Decision ID: 144f9d8a-30f4-5cbb-8d14-ed91d954e756
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_BRK
Chamber: ZH_BRK_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: public_law

hat sich ergeben:
A.
Mit Beschluss vom 24. August 2016 verzichtete der Stadtrat von Zürich auf
die Unterschutzstellung der Wohnsiedlung "Kanzleistrasse" auf der Parzelle
Kat.-Nr. AU3970 an der Erismannstrasse 45 - 55, Kanzleistrasse 151 - 163,
Karl-Bürkli-Strasse 2 - 10 und Seebahnstrasse 193 - 201 in Zürich 4 - Aus-
sersihl, und verfügte deren suspensiv-bedingte Entlassung aus dem Inven-
tar der kunst- und kulturhistorischen Schutzobjekte von kommunaler Be-
deutung, sobald aufgrund einer rechtskräftigen Baubewilligung die Baufrei-
gabe für den Ersatzneubau erteilt werde. Mit Ausnahme zweier Blutbuchen
(Fagus silvatica "Atropunicea") und sechs Sommerlinden (Tilia platyphyllos)
im Innenhof der Wohnsiedlung, die gestützt auf den verwaltungsrechtlichen
Schutzvertrag vom 4. Oktober 2010 unter Schutz gestellt wurden, entliess
der Stadtrat auch sämtliche Aussenräume aus dem kommunalen Inventar
der schützenswerten Gärten und Anlagen.
B.
Hiergegen wandte sich der Zürcher Heimatschutz mit Rekurseingabe vom
31. Oktober 2016 ans Baurekursgericht des Kantons Zürich und beantrag-
te, der angefochtene Entscheid sei aufzuheben, soweit damit nicht die Un-
terschutzstellung der insgesamt acht Solitärbäume verfügt wurde, und die
Vorinstanz sei einzuladen, die Wohnsiedlung Kanzleistrasse einschliesslich
Aussenräume in geeignetem Umfang unter Schutz zu stellen, unter Kosten-
und Entschädigungsfolgen.
C.
Mit Verfügung vom 4. November 2016 wurde vom Rekurseingang Vormerk
genommen und das Vernehmlassungsverfahren eröffnet.
D.
Sowohl die Vorinstanz als auch die Mitbeteiligte liessen sich hierauf fristge-
recht vernehmen und schlossen je mit Eingaben vom 7. Dezember 2016
auf Abweisung des Rekurses, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu-
lasten des Rekurrenten.
R1S.2016.05125 Seite 3
E.
Mit Replik vom 3. Januar 2017 sowie je mit Dupliken vom 26. Januar 2017
hielten die Parteien an ihren Anträgen fest.
F.
Am 8. Februar 2017 führte die 1. Abteilung des Baurekursgerichts im Bei-
sein der Parteien einen Augenschein auf Lokal durch.
G.
Mit Triplik vom 9. Februar 2017 sowie Quadrupliken vom 17. Februar 2017
bzw. 23. Februar 2017 reichten die Parteien weitere Stellungnahmen ein.
H.
Auf die Vorbringen der Parteien sowie die anlässlich des Augenscheins
gemachten Feststellungen ist im Folgenden insoweit einzugehen, als dies
für die Entscheidfindung erforderlich erscheint.

Es kommt in Betracht:
1.
Gemäss § 338b Abs. 1 lit. a PBG sind gesamtkantonal tätige Verbände, die
sich seit wenigstens zehn Jahren im Kanton statutengemäss dem Natur-
und Heimatschutz oder verwandten, rein ideellen Zielen widmen, zum Re-
kurs gegen Anordnungen und Erlasse berechtigt, soweit sich diese auf den
III. Titel (Natur- und Heimatschutz, §§ 203 – 217 PBG) oder § 238 Abs. 2
PBG stützen. Der Rekurrent erfüllt diese Voraussetzungen unbestrittener-
massen. Da auch die übrigen Prozessvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf
den Rekurs einzutreten.
2.1.
Die streitbetroffene genossenschaftliche Wohnsiedlung "Kanzleistrasse"
befindet sich im Alleineigentum der Mitbeteiligten und liegt gemäss gelten-
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der Bau- und Zonenordnung (BZO) der Stadt Zürich in der Quartiererhal-
tungszone. Die Siedlung wurde 1930 durch den Architekten Otto Streicher
als offene Blockrandbebauung mit Wohnmitteltrakt und zwei begrünten In-
nenhöfen erbaut und weist Fassadenmalereien von Wilhelm Hartung auf.
Zusammen mit den angrenzenden, fast gleichzeitig entstandenen Wohn-
siedlungen "Seebahn" der Baugenossenschaft des eidgenössischen Per-
sonal (BEP, 1930) und "Erismannhof" (im Eigentum der Stadt Zürich,
1927 - 1928) bildet sie das südliche Endstück einer städtebaulichen Dreier-
abfolge, welche sich dem Verlauf des tiefer gelegenen Bahntrassees der
Seebahnlinie anpasst.
Die Wohnsiedlung Kanzleistrasse ist im kommunalen Inventar der kunst-
und kulturhistorischen Schutzobjekte ("Spezialinventar Wohnsiedlungen")
enthalten und ist Bestandteil des Siedlungsverbundes Sihlfeld, der sieben
gemeinnützig erstellte Wohnsiedlungen umfasst, welche allesamt zwischen
den Jahren 1923 und 1931 erbaut worden sind. Überdies ist das Sihlfeld-
Quartier, zu welchem auch die Wohnsiedlung Kanzleistrasse gehört, im
Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler
Bedeutung (ISOS) mit Erhaltungsziel A vermerkt, welches für Substanzer-
haltung steht. Die unter anderem mit Bezug auf die Stadt Zürich revidierte
Verordnung über das Bundesinventar der schützenswerten Ortbilder der
Schweiz (VISOS) ist allerdings erst per 1. Oktober 2016 und damit nach
Fällung des angefochtenen Beschlusses in Kraft getreten.
2.2.
Im Jahr 2008 wandte sich die Mitbeteiligte an die städtische Denkmalpflege
und ersuchte um Abklärung der Schutzwürdigkeit der Wohnsiedlung Kanz-
leistrasse bzw. um deren Entlassung aus dem kommunalen Inventar der
kunst- und kulturhistorischen Schutzobjekte. Die Mitbeteiligte erhoffte sich
mit diesem Provokationsbegehren Planungssicherheit im Zusammenhang
mit der Erneuerung der Siedlung Kanzleistrasse; geplant ist ein vollständi-
ger Abbruch bzw. Ersatzneubau der Siedlung. Im Rahmen der Schutzab-
klärung kamen die Denkmalpflege der Stadt Zürich wie auch die städtische
Denkmalpflegekommission zum Schluss, dass die Siedlung Seebahn in
städtebaulicher und baukünstlerischer Hinsicht ein Schutzobjekt darstelle.
Auch die Vorinstanz anerkannte im angefochtenen Beschluss die grund-
sätzliche Schutzwürdigkeit der streitbetroffenen Baute, verzichtete jedoch
aus Gründen der Verhältnismässigkeit auf Schutzmassnahmen und ent-
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liess die Wohnsiedlung samt den dazugehörigen Aussenräumen aus dem
Inventar. Davon ausgenommen sind einzig die mit verwaltungsrechtlichen
Schutzvertrag vom 4. Oktober 2010 auserwählten Solitärbäume im Innen-
hof der Siedlung, namentlich zwei Blutbuchen und sechs Linden (act. 5.10).
3.1.
Im Rahmen seiner Triplik vom 9. Februar 2017 hat der Rekurrent die Einho-
lung eines Gutachtens der Kantonalen Denkmalpflegekommission (KDK)
beantragt für den Fall, dass an der sehr hohen Bedeutung des Ensembles
der drei Siedlungen Kanzleistrasse, Seebahn und Erismannhof gezweifelt
würde. Diesfalls wäre gutachterlich zu klären, welcher Schutzrang dem En-
semble attestiert werden müsste und ob es sich um ein Schutzobjekt von
kantonaler Bedeutung handle.
3.2.
