Decision ID: fcb5a108-0abc-4d89-805a-f492781f4892
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 26.08.2010 Art. 87 Abs. 4 IVV. Eintreten auf eine Neuanmeldung zum Bezug einer Invalidenrente. Diese Bestimmung ist nicht nach ihrem Wortlaut, sondern nach ihrem Sinn und Zweck zu interpretieren. Glaubhaft gemacht werden muss also keine Veränderung des Invaliditätsgrades, sondern nur eine Veränderung des massgebenden Sachverhalts, i.d.R. also des Gesundheitszustandes (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 26. August 2010, IV 2008/517).
Entscheid Versicherungsgericht, 26.08.2010
Abteilungspräsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterinnen Monika
Gehrer-Hug und Miriam Lendfers; Gerichtsschreiber Ralph Jöhl
Entscheid vom 26. August 2010
in Sachen
T._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Andreas Fäh, Oberer Graben 26, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente (Nichteintreten auf neues Leistungsbegehren)
Sachverhalt:
A.
T._ (Jg. 1957) meldete sich am 19. Juni 2006 zum Bezug von IV-Leistungen an. Dr.
med. A._ berichtete der IV-Stelle am 31. Oktober 2006, die Versicherte leide an
einem chronischen rezidivierenden Zervikalsyndrom, an einem chronischen
rezidivierenden Thorakalsyndrom und an einem chronischen rezidivierenden
Lumbovertebralsyndrom. Der Gesundheitszustand sei stationär. Die Versicherte werde
mit nichtsteroidalen und steroidalen Antirheumatika, mit Schmerzmitteln und mit
Physiotherapie behandelt, was aber keine wesentliche Besserung bewirke. Er empfahl
eine MEDAS-Abklärung. In einem an Dr. med. A._ gerichteten Bericht vom 10. März
2007 führte Dr. med. B._ von der Klinik für orthopädische Chirurgie des
Kantonsspitals St. Gallen aus, es seien folgende Diagnosen erhoben worden:
chronische Lumbalgie mit Osteochondrose L5/S1 ausgeprägt, L4/5 weniger
ausgeprägt, Spondylarthrosen L4/5 und L5/S1 und degenerative HWS-Veränderungen
mit Osteochondrose und Spondylarthrose HWK5/6 und HWK6/7. Eine Nachkontrolle
sei nicht geplant, da die Versicherte jeglicher invasiven diagnostischen und
therapeutischen Massnahme ablehnend gegenüberstehe. In einem Bericht über eine
Haushaltabklärung vom 19. Juni 2007 wurde u.a. festgehalten, der Versicherten sei
"eine Qualifikation von 100% als Hausfrau zugestanden worden", weil sie seit März
2000 nicht mehr ausserhäuslich gearbeitet habe. Die Haushaltabklärung ergab eine
Invalidität im Haushalt von 32,32%, wobei allerdings in mehreren Bereichen der
Haushaltarbeit eine angebliche "Schadenminderungspflicht" der Familienangehörigen
berücksichtigt wurde. Das Ausmass der dadurch bewirkten Verminderung des
Invaliditätsgrades in den einzelnen Bereichen der Haushaltarbeit wurde allerdings nicht
erfasst und beziffert. Das Ergebnis der Haushaltabklärung, die sich bei genauer
Betrachtung in einer Protokollierung der Selbsteinschätzung der Versicherten erschöpft
hatte, wurde ohne weiteres als massgebender Invaliditätsgrad qualifiziert. Eine
Plausibilitätskontrolle durch einen Arzt unterblieb. Mit einer Verfügung vom 26.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
September 2007 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten mit der
Begründung ab, der Invaliditätsgrad betrage nur 32%. Diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
B.
Am 9. Oktober 2007 füllte die Versicherte erneut eine Anmeldung zum Bezug von IV-
Leistungen aus. Sie legte einen Bericht des Spitals Wil an den Hausarzt vom 24.
September 2007 bei. Gemäss diesem Bericht war die Versicherte wegen chronischer
Rücken- und Bauchschmerzen unklarer Genese eingetreten. Im Spital war eine
Analgesie durchgeführt worden, was die Schmerzen erträglich gemacht hatte. Wegen
einer depressiven Stimmungslage war Citalopram verabreicht worden. Aus Angst vor
Komplikationen hatte die Versicherte eine Infiltration verweigert. Die epigastrischen
Beschwerden waren nach einer medikamentösen Therapie zurückgegangen.
Sonographisch war eine hyperechogene Leber aufgefallen, aber eine Lifestyle-
Modifikation als erster empfohlener Therapieansatz war von den Ärzten des Spitals als
schwierig eingeschätzt worden. Die IV-Stelle forderte die Versicherte am 3. Dezember
2007 auf, Nachweise wie ausführliche Arztberichte, Lohnausweise usw. einzureichen,
damit der Verlauf und allfällige rechtserhebliche Änderungen seit der
Abweisungsverfügung beurteilt werden könnten. Dr. med. A._ führte in einem an die
IV-Stelle gerichteten Schreiben vom 5. Dezember 2007 aus, die Versicherte leide an
einem Ganzkörperschmerzsyndrom, das sich in den letzten Jahren verschlimmert
habe. Bis März 2006 habe er die Versicherte in mehrmonatigen Abständen gesehen.
Seither komme es öfter zu Konsultationen, immer wieder wegen eines
Zervikalsyndroms, eines thorakovertebralen Syndroms und eines lumbovertebralen
Syndroms. Die Konsultationen hätten sich trotz Myotonolytika und Antirheumatika
gehäuft, weshalb die Versicherte dann in Wil hospitalisiert und von der Orthopädie des
Kantonsspitals St. Gallen beurteilt worden sei. Gemäss einem am 12. Februar 2008 bei
der IV-Stelle eingegangenen Bericht des Kantonsspitals St. Gallen an den Hausarzt
vom 27. Dezember 2007 hatte die Versicherte die ambulante Schmerzsprechstunde
aufgesucht. Dabei waren folgende Diagnosen erhoben worden: chronifizierte
Schmerzstörung zervikozephal rechtsbetont, LWS, gemischt nozizeptiv-neuropathisch,
degenerative Wirbelsäulenveränderungen (Osteochondrose und Spondylarthrose
C4-7), Spondylarthrose L4/5 und L5/S1, ausgeprägte Dekonditionierung, reaktive
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Depression, wenig Ressourcen. Die Ärzte des Kantonsspitals St. Gallen hatten dazu
ausgeführt, es bestehe eine langjährige Schmerzkrankheit von schwierig zu
quantifizierendem und qualifizierendem Charakter. Soweit eruierbar bestehe ein
zumindest nozizeptiv-neuropathischer Schmerzcharakter. Zudem liege eine
ausgeprägte Dekonditionierung mit rascher Ermüdbarkeit bereits nach kleinsten
körperlichen Anstrengungen vor. Es seien eine Reihe von Risikofaktoren für eine
weitere Chronifizierung erkennbar, denen keine Ressourcen der Versicherten
gegenüberstünden. Dr. med. C._ vom RAD hielt am 12. Februar 2008 fest, aus den
vorhandenen Angaben und Befunden könne keine relevante Veränderung des
Gesundheitszustandes seit 9/07 abgeleitet werden. Somit sei davon auszugehen, dass
sich die Einschränkungen im Haushalt ebenfalls nicht verändert hätten. Eine weitere
medizinische Abklärung sei nicht indiziert. Mit einer Verfügung vom 22. Februar 2008
trat die IV-Stelle nicht auf die Neuanmeldung ein. Auch diese Verfügung erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
C.
Am 20. Juni 2008 meldete sich die Versicherte zum drittenmal zum Bezug von IV-
Leistungen an. Die IV-Stelle forderte sie am 21. Juli 2008 auf, Nachweise wie
ausführliche Arztberichte, Lohnausweise usw. einzureichen, um ihr Revisionsgesuch
glaubhaft zu machen. Die nun anwaltlich vertretene Versicherte liess am 28. Oktober
2008 eine Stellungnahme von Dr. med. D._ vom 13. Oktober 2008 einreichen. Dr.
med. D._ hatte folgende Diagnosen angegeben: chronifizierte Schmerzstörung,
zervikozephal rechtsbetont mit Lumbovertebralsyndrom bei degenerativen
Wirbelsäulenveränderungen, psychosoziale Belastungssituation, ausgeprägte
Rekonvensionierung, reaktive Depression, wenig Ressourcen. Weiter führte er aus, seit
September 2007 habe sich die Situation möglicherweise verschlechtert. Er kenne die
Versicherte allerdings erst seit Februar 2008. Eine Anmeldung bei der Klinik für
orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen sei dahingehend beantwortet
worden, dass die organischen Abklärungen abgeschlossen seien. Auch die
Bauchschmerzen der Versicherten seien schon mehrfach abgeklärt worden. Im Juni
habe er den Eindruck gehabt, dass die Versicherte zunehmend niedergeschlagen
gewesen sei, weshalb er eine Behandlung mit Saroten 50 0-0-2 eingeleitet habe. Bei
Verschlechterung der psychischen Situation wäre die Beurteilung durch einen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Psychiater angezeigt. Im Vordergrund der aktuellen Beschwerden stünden jedoch nach
wie vor die Schmerzen, die diffus über den ganzen Körper angegeben würden. Die
Versicherte sei am Institut für Anästhesie des Kantonsspitals St. Gallen angemeldet. Da
sich die Schmerzsprechstunde auch mit den psychiatrischen Aspekten der
chronischen Schmerzen befasse, sei mit dem Kantonsspital Kontakt aufzunehmen.
Dabei sollte auch eine fachärztliche Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Versicherten
als Hausfrau möglich sein. In bezug auf die Rückenschmerzen hätten sich
wahrscheinlich keine neuen Aspekte betreffend die Arbeitsfähigkeit ergeben. Aus
hausärztlicher Sicht befinde sich die Versicherte zusätzlich in einer depressiven Phase.
Der Rechtsvertreter der Versicherten hielt dazu fest, die depressive Erkrankung sei im
Abklärungsverfahren, das am 26. September 2007 abgeschlossen worden sei, noch
kein Thema gewesen. Damit seien klarerweise Revisionsgründe gegeben. Die
gesundheitliche Situation habe sich entscheidend verschlechtert. Dr. med. E._ vom
RAD hielt dazu am 12. November 2008 fest, der Rechtsvertreter der Versicherten gehe
davon aus, dass sich eine depressive Erkrankung eingestellt habe, womit eindeutig
eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes eingetreten sei. Er übersehe aber,
dass es sich um ein reaktives Geschehen im Rahmen einer chronifizierten
Schmerzstörung und nicht um eine eigenständige Krankheitsentität handle. Demnach
liege mangels einer erheblichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes kein
medizinischer Revisionsgrund vor. Mit einer Verfügung vom 13. November 2008 trat die
IV-Stelle nicht auf das Leistungsbegehren der Versicherten ein.
D.
Die Versicherte liess am 17. Dezember 2008 Beschwerde erheben und beantragen, die
IV-Stelle sei anzuweisen, auf das Leistungsbegehren einzutreten und einen Entscheid
in der Sache zu fällen. Zur Begründung führte der Rechtsvertreter der Versicherten aus,
in der angefochtenen Verfügung habe sich die IV-Stelle nicht mit seiner Argumentation
auseinandergesetzt. Die völlig pauschal gehaltene Verfügungsbegründung verletze den
Anspruch auf rechtliches Gehör. Deshalb sei die Sache zur Neubeurteilung
zurückzuweisen. Die Voraussetzungen für ein Eintreten auf das neue Gesuch seien
erfüllt. Das Kantonsspital St. Gallen habe nämlich am 17. Dezember 2007 eine reaktive
Depression diagnostiziert und Dr. med. D._ sei davon ausgegangen, dass ab Juli
2008 eine Verschlechterung eingetreten sei, denn die Versicherte habe zunehmend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
niedergeschlagen gewirkt, was sich auf die Arbeitsfähigkeit ausgewirkt habe. Aufgrund
der Angaben von Dr. med. D._ müsse davon ausgegangen werden, dass sich die
reaktive Depression verstärkt habe.
E.
Die IV-Stelle beantragte am 25. Juni 2009 die Abweisung der Beschwerde. Zur
Begründung verwies sie auf die Ausführungen von Dr. med. E._ vom RAD vom 12.
November 2008. Diese zeigten, dass nicht von einer wesentlichen Verschlechterung
des Gesundheitszustandes ausgegangen werden könne.
F.
Der Rechtsvertreter der Versicherten liess die ihm mehrfach erstreckte Frist zur Replik
schliesslich ungenutzt verstreichen. Die Gerichtsleitung schloss den Schriftenwechsel
am 22. Dezember 2009 ab.

Erwägungen:
1.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat das Rechtsbegehren gestellt, die
Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, auf das Leistungsbegehren einzutreten und
einen Entscheid in der Sache zu fällen. Er hat dies einerseits mit einer Verletzung des
Anspruchs auf rechtliches Gehör und andererseits damit begründet, dass die
Voraussetzungen des Eintretens auf eine Neuanmeldung erfüllt seien. Mit der Berufung
auf den Anspruch auf rechtliches Gehör hat der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin eine Verletzung der Pflicht zur Begründung von Verfügungen (Art.
49 Abs. 3 Satz 2 ATSG) gerügt. Tatsächlich hat sich die Beschwerdegegnerin in der
angefochtenen Verfügung nicht mit den Argumenten des Rechtsvertreters der
Beschwerdeführerin auseinandergesetzt. Sie hat also ihre Pflicht, Verfügungen
ausreichend zu begründen, verletzt. In Bezug auf die formellen Anforderungen an ein
korrektes Verfahren ebenso bedeutsam wie die Verfügungsbegründung ist die (vom
Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin nicht angesprochene) Pflicht, auch einer -
verfahrensabschliessenden – Nichteintretensverfügung einen Vorbescheid
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorauszuschicken (Art. 57a IVG). Die angefochtene Verfügung ist also in Verletzung
zweier Verfahrensnormen, des Art. 49 Abs. 3 Satz 2 ATSG (Begründungspflicht) und
des Art. 57a IVG (Vorbescheidspflicht), ergangen. Mit diesen beiden Normen hat der
Gesetzgeber je einen Teilbereich des verfassungsmässigen Gehörsanspruchs
umgesetzt. Bei einer Verletzung von Normen, die zum Gegenstand dieses Anspruchs
gehören, ist praxisgemäss immer die Frage nach einer sogenannten "Heilung" zu
stellen. Gemeint ist damit das Nichtbeachten der Rechtswidrigkeit der angefochtenen
Verfügung, die auf die Verletzung von Verfahrensnormen zurückzuführen ist. Begründet
wird ein solches Vorgehen des Gerichts mit dem Grundsatz der Verfahrensökonomie
bzw. der Verfahrensbeschleunigung. Allerdings ist die Heilungsmöglichkeit nicht nur bei
einer Verletzung von Verfahrensnormen anwendbar, die den verfassungsmässigen
Gehörsanspruch konkretisieren, sondern auch bei anderen Verfahrensnormen wie z.B.
bei einer Verletzung der Pflicht, bei der Abmahnung einer Schadenminderungspflicht
nach Art. 21 Abs. 4 ATSG eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen. Ist die
Bedenkzeit in einem Fall objektiv zu kurz gewesen, um noch als angemessen
qualifiziert werden zu können, wird dies von der versicherten Person aber gegenüber
dem mit der Beurteilung der Sanktionsverfügung nach Art. 21 Abs. 4 ATSG befassten
Versicherungsgericht nicht gerügt, so müsste diese Verletzung einer
verfahrensrechtlichen Norm an sich von Amtes wegen in die Beurteilung der
Sanktionsverfügung einfliessen und dazu führen, dass die Sanktionsverfügung als
rechtswidrig aufgehoben und die Sache zur korrekten Durchführung des sogenannten
Mahn- und Bedenkzeitverfahrens an die Verwaltung zurückgewiesen würde. Nun hat
die Rechtswidrigkeit einer Verfügung als Folge der Verletzung einer
verfahrensrechtlichen Bestimmung aber eine besondere Natur, da das Verfahrensrecht
nur dazu dient, die korrekte Einzelfallanwendung des materiellen Rechts
sicherzustellen. Bei einer formellen, verfahrensrechtlichen Rechtswidrigkeit besteht
nicht dasselbe Interesse an einer Korrektur wie bei einer materiellen Rechtswidrigkeit.
Daraus folgt, dass bei einer Abwägung zwischen der durch eine "Heilung" erreichbaren
Verfahrensbeschleunigung einerseits und dem Legalitätsprinzip, d.h. dem Interesse an
einer auch formell rechtmässigen Entscheidung andererseits das
verfahrensökonomische Interesse bzw. das Beschleunigungsinteresse im Normalfall
obsiegt, der verfahrensrechtliche Fehler also ignoriert und die zugrunde liegende
materiellrechtliche Frage beurteilt wird. Dies muss auch im vorliegenden Fall gelten,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zumal der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin ausdrücklich die "materielle"
Beurteilung, d.h. die Anordnung des Eintretens auf die Neuanmeldung beantragt hat.
Das kann nämlich nur so interpretiert werden, dass er sich sinngemäss zugunsten der
Verfahrensbeschleunigung mit einer "Heilung", d.h. mit einem Ignorieren der beiden
verfahrensrechtlichen Fehler beim Erlass der angefochtenen Nichteintretensverfügung
einverstanden erklärt hat.
2.
2.1 Somit ist zu prüfen, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht nicht auf die
Neuanmeldung vom 20. Juni 2008 eingetreten ist. Ist eine Rente wegen eines zu
geringen Invaliditätsgrades verweigert worden, so wird eine neue Anmeldung nur
geprüft, wenn glaubhaft gemacht wird, dass sich der Invaliditätsgrad in einer für den
Anspruch erheblichen Weise geändert habe (Art. 87 Abs. 4 i.V.m. Art. 87 Abs. 3 IVV).
Da der Invaliditätsgrad das Resultat eines komplexen Vorgangs, im vorliegenden Fall
eines Betätigungsvergleichs im eigenen Haushalt der Beschwerdeführerin ist (Art. 28a
Abs. 2 IVG), muss praxisgemäss nicht eine erhebliche Veränderung des
Invaliditätsgrades, sondern nur eine erhebliche Veränderung des dem Invaliditätsgrad
zugrunde liegenden Sachverhalts, i.d.R. des Gesundheitszustandes glaubhaft gemacht
werden. Würde man den Wortlaut des Art. 87 Abs. 4 IVV völlig ernst nehmen, reichte es
nicht aus, eine Veränderung des Gesundheitszustandes glaubhaft zu machen, denn
zusätzlich müsste glaubhaft gemacht werden, dass die glaubhaft gemachte
Veränderung des Gesundheitszustandes geeignet sei, eine leistungserhebliche
Veränderung des Invaliditätsgrades zu bewirken. Die Prüfung, ob eine erhebliche
Veränderung im Sinne von Art. 87 Abs. 4 IVV glaubhaft gemacht sei, würde also
jedesmal eine vorläufige Invaliditätsbemessung beinhalten, bei der die glaubhaft
gemachte Veränderung des Gesundheitszustandes in eine glaubhaft gemachte
Arbeitsunfähigkeit umgesetzt und dann dem Einkommens- oder Betätigungsvergleich
zugrundegelegt werden müsste. Erst anhand des Resultats dieses vorläufigen
Einkommens- oder Betätigungsvergleichs könnte dann ermessen werden, ob eine
erhebliche Veränderung im Sinne von Art. 87 Abs. 4 IVV glaubhaft gemacht sei oder
nicht. Das deckt sich offensichtlich nicht mit dem Sinn und Zweck des Art. 87 Abs. 4
IVV, der nur darin besteht, es den IV-Stellen zu erlauben, offensichtlich aussichtslose
Neuanmeldungen mit minimalem Aufwand durch einen Nichteintretensentscheid zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erledigen. Das bedeutet, dass es bei einer teleologisch richtigen Interpretation des Art.
87 Abs. 4 IVV genügt, in Abweichung vom Wortlaut dieser Bestimmung eine
Veränderung des Gesundheitszustands glaubhaft zu machen. Allerdings kann es sich
nicht um irgendeine Gesundheitsveränderung handeln. Erheblich ist die glaubhaft
gemachte Veränderung des Gesundheitszustandes nur, wenn es sich um eine
voraussichtlich bleibende oder länger dauernde Verschlechterung handelt und wenn
die Möglichkeit besteht, dass diese Verschlechterung eine bleibende oder länger
dauernde Arbeitsunfähigkeit (bzw. Erhöhung der Arbeitsunfähigkeit) und damit eine
Erhöhung des Invaliditätsgrades bewirken könnte.
2.2 Die abweisende Verfügung vom 26. September 2007 beruhte in medizinischer
Hinsicht auf einem Zustand bei ausgedehnten Rückenbeschwerden. Andere
Gesundheitsbeeinträchtigungen lagen damals nicht vor. Bei der ersten Neuanmeldung
hatte sich in bezug auf das Rückenleiden nichts geändert. Es waren aber neue
Gesundheitsbeeinträchtigungen hinzugekommen, nämlich eine ausgeprägte
Dekonditionierung, eine reaktive Depression, epigastrische Beschwerden und eine
mögliche Erkrankung der Leber. Die epigastrischen Beschwerden stellten eine
interkurrente Erkrankung dar und die mögliche Erkrankung der Leber hatte keinen
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin. Anlässlich der zweiten
Neuanmeldung sind keine nach dem Nichteintreten auf die erste Neuanmeldung neu
aufgetretenen Krankheiten behauptet worden. In Bezug auf die ausgedehnten
Rückenbeschwerden ist von einem unveränderten Zustand auszugehen. Es gibt keinen
Hinweis darauf, dass sich die Dekonditionierung spürbar verschlimmert hätte. Für die
Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit hat der behandelnde Arzt eine mögliche
Verschlimmerung seit dem Nichteintreten auf die erste Neuanmeldung angegeben.
Sowohl die Dekonditionierung als auch die Beeinträchtigung der psychischen
Gesundheit stellen Veränderungen dar, denen die Beschwerdegegnerin im Ergebnis
zweimal – bei der ersten Neuanmeldung und wieder bei der zweiten Neuanmeldung –
die Erheblichkeit abgesprochen hat, der Dekonditionierung konkludent und der
Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit explizit gestützt auf entsprechenden
Ausführungen des RAD. Eine Dekonditionierung kann durchaus dazu führen, dass die
Arbeitsfähigkeit einer an Rückenbeschwerden leidenden Person im eigenen Haushalt
reduziert ist, denn diese Arbeit beinhaltet eine Reihe von Tätigkeiten, die den Einsatz
der Körperkraft erfordern. Die Dekonditionierung kann nicht einfach mit dem Argument
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beiseitegeschoben werden, die Beschwerdeführerin könnte ihre Kondition – und damit
ihre Arbeitsfähigkeit – durch eine geeignete physikalische und Trainingstherapie
wiederherstellen. Dies wäre höchstens langfristig betrachtet möglich, so dass eine
Dekonditionierung durchaus geeignet sein kann, eine länger dauernde und damit
erhebliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit zu bewirken. Die Beschwerdegegnerin
hat der reaktiven Depression die Erheblichkeit mit dem Argument des RAD
abgesprochen, dieser Diagnose fehle eine eigenständige Krankheitsentität, weshalb
kein medizinischer Revisionsgrund vorliege. Diese Aussage dürfte auf der (Fehl-)
Überlegung beruhen, dass nur eine neu aufgetretene Diagnose mit einer
eigenständigen Entität eine erhebliche Veränderung im Sinne von Art. 87 Abs. 4 IVV als
glaubhaft erscheinen lassen könne. Tatsächlich kann aber auch eine Zunahme der
Beschwerden oder eine Komplikation einer vorbestehenden Krankheit ein Ansteigen
der Arbeitsunfähigkeit bewirken. Deshalb ist auch dann eine erhebliche Veränderung im
Sinne von Art. 87 Abs. 4 IVV glaubhaft gemacht, wenn eine Verschlimmerung oder eine
Komplikation dazu führt, dass eine vorbestehende, für sich allein noch keine
massgebliche Arbeitsunfähigkeit bewirkende Gesundheitsbeeinträchtigung neu eine
relevante Arbeitsunfähigkeit bewirken könnte. Mit dem Auftreten der Dekonditionierung
und insbesondere der reaktiven Depression ist deshalb im vorliegenden Fall
grundsätzlich eine erhebliche Veränderung im Sinne von Art. 87 Abs. 4 IVV glaubhaft
gemacht. Zu prüfen bleibt, ob der Umstand, dass die Dekonditionierung und die
reaktive Depression bereits Gegenstand des – formell rechtskräftigen – Nichteintretens
auf die erste Neuanmeldung gebildet haben, eine erneute Berufung auf diese beiden
Veränderungen zur Glaubhaftmachung bei einer zweiten Neuanmeldung ausschliesst.
