Decision ID: 21fa835f-6280-5ec5-a5cc-52b4b7a0544e
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Martin Suenderhauf, Gäuggelistrasse 16/
Brunnenhof, Postfach 545, 7002 Chur,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Taggeldanspruch ab 9. April 2006
Sachverhalt:
A.
A.a S._, geboren 1976, meldete sich nach einem am 11. September 2002 erlittenen
Autounfall im September 2003 zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
an. Gemäss dem IV-Arztbericht von Dr. med. A._, Allgemeine Medizin FMH, vom
27. September 2003 lag eine Arbeitsfähigkeit von 50% vor. Ein erster Rechtsstreit
betraf die Höhe des Taggelds während einer von der Sozialversicherungsanstalt/IV-
Stelle des Kantons St. Gallen zugesprochenen Umschulung zur Planerin
Marketingkommunikation ab April 2004. Die entsprechenden Beschwerden (gegen
Verfügungen vom Juli 2006 und einen Einspracheentscheid vom August 2006) wies
das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 11. Dezember
2007 ab (IV 2006/148 und IV 2006/149). Das Bundesgericht bestätigte diesen
Entscheid am 5. Juni 2008 (8C_77/2008).
A.b Im April 2006 hatte die Versicherte mit einem Pensum von 50% eine Festanstellung
angenommen.
A.c Mit Urteil IV 2007/142 und IV 2007/259 vom 29. Januar 2008 hiess das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen eine Beschwerde der Versicherten
betreffend berufliche Massnahmen (Verfügung vom Februar 2007) gut und wies die
Sache zur Weiterführung der Umschulung zur Planerin Marketingkommunikation mit
eidgenössischem Fachausweis an die IV-Stelle zurück. Eine rentenverweigernde
Verfügung hob es im selben Entscheid ersatzlos auf. - In einem Gutachten vom
29. Dezember 2006 hatte die Academy of Swiss Insurance Medicine des
Universitätsspitals Basel (asim) der Versicherten in sämtlichen körperlich leicht bis
mittelschwer belastenden Tätigkeiten eine Arbeitsfähigkeit von 70% attestiert. -
Betreffend den übrigen Sachverhalt wird auf die detaillierten Ausführungen in den
zitierten Urteilen verwiesen.
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A.d Im April 2008 beantragte die Versicherte, anstelle der Weiterführung der
Umschulung zur Planerin Marketingkommunikation Kurse im grafischen Bereich
absolvieren zu können. Die IV-Stelle wies dieses Gesuch am 11. Dezember 2008 ab.
A.e Am 11. März 2009 lehnte die IV-Stelle einen Anspruch der Versicherten auf
Wartezeittaggelder ab 9. April 2006 ab (IV-act. 267). Bis 8. April 2006 waren Taggelder
bezahlt worden.
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 11. März 2009 richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur.
Martin Suenderhauf in Vertretung der Versicherten am 22. April 2009 erhobene
Beschwerde (Verfahren IV 2009/139). Er beantragt unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen deren Aufhebung. Der Beschwerdeführerin seien ab 9. April
2006 bis zum erfolgreichen Abschluss der Umschulung die gesetzlichen Taggelder
zuzüglich Verzugszins, eventualiter eine halbe Invalidenrente, zuzusprechen. Die IV-
Stelle habe für die Umschulungszeit vom 19. April 2004 bis 8. April 2006 eine
Arbeitsunfähigkeit von 50% in der angestammten Tätigkeit der Versicherten als
kaufmännische Mitarbeiterin anerkannt. Mehrere Ärzte hätten diese Arbeitsunfähigkeit
bestätigt. Unbesehen von der inhaltlichen Richtigkeit des asim-Gutachtens vom
29. Dezember 2006 sei darauf hinzuweisen, dass die medizinische Beurteilung nicht
rückwirkend erfolgt sei, sondern bestenfalls für die Zukunft Gültigkeit haben könnte.