Sofern in einem Verfahren bereits unabhängige Sachverständige mitgewirkt
haben, ist ein weiteres Gutachten bzw. Obergutachten nur dann einzuho-
len, wenn begründete Zweifel an der richtigen Beurteilung einer Sachfrage
bestehen (VB.2009.00270 vom 24. Februar 2010, E. 2.2). Solche begrün-
deten Zweifel liegen beim Gutachten vom 9. Mai 2016 zuhanden der
Denkmalpflegekommission (act. 5.2, nachfolgend: Gutachten 2016) nicht
vor und werden seitens des Rekurrenten auch nicht vorgebracht. Die
Schutzwürdigkeit der Wohnsiedlung Kanzleistrasse wurde im Rahmen des
Gutachtens 2016 einlässlich abgeklärt. Zudem ist auch das Baurekursge-
richt als Fachgericht in der Lage, die Siedlung Kanzleistrasse in denkmal-
pflegerischer Hinsicht zu bewerten. Aufgrund der Akten sowie der anläss-
lich des Abteilungsaugenscheins getroffenen Feststellungen ist der Sach-
verhalt vorliegend genügend klar, um insbesondere auch den Grad der
Schutzwürdigkeit des fraglichen Objektes – auch im Kontext der angespro-
chenen Dreierabfolge – zu beurteilen. Von der Einholung eines Gutachtens
der Kantonalen Denkmalpflegekommission kann deshalb abgesehen wer-
den. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass die Frage, ob sich ein zusätz-
liches Obergutachten aufdrängt, nicht vom materiellen Ausgang des vorlie-
genden Rekursverfahrens abhängig gemacht werden kann.
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4.
Die Vorinstanz begründete den angefochtenen Beschluss im Wesentlichen
damit, dass die Wohnsiedlung Kanzleistrasse zwar in baukünstlerischer
und städtebaulicher Hinsicht von grosser Bedeutung sei, Bestandteil eines
dreiteiligen Siedlungsensembles entlang der Seebahnlinie bilde und auch
innerhalb des Siedlungsverbundes Sihlfeld von hohem städtebaulichem
Wert sei, einer Unterschutzstellung jedoch gewichtige öffentliche und pri-
vate Interessen entgegenstünden. Namentlich sei die Siedlung Kanzleist-
rasse – trotz Südwestumfahrung – nach wie vor einer starken Lärm- und
Luftschadstoffbelastung ausgesetzt; nicht nur entlang der Seebahnstrasse,
sondern auch in den Querstrassen seien die Immissionsgrenzwerte teilwei-
se überschritten. Unter gleichzeitiger Berücksichtigung aller wirtschaftlichen
und denkmalpflegerischen Aspekte stelle eine teure Sanierung der beste-
henden Siedlung daher keine nachhaltige Lösung dar, zumal sich dadurch
die strukturellen Mängel der Wohnungen (kleine und unflexible Wohnungs-
grundrisse, Ausrichtung der Wohn- und Schlafräume zur lärmigen See-
bahnstrasse, Schallschutz) nicht beheben liessen. Auch die erheblichen fi-
nanziellen Belastungen, die mit einer Sanierung der bestehenden Liegen-
schaft einhergehen würden, dürften nicht ausser Acht gelassen werden.
Berechnungen der Mitbeteiligten hätten ergeben, dass bereits eine einfa-
che Instandsetzung der heutigen Wohnungen zu Mietzinsaufschlägen von
rund 14 Prozent führen würde. Um die bestehenden Defizite – unter ande-
rem zu geringe Wohnflächen, bescheidener Ausbaustandard, zu einseitiger
Wohnungsmix, geringer Schallschutz, schlechte Energiebilanz, hohe Lärm-
belastung, fehlende Behindertengerechtigkeit – zu beheben, wären weiter-
gehende strukturelle Verbesserungen notwendig, wie beispielsweise Woh-
nungszusammenlegungen, Grundrissänderungen, Anbau von Balkonen
sowie Einbau von Personenliften. Solche Massnahmen hätten noch höhere
Mietzinsaufschläge zur Folge, was im Widerspruch zum sozialpolitischen
Auftrag der Baugenossenschaften zur Förderung bezahlbaren Wohnraums
stehe. Zudem würden solche strukturellen Massnahmen das originale Fas-
sadenbild zerstören, und es entstünden unverhältnismässig viele 2-Zim-
merwohnungen respektive unverhältnismässig grosse und damit teure
Wohnungen. Abgesehen davon seien gewisse notwendige Sanierungs-
massnahmen aufgrund der Statik-/Grundrissstruktur, der mittleren Hofbau-
zeile, der geschützten Bäume und Erker gar nicht möglich. Demgegenüber
führe ein Ersatzneubau mit zeitgemässen, grösseren, dem heutigen genos-
senschaftlichen Standard entsprechenden Wohnungen zu vergleichsweise
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geringeren Mieten pro Quadratmeter. Auch ein Teilabbruch bzw. -neubau
entlang der Seebahnstrasse sei geprüft worden; damit könnte die Proble-
matik der Lärm- und Feinstaubbelastung zwar entschärft werden, in wirt-
schaftlicher Hinsicht wäre ein solches Vorhaben jedoch ebenfalls unver-
hältnismässig, zumal die erwähnten Probleme hinsichtlich Wohnungsmix, -
grössen und -standard für die übrigen Siedlungsteile bestehen bleiben wür-
den.
Sodann sei daran zu erinnern, dass die Stadt Zürich verschiedene gesetzli-
che Aufträge zu erfüllen habe. Seit Mai 2014 verpflichte Art. 1 Abs. 2 lit. abis
des Bundesgesetzes über die Raumplanung (RPG) die Gemeinden zu ei-
ner Siedlungsentwicklung nach innen. Gemäss den Vorgaben des kantona-
len und regionalen Richtplans habe sich die Stadt Zürich für ihre Planung
am Bevölkerungswachstum zu orientieren; aufgrund der aktuellen Entwick-
lungsprognosen bedeute dies, dass bis im Jahr 2040 Raum für 80'000 zu-
sätzliche Einwohnerinnen und Einwohner bereitgestellt werden müsse. Die
dafür notwendige Verdichtung solle nachhaltig, sozialverträglich und quali-
tätsvoll erfolgen. Das Neubauprojekt von Müller Sigrist Architekten, das als
Sieger des im Jahr 2015 durchgeführten Studienauftrags für den Ersatz der
Wohnsiedlung Kanzleistrasse hervorgegangen sei, sehe neu 210 anstelle
der bisher 156 Wohnungen vor, womit Platz für ca. 300 zusätzliche Bewoh-
nerinnen und Bewohner geschaffen werde. Dies entspreche ungefähr einer
Verdoppelung der heutigen Bewohnerzahl. Weiter habe sich die Zürcher
Stimmbevölkerung im Jahr 2011 mit grosser Mehrheit für den wohnpoliti-
schen Grundsatzartikel ausgesprochen, welcher zum Ziel habe, den Anteil
der Mietwohnungen in der Hand von gemeinnützigen Bauträgern schritt-
weise auf einen Drittel zu erhöhen. Dabei sollen insbesondere die Bedürf-
nisse von Familien und älteren Menschen sowie die Anforderungen des
ökologischen Wohnungsbaus berücksichtigt werden, was bei dem geplan-
ten Neubauprojekt der Fall sei. Die Gemeindeordnung verpflichte die Stadt
Zürich überdies dazu, eine nachhaltige Entwicklung im Hinblick auf die Er-
reichung der 2000-Watt-Gesellschaft zu verfolgen.
Zusammenfassend werde mit dem Abbruch und Neubau der Siedlung
Kanzleistrasse bzw. mit der Verbesserung des Wohnangebots die langfris-
tige Entwicklung im Quartier Hard positiv beeinflusst, woran die Stadt Zü-
rich ein sehr grosses Interesse habe. Der Ersatzneubau leiste einen quali-
tätsvollen Beitrag an die Quartiersbelebung, die innere Verdichtung, die Er-
höhung des Anteils an gemeinnützigem Wohnraum sowie die Erreichung
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der Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft. Zudem werde mit dem Ersatzneubau
die städtebauliche Integration in die Quartierstruktur im Sinne des im Okto-
ber 2010 abgeschlossenen Leitbilds Seebahn-/Hohlstrasse gewährleistet.
Das Leitbild basiere wiederum auf den vom Stadtrat Zürich im Jahr 2009
verabschiedeten und gemeinsam mit den Baugenossenschaften BEP, ABZ
und GBMZ (Gemeinnützige Bau- und Mietergenossenschaft Zürich) erar-
beiteten Leitsätzen für eine zukunftsgerichtete und sozialverträgliche Wei-
terentwicklung des Bullingerquartiers und der in diesem Zusammenhang
durchgeführten städtebaulichen Machbarkeitsstudie. Insgesamt würden die
genannten öffentlichen Interessen somit das öffentliche Interesse am Erhalt
der Wohnsiedlung Kanzleistrasse überwiegen. Hinzu komme, dass Otto
Streicher als Hausarchitekt der Mitbeteiligten in der Zwischenkriegszeit ins-
gesamt 12 Wohnsiedlungen in der Stadt Zürich realisiert habe. Hiervon sei-
en insgesamt drei Siedlungen im kommunalen Inventar der kunst- und kul-
turhistorischen Schutzobjekte aufgeführt: neben der Siedlung Kanzleistras-
se handle es sich um die Siedlungen Ottostrasse (1927) und Sihlfeld I/II
(1928 - 1929), wobei letztere seit 2012 gar unter Denkmalschutz stehe.
Diese beiden auf Monumentalwirkung bedachten, grossmassstäblichen
Wohnanlagen zählten zu den bedeutendsten Werken der Pionierphase des
Genossenschaftlichen Wohnungsbaus der 1920er-Jahre. Die analoge Ver-
wendung von dreieckigen Erkerbauten und die für Zürich grosse Bedeutung
der expressiven Wandmalereien an den Fassaden der Siedlung Sihlfeld I/II
rechtfertigten auch unter diesem Gesichtspunkt eine Inventarentlassung
der in baukünstlerischer Hinsicht bescheidener ausgestalteten Siedlung
Kanzleistrasse. Die Typologie der eingezogenen Loggien bleibe sodann bei
der Siedlung Ottostrasse als wichtiges Referenzwerk von Otto Streicher er-
halten. Die suspensiv-bedingte Inventarentlassung der Siedlung Kanzleist-
rasse sei daher insgesamt eine geeignete und erforderliche Massnahme,
um die in den aufgezeigten Interessen liegenden Ziele zu erreichen.
5.1.
Der Rekurrent hält die Wohnsiedlung Kanzleistrasse demgegenüber für ein
hochkarätiges Schutzobjekt. Davon zeuge insbesondere das Gutachten
2016, welches unzweideutig festhalte, dass die Siedlung Kanzleistrasse
aufgrund ihrer städtebaulichen, baukünstlerischen und sozialgeschichtli-
chen Bedeutung ein Schutzobjekt im Sinne von § 203 Abs.1 lit. c PBG dar-
stelle. Auch die Ensemblequalität der drei Wohnsiedlungen Erismannhof,
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Seebahn und Kanzleistrasse werde – trotz ihres jeweils individuellen Cha-
rakters – uneingeschränkt bejaht (vgl. act. 5.2 S. 7). Die Siedlung Kanzleist-
rasse sei im "Spezialinventar Wohnsiedlungen" aufgeführt; nichtsdestotrotz
beabsichtige die Vorinstanz nun ausgerechnet, eines der Paradebeispiele
für den Siedlungsbau in der Stadt Zürich dem Abbruch preiszugeben. Der
entsprechende Inventareintrag beschreibe die Siedlung Kanzleistrasse als
"quartierprägenden Teil des schützenswerten Siedlungsensembles Sihl-
feld/Seebahneinschnitt". Zusätzlich zum erheblichen Eigenwert werde der
streitbetroffenen Wohnkolonie somit auch ein hoher Situationswert attes-
tiert, wobei der Inventareintrag die Erhaltung der Gesamtanlage mit den
Malereien empfehle. Überdies bilde die Siedlung Kanzleistrasse – zusam-
men mit den Siedlungen Erismannhof und Seebahn – ein hochgradig
schützenswertes Dreier-Ensemble, weshalb sie nicht isoliert, sondern im-
mer auch in Bezug auf die anderen Ensembleteile zu betrachten sei. Auch
wenn die drei Siedlungen stilistisch nicht identisch seien, so würden sie
aufgrund ihrer städtebaulichen, topographischen und erschliessungstechni-
schen Zusammengehörigkeit sowie der gemeinnützigen Bauherrschaften
ähnliche charakteristische Merkmale aufweisen (vgl. act. 5.2 S. 18). Die
Fassadengestaltung der Siedlung Kanzleistrasse werde einerseits vom sich
wiederholenden Architekturmotiv des Erkers geprägt, andererseits stellten
die Fassadenmalereien von Wilhelm Hartung eine Besonderheit dar, wel-
che diese Siedlung von den anderen beiden Ensembleteilen abhebe. Ge-
rade diese Fassadenbilder würden Zürcher Architektur- und Sozialge-
schichte auf eine einzigartige Weise ablesbar und erlebbar machen; mit der
angestrebten Inventarentlassung seien jedoch auch die Malereien von Har-
tung dem Untergang geweiht. Sollten zwei Drittel dieser bemerkenswerten
Abfolge abgebrochen werden, würde auch der zu erhaltende Erismannhof
in seiner Qualität als Teil dieses schützenswerten Ensembles beeinträch-
tigt. Der Architekt Otto Streicher habe sich sehr intensiv mit dem genossen-
schaftlichen Wohnungsbau beschäftigt; das Gutachten stufe die Siedlung
Kanzleistrasse denn auch als charakteristisch für sein Schaffen in den
1920er-/1930er-Jahren ein (vgl. act. 5.2 S. 24). Die Vorinstanz berufe sich
im angefochtenen Beschluss fälschlicherweise auf die unter Schutz ste-
hende Siedlung Sihlfeld I/II als Vergleichsobjekt, unter Betonung der "ana-
logen Verwendung von dreieckigen Erkerbauten und die für Zürich grosse
Bedeutung der expressiven Wandmalereien". Dabei werde indes verkannt,
dass sich die Siedlung Sihlfeld I/II gar nicht als Vergleichsobjekt eigne: bei
der Siedlung Sihlfeld I/II handle es sich namentlich um eine gewöhnliche,
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nicht geschlossene Randbebauung, die von der Anlage her wenig anspre-
chend sei. Die Gebäudezeilen wirkten massig und seien ästhetisch weniger
ausgewogen als bei der Siedlung Kanzleistrasse. Zwar weise die Siedlung
Sihlfeld ebenfalls spitze Erker und Malereien von Hartung auf, diese seien
aber naiver, ungelenker und in den Motiven sowie in der Ausführung weni-
ger modern. Auch bilde die Siedlung Sihlfeld nicht Teil eines Ensembles.
Immerhin handle es sich bei der Siedlung Sihlfeld um ein hervorragendes
Beispiel einer gelungenen Sanierung einer genossenschaftlichen Wohn-
siedlung aus den 1920er-Jahren.
Der Innenhof der Kolonie Kanzleistrasse sei im kommunalen Inventar der
schützenswerten Gärten und Anlagen enthalten. Notwendigerweise seien
das Gebäude und die Gestaltung der Aussenräume sowohl in baukünstleri-
scher als auch sozialgeschichtlicher Hinsicht eng miteinander verknüpft.
Zur Schutzwürdigkeit der separat inventarisierten Aussenräume habe die
Gartendenkmalpflege ein Gutachten erstellen lassen (vgl. act. 5.9). Dieses
stufe in erster Linie die Ausdehnung der Grünflächen als schutzwürdig ein,
wogegen es den Schutz von einzelnen Pflanzen lediglich in sekundärer
Hinsicht empfehle (vgl. act. 5.9 S. 23). Im Widerspruch dazu seien im ange-
fochtenen Beschluss ausschliesslich einzelne Bäume geschützt worden.
Der Schutz von acht Einzelbäumen sei zwar grundsätzlich zu begrüssen,
werde der Qualität des betroffenen Gartenobjekts aber nicht gerecht, zumal
die Schutzwürdigkeit der Aussenräume gerade nicht im Bestand von alten
Bäumen, sondern in der programmatischen Konzeption von Freiräumen
begründet sei.
Was sodann die von der Vorinstanz vorgenommene Interessenabwägung
anbelange, so sei darauf hinzuweisen, dass auf kommunaler Ebene mehr-
fach der Wille bekräftigt worden sei, die Kolonie Kanzleistrasse als einen
bemerkenswerten Zeitzeugen einer für die Geschichte der Stadt Zürich be-
deutenden Epoche zu erhalten. Die Siedlung sei in das Spezialinventar
aufgenommen, ihre Bedeutung in der räumlichen Entwicklungsstrategie des
Stadtrats untermauert und ihre Schutzwürdigkeit gutachterlich festgestellt
worden. Das denkmalpflegerische und städtebauliche öffentliche Erhal-
tungsinteresse wiege mithin schwer. Eine zusätzliche Gewichtung des
Denkmalschutzinteresses ergebe sich überdies aufgrund der Bedeutung
des ISOS, dessen Schutzanliegen nach bundesgerichtlicher Rechtspre-
chung in zweifacher Hinsicht zu beachten seien: einerseits im Rahmen der
Nutzungsplanung, andererseits bei der Interessenabwägung (vgl.
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BGr 1C_488/2015 vom 24. August 2016, E. 4.3.). Die Vorinstanz erwähne
das ISOS im angefochtenen Beschluss zwar, dessen Berücksichtigung im
Rahmen der Interessenabwägung fehle jedoch. Ein öffentliches Interesse
am Abbruch und Neubau der Siedlung Kanzleistrasse, welches das erheb-
liche denkmalpflegerische Erhaltungsinteresse überwiegen würde, sei denn
auch nicht dargetan worden. Bei den Interessen, auf welche sich die Vo-
rinstanz berufe, handle es sich mehrheitlich um generelle Anliegen der heu-
tigen Zeit (Verdichtung, Nachhaltigkeit, Sozialpolitik), welche typischer-
weise in einem Spannungsverhältnis zum Denkmalschutz stünden. Inwie-
fern die angeführten Interessen im vorliegenden Einzelfall ausschliesslich
durch die völlige Preisgabe des Denkmalschutzes gewahrt werden könn-
ten, werde nicht dargelegt.
Den von der Vorinstanz ins Feld geführten Interessen sei im Einzelnen Fol-
gendes entgegenzuhalten: Die Lärm- und Schadstoffbelastung stelle ein
grundsätzliches Problem für viele Bauten in der Stadt Zürich dar und sei
beim streitbetroffenen Schutzobjekt nicht von besonderer – einen Abriss
und Neubau erfordernder – Bedeutung, zumal die Belastungen bei einem
Ersatzneubau genau gleich hoch wären und mit baulichen Massnahmen
entschärft werden müssten. Gerade im Bereich der Seebahnstrasse habe
sich die Situation aufgrund der Südwestumfahrung zudem massiv ent-
spannt. Zu den geltend gemachten Sanierungskosten sei im Weiteren zu
bemerken, dass es sich hierbei um Berechnungen der am Abriss interes-
sierten Mitbeteiligten handle, mithin um blosse Parteibehauptungen, die
weder nachvollziehbar noch belegt seien. Ausserdem sei der behauptete,
aber nicht substantiierte Preisunterschied teilweise von Subventionen ab-
hängig. Hinzu komme, dass auch beim Neubauprojekt von Müller Sigrist
Architekten die zu erwartenden Erstellungskosten 7 - 13 % über dem vor-
gegebenen Benchmark liegen würden (vgl. Studienauftragsbericht, S. 21).
Inwiefern ein Ersatzneubau kostengünstiger sei als eine Sanierung bzw.
besser geeignet wäre, den genossenschaftlichen Auftrag zu fördern, werde
jedenfalls nicht dargelegt. Ohnehin stelle das Neubauprojekt einen grund-
legenden Eingriff in das charakteristische Erscheinungsbild des heute aus-
sergewöhnlich intakten Quartiers dar und bewirke eine aus städtebaulicher
Sicht zu weitgreifende Veränderung, zumal im Rahmen der Machbarkeits-
studie sowohl das Amt für Städtebau als auch die Stadtentwicklung Zürich
einen Erhalt bzw. Teilerhalt der Kolonie Kanzleistrasse favorisierten. Hinzu
komme, dass sich das Neubauprojekt hinsichtlich seiner Gestaltung nicht in
das Quartierbild einfüge und auch in Bezug auf das unbestrittenermassen
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zu erhaltende Schutzobjekt Erismannhof problematisch erscheine (§ 238
Abs. 2 PBG).
Die Vorinstanz berufe sich sodann aufs Leitbild Seebahn-/Hohlstrasse, dem
allerdings kein rechtsverbindlicher Charakter zukomme. Dieses postuliere
eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur im Quartier mittels Abbruch
und Neubau der Siedlungen. Der sozialpolitische Auftrag der gemeinnützi-
gen Wohnbauträger könne angeblich nicht mehr gewährleistet werden, weil
das soziale Gleichgewicht im Quartier gestört sei; die Wohnungen könnten
nicht mehr an mittelständische Familien, sondern nur noch an Studierende
und Ausländer vermietet werden. Es sei zumindest fraglich, ob es an dieser
Lage sinnvoll sei, grössere Familienwohnungen für den Mittelstand zu pla-
nen und die heutigen Mieter aus der Stadt zu drängen, zumal die Nachfra-
ge nach günstigen Kleinwohnungen unbestrittenermassen hoch sei. Die
Mitbeteiligte habe weder behauptet noch belegt, dass Schwierigkeiten bei
der Vermietung der vorhandenen Wohnungen bestünden. Was im Übrigen
die mit Verweis auf das gesetzliche Ziel der Siedlungsentwicklung nach in-
nen angestrebte Erhöhung der Bewohnerzahl anbelange, so könnte diese
auch durch den Ausbau der Dachgeschosse oder die Aufstockung der be-
stehenden Siedlung gefördert werden, was in der Machbarkeitsstudie of-
fenbar völlig vergessen gegangen sei. Damit würde auch dem wohnpoliti-
schen Grundsatzartikel zum genossenschaftlichen Wohnen – welcher
überdies weitaus weniger konkret und justiziabel sei als der gesetzliche
Auftrag zum Denkmalschutz – Genüge getan. Schliesslich werde im Zu-
sammenhang mit dem Thema Nachhaltigkeit unkritisch davon ausgegan-
gen, dass ein Neubau energietechnisch in jedem Fall besser abschneide
als ein Altbau. Dies möge für gewisse Epochen – insbesondere für gewisse
Hochkonjunkturbauten in der Nachkriegszeit – zwar zutreffen, gerade Ge-
nossenschaftsbauten, die vor dieser Zeit entstanden seien, zeichneten sich
energietechnisch jedoch regelmässig durch ihre qualitätsvolle Bauweise
aus. Auch der bauliche Zustand der Kolonie Kanzleistrasse rechtfertige
keinen Abbruch; gemäss Gutachten 2016 scheine die Bausubstanz in kei-
ner Weise baufällig (vgl. act. 5.2 S. 25). Insgesamt dürfte sich der Erhalt
des Schutzobjekts sogar als ökologisch nachhaltigere Alternative heraus-
stellen, zumal ein Ersatzneubau grundsätzlich immer mit Wertvernichtung
verbunden sei und grosse Mengen an Energie und Rohstoffen (Stichwort
graue Energie) verschlinge.
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5.2.
Die Vorinstanz hält dem entgegen, dass die Inventarisierung von Bauten,
Gärten und Anlagen keinerlei qualifizierende Aussagen zu einem erfassten
Objekt mache; der Inventareintrag begründe zwar die Vermutung der
Schutzwürdigkeit, erst konkrete Schutzabklärungen im Einzelfall bzw. der
begründete Entscheid der zuständigen Behörde legten jedoch fest, ob und
in welchem Grad ein Objekt für schutzwürdig befunden werde. Auch einem
Spezialinventar komme keine erhöhte oder qualifizierte Schutzvermutung
zu. Entgegen dem Dafürhalten des Rekurrenten sei in Bezug auf die Sied-
lung Kanzleistrasse nicht von einer "unbestrittenermassen hochgradigen
Schutzwürdigkeit" auszugehen; diese Qualifizierung decke sich weder mit
der Einschätzung des den Stadtrat beratenden Fachgremiums – der
Denkmalpflegekommission der Stadt Zürich – noch derjenigen des Stadt-
rats als zuständige Behörde. Im Gutachten 2016 werde der Siedlung Kanz-
leistrasse in baukünstlerischer und städtebaulicher Hinsicht eine grosse
Bedeutung attestiert, welche deren Schutzwürdigkeit begründe. Die Denk-
malpflegekommission habe die Siedlung immerhin als grundsätzlich schutz-
würdig eingestuft. Ein hoher Situationswert werde der Siedlung Kanzleist-
rasse dabei nicht attestiert. Die Ensemblewirkung der drei Wohnsiedlungen
Seebahn, Kanzleistrasse und Erismannhof könne hingegen bejaht werden;
aufgrund ihrer städtebaulichen, topografischen und erschliessungstechni-
schen Zusammengehörigkeit sowie den gemeinnützigen Bauträgerschaften
würden die Bauten durchaus ähnliche charakteristische Merkmale aufwei-
sen. Sie würden sich jedoch erheblich durch Farbwahl, Aussenraumgestal-
tung, Gestalt und Strukturierung unterscheiden; als hochgradig schutzwür-
dig sei das Ensemble daher nicht zu bezeichnen. Der Begriff "hochgradig"
suggeriere eine Einzigartigkeit, die der Siedlung Kanzleistrasse weder für
sich allein noch im Verbund mit den Siedlungen Erismannhof und Seebahn
zukomme. Von einem hochrangigen städtebaulichen Ensemble könne etwa
bei den drei Wissenschaftsbauten ETH-Maschinenlaboratorium, Universi-
täts-Hauptgebäude und ETH-Hauptgebäude ausgegangen werden. Diesem
Vergleich halte das vorliegende Ensemble jedoch nicht stand. Im Übrigen
sei zu betonen, dass der Quartierbereich zwischen Bahneinschnitt und
Hardau in städtebaulicher und architektonischer Hinsicht nicht ausschliess-
lich homogen strukturiert bzw. "weitgehend unverändert in Struktur und
Substanz geblieben" sei, wie seitens des Rekurrenten behauptet werde.
Ausserdem könne der bestehenden Siedlungsstruktur auch mit dem ge-
R1S.2016.05125 Seite 14
planten Ersatzneubau von Müller Sigrist Architekten Rechnung getragen
werden.
Bei dem vom Rekurrenten hervorgehobenen Erkermotiv handle es sich um
ein architektonisches und baukünstlerisches Element, das sich im kommu-
nalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau der Zwischenkriegszeit bis
weit in die Nachkriegszeit grosser Beliebtheit erfreut habe und bereits im
Heimatstil zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig zur Anwendung gekom-
men sei. Auch im Werk des Architekten Otto Streicher sei das Erkermotiv
zahlreich repräsentiert, etwa bei den ABZ-Wohnsiedlungen Ottostrasse
(1927, im Inventar) und Sihlfeld I/II (1928 - 1929, unter Schutz). Was so-
dann die Fassadenmalereien von Wilhelm Hartung anbelange, so seien
diese ebenfalls nicht derart einzigartig, wie der Rekurrent glaubhaft machen
wolle. Die genrehaften Szenen bildeten eine horizontal durchlaufende Bil-
derabfolge, die ein kontinuierliches Narrativ suggerierten. Die künstlerische
Strategie der Bilderreihe verrate ein eher traditionelles Verständnis von
Fassaden- und Bauschmuck, welcher dem Bedürfnis nach Selbstdarstel-
lung nach aussen zum Ausdruck verhelfe. Im Vergleich dazu seien die
ebenfalls von Wilhelm Hartung geschaffenen Erkermalereien der Siedlung
Sihlfeld I/II als ein auf die vertikalen Erkertürme bezogenes, komplexes
Bildgeschehen aus abstrakt gestalteten Wandpartien und figürlichen Dar-
stellungen zu werten. Dieses Werk verrate ein von künstlerischer Avant-
garde inspiriertes, vergleichsweise modernes Kunstverständnis, welches
vom Rekurrenten pauschal und unbegründet als "naiv" und "ungelenk" ab-
qualifiziert worden sei. Die im Vergleich zur Siedlung Kanzleistrasse mo-
derne Kunstauffassung Hartungs zeige sich bei der Siedlung Sihlfeld I/II
besonders deutlich an den kleinteiligen, farbigen Verglasungen der Ein-
gangstüren. Diese stellten ein Werk abstrakter Kunst dar, was im genos-
senschaftlichen Wohnungsbau völlig einzigartig sei. Im Übrigen seien die
zahlreichen Fassadenmalereien von Wilhelm Hartung in Zürich auch wei-
terhin vorzüglich repräsentiert: Medaillons-Malerei, Gewölbe der Kuppelde-
cke der offenen Tramwartehalle, Kreuzplatz 11 (1918, im Inventar); "Zug
der Zürcherinnen auf dem Lindenhof", Strehlgasse 14 / Schwanengasse 9
(1924, unter Schutz seit 1966); "Reiter", Stüssihofstatt 11 (1925, im Inven-
tar); "Der Minnesänger Maness", Manessestrasse 28 (1927, nicht im Inven-
tar); "Zähringer", Zähringerstrasse 10 / Mühlegasse 19 (1927, im Inventar);
Apotheke zum Hammerstein, Rennweg 27 / Kuttelgasse 2 (1928, unter
Schutz seit 2005); ABZ-Wohnsiedlung Sihlfeld I/II (1929, unter Schutz seit
2012); ABZ-Wohnsiedlung Neugasse (1929, nicht im Inventar) sowie Hei-
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matwerk, Schipfe 32 (1939, im Inventar). Es treffe zwar zu, dass es sich bei
der ABZ-Wohnsiedlung Sihlfeld I/II um eine geschlossene Hofbebauung
handle, die platzbildprägende Funktion und die auf Monumentalwirkung
bedachte, symmetrische Hauptfassade mit dem erhöhten Dachaufbau sei
jedoch vergleichbar mit der ebenfalls von Otto Streicher für die ABZ ge-
schaffenen Siedlung Ottostrasse. Beide Siedlungen zeugten vom Einfluss
der kommunalen Wohnanlagen des "Roten Wien" und seien ein genossen-
schaftliches Bekenntnis aus der Zwischenkriegszeit zum urbanen Städte-
bau. Die Einschätzung des Rekurrenten, wonach die Siedlung Sihlfeld an-
geblich "ästhetisch weniger ausgewogen" sei als die Wohnsiedlung Kanz-
leistrasse und deswegen "massig" wirke, erweise sich aus denkmalpflege-
rischer Hinsicht jedenfalls als unhaltbar.
Was die Aussenräume der Wohnsiedlung Kanzleistrasse anbelange, so wi-
derspreche die Unterschutzstellung einzelner Bäume nicht dem Gutachten
der Gartendenkmalpflege. Zum Schutzwert des Innenhofs halte das Gut-
achten fest: "Markante Blutbuchen, eigentlich eher Park- als Gartenbäume,
prägen den Hofraum, Lindenbäume beschatten den Kiesplatz in der Liege-
wiese. Diese einfache strukturierende Geste der Baumsetzungen macht
aus dem Hofraum heute, nach ca. 80 Jahren, einen Freiraum von ausser-
gewöhnlicher originaler Qualität und Atmosphäre (vgl. act. 5.9 S. 23). Dar-
aus sei erkennbar, dass beim vorliegenden Hof vorab die Solitärbäume
schützenswert seien und nicht primär die Ausdehnung der Grünfläche.
Zwar werde das gestalterisch wichtige Grundprinzip der Blockrandbebau-
ung durch die umlaufenden Vorgärten und die grosszügigen Innenhöfe be-
gründet; die im Schutzvertrag bezeichneten Bäume seien jedoch für die
Qualität und Atmosphäre des Hofes von entscheidender Bedeutung. Mit
der Machbarkeitsstudie 2011 respektive dem Leitbild Seebahn-/Hohlstrasse
sei sichergestellt worden, dass die heutige Freiraumqualität auch in einer
Nachfolgesiedlung in gleicher Weise zum Tragen kommen werde, ohne
dass dafür die Grünfläche als solches in ihrer Substanz erhalten bleiben
müsse. Die geschützten Bäume der ursprünglichen Anlage würden jedoch
wesentlich dazu beitragen, dem neuen Hof von Anbeginn weg eine reife,
parkartige Atmosphäre zu verleihen und dadurch die alten Qualitäten hoch
zu halten.
Zusammenfassend sei der denkmalpflegerische Wert der Wohnsiedlung
Kanzleistrasse zwar durchaus anzuerkennen, das Erhaltungsinteresse sei
jedoch gegenüber den erheblichen öffentlichen und privaten Interessen
R1S.2016.05125 Seite 16
insgesamt als geringer einzustufen, was im angefochtenen Beschluss in
nachvollziehbarer Weise dargelegt worden sei. Eine zusätzliche Gewich-
tung erfahre das denkmalpflegerische Erhaltungsinteresse auch nicht durch
die inzwischen in Kraft getretene ISOS-Festsetzung für die Stadt Zürich. Im
Zeitpunkt des angefochtenen Beschlusses sei das ISOS für das betroffene
Gebiet noch nicht rechtskräftig festgesetzt gewesen und habe daher im
Rahmen der Interessenabwägung auch noch nicht unmittelbar berücksich-
tigt werden können. Sollte für das betroffene Gebiet im Hinblick auf einen
allfälligen Ersatzneubau dereinst ein Gestaltungsplan realisiert werden, wä-
re den Schutzanliegen des ISOS im Rahmen dieser Nutzungsplanung
dannzumal selbstverständlich Rechnung zu tragen.
5.3.
Die Mitbeteiligte vertritt zusammengefasst den Standpunkt, die Wohnsied-
lung Kanzleistrasse sei nicht als hochgradig schutzwürdig einzustufen, zu-
mal die städtebauliche Struktur auch mit dem geplanten Ersatzneubau er-
halten bleibe bzw. mit diesem sogar noch verbessert werde. Auch die En-
semblewirkung der drei gemeinnützigen Wohnsiedlungen entlang des See-
bahneinschnitts – Erismannhof, Seebahn und Kanzleistrasse – sei stark zu
relativieren. Der Vorwurf des Rekurrenten, es werde mit intransparenten,
falschen Kostenberechnungen operiert, weist die Mitbeteiligte überdies mit
Nachdruck zurück. Es liege ein ausführlicher Bericht bei den Akten, welcher
die verschiedenen Erneuerungsvarianten inkl. deren Kostenfolgen erläute-
re, unter anderem auch anhand eines Vergleichs mit der gesamtsanierten
Siedlung Sihlfeld I/II (vgl. act. 13.5). Die unangebrachten, teil polemischen
Bemerkungen des Rekurrenten würden darin Punkt für Punkt widerlegt: Ei-
ne sogenannte sanfte Sanierung sei heutzutage bei Wohnbauten dieses Al-
ters nicht mehr möglich, weil selbst eine nur halbwegs erfüllte Erdbebener-
tüchtigung eine tiefgreifende Sanierung erfordern würde. Die Massnahmen
der Erbebenertüchtigung dürften nicht dem Erneuerungsfond zugerechnet
werden und seien daher direkt mietzinswirksam. Der Erneuerungsfonds
wäre ohnehin bereits bei einer einfachen Instandstellung aufgebraucht und
es würde eine Mietzinserhöhung von 12 % resultieren (vgl. act. 13.5 S. 3).
Der Bericht befasse sich überdies mit den Erweiterungsmöglichkeiten und
deren Konsequenzen im Falle einer tiefgreifenden Sanierung. Bereits ohne
Berücksichtigung der Kosten würden sich alle Optionen entweder als un-
tauglich oder aber als zu wenig wirksam erweisen, um den heutigen Anfor-
derungen an den gemeinnützigen Wohnungsbau gerecht zu werden. Der
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Vergleich der drei Varianten "einfache Sanierung für einen Zeithorizont von
20 - 25 Jahren", "tiefgreifende Sanierung / Erweiterung wie Sihlfeld" und
"Neubau" zeige auf, dass die Kosten für eine tiefgreifende Sanierung nur
leicht unter den Neubaukosten zu liegen kämen, dies notabene bei weiter-
hin mehrheitlich zu engen Wohnungen, weniger Komfort und einer nur mit-
telfristig wirksamen Verbesserung. Insbesondere fiele bei einer Sanierung
das Verdichtungspotential eines Neubaus weg; damit würde rund 300 Per-
sonen der Zugang zu preisgünstigen Wohnungen verwehrt bleiben.
6.
Als Schutzobjekte fallen gemäss § 203 Abs. 1 lit. c PBG unter anderem
Gebäudegruppen, Gebäude und Teile sowie Zugehör von solchen, die als
wichtige Zeugen einer politischen, wirtschaftlichen, sozialen oder baukünst-
lerischen Epoche erhaltungswürdig sind oder die Landschaften oder Sied-
lungen wesentlichen mitprägen, samt der für ihre Wirkung wesentlichen
Umgebung in Betracht. Weiter besagt lit. f derselben Bestimmung, dass
wertvolle Park- und Gartenanlagen, Bäume, Baumbestände, Feldgehölze
und Hecken ebenso erhaltenswert sind. Für die Qualifikation als Schutzob-
jekt setzt das Gesetz alternativ die wichtige Zeugenschaft (sog. Eigenwert)
oder die wesentliche landschafts- bzw. siedlungsprägende Wirkung (sog.
Situationswert) voraus.
Die Qualifikation eines Baudenkmals als Schutzobjekt im Sinne von § 203
PBG führt indes nicht zwingend zum Erlass von Schutzmassnahmen, son-
dern nur, wenn die denkmalpflegerische Bedeutung und das öffentliche In-
teresse an der Erhaltung des Schutzobjekts im Rahmen der vorzunehmen-
den Güterabwägung höher zu gewichten sind als entgegenstehende öffent-
liche und private Interessen (RB 1992 Nr. 62). Beim Entscheid, ob ein Ob-
jekt unter Schutz gestellt oder aus dem Inventar entlassen werden soll, ver-
fügen die Gemeinden über ein Auswahlermessen. Sie müssen unter meh-
reren infrage kommenden Objekten eine Auswahl treffen und diejenigen se-
lektionieren, welche sie in Beachtung aller Umstände als für die Unter-
schutzstellung am geeignetsten halten (RB 1989 Nr. 67). Im Falle eines
Verzichts auf die Unterschutzstellung eines wichtigen Zeugen hat die Ge-
meinde ihre Denkmalpflegestrategie unter Verweis auf vergleichbare, be-
reits unter Schutz gestellte Objekte darzulegen sowie unter Verhältnismäs-
sigkeitsgesichtspunkten unterschiedlich weitreichende Schutzanordnungen
(z.B. teilweise Unterschutzstellung, Ergänzungsbauten sowie allfällige Nut-
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zungskonzepte) vertieft zu prüfen und schlussendlich die erforderliche Inte-
ressenabwägung unter Berücksichtigung aller übrigen einzelfallartigen Fak-
toren vorzunehmen (vgl. VB.2014.00603 vom 9. Juli 2015, E. 3.1).
Dem Umstand, dass den Gemeinden bei der Beurteilung der Schutzwür-
digkeit sowie bei der Auswahl unter mehreren infrage kommenden Objek-
ten ein gewisser Ermessensspielraum zukommt, trägt das Baurekursgericht
dadurch Rechnung, dass es sich bei der Überprüfung eines vertretbaren
denkmalpflegerischen Entscheides der Vorinstanz Zurückhaltung auferlegt.
Lässt sich dieser auf vernünftige Gründe abstützen, so schreitet die Re-
kursinstanz nicht ein. Im Übrigen kommt dem Baurekursgericht bei der
Überprüfung von denkmalpflegerischen Anordnungen in der Regel volle
Kognition zu.
7.1.
Vorliegend ist die grundsätzliche Schutzwürdigkeit der Wohnsiedlung Kanz-
leistrasse im Sinne von § 203 Abs. 1 lit. c PBG unbestritten. Strittig ist hin-
gegen der Grad der Schutzwürdigkeit und damit die Frage, ob es sich um
ein Objekt von geringer, mittlerer, hoher oder besonders hoher Schutzwür-
digkeit handelt. Nach Ansicht des Rekurrenten handelt es sich bei der
streitbetroffenen Siedlung um ein hochkarätiges Schutzobjekt, und zwar
sowohl hinsichtlich ihres Eigenwerts wie auch ihres Situationswerts, ferner
auch als Bestandteil des Dreierensembles "Erismannhof, Seebahn, Kanz-
leistrasse". Demgegenüber gehen die Vorinstanz und die Mitbeteiligte von
einer bloss eingeschränkten Schutzwürdigkeit aus.
7.2.
Um die Schutzwürdigkeit der Wohnsiedlung Kanzleistrasse inkl. deren Aus-
senräume (Innenhof und Vorgärten) abzuklären, gab die Vorinstanz mehre-
re Gutachten in Auftrag. Dem Hauptgutachten vom 9. Mai 2016 zuhanden
der Denkmalpflegekommission (act. 5.2) lässt sich im Wesentlichen ent-
nehmen, dass es sich bei der Siedlung Kanzleistrasse um eine typische
genossenschaftliche Wohnkolonie handelt, wie sie in der Stadt Zürich seit
den frühen 1920er-Jahren häufig vorkommt. Insbesondere im Quartier
Aussersihl wurden in den 1920er-/1930er-Jahren diverse mächtige Wohn-
siedlungen mit Blockrandbebauung erstellt. Charakteristisch für die damali-
ge Bauzeit war die Öffnung des Blockrandes an den Ecken; dieses Merk-
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mal lässt sich auch bei der Siedlung Kanzleistrasse erkennen. Die beiden
offenen Einfahrten an der Karl-Bürklistrasse sowie die gegenüberliegenden
Torbauten an der Kanzleistrasse erzeugen eine Durchlässigkeit, wodurch
der leicht zugängliche Innenhof eine halböffentliche Wirkung erhält. Statt
die Baufläche maximal auszunützen, weist die Siedlung einen grosszügi-
gen, durch eine mittlere Bauzeile unterteilten Innenhof auf; anders als bei
verdichteten Mietskasernen standen bei den Genossenschaftssiedlungen
Licht und Hygiene im Vordergrund. Die Wohnungen der Siedlung Kanzleist-
rasse kommen daher der in den 1920er-Jahren propagierten Forderung
nach Licht, Luft und Sonne nach. Die Grundrisse orientieren sich nach dem
Sonnenlauf: Wohn- und Schlafzimmer sind auf der Sonnenseite angeord-
net, während Treppenhaus, Bad, Küche sowie allenfalls ein weiteres Zim-
mer auf der Schattenseite liegen. Durch die Möglichkeit der Querlüftung
wird die Luftzufuhr verbessert und durch die geringeren Gebäude- bzw.
Zimmertiefen respektive die Vergrösserung der Gebäudeabstände eine gu-
te Belichtung gewährleistet.
Stilistisch bewegt sich die Siedlung Kanzleistrasse zwischen Traditionalis-
mus und Neuem Bauen. Die Genossenschaften suchten zur Bauzeit eine
Balance zwischen traditionellen Gepflogenheiten und neuen Gestaltungs-
impulsen. Während sich der gemeinnützige Wohnungsbau vor dem ersten
Weltkrieg an ländliche Vorbilder und heimatliche Tradition anlehnte, redu-
zierte sich die ästhetische Gestaltung nach dem ersten Weltkrieg auf das
sachlich Notwendige. Die Blockrandbebauung der Siedlung Kanzleistrasse
ist in einzelne Zeilen aufgebrochen, die unter einem Walmdach zu einer
Grossform zusammengefasst sind. Das Walmdach kragt minimal über die
Fassade hinaus. Die Hausfassaden wirken – abgesehen von den Malereien
– schlicht und nüchtern und weisen keinerlei plastischen Schmuck auf. Die
Fassadenöffnungen wie Fenster und Loggien sind in der Grösse reduziert
und regelmässig angeordnet. Im Bereich des obersten Geschosses und der
Treppenhäuser betonen Gesimse die horizontale Ausrichtung. Im Kontrast
dazu stehen die dreiecksförmigen Erker auf den Südostseiten sowie die
durch versetzte Fenster hervorgehobenen Treppenhäuser. Die Verschrän-
kung von horizontalen und vertikalen Gliederungselementen ist ein charak-
teristisches Merkmal der Moderne. Hervorzuheben ist sodann die Verbin-
dung expressionistischer Ausdrucksformen (Fassadenmalereien, abgerun-
dete Türstürze im Hof) mit einer modernen Bauauffassung (Ausrichtung der
Wohnbereiche zur Sonnenseite statt überall zur "repräsentativen Strassen-
seite"). Der Architekt Otto Streicher war einer der Hausarchitekten der Mit-
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beteiligten und entwarf für sie mehrere genossenschaftliche Wohnkolonien.
Während sich seine Siedlungen anfänglich noch am Heimatstiel orientier-
ten, realisierte er mit der Wohnkolonie Ottostrasse erstmals eine aufgebro-
chene Hofrandbebauung und setzte dabei Gebäudevor- und Rücksprünge
als plastische Gestaltungselemente an den langen Häuserzeilen ein (1927;
ABZ, im Inventar). Bei der Wohnkolonie Sihlfeld I/II verwendete Hartung
sodann erstmals dreiecksförmige, bemalte Erker (1928 - 1929; ABZ, unter
Schutz seit 2012, Gesamtsanierung 2011 - 2013). Diese finden sich auch
bei der Wohnkolonie Neugasse/Ackerstrasse und bei der streitbetroffenen
Wohnkolonie Kanzleistrasse.
Die Fassadenmalereien von Wilhelm Hartung im Bereich der Erker und
Eingänge der Siedlung Kanzleistrasse sind ein zeittypisches Gestaltungs-
merkmal der Baugenossenschaften; Farbe war ein günstiges Gestaltungs-
mittel und verlieh den Wohnbauten einen repräsentativen Ausdruck. Die
von Hartung aufgegriffenen Themen der Verhäuslichung der Arbeiterschaft
und der ländlich-bäuerlichen Idylle sowie der Tugenden der Arbeitsfreude,
des Familiensinns, der Frömmigkeit und der Vaterlandsliebe stehen in der
Tradition der Philanthropen und gehören motivisch zum Standardrepertoire
und Selbstverständnis der Baugenossenschaften. Die bunten Fassadenbil-
der evozieren eine ländliche Idylle und bringen die Sehnsucht nach dem
Leben auf dem Land zum Ausdruck; mit Tier- und Pflanzenmotiven ver-
suchte man, die Natur in die Stadt zu bringen. Ausgeblendet bleibt die so-
ziale Realität der Arbeiterschaft, die vielfach von Not, Armut, Krankheit und
Gewalt geprägt war. Zu dem sich wiederholenden Architekturmotiv des Er-
kers fügen sich die ohne individuelle Gesichtszüge ausgestatteten Men-
schentypen besonders gut ein. Die der Gegenständlichkeit verpflichteten
Fassadenbilder sind in ihrer stilisierten Darstellung, ohne illusionistische
Raumtiefe und ohne Wiedergabe von Licht und Schatten von einer sachli-
chen Ästhetik, die mit Wilhelm Hartungs Malereien an den ABZ-Siedlungen
Sihlfeld (1928, unter Schutz seit 2012) und Neugasse (1930) vergleichbar
sind. Vor den rosafarbenen Fassadenflächen setzt der Künstler kräftige
Farbkontraste in Rot, Blau, Schwarz und Weiss, zu denen sich weichere
Farbklänge in Braun- und Grautönen gesellen. Das Bildprogramm zeugt
von der Sehnsucht nach einer von Klassengegensätzen befreiten Gesell-
schaft, deren gemeinschaftliche Idee des genossenschaftlichen Wohnens
mit dem Ideal der bürgerlichen Familie vereint wird und als verklärtes Ge-
genbild zur sozialen Ordnung im Kapitalismus wirken soll.
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Abschliessend kommt das Gutachten zum Schluss, dass die Wohnkolonie
Kanzleistrasse sowohl städtebaulich als auch baukünstlerisch von grosser
Bedeutung ist und sich als Schutzobjekt im Sinne von § 203 Abs. 1 lit. c
PBG qualifizieren lässt. Zusammen mit den fast gleichzeitig erbauten Sied-
lungen Seebahn und Erismannhof bildet sie ein städtebauliches Ensemble,
welches sich dem tiefer liegenden Bahntrassee anpasst. Aufgrund ihrer
städtebaulichen, topographischen und erschliessungstechnischen Zusam-
mengehörigkeit sowie der gemeinnützigen Bauherrschaften weisen die drei
Siedlungen ähnliche Merkmale wie die offene, grossformatige Bebauungs-
weise oder die gemeinschaftlich genutzten, begrünten Innenhöfe auf. Auch
baukünstlerisch stehen sie allesamt zwischen Traditionalismus und Neuem
Bauen; dennoch besitzt jede Siedlung ihren individuellen Charakter und ih-
re eigene Formensprache. Bei der Siedlung Kanzleistrasse sind es die An-
ordnung der Baublöcke, die dreiecksförmigen Erker sowie die vom Maler
Wilhelm Hartung (1879 - 1957) geschaffenen knapp vierzig Fassadenmale-
reien, welche ländliche Motive und Alltagsszenen zeigen. Auch innerhalb
des Siedlungsverbundes Sihlfeld ist die Siedlung Kanzleistrasse von ho-
hem städtebaulichen Wert. Sie nimmt das Blockrandmuster der gegenüber-
liegenden Seite des Seebahneinschnitts wieder auf, interpretiert dieses
Thema aber neu unter Berücksichtigung der damaligen modernen wohnhy-
gienischen Vorstellungen (Ausrichtung) sowie der genossenschaftlichen
Elemente (niedrigere Dichte; vgl. zum Ganzen act. 5.2).
7.3.
Neben dem Hauptgutachten existiert überdies ein Gartendenkmalpflegeri-
sches Gutachten vom 11. Januar 2010 (act. 5.9). Aus dem Gartengutach-
ten geht hervor, dass die historische Substanz des Wohnhofs aus der Ent-
stehungszeit noch zu wesentlichen Teilen vorhanden ist und auch das heu-
tige Bild noch sehr stimmig prägt. Vor allem der heute reife Baumbestand
ist praktisch lückenlos vorhanden. Änderungen haben hauptsächlich im De-
tail, nicht aber in den Strukturen stattgefunden. Die Bepflanzung der Rabat-
ten hingegen entspricht nicht mehr dem originalen Zustand, die Sträucher
und Stauden wurden (konzeptfremd) verändert. Die Vorgärten sind struktu-
rell erhalten, die Bepflanzung wurde jedoch ungefähr nach dem histori-
schen Vorbild erneuert. Grundsätzlich sind die durchgrünten, umfriedeten
Vorgärten und bepflanzten Innenhöfe noch in ihrer originalen Ausdehnung
erhalten. Die Wohnhöfe von Blockrandbebauungen des frühen
20. Jahrhunderts sind programmatisch als gemeinschaftliche Freiräume für
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die Bewohner konzipiert und sollten als "Kritik der steinernen Stadt" fort-
schrittlich Licht und Luft in die Wohnkolonien bringen. Auch der aus zwei
Räumen bestehende Wohnhof der Siedlung Kanzleistrasse erfüllt dieses
Programm. Markante Blutbuchen, eigentlich eher Park- als Gartenbäume,
prägen den Hofraum, Lindenbäume beschatten den Kiesplatz in der Liege-
wiese. Diese einfache strukturierende Geste der Baumsetzungen macht
aus dem Hofraum heute, nach ca. 80 Jahren, einen Freiraum von ausser-
gewöhnlicher originaler Qualität und Atmosphäre. Zusammenfassend
kommt das Gartengutachten zum Schluss, dass die durchgrünten, klar ein-
gefriedeten Vorgärten und die bepflanzten Hofflächen der Siedlung Kanz-
leistrasse als wichtige städtebauliche Zeitzeugen in ihrer Ausdehnung
schutzwürdig sind, nicht aber mit Bezug auf die heutige Gestaltung der
Grünflächen. Soweit die Gehölze vital sind und eine langfristige Lebenser-
wartung aufweisen, erweisen sie sich ebenfalls als grundsätzlich schüt-
zenswert (vgl. zum Ganzen act. 5.9).
7.4.
Entgegen der rekurrentischen Darstellung lassen sich den beiden Gutach-
ten keine Anhaltspunkte für eine hochgradige Schutzwürdigkeit der Sied-
lung Kanzleistrasse (inkl. Aussenräume) entnehmen. Wohl qualifiziert das
Gutachten 2016 die streitbetroffene Siedlung in baukünstlerischer, städte-
baulicher und sozialgeschichtlicher Hinsicht als Schutzobjekt im Sinne von
§ 203 Abs. 1 lit. c PBG und streicht als besondere gestalterische Merkmale
die dreiecksförmigen Erker sowie die vom Maler Wilhelm Hartung (1879 –
1975) geschaffenen knapp vierzig Fassadenmalereien heraus. Von beiden
Gestaltungsmerkmalen konnte sich auch das Baurekursgericht anlässlich
des Lokaltermins ein Bild machen (vgl. Foto Nr. 15). Allerdings geht aus
dem Gutachten auch deutlich hervor, dass es sich bei der Siedlung Kanz-
leistrasse um einen typischen Vertreter einer genossenschaftlichen Wohn-
kolonie handelt, wie er in Zürich überaus häufig vorkommt. Der genossen-
schaftliche Wohnungsbau spielt in Zürich eine für Schweizerische Verhält-
nisse exemplarische Rolle; in der zehnjährigen Bauperiode von
1922 - 1931 wurden in Zürich etwa die Hälfte aller Wohnbauten auf ge-
meinnütziger Basis erstellt, wobei als Bautyp vermehrt die Kolonie gewählt
wurde. Dies zeigt sich einerseits daran, dass nur schon im "Spezialinventar
Wohnsiedlungen" die beachtliche Anzahl von 89 Wohnsiedlungen aufge-
führt ist. Andererseits verfügt die Mitbeteiligte über rund 60 Siedlungen im
Kanton Zürich und ist damit die grösste Wohnbaugenossenschaft der
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Schweiz, wobei Otto Streicher als einer ihrer Hausarchitekten fungierte (vgl.
dazu auch act. 13.1). Allein in der Zwischenkriegszeit realisierte Otto Strei-
cher für die Mitbeteiligte insgesamt zwölf Wohnsiedlungen in der Stadt Zü-
rich; hiervon ist neben der Siedlung Kanzleistrasse auch die Siedlung Ot-
tostrasse (1927) im kommunalen Inventar der kunst- und kulturhistorischen
Objekte verzeichnet, die gesamtsanierte Siedlung Sihlfeld I/II (1928 - 1929)
steht seit 2012 sogar unter Denkmalschutz. Der Grad der Schutzwürdigkeit
eines Objekts hängt immer auch entscheidend davon ab, ob noch andere
vergleichbare Objekte derselben Bau- und Stilepoche existieren. Dies ist
mit Blick auf die streitbetroffene Siedlung Kanzleistrasse der Fall. Auch von
der angeblich hochgradigen Schutzwürdigkeit des Dreier-Ensembles "Eris-
mannhof, Seebahn, Kanzleistrasse" ist im Gutachten nirgends die Rede.
Die Vorinstanz anerkennt zwar eine gewisse Ensemblewirkung der drei
Siedlungen und eine solche liess sich auch anlässlich des Augenscheins
feststellen, von einer einzigartigen siedlungsprägenden Wirkung kann hier