Decision ID: 75f77c52-cdf6-51f6-9d89-ddb8c49a7e0c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die in der Schweiz wohnhafte Schweizer Staatsbürgerin A._
(nachfolgend: Beschwerdeführerin), geboren 1978, ist die Tochter des am
(...) 1949 geborenen und am (...) September 2017 verstorbenen
B._ sel. (nachfolgend: Versicherter oder Erblasser), Schweizer
Staatsbürger, zuletzt wohnhaft in Brasilien (act. 7, S. 1; act. 9, S. 8), und
dessen ersten Ehefrau, C._, geboren 1947, verstorben 2009 (act.
9, S. 1). Aus dieser Ehe stammt eine weitere Tochter; D._, geb.
1979. Seit 9. Juli 2011 war der Versicherte in zweiter Ehe verheiratet mit
E._ (nachfolgend: Witwe), geboren 1980, brasilianische Staatsan-
gehörige und wohnhaft in Brasilien (act. 9, S. 7, 9, 12 ff.).
B.
B.a Am 4. April 2014 meldete sich der damals noch in der Schweiz (...)
wohnhafte Versicherte zum Bezug einer Altersrente der schweizerischen
Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) an. Die zuständige Aus-
gleichskasse F._ sprach dem Versicherten mit Verfügung vom
16. April 2014 eine ordentliche AHV-Altersrente in Höhe von monatlich
Fr. 2'265.- mit Wirkung ab 1. August 2014 zu (vgl. act. 15, S. 23 ff.). Nach-
dem sich der Versicherte am 31. März 2014 beim Einwohneramt (...) per
30. Juni 2014 nach Brasilien abgemeldet hatte (act. 10, S. 8), überwies die
Ausgleichskasse F._ am 5. August 2014 die Rentenakten des Ver-
sicherten zuständigkeitshalber an die Schweizerische Ausgleichskasse
(nachfolgend: SAK oder Vorinstanz) und hielt fest, dass dem Versicherten
die Altersrente für den Monat August 2014 bereits ausgerichtet worden sei
(vgl. act. 6). Am 18. August 2014 teilte die SAK dem Versicherten mit, dass
er ab 1. September 2014 (weiterhin) Anspruch auf eine ordentliche Alters-
rente in Höhe von monatlich Fr. 2'265.- habe (act. 18). Die monatliche
Rente wurde dem Versicherten antragsgemäss auf dessen Konto in der
Schweiz bei der G._ (Geschäftsstelle [...], IBAN: CH[...]) ausbe-
zahlt (vgl. act. 18, S. 2; act. 20).
B.b Am 19. Oktober 2017 erhielt die SAK einen Auszug aus dem VERA-
Register, wonach der Versicherte am (...) September 2017 in Brasilien ver-
storben war (act. 38). In der Folge ersuchte die SAK die H._ um
Rückzahlung der am 6. Oktober 2017 auf das G._-Konto des Ver-
sicherten überwiesenen Rentenzahlung für Oktober 2017 in Höhe von Fr.
2'275.-. Die H._ teilte der SAK am 20. November 2017 mit, dass die
C-2838/2019
Seite 3
G._ die beantragte Rückzahlung nicht vornehmen könne, da diese
von den Erben keine entsprechende Ermächtigung erhalten habe (act. 41,
S. 2 f.).
B.c Mit Verfügung vom 13. Dezember 2017 forderte die SAK die in Brasi-
lien wohnhafte Witwe des Versicherten auf, die dem Versicherten für Okto-
ber 2017 bezahlte Altersrente in Höhe von Fr. 2'275.- bis am 31. Januar
2018 zurückzuzahlen bzw. – falls sich das Geld noch auf dem Konto be-
finde – der Bank die Ermächtigung für die Rückzahlung zu erteilen. Zur
Begründung hielt sie fest, dass der Anspruch des Versicherten auf AHV-
Rente per 30. September 2017 erloschen sei. Da die SAK nicht rechtzeitig
über den Todesfall informiert worden sei, seien die Erben verpflichtet, die
unrechtmässig überwiesene Leistung für Oktober 2017 zurückzuerstatten
(act. 44). Gemäss Rückschein der Post wurde der Witwe die Verfügung im
Zeitraum zwischen 14. Dezember 2017 und 31. Januar 2018 zugestellt
(act. 49). Mit Erinnerungsschreiben an die Witwe vom 30. Januar 2018 wie-
derholte die SAK ihre Aufforderung zur Rückzahlung und setzte dafür Frist
bis 28. Februar 2018 (act. 48). In einer internen Notiz vom 19. März 2018
wurde seitens der SAK festgestellt, dass noch keine Rückzahlung erfolgt
sei (act. 50).
B.d Gestützt auf das Ergebnis einer internen juristischen Abklärung vom
26. September 2018 (act. 51) forderte die SAK die Witwe des Versicherten
am 1. Oktober 2018 ein weiteres Mal auf, den Betrag von Fr. 2'275.- innert
30 Tagen zurückzuzahlen (act. 52, 55). Zudem stellte sie am 30. Oktober
2018 der Beschwerdeführerin sowie D._ jeweils eine "Rückerstat-
tungsverfügung" zu, worin sie die Adressatinnen jeweils aufforderte, die
dem Versicherten für Oktober 2017 zu Unrecht bezahlte Altersrente in
Höhe von Fr. 2'275.- bis am 15. Dezember 2018 zurückzuzahlen (act. 64,
65).
B.e Gegen die Verfügung vom 30. Oktober 2018 erhob die Beschwerde-
führerin am 22. November 2018 Einsprache und beantragte sinngemäss
die Aufhebung der Verfügung. Die Rückerstattungsforderung sei gegen-
über der Witwe geltend zu machen. Die Witwe habe bisher die nötigen Pa-
piere bei der Schweizer Botschaft nicht eingereicht. Das Erbschaftsamt
(...) habe nicht aktiv werden können, weshalb ihr kein Erbschein ausge-
stellt worden sei und sie bis zum heutigen Tag rechtlich kein Erbe angetre-
ten habe. Die Witwe habe zudem auch keine Verzichtserklärung betreffend
das Erbe in der Schweiz eingereicht. Nur die Witwe habe die Vollmacht für
sämtliche Konten des verstorbenen Versicherten. Sie habe bis heute keine
C-2838/2019
Seite 4
Einsicht in irgendwelche Kontobewegungen und es werde ihr mangels Erb-
schein jede Auskunft verwehrt (act. 67). Eine inhaltlich identische Einspra-
che wurde am 23. November 2018 von D._ eingereicht (act. 69).
B.f Bezugnehmend auf die Einsprache der Beschwerdeführerin forderte
die SAK diese am 2. April 2019 unter Beilage eines Auszugs aus dem
VERA-Register betreffend den Todesfall des Versicherten auf, bis am
30. April 2019 einen Erbschein einzureichen, ansonsten über die Einspra-
che auf Grund der Akten entschieden werde. Dazu hielt sie fest, dass Ein-
tragungen im VERA-Register der Beweiskraft von Eintragungen in einem
öffentlichen Register gleichkämen, womit es dem Erbschaftsamt möglich
sein sollte, aktiv zu werden (act. 74). Das identische Schreiben mit Beilage
stellte die SAK auch D._ zu (act. 73).
B.g Mit Einspracheentscheid vom 9. Mai 2019 wies die SAK die Einspra-
che der Beschwerdeführerin ab. Zur Begründung führte sie aus, dass mit
dem Tod der rückerstattungspflichtigen Person die Rückerstattungsschuld
– falls die Erbschaft nicht ausgeschlagen worden sei – auf die Erben über-
gehe, dies sowohl nach schweizerischem als auch brasilianischem Recht.
Als Tochter des Versicherten sei die Beschwerdeführerin von Gesetzes we-
gen Erbin. Sie habe die Erbschaft offensichtlich nicht ausgeschlagen, zu-
mindest sei nicht aktenkundig, dass sie die Ausschlagung beim zuständi-
gen Amt der Heimatgemeinde des Verstorbenen erklärt habe. Daher sei
sie zur Rückerstattung des zu Unrecht ausbezahlten Rentenbetrags von
Fr. 2'275.- grundsätzlich verpflichtet. Allerdings handle es sich um eine So-
lidarschuld. So könne sie zwar für die Erbschaftsschulden von den Gläubi-
gern allein in Anspruch genommen werden, könne aber ihrerseits auf die
allfälligen übrigen Erben Rückgriff nehmen (act. 78). Der identische Ein-
spracheentscheid wurde auch D._ zugestellt (act. 77).
C.
Gegen den Einspracheentscheid vom 9. Mai 2019 erhob die Beschwerde-
führerin, vertreten durch André Ziltener, AZ-Management Ziltener, am
8. Juni 2019 (Datum Postaufgabe) Beschwerde beim Bundesverwaltungs-
gericht und beantragte sinngemäss die Aufhebung des Einspracheent-
scheids. Zur Begründung hielt sie fest, dass sie bis zum heutigen Tag keine
Erbschaft angetreten bzw. keine Leistungen der AHV unrechtmässig bezo-
gen habe. Die Witwe verweigere die Zustimmung, auf ihr Erbe in der
Schweiz zu verzichten. Das Erbschaftsamt könne somit nicht tätig werden.
Der Eintrag im VERA-Register werde vom Erbschaftsamt bzw. Zivilstan-
desamt nicht anerkannt. Das Erbschaftsamt bestehe auf einer Bestätigung
C-2838/2019
Seite 5
der Witwe via Schweizerbotschaft in Brasilien, dass diese auf ihr Erbe in
der Schweiz verzichte (Akten im Beschwerdeverfahren [nachfolgend:
BVGer-act.] 1).
D.
Mit Vernehmlassung vom 12. Juli 2019 beantragte die Vorinstanz die Ab-
weisung der Beschwerde. Sie hielt fest, dass der Versicherte gemäss Ein-
trag im VERA-Register am (...) September 2017 verstorben sei. Öffentliche
Register erbrächten für die durch sie bezeugten Tatsachen vollen Beweis,
solange nicht die Unrichtigkeit ihres Inhaltes nachgewiesen sei. Die Un-
richtigkeit des Inhalts sei bisher nicht nachgewiesen worden. Unbelegt sei
auch der Hinweis in der Beschwerde, wonach das VERA-Register vom
Erbschaftsamt nicht anerkannt worden sei. Der Todesfall sei folglich durch
das E-VERA belegt. Durch den Tod des Versicherten seien dessen Schul-
den zu persönlichen Schulden der Beschwerdeführerin geworden, welche
gesetzliche Erbin sei und das Erbe nicht ausgeschlagen habe. Nach dem
vorliegend anwendbaren brasilianischen Recht seien die Kinder als Erben
vorgesehen, sodass mit dem Tod des Erblassers die Rückerstattungs-
schuld auf die Erben übergehe (BVGer-act. 4).
E.
Mit Verfügung vom 18. Juli 2019 wurde der Beschwerdeführerin Gelegen-
heit eingeräumt, bis zum 16. September 2019 eine Replik einzureichen
(BVGer-act. 5). Die Verfügung wurde der Beschwerdeführerin am 19. Juli
2019 zugestellt (BVGer-act. 6). Die Beschwerdeführerin liess sich in der
Folge nicht mehr vernehmen.
F.
Mit Verfügung vom 14. November 2019 wurde die Beschwerdeführerin auf-
gefordert, innert 30 Tagen ab Erhalt der Verfügung eine Sterbeurkunde be-
treffend den Versicherten vorzulegen (Ziff. 2), mitzuteilen, ob der Versi-
cherte ein Testament hinterlassen habe, und bejahendenfalls ein Exemplar
davon innert der genannten Frist vorzulegen (Ziff. 3), sowie mitzueilen, ob
sie die Erbschaft ausgeschlagen habe, und bejahendenfalls die entspre-
chende(n) Ausschlagungserklärung(en) resp. Ausschlagungsurkunde(n)
innert der genannten Frist vorzulegen (Ziff. 4). Die Beschwerdeführerin
wurde gleichzeitig darauf hingewiesen, dass – komme sie den Aufforde-
rungen gemäss Ziff. 2 bis 4 nicht nach – aufgrund der Akten entschieden
werde (BVGer-act. 8). Die Verfügung wurde der Beschwerdeführerin am
20. November 2019 zugstellt (BVGer-act. 9), womit die gesetzte Frist am
6. Januar 2020 (vgl. Art. 20 Abs. 1 und 3 sowie Art. 22a Abs. 1 Bst. c VwVG
C-2838/2019
Seite 6
[SR 172.021]) ablief, ohne dass die Beschwerdeführerin den Aufforderun-
gen nachgekommen ist.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG in Verbindung mit Art. 33 Bst. d VGG und Art. 85bis
Abs. 1 AHVG (SR 831.10) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden von Personen im Ausland gegen Verfügungen bzw. Ein-
spracheentscheide (Art. 5 Abs. 2 VwVG) der Schweizerischen Ausgleichs-
kasse. Eine Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bun-
desverwaltungsgericht ist demnach für die Beurteilung der Beschwerde zu-
ständig.
1.2 Nach Art. 37 VGG richtet sich das Verfahren vor dem Bundesverwal-
tungsgericht nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt.
Das VwVG findet indes keine Anwendung in Sozialversicherungssachen,
soweit das ATSG (SR 830.1) anwendbar ist (Art. 3 Bst. dbis VwVG). Ge-
mäss Art. 1 Abs. 1 AHVG sind die Bestimmungen des ATSG auf die im
ersten Teil geregelte Alters- und Hinterlassenenversicherung anwendbar,
soweit das AHVG nicht ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht.
1.3 Die Beschwerdeführerin, Tochter und (mögliche) Erbin des verstorbe-
nen Versicherten, ist als Adressatin des angefochtenen Einspracheent-
scheids vom 9. Mai 2019 durch diesen berührt und hat ein schutzwürdiges
Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung, so dass sie im Sinne von
Art. 59 ATSG beschwerdelegitimiert ist.
1.4 Da die Beschwerde im Übrigen innert Frist (Art. 60 Abs. 1 ATSG) und
knapp formgerecht (Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereicht wurde, ist darauf ein-
zutreten.
2.
2.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
C-2838/2019
Seite 7
2.2 Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern
das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines
bestimmten Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Der
Richter und die Richterin haben vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu
folgen, die sie von allen möglichen Geschehensabläufen als die wahr-
scheinlichste würdigen (BGE 144 V 427 E. 3.2, 138 V 218 E. 6, 126 V 353
E. 5b, 125 V 193 E. 2, je mit Hinweisen). Der Sozialversicherungsträger als
verfügende Instanz und – im Beschwerdefall – das Gericht dürfen eine Tat-
sache nur dann als bewiesen annehmen, wenn sie von ihrem Bestehen
überzeugt sind (Urteil des BGer 8C_494/2013 vom 22. April 2014 E. 5.4.1,
n. publ. in: BGE 140 V 220).
2.3 Die Beschwerdeführerin ist Schweizerin und wohnt in der Schweiz. Die
Voraussetzungen für eine allfällige Rückforderung von AHV-Leistungen be-
urteilt sich deshalb, soweit das vorliegende Beschwerdeverfahren betref-
fend, allein aufgrund schweizerischer Rechtsvorschriften.
2.4 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses des streitigen
Entscheides (hier: 9. Mai 2019) eingetretenen Sachverhalt ab (BGE 129 V
1 E. 1.2 mit Hinweisen). Tatsachen, die jenen Sachverhalt seither verändert
haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer neuen Verwaltungsverfü-
gung sein (BGE 121 V 362 E. 1b).
2.5 In materiell-rechtlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechts-
sätze massgebend, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden
Sachverhaltes Geltung hatten (BGE 132 V 215 E. 3.1.1; 130 V 329 E. 2.3).
Die Frage, ob die Vorinstanz die Rückerstattung von Leistungen verlangen
kann, beurteilt sich somit nach den am (...) September 2017 (Todesdatum
des Versicherten) gültig gewesenen Bestimmungen.
3.
3.1 Die Festlegung einer (allfälligen) Rückerstattung von Leistungen erfolgt
in einem mehrstufigen Verfahren (vgl. UELI KIESER, ATSG-Kommentar,
4. Aufl. 2020, N. 17 ff. zu Art. 25): In einem ersten Entscheid ist über die
Frage der Unrechtmässigkeit des Bezuges der Leistung zu befinden (in der
Regel mittels Wiedererwägung oder Revision, vgl. Art. 53 ATSG bzw.
Art. 17 ATSG). Daran schliesst sich zweitens der Entscheid über die Rück-
C-2838/2019
Seite 8
erstattung an, in dem zu beantworten ist, ob – bei der festgestellten Un-
rechtmässigkeit des Leistungsbezugs – eine rückwirkende Korrektur ge-
mäss Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG erfolgt. Der Entscheid über die Unrecht-
mässigkeit des Leistungsbezugs und der anschliessende Entscheid über
die Rückerstattung können gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
auch in ein und derselben Verfügung erfolgen (Urteil des BGer I 143/06
vom 23. Januar 2007 E. 5.3.4; vgl. auch Urteil des BVGer C-7835/2010
vom 21. August 2012 E. 2.3.4 mit Hinweisen). Schliesslich ist drittens, ein
entsprechendes Gesuch vorausgesetzt, über den Erlass der zurückzuer-
stattenden Leistung gemäss Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG zu entscheiden
wobei die Erlassfrage erst dann zu prüfen ist, wenn die Rechtsbeständig-
keit der Rückforderungsverfügung feststeht (Urteil des BGer 9C_466/2014
vom 2. Juli 2015 E. 3.1 mit Hinweis; vgl. auch Art. 4 Abs. 4 ATSV
[SR 830.11]).
