Decision ID: 3f3733ae-e95d-5b03-ae8f-6aa0d3574fbf
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) – eine afghanische
Staatsangehörige und ethnische Hazara – verliess gemäss eigenen Anga-
ben zusammen mit ihren Kindern ihr Heimatland um den Jahreswechsel
2015/2016 (vgl. Akten SEM [...]-16/12 Ziff. 5.01). In der Folge lebten die
Beschwerdeführerinnen mehrere Jahre im Iran und gelangten anschlies-
send am (...) 2019 nach Griechenland.
A.b Ihr Ehemann, E._ (ebenfalls N [...]), reiste bereits im Jahre
2015 in die Schweiz ein. Sein Asylgesuch wurde mit Verfügung des SEM
vom 29. Oktober 2018 abgelehnt. Der Vollzug der gleichzeitig verfügte
Wegweisung wurde indessen infolge Unzumutbarkeit zu Gunsten einer
vorläufigen Aufnahme aufgeschoben. Gegen diese Verfügung erhob der
Ehemann Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, welche unter der
Verfahrensnummer D-6787/2018 geführt wird.
A.c Am 25. Oktober 2019 ersuchte Griechenland die Schweizer Behörden
um Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 10 der Verordnung
(EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO). Nachdem
sich der Ehemann im Rahmen des ihm gewährten rechtlichen Gehörs mit
der Zusammenführung mit seiner Ehefrau und den drei Kindern einverstan-
den erklärt hatte, stimmten die Schweizer Behörden dem Übernahmeersu-
chen Griechenlands gestützt auf Art. 9 Dublin-III-VO am 16. Dezember
2019 ausdrücklich zu. In der Folge reiste die Beschwerdeführerin mit ihren
Kindern am 8. Juli 2020 auf dem Luftweg in die Schweiz ein, wo sie am
13. Juli 2020 ein Asylgesuch stellte. Am 16. Juli 2020 wurden im Bunde-
sasylzentrum (BAZ) der Region F._ ihre Personalien aufgenommen
(Personalienaufnahme; PA). Am 31. Juli 2020 fand im Beisein der zuge-
wiesenen Rechtsvertretung die Befragung nach Art. 26 Abs. 3 AsylG
(SR 142.31) statt, wobei die Beschwerdeführerin die Gelegenheit erhielt,
die Gründe für ihr Asylgesuch einlässlich darzulegen.
A.d Dabei gab sie im Wesentlichen an, sie sei in G._ aufgewachsen,
habe jedoch nach der Heirat mit ihrem Ehemann im Distrikt H._, Pro-
vinz I._, gelebt. In den Jahren (...), (...) und (...) seien ihre drei Kin-
der geboren worden. Sie hätten ein gutes Leben gehabt. Ihr Ehemann, der
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in G._ ein (...) betrieben habe, sei befreundet gewesen mit dem Po-
lizeikommandanten J._ (nachfolgend: J._), der von den Tali-
ban als Feind wahrgenommen worden sei. Die Taliban hätten deswegen
ihrem Ehemann befohlen, den Kontakt zu J._ abzubrechen, und ihn
auch mehrmals bedroht. Wegen der Bedrohungen habe ihr Ehemann An-
zeige gegen die Taliban erstattet, welche jedoch zu keinem Ergebnis ge-
führt habe. Eines Abends habe jemand an die Tür geklopft, als sie und ihre
Schwiegermutter zu Hause gewesen seien. Da ihr Ehemann damals noch
nicht von der Arbeit zurückgekehrt sei, habe die Schwiegermutter die Türe
geöffnet. Die Leute vor der Türe hätten nach ihrem Ehemann gefragt, wo-
rauf die Schwiegermutter geantwortet habe, dieser sei nicht zu Hause. Die
Schwiegermutter habe dann nach dem Schliessen der Türe gehört, wie die
Leute untereinander auf Paschtu gesagt hätten, der Hazara habe Glück
gehabt, dass er nicht zu Hause gewesen sei, ansonsten sie ihn umge-
bracht hätten. Da habe sie (die Schwiegermutter) gewusst, dass es sich
um Leute von den Taliban gehandelt habe. Darauf habe sie (die Beschwer-
deführerin) ihrem Ehemann telefonisch über das Vorgefallene berichtet
und gesagt, er solle an diesem Abend nicht nach Hause kommen, worauf
dieser zu seiner Schwester nach G._ gefahren sei. Sie, ihre Kinder
und die Schwiegermutter seien ihm am nächsten Morgen dorthin gefolgt.
Ihr Ehemann sei kurz darauf aus Afghanistan geflüchtet. In der Folge sei
der Ehemann ihrer Schwägerin vor dessen Haus von den Taliban umge-
bracht worden. J._ und die Freunde ihres Ehemannes hätten gesagt,
dies sei wegen der Flucht ihres Ehemannes geschehen. Sie hätten ihr
empfohlen, das Land schnell zu verlassen, da ein Verbleib in Afghanistan
ohne männlichen Schutz zu gefährlich sei.
A.e Zum Beleg ihrer Identität reichte die Beschwerdeführerin für sich und
die drei Kinder je eine Tazkara zu den Akten.
B.
Am 10. August 2018 gab das SEM der Beschwerdeführerin Gelegenheit,
sich zum Entscheidentwurf zu äussern. Die Stellungnahme erfolgte mit
Schreiben vom 11. August 2020.
C.
Mit Verfügung vom 12. August 2020 – gleichentags eröffnet – stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführerinnen würden die Flüchtlingseigenschaft
nicht erfüllen, lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus
der Schweiz an. Den Wegweisungsvollzug schob es jedoch infolge Unzu-
mutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme auf.
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D.
Mit Schreiben vom 12. August 2020 erklärte die zugewiesene Rechtsver-
tretung der Beschwerdeführerin, das Mandatsverhältnis sei beendet.
E.
Am 14. August 2020 wurden die Beschwerdeführerinnen dem Kanton
K._ zugewiesen.
F.
Mit Eingabe vom 10. August 2020 erhob die Beschwerdeführerin mittels
des rubrizierten Rechtsvertreters gegen die Verfügung des SEM beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte, der angefochtene
Entscheid sei aufzuheben und die Sache dem SEM zur vollständigen und
richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts
und zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei der Entscheid
aufzuheben und es sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihr und
ihren Kindern Asyl zu gewähren. Schliesslich wurde um Erlass der Verfah-
renskosten und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
ersucht. Eventualiter sei eine angemessene Frist zur Bezahlung eines Ge-
richtskostenvorschusses beziehungsweise zur Einreichung einer Sozialhil-
febestätigung anzusetzen. Im Fliesstext der Beschwerde wurde schliess-
lich um Vereinigung beziehungsweise Koordination des vorliegenden Be-
schwerdeverfahrens mit demjenigen des Ehemannes (D-6787/2018) er-
sucht.
Der Beschwerde lagen die angefochtene Verfügung, eine Vollmacht sowie
zum Beleg der Bedürftigkeit eine Eingabe vom 2. September 2020 (mit Bei-
lagen) die finanziellen Verhältnisse des Ehemannes betreffend bei.
G.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 18. Septem-
ber 2020 den Eingang der Beschwerde.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1
AsylG i.V.m. Art. 10 der Verordnung vom 1. April 2020 über Massnahmen
im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus [COVID-19-Ver-
ordnung Asyl, SR 142.318]; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52
Abs. 1 VwVG). Die Beschwerdeführerinnen haben am Verfahren vor der
Vorinstanz teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung beson-
ders berührt und haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung
beziehungsweise Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Be-
schwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Das vorliegende Verfahren wird antragsgemäss (vgl. Bst. F) mit jenem des
Ehemannes der Beschwerdeführerin, E._ (D-6787/2018), koordi-
niert geführt.
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der
Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
5.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
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Seite 6
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin macht in formeller Hinsicht eine Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör (welche gleichzeitig eine Verletzung
der Abklärungspflicht darstelle), der Pflicht zur vollständigen und richtigen
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts und des Willkürverbots gel-
tend.
6.2 Zunächst wird eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör
gerügt, da das SEM die Stellungnahme der Rechtsvertretung vom 11. Au-
gust 2020 nur sehr rudimentär erwähnt und gewürdigt habe. Dieser Auffas-
sung kann nicht gefolgt werden. Im Gegenteil wurde die Stellungnahme in
der angefochtenen Verfügung ausführlich wiedergegeben und gewürdigt
(vgl. angefochtene Verfügung S. 6 f.).
6.3 Weiter wird moniert, das SEM habe die Akten des Ehemannes nicht
beziehungsweise nicht vollständig beigezogen. Aus der Verfügung gehe
nicht hervor, ob und inwiefern die Akten tatsächlich beigezogen worden
seien. Dadurch sei der Anspruch auf das rechtliche Gehör verletzt worden.
Dieser mangelhafte Beizug dürfte erklären, weshalb dem SEM offenbar
entgangen sei, dass das Verfahren den Ehemann betreffend noch nicht
rechtskräftig sei und es deshalb willkürlich sei, die angebliche Unglaubhaf-
tigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin mit der Argumentation den
Ehemann in dessen Verfahren betreffend zu begründen.
Die Beschwerdeführerin und die Kinder wurden unter der gleichen N-Num-
mer erfasst wie der Ehemann beziehungsweise Vater, weshalb über die
Familie ein gemeinsames physisches Dossier geführt wird. Es drängte sich
dem SEM unter diesen Umständen nicht auf, den Aktenbeizug explizit zu
erwähnen. Dass die Akten des Ehemannes tatsächlich konsultiert wurden,
ergibt sich zudem etwa aus der vorinstanzlichen Erwägung, den Akten des
Ehemannes seien keine Glaubhaftigkeitselemente zu entnehmen, welche
zu einer anderen Einschätzung führen würden (vgl. angefochtene Verfü-
gung S. 5). Sodann handelte das SEM korrekt, als es bei der Begründung
der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin auch seine
eigene Einschätzung die Vorbringen des Ehemannes betreffend berück-
sichtigte. Dass das Beschwerdeverfahren des Ehemannes zu jenem Zeit-
punkt noch hängig war, ist nicht von Belang. Eine Verletzung des rechtli-
chen Gehörs oder des Willkürverbots ist nicht zu erkennen.
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6.4 Zur Verletzung der Abklärungspflicht sei weiter festzuhalten, dass das
SEM nicht detailliert abgeklärt habe, wann welche Ereignisse tatsächlich
eingetreten seien. Es habe es praktisch vollumfänglich unterlassen, sich
nach Jahreszahlen der vorgebrachten Ereignisse zu erkundigen. Insbe-
sondere falle auf, dass das SEM im Sachverhalt der Verfügung mit keinem
Wort erwähnt habe, wann die Verfolgung und die Flucht erfolgt seien. Da-
mit werde unterschlagen, dass zwischen der Flucht und der Anhörung über
viereinhalb Jahre gelegen hätten.
