Decision ID: 0fa64274-8ea6-5f07-99e4-8f8946a25784
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 2. August 2020 in der Schweiz um Asyl
nach. Nachdem die belgischen Behörden am 24. August 2020 ein Ersu-
chen des SEM um seine Rückübernahme explizit gutgeheissen hatten, trat
das SEM mit Verfügung vom 25. August 2020 in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerde-
führers nicht ein und verfügte die Überstellung nach Belgien, welches ge-
mäss der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO) für die Behandlung seines Asylgesuche zuständig war.
Gleichzeitig verfügte das SEM den Vollzug der Wegweisung nach Belgien
und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme
keine aufschiebende Wirkung zu.
B.
Auf die vom Beschwerdeführer gegen diese Verfügung erhobene Be-
schwerde vom 2. September 2020 trat das Bundesverwaltungsgericht mit
Urteil F-4383/2020 vom 24. September 2020 nicht ein, nachdem der ein-
verlangte Kostenvorschuss nicht geleistet worden war.
C.
Mit Verfügung vom 20. November 2020 verhängte das SEM gegen den
Beschwerdeführer ein dreijähriges Einreiseverbot und dessen Ausschrei-
bung im Schengener Informationssystem (SIS II). Auf eine gegen diese
Verfügung eingereichte Beschwerde wurde vom Bundesverwaltungsge-
richt mit Urteil F-6274/2020 vom 26. März 2021 wegen Nichtbezahlens des
Kostenvorschusses nicht eingetreten.
D.
Die Buchung des für den Beschwerdeführer geplanten Überstellungsflugs
vom 16. November 2020 musste annulliert werden, weil dieser zu dem ihm
mitgeteilten Zeitpunkt nicht am Flughafen erschien.
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Seite 3
E.
Mit Verfügung vom 16. November 2020 teilte die Vorinstanz den belgi-
schen Behörden mit, die Überstellung könne nicht innert der sechsmonati-
gen Frist erfolgen, da der Beschwerdeführer untergetaucht sei, und er-
suchte deshalb um Verlängerung der Überstellungsfrist auf 18 Monate ge-
mäss Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO.
F.
Zwecks Sicherstellung einer kontrollierten Überstellung nach Belgien
ordnete das Migrationsamt B._ in der Folge eine Administrativhaft
gegen den Beschwerdeführer – beginnend am 23. November 2020 – an.
Nach einmaliger Verlängerung dieser Haft wurde er am 9. Februar 2021
aus dieser Haft entlassen.
G.
Der Beschwerdeführer verweigerte am 7. Dezember 2020 durch sein Ver-
halten einen weiteren Überstellungsversuch und musste deshalb zurück
ins Flughafengefängnis in Ausschaffungshaft versetzt werden. Zwei wei-
tere geplante Überstellungen (am 11. Januar 2021 und 9. Februar 2021)
scheiterten ebenfalls, weil der Beschwerdeführer den Abflug respektive
den zuvor erforderlichen Corona-Test verweigerte.
H.
Mit Eingabe vom 30. März 2021 an das SEM stellte die Rechtsvertretung
des Beschwerdeführers sich auf den Standpunkt, die Frist für seine Über-
stellung nach Belgien sei abgelaufen und beantragte darum, die Verfügung
vom 25. August 2020 sei wiedererwägungsweise aufzuheben und es sei
auf sein Asylgesuch einzutreten.
I.
Mit Schreiben vom 31. März 2021 teilte das SEM dem Beschwerdeführer
mit, dass am 16. November 2020 eine Verlängerung der Überstellungsfrist
beantragt worden sei und deshalb Belgien nach wie vor für die Behandlung
dieses Asylgesuchs zuständig sei.
J.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 6. April 2021 an die Vorinstanz
ersuchte der Beschwerdeführer um Erlass einer anfechtbaren entspre-
chenden Feststellungsverfügung.
E-2214/2021
Seite 4
K.
Mit Verfügung vom 14. April 2021 (eröffnet am 15. April 2021) stellte das
SEM fest, die Zuständigkeit für die Prüfung des Asylgesuchs des Be-
schwerdeführers sei nicht auf die Schweiz übergangen und die Frist zur
Überstellung nach Belgien laufe bis zum 24. Februar 2022.
L.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertretung vom 11. Mai 2021 reichte der Be-
schwerdeführer Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung ein und
beantragte, diese sei aufzuheben und es sei festzustellen, dass die Ver-
längerung der Überstellungsfrist zu Unrecht erfolgt sei; die Vorinstanz sei
anzuhalten, sich für sein Asylverfahren als zuständig zu erklären. In ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, es sei der Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung zu gewähren und als vorsorgliche Massnahme vom
Vollzug der Überstellung bis zum Entscheid über die vorliegende Be-
schwerde abzusehen. Ferner ersuchte der Beschwerdeführer um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses sowie um Beiordnung seiner Rechtsvertreterin
als unentgeltliche Rechtsbeiständin.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer nebst einer
Bestätigung des Nothilfebezugs, ausgestellt durch (...) am 30. März 2021
sowie einer Honorarnote seiner Rechtsvertretung Kopien von Akten des
erstinstanzlichen Verfahrens ein (Antrag auf Verlängerung der Überstel-
lungsfrist vom 16. November 2020, Begehren vom 30. März 2021, Schrei-
ben des SEM vom 31. März 2021, Schreiben des Beschwerdeführers an
das SEM vom 6. April 2021, E-Mail des SEM an die belgischen Behörden
vom 16. November 2020 )
M.
Am 12. Mai 2021 ordnete der Instruktionsrichter einen superprovisorischen
Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die
vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde richtet sich gegen eine Verfügung des SEM, mit der
– in Beantwortung des entsprechenden Begehrens des Beschwerde-
führers vom 6. April 2021 – festgestellt wird, dass die Zuständigkeit zur
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens nicht auf die Schweiz
übergegangen sei.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Feststellungsverfügung besonders berührt und hat
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG; vgl. auch das
Urteil des BVGer E-6320/2020 vom 8. Januar 2021 E. 1.3).
1.5 Auf die Beschwerde ist – unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung
– einzutreten.
1.6 Dem vorliegenden Rechtsmittel kommt von Gesetzes wegen aufschie-
bende Wirkung zu und diese wurde von der Vorinstanz auch nicht entzogen
(Art. 55 Abs. 1 und 2 VwVG). Auf den Antrag auf Gewährung der aufschie-
benden Wirkung der Beschwerde ist deshalb nicht einzutreten.
2.
Mit der vorliegenden Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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Seite 6
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Die sechsmonatige Frist zur Überstellung des Beschwerdeführers nach
Belgien lief ursprünglich am 24. Februar 2021 ab (Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-
VO). Zufolge seines vorübergehenden unbekannten Aufenthalts verlän-
gerte die Vorinstanz gestützt auf Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO die Frist auf
18 Monate bis zum 24. Februar 2022. Gegenstand der nachfolgenden Prü-
fung ist somit ausschliesslich die Frage, ob die vorgenannte Verlängerung
der Überstellungsfrist rechtskonform vorgenommen respektive vom SEM
zu Recht festgestellt wurde, dass die Überstellungsfrist noch nicht abge-
laufen sei.
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung der angefochtenen Verfügung aus,
der Beschwerdeführer sei am 5. November 2020 durch das Migrationsamt
B._ über den Überstellungsflug vom 16. November 2020 nach
Brüssel informiert, worden, was er unterschriftlich bestätigt habe. Er sei
aber zum vereinbarten Zeitpunkt nicht beim Check-in-Schalter am Flugha-
fen erschienen, so dass der Flug habe annulliert werden müssen. Das
Nichterscheinen des Beschwerdeführers am Flughafen sei offensichtlich
auf seine Absicht zurückzuführen, die Überstellung zu verhindern und den
Ablauf der Überstellungsfrist zu provozieren. Dies zeige sich insbesondere
auch daran, dass er mittlerweile bereits drei weitere Überstellungsversu-
che vereitelt beziehungsweise mit seinem Verhalten verhindert habe (am
7. Dezember 2020, 11. Januar 2021 sowie 9. Februar 2021); damit habe
er seine Mitwirkungspflicht nach Art. 8 AsyIG wiederholt in grober Weise
verletzt.
5.2 Der Beschwerdeführer stellte in seiner Beschwerdeeingabe zunächst
fest, dass eine Fristverlängerung um 18 Monate unzulässig sei und nur
eine solche auf 18 Monate in Frage komme. Die angefochtene Verfügung
sei entsprechend zu berichtigen. Im Weiteren habe er sich zwischen dem
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5. November 2020, als er über den bevorstehenden Flug informiert worden
sei und dem 16. November 2020 (Tag des geplanten Abflugs) stets im Bun-
desasylzentrum (BAZ) aufgehalten und habe den Behörden zur Verfügung
gestanden. Am 16. November 2020 sei er nachweislich und unbestrittener-
massen sowohl morgens als auch abends im BAZ präsent gewesen und
sei gemäss Aktenlage nur während weniger Stunden abwesend gewesen.
Es gehe weder aus den Akten noch aus den Behauptungen der Vorinstanz
hervor, dass er in dieser Zeit untergetaucht wäre oder nicht vollkommen
mit den Behörden kooperiert hätte. Es zeige sich demnach klar, dass er
keinen Vorsatz gehabt habe, sich durch ein Untertauchen der Überstellung
nach Belgien zu entziehen. Es verwundere, dass noch am selben Tag bei
den belgischen Behörden ein Gesuch um Fristverlängerung gestellt wor-
den sei, da den Asylbehörden vor Erlass dieses Antrags bekannt gewesen
sei, dass er nicht untergetaucht gewesen sei, sondern sich im BAZ aufge-
halten habe. Es sei ihm erlaubt gewesen, das BAZ zu verlassen, und er sei
für die Behörden jederzeit telefonisch und am Morgen und Nachmittag des
16. November 2020 auch persönlich verfügbar gewesen. Unter diesen Um-
ständen habe die Vorinstanz zu Unrecht festgestellt, er sei am 16. Novem-
ber 2020 im Sinne von Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO flüchtig gewesen. Das
Nichtantreten des Fluges an diesem Datum genüge den Ansprüchen von
Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht und vermöge damit keine Verlängerung
der Überstellungsfrist zu rechtfertigen. Eine Abwesenheit von wenigen
Stunden könne nicht als "flüchtig sein" im Sinne von Art. 29 Abs. 2 Dublin-
III-VO bezeichnet werden. Laut Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts setze der Begriff "flüchtig sein" einen Zustand voraus, der eine
gewisse Zeit andauere. Eine Verlängerung der Überstellungsfrist sei im Üb-
rigen nur bei einem strafrechtlich bedingten Gefängnisaufenthalt oder bei
Untertauchen und somit einer tatsächlichen Unmöglichkeit der Rückfüh-
rung innert der sechsmonatigen Überstellungsfrist in der Dublin-III-VO
vorgesehen. Vorliegend hätten andere Massnahmen zur Verfügung
gestanden, um ihn zur Ausreise zu bewegen, beziehungsweise die Durch-
führung der Überstellung innert der ursprünglichen, sechsmonatigen Frist
sicherzustellen; diese seien aber nicht ausgeschöpft worden. Die Verlän-
gerung der Überstellungsfrist unter dem Vorwand seines Untertauchens
sei demnach nicht nachvollziehbar. Zusammenfassend sei festzuhalten,
dass er zu keinem Zeitpunkt "flüchtig" im Sinne von Art. 29 Abs. 2 Dublin-
III-VO gewesen sei. Andere Gründe für die Verlängerung der Überstel-
lungsfrist (wie Straffälligkeit) würden nicht vorliegen und seien von der Vor-
instanz auch nicht vorgebracht worden.
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Seite 8
6.
6.1 Asylsuchende können sich in Beschwerdeverfahren betreffend Über-
stellungsentscheidungen auf die richtige Anwendung sämtlicher objektiver
Zuständigkeitskriterien der Dublin-III-VO berufen, insbesondere auf Best-
immungen, die einen Zuständigkeitsübergang infolge Fristablaufs vorse-
hen (vgl. BVGE 2017 VI/9 E. 5 [insb. E. 5.3.2] m.w.H.). Der Beschwerde-
führer macht damit zulässigerweise eine Verletzung von Art. 29 Abs. 2
Dublin-III-VO geltend.
6.2 Wird die Überstellung nicht innerhalb der in Art. 29 Abs. 1 Dublin-III-VO
vorgesehenen Frist von sechs Monaten durchgeführt, ist der zuständige
Mitgliedstaat nicht mehr zur Aufnahme oder Wiederaufnahme der asyl-
suchenden Person verpflichtet und die Zuständigkeit geht auf den ersu-
chenden Mitgliedstaat über. Die Überstellungsfrist kann höchstens auf ein
Jahr verlängert werden, wenn die Überstellung aufgrund der Inhaftierung
der betreffenden Person nicht erfolgen konnte, oder auf höchstens acht-
zehn Monate, wenn die Person flüchtig ist (Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO).
6.3 Unter den Begriff "flüchtig" sind alle Sachverhalte zu subsumieren, in
denen die asylsuchende Person aus von ihr zu vertretenden Gründen für
die Behörden des Staats, der die Überstellung durchführen will, nicht auf-
findbar ist oder das Überstellungsverfahren sonstwie absichtlich behindert.
Ist die Person einmal flüchtig, kann eine Verlängerung bis zur Maximalfrist
erfolgen (vgl. CHRISTIAN FILZWIESER / ANDREA SPRUNG, Dublin-III-Verord-
nung, Wien/ Graz 2014, K12 zu Art. 29).
6.4 In Bezug auf das Kriterium "flüchtig sein" ist insbesondere auf Art. 14
Abs. 2 Bst. b AsylG zu verweisen, gemäss welchem der Aufenthaltsort ei-
ner ausländischen Person den Behörden stets bekannt zu sein hat. Der
Gesetzgeber wollte asylsuchende Personen mit dieser Bestimmung davon
abhalten, während oder nach dem Asylverfahren unterzutauchen (vgl.
PETER NIDERÖST, Sans-Papiers in der Schweiz, in: Ausländerrecht, 2. Aufl.
2009, Rz. 9.38). Die besagte Bestimmung ist mit Blick auf Art. 8 AsylG zu
sehen, der asylsuchenden Personen eine Reihe von Mitwirkungspflichten
auferlegt. So sind diese unter anderem verpflichtet, sich den Behörden von
Bund und Kanton zur Verfügung zu halten und ihre Adresse sowie jede
Änderung der nach dem kantonalen Recht zuständigen Behörde des Kan-
tons oder der Gemeinde (kantonale Behörde) sofort mitzuteilen (Art. 8
Abs. 3 AsylG). Dem Erfordernis von Art. 8 Abs. 3 AsylG ist nicht entspro-
chen, wenn die mit dem Vollzug des Asylrechts betraute Behörde den Auf-
enthaltsort der betreffenden Person nicht kennt und diese Unkenntnis auf
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eine dieser Person zurechenbare Verletzung der Mitwirkungspflicht zurück-
zuführen ist. Ob die zuständige Behörde durch mehr oder weniger umfang-
reiche Ermittlungen den Aufenthaltsort der betreffenden Person hätte in Er-
fahrung bringen können, ist grundsätzlich ohne Relevanz. Nicht relevant ist
grundsätzlich auch, ob andere als mit dem Vollzug direkt betraute Behör-
den Informationen über den Aufenthalt der betreffenden Person hatten.
Ebenso wenig von Bedeutung ist schliesslich, ob die asylsuchende Person
durchgehend oder vorübergehend nicht auffindbar gewesen ist. Aus-
schlaggebend ist die Pflicht der asylsuchenden Person, für die Behörden
effektiv erreichbar zu sein und eine allfällige Abwesenheit zu melden (vgl.
zum Ganzen das Urteil des BVGer F-4207/2020 vom 31. August 2020,
E. 6.2). Bereits eine kurze Abwesenheit kann dazu führen, dass eine Ver-
längerung der Überstellungsfrist durch die Vorinstanz gerechtfertigt ist (vgl.
das Urteil des BVGer E-3154/2018 vom 21. Juni 2018, E. 4.1).
7.
7.1 Vorab ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer zu Recht darauf
hinweist, dass eine Formulierung in den Erwägungen der angefochtenen
Verfügung, wonach diese "die Verlängerung der Überstellungsfrist um
18 Monate" betreffe (vgl. Verfügung S. 2 Satz 1; Hervorhebung BVGer),
unzutreffend ist: Gemäss Wortlaut von Art. 29 Abs. 2 Dublin-III-VO ist eine
Verlängerung auf höchstens achtzehn Monate möglich, wenn die betref-
fende Person flüchtig ist. Allerdings entspricht die Feststellung im – für die
Festlegung des Rechtsverhältnisses relevanten – Dispositiv der vor-
instanzlichen Verfügung, dass die Überstellungsfrist nach Belgien bis zum
24. Februar 2022 bestehe, einer Erstreckung auf 18 Monate (nach Zustim-
mung des Mitgliedstaates zum Übernahmeersuchen) und ist somit korrekt.
Bei der zitierten Formulierung der Erwägungen handelt es sich um ein
leicht erkennbares sprachliches Versehen. Eine Berichtigung der vor-
instanzlichen Verfügung betreffend das Datum des Ablaufs der verlänger-
ten Frist erweist sich somit als nicht erforderlich.
7.2 Gemäss Aktenlage erschien der Beschwerdeführer am 16. November
2020 nicht zu dem ihm mitgeteilten Zeitpunkt am Flughafen, sondern war
im Zeitpunkt, als er seinen Flug hätte antreten sollen, unbekannten Aufent-
halts. Durch dieses Verhalten vereitelte er seine Überstellung nach
Belgien. Die Feststellung des SEM in der angefochtenen Verfügung, es
hätten in der Folgezeit drei weitere Versuche aufgrund des Verhaltens des
Beschwerdeführers nicht durchgeführt werden können (vgl. Verfügung
S. 3), wird von diesem nicht bestritten. Unter diesen Umständen ist davon
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auszugehen, dass er sich am 16. November 2020 vorsätzlich der Überstel-
lung nach Belgien entzog; dies umso mehr, als er in seinem Rechtsmittel
auch mit keinem Wort geltend macht, er sei aus objektiven Gründen
– beispielsweise wegen eines Unfalls oder eines ähnlichen Ereignisses –
unverschuldet daran gehindert worden, sich zum massgebenden Zeitpunkt
am Flughafen einzufinden. Der Beschwerdeführer beschränkt sich hier auf
die Feststellung, er habe diesen Flug "nicht angetreten" und macht be-
zeichnenderweise überhaupt keine Angaben zu seinem Aufenthaltsort
während der geplanten Ausreise (vgl. Beschwerde S. 9). Sein Vorbringen,
es sei ihm nicht mehr möglich, für diese Zeitspanne "den genauen Aufent-
halt zu rekonstruieren" (vgl. a.a.O. S. 8), vermag das Gericht nicht zu über-
zeugen.
7.3 Die Argumentation des Beschwerdeführers, es könne ihm kein unko-
operatives Verhalten vorgeworfen werden, weil er sich am Tag des geplan-
ten Flugs zumindest zeitweise im BAZ aufgehalten habe, erweist sich dem-
nach als unbehelflich. Die Behörden waren entgegen der Ansicht des Be-
schwerdeführers auch nicht gehalten, ihn telefonisch zu kontaktieren (zu-
mal er auch nicht belegte, dass die Behörden tatsächlich über seine Tele-
fonnummer verfügten; vgl. Beschwerde S. 8: "[...] es kann angenommen
werden, dass die Telefonnummer dem BAZ Kreuzlingen bekannt war").
7.4 Unter Würdigung aller Umstände des vorliegenden Verfahrens vermag
die Argumentation des Beschwerdeführers, seine "Abwesenheit" habe am
16. November 2020 ja schliesslich nur wenige Stunden gedauert (vgl. Be-
schwerde S. 8), nicht zu überzeugen.
7.5 Überdies erweist sich auch das Argument, es habe keinen Grund für
eine Verlängerung der Frist gegeben, weil eine Überstellung des Be-
schwerdeführers nach Belgien innert der ursprünglichen sechsmonatigen
Frist ohne Weiteres möglich gewesen wäre, angesichts der in der Folgezeit
wegen seines Verhaltens gescheiterten Überstellungsversuche als haltlos.
Das Verhalten des Beschwerdeführers ist als vorsätzliche und grobe Ver-
letzung seiner Mitwirkungspflicht im Sinne von Art. 8 AsylG zu qualifizieren.
7.6 Aufgrund des Gesagten waren die Voraussetzungen für die Verlänge-
rung der Überstellungsfrist auf achtzehn Monate im Sinne von Art. 29
Abs. 2 Dublin-III-VO erfüllt. Der Beschwerdeführer kann sich nicht auf ei-
nen Ablauf der Überstellungsfrist respektive eine Verfristung berufen. Die
Zuständigkeit für die Behandlung des Asylgesuchs des Beschwerdeführers
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ist nicht von Belgien auf die Schweiz übergegangen. Gründe für die even-
tualiter beantragte Rückweisung der Sache an die Vorinstanz sind den
Akten nicht zu entnehmen.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass das hier zu überprüfende Dispo-
sitiv der angefochtenen Verfügung vom 14. April 2021 zu bestätigen ist.
Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden kann.
9.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerdebe-
gehren des Beschwerdeführers aussichtslos sind. Damit ist – ungeachtet
der Frage seiner prozessualen Bedürftigkeit – eine der kumulativ zu erfül-
lenden Voraussetzungen für die Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung und Verbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG und Art. 65
Abs. 2 VwVG (vgl. Art. 102m Abs. 2 Satz 2 AsylG) nicht erfüllt. Die entspre-
chenden Gesuche sind demnach abzuweisen. Das Gesuch um Verzicht
auf die Kostenvorschusserhebung ist mit dem vorliegenden Entscheid
gegenstandslos geworden.
10.
Die Verfahrenskosten sind demnach dem Beschwerdeführer aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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