Decision ID: be980aaa-ef11-445e-94d3-9c8eefa961ed
Year: 2022
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die 1965 geborene A._ (Versicherte bzw. Beschwerdeführerin) arbeitete zuletzt vom 1. November 2019 bis 31. Mai 2020 für das C._, .... Am 27. April 2020 stellte sie Antrag auf Arbeitslosenentschädigung (ALE) ab dem 1. Juni 2020 (Dossier der Arbeitslosenkasse Unia ... [ALK Unia; act. IIC 244 ff.]).
Mit Verfügung vom 18. November 2021 forderte die Arbeitslosenkasse Unia ... (ALK Unia) von der Beschwerdeführerin von Mai bis Oktober 2021 zu viel ausgerichteten ALE und Reisekosten von Fr. 5'804.50 zurück (act. IIC 14 ff.). Hiergegen reichte die Versicherte das Schreiben vom 1. Dezember 2021 ein (act. IIC 10). Der Aufforderung des Amtes für Arbeitslosenversicherung (AVA) vom 25. Februar 2022, Unterlagen bezüglich des Erlassgesuchs einzureichen, kam die Versicherte nach (Dossier Kantonale Amtsstelle [IIA] 56, 57 f.). Mit Entscheid vom 1. April 2022 hiess das AVA das Erlassgesuch betreffend die Rückforderung von Fr. 5'804.50 teilweise gut und erliess der Beschwerdeführerin Fr. 297.85 (act. IIA 1 ff.). Die hiergegen am 6. April 2022 erhobene Einsprache (Dossier Rechtsdienst [act. II] 11) wies das AVA mit Entscheid vom 20. April 2022 ab (act. II 5 ff.).
B.
Am 16. Mai 2022 erhob die Versicherte, vertreten durch die B._ AG, beim Verwaltungsgericht des Kantons Bern Beschwerde. Sie beantragt, der Einspracheentscheid vom 20. April 2022 sei aufzuheben, die Angelegenheit sei an die Verwaltung zur Beurteilung der Rechtsmässigkeit (Einspracheverfahren) der Rückforderung zurückzuweisen. Eventualiter sei die Rückforderung zu erlassen.
Mit Beschwerdeantwort vom 13. Juni 2022 schloss der Beschwerdegegner auf Abweisung der Beschwerde.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2022, ALV/22/305, Seite 3

Erwägungen:
1.
1.1 Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen. Die Sozialversicherungsrechtliche Abteilung des Verwaltungsgerichts beurteilt gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) i.V.m. Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft (GSOG; BSG 161.1) Beschwerden gegen solche Entscheide. Die Beschwerdeführerin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren Anträgen nicht durchgedrungen, durch den angefochtenen Entscheid berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung, weshalb sie zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 100 Abs. 3 des Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung vom 25. Juni 1982 [AVIG; SR 837.0] i.V.m. Art. 128 Abs. 2 der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung vom 31. August 1983 [AVIV; SR 837.02]). Da auch die Bestimmungen über Frist (Art. 60 ATSG) sowie Form (Art. 61 lit. b ATSG; Art. 81 Abs. 1 i.V.m. Art. 32 des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21]) eingehalten sind, ist auf die Beschwerde einzutreten.
1.2 Anfechtungsobjekt bildet der Einspracheentscheid vom 20. April 2022 (act. II 5 ff.). Streitig und zu prüfen ist vorliegend der Erlass der Rückerstattungsforderung betreffend zu viel bezogener Arbeitslosentaggelder im Betrag von Fr. 5'506.65 (Fr. 5'804.50 abzüglich Fr. 297.85).
1.3 Der Streitwert liegt beim beantragten Erlass von Fr. 5'506.65 unter Fr. 20‘000.--, weshalb die Beurteilung der Beschwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit fällt (Art. 57 Abs. 1 GSOG).
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2022, ALV/22/305, Seite 4
1.4 Das Gericht überprüft den angefochtenen Entscheid frei und ist an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 61 lit. c und d ATSG; Art. 80 lit. c Ziff. 1 und Art. 84 Abs. 3 VRPG).
2.
2.1 Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer Leistungen in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 ATSG). Massgebend ist der gute Glaube während des Bezugs der unrechtmässigen Leistung (SVR 2018 EL Nr. 7 S. 17 E. 1.1).
2.1.1 Wer einen Rechtsmangel kennt, gilt diesbezüglich nicht als gutgläubig. Sodann darf sich derjenige nicht auf seinen guten Glauben berufen, dem der Mangel bei Anwendung zumutbarer Aufmerksamkeit erkennbar gewesen wäre. Dabei ist diejenige Aufmerksamkeit geboten, die nach den Umständen verlangt werden kann. Diese zivilrechtlichen Grundsätze gelten gleichermassen für den Bereich des Sozialversicherungsrechts (BGE 120 V 319 E. 10a S. 335).
Nach ständiger Rechtsprechung ist der gute Glaube als Erlassvoraussetzung nicht schon mit der Unkenntnis des Rechtsmangels gegeben. Vielmehr darf sich die Leistungsempfängerin oder der Leistungsempfänger nicht nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit schuldig gemacht haben. Daraus erhellt einerseits, dass der gute Glaube von vornherein entfällt, wenn die zu Unrecht erfolgte Leistungsausrichtung auf eine arglistige oder grobfahrlässige Melde- oder Auskunftspflichtverletzung zurückzuführen ist. Andererseits kann sich die rückerstattungspflichtige Person auf den guten Glauben berufen, wenn ihr fehlerhaftes Verhalten nur eine leichte Fahrlässigkeit darstellt. Wie in anderen Bereichen beurteilt sich das Mass der erforderlichen Sorgfalt nach einem objektiven Massstab, wobei aber das den Betroffenen subjektiv Mögliche und Zumutbare (Urteilsfähigkeit, Gesundheitszustand, Bildungsgrad usw.) nicht ausgeblendet werden darf (BGE 138 V 218 E. 4 S. 220; SVR 2019 IV Nr. 6 S. 18 E. 3.1).
2.1.2 Eine grosse Härte im Sinne von Art. 25 Abs. 1 ATSG liegt vor, wenn die vom ELG anerkannten Ausgaben und die zusätzlichen Ausgaben nach
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2022, ALV/22/305, Seite 5
Abs. 4 die nach ELG anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 5 Abs. 1 ATSV). Massgebend für die Beurteilung, ob eine grosse Härte vorliegt, ist der Zeitpunkt, in welchem über die Rückforderung rechtskräftig entschieden ist (Art. 4 Abs. 2 ATSV).
2.1.3 Guter Glaube und grosse Härte sind kumulativ geforderte Voraussetzungen für den Erlass einer Rückzahlung unrechtmässig bezogener Leistungen (BGE 130 V 318 E. 5.2 S. 319, 126 V 48 E. 3c S. 53, Entscheide des Bundesgerichts vom 12. November 2009, 8C_ 777/2009, E. 2.1, vom 13. Juli 2015, 8C_129/2015, E. 4).
2.2 Der Rückforderungsanspruch erlischt drei Jahre, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber fünf Jahre seit der Auszahlung der einzelnen Leistung. Wird der Rückerstattungsanspruch aus einer strafbaren Handlung hergeleitet, für welche das Strafrecht eine längere Verjährungsfrist vorsieht, so ist diese Frist massgebend (Art. 25 Abs. 2 ATSG).
3.
3.1 Den Akten ist zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin ab dem 15. April 2020 (act. IIC 177 f., 195, 199, 204, 217) zu 100 % und ab dem 17. August 2020 (act. IIC 163 f., 167) zu 80 % arbeitsunfähig war, weshalb ihr nach der Anmeldung bei der Arbeitslosenversicherung zum Bezug von ALE per 1. Juni 2020 (act. IIC 144) bis Ende September 2020 keine ALE ausgerichtet wurde, vielmehr bezog sie Taggelder der Krankentaggeldversicherung D._ (act. IIC 123, 141 f., 150, 185). Nachdem ihr ab dem 10. Oktober 2020 eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert wurde (act. IIC 104, 110 f., 121 f., 151), bezog die Beschwerdeführerin erstmals ab dem 1. Oktober 2020 ALE (act. IIC 144). Am 1. Februar 2021 teilte die Krankentaggeldversicherung D._ der Beschwerdeführerin mit, gemäss Vorbescheid der Invalidenversicherung des Kantons Bern vom 22. Januar 2021 habe sie keinen Anspruch auf eine Invalidenrente. Die Abklärungen der Invalidenversicherung hätten ergeben, dass der Beschwerdeführerin die bisherige Tätigkeit wie auch jede andere angepasste Arbeit vollumfänglich zumutbar seien. Die Arbeitsunfähigkeit
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 7. Okt. 2022, ALV/22/305, Seite 6
werde noch bis zum 21. Februar 2021 auf einer Basis von 50 % anerkannt (act. IIC 101). Die ALK Unia entrichtete in der Folge ab Februar 2021 ALE (act. IIC 90) gestützt auf die Arztzeugnisse, wonach die Beschwerdeführerin voll arbeitsfähig sei (act. IIC 88 f.). Mit ärztlichen Zeugnis vom 17. Mai 2021 wurde der Beschwerdeführerin ab dem 21. April 2021 wiederum "bis auf Weiteres, höchstwahrscheinlich langfristig" eine 45%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert (act. IIC 71) und die Beschwerdeführerin gab in den "Angaben der versicherten Person für den Monat Mai 2021" an, sie suche ab sofort eine Stelle im Umfang von 55 % (act. IIC 72 f.), und in den "Angaben der versicherten Person" der Monate Juni bis Oktober 2021 gab sie an, sie suche eine 60 % Stelle (act. IIC 55, 58, 61, 65, 68). Die ALK Unia richtete dennoch weiterhin volle ALE aus (act. IIC 55, 59, 62, 66). Mit Verfügung vom 18. November 2021 forderte die ALK Unia wegen zu viel geleisteter ALE in der Kontrollperiode von April bis Oktober 2021 Fr. 5'804.50 zurück (act. IIC 40 ff.), wobei sie der Beschwerdeführerin mit dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 1. April 2022 Fr. 297.85 erliess (act. IIA 1 ff.) und nunmehr noch Fr. 5'506.65 zurückforderte.
3.2 Die Beschwerdeführerin bringt vorab vor, sie habe am 1. Dezember 2021 gegen die Rückforderungsverfügung vom 18. November 2021 Einsprache erhoben und die Rechtsmässigkeit der Rückforderung angezweifelt sowie um Erlass gebeten. Es gehe aus dem Schreiben vom 1. Dezember 2021 nicht eindeutig hervor, dass lediglich ein Erlassgesuch gestellt werde (vgl. act. IIC 10). Der Beschwerdegegner hätte somit zwei getrennte Verfahren führen sollen und in erster Linie das Schreiben vom 1. Dezember 2021 als Einsprache behandeln müssen (Beschwerde S. 3 Ziff. 2).
Der Beschwerdegegner räumt ein, dass die Beschwerdeführerin im Schreiben vom 1. Dezember 2021 den Begriff "Einsprache" verwendete (Beschwerdeantwort S. 3 Art. 2; vgl. auch act. IIC 10), was grundsätzlich gegen seine Argumentation spricht, die Beschwerdeführerin habe nicht Einsprache führen wollen, sondern bloss ein Erlassgesuch gestellt. Gegen diese Annahme des Beschwerdegegners spricht auch der Umstand, dass die Eingabe vom 1. Dezember 2021 an die ALK Unia, ..., ..., ..., ...,
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