Decision ID: 4b3525e4-2042-4f1f-a058-baa4961f9a9b
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 26. Januar 2022 in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
Ein Abgleich mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass der Beschwerdefüh-
rer am 8. Dezember 2021 in Bulgarien und am 16. Januar 2022 in Öster-
reich um Asyl nachgesucht hatte.
C.
Am 2. Februar 2022 erfolgte seine Personalienaufnahme (PA).
D.
Anlässlich des persönlichen Gesprächs gemäss Art. 5 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO), vom 10. Feb-
ruar 2022 wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem
allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung
nach Bulgarien oder Österreich gewährt. Dabei gab er an, Schleuser hät-
ten ihn in Bulgarien bedroht, seien ihm nach Österreich gefolgt und hätten
ihm dort mit dem Tod gedroht. Sein Leben sei deshalb in beiden Ländern
in Gefahr. Zu seiner Gesundheit gab er an, er habe keine psychischen
Probleme, mache sich aber grosse Sorgen und könne deshalb nicht gut
schlafen. Am 16. Februar 2022 habe er einen Arzttermin wegen Problemen
mit der Gallenblase.
E.
Das SEM ersuchte gestützt auf die Angaben des Beschwerdeführers und
die im Eurodac verzeichneten Asylgesuche am 10. Februar 2022 die ös-
terreichischen und am 15. Februar 2022 die bulgarischen Behörden um
Übernahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dub-
lin-III-VO. Die österreichischen Behörden lehnten das Ersuchen am
11. Februar 2022 ab. Die bulgarischen Behörden hiessen das Gesuch
nach einer zuvor innert Frist ausgebliebenen Antwort am 14. März 2022
gut.
E-3150/2022
Seite 3
F.
Gemäss einem Eintrag in den medizinischen Akten vom 6. April 2022 wur-
den dem Beschwerdeführer wegen psychischer Probleme (PTBS nach Ge-
walterfahrung in Afghanistan, Flashbacks und Albträumen) Medikamente
verschrieben. In einem Arztbericht der (...) vom 4. Juli 2022 an den zuwei-
senden Arzt wurde ihm eine «Anpassungsstörung Angst und depressive
Reaktion gemischt (ICD-10:F43.22)» attestiert. Weiter wurde festgestellt,
aufgrund der psychischen Stabilität bei nachvollziehbaren Zukunftsängs-
ten bestehe aktuell kein Bedarf für psychiatrisch psychotherapeutische Be-
gleitung. Das SEM hielt in einer Aktennotiz vom 18. Juli 2022 fest, gemäss
telefonischer Auskunft des BAZ B._ stünden keine Arzttermine
mehr aus. Der Beschwerdeführer habe die ihm verschriebenen Medika-
mente seit dem 13. Mai 2022 nicht mehr bezogen.
G.
Am 22. Juni 2022 erkundigte sich das SEM bei den bulgarischen Behörden
nach dem Stand des in Bulgarien hängigen Asylverfahrens. Diese teilten
am 15. Juli 2022 mit, das Verfahren sei infolge Untertauchens des Be-
schwerdeführers am 16. Juni 2022 abgeschrieben worden. Sollte er wie-
derauftauchen, könne er eine Wiedereröffnung des Verfahrens beantra-
gen.
H.
Mit Verfügung vom 18. Juli 2022 trat das SEM auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers nicht ein, ordnete die Wegweisung nach Bulgarien an
und forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Be-
schwerdefrist zu verlassen. Zudem wurde der zuständige Kanton mit dem
Vollzug der Wegweisung beauftragt, die editionspflichtigen Akten gemäss
Aktenverzeichnis ausgehändigt und festgehalten, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
I.
Mit Eingabe vom 20. Juli 2022 (Poststempel) reichte der Beschwerdefüh-
rer beim Bundesverwaltungsgericht eine fremdsprachige Formularbe-
schwerde ein.
J.
Am 21. Juli 2022 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisori-
schen Vollzugsstopp an. Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsge-
richt die vorinstanzlichen Akten in elektronischer Form vor.
E-3150/2022
Seite 4
K.
Mit Eingabe vom 26. Juli 2022 beantragte der Beschwerdeführer durch
seine neu mandatierte Rechtsvertreterin die Aufhebung der angefochtenen
Verfügung und das Eintreten auf sein Asylgesuch, eventualiter die Rück-
weisung der Sache an die Vorinstanz zwecks Neubeurteilung. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um vollständige Edierung der vorinstanzlichen Akten und um Anset-
zung einer Nachfrist zur Ergänzung der Beschwerde ersucht.
