Decision ID: 5e184459-88e0-59c3-bee8-067f7b38c8a2
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 14. April 1989 ein erstes Asylgesuch in
der Schweiz ein, welches am 20. Juli 1989 als gegenstandslos abgeschrie-
ben wurde.
B.
Gemäss der Visumsdatenbank CS-VIS erteilten die slowakischen Behör-
den dem Beschwerdeführer am (...)ein Schengen-Visum mit Gültigkeit
vom (...) bis (...) und die schweizerischen Behörden mit Gültigkeit vom (...)
bis (...).
C.
Am (...) verfügte das SEM über den Beschwerdeführer ein vom (...) bis
zum (...) geltendes Einreiseverbot. Eine gegen diesen Entscheid erhobene
Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil F-5433/2017
vom 30. Januar 2019 ab.
D.
Am 7. September 2020 suchte der Beschwerdeführer in der Schweiz er-
neut um Asyl nach. Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-
Datenbank ergab, dass er am (...) in Österreich um Asyl ersucht hatte.
E.
Im Rahmen der Personalienaufnahme (PA) vom 11. September 2020 gab
der Beschwerdeführer unter anderem an, am 2. September 2020 seinen
Heimatstaat illegal verlassen zu haben und in einem LKW durch ihm unbe-
kannte Länder in die Schweiz gereist zu sein (vgl. 1074455-12/11 S. 5).
F.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer im Rahmen des Dublin-Ge-
sprächs vom 18. September 2020 das rechtliche Gehör zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Ös-
terreich. Der Beschwerdeführer erklärte, nach dem ablehnenden Asylent-
scheid in Österreich das Land verlassen zu haben und illegal in die Türkei
gereist zu sein. Wegen der illegalen Einreise existierten leider keine Doku-
mente oder Tickets, welche die Rückreise belegten. Er sei einen Monat vor
Ausbruch von Corona in der Türkei angekommen. Das genaue Datum
kenne er aber nicht. Er wolle nicht nach Österreich zurückkehren. Dort
habe er einen negativen Asylentscheid erhalten. In Österreich sei er wegen
Falschaussagen und des Verdachts, Mitglied einer Terrororganisation zu
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sein, einen Monat und 15 Tage in Haft gewesen. Dieser Verdacht habe sich
jedoch nicht bestätigt und er sei wieder freigelassen worden. In Österreich
seien «zehn Aufnahmen seiner Lunge gemacht worden, er habe irgendein
Problem mit der Lunge» (vgl. 1074455-15/4).
G.
Am 18. September 2020 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden
um die Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1
Bst. b bzw. c der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfol-
gend: Dublin-III-VO). Es wies darauf hin, dass keine Beweise für eine Aus-
reise aus dem Schengenraum nach dem 5. Juli 2020 vorhanden seien.
H.
Die österreichischen Behörden lehnten dieses Gesuch zunächst am
21. September 2020 mit der Begründung ab, die Informationen in den über-
mittelten Einvernahmeprotokollen seien nicht ausreichend, da der Be-
schwerdeführer in Österreich unbekannten Aufenthalts sei. Zur Prüfung der
Zuständigkeit seien daher in diesem Zusammenhang zusätzliche Angaben
notwendig (Reiseweg, Asylantrag in einem anderen Land, Aufenthalt län-
ger als drei Monate ausserhalb des Hoheitsgebietes der Mitgliedstaaten).
I.
Mit Eingabe vom 25. September 2020 reichte die Rechtsvertretung ein me-
dizinisches Datenblatt vom (...) und eine Entlassungsbestätigung aus der
Untersuchungshaft in Österreich ein.
J.
Am 12. Oktober 2020 gelangte das SEM im Rahmen eines Remonstrati-
onsverfahrens ("Re-examination") an die österreichischen Behörden und
ersuchte gestützt auf Art. 5 Abs. 2 der Verordnung (EG) Nr. 1560/2003 der
Kommission vom 2. September 2003 mit Durchführungsbestimmungen zur
Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylan-
trags zuständig ist (nachfolgend: DVO) erneut um Übernahme des Be-
schwerdeführers. Unter Hinweis auf das internationale Recht machte dabei
das SEM geltend, dass ohne gegenteiligen Nachweis der österreichischen
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Behörden davon ausgegangen werden müsse, dass sich der Beschwerde-
führer zwischen dem 5. Juli 2019 und dem Asylgesuch in der Schweiz vom
7. September 2020 – auch nach der Entlassung aus der Haft – ständig in
Österreich aufgehalten habe. Hinsichtlich der lediglich behaupteten Aus-
reise habe der Beschwerdeführer keine Belege eingereicht und überdies
auch keine Details zu seinem Reiseweg machen können. Für das Fehlen
eines Nachweises könne die Schweiz nicht verantwortlich gemacht wer-
den, seien doch negative Tatsachen nicht vom ersuchenden Mitgliedstaat
zu beweisen, sondern die Folgen dieser Beweislosigkeit habe vielmehr vor-
liegend Österreich zu tragen.
K.
Am 14. Oktober 2020 stimmten die österreichischen Behörden dem Über-
nahmeersuchen gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO nun zu.
L.
Mit Verfügung vom 15. Oktober 2020 (Eröffnung am 19. Oktober 2020) trat
das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte
dessen Überstellung nach Österreich und forderte ihn auf, die Schweiz am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es
die Aushändigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfäl-
ligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wir-
kung zu.
M.
Mit Eingabe vom 26. Oktober 2020 der Rechtsvertretung erhob der Be-
schwerdeführer gegen diesen Entscheid Beschwerde. Er beantragte, dass
die angefochtene Verfügung aufzuheben und das SEM anzuweisen sei,
auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers einzutreten, eventualiter sei
die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsfeststellung an das SEM zu-
rückzuweisen. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und
auf das Erheben eines Kostenvorschusses zu verzichten. Als Beilage wur-
den zum Nachweis der Behaupteten Ausreise in der Türkei verschiedene
Strom- und Wasserabrechnungen aus der Türkei betreffend den Zeitraum
April 2020 bis August 2020 in Form von Fotographien eingereicht.
N.
Mit Schreiben vom 28. Oktober 2020 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwer-
deführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
3.
Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die Vor-
instanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG) ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.). Bezüglich der Frage der Wegweisung und des Vollzugs hat das
SEM eine materielle Prüfung vorgenommen, weshalb dem Gericht diesbe-
züglich volle Kognition zukommt.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
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Abs. 1 Bst. b AsylG). Gemäss dem Dublin-Assoziierungsabkommen vom
26. Oktober 2004 (DAA, SR 0.142.392.68) kommt diesbezüglich die Dub-
lin-III-VO zur Anwendung. Das SEM prüft somit zur Bestimmung des
staatsvertraglich zuständigen Staates die Zuständigkeitskriterien gemäss
Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mit-
gliedstaat für die Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM,
nachdem der betreffende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküber-
stellung zugestimmt hat, auf das Asylgesuch nicht ein.
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge) sind
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation
im Zeitpunkt, in dem die antragstellende Person erstmals einen Antrag in
einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO;
vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2; FILZWIESER/SPRUNG, Dublin III-Verordnung, Wien
2014, K4 zu Art. 7). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.:
take back) findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständig-
keitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. BVGE 2012/4 E. 3.2.1 m.w.H.).
4.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
eine antragstellende Person, die während der Prüfung ihres Antrags in ei-
nem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder die sich im Ho-
heitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach
Massgabe der Art. 23, 24, 25 und 29 wieder aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO und Art. 20 Abs. 5 UAbs. 1 Dublin-III-VO).
Diese Pflicht erlischt, wenn der Mitgliedstaat, der das Verfahren zur Be-
stimmung des zuständigen Mitgliedstaats abschliessen soll, nachweisen
kann, dass die antragstellende Person zwischenzeitlich das Hoheitsgebiet
der Mitgliedstaaten für mindestens drei Monate verlassen oder in einem
anderen Mitgliedstaat einen Aufenthaltstitel erhalten hat (Art. 20 Abs. 5
UAbs. 2 Dublin-III-VO). Ein nach einem solchen Abwesenheitszeitraum ge-
stellter Antrag im Sinne von Art. 20 Abs. 5 UAbs. 2 Dublin-III-VO gilt als
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neuer Antrag, der ein neues Verfahren zur Bestimmung des zuständigen
Mitgliedstaats auslöst (Art. 20 Abs. 5 UAbs. 3 Dublin-III-VO).
4.4 Seit einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts vom
21. Dezember 2017 können sich Asylsuchende in Beschwerdeverfahren
gegen Überstellungsentscheidungen auch in der Schweiz auf die richtige
Anwendung sämtlicher objektiver Zuständigkeitskriterien der Dublin-III-VO
berufen. Im genannten Urteil hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, die
Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union (EuGH) zur
Dublin-III-VO impliziere, dass es asylsuchenden Personen in Beschwerde-
verfahren gegen Dublin-Überstellungsentscheide möglich sein müsse, die
falsche Anwendung sämtlicher zur Feststellung der Zuständigkeit beitra-
genden Bestimmungen der Dublin-III-VO zu rügen. Dies gelte auch dann,
wenn der ersuchte Mitgliedstaat einem Aufnahme- oder Wiederaufnahme-
ersuchen zugestimmt habe (E. 5.1–5.2).
5.
5.1 Vorliegend ist zu prüfen, ob das am 7. September 2020 in der Schweiz
gestellte Asylgesuch – angesichts des vom Beschwerdeführer behaupte-
ten zwischenzeitlichen Aufenthalts in der Türkei einen neuen Antrag im
Sinne von Art. 20 Abs. 5 UAbs. 3 (i.V.m. UAbs. 2) Dublin-III-VO darstellt.
Das SEM vertrat gegenüber den österreichischen Behörden die Auffas-
sung, dass ohne gegenteiligen Nachweis der österreichischen Behörden
davon ausgegangen werden müsse, dass sich der Beschwerdeführer zwi-
schen dem 5. Juli 2019 und seinem Asylgesuch in der Schweiz vom 7. Sep-
tember 2020 – auch nach der Entlassung aus der Haft – ständig in Öster-
reich aufgehalten habe. Von der lediglich behaupteten Ausreise habe der
Beschwerdeführer keine Belege eingereicht und auch keine Details zu sei-
nem Reiseweg angegeben. Für das Fehlen eines Nachweises könne die
Schweiz nicht verantwortlich gemacht werden, seien doch negative Tatsa-
chen nicht vom ersuchenden Mitgliedstaat zu beweisen, sondern die Fol-
gen dieser Beweislosigkeit habe vielmehr vorliegend Österreich zu tragen.
Um zu beurteilen, ob diese Einschätzung des SEM zutrifft, ist zunächst zu
klären, welches Beweismass beim Nachweis an die geltend gemachte
Rückkehr in die Türkei und den mindestens dreimonatigen Aufenthalt an-
zusetzen ist.
5.2 In BVGE 2015/41 (E. 7–7.3, m.w.H.) kam das Bundesverwaltungsge-
richt zum Schluss, dass die Dublin-III-VO für die Bestimmung des für ein
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Asylgesuch zuständigen Mitgliedstaates ein reduziertes Beweismass fest-
legt. In den Erwägungen führte es in Erklärung dazu aus, dass die Dublin-
III-VO insbesondere zum Ziel hat, eine rasche Bestimmung des für ein
Asylverfahren zuständigen Dublin-Staates zu ermöglichen. Die Zuständig-
keit für ein Asylverfahren ist deshalb mit einem möglichst geringen Beweis-
aufwand zu bestimmen. Um dieses Ziel zu erreichen, definiert die Dublin-
III-VO nicht nur Zuständigkeits-Kriterien, sondern äussert sich auch dazu,
welche Beweismittel und Indizien die Dublin-Staaten zum Beleg ihrer Zu-
ständigkeit beziehungsweise Unzuständigkeit gelten lassen müssen.
In dieser Hinsicht einschlägig sind die Beweiswürdigungsbestimmungen
von Art. 22 Abs. 2 ff. Dublin-III-VO, welche festlegen, dass im Verfahren zur
Bestimmung des zuständigen Dublin-Staates Beweismittel und Indizien
verwendet werden (Abs. 2), die sodann den Begriff der Beweismittel und
der Indizien definieren und feststellen, dass eine Durchführungsverord-
nung die sachdienlichen Beweismittel und Indizien festlegen soll (Abs. 3;
vgl. Durchführungsverordnung [EU] Nr. 118/2014 der Kommission vom
30. Januar 2014 zur Änderung der Verordnung [EG] Nr. 1560/2003 mit
Durchführungsbestimmungen zur Verordnung [EG] Nr. 343/2003 des Ra-
tes zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen in
einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist [Dublin-II-VO]).
