Decision ID: dcf0eec6-e60b-57e1-8e54-7bd1fe6ddacd
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Verfügung des SEM vom 23. Mai 2017 wurde die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers anerkannt und ihm in der Schweiz Asyl ge-
währt.
B.
Mit Eingabe vom 6. November 2019 liess der Beschwerdeführer für seine
Kinder B._, geboren am (...), und C._, geboren am (...), ein
Gesuch um Familienzusammenführung stellen. Dazu reichte er die Tauf-
scheine der beiden Kinder (in Kopie; die Originale wurden bereits im or-
dentlichen Asylverfahren eingereicht), eine Einwilligungserklärung der
Kindsmutter vom April 2019 (im Original und mit deutscher Übersetzung)
und ein Foto der Kinder als Beweismittel ein.
C.
Das SEM forderte den Beschwerdeführer mit Schreiben vom 20. Novem-
ber 2019 auf, verschiedene Fragen zu beantworten und diverse Belege
einzureichen.
D.
Die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers nahm mit Eingabe vom
16. Dezember 2019 Stellung zu den Fragen des SEM und reichte gleich-
zeitig ein eigenes Schreiben an den Beschwerdeführer vom 31. Oktober
2018, Unterlagen eine Reise nach Äthiopien betreffend sowie Fotos ein.
E.
Mit Eingabe vom 23. Dezember 2019 liess der Beschwerdeführer dem
SEM eine Bestätigung der Agency for Refugee and Returnee Affairs, Ethi-
opia (in Kopie), zukommen und ausführen, er gehe davon aus, dass es
sich um die Bestätigung handle, dass D._ die elterliche Sorge für
B._ und C._ innehabe.
F.
Sodann liess der Beschwerdeführer dem SEM am 26. Februar 2020 eine
Bestätigung der Agency for Refugee and Returnee Affairs, Ethiopia, vom
5. Februar 2020 (in Kopie, mit englischer Übersetzung) zukommen, welche
bestätige, dass D._, B._ und C._ als Flüchtlinge in
E._ leben würden.
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Seite 3
G.
Die Rechtsvertreterin erkundigte sich mit Schreiben vom 3. Juni 2020 beim
SEM nach dem Stand des Verfahrens.
H.
Mit Verfügung vom 31. Juli 2020 – eröffnet am 4. August 2020 – bewilligte
das SEM die Einreise von B._ und C._ in die Schweiz nicht
und lehnte die Asylgesuche ab.
I.
Der Beschwerdeführer liess mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom
3. September 2020 gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung
sei aufzuheben, das Gesuch um Familiennachzug sei gutzuheissen und
den Kindern sei die Einreise in die Schweiz zu bewilligen. Eventualiter sei
die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Neubeurtei-
lung an das SEM zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht wurde bean-
tragt, es sei die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung
zu bewilligen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzich-
ten.
Der Beschwerde lagen – nebst einer Vollmacht, der angefochtenen Verfü-
gung und einem Zustellcouvert – drei Fotos sowie ein Schreiben an die
Gemeinde F._ vom 3. September 2020 bei.
J.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 4. Septem-
ber 2020 den Eingang der Beschwerde.
K.
Die Fürsorgebestätigung der Gemeinde F._ vom 4. September
2020 ging am 7. September 2020 beim Gericht ein.
L.
Der Instruktionsrichter hiess mit Verfügung vom 16. September 2020 das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung unter Vorbe-
halt der Veränderung der finanziellen Lage des Beschwerdeführers gut und
wies das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeistän-
dung ab. Das SEM wurde gleichzeitig eingeladen, bis zum 1. Oktober 2020
eine Vernehmlassung einzureichen.
D-4410/2020
Seite 4
M.
Das SEM liess sich mit Eingabe vom 1. Oktober 2020 zur Beschwerde ver-
nehmen.
N.
In der Folge erhielt der Beschwerdeführer mit Verfügung vom 7. Oktober
2020 Gelegenheit, sich zur Vernehmlassung zu äussern.
O.
Der Beschwerdeführer replizierte mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin
vom 22. Oktober 2020. Gleichzeitig wurde eine Kostennote zu den Akten
gereicht.
P.
Mit Eingabe vom 2. November 2020 reichte die Rechtsvertreterin die Kopie
einer Einverständniserklärung von D._ vom 26. Oktober 2020 hin-
sichtlich der Vereinigung der Kinder B._ und C._ mit dem
Beschwerdeführer nach.
Q.
Der Instruktionsrichter erteilte dem SEM mit Verfügung vom 5. November
2020 Gelegenheit, sich zur Replik und zur Eingabe vom 2. November 2020
zu äussern.
R.
Am 17. November 2020 ging das Original der Einverständniserklärung von
D._ (vgl. Bst. P) beim Gericht ein, worauf dieses Dokument glei-
chentags ans SEM weitergeleitet wurde.
S.
Das SEM liess sich innert erstreckter Frist am 1. Dezember 2020 verneh-
men.
T.
Mit Verfügung vom 2. Dezember 2020 wurde dem Beschwerdeführer Ge-
legenheit gegeben, sich zur Vernehmlassung des SEM zu äussern.
U.
Die Stellungnahme des Beschwerdeführers erfolgte innert erstreckter Frist
mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 31. Dezember 2020.
D-4410/2020
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 6
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Der Beschwerdeführer machte im vorinstanzlichen Verfahren um Fa-
milienvereinigung im Wesentlichen geltend, er habe auch nach der Tren-
nung von der Kindsmutter im Jahre 2007 weiterhin den Kontakt zu
B._ und C._ aufrechterhalten. Er habe seine Kinder so oft
besucht, wie es ihm während seines unfreiwilligen Militärdienstes möglich
gewesen sei. Nach seiner Flucht aus Eritrea seien die Kinder bis 2015 te-
lefonisch nicht zu erreichen gewesen. Die einzige Möglichkeit zu erfahren,
wie es ihnen gehe, sei über Personen gewesen, die seine Kinder gekannt
hätten und nach ihm aus Eritrea geflohen seien. Zwischen 2016 und 2018
– nach seiner Einreise in die Schweiz – habe er fünf Mal seinen Sohn
G._ anrufen können, der als einziger ein Mobiltelefon besessen
habe. Im Jahre 2017 habe G._ jedoch nach H._ einrücken
müssen und das Mobiltelefon mitgenommen. B._ und C._
seien im Oktober 2018 in Begleitung ihrer Mutter nach Äthiopien gereist.
