Decision ID: ab7c2de9-c285-5aa9-ab29-3843fec2661f
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X.Y. (geboren am 31. Juli 1989) reiste am 23. Januar 1992 zusammen mit seiner
Mutter, A.Y., in die Schweiz ein, wo sie – wie der Vater und Ehemann T.Y. bereits am
12. März 1991 – als kurdische Flüchtlinge aus der Türkei Asyl erhielten. X.Y. und A.Y.
verzichteten im Mai 1998, T.Y. im Hinblick auf eine Reise ins Heimatland im Juni 2009
auf das Asylrecht. Seit April 1999 ist X.Y. niederlassungsberechtigt. Im Jahr 2000
wurde er – zusammen mit einem Bruder - während einiger Monate in der Türkei
beschult. Nach dem Abschluss der Realschule im Sommer 2005 arbeitete er in
unregelmässigen Abständen temporär. Ein im Sommer 2007 eingegangenes
Lehrverhältnis zur Ausbildung als Zimmermann löste der Lehrbetrieb anfangs 2008
wegen häufiger Absenzen in der Schule und Unzuverlässigkeit am Arbeitsplatz auf. Seit
13. Februar 2012 ist X.Y. als Hilfsarbeiter im Metallbau beschäftigt.
B./ Als Kind wurde X.Y. von der Jugendanwaltschaft am 1. September 1999 wegen
Entwendung eines Motorfahrrades zum Gebrauch ohne Führerausweis und
unerlaubten Mitführens einer zweiten Person mit einem Verweis belegt sowie am
2. September 2002 wegen Hehlerei zu einer Arbeitsleistung von zwei Halbtagen und
am 18. August 2004 wegen einfacher Körperverletzung, mehrfacher Erpressung, Raub,
Tätlichkeiten, geringfügigen Vermögensdeliktes (Hehlerei), Entwendung eines
Fahrzeugs zum Gebrauch, Fahrens ohne Führerausweis, pflichtwidrigen Verhaltens bei
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Unfall, Hausfriedensbruchs und versuchten Diebstahls zu einer Arbeitsleistung von
zwanzig Tagen verpflichtet. Weil er der Aufforderung, die verbleibenden acht
Arbeitstage zu leisten, nicht nachgekommen war, wurde er am 23. Februar 2005 zu
einer bedingten Einschliessungsstrafe von gleicher Dauer verurteilt.
Als Jugendlicher wurde X.Y. von der Jugendanwaltschaft am 29. August 2005 wegen
Fahrens ohne Schutzhelm mit einem Motorfahrrad, Mitführens einer über sieben Jahre
alten Person und Inverkehrbringens eines ungelösten und nicht versicherten
Motorfahrrads mit 120 Franken gebüsst und am 10. April 2007 wegen Übertretung des
Betäubungsmittelgesetzes, mehrfacher einfacher Körperverletzung, mehrfacher
Tätlichkeiten, Drohung, Beschimpfung, fahrlässiger Körperverletzung, Führerflucht,
Fahrens ohne Führerausweis, Entwendung eines Motorfahrzeuges zum Gebrauch,
Verletzung der Verkehrsregeln, Übertretung des Transportgesetzes und Nötigung mit
einem 14-tägigen Freiheitsentzug bestraft. Der Vollzug wurde bei einer zweijährigen
Probezeit mit ambulanter Behandlung und persönlicher Betreuung aufgeschoben. Weil
X.Y. mehr und mehr die Zusammenarbeit mit dem sozialpädagogischen
Familienbegleiter verweigerte und sich auch den Terminen auf der Jugendanwaltschaft
entzog, wurde die ambulante Massnahme am 15. Januar 2009 trotz schlechter
Prognose aufgehoben.
