Decision ID: 541b7e22-a8a0-4c2f-8cd2-da48a4bdf137
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
Der 1967 geborene Beschwerdeführer ist als Gipser bei der B., Q.,
angestellt und in dieser Eigenschaft bei der Beschwerdegegnerin gegen
die Folgen von Unfällen versichert. Am 15. Mai 2019 stürzte er auf einer
Baustelle von einer Leiter und verletzte sich dabei am linken Ellbogen. Am
26. Juli 2019 zog er sich bei einem Stolperunfall eine Fraktur der
Metartasalen I bis IV am linken Fuss zu. Die Beschwerdegegnerin
anerkannte ihre Leistungspflicht für beide Unfälle. Sie holte ärztliche
Unterlagen ein und legte die Akten wiederholt dem Kreisarzt Dr. med. univ.
C., Arzt für Allgemeinmedizin, vor. Mit in Rechtskraft erwachsener
Verfügung vom 20. April 2021 sprach die Beschwerdegegnerin dem
Beschwerdeführer eine Integritätsentschädigung basierend auf einer
Integritätseinbusse von je 5% für die am linken Ellbogen und linken Fuss
zugezogenen Verletzungen zu. Zuvor, am 16. April 2021, hatte sie die Heil-
kosten- und Taggeldleistungen per 30. April 2021 eingestellt. Am 31. Au-
gust 2021 verfügte die Beschwerdegegnerin sodann, der Beschwerdefüh-
rer sei in der angestammten Tätigkeit wieder vollständig arbeitsfähig. Es
bestehe daher kein Anspruch auf eine Invalidenrente. Daran hielt sie nach
der Durchführung des Einspracheverfahrens mit Einspracheentscheid vom
5. Januar 2022 fest.
2.
2.1.
Am 7. Februar 2022 erhob der Beschwerdeführer fristgerecht Beschwerde
beim Versicherungsgericht des Kantons Aargau und beantragte Folgen-
des:
"1. Es sei der Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin vom 5. Ja-
nuar 2022 aufzuheben und es sei diese zu verpflichten, dem  eine Invalidenrente nach den gesetzlichen Bestimmungen zu leisten.
2. Eventualiter seien weitere medizinische Abklärungen zu den Folgen der Unfälle vom 15. Mai 2019 und vom 26. Juli 2019 zu tätigen und es sei im Anschluss erneut über die Versicherungsansprüche des  zu entscheiden.
3. Unter o/e-Kostenfolge."
2.2.
Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Vernehmlassung vom 4. März
2022 die Abweisung der Beschwerde.
- 3 -

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Mit dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 5. Januar 2022 ver-
neinte die Beschwerdegegnerin im Zusammenhang mit den Unfällen vom
15. Mai 2019 und vom 26. Juli 2019 einen Rentenanspruch des Beschwer-
deführers (Vernehmlassungsbeilage betr. Unfall vom 15. Mai 2019
[VB I] 100; VB betr. Unfall vom 26. Juli 2019 [VB II] 205). Im Folgenden ist
die Rechtmässigkeit des Einspracheentscheids zu prüfen.
2.
2.1.
Ist der Versicherte infolge des Unfalles zu mindestens 10 % invalid (Art. 8
ATSG), so hat er Anspruch auf eine Invalidenrente, sofern sich der Unfall
vor Erreichen des ordentlichen Rentenalters ereignet hat (Art. 18 Abs. 1
UVG).
2.2.
Zur Beurteilung sozialversicherungsrechtlicher Leistungsansprüche bedarf
es verlässlicher medizinischer Entscheidungsgrundlagen. Hinsichtlich des
Beweiswerts eines Arztberichts ist massgebend, ob er für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anam-
nese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zu-
sammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen des Experten begründet und nachvollziehbar sind
(BGE 134 V 231 E. 5.1 S. 232). An Berichten versicherungsinterner Ärzte
darf kein auch nur geringer Zweifel bestehen (BGE 135 V 465 E. 4.6
S. 471).
3.
3.1.
Beim Sturz von der Leiter zog sich der Beschwerdeführer am 15. Mai 2019
eine Trizepssehnenruptur links mit knöchernem Ausriss vom Olecranon,
eine Olecranonfraktur links sowie Parästhesien des N. ulnaris links zu (Aus-
trittsbericht des Spitals D. vom 20. Mai 2019, VB I 20 S. 1). Am 16. Mai
2019 wurde der linke Ellbogen operiert (gem. Operationsbericht: Cerclaje,
Nv. ulnaris Revision, VB I 21 S. 2). Aufgrund persistierender Beschwerden
erfolgte am 13. Januar 2020 eine weitere Operation am linken Ellbogen
(gem. Operationsbericht der Orthopädie E. vom 13. Januar 2020:
Bursektomie, Osteosynthesematerial-Entfernung, Entfernung Ossikel am
Ansatz der Trizepssehne, Trizepssehnennaht Ellbogen links, VB I 53).
Zuvor, am 26. Juli 2019, hatte sich der Beschwerdeführer bei einem
Stolperunfall Frakturen der Metatarsalen I bis IV am linken Fuss zugezogen
(Sprechstundenbericht des Spitals F. vom 29. April 2020, VB II 83 S. 1).
- 4 -
3.2.
Nach Durchsicht der Akten hielt Kreisarzt Dr. med. univ. C. in der ärztlichen
Beurteilung vom 3. März 2021 fest, die unfallbedingten Verletzungen am
linken Fuss und linken Ellbogen seien ohne relevanten Einfluss auf das
Belastbarkeitsprofil als Gipser. Die in den Akten dokumentierten degenera-
tiven Veränderungen am Skelett (OSG und USG links, aktivierte Plantar-
fasciitis rechts, Grosszehengrundgelenksarthrose rechts, Kniegelenk links,
Wirbelsäule) sowie die Herzprobleme stünden in keinem Zusammenhang
mit den Unfallereignissen (VB II 149). Nach Durchsicht der Arbeitsplatzbe-
schreibung (VB II 186) hielt Dr. med. univ. C. am 6. August 2021 daran
fest, dass der Beschwerdeführer "rein unfallbedingt" als Gipser vollständig
arbeitsfähig sei (VB II 188).
4.
Der Beschwerdeführer bestreitet, dass er in seinem angestammten Beruf
als Gipser wieder voll arbeitsfähig sei (zum Rügeprinzip: BGE 119 V 347
E. 1a S. 349 f., 110 V 48 E. 4a S. 52 f.).
4.1.
Er verweist dabei auf eine Stellungnahme von Dr. med. univ. C. vom
18. Dezember 2019 (VB II 36), in welcher dieser aufgrund der (damals) vor-
liegenden Dokumentation und dem Verlauf eine berufliche Umorientierung
für unumgänglich erachtete. Seither habe sich keine wesentliche Verbes-
serung des Gesundheitszustands eingestellt. Es sei darauf abzustellen.
Die unbegründete Stellungnahme von Dr. med. univ. C. vom 18. De-
zember 2019 war nicht abschliessend. Weitere Heilbehandlungen folgten.
Erst die Beurteilung vom 3. März 2021 erfolgte mit Blick auf den Fallab-
schluss (VB II 145 S. 1: Vorlagegrund). Darin kam der Kreisarzt zum
Schluss, von weiteren medizinischen Massnahmen sei in Bezug auf die
unfallkausalen Beschwerden keine wesentliche Besserung mehr zu erwar-
ten; es bestehe eine vollständige Arbeitsfähigkeit im angestammten Beruf
(VB II 149 S. 1). Sodann nahm Dr. med. univ. C. Einsicht in die Arbeits-
platzbeschreibung (VB II 186) und gestützt darauf hielt er am 6. August
2021 (VB II 188) an seiner Beurteilung vom 3. März 2021 fest. Ärztliche
Berichte mit Einschätzungen, die von Dr. med. univ. C. Beurteilung
anlässlich des Fallabschlusses abweichen, sind nicht ersichtlich. Folglich
kann der Beschwerdeführer aus der nicht abschliessenden Stellungnahme
von Dr. med. univ. C. vom 18. Dezember 2019 nichts zu seinen Gunsten
ableiten.
- 5 -
4.2.
Ebenso unbehelflich ist der Hinweis auf die Verfügung der Eidgenössi-
schen Invalidenversicherung (IV) vom 24. Januar 2022 (Beschwerdebei-
lage 3), wonach der Beschwerdeführer unfallbedingt seine angestammte
Tätigkeit als Gipser nicht mehr ausüben könne.
Der Beschwerdeführer leidet an verschiedenen nicht unfallkausalen Be-
schwerden (vgl. E. 3.2.: OSG und USG links, aktivierte Plantarfasciitis
rechts, Grosszehengrundgelenksarthrose rechts, Kniegelenk links, Wirbel-
säule, Herzbeschwerden). Die IV als finale Versicherung (Urteil des Bun-
desgerichts 8C_261/2019 vom 8. Juli 2019 E. 4.3.1 mit Hinweisen) hat
nicht zwischen krankheitsbedingten und unfallkausalen Beeinträchtigun-
gen zu unterscheiden und ist damit im Gegensatz zur Unfallversicherung
nicht nur für die unfallkausalen Beschwerden leistungspflichtig. Unter Be-
rücksichtigung sämtlicher Beschwerden gelangte sie in der Verfügung vom
24. Januar 2022 zu einem entsprechend eingeschränkteren Belastungs-
profil bei einem IV-Grad von 21 % (Stellungnahme von Dr. med. univ. C.
vom 6. August 2021, VB II 188). Diese Feststellungen tangieren jedoch die
Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin nicht, weil die IV eine umfas-
sendere Beurteilung vornahm.
