Decision ID: 9caf77b6-8bd2-5fc0-b040-552e1b01bd7a
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
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A.- X ist seit dem 16. August 1965 im Besitz des Führerausweises der Kategorie B.
Zudem verfügt er seit dem Jahre 1991 über die Fahrbewilligung für die Kategorien E, F
und G sowie die Unterkategorien A1, A2 und D2. Am Dienstag, 29. August 2017,
kollidierte er während des feierabendlichen Stossverkehrs in Schaffhausen als
Fahrzeuglenker seines Cadillacs bei einem Spurwechsel seitlich mit einem
Sattelschlepper. Die durch den Chauffeur des Sattelschleppers alarmierten Polizisten
fanden die beiden Fahrzeuge in der Unfallendlage vor. Nach dem Erstellen von
Unfallfotos wurden die Fahrzeuge zur Seite gestellt und die Unfallbeteiligten vor Ort
befragt. Anschliessend konnten beide Fahrzeuglenker die Weiterfahrt antreten.
B.- Mit Strafbefehl vom 21. September 2017 wurde X im Zusammenhang mit dem
Vorfall vom 29. August 2017 der Verletzung der Verkehrsregeln durch Nichtgewähren
des Vortritts beim Fahrstreifenwechsel schuldig gesprochen und mit einer Busse von
Fr. 400.– bestraft. Mit Verfügung vom 6. Juli 2018 ordnete das Strassenverkehrsamt
eine verkehrsmedizinische Abklärung an. Der von X dagegen erhobene Rekurs wurde
von der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK) mit Entscheid
vom 24. Januar 2019 geschützt und die Verfügung vom 6. Juli 2018 aufgehoben. Im
Wesentlichen begründete die VRK ihren Entscheid vom 24. Januar 2019 damit, dass
keine Zweifel an der Fahreignung des Rekurrenten bestünden. Insbesondere gingen
aus dem Sachverhalt keine hinreichenden Hinweise darauf hervor, dass der Unfall
aufgrund einer allgemeinen Verlangsamung, Umständlichkeit, Unbeholfenheit oder
Unbeweglichkeit des Rekurrenten am Steuer geschehen wäre.
C.- Am 27. Februar 2019 informierte das Strassenverkehrsamt X darüber, dass es
beabsichtige, aufgrund des Vorfalls vom 29. August 2017 eine Verwarnung gegen ihn
auszusprechen; es gewährte ihm das rechtliche Gehör. Mit Schreiben vom 11. März
2019 ersuchte der Rechtsvertreter von X das Strassenverkehrsamt darum, von einer
Verwarnung abzusehen. Die Schaffhauser Staatsanwaltschaft habe den Sachverhalt
nicht ausreichend und nur einseitig zu Lasten seines Mandanten abgeklärt. Mit
Verfügung vom 26. März 2019 erteilte das Strassenverkehrsamt X eine Verwarnung
wegen einer leichten Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften und erhob
eine Verfahrensgebühr von Fr. 200.–.
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D.- Dagegen erhob X durch seinen Rechtsvertreter am 10. April 2019 Rekurs bei der
VRK. Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Das
Strassenverkehrsamt verzichtete ausdrücklich auf eine Vernehmlassung. Auf die
Ausführungen des Rekurrenten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 10. April 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Vorweg stellt sich die Frage, inwieweit die Vorinstanz und die VRK an den im
Strafverfahren festgestellten Sachverhalt gebunden sind.
a) Der Rekurrent bringt vor, der Strafbefehl binde die Gerichte der Verwaltungsjustiz
nicht. Diese seien weder an die tatsächlichen Feststellungen noch an die strafrechtliche
Sanktion gebunden; sie würdigten den Sachverhalt und die Rechtslage frei.
b) Ein Strafurteil vermag die Verwaltungsbehörde grundsätzlich nicht zu binden.
Allerdings gebietet der Grundsatz der Einheit der Rechtsordnung, widersprüchliche
Entscheide im Rahmen des Möglichen zu vermeiden, weshalb die Verwaltungsbehörde
beim Entscheid über die Massnahme von den tatsächlichen Feststellungen des
Strafrichters nur abweichen darf, wenn sie Tatsachen feststellt und ihrem Entscheid
zugrunde legt, die dem Strafrichter unbekannt waren, wenn sie zusätzliche Beweise
erhebt oder wenn der Strafrichter bei der Rechtsanwendung auf den Sachverhalt nicht
alle Rechtsfragen abgeklärt hat. Die Verwaltungsbehörde hat vor allem auf die
Tatsachen im Strafurteil abzustellen, wenn dieses im ordentlichen Verfahren mit
öffentlicher Verhandlung unter Anhörung von Parteien und Einvernahme von Zeugen
ergangen ist, es sei denn, es bestünden klare Anhaltspunkte für die Unrichtigkeit dieser
Tatsachenfeststellung; in diesem Fall hat die Verwaltungsbehörde nötigenfalls
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selbstständige Beweiserhebungen durchzuführen. Die Verwaltungsbehörde ist unter
bestimmten Umständen auch an die sachverhaltlichen Feststellungen des
Strafentscheids gebunden, der im Strafbefehlsverfahren ergangen ist, selbst wenn er
ausschliesslich auf einem Polizeibericht beruht. Dies gilt insbesondere dann, wenn der
Betroffene weiss oder wissen muss, dass neben dem Strafverfahren ein
Administrativverfahren eröffnet wird und er es trotzdem unterlässt oder darauf
verzichtet, im Rahmen des Strafverfahrens die ihm garantierten Verteidigungsrechte
geltend zu machen. Nach dem Grundsatz von Treu und Glauben muss der Betroffene
nämlich allfällige Verteidigungsrechte und Beweisanträge im Strafverfahren vorbringen
und dort die nötigen Rechtsmittel ergreifen (Urteil des Bundesgerichts [BGer]
1C_33/2018 vom 6. Juli 2018 E. 3.2 mit Hinweisen zur Rechtsprechung); dieselbe
Bindungswirkung besteht für die VRK.
c) Im vorliegenden Verfahren liegen der Polizeirapport der Schaffhauser Polizei vom
7. September 2017, die Fotodokumentation gleichen Datums sowie das
Unfallaufnahmeprotokoll vom 29. August 2017 vor. Die Staatsanwaltschaft des
Kantons Schaffhausen, die am 21. September 2017 einen Strafbefehl gegen den
Rekurrenten erliess, verfügte über dieselben Dokumente. Dementsprechend waren im
Strafverfahren die gleichen Tatsachen bekannt wie im
Administrativmassnahmeverfahren. Sodann machte der Rekurrent geltend, am
30. September 2017 zunächst Einsprache gegen den Strafbefehl erhoben zu haben.
Diese sei am 20. November 2017 durch die von ihm beigezogene
Rechtsschutzversicherung zurückgezogen worden. Im Zeitpunkt des Rückzugs der
Einsprache war er also rechtlich vertreten. Deshalb kann davon ausgegangen werden,
dass ihm bekannt war, dass neben dem Strafverfahren auch ein
Administrativmassnahmeverfahren eröffnet werden würde – sofern dieses nicht
ohnehin bereits im Gange war – und er allfällige Verteidigungsrechte und
Beweisanträge im Strafverfahren vorbringen und dort die nötigen Rechtsmittel ergreifen
musste. Gegenteiliges macht er denn auch nicht geltend. Dementsprechend sind die
VRK und die Vorinstanz vorliegend an die Tatsachenfeststellungen im Strafbefehl
gebunden.
3.- Streitig ist vorliegend, ob die Voraussetzungen für eine Verwarnung gegeben sind.
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a) Der Rekurrent führte zusammengefasst aus, der Lenker des Sattelschleppers habe
zugegeben, dass er das Motorfahrzeug des Rekurrenten vor dem Unfall nicht gesehen
habe. Somit habe er auch den Blinker nicht gesehen, den der Rekurrent gestellt hatte.
Er habe im Unfallprotokoll weiter erklärt, dass eine Lücke zum vorderen Motorfahrzeug
entstanden sei. Der Rekurrent seinerseits habe den Blinker gestellt, nach rechts und
rückwärts geschaut, und als er festgestellt habe, dass der Sattelschlepper nicht
angefahren sei, habe er wieder in die Fahrrichtung geschaut und sein Fahrzeug auf die
rechte Spur gelenkt. Die Kollision sei entstanden, weil der Sattelschlepper dennoch
angefahren sei. Dieser habe offensichtlich nicht auf den Verkehr geachtet und die
notwendige Aufmerksamkeit vermissen lassen. Es sei nicht der Rekurrent mit dem
Sattelschlepper kollidiert, sondern umgekehrt: der Sattelschlepper sei in die Seite des
Motorfahrzeugs des Rekurrenten gefahren. Daraus, dass der Sattelschlepper noch
nicht angefahren war, habe er nach Treu und Glauben ableiten und darauf vertrauen
dürfen, dass ihm der Lenker des Sattelschleppers den Vortritt gewähren würde. Auf der
anderen Seite habe der Lenker des Sattelschleppers damit rechnen müssen, dass es
aufgrund der in rund 200 bis 300 Metern bevorstehenden Abzweigung der rechten
Spur nach Winterthur zu Spurwechseln kommen würde.
b) Der Fahrzeuglenker, der seine Fahrrichtung ändern will, wie zum Abbiegen,
Überholen, Einspuren und Wechseln des Fahrstreifens, hat auf die ihm nachfolgenden
Fahrzeuge Rücksicht zu nehmen (Art. 34 Abs. 3 SVG). Auf Strassen, die für den
Verkehr in gleicher Richtung in mehrere Fahrstreifen unterteilt sind, darf der Lenker
seinen Streifen nur verlassen, wenn er dadurch den übrigen Verkehr nicht gefährdet
(Art. 44 Abs. 1 SVG). Der Fahrzeugführer, der die Spur bzw. den Fahrstreifen ändert, ist
gegenüber Fahrzeugen auf der anderen Fahrspur bzw. dem anderen Fahrstreifen
vortrittsbelastet. Wer seinen Fahrstreifen oder seine Kolonne beibehält, hat Anspruch
auf unbehinderte Fortsetzung seiner Fahrt. Ein Fahrspurwechsel ist nicht erst bei einer
Gefährdung, sondern bereits bei einer Behinderung des übrigen Verkehrs untersagt.
Eine Behinderung liegt dann vor, wenn der Berechtigte seine Fahrweise brüsk ändern
muss, worunter unter anderem sofortiges Bremsen oder Ausweichen fallen. Bei
Sanktionen mit Strafcharakter gibt es keine Verschuldenskompensation. Auf den
Vertrauensgrundsatz kann sich zudem nur berufen, wer sich selbst
verkehrsregelkonform verhält (Weissenberger, Kommentar Strassenverkehrsgesetz und
Ordnungsbussengesetz, 2. Aufl. 2015, Art. 44 SVG N 1 ff.; BGer 6B_10/2011 vom
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29. März 2011 E. 2.2.1 und 6B_453/2012 vom 19. Februar 2013 E. 2.2.3). Eine leichte
Widerhandlung begeht, wer durch eine Verletzung von Verkehrsregeln eine geringe
Gefahr für die Sicherheit anderer hervorruft und ihn dabei nur ein leichtes Verschulden
trifft (Art. 16a Abs. 1 lit. a des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG).
Die fehlbare Person wird verwarnt, wenn in den vorangegangenen zwei Jahren der
Ausweis nicht entzogen war und keine andere Administrativmassnahme verfügt wurde
(Art. 16a Abs. 3 SVG).
c) Aus dem Strafbefehl vom 21. September 2017 geht hervor, dass die
Staatsanwaltschaft in tatsächlicher Hinsicht darauf abstellte, dass der Rekurrent beim
Fahrstreifenwechsel den Vortritt des Sattelschleppers missachtet hatte. Daran ist die
VRK gemäss den voranstehenden Ausführungen (E. 2c) gebunden. Diese
Tatsachenfeststellung ist im Übrigen gestützt auf die Akten auch nicht zu beanstanden.
In der Befragung durch die Polizei direkt nach dem Unfall hatte der Rekurrent
ausgesagt, dass mehrere Fahrzeuge auf der rechten Spur an ihm vorbeigefahren seien.
Als dann nichts mehr gekommen sei, habe er den Blinker gesetzt und langsam auf die
rechte Spur gewechselt. Nochmals danach gefragt, wie er nach hinten geschaut habe,
führte er aus, er habe zuerst in den Spiegel geschaut und sich dann abgedreht. Es sei
alles vollkommen frei gewesen. Demnach hatte er den Sattelschlepper, auf dessen
Spur er einfuhr, wohl gänzlich übersehen. Dass er davon ausgegangen sei, der
Sattelschlepper würde ihm den Vortritt gewähren, ist eine Darstellung, die er vor der
Polizei noch nicht vorgetragen hatte und die im Widerspruch zu jenen Aussagen steht.
Somit ergibt sich keine Veranlassung, am durch die Staatsanwaltschaft festgestellten
Sachverhalt, der sich auf die Aussagen im Unfallprotokoll stützt, zu zweifeln.
Dementsprechend muss darauf abgestellt werden. Nicht relevant ist im Übrigen, ob
möglicherweise auch dem Lenker des Sattelschleppers eine mangelnde
Aufmerksamkeit zur Last gelegt werden müsste. Der vortrittsbelastete Rekurrent
könnte daraus – jedenfalls bei der gegebenen Ausgangslage – nichts zu seinen
Gunsten ableiten.
Der Rekurrent nahm also keine Rücksicht auf den auf dem rechten Fahrstreifen
fahrenden vortrittsberechtigten Sattelschlepper. Damit verstiess er gegen Art. 34 Abs. 3
SVG und Art. 44 Abs. 1 SVG, womit er eine Verkehrsregelverletzung beging. Es kam zu
einem Unfall, wodurch andere Verkehrsteilnehmer gefährdet wurden. Es gab jedoch
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keinen Personenschaden, und der Sachschaden war bei beiden Fahrzeugen
einigermassen gering. Der Unfall geschah im dichten Kolonnenverkehr, weshalb ein
Spurwechsel nicht einfach war; die Geschwindigkeit war gering. Unter diesen
Umständen können die durch den Rekurrenten geschaffene Gefahr noch als gering
und sein Verschulden noch als leicht eingestuft werden, womit eine leichte
Widerhandlung gemäss Art. 16a Abs. 1 lit. a SVG vorliegt. Von einer Verwarnung
gemäss Art. 16a Abs. 3 SVG kann dementsprechend nicht abgesehen werden. Die
vorinstanzliche Verfügung vom 26. März 2019 ist somit zu bestätigen und der Rekurs
abzuweisen.
4.- Da der Rekurrent mit seinem Antrag unterliegt, sind ihm die amtlichen Kosten
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 800.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 800.– ist zu verrechnen. Bei diesem Verfahrensausgang
besteht kein Anspruch auf Entschädigung der ausseramtlichen Kosten.