Decision ID: de32fcf4-e2d1-4664-92ad-3df7d19f559a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reiste am 14. September 2020 in die Schweiz
ein und wurde daraufhin dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region
B._ zugewiesen.
A.b Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) C._ er-
richtete am 2. Oktober 2020 eine Vertretungsbeistandschaft nach Art. 306
Abs. 2 i.V.m. Art. 308 Abs. 2 ZGB und ernannte Herrn D._, Sozial-
arbeiter des Kinder- und Jugenddienstes (KJD), zum Beistand.
A.c Das SEM befragte den Beschwerdeführer am 26. November 2020 im
Rahmen der Erstbefragung in Anwesenheit seiner Rechtsvertretung für
Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende (EB UMA) summarisch zu seiner
Person. Am 9. Februar 2021 hörte es ihn in Anwesenheit seines Beistan-
des vertieft zu seinen Asylgründen an. Dabei machte der Beschwerdefüh-
rer im Wesentlichen Folgendes geltend:
Er sei tadschikischer Ethnie und in E._ (phonetisch) im Distrikt
F._ (gleichnamige Provinz) geboren. Dort habe er bis zu Beginn der
Corona-Pandemie Anfang (...) die Schule besucht und fortan vornehmlich
zu Hause gelernt. Verschiedentlich sei er von anderen Kindern aus dem
Dorf als «Ungläubiger» verspottet worden und habe nicht mitspielen dür-
fen. Seine Eltern seien ihm nicht weiter bekannten Tätigkeiten für «Auslän-
der» nachgegangen, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu erwirt-
schaften. Auf Geheiss seiner Eltern habe er sich bezüglich dieser Tätigkei-
ten in der Öffentlichkeit stets bedeckt gehalten.
Etwa im (...) habe er einen Anruf des Vorgesetzten seines Vaters erhalten.
Dieser habe ihm mitgeteilt, dass seine Eltern von Taliban getötet worden
seien und er sowie seine Geschwister das Haus verlassen müssten. Eine
Nachbarin habe sie sodann zu seinem Onkel mütterlicherseits ins etwa
eine Autostunde entfernte G._ gefahren. Dort habe seine Schwes-
ter seinen Onkel und erstmals auch ihn (den Beschwerdeführer) davon in
Kenntnis gesetzt, dass seine Familie schon zuvor von Taliban-Exponenten
mit dem Tod bedroht worden sei. Sein Vater habe sich vergeblich um staat-
lichen Schutz bemüht. Sein Onkel sei sodann für eine Weile weggefahren,
bevor er den Tod seiner Eltern bestätigt habe. Am nächsten Tag sei er (der
Beschwerdeführer) mit seinen Geschwistern und seinem Onkel nach
E._ zurückgekehrt, wo er im Rahmen der Beisetzung von seinen
Eltern Abschied genommen habe. Tags darauf habe sein Onkel ihm und
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seinen Geschwistern gesagt, dass er nicht in der Lage sei, ihn weiter zu
beherbergen; auch habe sein Onkel Angst gehabt, in Probleme mit den
Taliban verwickelt zu werden. Sein Onkel habe ihn einem Bekannten über-
geben, der ihn sodann ins Ausland gebracht habe. Unterwegs habe er –
vermutlich an der Grenze zu Pakistan – seine Geschwister aus den Augen
verloren und bis heute nicht wiedergefunden.
Via ihm unbekannte Länder sei er in der Folge nach Griechenland gelangt,
wo er Übergriffen vonseiten anderer Jugendlicher ausgesetzt gewesen sei,
ehe er über ihm ebenfalls unbekannte Länder irregulär in die Schweiz wei-
tergereist sei. Er habe mehrere Suizidversuche hinter sich. Aufgrund seiner
von Hoffnungslosigkeit geprägten psychischen Situation stehe er hier in
regelmässiger psychologischer respektive psychiatrischer Behandlung.
Bei einer Rückkehr nach Afghanistan wüsste er nicht, wo er nach dem Tod
seiner Eltern Wohnsitz nehmen könnte. Zudem befürchte er, wie seine El-
tern von Taliban ermordet zu werden.
A.d Der Beschwerdeführer reichte beim SEM eine Kopie seiner Tazkira so-
wie eine von Griechenland aus beschaffte beglaubigte englische Überset-
zung seiner Tazkira zu den Akten. Des Weiteren befinden sich in seinem
Dossier mehrere medizinische Unterlagen aus Griechenland.
A.e Am gleichen Tag (9. Februar 2021) wurde der Beschwerdeführer dem
erweiterten Verfahren zugewiesen.
B.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 11. Februar 2021 fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab
und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Infolge Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs ordnete das SEM jedoch die vorläufige Auf-
nahme des Beschwerdeführers an.
C.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 15. März 2021 liess der Be-
schwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben und beantragen, die Ziffern 1-3 der angefochtenen
Verfügung seien aufzuheben, er sei als Flüchtling anzuerkennen und es
sei ihm Asyl zu gewähren, eventualiter sei der Entscheid aufzuheben und
die Sache zwecks Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht sei ihm die unentgeltliche Prozessführung
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zu gewähren, insbesondere sei er von der Bezahlung eines Kostenvor-
schusses zu befreien und es sei ihm in der Person der Unterzeichnenden
ein unentgeltlicher Rechtsbeistand beizuordnen. Ferner seien die Verfah-
rensakten der Vorinstanz beizuziehen.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 14. April 2021 hiess die damalige Instruktions-
richterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
– unter Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung – gut, und
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung wurde – unter Vor-
behalt des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung – ebenfalls gutgeheis-
sen und dem Beschwerdeführer wurde MLaw Joana Mösch als amtliche
Rechtsbeiständin beigeordnet.
E.
Mit Eingabe vom 22. April 2021 liess der Beschwerdeführer die Fürsorge-
bestätigung vom 16. April 2021 einreichen.
F.
Mit Instruktionsverfügung vom 26. Oktober 2021 ersuchte die damalige In-
struktionsrichterin die Vorinstanz um Vernehmlassung. Diese nahm in Ver-
nehmlassung vom 29. Oktober 2021 zur Beschwerde Stellung. Die Ver-
nehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 2. November 2021 zur
Kenntnis zugestellt.
G.
Aus organisatorischen Gründen wurde der Vorsitz im vorliegenden Be-
schwerdeverfahren am 17. November 2021 auf Richter Walter Lang über-
tragen.
H.
Mit Eingabe vom 7. Juni 2022 reichte die Rechtsbeiständin ein medizini-
sches Gutachten der (...) vom 1. Juni 2022 den Beschwerdeführer betref-
fend ein. Gleichzeitig erkundigte sie sich nach dem Verfahrensstand.
I.
Die Verfahrensstandanfrage wurde am 10. Juni 2022 unter Hinweis auf
den Wechsel im Vorsitz des Spruchkörpers beantwortet.
J.
Mit Eingabe vom 3. November 2022 teilte die für das erweiterte Verfahren
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gemäss Vollmacht vom 9. Februar 2021 mit weiteren Personen mit der In-
teressenwahrung des Beschwerdeführers beauftragten Rechtsanwältin
I._ mit, das "Mandat im vorliegenden Verfahren sei auf sie überge-
gangen." Gleichzeitig erklärte sie, sie lasse dem Gericht den beiliegenden
Zwischenbericht des behandelnden Psychiaters Dr. med. H._ vom
1. November 2022 zukommen. Diesem könne entnommen werden, dass
sich in den Therapiegesprächen herausgestellt habe, dass der Beschwer-
deführer homosexuell sei. Der behandelnde Psychiater beschreibe nach-
vollziehbar, weshalb dies nicht bereits früher im Verfahren ein Thema ge-
wesen sei. Sie ersuche das Gericht, diesen neuen Umstand, der zum be-
reits erhöhten Risikoprofil des Beschwerdeführers hinzukomme, im Urteil
zu würdigen.
K.
Mit Eingabe vom 18. November 2022 präzisierte Rechtsanwältin I_,
weshalb der Beschwerdeführer im bisherigen Verfahren aus Angst und
Scham nicht über seine Homosexualität gesprochen habe.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m. Art. 31‒33
VGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 2
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
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1.3 Die vorinstanzlichen Akten wurden am 16. März 2021 beigezogen,
weshalb sich der verfahrensrechtliche Antrag (Beizug der Vorakten) als ge-
genstandslos erweist.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Vorinstanz habe die Be-
gründung des Entscheids äusserst knappgehalten. Der angefochtene Ent-
scheid lasse eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Vorbringen
des Beschwerdeführers vermissen. Auf lediglich einer halben Seite werde
sinngemäss festgehalten, dass sich keine Hinweise auf eine gezielte Ver-
folgung durch die Taliban ergeben würden, ohne dass sich die Vorinstanz
dabei mit den Vorbringen des Beschwerdeführers eingehend auseinander-
setze. Aus der angefochtenen Verfügung lasse sich nicht nachvollziehen,
welche Überlegungen die Vorinstanz angestellt habe, um zu diesem
Schluss zu kommen. Der Entscheid erhalte keine Erwägungen, warum die
Asylrelevanz verneint worden sei, womit die Begründungspflicht als Teil-
gehalt des rechtlichen Gehörs verletzt worden sei (vgl. Beschwerde,
Ziff. III. 13.).
3.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
3.3 Die vorerwähnten Einwände (vgl. E. 3.1) erweisen sich als unbegrün-
det. Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung die wesentlichen Über-
legungen genannt, von denen es sich hat leiten lassen. Es hat sich na-
mentlich mit der Furcht des Beschwerdeführers vor intensiven persönli-
chen Verfolgungshandlungen vonseiten der Taliban (vgl. angefochtene
Verfügung Ziff. II. 1.), den als nicht asylrelevant erachteten Vorbringen in
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seinem Heimatdorf (vgl. a.a.O. Ziff. II. 2.) und der Verfolgung in Griechen-
land (vgl. a.a.O. Ziff. II. 3.) hinreichend auseinandergesetzt. Allein im Um-
stand, dass es die betreffenden Sachverhaltselemente anders gewürdigt
hat, als vom Beschwerdeführer beziehungsweise seiner Rechtsbeiständin
erhofft, ist keine Verletzung der Begründungspflicht zu erblicken. Dem Be-
schwerdeführer war es ohne weiteres möglich, sich anhand der Begrün-
dung der angefochtenen Verfügung ein Bild über die Tragweite des ange-
fochtenen Entscheides zu machen und diesen sachgerecht anzufechten
(vgl. BGE 129 I 232 E. 3.2). Es besteht demnach kein Anlass, die ange-
fochtene Verfügung wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs aufzuheben
und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das entsprechende
Eventualbegehren ist abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zu werden
drohen. Die erlittene Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich kausal
für die Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich
auch im Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein.
5.
5.1 Das SEM gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die
Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten; eine Würdi-
gung allfällig vorliegender Unglaubhaftigkeitselemente erübrige sich.
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Im Einzelnen führt es aus, es anerkenne die subjektiv verspürte Furcht des
Beschwerdeführers, nach dem Tod seiner Eltern angesichts des regelmäs-
sig gewalttätigen und rücksichtslosen Vorgehens der Taliban, ebenfalls in-
tensiven Verfolgungshandlungen ausgesetzt zu werden. Es sei jedoch
nicht davon auszugehen, dass für ihn eine objektiv begründete Furcht vor
zukünftigen Verfolgungsmassnahmen seitens Taliban vorliege. Zwar habe
er nach dem Tod seiner Eltern von seiner älteren Schwester vernommen,
dass zuvor seine ganze Familie gesamthaft mit dem Tod bedroht worden
sei. Zudem habe er angegeben, dass ihm der Vorgesetzte seiner Eltern am
Telefon gesagt habe, er solle das Haus verlassen. Jedoch sei nicht ersicht-
lich, weshalb die Taliban nunmehr, etwa (...) nach dem Tod seiner Eltern,
ein Interesse hegen sollten, ihm als (bei seiner Ausreise wie noch heute)
minderjährigen Schüler gezielt etwas anzutun. Das Vorgehen der Taliban
erscheine vorliegend gegen seine Eltern und deren Tätigkeiten für die
«Ausländer» zielgerichtet. Dass sein Vater vor seinem Tod Drohungen ge-
gen seine gesamte Familie erhalten haben könnte, sei nicht auszuschlies-
sen. Es sei jedoch anzunehmen, dass derartige Drohungen nicht gezielt
gegen den Beschwerdeführer gerichtet gewesen seien, sondern zum
Zweck erfolgt seien, das mutmassliche Ziel der Aufgabe der Tätigkeiten
seiner Eltern für die «Ausländer» zu erreichen. Es bestehe kein Anlass zur
Annahme, dass die Taliban ihm als Minderjährigen oder seinen Geschwis-
tern persönlich ein unliebsames Profil unterstellt hätten, welches nunmehr,
nach dem Tod seiner Eltern, Basis für eine persönliche Verfolgung gegen
seine Person sein könnte. In der Gesamtsicht sei die von ihm geäusserte
Furcht vor den Taliban gemutmasster und subjektiver Natur. Zudem sei
eine objektiv begründete Furcht für ihn oder seine Geschwister umso mehr
zu verneinen, als nicht zu erwarten gewesen wäre, dass er, sein Onkel und
seine Geschwister sich zur Beerdigung seiner Eltern erneut in sein Heimat-
dorf begeben hätten. Dort wäre mit einer deutlichen Exponierung gegen-
über seinen allfälligen Verfolgern zu rechnen gewesen.
Wäre seine Furcht vor intensiven Nachteilen vonseiten der Taliban entge-
gen der Einschätzung der Vorinstanz ferner objektivierbar, wäre des Wei-
teren keine Reflexverfolgung auszumachen. Eine solche wäre höchstens
in einer Konstellation denkbar, in welcher ein Familienmitglied – in seinem
Fall er als Sohn – Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt wäre mit dem
Zweck, ein bestimmtes Handeln der primären Zielperson(en) – in seinem
Fall seiner Eltern – zu erwirken. Da keine Anzeichen dafür bestehen wür-
den, dass die Taliban ihm als Minderjährigen ein unliebsames persönliches
Profil unterstellen könnten, würde eine solche hypothetische – vorliegend
aber nach Ansicht der Vorinstanz höchst unwahrscheinliche – Verfolgung
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als reine Racheaktion für die Tätigkeiten seiner Eltern eines flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgungsmotivs entbehren. Somit sei die Furcht vor
intensiven persönlichen Verfolgungshandlungen vonseiten der Taliban
zwar subjektiv verständlich, objektiv jedoch unbegründet. Wäre sie objektiv
begründet, würde sie ferner eines flüchtlingsrechtlich relevanten Verfol-
gungsmotivs entbehren und wäre folglich nicht im Asylpunkt, sondern im
Rahmen allfälliger Hindernisse des Wegweisungsvollzugs zu prüfen.
Die vom Beschwerdeführer geschilderten Nachteile (Verspotten als «Un-
gläubiger»; Nichtmitspielen mit anderen Jugendlichen) würden nicht als
derart intensiv erscheinen, dass er sich derer einzig durch eine Flucht ins
Ausland habe entziehen können. So habe er selbst angegeben, dass er
ohne den gewaltsamen Tod seiner Eltern keinen zwingenden Anlass ge-
habt hätte, sein Heimatdorf zu verlassen. Folglich sei auch dieses Vorbrin-
gen nicht geeignet, die Flüchtlingseigenschaft seinerseits gemäss Art. 3
AsylG zu begründen.
Weil er gemäss eigenen Angaben Staatsangehöriger Afghanistans und so-
mit nicht staatenlos sei, komme in seinem Fall der Zusatz gemäss Art. 3
Abs. 1 AsylG («im Land, in dem sie zuletzt wohnten») nicht zur Anwen-
dung. Vorbringen, die sich auf Reiseereignisse namentlich in Griechenland
bezögen (körperliche Übergriffe durch Jugendliche), wären einzig dann ge-
eignet, die Flüchtlingseigenschaft zu begründen, wenn sie auch im Heimat-
staat zu einer Verfolgungssituation führen würden. Da aufgrund der Akten-
lage nicht geschlossen werden könne, dass er aufgrund der geltend ge-
machten Probleme im Rahmen seiner Reise auch in Afghanistan entspre-
chende Nachteile zu befürchten hätte, könne darauf verzichtet werden,
diese Schwierigkeiten im vorliegenden Asylentscheid weitergehend zu the-
matisieren und einer Glaubhaftigkeitsprüfung zu unterziehen. Aufgrund
dieser Überlegungen seien diese von ihm geschilderten Nachteile eben-
falls nicht flüchtlingsrechtlich relevant.
5.2 Dem wird in der Beschwerde entgegenhalten, auch der Beschwerde-
führer und seine Geschwister seien durch die Taliban bedroht worden. Ent-
gegen der Meinung der Vorinstanz sei eine Reflexverfolgung aus verschie-
denen Gründen möglich und müsse folglich für die Entscheidbegründung
gewürdigt werden. Das vorgebrachte Vorgehen sei vorliegend als eine Ab-
schreckungsmethode der Taliban zu werten, so dass die ganze Familie für
die Aktivitäten des Verfolgten zu bestrafen sei. Dabei sei es irrelevant, ob
der Verfolgte selbst noch lebe. Personen, die der afghanischen Regierung
oder der internationalen Gemeinschaft naheständen und als Unterstützer
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derselben wahrgenommen würden, sowie westlich orientierte oder der af-
ghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entspre-
chende Personen würden zu einer besonders exponierten Gruppe gehö-
ren. Extremistisch oder fanatisch eingestellte Gruppierungen – namentlich
die Taliban – würden solche Personengruppen als Verräter betrachten, die
es hart zu bestrafen gälte. Aus den Aussagen des Beschwerdeführers
gehe hervor, dass die Familie westlich orientiert gelebt habe, als solche
erkennbar gewesen sei und aufgrund der Tätigkeiten des Vaters bei den
«Ausländern» als Gesamtfamilie im Dorf, in dem Paschtunen gelebt hät-
ten, besonders exponiert gewesen sei. Dafür spreche auch der Umstand,
dass der Beschwerdeführer im Vergleich zu anderen Jugendlichen aus Af-
ghanistan sehr gebildet sei. Schulisch scheine er aktuell auf dem gleichen
Stand wie ein gleichaltriger Gymnasialschüler zu sein. Er spreche fliessend
Englisch und nach nur vier Monaten sei ein Gespräch mit ihm auf Deutsch
sehr gut durchführbar. In diesem Zusammenhang verkenne die Vorinstanz,
dass die Familie und damit auch der Beschwerdeführer im besonderen Fo-
kus der Taliban gestanden sei bzw. ein besonderes Risikoprofil aufweise.
Das SEM halte dazu fest, aus den Angaben der Tötung der Eltern seien
keine Hinweise zu entnehmen, welche auf eine gezielte Verfolgung des
Beschwerdeführers durch die Taliban hindeuten würden. Diese Begrün-
dung greife klar zu kurz, zumal nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter
des Beschwerdeführers, welche nur seit (...) für die «Ausländer» gearbei-
tet habe, auf skrupellose Art getötet worden sei. Die Tatsache, dass der
Beschwerdeführer als begleitetes Kind für die Beerdigung der Eltern zurück
ins Elterndorf gebracht worden sei, mindere das Verfolgungsrisiko nicht.
Dieser Umstand spreche vielmehr für die Reflexverfolgung. Denn dadurch
sei die Aufmerksamkeit aller Dorfbewohner auf die Vergeltungshandlungen
der Taliban gerichtet worden. Dies wirke als Abschreckung, was aber nicht
heisse, dass diese Vergeltung damit abgeschlossen sei. Damit sei Re-
flexverfolgung für den Beschwerdeführer und seine Geschwister sehr wohl
zu bejahen.
Die Tötung seiner Eltern allein habe einen unerträglichen psychischen
Druck beim noch sehr jungen Beschwerdeführer ausgelöst. Die Schwere
dieses Nachteils sowie sein Gesundheitszustand seien in dieser Hinsicht
mit keinem Wort in der Verfügung erwähnt worden. Seine Vorbringen seien
entsprechend seinem Alter und der besonderen Verletzlichkeit zu berück-
sichtigen. Schliesslich seien vorliegend auch zwingende Gründe gegeben,
weshalb trotz hypothetischen Fehlens einer zukünftigen Verfolgung die
Flüchtlingseigenschaft zu gewähren sei. Demgemäss sei die erlittene Vor-
verfolgung (Bedrohung vor der Tötung der Eltern) auch nach Wegfall einer
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Seite 11
weiteren zukünftig drohenden Verfolgungsgefahr weiterhin als asylrechtlich
relevant zu betrachten, wenn eine allfällige Rückkehr in den früheren Ver-
folgungsstaat aus zwingenden, auf diese Verfolgung zurückgehenden
Gründen nicht zumutbar sei. In diesem Zusammenhang sei der Tod der
Eltern sowie die Trennung der Geschwister das traumatisierende Erlebnis,
das es ihm im Sinne einer Langzeittraumatisierung psychologisch verun-
mögliche, ins Heimatland zurückzukehren.
Zusammenfassend sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer zum Zeit-
punkt der Ausreise begründete Furcht vor Verfolgungsmassnahmen im
Sinne von Art. 3 AsylG durch die Taliban gehabt habe, die auch heute noch
bestehe. Eine innerstaatliche Fluchtalternative falle ebenso ausser Be-
tracht, so werde im Entscheid ausser Acht gelassen, dass der Onkel die
Kinder explizit nicht bei sich habe aufnehmen wollen und sie sogar wegge-
schickt habe.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt in Einklang mit dem SEM zur
Ansicht, dass aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers die Situation
im Zeitpunkt der Ausreise aus dem Heimatland betreffend keine Hinweise
auf eine objektiv begründete subjektive Furcht des Beschwerdeführers vor
asylbeachtlicher Verfolgung zu entnehmen sind.
6.2 Die angeblichen Drohungen der Taliban gegen die Familie des Be-
schwerdeführers erfolgten seinen Angaben zufolge aufgrund der Tätigkei-
ten seiner Eltern für die «Ausländer» (vgl. SEM-act. [...]-27/18 Ziff. 7.01;
SEM-act. [...]-44/14 F20, F57). An der Anhörung präzisierte er in diesem
Zusammenhang, dass sein Vater seit Jahren mit ihnen zusammengearbei-
tet habe. Seine Mutter sei erst seit (...) Monaten für sie tätig gewesen (vgl.
SEM-act. [...]-44/14 F20). Auf Nachfrage, was dies genau für «Ausländer»
gewesen seien, gab der Beschwerdeführer an, dass sein Vater jeweils ge-
sagt habe, sie sollten niemandem sagen, bei wem er arbeite. Seine Eltern
hätten ihm und seinen Geschwistern gar nichts über ihre Arbeit gesagt (vgl.
SEM-act. [...]-44/14 F25). Der Beschwerdeführer vermochte auch nicht
auszuführen, weshalb seine Mutter erst (...) Monate vor ihrem Tod bei den
«Ausländer» zu arbeiten begonnen habe und erklärte, sein Vater habe ge-
wollt, dass sie dort arbeite (vgl. SEM-act. [...]-44/14 F55). Wenngleich auf-
grund dieser spärlichen Angaben (vgl. SEM-act. [...]-44/14 F25, 56, 79 f.)
unklar bleibt, welchen Tätigkeiten die Eltern des Beschwerdeführers für
welche ausländischen Institutionen verrichteten, kann davon ausgegangen
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Seite 12
werden, dass diese jedenfalls gewichtig genug waren, um den Taliban An-
lass zu geben, die Eltern als Kollaborateure zu bedrohen und schliesslich
zu töten.
6.3 Gemäss der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts kann die
familiäre Zugehörigkeit zu einer Person, welche einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko ausgesetzt ist, im afghanischen Kontext zu einer Reflexverfol-
gung führen (vgl. u.a. das Urteil des BVGer D-2366/2022 vom 12. Septem-
ber 2022 E. 6.3 und E-5120/2021 vom 21. Juli 2022 E. 6.3.4). Laut Berich-
ten der Schweizerischen Flüchtlingshilfe und Human Rights Watch (HRW)
können insbesondere Familienangehörige (ehemaliger) ziviler Beschäftig-
ter der internationalen Sicherheitskräfte (Ortskräfte) oder Mitglieder der
ANDSF (Afghan National Defense and Security Forces, Bemerkung
BVGer: Gesamtheit der afghanischen Sicherheitskräfte) und der Sicher-
heitskräfte von Reflexverfolgung betroffen sein (vgl. SFH, Afghanistan: Ge-
fährdungsprofile. Update der SFH-Länderanalyse, 31. Oktober 2021,
S. 13 f, HRW, «No Forgiveness for People Like You»: Executions and En-
forced Disappearances in Afghanistan under the Taliban, 30. November
2021, www.hrw.org/report/2021/11/30/no-forgiveness-people-you/executi-
ons-and-enforced-disappearances-afghanistan). Um eine begründete
Furcht vor einer Reflexverfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu bejahen,
muss allerdings begründeter Anlass zur Annahme bestehen, eine solche
Verfolgung werde sich mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft auch in Bezug auf die Angehörigen verwirklichen. Es müssen
konkrete Indizien und tatsächliche Anhaltspunkte dargelegt werden, die die
Furcht vor einer real drohenden Verfolgung nachvollziehbar erscheinen
lassen. Eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung ist mithin zu beja-
hen, wenn eine Person aufgrund konkreter Indizien mit guten Gründen, das
heisst objektiv nachvollziehbar, befürchten muss, dass ihr mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit Verfolgung droht, und ihr deshalb eine Rückkehr in den
Heimatstaat nicht zugemutet werden kann (vgl. Entscheidungen und Mit-
teilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 5
E. 3h; Urteil des BVGer D-2116/202 vom 5. September 2022 E. 7.7.2).
6.4 Vorliegend ist zunächst festzuhalten, dass die vom SEM vertretene An-
sicht, eine allfällige künftige Verfolgung des Beschwerdeführers durch die
Taliban sei als reine Racheaktion für die Tätigkeiten seiner Eltern für die
«Ausländer», zu betrachten, der kein flüchtlingsrechtlich relevantes Verfol-
gungsmotiv zugrunde liege, angesichts der Aktenlage wenig überzeugend
erscheint. Ungeachtet dessen liegen aktuell jedoch keine Hinweise auf
eine systematische Verfolgung von Familienangehörigen von Ortskräften
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Seite 13
oder Militärangehörigen aus Rache vor (vgl. UK Home Office, Country Po-
licy and Information Note, Afghanistan: Fear of the Taliban, April 2022,
Ziff. 6). Ob die Furcht von Familienangehörigen vor ernsthaften Nachteilen
objektiv begründet erscheint, ist damit aufgrund der konkreten Umstände
des jeweiligen Einzelfalls zu beurteilen.
6.5 Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise darauf, dass der Be-
schwerdeführer in der Vergangenheit persönlich von den Taliban behelligt
worden oder in deren Fokus geraten wäre. Aus seinen Angaben zu den
Drohungen, welche drei Tage vor dem Tod seiner Eltern erfolgt sein sollen
(vgl. SEM-act. [...]-44/14 F26, F28, F67) geht zudem nicht hervor, dass
nebst seinen Eltern auch die übrigen Familienmitglieder und insbesondere
er selbst konkret bedroht worden wären. Ebenfalls nicht ersichtlich ist, dass
die Taliban nach der Ermordung der Eltern ein Interesse daran gehabt hät-
ten, auch deren Kinder zu eliminieren. Der Versuch in der Beschwerde, das
Vorgehen der Taliban als Abschreckungsmethode darzustellen, bei wel-
cher für das Verhalten der Eltern die ganze Familie bestraft werden soll,
vermag deshalb nicht zu überzeugen. Naheliegend erscheint vielmehr,
dass die Drohungen der Taliban mutmasslich einzig darauf abzielten, die
Eltern des Beschwerdeführers dazu zu bewegen, ihre Tätigkeiten für die
«Ausländer» einzustellen. Der Beschwerdeführer macht sodann auch nicht
geltend, er sei in der Heimat politisch oder sonst in einer Weise aktiv ge-
wesen, wodurch er persönlich die Aufmerksamkeit der Taliban auf sich ge-
zogen haben könnte. Zudem war er zum Zeitpunkt des Todes seiner Eltern
minderjährig, was ebenfalls eher gegen ein besonderes Interesse der Tali-
ban an seiner Person spricht. Es ist mithin nicht ersichtlich, inwiefern der
Beschwerdeführer persönlich über ein Profil verfügen soll, aufgrund des-
sen er objektiv begründete Furcht vor Verfolgung durch die Taliban haben
müsste. Allein der Umstand, dass er für sich in Anspruch nimmt, im Ver-
gleich zu anderen Jugendlichen in Afghanistan sehr gebildet zu sein, än-
dert an dieser Beurteilung nichts.
6.6 Es besteht daher kein Grund zur Annahme, dass die Taliban mit erheb-
licher Wahrscheinlichkeit tatsächlich Verfolgungshandlungen geplant be-
ziehungsweise ein konkretes Interesse daran hätten, den Beschwerdefüh-
rer persönlich zu behelligen oder wegen der Tätigkeiten seiner Eltern für
die «Ausländer» zur Rechenschaft zu ziehen.
6.7 Im Übrigen hat das SEM zu Recht festgehalten, dass die vom Be-
schwerdeführer weiter geschilderten Nachteile (Verspottung als «Ungläu-
biger» und Nichtmitspielen mit anderen Jugendlichen) beziehungsweise
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die in Griechenland erlittenen Übergriffen nicht geeignet sind, die Flücht-
lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG zu begründen. Dies wird in der Be-
schwerde auch nicht bestritten.
6.8 Festzuhalten bleibt, dass erlittene oder drohende Eingriffe in asylrecht-
lich geschützte Rechtsgüter, die für sich allein betrachtet keine ernsthafte
Nachteile darstellen, weil sie zu wenig intensiv sind, in ihrer Gesamtheit
asylrechtlich dennoch erheblich sein können. Dies ist jedoch nur anzuneh-
men, wenn aufgrund ihrer Art, Dauer oder Wiederholung für die betroffene
Person ein unerträglicher psychischer Druck entsteht, der ihr einen weite-
ren Verbleib im Heimatstaat unter menschenwürdigen Umständen objektiv
betrachtet verunmöglicht. Ausschlaggebend ist dabei nicht allein, wie die
betroffene Person die Situation subjektiv erlebt, sondern ob aufgrund der
tatsächlichen Situation auch für Aussenstehende nachvollziehbar ist, dass
der psychische Druck unerträglich geworden ist (vgl. CONSTANTIN
HRUSCHKA in: Spescha et al. [Hrsg.], Kommentar zum Migrationsrecht,
5. Aufl. 2019, Art. 3 AsylG N. 9, Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH
[Hrsg.], Handbuch zum Asyl- und Wegweisungsverfahren, 3. Aufl. 2021;
S. 190 f., BVGE 2014/29 E. 4.3 f., Urteile des BVGer E-3522/2020 vom
12. August 2020 E. 6.5 und E-4140/2014 vom 13. Oktober 2014 E. 5.2).
Inwiefern ein solch objektiv nachvollziehbarer Druck auf ihm lasten soll,
vermag der Beschwerdeführer allein mit dem Hinweis auf den gewaltsa-
men Tod seiner Eltern nicht überzeugend darzulegen.
6.9
6.9.1 In der Eingabe vom 3. November 2022 wird unter Hinweis auf Zwi-
schenbericht von Dr. med. H._ vom 1. November 2022 geltend ge-
macht, es sei der Umstand zu würdigen, dass der Beschwerdeführer ho-
mosexuell sei.
6.9.2 Hinsichtlich der homosexuellen Orientierung des Beschwerdeführers
ist festzuhalten, dass diese erst im fortgeschrittenen Stadium des Be-
schwerdeverfahrens geltend gemacht wird und schon deshalb nachge-
schoben wirkt. Der Beschwerdeführer wurde im vorinstanzlichen Verfahren
durch seine Rechtsvertretung sowie durch seinen Beistand unterstützt.
Gleichzeitig wurde er gemäss Zwischenbericht vom 1. November 2022 be-
reits seit dem 16. Oktober 2020 (vgl. auch SEM-act. [...]-27/18 S. 7 f und
[...]-44/14 F46 f.) und offenbar bis heute regelmässig von seinem Psychi-
ater Dr. med. H._ ambulant behandelt. Auch wenn es vielen afgha-
nischen Staatsangehörigen aus Scham und Angst schwerfallen dürfte,
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über ihre homosexuelle Veranlagung zu sprechen, ist unter diesen Um-
ständen nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer trotz sich über
zwei Jahre hinziehender regelmässigen Betreuung durch seinen Psychia-
ter erst heute in der Lage sein will, über seine Homosexualität beziehungs-
weise – wie im Zwischenbericht ausgeführt – darüber zu sprechen, dass er
bereits seit seiner Kindheit eine Zuneigung zu Männern verspüre und auch
vor seiner Flucht aus Afghanistan heimlich und auf gefahrvolle Art und
Weise Befriedigung seiner Bedürfnisse gesucht haben soll. Daran vermö-
gen auch die Erklärungsversuche in der Eingabe vom 18. November 2022
nichts zu ändern.
6.9.3 Unabhängig davon führt allein der Umstand, dass er sich zu Männern
hingezogen fühle, nicht zur Annahme einer begründeten Furcht des Be-
schwerdeführers, bei einer Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft erhebliche Nachteile ge-
mäss Art. 3 AsylG zu erleiden. Dass seine angebliche Homosexualität sei-
nen Angehörigen oder Dritten insbesondere in Afghanistan bekannt gewor-
den wäre, ist nicht ersichtlich und wird vom Beschwerdeführer auch nicht
behauptet. Folglich bestehen keine konkreten Hinweise dafür, dass er bei
einer (hypothetischen) Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und
in absehbarer Zukunft Opfer zukünftiger Verfolgung werden würde. Eine
lediglich abstrakte Gefahr der Entdeckung und Verfolgung einer Homo-
sexualität genügt auch nicht zur Annahme eines unerträglichen psychi-
schen Drucks. Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
stellen gewisse Einschränkungen im öffentlichen Auftreten und im Privat-
leben für sich noch nicht zwangsläufig ernsthafte Nachteile im Sinne von
Art. 3 Abs. 2 AsylG dar und führen namentlich nicht ohne weiteres zur An-
nahme eines unerträglichen psychischen Druckes (vgl. das Urteil des
BVGer E-1060/2022 vom 22. März 2022 E. 6.2.4 mit Verweis auf das Urteil
E-2109/2019 vom 28. August 2020 E. 10.2 m.w.H.).
6.10 Schliesslich sind als zwingende Gründe, die im Sinne der Rechtspre-
chung zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft führen (vgl. BVGE
2007/31 E. 5.4, mit weiteren Hinweisen, insbesondere EMARK 1995 Nr. 16
E. 6d und 2001 Nr. 3), obwohl keine begründete Furcht vor Verfolgung
mehr besteht, insbesondere traumatisierende Erlebnisse zu betrachten,
die es der betroffenen Person angesichts erlebter schwerwiegender Ver-
folgungen, insbesondere Folterungen, im Sinne einer Langzeittraumatisie-
rung psychologisch verunmöglichen, ins Heimatland zurückzukehren. Auf
derartige Gründe kann sich nur berufen, wer im Zeitpunkt der Einreise in
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die Schweiz sämtliche Voraussetzungen für die Anerkennung der Flücht-
lingseigenschaft erfüllt hatte (vgl. BVGE 2009/51 E. 4.2.7; EMARK 1999
Nr. 7 E. 4.d.aa). Diese kumulativ erforderlichen Voraussetzungen sind im
Falle des Beschwerdeführers offensichtlich nicht gegeben.
7.
Zusammenfassend ergibt sich, dass das SEM hat die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers – ohne die Glaubhaftigkeit seiner Vorbrin-
gen zu prüfen – zu Recht verneint und dessen Asylgesuch abgelehnt hat.
8.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde mit
Zwischenverfügung vom 14. April 2021 das Gesuch um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheis-
sen und es ist den Akten nicht zu entnehmen, dass er zwischenzeitlich
nicht mehr bedürftig wäre, weshalb keine Verfahrenskosten aufzuerlegen
sind.
10.2
10.2.1 Mit derselben Verfügung wurde das Gesuch um amtliche Rechts-
verbeiständung gestützt auf Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG gutgeheissen
und dem Beschwerdeführer seine Rechtsvertreterin MLaw Joana Mösch
als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet. Demnach ist dieser ein Hono-
rar für ihre notwendigen Ausgaben im Beschwerdeverfahren auszurichten.
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10.2.2 Soweit die vom Beschwerdeführer mit Vollmacht vom 9. Februar
2021 ebenfalls mit seiner Interessenwahrung mandatierte Rechtsanwältin
I._ in ihrer Eingabe vom 3. November 2022 nunmehr erklärt, "das
Mandat im vorliegenden Verfahren sei auf sie übergegangen," ist daran zu
erinnern, dass eine amtliche Rechtsverbeiständung ein öffentlich-rechtli-
ches Mandatsverhältnis begründet und die amtliche Rechtsvertretung per-
sönlich ernannt wird, dass folglich weder die beschwerdeführende Person
noch die amtliche Rechtsvertretung das Mandat einseitig auflösen (oder
übertragen) können und beide seine Beendigung dem Gericht zu beantra-
gen haben, was vorliegend nicht der Fall war. Ungeachtet dessen ist
Rechtsanwältin I._ aufgrund der Vollmacht vom 9. Februar 2021
und dem Umstand, dass sie für die gleiche Beratungsstelle tätig ist, wie die
amtliche Rechtsbeiständin, vorliegend als legitimiert zu erachten, die Ein-
gaben vom 3. November 2022 und 18. November 2022 namens des Be-
schwerdeführers einzureichen. Für die Berechnung des amtlichen Hono-
rars sind diese nicht von der amtlichen Rechtsbeiständin verfassten und
eingereichten Eingaben indes nicht zu berücksichtigen.
10.2.3 Die amtliche Rechtsbeiständin MLaw Joana Mösch reichte keine
Honorarnote ein. Das amtliche Honorar ist demnach aufgrund der Akten
festzulegen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Bei amtlicher Vertretung wird in der Re-
gel von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwalt-
liche Rechtsvertreter und Rechtsvertreterinnen ausgegangen (vgl. Art. 12
i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE,). Der amtlichen Vertreterin ist durch das Bun-
desverwaltungsgericht ein Honorar gestützt auf die in Betracht zu ziehen-
den Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) und unter Berücksichtigung
der Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fällen in der Höhe von
Fr. 1000.– (inkl. Auslagen und allfälligem Mehrwertsteuerzuschlag) auszu-
richten.
(Dispositiv nächste Seite)
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