Bis Ende 2006 seien damit aufgrund der echtzeitlichen ärztlichen Atteste unabhängig
von der Beurteilung des Gutachtens Taggeldleistungen geschuldet. Im Weiteren
kritisiert der Rechtsvertreter die Schlussfolgerungen im asim-Gutachten, wonach die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin für körperlich leicht bis mittelschwer
belastende Tätigkeiten bei 70% liege (IV-act. 127-21). Auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt lasse sich eine Anstellung, die auf die relevierten neuropsychologischen
Beeinträchtigungen angemessen Rücksicht nehme, nicht finden. Das rheumatologische
Teilgutachten sei in Bezug auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht schlüssig. Weiter
widersprächen sich die Ausführungen der Neuropsychologinnen und des Psychiaters.
Die Veranlassung einer neuen umfassenden polydisziplinären Begutachtung erscheine
unumgänglich. In der Sache sei widersprüchlich, dass die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin vorhalte, sie müsse einer kaufmännischen Tätigkeit nachgehen,
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obwohl sie für die Fortsetzung der begonnenen Umschulung zur
Kommunikationsplanerin zwingend darauf angewiesen sei, die Anstellung bei der B._
fortzuführen. Sie benötige für die Prüfungszulassung nämlich Werbepraxis. Die Arbeit
bei der B._ könne sie nicht im Ausmass von 70% ausführen. Bis Ende 2008 wären
auf jeden Fall Wartezeittaggelder geschuldet, da die Beschwerdeführerin vorerst die
erforderliche Werbepraxis habe erlangen müssen. Dank dieser Praxis habe sich
überhaupt erst die Möglichkeit ergeben, sich zur Desktoperin ausbilden zu lassen bzw.
allenfalls die Umschulung zur Kommunikationsplanerin abschliessen zu können. Die
zeitlichen Verzögerungen, die sich ergeben hätten, während die Beschwerdeführerin
auf einen Entscheid über die Kostengutsprache für die Umschulung gewartet habe,
habe sie nicht zu verantworten (act. G 1 im Verfahren IV 2009/139).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 17. Juni 2009
die Abweisung der Beschwerde. Die Beschwerdeführerin sei gemäss dem asim-
Gutachten in der angestammten Tätigkeit als kaufmännische Angestellte zu 70%
arbeitsfähig. Daher habe sie keinen Anspruch auf Wartezeittaggelder (act. G 4 im
Verfahren IV 2009/139).
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 30. Juni 2009 an ihren Anträgen gemäss
Beschwerde festhalten. Die Beschwerdegegnerin verhalte sich widersprüchlich, wenn
sie von der Beschwerdeführerin die Ausübung einer kaufmännischen Tätigkeit fordere
und gleichzeitig an der ursprünglich verfügten Umschulung zur
Kommunikationsplanerin festhalte, zumal die Beschwerdeführerin dafür entsprechende
Praxiserfahrung nachweisen müsse (act. G 6 im Verfahren IV 2009/139).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 3. Juli 2009 auf eine weitere
Stellungnahme (act. G 8 im Verfahren IV 2009/139).
B.e Mit Schreiben vom 20. Juli 2009 sistierte der zuständige Verfahrensleiter das
Gerichtsverfahren betreffend Taggeldanspruch ab 9. April 2006. Betreffend die
Leistungspflicht der Unfallversicherung sei ebenfalls eine Beschwerde gerichtshängig.
Es sei davon auszugehen, dass die in jenem Verfahren vorzunehmende umfassende
Würdigung der medizinischen Akten auch im IV-Taggeld-Verfahren interessierende
Fragestellungen betreffe. Sollte die zuständige Abteilung III des Gerichts die beantragte
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erneute polydisziplinäre medizinische Abklärung bewilligen, so wäre die IV-Stelle
grundsätzlich gehalten, den Gutachtern IV-spezifische Ergänzungsfragen zu stellen
(act. G 10 im Verfahren IV 2009/139).
C.
Nachdem sich die Umschulung zur Planerin Marketingkommunikation als nicht sinnvoll
realisierbar erwiesen hatte, sprach das Versicherungsgericht der Versicherten unter
Aufhebung der leistungsverneinenden Verfügung vom 11. Dezember 2008 mit einem
Entscheid vom 26. August 2009 (IV 2009/23) berufliche Massnahmen im Sinn von
Computerkursen für Desktoparbeit zu.
D.
D.a Am 29. Januar 2010 sprach die IV-Stelle der Beschwerdeführerin verfügungsweise
ein Taggeld von Fr. 60.80 für die Tage vom 29. März 2010 bis 8. April 2010 zu
(act. G 1.1 im Verfahren IV 2010/89).
D.b Gegen diese Verfügung erhob der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin am
4. März 2010 Beschwerde (Verfahren IV 2010/89). Er beantragte die Ausrichtung der
gesetzlichen Leistungen (Taggelder, allenfalls Rente etc.) mit Wirkung ab 11. April 2008
bis zum Abschluss der beruflichen Massnahmen. Darüber hinaus sei die Höhe des
verfügten Taggelds zu überprüfen und allenfalls anzupassen, alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Die im Urteil IV 2009/23 zugesprochenen Computerkurse würden
sich voraussichtlich über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren absolvieren lassen.
Der Rechtsvertreter bringt auch in diesem Beschwerdeverfahren vor, bei der
Beschwerdeführerin sei von einer Arbeitsunfähigkeit von 50% auszugehen, kritisiert
das asim-Gutachten und beantragt die Erstellung eines weiteren polydisziplinären
Gutachtens. Die Beschwerdeführerin habe sich ab 11. August 2008 um eine
Fortsetzung der Umschulung im Sinn der vom Versicherungsgericht mit Entscheid vom
26. August 2009 bewilligten Computerkurse bemüht. Ihr seien daher – allenfalls zum
Teil als Wartetaggelder – die gesetzlichen Versicherungsleistungen für die gesamte
Umschulungsdauer ab diesem Datum zuzusprechen. Aufgrund der ursprünglichen
Weigerung der IV-Stelle, die Computerkurse zu bezahlen, habe sich die Umschulung
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verzögert. Die vom Gericht bewilligten Kurse könnten erst ab 2010 besucht werden.
Vor diesem Hintergrund müsse sichergestellt werden, dass die Beschwerdeführerin seit
der Einstellung der Taggelder mit Wirkung ab 9. April 2006 durchgehend in den Genuss
der Taggeldberechtigung komme, bis die Weiterbildung zur Desktoperin
abgeschlossen sei. Im Übrigen kritisiert der Rechtsvertreter die verfügte Taggeldhöhe
als nicht nachvollziehbar.
D.c Gemäss Schreiben vom 3. Mai 2010 zuhanden des Gerichts ersetzte die
Beschwerdegegnerin die Verfügung vom 29. Januar 2010 durch eine Verfügung vom
30. April 2010, in der sie für die drei Tage vom 6. bis 8. April 2010 ein Taggeld von
Fr. 60.80 zusprach (act. G 5 im Verfahren IV 2010/89). Die zuständige Verfahrensleiterin
bezeichnete die neue Verfügung gemäss Schreiben vom 12. Mai 2010 als
mitangefochten (act. G 6 im Verfahren IV 2010/89), was der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin mit Schreiben vom 27. Mai 2010 bestätigte (act. G 7 im Verfahren
IV 2010/89).
D.d In der Beschwerdeantwort vom 28. Juni 2010 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. In sachverhaltlicher Hinsicht wies sie darauf hin, dass
die Beschwerdeführerin per April 2010 ihre 50%-Stelle bei der B._ verloren habe und
seither arbeitslos sei. Die mit Entscheid IV 2009/23 vom 26. August 2009 bewilligten 17
Computerkurse würden unter diesen Voraussetzungen weniger Sinn machen. Aktuell
habe die Beschwerdeführerin die meisten Kurse noch nicht besucht, weil viele nicht
durchgeführt worden seien bzw. nicht mehr angeboten würden. Sie wolle nun einen
Diplomlehrgang als Desktop-Publisherin absolvieren (IV-act. 347 im Verfahren IV
2010/89). Die Ausrichtung eines durchgehenden Taggelds ausserhalb der konkreten
Tage, an denen die Computerkurse stattfänden, komme bei einer Arbeitsunfähigkeit
von 30% nicht in Frage. Betreffend Taggeldhöhe habe das Bundesgericht im Entscheid
vom 5. Juni 2008 Fr. 51'350.- als Basis für 2005 und Fr. 52'685.- für 2006 bestätigt.
Aufgrund der allgemeinen Teuerungsanpassung gehe man für 2010 von einem
Jahreseinkommen von Fr. 55'115.- aus, was einem Tageseinkommen von Fr. 151.-
entspreche (act. G 9 im Verfahren IV 2010/89).
D.e Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verzichtete auf die Einreichung einer
Replik.
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E.
E.a Betreffend Ansprüche gegenüber der Unfallversicherung hatte die zuständige
Abteilung III des Versicherungsgerichts die entsprechende Beschwerde mit Entscheid
UV 2008/31 vom 16. Dezember 2009 teilweise gutgeheissen und die Sache zur
Vornahme weiterer Abklärungen an die Unfallversicherung zurückgewiesen. Die
Verfahrensleiterin im IV-Taggeld-Verfahren hatte der IV-Stelle mit Schreiben vom
31. März 2010 daraufhin mitgeteilt, angesichts der Rückweisung im UV-Verfahren sei
zu prüfen, ob die Unterbreitung von IV-(Taggeld-) spezifischen Ergänzungsfragen an
die UV-Gutachter angezeigt sei. Sie hatte die Beschwerdegegnerin diesbezüglich um
Stellungnahme ersucht (act. G 13 im Verfahren IV 2009/139).
E.b Die Beschwerdegegnerin hatte im Schreiben vom 16. April 2010 darauf
hingewiesen, die Unfallkausalität sei im IV-Verfahren bekanntlich nicht relevant. Ihr
RAD-Arzt gehe davon aus, dass die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit von 70% nach
wie vor gültig sei. Deshalb halte sie an ihrem Antrag fest (act. G 14 im Verfahren IV
2009/139).
F.
Betreffend weitere Sachverhaltselemente wird im Übrigen auf die entsprechenden
Ausführungen in den die Beschwerdeführerin betreffenden zitierten Urteilen verwiesen.

Erwägungen:
1.
1.1 Im Verfahren IV 2009/139 streitig und zu überprüfen ist der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf Taggelder ab 9. April 2006. Die damalige Umschulung zur
Planerin Marketingkommunikation wurde schliesslich in eine Umschulung zur
Desktoperin abgeändert. In diesem Rahmen hat die Beschwerdegegnerin am
29. Januar 2010 Taggelder während eines Computerkurses für die Zeit vom 29. März
bis 8. April 2010 verfügt (Verfahren IV 2010/89) und möchte dies mit Verfügung vom
30. April 2010 korrigieren, indem sie nur noch die Zeit vom 6. bis 8. April 2010
anerkennt. Im Vergleich zur ursprünglichen Verfügung vom 29. Januar 2010 gewährt
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die neue Verfügung also nur noch an drei statt an elf Tagen Taggelder. Sie stellt folglich
eine Verschlechterung dar. Daher handelt es sich nicht um eine Neuverfügung lite
pendente (vgl. Art. 53 Abs. 3 ATSG), sondern lediglich um einen Antrag ans Gericht.
1.2 Die Beschwerdeführerin beantragte für die nach dem 8. April 2006 liegende Zeit
die Ausrichtung von Taggeldern. Die Verfahren IV 2009/139 und IV 2010/89 weisen
einen engen inneren Zusammenhang auf. Es rechtfertigt sich daher, sie zu vereinigen.
1.3 Angefochten sind Verfügungen, die nach Inkrafttreten der 5. IV-Revision am
1. Januar 2008 ergangen sind. Mangels einer übergangsrechtlichen Norm rechtfertigt
es sich allerdings, für die vor diesem Zeitpunkt massgebenden Verhältnisse (allfälliger
Taggeld-Anspruch mit Anspruchsbeginn unter altem Recht) die bis zum 31. Dezember
2007 gültig gewesenen Bestimmungen anzuwenden.
2.
2.1 Nach Art. 22 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) hat die versicherte Person während der Eingliederung Anspruch auf ein
Taggeld, wenn sie an wenigstens drei aufeinander folgenden Tagen wegen der
Eingliederung verhindert ist, einer Arbeit nachzugehen oder in ihrer gewohnten
Tätigkeit mindestens zu 50% arbeitsunfähig ist. Nach Art. 17 lit. b der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) haben Versicherte, die innerhalb eines
Monats an mindestens drei nicht zusammenhängenden Tagen in Eingliederung stehen,
Anspruch auf ein Taggeld für die Eingliederungstage und die dazwischen liegenden
Tage, wenn sie in ihrer gewohnten Tätigkeit zu mindestens 50% arbeitsunfähig sind.
Die versicherte Person, die zu mindestens 50% arbeitsunfähig ist und auf den Beginn
einer Umschulung warten muss, hat gemäss Art. 18 IVV während der Wartezeit
Anspruch auf ein Taggeld (Abs. 1). Der Anspruch entsteht im Zeitpunkt, in welchem die
IV-Stelle feststellt, dass eine Umschulung angezeigt ist (Abs. 2).
2.2 Nachdem die Beschwerdeführerin sich auf Kosten der IV (inkl. durchgehender
Taggelder) von April 2004 bis März 2005 zur Technischen Kauffrau umgeschult hatte,
wurde ihr anschliessend eine Umschulung zur Planerin Marketingkommunikation mit
eidgenössischem Fachausweis bewilligt. Bis 8. April 2006 erbrachte die IV-Stelle auch
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dafür durchgehende Taggelder (IV-act. 101). Sie ging offenbar gestützt auf die
entsprechende Einschätzung von Dr. med. A._ vom 27. September 2003 (IV-act. 7-1,
7-3) von einer Arbeitsunfähigkeit in der gewohnten Tätigkeit als kaufmännische
Mitarbeiterin von 50% aus.
2.3 Im unangefochten in Rechtskraft erwachsenen Entscheid IV 2007/142 vom
29. Januar 2008 wurde die IV-Stelle verpflichtet, die berufliche Eingliederung auch nach
April 2006 weiterzuführen. Darunter war die Umschulung zur Planerin Marketing-
Kommunikation mit eidg. Fachausweis zu verstehen. Um zur Prüfung zugelassen zu
werden, benötigte die Beschwerdeführerin mehr Praxiserfahrung im entsprechenden
Bereich. Diese Berufspraxis (Anstellung ab April 2006) bildete Teil der Umschulung; es
handelte sich folglich nicht etwa um eine Wartezeit vor Beginn einer
Umschulungsmassnahme. Entgegen dem Wortlaut der angefochtenen Verfügung vom
11. März 2009 steht daher nicht ein Anspruch auf Wartezeittaggeld im Sinn von Art. 18
Abs. 1 IVV in Frage. Vor dem Hintergrund des rechtskräftigen Urteils vom 29. Januar
2008 ist die für die Erlangung des Abschlusses Planerin Marketingkommunikation
(später umbenannt in Kommunikationsplanerin) benötigte Berufspraxis als Teil der
eigentlichen Umschulung zu betrachten. Entsprechend ist ein Anspruch auf ordentliche
Taggelder nach Art. 22 Abs. 1 IVG zu prüfen.
2.4 Im asim-Gutachten vom 29. Dezember 2006 wurde die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin in der Bürotätigkeit bei der B._ auf 70% geschätzt. Dies gelte
auch für sämtliche anderen körperlich leicht bis mittelschwer belastenden Tätigkeiten.
Aufgrund der Aktenlage und der durchgeführten Untersuchungen gehe man davon aus,
dass der Unfall vom 11. September 2003 als Datum des Beginns der Arbeitsunfähigkeit
angesehen werden müsse (IV-act. 127-21). Das Gutachten wurde vom Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin ausführlich kritisiert, insbesondere auch in Bezug auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung. Im unangefochten rechtskräftig gewordenen Urteil UV
2008/31 vom 16. Dezember 2009 bemängelte die Abteilung III des
Versicherungsgerichts unter anderem, der 2002 dokumentierte Einriss des Anulus
fibrosus C6/7 sei nicht erneut bildgebend abgeklärt worden. Es veranlasste weitere
medizinische Abklärungen. Frühestens wenn diese vorliegen, wird mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu erheben sein, ob
die Arbeitsfähigkeitsschätzung im asim-Gutachten zuverlässig ist.
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2.5 Am 10. April 2006 hatte die Beschwerdeführerin bei der B._ eine Festanstellung
mit einem Pensum von 50% angetreten (IV-act. 85). Der Arbeitsvertrag datiert vom
21. März 2006. Zu jenem Zeitpunkt lag betreffend Arbeitsfähigkeit die Einschätzung
von Dr. A._ vom 27. September 2003 vor (50% arbeitsfähig), die er gegenüber der
Unfallversicherung am 18. April 2006 bestätigte (bei den UV-Akten; vgl. IV-act. 113).
Die Beschwerdeführerin hatte damals keine Veranlassung anzunehmen, ihr würde aus
medizinisch-theoretischer Sicht zugemutet, in einem höheren Pensum als 50% zu
arbeiten. Entsprechend schloss sie den Arbeitsvertrag im März 2006
nachvollziehbarerweise nur für dieses Pensum ab. Ob von Seiten der Arbeitgeberin ein
höheres Pensum möglich gewesen wäre, ist nicht relevant. Die Beschwerdeführerin
durfte bei dieser Sachlage davon ausgehen, dass sie auch nach dem 9. April 2006
weiterhin Anspruch auf Taggelder haben würde, wie dies schon zuvor der Fall gewesen
war. Insofern erlangte sie durch die ärztlich attestierte Arbeitsunfähigkeit und durch den
bisherigen Taggeldbezug ein schutzwürdiges Vertrauen in die Weiterausrichtung der
Taggelder.
2.6 Dieses Vertrauen wurde mit der Kenntnisnahme der Beschwerdeführerin von der
Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 27. Februar 2007 (IV-act. 134-3) zerstört,
worin sie darauf hingewiesen worden war, dass sie gemäss dem asim-Gutachten vom
29. Dezember 2006 in körperlich leicht bis mittelschwer belastenden Tätigkeiten zu
70% arbeitsfähig sei. Ab März 2007 musste die Beschwerdeführerin somit davon
ausgehen, dass ihr zugemutet würde, in einem über 50% liegenden Pensum zu
arbeiten. Sollte die von der Unfallversicherung vorzunehmende (bzw. allenfalls bereits
vorgenommene) Neubegutachtung ergeben (haben), dass die Beschwerdeführerin ab
März 2007 überwiegend wahrscheinlich zu mehr als 50% arbeitsfähig war, so hat sie
lediglich bis und mit März 2007 - bzw. allenfalls unter Gewährung einer Übergangs-
bzw. Anpassungsfrist bis zu einem späteren Zeitpunkt - Anspruch auf ein IV-Taggeld.
Bei einer Arbeitsfähigkeit von 50% oder weniger besteht der durchgehende
Taggeldanspruch auch für die Zeit ab April 2007 weiterhin. Mindestens bis März 2007
ist der Taggeldanspruch aber jedenfalls ausgewiesen. Die Sache ist entsprechend zur
weiteren Abklärung und zur anschliessenden Neuverfügung über den Taggeldanspruch
an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
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2.7 Sollte sich herausstellen, dass die Beschwerdeführerin eine Arbeitsfähigkeit von
höchstens 50% aufweist, so ist bezüglich Dauer des Taggeldanspruchs zu prüfen, ob
sie die mit Urteil IV 2009/23 vom 26. August 2009 bewilligten Computerkurse im
zumutbaren kürzesten Zeitraum absolvierte. Das nach Erlass der vorliegend
angefochtenen Verfügungen eingeleitete Revisionsverfahren betreffend Umschulung
(vgl. IV-act. 347, 351) wird gegebenenfalls auch eine Anpassung des
Taggeldanspruchs nach sich ziehen.
3.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin beanstandete im Übrigen, die Höhe des
verfügten Taggelds nicht nachvollziehen zu können. Die Beschwerdegegnerin hat in
der Beschwerdeantwort vom 28. Juni 2010 im Verfahren IV 2010/89 erläutert, wie sie
das durchschnittliche Tageseinkommen bemessen hat. Die Bemessung beruht
weiterhin auf der Grundlage gemäss Urteil IV 2006/148 bzw. 149 des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 11. Dezember 2007 bzw. gemäss
Urteil 8C_77/2008 des Bundesgerichts vom 5. Juni 2008 und enthält eine
Teuerungsanpassung bis 2010. Diese Basis ist sachgerecht und nicht zu beanstanden.
4.
4.1 Die Beschwerden sind unter Aufhebung der angefochtenen Verfügungen vom
11. März 2009 und vom 29. Januar 2010 teilweise gutzuheissen. Die Sache ist im Sinn
der Erwägungen zur weiteren Abklärung betreffend Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin (vorzugsweise unter Koordination der Abklärungen mit der
Unfallversicherung) und zur anschliessenden Neuverfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.2 Die Beschwerdeführerin lässt die Zusprache von Verzugszinsen auf die
aufgelaufenen Taggelder beantragen. Gemäss Art. 26 Abs. 2 ATSG werden die
Sozialversicherungen für ihre Leistungen, sofern die versicherte Person ihrer
Mitwirkungspflicht vollumfänglich nachgekommen ist, nach Ablauf von 24 Monaten
nach der Entstehung des Anspruchs, frühestens aber 12 Monate nach dessen
Geltendmachung verzugszinspflichtig. Die Beschwerdegegnerin hat über den Anspruch
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der Beschwerdeführerin auf Verzugszinsen nicht verfügt, weil sie den Taggeld-
Anspruch ab 9. April 2006 abgewiesen hat. Im Rahmen der Neuverfügung über die
Taggelder wird sie auch die Frage des Verzugszinses zu beantworten haben. Eine
Ausdehnung des Anfechtungsgegenstands auf diese Frage im vorliegenden Verfahren
drängt sich nicht auf.
4.3 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.- bis
Fr. 1000.- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 800.- erscheint
für die zusammengelegten Verfahren angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt
vollumfänglich, sodass ihr als nicht von der Pflicht zur Übernahme amtlicher Kosten
befreiter selbstständiger öffentlich-rechtlicher Anstalt die ganze Gerichtsgebühr
aufzuerlegen ist. Der Beschwerdeführerin sind die im Verfahren IV 2009/139 am
30. April 2009 und im Verfahren IV 2010/89 am 30. März 2010 geleisteten
Kostenvorschüsse von je Fr. 600.-, also von insgesamt Fr. 1'200.-, zurückzuerstatten.
4.4 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen wird
(Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Angemessen erscheint
eine Parteientschädigung von Fr. 4'000.- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. Die Beschwerden werden unter Aufhebung der Verfügungen vom 11. März 2009 und
vom 29. Januar 2010 teilweise gutgeheissen. Die Sache wird im Sinn der Erwägungen
zur weiteren Abklärung und anschliessenden Neuverfügung über den Taggeldanspruch
ab 9. April 2006 an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
2. Die Beschwerdegegnerin hat die Gerichtskosten von Fr. 800.- zu bezahlen. Der
Beschwerdeführerin werden die geleisteten Kostenvorschüsse von insgesamt
Fr. 1'200.- zurückerstattet.
bis
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3. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von
Fr. 4'000.- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu bezahlen.
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2021-02-19T11:55:05+0100 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen