Decision ID: d979ec88-f2d0-4e04-bba8-36bf2918d3ac
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1973 geborene
und 1993 aus
Y._
in die Schweiz eingereiste
X._
hatte
am 1. Oktober
1990 einen Unfall
erlitten
und
sich dabei
ein schweres Schädelhirntrauma mit Gehirnblutungen, Schädelbruch linksseitig und
Abriss der Geruchsnerven zu
gezogen
(Urk. 7/11 S.
11). Für die Folgen des Un
fall
s
erhielt sie in
Y._
von der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt der Lan
des
stelle
Z._
eine Dauerrente von 25 %, welche ab dem 28. Januar 2010 auf 50 % erhöht wurde
(Urk.
7/11 S. 9).
Vom 8. März 1999 bis zum 28.
Februar 2007
war die Versicherte
bei der
A._
als Ver
käu
ferin tätig (Urk. 7/13).
Am 19. Juni 2012 meldete sie sich unter Hin
weis auf
Kon
zentrationsprobleme
, Schwindel, Geruchssinnverlust, Einschrän
kungen des Ge
hörs, nervliche Zuckungen und Vergesslichkeit bei der
Sozial
versiche
rungs
an
stalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (Urk. 7/2).
Die IV-Stelle zog in der Folge einen Auszug aus dem Individuellen Konto der Ver
si
cherten bei (
IK-Auszug,
Urk. 7/6) und tätigte medizinische und erwerbliche Ab
klä
rung
en.
Nach durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
ver
neinte die IV-Stelle
mit Ver
fügung vom 2.
September 2013 einen
Leistungsan
spruch
der Versicher
ten
(Urk. 7/23 = Urk.
2)
.
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 12. September 2013 Be
schwer
de und beantragte sinngemäss,
die angefochtene Verfügung sei aufzuhe
ben und
es sei ihr eine Rente der Invalidenversicherung zuzusprechen (Urk. 1).
Mit
Be
schwerdeantwort
vom 8. Oktober 2013 beantragte die IV-Stelle die Ab
weisung de
r Beschwerde (Urk. 6), was der Beschwerdeführerin am 17. Oktober 2013 mit
geteilt wurde. Mit Eingabe vom 20. Januar 2014 reichte die Beschwer
deführerin
einen Bericht der Klinik für Neurologie des
B._
ein (Urk.
10)
,
welcher der IV-Stelle am 11. Februar 2014 zur Kennt
nisnahme zu
gestellt wurde (Urk.
11).
3.
Auf die Vorbringen
der Parteien und die eingereichten Unterlagen ist, soweit für
die
Entscheidfindung
erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen einzuge
hen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze
oder tei
lweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs.
1
des Bundesgesetzes über den All
gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[
ATSG
]
). Die Invalidität kann Folge von Geburtsgebrechen, K
rankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs.
1
des Bun
desge
setzes über die Invalidenversicherung [
IVG
]
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Be
einträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
s
achte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze o
der teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (
Art.
7
Abs.
1 ATSG). Für die Beur
teilung des Vor
liegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heit
lichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä
higkeit liegt zu
dem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (
Art.
7
Abs.
2 ATSG)
.
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu be
tätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder her
stellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min
destens 40 Prozent arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid (
Art.
8 ATSG)
sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 Prozent besteht Anspruch auf
eine
Viertelsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 Prozent auf eine
halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 Prozent auf eine
Drei
viertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 Prozent auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Be
schwerdefall
das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebe
nenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 256 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden kön
nen (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E. 4b/cc).
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid erwog die Beschwerdegegnerin, die Abklärungen hätten ergeben, dass
die Beschwerdeführerin aus medizinischer Sicht in ihrer angestammten Tätigkeit seit jeher voll arbeitsfähig
sei
(
Urk.
2)
.
2.2
Die Beschwerdeführerin machte demgegenüber im Wesentlichen geltend,
ihre Be
schwerden hätten im Laufe der Jahre zugenommen, woraufhin sie im Jahr 2007 ihre Arbeitsstelle aus gesundheitlichen Gründen gekündigt habe. Ihre In
validenrente aus
Y._
sei in der Folge auf 50 % erhöht worden. Es sei nich
t nachvollziehbar, aufgrund welcher
medizinischer
Abklärungen
die
Be
schwerde
gegnerin
sie
al
s arbeitsfähig
erachte
. Sie habe infolge des Unfalls neurologische Schäden erlitten, die sich verschlechtert hätten und sei deshalb arbeitsunfähig
(Urk.
1).
3.
3.1
Aus den Akten geht hervor, da
ss die Beschwerdeführerin am 1.
Oktober 1990 im Rahmen eines Verkehrsunfalls ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit Schädel
basisbruch,
Subduralhämatom
und Gehirnquetschung
erlit
ten hat.
N
europsy
chia
trisch
als Residuum
hätten
vor allem eine ausgeprägte Wesensänderung mit auf
fallend
maniform
unkritisch distanzloser Grundhaltung und ein
mässiggradiges
posttraumatisches organisches Psychosyndrom mit Schwächen von Konzentra
tion und Gedächtnis, posttraumatischer
Hörminde
rung
links und Verlust des Ge
ruchssinnes beidseits
bestanden
(Urk.
7
/14 S.
18).
3.2
Die Klinik für Neurologie des
C._
erstattete am 29. De
zem
ber
1994 ein Gutachten. Darin wurde festgehalten, dass
sich
die Be
schwer
de
führerin
bei
dem
erlittenen Schädel-Hirn-Trauma
bifrontale
und links-tempo
rale
Kontusionsherde, angeblich ein
Subduralhämatom
rechts sowie eine
Schädelka
lotten
fraktur
links
temporo-occipital
zugezogen
habe
. Die beid
seitige Anosmie und die Hypakusis links seien die beiden einzigen klinisch-so
matischen neu
ro
logischen Residualsymptome nach diesem Schädel
-H
irn
-T
rauma. Im Vorder
grund
und von entscheidender Bedeutung seien die erhebli
chen neuropsychologischen post
traumatischen Befunde. Es liege eine
bifrontale
Funktionsstörung mit Ver
lang
samung, Konzentrationsstörung und Gedächtnis
schwäche vor (Urk. 7/14 S. 10).
3.3
Die
Beschwerdeführerin wurde am 28.
November 2011
im Auftrag der Allge
mei
nen Unfallversicherungsanstalt der Landesstelle
Z._
von
Dr.
med.
D._
, Facharzt für Neurologie, untersucht.
Dr.
D._
hielt fest, zusam
men
fassend resultiere nach Schädel-Hirn-Trauma Grad III ein von
testpsycholo
gi
scher
Seite
noch als
mässiggradig
einzuordnendes posttraumatisches organi
sches
Psychosyndrom, zudem eine
höchstgradige
Störung des
Geruchsempfin
dens
so
wi
e eine Hörminderung links. Nicht unfallkausal bestehe eine abnorme psycho
gene Entwicklung im Sinne einer neurotischen Fehlentwicklung mit
dysthymen
Zügen. Epileptische Anfallsereignisse seien bis dato keine aufgetre
ten
.
Von neu
rologischer Seite
sei unter Berücksichtigung des
testpsychologi
schen
Befundes und
in Überschneidung mit dem Hals-Nasen-Ohren-ärztlichen Befund eine Min
derung der Erwerbsfähigkeit von 50 % gegeben (Urk. 7/11 S.
26
f.
).
3.
4
Im neuropsychologischen Gutachten
des
E._
vom 29. November 2011
führte
Prof.
Dr.
F._
, Klinischer Neuropsy
chologe,
aus, es
bestehe
ein
mässiggradiges
organisches Psychosyndrom mit
leich
te
r
Beeinträchtigung der Reproduktionsfähigkeit im Bereich des ve
rbalen
Frischgedächtnisses,
leichte
r
Beeinträchtigung der
kürzerfristigen
konzentrati
ven
Belastbarkeit und Zuspitzung vorbestehender Verhaltensmerkmale im Rah
men einer organisch bedingten Wesensänderung mit abhängiger asthenischer
Per
sön
lichkeitsakzentuierung
. Es zeige sich eine anhaltende abnorme psycho
gene Ent
wicklung im Sinne einer neurotischen Fehlentwicklung mit
dysthymen
Zü
gen.
In der psyc
hologischen Untersuchung vom 7.
Oktober 1991 sei ein
ge
ring
gradiges
organisches Psychosyndrom mit geringfügiger Beeinträchtigung des Frischgedächtnisses und herabgesetzter
konzentrativer
Belastbarkeit im psy
chischen Leistungsbereich festgehalten worden. Im Rahmen des
geringgradigen
organischen Psychosyndroms habe sich 1991 jedoch nur der Verdacht auf Zu
spitzung bevorstehender
Persönlichkeitsmerkmale gezeigt. Diese Störung habe sich in der Zwischenzeit ausgeformt und habe in eine organisch bedingte
We
sensveränderung
gemündet. Diese Ausformung der Störung im
Persönlichkeits
bereich
erfordere eine Anpassung der Stärke des organischen Psychosyndroms auf
mässiggradig
.
Mässiggradige
organische Psychosyndrome bedingten eine
Min
derung der Erwerbsfähigkeit
von 30 bis 50 %
(Urk. 7/11 S. 23
f.).
3.5
Bei dieser Sachlage kann aber e
ntgegen der Auffassung der
Beschwerde
ge
g
nerin
nicht gesagt werden
, dass die Beschwerdeführerin
seit je
her in der ange
stammten Tätigkeit
voll arbeitsfähig
sei
.
Auch wenn die
von der
G._
i
schen
Unfallversicherung
vorgenommene
Invaliditätsbemessung
nicht
derjeni
gen nach schweizerischem
Invalidenversicherungsrecht
entspricht
, deutet sie dennoch
auf eine
erheb
liche
Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Beschwerde
füh
rerin hin
.
Aufgrund der
medizinischen
Akten
lage
kann d
ie
massge
b
ende
Ar
beitsfähigkeit
der Beschwerde
führerin
indes
sen
nicht ab
schliessend beurteilt werden,
weshalb entsprechende zusätzliche Abklärungen vorzunehmen sind.
3.6
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Vornahme ergänzender medizinischer Abklärungen an die
Verwaltung
zu
rückzuweisen.
4.
Die Kos
ten des Verfahrens sind auf Fr.
600.
--
festzusetzen und, da die
Rückwei
sung
an die Verwaltung nach ständiger Rechtsprechung als vollständiges Obsie
gen gilt (
BGE 137 V 57 E. 2.2
), ausgangsgemäss der Beschw
erdegegnerin aufzu
erlegen (Art. 69 Abs.
1
bis
IVG).