Decision ID: 4a7f5d60-0c04-5867-8f5e-c5125ebdab0d
Year: 2017
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer verliess seinen Herkunftsstaat gemäss eigenen
Angaben (...) und gelangte über den Iran, die Türkei, Griechenland, Maze-
donien, Serbien, Ungarn und Österreich am 18. Mai 2015 in die Schweiz,
wo er gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen um
Asyl nachsuchte.
A.b Gemäss dem vom SEM durchgeführten Abgleich mit der europäischen
Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) vom 20. Mai 2015
hatte der Beschwerdeführer am (...) bereits in Ungarn ein Schutzersuchen
gestellt.
A.c Am 22. Mai 2015 fand die summarische Befragung zur Person statt
(BzP; Protokoll in den SEM-Akten A7/17). Gleichzeitig wurde dem Be-
schwerdeführer unter anderem das rechtliche Gehör zu einem allfälligen
Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach
Griechenland, Österreich oder Ungarn gewährt, welche als Signatarstaa-
ten gemäss Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend:
Dublin-III-VO), grundsätzlich für die Behandlung seines Asylgesuchs zu-
ständig sein könnten.
B.
B.a Gestützt auf den Eurodac-Treffer, die Angaben des Beschwerdefüh-
rers und Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO ersuchte das SEM die zustän-
dige ungarische Behörde am 23. Juni 2015 um Übernahme des Beschwer-
deführers.
B.b Dieses Ersuchen blieb unbeantwortet.
B.c Am 23. Juli 2015 teilten die schweizerischen Behörden den ungari-
schen mit, nachdem sie keine Antwort auf ihre Anfrage vom 23. Juni 2015
erhalten hätten, erachteten sie Ungarn als zuständig für die Behandlung
des Asylgesuches des Beschwerdeführers und ersuchten gleichzeitig um
praktische Angaben zum Transfer.
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C.
Mit Verfügung vom 21. Juli 2015 – eröffnet am 3. August 2015 – trat das
SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, wies ihn aus der Schweiz
nach Ungarn weg und ordnete die Wegweisung sowie deren Vollzug an.
Das SEM begründete seine Verfügung im Wesentlichen damit, der Be-
schwerdeführer habe in Ungarn ein Asylgesuch eingereicht, weshalb ge-
mäss Dublin-III-VO Ungarn für die Durchführung des Asylverfahrens zu-
ständig sei, nachdem die ungarischen Behörden zum Übernahmeersuchen
innert Frist keine Stellung genommen hätten. Ausserdem lägen keine
Gründe vor, die gegen eine Überstellung nach Ungarn sprächen. Für die
detaillierte Begründung wird auf die Akten verwiesen.
D.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 6. August 2015 gelangte der Beschwerdefüh-
rer an das Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die Verfügung des
SEM sei aufzuheben und dieses sei anzuweisen, sich für das vorliegende
Asylgesuch für zuständig zu erachten und sein Recht auf Selbsteintritt aus-
zuüben, eventualiter sei die Sache ans SEM zurückzuweisen.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, es sei die unentgeltliche
Rechtspflege zu bewilligen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei
zu verzichten und es sei im Sinne einer vorsorgliche Massnahme der vor-
liegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung einzuräumen.
Für die Beschwerdebegründung wird auf die Akten verwiesen.
E.
Mit per Telefax übermittelter Verfügung vom 7. August 2015 setzte das
Bundesverwaltungsgericht den Vollzug der Überstellung nach Ungarn per
sofort einstweilen aus.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 18. August 2015 anerkannte das Bundesver-
waltungsgericht der Beschwerde die aufschiebenden Wirkung im Sinne
von Art. 107a Abs. 2 AsylG zu und stellte fest, der Beschwerdeführer könne
den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig for-
derte es den Beschwerdeführer auf, seine Bedürftigkeit zu belegen, ver-
zichtete auf das Erheben eines Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz
zur Vernehmlassung ein.
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G.
G.a Am 24. August 2015 liess sich das SEM vernehmen und mit Zwischen-
verfügung vom 27. August 2015 räumte das Bundesverwaltungsgericht
dem Beschwerdeführer die Gelegenheit ein, eine Replik einzureichen.
G.b Am 27. August 2015 zeigte der mandatierte Rechtsvertreter die Über-
nahme der rechtlichen Vertretung im vorliegenden Verfahren an und
reichte eine entsprechende Vollmacht und eine Fürsorgeabhängigkeitsbe-
stätigung des Zentrums für Asylsuchende Eggersriet vom 25. August 2015
ein.
G.c Mit Eingabe vom 9. September 2015 replizierte der Beschwerdeführer
auf die vorinstanzliche Vernehmlassung und reichte eine Kostennote des
Rechtsvertreters zu den Akten.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 16. September 2015 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung gut und ver-
zichtete definitiv auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
I.
I.a Mit Zwischenverfügung vom 26. Oktober 2016 lud das Bundesverwal-
tungsgericht das SEM zu einem ergänzenden Schriftenwechsel ein.
I.b Am 31. Oktober 2016 liess sich das SEM erneut vernehmen. Diese Ver-
nehmlassung wird dem Beschwerdeführer mit dem vorliegenden Endent-
scheid zur Kenntnisnahme zugestellt.
J.
Für die Ausführungen im Rahmen der durchgeführten Schriftenwechsel
wird auf die Akten verwiesen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet
sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts
anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108 Abs. 2
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
2.
Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2012/4 E. 2.2
m.w.H.).
4.
4.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil D-7853/2015 vom
31. Mai 2017 (vorgesehen zur Publikation als Referenzurteil) die Entwick-
lung der Situation für Asylsuchende in Ungarn eingehend analysiert; insbe-
sondere für jene, die in Anwendung der Dublin-III-VO nach Ungarn über-
stellt werden.
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In diesem Urteil hat das Gericht das Vorhandensein zahlreicher Unzuläng-
lichkeiten im ungarischen System festgestellt, welche namentlich den Zu-
gang zum Asylverfahren sowie die Unterbringung der Asylsuchenden in
den Transitzonen betreffen. Das Gericht hat sich insbesondere mit dem am
28. März 2017 in Kraft getretenen ungarischen Rechtsakt T/13976 über
„die Änderung mehrerer Gesetze zur Verschärfung des Asylverfahrens in
der Überwachungszone der ungarischen Grenze“ befasst und festgestellt,
dass die Umsetzung dieses Aktes, welcher rückwirkend auf sämtliche lau-
fende Asylverfahren anwendbar ist und eine wesentliche Verschärfung der
ungarischen Gesetzgebung mit sich bringe, zahlreiche Unsicherheiten und
Fragen nach sich ziehe. Es könne daher namentlich nicht mit Sicherheit
ermittelt werden, ob Asylsuchende, die nach Ungarn überstellt würden, als
nicht aufenthaltsberechtigte Personen angesehen und deshalb in soge-
nannte „Prätransit“-Zonen abgeschoben würden, oder ob sie als asylsu-
chende Personen betrachtet würden, deren Gesuche in den Transitzonen
zu behandeln seien.
Angesichts der zahlreichen Unsicherheiten, die diese Gesetzesänderung
hinsichtlich des Verfahrenszugangs und der Aufnahmebedingungen mit
sich gebracht habe, sei es dem Bundesverwaltungsgericht gemäss dem
derzeitigen Stand der Dinge nicht möglich, das Vorliegen systemischer
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 der Dublin-III-Verordnung sowie
die Fragen im Zusammenhang mit tatsächlichen Gefahren („real risk“), de-
nen Asylsuchende bei einer Überstellung nach Ungarn ausgesetzt sein
könnten, abschliessend zu beurteilen. Folglich hat es die angefochtene
Verfügung aufgehoben und die Sache zur neuen Entscheidung an das
SEM zurückgewiesen. Es obliege der erstinstanzlichen Behörde, sämtliche
Sachverhaltselemente zusammenzutragen, die zur Beurteilung dieser we-
sentlichen Fragen erforderlich seien. Es sei nicht die Aufgabe der Be-
schwerdeinstanz, komplexe ergänzende Abklärungen vorzunehmen. Das
Bundesverwaltungsgericht würde sonst mit einem Sachentscheid seine
Zuständigkeit überschreiten und die betroffene Partei um den gesetzlich
vorgesehenen Instanzenzug bringen (vgl. Urteil D-7853/2015 vom
31. Mai 2017 E. 13).
4.2 Aus denselben Gründen ist es dem Gericht auch vorliegend nicht mög-
lich, die sich im Zusammenhang mit einer Überstellung des Beschwerde-
führers nach Ungarn stellenden Fragen zu beurteilen. Die angefochtene
Verfügung ist folglich aufzuheben und die Sache zur vollständigen Sach-
verhaltsfeststellung sowie zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
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Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, soweit die Aufhebung der vor-
instanzlichen Verfügung beantragt wurde, und die Angelegenheit ist zur Ab-
klärung im Sinne der Erwägungen und neuer Entscheidung an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen.
5.
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
5.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Nur der notwendige Aufwand ist
zu entschädigen (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Rechtsvertreter reichte eine
Kostennote von insgesamt Fr 645.– ein. Dieser Aufwand erscheint ange-
messen. Das SEM ist aufzufordern, dem Beschwerdeführer eine Parteient-
schädigung in diesem Betrag auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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