Decision ID: bdc741e0-5281-5ff0-bb9b-3d8d884b2bf4
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am (Datum) richtete die ungarische Steuerbehörde, die National Tax and
Customs Administration, Central Liaison Office (nachfolgend CLO oder er-
suchende Behörde), gestützt auf Artikel 26 des Abkommens vom 12. Sep-
tember 2013 zwischen der Schweiz und Ungarn zur Vermeidung der Dop-
pelbesteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom Einkommen und vom
Vermögen (SR 0.672.941.81, DBA CH-HU), ein Amtshilfegesuch an die
Eidgenössische Steuerverwaltung.
Die CLO ersuchte um Übermittlung folgender Informationen:
“Our auditors would like to know, from where and what amounts arrived to our taxpayer's
bank account and for what purpose our taxpayer used these amounts. In order to reveal the
undeclared income and assess the tax liability of A._ correctly we would like to ask
you to send us the bank account statements concerning the bank account no. IBAN: (...)
with regard to the period 2015-2016”
B.
Am (Datum) gelangte die ESTV mit einer Rückfrage an die CLO, indem sie
dieser mitteilte, die im Ersuchen vom (Datum) genannte IBAN-Nummer
habe keinen Aufschluss über die Informationsinhaberin (Bank) gegeben.
Die ESTV bat deshalb die CLO, die IBAN-Nummer zu überprüfen und wei-
tere Angaben zur Informationsinhaberin zu machen. Die CLO antwortete
am (Datum), indem sie den Namen der Informationsinhaberin und die be-
richtigte IBAN-Nummer mitteilte.
C.
Am 31. Mai 2019 erliess die ESTV gegenüber der B._ SA (nachfol-
gend B._ SA) eine Editionsverfügung betreffend die IBAN-Nummer
(...) mit der Aufforderung, die folgenden Informationen zu liefern: «Bank
account statements concerning the time period from 1 January 2015 to
31 December 2016». Die B._ SA kam der Aufforderung der ESTV
fristgerecht nach.
D.
Am 28. Juni 2019 gewährte die ESTV A._ Akteneinsicht und infor-
mierte diese über die beabsichtigte Übermittlung der Informationen. Mit
Eingabe vom 29. Juli 2019 nahm A._ dazu Stellung.
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Seite 3
E.
Am 19. August 2019 erliess die ESTV eine Schlussverfügung gegenüber
A._. Die ESTV kam darin zum Schluss, der CLO sei Amtshilfe zu
leisten. Die Informationen, die sie übermitteln will, sind die Folgenden:
Bank account statements regarding the bank account number (...) (recte: [...]) (IBAN) for
the time period from 1 January 2015 to 31 December 2016.
The IBAN number (...) is connected to the account number (...).
Please find encIosed the requested copies of the account statements regarding the account
number (...).
Die ESTV begründete ihren Entscheid, Amtshilfe zu leisten, damit, dass die
formellen und materiellen Voraussetzungen hierzu erfüllt seien. Sie legte
insbesondere dar, es bestehe kein Anlass, von einer Verletzung des Sub-
sidiaritätsprinzips durch die ersuchende Behörde auszugehen. Im Weite-
ren entspreche es ihrer gängigen Praxis, bei Lücken und Unklarheiten mit
einer Rückfrage an den ersuchenden Staat zu gelangen. Die ursprünglich
fehlerhafte Angabe der IBAN-Nummer könne die Amtshilfe nicht hindern.
F.
Gegen diese Schlussverfügung erhebt A._ (nachfolgend Be-
schwerdeführerin) am 19. September 2019 Beschwerde an das Bundes-
verwaltungsgericht. Sie beantragt im Wesentlichen die Aufhebung der
Schlussverfügung. Eventualiter sei die Amtshilfe einzuschränken auf die im
Amtshilfeersuchen ersuchten Informationen. Namentlich seien in den zur
Auslieferung bestimmten Dokumenten all diejenigen Passagen zu schwär-
zen, welche nicht steuerbare Eingänge (Gutschriften) auf dem betreffen-
den Bankkonto darstellen (keine Angabe zu «Balances» und keine Über-
mittlung der Portfolio Statements 2015/2016).
