Decision ID: 601a256d-ce9e-4ef7-bf1f-6804eef1cf93
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein ethnischer Hazara aus der Stadt B._ –
verliess Afghanistan eigenen Angaben zufolge Mitte August 2021 und ge-
langte am 29. Juni 2022 in die Schweiz, wo er gleichentags ein Asylgesuch
stellte. Am 4. August 2022 befragte das SEM ihn im Rahmen der Erstbe-
fragung für unbegleitete Minderjährige (EB UMA) zu seinen persönlichen
Umständen und summarisch zu seinen Asylgründen. Am 28. September
2022 hörte es ihn vertieft zu seinen Asylgründen an (vgl. SEM-eAkte [...],
nachfolgend A20).
Zur Begründung seines Gesuchs machte der Beschwerdeführer im We-
sentlichen geltend, sein Vater habe in einer Bäckerei gearbeitet. Da seine
Familie in einer schwierigen finanziellen Situation gewesen sei, habe sich
seine Mutter gezwungen gesehen, als Polizistin für die Regierung zu ar-
beiten. Dabei habe sie Zugangskontrollen zum Sicherheitsamt durchge-
führt und auch an militärischen Ausbildungen teilgenommen. Taliban-Sym-
pathisanten hätten seinen Vater deswegen zwei- oder dreimal aufgefordert,
ihr diese Arbeit zu verbieten. Er sei aber darauf nicht eingegangen und sie
sei insgesamt ungefähr ein Jahr als Polizistin tätig gewesen. Im August
2021 sei die Familie nach Kabul und kurz nach der Machtübernahme der
Taliban in den Iran geflohen, von wo aus der Beschwerdeführer alleine wei-
tergereist sei.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte er Kopien seiner Tazkira und der
Tazkira seiner Eltern und Brüder sowie eine Arbeitsbestätigung seiner Mut-
ter und Fotos derselben in Polizeiuniform zu den Akten.
B.
Nachdem das SEM am 5. Oktober 2022 der Rechtsvertretung den Ent-
scheidentwurf zur Stellungnahme unterbreitet hatte, nahm diese gleichen-
tags dazu Stellung.
C.
Mit Verfügung vom 7. Oktober 2022 – gleichentags eröffnet – lehnte das
SEM das Asylgesuch im Rahmen des beschleunigten Verfahrens ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, nahm den Beschwerdefüh-
rer jedoch wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig auf.
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D.
Mit Eingabe vom 7. November 2022 liess der Beschwerdeführer durch sei-
nen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsgericht gegen diese Verfü-
gung Beschwerde erheben. Beantragt wurden die Aufhebung der Disposi-
tivziffern 1 – 3 der angefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flücht-
lingseigenschaft und die Asylgewährung sowie eventualiter die Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung. In prozessualer Hin-
sicht wurde um unentgeltliche Prozessführung und insbesondere um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 9. November 2022 hiess die Instruktionsrich-
terin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut.
Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wurde verzichtet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 10 Covid-19-Verordnung Asyl [SR 142.318], Art. 48 Abs. 1 sowie
Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
4.
Der Eventualantrag um Rückweisung der Sache an die Vorinstanz ist ab-
zuweisen, zumal der Sachverhalt als genügend erstellt zu qualifizieren ist
und die Fluchtumstände in der angefochtenen Verfügung angemessen be-
rücksichtigt wurden. Daran vermag auch der Einwand in der Beschwerde,
zur Tätigkeit des Ehemannes der Tante sei zu wenig erfragt worden, nichts
zu ändern, zumal mehrfach Fragen zu diesem Thema gestellt worden wa-
ren und sich keine konkreten Hinweise darauf ergeben, dass das Profil des
Beschwerdeführers in diesem Zusammenhang massgeblich geschärft
würde.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Die Vorinstanz geht von der Glaubhaftigkeit des Sachverhaltsvortrags
aus und begründet ihre ablehnende Verfügung mit der mangelnden Asyl-
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relevanz. Das Bestehen einer begründeten Furcht vor einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Reflexverfolgung sei nur bei Vorliegen von besonderen
Umständen gegeben. Dies sei etwa der Fall, wenn die betreffende Person
diesbezüglich bereits schwerwiegende Nachteile erlitten habe oder im Ver-
dacht stehe, eigene, in den Augen der Taliban oppositionelle Aktivitäten be-
ziehungsweise Unterstützungshandlungen für die Gegner der Taliban aus-
geführt zu haben. Auch müsse seitens der Taliban aufgrund des spezifi-
schen Profils der gesuchten Hauptperson ein ausgeprägtes und ungebro-
chenes Interesse an deren Ergreifung und Festnahme bestehen. Die Mut-
ter des Beschwerdeführers sei während eines Jahres Polizistin gewesen
und Taliban-Sympathisanten hätten deswegen zwei- oder dreimal seinen
Vater kontaktiert, wobei es in der Folge nicht zu weiteren Nachteilen ge-
kommen sei. Es sei davon auszugehen, dass das aus der beruflichen Tä-
tigkeit der Mutter resultierende Verfolgungsinteresse an ihr aufgrund des
beschränkten Aufgabenbereichs als gering einzustufen sei. Es sei also
nicht als überwiegend wahrscheinlich zu erachten, dass die TaIiban ein
ausgeprägtes und ungebrochenes Interesse an der Mutter des Beschwer-
deführers hätten. Folglich seien aus ihrem Profil auch keine massgeblichen
den Beschwerdeführer betreffende Risikofaktoren abzuleiten, zumal er kei-
nerlei Tätigkeiten ausgeführt habe, welche ihn in den Augen der Taliban als
missliebige Person erscheinen lassen würden, und es sei vor der Ausreise
auch zu keinerlei persönlichen Konfrontation mit den Taliban gekommen.
