Decision ID: cf771f3c-2491-509a-b0dc-0ea6fd2b6040
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch seine Mutter,
diese wiederum vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Paul Schwizer,
Bischofszeller Strasse 21a, Postfach, 9201 Gossau,
gegen
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Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Erlass der EL-Rückerstattung zur IV
Sachverhalt:
A.
A.a S._, Jahrgang 1988, meldete sich am 17. Dezember 2008 zum Bezug von
Ergänzungsleistungen (EL) zur ganzen IV-Rente an (EL-act. 24). Die EL-
Durchführungsstelle der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA) setzte
den EL-Anspruch des Versicherten mit Verfügungen vom 4. März 2009 mit Wirkung ab
1. August 2008 auf Fr. 2'617.- bzw. mit Wirkung ab 1. Januar 2009 auf Fr. 2'601.- fest.
Im Zeitpunkt der EL-Anmeldung wohnte der Versicherte im Wohnheim A._, sodass
die EL-Durchführungsstelle in vorgenannten Verfügungen eine Heimberechnung
vornahm und dementsprechend als Wohnkosten die Tagestaxe des Wohnheims in der
Höhe von Fr. 120.- sowie persönliche Auslagen für Heimbewohner in der Höhe von Fr.
6'240.- berücksichtigte (EL-act. 22).
A.b Am 3. Juni 2009 meldete die AHV-Zweigstelle B._ der EL-Durchführungsstelle,
dass der Versicherte per 1. April 2009 in eine eigene Wohnung an der C._-Strasse in
B._ umgezogen sei (EL-act. 20, 21). In der Folge nahm die EL-Durchführungsstelle
eine rückwirkende Neuberechnung der EL per 1. April 2009 vor. Mit Verfügung vom
25. Juni 2009 sprach sie dem Versicherten unter Anrechnung des monatlichen
Mietzinses in der Höhe von Fr. 1'100.- bzw. jährlichen Wohnkosten in der Höhe von Fr.
13'200.- sowie der Pauschale für den allgemeinen Lebensbedarf für
Nichtheimbewohner von Fr. 18'720.- mit Wirkung ab 1. Juli 2009 monatliche EL von Fr.
1'091.- zu (EL-act. 15). Die demnach im Zeitraum April 2009 bis und mit Juni 2009 zu
viel ausbezahlten EL in der Höhe von Fr. 4'530.- forderte sie mit Verfügung vom 25.
Juni 2009 zurück (EL act. 17).
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A.c Mit Schreiben vom 1. Juli 2009 gelangte der Heimleiter des Wohnheims A._ an
die EL-Durchführungsstelle und verlangte eine Neubeurteilung der Rückforderung. Der
Austritt aus der Institution könne oftmals nicht optimal mit dem Mietbeginn einer neuen
Wohnung terminiert werden. Da der Versicherte den Mietvertrag für seine Wohnung
bereits per 1. April 2009 habe abschliessen müssen, seien für zwei Monate zusätzliche
Kosten entstanden (EL-act. 14-2/4). Am 6. Juli 2009 wandte sich die Mutter und
gesetzliche Vertreterin des Versicherten ebenfalls an die EL-Durchführungsstelle.
Bezugnehmend auf das Schreiben des Heimleiters vom 1. Juli 2009 reichte sie die
Abrechnungen des Wohnheims A._vom April 2009 und Mai 2009 ein und bat
aufgrund der entstandenen Mehrkosten um Bearbeitung und Abklärung (EL act. 14-1/4,
25-1/20).
A.d Mit Schreiben vom 16. Juli 2009 veranlasste die EL-Durchführungsstelle weitere
Abklärungen. Damit die Angelegenheit korrekt geprüft werden könne, fragte sie die
Mutter des Versicherten, weshalb der neue Mietvertrag bereits ab 1. April 2009 und
nicht erst ab 1. Juni 2009 abgeschlossen worden sei bzw. ob es nicht möglich
gewesen wäre, den 1. Juni 2009 als Mietbeginn zu vereinbaren (EL-act. 12-1/2).
Daraufhin führte die Mutter des Versicherten mit Schreiben vom 6. August 2009 aus, es
sei sehr schnell eine geeignete Wohnung für den Versicherten gefunden worden. Der
Versicherte habe sich im Wohnheim A._ auch nicht mehr wohl gefühlt. Die Leitung
des Wohnheims habe ihr zugesagt, dass sie dem Versicherten wegen der frühzeitigen
Kündigung entgegen kommen würde (EL act. 11-3/3). Am 24. August 2009 teilte die
EL-Durchführungsstelle dem Versicherten mit, dass nur entweder die Miete oder die
"Abwesenheitstaxe" in der EL-Berechnung berücksichtigt werden könne. Eine
Doppelzahlung sei leider nicht möglich. Aus diesem Grund sei die Rückforderung vom
25. Juni 2009 gültig (EL-act. 9/9).
A.e Am 26. September 2009 stellt die Mutter des Versicherten ein Erlassgesuch. Sie
verwies im Wesentlichen auf den bisherigen Briefverkehr und führte ergänzend aus, es
sei dem Versicherten nicht möglich, die Rückforderung zu bezahlen (EL-act. 7-1/2). Mit
Verfügung vom 8. Oktober 2009 wurde das Erlassgesuch abgewiesen (EL-act. 5-1/2).
Mit Einsprache vom 5. November 2009 beantragte die Mutter des Versicherten
sinngemäss die Aufhebung der Verfügung vom 8. Oktober 2009. Dem Versicherten sei
die Rückerstattung zu erlassen, allenfalls sei die Möglichkeit eines Teilerlasses zu
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prüfen (EL-act. 2-1/1). Mit Einspracheentscheid vom 3. Februar 2010 lehnte der
Rechtsdienst der SVA die Einsprache vom 5. November 2009 in Vertretung der EL-
Durchführungsstelle ab (G act. 1.1.1).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde des Versicherten
vom 8. März 2010. Nunmehr vertreten durch RA Paul Schwizer lässt er die Aufhebung
des Einspracheentscheids vom 3. Februar 2010 und den Erlass der Rückforderung in
der Höhe von Fr. 4'530.- beantragen; unter Kosten- und Entschädigungsfolge (G act.
1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 7. Mai 2010 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde (G act. 3).
B.c Mit Replik vom 31. Mai 2010 hält der Beschwerdeführer an seinen Anträge fest und
verweist im Wesentlichen auf die Beschwerdeschrift vom 8. März 2010 (G act. 5).

Erwägungen:
1.
1.1 Anfechtungsobjekt im vorliegenden Beschwerdeverfahren bildet der
Einspracheentscheid vom 3. Februar 2010 bzw. die diesem zugrunde liegende
Verfügung vom 8. Oktober 2010. Zu prüfen wäre grundsätzlich, ob die
Beschwerdegegnerin den Erlass der Rückforderung zu Recht verweigert hat. Bei
genauerer Betrachtung der dem Sachverhalt zu Grunde liegenden Akten wird jedoch
klar, dass vorliegend nicht der Erlass der Rückforderung, sondern die Zulässigkeit des
Entscheids über den Erlass bzw. des in der Folge ergangenen Einspracheentscheids zu
beurteilen ist.
1.2 Nach Art. 52 Abs. 1 Satz 1 ATSG kann gegen Verfügungen innerhalb von 30 Tagen
bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden. Gestützt auf die dem
Bundesrat in Art. 61 ATSG eingeräumte Delegationskompetenz hat er in Art. 10 bis 12
ATSV Ausführungsbestimmungen zu Form und Inhalt der Einsprache sowie zum
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Einspracheverfahren erlassen. Gemäss Art. 10 Abs. 1 ATSV müssen Einsprachen ein
Rechtsbegehren und eine Begründung enthalten. Die schriftliche erhobene Einsprache
muss die Unterschrift der Einsprache führenden Person oder ihres Rechtsbeistandes
enthalten (Art. 10 Abs. 4 ATSV). Genügt die Einsprache den Anforderungen nach Abs. 1
nicht oder fehlt die Unterschrift, so setzt der Versicherer eine angemessene Frist zur
Behebung der Mängel an und verbindet damit die Androhung, dass sonst nicht auf die
Einsprache eingetreten werde (Art. 10 Abs. 5 ATSV: Urteil des EVG I 99/06 vom 8
September 2006, Erw. 2.1).
1.3 Über ein Erlassgesuch kann erst entschieden werden, wenn der
Rückforderungsentscheid in formelle Rechtskraft erwachsen ist, denn eine Gewährung/
Verweigerung des Erlasses "auf Vorrat" wäre ein reiner Feststellungsentscheid, der
mangels eines schützenswerten Feststellungsinteresses (Art. 49 Abs. 2 ATSG)
rechtswidrig wäre (Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen EL 2008/47
vom 31. März 2008, Erw. 3. m.H.a. das unveröffentlichte Urteil des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen EL 2003/46 vom 6. Mai 2004).
2.
2.1 Vorliegend stellt sich die Frage, ob die Voraussetzung für den Entscheid über den
Erlass - die formelle Rechtskraft der Rückerstattungsverfügung vom 25. Juni 2009 -
gegeben ist. Das per Einschreiben versandte Schreiben der Mutter und Vertreterin des
Beschwerdeführers vom 6. Juli 2009 erfolgte noch während der Einsprachefrist der
Rückerstattungsverfügung vom 25. Juni 2009. Es ist somit zu prüfen, ob die Mutter des
Beschwerdeführers mit Schreiben vom 6. Juli 2009 Einsprache gegen die
Rückerstattungsverfügung vom 25. Juni 2009 erhoben hat. In Art. 10 Abs. 1 ATSV wird
das Erfordernis von Antrag und Begründung als Voraussetzung der Einsprache nach
Art. 52 ATSG ausdrücklich genannt. Diese Elemente müssen mit Blick auf die
pragmatische, die Beschreitung des Rechtsmittelwegs erleichternde Ausgestaltung des
Einspracheverfahrens offen verstanden werden. Es reicht für die Annahme einer
Einsprache aus, wenn der Wille feststeht, die erlassene Verfügung nicht zu akzeptieren;
eine ausdrückliche Begründung kann beigefügt werden, doch handelt es sich nicht um
eine zwingend zu erfüllende formelle Anforderung (vgl. BGE 115 V 426). Entsprechend
wurde eine Einsprache angenommen, als die versicherte Person sich gegen die
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verfügungsmässig festgesetzte (mit der Wiedererlangung einer gänzlichen
Arbeitsfähigkeit begründete) Leistungseinstellung dadurch wehrte, dass sie dem
Versicherungsträger ohne weiteren Kommentar zwei ärztliche Berichte, welche eine
Arbeitsunfähigkeit bestätigten, einreichte (vgl. BGE 123 V 131 f.). Es reicht mithin aus,
wenn sich die einsprechende Partei "mindestens in rudimentärer Form" mit der
angefochtenen Verfügung auseinandersetzt (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 2. Auflage,
Zürich 2009, Rz. 23 zu Art. 52 ATSG). Im Schreiben vom 6. Juli 2009 hat die Mutter des
Beschwerdeführers den Willen, die Rückerstattungsverfügung nicht zu akzeptieren,
ausreichend kund getan (EL-act. 14-1/4). Darüber hinaus bezieht sie sich auf das
Schreiben des Heimleiters D._ vom 1. Juli 2009, der unter Beifügung einer
Begründung die Neubeurteilung der Rückforderung beantragte (EL-act. 14-2/4).
Grundsätzlich wäre bereits das Schreiben des Heimleiters D._ als Einsprache zu
behandeln gewesen und die Beschwerdegegnerin hätte eine angemessene Frist zum
Nachreichen einer Vollmacht einräumen müssen (Art. 10 Abs. 5 ATSV). Innert Frist
gelangte jedoch die Mutter und gesetzliche Vertreterin des Beschwerdeführers selbst
an die Beschwerdegegnerin und opponierte gegen die Rückerstattungsverfügung. Die
Beschwerdegegnerin hätte den Einsprachewillen des Beschwerdeführers erkennen
können und müssen. Ihr Schreiben vom 6. Juli 2009 muss in Würdigung der gesamten
Umstände als Einsprache gegen die Rückerstattungsverfügung vom 25. Juni 2009
betrachtet werden.
2.2 Als Konsequenz der Einsprache wurde der Eintritt der formellen Rechtskraft der
Rückerstattungsverfügung vom 25. Juni 2009 verhindert und die Beschwerdegegnerin
hätte nach Art. 52 Abs. 2 ATSG einen Einspracheentscheid fällen müssen. Der
(materielle) Einspracheentscheid tritt an die Stelle der angefochtenen Verfügung, und
es wird insoweit das Verwaltungsverfahren erst mit ihm abgeschlossen (Ueli Kieser,
a.a.O., Rz. 39 zu Art. 52 ATSG). Aus den Akten ist jedoch nicht ersichtlich, dass die
Beschwerdegegnerin einen Einspracheentscheid betreffend Rückforderung erlassen
hätte. Offensichtlich war es auch nicht ihre Absicht, mit Schreiben vom 24. August
2009 - darin teilte sie der Mutter des Beschwerdeführers mit, dass nur die Miete oder
die Abwesenheitstaxe bei der EL-Berechnung berücksichtigt werden könne und die
Rückforderung vom 25. Juni 2009 daher korrekt sei - einen Einspracheentscheid zu
fällen. Vielmehr geht die Beschwerdegegnerin fälschlicherweise davon aus, dass die
Rückerstattungsverfügung gar nie angefochten worden und dementsprechend in
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Rechtskraft erwachsen sei (vgl. die Begründung in der Beschwerdeantwort, G act. 3).
Selbst wenn man das Schreiben vom 25. Juni 2009 als Einspracheentscheid
betrachten würde, würde sich die Frage der Nichtigkeit infolge mangelhafter Eröffnung
setellen (das Schreiben ist nicht als Einspracheentscheid gekennzeichnet, mangelhaft