In prozessualer Hinsicht beantragt die Beschwerdeführerin, die ESTV sei
anzuweisen, im Sinn von Art. 6 Abs. 3 des Bundesgesetzes vom 28. Sep-
tember 2012 über die internationale Amtshilfe in Steuersachen [Steuer-
amtshilfegesetz, StAhiG, SR 651.1]) von den ungarischen Behörden er-
gänzende Informationen bezüglich der Erklärung gemäss Art. 6 Abs. 2
Bst. g StAhiG zu verlangen, was die Ausschöpfung der internen Wege
(«Subsidiaritätsprinzip») anbelange. Alles unter Kosten- und Entschädi-
gungsfolge.
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Seite 4
Zur Begründung legt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen dar, die un-
garischen Steuerbehörden hätten die innerstaatlich vorgesehenen Mittel
nicht ausgeschöpft und damit das Subsidiaritätsprinzip verletzt. Im Weite-
ren beziehe sich das Amtshilfeersuchen auf ein anderes Konto (mit einer
anderen IBAN-Nummer), als dasjenige, dessen Angaben die ESTV nun an
Ungarn zu übermitteln beabsichtige. Im Übrigen würde Ungarn rechtsstaat-
liche Prinzipien in diversen Belangen nicht respektieren. Unter anderem
sei die Unabhängigkeit der Justiz nicht gegeben. Unter diesen Vorausset-
zungen könnten die schweizerischen Behörden nicht in gleichem Masse
auf das völkerrechtliche Vertrauensprinzip abstellen wie gegenüber ande-
ren Ländern.
G.
In ihrer Vernehmlassung vom 18. November 2019 schliesst die Vorinstanz
auf Abweisung der Beschwerde.
H.
Mit Stellungnahme vom 3. Januar 2020 hält die Beschwerdeführerin an ih-
ren Standpunkten fest. Mit Bezug auf den Eventualantrag macht die Be-
schwerdeführerin geltend, die ungarische Steuerbehörde habe explizit
nach Zahlungseingängen gefragt, daher seien weder Portfolio Statements
noch Kontosaldi zu übermitteln. Dies komme einem spontanen Informati-
onsaustausch gleich.
I.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien wird – sofern sie entscheidwe-
sentlich sind – im Rahmen der folgenden Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Dem vorliegenden Verfahren liegt ein Amtshilfeersuchen der CLO ge-
stützt auf Art. 26 DBA CH-HU zugrunde. Der Vollzug der Amtshilfe wird
durch das StAhiG geregelt (Art. 1 Abs. 1 Bst. a StAhiG). Demnach gelten
im Beschwerdeverfahren die Bestimmungen über die Bundesrechtspflege,
soweit das StAhiG nichts anderes bestimmt (Art. 19 Abs. 5 StAhiG). Ge-
mäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Zu den beim Bundesverwaltungs-
gericht anfechtbaren Verfügungen gehört damit auch die Schlussverfügung
der ESTV im Bereich der internationalen Amtshilfe in Steuersachen (Art. 32
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Seite 5
VGG e contrario und Art. 19 Abs. 1 und 5 StAhiG). Die Zuständigkeit des
Bundesverwaltungsgerichts zur Behandlung der vorliegenden Beschwerde
ist somit gegeben.
1.2 Die Beschwerdeführerin hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom-
men und ist mit Blick auf die sie betreffenden, nach der angefochtenen
Schlussverfügung an die CLO zu übermittelnden Informationen materiell
beschwert. Sie ist damit und als Adressatin der angefochtenen Verfügung
zur Beschwerdeführung berechtigt (vgl. Art. 19 Abs. 2 StAhiG i.V.m. Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die form- und fristgerecht (vgl. Art. 50 Abs. 1 und Art. 52
Abs. 1 VwVG, je in Verbindung mit Art. 19 Abs. 5 StAhiG) eingereichte Be-
schwerde ist somit einzutreten.
1.3 Das Bundesverwaltungsgericht kann den angefochtenen Entscheid in
vollem Umfang überprüfen. Die Beschwerdeführerin kann neben der Ver-
letzung von Bundesrecht (Art. 49 Bst. a VwVG) und der unrichtigen oder
unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts (Art. 49
Bst. b VwVG) auch die Unangemessenheit rügen (Art. 49 Bst. c VwVG;
ANDRÉ MOSER et al., Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht,
2. Aufl. 2013, Rz. 2.149 ff.; ULRICH HÄFELIN et al., Allgemeines Verwal-
tungsrecht, 7. Aufl. 2016, Rz. 1146 ff.).
2.
