Decision ID: 166e6521-ce2d-4674-b31f-b1636215e9cc
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Am (...) suchte der Beschwerdeführer in der Schweiz um Asyl nach. Er
gab bei der Aufnahme seiner Personalien an, er sei am (...) in Afghanistan
geboren. Er wurde für die weitere Behandlung seines Verfahrens dem Bun-
desasylzentrum (BAZ) B._ zugewiesen.
A.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Euro-
dac) ergab, dass der Beschwerdeführer am (...) in Bulgarien und am (...) in
C._ um Asyl ersucht hatte.
A.c Am 10. Februar 2022 stellte das SEM sowohl bei den Behörden von
C._ als auch den bulgarischen Behörden betreffend den Beschwer-
deführer ein Informationsersuchen nach Art. 34 der Verordnung (EU) Nr.
604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013
zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitglied-
staats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder
Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen
Schutz (Dublin-III-VO).
A.d Am 21. Februar 2022 führte das SEM eine Erstbefragung unbegleiteter
minderjähriger Asylsuchender (EB UMA) durch. Dabei führte der Be-
schwerdeführer an, er sei am (Nennung Zeitpunkt) geboren. Sein Geburts-
datum kenne er seit dem Erhalt seiner (Nennung Ausweisdokument) vor
(...) Monaten, deren Original ihm die bulgarischen Behörden weggenom-
men hätten. Es wurden ihm Fragen zu seinen Personalien, zum Erhalt sei-
ner (Nennung Ausweisdokument), zu seinen persönlichen Verhältnissen,
zu Identitätsdokumenten, zum Reiseweg, zu seiner Herkunft, zum medizi-
nischen Sachverhalt, zu seinem Alter sowie medizinische Zusatzfragen zur
Altersabklärung gestellt. Ferner wurde er über den Ablauf einer möglicher-
weise durchzuführenden medizinischen Altersabklärung informiert.
A.e Die am (Nennung Zeitpunkt) am (Nennung Institution) erstellte 3-Säu-
len-Modell-Analyse (körperliche, radiologische und zahnärztliche Untersu-
chung/Beurteilung) zur Altersbestimmung ergab zum Zeitpunkt der Unter-
suchung vom (Nennung Zeitpunkt) ein Mindestalter des Beschwerdefüh-
rers von (...) Jahren; die Vollendung des 18. Lebensjahres und damit das
Erreichen der Volljährigkeit des Beschwerdeführers lasse sich nicht mit der
notwendigen Sicherheit belegen (Minderjährigkeit sei möglich). Das vom
Beschwerdeführer angegebene Lebensalter von (...) Jahren und (...) Mo-
naten sei mit den erhobenen Befunden allerdings nicht zu vereinbaren.
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A.f Die Vorinstanz gewährte dem Beschwerdeführer in der Folge am
23. März 2022 das rechtliche Gehör zum Abklärungsergebnis, zu den
Zweifeln des SEM an der vorgebrachten Identität, zur beabsichtigten An-
passung seines Geburtsdatums auf den (...) und zur Möglichkeit der Be-
handlung seines Asylgesuchs durch die Behörden von C._ oder die
bulgarischen Behörden.
Der Beschwerdeführer reichte mit Eingabe vom 28. März 2022 seine Stel-
lungnahme ein. Darin führte er zu einer allfälligen Änderung des Alters im
ZEMIS an, bezüglich der (Nennung Ausweisdokument) habe er immer die
Wahrheit gesagt. Bis er in Bulgarien angekommen sei, habe er stets einen
Ausdruck der elektronischen (Nennung Ausweisdokument) in Form einer
Karte auf sich getragen. Dass seine (Nennung Ausweisdokument) ver-
brannt worden sei, stelle keine Schutzbehauptung dar, sondern liege am
Antrag seiner Rechtsvertreterin, diese bei den bulgarischen Behörden
nachzufordern sowie an nicht auszuschliessenden Übersetzungs- bezie-
hungsweise Verständigungsproblemen. Zudem stelle es nicht einen Wider-
spruch, sondern eine Ergänzung dar, wenn er zunächst angegeben habe,
die bulgarischen Behörden hätten seine (Nennung Ausweisdokument) ein-
gezogen und dass diese in der Zwischenzeit vernichtet worden sei. In
C._ habe er – genau wie in der Schweiz – das Foto des Originals
seiner (Nennung Ausweisdokument) gezeigt, was von der Dolmetscherin
zur Kenntnis genommen worden sei und diese auf Deutsch mit den Behör-
den darüber gesprochen habe, so dass er nicht wisse, was genau bespro-
chen worden sei. Es sei daraufhin ein falsches Geburtsdatum hingeschrie-
ben worden, wogegen er sich vergeblich zu wehren versucht habe. Die
Echtheit seiner elektronischen (Nennung Ausweisdokument) sei anhand
der Dokumentennummer sehr wohl und einfach zu überprüfen, womit sie
als Indiz für seine Minderjährigkeit diene. Weiter habe er bezüglich seines
Geburtsdatums stets konsistente Angaben gemacht und beim Altersgut-
achten habe sein Mindestalter bei allen radiologischen Untersuchungen
unter 18 Jahren gelegen.
Bezüglich eines allfälligen Dublin-Verfahrens und einer Wegweisung nach
C._ führte er sodann aus, nur wenige Tage in diesem Land gewe-
sen zu sein. Dort sei er anlässlich der Abklärung seiner Identität schlecht
behandelt respektive nicht korrekt angehört worden, zumal die Dolmet-
scherin nur Farsi statt Pashto gesprochen habe und alle Neueintritte an
jenem Tag mit demselben Geburtsdatum registriert worden seien. Zu ei-
nem allfälligen Dublin-Verfahren und einer Wegweisung nach Bulgarien be-
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halte er sich vor, das rechtliche Gehör zu einem späteren Zeitpunkt zu er-
gänzen. Jedenfalls sei er in Bulgarien von der Polizei mehrmals tätlich an-
gegriffen und verletzt worden, weshalb vermutungsweise von einer Trau-
matisierung seiner Person auszugehen und der medizinische Sachverhalt
durch das SEM vor einer Wegweisung ergänzend abzuklären sei. Des Wei-
teren beantragte der Beschwerdeführer bezüglich Altersanpassung im
ZEMIS umgehend eine beschwerdefähige Verfügung und er sei im Sinne
einer superprovisorischen Massnahme bis zum Ausgang des Beschwerde-
verfahrens als UMA zu behandeln. Ferner sei mit der Einleitung eines Dub-
lin-Verfahrens zumindest bis zum Ausgang des Beschwerdeverfahrens be-
treffend ZEMIS-Änderung abzuwarten.
A.g Am 30. März 2022 ersuchte das SEM sowohl die Behörden von
C._ als auch diejenigen von Bulgarien um Wiederaufnahme des
Beschwerdeführers im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Dublin-III-VO.
A.h Gemäss einem (Nennung Beweismittel) wurde der Beschwerdeführer
gleichentags wegen einer (Nennung Leiden) behandelt.
A.i Laut einem (Nennung Beweismittel) wurde der Beschwerdeführer we-
gen eines am Vortag begangenen Suizidversuchs zugewiesen und nach
Behandlung mit entsprechenden Abmachungen und Empfehlungen glei-
chentags wieder entlassen.
A.j Am 5. April 2022 sowie am 7. April 2022 reichte der Beschwerdeführer
weitere ärztliche Unterlagen zu den Akten (Aufzählung Beweismittel).
A.k Mit Eingabe vom 12. April 2022 reichte der Beschwerdeführer ärztliche
Unterlagen (Nennung Beweismittel) ins Recht und stellte weitere medizini-
sche Unterlagen – nachdem er seinen Angaben zufolge (Nennung Vorfall)
– in Aussicht. Seit seiner Entlassung (...) am (Nennung Zeitpunkt) befinde
er sich in einer Unterkunft für Erwachsene. Das SEM werde ihn noch glei-
chentags in eine andere Unterkunft verlegen, ohne dass er den Ort oder
den Grund dafür kenne.
A.l Am 13. April 2022 lehnten die Behörden von C._ Behörden die
Übernahme des Beschwerdeführers ab.
A.m Die Vorinstanz räumte dem Beschwerdeführer am 22. April 2022 er-
neut das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit Bulgariens für die Behandlung
seines Asylgesuchs bis zum 28. April 2022 ein.
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A.n Mit Eingabe vom 25. April 2022 legte der Beschwerdeführer zusätzli-
che Beweismittel (Aufzählung Beweismittel) ins Recht.
A.o Mit Eingabe vom 2. Mai 2022 reichte der Beschwerdeführer ein weite-
res Beweismittel (Nennung Beweismittel) zu den Akten.
A.p Am 3. Mai 2022 liess der Beschwerdeführer dem SEM seine Stellung-
nahme zum neuerlich gewährten rechtlichen Gehör zur Zuständigkeit Bul-
gariens für die Behandlung seines Asylgesuchs zukommen (vgl. auch
Bst. G. oben). Darin brachte er vor, sich insgesamt etwa (Nennung Dauer)
in Bulgarien aufgehalten zu haben. Die bulgarische Grenzwache habe ihn
in einem Wald angehalten, mit Gegenständen spitalreif verletzt und ihm
alles, was er bei sich gehabt habe, abgenommen. Danach sei er für (Nen-
nung Dauer) in einem geschlossenen Heim für Minderjährige unterge-
bracht worden, wo die Zustände sehr schlecht gewesen seien. Seine Ver-
letzungen seien nur in oberflächlicher Weise gepflegt worden, weshalb sich
eine Wunde schwer entzündet habe. Erst etwa (Nennung Zeitpunkt) sei er
in ein Spital gebracht worden. Nach seiner Entlassung sei er in eine andere
Unterkunft verlegt worden, wo wiederum Minderjährige untergebracht ge-
wesen seien. Von dieser zweiten Unterkunft aus habe er mehrere erfolg-
lose Fluchtversuche unternommen. Sowohl die Grenzwache als auch die
Polizei hätten ihn jeweils verprügelt, weshalb er wiederholt habe hospitali-
siert werden müssen. Schliesslich sei ihm die Ausreise aus Bulgarien ge-
lungen. Eine Rückkehr dorthin sei für ihn unvorstellbar.
A.q Mit Urteil D-1596/2022 vom 31. Mai 2022 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht eine Rechtsverzögerungsbeschwerde des Beschwerdefüh-
rers vom 5. April 2022 gut und wies das SEM an, betreffend Änderung der
Personendaten des Beschwerdeführers im ZEMIS unverzüglich eine an-
fechtbare Verfügung zu erlassen.
A.r Im Rahmen einer internen Anfrage des SEM vom 14. Juni 2022 an
(Nennung Adressat) zum aktuellen Gesundheitszustand des Beschwerde-
führers wurde (Nennung Beweismittel) – nachdem der Beschwerdeführer
dort (Nennung Dauer) untergebracht war – zu den Akten genommen.
B.
Mit Verfügung vom 15. Juni 2022 – gleichentags eröffnet – trat die Vorin-
stanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die
Wegweisung aus der Schweiz nach Bulgarien und forderte den Beschwer-
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deführer auf, die Schweiz spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwer-
defrist zu verlassen. Den Kanton Bern beauftragte sie mit dem Vollzug der
Wegweisung und ordnete die Aushändigung der editionspflichtigen Akten
gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwerdeführer an. Zudem stellte sie
fest, das Geburtsdatum des Beschwerdeführers laute im ZEMIS auf den
(...) mit Bestreitungsvermerk. Schliesslich hielt es fest, einer allfälligen Be-
schwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
C.
Der Beschwerdeführer focht diese Verfügung mit Beschwerde vom
22. Juni 2022 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er beantragte, es sei die
angefochtene Verfügung aufzuheben, das SEM sei anzuweisen, auf sein
Asylgesuch einzutreten und sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (...) zu
korrigieren. Eventualiter sei die Sache zur rechtsgenüglichen Sachver-
haltsabklärung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Ferner sei im Sinne einer superprovisorischen Massnahme die Vorinstanz
anzuweisen, ihn für die Zeit des hängigen Beschwerdeverfahrens in den
Strukturen für UMA unterzubringen. Weiter sei der Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und es seien im Sinne einer vorsorglichen
Massnahme die Vollzugsbehörden unverzüglich anzuweisen, von einer
Überstellung nach Bulgarien abzusehen, bis das Bundesverwaltungsge-
richt über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe.
Weiter sei die unentgeltliche Prozessführung (samt Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses) zu gewähren.
D.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
23. Juni 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
E.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 23. Juni 2022 setzte die Instruk-
tionsrichterin den Vollzug der Wegweisung einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
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– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde
(Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Der Beschwerdeführer beantragt explizit die Abänderung des im ZEMIS
vermerkten Geburtsdatums ([...]) auf den (...). Die vorliegende Beschwerde
richtet sich demnach sowohl gegen den Nichteintretensentscheid betref-
fend das Asylgesuch als auch gegen die ZEMIS-Eintragung. Über das Be-
gehren auf Änderung des im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums ist nicht
im vorliegenden Dublin-Verfahren zu entscheiden, weshalb im Nachgang
ein separates Verfahren unter der Geschäfts-Nr. D-2736/2022 bezüglich
der beantragten Datenänderung im ZEMIS zu führen ist (vgl. auch Urteil
des BVGer D-2765/2021 vom 21. Juni 2021 E. 2).
3.
Die vorliegende Beschwerde erweist sich – wie nachfolgend aufgezeigt –
als offensichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG) ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
5.
5.1 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2 je m.w.H.).
5.2 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
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Abs. 1 Bst. b AsylG). Diesbezüglich kommt die Dublin-III-VO zur Anwen-
dung.
5.3 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8-15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art.
7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen
Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
5.4 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
sind die in Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden. Im Rahmen eines Wie-
deraufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demgegenüber grund-
sätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl.
zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
5.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert; das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
5.6 Im Falle einer unbegleiteten minderjährigen Person ohne familiäre An-
knüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem jene einen Antrag auf inter-
nationalen Schutz gestellt hat, wobei von der Situation zum Zeitpunkt der
ersten Antragstellung in einem Mitgliedstaat ausgegangen wird (vgl. Art. 7
Abs. 2 Dublin-III-VO). Als Minderjähriger gilt ein Drittstaatsangehöriger un-
ter achtzehn Jahren (Art. 2 Bst. i Dublin-III-VO; Art. 1a Bst. d der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 [AsylV 1, SR 142.311]). Unbegleitete Min-
derjährige sind vom Wiederaufnahmeverfahren ausgenommen (vgl. FILZ-
WIESER/SPRUNG, Dublin-III-VO, Wien 2014, Kap. 15 f. zu Art. 8, m.H.). Vor-
liegend bestünde deshalb bei Minderjährigkeit des Beschwerdeführers
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eine der grundsätzlichen Wiederaufnahmezuständigkeit Bulgariens vorran-
gige Zuständigkeit der Schweiz (vgl. unter anderen: Urteil des BVGer
F-6213/2020 vom 5. Januar 2021 E. 3.4).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer rügt eine unrichtige beziehungsweise unvoll-
ständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes sowie eine Ver-
letzung der Begründungspflicht. Diese formellen Rügen sind vorab zu be-
urteilen.
6.2 Das Verwaltungs- respektive Asylverfahren wird vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG), wonach die Be-
hörde von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das Verfahren notwen-
digen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten Umstände abzu-
klären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen hat (BVGE 2015/10
E. 3.2 m.w.H.).
Es ergeben sich nach Prüfung der Akten keine hinreichenden Anhalts-
punkte, welche den Schluss zulassen würden, das SEM habe den Sach-
verhalt hinsichtlich der Beurteilung des Alters des Beschwerdeführers res-
pektive seiner Einschätzung als Minderjähriger unrichtig oder unvollständig
abgeklärt, mithin den Untersuchungsgrundsatz verletzt. Zu Recht ging die
Vorinstanz vorliegend aufgrund der Parteiauskünfte, der eingereichten Be-
weismittel und der getroffenen Abklärungen (vgl. Art. 12 Bstn. a, b und e
VwVG) davon aus, dass der rechtserhebliche Sachverhalt als erstellt gel-
ten könne und keine weiteren Beweismassnahmen zu ergreifen seien. Das
SEM hat in seinem Entscheid auf die vorgebrachte Minderjährigkeit des
Beschwerdeführers sowie auf die zur Illustration derselben eingereichten
Beweismittel Bezug genommen und sich mit diesen Sachverhaltselemen-
ten, den entsprechenden Dokumenten sowie mit den jeweiligen Abklä-
rungsresultaten auseinandergesetzt. Ebenso nahm es zu den Ausführun-
gen des Beschwerdeführers zu seiner Registrierung anlässlich der geltend
gemachten Aufenthalte in Bulgarien und C._ Stellung. Weiter kam
das SEM zum Schluss, dass Bulgarien für die weitere Behandlung seines
Asylverfahrens zuständig sei (vgl. SEM act. 1124969-78/18 [nachfolgend:
act. 78], S. 4 ff.). Weiter nahm es eine einlässliche Prüfung der vom Be-
schwerdeführer angeführten und mit medizinischen Unterlagen untermau-
erten gesundheitlichen Beeinträchtigungen vor (vgl. act. 78, S. 9 ff.). Der
Umstand, dass es nach einer gesamtheitlichen Würdigung der Parteivor-
bringen zu einem anderen Schluss als der Beschwerdeführer gelangte,
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/10
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Seite 10
stellt keine unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts
oder Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Es ist denn in diesem Zusam-
menhang – entgegen der in der Beschwerde vertretenen Ansicht (vgl. Ziff.
19 der Beschwerdeschrift) – auch nicht nötig, dass sich die Begründung
mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes ein-
zelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Mit
der Kritik, die Vorinstanz sei beharrlich von seiner Volljährigkeit ausgegan-
gen, obwohl seine Angaben, die eingereichte Kopie seiner (Nennung Aus-
weisdokument) sowie das Ergebnis der Altersschätzung seine Minderjäh-
rigkeit anzeigten und die vorinstanzlichen Erwägungen würden eine auf-
schlussreiche Erklärung zu den gezogenen Schlussfolgerungen vermissen
lassen, und zudem habe das SEM seine gesundheitlichen Beschwerden
nur pauschal abgehandelt und nicht im Detail gewürdigt, vermengt der Be-
schwerdeführer die sich aus dem Untersuchungsgrundsatz ergebende
Frage der Feststellung des Sachverhalts mit der Frage der rechtlichen
Würdigung der Sache, welche die Entscheidung über seine Minder- oder
Volljährigkeit sowie diejenige über den für sein Asylverfahren zuständigen
Staat betrifft. Eine Verletzung der Begründungspflicht ist sodann zu vernei-
nen, weil es dem Beschwerdeführer möglich war, sich ein Bild über die
Tragweite des vorinstanzlichen Entscheides zu machen und diesen – wie
die vorliegende Beschwerde zeigt – sachgerecht anzufechten.
6.3 Die Rüge der Verletzung formellen Rechts erweist sich als unbegrün-
det. Das Eventualbegehren um Rückweisung der Sache an das SEM ist
demzufolge abzuweisen.
7.
7.1 Die Vorinstanz kam in ihrem Entscheid insbesondere gestützt auf un-
gereimte und realitätsferne Aussagen des Beschwerdeführers in der Erst-
befragung betreffend Identitätsdokument und der Registrierung in
C._, das Fehlen rechtsgenüglicher Dokumente und den Umstand,
dass er in C._ mit dem Jahrgang (...) und damit als volljährige Per-
son registriert worden sei und das geltend gemachte Alter gemäss den Re-
sultaten der forensischen Altersschätzung nicht zutreffen könne, zum
Schluss, es sei von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers auszugehen.