L.
Mit Verfügung vom 28. Juli 2022 wurde dem Beschwerdeführer Gelegen-
heit gegeben, seine Beschwerde zu ergänzen. Zudem wurde festgestellt,
dass über die Gesuche der aufschiebenden Wirkung und der unentgeltli-
chen Prozessführung zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werde. Im
Weiteren wurden der Rechtsvertreterin Kopien der fremdsprachigen Ein-
gabe sowie angeblich nicht edierter Arztberichte zugestellt. Schliesslich
wurde festgestellt, dass davon ausgegangen werde, die in der fremdspra-
chigen Eingabe vom 20. Juli 2022 formulierten Anträge und Begründung
würden nicht über diejenigen in der Eingabe vom 26. Juli 2022 hinausge-
hen.
M.
Mit Eingabe vom 9. August 2022 reichte der Beschwerdeführer durch eine
neu substituierte Rechtsvertreterin eine Ergänzung seiner Beschwerde ein.
Gleichzeitig wurden zur Stützung seiner Vorbringen Fotos sowie eine Sub-
stitutionsvollmacht eingereicht.
N.
Mit Vernehmlassung vom 31. August 2022 hielt das Staatssekretariat an
seiner Verfügung vollumfänglich fest und beantragte die Abweisung der
Beschwerde. Zudem wies sie darauf hin, dass die Vollmacht der Rechts-
vertretung Ungereimtheiten aufweise.
O.
Mit Verfügung vom 6. September 2022 gab die Instruktionsrichterin dem
Beschwerdeführer Gelegenheit, eine Replik einzureichen. Gleichzeitig
wurde er aufgefordert, das Original der Vollmacht seiner Rechtsvertreterin
zu den Akten zu reichen.
E-3150/2022
Seite 5
P.
Mit Eingabe vom 20. September 2022 wurde eine Replik samt einem Be-
richt der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) vom 13. September 2022
eingereicht.
Q.
Mit einer weiteren Eingabe vom 20. September 2022 wurde nebst der be-
reits in Kopie vorliegenden Vollmacht vom 26. Juli 2022 eine Originalvoll-
macht vom 20. September 2022 eingereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
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Seite 6
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) – wie vor-
liegend – findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständig-
keitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2
und 8.2.1 m.w.H.)
3.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
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Seite 7
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
3.5 Vorliegend stimmten die bulgarischen Behörden dem Gesuch des SEM
um Übernahme des Beschwerdeführers am 14. März 2022 zu.
Die Zuständigkeit Bulgariens ist somit grundsätzlich gegeben und wird vom
Beschwerdeführer auch nicht bestritten.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer bringt gegen eine Überstellung nach Bulgarien
vor, die Aufnahmebedingungen in Bulgarien würden erhebliche Mängel
aufweisen. Die Lebensbedingungen der Asylsuchenden seien prekär. Spe-
ziell sei ihre medizinische Versorgung nicht gewährleistet. Zudem komme
es zu Polizeigewalt und illegalen Push-Backs. In unzähligen Berichten
seien Völkerrechtsverletzungen dokumentiert. Die Vorinstanz habe die
neuesten Entwicklungen in Bulgarien nicht berücksichtigt, wobei auf ver-
schiedene Berichte verwiesen wird. Der Beschwerdeführer sei Opfer von
Gewalt geworden und leide nun an psychischen Problemen. Eine Wegwei-
sung nach Bulgarien würde eine Verletzung von Art. 3 EMRK und Art. 3
FoK bedeuten.
4.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil F-7195/2018
vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asylsystem und
der Situation asylsuchender Personen in diesem Land auseinanderge-
setzt. Es hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die Auf-
nahmebedingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese aber
nicht systemischer Natur seien, weshalb von Überstellungen nach Bulga-
rien grundsätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien nicht
systembedingt unmöglich. Die tiefe Anerkennungsquote gegenüber
Staatsangehörigen gewisser Länder rechtfertige es nicht, keine Überstel-
lungen mehr vorzunehmen. Betroffene Personen könnten gegen einen ne-
gativen Asylentscheid ein wirksames Rechtsmittel einlegen. Zudem seien
die Bedingungen in den Aufnahme- und Haftzentren zwar prekär, könnten
jedoch nicht als unmenschlich oder entwürdigend qualifiziert werden (vgl.
Referenzurteil F-7195/2018 E. 6.6.1 und 6.6.7). Auch heute geht das Bun-
desverwaltungsgericht praxisgemäss nicht von systemischen Mängeln im
bulgarischen Asylverfahren aus (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-3163/2022
vom 4. August 2022 E. 6.3; D-3152/2022 vom 28. Juli 2022 E. 6.4; F-
2956/2022 vom 14. Juli 2022 E. 6.3; E-2756/2022 vom 29. Juni 2022 E. 5.5
je m.w.H).
E-3150/2022
Seite 8
4.3 Bulgarien kommt somit seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus
der EMRK, dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 gegen Folter
und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung
oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem Zusatz-
protokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) grundsätzlich nach.
Im Weiteren darf davon ausgegangen werden, Bulgarien anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
Prinzipiell ist davon auszugehen, dass der Zugang zu einer Asylunterkunft,
zu Nahrungsmitteln sowie medizinischer Grundversorgung und psycholo-
gischer Betreuung für Asylsuchende gewährleistet ist.
4.4 Systemische Mängel liegen in Bulgarien demnach nicht vor und eine
Übernahme der Zuständigkeit zur Behandlung des Asylgesuchs durch die
Schweiz in Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt nicht in Betracht.
4.5 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zustän-
digkeit Bulgariens das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster Satz
Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, hätte ausüben müs-
sen. Zwar kann die Vermutung, Bulgarien halte seine völkerrechtlichen
Verpflichtungen nicht ein, im Einzelfall widerlegt werden. Dafür bedarf es
aber konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffe-
nen glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.).
4.5.1 Der Beschwerdeführer vermag mit seinen Vorbringen auf Beschwer-
deebene und den von ihm zitierten Quellen sowie den eingereichten Be-
weismitteln (Fotos und Bericht der SFH vom 13. September 2022) nicht
darzutun, dass die ihn bei einer Rückführung nach Bulgarien zu erwarten-
den Bedingungen derart schlecht sind, dass sie zu einer Verletzung von
Art. 4 der EU-Grundrechtecharta beziehungsweise Art. 3 EMRK führen
könnten, auch wenn angesichts der anerkannterweise teils schwierigen
Bedingungen in Bulgarien nicht ausgeschlossen werden kann, dass er dort
bei seiner Ankunft auf schwierige Umstände traf.
4.5.2 Es besteht auch kein Grund zur Annahme, die bulgarischen Behör-
den würden dem Beschwerdeführer nach einer Überstellung den Zugang
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Seite 9
zum Asyl- respektive zu einem allfälligen Wiederaufnahmeverfahren unter
Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie verweigern. Allein aus der
auf Beschwerdeebene aufgeführten tiefen Gutheissungsquote für asylsu-
chende Personen aus Afghanistan lässt sich nicht ableiten, das dortige
Asylverfahren würde nicht korrekt durchgeführt werden, zumal sich aus
den vorliegenden Akten keine konkreten Hinweise hierfür ergeben. Der Be-
schwerdeführer hat sich gemäss Eurodac knapp sechs Wochen in Bulga-
rien aufgehalten, weshalb er auch nicht erwarten konnte, bereits einen
Asylentscheid zu erhalten. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass
seine Überstellung nach Bulgarien zu einer Kettenabschiebung in Verlet-
zung des Grundsatzes des Non-Refoulement führen würde.
4.5.3 Der Beschwerdeführer vermag mit dem Hinweis auf den Einsatz von
Gewalt durch die bulgarischen Behörden gegenüber Geflüchteten auch
nicht darzutun, er laufe ernsthafte Gefahr bei einer Rückkehr nach Bulga-
rien diesbezüglich unmenschlich im Sinne von Art. 3 EMRK behandelt zu
werden. Auch in diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die
bulgarischen Behörden gemäss ihrer Mitteilung an das SEM vom 15. Juli
2022 das Asylverfahren des Beschwerdeführers nach seiner Überstellung
wiederaufnehmen und fortsetzen werden und er sich damit in einer ande-
ren Situation als bei seiner ersten Einreise nach Bulgarien befinden wird.
Sodann hat die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zu Recht fest-
gestellt, dass Bulgarien als Rechtsstaat mit einem funktionierenden Jus-
tizsystem einzustufen ist. Folglich ist von der grundsätzlichen Schutzwillig-
keit und Schutzfähigkeit dieses Staates auszugehen. Dies gilt auch in Be-
zug auf die vom Beschwerdeführer vorgebrachten Bedrohungen seitens
Dritter (Schleuser). Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung
oder ungerechten Behandlung durch eine Behörde ist er im Übrigen gehal-
ten, sich nötigenfalls an die bulgarischen Behörden zu wenden und die ihm
zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufordern
(vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Es ist ihm zuzumuten, sich an das Justiz-
wesen Bulgariens, dortige Aufsichtsbehörden oder eine dorttätige NGO zu
wenden, wenn er rechtswidrig behandelt werden sollte. Schliesslich ist
festzuhalten, dass es sich bei den Befürchtungen des Beschwerdeführers,
wonach sich die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Kapazi-
tätsgrenzen der bulgarischen Behörden ausgewirkt hätten und es in der
Praxis schon Fälle gegeben habe, in welchen Asylsuchende mit rechtskräf-
tigem Nichteintretensentscheid nicht nach Bulgarien hätten überstellt wer-
den können, um nicht belegte und pauschale Mutmassungen handelt (vgl.
Urteile des BVGer D-3140/2022 vom 27. Juli 2022; E-2392/2022 vom
3. Juni 2022, u.a.).
E-3150/2022
Seite 10
4.5.4 Schliesslich sprechen auch keine medizinischen Gründe gegen eine
Überstellung nach Bulgarien. Die Annahme eines Verstosses gegen Art. 3
EMRK ist an hohe Voraussetzungen geknüpft; ein Verstoss kann vorliegen,
wenn eine schwer kranke Person durch die Abschiebung mit einem realen
Risiko konfrontiert würde, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen
Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die
zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwar-
tung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom
13. Dezember 2016, Grosse Kammer, 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
Wie weiter oben erwähnt worden ist (Sachverhalt Bst. E), wurden beim Be-
schwerdeführer eine Anpassungsstörung, Angst und depressive Reaktion
diagnostiziert, wobei aktuell kein Bedarf an psychiatrisch psychotherapeu-
tische Begleitung bestehe. Gemäss Aktennotiz vom 18. Juli 2022 waren
keine weiteren Arzttermine geplant. In der Replik wird zwar angeführt, der
Beschwerdeführer habe sich im Zentrum mehrmals nach der Möglichkeit
psychologischer und psychiatrischer Behandlung erkundigt, bisher jedoch
keinen Termin erhalten. Indessen geht aus der erwähnten Aktennotiz auch
hervor, dass der Beschwerdeführer seit dem 13. Mai 2022 keine Medika-
mente mehr bezogen habe. Es ergeben sich bei ihm insgesamt keine Hin-
weise auf eine schwerwiegende Erkrankung im oben erwähnten Sinn.
Im Übrigen verfügt Bulgarien über eine ausreichende medizinische Infra-
struktur. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellenden die er-
forderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie); Antragstellenden mit besonderen Bedürfnissen ist die
erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls
einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2
Aufnahmerichtlinie). Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Bulgarien ihm
eine allenfalls notwendige Behandlung verweigern würde.
4.6 Zusammenfassend ist kein Grund für eine zwingende Anwendung der
Ermessensklausel von Art. 17 Dublin-III-VO ersichtlich. Auch ist den Akten
nicht zu entnehmen, dass das SEM sein Ermessen bei der Prüfung von
allfälligen Überstellungshindernissen im Sinne von Art. Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 nicht korrekt ausgeübt hätte. Das Eventualbegehren auf Rückwei-
sung der Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz ist unter diesen Um-
ständen abzuweisen, zumal keine falsche Sachverhaltserhebung festzu-
stellen ist.
E-3150/2022
Seite 11
5.
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das SEM zutreffend gestützt auf
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers
nicht eingetreten ist. Da er nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Bulgarien in
Anwendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32
Bst. a AsylV 1).
6.
Unter diesen Umständen sind allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83
Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen, da das Fehlen von
solchen bereits Voraussetzung des Nichteintretensentscheids gemäss
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2 m.w.H.).
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und angemessen ist. Die
Beschwerde ist abzuweisen.
Das Beschwerdeverfahren ist mit vorliegendem Urteil abgeschlossen, wes-
halb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als ge-
genstandslos erweist. Der provisorische Vollzugsstopp vom 21. Juli 2022
fällt mit diesem Entscheid dahin.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Dieser beantragte indessen die
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Dieses Gesuch ist gutzu-
heissen, da die Begehren nicht von vornherein aussichtslos waren und auf-
grund der Aktenlage von seiner Mittellosigkeit auszugehen ist. Auf die Er-
hebung der Verfahrenskosten ist zu verzichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 12