Decision ID: 3389a59e-fff9-53f0-947f-d1a818654d87
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess Sri Lanka eigenen Angaben zufolge am
2. September 2014 und gelangte über die Türkei, wo er sich zirka ein Jahr
aufgehalten habe, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Öster-
reich am 1. Oktober 2015 in die Schweiz, wo er gleichentags ein Asylge-
such stellte. Am 14. Oktober 2015 wurde er summarisch befragt und am
21. März 2017 und 28. November 2017 einlässlich angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuches machte er im Wesentlichen geltend,
er habe in den Jahren (...) bis (...) im zivilen Bereich für die (...)abteilung
der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) gearbeitet. Er sei zwar nicht
Mitglied der LTTE gewesen, aber Angestellter der (...). Er sei zuständig
gewesen, Gelder, die er über die (...) vom Staat erhalten habe, und Gelder
der Bezirksverwaltung der Nordprovinz sowie von Nichtregierungsorgani-
sationen in (...) projekte in B._ zu verteilen. Dabei habe er stets
einen Teilbetrag für die LTTE abzweigen müssen. Er habe für die Projekte
auch Arbeitskräfte organisiert, bezahlt und die Arbeiten überwacht. Dane-
ben habe er auch viele Hilfsarbeiten für die LTTE geleistet wie zum Beispiel
mit Strassentheater Geld gesammelt und neue Mitglieder rekrutiert, Bunker
gegraben, Stützpunkte gebaut, Essen verteilt, in der Küche geholfen, Häu-
ser für verstorbene LTTE-Mitglieder dekoriert und Wachdienste an der
Strasse geleistet. Auch habe er als Briefträger für die LTTE gearbeitet. Als
er im (...) 2009 seinen Lohn habe abholen wollen, hätten die LTTE von ihm
verlangt, dass er Geld und Schmuck ihrer Banken vergrabe. Im (...) 2009
habe er sich ergeben. Nach (...) Monaten im Flüchtlingscamp seien er und
seine Familie entlassen worden, weil es seiner Frau gesundheitlich
schlecht gegangen sei. Bei der Entlassung habe er angegeben, dass er für
die (...) gearbeitet habe. Etwa (...) Wochen später seien Beamte des CID
(Criminal Investigation Department) zu ihm nach Hause gekommen. Sie
hätten ihm vorgeworfen, dass er Gelder der LTTE auf die Seite gelegt habe,
und hätten seine Bankbelege kontrolliert. Sie hätten ihm gesagt, sobald sie
genügend Beweise hätten, müsse er zu einer Befragung auf den Polizei-
posten in C._ kommen, wo sich das Antiterror lnvestigation Office
befinde. Danach müsse er im 4. Stock (Anmerkung Dolmetscher: dies be-
zeichne eine Folterkammer in Colombo) zu einer weiteren Befragung er-
scheinen, falls sie ihn immer noch verdächtigen würden. Während (...) Mo-
naten seien sie alle (...) Wochen zirka (...) Mal wiedergekommen. Als er
ihnen Geld gegeben habe, hätten sie ihn in Ruhe gelassen. Zwei CID-Per-
sonen, die für sein Dorf zuständig gewesen seien, hätten ihn zudem die
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ganze Zeit beobachtet. Aus Angst habe er deshalb seinen Wohnort verlas-
sen und an verschiedenen Orten gearbeitet. Seine Familie habe er regel-
mässig heimlich besucht. Die Leute des CID seien weiterhin bei seiner
Frau vorbeigekommen und hätten ihn gesucht. Anfang des Jahres 2013
hätten die Beamten des CID ihm gesagt, wenn er über die Geld- und
Schmuckverstecke der LTTE nichts sage, könnten sie nicht für sein Leben
garantieren. Seit dem Jahr 2013 habe er deshalb geplant, das Land zu
verlassen. Erst im September 2014 habe er aber alles organisieren und
das Land verlassen können. Nach seiner Ausreise seien die Beamten des
CID weiterhin bei seiner Frau vorbeigekommen und hätten nach ihm ge-
fragt. Im (...) 2017 seien sie bei seinem Bruder vorbeigekommen und hät-
ten diesem eine Vorladung zu einer Befragung des Beschwerdeführers
ausgehändigt. Es sei nicht auszuschliessen, dass er inzwischen von ande-
ren Personen verraten worden sei, die mit ihm bei der (...) gearbeitet hät-
ten. Er wisse von verschiedenen ehemaligen Mitarbeitenden, die nach sei-
ner Ausreise verhaftet und rehabilitiert worden seien. Im (...) 2016 habe er
zudem an einer Demonstration in der Schweiz teilgenommen.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer die erwähnte
Vorladung zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 29. März 2018 – eröffnet am 4. April 2018 – lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete die Wegwei-
sung sowie den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 4. Mai 2018 erhob der Beschwerdeführer – handelnd
durch seinen Rechtsvertreter – gegen diesen Entscheid beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der angefoch-
tenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asyl-
gewährung, eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur
Neubeurteilung sowie subeventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit
beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und die Er-
teilung einer vorläufigen Aufnahme. In formeller Hinsicht ersuchte er um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1
VwVG i.V.m. aArt. 110a AsylG, (SR 142.31) und um Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses.
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D.
Der vormals zuständige lnstruktionsrichter bestätigte am 15. Mai 2018 den
Eingang der Beschwerde.
E.
Aus organisatorischen Gründen wurde das vorliegende Verfahren im
Dezember 2019 auf die vorsitzende Richterin und die rubrizierte Gerichts-
schreiberin übertragen.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 15. Januar 2020 stellte die neu zuständige
Instruktionsrichterin fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeiständung gut,
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und setzte den
rubrizierten Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand ein.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 18. Februar 2020 hielt das SEM vollum-
fänglich an seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde.
H.
Mit Replik vom 12. März 2020 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehm-
lassung des SEM Stellung und reichte eine Kostennote zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
In Anbetracht nachfolgender Erwägungen muss auf die formellen Rügen
des Beschwerdeführers nicht weiter eingegangen werden.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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5.
5.1 Gemäss der ausführlichen Begründung des SEM erachtete dieses die
Vorbringen des Beschwerdeführers bezüglich seiner fast zehnjährigen Tä-
tigkeit für die (...) und die anschliessenden Überwachungsmassnahmen
und Erpressungsversuche durch Mitarbeitende des CID bis kurz vor der
Ausreise vollumfänglich als glaubhaft, qualifizierte die Ereignisse jedoch
als asylrechtlich nicht relevant. Dabei verwies es zunächst darauf, dass der
Beschwerdeführer erst im September 2014 ausgereist sei und damit noch
gut vier Jahre in Sri Lanka gelebt habe, nachdem seine Probleme nach
Kriegsende begonnen hätten. Des Weiteren habe er zu Protokoll gegeben,
vor allem aufgrund der allgemein belastenden Lebenssituation für die Fa-
milie aufgrund der Besuche der Beamten ausgereist zu sein. Gleichzeitig
würden seine Aussagen eindeutig darauf hinweisen, dass diese schwieri-
gen Umstände ein Leben in Sri Lanka für ihn nicht verunmöglicht hätten.
Zudem habe er aufgrund der Situation zu Hause dieses zwar verlassen,
jedoch über mehrere Jahre an verschiedenen Orten in Sri Lanka weiterge-
lebt und gearbeitet, die letzten neun Monate vor der Ausreise gar nur we-
nige Kilometer von seiner Familie entfernt. Diese Umstände würden klar
darauf hinweisen, dass er noch einige Zeit in Sri Lanka gelebt habe, ohne
konkret belangt zu werden. Damit sei der kausale Zusammenhang zwi-
schen der Verfolgung und der Flucht nicht gegeben. Die erste Befragung
bei ihm zu Hause, bei der er nach Geldern und Schmuck der LTTE gefragt
sowie sein Bankbuch kontrolliert worden sei, stelle an sich noch keine
staatliche Verfolgung dar, sondern vielmehr eine legitime Untersuchungs-
massnahme, die zudem damals viele Leute betroffen habe. Zudem weise
der Umstand, dass man ihn damals aus dem Flüchtlingscamp habe nach
Hause gehen lassen und er keine Rehabilitierungsprogramm habe durch-
laufen müssen weiter nicht daraufhin, dass er für die damalige Regierung
ein prekäres Profil aufgewiesen habe. Die Befragung zu seiner Person,
seinen Tätigkeiten und seiner finanziellen Situation entspreche vielmehr
den erwartbaren Massnahmen der damaligen Regierung und halte sich
eindeutig im Rahmen erwähnter legitimer staatlicher Untersuchungsmass-
nahmen. Nach der ersten Befragung sei er in der Folge während (...) Mo-
nate immer wieder von den lokalen Sicherheitsbehörden zu Hause aufge-
sucht und befragt worden. Grundsätzlich sei es nicht aussergewöhnlich,
dass die Behörden Befragungen durchführen und Personen über eine län-
gere Zeit beobachten würden. Er habe jedoch diesbezüglich zusätzlich an-
gegeben, von einem dieser lokalen Sicherheitsbeamten erpresst worden
zu sein. Dabei handle es sich aber nicht um eine staatliche Verfolgung,
sondern um den Machtmissbrauch eines einzelnen Beamten, der aufgrund
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von pekuniären Interessen gehandelt habe und gegen den er sich anwalt-
lich hätte wehren können. Diese Erpressung entfalte somit keine Asylrele-
vanz, da sie weder aufgrund seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehö-
rigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe noch aufgrund seiner politi-
schen Anschauung erfolgt sei. Der Erpresser sei zudem klar lokal tätig ge-
wesen, zumal der Beschwerdeführer sich der Erpressung durch Verlassen
des Wohnortes habe entziehen können. Als er im Jahr 2013 seine Frau
und Kinder habe besuchen wollen, sei er diesem Beamten per Zufall noch-
mals begegnet und gewarnt worden, dass er vorbeikommen würde und
man ihn jederzeit finden würde. Daraufhin sei er rasch wieder von zu
Hause weggegangen und es sei weiter nichts geschehen. Gerade der Um-
stand, dass die Beamten darauf verzichtet hätten, ihn an Ort und Stelle
festzunehmen, spreche dafür, dass sie keine Handhabe gegen ihn gehabt
hätten, beziehungsweise er als Person kein für die Regierung herausra-
gendes Profil aufweise. Schliesslich habe er wortwörtlich zu Protokoll ge-
geben, dass die Behörden zuletzt nur Geld von ihm verlangt hätten. Damit
werde ganz klar deutlich, dass er vor seiner Ausreise ausschliesslich diese
persönliche pekuniäre Erpressung befürchtet habe.
Wie aus dem Gesagten hervorgehe, sei die vorgebrachte Vorverfolgung
nicht asylrechtlich relevant. Und auch im Falle einer Rückkehr hätte der
Beschwerdeführer keine begründete Furcht vor Verfolgung. Zwar wiesen
die sri-lankischen Behörden gegenüber Personen tamilischer Ethnie, die
nach einem Auslandaufenthalt zurückkehren würden, eine erhöhte Wach-
samkeit auf. Seine tamilische Ethnie und seine Landesabwesenheit wür-
den jedoch gemäss Praxis nicht ausreichen, um von Verfolgungsmassnah-
men bei seiner Rückkehr auszugehen. Allfällige Kontrollen der Rückkehrer
am Flughafen und am Herkunftsort nähmen grundsätzlich kein asylrele-
vantes Ausmass an. Hingegen würden Personen, die vormals besonders
enge Beziehungen zu den LTTE gepflegt hätten und kein Rehabilitierungs-
programm durchlaufen hätten, nach wie vor verhaftet. Aufgrund des blos-
sen Umstands, dass der Beschwerdeführer damals als Verwaltungsange-
stellter im Norden Sri Lankas für die LTTE im Bereich der (...) gearbeitet
habe, sei nicht davon auszugehen, dass er in den Augen der sri-lankischen
Sicherheitsbehörden als Person gelte, die eine besonders enge Beziehung
zu den LTTE gepflegt habe. Zudem würden auch die von ihm geschilderten
Befragungen und Beobachtungen seiner Person und Familie entsprechend
den obigen Erwägungen auf keine ausserordentlichen Massnahmen hinwei-
sen, womit von keiner asylbeachtlichen Verfolgung ausgegangen werden
könne. In Anbetracht der geltend gemachten Hausbesuche sei nicht davon
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auszugehen, dass er bei einer Rückkehr begründete Furcht vor einer Ver-
folgung habe. Seine Befürchtungen, von ehemaligen Kollegen der (...) ver-
raten worden zu sein, seien sehr unkonkret geblieben, womit auch deshalb
keine begründete Furcht vor staatlicher Verfolgung erkennbar geworden
wäre. Eine Verhaftung wäre aufgrund seiner damaligen Tätigkeiten bei der
(...) auch unabhängig von seinen Aussagen eher unwahrscheinlich, zumal
er in der zivilen Verwaltung tätig gewesen sei und nicht an Kampfhandlun-
gen teilgenommen habe. Das Rehabilitierungsprogramm sei jedoch vor al-
lem für das damalige bewaffnete Personal vorgesehen. Neueren Informa-
tionen zufolge habe es in den Jahren 2015 und 2016 tatsächlich Verhaf-
tungen von Verwaltungsangestellten gegeben, die formell nie LTTE-Mit-
glieder gewesen seien und auch nie für die LTTE gekämpft hätten. Dies sei
jedoch stark kritisiert worden und es gebe keine Informationen darüber,
dass danach noch jemals Nicht-Kombattanten in ein Rehabilitierungspro-
gramm geschickt worden seien. Aus dem police message form, das der
Beschwerdeführer zu den Akten gereicht habe, werde der Grund der Vor-
ladung nicht ersichtlich. Seine Vermutung, dass man vielleicht Unterlagen
zu seiner damaligen Arbeit bei der (...) gefunden habe, habe er nicht weiter
konkretisieren können. Zudem seien die Behörden legitimiert, Personen für
Befragungen vorzuladen. Diese Vorladung weise damit an sich nicht auf
eine staatliche Verfolgung per se hin. Das Beweismass eines solchen po-
lice message form sei überdies sehr gering, zumal dieses Dokument ein-
fach fälschbar sei. Des Weiteren sei nochmals darauf hinzuweisen, dass
der Beschwerdeführer klar zu Protokoll gegeben habe, kein Mitglied der
LTTE gewesen zu sein. Aufgrund seiner Angabe, dass er nach Kriegsende
2009 noch weitere fünf Jahre in Sri Lanka gelebt habe, während dieser Zeit
jedoch keine asylbeachtliche Verfolgung erlebt habe, sei die Furcht vor ei-
ner Verfolgung bei einer allfälligen Rückkehr insgesamt nicht begründet.
Weiter vermöge die Teilnahme an einer einzigen Demonstration, an wel-
cher er sichtbar teilgenommen haben, kein exilpolitisches Profil auszuge-
stalten, das zu einer begründeten Furcht vor einer Verfolgung bei einer
Rückkehr nach Sri Lanka führen würde.
5.2 Der Beschwerdeführer stellte in seiner Rechtsmitteleingabe zunächst
verschiedene Beweisanträge. So werde mit der Beschwerde ein Zeitungs-
artikel über das Verschwinden eines ehemaligen Arbeitskollegen bei der
(...) im (...) 2018 eingereicht. Daraus gehe hervor, dass ehemalige (...)-
Mitarbeiter – entgegen der Ansicht des SEM – auch neun Jahre nach
Kriegsende gefährdet seien und spurlos verschwänden. Weiter seien die
Asylakten eines weiteren ehemaligen (...)-Mitarbeiters (N [...]), der das
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gleiche Risikoprofil aufweise, als Verweisdossier beizuziehen. Schliesslich
sei die Echtheit des eingereichten police message form durch die Schwei-
zer Vertretung abzuklären.
Inhaltich hielt der Beschwerdeführer den Erwägungen des SEM entgegen,
dieses habe seine Tätigkeit bei der (...) (und damit innerhalb der LTTE)
nicht angezweifelt. Auch sei erstellt, dass er nach der Entlassung aus dem
Flüchtlingslager nach Kriegsende mehrmals behelligt, aufgesucht und er-
presst worden sei. Im Entscheid E-2916/2012 habe das Bundesverwal-
tungsgericht festgestellt, dass es sich bei seiner früheren Arbeitstätigkeit
bei der (...) um ein Sachverhaltselement handle, das von potenziell erheb-
licher Bedeutung für die Beurteilung seiner Gefährdungssituation sei.
Seine Tätigkeit für die (...) führe deshalb zu einem risikobegründenden
Profil, zumal er eine zentrale Position ([...]abteilung) bei dieser Organisa-
tion gehabt habe, welche für die LTTE damals von grossem Nutzen gewe-
sen sei. Dabei habe er direkten Kontakt zu führenden LTTE-Mitgliedern
gepflegt. Auch habe er für die LTTE Personen rekrutiert. Somit sei er bei
den LTTE aktiv und kein normaler Angestellter der (...) gewesen. Mithin
handle es sich bei ihm um eine Person mit LTTE-Verbindung, bei der eine
relevante Furcht vor ernsthaften asylrelevanten Nachteilen aufgrund der in
Urteil E-1866/2015 definierten Risikofaktoren zu befürchten sei. Die An-
sicht des SEM, wonach kein genügender Kausalzusammenhang zwischen
der Verfolgung und der Flucht vorliege, treffe nicht zu. Das SEM beurteile
die Vorfälle in zeitlicher und sachlicher Hinsicht jeweils isoliert. Um seine
Gefährdung zu beurteilen, sei aber eine Gesamtwürdigung notwendig. Er
habe aufgrund der Behelligungen und Erpressungen immer versteckt ge-
lebt und darauf geachtet, dass er den Mitgliedern des Staatsapparates
nicht in die Quere komme, und dies mehrere Jahre lang. So sei er vier
Jahre nach Kriegsende immer Behelligungen und Erpressungen ausge-
setzt gewesen und es habe quasi jederzeit Gefahr bestanden, dass er
spurlos (wie im aktuellen Fall in Colombo) verschwinde. Jederzeit hätte er
durch den Geheimdienst verhaftet und durch die in Sri Lanka verbreitete
Methode des «Verschwindenlassens» beseitigt werden können. Nur auf-
grund der Tatsache, dass er die finanziellen Mittel für den Schlepper nicht
habe aufbringen können, habe sich seine Reise verzögert. In diesem Zu-
sammenhang gehe die Annahme des SEM fehl, dass er lange zugewartet
habe. Die Tatsache, dass er bis zur Ausreise nicht verhaftet beziehungs-
weise beseitigt worden sei, sei nur der Tatsache zu verdanken, dass er sich
versteckt gehalten habe. Der Staatsapparat habe konkrete Kenntnis von
seiner Tätigkeit gehabt. Die oben genannten Risikofaktoren (LTTE-Verbin-
dung, (...)verantwortlicher der (...), Erfahrung in der Rekrutierung von
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Kämpfern) seien im vorliegenden Fall als stark risikobegründend zu quali-
fizieren. Auch das Vorbringen des SEM, dass er im Norden des Landes
hätte weiterleben können, treffe nicht zu. Das SEM verkenne, dass ihm das
Verstecken nicht mehr zumutbar gewesen sei, auch vor dem Hintergrund,
dass er keine finanziellen Mittel für das Bestechen von Beamten gehabt
habe, damit sie ihn in Ruhe lassen würden. Die Befragungen, Beobachtun-
gen sowie die Erpressungen eines einzelnen Beamten hätten entgegen
der Meinung des SEM durchaus eine asylrelevante Verfolgung dargestellt.
Er sei aus dem Flüchtlingslager ohne genaue Überprüfung entlassen wor-
den, mit dem Hinweis, dass man ihn später befragen würde. Die Vorinstanz
lasse ausser Acht, dass in diesem kurzen Zeitraum und in der Masse un-
zählige ehemalige LTTE-Mitglieder durch das «Raster» gefallen seien und
systembedingt nicht identifiziert worden seien. Wenige Wochen später hät-
ten denn auch die Behelligungen, Befragungen und Erpressungen begon-
nen. Die Tatsache, dass er auch nach seiner Ausreise gesucht werde, gehe
aus dem eingereichten police message form hervor. Bei einer Rückkehr
würde er sofort verhaftet. Auch die Ansicht des SEM, dass die Behelligun-
gen und Befragungen übliche legitime Massnahmen der Regierung seien,
treffe nicht zu. Es sei nicht nachvollziehbar, inwiefern die Regierung auch
Jahre nach Kriegsende legitime Befragungen durchführen solle. Das Vor-
bringen des SEM, dass die Erpressungen eines einzelnen Beamten eben-
falls keine asylrechtliche Verfolgung begründen würden, gehe auch fehl.
Damit verkenne das SEM, dass die Erpressung nur aufgrund der Tatsache,
dass er bei der (...) und den LTTE tätig gewesen sei, möglich geworden
sei. Personen mit einer LTTE-Vergangenheit seien Freiwild für solche Be-
amten. Er hätte auch nicht rechtlich dagegen vorgehen können. Es werde
keine Strafanzeige von solchen Personen entgegengenommen, ge-
schweige denn, wenn sich diese gegen Beamte oder Militärangehörige
richte. Vielmehr bestehe dann die Gefahr, dass die Anzeigenden noch
mehr schikaniert und zum Schweigen gebracht würden. Auch die An-
nahme, dass er überdies keine Furcht vor dem Rehabilitierungsprogramm
haben müsse, treffe nicht zu. Entgegen der Auffassung des SEM handle
es sich bei ihm nicht um einen normalen Verwaltungsangestellten, sondern
um eine Schlüsselperson mit Kenntnissen von LTTE-lnterna. Das SEM
stelle sich auf den Standpunkt, dass die Verhaftung der zivilen Angestellten
im Jahr 2015/2016 stark kritisiert worden sei und dass es danach keine
Infos über weitere Inhaftierungen gegeben habe. Diese Auffassung sei
falsch. Erstens sei es nachgewiesen, dass auch nach seiner Ausreise zivile
Angestellte verhaftet worden seien und zweitens handle es sich bei ihm
eben nicht um einen gewöhnlichen Verwaltungsangestellten. Zudem sei er
nach seiner Ausreise aufgefordert worden, sich bei der Polizei zu melden.
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Weiter sei vor wenigen Wochen ein ehemaliger Verwaltungsangestellter
spurlos verschwunden (vgl. Zeitungsbericht). Zudem seien weitere Mitar-
beiter nach seiner Ausreise verhaftet worden. Ferner sei die Ansicht der
Vorinstanz, dass sich die Armee nach dem Machtwechsel nicht mehr um
zivile Angelegenheiten kümmere, falsch. Schliesslich halte er sich mittler-
weile seit fast 4 Jahren in der Schweiz und somit in einem tamilischen
Diasporazentrum auf. Alleine dieser Umstand würde ihn, als Tamilen aus
dem Norden Sri Lankas, gegenüber den sri-lankischen Behörden verdäch-
tig machen.
5.3 Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung fest, die Übersetzung des
eingereichten Zeitungsartikels habe ergeben, dass es sich dabei um eine
allgemeine Mitteilung einer verschwundenen Person handle. Das Ver-
schwinden dieses Mannes gebe jedoch keine Hinweise auf eine Verbin-
dung mit der (...), noch gehe aus dem Artikel hervor, dass es sich dabei
um eine Entführung handle und es sei auch nicht ersichtlich, inwieweit die-
ses Ereignis in Verbindung mit dem Beschwerdeführer stehe. Im Vergleich
zum erwähnten Verweisdossier seien ausser den wirtschaftlichen Tätigkei-
ten für den Verwaltungsbereich der LTTE keine Übereinstimmungen auf-
findbar. Entgegen der Annahme in der Beschwerdeschrift sei der Be-
schwerdeführer zudem auch kein Mitglied der LTTE gewesen. Auch die ak-
tuellen Entwicklungen in Sri Lanka vermöchten diese Einschätzung nicht
umzustossen.
5.4 In seiner Replik hielt der Beschwerdeführer fest, in einem Zeitungsarti-
kel über eine Entführungsmeldung werde nicht gleichzeitig über die Ar-
beitstätigkeit des Entführten berichtet. Anlässlich der Befragung habe er
die Namen von ehemaligen Mitarbeitern erwähnt und deren Konnex mit
der (...) geschildert. Im Artikel habe er den Namen eines ehemaligen Mit-
arbeiters erkannt. Die Gründe der Entführung stünden für ihn unbestritte-
nermassen im Konnex mit der Arbeitstätigkeit bei der (...). Das «Verschwin-
denlassen» von ehemaligen LTTE-Mitgliedern und Mitarbeitern sei eine
systematische Vorgehensweise des sri-lankischen Geheimdienstes, insbe-
sondere seit der Machtübernahme von Rajapaksa. Entgegen der Auffas-
sung des SEM handle es sich beim Verweisdossier um einen analogen
Fall, wobei nicht allein die wirtschaftliche Lage vergleichbar sei. Durch die
neue Machtübernahme durch Rajapaksa sei schliesslich jede Persönlich-
keit mit seinem Profil direkt gefährdet.
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Seite 12
6.
Das SEM hat die Vorbringen des Beschwerdeführers nicht in Zweifel gezo-
gen und das Gericht schliesst sich dieser Einschätzung vollumfänglich an.
Die Ausführungen des Beschwerdeführers überzeugen durch ihre Konsis-
tenz sowie zahlreiche Realkennzeichen und Details. Der Beschwerdefüh-
rer war in der Lage, seine Arbeit für die (...) und die Ereignisse in der Folge
substanziiert, realitätsnah und ohne Übertreibungen zu schildern. Auch
kann das von ihm Geschilderte und Erlebte ohne weiteres in den länder-
spezifischen Kontext eingefügt werden.
Demnach ist im Folgenden davon auszugehen, dass der Beschwerdefüh-
rer von (...) bis (...) innerhalb der (...), dem zivilen Verwaltungsapparat der
LTTE, eine bezahlte Arbeit ausübte. Seinen Lohn bezog er von Seiten der
LTTE. Er war zuständig, Gelder, die er über die (...) vom Staat erhalten
habe, und Gelder der Bezirksverwaltung der Nordprovinz sowie von Nicht-
regierungsorganisationen in (...) projekte in B._ zu verteilen. Dabei
hat er einen Teilbetrag für die LTTE abzweigen müssen. Er hat für die Pro-
jekte auch Arbeitskräfte organisiert, bezahlt und die Arbeiten überwacht.
Zudem hat er weitere Hilfstätigkeiten für die LTTE ausgeübt, wie zum Bei-
spiel mit Strassentheater Geld gesammelt und neue Mitglieder rekrutiert,
Bunker gegraben, Stützpunkte gebaut, Essen verteilt, in der Küche gehol-
fen, Häuser für verstorbene LTTE-Mitglieder dekoriert und Wachdienste an
der Strasse geleistet. Auch hat er als Briefträger für die LTTE gearbeitet
und für diese kurz vor der Kapitulation Geld und Schmuck vergraben. Von
(...) 2009 bis (...) 2009 wurde er in einem Camp befragt und gab sein En-
gagement kurz vor der Entlassung zu. Deshalb wurden ihm weitere Besu-
che bei ihm zu Hause angekündigt. In der Folge wurde er denn auch von
Beamten des CID zu Hause aufgesucht und erpresst, die über seine Ver-
gangenheit bei der (...) Bescheid wussten, sodass es ihm über Jahre nicht
möglich war, bei seiner Familie zu leben. Seine Familie wurde in dieser Zeit
und auch nach der Ausreise aus dem Heimatland mehrfach über ihn und
seinen Aufenthaltsort befragt.
7.
7.1 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
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Seite 13
oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die
Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein
(vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; BVGE 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je
m.w.H.).
7.2 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur
Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus-
reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk-
licht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahr-
scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurtei-
lung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfol-
gen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE
2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
7.3
7.3.1 Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
sind in Sri Lanka unter anderem Personen, die verdächtigt werden, mit den
LTTE in Verbindung gestanden zu haben, einer erhöhten Verfolgungsge-
fahr ausgesetzt (vgl. BVGE 2011/24 E. 8.1). Dies gilt umso mehr, wenn sie
keine Rehabilitation durchlaufen haben. Im Urteil D-1470/2014 vom 5. Juni
2014 hat das Bundesverwaltungsgericht mit Verweis auf Berichte interna-
tionaler Organisationen festgestellt, die Lage in Sri Lanka habe sich seit
dem Ende des Krieges im Jahre 2009 in menschenrechtlicher Hinsicht nicht
verbessert. Ebenso sei keinesfalls von einem abnehmenden Verfolgungsin-
teresse des Staates gegenüber Personen mit vermeintlichen oder tatsächli-
chen LTTE-Verbindungen auszugehen (vgl. a.a.O., E. 6.4.4). Im Referenz-
urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hat das Bundesverwaltungsgericht
schliesslich festgehalten, es scheine auch heute noch – mithin sieben Jahre
nach Ende des Bürgerkrieges und nach dem Machtwechsel vom Januar
2015 in Sri Lanka – ein wichtiges Ziel des sri-lankischen Staates zu sein,
jegliches Aufflammen des tamilischen Separatismus im Keim zu ersticken.
So sei der drakonische Prevention of Terror Act – mit dem Verhaftungen
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und Inhaftierungen von Personen legitimiert werden, die im Verdacht ste-
hen, Verbindungen zu den LTTE zu haben – weiterhin in Kraft, obwohl die
damalige Regierung nach Angaben von Amnesty International (AI) im Sep-
tember 2015 versprochen habe, den PTA zu widerrufen und durch ein Anti-
Terrorismusgesetz zu ersetzen, das mit internationalen Standards verein-
bar sei. Auch die Präsenz der Sicherheitskräfte und die damit einherge-
hende Überwachung der Bevölkerung im Norden und Osten des Landes
seien nach wie vor sehr hoch (vgl. a.a.O. E. 8.5.1). Mit Blick auf diese Um-
stände wurde sodann festgehalten, eine geltend gemachte Verbindung zu
den LTTE vermöge dann eine relevante Furcht vor ernsthaften Nachteilen
im asylrechtlichen Sinn zu begründen, wenn der betroffenen Person aus
Sicht der sri-lankischen Behörden aufgrund der Verbindung ein Interesse
am Wiederaufflammen des tamilischen Separatismus in Sri Lanka zuge-
schrieben und die Person von daher als Gefahr für die nach dem Krieg
wiedergewonnene Einheit des Landes wahrgenommen werde. Davon
seien keineswegs nur in besonderem Masse exponierte Personen betrof-
fen, zumal die sri-lankische Regierung auch sieben Jahre nach Ende des
Bürgerkrieges noch über ein Wiederaufleben respektive Wiedererstarken
der LTTE besorgt sei und jeglichen Verdacht entsprechender Bestrebun-
gen mit grösster Aufmerksamkeit verfolge.
7.3.2 Unter Berücksichtigung dieser Analyse der politischen Entwicklung
vor Ort kann die Einschätzung des SEM, der Beschwerdeführer habe im
Zeitpunkt der Ausreise keine asylrechtlich relevante Verfolgung zu befürch-
ten gehabt und habe eine solche auch aktuell nicht zu befürchten, nicht
geteilt werden.
Fehl geht das SEM bereits in seiner Analyse, der Beschwerdeführer habe
ohne Behelligungen in Sri Lanka leben können und als Ausreisegrund die
belastende Situation für seine Familie in den Mittelpunkt gerückt. Zwar hat
der Beschwerdeführer auch darauf hingewiesen, dass die Situation für
seine Familie schwierig war, führte jedoch ebenso aus, befürchtet zu ha-
ben, jederzeit festgenommen und eingesperrt zu werden. Auch habe er
Angst gehabt, nachts von unbekannten Personen verschleppt oder auf der
Strasse mit einem Fahrzeug überfahren zu werden (vgl. insbesondere A22,
F62ff.). Sodann kann nicht von einem fehlenden Kausalzusammenhang
zwischen den Problemen mit dem CID und der Ausreise im Jahr 2014 ge-
sprochen werden, konnte sich der Beschwerdeführer doch nur dadurch der
engmaschigen Überwachung entziehen, indem er sich nicht an seinem
Wohnort aufhielt. Ausserdem hielten die Überwachungsmassnahmen und
Kontrollen bei der Familie auch über die Ausreise hinaus an.