Gemäss Art. 26 DBA CH-HU tauschen die zuständigen Behörden der bei-
den Vertragsstaaten unter sich diejenigen Informationen aus, «die zur
Durchführung dieses Abkommens oder zur Anwendung oder Durchset-
zung des innerstaatlichen Rechts betreffend Steuern jeder Art und Be-
zeichnung, die für Rechnung der Vertragsstaaten oder ihrer politischen Un-
terabteilungen oder lokalen Körperschaften erhoben werden, voraussicht-
lich erheblich sind, soweit die diesem Recht entsprechende Besteuerung
nicht dem Abkommen widerspricht» (Art. 26 Abs. 1 Satz 1 DBA CH-HU).
2.1 Im Weiteren ist Ziff. 6 des Protokolls, welches integrierender Bestand-
teil des DBA CH-HU ist, relevant.
2.1.1 Gemäss Ziff. 6 Bst. a des Protokolls stellt der ersuchende Vertrags-
staat ein Begehren um Austausch von Informationen erst dann, «wenn er
alle in seinem innerstaatlichen Steuerverfahren vorgesehenen üblichen
Mittel zur Beschaffung der Informationen ausgeschöpft hat» (sog. Subsidi-
aritätsprinzip; vgl. Art. 6 Abs. 2 Bst. g StAhiG). Gemäss der Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts ist dann, wenn die Frist zur Abgabe
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Seite 6
der Steuererklärung im ersuchenden Staat abgelaufen ist und Zweifel an
der Selbstdeklaration bestehen, das Subsidiaritätsprinzip nicht verletzt (so-
fern sich die Informationen im ersuchten und nicht im ersuchenden Staat
befinden). Auch steht der Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips nicht ent-
gegen, dass ein ersuchender Staat in der Phase der Überprüfung der
Selbstdeklaration des Steuerpflichtigen – selbst wenn bereits ein Amtshil-
feersuchen gestellt worden ist – mit diesem in Kontakt bleibt bzw. diesen
befragt (Urteile des BVGer A-4144/2018 vom 28. Mai 2019 E. 2.1.1,
A-6394/2016 vom 16. Februar 2017 E. 2.2.1 und A-4232/2013 vom 17. De-
zember 2013 E. 6.3.2.2).
Aufgrund des völkerrechtlichen Vertrauensprinzips (nachfolgend: E. 2.4)
besteht kein Anlass, an einer von der ersuchenden Behörde abgegebenen
Erklärung der Ausschöpfung aller üblichen, nicht mit unverhältnismässigen
Schwierigkeiten verbundenen innerstaatlichen Mittel zu zweifeln, es sei
denn, es liege ein gegen die Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips spre-
chendes, ernsthafte Zweifel an der Richtigkeit der Erklärung begründendes
konkretes Element vor (vgl. Urteil des BGer 2C_904/2015 vom 8. Dezem-
ber 2016 E. 7.2; Urteil des BVGer A-3791/2017 vom 5. Januar 2018 E. 6.2,
mit weiteren Hinweisen).
2.1.2 In Ziff. 6 Bst. b des Protokolls zum DBA CH-HU werden die formellen
Anforderungen an ein Amtshilfeersuchen festgehalten. Danach hat der er-
suchende Staat folgende Angaben zu liefern: (i) die Identität der in eine
Überprüfung oder Untersuchung einbezogenen Person, (ii) die Zeitperiode,
(iii) eine Beschreibung der verlangten Informationen, (iv) den Steuerzweck
und (v) soweit bekannt, den Namen und die Adresse des mutmasslichen
Informationsinhabers.
Gemäss Art. 6 Abs. 1 StAhiG muss ein Amtshilfeersuchen die im anwend-
baren Abkommen vorgesehenen Angaben enthalten. Reicht die ersu-
chende ausländische Behörde ein Amtshilfeersuchen ein, welches den for-
mellen und inhaltlichen Anforderungen nach Art. 6 Abs. 1 StAhiG nicht ge-
nügt, so teilt die ESTV dies gemäss Art. 6 Abs. 3 StAhiG der ersuchenden
Behörde schriftlich mit und gibt ihr Gelegenheit, ihr Ersuchen schriftlich zu
ergänzen.
2.1.3 Laut Ziff. 6 Bst. d des Protokolls zum DBA CH-HU besteht unter den
Vertragsparteien des Abkommens Einvernehmen darüber, dass Art. 26
DBA CH-HU die Vertragsstaaten nicht dazu verpflichtet, Informationen auf
automatischer oder spontaner Basis auszutauschen (siehe zum Begriff der
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spontanen Amtshilfe BVGE 2010/26 E. 5.6 mit Hinweisen; Urteil des BVGer
A-4228/2018 vom 26. August 2019 E. 2.7).
2.2
2.2.1 Die «voraussichtliche Erheblichkeit» von geforderten Informationen
gemäss Art. 26 DBA CH-HU muss sich bereits aus dem Amtshilfeersuchen
ergeben. Würde dies nicht verlangt, könnten Ersuchen aufs Geratewohl
gestellt werden und die ersuchte Behörde müsste die Unterlagen auch
dann zur Verfügung stellen, wenn sie erst nach deren Erhebung deren
voraussichtliche Erheblichkeit feststellen würde. Auch nach der Edition der
verlangten Unterlagen hat die Steuerverwaltung des ersuchten Staates zu
prüfen, ob die betreffenden Informationen für die Erhebung der Steuer
voraussichtlich erheblich sind (vgl. zum Ganzen: BGE 143 II 185 E. 3.3.2).
Dem «voraussichtlich» kommt somit eine doppelte Bedeutung zu: Zum
einen bezieht es sich darauf, dass der ersuchende Staat die Erheblichkeit
voraussehen und diese dem Amtshilfeersuchen zu entnehmen sein muss
(wobei im Einklang mit dem völkerrechtlichen Vertrauensprinzip vermutet
wird, dass der ersuchende Staat nach Treu und Glauben handelt). Zum
anderen sind nur solche Informationen zu übermitteln, die tatsächlich
voraussichtlich erheblich sind (vgl. BGE 143 II 185 E. 3.3.2; Urteile des
BVGer A-2830/2018 vom 17. September 2018 E. 2.1.2 und A-4331/2017
vom 16. November 2017 E. 4.1, mit weiteren Hinweisen).
2.2.2 Die Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit ist erfüllt,
wenn im Zeitpunkt der Einreichung des Amtshilfeersuchens eine vernünf-
tige Möglichkeit besteht, dass sich die verlangten Informationen als erheb-
lich erweisen werden (BGE 143 II 185 E. 3.3.2). Keine Rolle spielt, ob sich
diese Informationen nach deren Übermittlung für den ersuchenden Staat
letzten Endes als nicht erheblich herausstellen (vgl. BGE 142 II 161
E. 2.1.1). Ob eine Information tatsächlich erheblich ist, kann in der Regel
nur der ersuchende Staat abschliessend feststellen (BGE 142 II 161
E. 2.1.1 f.; BGE 139 II 404 E. 7.2.2; statt vieler: Urteil des BVGer
A-4218/2017 vom 28. Mai 2018 E. 2.3.1). Die Rolle des ersuchten Staates
bei der Beurteilung der voraussichtlichen Erheblichkeit beschränkt sich so-
mit darauf, zu überprüfen, ob die vom ersuchenden Staat verlangten Infor-
mationen und Dokumente mit dem im Ersuchen dargestellten Sachverhalt
zusammenhängen und ob sie möglicherweise dazu geeignet sind, im aus-
ländischen Verfahren verwendet zu werden (BGE 142 II 161 E. 2.1.1; vgl.
Urteile des BVGer A-4218/2017 vom 28. Mai 2018 E. 2.3.1 und
A-197/2018, A-200/2018 vom 2. Mai 2018 E. 2.3, je mit weiteren Hinwei-
sen). Vor diesem Hintergrund darf der ersuchte Staat Auskünfte – mit der
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Begründung, die verlangten Informationen seien nicht «voraussichtlich er-
heblich» im Sinne von Art. 26 Abs. 1 Satz 1 DBA CH-HU – nur verweigern,
wenn ein Zusammenhang zwischen den verlangten Angaben und der im
ersuchenden Staat durchgeführten Untersuchung unwahrscheinlich er-
scheint (vgl. Ziff. 6 Bst. b des Protokolls zum DBA CH-HU; BGE 143 II 185
E. 3.3.2 und BGE 141 II 436 E. 4.4.3; vgl. Urteile des BVGer A-4218/2017
vom 28. Mai 2018 E. 2.3.1 und A-4353/2016 vom 27. Februar 2017
E. 2.2.2).
2.3 Soweit die Behörden des ersuchenden Staates verpflichtet sind, den
massgeblichen Sachverhalt darzulegen, kann von ihnen nicht erwartet
werden, dass sie dies bereits lückenlos und völlig widerspruchsfrei tun.
Dies wäre mit dem Sinn und Zweck der Amtshilfe (wie mit jenem der
Rechtshilfe) nicht vereinbar, sollen doch aufgrund von Informationen und
Unterlagen, die sich im ersuchten Staat befinden, bisher im Dunkeln ge-
bliebene Punkte erst noch geklärt werden (vgl. BGE 142 II 161 E. 2.1.1;
BVGE 2011/14 E. 2; statt vieler: Urteil des BVGer A-7596/2016 vom
23. Februar 2018 E. 2.7). Daher verlangt die Rechtsprechung von der er-
suchenden Behörde nicht den strikten Beweis des Sachverhalts, sondern
sie muss nur (aber immerhin) hinreichende Verdachtsmomente für dessen
Vorliegen dartun (BGE 139 II 451 E. 2.1 und E. 2.2.1 sowie BGE 139 II 404
E. 7.2.2; Urteil des BVGer A-6102/2016 vom 15. März 2017 E. 2.5).
2.4 Ein wichtiges Element der internationalen Behördenzusammenarbeit
bildet der Grundsatz, wonach – ausser bei offenbarem Rechtsmissbrauch
oder bei berechtigten Fragen im Zusammenhang mit den in Art. 7 StAhiG
genannten Konstellationen – prinzipiell kein Anlass besteht, an Sachver-
haltsdarstellungen und Erklärungen anderer Staaten zu zweifeln (sog. völ-
kerrechtliches Vertrauensprinzip; BGE 144 II 206 E. 4.4, BGE 142 II 218
E. 3.3, BGE 142 II 161 E. 2.1.3 f.; Urteil des BVGer A-4992/2016 vom
29. November 2016 E. 4.3). Auf diesem Vertrauen gründet letztlich das
ganze Amtshilfeverfahren. Dementsprechend ist die ESTV an die Darstel-
lung des Sachverhalts im Ersuchen insoweit gebunden, als diese nicht we-
gen offensichtlicher Fehler, Lücken oder Widersprüche sofort entkräftet
werden kann (vgl. statt vieler: BGE 128 II 407 E. 5.2.1; Urteile des BVGer
A-381/2018 vom 21. November 2018 E. 4.2 und A-7622/2016 vom 23. Mai
2017 E. 2.3, mit weiteren Hinweisen). Gleiches gilt für die vom ersuchen-
den Staat abgegebenen Erklärungen. Werden diese sofort entkräftet, kann
der ersuchte Staat ihnen nicht mehr vertrauen (Urteile des BVGer
A-4144/2018 vom 28. Mai 2019 E. 2.2, A-3716/2015 vom 16. Februar 2016
E. 3.5).
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Seite 9
3.
Im vorliegenden Fall ist zu prüfen, ob ein gültiges Amtshilfeersuchen gege-
ben ist und die Rückfrage der ESTV rechtmässig war bzw. diese die korri-
gierte IBAN-Nummer berücksichtigen durfte (E. 3.1). Zudem ist umstritten,
ob die ersuchende Behörde den Grundsatz der Subsidiarität eingehalten
hat (E. 3.2). Im Weiteren ist allenfalls im Rahmen der Prüfung des Eventu-
alantrags zu klären, ob sämtliche Informationen gemäss der Schlussverfü-
gung für die ungarischen Steuerbehörden voraussichtlich erheblich sind
und an diese übermittelt werden dürfen bzw. ob keine spontane Amtshilfe
vorliegt (E. 3.3).
3.1
3.1.1 Die Beschwerdeführerin bringt vor, das Amtshilfeersuchen beziehe
sich auf ein anderes Konto (mit einer anderen IBAN-Nummer) als das
Bankkonto, dessen Daten die ESTV nun an Ungarn zu übermitteln beab-
sichtige. Dies sei unzulässig.
3.1.2 Im Amtshilfeersuchen der CLO vom (Datum) wird die Beschwerde-
führerin mittels Namen identifiziert, die relevante Zeitperiode 2015 bis 2016
angegeben, die verlangten Informationen beschrieben («bank account
statements») und die Veranlagung der Einkommenssteuer als Steuer-
zweck angegeben. Die CLO erfüllte damit zumindest die Anforderungen
gemäss Ziff. 6 Bst. b röm. Ziff. (i) bis (iv) des Protokolls zum DBA CH-HU
(vgl. E. 2.1.2). Wie die nachfolgenden Ausführungen zeigen, kann offen-
bleiben, ob auch Ziff. 6 Bst. b. röm. Ziff. (v) erfüllt ist. Die CLO hat im be-
treffenden Ersuchen vom (Datum) sodann zusätzlich eine (wenn auch fal-
sche) IBAN-Nummer angegeben.
Weil die ESTV diese IBAN-Nummer keinem Bankkonto in der Schweiz zu-
weisen konnte, nahm sie mit der CLO Rücksprache. Es kann im Folgenden
offenbleiben, ob die CLO den Namen und die Adresse des mutmasslichen
Informationsinhabers im Zeitpunkt des Ersuchens gekannt hat. Im Beja-
hungsfalle hätte sie diese Informationen zwar nach Ziff. 6 Bst. b röm.
Ziff. (v) des Protokolls ebenfalls im Amtshilfeersuchen angeben müssen
und dieses hätte somit den Anforderungen gemäss dem Protokoll zum DBA
CH-HU nicht genügt. Nach Art. 6 Abs. 3 StAhiG hat die ESTV der ersu-
chenden Behörde aber in solchen Fällen Gelegenheit zur Ergänzung ihres
Ersuchens zu geben (E. 2.1.2). Die Rückfrage wäre demnach rechtmässig
gewesen. Für den Fall, dass die CLO den Namen und die Adresse des
mutmasslichen Informationsinhabers damals noch nicht gekannt hat und
damit das Amtshilfeersuchen den Anforderungen nach Ziff. 6 Bst. b des
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Protokolls entsprach, kann die ESTV der ersuchenden Behörde diese Ge-
legenheit zur Ergänzung und Bereinigung von Unklarheiten über weitere
Angaben – a maiore minus – selbstverständlich auch geben. Die Rückfrage
der Vorinstanz war demnach auf jeden Fall rechtmässig und entsprach
nicht zuletzt auch dem in internationalen Amtshilfeverfahren zu beachten-
den Beschleunigungsgebot (Art. 4 Abs. 2 StAhiG).
3.1.3 Aufgrund der Rückfrage der ESTV hat die CLO mit E-Mail vom
(Datum) die (um eine Ziffer) berichtigte IBAN-Nummer (...) und den Namen
der Informationsinhaberin (Bank) mitgeteilt. Mit dieser E-Mail hat die CLO
ihr ursprüngliches Amtshilfeersuchen vom (Datum) berichtigt und ergänzt.
Im Übrigen erfolgte die Übermittlung der korrekten IBAN-Nummer und des
Namens der Informationsinhaberin durch die CLO – nach Angaben der
Vorinstanz – mittels eines passwortgeschützten E-Mails. Ob damit – trotz
Passwortschutz – allenfalls ungarisches Recht verletzt worden ist, wie die
Beschwerdeführerin behauptet, muss mangels Relevanz für das
vorliegende Beschwerdeverfahren nicht geprüft werden. Dies wird
allenfalls im ungarischen Verfahren zu klären sein. Spätestens mit der E-
Mail vom (Datum) lag somit insgesamt ein gültiges Amtshilfeersuchen vor,
das die Anforderungen gemäss Ziff. 6 Bst. b des Protokolls zum DBA CH-
HU erfüllt.
3.1.4 Mit Bezug auf die (berichtigte) IBAN-Nummer entspricht die von der
ESTV vorgesehene Informationsübermittlung dem berichtigten Amtshil-
feersuchen. Insofern kann – entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin
– keine spontane Amtshilfe gegeben sein (vgl. zur Frage der spontanen
Amtshilfe auch E. 3.3).
3.2
3.2.1 Die Beschwerdeführerin bringt vor, das innerstaatliche Verfahren in
Ungarn habe sich nicht auf das Bankkonto mit der berichtigten IBAN-Num-
mer (...) bezogen. Die ungarische Steuerbehörde hätte sie einzig nach
dem Konto mit der IBAN-Nr. (...) befragt. Zu dem Konto, dessen Informati-
onen nun übermittelt werden sollten, sei sie nie befragt worden. Sie sei in
Ungarn auch nie aufgefordert worden, Unterlagen oder Informationen zu
liefern, welche nun Gegenstand des beabsichtigten Informationsaustau-
sches bildeten. Das Subsidiaritätsprinzip sei damit verletzt worden.
3.2.2 Es ist festzuhalten, dass die ungarischen Steuerbehörden innerstaat-
lich unbestrittenermassen eine Untersuchung durchgeführt haben betref-
A-4843/2019
Seite 11
fend ein Bankkonto in der Schweiz und die Beschwerdeführerin auch be-
fragt wurde. Nach den Angaben im Amtshilfeersuchen habe diese die Un-
terlagen zum Bankkonto («bank account statements») nicht eingereicht,
weil das Konto geschlossen sei und sie darauf keinen Zugriff mehr habe.
Es besteht aufgrund des völkerrechtlichen Vertrauensprinzips und der Ak-
tenlage kein Anlass, an der von der CLO abgegebenen Erklärung der Aus-
schöpfung aller üblichen, nicht mit unverhältnismässigen Schwierigkeiten
verbundenen innerstaatlichen Mitteln zu zweifeln (E. 2.1.1). Das von der
Beschwerdeführerin eingereichte – in ungarischer Sprache verfasste – Be-
fragungsprotokoll vom (Datum) vermag diese Erklärung der CLO nicht zu
entkräften (vgl. E. 2.4). Selbst wenn die Beschwerdeführerin von den un-
garischen Steuerbehörden nur nach dem Konto mit der (um eine Ziffer fal-
sche) IBAN-Nr. (...) befragt worden wäre, hätte dies keine Relevanz. Mas-
sgebend ist, dass die ungarischen Steuerbehörden Bezug genommen ha-
ben auf ein nicht deklariertes Bankkonto in der Schweiz und die Beschwer-
deführerin dessen Existenz zwar bestätigt, die entsprechenden Kontoun-
terlagen indessen gemäss Aktenlage nicht eingereicht hat.
3.2.3 Die Beschwerdeführerin wendet ein, das völkerrechtliche Vertrauens-
prinzip sei auf Ungarn nicht gleich wie auf andere Staaten anwendbar.
Hierzu ist festzuhalten, dass die Vereinbarung einer Amtshilfeklausel im
Rahmen des DBA CH-HU ein politischer Entscheid ist, den die Gerichte
grundsätzlich zu akzeptieren haben (vgl. auch Urteil des BVGer
A-7956/2016 vom 8. November 2017 E. 4.4.4). Im Weiteren ist anzumer-
ken, dass die Schweiz auch den automatischen Informationsaustausch mit
der EU vereinbart hat. Diese Vereinbarung trat ab 2017/2018 in Kraft und
gilt damit auch im Verhältnis der Schweiz mit Ungarn als Mitgliedstaat der
EU. Dieser politische Akt kann als Bekräftigung des Vertrauens u.a. in Un-
garn gewürdigt werden. Es bestehen sodann im konkreten Fall keine
Gründe von der konstanten Rechtsprechung zum völkerrechtlichen Ver-
trauensprinzip im Rahmen der internationalen Amtshilfe abzuweichen.
3.2.4 Im Übrigen ist davon auszugehen, dass im Zeitpunkt der Einreichung
des Amtshilfeersuchens am (Datum) die Frist zur Abgabe der Steuererklä-
rung in Ungarn betreffend die Jahre 2015 und 2016 bereits abgelaufen war.
Gemäss der Rechtsprechung wäre damit und aufgrund der Zweifel an der
Selbstdeklaration sowie des Umstands, dass sich die Informationen über
das Bankkonto grundsätzlich in der Schweiz und nicht in Ungarn befinden,
das Subsidiaritätsprinzip ohnehin nicht verletzt (vgl. E. 2.1.1).
A-4843/2019
Seite 12
3.2.5 Nach dem Gesagten besteht kein Anlass, bei der CLO ergänzende
Angaben über die Ausschöpfung der innerstaatlichen Mittel zu verlangen.
Dem entsprechenden Verfahrensantrag ist daher nicht stattzugeben. Im
Ergebnis ist die Beschwerde im Hauptpunkt unbegründet und entspre-
chend abzuweisen.
3.3
3.3.1 Die Beschwerdeführerin begründet ihren Eventualantrag damit, die
CLO habe explizit nach Zahlungseingängen (und nur nach diesen) im be-
treffenden Zeitraum gefragt. Daher seien weder Portfolio Statements (d.h.
Depotauszüge) noch Kontosaldi zu übermitteln. Liefere die ESTV diese In-
formationen trotzdem an die CLO, komme dies einem spontanen Aus-
tausch von Informationen gleich. Im Weiteren werde in Ungarn keine Ver-
mögenssteuer erhoben, relevant für die Besteuerung seien deshalb nur
Angaben zu Kontoeingängen.
3.3.2 Gemäss dem Amtshilfeersuchen vom (Datum) ersuchte die CLO die
Übermittlung folgender Informationen (vgl. Sachverhalt Bst. A): «Bank ac-
count statements concerning the bank account». Dies entspricht der beab-
sichtigten Übermittlung durch die ESTV gemäss ihrer Schlussverfügung
vom 19. August 2019 («bank account statements regarding the bank ac-
count»; vgl. Sachverhalt Bst. E). Es kann damit keine Rede davon sein,
dass die ESTV weitergehende Amtshilfe leisten will, als ersucht worden ist.
Die «bank account statements» umfassen im Übrigen ohne Weiteres nicht
nur die Kontosaldi, sondern auch Depotauszüge, zumal das fragliche
Konto ein Wertschriftenportfolio mitumfasst. In der Folge kann keine spon-
tane Amtshilfe gegeben sein.
3.3.3 Der Einwand der Beschwerdeführerin, dass die Übermittlung der
Kontosaldi und Depotauszüge für die ungarischen Steuerbehörden nicht
relevant sei, da Ungarn keine Vermögenssteuer kenne, betrifft die Frage
der voraussichtlichen Erheblichkeit der verlangten Informationen. Die
Voraussetzung der voraussichtlichen Erheblichkeit ist nach der
Rechtsprechung erfüllt, wenn im Zeitpunkt der Einreichung des
Amtshilfeersuchens eine vernünftige Möglichkeit besteht, dass sich die
verlangten Informationen als erheblich erweisen werden (E. 2.2.2).
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin sind sämtliche Kontodetails
voraussichtlich erheblich. So lassen sich zum Beispiel aus
Zahlungsausgängen unter Umständen Rückschlüsse auf weitere Konten
der Beschwerdeführerin ziehen, welche bislang im Rahmen der
Einkommensbesteuerung noch nicht berücksichtigt wurden. Aus den
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Depotauszügen wiederum werden allfällige steuerbare Kapitalgewinne und
Kapitalerträge ersichtlich. Aus den Kontosaldi lassen sich sodann unter
Umständen Rückschlüsse auf in den Vorperioden erzieltes Einkommen
ziehen, welches in casu ebenfalls voraussichtlich erheblich ist, zumal die
CLO gemäss ihren Angaben im Amtshilfeersuchen eine Steuerprüfung
betreffend die Zeit vom 1. Januar 2014 bis 31. Dezember 2016 vornimmt.
Insbesondere die ersuchten Kontosaldi und Depotauszüge des Jahres
2015 können demnach auch erheblich sein für die Ermittlung des
Einkommens im Jahr 2014. Die Voraussetzung der voraussichtlichen
Erheblichkeit der verlangten Informationen ist daher ohne Weiteres erfüllt.
Die Beschwerde ist demnach auch im Eventualpunkt abzuweisen.
4.
Die Verfahrenskosten sind auf Fr. 5'000.- festzusetzen und ausgangsge-
mäss der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG und
Art. 1, 2 und 4 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Der einbezahlte Kostenvorschuss ist zur Bezahlung der Ver-
fahrenskosten zu verwenden. Parteientschädigungen sind nicht zuzuspre-
chen (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 Abs. 1 VGKE e contrario sowie Art. 7
Abs. 3 VGKE).
5.
Dieser Entscheid auf dem Gebiet der internationalen Amtshilfe in Steuer-
sachen kann gemäss Art. 83 Bst. h BGG innerhalb von 10 Tagen nur dann
mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundes-
gericht weitergezogen werden, wenn sich eine Rechtsfrage von grundsätz-
licher Bedeutung stellt oder wenn es sich aus anderen Gründen um einen
besonders bedeutenden Fall im Sinn von Art. 84 Abs. 2 BGG handelt
(Art. 84a und Art. 100 Abs. 2 Bst. b BGG). Ob dies der Fall ist, entscheidet
das Bundesgericht.
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