Seither könne er mit ihnen regelmässig telefonieren. Die Kindsmutter sei
auf Grund ihrer Erkrankung (unter anderem Diabetes und Bluthochdruck)
nach fünf Monaten nach Eritrea zurückgekehrt und habe die Kinder beim
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Halbbruder D._, der nun das Sorgerecht für sie habe, in Äthiopien
zurückgelassen. Die Kindsmutter sei seit Jahren nicht mehr im Stande ge-
wesen, sich ausreichend um die Kinder zu kümmern. Er (der Beschwerde-
führer) unterstütze seine Kinder mit monatlich Fr. 200.– und habe sie im
August 2019 in Äthiopien besucht. Das Gesuch um Familienvereinigung
sei erst 2019 eingereicht worden, nachdem die Kinder aus Eritrea ausge-
reist seien und die Kindsmutter ihre schriftliche Einwilligung gegeben habe.
Es entspreche dem Wunsch der Kinder, beim Vater zu leben. Zur Kinds-
mutter zurückzukehren, stehe ausser Frage. Er sei ein verantwortungsvol-
ler Vater, der seine Kinder immer, auch unter schwierigsten Umständen,
unterstützt habe und stets um ihr Wohlergehen bekümmert gewesen sei.
Seine jetzige Partnerin, I._, die er zu heiraten beabsichtige, sei be-
reit, auch für B._ und C._ die Mutterrolle zu übernehmen.
3.2 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, neben den er-
schwerten Umständen des Militärdienstes, die prinzipiell nicht dem Be-
schwerdeführer zu Last gelegt werden könnten, sei die eigentliche famili-
äre Trennung im Jahre 2007 ihm sehr wohl vorzuhalten, auch wenn er sich
bemüht haben solle, die Beziehung zu den Kindern bis zur Ausreise auf-
rechtzuerhalten. Zudem sei er augenscheinlich noch in Eritrea, demnach
vor der Flucht, eine neue Beziehung eingegangen. In Äthiopien wolle er
seine aktuelle Partnerin, mit der er heute eine Heirat anstrebe, kennenge-
lernt haben. Durch das Eingehen zweier Beziehungen vor und während
der Flucht habe er zu erkennen gegeben, dass er damals zeitweise nicht
mehr gewillt gewesen sei, die vorbestandene erste Beziehung mit der
Kindsmutter beziehungsweise mit den Kindern B._, C._ und
G._ aufrechtzuhalten. Mit G._ habe er erst Jahre später,
zwischen 2016 und 2018, wieder die Beziehung telefonisch aufgenommen,
aber seither wieder abgebrochen. G._ habe damals als einziger ein
Mobiltelefon besessen. Der Beschwerdeführer habe aber offenbar nicht mit
den anderen Kindern gesprochen, die ebenfalls bei der Kindsmutter zu-
hause gewesen sein sollen. Erst ab Oktober 2018, nachdem B._
und C._ Eritrea verlassen hätten, habe er die Beziehung mit diesen
Kindern aufgenommen. Die eingereichten Belege würden jedoch bloss ein-
zelne Kontakte im Jahre 2019 aufzeigen. Dass er sie heute regelmässig
mit Geldüberweisungen unterstütze, lasse, wie sein Besuch in Äthiopien
im Jahre 2019, vermuten, dass er die Beziehung mit B._ und
C._ wiederaufgenommen habe. Durch das Eingehen zweier Bezie-
hungen während und nach der Ausreise ab 2010 und neuen Familiengrün-
dungen habe er jedoch zu erkennen gegeben, dass er eine gewisse Zeit
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mit seiner ersten Familie die Beziehung abgebrochen und sie weder finan-
ziell noch affektiv unterstützt habe. Davon zeuge gerade die jahrelange
kontaktlose Zeit. Indes diene das Familienasyl nicht dazu, in der Vergan-
genheit abgebrochene Beziehungen wiederaufzunehmen. Schliesslich
liege zwar eine Einwilligungserklärung der Kindsmutter zum beantragten
Familiennachzug vor, indes solle offenbar der volljährige Verwandte
D._ das Sorgerecht für die Kinder B._ und C._ inne-
haben. Nach dem Gesagten würden sich weitere Instruktionsmassnahmen
hinsichtlich Vorbehalte gegen eine Einreise oder der Familien- und Ab-
stammungsverhältnisse erübrigen.
3.3 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, die Trennung von der
Kindsmutter sei nicht gleichzusetzen mit der Trennung von den gemeinsa-
men Kindern. Der Beschwerdeführer habe stets ausführlich ausgeführt,
wie er sich trotz Trennung von der Kindsmutter um seine Kinder gekümmert
habe, dies sowohl in emotional/affektiver als auch in finanzieller Hinsicht.
Trotz Militärdienst habe er seine wenigen Urlaube stets bei seinen Kindern
verbracht. Da seine Ex-Partnerin ihn ab der Trennung nicht mehr im Haus
habe übernachten lassen, habe er in einem Bett im Hof geschlafen. Als die
Kindsmutter kurz vor seiner Ausreise – und demnach einige Jahre nach
ihrer Trennung – habe hospitalisiert werden müssen, habe er das Militär
um Urlaub ersucht, damit er sich um die Kinder habe kümmern können.
Die Kinder hätten den grössten Teil seines Soldes erhalten. Im Militärurlaub
sei er anderweitigen Arbeitstätigkeiten nachgegangen und habe mit sei-
nem Lohn die Kinder unterstützt. Wenn er erfahren habe, dass seine Kin-
der an Hunger gelitten hätten, habe er seine Einheit verlassen, um als Mau-
rer einen Zusatzverdienst zu erzielen. Er habe manchmal auch länger als
zulässig bei ihnen verweilt, um sie zu unterstützen, und habe dafür sogar
Gefängnisaufenthalte in Kauf genommen. Aus seinen Ausführungen sei er-
sichtlich, dass er bis zu seiner Ausreise aus Eritrea und somit bis zur Tren-
nung durch die Flucht eine schützenswerte Beziehung zu seinen Kindern
im Rahmen des Möglichen gepflegt habe. Auch sei nicht ersichtlich, inwie-
fern das Eingehen von zwei neuen Beziehungen während und nach der
Ausreise seine Beziehung zu seinen Kindern beeinflussen sollte. Er habe
zu keinem Zeitpunkt die Kindsmutter in die Schweiz nachziehen wollen,
sondern lediglich seine Kinder. Es sei deshalb irrelevant, zu welchem Zeit-
punkt er die Beziehung zu J._ eingegangen sei. Es sei jedoch da-
rauf hinzuweisen, dass er sie erst auf der Flucht, nämlich in K._,
kennengelernt habe. Des Weiteren habe er sich zwischen 2010 und 2015
auf der Flucht befunden. Er habe nicht freiwillig auf eine aktive Beziehung
zu seinen Kindern verzichtet, denn diese seien während dieses Zeitraums
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bei ihrer Mutter und telefonisch nicht erreichbar gewesen. Die einzige Mög-
lichkeit zu erfahren, wie es ihnen gehe, sei über Personen gewesen, die
seine Kinder gekannt hätten und nach ihm aus Eritrea geflohen seien. Ihm
selbst sei es hingegen nicht möglich gewesen, seine Kinder zu benachrich-
tigen. Es sei ihm deshalb aufgrund der Umstände schlicht nicht möglich
gewesen, seinen Kindern affektive oder emotionale Unterstützung zu bie-
ten, geschweige denn, finanzielle Hilfe zu leisten. Im Weiteren lasse sich
den Akten klar entnehmen, dass er nach seiner Ankunft in der Schweiz
mehrmals mit allen Kindern in Kontakt gestanden habe. G._ habe
dann im Jahre 2017 nach H._ einrücken müssen, wohin er auch
sein Mobiltelefon mitgenommen habe. So habe für ihn erst ab Oktober
2018, nachdem B._ und C._ Eritrea verlassen hätten, wie-
der die Möglichkeit bestanden, diese beiden zu kontaktieren, was er denn
auch regelmässig getan habe. Grund für die späte Ausreise der beiden
Kinder sei einerseits die Gefährlichkeit einer illegalen Ausreise und ande-
rerseits der neu abgeschlossene Freundschaftsvertrag zwischen Äthiopien
und Eritrea gewesen, welcher Besuche in Äthiopien wieder ermöglicht
habe. Er habe im Oktober 2018 sofort die Rechtsberatungsstelle aufge-
sucht, um eine Gesuch um Familienvereinigung einzureichen. Aufgrund
fehlender Dokumente und personeller Engpässe habe dies jedoch erst im
November 2019 erfolgen können. Dies könne ihm nicht zur Last gelegt
werden, denn er sei stets bemüht gewesen, dieses Verfahren zu beschleu-
nigen. Seit Oktober 2018 könne er wieder intensiv die Beziehung zu seinen
Kindern pflegen, manchmal sogar zwei Mal täglich. Ausserdem habe er im
August 2019 seine beiden Kinder in Äthiopien besuchen können. Schliess-
lich habe es die Vorinstanz unterlassen, das Kindswohl zu berücksichtigen.
Es sei unter diesem Aspekt unerlässlich, dass die beiden Kinder bei ihrem
Vater in der Schweiz leben. Die Kindsmutter, welche nach Eritrea zurück-
gekehrt sei, sei gesundheitlich sehr angeschlagen und könne sich seit Jah-
ren nicht ausreichend um die Kinder kümmern. Diese würden nun in Äthi-
opien bei ihrem Halbbruder D._ leben, der jedoch selbst noch jung
sei. Zudem sei dies nur als Übergangslösung gedacht gewesen. Er (der
Beschwerdeführer) mache sich grosse Sorgen um seine Kinder. Kürzlich
seien äthiopische Soldaten in ihre Wohnung einmarschiert und hätten die
Scheiben kaputtgemacht. Dort zu bleiben, sei keine dauerhafte Lösung.
Die Kinder würden dort nicht zur Schule gehen und hätten keine Aussicht
auf einen Beruf. Eine Einwilligungserklärung von D._, welche nun
das Sorgerecht innehabe, könne problemlos eingeholt werden.
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3.4 In seiner Vernehmlassung bezweifelt das SEM, ob es in B._s
und C._s – Erstere an der Schwelle zur Volljährigkeit – Interesse
sein könne, sie aus dem eritreischen und äthiopischen Kontext der Mutter
beziehungsweise des Halbbruders D._ zu lösen, um sie in der
Schweiz notabene in eine andere Kernfamilie einzuführen. Sodann liege
zurzeit keine Einwilligungserklärung von D._ vor. Eine Einverständ-
niserklärung der Mutter reiche nicht. Die der Beschwerde beigelegten Fo-
tos seien nicht geeignet, den behaupteten Überfall von äthiopischen Sol-
daten auf die Unterkunft der Kinder zu belegen. Es werde auch nicht weiter
ausgeführt, was überhaupt vorgefallen sei und weshalb dieser Vorfall für
die Kinder oder den Vater weiterhin besorgniserregend sein solle. Dass die
Mutter sehr angeschlagen sein solle, sei nicht weiter belegt worden. Ihre
Reise nach E._ und angebliche Rückreise nach Eritrea würden dies
zumindest als fraglich erscheinen lassen. Daneben sei festzuhalten, dass
der Beschwerdeführer nach der Trennung zwar beide Kinder bis zu seiner
Flucht aus Eritrea besucht und sie auch finanziell unterstützt haben wolle,
aber sich schliesslich während Jahren nicht mehr um sie gekümmert habe,
geschweige denn sie beziehungsweise deren Mutter über seinen Ent-
schluss, Eritrea zu verlassen, in Kenntnis gesetzt habe. Schliesslich seien
den Akten keinerlei Hinweise zu entnehmen, dass er sich um andere Kon-
taktformen zu den Kindern bemüht hätte, insbesondere auch dann, als er
sich, wie seine Kinder heute, im Flüchtlingscamp in Äthiopien aufgehalten
habe.
3.5 In der Replik wird ausgeführt, die Kinder würden sich erst seit rund zwei
Jahren in Äthiopien aufhalten, weshalb dieses Land den beiden eher un-
bekannt und nicht vertraut sei. Sie würden dort keine Schulbildung genies-
sen, an der Armutsgrenze leben und unter den Unruhen im Land leiden.
Zudem habe, nachdem die Mutter mittlerweile zurück nach Eritrea gereist
sei, vor nicht allzu langer Zeit die Hauptbetreuungsperson gewechselt.
D._ sei noch jung, weshalb es höchst fraglich erscheine, ob er eine
Vaterrolle für die beiden einnehmen könne und wolle. Schliesslich habe er
die Kinder bei sich aufgenommen im Wissen, dass diese zu ihrem Vater
weiterreisen sollten. Die Kinder würden somit über kein stabiles familiäres
Netzwerk vor Ort verfügen und es entspreche keinesfalls dem Kindswohl,
sie in Äthiopien beziehungsweise in Eritrea zu belassen. Eine Eingliede-
rung in der Schweiz hätte die beste Auswirkung auf das Kindswohl. Zudem
würde eine Teilnahme am Leben und Alltag der hiesigen Familie Stabilität
und Sicherheit ins Leben von C._ und B._ bringen. Die Vo-
rinstanz habe den Wunsch der Kinder, bei ihrem Vater zu leben, ignoriert.
Zusätzlich habe sie den fehlenden Zugang zu Bildung nicht berücksichtigt.
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Die eingereichten Fotos sollten lediglich bestätigen, wie prekär es um das
Wohl der Kinder stehe. Der Beschwerdeführer sei daran, eine Einverständ-
niserklärung von D._ einzuholen. Es werde nochmals festgehalten,
dass er nicht freiwillig jahrelang auf eine aktive Beziehung und Unterstüt-
zung verzichtet habe. Mit seiner Entscheidung, den Kindern und der Kinds-
mutter nichts über die bevorstehende Flucht zu erzählen, habe er seine
Familie und sich selbst schützen wollen. Ausserdem habe er seine Kinder
nicht damit belasten wollen, dass sie einander für längere Zeit nicht mehr
sehen könnten. Er habe sich in der Folge der einzigen Möglichkeit bedient,
die ihm damals zur Verfügung gestanden habe, um etwas über seine Kin-
der zu erfahren. Wie er ansonsten mit seinen Kindern hätte in Kontakt tre-
ten sollen, sei nicht ersichtlich.
3.6 In seiner zweiten Vernehmlassung hält das SEM daran fest, dass ab
August 2015 gar kein direkter Kontakt mit den Nachzuziehenden stattge-
funden haben. Auch wäre es dem Beschwerdeführer durchaus zumutbar
gewesen, anderweitig sein Gesuch im Oktober 2018 zeitnaher einzu-
reichen, nachdem die Nachzuziehenden in Äthiopien angekommen seien
und danach der Kontakt wieder regelmässig stattgefunden habe. Dass vor-
liegend gerade nicht von einer nach aussen glaubhaft gemachten, erkenn-
baren Aufrechterhaltung einer Vater-Kind-Beziehung ausgegangen werden
dürfe, sei demnach einerseits auf inexistente direkte und regelmässige
Kontakte zwischen 2010 und 2015 oder sogar bis 2018 zurückzuführen.
Auch würden die klaren Aussagen der Ehefrau, mit der der Beschwerde-
führer im Jahre 2014 in E._ ein Konkubinat gegründet habe, zeigen,
dass in den vergangenen Jahren wohl nicht von einer erkennbaren Vater-
Kind-Beziehung auszugehen sei. In ihrer Bundesanhörung vom 14. Feb-
ruar 2017 habe sie nämlich erklärt, dass der Vater jene Kinder nicht unter-
stütze und mit diesen nur einmal einen (direkten) Kontakt gehabt habe. Es
werde nicht deutlich, weshalb ihm der Kontakt in all diesen Jahren, bei-
spielsweise von E._ oder später von der Schweiz aus, überhaupt
nicht beziehungsweise nicht regelmässig und direkt mit den Nachzuzie-
henden möglich gewesen wäre, zumal diese in der Stadt L._ gelebt
hätten. Die zeitliche Länge der Trennung bis zur Wiederaufnahme von er-
kennbaren, regelmässigen und direkten Beziehungen von immerhin bei-
nahe acht Jahren, in denen er andere affektive familiäre Beziehungen ein-
gegangen sei, spreche klarerweise von einer hier zeitweise abgebroche-
nen Vater-Kind-Beziehung auch aus anderen als nur durch Flucht aus Erit-
rea bedingten Gründen. Schliesslich sei Art. 8 EMRK nicht anwendbar,
wenn der Familiennachzug nach Art. 51 AsylG abgelehnt werde.
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3.7 Der Beschwerdeführer lässt in der erneuten Stellungnahme ausführen,
dass er auf seinem Weg nach Europa alle ihm zur Verfügung stehenden
Mittel und Wege komplett ausgeschöpft habe, um zu erfahren, wie es sei-
nen Kindern gehe beziehungsweise um wenigstens indirekt mit ihnen in
Kontakt zu stehen. Es sei sodann nicht verständlich, weshalb das SEM
weiterhin davon ausgehe, das Eingehen neuer Beziehungen, aus denen
auch Kinder entstammen würden, würde einen Bruch in der Beziehung zu
B._ und C._ beweisen. Dass er bei der Wiederaufnahme
des Kontakts im Jahre 2015 jeweils mit allen Kindern in Kontakt gestanden
habe, ergebe sich klar aus den Akten beziehungsweise aus dem Anhö-
rungsprotokoll. Er habe in diesem Zusammenhang stets in der Mehrzahl
von seinen Kindern gesprochen. Das Gesuch um Familiennachzug habe
er nicht zu einem früheren Zeitpunkt selbständig einreichen können, da er
die Landessprachen zu wenig beherrsche. Er sei jedoch immer wieder zur
Rechtsberatungsstelle gekommen und habe sich über den Stand des Ver-
fahrens erkundigt. Die Aussagen der heutigen Ehefrau würden nicht auf
eine fehlende Vater-Kind-Beziehung hinweisen. Ihre Aussagen würden
vielmehr mit dem bereits Gesagten übereinstimmen, wonach die Vater-
Kind-Beziehung vor der Flucht intakt gewesen sei und er (der Beschwer-
deführer) den Willen gehabt habe, seine Kinder grosszuziehen, was durch
seinen Militärdienst verunmöglicht worden sei. Was die fehlende Unterstüt-
zung angehe, habe sich die Ehefrau offensichtlich auf finanzielle Unterstüt-
zung bezogen. Eine solche sei im Jahre 2017 schlicht nicht möglich gewe-
sen, da er noch im Asylverfahren und seine Kinder noch in Eritrea gewesen
seien. Auch was den Kontakt mit seinen Kindern anbelange, bestätige die
Ehefrau lediglich das bereits Gesagte. Aus ihrer Aussage könne nicht ge-
schlossen werden, er habe nur einmal direkten Kontakt zu seinen Kindern
gehabt. Aus dem Protokoll sei zudem nicht ersichtlich, auf welchen Zeit-
raum sich die Frage beziehungsweise die Antwort beziehe. Ferner handle
es sich hierbei um Aussagen einer Drittperson zur Beziehung zwischen
zwei anderen Parteien, weshalb den Aussagen kein hoher Beweiswert zu-
erkannt werden könne. Dem SEM scheine im Allgemeinen wohl nicht be-
wusst zu sein, dass es in Eritrea auch heute noch schwierig sei, jemanden
telefonisch zu erreichen. Internet gebe es kaum. Es sei weltfremd, ihm vor-
zuwerfen, er hätte auf seiner Flucht beziehungsweise in der Zeit, als sich
seine Kinder noch in Eritrea befunden hätten, regelmässiger mit ihnen Kon-
takt haben können. Schliesslich sei zu betonen, dass es sich beim Fami-
lienasyl um ein Recht von minderjährigen Kindern von Flüchtlingen handle,
welches nur unter besonderen Umständen eingeschränkt werden könne.
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Seite 12
4.
4.1 Gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG werden – unter dem Titel Familienasyl –
namentlich Ehegatten und minderjährige Kinder von Flüchtlingen ihrerseits
als Flüchtlinge anerkannt und erhalten Asyl in der Schweiz, wenn keine
besonderen Umstände dagegensprechen. Wurden die anspruchsberech-
tigten Personen nach Absatz 1 durch die Flucht getrennt und befinden sie
sich im Ausland, so ist ihre Einreise auf Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51
Abs. 4 AsylG).
4.2 Zentrale Bedingung für den Einbezug in die Flüchtlingseigenschaft ist,
dass bereits vor der Flucht aus dem Verfolgerstaat eine Familiengemein-
schaft zwischen der gesuchstellenden und der anspruchsberechtigten Per-
son bestanden hat (vgl. dazu die Botschaft zur Totalrevision des AsylG so-
wie zur Änderung des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung
der Ausländer vom 4. Dezember 1995, BBl 1996 II 1 ff., insb. S. 68). Zweck
der Bestimmung von Art. 51 Abs. 4 AsylG ist die Wiedervereinigung von
vorbestandenen Familiengemeinschaften, sofern die Gemeinschaft alleine
aufgrund der Fluchtumstände und somit unfreiwillig getrennt wurde. Das
Familienasyl dient weder der Aufnahme von neuen respektive von zuvor
noch gar nicht gelebten familiären Beziehungen noch der Wiederaufnahme
von zuvor abgebrochenen Beziehungen (vgl. BVGE 2012/32 E. 5.4.2
m.w.H.).
4.3 Dem Einbezug in das Familienasyl nach Art. 51 Abs. 4 AsylG können
dem Wortlaut von Art. 51 Abs. 1 AsylG nach, auf welchen Absatz 4 ver-
weist, "besondere Umstände" entgegenstehen. Bei diesen handelt es sich
um einen unbestimmten, durch die Praxis konkretisierten Rechtsbegriff,
dessen Zweck darin besteht, Missbrauchstatbestände zu unterbinden und
den Behörden die Möglichkeit einzuräumen, Personen kein Asyl zu gewäh-
ren, die in objektiver Hinsicht des spezifischen Schutzes des Asyls nicht
bedürfen (vgl. Botschaft zur Totalrevision des Asylgesetzes sowie zur Än-
derung des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der Aus-
länder vom 4. Dezember 1995, BBl 1996 II S. 69 f.; vgl. auch
BVGE 2015/40 E. 3.4.4.3). "Besondere Umstände" sind beispielsweise an-
zunehmen, wenn das Familienmitglied Bürger eines anderen Staats als der
Flüchtling ist und die Familie in diesem Land nicht gefährdet ist, wenn der
Flüchtling seinen Status derivativ erworben hat, oder wenn das Familien-
leben während einer längeren Zeit nicht gelebt wurde und erkennbar ist,
dass die Familienmitglieder nicht den Willen haben, als Familie zusammen-
zuleben (vgl. zum Ganzen BVGE 2012/32 E. 5.1).
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Seite 13
5.
Der Beschwerdeführer ist in der Schweiz als Flüchtling anerkannt und er-
hielt Asyl. Die Tochter B._ war zum massgeblichen Zeitpunkt der
Gesuchseinreichung minderjährig und der Sohn C._ ist es nach wie
vor, womit beide Kinder, mit welchen die Familienzusammenführung statt-
finden soll, grundsätzlich in den Anwendungsbereich für die Familienzu-
sammenführung im Rahmen von Art. 51 AsylG fallen.
6.
Allein aus dem Umstand, dass die Beziehung des Beschwerdeführers zur
Mutter von B._ und C._ bereits im Jahre 2007 in die Brüche
ging, lässt sich im vorliegenden Fall nichts zu Ungunsten des Beschwer-
deführers ableiten. Eine Trennung oder Scheidung der Eltern beendet eine
Eltern-Kind-Beziehung nämlich nicht zwangsläufig und kann nach wie vor
bestehen oder im Aufbau begriffen sein, auch wenn sie nicht mehr im glei-
chen Haushalt gelebt wird. Es muss aber eine in emotionaler und finanzi-
eller Hinsicht hinreichend enge Beziehung zwischen dem Kind und dem in
der Schweiz originär als Flüchtling anerkannten Elternteil glaubhaft ge-
macht werden (vgl. Urteil des BVGer D-5110/2019 vom 5. Februar 2020
E. 3). Vorliegend ist dem Anhörungsprotokoll zu entnehmen, dass der Be-
schwerdeführer auch nach der Trennung von seiner damaligen Partnerin
sämtliche Urlaube vom Militärdienst bei den Kindern verbrachte. Zwar liess
ihn seine Ex-Partnerin nicht mehr ins Haus, sodass er in einem Bett im Hof
schlafen musste (vgl. Akten SEM A18/28 F25 f.). Gemäss seinen glaubhaf-
ten Ausführungen war es ihm trotz dieser Umstände und seiner seltenen
Militärurlaube möglich, sich bis zu seiner Ausreise um seine Kinder zu küm-
mern und zu ihnen eine schützenswerte Beziehung zu pflegen. Dies mani-
festiert sich unter anderem im Umstand, dass er sich kurz vor seiner Aus-
reise um einen Kurzurlaub vom Militärdienst bemühte, um sich während
eines Spitalaufenthalts seiner Ex-Partnerin um seine Kinder kümmern zu
können (vgl. Akten SEM A18/28 F113). Auch unterstützte er seine Familie
finanziell, indem er ihr jeden Monat einen grossen Teil seines Soldes zu-
kommen liess und während seiner Urlaube anderweitigen Arbeitstätigkei-
ten nachging, um Geld für die Familie zu verdienen. Überdies verliess er
zwei Mal unerlaubterweise den Militärdienst, um Geld zu verdienen, als er
hörte, dass seine Kinder hungerten (vgl. Akten SEM A18/28 F26, F90 und
F92 ff.). Dass der Beschwerdeführer seine Kinder und Ex-Partnerin nicht
über seine bevorstehende Ausreise informierte, erfolgte offensichtlich auch
zu deren Schutz und zeugt nicht von einem Desinteresse an beziehungs-
weise einer fehlenden Beziehung zu seinen Kindern. Zum Zeitpunkt, als
der Beschwerdeführer nach seinem letzten Urlaub bei der Familie in den
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Militärdienst zurückkehrte beziehungsweise als er kurz darauf aus Eritrea
flüchtete (vgl. Akten SEM A18/28 F141 ff.), manifestierte sich demnach
eine dauerhafte und nach aussen gelebte Familiengemeinschaft zwischen
dem Beschwerdeführer und seinen Kindern B._ und C._.
7.
7.1 Im Rahmen der Prüfung des Vorliegens von "besonderen Umständen"
im Sinne von Art. 51 Abs. 1 AsylG ist dem Beschwerdeführer zunächst da-
rin zuzustimmen, dass allein durch das Eingehen weiterer Beziehungen
und die Geburten weiterer Kinder nach seiner Flucht aus Eritrea nicht der
Schluss gezogen werden darf, er sei damals nicht mehr gewillt gewesen,
die Beziehung zu seinen Kindern B._ und C._ aufrecht zu
erhalten. Es spielt demnach auch keine Rolle, ob er die Beziehung zu
J._ vor oder während der Flucht aus Eritrea eingegangen ist, wes-
halb auf diese Frage nicht weiter einzugehen ist.
7.2 Sodann erscheint plausibel, dass dem Beschwerdeführer während sei-
nes mehrjährigen Aufenthalts in Äthiopien nur die Möglichkeit blieb, über
nach ihm geflohene Personen zu erfahren, wie es den Kindern gehe, zumal
bis zum Friedensschluss zwischen Eritrea und Äthiopien im Jahre 2018
weder eine Telefonverbindung noch Briefverkehr zwischen den beiden
Ländern existierten (vgl. NZZ, Flucht aus dem Kasernenstaat: Für viele
Eritreer war der Friedensschluss mit Äthiopien wie der Fall der Berliner
Mauer, 20. Februar 2019, https://www.nzz.ch/international/flucht-aus-dem-
kasernenstaat-ld.1458335). Was die Zeit nach der Einreise in die Schweiz
anbelangt, geht das Gericht aufgrund der Formulierungen beziehungs-
weise der Verwendung der Pluralform anlässlich der Anhörung vom 5. Mai
2017 davon aus, dass der Beschwerdeführer bis zum Einrücken des Soh-
nes G._ nach H._ im Jahre 2017 nicht nur mit diesem, son-
dern auch mit B._ und C._ telefonischen Kontakt hatte (vgl.
Akten SEM A18/28 F11 und F15). Eine finanzielle oder anderweitige Un-
terstützung dürfte in dieser Zeit tatsächlich nicht möglich gewesen sein. Es
erscheint auch nicht gerechtfertigt, die Aussage der Partnerin, der Be-
schwerdeführer habe seine Kinder "einmal" angerufen, wörtlich zu neh-
men, zumal diese Formulierung Raum für Interpretation lässt. Dennoch
stellt sich die Frage, weshalb bis zum Einrücken G._s nach
H._ nur wenige telefonische Kontakte möglich gewesen seien. Den
Akten sind diesbezüglich keine Antworten zu entnehmen; jedoch ist davon
auszugehen, dass mutmasslich die Kosten einen massgeblichen Faktor
dargestellt haben dürften. Überdies verfügten im Jahre 2016 erst wenige
eritreische Haushalte über einen Festnetzanschluss oder über Zugang zu
https://www.nzz.ch/international/flucht-aus-dem-kasernenstaat-ld.1458335 https://www.nzz.ch/international/flucht-aus-dem-kasernenstaat-ld.1458335
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Internet (vgl. Telekommunikation in Eritrea, https://www.laenderda-
ten.info/Afrika/Eritrea/telekommunikation.php; vgl. auch CIA World Fact-
book, Eritrea Communications 2020, https://theodora.com/wfbcurrent/erit-
rea/eritrea_communications.html). Allgegenwärtige internationale Tele-
kommunikation war im fraglichen Zeitraum zweifellos auch in einer Stadt
wie L._ noch keine Selbstverständlichkeit.
7.3 Dass die Kindsmutter und die Kinder erst im Oktober 2018 nach Äthio-
pien ausreisten, ist zwar unbelegt. Jedoch erscheint der Zeitpunkt durch-
aus plausibel, zumal mit dem kurz zuvor abgeschlossenen Friedensvertrag
zwischen Äthiopien und Eritrea der Grenzübertritt gefahrlos möglich ge-
worden war. Auch die dargelegten gesundheitlichen Probleme der Kinds-
mutter sind als glaubhaft zu qualifizieren, zumal sie der Beschwerdeführer
bereits in seiner Anhörung vom 5. Mai 2017 erwähnte (vgl. Akten SEM
A18/28 F14). Zudem reiste die Mutter mit ihren Kindern nicht nach
E._, sondern ins deutlich näher gelegene Flüchtlingslager (...). Die
Übersiedlung der Kinder nach E._ erfolgte den Akten zufolge erst
nach der Rückreise der Mutter (vgl. Gesuch vom 6. November 2019). Wei-
ter wird auch vom SEM nicht ernsthaft in Frage gestellt, dass der Be-
schwerdeführer seit der Ankunft von B._ und C._ in Äthio-
pien regelmässigen Kontakt zu diesen pflegt und sie auch finanziell unter-
stützt. Dass der Kontaktverlauf auf dem Mobiltelefon des Beschwerdefüh-
rers aus technischen Gründen nicht verfolgt werden kann, erscheint durch-
aus möglich. Belegt ist dagegen aufgrund der eingereichten Reiseunterla-
gen ein mehrwöchiger Aufenthalt in Äthiopien im August 2019, wo der Be-
schwerdeführer seine Kinder in M._ getroffen habe.
7.4 Der Beschwerdeführer bemühte sich sodann glaubhaft darum, das
Verfahren um Familienzusammenführung zu beschleunigen. Laut Eingabe
seines Rechtsvertreters an das SEM vom 16. Dezember 2019 wollte er be-
reits im Jahre 2017 seine Kinder nachziehen, wobei ihm mitgeteilt worden
sei, dies mache keinen Sinn, solange sich diese noch in Eritrea befinden
würden. Nach der Ankunft der Kinder in Äthiopien teilte der Rechtsvertreter
dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom 31. Oktober 2018 mit, dass ein
Gesuch um Familiennachzug nur erfolgreich sein könne, wenn er eine Ein-
verständniserklärung der Mutter die Übersiedlung der Kinder in die
Schweiz betreffend vorweisen könne. Nachdem die Kindsmutter diese Er-
klärung im April 2019 verfasst hatte, wurde das Gesuch aufgrund perso-
neller Engpässe bei der Rechtsberatungsstelle erst im November 2019 ge-
https://www.laenderdaten.info/Afrika/Eritrea/telekommunikation.php https://www.laenderdaten.info/Afrika/Eritrea/telekommunikation.php
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stellt, welche Verzögerung nicht dem Beschwerdeführer persönlich anzu-
lasten ist. Im Verlaufe des Beschwerdeverfahrens bemühte er sich sodann
erfolgreich um eine Einverständniserklärung von D._.
7.5 Nach dem Gesagten ergibt sich, dass trotz gewisser Zweifel wohl nicht
von einer in der Vergangenheit freiwillig abgebrochenen Beziehung zwi-
schen dem Beschwerdeführer und seinen Kindern B._ und
C._ auszugehen ist. Dennoch gelangt das Bundesverwaltungsge-
richt zum Schluss, dass besondere Umstände nach Art. 51 Abs. 1 AsylG
vorliegen, die gegen die asylrechtliche Familienzusammenführung spre-
chen. Das Institut des Familienasyls (Art. 51 Abs. 1 AsylG) verfolgt nämlich
zwei Ziele: Einerseits trägt es dem Recht auf Familienleben Rechnung
(Art. 8 EMRK), indem eine Familienzusammenführung ermöglicht wird. An-
derseits dient es aber gemäss den Materialien auch dem Schutz von Fa-
milienmitgliedern eines Flüchtlings, zumal – unabhängig von der Erfüllung
der Flüchtlingseigenschaft in eigener Person – davon ausgegangen wird,
dass sie unter der Verfolgung des als Flüchtling anerkannten Familienmit-
glieds im Heimatstaat mitgelitten haben oder selbst der Gefahr der Verfol-
gung ausgesetzt waren (vgl. Urteil des BVGer E-6880/2014 vom 29. No-
vember 2017 E. 4.3.1 m.w.H.). Vorliegend konnte die Vater-Kind-Bezie-
hung während vieler für B._ und C._ prägender Jahre nicht
im Sinne einer effektiven Familiengemeinschaft gelebt werden. Die Kinder
waren zum Zeitpunkt der Flucht ihres Vaters im Jahre 2010 (...) respektive
(...) Jahre alt und lebten in der Folge bis 2019 mit ihrer Mutter als Haupt-
bezugsperson. Zwischen dem Beschwerdeführer und seinen Kindern be-
standen jahrelang gar keine respektive kaum Kommunikationsmöglichkei-
ten (vgl. E. 7.2). Regelmässige Kontakte konnten erst nach der Ankunft von
B._ und C._ in Äthiopien im Oktober 2018 aufgenommen
werden. Das erste und einzige Wiedersehen nach 2010 fand aufgrund der
Akten im August 2019 statt, als sich der Beschwerdeführer besuchshalber
für einen Monat in Äthiopien aufhielt. Trotz des glaubhaft gemachten heu-
tigen regelmässigen mündlichen und schriftlichen Austauschs und der fi-
nanziellen Unterstützung ist die Beziehung zwischen dem Beschwerdefüh-
rer und seinen Kindern nach der langen Zeit der Trennung und aufgrund
der räumlichen Distanz offensichtlich erst im Aufbau begriffen. Dass der
Beschwerdeführer die Hauptbezugsperson von B._ und C._
ist, kann daher auch vor dem Hintergrund, dass die Kinder heute ohne ihre
Mutter in Äthiopien leben und ihr Halbbruder D._ das Sorgerecht
abgegeben hat, nicht angenommen werden. Der Beschwerdeführer seiner-
seits lebt in der Schweiz zusammen mit seiner den Kindern nur über Tele-
kommunikationsmittel bekannten Ehefrau, aus welcher Beziehung drei
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noch kleine Kinder hervorgegangen sind. Nach dem Gesagten erscheint
fraglich, ob vorliegend überhaupt eine eigentliche Familienvereinigung an-
gestrebt wird. Offenkundig steht eine solche zumindest nicht im Vorder-
grund, sondern vielmehr der (verständliche) Wunsch, B._ und
C._ eine in wirtschaftlicher Hinsicht – vermeintlich – bessere Zu-
kunft in der Schweiz zu ermöglichen. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen,
dass eine Einreise in die Schweiz die bald (...)-jährige B._ und den
15-jährigen C._ mit grosser Wahrscheinlichkeit vor wesentliche In-
tegrationsprobleme stellen würde. Lediglich der Vollständigkeit halber ist
zu ergänzen, dass für die Annahme, B._ und C._ hätten in
Eritrea unter der Verfolgung ihres Vaters mitgelitten oder seien selbst der
Gefahr der Verfolgung ausgesetzt gewesen, kein Anlass besteht. Aufgrund
einer Gesamtabwägung bestehen somit besondere Umstände nach Art. 51
Abs. 1 AsylG, die gegen eine Familienzusammenführung in der Schweiz
sprechen. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen auf Beschwer-
deebene, insbesondere zur – zweifellos schwierigen – Situation von
B._ und C._ in Äthiopien, näher einzugehen, da sie an der
vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts nichts zu ändern vermögen.
Immerhin ist festzustellen, dass sich B._ und C._ in Äthio-
pien in ihrem gewohnten kulturellen Umfeld befinden und auch ihr Halbbru-
der D._ dort lebt. Zudem könnte die unterdessen volljährige
B._, wenn erforderlich, das Sorgerecht für ihren jüngeren Bruder
übernehmen.
7.6 Sind die Voraussetzungen des Familienasyls im Sinne von Art. 51
AsylG nicht erfüllt, findet Art. 8 EMRK keine ergänzende Anwendung (vgl.
etwa Urteil des BVGer D-1831/2017 vom 19. Februar 2020 E. 4.4). Ferner
vermag auch – in Bezug auf den noch minderjährigen C._ – die
Anwendung der KRK nichts an obiger Einschätzung zu ändern, da diese
weder dem Kind noch seinen Eltern ein Recht zur Einreise und zum Auf-
enthalt der Schweiz im Sinne einer Familienzusammenführung gewährt
(vgl. Botschaft des Bundesrats betreffend den Beitritt der Schweiz zum
Übereinkommen von 1989 über die Rechte des Kindes vom 29. Juni 1994
BBl 1994 V 1 ff., bezüglich Art. 10 KRK S. 33 ff. und 73 f.; BGE 126 II 377
E. 5d S. 392; 124 II 361 E. 3b S. 367).
7.7 Zusammenfassend ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen,
dass die Voraussetzungen für die asylrechtliche Familienzusammenfüh-
rung gemäss Art. 51 Abs. 1 und 4 AsylG nicht erfüllt sind, und das SEM im
Ergebnis zu Recht die Einreise in die Schweiz nicht bewilligt und die Asyl-
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gesuche abgelehnt hat. Dem Beschwerdeführer bleibt es jedoch unbenom-
men, nach Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen bei den dafür zu-
ständigen kantonalen Migrationsbehörden ein Gesuch um Familiennach-
zug gestützt auf Art. 44 AIG (SR 142.20) einzureichen.
8.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachver-
halt richtig sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Be-
schwerde ist abzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Das Gesuch
um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wurde jedoch mit Ver-
fügung vom 16. September 2020 gutgeheissen. Den Akten sind sodann
keine Hinweise zu entnehmen, dass sich die finanzielle Lage des Be-
schwerdeführers seither geändert hätte. Es sind daher keine Verfahrens-
kosten zu erheben (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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