Decision ID: fe8fe1c0-1ac8-4e18-9c04-ed1c0d9d85ec
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
R._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Paul Rechsteiner, Oberer Graben 44,
9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a R._, geboren 1971, erlitt am 22. Juli 2000 bei der Verhinderung eines Sturzes
vom Gerüst durch kräftiges Festhalten mit der rechten Hand eine Distorsion des
rechten Schultergelenkes (act. G 4.2). Am 1. Juni 2001 meldete er sich wegen
Schulterbeschwerden zum Bezug von IV-Leistungen an (act. G 4.1/3).
A.b Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) sprach dem Versicherten mit
Verfügung vom 5. Februar 2002 mit Wirkung ab 1. März 2002 eine Invalidenrente von
25% zu. Diese Rentenzusprache bestätigte sie mit Einspracheentscheid vom 4. März
2003 (act. G 4.2).
A.c Die IV-Stelle ordnete am 10. April 2003 eine interdisziplinäre Begutachtung des
Versicherten an (act. G 4.1/33). Er wurde am 16. Juni 2003 rheumatologisch von
Dr. med. A._, Facharzt FMH für Innere Medizin, speziell Rheumaerkankungen, und
psychiatrisch von Dr. med. B._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
untersucht. Die Gutachter diagnostizierten eine leichte Dysthymie (ICD-10: F34.1) bei
passiver Persönlichkeitsstruktur, persistierende Schulterschmerzen rechts nach
arthroskopischer Akromioplastik im Januar 2001, einen Status nach mehrfachen
Infiltrationen und intensiver Rehabilitation. Der Versicherte sei in seiner angestammten
beruflichen Tätigkeit als Gipser vollständig arbeitsunfähig. Eine intellektuell und
körperlich leichte Tätigkeit sei ihm im Umfang von 50% zumutbar (act. G 4.1/35.1 ff.).
A.d Mit Verfügung vom 29. Januar 2004 sprach die IV-Stelle dem Versicherten
basierend auf einem ermittelten Invaliditätsgrad von 57% mit Wirkung ab dem
1. Januar 2002 eine halbe Rente zu (act. G 4.1/47). Dagegen erhob der Versicherte am
26. Februar 2004 Einsprache und beantragte die Ausrichtung einer ganzen, eventualiter
einer Dreiviertelsrente. Zur Begründung machte er eine Verschlechterung seines
Gesundheitszustandes seit der Begutachtung durch Dr. B._ geltend. Selbst bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abstellen auf das Gutachten sei bei richtiger Berechnung des Einkommensvergleiches
ein Invaliditätsgrad von mindestens 60% ausgewiesen (act. G 4.1/54).
A.e Aufgrund der erhobenen Einsprache widerrief die IV-Stelle mit zwei
einsprachefähigen Verfügungen am 25. März 2004 die Verfügung vom 29. Januar 2004
und am 7. April 2004 die (ebenfalls) angefochtenen (Folge-)Verfügungen vom
26. Februar 2004. Sie stellte die Vornahme weiterer medizinischer Abklärungen sowie
eine neue Entscheidung in Aussicht (act. G 4.1/61 und 73). Diese
Widerrufsverfügungen erwuchsen in Rechtskraft.
A.f Vom 7. bis 9. November 2005 wurde der Versicherte durch die Gutachter der
MEDAS Ostschweiz interdisziplinär untersucht. Mit Einschränkung der zumutbaren
Arbeitsfähigkeit diagnostizierten diese im Gutachten vom 3. Januar 2006 ein diffuses
chronisches Schmerzsyndrom im Bereich der rechten Schulter- und Nackenregion
sowie lumbal und abdominal mit vegetativen Begleitbeschwerden, einen Status nach
arthroskopischer Acromioplastik und Bursektomie mit Diagnose einer SLAP-Läsion
vom Januar 2001 sowie eine psychogene Überlagerung der persistierenden
Schulterschmerzen. Für die bisherige Tätigkeit als Gipser bestehe eine volle
Arbeitsunfähigkeit. Für körperlich leichte bis mittelschwere adaptierte Tätigkeiten (keine
regelmässigen Arbeiten über Schulterhöhe mit dem rechten Arm) sei der Versicherte zu
80% arbeitsfähig (act. G 4.1/92.1 ff.).
