Decision ID: 78cc220e-162b-4e1f-a8db-8a97fd12e5ef
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: civil_law

betreffend Einsprache gegen das Ausstellen eines Erbscheines
im Nachlass von E._, geboren am tt. April 1939, von F._, gestorben am tt.mm.2022, wohnhaft gewesen in ... G._, Berufung gegen ein Urteil des Einzelgerichtes s.V. des Bezirksgerichtes Andelfingen vom 27. September 2022 (EN220056)
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Urteil des Einzelgerichtes s.V. des Bezirksgerichtes Andelfingen: (act. 4 = act. 7)
1. Von der Einsprache von B._, C._ und D._ vom 19. Septem-
ber 2022 gegen die Ausstellung einer Erbbescheinigung wird Vormerk ge-
nommen und den Beteiligten davon Kenntnis gegeben.
Solange die Einsprache zu Recht besteht, wird keine Erbbescheinigung ausgestellt. Die Einsprache fällt jedoch dahin, wenn innerhalb der  Frist von Art. 521 bzw. 533 ZGB keine Ungültigkeits- oder  angehoben wird.
2. Über den Nachlass wird die Erbschaftsverwaltung angeordnet. Damit wird
das Notariat Andelfingen beauftragt und angewiesen, dem Einzelgericht in
Erbschaftssachen die Abschrift des Inventars im Doppel zuzustellen.
3. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf Fr. 600.00.
4. Die Kosten des Verfahrens werden den Einsprechern, B._, ... [Adres-
se], C._, ... [Adresse], und D._, ... [Adresse], je zu einem Drittel
unter solidarischer Haftung auferlegt. Für die Anordnung der Erbschaftsver-
waltung wird vorderhand keine Gebühr erhoben.
5. Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.
6./7. (Mitteilung / Rechtsmittel).
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Berufungsanträge:
der Berufungsklägerin (act. 8):
"1. Ziffer 1. Absatz 2 des Urteils EN220056-B/U01/er des  Andelfingen vom 27. September 2022 sei aufzuheben.
2. unter Kostenfolge zulasten der Staatskasse (Vorinstanz)."

Erwägungen:
I.
1.1 Am tt.mm.2022 verstarb E._ (fortan Erblasser), zuletzt wohnhaft
gewesen in G._. Mit (Testamentseröffnungs-)Urteil vom 25. August 2022
stellte das Einzelgericht s.V. des Bezirksgerichtes Andelfingen (fortan Vorinstanz)
gestützt auf Zivilstandsurkunden die gesetzliche Erbenstellung der Ehefrau bzw.
Witwe des Erblassers, A._ (fortan Berufungsklägerin), und der drei Kinder
des Erblassers (aus erster Ehe),
B._, C._ und D._ (fortan Berufungsbeklagte), fest. Die Vorinstanz
eröffnete die letztwillige Verfügung des Erblassers vom 5. Oktober 2020 in Form
einer Kopie, welche von der Berufungsklägerin eingereicht worden war, und stell-
te den vorerwähnten gesetzlichen Erben die Ausstellung eines auf sie lautenden
Erbscheins in Aussicht, sofern dagegen seitens der gesetzlichen Erben oder ei-
nem aus einer früheren Verfügung Bedachten nicht innert Monatsfrist Einsprache
erhoben werde (vgl. act. 12/3 S. 2 f. = act. 3 S. 2 f.; act. 12/2).
1.2 Mit Eingabe vom 19. September 2022 liessen die Berufungsbeklagten
Einsprache gegen die Ausstellung des Erbscheins an die Berufungsklägerin bei
der Vorinstanz erheben (act. 1). Diese entschied mit Urteil vom 27. September
2022 (act. 4 = act. 7) im eingangs wiedergegebenen Sinne.
2. Dagegen erhob die Berufungsklägerin mit Schreiben vom 14. Oktober
2022 rechtzeitig Berufung bei der hiesigen Instanz und stellte die vorstehend wie-
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dergegebenen Anträge (act. 8 inkl. Beilagen act. 9 und 10; zur Rechtzeitigkeit vgl.
act. 5).
3. Die vorinstanzlichen Akten wurden von Amtes wegen beigezogen
(act. 1-5 sowie Testamentseröffnungsakten [= act. 12/1-4]). Mit Verfügung der
Kammer vom 3. November 2022 wurde den Berufungsbeklagten Frist zur Beant-
wortung der Berufung angesetzt, mit dem Hinweis, dass im Säumnisfall das Ver-
fahren ohne die Berufungsantwort weitergeführt werde. Des Weiteren wurde die
Prozessleitung delegiert (act. 13). Die Verfügung wurde den Berufungsbeklagten
am 7. November 2022 zugestellt (act. 14). Innert Frist und bis dato liessen sie
sich nicht vernehmen.
II.
1.1 Die Berufungsbeklagten liessen vor Vorinstanz einzig ausführen, dass
sie Einsprache gegen die Berechtigung der Berufungsklägerin und damit gegen
die entsprechende Ausstellung eines Erbscheins erheben, wobei die Einsprache
nicht begründet zu werden brauche (act. 1).
1.2 Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid mit der Argumentation, es
sei grundsätzlich davon auszugehen, dass die Erhebung der Einsprache gegen
die Ausstellung der Erbbescheinigung im Sinne von Art. 559 ZGB bedeute, dass
seitens der Einsprecher bzw. Berufungsbeklagten die Erbberechtigung der Ehe-
frau des Erblassers bzw. der Berufungsklägerin bestritten werde. Da die Einspra-
che nach ständiger Rechtsprechung des Obergerichts nicht begründet werden
müsse, sei die materielle Begründetheit der Einsprache nicht zu prüfen, weshalb
von der Einsprache ohne nähere Prüfung Vormerk zu nehmen sei. Infolgedessen
könne vorläufig keine Erbbescheinigung ausgestellt werden. Als weitere Folge der
Einsprache sei gestützt auf Art. 556 Abs. 3 ZGB und gemäss ständiger Praxis des
Einzelgerichtes und des Obergerichtes die Erbschaftsverwaltung anzuordnen
(act. 7 S. 2 f.).
2. Die Berufungsklägerin wirft der Vorinstanz falsche Rechtsanwendung
und Willkür vor. Sie macht im Kern geltend, Anspruch auf Ausstellung der Erbbe-
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scheinigung hätten die gesetzlichen Erben, deren Berechtigung mittels Einspra-
che nicht bestritten werden könne, weshalb die Ausstellung des Erbscheins nicht
vom Vorliegen einer Einsprache im Sinne von Art. 559 ZGB abhängig gemacht
werden könne, wenn wie im vorliegenden Fall die Zusammensetzung der Erben-
gemeinschaft (unter Vorbehalt der erbrechtlichen Klagen) zurzeit offenkundig
feststehe. Aus der Testamentseröffnung vom 25. August 2022 ergebe sich so-
dann, dass das erblasserische Testament vom 5. Oktober 2000 nichts an der Er-
benstellung der vorliegenden vier gesetzlichen Erben ändere. Dieses beinhalte
einzig Anordnungen für den Fall des Vorversterbens des Erblassers vor seiner
vormaligen Ehefrau H._, welche Situation nicht eingetreten sei, so dass das
Testament an der gesetzlichen Erbfolge nichts geändert habe. Die
vorinstanzliche Anordnung sei daher willkürlich und aufzuheben, zumal die Ein-
sprache keine Begründung für das allfällige Wegfallen ihrer (der Berufungskläge-
rin) gesetzlichen Erbenstellung enthalte (act. 8 S. 2-4).
3.1 Findet sich beim Tode eines Erblassers eine letztwillige Verfügung vor,
so ist sie der Behörde unverweilt einzuliefern und binnen Monatsfrist nach der
Einlieferung zu eröffnen (vgl. Art. 556 Abs. 1 und Art. 557 Abs. 1 ZGB; vgl. Tes-
tamentseröffnung act. 3). Gemäss Art. 559 Abs. 1 ZGB wird nach Ablauf eines
Monats seit der Mitteilung der eröffneten letztwilligen Verfügung an die Beteiligten
den eingesetzten Erben, wenn die gesetzlichen Erben oder die aus einer früheren
Verfügung Bedachten nicht ausdrücklich deren Berechtigung bestritten haben, auf
ihr Verlangen von der Behörde eine Bescheinigung darüber ausgestellt, dass sie
unter Vorbehalt der Ungültigkeitsklage und der Erbschaftsklage als Erben aner-
kannt seien. Anspruch auf Ausstellung eines solchen Erbscheins haben entgegen
dem Gesetzeswortlaut nicht nur eingesetzte, sondern auch gesetzliche Erben.
Der Zweck des Erbscheins erschöpft sich darin, sämtliche Erben auszuweisen,
damit diese den Nachlass einstweilen in Besitz nehmen und provisorisch darüber
verfügen können. Die Ausstellung einer Erbbescheinigung ist nur zu verweigern,
wenn die Erbberechtigung der betroffenen Personen bestritten wird. Die Erbbe-
rechtigung der gesetzlichen Erben kann, im Gegensatz zu derjenigen der einge-
setzten Erben, allerdings nicht bestritten werden (vgl. BGer 5D_305/2020 vom
4. Mai 2021, E. 3.2 m.w.H.). Ist sodann im Zeitpunkt der Einsprache bereits klar,
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dass sich am Kreise der Erben nichts mehr ändern kann, vermag der Erbschein
seinen vorstehend umschriebenen Zweck vollumfänglich zu erfüllen, sodass er
trotz Einsprache auszustellen ist. Das gilt auch, wenn aufgrund des Streits der
Erben eine Erbschaftsverwaltung angeordnet wurde (Art. 556 Abs. 3 ZGB) und
der Erbschein daher einstweilen kaum einen praktischen Nutzen hat (vgl. zum
Ganzen BGer 5D_305/2020 vom 4. Mai 2021, E. 3.4).
3.2 Unstrittig ist, dass die Berufungsklägerin Ehefrau bzw. Witwe des Erb-
lassers ist. Dies ergibt sich aus dem Familienausweis und dem Ausweis über den
registrierten Familienstand (act. 12/2). Als solche kommt ihr nach Art. 462 ZGB
gesetzliche Erbenstellung zu (vgl. auch Testamentseröffnung act. 3 S. 3). Ihre
Erbberechtigung als gesetzliche Erbin kann im Einspracheverfahren wie vorste-
hend gesagt nicht bestritten werden. Auch den Berufungsbeklagten als Nach-
kommen des Erblassers kommt gesetzliche Erbenstellung zu (Art. 457 ZGB; vgl.
Testamentseröffnung act. 3 S. 3). Es sind vorliegend somit sämtliche Erben be-
reits bekannt, und selbst bei Ungültigkeit des Testaments vom 5. Oktober 2000
(welches lediglich Anordnungen für den Fall des Vorversterbens des Erblassers
vor seiner vormaligen Ehefrau H._ enthält und welche Situation nicht einge-
treten ist, vgl. Testamentseröffnung act. 3 S. 2) würde deren gesetzliche Erbbe-
rechtigung nicht dahinfallen. Dass weitere Personen Erbenstellung beanspruchen
könnten, ist weder behauptet noch aktenkundig. Inwiefern sodann potentielle Kla-
gen am Kreis der gesetzlichen Erben etwas zu verändern vermöchten, ist nicht
ersichtlich. Zu Recht macht die Berufungsklägerin daher geltend, dass im vorlie-
genden Fall die Erbbescheinigung ihren Zweck, sämtliche Erben auszuweisen,
mangels Zweifel an deren Identität trotz erhobener Einsprache uneingeschränkt
zu erfüllen vermag (act. 8 S. 4).
4. Die Rüge der Berufungsklägerin betreffend Nichtausstellung des Erb-
scheins erweist sich nach dem Gesagten als berechtigt. In Gutheissung der Beru-
fung ist Dispositiv-Ziffer 1 des angefochtenen Urteils aufzuheben. Die Vorinstanz
wird auf entsprechendes Ersuchen eines gesetzlichen Erben einen Erbschein
auszustellen haben.
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III.
Die Kosten des Berufungsverfahrens sind auf die Gerichtskasse zu nehmen
(Art. 107 Abs. 2 ZPO). Eine Entschädigung wurde nicht beantragt.