Decision ID: a75eb10f-1c28-5935-a910-018465fb608d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, kurdischer Ethnie mit letztem offiziellen Wohnsitz
in B._, verliess seinen Heimatstaat am (...) März 2017 (Ausreise-
stempel im Reisepass) auf dem Luftweg in die Schweiz, wo er gleichentags
im Besitz eines gültigen Schweizer Schengenvisums mit dem Zweck "Tou-
risme" einreiste. Am 30. März 2017 stellte der Beschwerdeführer ein Asyl-
gesuch.
B.
B.a Am 5. April 2017 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Der Be-
schwerdeführer wurde am 27. Februar 2019 eingehend zu seinen Asyl-
gründen angehört. Dabei machte er im Wesentlichen Folgendes geltend:
B.b Er stamme aus einer politischen Familie, die sich für die kurdische Sa-
che engagiert habe. Sein Vater sei bei der Partiya Karkerên Kurdistanê
(PKK) gewesen und deswegen im Jahr 2003 festgenommen und später zu
einer mehr als dreijährigen Haftstrafe verurteilt worden. Er selbst habe seit
seiner Kindheit kleinere Botendienste und andere Aufgaben für die PKK
übernommen, sei jedoch kein eigentliches Mitglied gewesen, sondern Ak-
tivist der Halkların Demokratik Partisi (HDP). Im Jahr 2014 seien ihm von
einem Genossen, der in Rojava gekämpft habe, Aufgaben übertragen wor-
den. Insbesondere sei er zuständig gewesen, Behandlungsmöglichkeiten
für verwundete Kämpfer aus Rojava zu organisieren. Zu diesem Zweck
habe er zwei Häuser in seinem Heimatort organisiert, in denen dutzende
Freiwillige sich um die Verletzten gekümmert hätten. Eines der Häuser sei
als Gesundheitszentrum betrieben worden und es sei immer wieder zu
Razzien und Verhaftungen gekommen, insbesondere nachdem die
Yekîneyên Parastina Gel (YPG) vom türkischen Staat als Terrororganisation
eingestuft worden sei. Deswegen hätten die Verletzten und Neuankömm-
linge in der Folge in Wohnungen untergebracht werden müssen. Am
(...) November 2016 sei er von einem Funktionär kontaktiert und gebeten
worden, zusammen mit einem anderen Helfer eine verletzte Genossin ab-
zuholen. Auf dem Rückweg sei ihnen dabei von einem Team – vermutlich
der türkischen Spezialeinheiten – der Weg abgeschnitten worden, worauf-
hin man ihn und seinen Kollegen festgenommen und in unterschiedlichen
Fahrzeugen weggebracht habe. Während er sieben Tage lang festgehalten
worden sei, habe man ihn verhört, gefoltert und ihm vorgeworfen, eine ter-
roristische Organisation unterstützt zu haben. Ausserdem hätten Personen
– vermutungsweise Angehörige des türkischen Nachrichtendienstes – ihn
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dazu bewegen wollen, als Spitzel tätig zu werden. Aufgrund der Folter habe
er schliesslich in eine Spitzeltätigkeit eingewilligt. Daraufhin sei er an einer
Bushaltestelle in seinem Heimatort freigelassen worden. Nach seiner Frei-
lassung habe er die PKK über die Ereignisse unterrichtet, die Anwerbung
zur Spitzeltätigkeit jedoch verschwiegen. Die PKK habe ihr Misstrauen
dazu geäussert, dass er freigelassen worden sei, ohne dass gleichzeitig
offizielle Schritte gegen ihn eingeleitet worden seien. Ausserdem habe er
von der Folter keine grossen, sichtbaren Verletzungen davongetragen. Die
PKK habe somit das Vertrauen in ihn verloren und ihn ausgeschlossen res-
pektive habe er keine weiteren Aufgaben übernehmen wollen, um gar nicht
erst weitere Informationen zuhanden der Behörden erlangen zu können.
Die Personen, die an seiner Festnahme beteiligt gewesen seien, hätten ihn
daraufhin vier- oder fünfmal angehalten und Informationen eingefordert. Da
die PKK sich ihm gegenüber jedoch misstrauisch gezeigt habe, sei es ihm
nicht möglich gewesen, Informationen einzuholen, weshalb die Behörden-
vertreter ihm gedroht hatten. Aus Angst vor beiden Seiten habe er sich
schliesslich zur Ausreise entschieden. Später habe er erfahren, dass es
sich bei der Person, die mit ihm zusammen festgenommen worden sei, um
einen Informanten der Behörden gehandelt habe. Die verletzte Person, die
sie bei ihrer Festnahme transportiert hätten, sei ausserdem im Dezember
2016 verhaftet worden. Schliesslich habe die PKK sich bei seiner Familie
nach ihm erkundigt und mittlerweile liege auch ein Haftbefehl gegen ihn
vor.
B.c Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer
seinen Reisepass, drei Dokumente betreffend die Haft seines Vaters, ein
Schreiben seines türkischen Anwaltes vom 29. Juli 2019, ein Schreiben der
Sicherheitsdirektion B._ vom 12. Juli 2019, wonach gegen ihn nicht
ermittelt werde, sowie eine Bestätigung der HDP vom 17. Dezember 2016,
dass er ein Aktivist der Partei sei, ein.
C.
C.a Die Vorinstanz forderte den Beschwerdeführer mit Schreiben vom
20. Januar 2020 auf, eine Bestätigung über seinen aktuellen Verfahrens-
stand aus dem nationalen Justiznetzwerkprogramm UYAP nachzureichen.
C.b Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 10. Februar 2020 eine
Stellungnahme in türkischer Sprache zu den vorinstanzlichen Akten, wel-
che am 6. März 2020 von einem Dolmetscher ins Deutsche übersetzt
wurde. Darin führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, dass die
türkischen Strafverfolgungsbehörden seiner anwaltlichen Vertretung vor
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Ort keine Dokumente ausgehändigt hätten und ihr sogar gedroht hätten.
Ausserdem würden viele geheime Ermittlungen geführt.
D.
Mit Verfügung vom 6. April 2020 – eröffnet am 8. April 2020 – verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asyl-
gesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Voll-
zug an.
E.
E.a Der Beschwerdeführer liess – handelnd durch seinen damaligen
Rechtsvertreter lic. iur. Roger Kuhn – mit Eingabe an das Bundesverwal-
tungsgericht vom 8. Mai 2020 Beschwerde gegen die vorinstanzliche Ver-
fügung erheben. Darin beantragte er, die angefochtene Verfügung sei auf-
zuheben und ihm sei unter Anerkennung seiner Flüchtlingseigenschaft in
der Schweiz Asyl zu gewähren, eventualiter sei infolge Unzulässigkeit und
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzu-
ordnen, subeventualiter sei die Sache zur Sachverhaltsergänzung bezie-
hungsweise Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
E.b In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung einschliesslich Verzichts auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses sowie um Beiordnung seines damaligen Rechtsvertre-
ters als amtlicher Rechtsbeistand. Zudem beantragte er die unverzügliche
Bekanntgabe der Zusammensetzung des Spruchkörpers.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 15. Mai 2020 forderte die zuständige Instruk-
tionsrichterin den Beschwerdeführer auf, seine prozessuale Bedürftigkeit
zu belegen. Ausserdem wurde dem Beschwerdeführer der voraussichtliche
Spruchkörper bekannt gegeben und die Vorinstanz zur Einreichung einer
Vernehmlassung eingeladen.
G.
Eine Unterstützungsbedürftigkeitserklärung vom 15. Mai 2020 des kanto-
nalen Sozialdienstes des Kantons Aargau wurde am 25. Mai 2020 zu den
Akten gereicht.
H.
Die Vorinstanz liess sich am 12. Juni 2020 innert erstreckter Frist zur Be-
schwerde vernehmen und hielt dabei vollumfänglich an den Erwägungen
in der angefochtenen Verfügung fest.
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I.
Ein Doppel der Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am
16. Juni 2020 zusammen mit einer Einladung zur Replik übermittelt.
J.
Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe vom 1. Juli 2020 und hielt an
seinen Beschwerdebegehren fest.
K.
Mit Eingabe vom 24. Mai 2021 (Datum Poststempel) zeigte die rubrizierte
Rechtsvertreterin ihr Vertretungsverhältnis gegenüber dem Bundesverwal-
tungsgericht unter Beilage einer Vollmacht vom 4. Mai 2021 an und er-
suchte um Beendigung des vormaligen Vertretungsverhältnisses.