A.g Der behandelnde Arzt des Versicherten, Dr. med. C._, Facharzt FMH für
Allgemeinmedizin, berichtete am 25. Januar 2006, dass die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
der MEDAS nicht realistisch und inzwischen eine Verschlechterung des
Gesundheitszustandes eingetreten sei (act. G 54.1/95.1). Der behandelnde Psychiater,
Dr. med. D._, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, gab im
Verlaufsbericht vom 28. März/24. April 2006 an, der Versicherte leide an einer
Depression und sein Gesundheitszustand habe sich verschlechtert. Es könnten ihm
selbst einfache Tätigkeiten nicht mehr zugemutet werden (act. G 4.1/101).
A.h Der Versicherte wurde am 4. und 6. Dezember 2006 erneut in der MEDAS
Ostschweiz untersucht. Im Verlaufsgutachten vom 31. Januar 2007 verneinten die
Gutachter, dass seit der letzten Begutachtung eine Verschlechterung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitszustandes eingetreten sei. Sie hielten an ihrer bisherigen
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung (80% in einer leidensadaptierten Tätigkeit) fest (act.
G 4.1/111.1 ff.).
A.i Mit Vorbescheid vom 28. März 2007 stellte die IV-Stelle dem Versicherten in
Aussicht, aufgrund des ermittelten Invaliditätsgrades von 32% einen Rentenanspruch
zu verneinen (act. G 4.1/121).
B.
B.a Gegen diesen Vorbescheid erhob der Versicherte mit Eingaben vom 1. April und
14. Mai 2007 Einwand. Er beantragte, es sei die halbe Rente zu belassen und die
Ausrichtung einer Dreiviertels- bis ganzen Rente zu prüfen (act. G 4.1/126). In formeller
Hinsicht machte er geltend, dass die Voraussetzungen für eine Revision oder
Wiedererwägung der ursprünglichen Rentenverfügung nicht erfüllt seien. Die
Rentenaufhebung sei daher schon aus formeller Sicht nicht zulässig. In materieller
Hinsicht rügte der Versicherte die von der IV-Stelle vorgenommene Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit sowie die Bestimmung des Invalideneinkommens (act. G 4.1/125).
B.b Am 18. Juni 2007 verfügte die IV-Stelle entsprechend dem Vorbescheid vom
28. März 2007 und stellte die Rentenzahlungen per sofort ein (act. G 4.1/130).
C.
C.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 20. Juli 2007.
Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten- und Entschädigungsfolgen, es sei
festzustellen, dass ihm weiterhin ein Anspruch auf eine halbe Rente zustehe.
Eventualiter sei ihm weiterhin eine halbe Rente zuzusprechen. Im Hauptstandpunkt
vertritt der Beschwerdeführer die Auffassung, dass die angefochtene Verfügung schon
aus formellen Gründen unzulässig sei, weil die Voraussetzungen für eine reformatio in
peius gegenüber der ursprünglichen Rentenverfügung vom 29. Januar 2004 nicht
gegeben bzw. nicht eingehalten worden seien. Die Beschwerdegegnerin habe dem
Beschwerdeführer nie die Gelegenheit eingeräumt, die Einsprache wegen drohender
reformatio in peius zurückzuziehen. Die Zusprache einer halben Rente sei überdies bei
korrekter Vornahme des Einkommensvergleiches materiell gerechtfertigt (act. G 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 6. September
2007 die Beschwerdeabweisung. Sie macht im Wesentlichen geltend, dass der
Widerruf der ursprünglichen vom Beschwerdeführer angefochtenen Rentenverfügung
in Rechtskraft erwachsen sei. Durch die Zurückversetzung des Einspracheverfahrens in
das ursprüngliche Verwaltungsverfahren zur ergänzenden Sachverhaltsfeststellung sei
das damalige Einspracheverfahren gegenstandslos geworden. Es liege keine
reformatio in peius vor, wenn – wie vorliegend – das Ergebnis des neuen Verfahrens
offen bleibe und sein Ausgang nicht mit Sicherheit die Rechtsstellung des
Beschwerdeführers verschlechtere. Gestützt auf die MEDAS-Gutachten sei die
Renteneinstellung zu Recht erfolgt. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers stelle
sich im vorliegenden Fall nicht die Frage des Erfüllens von Revisions- bzw.
Wiedererwägungsgründen (act. G 4).
C.c In der Replik vom 17. Oktober 2007 bringt der Beschwerdeführer erneut vor, die
Beschwerdegegnerin hätte ihm vor Erlass der angefochtenen Verfügung vom 18. Juni
2007 Gelegenheit zum Rückzug der Einsprache vom 26. Februar 2004 einräumen
müssen (act. G 6).
C.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer begründeten Duplik
verzichtet (act. G 8).

Erwägungen:
1.
In formeller Hinsicht ist zwischen den Parteien die Frage streitig, ob die
Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer vor Erlass der angefochtenen Verfügung
vom 18. Juni 2007 Gelegenheit zum Rückzug der am 26. Februar 2004 und am 29.
März 2004 erhobenen Einsprachen hätte einräumen müssen.
1.1 Gemäss Art. 12 Abs. 1 der Verordnung über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSV; SR 830.11) ist der Versicherer zwar an das Begehren
der Einsprache führenden Person nicht gebunden. Er kann die Verfügung zu Gunsten
oder zu Ungunsten der Einsprache führenden Partei abändern. Beabsichtigt er, die
Verfügung zu Ungunsten der Einsprache führenden Person abzuändern, hat er ihr aber
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gelegenheit zum Rückzug der Einsprache zu geben (Art. 12 Abs. 2 ATSV). Den
Versicherer trifft somit eine doppelte Aufklärungspflicht: Er hat die Einsprache führende
Person einerseits auf die drohende Schlechterstellung (reformatio in peius) und
anderseits auf die Möglichkeit eines Einspracherückzuges aufmerksam zu machen
(vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 16. Juni 2008 i.S. K., C-2940/2006,
E. 3).
1.2 Wie die Beschwerdegegnerin zutreffend ausführt, wurden die ursprüngliche
Rentenverfügung sowie die Folgeverfügungen mit Verfügungen vom 25. März und
7. April 2004 widerrufen und die Durchführung weiterer Abklärungen sowie die
Neuverfügung in Aussicht gestellt (act. G 4.1/61 und 73). Die Widerrufsverfügungen
blieben unangefochten und erwuchsen in Rechtskraft. Sofern der – rechtskundig
vertretene – Beschwerdeführer gegen dieses Vorgehen in formeller Hinsicht etwas
einzuwenden gehabt hätte, wäre es ihm offen gestanden, gegen die
Widerrufsverfügungen ein Rechtsmittel zu ergreifen. Dies hat er aber unterlassen,
weshalb er sich die in Rechtskraft erwachsenen Widerrufsverfügungen
entgegenzuhalten hat. Er hatte auch keine Einwände gegen weitere medizinische
Abklärungen erhoben. Angesichts der unterlassenen Anfechtung der
Widerrufsverfügungen sowie der unbeanstandet gebliebenen weiteren medizinischen
Abklärungen erscheint es widersprüchlich, wenn dieses Vorgehen erst im nachhinein –
nachdem die weiteren medizinischen Abklärungen für ihn negativ ausgefallen sind – als
Verletzung von Art. 12 Abs. 2 ATSV gerügt wird.
1.3 Im Vorgehen der Beschwerdegegnerin kann nach dem Gesagten keine Verletzung
von Art. 12 Abs. 2 ATSV erblickt werden. Die vom Beschwerdeführer ins Feld geführte
Rechtsprechung (BGE 131 V 411) vermag daran nichts zu ändern. Denn dieser lag ein
unterschiedlicher Sachverhalt zugrunde; namentlich war dort der sich auf Art. 12 Abs. 2
ATSV berufenden Person keine in Rechtskraft erwachsene Widerrufsverfügung
entgegenzuhalten. Nach dem Gesagten stand der erneuten umfassenden
Leistungsprüfung keine rechtskräftige Verfügung entgegen. Im Übrigen wären - wie im
folgenden zu zeigen ist - die Wiedererwägungsvoraussetzungen ohnehin erfüllt
gewesen.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Zu prüfen bleibt die Frage, ob die angefochtene Ablehnung eines
Rentenanspruchs in materieller Hinsicht zu Recht erfolgte.
2.2 Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V
467 E. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der streitigen Verfügung eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist (BGE 121 V 366
E. 1b), sind vorliegend die bis zum 31. Dezember 2007 geltenden materiellen
Bestimmungen anzuwenden.
2.3 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Erwerbsunfähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder
geistigen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.4 Die Rentenabstufungen des Art. 28 Abs. 1 aIVG geben bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 40% Anspruch auf eine Viertelsrente, bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 50% Anspruch auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 60% Anspruch auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 70% Anspruch auf eine ganze Rente.
2.5 Für die Bemessung der Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit
bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in
Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht
invalid geworden wäre (Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der Regel
in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegenübergestellt werden,
worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditätsgrad bestimmen lässt.
2.6 Zu den geistigen Gesundheitsschäden, die in gleicher Weise wie die körperlichen
eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG zu bewirken vermögen, gehören neben
den eigentlichen Geisteskrankheiten auch seelische Abwegigkeiten mit Krankheitswert.
Nicht als Auswirkungen einer krankhaften seelischen Verfassung und damit
invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Beeinträchtigungen der
Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung allen guten Willens,
Arbeit in ausreichendem Masse zu verrichten, zu vermeiden vermag. Das Mass des
Forderbaren muss dabei weitgehend objektiv bestimmt werden. Es ist somit
festzustellen, ob und in welchem Masse eine versicherte Person infolge ihres geistigen
Gesundheitsschadens auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offen stehenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt erwerbstätig sein kann. Dabei kommt es darauf an,
welche Tätigkeit ihr zugemutet werden darf. Zur Annahme einer durch einen geistigen
Gesundheitsschaden verursachten Erwerbsunfähigkeit genügt es also nicht, dass die
versicherte Person nicht hinreichend erwerbstätig ist; entscheidend ist vielmehr, ob
anzunehmen ist, die Verwertung der Arbeitsfähigkeit sei ihr sozialpraktisch nicht mehr
zumutbar (BGE 127 V 298 E. 4c in fine mit Hinweisen).
2.7 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und
demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung
des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Die Rechtsprechung hat es mit dem
Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte
Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung
aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.8 Das im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen
Spezialärzten, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen
sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde
zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, besitzt bei der Beweiswürdigung volle
Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
2.9 Was Berichte von Hausärzten angeht, darf und soll die Erfahrungstatsache
mitberücksichtigt werden, dass Hausärzte mitunter aufgrund ihrer auftragsrechtlichen
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher dazu neigen, zu Gunsten ihrer Patienten
auszusagen (BGE 125 V 351 E. 3b/cc). Bei der Abschätzung des Beweiswerts im
Rahmen einer freien und umfassenden Beweiswürdigung dürfen allerdings auch die
potentiellen Stärken der Berichte behandelnder Ärzte nicht vergessen werden. Der
Umstand allein, dass eine Einschätzung vom behandelnden Mediziner stammt, darf
nicht dazu führen, sie als von vornherein unbeachtlich einzustufen; die einen längeren
Zeitraum abdeckende und umfassende Betreuung durch behandelnde Ärzte bringt oft
wertvolle Erkenntnisse hervor. Auf der anderen Seite lässt es die unterschiedliche Natur
von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und
Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits
(BGE 124 I 175 E. 4) nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage
zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden
Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in
denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte
wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende – Aspekte
benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben
sind (Urteil des Bundesgerichts vom 25. Mai 2007 i.S. M., I 514/06, E. 2.2.1 mit
Hinweisen).
3.
