Decision ID: 0089249f-451c-4058-bdbc-68cf173c368e
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1989,
schloss im
Januar 2014
den
Bachelor
of
Arts in Sozialwissenschaften
(Ethnol
o
gie)
ab
(
Urk.
10/5)
, war in der Folge aber nur während weniger Wochen erwerbstätig (
Urk.
10/10)
. Am 2
8.
Juni 2016 meldet
e sie sich erstmals unter Hinwei
s auf eine Alkoholsucht nach trauma
tischen Erlebnissen
im
Sommer 2011
bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Bezug von Leistungen an (
Urk.
10/7).
Die
IV-Stelle tätigte erwerbliche und medizinische Abklärungen und
zeigte der Versicherten am 22.
März 2017 an, dass derzeit berufliche Massnahmen nicht durchgeführt werden könnten, weshalb der Rentenanspruch geprüft werde (
Urk.
10/20). In der Folge war
X._
nach
einer neuerlichen Alkoholintoxikation
stationär hospitalisiert (1
3.
Juni
bis 1
1.
September
2017,
Urk.
10/27
, 10/33
). Mit Entscheid vom 3
0.
August 2017
ordnete die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde
eine V
ertretungsbeis
tandschaft mit Einkommens- und Vermögensverwaltung nach
Art.
394
Abs.
2 ZGB
i.V.m
.
Art.
395
Abs.
2 und 2 ZGB
über die Versicherte an
(
Urk.
10/31)
.
Am
9.
Januar 2018 auferlegte ihr die IV-Stelle die Abstinenz von sämtlichen Suchtmitteln während mindestens sechs Monaten sowie eine Überprüfung dieser Massnahme mittels Urinproben (
Urk.
10/45).
Da
sich
die Versicherte
indessen bloss zweimal einer Urinkontrolle unterzog (
Urk.
10/68), zeigte ihr die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 2
0.
August 2018 an, mangels
Erfüllung der
Mitwirkungspflicht das Leistungsgesuch abwei
sen zu wollen (
Urk.
10/71).
Nach einer erneuten stationären Behandlung
vom 1
9.
Juni bis zum
1.
November 2018 (
Urk.
10/72
) trat die Versicherte in ein einjähriges Therapieprogramm in
Y._
aus (
Urk.
10/76). Mit Schreiben vom 1
3.
Mai 2019 ersuchte die
Beiständin
von
X._
unter Hinweis darauf, dass
diese seit Juni 2018
drogen- und alkoholabstinent sei, die IV-Stelle darum, die Prüfung von beruflichen Massnahmen und/oder einer Invalidenrente anhand zu nehmen (
Urk.
10/85). Mit Verfügung vom 3
1.
Mai 2019
bekräftigte
diese
, an
der Leistungsablehnung fest
zuhalten
(
Urk.
10/87).
1.2
Am 2
9.
November 2019 meldete sich
X._
erneut bei der
IV-Stelle zum Leistungsbezug an (
Urk.
10/89).
Die IV-Stelle
aktualisierte die medizinische Aktenlage und erteilte Kostengutsprache für eine Potenzialabklä
rung an der Psychiatrischen Universitätsklinik
Z._
vom 1
9.
O
ktober bis zum 12.
November 2020 (Verfügung vom
7.
September 2020,
Urk.
10/104). Aufgrund dysfunktionaler Verhaltensmuster, welche eine Teilnahme der Versicherten verunmöglichten,
erfolgte
bereits nach zwei Tagen
der Abbruch
der Potentialabklärung
(
Urk.
10/113
; Mitteilung vom
5.
November 2020,
Urk.
10/119
).
Mit Schreiben vom 2
6.
November 2020 auferlegte die IV-Stelle der Versicherten die Pflicht, sich einer stationären Entzugs- und
mehr
monatigen Ent
wöhnungstherapie von Drogen und Alkohol sowie im Anschluss
daran einer ambulant
psychiat
risch suchtmedizinischen Behandlung
zu unterziehen, womit eine Verbesserung erreicht und von einer Arbeitsfähigkeit von 50
%
auszugehen sei (
Urk.
10/124). Gleichentags zeigte ihr die IV-Stelle mit Vorbescheid an, das Leistungsbegehren abweisen zu wollen (
Urk.
10
/125), wogegen die Versicherte am 2
2.
Dezember 2020 Einwand erheben liess (
Urk.
10/131
, Ergänzung vom 5. Januar 2021,
Urk.
10/133
).
Am 1.
März 2021 setzte die IV-Stelle die Versi
cherte
davon in Kenntnis, dass sie Anspruch auf eine Rente der Invaliden
ver
sicherung habe; gleichzeitig
hielt die IV-Stelle fest, die Versicherte
habe
sich einer stationären Entzugs- und mehrmonatigen Entwöhnungstherapie von Drogen und Alkohol sowie im Anschluss daran einer ambulant psychiatrisch suchtmedizi
nischen Behandlung zu unterziehen, womit sich ihre Arbeitsfähigkeit auf mindestens 50
%
steigern lasse (
Urk.
10/137).
In der Folge teilte
X._
der IV-Stelle mit, sich
seit
dem 2
9.
November 2020
in
Y._
der Schadenminderungspflicht
zu unterziehen
(
Urk.
10/149
, 151
). Mit Verfügung vom 1
4.
April 2021 sprach ihr die IV-Stelle mit W
irkung ab dem 1.
Mai 2020 eine halbe Rente der Invalidenversicherung zu (
Urk.
2).
2.
Dagegen liess
X._
am 1
4.
Mai 2021 Beschwerde erheben und beantragen, es sei ihr in Aufhebung des angefochtenen Entscheids eine ganze Rente der Invalidenversicherung zuzusprechen; eventualiter sei die Sache unter Weitergewährung der zugesprochenen halben Rente zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersuchte die Beschwerdeführerin um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Bestellung von Rechtsanwalt Sebastian Lorentz zum unentgeltlichen Rechtsvertreter (
Urk.
1).
Mit Beschwerdeantwort vom 1
7.
Juni 2021 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
9), wovon die Beschwerdeführerin in Kenntnis gesetzt wurde (Verfügung vom 18 Juni 2021,
Urk.
11).
Mit Beschluss vom 1
4.
März 2022 gab das hiesige Gericht den Parteien seine vorläufige Auffassung bekannt, wonach die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache für ergänzende Abklärungen an die IV-Stelle zurück
zuweisen sei (
Urk.
12).
Am
1
2.
April 2022
hielt die
Beschwerdeführerin unter Hinweis darauf, dass die noch offenen Fragen mittels Gerichtsgutachten
s
zu klären seien, an ihrer Beschwerde fest (
Urk.
14)
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung eingetretenen Sach
verhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Nach bisheriger und langjähriger höchstrichterlicher Rechtsprechung führten Suchterkrankungen als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Sie wurden im Rahmen der Invalidenversicherung erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt haben, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender, Gesundheitsschaden eingetre
ten war, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesund
heitsschadens waren, dem Krankheitswert zukam. Ein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden fehlte demgegenüber, wo in der Begutachtung im Wesentlichen nur Befunde erhoben wurden, welche in der Sucht ihre hinreichende Erklärung fanden (Hinweise zur bisherigen Rechtsprechung in BGE 145 V 215 E. 4.1).
Diese bisherige Rechtsprechung änderte das Bundesgericht mit BGE 145 V 215 dahingehend, dass - fachärztlich einwandfrei diagnostizierten - Abhängigkeitssyndromen beziehungsweise Substanzkonsumstörungen nicht zum vornherein jede invalidenversicherungsrechtliche Relevanz abgesprochen werden kann (E. 5.3.3), sondern diese vielmehr als invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (psychische) Gesundheitsschäden in Betracht fallen (E. 6).
Gemäss BGE 143 V 418 E. 6 f. ist die Frage nach den Auswirkungen sämtlicher psychischer Erkrankungen auf das funktionelle Leistungsvermögen grundsätzlich unter Anwendung des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu beantworten. Hierzu gehören nach dem oben Ausgeführten auch Abhängigkeits
syndrome (E. 6.2).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens kann und muss insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getragen werden. Diesem kommt nicht zuletzt deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängig
keitserkrankungen - wie auch bei anderen psychischen Störungen - oft eine Gemengelage aus krankheitswertiger Störung sowie psychosozialen und soziokulturellen Faktoren vorliegt. Letztere sind selbstverständlich auch bei Abhängigkeitserkrankungen auszuklammern, wenn sie direkt negative funktio
nelle Folgen zeitigen (vgl. bezüglich der Depressionen BGE 143 V 409 ff. E. 4.5.2). Eine krankheitswertige Störung muss umso ausgeprägter vorhanden sein, je stärker psychosoziale oder soziokulturelle Faktoren das Beschwerdebild mitprägen (E. 6.3).
1.4
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1
GSVGer
).
Bei ungenügenden Abklärungen durch den Versicherungsträger holt die Beschwerdeinstanz im Regelfall ein Gerichtsgutachten ein, wenn sie einen (im Verwaltungsverfahren anderweitig erhobenen) medizinischen Sachverhalt überhaupt für gutachterlich abklärungsbedürftig hält oder wenn eine
Adminis
-
t
ra
tivexpertise
in einem rechtserheblichen Punkt nicht beweiskräftig ist. Die betreffende Beweiserhebung erfolgt alsdann vor der – anschliessend reformato
risch entscheidenden – Beschwerdeinstanz selber statt über eine Rückweisung an die Verwaltung. Eine Rückweisung an den Versicherungsträger bleibt hingegen möglich, wenn sie allein in der notwendigen Erhebung einer bisher vollständig ungeklärten Frage begründet ist. Ausserdem bleibt es dem kantonalen Gericht (unter dem Aspekt der Verfahrensgarantien) unbenommen, eine Sache zurückzu
weisen, wenn lediglich eine Klarstellung, Präzisierung oder Ergänzung von gutachterlichen Ausführungen erforderlich ist (B
GE 139 V 99 E. 1.1, 137 V 210
E. 4.4.1.4 mit Hinweisen; Urteil des Bundesgerichts 9C_354/2020 vom 8. Septem
ber 2020 E. 2.1)
.
2.
Während die Beschwerdegegnerin im angefochtenen Entscheid festgehalten hatte, der Beschwerdeführerin sei die auferlegte Massnahme zumutbar, womit von einer mindestens 50%igen Erwerbsfähigkeit nach deren erfolgreicher Durch
führung auszugehen sei (
Urk.
1), hielt die Beschwerdeführerin dafür, sie sei ihrer Schadenminderungspflicht bereits hinreichend nachgekommen, indessen habe es die Beschwerdegegnerin unterlassen, die medizinisch-theoretische Arbeits
fähigkeit gutachterlich abzuklären. Dabei werde sich mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ergeben, dass sie unter einer posttraumatischen Belastungs
störung leide, womit ihre Suchterkrankung als sekundär zu betrachten sei.
Weil die Beschwerdegegnerin den Sachverhalt nicht klären wolle, erscheine es unter Beachtung des Beschleunigungsgebotes sachgerecht, ein gerichtliches Gutachten einzuholen. Aus dem Dargelegten
folge, dass in
keinem
Bereich eine Arbeits
fähigkeit vorliegen werde, weshalb Anspruch auf eine ganze Rente der Invaliden
versicherung bestehe
(
Urk.
1, 14
).
3.
3.1
Mit Bericht vom
7.
Februar 2019 über die vom 1
9.
Juni bis
1.
November 2018
- zum fünften Mal -
an der Psychiatrischen Universitätsklinik
Z._
erfolgte stationäre Behandlung
der Beschwerdeführerin
waren
als Diagnosen mit Auswir
kung auf die Arbeitsfähigkeit folgende genannt
worden
: (1) F10.0 psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: akute Intoxikation, (2) F61 kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen, (3) F14.1 psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain: schädlicher Gebrauch sowie (4) Hypo
glykämie, nicht näher bezeichnet. Die
Ärzte
hatten
fest
gehalten
, in den letzten Jahren hätten mehrere
Hospitalisationen
der Versicherten bei teils lebensbedrohlichen Alkoholintoxika
tionen stattgefunden. Sie habe (aktenanam
nestisch) im 1
6.
oder 1
7.
Lebensjahr ihren ersten Vollrausch gehabt. Zum Problem sei der Alkohol aber erst seit etwa vier Jahren als eine «Lösung für alles» geworden. Normalerweise trinke sie, wenn sie alleine sei, unter Druck gerate oder eine Auszeit von Alltagsstressoren wolle. Die aktenanamnestisch beschriebene posttraumatische Belastungsstörung habe in einer SKID-I Testung vom August 2017 nicht bestätigt werden können. Hinsicht
lich Prognose sei bei positivem Verlauf von einer Eingliederungsmöglichkeit in
zwei bis drei
Jahren auszugehen (
Urk.
10/82).
3.2
Der ab 1
1.
Februar 2020 behandelnde
Dr.
med.
A._
, Psychiatrie und Psychotherapie,
be
s
tätigte die vorgenannten Diagnosen und berichtete, die Beschwerdeführerin sei bestrebt, wieder selbständig zu wohnen und nicht mehr auf einen stationären Behandlungskontext angewiesen zu sein. Die unzu
reichende Tagesstruktur stelle eine Herausforderung für sie dar. Bei Gefühlen von Alleins
ein (Einsamkeit) und Langeweile
bestehe eine grosse Gefahr, dass sie wieder Suchtmittel konsumiere, um die unangenehmen Gefühle wegzumachen. Hinsichtlich Eingliederungsfähigkeit hielt der Arzt fest, eine leidensangepasste Tätigkeit sei während vier Stunden täglich zumutbar. Gleichzeitig hielt er dafür, aufgrund der Schwere der psychischen Störung und der langen psychiatrischen Vorgeschichte mit diversen Klinikaufenthalten sei von einer pessimistischen Prognose auszugehen (Bericht vom 1
0.
Juli 2020,
Urk.
10/99).
3.3
Gemäss Abschlussbericht Sucht
t
herapie über das begleitete Wohnen der Beschwerdeführerin
ab 3
1.
Oktober 2019
in der
akzent
prävention
und
such
t
therapie
vom
2.
Juli 2020 (
Urk.
10/101) war die
Beschwerdeführerin
ab Februar 2020 in einem 50
%
-Pensum in einer Mensa tätig.
Zuvor war es zweimalig zu einem Rückfall mit Alkohol/Kokain gekommen, wobei die Beschwerdeführerin als Belastungen und Risikofaktoren bezüglich ihr
e
s
Suchtverhalten
s
verschiedene Faktoren wie etwa die Krise in der Beziehung zu ihrem Partner, viel Unausge
sprochenes und das Gefühl von Druck von ihren Eltern und der Neuanfang in der Schweiz (nach dem Aufenthalt in
Y._
)
beschrieben habe.
Die
im zweiten Arbeitsmarkt ausgeübte Beschäftigung habe
der Beschwerdeführerin
sehr gut gefallen, sie habe sie indessen aufgrund des Corona-
Lockdowns
gekündigt.
4.
4.1
Gestützt auf die aktenkundigen Berichte ist
unverkennbar
, dass die Beschwerde
führerin unter
langjähriger
Sucht leidet.
Offenkundig ist ferner, dass sie verschiedenen psychosozialen Belastungsfaktoren ausgesetzt ist
, aber auch
über diverse Ressourcen verfügt (abgeschlossenes Bachelor-Studium:
Urk.
10/82/6, vgl. auch
Urk.
10/99/5, 10/101/7, 10/113/4).
Ob und bejahendenfalls inwieweit ihre Leistungsfähigkeit durch psychiatrische Erkrankungen ausserhalb des Sucht
geschehens
(vgl. E. 3.1-3.2, vgl. auch
Urk.
10/120/14)
eingeschränkt
ist
, ergibt sich nicht zweifelsfrei aus den medizinischen Akten, ist
gegenwärtig
aber nicht von ausschlag
gebender
B
edeutung. Immerhin ist
darauf hinzuweisen, dass sich eine posttraumatische Belastungsstörung bislang nicht hat bestätigen lassen
, demgegenüber eine Persönlichkeitsstörung im Raum steht
(E. 3.1).
Von Belang ist
so oder anders
,
dass es die Beschwerdegegnerin versäumt hat, unter Anwendung der
in Bezug auf Abhängigkeitssyndrome
geänderten Rechtsprechung zum strukturierten Beweisverfahren
(E. 1.3)
zu prüfen, ob den von der Beschwerde
führerin gezeigten Gesundheitsstörungen Auswirkungen auf
ihr
funktionelles Leistungsvermögen zuzuerkennen
sind
.
Entgegen dem Vorbringen ihres Rechts
vertreters ist dafür nicht ein Gerichtsgutachten einzuholen, fehlt es doch gänzlich an Erhebungen, die die Durchführung des strukturierten Beweisverfahrens erlauben würden.
Ob
unter
Ausklammerung allfälliger psychosozialer Faktor
en
sowie in
Berücksichtigung
der Ressourcen der Beschwerdeführerin einerseits sowie der leistungshindernden äusseren Belastungsfaktoren andererseits funktio
nelle Auswirkungen der von ihr geklagten Gesundheitseinschränkungen widerspruchsfrei nachweisbar sind,
lässt sich
mangels
Versäumnis
ses
der Beschwerdegegnerin nicht abschliessend
beurteilen
. Hinzu kommt, dass
es an Berichten über weitergehende therapeutische Bemühungen (vgl. die Einschätzung des RAD, wonach noch keine Therapieresistenz bestehe,
Urk.
10/120/14) mangelt, ist doch einzig aktenkundig, dass die Beschwerdeführerin nach einer
kurzen
Tätigkeit im zweiten Arbeitsmarkt (Pensum 50
%
) und einer bereits am zweiten Tag gescheiterten Potentialabklärung sich erneut für eine Behandlung nach
Y._
begab (vgl. Sachverhalt).
Ob und bejahendenfalls welchen therapeu
tischen Bemühungen sie sich derzeit unterzieht, ist nicht aktenkundig.
Auch diesbezüglich muss sich die Beschwerdegegnerin eine Verletzung der Unter
suchungspflicht vorwerfen lassen.
4.2
Nachdem
eine Unterscheidung zwischen primären und sekundären Abhängig
keitssyndromen im Rahmen der mit BGE 145 V 215 begründeten Rechtsprechung hinfällig geworden ist
(vgl.
Urk.
10/86/4, 10/160/4)
und gleich wie bei allen anderen psychischen Erkrankungen unter Berücksichtigung der beachtlichen Standardindikatoren zu ermitteln ist, ob und gegebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeitssyndrom
oder eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit
im Einzelfall auf die Arbeitsfähig
keit der versicherten Person auswirkt,
erweist sich
eine Rückweisung an die Beschwerdegegnerin zur Durchführung eines strukturierten Beweisverfahrens
zur Klärung dieser bislang
vollständig ungeklärte
n
Frage (vgl. Urteil des Bundes
gerichts 9
C
_354/2020 vom
8.
September 2020 E. 2.1)
als
unumgänglich
. Damit ist
die Beschwerdeführerin nicht zu hören, als sie die Abklärung noch offener Fragen im Rahmen eines gerichtlichen Gutachtens beantragt, zumal sie solcher
massen
auch
eines Instanzenzuges verlustig ginge.
Ebenso wenig vermag sie mit dem unbegründeten Antrag, bei einer eventuellen weiteren Abklärung sei die zugesprochene halbe Rente weiter zu gewähren (
Urk.
1 S. 2)
,
durchzudringen
, was bereits mit Beschluss vom 1
4.
März 2022 begründet worden ist (
Urk.
12).
Darauf ist zu verweisen.
4.3
Z
usammenfassend
erweist sich der
entscheidrelevante
Sachverhalt als ungenü
gend abgeklärt. Die angefochtene Verfügung ist demnach aufzuheben und die Sache zur weiteren Abklärung und anschliessenden neuen Verfügung hinsichtlich Leistungsanspruch
s
der Beschwerdeführerin an die Beschwerdegegnerin zurück
zuweisen. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
5.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und auf Fr.
8
0
0.-- anzusetzen. Ent
sprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie der unterliegenden
Beschwerde
gegnerin
aufzuerlegen.
Damit erweist sich das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Prozessführung (Urk. 1 S. 2) als gegenstandslos.
5.2
Dem Verfahrensausgang entsprechend
ist
die Beschwerdegegnerin
zu verpflich
ten
, eine Prozessentschädigung zu bezahlen.
Das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung
erweist sich
damit ebenfalls
als gegenstandslos.
Nach
§
34
Abs.
3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) bemisst sich die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung nach der Be
deutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Ob
siegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert. Gemäss
§
7
Abs.
1 der Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialver
sicherungsgericht (
GebV
SVGer
)
wird
namentlich für unnötigen Aufwand kein Ersatz gewährt.
Mit Eingabe vom 1
2.
April 2022 (Urk. 14)
machte Rechtsanwalt Lorentz für das vorliegende
Verfahren einen Aufwand von 17.
25
Stunden
geltend. Dies
erscheint mit Blick auf die
Bedeutung der Streitsache und
die
Schwierigkeit des Prozesses nicht angemessen
, namentlich in Bezug auf die Instruktion und die Erstellung der
Beschwerdeschrift
, zumal Rechtsanwalt Lorentz die Beschwerdeführerin bereits im Verwaltungsverfahren vertreten hatte (
Urk.
10/131-133), ihm mithin die Verfahrensakten im Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung bereits bekannt waren
.
Für die Instruktion
sind
daher maximal
60 Minuten
anzurechnen
, was zur Reduktion der Positionen 1
5.
April 2021 bis 1
1.
Mai 2021 um 80 Minuten führt
.
Angesichts des Vorgenannten ist auch der für die Erstellung der Beschwerde
schrift
geltend gemachte A
ufwand von neun
Stunden nicht angemessen.
Die Beschwerdeschrift umfasst zwar gut elf Seiten, die rechtliche Begründung erschöpft sich indessen auf einer einzigen Seite
.
Es rechtfertigt sich daher, den Aufwand für das Verfassen der Beschwerdeschrift um
vier
auf insgesamt
fünf
Stunden zu kürzen.
Sodann ist nicht ersichtlich, weshalb
im Nachgang zum Beschluss des Gerichts vom 1
4.
März 2022 - nebst
einer schriftlichen
Kontakt
nahme mit der
Beiständin
der Beschwerdeführerin - telefonische Besprechungen mit der
Beiständin
sowie mit den Eltern der Beschwerdeführerin
von insgesamt
130 Minuten erforderlich gewesen sein sollten, hatte die Beschwerdeführerin
doch -
zumindest im Eventualstandpunkt
-
die Rückweisung der Streitsache an die Beschwerdegegnerin mangels hinreichender Abklärungen durch die Beschwerdegegnerin beantragt (
Urk.
1 S. 2, 10).
Vor diesem Hintergrund sind diese Besprechungen um
70 Minuten auf eine Stunde
zu kürzen.
Zur Nachbesprechung des Urteils ist schliesslich eine halbe Stunde zu gewähren. Baraus
lagen sind nicht belegt und ausgewiesen. Mithin rechtfertigt sich ein Aufwand von insgesamt
10.416
Stunden, was unter Berücksichtigung des ge
richtsüblichen Ansatzes von Fr.
220.-
- ein Honorar von gerundet
Fr.
2'5
00.-- (inkl.
mutmass
liche Barauslagen und
7.7
%
MWSt
) ergibt.