Decision ID: b41c704b-a444-4b72-a049-43e860cb7be5
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung etc. Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 9. Abteilung, vom 25. April 2012 (DG100582)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 17. Sep-
tember 2010 (Urk. 24) ist diesem Urteil beigeheftet.
Beschluss der Vorinstanz:
1. Das Verfahren betreffend der Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1
StGB wird eingestellt.
2. Auf das Genugtuungsbegehren der Privatklägerin CD._ wird nicht ein-
getreten.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
− der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in
Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB sowie
− der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1
StGB.
2. Vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs im Sinne von Art. 186 StGB wird der
Beschuldigte freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 10 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 903 Ta-
ge durch Haft sowie durch vorzeitigen Strafantritt bis und mit heute erstan-
den sind.
5. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird nicht aufgeschoben.
6. Eine ambulante Massnahme wird nicht angeordnet.
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7. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
vom 24. Juni 2010 beschlagnahmten und beim Forensischen Institut der
Stadtpolizei Zürich unter der Nummer ... lagernden Kleidungsstücke werden
dem Forensischen Institut zur Vernichtung überlassen:
− ... : Damennachtbekleidung: 1 Pyjamaoberteil
− ... : Damennachtbekleidung: 1 Pyjamahose
− ... : Damenhausbekleidung: 1 Paar Hosen
− ... : Shirt: 1 T-Shirt "..."
− ... : Shirt: 1 T-Shirt "Switcher"
− ... : Herrenunterwäsche: 1 Boxershorts "H&M"
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger E._ Fr. 20'000.- zuzüglich 5 % Zins ab 26. Juli 2008 als Genugtuung zu . Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
9. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin A._ Fr. 8'000.- zu-
züglich 5 % Zins ab 26. Juli 2008 als Genugtuung zu bezahlen.
10. Die Privatklägerin A._ wird mit ihrem Schadenersatzbegehren im Um-
fang von Fr. 2'058.- auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen. Im Übrigen
wird das Schadenersatzbegehren abgewiesen.
11. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 7'500.- ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 15'299.30 Kosten Gutachten
Fr. Kanzleikosten Untersuchung
Fr. 21'397.45 Auslagen Untersuchung
Fr. 26'687.55 amtliche Verteidigung Untersuchung
Fr. amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
12. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausge-
nommen derjenigen der amtlichen Verteidigung, werden dem Beschuldigten
auferlegt. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Staatskas-
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se genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs.
4 StPO.
13. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger E._ eine Prozess-
entschädigung von Fr. 4'437.20 zu bezahlen.
14. Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Privatklägerinnen A._ und
CD._ eine Prozessentschädigung von je Fr. 5'396.20 zu bezahlen.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 233 S. 1)
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom 25. April 2012 sei aufzuhe-
ben und der Beschuldigte sei in Abänderung von Ziff. 1 vom Vorwurf
der versuchten vorsätzlichen Tötung und der einfachen Körperverlet-
zung freizusprechen.
2. Eventuell sei der Beschuldigte in Abänderung von Ziff. 3 milder zu be-
strafen.
3. Subeventuell sei der Beschuldigte in Abänderung der Ziff. 1 und 3 der
fahrlässigen, ev. der schweren Körperverletzung schuldig zu sprechen
und mit maximal 24 Monaten Freiheitsentzug zu bestrafen.
4. Die Zivilforderungen seien in Abänderung der Ziff. 8 bis 10 abzuwei-
sen, ev. seien die Zivilforderungen auf den Zivilweg zu verweisen, im
Subeventualfall gemäss Ziff. 3 sei dem Privatkläger 2 eine angemes-
sene Entschädigung zuzusprechen.
5. Die vorinstanzlichen Kosten- und Entschädigungsfolgen seien in Abän-
derung der Ziff. 11 bis 14 ausgangsgemäss neu zu verteilen.
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6. Es sei dem Beschuldigten eine angemessene Entschädigung/Genug-
tuung für die 1223 Tage, ev. bis zur Haftentlassung unrechtmässig er-
littene Haft zuzusprechen.
7. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten des Staates.
Die Anträge der Staatsanwaltschaft und des Geschädigtenvertreters
von heute seien abzuweisen.
b) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(Urk. 230 S. 1)
1. Es sei der Beschuldigte mit einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren zu be-
strafen.
2. Es sei eine strafvollzugsbegleitende Massnahme nach Art. 63 StPO
(recte: StGB), eventualiter eine Verwahrung nach Art. 64 StGB anzu-
ordnen.
3. Es sei die Berufung des Beschuldigten abzuweisen.
4. Es seien dem Beschuldigten die Kosten des Berufungsverfahrens auf-
zuerlegen.
c) Der Privatklägerschaft A._:
(Urk. 231 S. 1)
In Abänderung von Ziff. 10 des vorinstanzlichen Urteils sei die Schadener-
satzpflicht des Beschuldigten dem Grundsatze nach festzustellen, zur Fest-
stellung der Höhe des Schadenersatzanspruches sei die Privatklägerin je-
doch auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu lasten des Beschuldigten.
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
1. Am 25. April 2012 verurteilte das Bezirksgericht Zürich, 9. Abteilung, den
Beschuldigten wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und einfacher Körperverlet-
zung. Das Verfahren betreffend Tätlichkeit stellte das Gericht ein und vom Vor-
wurf des Hausfriedensbruchs sprach es den Beschuldigten frei. Die Strafe wurde
auf zehn Jahre Freiheitsstrafe festgesetzt und von der Anordnung einer ambulan-
ten Massnahme wurde abgesehen (Urk. 208).
Gegen dieses Urteil appellierten am 26. April 2012 und 2. bzw. 7. Mai 2012
sowohl der Beschuldigte als auch die Staatsanwaltschaft und die Privatklägerin 3,
A._, (Urk. 201, 203 und 204). Die Berufungserklärungen des Beschuldigten,
der Staatsanwaltschaft und der Privatklägerin 3 folgten am 6., 13. bzw. 21. Juni
2012 (Urk. 209, 210 und 211). Während der Beschuldigte mit seiner Berufung
primär einen vollumfänglichen Freispruch und eventualiter eine mildere Strafe an-
strebte, verlangte die Staatsanwaltschaft eine höhere Freiheitsstrafe (13 Jahre)
sowie die Anordnung einer ambulanten Massnahme. Die Privatklägerin 3 wiede-
rum beantragte, es sei ihr Schadenersatzbegehren dem Grundsatz nach gutzu-
heissen und betreffend der Höhe auf den Zivilweg zu verweisen.
Demnach ist das vorinstanzliche Urteil betreffend der Dispositivziffern 2
(Freispruch vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs), 7 (Vernichtung von Kleidern)
und 11 (Kostenfestsetzung) unangefochten geblieben. Gleiches gilt für den Be-
schluss der Vorinstanz, womit das Verfahren wegen Tätlichkeit eingestellt und auf
das Genugtuungsbegehren der Privatklägerin 1, CD._, nicht eingetreten
wurde.
2. Am 19. Januar 2011 stellte der damalige Verteidiger des Beschuldigten
bei der Vorinstanz den Antrag, sämtliche verfügbaren Strafakten beizuziehen, in
welchen FD._ als Auskunftsperson oder als Beschuldigter in Erscheinung
getreten sei. Damit sollte die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten im Verhältnis zur
Familie D._ und seine Motivlage bei der Tat erhellt werden. Da jedoch keine
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Verwicklung der im vorliegenden Verfahren als Geschädigte auftretenden Mitglie-
der der Familie D._ in die allfälligen Drogendelikte von FD._ ersichtlich
war, lehnte die Vorinstanz den Beweisantrag ab und zog einzig einen Strafregis-
terauszug über Letztgenannten (Urk. 62) ein.
Von den am 1. März 2012 von der Verteidigung des Beschuldigten gestell-
ten weiteren Beweisanträgen, wonach sämtliche Telefonkontroll-Protokolle aus
der Überwachung des Beschuldigten (ab dem 24. Juli 2008) bzw. aus der Über-
wachung von FD._ (ab dem 26. Juli 2008) beizuziehen seien (Urk. 168),
hiess die Vorinstanz den ersteren Antrag gut (vgl. Urk. 174). Am 3. April 2012 er-
neuerte die Verteidigung des Beschuldigten den Antrag, sämtliche TK-Protokolle
im Zusammenhang mit ... und der Telefonnummer ... (ab dem 26. Juli 2008) bei-
zuziehen (Urk. 190), wobei beide Male offensichtlich Anschlüsse von FD._
gemeint waren. Des Weiteren wurde G._ als Zeuge angerufen. Mit Verfü-
gung vom 12. April 2012 lehnte der Vorsitzende des Bezirksgerichts Zürich diese
Anträge als verspätet ab (Urk. 192); ergänzend wurde darauf hingewiesen, dass
die TK-Protokolle betreffend die Telefonnummer ... bereits in den Akten lägen (in
Urk. 172 und 173) und nicht ersichtlich sei, was der beantragte Zeuge zur Sache
beitragen könne.
Im Berufungsverfahren erneuerte die Verteidigung die bereits früher gestell-
ten beiden Anträge, wonach sämtliche Strafakten, in welchen FD._ als Aus-
kunftsperson oder als Angeschuldigter in Erscheinung getreten sei, beizuziehen
seien und wonach G._ als Zeuge anzuhören sei (Urk. 211 und 233). Der ers-
te Antrag wurde damit begründet, dass der Beschuldigte behaupte, er sei am
Morgen des 26. Juli 2008 auf Geheiss von FD._ zur Wohnung der Privatklä-
gerinnen gegangen, um dort Drogen abzuholen, und dass sich aus den Telefon-
protokollen entlastende Beweise, insbesondere Hinweise auf ein Drogen- und
Gelddepot bei der Mutter von FD._, der Privatklägerin 3, ergeben könnten.
Nachdem das Berufungsgericht im Rahmen der Sachverhaltserstellung zur Auf-
fassung gelangen wird, dass der Beschuldigte die Wohnung der Privatklägerin
A._ mit grösster Wahrscheinlichkeit tatsächlich in der Absicht aufgesucht hat,
um dort Drogen zu behändigen, und da nicht ausgeschlossen werden kann, dass
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er dazu von FD._ beauftragt worden ist, erübrigt sich eine entsprechende
Beweisführung durch den Beizug von Strafakten betreffend früherer Drogenge-
schäfte des FD._.
Sodann bleibt nach wie vor unerfindlich, was der Zeuge G._ zur Wahr-
heitsfindung beitragen könnte, nachdem er am inkriminierten Vorfall nicht anwe-
send war und nur berichten kann, was die Beteiligten allenfalls später geäussert
oder getan haben. Es ist nicht ersichtlich, was der Zeuge zum konkreten Tatab-
lauf und zu einer allfälligen Notwehrsituation aus eigener Anschauung beitragen
könnte, sodass er nicht angehört zu werden braucht. Damit entfällt auch der
Eventualbeweisantrag der Staatsanwaltschaft (vgl. Urk. 219).
Als unbegründet erweist sich ebenfalls der weitere Antrag der Verteidigung,
wonach die Akten der III. Strafkammer, Geschäfts-Nummern UH110173 und
UH110327, beizuziehen seien (vgl. Urk. 211 S. 3). Es handelt sich dabei um Be-
schwerdeverfahren in Sachen des Beschuldigten betreffend seinen vorzeitigen
Strafantritt und bezüglich einschränkender Anordnungen der Staatsanwaltschaft
im gleichen Zusammenhang. Die entsprechenden Erledigungsbeschlüsse sind
bereits aktenkundig (vgl. Urk. 119 und 161). Weshalb die gesamten Beschwerde-
akten beizuziehen seien, hat die Verteidigung nicht näher begründet. Weiterun-
gen erscheinen auch sonst nicht sachdienlich, sind in obgenannten Beschwerde-
verfahren doch andere Fragestellungen zu beurteilen als im vorliegenden Verfah-
ren. Auch dieser Beweisantrag ist deshalb abzulehnen.
II. Sachverhaltserstellung
Die Anklage wirft dem Beschuldigten – soweit dies noch Gegenstand des
Berufungsverfahrens ist – vor, am frühen Samstagmorgen des 26. Juli 2008 um
etwa 6 Uhr nach Einlass in die Wohnung am ...-Weg .. in H._ der rund 50-
jährigen dortigen Wohnungsinhaberin, der Privatklägerin 3, mehrere so heftige
Faustschläge ins Gesicht versetzt zu haben, dass diese eine Hirnerschütterung,
einen doppelten Bruch des Jochbeins und einen Nasenbeinbruch erlitt. Die Pri-
vatklägerin 1, Tochter der Privatklägerin 3, sei durch den Lärm aufgewacht und
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habe die Türe ihres Schlafzimmers geöffnet, worauf der Beschuldigte auch ihr so-
fort einen heftigen Schlag ins Gesicht versetzt habe, sodass sie rückwärts ins
Zimmer getaumelt sei. Als daraufhin E._, der Privatkläger 2, der bei seiner
Freundin, der Privatklägerin 1, übernachtet hatte, im Türrahmen auftauchte, habe
der Beschuldigte sogleich in der Küche ein Rüstmesser geholt und es dem Privat-
kläger 2 in die linke Halsseite gerammt, wodurch dessen äussere Drosselvene
verletzt worden ist, was ohne ärztliche Intervention zum Verbluten des Opfers und
somit zu seinem Tod geführt hätte. Anschliessend habe der Beschuldigte auf den
Privatkläger 2 ein weiteres Mal mit dem Messer oberflächlich eingestochen und
zwar im Bereich des Rippenbogens.
Der Beschuldigte stellt den Sachverhalt gänzlich anders dar: Er habe aus
dem Drogengeschäft mit FD._, dem Sohn der Privatklägerin 3, aussteigen
wollen und habe dafür das Gespräch mit dessen Mutter gesucht. Da sich die Pri-
vatklägerin 3 als nicht daran interessiert gezeigt hätte, habe er wieder gehen wol-
len, sei aber von den drei Privatklägern daran gehindert worden. Die Verletzun-
gen an diesen seien dann einfach passiert. Sinngemäss macht der Beschuldigte
damit Notwehr geltend (vgl. Urk. 229 S. 10 ff.).
Die Vorinstanz hat sich die Sachverhaltserstellung und die Suche nach dem
Handlungsmotiv des Beschuldigten nicht leicht gemacht. Sie hat sich insbesonde-
re eingehend mit den Aussagen aller Beteiligten auseinandergesetzt. Sie kam
zum Schluss, dass die Aussagen von CD._, Privatklägerin 1, und von
E._, Privatkläger 2, im Kern übereinstimmten und ihre Schilderungen im Ge-
gensatz zu denjenigen des Beschuldigten eine logische und stimmige Abfolge der
Ereignisse ergeben würden. Ihre die Anklage stützenden Aussagen hielt die Vo-
rinstanz folglich für glaubhaft und beweisführend.
Die Erwägungen der Vorinstanz erweisen sich als nachvollziehbar und über-
zeugend, sodass vorab darauf verwiesen werden kann (Urk. 208 S. 12-20). Ins-
besondere ist der Vorinstanz beizupflichten, dass sich die vom Beschuldigten be-
hauptete Notwehrsituation aus mehreren Gründen für nicht überzeugend erweist:
Schon beim Ort, an welchem die Messerstiche erfolgten, gemäss Spurenbild im
Schwenkbereich der Zimmertüre, aber noch innerhalb des Schlafzimmers der Pri-
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vatklägerin 1 (vgl. Urk. 7 und 10/1 S. 2), handelte es sich um den der Wohnungs-
türe am weitesten entfernten Raum der Wohnung (vgl. Urk. 3/4, 4/6); der Be-
schuldigte kann sich somit nicht auf dem Weg zum Verlassen der Wohnung be-
funden haben, woran er von den Privatklägern gehindert worden sein soll. Auch
macht es für das angebliche Verlassen-wollen der Wohnung keinen Sinn, dass
der Beschuldigte vorgängig noch die Küche aufgesucht hat, ausser um dort das
Tatmesser zu behändigen. Wenn es dem Beschuldigten möglich gewesen ist, die
Küche aufzusuchen, hätte er auch die Wohnung verlassen können, liegt die Kü-
che doch in der gleichen Richtung. Die Tatsache, dass es in der Folge der Privat-
kläger 2 war, der blutüberströmt als erster, noch vor dem Beschuldigten, die
Wohnung verlassen hat (vgl. Urk. 2/1 S. 5, 2/2 S. 5 f., 3/3 S. 3, 4/5 S. 3), passt
ebenfalls nicht zur Darstellung des Beschuldigten, wonach er aus der Wohnung
hatte fliehen wollen und er die Privatkläger nur deshalb verletzt hat, weil sie ihn
daran zu hindern versucht hätten. Gegen die vom Beschuldigten behauptete Not-
wehrsituation spricht auch, dass der Beschuldigte selber keine Verletzungen erlit-
ten hat und dies auch nicht geltend macht. Wäre er tatsächlich von drei Personen
angegangen worden, hätte er zumindest einige Kratzer davon tragen müssen.
Zudem fällt auf, dass seine Schilderungen betreffend Notwehr, insbesondere im
Gegensatz zu den Ausführungen betreffend Drogenhandel, auffallend blass, va-
ge, karg und schwammig sind. Er macht im Wesentlichen einfach geltend, die Pri-
vatkläger hätten ihn gehalten, und er habe flüchten müssen (vgl. Urk. 2/1 S. 4, 2/2
S. 4 f., 2/3 S. 2, 2/8 S. 3, 229 S. 11).
Die Verteidigung wendet ein, entweder könne auf die Ausführungen
CD._s nicht abgestellt werden, da sie die Schläge gegen ihre Mutter gar
nicht habe sehen können, weil sie gemäss eigenen Angaben noch in ihrem
Schlafzimmer gewesen sei, oder die Mutter (Privatklägerin 3) sage nicht die
Wahrheit, als sie Erinnerungslücken geltend gemacht habe, oder beide würden
nicht die Wahrheit sagen und hätten die Geschichte gemeinsam zurechtgelegt
(Urk. 233 S. 4 und S. 10 f.; Prot. II S. 14 f.). Es leuchtet ein, dass die Privatkläge-
rin 1 die Schläge gegen ihre Mutter nicht hat sehen können, da sie zu jenem Zeit-
punkt noch im Bett lag. Aber sie hat im Nachhinein deren Verletzungen gesehen
und ihre Schlüsse daraus gezogen. Da sich neben ihr und dem Privatkläger 2 le-
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diglich der Beschuldigte und die Privatklägerin 3 in der Wohnung am ...-Weg auf-
gehalten haben, gab es keine andere Erklärung, als dass der Beschuldigte die
Privatklägerin 3 geschlagen hat. Die Ausführungen der Privatklägerin 1 sind daher
nicht von Vornherein unglaubhaft. Im Übrigen ist durchaus denkbar, dass die da-
mals knapp 50-jährige Privatklägerin 3 aufgrund des brutalen Angriffs des Be-
schuldigten mit den daraus resultierenden Brüchen und der Hirnerschütterung ei-
ne Amnesie erlitten hat. Allerdings kann, wie noch zu zeigen sein wird, auch nicht
ausgeschlossen werden, dass sie ein Motiv hatte, eine Amnesie vorzutäuschen,
da doch einiges darauf hindeutet, dass sie zumindest von den Drogengeschäften
ihres Sohnes wusste.
Mit der Verteidigung (vgl. Urk. 233 S. 15) ist festzustellen, dass CD._
und E._ teilweise auffallend ausweichende Aussagen zu Protokoll gaben.
Dies ist mit ihrem allfälligen Wissen um die Beteiligung von FD._ am Dro-
genhandel erklärbar (vgl. sogleich hinten), was ihnen gemäss dem Grundsatz
nemo tenetur se ipsum accusare aber nicht zum Nachteil gereichen darf. Nicht zu
vergessen ist auch, dass die Polizei zunächst von einer Tat im Rahmen häusli-
cher Gewalt ausgegangen ist bzw. eine solche nicht ausgeschlossen hat (vgl.
Urk. 1/2 S. 12 f.). Die Privatklägerin 1 wurde denn auch inhaftiert (vgl. Urk. 1/2
S. 13, 1/10 S. 7 f.). Dies ändert jedoch nichts daran, dass die Privatklägerin 1 und
der Privatkläger 2 bezüglich des hier relevanten Kerngeschehens im Wesentli-
chen übereinstimmend ausgesagt haben. Beide gaben an, im Bett gelegen zu
sein und Lärm ausserhalb des Schlafzimmers gehört zu haben, wobei unerheblich
ist, woher dieser Lärm stammte. Dies hat die Privatklägerin 1 in der Folge veran-
lasst nachzuschauen, was geschehen ist.
Der Verteidigung ist beizupflichten, dass der Beschuldigte, ohne einen Wi-
derstand überwinden zu müssen, in die Wohnung der Privatklägerin 3 gelangte.
Die Privatklägerin 3 wusste, wen sie hereinliess (vgl. Urk. 233 S. 2 f.). Aufgrund
der Aussagen der Beteiligten ist nämlich erstellt, dass sich die beiden kannten
bzw. der Beschuldigte schon mindestens ein Mal in der Wohnung der Privatkläge-
rin 3 gewesen war (Urk. 2/2 S. 2, 2/3 S. 4, 3/2 S. 8, 3/3 S. 7, 4/5 S. 8, 6/1 S. 4 f.,
6/2 S. 3). Dem Urteil ist zugrunde zu legen, dass es in der Folge zu einer Ausei-
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nandersetzung zwischen der Privatklägerin 3 und dem Beschuldigten kam; der
Beschuldigte wollte etwas tun oder behändigen, mit dem die Privatklägerin 3 nicht
einverstanden gewesen ist. So kam es zum Schlag gegen diese. Da die Privat-
klägerin 1 und der Privatkläger 2 noch im Bett lagen, gibt es keine andere Erklä-
rung, als dass der Beschuldigte die Privatklägerin 3 schlug. Es ist auf die diesbe-
züglichen glaubhaften Angaben der Privatklägerin 1 abzustellen. Ob es ein oder
mehrere Schläge waren, kann an dieser Stelle offen gelassen werden und ist irre-
levant, da auch nur ein Schlag das eingetretene Verletzungsbild hervorrufen
kann.
Aufgrund des Spurenbildes (vgl. Urk. 7) und der Aussagen der Beteiligten ist
davon auszugehen, dass sich die Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldig-
ten und dem Privatkläger 2 im Eingangsbereich des Schlafzimmers der Privatklä-
gerin 1 abspielte. Entgegen den Ausführungen der Verteidigung, wonach die Aus-
sagen CD._s und E._s bezüglich Standort nicht übereinstimmen würden
(Urk. 233 S. 17), entsprechen sich diese. Beide führten anlässlich mehrerer Ein-
vernahmen aus, der Messerstich sei bei der Türe zum Schlafzimmer bzw. hinter
der Schlafzimmertür erfolgt (Urk. 3/2 S. 4, 3/3 S. 4, 4/1 S. 3, 4/3 S. 2, 4/5 S. 4).
In Anbetracht der nachgewiesenen zeitlichen und örtlichen Umstände und
des erstellten Handlungsablaufs drängt sich die Erkenntnis auf, dass der Be-
schuldigte zur Verwirklichung von unlauteren Absichten von Anfang an als Ag-
gressor aufgetreten ist und er glaubte, dem allfälligen Widerstand der beiden
Frauen durch sofortiges Dreinschlagen zuvorkommen zu können. Damit, dass
sich in der Wohnung noch eine weitere, gar männliche Person aufhalten würde,
welche sich dem Beschuldigten ebenfalls in den Weg stellen würde, hatte er nicht
gerechnet. Insofern ist der Vorinstanz zwar zuzustimmen, dass der Beschuldigte
sich nicht in der Absicht in die Wohnung begeben hatte, den Privatkläger 2 mit ei-
nem Messer zu verletzen; sein sofortiges Gewalttätig-werden gegenüber der Pri-
vatklägerin 3 und alsdann gegenüber der Privatklägerin 1 zeugen jedoch davon,
dass er geplant hatte, jeden Widerstand von Vornherein auszuschalten, damit er
freie Hand haben würde, um in der Wohnung das zu tun, wogegen eben gerade
Widerstand zu erwarten war.
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Bleibt die Frage, was der Beschuldigte denn in der Wohnung suchte. Die
Vorinstanz hat sich dazu in extenso Überlegungen gemacht (Urk. 208 S. 21-38),
die aber weit weniger überzeugen als die vorangegangene Widerlegung der vom
Beschuldigten behaupteten Notwehrsituation. Insbesondere erscheint es recht
abwegig, wenn die Vorinstanz als wahrscheinlichstes Handlungsmotiv des Be-
schuldigten die Aussicht auf ein sexuelles Abenteuer mit der Privatklägerin 1 an-
nahm. Dazu hätte es im Club I._, woher der Beschuldigte kam, genügend
andere Gelegenheiten gegeben. Auch hätte der Beschuldigte dazu nicht vorgän-
gig derart brutal auf die Privatklägerin 3 einzuschlagen brauchen.
Die viel näher liegende Erklärung für die Handlungsweise des Beschuldigten
wurde von der Vorinstanz übersehen: Dass er sich nämlich eigenmächtig Drogen
aus dem Depot in der Wohnung beschaffen wollte. Die Wohnung als Drogenbun-
ker seines Komplizen war dem Beschuldigten ja bekannt (vgl. u.a. Urk. 2/8 S. 3).
Zudem ist zugunsten des Beschuldigten aufgrund seiner Ausführungen und zahl-
reicher Aktenstellen (vgl. Urk. 42 und 68) davon auszugehen, dass er als soge-
nannter Läufer im Drogenhandel aktiv war. Dass die Polizei nach der Tat keine
Drogen in der Wohnung fand, steht dieser Annahme nicht entgegen, ist doch nicht
bekannt, ob es dem Beschuldigten letztlich gelungen ist, die Drogen aus der
Wohnung zu entwenden. Und selbst wenn der Beschuldigte dabei im Auftrag von
FD._ gehandelt haben sollte, was dieser allerdings bestreitet (vgl. Urk. 6/12
S. 2 f.), so hätten die Wohnungsinhaber, vorausgesetzt sie wären grundsätzlich in
die Drogenhandelstätigkeit ihres Sohnes und Bruders und in das Bestehen eines
Drogendepots in der Wohnung eingeweiht gewesen, sicherlich das ausdrückliche
Einverständnis von FD._ verlangt, bevor sie es zugelassen hätten, dass der
Beschuldigte sich aus dem Depot bedienen würde. Zu dieser Annahme passt die
Aussage des Beschuldigten, wonach die Privatkläger Anstalten getroffen hätten,
FD._ anzurufen, währenddessen sie den Beschuldigten einstweilen festzu-
halten versucht hätten. In den gleichen Zusammenhang gestellt werden kann,
dass sowohl der Privatkläger 2 wie auch die Privatklägerin 1 aussagten, der Be-
schuldigte habe ihnen die Natels weggenommen (Aktenverweise in Urk. 208
S. 19). Auffällig ist sodann, dass der Beschuldigte seinen Kollegen FD._ ge-
mäss dessen Aussage am Vortag der Tat eigens danach gefragt haben soll, ob
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die zwei Frauen allein in der Wohnung lebten (vgl. Urk. 6/2 S. 3, 6/12 S. 8). Nicht
völlig ausgeschlossen erscheint allerdings auch die weitere Variante, nach wel-
cher die Wohnungsinhaber grundsätzlich gegen den Drogenhandel eingestellt
gewesen wären und trotz einer allfälligen Auftragserteilung durch FD._ das
Verschieben von Drogen durch den Beschuldigten zu verhindern getrachtet hät-
ten. Allein für all diese Geschehensvarianten bestehen zwar Indizien, der volle
Beweis ist jedoch nicht zu erbringen. Auch wenn folglich letztlich unklar bleibt,
welche Handlungsmotivation vorgelegen hatte, so erscheint zumindest die von
der Vorinstanz ins Auge gefasste Erklärung für das Tun des Beschuldigten, dass
er nämlich ein sexuelles Abenteuer mit der Privatklägerin 1 gesucht hätte, als die
am Abwegigsten.
Immerhin gelangte im Ergebnis auch die Vorinstanz zum Schluss, dass das
Motiv des Beschuldigten, weshalb er die Wohnung am ...-Weg aufgesucht hatte
und wieso er dort gewalttätig geworden ist, letztlich offen bleiben muss. Fest steht
für die Vorinstanz einzig soviel, dass der Beschuldigte sich nicht in hehrer Absicht
dorthin begeben hatte, dort vielmehr offensichtlich etwas zu tun oder zu behändi-
gen suchte, wogegen er von Vornherein mit dem Widerstand der beiden Woh-
nungsinhaberinnen rechnete, einen Widerstand, den er jedoch von Anfang an
ausschalten zu können dachte. Dass der Beschuldigte seine Fäuste sehr effizient
einzusetzen und damit Gegner ausser Gefecht zu setzen in der Lage war, hat er
bereits bei früheren Gelegenheiten bewiesen (vgl. beigezogene Akten betr. Straf-
befehl vom 15. August 2001 und Verurteilung vom 10. Dezember 2004). Der Um-
stand, dass sich für den Beschuldigten diesmal das Brechen des Widerstands,
insbesondere wegen der überraschenden Anwesenheit einer dritten Person, als
schwieriger denn vorausgesehen erwies, ändert nichts daran, dass er von Anfang
an der Aggressor war und von Notwehr deshalb nicht ansatzweise die Rede sein
kann.
Aus all diesen Gründen ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz festzu-
stellen, dass der in der Anklageschrift umschriebene Sachverhalt – mit Ausnahme
des dort ebenfalls behaupteten Hausfriedensbruchs – rechtsgenügend erstellt ist.
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Zudem ist zu Gunsten des Beschuldigten davon auszugehen, dass er der Privat-
klägerin 3 nicht mehrere, sondern nur einen heftigen Schlag versetzt hat.
III. Rechtliche Würdigung
Für die rechtliche Würdigung ist auf die zutreffenden Ausführungen der Vor-
instanz zu verweisen (Urk. 208 S. 40-42). Zu wiederholen ist an dieser Stelle,
dass der Beschuldigte alles getan hat, um den Tod des Opfers herbeizuführen,
und es nur glücklichen Umständen und einem ärztlichen operativen Eingriff zu
verdanken ist, dass der Tod beim Opfer nicht eingetreten ist. Der Beschuldigte
hat, als er dem Privatkläger 2 in den Hals stach, den Todeseintritt zumindest in
Kauf genommen. Dass ein Messerstich, gleichgültig mit welcher Art Messer, eine
grosse Gefahr herbeiführt und der Tod des Opfers sehr naheliegend ist, ist allge-
mein bekannt. Der Privatklägerin 3 hat der Beschuldigte die diversen Verletzun-
gen (Hirnerschütterung, doppelter Bruch des Jochbeins rechts, Nasenbeinbruch)
direktvorsätzlich zugefügt. Damit ist der rechtlichen Würdigung der Vorinstanz für
den Schuldspruch zu folgen.
IV. Strafe
Die Vorinstanz hat den Strafrahmen für das schwerste zu sanktionierende
Delikt, die versuchte vorsätzliche Tötung, grundsätzlich richtig mit fünf bis 20 Jah-
ren wiedergegeben, nachdem es trotz des Versuchs nicht angezeigt erschien, die
Mindeststrafe für dieses Delikt zu unterschreiten. Die objektive Tatschwere würde
bei vollendeter Tat hier eine Einsatzstrafe von etwa 15 bis 16 Jahren gebieten. Da
der Umstand, dass es beim Tötungsversuch geblieben ist, nicht dem Beschuldig-
ten sondern den glücklichen Umständen und dem operativen Eingriff (vgl. Urk. 8/3
S. 2) zu verdanken ist, er vielmehr alles zum Ableben des Opfers getan hat, ver-
mag das Ausbleiben des Taterfolgs die Strafe um nicht mehr als etwa einen Drit-
tel reduzieren.
Die subjektive Tatschwere quantifiziert den Grad, in welchem sich der sub-
jektive Tatbestand verwirklicht hat. Hier spielen die kriminelle Energie, mit welcher
- 16 -
der Täter vorgegangen ist, seine Unverfrorenheit und seine Skrupellosigkeit sowie
die Beweggründe und die Vermeidbarkeit der Verletzung des Rechtsguts eine
entscheidende Rolle. Diesbezüglich ist festzustellen, dass die Verwerflichkeit um-
ständehalber als sehr hoch einzustufen ist, da die Todesfolge, obwohl letztlich nur
in Kauf genommen (Eventualvorsatz), erkennbar sehr nahe lag. Weiter kommt
entscheidend hinzu, dass dem Beschuldigten keinerlei Verminderung der Schuld-
fähigkeit zu attestieren ist (Urk. 162 S. 51 und S. 57 f.). Unter dem Aspekt der
Tatkomponente ergibt sich folglich eine Einsatzstrafe von etwa neun bis zehn
Jahren.
Im Weiteren ist der Einfluss der Täterkomponente auf die Strafe zu prüfen.
Bezüglich der persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten kann auf die Ausfüh-
rungen der Vorinstanz zu diesem Punkt verwiesen werden (Urk. 208 S. 44 f.). Er-
gänzend führte der Beschuldigte anlässlich der Berufungsverhandlung aus, er
habe Schulden in der Höhe von ca. Fr. 20'000.– bis Fr. 40'000.–; es handle sich
um Schulden bei FD._ und zufolge der Gerichtsverfahren. FD._ habe
ihm Geld gegeben, als er in die Schweiz gekommen sei und um die Anwaltskos-
ten aus dem ersten Strafverfahren zu begleichen. Aus der eigentlichen Biografie
des Beschuldigten und seinen persönlichen Verhältnissen ergeben sich zwar kei-
ne relevanten Strafzumessungsgründe. Allerdings wirken seine zwei Vorstrafen
aus den Jahren 2004 und 2006, die hauptsächlich wegen Eigentums- und Ge-
waltdelikten erwirkt worden sind (Urk. 213), merklich straferhöhend. Auch die Um-
stände, dass der Beschuldigte Ende Februar 2008 erst gerade aus einer 2 1⁄2 -
jährigen Freiheitsstrafe bedingt entlassen worden war, und sich trotz erfolgter
Ausschaffung und trotz laufender Probezeit für den Strafrest seit Juni 2008 bereits
wieder, wenn auch illegal in der Schweiz aufhielt, und hier erneut delinquierte,
zeugen von einer Unverbesserlichkeit sondergleichen. Dies wirkt ebenfalls straf-
erhöhend.
Es liegt sodann kein Geständnis vor und ebenso wenig erweist sich der Be-
schuldigte etwa als besonders strafempfindlich. Milde ist somit nicht am Platz. Un-
ter Berücksichtigung der Täterkomponente ist die Einsatzstrafe somit um weitere
ein bis zwei Jahre auf mindestens elf Jahre anzuheben. Insoweit ist der Auffas-
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sung der Staatsanwaltschaft zu folgen, wonach die von der Vorinstanz bemesse-
ne Einsatzstrafe zu tief angesetzt war.
Wird sodann die zum Tötungsversuch hinzutretende Körperverletzung zum
Nachteil der Privatklägerin 3 in die Waagschale geworfen, eine Tat, die ebenfalls
von äusserster Brutalität zeugt, so hat dies, der Vorinstanz folgend (Urk. 208
S. 49), eine Straferhöhung von rund einem weiteren Jahr zur Folge. Es handelte
sich um einen direktvorsätzlichen, gewalttätigen und rücksichtslosen Angriff auf
die Privatklägerin 3 in ihrer eigenen Wohnung. Das diesbezügliche Verschulden
ist im Rahmen des Tatbestandes der einfachen Körperverletzung als eher schwer
und schon nahe bei einer schweren Körperverletzung einzustufen.
Entgegen den Ausführungen der Verteidigung im Eventualfall (Urk. 233
S. 30) liegt keine Verletzung des Beschleunigungsgebotes vor. Bearbeitungslü-
cken sind nicht ersichtlich und die Untersuchung wurde stetig vorangetrieben
(Verhaftung am 4. November 2009; Auslieferung am 18. März 2010; Konfrontati-
onseinvernahmen mit Privatklägerin im April 2010; Konfrontationseinvernahme
mit FD._ am 16. Juni 2010; Eingang DNA-Gutachten und Konfrontation Be-
schuldigter damit im August 2010; Anklageerhebung an die Anklagekammer des
Obergerichts des Kantons Zürich 17. September 2010). Nicht ausser Acht gelas-
sen werden darf, dass der Beschuldigte sich der Untersuchung durch seine Flucht
nach I._ entzog und daher erst am 4. November 2009, mithin 15 Monate
nach dem angeklagten Vorfall, verhaftet werden konnte; zudem verzögerte er sei-
ne Auslieferung, indem er sich mit der vereinfachten Auslieferung nicht einver-
standen erklärte (Urk. 17/1/19 S. 2).
Im Ergebnis erscheint eine Freiheitsstrafe von 12 Jahren als dem Tatver-
schulden und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten angemessen.
Daran sind in Anwendung von Art. 51 StGB 1'224 Tage Haft und vorzeitiger Straf-
vollzug bis und mit heute anzurechnen.
Die Höhe der Freiheitsstrafe erlaubt weder den bedingten noch den teilbe-
dingten Strafvollzug (Art. 42 f. StGB). Die Freiheitsstrafe ist daher zu vollziehen.
Wie die Vorinstanz richtig sah, ist eine Rückversetzung in den bedingt aufgescho-
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benen Strafrest der letzten Vorstrafe heute kein Thema mehr (vgl. Urk. 208
S. 50).
V. Massnahme
1. Die Staatsanwaltschaft hatte vor Vorinstanz ursprünglich die Verwahrung
des Beschuldigten nach Art. 64 Abs. 1 StGB beantragt, diesen Antrag nach dem
Vorliegen des psychiatrischen Gutachtens über den Beschuldigten jedoch zu-
rückgezogen und dafür eine vollzugsbegleitende ambulante Massnahme nach
Art. 63 StGB verlangt. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen für die Anordnung
einer Verwahrung als nicht erfüllt erachtet, da gemäss Gutachten beim Beschul-
digten die Wahrscheinlichkeit neuerlicher Gewaltdelikte zwar knapp deutlich ein-
zustufen sei, wobei die Gefahr neuerlicher Tötungsdelikte jedoch niedriger einzu-
stufen sei als die eines Gewaltdelikts anderer Prägung (Urk. 208 S. 51; Gutachten
Urk. 162 S. 58). Zwar ist der Auffassung der Staatsanwaltschaft in ihrer Beru-
fungserklärung und ihrem Plädoyer anlässlich der Berufungsverhandlung beizu-
pflichten (Urk. 209 S. 3, 230 S. 3), dass bereits eine Rückfallgefahr für eine der in
Art. 64 Abs. 1 StGB erwähnten Katalogtaten und nicht erst für Tötungsdelikte als
Voraussetzung für die Anordnung einer Verwahrung ausreichen würde; im vorlie-
genden Fall erscheint die Rückfallgefahr gesamthaft betrachtet jedoch an der un-
tersten Grenze des für eine Verwahrung Erforderlichen. Nachdem selbst die
Staatsanwaltschaft ihren ursprünglichen Antrag auf Verwahrung nicht wieder zum
Hauptantrag erhoben hat (vgl. Urk. 209 und 230), kann der Vorinstanz folgend
von einer solchen Massnahme, die als ultima ratio anzusehen ist, zurzeit noch
abgesehen werden.
2. Wie bereits in der Hauptverhandlung vor Vorinstanz hat die Staatsan-
waltschaft im Berufungsverfahren im Übrigen beantragt, dass für den Beschuldig-
ten eine ambulante Massnahme anzuordnen sei (Urk. 209 S. 2, 230 S. 1 f.). Die
Vorinstanz hat diesen Antrag abgelehnt, da gemäss Auffassung des Gutachters
die beim Beschuldigten diagnostizierten akzentuierten Persönlichkeitszüge disso-
zialer Prägung den Krankheitsgrad einer eigentlichen Persönlichkeitsstörung nicht
erreichen würden (Urk. 208 S. 53 mit Verweisen). Auch wenn die Vorinstanz die
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übrigen Kriterien für die Anordnung einer Massnahme für gegeben erachtete, so
sah sie sich mangels Vorliegen einer schweren psychischen Störung beim Be-
schuldigten ausser Stande, eine solche Anordnung zu treffen. Die Staatsanwalt-
schaft hält dem im Berufungsverfahren entgegen, dass sich die Persönlichkeits-
züge des Beschuldigten gemäss gutachterlicher Feststellung voraussichtlich zu
einer eigentlichen Persönlichkeitsstörung verfestigen würden (Urk. 209 S. 2, 230
S. 2). Dies ändert jedoch nichts daran, dass zurzeit nicht alle Voraussetzungen für
die Anordnung einer solchen Massnahme gegeben sind. Der ablehnende Ent-
scheid der Vorinstanz ist deshalb zu bestätigen.
VI. Zivilpunkt
1. Die Vorinstanz hat den vom Beschuldigten verletzten Privatklägern 2 und
3 Genugtuungen von Fr. 20'000.– bzw. Fr. 8'000.– zuzüglich Zins zugesprochen
und das Begehren des Privatklägers 2 im Mehrbetrag abgewiesen (Urk. 208 S. 56
ff.). Diese Entscheide sind von der Vorinstanz nachvollziehbar begründet worden
und galten im Berufungsverfahren nur akzessorisch, infolge Anfechtung der Ver-
urteilung wegen Tötungsversuchs und Körperverletzung, als mitangefochten.
Nachdem das vorinstanzliche Urteil im Schuldpunkt bestätigt wird, sind die Ent-
scheide der Vorinstanz in Sachen Genugtuung grundsätzlich – mit Ausnahme der
Höhe der Genugtuung für den Privatkläger 2 – ebenfalls zum Berufungsentscheid
zu erheben.
Die Verteidigung macht zur Höhe der Genugtuung an den Privatkläger 2 gel-
tend, selbst bei Schuldigsprechung wäre maximal eine Genugtuung in der Höhe
von Fr. 4'000.– zuzusprechen; er sei 15 Tage nach dem Vorfall wieder voll ar-
beitsfähig gewesen und es sei mit folgenloser Ausheilung der Verletzungen ge-
rechnet worden (Urk. 233 S. 31). Diesen Ausführungen ist prinzipiell beizupflich-
ten (vgl. Urk. 8/3 S. 2), weshalb die von der Vorinstanz zugesprochene Genugtu-
ungssumme für den Privatkläger 2 als zu hoch erscheint. Aufgrund der ausge-
standenen Todesängste, der bleibenden Narben (insbesondere derjenigen am
Hals; vgl. Urk. 3/5), des noch jungen Alters und der Auswirkungen der Straftat auf
seine Lebensqualität (Ängste, schmerzende Narben bei Wetterwechseln) rechtfer-
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tigt es sich, die Genugtuungsleistung an den Privatkläger 2 auf Fr. 15'000.– fest-
zusetzen.
Der Beschuldigte ist daher zu verpflichten, dem Privatkläger 2, E._,
Fr. 15'000.– und der Privatklägerin 3, A._, Fr. 8'000.–, je zuzüglich 5 % Zins
ab dem 26. Juli 2008 als Genugtuung zu bezahlen. Im Mehrbetrag ist das Genug-
tuungsbegehren des Privatklägers 2 abzuweisen.
2. Die Privatklägerin 3 verlangte vor Vorinstanz vom Beschuldigten den Er-
satz des durch seine Tat verursachten Haushaltsschadens (Fr. 2'058.–) sowie
des der Privatklägerin 3 im gleichen Kausalzusammenhang entstandenen Auf-
wandes für den Wohnungsumzug (Fr. 2'000.–). Der Vorinstanz erschien der gel-
tend gemachte Haushaltsschaden nicht hinreichend begründet und sie verwies
die Privatklägerin 3 mit dieser Forderung deshalb auf den Zivilweg (Urk. 208
S. 58). Die Umtriebsentschädigung für den Wohnungsumzug wies die Vorinstanz
ab, da keine Vermögensverminderung seitens der Privatklägerin 3 ersichtlich er-
schien (a.a.O. S. 59).
Berufungshalber stellt die Privatklägerin 3 den Antrag, es sei die Schaden-
ersatzpflicht des Beschuldigten dem Grundsatz nach festzustellen und die Privat-
klägerin 3 zur Feststellung der Höhe des Anspruchs auf den Weg des Zivilprozes-
ses zu verweisen (Urk. 210 und 231). Diesem Antrag könnte entsprochen werden,
wenn die Privatklägerschaft ihre Klage zwar hinreichend begründet und beziffert
hätte, die vollständige Beurteilung des Zivilanspruchs jedoch zu aufwändig er-
scheinen würde, sodass die Klage vom Strafgericht nur dem Grundsatze nach
gutgeheissen werden könnte, im Übrigen aber auf den Weg des separaten Zivil-
prozesses zu verweisen wäre (Art. 126 Abs. 3 StPO).
Vorliegend hat die Vorinstanz jedoch hinsichtlich des geltend gemachten
Haushaltsschadens mit gutem Grund festgestellt, dass diese Klage von der Pri-
vatklägerin 3 nicht hinreichend begründet worden ist. Dies wurde auch im Beru-
fungsverfahren nicht nachgeholt (Urk. 231 S. 2). Folglich hat es mit der generellen
Verweisung der Forderung wegen Haushaltsschadens auf den Zivilweg sein Be-
wenden.
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Was sodann die eingeklagte Umtriebsentschädigung im Zusammenhang mit
dem Wohnungswechsel der Privatklägerin 3 angeht, hat die Vorinstanz diesen
Anspruch mangels Vermögensverminderung seitens der Privatklägerin 3 abge-
wiesen. Dass das Strafgericht über anhängig gemachte Zivilklagen materiell ent-
scheiden darf und, wenn spruchreif, muss, ist nicht fraglich (vgl. Art. 126 Abs. 1
StPO). Hinreichende Gründe, die einen anderen Entscheid rechtfertigen würden,
hat die Privatklägerin 3 im Berufungsverfahren nicht dargetan. Sie lässt ausfüh-
ren, die adhäsionsweise Geltendmachung der Zivilansprüche der geschädigten
Person solle eine erleichterte und vereinfachte Rechtsdurchsetzung ermöglichen.
Müsse ein Zivilverfahren durchgeführt werden, so sei der gesamte Schadener-
satzanspruch auf den Zivilweg zu verweisen und nicht eine Teilposition abzuwei-
sen (Urk. 231 S. 2 f.). Hierzu ist festzuhalten, dass der Abspaltung einzelner Teile
der Schadenersatzforderung nichts im Wege steht (vgl. BSK StPO-DOLGE, Basel
2011, N 23 f.). Wer Zivilforderungen im Strafverfahren adhäsionsweise geltend
macht, verlangt einen materiellen Entscheid und hat nicht Anspruch darauf, dass
bei Unbegründetheit seiner Forderung von einem solchen Entscheid abgesehen
und die Forderung auf den Zivilweg verwiesen wird. Der abweisende Entscheid
der Vorinstanz ist deshalb zu bestätigen.
VII. Kosten und Entschädigung
Nachdem der Schuldspruch der Vorinstanz bestätigt wird, ist an der Kosten-
und Entschädigungsregelung im angefochtenen Urteil nicht zu rütteln (Dispositiv-
ziffern 12-14).
Was die Berufungsinstanz angeht, so unterliegt der Beschuldigte mit seinen
Anträgen vollumfänglich und die Staatsanwaltschaft dringt mit ihren Anträgen zu-
mindest teilweise durch. Es unterliegt auch die Privatklägerin 3 mit ihrer den Zivil-
punkt betreffenden Berufung, weshalb ihr keine Prozessentschädigung zuzuspre-
chen ist. Ausgangsgemäss sind infolge Unterliegens dem Beschuldigten vier
Fünftel und der Privatklägerin 3 ein Zehntel der Berufungskosten aufzuerlegen.
Der Rest ist – samt den Kosten der amtlichen Verteidigung des Beschuldigten im
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Berufungsverfahren – auf die Gerichtskasse zu nehmen, wobei für Letzteres der
Vorbehalt von Art. 135 Abs. 4 StPO gilt.