Eine Verordnungsbestimmung, die solches anordnen würde, existiert nicht. Art. 87 Abs.
4 IVV ist nur dazu da, eine unnötige materielle Prüfung eines erneuten Rentengesuchs
zu vermeiden. Diese Bestimmung bezweckt also nicht, die wiederholte Neuanmeldung
mittels ein und derselben Behauptung einer erheblichen Sachverhaltsveränderung zu
verhindern. Darauf würde es nämlich hinauslaufen, wenn eine solche behauptete
Sachverhaltsveränderung durch eine vorausgegangene, erfolglose Neuanmeldung
"verbraucht" worden wäre und deshalb im Rahmen einer erneuten Neuanmeldung im
Rahmen der Glaubhaftmachungsprüfung gar nicht mehr gewürdigt würde. Es muss
deshalb möglich sein, sich unter Berufung auf ein und dieselbe
Sachverhaltsveränderung immer wieder neu anzumelden und damit die IV-Stelle zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/12
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"zwingen", die behauptete Erheblichkeit dieser Sachverhaltsveränderung immer wieder
darauf zu prüfen, ob sie glaubhaft gemacht sei. Eine wiedererwägungsähnliche
Wirkung in bezug auf die frühere, formell rechtskräftige Nichteintretensverfügung ist
damit nicht verbunden. Diese Verfügung kann nämlich nicht tangiert sein, weil nicht auf
die damalige Anmeldung zurückgekommen wird. Für den vorliegenden Fall gilt somit,
dass die Beschwerdeführerin mit der Dekonditionierung und insbesondere mit der
reaktiven Depression eine erhebliche Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht hat.
Die Beschwerdegegnerin ist deshalb zu Unrecht nicht auf die Neuanmeldung vom 20.
Juni 2008 eingetreten.
3.
Da eine erhebliche Sachverhaltsveränderung gemäss Art. 87 Abs. 4 IVV glaubhaft
gemacht ist, muss auf die Neuanmeldung eingetreten werden. Die angefochtene
Verfügung vom 13. November 2008 ist deshalb aufzuheben und die Sache ist zur
materiellen Prüfung der Neuanmeldung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Gerichtsgebühr bemisst sich nach
dem Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Gegenstand des Verfahrens hat nur die
Eintretensfrage gebildet, so dass ein unterdurchschnittlicher Verfahrensaufwand
entstanden ist. Eine Gerichtsgebühr von Fr. 500.- erweist sich als angemessen. Die
vollumfänglich unterliegende Beschwerdegegnerin hat diese Gerichtgebühr zu
bezahlen. Der Kostenvorschuss von Fr. 600.- ist der Beschwerdeführerin
zurückzuerstatten. Die obsiegende Beschwerdeführerin hat einen Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese bemisst sich nach der Bedeutung der Streitsache und nach
der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61 lit. g ATSG), wobei insbesondere auch dem
Vertretungsaufwand Rechnung zu tragen ist. Letzterer erweist sich als weit
unterdurchschnittlich. Eine Parteientschädigung von Fr. 1800.- (inklusive Barauslagen
und Mehrwertsteuer) erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin hat die
Beschwerdeführerin also mit Fr. 1800.- zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG