Decision ID: 90decdd8-e47f-5723-bffd-5b687a91811c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein afghanischer Staatsangehöriger tadschikischer
Ethnie, verliess Afghanistan gemäss eigenen Angaben 2008 und den Iran
Ende 2015. Am 4. Januar 2016 reiste er in die Schweiz ein und am 9. Ja-
nuar 2016 suchte er um Asyl nach. Am 20. Januar 2016 fand die Befragung
zur Person (BzP) statt. Die Vorinstanz hörte den Beschwerdeführer am
13. Juni 2017 zu seinen Asylgründen an.
Dabei gab er an, mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in Herat im eige-
nen Haus gelebt zu haben. Er sei schiitischen Glaubens. Sein Vater sei
Schiit. Seine Mutter sei ursprünglich Sunnitin, sie sei aber konvertiert. Im
Quartier, wo seine Familie gewohnt habe, hätten mehrheitlich Sunniten ge-
lebt. Der Vater sei Ratsvorsitzender einer schiitischen Moschee in Herat
gewesen. Im Alter von fünf oder sechs Jahren sei er mit seiner Familie
aufgrund des Vormarschs der Taliban in den Iran gegangen. Dort habe er
die Schule bis zur vierten Klasse besucht. Danach sei er mit der Familie
nach Herat zurückgekehrt.
Zu seinen Asylgründen führte er aus, im Jahr 2007 habe es im Quartier
anlässlich der Tasua und der Ashura, den beiden grössten Trauerfeiern der
schiitischen Konfession, einen Streit zwischen Sunniten und Schiiten ge-
geben. In der Moschee, in welcher sein Vater tätig gewesen sei, sei es zu
Schlägereien gekommen. In der Folge sei die Familie von Nachbarn, wel-
che mehrheitlich der sunnitischen Konfession angehört hätten, angepöbelt,
beschimpft und schikaniert worden. Sie seien aufgefordert worden, das
Quartier zu verlassen. Aufgrund der ständigen Bedrohungen habe sein Va-
ter die zwei älteren Brüder – in der Hoffnung, die Situation würde sich be-
ruhigen – in den Iran geschickt. Es sei jedoch immer schlimmer geworden,
weshalb 2008 beziehungsweise drei Jahre nach der Ausreise der älteren
Brüder die ganze Familie in den Iran gereist sei. Dort habe er unter ande-
rem als (...) in einer Fabrik gearbeitet. Die iranische Regierung habe dann
angefangen, viele Afghanen nach Syrien in den Krieg zu schicken. Eines
Tages sei sein Vater aufgefordert worden, seine vier Söhne nach Syrien zu
schicken. Aus Sorge um die Sicherheit seiner Söhne habe der Vater deren
Ausreise organisiert. Weiter gab der Beschwerdeführer an, weder in Afgha-
nistan noch in Iran habe er Musik machen dürfen. Er habe Iran dann mit
seinen drei Brüdern in Richtung Europa verlassen. Sein Bruder B._
(in der Folge A.; [...], vgl. Urteil des BVGer E-5112/2017 vom selben Da-
tum) befinde sich in der Schweiz. Die beiden anderen Brüder seien von der
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Türkei nach Herat ausgeschafft worden. Einer befinde sich nun wieder bei
den Eltern und den zwei Schwestern im Iran; der andere sei wahrscheinlich
nach Syrien in den Krieg geschickt worden.
Als Beweismittel gab er seine Tazkira im Original und einen USB-Stick mit
Konzertaufnahmen zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 23. August 2017 verneinte die Vorinstanz die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte das Asylgesuch ab, ver-
fügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an. Den
zuständigen Kanton beauftragte sie mit dem Vollzug der Wegweisung.
C.
C.a Mit Eingabe vom 11. September 2017 erhob der Beschwerdeführer
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragte, die ange-
fochtene Verfügung sei in den Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben. Die
Sache sei für eine Neubeurteilung der aktuellen Sicherheitslage in Herat
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die Unzumutbarkeit des
Vollzugs der Wegweisung festzustellen und als Folge davon die vorläufige
Aufnahme anzuordnen. In prozessualer Hinsicht sei ihm die unentgeltliche
Prozessführung, inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses, und die amtliche Verbeiständung zu gewähren.
C.b Gleichentags reichte er mit separater Eingabe eine Fürsorgebestäti-
gung vom 4. September 2017 ein.
D.
Am 14. September 2017 stellte die Instruktionsrichterin fest, der Beschwer-
deführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 2. Oktober 2017 hiess die Instruktionsrichterin
die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung sowie
amtlichen Verbeiständung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses. Gleichzeitig lud sie die Vorinstanz zur Vernehmlassung
ein.
F.
F.a In der Vernehmlassung vom 16. Oktober 2017 hielt die Vorinstanz an
ihren Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
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Seite 4
F.b Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 19. Oktober
2017 zur Kenntnisnahme zugestellt.
G.
Mit Eingabe vom 13. November 2017 (Poststempel) reichte der Beschwer-
deführer eine Kopie seines Ausweises für Asylsuchende, eine Bestätigung
der Persisch Christlichen Kirche Schweiz vom 8. November 2011 (recte
wohl: 2017) und ein Taufbekenntnis vom 3. September 2017 ein.
H.
H.a Am 9. Januar 2018 ersuchte der Beschwerdeführer das Gericht um
Einholen einer Vernehmlassung unter Berücksichtigung des Urteils des
Bundesverwaltungsgerichts (BVGer) D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017
und um Akteneinsicht.
H.b Mit Zwischenverfügung vom 18. Januar 2018 forderte die Instruktions-
richterin den Beschwerdeführer auf, innert sieben Tagen ab Erhalt der Ver-
fügung sein Akteneinsichtsgesuch zu spezifizieren respektive ein Gesuch
um Einsicht in die N-Akten direkt an das SEM zu richten.
H.c Am 30. Januar 2018 händigte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer
die editionspflichten Akten gemäss Aktenverzeichnis aus.
I.
I.a Am 8. Januar 2019 erkundigte sich der Beschwerdeführer nach dem
Verfahrensstand und ersuchte um Zustellung des Anhörungsprotokolls.
I.b Mit Schreiben vom 10. Januar 2019 gab die Instruktionsrichterin Aus-
kunft zum Verfahrensstand und teilte dem Beschwerdeführer mit, das SEM
habe ihm am 30. Januar 2018 Einsicht in die N-Akten gewährt; ein erneutes
Gesuch sei an sie zu richten.
J.
J.a Mit Schreiben vom 26. August 2019 (recte: 2020) erkundigte sich der
Beschwerdeführer nach dem Verfahrensstand und gab einen Arbeitsver-
trag vom 27. Juli 2020 und ein Schreiben des Amts für Wirtschaft und Arbeit
des Kantons C._ betreffend rechtliches Gehör zur Ablehnung des
Gesuchs um Erteilung einer Arbeitsbewilligung vom 14. August 2020 zu
den Akten.
J.b Am 27. August 2020 beantwortete die Instruktionsrichterin die Anfrage.
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Seite 5
K.
K.a Am 6. Januar 2021 erkundigte sich der Beschwerdeführer nach dem
Verfahrensstand und reichte zwei Registerauszüge aus dem iranischen
Datensystem und eine Registernummer in Kopie ein.
K.b Mit Schreiben vom 8. Januar 2021 beantwortete die Instruktionsrichte-
rin die Anfrage. Weitere Anfragen vom 8. Februar 2021 und 20. April 2021
beantwortete sie mit Schreiben vom 22. April 2021.
L.
L.a Mit Zwischenverfügung vom 29. Juni 2021 lud die Instruktionsrichterin
die Vorinstanz zur ergänzenden Vernehmlassung unter Berücksichtigung
des Urteils des BVGer D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 ein.
L.b In der ergänzenden Vernehmlassung vom 9. Juli 2021 hielt das SEM
an ihren Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
L.c Am 14. Juli 2021 replizierte der Beschwerdeführer.
M.
Mit Fax vom 3. September 2021 wies der Beschwerdeführer auf die sich
verschlechternde Sicherheitslage in Afghanistan infolge der Machtüber-
nahme durch die Taliban hin.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
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Seite 6
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember 2005
(AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und Integ-
rationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Gesetzes-
artikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen
worden.
3.
Wie bereits in der Zwischenverfügung vom 2. Oktober 2017 festgehalten,
bildet Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens einzig die
Frage des Vollzugs der Wegweisung. Die Ziffern 1 (Verneinung der Flücht-
lingseigenschaft), 2 (Ablehnung des Asylgesuchs) und 3 (Wegweisung)
sind daher mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen.
4.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG
(vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten weder den Anforderungen
an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Flücht-
lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG stand.
5.1.1 Der Beschwerdeführer habe zunächst angegeben, er sei sunniti-
schen Glaubens und später anlässlich der Anhörung habe er im Wider-
spruch dazu ausgeführt, er sei Schiit und habe aufgrund seines Glaubens
in seinem Heimatland Probleme gehabt. Die geltend gemachten Vorbrin-
gen im Zusammenhang mit der Religionszugehörigkeit seien demnach als
nachgeschoben zu erachten. Sein Erklärungsversuch, er habe bei seiner
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Ankunft in der Schweiz Angst gehabt, solche Probleme seien auch hier ak-
tuell, überzeuge nicht. Er habe hier Schutz beantragt und sei mehrmals auf
seine Wahrheits- und Mitwirkungspflicht hingewiesen worden, weshalb
kein Grund ersichtlich sei, weshalb er nicht die Wahrheit hätte sagen kön-
nen. Ferner habe er widersprüchliche Angaben betreffend seine Aufent-
haltsorte und das Ausreisedatum gemacht. Selbst wenn seine Vorbringen
als glaubhaft erachtet würden, seien sie nicht asylrelevant, da es sich nicht
um eine gegen ihn gerichtete staatliche Verfolgung handle. Schliesslich be-
stünden keine Anhaltspunkte, dass er aufgrund seiner Leidenschaft für die
Musik je einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt gewesen
sei.
5.1.2 Zum Vollzug der Wegweisung erwog die Vorinstanz, es lägen keine
entsprechenden Hindernisse vor.
5.1.2.1 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle,
könne auch der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5
Abs. 1 AsyIG nicht angewandt werden. Ferner ergäben sich aus den Akten
keine Anhaltspunkte dafür, dass ihm im Falle einer Rückkehr in den Hei-
matstaat mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK ver-
botene Strafe oder Behandlung drohe. Der Vollzug der Wegweisung sei
demnach zulässig.
5.1.2.2 Zur Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung führte die Vor-
instanz aus, im Grundsatzurteil vom 16. Juni 2011 sei das BVGer zum
Schluss gelangt, die Sicherheitslage und die humanitäre Situation in Af-
ghanistan habe sich derart verschlechtert, dass von einer existenzbedro-
henden Situation im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG auszugehen sei. Mit
Grundsatzurteil vom 28. Oktober 2011 habe sich das BVGer konkret zur
Situation in Herat geäussert und die dortige Situation vergleichbar mit jener
in Kabul erachtet. Seit dem kontinuierlichen Abzug der International
Security Assistance Force (ISAF) im Jahr 2014 könne eine Zunahme von
Sicherheitsvorfällen beobachtet werden. Trotzdem könne nicht auf eine Si-
tuation allgemeiner Gewalt geschlossen werden, weshalb an der bisheri-
gen Rechtsprechung festzuhalten sei. Eine Rückkehr nach Herat sei dem-
nach nicht generell unzumutbar, sondern könne unter begünstigenden Um-
ständen als zumutbar erachtet werden. Der aus der Stadt Herat stam-
mende Beschwerdeführer sei jung, gesund und gebildet. Zudem verfüge
er über Arbeitserfahrung als (...). In Anbetracht dessen, dass er das SEM
getäuscht habe, sei nicht glaubhaft, dass er keine Verwandten und
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Freunde in Herat habe. Es sei nicht Sache des SEM nach allfälligen Weg-
weisungsvollzugshindernissen zu forschen. Ferner werde er zusammen
mit seinem Bruder weggewiesen, so dass sie einander bei der Wiederein-
gliederung helfen könnten. Zudem besitze die Familie ein Haus in Herat.
Es seien somit keine individuellen Gründe ersichtlich, die gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nach Herat sprechen würden.
5.1.2.3 Schliesslich sei der Vollzug der Wegweisung technisch möglich und
praktisch durchführbar.
5.2 In der Rechtsmitteleingabe bringt der Beschwerdeführer vor, die Vor-
instanz stütze sich für die Einschätzung der Sicherheitslage in Herat nach
wie vor auf Grundsatzurteile des BVGer aus dem Jahr 2011 ab. Diese ent-
sprächen indessen nicht mehr dem aktuellen Stand. Die Schweizerische
Flüchtlingshilfe (SFH) habe in einem Bericht vom 25. August 2015 darge-
legt, dass die Praxis der Schweizer Behörden, den Vollzug der Wegwei-
sung nach Kabul, Mazar-i-Sharif und Herat als zumutbar zu erachten, so-
fern die asylsuchende Person dort über ein familiäres oder soziales Netz
verfüge, unhaltbar sei. Ferner habe die Vorinstanz ausser Acht gelassen,
dass er Afghanistan bereits im Alter von zwölf Jahren in Richtung Iran ver-
lassen und sich somit seit neun Jahren nicht mehr in Herat aufgehalten
habe. Wie er bei einer Rückkehr seine Existenz sichern könne, bleibe un-
klar. Die Vorinstanz unterstelle ihm, die Mitwirkungspflicht verletzt zu ha-
ben, und gehe davon aus, er sei gebildet und habe in Herat reiche Fami-
lienangehörige. Sie habe weder die aktuelle Sicherheitslage in Herat noch
seine persönlichen Verhältnisse berücksichtigt, womit sie das rechtliche
Gehör verletze. In seiner ergänzenden Eingabe vom 9. Januar 2018 ver-
weist er darauf, dass auch das Bundesverwaltungsgericht im jüngsten Ur-
teil D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 zum Schluss gelangt sei, die Si-
cherheitslage in Afghanistan habe sich in allen Regionen des Landes dras-
tisch verschlechtert.
5.3 In der ergänzenden Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, auch
nach Vorliegen des Urteils D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 könne vollum-
fänglich auf die Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen
werden. Aufgrund der Verletzung der Mitwirkungspflicht durch den Be-
schwerdeführer werde eine abschliessende Beurteilung des Vorliegens
von besonders begünstigenden Umständen verunmöglicht, und es sei
nicht Sache der Behörden sei, nach allfälligen Wegweisungshindernissen
zu forschen.
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5.4 In der Replik bringt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, das
SEM verweigere sich mit ihrem Verweis auf die Erwägungen in der ange-
fochtenen Verfügung der Tatsache, dass das BVGer die Lage in Herat
heute deutlich schlechter einschätze als noch zum Zeitpunkt des Asylent-
scheids.
6.
6.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
6.2 Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Wegwei-
sungsvollzug (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit) sind al-
ternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der Vollzug
als undurchführbar zu betrachten und die weitere Anwesenheit der be-
troffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die vorläu-
fige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4.).
6.3 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts gilt bezüg-
lich der Wegweisungsvollzugshindernisse der gleiche Beweisstandard wie
bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, Wegweisungsvoll-
zugshindernisse sind zu beweisen, soweit der strikte Beweis möglich ist,
und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (Art. 7 AsylG;
vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
Glaubhaftmachung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein redu-
ziertes Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und
Zweifel an den Vorbringen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft ge-
macht, wenn das Gericht von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie
aber überwiegend für wahr hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind.
Demgegenüber reicht es für die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der
Inhalt der Aussagen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten As-
pekte wesentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte
Sachverhaltsdarstellung sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Ge-
samtwürdigung, ob die Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhalts-
darstellung sprechen, überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objekti-
vierte Sichtweise abzustellen (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind
insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet
oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder
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massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt wer-
den (Art. 7 Abs. 3 AsylG).
6.4
6.4.1 Vorab ist festzustellen, dass dem Beschwerdeführer keine Verletzung
der Mitwirkungspflicht vorgehalten werden kann. Vielmehr geht aus den
Protokollen in ihrer Gesamtheit hervor, dass er sich ohne Einschränkung
bemüht hat, Angaben zu seiner Herkunft, seinem Lebenslauf und den Aus-
reisegründen zu machen. Diese sind immer wieder detailliert, mit Real-
kennzeichen versehen und stimmig ausgefallen (vgl. u.a. SEM-Akten
A17/16 F8-22, F35 ff., F45 ff. und F57 f.). Das SEM hat insofern eine ein-
seitige Gewichtung vorgenommen, als es jene Elemente, die für die Glaub-
haftigkeit der Schilderungen des Beschwerdeführers sprechen, nicht in die
Gesamtwürdigung einbezogen oder etwa auch nicht berücksichtig hat,
dass sich wesentliche Teile der Schilderungen auch auf Zeiträume bezie-
hen, als der Beschwerdeführer noch ein Kleinkind oder jedenfalls sehr jung
war. Eine Mitwirkungspflichtsverletzung liegt jedenfalls nicht vor.
6.4.2 Zwar trifft zu, dass insbesondere die zeitlichen Gegebenheiten aus
den Aussagen des Beschwerdeführers nicht immer klar werden. Dies be-
trifft insbesondere die Angaben, wann er Afghanistan zum zweiten Mal ver-
lassen habe, einerseits im Jahr 2008 und andererseits 2011 oder 2012.
Ebenso bleibt unklar, ob er im August/September 2015 oder im Dezember
2015 aus dem Iran ausgereist ist. Den Protokollen lassen sich indes auch
Hinweise entnehmen, dass er allgemein Mühe mit Daten hat. So gab er
anlässlich der Anhörung am 13. Juni 2017 an, er habe sich bis 2016/2017
oder vielleicht auch August/September 2015 im Iran aufgehalten und be-
finde sich seit zirka anderthalb Jahren in der Schweiz (SEM-Akten A17/16
F8), wobei ersteres ganz offensichtlich nicht zutreffen kann. Auch ist fest-
zustellen, dass aus den übersetzten Daten des Dschalali-Kalenders (per-
sischer Kalender) nur schwierig genauere Rückschlüsse gezogen werden
können. Dass der Beschwerdeführer keine oder kaum mehr Erinnerungen
an die Zeit in Afghanistan bis zur ersten Ausreise in den Iran hat, ergibt sich
ohne Weiteres aus seinem damaligen Alter. Festzuhalten ist zwar, dass die
eigentlichen Asylgründe sind nicht Gegenstand des vorliegenden Verfah-
rens sind. Das SEM hat rechtskräftig festgestellt, dass keine solchen vor-
liegen. Soweit aber die persönliche Glaubwürdigkeit des Beschwerdefüh-
rers in Frage steht – diese wiederum ist auch für die Sachverhaltsfeststel-
lung hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs relevant – ist immerhin festzu-
stellen, dass das vorinstanzliche Argument, er habe sich widersprüchlich
zu seiner Religionszugehörigkeit geäussert, nicht restlos überzeugt, auch
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wenn es zutrifft, dass er in der BzP angab, er sei Sunnite (vgl. SEM-Akten
A7/10 S. 3 Ziff. 1.13) und anlässlich der Anhörung ausführte, er sei schiiti-
schen Glaubens (vgl. SEM-Akten A17/16 F35). Zu berücksichtigen ist in
diesem Zusammenhang auch – was das SEM nicht getan hat – seine
durchaus ausführlichen und nachvollziehbaren Schilderungen zu seiner
Herkunft aus einer gemischt-religiösen Familie und deren Übereinstim-
mung mit den tatsächlichen Gegebenheiten in Herat aber auch innerhalb
seiner Ethnie.
Insgesamt schildert der Beschwerdeführer zentrale Elemente seines Le-
benslaufs (Geburt und Kindsjahre in Afghanistan, Übersiedlung in den Iran
aufgrund des Vormarschs der Taliban, Rückkehr nach Afghanistan, erneute
Ausreise in den Iran, Arbeit als (...) in einer Fabrik, Ausreise aus dem Iran
in Richtung Europa mit seinen drei Brüdern, weil die iranischen Behörden
begonnen hätten, afghanische Flüchtlinge nach Syrien zu schicken) an
verschiedenen Stellen anschaulich und stimmig (vgl. SEM-Akten A7/12
Ziff. 7.01 und A17/16 F8, F18, F26, F33, F38, F45 ff.). Schliesslich bestrei-
tet auch das SEM die Herkunft des Beschwerdeführers aus Afghanistan
nicht. Selbst wenn nicht sämtliche Zweifel an seinen Vorbringen beseitigt
sind, sind in Berücksichtigung aller wesentlichen Umstände die vorliegend
entscheidenden Teile seiner Sachdarstellung, insbesondere seine Herkunft
aus Herat, als glaubhaft zu erachten.
6.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass dem Beschwerdeführer keine Ver-
letzung der Mitwirkungspflicht vorgeworfen werden kann und die für die
Beurteilung der massgeblichen Frage zentralen Elemente seines Lebens-
laufes als glaubhaft gemacht zu erachten sind.
6.6
6.6.1 Mit Urteil D-4705/2016 vom 14. Juni 2021, welches zur Publikation
als Referenzurteil vorgesehen, hat das Bundesverwaltungsgericht seine
zuletzt im Urteil BVGE 2011/38 festgehaltene Lageeinschätzung zur Situ-
ation in Herat aktualisiert (vgl. ebenda, E. 10). Nach den Erkenntnissen des
Gerichts hat sich sowohl die Sicherheitslage wie auch die sozio-ökonomi-
sche Situation in der Stadt Herat in den letzten Jahren deutlich verschlech-
tert. Rückkehrende geraten vor diesem Hintergrund rasch in eine existenz-
bedrohende Situation. Der Vollzug der Wegweisung ist daher als grund-
sätzlich unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG zu qualifizieren. Nur
ausnahmsweise kann von der Zumutbarkeit ausgegangen werden, und
zwar dann, wenn davon auszugehen ist, die Person fände in Herat beson-
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ders begünstigende Umstände vor. Ob im Einzelfall vom Vorliegen beson-
ders begünstigender Faktoren ausgegangen werden kann, ist anhand der
in BVGE 2011/7 niedergelegten Grundsätze sowie der Praxis zu Kabul (vgl.
Referenzurteil des BVGer D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 E. 8.4) zu
ermitteln.
6.6.2 Im Falle des Beschwerdeführers sind die strengen Voraussetzungen
für die ausnahmsweise Annahme der Zumutbarkeit eines Wegweisungs-
vollzugs in die Stadt Herat nicht erfüllt, da keine besonders begünstigen-
den Umstände im Sinne der vorstehenden Erwägung vorliegen. Es ist
glaubhaft, dass der Beschwerdeführer Afghanistan erstmals im Kleinkin-
desalter in Richtung Iran verlassen hat. Als Kind ist er mit seiner Familie
nach Herat zurückgekehrt, bevor die Familie später erneut in den Iran über-
siedelte, wo sie noch heute lebt. Im heutigen Zeitpunkt liegt die letzte Aus-
reise des Beschwerdeführers aus dem Heimatstaat mindestens zehn
Jahre zurück. Auch wenn er grundsätzlich mit seinem Bruder A. nach Herat
zurückkehren könnte, sind insgesamt die strengen Bedingungen, die ge-
mäss dem obengenannten Urteil erfüllt sein müssen, um ausnahmsweise
für den Vollzug der Wegweisung nach Herat nicht von einer konkreten Ge-
fährdung auszugehen, nicht erfüllt. Dass die Familie in Herat ein Haus be-
sitze, ändert an dieser Schlussfolgerung nichts. Somit liegen keine beson-
ders begünstigenden Faktoren im Sinne der Rechtsprechung vor, aufgrund
derer ausnahmsweise von der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
ausgegangen werden könnte. Nach dem Gesagten erübrigt sich eine wei-
tere Beurteilung der aktuellen Sicherheitslage in Herat vor dem Hintergrund
der jüngsten Ereignisse.
6.7 Zusammenfassend folgt, dass sich der Vollzug der Wegweisung des
Beschwerdeführers nach Afghanistan als unzumutbar erweist. Ein Grund
für einen Ausschluss von der vorläufigen Aufnahme nach Art. 83
Abs. 7 AIG liegt nicht vor.
7.
Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die Ziffern 4 und 5 der Verfügung vom
23. August 2017 sind aufzuheben und die Vorinstanz ist anzuweisen, den
Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung
vorläufig aufzunehmen.
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8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 VwVG). Damit wird die mit Zwischenverfügung vom 2. Ok-
tober 2017 gewährte unentgeltliche Prozessführung gegenstandslos.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Zu berücksichtigen ist, dass die Eingaben in wesentlichen Teilen
identisch ausfallen wie im Verfahren von A. (Urteil vom heutigen Datum i.S.
E-5112/2017). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfak-
toren (Art. 9–13 VGKE) ist dem Beschwerdeführer zulasten der Vorinstanz
eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1'200.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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