Decision ID: 63c3bd59-7a98-4cf2-9012-8b5bdd57f130
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Y._
, geboren 1965, war seit dem
1.
Mai 1996 bei der Firma
Z._
angestellt und in dieser Eigenschaft bei der Suva gegen die Folgen von Unfällen versichert. Mit Schadenmeldung vom 2
8.
September 2016 wurde ein Ereignis vom 1
3.
September 2016 gemeldet: Der Ve
rsicherte
sei
zum Wandern
in Island unterwegs gewesen und
an diesem Tag
tot aufgefun
den worden (
Urk.
7/1
).
Aus dem Bericht der Polizeidirektion im Bezirk
A._
vom 15
. September 2016 geht hervor, dass der Todestag der 8. September 2016 gewe
sen sei (vgl. Urk. 7/14 S. 6 unten).
Mit Verfügung vom 21. November 2016 verneinte die Suva das Vorliegen eines Unfallereignisses aufgrund der gemeldeten Vorkommnisse in Island (Urk. 7/18). Die dagegen am 19. Dezember 2016 erhobene Einsprache (Urk. 7/20
/1-3
; Ergän
zung vom 6. April 2017, Urk. 7/30) wies die Suva mit Entscheid vom 28. Septem
ber 2017 ab (Urk. 7/33 = Urk. 2).
2.
Der Ehefrau des Versicherten erhob am 25. Oktober 2017 Beschwerde gegen den
Einspracheentscheid
vom 28. September 2017 (Urk. 2) und beantragte, dieser sei aufzuheben und es seien ihr die gesetzlichen Leistungen zu erbringen (Urk. 1 S. 2). Die Suva beantragte mit Beschwerdeantwort vom 20. November 2017 (Urk. 6) die Abweisung der Beschwerde. Die Beschwerdeführerin reichte mit Replik vom 4. Juni 2018 (Urk. 11), mit welcher sie an ihren bisherigen Anträgen festhielt, unter anderem ein rechtsmedizinisches Gutachten (Urk. 12/1) ein. Die Beschwerdegegnerin hielt mit Duplik vom 4. Juli 2018 ebenfalls
an ihrem Antrag fest (Urk. 15). Am 19. Oktober 2018 reichte die Beschwerdeführerin eine weitere Eingabe ein (Urk. 17),
was der
Beschwerdegegnerin am 23
. Oktober 201
8
zur
Kenntnis gebracht wurde (Urk. 18
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2017 sind die am 25. September 2015 beziehungsweise am 9. November 2016 verabschiedeten geänderten Bestimmungen des Bundesge
setzes über die Unfallversicherung (UVG) und der Verordnung über die Unfall
versicherung (UVV) in Kraft getreten.
Gemäss den allgemeinen übergangsrechtlichen Regeln sind der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen, die in Geltung standen, als sich der zu den
materiellen Rechtsfolgen führende und somit rechtserhebliche Sachverhalt ver
wirklicht hat (vgl. BGE 127 V 466 E. 1, 126 V 134 E. 4b, je mit Hinweisen). Dem
entsprechend sehen die Übergangsbestimmungen zur Änderung vom 25. Septem
ber 2015 des UVG vor, dass Versicherungsleistungen für Unfälle, die sich vor dem 1. Januar 2017 ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem Zeit
punkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt werden (Absatz 1 der genannten Übergangsbestimmungen).
Der hier zu beurteilende
Vorfall
hat sich
im September 2016
ereignet, weshalb die bis 31. Dezember 2016 gültig gewesenen Normen auf den vorliegenden Fall Anwendung finden und in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Die massgeblichen gesetzlichen Bestimmungen und die zu beachtenden Grund
sätze der Rechtsprechung betreffend den Unfallbegriff hat die Beschwerde
gegne
rin im angefochtenen
Einspracheentsc
heid
zutreffend dargelegt (Urk.
2 S.
3
f. Ziff. 2a ff.
). Darauf wird
- mit nachfolgenden Ergänzungen -
verwiesen.
1.3
Nach der Rechtsprechung bezieht sich
das
Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht auf die Wirkung des äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selber. Ohne Belang für die Prüfung der Ungewöhnlichkeit ist somit, dass der äussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog. Der äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er – nach einem objektiven Massstab – den Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet. Aus
schlag
gebend ist also, dass sich der äussere Faktor vom Normalmass an Umwelteinwir
kungen auf den menschlichen Körper abhebt. Ungewöhnliche Auswirkungen allein begründen keine Ungewöhnlichkeit (BGE 134 V 72 E. 4.1 und E. 4.3.1 mit Hinweis).
1.4
Praxisgemäss sind die einzelnen Umstände des Unfallgeschehens von der versi
cherten Person glaubhaft zu machen. Kommt sie dieser Forderung nicht nach, indem sie unvollständige, ungenaue oder widersprüchliche Angaben macht, die das Bestehen eines unfallmässigen Schadens als unglaubhaft erscheinen lassen, besteht keine Leistungspflicht des Unfallversicherers. Im Streitfall obliegt es dem Gericht zu beurteilen, ob die einzelnen Voraussetzungen des Unfallbegriffs erfüllt sind. Der Untersuchungsmaxime entsprechend hat es von Amtes wegen die not
wendigen Beweise zu erheben und kann zu diesem Zwecke auch die Parteien heranziehen. Ist aufgrund dieser Massnahmen das Vorliegen eines Unfallereig
nisses nicht wenigstens mit Wahrscheinlichkeit erstellt – die blosse Möglichkeit genügt nicht –, so hat dieses als unbewiesen zu gelten, was sich zu Lasten der versicherten Person auswirkt. Diese Grundsätze gelten auch bezüglich des Nach
weises unfallähnlicher Körperschädigungen (BGE 116 V 136 E. 4b, 114 V 298 E. 5b).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging im
Einspracheentscheid
(Urk. 2)
davon aus,
es handle sich beim Erfrieren mangels äusseren ungewöhnlichen Faktors nicht um einen Unfall. Die grosse Kälte in Island sei in dieser Jahreszeit nicht ungewöhn
lich und die Verhältnisse seien als schlecht bezeichnet worden. Es hätte ein zusätzliches äusseres Element hinzukommen müssen, wie beispielsweise eine Ver
letzung
, aufgrund dessen sich der Versicherte nicht mehr hätte bewegen können und der Kälte ausgesetzt gewesen wäre,
oder
ein Versagen der Aus
rüstung, damit man von einem Unfall im Rechtssinne hätte ausgehen können. Dafür bestünden keine Anhaltspunkte. Zudem habe eine innere Erkrankung ausgeschlossen wer
den können (S. 7 oben).
Zudem sei auch das Merkmal der Plötzlichkeit nicht gegeben, was jedoch nicht näher auszuführen sei, da bereits die Ungewöhnlichkeit zu verneinen sei (S. 7 Mitte).
In der Beschwerdeantwort hielt die Beschwerdegegnerin an ihrer bisherigen Beurteilung fest (Urk. 6): Sie führte nochmals aus, es habe sich im vorliegenden Fall nichts Ausserordentliches ereignet. Die vom Parkwächter beobachteten Wetterbedingungen am Todestag des Versicherten seien im Rahmen dessen gele
gen, was auf einer solchen Trekkingtour im September in Island zu erwarten sei. Permanente Wetterwechsel seien charakteristisch für Island und plötzliche Wetterumschwünge seien zu jeder Jahreszeit an der Tagesordnung. Auch seien andere ausserordentliche Vorgänge nicht gegeben. Es sei unbestritten, dass der Versicherte aufgrund seiner Unterkühlung bewusstlos geworden sei und an Unterkühlung gestorben sei. Gestützt auf die herrschende Gerichtspraxis sei das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit nicht erfüllt (S. 3 Mitte).
Betreffend
das Begriffsmerkmal
der Plötzlichkeit machte die Beschwerdegegnerin geltend, die Unterkühlung sei das Ergebnis
eines längeren Prozesses. Die vor
liegende Gesundheitsschädigung sei die Folge von wiederholten und kontinuier
lichen Einwirkungen und erfülle somit das Erfordernis der Plötzlichkeit nicht (S. 7 Ziff. 4.3).
2.2
Demgegenüber stellte sich die Beschwerdeführerin
im Wesentlichen
auf den Standpunkt (Urk. 1),
rechtsprechungsgemäss beziehe sich die Ungewöhnlichkeit des äusseren Faktors auf die Ursache selbst und nicht auf deren Wirkung. Die Rechtsprechung sei in dieser Hinsicht jedoch nicht klar und konsequent. Es seien
keine zu hohen Anforderungen an die Ungewöhnlichkeit der äusseren Einwir
kung zu stellen. Die Grenzen zwischen Einwirkung und Auswirkung seien fliessend (S. 4 f. Ziff. 6).
Es müsse daher auch als ungewöhnlich angesehen werden, wenn der Versicherte bei einem Kälteeinbruch in Folge einer Erfrierung verstorben sei. Der Versicherte sei von dem schlechten Wetter überrascht worden und plötzlich erfroren. Auch bei schlechten Wetterverhältnissen und Kälte sei es nicht als im Rahmen des All
täglichen oder Üblichen anzusehen, dass eine versicherte Person beim Wandern plötzlich erfriere. Dies insbesondere, wie es vorliegend der Fall sei, wenn die mit
geführte und getragene Ausrüstung den Verhältnissen entsprechend sei (S. 5 Ziff. 7).
Sodann sei auch das Kriterium der Plötzlichkeit erfüllt (S. 6 ff. Ziff. 8 ff.).
Replicando
ergänzte die Beschwerdeführerin unter anderem, die äusseren Umstände/Einwirkungen seien ungewöhnlich gewesen. Es
habe
im Todeszeit
punkt besonders schlechtes Wetter in der Region geherrscht
. Das Wetter habe plötzlich umgeschlagen und der Versicherte sei davon überrascht worden. Er
sei ein erfahrener Wanderer gewesen und sei vom Wetterumschwung äusserst stark überrascht worden.
Als weiterer ungewöhnlicher Umstand sei hinzugekommen, dass er just auf dem schwierigsten und gefährlichsten Teilstück der Wanderung vom Wetterumschwung überrascht worden sei und keine Möglichkeit gehabt habe, sich zu schützen. Aufgrund der paradoxen Wärmeempfindung habe er die gefährlichen äusseren Umstände gar nicht wahrgenommen (S. 3 f.). Sodann sei der Tod aufgrund des sehr plötzlichen Wetterwechsels in Kombination mit der schlanken Konstitution aussergewöhnlich plötzlich eingetreten, was daraus ersichtlich werde, dass der Versicherte kurz nach dem «sich hinlegen» verstorben sei
. Allein schon deshalb sei die Plötzlichkeit unfallversicherungsrechtlich zu bejahen. Dies umso mehr als auch bei anderen üblicherweise als Unfälle aner
kannten Ereignissen die Körperverletzung/Wirkung erst verzögert eintrete (S. 4 oben).
2.3
Streitig und zu prüfen ist, ob
der Vorfall vom 8. September 2016, bei welchem der Versicherte aufgrund einer Unterkühlung verstarb, als Unfall zu qualifizieren ist und die Beschwerdeführerin Anspruch auf
Hinterlassenenleistungen
hat.
3.
3.1
Gemäss Polizeibericht vom 17. September 2016 (Urk. 7/14 S. 8-10) konnte
n
auf
grund der Unterlagen im Geldbeutel des Versicherten, den Daten aus dessen Kamera sowie der Wanderkarte, die er bei sich getragen habe, die zeitlichen Ereignisse rekonstruiert werden. Die Fotos, insbesondere die letzten Aufnahmen aus dem Gebiet von
B._
, würden ein genaues Bild
im Hinblick auf Zeitpunkte und Wetter
von den letzten Schritten d
es Versicherten liefern (
S. 1 unten).
Am
6.
September 2016 habe der Versicherte seine Wandertour gestartet (S. 2 unten).
Zwei Tage später, am
8.
September, habe er um 7.22 Uhr
oben auf dem Berg
B._
neben der Berghütte seine erste Aufnahme gemacht. Von dort aus sei er weiter auf dem Wanderweg zum Vulkansystem
B._
hinaufgegangen. Anschliessend habe er sich an den Wanderweg in östlicher Richtung unter dem
Nordkamm
von
B._
in Richtung des Parkplatzes bei
C._
gehalten, wo er auf dem letzten Stück Weg noch etwa 1000 Meter raues Lavaterrain habe über
queren müssen. Die Leiche des Versicherten sei etwa 100 Meter von der Stelle entfernt gefunden worden, wo er das besagte Lavaterrain betreten habe. Die letzten beiden Aufnahmen, die er gemacht habe, würden von einer Stelle einige 100 Meter westlich des Leichenfundortes stammen. Das letzte Foto der Kamera sei um 9.47 Uhr gemacht worden. Das Wetter an diesem Tag scheine gut gewesen zu sein, wenig bewölkt im Westen, jedoch deutlich stärker bewölkt in östlicher Richtung. Die Nacht über scheine eine dünne Schneeschicht gefallen zu sein, die sich dort im Sand am Rand von
B._
wahrnehmen lasse
. Der Versicherte sei offensichtlich in Richtung
B._
unterwegs gewesen und habe vorgehabt, am Nachmittag die Berghütte in
D._
zu erreichen
(S. 3 oben).
Es bestehe kein Zweifel, dass der Versicherte einem anspruchsvollen Wanderplan gefolgt sei und über die für eine solche Wanderung erforderliche körperliche Fitness verfügt habe. Die täglichen Strecken, welche er zurückgelegt habe beziehungsweise habe zurücklegen wollen,
hätten
jeweils 25 km
betragen
(S. 3 Mitte).
3.2
Dem Polizeibericht vom 20. September 2016 (Urk.
7/14
S. 14 f.) sind unter ande
rem die Erstergebnisse der Obduktion sowie ein Wetterbericht des Parkwächters zu entnehmen.
Die Obduktion
habe
erg
eben
, dass es
sich beim Versicherten um einen
sehr schlanken Mann
ohne jegliche Fettansammlung am Körper
gehandelt habe. Es könne davon ausgegangen werden, dass der Tod durch eine Unterkühlung
(Hypothermie)
verursacht worden sei, die zu einer plötzlichen Bewusstlosigkeit
und dadurch ebenso rasch zum Tod geführt habe
. Es seien keine zugrunde
liegende Erkrankung, keine Verletzungen oder sonstige Traumata festgestellt worden (Urk. 7/14 S. 14).
Der Wetterbericht des Parkwächters wurde im Polizeibericht wie folgt wiederge
geben (übersetzte Version, Urk. 7/14 S. 15):
«Die Parkwächter des Nationalparks beobachten das Wetter sehr genau und wir notieren die entsprechenden Informationen an jedem Tag in einem Kalender. Am Donnerstag, 8. September, herrschte im Inneren des Vulkansystems
B._
ausser
ordentlich schlechtes Wetter, genau die gefährliche Art von Wetter, die oft zu einer Unterkühlung führt: knapp oberhalb des Gefrierpunktes aus
B._
und
E._
(und noch etwas niedrigere Temperaturen am Pass
F._
, wo der Mann unterwegs war, dort schneit es unter solchen Bedingungen auch sehr oft), starker Regen, Wind und Nebel. Andere Wanderer, die an diesem Tag von
D._
aus aufbrachen, um
B._
zu erreichen, kehrten bei der Ankunft am Parkplatz wieder
um.»
3.3
Am 30.
Mai 2018 erstattete Prof.
em
.
Dr.
med.
G._
, Facharzt für Rechtsmedizin
, im Auftrag der Beschwerdeführerin ein rechtsmedizinisches Gut
achten (
Urk.
12/1).
Es liege aus seiner Sicht in mehrfacher Hinsicht ein sehr aus
sergewöhnlicher Fall einer sehr rasch fortschreitenden Unterkühlung mit
Todes
folge
vor. Aufgrund der Akten, Aussagen und der Befundkonstellation sei aus rechtsmedizinischer Sicht folgender Ablauf sehr wahrscheinlich (S. 7 oben):
«Als der gesunde, sich in guter Kondition befindliche, erfahrene und gut ausgerüstete
Berggänger
Y._
am 08.09.2016 auf seiner geplanten Wanderung zum
D._
kurz nach seinem letzten Foto bei noch recht guter Sichtweite das auf dieser Route als schwierigste Wanderpartie bekannte, unwirtliche und gefährliche Lavaterrain c
a
. 100 m weit betreten hatte, dürfte es zu einem plötzlichen Wetterumschlag mit maximaler Sichtbehinderung, Regen, Wind und einem Temperatursturz gekommen sein, der sowohl ein Weitergehen als auch ein Zurückkehren wegen möglicher Verletzungs
gefahr verunmöglichte. Die durch den Wetterumsturz erreichte Temperatur knapp über Null Grad gilt, zusammen mit Regen und Wind, in Island, als besonders gefährlich hin
sichtlich einer Unterkühlung. Der Gefahr, infolge Unterkühlung einzuschlafen, dürfte sich der erfahrene
Berggänger
durch körperliche Aktivitäten lange widersetzt haben. Schliesslich muss er kontrolliert 'zu Boden gegangen' sein. Das Fehlen von Druckmarken belegt, dass kurz danach und somit für eine Unterkühlung ungewöhnlich plötzlich, der Tod durch Herzversagen
eintrat.»
4.
4.1
Es ist unbestritten und aufgrund der Akten ausgewiesen, dass beim Versicherten keine äusseren Verletzungszeichen feststellbar waren (vgl. Bericht Gesund
heits
zentrum Nordisland vom 14. September 2016, Urk. 7/14 S. 11
f.
). Ebenfalls ist unbestritten, dass die Ergebnisse der Obduktion eine zugrundeliegende Erkrankung ausschlossen (vorstehend E.
3.2
).
Die Fachpersonen wie auch die Pro
zessparteien gehen
übereinstimmend
von einem Tod durch Unterkühlung aus.
4.2
Die Rechtsprechung bejahte
die Ungewöhnlichkeit bei Kälteeinwirkung - wie
auch bei Sonnen- und Lärmeinwirkung
-
ausnahmsweise,
wenn
beispielsweise das Erfrieren der Finger auf unvorhersehbare Umstände zurückzuführen ist, die sich ausserhalb des vernünftigerweise als alltäglich oder üblich bezeichnenden Rahmens bewegen. So liege ein ungewöhnlicher Faktor vor, wenn spezielle, für diese Aktivität konzipierte, Kletterhandschuhe reissen würden
.
In der Regel liegen keine Unfälle vor bei starker Sonnen- beziehungsweise Kälteeinwirkung mit Sonnenstich, Sonnenbrand und Hitzeschlag sowie Erfrierungen als Folge. Diese schädigenden Folgen gelten jedoch dann als Unfall, wenn sie infolge ausserordentlicher Vorgänge eintr
eten,
zum
Beispiel
wenn sich der Verletzte wegen Beinbruchs nicht fortbewegen kann und deswegen der Sonnenbestrahlung ausgesetzt bleibt. Die grosse Kälte bei einer Hochtour im März auf einer Höhe von über 3500 m ist nicht aussergewöhnlich und die dabei zuge
zogenen Fingererfrierungen
gelten nicht als
Unfall. Keine Einwirkung eines ungewöhnlichen Faktors liegt ferner vor: beim Betrachten der Sonnenfinsternis sowie bei Lärmeinwirkungen, die mit Schiessübungen im Schiessstand verbunden sind, da es sich um eine weit verbreitete, teils auch obligatorische Betätigung handelt, bei der das Tragen geeigneter Gehörschutzmittel vorausgesetzt werden darf
(
Rumo-Jungo
/
Holzer
, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversi
cherungsrecht, Bundesgesetz
über die Unfallversicherung, 4. Auflage, S. 49 Ziff.
8).
4.3
Aufgrund der vorliegenden Akten und insbesondere der letzten aufgenommenen Fotos durch den Versicherten ist davon auszugehen, dass das Wetter in den frühen Morgenstunden vom 8. September 2016
am Ort, wo sich der Versicherte aufhielt,
zwar noch nicht derart schlecht war, wie es vom Parkwächter
für diesen Tag festgehalten wurde. Allerdings sind rasche Wetterwec
hsel charakteristisch in Island.
S
chwere Stürme, plötzlich auftauchender Nebel und Schneeschauer sind durchaus üblich (vgl. statt vieler:
https://just-iceland.com/de/island-klima
). Der Parkwächter berichtete über ausserordentlich schlech
tes Wetter am 8. September 201
6.
Es habe genau die gefährliche Art Wetter
(knapp über dem Gefrierpunkt,
starker Wind, Regen und Nebel) geherrscht, die oft zu Unterkühlungen führ
e
(vor
stehend E. 3.2). Ein plötzlicher Wetterwechsel in Island gehört zur Tagesordnung und ist nicht als ungewöhnlich einzustufen.
Es ist mit der Beschwerdegegnerin
davon auszugehen, dass sich im vorliegenden Fall nichts Aussergewöhnliches ereignet hat. Die vom Rechtsmediziner Prof.
em
.
G._
angenommenen Umstände, was sich am
8.
September 2016 zugetragen haben
könnte
(vgl. vorstehend E. 3.3)
, sind aufgrund der vorhandenen Akten
zwar möglich
. Selbst wenn sich der Versicherte jedoch aufgrund aufgetretenem Nebel auf dem Lavaterrain mangels Sicht nicht mehr gut hätte fortbewegen können, geht aus diesen Umständen nichts Ungewöhnliches im Sinne der zuvor (vorstehend E. 4.2) zitierten Rechtsprechung hervor:
Mit einem raschen Wetter
wechsel musste der Versicherte
in Island stets
rechnen. Die am Morgen des Todestages aufgenommenen Fotos belegen aufgrund der Darlegung im Polizei
bericht, dass sich schlechteres Wetter angekündigt hat: Es sei deutlich stärkere Bewölkung in östlicher Richtung erkennbar (vorstehend E. 3.
1
).
Die schlechten Wetterverhältnisse
veranlassten
sodann andere Wanderer zum Abbruch ihrer Tour (vorstehend E. 3.2). Daran vermögen die Ausführungen der Beschwerde
führerin nichts zu ändern. Vorliegend war weder die äussere Einwirkung (Wetter) noch deren Auswirkung (Unterkühlung) ungewöhnlich. Aus den von ihr ange
führten Beispielen aus der Rechtsprechung (Urk. 1 S. 4 ff. Ziff. 5 ff.) kann nichts zu ihren Gunsten abgeleitet werden.
4.4
Sodann ist auch dem vom Versicherten zuletzt begangenen Wegstück auf Lava
terrain nicht
s
Ungewöhnliches zuzusprechen. Dieses bildete das letzte Teilstück seiner Wanderung. Er wurde folglich nicht von diesem unwegsamen Terrain über
rascht, sondern befand sich auf seiner planmässigen
Route
.
De
r
vo
m Rechtsmediziner festgehaltene
Umstand, der Versicherte habe über keinerlei Fett
ansammlung im Körper
verfügt
, vermag auch keinen
u
ngewöhnli
chen Faktor im Zusammenhang mit einer eventuell rascher eintretenden Unter
kühlung darzustellen.
4.5
Nach dem Gesagten fehlt es d
en gesamten - durchaus sehr unglücklich zusam
mentreffenden - Umständen aufgrund der
vorliegenden
Aktenlage mit über
wiegender Wahrscheinlichkeit am Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit, wes
halb der Unfallbegriff bereits deswegen nicht erfüllt ist. Es erübrigen sich somit Ausführungen zur Plötzlichkeit.
Es ist somit festzuhalten, dass die Beschwerdegegnerin den Unfallbegriff betref
fend den sich am 8. September 2016 ereigneten Tod des Versicherten und damit eine Leistungspflicht hierfür zu Recht verneint hat.
Der angefochtene
Einspracheentscheid
(
Urk.
2) erweist sich demnach als rechtens, was zur Abweisung der Beschwerde führt.