Decision ID: 9bbd6c19-8766-4efe-85f9-abf6a005eb3c
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt PD Dr. Dieter Kehl, Poststrasse 22, Postfach 118,
9410 Heiden,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
berufliche Massnahmen (Kostengutsprache)
Sachverhalt:
A.
A.a S._, Jahrgang 1976, absolvierte von August 1992 bis August 1996 eine Lehre zur
Fotofachangestellten und trat am 1. Juli 1998 eine dreijährige Zusatzlehre zur
Fotografin an (IV-act. 6). Am 9. Januar 2001 war die Versicherte in einen Auffahrunfall
(IV-act. 10 – 3) verwickelt und in der Folge als Fotografin, aber auch als
Fotofachangestellte, arbeitsunfähig. Obwohl die Versicherte aufgrund ihrer
Beschwerden nicht in der Lage war, die Lehrabschlussprüfung als Fotografin zu
absolvieren, wurde ihr aufgrund ihrer sehr guten Leistungen während der Lehrzeit ein
entsprechendes Fähigkeitszeugnis ausgestellt (IV-act. 14-3/6; 31-19/35, 26/35). Mit
Verfügung vom 12. November 2003 sprach die Invalidenversicherung der Versicherten
eine ganze IV-Rente ab 1. Januar 2002 zu (IV-act. 38).
A.b Im Rahmen eines Rentenrevisionsverfahrens wurde die Versicherte im Juni 2007
polydisziplinär begutachtet. Dabei stellte sich heraus, dass die Versicherte in ihrer
angestammten Tätigkeit als Berufsfotografin weiterhin arbeitsunfähig, in einer
leidensadaptierten Tätigkeit jedoch zu 80% arbeitsfähig sei (IV-act. 105). Unter Hinweis
auf dieses Gutachten kündigte die IV-Stelle der Versicherten mit Vorbescheid vom
15. November 2007 an, die bislang ausgerichtete ganze IV-Rente auf eine Viertelsrente
zu reduzieren (IV-act. 125). Auf einen diesbezüglich vom Rechtsvertreter der
Versicherten, Rechtsanwalt Dieter Kehl, erhobenen Einwand hin (IV-act. 131), wurde
die Durchführung beruflicher Massnahmen geprüft. Im Rahmen eines persönlichen
Gesprächs am 25. Februar 2008 zwischen Rechtsanwalt Kehl, dem Hausarzt der
Versicherten und Vertretern der IV-Stelle wurden dabei insbesondere die
Weiterbildungslehrgänge "Visuelle Kommunikation", Typographischer Gestalter" und
"Techno-Polygraph" am Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen
(GBS) ins Auge gefasst (IV-act. 137-4/5).
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A.c Mit Verfügung vom 29. Oktober 2008 sprach die IV-Stelle der Versicherten die
Übernahme der Kosten der für die Weiterbildung zur Gestalterin HF notwendigen
Vorbereitungskurse vom 2. Juli 2008 bis 31. Januar 2009 und diverser technischer
Hilfsmittel zu. Ziff. 5 Abs. 2 der Verfügung lautet wie folgt: "Sie tragen das
Eingliederungsrisiko der selbst gewählten Ausbildung. Mit dieser Kostengutsprache
besteht keine Gewähr dafür, dass die IV weitere Kosten übernimmt, falls sich die
gewählte Berufsrichtung als unzweckmässig erweisen sollte." (IV-act. 171-2/3). Auf
Anfrage des Rechtsvertreters der Versicherten (IV-act. 177) hin erläuterte die IV-Stelle
den Begriff des Eingliederungsrisikos mit Schreiben vom 19. November 2008
dahingehend, dass sie, "sollte das Umschulungsziel der selbst gewählten Ausbildung
nicht erreicht werden, keine weiteren Umschulungsmassnahmen für ein neues
Ausbildungsziel übernehmen" werde (IV-act. 178). Als Rechtsgrundlage dafür gab die
IV-Stelle die Randziffern 4024 und 4026 des Kreisschreibens des Bundesamtes für
Sozialversicherungen (BSV) über die Eingliederungsmassnahmen beruflicher Art (KSBE)
an. Mit der Ausbildung zur Gestalterin FH habe die Versicherte eine Ausbildung
gewählt, die höhere Anforderungen an sie stelle als die angestammte Tätigkeit als
Fotografin. Sollte die Versicherte am Umschulungsziel scheitern, bestehe keine
automatische Zusicherung für weitere berufliche Massnahmen (IV-act. 185).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 29. Oktober 2008 richtet sich die am 2. Dezember 2008
von Rechtsanwalt Dieter Kehl für S._ beim Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen angehobene Beschwerde mit dem Antrag, Ziff. 5 Abs. 2 der angefochtenen
Verfügung sei unter Kostenfolgen aufzuheben. Da die Beschwerdegegnerin zu seiner
Anfrage nach der Rechtsgrundlage für Ziff. 5 Abs. 2 der angefochtenen Verfügung
bislang noch keine Stellung genommen habe, gehe er davon aus, dass eine solche
nicht existiere (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 24. Februar 2009 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. In der Begründung beruft sie sich im Wesentlichen auf
Rz 4024 – 4027 KSBE. Die in Ziff. 5 Abs. 2 gemachte Auflage solle lediglich
sicherstellen, dass die IV bei Abbruch der Umschulung nicht eine erneute Umschulung
voll bezahlen müsse. Jedoch bestehe weiter die Möglichkeit, dass bei Abbruch der
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Umschulung eine weitere Umschulung übernommen werde, solange diese einfach und
zweckmässig sei. Diese Auflage sei verhältnismässig und damit zu schützen (act. G 5).
B.c Mit Eingabe vom 11. März 2009 begründet der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin die Unzulässigkeit des verfügten Eingliederungsrisikovorbehalts
dahingehend, dass die von letzterer gewählte Ausbildung gleichwertig sei. Eventualiter
wäre der Vorbehalt nur zulässig, wenn die Beschwerdeführerin einen anderen als den
von der IV als zumutbar vorgesehenen Ausbildungsweg gewählt hätte. Die IV-Stelle
habe aber überhaupt keinen Ausbildungsweg vorgesehen. Subeventualiter sei von der
Gesetzwidrigkeit der Rz 4024 – 4027 KSBE auszugehen (act. G 7).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf die Einreichung einer Duplik (act. G 9).

Erwägungen:
1.
1.1 Zur Beschwerde ans Versicherungsgericht ist berechtigt, wer durch die
angefochtene Verfügung oder den Einspracheentscheid berührt ist und ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat (Art. 59 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]). Der Begriff des schutzwürdigen Interesses für das kantonale
Beschwerdeverfahren ist materiellrechtlich gleich auszulegen wie derjenige nach Art.
103 lit. a des bis 31. Dezember 2006 in Kraft gewesenen Bundesgesetzes über die
Organisation der Bundesrechtspflege vom 16. Dezember 1943 (OG) für das
bundesrechtliche Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren (BGE 130 V 388 E. 2.2 mit
Hinweisen), an welcher Definition sich auch unter der Herrschaft des am 1. Januar
2007 in Kraft getretenen Bundesgerichtsgesetzes (BGG) nichts geändert hat, so dass
im Rahmen von Art. 89 Abs. 1 lit. c BGG die Rechtsprechung zu Art. 103 lit. a OG
weitergeführt wird (BGE 134 II 120 E. 2.1, 133 II 400 E. 2.2; SVR 2008 UV Nr. 20 S. 74,
8C_146/2008 E. 1.2).
1.2 Als schutzwürdig im Sinne von Art. 103 lit. a OG gilt jedes praktische oder
rechtliche Interesse, welches eine von der Verfügung betroffene Person an deren
Änderung oder Aufhebung geltend machen kann. Das schutzwürdige Interesse besteht
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im praktischen Nutzen einer Gutheissung der Beschwerde oder - anders ausgedrückt -
im Umstand, einen Nachteil wirtschaftlicher, ideeller, materieller oder anderweitiger
Natur zu vermeiden, welchen der angefochtene Entscheid mit sich bringen würde (BGE
131 V 362 E. 2.1 mit Hinweisen).
1.3 Ein Rechtsschutzinteresse wird nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
verneint, wenn sich eine Beschwerde nur gegen die Begründung der angefochtenen
Verfügung richtet, ohne dass eine Änderung des Dispositivs verlangt wird (BGE 113 V
159, BGE 110 V 52 E. 3c, BGE 109 V 60 E. 1, BGE 106 V 92 E. 1). Ob ein
Verfügungsbestandteil zum Dispositiv oder zur Begründung (Motive) gehört, beurteilt
sich anhand des in Art. 5 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren (VwVG;
SR 172.021) enthaltenen Verfügungsbegriffs. Zu prüfen ist, ob die angefochtene
Textstelle im Einzelfall die Begründung, Änderung oder Aufhebung von Rechten oder
Pflichten, die Feststellung des Bestehens, Nichtbestehens oder Umfanges von Rechten
oder Pflichten, die Abweisung von Begehren auf Begründung, Änderung, Aufhebung
oder Feststellung von Rechten oder Pflichten oder aber das Nichteintreten auf solche
Begehren zum Gegenstand hat. Trifft dies zu, so ist der Dispositivcharakter zu bejahen
(ZAK 1988 S. 42 E. 1b; ARV 1977 Nr. 13 S. 47). Bei einer Verfügung über
Versicherungsleistungen bildet grundsätzlich einzig die Leistung Gegenstand des
Dispositivs. Da in jedem Fall nur das Dispositiv anfechtbar ist, muss bei Anfechtung der
Motive einer Leistungsverfügung im Einzelfall geprüft werden, ob damit nicht
sinngemäss die Abänderung des Dispositivs beantragt wird. Sodann ist zu
untersuchen, ob die beschwerdeführende Person allenfalls ein schutzwürdiges
Interesse an der sofortigen Feststellung hinsichtlich des angefochtenen
Verfügungsbestandteils hat (BGE 106 V 92 E. 1 mit Hinweis; vgl. auch BGE 114 V 202
E. 2c).
2.
2.1 Mit der vorliegenden Beschwerde wird die Aufhebung von Ziff. 5 Abs. 2 der
Verfügung vom 29. Oktober 2008 beantragt, wonach die Beschwerdeführerin das
Eingliederungsrisiko der selbst gewählten Ausbildung trage und zudem keine Gewähr
übernommen werde, dass die IV weitere Kosten übernehme, falls sich die gewählte
Berufsrichtung als unzweckmässig erweise. Im Lichte der vorgängigen Erwägung fehlt
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diesen Hinweisen der Verfügungscharakter. Die angefochtene Ziffer hat weder die
Begründung, Änderung oder Aufhebung von Rechten oder Pflichten, die Feststellung
des Bestehens, Nichtbestehens oder Umfanges von Rechten oder Pflichten, die
Abweisung von Begehren auf Begründung, Änderung, Aufhebung oder Feststellung
von Rechten oder Pflichten oder aber das Nichteintreten auf solche Begehren zum
Gegenstand. Vielmehr wird damit lediglich eine mögliche Handlungsweise der IV-Stelle
aufgezeigt, falls die in Angriff genommene Umschulung nicht erfolgreich verlaufen
sollte. Eine Rechtswirkung vermag der Vorbehalt nicht zu entfalten. Welche Leistungen
der Beschwerdeführerin konkret zustehen, falls es ihr - aus welchen Gründen auch
immer - nicht möglich sein sollte, die Umschulung zur Gestalterin FH weiterzuführen
resp. erfolgreich abzuschliessen, konnte bei der Zusprache der Umschulung noch gar
nicht Gegenstand einer verfügungsweisen Regelung sein. Sollte die in Aussicht
genommene Umschulung tatsächlich scheitern, wäre über Bestand und Umfang des
Anspruchs der Beschwerdeführerin auf Umschulung vielmehr in jenem Zeitpunkt
rechtsverbindlich im Rahmen einer anfechtbaren Verfügung neu zu befinden.
2.2 Vermag der angefochtene Verfügungsteil keine Rechtswirkung zu entfalten, fehlt es
an einem beschwerdefähigen Anfechtungsobjekt und damit auch am für die
Beschwerdelegitimation erforderlichen Rechtsschutzinteresse. Nachdem die
Beschwerdeführerin bei tatsächlichem Eintritt des in Ziff. 5 Abs. 2 der Verfügung
umschriebenen hypothetischen Falls der Rechtsweg uneingeschränkt offen steht, hat
sie zudem kein schutzwürdiges Interesse an der sofortigen Feststellung der
Rechtswidrigkeit der angefochtenen Klausel. Auf die Beschwerde ist deshalb nicht
einzutreten.
2.3 Ob ein Anwendungsfall nach Rz 4026 KSBE vorliegt, muss daher offen gelassen
werden, erscheint jedoch von Vornherein fraglich, hätte dies doch bereits aus der
leistungszusprechenden Verfügung hervorgehen müssen. Anzumerken bleibt, dass
Rz 4026 KSBE in materieller Hinsicht für ihre Anwendbarkeit die fehlende
invaliditätsbedingte Notwendigkeit einer höherwertigen Ausbildung voraussetzt. Ob im
vorliegenden Fall tatsächlich keine invaliditätsbedingte Notwendigkeit für die in Angriff
genommene Umschulung zur Gestalterin FH bestanden hat, ist im Hinblick auf das
hohe Valideneinkommen der Beschwerdeführerin aber ebenfalls fraglich.
3.
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3.1 Nach dem Gesagten kann auf die Beschwerde nicht eingetreten werden.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 500.--
erscheint als angemessen. Nachdem das vorliegende Beschwerdeverfahren
insbesondere aufgrund der von der Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom
19. November 2008 erteilten falschen Auskunft hinsichtlich der Bedeutung resp.
Rechtsverbindlichkeit des Eingliederungsrisikos eingeleitet wurde, sind die Kosten von
der Beschwerdegegnerin zu tragen. Aus demselben Grund hat die
Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin zudem eine Parteientschädigung zu
bezahlen, die vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den
Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen wird (Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt
das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Im hier zu beurteilenden Fall, insbesondere
unter Berücksichtigung der eingeschränkten Fragestellung und des damit
einhergehenden geringen anwaltlichen Aufwands erscheint eine Parteientschädigung
von Fr. 2'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG