Decision ID: b1acbb8e-0f04-4c49-9aea-c55a204d9b4e
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer am 30. März
2017 sein Heimatland. Am 8. Oktober 2017 reiste er in die Schweiz ein und
stellte am 10. Oktober 2017 ein Asylgesuch.
B.
Am 17. Oktober 2017 wurde der Beschwerdeführer im Empfangs- und Ver-
fahrenszentrum (EVZ) B._ zu seiner Person, seinem Reiseweg und
summarisch zu seinen Asylgründen befragt (BzP).
Im Wesentlichen führte er dabei hinsichtlich seiner Asylgründe aus, er sei
während vierzehn Jahren Mitglied der Sepah-e-Pasdaran (iranische Revo-
lutionsgarde [nachfolgend: Sepah)] gewesen. Danach sei er entlassen
worden, weil er sich nicht habe anpassen wollen. Wegen seiner politischen
regimekritischen Aktivitäten sei er sodann insgesamt zu einer Freiheits-
strafe von fünf Jahren und drei Monaten verurteilt worden. An Newroz 2017
habe er von einem Freund erfahren, dass er auf einer Todesliste stehe,
weil er über Geheiminformationen verfüge, und hingerichtet werden solle.
C.
Mit Eingabe vom 9. November 2017 teilte die damalige Rechtsvertretung
des Beschwerdeführers dem SEM ihre Mandatierung verbunden mit der
Bitte mit, baldmöglichst einen Termin zur Anhörung zu den Asylgründen
anzusetzen.
D.
Mit Eingaben vom 19. April 2018 und vom 11. September 2018 informierte
der Beschwerdeführer das SEM, er sei bei seinen Familienangehörigen im
Iran vom Ettelaat gesucht worden respektive dass seine Schwester wegen
ihm ihre Arbeitsstelle verloren habe.
E.
E.a Am 25. März 2019 fand die Anhörung zu den Asylgründen statt. Am
14. Mai 2019 fand eine ergänzende Anhörung statt.
E.b Hinsichtlich seiner Biographie machte der Beschwerdeführer zusam-
menfassend geltend, er sei kurdischer Ethnie und in C._, in der Pro-
vinz Kordestan, geboren und aufgewachsen. Er habe 2006 geheiratet und
sich 2009 scheiden lassen. Er habe keine Kinder. Nachdem er die Matura
bestanden habe, sei er von der Sepah ausgebildet worden und in der Folge
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von 1991 bis 2004 bei der Sepah angestellt gewesen. Er habe unter ande-
rem bei der Aufdeckung von Korruption und Schmuggelgeschäften mitge-
wirkt und sei bis zum Offiziersrang befördert worden. In religiöser Hinsicht
sei er zwar Sunnit, bezeichne sich selber jedoch als Atheist.
E.c Zu seinen Asylgründen führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen
aus, er habe 2004 nicht mehr für die Sepah arbeiten wollen, da er gesehen
habe, wie diese gewalttätig gegen die Kurden vorgehe. Auch habe er mehr-
mals die (religiösen) Vorschriften nicht eingehalten. Nach dem Entschluss,
die Sepah zu verlassen, sei er während rund sechs Monaten untergetaucht
und habe sich später freiwillig der Staatsanwaltschaft gestellt, welche ihn
in der Folge zu einer Geldstrafe verurteilt habe. Diese habe er beglichen
und er sei davon ausgegangen, dass damit seine Zeit bei der Sepah abge-
schlossen sei. Zu Winterbeginn 2006 sei er von Mitarbeitenden der Sepah
entführt, danach während mehreren Monaten – bis im Jahr 2007/2008 –
festgehalten, verhört und misshandelt worden. Schliesslich habe man ihn
zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, welche er vom 21. Juni 2009 bis
am 7. August 2013 verbüsst habe. Schliesslich sei er auf Kaution freige-
lassen worden, weil er in den letzten Wochen seiner Haft unter Zwang zu-
gestimmt habe, im Irak respektive der Autonomen Region Kurdistan (ARK)
eine Tarnfirma für die Sepah aufzubauen. Man habe ihm erklärt, das Ziel
dieser geheimen Aktion sei es, islamistische Gruppierungen zu infiltrieren.
Der wirkliche Zweck sei jedoch gewesen, Kader der demokratischen Partei
Kurdistans ausfindig zu machen und gegen diese vorzugehen. Da er als
Kurde nicht hinter diesem Vorhaben habe stehen können, sei er im Winter
2016/2017 in den Iran zurückgekehrt. An Newroz 2017 habe er von einem
Freund, welcher beim Ettelaat gearbeitet habe, erfahren, dass er (der Be-
schwerdeführer) gesucht werde und auf der Taswiyeh-Liste (sogenannte
Säuberungs- respektive Todesliste) stehe. Aus diesem Grund habe er sich
entschlossen, den Iran über die ARK zu verlassen.
E.d Folgende Beweismittel liegen bei den Akten:
- Alte und neue Shenasname (Geburtsurkunde);
- Führerschein;
- Identitätskarte;
- Kopie Residential Card aus dem Irak;
- Personal-/Dienstausweis;
- Militärausweis der iranischen Revolutionsgarde;
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- Diverse Nachweise von Aus- und Weiterbildungen des Beschwerdefüh-
rers bei der Revolutionsgarde;
- Diverse Lohnabrechnungen sowie eine Spesenabrechnung;
- Fünf Dienstbestätigungen für die Dienstperioden 19. September 1995
bis 21. August 2004;
- Entlassungsschreiben der iranischen Revolutionsgarde vom 23. Okto-
ber 2006;
- Kopie Dienstbefehl vom 5. Juni 1996;
- Bestätigung der Basiji zur Absolvierung eines Studiums;
- Diverse Fotos;
- Kopie eines «Bestrafungsanordnungformulars» vom 3. November
2001;
- Verlegungsantrag an den zuständigen Generalkommandanten vom
29. November 2000;
- Zwei Berichte an den Generalkommandanten über das Fehlverhalten
des Beschwerdeführers;
- Zwei Aufforderungen zur Meldepflicht bei der Disziplinarabteilung;
- Urteil Nr. (...) vom 27. September 2006 zu einer Geldstrafe;
- Bestätigung des Urteils Nr. (...) vom 27. September 2006 durch die Mi-
litärstaatsanwaltschaft;
- Unvollständige Bestätigung eines Gefängnisaufenthalts den Be-
schwerdeführer betreffend;
- Vorladung des öffentlichen Strafgerichts D._ vom 4. Oktober
2011;
- Kopien von Auszügen aus einer Fernsehsendung.
F.
Mit Eingaben vom 21. Juni 2019, 2. August 2019 und 27. April 2020 liess
der Beschwerdeführer durch seine damalige Rechtsvertretung mitteilen,
dass einige seiner im Iran lebenden Familienangehörigen wegen ihm vom
Ettelaat befragt worden seien.
G.
Mit Verfügung vom 9. Juli 2020 – eröffnet am 10. Juli 2020 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
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lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
sowie deren Vollzug.
H.
Der Beschwerdeführer focht mit Eingabe vom 4. August 2020 (Datum Post-
stempel) die vorinstanzliche Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht an
und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuheben, er sei als
Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren. Eventualiter bean-
tragte er, es sei die Unzulässigkeit respektive die Unzumutbarkeit des Voll-
zugs der Wegweisung festzustellen, ihm sei die vorläufige Aufnahme zu
erteilen sowie, subeventualiter die Sache zur erneuten Beurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er
die unentgeltliche Prozessführung, den Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses und die Einsetzung einer amtlichen Rechtsverbeistän-
dung.
Der Beschwerde wurden eine Kopie der angefochtenen Verfügung, eine
Fürsorgebestätigung vom 3. August 2020 und zwei Kurzberichte der Hilfs-
werksvertretung (HWV) beigelegt.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 12. August 2020 wurde das Gesuch um un-
entgeltliche Prozessführung gutgeheissen und der Beschwerdeführer auf-
gefordert bekanntzugeben, welche Rechtsvertretung ihm amtlich beigeord-
net werden soll.
J.
Mit Eingabe vom 17. August 2020 teilte die rubrizierte Rechtsvertretung
ihre Mandatsübernahme mit.
K.
Mit Verfügung vom 20. August 2020 wurde die rubrizierte Rechtsvertreterin
als amtliche Rechtsverbeiständung des Beschwerdeführers eingesetzt.
Gleichzeitig wurde die Vorinstanz zur Vernehmlassung eingeladen.
L.
In ihrer Stellungnahme vom 2. September 2020 hielt die Vorinstanz vollum-
fänglich an ihren Erwägungen fest.
M.
Am 3. September 2020 wurde dem Beschwerdeführer die Vernehmlassung
zur Kenntnisnahme zugestellt.
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Seite 6
N.
Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren auf die
im Rubrum aufgeführte vorsitzende Richterin umgeteilt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bun-
desverwaltungsgericht (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesge-
setzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG,
SR 172.021). Das SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist
daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachge-
biet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das
Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vor-
liegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgül-
tig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor
welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asyl-
gesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des
Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht [BGG,
SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig ent-
scheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmungen gilt für das
vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist somit einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
behandeln sind, da sie allenfalls geeignet sein könnten, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ander-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht der Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1
S. 293; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten
Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
3.3 Der Beschwerdeführer monierte, dass es anlässlich seiner beiden An-
hörungen mehrfach zu Problemen mit der Übersetzung des Dolmetschers
des SEM gekommen sei und dieser häufig nicht korrekt übersetzt habe.
Diese Übersetzungsschwierigkeiten seien in den Anhörungsprotokollen
und im Kurzbericht der HWV festgehalten worden.
3.4 Zur Rüge des Beschwerdeführers, dass anlässlich der Befragungen
eine Übersetzungsperson mit mangelnden Fähigkeiten anwesend gewe-
sen sein soll, weshalb sich oft unkorrekte und unklare Übersetzungen er-
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geben hätten, ist festzustellen, dass der ebenfalls anwesende Vertrauens-
dolmetscher des Beschwerdeführers zwar zahlreiche Anmerkungen und
Ergänzungen während den beiden Anhörungen sowie bei der Rücküber-
setzung protokollieren liess. Dabei handelt es sich jedoch – wie von der
Vorinstanz vorgebracht – hauptsächlich um Korrekturen von synonymen
oder ähnlichen Begriffen, welche vom SEM-Dolmetscher verwendet wor-
den waren. Daraus ist nicht ersichtlich, dass die Korrekturen des Vertrau-
ensdolmetschers zu einem anderen inhaltlichen Ergebnis geführt hätten.
Diese sind sodann durch das SEM berücksichtigt worden. Aus den weite-
ren zahlreichen Anmerkungen geht hervor, dass es sich vielmehr um per-
sönliche Interpretationen des Vertrauensdolmetschers als um tatsächlich
falsche oder ungenaue Übersetzungen gehandelt haben muss (vgl. etwa
A30/17, F25 [S. 8-11]; A34/21, F52, F58, F71, F82, F92). Schliesslich ist
darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer durch seine Unterschrift
auf den Protokollen die Richtigkeit des Inhalts bestätigte und zudem die
Gelegenheit wahrgenommen hat, während der Rückübersetzungen An-
merkungen anzubringen, welche ins Protokoll aufgenommen wurden.
Zusammenfassend ist deshalb festzustellen, dass keine Verletzung der
Verfahrensrechte des Beschwerdeführers ersichtlich ist. Die Rüge geht so-
mit fehl.
4.
4.1 Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet die Frage, ob die
Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
verneinte und sein Asylgesuch abgelehnt hat.
4.2 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Seite 9
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Entscheid im Wesentli-
chen damit, dass die Schilderungen des Beschwerdeführers zu seinen gel-
tend gemachten Fluchtgründen teilweise widersprüchlich und unsubstan-
ziiert ausgefallen seien und somit insgesamt den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit im Sinne von Art. 7 AsylG nicht genügen würden.
In der ersten Anhörung habe er angegeben, nach seiner langjährigen In-
haftierung von der Sepah gezwungen worden zu sein, eine Tarnfirma
zwecks Aufklärung islamistischer Zellen im Irak aufzubauen. Da der eigent-
liche Zweck dieser Firma jedoch zum Ziel gehabt habe, gegen kurdische
Kader der demokratischen Partei vorzugehen, habe er den Irak verlassen.
In der BzP habe er hingegen erklärt, noch nie im Ausland gewesen zu sein
und nach seiner Haftentlassung in selbständiger Tätigkeit gearbeitet zu ha-
ben. Seine diesbezügliche Erklärung, er habe sich anlässlich der BzP kurz-
halten müssen und deshalb den Aufenthalt im Irak nicht erwähnt, über-
zeuge nicht. Weiter habe es Ungereimtheiten in seinen Aussagen zu seiner
langjährigen Haft gegeben. In der BzP habe er erklärt, wegen politischer
Aktivitäten verurteilt worden zu seien, wohingegen er bei der Anhörung an-
gegeben habe, er sei zu Unrecht beschuldigt worden, an der Desertion
zweier Arbeitskollegen beteiligt gewesen zu sein. Ein weiterer Widerspruch
habe sich ergeben, als er einmal geschildert habe, erst 2017 von einem
Freund erfahren zu haben, dass er auf der Todesliste stehe, während er
ein anderes Mal erklärt habe, bereits im August 2013 von Behördenmitglie-
dern mit dem Tod bedroht worden zu sein. Auch bezüglich seines Passes
habe er sich widersprüchlich geäussert und in der BzP erörtert, dass dieser
durch die iranische Regierung beschlagnahmt worden sei. Anlässlich der
zweiten Anhörung habe er hingegen ausgesagt, aus Angst an der Grenze
verhaftet zu werden, den Pass nicht mitgenommen zu haben. Diese Wi-
dersprüche habe er auch auf Nachfrage hin nicht auflösen können und sei
den diesbezüglichen Fragen ausgewichen. Weitere Ungereimtheiten hät-
ten sich hinsichtlich des Zeitraums, während welchem er bei der Sepah
tätig gewesen sei sowie zur Haftdauer und den Haftsequenzen ergeben.
