Decision ID: eb4a0c59-2d63-45b3-ba6a-cc7dd37a9aeb
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 16. Juli 2021 in der Schweiz um Asyl
nach.
B.
B.a Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruckdatenbank (Zentral-
einheit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 10. Juli 2020 in
Griechenland um Asyl nachgesucht hatte und am 24. Dezember 2020 als
Flüchtling anerkannt worden war.
B.b Am 20. Juli 2020 fand die Personalienaufnahme statt (PA). Dabei gab
der Beschwerdeführer an, er habe Somalia im November 2019 auf dem
Luftweg in Richtung Türkei verlassen. Am 3. Dezember 2019 sei er nach
Griechenland gelangt. Er sei verheiratet und Vater von (...) Kindern. Seine
Familie befinde sich in Somalia. Ein (...) und eine (...) lebten in der
Schweiz.
B.c Am 26. Juli 2021 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zuge-
wiesene Rechtsvertretung.
B.d Im Rahmen des persönlichen Gesprächs vom 29. Juli 2021 gemäss
Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist, gab der Be-
schwerdeführer an, in Griechenland habe er sich rund anderthalb Jahre
aufgehalten und internationalen Schutz erhalten. Er sei von Griechenland
auf dem Luftweg nach Italien gelangt und mit dem Bus in die Schweiz ein-
gereist. Gegen eine Überstellung nach Griechenland wendete er ein, im
Camp sei es kalt gewesen, es habe Überschwemmungen gegeben und es
sei Feuer gelegt worden. Nach der Schutzgewährung habe er das Camp
verlassen müssen und während (...) Monaten auf der Strasse gelebt. Er
habe weder von den Behörden noch von privaten Organisationen Unter-
stützung erhalten.
Zum medizinischen Sachverhalt gab der Beschwerdeführer an, er habe
(...) im (...) sowie (...) im (...). Er sei mit (...) worden. Zudem schlafe er seit
der Tötung seines (...) schlecht. In Griechenland habe er all zwei Monate
einen Arzt aufgesucht und Tabletten erhalten.
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B.e Gestützt auf die Rückführungsrichtlinie 2008/115/EG des Europäi-
schen Parlamentes und des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemein-
same Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal
aufhältiger Drittstaatsangehöriger und das Abkommen vom 28. August
2006 zwischen dem Schweizerischen Bundesrat und der Regierung der
Hellenischen Republik über die Rückübernahme von Personen mit irregu-
lärem Aufenthalt (SR 0.142.113.729) ersuchte die Vorinstanz Griechenland
am 29. Juli 2021 um Rückübernahme des Beschwerdeführers.
B.f Am 4. August 2021 stimmten die griechischen Behörden dem Übernah-
meersuchen zu und führten aus, der Beschwerdeführer sei in Griechenland
als Flüchtling anerkannt worden und verfüge über einen bis am 27. Dezem-
ber 2023 gültigen Aufenthaltstitel.
B.g Mit Eingabe vom 5. August 2021 reichte der Beschwerdeführer eine
migrationsmedizinische Abklärung vom 19. Juli 2021, einen Befund- sowie
einen Laborbericht vom 21. Juli 2021, zwei ärztliche Kurzberichte des Bun-
desasylzentrums (BAZ) B._ vom 21. Juli 2021 und 23. Juli 2021
sowie eine medizinische Dokumentation mit letztem Eintrag vom 29. Juli
2021 ein.
B.h Am 27. August 2021 gab der Beschwerdeführer einen Arztbericht der
«C._» vom 25. August 2021 zu den Akten.
B.i Gleichentags stellte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer den Ent-
scheidentwurf zu und gewährte ihm das rechtliche Gehör.
