Decision ID: 9ab9c54f-ae02-59ad-a82a-1d910ec1bee3
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eine afghanische Staatsangehörige – verliess den
Iran, wo sie seit ihrer Geburt gelebt habe, gemäss eigenen Angaben an-
fangs 2016 und gelangte über die Türkei nach Griechenland. Am 16. April
2019 reiste sie über Deutschland illegal in die Schweiz, wo sie gleichentags
ein Asylgesuch einreichte. Am 23. April 2019 fand die Personalienauf-
nahme (PA) statt.
B.
Am 22. Mai 2019 fand das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 («Dublin-Gespräch 1») statt.
C.
Am 28. Mai 2019 gelangte das SEM mit einem Informationsersuchen be-
züglich des Asylverfahrens der Beschwerdeführerin an Griechenland. Am
7. Juni 2021 antworteten die griechischen Behörden, sie sei in Griechen-
land als Flüchtling registriert.
D.
Am 11. Juni 2019 gelangte das SEM mit einem Wiederaufnahmeersuchen
an Griechenland. Die griechischen Behörden stimmten dem Ersuchen am
25. Juni 2019 zu.
E.
Nachdem die Vorinstanz am 4. Juli 2019 der Beschwerdeführerin den Ent-
scheidentwurf zur Stellungnahme unterbreitet hatte, nahm diese am 9. Juli
2019 dazu Stellung. Die Beschwerdeführerin sei in Griechenland während
45 Tagen von einem Schlepper festgehalten und von ihm und seinen
Freunden vergewaltigt worden. Aufgrund dieser Vorfälle leide sie immer
noch an starken Blutungen und vaginalen Beschwerden. Sie sei noch kei-
ner Gynäkologin zugewiesen worden und habe psychische Probleme. Der
medizinische Sachverhalt sei nicht ausreichend abgeklärt. Weiter sei das
SEM seiner Identifizierungspflicht eines potentiellen Opfers von Men-
schenhandel und der Pflicht zur Einräumung einer Erholungs- und Bedenk-
zeit nicht nachgekommen.
Bezüglich des weiteren Inhalts der Stellungnahme kann auf die Akten ver-
wiesen werden.
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F.
Am 16. Juli 2019 reichte die Beschwerdeführerin den Einschätzungsbe-
richt der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) vom 11. Juli
2019 ein, wonach sie als Opfer von Menschenhandel zu qualifizieren sei.
Am 15. November 2019 reichte sie den Verlaufsbericht der FIZ zu den Ak-
ten.
G.
Am 31. Juli 2019 («Dublin-Gespräch 2») und am 9. August 2019 («Dublin-
Gespräch 3») wurde die Beschwerdeführerin im Rahmen erweiterter Dub-
lin-Gespräche angehört.
H.
Mit Verfügung vom 14. August 2019 wurde der Beschwerdeführerin eine
Erholungs- und Bedenkzeit von 30 Tagen ab dem 9. August 2019 gewährt.
I.
Am 7. November 2019 teilte das SEM der Beschwerdeführerin mit, ihr Asyl-
gesuch werde in der Schweiz geprüft, und erklärte das Rückübernahme-
Verfahren mit Griechenland für beendet.
J.
Am 10. Dezember 2020 wurde die Beschwerdeführerin vom SEM zur Ein-
reichung von Gerichtsunterlagen betreffend Anzeige, Vorladung, Verurtei-
lung und Freilassung sowie von Studienbestätigungen aufgefordert.
K.
Mit Eingabe vom 11. Januar 2021 erklärte die Beschwerdeführerin, sie
könne die verlangten Dokumente nicht beschaffen. Einerseits studiere sie
seit sieben Jahren nicht mehr, weshalb sie sich nicht an ihre Studenten-
nummer erinnere. Aufgrund der bürokratischen Hürden bestünden keine
Aussichten, eine Bestätigung der Universität zu erlangen, ohne dabei an-
wesend zu sein. Die Einholung von Dokumenten werde zusätzlich er-
schwert, weil sie ihr Studium nicht abgeschlossen habe und auch nicht auf
Unterstützung ihrer Kernfamilie zählen könne. Andererseits würden sich
die verlangten Gerichtsdokumente (eine Vorladung, ein Urteilsentwurf und
das Schreiben bezüglich Kaution) entweder bei ihren Eltern – ihr Vater ver-
folge sie und dürfe nicht von ihrem Aufenthalt in der Schweiz erfahren –
oder im Haus der Familie im Iran befinden. Sie gehe davon aus, dass ihr
Dossier beim Revolutionsgericht noch offen sei und sie gemäss iranischen
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Gesetzen heute als geflüchtete Person gelte. Es sei ihr aufgrund ihrer Ge-
fährdung auch nicht zumutbar, sich Zugang zu den Dokumenten zu be-
schaffen.
L.
Am 5. März 2020 wurde die Beschwerdeführerin zu ihren Asylgründen an-
gehört und am 1. April 2021 fand die ergänzende Anhörung (EA) statt.
Zur Begründung ihres Gesuches machte die Beschwerdeführerin im We-
sentlichen geltend, sie sei wegen «Zena» (Anm. des Gerichts: uneheliche
sexuelle Beziehung/Ehebruch oder Unzucht in der Öffentlichkeit) vom ira-
nischen Revolutionsgericht zu 100 Peitschenhieben, Haft und einer Geld-
busse verurteilt worden. Dies, weil Herasat-Mitglieder sie zusammen mit
ihrem Freund an der Universität gesehen und sie nach mehrmaliger bezie-
hungsweise dreimaliger Verwarnung bei der Universitätsleitung angezeigt
hätten, vermutlich, weil sie die Avancen eines Herasat-Mitglieds abgelehnt
habe. Sie sei zusammen mit ihrem Freund beziehungsweise alleine vom
Direktor vorgeladen worden. Danach habe die Herasat eine Anzeige vor-
bereitet und diese ans Revolutionsgericht weitergeleitet. Der Richter habe
sie vorgeladen und verfügt, sie müsse sich von einem Gerichtsmediziner
untersuchen lassen. Die Herasat hätten vier Zeugen gehabt, sie habe be-
antragt, ebenfalls Zeugen beizubringen, um Zeit zu gewinnen. Dank einer
Bürgschaft – der Besitzurkunde des Hauses ihrer Tante mütterlicherseits –
habe sie nach Hause gehen können. Sie sei danach von der Universität
während eines Semesters suspendiert worden.
Weiter befürchte sie, Opfer einer Zwangsheirat zu werden. Ihr Vater, ein
sehr religiöser und strenger Mann, habe bereits ihre Schwester angezün-
det und zwangsverheiratet. Sie, die Beschwerdeführerin, sei als Kind ihrem
Cousin, der mittlerweile mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in Deutsch-
land lebe, versprochen worden. Sie habe ihrem Vater nichts vom Zena-
Gerichtsprozess erzählt. Er habe bloss gewusst, dass sie aufgrund einer
Diskussion mit einem Professor eine Gerichtsvorladung erhalten habe. Er
sei aber misstrauisch geworden und habe sie in einem Kaffee mit ihrem
Freund entdeckt. Auf der Autofahrt nach Hause habe er sie geohrfeigt und
zuhause versucht, sie mit Benzin anzuzünden. Sie und ihre Mutter hätten
geschrien, sodass die Nachbarn zu Hilfe gekommen seien und sie zu einer
Kollegin habe fliehen können – sie sei etwa eine Woche später mithilfe ei-
nes Schleppers illegal aus dem Iran ausgereist.
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In der Türkei habe ihr Vater sie gefunden, woraufhin die Familie nach Grie-
chenland gereist sei, wo sie den Flüchtlingsstatus erhalten hätten. Das Ziel
ihres Vaters sei gewesen, sobald sie einen griechischen Pass erhalten
hätte, ihr Verhalten in Deutschland von einem Mullah beurteilen zu lassen.
Sie sei vor ihrem Vater nach Athen geflohen, wo sie von einem Schlepper
während 45 Tagen festgehalten und von ihm und seinen Kollegen verge-
waltigt worden sei. Im Jahr 2018 habe sie einen afghanischen Staatsange-
hörigen geheiratet, mit dem sie in die Schweiz gereist sei. Sie habe keinen
Kontakt mehr zu ihren Eltern und Geschwistern in Griechenland.
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin nebst ärztli-
chen Kurzberichten im Verlauf des Verfahrens unter anderem verschie-
dene medizinische Unterlagen zu den Akten:
– Bericht der Gynäkologie vom 25. Juli 2019
– Medizinische Dokumentationen vom 12.-19. August 2019
– Medizinischer Bericht der Sprechstunde für Transkulturelle Psychiatrie
vom 17. September 2019
– Bericht der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 12. November
2019 betreffend PTBS und schwerer depressiver Episode, inkl. Sui-
zidgedanken (stationäre Behandlung)
– Medizinischer Bericht vom 20. November 2019 der Neuroradiologie
(Schmerzen und Taubheitsgefühl)
– Austrittsbericht der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 6. Ja-
nuar 2020 mit Diagnose PTBS und schwere depressive Episode und
Empfehlung Teilnahme an traumaspezifischer psychotherapeutischer
Behandlung
M.
Am 1. Februar 2021 wurde der Beschwerdeführer geboren.
N.
Mit Verfügung vom 11. Mai 2021 – eröffnet am 12. Mai 2021 – lehnte das
SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführenden im Rahmen des erweiter-
ten Verfahrens ab und ordnete die Wegweisung an, nahm sie jedoch we-
gen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der Schweiz vorläufig
auf.
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O.
Mit Eingabe vom 10. Juni 2021 – wohl versehentlich datiert auf den 10. Mai
2021 – erhoben die Beschwerdeführenden in eigenem Namen gegen die-
sen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Beantragt
wurde unter anderem die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung sowie
eventualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur vollständi-
gen Feststellung des Sachverhalts. In prozessualer Hinsicht wurde um un-
entgeltliche Prozessführung sowie Verzicht auf Kostenvorschuss ersucht.
P.
Mit Zwischenverfügung vom 21. Juni 2021 stellte die Instruktionsrichterin
fest, die Beschwerdeführenden dürften den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten, und hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung sowie um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht
gut.
Q.
In seiner Vernehmlassung vom 5. Juli 2021 hielt das SEM vollumfänglich
an seinen Erwägungen fest. Die Vernehmlassung wurde den Beschwerde-
führenden mit Verfügung vom 7. Juli 2021 zur Stellungnahme innert Frist
zugestellt.
R.
Mit Eingabe vom 13. Juli 2021 zeigte die rubrizierte Rechtsvertreterin das
Mandatsverhältnis an. Gleichzeitig wurde um ihre Beiordnung als amtliche
Rechtsbeiständin, um Fristerstreckung für die Replik sowie um umfas-
sende Akteneinsicht bezüglich der vorinstanzlichen Akten ersucht.
S.
Mit Zwischenverfügung vom 20. Juli 2021 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um amtliche Verbeiständung gut und setzte die rubrizierte
Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin der Beschwerdeführen-
den ein. Das SEM wurde angewiesen, das Akteneinsichtsgesuch zu be-
handeln, und die Frist zur Stellungnahme wurde antragsgemäss erstreckt.
T.
Nach erneuter Fristerstreckung nahmen die Beschwerdeführenden mit
Replik vom 9. September 2021 durch ihre Rechtsvertreterin zur Vernehm-
lassung des SEM Stellung.
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Seite 7
U.
Mit Eingabe vom 10. September 2021 reichten sie eine Replikverbesse-
rung sowie eine Kostennote zu den Akten.
V.
Mit Eingabe vom 23. Februar 2022 – wohl versehentlich datiert auf den
10. September 2021 – reichte die rubrizierte Rechtsvertreterin eine aktua-
lisierte Kostennote zu den Akten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Fragen der Flücht-
lingseigenschaft, des Asyls und der verfügten Wegweisung. Der Wegwei-
sungsvollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Be-
schwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
vorläufig aufgenommen hat.
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3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
4.
Von den Beschwerdeführenden wird im Sinne eines Eventualbegehrens
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz beantragt. Insofern sie sinngemäss rügen, das SEM
habe der psychischen Verfassung der Beschwerdeführerin nicht genügend
Rechnung getragen, ist darauf hinzuweisen, dass sie von einem Frauen-
team befragt worden ist und ihr eine Erholungs- und Bedenkzeit von 30
Tagen gewährt wurde. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwer-
deführerin insgesamt fünf Mal befragt wurde, weshalb der Sachverhalt vor-
liegend erstellt ist. Eine Verletzung der Begründungspflicht hinsichtlich der
Vorbringen bezüglich Zwangsheirat ist nicht ersichtlich, zumal das SEM die
entsprechenden Vorbringen im Sachverhalt aufgenommen und rechts-
genüglich dargetan hat, weshalb es nicht von einer asylrechtlich relevanten
Verfolgung in diesem Zusammenhang ausgeht. Das Gericht entscheidet in
der Sache selbst (vgl. Art. 61 Abs. 1 VwVG).
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG; vgl. zur Glaubhaftmachung
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
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Seite 9
6.
6.1 Das SEM hielt zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen fest,
einerseits habe sie angegeben, ihr Vater sei ein sehr religiöser und traditi-
oneller Mann, der nur auf seine Ehre bedacht gewesen sei, wobei Frauen
für ihn kein Recht zum Leben gehabt hätten. Andererseits habe sie geltend
gemacht, die Universität besucht zu haben. Sie habe zunächst auswei-
chend geantwortet, indem sie gesagt habe, sie hätte zwei Mal eine Aufnah-
meprüfung für Universitäten in Teheran und Isfahan gemacht und sei auf-
genommen worden, habe aber nicht zur Universität gehen können. Dass
sie die Aufnahmeprüfungen habe absolvieren können, sei nicht vereinbar
mit der angeblichen Denkweise ihres Vaters. Konkrete Angaben wie es ihr
trotz der Einstellung und des Widerstands des Vaters gelungen sei, an die
Universität zu gehen, sei sie jedoch schuldig geblieben, was erste Zweifel
an ihren Aussagen wecke. Weiter habe sie widersprüchliche Angaben zur
Suspendierung von der Universität gemacht (einerseits aufgrund fehlender
Aufenthaltspapiere und andererseits aufgrund des Gerichtsverfahrens).
Zudem habe sie auf gezieltes Befragen wiederholt ausweichende und all-
gemeine Antworten gegeben. Sie habe auf die Frage, was ihr vom Herasat
genau vorgeworfen worden sei, geantwortet, die Herasat-Mitarbeiter hät-
ten alle kontrolliert, wobei sich Studentinnen und Studenten nicht zusam-
men in einem Raum hätten befinden dürfen. In Bezug auf die Ermahnun-
gen, die sie und ihr Freund erhalten hätten, habe sie lediglich gesagt, sie
sei zwei Mal vom Herasat gemahnt und das dritte Mal vom Direktor vorge-
laden worden. Auch ihre Antwort, wie sie genau mit ihrem Freund an der
Universität entdeckt worden sei, sei sehr pauschal geblieben. Sie habe an-
gegeben, an einem Tisch dürften nicht zwei Mädchen und zwei Jungen
zusammensitzen; wenn man dies tue, werde man gewarnt. Detailliertere
Ausführungen bezüglich dieser Kontrollen und Vorwürfe sei sie schuldig
geblieben. Überdies habe sie widersprüchliche Angaben zum Gespräch
mit dem Direktor der Universität gemacht. Bei der ersten Befragung habe
sie gesagt, sie und ihr Freund seien vom Direktor vorgeladen und zusam-
men befragt worden. Bei der zweiten Befragung habe sie ihren Freund
nicht mehr erwähnt, sondern lediglich gesagt, sie sei vom Direktor vorge-
laden worden. Dann habe sie gesagt, sie erinnere sich nicht mehr genau,
ob ihr Freund im Warteraum gewartet habe. Sie habe diesen Widerspruch
mit Erinnerungslücken und einer ausweichenden Antwort zu erklären ver-
sucht. Die Erklärung, sie habe sich immer wieder für eine Unterschrift zum
Direktor begeben müssen, wobei er sie auch über Beschwerden informiert
habe, müsse als Schutzbehauptung gelten, zumal der Direktor ihr mitgeteilt
habe, dass eine Anzeige beim Revolutionsgericht eingereicht werde. Es
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sei nicht nachvollziehbar, dass sie sich dabei nicht mehr an die Anwesen-
heit ihres Freundes erinnern könne.
Auch den Ablauf vor Gericht habe sie nicht anschaulich, sondern detailarm
und ohne inhaltliche Besonderheiten geschildert. Ihre Aussagen würden
sich in Allgemeinplätzen erschöpfen, die von irgendjemandem hätten nach-
erzählt werden können. Auch bezüglich ihres Freundes sei zu erwarten ge-
wesen, dass sie ihn respektive seine Wesensart spontan und ausführlich
hätte beschreiben können. Auch die Frage, wie sie ihren Freund heimlich
getroffen habe, habe sie zunächst nicht ernst genommen. Indem sie gesagt
habe, sie wolle nicht mehr über ihn sprechen, sei sie weitere Angaben
schuldig geblieben. Ihre Antworten würden einen undifferenzierten Ein-
druck hinterlassen und liessen jegliche Besonderheiten vermissen. Auch
die geltend gemachte Flucht von zu Hause und die Erzählungen zum Ben-
zin-Übergiessen wiesen keinerlei Realkennzeichen auf und seien sehr
schematisch geblieben.
Zu den Befragungsumständen hielt das SEM fest, zwar habe die Be-
schwerdeführerin gesagt, die Frage nach ihrem Freund habe sie an den
Schlepper erinnert, der sie vergewaltigt habe, weshalb sie sich bei der Be-
fragung erneut vergewaltigt gefühlt habe. Sie habe wiederholt gesagt, dass
sie über die Fragen nicht sprechen wolle, weil sie schon mehrfach darüber
gesprochen habe und es ihr erneut schlecht gehen würde. Der diagnosti-
zierten PTBS sei aber im gesamten Verlauf des Asylverfahrens Rechnung
getragen worden. Wiederholt sei sie von der Befragerin bezüglich einer
möglichen Pause angesprochen worden. Es sei auch Verständnis dafür
gezeigt worden, dass es ihr schwerfallen dürfte, über gewisse Gescheh-
nisse zu sprechen. Die jeweils anwesende Rechtsvertreterin habe sich
denn auch zu keinen diesbezüglichen Interventionen oder Bemerkungen
veranlasst gesehen. Zudem würden die Protokolle keine Anhaltspunkte da-
für enthalten, dass sich ihre psychischen Probleme bezüglich Glaubhaf-
tigkeit nachteilig auf ihr Aussageverhalten ausgewirkt hätten. Auch der ärzt-
liche Bericht vom 6. Januar 2020 halte fest, dass sie wach und bewusst-
seinsklar und zu sämtlichen Quellen orientiert sei. Schliesslich habe sie
trotz entsprechender Aufforderung ihre Vorbringen mit keinerlei Beweismit-
teln, etwa den Unterlagen der Hausverpfändung, belegen können. Somit
könnten ihre Aussagen bezüglich ihres Freundes sowie der Anklage res-
pektive Verurteilung des Revolutionsgerichts nicht geglaubt werden.
Hinsichtlich des geltend gemachten Menschenhandels in Griechenland
hielt die Vorinstanz fest, aufgrund der Aktenlage könne nicht geschlossen
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werden, dass sich diese Probleme auch nach Afghanistan erstrecken wür-
den, weshalb darauf verzichtet werden könne, diese Erlebnisse im Asylent-
scheid zu thematisieren und einer Glaubhaftigkeitsprüfung zu unterziehen,
zumal sie nicht geltend mache, jemand sei über die Geschehnisse in Grie-
chenland informiert.
Bezüglich der Ausführungen zur afghanischen Staatsangehörigkeit der Be-
schwerdeführenden kann auf die Akten verwiesen werden.
6.2 In ihrer Rechtsmitteleingabe hielten die Beschwerdeführenden im We-
sentlichen fest, dass die Beschwerdeführerin bei den Befragungen auf-
grund ihrer schrecklichen Erlebnisse sehr gestresst gewesen sei. Obwohl
es ihr schwergefallen sei, habe sie so viel wie möglich und ausführlich über
ihre Verfolgungsgeschichte berichtet. Sie sei auf der Flucht verkauft wor-
den und habe viel sexuelle Gewalt erfahren, weshalb sie von der FIZ un-
terstützt werde. Es gebe Dinge, an die sie sich nicht gerne erinnere, weil
dadurch viel Stress ausgelöst werde. Diesem Umstand habe das SEM
nicht genügend Rechnung getragen. Es werde ihr Zena vorgeworfen, wes-
halb ihr eine lange Haftstrafe drohe, wobei eine Tötung durch ihre Familien-
mitglieder ebenfalls nicht ausgeschlossen werden könne. Ehrenmorde
seien in Afghanistan weit verbreitet, wobei keine ausreichenden staatlichen
Schutzmechanismen vorhanden seien.
Bezüglich ihrer Ausführungen zur afghanischen Staatsangehörigkeit kann
auf die Akten verwiesen werden.
6.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, es bezweifle die diag-
nostizierte PTBS nicht. Es werde auch nicht in Abrede gestellt, dass eine
Traumatisierung das Aussageverhalten von Menschen beeinflussen und
bisweilen dazu führen könne, dass ein Sachverhalt unterschiedlich oder
nicht vollumfänglich dargestellt werden könne. Indessen sei auch von den
widerspruchsfreien und mehrheitlich übereinstimmenden Grundzügen der
Fluchtgeschichte auszugehen. Laut den eingereichten Arztberichten seien
bei der Beschwerdeführerin keine formalgedanklichen und inhaltlichen
Denkstörungen gefunden worden. Ihre Aussagen würden mehrere erheb-
liche Widersprüche ihrer Kernvorbringen betreffen, die sich nicht durch die
in den ärztlichen Berichten erwähnten Beeinträchtigungen erklären liessen.
Gemäss dem SEM habe sie deshalb ihre Vorbringen nicht glaubhaft ge-
macht.
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6.4 In ihrer Replik beziehungsweise Replikverbesserung hielten die Be-
schwerdeführenden fest, die Vorinstanz begründe die Unglaubhaftigkeit
der Zwangsheirat nicht näher, weshalb die diesbezüglichen Zweifel des
SEM unklar blieben. Ferner sei zu berücksichtigen, dass es sich bei der
Beschwerdeführerin um ein Opfer von Menschenhandel handle und sie an
einer PTBS leide. Ihr psychischer Gesundheitszustand habe ihr Aussage-
verhalten zweifellos beeinflusst, was sich aus den verschiedenen Arztbe-
richten ergebe. Die Behauptung der Vorinstanz, wonach sich in den Aus-
sageprotokollen angeblich keine Hinweise dafür finden würden, dass die
Befragungen für die Beschwerdeführerin emotional und körperlich sehr be-
lastend gewesen seien, könne unter Berücksichtigung der in den Protokol-
len enthaltenen zahlreichen Anmerkungen nicht gehört werden. Ihrem Ge-
sundheitszustand sei zu wenig Rechnung getragen worden, obschon wis-
senschaftlich erwiesen sei, dass Folter- und Gewaltopfer ihre traumati-
schen Erlebnisse oft verdrängen würden, Scham- oder Schuldgefühle hät-
ten oder an einer PTBS leiden würden. Zudem treffe nicht zu, dass sich in
den ärztlichen Berichten keine Hinweise auf eine gesundheitliche Beein-
trächtigung der Beschwerdeführerin finden liessen, die sich auf ihr Aussa-
geverhalten ausgewirkt hätten. Laut den ärztlichen Berichten leide sie an
Denkstörungen es sei kein Gespräch mit ihr führbar gewesen, weil sie ext-
rem verängstigt und wortkarg gewesen sei. Ähnliches würde auch die FIZ
in ihrem Bericht festhalten.
Bezüglich der von der Vorinstanz aufgeführten Widersprüche sei Folgen-
des anzumerken: Es sei unklar, inwiefern die Vorinstanz von einem Wider-
spruch bezüglich des Verlassens der Universität ausgehe. Die eine Erklä-
rung schliesse die andere nicht aus. Sie habe durch die Suspendierung
auch ihre Zulassung zur Universität verloren. Sie habe äusserst nachvoll-
ziehbare Aussagen dazu gemacht, wie es ihr trotz des Widerstands des
Vaters gelungen sei, an die Universität zu gehen. Es sei auch auf die We-
sensbeschreibungen der Beschwerdeführerin betreffend ihren Vater zu
verweisen. Weiter habe die Vorinstanz die zahlreichen positiven Glaubhaf-
tigkeitselemente vollständig ausgeblendet, obschon sie während der An-
hörung anerkannt habe, dass sie in der Lage gewesen sei, längere Rede-
beiträge zu leisten und die Dialoge sowie Vorfälle in eine chronologische
Reihenfolge zu bringen. Auch die zeitlichen Angaben der Beschwerdefüh-
rerin seien äusserst genau sowie fortlaufend korrekt und widerspruchsfrei
ausgefallen, wobei sie auch immer wieder unaufgefordert Einzelheiten prä-
zise vorgebracht habe. Ihre Aussagen würden Einblicke in ihre Gedanken-
gänge zulassen (Furcht, sie würde aufgrund der fehlenden iranischen Do-
kumente vom Richter wohl trotz männlicher Zeugen verurteilt werden, der
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Vater würde sie wohl selbst bestrafen und die Entführung durch den Vater
in der Türkei). Zudem seien ihre Aussagen entgegen der Behauptung der
Vorinstanz mit zahlreichen ausgefallenen Details behaftet, wie etwa dem
Wegbeschrieb zum Haus ihres Freundes, den sie auch mit ihren Fingern
auf den Tisch gezeichnet habe, sowie den Beschrieb, wie sie sich mit ihrem
Freund jeweils in der Mittagszeit getroffen habe. Solche Details erfinde
man nicht, wenn sie nicht tatsächlich vorgefallen seien. Schliesslich sei auf
ihre Gefühlsregungen und körperlichen Reaktionen, welche die Vorinstanz
mit keinem Wort erwähne, hinzuweisen. Die Anhörungen, die Zentrums-
verlegungen und Schilderungen ihrer Gespräche mit der FIZ hätten heftige
körperliche Reaktionen ausgelöst. Aufgrund des akuten Suizidrisikos habe
sie sich für mehrere Wochen in stationäre Behandlung begeben müssen
(ihr Mann habe sie mit einem Messer gesehen und sie in der Nähe der
Bahngleise gefunden; sie habe sich vor einen Zug werfen wollen). Bezüg-
lich der Einreichung der iranischen Gerichtsunterlagen werde vollumfäng-
lich auf die Stellungnahme der zugewiesenen Rechtsvertretung vom
11. Januar 2021 verwiesen, wobei das Gerichtsverfahren im Iran für die
Beurteilung der Verfolgung der Beschwerdeführerin in Afghanistan nur be-
dingt eine Rolle spiele. Schliesslich habe sie ihre Vorbringen über fünf Be-
fragungen und einen längeren Zeitraum hinweg in sich stimmig, wider-
spruchsfrei und detailliert wiedergegeben. Die Einschätzung der Fachärzte
und Fachstellen sowie die Übereinstimmung des individuell-konkreten
Sachverhalts mit den herrschenden Lebensverhältnissen von afghani-
schen Frauen spreche zusätzlich für die Glaubhaftigkeit ihrer Vorbringen.
Angesichts der positiven Glaubhaftigkeitselemente und unter Berücksich-
tigung ihres Gesundheitszustandes sei von der Glaubhaftigkeit ihrer Vor-
bringen auszugehen.
Zur Asylrelevanz hielten sie mit Verweis auf das Urteil D-3501/2019 vom
21. August 2019 fest, bereits ein Verdacht eines als unmoralisch angese-
henen Verhaltens einer Frau könne die Familienehre verletzen und ein Ehr-
verbrechen auslösen. Sie habe mit ihrer Flucht als alleinstehende, unver-
heiratete Frau, die eine aussereheliche Beziehung geführt habe, sowie
dem Sich-Widersetzen gegen die bevorstehende Zwangsheirat gegen die
in Afghanistan herrschenden kulturellen Wertvorstellungen und sozialen
Normen verstossen. Ihr Vater habe sie geschlagen und eingesperrt, als sie
sich gegen die bevorstehende Zwangsheirat habe wehren wollen. Ange-
sichts des konservativen Umfelds, in dem sie aufgewachsen sei, sowie der
bereits erlittenen Gewalt durch ihre Familie sei davon auszugehen, dass
sie bei ihrer Rückkehr aufgrund des Weglaufens von zu Hause eine be-
gründete Furcht vor Verfolgung habe, erhebliche Nachteile im Sinne von
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Art. 3 AsylG zu erleiden. Es sei davon auszugehen, dass die in Afghanistan
verbliebenen Familienangehörigen, zu denen der Vater in Kontakt stehe,
stellvertretend die Familienehre wiederherstellen würden. Gemäss dem
Urteil D-3501/2019 des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. E. 5.4.5-6) sei
Afghanistan für Frauen und Mädchen weiterhin ein sehr gefährliches Land.
Der afghanische Staat sei nicht nur nicht schutzfähig, sondern auch nicht
schutzwillig bezüglich geschlechtsspezifischer Übergriffe gegen Frauen
und Mädchen. Dies gelte umso mehr, seit die Taliban an der Macht seien.
Sie würde als Frau nicht denselben staatlichen Schutz erhalten, mit dem
im Allgemeinen männliche Opfer privater Gewalt rechnen könnten, womit
eine frauenspezifische Verfolgung und ein flüchtlingsrechtlich relevantes
Verfolgungsmotiv zu bejahen seien. Eine innerstaatliche Schutzalternative
könne ausgeschlossen werden – sie erfülle die Flüchtlingseigenschaft.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt nach Durchsicht der Akten zum
Schluss, dass es den Beschwerdeführenden nicht gelingt, eine asylrele-
vante Verfolgung glaubhaft zu machen. Die diesbezügliche Einschätzung
der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung ist zu bestätigen. Zur Ver-
meidung von Wiederholungen kann auf die Erwägungen im angefochtenen
Entscheid verwiesen werden.
7.2 Einleitend ist festzustellen, dass die Vergewaltigungen in Griechen-
land, auch wenn diese traumatische Erlebnisse darstellen und für die Be-
schwerdeführerin belastend sind, im vorliegenden Verfahren nicht flücht-
lingsrechtlich relevant sind, zumal sie keine Verbindung zum Heimatstaat
Afghanistan aufweisen und auch nicht davon auszugehen ist, die Familie
der Beschwerdeführerin hätte von diesen Ereignissen erfahren.
7.3 Sodann wären auch die angeblichen Probleme mit den iranischen Be-
hörden nicht asylrechtlich relevant, zumal sie in Bezug auf den Heimatstaat
Afghanistan keine ernsthaften Nachteile zu begründen vermögen.
Ohnehin hat das SEM aber auch zu Recht ausgeführt, dass die entspre-
chenden Vorbringen nicht als glaubhaft qualifiziert werden können. So be-
stehen bereits ernsthafte Zweifel, dass die Beschwerdeführerin von der
Herasat bei der Universitätsleitung angezeigt wurde. Es ist zwar nicht aus-
zuschliessen, dass sie in einem üblichen Ausmass zurechtgewiesen wurde
und allenfalls ein unsittliches Angebot eines Herasat-Mitglieds abgelehnt
hat (vgl. EA F57-65). Sie bleibt aber sehr unspezifisch, um die Aufgaben
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der Herasat (Kontrolle der Eingänge, Schminke und Kleidung, Geschlech-
tertrennung; vgl. Anhörung F68; EA F49 und F53) zu erläutern. Auch wie
sie entdeckt worden sei, stellte sie äusserst vage dar (man dürfe nicht zu-
sammen an einem Tisch sitzen; vgl. Anhörung F95), was angesichts der in
diesem Zusammenhang drohenden Nachteile und mit Blick auf ihren an-
geblich sehr religiösen und strengen Vater in keiner Weise erklärlich ist.
Wie das SEM zutreffend ausführte, handelte es sich schliesslich auch beim
Gespräch mit dem Universitätsdirektor um ein sicherlich einschneidendes
Erlebnis, weshalb widersprüchliche Angaben bezüglich der Anwesenheit
ihres Freundes nicht zu erwarten gewesen wären. Die Zweifel werden
durch ihre fast stichwortartigen, pauschalen Ausführungen zum Gerichts-
verfahren (Anzeige Herasat, vier Zeugen, Überstellung Akte ans Revoluti-
onsgericht, Verurteilung zu 100 Peitschenhieben, Gerichtsmedizinische
Untersuchung, Haft und Freilassung durch Bürgschaft; vgl. Anhörung F65)
und sehr allgemeinen Erklärungen zu Zena (vgl. Anhörung F72) bestätigt.
Die Detailarmut in diesem Zusammenhang fällt umso mehr ins Gewicht,
als die Beschwerdeführerin im Gegenteil dazu in der Lage war, die äusserst
schwierigen und belastenden Ereignisse in Griechenland äusserst detail-
liert und erlebnisnah zu schildern. Insbesondere verfängt der Einwand, die
Beschwerdeführerin sei aufgrund der traumatischen Ereignisse nicht in der
Lage gewesen, detailliert zu berichten, in keiner Weise.
Schliesslich hat die Vorinstanz auch zu Recht festgestellt, dass die Mög-
lichkeit zur Beibringung von Beweismitteln, zumindest die Unterlagen der
Hausverpfändung ihrer Tante, die sie in der Vergangenheit immer wieder
unterstützte, zu erwarten wäre. Fraglich erscheint zudem, weshalb die Ge-
richtsunterlagen bei den Eltern in Griechenland sein sollen, wobei sie doch
geltend machte, ihr Vater habe nichts von den Zena-Anschuldigungen ge-
wusst.
7.4 Schliesslich ist auf die Frage einzugehen, ob den Beschwerdeführen-
den wie geltend gemacht von Seiten der Familie ernsthafte Nachteile dro-
hen.
7.4.1 Den Akten ergeben sich verschiedene Hinweise darauf, dass die Be-
ziehung zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Vater von unter-
schiedlichen Anschauungen, von Gewalt und verschiedenen Zwängen ge-
prägt war. So stellte sie ihren Vater konstant als mächtig, konservativ, tra-
ditionell und kontrollierend dar und beschrieb ihn als Tyrannen, der sie
schon als Kind mit dem Stock geschlagen habe und nur auf seine Ehre
bedacht gewesen sei (vgl. Dublin-Gespräch 2 F18; Anhörung F65 und F83;
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EA F86). Aufgrund der Akten kann auch nicht gänzlich ausgeschlossen
werden, dass die Familie der Beschwerdeführerin eine Ehe zwischen ihr
und ihrem in Deutschland lebenden Cousin arrangieren wollte. Auf der an-
deren Seite ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass der Cousin
bereits lange Zeit in Deutschland lebt, wo er gemäss den Angaben der Be-
schwerdeführerin mit seiner Ehefrau und zwei Kindern wohnte (vgl. Dublin-
Gespräch 2 F18; Anhörung F115). Eine polygame Eheschliessung hätte
gegen den deutschen ordre public verstossen (vgl. dazu ALICIA POINTER,
Massenmigration im Internationalen Privatrecht: Herausforderungen und
Perspektiven; Bigamie, Polygamie – und der deutsche ordre public, Stu-
dZR Wissenschaft Online 2/2017, S. 272-273) und wäre schon deswegen
nicht anerkannt worden. Bereits diese Umstände wecken erste Zweifel an
der Darstellung der Beschwerdeführerin. Dass der Beschwerdeführerin ak-
tuell trotz ihrer religiösen Ehe mit ihrem heutigen Partner und ihrer Mutter-
schaft weiterhin gezwungen werden könnte, ihren Cousin zu heiraten, kann
jedoch ohnehin ausgeschlossen werden. Dies wird letztlich auch nicht gel-
tend gemacht, vielmehr drohe ihr Gewalt, weil sie sich der Zwangsehe
durch Flucht entzogen habe.
7.4.2 Die Darstellung der Beschwerdeführerin, sie stamme aus einer äus-
serst konservativen Familie, in der Ehrdelikte praktiziert würden, vermag
insgesamt jedoch nicht zu überzeugen. Zunächst ist darauf hinzuweisen,
dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Ausreise aus dem Iran be-
reits 24 Jahre alt war und mit der Erlaubnis des Vaters einem Studium an
der lokalen Universität nachging. Selbst wenn der Vater das Einverständnis
nur widerwillig und dank der Intervention einer Tante erteilt hat und ihr nicht
erlaubte, in Teheran oder Isfahan zu studieren, lässt dies deutlich auf eine
gewisse Offenheit schliessen. Auch der Umstand, dass die Beschwerde-
führerin eine sexuelle Beziehung mit einem jungen Kommilitonen einge-
gangen zu sein scheint und diesen auch bei ihm zu Hause besucht hat,
weist nicht darauf hin, dass der Beschwerdeführerin besondere Einschrän-
kungen auferlegt worden wären.
7.4.3 Zwar ist nicht auszuschliessen, dass der Vater sie in einem Kaffee
mit ihrem Freund ertappt hat – diesbezüglich fällt wiederum ihre insgesamt
präzise zeitliche Einordnung der Ereignisse auf. Auch hier ist aber die an-
gebliche Reaktion des Vaters, er habe sie anzünden wollen, nicht glaub-
haft. Sie nannte zwar Ohrfeigen, beschrieb aber auch die Autofahrt nach
Hause, die sehr einschneidend gewesen wäre, wäre der Vater tatsächlich
derart gewaltbereit gewesen, nicht genauer. Zuhause habe er versucht, sie
mit Benzin zu übergiessen, weil sie seine Ehre verletzt habe. Auch dieses
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Ereignis und die anschliessende Flucht erzählte sie nur äusserst knapp
und unsubstantiiert, sodass nicht der Eindruck entsteht, es handle sich um
persönlich Erlebtes (vgl. Anhörung F66 und F82; EA F90). Auch der Hin-
weis darauf, dass ihre Schwester ebenfalls von ihrem Vater angezündet,
zur Hälfte verbrannt und zwangsverheiratet worden sei, wird nur am Rande
und ohne jegliche Gefühlsregung erzählt (vgl. Anhörung F84). Dieses Vor-
bringen schilderte sie weder detailliert noch belegte sie es mit entsprechen-
den Beweismitteln, wie etwa Fotos dieser Brandverletzungen.
7.4.4 Schliesslich passt auch die angegebene Reaktion des Vaters, nach-
dem er sie nach ihrer ersten Flucht in der Türkei aufgefunden habe, nicht
in die Darstellung von drohenden Ehrdelikten, habe er sie doch lediglich
abgeholt, ein paar Ohrfeigen gegeben und in ein Zimmer gesperrt, bis die
Weiterreise organisiert war (vgl. Dublin-Gespräch 2 F19; Anhörung F101).
In Griechenland hielt sich die Beschwerdeführerin wiederum während fast
zwei Jahren zusammen mit der Familie in verschiedenen Camps auf und
konnte schliesslich mit der Hilfe der Mutter selbständig nach Athen reisen.
Dies erstaunt umso mehr, als die Beschwerdeführerin ausführte, die Familie
habe inzwischen erfahren, dass sie im Iran einen Freund gehabt habe.
Auch wenn nicht in Abrede zu stellen ist, dass die Beschwerdeführerin fa-
miliäre Probleme haben dürfte – dies hatte sie bereits im Dublin-Gespräch
1 ausgeführt – und sie subjektiv wohl durchaus Furcht vor ihrem Vater und
den Verwandten in Deutschland hat, ist indes insgesamt nicht davon aus-
zugehen, dass ihr aufgrund ihres Bruchs mit der Familie tatsächlich ernst-
hafte Nachteile im Sinne des Asylrechts drohen würden. In diesem Zusam-
menhang ist auch darauf hinzuweisen, dass ihre Kernfamilie inzwischen in
Griechenland ist, sie kaum Verwandte in Afghanistan hat, die jedenfalls be-
züglich ihres Aufenthaltsorts in Unkenntnis sind, und sie mit ihrem Ehe-
mann und dem Vater ihres Kindes dorthin zurückkehren würde. Aufgrund
dieser Ausführungen erübrigt es sich, auf die Schutzunfähigkeit und die Si-
tuation von Mädchen und Frauen in Afghanistan einzugehen.
7.5 Diesen Erwägungen gemäss ist zwar nicht auszuschliessen, dass die
Beschwerdeführerin unter ihrer Familiensituation und insbesondere der
strengen Haltung ihres Vaters litt. Vor dem Hintergrund ihrer Biographie,
des kaum substantiierten Gerichtsprozesses und des Benzin-Vorfalls so-
wie der Widersprüche bezüglich der Anwesenheit ihres Freundes beim Di-
rektor, einem zentralen Aspekt ihrer Verfolgungsvorbringen, erscheinen die
geltend gemachten Verfolgungsvorbringen jedoch weit weniger intensiv als
von der Beschwerdeführerin geltend gemacht wurde. Somit ist auch nicht
davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin geschlechtsspezifische
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Verfolgung – insbesondere einen möglichen Ehrenmord in Afghanistan –
zu befürchten hat. Gesamthaft betrachtet vermag auch die diagnostizierte
PTBS, die das Aussageverhalten durchaus beeinträchtigen kann, nichts an
dieser Einschätzung zu ändern.
7.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es der Beschwerdeführerin
auch unter Berücksichtigung ihres fragilen psychischen Gesundheitszu-
stands nicht gelungen ist, asylrechtlich relevante Verfolgung oder bezüg-
lich Afghanistan eine begründete Furcht vor künftigen Verfolgungsmass-
nahmen im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder zumindest glaub-
haft zu machen. Das SEM hat demnach zu Recht festgestellt, dass die
Beschwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, und das
Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.3 Nachdem das SEM die Beschwerdeführenden mit der angefochtenen
Verfügung wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in der
Schweiz vorläufig aufgenommen hat, erübrigen sich Erwägungen zur Zu-
mutbarkeit und Möglichkeit des Vollzugs der Wegweisung.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten des Verfah-
rens grundsätzlich den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1
VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Nachdem das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
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Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 21. Juni 2021 gutgeheissen
wurde und es keine Hinweise auf eine massgebliche zwischenzeitliche Ver-
änderung gibt, sind jedoch keine Kosten aufzuerlegen.
10.2 Mit Zwischenverfügung vom 20. Juli 2021 wurde die rubrizierte Rechts-
vertreterin den Beschwerdeführenden als amtliche Rechtsbeiständin bei-
geordnet. Diese ist unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu entschä-
digen soweit dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8 Abs. 2
VGKE). Die Rechtsvertretung wurde erst nach Beschwerdeerhebung man-
datiert, weshalb der Aufwand erst ab Einsetzung zu entschädigen ist. In
ihrer aktualisierten Kostennote vom 23. Februar 2022 hat die Rechtsver-
treterin einen Aufwand von insgesamt 11 Stunden geltend gemacht, was
als der Sache nicht angemessen und zu hoch erscheint. Auch wird der Auf-
wand für die Erstellung der Kostennote und der Fristerstreckungsgesuche
praxisgemäss nicht vergütet. Nach dem Gesagten ist das amtliche Honorar
aufgrund der Aktenlage, der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 12
i.V.m. Art. 9-11 VGKE) und des geltend gemachten Stundenansatzes auf
Fr. 1872.– festzusetzen (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im
Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
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