Decision ID: 592a24e1-5fa9-4b08-8dc2-e5c018b5c8f4
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1994,
war
seit dem 3
0.
Juni 2019
in Y._
wohnhaft und verfügte ab diesem Zeitpunkt über eine Kurzaufenthalts
bewilli
gung (Bewilligung L;
Urk.
6/5/2,
Urk.
6/7/2). Am
1.
Juli 2019 trat er bei der
Z._
AG eine
bis Ende Juli 2020 befristete
Ausbildungsstelle
im Bereich Architektur an. Vereinbart war während der ersten sechs Monate eine monatliche Arbei
tsvergütung in der Höhe von Fr.
2'200.-- und hernach eine
solche von
Fr.
2'800.--
,
je zuzüglich eines Anteils am 1
3.
Monatslohn (
Urk.
6
/5/1). Am 1
0.
September 2019 stellte
X._
ein Gesuch um Befreiung
von der Krankenversicherungspflicht (
Urk.
6/1). Mit Verfügung vom 2
7.
Januar 2
020 wies die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich dieses Gesuch ab und ord
nete an,
X._
habe bis spätestens 2
7.
April 2020 bei einer anerkannten Krankenkasse eine Krankenpflegeversicherung abzuschliessen
,
und wies die Wohngemeinde an, die Einhaltung der Anordnung zu prüfen und nötigen
falls eine Zuweisung vorzunehmen (
Urk.
6/6).
Gegen diese
Verfügung
erhob
X._
mit Eingabe vom 1
4.
M
ärz 202
0
Einsprache
(
Urk.
6/10).
Auf diese trat die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich mit
Einsprache
ent
scheid
vom 2
0.
Juli 2021
nicht ein
, weil die Einsprache verspätet erfolgte
. Gleich
zeitig behandelte sie die Eingabe vom 1
4.
März 2020 als Wiedererwägungsgesuch und wies dieses mit dem
Einspracheentscheid
ab (
Urk.
2 =
Urk.
6/13).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 2
0.
Juli 2021 erhob
X._
mit Eingabe vom 2
9.
Juli 2021 Beschwerde und beantragte, er sei von der Kran
kenversicherungspflicht in der Schweiz zu befreien (
Urk.
1).
Die Gesundheits
di
rek
tion des Kantons Zürich beantragte in der Beschwerdeantwort vom
9.
Septem
ber 2021 die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
5). Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 1
4.
September 2021 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Über Leistungen, Forderungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene Person nicht einverstanden ist, hat der Versicherungsträger
gemäss
Art.
49
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
-
versicherungsrechts
(ATSG)
schriftlich
eine Verfügung
zu erlassen.
Gegen Verfü
gungen kann innerhalb von 30 Tagen ab deren Eröffnung bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden (
Art.
52
Abs.
1 ATSG).
Gemäss
Art.
38
Abs.
1 ATSG beginnt die Frist, die der Mitteilung bedarf, einen Tag nach ihrer Mitteilung an zu laufen. Erfolgt die Mitteilung
nur gegen Unter
schrift des Adressaten beziehungsweise der Adressatin
,
gilt
sie
spätestens am siebenten Tag nach dem ersten erfolglosen
Zustellungsversuch als erfolgt (
Art.
38
Abs.
2
bis
ATSG).
Fällt der letzte Tag auf einen Samstag, einen Sonntag oder einen am Wohnsitz oder Sitz der Partei oder ihrer Vertretung vom kantonalen Recht anerkannten Feiertag, so endet die Frist am nächsten Werktag (
Art.
38
Abs.
3 ATSG). Schriftliche Eingaben müssen spätestens am letzten Tag der Frist dem Versicherungsträger eingereicht oder zu dessen Händen der Schweizerischen Post oder einer schweizerischen diplomatischen oder konsularischen Vertretung über
geben werden (
Art.
39
Abs.
1 ATSG).
Die Regel des Beweisgrades der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ist eine sozial
versicherungsrechtliche Eigenheit. Durchführungsorgane wie auch Sozialversi
che
rungs
gerichte wären überfordert, wenn sie im Rahmen der Massenverwaltung die für die Leistungsverhältnisse erheblichen Tatsachen in zivil- oder straf
pro
zessualer Weise zum vollen Beweis erstellen müssten. Dieser Beweisgrad des Zivilrechts kann im Sozialversicherungsrecht im Allgemeinen nicht durchgehend verwirklicht werden.
