Decision ID: 3542801e-7556-53cf-b03b-b64949c76236
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._.
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Simone Schmucki, Marktgasse 3,
9004 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Rente
Sachverhalt:
A.
Die 1958 geborene B._ war bis 2004 als Haushalts- und Serviceangestellte tätig. Im
Februar 2004 musste sie sich einen Tumor aus der linken Brust entfernen lassen.
Nachdem sie sich von diesem Eingriff und den daran anschliessenden Therapien gut
erholt hatte, baute sie sich 2005 auf selbständiger Basis ein F._geschäft auf. Am 15.
Mai 2006 unterzog sie sich einer Anpassungsoperation der rechten und einer
Rekonstruktionsoperation der linken Brust, wobei es zu einem sehr komplizierten
infektbehafteten Verlauf kam mit letztlich im Frühling 2007 Ablation der linken Brust
und Expandereinsatz zum Wiederaufbau (IV-act. 7-2/4). Während dieser Zeit war die
Versicherte vollständig arbeitsunfähig. Am 23. August 2007 meldete sie sich auf der
AHV/IV-Zweigstelle zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung an (IV-act. 1-1/7
ff.). Wegen Schmerzen im Bereich Thorax, Schulter und Arm links, hier mit
Bewegungseinschränkung, sowie der Neigung zu Lymphödemen hatte sie ihr
F._geschäft aufgeben müssen. Dr. med. A._, Plastische Chirurgie FMH, hielt
jedoch im Arztbericht vom 1. September 2007 fest, es bestehe eine ganztägige
Leistungsfähigkeit, sofern eine adaptierte Tätigkeit unter Schonung des linken Armes
und der linken Schulter und in nicht dauernd sitzender Haltung ausgeübt werden könne
(IV-act. 7-3/4 und 4/4). Mit Bericht vom 29. Januar 2008 bestätigte derselbe Arzt das
Bestehen einer anhaltenden 100%igen Arbeitsunfähigkeit seit 15. Mai 2007 (IV-act.
25-1/4 ff.). Da diese Widersprüchlichkeit bezüglich der Arbeitsfähigkeit auch mit Blick
auf die Berichterstattung weiterer behandelnder Ärzte nicht ausgeräumt werden konnte
und auch die medizinische Situation unklar blieb, beschloss Dr. med. C._ vom
Regionalen Ärztlichen Dienst Ostschweiz (RAD) die Versicherte durch das Ärztliche
Begutachtungsinstitut GmbH Basel (ABI) einer polydisziplinären Untersuchung
unterziehen zu lassen (IV-act. 39-1/2 f.). Dieses erstattete am 24. September 2008 sein
internistisch-allgemeinmedizinisches, psychiatrisches und rheumatologisches
Gutachten mit den Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit 1. Zervikobrachialgie
links mit neuropathischem Schmerzanteil (ICD-10 M53.1), anamnestisch-
symptomatisch seit 5/06 nach Rekonstruktionsoperation linke Mamma 5/06, Status
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nach multiplen Brustoperationen links zwischen 2/04 und 8/08 wegen Mamma-
Karzinom mit Tumorektomie, Nachresektion, Axilladissektion, Rekonstruktionsplastik,
Ablatio mammae, Einlage eines Expanders und Entfernung dieses wegen Infekts,
Status nach adjuvanter Chemotherapie und Strahlentherapie 2004 und 2. Chronisch
rezidivierendes Lumbovertebral-Syndrom (ICD-10 M54.4) mit möglicher
intermittierender radikulärer Reizung S1 links sowie leichtgradige
Diskusdegenerationen mit Diskusprotrusionen L2/3, L3/4 und L4/5. Als Diagnosen
ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit wurden erhoben 1. Status nach invasiv duktalem
Mamma-Karzinom links (ICD-10 C50), Status nach adjuvanter Chemotherapie und
Strahlentherapie 2004, Status nach mehreren Brustoperationen links (vgl. Diagnose
oben), klinisch ohne Hinweis für Rezidiv, 2. Adipositas BMI 40 kg/m (ICD-10 E66.0), 3.
Chronischer Nikotinabusus, ca. 15 py (ICD-10 F17.1), 4. Chronisches Zervikovertebral-
Syndrom mit zervikozephaler Komponente rechts (ICD-10 M53.0) bei anzunehmenden
leichtgradigen degenerativen HWS-Veränderungen, anamnestisch Status nach HWS-
Distorsionstrauma 1980, 1991 und 1995 und 5. Anamnestisch rezidivierende
Hypästhesie Daumen rechts bei aktuell fehlenden Befunden im Bereich der rechten
Hand (IV-act. 45-17/47). Aus somatischer Sicht bestehe aufgrund der Einschränkungen
im Bereich des linken Arms eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für alle körperlich
mittelschwer oder schwer belastenden Tätigkeiten. Körperlich leicht belastende,
adaptierte Tätigkeiten seien der Explorandin mit einer Arbeits- resp. Leistungsfähigkeit
von 80% zumutbar unter folgenden Voraussetzungen: Ein Einsatz auch nur mit
geringem Kraftaufwand des linken Arms sei zu vermeiden. Somit wären als
Verweistätigkeiten z.B. Kontrollfunktionen denkbar. Aus psychiatrischer Sicht bestehe
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Aus internistischer Sicht bestehe bei Status
nach Mamma-Karzinom ebenfalls keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Die
Einschränkung bestehe seit dem 15. Mai 2007. Die Diskrepanz zwischen dieser
Beurteilung und der Selbsteinschätzung der Explorandin sei wahrscheinlich auf IV-
fremde Gründe wie eher geringe berufliche Ausbildung, den schwierigen Arbeitsmarkt
und psychosoziale Faktoren zurückzuführen. Medizinische Massnahmen zur
Verbesserung der Arbeitsfähigkeit könnten keine vorgeschlagen werden. Berufliche
Massnahmen seien wegen des ausgeprägten subjektiven Krankheits- und
Behinderungsüberzeugung kaum durchführbar und deshalb nicht zu empfehlen (IV-act.
45-18/47 f.). RAD-Ärztin Dr. C._ bezeichnete das Gutachten als umfassend, kohärent
2
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und widerspruchsfrei. Die Schlussfolgerung bezüglich der IV-relevanten Fragen
könnten nachvollzogen werden, eine konsensuelle Beurteilung werde klar ersichtlich
(IV-act. 46-1/2). In der Folge führte die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St.
Gallen (SVA) den Einkommensvergleich durch. Sie legte das Valideneinkommen
gestützt auf die Tabellenlöhne der Lohnstrukturerhebung 2008, Privater Sektor, Niveau
4 auf Fr. 51'032.-- fest. Das Invalideneinkommen bemass sie bei reduzierter
Leistungsfähigkeit von 80% und dem sogenannten Leidensabzug von 10% auf
Fr. 36'743.--. Aus der Gegenüberstellung dieser Einkommen ergab sich ein
Invaliditätsgrad von 28% (IV-act. 48-1/1). Da dieser nicht zur Begründung eines
Rentenanspruchs ausreichte, teilte die SVA der Versicherten mit Vorbescheid vom 13.
Januar 2009 mit, sie beabsichtige das Leistungsbegehren abzuweisen (IV-act. 51-1/2
f.). Die Versicherte liess am 13. Februar 2009 Einwände gegen diesen Vorbescheid
erheben. Das Valideneinkommen sei wegen der abgeschlossenen Berufsausbildung
und der Erfahrung im Service auf Niveau 3 anzusiedeln, sodann sei der Leidensabzug
beim Invalideneinkommen in Berücksichtigung mehrerer bisher nicht beachteter
einkommensmindernder persönlicher und beruflicher Merkmale auf 25% anzuheben.
So resultiere aus der Gegenüberstellung ein Anspruch auf eine halbe Rente (IV-act.
56-2/8 ff.). Mit Verfügung vom 23. März 2009 gab die SVA den Einwänden keine Folge
und wies den Anspruch auf eine Rente bei einem Invaliditätsgrad von 28% ab (IV-act.
57-1/3 ff.).
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde vom 23. April 2009, worin die
Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. Simone Schmucki, St. Gallen, unter
deren Aufhebung die Ausrichtung der gesetzlichen Leistungen durch die Verwaltung
anbegehrt (IV-act. 59-2/8 ff.; act. G1). Auf die Begründung, welche im Wesentlichen der
Argumentation der Einwände entspricht, wird - soweit erforderlich - in den Erwägungen
eingegangen. Dort wird auch zum Antrag Stellung genommen, es sei eine Expertise
dazu einzuholen, inwiefern auf dem heutigen und zukünftigen ausgeglichenen
Arbeitsmarkt noch Stellen angeboten würden, welche der Behinderung der
Beschwerdeführerin angepasst seien. Mit Beschwerdeantwort vom 4. Juni 2009 lässt
die SVA das IV-Dossier (act. G4.1 umfassend IV-act. 1-64) einreichen und die
Abweisung der Beschwerde beantragen. Für den Einkommensvergleich sei zu Recht
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auf Tabellenlöhne abgestellt worden; ein höherer Leidensabzug sei nicht gerechtfertigt,
weil damit die gesundheitsbedingten Beeinträchtigungen bei der Beschwerdeführerin
mehrfach berücksichtigt würden (act. G4). Mit Replik vom 17. August 2009 hält die
Beschwerdeführerin an ihren Anträgen fest. Nach Auffassung von Dr. A._ im neu
aufgelegten Bericht vom 27. Juli 2009 sei sie zu 100% arbeitsunfähig. Werde nicht auf
diese medizinische Beurteilung abgestellt, sei sie neu zu begutachten. Im Übrigen halte
der der Beschwerdeführerin zugängliche Arbeitsmarkt keine den gesundheitlichen
Beeinträchtigungen angepasste Stelle bereit (act. G6). Die SVA hat auf die Einreichung
einer Duplik verzichtet (vgl. act. G8 und 9).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2008 sind die im Zug der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung über
die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher Hinsicht gilt der übergangsrechtliche Grundsatz, dass der
Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids bzw. im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der zu den
materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklichte (vgl. BGE 127 V 467
Erw. 1, 126 V 136 Erw. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtene Verfügung ist am 23.
März 2009 ergangen, wobei im Wesentlichen ein Sachverhalt zu beurteilen ist, der vor
dem Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 5. IV-Revision am 1. Januar 2008
begonnen hat. Daher und aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine Dauerleistung
betrifft, über die noch nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist für die Zeit bis
31. Dezember 2007 auf die damals geltenden Bestimmungen und ab diesem Zeitpunkt
auf die neuen Normen der 5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130
V 445 ff.; Urteil des Bundesgerichts [bis 31. Dezember 2006 Eidgenössisches
Versicherungsgericht (EVG)] vom 7. Juni 2006 i/S M. [I 428/04] Erw. 1). Diese
übergangsrechtliche Lage zeitigt indessen keine materiellrechtlichen Folgen, da die
5. IV-Revision hinsichtlich des Begriffs und der Bemessung der Invalidität keine
substantiellen Änderungen gegenüber der bis Ende 2007 gültig gewesenen Rechtslage
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brachte. Nachfolgend werden die seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des
ATSG und IVG wiedergegeben.
2.
Streitig ist, ob bei der Beschwerdeführerin ein gesundheitliches Leiden besteht, das sie
in ihrer Arbeits- und Erwerbsfähigkeit langdauernd beeinträchtigt, so dass ein
rentenbegründender Invaliditätsgrad resultiert (Art. 6 bis 8 und 16 ATSG in Verbindung
mit Art. 4 und 28 IVG). Als Gesunde wäre sie nach Lage der Akten vollzeitlich
erwerbstätig, weshalb sich die Invalidität durch Einkommensvergleich bemisst (Art. 16
ATSG). Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 ATSG). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch
auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, auf
eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad
von mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-
Grad von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
3.
Bis zur Einreichung der Replik blieb die Sichtweise der ABI-Gutachter vom September
2008, die Beschwerdeführerin sei für körperlich leichte adaptierte Tätigkeiten wie
Kontrollfunktionen, bei welchen kein Kraftaufwand mit dem linken Arm erforderlich sei,
wieder zu 80% arbeits- und leistungsfähig bei ganztägiger Verwertbarkeit,
grundsätzlich unbestritten. Erst Dr. A._ hielt im Bericht vom 27. Juli 2009 fest, dass
aus seiner Sicht auch für körperlich leichte Arbeit keine oder nur eine sehr geringe
Einsetzbarkeit bestehe. Die Patientin leide nach Tumorektomie, Bestrahlung, folgend
Korrekturoperationen und Infekt über der linken Brust an einer massiven lokalen
schmerzhaften Vernarbung und konsekutiver progredienter Fehlhaltung im
Schultergürtelbereich. Es liege ein chronisches behandlungsbedürftiges Lymphödem
des linken Arms vor (Lymphaden-ektomie axillär / Radiotherapie). Neurologisch
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bestätigt sei eine Läsion des Nervus plexus cervico-brachialis inferior und des Nervus
cutaneus brachii posterior links (St. nach rezidivierenden Schleudertraumen,
Radiotherapie? Postoperativ?) durch Dr. med. D._. Zudem stehe sie wegen
chronischer Lumbalgien, einem Diskushernienleiden, bei Dr. med. E._, Klinik
Stephanshorn St. Gallen und im Kantonsspital in Behandlung. Jeder einzelne Punkt
dieser Liste stelle bereits eine deutliche Einschränkung im Alltag sowie in der
Arbeitsfähigkeit dar. Wenn auch objektiv der Eindruck bestehen möge, dass die
Beschwerdeführerin ihren rechten Arm noch einsetzen könne, so dürfe nicht vergessen
werden, dass der linke Schultergürtel und Arm nicht als isoliertes Organ betrachtet
werden könne, sondern als jener Teil, der den ganzen Körper in Mittleidenschaft ziehe.
Jede persönliche Untersuchung zeige klar auf, dass die Beschwerdeführerin durch ihre
Fehlhaltung, die Schmerzen und praktisch vollständige Bewegungseinschränkung des
linken Arms und der Schulter massiv eingeschränkt sei. Hinzu kämen die lumbalen
Beschwerden, welche durch die Fehlhaltung im Schultergürtel sicher nicht günstig
beeinflusst würden. Somit könne er sich in keiner Weise dem Urteil des ABI, es sei eine
körperlich leichte Tätigkeit zu 80% vollschichtig zumutbar, anschliessen. Abgesehen
davon sei die Beschwerdeführerin kaum vermittelbar bzw. umschulbar. Aus seiner
Sicht bestünden wenig Chancen, den Zustand grundsätzlich zu verbessern. Geplant
sei eine Narbenkorrektur direkt über der fehlenden linken Brust, um hier die
Verklebungen zu lösen. Das werde aber die Fehlhaltung bzw. das Lymphödem nicht
beeinflussen. Er habe wenig Verständnis für die Zurückhaltung der IV bezüglich einer
Berentung bei der Beschwerdeführerin. Denn er sehe häufig sogenannte
Rückenpatienten mit 100%iger IV-Berentung in jugendlichem Alter mit gesundem
Schultergürtel, gesunden Brüsten und vollbeweglichen und einsetzbaren Armen. Mit
gesundem Menschenverstand liessen sich die bisherigen Beurteilungen nicht
nachvollziehen (Beilage zu act. G6.1). Zu beachten ist, dass Dr. A._ diese
Stellungnahme als Arzt abgegeben hat, bei welchem sich die Beschwerdeführerin seit
2006 in Behandlung befindet. Praxisgemäss ist dem so Rechnung zu tragen, als es zu
berücksichtigen gilt, dass Hausärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE
125 V 351 E. 3b.cc S. 353). Es ist aber zudem darauf hinzuweisen, dass sämtliche
Punkte, welche Dr. A._ als einschränkend in Bezug auf den Alltag und die
Arbeitsfähigkeit bezeichnet hat, im ABI-Gutachten vom 24. September 2008 ebenfalls
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als Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit angeführt sind. Die Gutachter haben
keineswegs einen isolierten Blick auf Schultergürtel und Arm links geworfen. Bezüglich
der Rückenproblematik haben sie erwähnt, dass diese bereits manifest gewesen sei,
als die Beschwerdeführerin ihr F._geschäft noch geführt hatte, dass sie also mit einer
leichten Tätigkeit durchaus vereinbar sei. Es ist nicht zu erkennen, dass sich daran
etwas geändert hätte. Dr. A._ selbst hatte im Beiblatt zum Arztbericht vom 1.
September 2007 angegeben, es kämen lediglich Tätigkeiten in Frage, die nur mit dem
rechten Arm und nicht in dauernder sitzender Haltung ausgeführt werden könnten
("zusätzlicher Wirbelsäulenschaden / Behandlung Dr. E._, Stephanshorn, SG"). In
einer solchen adaptierten Tätigkeit bestehe eine ganztägige Leistungsfähigkeit. Eine
Erklärung dafür, wieso sich seine Beurteilung der verbliebenen Restarbeitsfähigkeit
derart verändert hat, liefert er nicht. Im Hinweis auf die zahlreichen vollberenteten
gesunden jugendlichen Rückenpatienten, die ihm offenbar in seinem Praxisalltag
begegnen, kann sie jedenfalls nicht gesehen werden. Im Übrigen gehört die
Einschätzung der verbliebenen Restarbeitsfähigkeit bei körperlich beeinträchtigten
Menschen nicht zur Kernkompetenz eines plastischen Chirurgen, wohingegen sich den
Gutachtern des ABI diese Problematik tagtäglich stellt. Nach dem Gesagten besteht
kein Anlass, die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin abweichend von der
überzeugend begründeten Einschätzung der ABI-Gutachter festzulegen; sie beträgt
mithin 80% in einer den körperlichen Beeinträchtigungen angepassten leichten
Tätigkeit bei ganztägiger Verwertbarkeit.
4.
Die Beschwerdeführerin lässt geltend machen, dass der ihr zugängliche Arbeitsmarkt
solche Tätigkeiten gar nicht anbiete. Zum Beweis legt sie Stellungnahmen
verschiedener Regionaler Arbeitsvermittlungszentren vor, welche bestätigen, dass in
ihrem jeweiligen Einzugsgebiet keine Stelle mit nur körperlich leichter Arbeit oder reiner
Aufsichtsfunktion gemeldet waren und sind (act. G1.8 und Beilagen zu act. G6). Es ist
deshalb zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin ihre Restarbeitsfähigkeit erwerblich
umzusetzen vermag. Referenzpunkt für diese Verwertung ist der hypothetische
ausgeglichene Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Nach der Rechtsprechung handelt es
sich dabei um einen theoretischen und abstrakten Begriff, der dazu dient, den
Leistungsbereich der Invalidenversicherung von demjenigen der
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Arbeitslosenversicherung abzugrenzen. Der Begriff umschliesst einerseits ein
bestimmtes Gleichgewicht zwischen dem Angebot von und der Nachfrage nach
Stellen; anderseits bezeichnet er einen Arbeitsmarkt, der von seiner Struktur her einen
Fächer verschiedenartiger Stellen offen hält und zwar sowohl bezüglich der dafür
verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des
körperlichen Einsatzes; Letzteres gilt auch im Bereich der un- und angelernten
Arbeitnehmer. Nach diesen Gesichtspunkten bestimmt sich im Einzelfall, ob die
invalide Person die Möglichkeit hat, ihre restliche Erwerbsfähigkeit zu verwerten und ob
sie ein rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen vermag oder nicht (BGE 110 V
276 Erw. 4b; ZAK 1991 S. 320 f. Erw. 3b). Daraus folgt, dass für die
Invaliditätsbemessung nicht darauf abzustellen ist, ob eine invalide Person unter den
konkreten Arbeitsmarktverhältnissen vermittelt werden kann, sondern einzig darauf, ob
sie die ihr verbliebene Arbeitskraft noch wirtschaftlich nutzen könnte, wenn die
verfügbaren Arbeitsplätze dem Angebot an Arbeitskräften entsprechen würden (AHI
1998 S. 291). Für die Beschwerdeführerin stehen - trotz ihrer gesundheitlichen
Einschränkungen - auf diesem hypothetischen ausgeglichenen Arbeitsmarkt genügend
leichte Hilfs-, Kontroll- und Überwachungstätigkeiten offen, sodass nicht von
realitätsfremden und in diesem Sinn unmöglichen oder unzumutbaren
Einsatzmöglichkeiten ausgegangen wird. Denn die zumutbare Tätigkeit ist vorliegend
nicht nur in so eingeschränkter Form möglich, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt
praktisch nicht kennt oder nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines
durchschnittlichen Arbeitgebers ausgeübt werden kann (ZAK 1989 S. 322 Erw. 4a). Die
Ausführungen in der Beschwerde und vor allem der Replik verkennen den rein
hypothetischen Charakter des ausgeglichenen Arbeitsmarktes, an dem festzuhalten ist,
weil nur so die Risiken Arbeitslosigkeit und Invalidität voneinander abgegrenzt werden
können. So geht es beim als ausgeglichen unterstellten Arbeitsmarkt nicht um reale,
geschweige denn offene Stellen, sondern um (gesundheitlich zumutbare)
Beschäftigungsmöglichkeiten, welche der Arbeitsmarkt von seiner Struktur her, jedoch
abstrahiert von den konjunkturellen Verhältnissen, umfasst (nicht veröffentlichtes EVG-
Urteil vom 16. Juli 2003 i/S C. [I 758/02]). Die von der Beschwerdeführerin in diesem
Zusammenhang beantragte Expertise vermag zu dieser Konzeption nichts beizutragen.
Folglich ist darauf zu verzichten.
5.
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Damit bleibt zu prüfen, ob die Verwaltung den Invaliditätsgrad korrekt bemessen hat.
Es ist unbestritten, dass dies nach der Einkommensvergleichsmethode (vgl. dazu BGE
128 V 30 Erw. 1, 104 V 136 Erw. 2a und b) zu geschehen hat. Auch dass dafür auf die
Tabellenlöhne der schweizerischen Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für
Statistik abzustellen ist und für die Beschwerdeführerin das Valideneinkommen gemäss
Niveau oder Qualifikationsstufe 4 massgebend ist, wird zu Recht nicht mehr in Frage
gestellt. Die Beschwerdeführerin rügt einzig noch die Höhe des sogenannten
Leidensabzugs beim Invalideneinkommen. Sie macht geltend, dass nach der
Rechtsprechung gerade invaliditätsfremde Faktoren, welche sich zusätzlich zur
medizinisch festgestellten Arbeitsunfähigkeit auf das erzielbare Invalideneinkommen
auswirkten, zu berücksichtigen seien. Bei der Beschwerdeführerin sei in Rechnung zu
stellen, dass sie ihre Restarbeitsfähigkeit von 80% nur noch in leichten Tätigkeiten
verwerten könne, woraus ein gegenüber den Tabellenlöhnen geringerer Verdienst
resultiere. Sodann sei zu berücksichtigen, dass sie in der auszuführenden leichten
Tätigkeit überhaupt keine Berufserfahrung habe, dass sie eine geringe schulische und
berufliche Ausbildung habe, dass sie den linken Arm überhaupt nicht einsetzen könne,
dass die als Verweistätigkeit genannten Kontrollfunktionen in der Ostschweiz nicht
häufig seien, dass sie noch familiäre Verpflichtungen habe und entsprechend unflexibel
sei und schliesslich dass sie nur Teilzeit arbeiten könne. Alle diese Faktoren würden
sich lohnmindernd auswirken. Es sei deshalb der maximale Abzug von 25% zu
gewähren, was mindestens zu einer Viertelsrente führe. Nach der Rechtsprechung ist,
wenn das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen
Durchschnittswerten ermittelt wird, der entsprechende Ausgangswert allenfalls zu
kürzen. Mit dem sogenannten Leidensabzug wurde ursprünglich berücksichtigt, dass
versicherte Personen, welche in ihrer letzten Tätigkeit körperliche Schwerarbeit
verrichteten und nach Eintritt des Gesundheitsschadens auch für leichtere Arbeiten
nurmehr beschränkt einsatzfähig sind, in der Regel das entsprechende
durchschnittliche Lohnniveau gesunder Hilfsarbeiter nicht erreichen. Der ursprünglich
nur bei Schwerarbeitern zugelassene Abzug entwickelte sich in der Folge zu einem
allgemeinen behinderungsbedingten Abzug, wobei die Rechtsprechung dem Umstand
Rechnung trug, dass auch weitere persönliche und berufliche Merkmale der
versicherten Person wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder
Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die Höhe des
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Lohnes haben können. Ein Abzug soll aber nicht automatisch, sondern nur dann
erfolgen, wenn im Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person
wegen eines oder mehrerer dieser Merkmale ihre gesundheitlich bedingte
(Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit
unterdurchschnittlichem Einkommen verwerten kann. Bei der Bestimmung der Höhe
des Abzugs ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das
Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu
schätzen und insgesamt auf höchstens 25% des Tabellenlohns zu begrenzen (vgl. zum
Ganzen BGE 126 V 75). Es steht fest, dass die Beschwerdeführerin durch die massive
Bewegungseinschränkung im Bereich des linken Arms und der linken Schulter auch bei
der Ausübung leichter Tätigkeiten nur beschränkt einsatzfähig ist. Dem wurde in erster
Linie dadurch Rechnung getragen, dass ihre vollschichtig zu verwertende
Arbeitsfähigkeit auf 80% reduziert wurde. Zusätzlich hat man den Umstand, dass sie
eben ihre Arme beim F._verkauf mehr bewegen können musste als etwa bei einer
Kontrolltätigkeit, mit einem Leidensabzug von 10% gewürdigt (IV-act. 47-2/3). Ein
Abzug wegen ihres Alters ist nicht gerechtfertigt. Mit Jahrgang 1958 ist die
Beschwerdeführerin im Arbeitsmarkt für leichte Hilfsarbeit vermittelbar, ohne dass sie
deswegen lohnmässig Konzessionen machen müsste. Auch der Faktor Dauer der
Betriebszugehörigkeit gibt zu keinem Abzug Anlass, hatte die Beschwerdeführerin ihr
F._geschäft doch erst 2005 eröffnet. Sodann spielen bei ihr als Schweizerin die
Kriterien Nationalität und Aufenthaltskategorie keine lohnmindernde Rolle und ein
Teilzeitabzug ist - entgegen den Ausführungen in der Beschwerde - gerade nicht zu
rechtfertigen, weil der Beschwerdeführerin die Verrichtung der leichten Tätigkeit bei um
20% reduzierter Leistungsfähigkeit ja - wie bereits erwähnt - vollschichtig zumutbar ist.
Damit lässt sich, selbst wenn man den von der Beschwerdeführerin aufgezählten
Nachteilen noch Gewicht beimessen wollte, ein maximaler Leidensabzug von 25%
sicher nicht begründen. Eines solchen würde es aber auf jeden Fall bedürfen, um
überhaupt einen Anspruch auf eine Rentenleistung gegenüber der
Invalidenversicherung entstehen lassen zu können. Demnach hat die SVA den
Rentenanspruch zu Recht verneint. Die Verfügung vom 23. März 2009 ist nicht zu
beanstanden.
6.
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Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Das Beschwerdeverfahren ist
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom
Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG).
Vorliegend erscheint eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- als angemessen. Diese ist der
unterliegenden Beschwerdeführerin aufzuerlegen und mit dem geleisteten
Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP