Decision ID: e6e5a7cf-3bf5-4156-b791-8c9a376bed5a
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_VG
Chamber: ZH_VG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: public_law

hat sich ergeben:
hat sich ergeben:
I. Im Jahr 2007 errichtete die Sozialkommission E (Kanton Bern) eine Erziehungsbeistandschaft für die 2005 geborene B. 2008 entzog die Sozialkommission der Mutter, welche die alleinige Inhaberin des elterlichen Sorgerechts über B war, das Aufenthaltsbestimmungsrecht über die Tochter, die fortan bei einer Pflegefamilie lebte. Nach der Umplatzierung von B in ein Winterthurer Jugendheim und dem Zuzug der Mutter nach Winterthur führte die damalige Vormundschaftsbehörde Winterthur die Kindesschutzmassnahmen fort und setzte am 11. Mai 2011 einen Erziehungsbeistand für die Tochter ein. Seit dem 21. Oktober 2013 wohnt B im Schulheim der Stiftung C in Russikon (Bezirk Pfäffikon).
Am 31. Mai 2019 verstarb die Mutter von B. Daraufhin eröffnete die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Bezirke Winterthur und Andelfingen (im Folgenden: KESB Winterthur-Andelfingen) am 5. Juni 2019 ein Verfahren zur Prüfung der Übertragung der elterlichen Sorge über B. Am 24. Juli 2019 erledigte die KESB Winterthur-Andelfingen dieses Verfahren mit einem Nichteintretensbeschluss. Zur Begründung führte sie aus, dass der Tod der Mutter von B am 31. Mai 2019 dazu geführt habe, dass der zivilrechtliche Wohnsitz der Tochter nunmehr an ihrem Aufenthaltsort im Internat der Stiftung C in Russikon liege, weshalb die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde des Bezirks Pfäffikon (im Folgenden: KESB Pfäffikon) als örtlich zuständige Behörde zu erachten sei.
Am 1. Oktober 2019 beschloss die KESB Pfäffikon, dass die bisherige Beistandschaft über B per 30. September 2019 aufgehoben werde. Per 1. Oktober 2019 ordnete sie die Errichtung einer Vormundschaft an und ernannte eine Vormundin. Am 18. März 2020 stimmte die KESB Pfäffikon einem Aufnahmevertrag der Vormundin für den Aufenthalt von B in der Stiftung C zu und nahm Vormerk, dass die Schulbehörde Russikon für die Abklärung betreffend Zuständigkeit zur Finanzierung des Aufenthalts zuständig sei.
Am 7. April 2020 beschloss die Schulbehörde Russikon, für den Aufenthalt von B im Schulheim der Stiftung C in Russikon keine Kostengutsprachen von je Fr. 108'000.- für die Schuljahre 2019/2020 und 2020/2021 zu leisten.
II.
Am 14. Mai 2020 erhob B beim Bezirksrat Pfäffikon Rekurs gegen den Beschluss der Schulpflege Russikon vom 7. April 2020. Mit Beschluss vom 29. Juni 2020 hob der Bezirksrat Pfäffikon den angefochtenen Entscheid auf und verpflichtete die Gemeinde Russikon, die Kosten für die Sonderschulung von B für das Schuljahr 2019/2020 zu übernehmen (Disp.-Ziff. III und IV). Hinsichtlich der Kostentragung für das folgende Schuljahr (2020/2021) wies der Bezirksrat die Sache an die Schulpflege Russikon zur Neubeurteilung zurück, unter Hinweis darauf, dass die Schulpflege Russikon bis zur Neubeurteilung kostenpflichtig bleibe (Disp.-Ziff. V). Ein Gesuch der Gemeinde Russikon um Beizug von Akten der KESB wurde abgewiesen (Disp.-Ziff. VI).
III.
Am 31. August 2020 erhob die Gemeinde Russikon, vertreten durch die – anwaltlich vertretene – Schulpflege Russikon, beim Verwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung des Bezirksratsbeschlusses vom 29. Juni 2020, unter Entschädigungsfolge zulasten von B. Ferner beantragte die Gemeinde Russikon Einsicht in die – B betreffenden – Akten der KESB Winterthur-Andelfingen sowie der KESB Pfäffikon.
Der Bezirksrat Pfäffikon verzichtete am 3. September 2020 auf Einreichung einer Vernehmlassung, unter Hinweis auf die Begründung des angefochtenen Entscheids.