Zudem sei es nicht nachvollziehbar, weshalb er die Sepah nicht bereits zu
einem früheren Zeitpunkt verlassen habe, zumal er sich mit einem Geldbe-
trag hätte ablösen können. Es erstaune, dass er einerseits erklärt habe,
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Seite 10
seine Familie sei nicht in der Lage gewesen, diesen hohen Betrag aufzu-
bringen, anderseits seien seine Ausreisekosten in der Höhe von USD 9'500
von ihnen bezahlt worden. Sodann habe er keine konzisen Angaben zur
Taswiyeh-Liste, auf welcher er angeblich aufgeführt gewesen sei, machen
können. Einmal habe er dargelegt, dass die auf dieser Liste aufgeführten
Personen hingerichtet würden, ein anderes Mal habe er erklärt, der Eintrag
auf dieser Liste sei gleichbedeutend mit dem Tod, da die darauf aufgeführ-
ten Personen ermordet würden. Es erstaune zudem, warum er nichts un-
ternommen habe um zu erfahren, ob sein Name aktuell noch auf dieser
Liste figuriere, zumal er diese wichtigen Informationen mithilfe seines beim
Geheimdienst arbeitenden Freundes hätte herausfinden können.
Ferner habe er auch keine substanziierten Angaben zu seinen Tätigkeiten
im Irak machen können. Ausserdem wirke es befremdend, wenn er be-
haupte, er habe sich nach seiner Entlassung bei der Sepah im Untergrund
bewegen müssen, obwohl er sich aufgrund seiner Eheschliessung in der
Öffentlichkeit gezeigt haben müsste.
Aus den Gerichtsakten gehe weiter hervor, dass der Beschwerdeführer
zwischen 2004 und 2006 aufgrund von Missachtung verschiedener Dienst-
vorschriften entlassen und zu einer Geldstrafe verurteilt worden sei. Hin-
weise dafür, dass er aufgrund seiner Handlungen von der Sepah als er-
heblicher Risikofaktor eingestuft worden sei, weil er über heikle Informati-
onen verfügte, seien hingegen keine vorhanden. Beim Haftbeleg aus dem
Jahr 2010 handle es sich lediglich um ein Fragment eines Dokuments. Da-
raus lasse sich keine mehrjährige Haftstrafe ableiten. Zudem habe er aus-
geführt, wegen seiner Verurteilung zu einer sechsjährigen Haft in Berufung
gegangen zu sein, weshalb entsprechende Akten hätten vorliegen müssen.
Bei der Vorladung aus dem Jahr 2011 handle es sich ebenfalls um ein
Fragment, wobei der untere Teil abgerissen sei und ausserdem nicht zu-
geordnet werden könne, da keine inhaltlichen Angaben daraus hervorge-
hen würden. Die eingereichten Unterlagen zu seiner Firma im Irak sowie
die Auszüge aus der Fernsehsendung seien ungeeignet, eine Verfolgung
durch die Sepah zu belegen. Bei den vorgebrachten Verfolgungsmassnah-
men seiner Schwestern handle es sich um Aussagen Dritter, welche nicht
überprüft werden könnten. Die behauptete Entlassung einer Schwester
wegen der Flucht des Beschwerdeführers basiere auf Mutmassungen und
könne nicht belegt werden. Ausserdem habe er ausgeführt, mit der Sepah
Kontakt aufgenommen und versichert zu haben, keine sensiblen Daten
preiszugeben, weswegen der Druck auf seine Familienangehörigen in der
Folge abgenommen habe.
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Schliesslich sei hervorzuheben, dass ihm durch seinen geltend gemachten
Atheismus keine Nachteile entstanden seien.
5.2 Der Beschwerdeführer hielt der Argumentation der Vorinstanz entge-
gen, er habe während der BzP nicht alle Details erwähnen können, weil
ihm der Dolmetscher erklärt habe, er solle seine Fluchtgründe lediglich kurz
zusammenfassen und er bei einer weiteren Anhörung die Gelegenheit er-
halte, detailliert über diese zu sprechen. Aus diesem Grund und aus Angst,
dass die sehr geheimen Informationen in Bezug auf die Tarnfirma im Irak
von den Schweizer Behörden nicht vertraulich behandelt würden und seine
Familie deshalb unter Druck gesetzt werden könnte, habe er seine Mission
im Irak anlässlich der BzP nicht erwähnt. Durch das Einreichen verschie-
dener Beweismittel habe er jedoch seinen Aufenthalt im Irak belegen kön-
nen. Sodann sei der angebliche Widerspruch, dass er zu einer Haftstrafe
verurteilt worden sei, weil er sich gegen das iranische Regime gestellt
habe, nicht gegensätzlich zu seiner Aussage, wegen der Anschuldigung,
an der Desertion von zwei ehemaligen Arbeitskollegen beteiligt gewesen
zu sein. Er sei auf der Todesliste aufgeführt und deshalb zum Tod verurteilt
worden, weil er über heikle Informationen im Zusammenhang mit seiner
Tätigkeit im Irak und über sensible Informationen über die Familie
E._ verfüge, sowie weil er sich geweigert habe, weiterhin für den
iranischen Geheimdienst zu arbeiten. Die Information, auf der Todesliste
aufgeführt zu sein, habe er von einem Freund, welcher der Leiter des Si-
cherheitsdienstes beim Ettelaat sei, erhalten. Nach seiner Flucht habe er
diesen aber mangels sicherer Kommunikationswege nicht mehr kontaktie-
ren können. Deshalb sei es ihm nicht möglich, weitere diesbezügliche In-
formationen zu erhalten. Ferner sei seine Familie mehrfach vom Ettelaat
belästigt worden. Aus diesem Grund habe er sich über eine als Medienun-
ternehmen getarnte Internetseite an die Sepah gewandt und gedroht,
heikle Informationen zur Tätigkeit der Sepah in der ARK zu veröffentlichen,
sollte seine Familie weiterhin belästigt werden. Sodann habe er sich hin-
sichtlich seines Passes nicht widersprochen, sondern zwei Mal erklärt, sein
Pass befinde sich bei den iranischen Behörden. Die von der Vorinstanz
bemängelten zeitlichen Diskrepanzen seien damit zu erklären, dass er an-
lässlich der Anhörung spontan vom persischen in den gregorianischen Ka-
lender umgerechnet habe und es dabei zu Ungenauigkeiten gekommen
sei. Hinsichtlich des eingereichten Haftbelegs sei zu erwähnen, dass er
diesen einem Bekannten übergeben habe, damit dieser ihn aus dem Ge-
fängnis bringen könne, wobei anlässlich der Sicherheitskontrolle das Do-
kument wahrscheinlich angerissen worden sei. Insgesamt erfülle er die
Flüchtlingseigenschaft. Dies gehe im Übrigen auch aus dem Kurzbericht
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Seite 12
der HWV hervor, welche gemäss ihrer Einschätzung die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers bejaht habe.
6.
6.1 Zunächst ist zu prüfen, ob die Vorinstanz die Vorbringen des Beschwer-
deführers zu Recht als unglaubhaft beurteilt hat.
6.2 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft, wenn sie genügend
substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in
vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten widersprüchlich
sein oder der inneren Logik entbehren und auch nicht den Tatsachen oder
der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die asyl-
suchende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere
dann nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder ver-
fälschte Beweismittel abstützt (vgl. Art. 7 Abs. 3 AsylG), aber auch dann,
wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im
Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet
nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit-
wirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz
zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuch-
stellers. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Ge-
richt von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für
wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für die Glaubhaftma-
chung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen
zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche
und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdar-
stellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob
die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
6.3 Einleitend stellt das Gericht fest, dass die vom Beschwerdeführer dar-
gelegte Militärausbildung sowie die Anstellung bei der Sepah bis zum
21. August 2004 aufgrund der eingereichten Beweismittel (Zertifikat der Mi-
litärausbildung, diverse Fotos, Lohnabrechnungen sowie weitere Bestäti-
gungen und verschiedene Anstellungsverfügungen) belegt sind und somit
als erstellt gelten, zumal an der Authentizität der in diesem Zusammenhang
eingereichten Dokumente keine Zweifel bestehen. Sodann sind auch die
gegen ihn angeordneten Disziplinarmassnahmen gut dokumentiert. Dem
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«Bestrafungsanordnungsformular» vom 3. November 2001 ist etwa zu ent-
nehmen, dass er wegen Vernachlässigung seiner Verpflichtungen, fehlen-
dem Interesse und Gleichgültigkeit im Dienst sowie der Missachtung isla-
mischer Regeln schriftlich verwarnt worden war. Den Berichten an den Ge-
neralkommandanten vom 14. April 2004 und 26. Mai 2004 sind weitere
Verfehlungen des Beschwerdeführers zu entnehmen. Aus dem Urteil des
Militärgerichts vom 27. September 2006 geht weiter hervor, dass er wegen
Desertion zwischen 21. August 2004 und 17. September 2006 anstelle ei-
ner Haftstrafe zu einer Geldbusse von vier Millionen Riyal verurteilt wurde.
Dass ihm deshalb mit Entlassungsverfügung vom 23. Oktober 2006 rück-
wirkend auf den 21. August 2004 – also dem ersten Tag seines Nichter-
scheinens respektive seiner Desertion – gekündigt worden war, erscheint
dem Gericht ebenso schlüssig wie glaubhaft. Insgesamt stützen die betref-
fenden Beweismittel die detaillierten Schilderungen des Beschwerdefüh-
rers zum erwähnten Sachverhalt (vgl. act. A30/17, F19-22; A34/21, F45,
F47, F49-54). Des Weiteren konnte er überzeugt schildern, als Geschäfts-
führer der Firma (...) in F._ tätig gewesen zu sein und über einen
Aufenthaltstitel im Irak respektive der ARK verfügt zu haben. Dabei ist es
ihm gelungen, auch diese Sachverhaltselemente anhand der eingereichten
Unterlagen überzeugend zu belegen.
6.4 Hingegen ergeben sich wesentliche Zweifel an der geltend gemachten
ungefähr einjährigen Haft des Beschwerdeführers zwischen 2006/2007
und 2007/2008 sowie der weiteren Inhaftierung zwischen 21. Juni 2009
und 7. August 2013 (vgl. act. A10/13, F1.17.04). Einerseits ist augen-
scheinlich, dass seine Ausführungen zur Haftzeit und den diesbezüglichen
Umständen im Vergleich zu seinen ansonsten detaillierten Schilderungen
äusserst substanzarm ausgefallen sind. Dennoch ist nicht gänzlich auszu-
schliessen, dass er im Zusammenhang mit seiner Desertion oder aufgrund
seines Verhaltens nochmals nach dem Begleichen der Geldstrafe verhört
worden war (vgl. act. A30/17, F24). Anderseits erscheint auch der weitere
Ablauf seiner Vorbringen wenig schlüssig. Er konnte nicht überzeugend
und nachvollziehbar erklären, wieso er während seiner Haft ein äusserst
lukratives Angebot (Aufbau einer kostspieligen Tarnfirma im Irak inklusive
einer sehr guten Bezahlung und zusätzlichen Boni) von derselben Institu-
tion erhalten haben soll, welche ihn zuvor 2006 wegen Desertion angeklagt
und ihm schliesslich deshalb gekündigt hat. Sodann ist kaum davon aus-
zugehen, dass die iranische Revolutionsgarde einem verurteilten Deser-
teur, welchem offiziell gekündigt worden war, eine wie vom Beschwerde-
führer behauptete geheime Mission und heikle Geheiminformationen über-
geben würde (vgl. act. 10/13, F7.01 S. 8; A30/17, F25; A34/21, F61-62).
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Die Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Haft werden durch verschiedene
eingereichte Dokumente bestätigt. So fällt zunächst auf, dass in seiner an-
sonsten gut dokumentierte Biographie seine Verurteilung zu einer mehr-
jährigen Haftstrafe fehlt, dies obwohl er in der Anhörung die Verurteilung
sowie das Urteil und die dagegen erhobene Berufung erwähnte. Das Urteil
oder die Berufungsschrift respektive das abschliessende Urteil hätten
problemlos erhältlich gemacht werden können (vgl. act. A30/17, F25, S. 8).
Ferner weist die eingereichte Vorladung zum Gerichtstermin von 27. Juli
2011 Unstimmigkeiten auf. Es ist nicht erklärbar, wieso die Behörden die
Vorladung an die offizielle Privatadresse des Beschwerdeführers zugestellt
haben sollen (vgl. act. A10/13, F2.02), obwohl er angab, während dieses
Zeitraums in einem Gefängnis eingesessen zu haben. Es kann davon aus-
gegangen werden, dass die iranischen Behörden über die Inhaftierung des
Beschwerdeführers hätten im Bild gewesen sein müssen, wäre er tatsäch-
lich in Haft gewesen, und die Vorladung beim Gefängnis abgegeben hät-
ten. Ausserdem wäre es schlicht unwahrscheinlich, dass dem Beschwer-
deführer am 27. Juli 2013 sein Führerausweis ausgestellt worden wäre,
wenn er, wie von ihm dargelegt, tatsächlich zwischen 21. Juni 2009 und
7. August 2013 in Haft gewesen wäre. Gegen den Wahrheitsgehalt der gel-
tend gemachten Inhaftierung spricht schliesslich auch die Tatsache, dass
der Beschwerdeführer im Handelsregister F._ unter seinem Namen
bereits am 12. März 2012 – notabene während seiner angeblichen Haft –
als Geschäftsführer (managing director) der Firma (...) registriert worden
war, also rund zwei Jahre bevor die Beamten ihn in Haft besucht und zur
Kooperation gezwungen haben sollen (vgl. act. A30/17, F25, S. 9 oben).
Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass das «Formular der Sozi-
alarbeiterkorrespondenzen» des Hauptbüros der Gefängnisse der Provinz
D._ keine Sicherheitsmerkmale aufweist, lediglich in unvollständi-
ger Form vorliegt, äusserst fälschungsanfällig ist und dementsprechend
über keinen Beweiswert verfügt. Die Schilderungen des Beschwerdefüh-
rers zu seiner angeblichen Haft und der Geheimmission im Irak weichen
diametral von den eingereichten Fakten, welche den Beweismitteln ent-
nommen werden können, ab und lassen sich auch nicht mit allfälligen
Übersetzungsproblemen erklären. Im Übrigen wird bezüglich der weiteren
Ungereimtheiten auf die ausführliche Verfügung der Vorinstanz verwiesen.
Auch die Behauptung, seine Familie habe seinetwegen Benachteiligungen
erfahren, erweist sich vor diesem Hintergrund als blosse Schutzbehaup-
tung.
6.5 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführer nicht glaubhaft darlegen konnte, zu einer Haftstrafe von
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insgesamt sechs Jahren verurteilt worden zu sein und zwischen 2009 und
2013 in Haft verbracht zu haben, bevor er von Agenten der Sepah für den
Aufbau einer Tarnfirma im Irak zwecks Aufspürens islamistischer Zellen
respektive Massnahmen gegen kurdische Kader der demokratischen Par-
tei, rekrutiert worden sei. Vielmehr ist davon auszugehen, dass es sich bei
der Firma – deren Existenz hinreichend belegt wurde – nicht um eine Tarn-
firma, sondern vielmehr um seine eigene gehandelt hat, zumal er auch
über zahlreiche detaillierte Informationen über die Geschäftsvorgänge ver-
fügte und als Geschäftsführer und Aktionär offiziell eingetragen ist (vgl.
act. A30/17, F25, S. 10). Demensprechend erweisen sich seine Vorbrin-
gen, wegen geheimer Informationen rund um diese Firma im Irak von der
Sepah gesucht und auf einer Todesliste gestanden zu haben, als unglaub-
haft.
7.
7.1 In einem weiteren Schritt ist zu prüfen, ob die glaubhaft gemachten
Elemente der Asylvorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen
an Art. 3 AsylG genügen.
7.2 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die
Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein
(vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je m.w.H.).
7.3 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur
Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus-
reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk-
licht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahr-
scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurtei-
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lung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfol-
gen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl.
BVGE 2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
7.4 Der Beschwerdeführer konnte glaubhaft darlegen, während seiner An-
stellung bei der Sepah bis zum Jahr 2004 verschiedene Disziplinarmass-
nahmen, die Zahlung einer Geldstrafe infolge einer Verurteilung wegen De-
sertion sowie die anschliessende Kündigung aus dem Dienst erlitten zu
haben. Aus den beiliegenden Beweismitteln sowie aus den Ausführungen
des Beschwerdeführers geht hervor, dass er wegen ungebührlichen Ver-
haltens während des Dienstes mit Urteil des Militärgerichts vom 27. Sep-
tember 2006 wegen Desertion verurteilt wurde. Die zuletzt erfolgte diesbe-
zügliche Strafe in Form einer Geldbusse, welche er nach seiner Verurtei-
lung beglichen hat, erscheint nicht als eine übermässige Bestrafung, geht
doch aus dem Urteil hervor, dass von einer Haftstrafe abgesehen worden
war. Zudem ist festzuhalten, dass es sich bei Desertion um eine berechtigte
respektive eine legitime Strafe handelt, welche im Übrigen auch gemäss
dem Schweizerischen Militärgesetz geahndet wird. Zwar wurde er nach
seiner Verurteilung mit Kündigung aus dem Dienst der Sepah entlassen,
hingegen geht aus den Protokollen nicht hervor, dass er seither weitere
gegen ihn gerichtete Massnahmen oder Verfolgungen erlitt. Vielmehr ist
seinen Schilderungen zu entnehmen, dass er noch mehrere Jahre im Iran
lebte respektive regelmässig von der AKR über einen offiziellen Weg in den
Iran zurückkehren konnte und sich auch problemlos an die Behörden wen-
den konnte, um sich etwa einen Führerschein ausstellen zu lassen.
Schliesslich ist nicht ersichtlich, dass seine Ausreise im März 2017 in einem
kausalen Zusammenhang mit seiner im Jahr 2006 erfolgten Verurteilung
gestanden hatte. Eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung ist dem-
nach nicht zu erkennen.
7.5 Aus den vorangehenden Erwägungen geht hervor, dass auch unter Be-
rücksichtigung der teilweise als glaubhaft eingestuften Elemente keine
asylrechtlich relevanten Verfolgungsgründe im Sinne von Art. 3 AsylG er-
sichtlich sind, weshalb die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft
des Beschwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt hat.
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8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Aus-
länderinnen und Ausländer und über die Integration [AIG, SR 142.20]).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur
Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25 Abs. 3
der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom
18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten
vom 4. November 1950 (EMRK, SR 0.101) darf niemand der Folter oder
unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen
werden.
9.3 Dem Beschwerdeführer ist es nicht gelungen, eine asylrechtlich erheb-
liche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, somit kann der
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in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerde-
führers in den Iran ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig. Sodann ergeben sich weder aus seinen Aussagen noch aus den
Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den
Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3
EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt
wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschen-
rechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der
Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr (real risk) nachweisen oder glaub-
haft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmensch-
liche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien
28. Februar 2008, Grosse Kammer, 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch
die allgemeine Menschenrechtssituation im Iran lässt den Wegweisungs-
vollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem
Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
9.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat
aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und
medizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete
Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die
vorläufige Aufnahme zu gewähren.
9.5 Im Iran herrscht weder Krieg oder Bürgerkrieg noch eine Situation all-
gemeiner Gewalt, aufgrund derer eine Rückkehr generell unzumutbar wäre
(vgl. beispielsweise Urteile des BVGer D-5353/2017 vom 10. Januar 2019
E. 9.2.1, m.w.H., E-6697/2018 vom 10. Dezember 2018 und E-1247/2018
vom 24. März 2021 E. 7.5.1).
9.6 Sodann sind keine individuellen Gründe ersichtlich, die gegen einen
Wegweisungsvollzug sprechen. Der Beschwerdeführer verfügt über eine
solide schulische Bildung sowie über mehrjährige Arbeitserfahrung als (...)
einer (...) firma, welche Beachtung durch einen Fernsehauftritt sowie ver-
schiedene Werbeauftritte erlangte und somit bekannt sein dürfte. Auch
wenn er sich mehrere Jahre im Ausland aufhielt, wird es ihm mithilfe seiner
ehemaligen geschäftlichen Verbindungen und seiner (ehemaligen) Firma
möglich sein, sich erneut eine berufliche Existenz aufzubauen. Ferner le-
ben seine Eltern und seine Geschwister in Iran, womit auch ein familiäres
Netzwerk im Heimatland vorhanden ist, welches ihn bei Bedarf bei seiner
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Reintegration hilfreich zur Seite stehen könnte. Ausserdem geht aus den
Akten nicht hervor, dass der Beschwerdeführer auf medizinische oder psy-
chologische Hilfe angewiesen wäre oder sich aktuell einer Therapie unter-
ziehen würde, weshalb dem Vollzug der Wegweisung auch aus medizini-
scher Sicht nichts entgegenzuhalten ist.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.7 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates für eine Rückkehr allenfalls notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.8 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist somit abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Zwischen-
verfügung vom 12. August 2020 die unentgeltliche Rechtspflege gewährt
wurde, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
11.2 Die Rechtsvertreterin hat keine Kostennote zu den Akten gereicht.
Der notwendige Vertretungsaufwand lässt sich aufgrund der Akten zuver-
lässig abschätzen, weshalb auf die Einholung einer solchen verzichtet wer-
den kann (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu
ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13 VGKE) sowie angesichts der
Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fällen ist der Rechtsvertreterin
zulasten der Gerichtskasse ein amtliches Honorar von Fr. 300.- (inkl. Aus-
lagen) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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