Mit Bussenverfügungen der Untersuchungsämter St. Gallen vom 11. Februar 2008 und
Altstätten vom 18. März 2008 wurde X.Y. wegen Widerhandlung gegen das
Transportgesetz und mehrfacher Tätlichkeiten mit 60 und 200 Franken gebüsst. Auf
Berufung hin verurteilte das Kantonsgericht St. Gallen X.Y. am 28. September 2011
wegen Raubes, versuchter räuberischer Erpressung, Freiheitsberaubung und
Entführung, mehrfacher Tätlichkeiten, versuchter Nötigung, Raufhandels, mehrfacher
einfacher Körperverletzung, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte,
betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage, mehrfachen
Betäubungsmittelkonsums, Anstiftung zur Irreführung der Rechtspflege und
verschiedener strassenverkehrsrechtlicher Delikte sowie Widerhandlung gegen das
Waffengesetz zu einer Freiheitsstrafe von 3 1⁄4 Jahren und einer Busse von 1'000
Franken. X.Y., der sich im Anschluss an die seit 13. November 2009 dauernde
Untersuchungshaft seit 2. Dezember 2009 im (vorzeitigen) Strafvollzug befunden hatte,
wurde am 9. Februar 2012 bedingt entlassen.
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C./ In ausländerrechtlicher Hinsicht wurde der Vater von X.Y. bereits am 21. September
2004 auf drohende fremdenpolizeiliche Massnahmen hingewiesen. Das kantonale
Ausländeramt (heute Migrationsamt) teilte X.Y. am 11. Juni 2007 mit, es werde
weitergehende Massnahmen, wie die Androhung der Ausweisung oder die Ausweisung
selbst prüfen, wenn er sich künftig nicht in jeder Beziehung klaglos verhalte. Am
7. März 2012 widerrief das Migrationsamt die Niederlassungsbewilligung. Das
Sicherheits- und Justizdepartement wies den dagegen erhobenen Rekurs am
11. Februar 2013 ab.
D./ X.Y. (nachfolgend Beschwerdeführer) erhob gegen den Entscheid des Sicherheits-
und Justizdepartements (nachfolgend Vorinstanz) vom 11. Februar 2013 mit Eingabe
seines Rechtsvertreters vom 27. Februar 2013 Beschwerde beim Verwaltungsgericht
mit den Anträgen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei der angefochtene
Entscheid aufzuheben und seine Niederlassungsbewilligung nicht zu widerrufen. Auf
die Ausführungen zur Begründung der Anträge wird, soweit erforderlich, in den
Erwägungen eingegangen. Die Vorinstanz beantragte unter Verweis auf den
angefochtenen Entscheid, die Beschwerde sei abzuweisen.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Die Beschwerde richtet sich gegen den Widerruf der Niederlassungsbewilligung des
Beschwerdeführers.
2.1. Nach Art. 63 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 62 Ingress und lit. b des
Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Ausländer (Ausländergesetz; SR 142.20,
abgekürzt AuG) kann die Niederlassungsbewilligung von Ausländern, die sich seit mehr
als 15 Jahren ununterbrochen und ordnungsgemäss in der Schweiz aufgehalten haben,
widerrufen werden, wenn der Ausländer zu einer längerfristigen Freiheitsstrafe verurteilt
wurde. Das Erfordernis der "Längerfristigkeit", wie es die bundesgerichtliche
Rechtsprechung umschreibt (vgl. BGer 2C_11/2013 vom 25. März 2013 E. 2.1 mit
Hinweis auf BGE 135 II 377 E. 4.1 und 137 II 297 E. 2), ist mit der rechtskräftigen
Verurteilung vom 28. September 2011 zu einer Freiheitsstrafe von 3 1⁄4 Jahren erfüllt.
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Ob das Verhalten des Beschwerdeführers zugleich als schwerwiegender Verstoss
gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu werten ist und seine
Niederlassungsbewilligung auch gestützt auf Art. 63 Abs. 2 in Verbindung mit Abs. 1
Ingress und lit. b AuG widerrufen werden kann, bedarf keiner weiteren Betrachtung,
weil dieser Widerrufsgrund in der vorliegenden Konstellation ohnehin nur subsidiär zur
Anwendung kommt (vgl. BGer 2C_515/2009 vom 27. Januar 2010 E. 2.2).