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Zwar ist mit dem SEM einig zu gehen, dass eine entsprechende Überwa-
chung durchaus auch legitimen staatlichen Zwecken dienen kann. Dies
kann aber vorliegend weder für den Zeitpunkt der Ausreise noch in Bezug
auf die aktuelle Situation bestätigt werden. Der Beschwerdeführer hat über
viele Jahre hinweg für die (...) gearbeitet und weist damit einen relativ en-
gen Bezug zur LTTE auf. Aufgrund seiner beschriebenen Aufgaben kann
auch nicht von einer untergeordneten Tätigkeit ausgegangen werden. Es
ist vielmehr anzunehmen, dass der Beschwerdeführer eine relativ hohe
Position innerhalb dieses Gefüges bekleidete und dabei in direkten Kontakt
mit allenfalls auch hochrangigen Mitgliedern der LTTE kam. Der damaligen
Praxis gemäss musste er direkt nach dem Krieg keine Rehabilitation durch-
laufen, eine solche war vorerst auf die LTTE-Mitglieder beschränkt. Den-
noch ist der Beschwerdeführer aber offenbar in den Fokus des CID geraten
und seine Furcht vor ernsthaften Nachteilen scheint vor diesem Hinter-
grund begründet. Obwohl der Beschwerdeführer lediglich in der zivilen Ver-
waltung tätig gewesen ist und nicht an Kampfhandlungen teilgenommen
hat, scheint dem Gericht dieses besondere Interesse der sri-lankischen
Behörden überwiegend wahrscheinlich, zumal er offenbar auch grosse
Geldmittel abgezweigt hat, die von den LTTE auch für den Kampf einge-
setzt worden sind. Die Aktualität und Begründetheit seiner subjektiven
Furcht bestätigen sich auch dadurch, dass es tatsächlich auch Jahre nach
Kriegsende zu Fällen von «Verschwindenlassen» oder Verhaftungen von
Leuten mit dem Profil des Beschwerdeführers gekommen ist. So führt das
SEM selber an, dass es in den Jahren 2015 und 2016 tatsächlich zu Ver-
haftungen von ehemaligen Verwaltungsangestellten wie dem Beschwerde-
führer gekommen war, die auch in Rehabilitationshaft kamen. Dies lässt
angesichts seiner Vorgeschichte seine Furcht vor eben diesem Schicksal
als begründet erscheinen. Weiter sind auch die Befürchtungen des Be-
schwerdeführers nicht von der Hand zu weisen, dass er von ehemaligen
Kollegen der (...) verraten worden sein könnte, die in der Zwischenzeit ver-
haftet, rehabilitiert und wieder freigelassen worden sind.
An der Begründetheit der Furcht vor ernsthaften Nachteilen vermag auch
nichts zu ändern, dass er sich solchen eine Zeitlang durch Geldzahlungen
an die Mitarbeitenden des CID hat entziehen können, konnte er sich doch
nicht darauf verlassen, dass dies langfristig Bestand haben würde. Dem
SEM ist nach den vorgängigen Ausführungen offensichtlich auch darin
nicht zuzustimmen, dass es sich bei den Besuchen des CID um nicht asyl-
rechtliche Verfolgung aus rein pekuniären Interessen handelte. Vielmehr
war er aus asylrechtlich relevanten Motiven in den Fokus des CID geraten
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und konnte sich deshalb gegen deren Erpressungen auch nicht auf staat-
lichem Wege wehren.
Nach dem Gesagten kann schliesslich auch dem eingereichten police mes-
sage form eine gewisse Bedeutung zugemessen werden. Auch wenn ei-
nem solchen Dokument aufgrund der leichten Fälschbarkeit nur geringer
Beweiswert zukommt, fügt es sich doch lückenlos in die geltend gemach-
ten Ereignisse ein und muss als Hinweis auf ein anhaltendes Verfolgungs-
interesse gewertet werden.
7.4 Diesen Erwägungen gemäss ist festzuhalten, dass der Beschwerde-
führer im Zeitpunkt der Ausreise eine objektiv begründete Furcht vor ernst-
haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG hatte. Es ist daher für den
Zeitpunkt der Ausreise von einer asylrelevanten Vorverfolgung des Be-
schwerdeführers auszugehen. Da die Verfolgung von staatlichen Behörden
ausgeht, steht ihm auch keine innerstaatliche Schutzalternative zur Verfü-
gung. Die Verfolgungsfurcht ist zudem heute noch aktuell. Die Vorausset-
zungen zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 und
Art. 7 AsylG sind somit erfüllt. Aus den Akten ergeben sich zudem keine
konkreten Hinweise auf das Vorliegen von Asylausschlussgründen (vgl.
Art. 49 AsylG).
7.5 Nach dem Gesagten erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft. Das SEM hat deshalb sein Asylgesuch zu Unrecht abgelehnt.
8.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die angefochtene
Verfügung des SEM vom 29. März 2018 ist aufzuheben. Der Beschwerde-
führer ist als Flüchtling anzuerkennen und das SEM anzuweisen, ihm Asyl
zu gewähren.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
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Die bei den Akten liegende Kostennote erscheint den Verfahrensumstän-
den als angemessen. Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteient-
schädigung ist demnach auf insgesamt Fr. 3'251.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzu-
setzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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