Decision ID: dea124a7-e226-565c-8666-b88a8bdc852f
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. X._ erwarb den Führerausweis auf Probe erstmals am 30. September 2009. Nach
einer zweiten Widerhandlung während der Probezeit annullierte das Strassenverkehrs-
und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen den Führerausweis auf Probe mit
Verfügung vom 12. April 2012. Am 18. Dezember 2013 erteilte es X._ den
Lernfahrausweis der Kategorie B und nach bestandener Prüfung am 13. März 2014 den
Führerausweis auf Probe.
B. Am Sonntag, 2. Oktober 2016, lenkte X._ um 19.10 Uhr seinen Personenwagen in
Rheineck auf der Bahnhofstrasse in Richtung Buriet. Gleichzeitig überquerten zwei
Erwachsene und zwei Kinder auf Höhe der Poststrasse den Fussgängerstreifen,
nachdem ein Fahrzeuglenker von Buriet herkommend angehalten hatte. X._ bemerkte
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dies nicht und kollidierte mit einem der Kinder (Jahrgang 2011). Durch die Kollision
wurde das Kind mehrere Meter durch die Luft geschleudert und zog sich leichte
Verletzungen zu. Am 24. November 2016 verurteilte das Untersuchungsamt Altstätten
X._ mittels Strafbefehl wegen einfacher Verkehrsregelverletzung (Nichtgewähren des
Vortritts bei einem Fussgängerstreifen) zu einer Busse von CHF 600. Dagegen erhob
X._ Einsprache.
Nachdem die dreijährige Probezeit am 12. März 2017 abgelaufen war, wurde X._ der
unbefristete Führerausweis zugestellt. Das Strassenverkehrsamt nahm am 11. April
2018 nach Vorliegen des zufolge Rückzugs der Einsprache rechtskräftigen Strafbefehls
das am 5. Dezember 2016 wegen des Vorfalls vom 2. Oktober 2016 eingeleitete und
am 8. Dezember 2016 sistierte Administrativmassnahmen-Verfahren wieder auf und
gab ihm die Möglichkeit, eine abschliessende Stellungnahme einzureichen; diese
erfolgte am 17. April 2018. Mit Verfügung vom 16. Mai 2018 entzog das
Strassenverkehrsamt X._ den Führerausweis auf Probe für einen Monat wegen
mittelschwerer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften. In Ziffer 5 der
Verfügung wurde zudem festgehalten, dass der unbefristete Führerausweis nach
Ablauf der Entzugsdauer durch einen neuen Führerausweis auf Probe ersetzt und die
Probezeit um ein Jahr verlängert werde.
C. Mit Eingabe vom 4. Juni 2018 erhob X._ Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit den Rechtsbegehren, unter Kosten- und
Entschädigungsfolge sei Ziffer 5 der Verfügung des Strassenverkehrsamts aufzuheben
und ihm sei nach der Entzugsdauer von einem Monat der unbefristete Führerausweis
wieder auszuhändigen. Nach Beizug der Strafakten zum Vorfall vom 2. Oktober 2016
wurde X._ mit Schreiben vom 20. September 2018 das rechtliche Gehör zu einer
allfälligen Erhöhung der Entzugsdauer wegen schwerer Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften auf drei Monate gewährt; er nahm am 5. Oktober 2018
dazu Stellung. Mit Entscheid vom 29. November 2018 hob die
Verwaltungsrekurskommission den Entzug des Führerausweises auf Probe für einen
Monat auf (Ziffer 1 des Dispositivs) und entzog X._ den Führerausweis auf Probe
wegen schwerer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften für die Dauer
von drei Monaten, unter Anrechnung des Führerausweisentzugs vom 17. August bis
16. September 2018 (Ziffer 2 des Dispositivs). Im Übrigen wies sie den Rekurs ab
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(Ziffer 3 des Dispositivs) und auferlegte X._ die amtlichen Kosten von CHF 800 unter
Verrechnung des Kostenvorschusses in gleicher Höhe (Ziffer 4 des Dispositivs).
D. X._ (Beschwerdeführer) erhob gegen den am 3. Dezember 2018 zugestellten
Entscheid der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit Eingabe vom
14. Dezember 2018 Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, unter
Kosten- und Entschädigungsfolge sei Ziffer 2 des angefochtenen Entscheids
aufzuheben und es sei eine Entzugsdauer von einem Monat anzuordnen (bereits
vollzogen). Gleichzeitig ersuchte er um Gewährung der aufschiebenden Wirkung. Mit
Schreiben vom 17. Dezember 2018 wies der Abteilungspräsident darauf hin, dass die
Beschwerde von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung habe. Unter Verweis auf die
Erwägungen des angefochtenen Entscheides beantragte die Vorinstanz am 9. Januar
2019 die Abweisung der Beschwerde. Das Strassenverkehrsamt (Beschwerdegegner)
verzichtete stillschweigend auf eine Vernehmlassung.
Auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid und die Ausführungen des
Beschwerdeführers zur Begründung seiner Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...)
2. Der Beschwerdeführer rügt in formeller Hinsicht, die Vorinstanz habe gegen das
Verbot der reformatio in peius verstossen.
2.1. Gemäss Art. 61 Abs. 1 VRP können mit Beschwerde an das Verwaltungsgericht
Rechtsverletzungen geltend gemacht werden. Wer im Beschwerdeverfahren vor
Verwaltungsgericht eine Rechtsverletzung durch die Vorinstanz beanstandet, muss
dies grundsätzlich geltend machen. Dies ergibt sich aus der Pflicht zur Begründung der
Beschwerde. Diese auferlegt es dem Beschwerdeführer, sich mit dem Entscheid der
Vorinstanz auseinanderzusetzen und allfällige Mängel auch in der rechtlichen
Begründung vorzubringen. Aus dem Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes
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wegen folgt indes, dass das Gericht für eine korrekte Rechtsanwendung grundsätzlich
verantwortlich ist und jedenfalls diejenigen rechtlichen Vorbringen zu prüfen hat, die die
Beteiligten vorbringen und darüber hinaus von sich aus eine rechtliche Überprüfung der
zur Beurteilung vorgelegten Angelegenheit vornimmt (Cavelti/Vögeli,
Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor
dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl. 2003, Rz. 653 f.).
2.2. Gestützt auf Art. 56 Abs. 1 VRP entscheidet die Rekursinstanz, ohne an die
Anträge der Beteiligten gebunden zu sein. Sie darf jedoch nur im Rahmen des
Sachverhalts, welcher der angefochtenen Entscheidung zugrunde liegt, über die
Begehren der Beteiligten hinausgehen, nicht aber etwas sachlich völlig anderes zum
Gegenstand ihres Entscheids machen (Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 580). Die Vorinstanz
kann folglich, nach Anhörung der betroffenen Person, zu einer reformatio in peius
schreiten, jedoch beschränkt auf den durch die Rechtsbegehren umschriebenen
Streitgegenstand (vgl. BGer 2C_596/2012 vom 19. März 2013 E. 3.3).
Bei der Anfechtung einer Verfügung braucht nicht das ganze in der Verfügung
geregelte Rechtsverhältnis im Streit zu liegen. Das Rechtsbegehren des Rechtsmittels
kann sich lediglich auf einen Teil des im Dispositiv der Verfügung festgelegten
Rechtsverhältnisses beziehen. Somit ergibt sich der Streitgegenstand daraus, inwiefern
nach dem Rechtsbegehren des Rechtsmittels das in der Verfügung geordnete
Rechtsverhältnis bestritten ist. Streitgegenstand ist mithin das im Rechtsmittel
enthaltene Begehren auf Änderung oder Aufhebung der angefochtenen Verfügung.
Fragen, welche nicht Gegenstand der Verfügung waren, bilden nicht Bestandteil des
Anfechtungsobjekts und können somit nicht Streitgegenstand im Rechtsmittelverfahren
werden. Die Verfügung als Anfechtungsobjekt begrenzt damit den möglichen
Streitgegenstand, das Rechtsmittel hingegen legt diesen fest. Das Gericht darf nicht
Beliebiges zum Inhalt seines Entscheids machen. Hingegen hat es im Rahmen einer
angefochtenen Verfügung aufgrund des Sachverhalts und der massgeblichen
Vorschriften dem objektiven Recht zum Durchbruch zu verhelfen. Die fehlende Bindung
an die Anträge der Beteiligten hat nicht die Bedeutung, dass eine Verfügung zu
überprüfen ist, die nicht angefochten ist. Eine Ausweitung der Entscheidung über den
Streitgegenstand hinaus – immer im Rahmen des Anfechtungsgegenstands –
rechtfertigt sich im Sinn einer Verwirklichung des objektiven Rechts jedoch dann, wenn
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die Punkte, auf die sich die Ausweitung bezieht, in engem Sachzusammenhang mit
dem Streitgegenstand stehen (vgl. VerwGE B 2002/18 vom 17. September 2002, in:
GVP 2002 Nr. 23 mit Hinweisen; vgl. auch BGer 2A.121/2004 vom 16. März 2005 E. 2).
2.3. Werden in ein und derselben Verfügung mehrere Anordnungen getroffen, so fragt
es sich, ob diese im Grundsatz selbständige Verfügungen darstellen, die, wenn sie
nicht angefochten wurden, nicht mehr Gegenstand des vorinstanzlichen
Rechtsmittelverfahrens bilden, oder ob sie als Bestandteile der Verfügung und damit
des Anfechtungsobjekts zu betrachten sind, in dessen Rahmen die Vorinstanz vom
Antrag des Beschwerdeführers abweichen durfte.
Der Beschwerdebeteiligte entzog mit Verfügung vom 16. Mai 2018 in der vorliegend
interessierenden Ziffer 1 des Dispositivs dem Beschwerdeführer den Führerausweis auf
Probe für einen Monat wegen mittelschwerer Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften. In Ziffer 5 wurde festgehalten, dass der unbefristete
Führerausweis nach Ablauf der Entzugsdauer durch einen neuen Führerausweis auf
Probe ersetzt und die Probezeit um ein Jahr verlängert werde (vgl. act. 7/2/4). Der
Beschwerdeführer beantragte in seiner Rekurseingabe an die Vorinstanz lediglich die
Aufhebung von Ziffer 5 der Verfügung. Den Entzug des Führerausweises für einen
Monat und die Qualifikation der Verkehrsregelverletzung als mittelschwere
Widerhandlung focht er dagegen nicht an (vgl. act. 7/1).
2.4. Im vorliegenden Fall besteht zwischen den getroffenen Anordnungen des
Beschwerdegegners in Ziffer 1 und Ziffer 5 der Verfügung vom 16. Mai 2018 kein enger
Zusammenhang, der eine Ausweitung des Streitgegenstands rechtfertigt. Vielmehr
handelt es sich dabei um eigenständige Verfügungen, welche nicht zwingend
gleichzeitig und in ein und derselben Verfügung zu eröffnen gewesen wären. Es wäre
dem Beschwerdegegner möglich gewesen, zunächst über den Führerausweisentzug zu
befinden und – nach erfolgter Rechtskraft –, über die Umwandlung des unbefristeten
Führerausweises in einen Führerausweis auf Probe. Wären die Anordnungen in
gesonderten Verfügungen eröffnet worden, so hätten sie einzeln angefochten werden
können bzw. der Beschwerdeführer hätte diese einzeln in Rechtskraft erwachsen
lassen können. Allein aus dem Umstand, dass die Anordnungen aus Gründen der
Vereinfachung des Verfahrens in ein und derselben Verfügung eröffnet wurden, macht
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sie nicht zum einheitlichen Anfechtungsobjekt. Die Anordnungen stehen auch nicht in
einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Zwar hat der Entzug des
Führerausweises zur Folge, dass der zunächst unbefristet erteilte Führerausweis in
einen Führerausweis auf Probe umzuwandeln ist. Jedoch haben die Qualifikation der
Verkehrsregelverletzung und die Dauer des Führerausweisentzugs, das heisst ob der
Führerausweis einen Monat oder drei Monate entzogen wird, keinen Einfluss auf
letztgenannte Rechtsfolge. Der Führerausweis ist im einen wie im anderen Fall durch
einen Führerausweis auf Probe zu ersetzen.
2.5. Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Vorinstanz mit ihrem Entscheid, wonach
der Führerausweis aufgrund einer schweren Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften für drei Monate zu entziehen sei, sachlich etwas anderes
zum Gegenstand ihres Entscheids gemacht hat, was im Rahmen des Rekursverfahrens
jedoch nicht zulässig war. Damit hat die Vorinstanz gegen das Verbot der reformatio in
peius verstossen. Daran ändert nichts, dass die Vorinstanz bei summarischer
Betrachtung nicht an die rechtliche Würdigung des Untersuchungsamts gebunden war
und das Ereignis vom 2. Oktober 2016 durchaus als schwere Widerhandlung gegen die
Strassenverkehrsvorschriften gewertet werden könnte.
2.6. Zusammenfassend erweist sich die Beschwerde bereits daher als begründet. Sie
ist dementsprechend gutzuheissen und Ziffer 1 des Entscheids der Vorinstanz vom
29. November 2018 ist aufzuheben.
3.
3.1. Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens zulasten des Staates (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr für das Beschwerdeverfahren von CHF 1'500 erscheint angemessen
(Art. 7 Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Auf die Erhebung der
Kosten ist zu verzichten (Art. 97 VRP). Der vom Beschwerdeführer im vorliegenden
Verfahren geleistete Kostenvorschuss von CHF 1'500 wird zurückerstattet.
Bei Gutheissung eines Rechtsmittels ist zugleich von Amtes wegen über die amtlichen
Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens zu entscheiden. In der Regel erfolgt die
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entsprechende Kostenverlegung in Bezug auf die Beteiligten und deren Anteile analog
dem Rechtsmittelentscheid (R. Hirt, Die Regelung der Kosten nach st. gallischem
Verwaltungsrechtspflegegesetz, Diss. St. Gallen 2004, S. 103). Im vorinstanzlichen
Verfahren bestritt der Beschwerdeführer lediglich die Zulässigkeit der Umwandlung des
unbefristeten Führerausweises in einen Führerausweis auf Probe. Dieses Begehren
bildete indes – im Gegensatz zur nunmehr beanstandeten reformatio in peius – nicht
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens, weshalb es bei der
vorinstanzlichen Kostenregelung bleiben kann.
3.2. (...)