Decision ID: 886b46e8-7578-43fc-ab13-fa54b4dc71dc
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer gelangte am 4. Juli 2017 in die Schweiz, wo er glei-
chentags um Asyl ersuchte.
B.
Er wurde am 14. Juli 2017 zu seiner Person, dem Reiseweg sowie sum-
marisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]).
Eine eingehende Anhörung zu den Fluchtgründen fand am 2. April 2019
statt.
Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, dass er für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet habe und des-
halb verhaftet worden sei.
C.
Mit Verfügung vom 11. November 2019 (Eröffnung am 13. November 2019)
stellte das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft nicht erfüllt, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Vollzug an.
D.
Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer mit Eingabe seines Rechts-
vertreters vom 13. Dezember 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz. Eventualiter sei die Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen und Asyl zu gewähren. Subeventualiter sei eine vorläu-
fige Aufnahme als Flüchtling anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und amtlichen Rechtsverbeiständung ersucht.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Dezember 2019 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche
Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG in Verbindung mit
aArt. 110a AsylG (SR 142.31) gut und ordnete den rubrizierten Rechtsver-
treter als amtlichen Rechtsbeistand bei.
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F.
Mit Vernehmlassung vom 21. Januar 2020 äusserte sich das SEM zur Be-
schwerdeschrift, worauf der Beschwerdeführer am 30. Januar 2020 repli-
zierte.
G.
Mit Eingabe vom 7. April 2020 ergänzte der Beschwerdeführer seine Vor-
bringen.
H.
Am 23. April 2020 ging beim Gericht ein Bestätigungsschreiben der Kur-
distan Human Rights Association vom (...) 2019 ein.
I.
Mit Eingabe vom 28. Oktober 2020 reichte der Beschwerdeführer drei aus-
gedruckte E-Mails, einen Chatverlauf und einen Auszug der Webseite der
Komala Partei Kurdistan Schweiz ein.
J.
Mit Eingabe vom 2. Februar 2021 reichte der Beschwerdeführer einen Aus-
zug aus einem Vereinsregister, eine Bestätigung der Kurdistan Human
Rights Association vom (...) 2021 sowie einen Screenshot eines Artikels
auf der Webseite der Komala Partei ein.
K.
Mit Eingabe vom 3. Mai 2021 reichte der Beschwerdeführer ein im Internet
publiziertes Interview und eine Bestätigung der Aufnahme in die Komala
Partei Schweiz ein.
L.
Mit Eingabe vom 7. September 2021 reichte er eine Bestätigung der Ko-
mala Partei, einen im Internet publizierten Bericht, auf dem Internet publi-
zierte Fotos einer Veranstaltungsteilnahme sowie eine letzte aktualisierte
Kostennote ein.
M.
Das vorliegende Verfahren wurde aus organisatorischen Gründen auf die
im Rubrum aufgeführte vorsitzende Richterin umgeteilt.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch damit, dass er (...)
gleichzeitig mit dem Beginn seines Studiums beziehungsweise im letzten
Semester damit begonnen habe, für die Kurdistan Human Rights Associa-
tion tätig zu sein. Er habe die Organisation jeweils über Menschenrechts-
verletzungen in seiner Region informiert. Der iranische Geheimdienst habe
davon erfahren und ihn am (...) 2016 für zwei Wochen festgenommen. An-
lässlich der Befragungen habe er zugegeben, der Organisation Informatio-
nen gegeben zu haben. Er sei deshalb wegen Aktivitäten gegen die natio-
nale Sicherheit und Propaganda gegen das Regime angeklagt worden.
Gegen Kaution sei er freigelassen worden. Etwa 20 Tage später hätten sich
Mitarbeiter des Geheimdienstes bei seiner Mutter, bei welcher er gelebt
habe, nach ihm erkundigt. Er sei damals nicht anwesend gewesen. Aus
Angst, dass ihm seitens des Geheimdienstes etwas zustossen könnte,
habe er den Iran auf dem Luftweg verlassen.
Als Beweismittel reichte er ein Bestätigungsschreiben der Kurdistan Hu-
man Rights Association vom (...) 2019, einen Ausdruck der Internetseite
der Kurdistan Human Rights Association, einen auf der Webseite www.akh-
bar-rooz.com publizierten Artikel, einen Auszug aus einem Blog und einen
Ausdruck seines Facebook-Profils ein.
4.2 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass die Vorbringen des
Beschwerdeführers nicht glaubhaft seien. Er habe nicht anzugeben ver-
mocht, wie der Geheimdienst auf ihn aufmerksam geworden sei, sondern
vielmehr pauschal erklärt, dieser sei sehr mächtig. Er habe ferner angege-
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ben, aus Sicherheitsgründen seine Tätigkeit stets in Internetcafés ausge-
führt zu haben. Er habe ferner lediglich mit einem Mitglied der Organisation
per E-Mail Kontakt gehabt und nie jemanden persönlich getroffen. Ferner
habe er selbst angegeben, nicht sonderlich aktiv gewesen zu sein. Es sei
folglich nicht nachvollziehbar, weshalb er in den Fokus des Geheimdiens-
tes geraten sei. Wenn er tatsächlich geheimdienstlich gesucht und auf Kau-
tion freigelassen worden wäre, sei nicht ersichtlich, wie es ihm trotzdem
gelungen sei, den Iran über den Flughafen in Verwendung seines mit ei-
nem Visum für die Schweiz versehenen Reisepasses zu verlassen.
Er habe angegeben, nach seiner Ausreise seien seine Eltern regelmässig
behördlich vorgeladen und aufgefordert worden, dass er (Beschwerdefüh-
rer) sich stellen solle, da er sonst als flüchtig gelte und eine Strafe in Ab-
wesenheit verhängt werde. Es sei nicht nachvollziehbar, wieso die Eltern
keine anderen Konsequenzen zu gewärtigen gehabt hätten, zumal der Va-
ter für seine Freilassung gebürgt habe. Zudem habe der Beschwerdeführer
kein Urteil erwähnt, welches gegen ihn in Abwesenheit verhängt worden
wäre. Er habe auch keine Dokumente zu seiner Verhaftung, seiner Anklage
und Entlassung gegen Kaution oder die Vorladungen seiner Eltern einge-
reicht.
Ferner habe er sich zum Beginn seines Engagements für die Kurdistan
Human Rights Association widersprüchlich geäussert, indem er in der BzP
angegeben habe, dies sei im Zeitpunkt des Beginns seines Studiums im
Jahre (...) gewesen, während er in der Anhörung angegeben habe, er habe
im letzten Semester ([...]) damit begonnen. Ferner habe er in der BzP an-
gegeben, mit dem Präsidenten der Organisation in Schweden in Kontakt
gewesen zu sein, während er in der Anhörung davon gesprochen habe,
dies sei jemand aus Deutschland gewesen. Somit habe er nicht glaubhaft
darlegen können, bereits im Iran für die Organisation tätig gewesen zu
sein.
Dem eingereichten Bestätigungsschreiben komme nur geringer Beweis-
wert zu, da es sich um kein Original handle. Das Dokument nenne ferner
keine Details zur geleisteten Tätigkeit. Schliesslich würden die Unterschrif-
ten als nachträgliche Ergänzungen erscheinen. Der Auszug der Internet-
seite «www.kmmk.info» gebe keine Auskunft darüber, wann er Mitglied der
Organisation geworden sei. Beide Dokumente würden folglich nicht den
Nachweis erbringen, dass er im Iran für besagte Organisation tätig gewe-
sen sei.
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Der eingereichte Artikel sowie der Auszug aus dem Blog seien nach seiner
Ausreise entstanden und seien somit nicht geeignet, eine entsprechende
Tätigkeit im Iran zu belegen. Dem Auszug seines Facebook-Profils seien
keine Informationen zu seinem Engagement für Menschenrechte zu ent-
nehmen.
Es sei folglich nicht glaubhaft, dass er im Iran für die Kurdistan Human
Rights Association aktiv gewesen und deswegen verfolgt worden sei.
Die geltend gemachten exilpolitischen Aktivitäten würden zu keiner asylre-
levanten Verfolgungsgefahr führen. So habe er gemäss eigenen Angaben
seinen letzten Artikel im Jahre 2018 publiziert, ohne diesen jedoch einzu-
reichen. Die Teilnahme an Demonstrationen habe er erst in der Anhörung
erwähnt und nicht dokumentiert. Ferner habe er nicht erwähnt, dass seine
Eltern wegen seiner Aktivitäten von den Behörden kontaktiert worden wä-
ren. Es würden keine Hinweise vorliegen, dass die Behörden über seine
Aktivitäten in Kenntnis wären. Es gebe daher keinen Grund zur Annahme,
dass er von den iranischen Behörden als konkrete Bedrohung angesehen
werde und aus diesem Grund Gefahr laufen würde, verfolgt zu werden.
4.3 In der Beschwerdeschrift wurde eingewendet, die Vorinstanz habe die
Begründungspflicht verletzt, indem sie es unterlassen habe, sich mit den
Schilderungen der Verhaftung, der Haft und der Entlassung auseinander-
zusetzen.
Die Schilderungen zur Verhaftung, der anschliessenden Haft sowie der
Entlassung seien detailliert ausgefallen. Der Beschwerdeführer habe Ge-
spräche wiedergegeben, lebensnahe Ausführungen unter der Nennung ne-
bensächlicher Details gemacht, die Unterschiede zwischen den Befragun-
gen herausgestrichen und seine Gedanken genannt. Er habe den Ablauf
der Haft konzise beschrieben und sei trotz Nachfragen stets konstant ge-
blieben. Seine Antworten seien regelmässig über die Fragen hinausgegan-
gen. Das SEM klammere diese Aussagen in der Verfügung gänzlich aus.
Dem Argument, der Beschwerdeführer habe nicht angeben können, wes-
halb der Geheimdienst von seiner Tätigkeit erfahren habe, sei zu entgeg-
nen, dass er zu Beginn der Anhörung eingeräumt habe, er wisse schlicht
nicht, wieso die Behörden auf ihn aufmerksam geworden seien. Weiter sei
es gemäss Quellenlage keine Seltenheit, dass auch gesuchte oder gegen
Kaution freigelassene Personen den Iran über einen Flughafen verlassen
könnten, sei es, weil kein Ausreiseverbot erlassen worden sei, sei es, dass
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das Verbot noch nicht bis zu den Flughafenbehörden durchgedrungen sei.
Gemäss Quellenlage müssten Angehörige von flüchtigen Personen auch
nicht unbedingt mit tiefgreifenden Konsequenzen rechnen, welche über
den wie auch vorliegend geschehenen Einzug der Kaution hinausgehen
würden.
Die Aussagen zum Beginn seiner Tätigkeit für die Kurdistan Human Rights
Association seien nicht widersprüchlich und es sei zu bemängeln, dass in
der Anhörung keine Möglichkeit geboten worden sei, die Unstimmigkeiten
aufzulösen. Der Beschwerdeführer habe in der BzP lediglich das Jahr (...)
als ungefähren Zeitpunkt für den Beginn angegeben. Damit habe er sagen
wollen, dass er in dieser Zeit angefangen habe, sich für menschenrechtli-
che Fragen zu interessieren und schliesslich die Organisation ausfindig ge-
macht habe. Gegen Ende des ersten Semesters habe er diese dann per
E-Mail kontaktiert und während acht Monaten habe sporadischer Kontakt
bestanden. Erst gegen Ende des Studiums, im Frühlingssemester (...),
habe er die Zusammenarbeit intensiviert. Dies habe er in der Anhörung als
aktive Zeit beschrieben. Es handle sich somit um eine leicht abweichende
Zeitangabe, die bereits in der Anhörung hätte aufgelöst werden können.
Unzutreffend sei auch der Vorwurf hinsichtlich seiner Kontaktperson bei der
Organisation. Der Beschwerdeführer habe, als er sich noch im Iran aufge-
halten habe, nur mit einer Person kommuniziert und zwar mit B._.
Dieser sei auf der Webseite der Organisation als Main Member sowie Joint
Director vermerkt, weshalb er vom Beschwerdeführer in der BzP minimal
ungenau als Präsident bezeichnet worden sei. B._ sei in
C._ wohnhaft und er könne sich die unterschiedlichen Länderanga-
ben einzig mit einem Missverständnis erklären. Die Organisation sei in
D._ nicht unwesentlich vertreten und er habe dort anlässlich seines
sechsmonatigen Aufenthalts mehrere Mitglieder kennengelernt.
B._ habe aber nie dort gelebt und die anderslautende Angabe sei
wohl auf die stressige Situation in der BzP zurückzuführen.
Den Erwägungen des SEM zu den eingereichten Beweismitteln sei zu ent-
gegnen, dass aus der mit der Beschwerde eingereichten Bestätigung der
Organisation hervorgehe, dass der Beschwerdeführer wegen seiner Arbeit
für diese festgenommen worden sei. Die vom Beschwerdeführer verfass-
ten Artikel sowie sein Blog seien zwar keine expliziten Beweise für sein
Engagement im Iran. Sie würden aber darauf hindeuten, dass er über die
Menschenrechtssituation gut informiert sei. Dass er sich dieses Wissen
erst nach seiner Ausreise angeeignet haben solle, sei nicht wahrscheinlich.
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Aus seiner Facebook-Seite sei ersichtlich, dass er seit über zwei Jahren
regelmässig zu Menschenrechtsthemen poste. Ferner sei dort vermerkt,
dass er für die Kurdistan Human Rights Association arbeite. Zu seiner Ver-
haftung habe er bislang keine amtlichen Dokumente erhalten, was einem
nicht unüblichen Vorgehen des Geheimdienstes entspreche.
Der Beschwerdeführer sei aufgrund seiner politischen Anschauung an Leib
und Leben sowie seiner Freiheit gefährdet, und erfülle somit die Flücht-
lingseigenschaft, weshalb ihm Asyl zu gewähren sei.
Als Beweismittel reichte er Kopien eines Bestätigungsschreibens vom (...)
2019 und des Mitgliederausweises der Kurdistan Human Rights Associa-
tion, Fotos und eine Videoaufnahme einer Kundgebung in E._ vom
(...) 2018 und einen offenen Brief an die Redaktion der Deutschen Welle
betreffend den Freedom of Speech Award an F._ ein.
4.4 In der Vernehmlassung wendete das SEM ein, beim eingereichten Be-
stätigungsschreiben handle es sich um eine Kopie einer Kopie, bei der of-
fenbar sowohl das Logo als auch die Unterschriften zu einem späteren
Zeitpunkt eingefügt worden seien. Die Beweiskraft sei daher sehr gering.
Inhaltlich werde darin dasselbe bestätigt, wie bereits im Dokument, wel-
ches er anlässlich der Anhörung vorgelegt habe. Das Dokument nehme
keinen zeitlichen Bezug und es werde ausgeführt, dass der Beschwerde-
führer den Iran verlassen habe, als der Geheimdienst versucht habe, ihn
zu verhaften, während er in der Anhörung noch angegeben habe, das Land
verlassen zu haben, nachdem er gegen Kaution entlassen worden sei. Er
erkläre ferner nicht, weshalb er kein Bestätigungsschreiben im Original ein-
reichen könne.
Hinsichtlich der eingereichten Fotoaufnahmen einer Teilnahme an einer
Kundgebung habe er nicht erklärt, wer diese Aufnahmen gemacht habe,
wem sie gehören würden und wo sie veröffentlicht worden seien.
Bezüglich des Schreibens an die Deutsche Welle sei nicht klar, ob dieses
tatsächlich an den Herausgeber gegangen sei. Es sei auch nicht klar, wie
es verbreitet worden sei, wer von der Existenz des Schreibens wisse, und
es fehle eine Unterschrift.
Der Beschwerdeführer habe zwar zahlreiche Aktivitäten auf den sozialen
Medien genannt, jedoch keinen konkreten Post, Tweet oder Blogbeitrag
eingereicht. Ausserdem habe er in der Anhörung ausgesagt, seinen letzten
Artikel (...) habe er im Jahr 2018 publiziert. Sein auf Beschwerdeebene
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behaupteter Aktivismus auf den sozialen Medien stimme nicht mit seinen
Vorbringen in der Anhörung überein. Dort habe er angegeben, für die In-
ternetseite der Kurdistan Human Rights Association tätig gewesen zu sein,
ohne dies jedoch zu beschreiben oder Belege für anderweitige Aktivitäten
einzureichen.
Der Beschwerdeführer habe nicht detailliert darüber berichtet, was er wäh-
rend des angeblichen Verhörs preisgegeben habe, sondern er habe nur
erwähnt, dass er für die Organisation gearbeitet habe. Es falle ferner auf,
dass sich der Detailreichtum hinsichtlich der Schilderung des Verhörs klar
von demjenigen über seine Tätigkeit für die Organisation unterscheide, zu-
mal er das Verhör substanziierter beschrieben habe. Er gebe nicht an, dass
gegen ihn eine förmliche Vorladung oder Verurteilung ergangen sei. Er sei
gegen Kaution entlassen worden und habe bisher seine Verteidigungs-
rechte wahrnehmen können. Es sei daher nicht anzunehmen, dass er im
Visier des Geheimdienstes stehe.
Seine Aussagen zur Verhaftung seien widersprüchlich. In der BzP habe er
erwähnt, mehrere Personen hätten bei ihm im Geschäft um eine Reparatur
einer Überwachungskamera gebeten, da bei ihnen eingebrochen worden
sei. In der Anhörung habe er zuerst ausgesagt, es sei nur eine Person ge-
wesen und diese habe nach einer Installation einer Kamera gefragt. Später
habe er erklärt, er sei nach der Reparatur einer Kamera gefragt worden
und zuerst sei nur eine Person in sein Geschäft gekommen. Erst später
seien mehrere Personen zurückgekehrt und hätten sich als Geheimdienst-
mitarbeiter vorgestellt. Er habe in der BzP auch noch nicht behauptet, dass
die Personen dem Geheimdienst angehören würden.
4.5 In der Replik wurde eingewendet, das Schreiben der Kurdistan Human
Rights Association widerspreche den Ausführungen des Beschwerdefüh-
rers nicht. So ergebe sich aus seinen Ausführungen, dass er trotz seiner
Freilassung gegen Kaution noch immer auf dem Radar des Geheimdiens-
tes gewesen sei, was sich im behördlichen Besuch bei seiner Mutter ge-
zeigt habe. Nach der Ausreise seien die Eltern vorgeladen und aufgefordert
worden, dass sich der Beschwerdeführer stelle.
Die Teilnahme des Beschwerdeführers an einer Demonstration in der
Schweiz sei hinreichend dokumentiert. Der eingereichte offene Brief an die
Deutsche Welle sei im Internet einsehbar. In einem Artikel des humanisti-
schen Pressedienstes sei der Brief veröffentlicht worden. Der Beschwer-
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deführer habe diesen Brief mitunterzeichnet. Es sei ein Leichtes für die ira-
nischen Behörden, ihn als unerwünschten Oppositionellen zu identifizie-
ren.
Das Facebook-Profil des Beschwerdeführers sei ohne grossen Aufwand
einsehbar und die dortigen Beiträge könnten mit der Option "Übersetzung
anzeigen" zumindest teilweise untersucht werden. Der Beschwerdeführer
sei auf Facebook weiterhin politisch aktiv. Er habe aber erst nach seiner
Ausreise mit der Aktivität auf den sozialen Medien begonnen, da dies im
Iran nicht möglich gewesen sei.
Der Beschwerdeführer habe die Verhöre lebensnah geschildert, was die
Vorinstanz nicht bestreite. Wie er bereits anlässlich der Anhörung ausge-
führt habe, habe er an diesen Verhören die Identität seiner Kontaktperson
sowie die Webseite der Organisation preisgegeben. Weitere Fragen, wel-
che ihm gestellt worden seien, habe er mangels Wissen schlicht nicht be-
antworten können. Seine Aktivitäten für die Organisation habe er in der An-
hörung konkret geschildert.
Der Einwand der Vorinstanz, der Beschwerdeführer sei in den Genuss sei-
ner Verteidigungsrechte gekommen, mute seltsam an, zumal er eindrück-
lich erklärt habe, wie er unter Gewaltanwendung und Drohungen befragt
worden sei. Er sei zwar freigelassen, kurze Zeit später aber erneut gesucht
worden. Seine Eltern seien unter Druck gesetzt und ihnen sei eine Bestra-
fung des Beschwerdeführers angekündigt worden.
Der Beschwerdeführer stehe weiterhin im regelmässigen Kontakt mit Ex-
ponenten der Kurdistan Human Rights Association. In zweiwöchigen Kon-
ferenzen würden sie die gemeinsamen Aktivitäten und die Ausrichtung des
Vereins besprechen. Zudem stehe er nach wie vor mit Informanten aus
dem Iran in Kontakt.
Zu den Umständen seiner Verhaftung habe er mit einer Ausnahme in der
Anhörung stets ausgesagt, dass es um die Reparatur einer Kamera ge-
gangen sei und er habe betont, dass es um eine Kamerainstallation und
-reparatur gegangen sei. Es bestehe folglich kein Widerspruch, da er ge-
beten worden sei, eine kaputte Kamera zu reparieren und anschliessend
wieder zu installieren. Es könne nicht entscheidend sein, wie viele Perso-
nen zu welchem Zeitpunkt genau ins Geschäft getreten seien. Kleineren
Abweichungen in Nebenpunkten dürfe keine zu grosse Relevanz beige-
messen werden.
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4.6 In der Eingabe vom 7. April 2020 ergänzte der Beschwerdeführer, dass
ein Mitglied der Kurdistan Human Rights Association, welches derzeit im
Irak wohnhaft sei und mit welchem er in regelmässigem Kontakt gestanden
habe, angegriffen und bestohlen worden sei. Die Kurdistan Human Rights
Association gehe davon aus, dass der Iran hinter dem Angriff stecke. Beim
Angriff seien elektronische Geräte erbeutet worden, auf welchen sich auch
Daten des Beschwerdeführers befinden dürften, aus welchen sich seine
Zugehörigkeit zur Organisation erschliessen lasse.
4.7 Mit Eingabe vom 28. Oktober 2020 reichte der Beschwerdeführer
E-Mail-Korrespondenzen mit seinen angeblichen Kontaktpersonen im Iran
ein. Die Informationen, die er erhalte, verwende er für seine Arbeit für die
Kurdistan Human Rights Association. Der eingereichte Chat-Verlauf doku-
mentiere seinen Austausch mit einem Mitglied der Vereinigung über (...).
Ein Auszug aus der Webseite der Komala Partei belege, dass er auch dort
Artikel publiziere. Diese würden eine grosse Reichweite besitzen.
4.8 Mit Eingabe vom 2. Februar 2021 ergänzte er, dass die Kurdistan Hu-
man Rights Association mittlerweile in C._ als Verein eingetragen
sei und er dort als Vertretungsberechtigter aufgeführt werde. Ferner wür-
den seine monatlichen Berichte und Statistiken nunmehr auch auf der
Webseite der Komala Partei Schweiz veröffentlicht, wo er als Urheber ge-
nannt werde.
4.9 Mit Eingabe vom 3. Mai 2021 wurde ein Interview eingereicht, welches
der Beschwerdeführer mit einem Sympathisanten der kurdischen Bewe-
gung geführt habe, der deswegen für 24 Jahre inhaftiert worden sei. Das
Interview sei auf den Webseiten der Kurdistan Human Rights Association,
der Komala Partei und des Newsportals Akhbar Rooz veröffentlicht wor-
den. Aufgrund dieser immer stärkeren Verbreitung seiner politischen Akti-
vitäten sei davon auszugehen, dass die iranischen Behörden davon Kennt-
nis hätten und ihn bei einer Rückkehr verfolgen würden. Er sei zudem zwi-
schenzeitlich offiziell der Komala Partei beigetreten. Auf deren Webseite
sei er – mit Foto – als Verantwortlicher für (...) aufgeführt.
4.10 Mit Eingabe vom 7. September 2021 wurde schliesslich geltend ge-
macht, dass aus der Mitgliedschaftsbestätigung der Komala Partei hervor-
gehe, dass er regelmässig an Aktivitäten der Partei teilnehme und sich um
verschiedene Informationen auf der Webseite kümmere. Ein jüngster Be-
richt über (...) sei auf den Webseiten der Kurdistan Human Rights Associ-
ation, der Komala Partei und Akhbar Rooz, mit seinem Namen und Bild
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versehen, publiziert worden. Ferner habe er am 21. August 2021 an einer
Veranstaltung der Komala Partei teilgenommen. Fotos dieser Veranstal-
tung, auf welchen er klar zu erkennen sei, seien auf der Webseite der Par-
tei publiziert worden.
5.
5.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Ent-
scheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar-
stellung des Beschwerdeführers sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei
ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraus-
setzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die
eigenen Erlebnisse betreffende, substantiierte, im Wesentlichen wider-
spruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse.
Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung
ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision
und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Er-
lebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftma-
chung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstim-
mung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substantiiertheit und
Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder
gegen den Beschwerdeführer sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhalts-
darstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaft-
machung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar
möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und
überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung
sprechen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1).
5.2 Mit dem Beschwerdeführer ist darin einig zu gehen, dass sich in den
Vorbringen durchaus Elemente finden, die für deren Glaubhaftigkeit spre-
chen, beziehungsweise das SEM zum Teil Unstimmigkeiten oder Wider-
sprüche aufgezeigt hat, die wenig zu überzeugen vermögen.
5.2.1 So hat das SEM eine Würdigung der Aussagen zur Substanz der Ent-
führung und Inhaftierung zu Unrecht unterlassen und entgegen der implizit
geäusserten Ansicht des SEM weisen die Ausführungen des Beschwerde-
führers zu seiner Tätigkeit für die Menschenrechtsorganisation vor seiner
Ausreise jedenfalls im Rahmen der Anhörung durchaus Substanz auf. So
eröffnete er seinen freien Bericht zwar mit einer pauschalen Äusserung,
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Seite 14
«alles» an die Organisation weitergeleitet zu haben, nannte unmittelbar im
Anschluss aber spontan diverse konkrete Beispiele und schloss mit dem
Detail, dass er sich sogar zur jeweiligen Quelle geäussert habe (vgl.
act. A14 F35). Überdies ergänzte er seine Aussage auf zweimalige Nach-
frage mit weiteren Beispielen (vgl. act. A14 F38 und F39).
5.2.2 Auch zur Festnahme gab der Beschwerdeführer auf entsprechende
Nachfragen Details zu Protokoll, indem er die beteiligten Personen zu ei-
nem gewissen Grad beschrieb (vgl. act. A14 F55) und erwähnte, dass sie
im Auto nicht miteinander gesprochen, sondern eine religiöse Kassette ab-
gespielt hätten (vgl. act. A14 F56) und ergänzte, was die Personen zuei-
nander gesagt hätten, nachdem sie aus dem Auto ausgestiegen seien (vgl.
act. A14 F56). Das erste Verhör beschrieb er grösstenteils in direkter Rede
und fügte etwa an, dass die Person mit sanfter Stimme mit ihm gesprochen
habe (vgl. act. A14 F58). Zum dritten Verhör nannte er ebenfalls markante
Details, wie etwa, dass der Mann, der ihn verhört habe, eine jung klingende
Stimme gehabt habe und er das Gefühl gehabt habe, dieser sei Türke.
Ferner erwähnte er, dass dieser ständig um den Tisch herumgelaufen sei,
laut darauf geklopft und ihn sowie seine Eltern beschimpft habe. Schliess-
lich habe er ihm (Beschwerdeführer) auf den Hinterkopf geschlagen und
gesagt, dass er seine Mutter und seine Freundin holen lasse, die dann vor
seinen Augen vergewaltigt würden, was ihn (den Beschwerdeführer) dazu
veranlasst habe, seine Kontaktpersonen zu nennen (vgl. act. A14 F59 f.).
Der Beschwerdeführer war auch in der Lage, seine Zelle (vgl. act. A14
F63), die Gänge, durch welche er zu den Verhören geführt worden sei (vgl.
act. A14 F64), und die Verlegung ins Gefängnis (vgl. act. A14 F65) sub-
stanzvoll zu beschreiben. Diese gehaltvolle Schilderung ist als Indiz für die
Glaubhaftigkeit der Vorbringen zu werten.
5.2.3 Dem Beschwerdeführer ist sodann ebenfalls darin Recht zu geben,
dass das Argument des SEM, er habe nicht hinreichend darzulegen ver-
mocht, weshalb der Geheimdienst auf ihn aufmerksam geworden sei,
kaum geeignet ist, die Glaubhaftigkeit zu erschüttern, zumal – trotz der Si-
cherheitsvorkehrungen des Beschwerdeführers, er sei nur von Internetca-
fés aus tätig gewesen – eine Kenntniserlangung durch den Geheimdienst
nicht gänzlich ausgeschlossen erscheint. Ferner stellt dieses Argument im
Kern eine blosse Mutmassung dar, der nur untergeordnete Bedeutung zu-
kommen kann.
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5.3 Im Übrigen vermochte der Beschwerdeführer jedoch die vom SEM an-
geführten Argumente, die gegen die Glaubhaftigkeit sprechen, nur bedingt
zu relativieren.
5.3.1 So entstehen erste Zweifel indem die Ausführungen zum Beginn sei-
nes Engagements für die Kurdistan Human Rights Association Unstimmig-
keiten aufweisen, zumal der Beschwerdeführer in der BzP das Jahr (...)
(vgl. act. A6 S. 6) und somit den Studienbeginn als Zeitpunkt angab, wäh-
rend er in der Anhörung das letzte Semester im Jahre (...) nannte (vgl. act.
14 F71 f.). Die Erklärung auf Beschwerdeebene stellt eine Interpretation
dar, welche weit über die entsprechenden Passagen der Befragungsproto-
kolle hinausgeht und folglich nicht überzeugt.
5.3.2 Das SEM weist auch zu Recht auf Unstimmigkeiten in der Schilde-
rung der Festnahme hin. In der BzP sprach er von mehreren Personen,
welche ihn um die Reparatur einer Überwachungskamera gebeten hätten,
da bei ihnen eingebrochen worden sei (vgl. act. A6 S. 6), während er in der
Anhörung zunächst von einer Person sprach, welche ihn um eine Installa-
tion einer Kamera gebeten habe. Anschliessend seien weitere Leute ge-
kommen und hätten ihn festgenommen (vgl. act. A14 F29). Im späteren
Verlauf der Anhörung berichtete er wiederum von einer Person, welche sich
jedoch nicht nach einer Installation, sondern einer Reparatur erkundigt
habe. Er habe dies abgelehnt, und die Person habe sein Geschäft verlas-
sen. Kurze Zeit später seien weitere Personen ins Geschäft gekommen
und hätten ihn verhaftet (vgl. act. A14 F54 und F76). Nach entsprechendem
Vorhalt erklärte er, er habe sich in der BzP genauso wie an der Anhörung
geäussert und ergänzte, dass es um eine Kamerainstallation und -repara-
tur gegangen sei (vgl. act. A14 F77 f.). Allerdings wird in der Beschwerde
zurecht eingewendet, dass es sich um eine geringfügige Widersprüchlich-
keit handle. Ihr darf daher nicht allzu viel Gewicht beigemessen werden.
5.3.3 Eine weitere Unstimmigkeit betrifft den Aufenthaltsort seiner angebli-
chen Kontaktperson (vgl. act. A6 S. 6 und A14 F37 und F43 f.), welche mit
der Erklärung, dabei handle es sich um ein Missverständnis, das wohl auf
die Stresssituation anlässlich der BzP zurückzuführen sei, nicht aufgelöst
werden kann. Gerade der längere Aufenthalt des Beschwerdeführers in
Schweden vor dem Asylverfahren in der Schweiz sowie der dortige Aufent-
halt seines Bruders und einer Tante würden erwarten lassen, dass der Auf-
enthalt der Kontaktperson in Deutschland und nicht in Schweden sehr wohl
ein wesentlicher Punkt ist. Daran vermag auch nichts zu ändern, dass bei
widersprüchlichen Aussagen zwischen BzP und Anhörung eine gewisse
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Zurückhaltung angezeigt ist (vgl. ANNE KNEER, LINUS SONDEREGGER,
Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick über die Recht-
sprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/15 S. 4 m.w.H.).
5.3.4 Hinsichtlich der fehlenden Dokumente zur Festnahme, Entlassung
und Vorladung ist der Beschwerdeschrift zwar dahingehend zuzustimmen,
dass die iranischen Behörden den Betroffenen insbesondere beim Verfah-
ren vor Revolutionsgerichten bisweilen einzelne Dokumente nicht aushän-
digen (bezüglich Urteile vgl. Iran, Criminal procedures and documents, A
joint report by the Norwegian Country of Origin Information Centre [Land-
info], the Office of the Commissioner General for Refugees and Stateless
Persons [CGRS] and the State Secretariat for Migration [SEM], Dezember
2021, S. 101, < https://landinfo.no/wp-content/uploads/2021/12/Iran-re-
port-criminal-procedures-and-documents-122021-4.pdf >, abgerufen am
12.1.2022 und bezüglich Vorladungen vgl. Ministerie van Buitenlandse Za-
ken, Algemeen ambtsbericht Iran, Februar 2021, S. 110, < www.rijksover-
heid.nl/binaries/rijksoverheid/documenten/ambtsbericambt/2021/02/22/al-
gemeenambtsbericht-iran-februari-2021/Algemeen-ambtsbericht-Iran-
2021-02.pdf >, abgerufen am 12.1.2022). Dass der Beschwerdeführer aber
trotz Haft, Gerichtsverfahren und Entlassung aufgrund einer Kaution über
gar keine Dokumente, insbesondere auch keine anwaltlichen Notizen (vgl.
dazu Iran, Criminal procedures and documents, a.a.O., S. 101) verfügt
oder diese nicht erhältlich machen kann, erscheint auch aus Sicht des Ge-
richts als sehr unwahrscheinlich.
5.3.5 Die Zweifel an einem laufenden Gerichtsverfahren im Zeitpunkt der
Ausreise wird auch durch den Umstand bestätigt, dass der Beschwerde-
führer mit dem eigenen Pass über den Flughafen in Teheran ausgereist ist.
Zwar ist es möglich, dass es auch behördlich gesuchten Personen gelin-
gen kann, den Iran in Verwendung ihrer Ausweise über den Flughafen in
Teheran zu verlassen. Dass der Beschwerdeführer aber vor dem von ihm
geltend gemachten Hintergrund ein solches Risiko unbesehen eingeht, ist
nur schwer nachvollziehbar.
5.3.6 Dem SEM ist schliesslich dahingehend zuzustimmen, dass den Be-
stätigungsschreiben von Mitgliedern der Kurdischen Human Rights Associ-
ation aufgrund eines möglichen Gefälligkeitscharakters nur ein geringer
Beweiswert zuzusprechen ist. Dies muss umso mehr gelten, als der Be-
schwerdeführer zumindest seit seiner Ausreise aus dem Iran offenbar mit
dieser Organisation eng vernetzt ist (vgl. dazu E. 6). Sehr auffällig ist so-
dann, dass die Schreiben hinsichtlich der Vorkommnisse im Iran äusserst
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vage und allgemein gehalten sind, dies obwohl auch die angebliche Kon-
taktperson in Deutschland unterzeichnet hat. Hätte sich der Beschwerde-
führer tatsächlich bereits vor der Ausreise in der beschriebenen Weise für
die Organisation eingesetzt und wäre deshalb in ernsthafte Schwierigkei-
ten geraten, hätte dies zweifellos ausführlich und detailliert in den entspre-
chenden Bestätigungen Niederschlag gefunden.
5.4 Trotz der eingangs erwähnten Substanz und der geschilderten Real-
kennzeichen – an sich starken Indizien für die Glaubhaftigkeit – kommt das
Gericht aufgrund einer Gesamtbetrachtung und Abwägung der für und ge-
gen die Glaubhaftigkeit sprechenden Elemente, zum Schluss, dass die
Vorbringen des Beschwerdeführers aufgrund seiner Tätigkeit für die Kur-
distan Human Rights Association bereits im Iran behördlich verfolgt worden
zu sein, insgesamt für unglaubhaft zu erachten sind. So vermögen die über
weite Teile substanzvollen Ausführungen die gewichtigen Unstimmigkeiten
nicht aufzuwiegen.
5.5 Das SEM hat das Vorliegen asylrelevanter Vorfluchtgründe somit zu
Recht verneint.
6.
6.1 Es bleibt zu prüfen, ob die geltend gemachten exilpolitischen Aktivitä-
ten die Flüchtlingseigenschaft zu begründen vermögen.
6.2 Personen, die erst wegen ihrer Ausreise oder ihrem Verhalten danach
solchen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind respektive begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, sind nach Art. 54
AsylG zwar als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen, indes wegen soge-
nannter subjektiver Nachfluchtgründe von der Asylgewährung auszu-
schliessen. Anspruch auf Asyl nach schweizerischem Recht hat demnach
nur, wer im Zeitpunkt der Ausreise ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 AsylG ausgesetzt war (Vorfluchtgründe) oder aufgrund von äusse-
ren, nach der Ausreise eingetretenen Umständen, auf die er keinen Ein-
fluss nehmen konnte, bei einer Rückkehr ins Heimatland solche ernsthaf-
ten Nachteile befürchten müsste (sogenannte objektive Nachfluchtgründe).
6.3 Es ist zwar bekannt, dass die iranischen Behörden die politischen Ak-
tivitäten ihrer Staatsbürger im Ausland überwachen und erfassen. Es bleibt
jedoch im Einzelfall zu prüfen, ob die exilpolitischen Aktivitäten bei einer
allfälligen Rückkehr in den Iran mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
ernsthafte Nachteile im asylrechtlichen Sinn nach sich ziehen. Gemäss
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Praxis des Bundesverwaltungsgerichts ist dabei davon auszugehen, dass
sich die iranischen Geheimdienste auf die Erfassung von Personen kon-
zentrieren, die über die massentypischen, niedrigprofilierten Erscheinungs-
formen exilpolitischer Proteste hinaus Funktionen ausgeübt und/oder Akti-
vitäten vorgenommen haben, welche die jeweilige Person aus der Masse
der mit dem Regime Unzufriedenen herausstechen und als ernsthaften
und gefährlichen Regimegegner erscheinen lassen. Dabei darf davon aus-
gegangen werden, dass die iranischen Sicherheitsbehörden zu unterschei-
den vermögen zwischen tatsächlich politisch engagierten Regimekritikern
und Exilaktivisten, die mit ihren Aktionen in erster Linie die Chancen auf ein
Aufenthaltsrecht zu erhöhen versuchen (vgl. Urteil des BVGer D-830/2016
vom 20. Juli 2016 E. 4.2 m.w.H. [als Referenzurteil publiziert]).
6.4 Der Beschwerdeführer ist Mitglied der Kurdistan Human Rights Associ-
ation und als Hauptmitglied sowie Mitglied des Statistik- und Disziplinar-
ausschusses auf deren Webseite aufgeführt. Überdies gehört er gemäss
Bestätigungsschreiben vom 4. September 2021 seit Dezember 2020 der
Komala Partei als Mitglied an, nehme an Veranstaltungen teil und erstelle
(...) für die Webseite der Komala Partei in der Schweiz. Auf der Webseite
der Partei wird er als Verantwortlicher für (...) genannt. Der Beschwerde-
führer reichte ein auf der Webseite der Kurdistan Human Rights Associa-
tion publiziertes Interview ein, das er mit einem ehemaligen politischen Ge-
fangenen geführt habe. Ferner legte er einen am (...) 2021 auf der Web-
seite derselben Organisation publizierten Artikel (...) ins Recht, der ihn als
Autor nennt. Derselbe Artikel wurde auch auf der Webseite der Komala
Partei sowie der Webseite Akhbar Rooz publiziert. Auf der Webseite der
Komala Partei findet sich ein weiterer Artikel vom (...) 2021 über (...). Dar-
über hinaus sind diverse politische Posts auf dem Facebook-Profil des Be-
schwerdeführers durch eingereichte Screenshots belegt. Mit Fotos doku-
mentiert sind schliesslich Teilnahmen an einer Kundgebung (...) vom (...)
2018 und einer Veranstaltung der Komala Partei vom (...) 2021. Ebenfalls
als nachgewiesen zu erachten ist die Unterzeichnung des offenen Briefes
im Zusammenhang mit dem Freedom of Speech Award 2018.
Aufgrund dieser Tätigkeiten verfügt der Beschwerdeführer über eine ge-
wisse Exponierung. So ist für glaubhaft zu erachten, dass er bei der Kur-
distan Human Rights Association die Ausrichtung des Vereins mitbestimmt
und eine tragende Rolle bei (...) einnimmt. Ebenfalls für glaubhaft zu er-
achten ist seine Mitgliedschaft in der Komala Partei, wobei sein dortiges
Tätigkeitsfeld nicht substanziiert umrissen wurde. Darüber hinaus veröf-
fentlichte er – wenn auch in nicht sonderlich grossem Ausmass – eigene
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regimekritische Texte und nahm an mindestens einer öffentlichen Kundge-
bung teil, wobei er dabei – soweit aus den Akten ersichtlich – nicht in be-
sonderer Weise aus den Teilnehmern herausgestochen ist. Nichtsdestot-
rotz ist die mit dieser Tätigkeit einhergehende Exponierung für die An-
nahme ausreichend, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr mit
hinreichender Wahrscheinlichkeit asylrelevante Nachteile drohen.
6.5 Der Beschwerdeführer erfüllt somit die Flüchtlingseigenschaft aufgrund
subjektiver Nachfluchtgründe. Er ist folglich zwar gemäss Art. 54 AsylG von
der Asylgewährung auszuschliessen, jedoch gemäss Art. 83 Abs. 8 des
Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und
Ausländer und über die Integration (Ausländer- und Integrationsgesetz,
AIG, SR 142.20) als Flüchtling vorläufig aufzunehmen.
7.
Die Beschwerde ist demnach betreffend die Feststellung der Flüchtlingsei-
genschaft und den Vollzug der Wegweisung gutzuheissen. Die Dispositiv-
ziffern eins, vier und fünf sind aufzuheben. Die Flüchtlingseigenschaft ist
festzustellen und der Beschwerdeführer ist vorläufig aufzunehmen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten teil-
weise dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Auf-
grund der Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65
Abs. 1 VwVG sind ihm jedoch keine Kosten aufzuerlegen. Bei der Vor-
instanz werden gemäss Art. 63 Abs. 2 VwVG grundsätzlich keine Verfah-
renskosten erhoben.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines teilweisen
Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG eine Entschädigung für die
ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Aufgrund
des nur teilweisen Obsiegens ist diese auf 2/3 zu kürzen (vgl. Art. 7 Abs. 2
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Hinsicht-
lich der eingereichten Kostennote vom 7. September 2021 ist zu bemerken,
dass der Aufwand vom 23. März bis 2. April 2020 soweit ersichtlich nicht
im Zusammenhang mit dem vorliegenden Beschwerdeverfahren stand. Er
ist daher nicht zu entschädigen. Im Übrigen erweist sich die Kostennote
aber als angemessen. Die Parteientschädigung beläuft sich somit inklusive
Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE auf
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Fr. 2'894.– (2/3 von 4'341 [13.24 x 300 {Honorar} plus 58.60 {Auslagen}
plus 310.40 {MWSt}]).
8.3 Für den unterlegenen Teil ist der Rechtsvertretung ein amtliches Hono-
rar zu entrichten. Der Stundenansatz ist auf Fr. 150.– festzusetzen, zumal
soweit aus der Kostennote ersichtlich der Substitut Patrick Burger die Auf-
wendungen getätigt hat. Das amtliche Honorar beläuft sich somit inklusive
Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE auf ins-
gesamt Fr. 734.– (1/3 von [13.24 x 150 {Honorar} plus 58.60 {Auslagen}
plus 157.40 {MWSt}]).
(Dispositiv nächste Seite)
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