Decision ID: e520d707-57f6-55eb-aaf2-e6448f89b7ac
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein algerischer Staatsangehöriger aus B._,
verliess sein Heimatland gemäss eigenen Angaben am 5. Januar 2020 mit
Hilfe eines Schleppers Richtung Libyen. Von dort reiste er am 10. Januar
2020 mit einem Fischerboot nach Italien, von wo er mit dem Zug am 17. Ja-
nuar 2020 illegal in die Schweiz einreiste. Danach ruhte er sich ein paar
Tage bei seinem Bruder in C._ aus, bevor er am 27. Januar 2020
um Asyl nachsuchte.
B.
Am 31. Januar 2020 erhob das SEM seine Personalien und befragte ihn
summarisch zu seinem Reiseweg (Protokoll der Personalienaufnahme;
PA). Am 24. Juni 2020 hörte ihn das SEM einlässlich zu seinen Asylgrün-
den an.
Der Beschwerdeführer erklärte zunächst zu seiner Person, er habe im De-
zember (...) geheiratet und habe mit seiner Ehefrau und deren Eltern zu-
sammengelebt. Er habe fünf ältere Brüder und eine ältere Schwester und
eine jüngere Halbschwester. Sein Bruder D._ lebe in der Schweiz.
Der Rest der Familie lebe in und um B._. Er habe im Jahr 2001 die
Schule vorzeitig beendet und danach im Bau-, Textil- Reinigungs- und Si-
cherheitsgewerbe gearbeitet. Im Jahr 2014 habe er eine Ausbildung als
(...) absolviert. Von 2015 bis kurz vor seiner Ausreise habe er bei (...) im
Aussendienst gearbeitet. Von 2010 bis 2012 habe er sich in der Türkei und
Griechenland aufgehalten und versucht nach Europa zu gelangen, was
aber nicht geklappt habe.
Zur Begründung des Asylgesuches führte er aus, er sei homosexuell und
habe seit 2014 eine Beziehung mit einem Mann namens E._. Er
habe E._ im Park «(...)» in der Nähe des Wohnortes seines Vaters
kennengelernt. Etwa zwei bis drei Monate nach dem ersten Treffen habe
er eine Nacht bei E._ zu Hause verbracht, da dessen Eltern in den
Ferien gewesen seien. Ansonsten hätten sie sich zwei- bis dreimal pro Wo-
che bei der Felsengegend am Meer, im Park «(...)», in Cafés oder Hotels
getroffen. Ihre Beziehung sei geheim gewesen und niemand habe davon
gewusst. Am 2. Januar 2020 habe er sich mit E._ in einer Höhle in
der Gegend «(...)» getroffen und es sei zu intimen Handlungen gekommen.
Dabei seien sie von seinem Bruder F._ überrascht worden. Dieser
sei mit einem Messer bewaffnet auf ihn losgegangen, habe ihn beschimpft
und mit dem Tod bedroht. E._ sei dazwischen gegangen und habe
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seinen Bruder zurückgehalten. Er habe fliehen können, jedoch seine Jacke
und sein Mobiltelefon bei den Felsen liegen gelassen. Er sei zu Fuss zur
Wohnung seines Vaters in G._ und von dort mit dem Motorrad zur
Wohnung in H._ gefahren. Seiner Frau habe er gesagt, dass er
Probleme mit der Familie habe. Zwei Tage später seien seine Brüder
I._ und F._ vorbeigekommen und hätten nach ihm gefragt.
Seine Frau habe, wie er es ihr aufgetragen habe, angegeben, dass er nicht
zu Hause sei, worauf die Brüder wieder abgezogen seien. Am 5. Januar
2020 sei er ausgereist.
C.
Mit Verfügung vom 26. Juni 2020 wies das SEM das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers dem erweiterten Verfahren zu, weil es weiterer Abklärun-
gen in Bezug auf die Plausibilität bedurfte.
D.
Am 4. September 2020 wurde der Beschwerdeführer ergänzend angehört.
E.
Mit Verfügung vom 16. September 2020 – eröffnet am 18. September
2020 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlings-
eigenschaft nicht, und lehnte sein Asylgesuch vom 27. Januar 2020 ab. Es
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der
Wegweisung an.
F.
Mit Eingabe vom 19. Oktober 2020 liess der Beschwerdeführer durch seine
Rechtsvertreterin gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu ge-
währen. Eventualiter sei er vorläufig aufzunehmen. Subeventualiter sei die
Sache zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In pro-
zessualer Hinsicht liess er zudem beantragen, es sei ihm die unentgeltliche
Prozessführung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
zu verzichten und ihm die unterzeichnende Rechtsanwältin als amtliche
Rechtsbeiständin beizuordnen.
Mit der Beschwerde wurden eine Fürsorgebestätigung vom 5. August
2020, eine Stellungnahme von Queer-Amnesty vom 11. Oktober 2020,
zwei Berichte von Human Rights Watch vom April 2018 und 15. Oktober
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2020 und ein Bericht von Le Journal International vom 4. Juli 2020 einge-
reicht.
G.
Mit Verfügung vom 28. Oktober 2020 stellte der Instruktionsrichter fest, der
Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab-
warten, und hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und Rechtsverbeiständung gut. Er ordnete ihm die rubrizierte
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig gab er
dem SEM die Gelegenheit, zur Beschwerde Stellung zu nehmen.
H.
Am 10. November 2020 reichte das SEM eine Vernehmlassung und eine
Kopie des Grenzwachtrapports vom 19. Januar 2020 ein.
I.
Am 3. Dezember 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Replik mit einer
Kostennote ein.
J.
Mit Eingabe vom 19. Januar 2021 reichte der Beschwerdeführer ein
Schreiben der (...) vom 19. Januar 2021 und zwei Berichte der Schweize-
rischen Flüchtlingshilfe (SFH) zum Gesundheitssystem in Algerien ein.
K.
Mit Schreiben vom 30. November 2021 erkundigte sich die Rechtsvertre-
terin, bis wann mit einem abschliessenden Entscheid gerechnet werden
könne. Gleichzeitig reichte sie eine aktualisierte Kostennote ein. Der In-
struktionsrichter beantwortete die Anfrage am 7. Dezember 2021.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
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zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
3.3 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind bezie-
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hungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Auf-
grund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die Aner-
kennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden
kann (vgl. BVGE 2011/51 E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, 2008/4 E. 5.2). Aus-
gangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün-
deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfol-
gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation
im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zuguns-
ten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen
(vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4, WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax/Rudin/Hugi
Yar/Geiser [Hrsg.], Ausländerrecht, 2. Aufl. 2009, Rz. 11.17 und 11.18).
4.
4.1 Das SEM lehnte das Asylgesuch mit der Begründung ab, die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers seien nicht glaubhaft.
Im Einzelnen führte es aus, die Ausführungen des Beschwerdeführers zum
Vorfall vom 2. Januar 2020, als sein Bruder ihn und E._ erwischt
habe, zur Organisation seiner Ausreise, sowie zum Verbleib von
E._, würden weitgehend unsubstantiiert ausfallen. Seinen Darstel-
lungen würden die typischen Merkmale wie Detailreichtum, die Beschrei-
bung von Emotionen und Gedankengängen, die räumliche und zeitliche
Verknüpfung der erzählten Ereignisse sowie die Schilderungen von neben-
sächlichen und ausgefallenen Einzelheiten, die normalerweise die Schilde-
rungen von tatsächlich erlebten Begebenheiten prägen, fehlen. Es falle ins-
besondere auf, dass er den Fragen regelmässig ausgewichen sei und eine
schematische Darstellung der Vorgänge wiederholt habe. Erst nach wie-
derholtem Nachfragen habe sich herausgestellt, dass er sich zuerst an ei-
nem bestimmten Ort zwischen Autobahn und einer Mauer mit E._
verabredet habe und sie danach zusammen in die Höhle gegangen seien.
Seine Beschreibungen seien sowohl in Bezug auf den Treffpunkt als auch
auf die Höhle äusserst ungenau und oberflächlich geblieben. Aufgefordert
den Treffpunkt möglichst genau zu beschreiben, habe er repetitiv auf die
Autobahn, die Mauer, die Felsen und die Höhle verwiesen. Es bleibe un-
klar, wo genau er sich mit E._ verabredet habe. Ebenso gelinge es
ihm nicht, ein anschauliches Bild der Höhle zu vermitteln. Erst nach wie-
derholtem Nachfragen habe er erklärt, dass es eine kleine Höhle sei von
ca. zwei bis drei Metern, die nicht tief sei. Die Schilderung, als sein Bruder
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ihn in einer eindeutigen Pose überrascht habe, sei vage und oberflächlich
ausgefallen und er habe keine Handlungsabläufe wiedergeben können. So
habe er mehrfach die Aufforderung ignoriert, ausführlich zu beschreiben,
was sein Bruder mit dem Messer genau gemacht habe. Auch seine Be-
gründung, warum er seit dem Vorfall nichts mehr von E._ gehört
habe, sei nicht stichhaltig. Aus seinen Ausführungen gehe hervor, dass er
weder versucht habe, etwas über E._ in Erfahrung zu bringen oder
mit ihm in Kontakt zu treten – wozu er durchaus die Möglichkeit gehabt
hätte – noch, dass er überhaupt an ihn gedacht habe. Auch die Darstellung
der inneren Vorgänge und Gedanken beziehe sich allein auf seine persön-
liche Situation, aber nicht auf seinen langjährigen Freund. Dies erstaune,
denn so habe er ihm möglicherweise sein Leben gerettet und wäre alleine
mit seinem Bruder bei den Felsen zurückgeblieben. Sie hätten sich zudem
gegenseitig versprochen, zu einander zu stehen und sich nicht im Stich zu
lassen. Es scheine realitätsfern und nicht nachvollziehbar, dass er seit dem
Vorfall am 2. Januar 2020 über keinerlei Informationen bezüglich
E._ verfüge. Schliesslich sei seine geltend gemachte Homosexua-
lität anzuzweifeln, da er auch hierzu keine erlebnisgeprägten, sondern aus-
weichende und einsilbige Angaben gemacht habe. Im Rahmen der Anhö-
rung vom 24. Juni 2020 habe er angegeben, er habe seine Wohnung zwi-
schen dem Vorfall am 2. Januar 2020 und seiner Ausreise aus Algerien am
5. Januar 2020 nicht mehr verlassen (vgl. SEM-act. [...]-28/21 [nachfol-
gend: A28/21] F67). Anlässlich der ergänzenden Anhörung habe er hinge-
gen angegeben, er sei kurz weggegangen, um ein paar Sachen zu erledi-
gen, einzukaufen und auch einmal nach G._ gefahren, um dort ei-
nen Schleuser zu organisieren (vgl. SEM-act. [...]-41/30 [nachfolgend:
A41/30] F163). Diesen Widerspruch habe er mit dem Argument, es sei so
zu verstehen, dass er in dieser Zeit nicht gearbeitet oder Cafés besucht
habe, nicht aufzulösen vermocht. Zudem habe er an der Anhörung ange-
geben, E._ auf einer Bank in einem Park kennengelernt und Num-
mern ausgetauscht zu haben. Zwei Wochen später habe er ihn angerufen
und sie hätten sich oft in Parks und Cafés getroffen. Einige Zeit später habe
ihn E._ zu sich eingeladen, sie hätten eine Nacht zusammen ver-
bracht und so habe ihre Beziehung angefangen (vgl. A28/21 F102). Bei der
ergänzenden Anhörung habe er zunächst angegeben, sie hätten im Park
die Nummern ausgetauscht und seien oft in Kontakt über Viber gestanden.
Zwei bis drei Monate später habe ihn E._ zu sich eingeladen. Auf
Rückfrage habe er den Anfang der Beziehung jedoch so dargestellt, dass
er und E._ sich bereits nach dem ersten Treffen zwei- bis dreimal
pro Woche in Hotels oder Cafés getroffen hätten und es bereits vor dem
Wochenende bei E._ zu intimen Handlungen gekommen sei (vgl.
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A41/30 F193-F198). Es sei angesichts der unsubstantiierten und wider-
sprüchlichen Angaben davon auszugehen, dass er sich bei seinen Schil-
derungen auf einen konstruierten Sachverhalt und nicht tatsächlich Erleb-
tes stütze.
4.2 In der Beschwerde wird dagegen ausgeführt, der Beschwerdeführer
habe die ihm gestellten Fragen allesamt inhaltlich verständlich als auch
plausibel beantwortet. Der befragende Sachbearbeiter habe den Be-
schwerdeführer verunsichert, indem er wiederholt Fragen gestellt habe, auf
die es – aufgrund der natürlichen Beschaffenheit der Gegend – keine Ant-
wort gebe. Das unerklärliche Insistieren auf eine Beschreibung eines «We-
ges», der offensichtlich nicht existiere, da es sich um eine Distanz von
10 bis 15 Meter handle zwischen dem Treffpunkt und der Höhle, kreiere ein
Missverständnis, das den Verlauf der Befragung fortan negativ präge. Es
gelinge dem Beschwerdeführer den Ort durchgehend widerspruchsfrei zu
umschreiben. Es stelle sich indes die Frage, wie man einen Strand, der
nun mal aus Sand, Wasser, Felsen und in vorliegendem Fall aus Höhlen
bestehe, phantasievoller beschreiben könne, insbesondere wenn der
Strand ein gewisses einheitliches Bild vermittle, das über kein herausste-
chendes Element verfüge. Es handle sich um eine homogene Gegend. Es
sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer repetitiv geantwortet habe,
weil ihm mehr als ein Dutzend Mal die fast wortwörtlich gleiche Frage ge-
stellt worden sei. Insbesondere ab Frage 62 der ergänzenden Anhörung
lese sich die Lektüre der Befragung beklemmend. Der Befrager hätte im
Rahmen seiner Untersuchungspflicht die Fragen anders formulieren müs-
sen. Der Beschwerdeführer habe die Reihenfolge der Ankunft (vgl. A41/30
F63), die Meterhöhe der Mauer und wie man davon herunterspringen
müsse (vgl. A41/30 F57, F70) und zusätzliche Pflanzen (vgl. A41/30 F67)
erwähnt. Das Ereignis, als sein Bruder ihn in einer intimen Pose überrascht
habe, sei für den Beschwerdeführer schambehaftet. Nicht allen Menschen
gelinge es, über Gefühle zu reden und diese detailreich zu artikulieren. Er
habe gleichwohl Emotionen angesprochen, indem er gesagt habe, er habe
sich geschämt und es sei wie ein Schock für ihn gewesen, als sein Bruder
ihn ertappt habe (vgl. A41/30 F90). Wäre der Befrager an der Wahrheits-
findung interessiert gewesen, hätte die Folgefrage lauten können, wie sich
dieser Schock manifestiert habe, statt sich monoton immer auf die gleich-
lautende Frage «bitte beschreiben Sie ausführlicher» zu beschränken. Die
Frage nach dem Ort, wo der Bruder gestanden sei, werde mit einer präzi-
sen Angabe beantwortet (vgl. A41/30 F92) sowie die bildliche Beschrei-
bung des Überraschungsmoments, indem die beiden Ertappten rasch ver-
suchten ihre Hosen hochzuziehen. Schliesslich bleibe anzumerken, dass
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der Beschwerdeführer diesen Hergang bereits in der ersten Anhörung in
einem offenbar wesentlich weniger angespannten Ambiente weitgehend
sachlich und verständlich zu beschreiben vermocht habe und diese Aussa-
gen in keinem Aspekt der Antworten in der ergänzenden Anhörung wider-
sprächen (vgl. A28/21 F119-217). Der Beschwerdeführer habe zwei Mal
erklärt, dass er und sein Freund ausschliesslich über die Messenger-App
Viber kommuniziert hätten (vgl. A28/31 F163; A41/30 F113), über ein Tool,
das nicht mit dem wiederholten Eintippen der Nummer einhergehe, wes-
halb denn auch nicht ersichtlich sei, wieso er die Nummer seines Freundes
auswendig wissen sollte. Auch scheine es nicht unplausibel, dass jemand,
der unter Schock stehe und um sein Leben fürchte, nicht innert einem Zeit-
raum von drei Tagen, während derer er sich mehrheitlich versteckt gehalten
habe, zum Wohnort seines Freundes fahre, der über 20 Kilometer entfernt
liege und wo jener auch noch mit seinen Eltern wohne (vgl. A28/31 F103).
Er habe diese innerlichen Beweggründe auf verständliche Weise anläss-
lich der ergänzenden Anhörung erklärt (vgl. A41/30 F91). Die Vorinstanz
habe es unterlassen, die Plausibilität der Homosexualität als ein kultur- und
persönlichkeitsabhängiges Konzept zu verstehen. Dass der Beschwerde-
führer seine Homosexualität erst mit 30 Jahren habe ausleben können,
scheine lebens- und realitätsnahe, da er aus einer gläubigen und traditio-
nellen Familie stamme und in Algerien Homosexualität nicht frei gelebt wer-
den könne und unter Strafe stehe, er folglich nie die Möglichkeit gehabt
habe, die erlebnisprägenden Erfahrungen zu machen oder sich in der ho-
mosexuellen Szene zu bewegen. Er mache plausibel, dass er in Bars mit
«gemischtem Publikum» (hetero- und homosexuelle Menschen) nur als
Besucher hingegangen sei. Er spreche zuweilen von «homosexueller Ten-
denz» (vgl. A41/30 F126), was darauf hindeute, wie fern und schambehaf-
tet das Thema für den Beschwerdeführer gewesen und bis heute noch sei,
was auf seine Sozialisierung zurückzuführen sei. Deshalb habe er seine
Homosexualität nur in scheuer Manier artikuliert, indem er festhalte, er
habe sich «gefunden» und er fühle sich gut (vgl. A28/31 F135). Erst in der
Schweiz habe er es gewagt offen in Kontakt zu anderen homosexuellen
Menschen zu treten. Hier habe er auf eigene Initiative Queer-Amnesty auf-
gesucht, wo er nun Mitglied der Gruppe «(...)» sei. Queer-Amnesty ver-
bürge sich im Übrigen für die Homosexualität des Beschwerdeführers und
habe zum Nachweis seiner Homosexualität und der daraus begründeten
Furcht eine Stellungnahme zugunsten des Beschwerdeführers eingereicht.
Bezüglich dem Verlassen der Wohnung vor der Flucht gebe es keinen Wi-
derspruch. Es handle sich bei der zweiten Aussage, als er angegeben
habe, er sei gezwungen gewesen, einige Sachen für die Flucht erledigt zu
haben, um eine Präzisierung der ersten Aussage. Bei beiden Anhörungen
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habe er angegeben, sich versteckt zu haben. Der Beschwerdeführer sei
bezüglich der vier Schlüsselereignisse stets konsistent gewesen und halte
widerspruchsfrei fest, den Freund in einem Park kennen gelernt zu haben,
die erste intime Handlung ungefähr nach zwei bis drei Wochen vollzogen
zu haben und nur einmal mit seinem Freund eine ganze Nacht verbracht
und den Freund ansonsten nur stundenweise in Hotels oder Cafés getrof-
fen zu haben, und zuletzt am Strand erwischt worden zu sein. Es erscheine
stossend, wenn die Vorinstanz dem Beschwerdeführer einen Widerspruch
anhafte, nur, weil er in Bezug auf die zeitliche Abfolge dieser Ereignisse
teilweise unsicher gewesen sei. Die Vorinstanz interpretiere die Antwort auf
die Frage 102 falsch, wenn sie meine, er habe gesagt, er sei nach zwei
Wochen zu seinem Freund nach Hause gegangen und habe dort zum ers-
ten Mal intime Handlungen begangen. Bei genauer Lektüre müsse dies so
verstanden werden, dass er und sein Freund sich nach zwei Wochen ab
und zu trafen und es schliesslich eines Tages auch zu einer Übernachtung
gekommen sei. Wenn er sage, «und so hat unsere Beziehung begonnen»,
meine er nicht eine spezifische Nacht. Er sage dies am Schluss seiner Aus-
führung und schliesse damit das Erzählte ab. Die Vorinstanz beschwöre im
Kontext dieser Aussagen einen Widerspruch herauf, der nicht existiere.
Seine Fluchtgründe seien glaubhaft gemacht worden. Es sei zu prüfen, ob
im vorliegenden Fall der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Alge-
rien ernsthaften Nachteilen, insbesondere einem unerträglichen psychi-
schen Druck nach Art. 3 Abs. 2 AsylG ausgesetzt wäre. Für Homosexuelle
in Algerien sei die Gefahr, Diskriminierungen ausgesetzt zu werden, stark
erhöht, könne zu Gewaltanwendung führen und nicht selten würden die
Täter aus der eigenen Familie stammen, da Homosexualität als Schande
für die Familie des Homosexuellen gelte. Es gebe in Algerien keine be-
kannten Organisationen oder Akteure, welche sich für homosexuelle Per-
sonen einsetze. In Algerien stehe auf homosexuellen Handlungen eine Ge-
fängnisstrafe von bis zu drei Jahren. Die Strafnorm werde angewendet,
was aus der aktuellen Berichterstattung von Human Rights Watch eindeu-
tig hervorgehe. Gesetze, welche homosexuelle Personen vor Diskriminie-
rung und Gewalt schütze, gebe es nicht. Von den Behörden könnten die
homosexuellen Menschen folglich keinen Schutz erwarten. Im Gegenteil
komme es auch zu Misshandlungen durch staatliche Organe. Insgesamt
sei festzustellen, dass es in Algerien nicht möglich sei, offen als homose-
xuelle Person zu leben. Die Homosexualität des Beschwerdeführers sei
inzwischen seiner gesamten Familie bekannt, wobei mindestens einer der
Brüder nach seinem Leben trachte. Bei der ihm drohenden Gefahr handle
es sich folglich nicht um eine abstrakte Gefahr, sondern um eine konkrete,
die bei seiner Rückkehr nach wie vor aktuell wäre und die auch bei einer
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Seite 11
objektivierten Betrachtungsweise zu einer ausgeprägten subjektiven
Furcht führe. Bei einer Rückkehr hätte er allgegenwärtige Todesangst und
wäre gezwungen in einem Umfeld zu leben, in welchem er stets Gefahr
laufe, dass seine Homosexualität entdeckt, denunziert und sanktioniert
werde, weshalb zwingend von einem unerträglichen psychischen Druck
auszugehen sei. Da seine Familie zudem gross sei und als im Land ver-
netzt bezeichnet werden könne, habe er auch keine innerstaatliche Flucht-
alternative.
4.3 In der Vernehmlassung führt das SEM aus, dass die schwerfällige und
repetitive Frageweise in Bezug auf den Vorfall zu einem grossen Teil dem
Umstand geschuldet sei, dass der Beschwerdeführer den Fragen, welche
grundsätzlich eindeutig und präzise formuliert worden seien, regelmässig
ausgewichen sei. Hätte er von Anfang an eine konkrete und präzise Be-
schreibung des Treffpunkts beziehungsweise des Orts der Entdeckung ge-
geben, wäre es nicht zu diesem Missverständnis gekommen (vgl. A41/30
F49 ff., F181, F215 ff.). Das ausweichende, unsubstantiierte und teils auch
widersprüchliche Aussageverhalten ziehe sich über fast alle Themenberei-
che. In Bezug auf die geltend gemachte Homosexualität des Beschwerde-
führers wäre, gerade vor dem kulturellen und familiären Hintergrund und
im Kontext Algerien zu erwarten, dass er angesichts seiner Situation mit
grossen Fragen und inneren Konflikten konfrontiert gewesen wäre. Dies-
bezüglich fänden sich in den Aussagen des Beschwerdeführers jedoch
keine Hinweise. Vielmehr seien seine Angaben zur Bewusstwerdung und
dem Umgang mit seiner Homosexualität, dem Doppelleben und seiner Zu-
kunftsplanung oder zur Lage von Homosexuellen in Algerien neutral und
oberflächlich gewesen (vgl. A28/21 F94, F129 ff.; A41/30 F123 ff., F170 ff.).
Dem Argument in der Beschwerdeschrift, das Thema Homosexualität sei
für den Beschwerdeführer fern und schambehaftet und deshalb spreche er
in «scheuer Manier» davon, könne nicht zugestimmt werden («Ich habe
mich sehr, sehr gefreut an diesem Tag und wir waren sexuell sehr aktiv, wir
waren im Badezimmer, dann im Salon und das war unvergesslich» [vgl.
A41/30 F147]). Gemäss Aktenlage sei der Beschwerdeführer bereits früher
viel gereist und umhergekommen (vgl. A28/21 F21 ff.; A41/30 F36 ff.). Es
sei also zu vermuten, dass er dadurch bereits einige «erlebnisprägende»
Erfahrungen gemacht haben müsste oder zumindest mit anderen Lebens-
welten konfrontiert worden wäre. Die Aussage, er habe seine angebliche
Homosexualität erst durch das erste Treffen mit E._ wahrgenom-
men, überzeuge bei jemandem mit einem solchen Hintergrund nicht (vgl.
A28/21 F134; A41/30 F123 ff.). Umso irritierender wirke die Aussage des
Beschwerdeführers, er habe sich nach der ersten Begegnung mit
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Seite 12
E._ relativ bald (ca. zwei Wochen später) und regelmässig (zwei-
bis dreimal pro Woche) in Hotels zu intimen Handlungen getroffen (vgl.
A28/21 F102; A41/30 F193 ff.). Ebenso erstaunlich scheine der Umstand,
dass er bis zum Vorfall vom 2. Januar 2020 keinerlei Bedenken bezüglich
seines Doppellebens oder einer allfälligen Gefährdung seitens der Familie
oder der Behörden gehabt zu haben scheine, obwohl er sich häufig und
regelmässig an öffentlichen Orten mit E._ getroffen habe (vgl.
A28/21 F94, F135 ff.; A41/30 F40, F179 ff.). Ausserdem sei es kaum vor-
stellbar, dass er keinerlei Kontakte zu anderen homosexuellen Männern
gepflegt habe, zumal er jahrelang in entsprechenden Bars und Cafés ver-
kehrt und E._ vor der Beziehung mit dem Beschwerdeführer andere
homosexuelle Beziehungen geführt habe (vgl. A28/21 F73, F146; A41/30
F126, F132, F159 f.). Schliesslich sei es angesichts der heutigen Kommu-
nikationsmöglichkeiten nicht nachvollziehbar, dass es dem Beschwerde-
führer bis anhin nicht gelungen sei, E._ in irgendeiner Form zu er-
reichen. Die der Beschwerdeschrift beigelegten Berichte seien allgemeiner
Natur und nicht geeignet, eine allfällige Gefährdung des Beschwerdefüh-
rers in Algerien zu belegen. Auch die Mitgliedschaft bei der Gruppe «(...)»
von Queer Amnesty in der Schweiz sage an sich nichts über die sexuelle
Orientierung des Beschwerdeführers aus. Im Übrigen habe er keine Iden-
titätsdokumente eingereicht. Hierzu habe er angegeben, er habe seinen
Reisepass und seine Identitätskarte irgendwie im Dezember 2019 in Alge-
rien verloren. Wie es zu diesem Verlust gekommen sei und ob er versucht
habe, neue Identitätsdokumente zu beschaffen, habe er nicht stichhaltig zu
erklären vermocht (vgl. A28/21 F10 ff.). In einem Protokoll der Grenzpolizei
vom 19. Januar 2020 sei zudem festgehalten, dass er bei seiner Einreise
angegeben habe, er wolle in der Schweiz arbeiten. Ein Asylgesuch werde
nicht erwähnt. Ausserdem sei ein Messer in seinem Gepäck sichergestellt
worden. In Gesamtwürdigung aller Sachverhaltselemente sei somit davon
auszugehen, dass seine Vorbringen weitgehend konstruiert seien.
4.4 In der Replik wird geltend gemacht, die Vorinstanz räume Mängel bei
der Befragung ein und halte fest, dass die Frageweise des Sachbearbei-
ters tatsächlich «repetitiv und schwerfällig anmute". Trotz dieser nicht kon-
struktiven Grundstimmung sei es dem Beschwerdeführer gelungen, seine
Aussagen widerspruchsfrei und plausibel darzulegen. Der Vorinstanz liege
der falsche und starre Glaube zugrunde, dass die Entdeckung der Homo-
sexualität zwingend eine von Konflikten geprägte Erfahrung sein müsse.
Sie verkenne, dass auch homosexuelle Beziehungen letztlich und vorder-
gründig Liebesbeziehungen seien oder zumindest sein könnten. Deshalb
erscheine es durchaus plausibel, dass der Beschwerdeführer erst durch
D-5162/2020
Seite 13
E._ seine Homosexualität entdeckt habe: Es sei glaubhaft, dass
E._ die erste Person des gleichen Geschlechts gewesen sei, für die
er sich sexuell/emotional interessiert habe. Der Beschwerdeführer habe
bereits anlässlich der Anhörung erklärt, dass er der Grenzpolizei bei der
Einreise gesagt habe, dass er ein Asylgesuch stellen und später auch ar-
beiten wolle. Der Grenzpolizist habe geantwortet, es gebe hier weder Asyl
noch Arbeit. Im Übrigen sei darauf hinzuweisen, dass weder ein Rechts-
vertreter noch ein Dolmetscher bei der Befragung durch die Grenzpolizei
anwesend gewesen seien, weshalb das Protokoll mit Vorsicht zu lesen sei.
Es sei möglich, dass es anlässlich der Protokollierung zu sprachlichen
Missverständnissen gekommen sei. Sodann sei nicht ersichtlich, in wel-
chem relevanten Zusammenhang das Messer, das sich im Gepäck des
Beschwerdeführers befunden habe, mit seinen Asylgründen stehe. Der Be-
schwerdeführer habe eine lange und schwierige Flucht hinter sich. Dass
die Vorinstanz das Messer in diesem Zusammenhang erwähne, sei Stim-
mungsmache. Die Vorinstanz versuche damit, das Ansehen des Be-
schwerdeführers negativ zu beeinflussen.
5.
5.1 In der Beschwerde wurde subeventualiter beantragt, die Sache sei zur
weiteren Abklärung an das SEM zurückzuweisen, weil der Befrager anläss-
lich der ergänzenden Anhörung nicht an der Wahrheitsfindung interessiert
gewesen sei, indem er den Beschwerdeführer über ein Dutzend Mal die-
selbe Frage gestellt und ihn damit verwirrt und verunsichert habe.
5.2 Allgemein gilt im Verwaltungsverfahren der Untersuchungsgrundsatz
und die Pflicht zur vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts (Art. 6 AsylG i. V. m. Art. 12 VwVG). Dabei muss sie
die für das Verfahren erforderlichen Sachverhaltsunterlagen beschaffen,
die rechtlich relevanten Umstände abklären und darüber ordnungsgemäss
Beweis führen. Grundsätzlich trägt damit die Behörde die Beweisführungs-
last. Diese behördliche Untersuchungspflicht wird durch die den Asylsu-
chenden gestützt auf Art. 8 AsylG auferlegte Mitwirkungspflicht einge-
schränkt, wobei die Gesuchsteller insbesondere ihre Identität offenzulegen
und bei der Anhörung der Behörde alle Gründe mitzuteilen haben, die für
die Asylgewährung relevant sein könnten (vgl. BVGE 2009/50 E. 10.2).
Was die daraus resultierenden Anforderungen an die mündliche Anhörung
gemäss Art. 29 AsylG und die entsprechende Gewährung des rechtlichen
Gehörs betrifft, so soll die Anhörung immerhin Gewähr dafür bieten, dass
die asylsuchende Person ihre Asylgründe vollständig darlegen kann und
diese von der Asylbehörde korrekt erfasst werden, wobei die mündliche
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Seite 14
Befragung insbesondere auch dazu dient, gezielte Rückfragen zur Erhe-
bung des Sachverhalts zu stellen und Missverständnisse zu klären (vgl.
BVGE 2008/24 E. 7.2, 2007/30 E. 5.5.1 und 5.5.2).
5.3 Bezogen auf den vorliegenden Fall zeigt sich, dass das SEM der Un-
tersuchungspflicht in hinreichendem Masse nachgekommen ist und nicht
gehalten war, nach der Anhörung vom 24. Juni 2020 und der ergänzenden
Anhörung vom 4. September 2020 den Sachverhalt weiter zu ermitteln. An-
lässlich der Anhörung hatte der Beschwerdeführer die Möglichkeit seine
Asylgründe frei zu schildern (vgl. A28/21 F65). Im Anschluss an die freie
Schilderung wurden ihm fast hundert Fragen gestellt, teilweise von der zu-
gewiesenen Rechtsvertretung. Anlässlich der ergänzenden Anhörung
wurde dem Beschwerdeführer nochmals die Möglichkeit geboten, sich frei
zum Vorfall am Strand zu äussern und er wurde aufgefordert, alle Details
zu nennen auch Einzelheiten, die er als nicht wesentlich erachte. Danach
wurden ihm wieder Fragen gestellt. Diesbezüglich trifft es zu, dass der Be-
schwerdeführer mehrmals mit beinahe identischen Worten aufgefordert
worden ist, den Treffpunkt und der angebliche Weg zur Höhle detailliert zu
beschreiben (vgl. A41/30 F55-F77). Die Frage nach einer Skizze hätte
wahrscheinlich rascher Klarheit gebracht. So antwortete der Beschwerde-
führer auch mehrmals, er könne nur wiederholen beziehungsweise repe-
tieren, was er bereits gesagt habe (vgl. A41/30 F61 f.). Allerdings ist nicht
davon auszugehen, dass dieses wiederholte Fragen nach einer Beschrei-
bung zur gleichen Sache zu einer beklemmenden Atmosphäre geführt oder
den Beschwerdeführer verunsichert hat. Zudem hat das SEM die Pflicht,
allfällige Missverständnisse zu klären. Die anwesende Rechtsvertreterin
hat die stetig ähnlichen Fragen sodann weder unterbrochen noch Einwen-
dungen zum Fragestil vorgebrachte. Mit den beiden Anhörungen wurden
die nötigen Grundlagen in den Akten geschaffen, um die vom Beschwer-
deführer geltend gemachte Verfolgungssituation beurteilen zu können. Zu-
sammenfassend ist festzustellen, dass der rechtserhebliche Sachverhalt
vom SEM hinreichend und korrekt erstellt worden ist. Eine Verletzung der
Untersuchungspflicht durch das SEM liegt nicht vor. Der Rückweisungsan-
trag ist abzuweisen.
6.
6.1 Das SEM hat zutreffend festgestellt, dass die Verfolgungsvorbringen
des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Glaubhaftmachung im
Sinne von Art. 7 AsylG nicht genügen. Anders als das SEM zweifelt jedoch
das Gericht die Homosexualität des Beschwerdeführers nicht an.
D-5162/2020
Seite 15
6.2 Das SEM begründete seine Zweifel bezüglich der Homosexualität des
Beschwerdeführers in der angefochtenen Verfügung mit einem Satz und
führte mehrere Verweise auf Protokollstellen an, aus denen sich ergeben
soll, dass der Beschwerdeführer keine erlebnisgeprägten, sondern auswei-
chende und einsilbige Antworten gemacht habe (vgl. Verfügung S. 5). Dass
der Beschwerdeführer sich in Algerien nicht für Homosexuelle engagiert
hat, und nicht versteht, was die fragende Person mit einem Engagement
für Homosexuelle meint, erstaunt nicht, gibt er doch hierzu die zutreffende
Antwort anlässlich der Anhörung gleich selber, nämlich, dass es praktisch
keine Organisationen in Algerien gibt, welche sich für Homosexuelle ein-
setzen (vgl. A28/21 F129-132, Home Office, Contry Policy and Information
Note, Algeria: Sexual orientation and gender identity, Mai 2020, S. 22
Ziff. 8). Auch hinsichtlich des Doppellebens erklärte der Beschwerdeführer
nachvollziehbar, wie es dazu gekommen ist (vgl. A28/21 F84, F142). Zu-
dem geht aus der Stellungnahme von Queeramnesty hervor, dass das
Doppelleben des Beschwerdeführers (Ehe mit seiner Frau und Beziehung
zu seinem Freund) für ihn im soziokulturellen Kontext der algerischen Ge-
sellschaft insgesamt vorteilhaft war und er dieses deshalb nicht als unan-
genehm empfand. Queeramnesty erachtet zudem die Angaben des Be-
schwerdeführers als plausibel. Auch wenn die Aussagen (vgl. Akte A28/21
F82-F92, F131-F146) sich teilweise nicht mit unseren eventuellen Erwar-
tungen decken würden, so seien sie für einen Mann in diesem Kulturkreis
durchaus üblich und nachvollziehbar. Soweit das SEM in der Vernehmlas-
sung ausführt, der Beschwerdeführer sei bereits gereist und mit anderen
Lebenswelten konfrontiert worden, trifft dies zwar zu. Er gab jedoch anläss-
lich der ergänzenden Anhörung an, dass er jeweils mit seiner Frau in die
Ferien verreist sei, weshalb er sich nicht in der homosexuellen Szene auf-
gehalten haben dürfte (vgl. Akte A41/30 F38). Bezüglich dem vom SEM
festgestellten Widerspruch zum Beginn der Beziehung mit E._
wurde in der Beschwerde eine zutreffende Erklärung gegeben. So ist da-
von auszugehen, dass der Beschwerdeführer mit seiner anlässlich der An-
hörung gemachten Schlussbemerkung auf die Frage 102 «... und so hat
unsere Beziehung angefangen» sich nicht einzig auf die Nacht bei
E._ im Elternhaus bezog, sondern auf die ganze Schilderung über
das Kennenlernen. Anlässlich der ergänzenden Anhörung sprach ihn das
SEM auf einen vermeintlichen Widerspruch bezüglich des Zeitpunkts als
er bei E._ zu Hause übernachtet habe, an (vgl. A41/30 F193). Der
Beschwerdeführer löste diesen Widerspruch auf und schilderte den Ablauf
analog der ersten Anhörung, wonach er ihn im Park kennen gelernt hat, sie
sich mehrere Male in Cafés und Hotels getroffen hätten und einmal im El-
ternhaus eine ganze Nacht zusammen verbracht hätten (vgl. Akte A41/30
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Seite 16
F193-196). Dass er zuvor anlässlich der ergänzenden Anhörung zwischen
dem ersten Treffen auf der Parkbank und der zwei oder drei Monate später
stattgefundenen Nacht im Elternhaus die Treffen in Hotels und Cafés nicht
erwähnte, ist als Sprung in der Erzählung zu erachten und nicht als Wider-
spruch (vgl. A41/30 F122). Im Ablauf des Kennenlernens sind deshalb
keine gewichtigen Unstimmigkeiten festzustellen. Ansonsten hat der Be-
schwerdeführer anschaulich erzählt, wie er E._ kennengelernt hat,
wie sie bei den Hotelbuchungen vorgegangen seien, wo sich Homosexu-
elle in B._ treffen würden und wie die Situation als Homosexueller
in Algerien rechtlich ist. Das Gericht bezweifelt deshalb die Homosexualität
des Beschwerdeführers nicht.
6.3 Hinsichtlich der Verfolgungsvorbringen geht das Gericht jedoch von ei-
nem konstruierten Sachverhalt aus. Die widersprüchlichen Aussagen hin-
sichtlich des Verlassens der Wohnung vor der Ausreise konnte der Be-
schwerdeführer nicht nachvollziehbar erklären. Anlässlich der Anhörung
schilderte er, er habe die Wohnung, wo er mit seiner Ehefrau gewohnt
habe, nicht mehr verlassen (vgl. A28/21 F67). Auch auf die später gestellte
Frage, wie er den Schlepper organisiert habe, führte er nicht wie anlässlich
der ergänzenden Anhörung aus, dass er diesen ausserhalb der Wohnung
aufgesucht habe (vgl. A41/30 F163), sondern, dass er von einem Freund
die Telefonnummer vom Schlepper erhalten habe (vgl. Akte A28/21 F78).
Demgegenüber gab er anlässlich der ergänzenden Anhörung an, dass er
mehrmals für kurze Zeit weggegangen sei, um einzukaufen und den
Schlepper zu organisieren (vgl. Akte A41/30 F163). Diese widersprüchli-
chen Aussagen bezüglich der Ausreiseorganisation und des Aufenthaltes
vor der Ausreise sprechen für einen konstruierten Sachverhalt. Schliesslich
hat der Beschwerdeführer gewusst, wo E._ wohnt, weshalb es nicht
nachvollziehbar ist, dass er diesen nach einer sechsjährigen Beziehung
vor der Ausreise nicht kontaktiert hat, um seine Jacke und sein Telefon zu
holen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen und ihn über seine Aus-
reisepläne zu informieren. Selbst wenn dieser bei den Eltern wohnte, hätte
er die Möglichkeit gehabt, sich als Kollege ihres Sohnes auszugeben und
ihm eine Nachricht zu hinterlassen mit der neuen Telefonnummer. Auf ei-
nen konstruierten Sachverhalt ist ferner auch deshalb zu schliessen, weil
sich der Beschwerdeführer nach dem Zwischenfall in der Höhle nicht ver-
steckt hat. Hätte er sich tatsächlich davor gefürchtet, dass ihn sein Bruder
umbringen möchte, hätte er sich nicht an seinem Wohnort aufgehalten. Er
hätte dort jederzeit damit rechnen müssen, dass sein Bruder auftaucht, al-
lenfalls seine Frau über seine sexuelle Orientierung informiert und in die
Wohnung stürmt, um ihn zu töten. Zudem wurde der Handlungsablauf in
D-5162/2020
Seite 17
der Höhle, das zentrale Ereignis der Asylvorbringen des Beschwerdefüh-
rers, anlässlich der freien Schilderungen der Asylgründe nicht übereinstim-
mend geschildert. Anlässlich der Anhörung erwähnte der Beschwerdefüh-
rer nämlich keine Handgreiflichkeiten zwischen ihm und seinem Bruder
(vgl. Akte A28/21 F65 und A41/30 F49) und seine Schilderungen in der er-
gänzenden Anhörung waren keineswegs substantiierter als diejenigen in
der ersten Anhörung, so dass nicht von einer Präzisierung des Sachver-
halts ausgegangen werden kann. Ferner fehlen beiden freien Schilderun-
gen Realkennzeichen, welche auf einen erlebnisbasierten Sachverhalt hin-
weisen würden. Der Beschwerdeführer springt anlässlich der ersten Anhö-
rung in seiner Geschichte zwar zurück, als er erklärte, wie sein Freund
heisse und seit wann er mit diesem zusammen ist und seine Ausführungen
enthalten einen Gedankengang dazu, wie sein Bruder herausgefunden ha-
ben könnte, dass er sich mit einem Mann treffe. Ansonsten werden die Ge-
schehnisse in der Höhle jedoch ohne Emotionen, Details und ohne Wie-
dergabe des Wortwechsels zwischen den drei beteiligten Personen ge-
schildert. Auf Nachfrage gab der Beschwerdeführer zwar mehr Details
preis und verlieh dem Geschehenen mehr Substanz, ohne dass allerdings
anschaulich wird, wie der Bruder in die Höhle schritt, er den Beschwerde-
führer mit dem Messer bedrohte und E._ den Bruder zurückhielt,
um dem Beschwerdeführer die Flucht zu ermöglichen (vgl. A41/30 F92 f.).
Dass der Beschwerdeführer aus Scham daran gehindert gewesen sei,
diesbezüglich substantiierter zu berichten, ist nicht nachvollziehbar. Auf-
grund der widersprüchlichen Aussagen zum Aufenthalt vor der Ausreise,
dem nicht nachvollziehbaren gleichgültigen Verhalten gegenüber
E._ vor der Ausreise und der nicht erlebnisgeprägten freien Schil-
derungen des Zwischenfalls in der Höhle, ist nicht davon auszugehen, dass
er vor seiner Ausreise von seinem Bruder bei gleichgeschlechtlichem Sex
überrascht worden ist und dieser ihn deswegen mit dem Tod bedroht hat.
6.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer nicht
glaubhaft zu machen vermag, dass er aufgrund seiner Homosexualität von
seinem Bruder verfolgt worden ist. Es besteht auch kein Grund zur An-
nahme, der Beschwerdeführer sei in Algerien zum Zeitpunkt der Ausreise
von staatlicher Seite wegen seiner Homosexualität verfolgt worden oder er
habe begründete Furcht vor Verfolgung gehabt (vgl. A28/21 F97-100).
7.
7.1 In der Beschwerde wird zusätzlich darauf hingewiesen, der Beschwer-
deführer habe als Homosexueller in Algerien eine begründete Furcht,
D-5162/2020
Seite 18
ernsthaften Nachteilen – insbesondere einem unerträglichen psychischen
Druck nach Art. 3 Abs. 2 AsylG – ausgesetzt zu werden.
7.2 Die Annahme, das Verheimlichen einer persönlichen Überzeugung be-
ziehungsweise einer mit der Persönlichkeit untrennbar verknüpften Eigen-
schaft bewirke einen unerträglichen psychischen Druck, setzt voraus, dass
die betroffene Person in einem Umfeld zu leben gezwungen ist, in welchem
sie Gefahr läuft, dass eben diese Überzeugung oder Eigenschaft entdeckt,
denunziert und sanktioniert wird. Je grösser die Gefahr ist, durch eine un-
bedachte Geste oder Äusserung entdeckt zu werden, und je gravierender
die staatliche oder private Sanktionierung im Falle der Entdeckung ausfällt,
desto eher ist davon auszugehen, die betroffene Person stehe unter einem
psychisch unerträglichen Druck, weil sie gezwungen ist, ihre Persönlichkeit
zu verleugnen und ein Doppelleben zu führen, um nicht entdeckt zu wer-
den. Die Tatsache, dass eine Person darauf angewiesen ist, durch diskre-
tes Verhalten einer Verfolgung auszuweichen, spricht gerade dafür, dass
eine begründete Furcht vorliegt. So könnte dieses Verhalten in letzter Kon-
sequenz bei schwerwiegenden drohenden Verfolgungsmassnahmen dazu
führen, dass eine Person nicht als Flüchtling anerkannt wird, da sie sich
äusserst zurückhaltend gezeigt hat, um Verfolgungsmassnahmen zu ent-
gehen. Im Umkehrschluss würde dies zudem bedeuten, dass eine Person,
welche sich bislang diskret verhalten hatte, zuerst outen und schliesslich
die dementsprechenden Verfolgungsmassnahmen gewärtigen müsste, be-
vor sie allenfalls ausreisen und als Flüchtling anerkannt werden könnte.
Personen so zu einem gesellschaftskonformen Verhalten anzuhalten
würde ferner bedeuten, dass sie sich dem in ihrem Heimatstaat „üblichen“
Unrecht fügen sollten (vgl. Referenzurteil D-6539/2018 vom 2. April 2019
E. 8.2 m.w.H.).
7.3 In Algerien werden öffentliche Unsittlichkeit und gleichgeschlechtliche
sexuelle Beziehungen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren und
einer Busse von 10'000 Dinar bestraft. Gemäss verschiedenen Quellen sei
es zwar zu Verhaftungen und Misshandlungen in Polizeigewahrsam von
LGBTI-Personen (Lesbian, Gay, Bisexual, Transexuell/Transgender und
Intersexual) gekommen, aber immer im Zusammenhang mit anderen Tat-
beständen wie Prostitution oder öffentlicher Unsittlichkeit. Strafrechtliche
Verfolgungen seien jedoch in den letzten Jahren keine bekannt geworden.
Die algerischen Behörden würden homosexuelle Männer nicht per se zu
verfolgen versuchen, selbst, wenn ihnen homosexuelle Handlungen be-
kannt werden. Auch LGBTI-Personen, die offen mit ihrer sexuellen Orien-
D-5162/2020
Seite 19
tierung umgehen, würden von den staatlichen Behörden nicht verfolgt. Auf-
grund des sozialen Tabus und der Stigmatisierung von Homosexuellen in
der konservativen islamischen Gesellschaft Algeriens würden sie sich un-
auffällig verhalten und keine sichtbaren Gemeinschaften bilden. Werden
Homosexuelle verfolgt, geschehe dies durch ihre eigenen Familien aus
Scham und weil damit Schande über die Familie gebracht werde (vgl. Free-
dom House, Freedom in the world 2020 – Algeria, 4. März 2020, Human
Rights Watch, World Report 2019, Algeria, 17. Januar 2019, Home Office,
Contry Policy and Information Note, Algeria: Sexual orientation and gender
identity, Mai 2020, US State Departement, Country Reports on Human
Rights Practices for 2019 – Algeria, 12. März 2020).
7.4 Vor diesem Hintergrund ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Homose-
xualität des Beschwerdeführers in Algerien bei deren Entdeckung zu Sank-
tionen von staatlicher Seite führt, gering. Er hat im Verlaufe seines Asylver-
fahrens auch nie geltend gemacht, sein Verhalten in der Öffentlichkeit habe
jemals zu einer Anzeige beziehungsweise behördlichen Verfolgungsmass-
nahmen gegen ihn geführt. Vielmehr hält er fest, es sei nie ein entspre-
chendes Verfahren gegen ihn eröffnet beziehungsweise er selbst in diesem
Zusammenhang jemals inhaftiert worden (vgl. A28/21 F97-100). Dies, ob-
wohl er seine Homosexualität nach eigenem Bekunden sieben Jahre lang
– wenn auch geheim – ausgelebt und mit E._ eine feste Beziehung
gehabt habe. Er fürchtete sich einzig vor den Reaktionen seiner Familie,
derentwegen er denn auch das Doppelleben führte. Der Beschwerdeführer
ging verschiedenen beruflichen Tätigkeiten nach, konnte reisen und das
Doppelleben empfand er nicht als Belastung. So gab er anlässlich der An-
hörung an, er habe ein gutes Leben in Algerien gehabt (vgl. A28/21 F143).
Bei dieser Sachlage weist im Ergebnis nichts darauf hin, dass er sich in
seiner Heimat aufgrund seiner Homosexualität persönlich in einer Situation
eines unerträglichen psychischen Drucks befunden hätte, weshalb auch
nicht ersichtlich ist, inwiefern er in absehbarer Zukunft und mit erheblicher
Wahrscheinlichkeit in eine derartige Lage geraten könnte. Sollte die Fami-
lie des Beschwerdeführers tatsächlich Kenntnis von seiner Homosexualität
erlangt haben und würden sie ihn, wie vom Beschwerdeführer geltend ge-
macht, bedrohen, stünde dem Beschwerdeführer mit einer breiten und
langjährigen Arbeitserfahrung immer noch die Möglichkeit offen, sich an
einem anderen Ort in Algerien niederzulassen. Insofern der Beschwerde-
führer geltend macht, er würde aufgrund des verwandtschaftlichen Netzes
überall in Algerien von seinen Brüdern ausfindig gemacht werden, ist dies
als eine nicht weiter substantiierte Behauptung einzustufen. Es ist vielmehr
davon auszugehen, dass die Brüder das Interesse an ihm verlieren, sobald
D-5162/2020
Seite 20
er sich aus dem Radius der Nachbarschaft und Freunden der Familie be-
gibt. Unter diesen Umständen hat der Beschwerdeführer als Homosexuel-
ler in Algerien keine begründete Furcht, ernsthaften Nachteilen – insbeson-
dere einem unerträglichen psychischen Druck nach Art. 3 Abs. 2 AsylG –
ausgesetzt zu werden.
8.
Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht, was ge-
eignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest
glaubhaft zu machen. Das SEM hat sein Asylgesuch demnach zu Recht
abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
D-5162/2020
Seite 21
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
10.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihm unter Hinweis auf die Erwägungen zum
Asylpunkt nicht gelungen. Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in
Algerien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als
unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung ist demnach sowohl
im Sinn der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
D-5162/2020
Seite 22
10.3
10.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.3.2 Unter Berücksichtigung der allgemeinen heutigen Sicherheitslage in
Algerien sind keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass der Beschwerde-
führer bei einer Rückkehr in sein Heimatland in konkreter Weise gefährdet
wäre. Eine Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise kriegerischer
oder bürgerkriegsähnlicher Verhältnisse liegt in Algerien nicht vor.
10.3.3 Die Erwägungen des SEM, wonach keine individuellen Gründe er-
sichtlich seien, welche eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Alge-
rien als unzumutbar erscheinen lassen würden, erweisen sich als zutref-
fend. Den Angaben des Beschwerdeführers zufolge lebte er von seiner Ge-
burt bis zur Ausreise in B._ und hielt sich von 2010 bis 2012 in Grie-
chenland und der Türkei auf. Er hat die Schule vorzeitig beendet und da-
nach im Bau-, Textil- Reinigungs- und Sicherheitsgewerbe gearbeitet. Er
hat einen Berufsabschluss als (...) und von 2015 bis kurz vor seiner Aus-
reise bei (...) im Aussendienst gearbeitet. Er verfügt mit seinem Vater, den
Brüdern, seiner Frau und dem Freund E._ über ein Beziehungsnetz
in Algerien. Unter diesen Umständen ist nicht davon auszugehen, dass er
bei einer Rückkehr nach Algerien in eine existenzielle Notlage geraten
würde. Mit Eingabe vom 19. Januar 2021 macht er erstmals psychische
Probleme geltend. Im ärztlichen Schreiben wurde ausgeführt, dass der Be-
schwerdeführer wegen psychischer Dekompensation freiwillig in die (...)
eingetreten sei. Fremdanamnestisch habe der Beschwerdeführer in den
letzten zwei Monaten 20 kg abgenommen. Er mache sich grosse Sorgen
über seine Zukunft und habe daher ständig Gedankenkreisen. Er wirke nie-
dergestimmt und depressiv und werde deshalb medikamentös behandelt.
Es sei aber noch keine Diagnosen eruiert worden. Bis zum heutigen Zeit-
punkt wurde kein Arztbericht mit einer Diagnose eingereicht. Es ist deshalb
davon auszugehen, dass sich der Beschwerdeführer inzwischen erholt hat
und wieder gesund ist. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der
Wegweisung nicht als unzumutbar.
D-5162/2020
Seite 23
10.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätz-
lich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da
ihm indessen mit Zwischenverfügung vom 28. Oktober 2020 die unentgelt-
liche Prozessführung gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten zu er-
heben.
12.2 Mit Verfügung vom 28. Oktober 2020 wurde dem Beschwerdeführer
Frau Rechtsanwältin Hatun G. Metin als amtliche Rechtsbeiständin beige-
ordnet. Die notwendigerweise erwachsenen Parteikosten sind deshalb
durch das Bundesverwaltungsgericht zu übernehmen (vgl. Art. 102m
Abs. 1 Bst. a AsylG i.V.m. Art. 9–14 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). Seitens der Rechtsvertretung wurde mit Eingabe
vom 30. November 2021 eine aktualisierte Kostennote eingereicht, worin
der zeitliche Aufwand von 21 Stunden 50 Minuten à Fr. 200.– und Porto-
spesen von Fr. 10.60 aufgeführt sind. Der geltend gemachte zeitliche Auf-
wand sowohl für das Aktenstudium und das Verfassen der Beschwerde von
insgesamt 13 Stunden und 10 Minuten (15.10.2020, 17.10.2020 und
18.10.2020) wie auch der Replik von 2 Stunden 15 Minuten erscheint in-
dessen im Vergleich zu ähnlich gelagerten Fällen als überhöht. Der Auf-
wand für das Aktenstudium und das Verfassen der Beschwerde ist auf
7 Stunden und für das Verfassen der Replik auf eine Stunde zu kürzen.
Zudem hat das letzte Telefonat bezüglich des Transfers in eine andere Un-
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terkunft nichts mit dem Beschwerdeverfahren zu tun. Insgesamt ist von ei-
nem Aufwand von 14 Stunden auszugehen. Gestützt auf die in Betracht zu
ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist der Rechtsbeistän-
din zu Lasten des Bundesverwaltungsgerichts deshalb ein Honorar von
insgesamt Fr. 3026.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v.
Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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