Decision ID: 86791397-3d74-5764-8d65-5f517279bf17
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdegegner reichte am 16. Oktober 2014 bei der Gemeinde Steffisburg
ein Baugesuch ein für einen Anbau an ein bestehendes Gebäude auf Parzelle Steffisburg
Grundbuchblatt Nr. Z._. Die Parzelle liegt in der Zone WG3 (Wohn- und
Gewerbezone). Gegen das Bauvorhaben erhob der Beschwerdeführer Einsprache.
Mit Gesamtentscheid vom 23. Januar 2015 erteilte die Gemeinde Steffisburg die
Gesamtbaubewilligung.
2
2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 12. Februar 2015 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die
Aufhebung des Gesamtentscheides vom 23. Januar 2015 und die Erteilung des
Bauabschlags. Zur Begründung macht er insbesondere geltend, der angefochtene
Entscheid verletze sein rechtliches Gehör. Zudem genüge die Baueingabe den
gesetzlichen Anforderungen nicht. Die Erteilung der Gesamtbaubewilligung verstosse auch
gegen die kommunalen Nutzungs- und Ästhetikvorschriften.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde Steffisburg beantragt
in ihrer Stellungnahme vom 16. März 2015 die Abweisung der Beschwerde und die
Bestätigung des angefochtenen Entscheids. Auf ihre Argumente wird im Rahmen der
Erwägungen eingegangen. Der Beschwerdegegner hat sich nicht vernehmen lassen. Der
Beschwerdeführer hat mit Eingabe vom 4. Mai 2015 an seinen Anträgen festgehalten.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191). 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1). 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721).
3
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG in Verbindung mit
Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer, dessen Einsprache abgewiesen wurde, ist
durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung
formell legitimiert. Die Beschwerdelegitimation setzt jedoch auch eine materielle Beschwer
voraus, d.h. die Beschwerdeführenden müssen durch das Bauvorhaben unmittelbar in
eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sein; sie müssen durch dieses in höherem
Mass als die Allgemeinheit betroffen sein und zum Streitgegenstand eine besondere
Beziehungsnähe haben. Die Betroffenheit kann rechtlicher oder auch nur tatsächlicher
Natur sein. Sie muss aber hinreichend sein, d.h. eine bestimmte Intensität erreichen, so
dass von der Abwendung eines materiellen oder ideellen Nachteils gesprochen werden
kann. Der Nachteil muss persönlich und unmittelbar sein. Diese Anforderungen grenzen
die Beschwerden betroffener Drittpersonen von der unzulässigen Popularbeschwerde ab.4
c) Der Beschwerdegegner hat die Legitimation des Beschwerdeführers im
vorinstanzlichen Verfahren bestritten. Die Vorinstanz hielt im angefochtenen Entscheid
dazu fest, das Gebäude der Y._ befinde sich an der A._strasse 134; die
Luftdistanz zur Parzelle Steffisburg Grundbuchblatt Nr. Z._ (B._strasse
77) betrage ca. 64 Meter. Die Einsprachelegitimation ergebe sich daraus, dass der Anbau
von der Parzelle des Beschwerdeführers aus sichtbar sei.
d) Nachbarn des Baugrundstücks stehen naturgemäss in einer besonders nahen
Beziehung zur Streitsache. Dabei ist nicht zwingend vorausgesetzt, dass das Grundstück
des Einsprechers bzw. Beschwerdeführers direkt an das Baugrundstück angrenzt. Bei
ästhetischen Einwänden gilt die Sichtverbindung vom Nachbargrundstück auf das
Bauvorhaben als entscheidend.5 Den im Grundstücksinformationssystem Grudis
verfügbaren Plänen und der Fotodokumentation in den Vorakten6 ist zu entnehmen, dass
zwischen dem Grundstück des Beschwerdeführers und dem bestehenden Wohnhaus des
Beschwerdegegners grösstenteils freie Sicht besteht. Die Vorinstanz hat demnach zu
Recht die materielle Legitimation des Beschwerdeführers bejaht; damit ist dieser auch zur
Anhebung der vorliegenden Beschwerde legitimiert.
4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 65 N. 8; BGE 133 II 400 E. 2.2. 5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 4 und Art. 35-35c N. 17. 6 Vorakten, pag. 55.
4
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist demnach einzutreten.
2. Rechtliches Gehör
a) Der Beschwerdeführer rügt, die Vorinstanz habe sein rechtliches Gehör verletzt,
indem sie den angefochtenen Entscheid ungenügend begründet habe. Sie berufe sich im
Hinblick auf die in der Einsprache geäusserten ästhetischen Bedenken auf die langjährige
Praxis ihrer kommunalen Bauverwaltung und der kantonalen Denkmalpflege. Dies genüge
ohne weitere Erklärung nicht, um nachzuvollziehen, wie der Einklang mit den
Bauvorschriften begründet werde. Die Vorinstanz äussere sich in keiner Weise zur
Einsprachebegründung, wonach der Anbau die nunmehr "aneinander geschachtelten"
Gebäude als einer langen Mauer ähnlich in Erscheinung treten lasse und dadurch störend
wirke. Der Hinweis auf die Praxis der Denkmalpflege erwecke zudem den Eindruck, dass
die Denkmalpflege angehört worden sei. Dem Beschwerdeführer sei jedoch keine
entsprechende Stellungnahme zugestellt worden. Falls keine Stellungnahme der
Denkmalpflege vorliege, sei es irreführend, wenn sich die Baubewilligungsbehörde auf
diese berufe.
b) Eine Verfügung muss die Tatsachen, Rechtssätze und Gründe enthalten, auf die sie
sich stützt.7 Die Begründung muss so abgefasst sein, dass die Betroffenen den Entscheid
sachgerecht anfechten können. Deshalb muss die Behörde mindestens kurz die
Überlegungen nennen, von denen sie sich hat leiten lassen und auf die sie ihren Entscheid
stützt. Sie muss sich dabei nicht ausdrücklich mit jeder Behauptung zum Sachverhalt und
jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen. Vielmehr kann sie sich auf die für den
Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken.8 Die Begründung muss jedoch umso
ausführlicher und differenzierter ausfallen, je komplexer oder umstrittener ein Sachverhalt
ist, je stärker ein Sachverhalt in die individuellen Rechte eingreift und je grösser der
Entscheidungsspielraum der Behörde ist.9
7 Art. 52 Abs. 1 Bst. b des Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21). 8 BGE 134 I 83 E. 4.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 52 N. 6 ff. 9 Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., Art. 52 N. 8.
5
c) Die Vorinstanz hat sich im angefochtenen Entscheid mit den Einsprachegründen
auseinandergesetzt, indem sie folgende drei Rügen behandelte: Beeinträchtigung des
Ortsbildes, Dachform sowie Pflicht zur Nutzung als Mehrfamilienhaus. Zur ästhetischen
Beurteilung führte sie aus:
"Es entspricht der langjährigen Praxis der Bauverwaltung Steffisburg und der kantonalen
Denkmalpflege, dass sich Anbauten vom bestehenden Gebäude hinsichtlich der
Materialisierung, der Farbe und der Dachform abheben sollen. Ein Anbau soll sich vom
bestehenden Gebäude abheben. Der Neubau bzw. Anbau soll klar ablesbar und ersichtlich
sein. Die Gemeinde hat in der Bauvoranfrage vom 4. November 2013 der Bauherrschaft
empfohlen, den Anbau gemäss der Baueingabe einzugeben."
Sowie:
"Es entspricht der langjährigen Praxis der Bauverwaltung Steffisburg und der kantonalen
Denkmalpflege, dass Anbauten wenn möglich mit einem Flachdach zu versehen sind. Es
wurde der Bauherrschaft empfohlen, den Anbau mit einem Flachdach und einem Luftraum
zwischen dem bestehendem Ziegeldach und [dem] Flachdach auszuführen."
d) In ihrer Stellungnahme vom 16. März 2015 führt die Vorinstanz aus, das
Baugrundstück sei im kantonalen Bauinventar nicht als erhaltens- oder schützenswertes
Objekt angeführt oder einer entsprechenden Baugruppe zugeteilt. Die Einholung eines
Fachberichts oder einer Stellungnahme der kantonalen Denkmalpflege sei deshalb nicht
erforderlich gewesen; die gestalterische Beurteilung sei durch das Bauinspektorat der
Gemeinde erfolgt. Mit dem Hinweis auf die Praxis der Denkmalpflege sollte lediglich
gezeigt werden, dass die Beurteilung der Gestaltung von Anbauten an bestehende
Gebäude im Einklang mit der Beurteilungspraxis der kantonalen Denkmalpflege stehe. Die
Anwendung der denkmalpflegerischen Gestaltungsgrundsätze auf nicht erhaltens- oder
schützenswerte Bauten könne nicht als falsch gewertet werden.
e) Die ästhetische Beurteilung eines Bauvorhabens nach Art. 9 BauG und den
gemeinderechtlichen Vorschriften dient anderen Schutzzielen als die Denkmalpflege nach
Art. 10a ff. BauG. Bei letzterer geht es um die Pflege schützens- und erhaltenswerter
Bausubstanz mittels Abbruch- und Beeinträchtigungsverbot. Das hier in Frage stehende
Bauprojekt betrifft jedoch unbestrittenermassen kein Baudenkmal. Vielmehr geht es um die
6
allgemeine gestalterische Beurteilung des projektierten Anbaus im Sinne einer
ästhetischen Störungsabwehr.10
Mit dem Hinweis im angefochtenen Entscheid auf die Praxis der Denkmalpflege hat die
Vorinstanz mindestens dem Anschein nach eine Vermischung von allgemeinem
Ortsbildschutz einerseits und Denkmalpflege andererseits herbeigeführt. Sie erweckte mit
ihren Ausführungen zur Praxis der Denkmalpflege den Eindruck, dass sich die
Denkmalpflegebehörde zum vorliegenden Projekt geäussert habe. Der Beschwerdeführer,
dem keine entsprechende Stellungnahme zugestellt worden war, hatte demnach
begründeten Anlass, im Beschwerdeverfahren die Verletzung des rechtlichen Gehörs zu
rügen.
Die Vorinstanz holt in ihrer Stellungnahme vom 16. März 2015 die nötige Klärung nach.
Demnach geht es darum, dass sie sich von ästhetischen Überlegungen hat leiten lassen,
welche auch bei der Beurteilung von Anbauten an denkmalpflegerisch geschützte Objekte
zur Anwendung gelangen. Hingegen hat die Vorinstanz keinen Bericht der
Denkmalpflegebehörde eingeholt. Die Befürchtung des Beschwerdeführers, es sei ihm ein
solcher Bericht vorenthalten worden, erweist sich damit als unbegründet.
f) Soweit im Vorgehen der Vorinstanz eine Verletzung des rechtlichen Gehörs zu
erblicken ist, konnte diese mit der Klärung im vorliegenden Beschwerdeverfahren geheilt
werden. Bei der Kostenverlegung ist jedoch zu berücksichtigen, dass der
Beschwerdeführer durch den missverständlichen Hinweis auf die Praxis der Denkmalpflege
zur beschwerdeweisen Geltendmachung der Gehörsverletzung veranlasst wurde.
g) Die Vorinstanz machte im angefochtenen Entscheid keine Ausführungen zur
Gebäudelänge bzw. "Staumauerwirkung", sondern holte dies in ihrer Stellungnahme vom
16. März 2015 nach. Ob der angefochtene Entscheid in dieser Hinsicht mangelhaft
begründet ist, kann offen bleiben; eine allfällige Verletzung des Gehörsanspruchs des
Beschwerdeführers wurde im vorliegenden Beschwerdeverfahren geheilt. Eine zusätzliche
Kostenausscheidung wäre nicht gerechtfertigt.
10 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 9/10 N. 13.
7
3. Mangelhafte Baueingabe
a) Der Beschwerdeführer rügt, die dem angefochtenen Entscheid zugrunde liegenden
Pläne seien nicht geeignet zur Feststellung, dass die angeblich "ständige Praxis" erfüllt
werde. Nach der einschlägigen Richtlinie des Kantons müssten Baueingaben einen
Situationsplan samt Grundstücksliste enthalten. Die Voraussetzungen für einen Verzicht
darauf seien nicht gegeben.
b) Die Vorinstanz führt in ihrer Stellungnahme vom 16. März 2015 aus, der eingereichte
Situationsplan entspreche den Anforderungen nach Art. 12 BewD11. Nach dem
Bewilligungsdekret sei das Einreichen einer Eigentümerliste nicht obligatorisch. Die
Gemeinde kläre die Eigentumsverhältnisse mit dem Grundstücksinformationssystem des
Kantons Bern (Grudis) ab.
c) Nach Art. 10 Abs. 3 BewD ist dem Baugesuch u.a. ein Situationsplan beizulegen.
Dieser muss im vermessenen Kantonsgebiet auf einer vom Nachführungsgeometer
unterzeichneten Kopie des Grundbuchplans erstellt werden und die Angaben nach Art. 13
BewD enthalten, d.h. insbesondere Angaben über die Bau- und die Nachbarparzellen (Art.
13 Bst. a BewD) und über Lage und Grundfläche des Bauvorhabens (Art. 13 Bst. f BewD).
d) Der angefochtene Entscheid stützt sich auf den Situationsplan vom 17. Oktober
2014, von der Bauverwaltung Steffisburg gestempelt mit Datum vom 20. Oktober 2014.
Dieser erfüllt die obigen Anforderungen. Gemäss der BSIG12-Weisung Nr. 7/725.1/41 vom
4. Januar 2011 bildet die Grundstückliste eine obligatorische Beilage zum Situationsplan.
Nach der Weisung erstellt der Nachführungsgeometer die Grundstücksliste aus dem
elektronischen Datenbestand des Kantons. Indem die Vorinstanz diese Daten selber
beschaffte und in ihrem Entscheid berücksichtigte, verfügte sie über die relevanten
Informationen. Es ist daher nicht ersichtlich, inwiefern dem Beschwerdeführer ein Nachteil
erwachsen oder sein Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt worden wäre. Auch die
Projektpläne sind nicht zu beanstanden und geben zusammen mit den übrigen
Baugesuchsunterlagen Aufschluss über die Ausgestaltung des geplanten Anbaus. Ob den
ästhetischen Anforderungen Genüge getan wird bzw. die Vorinstanz dies korrekt geprüft
und begründet hat, ist nicht eine Frage der Ausgestaltung der Pläne.
11 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1). 12 Bernische Systematische Information Gemeinden.
8
4. Ästhetik
a) Der Beschwerdeführer kritisiert in verschiedener Hinsicht die ästhetische
Ausgestaltung des projektierten Anbaus. Er führt zunächst an, der Anbau führe zu einer
störenden Wirkung, weil die Gebäude mit dem Anbau einer langen Mauer ähnlich in
Erscheinung träten und "aneinander geschachtelt" wirkten ("Staumauerwirkung"). Weiter
sei die geplante Dachform (Flachdach) weder dem bestehenden Gebäude noch der
Umgebung angepasst. Nach Art. 38 Abs. 1 und 2 GBR13 seien das Orts- und Strassenbild
beeinträchtigende Dachformen und Bedachungsmaterialien untersagt; in Gebieten mit
einheitlicher Dachgestaltung könne die Baupolizeibehörde eine Angleichung der Dachform
verlangen. Schliesslich wirke der moderne, formreduzierte Anbau mit der vollflächig
verglasten Südfront und der gewählten dunkelblauen Farbe wie ein Fremdkörper unter den
umgebenden Bauten, wirke wie ein an das bestehende Gebäude angehängter "Rucksack"
und bringe damit das Bauvolumen aus dem Gleichgewicht.
b) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die „ästhetische Generalklausel“ im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Art. 9 Abs. 1 BauG nennt als Beispiele eine
störende Farb- oder Materialwahl, eine ortsfremde Bau- oder Dachform und dergleichen.
Nach Art. 32 GBR sind Bauten und Anlagen hinsichtlich ihrer Gesamterscheinung, Lage,
Proportionen, Dach- und Fassadengestaltung, Material, Farbwahl und
Aussenraumgestaltung so auszubilden, dass sie das Orts- und Landschaftsbild nicht
beeinträchtigen. Diese allgemeine Ästhetiknorm bewegt sich im Rahmen von Art. 9 Abs. 1
BauG und hat neben dieser Vorschrift keine selbständige Bedeutung. Sie wird jedoch
ergänzt durch konkrete Vorschriften im Gemeindebaureglement, die sich u.a. auf die
Maximallänge von Gebäudegruppen und auf Dachformen beziehen.
13 Baureglement der Gemeinde Steffisburg vom 19. September 1996 (Inkrafttreten).
9
c) Art. 29 Abs. 3 GBR erlaubt die Nichteinhaltung des Gebäudeabstands im Falle der
Einräumung von Näherbaurechten. Der Gebäudeabstand kann damit bis auf Null reduziert
werden. Bei einer Reduktion des Gebäudeabstands auf unter 6 Meter gelten jedoch die
betroffenen Gebäude als zusammengebaute Gebäudegruppe. Die Gesamtlänge der
Gebäudegruppe darf diesfalls die maximale Gebäudelänge nicht überschreiten. In der
Zone WG 3 beträgt die maximale Gebäudelänge 50 Meter.14 Die Gebäude an der
B._strasse 75-79 sind demnach – ob mit oder ohne den projektierten Anbau – als
zusammengebaute Gebäudegruppe zu betrachten. Dies deshalb, weil die Lücke, in die der
Anbau zu stehen kommt, weniger als 6 Meter beträgt. Die Gebäudegruppe erreicht die
maximale Gebäudelänge nicht. Mit dem projektierten Anbau ändert sich daran nichts. In
Anbetracht dessen, dass das Gemeindebaureglement in der fraglichen Zone
Gebäudelängen von 50 Metern zulässt, ist unter gestalterischen Gesichtspunkten nicht zu
beanstanden, dass mit dem Anbau eine bestehende Lücke innerhalb der maximalen
Gebäudelänge geschlossen wird. Entsprechend kann auf den vom Beschwerdeführer
beantragten Augenschein verzichtet werden.
d) Gemäss Art. 38 Abs. 1 GBR sind das Orts- und Strassenbild beeinträchtigende
Dachformen und Bedachungsmaterialien untersagt. Welche Formen und Materialien
beeinträchtigend wirken, kann nicht generell (namentlich zu Ungunsten von Flachdächern)
beantwortet werden, sondern hängt von den Umständen, insbesondere von der
Ausgestaltung der umgebenden Bauten ab. Nach Art. 38 Abs. 2 GBR kann eine
Angleichung von Firstrichtung und Dachform in Gebieten verlangt werden, welche eine
einheitliche Dachgestaltung aufweisen. Sodann ist auf historische Baugruppen und die
alten Dorfteile besonders Rücksicht zu nehmen.
Das fragliche Grundstück befindet sich in der Zone WG3. In dieser sind Wohnbauten,
Dienstleistungsbetriebe und Gewerbebetriebe zugelassen.15 Sie umfasst keine
schützenswerten Teile des Dorfkerns.16 Die Vorinstanz weist in ihrer Stellungnahme vom
16. März 2015 darauf hin, dass eine Vielzahl bestehender An- und Nebenbauten an der
B._strasse bereits Flachdachformen aufweisen. Es handelt sich demnach hierbei
nicht um einen Fall, in dem sich eine Angleichung an eine herkömmliche Dachform
aufdrängt.
14 Art. 60 GBR. 15 Art. 47 Abs. 1 GBR. 16 Diese befinden sich in der Kernschutz- und der Kernergänzungszone, vgl. Art. 48 GBR.
10
Art. 38 Abs. 3 GBR schreibt zudem vor, dass auf Hauptgebäuden in der Regel geneigte
Dächer zu erstellen sind. Die Beschränkung dieser Regel auf Hauptgebäude lässt den
Umkehrschluss zu, dass bei An- und Nebenbauten keine reglementarische Präferenz für
geneigte Dächer besteht. Für die Sichtweise des Beschwerdeführers, dass Anbauten die
selbe (geneigte) Dachform aufweisen sollten wie die Hauptbaute, finden sich im
Gemeindebaureglement keine Anhaltspunkte. Die von der Vorinstanz angeführten
Gestaltungsgrundsätze, wonach sich Anbauten u.a. durch ein Flachdach von der
bestehenden Baute klar abheben sollen, widersprechen dem Gemeindebaureglement
nicht.
