Decision ID: ab609dd2-4781-4da5-81f7-fb07fa7e5ce6
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1970
geborene
X._
liess am 31. Juli 1989
-
unter Hin
weis darauf, dass er seit Jahren an einer schubweise auftretenden depressiven Störung leide und deswegen in intensiver psychologischer Behandlung stehe
-
beantragen, dass er für dienstuntauglich erklärt werde (Urk.
7/6). Diesem Ge
such wurde in der Folge nicht stattgegeben. Rund eine Woche nach Antritt der Rekrutenschule (RS) wurde
er am 22. Juli 1991 im Zusammenhang mit einem in psych
isch erregtem Zustand begangenen
Delikt von der Polizei aufgegriffen und in die
Y._
gebracht (Urk. 7/8, Urk. 7/9
, Urk. 7/22
, Urk. 9/7
).
Dort wurde er
-
wegen eines
maniformen
Erregungszu
standes, am ehesten reaktiv bedingt, ICD-9 Nr. 298.1
-
bis 25. Juli 1991 statio
när behandelt (Urk. 7/21).
Die Militärversicherung anerkannte in der Folge am 13. November 1991 den
- zwischenzeitlich
vorzeitig aus dem Dienst entlassen (Urk. 7/22)
und am 15. September 1991 für untauglich erklärt
en (Urk. 9/3)
Versicherten
als ihren Patienten und teilte ihm mit, dass er
-
unter Vorbehalt einer späteren Haftungsüberprüfung
-
Anspruch auf die gesetzlichen Leistungen habe (Urk. 7/15).
Nachdem ihm die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zü
rich, IV-Stelle, mit Verfügungen vom 21. August 2008 (Urk. 8/99) für die Zeit vom 1. Januar 2004 bis 31. Oktober 2005 und
-
nach
der Ausrichtung von Tag
geldern im Zusammenhang mit der
Durchführung beruflicher Massnahmen
(Umschulung) ab dem 19. April 2005
(vgl. Urk. 8/17
ff.
)
-
m
it Wirkung ab 1. April 2008
unbefristet
eine auf einem Invaliditätsgrad von 70 % basierende ganze
Rente zugesprochen hatte (Urk. 8
/99), ersuch
t
e der Versicherte am 14. April 200
9 die Militärversicherung um Ausrichtung von Rentenleistungen (Urk. 7/57).
Die Militärversicherung zog daraufhin die Akten (Urk. 8/1-109) der Eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) bei
und holte am 16. Dezember 2009 eine Beurteilung ihres Versicherungspsychiatrischen Diensts (Urk. 7/65) ein.
In Bestätigung ihres
Vorbescheid
s
vom 4. Juni 2010 (Urk. 7/77)
setzte sie die Haftung für
die psychische Gesundheitsschädigung (bipolare affektive Stö
rung)
mit Verfügung vom 15.
September 2
010 (Urk.
7/92)
auf 33
1
/
3
% fest und sprach dem Versicherten
mit Wirkung ab 1. April 2008
eine
auf
einem
Invali
ditätsgrad
von 88 % beruhende Rente
im Betrag von Fr. 1‘326.80
zu.
Am 15. Oktober 2010 erhob der Versicherte
hiegegen
betreffend die Höhe der Rente Einsprache (Urk. 7/97). Mit Schreiben vom 16. Juni 2011 (Urk. 7/107)
wies die Militärversicherung ihn auf die Möglichkeit einer Abänderung der angefochte
nen Verfügung zu seinen Ungunsten (
reformatio
in
peius
) hin und gab ihm Ge
legenheit, die Einsprache bis 11. Juli 2011 wieder zurückzuziehen.
Nachdem sie dem Versicherten di
e Frist zur Stellungnahme wiede
rholt erstreckt und dieser am 30. November 2011 Beiladung seiner Pensionskasse beantragt hatte
(Urk. 7/117), wies die Militärversicherung die Einsprache am 16. Februar 2012 ab und verneinte
ihre
Haftung für die sich seit 2001 manifestierende psychische Gesundheitsschädigung
sowie den Anspruch auf
eine Invalidenrente; die am 15. September 2010 verfügte Invalidenrente hob sie auf (Urk. 2).
2.
Gegen diesen
Einspracheentscheid
(Urk. 2)
liess
X._
am
15. März 2012 mit folgenden
Anträgen Beschwerde erheben (Urk. 1 S. 2)
:
„1.
Es sei der
Einspracheentscheid
vom 16. Februar 2012 aufzuheben.
2.
Es sei dem Beschwerdeführer eine Rente im Umfang vom 33
1
/
3
%
anhan
d eines versicherten Verdienstes von
mindestens
Fr. 100‘000.
--
zuzusprechen.
3.
Eventualiter sei die
Streitsache an
die
Vorinstanz zurückzuweisen.
4.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der
Einsprache
gegne
rin
.“
Die Militärversicherung schloss am 11. April 2012 auf Abweisung der Be
schwerde (vgl. Beschwerdeantwort, Urk. 6).
Replicando
(Urk. 15) und
duplicando
(Urk. 18) hielten die Parteien an ihren Anträgen fest.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen ist, soweit für die
Entscheidfindung
erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen ein
zugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss Art. 52 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
So
zial
versicherungsrechts
(ATSG) kann gegen Verfügungen des Versicherungs
trägers innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden; davon ausgenommen sind prozess- und verfahrensleitende Verfügun
gen.
1.2
Nach Art. 12 der Verordnung über den Allgemeinen Teil des
Sozial
versiche
rungs
rechts
(ATSV)
ist der Versicherer an das Begehren der Ein
sprache führenden Person nicht gebunden. Er kann die Verfügung zu Gunsten oder zu Ungunsten der Einsprache führenden Partei abändern (Abs. 1). Beab
sichtigt er, die Verfügung zu Ungunsten der Einsprache führenden Person ab
zuändern, gibt er
ihr
Gelegenheit zum Rückzug der Einsprache (Abs. 2).
1.3
Eine vom Versicherungsträger angesetzte Frist kann aus zureichenden Gründen erstreckt werden, wenn die Partei vor Ablauf der Fri
s
t darum nachsucht (Art. 40 Abs. 3 ATSG).
1.4
Gemäss
Art.
29
Abs.
2 BV haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mit
wirkungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung einer Person eingreift. Dazu gehört ins
beson
dere deren Recht, sich vor Erlass des in ihre Rechtsstel
lung eingreifenden Ent
scheids zur Sache zu äussern, erhebli
che Beweise beizubringen, Einsicht in die Akt
en zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu wer
den und an der Er
hebung wesentlicher Beweise ent
weder mit
zuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeig
net ist, den Entscheid zu be
einflussen (BGE 132 V 368 E. 3.1 mit Hinwei
sen).
1.5
Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des recht
li
chen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sa
che selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Es kommt mit anderen Worten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkre
ten Fall für den Ausgang der materi
el
len Streitentscheidung von Bedeutung ist, d.h. die Be
hörde zu einer Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (BGE 132 V 387 E. 5.1; 127 V 431 E. 3d/
aa
).
1.6
Nach der Rechtsprechung kann eine
nicht besonders schwerwiegende
Ver
letzung des rechtlichen Gehörs ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die be
troffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwer
de
instanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechts
lage frei überprüfen kann (BGE 127 V 431 E. 3d/
aa
). Von einer Rückweisung der Sache an die Verwaltung ist selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des rechtlichen Gehörs dann abzusehen, wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen Leer
lauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten) Interesse der betroffenen Partei an einer
beförderli
chen
Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären (BGE 132 V 387 E. 5.1 mit Hinweis).
2.
2.1
Die Militärversicherung begründete
die Leistungsverweigerung im Wesentlichen damit, dass der
Beschwerdeführer bereits seit seiner Kindheit unter der
-
in Schüben
auftretenden - bipolaren affektiven Störung leide. Während des Dienstes sei es
,
wie schon im früheren Verlauf immer wieder
,
zu einem psycho
tischen Schub gekommen. Nach dessen vollständigem Abklingen bis 18. No
vember 1992 sei der
status
quo sine wieder erreicht und die
während des Dienstes eigetretene
Verschlimmerung der psychischen Gesundheitsschädigung
,
deren Ursache
wohl
ausschliesslich
in
dienstfremde
n
Faktoren
zu sehen sei
(Urk. 6 S. 3),
behoben gewesen. Bei der im Jahr 2002 diagnostizierten und ge
meldeten Gesundheitsschädigung handle es sich um einen neuen
, unter einer damals aktuellen
(
dienstfremden
)
Belastung aufgetretenen Beschwerdeschub; für diesen und weitere seitherige
Episoden
bestehe keine Haftung beziehungsweise keine Leistungspfl
icht der Militärversicherung
(Urk. 2 S. 6 f., Urk. 6 S. 3 f.
, Urk. 18
)
. Die gestützt auf die Verfügung vom 15. September 2010 (
Urk. 7/92
)
bereits
ausgerichteten Rentenzahlungen
entbehrten demnach einer Rechts
grundlage
(Urk. 2 S.
7
).
Da der Versicherte die Einsprache nicht innert der ihm gewährten Frist zur Stellungnahme zurückgezogen habe und auch kein weiteres Fristerstreckungsgesuch gestellt habe, sei die
reformatio
in
peius
zu Recht er
folgt
(Urk. 6 S. 2).
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber im Wesentlichen auf den Stand
punkt,
angesichts der Tatsache, dass er vor der RS unter Depressionen, nach der RS hingegen unter manisch-psychotischen Episoden gelitten habe, könne keineswegs von einem
Fatalverlauf
ohne versicherte Ursache gesprochen werden (Urk. 1 S. 6). Aus den medizinischen Berichten gehe hervor, dass die
aktuelle
psychische Beeinträchtigung identisch mit der während der RS aufge
tretenen
,
jedenfalls teilweise durch die Belastung
im Zusammenhang mit
de
m
Militärdienst verursachten psychischen Störung
sei
und weiterhin im Rahmen des laufenden Falls beurteil
t werden müsse
.
Der mehrjährig stumme Verlauf lasse angesichts der Natur des
Gesundheitssch
adens noch nicht
auf eine Abhei
lung schliessen
(Urk. 1 S. 6 f.).
Eventualiter sei es durch den Militärdienst zu ei
ner richtunggebenden Verschlimmerung gekom
men (Urk. 1 S. 8). Die
reformatio
in
peius
sei
schon deshalb
zu Unrecht erfolgt,
weil
Ziffer 1 der Verfügung vom 15. September 2010 betreffend Festsetzung der Haftung auf 33 1/3 % unange
fochten in Rechtskraft erwachsen
sei
(Urk. 1 S. 8). Schliesslich sei der
Ein
spracheentscheid
(Urk. 2) auch deshalb aufzuheben, weil die Militärversicherung diesen – in Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör – erlassen hab
e, ohne zuvor kundzutun, dass es sich bei der
am 1. November 2011
gewährten Fristerstreckung für die Stellungnahme
(Urk. 7/115
)
um eine letztmalige handle. Sofern wider Erwarten davon ausgegangen werde, dass die fragliche Verfügung nicht in Teilrechtskraft erwachsen und die Haftung gemäss Art. 5 MVG nicht gegeben sei, so sei ihm daher im Rahmen des vorliegenden Verfahrens
noch
Gelegenheit zum Rückzug des Rechts
mittels zu geben (Urk. 1 S. 9).
3.
3.1
Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers (Urk.
1 S. 8 f.
) ist Ziffer 1
der
Ver
fü
gung der Militärversicherung nicht in Rechtskraft erwachsen, handelt es sich bei der Festsetzung des Haftungsumfangs doch lediglich um einen Teil
aspekt des Rentenanspruchs und nicht um
einen
selbständigen Anspruch. Die Militär
versicherung war demnach im Rahmen des
Einspracheverfahrens
an sich befugt, (auch)
das Bestehen und – gegebenenfalls
–
d
as Ausmass
der
Haftung
neu zu
prüfen.
3.2
Nachdem der
Beschwer
deführer
a
m
15. Oktober 2010 Einsprache gegen die Verfü
gung vom 15. September 2010 (Urk. 7/92) erhoben hatte (Urk. 7/97), räumte ihm die Militärversicherung am 16. Juni 2011 Frist bis 11. Juli 2011 ein, um sich zur
in Aussicht gestellten möglichen
reformatio
in
peius
zu äussern be
ziehungsweise die Einsprache zurückzuziehen
(Urk. 7/107)
.
Diese Frist wurde ihm in der Folge – jeweils auf entsprechendes Gesuch hin (Urk. 7/108, Urk. 7/110, Urk. 7/112, Urk. 7/114) - bis 31. August 2011 (Urk. 7/109), bis
30
. September 2011 (Urk. 7/111), bis 3
1
. Oktober 2011 (Urk. 7/113) und schliesslich bis 30. November 2011 (Urk. 7/115) erstreckt. Mit Eingabe vom 30. November 2011 (Urk. 7/117) beantragte der Beschwerdeführer die Beiladung der zuständigen Berufsvorsorgeeinrichtung zum Verfahren und wies darauf hin, dass eine umfassende Äusserung zum Sachverhalt erst Sinn mache, wenn eine Stellungnah
m
e der Pensionskasse vorliege. In der Folge erliess die
Militärversi
cherung
am 16. Februar 2012 den angefochtenen
Einspracheentscheid
(Urk. 2).
3.
3
Mit Schreiben vom 30. November 2011 (Urk. 7/117) stellte der Beschwerdefüh
rer rechtzeitig innert der ihm am 1. November 2011 bis zu
m erstgenannten
Da
tum eingeräumten Frist (Urk. 7/115) – zumindest implizit – ein Gesuch um Fristerstreckung bis zum Vorliegen der Stellungnahme der entsprechend seinem Antrag beizuladenden Einrichtung der beruflichen Vorsorge.
Hätte die Militär
versicherung diesem Gesuch nicht entsprechen wollen, so hätte sie dem Be
schwerdeführer
jedenfalls noch eine kurze Nachfrist
ansetzen müssen
, um die Einsprache zurückzuziehen
(vgl.
hiezu
Kieser
, ATSG-Kommentar, 2. Auflage, Zürich 2009,
Rz
. 11 zu Art. 40).
Tatsächlich
gab sie ihm aber keine Gelegenheit mehr, sich zur in Aussicht gestellten
reformatio
in
peius
zu äussern bezie
hungsweise seine Einsprache zurückzuziehen, sondern erliess
– ungeachtet des
Frist
erstreckungsgesuchs
– am 16. Februar 2012 den
Einspracheentscheid
(Urk. 2)
.
3.
4
Auch wenn nicht ohne Weiteres nachvollziehbar ist, dass sich der Beschwerde
führer in den rund zweieinhalb Monaten zwischen der
(fristgerechten)
Ein
rei
chung des Fristerstreckungsgesuchs
(Urk. 7/11
7
)
und dem Erlass des
Ein
sprache
entscheides
(Urk. 2)
nie bei der Militärversicherung erkundigte, ob dem Gesuch entsprochen werde, stellt das Vorgehen der letzteren eine – nicht heil
bare
-
Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör dar.
Der angefochtene
Ein
sprache
entscheid
(Urk. 2)
ist daher aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie dem Beschwerdeführer Frist an
setze, um
ihm Gelegenheit zu geben,
die Einsprache vom 15. Oktober 2010 (Urk. 7/97) gegen die Verfügung vom 15. September 2010 (Urk. 7/92) zurückzu
ziehen
.
4.
Ausgangsgemäss ist dem anwaltlich vertretenen Beschwerdeführer gestützt auf Art. 61
lit
. g ATSG in Verbindung mit § 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) eine Prozessentschädigung zuzusprechen, wobei ein Betrag von Fr.
2‘700
.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen erscheint.