Decision ID: 39028d1c-5326-50ac-9682-f1b0f652b2db
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ leidet seit August 2017 an einer sensomotorisch inkompletten Tetraplegie
(Querschnittslähmung mit einer Beteiligung der Arme; IV-act. 67, 109, 139, 149, 238,
act. G 1.1.3). Im Juni 2018 meldete er sich bei der Invalidenversicherung (IV) zum
Bezug einer Hilflosenentschädigung an (IV-act. 160). Er gab an, er benötige Hilfe in den
alltäglichen Lebensverrichtungen Ankleiden/Auskleiden (Unterkörper an- und
auskleiden), Aufstehen/Absitzen/Abliegen (Unterstützung durch Drittperson wegen
Sturzgefahr), Körperpflege (Baden und Duschen), Verrichten der Notdurft (Intimpflege)
und Fortbewegung. Vom 25. August 2017 bis zum 18. Mai 2018 hatte er sich im Z._
aufgehalten. Am 16. Mai 2018 hatten die Fachärzte berichtet (IV-act. 149), die
Aetiologie der Tetraplegie sei unklar geblieben. Aufgrund der Anamnese sei eine
dissoziative Bewegungsstörung hochwahrscheinlich gewesen. Im MRI der HWS habe
ein klares Myelopathie-Signal gefehlt, was ebenfalls gegen eine organische
Rückenmarkläsion gesprochen habe. Beim Eintritt habe in den unteren Extremitäten
die Muskelaktivität praktisch gefehlt und die Muskelkraftwerte beider Arme sei
A.a.
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abgeschwächt gewesen. Beim Austritt habe der Versicherte in den oberen Extremitäten
über deutlich bessere Kraftgrade der Kennmuskeln (Ellenbogenflexor rechts M4, die
restlichen Kennmuskeln rechts M5, Ellenbogenextensoren links M5, die restlichen
Kennmuskeln M4) verfügt. Im Bereich der unteren Extremitäten habe weiterhin ein
Kraftgrad von M0 beidseits bestanden; unterhalb von Th3 habe die Sensibilität gefehlt.
Der Versicherte sei beim Austritt bei der Selbstversorgung, bei allen Transfers sowie
beim Handling des manuellen Rollstuhls selbstständig gewesen. Unter der
akzentuierten Belastung der Schultergelenke sei es, bei bereits vorgeschädigter
Rotatorenmanschette, zu einer Ruptur der Rotatorenmanschette der rechten Schulter
gekommen. Nach Operationen am 11. Januar 2018 und – nach einer erneuten Ruptur –
am 8. Februar 2018 habe sich der Versicherte im März 2018 eine Re-Ruptur
zugezogen. Im Stationsalltag habe sich aber gezeigt, dass der Versicherte, sobald
schmerzkompensiert, alle Alltagsaktivitäten selbstständig habe ausführen können. Von
einer erneuten Operation sei deshalb bei einer schlechten Sehnenqualität und einer
hohen Re-Rupturwahrscheinlichkeit abgesehen worden. Im Rahmen der Tetraplegie
bestehe eine neurogene Blasenfunktionsstörung. Den intermittierenden Selbst-
Katheterismus habe der Versicherte rasch erlernt. Fachpersonen des Z._ hatten in
einem Abschlussbericht "Berufliche Basisabklärung stationär" vom 13. Mai 2018
festgehalten (IV-act. 148), der Versicherte habe im Alltag beide Arme ungehindert
einsetzen können.
Mit einem Vorbescheid vom 12. Juli 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit
(IV-act. 179), dass sie vorsehe, ihm mit Wirkung ab 1. August 2018 eine Entschädigung
wegen einer leichten Hilflosigkeit zuzusprechen. Zur Begründung verwies sie auf die
Angaben im Bericht des Z._ vom 16. Mai 2018. Zudem gab sie an, die
Invalidenversicherung habe durch die Abgabe eines Badebretts (vgl. IV-act. 143) und
eines Stehstuhls (vgl. IV-act. 168) sowie durch die Finanzierung eines Fahrzeugumbaus
(vgl. IV-act. 137) seine Selbstständigkeit unterstützt. Mit Hilfe des Badebretts gelinge
die Körperpflege ohne erhebliche Dritthilfe. Dank des Stehstuhls könne er besser
selbstständig kochen. Die Termine bei Therapeuten und Ärzten nehme er ohne
Fremdhilfe wahr, wobei er sich vor und nach den Therapien/Konsultationen
selbstständig an- und auskleiden könne. Insgesamt sei er in den für die
Invalidenversicherung relevanten Bereichen dank des Einsatzes der entsprechenden
A.b.
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Hilfsmittel mehrheitlich selbstständig. Die Voraussetzungen für eine
Hilflosenentschädigung leichten Grades seien dennoch erfüllt, da er sich trotz der
Benutzung eines Rollstuhls in der weiteren Umgebung nicht ohne Dritthilfe fortbewegen
könne. Der Versicherte erhob am 28. August 2018 dagegen einen Einwand (IV-
act. 187). Er beantragte die Zusprache einer Hilflosenentschädigung wegen einer
Hilflosigkeit mittleren Grades und die Durchführung einer Abklärung an Ort und Stelle.
Zur Begründung machte er im Wesentlichen geltend, der Vorbescheid basiere einzig
auf dem Austrittsbericht des Z._. Die Hilfe im Klinikumfeld könne aber nicht gleich
gewertet werden wie die benötigten Hilfestellungen zu Hause. Je nach Tagesform
könne er weit geschnittene und angepasste Kleidung ohne Knöpfe, Reissverschlüsse
oder Schnürung selber anziehen. Morgens benötige er jedoch oftmals viel Zeit und die
Hilfe der Ehefrau, um die Steifigkeit in den Gliedern zu lindern und sich selber anziehen
zu können. Grundsätzlich habe er im Z._ den Transfer vom Bett in den Rollstuhl und
auf die Toilette gelernt. Zu Hause benötige er aber Hilfe, weil das Sturzrisiko aufgrund
der Schultereinschränkungen sehr hoch sei. In Bezug auf die Teilfunktion Aufstehen sei
festzuhalten, dass das Aufstehen in den seltensten Fällen Selbstzweck sei; vielmehr
stehe man in der Regel auf, um anschliessend in stehender Position etwas zu tun. Für
einen Paraplegiker sei das Aufstehen sinn- und nutzlos, da dieser damit beschäftigt sei,
sich festzuhalten und sich nicht einer Person oder einem Gegenstand zuwenden
könne. Nach der Rechtsprechung sei die Hilfsbedürftigkeit auch dann zu bejahen,
wenn ein Versicherter eine Teilfunktion zwar noch ausüben könne, diese aber ihres
Sinns entleert sei (BGE 117 V 151, E. 3b). Bei der Körperpflege sei er auf Hilfe
angewiesen, da er sich wegen den Einschränkungen im Schulterbereich die Haare
nicht selber waschen könne. Auch beim Waschen von Rücken, Gesäss, Beinen und
Füssen benötige er Hilfe. Zutreffend sei, dass er selbstständig Nahrung zum Mund
führen könne. Die Blase müsse er auf unnatürliche Weise mittels Einmalkatheterismus
entleeren. Er sei zudem auf eine lebenspraktische Begleitung angewiesen, da er die
Anleitung und die Hilfe Dritter bei der Wohnungsreinigung, beim Einkaufen, beim
Kochen, beim Waschen etc. benötige.
Am 10. September 2018 erfolgte durch die IV-Stelle eine telefonische Abklärung
beim Versicherten. Die Abklärungsperson notierte (IV-act. 190), der Versicherte sei über
seine Schadenminderungspflicht informiert worden. Im Hinblick auf die
A.c.
