Decision ID: e300dc38-8c27-4929-a970-5bf611ed1617
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Adrian Fiechter, Poststrasse 6, Postfach 239,
9443 Widnau,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 6. Oktober 2008, nach einer durch die Stiftung für
berufliche Vorsorge der Arbeitgeberin erfolgten Früherfassungsmeldung, unter Hinweis
auf Schmerzen im linken Fuss zum Bezug einer Rente bei der IV-Stelle des Kantons St.
Gallen an (IV-act. 7-1 ff.).
A.b Am 27. Oktober 2008 erstattete die B._ AG einen Arbeitgeberbericht (IV-act.
18-2 ff.). Darin wurde ausgeführt, dass die Versicherte vom 27. Juli 1998 bis
29. Februar 2008 als Reinigungsangestellte im Pensum von ca. 80 % (IV-act. 18-20)
beim Unternehmen tätig gewesen sei.
A.c Am 19. November 2008 erstattete Dr. med. C._, Facharzt Allgemeinchirurgie
und Traumatologie, vom Operativen Disziplinen Kreuzspital (ODKRZ) des
Kantonsspitals Graubünden, einen Bericht über die gleichentags stattgefundene
Begutachtung der Versicherten (IV-act. 30-3 ff.) und gab Antworten auf Zusatzfragen
der involvierten Krankentaggeldversicherung (IV-act. 30-1 f.). Dr. C._ diagnostizierte
ein generalisiertes Schmerzsyndrom am linken Bein und lumbal links bei Verdacht auf
somatoforme Schmerzstörung, einen Status nach Ausräumung einer gutartigen
Knochenzyste an der Basis Os metatarsale IV links, einen Status nach Trimmen des
Köpfchens Metatarsale III links und Debasierung der Grundphalanx Dig. III bei
aseptischer Nekrose, einen Status nach Revision der Narbe über dem Mittelfuss bei
Verdacht auf Narbenneurom sowie eine Adipositas (IV-act. 30-5) und attestierte eine
medizinisch-theoretisch bestehende volle Arbeitsfähigkeit sowohl in der angestammten
als auch einer adaptierten Tätigkeit. Die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit
lasse sich aufgrund der somatoformen Schmerzstörung mit Selbstlimitierung und
fehlender Motivation zweifelsfrei nicht in die Praxis umsetzen (IV-act. 30-1).
A.d Mit Schreiben vom 11. Februar 2009 bejahte die IV-Stelle den Anspruch der
Versicherten auf Arbeitsvermittlung (IV-act. 36-1 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.e Am 15. November 2009 erstattete Hausarzt Dr. med. D._, Facharzt
Allgemeinmedizin FMH, zuhanden der IV-Stelle einen Arztbericht. Bezüglich Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit verwies Dr. D._ (mit Ausnahme der Diagnose
einer Adipositas) auf die seinem Bericht beigelegten Arztatteste von Dr. med. E._
vom 3. April 2009 (IV-act 48-5 f.), des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) vom 24. Juni
2009 (IV-act. 48-7 f.), vom 10. Juli 2009 (IV-act. 48-9 f.), vom 30. September 2008 (IV-
act. 48-13 f.) und vom 28. August 2008 (IV-act. 48-15 f.), des Psychiatrie-Zentrums
F._ vom 19. Oktober 2009 (IV-act. 48-11) sowie des ODKRZ vom 19. November 2008
(IV-act. 48-17 ff.) und attestierte eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt
ausgeübten Tätigkeit ab 1. Juli 2009 (IV-act. 48-1 ff.).
A.f Dr. med. G._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) hielt am
28. November 2009 in einer Stellungnahme fest, dass es etwa im Februar 2009 zu einer
Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Versicherten im Sinne einer Zunahme
der Schmerzen am Bewegungsapparat gekommen sei. Seit Anfang Oktober 2009
stehe sie zudem in psychiatrischer Behandlung. Es müsse davon ausgegangen
werden, dass noch ein instabiler Gesundheitszustand vorliege; die depressive Störung
werde erst seit zwei Monaten behandelt, so dass sich die entsprechenden
Auswirkungen noch nicht zeigten (IV-act. 49-2).
A.g Am 18. Januar 2010 erstatteten Dr. med. H._, Spitalfachärztin, und Dr. med.
I._ Oberarzt des Psychiatrie-Zentrums F._, einen Bericht. Darin wurden als
psychiatrische Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine mittelgradige
depressive Episode (ICD-10 F32.1) sowie der Verdacht auf eine somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) genannt. Aus psychiatrischer Sicht bestehe eine volle
Arbeitsunfähigkeit, wobei jedoch noch nicht alle therapeutischen und medikamentösen
Massnahmen ausgeschöpft seien (IV-act. 51-3 ff.).
A.h Dr. G._ vom RAD hielt am 26. Januar 2010 in einer Stellungnahme fest, unter
den gegebenen Umständen sei es gerechtfertigt, von einem instabilen Gesundheits
zustand auszugehen; zum aktuellen Zeitpunkt müsse von einer vollständigen
Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit ausgegangen werden (IV-act. 52-2).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.i Mit Vorbescheid vom 8. März 2010 (IV-act. 55-1 f.) stellte die IV-Stelle die
Ablehnung des Leistungsbegehrens der Versicherten auf berufliche Massnahmen in
Aussicht. Mit Verfügung vom 3. Mai 2010 (IV-act. 59-1 f.) verfügte sie entsprechend.
A.j Am 18. Juli 2010 erstattete Dr. D._ zuhanden der IV-Stelle einen
Verlaufsbericht. Er diagnostizierte eine Gonarthrose links, chronische
Fussbeschwerden links nach Fussoperation, ein lumboradikuläres Schmerzsyndrom
links und eine Adipositas; der Gesundheitszustand sei stationär, eine Änderung der
Diagnosen habe sich nicht ergeben (IV-act. 61-1 ff.).
A.k Am 2. August 2010 erstatteten die Ärzte des Psychiatrie-Zentrums F._ einen
Verlaufsbericht. Darin wurden als psychiatrische Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit eine mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom
(ICD-10 F32.11), bestehend seit Frühjahr 2009, sowie der Verdacht auf eine
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) genannt und eine ungünstige Prognose
gestellt. Der Gesundheitszustand sei stationär (IV-act. 62-1 ff.).
A.l Im Auftrag der IV-Stelle erstattete das Medizinische Center K._ am 24. Januar
2011 ein interdisziplinäres (rheumatologisch-orthopädisches/psychiatrisches)
Gutachten mit Untersuchungsdaten 12. und 29. Oktober 2010 (IV-act. 68-1 ff.). Die
Gutachter diagnostizierten mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein CRPS II des linken
Fusses seit 2008 (chronifiziertes Schmerzsyndrom), ein lumbospondylogenes bis
lumboradikuläres Schmerzsyndrom links und eine leichte depressive Episode (IV-act.
68-2 f.). Sie attestierten eine maximale Arbeitsfähigkeit von vier Stunden pro Tag in
einer adaptierten Tätigkeit (IV-act. 68-7).
A.m In einer Aktennotiz vom 4. Februar 2011 wurde von Dr. med. J._ des RAD
ausgeführt, dass auf die Begutachtung vom Januar 2011 vollumfänglich abgestützt
werden könne. Das Gutachten sei umfassend, konsistent, nachvollziehbar und in sich
widerspruchsfrei; die konsensuelle Zusammenfassung zu Beginn des Gutachtens fasse
die Erkenntnisse der Einzelgutachten sehr gut zusammen (IV-act. 69-2).
A.n Im Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt gab die
Versicherte am 16. März 2011 an, ausser ganz leichten Arbeiten verrichteten ihr
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ehemann und/oder ihr Sohn sämtliche Tätigkeiten im Haushalt. Ohne Behinderung
würde sie aktuell eine Erwerbstätigkeit im Ausmass von 100 % ausüben (IV-act. 82-1
ff.).
A.o Mit Vorbescheid vom 23. März 2011 stellte die IV-Stelle der Versicherten ab
1. Februar 2010 die Zusprache einer Viertelsrente in Aussicht (IV-act. 84-1 ff.). Der
Invaliditätsgrad betrage 48 % (Valideneinkommen: Fr. 48'664.--, Invalideneinkommen:
Fr. 25'549.--).
A.p Die Versicherte liess am 13. Mai 2011 Einwand gegen den Vorbescheid erheben
und beantragen, der Vorbescheid sei abzuändern und ihr sei mit Wirkung ab 1. Februar
2010 eine ganze IV-Rente zuzusprechen (IV-act. 88-1 ff.). Auch die Stiftung für Beruf
liche Vorsorge der Arbeitgeberin erhob am 7. April 2011 Einwand. Sie bemängelte die
Festsetzung des Beginns des Wartejahrs (IV-act. 87).
A.q Mit Verfügungen vom 27. Juni 2011 (IV-act. 95-2 f.) und 8. Juli 2011 (IV-act. 96-2
f.) sprach die IV-Stelle der Versicherten ab 1. Februar 2010 eine Viertelsrente bei einem
Invaliditätsgrad von 48 % zu (Verfügungsteil 2, IV-act. 89-1 ff.).
B.
B.a Gegen die Verfügungen vom 27. Juni 2011 und 8. Juli 2011 richten sich die von
Rechtsanwalt lic.iur. Adrian Fiechter für die Versicherte am 29. August 2011 und
9. September 2011 erhobenen Beschwerden (act. G 1 und G 4). In diesen wird
beantragt, die angefochtenen Verfügungen seien aufzuheben und der
Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Februar 2010 eine ganze Rente zuzusprechen.
Eventualiter seien die Verfügungen aufzuheben und der Beschwerdeführerin sei eine
Dreiviertelsrente zuzusprechen. In den Beschwerdebegründungen wird zur Hauptsache
ausgeführt, es dürfe für die Entscheidung über die Invalidität der Beschwerdeführerin
nicht auf das rheumatisch-orthopädische Teil(Gutachten) des Medizinischen Centers
K._ abgestützt werden, da dieses Gutachten mehrere Fehler aufweise. Insbesondere
seien die Akten nicht vollständig und inhaltlich nicht korrekt, da die Zeugnisse von Dr.
D._ bestens über die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin Auskunft gäben und
die Zeugnisse im Gutachten nicht erwähnt würden. Auch würden keine Literaturstellen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angegeben; im rheumatologisch-orthopädischen Gutachten habe zudem kein
professioneller Dolmetscher mitgewirkt. Das psychiatrische Teilgutachten sei im
Weiteren nicht schlüssig und nachvollziehbar, da keine Verbesserung der psychischen
Zustandes erfolgen könne, solange die Schmerzen nicht nachgelassen hätten. Folglich
könne bezüglich der Frage der Arbeitsfähigkeit nicht auf das interdisziplinäre
Gutachten vom 24. Januar 2011 verwiesen werden. Deswegen müsse auf die
Einschätzung des Hausarztes abgestützt werden. Gemäss Dr. D._ bestehe aktuell
eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von über 70 %. Im Zusammenhang mit der
Diagnose einer somatoformen Schmerzstörung würden sodann auf die
Beschwerdeführerin gleich alle Kriterien bezüglich Unzumutbarkeit der
Willensanstrengung zutreffen. Daher seien die Voraussetzungen für eine zumutbare
Willensanstrengung zu verneinen. Demnach begründe die somatoforme
Schmerzstörung eine Invalidität. Im Weiteren ergäbe der Einkommensvergleich
aufgrund der Tatsache, dass die Beschwerdeführerin zu 100 % arbeitsunfähig sei und
somit kein Invalideneinkommen erzielen könne, eine Erwerbseinbusse von 100 %. Die
Beschwerdeführerin habe somit seit 1. Februar 2010 Anspruch auf eine ganze IV-
Rente. Für den Fall, dass von einer Restarbeitsfähigkeit von 50 % ausgegangen würde,
lässt die Beschwerdeführerin festhalten, eine weibliche Person in ihrem Alter verdiene
im Raum Ostschweiz für eine 50 %ige Überwachungs- bzw. Kontrollarbeit gemäss
dem Lohnrechner des Bundesamts für Statistik durchschnittlich Fr. 22'984.-- pro Jahr.
Schliesslich sei aufgrund der gesamten Betrachtung der erwähnten
einkommensbeeinflussenden Merkmale sowie der konkreten Situation, insbesondere
der physischen sowie psychischen Einschränkungen, ein leidensbedingter Abzug im
Umfang von 25 % ihres Invalideneinkommens gerechtfertigt. Bei einem
Valideneinkommen von Fr. 48'664.-- und einem Invalideneinkommen von Fr. 17'238.--
(Fr. 1'768.-- x 13 ./. 25 %) ergäbe sich ein Invaliditätsgrad von 64 % und somit ein
Anspruch auf eine Dreiviertelsrente.
B.b In der Beschwerdeantwort vom 21. Oktober 2011 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verweist sie im
Wesentlichen auf die Verfügungsbegründung. Ergänzend wurde angefügt, dass bei den
erwähnten Zeugnissen des Hausarztes Dr. D._ ausschliesslich mittels Formular ohne
weitere Begründung und Ausführungen eine 100 %ige Arbeitsunfähigkeit bestätigt
worden sei. Bei den von der Beschwerdegegnerin eingeholten Verlaufsberichten sei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arzt nicht ausführlicher gewesen. Zudem hätten sowohl der rheumatologisch-
orthopädische als auch der psychiatrische Gutachter nachvollziehbare Aussagen zu
den früheren ärztlichen Einschätzungen auch der anderen Behandler gemacht, der
RAD sei am 4. Februar 2011 im Übrigen zum selben Schluss gekommen. Überdies sei
die in der Beschwerde ebenfalls noch ins Feld geführte somatoforme Schmerzstörung
gar nicht diagnostiziert worden. Folglich sei keinerlei Anlass gegeben, an den von den
Gutachtern gemachten Einschätzungen zu zweifeln. Bezüglich der Sprachprobleme sei
einerseits davon auszugehen, dass die Gutachter erwähnen würden, wenn
Verständigungsprobleme bestünden, und sie im Notfall die Begutachtung abbrechen
würden. Zum anderen sei bei beiden Begutachtungen gedolmetscht worden. Ob es
sich dabei um den Ehemann oder einen Dolmetscher gehandelt habe, spiele
grundsätzlich keine Rolle. Überdies sei in der Beschwerde nicht dargetan worden,
welche konkreten Missverständnisse sich aufgrund allfälliger
Verständigungsschwierigkeiten trotz Dolmetscher ergeben hätten sollen, die zudem
auch noch die Einschätzung der Gutachter als unzutreffend erscheinen lassen würden
(act. G 6).
B.c In der Replik vom 16. November 2011 hält die Beschwerdeführerin an ihren
Anträgen fest. Dr. D._ kenne die Beschwerdeführerin und ihren Krankheitsverlauf
bestens. Er schreibe seit 2008 für sie zeitlich ununterbrochen diverse Arztzeugnisse.
Seit dem 1. Februar 2009 attestiere er der Beschwerdeführerin eine 100 %ige
Arbeitsunfähigkeit. Diese Wiederholung der Arztzeugnisse spreche für sich. Die
somatoforme Schmerzstörung sei von den Ärzten des Psychiatrie-Zentrums F._, vom
RAD sowie im rheumatologisch-orthopädischen Gutachten diagnostiziert worden.
Weiter sei zu erwähnen, dass Dr. C._ bereits im Jahr 2008 der Meinung gewesen sei,
dass die Beschwerdeführerin unter einer somatoformen Schmerzstörung leide.
Deswegen sei sie auch in die interdisziplinäre Schmerzsprechstunde überwiesen
worden. Indem der RAD selber einen Verdacht auf eine somatoforme Schmerzstörung
eingestehe, gleichzeitig diesbezüglich eine schlechte Prognose stelle und auch Dr.
C._ diese Diagnose im Jahr 2008 gestellt habe, sei davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin immer noch unter einer somatoformen Schmerzstörung leide. Im
Weiteren habe der Ehegatte der Beschwerdeführerin unvorbereitet und überraschend
mit seinen spärlichen Deutschkenntnissen übersetzt. Aufgrund dessen müsse davon
ausgegangen werden, dass die Übersetzung nicht korrekt gewesen sei bzw. die Fragen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
falsch verstanden worden seien. Indem ein Verwandter der Beschwerdeführerin mit
spärlichen Deutschkenntnissen als Übersetzer fungiert habe, sei ein formeller Fehler
begangen worden. Folglich sei das rheumatologisch-orthopädische Gutachten
unkorrekt und dürfe nicht als Beweismittel dienen. Indem sodann beide Gutachter die
Arztzeugnisse von Dr. D._ weder erwähnt noch dazu Stellung genommen hätten,
hätten sie das Kriterium der Vollständigkeit eines Gutachtens verletzt. Demnach sei die
Aktenzusammenfassung bzw. die medizinische Anamnese inhaltlich nicht korrekt und
unvollständig. Auch das Fehlen von Literaturangaben sei ein Indiz für ein mangelhaftes
Gutachten. Die Beschwerdeführerin habe schliesslich seit dem 1. Februar 2010
Anspruch auf eine ganze IV-Rente, da sie auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit zu
100 % arbeitsunfähig sei (act. G 8).
B.d In der Folge verzichtete die Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom
22. November 2011 auf eine Duplik (act. G 10).
B.e Am 4. Juli 2013 (act. G 12) kündigte die zuständige Verfahrensleiterin dem
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin eine nach einer allfälligen Rückweisung und
weiteren Abklärungen mögliche Schlechterstellung (reformatio in peius) an und bot ihm
Gelegenheit zum Beschwerderückzug. Davon machte die Beschwerdeführerin keinen
Gebrauch (Schreiben vom 23. August 2013, act. G 13).

Erwägungen:
1.
Der Verfügung vom 8. Juli 2011 kommt im Vergleich zur angefochtenen Verfügung vom
27. Juni 2011 keine eigenständige Bedeutung zu. Beide Verfügungen sind rechtlich als
Einheit zu betrachten: Sie sprechen der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Februar
2010 bzw. ab 1. Juli 2011 eine Viertelsrente zu. Zu beurteilen ist vorliegend insgesamt,
ob und gegebenenfalls ab wann die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine IV-Rente
hat.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 1. Januar 2012 sind die im Zug des ersten Teils der 6. Revision revidierten
Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20),
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) in Kraft getreten. In materiell-rechtlicher Hinsicht gilt der übergangsrechtliche
Grundsatz, dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zugrunde zu legen sind, die bei
Erlass des angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben,
als sich der zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklichte (vgl.
BGE 127 V 467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die Beschwerdegegnerin hat
die angefochtenen Verfügungen am 27. Juni 2011 und 8. Juli 2011 (IV-act. 95-2 f. und
96-2 f.) und somit vor Inkrafttreten der IV-Revision 6a erlassen. Gemäss
übergangsrechtlichem Grundsatz werden nachfolgend die zum Zeitpunkt des
Verfügungserlasses anwendbaren Bestimmungen wiedergegeben.
3.
3.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 ATSG). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen
Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und
demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung
des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Die Rechtsprechung hat es mit dem
Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte
Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung
aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten, die aufgrund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb). Im
Grundsatzurteil BGE 137 V 210 hat das Bundesgericht zur Beschaffung medizinischer
Entscheidungsgrundlagen durch externe Begutachtungsinstitute wie die MEDAS in der
Invalidenversicherung Stellung genommen und diese – wie bereits früher (vgl. statt
vieler Urteil des Bundesgerichts 9C_500/2009 vom 24. Juni 2009, E. 2.1 mit Hinweis) –
als verfassungs- und konventionskonform erklärt.
4.
4.1 In medizinischer Sicht stützte sich die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen
Verfügung vom 27. Juni 2011 auf das interdisziplinäre Gutachten des Medizinischen
Centers K._ vom 24. Januar 2011 (IV-act. 68-1 ff.). Die Beschwerdeführerin erachtet
dieses aus verschiedenen Gründen als nicht beweistauglich.
4.2 Im interdisziplinären Gutachten vom 24. Januar 2011 (IV-act. 68-1 f.) ist
ausgeführt worden, dass der Beschwerdeführerin in einer adaptierten Tätigkeit eine
maximale Arbeitsfähigkeit von vier Stunden pro Tag zumutbar wäre. Bei der optimal
leidensadaptierten Tätigkeit sollte es sich um eine wechselbelastende und vor allem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sitzende Arbeit handeln, damit die Restressourcen aktiviert werden könnten. Die
Beschwerdeführerin habe eine normale manuelle Funktion, die ihr erlauben würde,
gewisse Kontrollfunktionen auszuüben (IV-act. 68-7).
4.3 Im rheumatologisch-orthopädischen Gutachten vom 1. November 2010 (IV-act.
68-12 ff.) hat der Gutachter Dr. med. L._, Facharzt für Rheumatologie, unter anderem
berichtet, die Beschwerdeführerin wirke apathisch, in der Untersuchung deutlich
inkonsistent mit Gegenhalten und Differenzen bei der Beweglichkeit z.B. der
Halswirbelsäule und der Handkraft. Im Wirbelsäulenstatus bestehe eine fast nahezu
aufgehobene Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule mit einem Schober von 10/10 cm,
der Finger-Bodenabstand betrage 59 cm. Die Brust- und Halswirbelsäule sei ebenfalls
um mindestens 2/3 (subjektiv) eingeschränkt mit einem Kinn-Sternumabstand 5/14, 5
cm. Beim Adson Versuch sei die Rotation plötzlich von 20 Grad resp. 30 Grad auf über
50 Grad beidseits möglich. Die tonische Muskulatur sei diffus im Schulter- und
Beckengürtelbereich sowie an der Wirbelsäule linksbetont, schmerzhaft und leicht bis
mittelgradig hyperton. Im Gelenkstatus bestehe eine ausgesprochene Kettentendinose
im linken Beim bei einer leicht schmerzhaft eingeschränkten Beweglichkeit im linken
Kniegelenk von Flexion und Extension von 115-10-0 Grad. Auch das linke
Schultergelenk sowie die Handkraft, Spitzgriff links, seien bezüglich Jobe- und
Supraspinatuswiderstandstest eher auffällig. Der linke Fuss zeige eine deutlich erhöhte
Berührungsdolenz mit elektrisierendem einschiessendem Schmerz. Gänslen links sei
deutlich positiv mit Spreizfuss beidseits, jedoch optisch kompensiert. Das Kolorit des
linken Fusses sei eher livid gegenüber rechts, die Temperatur eher herabgesetzt
gegenüber rechts. Insgesamt müsse von einem dystrophen linken Fuss gesprochen
werden. Im Neurostatus bestehe im Übrigen ein deutliches Entlastungshinken links,
indem die Beschwerdeführerin nur den lateralen Fussrand belaste und kein eigentliches
Abrollen erfolge. Der Zehenspitzen- und Fersengang links sei nicht möglich. Die
Beschwerdeführerin gebe diffuse Hyposensibilitäten in der gesamten linken
Körperhälfte inklusiv Gesicht an (IV-act. 68-31 f.). Der Gutachter hat nicht erläutert,
welche Schlussfolgerungen er aufgrund der von ihm erwähnten Inkonsistenzen
gezogen bzw. was er daraus betreffend Arbeitsfähigkeit abgeleitet hat. Sodann hat der
Gutachter zur Frage nach der Arbeitsunfähigkeit in einer dem Leiden ideal angepassten
adaptierten Tätigkeiten ausgeführt, dass bei der Restbelastbarkeit der unteren rechten
Extremität resp. der oberen rechten Extremität ohne die Möglichkeit, längerdauernd
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sitzen zu können, keine Definition einer adaptierten Tätigkeit möglich sei (IV-act.
68-34). Diese Bemerkung lässt darauf schliessen, dass der Gutachter die
Arbeitsfähigkeit als vollumfänglich aufgehoben betrachtet hat. Im Weiteren hat er in
seiner Stellungnahme zur Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin sinngemäss
Folgendes festgehalten: Ausgehend davon, dass die Beschwerdeführerin die
Möglichkeit, in einer adaptierten Tätigkeit erneut erwerbstätig zu sein, intellektuell nicht
nachvollziehen könne, müsse die von ihr formulierte Unmöglichkeit der Ausübung auch
einer adaptierten Tätigkeit verständlicherweise übernommen werden (IV-act. 68-34).
Mithin hat der Gutachter offenbar die Selbsteinschätzung der Beschwerdeführerin, es
bestehe eine volle Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit, für zutreffend erachtet. In
seiner Stellungnahme zu früheren fachärztlichen Beurteilungen und Einschätzungen hat
er zudem ausgeführt, die Beurteilung sowohl des Hausarztes wie auch der Psychiater
(welche von einer 100 %igen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen sind, IV-act. 48-2, 51-4,
62-5) müsse wahrscheinlich so übernommen werden (IV-act. 68-35). Schliesslich hat
der Gutachter zur Frage nach medizinischen / beruflichen Massnahmen aus
rheumatologischer Sicht festgehalten, dass solche Massnahmen keinen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit haben würden (IV-act. 68-35). Daraus ist zu schliessen, dass der
Gutachter nur noch arbeitsfähigkeitsirrelevante Verbesserungen des somatischen
Gesundheitszustandes für möglich erachtet hat.
4.4 Vor diesem Hintergrund ist mithin nicht nachvollziehbar, wieso Dr. L._ - im
Widerspruch zu den erwähnten Ausführungen im rheumatologisch-orthopädischen
Gutachten gemäss E. 4.3 - die im interdisziplinären Gesamtgutachten attestierte
Arbeitsfähigkeit von vier Stunden täglich in einer adaptierten Tätigkeit sowie die
Aussage, die aus somatischer Sicht erfolgte Beurteilung der Arbeitsfähigkeit stehe in
einem Widerspruch zur Beurteilung des Hausarztes und der Beschwerdeführerin (IV-
act. 68-7), ohne weitere Begründung unterzeichnet hat (IV-act. 68-11). Diesbezüglich
wäre zumindest eine Stellungnahme von Dr. L._ angezeigt gewesen.
5.
Bei dieser widersprüchlichen sowie unklaren medizinischen Aktenlage war zum
Verfügungszeitpunkt im Juni 2011 nicht rechtsgenüglich belegt, dass eine gutachterlich
attestierte Arbeitsunfähigkeit von 50 % bestanden hat. Die Invaliditätsbemessung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin, die sich auf eine nicht hinlänglich bewiesene
Arbeitsfähigkeitsschätzung stützt, ist folglich nicht gesetzmässig.
6.
6.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 27. Juni 2011 insofern gutzuheissen, als die Sache zur
ergänzenden medizinischen Abklärung im Sinne der Erwägungen und zur
anschliessenden neuen Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
6.2 Eine Rückweisung an die Beschwerdegegnerin zur weiteren Abklärung stellt
praxisgemäss aus prozessualer Sicht ein vollständiges Obsiegen dar (vgl. SVR 1995 IV
Nr. 51 S. 143; ZAK 1987 S. 266 E. 5a).
6.3 Bei diesem Verfahrensausgang rechtfertigt es sich, der Beschwerdegegnerin die
Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1000.-- festgelegt werden (Art. 69 Abs. 1 IVG),
gesamthaft aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP/SG). Eine Gerichtsgebühr von
Fr. 600.-- erscheint als angemessen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist
der Beschwerdeführerin zurückzuerstatten.
6.4 Die Beschwerdeführerin hat Anspruch auf eine Parteientschädigung, die vom
Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und
nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch
Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat am
25. September 2013 eine Kostennote über den Betrag von total Fr. 4'352.40
eingereicht. Dieser liegt ein Aufwand von 15.5 Stunden zugrunde, der jedoch nicht
detailliert und für das Gericht nachvollziehbar aufgeschlüsselt ist. In Bezug auf die sich
stellenden Fragen in rechtlicher und sachverhaltlicher Hinsicht ist der Fall insgesamt
nicht überdurchschnittlich kompliziert oder aufwändig. Daher erscheint das
praxisgemäss in vergleichbaren Fällen übliche Honorar von pauschal Fr. 3'500.-
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP