Decision ID: c5f2c236-c922-4cc3-82d3-d63f005ca16f
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Landfriedensbruch
Berufung gegen ein Urteil des Einzelgerichtes des Bezirkes Zürich (10. ) vom 12. Dezember 2011 (GB110064)
- 2 -
Anklage:
Der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich - Limmat vom 19. September 2011
ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 7).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist des Landfriedensbruchs im Sinne von Art. 260 Abs. 1
StGB nicht schuldig und wird freigesprochen.
2. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz.
3. Allfällige Kosten werden auf die Gerichtskasse genommen. Die Kosten des
Strafbefehls Nr. 2011/2434 vom 19. September 2011 und der nachträglichen
Untersuchung werden der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat belassen.
4. Dem Beschuldigten wird eine Entschädigung von Fr. 300.– zugesprochen.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 31)
1. Der Angeklagte sei frei zu sprechen vom Vorwurf des Landfriedens-
bruchs.
2. Dem Angeklagten sei für die ausgestandene Untersuchungshaft eine
Entschädigung in der Höhe von Fr. 300.00 zuzusprechen.
3. Die Kosten der Verteidigung in der Höhe von Fr. 2'600.00 seien auf die
Staatskasse zu nehmen.
4. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates.
- 3 -
b) Der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat:
(Urk. 30)
1. Schuldigsprechung im Sinne des Strafbefehls der Staatsanwaltschaft
Zürich-Limmat vom 1. September 2011.
2. Bestrafung mit einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu Fr. 30.–, unter
Gewährung des bedingten Vollzugs bei Ansetzung einer Probezeit von
2 Jahren.
3. Auferlegung der Kosten des erst- und zweitinstanzlichen Verfahrens
sowie des Vorverfahrens.
_

Erwägungen:
I.
1. Das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirksgerich-
tes Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 12. Dezember 2011 wurde dem Be-
schuldigten am selben Tag mündlich eröffnet und der Staatsanwaltschaft am
13. Dezember 2011 schriftlich im Dispositiv zugestellt (Urk. 12, Urk. 13, Prot. I
S. 6). Die Staatsanwaltschaft liess mit Schreiben vom 19. Dezember 2011 recht-
zeitig Berufung anmelden (Urk. 14). Das schriftlich begründete Urteil (Urk. 21)
wurde dem Beschuldigten und der Staatsanwaltschaft am 1. Februar 2012 zuge-
stellt (Urk. 19/1-2). Mit Eingabe vom 6. Februar 2012 reichte die Staatsanwalt-
schaft fristgerecht die Berufungserklärung ein (Urk. 22). Anschlussberufung wurde
nicht erhoben. Ferner wurden keine Beweisergänzungen beantragt.
2. Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung liessen die Parteien die
eingangs erwähnten Anträge stellen.
- 4 -
II.
1. Dem Beschuldigten wird zusammengefasst vorgeworfen, Teil der öf-
fentlichen Zusammenrottung, welche am 17. September 2011 um 23.30 Uhr am
Central in Zürich stattfand, gewesen zu sein, indem er sich längere Zeit freiwillig
innerhalb dieser gewaltbereiten Gruppierung aufgehalten und diese unterstützt
habe, sei es einerseits bereits mit der physischen Anwesenheit und anderseits mit
Gesten und auch verbal, dies obwohl er genügend Gelegenheit gehabt hätte, sich
vom Ort des Geschehens zu entfernen.
2. Des Landfriedensbruchs im Sinne von Art. 260 Abs. 1 StGB macht sich
strafbar, wer an einer öffentlichen Zusammenrottung teilnimmt, bei der mit verein-
ten Kräften gegen Menschen oder Sachen Gewalttätigkeiten begangen werden.
Es ist unbestritten, dass es sich bei der Ansammlung der Personen anlässlich der
illegalen Party am Central um eine öffentliche Zusammenrottung im Sinne von
Art. 260 Abs. 1 StGB handelte, bei welcher mit vereinten Kräften Gewalttätigkei-
ten gegen Menschen und Sachen begangen wurden. Strittig ist, ob der Beschul-
digte daran teilgenommen hat.
Bei der Teilnahme ist eine Beteiligung an Gewalttätigkeiten nicht erforder-
lich. Strafbar ist jede Person, welche die Gewalttätigkeiten bejaht, was nicht ein-
mal explizit geschehen muss. Objektiv nimmt an der Zusammenrottung teil, wer
kraft seines Gehabens derart im Zusammenhang mit der Menge steht, dass er für
den unbeteiligten Beobachter als deren Bestandteil erscheint. Es genügt, dass er
sich nicht als bloss passiver, von der Ansammlung distanzierter Zuschauer ge-
bärdet (BSK Strafrecht II - Fiolka, Art. 260 N 18; BGE 108 IV 36). Straten-
werth/Bodmer fordern ein aggressives Verhalten (Mitführen von Wurfgeschossen,
verbale Aggression). Im Zweifel ist - gemäss Trechsel - Anwesenheit immer noch
als unbeteiligt-passives Zuschauertum anzusehen, und blosse Gaffer, auch wenn
sie der Polizei lästig fallen, sollten straflos bleiben (Trechsel/Vest, StGB PK, Art.
260 N 6). In vielen Fällen ist es - gerade bei Zusammenrottungen, welche bei ge-
ringerer Dichte einen grösseren Raum beanspruchen - aufgrund der räumlichen
Verhältnisse nicht möglich, "unbeteiligt" auszusehen, weil eine ausreichende
- 5 -
räumliche Distanzierung nicht möglich ist. In solchen Fällen ist zu fordern, dass
die Teilnahme anderweitig nachgewiesen wird. Teilnehmer ist nur, wer im Zeit-
punkt der Verübung von Gewalttätigkeiten an der Zusammenrottung teilnimmt.
Wer sich vorher entfernt oder erst nach Beendigung der Gewalttätigkeiten hinzu-
tritt, ist straflos. Sodann lässt sich der Begriff der Teilnahme nur unter Berücksich-
tigung des subjektiven Tatbestandes fassen (BSK Strafrecht II - Fiolka, Art. 260 N
21 und 17). Der Vorsatz muss sich nach derzeitiger Rechtsprechung lediglich auf
die Teilnahme an einer öffentlichen Zusammenrottung beziehen. Dem Täter muss
also nicht nachgewiesen werden, dass er die Gewalttätigkeiten als Tat der Menge
wollte. Er muss lediglich wissen, dass eine Zusammenrottung besteht und in ihr
verbleiben oder sich anschliessen. Der Vorsatz muss jedenfalls immerhin auch
die friedensstörende Ausrichtung der Versammlung umschliessen. Daher ist da-
von auszugehen, dass der Täter zwar um die Begehung von Gewalttätigkeiten
wissen muss, dass aber darüber hinaus ein billigendes Verhalten nicht erforder-
lich ist. Der Vorsatz fehlt, wenn jemand eine Versammlung nicht verlassen kann,
in die er zufällig hineingeriet oder deren Stimmung gerade umgeschlagen hat.
Gemäss Basler Kommentar ist der älteren Rechtsprechung zu folgen, wonach der
Täter die Gewalttätigkeit als Tat der Menge billigt, ohne dass er sie wünschen o-
der durch seine Anwesenheit fördern wollen müsste. Auf diese Billigung kann nur
aufgrund äusserer Anzeichen geschlossen werden. Zu denken ist etwa an verbale
Äusserungen zugunsten der Gewalttäter oder gegen andere, an die Beteiligung
an Gewalttaten, das Mitführen von Waffen oder die Vermummung (BSK Strafrecht
II - Fiolka, Art. 260 N 34 f.).
3. Um Wiederholungen zu vermeiden, kann vorab auf die diesbezüglichen
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO; Urk. 21 S. 3
ff.). Zusammenfassend und teilweise ergänzend kann Folgendes festgehalten
werden:
3.1. Als Beweismittel liegen einzig die Aussagen des Beschuldigten vor. Es
findet sich zwar eine E-Mail eines Polizeibeamten (B._) in den Akten, in wel-
cher sinngemäss ein Telefongespräch mit einem am Vorfall am Central beteiligten
Polizeibeamten (C._) wiedergegeben wird (act. 4); es handelt sich dabei
- 6 -
aber weder um einen von C._ verfassten Wahrnehmungsbericht noch um
dessen Zeugenaussage. Ausserdem ergibt sich aus der E-Mail nicht konkret,
dass der Beschuldigte vor der Verhaftung ebenfalls Teil der Gruppe war, die von
der Strasse ... aus mit Steinen und Absperrmaterial warf. Die Beschreibung der
Personen aus der Gruppe, welche gemäss E-Mail alle schwarz angezogen gewe-
sen seien, teilweise mit Kapuzenpullover, trifft sodann nicht auf dem Beschuldig-
ten zu, welcher bei seiner Verhaftung einen hellgrauen Pullover trug (Urk. 5/1).
Zusammenfassend taugt die E-Mail nicht als belastendes Beweismittel gegen den
Beschuldigten, zumal nicht auszuschliessen ist, dass der Beschuldigte entgegen
dem Verhaftungsrapport gar nicht an der ...strasse ... verhaftet wurde, sondern
beim G._. So erwähnte er wiederholt diesen als Verhaftsort, was er auch an
der Berufungsverhandlung so bestätigte und auf einem Kartenausschnitt zeigte
(Urk. 28 S. 7). Selbst die Staatsanwältin sprach in der Hafteinvernahme von der
G._... als Verhaftsort (Urk. 3 S. 2). Es wäre Aufgabe der Untersuchungsbe-
hörde gewesen, vor der Anklageerhebung Abklärungen betreffend den Verhafts-
ort vorzunehmen; der Antrag der Staatsanwaltschaft im Rahmen ihres Plädoyers,
diesbezüglich nunmehr Nachforschungen zu betreiben (Urk. 30 S. 3 i.V.m. Prot. II
S. 5), ist verspätet und daher nicht zu hören.
3.2. In objektiver Hinsicht befand sich der Beschuldigte kurze Zeit am Cent-
ral, wo die illegale Party stattfand, und wurde später in der Nähe, sei es beim
G._ oder an der ...strasse ..., verhaftet.
Gemäss den Aussagen des Beschuldigten bei der Polizei am 18. September
2011 suchten er und seine Kollegen nach einem Weg zum Hauptbahnhof, wel-
cher zugänglich war, nachdem sie festgestellt hatten, dass das Niederdorf, wo sie
in eine Bar wollten, gesperrt war und im D._ gewesen waren, und gerieten
sie in die Menge der anderen Personen, die verhaftet wurden (Urk. 2 S. 3 f.). In
der Hafteinvernahme vom 19. September 2011 ergänzte der Beschuldigte, dass
es bei Ankunft beim Central friedlich gewesen, dann aber mit Gegenständen ge-
worfen worden sei. Nach ca. 15 Minuten seien sie Richtung Coop und dann zum
D._ gegangen. Da die Bahnhofshalle zu gewesen sei, seien sie weiter zum
G._ gegangen und nach ca. 8 Minuten verhaftet worden (Urk. 3 S. 2 f.). Vor
- 7 -
Vorinstanz wiederholte er, dass er und seine Kollegen ins Niederdorf hätten ge-
hen wollen, aber dort in die Menge zurückgedrängt worden seien und ergänzte,
dass sie immer wieder versucht hätten, aus der Menge herauszukommen. Sie
seien dann auch ins D._ gegangen. Danach hätten sie die Freundin seines
Bruders am G._ bzw. an der ...strasse treffen und gemeinsam auf den Zug
gehen wollen, wo sie verhaftet worden seien. Am Verhaftsort sei bereits alles ru-
hig gewesen, sie hätten niemanden gesehen, der Steine wirft (Urk. 11 S. 2 ff.),
was er bereits bei der Polizei erwähnt hatte (Urk. 2 S. 4). Heute wiederholte der
Beschuldigte, dass sie in Zürich etwas hätten trinken gehen wollen, nachdem am
ursprünglichen Ziel in E._ (am F._fest) eine geschlossene Gesellschaft
gewesen sei. Im Zug habe er von einem Kollegen gehört, dass am Central etwas
los sei; sie hätten aber geplant, ins Niederdörfli zu gehen. Dort seien sie jedoch
von der Polizei weggeschickt worden, und als sie am Central beraten hätten, was
sie tun sollten, seien innerhalb von ca. 8 Minuten die ersten Steine vom Hirschen-
graben hinunter geworfen worden und Hektik ausgebrochen. Sie hätten dann
Richtung Osten der Brücke entlang gehen und weiter vorne ins Niederdörfli hin-
auflaufen wollen. Sie seien an der Menge am Central vorbei gelaufen. Er habe
gesehen, wie Steine von der Mauer geworfen worden seien, aber Barrikaden und
brennende Gegenstände habe er nicht gesehen. Oberhalb der Mauer sei er nicht
gewesen und sie hätten sich maximal 10 Minuten am Central aufgehalten. Sie
hätten zuerst versucht ostwärts wegzugehen, seien aber von der Polizei zurück-
getrieben worden, weshalb sie dann Richtung Coop gegangen seien. Aufgrund
der SMS der Freundin seines Bruders, welche mit ihnen habe heimfahren wollen,
seien sie zum G._ gegangen. Dort sei bereits alles kaputt gewesen. Gewalt-
tätigkeiten habe er keine gesehen. Nach ca. 5 bis 8 Minuten sei es los gegangen:
Sie seien mit Gummischrot beschossen, von der Polizei eingekesselt und verhaf-
tet worden. Er habe gedacht, ...strasse und G._ sei das Gleiche; er sei je-
denfalls beim G._, also beim H._ verhaftet worden (Urk. 28 S. 3 ff.).