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lebenspraktische Begleitung sei zu berücksichtigen, welche Aufgaben dem Ehe- oder
Lebenspartner zugemutet werden könnten. Die Mithilfe des Partners sei insbesondere
bei der Haushaltsführung zu berücksichtigen. Der Versicherte könne sich angepasste
Kleider selbstständig an- und ausziehen. Gemäss dem Austrittsbericht des Z._ vom
16. Mai 2018 sei der Versicherte in der Lage gewesen, sämtliche Transfers
selbstständig durchzuführen. Dabei sei es prinzipiell um die Transfers vom Rollstuhl in
das Bett oder auf die Toilette und retour gegangen. Zu Hause sei der Transfer in das
und aus dem Bett schwieriger, weil das Bett nicht höhenverstellbar sei. Der Versicherte
sei auf die Hilfe seiner Ehefrau in der Form von Handreichungen und einer
Absicherung, falls etwas passiere, angewiesen. Die Abgabe eines Pflegebettes könnte
geprüft werden. Der Versicherte könne selbstständig essen. In Bezug auf die
Körperpflege hätten die Abklärungen ergeben, dass er mithilfe eines Badebretts
selbstständig duschen könne. Gemäss dem Austrittsbericht des Z._ sei er für die
Selbstversorgung selbstständig gewesen. Er könne die Arme über den Kopf heben,
Transfers selbstständig durchführen und sein Fahrzeug selbstständig lenken. Daher sei
nicht ersichtlich, weshalb er für das Waschen der Haare Hilfe benötigen sollte. Der
Versicherte habe erwähnt, er sei beim Duschen auf dem Badebrett instabil. Hierfür
könnte ein Badelift angeschafft werden. Den intermittierenden Selbst-Katheterismus
könne der Versicherte selbstständig durchführen. Der Transfer auf die Toilette, das
Reinigen nach dem Stuhlgang sowie das Ordnen der Kleider erfolgten ebenfalls
mehrheitlich selbstständig. Bei einer invaliditätsbedingten Einschränkung in Bezug auf
die Reinigung könnte ein Dusch-WC beantragt werden. Im Bereich der Fortbewegung
sei ein Hilfebedarf bereits angerechnet worden. Mit Ausnahme der alltäglichen
Lebensverrichtung Fortbewegung bestehe somit kein Hilfebedarf. In Bezug auf die
lebenspraktische Begleitung hielt die Abklärungsperson fest, der Versicherte habe
keine kognitiven Einschränkungen und benötige für die Tagestrukturierung keine Hilfe.
Er benötige auch keine Anleitungen oder Anforderungen beispielsweise betreffend die
Hygiene. Kleinere Reinigungsarbeiten wie das Abstauben auf Sitzhöhe könne der
Versicherte selbstständig ausführen. Grössere Arbeiten würden von der Ehefrau
ausgeführt. Das Waschen und Bügeln werde grundsätzlich von der Ehefrau
übernommen. Kleinere Aufgaben wie das Zusammenlegen von kleinen
Kleidungsstücken könne der Versicherte erledigen. Das Füllen und Leeren der
Waschmaschine sollte ihm ebenfalls möglich sein. Einfache Mahlzeiten könne der
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Versicherte selbstständig zubereiten. Beim Rüsten oder Einräumen des Geschirrspülers
könne er mithelfen. Kleinere Einkäufe könne der Versicherte selbstständig erledigen.
Grössere Einkäufe würden zusammen mit der Ehefrau oder von der Ehefrau alleine
erledigt. Einschränkungen in der Kognition oder der Kommunikation bestünden nicht,
weshalb der Versicherte für die Kontaktpflege keine Hilfe benötige. Eine Isolation liege
ebenfalls nicht vor. Der Versicherte wohne mit seiner Ehefrau zusammen. Die Ehefrau
arbeite stundenweise und sei allenfalls ein Tag pro Woche auswärts beschäftigt. An
diesen Tagen sei der Versicherte allein zu Hause und in der Ausführung seiner
Grundbedürfnisse selbstständig. Eine mehrheitliche Übernahme der
Haushaltstätigkeiten durch den Lebenspartner der versicherten Person werde
ausserdem als zumutbare Erfüllung der Schadenminderungspflicht betrachtet. Am
18. September 2018 teilte der Versicherte mit (IV-act. 190), er sei mit dem Bericht der
telefonischen Abklärung in den Punkten Aufstehen/Absitzen/Abliegen, Verrichten der
Notdurft und Körperpflege nicht einverstanden. Schade sei ausserdem, dass keine
Abklärung vor Ort stattgefunden habe. Er führte aus, er könne zwar transferieren,
jedoch weder aufstehen noch absitzen oder abliegen im Sinne des Gesetzes. Er
verweise nochmals auf BGE 117 V 151, E. 3b. Entgegen den Ausführungen im
Austrittsbericht des Z._ seien die Schulterfunktionen nicht mehr so wie früher. Nach
den mehrmaligen Operationen bringe er die Arme nicht mehr über bzw. hinter den
Kopf; deshalb könne er sich die Haare und den Rücken nicht mehr selbstständig
waschen. Gemäss dem Kreisschreiben stelle das Einsetzen eines Katheters zur
Blasenentleerung einen Hilfebedarf dar. Da er alle drei bis vier Stunden die Blase
mittels Selbst-Katheterismus entleeren müsse, sei ein Hilfebedarf anzuerkennen. Der
Versicherte unterzeichnete die Telefonnotiz nicht.
Vom 19. März 2019 bis zum 18. April 2019 hielt sich der Versicherte im Z._ auf.
Am 20. März 2019 wurde er an der Halswirbelsäule operiert (Dekompression C3 bis C6
und dorsale Spondylodese C3 bis C6). Die Fachärzte berichteten am 18. April 2019 (IV-
act. 238), der Versicherte habe beim Eintritt einschiessende Schmerzen, die bis in die
Oberarme ziehen würden, im Liegen, beim langen Sitzen und bei den Transfers
angegeben. Die Arme würden, insbesondere in der Nacht, regelmässig einschlafen. Er
habe über einen Kraftverlust in den Armen und über eine abnehmende Rumpfstabilität
berichtet. Postoperativ habe der Versicherte über einen Sensibilitätsverlust und einen
A.d.
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Verlust der Motorik in beiden oberen Extremitäten geklagt. Auf Schmerzreiz habe er die
Hände beidseits weggezogen. Im MRI habe sich eine leicht zunehmende Stenose im
Bereich C1/2 gezeigt, welche jedoch nicht als ursächlich für den Motorikverlust
bewertet worden sei. Das Muster habe am ehesten zur Grunddiagnose der
dissoziativen Bewegungsstörung gepasst. Am Folgetag sei es zu einer kompletten
Remission der Symptomatik gekommen. Während des stationären Aufenthalts sei der
Versicherte physio- und ergotherapeutisch eng betreut worden. In der Physiotherapie
habe der Schwerpunkt beim Muskelaufbau und bei der Gelenkbeweglichkeit der
oberen Extremitäten gelegen. Im linken Schultergelenk hätten muskuläre und artikuläre
Schmerzen bestanden. Des Weiteren habe die Muskulatur der oberen und unteren
Extremitäten ein Kraftdefizit aufgewiesen. Die Schulterbeweglichkeit sei jedoch nicht
eingeschränkt gewesen. In der Ergotherapie sei insbesondere an den Transfers und an
der Rollstuhlhandhabung gearbeitet worden. Der Versicherte habe alle Transfers des
täglichen Lebens und alle Bewegungsübergänge (wie Drehen, Aufsitzen, Hinlegen,
Aufstehen, Hinsetzen) selbstständig durchgeführt. Den manuellen Rollstuhl habe er im
ebenen und im unebenen Gelände sowie auf Steigungen und Gefällen selbstständig
handhaben können. Im Setting des stationären Aufenthalts in der angepassten
Klinikumgebung habe der Versicherte alle alltäglichen Lebensverrichtungen
selbstständig durchgeführt. Er habe die oberen Extremitäten links wie rechts im Alltag
normal eingesetzt. Der Versicherte habe angegeben, zu Hause beim Verrichten der
Haushaltsarbeiten wie Kochen oder Fensterputzen aufgrund der Schulterproblematik
eingeschränkt zu sein.
Am 9. Mai 2019 fand eine Abklärung an Ort und Stelle statt. Die Abklärungsperson
notierte gleichentags (IV-act. 255), der Versicherte sei gemäss dem aktuellsten
Arztbericht beim Ankleiden/Auskleiden selbstständig. Der Versicherte habe angegeben,
zu Hause benötige er Hilfe, weil er das Bett nicht verstellen könne. Er sei aber nicht
bereit, sich ein Pflegebett anzuschaffen. Bei den Transfers sei er gemäss dem
medizinischen Bericht ebenfalls selbstständig. Der Versicherte habe berichtet, er
benötige vor allem am Morgen Hilfe. Seine Ehefrau müsse bei den Transfers
mehrheitlich zur Absicherung dabei sein. Zeitweise müsse sie auch direkt behilflich
sein. Beim Essen sei er selbstständig. In Bezug auf die Körperpflege könne er sich die
Hände, das Gesicht und die Zähne selber reinigen und er könne sich rasieren. Im Spital
A.e.
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habe er sich selber duschen können. Der Versicherte habe angegeben, er habe sich die
Füsse und den Rücken nicht selber waschen können. Grundsätzlich sei man sich nach
dem Abklärungsgespräch aber einig gewesen, dass mit den entsprechenden
Anpassungen die Selbstständigkeit erhalten werden könne. Die Blasenentleerung
könne der Versicherte mittels Katheterisierung selbstständig durchführen. Betreffend
den Stuhlgang merke er selber, wann er auf die Toilette gehen müsse. Beim Transfer
auf die Toilette sei er auf Hilfe angewiesen, weil die Toilette nicht angepasst sei. Auch
bei der Reinigung müsse ihm seine Ehefrau behilflich sein. Er benötige zudem Hilfe
beim Ordnen der Kleider vor und nach der Verrichtung der Notdurft. Auch hier sei man
sich einig gewesen, dass mit einem Dusch-WC und Haltegriffen die Selbstständigkeit
erhalten werden könne. In Bezug auf die lebenspraktische Begleitung benötige der
Versicherte bei der Tagesstrukturierung und in Alltagssituationen keine Hilfe. Kleinere
Reinigungsarbeiten könne er übernehmen. Er könne auch beim Waschen und Bügeln in
einem geringen Ausmass mithelfen. Im Zusammenhang mit der Ernährung könne der
Versicherte beispielsweise beim Rüsten oder Anrichten mithelfen. Kleinere Einkäufe
sollten ihm möglich sein; bei Grosseinkäufen sei er auf Hilfe angewiesen. Für die
Kontaktpflege sei er nicht auf Hilfe angewiesen und eine Isolation liege nicht vor.
Zusammenfassend hielt die Abklärungsperson fest, aufgrund der Abklärung vor Ort
lägen keine neuen Tatsachen vor, die den Entscheid beeinflussen würden.
Grundsätzlich sei man sich nach dem Gespräch einig gewesen, dass mit Hilfe der
entsprechenden Hilfsmittel die Selbstständigkeit in allen alltäglichen
Lebensverrichtungen mit Ausnahme der Fortbewegung erhalten werden könne. Die
Ehefrau des Versicherten sei mehrheitlich zu Hause und könne sich um die
Haushaltstätigkeiten kümmern. Wenn sie abwesend sei, könnten auch die Tochter oder
der Sohn vorbeikommen und dem Versicherten Unterstützung leisten. Am 13. Juni
2019 nahm der Versicherte zum Abklärungsbericht Stellung (IV-act. 245). Er machte
geltend, er könne sowohl mit dem rechten als auch mit dem linken Arm keine
Bewegungen nach hinten mehr ausführen. Die passive Schulterbeweglichkeit habe
gemäss dem Austrittsbericht des Z._ vom 10. Mai 2019 (es handelt sich hierbei um
den korrigierten Austrittsbericht vom 18. April 2019, act. G 1.1.3) aufgrund von
Schmerzen nicht eruiert werden können. Er benötige Hilfe beim An- und Auskleiden, da
er diese Verrichtung auch auf einem Pflegebett zu Hause nicht ausführen könnte. Es
sei ihm nicht möglich, die Unterhosen und die Hosen über das Gesäss nach oben zu
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ziehen, da er die Arme nicht so weit nach hinten bewegen könne. Auch die
Armbewegung nach oben sei schmerzbedingt stark eingeschränkt. In beiden Armen
bestehe ein erheblicher Kraftverlust und in der linken Hand habe er eine
Sensibilitätsstörung. Er benötige deshalb Hilfe, wenn er ausser Haus eine Jacke, einen
Pullover oder ähnliches an- oder ausziehen wolle. Wegen der Schmerzen und des
Kraftdefizits benötige er bei praktisch sämtlichen Transfers Hilfe. In Bezug auf das
Aufstehen/Absitzen/Abliegen verweise er auf BGE 117 V 151, E. 3b; gestützt darauf sei
ein Hilfebedarf anzuerkennen. Er entleere seine Blase vier- bis fünfmal täglich mittels
Katheterisieren. Gemäss dem Kreisschreiben über Invalidität und Hilflosigkeit in der
Invalidenversicherung (KSIH, Stand 1. Januar 2018, Rz 8021) stelle die
Blasenentleerung durch einen Katheter eine unübliche Art und Weise der
Notdurftverrichtung dar. Ein Hilfebedarf sei unabhängig davon, ob für das
Katheterisieren Dritthilfe benötigt werde, gegeben. Bestritten werde, dass die
Hilflosigkeit durch Hilfsmittel verhindert werden könnte. Die im Abklärungsbericht
aufgeführten Hilfsmittel erleichterten ihm den Alltag, würden aber die Funktionsausfälle
nicht vollständig ausgleichen. Eine Hilflosigkeit sei somit in vier alltäglichen
Lebensverrichtungen ausgewiesen. Ihm sei deshalb eine Hilflosenentschädigung
wegen einer Hilflosigkeit mittleren Grades zuzusprechen. Am 20. Juni 2019
unterzeichnete der Versicherte den Abklärungsbericht (IV-act. 255). Er ergänzte diesen
dahingehend, dass er im Spital beim Duschen auch Hilfe beim Waschen des Gesässes
und der Haare benötigt habe. Die direkte Hilfe der Ehefrau bei den Transfers sei
ungefähr vier Mal pro Woche nötig.
Die IV-Stelle forderte am 21. Juni 2019 beim Z._ die Berichte über die physio-
und der ergotherapeutischen Behandlungen, die im Rahmen der stationären
Aufenthalte vom 25. August 2017 bis zum 18. Mai 2018 und vom 19. März 2019 bis
zum 18. April 2019 stattgefunden hatten, an (IV-act. 249). Am 25. April 2019 hatte die
Physiotherapeutin berichtet (IV-act. 254), der Versicherte sei beim Eintritt in den
Aktivitäten Drehen, Aufsitzen und Abliegen selbstständig gewesen; je nach
Schmerzsituation habe er Unterstützung benötigt. Bei der Aktivität Rollstuhl-Bett-
Rollstuhl sei er ebenfalls selbstständig gewesen; je nach Schmerzsituation und
Tagesform habe er Unterstützung benötigt. Beim Austritt hätten muskuläre,
neuropathische und artikuläre Schmerzen in den Schultergelenken beidseits und
A.f.
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neuropathische Schmerzen in den Handgelenken beidseits bestanden. In der
Rumpfmuskulatur und in der Muskulatur der oberen Extremitäten habe ein Kraftdefizit
bestanden. In den Schultergelenken hätten beidseits artikuläre, muskuläre und
kapsuläre Einschränkungen bestanden. Alle Transfers des täglichen Lebens und alle
Bewegungsübergänge im Alltag (wie drehen, aufsitzen, hinlegen, aufstehen, hinsetzen)
habe der Versicherte selbstständig durchgeführt. Wenn sich der Versicherte
konzentriert habe, sei der Transfer sicher gewesen. Die Handhabung des manuellen
Rollstuhls im Innenbereich sei selbstständig gewesen. Die Ergotherapeutin hatte am
24. April 2019 mitgeteilt (IV-act. 252), beim Austritt habe der Versicherte alle Transfers
selbstständig und ohne Hilfsmittel durchgeführt. Den manuellen Rollstuhl habe er im
ebenen und unebenen Gelände sowie auf Steigungen und Gefällen selbstständig
handhaben können. Der Versicherte habe mit beiden Händen nahezu alle
grobmotorischen Greiffunktionen ausführen können. Aufgrund der eingeschränkten
Sensibilität sei die Feinmotorik eingeschränkt gewesen. Die grosse Selbsthilfe habe der
Versicherte selbstständig ausführen können. Im Rollstuhl habe er sich durch das
Verlagern des Gewichts zur Seite oder nach vorne entlastet. Das Zubereiten einer
warmen Mahlzeit sei ihm unter einem erhöhten Zeit- und Energieaufwand möglich
gewesen. Am 22. Mai 2018 hatte eine (andere) Ergotherapeutin angegeben (IV-
act. 251), die Handhabung des manuellen Rollstuhls sei im Aussen- und im
Innenbereich selbstständig gewesen. Die Selbstversorgung sei in allen Bereichen
selbstständig möglich gewesen. Am 16. Mai 2018 hatten Fachpersonen der
Physiotherapie berichtet (IV-act. 253), beim Austritt hätten muskuläre und artikuläre
Schmerzen im rechten Schultergelenk, ein Kraftdefizit der unteren Extremitäten sowie
artikuläre, muskuläre und kapsuläre Einschränkungen im rechten Schultergelenk
bestanden. Alle Transfers des täglichen Lebens und alle Bewegungsübergänge im
Alltag (wie drehen, aufsitzen, hinlegen, aufstehen, hinsetzen) habe der Versicherte
selbstständig durchgeführt. In allen vier Berichten ist festgehalten worden, die
erwähnten Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Aktivität des Versicherten hätten sich auf
den Klinikalltag bei angepasster Umgebung bezogen.
Der RAD-Arzt Dr. med. B._ notierte am 15. Juli 2019 (IV-act. 258), die
Ergebnisse der Abklärungen seien aus versicherungsmedizinischer Sicht
A.g.
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B.
nachvollziehbar; der erhobene Sachverhalt decke sich mit den medizinischen
Befunden.
Am 16. Juli 2019 berichtete Dr. med. Dipl.-Psych. C._, Facharzt Neurologie am
Z._ (IV-act. 265), der Versicherte habe in der am 10. Juli 2019 durchgeführten
Untersuchung über eine Kraftverminderung in den Armen berichtet. Vorbekannt sei
eine überwiegend funktionelle Tetraplegie wechselnden Ausmasses. Bei der letzten
Untersuchung am 17. Mai 2018 seien beide Arme weitgehend vollkräftig gewesen. In
der aktuellen Untersuchung hätten im Bereich der Arme seitengleiche Kraftverhältnisse,
vermutlich vollkräftig bei ausgeprägter Wechselinnervation, bestanden. Neu sei ein
rechtsbetonter, feinschlägiger Tremor aufgetreten. Der aktuelle neurologische Befund
sei vergleichbar mit den Voruntersuchungen, die vor dem operativen Eingriff
durchgeführt worden seien. Bei der deutlichen psychogenen Überlagerung der
Symptomatik und der vorgetragenen funktionellen Paresen sei eine eindeutige
Einschätzung schwierig. Das Ulnaris-SEP habe aber keinen Hinweis auf Pathologien im
Bereich der HWS ergeben. Demnach sei mit hoher Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen, dass es postoperativ zu keiner Verschlechterung der neurologischen
Ausfälle gekommen sei.
A.h.
Mit einer Verfügung vom 22. August 2019 sprach die IV-Stelle dem Versicherten
mit Wirkung ab dem 1. August 2018 eine Hilflosenentschädigung wegen einer
Hilflosigkeit leichten Grades im Sinne von Art. 37 Abs. 3 lit. d der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV, SR 831.201) zu (IV-act. 266-268). In Bezug auf die
lebenspraktische Begleitung führte sie an, der Versicherte könne die häuslichen
Aufgaben unter Anwendung von entsprechenden Hilfsmitteln zu einem wesentlichen
Teil unter Erschwernis selbstständig erledigen. Zu den Einwänden des
Beschwerdeführers hielt sie fest, aus medizinischer Sicht sei bestätigt worden, dass in
den oberen Extremitäten keine relevanten Einschränkungen vorliegen würden, welche
in den alltäglichen Lebensverrichtungen einen Bedarf an Dritthilfe rechtfertigen würden.
A.i.
Der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) erhob am 26. September 2019
eine Beschwerde (act. G 1). Er beantragte die Aufhebung der Verfügung vom
22. August 2019 und die Zusprache einer Hilflosenentschädigung wegen einer
B.a.
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Hilflosigkeit mittleren Grades. Ergänzend zu den Einwänden im Vorbescheidverfahren
machte der Beschwerdeführer geltend, die Kraftverhältnisse seien im Tagesverlauf sehr
unterschiedlich. Am Morgen habe er während rund zwei Stunden grosse
Anlaufschwierigkeiten, weshalb er bei der morgendlichen Pflege auf eine grosse
Unterstützung angewiesen sei. Auch nachher sei er bei vielen alltäglichen
Lebensverrichtungen auf Hilfe angewiesen. Im physiotherapeutischen Bericht des Z._
vom 25. April 2019 sei festgehalten worden, die im Bericht erwähnten Fähigkeiten und
Fertigkeiten in seiner Aktivität hätten sich auf den Klinikalltag bei angepasster
Umgebung bezogen. Beim Eintrittsbefund sei angegeben worden, er benötige beim
Aufsitzen, beim Abliegen und beim Transfer Rollstuhl – Bett – Rollstuhl je nach
Schmerzsituation und Tagesform Unterstützung. Deshalb sei davon auszugehen, dass
er nach dem Austritt aus der Klinik in der Wohnung und im Freien wesentlich weniger
selbstständig gewesen sei als in der Klinik. Der Abklärungsbericht der IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) sei einzig aufgrund eines Gesprächs erstellt
worden. Die Abklärungsperson habe es unterlassen, sich ein Bild über die
tatsächlichen Fähigkeiten und Grenzen bei der selbstständigen Erledigung der
alltäglichen Lebensverrichtungen zu machen. Der Abklärungsbericht widerspiegle "in
keinster Weise" die tatsächlichen Verhältnisse. Zu berücksichtigen sei zudem, dass er
seit 2017 immer mehr an Kraft und damit auch an Selbstständigkeit im Alltag verloren
habe. Die Aussagekraft der ärztlichen Berichte sei deshalb nicht mehr in allen Teilen
aktuell. Auf die Berichte des Z._ aus dem Jahr 2019 könne nicht abgestellt werden,
da die Ärzte keine Kraftmessungen durchgeführt und die vorhandenen Funktionen der
Extremitäten nicht untersucht hätten. In Bezug auf die Körperpflege sei festzuhalten,
dass er beim Waschen der Füsse, des Rückens, des Gesässes und der Haare Hilfe
benötige. Wenn er sich nach vorne beuge, könne er das Gleichgewicht nicht mehr
halten. Wegen der schmerzbedingten Funktionseinschränkungen in den Armen könne
er sich weder den Rücken noch das Gesäss reinigen. Der Beschwerdeführer reichte
einen korrigierten Austrittsbericht des Z._ vom 10. Mai 2019 ein (act. G 1.1.3); dieser
ersetzte den Austrittsbericht vom 18. April 2019. Geändert wurde insbesondere ein
Satz auf der Seite vier. Dort heisst es nun "Die passive Schulterbeweglichkeit konnte
auf Grund von Schmerzen nicht eruiert werden" anstelle von "Die
Schulterbeweglichkeit zeigt sich jedoch nicht eingeschränkt". Am 4. November 2019
reichte der Beschwerdeführer einen Bericht des Z._ vom 18. Oktober 2019 ein (act.
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G 4). Er machte geltend, aus der Zwischenanamnese ergebe sich, dass er in den
alltäglichen Lebensverrichtungen merklich eingeschränkt sei. Dr. med. D._, Stv.
Oberärztin Ambulatorium, Fachärztin Physikalische Medizin und Rehabilitation, hatte
darin mitgeteilt (act. G 4.1), hinsichtlich der Schmerzen bestehe ein stabiler Verlauf. Die
zunehmenden Einschränkungen beider Schultergelenke hätten jedoch zu einer
vermehrten Hilfsbedürftigkeit mit einer erschwerten selbstständigen Durchführung der
Alltagsaktivitäten (Hosen anziehen, Tätigkeiten über Kopf sowie repetitive Transfers)
geführt. Bei den Untersuchungsbefunden hatte sie unter anderem angegeben, der
Nackengriff sei ansatzweise und der Schürzengriff sei nicht möglich gewesen. Die
Aussenrotation mit abduziertem Oberarm und die Innenrotation seien schmerzhaft
eingeschränkt gewesen.
Die Beschwerdegegnerin beantragte die Abweisung der Beschwerde (act. G 6).
Zur Begründung führte sie an, der Beschwerdeführer bedürfe mit Sicherheit weder
einer dauernden persönlichen Überwachung noch einer lebenspraktischen Begleitung,
weshalb für die Annahme einer mittelschweren Hilflosigkeit eine Hilflosigkeit in
mindestens vier alltäglichen Lebensverrichtungen notwendig sei. Vorliegend sei eine
solche jedoch nicht ausgewiesen. Sämtliche Erkenntnisse aus den Abklärungen hätten
zum Schluss geführt, dass der Beschwerdeführer lediglich im Bereich der
Fortbewegung regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen sei.
Die gegenteiligen Ausführungen des Beschwerdeführers stellten lediglich
Behauptungen dar. Aus dem korrigierten Austrittsbericht des Z._ vom 10. Mai 2019
gehe deutlich hervor, dass die geltend gemachten Einschränkungen nicht derart
gravierend seien, wie sie der Beschwerdeführer in der Beschwerdeschrift dargestellt
habe. Der Beschwerdeführer habe geltend gemacht, auf die ärztlichen Berichte des
Z._ aus dem Jahr 2019 könne nicht abgestellt werden, da keine Kraftmessungen
durchgeführt und die vorhandenen Funktionen der Extremitäten nicht untersucht
worden seien. Dieser angebliche Mangel könne nicht zu einem Nichtbeachten der
ärztlichen Berichte führen, da eine Kraftmessung bzw. eine explizite Untersuchung der
Funktionen der Extremitäten nicht notwendig seien, wenn die Ärzte auch ohne solche
Testungen sagen könnten, dass der Beschwerdeführer in fünf von sechs alltäglichen
Lebensverrichtungen nicht auf eine regelmässige und erhebliche Dritthilfe angewiesen
sei. Im Rahmen der Abklärung an Ort und Stelle habe der Beschwerdeführer
B.b.
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angegeben, dass er sich im Spital selber habe anziehen können, weil das Pflegebett
verstellbar gewesen sei. Zu Hause sei ihm dies nicht möglich; er sei aber auch nicht
bereit, sich ein Pflegebett anzuschaffen. Nach der Abgabe eines Hilfsmittels
(Pflegebett) sei der Beschwerdeführer im Bereich Ankleiden/Auskleiden somit nicht auf
eine regelmässige und erhebliche Hilfe Dritter angewiesen. Auch im Bereich Aufstehen/
Absitzen/Abliegen liege kein Hilfebedarf vor. Der Beschwerdeführer könne alle
Transfers selbstständig durchführen. Der Beschwerdeführer sei also in den Bereichen
Ankleiden/Auskleiden sowie Aufstehen/Absitzen/Abliegen sicher nicht hilflos. Selbst
wenn in der Lebensverrichtung Verrichten der Notdurft eine Hilflosigkeit anerkannt
würde, wäre der Beschwerdeführer erst in zwei alltäglichen Lebensverrichtungen
hilflos, womit lediglich eine Hilflosigkeit leichten Grades vorliegen würde.
Der Beschwerdeführer hielt in der Replik vom 6. Februar 2020 an den Anträgen in
der Beschwerde fest (act. G 11). Zusätzlich beantragte er die Durchführung einer
mündlichen Verhandlung. Er machte im Wesentlichen geltend, er sei in den alltäglichen
Lebensverrichtungen Aufstehen/Absitzen/Abliegen, Ankleiden/Auskleiden und
Verrichten der Notdurft hilflos im Sinne der Rechtsprechung. Er bestreite die
Ausführungen der Beschwerdegegnerin, wonach die Berichte des Z._ aus dem Jahr
2019 zu berücksichtigen seien, obwohl die Ärzte keine Kraftmessungen durchgeführt
und die vorhandenen Funktionen der Extremitäten nicht untersucht hätten. Diese
Berichte seien nicht zu berücksichtigen, da sie nicht aufgrund eigener Abklärungen
erfolgt seien und zur Klärung des Sachverhalts nichts beitragen könnten. Auch ein Arzt
sei nicht ohne Weiteres in der Lage, ohne Testungen gültige Angaben zur Frage, ob der
Beschwerdeführer in den alltäglichen Lebensverrichtungen auf eine regelmässige und
erhebliche Dritthilfe angewiesen sei, zu machen.
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 13).B.d.
Die vom Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen auf den 16. Juni 2020
angesetzte Verhandlung musste wegen einer Hospitalisation des Beschwerdeführers
abgesagt werden (act. G 16-19). Am 19. Oktober 2020 reichte der Beschwerdeführer
die folgenden Berichte des Z._ ein: Austrittsbericht vom 25. September 2020,
Therapiebericht vom 25. September 2020 und Pflegebericht vom 22.September 2020
(act. G 21.1-21.3). Der Beschwerdeführer war am 10. Juni 2020 an der rechten Schulter
B.e.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/26
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Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung eine
Hilflosenentschädigung wegen einer Hilflosigkeit leichten Grades im Sinne von Art. 37
Abs. 3 lit. d IVV mit Wirkung ab dem 1. August 2018 zugesprochen. Der
Beschwerdeführer hat in seiner dagegen erhobenen Beschwerde die Zusprache einer
Hilflosenentschädigung wegen einer Hilflosigkeit mittleren Grades beantragt. Zu prüfen
ist demnach, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung hat und wie hoch diese Entschädigung gegebenenfalls ist.
2.
operiert worden (inverse Schultertotalprothese) und vom 9. Juni 2020 bis
25. September 2020 hospitalisiert gewesen. Am 9. April 2021 teilte der
Beschwerdeführer mit, dass er auf die beantragte mündliche Verhandlung verzichte
(act. G 26). Am 28. April 2021 reichte er einen Austrittsbericht des Z._ vom 23. April
2021 und einen Pflegebericht vom 20. April 2021 ein (act. G 28). Er war vom
17. Februar 2021 bis 23. April 2021 hospitalisiert gewesen.
Versicherte mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, die hilflos
sind, haben Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung (Art. 42 Abs. 1 Satz 1 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Als hilflos gilt, wer
wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für alltägliche Lebensverrichtungen
dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen Überwachung bedarf (Art. 9 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG,
SR 830.1). Es ist zu unterscheiden zwischen schwerer, mittelschwerer und leichter
Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 2 IVG). Als hilflos gilt ebenfalls eine Person, welche zu Hause
lebt und wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit dauernd auf lebenspraktische
Begleitung angewiesen ist. Ist nur die psychische Gesundheit beeinträchtigt, so muss
für die Annahme einer Hilflosigkeit mindestens ein Anspruch auf eine Viertelsrente
gegeben sein. Ist eine (volljährige) Person lediglich dauernd auf lebenspraktische
Begleitung angewiesen, so liegt immer eine leichte Hilflosigkeit vor (Art. 42 Abs. 3 IVG).
2.1.
Die massgebenden alltäglichen Lebensverrichtungen betreffen sechs Bereiche:
Ankleiden/Auskleiden, Aufstehen/Absitzen/Abliegen, Essen, Körperpflege, Verrichten
der Notdurft und Fortbewegung (Rz 8010 des Kreisschreibens über Invalidität und
2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/26
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Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung, KSIH, Stand 1. Januar 2021). Der Bedarf nach
Hilfeleistungen muss regelmässig und in erheblicher Weise bestehen (Art. 37 IVV).
Regelmässig werden Hilfeleistungen benötigt, wenn sie täglich oder eventuell täglich
erbracht werden müssen (vgl. Rz 8025 KSIH). Erheblich sind Hilfeleistungen, wenn die
versicherte Person mindestens eine Teilfunktion einer alltäglichen Lebensverrichtung
nicht mehr, nur noch mit unzumutbarem Aufwand oder nur noch auf unübliche Art und
Weise selbst ausführen kann oder wegen ihres psychischen Zustandes ohne
besondere Aufforderung nicht vornehmen würde, oder wenn sie sie selbst mit Hilfe
Dritter nicht erfüllen kann, weil sie für sie keinen Sinn hat (vgl. Rz 8026 KSIH). Von der
direkten Dritthilfe bei der Ausführung der alltäglichen Lebensverrichtungen ist somit die
indirekte Dritthilfe zu unterscheiden.
Die Hilflosigkeit gilt als schwer, wenn die versicherte Person in allen alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen
ist und überdies der dauernden Pflege oder der persönlichen Überwachung bedarf
(Art. 37 Abs. 1 IVV). Sie gilt als mittelschwer, wenn die versicherte Person trotz der
Abgabe von Hilfsmitteln in den meisten (mindestens vier; vgl. Rz 8009 KSIH)
alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter
angewiesen ist (Art. 37 Abs. 2 lit. a IVV), in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen
ist und überdies einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf (Art. 37 Abs. 2
lit. b IVV) oder in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in
erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter und überdies dauernd auf lebenspraktische
Begleitung im Sinne von Art. 38 angewiesen ist (Art. 37 Abs. 2 lit. c IVV). Eine leichte
Hilflosigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in
mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise
auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (Art. 37 Abs. 3 lit. a IVV), einer dauernden
persönlichen Überwachung bedarf (Art. 37 Abs. 3 lit. b IVV), einer durch das Gebrechen
bedingten ständigen und besonders aufwendigen Pflege bedarf (Art. 37 Abs. 3 lit. c
IVV), wegen einer schweren Sinnesschädigung oder wegen eines schweren
körperlichen Gebrechens nur dank regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen
Dritter gesellschaftliche Kontakte pflegen kann (Art. 37 Abs. 3 lit. d IVV) oder dauernd
auf eine lebenspraktische Begleitung angewiesen ist (Art. 37 Abs. 3 lit. e IVV). Ein
Bedarf an lebenspraktischer Begleitung liegt vor, wenn eine volljährige versicherte
Person ausserhalb eines Heimes lebt und infolge Beeinträchtigung der Gesundheit
ohne Begleitung einer Drittperson nicht selbstständig wohnen kann (Art. 38 Abs. 1 lit. a
IVV), für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung auf Begleitung einer
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/26
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3.
Der Beschwerdeführer hat im Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung
vom 22. August 2019 an einer sensomotorisch inkompletten Tetraplegie
(Querschnittslähmung mit einer Beteiligung der Arme), an einer Re-Ruptur der
Infraspinatussehne im rechten Schultergelenk sowie an einer massiven AC-
Gelenksarthrose im rechten Schultergelenk gelitten (vgl. Austrittsberichte des Z._
vom 16. Mai 2018 und vom 10. Mai 2019, IV-act. 149, act. G 1.1.3). Am 10. Juni 2020
wurde ihm in der rechten Schulter ein künstliches Gelenk (inverse
Schultertotalprothese) eingesetzt. Zur Fortbewegung ist er auf einen Rollstuhl
angewiesen. Damit ist es überwiegend wahrscheinlich, dass er für die Pflege
gesellschaftlicher Kontakte ausserhalb seiner vertrauten Umgebung einer Dritthilfe
bedarf, da er beispielsweise Treppen oder Absätze nicht selbstständig überwinden
kann (vgl. auch Rz 8068 KSIH). Ein Bedarf an Dritthilfe im Sinne von Art. 37 Abs. 3 lit. d
IVV ist damit ausgewiesen. In der Beschwerde vom 26. September 2019 hat der
Beschwerdeführer geltend gemacht (act. G 1), er könne sowohl den rechten als auch
den linken Arm wegen der Schmerzen und der Bewegungseinschränkungen nicht mehr
nach hinten, also über die Gesässhöhe hinaus bewegen. Am Morgen habe er während
rund zwei Stunden grosse Anlaufschwierigkeiten mit Steifheit und verminderter Kraft in
Drittperson angewiesen ist (Art. 38 Abs. 1 lit. b IVV) oder ernsthaft gefährdet ist, sich
dauernd von der Aussenwelt zu isolieren (Art. 38 Abs. 1 lit. c IVV).
Nach der Auffassung des Bundesgerichts ist im Rahmen der lebenspraktischen
Begleitung im Sinne von Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV neben der indirekten auch die direkte
Dritthilfe zu berücksichtigen. Wenn eine Begleitperson also die notwendigerweise
anfallenden Tätigkeiten (Tagesstrukturierung, Bewältigung von Alltagssituationen,
Haushaltsführung; vgl. Rz 8050 KSIH) selbst ausführt, weil die versicherte Person dazu
gesundheitsbedingt nicht in der Lage ist, ist auch dieser Aufwand als Teil der
lebenspraktischen Begleitung zu qualifizieren (BGE 133 V 466, E. 10). Zu den
erwähnten notwendigerweise anfallenden Tätigkeiten zählen etwa das Kochen, das
Einkaufen, das Besorgen der Wäsche und die Wohnungspflege (vgl. das Urteil des
Bundesgerichts vom 1. April 2010, 9C_410/2009, E. 5.4). Das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen interpretiert dies dahingehend, dass jede versicherte Person, die
krankheitsbedingt ihren Haushalt nicht mehr selbst besorgen kann, auf eine
lebenspraktische Begleitung angewiesen und deshalb hilflos ist, wenn ihr das
Verbleiben in der eigenen Wohnung ohne eine Haushaltshilfe nicht mehr zugemutet
werden kann (Entscheide vom 23. April 2018, IV 2016/353, E. 3.1, und vom 16. April
2014, IV 2013/412, E. 2.2).
2.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/26
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den Extremitäten. Über Kopf verfüge er über praktisch keine Kraft mehr in den Armen.
Er benötige deshalb Hilfe in den alltäglichen Lebensverrichtungen Ankleiden/
Auskleiden (Anziehen von Unterhose und Hose sowie von Jacke und Pullover),
Aufstehen/Absitzen/Abliegen (Unterstützung bei den Transfers) und Körperpflege
(Waschen der Haare, des Rückens, des Gesässes und der Füsse). Aus den beiden
Austrittsberichten des Z._ vom 10. Mai 2019 und vom 16. Mai 2018 geht nicht im
Detail hervor, welche Bewegungen der Beschwerdeführer mit den Armen und dem
Oberkörper noch hat ausführen können. Festgehalten wurde lediglich (act. G 1.1.3), der
Beschwerdeführer habe im Setting des stationären Aufenthalts alle alltäglichen
Lebensverrichtungen selbstständig durchgeführt; er habe im Alltag die oberen
Extremitäten links wie rechts normal eingesetzt und (IV-act. 149) beim Austritt sei er bei
der Selbstversorgung, bei allen Transfers sowie beim Handling des Rollstuhls
selbstständig gewesen. Auch den Physio- und Ergotherapieberichten (IV-act 251-254)
lassen sich dazu keine detaillierten Angaben entnehmen. Damit ist nicht abschliessend
beurteilbar, ob die vom Beschwerdeführer angegebenen Bewegungseinschränkungen
im verfügungsrelevanten Zeitraum bestanden haben. In dem vom Beschwerdeführer im
Rahmen des Beschwerdeverfahrens eingereichten Bericht vom 18. Oktober 2019 hat
Dr. D._ zwar festgehalten (act. G 4.1), der Nackengriff sei ansatzweise und der
Schürzengriff sei nicht möglich gewesen. Dieser Bericht, der im Übrigen nach dem
Erlass der angefochtenen Verfügung erstellt worden ist, vermag die vom
Beschwerdeführer beklagten Beschwerden aber nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Die Fachärzte des Z._ haben als
Ursache für die inkomplette Tetraplegie nämlich eine dissoziative Bewegungsstörung
als hochwahrscheinlich bezeichnet (Austrittsbericht vom 16. Mai 2018, IV-act. 149). Sie
haben keine somatische Ursache für die inkomplette Tetraplegie feststellen können.
Dem Austrittsbericht vom 10. Mai 2019 ist zu entnehmen (act. G 1.1.3), dass der
Beschwerdeführer nach der Operation vom 20. März 2019 (Dekompression C3-C6 und
dorsale Spondylodese C3-C6) über einen Sensibilitätsverlust und einen Verlust der
Motorik in den beiden oberen Extremitäten geklagt hat. Ohne Interventionen ist es am
Folgetag zu einer kompletten Remission der Symptomatik gekommen. Nach der
Ansicht der Fachärzte hat das Muster am ehesten zur Grunddiagnose der dissoziativen
Bewegungsstörung gepasst. Dem Bericht von Dr. C._ vom 16. Juli 2019 ist zu
entnehmen (IV-act. 265), dass der neurologische Befund mit den Voruntersuchungen,
die vor dem operativen Eingriff (gemeint wohl: Operation vom 20. März 2019)
durchgeführt worden sind, vergleichbar gewesen ist. Er hat festgehalten, bei der
deutlichen psychogenen Überlagerung der Symptomatik und den vorgetragenen
funktionellen Paresen sei eine eindeutige Einschätzung etwas schwierig. Das Ulnaris-
SEP habe aber keinen Hinweis auf Pathologien im Bereich der HWS ergeben. Auch
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/26
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Dr. C._ hat also keine somatische Ursache für die inkomplette Tetraplegie feststellen
können, sondern ist von einer funktionellen, das heisst wohl psychisch bedingten
Tetraplegie ausgegangen. Damit steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass die inkomplette Tetraplegie psychisch bedingt ist. Bei
einer psychisch bedingten Tetraplegie ist es im Vergleich zu einer Tetraplegie
organischer Ätiologie schwieriger, die objektiv bestehenden
Bewegungseinschränkungen festzustellen, das heisst die durch eine zumutbare
Willensanstrengung nicht zu überwindenden Bewegungseinschränkungen von den
willensnahen Bewegungseinschränkungen abzugrenzen. Sämtliche vorliegenden
medizinischen Berichte und Einschätzungen haben sich – therapietypisch – nicht zu
dieser Frage geäussert. Es fehlt also an einer medizinischen Beurteilung zur
Beantwortung der Frage, welche Bewegungen der Beschwerdeführer mit den oberen
Extremitäten objektiv noch ausführen kann respektive an welchen
Bewegungseinschränkungen er objektiv leidet. Zu klären ist somit, ob die vom
Beschwerdeführer angegebenen körperlichen Einschränkungen aus einer objektiven
Beeinträchtigung resultieren oder ob der Beschwerdeführer mit einer zumutbaren
Willensanstrengung in der Lage wäre, mehr Bewegungen auszuführen, als er
gegenüber der Beschwerdegegnerin behauptet hat. Die Berichte über die
Hospitalisation vom 9. Juni 2020 bis 25. September 2020 (act. G 21.1-21.3) beziehen
sich ausschliesslich auf den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nach der
Operation vom 10. Juni 2020 und enthalten keine Angaben, die Rückschlüsse auf aus
objektiver Sicht im verfügungsrelevanten Zeitraum vorhandene
Bewegungseinschränkungen der oberen Extremitäten zuliessen. Die Berichte über die
Hospitalisation vom 17. Februar 2021 bis 23. April 2021 (act. G 28) beziehen sich auf
eine Rehabilitation aufgrund einer Ende Dezember 2020 eingetretenen
Verschlechterung der Lähmung (Lähmung des linken Armes). Sie enthalten ebenfalls
keine Angaben, die Rückschlüsse auf aus objektiver Sicht bestehende
Einschränkungen der Beweglichkeit der oberen Extremitäten im verfügungsrelevanten
Zeitraum zuliessen. Die Angelegenheit ist deshalb zur weiteren Abklärung des
medizinischen Sachverhalts an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese
Abklärung muss zwingend eine psychiatrische Untersuchung beinhalten. Wen die
Beschwerdegegnerin mit dieser Abklärung betraut, ist ihr überlassen.
4.
Die Beschwerdegegnerin hat zur Abklärung des Hilfebedarfs eine Abklärung an Ort und
Stelle, das heisst beim Beschwerdeführer zu Hause durchgeführt (vgl. den Abklärungs
bericht vom 9. Mai 2019, IV-act 255). Dieser Abklärungsbericht vermag den Hilfebedarf
in den für eine Hilflosenentschädigung relevanten Lebensbereichen nicht mit dem
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/26
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Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen, denn der medizinische
Sachverhalt ist noch nicht ausreichend abgeklärt worden (vgl. E. 3). Damit ist die
Beantwortung der Frage, in welchen alltäglichen Lebensverrichtungen der
Beschwerdeführer objektiv noch selbstständig gewesen ist, gar nicht möglich
gewesen. Des Weiteren hat der Beschwerdeführer zu Recht geltend gemacht, der
Abklärungsbericht sei einzig aufgrund eines Gesprächs erstellt worden; die
Abklärungsperson habe es unterlassen, sich ein Bild über die tatsächlichen Fähigkeiten
und Grenzen bei der selbstständigen Erledigung der alltäglichen Lebensverrichtungen
und des Haushalts zu machen. Ziel einer Abklärung an Ort und Stelle ist es, aus
möglichst objektiver Sicht abzuklären, ob eine versicherte Person in den für eine
Hilflosenentschädigung relevanten Lebensbereichen einer Dritthilfe bedarf. Hierfür sind
Beobachtungen der Abklärungsperson, welche Tätigkeiten die versicherte Person noch
ausführen kann (Augenschein), zentral. Ein Abklärungsbericht, der sich ausschliesslich
auf ein Gespräch stützt, gibt unter Umständen nur die subjektiven Schilderungen der
versicherten Person wieder und ist deshalb in einem Fall wie dem vorliegenden nicht
geeignet, den objektiv bestehenden Bedarf nach Hilfe bei den alltäglichen
Lebensverrichtungen und im Haushalt zu belegen. Vorliegend wird die
Beschwerdegegnerin deshalb, wenn gestützt auf ergänzende medizinische Abklärung
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststeht, welche
Bewegungen der Beschwerdeführer mit den oberen Extremitäten objektiv noch
ausführen kann, eine erneute Abklärung an Ort und Stelle in der Form eines
Augenscheins durchzuführen haben, das heisst die Abklärungsperson wird den
Beschwerdeführer – soweit zumutbar – auch bei der Verrichtung der für den Anspruch
auf eine Hilflosenentschädigung relevanten Tätigkeiten und insbesondere bei jenen
Tätigkeiten, die in Bezug auf die lebenspraktische Begleitung relevant sind,
beobachten. Sie wird diesen Augenschein durch eine Befragung des
Beschwerdeführers, der Ehefrau und gegebenenfalls weiterer Auskunftspersonen
ergänzen. Sie wird sowohl die Feststellungen beim Augenschein als auch die
Befragungen detailliert protokollieren. Im Rahmen dieser Abklärung wird sie auch
prüfen, ob durch eine optimierte Hilfsmittelversorgung ein Hilfebedarf in einer oder
mehreren alltäglichen Lebensverrichtungen und im Haushalt verhindert werden kann.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 21/26
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5.
Der Beschwerdeführer hat unter Berufung auf die Rechtsprechung des Bundesgerichts
geltend gemacht, in den alltäglichen Lebensverrichtungen Aufstehen/Absitzen/Abliegen
und Verrichten der Notdurft bestehe ein regelmässiger und erheblicher Hilfebedarf. Im
Folgenden ist zu prüfen, ob aufgrund seiner Vorbringen tatsächlich ein regelmässiger
und erheblicher Hilfebedarf besteht.
In Bezug auf die alltägliche Lebensverrichtung Aufstehen/Absitzen/Abliegen hat
der Beschwerdeführer geltend gemacht, das Aufstehen sei in den seltensten Fällen
Selbstzweck. Vielmehr stehe man in der Regel auf, um anschliessend in stehender
Position etwas zu tun. Für einen Paraplegiker sei das Aufstehen sinn- und nutzlos, da
dieser damit beschäftigt sei, sich festzuhalten und sich nicht einer Person oder einem
Gegenstand zuwenden könne. Nach der Auffassung des Bundesgerichts sei die
Hilfsbedürftigkeit auch dann zu bejahen, wenn ein Versicherter eine Teilfunktion zwar
noch ausüben könne, diese aber ihres Sinns entleert sei (BGE 117 V 151, E. 3b). Sein
Hilfebedarf sei daher ausgewiesen. Dazu ist festzuhalten, dass das Aufstehen für den
Beschwerdeführer nicht sinn- und nutzlos geworden ist, denn sonst könnte er
beispielsweise den Stehstuhl, mit dessen Hilfe er auf den Kochherd sehen und sich
eine einfache Mahlzeit zubereiten kann (vgl. IV-act. 155), nicht benutzen. Das
Vorbringen des Beschwerdeführers ist damit nicht stichhaltig und ein regelmässiger
und erheblicher Hilfebedarf ist gestützt auf die Argumentation des Beschwerdeführers
zu verneinen. Ob aufgrund anderer Umstände mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
ein regelmässiger und erheblicher Hilfebedarf besteht, ist im Anschluss an die noch
vorzunehmenden weiteren Abklärungen (vgl. E. 3 und 4) durch die
Beschwerdegegnerin zu beurteilen.
5.1.
Der Beschwerdeführer hat eingewendet, nach der Auffassung des Bundesgerichts
stelle die Blasenentleerung durch einen Katheter eine unübliche Art und Weise der
Notdurftverrichtung dar. Deshalb sei ein Hilfebedarf unabhängig davon, ob für das
Katheterisieren eine Dritthilfe benötigt werde, gegeben (Urteil des Bundesgerichts vom
6. März 2008, 8C_674/2007; vgl. Rz 8021 KSIH). Da er seine Blase vier- bis fünfmal
täglich mittels Katheterisierung entleere, habe er also einen erheblichen Hilfebedarf.
Sinn und Zweck der Hilflosenentschädigung ist die Deckung des Schadens, das heisst
die finanzielle Abgeltung der Dritthilfe, die eine versicherte Person in den für eine
Hilflosenentschädigung relevanten Lebensbereichen benötigt. Die Anerkennung eines
"Hilfebedarfs" für eine unübliche Art und Weise der Verrichtung der Notdurft, für die –
wie beim Beschwerdeführer – keine Dritthilfe nötig ist, würde dazu führen, dass die
5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/26
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6.
Im Sinne eines obiter dictum ist in Bezug auf eine Hilflosigkeit in der Form des Bedarfs
nach einer lebenspraktischen Begleitung gemäss Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV Folgendes zu
festzuhalten:
entsprechende Entschädigung nicht der Deckung eines Schadens dienen würde,
sondern zu einer genugtuungsähnlichen Leistung für den Verlust der Fähigkeit der
versicherten Person, die Notdurft wie eine gesunde Person auf die übliche Art und
Weise verrichten zu können, mutieren würde. Eine solche "Genugtuungsleistung" ist
aber vom Sinn und Zweck der Hilflosenentschädigung nicht abgedeckt und deshalb
gesetzwidrig. Das Urteil des Bundesgerichts 8C_674/2007 steht zudem in einem klaren
Widerspruch zum später ergangenen Urteil des Bundesgerichts vom 6. Dezember
2013, 9C_604/2013, E. 5.4 (vgl. ebenfalls Rz 8021 KSIH), wonach keine Hilflosigkeit
besteht, wenn sich eine versicherte Person den Stuhl manuell aus dem Enddarm
entfernen muss und dazu keine Dritthilfe benötigt, denn die manuelle Entfernung des
Stuhls aus dem Enddarm stellt natürlich ebenfalls eine unübliche Art und Weise der
Verrichtung der Notdurft dar. Der Beschwerdeführer kann seine Blase selbstständig,
also ohne eine Dritthilfe, mittels Katheterisierung entleeren. Die Beschwerdegegnerin
hat deshalb zu Recht trotz dieser unüblichen Art und Weise des – selbständigen, also
keine Dritthilfe erfordernden – Wasserlösens keine Hilflosigkeit bei der alltäglichen
Lebensverrichtung Verrichten der Notdurft anerkannt. Ob der Beschwerdeführer in
einer anderen Teilfunktion beim Verrichten der Notdurft der regelmässigen und
erheblichen Hilfe bedarf, ist ebenfalls nach den erfolgten weiteren Abklärungen (vgl.
E. 3 und 4) durch die Beschwerdegegnerin zu beurteilen.
Die Begleitung durch eine Drittperson, um selbstständig wohnen zu können,
umfasst auch die Erledigung von Haushaltstätigkeiten (vgl. E. 2.4). Das Bundesgericht
hat in Bezug auf den Anspruch auf eine lebenspraktische Begleitung im Sinne von
Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV festgehalten, ob eine Dritthilfe notwendig sei, sei objektiv, nach
dem Zustand der versicherten Person zu beurteilen. Grundsätzlich unerheblich sei die
Umgebung, in welcher sich die versicherte Person aufhalte. Hinsichtlich der
Bemessung der Hilflosigkeit – somit auch im Rahmen von Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV –
dürfe es keinen Unterschied machen, ob eine versicherte Person allein in der Familie, in
einem Spital oder in einer anderen Wohnform lebe. Andernfalls wären stossende
Konsequenzen unumgänglich, beispielsweise wenn die versicherte Person von der
Haus- in die Spitalpflege wechsle oder wenn sich die Familienverhältnisse änderten
(z.B. Scheidung oder Tod eines Ehegatten). Versicherte, die mit Familienangehörigen
6.1.
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zusammenlebten, hätten kaum je einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung für
eine lebenspraktische Begleitung. Eine solche Einschränkung könne Gesetz und
Verordnung aber nicht entnommen werden. Massgebend sei allein, ob die versicherte
Person, wäre sie auf sich allein gestellt, eine erhebliche Dritthilfe benötigen würde
(Urteil des Bundesgerichts vom 1. April 2010, 9C_410/2009, E. 5.1, m.w.H.,
Hervorhebung durch das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen). Das
Bundesgericht hat damit klargestellt, dass für den Anspruch auf eine lebenspraktische
Begleitung i.S.v. Art. 38 Abs. 1 lit. a IVV einzig massgebend ist, ob die versicherte
Person zur Bewältigung des Alltags und insbesondere zur Erledigung der in ihrem
gesamten Haushalt anfallenden Tätigkeiten dauernd auf erhebliche Dritthilfe
angewiesen ist. Ebenfalls ist damit klargestellt, dass das versicherte Gut
ausschliesslich aus der persönlichen Fähigkeit der versicherten Person besteht,
selbstständig wohnen zu können. Bei der Beantwortung der Frage, ob eine
lebenspraktische Begleitung notwendig ist, ist deshalb in jenen Fällen, in den eine
versicherte Person in einer Hausgemeinschaft (z.B. mit ihrem Ehegatten und/oder mit
Kindern) lebt, zu beachten, dass nicht die Fähigkeit der Hausgemeinschaft, den Alltag
und insbesondere den Haushalt zu erledigen, versichert ist, sondern allein die
persönliche Fähigkeit der versicherten Person, selbstständig wohnen zu können. Das
Bundesgericht und das Bundesamt für Sozialversicherungen vertreten die Ansicht, im
Rahmen der der versicherten Person obliegenden Schadenminderungspflicht sei die
tatsächliche Mithilfe der Familienangehörigen zu berücksichtigen (Urteil des
Bundesgerichts vom 1. April 2010, 9C_410/2009, E. 5.1 und 5.5, m.w.H.; Rz 8050.3
und 8085 KSIH). Eine im Rahmen der Schadenminderungspflicht zu berücksichtigende
Mithilfe von Familienangehörigen respektive eine Schadenminderungspflicht von
Familienangehörigen gibt es aber nicht, denn der Schaden ist mit dem Verlust der
persönlichen Fähigkeit der versicherten Person, selbstständig wohnen zu können,
bereits eingetreten. Dabei genügt es, dass es sich um einen fiktiven geldwerten
Schaden handelt, denn jede Hilfeleistung hat einen ökonomischen Wert, auch wenn sie
(wie unter Familienangehörigen üblich) unentgeltlich erbracht wird. Würde eine
dauernde und erhebliche Dritthilfe nämlich nicht von Familienangehörigen erbracht,
müsste diese extern und gegen Bezahlung eines Entgelts beschafft werden. Die
Annahme einer Schadenminderungspflicht durch den Beizug von Familienangehörigen
zur Erledigung der Haushaltsarbeiten würde überdies unweigerlich zu einer
Ungleichbehandlung zwischen versicherten Personen mit Familienangehörigen und
solchen ohne Familienangehörige führen, denn versicherte Personen mit
Familienangehörigen hätten in der Regel keinen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung, da die nötige lebenspraktische Begleitung durch die Familien
angehörigen erbracht werden müsste. Eine sachliche Begründung für eine solche
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7.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der medizinische Sachverhalt und folglich
auch der Hilfebedarf in den für eine Hilflosenentschädigung relevanten
Lebensbereichen nicht ausreichend abgeklärt worden ist. Die Beschwerde ist demnach
Ungleichbehandlung fehlt offensichtlich. Eine Schadenminderungspflicht von Familien
angehörigen würde somit gegen das Rechtsgleichheitsgebot verstossen (Art. 8 Abs. 1
der Bundesverfassung, SR 101). Die Frage, ob eine versicherte Person eine
lebenspraktische Begleitung benötigt, muss deshalb – wie bei jeder anderen
Ausprägung der Hilflosigkeit – zwingend unabhängig von der Verfügbarkeit
mithelfender Familienangehöriger beantwortet werden. Aus den oben genannten
Gründen ist das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen stets der Ansicht
gewesen, dass keine solche Schadenminderungspflicht von Familienangehörigen
bestehen kann (vgl. Entscheide vom 19. Oktober 2006, IV 2006/161, E. 4, vom 23. April
2018, IV 2016/353, E. 3.2, und vom 22. Juni 2018, IV 2016/272, E. 3.2; vgl. zum
Ganzen auch den Entscheid vom 3. September 2020, IV 2019/313, E. 5.1).
Die Beschwerdegegnerin hat in der angefochtenen Verfügung den Anspruch auf
eine lebenspraktische Begleitung mit der Begründung, der Beschwerdeführer könne
unter Anwendung von entsprechenden Hilfsmitteln die häuslichen Aufgaben zu einem
wesentlichen Teil unter Erschwernis selbstständig erledigen, verneint. Weder aus dem
Bericht zur Abklärung an Ort und Stelle vom 9. Mai 2019 (IV-act. 255) noch aus der
Aktennotiz zur telefonischen Abklärung vom 10. September 2018 (IV-act. 190) geht
jedoch hervor, unter Inanspruchnahme welcher Hilfsmittel der Beschwerdeführer den
Haushalt selbstständig erledigen könnte. Vielmehr ist darin festgehalten worden (IV-
act. 255-6, 190-5), dass dem Beschwerdeführer bei Reinigungsarbeiten und beim
Waschen/Bügeln nur eine geringe Mithilfe möglich sei; beim Kochen könne er beim
Rüsten oder Anrichten mithelfen und einfache Mahlzeiten könne er sich selbst
zubereiten; für Grosseinkäufe sei er auf Dritthilfe angewiesen. Die Begründung der
angefochtenen Verfügung ist damit nicht nachvollziehbar. Die Beschwerdegegnerin
dürfte den Anspruch des Beschwerdeführers auf eine lebenspraktische Begleitung
wegen des Umstands, dass der Haushalt weitgehend von der Ehefrau des
Beschwerdeführers erledigt wird, und nicht auf der Grundlage einer fiktiven optimalen
Hilfsmittelversorgung im Haushalt verneint haben. Deshalb wird die ergänzende
Abklärung an Ort und Stelle (vgl. E. 4) auch die Frage nach einer optimalen
Hilfsmittelversorgung sowohl bei den alltäglichen Lebensverrichtungen als auch bei der
Besorgung des Haushalts zu beantworten haben.
6.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 25/26
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teilweise gutzuheissen und die Angelegenheit ist zu weiteren Abklärungen im Sinne der
Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
8.