B.j Der Beschwerdeführer nahm am 31. August 2021 Stellung und führte
aus, er habe in Griechenland in einem selbstgebauten Zelt schlafen müs-
sen, welches zerstört worden sei. Er habe kaum Essen und Wasser erhal-
ten sowie mehrere Monate auf der Strasse leben müssen. Im Winter sei es
unerträglich kalt gewesen. Er habe vergebens bei den Behörden und Nicht-
regierungsorganisationen um Hilfe ersucht. Es habe sich niemand gemel-
det und er sei weggeschickt worden. Er habe kein Zugang zu medizinischer
Versorgung gehabt. Während des Asylverfahrens habe er Schmerztablet-
ten erhalten. Nach der Anerkennung als Flüchtling und dem damit verbun-
denen Ausschluss aus dem Camp habe er keine Tabletten mehr bekom-
men. Er sei nie ärztlich untersucht worden, obwohl er an starken (...) leide
und eine (...) sowie (...) am (...) habe. Zur desolaten Situation von interna-
tional Schutzberechtigten in Griechenland sei auf die Berichte der Stiftung
Pro Asyl und Refugee Support Aegean (RSA) zu verweisen.
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Seite 4
B.k Die Vorinstanz trat mit Verfügung vom 2. September 2021 auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegweisung aus
der Schweiz und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Eintritt der
Rechtskraft der Verfügung zu verlassen, ansonsten er in Haft genommen
und unter Zwang nach Griechenland zurückgeführt werde. Gleichzeitig be-
auftragte die Vorinstanz den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Weg-
weisung und stellte dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten
gemäss Aktenverzeichnis zu.
C.
C.a Mit Eingabe vom 9. September 2021 erhob der Beschwerdeführer
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die angefoch-
tene Verfügung sei aufzuheben und er sei in der Schweiz vorläufig aufzu-
nehmen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung zur vollständigen
Feststellung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sube-
ventualiter sei die Vorinstanz anzuweisen, von den griechischen Behörden
individuelle Garantien betreffend die adäquate Unterbringung und den be-
nötigten Zugang zu nahtloser fachärztlicher Behandlung einzuholen. In
prozessualer Hinsicht sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewäh-
ren und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer zwei Ausdrucke von Fotos
eines Zeltes ein.
C.b Die Instruktionsrichterin hiess mit Zwischenverfügung vom 14. Sep-
tember 2021 das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
C.c Mit am 20. September 2021 beim Gericht eingegangenem Schreiben
vom 3. September 2021 stellte der Beschwerdeführer einen Bericht der
D._ in Aussicht.
C.d Mit Eingabe vom 15. Oktober 2021 führte der Beschwerdeführer aus,
der Termin bei der D._ habe nicht stattgefunden. Er sei bei den
E._ in Behandlung und stellte entsprechende Berichte in Aussicht.
C.e Am 29. Oktober 2021 informierte der Beschwerdeführer das Gericht,
die behandelnde Ärztin der E._ habe einen Bericht für nächste Wo-
che in Aussicht gestellt.
C.f Mit Eingabe vom 5. November 2021 reichte der Beschwerdeführer ei-
nen Bericht der E._ vom 4. November 2021 ein.
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Seite 5
C.g Die Instruktionsrichterin lud die Vorinstanz mit Zwischenverfügung
vom 9. Juni 2022 zur Vernehmlassung ein.
C.h In der Vernehmlassung vom 13. Juni 2022 hielt die Vorinstanz mit er-
gänzenden Ausführungen an ihrer Verfügung fest und beantragte die Ab-
weisung der Beschwerde.
C.i Am 1. Juli 2022 replizierte der Beschwerdeführer.
C.j Mit Eingabe vom 4. August 2022 gab der Beschwerdeführer eine E-Mail
der behandelnden (...) vom 3. August 2022 zu den Akten.
C.k Am 18. August 2022 reichte der Beschwerdeführer einen Bericht der
F._ vom 4. August 2022 ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG (SR 142.31) in Verbindung mit Art. 31 VGG ist
das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem
Gebiet des Asyls zuständig und entscheidet in der Regel – wie auch vor-
liegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG; Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Gegenstand des Verfahrens ist die Frage des Vollzugs der Wegweisung.
Die Dispositivziffern 1 (Nichteintreten auf Asylgesuch) und 2 (verfügte
Wegweisung) der Verfügung vom 2. September 2021 sind mangels An-
fechtung in Rechtskraft erwachsen.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl.
BVGE 2014/26 E. 5).
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Seite 6
4.
Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht
möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetz-
lichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG; Art. 83
Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den Hei-
mat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG unzumutbar
sein, wenn der Ausländer oder die Ausländerin im Heimat- oder Herkunfts-
staat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt
und medizinischer Notlage konkret gefährdet ist. Der Vollzug ist nach
Art. 83 Abs. 2 AIG nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer
weder in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat
ausreisen oder dorthin gebracht werden kann.
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
der Vollzug der Wegweisung nach Griechenland sei zulässig, zumutbar
und möglich. Griechenland sei an die Richtlinie 2011/95/EU des europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 13. Dezember 2011 (Qualifikations-
richtlinie) gebunden, welche die Ansprüche von Personen mit internationa-
lem Schutzstatus regle. Der Beschwerdeführer sei von Griechenland als
Flüchtling anerkannt worden, womit ihm alle Rechte der Flüchtlingskonven-
tion zustünden. Dazu gehöre die Gleichbehandlung mit griechischen
Staatsangehörigen, etwa in Bezug auf Zugang zu Gerichten, Bildung, Für-
sorge sowie soziale Sicherheit und Ausübung einer Erwerbstätigkeit. Es
sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer als international
Schutzberechtigter im Besitz eine Sozialversicherungsnummer – der
AMKA-Nummer – sei, mit welcher er Zugang zu den Sozialleistungen so-
wie zur Gesundheitsversorgung habe. Er sei gehalten, seine Ansprüche
bei den griechischen Behörden, nötigenfalls auf dem Rechtsweg, geltend
zu machen. Nichtregierungsorganisationen könnten ihm dabei unterstüt-
zend und beratend zur Seite stehen.
Betreffend den Gesundheitszustand sei der Sachverhalt als ausreichend
erstellt zu erachten und nicht davon auszugehen, dass aufgrund der ge-
sundheitlichen Situation eine Verletzung von Art. 3 EMRK drohe. Es könne
ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr
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nach Griechenland in eine medizinische Notlage geraten und sich sein Ge-
sundheitszustand bei einer Rückkehr drastisch verschlechtern würde.
Selbst wenn sich eine (...) und der Verdacht auf eine (...) bestätigen sollte,
ändere dies nichts an der Einschätzung des SEM. Griechenland verfüge
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur und sei verpflichtet, dem
Beschwerdeführer die notwendige medizinische Versorgung zu gewähren,
welche unter anderem die unbedingt erforderliche Behandlung von schwe-
ren psychischen Störungen umfasse. Zudem stünden eine Reihe von Un-
terstützungsangebote für Opfer von Folter und Gewalt zur Verfügung.
5.2 In der Rechtsmitteleingabe bringt der Beschwerdeführer vor, die men-
schenunwürdige Situation von Personen, welche in Griechenland einen
Schutzstatus erhalten hätten, sei als gerichtsnotorisch zu bezeichnen. Per-
sonen mit Schutzstatus, welche nicht über die nötigen Sprachkenntnisse,
finanziellen Ressourcen sowie entsprechende Netzwerke verfügten, sei es
nicht möglich, ihre Ansprüche auf dem Rechtsweg geltend zu machen. Zur
desolaten Situation in Griechenland könne auf die Berichte von Pro Asyl
und RSA verwiesen werden, welche bestätigten, dass Griechenland seinen
völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht annähernd nachzukommen ver-
möge. Deutsche und holländische Verwaltungsgericht hätten deshalb den
Vollzug der Wegweisung nach Griechenland für unzulässig erachtet. Die
Leistungen des griechischen Sozialsystems seien an derart lange Vor-
aufenthaltszeiten geknüpft, dass Personen, welche keinen mehrjährigen
Aufenthalt nachweisen könnten, davon ausgeschlossen seien. Wer über
keine Sozialversicherungsnummer verfüge, habe keinen Zugang zur öf-
fentlichen Gesundheitsversorgung. Aus den medizinischen Unterlagen
gehe hervor, dass er an Schmerzen im Bereich der (...) sowie an anam-
nestisch unklaren (...) leide und der Verdacht auf eine (...) bestehe. Zudem
habe er (...), (...) und (...) sowie diverse (...), welche möglicherweise auf
Folterungen zurückgingen.
5.3 In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, gemäss den einge-
reichten Arztberichten leide der Beschwerdeführer an einer (...) und es be-
stehe der Verdacht auf eine (...). Eine (...) des (...) und eine (...) hätten
keine Auffälligkeiten ergeben. Das Bundesverwaltungsgericht habe in di-
versen Urteilen, die Einzelpersonen mit einer (...) und zum Teil (...) betrof-
fen hätten, den Vollzug der Wegweisung nach Griechenland mit Bezug auf
das Referenzurteil E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 bestä-
tigt. (...) und (...) seien auch in Griechenland erhältlich und Personen mit
Schutzstatus hätten denselben Zugang zu medizinischer Versorgung wie
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griechische Staatsangehörige. Gemäss Akten sei es dem Beschwerdefüh-
rer möglich gewesen, in Griechenland ärztliche Hilfe in Anspruch zu neh-
men.
5.4 In der Replik macht der Beschwerdeführer geltend, er gehöre ohne
Zweifel der Gruppe der besonders verletzlichen Personen an. Die Vor-
instanz habe ausser Acht gelassen, dass er ein Folteropfer sei.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich im Referenzurteil
E-3427/2021, E-3431/2021 vom 28. März 2022 einlässlich mit der Situation
in Griechenland auseinandergesetzt und an seiner bisherigen Rechtspre-
chung festgehalten, wonach der Vollzug der Wegweisung nach Griechen-
land für Personen, die dort einen Schutzstatus erhalten haben, grundsätz-
lich zulässig ist. In Griechenland ist nicht von einer Situation auszugehen,
in der jeder Person mit Schutzstatus eine unangemessene und erniedri-
gende Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht. Trotz der schwierigen
Verhältnisse geht das Gericht davon aus, dass schutzberechtigte Perso-
nen grundsätzlich in der Lage sind, ihre existenziellen Bedürfnisse abzu-
decken (a.a.O. E. 11.2).
6.2 Gestützt auf Art. 83 Abs. 5 AIG besteht ferner die Vermutung, dass eine
Wegweisung in einen EU- oder EFTA-Staat in der Regel zumutbar ist
(a.a.O. E. 11.3). Die Legalvermutung der Zumutbarkeit des Vollzugs der
Wegweisung gilt bezüglich Griechenland grundsätzlich auch für vulnerable
Personen, wie zum Beispiel Schwangere oder Personen, die an gesund-
heitlichen Problemen leiden, die nicht als schwerwiegende Erkrankung ein-
zustufen sind (vgl. a.a.O. E. 11.5.1).
6.3 Es obliegt der betroffenen Person, diese Legalvermutungen umzustos-
sen. Dazu hat sie ernsthafte Anhaltpunkte dafür vorzubringen, dass die Be-
hörden im konkreten Fall das Völkerrecht verletzen, ihr nicht den notwen-
digen Schutz gewähren oder sie menschenunwürdigen Lebensumständen
aussetzen würden respektive, dass sie in Griechenland aufgrund von indi-
viduellen Umständen sozialer, wirtschaftlicher oder gesundheitlicher Art in
eine existenzielle Notlage geraten würde (vgl. a.a.O. E. 11.4).
7.
7.1 Der Beschwerdeführer hat in Griechenland einen subsidiären Schutz-
status erhalten. Als Schutzberechtigter kann er sich auf die Garantien der
Qualifikationsrichtlinie berufen (insbesondere die Regeln betreffend den
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Seite 9
Zugang zu Beschäftigung [Art. 26], zu Bildung [Art. 27], zu Sozialhilfeleis-
tungen [Art. 29], zu Wohnraum [Art. 32] und zu medizinischer Versorgung
[Art. 30]), auf die sich Griechenland als EU-Mitgliedstaat behaften lassen
muss. Aufgrund der Akten liegen auch keine Anhaltspunkte dafür vor, dass
er für den Fall einer Rückkehr nach Griechenland mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 des Übereinkommens
vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschli-
che oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) verbote-
nen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Es ist unbestritten, dass die
Lebensbedingungen in Griechenland schwierig sind; dennoch ist unter die-
sen Umständen im heutigen Zeitpunkt nicht von einem «real risk» auszu-
gehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Griechenland
einer menschenrechtswidrigen Behandlung ausgesetzt wäre. Auch unter
Berücksichtigung der Schwächen des griechischen Aufnahmesystems ver-
mag die blosse Möglichkeit, in nicht absehbarer Zeit aus nicht vorausseh-
baren Gründen in eine missliche Lebenssituation zu geraten, die einer Aus-
setzung einer existenziellen Notlage und andauernden menschenrechts-
widrigen Behandlung gleichkäme, die hohe Schwelle zu einem entspre-
chenden «real risk» nicht zu erreichen.
7.2
7.2.1 Gemäss Praxis des EGMR kann der Vollzug der Wegweisung eines
abgewiesenen Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen einen
Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen; hierfür sind jedoch ganz ausser-
gewöhnliche Umstände Voraussetzung (vgl. Urteil Paposhvili gegen Bel-
gien vom 13. Dezember 2016, 41738/10, § 183).
7.2.2 Dem Bericht der F._ vom 4. August 2022 lässt sich entneh-
men, dass sich der Beschwerdeführer seit dem 14. Juli 2022 in (...) befinde
und bisher drei Sitzungen stattgefunden haben. Als Diagnosen wurden
eine (...) und der Verdacht auf eine (...) sowie auf (...) festgehalten. Zurzeit
lägen (...) vor, welche mit (...) und (...) einhergingen. Daraus resultiere
mitunter (...). Der Beschwerdeführer schildere beständigen Körper-
schmerz in (...) und (...), welcher in seiner Ausprägung in Modulation mit
seinem subjektiven Befinden respektive dem (...) stehe. Anhaltspunkte für
akute Selbst- oder Fremdgefährdung bestünden nicht. Er sei auf eine am-
bulante psychiatrische Behandlung angewiesen.
7.2.3 Beim aktuellen Gesundheitszustand des Beschwerdeführers kann
nicht von einem gravierenden Krankheitsbild ausgegangen werden, wel-
ches die Annahme der Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung im
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Sinne der zitierten Rechtsprechung rechtfertigen würde. Es liegen keine
konkreten Hinweise vor, dass der Beschwerdeführer im Falle seiner Rück-
kehr nach Griechenland einer unmenschlichen oder erniedrigenden Be-
handlung im Sinne von Art. 3 EMRK ausgesetzt wäre. Der Vollzug der
Wegweisung erweist sich somit als zulässig.
7.3 Betreffend die Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung ist mit der
Vorinstanz festzustellen, dass Griechenland an die Qualifikationsrichtlinie
gebunden ist. Auch wenn eine adäquate Eingliederung des Beschwerde-
führers in die sozialen Strukturen Griechenlands als Person mit internatio-
nalem Schutzstatus mit nicht zu verkennenden Erschwernissen verbunden
ist, vermögen seine Vorbringen die hohen Anforderungen an eine konkrete
Gefährdung nicht zu erfüllen. Beim Beschwerdeführer handelt es sich um
einen (...)-jährigen Mann, welcher bereits anderthalb Jahre in Griechen-
land verbracht hat. Auch unter Berücksichtigung seiner psychischen Be-
schwerden darf von ihm erwartet werden, sich bei Unterstützungsbedarf
an die griechischen Behörden zu wenden und die erforderliche Hilfe nöti-
genfalls auf dem Rechtsweg einzufordern. Nichtregierungsorganisationen
können ihm in dieser Hinsicht behilflich sein. Aus den Akten geht nicht her-
vor, dass er wiederholt aktiv um Hilfe bei den griechischen Behörden oder
Hilfsorganisationen ersucht hätte oder ihm – insbesondere hinsichtlich der
Unterbringungsmöglichkeiten – dauerhaft Unterstützung verweigert wor-
den wäre. Zudem ist nicht ersichtlich, dass er rechtlich gegen eine allfällige
Verweigerung von Unterstützungsleistungen vorgegangen wäre.
7.4
7.4.1 In Bezug auf den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers ist
festzuhalten, dass gemäss konstanter Praxis aus medizinischen Gründen
nur dann auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu schliessen ist,
wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Zielstaat nicht zur Ver-
fügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden
Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes der betroffenen Person füh-
ren würde. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und dringende medi-
zinische Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer men-
schenwürdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jeden-
falls noch nicht vor, wenn im Zielstaat eine nicht dem schweizerischen
Standard entsprechende medizinische Behandlung möglich ist (vgl. BVGE
2011/50 E. 8.3, 2009/52 E. 10.1, 2009/51 E. 5.5, 2009/28 E. 9.3.1, 2009/2
E. 9.3.2).
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7.4.2 Aufgrund der gestellten Diagnosen (vgl. E. 7.2.2) kann nicht ge-
schlossen werden, der Beschwerdeführer sei auf eine dringende medizini-
sche Behandlung angewiesen, welche zur Gewährleistung einer men-
schenwürdigen Existenz notwendig ist. Entgegen der Auffassung in der
Replik sind die medizinischen Leiden des Beschwerdeführers nicht als
schwerwiegende Erkrankung im Sinne des Referenzurteils E-3427/2021,
E-3431/2021 einzustufen. Beim Beschwerdeführer handelt es sich somit
nicht um eine besonders vulnerable Person, für welche sich der Vollzug
der Wegweisung grundsätzlich als unzumutbar erweisen würde. Er hatte
in Griechenland Zugang zur Gesundheitsversorgung. Es ist weder darge-
tan noch ersichtlich, inwiefern es ihm bei einer Rückkehr nicht möglich sein
sollte, eine griechische Sozialversicherungsnummer zu beantragen, wel-
che Zugang zum griechischen Gesundheits- und Versicherungswesen ge-
währt. Zudem haben in lebensbedrohlichen Situationen alle Personen, un-
abhängig von ihrem rechtlichen Status, in Griechenland Zugang zu Notfall-
stationen (vgl. Referenzurteil E. 9.8.2). Bei dieser Sachlage besteht kein
Anlass zur Einholung individueller Garantien betreffend adäquate Unter-
bringung und Zugang zu medizinischer Versorgung (vgl. statt vieler Urteil
des BVGer E-319/2021 vom 27. Januar 2021 E. 5.5 m.H.).
7.4.3 Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, die Vorinstanz habe ausser
Acht gelassen, dass er ein Folteropfer sei, ist festzuhalten, dass er dies
erstmals in der Replik geltend gemacht hat. In der Beschwerde führte er
lediglich aus, er habe Verletzungen, welche möglicherweise auf Folterun-
gen zurückzuführen seien. Die Vorinstanz hat jedenfalls in der angefochte-
nen Verfügung zutreffend ausgeführt, dass in Griechenland Unterstüt-
zungsangebote für Opfer von Folter und Gewalt bestünden und der Be-
schwerdeführer gehalten sei, diese bei Bedarf in Anspruch zu nehmen.
Entgegen den Ausführungen in der Replik hat die Vorinstanz sodann den
Antrag auf Einholung eines Gutachtens nach Istanbul-Protokoll behandelt
und diesen abgelehnt.
7.4.4 Insgesamt ist nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer gerate
bei einer Rückkehr nach Griechenland in eine Existenz gefährdende Situ-
ation. An dieser Einschätzung vermögen auch die vom Beschwerdeführer
angerufenen Länderberichte und Urteile deutscher und holländischer Ver-
waltungsgerichte sowie die eingereichten Fotos nichts zu ändern. Zur Ver-
meidung von Wiederholungen kann im Übrigen auf die Erwägungen in der
angefochtenen Verfügung und der Vernehmlassung verwiesen werden.
Der Vollzug der Wegweisung ist demnach zumutbar.
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Seite 12
7.5 Nachdem die griechischen Behörden einer Rückübernahme des Be-
schwerdeführers ausdrücklich zugestimmt haben, ist der Vollzug der Weg-
weisung auch möglich (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.6 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass auch die nach Einschätzung
des Gerichts in der Schweiz deutlich besseren Lebensumstände für
schutzberechtigte Personen für die Bejahung von Wegweisungsvollzugs-
hindernissen nicht ausreichen. Insbesondere steht es den um Schutz
ersuchenden Personen nicht frei, ihren Aufenthaltsstaat selbst zu wählen.
7.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist. Für
eine Rückweisung der Sache an die Vorinstanz besteht kein Anlass, womit
der entsprechende Eventualantrag abzuweisen ist. Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm mit Zwischenverfügung
vom 14. September 2021 die unentgeltliche Prozessführung gewährt
wurde und nicht von einer Veränderung der finanziellen Verhältnisse aus-
zugehen ist, sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
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