Decision ID: f6ed80e9-8655-4272-8ddf-096c252ab2d1
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer
Ethnie mit letztem Aufenthalt in B._ (Provinz C._), verliess
seinen Heimatstaat gemäss eigenen Angaben am (...) 2016 illegal und ge-
langte am 10. August 2016 auf dem Landweg in die Schweiz. Am selben
Tag suchte er in der Schweiz um Asyl nach. Die Befragung zur Person fand
am 23. August 2016 (BzP; Protokoll in den SEM-Akten A4/12) statt und die
Anhörung zu den Asylgründen erfolgte am 24. September 2018 (Protokoll
in den SEM-Akten A13/13). Zum Beleg seiner Identität gab er seine Identi-
tätskarte im Original zu den Akten.
Zu seiner Herkunft gab der Beschwerdeführer an, er sei in B._ ge-
boren und habe dort mit seiner Familie und diversen Verwandten gelebt.
Zwischenzeitlich habe er an verschiedenen Orten gelebt, etwa in
D._ und in E._, seit (...) wieder in der Provinz C._.
A.b Zur Begründung seines Asylgesuchs führte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen aus, während seines (...)studiums an der Universität
D._ habe er mit anderen kurdischen Studierenden Protestkundge-
bungen durchgeführt, welche zu Auseinandersetzungen mit nationalisti-
schen Studierenden und Sicherheitskräften der Universität geführt hätten.
Zudem hätten ihm gewisse nationalistische Dozenten immer ungenügende
Noten erteilt, weil sie von seinen politischen Aktivitäten erfahren hätten. Da
er diese Unterdrückung nicht mehr ertragen habe, habe er (...) das Stu-
dium abgebrochen und sei in die Provinz C._ zurückgekehrt, wo er,
abgesehen von gelegentlichen Aufenthalten in E._, bis zur Ausreise
in den Häusern seiner (...) gelebt habe.
(...) sei er in E._ offiziell Mitglied der HDP (Halkların Demokratik
Partisi; Demokratische Partei der Völker) geworden. Er sei allerdings be-
reits früher für die Partei tätig gewesen. Ausserdem sei er Sympathisant
der PKK (Partiya Karkerên Kurdistanê; Kurdische Arbeiterpartei). In
E._ habe er für die HDP mündliche Wahlpropaganda für die Wahlen
im Sommer 2015 betrieben und sei Wahlbeauftragter an der Urne gewe-
sen. Zudem habe er zwischen (...) und (...) 2015 insgesamt an acht oder
neun Kundgebungen in der Provinz E._ teilgenommen. Nach seiner
Rückkehr in die Provinz C._ habe das Militär im Verlauf des Som-
mers 2015 angefangen, Razzien durchzuführen. Damit die Dorfbewohner
ihre Einkäufe hätten tätigen können, sei alle paar Wochen ein Minibus, ge-
fahren von F._, von seinem Dorf in die Stadt gefahren. Er sei jeweils
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Seite 3
auch mitgegangen und einmal sei die Hälfte seiner Waren von den Solda-
ten konfisziert worden, da er für sich als Einzelperson nicht so viel hätte
einkaufen dürfen. Seine Wohngegend sei dann anfangs Herbst 2015 zum
Sondersicherheitsgebiet deklariert worden. Durch die stärkere Präsenz
des Militärs seien die Lebensbedingungen noch schwieriger geworden,
insbesondere auch die medizinische Versorgung. Im (...) 2015 habe er mit
der HDP an einer Friedenskundgebung in G._ teilgenommen. Da-
bei seien zwei Bomben explodiert. Er sei zwar nicht verletzt worden, sei
deswegen aber für einige Wochen psychisch beeinträchtigt gewesen.
Anlässlich des ersten Kongresses der HDP in C._ im Frühling 2016,
an dem die Provinzpräsidenten gewählt worden seien, sei er zusammen
mit etwa 25 weiteren Teilnehmenden verhaftet worden. Zwei Tage später
habe man sie wieder aus der Untersuchungshaft entlassen. Die genauen
Gründe für die Haft und die Freilassung kenne er nicht. Danach habe er
sich erneut während ein paar Tagen im Haus seines Grossvaters
H._ in der Provinz C._ aufgehalten und sei anschliessend
nach E._ zu seiner Schwester und seinem Schwager gegangen.
Dort habe er erfahren, dass er gesucht worden sei. Ausserdem habe ein
Guerilla in der Nähe seines Heimatdorfes sich den Behörden gestellt und
diverse Namen von Personen bekannt gegeben, welche Unterkunft und
Unterstützung gewährt hätten, darunter jener F._s. Dieser sei be-
schuldigt worden, die PKK unterstützt zu haben und zu einer dreijährigen
Haftstrafe verurteilt worden. Danach habe der Beschwerdeführer sich zur
Ausreise aus der Türkei entschlossen. Seine Eltern seien in E._
wohnhaft und auch seine beiden (...) lebten in der Türkei; mehrere Ver-
wandte lebten in der Schweiz und in I._.
B.
Mit Verfügung vom 28. November 2018 – eröffnet am 30. November 2018
– verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers
und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es seine Wegweisung
aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an.
C.
