Decision ID: 22f9119a-877e-58a4-8eca-0016d0354fb0
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Februar 2013 zum Bezug von Ergänzungsleistungen zu
einer Witwenrente der AHV an (EL-act. 57). Mit einer Verfügung vom 9. April 2013
sprach die EL-Durchführungsstelle der EL-Ansprecherin für die Zeit ab dem 1. April
2013 eine monatliche Ergänzungsleistung von 667 Franken zu (EL-act. 52). Diese
setzte sich aus einer ordentlichen, bundesrechtlichen Ergänzungsleistung von 527
Franken und aus einer ausserordentlichen, kantonalrechtlichen Ergänzungsleistung von
140 Franken zusammen. In den Folgejahren erhöhte sich die ordentliche,
bundesrechtliche Ergänzungsleistung jeweils auf den Beginn des Kalenderjahres um
einige Franken. Für die Zeit ab dem 1. Januar 2016 belief sie sich gemäss einer
Verfügung vom 21. Dezember 2015 auf 564 Franken, was zusammen mit der
unveränderten ausserordentlichen, kantonalrechtlichen Ergänzungsleistung einen
monatlichen Anspruch auf total 704 Franken ergab (EL-act. 40).
A.b Im Februar 2016 forderte die EL-Durchführungsstelle die EL-Bezügerin auf, ein
Formular zur periodischen Überprüfung der Ergänzungsleistung auszufüllen (EL-act.
37). Im März 2016 reichte die EL-Bezügerin das ausgefüllte Formular und die
entsprechenden Belege ein (EL-act. 30 ff.). Sie gab unter anderem an, dass sie (nach
wie vor) alleine in ihrem Haus wohne (EL-act. 31–4). Mit einer Verfügung vom 16.
September 2016 setzte die EL-Durchführungsstelle die ordentliche, bundesrechtliche
Ergänzungsleistung mit Wirkung ab dem 1. Oktober 2016 auf 545 Franken herab (EL-
act. 27). Zur Begründung führte sie aus, die periodische Überprüfung habe ergeben,
dass für die Zeit ab Januar 2014 zu hohe Hypothekarzinsen angerechnet worden seien.
An sich hätte die Ergänzungsleistung rückwirkend ab Januar 2014 neu festgesetzt
werden müssen. Da dies aber nur eine mini¬male Rückforderung zur Folge gehabt
hätte, werde die Ergänzungsleistung erst ab dem Folgemonat der Verfügung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angepasst. Dem Berechnungsblatt zur Verfügung liess sich entnehmen, dass die
Beschwerdegegnerin lediglich den Betrag der Hypothekarzinsen und den
Vermögensertrag angepasst hatte (letzterer betrug nun lediglich noch drei statt wie
bisher acht Franken; EL-act. 28). Mit einer Verfügung vom 19. Dezember 2016 erhöhte
die EL-Durchführungsstelle die laufende ordentliche Ergänzungsleistung per 1. Januar
2017 auf 563 Franken pro Monat; die ausserordentliche Ergänzungsleistung von 140
Franken pro Monat blieb unverändert (EL-act. 24).
A.c Am 22. August 2017 beantragte die EL-Bezügerin die Neuberechnung der
Ergänzungsleistung ohne die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens,
sinngemäss also eine entsprechende Erhöhung der Ergänzungsleistung (EL-act. 21).
Zur Begründung führte sie an, sie habe das 60. Altersjahr vollendet. Zusätzlich wies sie
darauf hin, dass nun drei Personen in ihrem Haushalt lebten. Eine Mitarbeiterin des
zuständigen Einwohneramtes teilte der EL-Durchführungsstelle im November 2017
telefonisch mit, dass die Tochter und der Enkel der EL-Bezügerin im Juli 2016 aus dem
Ausland zugezogen seien (EL-act. 20). Mit einer Verfügung vom 20. November 2017
setzte die EL-Durchführungsstelle die Ergänzungsleistung rückwirkend ab dem 1.
August 2016 neu fest (EL-act. 15). Sie hielt fest, gemäss dem Art. 16c Abs. 1 ELV
müssten die Mietzinsanteile der Tochter und des Enkels bei der Berechnung der
Ergänzungsleistung ausser Betracht gelassen werden. Da die Tochter und der Enkel
Ende Juli 2016 in das Haus der EL-Bezügerin eingezogen seien, könne ab dem 1.
August 2016 nur noch ein Drittel der Wohnkosten berücksichtigt werden. Das führe zu
einer rückwirkenden Aufhebung der ordentlichen und der ausserordentlichen
Ergänzungsleistung. Mit Wirkung ab dem 1. August 2017 werde kein hypothetisches
Erwerbseinkommen mehr angerechnet, sodass ab diesem Zeitpunkt wieder ein
Anspruch auf eine ordentliche Ergänzungsleistung von 535 Franken pro Monat
bestehe. Insgesamt resultiere für die Zeit vom 1. August 2016 bis zum 30. November
2017 eine Rückforderung von 4’454 Franken.
A.d Am 23. November 2017 erhob die EL-Bezügerin einen „Einspruch“ gegen die
Verfügung vom 20. November 2017 (EL-act. 13). Sie machte geltend, im August 2016
habe ein Mitarbeiter der „SVA St. Gallen“ telefonisch angegeben, die Tochter müsse
keine Miete bezahlen, wenn sie kein Einkommen erziele. Der „Herr von der SVA“ habe
„im Wortlaut“ gesagt, dass „ohne Einkommen keine Mietzinsanteile angerechnet“
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
würden. Die Arbeitssuche der Tochter habe sieben Monate gedauert. Seit dem 1. März
2017 habe sie nun eine Arbeitsstelle. Von den ersten drei Löhnen habe sie ein Auto
gekauft, da sie berufsbedingt ein solches benötige. Erst ab Juli 2017 hätte sie einen
Mietzinsanteil bezahlen können. Sie, die EL-Bezügerin, habe sich auf die telefonische
Auskunft verlassen. Sie habe weder grob fahrlässig noch in betrügerischer Absicht
gehandelt. Die Rückforderung von 4’454 Franken sei ungerechtfertigt und stelle eine
grosse Härte für die EL-Bezügerin dar. Am 28. November 2017 wies die EL-
Durchführungsstelle die EL-Bezügerin darauf hin (EL-act. 11), dass die in der
Einsprache vom 23. November 2017 erwähnte Beilage nicht eingegangen sei. Sie
räume der EL-Bezügerin eine Frist bis zum 15. Dezember 2017 ein, um die Beilage
noch nachzureichen. Am 5. Dezember 2017 antwortete die EL-Bezügerin (EL-act. 9),
die Erwähnung einer „Kopie“ in ihrem Erlassgesuch betreffe keine Beilage, sondern
eine Kopie der Eingabe, die die EL-Bezügerin für sich selbst angefertigt habe. Am 31.
Januar 2018 forderte die EL-Durchführungsstelle die EL-Bezügerin auf anzugeben, wer
ihr die erwähnte telefonische Auskunft erteilt habe, wann das geschehen sei und in
welchem Zusammenhang die EL-Bezügerin mit jenem Herrn gesprochen habe. Die EL-
Bezügerin antwortete im Februar 2018 (EL-act. 4), sie wisse den Namen nicht. Das
Telefonat habe Anfang August 2016 stattgefunden. Es sei dabei um die Meldung einer
„EL-Änderung“ gegangen. Mit einem Entscheid vom 16. Februar 2018 wies die EL-
Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-act. 2). Zur Begründung führte sie aus,
gemäss dem Art. 16c Abs. 2 ELV müsse der Mietzins zu gleichen Teilen auf die
Bewohner aufgeteilt werden. Das Einkommen der Personen spiele dabei keine Rolle.
Die Ergänzungsleistung solle nur die Existenz von Rentenbezügern garantieren, nicht
auch jene von anderen Personen. Bezüglich der angeblichen telefonischen Auskunft
lägen keine Beweise bei den Akten; die EL-Bezügerin habe den Nachteil der
Beweislosigkeit zu tragen.
B.
B.a Am 19. Februar 2018 erhob die EL-Bezügerin (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 16.
Februar 2018 (act. G 1). Sie beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides und die Rückweisung der Sache an die EL-Durchführungsstelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur Berücksichtigung der besonderen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umstände. Zur Begründung führte sie an, rechtsprechungsgemäss könne in
Sonderfällen von der allgemeinen Grundregel der Aufteilung nach Köpfen abgewichen
werden, zum Beispiel wenn das gemeinsame Wohnen auf einer moralisch begründeten
(Unterstützungs-) Pflicht beruhe. Die Beschwerdeführerin habe ihrer Tochter und ihrem
achtjährigen Enkel eine solche Unterstützung leisten müssen. Die Tochter sei im Jahr
2016 mittellos in die Schweiz zurückgekehrt. Sie habe sich sieben Monate lang um eine
Arbeitsstelle bemühen müssen. Diese Zeit habe sie ohne einen Sozialhilfebezug
überbrücken können. Die Beschwerdegegnerin sei gar nicht auf den Einzelfall
eingegangen. Das Telefonat habe sich im Übrigen „so abgespielt“.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 1. März 2018 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie aus, die Absicht der
Beschwerdeführerin sei zwar löblich, aber es sei nicht die Sache der
Ergänzungsleistungen, diese Absicht zu finanzieren. Der von der Beschwerdeführerin
sinngemäss erwähnte BGE 105 V 271 sei veraltet und habe eine Ausnahmesituation
betroffen, die hier nicht vorliege. In einem neueren Entscheid aus dem Jahr 2015 habe
das Bundesgericht festgehalten, dass die Übernahme der Mietkosten allein der
Deckung der existenziellen Wohnbedürfnisse eines EL-Bezügers dienen solle (Urteil
des Bundesgerichtes 9C_698/2015 vom 17. Juni 2016 = BGE 142 V 299).
B.c Die Beschwerdeführerin hielt am 9. März 2018 an ihrem Antrag fest (act. G 5). Sie
hielt fest, sie würde die Stimme des Mitarbeiters der Beschwerdegegnerin auch jetzt
noch erkennen und bitte jenen Herrn, seine telefonische Auskunft zuzugeben. Der
Beschwerdegegnerin liege nicht viel daran aufzuklären, wer die Auskunft erteilt habe,
weil sonst ein Fehler ans Tageslicht kommen würde, den sie begangen habe. Dass der
Tochter ein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werde, sei moralisch
verwerflich und gesetzeswidrig.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 7).

Erwägungen
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdeführerin hat ihre gegen die Verfügung vom 20. November 2017
gerichtete Eingabe vom 23. November 2017 in ihrem Schreiben vom 5. Dezember 2017
nachträglich explizit als ein Erlassgesuch bezeichnet. Da sie in jener Eingabe explizit
darauf hingewiesen hat, dass die Rückforderung eine grosse Härte für sie bedeuten
würde, könnte es sich dabei tatsächlich um ein Erlassgesuch gehandelt haben. Das
würde bedeuten, dass die Verfügung vom 20. November 2017 unangefochten formell
rechtskräftig und damit verbindlich geworden wäre. Dies hätte zur Folge, dass der
angefochtene Einspracheentscheid ohne weiteres als rechtswidrig aufgehoben und die
Beschwerdegegnerin verpflichtet werden müsste, das Erlassgesuch vom 23.
November 2017 zu prüfen. Bei einer sorgfältigen Interpretation der Eingabe vom 23.
November 2017 zeigt sich allerdings, dass es sich bei der nachträglichen Bezeichnung
als Erlassgesuch um ein Versehen gehandelt haben muss, denn die Eingabe vom 23.
November 2017 ist mit dem Betreff „Einspruch“ versehen und sie enthält eine deutliche
Nichteinverständniserklärung bezüglich des Inhaltes der Verfügung vom 20. November
2017. Die Beschwerdeführerin hat nämlich darauf hingewiesen, dass die
Berücksichtigung nur eines Drittels der Wohnkosten unzulässig sei, weil ihre Tochter
und ihr Enkel sich mangels Einkommen nicht an den Wohnkosten beteiligen könnten.
Die Eingabe vom 23. November 2017 hat also nicht den Verzicht auf das Inkasso einer
an sich auch aus der Sicht der Beschwerdeführerin gerechtfertigten Rückforderung,
sondern auf eine Korrektur der von der Beschwerdeführerin als materiell rechtswidrig
erachteten Herabsetzung und Rückforderung der Ergänzungsleistung für die Zeit ab
dem 1. August 2016 abgezielt. Die Beschwerdegegnerin hat die Eingabe vom 23.
November 2017 folglich zu Recht als eine Einsprache gegen die Herabsetzungs- und
Rückforderungsverfügung vom 20. November 2017 interpretiert. Eine allfällige
nachträgliche „Umwidmung“ in ein Erlassgesuch durch die Beschwerdeführerin wäre
gar nicht zulässig. Den Gegenstand des Einspracheverfahrens haben die rückwirkende
Neufestsetzung der Ergänzungsleistung ab dem 1. August 2016 und die daraus
resultierende Rückforderung gebildet. Da der Gegenstand dieses
Beschwerdeverfahrens zwingend jenem des Einspracheverfahrens entsprechen muss,
das mit dem angefochtenen Entscheid abgeschlossen worden ist, ist zu prüfen, ob die
Beschwerdegegnerin die Ergänzungsleistung für die Zeit ab dem 1. August 2016
korrekt neu festgesetzt hat und ob die daraus resultierende Rückforderung rechtmässig
ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin hat im Jahr 2016 gestützt auf die formell rechtskräftige
Verfügung vom 21. Dezember 2015 eine ordentliche, bundesrechtliche
Ergänzungsleistung von 564 Franken pro Monat und eine ausserordentliche,
kantonalrechtliche Ergänzungsleistung von 140 Franken pro Monat bezogen. Im
Rahmen einer periodischen Überprüfung, die im Februar 2016 in die Wege geleitet und
im September 2016 abgeschlossen worden ist, hat die Beschwerdegegnerin
festgestellt, dass die von der Beschwerdeführerin bezogene Ergänzungsleistung
bereits ab Januar 2014 zu hoch war, weil bei der EL-Anspruchsberechnung zu hohe
Hypothekarzinsen berücksichtigt worden waren. Mit ihrer Verfügung vom 16.
September 2016 hätte die Beschwerdegegnerin folglich die Ergänzungsleistung
rückwirkend ab Januar 2014 korrigieren müssen (nämlich mit einer Wiedererwägung
der ursprünglichen Revisionsverfügung betreffend den Anspruch ab Januar 2014). Das
hat sie aber nicht getan. Stattdessen hat sie den Anspruch nur für die Zukunft, das
heisst mit Wirkung ab dem 1. Oktober 2016, herabgesetzt. Ob dieses Vorgehen
rechtmässig gewesen ist, kann in diesem Beschwerdeverfahren nicht mehr überprüft
werden, da die Verfügung vom 16. September 2016 in formelle Rechtskraft erwachsen
und damit für die Parteien wie auch für das Gericht verbindlich geworden ist. Das
bedeutet, dass sich die in der Zeit von Januar bis und mit September 2016 bezogenen
Ergänzungsleistungen nach wie vor auf die Verfügung vom 21. Dezember 2015
gestützt haben. In diesem Zeitraum haben sich die massgebenden tatsächlichen
Verhältnisse der Beschwerdeführerin verändert: Ende Juli 2016 sind ihre erwachsene
Tochter und deren Sohn in ihr Haus eingezogen. Die verfahrensrechtlich vorgesehene
Reaktion auf eine solche Sachverhaltsveränderung ist eine Revision der
Ergänzungsleistung (Art. 17 Abs. 2 ATSG). Die Beschwerdegegnerin hat zwar erwähnt,
dass die rückwirkende Korrektur der Ergänzungsleistung für die Zeit ab August 2016
eine Wiedererwägung im Sinne des Art. 53 Abs. 2 ATSG gewesen sei, aber dabei muss
es sich um einen Irrtum über die Rechtsnatur der Korrekturverfügung vom 20.
November 2017 gehandelt haben, denn bei der Korrektur hat gar keine Verfügung mit
einem Wirkungszeitpunkt 1. August 2016 existiert, die im Rahmen einer
Wiedererwägung (oder einer sog. prozessualen Revision) hätte aufgehoben und durch
eine rechtmässige Verfügung ersetzt werden können. Bei der Korrekturverfügung vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
20. November 2017 kann es sich folglich nur um eine rückwirkende Revision im Sinne
des Art. 17 Abs. 2 ATSG gehandelt haben.
2.2 Der Wirkungszeitpunkt dieser Revision hat dem „natürlichen“ Wirkungszeitpunkt
einer jeden Revision entsprochen, nämlich dem Zeitpunkt, in dem die relevante
Sachverhaltsveränderung eingetreten war. An sich müsste die Korrekturverfügung vom
20. November 2017 respektive der angefochtene Einspracheentscheid diesbezüglich
ohne Weiteres als rechtmässig qualifiziert werden. Nun sieht der (vom Bundesgericht
seit langen Jahren konstant als gesetzmässig qualifizierte) Art. 25 Abs. 2 lit. c ELV
allerdings vor, dass die Ergänzungsleistung erst spätestens auf den Beginn des
Monats, der auf die neue Verfügung folgt, herabgesetzt oder aufgehoben werden darf,
wobei jedoch eine „Rückforderung bei Verletzung der Meldepflicht“ vorbehalten wird.
Das bedeutet, dass eine Revision in aller Regel nicht auf den „natürlichen“
Wirkungszeitpunkt (den Eintritt der Sachverhaltsveränderung) hin erfolgt, sondern
„verspätet“. Eine Ausnahme von diesem Grundsatz kann nur gemacht werden, wenn
der EL-Bezüger seine Meldepflicht verletzt hat. In diesem Fall wird die Revision
„rückwirkend“ auf den Zeitpunkt der Sachverhaltsveränderung (und damit auf den
natürlichen Wirkungszeitpunkt) hin vorgenommen. Die Beschwerdeführerin hat
angegeben, dass sie die Sachverhaltsveränderung noch im August 2016 gemeldet
habe. Ein Sachbearbeiter habe ihr allerdings erklärt, dass für die Tochter kein
Mietzinsanteil zu berücksichtigen sei, solange diese kein Einkommen erziele. Die Akten
enthalten aber keine entsprechende Telefonnotiz und auch keinen anderen Hinweis,
der belegen könnte, dass die Beschwerdeführerin ihre Meldepflicht bereits im August
2016 erfüllt hätte. In antizipierender Beweiswürdigung ist davon auszugehen, dass sich
der Inhalt des gemäss den Angaben der Beschwerdeführerin im August 2016 erfolgten
Telefongesprächs nach über zwei Jahren nicht mehr rekonstruieren lässt. Selbst wenn
sich jener Sachbearbeiter, der mit der Beschwerdeführerin telefoniert hätte, an das
Telefonat erinnern könnte (was angesichts der schieren Masse von telefonischen
Anfragen, die EL-Sachbearbeiter erfahrungsgemäss tagtäglich erhalten, sehr
unwahrscheinlich ist), könnte er sicherlich den genauen Wortlaut des Gesprächs nicht
mehr mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
wiedergeben. Bezüglich der Erfüllung der Meldepflicht liegt damit eine objektive
Beweislosigkeit vor. Den Nachteil dieser Beweislosigkeit hat in lückenfüllender analoger
Anwendung des Art. 8 ZGB die Beschwerdeführerin zu tragen, da sie aus dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nachweis der Erfüllung der Meldepflicht im August 2016 einen Vorteil für sich ableiten
könnte. Auch bezüglich der angeblichen (falschen) Auskunft eines Sachbearbeiters der
Beschwerdegegnerin, die die Beschwerdeführerin davon abgehalten haben soll, den
Zuzug der Tochter und des Enkels (nochmals) zu melden, liegt eine objektive
Beweislosigkeit vor, deren Folgen die Beschwerdeführerin zu tragen hat.
Zusammenfassend ist von der Standardregel des Art. 25 Abs. 2 lit. c erster Halbsatz
ELV abzuweichen und eine „rückwirkende“ Revision per 1. August 2016 gemäss dem
Art. 25 Abs. 2 lit. c zweiter Halbsatz ELV durchzuführen.
2.3 Vergleicht man die Berechnungsblätter zu den entsprechenden Verfügungen, zeigt
sich, dass die Beschwerdegegnerin nur zwei Korrekturen vorgenommen hat: Sie hat
mit Wirkung ab dem 1. August 2016 nur noch einen Drittel der Summe des
Eigenmietwertes und der Nebenkostenpauschale anstatt der gesamten Summe
angerechnet und sie hat ab dem 1. August 2017 kein hypothetisches
Erwerbseinkommen der Beschwerdeführerin mehr berücksichtigt.
2.3.1 Die von der Beschwerdegegnerin vorgenommene Korrektur bezüglich der
Wohnkosten entspricht der gängigen bundesgerichtlichen Praxis zur Aufteilung der
Wohnkosten zwischen solchen Personen, die in die EL-Anspruchsberechnung
eingeschlossen sind, und solchen Personen, die nicht in die EL-Anspruchsberechnung
einbezogen sind: Gemäss dieser Praxis wird nämlich einfach pauschal „nach Köpfen“
aufgeteilt (vgl. etwa das Urteil des Bundesgerichtes 9C_178/2016 vom 17. Juni 2016,
E. 3.2 oder die Hinweise bei RALPH JÖHL, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in:
Bundessozialversicherungsrecht, Band XIV Soziale Sicherheit, 3. Aufl. 2016, Rz. 71).
Das hält aber einer kritischen Würdigung nicht stand, denn es widerspiegelt nicht
immer die Realität: Wenn sich beispielsweise ein beruflich stark eingespannter
Bewohner einer Wohngemeinschaft damit begnügt, in der Nacht auf dem Sofa im
tagsüber gemeinschaftlich genutzten Wohnzimmer zu schlafen, während die anderen
Bewohner jeweils ein eigenes Zimmer haben, tagsüber zuhause sind und die Wohnung
dementsprechend intensiv nutzen, wird der beruflich stark eingespannte Mitbewohner
als wirtschaftlich vernünftig denkender Mensch sicherlich nicht bereit sein, einer
Mietzinsaufteilung nach Köpfen zuzustimmen. Die einzig vernünftige Aufteilung eines
Mietzinses ist jene, die sich nach der Intensität bemisst, mit der die einzelnen
Bewohner eine Wohnung nutzen (vgl. dazu auch die Entscheide des St. Galler
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherungsgerichtes EL 2009/10 vom 26. August 2009, E. 5.3, und EL 2011/29 vom
17. September 2012, E. 4.5). Die nach Köpfen vorgenommene Aufteilung des
Mietzinses erfüllt zwar ihre einzige Aufgabe, den Abklärungsaufwand zu reduzieren, in
hohem Masse. Sie liefert aber höchstens zufällig den dem jeweiligen Sachverhalt
entsprechenden Betrag der anerkannten Ausgaben für das Wohnen. Deshalb verträgt
sie sich offensichtlich nicht mit dem Umstand, dass alle anderen Einnahmen- und
Ausgabenpositionen in der EL-Anspruchsberechnung so präzise wie nur möglich – teils
bis auf den Franken genau – ermittelt werden müssen. Der Grundsatz der
Verwaltungspraktikabilität (bzw. der Reduktion des Abklärungsaufwandes) lässt es
offensichtlich nicht zu, für einzelne willkürlich ausgewählte Elemente des
massgebenden Sachverhaltes den Beweisgrad deutlich tiefer als für alle anderen
Elemente anzusetzen. So käme beispielsweise niemand auf die Idee, den
Vermögensertrag immer auf der Grundlage eines Zinses von zwei Prozent zu ermitteln,
um so den meist aufwendigen Abklärungen anhand der Kontoauszüge zu entgehen. Je
mehr Indizien im konkreten Einzelfall für eine ungleiche Nutzung einer Wohnung
bestehen, desto weniger lässt sich ein Verzicht auf eine sorgfältige
Sachverhaltsabklärung rechtfertigen. Weil der Art. 16c Abs. 2 ELV lediglich
„grundsätzlich“ eine Aufteilung zu gleichen Teilen vorsieht und weil er somit nur eine
widerlegbare Tatsachenvermutung und keine normative Teilungsregel aufstellt, die
unabhängig von der konkreten Sachverhaltskonstellation zur Anwendung gelangen
müsste, ist eine Aufteilung nach der Nutzungsintensität der Bewohner einer Wohnung
in Fällen, in denen eine Aufteilung nach Köpfen voraussichtlich zu einem
realitätsfremden Ergebnis führen würde, vom Wortlaut durchaus abgedeckt (vgl. zum
Ganzen auch den Entscheid EL 2016/51 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 7.
Februar 2018, E. 2.2.1). Die Beschwerdeführerin, die Tochter und der Enkel bewohnen
vorliegend ein Fünfzimmerhaus mit einer Wohnfläche von rund 100 Quadratmetern. Als
Eigentümerin des Hauses und als Nichterwerbstätige dürfte die Beschwerdeführerin
das Haus am intensivsten nutzen. Das achtjährige Kind dürfte das Haus am wenigsten
nutzen. Vor diesem Hintergrund lässt sich die pauschale Aufteilung des Mietzinses
nach Köpfen nicht rechtfertigen. Der angefochtene Einspracheentscheid ist deshalb
aufzuheben und die Sache muss zur weiteren Sachverhaltsabklärung, das heisst zur
Beantwortung der Frage nach der der konkreten Nutzungsintensität entsprechenden
Aufteilung der Wohnkosten, an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen werden. Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Umstand, dass die Tochter und der Enkel über kein eigenes Einkommen verfügt haben,
mit dem sie ihren Anteil am Mietzins hätten bezahlen können, spielt dabei entgegen der
Ansicht der Beschwerdeführerin keine Rolle. Auch deren Hinweis auf ihre
Unterstützungspflicht verfängt nicht, da sie als EL-Bezügerin gar nicht in der Lage
gewesen ist, eine solche Unterstützungspflicht aus eigenen Mitteln zu decken; vielmehr
hat sie indirekt die durch die Allgemeinheit finanzierte Ergänzungsleistung dazu
„missbraucht“, ihre Tochter und ihren Enkel vor dem Gang zum Sozialamt zu
bewahren, was durch den Sinn und Zweck der Ergänzungsleistungen nicht gedeckt ist.
2.3.2 Bezüglich des hypothetischen Erwerbseinkommens ist vorab darauf
hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin die Berechnungsblätter offenbar falsch
interpretiert hat: Die Beschwerdegegnerin hat der Tochter kein hypothetisches
Erwerbseinkommen angerechnet. Das wäre angesichts des Umstandes, dass die
Tochter nicht in die EL-Anspruchsberechnung einbezogen gewesen ist, auch gar nicht
zulässig gewesen. Vielmehr hat die Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin
selbst bis zur Vollendung des 60. Altersjahres (im Juli 2017) und folglich auch für die
Zeit vom 1. August 2016 bis zum 31. Juli 2017 ein hypothetisches Erwerbseinkommen
angerechnet. Zu prüfen ist in diesem Verfahren also nur, ob es rechtmässig gewesen
ist, mit Wirkung ab dem 1. August 2017 auf die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens der Beschwerdeführerin zu verzichten. Das diesbezügliche
Vorgehen der Beschwerdegegnerin entspricht der gängigen Verwaltungspraxis und der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung zum Art. 14b lit. c ELV. Das Versicherungsgericht
des Kantons St. Gallen hat zwar in der Vergangenheit wiederholt dargelegt, dass es die
Art. 14a Abs. 2 und 14b lit. a–c ELV an sich erlauben müssten, einem EL-Bezüger auch
über das 60. Altersjahr hinaus ein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen,
denn die Altersgrenze in den Art. 14a Abs. 2 und 14b lit. a–c ELV ist nur für jene Fälle
eingeführt worden, in denen eine Person, die das 60. Altersjahr vollendet hat, erstmals
eine Ergänzungsleistung beantragt (vgl. etwa den Entscheid EL 2017/46 vom 8. März
2018). Weder die Beschwerdegegnerin noch das Bundesgericht scheint es aber zu
kümmern, dass die gängige Verwaltungspraxis dazu führt, dass deutlich zu hohe
Ergänzungsleistungen ausgerichtet werden. Eine Praxisänderung erscheint als
unrealistisch. Dem Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen bleibt deshalb nichts
anderes übrig, als den Verzicht auf die weitere Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens der Beschwerdeführerin über den 31. Juli 2017 hinaus zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
akzeptieren. Aus diesem Grund ist der Beschwerdeführerin im Laufe des
Beschwerdeverfahrens auch keine reformatio in peius angedroht worden (vgl. dazu Art.
61 lit. d ATSG).
2.4 Zusammenfassend beruht die dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 16.
Februar 2018 zugrunde liegende Korrekturverfügung bezüglich der für die
Mietzinsaufteilung massgebenden Umstände auf einem ungenügend abgeklärten
Sachverhalt, weshalb der angefochtene Einspracheentscheid als rechtswidrig
aufgehoben werden muss. Die Sache ist zur weiteren Sachverhaltsabklärung bezüglich
des der Beschwerdeführerin anzurechnenden Nutzungsanteils an der Wohnung im hier
massgebenden Zeitraum an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Da folglich noch
nicht feststeht, wie das Ergebnis der Korrekturverfügung ausfallen wird, kann zur Frage
nach der Rechtmässigkeit der Rückforderung noch keine Stellung genommen werden.
3.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).