Decision ID: ca0635b1-be93-41cf-a097-24858657d149
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Körperverletzung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 10. Abteilung - Einzelgericht, vom 12. November 2020 (GG200170)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 30. Juli 2020 (Urk. 22
B) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 66)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− des mehrfachen Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB,
− der Hinderung einer Amtshandlung im Sinne von Art. 286 StGB,
− der Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB, sowie
− des geringfügigen Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB in Verbindung mit
Art. 172ter Abs. 1 StGB.
2. Vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 StGB wird
der Beschuldigte freigesprochen.
3. Die mit Entscheid des Amts für Justizvollzug des Kantons Zürich vom 26. April 2018
bzw. 11. Mai 2018 verfügte bedingte Entlassung wird widerrufen. Der Beschuldigte
wird in den Vollzug der noch ausstehenden Reststrafe von 99 Tagen Freiheitsstrafe
rückversetzt.
4. Der Beschuldigte wird unter Einbezug dieses Strafrestes gemäss Ziff. 3 bestraft mit
einer Freiheitsstrafe von 4 Monaten als Gesamtstrafe (wovon bis und mit heute 1 Tag
durch Haft erstanden ist), teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil des Bezirksgerichts
Baden vom 15. August 2018, sowie mit einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu
Fr. 30.– und einer Busse von Fr. 100.–.
5. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird zugunsten der mit Urteil des Bezirksgerichts
Baden, Strafgericht, vom 15. August 2018 angeordneten stationären Massnahme im
Sinne von Art. 60 Abs. 1 StGB aufgeschoben.
6. Die Geldstrafe wird vollzogen.
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7. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so
tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 1 Tag.
8. Die Schadenersatzbegehren der Privatkläger 1-3 werden auf den Zivilweg verwiesen.
9. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 4 Schadenersatz in der Höhe
von Fr. 897.05 zu bezahlen, im Mehrbetrag wird das Schadenersatzbegehren auf den
Zivilweg verwiesen.
10. Das Genugtuungsbegehren des Privatklägers 1 wird abgewiesen.
11. Über die Höhe der Kosten der amtlichen Verteidigung wird mit separater Verfügung
entschieden.
12. Über die Höhe der Kosten der unentgeltlichen Rechtsvertretung des Privatklägers 1
wird mit separater Verfügung entschieden.
13. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'500.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'600.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 300.00 Auslagen Stadtspital Waid (Arztbericht etc.)
Fr. 20.00 Auslagen Polizei (Fotos)
Fr. 1'273.95 ehemaliger amtlicher Verteidiger RA lic. iur. Y2._
Fr. 8'727.45 amtliche Verteidigung
Fr. 7'940.25 unentgeltliche Rechtsvertretung Privatkläger 1
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
14. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Rechtsvertretung
des Privatklägers 1, werden dem Beschuldigten zur Hälfte auferlegt und im Übrigen
auf die Gerichtskasse genommen.
15. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse genommen;
vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO im Umfang der
Hälfte.
16. Die Kosten der unentgeltlichen Rechtsvertretung des Privatklägers 1 werden auf die
Gerichtskasse genommen."
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Berufungsanträge (Prot. II S. 6 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 111)
1. Die Berufung des Privatklägers 1 sei vollumfänglich abzuweisen und es sei
das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 12. November 2020 zu bestätigen.
2. Die Kosten für das Berufungsverfahren, inklusive Kosten der amtlichen
Verteidigung, seien dem Privatkläger 1 / Berufungsführer aufzuerlegen.
3. Die amtliche Verteidigung sei gemäss eingereichter Kostennote vorab aus
der Staatskasse zu entschädigen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 76, sinngemäss)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
c) Der Privatklägerschaft:
(Urk. 108)
1. Die Berufung sei gutzuheissen und der Beschuldigte sei bezüglich
Anklagepunkt Dossier 1 (zum Nachteil des Privatklägers A._)
anklagegemäss schuldig zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genugtuung von
Fr. 2'000.00, zuzüglich 5% Zins seit dem 4. September 2017, zu bezahlen.
3. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger Schadenersatz wie
folgt zu bezahlen: Fr. 583.00 Krankenwagenkosten.
Eventualiter: Der Beschuldigte sei dem Grundsatz nach zu verpflichten, dem
Privatkläger A._ für den bereits entstandenen wie auch für einen
allfälligen zukünftigen Schaden, der im Zusammenhang mit den
eingeklagten Ereignissen steht, Schadenersatz zu leisten.
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4. Die Kosten des Berufungsverfahrens sowie diejenigen der unentgeltlichen
Rechtsvertreterin für das vorliegende Verfahren seien (gemäss beiliegender
Honorarnote) dem Beschuldigten aufzuerlegen.

Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. In Bezug auf den Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zur
Vermeidung von Wiederholungen auf die Erwägungen im angefochtenen
Entscheid verwiesen werden (Urk. 66 S. 6).
2. Am 12. November 2020 fällte die Vorinstanz das eingangs aufgeführte
Urteil. Mit Verfügung vom 19. November 2020 (Urk. 50) und vom 1. Dezember
2020 (Urk. 54) legte die Vorinstanz im Nachgang zum Urteil die Entschädigung
der amtlichen Verteidigerin und der unentgeltlichen Rechtsvertreterin des
Privatklägers fest, welche im Dispositiv des begründeten Urteils vom
12. November 2020 nacherfasst wurden (vgl. Urk. 66 S. 29, Dispositiv-Ziffer 13).
3. Gegen das am 12. November 2020 mündlich eröffnete Urteil (Prot. I S.
33) meldete der Privatkläger 1 am 19. November 2020 Berufung an (Urk. 52).
Innert Frist liess er seine Berufungserklärung einreichen, mit der er gleichzeitig
einen Beweisantrag stellte (Urk. 67).
4. Am 29. Januar 2021 wurde ein neuer Strafregisterauszug über den
Beschuldigten eingeholt (Urk. 69). Mit Verfügung vom 3. Februar 2021 wurde der
Privatkläger 1 aufgefordert, genauere Angaben zum beantragten Zeugen zu
liefern und darzulegen, aus welchen Gründen er auch im Berufungsverfahren auf
eine unentgeltliche Rechtsbeiständin angewiesen sei (Urk. 70). Er liess sich
hierzu am 5. Februar 2021 vernehmen (Urk. 72).
5. Mit Verfügung vom 9. Februar 2021 wurde dem Beschuldigten, den
Privatklägern 2 - 4 sowie der Staatsanwaltschaft Frist angesetzt, um zu erklären,
ob Anschlussberufung erhoben wird, oder um begründet ein Nichteintreten auf die
Berufung zu beantragen. Gleichzeitig wurde der Staatsanwaltschaft und dem
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Beschuldigten Frist angesetzt, um zum Beweisantrag des Privatklägers 1 Stellung
zu nehmen, wobei die Staatsanwaltschaft obligatorisch zur Stellungnahme auf-
gefordert wurde. Der Beschuldigte wurde schliesslich aufgefordert, das Daten-
erfassungsblatt und mehrere spezifisch bezeichnete Urkunden zu seinen
finanziellen Verhältnissen einzureichen (Urk. 74).
6. Die Staatsanwaltschaft erklärte am 19. Februar 2021 ihren Verzicht auf
Anschlussberufung und nahm zum Beweisantrag des Privatklägers 1 Stellung
(Urk. 76). Der Beschuldigte teilte mit Schreiben vom 3. März 2021 mit, dass auf
eine Anschlussberufung verzichtet werde. Weiter äusserte er sich zum Beweis-
antrag des Privatklägers 1 und reichte das einverlangte "Datenerfassungsblatt"
ein (Urk. 77-79). Die Privatkläger 2-4 liessen sich nicht vernehmen.
7. Mit Verfügung vom 16. März 2021 wurde dem Beweisantrag des Privat-
klägers 1 (nachfolgend "Privatkläger") insofern entsprochen, als die
Staatsanwaltschaft ersucht wurde, den von ihm bezeichneten Zeugen "C._"
– allenfalls mit Hilfe der Polizei – ausfindig zu machen und ihn im Erfolgsfall
betreffend den Anklagesachverhalt zu Dossier 1 als Zeugen einzuvernehmen.
8. Am 9. Juni 2021 teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass der Zeuge
"C._" zwischenzeitlich habe identifiziert und befragt werden können
(Urk. 82). Gleichzeitig übermittelte sie die neuen Einvernahmeprotokolle (Urk.
83/1-2) und weitere mit der Beweiserhebung zusammenhängende Unterlagen
(Urk. 83/1-3-8 und Urk. 84).
9. Am 16. Juni 2021 wurden die Akten ST.2016.26 des Bezirksgerichts
Baden beigezogen (Urk. 87; Urk. 92).
10. Am 18. Juni 2021 wurde zur Berufungsverhandlung auf den 21. Oktober
2021 vorgeladen (Urk. 88). An den Beschuldigten ergingen zwei weitere
Zustellungen, da dieser ohne Meldung ans Gericht umgezogen war (Urk. 90-91).
11. Am 12. Oktober 2021 wurde ein neuer Strafregisterauszug über den
Beschuldigten eingeholt (Urk. 93). In Bezug auf den daraus ersichtlichen
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Glarus vom 28. Januar 2021
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erfolgte ein Aktengesuch an die Staatsanwaltschaft des Kantons Glarus (Urk. 95).
Die diesbezüglichen Akten wurden als Urk. 101 zu den Akten genommen.
12. Zur Berufungsverhandlung vom 21. Oktober 2021 erschienen sind der
Beschuldigte in Begleitung seiner amtlichen Verteidigerin, Rechtsanwältin lic. iur.
Y1._, und der Privatkläger A._ in Begleitung der unentgeltlichen
Privatklägervertreterin, Rechtsanwältin lic. iur. X._ (Prot. II S. 6). Die
Verhandlung konnte ordnungsgemäss durchgeführt werden.
II. Prozessuales
1. Umfang der Berufung
1.1. Die Berufung hat im Umfang der Anfechtung aufschiebende Wirkung
(Art. 402 StPO). Die nicht von der Berufung erfassten Punkte erwachsen in
Rechtskraft. Das Berufungsgericht überprüft somit das erstinstanzliche Urteil nur
in den angefochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 StPO).
1.2. Der einzig Berufung erhebende Privatkläger ficht das erstinstanzliche
Urteil vom 12. November 2020 hinsichtlich dessen Dispositiv-Ziffern 2, 8 und 10
an (Urk. 67 S. 2). Die Staatsanwaltschaft und der Beschuldigte haben explizit
(Urk. 76-77) und die Privatkläger 2-4 konkludent auf Anschlussberufung
verzichtet.
Es ist daher davon Vormerk zu nehmen, dass das vorinstanzliche Urteil
bezüglich Dispositiv-Ziffer 1 (Schuldspruch), teilweise bezüglich Ziffer 8
(Schadenersatzbegehren der Privatkläger 2-3), Ziffer 9 (Schadenersatzforderung
der Privatklägerin 4), Ziffern 11-16 (Kosten- und Entschädigungen), in Rechtskraft
erwachsen sind, vorab festzustellen ist (Art. 399 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 402
und 437 StPO). Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das erstinstanzliche
Urteil (Urk. 66) vor dem Eintritt der Verfolgungsverjährung der Übertretung
gemäss Dossier 3 erging (Art. 109 StGB i.V.m. Art. 97 Abs. 3 StGB).
1.3. Im übrigen Umfang steht der angefochtene Entscheid im Rahmen des
Berufungsverfahrens unter Vorbehalt des Verschlechterungsverbotes gesamthaft
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zur Disposition, von Amtes wegen auch die Regelung der Sanktion und des
Vollzugs (Dispositiv-Ziffern 4-7) als Folge des Berufungsantrags auf Schuldspruch
betreffend einfache Körperverletzung (Art. 391 Abs. 2 StPO).
2. Strafantrag
Die Vorinstanz hat zutreffend festgestellt, dass der hier zur Beurteilung der
Tat erforderliche Strafantrag vorliegt (Urk. 66 S. 7 i.V.m. Urk. D1/4).
3. Beweisanträge
Dem Beweisantrag des Privatklägers vom 28. Januar 2021 (Urk. 67) wurde
wie dargelegt entsprochen. Weitere Beweisanträge wurden nicht gestellt.
4. Unentgeltliche Rechtsvertretung des Privatklägers
Der Privatkläger hat in seiner Eingabe vom 5. Februar 2021
aufforderungsgemäss (Urk. 70) und hinreichend dargelegt, wieso er weiterhin
einer unentgeltlichen Rechtsvertretung bedarf (Urk. 72 S. 2 f.), weshalb von
einem Entzug derselben abzusehen ist.
5. Hinweise
5.1. Bereits an dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende
Instanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (BGE 141 IV 249 E.
1.3.1; BGE 139 IV 179 E. 2.2; BGE 138 IV 81 E. 2.2, je mit Hinweisen). Die
Berufungsinstanz kann sich somit auf die für ihren Entscheid wesentlichen Punkte
beschränken.
5.2. Soweit für die tatsächliche und die rechtliche Würdigung des
angeklagten Sachverhaltes auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wird,
so erfolgt dies in Anwendung von Art. 82 Abs. 4 StPO, auch ohne dass dies
jeweils explizit Erwähnung findet.
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III. Sachverhalt
1. Ausgangslage
1.1. Gemäss Anklageschrift vom 30. Juli 2020 (Urk. 22 B), Dossier 1, soll es
am 4. September 2017, ca. 17:20 Uhr, bei der VBZ-Haltestelle D._-strasse-
/E._-strasse, F._-strasse ..., ... Zürich, zu einer Auseinandersetzung
zwischen dem Beschuldigten und dem Privatkläger gekommen sein. Der
Privatkläger habe damals seinen auf einer Sitzbank an der VBZ Haltestelle
sitzenden entfernten Bekannten «C._» angesprochen und ihn nach CHF
30.00 gefragt, welche "C._" ihm offenbar geschuldet habe. "C._" habe
darauf geantwortet, dass der Privatkläger ihm von einem RAV-Besuch her CHF
200.00 schulde. Daraufhin sei der Beschuldigte, welcher neben «C._» auf
der Sitzbank gesessen habe, aufgestanden und auf den Privatkläger los
gegangen. Der Beschuldigte habe ihm gesagt, dass dies Ehrenschulden seien,
und habe begonnen, auf den Privatkläger einzuschlagen.
Konkret habe der Beschuldigte mehrmals mit der Faust von hinten über den
Kopf des Privatklägers und gegen dessen Hand geschlagen, welche der Privat-
kläger schützend vor sein Gesicht gehalten habe. "C._" habe den
Beschuldigten schliesslich zurückziehen können, und der Beschuldigte habe in
der Folge fluchtartig den Tatort verlassen, als die Polizei hinzu gekommen sei.
Der Privatkläger habe durch die verschiedenen Schläge eine Erschütterung
des Kopfes, eine Schürfung über dem linken Auge und einen Bluterguss über
dem linken Jochbein sowie einen Bruch des Zeigefingers der rechten Hand
erlitten, welche Verletzungsfolge der Beschuldigte gewollt oder zumindest
billigend in Kauf genommen habe.
1.2. Die Vorinstanz sprach den Beschuldigten, der seine Täterschaft von
Beginn weg (Urk. D1/6/1-3 und Prot. I S. 12 ff.) und bis heute (Urk. 107 S. 5 f.)
bestritten hat, nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" frei (Urk. 66 S. 16). Der
Privatkläger hält an seinen Belastungen fest und verlangt mit seiner Berufung, der
Beschuldigte sei der einfachen Körperverletzung schuldig zu sprechen (Urk. 67
S. 2, Urk. 108 S. 2).
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2. Allgemeines zur Sachverhaltserstellung und Beweiswürdigung
2.1. Die Vorinstanz hat die Grundlagen der Beweiswürdigung korrekt
dargelegt (Urk. 66 S.8). Im Sinne einer Zusammenfassung und teilweisen
Ergänzung ist mit Bezug auf die nachfolgend vorzunehmende Beweiswürdigung
festzuhalten, dass gemäss der aus Art. 8 und 32 Abs. 1 BV fliessenden und in Art.
6 Ziff. 2 EMRK verankerten Maxime "in dubio pro reo" bis zum gesetzlichen
Nachweis der Schuld eines Angeklagten zu vermuten ist, dass dieser einer
strafbaren Handlung nicht schuldig ist (Art. 10 Abs. 1 StPO).
2.2. Stützt sich die Beweisführung auf die Aussagen von Beteiligten, so sind
diese frei zu würdigen (Art. 10 Abs. 2 StPO). Es ist anhand sämtlicher Umstände,
die sich aus dem gesamten Verfahren ergeben, zu untersuchen, welche Sach-
darstellung überzeugend ist, wobei es vorwiegend auf den inneren Gehalt der
Aussagen ankommt, verbunden mit der Art und Weise, wie die Angaben erfolgen.
Bei der Würdigung von Aussagen darf nicht einfach auf die Persönlichkeit oder
allgemeine Glaubwürdigkeit von Aussagenden abgestellt werden. Massgebend ist
vielmehr die Glaubhaftigkeit der konkreten, im Prozess relevanten Aussagen.
Dieser Ansatz wurde vom Bundesgericht gerade neulich im Urteil 6B_323/2021
vom 11. August 2021, E. 2.3.3., bestätigt: "Das Konzept einer 'allgemeinen
Glaubwürdigkeit' wird in der Aussagepsychologie als wenig brauchbar bewertet.
Der allgemeinen Glaubwürdigkeit eines Zeugen im Sinne einer dauerhaften
personalen Eigenschaft kommt nach heutiger Erkenntnis bei der Würdigung von
Zeugenaussagen daher kaum mehr relevante Bedeutung zu. Weitaus
bedeutender für die Wahrheitsfindung als die allgemeine Glaubwürdigkeit ist die
Glaubhaftigkeit der konkreten Aussage. Dabei wird die konkrete Aussage durch
methodische Analyse ihres Inhalts (Vorhandensein von Realitätskriterien, Fehlen
von Fantasiesignalen) darauf überprüft, ob die auf ein bestimmtes Geschehen
bezogenen Angaben einem tatsächlichen Erleben der befragten Person
entspringen (BGE 133 I 33 E. 4.3; Urteile 6B_257/2020 vom 24. Juni 2021 E.
5.4.3; 5A_550/2019 vom 1. September 2020 E. 9.1.3.1; je mit Hinweisen)."
Entscheidend für den Beweiswert einer Zeugenaussage ist daher die
Glaubhaftigkeit der konkreten Zeugenaussage. Das für die Zeugenaussage
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Gesagte kann auf die Aussagenwürdigung generell übertragen werden, mithin
auch auf die Aussagen der Auskunftspersonen und Beschuldigten.
3. Konkrete Beweiswürdigung
3.1. Was die relevanten Beweismittel zur Erstellung des im
Berufungsverfahren noch zu beurteilenden Vorwurfs gemäss Dossier 1 betrifft, so
hat die Vorinstanz die damals vorhandenen Beweismittel zutreffend und
vollständig aufgeführt (Urk. 66 S. 9). Sie stützte sich bei der Beurteilung auf die
Aussagen des Privatklägers und des Beschuldigten, je in der polizeilichen und der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme sowie anlässlich der Hauptverhandlung
(Urk. D1/7/1, act. D1/7/3 und Prot. I S. 9 ff. betreffend den Privatkläger und
Urk. D1/6/1-3 und Prot. I S. 12 ff. betreffend den Beschuldigten). Sodann liegen
ein ärztlicher Befund des Stadtspitals Waid Zürich vom 31. August 2018 über die
Verletzungen des Privatklägers (Urk. D1/9/4) sowie Polizei-Fotos über dessen
Verletzungen vor (Urk. D1/5).
3.2.1. Im Rahmen ihrer Würdigung wies die Vorinstanz darauf hin, dass der
Privatkläger das Geschehen über die drei Einvernahmen hinweg mehrheitlich
konstant und widerspruchsfrei geschildert habe (Urk. 66 S. 14 f.). Allerdings sagte
der Privatkläger bereits bei der Polizei unterschiedlich aus, was den
Beschuldigten betrifft. So behauptete er einerseits, "[...] ich kenne ihn vom 'Sufen'
und 'Pöbeln'. Ich hatte ein halbes Jahr mit ihm zu tun" (Urk. D1/7/1, F/A 15).
Später meinte er auf den Vorhalt, dass der Beschuldigte ihn offenbar nicht kenne:
"Das ist gut möglich. Ich kenne ihn auch nicht. Er kennt mich nur vom Sehen her"
(Urk. D1/7/1, F/A 36). Sodann sagte er, er habe noch nie etwas mit ihm "gehabt"
(Urk. D1/7/1, F/A 39). Bei der ersten staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
behauptete der Privatkläger wiederum über den Beschuldigten: "Ich kenne ihn
nicht einmal. Ich kannte ihn nicht, bis das passierte. Ich sah ihn einfach immer auf
der Strasse rumsaufen. Er ist Alkoholiker" (Urk. D1/7/3, F/A 6). Zusätzlich
erwähnte er, dass der Beschuldigte ihn mal angemacht habe wegen seiner Ray-
Ban-Brille, indem dieser ihm gesagt habe, man könne auch mit einer normalen
Brille rumlaufen, man müsse keine Ray-Ban-Brille haben (Urk. D1/7/3, F/A 12).
Bis zum Vorfall habe er nichts mit ihm zu tun gehabt (Urk. D1/7/3, F/A 13). Diese
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Aussagen bewegen sich hinsichtlich der Beziehung zum Beschuldigten doch in
einer rechten Bandbreite, zudem sind sie mit einer gewissen Widersprüchlichkeit
behaftet.
Die Vorinstanz hob dann zu Recht hervor, dass der Privatkläger eine
gewisse Unsicherheit bei der Wiedererkennung des Beschuldigten auf dem
Fotobogen gezeigt habe. Er habe selbst mehrfach ausgeführt, dass der
Beschuldigte der Person auf dem Foto nicht in allen Gesichtsmerkmalen gleiche.
Dies zeigt sich deutlich in der ersten Einvernahme bei der Polizei (Urk. D1/7/1,
F/A 22-24, 3437-38, 40). Dass er wiederholt von einem Beschuldigten namens
"Guntensmann" spreche, begründe weitere Zweifel, ob der Privatkläger wirklich
die vorliegend beschuldigte Person meine. Der Beschuldigte selber sagte zu
seinem Namen: "Man kennt mich an der E._-strasse. Ich bin unter dem
Namen G._ bekannt. Es gibt nur sehr wenige Leute, welche meinen
Vornamen H._ kennen. Unter meinem Familiennamen B._ kennt mich
an der E._-strasse niemand. Jene Leute, welche meinen vollständigen
Namen kennen, verkehren nicht an der E._-strasse" (Urk. D1/6/1, F/A 10).
Die Aussagen des Privatklägers zur Bodycam der Polizei erachtete die Vorinstanz
sodann als realitätsfremd. Der Vorinstanz ist insoweit beizupflichten, auch was
das mögliche Motiv des Beschuldigten betrifft (a.a.O., S. 14 ff.). Etwas zu
relativieren ist die Einschätzung der Vorinstanz, wenn sie es als nicht sehr
lebensnah erachtete, wenn der Privatkläger dem Beschuldigten vorwerfe, ohne
begründeten Anlass derart heftig und andauernd auf ihn eingeschlagen zu haben
(a.a.O., S. 14 f.). Ein entsprechendes Ereignis erscheint gerade in Anbetracht der
eigenen Zustandsbeschreibung der involvierten Personen und an gegebener
Örtlichkeit ("auf der Gasse", im einschlägig bekannten Bereich D._-
strasse/E._-strasse im Zürcher Kreis ...) gerade nicht ausgeschlossen. So
beschrieb der Privatkläger den damaligen Gemütszustand des Beschuldigten bei
der Staatsanwaltschaft wie folgt: "Besoffen, und zwar hageldicht. Er hatte noch
eine Dose Tequilabier, so heisst es glaube ich, von denen hatte er noch 4 bei sich
und schlürfte diese. Als er davonrennen musste, konnte er die Dosen nicht mehr
mitnehmen, die nahm dann ein anderer. Die Polizei war so schnell da" (Urk.
D1/7/3, F/A 31). Die starke Angetrunkenheit des Beschuldigten bestätigte der
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Privatkläger im Rahmen der Beweisergänzung wie folgt: "Er war stock besoffen.
Es hat drei Bierdosen am Boden" (Urk. 83/2, F/A 4). Damit liegen jedenfalls
genügend Anhaltspunkte für mögliche Beeinträchtigungen der Impulskontrolle
einerseits, aber auch für eine möglicherweise reduzierte Wahrnehmungsfähigkeit
allenthalben vor. Unberücksichtigt liess die Vorinstanz, dass der Privatkläger bei
der zweiten Einvernahme im Zusammenhang mit dieser Attacke plötzlich noch
eine weitere Person ins Spiel brachte: "Jetzt kommt mir in den Sinn, da war einer;
der hatte so ein Teppichmesser in der Hand bzw. in einer Tasche hatte er drei
oder vier Stück davon und wedelte vor den Augen von Herrn B._ rum. Dass
er das nehmen solle zum schneiden" (Urk. D1/7/3, F/A 47). Dieser nachgelieferte
Aspekt der Auseinandersetzung stellt eine bemerkenswerte Komplikation im
Handlungsablauf dar. Er beinhaltet eine weitere Eskalationsstufe durch die
personelle Überzahl und die zusätzliche Gefährdung durch einen Messereinsatz.
Dass der Beschuldigte diesen erst und nur in der zweiten Einvernahme erwähnte,
lässt an der Wahrhaftigkeit zweifeln und spricht zudem für eine
Dramatisierungstendenz. Im Ergebnis ist der Vorinstanz aber auf jeden Fall
zuzustimmen, dass auf der Basis dieser Belastungen – der Zeuge C._ wurde
erst später einvernommen – sich ein Schuldspruch nicht rechtfertigen liess.
Darüber hinaus ist festzuhalten, dass dem Privatkläger gleich nach dem
Vorfall seitens der Polizei offenbar Fotos gezeigt wurden, wobei er auf einem
dieser Bilder den flüchtigen Täter zu erkennen glaubte, und damit der vorliegend
Beschuldigte fortan als solcher in den Rapporten aufgeführt wurde (Urk. D1/7/3).
Wer dem Privatkläger welche Fotos und weshalb gezeigt hat, geht aus den
Rapporten der Stadtpolizei Zürich nicht hervor. Auch kannte der Privatkläger, wie
er in der polizeilichen Befragung vom 17. Oktober 2018 angab (Urk. D1/7/1 S. 3),
den Namen des Beschuldigten nicht. Die ursprüngliche Identifikation des Täters
basiert damit bereits auf sehr schwammigen Grundlagen. Zudem kann nicht
ausgeschlossen werden, dass sich der Privatkläger das Gesicht des
Beschuldigten auf dem – wie erwähnt – gezeigten Foto der Polizei derart
eingeprägt hat, sodass er bei der Wahlbildkonfrontation am 17. Oktober 2018
(Urk. D1/7/1 F/A 23) den mutmasslichen Täter nicht mehr unvoreingenommen
und in freier Erinnerung an den Vorfall selbst bezeichnen konnte. Dass der
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Privatkläger den Täter, welcher ihn mehrmals mit der Faust von hinten über den
Kopf und gegen die Hand geschlagen haben soll, während er die Letztere
schützend vor sein Gesicht gehalten haben will, überhaupt richtig gesehen hat –
zumal dieser nach dem Angriff fluchtartig den Tatort verlassen habe –, ist
ebenfalls fraglich.
3.2.2. Betreffend den Beschuldigten wies die Vorinstanz zu Recht darauf
hin, dass dieser wohl mit dem angeklagten Vorfall nichts zu tun haben wollte,
eigenes Fehlverhalten andernorts aber durchaus einräumte (Urk. 66 S. 15 f.).
Dies führte denn auch zum Schuldspruch in den übrigen angeklagten Punkten
(Urk. 66, Dispositiv Ziff. 1). Soweit er allerdings zu Dossier 1 konstant aussagte,
handelte es sich im Wesentlichen um Bestreitungen, namentlich seiner
Täterschaft. Diese Widerspruchsfreiheit liegt da in der Natur der Sache und lässt
seine Aussagen nicht glaubhafter erscheinen. Im Übrigen waren seine
Depositionen bisweilen lückenhaft und pauschal ("Ich erinnere mich an alle
Auseinandersetzungen, welche ich gehabt habe" Urk. D1/6/3, F/A 4). Zudem
wollte er zur eigens gelieferten Motivlage des Privatklägers, einem Racheakt,
zunächst keine weiteren Angaben machen (Urk. D1/6/3, F/A 5). Später sprach er
immerhin von einem "Herrn I._" (Urk. D1/6/3, F/A 13). Die Aussagen blieben
insgesamt diffus, so dass richtigerweise auch nicht ohne weiteres von deren
Richtigkeit ausgegangen werden konnte und diese den Beschuldigten ganz
entlasteten (Urk. 66 S. 15 f.).
3.2.3. Dass der Privatkläger die angeführten Verletzungen erlitten hat, war
nicht strittig und ist durch den Arztbericht belegt (Urk. D1/9/4). Allerdings trifft
auch zu, dass sich daraus keine Täterschaft des Beschuldigten ergibt (Urk. 66 S.
14 ff.).
3.3. Es stellt sich nun die Frage, ob die neu erhobenen Beweise und die
Ergebnisse der Berufungsverhandlung an der Einschätzung der Vorinstanz etwas
zu ändern vermögen. Neu zu berücksichtigen und in die Gesamtwürdigung
einzubeziehen sind vorweg die Aussagen des zwischenzeitlich eruierten
"C._", identifiziert als C._. Dieser wurde am 9. Juni 2021 parteiöffentlich
von der Staatsanwaltschaft als Zeuge befragt (Urk. 83/1). Sodann liegen weitere
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Aussagen des Privatklägers hierzu vor (Urk. 83/2). Der Beschuldigte verzichtete
im Rahmen der ergänzenden Beweiserhebung offenbar auf eine Teilnahme,
wohingegen seine Verteidigerin den Einvernahmen bei der Staatsanwaltschaft
beiwohnte (Urk. 83/1 S. 1; Urk. 83/2 S. 1).
3.4.1. C._ erklärte zu Beginn der Einvernahme vom 9. Juni 2021 als
Zeuge (Urk. 83/1), er kenne den Beschuldigten wahrscheinlich nur vom Sehen
her, er kenne so viele Leute nur vom Sehen. Auf Vorhalt des Fotobogens zur
Personenidentifizierung (Urk. D1/7/2), welcher ein Bild des Beschuldigten zeigt,
sagte er: "Mit ihm habe ich schon immer Streit gehabt" (a.a.O., F/A 8). Den
Privatkläger kenne er auch nur vom Sehen her. Auf die Frage, ob er vor dieser
Einvernahme mal mit dem Beschuldigten oder Privatkläger Kontakt gehabt habe,
erwiderte er, der Privatkläger habe ihm mal gesagt, dass er ihn als Zeuge wolle.
Er habe ihn gefragt weshalb, er habe ja nur versucht ihm zu helfen (a.a.O., F/A 9-
12). Den Beschuldigten kenne er von der Gasse, wobei man nicht "Kennen"
sagen könne, "[...] er hat einfach immer nur ein grosses Maul gehabt und nichts
dahinter. Er ging immer auf die Schwächeren los" (a.a.O., 14-15). Auf die Frage,
wann er den Beschuldigten zum letzten Mal gesehen habe, antwortete er: "Nein,
das ist viel zu lange her" (a.a.O., 16). Auch den Privatkläger kenne er von der
Gasse, "[...] vom Sehen her ... was ist das ungefähr. Ca. 3 Jahre. Ich bin mir aber
nicht sicher. Ich kenn ihn schon eine Zeitlang" (a.a.O., F/A 17-18). Die Frage,
wann er den Privatkläger zum letzten Mal gesehen habe, beantwortete er mit
"Nein" (a.a.O., F/A 19), und auf die Frage, wie oft er und der Privatkläger Kontakt
hätten, mit "[...] er hat mich angerufen und ein- bis zweimal hat er noch mit mir
gesprochen (a.a.O., F/A 20). Das sei schon länger her, er sei nicht mehr so oft
"dort vorne" (a.a.O., F/A 21).
3.4.2. Zur Sache befragt, ob er sich an einen Vorfall zwischen dem Be-
schuldigten und dem Privatkläger am 4. September 2017, um ca. 17:20 Uhr, an
der VBZ-Haltestelle D._--/E._-strasse, an der F._-strasse ... in ...
Zürich erinnern könne, sagte der Zeuge umgehend: "Ich weiss, dass ich
dazwischen gegangen bin. Ich wollte ihn davon abhalten. Ich weiss nicht, ob es
geklappt hat. Ich habe ca. 10-15 Minuten mit diesem Typ gesprochen" (a.a.O.,
- 16 -
F/A 22). Auf die Frage, was aus seiner Sicht an diesem Tag genau passiert sei,
antwortete der Zeuge C._: "A._ war es nicht. Der Andere hat ihn
angegriffen. Ich ging deshalb dazwischen" (a.a.O., F/A 23). Zuerst habe er (der
Beschuldigte) ihn (den Privatkläger) verbal angegriffen und nachher habe er ihn
schlagen wollen, "[...] ich ging dazwischen und habe weitergesprochen" (a.a.O.,
F/A 24). Er wisse nicht, um was es bei dieser verbalen Sache gegangen sei. Er
vermochte auch nicht zu beschreiben, "wie der Andere auf A._" losgegangen
sei, "[...] ich ging einfach dazwischen. Ich hatte schon einen zuviel" (a.a.O., F/A
24-26). Von sich aus hatte er nichts anzufügen, "[...] das ist viel zu lange her.
Mein Gehirn ist nicht mehr so gut" (a.a.O., F/A 27).
Auf den Vorhalt, dass der Beschuldigte in der Folge auf den Privatkläger
losgegangen sein soll, mutmasste der Zeuge, "[...] dort bin ich wahrscheinlich
dazwischen gegangen" (a.a.O., F/A 30). Ob der Beschuldigte den Privatkläger
geschlagen habe, vermochte er nicht zu sagen: "Das weiss ich nicht mehr. Es
kann schon sein. Aus irgendeinem Grund ging ich ja dazwischen" (a.a.O., F/A
31). Ob der Privatkläger verletzt war, wusste er nicht mehr, ebenso wenig, ob sich
der Privatkläger gewehrt hat (a.a.O., F/A 32-33). Auf Vorhalt, dass der
Privatkläger angebe, vom Beschuldigten mindestens 15-20 Mal geschlagen
worden zu sein, antwortete der Zeuge, das wisse er nicht mehr. Auf weiteren
Vorhalt betreffend "Ehrenschulden", gab der Zeuge zu Protokoll: "Das weiss ich
nicht mehr. Das ist alles zu lange her für mich" (a.a.O, F/A 34-35). Zur Aussage
des Privatklägers, wonach er – der Zeuge – schliesslich den Beschuldigten
zurückgezogen haben soll, als dieser auf den Privatkläger eingeschlagen habe,
meinte der Zeuge: "Ja, aus irgendeinem Grund bin ich ja dazwischen." (a.a.O.,
F/A 36). Auf Frage der Staatsanwaltschaft, ob er sicher sei, dass es sich beim
damaligen Täter um den heutigen Beschuldigten gehandelt habe, gab der Zeuge
zu Protokoll: "Der hat immer 'Puff' auf der Gasse gemacht. Er ging auf Frauen los
und alles. Er ging immer nur auf die Schwächeren" (a.a.O., F/A 37). Auf
nochmaliges Nachfragen, ob er sicher sei, dass es bei diesem Vorfall auch der
Beschuldigte gewesen sei, bejaht er dies (a.a.O., F/A 38). Seinen damaligen
Zustand beschrieb er so: "Ich war besoffen. Sonst hätte ich das wahrscheinlich
gar nicht gemacht. So unüberlegt" (F/A 39). "Das" bedeute, sich einzumischen
- 17 -
(a.a.O., F/A 40). Er finde es einfach unfair, wenn man auf Schwächere losgehe.
Es sei logisch, wenn andere jeweils noch mitmachten (a.a.O., F/A 39-40). Wie der
Zustand des Beschuldigten gewesen sei, wisse er nicht. Er vermute, dieser habe
"Sugar" oder so etwas intus gehabt. Oder "Cola" oder "gemischt". Wie der
Zustand des Privatklägers an diesem Tag gewesen sei, wisse er nicht mehr
(a.a.O., F/A 41-42). Auf Ergänzungsfrage der Verteidigung, wie er damals
dazwischen gegangen sei, sagte der Zeuge: "Zuerst gesprochen. Viel
gesprochen. Wahrscheinlich geschrien. Keine Ahnung. Ich spreche immer zuerst
bevor ich schlage. Ich lasse mich zuerst schlagen" (a.a.O., F/A 44). Wie viele
Personen beim Streit involviert gewesen seien und ob einer der beteiligten
Personen Hosenträger getragen habe, vermochte er nicht zu sagen (a.a.O., F/A
45-46).
3.5. Der Privatkläger wurde im Anschluss an die Einvernahme des Zeugen
C._ nochmals als Auskunftsperson befragt (Urk. 83/2). Im Rahmen einer
ersten Stellungnahme sagte er, das mit dem "Sugar" und "Cola" sei falsch. Der
Beschuldigte sei stark besoffen gewesen. Es habe drei Bierdosen am Boden
gehabt. Er selber sei aus dem J._ gekommen (a.a.O., F/A 4). Das mit den
Hosenträgern sei auch nicht richtig. Das seien "wie amerikanische Hosen, so
zerrissene Jeans, so Latzhosen" gewesen. Er habe nie etwas von Hosenträgern
gesagt (a.a.O., F/A 5). Auf die Frage, ob er zu den Aussagen des Zeugen etwas
zu ergänzen habe, sagte der Privatkläger: "Nein. Er kann sich einfach ein
bisschen wenig an solche Sachen erinnern" (a.a.O., F/A 6). Er selber könne sich
noch an die Situation erinnern, wie wenn es gestern gewesen wäre, "[...] ich hatte
nur zwei Stangen getrunken im Restaurant J._. Danach wollte ich nach
Hause gehen" (a.a.O., F/A 7).
3.6.1.1. Die Analyse der Aussagen ergibt was folgt: Aus den Aussagen des
Privatklägers ergeben sich keine wesentlichen Neuigkeiten, ausser dass er in der
staatsanwaltschaftlichen Einvernahme vom 20. November 2019 effektiv von
Hosenträgern sprach, an denen "C._" den Beschuldigen zurückgezogen
haben soll (Urk. D1/7/3, F/A 21). Dieser Widerspruch wurde damit nicht aufgelöst.
- 18 -
3.6.1.2. Bezüglich des Vorgehens der befragenden Staatsanwaltschaft ist
festzuhalten, dass auch diese bei der Einvernahme des Zeugen C._ alles
andere als professionell vorging. Anstatt den Zeugen zu Beginn zu fragen, ob er
sich an den Vorfall vom 4. September 2017 erinnere, wurde gefragt, in welcher
Beziehung er zum Beschuldigten B._ stehe (Urk. 83/1, F/A 7). Und statt eine
Wahlbildkonfrontation durchzuführen, resp. den Zeugen nach dem Aussehen des
Täters zu fragen, wurde dem Zeugen direkt ein Foto des Beschuldigten vorgelegt
(a.a.O., F/A 8). Damit stand der Beschuldigte aus Sicht des Zeugen bereits als
solcher fest; eine klare Identifikation durch den Zeugen war nicht mehr möglich,
was auch von der Verteidigung moniert wird (Urk. 111 S. 4).
3.6.2.1. Der Zeuge C._ sagte auf Vorhalt des anklagegegenständlichen
Vorwurfs aus, er wisse, dass er dazwischen gegangen sei. Ebenso bestätigte er
zweimal, dass es sich beim Angreifer um den Beschuldigten gehandelt habe –
dies aber wie erwähnt, nachdem der Beschuldigte ihm als solcher genannt resp.
gezeigt wurde. Damit liegen zwar klare Aussagen vor. Im Übrigen vermochte sich
der Zeuge aber an sehr wenig zu erinnern, was selbst der Privatkläger
konstatierte (vgl. Urk. 83/2, F/A 6). Er war ausserstande, den Grund des Streites
zu nennen, in dem er ja selber einen Part als angeblicher Schuldner oder eben
Gläubiger gespielt haben oder gar dessen Ursache gewesen sein soll. Er war
nicht in der Lage genauer darzulegen, wie er "dazwischen gegangen" sein will.
Zwar soll er
"10-15 Minuten mit diesem Typ gesprochen" haben, aber an Konkretes
vermochte er sich nicht zu erinnern, obwohl es sich doch um eine Konversation
von einiger Länge gehandelt hätte. Mit seiner Schilderung, "zuerst gesprochen,
viel gesprochen, wahrscheinlich geschrien, keine Ahnung" bringt er seine eigene
Mutmassung zum Ausdruck. Seine Depositionen bleiben auch andernorts vage.
So gab er mehrmals zu Protokoll, aus einem Grunde sei er ja dazwischen
gegangen, ohne diesen jedoch benennen zu können. Zwar vermag die fehlende
Erinnerung mit dem Zeitablauf und seinem Gehirn, welches "nicht mehr so gut"
[...] sei, erklärbar sein. Auffällig ist aber, dass der Zeuge nicht einmal sagen
konnte, ob der Beschuldigte den Privatkläger überhaupt geschlagen hat. Dies
erstaunt insofern, als der Privatkläger von mehreren Faustschlägen (konkret "15-
- 19 -
20 Mal", auf einer Stärkeskala von 1-10, wobei 1 schwach und stark ist,
"mindestens 8" [Urk. D1/7/1, F/A 28-29), bzw. "sicher 20 Mal" behauptete [Urk.
D1/7/3, F/A 34]) gegen seinen Kopf und die Hand berichtete, was doch einen
erheblichen Angriff darstellen würde, den man als Augenzeuge vor Ort
gegebenenfalls wohl in Erinnerung behalten würde. Da der Zeuge ja dazwischen
gegangen sein will, verwundert es auch, dass er nicht mehr weiss, "ob es
geklappt hat". Immerhin erlitt der Privatkläger sichtbare Verletzungen (vgl. Urk.
D1/5). Solche hatte der Zeuge allerdings ebenso wenig in Erinnerung wie eine
allfällige Gegenwehr bzw. Abwehr des Privatklägers. Insgesamt blieben die
Aussagen des Zeugen zum ganzen Vorfall selber an der Oberfläche, blass und
undifferenziert. Zudem sind sie gespickt mit Mutmassungen. Dies lässt sich auch
dadurch erklären, dass er selber besoffen gewesen sein will, was auch Einfluss
auf seine Merk- und Erinnerungsfähigkeit betreffend den Vorfall haben dürfte.
Selbst der Privatkläger beschrieb den Zustand von "C._" in der ersten
polizeilichen Einvernahme mit "so dicht" (Urk. D1/7/1, F/A 11), und auf Nachfrage,
wie er das meine: "Überalkoholisiert. Er ist ein Koma-Säufer" (Urk. D1/7/1, F/A
12).
3.6.2.2. Allerdings fällt auf, dass der Zeuge ganz anders über die angeblich
Beteiligten des Vorfalls vom 4. September 2017 berichtete. Aus seinen Aussagen
ist zu schliessen, dass ihn mit dem Beschuldigten wie auch dem Privatkläger eine
Art "Gassenbekanntschaft" verbindet. Den Beschuldigten hat er offenbar sehr
lange nicht gesehen ("das ist viel zu lange her"). Der Privatkläger hatte ihn im
Hinblick auf die Zeugenrolle kontaktiert. Offenbar war dieser im Besitz der
Nummer des Zeugen und hat er noch ein- bis zweimal mit ihm gesprochen.
Während der Zeuge den Beschuldigten zuerst nur vom Sehen her kennen wollte,
sagte er kurz später, er habe mit dem Beschuldigten "schon immer Streit gehabt".
Diese zweite Aussage würde mehr als nur eine Bekanntschaft vom Sehen her
implizieren, nämlich häufigere und intensivere Kontakte. Zur Person des
Privatklägers sagte der Zeuge kaum etwas. Hingegen bezeichnete er den
Beschuldigten sogleich als Grossmaul ("grosses Maul, nichts dahinter"), später
als Streithahn ("immer 'Puff' auf der Gasse gemacht") und jemanden, der auf
Schwächere sowie "Frauen und alles" losgehe, womit er ihm einen streitsüchtigen
- 20 -
und feigen Charakterzug unterstellt. Die Erzähleigenart des Zeugen zeigt sich hier
als impulsiv und farbig, zuweilen aber auch als undifferenziert und mit einem
gewissen Hang zur Dramatisierung.
3.6.2.3. In der Gesamtbetrachtung sind die Aussagen des Zeugen arm an
Details. Sein Aussageverhalten führte zu mehrmaligem Nachfragen, wobei der
Inhalt der Antworten dann trotzdem nicht anschaulicher ausfiel. Er vermag keine
Interaktionen der drei anwesenden Personen oder eigene Gesprächsinhalte
wiederzugeben oder individualisierende Handlungen der Beteiligten zu
beschreiben. Er konnte trotz Anwesenheit vor Ort – in der er mindestens "10 bis
15 Minuten" mit dem Typen gesprochen haben will, nicht einmal bestätigen, ob es
überhaupt zu einem physischen Übergriff und daraus resultierenden Verletzungen
gekommen ist. Der Zeuge konnte sich weiter auch nicht an ihn betreffende
Aspekte, wie das Streit auslösende Thema von Geld bzw. Geldschulden, erinnern
und beschrieb seine Rolle diesbezüglich in jener eines Unbeteiligten. Dies
erstaunt umso mehr, als der Privatkläger bei der Staatsanwaltschaft zu Protokoll
gab, "C._", der heutige Zeuge, sei "voll ausgetickt", als er von diesem die Fr.
10.00 gefordert habe (Urk. D1/7/3, F/A 21). Der Zeuge selber schilderte keine
eigene Betroffenheit oder eigenpsychischen Vorgänge, wie Wut oder Entrüstung.
Er vermochte sodann auch nichts zum konkreten Thema "Ehrenschulden" zu
sagen (Urk. 83/1, F/A 35), welchem Wort offenbar Trigger-Qualität zukam, indem
dieser Begriff gemäss Privatkläger dann auch noch den Beschuldigten (bei Fr.
300.00) zum "Austicken" gebracht haben soll (Urk. D1/7/1, F/A 26).
3.6.4. In ihrer pauschalen Form wirken die Aussagen des Zeugen in ihrer
Gesamtheit somit ungenau und qualitativ nicht hinreichend zuverlässig.
Eigentliche Handlungsstränge sind kaum zu erkennen und werden auch nicht mit
äusseren Umständen verflochten. Eine gewisse Aussagedichte ist jedoch
unerlässlich, um einem Beschuldigten ein strafrechtlich relevantes Verhalten
nachweisen zu können. Die zwar klaren Aussagen, dass der Beschuldigte der
Angreifer gewesen sei, können ohne Bestätigung, dass dieser überhaupt
zugeschlagen hat und ohne Validierung durch verlässliche Aussagen zum ganzen
- 21 -
Vorfall den rechtsgenügenden Beweis für die Täterschaft des Beschuldigten nicht
zu erbringen.
3.6.5. Weitere Indizien, die für sich genommen oder in der Gesamtheit
genügend beweisbildend sein könnten, liegen nicht vor. Jedenfalls ergeben sich
nach Würdigung der Aussagen der Beteiligten, des Zeugen und des übrigen
Beweisfundaments nicht bloss theoretische Zweifel, dass sich der Anklagesach-
verhalt mit einer Täterschaft des Beschuldigten tatsächlich verwirklicht hat. Der
Sachverhalt lässt sich damit nicht rechtsgenügend erstellen. Bei diesem Beweis-
ergebnis ist der Beschuldigte in Nachachtung des Grundsatzes "in dubio pro reo"
vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung freizusprechen.
IV. Sanktion und Vollzug
1. Die vorinstanzlichen Schuldsprüche betreffend mehrfachen
Hausfriedensbruch im Sinne von Art. 186 StGB, Hinderung einer Amtshandlung
im Sinne von Art. 286 StGB, Sachbeschädigung im Sinne von Art. 144 Abs. 1
StGB sowie geringfügigen Diebstahl im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art.
172ter Abs. 1 StGB sind in Rechtskraft erwachsen (vgl. Erw. II.1.).
2. Der Privatkläger ist mit Bezug auf den Strafpunkt nicht berechtigt zu
plädieren und Anträge zu stellen. Für den Fall eines Freispruchs betreffend den
Vorwurf der einfachen Körperverletzung wurde die Strafzumessung weder von
der Staatsanwaltschaft noch vom Beschuldigten angefochten. Die
Strafzumessung durch die Vorinstanz ist denn auch nicht zu beanstanden (in Urk.
66 S. 18 Ziff. 3.1. liegt ein offensichtliches Versehen vor in der drittletzten Zeile:
"... zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren Geldstrafe verurteilte..."). Die
unangefochten gebliebenen Sanktionen (inkl. Rückversetzung) samt
Vollzugsregelung können allerdings zufolge einer zwischenzeitlich neu
ergangenen Verurteilung nicht so bestätigt werden (Urk. 93 S. 3, Urk. 98).
3. So hat sich aus dem am 12. Oktober 2021 eingeholten
Strafregisterauszug ergeben, dass der Beschuldigte zwischenzeitlich mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Glarus vom 28. Januar 2021 des
- 22 -
geringfügigen Diebstahls, des Hausfriedensbruchs, der Gewalt und Drohung
gegen Behörden und Beamte sowie der Hinderung einer Amtshandlung schuldig
gesprochen und mit einer Freiheitsstrafe von vier Monaten und einer Busse von
Fr. 120.00 bestraft wurde. Die Freiheitsstrafe wurde zugunsten der laufenden
[stationären] Massnahme aufgeschoben. Die ersten beiden Delikte hat er am 30.
Juli 2020 begangen, die letzten zwei am 9. November 2020 (Urk. 93 S. 3).
4.1. Die Ausgangslage präsentiert sich heute wie folgt:
4.2. Aus dem neuen Strafbefehl entnimmt man nichts bezüglich
Rückversetzung (Urk. 93 S. 2, Urk. 98). Diese Thematik ist folglich unverändert
(vgl. Urk. 66 S. 16 f.): Der Beschuldigte wurde innerhalb der Probezeit der
bedingten Entlassung wieder straffällig, woraus eine Reststrafe von 99 Tagen
resultiert (Urk. D1/14/8 und Urk. D1/14/10; Urk. 93 S. 2). Es ist daher die
entsprechende Rückversetzung anzuordnen.
4.3. Den Hausfriedensbruch gemäss Dossier 2 hat der Beschuldigte am
30. Juli 2018 und damit vor dem Urteil des Bezirksgerichts Baden vom 15. August
2018 begangen. Es rechtfertigt sich aus den von der Vorinstanz dargelegten
Gründen hierfür eine Freiheitsstrafe auszufällen (Urk. 66 S. 22). Diesbezüglich
liegt somit eine teilweise retrospektive Konkurrenz zum genannten Urteil des
Bezirksgerichts Baden vor.
4.4. Die Sachbeschädigung gemäss Dossier 6, begangen am 8. August
2019 und von der Vorinstanz zu Recht als schwerstes der verbleibenden und mit
Freiheitsstrafe zu sanktionierendes Delikt qualifiziert (Urk. 66 S. 19), sowie die
Hausfriedensbrüche, begangen am 18. August 2018 (Dossier 3), am 25. April
2019 (Dossier 4) und am 7. Januar 2020 (Dossier 7), die mit Blick auf den
Strafzweck ebenfalls mit Freiheitsstrafe zu sanktionieren sind (vgl. hierzu treffend
Urk. 66 S. 21), erfolgten zwischen den letzten zwei Verurteilungen.
4.5. Für die Hinderung einer Amtshandlung, hier begangen am 9. August
2019 (Dossier 5), sieht das Gesetz nur eine Geldstrafe bis 30 Tagessätze vor
(Art. 286 Abs. 1 StGB). Die Staatsanwaltschaft des Kantons Glarus hatte zwar
- 23 -
auch eine Hinderung einer Amtshandlung zu sanktionieren, dafür aber offenbar
eine Freiheitsstrafe festgelegt (Urk. 93 S. 3, Urk. 98). Die Geldstrafe ist mangels
Gleichartigkeit mit den anderen Sanktionen kumulativ auszusprechen.
4.6. Schliesslich ist die Busse bezüglich des geringfügigen Diebstahls, be-
gangen am 18. August 2018 (Dossier 3), separat aufzuerlegen.
5.1. Die von der Vorinstanz ermittelte Zusatzstrafe von 10 Tagen für den vor
dem Urteil vom 15. August 2018 begangenen Hausfriedensbruch (Dossier 2)
erscheint aus den dort angeführten Gründen als angemessen (vgl. Urk. 66 S. 22).
5.2. Weiter hat die Vorinstanz für die Sachbeschädigung (Dossier 6) und die
Hausfriedensbrüche (Dossier 3, 4 und 7) unter Darlegung der konkreten Tat- und
Täterkomponenten eine "unabhängige Gesamtstrafe" von 60 Tagen ermittelt
(Urk. 66 S. 22). An dieser im Übrigen weder von der Staatsanwaltschaft noch vom
Beschuldigten beanstandeten Gewichtung ist grundsätzlich festzuhalten.
Allerdings ist diese Strafe für die genannten Delikte – ausgehend von der neuen
Grundstrafe vom 28. Januar 2021 – nunmehr als Zusatzstrafe zu dieser
auszugestalten, weshalb sie zufolge Asperation grundsätzlich tiefer auszufallen
hat (vgl. Urk. 93 S. 3; BGer 6B_192/2020 vom 19. August 2020, E. 2.4.). Es kann
jedoch nicht angehen, dass der Beschuldigte von einer günstigeren Strafe
profitiert, weil er zusätzlich weitere Delikte begangen hat. Hierzu gleich
nachfolgend in Ziffer 5.3.
5.3. Zu berücksichtigten ist noch der Strafrest von 99 Tagen. Die Vorinstanz
fällte von 70 Tagen plus Reststrafe von 99 Tagen (total 169 Tage = 5 Monate und
19 Tage) eine Gesamtstrafe von "nur" vier Monaten aus (Urk. 66 S. 22). Der
Einschlag fiel dabei eindeutig zu gross aus. Angesichts des Verbots der
reformatio in peius kann daran aber nichts mehr geändert werden. Hingegen ist
vorliegend wie vorstehend unter Ziffer 5.2. dargelegt, davon abzusehen, eine
tiefere Strafe aufgrund der Bildung einer Gesamtstrafe mit dem Strafbefehl vom
28. Januar 2021 der Staatsanwaltschaft des Kantons Glarus auszufällen. Damit
bleibt es bei der von der Vorinstanz ausgesprochenen Freiheitsstrafe von 4
Monaten als Gesamtstrafe (wovon 1 Tag durch Haft erstanden ist), teilweise als
- 24 -
Zusatzstrafe zum Urteil des Bezirksgerichts Baden vom 15. August 2018 und
teilweise als Zusatzstrafe zum Strafbefehl vom 28. Januar 2021 der
Staatsanwaltschaft des Kantons Glarus.
5.4. Es besteht kein Anlass, von der von der Vorinstanz festgelegten und
hier nicht angefochtenen Geldstrafe abzuweichen (Urk. 66 S. 23 f.). Gleiches gilt
für die von der Vorinstanz ausgefällte Busse in der Höhe von Fr. 100.– (ebd.).
5.5. Der Beschuldigte ist daher unter Einbezug des Strafrestes von 99
Tagen mit einer Freiheitsstrafe von 4 Monaten als Gesamtstrafe (wovon 1 Tag
durch Haft erstanden ist), teilweise als Zusatzstrafe zum Urteil des
Bezirksgerichts Baden vom 15. August 2018 und teilweise als Zusatzstrafe zum
Strafbefehl vom 28. Januar 2021 der Staatsanwaltschaft des Kantons Glarus, und
mit einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu Fr. 30.– sowie mit einer Busse von
Fr. 100.– zu bestrafen.
6. Betreffend Vollzug kann auf die Erwägungen der Vorinstanz verwiesen
werden (Urk. 66 S. 24 f.): Mangels anderer Anhaltspunkte ist der Vollzug der
Freiheitsstrafe zugunsten der mit Urteil des Bezirksgerichts Baden, Strafgericht,
vom 15. August 2018 angeordneten stationären Massnahme im Sinne von Art. 60
Abs. 1 StGB aufzuschieben. Der Vollzug der Geldstrafe wurde nicht beanstandet
(Urk. 66 S. 25) und ist entsprechend anzuordnen. Die Busse ist von Gesetzes
wegen zu vollziehen. Praxisgemäss ist die Ersatzfreiheitsstrafe für den Fall der
schuldhaften Nichtbezahlung auf einen Tag festzusetzen.
V. Zivilforderungen
1. Die Vorinstanz hat die Genugtuungsforderung des Privatklägers zufolge
Freispruchs abgewiesen. Die Schadenersatzforderung hat sie auf den Zivilweg
verwiesen (Urk. 66 S. 25).
2. Mit der Berufung beantragt der Privatkläger, es sei über seinen
Schadenersatz- und Genugtuungsanspruch "zu entscheiden" (Urk. 67 S. 2). Wie
im erstinstanzlichen Verfahren wird eine Genugtuung von Fr. 2'000.00, zuzüglich
5% Zins seit dem 4. September 2017, sowie Schadenersatz (für den
- 25 -
Krankenwagen) in der Höhe von Fr. 583.00 beantragt, eventualiter eine
Schadenersatzpflicht dem Grundsatz nach (Urk. 108 S. 2).
3. Gestützt auf das vorstehende Ergebnis zum Schuldpunkt und da in
diesem Adhäsionsprozess die Dispositionsmaxime gilt, hat es bei der
erstinstanzlichen Regelung sein Bewenden.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Wie eingangs erwähnt, wurde das erstinstanzliche Kostendispositiv
(Dispositiv-Ziff. 13-16) nicht angefochten. Auch die mit Nachtragsverfügungen
festgelegten Entschädigungen der amtlichen Verteidigung (Urk. 50) und der
unentgeltlichen Rechtvertretung (Urk. 54) wurden akzeptiert.
2. Der Privatkläger unterliegt mit seinen Anträgen vollumfänglich. Er wird
damit grundsätzlich kostenpflichtig.
3. Die Kosten der unentgeltlichen Verbeiständung des Privatklägers sind ihm
daher aufzuerlegen, aber einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die
Rückzahlungspflicht bleibt gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO i.V.m. Art. 138 Abs. 1
StPO vorbehalten (vgl. dazu OGer ZH SB190421 vom 26. November 2020).
Anders sieht es aus mit Bezug auf die Kosten der amtlichen Verteidigung:
Gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO kann ausschliesslich die zu den Verfahrenskosten
verurteilte beschuldigte Person zur Rückzahlung der Entschädigung der amtlichen
Verteidigung verpflichtet werden. Mangels einer geeigneten gesetzlichen
Grundlage besteht bei einem (vollständigen oder teilweisen) Freispruch der
beschuldigten Person keine entsprechende Rückzahlungspflicht der
Privatklägerschaft. Die Entschädigung der amtlichen Verteidigung ist in diesem
Fall vom Staat zu tragen (vgl. BGE 145 IV 90 = Pra 108 [2019] Nr. 114).
3.1. Der mit Kostennote vom 21. Oktober 2021 (Urk. 112) geltend gemachte
Aufwand (inkl. Barauslagen) der amtlichen Verteidigerin erscheint angemessen
und steht im Einklang mit den Ansätzen der Anwaltsgebührenverordnung. Nach
Berücksichtigung des effektiven Zeitaufwands für die Berufungsverhandlung und
- 26 -
die Nachbesprechung ist Rechtsanwältin lic. iur. Y1._ für ihre Tätigkeit als
amtliche Verteidigerin im Berufungsverfahren mit gerundet Fr. 5'200.– zu
entschädigen.
3.2. Die unentgeltliche Vertreterin des Privatklägers ist ebenfalls aus der
Gerichtskasse zu entschädigen (Art. 138 Abs. 1 StPO i.V.m. Art. 135 Abs. 1 StPO
sowie § 2 ff. AnwGebV). Der mit Kostennote vom 21. Oktober 2021 (Urk. 110)
geltend gemachte Vertretungsaufwand erscheint angemessen. Rechtsanwältin
lic. iur. X._ ist, ebenfalls unter Berücksichtigung der tatsächlich aufge-
wendeten Zeit für die Berufungsverhandlung, für ihre Tätigkeit als unentgeltliche
Rechtsvertreterin des Privatklägers im Berufungsverfahren mit gerundet Fr.
5'550.– zu entschädigen.