4.3.
Die Anerkennung eines Integritätsschadens durch die Beschwerdegegne-
rin mit Verfügung vom 20. April 2021 (VB II 167) steht nicht im Widerspruch
zur Verneinung des Rentenanspruchs. Rente und Integritätsentschädigung
verfolgen verschiedene Ziele. Während die Rente den Erwerbsausfall
deckt, gleicht die Integritätsentschädigung – unabhängig von der Erwerbs-
fähigkeit – Schäden an der körperlichen, geistigen oder psychischen Inte-
grität aus (Art. 36 Abs. 1 UVG). So hat zum Beispiel eine schwere Entstel-
lung im Gesicht, die (gem. Suva-Tabelle 22) einen Anspruch auf eine hohe
Integritätsentschädigung gibt, per se keinen Einfluss auf die Arbeitsfähig-
keit als Gipser, womit kein Rentenanspruch entsteht.
4.4.
Für eine richtungsgebende Verschlimmerung eines stummen Vorzustands
der als "eher unspezifisch" beschriebenen Fussschmerzen (Bericht des
Spitals F. vom 6. April 2021, VB II 156 S. 2) durch die versicherten
Ereignisse gibt es weder Hinweise in den Akten noch belegt der Be-
schwerdeführer diese Ausführungen mit ärztlichen Berichten. Ein Vorzu-
stand im Bereich des linken Fusses ist einzig für das MTP-I-Gelenk (Meta-
tarsophalangealgelenk) ersichtlich (Bericht des Kantonsspitals G. vom
24. September 2019, VB II 17), nicht aber für das durch den Unfall vom
26. Juli 2019 tangierte Tarsometatarsale-Gelenk (für dessen degenerative
Veränderungen die Beschwerdegegnerin eine Integritätsentschädigung
anerkannte, VB II 150 S. 1). Die vom Beschwerdeführer angestellten laien-
haften (medizinischen) Vermutungen vermögen ärztliche Berichte nicht zu
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ersetzen (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_672/2020 vom 15. April 2021
E. 4.3 und 8C_794/2017 vom 27. März 2018 E. 4.2.2).
4.5.
Nach dem Dargelegten zeigen sich keine auch nur geringen Zweifel an den
auf den gesamten Akten beruhenden und nachvollziehbaren Beurteilungen
von Dr. med. univ. C. vom 3. März und 6. August 2021, wonach dem
Beschwerdeführer trotz der bei den Unfallereignissen vom 15. Mai und
26. Juli 2019 zugezogenen Verletzungen wieder eine vollständige Arbeits-
fähigkeit als Gipser zuzumuten ist. Somit ist darauf abzustellen (vgl.
E. 2.2.). In antizipierter Beweiswürdigung rechtfertigen sich folglich keine
weiteren Abklärungen, da davon keine neuen anspruchsbeeinflussenden
Erkenntnisse zu erwarten sind (BGE 136 I 229 E. 5.3 S. 236; 124 V 90
E. 4b S. 94).
5.
Unbestrittenermassen kehrte der Beschwerdeführer wieder an seinen Ar-
beitsplatz zurück. Gemäss der Arbeitgeberin "geht es gut". Mit dem Be-
schwerdeführer sei "vorerst" ein befristeter Arbeitsvertrag abgeschlossen
worden (Telefonnotiz vom 2. August 2021, VB II 185). Ob damit, wie vor-
gebracht, kein stabiles Arbeitsverhältnis vorliegt, ist unbeachtlich. Entschei-
dend ist, dass der Beschwerdeführer – entsprechend der Beurteilung des
Kreisarztes – fähig ist, seine angestammte Arbeit wieder auszuführen. Für
den ohne jeden Beleg behaupteten Soziallohn gibt es sodann keine Hin-
weise. Zudem widerspräche ein Soziallohn dem Umstand, dass die Arbeit-
geberin mit den Leistungen des Beschwerdeführers zufrieden ist (VB
II 185). Nachdem der Beschwerdeführer für die angestammte Tätigkeit voll-
umfänglich arbeitsfähig ist, zeigt der Einkommensvergleich nach Art. 16
ATSG einen Invaliditätsgrad von 0 %. Folglich ist der Einspracheentscheid
vom 5. Januar 2022 zu bestätigen, worin der Anspruch des Beschwerde-
führers auf eine Rente verneint worden war.
6.
6.1.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde abzuweisen.
6.2.
Das Verfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. fbis ATSG).
6.3.
Dem Beschwerdeführer steht nach dem Ausgang des Verfahrens (Art. 61
lit. g ATSG) und der Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer Stellung als So-
zialversicherungsträgerin (BGE 126 V 143 E. 4 S. 149 ff.) kein Anspruch
auf Parteientschädigung zu.
- 7 -