2.2. Sowohl Art. 63 Abs. 2 als auch Art. 62 Ingress und lit. b AuG sind als
"Kann-"Bestimmung formuliert und räumen der zuständigen Behörde einen gewissen
Ermessensspielraum ein. Zu prüfen ist dementsprechend die Verhältnismässigkeit der
Massnahme.
2.2.1. In jedem Fall ist aufgrund des Landesrechts gemäss Art. 96 Abs. 1 AuG eine
Interessenabwägung vorzunehmen, wobei die zuständige Behörde bei der
Ermessensausübung die öffentlichen Interessen und die persönlichen Verhältnisse
sowie den Grad der Integration der Ausländerinnen und Ausländer berücksichtigt.
Dabei fallen namentlich die Schwere des Verschuldens bei Straftaten, die Dauer der
bisherigen Anwesenheit sowie die dem Betroffenen und seiner Familie drohenden
Nachteile in Betracht (vgl. BGE 135 II 377 E. 4.3 mit Hinweisen).
An die Schwere des Verschuldens sind umso strengere Anforderungen zu stellen, je
länger der Betroffene in der Schweiz gelebt hat. Selbst bei einem Ausländer, der
bereits hier geboren ist und sein ganzes bisheriges Leben in der Schweiz verbracht hat
(Ausländer der zweiten Generation), sind fremdenpolizeiliche Massnahmen aber nicht
ausgeschlossen; bei schweren bzw. wiederholten Straftaten, insbesondere bei Gewalt-
und Betäubungsmitteldelikten, besteht hieran ein wesentliches öffentliches Interesse
(BGer 2C_695/2012 vom 28. Januar 2013 mit Hinweis auf BGE 122 II 433 E. 2c und
130 II 176 E. 4.4.2). Neben dem strafrechtlichen Verschulden sind insbesondere die Art
und Schwere der Straftat(en), die durch die Straftat verletzten Rechtsgüter, die Art und
Umstände der Tatbegehung (einfache oder mehrfache Delinquenz) sowie das Verhalten
nach der Tat zu berücksichtigen. Dem strafrechtlichen Resozialisierungsgedanken ist
zwar im Rahmen der umfassenden Interessenabwägung Rechnung zu tragen. Die
Prognose über das Wohlverhalten ist jedoch nicht ausschlaggebend, weil aus der Sicht
der Ausländerbehörden das Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit im
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Vordergrund steht. Aus ausländerrechtlicher Sicht ist das Risiko eines Rückfalls umso
weniger hinzunehmen, je schwerer die Tat wiegt, welche die ausländische Person
begangen hat (vgl. S. Hunziker, in: Caroni/Gächter/Thurnherr [Hrsg.], Stämpflis
Handkommentar, Bern 2010, N 12 zu Art. 63 AuG mit Hinweisen auf die
bundesgerichtliche Rechtsprechung). Im Zusammenhang mit Gewaltdelikten muss
selbst ein relativ geringes Restrisiko nicht hingenommen werden (vgl. BGer
2C_733/2012 vom 24. Januar 2013 E. 3.2.4 mit Hinweisen auf weitere
Rechtsprechung). Was das Interesse an der Fernhaltung betrifft, darf bei ausländischen
Personen, die nicht unter das Abkommen vom 21. Juni 1999 zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft
und ihren Mitgliedstaaten anderseits über die Freizügigkeit (SR 0.142.112.681) fallen,
im Rahmen der Interessenabwägung auch generalpräventiven Gesichtspunkten
Rechnung getragen werden (vgl. BGer 2C_932/2011 vom 7. Juni 2012 E. 3.2 mit
Hinweisen auf weitere Rechtsprechung).
2.2.2. Die Verurteilung des Beschwerdeführers zu einer Freiheitsstrafe von 3 1⁄4 Jahren
geht vorab auf Raub, versuchte räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung und
Entführung, mehrfache Tätlichkeiten, vollendete und versuchte Nötigung, Raufhandel,
mehrfache einfache Körperverletzung sowie Gewalt und Drohung gegen Beamte,
mithin auf Delikte, bei denen der Beschwerdeführer physische und psychische Gewalt
ausübte, zurück. Ausgangspunkt für die Strafzumessung war das Verschulden des
damals knapp zwanzigjährigen Beschwerdeführers bei der Tat vom 1. Januar 2009, bei
welcher er ohne "vernünftigen" Grund oder Vorwarnung einen ihm körperlich und vom
Alter her wesentlich unterlegenen Schüler aus einem Kebab-Lokal zitierte und eine von
blossem Auge und von ihrem Gewicht her kaum von einer echten funktionstüchtigen
Faustfeuerwaffe zu unterscheidende Schreckschusspistole zückte, ihm diese in den
Mund steckte, ihn durchsuchte und ihm das Mobiltelefon und das Portemonnaie mit 60
Franken Bargeld wegnahm. Das erstinstanzliche Strafgericht bezeichnete das
Vorgehen als äusserst brutal und grob. Die Einsatzstrafe von 14 Monaten wurde mit
Blick auf die Bewaffnung, die Erpressung, die Freiheitsberaubung sowie die Entführung
um 16 Monate und die Körperverletzungen um 18 Monate erhöht. Mit Blick auf das
Vorleben des Beschwerdeführers und seine früheren Straftaten hielt das Gericht fest,
Vorgehensweise und Taten ähnelten sich insofern, als der sowohl während der
Probezeit des Urteils der Jugendanwaltschaft vom 16. April 2007 als auch während des
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laufenden Untersuchungsverfahrens delinquierende Beschwerdeführer sich
regelmässig unterlegene oder abgelenkte Opfer aussuche. Kreis- und Kantonsgericht
gingen von Uneinsichtigkeit, Egoismus, Rücksichtslosigkeit und einer erheblichen
Gewaltbereitschaft des Beschwerdeführers aus. Seine Alkoholisierung anlässlich der
Tat vom 1. Januar 2009 – auf welche in der Beschwerde hingewiesen wird – wurde
bereits bei der Bemessung der Strafe mindernd berücksichtigt (vgl. act. 7/Akten des
Migrationsamtes, Dossier des Beschwerdeführers, insbesondere 542 und 543).
Der Beschwerdeführer bringt vor, es bestehe kein sicherheitspolitisches Interesse am
Widerruf der Niederlassungsbewilligung, weil er mit Ausnahme eines einzigen Delikts,
bei welchem er vier Monate älter als zwanzig gewesen sei, die Straftaten als
ungebändigter, spätreifer, pubertierender und leichtsinniger Teenager verübt habe. Es
liege in der Natur der Sache, dass Jugendliche – früher oder später – ausgeglichener,
überlegter und beherrschter würden. Auch bei ihm könne deshalb nicht aus dem
negativen Verhalten als Teenager eine negative Prognose als Erwachsener abgeleitet
werden. Er habe im Strafvollzug sein Fehlverhalten reflektiert und seine Lektion gelernt
und sei reifer geworden. Die Problematik des Alkohol- und Marihuanamissbrauchs, mit
welchem die Delikte stets verbunden gewesen seien, sei mittlerweile überwunden.
Es trifft zwar zu, dass der Beschwerdeführer die Straftaten weit überwiegend vor
Vollendung seines zwanzigsten Altersjahrs beging. Er macht geltend, nach dem
Teenageralter gereift zu sein. Einem solchen Reifungsprozess steht das Verhalten des
Beschwerdeführers im Strafvollzug entgegen, das wegen Flucht eine Verlegung von
einer offenen in eine geschlossene Anstalt erforderlich machte und von zahlreichen
Disziplinarmassnahmen, vorab im Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenkonsum,
geprägt war. Der Beschwerdeführer ist seit seiner Entlassung aus dem Strafvollzug im
Februar 2012 – jedenfalls aktenmässig – weder strafrechtlich noch im Zusammenhang
mit dem Konsum von Alkohol oder Drogen aufgefallen. Obwohl er selbst seine Delikte
vorab im Zusammenhang mit dem Konsum von Alkohol und Marihuana sieht, belegt er
die behauptete Überwindung, die ihm im Strafvollzug nicht gelang, angeblich aber in
der Freiheit gelungen sein soll, nicht, indem er beispielsweise eine kontrollierte
Abstinenz nachweisen würde. Dass der Beschwerdeführer – entgegen der Darstellung
in der Beschwerde – selbst im Strafvollzug nicht in der Lage war, sich an die Regeln
und von illegalen Drogen fern zu halten, beeinträchtigt die Prognose auf ein künftiges
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Wohlverhalten. Sein strafrechtlich relevantes Verhalten war zudem von erheblicher
Gewalt und Gewaltbereitschaft geprägt. Diesbezüglich muss aus ausländerrechtlicher
Sicht selbst ein relativ geringes Restrisiko nicht hingenommen werden. Die Vorinstanz
hat im Übrigen zu Recht darauf hingewiesen, dass sich die (relative) strafrechtliche
Unauffälligkeit des Beschwerdeführers seit Herbst 2009 – abgesehen von der Zeit seit
seiner Entlassung im Februar 2012 – auf die Untersuchungshaft und den Strafvollzug
bezog. Aus dem Umstand, dass ein Straftäter bedingt aus dem Strafvollzug entlassen
wurde, kann nicht bereits geschlossen werden, es gehe keine Gefahr im
fremdenpolizeilichen Sinn mehr von ihm aus. Auch eine aus Sicht des
Massnahmenvollzugs positive Entwicklung oder ein klagloses Verhalten im Strafvollzug
schliessen eine Rückfallgefahr und eine fremdenpolizeiliche Ausweisung nicht aus (vgl.
BGE 137 II 233 E. 5.2.2 mit Hinweisen auf BGE 130 II 176 E. 4.3.3 und 125 II 521 E. 4a/
bb).
Unter den dargelegten Umständen besteht aus ausländerrechtlicher Sicht ein
wesentliches öffentliches Interesse daran, dem Beschwerdeführer das
Anwesenheitsrecht in der Schweiz zu entziehen.
2.2.3. Dass – wie in der Beschwerde ausgeführt wird - der Beschwerdeführer seine
familiären, sozialen und kulturellen Beziehungen und Wurzeln in der Schweiz hat, ergibt
sich aus den Akten. Insoweit erübrigt sich die beantragte Befragung von Eltern und
Freundin. Bei der Gewichtung dieser Beziehungen ist aber auch zu berücksichtigen,
dass beide Elternteile des Beschwerdeführers aus der Türkei stammen. Sämtliche
Familienmitglieder, zunächst die Mutter und die Kinder im Jahr 1998 und schliesslich
auch der Vater im Jahr 2009 im Hinblick auf eine Reise in das Heimatland, verzichteten
auf das ihnen in der Schweiz gewährte Asyl. Der Beschwerdeführer besuchte im Jahr
2000, also im Alter von elf Jahren, während einiger Monate die Schule in der Türkei. Er
hat sich also nicht nur in der Schweiz in einem türkischen Umfeld – das sich im Übrigen
die Integration unterstützenden behördlichen Hilfestellungen regelmässig widersetzte -
bewegt, sondern selber als Kind zeitweise in der Türkei gelebt. Dies und die Reise
seines Vaters weisen darauf hin, dass der Beschwerdeführer nicht ohne jeden Bezug
zu seinem Heimatland ist, dessen Sprache er – unbestrittenermassen zumindest
teilweise - versteht und spricht. Anlässlich seines immerhin einige Monate dauernden
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Schulbesuchs in der Türkei war er zudem zweifellos auch mit der geschriebenen
Sprache befasst.
2.2.4. Der Grad der Integration des Beschwerdeführers in die schweizerische
Gesellschaft korrespondiert nicht mit seiner verhältnismässig langen Aufenthaltsdauer
und insbesondere nicht damit, dass er sein Leben seit dem Alter von zwei Jahren und
damit die für die Schul- und Berufsbildung wesentlichen Lebensabschnitte der Kindheit
und der Jugend weitgehend lückenlos in der Schweiz verbracht hat. Insbesondere hat
er die ihm angebotenen Hilfestellungen der Behörden zur Unterstützung seiner
Entwicklung überhaupt nicht oder unzureichend genutzt. Das Lehrverhältnis, gestützt
auf das er im Sommer 2008 eine Ausbildung zum Zimmermann begann, wurde durch
den Lehrbetrieb wegen zahlreicher Absenzen in der Schule und Unzuverlässigkeit am
Arbeitsplatz nach kurzer Zeit wieder aufgelöst. Der Beschwerdeführer pflegte -
zumindest zur Zeit seiner kriminellen Aktivitäten - vorwiegend mit Landsleuten und
Personen aus dem südosteuropäischen Raum Kontakt. Nach der Entlassung aus dem
Strafvollzug hat der Beschwerdeführer im Februar 2012 eine Stelle als Hilfsarbeiter in
der Metallbaubranche angetreten. Da Angaben zu seinem Verhalten als Arbeitnehmer
auch einem schriftlichen Zwischenzeugnis, welches ohne Weiteres im
Rechtsmittelverfahren hätte eingereicht werden können, entnommen werden könnten,
erübrigt sich die Durchführung der beantragten "Befragung der verantwortlichen
Organe" der Arbeitgeberin. Eine vertiefte Integration in die hiesigen Verhältnisse und
damit eine enge Verbundenheit zur Schweiz ist nicht ersichtlich, weshalb der vom
Beschwerdeführer angerufenen langen Aufenthaltsdauer kein allzu hohes Gewicht
beizumessen ist.
In Bezug auf die Prognose für das künftige Wohlverhalten, welche im Lichte des
gesamten ausländerrechtlich relevanten Verhaltens und nicht lediglich aufgrund der
Zeitspanne seit der Entlassung aus dem Strafvollzug zu stellen ist, dürfen strengere
Massstäbe angelegt und einem korrekten Verhalten im Strafvollzug bzw. seit der
bedingten Entlassung geringere Bedeutung beigemessen werden als bei den
entsprechenden strafrechtlichen Entscheidungen (vgl. BGer 2C_475/2009 vom 26.
Januar 2010 E. 4.2.2 mit Hinweis). Das Verhalten des Beschwerdeführers im
Strafvollzug bot Anlass zu einer vorübergehenden Verlegung aus einer offenen in eine
geschlossene Anstalt. Auch nach dem Wiedereintritt in den offenen Vollzug musste er
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zwölfmal – mehrheitlich wegen des regelmässigen Cannabiskonsums oder der
Verweigerung einer Urinprobe – diszipliniert werden. Während eines Urlaubs
konsumierte er zudem übermässig Alkohol. Insbesondere in alkoholisiertem Zustand
traten die guten Vorsätze und die Selbstkontrolle gegenüber der kurzfristigen
Bedürfnisbefriedigung in den Hintergrund. Die im Vollzugsbericht für den
Beschwerdeführer gestellte günstige Prognose ist deshalb zu relativieren und
namentlich in Bezug zur jahrelangen deliktischen Tätigkeit zu setzen.
Dem Vorbringen des Beschwerdeführers, er verfüge in der Türkei über keinerlei Netz
von Verwandten oder Bekannten steht entgegen, dass er – zusammen mit einem
Bruder - im Jahr 2000 von seiner Familie zwecks Schulbesuchs in seine Heimat
verbracht wurde und sein Vater im Jahr 2009 im Hinblick auf eine Reise in die Heimat
auf das Asylrecht in der Schweiz verzichtete. Dass der Beschwerdeführer beim Aufbau
einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Existenz in seiner Heimat auf
Schwierigkeiten stossen wird, ist – worauf auch die Vorinstanz hingewiesen hat – nicht
zu verkennen. Indessen steht er – wie seine bisherige Entwicklung zeigt – was eine
stabile Integration anbelangt auch in der Schweiz vor solchen Schwierigkeiten.
Der Hinweis in der Beschwerde auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung (2A.
297/2006 vom 14. August 2006 und 2A.82/2007 vom 27. April 2007), wonach eine
günstige Entwicklung nicht ohne absolute Notwendigkeit zunichte gemacht werden
dürfe, vermag am Ergebnis dieser Interessenabwägung nichts zu ändern. Die beiden
Entscheide betrafen einen aus der Türkei stammenden, in der Schweiz geborenen und
seit dem Alter von fünf Jahren hier lebenden "arbeitsscheuen Kleinkriminellen" mit einer
dissozialen Persönlichkeitsstörung, bei dem – nach einer tätlichen Auseinandersetzung
im Gefängnis sowie aggressivem Verhalten und Drohungen gegenüber Behörden - ein
erhöhtes Risiko von Gewalttaten die Ausweisung rechtfertigte. Indessen erwies sie sich
als unverhältnismässig, nachdem ein weiteres psychiatrisches Gutachten auch
paranoide Züge diagnostiziert hatte, ohne sich aber zur Fortsetzung des bisherigen
Verhaltens zu äussern. Dies erlaubte keinen sicheren Schluss auf eine erneute
Straffälligkeit, welche im Übrigen von der Art der Delikte – vorwiegend Diebstähle – und
vom Strafmass her - nach dem damals anwendbaren Recht die Schwelle für eine
Ausweisung eines in der Schweiz aufgewachsenen Ausländers nicht erreicht hatte.
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2.2.5. Aufgrund des Völkerrechts ist eine Interessenabwägung (Art. 8 Abs. 2 der
Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten; SR
0.101, abgekürzt EMRK) immerhin dann vorzunehmen, wenn die betroffene Person das
Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens im Sinne von Art. 8 Ziff. 1 EMRK
beanspruchen kann (vgl. BGer 2C_932/2011 vom 7. Juni 2011 E. 3.2). Die Beziehungen
des ledigen und kinderlosen Beschwerdeführers zu seinen in der Schweiz lebenden
Familienangehörigen fallen, da er volljährig und nicht in besonderer Weise von ihnen
abhängig ist, nicht (mehr) in den Schutzbereich dieser Garantie (vgl. BGer 2A.283/2005
vom 17. August 2005 E. 4).
Über die Kernfamilie hinaus fallen auch nicht rechtlich begründete familiäre
Verhältnisse, sofern eine genügend nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung
besteht, in den Schutzbereich; entscheidend ist die Qualität. Hinweise für solche
Beziehungen sind das Zusammenleben in einem gemeinsamen Haushalt, eine
finanzielle Abhängigkeit, speziell enge familiäre Bande, regelmässige Kontakte oder die
Übernahme von Verantwortung für eine andere Person (vgl. BGE 135 I 143 E. 3.1).
Nach der neueren Rechtsprechung des EGMR kann der Begriff "Familienleben" das
Zusammenleben ausserhalb der Ehe umfassen, wobei unter anderem zu
berücksichtigen ist, ob und wie lange die Partner zusammenleben und ob sie
gemeinsame Kinder haben. Das Bundesgericht hat für die Berufung auf Art. 8 Ziff. 1
EMRK in diesem Zusammenhang stets vorausgesetzt, dass die Partner
zusammenleben, wobei eine Dauer von eineinhalb Jahren grundsätzlich nicht genügt.
Lebt das Paar nicht seit längerer Zeit in einer echten eheähnlichen Gemeinschaft, sind
konkrete Heiratspläne notwendig, welche sich beispielsweise in der Bekanntmachung
der Eheschliessung äussern können (vgl. BGer 2C_856/2012 vom 25. März 2013 E. 6.3
mit Hinweisen auf die Rechtsprechung).
Der Beschwerdeführer und seine Freundin, die an der N.-strasse 00 in U. wohnt (vgl.
act. 2, Beweismittelverzeichnis), leben nicht in einem gemeinsamen Haushalt
zusammen. Auch wenn sie sich seit Jahren kennen, fehlt es damit an einem
entscheidenden nach aussen erkennbaren Merkmal einer lang andauernden und tiefer
gehenden Partnerschaft; ebenso wenig liegen konkrete Heiratspläne vor. Der
Beschwerdeführer kennt seine Freundin im Übrigen zumindest seit Juni 2005 (vgl. act.
7/Akten des Migrationsamtes, Dossier des Beschwerdeführers 89-94) und hat sie damit
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entgegen der Darstellung in der Beschwerde nicht erst nach seinem deliktischen
Verhalten kennen gelernt.
Damit der Beschwerdeführer aus dem in Art. 8 Ziff. 1 EMRK verankerten Recht auf
Privatleben einen Anspruch auf die Niederlassungsbewilligung erheben kann, werden
besonders intensive, über eine normale Integration hinausgehende private Bindungen
gesellschaftlicher oder beruflicher Natur bzw. vertiefte soziale Beziehungen zum
ausserfamiliären und ausserhäuslichen Bereich vorausgesetzt (vgl. BGer 2C_451/2009
vom 7. Dezember 2009 E. 2.2.2 mit Hinweisen auf BGE 130 II 281 E. 3.2.1, 126 II 425
E. 4c/aa und 120 Ib 16 E. 3b). Eine lange Anwesenheit und die normale Integration
genügen hierfür nicht (vgl. BGer 2C_733/2012 vom 24. Januar 2013 E. 8.2). Erforderlich
ist eine perfekte Integration, eine eigentliche Verwurzelung in der Schweiz in dem Sinn,
dass die Lebensgestaltung anderswo, insbesondere im Heimatland, praktisch
unmöglich erscheint. Selbst langjährige Anwesenheit genügt für die Anerkennung eines
Anwesenheitsrechts regelmässig nicht (vgl. BGer 2C_425/2007 vom 13. November
2007 E. 2.1.2 mit Hinweis auf BGE 130 II 281 E. 3.2.1). Obwohl der Beschwerdeführer
seit früher Kindheit in der Schweiz lebt, ist er insgesamt schlecht integriert. Nach der
Realschule hat er keine Berufsausbildung abgeschlossen. Die zahlreichen behördlichen
Hilfestellungen, welche ihm unter anderem ermöglicht hätten, eine Lehre als
Zimmermann zu absolvieren, scheiterten bereits in einem frühen Stadium. Die Familie
behinderte eine Integration des Beschwerdeführers, indem sie sich der angebotenen
behördlichen Hilfe entgegen stellte (vgl. act. 7/Akten des Migrationsamtes, Dossier des
Beschwerdeführers 179, 378-380). Von einer Integration, wie sie ein Anspruch aus Art.
8 EMRK auf den Schutz des Privatlebens voraussetzt, kann unter diesen Umständen
nicht ausgegangen werden.
2.3. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Voraussetzungen für den Widerruf der
Niederlassungsbewilligung des Beschwerdeführers erfüllt sind und sich der Widerruf
auch als verhältnismässig erweist. Dementsprechend ist die Beschwerde abzuweisen.
3. (...).
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