Decision ID: 212b1a2a-7b09-4673-b139-0b08dd32408a
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Fürsprecher Christoph A. Egli, Berneckerstrasse 26, Postfach 95,
9435 Heerbrugg,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Nichteintreten auf neues Leistungsgesuch (Rente)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 19. Mai 2003 aufgrund einer paranoiden Schizophrenie
zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons
St. Gallen an (IV-act. 1).
A.b Der Hausarzt der Versicherten, Dr. med. B._, Facharzt FMH für
Allgemeinmedizin, berichtete am 13. Juni 2003 über eine seit 1988 bekannte paranoide
Schizophrenie; nach der Einreise in die Schweiz im Jahr 1988 seien wiederholt Schübe
der anamnestisch bereits davor bekannten paranoiden Schizophrenie aufgetreten. Der
Versicherten sei eine ausserhäusliche Arbeit nicht zumutbar (IV-act. 6).
A.c Die Fachstelle für Sozialpsychiatrie und Psychotherapie berichtete am
3. September 2003 ebenfalls über eine paranoide Schizophrenie, aufgrund welcher die
Arbeitsfähigkeit seit Juli 2002 – die Behandlung dort war am 24. Juli 2002
aufgenommen worden – zu 50 % beeinträchtigt sei (IV-act. 8).
A.d Am 23. März 2004 fand eine Abklärung im Haushalt der Versicherten statt.
Anlässlich dieser gab die Versicherte unter anderem an, sie sei wegen der „psychisch-
geistigen Problematik“ mehrmals in der Klinik C._ hospitalisiert worden, bevor sie
dann auf eine Annonce ihres jetzigen Ehemannes hin in die Schweiz gekommen sei, wo
wiederum wiederholte stationäre Behandlungen notwendig gewesen seien (IV-act. 13–
1 ff.).
A.e Der Abklärungsbeauftragte beantragte am 8. April 2004 die Abweisung des
Rentengesuchs. Da die Versicherte bereits bei Einreise in die Schweiz invalid gewesen
sei, seien die versicherungsmässigen Voraussetzungen nicht erfüllt (IV-act. 13–11 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.f Mit Verfügung vom 3. Mai 2004 wies die IV-Stelle das Rentengesuch mangels
Erfüllung der versicherungsmässigen Voraussetzungen ab (IV-act. 16).
B.
B.a Am 29. Juni 2010 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug einer Rente bei
der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 17).
B.b Mit Verfügung vom 3. August 2010 trat die IV-Stelle auf das Rentengesuch nicht
ein (IV-act. 27).
C.
C.a Dagegen richtet sich die am 13. September 2010 erhobene Beschwerde, mit der
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Zusprache einer Invalidenrente
nach materieller Prüfung des Gesuchs beantragt werden und zur Begründung im
Wesentlichen ausgeführt wird, die tatsächlichen Verhältnisse hätten sich seit
Abweisung des Rentengesuchs im Mai 2004 erheblich verändert, die heute vorhandene
vollständige Invalidität bestehe erst seit Kurzem, und bei Einreise in die Schweiz sei die
Beschwerdeführerin noch nicht invalid gewesen (act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer
Beschwerdeantwort vom 4. November 2010 führte sie zur Begründung im
Wesentlichen aus, das erste Rentengesuch sei nicht wegen eines zu tiefen
Invaliditätsgrades, sondern mangels Erfüllung der versicherungsmässigen
Voraussetzungen abgewiesen worden; daran habe sich nichts geändert; die
versicherungsmässigen Voraussetzungen seien nach wie vor nicht erfüllt (act. G 4).
C.c Mit Replik vom 22. November 2010 liess die Beschwerdeführerin an ihren mit
Beschwerde vom 13. September 2010 gestellten Anträgen festhalten (act. G 6).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete sinngemäss auf eine Duplik (act. G 8).

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet die
Nichteintretensverfügung vom 3. August 2010. Zu prüfen ist mithin einzig die
Rechtmässigkeit des Nichteintretensentscheides; auf materielle Fragen ist nicht
einzugehen.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat die angefochtene Verfügung erlassen, ohne zuvor
das gesetzlich vorgesehene Vorbescheidsverfahren durchgeführt zu haben. Gemäss
Art. 57a Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20)
hat die IV-Stelle der versicherten Person den vorgesehenen Endentscheid über ein
Leistungsbegehren mittels eines Vorbescheids mitzuteilen. Als Endentscheid gilt ein
Entscheid, der das Verfahren prozessual abschliesst, sei dies mit einem materiellen
Entscheid oder durch Nichteintreten. Gegenstand eines Vorbescheides sind laut
Art. 73 Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) aber
nur jene Fragen, die in den Aufgabenbereich der IV-Stellen gemäss Art. 57 Abs. 1 lit. a–
d IVG fallen. Gemeint ist damit die frühere, bis zur 5. IV-Revision geltende Fassung des
Art. 57 Abs. 1 IVG. Somit ist ein Vorbescheid zu erlassen, wenn die vorgesehene
Verfügung die Abklärung der versicherungsmässigen Voraussetzungen (lit. a), die
Abklärung der Eingliederungsfähigkeit, die Berufsberatung und die Arbeitsvermittlung
(lit. b), die Bestimmung und Überwachung der Eingliederungsmassnahmen (lit. c) oder
die Bemessung des Invaliditätsgrades (lit. d) voraussetzt. Wäre die
Beschwerdegegnerin auf die Neuanmeldung der Beschwerdeführerin eingetreten, hätte
sie die versicherungsmässigen Voraussetzungen überprüfen müssen. Die
anschliessend zu erlassende Verfügung wäre also „vorbescheidspflichtig“ gewesen.
Dies rechtfertigt es – über den allzu engen Gesetzeswortlaut hinausgehend und dem
Sinn und Zweck des Vorbescheides Rechnung tragend – auch für das Nichteintreten
auf eine Neuanmeldung von einer „Vorbescheidspflicht“ auszugehen (vgl. die Urteile
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen IV 2008/417 vom 19. Juni 2009 und
IV 2009/174 vom 13. April 2010). In diesem Vorbescheid hätte nicht nur das
Nichteintreten auf die Neuanmeldung angekündigt, sondern auch der Grund für den
vorgesehenen Nichteintretensentscheid genannt werden müssen.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Indem die Beschwerdegegnerin die angefochtene Verfügung erlassen hat, ohne
das Vorbescheidsverfahren durchgeführt zu haben, wurde der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf rechtliches Gehör verletzt (vgl. statt vieler BGE 125 V 401). Von
einer Rückweisung der Sache zur Gewährung des rechtlichen Gehörs kann dann
abgewichen werden, wenn dieses Vorgehen zu einem formalistischen Leerlauf und
damit zu unnötigen Verzögerungen im Verfahren führen würde, die mit dem
(gleichlaufenden und der Anhörung gleichgestellten) Interessen der Beschwerdeführerin
an einer möglichst beförderlichen Beurteilung ihres Anspruchs nicht zu vereinbaren
sind (BGE 116 V 182 E. 3d S. 187). Diese verfahrensökonomischen Gründe
rechtfertigen es, den an sich nicht gering zu schätzenden Verfahrensmangel mit dem
vorliegenden Verfahren, in welchem das Gericht mit voller Kognition ausgestattet ist, zu
ignorieren, nachdem die Beschwerdeführerin selber ein Urteil des Gerichts erwartet.
Der Verfahrensmangel wird aber bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen sein.
3.
3.1 Gemäss der rechtskräftigen Verfügung vom 3. Mai 2004 hat die
Beschwerdeführerin damals die versicherungsmässigen Voraussetzungen für einen
Rentenanspruch nicht erfüllt, weil sie bereits im Zeitpunkt ihrer Einreise in die Schweiz
in ihrer angestammten Tätigkeit im Haushalt wegen der paranoiden Schizophrenie in
rentenbegründendem Ausmass (40 %) arbeitsunfähig gewesen war. Vor diesem
Hintergrund könnte auf eine Neuanmeldung nur dann eingetreten werden, wenn sich in
der Zwischenzeit die rechtlichen Grundlagen betreffend versicherungsmässige
Voraussetzungen geändert hätten oder bei Vorliegen eines neuen Versicherungsfalls im
Sinne einer Erhöhung des Invaliditätsgrades aufgrund einer von der ursprünglichen
gesundheitlichen Beeinträchtigung völlig verschiedenen Gesundheitsstörung (vgl. BGE
136 V 369). Ein Anwendungsfall von Art. 87 Abs. 3 IVV, wonach eine Neuanmeldung zu
prüfen ist, wenn glaubhaft gemacht wird, dass sich der Invaliditätsgrad in einer für den
Anspruch erheblichen Weise geändert hat, liegt nicht vor, da das ursprüngliche
Rentengesuch nicht wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert wurde.
3.2 Eine Änderung der rechtlichen Grundlagen liegt zwar vor, nachdem die mass
gebende Bestimmung (Art. 36 Abs. 1 IVG) per 1. Januar 2008 abgeändert wurde. Es
handelt sich jedoch um eine Verschärfung der Anspruchsbedingungen, da neu für den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anspruch auf eine ordentliche Rente der Invalidenversicherung statt lediglich eines
Beitragsjahres drei Beitragsjahre verlangt werden. Die Beschwerdeführerin kann daraus
nichts zu ihren Gunsten ableiten. Andere Änderungen rechtlicher Art liegen nicht vor
und werden von der Beschwerdeführerin auch nicht geltend gemacht. Insbesondere
war das von ihr angerufene Freizügigkeitsabkommen schon im Zeitpunkt der ersten
Verfügung, nämlich bereits seit dem 1. Juni 2002, in Kraft. Im Übrigen ist die
Beschwerdeführerin seit ihrer Heirat im Jahr 1989 ohnehin Schweizer Bürgerin.
Zusammenfassend liegen keine Änderungen der rechtlichen Grundlagen vor, aufgrund
derer die Beschwerdegegnerin auf die Neuanmeldung hätte eintreten und (unter
anderem) die versicherungsmässigen Voraussetzungen umfassend prüfen müssen.
3.3 Bezüglich Verschlechterung des gesundheitlichen Zustands macht die
Beschwerdeführerin nicht geltend, es sei seit der rechtskräftigen Verfügung vom 3. Mai
2004 eine von der ursprünglichen gesundheitlichen Beeinträchtigung völlig
verschiedene Gesundheitsstörung im Sinn der zitierten Praxis gemäss BGE 136 V 369
aufgetreten. Vielmehr macht sie neu geltend, die paranoide Schizophrenie sei erst in
der Schweiz aufgetreten und nicht schon vor ihrer Einreise. In Österreich sei sie wegen
Depressionen behandelt worden. Diese Behauptung steht im Widerspruch zur
rechtskräftigen Verfügung vom 3. Mai 2004, weshalb diesbezüglich lediglich im
Rahmen einer Wiedererwägung gemäss Art. 53 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) eine umfassende
Prüfung erfolgen könnte. Da die Verwaltung nicht verpflichtet ist, eine rechtskräftige
Verfügung in Wiedererwägung zu ziehen, sondern dies vielmehr in ihrem freien
Ermessen liegt, ist auch diesbezüglich das Nichteintreten zu bestätigen. Dass nach
dem Erlass der Verfügung vom 3. Mai 2004 ein neuer Versicherungsfall eingetreten ist,
wird nicht behauptet und ist nicht belegt. Schliesslich ist ein Grund für eine so
genannte prozessuale Revision im Sinn von Art. 53 Abs. 1 ATSG nicht ersichtlich; ein
solcher wird denn auch nicht geltend gemacht.
4.
Dementsprechend ist die angefochtene Verfügung vom 3. August 2010 in Abweisung
der Beschwerde zu bestätigen. Die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und
angesichts des durchschnittlichen Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gerichtskosten wären an sich ausgangsgemäss vollumfänglich der Beschwerdeführerin
aufzuerlegen. Da die angefochtene Verfügung aber in Verletzung der
Vorbescheidspflicht ergangen ist, rechtfertigt es sich, einen Teil der Gerichtskosten der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (vgl. E. 2). Dementsprechend hat die
Beschwerdegegnerin Fr. 200.-- an die Gerichtskosten zu bezahlen, die
Beschwerdeführerin Fr. 400.--. Der von der Beschwerdeführerin geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird ihr daran angerechnet und im Restbetrag
zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin sodann eine
Parteientschädigung von Fr. 1’000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
zu entrichten, was in etwa einem Drittel der praxisgemässen Pauschale bei vollem
Obsiegen entspricht.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP