Decision ID: 79cbb647-915e-53d3-b158-6c0ff1894d40
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am (...) August 2016 in der Schweiz um Asyl
nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 4. Oktober 2016 und
der Anhörung vom 22. April 2020 machte er im Wesentlichen Folgendes
geltend:
Er sei äthiopischer Staatsangehöriger der Ethnie Oromo, in B._,
Provinz West Wellega, Regionalstaat Oromia, geboren, wo er bis zur Aus-
reise gelebt habe. Sein Vater sei früher Mitglied der Oromo Liberation Front
(OLF) gewesen und er und seine Familie hätten die Soldaten mit Nah-
rungsmitteln, Beherbergungen und Geld unterstützt, weshalb sie als terro-
ristische Familie abgestempelt worden seien. Sie hätten von der Landwirt-
schaft gelebt und im nahegelegenen C._ einen kleinen Laden be-
trieben, wo er (der Beschwerdeführer) jeweils gearbeitet habe. Die Schule
habe er während des ersten Semesters der (...) Klasse, nach einem An-
schlag auf das Schulgebäude, abgebrochen. Die Schüler der (...) hätten
am (...) 2014 gegen die Brutalität der Regierung demonstriert. Er selber
sei zu diesem Zeitpunkt mit seiner Klasse in der Schule gewesen und habe
nichts von dieser Demonstration mitbekommen, als Angehörige der Regie-
rung in der Schule plötzlich mehrere Bomben explodieren lassen hätten.
Es seien in der Folge viele Schüler festgenommen und inhaftiert worden.
Er habe sich bei der Flucht verletzt, sei von den Sicherheitskräften festge-
nommen, zusammengeschlagen und für drei (BzP) beziehungsweise zwei
(Anhörung) Monate in C._ inhaftiert worden. Erst nachdem sein Va-
ter Geld bezahlt habe, sei er wieder freigekommen. Anlässlich einer De-
monstration im Jahr 2015 sei er erneut festgenommen und für fünf (BzP)
beziehungsweise zwei (Anhörung) Monate in D._ inhaftiert worden.
In dieser Zeit sei er schwer misshandelt worden. Sein Bruder sei eine poli-
tische Führungsperson einer Jugendbewegung – die sogenannte
«E._» – gewesen und etwa im (...) 2015 erschossen worden. An
seiner Beerdigung hätten viele Anhänger der Bewegung demonstriert.
Diese Demonstration sei durch die Polizei gewaltsam gestoppt und unge-
fähr 50 bis 60 Jugendliche seien festgenommen und verschleppt worden.
Insgesamt gehe es der Regierung um die Vertreibung der Oromos, zu de-
nen auch er gehöre. Er sei schon mehrmals als Jugendlicher verhaftet und
auch als Terrorist angeklagt worden. Im Gefängnis seien die Bedingungen
sehr schwierig gewesen, man habe ihn misshandelt und gefoltert. Als er
das letzte Mal inhaftiert gewesen sei, habe jemand für ihn gebürgt, worauf
er freigelassen worden sei. Man habe ihm jedoch befohlen, sich jederzeit
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zu Verfügung zu halten. Aus Angst, wieder in Gefängnis zu müssen und
wie sein Bruder zu enden, habe er schliesslich Äthiopien im (...) 2016 ille-
gal verlassen und sei via Sudan, Libyen und Italien in die Schweiz gelangt.
Während seines Aufenthaltes in der Schweiz habe er an verschiedenen
exilpolitischen Versammlungen teilgenommen und gegen die Unterdrü-
ckung der Oromo durch die heimatliche Regierung demonstriert.
B.
Mit Verfügung vom 12. Mai 2020 – eröffnet tags darauf – verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein
Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug an.
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 12. Juni 2020 be-
antragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von
Asyl sowie eventualiter die Anordnung der vorläufigen Aufnahme aufgrund
der Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Sube-
ventualiter beantragte er die Aufhebung der angefochtenen Verfügung so-
wie die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung.
In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie die Beiordnung eines Rechtsbeistandes.
Seiner Beschwerde legte er eine Kopie des Asylentscheides vom 12. Mai
2020, des Personalienblattes des Empfangs- und Verfahrenszentrums und
des Aktenverzeichnisses des SEM sowie sechs Fotos betreffend seine exil-
politischen Tätigkeiten bei. Ausserdem stellte er die Nachreichung einer
Fürsorgebestätigung in Aussicht.
D.
Am 16. Juni 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht dem Be-
schwerdeführer den Eingang der Beschwerde und hielt fest, dieser könne
den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
E.
Am 25. Juni 2020 wurde eine Fürsorgebestätigung des Amtes für soziale
Sicherheit des Kantons F._ zu den Akten gereicht.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101, SR 142.31); für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind respektive zugefügt zu
werden drohen. Begründete Furcht vor künftiger Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG hat demnach, wer gute – das heisst von Dritten nachvollzieh-
bare – Gründe (objektives Element) für seine Furcht (subjektives Element)
vorweist, mit gewisser Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft das
Opfer von Verfolgung zu werden (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1; 2011/50
E. 3.1.1; 2011/51 E. 6, je m.w.H.). Die erlittene Verfolgung beziehungs-
weise die begründete Furcht vor künftiger Verfolgung muss zudem sachlich
und zeitlich kausal für die Ausreise aus dem Herkunftsstaat und grundsätz-
lich auch im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein. Massgeblich
für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt
des Entscheides, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise
bestehende begründete Furcht vor Verfolgung – im Sinne einer Regelver-
mutung – auf eine andauernde Gefährdung hinweist. Veränderungen der
Situation zwischen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu
Lasten der asylsuchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57
E. 2; 2009/51 E. 4.2.5; 2007/31 E. 5.2 f., je m.w.H.).
4.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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5.
5.1 Die Vorinstanz stellt zunächst die Glaubhaftigkeit der geltend gemach-
ten Verfolgungsmassnahmen in Frage. Insbesondere habe sich der Be-
schwerdeführer betreffend die Dauer seiner Inhaftierung und den Besitz
eines Einwohnerausweises erheblich widersprochen. Mit der Begründung,
die Vorbringen seien ohnehin nicht mehr asylrelevant, verzichtete die Vo-
rinstanz jedoch auf eine eingehende Glaubhaftigkeitsprüfung.
Die Vorinstanz hielt weiter fest, die Situation in Äthiopien habe sich seit der
Gesucheinreichung im Jahr 2016 grundlegend verändert. Am 2. April 2018
sei Abiy Ahmed zum neuen Premierminister gewählt worden, welcher sel-
ber der Ethnie Oromo angehöre. Das Verhältnis der Regierung zu den
Oromo und der OLF-Partei habe sich seither verbessert. So seien Perso-
nen mit bedeutendem politischen Profil zurückgekehrt und begnadigt wor-
den. Der Ausnahmezustand sei aufgehoben und die Amnestieproklamation
in ein reguläres Gesetz überführt worden. Des Weiteren sei die Terroris-
mus-Einstufung der drei Organisationen OLF, Ogaden National Liberation
Front (ONLF) und Ginbot 7 aufgehoben und ein Versöhnungsabkommen
zwischen der OLF und der äthiopischen Regierung verkündet worden. Die
Würdigung der innenpolitischen Situation, insbesondere seit der Ernen-
nung des neuen Premierministers Abiy, einem Oromo, lasse damit den
Schluss zu, dass sich die Lage seit dem Asylgesuch vom 28. August 2016
besonders für die Oromo erheblich verbessert habe. Insgesamt gebe es
somit keine begründetet Furcht mehr, dass der Beschwerdeführer bei einer
allfälligen Rückkehr nach Äthiopien wegen den geltend gemachten politi-
schen Aktivitäten oder alleine aufgrund der Zugehörigkeit zur Ethnie der
Oromo mit asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen zu rechnen hätte.
Auch den exilpolitischen Aktivitäten könne keine flüchtlingsrechtliche Rele-
vanz zugesprochen werden. Es könne nicht von staatlicher Verfolgung exil-
politischer Aktivisten ausgegangen werden, da selbst Personen mit einem
deutlich politischen Profil nach Äthiopien zurückkehrten, ohne dass sie in-
haftiert oder einem Risiko einer unmenschlichen Behandlung ausgesetzt
würden.
5.2 In seiner Beschwerdeeingabe macht der Beschwerdeführer geltend, er
habe in der Anhörung darauf hingewiesen, dass er sich nicht genau an alle
Inhaftierungen erinnern könne. Er sei auf die Widersprüche nie angespro-
chen worden. Des Weiteren würden kleinere Widersprüche nicht gegen die
Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen sprechen. Die Ausführungen über seine
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Asylgründe und sein Leben seien genügend substantiiert, in sich schlüssig
und plausibel.
Hinsichtlich der veränderten Situation in Äthiopien macht er geltend, die
ethnisch bedingten Spannungen seien trotz des Machtwechsels im Jahr
2018 und der damit einhergehenden angeblichen Stabilisierung in Äthio-
pien nach wie vor verbreitet. Die neue Regierung habe die Konflikte, bei
welchen mehrere Personen gestorben seien, nicht im Ansatz unter Kon-
trolle bringen können. Gleichzeitig seien zahlreiche Journalisten/-innen
und andere Kritiker/-innen der Regierung weiterhin von willkürlichen Fest-
nahmen, rechtswidrigen Inhaftierungen über längere Zeiträume hinweg so-
wie von unfairen Gerichtsverfahren aufgrund von Anklagen nach dem An-
titerrorgesetz bedroht. Insbesondere weil die Sicherheitskräfte ihrer Pflicht,
die Menschen zu schützen, nicht nachkämen, komme es immer wieder zu
Wellen der Gewalt zwischen ethnischen Gruppen. Gemäss dem aktuells-
ten Bericht vom Amnesty International vom Mai 2020 würden äthiopische
Sicherheitskräfte auf Angriffe bewaffneter Oppositionsgruppen in den Re-
gionen Amhara und Oromia mit gravierenden Menschenrechtsverletzun-
gen reagieren. Als Reaktion auf die zahlreichen Vorfälle von Gewalt zwi-
schen den ethnischen Gruppen habe die Regierung dem Parlament im No-
vember 2019 einen Gesetzesentwurf vorgelegt, welcher weit gefasste und
vage Bestimmungen enthalte, die das Recht auf freie Meinungsäusserun-
gen aushöhlen würden. Aufgrund der sehr volatilen Lage in Äthiopien, die
sich mit Blick auf die kommenden Wahlen beziehungsweise deren Ver-
schiebung aufgrund der Corona-Pandemie noch weiter verschlechtern
dürfte, könne an der Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts im Ur-
teil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 nicht festgehalten werden. Es sei nicht
von einer dauerhaften und nachhaltigen Verbesserung der Situation für po-
litisch Verfolgte und Protestierende auszugehen. Des Weiteren sei es zwar
mit Abiy zu einem personellen, nicht jedoch einem systemischen Wechsel
gekommen; dies auch, weil auf Landesebene weiterhin die Ethiopian Pe-
oples’ Revolutionary Democratic Front (EPRDF) regiere.
Er sei der Sohn eines mehrfach inhaftierten OLF-Sympathisanten, habe
eigene Verbindungen zur OLF, sei bereits mehrmals inhaftiert und sein Bru-
der sei aus politischen Gründen getötet worden. Zudem sei weiterhin ein
Verfahren gegen ihn hängig. Ausserdem engagiere er sich seit seiner An-
kunft in der Schweiz politisch für die Oromo-Gemeinschaft. Er habe ver-
schiedentlich an Demonstrationen und politischen Anlässen teilgenom-
men. Es sei davon auszugehen, dass die äthiopischen Behörden davon
Kenntnis erlangt hätten, da die Diaspora noch immer intensiv überwacht
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werde. Aus all diesen Gründen sei er einer erhöhten Gefahr ausgesetzt,
erneut ins Visier der äthiopischen Regierung zu geraten. Er geniesse im
Gegensatz zu den von der Vorinstanz aufgeführten Personen keinen poli-
tischen Schutz, da er der Weltpolitik unbekannt sei. Er würde bei seiner
Rückkehr nach Äthiopien aufgrund seiner ethnischen Herkunft und seines
politischen Aktivismus auch weiterhin verfolgt werden.
6.
6.1 Wie die Vorinstanz zutreffend festhält, hat sich die Lage in Äthiopien
seit dem Frühling 2018 grundlegend verändert. Nachdem der Premiermi-
nister Hailemariam Desaleng von seinem Posten zurücktrat, wurde im April
2018 Abiy Ahmed, ethnischer Oromo, zu seinem Nachfolger gewählt. Da
es im Land weiterhin zu Unruhen kam, führte der Premierminister zahlrei-
che Reformen durch, die die Stabilität förderten. Im Juni 2018 wurde der
seit Februar 2018 geltende Ausnahmezustand aufgehoben. Das Friedens-
abkommen mit Eritrea wurde im darauffolgenden Monat unterzeichnet. Der
langjährige Krieg zwischen den zwei Ländern wurde damit beendet. Zu-
dem wurde der Leiter des National Intelligence and Security Service (NISS)
abgesetzt und Haftbefehle gegen mehrere Mitglieder des NISS und des
Militärs ausgestellt. Die Vereinigungen OLF, ONLF und Ginbot 7, die sich
für die Anliegen der Oromo einsetzten, wurden sodann von der Liste der
terroristischen Gruppierungen gestrichen. Die Regierung rief die Oppositi-
onellen im Exil zur Rückkehr und zur Teilnahme am politischen Prozess –
insbesondere an den für das Jahr 2020 geplanten Wahlen − in Äthiopien
auf. Politische Dissidenten, ehemalige Rebellen, Abspaltungsanführer und
Journalisten sind seit der Ernennung von Abiy Ahmed zum Premierminister
nach Äthiopien zurückgekehrt. Tausende von politischen Gefangenen wur-
den freigelassen. Das Gefängnis Makelawi, das für Folter und unmensch-
liche Behandlung der Häftlinge bekannt war, wurde geschlossen. (vgl. Re-
ferenzurteil des BVGer D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 7). Dennoch
kommt es nach wie vor zu ethnischen Unruhen in verschiedenen Regionen
Äthiopiens, so auch in Oromia. Es wird teilweise von massiven Menschen-
rechtsverletzungen äthiopischer Sicherheitskräfte berichtet. Dabei würden
vor allem Unterstützer der Oromo Liberation Army (OLA), dem bewaffneten
Arm der OLF, Opfer von Menschenrechtsverletzungen, wie zum Beispiel
willkürliche Inhaftierungen (vgl. u.a. Amnesty International, Beyond Law
Enforcement: Human Rights Violations by Ethiopian Security Forces in Am-
hara and Oromia, 29. Mai 2020, https://www.amnesty.ch/de/laender/af-
rika/aethiopien/dok/2020/sicherheitskraefte-vertreiben-verhaften-und-toe-
ten-menschen, abgerufen am 24. Juni 2020).
https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20 https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20
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Das Bundesverwaltungsgericht verkennt folglich nicht, dass die Situation
in Äthiopien nach dem Amtsantritt von Abiy Ahmed weiterhin von ethni-
schen Spannungen und entsprechenden Unruhen geprägt ist. Dies ist je-
doch Ausfluss des angeschobenen Demokratisierungsprozesses, der in
der Tat als fragil einzuschätzen ist. Ausserdem bezieht sich der zitierte Be-
richt von Amnesty International insbesondere auf die – weit von der Hei-
matstadt des Beschwerdeführers entfernte – Provinz Guji, nicht auf das
gesamte Oromo-Gebiet (vgl. Amnesty International, Beyond Law Enforce-
ment, a.a.O.). An dieser Einschätzung vermögen auch die vom Beschwer-
deführer zitierten Berichte zur Lage in Äthiopien nichts zu ändern, zumal
sich den Berichten keine systematische Verfolgung der Oromo durch die
Regierung entnehmen lässt. Für die Bejahung der Flüchtlingseigenschaft
im Sinn von Art. 3 AsylG bedarf es darüber hinaus einer Verfolgung oder
der Furcht vor einer solchen aufgrund einer konkret auf die Person geziel-
ten Handlung mit asylrelevanter Motivation. Dass der Beschwerdeführer im
Falle einer Rückkehr zum jetzigen Zeitpunkt derartigen gezielten Verfol-
gungshandlungen ausgesetzt werden könnte, ist nicht wahrscheinlich, zu-
mal die OLF, zu welcher der Beschwerdeführer seinen Angaben zufolge
eine Sympathie hegt, als politische Partei anerkannt und in den Demokra-
tisierungsprozess einbezogen ist. Folglich lassen die geltend gemachten
Asylgründe im Zeitpunkt der Gesuchstellung nicht auf eine heute aktuelle
– (...) Jahre spätere – Verfolgung schliessen. Es ist auch nicht davon aus-
zugehen, dass das hängige Verfahren gegen den Beschwerdeführer noch
weiterverfolgt wird, zumal bereits viele Amnestien ausgesprochen wurden.
Schliesslich sind keine Anzeichen ersichtlich, die folgern lassen, dass zu-
rückgekehrte Kritiker/-innen der Regierung systematisch verfolgt und inhaf-
tiert werden. Dasselbe gilt für (frühere) Sympathisanten der OLF/OLA. Es
liegen folglich keine Hinweise vor, wonach der Beschwerdeführer ein Profil
aufweisen würde, welches das Interesse der Behörden auf sich ziehen
würde. Allein die Zugehörigkeit zur Ethnie der Oromo führt, insbesondere
nach den neusten Entwicklungen, nicht zu einer Gefährdung.
6.2 Auch die exilpolitische Tätigkeit des Beschwerdeführers führt zu keiner
anderen Einschätzung. Der Beschwerdeführer hat an verschiedenen De-
monstrationen für die Rechte der Oromo und an Versammlungen von
Oromo-Flüchtlingen teilgenommen. Die diesbezüglich eingereichten Fotos
lassen jedoch nicht auf ein exponierendes exilpolitisches Engagement
schliessen, das ihn als ernsthaften Regimekritiker erkennen lassen würde.
Er selbst macht auch kein solches geltend. Es erscheint denn auch mit
Blick auf die aktuelle politische Lage nach der Wahl von Abiy Ahmed, selbst
Oromo, nicht wahrscheinlich, dass seitens der äthiopischen Behörden ein
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besonderes Interesse an der Person des Beschwerdeführers besteht und
ihm als Oromo bei einer Rückkehr eine asylrechtlich relevante Verfolgung
drohen würde.
6.3 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Das SEM hat das Asylgesuch des Beschwerdefüh-
rers folgerichtig abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
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ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im
Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht
als unzulässig erscheinen (vgl. zur Verbesserung der generellen Situation
in Äthiopien seit Amtsantritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed im April
2018 auch den als Referenzurteil publizierten Entscheid D-6630/2018 vom
6. Mai 2019, E. 6 und 7).
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
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Seite 12
8.4.1 Entgegen der vom Beschwerdeführer geäusserten Auffassung liegt
in Äthiopien keine Situation allgemeiner Gewalt vor, aufgrund derer eine
konkrete Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG vorliegen würde.
Trotz der weiterhin bestehenden ethnischen Spannungen und Protestbe-
wegungen ist die Situation seit dem Amtsantritt von Premierminister Abiy
Ahmed stabiler und das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Pra-
xis von der grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle
Regionen des Landes aus (vgl. Referenzurteil D-6630/2018 vom 6. Mai
2019 E. 12.2., in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.3). Auch unter Be-
rücksichtigung der neueren Entwicklungen lässt sich diese Praxis bestäti-
gen (vgl. etwa Urteile des BVGer E-57/2020 vom 12. März 2020 E. 7.3, D-
20/2020 vom 5. März 2020 E. 9.7, D-2352/2018 vom 13. Februar 2020
E. 6.1.1)
8.4.2 Das SEM hat sodann zu Recht festgestellt, dass nicht davon auszu-
gehen ist, der Beschwerdeführer würde bei einer Rückkehr nach Äthiopien
aus individuellen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher
Natur in eine seine Existenz gefährdende Situation geraten, die als kon-
krete Gefährdung im Sinne der zu beachtenden Bestimmung zu werten
wäre (Art. 83 Abs. 4 AIG). Der Beschwerdeführer hat die Schule bis zur (...)
Klasse besucht und im Familienbetrieb seiner Eltern Berufserfahrung sam-
meln können (vgl. A7 Ziff. 1.17.04 und Ziff. 1.17.05, A21 F36 und F40). Mit
seinen Eltern, Geschwistern, Onkeln und Tanten verfügt er über ein tragfä-
higes familiäres Beziehungsnetz in Äthiopien (vgl. A7 Ziff. 3.01). Seine Fa-
milie sei ausserdem im Vergleich relativ wohlhabend (vgl. A21 F42 und
F47). Es ist daher davon auszugehen, dass die Familie ihn nach der Rück-
kehr bei der Wiedereingliederung unterstützen wird. Ohne die Schwierig-
keiten bei einer Rückkehr zu verkennen, ist aufgrund der Aktenlage somit
nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer würde in Äthiopien in eine
existenzielle Notlage geraten.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
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Seite 13
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.− festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung und der unentgeltlichen Rechtsvertretung (vgl. Art. 65 Abs.
1 und 2 VwVG) sind unbesehen der finanziellen Verhältnisse des Be-
schwerdeführers abzuweisen, da die Beschwerde gemäss den vorstehen-
den Erwägungen als aussichtslos zu bezeichnen ist und es daher an einer
gesetzlichen Voraussetzung für deren Gewährung fehlt.
(Dispositiv nächste Seite)
E-3054/2020
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