Decision ID: c38fcd34-2c50-53b4-8083-edd9d1cfb17b
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. X.Y., geboren 1983, serbische Staatsangehörige, reiste erstmals am 11. Juni 1995
im Rahmen des Familiennachzugs (Verbleib bei ihren Eltern) in die Schweiz ein, wo sie
die entsprechende Aufenthaltsbewilligung erhielt (act. 2/2 S. 2; Vorakten [nachfolgend
Dossier], S. 5). Am 21. November 1996 wurde ihr die Niederlassungsbewilligung erteilt.
Nachdem sie im Dezember 1996 nach Serbien zurückgekehrt war, wurde am
5. November 1997 das Erlöschen der Niederlassungsbewilligung festgestellt. Am
1. April 2001 reiste sie erneut in die Schweiz ein und erhielt wieder die
Niederlassungsbewilligung. Am 17. Januar 2003 heiratete sie den Landsmann A.Y.,
geboren 1978, der sich aufgrund eines Asylverfahrens in der Schweiz aufhielt. Das
Ehepaar hat zwei Kinder (K.Y., geboren 2006, und L.Y., geboren 2008). Der Ehemann
und die Kinder besitzen ebenfalls die Niederlassungsbewilligung.
B. Mit Entscheid des Kreisgerichts T. vom 4. November 2015 wurde X.Y. wegen
Betrugs und Betrugsversuchs zu einer Freiheitsstrafe von 21 Monaten verurteilt
(act. 7/1b/20; Dossier, S. 73 ff.). Der Vollzug der Freiheitsstrafe wurde bei einer
Probezeit von zwei Jahren bedingt aufgeschoben.
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C. Mit Verfügung vom 23. Juni 2016 widerrief das Migrationsamt die
Niederlassungsbewilligung von X.Y. (act. 7/1b/2; Dossier, S. 113 ff. und S. 188 ff.). Es
wies sie an, die Schweiz spätestens 60 Tage nach Rechtskraft der Verfügung zu
verlassen. Das Sicherheits- und Justizdepartement wies ihren gegen diese Verfügung
erhobenen Rekurs am 6. April 2017 ab.
D. X.Y. (Beschwerdeführerin) erhob gegen den am 10. April 2017 versandten Entscheid
des Sicherheits- und Justizdepartements (Vorinstanz) mit Eingabe ihres
Rechtsvertreters vom 25. April 2017 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem
Rechtsbegehren, unter Kosten- und Entschädigungsfolge, eventualiter unter
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sei der angefochtene Entscheid der
Vorinstanz aufzuheben und vom Widerruf der Niederlassungsbewilligung und von der
Wegweisung abzusehen. Die Beschwerdeführerin reichte am 28. April 2017 ein
zusätzliches Beweismittel ein.
Die Vorinstanz verwies am 4. Mai 2017 auf die Erwägungen im angefochtenen
Entscheid und beantragte die Abweisung der Beschwerde. Auf die Begründung des
angefochtenen Entscheides und auf die Ausführungen der Beschwerdeführerin zur
Begründung ihres Rechtsbegehrens sowie die Akten wird, soweit wesentlich, in den
Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2. Die Niederlassungsbewilligung kann bei Ausländern wie der Beschwerdeführerin, die
sich seit mehr als 15 Jahren ununterbrochen und ordnungsgemäss in der Schweiz
aufhält, nur widerrufen werden, wenn sie in schwerwiegender Weise gegen die
öffentliche Sicherheit und Ordnung in der Schweiz oder im Ausland verstossen oder
diese gefährden (vgl. Art. 63 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 63 Abs. 1 lit. b Bundesgesetz
über die Ausländerinnen und Ausländer [SR 142.20, AuG]) oder wenn sie zu einer
längerfristigen Freiheitsstrafe verurteilt werden (vgl. Art. 63 Abs. 2 in Verbindung mit
Art. 62 lit. b AuG). Eine längerfristige Freiheitsstrafe wird bejaht, wenn die (bedingte
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oder unbedingte) Freiheitsstrafe mehr als ein Jahr beträgt (vgl. dazu BGE 135 II 377
E. 4.2.).
Das Kreisgericht T. verurteilte die Beschwerdeführerin mit Entscheid vom 4. November
2015 zu einer Freiheitsstrafe von 21 Monaten. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wurde bei
einer Probezeit von zwei Jahren bedingt aufgeschoben. Damit ist der Widerrufsgrund
von Art. 63 Abs. 2 in Verbindung mit Art. 62 lit. b AuG erfüllt.
3. Ein Widerruf der Niederlassungsbewilligung rechtfertigt sich indessen selbst bei
Vorliegen eines Widerrufsgrundes nur, wenn die im Einzelfall vorzunehmende
Interessenabwägung den Widerruf auch als verhältnismässig erscheinen lässt (Art. 5
Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, SR 101, BV;
Art. 96 Abs. 1 AuG). Der Widerruf setzt also voraus, dass das öffentliche Interesse an
der Wegweisung die privaten Interessen der betroffenen Person an deren Verbleib in
der Schweiz übersteigt. Bei dieser Interessenabwägung zu berücksichtigen sind laut
konstanter Praxis des Bundesgerichts insbesondere die Schwere des Verschuldens
des Ausländers, die Dauer seiner Anwesenheit in der Schweiz und seine Integration
sowie die ihm und seiner Familie drohenden Nachteile. Der Widerruf der
Niederlassungsbewilligung hat zu unterbleiben, wenn der verfolgte Zweck mit einer
weniger einschneidenden Massnahme, z.B. mit einer Androhung des Widerrufs der
Bewilligung, erreicht werden kann (BGE 135 II 377 E. 4.3; Weisungen des
Staatssekretariates für Migration [SEM], I. Ausländerbereich, Version 25.10.2013 Stand:
18. Juli 2016, Ziff. 8.3, abrufbar unter: www.bfm.admin.ch). Bei Beschwerdeführern mit
Kindern ergibt sich die Notwendigkeit der Interessenabwägung auch aus Art. 8 der
Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR
0.101, EMRK) und Art. 13 Abs. 1 BV.
Ausgangspunkt und Massstab der Überprüfung ist das Verschulden der
Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit den von ihr begangenen Straftaten und
damit die verhängten Strafen beziehungsweise das in den entsprechenden Strafurteilen
zum Ausdruck kommende Verschulden. Dabei hat sich das Verwaltungsgericht mit den
Erwägungen der entscheidenden Strafbehörden auseinanderzusetzen, um zu einem
eigenen Schluss betreffend die Schwere des Verschuldens und die Gefahrenprognose
zu gelangen (VerwGE B 2011/58 vom 11. August 2011 E. 3.1). Denn beim Entscheid
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über den Widerruf der Niederlassungsbewilligung stehen weniger der
Resozialisierungsgedanke oder die Prognose über das künftige Wohlverhalten als
vielmehr das allgemeine Interesse an der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit
und Ordnung im Vordergrund. Der Beurteilungsmassstab ist damit vorliegend im
Vergleich zu den Strafbehörden strenger. Zu beachten ist dabei jedoch, dass laut
Bundesgericht umso strengere Anforderungen an die Schwere des Verschuldens
beziehungsweise den Widerruf der Niederlassungsbewilligung zu stellen sind, je länger
Ausländer in der Schweiz leben. Die Ausweisung und damit auch der Widerruf der
Niederlassungsbewilligung ist aber selbst dann nicht ausgeschlossen, wenn Ausländer
in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind (BGE 130 II 176 E. 4.4.2).
4. Vorliegend ist es so, dass das Urteil des Kreisgerichts T. vom 4. November 2015
unbegründet blieb, da keine Begründung verlangt worden war (Dossier, S. 73 ff.). Aber
vergleicht man die ausgefällte Strafe von 21 Monaten Freiheitsstrafe mit dem Antrag
der Staatsanwaltschaft (Freiheitsstrafe von 24 Monaten), so kann davon ausgegangen
werden, dass der seitens der Staatsanwaltschaft geschilderte Sachverhalt
grundsätzlich Basis des gerichtlichen Urteils bildete (vgl. die Anklageschrift in Dossier,
S. 97 ff.). Aus der Anklageschrift geht hervor, dass die Beschwerdeführerin in der
Absicht, sich unrechtmässig zu bereichern, massgebliche Organe und Beauftragte der
Sozialversicherungsanstalt durch Vorspiegelung und Unterdrückung von Tatsachen
arglistig irregeführt oder in ihrem Irrtum arglistig bestärkt und zu Zahlungen von
insgesamt CHF 258‘944 bestimmt hat, wodurch diese sich oder einen anderen am
Vermögen schädigten (Dossier, S. 107). Bezüglich weiterer CHF 1‘280‘286 machte sich
die Beschwerdeführerin des versuchten Betrugs schuldig. Hinzu kamen weitere
Straftatbestände, die sie mit diesem Verhalten erfüllte, die vergleichsweise allerdings
weniger gewichtig erscheinen. Die Deliktssumme sowie das absichtliche und bewusste
Vorgehen der Beschwerdeführerin beim Betrug der Sozialversicherungsanstalt – einer
wichtigen Institution der sozialen Sicherheit und Solidarität in der Schweiz –
dokumentieren eine ausgeprägte Geringschätzung und Gleichgültigkeit der
Beschwerdeführerin gegenüber der schweizerischen Rechts- und Sozialordnung. Mit
ihrem Vorgehen hat die Beschwerdeführerin nicht nur einen Straftatbestand erfüllt,
sondern auch die öffentliche Ordnung der Schweiz in einem empfindlichen Punkt
massiv verletzt. Hinzu kommt, dass danach trotz laufendem ausländerrechtlichem
Verfahren erneut ein Ermittlungsverfahren wegen Ladendiebstahls (nicht geringwertiger
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Sachen) in Deutschland aufgenommen wurde (Dossier, S. 185). Die
Beschwerdeführerin hatte das Diebesgut herausgegeben, nachdem sie von der
Ladendetektivin in der Tiefgarage auf den Diebstahl angesprochen worden war. Was
die Beschwerdeführerin gegen die Diebstahlsabsicht – sie habe die fraglichen
Kosmetikartikel in der Handtasche gelegt, weil der Einkaufswagen grosse Löcher
aufgewiesen habe – vorbringt, erscheint unglaubwürdig, zumal sie dabei beobachtet
worden war, wie sie die Artikel vorgängig „ausschachtelte“ (Dossier, S. 185). Zudem ist
das öffentliche Interesse am Widerruf ihrer Niederlassungsbewilligung auch ohne
Berücksichtigung dieses Diebstahls erheblich. Denn aufgrund der fortgesetzten
Tatbegehung beim Sozialversicherungsbetrug kann nicht die Rede von einem
einmaligen Fehltritt sein.
Dem gegenüber stehen die privaten Interessen der Beschwerdeführerin und ihrer
Familie – das heisst ihres Ehemannes und ihrer beiden (minderjährigen) Kinder – und
damit unter anderem die lange Aufenthaltsdauer der Beschwerdeführerin in der
Schweiz sowie die Tatsache, dass sie hier verheiratet ist und auch ihre beiden
minderjährigen Kinder hier leben. Die Beschwerdeführerin ist mit den
Lebensumständen aufgrund ihrer Kinder- und Jugendzeit in Serbien bestens vertraut.
Dafür sprechen auch die Tatsachen, dass sie in der Lage ist, in Serbien ein
Gerichtsverfahren durchzuführen (act. 2/3), und in so engem Kontakt mit den Eltern
und Geschwistern des Ehemannes steht, dass diese offenbar nur aufgrund ihrer
finanziellen Lage nicht gewillt sind, die Beschwerdeführerin bei sich aufzunehmen
(act. 1 S. 7). Ihr kann deshalb diesbezüglich eine Rückkehr nach Serbien ohne weiteres
zugemutet werden. Die Beziehung zu ihren Kindern und zu ihrem Mann kann die
Beschwerdeführerin entweder vom Ausland aus pflegen (z.B. mittels Skype oder
anderer elektronischer Medien sowie im Rahmen von Besuchsaufenthalten) oder
zusammen mit ihrer Familie ausreisen. Denn auch den übrigen Mitgliedern der Familie
ist die Ausreise zumutbar, hat doch der Ehegatte der Beschwerdeführerin seine
prägende Schul- und Jugendzeit im selben Kulturkreis wie die Beschwerdeführerin
selbst verbracht und leben auch seine Eltern und Geschwister nach wie vor dort. Die
Kinder befinden sich zwar in der Ausbildungsphase, aber gleichzeitig noch in einem
sehr anpassungsfähigen Alter. Der Antritt einer Lehrstelle steht nicht in naher Zeit
bevor. Wohl wäre es angesichts der guten Schulnoten der Tochter K.Y. (Dossier,
S. 161f. und S. 375 ff.) für diese bedauerlich, die Schweiz zu verlassen, doch könnte sie
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gewiss auch im Ausland an diese guten Leistungen anknüpfen. Im Übrigen musste die
Beschwerdeführerin zur Zeit ihrer Betrugshandlungen damit rechnen, die berufliche
Zukunft ihrer Kinder durch ihr Handeln zu gefährden.
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung genügt die von der Beschwerdeführerin
geltend gemachte Gefahr, bei einer Aufenthaltsbeendigung ihrem Leben ein Ende zu
setzen, für sich allein nicht, um die Wegweisung beziehungsweise deren Vollzug bereits
als unverhältnismässig beziehungsweise unzulässig erscheinen zu lassen. Die
schweizerischen Behörden sind gehalten, im Rahmen der konkreten
Rückkehrmassnahmen alles ihnen Zumutbare vorzukehren, um medizinisch
beziehungsweise betreuungsmässig sicherzustellen, dass das Leben und die
Gesundheit der betroffenen Person nicht beeinträchtigt wird; sie sind
verfassungsrechtlich jedoch nicht verpflichtet, im Hinblick auf eine psychisch kritische
Situation in Abweichung von den gesetzlichen Vorgaben dem Ansinnen auf Erteilung
einer Anwesenheitsberechtigung zu entsprechen. Der Vollzug der Wegweisung muss in
solchen Fällen sorgfältig geplant und durchgeführt werden. Allenfalls ist die Möglichkeit
einer vorgängigen fürsorgerischen Unterbringung (Art. 426 ff. des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches; SR 210, ZGB) in zeitlicher Nähe zur Wegweisung, eine ärztliche
Begleitung auf dem Flug oder eine Übergabe an beziehungsweise eine
Kontaktaufnahme mit entsprechenden Spezialisten im Heimatland zu prüfen. Nur wenn
der Vollzug der Wegweisung auch mit adäquater medizinischer Rückkehrhilfe und
entsprechenden Vorsichtsmassnahmen längerfristig nicht möglich ist, stellt sich die
Frage einer Unzumutbarkeit oder einer Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs und
der sich daraus ergebenden Konsequenzen, wobei diesbezüglich im Zusammenhang
mit Art. 3 EMRK relativ hohe Schwellen gelten, da es dabei nicht unmittelbar um
Handlungen oder Unterlassungen staatlicher oder privater Akteure geht, sondern um
einen natürlichen Prozess (Krankheit), der zu den entsprechenden Konsequenzen (Tod,
Verschlechterung des Gesundheitszustandes usw.) führt (vgl. BGer 2C_856/2015 vom
10. Oktober 2015 E. 3.1. und 3.2.1).
Aus dieser bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist abzuleiten, dass bei
Suizidabsichten, die – wie vorliegend – insbesondere im Zusammenhang mit dem
Vollzug einer zulässigen und zumutbaren Wegweisung geäussert werden, in erster Linie
der Vollzug als solcher sorgfältig zu planen ist, jedoch die Schweiz für die im
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Heimatland mögliche Suizidprävention grundsätzlich keine Verantwortung zu
übernehmen hat. Insoweit sind die Unterlagen, welche die Beschwerdeführerin im
Zusammenhang mit den Behandlungsmöglichkeiten in ihrer Heimat vorlegt,
unbehelflich. Die medizinische Behandlung der Beschwerdeführerin ist auch in
Südserbien gesichert und steht einer Rückkehr nicht entgegen (statt vieler BVerwGer
D 1078/2015 vom 2. März 2015 E. 4.5; E 3152/2009 vom 22. August 2012 C.c.).
Beweise für die gegenteiligen Behauptungen der Beschwerdeführerin wurden
abgesehen von ihrer Parteiaussage keine angeboten. Alleine die Parteiaussage der
wegen Betrugs verurteilten und damit in ihrer Glaubwürdigkeit eingeschränkten
Beschwerdeführerin kann den Beweis nicht erbringen, der für die Abweichung von der
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts, die sich auf die Beurteilung von
Länderexperten des Staatssekretariats (ehemals Bundesamt) für Migration stützt,
erforderlich wäre (antizipierte Beweiswürdigung). Im Übrigen ist die
Beschwerdeführerin nicht gezwungen, nach E. zu ziehen, sondern könnte sich auch
andernorts in Serbien niederlassen. Die Eltern und Geschwister ihres Ehemannes
wären ihr dabei sicher behilflich, selbst wenn sie sie offenbar selbst nicht aufnehmen
können. Eine gravierende Situation wie im Urteil des Europäischen Gerichtshofs für
Menschenrechte vom 21. Januar 2011 in Fall M.S.S. gegen Belgien und Griechenland
(Geschäfts-Nr. 30696/09), also „ein Leben in extremer Armut und ohne die Möglichkeit
zur Befriedigung der notwendigsten Bedürfnisse und ohne eine Perspektive auf
Besserung“ und damit eine Verletzung von Art. 3 EMRK hat die Beschwerdeführerin mit
ihren Angaben zur Familie des Ehemannes nicht glaubhaft machen können. In
beruflicher Hinsicht ist die Beschwerdeführerin in der Schweiz nicht integriert. Sollte ihr
Ehemann sich infolge seiner beruflichen Integration (Dossier, S. 207 ff.) für den Verbleib
in der Schweiz entscheiden, wäre er aufgrund seiner ehelichen Beistandspflicht dazu
angehalten, seine Ehefrau bei ihrer Integration in Serbien finanziell zu unterstützen. Die
Schweiz und Serbien liegen im Übrigen nicht so weit auseinander, dass sich die
Familienmitglieder nicht gegenseitig besuchen könnten. Dass sich die
Beschwerdeführerin angesichts des laufenden ausländerrechtlichen Verfahrens nun
trotz ihrer rezidivierenden depressiven Störung und der geltend gemachten starken
Suizidgefährdung intensiv um die Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse bemüht
(act. 2/15), spricht nicht dafür, dass sie sich vorher bereits ausreichend um eine
Integration bemüht hat, sondern belegt einen Nachholbedarf in dieser Hinsicht, der
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angesichts des zeitlichen Zusammenhangs offenbar durch das vorliegende
ausländerrechtliche Verfahren ausgelöst wurde. Im Übrigen ist dazu anzumerken, dass
Herr Dr. med. S. vor allem dann von einer sehr hohen Suizidgefahr ausgeht, wenn die
Beschwerdeführerin von ihrer Familie getrennt würde (vgl. act. 2/9). Dem kann
entgegengewirkt werden, indem die ganze Familie ausreist oder indem der Suizidalität
beim Vollzug der Wegweisung Rechnung getragen wird. So besteht insbesondere die
Möglichkeit der fürsorgerischen Unterbringung in zeitlicher Nähe zum Vollzug der
Wegweisung, eine ärztliche Begleitung auf dem Flug sowie bei der Ankunft in Serbien
nötigenfalls eine Übergabe an entsprechende Spezialisten (BGer 2C_573/2014 vom
4. Dezember 2014 E. 4.3.2.). Angesichts der möglichen begleitenden Massnahmen
wiegen die privaten Interessen der Beschwerdeführerin und ihrer Familie damit
insgesamt höchstens mittelschwer.
Damit überwiegt das öffentliche Interesse am Widerruf der Niederlassungsbewilligung
die privaten Interessen der Beschwerdeführerin sowie ihrer Familie und der Widerruf
der Niederlassungsbewilligung erweist sich (auch im Hinblick auf Art. 8 EMRK und
Art. 13 Abs. 1 BV) als recht- und verhältnismässig. Gründe, die die Wegweisung im
Sinne von Art. 83 AuG als nicht möglich, nicht zulässig oder nicht zumutbar erscheinen
lassen, sind nicht ersichtlich.
Der seitens der Beschwerdeführerin angeführte Entscheid des Europäischen
Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR, Geschäfts-Nr. 39350/13, Urteil vom 30. Juni
2015) bezieht sich nicht auf einen serbischen Staatsangehörigen und ist aus diesem
Grund nicht mit dem vorliegenden Fall vergleichbar. Dies gilt insbesondere für die
Erhältlichkeit der Medikamente am Rückkehrort des Betroffenen. In Bezug auf den
bereits früher angeführten Entscheid (Udeh) wird auf die zutreffenden Ausführungen
der Vorinstanz verwiesen (act. 2/2 S. 12).
5. Dem Verfahrensausgang entsprechend hat die Beschwerdeführerin die Kosten des
Beschwerdeverfahrens zu tragen (vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von
CHF 2‘000 ist angemessen (Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12). Dem Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtspflege,
dessen Behandlung in den Zuständigkeitsbereich des Abteilungspräsidenten fällt
(vgl. Art. 6 Abs. 2 des Reglements über die Organisation und den Geschäftsgang des
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Verwaltungsgerichts, sGS 941.22) ist stattzugeben, da ihr Begehren nicht als
aussichtslos eingestuft werden konnte und ihre prozedurale Bedürftigkeit erstellt ist.
Die Kosten gehen dementsprechend infolge Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege zulasten des Staates (Art. 99 Abs. 2 VRP in Verbindung mit Art. 122
Abs. 1 Ingress sowie lit. b der Schweizerischen Zivilprozessordnung, SR 272, ZPO).
Vor Verwaltungsgericht wird die unentgeltliche Rechtsverbeiständung gewährt (Art. 99
Abs. 1 VRP). Die staatliche Honorarordnung wird für die Vorbereitung und
Durchführung des Verfahrens der Verwaltungsrechtspflege angewendet, wird die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung bewilligt (siehe Art. 30 Ingress lit. b Ingress und
Ziff. 2 des Anwaltsgesetzes; sGS 963.70, AnwG). Bei unentgeltlicher Prozessführung
wird das Honorar um einen Fünftel herabgesetzt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Verwaltungsgericht pauschal
CHF 1'000 bis CHF 12'000 (vgl. Art. 22 Abs. 1 Ingress und lit. b der Honorarordnung
für Rechtsanwälte und Rechtsagenten; sGS 963.75, HonO). Innerhalb des für eine
Pauschale gesetzten Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen
Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des
Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten, bemessen (vgl. Art. 19
HonO). Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht. Ein Pauschalhonorar von
CHF 2'000, das um einen Fünftel auf CHF 1'600 zu kürzen ist, erscheint angemessen.
Hinzu kommen pauschale Barauslagen von CHF 80 (vier Prozent von CHF 2'000,
Art. 28bis HonO) sowie die Mehrwertsteuer (Art. 29 HonO).