Decision ID: 8bb93703-bf0d-43a2-b4a2-3aa7e18c4d80
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (geb. [...], Staatsangehöriger von Liberia) ersuchte
am 14. Oktober 2021 bei der Schweizer Botschaft in Abidjan, Côte d’Ivoire,
um Ausstellung eines humanitären Visums.
B.
Mit Formularverfügung vom 15. Oktober 2021 verweigerte die Botschaft
das Visum.
C.
Am 10. März 2022 wies die Vorinstanz die dagegen erhobene Einsprache
des Beschwerdeführers ab.
D.
Am 25. April 2022 gelangte er an das Bundesverwaltungsgericht und be-
antragte sinngemäss die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und
die Gutheissung des Antrags auf Erteilung eines humanitären Visums.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Einspracheentscheide des SEM betreffend humanitäre Visa sind mit
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar (Art. 112
Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art.
37 VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde legitimiert (vgl. Art. 48
Abs. 1 VwVG). Die Rechtsmittelfrist (Art. 50 Abs. 1 VwVG) wurde einge-
halten. Das Erfordernis der Unterschrift (Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist unter Be-
rücksichtigung der handschriftlichen Absenderangabe auf dem Beschwer-
decouvert und dass es sich um ein Auslandverfahren handelt, als erfüllt zu
erachten. Die Anforderungen an die Form der Beschwerde (Art. 52 VwVG)
sind somit ebenfalls erfüllt. Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
wurde verzichtet (vgl. Art. 63 Abs. 4 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
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1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache
endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
2.
2.1 Mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht können die Verlet-
zung von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch
des Ermessens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhaltes und die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Be-
gründung der Begehren gebunden und kann die Beschwerde auch aus an-
deren als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2).
2.2 Die Beschwerdeinstanz bringt eine nicht zum Vornherein unzulässige
oder unbegründete Beschwerde ohne Verzug der Vorinstanz und allfälligen
Gegenparteien des Beschwerdeführers oder anderen Beteiligten zur
Kenntnis, setzt ihnen Frist zur Vernehmlassung an und fordert gleichzeitig
die Vorinstanz zur Vorlage ihrer Akten auf (Art. 57 Abs. 1 VwVG). Wie nach-
stehend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine zum vornherein
unbegründete Beschwerde, weshalb auf einen Schriftenwechsel verzichtet
wurde.
3.
3.1 Als Staatsangehöriger von Liberia unterliegt der Beschwerdeführer der
Visumspflicht gemäss Art. 9 der Verordnung vom 15. August 2018 über die
Einreise und die Visumerteilung (VEV, SR 142.204). Mit seinem Gesuch
beabsichtigt er ausdrücklich einen längerfristigen Aufenthalt, weshalb die-
ses nicht nach den Regeln zur Erteilung von Schengen-Visa, sondern nach
den Bestimmungen des nationalen Rechts zu prüfen ist (vgl. BVGE 2018
VII/5 E. 3.5 und E. 3.6.1).
3.2 Gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV kann in Abweichung von den allgemeinen
Einreisevoraussetzungen (vgl. Art. 4 Abs. 1 VEV) in begründeten Fällen
aus humanitären Gründen ein Visum für einen längerfristigen Aufenthalt
erteilt werden. Ein solcher Fall liegt insbesondere vor, wenn die betreffende
Person im Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und
Leben gefährdet ist.
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3.3 Praxisgemäss werden humanitäre Visa nur unter sehr restriktiven Be-
dingungen ausgestellt (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.3). Diese gelten dann als
erfüllt, wenn bei einer Person aufgrund der konkreten Umstände offensicht-
lich davon ausgegangen werden muss, dass sie sich im Heimat- oder Her-
kunftsstaat in einer besonderen Notsituation befindet, die ein behördliches
Eingreifen zwingend erforderlich macht und es rechtfertigt, ihr – im Gegen-
satz zu anderen Personen in derselben Lage – ein Einreisevisum zu ertei-
len. Dies kann etwa bei akuten kriegerischen Ereignissen oder aufgrund
einer konkreten individuellen Gefährdung, die sie mehr als alle anderen
Personen betrifft, gegeben sein. Befindet sich die betroffene Person bereits
in einem Drittstaat (BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.3) oder ist sie nach einem Auf-
enthalt in einem solchen freiwillig in ihr Heimat- oder Herkunftsland zurück-
gekehrt (vgl. Urteil des BVGer F-4658/2017 vom 7. Dezember 2018 E. 4.3)
und hat sie die Möglichkeit, sich erneut in den Drittstaat zu begeben, ist in
der Regel davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr besteht. Das
Visumsgesuch ist unter Berücksichtigung der aktuellen Gefährdung, der
persönlichen Umstände der betroffenen Person und der Lage im Heimat-
oder Herkunftsland sorgfältig zu prüfen. Dabei können auch weitere Krite-
rien wie das Bestehen von Bindungen zur Schweiz und die hier bestehen-
den Integrationsaussichten oder die Unmöglichkeit, in einem anderen Land
um Schutz nachzusuchen, berücksichtigt werden (vgl. BVGE 2018 VII/5
E. 3.6.3).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründet die angefochtene Verfügung damit, dass der
Beschwerdeführer trotz schwieriger Lebensumstände in der Côte d’Ivoire
nicht unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet sei.
Es liege keine besondere Notsituation vor, die ein behördliches Eingreifen
zwingend erforderlich mache. Er lebe gemäss eigenen Angaben seit (...)
in der Côte d’Ivoire und befinde sich damit in einem sicheren Drittstaat.
Aufgrund der dortigen wirtschaftlichen Lage sei es ihm nicht möglich, eine
Arbeitsstelle zu finden, und er habe Probleme mit der medizinischen Ver-
sorgung. Er wolle in die Schweiz einreisen, um sich eine neue Zukunft auf-
zubauen, habe hier aber weder Angehörige noch sei er jemals in der
Schweiz gewesen.
4.2 Der Beschwerdeführer bringt dagegen vor, er sei ein vulnerabler
Flüchtling und befinde sich in unmittelbarer Lebensgefahr. Die Mörder sei-
ner Eltern, die zudem das Eigentum und Land seiner Familie in Liberia an
sich genommen hätten, seien auf der Suche nach ihm und wollten ihn
ebenfalls töten. Er sei (...) von Liberia in die Côte d’Ivoire geflohen. Als es
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dort 2002 zum Bürgerkrieg gekommen sei, seien die Flüchtlinge zum Ziel
der nationalen Sicherheitskräfte und der Bevölkerung geworden. Eines Ta-
ges sei er verhaftet und als Rebell bezichtigt worden. Er sei geschlagen
worden und sei in der Stadt B._ beinahe gestorben. Die meisten
seiner Flüchtlingsfreunde seien getötet worden. Im Jahr (...) sei er von Sol-
daten geschlagen und in den Busch verschleppt worden, wodurch er die
Anhörung durch das UNHCR verpasst habe. Er lebe bis heute wie eine
staatenlose Person und erhalte keinen Schutz und keine medizinische Un-
terstützung. Er könne nicht in sein Heimatland zurückgehen, da er dort in
Gefahr wäre. Es komme immer noch zu geheimen Ermordungen in Liberia.
In der Côte d’Ivoire werde er schlecht behandelt und finde keine innere
Ruhe. Die polizeiliche Bestätigung eines Entführungsversuchs sowie Fotos
seiner Verletzungen, die ihm durch Folter in Liberia und in der Côte d’Ivoire
zugefügt worden seien, würden als Nachweis der unmittelbaren Gefähr-
dung dienen.
5.
5.1 Die Vorinstanz ist in ihrer Verfügung zum zutreffenden Ergebnis ge-
langt, der Beschwerdeführer erfülle die Voraussetzungen für die Ausstel-
lung eines Visums aus humanitären Gründen nicht. Da er sich gemäss ei-
genen Angaben seit über 30 Jahren in der Côte d’Ivoire befindet, sind die
von ihm geschilderten Geschehnisse und seine tragischen Erlebnisse rund
um seine Flucht aus seinem Heimatstaat Liberia im vorliegenden Verfahren
nicht zweckdienlich. Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass seine
Eltern vor mehr als 30 Jahren in Liberia ermordet worden seien. Folglich
ist es höchst unwahrscheinlich, dass der Beschwerdeführer, der damals
geflüchtet ist, und sich nun in einem anderen Land befindet, nach wie vor
gesucht wird. Er bringt denn auch keine Belege für eine solche Gefährdung
vor. In Bezug auf seine Situation in der Côte d’Ivoire führt er Geschehnisse
an, die sich vor vielen Jahren zugetragen haben mögen, aber keine sub-
stanziierten Anhaltspunkte dafür liefern, dass er an seinem aktuellen Auf-
enthaltsort unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet
wäre. Auch die von ihm eingereichten Fotos von nicht näher zuordenbaren
Narben und eine polizeiliche Bestätigung aus dem Jahr 2003, die eine an-
dere Person betrifft, vermögen keine besondere Notsituation zu begrün-
den. Aus den Akten ist zudem ersichtlich, dass der Beschwerdeführer über
einen im (...) neu ausgestellten liberianischen Reisepass sowie eine Auf-
enthaltsbestätigung des Département C._, Côte d’Ivoire, verfügt.
Sein Vorbringen, er lebe wie eine staatenlose Person, ist damit ebenfalls
nicht zutreffend.
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5.2 Eine Gesamtwürdigung der Situation des Beschwerdeführers in der
Côte d’Ivoire führt zum Schluss, dass keine unmittelbare, ernsthafte und
konkrete Gefährdung an Leib und Leben vorliegt.
6.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung im Lichte von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist. Die Be-
schwerde ist demzufolge abzuweisen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Verfahrenskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). In Anbetracht der
besonderen Umstände ist jedoch auf eine Auferlegung der Verfahrenskos-
ten zu verzichten (vgl. Art. 6 Bst. b VGKE).
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