3.2 Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstands bildet
vorliegend der Einspracheentscheid vom 9. Mai 2019, mit dem die Vor-
instanz die von der Beschwerdeführerin angefochtene "Rückerstattungs-
verfügung" vom 30. Oktober 2018 bestätigt hat. Entgegen dem Wortlaut
des Titels umfasst die Verfügung nicht lediglich die Rückforderung der
AHV-Rente, sondern auch deren Aufhebung per 30. September 2017. Das
Gleiche gilt für den vorliegend angefochtenen Einspracheentscheid vom
9. Mai 2019, welcher die Verfügung vom 30. Oktober 2018 ersetzt (vgl. Ur-
teile des BGer 8C_121/2009 vom 26. Juni 2009 E. 3.5; 8C_592/2012 vom
23. November 2012 E. 3.2; 9C_777/2013 vom 13. Februar 2014 E. 5.2.1
mit Hinweisen; BGE 140 V 70 E. 4.2). Anfechtungsgegenstand ist somit
nicht nur die Frage der Rückforderung, sondern auch die Frage der Un-
rechtmässigkeit der bezogenen Leistung. Nicht Gegenstand des vorliegen-
den Verfahrens ist hingegen ein allfälliger Erlass der Rückforderung. Dies-
bezüglich liegt bereits kein Gesuch vor. Ohnehin hätte die Vorinstanz, wie
sie dies im angefochtenen Einspracheentscheid ausführt, über ein solches
mangels einer rechtsbeständigen Rückforderungsverfügung noch gar nicht
entscheiden können.
4.
Zunächst ist über die Frage der Unrechtmässigkeit des Leistungsbezugs
zu befinden.
C-2838/2019
Seite 9
4.1
4.1.1 Der Anspruch auf Altersrente erlischt mit dem Tod (Art. 21 Abs. 2
AHVG) bzw. mit Ablauf des Monats, in welchem die rentenberechtigte Per-
son stirbt (Rz. 3010 der Wegleitung über die Renten [RWL] des Bundes-
amtes für Sozialversicherungen [BSV], gültig ab 1. Januar 2003, Stand:
1. Januar 2017).
4.1.2 Gemäss Art. 19 Abs. 3 ATSG werden Renten stets für den ganzen
Kalendermonat im Voraus ausbezahlt. Nach Art. 72 AHVV (SR 831.101)
hat die Ausgleichskasse die Zahlungsaufträge der Post oder Bank recht-
zeitig zu erteilen, so dass die Auszahlung bis zum 20. Tag des Monats er-
folgen kann. Als Nachweis der Auszahlung der Rente gelten kasseninterne
Auszahlungslisten und Belastungsanzeigen der Schweizerischen Post o-
der Bank (Art. 73 AHVV).
4.1.3 Gemäss der Verordnung über das Informationssystem E-VERA vom
17. August 2016 (SR 235.22) dient das E-VERA dem Eidgenössischen De-
partement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) zur Erfüllung der konsu-
larischen Aufgaben durch die schweizerischen Vertretungen im Ausland
und die Konsularische Direktion (KD), insbesondere betreffend die Füh-
rung des Auslandsschweizerregisters (Art. 2 Bst. a der Verordnung). Sämt-
liche Daten des E-VERA werden von den Vertretungen erfasst. Das Sys-
tem teilt jeder Person automatisch eine Nummer zu (Art. 6 Abs. 1 der Ver-
ordnung). Es werden unter anderem Daten wie Namen, Geburtsdatum und
-ort, Zivilstand, Kontaktangaben, Angaben zum Ehepartner und zu Kindern
sowie Angaben zum Tod (Datum, Ort) von Auslandschweizerinnen und -
schweizern, deren Ehepartner und -partnerinnen sowie ihren Kindern ver-
arbeitet (vgl. Art. 5 i.V.m. Anhang 1 der Verordnung). Gemäss Art. 8 Abs. 2
Bst. b der Verordnung werden der SAK die Daten nach Anhang 1 automa-
tisch und verschlüsselt übermittelt, damit diese die von den Vertretungen
gemeldeten Mutationen, welche von der SAK verwaltete Dossiers betref-
fen, vornehmen kann.
4.1.4 Art. 31 Abs. 1 ATSG bestimmt, dass jede wesentliche Änderung in
den für eine Leistung massgebenden Verhältnissen von den Bezügerinnen
und Bezügern, ihren Angehörigen oder Dritten, denen die Leistung zu-
kommt, dem Versicherungsträger oder dem jeweils zuständigen Durchfüh-
rungsorgan zu melden ist. Soweit bei einer korrekten Meldung eine Leis-
tungsanpassung erfolgt wäre, wird die weiterhin ausgerichtete Leistung zu
einer unrechtmässig bezogenen Leistung, welcher der Rückerstattung an
C-2838/2019
Seite 10
den Versicherungsträger unterliegt (Art. 25 Abs. 1 ATSG; UELI KIESER,
a.a.O, N. 26 zu Art. 31).
4.2 Der Versicherte ist gemäss Eintrag im VERA-Register am (...) Septem-
ber 2017 verstorben (act. 38), was auch von der Beschwerdeführerin sowie
D._ bestätigt worden ist (act. 67 und 69). Der Todesfall des Versi-
cherten sowie der Zeitpunkt seines Todes sind somit aktenkundig und un-
bestritten. Mit dem Tod erlosch der Anspruch des Versicherten auf eine Al-
tersrente per 30. September 2017. Der Tod des Versicherten wurde seitens
der Angehörigen nicht unverzüglich gemeldet und die SAK entrichtete dem
Versicherten die Altersrente nachweislich am 6. Oktober 2017 noch für den
Monat Oktober 2017 (act. 39, S. 2), obwohl dafür kein Anspruch mehr be-
stand. Folglich handelt es sich bei der für Oktober 2017 ausgerichteten Al-
tersrente um eine unrechtmässig bezogene Leistung, welche – unabhän-
gig vom Vorliegen einer Meldepflichtverletzung (diese Frage würde sich
erst im Rahmen einer allfälligen Beurteilung über den Erlass der Rückfor-
derung stellen) – grundsätzlich zurückzuerstatten ist (vgl. BGE 139 V 6 E.
3; UELI KIESER, a.a.O., N. 26 und 30 zu Art. 25).
5.
In einem weiteren Schritt ist zu prüfen, ob bei der festgestellten Unrecht-
mässigkeit des Leistungsbezugs eine rückwirkende Korrektur gemäss
Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG erfolgt. Dabei stellt sich vorab die Frage, ob die
Vorinstanz die Rückforderung zu Recht gegenüber der Beschwerdeführe-
rin geltend gemacht hat.
5.1 In formeller Hinsicht ist zunächst zu beurteilen, ob die Vorinstanz die
Fristen zur Geltendmachung des Rückforderungsanspruchs gemäss
Art. 25 Abs. 2 ATSG eingehalten hat.
5.1.1 Gemäss Art. 25 Abs. 2 erster Satz ATSG erlischt der Rückforderungs-
anspruch mit dem Ablauf eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrich-
tung davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf
Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung. Bei den genannten
Fristen handelt es sich um von Amtes wegen zu berücksichtigende Verwir-
kungsfristen (BGE 142 V 20 E. 3.2.2; 140 V 521 E. 2.1 mit Hinweisen; Urteil
des BGer 8C_843/2018 vom 22. Januar 2019 E. 3.2). Die Fristen werden
gewahrt durch Erlass einer Rückerstattungsverfügung (und deren Zustel-
lung an die rückerstattungspflichtige Person; BGE 119 V 431 E. 3c; Urteil
des BGer 8C_630/2015 vom 17. März 2016 E. 4 m.H.). Wird der Entscheid
über die Rückforderung frist- und formgerecht dem richtigen Adressaten
C-2838/2019
Seite 11
eröffnet, so sind mit diesem Akt die Fristen ein für alle Mal gewahrt; daran
ändert nichts, wenn er durch eine Beschwerdeinstanz aufgehoben und
später (infolge Rückweisung) durch einen neuen Entscheid – mit allenfalls
kleinerem Rückforderungsbetrag – ersetzt wird (BSK ATSG-JOHANNA DOR-
MANN, 2020, N. 58 zu Art. 25 m.H. auf Urteile des BGer 9C_778/2016 vom
12. Dezember 2017 E. 5.1; 9C_821/2012 vom 12. April 2013 E. 4.2 und
8C_616/2009 vom 14. Dezember 2009 E. 5). Der Verwirkung des Rückfor-
derungsanspruchs gegenüber einem von mehreren Solidarschuldnern
kommt grundsätzlich Einzelwirkung zu, sodass die Forderung gegenüber
dem einen Schuldner verwirkt sein kann, gegenüber einem anderen aber
nicht (vgl. BRIGITTA KRATZ, Berner Kommentar zum Schweizerischen Zivil-
gesetzbuch, Das Obligationenrecht, 2015, N. 91 zu Art. 147).
5.1.2 Unter der Wendung "nachdem die Versicherungseinrichtung davon
Kenntnis erhalten hat", ist der Zeitpunkt zu verstehen, in dem die Verwal-
tung bei Beachtung der gebotenen und zumutbaren Aufmerksamkeit hätte
erkennen müssen (oder erkannt hat), dass die Voraussetzungen für eine
Rückerstattung bestehen, oder mit anderen Worten, in welchem sich der
Versicherungsträger hätte Rechenschaft geben müssen über Grundsatz,
Ausmass und Adressat des Rückforderungsanspruchs (Urteil des BGer
9C_625/2019 vom 18. Mai 2020 E. 2.1 mit weiteren Hinweisen). Soweit der
Versicherungsträger noch zusätzliche (eigentlich massgebende) Abklärun-
gen zu tätigen hat, sind diese innert angemessener Zeit vorzunehmen
(UELI KIESER, a.a.O., N. 83 zu Art. 25). Wenn die Verwaltung nicht die er-
forderlichen Anstrengungen unternimmt, um über ihre noch ungenügend
bestimmte Forderung innert absehbarer Zeit ein klares Bild zu erhalten, so
darf sich ihre Säumnis nicht zu ihren Gunsten und zu Ungunsten der ver-
sicherten Person auswirken. In einem solchen Fall ist der Beginn der Ver-
wirkungsfrist vielmehr auf den Zeitpunkt festzusetzen, in welchem die Ver-
waltung ihre vollständige Kenntnis mit dem erforderlichen und zumutbaren
Einsatz so hätte ergänzen können, dass der Rückforderungsanspruch die
nötige Bestimmtheit erhält und der Erlass einer Verfügung möglich wird
(BGE 112 V 182 E. 4b).
5.1.3 Vorliegend erhielt die Vorinstanz am 19. Oktober 2017 den Auszug
aus dem VERA-Register, wonach der Versicherte am (...) September 2017
in Brasilien verstorben ist (act. 38). Allein gestützt auf die Todesfallmeldung
war die Vorinstanz jedoch noch nicht in der Lage, die für Oktober 2017 zu
Unrecht ausgerichtete Altersrente verfügungsweise von der Beschwerde-
führerin zurückzufordern, denn sie musste zunächst deren Koordinaten
ausfindig machen (vgl. act. 56-63). Für diese zusätzlichen Abklärungen ist
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F112-V-180%3Ade&number_of_ranks=0#page182
C-2838/2019
Seite 12
der Vorinstanz mit Blick auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung in ver-
gleichbaren Fällen eine Frist von ein bis zwei Monaten zuzugestehen (vgl.
Urteil des BGer 9C_1010/2009 vom 28. Mai 2010 mit Hinweisen auf die
Urteile des EVG P 41/00 vom 8. Oktober 2002 E. 5.3 und I 609/98 vom
19. Oktober 2000 E. 2f; vgl. auch Urteil des EVG I 62/02 vom 2. April 2004
E. 4.3). Der Beginn der einjährigen Verwirkungsfrist ist somit frühestens auf
Mitte November 2017 festzulegen. Indem die Vorinstanz den Rückforde-
rungsanspruch gegenüber der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom
30. Oktober 2018 geltend gemacht hat, hat sie die einjährige Verwirkungs-
frist jedenfalls eingehalten. Da auch die absolute Verwirkungsfrist von fünf
Jahren ohne Weiteres gewahrt wurde, sind die formellen Voraussetzungen
für eine Rückforderung der Vorinstanz gegenüber der Beschwerdeführerin
ein für alle Mal erfüllt.
5.2 Es bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin in materieller Hinsicht
rückerstattungspflichtig ist. Eine Inanspruchnahme der Beschwerdeführe-
rin durch die Vorinstanz setzt voraus, dass die Pflicht zur Rückerstattung
zu deren persönlichen Schuld geworden ist.
5.2.1 Rückerstattungspflichtig sind gemäss Art. 2 Abs. 1 Bst. a der Verord-
nung vom 11. September 2002 über den Allgemeinen Teil des Sozialversi-
cherungsrechts [ATSV; SR 830.11]) der oder die Bezügerin der unrecht-
mässig gewährten Leistungen und seine oder ihre Erben.
5.2.2 Betreffend die erbrechtlichen Verhältnisse liegt mit Blick darauf, dass
der Erblasser vorliegend zuletzt Wohnsitz in Brasilien hatte, ein internatio-
naler Sachverhalt vor. Da zwischen der Schweiz und Brasilien in Bezug auf
die Erbfolge keine zwischenstaatlichen Verträge bestehen (vgl. BGE 138
III 489 E. 2.3), beurteilen sich die Zuständigkeit sowie das anwendbare
Recht nach den Bestimmungen des Bundesgesetzes über das Internatio-
nale Privatrecht (Art. 1 Bst. a und b sowie Abs. 2 IPRG [SR 291]).
5.2.2.1 War der Erblasser – wie vorliegend – Schweizer Bürger mit letztem
Wohnsitz im Ausland, so sind die schweizerischen Gerichte oder Behörden
am Heimatort zuständig, soweit sich die ausländische Behörde mit seinem
Nachlass nicht befasst (Art. 87 Abs. 1 IPRG). Die Untätigkeit ausländischer
Wohnsitzbehörden kann rechtlicher oder tatsächlicher Natur sein. Ersteres
ist etwa der Fall, wenn das Domizilrecht die Zuständigkeit auf den inländi-
schen Nachlass beschränkt und sich für Nachlasswerte, die sich nicht auf
seinem Territorium befinden, als nicht zuständig erachtet (BSK IPRG-
SCHNYDER/LIATOWITSCH, 3. Aufl. 2013, N. 19 zu Art. 87; vgl. auch JOLANTA
C-2838/2019
Seite 13
KREN KOSTKIEWICZ, Schweizerisches Internationales Privatrecht, 2. Aufl.
2018, S. 435 f.). Brasilien beansprucht stets die ausschließliche Zuständig-
keit für die Abwicklung eines Nachlasses, wenn der Erblasser Vermögens-
werte im Lande hinterlässt. Unerheblich ist, ob er zuletzt im Ausland wohn-
haft war oder bei seinem Tode brasilianischer oder ausländischer Staats-
angehöriger gewesen ist. Demgegenüber sind nach bisheriger höchstrich-
terlicher (brasilianischer) Rechtsprechung die brasilianischen Gerichte in-
ternational grundsätzlich nicht zuständig, solche Vermögenswerte ins
Nachlassverfahren miteinzubeziehen und auf die Erben aufzuteilen, die
sich beim Tode des Erblassers im Ausland befinden. Das Nachlassverfah-
ren beschränkt sich somit grundsätzlich auf die in Brasilien gelegenen Ver-
mögenswerte (vgl. So geht's...Familien- und Erbrecht in Brasilien, Hrsg.
Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer São Paulo, 3. Aufl.,
November 2016, S. 17, abrufbar unter: http://www.raanaya.com.br/ima-
ges/pdf/so-gehts-familien-3-2016.pdf, zuletzt besucht am 26.8.2020; Ein-
führungsgesetz in die Vorschriften des brasilianischen Rechts, Gesetzes-
dekret Nr. 4'657 vom 4. September 1942, deutsche Übersetzung des
Advokaturbüros Wolf in Zürich, S. 6 Fussnote 3 mit weiteren Hinweisen,
abrufbar unter: https://www.law-wolf.ch/gesetze-de.php, zuletzt besucht
am 26.8.2020; vgl. auch BGE 138 III 489 E. 3.4).
5.2.2.2 Gemäss Art. 91 Abs. 1 IPRG untersteht der Nachlass einer Person
mit letztem Wohnsitz im Ausland dem Recht, auf welches das Kollisions-
recht des Wohnsitzstaates verweist. Nach dem brasilianischen Kollisions-
recht, welches im Einführungsgesetz in die Vorschriften des brasilianischen
Rechts (vgl. E. 5.2.2.1 hiervor) geregelt ist, wird die Erbfolge durch das
Recht des Landes bestimmt, in welchem der Erblasser Wohnsitz hatte (Art.
10 des erwähnten Gesetzes). Soweit nach Art. 87 IPRG die schweizeri-
schen Gerichte oder Behörden am Heimatort zuständig sind, untersteht der
Nachlass eines Schweizers mit letztem Wohnsitz im Ausland schweizeri-
schem Recht, es sei denn, der Erblasser habe in der letztwilligen Verfügung
oder im Erbvertrag ausdrücklich das Recht an seinem letzten Wohnsitz vor-
behalten (Art. 91 Abs. 2 IPRG). Das auf den Nachlass anwendbare Recht
bestimmt, was zum Nachlass gehört, wer in welchem Umfang daran be-
rechtigt ist, wer die Schulden des Nachlasses trägt, welche Rechtsbehelfe
und Massnahmen zulässig sind und unter welchen Voraussetzungen sie
angerufen werden können (Art. 92 Abs. 1 IPRG).
C-2838/2019
Seite 14
5.2.3 Die Vorinstanz hat im Sinne der geltenden Untersuchungsmaxime
die für die Beurteilung der Rückerstattungspflicht notwendigen Abklärun-
gen von Amtes wegen vorzunehmen und die erforderlichen Auskünfte ein-
zuholen (vgl. Art. 43 Abs. 1 ATSG).
5.2.4 Da der Erblasser vorliegend zuletzt Wohnsitz in Brasilien hatte, wä-
ren gemäss der dargestellten Rechtslage – jedenfalls für den Nachlass in
Brasilien – grundsätzlich die brasilianischen Behörden für die Abwicklung
des Nachlasses zuständig unter Anwendung von brasilianischem Recht.
Aus den vorliegenden Akten geht jedoch nicht hervor, inwiefern – und ge-
gebenenfalls mit welchem Resultat – die brasilianischen Behörden sich mit
dem Nachlass befasst hätten. Für allfällige Vermögenswerte in der
Schweiz erachten sich die brasilianischen Behörden – wie ausgeführt –
grundsätzlich als nicht zuständig, was bei deren effektiven Untätigkeit zu
einer subsidiären Zuständigkeit der Schweizer Behörden (vgl. Art. 87 Abs.
1 IPRG) und damit zur Anwendung von Schweizer Recht führen könnte
(vgl. Art. 91 Abs. 2 IPRG). In diesem Zusammenhang ist auch unklar, ob
der Erblasser zu Lebzeiten eine letztwillige Verfügung erstellt hat mit einer
Rechtswahl i.S. von Art. 91 Abs. 2 IPRG. Ob sich die brasilianischen Be-
hörden tatsächlich nicht mit allfälligen Vermögenswerten des Erblassers in
der Schweiz befasst haben, ergibt sich vorliegend, wie bereits erwähnt,
ebenso wenig aus den Akten und Abklärungen der Vorinstanz. Hinzu
kommt die Unklarheit darüber, ob in der Schweiz überhaupt (noch) Vermö-
genswerte des Erblassers vorhanden sind. Betreffend das G._-
Konto des Erblassers, auf welches die Vorinstanz die Altersrente für Okto-
ber 2017 am 6. Oktober 2017 überwiesen hatte, ist der aktuelle Vermö-
gensstand unbekannt. Die Begründung einer Zuständigkeit gemäss Art. 87
Abs. 1 IPRG würde aber voraussetzen, dass das G._-Konto zum
Zeitpunkt der Rückforderung durch die Vorinstanz bzw. zum aktuellen Zeit-
punkt einen positiven Saldo aufweist (vgl. Urteil des BGer 5A_264/2013
vom 28. November 2013 E. 3.1.3 [betreffend den für im Ausland verstor-
bene Ausländer anwendbaren Art. 88 Abs. 1 IPRG]). Unter den gegebenen
Umständen ist somit nicht klar, ob die brasilianischen Behörden oder – in-
folge deren Untätigbleibens – subsidiär die Schweizer Behörden gemäss
Art. 87 Abs. 1 IPRG zuständig sind. Demzufolge kann auch die Frage, wel-
ches Recht auf den Nachlass anwendbar ist, (vorläufig) nicht beantwortet
werden. In diesem Zusammenhang ist wie erwähnt auch offen, ob der Erb-
lasser mittels einer letztwilligen Verfügung oder eines Erbvertrags eine
Wahl betreffend das anwendbare Recht getroffen hat. Nach dem Gesagten
kann der Vor-instanz, welche ohne Weiteres von der Anwendbarkeit des
brasilianischen Rechts ausgegangen ist, nicht gefolgt werden. Indem die
C-2838/2019
Seite 15
Vorinstanz einerseits brasilianisches Recht für anwendbar erklärt hat, sich
dann andererseits gleichzeitig auf den gemäss schweizerischem Erbrecht
geltenden Grundsatz der Universalsukzession gemäss Art. 560 Abs. 1 ZGB
sowie die solidarische Haftung der Erben gemäss Art. 603 Abs. 1 ZGB be-
rufen hat, um eine Rückerstattungspflicht der Beschwerdeführerin zu be-
gründen (vgl. BVGer-act. 4, S. 2), erweisen sich ihre Ausführungen ohne-
hin als widersprüchlich. Die Vorinstanz wäre gemäss Art. 43 Abs. 1 ATSG
verpflichtet gewesen, die erforderlichen Abklärungen (z.B. Einholung von
Auskünften bei den zuständigen brasilianischen Behörden bzw. dem zu-
ständigen Nachlassgericht und/oder beim Erbschaftsamt [...]) zur Klärung
der Zuständigkeitsfrage und damit der Frage des anwendbaren Rechts
durchzuführen.
5.2.5 Die Klärung der Frage nach dem anwendbaren Recht ist vorliegend
entscheidend. Zwar ist die Beschwerdeführerin als Tochter des verstorbe-
nen Versicherten sowohl nach schweizerischem wie auch brasilianischen
Erbrecht (Ausschlagung und Enterbung vorbehalten) gesetzliche Erbin
(Art. 457 ZGB und Art. 1'829 des brasilianischen código civil [nachfol-
gend: cc], Gesetz Nr. 10'406 vom 10. Januar 2002, abrufbar unter:
https://www.law-wolf.ch/gesetze-de.php, zuletzt besucht am 26.8.2020),
jedoch unterscheiden sich die beiden Rechtsordnungen in wesentlichen
Punkten: Während nach schweizerischem Recht die Erbschaft als vorbe-
haltslos erworben gilt, sofern sie nicht innert einer dreimonatigen Frist ab
Kenntnis des Todes des Erblassers bei der zuständigen Behörde ausge-
schlagen wurde (vgl. Art. 566 Abs. 1, Art. 567, Art. 570 und Art. 571 Abs. 1
ZGB), muss die Erbschaft nach brasilianischem Recht erst (ausdrücklich
oder stillschweigend) angenommen werden (vgl. Art. 1'805 cc). Eine Frist
für die Ausschlagung der Erbschaft, welche ausdrücklich durch öffentliche
Urkunde oder gerichtliches Protokoll bekannt gegeben werden muss, be-
steht nicht (vgl. Art. 1'806 cc). Insofern könnte bei Anwendbarkeit des bra-
silianischen Rechts nicht ohne Weiteres davon ausgegangen werden, die
Beschwerdeführerin habe infolge fehlender Ausschlagung die Erbschaft
angenommen. Sollte Schweizer Recht anwendbar sein, wäre demgegen-
über eine vorbehaltslose Annahme der Erbschaft durch die Beschwerde-
führerin zu bejahen, da die dreimonatige Frist zur Ausschlagung zwischen-
zeitlich längst abgelaufen ist und keine Hinweise darauf vorliegen, dass die
Beschwerdeführerin das Erbe innert Frist ausgeschlagen hätte. Insbeson-
dere hat sie trotz Aufforderung des Bundesverwaltungsgerichts (vgl.
BVGer-act. 8) und entgegen ihrer Mitwirkungspflicht (vgl. BGE 125 V 193
E. 2; 122 V 158 E. 1a, je m.w.H) weder mitgeteilt, ob sie die Erbschaft
C-2838/2019
Seite 16
ausgeschlagen hat, noch eine allfällige Ausschlagungserklärung bzw. -ur-
kunde vorgelegt. Ein weiterer Unterschied zwischen dem schweizerischen
und brasilianischen Erbrecht besteht in Bezug auf die Haftung der Erben
für die Schulden des Erblassers: Nach schweizerischem Recht erwerben
die Erben die Erbschaft als Ganzes mit dem Tod des Erblassers kraft Ge-
setz (Art. 560 Abs. 1 ZGB; Universalsukzession). Die Vermögenswerte und
Ansprüche gehen ohne Weiteres auf die Erben über und die Schulden des
Erblassers werden mit dessen Tod zu persönlichen Schulden der Erben
(Art. 560 Abs. 2 ZGB; Schuldnachfolge). Die Haftung erfasst sowohl das
eigene, bisherige Vermögen des Erben als auch das ererbte Vermögen
(Urteil des BGer 5A_206/2018 vom 15. Mai 2019 E. 3.2.1 mit Hinweis).
Gemäss Art. 603 Abs. 1 ZGB haften die Erben für die Schulden des Erb-
lassers solidarisch. Die Solidarhaftung der Erben richtet sich nach Art.
143 ff. OR, woraus folgt, dass jeder einzelne Erbe allein für die Erbschafts-
schulden in Anspruch genommen werden kann, und zwar nicht nur für
seine Quote, sondern für die ganze Schuld. Die Erbschaftsgläubiger kön-
nen deshalb nach ihrer Wahl entweder alle Erben zugleich oder einen nach
dem andern oder auch nur einen beliebigen Erben in Anspruch nehmen.
Sämtliche Erben bleiben so lange verpflichtet, bis die ganze Forderung ge-
tilgt ist (Art. 144 OR). Nach brasilianischem Recht ist demgegenüber die
Haftung der Erben für Schulden des Erblassers auf den Betrag der Vermö-
genswerte aus dem Nachlass beschränkt (vgl. Art. 1'792 cc). Eine darüber
hinausgehende persönliche Erbenhaftung wie im Schweizer Recht besteht
nicht. Nach der Erbteilung haften die Erben zudem nur noch anteilsmässig
entsprechend der ihnen zugefallen Quote für Schulden des Erblassers (Art.
1'997 cc). Die Haftung der Erben ist somit auf die Höhe ihres Erbanteils
begrenzt (vgl. So geht's...Familien- und Erbrecht in Brasilien, a.a.O.,
S. 25 f.). Bei Anwendbarkeit des brasilianischen Erbrechts würde es somit
vom vorhandenen Nachlassvermögen bzw. – bei bereits erfolgter Erbtei-
lung – von der Höhe des Erbanteils der Beschwerdeführerin abhängen, ob
und in welchem Umfang diese für die Rückforderung der Vorinstanz in
Höhe von Fr. 2'275.- haftbar gemacht werden könnte.
5.2.6 Nach dem Gesagten kann vor der Klärung der Frage des anwendba-
ren Rechts keine Rückerstattungspflicht der Beschwerdeführerin über den
Betrag von Fr. 2'275.- begründet werden. Sollte brasilianisches Erbrecht
anwendbar sein, wären zudem weitere Abklärungen betreffend die Höhe
des Nachlassvermögens bzw. des Erbanteils der Beschwerdeführerin er-
forderlich um zu klären, ob überhaupt ein Haftungssubstrat vorhanden ist.
Im Ergebnis erweist sich somit der Einspracheentscheid der Vorinstanz
vom 9. Mai 2019 als unrechtmässig und ist aufzuheben. Die Angelegenheit
C-2838/2019
Seite 17
ist an die Vorinstanz zur Vornahme der erforderlichen Abklärungen im
Sinne der Erwägungen und zum anschliessenden Erlass einer neuen Ver-
fügung zurückzuweisen.
6.
Zu befinden bleibt noch über die Verfahrenskosten und eine allfällige Par-
teientschädigung. Die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zu erneu-
ter Abklärung gilt praxisgemäss als Obsiegen der beschwerdeführenden
Partei (vgl. BGE 137 V 210 E. 7.1; 132 V 215 E. 6; Urteil des BGer
9C_89/2017 vom 19. Mai 2017 E. 7.1).
6.1 Das Verfahren ist für die Parteien kostenlos (Art. 85bis Abs. 2 AHVG),
sodass keine Verfahrenskosten zu erheben sind.
6.2 Die obsiegende, durch den nicht im Anwaltsregister eingetragenen
André Ziltener, AZ-Management Ziltener, vertretene Beschwerdeführerin
hat gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf eine Partei-
entschädigung zu Lasten der Verwaltung. Das Honorar und die Entschädi-
gung für eine nichtanwaltliche berufsmässige Vertretung werden nach dem
notwendigen Zeitaufwand des Vertreters oder der Vertreterin bemessen
(Art. 10 Abs. 1 VGKE). Der Stundenansatz beträgt für Anwälte und Anwäl-
tinnen mindestens Fr. 200.- und höchstens Fr. 400.-, für nichtanwaltliche
Vertreter und Vertreterinnen mindestens Fr. 100.- und höchstens Fr. 300.-
(Art. 10 Abs. 2 Satz 2 VGKE). Da keine Kostennote eingereicht wurde, ist
die Entschädigung aufgrund der Akten festzusetzen (Art. 14 Abs. 2 Satz 2
VGKE). Unter Berücksichtigung des Verfahrensausgangs, des gebotenen
und aktenkundigen Aufwands, der Bedeutung der Streitsache und der
Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens ist die Parteient-
schädigung für die nichtanwaltliche Vertretung auf Fr. 800.- (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuer) festzusetzen.
(Für das Dispositiv wird auf die nächste Seite verwiesen.)
C-2838/2019
Seite 18