7.2 In der Rechtsmitteleingabe hält der Beschwerdeführer an seiner Min-
derjährigkeit fest und entgegnet, er habe im Rahmen seines Asylverfah-
rens in der Schweiz stets das gleiche Geburtsdatum angegeben. Die Vor-
instanz habe es unterlassen, eine Würdigung aller Anhaltspunkte, die für
oder gegen seine Minderjährigkeit sprechen würden, vorzunehmen. Seine
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Seite 11
Angaben, die von ihm eingereichte Kopie der (Nennung Ausweisdoku-
ment) sowie das Resultat des Altersgutachtens seien als Indizien für die
geltend gemachte Minderjährigkeit zu werten. Die vom SEM gezogenen
Schlussfolgerungen seien nicht nachvollziehbar. Sodann habe er anschau-
lich darlegen können, wie es zu der falschen Erfassung seines Alters in
C._ gekommen sei. Ferner habe er dem SEM gegenüber in nach-
vollziehbarer Weise dargelegt, dass er bis zu seiner Ausreise beziehungs-
weise bis zum Moment, als seine (Nennung Ausweisdokument) für seine
Ausreise relevant geworden sei, sein genaues Geburtsdatum nicht ge-
kannt habe. Zudem habe er den Verlust seiner (Nennung Ausweisdoku-
ment) sowie den Hergang, wie er zur eingereichten Kopie seiner (Nennung
Ausweisdokument) Zugang bekommen habe, verständlich aufgezeigt. Mit
diesem Identitätsdokument setze sich die Vorinstanz nur in oberflächlicher
Weise auseinander. Zwar handle es sich dabei lediglich um eine Kopie, die
darin festgehaltenen Informationen würden jedoch mit den Angaben zu sei-
ner Biografie übereinstimmen. Ohne konkrete Hinweise des SEM, dass es
sich bei den Angaben auf der (Nennung Ausweisdokument) um Falschan-
gaben handle, sei diese ebenfalls als ein deutliches Indiz für die Minder-
jährigkeit zu werten. Das Resultat der Altersabklärung, das sein Mindestal-
ter auf (...) Jahren festlege, vermöge keine selbstständige Festlegung sei-
nes Alters zu rechtfertigen, zumal dieses gleichwohl seine Minderjährigkeit
bestätige. Dem Gutachten sei keine plausible medizinische Erklärung für
die beachtliche Abweichung (zu dem von ihm vorgebrachten Alter) zu ent-
nehmen. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (vgl.
BVGE 2038 VI/3 E. 4.2) sei das Altersgutachten deshalb nur als sehr
schwaches oder gar fragliches Indiz für die Volljährigkeit zu werten.
8.
8.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer minderjährig und
mithin die Schweiz für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsver-
fahrens zuständig ist. Im Asylverfahren ist die Minderjährigkeit – der allge-
meinen asylrechtlichen Beweisregel folgend – von der beschwerdeführen-
den Person zumindest glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3 und
4.2.3). Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher
Anhaltspunkte, die für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Alters-
angaben sprechen, vorzunehmen. Wesentlich sind dabei als für echt be-
fundene Identitätspapiere oder eigene Angaben der betroffenen Person
(vgl. Urteil des BVGer E-4931/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.1.1, m.w.H.).
Das Resultat des Altersgutachtens stellt nur ein Element bei der Beurtei-
lung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Minderjährig-
keit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.).
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Seite 12
8.2 Bezüglich der persönlichen Schilderungen des Beschwerdeführers
stellt das Gericht zunächst fest, dass er sich zu seinem Alter in erhebliche
Unstimmigkeiten verstrickte. So ist den Akten zu entnehmen, dass er auf
dem am 4. Februar 2022 von ihm handschriftlich ausgefüllten Personalien-
blatt als Geburtsdatum "(...)" vermerkte (vgl. SEM act. 1124969-1/2 [nach-
folgend: act. 1]). Dieses Datum führte er zunächst auch anlässlich der EB
UMA an (vgl. SEM act. 1124969-21/14 [nachfolgend: act. 21], Ziff. 1.06).
Auf Nachfrage nach seinem genauen Geburtsdatum führte er dann im Wi-
derspruch dazu aus, sein Geburtsdatum sei der (...). Dieses Datum kenne
er seit (...) Monaten, seitdem er seine neue elektronische (Nennung Aus-
weisdokument) erhalten habe und die alte eingezogen worden sei respek-
tive er kenne sein Geburtsdatum bereits seit früher, mithin nach dem Erhalt
der ersten (Nennung Ausweisdokument) ganz genau (vgl. act. 21, Ziff. 1.06
S. 3 f.). Unter diesen Umständen ist logisch nicht nachvollziehbar, weshalb
der Beschwerdeführer bei der Einreichung seines Asylgesuchs und zu Be-
ginn der Erstbefragung den (...) als sein Geburtsdatum hätte angeben sol-
len, wenn er das genaue Datum doch bereits (Nennung Dauer) früher be-
ziehungsweise seit seiner Kindheit gekannt, sich damals auch sehr über
dieses Wissen gefreut und sein genaues Alter für ihn bereits damals eine
grosse Rolle gespielt haben soll. Die Argumente in der Beschwerdeschrift,
wonach er im Rahmen seines Asylverfahrens in der Schweiz stets das glei-
che Geburtsdatum angegeben habe respektive die in der (Nennung Aus-
weisdokument) festgehaltenen Informationen mit den Angaben zu seiner
Biografie übereinstimmen würden, erweisen sich als unzutreffend und da-
her als unbehelflich. Vor diesem Hintergrund ist auch sein weiterer Ein-
wand, er habe dem SEM gegenüber in nachvollziehbarer Weise dargelegt,
dass er bis zu seiner Ausreise beziehungsweise bis zum Moment, als seine
(Nennung Ausweisdokument) für seine Ausreise relevant geworden sei,
sein genaues Geburtsdatum nicht gekannt habe, erheblich zu bezweifeln.
8.3 Im Zusammenhang mit der eingereichten (Nennung Ausweisdoku-
ment) ergeben sich weitere Ungereimtheiten. Zunächst sind die Ausführun-
gen des Beschwerdeführers zu den Umständen des Verlustes seiner (Nen-
nung Ausweisdokument) unstimmig. So gab er diesbezüglich an, seine
(Nennung Ausweisdokument) sei ihm in Bulgarien von den Behörden weg-
genommen worden, um demgegenüber anzuführen, er habe nach seiner
Ausreise aus Bulgarien den Behörden von C._ seine (Nennung
Ausweisdokument) im Original respektive eine echte elektronische (Nen-
nung Ausweisdokument) gezeigt (vgl. act. 21, Ziff. 1.06 S. 5 und Ziff. 4.03).
Auf Vorhalt gab er in diesem Zusammenhang an, den Behörden in
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Seite 13
C._ die von ihm abfotografierte (Nennung Ausweisdokument) vor-
gewiesen zu haben (vgl. act. A21, Ziff. 4.03), was sich mit den vorherigen
Angaben in dem Sinne nicht in Übereinstimmung bringen lässt, als dass
zwischen einem echten elektronischen Dokument und einer blossen Foto-
grafie ein deutlicher Unterschied besteht. Zudem fügte der Beschwerde-
führer nach seiner an das SEM gerichteten Aufforderung, das eingezogene
Original seiner (Nennung Ausweisdokument) bei den bulgarischen Behör-
den einzufordern plötzlich an, die bulgarischen Behörden hätten seine Ori-
ginal-(Nennung Ausweisdokument) mit einem Feuerzeug verbrannt, was
im Übrigen nicht möglich gewesen wäre, hätte er lediglich eine elektroni-
sche Version seiner neuen (Nennung Ausweisdokument) besessen, zumal
dies gleichbedeutend mit der Zerstörung des elektronischen Datenträgers
(bspw. Handy) gewesen wäre (vgl. act. A21, Ziff. 8.01 am Ende). Solches
hat der Beschwerdeführer jedoch nirgends vorgebracht. Unbesehen davon
handelt es sich bei der (Nennung Ausweisdokument) ohnehin nicht um ein
fälschungssicheres Dokument, weshalb hinsichtlich der Frage der Identität
von Inhabern eines solchen Dokuments praxisgemäss von einem reduzier-
ten Beweiswert eingereichter (Nennung Ausweisdokument) auszugehen
ist (vgl. Urteil des BVGer E-322/2021 vom 17. Februar 2021 E. 3.4). Umso
mehr gilt dies, wenn die (Nennung Ausweisdokument) – wie vorliegend –
lediglich in Form einer leicht manipulierbaren Kopie respektive einer Foto-
grafie vorliegt. Im Lichte obiger Ausführungen vermag der Beschwerdefüh-
rer aus dem blossen Umstand, dass das in der (Nennung Ausweisdoku-
ment) festgehaltene Geburtsjahr mit dem von ihm genannten überein-
stimmt ([...]), nichts zu seinen Gunsten herzuleiten. Entgegen seiner An-
sicht stellt somit die in Kopie eingereichte (Nennung Ausweisdokument)
kein Indiz für seine Minderjährigkeit zum Zeitpunkt seines Asylgesuchs in
der Schweiz dar.
8.4 Weiter vermag der Beschwerdeführer nicht nachvollziehbar zu erklä-
ren, weshalb er in C._ trotz der dort angeblich vorgebrachten Min-
derjährigkeit mit dem Jahrgang (...) erfasst wurde, auch wenn aus den Ak-
ten die genauen Umstände, wie es zu dieser Registrierung kam, nicht er-
sichtlich sind. Auch vermag seine Begründung, die Dolmetscherin habe
sich gegenüber allen dortigen afghanischen Gesuchstellern in benachteili-
gender Weise verhalten und alle jungen Männer als (...)-jährige erfasst,
obwohl er sich dagegen gewehrt habe, nicht zu überzeugen. Zudem ist
auch angesichts der in E. 8.3 aufgeführten Erörterungen in der Tat fraglich,
ob der Beschwerdeführer in C._ tatsächlich eine (Nennung Aus-
weisdokument) vorgewiesen hat respektive eine solche vorweisen konnte.
D-2725/2022
Seite 14
8.5 Hinsichtlich des am (Nennung Zeitpunkt) durchgeführten Altersgutach-
tens ist Folgendes anzuführen: Gemäss dem in der Beschwerde einschlä-
gig zitierten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts (BVGE 2018 VI/3) sind
von den in der Schweiz angewandten Methoden der medizinischen Alters-
abklärung nur die Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse und die
zahnärztliche Untersuchung (nicht jedoch die Handknochenaltersanalyse
und die ärztliche körperliche Untersuchung) zum Beweis der Minder- be-
ziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet. Anhand der medizini-
schen Altersabklärung lässt sich keine Aussage zur Minder- beziehungs-
weise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Mindestalter bei der
zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein- respektive Skelettal-
tersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. ebd. E. 4.2.1 f.). Gemäss dem Gut-
achten des (Nennung Institution) vom (...) ergab sich ein Mindestalter des
Beschwerdeführers von (...) Jahren. Weiter wurde angeführt, beim Be-
schwerdeführer lasse sich die Vollendung des 18. Lebensjahres und damit
das Erreichen der Volljährigkeit nicht mit der notwendigen Sicherheit bele-
gen (vgl. SEM act. 1124969-29/6 [nachfolgend: act. 29], S. 5). Folglich lässt
sich anhand dieser medizinischen Altersabklärung keine Aussage zur Min-
der- beziehungsweise Volljährigkeit des Beschwerdeführers machen, da
das Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüssel-
bein- respektive Skelettaltersanalyse – jedenfalls gemäss der im Gutach-
ten zitierten Studie von (...) unter 18 Jahren liegt. Jedoch ist – wie vom
SEM zutreffend ausgeführt – immerhin festzuhalten, dass sich gemäss
dem Altersgutachten das vom Beschwerdeführer behauptete Lebensalter
von (...) Jahren und (...) Monaten mit den erhobenen Befunden nicht ver-
einbaren lässt. Diese Feststellung muss sich der Beschwerdeführer zu sei-
nen Ungunsten entgegenhalten lassen.
8.6 Aufgrund der vorstehenden Erwägungen ist im Sinne einer Gesamt-
würdigung festzustellen, dass die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers
als nicht glaubhaft gemacht zu erachten ist.
8.7 Das SEM hat in seiner Verfügung das Geburtsdatum des Beschwerde-
führers somit mit überzeugender Begründung auf den (...) festgesetzt. Es
gelangte demnach mit einem ordnungsgemässen Wiederaufnahmeersu-
chen an die bulgarischen Behörden.
9.
9.1 Die Vorinstanz ersuchte am 30. März 2022 die bulgarischen Behörden
um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers. Nachdem die bulgarischen
D-2725/2022
Seite 15
Behörden sich innert der geltenden Frist nicht zum Wiederaufnahmege-
such des SEM geäussert haben, steht die Zuständigkeit Bulgariens ge-
mäss Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO grundsätzlich fest.
9.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil F-7195/2018
vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asylsystem und
der Situation asylsuchender Personen in Bulgarien auseinandergesetzt. Es
hat festgehalten, dass das dortige Asylverfahren sowie die Aufnahmebe-
dingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden, diese aber nicht sys-
temischer Natur seien, weshalb von Überstellungen nach Bulgarien grund-
sätzlich nicht abzusehen sei. Korrekte Asylverfahren seien in Bulgarien
nicht systembedingt unmöglich. Die Bedingungen in den Aufnahme- und
Haftzentren seien zwar prekär, könnten jedoch nicht als unmenschlich oder
entwürdigend qualifiziert werden (vgl. a.a.O. E. 6.6.1 und 6.6.7). Auch
heute geht das Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss nicht von syste-
mischen Mängeln im bulgarischen Asylverfahren aus (vgl. u.a. Urteile des
BVGer E-1792/2022 vom 29. April 2022 E. 6.2 m.w.H.; D-1406/2022 vom
31. März 2022 E. 9.5).
9.3 Bulgarien kommt somit seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus
der EMRK (SR 0.101), dem Übereinkommen vom 10. Dezember 1984 ge-
gen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Be-
handlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und dem Abkommen vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sowie dem
Zusatzprotokoll der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) grundsätzlich
nach. Im Weiteren darf davon ausgegangen werden, Bulgarien anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben.
9.4 Folglich ist eine Übernahme der Zuständigkeit der Behandlung des
Asylgesuchs durch die Schweiz in Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-
VO nicht angezeigt.
10.
10.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zu-
ständigkeit Bulgariens das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster
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Seite 16
Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, hätte ausüben
müssen.
10.2 Zwar kann die Vermutung, Bulgarien halte seine völkerrechtlichen
Verpflichtungen ein, im Einzelfall widerlegt werden. Dafür bedarf es aber
konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffenen
glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.). Dies gelingt dem
Beschwerdeführer allerdings nicht.
10.3 Angesichts der anerkannterweise teils schwierigen Bedingungen in
Bulgarien, kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer
dort bei seiner Ankunft auf schwierige Umstände traf. Er hat sich allerdings
nur relativ kurze Zeit in Bulgarien aufgehalten, wobei bezüglich seiner Auf-
enthaltsdauer seine Angaben in der Erstbefragung und in seiner Stellung-
nahme vom 3. Mai 2022 erheblich divergieren (vgl. act. 21, Ziff. 5.02, S. 12
und SEM act. act. 65/3, S. 1). Nach einer Rücküberstellung wird der Be-
schwerdeführer nicht als Neuankömmling behandelt, sondern in ein hängi-
ges Asylverfahren und die entsprechenden Asylstrukturen integriert wer-
den, wo er alle ihm zustehenden Rechte wahrnehmen kann. Gegebenen-
falls wird er sich an die zuständigen bulgarischen Behörden zu wenden und
die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg einzufor-
dern haben (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Dies gilt auch in Bezug auf die
geltend gemachte Gewalt durch Angehörige staatlicher Behörden.
10.4 Auch besteht kein Grund zur Annahme, die bulgarischen Behörden
würden dem Beschwerdeführer nach einer Überstellung den Zugang zum
Asyl- respektive zu einem allfälligen Wiederaufnahmeverfahren unter Ein-
haltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie verweigern. Aus dem Vorbrin-
gen in der Beschwerdeschrift (S. 14), wonach sich aus seinen Aussagen
(Gewalt durch Behörden; menschenunwürdige Unterbringung) klare Hin-
weise darauf ergeben würden, dass er in Bulgarien kein faires Asylverfah-
ren durchlaufen habe, lässt sich noch nicht ableiten, das dortige Asylver-
fahren würde nicht korrekt durchgeführt werden. Ebenso wenig lässt sich
daraus ableiten, dass seine Überstellung nach Bulgarien zu einer Ketten-
abschiebung führen würde, beziehungsweise die bulgarischen Behörden
würden in seinem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement missachten
und ihn zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben
oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist
oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land ge-
zwungen zu werden (vgl. das Referenzurteil F-7195/2018 vom 11. Februar
2020 E. 6.6.7 und E. 7.2.2).
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Seite 17
10.5
10.5.1 Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Eine
vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch die Ab-
schiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Ziel-
staat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichem Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes
ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen
Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Pa-
poshvili gegen Belgien vom 13. Dezember 20126, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
10.5.2 Aus den zahlreichen eingereichten medizinischen Unterlagen (vgl.
die einlässlichen Darlegungen im angefochtenen Entscheid, SEM act.
1124969-78/18, S. 10) geht hervor, dass der Beschwerdeführer wegen ge-
ringfügigen (Nennung Leiden) wiederholt behandelt wurde. Zudem war er
(Nennung Dauer und Grund sowie Örtlichkeit) hospitalisiert. Nach (Nen-
nung Behandlung) durchgeführt und der Beschwerdeführer konnte sich
glaubhaft von akuter Suizidalität distanzieren. Gemäss einem Bericht von
(...) vom (...) bestehen seit dem Austritt aus der (Nennung Institution) am
(Nennung Zeitpunkt) keine Anhaltspunkte für eine akute Fremd- und
Selbstgefährdung des Beschwerdeführers und der Beschwerdeführer er-
scheine punktuell wegen kleineren körperlichen Beschwerden und zeige
sich im Kontakt freundlich, angepasst und unauffällig.
10.5.3 Damit erweisen sich die medizinischen Probleme des Beschwerde-
führers nicht als derart gravierend, dass er im Falle einer Überstellung nach
Bulgarien mit dem Risiko einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen
Verschlechterung seines Gesundheitszustandes konfrontiert wäre.
Ferner hielt die Vorinstanz zutreffend fest, dass Bulgarien über eine aus-
reichende medizinische Infrastruktur verfügt. Die Mitgliedstaaten sind ver-
pflichtet, den Antragstellern die erforderliche medizinische Versorgung, die
zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung
von Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasst, zugäng-
lich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit
besonderen Bedürfnissen ist die erforderliche medizinische oder sonstige
Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psychologischen Be-
treuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Es liegen damit
keine Hinweise vor, wonach Bulgarien seinen Verpflichtungen im Rahmen
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Seite 18
der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde. Der
aktuelle Gesundheitszustand des Beschwerdeführers führt somit für den
Fall einer Überstellung nach Bulgarien nicht zur Annahme einer drohenden
Verletzung von Art. 3 EMRK.
10.6 Zusammenfassend besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messenklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1.
10.7 Somit bleibt Bulgarien der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO und ist
verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO
wiederaufzunehmen.
11.
Das SEM ist demnach zutreffend zur Erkenntnis gelangt, es sei in Anwen-
dung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht einzutreten
und hat zutreffend – weil der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gülti-
gen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung ist – in Anwendung von
Art. 44 AsylG die Überstellung nach Bulgarien (Art. 32 Bst. a AsylV 1) an-
geordnet. Die angefochtene Verfügung erweist sich als rechtmässig und
die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2).
13.
Mit dem Urteil in der Hauptsache fallen der Antrag, es sei im Sinne einer
superprovisorischen Massnahme die Vorinstanz anzuweisen, den Be-
schwerdeführer für die Zeit des hängigen Beschwerdeverfahrens in den
Strukturen für UMA unterzubringen sowie der am 23. Juni 2022 verfügte
Vollzugsstopp dahin.
14.
14.1 Mit dem vorliegenden Urteil sind die Gesuche um Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung und um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht
gegenstandslos geworden.
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Seite 19
14.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da sich die Beschwerde nach dem Gesagten als von Anfang
an aussichtslos erwiesen hat. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die
Kosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und
auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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