Der Beschwerdeführer gelangte mit Beschwerde seines Rechtsvertreters
vom 21. Dezember 2018 an das Bundesverwaltungsgericht (BVGer). Er
beantragt, die Verfügung des SEM vom 28. November 2018 sei aufzuhe-
ben, seine Flüchtlingseigenschaft sei festzustellen und es sei ihm Asyl zu
gewähren, eventualiter sei wegen subjektiver Nachfluchtgründe seine
Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen und ihm eine vorläufige Aufnahme
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zu gewähren, subeventualiter sei er wegen Unzulässigkeit oder Unzumut-
barkeit vorläufig aufzunehmen, subsubeventualiter sei das Verfahren
zwecks materieller Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses, sowie um eine angemessene Parteientschädigung bei Obsie-
gen.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer nebst einer Kopie der an-
gefochtenen Verfügung und einer Vollmacht vom 20. Dezember 2018 fol-
gende Unterlagen ein: eine Bestätigung für die Teilnahme an der (...)sen-
dung (...) des Senders (...) vom (...) 2018, eine deutschsprachige und
punktuelle Übersetzung dieser (...)sendung, eine Kopie des Reiseauswei-
ses für Flüchtlinge von J._ und eine Kopie des Schweizerischen
Reisepasses von K._.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 31. Dezember 2018 stellte die Instruktions-
richterin des BVGer fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des
Verfahrens in der Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung – unter Vorbehalt des Nachweises sei-
ner Bedürftigkeit – gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses. Gleichzeitig lud sie das SEM ein, bis zum 17. Januar 2019 eine
Vernehmlassung einzureichen.
E.
Mit Eingabe vom 4. Januar 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Bestä-
tigung seiner Bedürftigkeit der Gemeinde L._ desselben Datums zu
den Akten.
F.
F.a Das Gesuch des SEM vom 10. Januar 2019 um Fristerstreckung zur
Einreichung der Vernehmlassung bis zum 17. März 2019 hiess die Instruk-
tionsrichterin am 14. Januar 2019 gut, ein weiteres wies sie mit Zwischen-
verfügung vom 18. März 2019 ab.
F.b In ihrer Vernehmlassung vom 21. März 2019 hält die Vorinstanz mit
ergänzenden Bemerkungen an der angefochtenen Verfügung fest und be-
antragt sinngemäss die Abweisung der Beschwerde.
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Seite 5
F.c Innert erstreckter Frist äusserte sich der Beschwerdeführer mit Replik
vom 18. April 2018 zur Vernehmlassung. Er beantragt sinngemäss die Gut-
heissung der Beschwerde. Als Beilagen reichte er eine Kopie des deut-
schen Reisepasses von M._ sowie eine Kopie dessen positiven
deutschen Asylentscheides vom (...) 2003 zu den Akten.
F.d Mit Eingabe vom 18. Juni 2019 machte der Beschwerdeführer weitere
Angaben zu seinen Aktivitäten im Zusammenhang mit der (...)sendung
(...).
G.
Am 18. Juni 2020 reichte der Beschwerdeführer zum Nachweis seines po-
litischen Engagements in der Türkei und in der Schweiz folgende Beweis-
mittel zu den Akten: Eine Kopie des N-Ausweises von N._, dem
ehemaligen Parteichef der BDP (Partiya A tî û Demokrasiyê [Partei des
Friedens und der Demokratie]) E._, sowie ein von diesem hand-
schriftlich verfasstes fremdsprachiges Schreiben im Original mit Überset-
zung in die deutsche Sprache sowie eine mit einem Stempel versehene
fremdsprachige und handschriftlich verfasste Bescheinigung, bei welcher
es sich um eine HDP-Parteibescheinigung aus dem Jahr 2015 handle.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG (SR 142.31) i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundes-
verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen
des SEM nach Art. 5 VwVG grundsätzlich zuständig und entscheidet in der
Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
Hinsichtlich des AsylG gilt das alte Recht (Abs. 1 der Übergangsbestim-
mungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (vgl. aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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Seite 6
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG). Erstre-
cken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffenen Person
auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexverfolgung vor.
Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Reflexverfolgung
betroffenen Personen ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2
AsylG ausgesetzt sind.
Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder der be-
gründeten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist jedoch im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfol-
gungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation
im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zuguns-
ten und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen
(vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6, 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2, 2010/57
E. 2, 2008/34 E. 7.1, 2008/12 E. 5.2 und 2008/4 E. 5.2, jeweils m.w.H.;
WALTER STÖCKLI, Asyl, in: Uebersax / Rudin / Hugi Yar / Geiser [Hrsg.],
Ausländerrecht, 2. Aufl., 2009, Rz. 11.17 und 11.18).
3.2 Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft gemacht, wenn die Behörde ihr
Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält.
Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu
wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht
entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismit-
tel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-7308/2018
Seite 7
4.
4.1 Zur Begründung des negativen Asylentscheides führt die Vorinstanz im
Wesentlichen folgendes aus:
Hinsichtlich der geltend gemachten Probleme während des Studiums, das
der Beschwerdeführer bereits (...) abgebrochen habe, seien den Akten
keine Hinweise zu entnehmen, dass diese Ereignisse wesentliche Folgen
nach sich gezogen hätten. Es bestehe kein sachlicher und auch kein zeit-
licher Zusammenhang zwischen diesen Auseinandersetzungen und der
Ausreise im (...) 2016.
Seine Vorbringen zur Lage in C._ seien ebenfalls nicht asylrelevant.
Dies gelte auch für die Konfiszierung der Hälfte seiner Einkäufe, da der
Grund dafür nicht seine Person an sich gewesen sei, sondern er habe le-
diglich das Profil einer Person aufgewiesen, die mit dieser Nahrung Gue-
rillas unterstützen könnte. Dies hätte jedem jungen Mann in der gleichen
Situation passieren können.
Unter dem Aspekt einer begründeten Furcht vor einer zukünftigen Verfol-
gung hält das SEM fest, bei der HDP handle es sich um eine legale politi-
sche Partei. Zwar könne aufgrund seiner Sympathie und der Teilnahme an
HDP-nahen Veranstaltungen nicht vollständig ausgeschlossen werden,
dass die türkischen Behörden sich für den Beschwerdeführer interessier-
ten und seine Aktivitäten beobachteten. Dieser Umstand genüge indes
nicht, um begründete Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten Verfol-
gung anzunehmen. Aus seinen Aussagen gehe hervor, dass er weder als
Mitglied noch als Sympathisant in exponierter Stellung für die HDP tätig
gewesen sei, und dass die Veranstaltungen, an denen er teilgenommen
habe, legal gewesen seien. Allein seine Beteiligung an einer solchen dürfte
deshalb nicht ausreichen, um ihn in irgendeiner Form nachträglich zu be-
langen. Einer behördlichen Untersuchung im Verdachtsfall wäre aus
rechtsstaatlicher Sicht nichts entgegenzuhalten und er dürfte davon aus-
gehen, dass er im Falle seiner Unschuld keine Konsequenzen zu befürch-
ten hätte. Seinen Akten seien keine Hinweise auf einen Politmalus zu ent-
nehmen, aufgrund dessen davon ausgegangen werden müsste, dass die
rechtstaatlichen Abläufe nicht eingehalten würden. Nach der Freilassung
habe es bezeichnenderweise auch keine weiteren Konsequenzen gege-
ben.
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Seite 8
4.2 In der Rechtsmitteleingabe wendet der Beschwerdeführer im Wesent-
lichen ein, nur weil er innerhalb der HDP keine exponierte Stellung ein-
nehme und im Jahr 2016 nach zwei Tagen Untersuchungshaft wieder ent-
lassen worden sei, könne nicht gefolgert werden, dass er wegen seiner
Aktivitäten für die HDP kein Gefährdungsprofil aufweise. Die Vorinstanz
setze sich mit den politischen Ereignissen in der Türkei seit seiner Ausreise
im (...) 2016 in keiner Weise auseinander, was bereits eine schwere Ver-
letzung der Untersuchungspflicht bedeute. Gemäss der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH) habe sich die Repression der türkischen Behörden
gegenüber Personen, die der HDP nahe stünden oder Mitglieder seien, seit
dem Putschversuch im Juli 2016 intensiviert (m.H.a. Bericht der SFH, Tür-
kei, Gefährdungsprofile – Update vom 19.05.2017). Laut US Department
of State wendeten die türkische Staatsanwaltschaften eine breite Definition
von Terrorismus und Bedrohungen der nationalen Sicherheit an, um Straf-
verfahren gegen hunderte prokurdischer Politikerinnen und Politiker, Par-
teioffizielle und Unterstützende zu führen. Menschenrechtsorganisationen
kritisierten, dass viele der Verhafteten keine Verbindungen zum Terroris-
mus hätten und nur verhaftet worden seien, um die prokurdische HDP und
deren kommunale Schwester DBP (Demokratik Bölgeler Partisi; Demokra-
tische Partei der Regionen) zu schwächen und kritische Stimmen zu unter-
drücken. Verschiedene Quellen berichteten zudem, dass Mitglieder der
HDP Strafverfolgung ausgesetzt sein könnten; verschieden Abgeordnete
und inzwischen mehr als 5000 HDP-Mitglieder seien in Haft. Auch rang-
niedrige HDP-Mitglieder könnten in den Fokus der Behörden geraten.
Manchmal genüge es bereits, an einer Versammlung oder einem Treffen
der Partei teilzunehmen, ohne selber Mitglied zu sein. Insbesondere im
Südosten der Türkei werde gegen sehr viele HDP-Mitglieder vorgegangen.
Folglich sei inzwischen mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit davon auszu-
gehen, dass der Beschwerdeführer – auch als einfaches HDP-Mitglied –
vor dem Hintergrund seiner behördlich registrierten Verhaftung im Rahmen
des Kongresses der HDP 2016 sowie seiner Herkunft (O._) im Falle
einer Rückkehr in die Türkei verhaftet und strafverfolgt werde. Diese An-
nahme werde noch verstärkt durch die Tatsache, dass er nach seiner Ent-
lassung aus der Untersuchungshaft gesucht worden sei. Obwohl es sich
diesbezüglich um ein zentrales Ereignis handle, habe das SEM es unter-
lassen ihm zu dieser Suche weitere Fragen zu stellen. Demnach habe das
SEM auch in dieser Hinsicht seine Untersuchungspflicht verletzt. Die Be-
merkungen des SEM, einer behördlichen Untersuchung im Verdachtsfall
stünde aus rechtsstaatlicher Sicht nichts entgegen und der Beschwerde-
führer hätte im Falle seiner Unschuld keine Konsequenzen zu befürchten
wirkten nahezu zynisch.
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Seite 9
Der Beschwerdeführer stamme schliesslich offensichtlich aus einer politi-
schen Familie. Diverse seiner Verwandten hätten in der Schweiz ein Asyl-
verfahren durchlaufen und vermutlich auch Asyl erhalten (m.H.a. A4 Ziff.
3.02). Sein Onkel K._, den er in der BzP erwähnt habe, sei in der
Schweiz als Flüchtling anerkannt worden, ebenso J._, ein (...).
Letzteren habe er zwar anlässlich der BzP nicht erwähnt. Das SEM habe
dennoch zu Unrecht vollständig unterlassen, den politischen Hintergrund
der Familie zu berücksichtigen.
Der Beschwerdeführer bringt dann vor, er sei auch in der Schweiz politisch
aktiv. Am (...) 2018 habe er an der auf Türkisch moderierten Sendung (...)
von (...), welche kritisch über das politische Geschehen in der Türkei be-
richte, mitgewirkt. Der Zusammenfassung dieser Sendung sei zu entneh-
men, dass er und P._ (N [...]) sich über Revolution, Reform und
Demokratie, über die Bedeutung kurdischer Musik sowie über politische
Organisationen unterhalten hätten. Es sei insbesondere in Anbetracht der
politischen Entwicklung in der Türkei in den letzten Jahren davon auszu-
gehen, dass die türkischen Behörden diese Sendungen genau beobachte-
ten und sie folglich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit Kenntnis von sei-
ner Teilnahme hätten, und dass seine politische Position entsprechend re-
gistriert worden sei. Er engagiere sich in der Schweiz seit seiner Einreise
auch für die PKK und nehme an von ihr (mit-)organisierten Demonstratio-
nen und Versammlungen teil. Aus einer Auskunft der SFH vom 28. Oktober
2018 (Türkei, Übergriffe gegen weibliche HDP-Mitglieder, S. 16) ergebe
sich, dass türkische diplomatische Vertretungen Informationen über regie-
rungskritische türkische Staatsangehörige an die heimatlichen Behörden
weiterleiteten. Zudem hätten verschiedene Medien berichtet, dass in den
letzten Monaten aus der Schweiz zurückkehrenden türkischen Staatsan-
gehörige teilweise kurdischer Ethnie, die regierungskritisch oder exilpoli-
tisch aktiv gewesen seien, die Einreise verwehrt worden sei oder sie bei
der Einreise oder während ihres Aufenthalts vor Ort verhaftet worden seien.
Er sei mit hoher Wahrscheinlichkeit im Fokus der türkischen Behörden,
hinzu komme seine Vorbelastung.
4.3 In der der Vernehmlassung hält die Vorinstanz fest, die vom Beschwer-
deführer erwähnten Verwandten K._ und J._ seien beide
bereits seit (...) respektive (...) in der Schweiz und gehörten nicht zur Fa-
milie im engeren Sinne. Sodann habe der Beschwerdeführer bei der Anhö-
rung keine Probleme im Zusammenhang mit ihnen vor der Ausreise gel-
tend gemacht; dies obwohl er nach deren Ausreise noch (...) respektive
(...) Jahre in der Türkei gelebt habe.
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Seite 10
Die beiden (...) der (...)sendung seien lediglich mit den Vornamen
P._ und A._ vorgestellt worden. Dies erschwere respektive
verunmögliche ihre Identifizierung weitgehend. Allein aufgrund eines Vor-
namens könne kaum auf eine in der Schweiz lebende asylsuchende Per-
son geschlossen werden. Am (...) seien (...) nicht (...)- und abgleichbar.
Eine (...)erkennung sei ebenfalls nur schwer möglich. Ausserdem habe es
sich um einen einmaligen Auftritt als (...) in einer Sendung gehandelt. Ge-
sprochen worden sei über das Verfassungsreferendum vom 16. April 2017,
ein offizielles, auf der türkischen politischen Agenda befindliches Thema,
das auch in der Türkei zwischen Befürwortern und Gegnern in höchst kont-
roverser und polarisierender Form diskutiert worden sei. Das (...), das (...)
Q._ durchaus einen gewissen Bekanntheitsgrad aufweise, habe als
(...) nur eine relativ geringe Reichweite und auch nur eine kleinere Anzahl
an (...). Das (...) wende sich an verschiedene, auch türkische Diaspora-
Gruppen. Diesbezügliche Sendungen machten jedoch insgesamt gesehen
nur einen sehr bescheidenen Teil eines breiten Spektrums (...), politisch
linker (...)themen aus. Auf der offiziellen Webseite des (...) seien keine Mo-
deratoren und Mitarbeiter namentlich genannt und es seien lediglich (...)
Fotos aus dem engeren und weiteren Tätigkeitsfeld des (...) publiziert. Die
Personen seien kaum oder nur sehr schlecht zu erkennen. Gesamthaft ge-
sehen dürfte das Interesse Dritter an den Inhalten der Webseite wie auch
der Sendungen gering sein. Schliesslich sei der Zeitpunkt der Geltendma-
chung der politischen Aktivitäten in der Schweiz überraschend. Der Be-
schwerdeführer erwähne, dass diese Aktivitäten zu einer Verhaftung und
Strafverfolgung in der Türkei führen könnten, weshalb nicht nachvollzieh-
bar sei, dass er anlässlich der Anhörung im September 2018 nichts davon
erwähnt habe. Dies obwohl der Zeitpunkt der Ausstrahlung dieser (...)sen-
dung bei der Anhörung bereits ein halbes Jahr zurückgelegen sei. Das-
selbe gelte auch für die angeblichen, nicht näher ausgeführten Aktivitäten
für die PKK.
4.4 Der Beschwerdeführer verweist in der Replik hinsichtlich des Risikos
einer Reflexverfolgung auf die Rechtsprechung des BVGer, insbesondere
auf das Urteil E-4062/2015 vom 17. Mai 2018 E. 3.1. Er habe in der BzP
insgesamt neun Verwandte der Familie R._ genannt, die in der
Schweiz ein Asylverfahren durchlaufen hätten. Sein Grossvater H._
und sein Onkel K._ seien in der Türkei für die PKK aktiv gewesen
und hätten hier beide Asyl erhalten. Auch sein Verwandter, J._, der
in der Schweiz lebe, sei für die PKK tätig gewesen. S._ und
T._ (Töchter von H._) hätten beide als Volljährige in der
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Seite 11
Schweiz um Asyl ersucht und ihnen sei, vermutlich wegen Reflexverfol-
gung, Asyl gewährt worden. Zudem hätten zwei Verwandte der Familie
R._ (Onkel und Tante) in I._ Asyl erhalten. Dieser Onkel aus
I._, M._, sei in der Türkei ebenfalls für die PKK aktiv gewe-
sen. Dass die Asylgewährungen der genannten Familienangehörigen län-
ger zurücklägen, spiele eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sei, dass
er offensichtlich – angesichts der Anzahl politisch für die PKK aktiver Fa-
milienangehöriger aus dem engen Familienkreis (Familie R._) –
aus einer stark politisierten Familie aus O._ des Landes stamme.
Diese Umstände fielen seit der Verschärfung der politischen Lage in der
Türkei und angesichts der Tatsache, dass er seine Vorfluchtgründe habe
glaubhaft machen können und sich bereits seit mehr als zweieinhalb Jah-
ren in der Schweiz aufhalte, besonders ins Gewicht. Vor dem Hintergrund
seines familiären Umfelds, der Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts und der noch immer zugespitzten politischen Lage in der Türkei
wäre das SEM jedenfalls dazu verpflichtet gewesen, die Asyldossiers der
oben genannten Verwandten hinsichtlich der Gefahr einer Reflexverfol-
gung einer genaueren Überprüfung zu unterziehen.
Sodann hätten die türkischen Behörden ihn aufgrund der (...)sendung sehr
wohl identifizieren können, obwohl nur sein Vorname genannt worden sei.
Er sei mit P._ aufgetreten und dieser sei den türkischen Behörden
offensichtlich bekannt; dies anerkenne auch die Vorinstanz, indem sie des-
sen Flüchtlingseigenschaft wegen exilpolitischer Tätigkeiten festgestellt
habe. Folglich hätten die türkischen Behörden ohne Weiteres die Möglich-
keit, auch den Beschwerdeführer über die Identifizierung des sozialen Um-
felds von P._ ausfindig zu machen. Des Weiteren habe er zusam-
men mit P._ nicht nur an einer, sondern an mehreren (...)-Auftritten
in der Sendung (...) mitgewirkt. Zwischen ihm und seinem Rechtsvertreter
habe diesbezüglich ein Missverständnis bestanden. Die Einschätzung des
SEM die Diskussion zum Verfassungsreferendum sei wenig brisant, da die-
ses auch in der Türkei in "höchst kontroverser und polarisierender Form"
diskutiert worden sei, gehe fehl; das SEM verkenne offensichtlich den Kon-
text, in welchem das Thema in der Sendung (...) diskutiert worden sei. Es
seien dort sozialistische, anarchistische und revolutionäre Grundhaltungen
zum Ausdruck gekommen (sowohl über mündliche Voten als auch über die
Musik) – Haltungen also, die in der Türkei strafverfolgt würden. Zu wider-
sprechen sei auch der Einschätzung (...) habe keinen bedeutenden politi-
schen Einfluss beziehungsweise ziehe keine Aufmerksamkeit der türki-
schen Behörden auf sich. Vielmehr sei davon auszugehen, dass die türki-
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Seite 12
schen Sicherheitsbehörden die türkisch-sprachigen Programme des Sen-
ders genau beobachteten. (...) existiere in Q._ seit vielen Jahren
und sei seit jeher auch ein Sprachrohr der türkischen und türkisch-kurdi-
schen (radikalen) Opposition.
Ergänzend führte der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 18. Juni 2019
aus, er habe bereits am (...) 2017 in der Sendung (...) mitgewirkt. Damals
sei über die Unabhängigkeit der Kurden in der Türkei gesprochen worden.
Zudem habe er sich im Rahmen des Sonderprogramms von (...) zum (...)
2019 beteiligt. In der Sendung „(...)" vom (...) 2019 habe er als (...)-Gast
teilgenommen und sich zu den Gründen des Hungerstreiks von kurdischen
Inhaftierten sowie zu deren aktuellen Situation in den Gefängnissen geäus-
sert.
5.
5.1 Auch wenn als Eventualantrag formuliert, ist die Rüge der unrichtigen
und unvollständigen Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts als
erstes zu prüfen, da sie allenfalls geeignet ist, eine Kassation der ange-
fochtenen Verfügung zu bewirken.
5.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m.
Art. 6 AsylG). Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige
und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sor-
gen, die für das Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die
rechtlich relevanten Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber
Beweis zu führen. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der Untersuchungspflicht bil-
det einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird; unvollständig ist sie, wenn nicht alle
für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt wer-
den (vgl. KÖLZ/HÄNER/ BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, N. 1043).
Der in Art. 32 VwVG konkretisierte Teilgehalt des rechtlichen Gehörs ver-
pflichtet die Vorinstanz nicht nur, den Parteien zu ermöglichen, sich zu äus-
sern, und ihre Vorbringen tatsächlich zu hören (Art. 30 f. VwVG), sondern
sie auch sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung zu
berücksichtigen. Eng damit zusammen hängt naturgemäss die Pflicht der
Behörde, ihren Entscheid zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Denn ob
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Seite 13
sich die Behörde tatsächlich mit allen erheblichen Vorbringen der Parteien
befasst und auseinandergesetzt hat, lässt sich erst aufgrund der Begrün-
dung erkennen. Im Asylverfahren sind die Anforderungen an die Begrün-
dungsdichte regelmässig hoch, wiegen die rechtlich geschützten Interes-
sen der Betroffenen doch allgemein schwer (vgl. PATRICK SUTTER, in: Kom-
mentar VwVG, 2008, Art. 32 VwVG, Rz. 2). Insgesamt muss der Entscheid
so abgefasst sein, dass ihn der Betroffene gegebenenfalls sachgerecht an-
fechten kann, was nur möglich ist, wenn sich sowohl er als auch die
Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild machen
können. Dabei kann sich die Behörde in ihrer Argumentation zwar auf die
für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken; sie darf aber
nur diejenigen Argumente stillschweigend übergehen, die für den Ent-
scheid erkennbar unbehelflich sind. In diesem Sinne müssen wenigstens
kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat
leiten lassen und auf die sich ihr Entscheid stützt (vgl. BGE 134 I 83 E. 4.1;
BVGE 2007/21 E. 10.2 m.w.H.).
5.3
5.3.1 Der Einwand in der Beschwerde, das SEM habe das Gefährdungs-
profil des Beschwerdeführers nicht vor dem Hintergrund der politischen Er-
eignisse in der Türkei seit seiner Ausreise im (...) 2016 betrachtet, ist be-
rechtigt. Der angefochtenen Verfügung ist tatsächlich keine Würdigung des
politischen Kontextes, insbesondere der Entwicklungen seit 2015 und je-
nen nach dem Putschversuch vom Sommer 2016 zu entnehmen. Obwohl
in der Beschwerde gerügt (ebd. E.II.1.3. Bst. a und b), verzichtet das SEM
auch im Rahmen der Vernehmlassung gänzlich auf eine Prüfung der Vor-
bringen des Beschwerdeführers vor dem Hintergrund der politischen Er-
eignisse in der Türkei. Für die Beurteilung einer begründeten Furcht vor
Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG wäre dies angesichts der vom SEM
nicht bestrittenen Sachdarstellungen unabdingbar gewesen.
Bereits nach den Parlamentswahlen im Juni 2015 respektive im November
2015 und dem gleichzeitigen Wiederaufflackern des Kurdenkonflikts hat
sich die Menschenrechtslage in der Türkei deutlich verschlechtert. Der wie-
deraufgeflammte Konflikt nahm dabei eine neue Form an: nicht mehr ent-
legene Bergregionen, sondern die Städte im mehrheitlich kurdisch besie-
delten Südosten der Türkei rückten ins Zentrum der Auseinandersetzung
zwischen der PKK und dem türkischen Staat, wobei auch vermehrt kurdi-
sche Jugendliche im bewaffneten Kampf eine Rolle spielen
(vgl. E-4/2014 vom 20. Februar 2017 E.7.3 m.w.H.). Nach dem gescheiter-
ten Militärputsch gegen die Regierung vom 15./16. Juli 2016 kam es zu
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einer Eskalation von Inhaftierungen und politischen Säuberungen und die
türkischen Behörden gehen seither rigoros gegen tatsächliche und ver-
meintliche Regimekritiker und Oppositionelle vor. Dabei sind fingierte Ter-
rorismusanklagen sowie übermässig lange und willkürliche Inhaftierungen
an der Tagesordnung. Tausende sehen sich aufgrund ihrer Aktivitäten in
den sozialen Medien mit gegen sie eingeleiteten Strafuntersuchungen und
Anklagen konfrontiert. Die türkische Justiz ist ebenfalls politischem Druck
ausgesetzt, was eine faire und unabhängige Prozessführung praktisch un-
möglich macht. Auch in neueren Berichten über die Entwicklungen in der
Türkei wird darauf hingewiesen, dass sowohl die demokratischen Werte
als auch die Rechtsstaatlichkeit zunehmend in Frage gestellt sind (vgl. statt
vieler Urteil des BVGer D-3154/2021 vom 1. November 2021 E.6.3 je
m.w.H.). Die europäische Kommission hat in ihrem jüngsten Bericht über
die Türkei ebenfalls festgehalten, dass die demokratischen Institutionen er-
hebliche Defizite aufweisen würden und sich die Menschenrechtslage wei-
terhin verschlechtere, die Situation im Südosten des Landes sei weiterhin
sehr besorgniserregend. Viele Mitglieder der HDP seien nach wie vor in
Haft und das türkische Verfassungsgericht habe eine Verbotsklage gegen
die HDP angenommen (vgl. European Commission, Turkey Report 2021,
19. Oktober 2021, https://ec.europa.eu/neighbourhood-enlargement/tur-
key-report-2021_en, abgerufen am 13. Mai 2022). Vor diesem Hintergrund
geht das Bundesverwaltungsgericht in seiner aktuellen Praxis davon aus,
dass sich die Sicherheitslage für oppositionell tätige Personen und allge-
mein für Angehörige der kurdischen Ethnie insgesamt deutlich verschlech-
tert hat und insbesondere Personen, denen in der Türkei Unterstützung
von als terroristisch eingestuften Organisationen vorgeworfen wird, be-
gründete Furcht vor Verfolgung haben (vgl. etwa das Urteil des BVGer E-
702/2018 vom 17. März 2021 E. 7.4.1 m.w.H.).
Der Beschwerdeführer hat am (...) 2016 die Türkei verlassen, mithin nur
kurz nach dem Putschversuch. Die soeben umschriebenen Umstände in
der Türkei wurden von der Vorinstanz in keiner Weise berücksichtigt, son-
dern in der angefochtenen Verfügung wird lediglich darauf hingewiesen,
dass es sich bei der HDP um eine legale Partei handle. Es sei zwar mög-
lich, dass sich die türkischen Behörden für den Beschwerdeführer interes-
siert und seine Aktivitäten beobachtet hätten. Einer behördlichen Untersu-
chung im Verdachtsfall wäre jedoch aus rechtsstaatlicher Sicht nichts ent-
gegenzuhalten und es gebe keine Hinweise, dass in seinem Falle die
rechtsstaatlichen Abläufe nicht eingehalten würden. Diese Einschätzung
ist undifferenziert und wird dem länderspezifischen Kontext und dem Profil
des Beschwerdeführers unter Berücksichtigung seiner Mitgliedschaft bei
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der HDP, seinen politischen Aktivitäten, der erfolgten Untersuchungshaft
sowie der bereits einmal unterstellten Unterstützung von Guerillas und
nicht zuletzt seines familiären Hintergrundes (vgl. nachfolgend) offensicht-
lich nicht gerecht. Durch dieses Versäumnis hat die Vorinstanz nicht alle
rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt und den Sachverhalt unter
Verletzung ihrer Untersuchungspflicht unvollständig festgestellt.
5.3.2 Des Weiteren hält der Beschwerdeführer dem SEM vor, es habe den
politischen Hintergrund seiner Familie bezüglich der Gefahr einer Re-
flexverfolgung nicht hinreichend berücksichtigt (vgl. Beschwerde E.II.1.3.
Bst. e). Diesbezüglich ist festzustellen, dass er zwar anlässlich der BzP
diverse Verwandte aufzählte, die in der Schweiz leben würden (vgl. A4 Ziff.
3.02). Er machte aber im erstinstanzlichen Verfahren nie geltend, er sei im
Zusammenhang mit ihnen in der Türkei behelligt worden und er führte
seine Furcht vor Verfolgung auch nicht spezifisch auf sie zurück. Dem SEM
kann deshalb nicht vorgehalten werden, es hätte vor Erlass der angefoch-
tenen Verfügung die Asyldossiers seiner Verwandten beiziehen müssen.
Nachdem der Beschwerdeführer dann in der Beschwerde explizit auf zwei
Verwandte verwies – seinen Onkel K._ und den Cousin seines Va-
ters J._ –, die in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt worden
seien, wäre von der Vorinstanz zu erwarten gewesen, dass sie die Asyl-
dossiers der in der BzP aufgezählten Verwandten des Beschwerdeführers
im Rahmen der Vernehmlassung berücksichtigt, respektive zumindest er-
wähnt hätte. Stattdessen beschränkten sich die Ausführungen in der Ver-
nehmlassung zu den Verwandten darauf, dass diese schon lange in der
Schweiz und keine nahen Verwandten seien.
Das Gericht hat die Akten der Verwandten des Beschwerdeführers beige-
zogen (Onkel K._ [N (...)], Grossvater H._ [N (...)], Tante
S._ [N (...)], Tante U._ [N (...)], Cousin des Vaters
J._ [N (...)]). Aus ihnen ergibt sich, dass mehrere Personen aus
dem familiären Umfeld des Beschwerdeführers – insbesondere im Zusam-
menhang mit Aktivitäten für die PKK – vor ihrer Ausreise in den Fokus der
dortigen Behörden gelangt waren beziehungsweise begründete Furcht vor
Reflexverfolgung bei einer Rückkehr hätten, infolge dessen ihre Flücht-
lingseigenschaft anerkannt wurde.
Unter Berücksichtigung der verschärften Situation in der Türkei für tatsäch-
liche und vermeintliche Regimekritiker (vgl. E.5.2), wäre das SEM gehalten
gewesen, die Akten der Verwandten des Beschwerdeführers beizuziehen
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und im Rahmen der Prüfung einer begründeten Furcht vor einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgung bei einer allfälligen Rückkehr in die Türkei
mitzuberücksichtigen. Der Sachverhalt ist somit auch in Bezug auf eine all-
fällige Reflexverfolgung beziehungsweise in Bezug auf seinen familiären
Hintergrund nicht hinreichend erstellt.
5.3.3 Die Sachverhaltsrüge wird auch damit begründet, dass das SEM die
geltend gemachten Suche nach dem Beschwerdeführer nach seiner Ent-
lassung aus der Untersuchungshaft zu wenig abgeklärt habe (vgl. Be-
schwerde E.II.1.3. Bst. d). Tatsächlich wären Rückfragen zu den konkreten
Umständen dieser Suche angebracht gewesen (vgl. A13 F51 S.8 letzter
Abschnitt). Insbesondere aber lässt sich weder der angefochtenen Verfü-
gung noch der Vernehmlassung entnehmen, ob es diesen Sachumstand
überhaupt wahrgenommen hat, wird er doch weder im Sachverhaltsteil
noch in der Würdigung thematisiert.
5.3.4 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die formellen Rügen be-
gründet sind. Die Vorinstanz hat mangels Berücksichtigung des länderspe-
zifischen Kontexts, des familiären Hintergrundes und der geltend gemach-
ten Suche ihre Untersuchungspflicht verletzt und den Sachverhalt nicht
hinreichend erstellt. Gleichzeitig hat es die Begründungspflicht verletzt.
5.4 Was die nun erstmals auf Beschwerdeebene vorgebrachten exilpoliti-
schen Tätigkeiten in der Schweiz betrifft (vgl. Beschwerde E.II.2.) ist vorab
festzuhalten, dass es in der Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers ge-
legen wäre, diese bereits im erstinstanzlichen Verfahren aufzuzeigen. Auch
auf Beschwerdeebene hat es der Beschwerdeführer versäumt, diese um-
fassend darzulegen. Aus seinen Eingaben lässt sich entnehmen, er habe
sich an von der PKK (mit)organisierten Demonstrationen und Versammlun-
gen in der Schweiz engagiert (vgl. Beschwerde E.II. 2. Bst. c.). Gemäss
dem eingereichten Schreiben von N._, welcher sich ebenfalls in der
Schweiz aufhalte und zuvor als Parteichef der BDP in E._ tätig ge-
wesen sei, sei er auch bei einer Veranstaltung in V._ anwesend ge-
wesen, bei welcher ein Co-Präsident der HDP gesprochen habe (Eingabe
vom 18. Juni 2020). Insbesondere habe er sich aber im (...) kritisch über
den türkischen Staat geäussert (vgl. Beschwerde E.II.2. Bst. a.; Eingaben
vom 18. April 2019 und 18. Juni 2019).
In diesem Zusammenhang ist zunächst darauf hinzuweisen, dass das Ge-
richt in seiner Rechtsprechung davon ausgeht, dass die Aktivitäten kurdi-
scher Exilorganisationen oder einzelner Exponentinnen und Exponenten
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eines gewissen Formats von regimetreuen Bürgern oder im Ausland leben-
den Behördenvertretern der Türkei beobachtet werden. Dieser Umstand
reicht indessen für sich allein genommen nicht aus, um eine tatsächliche
Gefährdung im Falle der Rückkehr in die Türkei als hinreichend wahr-
scheinlich erscheinen zu lassen. Vielmehr müssen konkrete Anhaltspunkte
dafür vorliegen, dass exilpolitisch aktive Staatsangehörige der Türkei tat-
sächlich das Interesse der heimatlichen Behörden auf sich gezogen haben
respektive als regimefeindliche Personen namentlich identifiziert und regis-
triert wurden (vgl. z.B. Urteil des BVGer D-36/2018 vom 12. Oktober 2020
E. 7.2.1).
Vorliegend erscheint insbesondere wesentlich, dass der Beschwerdeführer
zwischen den Jahren 2017 und 2019 insgesamt vier Mal an der regimekri-
tischen (...)sendung (...) des Senders (...) beteiligt war. Er habe als Gast-
moderator einige Sendungen zusammen mit P._ moderiert. Im Ver-
fahren von P._ kam das SEM zum Schluss, es lägen aufgrund der
Vorbringen im Zusammenhang mit der Moderation der Sendung (...) sub-
jektive Nachfluchtgründe vor (N [...], Verfügung vom [...] 2018). Vorliegend
verneinte das SEM im Rahmen der Vernehmlassung jedoch subjektive
Nachfluchtgründe, da es insbesondere schwer möglich sein dürfte, die Mo-
deratoren zu identifizieren. Im Falle von P._ schien das SEM dem-
gegenüber davon auszugehen, dieser könne als Moderator identifiziert
werden und er sei in den Fokus der heimatlichen Behörden geraten. Vor
diesem Hintergrund ist zumindest im Bereich des Möglichen, dass auch
der Beschwerdeführer durch sein Engagement für die Sendung (...) ein
Profil aufweist, das ihn in den Augen der türkischen Behörden als regime-
feindliche Person erscheinen lässt. Dem Gericht ist es bei der vorliegenden
Aktenlage jedoch nicht möglich, die Äusserungen des Beschwerdeführers
und deren flüchtlingsrechtliche Relevanz abschliessend zu beurteilen. Aus
den Eingaben des Beschwerdeführers geht hervor, dass er sich mehrmals
im (...) kritisch über den türkischen Staat geäussert habe; über den ge-
nauen Inhalt der Sendungen sowie seine konkreten Aussagen lässt sich
jedoch den Eingaben nichts entnehmen. Der Beschwerdeführer hat einzig
eine summarische und punktuelle Zusammenfassung einer (...)sendung
vom (...) 2017 beigelegt, welche vom SEM im Rahmen des Asylverfahrens
von P._ erstellt wurde. In seiner Eingabe vom 18. Juni 2019 wies
der Beschwerdeführer auf weitere Sendungen hin, an welchen er teilge-
nommen und sich kritisch zu verschiedenen Themen geäussert habe. Aus
seinen Eingaben lässt sich zwar immerhin erkennen, dass die Sendungen
und deren behandelte Themen durchaus eine gewisse politische Brisanz
aufweisen. Eine umfassende Einschätzung der exilpolitischen Aktivitäten
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des Beschwerdeführers insgesamt und insbesondere seiner angeblich
dem türkischen Staat gegenüber geäusserte kritische Position lässt sich
jedoch nicht vornehmen.
Da die Sache aufgrund mangelnder Berücksichtigung der aktuellen Lage
in der Türkei sowie mangelnder Prüfung einer allfälligen Reflexverfolgung
ohnehin an die Vorinstanz zurückzuweisen ist, sind auch die auf Beschwer-
deebene erstmals vorgebrachten exilpolitischen Tätigkeiten vom SEM wei-
ter abzuklären und zu würdigen, zumal das Gericht nicht um eine umfas-
sende Sachverhaltsermittlung besorgt sein kann. Es bleibt darauf hinzu-
weisen, dass es dem Beschwerdeführer gestützt auf seine Mitwirkungs-
pflicht obliegt, der Vorinstanz seine exilpolitischen Tätigkeiten umfassend
offenzulegen.
6.
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM betreffend die Verweigerung
des Asyls und die Anordnung der Wegweisung haben grundsätzlich refor-
matorischen und nur ausnahmsweise kassatorischen Charakter (Art. 105
AsylG sowie Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 61 Abs. 1 VwVG). Eine reformatori-
sche Entscheidung setzt indessen voraus, dass die Sache entscheidreif
ist; dazu muss insbesondere der rechtserhebliche Sachverhalt richtig und
vollständig festgestellt worden sein. Dies ist vorliegend nicht der Fall. Es
ist nicht Sache des Gerichts, als letzte Beschwerdeinstanz umfassende
Sachverhaltsabklärungen durchzuführen und erstmals über sich allenfalls
neu stellende Rechtsfragen zu entscheiden, zumal es über eine be-
schränkte Kognition verfügt. Ein abschlägiger Entscheid nach weiteren
Sachverhaltsabklärungen und neuer Sachverhaltsfeststellung durch das
Gericht würde für den Beschwerdeführer auch einen Instanzenverlust und
mithin eine Verletzung seines Anspruchs auf Wahrung des rechtlichen Ge-
hörs bedeuten. Dieses ist auch angesichts der Verletzung der Begrün-
dungspflicht verletzt, zumal insbesondere hinsichtlich der Berücksichtigung
des aktuellen Länderkontextes keine Heilung erfolgen kann, nachdem das
SEM zu dieser berechtigten Rüge auch auf Vernehmlassungsstufe nicht
Stellung genommen hat. Ein reformatorischer Entscheid fällt demnach aus-
ser Betracht.
7.
Nach dem Gesagten verletzt die angefochtene Verfügung vom 28. Novem-
ber 2018 Bundesrecht und stellt den Sachverhalt unvollständig fest
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Sie ist in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben
und die Sache ist zur Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes
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und zu neuer Beurteilung und neuem Entscheid an die Vorinstanz zurück-
zuweisen; dies unter Wahrung des rechtlichen Gehörs des Beschwerde-
führers. Angesichts dieses Verfahrensausgangs erübrigt sich eine Ausei-
nandersetzung mit weiteren Vorbringen in der Beschwerde; diese bildet in-
tegralen Bestandteil des wiederaufzunehmenden erstinstanzlichen Verfah-
rens. In diesem Zusammenhang ist insbesondere auch auf die auf Be-
schwerdestufe eingereichten Beweismittel in Bezug auf seine exilpoliti-
schen Tätigkeiten hinzuweisen, mit welchen sich das SEM gegebenenfalls
– unter Mitwirkung des Beschwerdeführers – auseinanderzusetzen hat.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Der Rechtsvertreter hat in der Beschwerde festgehalten, sein Aufwand
belaufe sich vorbehältlich weiterer Eingaben auf Fr. 810.–, eine detaillierte
Kostennote wurde trotz Ankündigung nicht mehr nachgereicht. Die für die
Beschwerde in Rechnung gestellten Kosten erscheinen angemessen. Die
notwendigen Parteikosten für die weiteren Eingaben sind aufgrund der
Akten zu bestimmen (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE) und in Berücksichtigung
der in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) auf
pauschal Fr. 600.– festzusetzen. Entsprechend ist dem Beschwerdeführer
zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt
Fr. 1410.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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