Decision ID: 7aac8b48-a74e-596c-8df5-062962e6b2c4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 8. November 2015 in der Schweiz um
Asyl nach. Am 16. November 2015 erfolgte die Befragung zur Person (BzP)
und am 3. April 2018 wurde er einlässlich zu seinen Asylgründen angehört.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er sei afghanischer Staatsbürger aus der Provinz
B._ und sei der Ethnie der C._ zugehörig. Seine Mutter
stamme aus armen Verhältnissen, sei mit (...) Jahren verheiratet worden
und habe sehr unter den patriarchalen Strukturen gelitten. Sie habe sich
deshalb im Dorf D._, wo sie gelebt hätte, und den umliegenden
Dörfern für die Rechte der Frauen in Afghanistan eingesetzt. Sie sei Anal-
phabetin gewesen und er (der Beschwerdeführer) habe ihr seit (...) bei ih-
ren Aktivitäten geholfen indem er ihr beratend zur Seite gestanden habe.
Vor allem ältere Geistliche hätten in diesen Aktivitäten eine Bedrohung der
Religion und der Traditionen gesehen und sich gegen die Familie gestellt.
Die gegen sie gerichteten Anfeindungen hätten ihnen jedoch wenig anha-
ben können, da sie dank des Betriebes des Vaters finanziell unabhängig
gewesen seien. Im Jahr (...) sei seine Mutter gestorben beziehungsweise
vermutlich vergiftet worden. Nach deren Tod habe der Beschwerdeführer
die Aufklärungsarbeit weitergeführt und sei seinerseits bedroht worden. Er
habe sich überwiegend in E._ aufgehalten. Eines Abends im Jahr
(...) sei er in E._ auf dem Nachhauseweg von zwei Männern ange-
halten und bedroht worden: Wenn er nicht fortziehe, werde er wie seine
Mutter enden. Er habe ausserdem zwei Drohbriefe im Haus des Heimat-
dorfes vorgefunden. Auf Anraten seines Vaters habe er sich schliesslich
zur Ausreise entschlossen und am (...) seinen Heimatstaat illegal verlas-
sen.
C.
Mit Schreiben vom 10. Februar 2016 kündigte das SEM dem Beschwerde-
führer die Beendigung des Dublin-Verfahrens an und gab bekannt, das na-
tionale Asyl- und Wegweisungsverfahren werde in der Schweiz durchge-
führt.
D.
Mit Verfügung vom 16. November 2018 – eröffnet am 19. November 2018 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus
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der Schweiz an. Weil der Vollzug der Wegweisung zurzeit nicht zumutbar
sei, wurde die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers verfügt.
E.
Mit Eingabe vom 17. Dezember 2018 reichte der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte die Aufhebung
der Ziffern 1 bis 5 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung, die Fest-
stellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. In verfah-
rensrechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung, um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um Beiordnung der Unterzeichnenden als unentgeltliche Rechtsbei-
ständin.
Gleichzeitig reichte er eine Fürsorgebestätigung des Sozialamtes des Kan-
tons F._ zu den Akten.
F.
Mit Verfügung vom 4. Januar 2019 hiess die Instruktionsrichterin das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, verzichtete
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, setzte antragsgemäss MLaw
Géraldine Kronig als amtliche Rechtsbeiständin ein und lud die Vorinstanz
zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
G.
Mit Eingabe vom 15. Januar 2019 ersuchte die Rechtsvertreterin um Ent-
lassung aus dem Mandat als amtliche Rechtsbeiständin beziehungsweise
um Wechsel des amtlichen Rechtsbeistands.
H.
In seiner Vernehmlassung vom 14. Februar 2019 schloss das SEM auf Ab-
weisung der Beschwerde.
I.
Am 18. November 2020 wurde ein Schreiben des Beschwerdeführers zu
den Akten gereicht und gleichzeitig um Bestätigung des beantragten
Rechtsbeistand-Wechsels ersucht.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Januar 2021 wurde der beantragte Wech-
sel der amtlichen Rechtsbeiständin bewilligt, die rubrizierte Rechtsvertre-
terin eingesetzt und der Beschwerdeführer zur Replik eingeladen.
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K.
Die Replik ging am 4. Februar 2021 zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für Beschwerden gegen
Verfügungen auf dem Gebiet des Asyls und entscheidet regelmässig – so
auch hier – endgültig (Art. 5 VwVG, Art. 31 ff. VGG, Art. 105 AsylG [SR
142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden und der
Beschwerdeführer ist beschwerdelegitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bilden die Fragen
der Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz den Be-
schwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläu-
fig aufgenommen hat.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat bezie-
hungsweise mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft
begründeterweise befürchten muss (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.2). Eine bloss
entfernte Möglichkeit künftiger Verfolgung genügt nicht; vielmehr müssen
konkrete Indizien die Furcht vor erwarteten Benachteiligungen realistisch
und nachvollziehbar erscheinen lassen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2.5).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss gemäss Art. 7 AsylG die Flüchtlingsei-
genschaft nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Abs. 1). Glaub-
haft gemacht ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhan-
densein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Abs. 2).
Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu
wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht
entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismit-
tel abgestützt werden (Abs. 3).
4.3 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet ‒ im Ge-
gensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des
Beschwerdeführers. Für die Glaubhaftmachung reicht es nicht aus, wenn
der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesam-
ten Aspekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorge-
brachte Sachverhaltsdarstellung sprechen (vgl. dazu ausführlich BVGE
2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.
5.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die Vor-
bringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaub-
haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand, weshalb deren Asylrelevanz
nicht geprüft werden müsse.
5.2 Zur Begründung seines abweisenden Entscheids führte das SEM aus,
die Darstellung seiner fluchtbegründenden Motive widerspreche sich, sei
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nicht logisch und zu wenig konkret, weshalb sie als unglaubhaft zu qualifi-
zieren sei. Einerseits habe der Beschwerdeführer erklärt, seine Mutter sei
vergiftet worden und andererseits zu Protokoll gegeben, er sei nicht sicher,
ob sie vergiftet worden sei. Gemäss seiner Darstellung sei seine Mutter
umgebracht worden, weshalb zu erwarten gewesen wäre, dass er sich be-
züglich des geltend gemachten Verbrechens an die zuständigen Instanzen
gewandt hätte. Dazu habe er jedoch in nicht nachvollziehbarer Weise er-
klärt, es bringe nichts beziehungsweise sein Vater habe dies nicht gewollt.
Der Beschwerdeführer habe keinerlei Beweismaterial bezüglich des an-
geblichen Todes seiner Mutter zu den Akten gereicht. Sodann habe er zu
den Personen, welche ihn gemäss eigenen Angaben angehalten und be-
droht hätten, keine hinreichenden Angaben machen können, sondern le-
diglich erklärt, es seien Menschen gewesen, er könne sich an nichts Be-
sonderes erinnern. Auch zu den geltend gemachten Drohbriefen habe er
keine zeitlichen Angaben machen können und vielmehr erklärt, dass dies
für ihn nicht so wichtig sei. Zu den Urhebern der Drohungen, welche zahl-
reich und während vieler Jahre erfolgt seien, habe er keine Angaben ma-
chen können. Die Vorbringen hielten insgesamt den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand.
5.3 In der Rechtsmitteleingabe wird im Wesentlichen ausgeführt, entgegen
der Einschätzung der Vorinstanz seien seine Aussagen glaubhaft. Er (der
Beschwerdeführer) habe die Umstände, welche zum Tod seiner Mutter ge-
führt hätten, relativ detailliert und glaubhaft geschildert. Seine Annahme,
dass seine Mutter vergiftet worden sei, sei aufgrund ihrer Tätigkeit und den
erfahrenen Drohungen durchaus logisch. Zudem sei ihr (...). Er habe eins
und eins zusammengezählt und sei zum Schluss gekommen, dass seine
Mutter vergiftet worden sei. Seine Aussagen habe er gut erklärt und diese
seien sehr glaubhaft. Entgegen der vorinstanzlichen Auffassung seien
seine Angaben nicht widersprüchlich ausgefallen. Sodann sei durchaus
plausibel, dass es keine polizeiliche Untersuchung nach der Vergiftung ge-
geben habe. Zum einen habe es wahrscheinlich viele solche Vorfälle ge-
geben und zum anderen habe sein Vater kein Vertrauen in die Polizei ge-
habt. Auch hätten sie sich aufgrund der vorherrschenden Korruption nicht
an die Behörden beziehungsweise an die Polizei gewandt und zudem wür-
den das Justizsystem und die polizeiliche Aufklärungsarbeit vor allem bei
Verbrechen gegen Frauen «nicht gut und sauber verlaufen». Damit sei sein
Verhalten und dasjenige seines Vaters durchaus logisch, nachvollziehbar
und daher glaubhaft. Weiter seien auch seine Schilderungen betreffend die
geltend gemachten Bedrohungen seitens unbekannter Dritter detailliert
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ausgefallen. Unter Verweis auf seine protokollierten Aussagen sei festzu-
halten, dass er, entgegen der Auffassung der Vorinstanz, sehr wohl meh-
rere Details habe nennen können. Er habe mehrere Male erzählt, dass er
und seine Familie bedroht beziehungsweise schlecht behandelt worden
und verhasst gewesen seien. Insgesamt seien seine Aussagen von vielen
Realkennzeichen gekennzeichnet, so könne er beispielsweise zugeben,
dass er sich in Bezug auf die Drohbriefe an kein genaues Datum erinnere,
aber immerhin das Jahr nennen könne. Zwar sei korrekt, dass er den Tod
seiner Mutter mit keinem Beweismittel belegen könne, dagegen habe er in
Bezug auf seine Mutter nebensächliche Einzelheiten schildern können, wie
zum Beispiel, dass sie G._ gewesen sei. Insgesamt sei von der
Glaubhaftigkeit seiner Aussagen auszugehen. Schliesslich sei darauf hin-
zuweisen, dass auch die Hilfswerkvertretung seine Aussagen als glaubhaft
erachte.
5.4 In ihrer Vernehmlassung schloss die Vorinstanz auf Abweisung der Be-
schwerde. Zwar würden die Schilderungen durchaus in einigen Punkten
Realkennzeichen aufweisen, das Kernvorbringen, nämlich die vom Be-
schwerdeführer geltend gemachte Verfolgung durch Unbekannte, werde
jedoch weiterhin bezweifelt. So sei der Beschwerdeführer nicht in der Lage
gewesen darzulegen, von wem die jahrelange und zuletzt lebensgefährli-
che Bedrohung ausgegangen sei.
5.5 In der Replik wird eingewendet, der Beschwerdeführer habe die Bedro-
hungssituation sehr wohl konkretisieren können, er habe dazu ausgeführt,
diese sei von Konservativen aus den Dörfern oder von terroristischen
Gruppen ausgegangen. Dass der Beschwerdeführer diese Personen nicht
persönlich gekannt habe, spreche nicht gegen die Glaubhaftigkeit.
6.
6.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob das SEM die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers im Sinne von Art. 3 AsylG gestützt auf die geltend ge-
machten Vorfluchtgründe zu Recht verneint hat.
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach dem Aktenstudium zum
Schluss, dass die Vorinstanz die vom Beschwerdeführer vorgebrachten
Asylgründe zu Recht als unglaubhaft beurteilt hat.
6.3 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass die asyl-
begründenden Schilderungen des Beschwerdeführers insgesamt vage,
detailarm und teilweise widersprüchlich ausgefallen sind. Entgegen seinen
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Ausführungen in der Beschwerdeschrift vermag der Beschwerdeführer die
behauptete Vergiftung seiner Mutter im Jahr (...) nicht überzeugend darzu-
legen. Auf die Frage, wie er von der Vergiftung seiner Mutter erfahren habe,
erklärte der Beschwerdeführer, ihm sei mitgeteilt worden, dass seine Mut-
ter bei einem Besuch in einem anderen Haus hingefallen sei. Daraufhin
habe er sich zu dem entsprechenden Haus begeben, wo er seine Mutter
mit (...) vorgefunden habe. Auch habe sie kaum sprechen können. Auf
seine Frage, was geschehen sei, habe sie ihm geantwortet, dass es heiss
gewesen und ihr ein Getränk angeboten worden sei. Nach dem Transport
ins Spital sei der Tod seiner Mutter festgestellt worden. Eine polizeiliche
Untersuchung hätten er und sein Vater nicht angeordnet. Es würde nichts
bringen, weil es viele solche Vorfälle gebe. Sie hätten es auch unterlassen
die Polizei zu kontaktieren, da sie nicht sicher gewesen seien, ob sie ver-
giftet worden sei. Sie sei auch G._ gewesen (...) und es hätte nichts
gebracht. Zudem habe sein Vater kein Vertrauen in die Polizei gehabt (vgl.
A21/22 S. 11f). Mit diesen Aussagen bestätigte der Beschwerdeführer,
dass es sich um eine Vermutung handelt, wonach seine Mutter infolge ei-
ner Vergiftung verstorben ist. Mit dem anschliessenden Hinweis auf ihr
H._ deutete er gleichzeitig an, dass auch eine andere Todesursa-
che aufgrund prädisponierender Faktoren nicht auszuschliessen gewe-
sen sei. Deshalb hätten sie es unter anderem auch unterlassen, die Polizei
zu kontaktieren. Die vorgebrachten Gründe für den Verzicht auf die Erhe-
bung einer Anzeige beziehungsweise auf die Kontaktierung der polizeili-
chen Behörden erscheint im vorliegenden Fall wenig nachvollziehbar und
vermag nicht zu überzeugen, weshalb in Übereinstimmung mit der Vo-
rinstanz die diesbezügliche Darstellung nicht geglaubt werden kann. Be-
zeichnenderweise wird die Todesursache der Mutter denn auch auf Be-
schwerdeebene lediglich im Rahmen von Vermutungen erläutert. So gibt
der Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe an, seine Mutter sei
höchstwahrscheinlich ermordet worden, sie sei sodann wahrscheinlich mit
Gift getötet worden, er habe eins und eins zusammengezählt und komme
zum Schluss, dass seine Mutter vergiftet worden sei. Insgesamt ist festzu-
halten, dass die Ausführungen auf Beschwerdeebene nicht geeignet sind,
die Zweifel an den geltend gemachten Vorkommnissen auszuräumen.
6.4 Sodann sind seine Angaben zu den behaupteten Behelligungen und
Bedrohungen äusserst vage, unsubstanziiert und teilweise realitätsfremd
ausgefallen. Entgegen seinen Ausführungen in der Beschwerdeschrift ver-
mag er die behaupteten Behelligungen nicht authentisch und mit Real-
kennzeichen versehen – so insbesondere mit Detailreichtum der Schilde-
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rung, freiem assoziativem Erzählen, Interaktionsschilderung sowie inhaltli-
cher Besonderheiten – darzulegen. Zudem antwortete er oft ausweichend
auf konkretes Nachfragen, indem er beispielsweise auf die Frage nach den
Gründen, weshalb er sich schliesslich zum Verlassen von Afghanistan ent-
schlossen habe, damit antwortete, dass seine ganze Familie bedroht wor-
den sei. Erst auf wiederholtes Nachfragen schilderte er einen einzigen Vor-
fall, bei dem er angeblich mit dem Tod bedroht worden sei, wobei diese
Angaben rudimentär und detailarm ausgefallen sind (vgl. A21/22 S.8 ff.).
So beschrieb er beispielsweise die beiden Männer, die ihn angehalten und
mit denen er sich während ungefähr fünf Minuten unterhalten haben will,
mit der Aussage «Sie waren Menschen, ich erinnere mich nicht an etwas
Besonderes» (vgl. A21/22 S. 10). Insgesamt vermögen die blossen Hin-
weise auf vorgebrachte Details (und damit sinngemäss auf vorhandene
Realkennzeichen) die mangelnde Substanz und die fehlenden Ausführun-
gen hinsichtlich der oben erwähnten Sachverhaltselemente nicht aufzuwie-
gen, zumal ein Asylgesuchsteller grundsätzlich nur eigene Erlebnisse zu
schildern hat und nicht komplizierte theoretische oder abstrakte Erörterun-
gen anzustellen braucht. Hinzuzufügen ist schliesslich, dass der Be-
schwerdeführer auch seine angebliche Tätigkeit für seine Mutter und spä-
ter seine selbständige Tätigkeit in keiner Weise zu substantiieren ver-
mochte und damit auch insofern fraglich erscheint, weshalb er in den Fokus
radikal-islamischer Kräfte hätte geraten sollen.
6.5 Der Beschwerdeführer verweist sodann auf den eingereichten Kurzbe-
richt der Hilfswerkvertretung, wonach diese seine Aussagen als glaubhaft
erachte. Hierbei ist anzumerken, dass die Vertretung der Hilfswerke ge-
mäss aArt. 30 Abs. 4 AsylG die Anhörung beobachtete, aber keine Partei-
rechte hatte. Sie konnte zur Erhellung des Sachverhalts Fragen stellen las-
sen, weitere Abklärungen anregen und Einwendungen zum Protokoll an-
bringen. Ihr oblag somit, zu einem korrekten und fairen Verfahren beizutra-
gen (vgl. ACHERMANN/HAUSAMMANN, Handbuch des Asylrechts, 2. Aufl.,
1991, S. 361). Der Kurzbericht hatte und hat nur eine hilfswerksinterne
Zweckbestimmung und enthält eine Einschätzung, die nicht vom gesetzli-
chen Auftrag und Kompetenzumfang nach aArt. 30 Abs. 4 AsylG (Beobach-
tung der Anhörung mit Frage-, Anregungs- und Einwendungsrecht; keine
Parteirechte) erfasst ist. Er diente den Hilfswerken für den Entscheid, in
welchen Fällen eine rechtliche Intervention erfolgen soll und welche Asyl-
suchenden als unterstützungswürdig erachtet werden (vgl. ACHER-
MANN/HAUSAMMANN, a.a.O., S. 363). Die anwesende Hilfswerkvertretung
fand indes am Schluss der Anhörung des Beschwerdeführers keinen An-
lass zum Vermerk von Einwänden und regte lediglich unter Verweis auf die
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verstrichene Zeit seit Einreichung des Asylgesuchs eine rasche Ent-
scheidfällung an. Insgesamt vermag der Beschwerdeführer daher mit sei-
nem Verweis auf die Schlussfolgerungen im angeführten Kurzbericht hin-
sichtlich der Beurteilung der Glaubhaftigkeit seiner Asylvorbringen nichts
zu seinen Gunsten abzuleiten. Es kann darauf verzichtet werden, auf die
Hinweise zur politischen und wirtschaftlichen Lage sowie das am 18. No-
vember 2020 eingereichte Schreiben (Anfrage betreffend Möglichkeiten
zur Finanzierung eines (...) in Afghanistan) weiter einzugehen, da sie nicht
geeignet sind, zu einer anderen Beurteilung zu führen.
6.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelungen ist, eine im Zeitpunkt der Ausreise aus Afghanistan bestehende
oder unmittelbar drohende asyl- respektive flüchtlingsrechtlich relevante
Verfolgung gemäss Art. 3 AsylG nachzuweisen oder zumindest glaubhaft
zu machen. Gleichzeitig liegen keine konkreten Anhaltspunkte für eine für
die Flüchtlingseigenschaft relevante Verfolgung vor, welche ihm heute bei
einer (hypothetischen) Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft drohen würde. Die Vorinstanz hat
demzufolge zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylge-
such abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz. Der Be-
schwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufenthalts-
bewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl.
BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.2 Das SEM hat den Beschwerdeführer aufgrund der aktuellen Situation
in Afghanistan wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig
aufgenommen. Da die Vollzugshindernisse alternativer Natur sind (vgl.
BVGE 2009/51 E. 5.4), ist vorliegend die Frage der Zulässigkeit und der
Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs nicht zu prüfen. Im Rahmen einer
allfälligen späteren Aufhebung der vorläufigen Aufnahme wäre ex nunc zu
prüfen, ob der Vollzug der Wegweisung völkerrechtlich zulässig, zumutbar
und möglich ist (vgl. Art. 84 Abs. 2 i.V.m. Art. 83 AIG [SR 142.20]).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
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sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihm jedoch mit Instruktions-
verfügung vom 4. Januar 2019 die unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art.
65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Verfahrenskosten aufzuerle-
gen.
9.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde auch das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gutgeheissen und das
Gesuch um Wechsel im Mandatsverhältnis wurde gutgeheissen. Der
Rechtsbeiständin ist folglich ein amtliches Honorar zulasten der Gerichts-
kasse auszurichten. Der in der Kostenauflistung sowie in der Replik geltend
gemachte zeitliche Aufwand (400 und 90 Minuten) von aufgerundet 8.5
Stunden ist als angemessen zu erachten. In Anwendung der massgebli-
chen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8–11 VGKE) ist das Honorar somit auf
Fr. 1'350.– (gerundet, inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzu-
setzen. Dieser Betrag ist der Rechtsvertreterin als amtliches Honorar zu
Lasten des Gerichts auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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