Nach dem Gesagten sei seine subjektive Furcht vor künftiger Reflexverfol-
gung nicht objektiv begründet. Auch aus dem Umstand, dass seine Familie
und er Hazara seien, ergebe sich keine massgebliche Verfolgungsgefahr,
zumal sie aufgrund dessen vor ihrer Ausreise keine persönlichen Nachteile
erlitten hätten. Angesichts aktueller Informationen seien die Angriffe auf die
Hazara ausserdem derzeit nicht genügend systematisch und umfassend,
als dass von einer Kollektivverfolgung durch Dritte beziehungsweise durch
die Taliban ausgegangen werden müsse.
In Bezug auf die Stellungnahme seines Rechtsvertreters sei festzuhalten,
dass das Geschlecht wohl insbesondere in Bezug auf die erhöhte Erken-
nungsgefahr eine Rolle spiele, da nicht ersichtlich sei, inwiefern das Ge-
schlecht betreffend eine allfällige Bestrafung profilschärfend sei. Vorlie-
gend sei jedoch ohnehin davon ausgegangen worden, dass die Tätigkeit
der Mutter den Taliban bekannt sei.
6.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in seiner Beschwerdeschrift, er
habe begründete Furcht vor einer asylrelevanten Verfolgung aufgrund der
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Tätigkeiten seiner Mutter. Im afghanischen Kontext sei es unüblich gewe-
sen, dass seine Mutter als Hauptverdienende für die Regierung gearbeitet
habe. Damit habe sich seine Familie bereits vor der Machtübernahme der
Taliban klar exponiert und infolgedessen dem Risikoprofil entsprochen. In-
dem sie sich den Aufforderungen widersetzt hätten, hätten sich seine Eltern
auch politisch positioniert. Aufgrund dessen habe die Familie in ständiger
Furcht gelebt. Es sei daher wahrscheinlich, dass dem Vater auch schwer-
wiegende Konsequenzen angedroht worden seien, wovon der Beschwer-
deführer aber nichts wisse. In diesem Zusammenhang verkenne die Vor-
instanz auch, dass die Taliban ehemalige Regierungsbeamte getötet hät-
ten und der Mutter dies ebenfalls gedroht habe. Zudem gelte der Vater
– als Oberhaupt der Familie – in den Augen der Taliban als Anstifter und
Förderer der Mutter, weshalb auch ihm ernsthafte Nachteile gedroht hät-
ten. Unter Berücksichtigung der Reflexverfolgung falle auch der Beschwer-
deführer unter das Risikoprofil seiner Eltern. Mit der Machtübernahme der
Taliban habe sich die Aktualität und Intensität der Verfolgung für solche
Personen exponentiell verschärft. Eine zusätzliche Verschärfung ergebe
sich auch aus ihrer Ethnie, zumal die Hazara von den Taliban als Ungläu-
bige angesehen würden. Insgesamt habe der Beschwerdeführer als Sohn
einer Polizistin ernsthafte Nachteile im Sinn von Art. 3 AsylG zu befürchten.
7.
7.1 Vorab ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer keine eigenen Asyl-
gründe vorbrachte und bisher nicht gezielt Opfer von ernsthaften Nachtei-
len im Heimatstaat geworden ist. Soweit er geltend macht, aufgrund der
Tätigkeit seiner Mutter als Polizistin der früheren Regierung gefährdet zu
sein, macht er eine begründete Furcht im Sinne von Reflexverfolgung gel-
tend.
7.2 Gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts kann die
familiäre Zugehörigkeit zu einer Person, welche einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko im Sinne der obenstehenden Erwägungen ausgesetzt ist, zu
einer Reflexverfolgung führen. Dies gilt insbesondere in Bezug auf (ehe-
malige) Angehörige der Polizei und der Sicherheitskräfte, Regierungsbe-
amte oder der Regierung nahestehende Personen (vgl. Urteil des BVGer
D-321/2022 vom 19. Oktober 2022 E. 7.2.2 m.w.H.; vgl. European Union
Agency for Asylum [euaa], Afghanistan Targeting of Individuals, August
2022, Ziff. 2.5 und 2.8, < https://coi.euaa.europa.eu/administration/-
easo/PLib/2022_08_EUAA_COI_Report_Afghanistan_Targeting_of_indi-
viduals.pdf >, abgerufen am 10. November 2022). Die familiäre Verbindung
zu Personen mit einem erhöhten Risikoprofil allein führte jedoch nicht in
https://coi.euaa.europa.eu/administration/easo/PLib/2022_08_EUAA_COI_Report_Afghanistan_Targeting_of_individuals.pdf https://coi.euaa.europa.eu/administration/easo/PLib/2022_08_EUAA_COI_Report_Afghanistan_Targeting_of_individuals.pdf https://coi.euaa.europa.eu/administration/easo/PLib/2022_08_EUAA_COI_Report_Afghanistan_Targeting_of_individuals.pdf
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jedem Fall zu einer objektiven Furcht vor Reflexverfolgung. Eine Einschät-
zung hat vielmehr im jeweiligen Einzelfall zu erfolgen. Um eine begründete
Furcht vor einer Reflexverfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu bejahen,
muss ein begründeter Anlass zur Annahme bestehen, eine solche Verfol-
gung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zu-
kunft auch in Bezug auf die Angehörigen verwirklichen. Es müssen kon-
krete Indizien und tatsächliche Anhaltspunkte dargelegt werden, die die
Furcht vor einer real drohenden Verfolgung nachvollziehbar erscheinen
lassen. Eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung ist mithin zu beja-
hen, wenn eine Person aufgrund konkreter Indizien mit guten Gründen, das
heisst objektiv nachvollziehbar, befürchten muss, dass ihr mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit Verfolgung droht, und ihr deshalb eine Rückkehr in den
Heimatstaat nicht zugemutet werden kann (vgl. EMARK 1994 Nr. 5; Urteil
des BVGer E-4140/2014 vom 13. Oktober 2014 E. 5.4).
7.3 Die Mutter des Beschwerdeführers ist offenbar ein Jahr lang als Poli-
zistin für die Zugangskontrollen zum Sicherheitsamt zuständig gewesen
und hat dabei Personenkontrollen vorgenommen. Ausserdem habe sie an
militärischen Ausbildungen teilgenommen. Die entsprechende Tätigkeit der
Mutter war den Taliban offenbar auch bekannt, wurde ihr doch mehrfach
mitgeteilt, dass sie ihre Arbeit aufgeben solle. Damit ist sie durchaus der
Personengruppe mit einem erhöhten Verfolgungsrisiko zuzuordnen (vgl.
E. 7.2), weshalb nachvollziehbar erscheint, dass sie kurz nach der Macht-
ergreifung der Taliban zusammen mit der Familie aus dem Land floh. In
diesem Zusammenhang ist auch nicht gänzlich auszuschliessen, dass der
Umstand, dass sie als Frau ausser Haus und erst noch für die Polizeikräfte
tätig war, ihr Profil zu schärfen vermag, zumal dies den Wertvorstellung der
Taliban diametral widerspricht.
7.4 Es stellt sich damit im Folgenden die Frage, ob der Beschwerdeführer
wie geltend gemacht aufgrund des beschriebenen Risikoprofils der Mutter
seinerseits objektiv begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen seitens
der Taliban hat. Aus Sicht des Gerichts hat das SEM dies jedoch zu Recht
verneint.
7.4.1 Den Akten lässt sich zunächst nicht entnehmen, dass die Mutter in
den Polizeikräften einen hohen Rang einnahm, über Entscheidungsbefug-
nisse verfügte oder besonders heikle Aufgaben zu erfüllen gehabt hätte.
Sie war offensichtlich eher administrativ tätig und nahm lediglich Personen-
kontrollen am Eingang eines Gebäudes vor. Die eher niederschwellige Na-
tur ihrer Aufgaben scheint den Taliban bekannt gewesen zu sein, haben sie
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es doch offensichtlich bei der mehrfachen Aufforderung, sie solle ihre Arbeit
bei der Polizei einstellen, belassen. Zu ernsthaften Drohungen oder gar
Gewalt ist es offenbar nicht gekommen. Dabei ist anzumerken, dass das
Vorbringen, es habe möglicherweise noch weitere schwerwiegende Dro-
hungen gegeben, wovon der Beschwerdeführer aber nichts wisse, kaum
zu überzeugen vermag. Wären tatsächlich gravierende Konsequenzen an-
gedroht worden, wäre zu erwarten gewesen, dass die Mutter die Arbeit un-
mittelbar aufgegeben hätte.
7.4.2 Aus den Akten lässt sich sodann nichts entnehmen, was darauf hin-
weist, dass sich die Familie des Beschwerdeführers anderweitig politisch
betätigt oder sich mit anderen Handlungen gegen die Taliban exponiert
hätte. Allein der Umstand, dass die Mutter ausser Haus arbeitstätig war,
vermag das Profil der Familie noch nicht derart zu schärfen als daraus auf
die Gefahr einer Reflexverfolgung geschlossen werden könnte. Daran ver-
mag auch die Tätigkeit des Ehemannes der Tante nichts zu ändern, zumal
diese Verwandtschaft als eher entfernt zu qualifizieren ist und auch in die-
sem Zusammenhang kein exponiertes Profil geltend gemacht wird.
7.4.3 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer sel-
ber im Zeitpunkt der Ausreise erst (...) Jahre alt war, mit den Taliban selber
nie in Konflikt geraten und auch nie ernsthaften Nachteilen ausgesetzt war.
Er hat sich ausserdem weder vor der Ausreise noch danach politisch betä-
tigt.
7.4.4 Insgesamt erscheint es damit als unwahrscheinlich, dass der Be-
schwerdeführer im Falle des Verbleibs im Heimatstaat in den Fokus der
Taliban geraten wäre oder im Falle der Rückkehr in deren Fokus geraten
könnte, zumal nicht davon auszugehen ist, diese hätten ein derart gewich-
tiges Interesse an ihm beziehungsweise daran, der Mutter habhaft zu wer-
den oder die Familie als Ganzes für ihre Tätigkeit bei der Polizei zu bestra-
fen. Daran vermag auch die Zugehörigkeit zur Ethnie der Hazara nichts zu
ändern, zumal dies allein das Profil der Familienangehörigen nicht wesent-
lich zu schärfen vermag (vgl. dazu auch E. 7.5). Ins Leere stösst schliess-
lich auch der Einwand auf Beschwerdeebene, dass der Beschwerdeführer
als Kind und sehr abrupt zur Ausreise gezwungen worden sei, da sich da-
raus – selbst wenn seine Mutter zu diesem Zeitpunkt Verfolgung zu be-
fürchten hatte – keine aktuelle Gefährdung des Beschwerdeführers ablei-
ten lässt. Zudem brachte er auf die Frage, was ihm bei einer hypotheti-
schen Rückkehr drohen würde, denn auch mehrheitlich wirtschaftliche und
humanitäre Schwierigkeiten vor (vgl. A20/F39 f.).
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7.5 Soweit der Beschwerdeführer auf die allgemeine Lage in Afghanistan,
die Machtübernahme durch die Taliban und die Lage der Hazara verweist,
ist festzustellen, dass diese Nachteile keine gezielten, individuellen Verfol-
gungshandlungen darstellen und daher grundsätzlich nicht asylrelevant
sind. Auch diesbezüglich kann auf die überzeugenden Erwägungen der Vo-
rinstanz verwiesen werden (vgl. hierzu auch Urteil des BVGer D-
4936/2022 vom 9. November 2022 E. 7.3 m.w.H.), denen er nichts Stich-
haltiges entgegenzusetzen vermag. Dementsprechend ist nicht davon aus-
zugehen, dass ihm im Heimatstaat schwere, individuelle Nachteile drohen
würden, welche über die Gefährdungslage hinausgehen, die im Rahmen
der Zumutbarkeitsprüfung des Wegweisungsvollzugs berücksichtigt
wurde.
7.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorbringen des Be-
schwerdeführers nicht geeignet sind, eine asyl- respektive flüchtlingsrecht-
lich relevante Verfolgung respektive eine entsprechende Verfolgungsfurcht
zu begründen. Die Ausführungen in der Beschwerde vermochten diese
Einschätzung nicht zu erschüttern. Die Vorinstanz hat demnach im Resul-
tat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint
und dessen Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
9.2 Nachdem die Vorinstanz den Beschwerdeführer mit der angefochtenen
Verfügung wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der
Schweiz vorläufig aufgenommen hat, stellt sich die Frage nach dem Vorlie-
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gen der weiteren Voraussetzungen für einen Verzicht auf den Vollzug der
Wegweisung – Unzulässigkeit und Unmöglichkeit – im vorliegenden Fall
nicht, da diese Vollzugshindernisse alternativer Natur sind; ist eines erfüllt,
gilt der Vollzug der Wegweisung als undurchführbar (vgl. BVGE 2009/51
E. 5.4).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung mit Zwi-
schenverfügung vom 9. November 2022 gutgeheissen wurde, ist von der
Kostenauflage abzusehen.
(Dispositiv nächste Seite)
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