Liegen keine förmlichen Beweismittel gemäss Art. 22 Abs. 3 Bst. a/i Dublin-
III-VO vor, hat der ersuchte Mitgliedstaat gemäss Art. 22 Abs. 5 Dublin-III-
VO seine Zuständigkeit anzuerkennen, wenn die Indizien im Sinne von
Art. 22 Abs. 3 Bst. b/i Dublin-III-VO kohärent, nachprüfbar und hinreichend
detailliert sind. Anhang II, Verzeichnis A: Kapitel II.3. der Durchführungs-
verordnung listet die Beweismittel, Anhang II, Verzeichnis B: Kapitel II.3.
mögliche Indizien für eine Ausreise aus dem Hoheitsgebiet der Mitglied-
staaten auf. Schliesslich bestimmt Art. 22 Abs. 4 Dublin-III-VO, dass das
Beweiserfordernis nicht über das für die ordnungsgemässe Anwendung
dieser Verordnung erforderliche Mass hinausgehen soll und legt damit, so-
weit für das Funktionieren des Dublin-Systems notwendig, – wie bereits
zuvor erwähnt – ein reduziertes Beweismass fest.
5.3 Im vorliegenden Verfahren reichte der Beschwerdeführer keine Be-
weismittel gemäss Art. 22 Abs. 3 Bst. a/i Dublin-III-VO in Verbindung mit
Anhang II, Verzeichnis A: Kapitel II.3. der Durchführungsverordnung ein.
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Seine Vorbringen und die von ihm auf Beschwerdeebene eingereichten
Dokumente (verschiedene Strom- und Wasserabrechnungen aus der Tür-
kei betreffend den Zeitraum April 2020 bis August 2020 in Kopie) stellen
höchstens Indizien im Sinne von Art. 22 Abs. 3 Bst. b/i Dublin-III-VO in Ver-
bindung mit Anhang II, Verzeichnis B: Kapitel II.3. der Durchführungsver-
ordnung dar, die mit Blick auf die Frage der Plausibilität seiner geltend ge-
machten Rückkehr in die Türkei in ihrer Gesamtheit zu würdigen sind.
5.4 Die vom Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene (fremdsprachigen
und ohne Übersetzung in eine Amtssprache) nachgereichten Unterlagen
sind augenscheinlich ungeeignet eine Ausreise in die Türkei beziehungs-
weise einen mehrmonatigen (illegalen) Aufenthalt in der Türkei auszuwei-
sen. Hierzu im Einzelnen folgendes:
5.4.1 Vorab ist festzuhalten, dass die eingereichten Rechnungsbelege nur
in Form blosser Fotographien vorliegen. Eine valide Überprüfung deren Au-
thentizität ist hierdurch kaum möglich, so dass der Beweiswert dieser Un-
terlagen bereits aus diesem Grund eingeschränkt ist.
5.4.2 Inhaltlich ist in Bezug auf die eingereichten Unterlagen festzustellen,
dass die auf den angeblichen Stromrechnungen aufgeführte Adresse ([...])
offenkundig nicht mit jener Adresse übereinstimmt, die der Beschwerde-
führer anlässlich der BA vom 11. August 2020 als seine letzte Wohnad-
resse (vgl. Antwort zu Frage 2.02: [...]) angegeben hat. Vor dem Hinter-
grund, dass die eingereichten Dokumente angeblich auf den Namen des
Beschwerdeführers lautende Stromrechnungen für seine Wohnung in der
Türkei darstellen sollen, sind diese Unstimmigkeiten nicht nachvollziehbar.
Zusätzlich stimmt die auf den Stromrechnungen aufgeführte Adresse auch
nicht mit jener Anschrift überein, die auf den übrigen beiden handschriftli-
chen – ohne weitere Erläuterungen eingereichten fremdsprachigen – Do-
kumenten aufgeführt ist, die der Beschwerdeführer auf Beschwerdestufe
eingereicht hat.
5.4.3 In Bezug auf den Beweiswert der eingereichten Rechnungen ist wei-
ter darauf hinzuweisen, dass diese ungeeignet sind eine physische Anwe-
senheit einer bestimmten Person zu belegen. Abgesehen vom voranste-
henden Umstand, dass die entsprechenden Rechnungsbelege mutmass-
lich gar nicht die Adresse der Wohnung des Beschwerdeführers betreffen,
können die aufgeführten Kosten auch ohne das Zutun einer bestimmten
Person entstehen (Grundgebühren, wiederkehrende Kosten, etc.) oder
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Seite 10
können auch ganz einfach durch Dritte begründet worden sein. Eine An-
wesenheit einer bestimmten Person könnten die entsprechenden Doku-
mente somit nicht ausweisen.
5.4.4 Zusätzlich fällt in casu das Fehlen sonstiger Dokumente ins Auge.
Belege, Urkunden, Korrespondenzen oder anderweitige personalisierte
Dokumente, die auf eine Anwesenheit des Beschwerdeführers schliessen
liessen, fehlen vollständig. Dies erscheint wenig lebensnah. Personen, die
für längere Zeit an einem bestimmten Orten leben, gelangen während die-
ser Zeit gemeinhin im Alltag in den Besitz einer Vielzahl verschiedenartiger
Belege, die mit ihrer Anwesenheit an diesem Ort in Verbindung gebracht
werden können. Entsprechendes fehlt in casu jedoch gänzlich.
5.5 Letztlich ist ergänzend darauf hinzuweisen, dass die Schilderungen
des Beschwerdeführers zu seiner angeblichen Reise in die Türkei bezie-
hungsweise von der Türkei in die Schweiz auffallend unbestimmt ausgefal-
len sind und keinerlei nähre Angaben zu Ort, Route und Zeit beinhalten.
Der Beschwerdeführer bringt hierzu lediglich allgemein vor, er sei von Ös-
terreich in einem LKW versteckt in die Türkei gereist und sei einige Monate
später wiederum in einem LKW versteckt in die Schweiz gereist. Weiterge-
hende Angaben vermochte er nicht zu machen. Auch dieses – gerade für
eine aus einem europäischen Land stammende Person – ungewöhnliche
geographische Unwissen lässt sich kaum mit der Behauptung in Einklang
bringen, der Beschwerdeführer sei in den vergangenen Monaten in die Tür-
kei zurückgekehrt und sodann von dort aus in die Schweiz gereist.
5.6 Insgesamt ist vor dem Hintergrund des geringen Beweiswertes der ein-
gereichten Unterlagen; deren inhaltlicher Unstimmigkeiten; deren fehlen-
der Eignung, die Präsenz einer bestimmten Person an einem bestimmten
Ort zu belegen; sowie der fehlenden Glaubhaftigkeit der behaupteten
Reise festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer – auch in Berücksich-
tigung des im Rahmen der Dublin-III-VO anzuwendenden reduzierten Be-
weismasses – augenscheinlich nicht gelungen ist, den behaupteten Auf-
enthalt in der Türkei für die behauptete Zeitdauer nachzuweisen.
5.7
Nach dem Gesagten ist die Zuständigkeit Österreichs gestützt auf Art. 20
Abs. 5 UAbs. 2 Dublin-III-VO nicht erloschen und das am 7. September
2020 in der Schweiz gestellte Asylgesuch stellt keinen neuen Antrag im
Sinne von Art. 20 Abs. 5 UAbs. 3 Dublin-III-VO dar, der ein neues Verfahren
zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates auslöst.
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5.8 Im Weiteren ist mit dem SEM festzustellen, dass Österreich gemäss
Art. 18 Abs. 1 Bst. Dublin-III-VO auch nach Abschluss des Asylverfahrens
bis zu einem allfälligen Wegweisungsvollzug oder einer allfälligen Rege-
lung des Aufenthaltsstatus zuständig bleibt.
6.
6.1 Österreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt
und schützt.
6.2 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, dass die österreichischen Behörden in seinem Fall den erwähnten
völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachkommen würden. Insbeson-
dere gibt es keine Hinweise, dass die Behandlung seines Asylgesuchs
mangelhaft gewesen und seine Wegweisung in Verletzung des Non-Re-
foulement-Verbots verfügt worden sein könnte. In diesem Zusammenhang
ist der Vollständigkeit halber festzustellen, dass ein definitiver Entscheid
über ein Asylgesuch und die Wegweisung in das Heimatland nicht per se
eine Verletzung des Non-Refoulement-Prinzips darstellen. Das Prinzip der
Überprüfung eines Asylgesuchs durch einen einzigen Mitgliedstaat («one
chance only») dient im Gegenteil der Vermeidung von multiplen Asylgesu-
chen in verschiedenen Staaten (sogenanntes «asylum shopping»; vgl.
BVGE 2017 VI/5 E. 8.5.3.3). Die Überstellung des Beschwerdeführers
nach Österreich führt gemäss den Akten nicht zu einer Kettenabschiebung,
die gegen das Non-Refoulement-Prinzip verstossen würde, wie es in
Art. 33 FK verankert ist (und sich ausserdem aus Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK ableiten lässt).
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6.3 Die Frage der Anwendung der Souveränitätsklausel aus humanitären
Gründen gestützt auf Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 ist ins Dublinverfahren einge-
bettet. Dieses betrifft lediglich die Frage, ob auf ein Asylgesuch eingetreten
wird oder ob die gesuchstellende Person in einen Drittstaat ausreisen
kann, der gemäss der Dublin-III-VO für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens zuständig ist. In diesem Zusammenhang werden
die Entscheide anderer Vertragsstaaten sowohl mit Blick auf die materielle
Beurteilung der Asylgründe als auch mit Blick auf die Zulässigkeit bzw. Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in den Herkunfts- oder Heimatstaat
anerkannt, ohne dass sie in der Sache hinterfragt würden. Der Beschwer-
deführer kann demnach aufgrund einer allenfalls unterschiedlichen Ein-
schätzung im Rahmen des materiellen Asylverfahrens nicht erwirken, dass
die Vorinstanz einen Selbsteintritt aus humanitären Gründen prüfen muss
(vgl. Urteil des BVGer F-2530/2017 vom 15. Mai 2017 E. 9.2 m.H.).
6.4 Betreffend das rechtliche Gehör gab der Beschwerdeführer an, in Ös-
terreich sei er wegen Falschaussagen und des Verdachts, Mitglied einer
Terrororganisation zu sein, einen Monat und 15 Tage in Haft gewesen. Die-
ser Verdacht habe sich nicht bestätigt und er sei wieder freigelassen wor-
den. Hierzu ist mit dem SEM festzuhalten, dass es Österreich freisteht,
Personen im Einklang der nationalen Gesetzgebung und dem anwendba-
ren Völkerrecht zu inhaftieren. Österreich ist ein funktionierender Rechts-
staat und der Beschwerdeführer hat die Möglichkeit, sich, sollte er sich un-
gerecht oder rechtswidrig behandelt fühlen, bei der zuständigen Stelle Be-
schwerde einreichen.
6.5 Was die gesundheitlichen Beschwerden des Beschwerdeführers be-
trifft, so ist festzuhalten, dass sich gemäss dem von der Rechtsvertretung
eingereichten medizinischem Datenblatt des Bundesaslyzentrums (BAZ)
ein Tuberkuloseverdacht nicht bestätigt und ein Thoraxbild nur narbige Ver-
änderung gezeigt habe. Österreich verfügt über eine ausreichende medizi-
nische Infrastruktur, weshalb sich der Beschwerdeführer im Bedarfsfall an
das dafür zuständige medizinische Fachpersonal wenden kann. Die Mit-
gliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizini-
sche Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die unbedingt er-
forderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psychischen Stö-
rungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 der Aufnahmericht-
linie).
6.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass kein Grund für die Anwen-
dung der Ermessensklausen von Art. 17 Dublin-III-VO oder von Art.
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Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 vorliegen. Österreich bleibt somit zuständiger Mit-
gliedstaat gemäss Dublin-III-VO und ist verpflichtet, den Beschwerdeführer
wiederaufzunehmen.
7.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten und hat – weil der Beschwer-
deführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungs-
bewilligung ist – in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach
Österreich angeordnet. Die Beschwerde ist demzufolge abzuweisen.
8.
8.1 Mit dem vorliegenden Urteil wird das Gesuch um Verzicht auf das Er-
heben eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
8.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten
sind dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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E-5255/2020
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