Decision ID: 59e62d51-03a9-40f7-a23c-27896f38f9b2
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1981, ausgebildete Pflegefachfrau, arbeitete zuletzt im Pflegezentrum
Z._
in einem 100%-Pensum.
Am 6. Sep
tember 2011 wurde die Versicherte durch ihre Arbeitgeberin bei der
Sozialver
siche
rungs
anstalt
des Kantons Zürich, IV-Stelle, zur Früherfassung gemeldet (Urk. 7/1). Auf Aufforderung der IV-Stelle meldete sich
die Versicherte
am
7. Oktober 2011
zum
Leistungsbezug an (Urk.
7/6
). Die
IV-Stelle
zog
die Akten der Taggeldversicherung bei (Urk. 7/8)
und tätigte
medizinische
und berufliche
Abklärungen
(Urk. 7/11, Urk. 7/14)
.
Nachdem die Versicherte per 1.
Oktober
2011 ihr Pensum auf 80 % reduziert
hatt
e und in diesem
Pensum
ohne Ein
schränkungen
arbeitsfähig war (Urk. 7/
14/5, Urk. 7/15
),
wies
die IV
Stelle
das Leistungsbegehren
mit Verfügung vom 3. April 2012 ab (Urk. 7/20
).
1.2
Mit Schreiben vom 26. April 2012
ersuchte
die Versicherte
die
IV-Stelle
um neue Abklärungen und teilte mit, dass sie seit etwa Mitte März 2012 zu
100 % arbeitsunfähig
sei
(Urk.
7
/21).
Die IV-Stelle führte
daraufhin
mehrere
Bera
tungsgespräche
durch
und holte weitere
medizinische
Berichte
ein
(
Urk. 7/25
,
Urk. 7/2
7
,
Urk. 7/30
,
Urk. 7/32)
. A
m 31. Juli 2013
erteilte
sie
der Versicherten Kostengutsprache für ein
Belastbarkeitstraining
vom 12. August bis 13. No
vember 2013 (Urk. 7/37)
und a
m 29. Oktober 2013 für ein Aufbaut
raining vom 14. November 2013 bis 16. Mai 2014 (Urk. 7/49), welches bis 17. August 2014 verlängert wurde (Urk. 7/63
, vgl. auch die Zwischenberichte der
A._
GmbH
, Urk. 7/54, Urk. 7/59, Urk. 7/75
).
Am 27. August 2014
wurde
Kostengutsprache für ein
anschliessendes
Arbeitstraining
vom 18. August 2014 bis 13. Februar 2015
erteilt
(Urk. 7/76)
, welches aber
aus gesundheitlichen Gründen per 31. Oktober 2014 abgebrochen
wurde
(Urk. 7/82, Urk. 7/83). In der Folge ver
anlasste die IV-Stelle eine medizinische Begutachtung bei
Dr.
med.
B._
, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH
, welcher das Gutachten am
20. April 2015 erstattete (Urk. 7/94). Mit Vorbescheid vom 30. Juni 2015 stellte die IV-Stelle der Versicherten die Abweisung des Leistungsbegehrens
in
Aus
sicht
(Urk. 7/98). Nach dagegen erhobenem Einwand vom 28. Juli 2015
(Urk. 7/103) und ergänzender Begründung vom 3. September 2015 (Urk. 7/106) wies die IV-Stelle das Leistun
gsbegehren mit Verfügung vom 8.
September 2015 gemäss Vorbescheid ab (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 24. September 2015 Beschwerde und bean
tragte, die Verfügung vom 8. September 2015 sei aufzuheben und es sei ihr eine
ganze Invalidenrente zuzusprechen (Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 2
1
.
Oktober 2015
schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (Urk.
6
, unter Beilage ihrer Akten, Urk.
7/1-
1
09
), was
de
r
Beschwerdeführer
in
am
22
.
Oktober 2015
zur Kenntnis gebracht
wurde (Urk.
8
).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien sowie die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades
verweigert, so wird nach Art. 87
Abs.
3
der Verordnung über die Invalidenversicherung (
IVV
)
eine neue Anmeldung nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss
Abs.
2 dieser Bestimmung erfüllt sind. Danach ist im Revisionsgesuch glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität
der versi
cherten Person in einer für den Anspruch erheblichen Weise geändert hat.
Tritt die Verwaltung auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell abzuklären und sich zu vergewissern, ob die von der versicherten Person glaub
haft gemachte Veränderung des Invaliditätsgrades auch tatsächlich eingetreten ist; sie hat demnach in analoger Weise wie bei einem Revisionsfall nach Art. 17
Abs.
1 ATSG vorzugehen (BGE 117 V 198 E. 3a, vgl. auch BGE 133 V 108 E. 5.2). Stellt sie fest, dass der Invaliditätsgrad seit Erlass der früheren rechtskräfti
gen Verfügung keine Veränderung erfahren hat, so weist sie das neue Gesuch ab. Andernfalls hat sie zunächst noch zu prüfen, ob die festge
stellte Veränderung genügt, um nunmehr eine anspruchsbegründende Invalidi
tät zu bejahen, und hernach zu beschliessen. Im Beschwerdefall obliegt die glei
che materielle Prüfungspflicht auch dem Gericht (BGE 117 V 198 E. 3a, 109 V 108 E. 2b).
1.
2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundes
gesetz
es über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
)
.
Sie kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundes
gesetz
es über
die
Invalidenversicherung
, IVG
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.
3
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine
Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken.
Rechtsprechungsgemäss
ist bei psy
chischen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein seelisches Leiden mit
Krank
heitswert
besteht, welches die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein
rentenausschliessendes
Erwerbseinkommen zu erzielen (Art. 7 Abs. 2 Satz 2 ATSG;
BGE 139 V 547
E. 5;
131 V 49
E. 1.2;
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteile des Bundesgerichtes 8C_614/2015 vom 15. De
zember 2015 E. 5
und 9C_125/2015 vom 18. November 2015 E.
5.4
).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt grundsätzlich eine lege
artis
auf die Vorgaben eines
anerkannten Klassifikationssystems abgestützte psychiatri
sche Diagnose voraus (vgl. BGE 130 V 396; Urteile des Bundesgericht
e
s 8C_616/2014 vom 25. Februar 201
5
E. 5.3.3.3 und 9C_739/2014 vom 30. No
vember 2015 E. 3.2). Eine fachärztlich festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne
Weiteres
gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invali
dität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbs
fähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Es ist nach einem weit
gehend objektivierten Massstab zu beurteilen, ob und inwiefern der ver
sicherten Person trotz ihres Leidens die Verwertung ihrer Restarbeitsfähigkeit auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offen stehenden ausgeglichenen Arbeits
markt noch sozial-praktisch zumutbar und für die Gesellschaft tragbar sei (BGE
141 V 281 E. 3.7.3; 136 V 279 E. 3.2.1; BGE 127 V 294 E. 4c; vgl. Urteile des Bundesgerichtes 8C_614/2015 vom 15. Dezember 20
15 E. 5 und 8C_731/2015 vom 18.
April 2016 E. 4.1).
1
.
4
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gege
benenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeits
unfähig ist (BGE 125 V 256 E.
4). Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person no
ch zugemutet werden kön
nen (BGE 125 V 256 E. 4 mit Hinweisen; AHI 2002 S. 70 E.
4b/cc).
1
.
5
Das Sozialversicherungsgericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen fest
zustel
len und alle Beweismittel objektiv zu prüfen, unabhängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden, ob sie eine zuverlässige Beur
teilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten. Insbesondere darf es beim Vor
liegen einander widersprechender medizinischer Berichte den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu
geben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt (ZAK 1986 S. 188 E. 2a). Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist im Lichte dieser Grundsätze entscheidend, ob es für die Beant
wortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt – was vor allem bei psychischen Fehlentwicklungen nötig ist –, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusammenhänge ein
leuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Experten in einer Weise begründet sind, dass die rechtsanwendende Person sie prüfend nachvollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszuräumende Unsicherheiten und Unklarheiten, welche die Beantwortung der Fragen erschweren oder ver
unmöglichen, gegebenenfalls deutlich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c; Ulrich Meyer, Die Rechtspflege in der Sozialversiche
rung, BJM 1989, S. 30 f.; derselbe in: Hermann
Fredenhagen
, Das ärztliche Gut
achten, 4. Auflage 2003, S. 24 f.).
1.6
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen, besonders wenn mit dem angefochtenen Entscheid
nicht
auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin erwog in der angefochtenen Verfügung,
es sei nicht in Frage zu stellen,
dass die Beschwerdeführerin seit März 2012 in ihrer Arbeitsfä
higkeit erheblich eingeschränkt sei. Das Gutachten
von Dr.
B._
lasse
aber
erkennen, dass die Beschwerdeführerin über die nötigen Ressourcen verfüge, sich auf dem Arbeitsmarkt einzugliedern.
Die geforderte Erheblichkeit bei einer rezidivierenden depressiven Störung in Bezug auf Schwere, Ausprägung und Dauer sei zu verneinen. Dieser Gesundheitsschaden könne nicht als invalidi
sierend beurteilt werden.
Die diagnostizierte Angststörung sowie die
Persönlich
keitsstörung
schränkten die Beschwerdeführerin in ihrer Arbeitsfähigkeit nicht
ein. Dagegen spreche, dass sie bereits in früheren Jahren in der Lage gewesen sei, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.
Invaliditätsfremde Faktoren
,
wie Belastungen am Arbeitsplatz und hohe Ansprüche an sich selbst
,
könnten bei der Invaliditätsbemessung nicht berücksichtigt werden
(Urk. 2).
2.2
Die Beschwerdeführerin
machte ihrerseits geltend,
gemäss Gutachten seien die psychiatrisch-therapeutischen Massnahmen ausgeschöpft und es werde empfohlen, die Therapie wie bisher fortzusetzen. E
s liege eine bereits über vier Jahre anhaltende Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen vor, welche nach allen Regeln der ärztlichen Kunst therapiert
worden sei
und weiterhin behandelt werde. Unter diesen Umständen sei die chronische rezidivierende depressive Störung in Bezug auf Schwere, Ausprägung und Dauer versicherungsrechtlich relevant. Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin lägen auch keine Ressourcen vor, mit welchen die psychischen Einschränkungen überwunden werden könnten. Der äusserlich geregelte Tagesablauf sei nur mit Unterstützung des Partners, dem Besuch von verschiedenen Einzel- und
Gruppentherapien
und der
regelmässigen
psychopharmakologischen Behandlung möglich
. Die Tätig
keiten seien erforderlich, damit sie
im Alltag minimal funktioniere
(Urk.
1
).
3.
3.1
Dr.
B._
stellte im Gutachten vom 20.
April 2015 folgende Diagnosen
(Urk. 7/94/14)
: Chronische depressive Entwicklung, heute mit Schwankungen um einen mittleren Schweregrad (ICD-10 F33.11), generalisierte Angststörung (ICD-10 F41.1), Bulimie (ICD-10 F50.2), anamnestisch Anorexie (ICD-10 F50.0),
Polytoxikomanie
(Alkohol, Cannabis, Amphetamine, Kokain, Heroin, Nikotin), heute vor allem Alkoholabusus (ICD-10 F19.1)
,
sowie asthenische
Persönlich
keitsstörung
(ICD-10 F60.7).
3.2
Der Gutachter
führte aus, die Beschwerdeführerin habe in der Kindheit unter schwersten und anhaltenden emotionalen Belastungen gestanden, nämlich unter aggressivem und sexuellem Missbrauch durch den Vater, aggressivem Missbrauch und Entwertung durch die Mutter, Alkoholismus der Mutter sowie sexuellem Missbrauch durch den Bruder. Die Folge insgesamt sei eine allgemein reduzierte psychische Belastbarkeit, entsprechend einer asthenischen
Persön
lichkeitsstörung
, welche in der Regel auch mit einer generalisierten
Angststö
rung
einherginge und umgekehrt.
Hinzu kämen wahrscheinlich neu
ro
psycho
logische Entwicklungsstörungen
.
Diese würden regelhaft alle übrigen psychi
schen Störungen begünstigen. Als Vorläufer der oben genannten
Persön
lich
keitsstörung
und Angststörung habe die Beschwerdeführerin schon als Kind unter einer anhaltenden psychovegetativen Stresssymptomatik mit Kopfschmer
zen, Muskelverspannungen, Brechreiz, Schlafstörungen und Angstträumen, Konzentrationsstörungen, Essstörungen und unter soziale
r
Isolation gelitten.
Bereits mit 15 Jahren sei
sie
von Zuhause „geflüchtet“ und habe eine Ausbil
dung
als Pflegeassistentin
absolviert. Persönlich sei sie weiterhin auf sich allein gestellt geblieben. Auf symptomatische Weise hätten sich unter diesen Umstän
den eine Anorexie und eine Suchtmittelabhängigkeit entwickelt.
Nachdem sie im Primarschulalter schon kurz in einer kinderpsychiatrischen Behandlung gestanden habe, habe sie mit 20 Jahren wieder eine psychiatrische Behandlung aufgenommen und diese bis heute praktisch ununterbrochen fortgesetzt.
In der Oberstufenzeit habe ein Alkoholabusus eingesetzt, welcher sich in den folgenden Jahren zu einer Alkoholabhängigkeit mit rezidivierenden
intoxika
tionsbedingten
Amnesien und jeweils einer Entzugssymptomatik gesteigert habe. Gleichzeitig habe die Beschwerdeführerin in exzessivem Mass viele andere Drogen konsumiert. Die Sucht- und Essstörung
en
hätten sich gegenseitig ver
stärkt und zu weiteren Persönlichkeitsveränderungen geführt. Ebenfalls seit mindestens der Adoleszenz habe die Beschwerdeführerin unter Depressionen gelitten. Seit zwölf Jahren sei sie kontinuierlich mit verschiedenen
antidepressi
ven
Medikamenten behandelt worden, welche aber für sich alleine genommen wenig Erfolg gezeigt hätten.
Nach Absolvieren der Abendhandelsschule habe sich der Zustand gebessert, als
die Beschwerdeführerin
eine Bürotätigkeit
aufgenommen habe
. Nach Schlies
sung des Büros habe sie wieder in einem Pflegeheim gearbeitet
.
Im Jahr 2006 sei sie von sich aus ein halbes Jahr in stationärer Behandlung wegen
Essstörun
gen auf einer Psychotherapiestation gewesen.
Nach Absolvierung einer zusätzli
chen Ausbildung
zur
Pflegefachfrau
sei die psychische Symptomatik
wieder
exazerbiert
(Urk. 7/94
/14-17).
3.
3
Dr.
B._
hielt weiter fest,
das psychopathologische
Erscheinungsbild hänge stark von den aktuellen beruflichen und
von
anderen Anforderungen an die Beschwerdeführerin ab. Der psychische Zustand erscheine heute bloss wegen fehlender Pflichtanforderungen einigermassen kompensiert, jedoch immer noch äusserst labil. Äusserlich habe die Beschwerdeführerin einen geregelten Tages
ablauf mit ausreichenden Interessen, Tätigkeiten und Kontakten, allerdings fast nur
mit
Mitpatienten. Seit fünf Jahren lebe sie in einer stabilen Partnerschaft. Sie besuche verschiedene Einzel- und Gruppentherapien und stehe
in
regelmäs
sige
r
psychopharmakologische
r
Behandlung.
Auf der anderen Seite bestünden die multiplen psychischen Störungen weiterhin manifest. Nach der lebenslangen Depressivität unter anderem mit Suizidalität u
nd Selbstverletzungen habe in de
n letzten Jahren aber eine anhaltende,
chronische
depressive
Entwicklung
bestanden mit insgesamt
ungefähr
einer mittelschweren
Beeinträchtigung
der Leistungsfähigkeit
(Urk. 7/94/17-18)
.
3
.
4
Dr.
B._
gab an, die Beschwerdeführerin sei im erlernten Pflegeberuf voll arbeitsunfähig. Aufgrund de
r
schweren psychischen Be
lastungen in der Kindheit und der
mittlerweile
chronifizierten
psychischen Störungen verfüge sie heute und wahrscheinlich auch künftig über für diesen Beruf ungenügende soziale Kompetenzen, sowohl emotional als auch im sozialen Denken. Für die übrigen Erwerbstätigkeiten, aktuell für Bürotätigkeit, bestehe eine Arbeitsfähigkeit von weniger als 30 %. Mittelfristig respektive die nächsten ein bis zwei Jahre sei keine wesentliche Besserung anzunehmen.
Der Grund dafür liege in einer in der
Persönlichkeit
wurzelnden und heute
exazerbierten
psychischen Asthenie als Folge von
anhaltenden
emotionalen
Belastungen und Missbrauchs
erlebnissen
, wahrscheinlich
auch Entwicklungsstörungen, in der Kindheit, von negativ prä
genden Überforderungssituationen und ungenügender Bewältigung im berufli
chen und privaten Bereich,
als Folge
des chronischen psychischen
Stresszu
stands
, der generalisierten Angststörung, die schon in der Kindheit bestanden habe, und zufolge eines Teufelskreises, den die Komorbidität der multiplen psy
chischen Störungen bilde
(Urk. 7/94/18)
.
Zusammengefasst
sei
die Arbeitsunfä
higkeit der Beschwerdeführerin psychisch bedingt aufgrund von mehrfachen psychischen Störungen mit insgesamt einem relevanten Krankheitswert schwe
ren Grades. Es gehe vor allem um eine depressive Störung, eine Angststörung, eine Essstörung und eine Suchtstörung auf dem Boden einer
Persönlichkeits
störung
. Die Folge derselben sei eine schwer verminderte psychische Belastbar
keit mit einer anhaltenden psychovegetativen Stresssymptomatik mit Konzentrationsstörungen, ständig und zeitweise schwer reduzierter Leistungs
fähig
keit, Erschöpfung, zeitweiliger depressiver Apathie und beeinträchtigenden Folgen der Ess- und Suchtstörung.
Eine 20%ige oder höhere Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus psychischen
G
ründen habe wahrscheinlich seit dem Erwachsenenalter häufig bestanden, sei jedoch ärztlich nicht attestiert worden. Dies sei nun
aber
seit März 2012 anhaltend der Fall und könne auch heute bestätigt werden
. Künftig bestehe
für die angestammte Tätigkeit im Pflegebe
reich wahrscheinlich auf Dauer eine volle Arbeitsunfähigkeit. In einer ange
passten Tätigkeit bestehe mittelfristig eine generelle Arbeitsunfähigkeit von über 70 %. Die Beschwerdeführerin sei psychisch nur für einfache, an die Leis
tungsfähigkeit, die Persönlichkeit und die Verantwortung wenig anfordernde Tätigkeiten ohne enge soziale Kontakte belastbar
(Urk. 7/94/
19).
4.
4.1
Vorliegend ist
gestützt auf die gutachterlichen Ausführungen
nicht von der Hand zu weisen und wird von den Parteien denn auch nicht bestritten
(vgl. E. 2)
, dass die Beschwerdeführerin
unter
psychischen Gesundheits
störungen leidet. Inwieweit die Beschwerdeführerin dadurch in iv-rechtlich relevante
r
Weise in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist, ist demgegenüber strittig und kann aufgrund der vorliegenden Akten nicht abschliessend beurteilt wer
den, wie nachfolgend aufzuzeigen ist. So vermag
d
as
psychiatrische
Gutachten
von Dr.
B._
vom 2
0
. April 2015
weder in diagnostischer Hinsicht noch
in Bezug auf den Grad der
Arbeitsfähigkeit
restlos
zu überzeugen.
Dr.
B._
stellte
seine Diagnosen fast ausschliesslich gestützt auf die
Anamnese der Beschwer
deführerin. Dabei lagen ihm lediglich
ärztliche Berichte ab August
2011
vor; a
llfällige weiter zurück datierende
medizinische Unterlagen sind den
Vorakten
nicht zu entnehmen
(vgl. Urk. 7/94/2-7).
Entsprechend vage
ist
die Ein
schätzung
des psychiatrischen Gutachters.
Dessen Beurteilung
, dass
eine min
destens 20%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit wahrscheinlich seit dem Erwachsenenalter häufig bestanden
habe
,
jedoch ärztlich nicht attestiert worden sei, reicht für sich alleine mit Blick auf den im Sozialversicherungsrecht mass
gebenden Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nicht aus
, zumal sich
in
den Akten Hinweise auf
weitere
Ereignisse
und
Behandlungen
(
insbeson
dere auf
eine
stationäre Behandlung im Jahr 2006, vgl. Urk. 7/94/16)
finden
.
Mit Blick auf den Schweregrad der gutachterlich diagnostizierten psychischen Störungen
wären hierzu
vertieftere
Abklärungen zu erwarten
.
4.2
Im Weiteren
handelt es sich bei der
Einschätzung
von
Dr.
B._
,
dass seit
März 2012 eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit
in der
bisherigen
Tätigkeit
als
Pflege
fachfrau
bestanden habe,
um eine retrospektive
Beurteilung
, welche insbeson
dere
mit
Blick auf die
,
zumindest z
u Beginn erfolgsversprechende,
berufliche Eingliederung
im angestammten Pflegebereich
(August 2013 bis Oktober 2014,
vgl. das Verlaufsprotokoll Berufsberatung vom 6. November 2014, Urk. 7/83
-
84
)
nicht überzeugt
.
Der Gutachter
setzte
sich mit diesen Widersprüchen
zudem auch
nicht näher
auseinander und unterliess
es, sich differenziert zur Arbeitsfä
higkeit im Verlauf zu äussern
(vgl. E. 3.4)
.
Vor
dem
Hintergrund
der genannten Eingliederungsbemühungen
erscheint die Annahme einer 100%igen Arbeitsun
fähigkeit im Zeitraum vom März 2012 bis Oktober 2014
wenig
nachvollziehbar.
Gegen die Annahme eine
r
vollständige
n
Arbeitsunfähigkeit spricht
zudem
, dass
die Beschwerdeführerin, wie die
Beschwerdegegnerin
zutreffend
festhielt
(Urk.
2 S. 2
)
, über gewisse
Ressourcen
verfügt
und eine stationäre psychiatrische Thera
pie offenbar nicht in Erwägung gezogen wird.
Zwar ist mit der Beschwerde
führerin (Urk. 1 S. 4) darauf hinzuweisen, dass die regelmässige Teilnahme an verschiedenen Therapiesitzungen nichts über das Vorhandensein von Ressour
cen aussagt. Allerdings geht
die Beschwerdeführerin dreimal wöchentlich während einiger Stunden einer unbezahlten Beschäftigung
nach
(Urk. 7/94/6)
, lebt
in einer stabilen Partnerschaft
und hat einige
Interessen respektive
Hobbies (E. 3.
3
).
Diesbezüglich
fehlt es dem Gutachten an einer
eingehenden
Auseinan
dersetzung
.
Ob es sich bei den Aktivitäten, wie von de
r
Beschwerdeführerin
geltend gemacht
wurde
(Urk. 1 S. 5)
, um eine erarbeitete Tagesstruktur oder
aber
um verwertbare Ressourcen handelt,
hätte
nähere Abklärung
vorausgesetzt
.
4.
3
Insgesamt ergeben sich somit
nicht unerhebliche
Zweifel an der gutachterlichen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin.
Jedoch
kann mit Blick auf die gutachterlichen Ausführungen entgegen der Ansicht der
Beschwer
degegnerin
(vgl. Urk. 2)
auch
nicht ohne
Weiteres
angenommen wer
den, dass
die Beschwerdeführerin vollständig arbeitsfähig
wäre
. Es bedarf viel
mehr weiterer Abklärungen betreffend die Arbeitsfähigkeit unter Bezugnahme
auf
etwaig vorhandene
Ressourcen.
4.
4
Zusammenfassend erweist sich
der rechtserhebliche Sachverhalt als ungenügend abgeklärt. Die Verfügung vom
8
.
September
2015
(Urk. 2) ist deshalb aufzuhe
ben und die Sache an die Bes
chwerdegegnerin zurückzuweisen, damit
sie
bezüglich des
psychischen Gesundheitszustand
es
de
r
Beschwerdeführer
in
sowie
de
ssen
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
weitere Abklärungen vornimmt
.
Dabei wird die Beschwerdegegnerin sicherzustellen haben, dass d
ie Krankenge
schichte
der Beschwerdeführerin herangezogen und in
Auseinandersetzung mit den
Vorakten
dargelegt wird,
welche Diagnosen sich in welchem Umfang und ab welchem Zeitpunkt auf die
angestammte
sowie
auf eine angepasste Tätigkeit (bezogen auf ein 100%-Pensum) auswirken. Danach hat die
Beschwerdegegne
rin
erneut
über einen möglichen Anspruch
der Beschwerdeführerin
auf
eine Rente der Invalidenversicherung
zu
entscheiden
. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5
.
5.
1
Die Gerichtskosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- und Fr. 1‘000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG). Vorliegend sind die Gerichtskosten auf Fr.
6
00.-- anzusetzen und der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5
.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57), weshalb die vertretene Beschwerdeführerin Anspruch auf eine Prozessentschädigung hat
. Diese
ist in Anwendung von § 34 Abs. 1 und 3
GSVGer
in Verbindung Art. 61
lit
. g ATSG ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses auf Fr. 1‘300.
-
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzulegen.