Einsprache eingetreten.
d) Anfechtungsobjekt ist die Verfügung der Vorinstanz. Der Streitgegenstand braucht
sich nicht mit dem Anfechtungsobjekt zu decken, kann aber auch nicht über dieses
hinausgehen.6 Angefochten ist eine Zwischenverfügung mit einem
Nichteintretensentscheid. Streitgegenstand ist im vorliegenden Beschwerdeverfahren somit
nur die Frage der Einsprachelegitimation der Beschwerdeführenden. Soweit sich die
Beschwerdeführenden in ihrer Beschwerde inhaltlich zum Bauvorhaben äussern und
entsprechende Anträge stellen, kann daher nicht darauf eingetreten werden. Dies liegt
ausserhalb des Streitgegenstands.
6 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 6 bis 8
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Demzufolge wird die Beschwerde abgewiesen, soweit darauf eingetreten werden kann. Die
angefochtene Zwischenverfügung wird bestätigt.
3. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie haben die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG7). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 600.-- (Art. 103 Abs. 1 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV8). Parteikosten im Sinne des Gesetzes sind keine entstanden (Art. 104 Abs. 1
VRPG). Demzufolge werden keine Parteikosten gesprochen.