Die Aussagen des Beschuldigten sind konstant und ohne erhebliche Wider-
sprüche. Der von ihm geschilderte Ablauf des Abends erscheint nachvollziehbar
und lebensnah. Es ergibt sich daraus nicht, dass der Beschuldigte in der öffentli-
chen Zusammenrottung verblieb oder sich ihr anschloss. Sie deuten vielmehr da-
- 8 -
rauf hin, dass er zufällig hineingeriet. Selbst wenn er von einer Party am Central
gehört hatte, bestand sein Plan - nachdem das ursprüngliche Vorhaben, nämlich
das F._fest in E._ zu besuchen, am Vorfinden einer geschlossenen Ge-
sellschaft gescheitert war - darin, mit den Kollegen ins Niederdorf zu gehen. Um
dieses zu erreichen, führt der übliche Weg vom Hauptbahnhof her über das Cent-
ral. Entgegen der Auffassung der Staatsanwaltschaft (Urk. 30 S. 2 f.) konnte der
Beschuldigte nicht von vornherein wissen, dass es am Central zu Ausschreitun-
gen kommen wird, weshalb es für ihn naheliegend war, diesen Weg zu nehmen.
Erst als ihm und seinen Kollegen dies nicht gelang, versuchten sie, auf einem an-
deren Weg das Niederdorf zu erreichen (vgl. Urk. 28 S. 5). Gemäss seinen glaub-
haften Aussagen verblieben sie dann auch nur so lange in der Menge, in welche
sie geraten waren, bis sie realisierten, dass sie nicht das Niederdorf betreten
konnten und bis es ihnen anschliessend gelang, aus der Menge herauszukom-
men. Die räumlichen Verhältnisse führten dazu, dass der Beschuldigte als "Betei-
ligter" der öffentlichen Zusammenrottung erscheinen konnte; ein tatsächlicher
Nachweis einer Teilnahme liegt aber nicht vor. Der Beschuldigte verblieb nur so
lange in der Menge, bis er sie verlassen konnte und schloss sich ihr sodann nicht
an, sondern suchte das D._ auf. Auch am Verhaftsort befand er sich gemäss
seinen glaubhaften, zumindest aber nicht widerlegbaren Aussagen, weil sie dort
die Freundin des Bruders treffen und anschliessend einen nicht gesperrten Weg
zum Hauptbahnhof suchen wollten. Als dann dort andere Leute, welche verhaftet
wurden, - sei es die Gruppe, welche von der ... Strasse herkam, oder eine andere
- eintrafen, erschienen der Beschuldigte und seine Kollegen für die Polizei als
"Beteiligte", obwohl wiederum davon auszugehen ist, dass sie zufällig in die Zu-
sammenrottung hineingerieten. Gemäss den unwiderlegbaren Aussagen des Be-
schuldigten wurden zum Zeitpunkt, als sie sich am Verhaftsort befanden, jedoch
keine Gewalttätigkeiten mehr ausgeübt, weshalb er bereits deshalb als nicht
strafbar zu gelten hat. Insgesamt erscheint es so, dass sich an jenem Abend die
"Chaoten" über einen grösseren Raum verteilten, sich also nicht nur direkt beim
Central aufhielten. Dementsprechend konnte ein Unbeteiligter, der vom Haupt-
bahnhof herkam oder dort einen Zug nehmen oder der das Niederdorf besuchen
wollte, was an einem Samstagabend für jemanden, der in eine Bar oder einen
- 9 -
Club gehen will, naheliegend ist, ohne weiteres zufällig in die Zusammenrottung
hineingeraten. Es kann dem Beschuldigten nicht widerlegt werden, dass ihm ge-
nau das passiert ist. Selbst wenn er physisch anwesend war, deutet sein Verhal-
ten gesamthaft betrachtet nicht darauf hin, dass er die Gewalttätigkeit bejahte
bzw. unterstützte. Er könnte allenfalls als zeitweiser Gaffer angesehen werden.
Mehr wollte er offensichtlich auch in der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
vom 19. September 2011 nicht einräumen, die kein eindeutiges Geständnis ent-
hält (Urk. 3 S. 3). Durch die Staatsanwältin erfolgte ein pauschaler Vorhalt, der
den späteren Anklagevorwurf der Unterstützung "mit Gesten und auch verbal" zu-
dem nicht enthielt. Dessen Beantwortung mit "ja" stimmt nicht mit den anderen
Antworten des Beschuldigten überein, wonach der Beschuldigte gerade nicht an
der öffentlichen Zusammenrottung teilnahm (Urk. 3 S. 3). Darüber hinaus erklärte
der Beschuldigte heute, er habe nur deshalb dem Vorhalt zugestimmt, weil er da-
rauf hingewiesen worden sei, dass er diesfalls aus der Untersuchungshaft entlas-
sen werden würde und er im Falle des Verbleibens in der Untersuchungshaft ris-
kiert hätte, seine Lehrstelle zu verlieren (Urk. 28 S. 8, Urk. 31 S. 2 f.). Diese Be-
gründung erscheint als plausibel.
Dass der Beschuldigte in der Polizeieinvernahme ausführte, dass man am
F._fest das Zelt nicht gefunden habe und erst vor Gericht erklärte, man habe
dort eine geschlossene Gesellschaft vorgefunden, wie die Staatsanwaltschaft gel-
tend macht (Urk. 30 S. 5), betrifft das Randgeschehen und ruft keine Zweifel an
der Glaubhaftigkeit der Aussagen des Beschuldigten hervor, zumal beides zuge-
troffen haben kann (vgl. Urk. 31 S. 5 i.V.m. Prot. II S. 8). Auch dass er die Namen
seiner Kollegen und Kolleginnen nicht preisgeben wollte (Urk. 30 S. 5), ist kein
Lügensignal. Es ist nachvollziehbar, dass er damit vermeiden wollte, dass sie in
ein Strafverfahren einbezogen würden. Schlüsse auf ein eigenes Fehlverhalten
des Beschuldigten lassen sich draus nicht ziehen.
Entgegen der Auffassung der Staatsanwaltschaft (Urk. 30 S. 5 ff.) kann dem
Beschuldigten auch in subjektiver Hinsicht nicht nachgewiesen werden, dass er
vorsätzlich an der öffentlichen Zusammenrottung teilnehmen wollte. Er geriet zu-
fällig hinein, verliess sie aber wieder, sobald ihm dies möglich war. So kam er
- 10 -
gemäss seinen glaubhaften Aussagen später denn auch nicht zum Central bzw.
zur ...strasse zurück, sondern ging zum G._. Die Billigung von Gewalttätig-
keiten wird von der derzeitigen Rechtsprechung im Gegensatz zur früheren nicht
mehr verlangt. Erforderlich ist aber, dass der Vorsatz die friedensstörende Aus-
richtung der Versammlung umfasst. Auch das ist beim Beschuldigten nicht er-
stellt. Vielmehr betonte er vor Vorinstanz, dass er es nicht gut gefunden habe,
dass Flaschen geworfen worden seien und was dort passiert sei, dass er kein
Gewaltfan sei und nicht einmal an Fussballmatchs und auch nicht an 1. Mai De-
mos gehe. Er halte sich von solchen Dingen fern (Urk. 11 S. 3 und 5). Dies er-
wähnte er auch anlässlich der Berufungsverhandlung (Urk. 28 S. 7, Prot. II S. 9).
3.3. Zusammenfassend ist nicht erstellt, dass der Beschuldigte an einer öf-
fentlichen Zusammenrottung teilnahm. Er ist deshalb vom Vorwurf des Landfrie-
densbruchs im Sinne von Art. 260 Abs. 1 StGB freizusprechen. Der Beweisantrag
des Verteidigers, die Akten des Bezirksgerichts Zürich, Geschäfts-Nr. GG110307-
L, beizuziehen (Urk. 31 S. 2), erübrigt sich, da das Verfahren spruchreif ist und
ohnehin nicht zu erwarten wäre, dass die genannten Akten zu einem anderen
Beweisergebnis führen würden.
III.
1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist das erstinstanzliche Kosten-
und Entschädigungsdispositiv (Ziff. 2 bis 4) zu bestätigen. Die zweitinstanzliche
Gerichtsgebühr fällt ausser Ansatz.
2. Der Beschuldigte beantragt, die Kosten der Verteidigung in der Höhe
von Fr. 2'600.– auf die Staatskasse zu nehmen (Urk. 31 S. 5).
Gemäss Art. 436 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 429 Abs. 1 lit. a StPO hat die
beschuldigte Person, wenn sie freigesprochen wird, Anspruch auf Entschädigung
für ihre Aufwendungen für die angemessene Ausübung ihrer Verfahrensrechte.
Die Aufwendungen für die Verteidigung sind ausgewiesen und betrugen
Fr. 2'600.– (Urk. 27/5). Dem Beschuldigten ist demnach eine Prozessentschädi-
- 11 -
gung von Fr. 2'600.– (inkl. MWST) für anwaltliche Verteidigung aus der Gerichts-
kasse zu bezahlen.