Decision ID: b85ac3de-a90b-5027-94e5-d19cfc2a0959
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die aus Syrien stammende A._, geboren 1996, stellte am 7. No-
vember 2019 in der Schweiz ein Asylgesuch und wurde daraufhin dem
Bundesasylzentrum (BAZ) der Region Bern zugewiesen. Am 12. Dezem-
ber 2019 wurde sie summarisch zu ihrer Person und ihren Asylgründen
befragt. Anlässlich des bei diesem Gespräch gewährten rechtlichen Ge-
hörs zur Kantonszuweisung erklärte A._ unter anderem, sie wolle
in der Nähe ihrer im Kanton Zürich wohnenden Schwester leben, weil sie
diese «als Mutter betrachte»; ansonsten würde sie sich «nicht gut fühlen».
Eine weitere ausführliche Anhörung zu ihren Asylgründen erfolgte am
10. Januar 2020.
B.
Mit Verfügung vom 17. Januar 2020 lehnte das SEM das Asylgesuch von
A._ ab und ordnete ihre Wegweisung an. Wegen der Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs wurde jedoch gleichzeitig ihre vorläufige
Aufnahme verfügt, wobei der Kanton Solothurn mit deren Umsetzung be-
auftragt wurde. Der Zuweisungsentscheid, welcher A._ am 20. Ja-
nuar 2020 eröffnet wurde, datiert ebenfalls vom 17. Januar 2020.
C.
Zu letztgenanntem Entscheid führte das SEM aus, dass bei der Kantons-
zuweisung von Asylsuchenden den schützenswerten Interessen der Kan-
tone und der Asylsuchenden Rechnung getragen werde. Der Zuweisungs-
entscheid könne, so das SEM weiter, nur mit der Begründung angefochten
werden, er verletze den Grundsatz der Einheit der Familie. Der für das
Asylverfahren definierte Begriff der Familie umfasse allerdings nur Ehe-
partner und minderjährige Kinder; ausserhalb dieser Kernfamilie beste-
hende Verwandtschaftsverhältnisse würden nur dann genauso geschützt,
wenn ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis – gekennzeichnet durch
eine Behinderung oder eine sonstige erhebliche Fürsorgebedürftigkeit –
bestünde. Dies sei bei A._ nicht der Fall. Ihrem Wunsch, dem Kan-
ton Zürich zugewiesen zu werden, könne daher nicht entsprochen werden.
D.
Gegen diese Verfügung erhob A._ mit Eingabe vom 30. Januar
2020 (Poststempel) Beschwerde. Im Wesentlichen macht sie geltend, sie
sei in einem «schlechten Gemütszustand» beziehungsweise leide unter ei-
ner «Depression mit ausgeprägter Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Rat-
losigkeit sowie Verzweiflung». Sie sehne sich daher nach einem «Ort der
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Geborgenheit», weshalb sie in der Nähe ihrer Schwester sein wolle. Diese
werde sich um sie kümmern und ihr helfen, sich in der Schweiz zu integ-
rieren. Ihre Beziehung zueinander sei als Abhängigkeitsverhältnis zu ver-
stehen. Zudem werde auch aus ärztlicher Sicht die Zuweisung in ein Asyl-
zentrum im Kanton Zürich «dringend» empfohlen. Der Rechtsmitteleingabe
ist ein Arztbericht der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD)
vom 27. Januar 2020 beigefügt.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 4. Februar 2020 wies das Bundesverwal-
tungsgericht das gleichzeitig mit der Beschwerde eingereichte Gesuch um
unentgeltliche Prozessführung und Verbeiständung ab.
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 16. März 2020 beantragte die Vorinstanz un-
ter Hinweis auf den Inhalt ihrer Verfügung die Abweisung der Beschwerde.
Diese enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, wel-
che eine Änderung ihres Entscheids rechtfertigen könnten.
G.
Mit Replik vom 18. April 2020 führte die Beschwerdeführerin aus, sie be-
finde sich nicht nur in einem schwierigen psychischen Zustand, sondern
leide auch unter einer Überempfindlichkeit, welche chronische Atemnot
verursache. Aufgrund der durch das Coronavirus hervorgerufenen Situa-
tion gehöre sie zu den «gefährdeten Gruppen», zumal die Wahrscheinlich-
keit einer Infektion «in einem Flüchtlingslager» sehr hoch sei. Hinzu
komme, dass sie Blutarmut und Allergien habe. Dies habe sie auch bei den
vom SEM durchgeführten Anhörungen mitgeteilt.
H.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht unter
Vorbehalt der in Art. 32 VGG genannten Ausnahmen Beschwerden gegen
Verfügungen nach Art. 5 VwVG, welche von einer in Art. 33 VGG aufge-
führten Behörde erlassen wurden. Darunter fallen u.a. Verfügungen des
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SEM, welche die Zuweisung von Asylsuchenden an die Kantone betreffen.
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in dieser Materie endgültig
(Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren richtet sich nach dem VGG, dem VwVG und
dem AsylG (SR 142.31).
1.3 Als Adressatin der Verfügung ist A._ zur Beschwerde legitimiert
(vgl. Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf ihre frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (vgl. Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – sofern nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde-
verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62
Abs. 4 VwVG an die Begründung der Begehren nicht gebunden und kann
die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen
gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage
zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BGE 139 II 534 E. 5.4.1 und BVGE
2014/1 E. 2).
3.
Im vorliegenden Fall ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin den
Asylentscheid des SEM vom 17. Januar 2020 teilweise angefochten hat,
dass ihr Rechtsmittel – es betrifft die Punkte Flüchtlingseigenschaft, Asyl
und Wegweisung – jedoch mit Urteil vom 6. Februar 2020 (E-521/2020)
abgewiesen wurde. Was ihre im Rahmen der vorläufigen Aufnahme er-
folgte Zuweisung an den Kanton Solothurn betrifft, so gilt gemäss Art. 85
Abs. 2 AIG (SR 142.20) für das dagegen erhobene Rechtsmittel Art. 27
Abs. 3 AsylG sinngemäss. Demzufolge kann der Zuweisungsentscheid des
SEM nur mit der Begründung angefochten werden, er verletze den Grund-
satz der Einheit der Familie. Der Zweck dieser Einschränkung liegt darin,
dass Asylsuchende und vorläufig aufgenommene Personen den Kantonen
bevölkerungsproportional zugewiesen werden sollen (vgl. Art. 21 und
Art. 22 der Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen [SR 142.311]).
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3.1 Der Begriff der Familieneinheit orientiert sich an der Rechtsprechung
zu Art. 8 EMRK, der vorrangig die Angehörigen der Kernfamilie – also Ehe-
gatten und die gemeinsamen minderjährigen Kinder – schützen soll. An-
dere Verwandte erhalten denselben Schutz bzw. werden der Familienein-
heit zugerechnet, wenn ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis besteht,
beispielsweise dann, wenn sie behindert sind oder aus einem anderen
Grund auf die Hilfe einer in der Schweiz lebenden Person angewiesen sind.
Ein solches Abhängigkeitsverhältnis setzt zudem voraus, dass besonders
enge familiäre Bande zwischen beiden Beteiligten existieren (zu Vor-
stehendem: BVGE 2008/47 E. 4.1).
3.2 Ob die Beschwerdeführerin in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer
im Kanton Zürich lebenden Schwester steht, ist fraglich. Den vor-
instanzlichen Akten und ihrem Vorbringen im Rechtsmittelverfahren lässt
sich entnehmen, dass sie sich deprimiert und auch in physischer Hinsicht
nicht gesund fühlt. So äusserte sie bei ihrer Befragung vom 10. Januar
2020, dass sie verschiedene Allergien und allergiebedingt auch zeitweilig
Husten habe; bei ihrer Anhörung am 12. Dezember 2019 gab sie zudem
an, dass sie sich aufgrund ihrer Blutarmut schwach fühle und ständig Angst
habe, insbesondere, wenn sie allein sei.
3.2.1 Die von der Beschwerdeführerin beschriebenen Symptome sollen
nicht in Abrede gestellt werden; sie sind aber nicht schwerwiegend, zumal
sie medizinisch gut behandelbar sind beziehungsweise durch Anpassung
der Ernährung vermieden werden können; ihren vielseitigen Unverträglich-
keiten wird, wie aus den Vorakten ersichtlich, beispielsweise bei der Ver-
pflegung Rechnung getragen. Der mit der Beschwerde eingereichte ärztli-
che Bericht der UPD vom 27. Januar 2020 bescheinigt der Beschwerde-
führerin zwar einen stationären Aufenthalt vom 22. bis zum 23. Januar
2020, ein «depressives Syndrom» sowie die Äusserung von Suizidgedan-
ken und empfiehlt aufgrund dessen eine «Transferierung von Frau
A._ in ein Asylzentrum im Kanton Zürich»; dass zwischen der Be-
schwerdeführerin und ihrer im Kanton Zürich lebenden Schwester ein ir-
gendwie geartetes Abhängigkeitsverhältnis bestehen könnte, lässt sich aus
diesem Bericht jedoch nicht ableiten.
3.3 Somit ist aufgrund der vorstehenden Erwägungen festzuhalten, dass
der verständliche Wunsch der Beschwerdeführerin, von ihrer Schwester im
Alltag unterstützt zu werden, nicht ausreicht, um ein dem Schutzgedanken
von Art. 8 EMRK entsprechendes verwandtschaftliches Abhängigkeitsver-
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hältnis bejahen zu können. Abgesehen davon fehlt es, auch wenn die be-
troffenen Schwestern dies anders sehen, an der in diesem Rahmen not-
wendigen nahen beziehungsweise engen Beziehung. Diese fehlt schon
deshalb, weil sich beide nach mehreren Jahren der Trennung erstmals vor
wenigen Monaten wiedersahen. Laut ZEMIS ist die Schwester der Be-
schwerdeführerin bereits im Jahr 2014 in die Schweiz eingereist.
3.4 Hinzuzufügen bleibt, dass die möglicherweise in einer Gemeinschafts-
unterkunft schwierige Umsetzung der aufgrund von Covid-19 erlassenen
Distanz- und Hygieneregeln, welche die Beschwerdeführerin in ihrer Replik
beanstandet und für sich als Gefahr erachtet hat, an der obigen Einschät-
zung des fehlenden Abhängigkeitsverhältnisses nichts ändert.
4.
Nach alledem ist festzustellen, dass der angefochtene Zuweisungsent-
scheid der Vorinstanz bundesrechtskonform ist (Art. 49 VwVG). Die Be-
schwerde ist demzufolge abzuweisen.
5.
Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind der Beschwerdeführerin
die Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG, Art. 1 ff. des Reg-
lements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]).
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