Geht es um den Nachweis von Tatsachen über die rechtzeitige Ausübung eines fristgebundenen Rechts im Prozess, muss
hingegen auch im Sozialversiche
rungs
recht
der volle Beweis dafür erbracht werden. Die Rechtzeitigkeit eines Rechts
mittels im gerichtlichen Verfahren darf nicht nur wahrscheinlich sein, sondern die ihr zugrundeliegenden Tatsachen müssen mit Gewissheit feststehen (BGE 119 V 7 E. 3c/
bb
).
1.2
Der Versicherungsträger kann auf formell rechtskräftige Verfügungen, welche nicht Gegenstand materieller richterlicher Überprüfung gebildet haben, zurück
kommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist (sogenannte Wiedererwägung; Art. 53 Abs. 2 und 3 ATSG; BGE 144 I 103 E. 2.2, 141 V 405 E. 5.2, 138 V 147 E. 2.1 mit Hinweis).
Ob der Versicherungsträger eine Verfügung in Wiedererwägung zieht, liegt in seinem Ermessen. Er kann hierzu weder von der betroffenen Person noch vom Gericht verhalten werden. Es besteht mithin kein gerichtlich durchsetzbarer Anspruch auf Wiedererwägung. Auf eine Beschwerde gegen ein Nichteintreten auf ein Wiedererwägungsgesuch oder allenfalls gegen einen das Nichteintreten bestätigenden
Einspracheentscheid
(vgl. aber BGE 133 V 50 E. 4.2.2) kann das
Gericht nicht eintreten (BGE 133 V 50 E. 4.2.1, 119 V 475 E. 1b/cc mit Hinwei
sen; Urteil des Bundesgerichts 8C_210/2017 vom 22. August 2017 E. 8.2 mit weiteren Hinweisen).
Wenn der Versicherungsträger hingegen auf ein Wiedererwägungsgesuch eintritt, die Wiedererwägungsvoraussetzungen prüft und hernach einen Sachentscheid fällt, der gegebenenfalls auch bloss in der Bestätigung der
früheren Verfügung beziehungsweise
in der Abweisung des Wiedererwägungsgesuchs bestehen kann (BGE 117 V 8 E. 2b/cc), ist dieser Sachentscheid allenfalls mit Einsprache und hernach beschwerdeweise anfechtbar. Die entsprechende Überprüfung hat sich in einem solchen Fall auf die Frage zu beschränken, ob die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung der bestätigten Verfügung gegeben sind. Thema des Ein
sprache- und des Beschwerdeverfahrens bildet also einzig die Prüfung, ob der Ver
sicherungsträger zu Recht die ursprüngliche, formell rechtskräftige Verfügung nicht als zweifellos unrichtig und/oder ihre Korrektur als von unerheblicher Be
deu
tung qualifiziert hat (BGE 119 V 475 1b/cc mit Hinweisen BGE 117 V 8 E. 2a, 116 V 63 E. 3a; Urteile des Bundesgerichts 8C_89/2014 vom 24. Juli 2014 E 2.3 und 9C_908/2011 vom 2. März 2012 E. 2.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin hielt im
Einspracheentscheid
fest,
die Einsprache habe
der Beschwerdeführer nach Erhalt
der Verfügung vom 2
7.
Januar
2020
im Rah
men einer zweiten Zustellung am 1
6.
März 2020 erhoben. Für die
Einsprachefrist
sei das Datum des ersten Zustellversuches massgebend. Unter Berücksichtigung dieser Regel sei die Einsprache verspätet erfolgt (
Urk.
2 S. 1).
Der Beschwerde
führer
seinerseits
hatte
in seiner Einsprache
festgehalten
, er melde sich auf das Schreiben vom 2
7.
Januar 2020, welches erst am
5.
März 2020 nach dem zweiten Zustellversuch bei ihm eingetroffen sei (
Urk.
6/9).
2.2
Angesichts der erwähnten Darlegungen der Parteien
herrscht dahingehend Einig
keit, dass die erste Zustellung scheiterte
und der Beschwerdeführer von der Ver
fügung vom 2
7.
Januar 2020 er
st aufgrund des
späteren
Schreiben
s
der Beschwer
degegnerin vom
5.
März 2020 (
Urk.
6/8), dem die Verfügung
offensichtlich
beilag, K
enntnis erlangte.
Zunächst war d
ie
Verfügung vom 2
7.
Januar 2020
per
Einschreiben versandt
worden
(vgl.
Urk.
6/6 S. 1). Es handelte sich somit um eine
nur gegen Unterschrift auszuhändigende Sendung
. Da deren
Zustellung schei
terte, greift die Regel von
Art.
38
Abs.
2
bis
ATSG. Um von einer
verspätete
n
Ein
sprache
ausgehen zu können, ist vorauszusetzen
, dass zwischen der Zustellfiktion
und der Erhebung der Einsprache am 1
6.
März 2020 mehr als 30 Tagen ver
strich
en
sind
. De
r
Nachweis der Zustellung der Verfügung, die die
Einsprachefrist
auslöst, respektive der Zeitpunkt der Zustellfiktion nach einem erfolglosen Zu
stellversuch, obliegt dem verfügenden Sozialversicherungsträger
und
hier
somit
der Beschwerdegegnerin
(
Kieser
, ATSG-Kommentar,
4.
Aufl., Zürich 2020,
Art.
38
Rz
18 mit Hinweisen)
.
2.3
Mit
dem bereits erwähnten
Schreiben vom
5.
März
2020
teilte
die Beschwer
de
gegnerin
dem Beschwerdeführer mit,
nachdem die Zustellung misslungen sei, das heisst die Sendung von der Post mit dem Vermerk «nicht abgeholt/Annahme verweigert» retourniert worden sei, erfolge ein
e weitere Zustellung
. Für die
Ein
sprachefrist
sei jedoch
der erste Z
ustellversuch massgebend
(
Urk.
6/8)
. Nachdem der Beschwerdeführer
die
Verfügung vom 2
7.
Januar 2020
im Rahmen der zweiten Zustellung vom
5.
März 2020
tatsächlich
zur
Kenntnis genommen
hatte, erhob er
e
lf Tage später, das heisst
am 1
6.
März 2020
Einsprache (
Urk.
6/9)
, wobei d
ie Postaufgabe der Einsprache gleichentags
erfolgte
(vgl. Aktenverzeichnis zu
Urk.
6).
2.4
Zum
Zeitpunkt de
r
erstmaligen
erfolglosen Zustellung
der Verfügung vom
2
7.
Januar 2020 (
Urk.
6/6)
können den
Akten keine Angaben
entnommen werden
.
Ein entsprechender Vermerk im Verfügungsdokument fehlt und auch die Sen
dungsnummer ist nicht bekannt.
Somit bleibt
offen, wann die Beschwerde
geg
nerin die Verfügung vom 2
7.
Januar 2020 als eingesch
riebene Sendung der Post übergeben hatte
.
Unter der Annahme
,
der erste erfolglose Zustellversuch sei auf Freitag, den
7.
Februar 2020 gefallen,
was
aufgrund der zeitlichen Nähe zum Erlass der Verfügung vom 2
7.
Januar 2020
nicht
von vornher
ein
auszuschliessen ist, hätte die Zustellung
aufgrund der Zustellfiktion
gemäss
Art.
38
Abs.
2
bis
ATSG sieben Tage danach, das heisst am 1
4.
Februar 2020 als erfolgt zu gelten. Die
Einsprachefrist
von 30 Tagen hätte
diesfalls
am Samstag, den 1
5.
Februar 2020 zu laufen begonnen und hätte unter Berücksichtigung von
Art.
38
Abs.
3 ATSG bis zum Montag, den 1
6.
März 2020 gedauert. Mit der Postaufgabe der Einsprache an diesem Tag (vgl. Anhang zu
Urk.
6/9)
hätte die
Frist
als
gewahrt
zu gelten mit der Folge, dass die Beschwerdegegnerin die Einsprache als rechtgültig erfolgt entgegenzunehmen und diese
materiell zu beurteilen hätte.
Da der Zeitpunkt de
r
erstmaligen
erfolglosen Zustellung
der
Verfügung vom 2
7.
Januar 2020
den aufgelegten Akten nicht zu entnehmen
ist,
lässt sich nicht
beurteilen
,
auf welchen Zeitpunkt
die Z
ustellfiktion
tatsächlich
greift, weswegen sich
auch nicht feststellen
lässt
, ob die Einsprache verspätet erfolgte. Letzteres ist
indessen
die Voraussetzung für ein Nichteintreten.
Diesen Zeitpunkt wird die Beschwerdegegnerin mittels geeigneter Beweismittel wie etwa de
s
postalischen
Nachweis
es
der erfolglosen Zustellung festzustellen und erneut über die Frage der Rechtzeitigkeit der Einsprache zu befinden haben.
Soweit sich die Beschwerde gegen den
Nichteintretensentscheid
der Beschwerdegegnerin richtet
,
ist sie
in diesem Sinne gutzuheissen
.
3.
3.1
Die Beschwerdegegnerin nahm die von ihr als verspätet beurteilte Einsprache vom
5.
März 2020 als Wiedererwägungsgesuch entgegen, wies dieses
in der Folge
aber ab. Im angefochtenen
Einspracheentscheid
hielt sie dazu fest,
der Beschwe
r
de
führer sei seit Ende Juni 201
9 in Y._
wohnhaft und sei im Besitz einer Kurzaufenthaltsbewilligung. Gemäss Praktikumsvertrag habe er ab dem
1.
Juli 2019 eine bis zum 3
0.
J
uni 2020 dauernde A
usbildung
angetreten
und während dieser Zeit
Anspruch auf
eine Arbeitsvergütung
. Da er in der Schweiz erwerbstätig sei, könne er entsprechend dem Erwerbsortprinzip nicht mehr über eine ge
setz
liche Krankenversicherung in seinem Herkunftsland verfügen, sondern er sei in der Schweiz versicherungspflichtig. Aus diesen Gründen erweise sich die Ableh
nung des Gesuches um Befreiung vom
Versicherungsobligatorium
als rechtens
(
Urk.
2 S. 2 f.).
3.2
Tritt
der Versicherungsträger auf ei
n Wiedererwägungsgesuch ein und fällt her
nach einen Sachentscheid, mit dem er, wie vorliegend, die zuvor erlassene
Ver
fügung
bestätigt und
das Wiedererwägungsgesuch
abweist
, ist dieser Sachent
scheid
zwar beschwerdeweise anfechtbar, jedoch beschränkt sich in diesem Fall die
Überprüfung
durch das Gericht
dar
auf, ob der Versicherungsträger zu Recht die ursprüngliche, formell rechtskräftige Verfügung nicht als zweifellos unrichtig und/oder ihre Korrektur als von unerheblicher Bedeutung qualifiziert hat (
vgl. vor
stehende E. 1.2
).
Die Überprüfungsbefugnis des Gerichts beschränkt sich mit
hin auf den Aspekt der Wiedererwägungsvoraussetzungen, das heisst auf die Frage der zweifellosen Unrichtigkeit des Entscheides der Vorinstanz und der Erheb
lichkeit von deren Korrektur. Tritt
demgegenüber
die Vorinstanz auf die Einsprache
ein
und beurteilt diese materiell, sind im Beschwerdeverfahren sämt
liche tatsächlichen und rechtlichen Gesichtspunkte überprüfbar.
So
lange unge
klärt ist, ob die Einsprache nicht als
rechtzeitig erhoben
hätte entgegengenommen und das
Einspracheverfahren
materiell
hätte durchgeführt werden müssen, ver
bietet es sich
daher
,
den Wiedererwägungsentscheid inhaltlich
zu prüfen. Vie
lmehr ist der
Einspracheentscheid
als Ganze
s
aufzuheben und die Sache
ist
an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen
(
§
26
Abs.
1 des Gesetzes über das Sozial
versicherungsgericht;
GSVGer
)
, damit
sie
im Sinne der Erwägungen
erneut
über die Einsprache entscheide.