Decision ID: 57ce712c-f20e-44bc-af4e-a7c5ace672f3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 12. Juni 2022 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte,
dass er gemäss einem Abgleich mit der europäischen Fingerabdruckda-
tenbank «Eurodac» in Italien illegal eingereist war und dort am 3. Juni 2022
daktyloskopisch erfasst wurde,
dass er am 17. Juni 2022 die ihm zugewiesene Rechtsvertretung bevoll-
mächtigte,
dass die Vorinstanz die italienischen Behörden am 20. Juni 2022 um Über-
nahme des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 13 Abs. 1 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatangehöri-
gen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) ersuchte,
dass am 21. Juni 2022 die Personalienaufnahme (PA) stattfand,
dass der Beschwerdeführer am 24. Juni 2022 im Rahmen des persönlichen
Gesprächs gemäss Art. 5 Dublin-III-VO ausführte, er sei zwar in Italien von
den Behörden aufgegriffen und daktyloskopisch erfasst worden, habe aber
nicht um Asyl nachsuchen wollen; sein Ziel sei die Schweiz gewesen,
dass die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien schlecht seien
und er keinen Zugang zur medizinischen Versorgung gehabt habe,
dass er von Dieben und Drogensüchtigen tätlich angegriffen und beraubt
worden sei,
dass er in gesundheitlicher Hinsicht geltend machte, er leide an (...), (...)
und (...),
dass die Vorinstanz den italienischen Behörden am 25. August 2022 mit-
teilte, angesichts des unbeantwortet gebliebenen Übernahmeersuchens
erachte es Italien als zuständiger Mitgliedstaat,
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dass er zwei medizinische Dokumentationen des Bundesasylzentrums
(BAZ) B._vom 16. August 2022 und 6. September 2022, einen Be-
richt der C._ vom 24. August 2022, zwei Berichte von Prof. Dr. med.
D._, Facharzt FMH für (...), vom 13. und 20. September 2022 sowie
ein undatiertes Dokument der italienischen Behörden zu den Akten gab,
dass die Vorinstanz mit Verfügung vom 17. Oktober 2022 – eröffnet am
19. Oktober 2022 – auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein-
trat, die Wegweisung aus der Schweiz in den für ihn zuständigen Dublin-
Staat (Italien) anordnete, ihn aufforderte, die Schweiz spätestens am Tag
nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen und den zuständigen Kanton
mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragte,
dass sie gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den
Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu und dem Beschwerde-
führer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aushändigte,
dass die dem Beschwerdeführer zugewiesene Rechtsvertretung ihr Man-
dat am 20. Oktober 2022 niederlegte,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 20. Oktober 2022 beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde erhob,
dass er mit Eingabe vom 24. Oktober 2022 beantragt, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und es sei ein nationales Verfahren durchzufüh-
ren,

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG [SR 142.31] i.V.m.
Art. 31‒33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
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dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass sich die Beschwerde – wie im Folgenden zu zeigen ist – als offen-
sichtlich unbegründet erweist, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten Richterin beziehungsweise ei-
nes zweiten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines
Schriftenwechsels und mit summarischer Begründung zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG),
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es die
Vorinstanz ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über-
prüfen (Art. 31a Abs. 1‒3 AsylG), die Beurteilungskompetenz des Gerichts
grundsätzlich auf die Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu Recht auf
das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1; 2012/4
E. 2.2, je m.w.H.),
dass der Beschwerdeführer nicht substantiiert, inwiefern die Vorinstanz
den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig festgestellt
habe und solches auch nicht ersichtlich ist, weshalb der Antrag auf erneute
Anhörung des Beschwerdeführers abzuweisen ist,
dass auf die Ausführungen des Beschwerdeführers in der Rechtsmittelein-
gabe zur Verfolgung durch die Taliban in Afghanistan – mithin die Asyl-
gründe – nicht einzugehen ist, da letztere nicht Gegenstand des Verfahrens
sind,
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass diesbezüglich die Dublin-III-VO zur Anwendung kommt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III
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(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort
aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien;
vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden sind,
dass wenn ein Antragsteller, aus einem Drittstaat kommend, die Land-,
See- oder Luftgrenze eines Mitgliedstaates illegal überschritten hat, dieser
Mitgliedstaat gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO für die Prüfung des An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist,
dass ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der Eu-
rodac-Datenbank ergab, dass dieser in Italien illegal in das Hoheitsgebiet
der Dublin-Staaten eingereist und am 3. Juni 2022 daktyloskopisch erfasst
worden war, was sich unbenommen von seiner fehlenden Absicht, ein Asyl-
gesuch zu stellen, als zuständigkeitsbegründend erweist (vgl. Art. 13
Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass die italienischen Behörden das Übernahmeersuchen der Vorinstanz
vom 20. Juni 2022 innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen
Frist unbeantwortet liessen, womit sie die Zuständigkeit Italiens implizit an-
erkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass die Zuständigkeit Italiens somit grundsätzlich gegeben ist und vom
Beschwerdeführer auch nicht bestritten wird,
dass das Bundesverwaltungsgericht in ständiger Rechtsprechung – trotz
punktueller Mängel – nicht von systemischen Schwachstellen im italieni-
schen Asylsystem im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ausgeht (vgl.
statt vieler Referenzurteile des BVGer D-4235/2021 vom 19. April 2022
E. 10, F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9 und E-962/2019 vom
17. Dezember 2019 E. 6.3),
dass für die Übernahme der Zuständigkeit Italiens gestützt auf Art. 3
Abs. 2 Dublin-III-VO kein Anlass besteht,
dass jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen kann,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
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dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO),
dass dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht im Landesrecht durch Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
konkretisiert wird und die Vorinstanz das Asylgesuch gemäss dieser Be-
stimmung "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn
dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre,
dass der Beschwerdeführer mit seiner Begründung, er sei in Italien von
Privatpersonen tätlich angegriffen und ausgeraubt worden, implizit die An-
wendung von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO respektive Art. 29a Abs. 3 AsylV
1 verlangt,
dass Italien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) ist und seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen grundsätz-
lich nachkommt,
dass zwar die Unterstützung und die Einrichtungen für Asylsuchende und
Personen mit Schutzstatus in Italien in der Kritik steht, aber gemäss den
bisherigen Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts davon auszuge-
hen ist, Italien halte die Verfahrens- und Aufnahmerichtlinien ein (siehe
etwa Referenzurteil des BVGer D-4235/2021 vom 19. April 2022 E. 10; Ur-
teile des BVGer E-3390/2022 vom 15. August 2022 und E-3186/2022 vom
11. August 2022),
dass das Gesetzesdekret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober 2021 eine umfas-
sende Reform des Aufnahmesystems für Asylsuchende in Italien vorsieht,
indem zentrale Bestimmungen des sogenannten Salvini-Dekrets geändert
und ein engverflochtenes Aufnahme- und Integrationssystem implemen-
tiert wurde,
dass Asylsuchende nach dem Anmeldeverfahren in das Aufnahme- und In-
tegrationssystem SAI (Sistema di accoglienza e integrazione) überführt
werden, welches nunmehr wieder allen Asylsuchenden – also auch den im
Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien überstellten Personen – offen-
steht,
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dass Italien ein Rechtsstaat ist, welcher über ein funktionierendes Rechts-
system verfügt und der Beschwerdeführer sich bei einer allfälligen Bedro-
hung durch Privatpersonen an die zuständigen polizeilichen Behörden
wenden kann,
dass die vom Beschwerdeführer behauptete unterbliebene Unterstützung
in einem Einzelfall daran nichts zu ändern vermag,
dass sich der Beschwerdeführer in der Rechtsmitteleingabe nicht mehr zu
seinem Gesundheitszustand äussert und die aktenkundigen medizinischen
Probleme (...) nicht von einer derartigen Schwere sind, als dass eine Über-
stellung nach Italien zu einer Verletzung von Art. 3 EMRK führt (Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.),
dass Italien im Übrigen über eine ausreichende medizinische Infrastruktur
verfügt und keine Hinweise vorliegen, wonach dem Beschwerdeführer eine
adäquate medizinische Behandlung verweigert würde (vgl. Urteil des
BVGer D-4651/2022 vom 20. Oktober 2022),
dass es keinen Grund für eine Anwendung von Art. 17 Dublin-III-VO oder
Art. 29a Abs. 3 AsylV1 gibt und festzuhalten ist, dass die Dublin-III-VO den
Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat
selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass die Vorinstanz demnach zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwer-
deführers nicht eingetreten ist und die Überstellung nach Italien angeord-
net hat,
dass die Beschwerde abzuweisen ist,
dass die Verfahrenskosten von Fr. 750.– (Art. 1‒3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzu-
erlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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