Decision ID: 3db435f2-e2b9-4a5d-ae4f-83ee65d0fa83
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - , vom 15. Januar 2014 (GG130240)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 16. Sep-
tember 2013 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 17).
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Beschuldigte ist nicht schuldig und wird freigesprochen vom Vorwurf des
Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne von Art. 19 Abs. 1
BetmG.
2. Das Paket (BM-Lager-Nr. ...), das ca. vier Liter Dimethyltryptamin und Har-
min enthaltende braune Lösung enthält, wird der Beschuldigten nach
Rechtskraft des Urteils herausgegeben.
3. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten werden auf die
Gerichtskasse genommen.
4. Der Beschuldigten wird eine Prozessentschädigung von Fr. 7'269.50 für die
erbetene anwaltliche Verteidigung aus der Gerichtskasse zugesprochen.
Berufungsanträge:
a) des Vertreters der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 34 S. 2)
1. Die vorliegende Berufung sei in Anwendung von Art. 406 Abs. 1 lit. d
und e StPO in einem schriftlichen Verfahren zu behandeln.
Eventualiter sei die Staatsanwaltschaft in analoger Anwendung von Art.
405 Abs. 2 Satz 2 StPO von einer Teilnahme an der Berufungsver-
handlung zu dispensieren, und es sei ihr zu gestatten, ihre Anträge
schriftlich einzureichen und zu begründen.
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2. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 26. Juni
2013 beschlagnahmten ca. 4 Liter DMT- und Harmin enthaltende brau-
ne Lösung (sog. Ayahuasca) seien in Anwendung von Art. 24 Abs. 2
BetmG und Art. 69 Abs. 1 StGB einzuziehen und zu vernichten.
3. Die Kosten des Strafverfahrens seien der Beschuldigten aufzuerlegen.
4. Es seien der Beschuldigten weder ein Entschädigungs- noch eine Ge-
nugtuungszahlung zuzusprechen.
b) der Verteidigung der Beschuldigten:
(Urk. 43 S. 2)
1. Der Berufungsantrag Ziff. 2 sei gutzuheissen und der beschlagnahmte
Ayahuasca-Tee sei einzuziehen und zu vernichten;
2. der Berufungsantrag Ziff. 3 sei abzuweisen und Ziff. 3 des vorinstanzli-
chen Urteils sei zu bestätigen;
3. der Berufungsantrag Ziff. 4 sei abzuweisen und Ziff. 4 des erstinstanz-
lichen Urteils sei zu bestätigen;
4. die Kosten des vorliegenden Verfahrens seien der Berufungsklägerin
aufzuerlegen, eventualiter seien diese auf die Gerichtskasse zu neh-
men;
5. der Berufungsbeklagten sei für das Berufungsverfahren eine Prozess-
entschädigung von Fr. 3'229.55 zulasten der Berufungsklägerin, even-
tuell zulasten der Gerichtskasse, zuzusprechen.
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Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil der Vorinstanz
vom 15. Januar 2014 (Urk. 34) meldete die Staatsanwaltschaft mit Eingabe vom
22. Januar 2014 rechtzeitig Berufung an (Urk. 30).
2. Die Staatsanwaltschaft nahm das begründete Urteil am 27. Februar 2014
entgegen (Urk. 32/1) und reichte die Berufungserklärung am 18. März 2014 frist-
gerecht ein (Urk. 35, Datum Poststempel). Dabei beschränkte sie die Berufung
auf die Nebenfolgen des Urteils, Dispositivziffer 2 (Beschlagnahme/Einziehung)
sowie die Dispositivziffern 3 und 4 (Kosten- und Entschädigungsfolgen).
3. Die hiesige Kammer ordnete mit Beschluss vom 6. Mai 2014 das schriftliche
Verfahren an und setzte der Staatsanwaltschaft Frist an, um die Berufungsanträ-
ge zu stellen und zu begründen (Urk. 38). Da die Staatsanwaltschaft bereits ihre
Berufungserklärung als Berufungsbegründung bezeichnet und auch damit betitelt
hatte, wurde diese mit Präsidialverfügung vom 20. Juni 2014 der Beschuldigten
zugestellt und dieser Frist zur Berufungsantwort angesetzt (Urk. 40). Diese liess
mit Eingabe vom 14. Juli 2014 die Berufungsantwort samt Honorarnote einreichen
(Urk. 43 und 44). Die Eingabe wurden der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis zuge-
stellt (Urk. 45). Die Vorinstanz verzichtete ausdrücklich auf Vernehmlassung
(Urk. 42). Somit erweist sich das Verfahren als spruchreif.
4. Gemäss Art. 402 in Verbindung mit Art. 437 StPO wird die Rechtskraft des
angefochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt. Nachdem die Ur-
teilsdispositivziffer 1 (Schuldspruch) nicht angefochten worden ist, ist mittels Be-
schluss festzustellen, dass das vorinstanzliche Urteil in diesem Umfang in
Rechtskraft erwachsen ist.
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II. Einziehung
1. Die Einziehung richtet sich nach Art. 69 ff. StGB respektive den in Spezialer-
lassen vorgesehenen Bestimmungen. Art. 24 Abs. 2 BetmG sieht vor, dass die
zuständigen Behörden die ihnen bei der Ausführung des Betäubungsmittelgeset-
zes zugehenden Betäubungsmittel verwahren und für deren Verwertung oder
Vernichtung sorgen. Für eine Einziehung zwecks Vernichtung im Sinne von
Art. 24 Abs. 2 BetmG ist somit nur von Belang, ob die beschlagnahmte Substanz
unter das Betäubungsmittelgesetz fällt (vgl. Art. 2 BetmG).
2. Vor Vorinstanz stellten die Parteien noch unterschiedliche Anträge betref-
fend Einziehung und Vernichtung des beschlagnahmten Pakets mit 4 Litern Dime-
thyltryptamin und Harmin enthaltender brauner Lösung, sogenanntem "Aya-
huasca" (Urk. 34 S. 2; vgl. Urk. 10.4).
3. Die Vorinstanz und die Verteidigung hatten sich in ihrer Argumentation unter
anderem auf einen Entscheid der III. Strafkammer des Obergerichts des Kantons
Zürich vom 21. Februar 2013 (Urk. 4/1/2, UH120340) bezogen, wonach "Aya-
huasca" nicht unter das Betäubungsmittelgesetz falle. Indessen änderte die III.
Strafkammer mit Beschluss vom 24. Januar 2014 mit überzeugender Begründung
ihre Praxis und hielt fest, dass bei der Flüssigkeit "Ayahuasca" von einem N,N-
DMT enthaltendem Präparat im Sinne von Art. 1 Abs. 2 lit. d BetmVV-EDI auszu-
gehen sei, welches unter das Betäubungsmittelgesetz falle (UH130249 in ZR
113/2014 S. 23). Davon ist auch für den vorliegenden Entscheid auszugehen.
4. Die Staatsanwaltschaft beantragt, die beschlagnahmte Flüssigkeit gemäss
Art. 24 Abs. 2 BetmG und Art. 69 StGB sei einzuziehen und zu vernichten
(Urk. 35 S. 4). Die Verteidigung schloss sich in ihrer Berufungsantwort aufgrund
der geänderten Praxis des Obergerichts des Kantons Zürich der Auffassung der
Staatsanwaltschaft an (Urk. 43 S. 2), weshalb beide Parteien übereinstimmend
die Einziehung und Vernichtung der mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Zürich-
Limmat vom 26. Juni 2013 beschlagnahmten Flüssigkeit beantragen. Weitere
Ausführungen erübrigen sich somit.
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5. Da es sich bei der beschlagnahmten Flüssigkeit um sogenanntes "Aya-
huasca" handelt, welches unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, ist das bei der
Kantonspolizei Zürich unter der BM-Lager-Nr. ... lagernde Paket mit 4 Litern Di-
methyltryptamin und Harmin enthaltender brauner Lösung einzuziehen und durch
die Lagerbehörde zu vernichten.
III. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die Staatsanwaltschaft beantragt in ihrer Berufungserklärung sodann, dass
die Kosten des Strafverfahrens der Beschuldigten aufzuerlegen und dieser weder
eine Entschädigungs- noch Genugtuungszahlung auszurichten sei (Urk. 35 S. 2).
2. Gemäss Art. 426 Abs. 2 StPO können der beschuldigten Person auch bei
einem Freispruch die Verfahrenskosten ganz oder teilweise auferlegt werden,
wenn sie die Einleitung des Verfahrens rechtswidrig und schuldhaft bewirkt oder
dessen Durchführung erschwert hat. Nach der Rechtsprechung des Bundesge-
richts zu Art. 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 2 EMRK dürfen einer beschuldigten
Person bei Freispruch oder Einstellung des Verfahrens nur dann Kosten auferlegt
werden, wenn diese durch ein unter rechtlichen Gesichtspunkten vorwerfbares
Verhalten die Einleitung des Strafverfahrens veranlasst oder dessen Durchfüh-
rung erschwert hat (sogenanntes prozessuales Verschulden). Bei dieser Kosten-
pflicht handelt es sich nicht um eine Haftung für ein strafrechtliches Verschulden,
sondern um eine zivilrechtlichen Grundsätzen angenäherte Haftung für ein fehler-
haftes Verhalten, durch das die Einleitung oder Erschwerung eines Strafverfah-
rens verursacht wurde. Es ist mit Art. 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 2 EMRK ver-
einbar, einer nicht verurteilten beschuldigten Person die Kosten aufzuerlegen,
wenn diese in zivilrechtlich vorwerfbarer Weise – d.h. im Sinne einer analogen
Anwendung von Art. 41 OR – gegen eine Verhaltensnorm, die sich aus der Ge-
samtheit der schweizerischen Rechtsordnung ergeben kann, klar verstossen und
dadurch das Strafverfahren veranlasst oder dessen Durchführung erschwert hat,
wobei sich die Kostenauflage in tatsächlicher Hinsicht nur auf unbestrittene oder
bereits klar nachgewiesene Umstände stützen darf (Urteil des Bundesgerichts
1B_21/2012 vom 27. März 2012 E. 2.1.; Griesser, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber
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[Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, Zürich 2010,
Art. 426 N 9; Domeisen, in: Niggli/Heer/Wiprächtiger [Hrsg.], Basler Kommentar,
Schweizerische Strafprozessordnung, Basel 2011, Art. 426 N 23, 29 und 37;
Schmid, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 2. Auflage, Zü-
rich/St. Gallen 2013, Art. 426 N 6).
3. Die Staatsanwaltschaft beantragt die Kostenauflage an die Beschuldigte,
weil diese von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht habe. Da in
vorliegender Sache die belastenden Beweise nach einer Erklärung gerufen hät-
ten, welche die Beschuldigte aber im Vorverfahren nicht gegeben hätte, habe der
Schluss gezogen werden dürfen und müssen, dass kein Irrtum über die Rechts-
widrigkeit vorgelegen habe und die Beschuldigte schuldig sei. Durch ihr Verhalten
habe die Beschuldigte somit einen Aufwand verursacht, welcher für sie vorher-
sehbar gewesen sei und den sie leicht hätte vermeiden können, hätte sie sich von
Beginn weg erklärt (Urk. 35 S. 4 f.).
4. Das Recht eines Beschuldigten, die Aussage zu verweigern, ist eines der
elementarsten Rechte der Schweizerischen Strafprozessordnung (vgl. Art. 113
und Art. 158 Abs. 1 lit. b StPO). Danach kann eine beschuldigte Person sich frei
dazu entschliessen, ob sie Aussagen machen möchte oder nicht. Eine Aussage-
pflicht besteht nicht. Eine Kostenauflage wegen Erschwerung der Durchführung
des Strafverfahrens, wie dies die Staatsanwaltschaft vorliegend geltend macht,
setzt wie oben ausgeführt eine Verletzung klarer prozessualer Pflichten voraus.
Dies ist gerade nicht der Fall, wenn eine beschuldigte Person von ihrem Recht auf
Aussageverweigerung Gebrauch macht, ansonsten dieses ausgehöhlt würde. So
nennt die Staatsanwaltschaft in ihrer Begründung auch keine Norm, welche die
Beschuldigte verletzt haben soll. Im Entscheid des Kassationsgerichtes des Kan-
tons Zürich vom 5. Oktober 2005 (AC050005 S. 10. f.), worauf sie ihre Argumen-
tation stützt, geht es gerade nicht um den Zusammenhang zwischen der Aussa-
geverweigerung und einer darauf basierenden Kostenauflage, sondern um die
Beweiswürdigung. Dass im Rahmen der Sachverhaltserstellung auch das
Schweigen einer beschuldigten Person gewürdigt werden kann und im Falle von
Behauptungen, welche ein Beschuldigter aufstellt und nach einer Erklärung rufen,
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diesen eine gewisse Beweislast treffen kann, darf nicht einem zivilrechtlich vor-
werfbaren Verhalten gleichgestellt werden, welches für eine Kostenauflage erfor-
derlich ist. Den Akten ist sodann zu entnehmen, dass die Beschuldigte grundsätz-
lich die Aussagen verweigerte und somit auch keine Falschaussagen machte,
welche allenfalls zu einer Kostenauflage führen können (Riklin, a.a.O., Vorbemer-
kung zu StPO Art. 157-161 N 3).
Eine Kostenauflage basierend darauf, dass die Beschuldigte vorliegend von ihrem
Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machte, ist somit nicht gerechtfertigt (vgl.
auch Riklin, StPO Kommentar, Vorbemerkung zu StPO Art. 157-161 N 2). Damit
war auch die durch die Vorinstanz festgesetzte Prozessentschädigung an die Be-
schuldigte für erbetene anwaltliche Verteidigung zuzusprechen. Das vorinstanzli-
che Kosten- und Entschädigungsdispositiv (Ziff. 3 und 4) ist somit zu bestätigen.
5. Im Berufungsverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO).
5.1 Die Staatsanwaltschaft obsiegt mit ihrem Antrag, dass die beschlagnahmte
Flüssigkeit einzuziehen und zu vernichten ist. Selbst wenn die Beschuldigte in der
Berufungsantwort vom 14. Juli 2014 in Bezug auf die Einziehung aufgrund der
geänderten Rechtsprechung einen mit der Staatsanwaltschaft übereinstimmen-
den Antrag stellte, war die Staatsanwaltschaft gezwungen, dies in einem Beru-
fungsverfahren korrigieren zu lassen. Bezüglich der Kosten- und Entschädigungs-
folgen des vorinstanzlichen Urteils unterliegt die Staatsanwaltschaft. Da die Beur-
teilung der Einziehung aufgrund der übereinstimmenden Anträge weniger Auf-
wand verursachte, rechtfertigt es sich, die Kosten zu zwei Dritteln auf die Ge-
richtskasse zu nehmen und zu einem Drittel der Beschuldigten aufzuerlegen.
5.2 Der Beschuldigten ist sodann für das Berufungsverfahren eine reduzierte
Prozessentschädigung aus der Gerichtskasse auszurichten. Diese ist anhand der
Anwaltsgebührenverordnung festzulegen, welche besagt, dass die Gebühr im Be-
rufungsverfahren grundsätzlich nach den für die Vorinstanz geltenden Regeln
bemessen wird (§ 18 Abs. 1 AnwGebV). Für die Führung eines Strafprozesses
vor Einzelgericht wird dabei ein Ansatz von Fr. 600.– bis Fr. 8'000.– als Grundge-
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bühr festgelegt. Zuschlagsrelevante Aufwendungen sind vorliegend nicht ersicht-
lich (vgl. § 17 Abs. 2 AnwGebV). Die noch zu beurteilenden Punkte des vorlie-
genden Falles waren nicht von besonderer Komplexität und betrafen keine
schwierigen juristischen Fragen. Die Tätigkeit der Verteidigung beschränkte sich
auf das Studium des erstinstanzlichen Urteils und der prozessleitenden Entschei-
de der Berufungsinstanz sowie das Verfassen der Berufungsantwort. So erscheint
die von RA lic. iur. X._ eingereichte Honorarnote als eher hoch, und es wur-
de zudem beim Total des Stundenaufwandes aufgrund eines Rechenfehlers eine
Stunde zuviel aufgeführt (Urk. 44). Es rechtfertigt sich die Festsetzung der redu-
zierten Prozessentschädigung für das Berufungsverfahren auf eine Pauschale
von Fr. 1'400.– (inkl. MwSt.).