Decision ID: 16235f8d-0b4a-5578-85a6-b47c1bcfd997
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste gemäss eigenen Angaben am 27. Juli 2020
in die Schweiz ein, wo er am 3. August 2020 um Asyl ersuchte. Ein Abgleich
seiner Fingerabdrücke mit der «Eurodac»-Datenbank ergab, dass er am
28. Mai 2020 in Kroatien ein Asylgesuch gestellt hatte (Akten der Vor-
instanz [SEM act.] 1, 9).
B.
Am 6. August 2020 nahm das SEM die Personalien des Beschwerdefüh-
rers auf (SEM act. 12). Anlässlich des am 12. August 2020 durchgeführten
persönlichen Gesprächs nach Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) gewährte ihm die Vorinstanz im
Beisein seiner Rechtsvertretung das rechtliche Gehör zur Zuständigkeit
Kroatiens für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zu
einer allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum medizinischen Sachverhalt
(SEM act. 14).
C.
Am 5. August 2020 ersuchte das SEM die kroatischen Behörden um Über-
nahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO.
Diese stimmten dem Übernahmeersuchen am 18. August 2020 zu (SEM
act. 18).
D.
Mit Verfügung vom 20. August 2020 (eröffnet am 25. August 2020) trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte seine Überstel-
lung nach Kroatien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den
Kanton Baselland mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte dem Be-
schwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus
und stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid
keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. 23).
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Seite 3
E.
Mit Beschwerde vom 1. September 2020 an das Bundesverwaltungsge-
richt beantragte der Beschwerdeführer, die angefochtene Verfügung sei
vollumfänglich aufzuheben und das SEM anzuweisen, sich für das Asylge-
such des Beschwerdeführers für zuständig zu erachten. Eventualiter sei
die Sache zur rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Weiter sei im Sinne einer vorsorglichen Massnahme der
vorliegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die
Vollzugsbehörde sei unverzüglich anzuweisen, von einer Überstellung des
Beschwerdeführers nach Kroatien abzusehen, bis das Bundesverwal-
tungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden
habe. Schliesslich ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
(Akten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer act.] 1).
F.
Am 2. September 2020 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56
VwVG den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus (BVGer
act. 2). Gleichentags lagen dem Bundesverwaltungsgericht die vorinstanz-
lichen Akten in elektronischer Form vor (Art. 109 Abs. 3 AsylG).
G.
Mit Zwischenverfügung vom 8. September 2020 erkannte das Gericht der
Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu, hiess das Gesuch um unent-
geltliche Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und ersuchte die
Vorinstanz um Einreichung einer Vernehmlassung (BVGer act. 3).
H.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 23. September 2020
auf Abweisung der Beschwerde. Mit Replik vom 3. November 2020 nahm
der Beschwerdeführer erneut Stellung (BVGer act. 4 und 8), und am
17. Dezember 2020 liess er ein medizinisches Datenblatt nachreichen.
I.
Mit Entscheid vom 11. Dezember 2020 verfügte das SEM die Zuweisung
des Beschwerdeführers an den Kanton Basel-Landschaft.
F-4368/2020
Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren
richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG
nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde le-
gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die überdies frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG sowie Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.H.).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer macht eine Verletzung des Akteneinsichtsrechts
gemäss Art. 26 VwVG geltend, da ihm das SEM nicht alle entscheidrele-
vanten Akten in Bezug auf den medizinischen Sachverhalt ausgehändigt
habe. Bei der Feststellung des medizinischen Sachverhalts berufe sich die
Vorinstanz auf Abklärungen der Medic-Help. Die diesbezüglichen Doku-
mente seien im Aktenverzeichnis unter der Kategorie B (interne Akten) ab-
gelegt und der Rechtsvertretung mit dem Entscheid nicht zugestellt worden
(Beschwerde Ziff. 15 S. 10).
F-4368/2020
Seite 5
3.2 Das Recht auf Akteneinsicht bildet einen Teilgehalt des verfassungs-
mässigen Anspruchs auf rechtliches Gehör (vgl. Art. 29 Abs. 2 BV) und ist
für das Verwaltungsverfahren in den Art. 26 - 28 VwVG geregelt. Es soll
den Parteien ermöglichen, sich über alle für das Verfahren wesentlichen
Unterlagen zu orientieren. Nur in Kenntnis aller entscheidrelevanten Akten-
stücke ist es den Parteien möglich, ihre Interessen wirksam wahrzuneh-
men (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, N 493 m.H.; MICHELE ALBERTINI,
Der verfassungsmässige Anspruch auf rechtliches Gehör im Verwaltungs-
verfahren des modernen Staates, 2000, S. 225). Das Recht auf Aktenein-
sicht betrifft somit sämtliche Akten, die geeignet sind, als Grundlage für den
Entscheid in der entsprechenden Sache zu dienen bzw. den Ausgang des
Verfahrens zu beeinflussen (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, a.a.O. N 494
m.H.; ALBERTINI, a.a.O., S. 226 f.; WALDMANN/OESCHGER, in: Praxiskom-
mentar VwVG, 2. Aufl. 2016, N 60 ff. zu Art. 26 VwVG). Gemäss Art. 27
Abs. 1 VwVG kann das Akteneinsichtsrecht eingeschränkt werden, wenn
der Offenlegung eines Aktenstücks überwiegende öffentliche oder private
Geheimhaltungsinteressen entgegenstehen (Art. 27 Abs. 1 VwVG). Die
Einschränkung des Akteneinsichtsrechts muss dabei den Anforderungen
an die Verhältnismässigkeit genügen, d.h. sie muss sich auf das Erforder-
liche beschränken (Art. 27 Abs. 2 VwVG).
3.3 Bei den vom Beschwerdeführer erwähnten Aktenstücken handelt es
sich um E-Mails, die im Aktenverzeichnis des SEM als «Meldung an Medic-
Help Basel» und «Antwort von Medic-Help» verzeichnet sind sowie als in-
terne Akten abgelegt wurden (SEM act. 20 und 21). Es kann vorliegend
offengelassen werden, ob die Dokumente zu Recht als interne Akten be-
zeichnet wurden, wurde die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers
doch mit E-Mail vom 18. August 2020 über den E-Mailverkehr zwischen
dem SEM und der Medic-Help Basel informiert (SEM act. 22). Dabei wur-
den ihr sämtliche wesentlichen Informationen bezüglich des vorgenannten
E-Mail-Verkehrs weitergegeben und es war dem Beschwerdeführer (bzw.
seiner Rechtsvertreterin) ohne weiteres möglich, die Rechte wirksam wahr-
zunehmen. Eine Verletzung des Akteinsichtsrechts liegt mithin nicht vor.
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Seite 6
4.
4.1 Weiter bringt der Beschwerdeführer vor, das SEM habe den medizini-
schen Sachverhalt nicht rechtsgenüglich festgestellt und habe es unterlas-
sen, seinen psychischen Gesundheitszustand umfassend abzuklären (Be-
schwerde Ziff. 17 S. 11).
4.2 Wie sich aus den vorinstanzlichen Akten ergibt, stellte die Rechtsver-
treterin im Anschluss an das Dublin-Gespräch vom 12. August 2020 einen
Antrag auf psychologische Abklärung des Beschwerdeführers (SEM act.
14). Mit E-Mail vom 18. August 2020 wandte sich das SEM an die Rechts-
vertreterin und teilte ihr mit, dass die Beschwerden des Beschwerdeführers
bei Medic-Help in Basel bekannt seien. Er sei bereits zweimal zur Arztvisite
eingeladen worden, aber nicht erschienen. Man habe ihm mit einem Dol-
metscher mehrmals versucht zu erklären, dass es sehr wichtig sei, zum
Termin zu erscheinen. Er sei auch mehrmals daran erinnert worden, er
müsse zuerst zur ärztlichen Untersuchung kommen, bevor er zur psycho-
logischen Behandlung überwiesen werden könne. Überdies erhalte er je-
den Abend ein Antidepressivum, das er leider fast nie abgeholt habe. Man
habe ihm immer wieder erklärt, dass er das Medikament abholen müsse
und dies wichtig sei für seine psychische Situation. In den kommenden Ta-
gen sei er nochmals zu einer Arztvisite eingeladen worden (SEM act. 22).
Mit Verfügung vom 20. August 2020 trat das SEM auf das Asylgesuch nicht
ein und führte dort aus, eine Anfrage bei den internen Pflegefachpersonen
des Bundesasylzentrums (BAZ) habe ergeben, dass der Beschwerdefüh-
rer nie bei einer Arztvisite erschienen sei, dies trotz vorgängiger Orientie-
rung mittels Dolmetscher. Auch habe er das verschriebene Antidepressi-
vum bei der Pflege nie abgeholt (SEM act. 23).
Der Beschwerdeführer brachte in seiner Rechtsmitteleingabe vor, das SEM
habe zwar Rücksprache genommen mit dem Pflegepersonal in der Unter-
kunft, sich jedoch mit der Erklärung zufriedengegeben, der Beschwerde-
führer sei nicht zur Arztvisite erschienen und habe seine Medikamente
nicht abgeholt. Es wäre hingegen zu erwarten gewesen, dass die Vor-
instanz weitere Anstrengungen unternehme, um den medizinischen Sach-
verhalt abzuklären. Ferner sei zu berücksichtigen gewesen, dass der Be-
schwerdeführer mit der Wahrnehmung der Arztvisiten bzw. Abholung der
Medikamente zu festen Zeiten aufgrund seiner schlechten psychischen
Verfassung höchstwahrscheinlich überfordert gewesen sei (vgl. Be-
schwerde Ziff. 5 S. 6; Ziff. 17 S. 11 [BVGer act. 1]).
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Ergänzend machte das SEM in seiner Vernehmlassung in dieser Hinsicht
geltend, eine erneute Anfrage bei der SEM-Pflege [...] vom 11. September
2020 habe bestätigt, dass der Beschwerdeführer dreimal auf der Visite ein-
geplant worden und nie erschienen sei. Der Gesundheitsdienst in [...]
habe in Rücksprache mit dem internen Zentrumsarzt dem Beschwerdefüh-
rer aufgrund seiner Schlafstörungen ein Medikament verschrieben, wel-
ches er auch selber mitgebracht habe. Er habe dieses Medikament aber
nie abgeholt und sei seit seiner Verlegung ins BAZ [...] kein einziges Mal
am Schalter vorstellig geworden (SEM act. 33).
In seiner Replik monierte der Beschwerdeführer, dass das SEM den medi-
zinischen Sachverhalt nach wie vor nicht abschliessend geklärt habe und
die diesbezüglichen erforderlichen Schritte nicht in die Wege geleitet habe.
Es sei unverständlich, dass ein offensichtlich unter psychischen Problemen
leidender Asylsuchender von den Pflegepersonen nicht angehört werde
bzw. nicht an die nötigen Fachärzte verwiesen werde (BVGer act. 8).
4.3 Der Beschwerdeführer verkennt, dass ihm im Rahmen des Asylverfah-
rens eine Mitwirkungspflicht obliegt. In diesem Sinne statuiert Art. 8 Abs. 1
Bst. f AsylG die Pflicht von Asylsuchenden, sich einer vom SEM angeord-
neten medizinischen Untersuchung zu unterziehen. Der Beschwerdeführer
wäre damit – entsprechend den mehrmaligen Aufforderungen – gehalten
gewesen, die ärztliche Sprechstunde aufzusuchen. Sofern die Rechtsver-
treterin nun moniert, das SEM "wälze" die Verantwortung auf den Be-
schwerdeführer ab, so gilt es zu bedenken, dass sie selbst – soweit aus
den Akten ersichtlich – nach Erhalt der E-Mail des SEM vom 18. August
2020 keinerlei Bestrebungen an den Tag legte, die psychologische Abklä-
rung bzw. die Arztvisite in die Wege zu leiten und den Beschwerdeführer
entsprechend zu instruieren. Auch der Replik sind keine Vorbringen zu ent-
nehmen, die darauf schliessen lassen, dass der Beschwerdeführer oder
seine Rechtsvertreterin in dieser Sache nunmehr aktiv geworden sind und
eine ärztliche Untersuchung durchgeführt bzw. in die Wege geleitet worden
ist. Die Rechtsvertreterin führte ferner nicht aus, welche weiteren Anstren-
gungen vom SEM noch zu erwarten gewesen wären. Es erscheint nicht
nachvollziehbar, dass es dem Beschwerdeführer bis heute nicht möglich
gewesen sein soll, die ärztliche Visite aufzusuchen. Schliesslich ergeben
sich aus den Akten auch keine Hinweise darauf – und wird auch nicht gel-
tend gemacht –, dass der Beschwerdeführer urteilsunfähig wäre.
4.4 In einem Widerspruch zum Vorbringen des Beschwerdeführers bzw.
seiner Rechtsvertreterin, er sei zur Wahrnehmung eines Arzttermins
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höchstwahrscheinlich überfordert, steht auch seine Aussage, er habe ei-
nen Arzttermin gehabt; als er zu diesem erschienen sei, sei der Arzt nicht
mehr da gewesen; überdies seien ihm die Zeiten für die Abholung der ver-
schreibungspflichtigen Medikamente im Camp nicht mitgeteilt worden (Be-
schwerde Ziff. 5 S. 6). Es kann durchaus sein, dass es bei der Vereinba-
rung eines Termins in zeitlicher Hinsicht zu Missverständnissen kommt, al-
lerdings erschien der Beschwerdeführer ganze drei Mal nicht zur geplanten
ärztlichen Visite und holte auch sein Medikament nie ab (vgl. E-Mail der
Pflege [...] vom 11. September 2020), weshalb seine diesbezüglichen Aus-
führungen nicht glaubhaft erscheinen. Nicht zu überzeugen vermag auch
sein lediglich pauschaler Einwand, das Pflegepersonal in der Asylunter-
kunft [...] habe sich geweigert, ihn zum Arzt zu schicken. Wie auch das
SEM in seiner Vernehmlassung ausführt, steht es dem Beschwerdeführer
im Übrigen weiterhin – bis zum Tag seiner Überstellung nach Kroatien –
offen, sich medizinisch untersuchen und behandeln zu lassen.
4.5 Das SEM ist damit seinen Abklärungspflichten nachgekommen, zumal
es den Beschwerdeführer nicht zu einer ärztlichen Untersuchung zwingen
kann (vgl. Urteil des BVGer E-3733/2020 vom 31. Juli 2020 E. 4.3). Es
besteht folglich kein Anlass, die Sache zwecks weiterer Abklärungen des
medizinischen Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen.
5.
5.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM die Wegweisung aus
der Schweiz und ordnet deren Vollzug an (Art. 44 AsylG).
5.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapi-
tel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem Mit-
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gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens («take back») findet demgegen-
über grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.H.).
5.3 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
die antragstellende Person, die während der Prüfung ihres Antrags in ei-
nem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder die sich im Ho-
heitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach
Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wiederaufzunehmen (Art. 18 Abs. 1
Bst. b Dublin-III-VO). Analoges gilt bei einem Drittstaatsangehörigen oder
Staatenlosen, dessen Antrag abgelehnt wurde und der in einem anderen
Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet eines
anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält (Art. 18 Abs. 1 Bst. d
Dublin-III-VO).
5.4 Der Beschwerdeführer hat gemäss «Eurodac»-Datenbank am 28. Mai
2020 in Kroatien ein Asylgesuch gestellt. Die kroatischen Behörden haben
dem Übernahmeersuchen im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO
am 18. August 2020 zugestimmt. Die grundsätzliche Zuständigkeit Kroati-
ens ist somit gegeben.
5.5 Nachfolgend ist demnach zu prüfen, ob es im Licht von Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren
und die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Kroatien würden sys-
temische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschli-
chen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-
Grundrechtecharta mit sich bringen oder ob in casu nach Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-VO das Selbsteintrittsrecht auszuüben ist.
6.
6.1 Das SEM führte in seiner Verfügung vom 20. August 2020 im Wesent-
lichen aus, die kroatischen Behörden würden in der Tat seit mehreren Mo-
naten von zahlreichen Organisationen dahingehend kritisiert, dass Migran-
tinnen und Migranten keine Möglichkeit zur Einreichung eines Asylgesuchs
geboten werde und sie ohne individuelle Prüfung der Fluchtgründe sowie
teilweise unter Anwendung von Gewalt unter anderem nach Bosnien und
Herzegowina zurückgeführt würden (sog. Push-Backs). Den vorliegenden
Hinweisen zufolge seien von der Problematik mehrheitlich Personen be-
troffen, welche in Kroatien illegal in das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten
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Seite 10
einreisen würden, in diesem Zusammenhang von den kroatischen Polizei-
und Grenzbehörden angehalten und sich dabei keine Fingerabdrücke ab-
nehmen lassen würden, zumal sie nicht an einem Asylverfahren in Kroatien
interessiert seien und in einen anderen Mitgliedstaat reisen wollten. Die
oben geschilderte Problematik im kroatischen Grenzgebiet könne aller-
dings nach den aktuellen Erkenntnissen des SEM mit den auf die Dublin-
III-VO gestützten Rückführungen nach Kroatien überhaupt nicht verglichen
werden. Die Schweizer Botschaft habe in Kroatien unter anderem abge-
klärt, ob und inwiefern Personen, welche aufgrund der Dublin-III-VO nach
Kroatien zurückgeführt würden (sog. Dublin-Rückkehrer) von der geschil-
derten Problematik betroffen sein könnten. Nebst der Konsultation von öf-
fentlich zugänglichen Quellen seien persönliche Gespräche mit Vertretern
des kroatischen Innenministeriums, mit dem International Office for Migra-
tion (IOM) und mit der Ombudsstelle der Republik Kroatien geführt worden.
Die Abklärungen durch die Schweizer Botschaft hätten keine Hinweise auf
generelle systemische Schwachstellen im kroatischen Asyl- und Aufnah-
mesystem ergeben. Bei Personen, die im Rahmen des Dublin-Verfahrens
von der Schweiz nach Kroatien überstellt würden, erfolge die Rückführung
ausnahmslos in die Hauptstadt Zagreb. Die Dublin-Rückkehrer hätten Zu-
gang zu einem rechtsstaatlichen Asyl- und Wegweisungsverfahren. Zudem
seien keine Hinweise vorhanden, die belegen würden, dass den Dublin-
Rückkehrern eine Rückschiebung nach Bosnien und Herzegowina (Ketten-
abschiebung) oder systematische Gewalt seitens der kroatischen Polizei-
behörde drohe. Der Zugang zu wirksamen Rechtsmitteln sei gewährleistet
(SEM act. 23).
6.2 Der Beschwerdeführer bringt dagegen rechtsmittelweise insbeson-
dere vor, das SEM habe sich nicht mit der aktuellen Berichterstattung über
die Situation in Kroatien auseinandergesetzt. Im Urteil des BVGer
E-3078/2019 vom 12. Juli 2019 sei festgestellt worden, dass das SEM ver-
pflichtet gewesen wäre zu überprüfen, ob für Asylsuchende in Kroatien ge-
nerell die Gefahr einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung
bestehe (Beschwerde Ziff. 8). Es sei denn auch nicht garantiert, dass der
Beschwerdeführer bei einer Überstellung nach Kroatien Zugang zu ange-
messener Unterbringung und Versorgung hätte und ein faires Asylverfah-
ren erhalten würde. Gemäss einem Bericht der «Asylum Information Data-
base» (AIDA) hätten sich die Zustände im Empfangszentrum Zagreb zwar
verbessert, für Dublin-Rückkehrer würden sich jedoch weiterhin Probleme
beim Zugang zum kroatischen Asylverfahren stellen. So müssten Perso-
nen, welche vor Abschluss ihres Asylverfahrens aus einem Mitgliedstaat
zurück nach Kroatien kehren würden, erneut ein Asylgesuch einreichen,
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Seite 11
um wieder im Asylprozess zu sein. Auch beim Zugang zu medizinischer
Versorgung stellten sich für Dublin-Rückkehrer Probleme. Médecins du
monde habe im Februar 2019 darauf hingewiesen, dass die medizinische
Versorgung von psychisch erkrankten Asylsuchenden, die unter der Dub-
linverordnung nach Kroatien zurückkehrten, mangelhaft sei und diese
dadurch eine wesentlich tiefere Lebensqualität hätten. Asylsuchende seien
in Kroatien überdies nicht krankenversichert und hätten keinen Zugang
zum regulären staatlichen Gesundheitssystem. Ihnen werde lediglich eine
Notversorgung zugestanden, obwohl das Asylverfahren mehrere Monate
dauere (Beschwerde Ziff. 9).
7.
7.1 Wie bereits in der Verfügung des SEM vom 20. August 2020 ausge-
führt, ist Kroatien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301), und es ist grundsätzlich anzunehmen, dass es seinen
diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommt. Ausser-
dem darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben.
7.2 Diese Vermutung kann jedoch umgestossen werden, wenn nachge-
wiesen wird, dass eine reale Gefahr besteht, die kroatischen Behörden
würden ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht respektieren.
Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts liegen jedoch zum jetzi-
gen Zeitpunkt, auch unter Würdigung der kritischen Berichterstattung be-
züglich Kroatien, keine Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und
die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in Kroatien würden systemi-
sche Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-
VO aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigen-
den Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich
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Seite 12
bringen würden (vgl. bspw. Urteile des BVGer F-5436/2020 vom 10. No-
vember 2020 E. 5.2 – 5.5, E-829/2020 vom 11. März 2020 E. 5.1.2, F-
5933/2019 vom 23. Januar 2020; E. 6.4; D-405/2020 vom 28. Januar
2020, E. 6.1.; D-3665/2019 vom 25. Juli 2019; D-2829/2019 vom 12. Juni
2019; E-482/2019 vom 8. Februar 2019 E. 4).
7.3 Daran vermögen auch die beschwerdeweisen Vorbringen nichts zu än-
dern. So kann der Vorinstanz nicht vorgeworfen werden, sie habe sich nicht
mit der aktuellen Situation von Asylsuchenden in Kroatien auseinanderge-
setzt, zumal sie in ihrem Entscheid vom 20. August 2020 ausdrücklich zu
der von zahlreichen Organisationen aktuell geäusserten Kritik an der Lage
in Kroatien Stellung nahm. Auch von dem in der Beschwerde in diesem
Zusammenhang erwähnten Referenzurteil des Bundesverwaltungsge-
richts E-3078/2019 kann der Beschwerdeführer nichts ableiten, betreffen
die dortigen Ausführungen doch ein Aufnahmeverfahren (vgl. auch Urteil
des BVGer F-2315/2020 vom 11. Mai 2020 E. 6.2). Vorliegend handelt es
sich jedoch um ein Wiederaufnahmeverfahren nach Art. 18 Abs. 1 Bst. b
Dublin-III-VO. Der Beschwerdeführer reiste am 28. Mai 2020 illegal nach
Kroatien und stellte gleichentags – wenn auch wie er selbst behauptet,
nicht bewusst – ein Asylgesuch. Es kann somit gerade nicht davon ausge-
gangen werden, ihm sei der Zugang zum Asylverfahren verweigert worden,
weshalb auch der Hinweis auf das Urteil F-661/2020 fehlschlägt (siehe
dazu Urteil des BVGer F-4456/2020 vom 15. September 2020 6.4). Nicht
relevant ist dabei, dass Kroatien gar nicht sein Ziel gewesen sei.
Der Beschwerdeführer machte anlässlich des Dublin-Gesprächs weiter
pauschal geltend, er sei von den kroatischen Behörden dreimal aufgegrif-
fen und jeweils nach Serbien abgeschoben worden; man habe seine Fin-
gerabdrücke abgenommen sowie ihn angegriffen und geschlagen. Wenn
auch bereits die Abschiebung nach Serbien im Hinblick auf das in Kroatien
registrierte Asylgesuch nicht nachvollziehbar und die diesbezügliche Be-
hauptung deshalb unglaubhaft erscheint, so ist davon auszugehen, dass
aufgrund dieses Einzelfalls nicht abgeleitet werden kann, Kroatien
verstosse systematisch gegen die Verfahrensrichtlinie und würde dem Be-
schwerdeführer dauerhaft die ihm gemäss Aufnahmerichtlinie zustehen-
den minimalen Lebensbedingungen vorenthalten. Bei einer allfälligen vo-
rübergehenden Einschränkung könnte er sich im Übrigen an die dafür zu-
ständigen Behörden wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedin-
gungen auf dem Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 der Aufnahmerichtli-
nie). Zudem steht ihm die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen
Organisationen zu kontaktieren.
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Seite 13
Schliesslich sind die Mitgliedstaaten verpflichtet, den Antragstellern die er-
forderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1
Aufnahmerichtlinie); den Antragstellern mit besonderen Bedürfnissen ist
die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigen-
falls einer geeigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19
Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Sodann bestehen in Kroatien nebst den staat-
lichen Einrichtungen auch Angebote von Nichtregierungsorganisationen
für die psychische Betreuung, womit von einem genügenden psychologi-
schen Behandlungsangebot auszugehen ist (vgl. Urteil des BVGer E-
829/2020 vom 11. März 2020 E. 5.3.2). In dieser Hinsicht vermögen auch
die auf Beschwerdeebenen zitierten Berichte zu keiner anderen Einschät-
zung der Situation des Beschwerdeführers in Kroatien führen. Es liegen
damit keine Hinweise vor, wonach Kroatien seinen Verpflichtungen im Rah-
men der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde.
7.4 Nach dem Gesagten besteht kein konkretes und ernsthaftes Risiko,
dass die Überstellung des Beschwerdeführers nach Kroatien gegen Art. 3
EMRK oder andere völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz
oder Landesrecht verstossen würde. Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO ist nicht gerechtfertigt. Das SEM hat seine Untersuchungs-
pflicht demnach nicht verletzt.
8.
8.1 Weiter fordert der Beschwerdeführer die Anwendung der Ermessens-
klausel von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO. Dieses sogenannte Selbsteintritts-
recht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Das SEM kann das
Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humanitären Gründen" auch
dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zu-
ständig wäre. Bei drohender Völkerrechtswidrigkeit der Überstellung ist der
Selbsteintritt zwingend.
8.2 Der Beschwerdeführer begründet dies mit seinem Gesundheitszu-
stand. Eine Überstellung nach Kroatien könne nur erfolgen, wenn sicher-
gestellt werde, dass die dortige Unterbringung seinen besonderen Bedürf-
nissen gerecht werden könne (Beschwerde Ziff. 12 S. 9).
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8.3 Das Gericht beschränkt seine Beurteilung der Anwendung von Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 dabei im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sacherhalt
diesbezüglich korrekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umstän-
den Rechnung getragen und seinen Ermessensspielraum korrekt ausge-
übt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a und b AsylG und hierzu BVGE 2015/9 E.
7 f.).
8.4 Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 12. August 2020 führte der Be-
schwerdeführer zu seinem Gesundheitszustand aus, es gehe ihm psy-
chisch nicht gut. In der letzten Nacht hätte er kaum zwei Stunden geschla-
fen. Er wünsche sich etwas Stärkeres als Tee. Er habe den Arzt um Medi-
kamente gebeten, aber noch keine erhalten. Er habe solche Angst; sein
Bruder sei am 26. Juli 2020 bei einem Angriff der türkischen Luftwaffe ge-
storben. Auch in der Vergangenheit habe er bereits Medikamente gegen
die Angstzustände genommen.
Rechtsmittelweise wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer leide an
psychischen Problemen und sei auf die Einnahme von Antidepressiva an-
gewiesen (Beschwerde Ziff. 11 S. 9). Der Beschwerde beigelegt wurde ein
Kurzbericht eines irakischen Psychiaters, dem die Diagnose [...] sowie die
– soweit erkennbar – diesbezügliche Medikation zu entnehmen ist.
Mit Replik vom 3. November 2020 erklärte der Beschwerdeführer, er habe
nach wie vor gesundheitliche Probleme. Er leide unter grossem psychi-
schen Stress, Angstzuständen und Schlafstörungen.
8.5 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des EGMR). Eine weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft
Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels angemessener me-
dizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert
würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung
ihres Gesundheitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Lei-
den oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde
(vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
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8.6 Eine solche Situation ist in casu nicht gegeben. Aus den Akten ist nicht
ersichtlich, dass der Beschwerdeführer nicht reisefähig wäre oder eine
Überstellung seine Gesundheit ernsthaft gefährden würde. Gemäss mit
Beschwerde eingereichten medizinischen Bericht machten sich die psychi-
schen Symptome des Beschwerdeführers bereits in seinem Heimatland
bemerkbar (E. 8.4). Soweit aus den Akten ersichtlich, hat der Beschwerde-
führer anlässlich seines Aufenthalts in der Schweiz überdies bis heute kei-
nen Arzt aufgesucht, womit nicht von einer Unzulässigkeit im Sinne dieser
restriktiven Rechtsprechung auszugehen ist. Im Übrigen verfügt Kroatien
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur (vgl. E. 7.3). Es liegen
keine Hinweise vor, wonach Kroatien seinen Verpflichtungen im Rahmen
der Dublin-III-VO in medizinischer Hinsicht nicht nachkommen würde.
8.7 Eine allenfalls fehlende Reisefähigkeit stellt überdies lediglich ein tem-
poräres Vollzugshindernis dar. Sofern der Beschwerdeführer rügt, das
SEM habe die kroatischen Behörden anlässlich des Übernahmegesuchs
nicht über seinen Gesundheitszustand informiert (Beschwerde Ziff. 14 S.
10), so ist darauf hinzuweisen, dass das SEM dem aktuellen Gesundheits-
zustand des Beschwerdeführers und den damit im Zusammenhang ste-
henden medizinischen Umständen bei der Organisation der Überstellung
nach Kroatien genügend Rechnung trägt, wenn es die kroatischen Behör-
den kurz vorher in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen
Umstände informiert (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO). Die kroatischen Behör-
den werden damit in der Lage sein, die notwendigen Vorkehrungen zu tref-
fen.
8.8 Die geltend gemachten gesundheitlichen Probleme stehen somit einer
Überstellung des Beschwerdeführers nach Kroatien nicht entgegen.
8.9 Zusammenfassend besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1. Somit bleibt Kroatien der für die Behandlung der Asylverfahren
des Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO.
Kroatien ist verpflichtet, das Asylverfahren wiederaufzunehmen. Ergän-
zend gilt es darauf hinzuweisen, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchen-
den auch kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber
auszuwählen.
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9.
Die Vorinstanz ist demnach zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwer-
deführers nicht eingetreten und hat richtigerweise die Überstellung nach
Kroatien angeordnet. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm jedoch mit
Zwischenverfügung vom 8. September 2020 die unentgeltliche Prozess-
führung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt worden ist, sind keine Ver-
fahrenskosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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