Decision ID: d9fad3ca-f42f-5aed-b914-b0d25bd13f23
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
I.
A.
A.a Der Beschwerdeführer stellte am 28. Oktober 2015 in die Schweiz ein
Asylgesuch.
A.b Am 14. März 2017 fand im Auftrag des SEM durch die Fachstelle
LINGUA ein telefonisches Interview zur Abklärung der Herkunft des Be-
schwerdeführers statt. Der Analysebericht des Experten "AS19" vom
14. September 2017 kam zusammenfassend zum Schluss, der Beschwer-
deführer sei sehr wahrscheinlich nicht wie von ihm angegeben im Kreis
B._ in Tibet, sondern in einer exiltibetischen Gemeinschaft aus-
serhalb der Volksrepublik China hauptsozialisiert worden.
A.c Im Rahmen der einlässlichen Anhörung zu den Asylgründen vom
9. Oktober 2017 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer das rechtliche
Gehör zum Ergebnis der Herkunftsabklärung.
A.d Der Beschwerdeführer führte bei der Begründung seines Asylgesuchs
aus, er sei ethnischer Tibeter buddhistischen Glaubens und im Dorf
C._ (Gemeinde D._ / Bezirk B._) in der Präfektur
E._ geboren. Dort habe er bis zur Ausreise mit den Eltern und (...)
Geschwistern gelebt. Die Schule habe er nie besucht. Vater und Bruder
hätten als (...) gearbeitet, seine Aufgabe sei das Beschaffen von (...) ge-
wesen. Er habe eine Freundin gehabt, die von ihrem Vater, einem Polizis-
ten, jedoch anderweitig verheiratet worden sei. Als der Ehemann von der
vorehelichen Liaison erfahren habe, habe er die Frau zu ihrer Familie zu-
rückgeschickt. In der Folge habe der Vater der Ex-Freundin zusammen mit
einem Sohn und zwei weiteren Polizisten sein (Beschwerdeführer) Eltern-
haus aufgesucht. Sie seien alle geschlagen worden und der Vater der
Freundin habe versucht, seine Schwester auszuziehen. Er (Beschwerde-
führer) habe deswegen mit einem Holzstück auf den Mann eingeschlagen.
Sein Vater, sein Bruder und ein Nachbar seien dazugekommen und der
Bruder habe ihn wegbringen können und nach F._ mitgenommen.
Nach einer Nacht beim Bruder sei er am 27. Juni 2015 mit Hilfe des Vaters
der Schwägerin nach G._ und weiter zu Fuss über die Grenze nach
Nepal gelangt. Er habe nach der Ausreise erfahren, dass der Vater seiner
Ex-Freundin im Spital verstorben sei.
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Zwei Tage vor dem Geburtstag des Dalai Lama habe der Bruder der Ex-
Freundin in Begleitung weiterer Personen sein Elternhaus durchsucht. Sie
hätten eine tibetische Fahne sowie Plakate mit der Aufschrift "Freiheit für
Tibet" gefunden. Diese Sachen seien ihm offensichtlich untergeschoben
worden.
B.
Am 11. Oktober 2017 lehnte das SEM das Asylgesuch ab, verfügte die
Wegweisung und ordnete den Vollzug an, wobei ein Vollzug in die Volks-
republik China ausgeschlossen wurde.
C.
Am (...) wurde der in einer Partnerschaft lebende Beschwerdeführer Vater
eines Kindes.
D.
Am 31. Oktober 2017 konnte der Beschwerdeführer auf sein Ersuchen
beim SEM hin das im Rahmen der LINGUA-Abklärung aufgezeichnete Te-
lefongespräch anhören.
E.
Eine am 8. November 2017 beim Bundesverwaltungsgericht gegen die
Verfügung des SEM vom 11. Oktober 2017 eingelegte Beschwerde wurde
mit Urteil BVGer E-6307/2017 vom 23. November 2017 gutgeheissen. Im
Entscheid wurde insbesondere festgestellt, die Feststellung des SEM, die
Vorbringen zum Sozialisierungsort würden den reduzierten Beweisanfor-
derungen des Glaubhaftmachens nicht genügen, verletze Bundesrecht.
Die Vorinstanz wurde angewiesen, das Asylverfahren im Sinn der Erwä-
gungen weiterzuführen und – unter Berücksichtigung der veränderten Fa-
milienverhältnisse des Beschwerdeführers – neu zu entscheiden.
II.
F.
F.a In der Folge erstellte die Fachstelle LINGUA am 1. Februar 2018 eine
Aktennotiz zum LINGUA-Bericht vom 14. September 2017.
Am 9. Februar 2018 gewährte das SEM dem Beschwerdeführer zu dieser
LINGUA-Aktennotiz das rechtliche Gehör. Der Beschwerdeführer reichte
seine Stellungnahme am 22. Februar 2018 zu den Akten.
E-4665/2018
Seite 4
F.b Am 12. April 2018 forderte das SEM den Beschwerdeführer zur Beant-
wortung verschiedener Fragen im Zusammenhang mit seiner Lebenspart-
nerin und seiner Vaterschaft auf.
Der Beschwerdeführer reichte am 25. April 2018 verschiedene beweisbil-
dende Unterlagen ins Recht und beantwortete die ihm vom SEM gestellten
Fragen. Namentlich führte er aus, seine Partnerin sei in unbefristeter und
ungekündigter Arbeitsstellung zu 100% erwerbstätig und beziehe keine So-
zialhilfe. Er selber betreue aktuell den gemeinsamen Sohn. Sie hätten eine
geregelte Wohnsituation. Seine Partnerin habe mehrfach versucht, die Nie-
derlassungsbewilligung zu erlangen, habe jedoch wegen der 100%-Stelle
und zuletzt wegen der Schwangerschaft das erforderliche Deutsch-Zertifi-
kat noch nicht erlangen können; hier sei ein Verfahren hängig. Ihre Jahres-
aufenthaltsbewilligung sei in der Verlängerung bei der kantonalen Behörde,
hingegen habe sie bisher keinen Antrag auf Erteilen einer B-Bewilligung für
ihn gestellt.
F.c Am 7. Mai 2018 reichte der Beschwerdeführer die Ergebnisse eines
DNA-Tests ein, die seine Vaterschaft mit an Sicherheit grenzender Wahr-
scheinlichkeit belegt.
G.
Mit (am 16. Juli 2018 eröffneter) Verfügung vom 11. Juli 2018 kam das
SEM erneut zum Schluss, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingsei-
genschaft nicht und lehnte sein Asylgesuch ab; das SEM verfügte die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug in den Herkunftsstaat
an. Einen Vollzug der Wegweisung in die Volksrepublik China schloss die
Vorinstanz explizit aus.
H.
H.a Mit Eingabe vom 15. August 2018 focht der Beschwerdeführer auch
diese neue Verfügung des SEM beim Bundesverwaltungsgericht an. Er be-
antragte die Aufhebung des Asylentscheids und die Rückweisung zwecks
Neubeurteilung mit der Anweisung, die Herkunft sei im Sinn seiner Ausfüh-
rungen festzustellen. Eventualiter sei die Sache zwecks Neubeurteilung
bezüglich Herkunft zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Verfügung auf-
zuheben, seine Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu ge-
währen, subsubeventualiter sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen; je-
denfalls sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzumutbar
oder unzulässig sei.
E-4665/2018
Seite 5
H.b In prozessualer Hinsicht ersuchte der Beschwerdeführer um Verzicht
auf die Auferlegung von Verfahrenskosten und insbesondere eines Kosten-
vorschusses. Es sei ihm eine angemessene Parteientschädigung auszu-
richten.
I.
Mit Verfügung vom 29. August 2018 stellte der Instruktionsrichter fest, dass
der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwar-
ten dürfe. Den Entscheid über das Gesuch um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung verwies er auf einen späteren Verfahrenszeitpunkt.
Er verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und überwies
das Beschwerdedoppel der Vorinstanz zur Stellungnahme.
J.
J.a In ihrer Vernehmlassung vom 3. September 2018 verwies die Vor-
instanz auf ihre Erwägungen in der Verfügung vom 11. Juli 2018, an denen
sowohl im Asyl- als auch im Wegweisungspunkt vollumfänglich festgehal-
ten werde.
J.b Diese Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 5. Septem-
ber 2018 zur Kenntnis gebracht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
E-4665/2018
Seite 6
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-4665/2018
Seite 7
4.
4.1 Das SEM führte in seiner Verfügung vom 11. Juli 2018 massgeblich
Folgendes aus:
4.1.1 Bereits während der Befragung zur Person vom 10. November 2015
seien Zweifel an der vom Beschwerdeführer angegebenen Herkunft (Kreis
B._) aufgekommen. Entsprechende Abklärungen hätten in der
Folge ergeben, dass der Beschwerdeführer sehr wahrscheinlich in der exil-
tibetischen Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China sozialisiert
worden sei. Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts habe der
LINGUA-Experte am 1. Februar 2018 eine Aktennotiz mit folgenden Aus-
sagen erstellt:
4.1.1.1 Dass trotz der guten landeskundlich-kulturellen Kenntnisse eine
Hauptsozialisation im Kreis B._ "mit grosser Wahrscheinlichkeit"
auszuschliessen sei, sei auf die unterschiedliche Aussagekraft der landes-
kundlich-kulturellen und der linguistischen Analyse zurückzuführen. Allein
das Wissen um landeskundlich-kulturelle Fakten lasse keine Aussage be-
züglich der hauptsächlichen Sozialisation zu, könne aber auf einen Aufent-
halt in der betreffenden Region hinweisen, wobei insbesondere Namen na-
hegelegener Ortschaften, Grundlagenwissen zu Sehenswürdigkeiten, Do-
kumenten, Schulsystem auch ausserhalb Tibets zugänglich seien. Solche
Kenntnisse würden somit nicht zwingend auf einen Aufenthalt in der ange-
gebenen Region hinweisen.
4.1.1.2 Demgegenüber sei eine konsequente Veränderung des Sprachver-
haltens deutlich schwieriger einzuschätzen als der Erwerb faktischen Wis-
sens. Aus diesem Grund sei der linguistischen Analyse hinsichtlich der
Frage der Hauptsozialisation grösseres Gewicht beizumessen. Dabei
seien zwar Einflüsse auf die Sprache durch Aufenthalt im Exil sowie eine
Anpassung an die befragende Person in Betracht zu ziehen; eine fast
gänzliche Überlagerung des Heimatdialekts, wie vorliegend festzustellen
sei, sei jedoch als Beleg dafür zu werten, dass die hauptsächliche Soziali-
sation nicht in der angegebenen Region stattgefunden habe.
4.1.1.3 Dass mit Referenzvarietäten gearbeitet worden sei, sei in der Lin-
guistik der Normalfall, zumal wenn zur Varietät des angegebenen Herkunft-
sortes kein oder nicht befriedigendes Material vorliege. Bei der Auswahl
einer Referenzvarietät würden dabei geografische Distanz, Beschrei-
bungsqualität, Ausbreitungsrichtung sprachlicher Merkmale und Genetik
im Vordergrund stehen. Vorliegend sei der Dialekt von H._ trotz der
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grossen räumlichen Distanz als Referenzvarietät für den Dialekt von
B._ geeignet, da beide Sprachformen dem gleichen Grossdialekt
– dem Zentraltibetischen – angehören würden. Zwar gehöre auch der Dia-
lekt von I._ diesem Grossdialekt an, allerdings sei dieser aufgrund
der geografischen Distanz weniger als Referenzvarietät geeignet
(I._ liege weiter von B._ entfernt als H._). Entgegen
den Ausführungen im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. No-
vember 2017 sei es schwerpunktmässig um die Analyse der Tibetisch-
Kenntnisse des Beschwerdeführers, nicht um seine Kenntnisse des Chine-
sischen gegangen. Der LINGUA-Bericht habe betont, dass vorliegend "vor-
wiegend" passive Kenntnisse des Chinesischen zu erwarten seien. Die In-
terpretation im Urteil des Gerichts von "nur" passiven Kenntnissen sage
nicht dasselbe aus. Der Beschwerdeführer sei tatsächlich mit einzelnen
chinesischen Lehnwörtern vertraut gewesen, indessen setze dies, wie im
LINGUA-Bericht unter der soziolinguistischen Analyse festgehalten, kein
Beherrschen der chinesischen Sprache voraus.
4.1.2 Die Feststellung des LINGUA-Berichts und die Aktennotiz des
LINGUA-Experten, der Beschwerdeführer sei sehr wahrscheinlich aus-
serhalb des Autonomen Gebietes von Tibet sozialisiert worden, würde den
vorgebrachten Ausreise- und Asylvorbringen die Grundlage entziehen. Die
diesbezüglich an den Anhörungen gemachten, der Logik und allgemeinen
Erfahrung zuwiderlaufenden, widersprüchlichen und ohne markante Real-
kennzeichen versehenen Aussagen würden die Ergebnisse des Berichts
untermauern. Weiter seien die Schilderungen des Reiseweges plakativ,
ohne erkennbare Realkennzeichen und daher unglaubhaft ausgefallen.
4.1.3 Zusammenfassend würden sich die Asyl- und Ausreisegründe des
Beschwerdeführers als nicht glaubhaft erweisen.
4.2 In der Beschwerde vom 15. August 2018 lässt der Beschwerdeführer
Folgendes ausführen:
4.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht habe in seinem Urteil vom 23. No-
vember 2017 festgehalten, die Glaubhaftigkeitsbeurteilung des SEM mit
Bezug auf den Sozialisationsort verletze Bundesrecht. In der Folge habe
das SEM bloss eine Aktennotiz in Auftrag gegeben, welche die Erwägun-
gen im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts kritisch kommentiere. Dieser
Aktennotiz und der Verfügung vom 11. Juli 2018 seien keinerlei neue Er-
kenntnisse und Abklärungen, geschweige denn ein neues Gutachten der
Fachstelle LINGUA zu entnehmen. Stattdessen wiederhole die Vorinstanz
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Seite 9
im Wesentlichen die Begründung des aufgehobenen Entscheids vom
11. Oktober 2017 und verteidige dabei die vom Gericht gerügten wissen-
schaftlichen Methoden. Die Vorinstanz begründe ihren neuen Entscheid im
Ergebnis damit, dass die Feststellungen des Gerichts unrichtig seien; sie
habe auf eine Neubeurteilung verzichtet und sich darauf beschränkt, das
Gericht zu belehren. Die in der Aktennotiz des LINGUA-Experten enthalte-
nen Ausführungen seien im Übrigen auch sprachwissenschaftlich nicht
überzeugend. Insgesamt könne vor diesem Hintergrund nicht davon ge-
sprochen werden, die Vorinstanz habe eine ernsthafte Neubeurteilung der
Sache vorgenommen. Das SEM versuche vielmehr offensichtlich, sich den
Anweisungen im Urteil vom 23. November 2017 zu entziehen und das Ge-
richt zu belehren.
4.2.2 Im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 23. November 2017
sei auch festgehalten worden, dass der Beschwerdeführer grundsätzlich
authentisch und lebensecht wirkende Angaben zu seiner Lebensumge-
bung vor Verlassen der Heimat zu Protokoll gegeben habe. Entgegen der
Beurteilung des SEM, seien zudem sowohl die Asylgründe als auch der
Reiseweg glaubhaft vorgetragen worden. Vor diesem Hintergrund sei ihm
Asyl zu gewähren.
5.
Das Gericht stellt nach Durchsicht der Akten Folgendes fest:
5.1 Die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV,
Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) ist unbegründet, nachdem das SEM
dem Beschwerdeführer den wesentlichen Inhalt der Aktennotiz des
LINGUA-Experten zur Kenntnis gebracht und ihm Gelegenheit zur Stel-
lungnahme geboten hat. Für eine Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz wegen Verletzung von Verfahrensrechten besteht keine Veranlas-
sung.
5.2
5.2.1 Glaubhaftmachen im Sinn von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweismass und lässt durch-
aus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Ge-
suchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der
Sachverhaltsdarstellung eines oder einer Asylsuchenden sprechen, über-
wiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen.
Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfol-
gungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanzi-
ierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
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Seite 10
dargelegten Vorkommnisse, die gekennzeichnet ist durch Korrektheit, Ori-
ginalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaub-
haft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden,
widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei
der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurtei-
lung aller Elemente, die für oder gegen den Asylsuchenden sprechen.
Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente
überwiegen. Für die Bejahung der Glaubhaftigkeit genügt demnach nicht
aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung
der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen
die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 m.w.H.).
5.2.2 Unter Berücksichtigung dieser Grundsätze der Glaubhaftigkeitsbeur-
teilung kam das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil vom 23. No-
vember 2017 zur Feststellung, die Schlussfolgerung des LINGUA-
Experten im vorliegenden Verfahren, der Beschwerdeführer sei "sehr wahr-
scheinlich" nicht im Autonomen Gebiet Tibet sozialisiert worden, vermöge
das Gericht nicht zu überzeugen. Die protokollierten Aussagen des Be-
schwerdeführers zu seinen Lebensumständen vor dem Verlassen des Hei-
matstaates würden nachvollziehbar, authentisch und lebensecht wirken.
Insgesamt sei festzustellen, dass die Vorinstanz in diesem Verfahren zu
hohe Anforderungen an das Glaubhaftmachen des Herkunftsortes gestellt
und den rechtserheblichen Sachverhalt insoweit nicht korrekt festgestellt
habe. Die Feststellung des SEM, die Vorbringen zum Sozialisierungsort
würden den reduzierten Beweisanforderungen des Glaubhaftmachens
nicht genügen, verletze Bundesrecht.
5.2.3 In seiner neuen Verfügung vom 11. Juli 2018 hielt das SEM trotz die-
ser unmissverständlichen Erwägungen an seiner Einschätzung fest, der
Beschwerdeführer sei nicht im Autonomen Gebiet Tibet sozialisiert worden.
Diese Auffassung vermag umso weniger zu überzeugen, als die Vorinstanz
vor ihrem neuen Befund keine weiteren sachverhaltlichen Abklärungen vor-
genommen hat, beispielsweise eine erneute Anhörung des Beschwerde-
führers oder eine umfassende zweite Analyse der Fachstelle LINGUA
(durch den bisherigen respektive, naheliegenderweise, durch einen mit der
Sache bisher nicht befassten anderen LINGUA-Experten). Durch das
blosse Erstellen einer Aktennotiz, mit welcher der bisherige Experte seine
Analyse zu verteidigen und letztlich die Unrichtigkeit der erwähnten Glaub-
haftigkeitsbeurteilung des Gerichts zu belegen versucht, wurde die Akten-
lage nicht relevant verändert.
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Seite 11
5.2.4 Soweit der Beschwerdeführer in seinem Rechtsmittel das Bild einer
belehrenden eigentlichen Verweigerungshaltung der Vorinstanz zeichnet
(vgl. Beschwerde S. 6 ff.), ergeben sich hierfür in den Akten keine Hin-
weise. An dieser Feststellung vermag auch der Umstand nichts zu ändern,
dass die Leitung des zuständigen Empfangs- und Verfahrenszentrums am
29. November 2017 rund einem Dutzend E-Mail-Adressaten innerhalb des
SEM mitteilte, das Urteil E-6307/2017 mache "keine Freude". Unklar bleibt
allerdings, aus welchem Grund diese Meinungsäusserung danach in die
amtlichen Akten aufgenommen wurde (Aktenstück A51).
5.2.5 Das SEM hat im vorliegenden Verfahren offenbar verkannt, dass über
die Frage der Glaubhaftigkeit des Sozialisierungsorts des Beschwerdefüh-
rers mit dem Urteil E-6307/2017 bereits abschliessend befunden worden
ist. Das Verfahren wurde vom Gericht nicht für eine neue rechtliche Ausei-
nandersetzung mit dieser Frage an die Vorinstanz zurückgewiesen, son-
dern zur Beurteilung der Glaubhaftigkeit und/oder der flüchtlingsrechtlichen
Relevanz der geltend gemachten Asylgründe unter der Prämisse, dass es
sich beim Beschwerdeführer um einen Tibeter aus der Autonomen Region
handelt.
5.3 Auf eine erneute Rückweisung der Sache ist unter den gegebenen Um-
ständen schon aus prozessökonomischen Gründen zu verzichten.
6.
6.1 In einem weiteren Schritt sind die vom Beschwerdeführer zur Begrün-
dung seines Gesuchs vorgebrachten Asylgründe zu beurteilen.
6.1.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, seine Familie sei von den ent-
täuschten Angehörigen seiner früheren Freundin tätlich angegriffen
worden, wobei er mit einem Gegenstand auf den Vater der Ex-Partnerin
eingeschlagen und dadurch dessen späteren Tod verursacht habe. Die
Attacke auf die Familie des Beschwerdeführers erfolgte offensichtlich nicht
aus einem der im Gesetz abschliessend genannten Verfolgungsmotive.
Das Gleiche gilt für eine theoretische zukünftige Gerichtsverhandlung zur
Klärung allfälliger strafrechtlicher Verantwortlichkeiten für die Angriffs- und
für die Verteidigungshandlungen (die schliesslich den Tod eines Menschen
zur Folge gehabt haben sollen). An dieser Feststellung vermag auch nichts
zu ändern, dass der Familie des Beschwerdeführers später politisch bri-
santes Material untergeschoben worden sei; auch dies wäre im Rahmen
eines solchen Verfahrens zu klären. In diesem Zusammenhang ist aller-
E-4665/2018
Seite 12
dings auf den Ausschluss des Vollzugs einer Wegweisung in die Volksre-
publik China in der angefochtenen Verfügung zu verweisen, der eine per-
sönliche Verwicklung des Beschwerdeführers in ein solches Verfahren
de facto ausschliesst.
6.1.2 Bei dieser Ausgangslage kann auf eine Beurteilung der Glaubhaf-
tigkeit des flüchtlingsrechtlich nicht relevanten Kerns der Asylbegründung
verzichtet werden.
6.1.3 Die unbestrittene Tatsache, dass der Beschwerdeführer ethnischer
Tibeter ist, vermag nicht bereits zur Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft und zur Asylgewährung zu führen, weil gemäss Rechtsprechung des
Gerichts nicht von einer Kollektivverfolgung der tibetischen Minderheit in
dem Sinn auszugehen ist, dass jeder Tibeter angesichts der gegen das
Kollektiv gerichteten Repressionen genügend Anlass hätte, auch individu-
ell eine Verfolgung befürchten zu müssen (vgl. BVGE 2009/29 E. 4.4 unter
Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der vormaligen Schweizeri-
schen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 1 E. 4.3 ff.).
6.1.4 Das SEM hat nach dem Gesagten das Asylgesuch zu Recht abge-
wiesen.
6.2
6.2.1 Nach dem oben Gesagten ist davon auszugehen, dass der Be-
schwerdeführer in der Autonomen Region Tibet sozialisiert worden ist.
6.2.2 Die Schilderungen der Umstände, unter denen er den Tibet verlassen
habe, wirken aus Sicht des Gerichts nicht unglaubhaft. Der Haltung der
Vorinstanz, dieser Teil des Sachvortrags sei plakativ und ohne erkennbare
Realkennzeichen vorgetragen worden (vgl. angefochtenen Verfügung
S. 7), kann sich das Gericht nach Durchsicht der Protokolle nicht anschlies-
sen. Sie ist auch insofern zu relativieren, als im Nachgang zur protokollier-
ten ausführlichen freien Schilderung durch den Beschwerdeführer keinerlei
Nachfragen gestellt worden sind (vgl. Protokoll A4 S. 5 f, A30 F/A 57 ff.).
6.2.3 Der Beschwerdeführer hat eine Fluchtroute von C._ nach
F._ und G._ geschildert. Bis G._ habe er verschie-
dene Kontrollposten passieren müssen, wobei dies in Begleitung des
Schwiegervaters des Bruders, der als Händler viele der Kontrolleure ge-
kannt habe und einen Handelspass habe vorweisen können, ohne Prob-
leme gelungen sei. Dass die Beamten der Kontrollstelle zwei Tage nach
der fluchtauslösenden Auseinandersetzung zwischen den beiden Familien
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Seite 13
noch keine Verdachtsmomente gegen den Beschwerdeführer gehabt ha-
ben, ist plausibel. Mit Hilfe eines vom Schwiegervater organisierten Sher-
pas habe er in der Nacht von G._ aus die Grenze nach Nepal pas-
siert. Auch die Schilderung dieser nächtlichen Grenzüberschreitung (vgl.
a.a.O. F/A 61) wirkt lebensecht. Insgesamt geht das Gericht gestützt auf
diese Schilderungen von einem glaubhaft gemachten Reiseweg und damit
von einer illegalen Ausreise aus der Volksrepublik China aus.
6.3
6.3.1 Subjektive Nachfluchtgründe sind anzunehmen, wenn eine asylsu-
chende Person erst durch die unerlaubte Ausreise aus dem Heimat- oder
Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfol-
gung im Sinn von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Als subjektive Nachflucht-
gründe gelten insbesondere unerwünschte exilpolitische Betätigungen, il-
legales Verlassen des Heimatlandes (sog. Republikflucht) oder Einrei-
chung eines Asylgesuchs im Ausland, wenn sie die Gefahr einer zukünfti-
gen Verfolgung begründen. Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen
erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenom-
men (vgl. auch BVGE 2009/28 E. 7.1 m.w.H.).
6.3.2 Gemäss einer langjährigen Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts und der ARK ist davon auszugehen, dass illegal ausgereiste
Asylsuchende tibetischer Ethnie bei einer Rückkehr in ihr Heimatland
China der oppositionellen politisch-religiösen Anschauungen verdächtigt
würden und aus diesem Grund mit Verfolgung im flüchtlingsrelevanten Sinn
zu rechnen hätten (vgl. BVGE 2014/12 E. 5.11 und 2009/29 E. 6.2 ff., je
m.w.H.).
6.3.3 In Anwendung dieser Rechtsprechung ist festzustellen, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft erfüllt, weil er infolge der illega-
len Ausreise begründete Furcht hat, flüchtlingsrechtlich relevanten Über-
griffen ausgesetzt zu werden. Die Vorinstanz hat folglich die Flüchtlingsei-
genschaft des Beschwerdeführers zu Unrecht verneint. Weil der Beschwer-
deführer die Flüchtlingseigenschaft nur aufgrund subjektiver Nachflucht-
gründe erfüllt, ist eine Asylgewährung jedoch ausgeschlossen.
E-4665/2018
Seite 14
7.
7.1 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (vgl. Art. 32 Bst. a der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999
[AsylV 1, SR 142.311] und BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung wurde
demnach vom SEM zu Recht angeordnet.
7.2 Allerdings ist im Sinne einer Ersatzmassnahme das Anwesenheitsver-
hältnis nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Auf-
nahme zu regeln, wenn der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht
zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR
142.20]; BVGE 2009/51 E. 5.4). Für den vorliegenden Fall ergibt sich aus
den vorstehenden Erwägungen, dass der Beschwerdeführer subjektive
Nachfluchtgründe glaubhaft machen konnte. Der Vollzug der Wegweisung
nach China erweist sich daher wegen drohender Verletzung des flücht-
lingsrechtlichen Gebots des Non-Refoulement (Art. 5 AsylG; Art. 33 Abs. 1
FK) als unzulässig. Der Beschwerdeführer ist demnach als Flüchtling vor-
läufig aufzunehmen.
8.
Die angefochtene Verfügung ist dahingehend zu bestätigen, als sie das
Asylgesuch des Beschwerdeführers abweist und in der Folge die Wegwei-
sung aus der Schweiz anordnet. Sie ist jedoch wegen Verletzung von Bun-
desrecht aufzuheben, soweit sie die Flüchtlingseigenschaft des Beschwer-
deführers verneint. Die Beschwerde ist somit insoweit teilweise gutzuheis-
sen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wäre ein Teil der Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
Nachdem seine Rechtsbegehren nicht aussichtslos waren und gemäss
Akten von seiner Mittellosigkeit ausgegangen werden kann, ist in Gut-
heissung des Gesuchs um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung von einer Kostenerhebung abzusehen (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
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9.2 Eine ganz oder teilweise obsiegende Partei hat Anspruch auf eine Par-
teientschädigung für die ihr erwachsenen notwendigen Kosten (Art. 64
Abs. 1 VwVG).
Nachdem der Beschwerdeführer rechtlich nicht vertreten war, ist auch für
das vorliegende Verfahren davon auszugehen, dass ihm mit Einreichung
seiner Beschwerde keine entschädigungspflichtigen Vertretungskosten
entstanden sind. Es ist somit keine (reduzierte) Parteientschädigung zuzu-
sprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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