L.
Die zuständige Instruktionsrichterin ersuchte den Beschwerdeführer, eine
Bestätigung über die Beendigung seines Vertretungsverhältnisses mit
lic. iur. Roger Kuhn einzureichen.
M.
Am 8. Juni 2021 stimmte der bisherige Rechtsvertreter dem Mandatswech-
sel zu und reichte eine Kostennote seiner bisherigen Aufwendungen ein.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 15. Juli 2021 hiess die zuständige Instrukti-
onsrichterin die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche
Verbeiständung gut. Lic. iur. Roger Kuhn wurde für den Zeitraum seiner
Mandatierung als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Mit dem Ende sei-
nes Mandats wurde er sodann aus diesem entlassen, wobei seine bisheri-
gen Auslagen und Aufwendungen im vorliegenden Beschwerdeverfahren
im Rahmen der Beurteilung der Kostenfolgen zu berücksichtigen sind.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet
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auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.4 Aus organisatorischen Gründen (Austritt Gericht, Abteilungswechsel),
die seit der Zwischenverfügung vom 15. Mai 2020 eingetreten sind, setzt
sich der Spruchkörper aus Richterin Constance Leisinger (Vorsitz), Richte-
rin Nina Spälti Giannakitsas und Richterin Camilla Mariéthoz Wyssen so-
wie Gerichtsschreiberin Karin Parpan zusammen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Asylentscheid im We-
sentlichen mit der mangelnden Glaubhaftigkeit der Vorbringen. Die Schil-
derungen des Beschwerdeführers betreffend die Folter seien zwar detail-
liert ausgefallen und enthielten Realkennzeichen, es sei ihm jedoch nicht
gelungen, die gesamten Umstände glaubhaft darzulegen, weshalb nicht
davon auszugehen sei, er habe die Folter im geltend gemachten Kontext
erlebt. Zunächst habe er seine offiziellen Wohnsitzwechsel – von
B._ nach Istanbul und die Rückverlegung des Wohnsitzes nach
B._ vor seiner Ausreise – jeweils mit anderen Motiven begründet,
wobei diese sich teilweise nicht miteinander in Einklang bringen lassen und
bisweilen unplausibel erscheinen würden. Ferner habe er in mehrerlei Hin-
sicht widersprüchliche Angaben gemacht. So etwa betreffend den Ort, an
dem er die verletzte Person vor seiner Festnahme abgeholt habe, bezüg-
lich der Verletzungen, die ihm im Rahmen der Folter zugefügt worden sein
sollen, ebenso betreffend die Anzahl der Behördenkontakte nach seiner
Freilassung sowie hinsichtlich seines Verhältnisses zur Partei. Während er
die Distanzierung von der PKK an der BzP darauf zurückgeführt habe, dass
die Partei das Vertrauen in ihn verloren habe, habe er diese anlässlich der
Anhörung damit begründet, dass er keine weiteren Aufgaben habe über-
nehmen wollen, um nicht den Behörden davon berichten zu müssen. Fer-
ner habe er geltend gemacht, Mitglieder der Antiterroreinheit hätten etwa
vier Monate nach seiner Ausreise bei ihm zuhause eine Razzia durchge-
führt. Seiner Familie sei mitgeteilt worden, er werde unter anderem wegen
Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation gesucht und gegen ihn liege ein
Haftbefehl vor. Trotz mehrmaliger Aufforderung habe er bis zum Zeitpunkt
des Asylentscheids den Haftbefehl nicht beschaffen können und seine
diesbezüglichen Erklärungsversuche – er habe sich die Anwaltskosten zur
Beschaffung des Dokuments nicht leisten können oder es handle sich um
ein geheim geführtes Verfahren – seien nicht überzeugend. Sodann gehe
aus dem Schreiben der Sicherheitsdirektion von B._ hervor, dass
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er weder gesucht noch gegen ihn ermittelt werde. Soweit der Beschwerde-
führer überdies vorgebracht habe, aus einer politischen Familie zu stam-
men und bereits im Kindesalter Tätigkeiten für die PKK ausgeführt zu ha-
ben weise dies, ebenso wenig wie die Inhaftierung seines Vaters, einen
kausalen Zusammenhang mit seiner Ausreise und somit auch keine Asyl-
relevanz auf.
4.2 Zur Begründung seines Rechtsmittels führte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen aus, die in der vorinstanzlichen Verfügung angeführten Wi-
dersprüche seien unhaltbar. Entgegen der Behauptung der Vorinstanz
habe er seine Wohnsitzwechsel schlüssig und nachvollziehbar erklären
können. Sodann handle es sich bei den Vorhalten betreffend den Abho-
lungsort der verwundeten Person, das Vertrauensverhältnis zwischen ihm
und der Partei sowie die ihm zugefügten Folterverletzungen um von der
Vorinstanz konstruierte Widersprüche, die in den Akten keine Stütze fän-
den. Die Vorinstanz habe denn auch explizit auf den Detailierungsgrad sei-
ner Schilderungen zur Folter und die darin enthaltenen Realkennzeichen
verwiesen, weshalb nicht strittig sei, dass er diese erlebt habe. Bei der An-
zahl der Behördenkontakte nach seiner Freilassung (BzP: fünf, Anhörung:
vier) handle es sich um ein vernachlässigbares Detail, das sich mitunter
auch angesichts der langen Befragungsdauer und der – von der Hilfs-
werksvertretung dokumentierten – nachlassenden Konzentrationsfähigkeit
während der Rückübersetzung erklären lasse. Weiter verkenne die Vo-
rinstanz, dass der Zugang zu Haftbefehlen im sogenannten UYAP-System
nicht in jedem Fall gewährleistet sei. Liege ein Geheimhaltungsbeschluss
der Staatsanwaltschaft vor – was vor allem in Verfahren mit Terrorismus-
zusammenhang häufig der Fall sei – sei der Zugang zu verfahrensrelevan-
ten Akten wie beispielsweise Haftbefehlen für die betroffene Person und
deren anwaltliche Vertretung stark eingeschränkt. Er werde wegen Zuge-
hörigkeit zu einer Terrororganisation sowie wegen der Beschaffung von
Waffen für eine solche gesucht und stamme aus einer politischen Familie
mit Vorgeschichte, weshalb davon auszugehen sei, ein solcher Geheim-
haltungsbeschluss liege vor. Daher sei es ihm nicht möglich, den gegen ihn
ausgestellten Haftbefehl zu beschaffen. Dies bestätige auch das Schreiben
seiner türkischen Anwältin, die überdies im Zuge ihrer Ermittlungen von der
Polizei bedroht worden sei. Insgesamt könne aus den wenigen, unbedeu-
tenden Widersprüchen also nicht auf die Unglaubhaftigkeit seiner Vorbrin-
gen geschlossen werden. So sei denn auch die Vorinstanz zum Schluss
gekommen, er habe die beschriebene Folter erlebt, wenn auch in einem
anderen Kontext. Angesichts seines politischen Hintergrunds, seiner hu-
manitären Tätigkeit für die PKK und seiner glaubhaften Ausführungen sei
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jedoch naheliegend, dass die erlebte Folter im Zusammenhang mit seiner
politischen Orientierung gestanden habe. Er werde von den türkischen Be-
hörden wegen seiner Verbindungen zur PKK und seinen Aktivitäten für
diese gesucht, weshalb bei seiner Rückkehr mit einer langjährigen Inhaf-
tierung zu rechnen sei. Personen, die wegen PKK-Verbindungen inhaftiert
seien könnten keine faire Verfahren erwarten und es bestehe ein erhebli-
ches Risiko, dass es zu Misshandlungen oder Folter komme. Ein solches
Folterrisiko bestehe für ihn im ganzen Land, auch in Istanbul. Das Schrei-
ben seiner türkischen Anwältin belege, dass er bei einer Rückkehr in
Schwierigkeiten geraten werde. Ausserdem habe auch die PKK nach sei-
ner Ausreise Untersuchungen gegen ihn eingeleitet.
4.3 Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung vollumfänglich an ihren
Erwägungen in der angefochtenen Verfügung fest. Ergänzend führte sie
aus, Asylsuchende, denen die gleichen Vorwürfe zur Last gelegt würden
wie dem Beschwerdeführer, die jedoch ein für die Behörden weitaus inte-
ressanteres Profil aufwiesen, würden im Rahmen ihres Asylverfahrens re-
gelmässig Dokumente einreichen. Der Beschwerdeführer habe nicht erklä-
ren können, weshalb ausgerechnet seine Akte einer solchen Geheimhal-
tung unterliegen sollte. Abgesehen davon hätte er, bei tatsächlichem Vor-
liegen eines Geheimhaltungsbeschlusses, in der Lage sein müssen via
seine Rechtsvertretung ein Schreiben der Staatsanwaltschaft einzu-
reichen, aus welchem neben der Untersuchungsverfahrensnummer auch
der Geheimhaltungsbeschluss hervorgehe.
4.4 Der Beschwerdeführer hielt der Einschätzung der Vorinstanz in seiner
Replik im Wesentlichen entgegen, dass Recherchen zufolge in praktisch
allen strafrechtlichen Verfahren im Zusammenhang mit Terrorismus in der
Türkei Einschränkungen der Akteneinsicht vorgenommen würden. Sowohl
seine glaubhaften Schilderungen zu seiner Festnahme und der Razzia bei
seinen Eltern als auch die Ausführungen seiner türkischen Anwältin zu er-
folglosen Beschaffungsversuchen von Dokumenten würden den Schluss
nahelegen, dass ein Verfahren gegen ihn laufe oder er zumindest von den
Behörden gesucht werde. Ausserdem weise er durchaus ein für die türki-
schen Behörden interessantes Profil auf, zumal er einerseits aus einer po-
litischen Familie stamme und die Behörden ihn andererseits als Spitzel hät-
ten rekrutieren wollen.
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5.
5.1 Nach Prüfung der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass die vorinstanzliche Verfügung zu bestätigen ist. Die Ausfüh-
rungen in der Beschwerdeschrift vermögen den Erwägungen des SEM
letztlich nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen. Somit kann vorab auf die
zutreffenden Erwägungen der angefochtenen Verfügung verwiesen wer-
den.
Als wesentlich wird Folgendes erachtet:
5.2 Der Vorinstanz ist darin zuzustimmen, dass die Schilderung des Be-
schwerdeführers bezüglich der Folter einen gewissen Detaillierungsgrad
aufweisen. Allerdings ist es ihm nicht gelungen, die Umstände, unter denen
er inhaftiert und gefoltert worden sein soll, glaubhaft zu machen. Die vor-
gebrachten Sachverhaltselemente fügen sich nicht zu einem schlüssigen
Gesamtbild zusammen und es entsteht insgesamt der Eindruck, der Be-
schwerdeführer versuche allenfalls eigene Erlebnisse oder solche in sei-
nem Umfeld in einen konstruierten Kontext einzubetten.
5.3 Erhebliche Zweifel an der Darstellung des Beschwerdeführers ergeben
sich insbesondere aufgrund seiner inkonsistenten Angaben zur Existenz
von Ermittlungs- beziehungsweise Verfahrensdokumenten. Einen angeb-
lich gegen ihn ergangenen Haftbefehl habe er nicht erhältlich machen kön-
nen, weil er sich die Vollmacht für die Anwältin seiner Familie nicht habe
leisten können und er nicht in Betracht gezogen habe, seine wirtschaftlich
eher schwachen Familienangehörigen um finanzielle Unterstützung zu bit-
ten (vgl. act. A10/24 [A10] F12 ff.). Daneben gab er an, das Verfahren ge-
gen ihn werde im Geheimen geführt, weshalb es ihm nicht möglich sei,
Einsicht in die Verfahrensakten zu erhalten (vgl. act. A10 F16, F21). Die
Verfahrensakten in solchen Geheimverfahren würden erst nach einer all-
fälligen Verhaftung des Beschuldigten zugänglich gemacht (vgl. act. A10
F22). Gerade im türkischen Kontext erscheint ein solch umfassender Man-
gel an Beweismitteln auch nach Ansicht des Gerichts als äusserst unwahr-
scheinlich. Die entsprechenden Erklärungsversuche des Beschwerdefüh-
rers überzeugen nicht (vgl. Beweismittel 4 [Anwaltsschreiben vom 29. Juli
2019] und act. A14/1 Eingabe des Beschwerdeführers vom 10. Februar
2020). Eine andere Beurteilung rechtfertigt sich auch nicht unter Berück-
sichtigung des vom Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene eingereich-
ten Berichts der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH: Türkei: Zugang zu
verfahrensrelevanten Akten, vom 1. Februar 2019). Aus diesem ergibt sich
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zwar, wie auch dem Gericht bekannt ist, dass die Einsicht in verfahrensre-
levante Strafakten durchaus eingeschränkt sein kann. Dass jedoch von
vornherein – aufgrund von Geheimhaltungsinteressen – gar kein offizielles,
sondern nur ein «geheimes» Verfahren geführt wird, wie dies vom Be-
schwerdeführer vorliegend geltend gemacht wird, entspricht nicht der gän-
gigen Praxis der türkischen Strafbehörden (vgl. auch Vernehmlassung des
SEM vom 12. Juni 2020). In diesem Zusammenhang fällt auch auf, dass
das Haus der Familie des Beschwerdeführers nach dessen Ausreise mehr-
mals durchsucht worden sein soll und der Vater jeweils ein Durchsu-
chungsprotokoll unterschrieben habe, ohne offensichtlich eine Kopie ein-
zufordern (vgl. Beweismittel 4, act. A14/1 sowie A10 F12 und F19). Zudem
sei seine Schwester zu einem Verhör vorgeladen und zu ihm befragt wor-
den (vgl. act. A10 F25 f.). Insgesamt wäre also zu erwarten, dass in Bezug
auf den Beschwerdeführer jedenfalls gewisse Unterlagen bestehen bezie-
hungsweise, dass der Beschwerdeführer die Behelligungen seiner Familie
hätte substanziieren können. Dem Schreiben der Sicherheitsdirektion von
B._ vom (...) Juli 2019 (act. A6/1, Beweismittel 5) ist ausserdem zu
entnehmen, dass nicht gegen den Beschwerdeführer ermittelt und er auch
nicht gesucht werde. Angesichts des bereits Gesagten besteht keine Ver-
anlassung, an dieser Feststellung zu zweifeln.
5.4 Vor dem Hintergrund der obenstehenden Ausführungen ist auch die le-
gale Ausreise des Beschwerdeführers über den Flughafen C._ ein-
zuordnen. Sie bestätigt den Eindruck, dass die türkischen Behörden im
Zeitpunkt seiner Ausreise kein Interesse am Beschwerdeführer hatten.
Seine Aussage, er habe testen wollen, ob er das Land verlassen könne
(vgl. act. A10 F52 S. 12), kontrastiert mit der angeblichen Bedrohungslage,
mit der er konfrontiert gewesen sein will und erweist sich weder als nach-
vollziehbar noch plausibel. Ebenso unplausibel scheint es, dass die türki-
schen Behörden ein hochsensibles Geheimverfahren gegen ihn führen
würden, ohne eine Ausreisesperre zu verhängen.
5.5 Nach Angaben des Beschwerdeführers konnte sodann auch seine
Freundin ihn ohne weitere Schwierigkeiten in der Schweiz besuchen und
hat offenbar auch im Heimatstaat keinerlei Schwierigkeiten wegen des Be-
schwerdeführers, dies obwohl er für einen gewissen Zeitraum mit ihr offizi-
ell an derselben Adresse in Istanbul gemeldet gewesen sein will (act. A10
F32 ff., F50 ff.) Im Übrigen teilt das Gericht auch die Ansicht der Vorinstanz,
wonach die Angaben des Beschwerdeführers zu seinen Wohnsitzaufent-
halten und zu den Gründen für deren Wechsel in sich nicht stimmig sind
(act. A5/13 Ziff. 2.02; A10 F36 ff.). Ebenso ist dem SEM zuzustimmen, dass
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die Angaben des Beschwerdeführers zu den von ihm geltend gemachten
Behördenkontakten nach seiner Freilassung nicht kongruent, sondern viel-
mehr widersprüchlich sind (vgl. angefochtene Verfügung Ziff. II S. 5). Sein
Vorbringen, dass auch seitens der PKK eine Untersuchung gegen ihn ein-
geleitet worden sei, wird im Übrigen nicht näher konkretisiert.
5.6 Es sind den Akten sodann keine Anhaltspunkte zu entnehmen, auf-
grund derer der Beschwerdeführer seit seiner Ausreise in den Fokus der
heimatlichen Behörden gerückt sein könnte. Die Zweifel an den Darstellun-
gen des Beschwerdeführers erhärten sich auch dadurch, dass er nach sei-
ner Einreise in die Schweiz rund einen Monat zugewartet hat, ehe er ein
Asylgesuch stellte. Seine Einschätzung und sein Vorgehen, wonach er ein
Asylgesuch als letzte Option betrachtet habe und er erst die Entwicklung
der Situation habe abwarten wollen, sind nicht mit seiner angeblich ständi-
gen Angst, getötet oder verhaftet zu werden, zu vereinbaren (vgl. act. A10
F52 S. 12).
5.7 Insgesamt ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen, die aus-
reisebegründenden Umstände glaubhaft zu machen. Aus den Akten erge-
ben sich ausserdem keine Hinweise darauf, dass er die geltend gemachte
Inhaftierung und die damit einhergehenden Verhöre und Misshandlungen
in einem anderen als dem geschilderten und als konstruiert zu erachtenden
Kontext erlebt haben könnte. Insofern ist daher weder davon auszugehen,
er habe diese in einem (immer noch) asylrelevanten Zusammenhang er-
lebt, noch davon, dass er in Zukunft mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
ernsthafte Nachteile – seitens der türkischen Behörden oder der PKK – zu
befürchten hätte.
5.8 Zur gleichen Einschätzung gelangt das Gericht auch unter Berücksich-
tigung der im Zusammenhang mit dem Vater des Beschwerdeführers ein-
gereichten Unterlagen aus dem Jahr 2003 und 2008, welche offensichtlich
nicht im sachlichen und kausalen Zusammenhang zu seiner Ausreise ste-
hen.
5.9 Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass die Vorinstanz zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein
Asylgesuch abgelehnt hat.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
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an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt namentlich weder über eine ausländerrecht-
liche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2
7.2.1 Zum Vollzug der Wegweisung führte die Vorinstanz in der angefoch-
tenen Verfügung zunächst aus, der Grundsatz der Nichtrückschiebung
(Art. 5 Abs. 1 AsylG) finde vorliegend keine Anwendung, da der Beschwer-
deführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Ferner ergäben sich aus
den Akten keine Anhaltspunkte dafür, dass ihm bei einer Rückkehr mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe
oder Behandlung drohe. Sodann sprächen weder die politische Situation
in seinem Heimatstaat – und insbesondere seiner Heimatprovinz – noch
andere Gründe gegen die Zumutbarkeit der Rückführung. Überdies be-
stehe vorliegend jedenfalls auch eine individuell zumutbare innerstaatliche
Aufenthaltsalternative ausserhalb der Provinzen, in denen es nach dem
Militärputschversuch im Juli 2016 zu Spannungen im türkisch-kurdischen
Verhältnis gekommen sei. So habe sich der Beschwerdeführer ab 2014
teilweise bei seiner Partnerin in Istanbul aufgehalten. Ausserdem handle
es sich bei ihm um einen jungen, gesunden Mann mit viel Arbeitserfahrung
und einem tragfähigen familiären und sozialen Beziehungsnetz.
7.2.2 Dieser Einschätzung hält der Beschwerdeführer in seinem Rechts-
mittel im Wesentlichen entgegen, die Vorinstanz habe die Zulässigkeit des
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Seite 14
Wegweisungsvollzugs in ihrem Entscheid nicht geprüft, obschon er anläss-
lich der Anhörung zu Bedenken gegeben habe, dass ihm mehrere Jahre
Gefängnis oder gar Schlimmeres – sowohl seitens der Behörden als auch
der PKK – drohen könne.
7.2.3 In ihrer Vernehmlassung stellte die Vorinstanz fest, der Beschwerde-
führer habe seine Fluchtgründe nicht glaubhaft machen können, weshalb
sich eine Prüfung daraus folgender Wegweisungshindernisse erübrige.
7.2.4 Der Beschwerdeführer hielt in seiner Replik – nebst der Glaubhaf-
tigkeit seiner Vorbringen – fest, die Vorinstanz habe nicht bestritten, dass
er die geschilderte Folter erlebt habe, woraus bereits die Prüfungsnotwen-
digkeit der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs folge.
7.3 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.3.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
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7.3.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Rückkehr in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Wie bereits gesagt, gelang es dem Beschwerdeführer nicht,
seine Ausreisegründe glaubhaft zu machen. Auch die Annahme, der Fol-
teraspekt habe sich – unter anderen Umständen – tatsächlich ereignet,
führt nicht zur Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs, zumal den Akten
keine Hinweise auf zukünftige unmenschliche oder verbotene Behandlung
des Beschwerdeführers zu entnehmen sind. Angesichts des – wie von der
Vorinstanz zu Recht festgehaltenen – unglaubhaften Gesamtkontextes be-
steht auch kein Grund, die Verfügung diesbezüglich aus formellen Gründen
aufzuheben und an die Vorinstanz zurückzuweisen (vgl. Beschwerde S. 11
und Replik S. 2).
7.3.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. Es
besteht keine Veranlassung, die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen.
7.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.4.1 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-
kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwi-
schen der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in ver-
schiedenen Provinzen im Südosten des Landes und der Entwicklungen
nach dem Militärputschversuch im Juli 2016 ist gemäss konstanter Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts nicht von einer Situation allgemeiner Ge-
walt oder von bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei – auch
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nicht für Angehörige der kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. statt vieler
Urteile des BVGer E-1716/2020 vom 22. April 2020 E. 7.4.1 und
E-2182/2020 vom 17. Dezember 2020 E. 12.4.1 je m.w.H.). Bei B._
handelt es sich sodann nicht um eine Provinz, bei der die geltende Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts von der generellen Unzumut-
barkeit des Vollzugs von Wegweisungen ausgeht (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6
und das Referenzurteil E-1948/2018 E. 7.3.1).
7.4.2 In individueller Hinsicht ist in Übereinstimmung mit dem SEM festzu-
halten, dass der – gemäss Akten gesunde – Beschwerdeführer in der Tür-
kei über mehrere Jahre Berufserfahrung als Grafiker verfügt. Seine Eltern
und Geschwister leben nach wie vor in der Türkei. Ebenso hat der Be-
schwerdeführer eine berufstätige Partnerin in der Türkei. Es ist somit davon
auszugehen, dass sein grosses familiäres Beziehungsnetz im Heimatstaat
ihn bei Bedarf bei der Wiedereingliederung unterstützen kann.
7.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit Instrukti-
onsverfügung vom 15. Juli 2021 sein Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen
wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich seine finanzielle
Lage seither entscheidrelevant verändert hätte, ist von der Auflage von
Verfahrenskosten abzusehen.
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9.2 Mit der Instruktionsverfügung vom 15. Juli 2021 wurde auch das Ge-
such des Beschwerdeführers um amtliche Verbeiständung gutgeheissen
(aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und sein damaliger Rechtsvertreter als amtlicher
Rechtsbeistand eingesetzt. Demnach ist diesem ein Honorar für die not-
wendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren bis zum Zeitpunkt der
Entlassung aus seinem amtlichen Mandat auszurichten. Mit Eingabe vom
8. Juni 2021 reichte der vormalige amtliche Rechtsbeistand eine Honorar-
note zu den Akten, in welcher er einen Vertretungsaufwand von 12 Stunden
und 35 Minuten auflistet, wobei der ausgewiesene zeitliche Aufwand ange-
sichts des Beschwerde- und Replikumfangs zu hoch erscheint. In Anbe-
tracht sämtlicher Aspekte des vorliegenden Falles – auch unter Berück-
sichtigung der weiteren Eingaben – ist ein Aufwand von pauschal zehn
Stunden als angemessen zu veranschlagen. Zudem geht das Gericht – wie
in der Instruktionsverfügung vom 15. Juli 2021 kommuniziert – bei amtli-
cher Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz von Fr 100.– bis
Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12
i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschädigen ist
(vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Stundenansatz ist daher von Fr. 250.– auf
Fr. 150.– zu kürzen. In Anwendung der massgebenden Bemessungsfakto-
ren und unter Berücksichtigung des herabgesetzten Stundenansatzes ist
das vom Gericht auszurichtende Honorar demnach auf insgesamt
Fr. 1'526.– (inklusive Auslagen) festzulegen. Der Vollständigkeit halber ist
anzumerken, dass die derzeitige Rechtsvertreterin nicht um Beiordnung
als amtliche Rechtsbeiständin ersuchte.
(Dispositiv nächste Seite)
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