e) Nach dem angefochtenen Entscheid sollen sich Anbauten vom bestehenden
Gebäude hinsichtlich der Materialisierung, der Farbe und der Dachform abheben. Der
Neubau soll klar ablesbar und ersichtlich sein. In ihrer Stellungnahme vom 16. März 2015
ergänzt die Vorinstanz, dass diese Praxis den weit verbreiteten Grundsätzen der
Architekturlehre entspreche. Ein Steildach würde den Anbau höher erscheinen lassen und
in das bestehende Dach des Hauptgebäudes hineinragen, was aus gestalterischer Sicht zu
einer wilden Dachlandschaft und einem Flickwerk führe; aus architektonischer Sicht stelle
dies eine massiv schlechtere Lösung dar.
Nach dem Gesagten lassen sich weder aus allgemeinen ästhetischen Überlegungen
gemäss Art. 9 BauG noch aus dem Gemeindebaureglement Beurteilungsgrundsätze
ableiten, die bei Anbauten an bestehende Gebäude gegen eine moderne Bauweise
sprechen. Im Gegenteil lässt sich das Favorisieren einer modernen, sich klar vom
Bestehenden abhebenden Bauweise bei Anbauten mit den Vorschriften des
Gemeindebaureglements, welche die ästhetische Generalklausel konkretisieren, gut
vereinbaren. Eine Ausgestaltung mit Flachdach, grossflächiger Verglasung und sich klar
abhebender Farbgestaltung verstösst demnach nicht gegen die anwendbaren
Ästhetikvorschriften. Auf das Einholen des vom Beschwerdeführer beantragten
Fachberichts der Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder (OLK) kann
verzichtet werden.
5. Zonenkonformität
11
a) Der Beschwerdeführer ist der Ansicht, die Vorinstanz hätte Art. 47 Abs. 3 GBR zur
Anwendung bringen sollen. Nach dieser Vorschrift sind in der Wohn-/Gewerbezone WG3
Gebäude ohne Gewerbeanteil als Mehrfamilienhäuser zu erstellen. Der Beschwerdeführer
führt an, mit der Einführung dieser Vorschrift im Jahr 2007 sei ein bewusster planerischer
Entscheid gefällt worden: In der Zone WG3 seien nur noch Gebäude mit Gewerbeanteil
oder Mehrfamilienhäuser zulässig. Mit dem geplanten Anbau, welcher das
Gebäudevolumen erheblich erweitere, werde jedoch der jetzige Zustand zementiert und
das planerische Ziel verfehlt.
b) Nach dem angefochtenen Entscheid beizieht sich Art. 47 Abs. 3 GBR auf Neubauten,
die in der Zone WG3 erstellt werden. Hier handle es sich um eine bestehende Liegenschaft
mit Besitzstandsgarantie. Es wäre nach Ansicht der Vorinstanz unverhältnismässig, den
Bau eines Mehrfamilienhauses einzuverlangen. Das Erstellen eines Anbaus als
Wohnungserweiterung sei auch in der Zone WG3 möglich.
c) Die Gemeinden geniessen – im Rahmen des übergeordneten Rechts und der
übergeordneten Planung – Autonomie in ihrer Ortsplanung (Art. 65 Abs. 1 BauG).
Insbesondere können sie im gesetzlichen Rahmen die Art und das Mass der baulichen
Nutzung näher ordnen.17 Sie definieren die entsprechenden Zonen und legen deren
Ausdehnung fest.18 Innerhalb der Bauzone können sie Zonen mit bestimmter Nutzungsart
unterscheiden.19
Das Baureglement der Gemeinde Steffisburg kennt innerhalb der Bauzone vielfältige
Zonenarten, namentlich Wohnzonen, kombinierte Wohn- und Gewerbezonen, eine
Kernschutzzone, eine Arbeitszone usw.20 In der hier massgebenden Zone WG3 sind
Wohnbauten, Dienstleistungsbetriebe und Gewerbebetriebe, die den Anforderungen der
Umweltschutzgesetzgebung genügen, zugelassen.21 Ausgeschlossen sind gewerbliche
Nutzungen, die den funktionellen und baulichen Charakter der Wohn- und Gewerbezone
17 Art. 69 Abs. 2 Bst. a BauG. 18 Art. 71 ff. BauG. 19 Art. 72 Abs. 4 BauG. 20 Art. 46 ff. GBR. 21 Art. 47 Abs. 1 GBR.
12
beeinträchtigen.22 Schliesslich sind, wie erwähnt, "Gebäude ohne Gewerbeanteil als
Mehrfamilienhäuser zu erstellen".23
d) Der Wortlaut der Bestimmung ("erstellen") stützt die Ansicht der Vorinstanz, dass
sich diese auf Neubauten bezieht. Obwohl sie dies nicht ausdrücklich ausführt, geht die
Vorinstanz offenbar davon aus, dass sich der Anwendungsbereich auf neue Hauptbauten
beschränkt, denn sie nimmt an, dass ein neuer Anbau an das bestehende Einfamilienhaus
zulässig ist, ohne dass dies die Pflicht zur Mehrfamilienhausnutzung auslösen würde.
e) Es ist vorab Sache der Gemeinde zu bestimmen, wie sie ihre eigenen Vorschriften
verstanden haben will. Soweit der Gemeinde beim Erlass der Rechtsnormen Autonomie
zukommt, geniesst sie nämlich auch bei der Anwendung des kommunalen Rechts einen
gewissen Beurteilungsspielraum. Ist ihre Auslegung der Norm rechtlich vertretbar, darf eine
Rechtsmittelbehörde nicht einer anderen, ebenfalls möglichen oder vertretbaren Auslegung
den Vorzug geben.24
Die Auslegung der Vorinstanz, wonach die Nutzung entweder mit Gewerbeanteil oder als
Mehrfamilienhaus nur bei Erstellung einer neuen Hauptbaute obligatorisch ist, lässt sich mit
dem Wortlaut der Bestimmung vereinbaren. Vertretbar erscheint sie auch im Hinblick auf
Sinn und Zweck der Norm. Die Differenzierung zwischen reinen Wohnzonen einerseits und
kombinierten Wohn- und Gewerbezonen andererseits spricht nicht gegen eine
Auslegungsweise, wonach die Pflicht zur zonentypischen Nutzung (Gewerbeanteil oder
Mehrfamilienhausnutzung) erst mit der Erstellung einer neuen Hauptbaute ausgelöst
werden soll. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers entfernt sich die Vorinstanz
damit nicht vom planerischen Ziel, welches den Zonenvorschriften zugrunde liegt. Das
bestehende Gebäude kann mit oder ohne Anbau nicht ohne weitere bauliche
Veränderungen als Mehrfamilienhaus genutzt werden; dies würde vielmehr mit grosser
Wahrscheinlichkeit den Abbruch und die Neuerstellung eines Gebäudes bedingen. Die
Möglichkeit einer späteren Nutzung mit einem neu erstellten Mehrfamilienhaus (oder
Gebäude mit Gewerbeanteil) bleibt bestehen. Sinn und Zweck der Zonenvorschrift bleiben
damit gewahrt.
22 Art. 47 Abs. 2 GBR. 23 Art. 47 Abs. 3 GBR. 24 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 3. Aufl., Band II, Bern 2010, Art. 65 N. 3.
13
Es besteht demnach kein Anlass, von der vertretbaren Auslegung der Vorinstanz
abzuweichen. Die Erstellung eines Anbaus kann bewilligt werden, auch wenn das
Gebäude damit weiterhin als Einfamilienhaus genutzt werden soll.
6. Zusammenfassung und Kosten
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und der Gesamtentscheid der
Gemeinde Steffisburg vom 23. Januar 2015 zu bestätigen. Bei diesem Ausgang des
Verfahrens unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat die Verfahrenskosten zu tragen, soweit
nicht das prozessuale Verhalten einer Partei oder besondere Umstände eine andere
Kostenverlegung gebieten (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Im vorliegenden Fall rechtfertigt es
sich, die Verfahrenskosten zu reduzieren, weil der Beschwerdeführer durch
missverständliche Ausführungen im angefochtenen Entscheid veranlasst worden ist, die
Verletzung des rechtlichen Gehörs zu rügen. Die Pauschalgebühr von Fr. 1'200.– (Art. 103
Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV25) ist daher angemessen zu
reduzieren. Dem Beschwerdeführer wird eine Gebühr von Fr. 800.– auferlegt.
Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).