Decision ID: 4f623f02-7fa7-5487-9ef5-4e3b7eb8c90e
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, Staatsangehörige der Vereinigten Staaten von
Amerika (USA), verliess gemäss ihren Angaben den Heimatstaat am 9. Mai
2019 und reiste gleichentags über den Flughafen B._ in Italien ein
(Akten der Vorinstanz [vi-act.] 2 und 14). Am 1. März 2021 gelangte sie in
die Schweiz und stellte am selben Tag ein Asylgesuch (vi-act. 1 und 9 [Per-
sonalienaufnahme, PA] S. 4).
B.
Am 17. März 2021 fand das persönliche Gespräch gemäss Art. 5 der Ver-
ordnung (EU) Nr. 604/2013 vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-
VO) statt (vi-act. 16).
Die Beschwerdeführerin gab zu Protokoll, sie sei nach Italien gereist, um
bei ihrem Vater zu leben. Ein Gesuch um Erhalt einer Aufenthaltsbewilli-
gung sei abgewiesen worden, und sie habe deshalb nicht arbeiten können.
Mit der Möglichkeit konfrontiert, Italien könnte für ihr Asylverfahren zustän-
dig sein, führte sie an, sie wolle nicht zurückkehren und hasse das Land.
Sie habe psychische Probleme, aber dort keine Krankenversicherung ge-
habt und weder physische noch mentale Betreuung erhalten. Auch der Va-
ter habe keine Mittel gehabt, um sie zu unterstützten. Sie leide unter einer
Borderline-Persönlichkeitsstörung.
C.
Das SEM richtete aufgrund der Angaben der Beschwerdeführerin – sie war
in der europäischen Fingerabdruck-Datenbank «Eurodac» nicht erfasst (vi-
act. 13) – am 21. März 2021 ein Auskunftsersuchen an die italienischen
Behörden, namentlich betreffend ihren Aufenthaltsstatus in Italien (vi-act
20).
D.
Unter Verweis auf den medizinischen Sachverhalt machte die damalige
Rechtsvertretung am 13. April 2021 geltend, bei der Beschwerdeführerin
handle es ich um eine vulnerable Person, auf deren Gesuch in Anwendung
von Art. 17 I Dublin-III-VO i.V.m. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 einzutreten sei (vi-
act. 23).
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E.
Die italienische Migrationsbehörde teilte am 27. April 2021 mit, die Be-
schwerdeführerin sei unter den offiziellen Personalien bekannt, habe kein
Asylgesuch gestellt, sondern eine am 3. Mai 2020 abgelaufene temporäre
Aufenthaltsbewilligung zwecks medizinischer Behandlung innegehabt (vi-
act. 27).
F.
Das SEM stellte am 27. April 2021 gestützt auf Art. 12 Abs. IV Dublin-III-
VO ein Übernahmeersuchen an Italien, das unbeantwortet blieb (vi-
act. 28).
G.
Die damalige Rechtsvertretung reichte am 4., 31. Mai und 11. Juni 2021
medizinische Verlaufsberichte ein und erfragte den Verfahrensstand (vi-
act. 30, 32, 35). Das SEM orientierte die Rechtsvertretung am 14. Juni
2021 über den abgelaufenen italienischen Aufenthaltstitel, das gestellte
Übernahmeersuchen und die damals noch andauernde Antwortfrist (vi-act.
38).
H.
Am 29. Juni 2021 teilte das SEM der italienischen Behörde mit, infolge un-
genutzter Antwortfrist erachte es Italien als zur Prüfung des Asylgesuchs
zuständig (vi-act. 39).
I.
Zum medizinischen Sachverhalt lagen der Vorinstanz umfangreiche Akten
vor: internes medizinisches Datenblatt der C._ mit Einträgen vom
4. und 11. März 2021 (vi-act. 17), Ergänzungen vom 18. März 2021 (vi-act.
22), 15. April 2021 (vi-act. 25), internes medizinisches Zuweisungsschrei-
ben vom 4. März 2021 mit Laborbericht (vi-act. 19), Verlaufsbericht der
D._ mit Einträgen vom 11. und 16. März 2021 (vi-act. 31, 36), Arzt-
berichte der universitären psychiatrischen Dienste E._ vom 4. und
20. Mai 2021 (vi-act. 33, 37), Bericht der internen Pflegefachkräfte (vi-act.
41).
Auf psychiatrischer Ebene wird eine unter Behandlung inaktive Psychose
unklarer Ursache, möglicherweise aber posttraumatische Belastungsstö-
rung (PTBS), in Form einer Borderline- oder Persönlichkeitsstörung be-
schrieben. Somatisch besteht ein diffuser Haarausfall, Verdacht auf Vagi-
nitis, Vitamin-D-Mangel und in der Jugend Nierensteine. Während ihres
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Aufenthalts in der Schweiz hatte sie einen Atemwegsinfekt. Sie berichtete,
kurz nach der Einreise in Italien für zwei Wochen fürsorgerisch unterge-
bracht worden zu sein. Nach dem Austritt habe der Vater sie nochmals ins
Spital gebracht, weil sie sehr erregt gewesen sei. Die Medikation (Ablify
und Risperdal) habe sie eineinhalb Jahre lang eingehalten, danach Risper-
dal wegen Gewichtszunahme abgesetzt. Im Verlauf habe sie die Medika-
tion gänzlich abgesetzt, auch die Vitamin-D-Substitution. Im Alltag wird von
Schwierigkeiten berichtet, Tagesstrukturen, persönliche Hygiene und Ord-
nung einzuhalten.
J.
Mit am 20. Juli 2021 eröffneter Verfügung vom 19. Juli 2021 trat das SEM
auf das Asylgesuch nicht ein, ordnete die Wegweisung der Beschwerde-
führerin nach Italien an und beauftragte den Kanton F._ mit dem
Vollzug der Wegweisung. Es stellte fest, dass einer allfälligen Beschwerde
gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme.
K.
Die Rechtsvertretung legte am 20. Juli 2021 ihr Mandat nieder.
L.
Mit Eingabe vom 27. Juli 2021 erhob die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung.
Sie beantragte deren Aufhebung unter Anweisung der Vorinstanz, ihr Asyl-
gesuch zu prüfen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht sei der Beschwerde die
aufschiebende Wirkung zu erteilen, ihr die unentgeltliche Rechtspflege zu
bewilligen, auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und
ihr ein amtlicher Rechtsbeistand beizuordnen. Mit der Beschwerde reichte
sie diverse Beilagen ein, darunter Versicherungspolicen, Schulnachweise,
Bussenbescheide und medizinische Akten aus Italien.
M.
Die Instruktionsrichterin setzte den Vollzug der Überstellung mit superpro-
visorischer Verfügung vom 28. Juli 2021 aus.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 10. August 2021 erkannte die Instruktionsrich-
terin der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört als
Behörde nach Art. 33 VGG zu den Vorinstanzen des Bundesverwaltungs-
gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von Art. 32
VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zuständig für
die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zu deren Einreichung legitimiert (Art. 105 AsylG und
Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im übrigen frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen Schriften-
wechsel verzichtet.
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerdeverfahren das
Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG
nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann die Be-
schwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheis-
sen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeit-
punkt des Entscheids (BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1 E. 2).
3.3 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
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(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung dieses Staates prüft das SEM die
Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-Verordnung. Führt diese Prüfung
zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asyl-
gesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitglied-
staat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das
Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zu dessen Bestimmung
wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag ge-
stellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3 Im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si-
tuation im Zeitpunkt, in dem die antragstellende Person erstmals einen An-
trag in einem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-
III-VO). Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back)
findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung
nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1
m.w.H.).
4.4 Die Beschwerdeführerin hatte vor ihrer Einreise in die Schweiz in kei-
nem Drittstaat ein Asylgesuch gestellt. Indessen verfügte sie über einen bis
zum 3. Mai 2020 befristeten Aufenthaltstitel für Italien. Die Vorinstanz stellte
unmittelbar nach Erhalt dieser Information seitens Italiens gestützt auf
Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-Verordnung ein Aufnahmeersuchen an Italien. In-
nert Frist erfolgte keine Rückmeldung, womit davon auszugehen ist, Italien
stimme dem Ersuchen zu. Folglich ist es verpflichtet, die Beschwerdefüh-
rerin aufzunehmen und angemessene Vorkehren für ihre Ankunft zu treffen
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(Art. 22 Abs. 1 und Abs. 7 Dublin-III-VO). Die Zuständigkeit Italiens ist so-
mit gegeben und wird auch von der Beschwerdeführerin nicht bestritten.
5.
Zu prüfen bleibt, ob die Vorinstanz gestützt auf die Souveränitätsklausel
von ihrem Selbsteintrittsrecht hätte Gebrauch machen müssen.
5.1 Erweist es sich als unmöglich, eine antragstellende Person in den ei-
gentlich zuständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02) mit sich bringen würden, ist zu prüfen, ob aufgrund
dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden
kann. Kann kein anderer bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prü-
fende Mitgliedstaat zum zuständigen Staat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
5.2 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Ge-
mäss dieser Bestimmung kann das SEM ein Asylgesuch aus humanitären
Gründen auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein an-
derer Staat zuständig wäre. Erweist sich die Überstellung einer asylsu-
chenden Person in einen Dublin-Mitgliedstaat als unzulässig im Sinne der
EMRK oder einer anderen, die Schweiz bindenden völkerrechtlichen Be-
stimmung, muss die Vorinstanz die Souveränitätsklausel anwenden und
das Asylgesuch in der Schweiz behandeln (BVGE 2015/9 E. 8.2.1; 2010/45
E. 7.2).
6.
6.1 Die Vorinstanz sah im angefochtenen Entscheid keine Gründe für die
Annahme gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-Verordnung, dass das Asylver-
fahren respektive die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Italien
Schwachstellen aufweisen würden, die eine Gefahr der unmenschlichen
oder entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden. Italien habe die
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Richtlinien 2013/32/EU (Verfahrensrichtlinie), 2011/95/EU (Qualifikations-
richtlinie) und 2013/33/EU (Aufnahmerichtlinie) umgesetzt und sei Signa-
tarstaat der Flüchtlingskonvention und der EMRK. Anhaltspunkte, dass Ita-
lien seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht nachkomme, seien nicht
erkennbar.
Zur Frage eines Eintritts in die Zuständigkeit gestützt auf Art. 17 Abs. 1
Dublin-III-Verordnung respektive Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 erörterte die Vor-
instanz die medizinische Berichtslage. Italien verfüge über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur und sei gemäss Art. 19 Abs. 1 der Auf-
nahmerichtlinie verpflichtet, die erforderliche medizinische Versorgung –
zumindest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung
von Krankheiten und schweren psychischen Störungen – zu gewähren.
Ausgehend von der aktuellen Gesetzeslage in Italien gelangte die Vorin-
stanz zur Ansicht, dass die medizinische Versorgung in den italienischen
Erstaufnahmestrukturen, sowie die Identifikation allfälliger Vulnerabilitäts-
merkmale und die Behandlung und Betreuung physischer und psychischer
Krankheiten gewährleistet seien. Die Zweitaufnahmestrukturen böten die
analogen Leistungen für dort untergebrachte Asylsuchende wie Personen
mit einem Status internationalen Schutzes, insbesondere auch im Bereich
der Gesundheitsversorgung. Diese seien überdies für die Betreuung vul-
nerabler Personen, namentlich Menschen mit Behinderungen, körperli-
chen oder psychischen gesundheitlichen Personen etc. konzipiert. Insge-
samt vermöge das Aufnahmesystem in Italien derzeit angemessene medi-
zinische Versorgungsleistungen zu erbringen und sei der Zugang Asylsu-
chender zu notwendiger medizinischer Betreuung gewährleistet. Folglich
könne die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Italien ein Asylge-
such stellen und dadurch die medizinischen Leistungen beziehen, auf die
sie gemäss Aufnahmerichtlinie Anspruch habe.
Die Reisefähigkeit werde erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt,
bis dahin stehe die Gesundheitsversorgung der Schweiz zur Verfügung. Im
Rahmen der Organisation der Überstellung würden die italienischen Be-
hörden über den Gesundheitszustand und über eine notwendige medizini-
sche Behandlung informiert. Ein kurzzeitiger Unterbruch der Behandlung
während der Überstellung berge nicht das Risiko einer ernsten, raschen
und unwiederbringlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes in
sich. Eine bipolare Borderline-/Persönlichkeitsstörung könne in Italien
problemlos behandelt werden. Insgesamt lägen keine gesundheitlichen
Beeinträchtigungen vor, die einer Überstellung entgegenstünden.
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6.2 Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerdeschrift geltend, die
Ärzte in Italien hätten ihre gesundheitlichen Beschwerden nicht ernst ge-
nommen und falsch diagnostiziert. Auch hätten sie sie gegen ihren Willen
dreimal in einer psychiatrischen Klinik eingesperrt, was sie traumatisiert
habe. Sie leide unter diversen Beeinträchtigungen, welche ihr ein normales
Leben erschwerten oder verunmöglichten. Sie sei nicht in der Lage, ein
Zimmer zu teilen, benötige ein Einzelzimmer, eine individuelle Betreuung
und ihre Ruhe. Man habe eine Borderline- sowie Persönlichkeitsstörung
diagnostiziert. Eine solche Störung könne durch traumatische Einflüsse im
frühen Kindesalter entstehen. Betroffene hätten Mühe, stabile Beziehun-
gen aufzubauen. Symptome seien andauernde Instabilität in Bezug auf
Gefühle, rasch wechselnde, intensive Gefühlszustände (Angst, Leerege-
fühl, Wut). Es bestehe eine Tendenz zu Selbstverletzungen, Risikoverhal-
ten, Suizidalität und Suchtverhalten, wie etwa Essstörungen. Sie könne ei-
nige dieser Symptome bei sich beobachten. Ihre Probleme, Beziehungen
und Vertrauen aufzubauen, könne sie mit der Lebensgeschichte erklären.
Sie habe oftmals Unrecht und schlechte Behandlung erdulden müssen. Vor
dem Verlassen der USA habe sie einen Suizidversuch unternommen, sei
auch strafrechtlich verfolgt und ins Gefängnis gebracht worden, was die
Persönlichkeitsstörung verschlimmert habe. Sie habe als Kind nie eine Be-
zugsperson oder einen Rückzugsort gehabt. Die Mutter habe sie abge-
lehnt, worauf sie, die Beschwerdeführerin, bei ihrer Tante in G._
gelebt habe. Mit 19 Jahren sei sie in die USA zurückgekehrt. Ihre Mutter
habe sie, die Beschwerdeführerin, nur für den Aufenthaltstitel bedurft. Die
Mutter und ihr Mann hätten sie eingesperrt, psychisch und physisch miss-
handelt. Sie habe, nachdem die Mutter sie wieder rausgeworfen habe, auf
der Strasse gelebt und sich in der Verzweiflung zu töten versucht. Der Va-
ter, der in Italien lebe, wolle nichts von ihr wissen. Sie habe kein Vertrauen
zu ihm, da er tatenlos zugesehen habe, wie sie in die Klinik gesperrt wor-
den sei. Er wolle Italien noch diesen Monat verlassen. Den Eltern sei sie
egal und zu den Geschwistern bestehe kein Kontakt. Nach dem Suizidver-
such habe sie das Visum für Italien zum Zweck der medizinischen Behand-
lung erhalten. Die Hilfe dort sei aber nicht angemessen gewesen. Die Ärzte
hätten sie eingesperrt, falsch behandelt, schliesslich loswerden wollen und
als «geheilt» entlassen. Eine Überstellung nach Italien würde deshalb die
Gefahr einer unmenschlichen und entwürdigenden Behandlung im Sinn
von Art. 4 der Europäischen Grundrechtecharte und Art. 3 EMRK mit sich
bringen. Die Reaktivierung der alten Traumata ohne Zugang zu einer adä-
quaten medizinischen Versorgung würde eine existentielle Notlage für sie
bedeuten. Der Vater, der Italien sowieso verlassen wolle, sei nicht in der
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Lage, für Arztkosten aufkommen. Er sei arbeitslos und könne kaum für sich
selbst sorgen.
Die aktuelle Berichtslage zu Italien, so die Beschwerdeführerin weiter,
zeichne ein anderes Bild des Aufnahmesystems als die Vorinstanz im an-
gefochtenen Entscheid. Die administrativen Hürden für den Zugang zum
Asylsystem seien hoch und insbesondere die Warteliste für den Zugang zu
spezialisierten Plätzen für vulnerable Gruppen sei lang. Die Vorinstanz
wäre gemäss der Tarakhel-Praxis (vgl. Urteil des BVGer E-962/2019 vom
17. Dezember 2020 E. 8.3.4) verpflichtet gewesen, abzuklären, ob die in
Italien zugewiesene Unterkunft den individuellen Bedürfnissen gerecht
werde. Darüber hinaus habe das SEM ein Werturteil über ihre Person ab-
gegeben, welches sie verletze, indem sie ihr Zimmer – unordentlich und
schmutzig – als Widerspiegelung ihrer Persönlichkeit bezeichne. Ihre Ver-
haltensweisen seien nicht Faulheit oder Unordentlichkeit geschuldet, son-
dern der psychischen, nicht adäquat behandelten, Krankheit. Die Vor-
instanz habe das zu wenig abgeklärt, ebenso wenig den gesundheitlichen
Hintergrund des Bedarfs nach einem Einzelzimmer als Rückzugsort. Ärzt-
liche Termine habe sie im Übrigen – anders, als die Vorinstanz ihr vorhalte
– wahrgenommen und sei auch weiter daran interessiert.
6.3 Das italienische Fürsorgesystem für Asylsuchende und Personen mit
Schutzstatus steht zwar in der Kritik, das Bundesverwaltungsgericht ist
aber im Referenzurteil E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 zum Schluss
gelangt, auch nach Erlass und Umsetzung des «Salvini-Dekrets» sei das
Vorliegen systemischer Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Satz 2
Dublin-III-Verordnung, welche die staatliche Unterstützung Italiens und
dessen Einrichtungen für Asylsuchende betreffen, zu verneinen (vgl. aus-
führlich E. 6.1 – 6.4 des erwähnten Referenzurteils sowie etwa Urteile des
BVGer F-5520/2020 vom 18. Februar 2021 E. 5.3; F-444/2021 vom 8. Feb-
ruar 2021 E. 5; F-5083/2020 vom 22. Oktober 2020 E. 4; F-5058/2020 vom
20. Oktober 2020 E. 4; F-4584/2020 vom 17. September 2020 E. 5.2, Re-
ferenzurteil D-2846/2020 vom 16. Juli 2020 E. 6.1). Mit dem Umwandlungs-
gesetz Nr. 173/2020 zum Gesetzesdekret Nr. 130/2020 vom 21. Oktober
2020 (https://www.normattiva.it/uri-res/N2Ls?urn:nir:stato:legge:2020-12-
18;173!vig=2020-12-21, zuletzt aufgerufen am 11. August 2021) wurden
mit Inkrafttreten am 20. Dezember 2020 zentrale Bestimmungen des «Sal-
vini-Dekrets» modifiziert. Bis sich die Umsetzung dieser Gesetzesänderun-
gen durch die italienischen Behörden in der Praxis manifestiert, wendet
das Bundesverwaltungsgericht die im Urteil E-962/2019 entwickelte Recht-
sprechung an (vgl. Urteile des BVGer F-3470/2021 vom 9. August 2021
https://www.normattiva.it/uri-res/N2Ls?urn:nir:stato:legge:2020-12-18;173!vig=2020-12-21 https://www.normattiva.it/uri-res/N2Ls?urn:nir:stato:legge:2020-12-18;173!vig=2020-12-21
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E. 5.3, F-6225/2020 vom 21. Januar 2021 E. 4.4). Zusammenfassend ist
die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-Verordnung nicht gerechtfertigt.
7.
7.1 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen
Problemen kann nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3
EMRK darstellen und damit einen Selbsteintritt der Schweiz erzwingen
(vorne, E. 5.2). Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betroffene
Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit dem siche-
ren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstützung erwar-
ten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis
des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine wei-
tere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die durch
die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
stands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer,
41738/10, §§ 180–193 m.w.H.).
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Referenzurteil
E-962/2019 strengere Kriterien für Dublin-Überstellungen von schwer er-
krankten Asylsuchenden, die sofort nach der Ankunft in Italien auf lücken-
lose medizinische Versorgung angewiesen sind, beschlossen und das
SEM verpflichtet, diesfalls individuelle Zusicherungen betreffend die Ge-
währleistung der nötigen medizinischen Versorgung und Unterbringung bei
den italienischen Behörden einzuholen (vgl. E-962/2019 E. 7.4.3).
7.3 Aus den Akten ergibt sich betreffend die Beschwerdeführerin folgender
medizinischer Sachverhalt:
7.3.1 Gemäss den internen Datenblättern der C._ zu Arztbesuchen
im EVZ E._ (vi-act. 17, 22 und 25) habe die Beschwerdeführerin
am 4. März 2021 angegeben, bipolar, an einer Borderline-Störung mit Per-
sönlichkeitsstörung erkrankt zu sein, dies nach schweren Traumatisierun-
gen. Sie habe einen Suizidversuch mit Tabletten unternommen. Die beste-
hende Medikation helfe nicht gegen den inneren Krieg und die Schlaflosig-
keit, auch habe sie sehr zugenommen. Aripiprazol nehme sie weiterhin,
«um nicht komplett wirr zu werden». Daneben habe sie an bestimmten
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Seite 12
Stellen Haarausfall, sowie zeitweise blutigen Urin und vaginalen Ausfluss;
in der Jugend habe sie unter Nierensteinen gelitten. Eine Untersuchung
durch einen männlichen Arzt lehnte die Beschwerdeführerin ab. In – im
Vordergrund stehender – psychiatrischer Hinsicht ging der Arzt von einer
Psychose, unter Behandlung inaktiv, noch unklarer Ursache, wahrschein-
lich PTBS, aus. Er verordnete weiterhin Aripiprazol, neu Surmontil, setzte
Talofen ab und verordnete eine psychiatrische Behandlung. Zudem über-
wies er sie an die Gynäkologie und verschrieb u.a. Vitamin D und Ferritin.
Am 11. und 18. März 2021 beklagte sie vor allem fortbestehenden Haar-
ausfall. Im Labor wurde ein Vitamin-D-Mangel festgestellt. Die Beschwer-
deführerin war in der psychiatrischen [D._] angemeldet. Es bestand
der Verdacht, der Haarausfall sei Nebenwirkung des Medikaments Ablify
Duofer. Am 15. April 2021 trat ein Atemwegsinfekt auf.
7.3.2 Dem Verlaufsbericht der D._ (vi-act. 31, 36) ist die Eigen-
anamnese der Beschwerdeführerin vom 16. März 2021 zu entnehmen: sie
sei kurz nach ihrer Einreise nach Italien vom Vater ins Spital gebracht wor-
den zufolge starker Erregung. Im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbrin-
gung (FU) sei sie mit Risperdal behandelt worden. Nach zwei Wochen sei
sie ausgetreten und bald darauf nochmals vom Vater ins Spital gebracht
worden, weil sie sehr erregt gewesen sei und randaliert habe. Während der
erneuten FU habe die Behandlung mit Abilify begonnen. Abilify sowie Ris-
perdal habe sie in der Folge während etwa eineinhalb Jahren, bis Dezem-
ber 2020, zusammen genommen und dann wegen Gewichtszunahme das
Risperdal abgesetzt. Die Medikation sei danach angepasst worden. Ge-
mäss ihren Ausführungen finde es der Vater plausibel, dass die Mutter sie
verfolge.
7.3.3 Dem «Arztbericht - Rückmeldung an Medic-Help (Pflegefachper-
son) im BAZ» der Universitären Psychiatrischen Kliniken E._
vom 4. Mai 2021 (vi-act. 33) ist eine Anpassung der Medikation mit Ab-
lify zu entnehmen. Der psychiatrische Zustand sei im Moment stabil;
das Augenmerk scheint – soweit der Bericht leserlich ist – auf der Me-
dikation und einem Abwägen zwischen Gewicht und psychischer Stabi-
lität zu ruhen. Empfohlen wurde die Sicherung einer Tagesstruktur und
zweimal täglich Bewegung in Form von Sport.
7.3.4 Dem analogen Bericht vom 20. Mai 2021 (vi-act. 37) kann – wie-
derum, soweit leserlich – entnommen werden, dass die Beschwerde-
führerin Ablify abgesetzt habe (was seitens der Pflege im BAZ bestätigt
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werde). Psychotische Symptome würden verneint. Sie scheine in Kon-
takt mit dem Vater zu stehen und habe die Telefonnummer an die Pflege
weitergegeben für eine Fremdanamnese.
7.3.5 Gestützt auf diese Berichtslage fragte die Vorinstanz bei der inter-
nen Pflege nach weiteren ärztlichen Berichten nach. Gemäss deren
Ausführungen vom 9. Juli 2021 (vi-act. 41) bestünden Schwierigkeiten
bei der Wahrung der persönlichen Hygiene, Kleiderwechsel und Zim-
merordnung (einschliesslich Nahrungsmittelhygiene). Die Zimmersituation
habe geändert werden müssen; aufgrund ihres Eigengeruchs sei die Be-
schwerdeführerin anderen Bewohnern «nicht zumutbar». Veränderungen
in diesen Bereichen seien schwierig zu bewirken.
Beim letzten psychotherapeutischen Gespräch (siehe oben, E. 7.3.4) habe
sie weitere Gespräche für unnötig erklärt. Sie wirke stark am vorliegenden
Verfahren haftend. Aufgrund der Erkenntnis, dass sie in verschiedenen Be-
langen Hilfe und Unterstützung benötige, würden vermehrt Gespräche ge-
führt, in denen auch Ziele hinsichtlich Tagesstruktur definiert würden. Die
Ziele könnten nie eingehalten werden und würden entsprechend reduziert.
Auch in diesen Gesprächen kreise sie um das Verfahren. Medikation oder
weitere Gespräche mit Psychiatern lehne sie ab, auch Medikamente aus-
serhalb des psychiatrischen Spektrums (wie die Vitamin-D-Substitution).
Sie sei eher auf die körperlichen Beschwerden fokussiert, etwa dermatolo-
gischer Art, wende die hierfür zur Verfügung gestellte Crème aber nicht an.
7.3.6 Der Beschwerde liegt ein weiterer «Arztbericht – Rückmeldung an
Medic-Help» der Universitären Psychiatrischen Kliniken vom 22. Juli 2021
bei. Gemäss diesem habe sie – fokussiert auf eine Diagnosebestätigung
ihrer Borderline-Persönlichkeitsstörung zuhanden der Rechtsvertretung –
vorgesprochen, aber das Gespräch abgebrochen, als klargeworden sei,
dass eine Diagnose ohne Fremdanamnesen nicht gestellt werden könne.
Sie habe weder depressiv noch blockiert gewirkt.
Vorausgegangen war dem eine – ebenfalls der Beschwerde beiliegende –
Zuweisung zur medizinischen Abklärung durch die Pflegekräfte des Bun-
desasylzentrums vom 21. Juli 2021, unter ausführlicher Schilderung der
gegenwärtigen Situation. Die Beschwerdeführerin wurde als im Kontakt
nicht spürbar geschildert, die ihre Medikamente unter Protest nehme – sie
sehe keine Besserung und sei emotionslos. Sie weise diverse Defizite im
Tagesverlauf auf und sei sehr auf ihre körperlichen Beschwerden fixiert.
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Sie habe aus eigenem Antrieb im März 2021 das Medikament Abilify abge-
setzt. Stark blockiert, im Wirken inkohärent und affektarm, habe sie nicht
für sich sorgen können, aber keine Kontaktnahme mit der psychiatrischen
Klinik gewollt; sie habe keine Besserung verspürt und sich durch Abilify
verändert wahrgenommen. Einem mit der Psychiatrie besprochenen
Wechsel auf Quetiapin habe sie eigentlich positiv gegenübergestanden,
aber diesen wegen heftigen Schlafeffektes nicht weiterverfolgen wollen.
Sie sei immer blockierter gewesen, mit den bereits geschilderten Auswir-
kungen auf Hygiene, Ordnung und Drittakzeptanz. Nach einem Wechsel
der Medikation (Truxal und Quetiapin abends) sei sie offener, könne auch
Emotionen zulassen. Die Situation sei nun besser, aber nicht zufriedenstel-
lend; versuchsweise sollte eine therapeutische Beziehung aufgenommen
und die Diagnose überprüft werden.
7.3.7 Die (ungeordnete) Beilagensammlung zur Beschwerde enthält di-
verse Arztberichte aus der Zeit in Italien (Akten des Bundesverwaltungsge-
richts [BVGer act.] 21 ff.), darunter solche zu Notfallinterventionen. Insbe-
sondere liegt nun ein Austrittsbericht aus einer psychiatrischen Klinik in
B._ vom 10. Juni 2019 (BVGer act. 23 ff.) vor, gemäss welchem die
Beschwerdeführerin, die am 3. Juni 2019 als Notfallpatientin hospitalisiert
worden sei, bei guter Compliance und Besserung entlassen worden sei.
Diagnostiziert wurde eine Dysmorphophobie und eine Borderline-Persön-
lichkeitsstörung. Medikamentös sei mit Risperdal, Delorazepam, Depakin
Chrono und (abends) mit Stilnox weiterzufahren (siehe auch Bericht vom
2. Juli 2019, BVGer act. 22). Analoges ist dem Entlassungsbericht vom 16.
Juni 2020 (BVGer act. 34 f.) zu entnehmen, wobei die Medikation geändert
wurde (Abilify, abends Flunox); die laufende Therapie sei fortzuführen.
7.4 Aufgrund dieser Berichtslage ist davon auszugehen, dass die Be-
schwerdeführerin unter einer behandlungsbedürftigen psychiatrischen
Krankheit leidet. In Italien wurde anlässlich zweier Klinikaufenthalte eine
Borderline-Persönlichkeitsstörung und eine Dysmorphopobie diagnosti-
ziert und behandelt; dabei sollte sich an die Entlassung die Fortführung der
laufenden Therapie anschliessen. Während des Aufenthaltes in der
Schweiz konnte keine abschliessende Diagnose etabliert werden. Diese
Unsicherheiten in der Diagnosestellung liegen nicht in mangelndem Bemü-
hen der Vorinstanz begründet, sondern hat sich die Beschwerdeführerin
anrechnen zu lassen: Obwohl am 16. März 2021 bereits klar war, dass
fremdanamnestische Berichte benötigt werden (E. 7.3.1; vgl. E. 7.3.6),
wurden diese erst mit der Beschwerde vorgelegt (E. 7.3.7).
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Die psychischen Probleme erwiesen sich in der Vergangenheit einer Be-
handlung zugänglich und bei gegebener Compliance auch steuerbar. In
B._ konnte zumindest der Beginn einer Behandlung in die Wege
geleitet werden. Die Austrittsberichte einer dortigen psychiatrischen Klinik
lassen eine Diagnosestellung und Behandlung unter Berücksichtigung der
gängigen Standards erkennen. Mit Blick auf das in den Berichten der
Pflege geschilderte Kreisen um körperliche Beschwerden scheint insbe-
sondere auch die mitdiagnostizierte Dysmorphophobie als nicht abwegige
Nebendiagnose. Aufgrund dieser Unterlagen wird seitens des Gerichts der
Eindruck der Beschwerdeführerin nicht geteilt, es sei mit inadäquatem
Druck auf einen Fallabschluss gedrängt worden. Es war sodann der allei-
nige Entscheid der Beschwerdeführerin – die subjektiv der Diagnose und
Behandlung in Italien kritisch gegenübersteht –, die im Verlauf wiederholt
angepasste Medikation vollständig abzubrechen. Immerhin signalisiert sie
nun in der Beschwerde, an einer weiteren Therapie (entgegen ihrer frühe-
ren Äusserung gegenüber der behandelnden Psychiaterin) wieder Inte-
resse zu haben und ist ein solcher Wille im der Beschwerde beiliegenden
Zuweisungsbericht der Pflegekräfte zu erkennen.
7.5 Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, den Antragstellenden die erforder-
liche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung und die
unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schweren psy-
chischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Auf-
nahmerichtlinie); Personen mit besonderen Bedürfnissen ist die erforderli-
che medizinische oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer ge-
eigneten psychologischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnah-
merichtlinie). Die zu erbringenden medizinischen Leistungen können zuge-
gebenermassen von Land zu Land abweichen, aber dennoch innerhalb
des von der Aufnahmerichtlinie vorgegebenen Standards liegen. Abgese-
hen davon ist festzuhalten, dass die diesem Standard genügenden Leis-
tungen nicht denjenigen entsprechen müssen, welche die betroffene Per-
son für wünschenswert und erforderlich hält. Es gilt darauf hinzuweisen,
dass Italien grundsätzlich über eine ausreichende medizinische Infrastruk-
tur verfügt (vgl. Urteil des BVGer F-2009/2020 vom 24. April 2020 E. 8.7
m.H.).
7.6 Es liegen keine Anhaltspunkte vor, wonach der Beschwerdeführerin in
Italien eine adäquate medizinische Behandlung verweigert würde. Der Zu-
gang für asylsuchende Personen zum italienischen Gesundheitssystem
über die Notversorgung hinaus ist derzeit grundsätzlich gewährleistet,
auch wenn es in der Praxis zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann
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(vgl. Urteil E-962/2019 E. 6.2.7). Es kann davon ausgegangen werden, die
Beschwerdeführerin finde bezüglich ihrer gesundheitlichen Beeinträchti-
gungen – wie bereits mit Erfolg in der Vergangenheit (vorne, E. 7.4) – Zu-
gang zu entsprechender medizinischer Versorgung.
Ein Behandlungsunterbruch während der Überstellung kann nach der Be-
richtslage bei minimaler Compliance in der Medikation aufgefangen wer-
den, bringt die Beschwerdeführerin nach dem Gesagten jedenfalls nicht in
eine Situation, die den restriktiven Anforderungen gemäss den vorstehen-
den Erwägungen 7.1 oder 7.2 genügte.
7.7 Zusammengefasst ergibt sich das Bild einer zwar ernst zu nehmenden
Erkrankung, die aber unter Behandlung und bei Compliance der Patientin
unter Kontrolle gehalten werden kann. Es liegt keine Situation vor, die im
Sinne der in der vorstehenden Erwägung 7.1 dargestellten restriktiven
Rechtsprechung eine Unzulässigkeit der Überstellung annehmen liesse.
Die Beschwerdeführerin ist nicht als vulnerable Person im Sinne des Re-
ferenzurteils E-962/2019 E. 7.4.3 (vgl. vorstehende E. 7.2) zu beurteilen,
sodass keine individuelle Garantieerklärung der italienischen Behörden
hinsichtlich Unterbringung und medizinischer Behandlung einzuholen ist.
Desgleichen erübrigt es sich, auf das seit dem erwähnten Referenzurteil in
Italien in Kraft getretene Gesetzesdekret Nr. 130/2020 zur Modifikation
zentraler Bestimmungen des «Salvini-Dekrets» (vorne, E. 6.3) einzuge-
hen, das eine Besserstellung der Asylsuchenden hinsichtlich Asylverfah-
ren, Unterbringung und Zugang zu medizinischer Betreuung zum Inhalt
hat.
7.8 Das SEM führte in der angefochtenen Verfügung aus, in Würdigung der
Akten und der von der Beschwerdeführerin geäusserten Umstände bestün-
den keine Gründe, die die Schweiz veranlassen würden, die Souveräni-
tätsklausel anzuwenden. Es hat diesen Umständen Rechnung getragen
und insbesondere auch die dargelegten gesundheitlichen Probleme ge-
würdigt, aber auch auf die Möglichkeit der ausreichenden medizinischen
Versorgung von Asylsuchenden in Italien hingewiesen. Die der Vorinstanz
bei ihrer Würdigung noch nicht vorliegenden Berichte (E. 7.3.6 und 7.3.7)
ändern am Gesamtbild nichts, respektive helfen, die Diagnose und Be-
handlung, welche die Beschwerdeführerin in Italien erlebt hat, einzuord-
nen.
Einzuräumen ist, dass die in der vorinstanzlichen Verfügung im Rahmen
der Erwägungen gewählte Formulierung «[das] Viererzimmer, in dem Sie
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alleine seien, spiegele Ihre Persönlichkeit und sei vielfach unordentlich»
eine sehr knappe Zusammenfassung des Berichts der internen Pflege-
kräfte ist und unsensibel wirken mag. Indessen ist weder dem erwähnten
Bericht noch im Begründungskontext, in dem diese Formulierung sich fin-
det, ein Anhaltspunkt erkennbar, gemäss welchem sich «Persönlichkeit»
im Sinne eines moralischen Vorhaltes – und nicht als medizinisch-psychi-
atrische Grösse – verstünde.
8.
In der Schlussfolgerung der vorstehenden Erwägungen 6 und 7 sind keine
Gründe ersichtlich, welche die Vorinstanz zu einem Selbsteintritt gemäss
Art. 17 Dublin-III-Verordnung beziehungsweise Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 (vgl.
E. 5) verpflichten würden.
9.
Die vorliegenden gesundheitlichen Einschränkungen stellen auch den
Wegweisungsvollzug nicht in Frage, zumal die mit der Überstellung beauf-
tragten Behörden die besonderen Bedürfnisse der betroffenen Personen –
einschliesslich ihrer unterwegs notwendigen medizinischen Versorgung,
auch in Bezug auf die Corona-Problematik – berücksichtigen müssen (vgl.
Art. 31 Abs. 2 Dublin-III-VO). So hat die Vorinstanz im angefochtenen Ent-
scheid festgehalten, die Reisefähigkeit werde erst kurz vor der Überstel-
lung definitiv beurteilt. Ebenso hat sie dem Gesundheitszustand der Be-
schwerdeführerin bei der Organisation der Überstellung nach Italien Rech-
nung zu tragen, indem sie die dortigen Behörden im Sinne von Art. 31 und
Art. 32 Dublin-III-VO vorgängig über den Gesundheitszustand und die not-
wendige medizinische Behandlung zu informieren hat.
10.
Die Vorinstanz ist nach dem Gesagten zu Recht auf das Asylgesuch der
Beschwerdeführerin nicht eingetreten und hat ihre Wegweisung verfügt
(vgl. Art. 31a Abs. 1 Bst. b und Art. 44 AsylG). Die Beschwerde ist folglich
abzuweisen.
11.
Mit dem vorliegenden Urteil in der Hauptsache ist das Gesuch um Verzicht
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos geworden.
Die am 10. August 2021 angeordnete aufschiebende Wirkung fällt mit vor-
liegendem Urteil dahin.
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12.
12.1 Die Begehren waren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen
ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen, weshalb das Gesuch um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VWVG) und Bei-
ordnung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes VwVG unbesehen der
geltend gemachten Bedürftigkeit abzuweisen ist.
12.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1‒3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
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Demnach verfügt das Bundesverwaltungsgericht:
1.
Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung
wird abgewiesen.
und erkennt:
2.
Die Beschwerde wird abgewiesen.
3.
Die Verfahrenskosten von Fr. 750.– werden der Beschwerdeführerin
auferlegt.
Dieser Betrag ist innert 30 Tagen nach Versand des vorliegenden Urteils
zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen.
4.
Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführerin, die Vorinstanz und das kan-
tonale Migrationsamt.
Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber:
Regula Schenker Senn Thomas Bischof
Versand: