Decision ID: 3420ba25-382c-4a3f-9b1b-479ba171ce1e
Year: 2013
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. In einem gegen A. und gegen B. GmbH (nachfolgend A. + B.) geführten
Verwaltungsstrafverfahren beschlagnahmte die Eidgenössische Spielban-
kenkommission (nachfolgend "ESBK") mit Verfügungen vom 23. Juli 2008,
1. Oktober 2008 und 4. März 2009 (ESBK Geschäfts-Nr. 62-2009-027)
mehrere Geldspielautomaten (5 "Super Competition", 2 "World Cup", 1
"Volle Dose", 1 "Hot Time"). In einem zweiten, ebenfalls gegen A. + B. ge-
führten Verwaltungsstrafverfahren (ESBK Geschäfts-Nr. 62-2012-048)
wurde mit Verfügung vom 3. Mai 2012 ein Geldspielautomat des Typs "Hot
Fruit" beschlagnahmt.
B. Mit Verfügung vom 24. Oktober 2012 wurde das Verfahren Nr. 62-
2009.027, und mit Verfügung vom 26. November 2012 das Verfahren
Nr. 62-2012-048 durch die ESBK sistiert. Gegen diese Sistierungsverfü-
gungen führten A. + B. am 26. Oktober 2012 bzw. 29. November 2012
beim Direktor der ESBK Beschwerde. Diese Beschwerden wurden mit Be-
schwerdeentscheiden vom 14. November 2012 bzw. 18. Dezember 2012
abgewiesen (BV.2012.44-45 act. 1.1, BV.2012.46-47 act. 1.1).
C. Mit Eingaben vom 21. November 2012 bzw. 22. Dezember 2012 reichten
A. + B. am hiesigen Gericht zwei Beschwerden ein und beantragen die
Aufhebung der Sistierung der Verwaltungsstrafverfahren und deren Weiter-
führung bzw. Einstellung (BV.2012.44-45 act. 1, BV.2012.46-47 act. 1).
Nach Eingang der Beschwerdeantworten der Beschwerdegegnerin am
21. Dezember 2012 bzw. 17. Januar 2013 (BV.2012.44-45 act. 6,
BV.2012.46-47 act. 6) wurden die Beschwerdeführer zu Beschwerderepli-
ken eingeladen, welche am 31. Januar 2013 bzw. 2. Februar 2013 eingin-
gen (BV.2012.44-45 act. 11, BV.2012.46-47 act. 8), und der Beschwerde-
gegnerin zur Kenntnis zugestellt wurden (BV.2012.44-45 act. 12,
BV.2012.46-47 act. 9).
Auf die Anträge und die Ausführungen der Parteien wird, soweit notwendig,
in den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen näher eingegangen.
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Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. Die von A. + B. geführten Beschwerdeverfahren sind in den wesentlichen
Punkten identisch, weshalb es sich rechtfertigt, diese in einem einzigen
Beschluss zu erledigen (vgl. BGE 126 V 283 E. 1 S. 285; Urteile des Bun-
desgerichtes 6S.709 + 6S.710/2000 vom 26. Mai 2003, E. 1; 1A.60 – 62
vom 22. Juni 2000, E. 1a; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER, Verwaltungsver-
fahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Auflage, Zürich 1998,
Nr. 155 S. 54 f.).
2.
2.1 Art. 57 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 18. Dezember 1998 über Glücks-
spiele und Spielbanken (Spielbankengesetz, SBG, SR.935.52) besagt,
dass bei der Verfolgung von Widerhandlungen gegen das SBG das Bun-
desgesetz vom 22. März 1974 über das Verwaltungsstrafrecht (VStrR;
SR 313.0) zur Anwendung gelangt. Verfolgende Behörde ist dabei das
Sekretariat der ESBK.
2.2 Gegen einen Beschwerdeentscheid im Sinne von Art. 27 Abs. 2 VStrR
kann bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Beschwerde ge-
führt werden (Art. 27 Abs. 3 VStrR i.V.m. Art. 37 Abs. 2 lit. b StBOG). Zur
Beschwerde ist berechtigt, wer durch den Beschwerdeentscheid berührt ist
und ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung hat
(Art. 28 Abs. 1 VStrR). Die Beschwerde gegen einen Beschwerdeentscheid
ist innert drei Tagen, nachdem dieser dem Beschwerdeführer eröffnet wur-
de, schriftlich mit Antrag und kurzer Begründung einzureichen (Art. 28
Abs. 3 VStrR). Während mit der Beschwerde gegen Zwangsmassnahmen
auch die unrichtige oder unvollständige Feststellung des Sachverhalts und
die Unangemessenheit gerügt werden kann (Art. 28 Abs. 2 VStrR), ist die
Beschwerde gegen gestützt auf Art. 27 VStrR ergangene Beschwerdeent-
scheide nur wegen Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Über-
schreitung oder Missbrauch des Ermessens zulässig (Art. 27 Abs. 3
VStrR).
Die angefochtenen Beschwerdeentscheide vom 14. November 2012 bzw.
18. Dezember 2012 gingen bei den Beschwerdeführern am 19. Novem-
ber 2012 bzw. am 20. Dezember 2012 ein. Die Beschwerden vom 21. No-
vember 2012 (Versand 22. November 2012) und vom 22. Dezember 2012
(Versand 24. Dezember 2012) erfolgten demnach fristgerecht (Art. 31
Abs. 2 VStrR i.V. m. Art. 90 und Art. 91 Abs. 1 und 2 StPO). Da die weite-
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ren Eintretensvoraussetzungen zu keinen Bemerkungen Anlass geben ist
auf die Beschwerden einzutreten.
3.
3.1 Das VStrR enthält keine explizite Bestimmung zur Sistierung eines laufen-
den Verfahrens. Dennoch muss auch im Verwaltungsstrafverfahren die
Möglichkeit einer Sistierung bestehen, ist doch das Rechtsinstitut der Sis-
tierung eines laufenden Verfahrens im Schweizerischen Strafprozessrecht
verwurzelt, und durch sie wird die Rechtsstellung des Beschuldigten nicht
verschlechtert – sie bewirkt keine Unterbrechung der Verfolgungsverjäh-
rung (FREI, Kommentar zum Militärstrafprozess, Zürich/Basel/Genf 2008,
Art. 145 MStP N. 92). Zudem hat die Untersuchungsbehörde ohnehin die
faktische Möglichkeit, das Verfahren vorläufig einzustellen, indem sie ganz
einfach während eines bestimmten Zeitraums keine Untersuchungshand-
lungen vornimmt. Da sie mit dem Erlass einer Verfügung auch Transparenz
schafft, wäre es zudem unzweckmässig, ihr die Möglichkeit der Sistierung
abzusprechen.
3.2 Die Beschwerdegegnerin macht geltend, dass sie die Strafuntersuchungen
62-2009-027 bzw. 62-2012-048 im Hinblick auf die Qualifikationsverfahren
512-006, 512-007 und 512-008 gemäss Art. 61 Abs. 1 der Verordnung vom
24. September 2004 über Glücksspiele und Spielbanken (Spielbankenver-
ordnung, VSBG, SR 935.521), welche zurzeit vor der ESBK hängig seien,
sistiert habe. Da erst in den Qualifikationsverfahren festgestellt werde, ob
es sich bei "Volle Dose", "Hot Time" und "Hot Fruit" um Glücksspielautoma-
ten im Sinne des Spielbankengesetzes handle, seien diese Verfahren für
den Fortgang der Verwaltungsstrafverfahren ausschlaggebend.
3.3 Die Sistierung eines laufenden Strafverfahrens ist insbesondere zulässig,
wenn der Ausgang eines anderen Verfahrens massgebend für den Fort-
gang des strafrechtlichen Verfahrens ist (OMLIN, Basler Kommentar, Frei-
burg/Luzern/Lausanne 2010, Art. 314 StPO N. 14). Folglich ist vorliegend
zu prüfen, ob der Ausgang der Verwaltungsverfahren bezüglich der Qualifi-
kation der Spielautomaten "Volle Dose", "Hot Time" und "Hot Fruit" mass-
gebend für den Fortgang der Strafverfahren 62-2009-027 bzw. 62-2012-
048 ist.
Vorliegend richtet sich die Untersuchung gegen grundsätzlich nach kanto-
nalen Gesetzen geregelte Spielsalons, in welchen Glücksspiele im Sinne
des Spielbankengesetzes nicht zulässig sind. Die Beschwerdeführer be-
haupten offenbar im Untersuchungsverfahren, es handle sich bei den zur
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Frage stehenden Automaten nicht um Glücks-, sondern um Geschicklich-
keitsspielautomaten, deren Verwendung gemäss SBG auch ausserhalb
konzessionierter Spielbanken erlaubt ist.
Die Beschwerdegegnerin ist der Meinung, vorliegend handle es sich um
den Anwendungsfall von Art. 56 Abs. 1 lit. c. SBG, also das Aufstellen von
Glücksspielautomaten ohne Prüfung, Konformitätsbewertung oder Zulas-
sung (BV.2012.44-45 act. 6, BV.2012.46-47 act. 6 S. 2).
Das Bundesgericht hat in BGE 138 IV 106 E. 5.3.2 bezüglich Art. 56 SBG
Folgendes festgehalten:
"Der Betrieb eines Spielautomaten ausserhalb einer konzessionierten Spielbank
kann diesen Straftatbestand nur erfüllen, wenn der Automat durch Verfügung der
Eidgenössischen Spielbankenkommission als Glücksspielautomat qualifiziert wor-
den ist und allfällige Rechtsmittel gegen diese Verfügung keine aufschiebende Wir-
kung haben. Vor dem Erlass einer solchen Verfügung kann der Tatbestand von
Art. 56 Abs. 1 lit. a SBG nicht erfüllt sein, weil noch nicht feststeht, ob es sich bei
dem in Betrieb stehenden Automaten nach der Einschätzung der zu diesem Ent-
scheid zuständigen ESBK um einen Glücksspielautomaten handelt. Vor dem Erlass
der Feststellungsverfügung der ESBK können durch den Betrieb des Automaten al-
lenfalls andere Tatbestände erfüllt werden, etwa der Tatbestand von Art. 56 lit. c
SBG".
Vorliegend ist unbestritten, dass die beschlagnahmten Geldspielautomaten
noch nicht durch die ESBK qualifiziert wurden; bei einem der Automaten
wird behauptet, es läge eine Typenqualifikation vor (siehe BV.2012.46-47
act. 1, S. 3, act. 1.2 und die anschliessende Bemerkung). Es ist deshalb
gemäss dem obenstehenden Entscheid des Bundesgerichts möglich, dass
die Beschwerdeführer durch das Aufstellen der Automaten in ihren Spielsa-
lons den Tatbestand von Art. 56 lit. c. SBG erfüllt haben. Erste Vorausset-
zung zur Aufklärung des Sachverhalts bildet die Qualifikation der konkreten
beschlagnahmten Automaten, welche momentan offenbar noch nicht abge-
schlossen ist. Ergibt sich aus der Qualifikation, dass die Automaten als
Glücksspielautomaten zu gelten haben, so haben die Beschwerdeführer
wohl den Tatbestand von Art. 56 Abs. 1 lit. c SBG erfüllt. Folglich erfolgte
die Sistierung der Strafuntersuchung durch die Beschwerdegegnerin zu
Recht.
Seit der Eröffnung der Strafuntersuchung - erste Beschlagnahme 23. Juli
2008 - ist jedoch bereits sehr viel Zeit verstrichen, weshalb die Beschwer-
degegnerin angewiesen wird, die Strafverfahren – bzw. das Qualifikations-
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verfahren der ESBK - zügig voranzutreiben, um sich nicht dem Vorwurf ei-
ner unverhältnismässigen Verfahrensdauer und damit der Verletzung des
Beschleunigungsgebotes auszusetzen.
Bezüglich des beschlagnahmten Geldspielautomaten "Hot Fruit" machen
die Beschwerdeführer geltend, dieser sei von der ESBK bereits geprüft,
qualifiziert und als Geschicklichkeitsspielautomat eingestuft worden
(BV.2012.46-47 act. 1, S. 3, act. 1.2). Dazu ist zu sagen, dass es sich bei
diesem Automaten gemäss act. 1.2 zwar um den Typ "Hot Fruit V.1.7"
handelt; die Typen und Softwareidentität des gemäss act. 1.2 geprüften Au-
tomatentyps mit dem im vorliegenden Verfahren beschlagnahmten Auto-
maten (siehe auch Art. 62 lit. b. VSBG) damit jedoch nicht erwiesen ist.
Auch hier wird, wie bereits dargestellt, erst das Qualifikationsverfahren der
ESBK Antworten liefern.
3.4 Von einer blossen Sistierung wäre abzusehen gewesen, wenn die Gegens-
tand des Strafverfahrens bildenden Sachverhalte bereits verjährt wären.
Dies ist allerdings nicht der Fall. Art. 57 Abs. 2 SBG ist "lex specialis" zu
Art. 11 Abs. 1 VStrR (EICKER/FRANK/ACHERMANN, Verwaltungsstrafrecht
und Verwaltungsstrafverfahrensrecht, Bern 2012, S. 83) und gemäss
Art. 57 Abs. 2 SBG würden Übertretungen im Sinne des Spielbankengeset-
zes in fünf Jahren verjähren. Diese Bestimmung wurde jedoch (noch) nicht
an den neuen AT StGB angepasst. Gemäss Art. 57 Abs. 2 SBG i.V.m.
Art. 333 Abs. 6 lit. b StGB würden Übertretungen im Sinne von Art. 56 SBG
in zehn Jahren verjähren. Die Verjährungsfrist für Vergehen im Sinne des
Spielbankengesetzes beträgt hingegen lediglich sieben Jahre (Art. 57
Abs. 1 Satz 1 SBG i.V.m. Art. 2 VStrR und Art. 97 Abs. 1 lit. c StGB). Das
Bundesgericht hielt dazu fest, es könne nicht sein, dass für Übertretungen
eine längere Verjährungsfrist gelte als für nach dem gleichen Gesetz zu
ahndenden Vergehen. Führe die Regelung von Art. 336 Abs. 6 StGB im
Nebenstrafrecht dazu, dass für Übertretungen eine längere Verjährungsfrist
als für Vergehen desselben Gesetzes gelte, reduziere sich die für Übertre-
tungen geltende Verjährungsfrist entsprechend. Die Verjährungsfrist für
Übertretungen im Sinne des Spielbankengesetzes betrage daher gleich wie
die Verjährungsfrist für die Vergehen im Sinne dieses Gesetzes sieben
Jahre (Urteil des Bundesgerichtes 6B_770/2010 vom 28. Februar 2011,
E. 5.2 mit Hinweis auf BGE 134 IV 328 E. 2.1). Somit verjähren vorliegend
die den Beschwerdeführern vorgeworfenen Übertretungen nach sieben
Jahren.
3.5 Nach dem Gesagten erweisen sich die Beschwerden als unbegründet und sind abzuweisen.
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4.
4.1 Gemäss Art. 25 Abs. 4 VStrR richtet sich die Kostenpflicht im Beschwerde-
verfahren vor der Beschwerdekammer nach Art. 73 StBOG; Art. 73 StBOG
verweist seinerseits auf das Reglement des Bundesstrafgerichts vom
31. August 2010 über die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in Bun-
desstrafverfahren (BStKR; SR 173.713.162), welches gemäss seinem
Art. 22 Abs. 3 grundsätzlich auch auf Verfahren Anwendung findet, die im
Zeitpunkt seines Inkrafttretens hängig sind. Da dem BStKR jedoch keine
Regelung über die Verteilung der Gerichtskosten zu entnehmen ist, ist er-
gänzend die Regelung des BGG anzuwenden, was auch der bisherigen
gesetzlichen Regelung entspricht (vgl. den Beschluss des Bundesstrafge-
richts BV.2011.2 vom 16. März 2011, E. 2).
4.2 Als unterliegende Partei haben somit die Beschwerdeführer die Kosten zu
tragen (Art. 66 Abs. 1 BGG analog). Die Gerichtsgebühr ist auf Fr. 1'500.--
festzusetzen.
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