3.1 Die Beschwerdegegnerin stützte sich bei der Verneinung einer
rentenbegründenden Arbeitsunfähigkeit auf das Gutachten der MEDAS Ostschweiz
vom 3. Januar 2006 (act. G 4.1/92 ff.) und das Verlaufsgutachten vom 31. Januar 2007
(act. G 4.1/111.1 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Die Experten diagnostizierten mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit im Gutachten
vom 3. Januar 2006 ein diffuses chronisches Schmerzsyndrom im Bereich der rechten
Schulter- und Nackenregion sowie lumbal und abdominal mit vegetativen
Begleitbeschwerden, einen Status nach arthroskopischer Acromioplastik und
Bursektomie mit Diagnose einer SLAP-Läsion vom Januar 2001 sowie eine
psychogene Überlagerung. Sie kamen zum Schluss, dass beim Beschwerdeführer
aufgrund der psychogenen Überlagerung mit Ausweitungstendenz bei einer
zugrundeliegenden Persönlichkeitsstruktur mit passiv-abhängigen und schizoiden
Zügen aus psychiatrischer Sicht seit September 2000 eine 20%ige Arbeitsunfähigkeit
bestehe. Den Leiden körperlich angepasste Tätigkeiten seien ihm im Umfang von 80%
zumutbar. Es lässt sich dem Gutachten entnehmen, dass dem Beschwerdeführer die
Willensanstrengung zur Überwindung seiner Schmerzen und zur Verwertung der
verbliebenen Arbeitsfähigkeit zugemutet werden kann, da nach Auffassung der
Gutachter keine schweren psychischen Störungen vorliegen (act. G 4.1/92.8). Im
Gutachten vom 31. Januar 2007 hielten die Experten an der bisherigen Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit fest und verneinten eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes
(act. G 4.1/111.8 f.).
3.3 Im Hinblick auf die Würdigung der medizinischen Situation fällt ins Gewicht, dass
die MEDAS-Gutachten auf eigenständigen interdisziplinären Abklärungen, mithin auf
allseitigen Untersuchungen beruhen und damit für die streitigen Belange umfassend
sind. Es wurden die Vorakten verwertet und die vom Beschwerdeführer geklagten
Beschwerden berücksichtigt. Das MEDAS-Gutachten leuchtet in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge – insbesondere dem Zusammenspiel der psychischen
und der somatischen Elemente – und in der Beurteilung der medizinischen Situation
ein, dies insbesondere auch durch die Auseinandersetzung mit den früheren, teilweise
divergierenden ärztlichen Beurteilungen. Vor diesem Hintergrund vermögen auch die
darin enthaltenen Schlussfolgerungen, namentlich die Umschreibung der
leidensadaptierten Tätigkeiten und deren Umfang, - entgegen der Auffassung des
Beschwerdeführers - zu überzeugen. Die MEDAS-Gutachten erfüllen mithin alle
praxisgemässen Kriterien für beweiskräftige Gutachten (vgl. BGE 125 V 352 E. 3a), so
dass grundsätzlich darauf abzustellen ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.4 Auch der Beschwerdeführer vermag keine konkreten Mängel an den Gutachten
oder der Gutachtenserstellung zu benennen. Ebenso ist die fachärztliche Qualifikation
der Gutachter unbestritten geblieben. Seine Kritik an der gutachterlichen
Arbeitsfähigkeitseinschätzung stützt der Beschwerdeführer vielmehr auf die Berichte
der behandelnden Ärzte und das psychiatrische Gutachten von Dr. B._. Es ist daher
nachfolgend zu prüfen, ob diese medizinischen Berichte geeignet sind, erhebliche
Zweifel an der Zuverlässigkeit der MEDAS-Gutachten entstehen zu lassen.
3.4.1 Der Beschwerdeführer bringt gegen die Einschätzung der MEDAS-Gutachter vor,
dass anlässlich der ersten Begutachtung noch von einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit in
einer leidensadaptierten Tätigkeit ausgegangen worden sei. Der psychiatrische
MEDAS-Gutachter begründete seine abweichende Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
damit, dass damals auch invaliditätsfremde Faktoren berücksichtigt worden seien (act.
G 4.1/92/17). Zu Recht wies er in diesem Zusammenhang auf die folgende Feststellung
von Dr. B._ (act. G 4.1/35.6) hin: "Aufgrund der intakten kognitiven und affektiven
Ressourcen des Versicherten ist er aus psychiatrischer Sicht prinzipiell voll
arbeitsfähig, allerdings erscheint die Vermittelbarkeit aufgrund der fehlenden
Motivation, der nicht vorhandenen Deutschkenntnisse sowie der fehlenden
Berufsausbildung eher gering zu sein." Da die Einschätzung der erstmaligen
Begutachtung im Wesentlichen auf psychosoziale Faktoren, mithin auf
invaliditätsfremde Gesichtspunkte, gründete, ist sie nicht geeignet an der durch die
MEDAS-Gutachter ermittelten höheren Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erhebliche
Zweifel entstehen zu lassen. Vielmehr wird die Einschätzung der MEDAS-Gutachten
durch die von Dr. B._ prinzipiell anerkannte volle Arbeitsfähigkeit geradezu bestärkt.
3.4.2 Dr. C._ vermag in seinen Berichten vom 24. Februar 2004 (act. G 4.1/95.2 f.)
und vom 25. Januar 2006 (act. G 4.1/95.1) sowie in dem von ihm mit dem
Beschwerdeführer verfassten Einwand vom 1. April 2007 (act. G 4.1/126) keine
konkreten Mängel an den MEDAS-Gutachten zu benennen. Seine abweichende
Beurteilung stützt er auf eine unterschiedliche Einschätzung der Leistungsfähigkeit. Er
unterlegt seiner Beurteilung auch keine konkreten Funktionseinschränkungen. Zu
berücksichtigen ist auch der Umstand, dass ihm als Allgemeinmediziner für die im
Vordergrund stehenden psychischen Beschwerden die fachärztliche Qualifikation fehlt,
insbesondere auch hinsichtlich der von ihm gestellten Diagnose eines Paniksyndroms.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens setzt vielmehr eine fachärztlich
(psychiatrisch) gestellte Diagnose voraus (BGE 130 V 398 ff. E. 5.3 und 6). Dabei ist
darauf hinzuweisen, dass Dr. D._ in den Berichten vom 24. April 2006 und vom
8. Mai 2007 – wie die MEDAS-Gutachter – kein Paniksyndrom diagnostizierte (act.
G 4.1/101 und 127). Ins Gewicht fällt aber vor allem, dass sich Dr. C._ inhaltlich nicht
näher mit den MEDAS-Gutachten auseinandersetzt und seine Ausführungen somit
nicht geeignet sind, die Gutachten ernsthaft in Frage zu Stellen.
3.5 Im Verlaufsbericht vom 24. April 2006 kritisiert Dr. D._, dass die somatischen
Feststellungen des MEDAS-Gutachtens vom 3. Januar 2006 verwirrend seien. Dies vor
allem deshalb, da im Bericht der Reha-Klinik Bellikon eine Arbeitsunfähigkeit von 100%
festgestellt worden sei und Dr. A._ eine Lastengrenze für den rechten Arm von
maximal 3 Kilo definiert habe (act. G 4.1/101). Vorab ist darauf hinzuweisen, dass sich
die von den behandelnden Ärzten der Rehaklinik Bellikon im Bericht vom 4. Juli 2000
attestierte 100%ige Arbeitsunfähigkeit ausschliesslich auf die bisherige Tätigkeit als
Gipser bezog. Was die durch Dr. A._ vorgenommene Umschreibung der Hebelimite
(vgl. act. G 4.1/35.11) anbelangt, so ist festzustellen, dass diese den Gutachtern
bekannt war (vgl. act. G 4.1/92.5) und bei der Umschreibung einer adaptierten Tätigkeit
berücksichtigt wurde (act. G 4.1/92.9 f. und 111.9). Inwiefern der von Dr. D._
angegebene "fixiert krumme Finger" den Beschwerdeführer in einer leidensadaptierten
Tätigkeiten behindert, ist nicht nachvollziehbar. Als behandelnder Psychiater und
Psychotherapeut steht Dr. D._ überdies in einem besonderen Vertrauensverhältnis
zum Beschwerdeführer. Im Übrigen ist die Verneinung jeglicher Arbeitsfähigkeit selbst
für einfache Tätigkeiten (act. G 4.1/101.3) nicht nachvollziehbar. In seinen Berichten
vom 24. April 2006 und 8. Mai 2007 brachte er jedenfalls keine erheblichen Mängel an
den psychiatrischen Teilgutachten vor, die Zweifel an den eingehenden, schlüssigen
Beurteilungen des psychiatrischen MEDAS-Gutachters auslösen könnten. Er schätzte
vielmehr denselben (psychiatrischen) Sachverhalt lediglich anders ein (vgl.
insbesondere act. G 4.1/127.7 f.). Seine divergierende Einschätzung gibt keine
Veranlassung, an der Zuverlässigkeit der MEDAS-Gutachten zu zweifeln. Dies gilt umso
mehr, als der psychiatrische MEDAS-Gutachter sich mit den von Dr. D._ im Bericht
vom 24. April 2006 erhobenen Rügen und seiner anderslautenden Einschätzung
begründet auseinandersetzte (act. G 4.1/111.16; vgl. insbesondere hinsichtlich des
Ausschlusses einer Depression act. G 4.1/111.15).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.6 Im Lichte dieser Verhältnisse durfte die Beschwerdegegnerin zu Recht von
weiteren Abklärungsmassnahmen absehen und den Einkommensvergleich gestützt auf
die in den MEDAS-Gutachten enthaltene Arbeitsfähigkeitsbeurteilung vornehmen. Es
ist demnach davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer in einer
leidensadaptierten Tätigkeit zu 80% arbeitsfähig ist. Gestützt auf diese
Arbeitsfähigkeitseinschätzung und unter Berücksichtigung eines zusätzlichen Abzuges
vom Invalideneinkommen im Umfang von 10% hat die Beschwerdegegnerin einen
Invaliditätsgrad von 32% ermittelt (act. G 4.1/130). Entgegen ihrer bisherigen
Auffassung, geht die Beschwerdegegnerin im Beschwerdeverfahren von einem tieferen
Valideneinkommen im Umfang von Fr. 51'725.15 aus (Jahreslohn 2000; act. G 4.1/8.2).
Dabei übersieht sie, dass der Beschwerdeführer gemäss Angaben im
Arbeitgeberbericht als gesunde Person ab April 2000 einen Monatslohn von Fr. 4'200.--
(x 13) erzielen hätte können.(act. G 4.1/8.2). Unter Berücksichtigung der
Nominallohnentwicklung entspricht dies einem Jahreslohn von Fr. 59'251.-- im Jahr
2006 (vgl. Einkommensvergleich in act. G 4.1/118). Das von der Beschwerdegegnerin
der angefochtenen Verfügung zugrunde gelegte Valideneinkommen ist somit zu
bestätigen. Bezüglich der Bestimmung des Invalideneinkommens liegt lediglich die
Frage des sogenannten Leidensabzuges im Streit. Der Beschwerdeführer macht
geltend, es sei nicht nachvollziehbar, weshalb der bei der ursprünglichen
Rentenverfügung angewandte Leidensabzug von 15% (vgl. act. G 4.1/40) auf 10%
reduziert worden sei (act. G 1, S. 6 f). In der Tat hält ein Leidensabzug von 10% einer
Ermessensprüfung nicht stand. Vielmehr ist entsprechend der ursprünglichen
Rentenverfügung vom 29. Januar 2004 (act. G 4.1/47; vgl. act. G 4.1/40.1) angesichts
des Wechsels von einer schweren in eine leichte Tätigkeit, der entsprechenden
Umstellungsschwierigkeiten, der körperlichen und psychischen Beschwerden sowie
unter Berücksichtigung eines Teilzeitabzuges ein Abzug von insgesamt 15%
gerechtfertigt. Indes ändert sich auch bei der Berücksichtigung eines 15%igen
Leidensabzuges nichts an der Rentenablehnung. Denn selbst bei der Berücksichtigung
eines 15%igen Leidensabzuges entspricht das Invalideneinkommen Fr. 38'034.-- (0.8 x
Fr. 55'932.-- x 0.85) und die Erwerbseinbusse Fr. 21'217.--. Daraus resultiert ein
Invaliditätsgrad von 36%.
3.7 Die Ablehnung eines Rentenanspruchs durch die Beschwerdegegnerin ist nach
dem Gesagten zu Recht erfolgt. Die Beschwerde ist daher abzuweisen. Das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend sind sie vollumfänglich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.
Der von ihm geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird ihm daran angerechnet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG