Decision ID: 70a1af49-eef5-4b62-b029-c382ab2ad26e
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im August 2014 bei der Invalidenversicherung (IV) zum
Leistungsbezug an (IV-act. 1). Der Versicherte arbeitete seit 14. April 2008 als
Anlagenführer zu 100% bei der B._ AG im prozessualen Ablauf der chemischen
Produktion (vgl. Angaben der Arbeitgeberin vom 15. September 2014, IV-act. 10-1 ff.;
Funktionsbeschreibung, IV-act. 10-6 f.; Arbeitszeugnis, IV-act. 93-64). Ab dem 16. April
2014 war er zu 50%, ab dem 22. April 2014 zu 100%, vom 12.-19. Mai 2014 zu 50%
und anschliessend wieder zu 100% krank geschrieben (Arztzeugnisse Zentrum C._,
IV-act. 10-8 ff.).
A.a.
Dr. med. D._, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie, spez.
Wirbelsäulenchirurgie, hatte eine S1-Radikulopathie links bei breitbasiger Diskushernie
L5/S1 links diagnostiziert (Bericht vom 15. Juni 2014, IV-act. 12-3) und am 23. Juni
2014 eine mikrochirurgische Dekompression L5/S1 links, Diskus-Dekompression mit
Rezessotomie vorgenommen (Operationsbericht Dr. D._, IV-act. 12-7;
Austrittsbericht Spital E._ vom 20. [richtig wohl: 30.] Juni 2014, IV-act. 18-9).
A.b.
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St.Galler Gerichte
Im Bericht vom 1. September 2014 hielt Dr. D._ fest, beim Versicherten bestehe
eine klare L5-Radikulopathie, auch im Sinne von neuropathischen Beschwerden (IV-
act. 12-6). Dr. med. F._, Assistenzarzt Klinik für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates Kantonsspital St. Gallen (KSSG), führte im
Bericht vom 21. Januar 2015 aus, der Versicherte beklage eine Ischialgie an der
Oberschenkelrückseite bzw. am lateralen Fussrand links sowie zeitweise vorhandene
Kreuzschmerzen. Aus wirbelsäulenchirurgischer Sicht handle es sich am ehesten um
eine Wurzelreizung S1 links. Im MRI zeige sich eine Restdiskushernie mit
möglicherweise Nervenwurzeltangierung S1 links (IV-act. 54). Dr. med. G._, Innere
Medizin FMH, empfahl im Arztbericht vom 5. Februar 2015 eine relativ rasche
Reintegration in den Arbeitsprozess. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als
Produktionsmitarbeiter sei der Versicherte seit 24. Juni 2014 zu 100% arbeitsunfähig
(IV-act. 18-2 ff.).
A.c.
RAD-Arzt Dr. med. H._, Facharzt für Chirurgie, nahm am 16. März 2015 Stellung,
aufgrund der Angaben von Dr. G._ sei davon auszugehen, dass ab 21. Januar 2015
in einer optimal rückenadaptierten Tätigkeit (Wechselbelastung, vorwiegend sitzende
Tätigkeit ohne Heben und Tragen von Lasten über 10 kg, ohne Zwangshaltungen) eine
Arbeitsfähigkeit von 100% bestehe (IV-act. 23). Im Assessment vom 7. April 2015
führte der Versicherte aus, die Beschwerden seien nach der Operation schlimmer
geworden. Er sei verzweifelt und aggressiv, könne kaum mehr aus dem Haus, fahre
nicht mehr selbst Auto und verbringe die meiste Zeit liegend und schräg sitzend in
seinem Zimmer. Da er oft aggressiv sei, ziehe er sich auch von seiner Familie zurück
(IV-act. 35-1). Auf Ende Juni sei ihm die Stelle gekündigt worden (IV-act. 35-2; vgl.
auch Arbeitszeugnis, IV-act. 93-64). Die Eingliederungsverantwortliche hielt fest, der
Versicherte wirke verzweifelt, überfordert und dadurch gereizt und aggressiv. Der
Leidensdruck sei enorm (Assessmentprotokoll vom 20. April 2015, IV-act. 35-3).
A.d.
Ein MRI (L)WS vom 30. April 2015 zeigte eine Rezidiv-/Resthernie LWK 5/SWK 1
links, postoperatives Narbengewebe mit Kompression bzw. Affektion von S1 links
rezessal sowie eine aktivierte Osteochondrose LWK 5/SWK 1 (IV-act. 37).
A.e.
Am 5. Mai 2015 fand ein von der Krankentaggeldversicherung Visana initiiertes
Assessment im Rahmen des Medbase Schmerzprogramms statt (IV-act. 41). Im
A.f.
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entsprechenden Bericht wurde ausgeführt, die funktionelle Leistungsfähigkeit werde als
sehr niedrig eingestuft. Der Versicherte zeige einen hohen Behinderungsgrad auf Basis
seines chronischen Rückenleidens (Rücken/LWS-Behinderungsgrad 68%, IV-
act. 41-12). Er habe sehr geringe Belastungstoleranzen bezüglich Stehen, Gehen und
Sitzen. Das linke Bein werde wegen hoher Schmerzen nur gering belastet. Der
Versicherte sei aufgrund seiner andauernden Schmerzsituation stark dekonditioniert.
Belastungstests für Kraft und Ausdauer hätten wegen seiner intensiven Schmerzen
nicht durchgeführt werden können. Es bestehe ein hohes Chronifizierungsrisiko.
Medizinische und therapeutische Interventionen hätten bisher nicht geholfen (IV-
act. 41-5). Der Versicherte leide unter sehr auffälligen Angst- und
Depressionsstörungen aufgrund seiner biopsychosozialen Situation (IV-act. 41-6). Es
wurden eine stationäre oder intensive ambulante Reha und ein engmaschiges
Jobcoaching (Arbeitstraining zweiter Arbeitsmarkt oder ev. beim ehemaligen
Arbeitgeber) empfohlen (IV-act. 41-7). Gemäss Bericht vom 27. Mai 2015 rieten die
Ärzte der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates KSSG zu einer weiteren Operation (Re-Dekompression bzw. Re-
Sequesterektomie L5/S1 links oder TLIF-Versorgung L5/S1; IV-act. 55).
Die Eingliederungsverantwortliche schloss ihren Fall am 8. Juli 2015 ab, da sich
der Versicherte für jede vorstellbare Tätigkeit subjektiv arbeitsunfähig fühle (IV-act. 42,
43; Mitteilung vom 13. Juli 2015, IV-act. 44).
A.g.
Der Versicherte trat am 29. Februar 2016 in die Rehaklinik I._ ein. Er brach das
Programm am 9. März 2016 ab. Im Austrittsbericht vom 15. März 2016 wurde
festgehalten, im Verlauf sei es zu einer subjektiven Verstärkung der
Schmerzproblematik gekommen. Dies habe ein aktives Training verunmöglicht. Der
Versicherte habe sich ausser Stande gefühlt, die aktiven Strategien anzuwenden und
sei sich dabei hilflos und überfordert vorgekommen. Seine hohen Erwartungen hätten
gemäss seiner Aussage nicht erfüllt werden können (IV-act. 79).
A.h.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte durch die Swiss Medical
Assessment- and Business-Center (SMAB) AG, Bern, begutachtet (Gutachten vom 21.
September 2016; Dr. med. J._, Allgemeine Innere Medizin; Dr. med. K._,
Neurologie, Dr. med. L._, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
A.i.
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St.Galler Gerichte
Bewegungsapparates, Dr. med. M._, Psychiatrie und Psychotherapie;
Untersuchungen 3., 17. und 29. August 2016; IV-act. 93). Der orthopädische Gutachter
diagnostizierte ein chronisch lumbospondylogenes Schmerzsyndrom mit mittelgradiger
Funktionseinschränkung im Status nach mikrochirurgischer Dekompression L5/S1 am
23. Juni 2014 mit fortbestehender, kleiner Rest-/Rezidiv-Bandscheibenhernie LWK 5/
SWK 1 mit residueller Wurzelirritation S1 links. Er führte aus, die Angaben zur
Schmerzintensität seien klinisch orthopädisch nicht nachvollziehbar. Der Versicherte
sei in der Lage, körperlich leichte Tätigkeiten mit Heben und Tragen von Lasten bis zu
10 kg in Wechselbelastung, im Sitzen, Stehen und Gehen auszuführen. Tätigkeiten in
Zwangshaltung (ständigem Vorbeugen) sowie unter extremen
Temperaturschwankungen wie Hitze, Kälte, Nässe und Zug sollten vermieden werden.
Aus orthopädischer Sicht erkläre die Bildgebung wiederkehrende Rückenschmerzen,
welche die Arbeitsfähigkeit aufgrund von reduziertem Arbeitstempo und Produktivität in
einem Ausmass von 20% minderten, so dass die Arbeitsfähigkeit in zuletzt ausgeübter
und leidensadaptierter Tätigkeit 80% betrage (IV-act. 93-10 ff., 28). Der neurologische
Gutachter diagnostizierte ebenfalls eine residuelle Wurzelirritation S1 links. Als einziger
Befund finde sich ein links wohl als Folge der Operation abgeschwächter
Achillessehnenreflex. Weder mit den beklagten Beschwerden noch mit der
Arbeitsfähigkeit bestehe hier ein Zusammenhang. Die Arbeitsfähigkeit sei aus
neurologischer Sicht nicht zusätzlich beeinträchtigt (IV-act. 93-11, 46). Auf
psychiatrischem Fachgebiet konnte keine Erkrankung festgestellt werden, die für die
Arbeitsfähigkeit des Versicherten Relevanz besitzt (IV-act. 93-12). Mit der
Begutachtung könne ein Radikulärsyndrom ausgeschlossen werden, so dass aus
orthopädischer Sicht ab dem Begutachtungszeitpunkt eine andere Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit erfolge, sie betrage aktuell 80%. Psychiatrisch sei eine durchgehende
Arbeitsunfähigkeit nicht zu begründen. Neurologisch und internistisch seien
retrospektiv keine Gründe für eine lang andauernde Arbeitsunfähigkeit zu erkennen (IV-
act. 93-13).
RAD-Arzt Dr. H._ nahm am 29. September 2016 Stellung, das Gutachten erfülle
die versicherungsmedizinischen Anforderungen, aus versicherungsärztlicher Sicht
könne die administrative Entscheidung darauf abgestützt werden (IV-act. 94). Mit
Vorbescheid vom 30. September 2016 gewährte die IV-Stelle dem Versicherten das
A.j.
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rechtliche Gehör zur vorgesehenen Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 97). Mit
Einwand vom 11. Oktober 2016 / 16. November 2016 liess dieser im Wesentlichen
geltend machen, das Gutachten habe sich mit den Beurteilungen von Dr. F._ und der
Medbase nicht (ausreichend) auseinandergesetzt (IV-act. 98, 101). Die IV-Stelle tätigte
diesbezüglich eine Rückfrage an die Gutachterstelle (22. November 2016, IV-act. 103).
Die Gutachter nahmen am 30. November 2016 im Wesentlichen Stellung, somatisch
kämen die Gutachter Orthopädie und Neurologie zum übereinstimmenden
Untersuchungs- und Begutachtungsergebnis, dass das Ausmass der geklagten
Schmerzen strukturell-anatomisch nicht zu begründen sei. Unabhängig davon, welche
Massnahmen auch durchgeführt worden seien (periradikuläre Therapie,
mikrochirurgische Dekompression vom 23. Juni 2014, ambulante Physiotherapie), habe
sich im ganzen Krankheitsverlauf eine totale Unbeeinflussbarkeit der Beschwerden
gezeigt. An den Ausführungen und Beurteilungen des polydisziplinären Gutachtens
vom 21. September 2016 werde festgehalten (IV-act. 105).
Mit Eingabe (Ergänzung des Einwands) vom 8. März 2017 (IV-act. 110-1 ff.) reichte
der Versicherte Berichte der Klinik für Neurochirurgie des KSSG vom 8. Februar 2017
(IV-act. 110-4 f.), 23. Dezember 2016 (IV-act. 110-6), 6. Dezember 2016 (IV-
act. 110-7 f.) und vom 6. Juni 2016 (IV-act. 110-9) zu den Akten. RAD-Arzt Dr. med.
N._, Facharzt für Prävention und Gesundheitswesen, nahm am 9. März 2017
zusammengefasst Stellung, die Berichte vom 6. und 23. Dezember 2016 und vom
8. Februar 2017 bestätigten die von den Gutachtern erhobenen Befunde (Rest-/
Rezidivhernie, Schmerzsymptomatik, Persistenz der Irritation S1 links ohne
sensomotorischen Ausfälle). Weitere medizinische Abklärungen seien nicht erforderlich
(IV-act. 111).
A.k.
Mit Verfügung vom 9. März 2017 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren ab. Nach
erfolgter Operation und der nötigen Rehabilitationszeit habe sich der
Gesundheitszustand soweit wieder verbessert, dass aus versicherungsmedizinischer
Sicht in der angestammten wie auch in einer adaptierten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit
von 80% vorliege. Aus versicherungsmedizinischer Sicht würden im Einwandverfahren
keine wesentlichen Änderungen von Befunden oder Symptomen mitgeteilt, die nicht
schon im Zeitpunkt des Vorbescheids vorhanden gewesen seien. Aus dem
Einkommensvergleich resultiere in einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit eine
A.l.
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B.
invaliditätsbedingte Erwerbseinbusse von 20%. Der Versicherte habe deshalb keinen
Rentenanspruch, unabhängig davon, ob er die angestammte Tätigkeit bei ganztägiger
Anwesenheit mit einer attestierten Leistungsfähigkeit von 80% ausüben könne (IV-
act. 112).
Gegen die Verfügung vom 9. März 2017 lässt A._, vertreten durch Rechtsanwalt
lic. iur. S. Teindel, am 11. April 2017 Beschwerde erheben. Er beantragt, die
angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge aufzuheben und
die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, ihm die gesetzlichen Leistungen, namentlich
eine Invalidenrente, zu gewähren. Es sei ein polydisziplinäres Gerichtsgutachten
einzuholen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Beschwerdegegnerin zu verpflichten, ihm eine befristete Invalidenrente zu gewähren.
Weiter sei ihm (im nicht von der Rechtsschutzversicherung gedeckten Umfang) die
unentgeltliche Prozessführung und die unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu
bewilligen. Auf das SMAB-Gutachten sei infolge zahlreicher Mängel nicht abzustellen.
Der psychiatrische Gutachter prüfe den Psychostatus nicht lege artis nach AMDP-
System. Gemäss Assessmentbericht der Medbase seien mittels entsprechender Tests
starke bis sehr starke ängstliche und depressive Symptome festgestellt worden. Nach
den aktuellen Qualitätsleitlinien der SGPP für versicherungspsychiatrische Gutachten
hätte die Beurteilung bzw. Einordnung der Beschwerden und Befunde sowie die
versicherungsmedizinische Würdigung in Bezug auf frühere, auch anderslautende
Beurteilungen und unter kritischer Würdigung früherer fachlicher Einschätzungen
erfolgen müssen. Gemäss psychologischer Abklärung vom 7. Februar 2017 leide er an
einer Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion gemischt (Bericht Klinik
für Psychosomatik KSSG vom 21. Februar 2017, act. G 1.3). Überdies habe die
psychiatrische Untersuchung maximal 10 bis 15 Minuten gedauert und nicht, wie vom
Gutachter festgehalten, 60 Minuten. Dass der Gutachter keine konkreten psychischen
Symptome habe feststellen können, lasse sich neben der mangelhaften
Befundaufnahme ohne Weiteres mit einer ungebührlich kurzen Untersuchungsdauer
erklären. Es sei nicht nachvollziehbar, dass der orthopädische Gutachter das
Vorhandensein des Lasègue-Zeichens verneine, während dieses sowohl vor als auch
nach der Begutachtung durch verschiedene Fachärzte bejaht worden sei. Dies lasse
B.a.
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auf eine oberflächliche und mangelhafte Untersuchung schliessen. Die Untersuchung
habe nicht, wie vom Gutachter behauptet, 120, sondern maximal 60 bis 90 Minuten
gedauert. Hätte der Gutachter den Befund korrekt erhoben, wäre die orthopädische
Nachvollziehbarkeit der Schmerzproblematik ohne Weiteres zu bejahen gewesen. Dass
er in seiner angestammten Tätigkeit zu 80% arbeitsfähig sei, sei aktenwidrig. Er könne
lediglich noch leichte Tätigkeiten mit einer Hebe-/Traglast von maximal 10 kg
ausführen. Er habe in seiner angestammten Tätigkeit regelmässig 25 kg schwere
Lasten heben und tragen müssen. Bei Zugrundelegung einer 50%-igen Arbeitsfähigkeit
und eines in Anbetracht sämtlicher Umstände zu gewährenden Tabellenlohnabzugs
von 25% resultiere ein Invaliditätsgrad von 68%. Selbst unter Zugrundelegung einer (zu
hohen) Arbeitsfähigkeit von 80% ergebe sich ein Invaliditätsgrad von 49%. Selbst
wenn das SMAB-Gutachten beweiskräftig wäre, hätte er einen befristeten
Rentenanspruch. Gemäss Gutachten sei von der seit April 2014 attestierten 100%-igen
Arbeitsfähigkeit nicht abzuweichen. Erst ab dem Begutachtungszeitpunkt sei aus
orthopädischer und polydisziplinärer Sicht eine andere Einschätzung erfolgt, wonach in
leidensangepasster Tätigkeit eine 80%-ige Arbeitsfähigkeit bestehe. Er habe somit vom
1. Februar 2015 bis 31. Oktober 2016 Anspruch auf eine ganze Rente. Die
Beschwerdegegnerin sei von einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit ausgegangen,
habe aber einen Rentenanspruch nicht geprüft (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 5. Mai 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Das SMAB-Gutachten sei ausführlich abgefasst und
dessen Schlussfolgerungen zusammen mit der Arbeitsfähigkeitsschätzung seien in
jeder Hinsicht nachvollziehbar. Es sei nicht notwendig, dass sich der psychiatrische
Befund auf das AMDP-System stütze. Die Behauptung des Beschwerdeführers, dass
er während höchstens 15 Minuten exploriert worden sei, werde aufgrund der
ausführlichen Angaben über die vom Beschwerdeführer geltend gemachten
Einschränkungen, die persönliche Anamnese und Befunde bestritten. Im Übrigen sei
nicht die Dauer der Untersuchung massgebend, sondern ob das Gutachten inhaltlich
vollständig und das Ergebnis schlüssig sei. Der Gutachter habe sich auch auf die
umfassend erhobene Anamnese und die Vorakten abstützen können. Zudem sei er
ausführlich auf die subjektiven Angaben des Beschwerdeführers eingegangen. Auch
die Schilderung der Befundlage und die abschliessende Beurteilung nehme im
B.b.
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psychiatrischen Konsilium einen breiten Raum ein. Demnach sei davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer vom psychiatrischen Gutachter ausführlich genug
untersucht worden sei. Auf die im Assessmentbericht der Medbase enthaltene
testpsychologische Beurteilung könne nicht abgestellt werden, da diese
ausschliesslich auf Selbstangaben des Beschwerdeführers beruhe und nicht durch eine
Arztperson vorgenommen worden sei. Gegen einen psychischen Leidensdruck spreche
auch, dass der Beschwerdeführer keine psychiatrische Therapie in Anspruch nehme.
Es ergäben sich keine Hinweise, dass der Beschwerdeführer nicht gründlich
orthopädisch untersucht worden sei. Der erwähnte Zeitaufwand von 120 Minuten sei
angesichts der Ausführlichkeit des orthopädischen Konsiliums nachvollziehbar. Der
orthopädische Gutachter gehe nachvollziehbar lediglich von einer mangelnden
Dehnungsfähigkeit der ischiokruralen Muskulatur bei pseudoradikulärem Schmerzbild
bei nicht positivem Lasègue aus. Mit ihrer Arbeitsfähigkeitsschätzung habe die SMAB
AG die gesundheitlichen Einschränkungen des Beschwerdeführers ausreichend
berücksichtigt. Weil nicht ersichtlich sei, dass sich der Gesundheitszustand seit März
2015 bis zur Begutachtung wesentlich verändert habe, gelte die gutachterliche
Arbeitsfähigkeitsschätzung auch rückwirkend. Für den Beschwerdeführer geeignete
Tätigkeiten seien etwa leichtere Maschinenbedienungs-, Kontroll-, Sortier-, Prüf- sowie
Verpackungsarbeiten, leichtere Arbeiten bei der Lager- und Ersatzteilbewirtschaftung,
eine Beschäftigung an einem Empfang oder als Telefonist sowie Kurier- und leichtere
Lieferdienste. Weil die gesundheitlichen Einschränkungen des Beschwerdeführers mit
der attestierten Arbeitsfähigkeit von nur noch 80% in einer adaptierten Tätigkeit bereits
berücksichtigt worden seien, sei ein so genannter Leidensabzug nicht gerechtfertigt.
Bei einem resultierenden Invaliditätsgrad von 32% habe der Beschwerdeführer keinen
Anspruch auf eine IV-Rente (act. G 5).
Die Abteilungspräsidentin des Versicherungsgerichts bewilligt dem
Beschwerdeführer am 10. Mai 2017 die unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den
Gerichtskosten und unentgeltliche Rechtsverbeiständung), soweit die Kosten nicht
gemäss Schreiben vom 7. April 2017 (act. G 1.5) durch die Rechtsschutzversicherung
gedeckt sind (act. G 6).
B.c.
Mit Replik vom 8. Juni 2017 bestreitet der Beschwerdeführer die Ausführungen in
der Beschwerdeantwort, wonach das Gutachten nachvollziehbar sei. Das AMDP-
B.d.
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Erwägungen
1.
System entspreche einem gutachterlichen Vorgehen nach dem derzeitig
wissenschaftlich anerkannten Standard. Selbstbeurteilungen, die im AMDP-System
zahlreich vorhanden seien, seien für eine vollständige Befunderhebung unabdingbar,
wenn auch anerkanntermassen nicht einzig darauf abgestellt werden könne. Dass die
psychiatrische Exploration so lange gedauert habe wie im Konsilium festgehalten und
dass der psychiatrische Gutachter ihn ausreichend untersucht habe, sei spekulativ. Die
Stellungnahme der Klinik für Neurochirurgie des KSSG vom 19. Mai 2017 (act. G 8.1)
begründe ebenfalls konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
Beurteilung der SMAB-Gutachter. Der Bericht nenne konkrete, objektiv fassbare
Aspekte, die den SMAB-Gutachtern entgangen zu sein schienen oder mit denen sie
sich zumindest nicht befasst hätten. Die erwähnte neuropathische Komponente und
die aktivierte Osteochondrose sowie die Nebenwirkungen der starken Medikation seien
von den Gutachtern nicht berücksichtigt worden. Die Gutachter und auch der RAD-Arzt
hielten klar fest, dass die seit April 2014 bestehende 100%-ige Arbeitsunfähigkeit
bejaht werde. Das Valideneinkommen sei auf Fr. 77'467.-- festzusetzen (act. G 8).
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik.B.e.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.1.
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 396 E. 5.3 und
E. 6, BGE 141 V 289 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
1.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/25
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8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_350/2017, E. 5.4, und
vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427 E. 6). Für somatisch
unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte
Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen ist der
Beweis nach dem strukturierten Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE
141 V 281 und BGE 143 V 428, E. 7.1). Der Beweis für eine lang andauernde und
erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet
betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen
Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143
V 427, E. 6 a. E.).
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60%, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50%, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40% invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
1.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/25
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2.
Umstritten ist die Beweistauglichkeit des Gutachtens der SMAB AG Bern vom 21.
September 2016 (IV-act. 93), welches medizinische Grundlage der angefochtenen
Verfügung bildet.
3.
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
1.5.
Der Beschwerdeführer schilderte anlässlich der Begutachtung ständige,
linksseitige Rücken-/Beinschmerzen lumbal und muskuläre Verspannungen in der
Brust- und Lendenwirbelsäule, die er zeitweilig auch bis in den Halswirbelsäulenbereich
verspüre. Der ins linke Bein ausstrahlende Schmerz habe einen brennenden und
drückenden Charakter. Stehen führe zu einem Stechen im Rücken. Beim Gehen ziehe
es über das linke Gesäss in die Kniekehle und von dort in die Ferse. Zur
Schmerzentlastung bringe er sein komplettes Gewicht auf das rechte Gesäss und
stütze sich mit der anderen Hand auf der Sitzfläche ab. Nebst dem Schmerz bestehe
auch ein permanentes Taubheitsgefühl und ein "Ameisenlaufen". In der Kniekehle
spüre er häufig ein Brennen. Die Beschwerden seien wetterabhängig (IV-act. 93-22, 32,
43). Der Beschwerdeführer erhob sich bei der orthopädischen Begutachtung mit
3.1.
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Abstützen vom Stuhl, zeigte ein hinkendes Gangbild und entlastete im Stand das linke
Bein (IV-act. 93-24). Der neurologische Gutachter notierte, beim spontanen Gang
werde bei grosser Schrittlänge das linke Bein etwas nachgezogen (IV-act. 93-45).
Der orthopädische Gutachter führte aus, die Rumpfmuskulatur erscheine
dysbalanciert, das Aufrichten aus der Rückenlage in den Langsitz erfolge mit
Abstützung. Die Rückenstrecker seien hyperton, insbesondere bestehe eine
Druckschmerzhaftigkeit in den Segmenten L4/5 und L5/S1 beidseits. Die
Dehnungsfähigkeit der ischiokruralen Muskulatur sei diskret eingeschränkt, die
Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule sei endgradig schmerzhaft eingeschränkt,
insbesondere bestehe eine deutliche Einschränkung der Inklinationsfähigkeit. Die
Einnahme des Langsitzes auf der Untersuchungsliege gelinge schmerzbedingt nicht
(IV-act. 93-25). Lasègue und Bragard seien beidseits negativ. Es stelle sich ein Pseudo-
Lasègue links bei 50° und rechts bei 60° positiv dar (IV-act. 93-26). Bis auf eine
Reflexabschwächung links (ASR) lasse sich keine Defizit-Symptomatik nachweisen. Es
handle sich vielmehr bei mangelnder Dehnungsfähigkeit der ischiokruralen Muskulatur
um ein pseudoradikuläres Schmerzbild. Es werde fortbestehend eine Rest/
Rezidivbandscheibe mit narbiger, rezessiver Ummauerung der Nervenwurzel S1 links
und potentieller rezessaler Kompression beschrieben (vgl. auch MRI-Befund vom
6. Mai 2016, IV-act. 93-67). Das angegebene eingeschränkte Gehleistungsvermögen
lasse sich bei freier Funktion der unteren Extremitätengelenke, regelrechter
Kraftentwicklung der Beinmuskulatur bei seitengleichen Beinumfängen nicht erklären.
Aus orthopädischer Sicht erkläre die Bildgebung wiederkehrende Rückenschmerzen
(IV-act. 93-27 f.). Der neurologische Gutachter legte dar, der Beschwerdeführer
beklage keine akut oder subakut einschiessenden Parästhesien in das linke Bein, wie
es für eine Radikulopathie typisch sei. Bei der Prüfung des Lasègue-Zeichens werde
sowohl im Liegen als auch im Sitzen ein Ziehen im unteren Beckenrand links
angegeben. Der Lasègue sei auf beiden Seiten jedoch als negativ zu beurteilen (IV-
act. 93-45). Auffällig am ganzen Krankheitsverlauf sei die totale Unbeeinflussbarkeit der
Beschwerden durch die verschiedenen Therapiemassnahmen. Neurologisch finde man
als einzigen Befund eine Differenz beim Achillessehnenreflex, welcher rechts normal
und links wohl als Folge der Operation abgeschwächt sei und weder mit den geklagten
Beschwerden noch mit der Arbeitsfähigkeit zusammenhänge. Die detailliert geprüfte
Motorik sei überall normal, das gezeigte Hinken gehöre zu einer nicht organischen
Pathologie. Die Symptomatik entspreche einem pseudoradikulären Bild. Die im MRI
vom 6. Mai 2016 abgebildeten Befunde seien für das Beschwerdebild nicht
verantwortlich (IV-act. 93-46).
3.2.
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Dr. med. O._, Arzt der Klinik für Neurochirurgie des KSSG, hielt im Bericht vom
8. Februar 2017 fest, die Diagnose eines chronischen Schmerzsyndroms mit gemischt
nozizeptiv-neuropathischen Schmerzen sei bestätigt worden. In einer MRI der LWS
vom 29. November 2016 habe sich neben den narbigen Veränderungen um die Wurzel
S1 links eine kleinvolumige Rest- oder Rezidivhernie gezeigt. Sollten die konservativen
interdisziplinären Massnahmen mittel- oder längerfristig keine Wirkung zeigen, stünde
entweder die Revisionsoperation der kleinen Rezidivhernie oder die Implantation eines
Rückenmarkstimulators zur Linderung der S1-neuropathischen Symptomatik zur
Diskussion. Aufgrund der persistierenden gemischten nozizeptiv-neuropathischen
Schmerzen im Bein bzw. aufgrund des aktuellen klinischen Zustandes und des
radiologischen Befundes sei der Beschwerdeführer in einer rückenschonenden
Tätigkeit 50% arbeitsfähig (50%-ige zeitliche Beschäftigung; IV-act. 110-4 f.). Die
Stellungnahme der Klinik für Neurochirurgie des KSSG vom 19. Mai 2019 (act. G 8.1)
bestätigt die gutachterliche Diagnose hinsichtlich des Vorliegens einer Rest/
Rezidivbandscheibenhernie LWK 5/SWK 1 mit residueller Wurzelirritation S1 und
ergänzt sie bezüglich des Vorliegens einer neuropathischen Komponente und einer
aktivierten Osteochondrose L5/S1. Der behandelnde Neurologe führt aus, das
Wurzelreizsyndrom S1 sei auch im Verlauf der ganzen Krankengeschichte konsistent:
keiner von den intervidierenden Ärzten habe die Beinschmerzen anders als eine
Reizsymptomatik S1 je beschrieben. Aus dem Bericht geht weiter hervor, dass der
Beschwerdeführer aufgrund der neuropathischen Beschwerdekomponente die
Medikamente Neurontin (Wirkstoff: Gabapentin, u.a. gegen neuropathische Schmerzen,
vgl. www.compendium.ch) und Trittico erhalte (Stand Februar 2017), deren
(Neben-)wirkung die Arbeitsfähigkeit zusätzlich reduzieren könne. Die von den
Gutachtern attestierte Arbeitsfähigkeit von 80% erscheine extrem optimistisch
(act. G 8.1).
3.3.
Erstmals hatte Dr. D._ im Bericht vom 1. September 2014 festgehalten, der
Beschwerdeführer "habe eine klare L5-Radikulopathie, auch im Sinne von
neuropathischen Beschwerden" (IV-act. 12-6). Im Assessmentbericht des Medbase
Schmerzprogramms vom 5. Mai 2015 war eine Medikation mit Gabapentin 2 bis 3 x
300 mg vermerkt worden (IV-act. 41-9), was ebenfalls darauf schliessen lässt, dass
schon zum damaligen Zeitpunkt vom Vorhandensein einer neuropathischen
Schmerzkomponente ausgegangen wurde. Die Ärzte der Klinik für Orthopädische
Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates des KSSG hatten im Bericht
vom 27. Mai 2015 ausgeführt, von einer erneuten Operation (Re-Dekompression bzw.
Re-Sequesterektomie L5/S1 links) sei im besten Falle eine Beschwerdeverbesserung
der S1ner-Klinik links zu erwarten. Wäre für den Beschwerdeführer auch der
3.4.
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Kreuzschmerz problematisch, müsste man über eine TLIF-Versorgung L5/S1 von links
nachdenken (IV-act. 55). Dem orthopädischen und dem neurologischen Gutachter war
folglich bekannt, dass die behandelnden Ärzte des KSSG (bezüglich der
Schmerzausstrahlungen ins linke Bein) von einer neuropathischen
Schmerzkomponente ausgingen und zu einer erneuten Operation rieten. Die nach der
Begutachtung verfassten Berichte von Dr. O._ vom 8. Februar 2017 (IV-act. 110-4 f.)
und vom 19. Mai 2017 (act. G 8.1) beantworten im Wesentlichen die Frage, ob die im
MRI vom 30. April 2015 (IV-act. 37) und vom 6. Mai 2016 (IV-act. 93-65) sichtbare
Kompression bzw. Affektion der Nervenwurzel S1 die vom Beschwerdeführer
geschilderten ins linke Bein ausstrahlenden Schmerzen zu erklären vermag,
abweichend von den Gutachtern.
Dr. O._ verweist zur Objektivierung auf die Konsistenz der Beurteilung im Verlauf
der Krankengeschichte (act. G 8.1). In diesem Zusammenhang ist auch auf den
(undatierten) Verlaufsbericht der Physiotherapeutin hinzuweisen, wonach der
Beschwerdeführer die Schmerzen dermatombezogen und sehr präzise beschreibe (IV-
act. 93-61). Demgegenüber kam der orthopädische Gutachter gestützt auf die klinische
Untersuchung zusammengefasst zum Schluss, es bestehe ausschliesslich ein
abgeschwächter ASR-Reflex links, welcher nicht zu objektivieren vermöge, dass die im
MRI sichtbare Irritation der Nervenwurzel S1 die vom Beschwerdeführer geklagten
Beschwerden verursache. Der Beschwerdeführer bringt im Wesentlichen vor, die
Untersuchung durch den orthopädischen Gutachter sei nicht lege artis erfolgt. Er
verweist dazu auf die in vorgängigen und nachträglichen Untersuchungen
abweichenden Ergebnisse des Lasègue-Tests sowie darauf, dass die Untersuchung
nicht wie im Gutachten angeführt 120, sondern lediglich 60 bis 90 Minuten gedauert
habe. Ein positives Lasègue-Zeichen liegt vor, wenn die Anhebung des gestreckten
Beines einen blitzartig einschiessenden Schmerz in Gesäss und Bein verursacht und
weist vor allem auf einen Bandscheibenvorfall hin (Pschyrembel, Klinisches
Wörterbuch, 267. Aufl., Berlin 2017, S. 1020). Der Test war am 20. Januar 2015 positiv
ausgefallen (Bericht Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates, KSSG, vom 21. Januar 2015, IV-act. 54). Auch im Medbase-
Assessment wurde ein beidseits positives Ergebnis erhoben mit Angabe von Brennen
im Gesäss links beim Heben des linken Beines (SLR [Straight leg raise], IV-act. 41-9).
Der orthopädische Gutachter notierte einen beidseits negativen Lasègue und einen
Pseudo-Lasègue bei 50° links und bei 60° rechts (IV-act. 93-26). Der neurologische
Gutachter protokollierte, bei der Prüfung des Lasègue-Zeichens werde sowohl im
Liegen als auch im Sitzen ein Ziehen am hinteren Beckenrand angegeben. Der Lasègue
sei auf beiden Seiten jedoch als negativ zu beurteilen (IV-act. 93-45). Am 6. Dezember
3.5.
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4.
2016 vermerkte die Klinik für Neurochirurgie einen "Lasègue endgradig nur mit
Kreuzschmerzen positiv". Die Testergebnisse sind offenbar nicht eindeutig. Die
Darstellung der orthopädischen Anamnese und Befunde entspricht dem für MEDAS-
Gutachten üblichen Umfang und Detailliertheitsgrad und lässt nicht darauf schliessen,
dass die Untersuchung nicht lege artis erfolgt sein soll. Sodann kam auch der
neurologische Gutachter zum Schluss, dass keine radikuläre Beschwerdekomponente
vorliege und begründete dies nicht nur mit dem negativ ausgefallenen Lasègue-Test,
sondern auch mit dem Charakter der beschriebenen Beschwerden (keine akut oder
subakut "einschiessenden" Parästhesien). Somit ist zwar durch die MRI-
Untersuchungen eine Reizung der Nervenwurzel S1 durch die Rest-/ Rezidivhernie
bzw. das durch die Operation entstandene Narbengewebe bildgebend objektiviert, und
die gestellte Indikation für eine erneute Operation zeigt, dass der behandelnde
Dr. O._ davon ausgeht, dass die vom Beschwerdeführer angegebenen
Ausstrahlungen ins linke Bein und die dadurch verursachten Schwierigkeiten beim
Gehen und Stehen durch die besagte Wurzelirritation verursacht werden. Klinisch
liessen sich diese Beschwerden indes nicht objektivieren. Sie schränken daher die
invalidenversicherungsrechtlich relevante Arbeitsfähigkeit nicht ein, denn massgebend
hierfür sind die klinischen Auswirkungen eines bildgebenden oder apparativen
Befundes. Was die von Dr. O._ weiter angeführte Osteochondrose L5/S1 anbelangt
(act. G 8.1), ist diese bereits im MRI-Befund vom 30. April 2015 dokumentiert (IV-
act. 37) und wurde vom orthopädischen Gutachter berücksichtigt, wenn auch nicht
kommentiert (vgl. IV-act. 93-21). Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass es
sich bei den Berichten der Klinik für Orthopädie und Traumatologie des
Bewegungsapparates bzw. der Klinik für Neurochirurgie des KSSG um von den
Gutachtern abweichende diagnostische Beurteilungen handelt, nicht aber um
objektivierte medizinische Aspekte, die von den Gutachtern nicht (ausreichend)
berücksichtigt wurden und schliesslich eine andere (tiefere) Einschätzung der
Arbeitsfähigkeit rechtfertigen würden. Zudem stimmen die vom neurologischen und
orthopädischen Experten anlässlich der Begutachtung erhobenen Befunde überein,
was die Beweistauglichkeit noch verstärkt.
Der psychiatrische Gutachter erhob anamnestisch, der Versicherte verneine
jegliche psychische Mitverursachung seiner Beschwerden und mehrfach Auswirkungen
seiner Beschwerden auf seine Psyche. Die von der Medbase im Mai 2015
angenommene Angst und Depression seien für ihn überhaupt nicht nachvollziehbar.
Sein Verhalten gegenüber seinem sozialen Umfeld habe sich nicht verändert, er sei vor
4.1.
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allem nicht gereizt oder aggressiv. Nur wenn er Schmerzen habe, wolle er seine Ruhe
haben (IV-act. 93-35).
Der Beschwerdeführer rügt eine unzureichende Befunderhebung. Gemäss den
Qualitätsleitlinien für versicherungspsychiatrische Gutachten der Schweizerischen
Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP hat die Untersuchung im
Rahmen des Gutachtens ausführlich und für die geklagten Beschwerden sowie für die
Fragestellung umfassend zu sein. Ein ausführlicher klinisch-psychiatrischer Befund ist
obligatorisch, einschliesslich einer Beschreibung vorhandener psychopathologischer
Befunde unter Verwendung des AMDP-Systems. Erläuternd wird weiter ausgeführt,
das klassische AMDP-System (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation
in der Psychiatrie 2016) werde zur allgemeinen (orientierenden) Befunderhebung
empfohlen (G. Ebner, E. Colomb, R. Mager, R. Marelli, F. Rota, Qualitätsleitlinien für
versicherungspsychiatrische Gutachten - Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie
und Psychotherapie SGPP, SZS 05/201, S. 454). Die genannten Qualitätsrichtlinien
haben nicht verbindlich-behördlichen Charakter, sondern formulieren den fachlich
anerkannten Standard für eine sachgerechte, rechtsgleiche psychiatrische
Begutachtungspraxis in der Schweiz (Urteil des Bundesgerichts vom 12. September
2017, 8C_433/2017, E. 3.4.1). Der psychiatrische Befund umfasst die Bereiche
Erscheinen, Äusseres, Kontaktverhalten, Aufmerksamkeit und Konzentration,
Orientierung, Denken, Sprache, Sprechen und Wahrnehmung, Gedächtnis, Ich-
Bewusstsein, Intelligenz, Wille und Antrieb, Psychomotorik, Affektivität, Zwänge und
Phobien, Persönlichkeit, Realitätsorientierung, Motivation und Grundbedürfnisse (IV-
act. 93-35 ff.) und hat einen Umfang von zwei Seiten. Die Befundwiedergabe entspricht
auch hier dem für MEDAS-Gutachten Üblichen und ist nicht zu beanstanden und lässt
überdies zusammen mit der dokumentierten Anamnese eine lediglich zehn- bis
fünfzehnminütige Dauer des Untersuchungsgesprächs nicht plausibel erscheinen.
Entgegen der Annahme des Beschwerdeführers wird sodann im Gutachten nicht eine
Untersuchungsdauer von 60 Minuten festgehalten, sondern einzig der für das
Gutachten verwendete Zeitaufwand (vgl. IV-act. 93-35). Im Übrigen unterliegt die Dauer
der Untersuchung grundsätzlich der Fachkenntnis und dem Ermessensspielraum des
Experten; massgebend ist in erster Linie, ob die Expertise inhaltlich vollständig und im
Ergebnis schlüssig ist (Urteile des Bundesgerichts vom 12. September 2017,
8C_433/2017, E. 3.4.1, vom 11. Mai 2010, 9C_246/2010, E. 2.2.2 und vom
6. November 2009, 9C_664/2009, E. 3).
4.2.
Der psychiatrische Gutachter führte aus, konkrete psychische Symptome mit
Krankheitswert fänden sich in den vorliegenden Unterlagen nicht und seien beim
4.3.
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Beschwerdeführer auch nicht zu erfragen. Zwar falle sein erheblicher Widerstand
gegen eine mögliche psychiatrische bzw. psychische Mitverursachung für die
Wahrnehmung der Intensität seiner Beschwerden und die Möglichkeit von psychischen
Folgen der zweijährigen Krankheitsgeschichte bei ihm auf. Dennoch seien seine
Angaben schlüssig und konsistent und somit glaubhaft. Auch der psychopathologische
Querschnitt im Rahmen der Exploration lasse keinerlei Auffälligkeiten mit
Krankheitswert erkennen (IV-act. 93-37 f.). Der psychiatrische Experte äussert sich
allerdings nicht dazu, weshalb keine andauernde somatoforme Schmerzstörung
vorliege. Bei der somatoformen Schmerzstörung ist die vorherrschende Beschwerde
ein andauernder, schwerer und quälender Schmerz, der durch einen physiologischen
Prozess oder eine körperliche Störung nicht vollständig erklärt werden kann. Er tritt in
Verbindung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Belastungen auf, die
schwer genug sein sollten, um als entsprechender ursächlicher Faktor gelten zu
können (H. Dilling/H.J. Freyberger, Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation
psychischer Störungen, 7. Aufl., Bern 2014, S. 195). Hinweise für eine Konflikt- oder
Belastungssituation, welche die Schmerzen ausgelöst haben könnte, lassen sich den
Akten nicht entnehmen. Insofern erscheint nachvollziehbar, dass die Diagnose nicht
gestellt wurde.
Zum funktionellen Schweregrad führt der Gutachter aus, psychiatrisch relevante
Befunde könnten nicht genannt werden. Ein Ansatz für eine psychiatrische Behandlung
sei nicht feststellbar und werde vom Beschwerdeführer abgelehnt. Er nehme
regelmässig physiotherapeutische Behandlung in Anspruch und habe auch
Therapieansätze auf eigene Kosten durchgeführt. Solange es nicht zu einer subjektiv
wesentlichen Besserung der Schmerzsymptomatik bzw. Schmerzwahrnehmung beim
Versicherten komme, dürften Eingliederungsversuche nicht erfolgreich sein (IV-
act. 93-38). Der Beschwerdeführer empfindet seine Schmerzen als invalidisierend. Er
benutzt nach eigener Aussage Gehstöcke (IV-act. 93-22, 23, 43) und sei nicht in der
Lage, die dreijährige Tochter zu betreuen (IV-act. 93-34). Die Schmerzintensität sei sehr
hoch (IV-act. 93-22). Trotz Infiltrationen und einem Sakralblock habe keine Linderung
erzielt werden können (IV-act. 93-23, 33; vgl. auch IV-act. 93-46, wo der neurologische
Gutachter die Unbeeinflussbarkeit der Beschwerden durch verschiedene
Therapiemassnahmen als auffällig bezeichnete). Subjektiv ist somit von einem hohen
funktionellen Schweregrad auszugehen. Invalidenversicherungsrechtlich sind jedoch
rein subjektive Beschwerden nicht ausreichend, vielmehr sind auch Beschwerden ohne
objektivierendes organisches Korrelat nur insoweit massgebend, als sie einer
fachärztlich gestellten Diagnose zugeordnet werden können (vgl. BGE 131 V 50, E. 1.2;
BGE 130 V 399 E. 5.3.2 f.; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
4.4.
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8C_1/2016, E. 4.3). Daran fehlt es vorliegend (noch) weitgehend. Insbesondere wurde
keine anhaltende somatoforme Schmerzstörung oder eine Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren diagnostiziert. Folglich können die geklagten
Beschwerden für die Beurteilung des funktionellen Schweregrads lediglich
berücksichtigt werden, soweit sie gemäss orthopädischem Gutachten objektiviert sind.
Dies betrifft die Rückenschmerzen, nicht aber die Beschwerden im linken Bein (IV-
act. 93-28; vgl. auch Stellungnahme der Gutachter vom 30. Dezember 2016, IV-
act. 105-1). Die Persönlichkeit des Beschwerdeführers wird vom psychiatrischen
Gutachter als unauffällig beschrieben (IV-act. 93-37), was nachvollziehbar erscheint, da
sich in den medizinischen Akten keine dagegen sprechenden Anhaltspunkte finden.
Weitere somatische (und auch psychische) Komorbiditäten liegen nicht vor (IV-
act. 93-39). Daran ändern auch die Angaben der Psychologin im zuhanden der
Krankentaggeldversicherung erstellten Assessment bei der Medbase nichts. Zumal das
Assessment keine Qualität eines versicherungsmedizinischen Gutachtens hat und die
Einschätzung auch nicht von einer Arztperson vorgenommen wurde. Zu den
Ressourcen lässt sich dem psychiatrischen Gutachten Folgendes entnehmen: Die
Integration in seine Wahlheimat Schweiz sei dem Beschwerdeführer gelungen. Er
verfüge über gute Ressourcen in den komplexen Realitätsprüfungen, der
Urteilsbildung, der Beziehungsfähigkeit, der Kontaktgestaltung und der
Interaktionskompetenz. Eine Beeinträchtigung der Affektstörung (richtig wohl: des
Affekts) liege nicht vor. Selbstwertregulation, Intentionalität, Antrieb und
Regressionsfähigkeit seien ausreichend erhalten. Der Beschwerdeführer sei durchaus
in der Lage, Willenskräfte zu mobilisieren. In Anlehnung an die Mini-ICF sei er aus
psychiatrischer Optik in der Lage, jegliche seinem Ausbildungs- und Kenntnisstand
angemessene Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu verrichten. Das soziale
Umfeld sei intakt und werde von ihm gepflegt (IV-act. 93-39). Der geschilderte soziale
Rückzug bzw. das gegenüber früher reduzierte Aktivitätsniveau erklärt sich mit der
subjektiven Beschwerdesymptomatik (IV-act. 93-39). Der Beschwerdeführer
beantwortete die vom psychiatrischen Gutachter gestellten Fragen offen und ohne
erkennbare Vorbehalte mit unauffälliger Antwortlatenz. Es hätten sich keine Hinweise
auf Aggravation oder Simulation ergeben (IV-act. 93-35). Der Leidensdruck sei spürbar,
der Beschwerdeführer fordere medizinische Therapievorschläge ein; lediglich eine
erneute Operation lehne er ab (IV-act. 93-39). Die stationäre Reha in der Rehaklink
I._hat er jedoch aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen bzw. wegen einer rein
subjektiv empfundenen Verstärkung der Schmerzproblematik abgebrochen (IV-act. 79).
Diskrepanzen zwischen den vom Beschwerdeführer angegebenen Beschwerden
einerseits und seinen geschilderten Aktivitäten andererseits sowie zwischen einzelnen
Aktivitätsbereichen sind im ganzen Aktenverlauf nicht erkennbar. Die Konsistenz der
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5.
Nach dem Gesagten beruht das Gutachten auf ausreichenden Abklärungen und
berücksichtigt die geklagten Beschwerden und vorhandenen Akten in genügender
Weise. Es orientiert sich am strukturierten Beweisverfahren bzw. an den dafür
massgebenden Standardindikatoren. Dass die Gutachter eine Arbeitsfähigkeit von 80%
attestieren, wogegen der behandelnde Dr. O._ diese auf lediglich 50% schätzt,
erscheint nachvollziehbar, da Letzterer auch die lediglich subjektiven Beschwerden
berücksichtigt, die von den Gutachtern diagnostisch nicht objektiviert werden konnten
(namentlich die ausstrahlenden Schmerzen im linken Bein). Hinzu kommt, dass der
Beschwerdeführer diverse Behandlungsmöglichkeiten nach wie vor nicht ausschöpft.
Schliesslich ist mit der Beschwerdegegnerin bei der Würdigung der Einschätzungen
behandelnder und begutachtender Ärzte der Erfahrungstatsache Rechnung zu tragen,
wonach behandelnde Ärztinnen und Ärzte nicht nur in der Funktion als Hausärzte
sondern auch als spezialärztlich behandelnde Medizinalpersonen im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen mitunter eher zugunsten ihrer
Patienten aussagen (Urteil des Bundesgerichts vom 27. September 2017,
8C_295/2017, E. 6.4.2, mit weiteren Verweisen). Sie stehen in auftragsrechtlichem
Verhältnis zur versicherten Person. Da sie sich zudem in erster Linie auf die
Behandlung zu konzentrieren haben, verfolgen deren Berichte nicht den Zweck einer
den abschliessenden Entscheid über die Versicherungsansprüche erlaubenden
objektiven Beurteilung des Gesundheitszustandes (BGE 135 V 470, E. 4.5). Das
Gutachten der SMAB AG Bern vom 21. September 2016 ist somit beweistauglich.
Damit ist in einer körperlich leichten Tätigkeit mit Heben und Tragen von Lasten bis zu
10 kg in Wechselbelastung (Sitzen, Gehen, Stehen) von einer Arbeitsfähigkeit von 80%
auszugehen (IV-act. 93-12, 28).
6.
geltend gemachten Schmerzen wird auch vom behandelnden Dr. O._ hervorgehoben
(act. G 8.1). Erst recht ist im Umfang, in dem sie klinisch objektivierbar sind, von
gegebener Konsistenz bzw. von einer gleichmässigen Einschränkung des
Aktivitätsniveaus in allen Lebensbereichen auszugehen (vgl. für den psychiatrischen
Bereich IV-act. 93-39).
Das Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG begann vorliegend im April 2014 (IV-
act. 10-8 ff.; IV-act. 9) und war entsprechend (frühestens) im April 2015 vollendet. Der
Beschwerdeführer meldete sich im August 2014 zum Leistungsbezug an, so dass die
6.1.
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sechsmonatige Frist gemäss Art. 29 Abs. 1 und 3 IVG zu jenem Zeitpunkt bereits erfüllt
war. Ein allfälliger Rentenanspruch besteht somit ab 1. April 2015.
Zum retrospektiven Verlauf der Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit führte
der orthopädische Gutachter aus, der Beschwerdeführer sei seit April 2014 fortlaufend
zu 100% arbeitsunfähig. Mit der aktuellen Begutachtung könne ein Radikulärsyndrom
ausgeschlossen werden, so dass ab dem Begutachtungszeitpunkt eine andere
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit erfolge. Für den retrospektiven Verlauf der
Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit gelte das zuvor Gesagte (IV-
act. 93-13, 28 f.). Damit besagt der Gutachter im Wesentlichen, dass im Zeitpunkt der
Begutachtung in Abweichung zu früheren Beurteilungen keine die Arbeitsfähigkeit
beeinträchtigende radikuläre Symptomatik bestand. Er beantwortet damit aber die
Frage nicht, wie es sich damit bis zur Begutachtung verhielt. Von einer weiteren
Abklärung der retrospektiven Arbeitsfähigkeit sind keine schlüssigen Ergebnisse mehr
zu erwarten, so dass bezüglich der retrospektiven Arbeitsfähigkeit auf die
Beurteilungen der behandelnden Ärzte abzustellen ist. Dr. G._ attestierte dem
Beschwerdeführer für die bisher ausgeübte Tätigkeit am 9. November 2015 eine seit
23. April 2014 bestehende Arbeitsunfähigkeit von 100% (IV-act. 57-4). RAD-Arzt
Dr. H._ führte in seiner Stellungnahme vom 17. Mai 2016 aus, aufgrund der
vorliegenden Unterlagen könnten der Gesundheitszustand, der Erkrankungsverlauf und
die Arbeitsfähigkeit nicht konklusiv beurteilt werden (IV-act. 84). Zur Arbeitsfähigkeit in
einer adaptierten Tätigkeit äusserte sich einzig Dr. O._ im Bericht vom 8. Februar
2017 und schätzte diese auf 50% (IV-act. 110-4 f.). Er begründete dies (unter anderem)
mit den persistierenden gemischten nozizeptiv-neuropathischen Schmerzen im Bein.
Diese hat der orthopädische Gutachter bei seiner Einschätzung mangels klinischer
Objektivierbarkeit nicht berücksichtigt (vgl. auch die entsprechenden Ausführungen
dazu in E. 3.5, letztes Drittel). Zwar ist eine Änderung des Gesundheitszustandes
zwischen dem 1. April 2015 und der Begutachtung im August 2016 aus den Akten nicht
ersichtlich. Dennoch ist aufgrund dessen, dass die Arbeitsfähigkeitsschätzung der
Gutachter ausdrücklich erst ab dem Begutachtungszeitpunkt gilt, rückwirkend mit
Dr. O._ davon auszugehen, dass die radikuläre Schmerzsymptomatik zunächst
objektivierbar war und die Arbeitsfähigkeit auf 50% beschränkte. Eine höhere
Arbeitsfähigkeit in rückenadaptierten Tätigkeiten bleibt indes beweislos.
Zusammenfassend ist daher vom 1. April 2015 bis zum Zeitpunkt der Begutachtung im
August 2016 von einer 50%-igen und ab dem Zeitpunkt von einer 80%-igen
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit auszugehen.
6.2.
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7.
Auf die rückwirkende Zusprache einer abgestuften und/oder befristeten
Invalidenrente sind die für die Rentenrevision geltenden Normen (Art. 17 ATSG i.V.m.
Art. 88a IVV) analog anzuwenden (BGE 121 V 264 E. 6b/dd mit Hinweis, BGE 109 V
125 E. 4a). Wird rückwirkend eine derartige Rente zugesprochen, sind daher einerseits
der Moment des Rentenbeginns und andererseits der in Anwendung der
Dreimonatsfrist von Art. 88a Abs. 1 IVV festzusetzende Zeitpunkt der
Rentenherabsetzung oder -aufhebung die massgebenden zeitlichen Vergleichsgrössen
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. November 2010, 8C_468/2010, E. 2, sowie
vom 25. Mai 2010, 8C_834/2009, E. 2 mit Hinweis). Ist, wie vorliegend, auf Grund eines
Gutachtens überwiegend wahrscheinlich, dass sich der Gesundheitszustand
verbessert hat, nicht aber ersichtlich, in welchem Zeitpunkt diese Besserung
stattgefunden hat, so kann es sich jedoch rechtfertigen, die Rente bereits auf den
Zeitpunkt der Begutachtung hin herabzusetzen oder aufzuheben (Urteile des
Bundesgerichts vom 16. Mai 2019, 9C_687/2018, E. 2, und vom 10. Februar 2012,
8C_670/2011, E. 5.1 mit Hinweisen).
6.3.
Das Einkommen des Beschwerdeführers betrug ab 1. Januar 2014 Fr. 77'467.--
(13 x Fr. 5'959.--, Lohnjournal, IV-act. 10-25). Da unbestritten anzunehmen ist, dass er
im Gesundheitsfall weiterhin an seinem damaligen Arbeitsplatz geblieben wäre,
entspricht dies dem Valideneinkommen (Urteil des Bundesgerichts vom 21. Dezember
2016, 8C_728/2016, E. 3.1, mit weiteren Verweisen).
7.1.
7.2.
Für die Berechnung des Invalideneinkommens ist vom Durchschnittseinkommen,
Kompetenzniveau 1, Männer gemäss Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes
für Statistik (BFS) auszugehen. Es beträgt für das Jahr 2014 Fr. 66'453.--
(Informationsstelle AHV/IV, IV 2019, Bern 2019, Anhang 2).
7.2.1.
Vom 1. April 2015 bis 30. August 2016 beträgt das Invalideneinkommen bei
50%-iger Arbeitsfähigkeit Fr. 33'227.--. Aufgrund teilzeitlicher Tätigkeit ist ein
Tabellenlohnabzug von 6% (1 - [Fr. 5'714.-- : Fr. 6'069.--]) zu gewähren (vgl. BFS,
Monatlicher Bruttolohn nach Beschäftigungsgrad, beruflicher Stellung und Geschlecht,
2014, Männer ohne Kaderfunktion, Pensum 50% - 74%). Ein weiterer
Tabellenlohnabzug lässt sich nicht begründen, da die gesundheitlichen
Beeinträchtigungen vollumfänglich in die Arbeitsfähigkeitsschätzung eingeflossen sind
und auch keine invaliditätsfremden Faktoren wie fortgeschrittenes Alter, fehlende
7.2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/25
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8.
Integration etc. vorliegen, welche sich lohnsenkend auswirken. Somit beträgt das
Invalideneinkommen für diesen Zeitabschnitt Fr. 31'233.-- (0,94 x Fr. 33'227.--). Bei
einem Valideneinkommen von Fr. 77'467.-- resultiert ein Invaliditätsgrad von 59,7%
([Fr. 77'467.-- - Fr. 31'233.--] : Fr. 77'467.--). Der Beschwerdeführer hat vom 1. April
2015 bis 31. August 2016 Anspruch auf eine Dreiviertelsrente (zur Rundung: BGE 130 V
123 f., E. 3.2 f.).
Ab 1. September 2016 beläuft sich das Invalideneinkommen bei 80%-iger
Arbeitsfähigkeit auf Fr. 53'162.-- (0,8 x Fr. 66'453.--). Ein Teilzeitabzug ist nicht
geschuldet, da gemäss orthopädischem Gutachten nicht die zumutbare Arbeitszeit,
sondern das Rendement vermindert ist (IV-act. 93-28; vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 20. April 2018, 9C_833/2017, E. 5.3). Der Invaliditätsgrad beträgt somit 31 %
([Fr. 77'467.- - Fr. 53'162.-] : Fr. 77'467.--). Ab 1. September 2016 besteht daher kein
Rentenanspruch mehr.
7.2.3.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung in teilweiser Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben und dem Beschwerdeführer befristet vom 1. April 2015 bis
31. August 2016 eine Dreiviertelsrente zuzusprechen. Die Sache ist zur Festsetzung
und Ausrichtung der geschuldeten Leistungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
8.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1‘000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Da die
Beschwerde lediglich teilweise betreffend einen rückwirkenden befristeten
Rentenanspruch gutgeheissen wird und die verbleibende Erwerbsdauer noch lange ist,
ist von einem Obsiegen zu einem Viertel auszugehen. Dem teilweisen Obsiegen
entsprechend bezahlt die Beschwerdegegnerin die Gerichtsgebühr im Umfang von
Fr. 150.-- und der Beschwerdeführer im Betrag von Fr. 450.--. Zufolge unentgeltlicher
Rechtspflege ist der Beschwerdeführer von der Bezahlung seines Anteils an der
Gerichtsgebühr zu befreien.
8.2.
bis
Da der Beschwerdeführer teilweise obsiegt, hat er einen reduzierten Anspruch auf
eine Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
ist. Bei vollständigem Obsiegen wäre eine Parteientschädigung von Fr. 3‘500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) angemessen. Wegen des nur teilweisen
8.3.
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