Die Rüge ist unbegründet. Zwar fehlen in der Verfügung in der Tat konkrete
Datumsangaben die Verfolgung und Flucht betreffend und wurde in der An-
hörung nicht nach genauen Daten gefragt. Jedoch erklärte die Beschwer-
deführerin in der PA, sie habe Afghanistan "vor viereinhalb Jahren", im
(...) Monat des afghanischen Kalenders, verlassen (vgl. Akten SEM [...]-
16/12 Ziff. 5.01). In der Anhörung ist sodann beispielsweise die Rede von
"vor fünf Jahren" im Zusammenhang mit der erhaltenen Empfehlung, das
Land zu verlassen (vgl. Akten SEM [...]-20/20 F53). Das SEM führte zudem
im Sachverhalt seiner Verfügung auf, dass sich die Beschwerdeführerin
und die Kinder nach ihrer Flucht aus Afghanistan rund vier Jahre im Iran
aufgehalten hätten (vgl. Verfügung S. 2). Von einer Unterschlagung des
Zeitablaufs kann damit keine Rede sein. Das SEM konnte mit den vorhan-
denen Informationen die geltend gemachten Ereignisse in zeitlicher Hin-
sicht ausreichend einordnen. Dem zwischen der geltend gemachten Ver-
folgung beziehungsweise Flucht und der Anhörung verstrichenen Zeitraum
ist bei der Würdigung der Aussagen Rechnung zu tragen.
6.5 Eine weitere Verletzung der Abklärungspflicht wird darin erblickt, dass
das SEM bei der Anhörung nicht konsequent die Gliederung der Anhörung
berücksichtigt habe. Offiziell sei erst ab der Frage 43 nach den Asylgrün-
den gefragt worden. Hingegen gehe aus Frage 20 hervor, dass die Be-
schwerdeführerin bereits bei dieser Frage davon ausgegangen sei, ihre
Fluchtgründe schildern zu müssen. Damit habe Unklarheit darüber ge-
herrscht, wann sie ihre Vorbringen ausführlich schildern müsse. Diese Ver-
wirrung ab der Frage 43 habe dazu geführt, dass es nicht mehr zu einer
freien Schilderung der Vorbringen gekommen sei. Das SEM habe lediglich
noch diverse Nachfragen gestellt. Es habe sich nicht mehr um das Konzept
der freien Schilderung gehandelt.
Allein aus dem Umstand, dass die freie Rede zur Verfolgungsgeschichte
der Beschwerdeführerin spontan unter dem Titel "Aufenthalt" erfolgte (vgl.
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Akten SEM [...]-20/20 F20), kann nicht auf eine Verletzung der Abklärungs-
pflicht geschlossen werden. Die Beschwerdeführerin wurde bei der Frage
20 vom SEM nicht unterbrochen und legte die Ereignisse, welche zu ihrer
Ausreise geführt hätten, ausführlich dar. Vor diesem Hintergrund ist ver-
ständlich, dass der Beschwerdeführerin bei der Frage nach den Gesuchs-
gründen zunächst nicht klar war, worüber sie berichten sollte, und weshalb
in der Folge verschiedene Nachfragen seitens des SEM erfolgten (vgl. Ak-
ten SEM [...]-20/20 F43 ff.). Entscheidend ist, dass der Beschwerdeführe-
rin ausreichend Gelegenheit gegeben wurde, sich zu ihren Asylgründen zu
äussern, was vorliegend klarerweise der Fall war.
6.6
6.6.1 Weiter wird unter dem Titel der Verletzung der Abklärungspflicht ge-
rügt, das SEM habe die Aussage der Beschwerdeführerin, sie werde trau-
rig, wenn sie über die Vergangenheit rede, sowie ihren "offensichtlich nicht
weiter protokollierten schlechten Gesundheitszustand" nicht gewürdigt.
Die Beschwerdeführerin berichtete zwar, dass es ihr in der Türkei und in
Griechenland psychisch schlecht gegangen und sie in Griechenland einen
Monat lang in psychologischer Behandlung gewesen sei (vgl. Akten SEM
[...]-20/20 F99). Zu Beginn der Befragung gab sie jedoch an, es gehe ihr
gut, und sie führte auf die Frage nach ihrem gesundheitlichen Zustand aus,
sie sei nicht in medizinischer Behandlung und es gehe ihr besser als vorher
(vgl. Akten SEM [...]-20/20 F9 und F103). Auch dem Anhörungsprotokoll ist
nicht zu entnehmen, dass der gesundheitliche beziehungsweise psychi-
sche Zustand oder das Aussageverhalten der Beschwerdeführerin auffällig
gewesen wären. Mit Ausnahme der Frage, ob die Beschwerdeführerin et-
was bedrücke, des Hinweises auf die Möglichkeit, bei Bedarf Hilfe in An-
spruch nehmen zu können (vgl. Akten SEM [...]-20/20 F64 und F105), und
des Verweises auf die stark belastende Fluchtreise (vgl. Stellungnahme
S. 2) machte auch die damalige Rechtsvertretung weder in der Anhörung
selber noch in ihrer Stellungnahme irgendwelche diesbezüglichen Bemer-
kungen. Vor diesem Hintergrund musste sich die Vorinstanz nicht veran-
lasst sehen, weitere Abklärungen zum Gesundheitszustand vorzunehmen.
Im Übrigen ist auf die Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 AsylG zu verweisen,
in deren Rahmen es der Beschwerdeführerin oblegen hätte, relevante Arzt-
dokumente einzureichen. Die Rüge ist daher unbegründet.
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6.6.2 Soweit implizit eine Verletzung der Abklärungspflicht darin erblickt
wird, dass das SEM bei der Würdigung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
nicht berücksichtigt habe, dass die Beschwerdeführerin auf der Flucht vom
Iran in die Türkei (...) sei, sie offensichtlich sehr stark unter den Folgen (...)
leide und diese Traumatisierung einen grossen Einfluss auf ihre Fähigkeit,
die Asylvorbringen zu schildern, gehabt habe, kann grundsätzlich auf die
vorstehende Erwägung 6.6.1 verwiesen werden. Auch wenn es sich bei
(...) zweifellos um einen schrecklichen Übergriff handelt, ist unbelegt und
geht auch aus dem Befragungsprotokoll nicht hervor, dass die Beschwer-
deführerin traumatisiert wäre. Schliesslich wird auch in der Beschwerde
nicht weiter ausgeführt, inwiefern (...) Einfluss auf das Aussageverhalten
der Beschwerdeführerin gehabt haben soll. Dass (...) in der vorinstanzli-
chen Verfügung nicht thematisiert wird, ist mutmasslich darauf zurückzu-
führen, dass die Beschwerdeführerin ausdrücklich festhielt, ihr Ehemann
dürfe davon nichts erfahren.
6.7 Ferner wird eine Verletzung der Abklärungspflicht moniert, da die An-
hörung viel zu lange gedauert habe. Die Beschwerdeführerin habe bereits
eine Stunde vor Beginn bereit sein und warten müssen.
Die Anhörung begann wegen technischer Probleme statt um 10:00 Uhr erst
um 11:00 Uhr und dauerte bis 16:55 Uhr, wobei neben einer Mittagspause
von 50 Minuten zwei zusätzliche Pausen von 15 beziehungsweise 20 Mi-
nuten eingelegt wurden, womit sich eine tatsächliche Anhörungsdauer von
vier Stunden und 30 Minuten ergibt. Die einzelnen Anhörungsabschnitte
zwischen den Pausen waren mit 60, 55 und 70 Minuten zudem recht kurz
(vgl. Akten SEM [...]-20/20). Im Übrigen ist festzuhalten, dass seitens der
Beschwerdeführerin kein Rechtsanspruch auf eine kurze Anhörung und ei-
nen Abbruch besteht, wenn sich ein höherer Zeitbedarf abzeichnet. In ers-
ter Linie ist massgebend, ob die angehörte Person in der Lage ist, der An-
hörung zu folgen, was nicht vordringlich anhand von starren zeitlichen Kri-
terien, sondern im Rahmen einer individuellen Einschätzung ihrer Befind-
lichkeit zu beurteilen ist. Aus dem Anhörungsprotokoll sind keine Anhalts-
punkte ersichtlich, die darauf hindeuten, dass aufgrund der Anhörungs- be-
ziehungsweise Wartedauer die Konzentration der Beschwerdeführerin be-
einträchtigt gewesen wäre. Es ist somit nicht ersichtlich, dass die Abklä-
rungspflicht verletzt worden wäre.
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Seite 10
6.8 Nachdem sich die Rügen betreffend die Verletzung des rechtlichen Ge-
hörs sowie der Abklärungspflicht als unbegründet erwiesen haben, stösst
auch der Einwand ins Leere, damit liege zugleich eine Verletzung des Will-
kürverbots sowie von Art. 7 AsylG vor. Soweit schliesslich behauptet wird,
das SEM habe mit seinen willkürlichen Behauptungen Art. 7 AsylG sowie
Art. 9 BV schwerwiegend verletzt, weshalb die Aufhebung der Verfügung
und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz verlangt wird, wird verkannt,
dass es bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit um die materielle Würdi-
gung des Sachverhalts geht.
6.9 Nach dem Gesagten erweisen sich die formellen Rügen als unbegrün-
det. Es besteht keine Veranlassung, die Verfügung aus formellen Gründen
aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das ent-
sprechende Begehren ist abzuweisen.
7.
7.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
7.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
8.
8.1 Zur Begründung seines Entscheides führt das SEM aus, es sei zwar
möglich, dass der Ehemann der Beschwerdeführerin infolge seiner Bezie-
hung zum Kommandanten J._ in den Fokus der Taliban geraten sei.
Es sei jedoch notorisch, dass die Taliban über ein dichtes Informationsnetz
verfügen würden und für ihre rigorose Vorgehensweise gegen Personen,
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Seite 11
die sie als ihre Gegner wahrnehmen würden, gefürchtet seien. Es er-
scheine deshalb unverständlich, weshalb die Taliban, die nach dem Ehe-
mann der Beschwerdeführerin gesucht hätten, "unverrichteter Dinge" wie-
der weggegangen seien, nachdem die Schwiegermutter ihnen gesagt
habe, er sei nicht da, und lediglich verlangt hätten, ihnen mitzuteilen, wann
er wieder zurück sei. Dieses zögerliche Vorgehen der Taliban gegenüber
dem Ehemann erscheine realitätsfremd. Viel naheliegender wäre gewe-
sen, dass die Taliban das Wohnhaus einige Zeit beobachtet hätten, um die
Ankunft des Ehemannes abzuwarten und dann zuzuschlagen. Zu ihrer be-
ziehungsweise ihrer Schwiegermutter Reaktion auf diesen Vorfall befragt,
habe die Beschwerdeführerin ihre damalige innere Befindlichkeit bloss in
sehr allgemeiner Form beschrieben. Es würden sich darin keine persönlich
gefärbten, individuell geprägten Emotionen und Empfindungen erkennen
lassen, welche dieses Ereignis in ihr ausgelöst hätte, obwohl bekannt sei,
dass sich weite Teile der Bevölkerung in Afghanistan durch die Taliban ter-
rorisiert fühlen würden. Die Beschwerdeführerin selbst habe bemerkt, dass
die Taliban skrupellos Menschen umbringen würden, als wären sie Tiere.
Vor diesem Licht werfe Zweifel auf, dass sie sich auch nicht annähernd
über die Art und Weise, wie ihr Ehemann von den Taliban bedroht worden
sei, habe äussern können, und diese Ahnungslosigkeit damit begründet
habe, afghanische Hausfrauen wüssten über solche Sachen nicht Be-
scheid. In diesem Zusammenhang erscheine auch nicht nachvollziehbar,
weshalb sie, ihre Kinder und ihre Schwiegermutter noch eine Nacht allein
an der regulären Wohnadresse verbracht hätten. Ihre Schilderungen zu
den Umständen der geltend gemachten Suche der Taliban nach ihrem
Ehemann würden somit kein lebendiges Bild entstehen lassen, das auf
eine tatsächliche Begebenheit hindeuten würde. Ebenso generell und ohne
persönlichen Bezug seien ihre Antworten darüber ausgefallen, was sie al-
les über die näheren Umstände des Todes des Ehemannes ihrer Schwä-
gerin, der von den Taliban umgebracht worden sei, wisse. Ihre diesbezüg-
lichen Schilderungen würden eine unmittelbare Betroffenheit vermissen
lassen und könnten ohne Weiteres auch von einer Person stammen, die
bloss von einem solchen Ereignis gehört habe. Im Übrigen würden ihre
Vorbringen, wonach der Ehemann der Schwägerin anstelle ihres Eheman-
nes umgebracht worden sei, eine wesentliche Inkonsistenz enthalten. So
habe sie zuerst noch ausgesagt, sie habe diese Information von J._
beziehungsweise den Freunden ihres Ehemannes erhalten. J._
habe ihr damals ausserdem mitgeteilt, sie könne nicht mehr in Afghanistan
bleiben, da sie nun ohne einen männlichen Begleiter sei. Im Anschluss an
diese Aussagen sei sie damit konfrontiert worden, dass aus den Asylvor-
bringen ihres Ehemannes hervorgehe, dass J._ zum Zeitpunkt des
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gewaltsamen Todes des Ehemannes ihrer Schwägerin gar nicht mehr am
Leben gewesen sei, da er zuvor von den Taliban umgebracht worden sei.
Ohne näher auf diese gewichtige Diskrepanz einzugehen, habe sie ihre
Aussagen dann lediglich angepasst, indem sie erklärte habe, dass nicht
J._, sondern Freunde beziehungsweise Kollegen ihres Ehemannes
ihr dies berichtet hätten. Ihr Aussageverhalten in diesem Kontext lasse die
Hintergründe, die zum gewaltsamen Tod des Ehemannes ihrer Schwägerin
in G._ geführt hätten, in einem äusserst fragwürdigen Licht erschei-
nen. Ferner seien aus den Akten ihres Ehemannes keine Glaubhaftigkeit-
selemente zu entnehmen, welche im Sinne einer Gesamtwürdigung ihrer
Asylvorbringen zu einer anderen Einschätzung führen würden. Soweit sie
vorbringe, sie habe Afghanistan verlassen, da sie keinen männlichen
Schutz mehr gehabt habe, weshalb Schlimmes hätte passieren können,
würden sich aufgrund ihrer Aussagen keine konkreten Hinweise ergeben,
die darauf schliessen liessen, ihr würden in absehbarer Zukunft solche be-
fürchteten Nachteile widerfahren. Im Zusammenhang mit der Stellung-
nahme der Rechtsvertretung wird festgehalten, die Vorbringen der Be-
schwerdeführerin würden sich auf die geltend gemachten und als unglaub-
haft befundenen Probleme ihres Ehemannes beziehen, weshalb bereits er-
hebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der vorgebrachten Geschehnisse be-
stünden. Diese Zweifel würden durch ihr Aussageverhalten erhärtet. Die
Argumentation bezüglich der Vorgehensweise der Taliban werde durch
entsprechende Berichte untermauert. Auch vor dem Gesichtspunkt des
wesentlichen Widerspruchs zu den Aussagen ihres Ehemannes (betref-
fend J._; Anm. des Gerichts) und da bereits die Verfolgungssituation
ihres Ehemannes vom SEM als konstruiert und somit unglaubhaft einge-
stuft worden sei, sei zu schliessen, dass auch die Vorbringen der Be-
schwerdeführerin nicht erlebnisbasiert seien.
8.2 In der Beschwerde wird dem entgegengehalten, das SEM beschränke
sich auf die schwächstmögliche Unglaubhaftigkeitsargumentation. Der
Vorwurf der angeblich fehlenden Details lasse sich bereits aufgrund des
langen Zeitablaufs zwischen den Ereignissen und der Anhörung erklären.
Das SEM habe im Sachverhalt mit keinem Wort erwähnt, in welchem Jahr
die entsprechenden Ereignisse vorgefallen seien. Mit diesem Vorgehen
habe das SEM unterschlagen, dass die fluchtauslösenden Ereignisse jah-
relang zurückliegen würden. Das SEM habe es auch unterlassen, sich
nach entsprechenden Jahreszahlen zu erkundigen. Es müsse bei der Wür-
digung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen eingehend darauf Bezug ge-
nommen werden, dass die fluchtauslösenden Ereignisse im Zeitpunkt der
Anhörung über viereinhalb Jahre zurückgelegen hätten. Die Ausführungen
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der Beschwerdeführerin seien so ausführlich gewesen, wie es von ihr unter
diesen Umständen habe erwartet werden können. Hinsichtlich der Ermor-
dung des Ehemannes der Schwägerin sei irrelevant, ob deren Haus und
der Tatort in der Nähe des Hauses der Beschwerdeführerin lägen oder
nicht. Afghanische Frauen würden (und sollten) das Haus ohne Begleitung
von Männern nicht verlassen. Es sei absurd anzunehmen, die Beschwer-
deführerin habe als Frau irgendetwas über die Ermordung des Ehemannes
der Schwägerin vor der Haustür wahrnehmen können. Sie habe detailliert
geschildert, dass sie die entsprechenden Informationen nur über Drittper-
sonen erhalten habe. Sodann sei in Bezug auf den Besuch der Taliban zu
Hause absurd, die angebliche Unglaubhaftigkeit mit dem angeblich unlogi-
schen Verhalten der Taliban zu begründen. Bereits die Tatsache, dass eine
Frau die Türe geöffnet habe, habe für die Taliban einen eindeutigen und
glaubhaften Hinweis dargestellt, dass der Ehemann nicht zu Hause gewe-
sen sei. Sodann habe sie ihre Gefühle so detailliert und ausführlich geschil-
dert, wie es von ihr nach rund viereinhalb Jahren und angesichts der
schwerwiegenden Traumatisierung habe erwartet werden können. Ihre
Ausführungen würden in beispielhafter Weise Aufschlüsse über ihre innere
Befindlichkeit und die Traumatisierung zulassen. Weiter sei willkürlich,
dass das SEM sie aufgefordert habe, "alles, was sie über die Taliban
wisse", zu erzählen. Es sei absurd, aus den drei allgemeinen Fragen zu
den Taliban abzuleiten, sie habe keine detaillierten Aussagen gemacht. Sie
habe auch konkret geschildert, wie es zu den Drohungen gegenüber ihrem
Ehemann gekommen sei. Insbesondere habe sie genau beschrieben, wes-
halb er überhaupt bedroht worden sei. Insofern sei die Behauptung des
SEM sogar aktenwidrig. Sodann habe das SEM zur Argumentation betref-
fend das Verlassen des Hauses am Morgen nach der Suche durch die Ta-
liban die Stellungnahme der früheren Rechtsvertretung nicht gewürdigt.
Sie (die Beschwerdeführerin) habe glaubhaft geschildert, dass sie in die-
sem Zustand noch nicht in der Lage gewesen sei, eine Entscheidung zu
treffen, womit sie wohl auch das konkrete Handeln gemeint habe. Dies
stelle ein wesentliches Realkennzeichen dar. Es sei absurd zu behaupten,
ihre Ausführungen würden "kein lebendiges Bild entstehen" lassen, das auf
eine tatsächliche Begebenheit hindeuten würde. Es sei sodann schlicht
willkürlich, die angebliche Unglaubhaftigkeit ihrer Vorbringen mit der Argu-
mentation des SEM den Ehemann betreffend zu begründen, zumal jenes
Beschwerdeverfahren noch hängig sei. Es sei weiter absurd, dass das
SEM die angebliche Unglaubhaftigkeit der Vorbringen mittels eines Be-
richts aus dem Jahr 2012 begründe. Das Argument der angeblich unglaub-
haften "Verfolgerlogik" sei absurd und willkürlich. Die Beschwerdeführerin
habe sodann glaubhaft geschildert, dass sie die Informationen zum Tod
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des Ehemannes ihrer Schwägerin nur durch die Schilderung Dritter erhal-
ten habe. Die entsprechenden Ausführungen seien so detailliert, wie es
von ihr unter diesen Umständen habe erwartet werden können. Der vom
SEM angeführte angebliche Widerspruch hinsichtlich der Information be-
treffend die Ermordung des Ehemannes der Schwägerin anstelle ihres ei-
genen Ehemannes sei sodann aktenwidrig. Ausserdem handle es sich da-
bei um Informationen vom "Hörensagen", was das SEM trotz entsprechen-
der Rüge in der Stellungnahme nicht gewürdigt habe. Weiter habe sie ein-
deutig auf die Freunde verwiesen. Das SEM habe schliesslich bei der Wür-
digung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen nicht berücksichtigt, dass sie auf
der Flucht – auf dem Weg vom Iran in die Türkei – (...) sei. Sie habe ge-
schildert, dass ihr Ehemann dies nicht erfahren dürfe. Es sei offensichtlich,
dass sie sehr stark unter den Folgen (...) leide. Diese Traumatisierung
habe einen grossen Einfluss auf ihre Fähigkeit, die Asylvorbringen zu schil-
dern. Dies hätte vom SEM gewürdigt werden müssen. Die Beschwerdefüh-
rerin würde im Fall der Rückreise nach Afghanistan gezielt von den Taliban
verfolgt, vergewaltigt oder umgebracht. Die Taliban würden sich an ihrem
Ehemann rächen wollen, weshalb die ganze Familie ins Visier der Taliban
geraten sei und gezielt asylrelevant verfolgt würde. Insbesondere sei der
Ehemann der Schwägerin anstelle ihres Ehemannes ermordet worden. Es
stehe fest, dass die Taliban die Familie aus Rache weiterhin verfolgen wür-
den. Es handle sich heute faktisch um eine staatliche oder zumindest qua-
sistaatliche Verfolgung, eventualiter um eine asylrelevante Verfolgung
durch Dritte. Die afghanischen Behörden seien weder fähig noch willig, vor
der Verfolgung durch die Taliban, welche ethnisch und politisch motiviert
sei, zu schützen.
9.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
9.2 Die Vorinstanz hat die Vorbringen der Beschwerdeführerin in der an-
gefochtenen Verfügung im Grundsatz mit ausführlicher und überzeugender
Begründung als unglaubhaft beziehungsweise nicht asylrelevant qualifi-
ziert. Diesbezüglich kann, um Wiederholungen zu vermeiden, vorab auf die
zutreffende Argumentation in der angefochtenen Verfügung verwiesen
werden. In Ergänzung und Präzisierung dazu ist Folgendes festzustellen:
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9.3 Die Beschwerdeführerin begründet ihr Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, dass ihr Ehemann wegen seiner Freundschaft zu J._ von den
Taliban verfolgt worden sei. Die Beschwerde des Ehemannes wird mit Ur-
teil D-6787/2018 vom heutigen Datum abgewiesen, weil das Bundesver-
waltungsgericht die Vorbringen des Ehemannes zur geltend gemachten
Verfolgung durch die Taliban als unglaubhaft qualifiziert. Bereits aus die-
sem Grund bestehen grösste Zweifel am Wahrheitsgehalt der Vorbringen
der Beschwerdeführerin. In diesem Zusammenhang ist erneut daran zu er-
innern, dass das SEM trotz des hängigen Beschwerdeverfahrens
D-6787/2018 berechtigt war, seine Einschätzung der Unglaubhaftigkeit der
Vorbringen des Ehemannes im Verfahren der Beschwerdeführerin zu be-
rücksichtigen (vgl. E. 6.3).
9.4 Zwar ist grundsätzlich davon auszugehen, dass infolge Zeitablauf be-
stimmte Daten und Details oftmals in den Hintergrund treten und die Erin-
nerung nachlässt. Indes machte die Beschwerdeführerin in der Anhörung
nicht geltend, sie könne sich nicht mehr an das Vorgefallene erinnern, und
ihren Ausführungen ist auch im Übrigen nichts Entsprechendes zu entneh-
men. Zudem ist davon auszugehen, dass eine asylsuchende Person auch
mehrere Jahre nach der Ausreise in der Lage ist, prägende Ereignisse,
welche zu ihrer Flucht aus dem Heimatland geführt haben, lebensnah wie-
derzugeben. Dass das SEM im Sachverhalt keine Jahreszahl die vorge-
brachten Ereignisse betreffend erwähnte, ist mit Verweis auf die Erwägung
6.4 nicht relevant. Aus der angefochtenen Verfügung geht klar hervor, dass
das SEM die geltend gemachten Ereignisse zeitlich korrekt einordnete (vgl.
Verfügung S. 2).
9.5 Mit dem Verweis auf den Umstand, dass afghanische Frauen das Haus
praktisch nicht ohne männliche Begleitung verlassen würden und sie Infor-
mationen nur über Drittpersonen erhalten habe, vermag die Beschwerde-
führerin nicht glaubhaft zu machen, der gewaltsame Tod des Ehemannes
ihrer Schwägerin habe in ihrer unmittelbaren Nähe stattgefunden, sei we-
gen ihres eigenen Ehemannes erfolgt und habe sie unmittelbar zur Aus-
reise aus Afghanistan veranlasst (vgl. etwa Akten SEM [...]-20/20 F45 ff.).
Vielmehr wäre zu erwarten, dass sie wesentlich mehr über diese Tragödie
zu erzählen wüsste, zumal die Nachbarschaft den Ehemann der Schwäge-
rin vor der Tür gefunden und deshalb bei ihnen an die Tür geklopft habe.
Auch sei an der Trauerfeier darüber gesprochen worden (vgl. Akten SEM
[...]-20/20 F57 f.). Aus dem Anhörungsprotokoll geht sodann hervor, dass
die Beschwerdeführerin selbst Adressatin der Information, wonach der
Ehemann der Schwägerin anstelle ihres Ehemanns umgebracht worden
D-4488/2020
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sei, gewesen sein dürfte: J._ und die Freunde meines Ehemannes
haben uns gesagt, dass er wegen meines Ehemannes ums Leben gekom-
men ist. Erst dann haben wir erfahren, warum er getötet wurde" (vgl. Akten
SEM [...]-20/20 F51). Des Weiteren ist ihren Aussagen zu entnehmen,
dass J._ zu jenem Zeitpunkt gelebt habe (vgl. Akten SEM [...]-20/20
F53), was in einem markanten Widerspruch zu den Aussagen ihres Ehe-
mannes steht, wonach J._ bereits zu einem früheren Zeitpunkt von
den Taliban umgebracht worden sei. So führte die Beschwerdeführerin
etwa auf die Frage, wann sie zum letzten Mal etwas von J._ gehört
habe, aus: "Vor fünf Jahren, als er uns empfohlen hat, das Land schnell zu
verlassen, weil es für uns gefährlich war" (vgl. Akten SEM [...]-20/20 F53).
Der Einwand in der Beschwerde, die Beschwerdeführerin habe eindeutig
auf Freunde verwiesen, überzeugt nicht. Bei der Aussage der Beschwer-
deführerin, "nicht J._ selbst, sondern seine Freunde, seine Kollegen
haben uns das berichtet", handelt es sich offensichtlich um ein nachträgli-
ches Anpassen ihrer Aussage (vgl. Akten SEM [...]-20/20 F54).
9.6 Was den Besuch der Taliban zu Hause anbelangt, kann der Beschwer-
deführerin das unlogische Verhalten von Drittpersonen nur bedingt entge-
gengehalten werden. Die unplausiblen Aussagen im Zusammenhang mit
der Suche zu Hause reihen sich jedoch vorliegend ein in eine insgesamt
konstruiert erscheinende Fluchtgeschichte. Der vom SEM angeführte
EASO-Bericht ("Afghanistan, Strategien der Aufständischen: Einschüchte-
rung und gezielte Gewalt gegen Afghanen", Dezember 2012) ist durchaus
geeignet, die Unplausibilität zu untermauern. Es gibt kein Anlass anzuneh-
men, an der Aktualität des Berichts aus dem Jahr 2012 habe sich bis zur
Ausreise der Beschwerdeführerin etwas geändert. Der Beschwerdeführe-
rin ist insoweit zuzustimmen, dass der Umstand, dass eine Frau die Türe
öffnet, darauf hinweisen dürfte, dass kein männliches Familienmitglied zu
Hause ist. Indes führte sie auf die Frage, weshalb die Taliban geglaubt hät-
ten, dass ihr Ehemann nicht zu Hause gewesen sei, aus: "Sie haben das
geglaubt, weil das Auto meines Ehemannes nicht dort war. Wenn mein
Ehemann da gewesen wäre, wäre auch das Auto da. Wenn er nach Hause
gekommen wäre, hätten ihn alle gesehen" (vgl. Akten SEM [...]-20/20 F87).
Vor diesem Hintergrund wäre umso mehr zu erwarten gewesen, dass die
Taliban die Heimkehr des Ehemannes abgewartet hätten. Der Aussage der
Beschwerdeführerin, sie habe sich nach dieser Suche durch die Taliban
schlecht gefühlt, "als ob jemand mich von oben nach unten geworfen hat",
ist entgegen der Ansicht in der Beschwerde kein besonderes Realkennzei-
chen zu entnehmen. Auch für eine Traumatisierung bestehen – mit Verweis
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auf die Erwägung 6.6 – keine Hinweise. Die Schilderungen der Beschwer-
deführerin zu ihrer Reaktion beziehungsweise ihren Handlungen nach der
Suche durch die Taliban lassen insgesamt nicht darauf schliessen, sie
habe das Vorgebrachte tatsächlich erlebt. Dass dies an der Art der Frage-
stellung des SEM gelegen habe, überzeugt nicht, zumal die Beschwerde-
führerin offensichtlich erkannte, dass sie (auch) von ihren Gefühlen berich-
ten sollte (vgl. Akten SEM [...]-20/20 F72 f.).
9.7 Inwiefern die Fragen des SEM nach den generellen Kenntnissen der
Beschwerdeführerin zu den Taliban willkürlich gewesen sein sollen, er-
schliesst sich nicht (vgl. Akten SEM [...]-20/20 F83-85). Die Vorinstanz ging
davon aus, die Beschwerdeführerin schätze die Taliban als skrupellos ein.
Dass das SEM dies in die Begründung der Zweifel an den Vorbringen der
Beschwerdeführerin miteinbezog, ist nicht zu beanstanden.
9.8 In Bezug auf die Drohungen gegenüber ihrem Ehemann machte die
Beschwerdeführerin sodann zwar in der Tat Ausführungen zu deren Hinter-
grund. Sie war jedoch – worauf in der Beschwerde mit keinem Wort einge-
gangen wird – nicht in der Lage, etwas über die Art und Weise der Drohun-
gen auszusagen (vgl. Akten SEM [...]-20/20 F60 f.).
9.9 Das SEM hat schliesslich überzeugend begründet, dass es nicht nach-
vollziehbar erscheine, weshalb die Beschwerdeführerin, ihre Kinder und
ihre Schwiegermutter dem Ehemann erst am folgenden Tag nach
G._ gefolgt seien. Eine fehlende Würdigung der Argumentation in
der Stellungnahme ist nicht auszumachen. An diesem Ergebnis ändert der
Verweis auf den Zustand der Beschwerdeführerin, wonach sie noch nicht
in der Lage gewesen sei, eine Entscheidung zu treffen, nichts.
9.10 (...) auf der Flucht ist mit Verweis auf die Erwägung 6.6.2 nicht geeig-
net, die unsubstantiierten und unglaubhaften Verfolgungsvorbringen in ei-
nem anderen Licht erscheinen zu lassen.
9.11 Soweit die Beschwerdeführerin eine ethnische Verfolgung als Hazara
geltend macht, ist festzustellen, dass sich die vorgebrachte Verfolgung
durch die Taliban als unglaubhaft erwiesen hat und im Weiteren die Zuge-
hörigkeit zu den Hazara für sich allein keinen Asylgrund im Sinne von Art. 3
AsylG darstellt (vgl. etwa die Urteile des BVGer D-7433/2018 vom 5. De-
zember 2019 E. 6.5. und D-1181/2017 vom 8. Januar 2019 E. 5.4). Die für
die Annahme einer Kollektivverfolgung gestellten hohen Anforderungen
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(vgl. dazu ausführlich BVGE 2013/12 E. 6; 2013/11 E. 5.3.2) sind im Fall
der Hazara in Afghanistan nicht erfüllt.
9.12 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die von der Beschwerdefüh-
rerin geltend gemachten Asylgründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsre-
levante Verfolgung oder eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu begrün-
den. Eine Verletzung des Willkürverbots oder des Grundsatzes von Treu
und Glauben sind nicht ersichtlich. Demnach hat das SEM zu Recht die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder verneint
und die Asylgesuche abgelehnt.
10.
Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG). Die Beschwerdeführerinnen verfügen weder über
eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch
auf Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht
angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je
m.w.H.).
11.
Aus diesen Erwägungen folgt, dass die angefochtene Verfügung Bundes-
recht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist demnach
abzuweisen.
12.
Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung ist abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den
vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind
(vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG). Der Eventualantrag auf Fristansetzung zur Ein-
reichung einer Sozialhilfebestätigung erweist sich mithin als gegenstands-
los.
13.
Die Verfahrenskosten sind somit gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG der Be-
schwerdeführerin aufzuerlegen und auf insgesamt Fr. 750.– festzusetzen
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
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der Eventualantrag auf Ansetzung einer Frist zur Bezahlung eines Kosten-
vorschusses sind mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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