Decision ID: b30b8e87-49d4-58ff-86f0-48b56d716681
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 13.03.2017 Art. 6 Satz 1 ATSG, Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG. Arbeitsunfähigkeit und Erfüllung des Wartejahres. Grundsätzliche Ausführungen zur Interpretation des Art. 6 Satz 1 ATSG im Zusammenhang mit der Anwendung des Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 13. März 2017, IV 2014/242). Entscheid vom 13. März 2017 Besetzung Vizepräsident Ralph Jöhl, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug und Karin Huber-Studerus; Gerichtsschreiber Tobias Bolt Geschäftsnr. IV 2014/242 Parteien A._, Beschwerdeführerin, vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Stefan Gerschwiler, Schwager Mätzler Schneider, Poststrasse 23, 9001 St. Gallen, gegen IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen, Beschwerdegegnerin, Gegenstand Rente Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im Jahr 2004 eine Hüfttotalprothese links implantiert. Da sie
anschliessend nie beschwerdefrei war (bewegungs- und belastungsabhängige
Schmerzen), musste sie sich am 26. Mai 2009 erneut einer Operation unterziehen.
Diese bestand in einer Refixation des Trochanter maior mittels Dall-Miles-Cerclage (IV-
act. 38-4). Am 8. Dezember 2009 erlitt die Versicherte einen Unfall. Eine Arbeitskollegin
kam ins Stolpern und prallte seitlich rechts gegen die Versicherte. Dadurch wurde die
Versicherte gegen die Tischkante gestossen (Suva-Bericht vom 23. April 2010,
Fremdakten). Dies hatte eine Ruptur der Cerclage zur Folge. Deshalb wurde die
Cerclage am 15. April 2010 operativ entfernt (IV-act. 38-6). Daraufhin kam es zu einer
erneuten Trochanter-Dislokation mit einem Schmerzsyndrom. Am 26. April 2011
unterzog sich die Versicherte deshalb einer Operation zur nochmaligen Refixation
mittels einer Dall-Miles-Cerclage (IV-act. 38-7). Vom 13. August bis 20. September
2012 wurde die Versicherte stationär in der Rehaklinik Bellikon behandelt. Deren Ärzte
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hielten im Austrittsbericht (Bericht vom 8. Oktober 2012, Fremdakten) fest, beim Eintritt
in die Klinik seien eine eingeschränkte Hüftgelenksbeweglichkeit links, eine
Kraftminderung der hüftstabilisierenden Muskulatur links und ein leicht schonhinkendes
Gangbild links festgestellt worden. Ausserdem habe eine leichte Anpassungsstörung
mit Angst und depressiver Störung gemischt vorgelegen. Nach einem intensiven
Training habe die Versicherte ohne sichtbares Entlastungshinken gehen können. Bei
Müdigkeit und nach längerem Gehen sei das Entlastungshinken aber noch teilweise
sichtbar gewesen. Zusammenfassend hätten eine leichte Verbesserung der
Schmerzproblematik sowie eine Steigerung der Leistungsfähigkeit und der
Belastbarkeit erreicht werden können. Die bisherige Tätigkeit als Verkäuferin sei nicht
optimal, da die Versicherte dabei praktisch ausschliesslich gehen und stehen müsse.
Gemäss dem psychosomatischen Konsilium (Bericht vom 18. September 2012,
Fremdakten) hatte die psychische Störung aktuell keine arbeitsrelevante
Leistungsminderung zur Folge. Dr. med. B._ von der Orthopädie C._ berichtete der
Suva am 21. Dezember 2012 (Fremdakten), die Versicherte arbeite aktuell zu 50%. Für
eine rein sitzende Tätigkeit sei sie zu 100% arbeitsfähig. Sie hinke nach wie vor. Die
linke Hüfte sei frei beweglich, Bewegungen und Belastungen führten aber sofort zu
Leistenschmerzen. In letzter Zeit sei es zu einem starken Auf und Ab der Beschwerden
gekommen. Phasenweise seien die Schmerzen so stark gewesen, dass die Versicherte
kaum habe gehen können. Abzuklären sei noch, ob eine vertebrogene
Schmerzkomponente vorliege. Ausserdem sollte die Option der Metallentfernung ins
Auge gefasst werden. Am 20. März 2013 untersuchte der Kreisarzt der Suva die
Versicherte. In seinem Bericht vom 20. März 2013 hielt er fest (Fremdakten), subjektiv
persistierten Schmerzen im Bereich der linken Hüfte, eine Wetterfühligkeit, nächtliche
Schmerzen und eine Bewegungseinschränkung. Objektiv sei die aktive
Hüftbeweglichkeit um ca. die Hälfte gegenüber rechts eingeschränkt. Die passive
Beweglichkeit sei fast seitengleich. Links sei gegenüber rechts keine muskulöse
Hypotrophie nachweisbar. Klinisch sei eine Glutealinsuffizienz festzustellen gewesen.
Es sei nicht zu erwarten, dass durch weitere medizinische Massnahmen eine
wesentliche Verbesserung der linken Hüfte zu erreichen sei. Auch bei einer
Weiterführung der Physiotherapie werde kein besserer Bewegungsumfang erreicht
werden. Die Bewegungseinschränkung der Hüfte lasse jedoch das Gehen, Stehen und
Sitzen zu. Zu vermeiden seien das Gehen über längere Strecken am Stück, das
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dauernde Stehen, das Gehen auf unebenem Gelände und Tätigkeiten im Knien, in der
Hocke oder in sonstigen Zwangshaltungen. Die aktuelle rein stehende/gehende
Tätigkeit sei nicht zu 100% möglich. Eine Tätigkeit mit einem sitzenden Anteil von
mindestens 50% sei zu 100% möglich.
A.b Bereits am 30. Januar 2012 hatte sich die Versicherte zum Bezug von IV-
Leistungen angemeldet (IV-act. 1). Dabei hatte sie u.a. angegeben, sie habe von 1972
bis 1975 den Beruf der Coiffeuse erlernt. Seit dem 1. Juli 1997 sei sie als
Verkaufsmitarbeiterin bei der D._ AG tätig. Der Lohn betrage bei einem Pensum von
100% Fr. 4'400.-- (x13). Die D._ AG hatte der IV-Stelle am 28. März 2012 berichtet
(IV-act. 17), sie beschäftige die Versicherte als Fachverkäuferin. Das Pensum sei per 1.
Februar 2012 auf 50% reduziert worden. Der Jahreslohn betrage seither Fr. 28'600.--.
Dr. med. B._ teilte der IV-Stelle am 6. August 2013 mit (IV-act. 27), anlässlich einer
Konsultation vom 7. März 2012 habe die Arbeitsfähigkeit für sitzende Tätigkeiten auf
100% erhöht werden können. Für die effektiv ausgeübte teils sitzende und teils
stehende Tätigkeit habe aber eine Arbeitsfähigkeit von 50% beibehalten werden
müssen. Die aktuelle Arbeitsfähigkeit von 50% sei die maximale Belastbarkeit.
Entgegen der Einschätzung des Kreisarztes der Suva vom 20. März 2013 stehe nicht
die Bewegungseinschränkung, sondern ein erhebliches Schmerzsyndrom im
Vordergrund. Die Versicherte müsse praktisch täglich Schmerzmittel einnehmen, um
die Arbeitsfähigkeit von 50% halten zu können. Dr. med. E._ vom RAD notierte am
19. August 2013 (IV-act. 28-2), für eine körperlich leichte, wechselbelastende,
vorwiegend sitzende Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 100%. Die
Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle hielt am 3. September 2013 fest (IV-act.
29-11), die Versicherte habe von Anfang an die Meinung vertreten, dass ihr nur ein
Pensum von 50% möglich sei. Während der Begleitphase habe die Versicherte deshalb
nie versucht, das Pensum zu erhöhen. Dabei habe sie sich vehement auf die Angaben
von Dr. med. B._ gestützt, der sie im Rahmen von 50% als arbeitsfähig sehe. Mit
einer Mitteilung vom 31. Oktober 2013 verneinte die IV-Stelle einen Anspruch der
Versicherten auf berufliche Eingliederungsmassnahmen (IV-act. 32). Dr. med. E._
vom RAD notierte am 21. Januar 2014 (IV-act. 39), der Gesundheitszustand der
Versicherten sei stabil. Er habe sich seit dem stationären Aufenthalt in der Rehaklinik
Bellikon im Jahr 2012 nicht verändert, so dass auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
Rehaklinik abgestellt werden könne. Als Verkäuferin bei der D._ AG sei die
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Versicherte nur zu 50% arbeitsfähig, da es sich um eine überwiegend gehend und
stehend auszuübende Tätigkeit handle. Diese Arbeitsunfähigkeit bestehe seit dem 26.
April 2011. In einer adaptierten Tätigkeit sei die Versicherte zu 100% arbeitsfähig.
A.c Die IV-Stelle verglich ein dem bis Ende Januar 2012 effektiv bezogenen Lohn
entsprechendes Valideneinkommen von Fr. 57'200.-- mit einem Invalideneinkommen
von Fr. 53'255.--, das sie anhand der Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für
Statistik ermittelt hatte (IV-act. 40-2). Es resultierte ein Invaliditätsgrad von 7%. Mit
einem Vorbescheid vom 6. Februar 2014 kündigte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentenbegehrens an (IV-act. 42). Die D._ AG wies am 27. Februar
2014 darauf hin (IV-act. 43), dass keine körperlich leichte Tätigkeit habe gefunden
werden können, die einen sitzenden Anteil von 50% aufweisen würde. Aufgrund des
Alters der Versicherten sei eine berufliche Neuorientierung auf dem allgemeinen
Arbeitsmarkt mehr als schwierig. Es sei bestimmt nicht im Sinne des Gesetzgebers,
sich in solchen Situationen auf die medizinisch-theoretische Zumutbarkeit zu beziehen.
Mit einer Verfügung vom 26. März 2014 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab (IV-
act. 44). Zur Begründung führte sie insbesondere aus, ein Stellenwechsel in eine
angepasste Tätigkeit sei zumutbar und im Sinne der Schadenminderungspflicht/
Selbsteingliederungspflicht angezeigt. Für die Invaliditätsbemessung sei es
unerheblich, ob die Versicherte eine leidensangepasste Tätigkeit tatsächlich umsetze.
B.
B.a A._ (Beschwerdeführerin) liess am 7. Mai 2014 Beschwerde erheben und die
Aufhebung der Verfügung vom 26. März 2014 und die Zusprache der ihr zustehenden
Leistungen (insbesondere Rentenleistungen) beantragen. Der Eventualantrag lautete,
die Angelegenheit sei zur Durchführung eines Mahn- und Bedenkzeitverfahrens und zur
neuen Verfügung an die IV-Stelle (Beschwerdegegnerin) zurückzuweisen (act. G 1). Zur
Begründung liess sie insbesondere ausführen, die Schadenminderungspflicht könne
mit dem Grundrecht auf die freie Wahl des Arbeitsortes und des Berufes in Konflikt
treten. Gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts könne die Ablehnung von
Versicherungsleistungen die Grundrechte mittelbar beeinträchtigen, so dass eine
faktische Grundrechtsverletzung resultiere. Bei den Anforderungen, die unter dem Titel
der Schadenminderung gestellt würden, müssten auch die grundrechtlich geschützten
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Betätigungsmöglichkeiten berücksichtigt werden. Für den vorliegenden Fall bedeute
das, dass das öffentliche Interesse an der Schadenminderung das grundrechtlich
geschützte Interesse der wenige Jahre vor der Pensionierung stehenden
Beschwerdeführerin am Verbleib an ihrem Arbeitsplatz mit dem 50%igen Pensum nicht
überwiege. Es sei der Beschwerdeführerin nicht zumutbar, die Stelle bei der D._ AG
zu kündigen und ein Arbeitslosentaggeld zu beziehen. Bei der Ermittlung des
massgeblichen Invalideneinkommens müsse auf den nach dem Eintritt der Invalidität
tatsächlich erzielten Verdienst abgestellt werden, wenn besonders stabile
Arbeitsverhältnisse eine Bezugnahme auf den allgemeinen Arbeitsmarkt praktisch
erübrigten und wenn die versicherte Person ihre verbleibende Arbeitsfähigkeit in
zumutbarer Weise voll ausschöpfe. Diese Voraussetzungen seien im vorliegenden Fall
geradezu lehrbuchmässig erfüllt. Wenn die Aufgabe des bisherigen Arbeitsplatzes
zumutbar wäre, hätte gestützt auf Art. 21 Abs. 4 ATSG ein Mahn- und
Bedenkzeitverfahren durchgeführt werden müssen. Da dies unterblieben sei, sei die
angefochtene Verfügung rechtswidrig.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 3. Juli 2014 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Sie machte geltend, es seien keine neuen medizinischen Akten
eingereicht worden. Deshalb bestehe keine Veranlassung, von den Erkenntnissen des
Suva-Kreisarztes und des RAD abzuweichen. Bei der vorliegenden Diagnose sei es
ohne weiteres nachvollziehbar, dass alle Tätigkeiten, welche die Hüfte nicht belasteten
und überwiegend sitzend ausgeübt werden könnten, zumutbar und möglich seien.
Deshalb sei nach wie vor davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in einer
adaptierten Tätigkeit voll arbeitsfähig sei. Eine solche Tätigkeit müsse die Basis der
Ermittlung des Invalideneinkommens bilden. Dabei könnte die Beschwerdeführerin ein
Einkommen erzielen, das nicht mehr als 10% unter dem Valideneinkommen bei einer
(fiktiven) vollzeitlichen Beschäftigung bei der D._ AG liegen würde. Dr. med. B._
habe ausgeführt, dass nicht die Bewegungseinschränkung, sondern ein
Schmerzsyndrom im Vordergrund stehe. Nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung müsse die Beschwerdeführerin demnach in einer leidensadaptierten
Tätigkeit als voll arbeitsfähig gelten. Dasselbe gelte in Bezug auf die von der Rehaklinik
Bellikon diagnostizierte leichte Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion
gemischt. Hier habe nämlich die bundesgerichtliche Rechtsprechung zu den
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Depressionen zur Folge, dass von einer uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit
auszugehen sei.
B.c Die Beschwerdeführerin verzichtete am 3. November 2014 auf eine Replik (act. G
10).

Erwägungen
1.
Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG haben jene Versicherten einen Anspruch auf eine
Invalidenrente, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können (lit. a),
die während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch mindestens 40%
arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und die nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens
40% invalid sind (lit. c).
2.
Erwerbsunfähig ist gemäss Art. 7 Abs. 1 ATSG, wer trotz einer zumutbaren Behandlung
und Eingliederung seine Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt ganz oder teilweise verloren hat. Die Beschwerdeführerin
leidet zur Hauptsache an einer Gesundheitsbeeinträchtigung in der Form von
Beschwerden in der linken Hüfte. Diese Beeinträchtigung kann gemäss den
überzeugenden Angaben des Kreisarztes der Suva vom 20. März 2013 durch weitere
therapeutische Massnahmen nicht weiter reduziert werden. Damit ist die medizinische
Behandlung, soweit sie der Eingliederung dient, abgeschlossen. Zu prüfen bleibt, ob
auch die berufliche Eingliederung abgeschlossen ist. Der in Art. 7 Abs. 1 ATSG
verwendete Begriff der Erwerbsmöglichkeiten umfasst auch die verwertbare berufliche
Qualifikation einer versicherten Person („auf dem in Betracht kommenden
Arbeitsmarkt“). Die Beschwerdeführerin hat in der 70er Jahren den Beruf der Coiffeuse
erlernt. Da sie diesen Beruf schon lange nicht mehr ausgeübt hat und da sie als
Coiffeuse praktisch immer stehen müsste, kommt eine Rückkehr in diesen Beruf nicht
in Frage. Eine Tätigkeit als Coiffeuse gehört also nicht zu den nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung noch bestehenden Erwerbsmöglichkeiten. Die
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Beschwerdeführerin ist seit längerem als Verkäuferin in einem Möbelgeschäft tätig. Die
Akten enthalten keinen Hinweis darauf, dass sie eine anerkannte Verkaufsausbildung
absolviert hätte. Die nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung verbliebenen
Erwerbsmöglichkeiten bestehen also nur aus (behinderungsadaptierten) Hilfsarbeiten.
Der in Betracht kommende Arbeitsmarkt ist derjenige für Hilfsarbeiterinnen. Da dieser
Arbeitsmarkt ausgeglichen ist, könnte die Beschwerdeführerin – fiktiv – sofort eine
behinderungsadaptierte Stelle als Hilfsarbeiterin antreten. Dabei würde sie – fiktiv –
einen Lohn erzielen, der dem Zentralwert der Löhne der Hilfsarbeiterinnen gemäss der
Lohnstrukturerhebung 2012 (Fr. 51'441.--) entsprechen würde. Dieser Lohn läge
deutlich unter demjenigen, den sie als – fiktiv gesunde – Verkäuferin in einem
Möbelgeschäft erhalten würde (gemäss den Angaben des Arbeitgebers Fr. 57'200.--
für 2012). Die in Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG geregelte erste Voraussetzung eines Anspruchs
auf eine Invalidenrente wäre somit, verstünde man den Wortlaut der lit. a absolut, nicht
erfüllt: Die Beschwerdeführerin könnte ihre Erwerbsfähigkeit zwar nicht durch eine
medizinische, wohl aber durch eine berufliche Eingliederung wieder herstellen. Sie
könnte nämlich in einen Beruf umgeschult (Art. 17 Abs. 1 IVG) werden, in dem sie zu
wenigstens 50% sitzen und trotzdem wieder Fr. 57'200.-- verdienen könnte. Allerdings
ist der Einkommensverlust bei der Ausübung einer durchschnittlich entlöhnten
Hilfsarbeit mit ungefähr 10% zu gering, als dass ein Umschulungsanspruch bestehen
könnte. Dazu wäre eine Einbusse von wenigstens 20% erforderlich (vgl.
Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz
über die Invalidenversicherung, bearbeitet von U. MEYER und M. REICHMUTH, 3. A.,
S. 201). Erst recht besteht keine Umschulungspflicht, denn diese würde, dem
Grundsatz der Eingliederung vor Rente (vgl. U. KIESER, ATSG-Kommentar 3. A.,
Vorbemerkungen N. 81 ff.) gemäss, eine drohende rentenbegründende Invalidität, d.h.
eine Erwerbseinbusse von annährend 40% voraussetzen. Da der Art. 28 Abs. 1 lit. a
IVG nur als Kodifizierung des Grundsatzes der Eingliederung vor Rente verstanden
werden kann, ist die erste Voraussetzung eines Invalidenrentenanspruchs erfüllt: Es
besteht keine medizinische oder berufliche Eingliederungspflicht der
Beschwerdeführerin, die erfüllt werden müsste, bevor ein Anspruch auf eine
Invalidenrente geprüft werden könnte.
3.
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3.1 Die Beschwerdeführerin ist an ihrem Arbeitsplatz als Verkäuferin in einem
Möbelgeschäft spätestens seit dem Unfall vom 8. Dezember 2009 zu mindestens 50%
arbeitsunfähig. Ob sie damit das sogenannte Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG
erfüllt hat, hängt davon ab, wie die Arbeitsunfähigkeit definiert ist. Der Art. 6 Satz 1
ATSG enthält eine Definition des Arbeitsunfähigkeitsbegriffs. Die Arbeitsunfähigkeit ist
demnach die Unfähigkeit, im bisherigen Beruf zumutbare Arbeit zu leisten. Nimmt man
den Wortlaut des Art. 6 Satz 1 ATSG ernst, kann die Arbeitsunfähigkeit am Arbeitsplatz
im Möbelgeschäft bei der Anwendung des Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG nicht relevant sein,
weil die Beschwerdeführerin an einer ihrer Gesundheitsbeeinträchtigung bestmöglich
angepassten Stelle als Hilfsarbeiterin zu 100% arbeitsfähig ist. Nun wird die
Arbeitsunfähigkeit als Grundlage beispielsweise der Taggelder der obligatorischen
Unfallversicherung (Art. 16 UVG) aber unter Verweis auf Art. 6 Satz 1 ATSG als
„tatsächliche Unfähigkeit, am angestammten Arbeitsplatz nutzbringend tätig zu sein“,
definiert (vgl. Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht,
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, bearbeitet von A. RUMO-JUNGO und A.P.
HOLZER, 4. A., S. 123). Hier wird also unterstellt, dass Art. 6 Satz 1 ATSG nicht nach
seinem Wortlaut auszulegen sei, d.h. dass „im bisherigen Beruf“ als „am
angestammten Arbeitsplatz“ zu interpretieren sei. Wäre diese Interpretation des Art. 6
Satz 1 ATSG richtig und auch bei der Anwendung des Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG
massgebend, hätte die Beschwerdeführerin längst das Wartejahr absolviert, könnte
aber wohl nicht in einem rentenbegründenden Ausmass invalid sein, weil die Definition
der Erwerbsunfähigkeit in Art. 7 Abs. 1 ATSG nicht den angestammten Arbeitsplatz,
sondern den in Betracht kommenden Arbeitsmarkt – und damit im Ergebnis die
wörtliche Interpretation des Art. 6 Satz 1 ATSG („im bisherigen Beruf“) - als
massgebend erklärt. Die Bemessung des zumutbaren Invalideneinkommens kann nicht
auf der Grundlage der Arbeitsunfähigkeit am angestammten Arbeitsplatz erfolgen; der
Einkommensvergleich (Art. 16 ATSG) muss auf der wörtlichen Interpretation des Art. 6
Satz 1 ATSG beruhen. Nun wäre es aber offensichtlich nicht sinnvoll, für die Erfüllung
des Wartejahres (Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG) auf die eine Interpretation („am
angestammten Arbeitsplatz“) und für den Invaliditätsgrad (Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG) auf
die andere Interpretation („im bisherigen Beruf“) des Art. 6 Satz 1 ATSG abzustellen.
Damit wäre nämlich die Erfüllung des Wartejahres in vielen Fällen ihres Sinnes entleert,
weil anschliessend keine rentenbegründende Invalidität vorliegen könnte. Daraus folgt,
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dass die bei der Anwendung des Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG (bzw. des dahinter stehenden
Art. 16 ATSG) richtige Interpretation des Art. 6 Satz 1 ATSG („im bisherigen Beruf“)
auch bei der Anwendung des Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG gelten muss. Da es sich bei Art. 6
Satz 1 ATSG um eine Definition eines allgemeinen Begriffs handelt, gilt erst recht, was
für die Interpretation jeder Norm gilt: Es kann nicht sein, dass ein und dieselbe
Bestimmung je nach Leistungsart (oder sogar je nach Anwendungsbereich innerhalb
der Regelung einer bestimmten Leistungsart) einmal so und einmal anders auszulegen
ist, also zwei voneinander abweichende Bedeutungen hat, die beide – je im
entsprechenden Zusammenhang – richtig sind. Hingegen bietet der Art. 2 ATSG den
Einzelgesetzen die Möglichkeit, von den allgemeinen Begriffsdefinitionen abzuweichen.
Das muss im Bereich der Unfall- und Krankentaggelder in Bezug auf die Definition der
Arbeitsunfähigkeit geschehen sein, denn die an das einzelarbeitsvertragliche Institut
der Lohnfortzahlungspflicht des Arbeitgebers angelehnten KV- oder UV-Taggelder
beruhen notwendigerweise auf der Arbeitsunfähigkeit am angestammten Arbeitsplatz
und nicht auf der Arbeitsunfähigkeit im bisherigen Beruf. Letzteres könnte nämlich zur
Folge haben, dass von der versicherten Person unter Berufung auf die
Schadenminderungspflicht verlangt werden könnte, die bisherige Arbeitsstelle zu
kündigen und an eine adaptierte Arbeitsstelle zu wechseln, um so die
Arbeitsunfähigkeit am angestammten Arbeitsplatz zu „überwinden“ und damit die
Entstehung eines Taggeldbedarfs zu verhindern. Dies würde aber dem Sinn und Zweck
der KV- und der UV-Taggelder, eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit am
angestammten Arbeitsplatz finanziell auszugleichen, geradewegs zuwiderlaufen. Der
KV- und der UV-Taggeldanspruch knüpfen also ihrem Wesen nach an die durch eine
Gesundheitsbeeinträchtigung verursachte Unfähigkeit an, dem aktuellen Arbeitgeber
am angestammten Arbeitsplatz die erforderliche Leistung zu erbringen. Die einen
derartigen Taggeldanspruch begründende Arbeitsunfähigkeit kann also – entgegen
einem weitverbreiteten Irrtum – nicht der Definition des Art. 6 Satz 1 ATSG („im
bisherigen Beruf“) entsprechen. Vielmehr muss es sich um eine einzelgesetzliche (u.U.
lückenfüllend geschaffene) Definition der Arbeitsunfähigkeit („am angestammten
Arbeitsplatz“) handeln.
3.2 Die Beschwerdeführerin ist als Hilfsarbeiterin zu qualifizieren, weil eine Rückkehr in
den erlernten Beruf nach so langer Zeit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht
mehr möglich ist und weil kein Hinweis darauf besteht, dass die Beschwerdeführerin im
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Verkauf spezifische Berufskenntnisse erworben hätte, die es zuliessen, sie als
Berufsfrau zu betrachten. Sie könnte zumutbarerweise auf dem gesamten Markt für
Hilfsarbeiten eingesetzt werden. Um das Risiko auszuschliessen, dass die
Arbeitslosigkeit als Arbeitsunfähigkeit fehlinterpretiert wird, ist vom ausgeglichenen
Arbeitsmarkt für Hilfsarbeiterinnen auszugehen. Dieser weist definitionsgemäss Stellen
auf, die der Gesundheitsbeeinträchtigung der Beschwerdeführerin angepasst sind und
deshalb einen uneingeschränkten Arbeitseinsatz erlauben. Da der „Beruf“ ungelernter
Arbeitnehmerinnen das gesamte Spektrum der Hilfsarbeiten umfasst, muss bei der
Anwendung des Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG auf die Arbeitsunfähigkeit der
Beschwerdeführerin an einem adaptierten Arbeitsplatz ausgegangen werden. Gemäss
den überzeugenden Angaben von Dr. B._ vom 6. August 2013 ist die
Beschwerdeführerin seit März 2012 adaptiert zu 100% arbeitsfähig. Da gemäss Art. 29
Abs. 1 IVG frühestens ab dem 1. Juli 2012 ein Anspruch auf eine Invalidenrente
bestehen kann, hat die Beschwerdeführerin das Wartejahr vor diesem Zeitpunkt nicht
erfüllt. Auch später kann sie das Wartejahr nicht mehr absolviert haben, weil sich ihr
Gesundheitszustand in der Folge nicht dauernd erheblich verschlechtert hat.
3.3 Die Beschwerdeführerin geht davon aus, dass für sie nur eine Beschäftigung an
ihrem aktuellen Arbeitsplatz in Frage komme; es sei ihr nämlich nicht zumutbar, diesen
Arbeitsplatz aufzugeben, weil sie damit langzeitarbeitslos würde. Die
Beschwerdegegnerin vertritt demgegenüber die Auffassung, der für die
Beschwerdeführerin in Betracht kommende Arbeitsmarkt umfasse all jene Arbeitsplätze
für Ungelernte, an denen die Beschwerdeführerin zu mindestens 50% der Zeit im
Sitzen arbeiten könnte. Sie hat die drohende Arbeitslosigkeit bei der Kündigung des
aktuellen Arbeitsplatzes deshalb als irrelevant qualifiziert. Diese Auffassung ist korrekt,
denn auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt würde die Beschwerdeführerin nicht
arbeitslos, weil die Fiktion besteht, dass sie sofort einen neuen, ihrer
Gesundheitsbeeinträchtigung bestmöglich angepassten Arbeitsplatz finden würde.
Dass die Beschwerdeführerin auf dem realen Arbeitsmarkt nicht oder zumindest nicht
sofort einen geeigneten Arbeitsplatz finden würde, macht den (fiktiven) Wechsel an
einen geeigneten Arbeitsplatz nicht unzumutbar. Da die Beschwerdeführerin ihren
Arbeitsplatz bei der D._ AG also nicht aufgeben muss, kann kein Anwendungsfall der
Schadenminderungspflicht gemäss Art. 21 Abs. 4 ATSG vorliegen.
4.
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Um der Begründungspflicht vollumfänglich gerecht zu werden, muss in Anwendung
von Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG noch der Invaliditätsgrad ermittelt werden. Gemäss Art. 16
ATSG ist dazu das Erwerbseinkommen, das die Beschwerdeführerin nach dem Eintritt
der Invalidität durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage
erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Beziehung zu setzen zum
Erwerbseinkommen, dass sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(sog. Valideneinkommen). Gemäss den Angaben des Arbeitgebers hat die
Beschwerdeführerin im Jahr 2012 bei einer Arbeitsfähigkeit bzw. einem
Beschäftigungsgrad von 50% einen Lohn von Fr. 28'600.-- erzielt. Wäre sie als
Verkäuferin im Möbelgeschäft uneingeschränkt arbeitsfähig, könnte sie also Fr.
57'200.-- verdienen. Dieser Betrag ist als Valideneinkommen in den
Einkommensvergleich einzusetzen. Da die Beschwerdeführerin zur Verwertung ihrer
verbliebenen Arbeitsfähigkeit irgendeine adaptierte Hilfstätigkeit ausüben könnte, ist
bei der Ermittlung des Invalideneinkommens praxisgemäss vom Zentralwert der
Hilfsarbeiterinnenlöhne gemäss der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen
Lohnstrukturerhebung auszugehen. Dieser Zentralwert hat sich im Jahr 2012 auf Fr.
51'441.-- belaufen (vgl. den Anhang 2 des von der Informationsstelle AHV/IV
herausgegebenen ATSG-/IV-Textes Stand 2015). Da die Beschwerdeführerin zum
Zeitpunkt des möglichen Rentenbeginns (2012) bereits 50-jährig gewesen ist, hätte ein
Arbeitgeber einen überdurchschnittlichen Kostenaufwand für die
Sozialversicherungsabgaben insbesondere der zweiten Säule zu gewärtigen. Weitere
Wettbewerbsnachteile der Beschwerdeführerin gegenüber gesunden
Hilfsarbeiterinnen, die an einem identischen Arbeitsplatz tätig wären, sind nicht zu
erkennen. Insbesondere kann nicht davon ausgegangen werden, dass die
Beschwerdeführerin an einem adaptierten Arbeitsplatz aufgrund ihrer
Gesundheitsbeeinträchtigung unflexibler, krankheits- bzw. absenzgeneigter und/oder in
einem höheren Mass auf Rücksichtnahme angewiesen wäre als gesunde
Hilfsarbeiterinnen. Sie würde also einem Arbeitgeber keine höheren indirekten
Lohnkosten verursachen als die gesunden Hilfsarbeiterinnen, die bei einem
betriebswirtschaftlich-ökonomisch sinnvollen Verhalten des Arbeitgebers durch einen
unterdurchschnittlichen Lohn kompensiert werden müssten. Einzig die erhöhten
fiktiven Sozialversicherungsbeiträge rechtfertigen also einen Tabellenlohnabzug. Dieser
ist ermessensweise auf 5% festzusetzen. Damit sind Fr. 48'869.-- als
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Invalideneinkommen in den Einkommensvergleich einzusetzen. Die durch die
Gesundheitsbeeinträchtigung bewirkte Erwerbseinbusse von Fr. 8'331.-- entspricht
einem Invaliditätsgrad von (aufgerundet) 15%. Da erst ab einem Invaliditätsgrad von
40% ein Anspruch auf eine Rente besteht (Art. 28 Abs. 2 IVG), hätte die
Beschwerdeführerin selbst dann, wenn sie das Wartejahr erfüllt hätte, keinen Anspruch
auf eine Invalidenrente. Die angefochtene Verfügung erweist sich als rechtmässig.
5.
Damit ist die Beschwerde abzuweisen. Die vollumfänglich unterliegende
Beschwerdeführerin hat für die Gerichtskosten aufzukommen. Diese sind
praxisgemäss auf Fr. 600.-- festzusetzen. Sie sind durch den von der
Beschwerdeführerin in gleicher Höhe geleisteten Kotenvorschuss gedeckt. Das Gesuch
der Beschwerdeführerin um die Zusprache einer Parteientschädigung ist aufgrund des
vollumfänglichen Unterliegens abzuweisen.