Decision ID: ada4f56a-eb0d-4825-8ac3-a49fbe4c48ee
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
einfache Körperverletzung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster, Einzelgericht, vom
8. Januar 2014 (GG130031)
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See / Oberland vom 12. Juli 2013
(Urk. 33) ist diesem Urteil beigeheftet.
- 2 -
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 58 S. 48 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123
Ziff. 1 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
− der Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu
Fr. 70.– und mit einer Busse von Fr. 1'000.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 4 Jahre
festgesetzt. Die Busse ist zu bezahlen.
4. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle
eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen.
5. Die mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft See/Oberland vom 20. Februar
2012 ausgefällte bedingte Geldstrafe von 75 Tagessätzen zu je Fr. 130.–
wird widerrufen.
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger Fr. 500.– zuzüglich 5 %
Zins ab 26. Februar 2012 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird
das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
7. Der Privatkläger wird mit seinem Schadenersatzbegehren auf den Weg des
Zivilprozesses verwiesen.
8. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 2'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 212.25 Auslagen Vorverfahren
Fr. 1'500.00 Gebühr Vorverfahren
- 3 -
Fr. 10'072.90 Kosten des Rechtsbeistandes des Privatklägers Wird auf eine schriftliche Begründung des Urteils verzichtet, so reduziert
sich die Entscheidgebühr um einen Drittel.
9. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
10. Die Kosten für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung des Privatklägers im
Umfang von Fr. 7'188.80 werden auf die Gerichtskasse genommen.
11. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger eine Entschädigung für
die die unentgeltliche Rechtsverbeiständung übersteigenden Kosten des
Rechtsbeistandes des Privatklägers von Fr. 2'884.10 zu bezahlen.
12. (Mitteilung)
13. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 7 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 92 S. 1):
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Uster vom 8. Januar 2014 sei vollumfänglich
zu bestätigen und entsprechend sei die Berufung des Privatklägers abzu-
weisen.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten des Staates, eventuali-
ter des Privatklägers.
b) Der Staatsanwaltschaft (Urk. 66 S. 1):
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
c) Der Privatklägerschaft (Urk. 91 S. 1):
- 4 -
Die Berufung sei gutzuheissen, Ziff. 1-4 sowie Ziff. 6 Urteil Einzelgericht Straf-
sachen Bezirksgericht Uster vom 08.01.2014 aufzuheben, den 2. Berufungs-
beklagten und Beschuldigten der schweren Körperverletzung im Sinne von
Art. 122 Abs. 3 StGB schuldig zu sprechen, angemessen zu bestrafen sowie dem
Berufungskläger und Privatkläger eine Genugtuung von vorerst Fr. 5'000.-- nebst
5 % Schadenzins seit 26.02.2012 zu entrichten – und dies unter Einräumung der
Möglichkeit, je nach Ausgang der Expertise die Genugtuungssumme verhältnis-
mässig zu erhöhen sowie für die Geltendmachung des Ersatzes des weiteren
Schadens den Berufungskläger und Privatkläger auf den Zivilweg zu verweisen.

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum erstinstanzlichen Urteil kann zwecks
Vermeidung von unnötigen Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen im
angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 58 S. 4 ff.).
1.2. Mit Urteil des Einzelgerichts in Strafsachen des Bezirksgerichts Uster vom
8. Januar 2014 wurde der Beschuldigte B._ der versuchten einfachen Kör-
perverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB sowie der Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB schuldig gespro-
chen und mit einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu Fr. 70.-- sowie mit einer
Busse von Fr. 1'000.-- bestraft. Der Vollzug der Geldstrafe wurde aufgeschoben
und die Probezeit auf 4 Jahre festgesetzt. Für den Fall der schuldhaften Nichtbe-
zahlung der Busse setzte die Vorinstanz eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen
fest. Zudem ordnete sie den Widerruf der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft
See/Oberland vom 20. Februar 2012 ausgefällten bedingten Geldstrafe von
75 Tagessätzen zu je Fr. 130.-- an und verpflichtete den Beschuldigten zur
Bezahlung einer Genugtuung von Fr. 500.-- zuzüglich Zins zu 5 % ab 26. Februar
- 5 -
2012. Im Mehrbetrag wurde das Genugtuungsbegehren des Privatklägers
abgewiesen. Mit seinem Schadenersatzbegehren wurde der Privatkläger voll-
umfänglich auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen. Schliesslich auferlegte die
Vorinstanz die Kosten der Untersuchung und des vorinstanzlichen Verfahrens
dem Beschuldigten und verpflichtete ihn, dem Privatkläger eine Entschädigung für
die die unentgeltliche Rechtsverbeiständung übersteigenden Kosten des Rechts-
beistandes des Privatklägers von Fr. 2'884.10 zu bezahlen (Urk. 58 S. 48 ff.).
1.3. Gegen das Urteil liess der Privatkläger innert Frist Berufung anmelden
(Urk. 51). Ebenso fristgerecht ging die betreffende Berufungserklärung mit
den Beweisanträgen des Privatklägers ein (Urk. 61). Mit Präsidialverfügung
vom 15. August 2014 wurde dem Beschuldigten und der Anklagebehörde Frist
angesetzt um einerseits Anschlussberufung zu erklären respektive begründet
ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen und andererseits zu den
Beweisanträgen des Privatklägers Stellung zu nehmen (Urk. 64). Mit Eingabe
vom 28. August 2014 teilte die Anklagebehörde mit, sie verzichte auf die
Erhebung einer Anschlussberufung und beantrage die Bestätigung des
vorinstanzlichen Urteils. Zudem beantragte sie die Abweisung der gestellten
Beweisanträge (Urk. 66). Die Verteidigung des Beschuldigten teilte mit Eingabe
vom 4. September 2014 mit, der Beschuldigte verzichte auf die Erhebung einer
Anschlussberufung und beantrage – sinngemäss – die Abweisung der gestellten
Beweisanträge (Urk. 68). Nach Zustellung der Urk. 66 und 68 reichte der Vertreter
des Privatklägers am 22. September 2014 eine Vernehmlassung ein und stellte
gleichzeitig einen "Eventualbeweisantrag" (Urk. 72). Mit Präsidialverfügung
vom 30. September 2014 wurde dem Beschuldigten und der Anklagebehörde
Gelegenheit eingeräumt, um sich zum Eventualbeweisantrag des Privatklägers
zu äussern (Urk. 74). Mit Eingabe vom 1. Oktober 2014 liess der Beschuldigte
seinen Verzicht auf Vernehmlassung mitteilen (Urk. 76). Die Anklagebehörde
reichte innert Frist mit Schreiben vom 6. Oktober 2014 ihre Vernehmlassung ein
(Urk. 78). Mit Schreiben vom 9. Oktober 2014 reichte der Vertreter des Privatklä-
gers schliesslich unaufgefordert eine neuerliche Stellungnahme ein, welche als
Urk. 81 zu den Akten genommen wurde. Die Beweisanträge des Privatklägers
- 6 -
wurden in der Folge mit Präsidialverfügung vom 30. Oktober 2014 abgewiesen
(Urk. 83).
1.4. Am 16. Februar 2015 fand die Berufungsverhandlung statt, zu welcher der
Beschuldigte B._ und sein Verteidiger Rechtsanwalt lic. iur. Y._ sowie
der Privatkläger A._ und sein Vertreter Rechtsanwalt Dr. X._ erschienen
sind (Prot. II. S. 7).
2. Umfang der Berufung
2.1. Der Privatkläger lässt in seiner Berufungserklärung vom 14. August 2014
die Aufhebung der der Dispositiv Ziffern 1 - 4 sowie 6 des angefochtenen Urteils
beantragen (Urk. 61 S. 2).
2.2. Nicht angefochten ist somit der Widerruf der mit Strafbefehl der Staatsan-
waltschaft See/Oberland vom 20. Februar 2012 ausgefällten bedingten Geldstrafe
von 75 Tagessätzen zu je Fr. 130.-- gemäss Dispositiv Ziffer 5, die Verweisung
auf den Weg des Zivilprozesses hinsichtlich des Schadenersatzbegehrens des
Privatklägers gemäss Dispositiv Ziffer 7, die Kostenfestsetzung gemäss Dispositiv
Ziffer 8, die Kostenauflage gemäss Dispositiv Ziffer 9, die Entschädigung der un-
entgeltlichen Rechtsverbeiständung des Privatklägers gemäss Dispositiv Ziffer 9,
die betreffende Kostenübernahme auf die Gerichtskasse gemäss Dispositiv Ziffer
10 sowie die Entschädigung des Privatklägers durch den Beschuldigten gemäss
Dispositiv Ziffer 11. In diesem Umfang ist das vorinstanzliche Urteil in Rechtskraft
erwachsen, was vorab mittels Beschluss festzustellen ist (Art. 404 Abs. 1 StPO).
3. Beweisanträge des Privatklägers
An der Berufungsverhandlung wiederholte der Privatkläger die bereits im Vorfeld
gestellten Beweisanträge. Er verlangte erneut, der Privatkläger sei als Auskunfts-
person über seinen heutigen Gesundheitszustand einzuvernehmen, es sei eine
Konfrontation der Zeugen C._ und D._ mit dem Beschuldigten durchzu-
führen und es sei eine Expertise einzuholen (Urk. 91 S. 1 ff.). Auf
diese Beweisanträge des Privatklägers ist hernach im Rahmen der Sachverhalts-
erstellung einzugehen.
- 7 -
II. Sachverhalt und rechtliche Würdigung
4. Sachverhalt
4.1. Die Vorinstanz kam nach durchgeführter Beweiswürdigung zusammen-
gefasst zum Schluss, dass der eingeklagte Sachverhalt mit den folgenden
Einschränkungen zweifelsfrei bewiesen und damit erstellt sei:
− Der im zweiten Absatz der Anklageschrift geschilderte Sachverhalt sei
insofern erstellt, als bewiesen sei, dass der Beschuldigte dem Privat-
kläger einen Faustschlag ins Gesicht versetzt habe. Wie heftig, mit
welcher Hand und auf welche Kieferseite der Beschuldigte geschlagen
habe, lasse sich indes nicht erstellen.
− Bezüglich des Anklagevorwurfes welcher sich bei der Treppe zugetra-
gen habe, lasse sich nicht erstellen, dass der Beschuldigte den Privat-
kläger losgelassen habe, "wie wenn er ihn habe hinunter werfen
wollen". Erstellen lasse sich lediglich, dass der Privatkläger dem
Beschuldigten entglitten sei.
− Schliesslich lasse sich nicht erstellen, dass der vom Beschuldigten
geführte Faustschlag für die geltend gemachten Verletzungen des
Privatklägers (Kieferbruch und Gehirnerschütterung) kausal gewesen
sei. Ebenso wenig lasse sich beweisen, dass zwischen dem Entgleiten
des Privatklägers aus den Händen des Beschuldigten sowie dem
entsprechenden Aufschlagen mit dem Kopf auf der Treppe und den
eingetretenen Verletzungen ein Kausalzusammenhang bestehe.
4.2. Der Privatkläger liess im Rahmen seiner Berufungserklärung sinngemäss
und zusammengefasst vorbringen, es könne durch Abnahme der durch ihn
beantragten Beweise erstellt werden, dass es gar keinen Unbekannten gegeben
habe, welcher den zweiten Faustschlag ausgeführt habe. Dieser sei dem Privat-
kläger nämlich ebenfalls vom Beschuldigten verabreicht worden. Entsprechend
sei einzig und alleine der Beschuldigte für den heutigen Gesundheitszustand des
Privatklägers verantwortlich (Urk. 61).
- 8 -
Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung brachte der Vertreter des Privat-
klägers zusammengefasst erneut vor, mit Abnahme der durch ihn beantragten
Beweise lasse sich zweifelsfrei erstellen, dass der Privatkläger nur vom Beschul-
digten geschlagen worden sei und dass ihm die heute bestehenden Verletzung
allein durch den Beschuldigten beigebracht worden seien. Der Privatkläger sei
über seinen heutigen Gesundheitszustand zu befragen. Sodann sei eine Konfron-
tation von C._ und D._ mit dem Beschuldigten keinesfalls unerheblich.
Weiter sei eine Expertise einzuholen, allerdings nur, wenn mittels Konfrontations-
einvernahme habe erstellt werden können, dass der Beschuldigte dem Privatklä-
ger auch den zweiten Schlag verpasst hatte. Könne dies nicht bewiesen werden,
so sei eine Expertise überflüssig (Urk. 91 S. 3 ff.).
4.3. Zunächst ist festzuhalten, dass die Vorinstanz unter Berücksichtigung
sämtlicher vorhandener Beweismittel eine sehr sorgfältige und eingehende Be-
weiswürdigung vorgenommen hat, welche im Ergebnis weder zu ergänzen, noch
zu beanstanden ist. Auf die betreffenden Erwägungen – sowohl theoretischer wie
materieller Natur – kann in Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO vollumfänglich
verwiesen werden (Urk. 58 S. 7 ff.). Zu recht wird denn auch die Beweiswürdi-
gung der Vorinstanz durch die Vertretung des Privatklägers nicht substantiiert in
Frage gestellt.
4.4. Offenkundig zielen die Bemühungen des Privatklägers im vorliegenden
Berufungsverfahren darauf ab, den Beschuldigten für sämtliche verabreichten
Faustschläge und damit für die geltend gemachten gesundheitlichen Beeinträchti-
gungen des Privatklägers zunächst straf- und hernach zivilrechtlich verantwortlich
zu machen. Zu diesem Zweck liess er denn auch eine Reihe von Beweisanträgen
stellen, welche allesamt in diesem Kontext zu sehen sind. Einerseits geht es dem
Privatkläger darum, den Beschuldigten als diejenige Person zu identifizieren, wel-
che scheinbar beide Faustschläge verabreicht hat und anderseits soll die Kausali-
tät des vermeintlich deliktischen Verhaltens für die eingetretenen Schädigungen
und die betreffenden Spätfolgen bewiesen werden (Urk. 61 S. 3; Urk. 91 S. 3 ff.).
Die Vertretung des Privatklägers verkennt bei Ihrer Argumentation und den darauf
basierenden (Beweis-)Anträgen indes, dass sowohl die Vorinstanz, als auch das
- 9 -
Berufungsgericht an den in der Anklage umschriebenen Sachverhalt gebunden ist
(Art. 350 StPO i.V.m. Art. 379 StPO). Soweit sie also den Anklagesachverhalt
nach ihrem Belieben anders darzustellen versucht, steht diesem Ansinnen das
Immutabilitätsprinzip entgegen, welches Teil des in Art. 9 Abs. 1 StPO veranker-
ten Anklageprinzips ist. Dieses besagt bekanntlich, dass der zur Anklage
gebrachte Sachverhalt nach der Eröffnung der Hauptverhandlung grundsätzlich
weder durch das Gericht noch durch die Parteien verändert werden darf. Eine
Änderung respektive Erweiterung der Anklage ist nach dem Willen des Gesetz-
gebers lediglich innerhalb der strengen Vorgaben von Art. 333 StPO möglich.
Während eine Änderung der Anklage nur dann denkbar wäre, wenn das Gericht
der Auffassung ist, der in der Anklagschrift umschriebene Sachverhalt erfülle
einen anderen Straftatbestand und die Anklageschrift erfülle diesbezüglich die
gesetzlichen Anforderungen nicht (Art. 333 Abs. 1 StPO), ist eine Erweiterung der
Anklage nur dann möglich, wenn während des Hauptverfahrens neue Straftaten
der beschuldigten Person bekannt werden (Art. 333 Abs. 2 StPO).
4.5. Gestützt auf den vorliegend zur Anklage gebrachten Sachverhalt besteht
kein Raum, den Beschuldigten auch für den zweiten, heftigeren Faustschlag
gegen das Gesicht des Privatklägers verantwortlich zu machen. Die Anklagebe-
hörde hat gestützt auf das Untersuchungsergebnis in ihrer Anklageschrift vom
12. Juli 2013 unmissverständlich zur Anklage gebracht, dass der Beschuldigte
dem Privatkläger "lediglich" eine Ohrfeige und einen Faustschlag ins Gesicht ver-
setzt habe. Den zweiten, heftigeren Faustschlag, hat gemäss Anklageschrift nicht
der Beschuldigte, sondern ein namentlich nicht bekannter, kahlköpfiger Dritter
dem Privatkläger verabreicht (Urk. 33 S. 2 Abs. 3). Nach eingehender und gründ-
licher Würdigung der vorhandenen Beweismittel kam die Vorinstanz zum Schluss,
dass hinsichtlich der umstrittenen Sachverhaltselemente namentlich die Aus-
sagen von C._ für die Wahrheitsfindung aufschlussreich seien. Zu recht er-
wog sie, dass seine im Rahmen der polizeilichen und der staatsanwaltlichen Be-
fragung zu Protokoll gegebenen Aussagen konstant geblieben seien. C._
habe das Erlebte konkret und anschaulich beschrieben, wobei er sowohl Neben-
sächliches als auch Bedeutendes mit derselben Präzision geschildert habe. Fer-
ner habe er auch konkrete Gespräche wiedergegeben, seine ihn im Tatzeitpunkt
- 10 -
beherrschenden Emotionen sowie sein Verhalten geschildert und den
Beschuldigten auch teilweise entlastet, indem er beispielsweise ausgeführt habe,
dass der unbekannte Täter dem Privatkläger den heftigeren Faustschlag erteilt
habe. Es erscheine unwahrscheinlich, dass C._ die von ihm gemachten Aus-
führungen auch ohne realen Erlebnishintergrund hätte machen können. Im Weite-
ren habe C._ differenzierte und vorsichtige Aussagen bezüglich der Frage,
ob der Privatkläger zu Beginn gegenüber dem Beschuldigten aggressiv gewesen
sei und ob der Beschuldigte den Privatkläger bewusst die Treppe hinunter ges-
tossen habe, gemacht. All dies spreche für die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen
(Urk. 58 S. 24). Gestützt auf das nicht zu beanstandende Beweisergebnis der Vo-
rinstanz und insbesondere auf die überzeugenden Depositionen von C._ be-
steht für das Berufungsgericht keinerlei Veranlassung vom Immutabilitätsprinzip
abzuweichen und die Anklagebehörde in Anwendung
von Art. 333 Abs. 1 StPO zur Änderung ihrer Anklageschrift aufzufordern.
Entsprechend werden auch die von der Vertretung des Privatklägers gestellten
Beweisanträge obsolet.
4.6. Zusammenfassend kann damit festgehalten werden, dass die Vorinstanz
eine gründliche und überzeugende Beweiswürdigung vorgenommen hat, die ohne
weiteres übernommen werden kann (Art. 82 Abs. 4 StPO). Namentlich besteht
gestützt auf die glaubhaften und konstanten Aussagen des Zeugen C._ kein
Grund daran zu zweifeln, dass neben dem Beschuldigten auch noch eine unbe-
kannte "kahlköpfige" Drittperson in die Auseinandersetzung involviert war und
dass es eben diese Person – und nicht der Beschuldigte – war, die dem Privat-
kläger den zweiten, heftigen Faustschlag ins Gesicht verpasste. Weshalb
C._, nachdem er sowohl als Auskunftsperson bei der Polizei wie auch im
Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme als Zeuge übereinstimmende
und widerspruchsfreie Aussagen zur Frage, wer den zweiten heftigeren Faust-
schlag ausgeführt habe, gemacht hat, nun drei Jahre nach dem fraglichen Vorfall
in einer neuerlichen Befragung etwas vollkommen Gegenteiliges aussagen sollte,
bleibt unerfindlich. Selbst wenn es aber so wäre, so müsste ein derartiges Aussa-
geverhalten sehr hellhörig machen. Diesfalls würde sich unweigerlich die Frage
stellen, wer oder was den Zeugen dazu motiviert haben könnte, seine klaren und
- 11 -
unmissverständlichen Schilderungen des fraglichen Vorfalls nun neuerdings dia-
metral anders darzustellen. Dasselbe gilt für die Aussagen des Zeugen D._.
Auch der Zeuge D._ ging unmissverständlich davon aus, dass der Privatklä-
ger von zwei verschiedenen Personen geschlagen worden war. Er sprach in sei-
ner Einvernahme immer von einer zweiten Person, die den entscheidenden
Schlag geführt hatte (Urk. 20 S. 5 und 7 f.). Weshalb er seine Aussagen nun da-
hingehend abändern sollte, dass nur eine Person geschlagen hatte, bleibt eben-
falls unerfindlich. In Übereinstimmung mit den vorinstanzlichen Erwägungen ist
der Anklagesachverhalt mit den unter Ziffer 4.1. vorstehend
genannten Einschränkungen erstellt. Davon ist im Rahmen der rechtlichen
Würdigung auszugehen.
5. Rechtliche Würdigung
5.1. Die Vorinstanz kam mit der Anklagebehörde zum Schluss, der Beschuldig-
te habe sich bezüglich des Faustschlages der versuchten einfachen Körperver-
letzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
schuldig gemacht hat. Hinsichtlich der Ohrfeige, die der Beschuldigte dem Privat-
kläger erteilte, kam die Vorinstanz zum Schluss, der Beschuldigte habe sich der
Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB schuldig gemacht (Urk. 58 S. 33 ff.).
5.2. Die Vertretung des Privatklägers beantragt einen Schuldspruch wegen
schwerer Körperverletzung im Sinne von Art. 122 Abs. 3 StGB. Dabei
beanstandet sie nicht die eigentliche rechtliche Würdigung der Vorinstanz,
sondern legt ihrer Subsumtion einen Sachverhalt zu Grunde, welcher einerseits,
wie oben dargelegt, nicht Gegenstand der Anklage ist und sich andererseits auch
nicht beweisen liesse.
5.3. Da es in tatsächlicher Hinsicht beim eingeklagten Sachverhalt – mit den
erwähnten Einschränkungen – sein Bewenden hat, und das Gericht wie bereits
dargelegt bei seiner rechtlichen Würdigung an den in der Anklage umschriebenen
und erstellten Sachverhalt gebunden ist (Art. 350 Abs. 1 StPO), kann die rechtli-
che Würdigung der Vorinstanz vollumfänglich bestätigt werden. Sie ist umfassend
- 12 -
und zutreffend und bedarf keiner Ergänzungen mehr. Darauf kann ohne weiteres
verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
III. Sanktion
Nachdem es beim vorinstanzlichen Schuldspruch bleibt und der Privatkläger unter
diesen Voraussetzungen den Entscheid hinsichtlich der ausgesprochenen Sank-
tion von Gesetzes wegen nicht anfechten kann (Art. 382 Abs. 2 StPO), hat es bei
der durch die Vorinstanz ausgefällten Sanktion sein Bewenden. Der Beschuldigte
ist daher mit einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu Fr. 70.-- sowie mit einer
Busse von Fr. 1'000.-- zu bestrafen, wobei der Vollzug der Geldstrafe unter
Ansetzung einer Probezeit von vier Jahren aufzuschieben ist. Die Busse ist zu
bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren
Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 10 Tagen.
Da der Beschuldigte in der Zwischenzeit mit Strafbefehlen vom 9. Juli 2014 sowie
vom 22. September 2014 bestraft worden ist, mithin vorliegend die Voraus-
setzungen für den Erlass einer Zusatzstrafe erfüllt sind, ist die heute auszuspre-
chende Strafe als Zusatzstrafe zu den mit erwähnten Strafbefehlen ausgespro-
chenen Strafen zu verhängen. Die Höhe der auszusprechenden Strafe erscheint
auch vor diesem Hintergrund nach wie vor angemessen. Zwar wäre die Strafe
aufgrund der Tatsache, dass sie als Zusatzstrafe auszufällen ist, etwas zu
reduzieren, dies wird aber durch die Delinquenz des Beschuldigten während
laufendem Verfahren ausgeglichen.
IV. Zivilforderung
6. Genugtuung
6.1. Wie bereits vor Vorinstanz (Urk. 47 S. 1 und Prot. I. S. 7), macht der
Privatkläger auch im Berufungsverfahren eine Genugtuung von "vorerst"
Fr. 5'000.– nebst 5% Schadenszins seit 26. Februar 2012 geltend (Urk. 61 S. 2;
Urk. 91 S. 1). Seinen Antrag begründete der Privatkläger aber nicht näher.
6.2. Die Vorinstanz hat sich zutreffend zur rechtlichen Anspruchsgrundlage
der Genugtuung gemäss Art. 47 ff. OR und zur diesbezüglichen Literatur und
- 13 -
Judikatur geäussert. Darauf kann vorab verwiesen werden (Urk. 58 S. 45 Ziff. 8.3;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
6.3. Der Beschuldigte hat dem Privatkläger eine Ohrfeige sowie einen Faust-
schlag ins Gesicht verpasst, wobei nicht erstellt ist, wie heftig der Beschuldigte
zuschlug. Ebenso wenig ist erstellt, dass die beim Privatkläger festgestellten ge-
sundheitlichen Beeinträchtigungen von der Ohrfeige, respektive vom Faustschlag
des Beschuldigten herrühren. Es fehlt mit anderen Worten an der Kausalität,
weshalb für die Beurteilung des Genugtuungsanspruches nicht von den erlittenen
gesundheitlichen Schädigungen ausgegangen werden kann. Vielmehr ist in
abstrakter Manier zu ermitteln, inwiefern der Privatkläger durch das deliktische
Verhalten des Beschuldigten widerrechtlich in seiner Persönlichkeit verletzt
wurde. Diesbezüglich hat die Vorinstanz mit Verweis auf die in Hütte/Ducksch/
Guerrero tabellarisch zusammengefasste Rechtsprechung erwogen, eine Genug-
tuung in der Höhe von Fr. 500.-- sei insbesondere auch unter Berücksichtigung
des Umstandes angemessen, dass der Privatkläger durch sein unziemliches Ver-
halten die Eskalation provoziert habe. Diese Argumentation der Vorinstanz kann
übernommen werden, dies umso mehr, als sich die Höhe der zuzusprechenden
Genugtuung auch im Quervergleich mit ähnlich gelagerten Fällen als korrekt
erweist.
6.4. Der Beschuldigte ist nach dem Gesagten in Bestätigung des ange-
fochtenen Entscheides zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtuung von
Fr. 500.-- zuzüglich Zins zu 5 % ab 26. Februar 2012 zu bezahlen. Im Mehrbetrag
ist das Genugtuungsbegehren abzuweisen.
V. Kosten und Entschädigungsfolgen
7.1. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 3'000.-- festzu-
setzen.
7.2 Die Kosten im Rechtsmittelverfahren tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Privatkläger
unterliegt mit seiner Berufung vollumfänglich, weshalb ihm die Kosten des
- 14 -
Berufungsverfahrens aufzuerlegen sind. Zufolge Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege sind die ihm aufzuerlegenden Kosten jedoch einstweilen auf die
Gerichtskasse zu nehmen.
7.3. Die unentgeltliche Vertretung des Privatklägers hat ihre Honorarnote einge-
reicht und ihren zeitlichen Aufwand mit 1205 Minuten plus drei Stunden für den
Tag der Berufungsverhandlung beziffert (Urk. 88). Der geltend gemachte zeitliche
Aufwand scheint angemessen und ist mit einem Stundensatz von Fr. 200.-- bzw.
Fr. 220.-- ab 1. Januar 2015 zu entschädigen. Rechtsanwalt Dr. iur. X._ ist
demzufolge mit Fr. 5'323.30 inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer zu ent-
schädigen. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung des Privatklägers sind
einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen, wobei die Rückzahlungspflicht des
Privatklägers gemäss Art. 138 Abs. 1 StPO in Verbindung mit Art. 135 Abs. 4
StPO vorbehalten bleibt.
7.4. Wird die einzig von der Privatklägerschaft erhobene Berufung abgewiesen,
hat jene die Verteidigungskosten der beschuldigten Person zu tragen (BGE 139
IV 45 E. 1). Obwohl dem Privatkläger die unentgeltliche Rechtspflege bewilligt
wurde, entbindet ihn diese nicht von der Pflicht zur Bezahlung einer Prozessent-
schädigung an den obsiegenden Beschuldigten (BSK StPO-Goran Mazzucchelli/
Mario Postizzi, N 7 zu Art. 136 StPO). Die Verteidigung des Beschuldigten hat
ihre Honorarnote eingereicht und beziffert ihre Aufwendungen mit Fr. 5'376.15
(Urk. 93). Der geltend gemachte Aufwand scheint angemessen, ist jedoch
ebenfalls um die Dauer von drei Stunden für den Tag der Berufungsverhandlung
zu erhöhen, sodass der Privatkläger als Folge seines vollumfänglichen Unterlie-
gens im Berufungsverfahren zu verpflichten ist, dem Beschuldigten für dessen
Verteidigungskosten eine Prozessentschädigung in der Höhe von Fr. 6'283.30
inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer zu bezahlen.