Decision ID: 6404ede6-e793-40a5-be14-3ee32ff23f81
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorie B seit dem 24. April 2015. Er ist im
Informationssystem über die Verkehrszulassung (IVZ; früher:
Administrativmassnahmen-Register) nicht verzeichnet. Am Sonntag, 15. Juli 2018,
15.23 Uhr, lenkte X einen Personenwagen auf der Hauptstrasse in Weite (Gemeinde
Wartau) in Richtung Sevelen, als er ausserorts auf der Höhe Plattis mit einer
Geschwindigkeit von 162 km/h von einem mobilen Radargerät erfasst wurde. Nach
Abzug der Sicherheitsmarge von 5 km/h ergab sich eine Überschreitung der zulässigen
Höchstgeschwindigkeit um 77 km/h. Die Kantonspolizei stellte das Fahrzeug sicher,
nahm den Führerausweis vorläufig ab und brachte X wegen Missachtung der
allgemeinen Höchstgeschwindigkeit ausserorts (Raserdelikt) beim Untersuchungsamt A
zur Anzeige; das Strafverfahren ist noch hängig. Eine Kopie des Anzeigerapports vom
15. August 2018 wurde dem Strassenverkehrsamt zugestellt.
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B.- Am 23. Juli 2018 verbot das Strassenverkehrsamt X das Führen von
Motorfahrzeugen aller Kategorien (inklusive aller Unter- und Spezialkategorien)
vorsorglich ab sofort. Gleichzeitig stellte es eine verkehrspsychologische Untersuchung
in Aussicht, die mit Verfügung vom 15. August 2018 angeordnet wurde. Dagegen erhob
X am 28. August 2018 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission des Kantons St.
Gallen (VRK). Er beantragte, die Verfügung der Vorinstanz vom 15. August 2018 sei
kostenfällig aufzuheben, eventualiter sei das Administrativmassnahmenverfahren bis
zum Abschluss des Strafverfahrens zu sistieren. Das Strassenverkehrsamt liess sich
mit Schreiben vom 28. September 2018 zum Rekurs vernehmen und beantragte
dessen Abweisung. Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung

ihrer Anträge wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 28. August 2018 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- In tatsächlicher Hinsicht ist unbestritten, dass der Rekurrent am 15. Juli 2018 die
zulässige Höchstgeschwindigkeit ausserorts um 77 km/h (nach Abzug der
Messtoleranz) vorsätzlich überschritt. Nach dem Vorfall gab er zu Protokoll, er habe
einen Reiz verspürt und sei deshalb so schnell gefahren. Es sei ihm jedoch klar
gewesen, dass die zulässige Höchstgeschwindigkeit 80 km/h betragen habe
(act. 3/12). Gemäss dem Polizeirapport ereignete sich der Vorfall auf der Hauptstrasse
bei trockenen Strassenverhältnissen und mittlerem Verkehrsaufkommen in Weite
(Gemeinde Wartau) auf der Höhe Plattis. Auch dies blieb im Rekurs unbestritten. Der
Rekurrent reichte ein Orthofoto des fraglichen Strassenabschnitts ein (act. 2/3).
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Angesichts der klaren Aussagen des Rekurrenten ist nicht davon auszugehen, dass der
Strafrichter vom aktenkundigen und auch im Rekurs unbestrittenen Sachverhalt
abweichen wird. Abgesehen davon, hat die Vorinstanz zu Recht darauf hingewiesen,
dass eine verkehrspsychologische Untersuchung aus Gründen der Verkehrssicherheit
angeordnet werde. Dem Ausgang des Strafverfahrens kommt deshalb nicht die gleiche
Bedeutung zu wie bei einem Warnungsentzug, der strafähnlich ist und erzieherische
Zwecke verfolgt. Die Voraussetzungen für eine Sistierung des
Administrativmassnahmeverfahrens sind unter den gegebenen Umständen nicht erfüllt.
Im Folgenden ist zu prüfen, ob das Verhalten des Rekurrenten auf Rücksichtslosigkeit
schliessen lässt und damit eine Fahreignungsuntersuchung angezeigt ist.
3.- a) Ausweise und Bewilligungen sind zu entziehen, wenn festgestellt wird, dass die
gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16
Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG). Nicht geeignet, ein
Fahrzeug zu führen, ist unter anderem, wer aufgrund seines bisherigen Verhaltens nicht
Gewähr bietet, dass er künftig beim Führen eines Motorfahrzeuges die Vorschriften
beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht nehmen wird (Art. 16d Abs. 1 lit. c SVG).
Solche Charakterdefizite sind bei Lenkern zu vermuten, die grob fahrlässig oder gar
vorsätzlich andere Menschen mit Schikanestopps bei hohen Geschwindigkeiten
gefährden, illegale Rennen veranstalten oder die Geschwindigkeitsvorschriften in
krasser Weise missachten (vgl. Botschaft zur Via sicura, Handlungsprogramm des
Bundes für mehr Sicherheit im Strassenverkehr, 20. Oktober 2010, BBl 2010 S. 8500).
Von Letzterem ist unter anderem auszugehen, wenn die zulässige
Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um mindestens 60 km/h überschritten wird
(Art. 90 Abs. 3 und 4 SVG, Raser-Strafnorm). Es besteht die gesetzliche Vermutung,
dass ein Lenker, der die Höchstgeschwindigkeit derart massiv überschreitet und damit
elementare Verkehrsregeln verletzt, das hohe Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten
oder Todesopfern eingeht. Das Bundesgericht geht jedoch auch bei Erreichen eines in
Art. 90 Abs. 4 SVG festgelegten Schwellenwerts nicht zwingend davon aus, der Lenker
habe das grosse Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern akzeptiert
und damit rücksichtslos gehandelt (vgl. BGE 142 IV 137 = Pra 2017 Nr. 42 E. 11.2).
Erforderlich ist deshalb die Würdigung sämtlicher Umstände des Einzelfalls. Führt diese
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Prüfung zu Zweifeln an der Fahreignung einer Person, so wird diese einer
Fahreignungsuntersuchung unterzogen, namentlich bei Verkehrsregelverletzungen, die
auf Rücksichtslosigkeit schliessen lassen (Art. 15d Abs. 1 lit. c SVG; BGE 125 II 492
E. 2a). Nach Lehre und Rechtsprechung kann Art. 15d Abs. 1 lit. c SVG bereits nach
einer ersten derartigen Widerhandlung zur Anwendung kommen, wenn besondere
Umstände dies rechtfertigen (Urteil des Bundesgerichts [BGer] 1C_604/2012 vom
17. Mai 2013 E. 6.1; Entscheid der Verwaltungsrekurskommission [VRKE], IV-2015/15
vom 28. Mai 2015, im Internet abrufbar unter: www.gerichte.sg.ch; Ph. Weissenberger,
Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 15d SVG N 71; BSK SVG-Bickel, Basel
2014, Art. 15d N 24 ff.).
b) Die Vorinstanz führte aus, der Rekurrent habe vorsätzlich elementare Verkehrsregeln
verletzt und sei damit ein hohes Risiko eines schweren Unfalls eingegangen.
Verkehrsregelverletzungen, die auf Rücksichtslosigkeit des Lenkers schliessen liessen
– dazu gehörten unter anderem Raserdelikte –, rechtfertigten Zweifel an der
Fahreignung und erforderten entsprechende Abklärungen. Es lägen ausreichende
Anhaltspunkte für eine möglicherweise fehlende Fahreignung aus charakterlichen
Gründen vor, die einen vorsorglichen Entzug bis zum Vorliegen einer
verkehrspsychologischen Abklärung rechtfertigten.
Der Rekurrent hält dagegen, der Vorfall habe sich auf einer äusserst langen und
geraden Strecke ereignet, weshalb die gesamte Situation einschätzbar und
überblickbar gewesen sei. Die Messung habe zudem in einem dünn besiedelten Gebiet
stattgefunden. Weder hätten sich dort von Menschen stark besuchte Anlagen wie
Schulen befunden, noch andere Objekte, vor welchen sich grössere Menschenmassen
aufgehalten hätten. Zu berücksichtigen sei, dass die Messung an einem
Sonntagnachmittag und zudem in den Sommerferien stattgefunden habe, weshalb im
fraglichen Zeitpunkt mit wenigen Verkehrsteilnehmern zu rechnen gewesen sei. Hinzu
komme, dass sich der Vorfall bei guter Sicht und trockener Fahrbahn ereignet habe. Zu
beachten sei weiter, dass er über einen ungetrübten Leumund verfüge und sich
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gegenüber der Polizei kooperativ verhalten habe. Er sei kein notorischer Raser. Die
Vorinstanz habe keine Einzelfallprüfung vorgenommen und ausser Acht gelassen, dass
aus einer Widerhandlung nach Art. 16c Abs. 1 lit. a (richtig: a ) SVG nicht automatisch
auf ein rücksichtsloses Verhalten geschlossen werden dürfe. Die
Geschwindigkeitsüberschreitung habe das Leben Dritter zu keinem Zeitpunkt
gefährdet. Es bestünden somit keine ernsthaften Bedenken an seiner Fahreignung.
c) Der Rekurrent befuhr am 15. Juli 2018 einen Streckenabschnitt ausserorts mit
157 km/h und überschritt dabei die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um
77 km/h. Er erreichte eine Geschwindigkeit, die rund 15 Prozent über dem
Schwellenwert zum Rasertatbestand liegt und selbst auf einer Autobahn als schwere
Widerhandlung eingestuft und zu einem mindestens dreimonatigen
Führerausweisentzug führen würde. Die Fahrt fand jedoch nicht auf der Autobahn,
sondern auf einer nicht richtungsgetrennten einspurigen Hauptstrasse statt, auf der –
im Gegensatz zu Fahrten auf Autobahnen – ein nicht unerhebliches Risiko einer
Frontalkollision besteht (vgl. BGer 6B_563/2009 vom 20. November 2009 E. 1.4.1). Zu
berücksichtigen ist vor allem auch, dass der Anhalteweg bei dieser Geschwindigkeit
166,64 Meter beträgt (vgl. Berechnungstool, im Internet abrufbar unter:
www.stva.sg.ch), was die Fahrweise des Rekurrenten als besonders gefährlich
erscheinen lässt. Da zum fraglichen Zeitpunkt weitere Verkehrsteilnehmer auf der
Hauptstrasse unterwegs waren – dies ergibt sich aus dem Radarbild (act. 3/16) –, ist
das Vorbringen des Rekurrenten, er habe die gesamte Situation einschätzen und
überblicken können und zu keinem Zeitpunkt Dritte gefährdet, nicht nachvollziehbar.
Ein Lenker kann die Strassen- und Verkehrssituation in der Regel nur bis zum
vorausfahrenden Fahrzeug zuverlässig einschätzen. Sobald sich mehrere Autos auf der
Fahrbahn befinden, wird die Sicht zwangsläufig eingeschränkt. Zudem muss jederzeit
mit unerwarteten Manövern anderer Verkehrsteilnehmer gerechnet werden;
insbesondere, wenn sie es plötzlich mit einem Fahrzeug zu tun haben, das fast doppelt
so schnell unterwegs ist wie sie. Eine solche Fahrweise kann andere
Verkehrsteilnehmer erschrecken und abrupte, eventuell gar panikartige Reaktionen
auslösen. Zu berücksichtigen ist schliesslich auch, dass im Raum Plattis verschiedene
Nebenstrassen in die Hauptstrasse münden, was zusätzliche Aufmerksamkeit erfordert.
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Damit unterscheidet sich die vorliegend zu beurteilende Verkehrssituation deutlich von
derjenigen, die dem Entscheid der Verwaltungsrekurskommission vom 28. Mai 2015
(VRKE IV-2015/15) zugrunde lag. Jener Motorradfahrer befand sich alleine auf einer
gerade verlaufenden Strasse, die zudem von Wiesland gesäumt war (E. 2e).
d) Zusammenfassend ergibt sich, dass der Rekurrent durch sein Verhalten ein
erhebliches Unfallrisiko schuf (vgl. BGE 142 IV 137 E. 11.2). Er überschritt die zulässige
Höchstgeschwindigkeit nach eigenen Angaben absichtlich um beinahe das Doppelte,
weil er Lust dazu verspürte. Damit stellt sich die Frage, ob er sich des Risikos
überhaupt bewusst war und seine Verhaltensmöglichkeiten im Verkehr überschätzte
oder allenfalls gar bewusst den Nervenkitzel suchte (vgl. Godenzi/Bächli-Biétry,
Tötungsvorsatz wider Willen? – Die Praxis des Bundesgerichts bei Raserdelikten,
in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2009, S. 574). Dass der Rekurrent sich bisher
nichts zu Schulden kommen liess, ist trotz nicht allzu langer Fahrpraxis zwar positiv zu
werten, kann die Zweifel an der Fahreignung jedoch nicht ausräumen. Nicht
ausgeschlossen ist zudem, dass er entgegen seinen Angaben gegenüber der Polizei
(act. 3/13) bereits früher zu schnell unterwegs war mit seinem PS-starken Gefährt.
Aufgrund der allgemeinen Erfahrung bleiben die meisten Geschwindigkeitsdelikte
unentdeckt. Nach der Wahrscheinlichkeitstheorie ist daher schwer vorstellbar, dass der
Rekurrent nur einmal rast und dann prompt in eine Geschwindigkeitsmessung gerät.
Bleiben solche Taten unentdeckt, kann dies zu Tatwiederholungen verleiten. Die
Fachleute sprechen von sich selbst verstärkenden Handlungen (vgl. J.R. Baer, FiaZ-
Delikte, St. Gallen 1993, S. 99). Vor diesem Hintergrund ist nicht zu beanstanden, dass
die Vorinstanz von Rücksichtslosigkeit ausging und eine verkehrspsychologische
Untersuchung anordnete. Diese Massnahme erweist sich als sachgerecht und
verhältnismässig. Der Rekurs ist abzuweisen.
4.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Rekurrenten
zu bezahlen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
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angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist damit zu verrechnen.
Bei diesem Verfahrensausgang ist keine ausseramtliche Entschädigung zuzusprechen
(Art. 98 VRP).