B, vertreten durch Rechtsanwalt D, beantragte mit Beschwerdeantwort vom 6. Oktober 2020, (1.) die Beschwerde der Gemeinde Russikon sei abzuweisen und der vorinstanzliche Beschluss vollumfänglich zu bestätigen; (2.) die Gemeinde Russikon sei zu verpflichten, die Kosten der notwendigen Sonderschulung von B bereits ab 1. Juni 2019 zu übernehmen; (3.) eventualiter sei der Antrag zur Kostenübernahme für die notwendige Sonderschulung der Beschwerdegegnerin ab 1. Juni 2019 an die Vorinstanz zur Beurteilung und Ergänzung des Dispositivs zurückzuweisen; (4.) unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten der Gemeinde Russikon. Ferner ersuchte B darum, die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und Rechtsanwalt D als unentgeltlichen Rechtsbeistand zu bestellen.
Mit Replik vom 19. Oktober 2020 hielt die Gemeinde Russikon an ihren Anträgen fest und beantragte zudem, die im Rahmen der Beschwerdeantwort gestellten Begehren seien abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei. Im Rahmen des weiteren Schriftenwechsels hielten B (am 10. November 2020 und am 2. Dezember 2020) und die Gemeinde Russikon (am 23. November 2020) an ihren Begehren fest.
Am 19. Februar 2021 bestätigte die Gemeindeverwaltung F (Kanton Bern) gegenüber dem Verwaltungsgericht per E-Mail, dass die Mutter von B bis zu ihrem Tod in F wohnhaft war.

Die Kammer erwägt:
Die Kammer erwägt:
1. 1.1 Das Verwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde nach § 41 Abs. 1 in Verbindung mit § 19 Abs. 1 lit. a des Verwaltungsrechtspflegegesetzes vom 24. Mai 1959 (VRG, LS 175.2) zuständig (vgl. VGr, 17. März 2016, VB.2015.00684, E. 1.1). Der Streitwert beläuft sich auf mehr als Fr. 20'000.-, weshalb die Erledigung der Beschwerde in die Kammerzuständigkeit fällt (§ 38 Abs. 1 und § 38b Abs. 1 lit. c VRG).
1.2 Gemäss § 49 in Verbindung mit § 21 Abs. 2 lit. c VRG ist die Gemeinde zur Beschwerde legitimiert, wenn sie bei der Erfüllung von gesetzlichen Aufgaben in ihren schutzwürdigen Interessen verletzt ist, insbesondere bei einem wesentlichen Eingriff in ihr Finanz- oder Verwaltungsvermögen. Dies trifft auch dann zu, wenn der angefochtene Entscheid oder die Beachtung desselben in gleichartigen Fällen für die Gemeinde besondere finanzielle Auswirkungen hat (vgl. VGr, 13. Juli 2017, VB.2016.00611, E. 1.3). Im vorliegenden Fall hat bereits der angefochtene Entscheid erhebliche finanzielle Auswirkungen (Sonderschulungskosten von je Fr. 108'000.- für die Schuljahre 2019/2020 und 2020/2021), und es ist denkbar, dass die Beantwortung der Streitfrage präjudizielle Bedeutung hat in Bezug auf Finanzierungsfragen in künftigen, ähnlich gelagerten Fällen. Vor diesem Hintergrund ist die Legitimation der Beschwerdeführerin zu bejahen.
1.3 Die Beschwerdeführerin wehrt sich nicht nur dagegen, dass sie von der Vorinstanz zur Tragung der Sonderschulkosten der Beschwerdegegnerin im Schuljahr 2019/2020 verpflichtet wurde (Disp.-Ziff. III und IV), sondern auch dagegen, dass die Vorinstanz die Sache zur Neubeurteilung der Kostentragung im Schuljahr 2020/2021 zurückgewiesen hat (Disp.-Ziff. V). Diese Rückweisung erweist sich als anfechtbar (vgl. BGE 138 I 143 E. 1.2), weil der Beschwerdeführerin in Bezug auf ihre Pflicht, die Sonderschulungskosten der Beschwerdegegnerin im Schuljahr 2020/2021 zu übernehmen, kaum ein Ermessensspielraum zusteht. Selbst wenn noch von einem gewissen Ermessensspielraum der Beschwerdeführerin auszugehen wäre, müsste die Anfechtbarkeit der Rückweisung bejaht werden, da der Beschwerdeführerin nicht zugemutet werden kann, einer von ihr als falsch betrachteten Anweisung Folge zu leisten, zumal sie ihren eigenen Entscheid nicht anfechten kann (vgl. BGE 133 V 477 E. 5.2.2, 133 II 409 E. 1.2).
1.4 Da auch die übrigen Prozessvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Beschwerde einzutreten. Nicht einzugehen ist auf das Begehren der Beschwerdegegnerin, den Beginn der vorinstanzlich angeordneten Zahlungspflicht vom Beginn des Schuljahrs 2019/2020 auf den 1. Juni 2019 vorzuverschieben: Die Beschwerdegegnerin hat selber kein Rechtsmittel erhoben, sodass dieser Antrag ausserhalb des Streitgegenstands liegt.
1.4 Da auch die übrigen Prozessvoraussetzungen erfüllt sind, ist auf die Beschwerde einzutreten. Nicht einzugehen ist auf das Begehren der Beschwerdegegnerin, den Beginn der vorinstanzlich angeordneten Zahlungspflicht vom Beginn des Schuljahrs 2019/2020 auf den 1. Juni 2019 vorzuverschieben: Die Beschwerdegegnerin hat selber kein Rechtsmittel erhoben, sodass dieser Antrag ausserhalb des Streitgegenstands liegt.
2. Umstritten ist im vorliegenden Fall vorab, wo sich der zivilrechtliche Wohnsitz der Beschwerdegegnerin befand bzw. befindet.
2.1 Gemäss Art. 23 Abs. 1 des Zivilgesetzbuchs vom 10. Dezember 1907 (ZGB, SR 210) befindet sich der zivilrechtliche Wohnsitz einer Person an dem Ort, wo sie sich mit der Absicht dauernden Verbleibens aufhält; der Aufenthalt zum Zweck der Ausbildung oder die Unterbringung einer Person in einer Erziehungs- oder Pflegeeinrichtung, einem Spital oder einer Strafanstalt begründet für sich allein keinen Wohnsitz. Der einmal begründete Wohnsitz einer Person bleibt bestehen bis zum Erwerb eines neuen Wohnsitzes (Art. 24 Abs. 1 ZGB). Als Wohnsitz des Kindes unter elterlicher Sorge gilt der Wohnsitz der Eltern oder, wenn die Eltern keinen gemeinsamen Wohnsitz haben, der Wohnsitz des Elternteils, unter dessen Obhut das Kind steht; in den übrigen Fällen gilt sein Aufenthaltsort als Wohnsitz (Art. 25 Abs. 1 ZGB). Bevormundete Kinder haben ihren Wohnsitz am Sitz der Kindesschutzbehörde (Art. 25 Abs. 2 ZGB).
2.2 Als Erstes stellt sich die Frage, ob die Beschwerdegegnerin aufgrund ihres 2013 begonnenen Heimaufenthalts – bereits vor dem Tod ihrer Mutter am 31. Mai 2019 – einen eigenständigen Wohnsitz am Aufenthalts- bzw. Anstaltsort in Russikon begründet hat.
2.2.1 Rechtsprechung und Lehre gehen vom Grundsatz aus, dass der Gesetzgeber die Gemeinden, die Anstalten beherbergen, nicht mit Streitigkeiten belasten wollte, die ihnen anfallen würden, wenn die Insassen am Ort der Anstalt Wohnsitz erwerben könnten (BGE 135 III 49 E. 6.1, 143 V 451 E. 8.4.2, 139 V 433 E. 3.2.2 [in Bezug auf Art. 7 des Zuständigkeitesgesetzes vom 24. Juni 1977 {ZUG, SR 851.1}]; VGr, 7. November 2012, VB.2012.00302, E. 3.2.2; Daniel Staehelin, Basler Kommentar, 2018, Art. 23 ZGB N. 19a; Empfehlungen der Konferenz der kantonalen Vormundschaftsbehörden vom September 2002 betreffend Übertragung vormundschaftlicher Massnahmen, in ZVW 2002 S. 205 ff., 211). Das Bundesgericht hält fest, dass ein minderjähriges Kind am Anstaltsort aufgrund von Art. 23 Abs. 1 Teilsatz 2 ZGB keinen eigenständigen Wohnsitz erlangen kann, wenn es im Zeitpunkt des Heimeintritts über einen von den Eltern abgeleiteten Wohnsitz verfügte (vgl. BGE 135 III 49 E. 6.1 mit Verweis auf das unpublizierte Bundesgerichtsurteil 5C.274/1997 vom 12. Januar 1998 E. 2b/cc; siehe auch VGr, 13. Juli 2017, VB.2016.00611, E. 4.4.3). Einzig dann, wenn ein Kind bereits im Zeitpunkt des Heimeintritts über einen eigenständigen bzw. nicht von den Eltern abgeleiteten Wohnsitz am Aufenthaltsort gemäss Art. 25 Abs. 1 Teilsatz 2 ZGB verfügte, kann es – im Fall eines längerdauernden Heimaufenthalts – in der Anstaltsgemeinde Wohnsitz begründen (vgl. BGE 135 III 49 E. 6.4; VGr, 7. November 2012, VB.2012.00302, E. 3.2.2 f.; Heinz Hausheer/Ruth Reusser/Thomas Geiser, Berner Kommentar, 1999, Art. 162 ZGB N. 34/8; Staehelin, Art. 23 ZGB N. 19g).