Decision ID: 5842fe1b-f7ad-416c-b14c-a8691714fb94
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Pfäffikon, 1. Abteilung, vom 19. August 2014 (DG140002)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 11. Februar
2014 sowie die präzisierte Anklageschrift vom 5. Oktober 2015 sind diesem Urteil
beigeheftet (Urk. HD 46 und Urk. 161).
Urteil der Vorinstanz:
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte wird
- der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 StGB,
- der mehrfachen versuchten sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187
Ziff. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
- der mehrfachen sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB,
- der mehrfachen Freiheitsberaubung im Sinne von Art. 183 Ziff. 1 Abs. 1 StGB,
- der mehrfachen versuchten Freiheitsberaubung im Sinne von Art. 183 Ziff. 1 Abs. 1
StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB,
- der mehrfachen Entführung im Sinne von Art. 183 Ziff. 2 in Verbindung mit Ziff. 1 StGB,
- der mehrfachen versuchten Entführung im Sinne von Art. 183 Ziff. 2 in Verbindung mit
Ziff. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
schuldig gesprochen.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 8 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis und mit heute 567
Tage durch Haft sowie durch vorzeitigen Strafantritt erstanden sind.
3. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird nicht aufgeschoben.
4. Im Anschluss an den Strafvollzug wird der Beschuldigte im Sinne von Art. 64 Abs. 1 StGB
verwahrt.
5. Die dem Beschuldigten mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur / Unterland vom
17. Juni 2010 auferlegte bedingte Geldstrafe wird nicht widerrufen. Der Beschuldigte wird
diesbezüglich verwarnt.
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 1 eine Genugtuung von Fr. 1'500.–
nebst Zins zu 5 % seit 29. November 2011 zu bezahlen.
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7. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin 1 aus dem ein-
geklagten Ereignis vom 28. November 2011 dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig
ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird die Privat-
klägerin 1 auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 2 eine Genugtuung von Fr. 1'000.–
nebst Zins zu 5 % seit 25. Januar 2013 zu bezahlen.
9. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin 2 aus dem einge-
klagten Ereignis vom 24. Januar 2013 dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur
genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird die Privatklägerin
2 auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
10. Alle mit Verfügung vom 8. Januar 2014 beschlagnahmten Gegenstände (Beschlagnahme-
verfügung betreffend Privatklägerin 1) werden eingezogen und der Kantonspolizei Zürich
zur Vernichtung überlassen.
11. Alle mit Verfügung vom 8. Januar 2014 beschlagnahmten Gegenstände (Beschlagnahme-
verfügung betreffend Privatklägerin 2) werden eingezogen und der Kantonspolizei Zürich
zur Vernichtung überlassen.
12. Alle mit Verfügung vom 8. Januar 2014 beschlagnahmten Gegenstände (Beschlagnahme-
verfügung betreffend Beschuldigter) werden eingezogen und der Kantonspolizei Zürich zur
Vernichtung überlassen.
13. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 3'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 8'000.– Gebühr Strafuntersuchung
Fr. 30'955.30 Auslagen Strafuntersuchung
Fr. 26'374.70 Kosten für amtliche Verteidigung (inkl. 8% MWST)
Fr. 2'604.60 Kosten unentgeltliche Vertreterin Privatklägerin 1
Fr. offen Kosten unentgeltliche Vertreterin Privatklägerin 2
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten; über diese wird die Gerichtskasse Rech-
nung stellen.
14. Die Kosten gemäss vorstehender Ziffer 13 werden ausgenommen den Kosten der amtlichen
Verteidigung, dem Beschuldigten auferlegt, jedoch zufolge Uneinbringlichkeit definitiv ab-
geschrieben. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Gerichtskasse ge-
nommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
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15. ... (Mitteilung)
16. ... (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 168 S. 2)
1. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Nötigung im
Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB freizusprechen;
2. Der Beschuldigte sei vom Vorwurf der mehrfachen versuchten sexuellen
Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 i.V.m. Art. 22 Abs. 1
StGB freizusprechen;
3. Der Beschuldigte sei mit einer angemessenen, tieferen Freiheitsstrafe zu
bestrafen, unter Anrechnung der durch Haft und vorzeitigem Strafantritt er-
standenen Tage;
4. Der Beschuldigte sei nicht zu verwahren, stattdessen sei eine vollzugs-
begleitende ambulante Behandlung im Sinne von Art. 63 StGB anzuordnen;
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. MWSt) gemäss Ausgang
des Verfahrens.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 170 S. 1)
1. Das vorinstanzliche Urteil des BG Pfäffikon vom 19. August 2014 sei grund-
sätzlich zu bestätigen, namentlich auch hinsichtlich des Schuldpunktes;
2. Hinsichtlich des unter Anklageziffer 4 (Nebendossier 3) eingeklagten Sach-
verhalts sei der Beschuldigte ebenfalls im Sinne des vorinstanzlichen
bezirksgerichtlichen Urteils vom 19.8.2014 schuldig zu sprechen, bezogen
allerdings auf den am 5. Oktober 2015 präzisierten Anklagevorwurf, na-
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mentlich was die diesbezüglich nunmehr identifizierte Geschädigte B._,
geb. 17.10.2006 betrifft;
3. Der Beschuldigte sei nicht mit 8 Jahren, sondern mit einer 10-jährigen Frei-
heitsstrafe zu bestrafen, unter Anrechnung der erstandenen Haft, inkl. auch
der seit dem 18.10.2013 bestehenden vorzeitigen Strafvollzug, von insge-
samt 982 Tagen.
c) Der Privatklägerschaft B._:
(Urk. 171 S. 1)
1. Es sei der Beschuldigte zu verpflichten, der Geschädigten eine Genug-
tuungssumme von Fr. 20'000.-- mit Zins ab dem 1. Februar 2013 zu bezah-
len (In Abänderung meiner Eingabe vom 11. Juni 2015).
2. Es sei der Beschuldigte zu verpflichten, für die Kosten von künftigen
Psychotherapien, welche im Zusammenhang mit den an der Geschädigten
begangenen strafbaren Handlungen stehen, zu bezahlen.

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Am 11. Februar 2014 erhob die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich
gegen den Beschuldigten A._ beim Bezirksgericht Pfäffikon Anklage (Urk.
HD 46). Dem Beschuldigten wird in der Anklageschrift zusammengefasst vorge-
worfen, in der Zeit vom 28. November 2011 (HD) bis 28. Januar 2013 (ND 6) ge-
genüber verschiedenen minderjährigen Mädchen zum Teil versuchte und zum
Teil vollendete Freiheitsberaubungen, Entführungen, sexuelle Nötigungen und
sexuelle Handlungen begangen zu haben. Das Bezirksgericht Pfäffikon sprach
den Beschuldigten dieser Delikte weitgehend für schuldig und bestrafte ihn mit ei-
ner Freiheitsstrafe von 8 Jahren, wovon bis zum Urteilsdatum vom 19. August
2014 567 Tage durch Haft und vorzeitigen Strafvollzug erstanden waren. Ferner
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entschied die Vorinstanz, dass der Beschuldigte im Anschluss an den Strafvollzug
im Sinne von Art. 64 Abs. 1 StGB verwahrt werde (Urk. 106 S. 45).
1.2. Gegen dieses eingangs wiedergegebene Urteil des Bezirksgerichts
Pfäffikon vom 19. August 2014 meldete die Verteidigerin des Beschuldigten noch
an der Hauptverhandlung Berufung an (vgl. Prot. I S. 10). Mit Verfügung vom
15. Dezember 2014 wurde die bisherige amtliche Verteidigerin des Beschuldigten
aus dem Mandat entlassen und neu Rechtsanwalt MLaw X._ zum amtlichen
Verteidiger bestellt (Urk. 99). Das vollständig begründete Urteil (Urk. 104) wurde
von der Verteidigung am 2. Februar 2015 und von den übrigen Beteiligten am 29.
Januar 2015 in Empfang genommen (Urk. 105). Das Berufungsverfahren ging am
10. Februar 2015 beim Obergericht ein, und mit Eingabe vom 23. Februar 2015
erstattete der neue Verteidiger des Beschuldigten fristgerecht seine Berufungser-
klärung (Urk. 109).
1.3. Mit Eingabe vom 19. März 2015 erhob die Staatsanwaltschaft IV An-
schlussberufung (Urk. 113). Die Privatklägerinnen D._ und E._ liessen
keine Anschlussberufung erheben und stellten mit Schreiben vom 23. März 2015
den Antrag, dass dem urteilenden Gericht eine Person gleichen Geschlechts an-
zugehören habe und sie für den Fall einer Befragung von einer Person gleichen
Geschlechts zu befragen seien (Urk. 115).
1.4. Mit Eingabe vom 2. Juni 2015 teilte die Staatsanwaltschaft IV unter Ein-
reichung von Beilagen mit, das in Anklageziffer 4 (ND 3) erwähnte unbekannte
Mädchen habe mittlerweile als B._ eruiert und befragt werden können
(Urk. 119 und 120). Hierauf wurde mit Präsidialverfügung und Beschluss vom 8.
Juni 2015 einerseits für B._ in der Person von Rechtsanwältin Y._ eine
Rechtsvertreterin bestellt und die unentgeltliche Prozessführung bewilligt (Urk.
122). Andererseits wurden die Akten der Staatsanwaltschaft IV überwiesen mit
dem Auftrag, den Beschuldigten mit den Aussagen des Mädchens und seiner
Mutter zu konfrontieren und ihn zu einer Erklärung dazu anzuhalten, ob er den
beiden Ergänzungsfragen stellen wolle und wenn ja, je eine prozessual verwert-
bare Befragung zu den Ergänzungsfragen durchzuführen und zu prüfen, ob die
Anklageziffer 4 zu ändern oder zu präzisieren sei (Urk. 124). Am 13. August 2015
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wurde zur Berufungsverhandlung auf den 8. Oktober 2015 vorgeladen (Urk. 129).
Am 3. September 2015 ersuchte die Verteidigung um Verschiebung der Verhand-
lung, was nicht bewilligt wurde (Urk. 138 und Urk. 140). Mit Eingabe vom 25. Sep-
tember 2015 reichte die Staatsanwaltschaft ergänzende Akten ein, namentlich
weitere Einvernahmen des Beschuldigten und von B._ und ihrer Mutter
C._, sowie eine umfangreiche Korrespondenz zwischen der Staatsanwalt-
schaft und der Verteidigung des Beschuldigten über die Frage, ob die Verteidi-
gungsrechte des Beschuldigten im Rahmen dieser Untersuchungsergänzung hin-
reichend gewahrt worden sei (Urk. 157 und 158/1-11).
1.5. Nach Durchführung der heutigen Berufungsverhandlung erweist sich das
Verfahren als spruchreif.
2. Prozessuales/Vorfragen
2.1. Teilrechtskraft
2.1.1. Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung auf-
schiebende Wirkung. Die Rechtskraft des angefochtenen Urteils wird somit im
Umfang der Berufungsanträge gehemmt, während die von der Berufung nicht er-
fassten Punkte in Rechtskraft erwachsen (vgl. Eugster in: Basler Kommentar zur
Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl., Basel 2014, N 1 f. zu Art. 402).
2.1.2. Der Beschuldigte lässt gemäss seiner Berufungserklärung die Dispositiv-
ziffer 1 teilweise, d.h. soweit ein Schuldspruch wegen mehrfacher sexueller Nö-
tigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB und wegen mehrfacher versuchter se-
xueller Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1 in Verbindung mit
Art. 22 Abs. 1 StGB erfolgte, sowie die Dispositivziffern 2 und 4 des vorinstanz-
lichen Urteils anfechten (Urk. 168). Demgegenüber ficht die Staatsanwaltschaft IV
lediglich die Dispositivziffer 2 an (Urk. 170).
2.1.3. Folglich sind die in Dispositivziffer 1 Lemma 1 sowie 4 bis 7 erfolgten
Schuldsprüche und die Dispositivziffern 5 bis 14 des vorinstanzlichen Urteils nicht
angefochten und in Rechtskraft erwachsen, was in einem Beschluss festzuhalten
ist.
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2.2. Amtliche Verteidigung
Mit Eingabe vom 23. bzw. 27. Oktober 2014 und unter Beilage einer Vollmacht
des Beschuldigten beantragte Rechtsanwalt X._ einen Wechsel der amtli-
chen Verteidigung, da das Vertrauensverhältnis zur bisherigen amtlichen Vertei-
digerin zerstört sei (Urk. 84 bis 87). Nachdem Rechtsanwalt X._ nicht be-
gründet hatte, weshalb das Vertrauensverhältnis als zerstört anzusehen sei, wur-
de ihm mit Präsidialverfügung vom 5. November 2014 Frist angesetzt, um dies zu
begründen (Urk. 89). Mit Schreiben vom 1. Dezember 2014 machte Rechtsanwalt
X._ insbesondere geltend, dass der Beschuldigte während des Vorverfah-
rens und des erstinstanzlichen Verfahrens nicht genügend verteidigt gewesen sei,
weshalb von einem zerstörten Vertrauensverhältnis auszugehen sei (Urk. 95 S.
2). In der Folge wurde dem Beschuldigten ein Wechsel des amtlichen Verteidigers
mit Präsidialverfügung vom 15. Dezember 2014 bewilligt und Rechtsanwältin
X1._ als amtliche Verteidigerin des Beschuldigten entlassen (Urk. 99). Nach-
dem anlässlich der Berufungsverhandlung in diesem Zusammenhang keine weite-
ren Rügen geltend gemacht wurden, erübrigen sich diesbezüglich weitere Erläute-
rungen.
2.3. Präzisierung/Erweiterung der Anklage
2.3.1. Mit Eingabe vom 5. Oktober 2015 präsentierte die Staatsanwaltschaft inso-
fern eine gegenüber der ursprünglichen Anklage veränderte Version, als das in
Anklageziffer 4/ND 3 erwähnte unbekannte Mädchen mit B._ ersetzt und der
Ablauf der Geschehnisse hinsichtlich Ort und Zeit präzisiert wurden. Die diesbe-
zügliche Präzisierung erfolgte aufgrund des Ersuchens der hiesigen Kammer (vgl.
Urk. 124). Zudem wurde die Sachverhaltsschilderung in Anklageziffer 4/ND 3 be-
treffend sexuelle Nötigung präziser umschrieben. In Bezug auf Anklageziffer 1/HD
und Anklageziffer 5/ND 4 wurde ebenfalls eine Präzisierung vorgenommen, indem
der subjektive Tatbestand der sexuellen Nötigung genauer umschrieben wurde
(vgl. Urk. 161).
2.3.2. Die mündliche Berufungsverhandlung richtet sich nach den Bestimmungen
über die erstinstanzliche Hauptverhandlung (Art. 405 Abs. 1 StGB). Demnach
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sind alle Vorkehrungen, welche in der erstinstanzlichen Hauptverhandlung mög-
lich waren, auch in der Berufungsverhandlung zulässig. Der Anspruch auf ein fai-
res Verfahren und auf rechtliches Gehör verlangt, dass der Beschuldigte mit einer
Anklage konfrontiert wird, welche grundsätzlich nicht geändert werden darf. Inso-
fern bestimmt sich mit der Rechtshängigkeit des Verfahrens beim Gericht das
Schicksal der Anklageschrift nach Art. 328 ff. StPO. Gemäss Art. 329 Abs. 1 StPO
prüft die Verfahrensleitung die Anklage zunächst hinsichtlich formeller Gesichts-
punkte; nach Abs. 2 dieser Bestimmung kann die Anklage, falls erforderlich, zur
Ergänzung oder Berichtigung an die Staatsanwaltschaft zurückgewiesen werden.
Eine Änderung der Anklage ist gemäss Art. 333 StPO dann möglich, wenn nach
Auffassung des Gerichts der in der Anklageschrift umschriebene Sachverhalt ei-
nen anderen Straftatbestand erfüllen könnte, die Anklageschrift aber den gesetz-
lichen Anforderungen an die Umschreibung des entsprechenden Tatbestandes
nicht entspricht (Abs. 1); eine Erweiterung der Anklage auf Vorgänge, welche bis-
her nicht Gegenstand der Anklage waren, ist dagegen nur in jenen Fällen ge-
stattet, in welchen während des Hauptverfahrens neue Straftaten der beschul-
digten Person bekannt werden (Abs. 2). Gemäss Art. 340 Abs. 1 lit. b kann die
Anklage nach Behandlung der Vorfragen nicht mehr zurückgezogen und – unter
Vorbehalt von Art. 333 StPO – geändert werden. Die Änderung der Anklage ge-
mäss Art. 333 Abs. 1 StPO sollte vor Beginn des Hauptverfahrens und damit im
Rahmen der Vorfragen gemäss Art. 339 Abs. 2 StPO geschehen (BSK StPO –
Stephenson/Zalundaro-Walser, a.a.O. zu Art. 333 StPO N 7). Jedenfalls ist
Art. 333 StPO nicht nur vor, sondern auch während der Hauptverhandlung an-
wendbar (Schmid, Handbuch des Schweizerischen Strafprozessrechts, 2. Aufl.,
Zürich/St. Gallen 2013, N 1299). Wo nicht anders vermerkt, sind die allgemeinen
Bestimmungen auch für das Berufungsverfahren anwendbar (Art. 379 StPO).
2.3.3. Anlässlich der Vorfragen an der Berufungsverhandlung haben die Parteien
auf entsprechende Fragen der Verfahrensleitung erklärt, dass sie in prozessualer
Hinsicht keine Einwände gegen die Präzisierungen in der Anklageschrift hätten.
Der Verteidiger erklärte insbesondere in Zusammenhang mit Anklageziffer
4/ND 3, dass der Beschuldigte die Präzisierung bezüglich Ort, Zeit und Name der
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Privatklägerin so akzeptiere (Prot. II S. 12 ff.). Demnach ist von einer zulässigen
Präzisierung bzw. Ergänzung der Anklage auszugehen.
2.4. Ausschluss der Öffentlichkeit
Mit Eingabe vom 5. Oktober 2015 stellte die Vertreterin der Privatklägerin
B._, Rechtsanwältin Y._, den Antrag, dass in Anwendung von Art. 70
Abs. 1 lit. a StPO die Öffentlichkeit an der Berufungsverhandlung ausgeschlossen
werde (Urk. 162). Anlässlich der Vorfragen an der Berufungsverhandlung eröffne-
te und erläuterte die Verfahrensleitung den Parteien, dass die Publikumsöffent-
lichkeit ausgeschlossen werde (vgl. Prot. II S. 12).
2.5. Im Weiteren sind keine Vorbemerkungen in prozessualer Hinsicht zu ma-
chen. Alle Voraussetzungen für eine materielle Beurteilung der Vorwürfe, soweit
im Berufungsverfahren noch notwendig, sind erfüllt.
3. Schuldpunkt
3.1. Vorbemerkung
Vorweg ist darauf hinzuweisen, dass vorliegend nicht Sachverhaltsfragen, son-
dern hauptsächlich rechtliche Fragen zu würdigen sind. Es hat demnach keine
neue Beweiswürdigung zu erfolgen, sondern eine Einordnung der an sich zu-
gegebenen Tathandlungen. Soweit die Vereidigung geltend macht, dass wenige
Details, z.B. wie es dazu gekommen sei, dass die Mädchen ins Auto gestiegen
seien, im Sachverhalt nicht anerkannt werden (Prot. II S. 17), ist in der Folge da-
rauf einzugehen.
3.2. Sexuelle Nötigung (Art. 189 Abs. 1 StGB; HD, ND3 und ND 4)
3.2.1. Die Verteidigung des Beschuldigten wendet sich mit ihrer Berufung gegen
eine Qualifizierung der gegenüber den Privatklägerinnen E._ (HD), D._
(ND 4) und dem nun als B._ identifizierten unbekannten Mädchen (ND 3) er-
folgten Handlungen als mehrfache sexuelle Nötigung und damit gegen den ent-
sprechenden Schuldspruch. In der erstinstanzlichen Hauptverhandlung wurde
diese rechtliche Würdigung noch anerkannt (Urk. 77 S. 2; Urk. 79 S. 3). Ange-
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sichts der Anerkennung befasst sich der angefochtene Entscheid nicht vertieft mit
dieser nun wieder aufgeworfenen Frage (Urk. 106 S. 6 ff., S. 13 f.).
Anlässlich der Berufungsverhandlung führte die Verteidigung zusammengefasst
aus, dass der Beschuldigte den ihm vorgeworfenen Sachverhalt grundsätzlich
anerkenne. Er habe die Mädchen mit Süssigkeiten ins Auto gelockt, sei mit diesen
an einen andern Ort gefahren und habe an diesem Ort im Auto die ihm vorge-
worfenen sexuellen Handlungen vorgenommen. Was der Beschuldigte aber nicht
getan habe, sei, bei den Mädchen in irgendeiner Form Gewalt angewandt bzw.
diese mit Gewalt oder Drohungen gefügig bemacht zu haben (Urk. 168 S. 5 ff.). In
Bezug auf die Geschädigte E._ in Anklageziffer 1/HD wies der Verteidiger
darauf hin, dass der Beschuldigte die Geschädigte E._ nicht festgehalten
habe und sie demnach nicht gegen ihren Willen ins Auto gestiegen sei (Urk. 168
S. 6). Zudem erklärte er bezüglich Anklageziffer 4/ND 3, dass der Beschuldigte,
gestützt auf seine Aussagen und diejenigen der Geschädigten selber, sofort auf-
gehört habe, das Mädchen im Genitalbereich zu streicheln, als sie angefangen
habe zu weinen. Weiter habe er nicht gewusst, dass die Kindersicherung in sei-
nem Auto aktiviert gewesen sei (Urk. 168 S. 7). Im Zusammenhang mit Anklage-
ziffer 5/ND 4 habe die Untersuchung nicht ergeben, dass die Geschädigte
D._ sich im Auto gewehrt und geweint habe und fraglich sei auch, ob sie ins
Auto hineingezerrt worden oder vielmehr von selbst reingegangen sei (Urk. 168 S.
7 ff.). Es sei demnach nicht ersichtlich, welche konkrete Nötigungshandlung der
Beschuldigte vorgenommen habe. Eine Nötigungshandlung könne jedenfalls nicht
alleine darin erblickt werden, dass die Geschädigten dem Beschuldigten körper-
lich und psychisch unterlegen gewesen seien. Einen Widerstand der Geschädig-
ten, den der Beschuldigte hätte überwinden müssen, habe es auf jeden Fall nicht
gegeben. Auch könne eine sexuelle Nötigung nicht einzig und allein deshalb an-
genommen werden, weil die Geschädigten an einen anderen Ort gebracht und
dort an ihnen die sexuellen Handlungen vorgenommen worden seien (Urk. 168 S.
12 f.).
3.2.2. Gemäss Art. 189 Abs. 1 StGB macht sich der sexuellen Nötigung schuldig,
wer eine Person zur Duldung einer beischlafsähnlichen oder anderen sexuellen
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Handlung nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie unter
psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht. Sämtliche Nöti-
gungstatbestände setzen voraus, dass der Täter durch die Nötigungshandlung
das Opfer dazu bringt, eine sexuelle Handlung zu dulden oder vorzunehmen
(BGE 127 IV 198, E. 3bb). Die Aufzählung der Nötigungsmittel ist nicht ab-
schliessend. Um eine Anwendung von Art. 189 StGB neben Art. 187 StGB zu
rechtfertigen, ist jedenfalls immer eine erhebliche Einwirkung erforderlich (BGE
122 IV 97 2b), wobei an die Intensität der Nötigung angesichts der im Wesentli-
chen auf Erwachsene ausgerichteten sexuellen Nötigungstatbestände geringere
Anforderungen zu stellen sind, wenn Kinder Opfer eines sexuellen Übergriffs sind
(Philipp Maier, in: Basler Kommentar Strafrecht II, 3. Aufl., Basel 2013, N 18 zu
Art. 189 mit Hinweisen, insbesondere BGE 124 IV 154).
3.2.3. Die nötigende Handlung des „Unter-psychischen-Druck-Setzens“ erfordert
eine Beeinflussung der Willensfreiheit des Opfers durch den Täter in einschrän-
kender Weise. Eine erhebliche Einwirkung auf das Opfer liegt dann vor, wenn
vom Opfer unter den gegeben Umständen und in Anbetracht seiner persönlichen
Verhältnisse kein Widerstand erwartet werden kann, beziehungsweise ihm ein
solcher nicht zuzumuten ist, der Täter mithin an sein Ziel gelangt, ohne dafür Ge-
walt oder Drohungen anwenden zu müssen. Namentlich die kognitive Unter-
legenheit oder eine emotionale wie soziale Abhängigkeit können einen ausser-
ordentlichen psychischen Druck erzeugen (BGE 126 IV 124 E. 3b), der es insbe-
sondere Kindern verunmöglicht, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren (Ent-
scheid des Bundesgerichts vom 1. Dezember 2004, 6S.379/2003; BGE 124 IV
154). Bei sexueller Ausbeutung von kleinen Kindern durch einen Täter wird kör-
perliche Gewalt vielfach gar nicht erforderlich sein, weil der Täter gezielt seine in
jeder Hinsicht vorhandene Überlegenheit, namentlich die mit der übermächtigen
Körperlichkeit bestehende physische Dominanz aber auch die Schaffung einer
ausweglosen räumlichen Situation auszunützen pflegt. Die Tatbestandsmässig-
keit setzt jedenfalls voraus, dass unter den konkreten Umständen das Nachgeben
des Kindes verständlich erscheint. Das Ausnützen allgemeiner Abhängigkeits-
verhältnisse oder gar eine gegenüber jedem Erwachsenen bestehende Unter-
legenheit des Kindes für sich genommen genügt regelmässig nicht, um einen re-
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levanten psychischen Druck im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB zu begründen. Ob
die tatsächlichen Verhältnisse die Anforderungen eines Nötigungsmittels gemäss
Art. 189 Abs. 1 StGB erfüllen, ist gestützt auf eine umfassende Würdigung der
konkreten Umstände zu entscheiden (BGE 128 IV 97 E. 2b/aa).
3.2.4. Die unter HD, ND3 und ND4 beschriebenen Sachverhalte sind aufgrund
des nahezu analogen Vorgehens des Beschuldigten sehr ähnlich gelagert, wes-
halb es sich rechtfertigt, sie mit Blick auf die Frage, ob der Beschuldigte mit sei-
nem Vorgehen jeweils auch den Tatbestand der sexuellen Nötigung erfüllt hat,
gemeinsam zu analysieren.
3.2.5. Mit Bezug auf E._ ist gemäss Anklageschrift festzuhalten, dass der
Beschuldigte das damals sechs Jahre und vier Monate alte Mädchen am 28. No-
vember 2011 mit Süssigkeiten anlockte, sie festhielt und mit ihr zu seinem Auto
ging. Er öffnete die hintere Autotür und versprach ihr offenbar, sie kurz mitzuneh-
men und nach wenigen Metern aussteigen zu lassen, worauf sie in das Auto des
Beschuldigten einstieg. Nach einer Fahrt von ca. fünf Minuten hielt er auf einem
Parkplatz bei einem abgelegenen Feld an und kletterte vom Vordersitz nach hin-
ten auf die Rückbank des Wagens zu E._. Er zog sie an den Füssen hoch,
so dass sie auf der Rückbank zu liegen kam, zog ihr die Hosen und Unterhosen
herunter, worauf er sie an der Scheide streichelte und gleichzeitig seinen Penis
bis zum Samenerguss rieb (Urk. HD 46 Abschnitt HD). Die nun identifizierte und
damals sechs Jahre und drei Monate alte B._ lockte der Beschuldigte ge-
mäss präzisierter Anklageschrift am 10. Januar 2013 in G._ mit Bonbons in
sein Auto und fuhr sie mit abgeschlossener Kindersicherung zu einem Waldstück
bei einem Friedhof, wo er ebenfalls vom Vordersitz auf die Rückbank zu B._
kletterte, wobei sich B._ in der Folge aufgrund der Aufforderung des Be-
schuldigten die Hose und Unterhose herunterzog oder der Beschuldigte zuerst
B._ und dann sich selbst die Hose und Unterhose herunterzog, sich ein Kon-
dom über das erigierte Glied zog und dann B._ an den Füssen hochzog, so
dass sie auf der Rückbank zu liegen kam. Hierauf legte er sich neben sie und
streichelte das inzwischen weinende Mädchen im Genitalbereich, wobei er sich
gleichzeitig den Penis bis zum Samenerguss rieb (Urk. HD 46, Abschnitt ND 3;
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Urk. 161 S. 1 f.). Schliesslich nahm der Beschuldigte gemäss Anklageschrift am
24. Januar 2013 in H._ die damals fünf Jahre und vier Monate alte D._
gegen deren Willen in seinem Auto mit, wobei hier offen gelassen werden kann,
ob er sie ins Auto zerrte, was der Beschuldigte bestreitet (Urk. HD 20/26 S. 2;
Urk. 77 S. 3; Urk. 168 S. 7 ff.). Jedenfalls fuhr er D._, die bei abgeschlosse-
ner Kindersicherung hinten auf der Rückbank sass, in ein Waldstück, wo er aus
dem Auto ausstieg und sich zu D._ auf den Rücksitz setzte. In der Folge zog
er zuerst dem weinenden und sich wehrenden Mädchen und dann sich selbst die
Hose und Unterhose herunter, streichelte D._ im Genitalbereich und rieb
gleichzeitig seinen Penis bis zum Samenerguss. Ob er dabei zum Samenerguss
kam, was der Beschuldigte immer bestritt, auch anlässlich der Berufungsverhand-
lung (vgl. etwa Urk. HD 20/22 S. 4 f; Urk. HD 20/25 S. 4; vgl. dazu auch Urk. HD
20/27 S. 2; Urk. HD 20/27 S. 8; Urk. 167 S. 6), ist für die vorliegende Beurteilung
nicht von weiterer Relevanz und kann offen bleiben (vgl. zum angeklagten Sach-
verhalt Urk. HD 46, Abschnitt ND 4). In der Anklageschrift wird zur Untermaue-
rung der Tatbestandselemente der Nötigung auf den erheblichen Altersunter-
schied zwischen dem Beschuldigten und den Opfern Bezug genommen sowie
beschrieben, dass der Beschuldigte die Mädchen jeweils im Fahrzeug mitnahm,
was im Fall von E._ und der weinenden D._ gegen deren Willen ge-
schehen sei, dass er sie sodann an einen unbekannten, abgelegenen Ort ver-
brachte, wo es im Auto – teilweise bei aktivierter Kindersicherung auf der Rück-
bank – zu den Übergriffen kam. Insofern ist für den Beschuldigten durchaus ge-
nügend ersichtlich, was ihm vorgeworfen wird, nämlich Umstände ausgenutzt und
eine Situation geschaffen zu haben, in welcher von den Kindern keine Gegenwehr
mehr zu erwarten war.
3.2.6. Mit der Verteidigung gilt es festzuhalten, dass – soweit in der Anklageschrift
festgehalten ist, der Beschuldigte habe bei seinem Vorgehen in irgendeiner Form
Gewalt angewandt – dies überzeichnet formuliert ist. Vielmehr ist davon auszuge-
hen, dass der Beschuldigte zwar nicht mit Gewalt, aber zielgerichtet und mit List
vorgegangen ist. So hat er anlässlich der Berufungsverhandlung auf ent-
sprechende Frage erklärt, dass alle drei Mädchen nicht freiwillig in sein Auto ge-
stiegen seien. Er habe sie mit Süssigkeiten oder Geld locken müssen, damit sie
- 16 -
einsteigen. Bei D._, Anklageziffer 5/ND 4, kann entgegen der Ansicht der
Verteidigung (vgl. Urk. 168 S. 8 ff.) nicht davon ausgegangen werden, dass ihre
Aussagen grundsätzlich nicht glaubhaft sind. D._ hat einen Vorgang geschil-
dert, der so zu deuten ist, dass sie nicht gerade ins Auto geworfen, aber doch
leicht am Kopf haltend Richtung Auto gelenkt wurde. Soweit die Verteidigung wei-
ter geltend macht, dass der Beschuldigte sofort aufgehört habe, die Geschädigte
B._ am Genitalbereich zu streicheln, als sie angefangen habe zu weinen, ist
dies für die rechtliche Würdigung der Sachverhalte nicht relevant.
3.2.7. Alle drei Mädchen hatten im Zeitpunkt der Übergriffe das sechste Lebens-
jahr noch nicht vollendet. In diesem Alter sind Kinder noch in den Anfängen einer
Entwicklung in Richtung eigene Autonomie, eigene Vorstellungen von "richtig"
und "falsch", eigene Gefühlswahrnehmungen und soziale Verhaltensweisen. In ih-
rem Tun sind sie noch in jeglicher Hinsicht und massgebend von Erwachsenen
abhängig. Sie haben – wie sich hier eindrücklich und mehrfach manifestiert hat –
kaum einen Begriff von einem Erwachsenen, der ihnen nicht wohlgesinnt sein
könnte und in der Regel auch keine nennenswerte Erfahrung darin, selbständig in
Kontakt zu wildfremden erwachsenen Menschen zu treten. Ihre Ortskenntnisse
und ihr Orientierungsvermögen beschränken sich noch auf ihren Wohnort, allen-
falls ihre nähere Umgebung samt Schulweg. Verirren sie sich oder verlieren sie
an unübersichtlichen Orten ihre Eltern oder ihnen bekannte und nahestehende
Personen aus dem Blick, pflegen Fünf- oder Sechsjährige vor Schreck in Panik zu
geraten, zu erstarren oder zu weinen und können durch Fremde häufig gar nicht
mehr beruhigt werden. Bei B._ kam hinzu, dass sie noch nicht lange an die-
sem Wohnort wohnte, sonst immer von der Mutter begleitet wurde, am fraglichen
Tag aber offenbar von der Lehrerin fälschlicherweise nach Hause statt in die Mit-
tagsbetreuung geschickt wurde, weshalb das Mädchen alleine unterwegs war und
offenbar in Tränen aufgelöst war, als sie dem Beschuldigten begegnete, der ihr
versprach, sie zurück in den Kindergarten zu bringen (Urk. 120/6 S. 3; Urk. ND
3/1 S. 9). Insgesamt war das Gefälle zwischen dem Beschuldigten auf der einen
und E._, B._ bzw. D._ auf der anderen Seite enorm. Er war ihnen
als Erwachsener physisch und kognitiv haushoch überlegen und hat dadurch,
dass er die Mädchen in sein Auto verbrachte, sie auf diese Weise in einen engen
- 17 -
Raum einschloss und sie durch die Fahrt an einen verlassenen Ort ihrer gewohn-
ten Umgebung beraubte, eine absolute Dominanz geschaffen. Bereits als den
Kindern klar wurde, dass sie nun im Auto eines Fremden nahezu gefangen sein
würden und mitgenommen werden, dürften sie einen unfassbaren Schrecken erlit-
ten haben und in Panik geraten sein, was ihre Handlungsfähigkeit – soweit in die-
sem Alter überhaupt vorhanden – vollständig gelähmt haben musste. Durch das
Vorgehen des Beschuldigten verloren die Mädchen ihre einzige Möglichkeit, wel-
che Kindern in einer solchen Situation realistischer Weise zur Verfügung steht,
um sich gegen einen zudringlichen Erwachsenen zu wehren, nämlich davon und
eventuell nach Hause zu laufen oder nach Hilfe zu rufen und so Aufsehen zu er-
regen oder sonstwie Hilfe bei anderen Menschen zu suchen. Durch das Wegfah-
ren wurde ihr Peiniger aber gleichzeitig die einzige realistische Hoffnung für
E._, B._ und D._, wieder unversehrt nach Hause gebracht zu wer-
den. Insofern waren die Mädchen dem Beschuldigten in einer für sie ausweglosen
Situation ausgeliefert. Dass der Beschuldigte, wie von ihm geltend gemacht (Urk.
168 S. 7 und Urk. 167 S. 7), zunächst gar nicht wusste, dass die Kindersicherung
aktiviert war, ändert nichts an der – aus der Sicht der Kinder – aussichtslosen Si-
tuation. Auf der Fahrt zu den späteren Tatorten konnten die Mädchen gar nicht
ahnen, was mit ihnen geschehen würde und nur hoffen, dass alles gut ausgehen
würde. Bereits die Art und Weise der Aussagen und die Wortwahl der Mädchen
zeigt mit aller Deutlichkeit, dass sie mit der Situation nicht umgehen konnten und
keinerlei Begriff von der an ihnen ausgeübten Sexualität hatten (beispielsweise
Urk. 120/6 S. 6). Als es schliesslich zu den Übergriffen kam, blieb ihnen nichts
Anderes übrig, als sie weinend und im Wesentlichen tatenlos über sich ergehen
zu lassen (vgl. Urk. HD 20/4 S. 7, S. 10). Ob die Mädchen bei den Übergriffen tat-
sächlich weinten und sich physisch wehrten, wie von der Verteidigung bestritten
(vgl. Urk. 168 S. 7), kann offen gelassen werden, denn erwiesen ist (vgl. Urk. 167
S. 6 f.), dass die Mädchen jeweils nicht freiwillig mitmachten und sich nicht freiwil-
lig die Unterhosen abziehen liessen. Als die Mädchen einmal im Auto des Be-
schuldigten waren, waren sie in einer völlig ausweglosen Situation, waren ihm
ausgeliefert und konnten sich nicht wehren. Der Beschuldigte selber räumte ein-
mal ein, dass keinem der betroffenen Mädchen das, was er getan habe, gefallen
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habe (Urk. HD 20/11 S. 12). Wohlgemerkt war die vom Beschuldigten geschaffe-
ne Situation durchaus geeignet, auch gewisse erwachsene Frauen stark einzu-
schüchtern. Zu betonen ist, dass in keinem Fall ein Mädchen freiwillig mitgemacht
hat, sondern die Mädchen lediglich wegen des Verhaltens des Beschuldigten in
diese Situation geraten sind. Die Handlungsweise des Beschuldigten als Ganzes
kann nicht anders als erhebliche Beeinträchtigung der Willensfreiheit seiner klei-
nen und jungen Opfer und als Ausübung eines enormen psychischen Druckes
gewertet werden. Sie führte dazu, dass ihnen im Zeitpunkt der sexuellen Hand-
lungen keine substantielle Gegenwehr mehr zuzumuten war. Vor diesem Hinter-
grund und einer umfassenden Würdigung der konkreten Umstände ist zu schlies-
sen, dass der Beschuldigte den Tatbestand der sexuellen Nötigung gemäss
Art. 189 Abs. 1 StGB objektiv und subjektiv in allen drei Fällen erfüllt hat.
3.2.8. Die in gleicher Sache erfolgten Schuldsprüche betreffend Entführung, Frei-
heitsberaubung und sexuelle Handlungen mit Kindern wurden nicht angefochten.
Der Unrechtsgehalt der sexuellen Nötigung wird weder von den Tatbeständen der
Entführung und der Freiheitsberaubung noch von demjenigen der sexuellen
Handlung mit einem Kind abgedeckt. Sie schützt die sexuelle Freiheit einer Per-
son, während dem Art. 187 StGB die sexuelle Entwicklung eines Kindes unter
Schutz stellt. Insofern rechtfertigt sich ein zusätzlicher Schuldspruch, ohne weiter
auf die Frage der Konkurrenz einzugehen bzw. es kann auf die entsprechenden
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 106 S. 6 ff.).
3.3. Versuchte sexuelle Handlungen mit Kindern (Art. 187 Ziff. 1 StGB in Ver-
bindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB; ND 1, 2, 6 und 7)
3.3.1. Die Verteidigung des Beschuldigten wendet sich mit ihrer Berufung gegen
eine Verurteilung der versuchten sexuellen Handlungen mit jenen fünf Mädchen,
nämlich I._, J._, K._, L._ und M._, die er versuchte zu
sich bzw. in sein Auto zu locken, welche sich aber nicht auf dieses Ansinnen ein-
liessen. Die Verurteilung wegen mehrfacher versuchter Freiheitsberaubung und
Entführung wird nicht beanstandet (Urk. 168 S. 15 ff.). Die Vorinstanz ging betref-
fend diese Vorfälle von einer gesamthaften Anerkennung des Sachverhalts und
der rechtlichen Würdigung durch den Beschuldigten aus, weshalb sich der ange-
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fochtene Entscheid nicht vertieft mit dieser wiederum neu aufgeworfenen Frage
befasst (Urk. 106 S. 12, S. 14 f.). Ob angesichts der dem Beschuldigten in der
erstinstanzlichen Hauptverhandlung gestellten Fragen, welche sich explizit auf
sexuelle Handlungen und nicht auf versuchte sexuelle Handlungen mit Kindern
bezogen (Urk. 77 S. 2), tatsächlich von einer Anerkennung der entsprechenden
rechtlichen Würdigung ausgegangen werden kann, ist hier offen zu lassen.
3.3.2. Die Verteidigung führte anlässlich der Berufungsverhandlung zusammen-
gefasst aus, dass die Schwelle ins Stadium des strafbaren Versuchs dann über-
schritten sei, "wenn der Täter zur Verwirklichung des Tatbestandes unmittelbar
ansetzt". Es werde ein tatnahes Handeln gefordert, sowohl in räumlicher/örtlicher
als auch in zeitlicher Hinsicht. Vorliegend sei mit dem blossen Ansprechen der
Kinder aus dem Fahrzeug, noch ohne dass sich die Kinder dem Beschuldigten
genähert hätten oder sie ins Fahrzeug eingestiegen seien, geschweige denn der
Beschuldigte mit diesen an einen anderen Ort gefahren sei, das Versuchsstadium
sicher noch nicht erreicht worden. Viel zu weit weg und eben gerade nicht tatnah
sei dieses plan- und wahllose Ansprechen von allenfalls möglichen späteren se-
xuellen Handlungen mit den Kindern (Urk. 168 S. 15 f.). Demgegenüber vertrat
die Staatsanwaltschaft den Standpunkt, ein strafbarer Versuch liege vor, wenn
der Täter den letzten entscheidenden Schritt getan habe, von dem es keinen Weg
zurück gebe, ausser den aufgrund von äusseren Umständen. Vorliegend sei das
Ansinnen des Beschuldigten jedesmal klar gewesen; er habe die kleinen Mäd-
chen – wie in den anderen Fällen auch – zwecks Missbrauchs in sein Auto locken
wollen. Es sei davon auszugehen, dass der erste Schritt auch gleich der letzte
entscheidende Schritt auf dem Weg zur Tatbestandsverwirklichung gewesen sei,
von dem der Beschuldigte nicht mehr abgewichen wäre. Auch in den anderen Fäl-
len habe es keinen Schritt mehr zurück gegeben (Prot. II S. 28).
3.3.3. Unbestritten ist, dass der Beschuldigte an verschiedenen Örtlichkeiten und
zu unterschiedlichen Zeitpunkten jeweils auf der Strasse versuchte, die fünf Mäd-
chen dazu zu bringen, zu ihm zu kommen und in sein Auto zu steigen, wobei er
jeweils entweder im Auto sass oder unmittelbar daneben stand. Namentlich ver-
suchte der Beschuldigte am 20. Dezember 2012 im Auto sitzend die knapp zwölf-
- 20 -
jährige I._, welche ihn aber ignorierte, mit Süssigkeiten heran zu winken und
fuhr ihr daraufhin im Schritttempo nach, bis sie davon rannte (Urk. HD 20/27 S. 6).
Gleichentags probierte er – ebenfalls im Auto sitzend – die an ihm vorbei gehende
elfjährige J._ dafür zu gewinnen, ihm gegen Geld zu helfen, Kartons ins Auto
zu tragen, was diese ablehnte (Urk. HD 20/27 S. 6 f.). Weiter winkte er am 28.
Januar 2013 aus dem Auto heraus der auf dem Fahrrad vorbei fahrenden zwölf-
jährigen K._ mit Geldscheinen zu und wollte sie mit Kopfbewegungen dazu
bringen, zu ihm zu kommen, was diese ignorierte (Urk. HD 20/27 S. 8). Und
schliesslich winkte er gleichentags neben seinem Auto stehend der sechsjährigen
L._ und der gleichaltrigen M._, welche zusammen an ihm vorbeigingen,
mit Schokolade zu, und sagte zu ihnen, sie sollten zu ihm kommen, was die bei-
den aber ignorierten (Urk. HD 20/27 S. 9).
3.3.4. Gemäss Art. 187 Ziff. 1 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB macht
sich einer versuchten sexuellen Handlung mit Kindern schuldig, wer mit der Aus-
führung eines solchen Delikts zwar begonnen hat, es aber nicht zu Ende führt,
wobei das Gesetz eine eigentliche Definition des Versuchs nicht enthält. Praxis-
gemäss beginnt der strafbare Versuch mit der Tätigkeit, welche nach dem Plan,
den sich der Täter gemacht hat, den auf dem Weg zum Erfolg letzten entschei-
denden Schritt darstellt, von dem es in der Regel kein Zurück mehr gibt, es sei
denn es treten äussere Umstände hinzu, welche eine Weiterverfolgung der Ab-
sicht erschweren oder verunmöglichen (Trechsel/Geth, in: Schweizerisches Straf-
gesetzbuch, Praxiskommentar, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2013, N 3 zu Art. 22
StGB). Nach der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung liegt ein strafbarer
Versuch dann vor, wenn der Täter sämtliche subjektiven Tatbestandsmerkmale
erfüllt und seine Tatentschlossenheit manifestiert hat, ohne dass alle objektiven
Tatbestandsmerkmale verwirklicht wären (BGE 131 IV 100 E. 7.2.1; BGE 120 IV
199 E. 3e; siehe auch BGE 128 IV 18 E. 3b; BGE 122 IV 246 E. 3). Zum Versuch
gehöre folglich der Entschluss des Täters, eine Straftat zu begehen, und die Um-
setzung dieses Tatentschlusses in eine Handlung. Der Täter muss mit der Aus-
führung der Tat (mindestens) begonnen haben. Das Vorliegen eines Versuchs sei
danach zwar nach objektivem Massstab, aber auf subjektiver Beurteilungsgrund-
lage festzustellen (BGE 140 IV 150 E. 3.4). In der neueren Doktrin wurde die Pra-
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xis der Gerichte, insbesondere des Bundesgerichts, mit Bezug auf die Beurteilung
des Versuchs kritisiert und das in der neuen Lehre hervorgehobene massgeben-
de Abgrenzungskriterium des unmittelbaren Ansetzens zur Tatbestandsverwirkli-
chung gemäss konkretem Tatplan bzw. die Tatbestandsnähe hervorgehoben. Auf
der Basis des Tatplanes sei zu entscheiden, ob das Verhalten des Täters objektiv
die erforderliche Nähe zur Tatbestandsverwirklichung erreicht habe und somit in
das Stadium des Versuches übergegangen sei (Albrecht in: AJP 6/2005 S. 754).
3.3.5. In der Untersuchung sagte der Beschuldigte betreffend seine Absichten ge-
genüber den Mädchen, welche schliesslich nicht in sein Auto einstiegen, Folgen-
des aus: In der Befragung vom 26. Februar 2013, in welcher nur über den Vorfall
vom 28. Januar 2013 mit K._ in N._ gesprochen wurde, führte er aus, er
habe seit Dezember 2012 einen Rückfall gehabt, das heisse, er habe wieder ver-
sucht, Kinder ins Auto zu locken und vielleicht gar eines eingeladen – Kinder, die
nichts dafür könnten. Er würde gerne eine Therapie machen, damit er das Prob-
lem in den Griff bekomme. Dem Mädchen auf dem Velo (K._) habe er mit
Geld zugewinkt, weil er gehofft habe, dass sie vielleicht mitfahren würde, er sie
mitnehmen könnte und dann vielleicht ein bisschen etwas gelaufen wäre, wie ein
wenig schmusen. Er hätte sie gefragt, ob sie Lust hätte, mit ihm etwas trinken zu
gehen und allenfalls etwas zu schmusen und vielleicht, ob er sie in den Arm neh-
men dürfe (Urk. HD 20/2 S. 4 f., S. 7). Die ganze Wortwahl des Beschuldigten,
der von einem Rückfall in früheres Verhalten und von Kindern, die nichts dafür
können, spricht, deutet darauf hin, dass sein Plan darin bestand, mit K._ in
körperlichen Kontakt zu kommen und sexuelle Handlungen an ihr zu begehen.
Auffällig ist sodann, dass der Beschuldigte in Zusammenhang mit der Tat gegen
D._ ebenfalls zunächst verharmlosend davon sprach, er habe mit ihr "ku-
scheln" wollen, was ein ebenso bagatellisierender Ausdruck wie das in Zu-
sammenhang mit K._ verwendete Wort "schmusen" ist, wobei er in jenem
Fall aber einräumen musste, dass es um seine sexuelle Befriedigung gegangen
sei (Urk. HD 20/4 S. 4).
3.3.6. Der Beschuldigte bestätigte sodann, dass er kurze Zeit nach der Be-
gegnung mit K._, also ebenfalls am 28. Januar 2013, als er angehalten habe,
- 22 -
um auf einem Feldweg zu urinieren, L._ und M._ gesehen und ihnen mit
Schokolade zugewinkt habe. Sie hätten nicht angehalten und seien weiter gegan-
gen (Urk. HD 20/3 S. 3). Er habe aber nie gewollt, dass diese beiden Mädchen in
sein Auto steigen (Urk. HD 20/3 S. 5). In den weiteren Befragungen wurde nur
noch allgemein über diesen Vorfall gesprochen. Nachdem er sich am gleichen
Tag kurz vorher vorgestellt hatte, mit K._ intim zu werden, bei ihr aber nicht
zum Ziel kam, liegt es überaus nahe, dass der Beschuldigte mit dieser Idee im
Kopf unverzüglich nach anderen Opfern Ausschau hielt, die er im Auto hätte mit-
nehmen können. So ging er im Übrigen bereits früher vor, führte er doch betref-
fend zurückliegende Vorfälle Folgendes aus: Am 20. Dezember 2012 habe er nur
durch die Gegend fahren wollen und dann dieses Mädchen, I._, gesehen. Er
habe einfach gedacht, er könnte versuchen, sie wohl auf einen Parkplatz oder in
ein Waldstück mitzunehmen und vielleicht in den Arm zu nehmen. Vielleicht hätte
er sie ein bisschen gestreichelt, d. h. den Genitalbereich gestreichelt. Das habe er
ja meistens gemacht (Urk. HD 20/8 S. 3, S. 4). Als I._ nicht habe einsteigen
wollen, sei er weiter gefahren und habe ein weiteres Mädchen (J._) gesehen,
die er gefragt habe, ob sie ihm helfen könne, ein paar Kartons zu schleppen, was
diese abgelehnt habe. Hier zeigt sich, dass der Beschuldigte nicht im Stande war,
von der einmal gefassten Idee, mit einem Mädchen intim zu werden, sofort Ab-
stand zu nehmen. Der Beschuldigte führte aus, mit J._ habe er dasselbe
"wie immer" vorgehabt, nämlich sie an einen geeigneten Platz ausserhalb mitzu-
nehmen (Urk. HD 20/9 S. 2, S. 3). In anderem Zusammenhang erklärte der Be-
schuldigte einmal, es sei immer dasselbe Muster bei ihm, er wolle die Mädchen
jeweils im Genitalbereich streicheln (Urk. HD 20/10 S. 3). Wenn diese Mädchen
eingestiegen wären, wäre er genau so wie mit den anderen Opfern an einen ruhi-
gen ungestörten Ort gefahren und hätte sie auch im Intimbereich gestreichelt. Ob
er sich in der Gegenwart dieser Mädchen ebenfalls selbst befriedigt hätte, könne
er so genau nicht sagen, es könnte sein (Urk. HD 20/27 S. 2). Auch anlässlich der
Berufungsverhandlung erklärte der Beschuldigte auf die Frage, was er mit den
fünf Mädchen gemacht hätte, wenn es ihm gelungen wäre, diese Mädchen tat-
sächlich ins Auto zu locken, deutlich, dass er sie an der Scheide gestreichelt hätte
(Urk. 167 S. 7). Diese Antworten des Beschuldigten lassen mit der erforderlichen
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Deutlichkeit darauf schliessen, dass er jeweils ein relativ zufällig ausgewähltes
Mädchen sah und sich dann vorstellte, er würde dieses dazu bringen, in sein Auto
zu steigen und es an einen ungestörten Ort mitnehmen, um sie dort mindestens
im Genitalbereich zu streicheln, was klarerweise eine sexuelle Handlung darstellt.
Solche Sachverhalte hat der Beschuldigte, wie vorne dargelegt, dreimal hier in
der Schweiz und schon früher mehrmals in Deutschland verwirklicht, weshalb es
sich nicht um eine leere Hypothese, sondern um ein wiederkehrendes konkretes
Tatmuster handelt. Soweit ersichtlich und wie vom Beschuldigen anlässlich der
Berufungsverhandlung auch bestätigt (Urk. 167 S. 8) ist kein Kind, das je in den
Wagen des Beschuldigten gestiegen ist, je unverrichteter Dinge wieder aus sei-
nem Auto ausgestiegen. Indem er die Mädchen, die schliesslich nicht in sein Auto
einstiegen, mit Süssigkeiten – die er zur Lockung der Kinder immer in seinem Au-
to mitführte (vgl. Urk. 167 S. 24) –, Geld oder Vorwänden in sein Auto zu locken
versuchte, setzte der Beschuldigte jedenfalls unmittelbar und äusserlich erkenn-
bar zur Verwirklichung dieses bereits mehrfach durchgeführten Tatplanes an, zu
welchem auch sexuelle Handlungen gehörten. Damit ist die Schwelle zum straf-
baren Versuch als in allen Fällen überschritten zu betrachten. Daran ändert
nichts, dass die Erfolgsaussichten, diese Mädchen mitnehmen zu können, gerin-
ger waren, weil sie älter und damit auf einem anderen Entwicklungsstand waren
als E._, B._ und D._ oder aber weil sie zu zweit unterwegs waren
und sich gegenseitig austauschen und bestärken konnten. Es hätte dennoch ohne
weiteres sein können, dass es dem Beschuldigten gelungen wäre, mit einem der
Mädchen näher ins Gespräch zu kommen und es unter einem Vorwand zu über-
zeugen, mit ihm zu kommen. Der Beschuldigte hat von seiner Seite aus alles un-
ternommen, was er konnte, um die Mädchen in sein Auto zu locken. Es hing viel-
mehr vom Verhalten der Mädchen ab, ob ihm dies gelang oder nicht. Sobald er
dann ein Mädchen im Auto gehabt hätte, wäre es mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit zum Versuch sexueller Handlungen gekommen. Wieviel
Zwang der Beschuldigte hierfür hätte anwenden müssen, ist irrelevant, da sich
der Beschuldigte mehrfach, insbesondere auch anlässlich der Berufungsverhand-
lung, recht klar zu seinen Absichten geäussert hat. Demnach ist der Beschuldigte
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zudem der mehrfachen versuchten sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne
von Art. 187 Ziff. 1 in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
3.3.7. Die in gleicher Sache erfolgten Schuldsprüche betreffend versuchte Ent-
führung und Freiheitsberaubung wurden nicht angefochten. Der Tatbestand der
versuchten sexuellen Handlung mit Kindern schützt klarerweise ein anderes
Rechtsgut als die beiden anderen Tatbestände. Insofern rechtfertigt sich ein
Schuldspruch wegen Erfüllung dieses Tatbestandes ohne Weiteres und braucht
nicht weiter auf die Frage der Konkurrenz eingegangen zu werden, bzw. ist auf
die entsprechenden Erwägungen der Vorinstanz zu verweisen (Urk. 106 S. 8 ff.).
3.4. Fazit
Der Beschuldigte ist nebst den bereits rechtskräftigen Schuldsprüchen auch der
mehrfachen sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 189 Abs. 1 StGB und der mehr-
fachen versuchten sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von Art. 187 Ziff. 1
in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
4. Strafzumessung
4.1. Die Staatsanwaltschaft beantragt mit ihrer Anschlussberufung, dass der
Beschuldigte mit einer 10-jährigen Freiheitsstrafe zu bestrafen sei (Urk. 170 S. 1).
Die Verteidigung strebt eine tiefere (als von der Vorinstanz ausgefällten) Frei-
heitsstrafe für den Beschuldigten an (Urk. 168 S. 2). Soweit die Verteidigung eine
Senkung des angefochtenen Strafmasses mit dem durch sie beantragten Wegfall
der Verurteilung wegen sexueller Nötigung bzw. mehrfacher versuchter sexueller
Handlungen mit Kindern verlangt (Urk. 168 S. 17), ist dies nicht zu hören, da der
vorinstanzliche Schuldspruch vollumfänglich bestätigt wird.
4.2. Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, kann betreffend den relevan-
ten Strafrahmen und die Grundsätze der Strafzumessung auf die zutreffenden
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 106 S. 16 ff., Art. 82 Abs. 4
StPO). Ebenfalls kann vorab auf die jüngere Bundesgerichtspraxis zu diesem
Thema (BGE 136 IV 55 E. 5.4. ff.; BGE 135 IV 130 E. 5.3.1; BGE 132 IV 102
E. 8.1, je mit Hinweisen) verwiesen werden.
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4.3. Mehrfache Tatbegehung kann sich gemäss Art. 49 Abs. 1 StGB strafschär-
fend auswirken und den oberen ordentlichen Strafrahmen, hier zehn Jahre Frei-
heitsstrafe, öffnen. Die Vorinstanz wies unter Verweis auf BGE 136 IV 55 E. 5.8
zutreffend darauf hin, dass der ordentliche Strafrahmen nur zu verlassen sei,
wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen und die für die betreffende Tat an-
gedrohte Strafe im konkreten Fall zu hart oder zu milde erscheine (Urk. 106
S. 17). In der Folge legte sie den oberen Strafrahmen für die sexuelle Nötigung,
für welche das Gesetz eine Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren vorsieht,
aber auf 15 Jahre fest, ohne klar festzuhalten, worin sie – ausser dem Vorhan-
densein des Strafschärfungsgrundes der Tatmehrheit – die aussergewöhnlichen
Umstände sehen würde (Urk. 106 S. 17 f.). Nachdem im angefochtenen Ent-
scheid weder die Einsatzstrafe noch die endgültige Strafe über dem ordentlichen
Strafrahmen lag, ist zu folgern, dass die Vorinstanz nicht von solchen ausserge-
wöhnlichen Umständen ausging. Der vom Gesetzgeber vorgegebene ordentliche
Rahmen ermöglicht in aller Regel, die angemessene Strafe für eine einzelne Tat
festzulegen und alle denkbaren Abstufungen des Verschuldens zu berücksichti-
gen. Eine Mehrheit von Straftaten allein muss deshalb nicht grundsätzlich zu einer
Überschreitung des ordentlichen Strafrahmens führen. Dazu bedürfte es vielmehr
Umständen, die das Verschulden eines Täters als besonders schwer erscheinen
lassen. Strafschärfungs-, aber auch Strafmilderungsgründe sind jedenfalls min-
destens straferhöhend bzw. -mindernd zu berücksichtigen (BGE 121 IV 49, 54 f.;
BGE 116 IV 13 f.; BGE 116 IV 300 E.2.a).
4.4. Innerhalb des Strafrahmens ist die Strafe nach dem Verschulden des Be-
schuldigten zu bemessen (Art. 47 Abs. 1 StGB). Hierzu ist vorab zu bemerken,
dass das Vorgehen des Beschuldigten gegenüber E._, B._ und
D._ je für sich alleine zwar jeweils mehrere Tatbestände erfüllte, nämlich die-
jenigen der sexuellen Nötigung, sexuellen Handlung mit Kindern, Freiheitsberau-
bung und Entführung, jedoch ein prinzipielles Ziel hatte, nämlich seine sexuelle
Befriedigung. Insofern rechtfertigt es sich, zunächst das Verschulden des Be-
schuldigten bezüglich dieser bzw. eines dieser Vorfälle zu werten, wobei der Ak-
zent auf den sexuellen Anteil der Tathandlung zu legen ist. Die drei Vorfälle sind
verschuldensmässig vergleichbar.
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4.5. Mit Bezug auf die Tatkomponente und die objektive Tatschwere fällt ins
Gewicht, dass der Beschuldigte sich für seine Taten Kinder in einem Alter ausge-
sucht hat, in welchem sie gerade dabei sind zu lernen, sich alleine im öffentlichen
Raum fortzubewegen. Noch kleinerer Kinder hätte er kaum habhaft werden kön-
nen, zumal sich solche weitgehend in der direkten Obhut ihrer Eltern oder Be-
treuungspersonen befinden. Im Alter von fünf bis sechs Jahren begegnen Kinder
Erwachsenen zuweilen zwar mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Schüch-
ternheit, aber im Wesentlichen arglos, was sich der Beschuldigte zu Nutze mach-
te, wobei er durch das Verteilen von Geschenken in Form von Süssigkeiten zu-
sätzlich das Vertrauen der Mädchen erschlich. Aufgrund ihrer bereits beschriebe-
nen absoluten Unterlegenheit in körperlicher und kognitiver Hinsicht hatten sie
keine Möglichkeit, unlautere Absichten des Erwachsenen zu durchschauen und
sich wirksam gegen ihn zur Wehr zu setzen. Insofern hat sich der Beschuldigte
gezielt Opfer ausgesucht, von denen kein nennenswerter Widerstand zu erwarten
war, die aber auf der anderen Seite aufgrund ihrer erst begonnen Entwicklung
und noch nicht ausgereiften Persönlichkeit besonders empfindlich für seelische
Verletzungen sind. Hinter der Handlungsweise des Beschuldigten stand insofern
eine Planung, als er in seinem Auto Utensilien wie Süssigkeiten und Plastikhand-
schuhe bereit hielt, die er im Zusammenhang mit den Übergriffen auch verwende-
te (vgl. Urk. 167 S. 24). Zudem hielt die Vorinstanz trotz der Versuche des Be-
schuldigten, dies zu relativieren (vgl. zuletzt Prot. I S. 3), zutreffend fest, dass
aufgrund der Aussagen des Beschuldigten gegenüber dem Gutachter (Urk. HD
37/16 S. 51), aber auch dem Wahrnehmungsbericht vom 30. Januar 2013 (Urk.
HD 25/2) und den tatsächlich observierten Mädchen nicht ausgeschlossen wer-
den kann, dass er Fahrten zur Rekognoszierung geeigneter Standorte für seine
Vorhaben sowie für die Suche nach Kindern unternommen hat, ohne eines an-
zusprechen oder mitzunehmen (vgl. Urk. 106 S. 19). Er schreckte trotz seiner ein-
schlägigen Vorgeschichte (vgl. Erw. 4.10) nicht nur davor zurück, erneut gleich
gelagerte Delikte zu begehen – im Gegenteil griff er ganz offensichtlich auf seine
in Deutschland gesammelten Erfahrungen zurück und ging hier in einer ganz ähn-
lichen Art und Weise vor. In seiner raffinierten Vorgehensweise, sich derart kleiner
Kinder zu bedienen, um sie sexuell auszunützen, spiegelt sich eine erhebliche
- 27 -
kriminelle Energie, welche gegen die kleinsten und schutzbedürftigsten Mitglieder
unserer Gesellschaft gerichtet ist. Das Wegbringen der Kinder in einem zum Teil
mit Kindersicherung verschlossenen Fahrzeug an einen ihnen unbekannten, na-
hezu menschenleeren Ort zur Vornahme sexueller Handlungen und die dadurch
bewirkte zusätzliche Einschüchterung bildet eine Komponente des Nötigungs-
tatbestandes und ist daher bei der Strafzumessung nicht nochmals zu berücksich-
tigen. Die sexuellen Handlungen selbst bestanden zum einen im Entblössen der
Geschlechtsteile der Kinder und des Beschuldigten selbst, was bereits eine äus-
serst unangenehme und nicht zuletzt demütigende Erfahrung für die Kinder war,
zumal das Schamgefühl in diesem Alter bereits entwickelt ist und sie sich ausser
vor engen Familienmitgliedern gewöhnlich nicht mehr nackt zeigen. Noch unge-
wohnter und aus ihrer Sicht geradezu eklig dürften sodann die vom Beschuldigten
ausgeführten Berührungen des nackten Geschlechtsteils der sexuell absolut uner-
fahrenen Kinder gewesen sein. Kommt hinzu, dass sie zum Teil mitbekamen, wie
der Beschuldigte onanierte, was sie ebenfalls nicht adäquat einordnen konnten.
Mit anderen Worten war die von ihm geschaffene Situation, insbesondere ihre se-
xuelle Komponente aus der Perspektive der Kinder in höchstem Masse unange-
nehm, demütigend und angsteinflössend. Ein solches Erlebnis ist traumatisierend
und stellt einen ernsten Einschnitt im jungen Leben eines fünf- bis sechsjährigen
Kindes dar. Dass die Mädchen in ihren Befragungen zum Teil gar nicht oder nur
schwer dazu zu bewegen waren, über das ihnen Widerfahrene zu sprechen, sagt
alles über ihre Befindlichkeit während der Vorfälle. Soweit die Verteidigung einer-
seits geltend macht, es sei zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte die Ge-
schädigten nur oberflächlich mit seinen Händen am Genitalbereich berührt habe
(Urk. 168 S. 20) und die Staatsanwaltschaft andererseits, dass sich der Be-
schuldigte in übelster Manier sexuell an den Privatklägerinnen verlustiert und ver-
gangen habe (Urk. 170 S. 6), ist darauf hinzuweisen, dass im Rahmen des sehr
weiten Spektrums der von der sexuellen Nötigung im Sinne von Art. 187 und 189
StGB erfassten Handlungsweisen noch weit abscheulichere, aber auch weniger
abscheulichere Übergriffe denkbar gewesen wären. Ferner behielt der Be-
schuldigte die Mädchen nicht über einen langen Zeitraum in seiner Gewalt. Mit
Blick auf die Gesamtheit dieser Umstände und der Vorgehensweise ist bei allen
- 28 -
drei Vorfällen von einem sehr erheblichen objektiven Tatverschulden des Be-
schuldigten auszugehen.
4.6. Zur subjektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass der Beschuldigte, ent-
gegen der Ansicht der Verteidigung (vgl. Urk. 168 S. 21), die ihm vorgeworfenen
Tatbestände bei intakter Schuldfähigkeit (vgl. Urk. 37/16 S. 78) mit direktem Vor-
satz erfüllte. Der Beweggrund des Beschuldigten ist darin zu sehen, seine aus
welchem Grund auch immer so gelagerten sexuellen Triebe zu stillen. Indem er
den Weg des geringsten Widerstand ging und begann, sich (wieder) willkürlich ein
Opfer nach dem anderen in der Person kleiner Kinder auszusuchen, anstatt sich
endlich mit seiner von der Norm abweichenden Sexualität auseinanderzusetzen
und Hilfe zu suchen, offenbart er neben Egoismus auch eine enorme Rücksichts-
losigkeit. Der Beschuldigte musste sich bereits im Zusammenhang mit seiner
Vorstrafe in Deutschland damit auseinandergesetzt haben, welche Folgen solche
Handlungen für Kinder haben könnten. Es war ihm daher auch klar, dass die
Mädchen durch seine Taten dauerhaft und schwer in ihrer Entwicklung geschädigt
werden könnten. Insofern ist auch das subjektive Verschulden als sehr erheblich
zu qualifizieren.
4.7. Insgesamt ist somit von einem sehr erheblichen Tatverschulden des Be-
schuldigten auszugehen. Bei einem einzigen Vorfall, der ausschliesslich in einer
sexuellen Nötigung bestanden hätte, wäre die Einsatzstrafe unter dieser Prämisse
bei drei bis vier Jahren Freiheitsentzug anzusiedeln. Unter weiterer Berücksichti-
gung, dass der Beschuldigte bei den einzelnen Vorfällen in echter Konkurrenz
mehrere Tatbestände erfüllt hat, erscheint die von der Vorinstanz vorgesehene
Einsatzstrafe von ungefähr fünf Jahren für einen einzelnen Vorfall (vollendete Tat)
angemessen.
4.8. Zutreffend hat die Vorinstanz sodann erwogen, dass die Strafe mit Blick
auf die zwei weiteren Vorfälle, in Anwendung des Asperationsprinzips zu erhöhen
ist. Nachdem völlig unabhängig begangene gleichartige vollendete Taten gegen-
über zwei weiteren Mädchen mit dem gleichen Tatverschulden hinzukommen,
rechtfertigt sich eine Erhöhung der Einsatzstrafe um rund die Hälfte auf rund
siebeneinhalb Jahre.
- 29 -
4.9. Schliesslich kommen die gegenüber fünf anderen Mädchen versuchten Ta-
ten hinzu. Hier ist das Verschulden etwas zu relativieren. Einerseits waren die Er-
folgschancen des Beschuldigten angesichts des Alters dieser Mädchen bzw. der
Tatsache, dass sie zu zweit unterwegs waren, von vornherein wesentlich ge-
ringer. Er versuchte zwar diese Kinder nicht nur mit Süssigkeiten, sondern auch
mit Geld oder der Bitte um Hilfeleistungen dazu zu bringen, in sein Auto zu stei-
gen. Allerdings insistierte er nicht weiter, weshalb tatsächlich davon auszugehen
ist, dass er einfach sein Glück versuchte. Dennoch manifestierte sich in diesem
Vorgehen die Absicht, immer wieder ein neues Opfer zu suchen. Vor diesem Hin-
tergrund rechtfertigt sich eine weitere Erhöhung der Einsatzstrafe um ein Jahr auf
ungefähr achteinhalb Jahre. Demnach ist die von der Vorinstanz festgelegte Ein-
satzstrafe von acht Jahren (Urk. 106 S. 23) zwar wohlwollend, aber nicht zu be-
anstanden.
4.10. Unter dem Titel Täterkomponente hat die Vorinstanz den Werdegang und
die persönlichen, einschliesslich finanziellen Verhältnisse des Beschuldigten zu-
sammengefasst (Urk. 106 S. 23 f.), worauf zu verweisen ist. Ergänzend ist zu
bemerken, dass der Beschuldigte bis zum 6. Altersjahr in ... [Stadt in Italien] und
anschliessend bis zu seiner Ausweisung 2008 in Deutschland lebte und sieben
Brüder hat, die zum Teil um einiges älter als er sind. In der Schule litt er an
Sprach- und Lernproblemen. Bereits im Alter von sieben oder acht Jahren wurde
er nach einem Mofadiebstahl und einem damit verbundenen Zerwürfnis mit sei-
nem Vater in Heimen untergebracht, wo er sieben oder acht Jahre zubrachte und
mit Diebstahlsdelikten auffiel. Gemäss den Aussagen des Beschuldigten kam es
in dieser Zeit zu einem sexuellen Missbrauch durch einen fremden Erwachsenen
und ein anderes Mal durch einen Heiminsassen. Als er 16 Jahre alt war, konnte er
wieder zu seinem Vater zurückkehren und begann eine Lehre, die er kurze Zeit
später nach einer Auseinandersetzung mit seinem Chef abbrach, worauf er von
zu Hause ausriss, weil er Angst vor seinem Vater hatte. Der Beschuldigte be-
schrieb seinen Vater als extrem gewalttätig und laut, erklärte aber, sich nach die-
sem Vorfall mit ihm ausgesöhnt zu haben. Der Beschuldigte begann in der Folge
ohne abgeschlossene Ausbildung zu arbeiten. Sein Berufsleben war von sehr vie-
len Wechseln geprägt. Er war zunächst angestellt und dann selbständig in den
- 30 -
verschiedensten Bereichen tätig, so in der Gastronomie, im Autogewerbe, in der
Produktion, als Chauffeur etc. 1989 heiratete der Beschuldigte und 1991 sowie
1995 kamen seine beiden Söhne zur Welt, wobei der ältere Herzprobleme hatte.
2002/2003 kam es in der Ehe des Beschuldigten zu Problemen in Form einer
Fremdbeziehung der Ehefrau. Daraufhin wurde der Beschuldigte straffällig, wo-
rauf zurückzukommen sein wird. Die Zeit von 2004 bis 2008 verbrachte der Be-
schuldigte in Untersuchungshaft bzw. im Strafvollzug. In dieser Zeit wurde offen-
bar das Scheidungsverfahren eingeleitet. Nach wie vor besteht eine Einreise-
sperre nach Deutschland. Im Anschluss an einen kurzen Aufenthalt in Italien fand
der Beschuldigte 2008 in der Schweiz eine Stelle als Pizzabäcker. 2010 zog er in
O._ mit seiner Partnerin zusammen. Im gleichen Haushalt lebte auch einer
seiner Brüder. Die Ehe des Beschuldigten ist offenbar seit 2011 rechtskräftig ge-
schieden. Der Vater des Beschuldigten verstarb 1985, seine Mutter im ... 2014
während seiner aktuellen Inhaftierung. Zu seinen Brüdern und Kindern hatte er
vor seiner aktuellen Verhaftung noch Kontakt. Die Beziehung zu seiner Freundin
ging inzwischen auseinander. Der Beschuldigte unternahm während seiner Haft
einen Suizidversuch (Urk. HD 38/16 S. 2 f.; Urk. HD 20/27 S. 10 ff.; vgl. auch
HD/Ordner 9 S. 6 ff.; HD/Ordner 10 S. 543 ff.; Urk. 79 S. 6; Urk. HD 36/17 S. 43,
S. 46, S. 56, S. 64).
Anlässlich der Berufungsverhandlung erklärte der Beschuldigte ergänzend, dass
er die B-Aufenthaltsbewilligung habe. Zur Zeit sei er in der Strafvollzugsanstalt
Pöschwies, wo er im Hausdienst arbeite und etwas mehr als Fr. 600.-- pro Monat
verdiene. Von diesem Geld erhalte er Fr. 250.-- zum Leben und der Rest des
Geldes gehe auf ein Sperrkonto. Er pflege Aussenkontakte zu seinem Bruder und
teilweise zu Bekannten. Zum einen Sohn habe er telefonischen Kontakt, zum an-
deren Sohn habe er keinen Kontakt. Zu seiner Freundin P._ habe er seit No-
vember 2013 keinen Kontakt mehr. Er habe die Delikte, die an dieser Berufungs-
verhandlung zu beurteilen seien, in jener Zeit begangen, in der P._ seine
Freundin gewesen sei (Urk. 167 S. 1 bis 5).
4.11. Am Werdegang des Beschuldigten fällt eine ausgeprägte Ruhelosigkeit,
ein unstetes Berufsleben, aber vor allem der Heimaufenthalt im Alter von acht bis
- 31 -
sechzehn Jahren und das offenbar sehr problematische Verhältnis zu seinem Va-
ter in der Kindheit und Jugend auf, mit welchem er sich erst zwei Jahre vor des-
sen Tod aussöhnte. Die Gründe für diese Probleme des Beschuldigten sind zwar
nicht völlig geklärt, dennoch kann festgehalten werden, dass seine Kindheit und
Jugend belastet und der Start ins Erwachsenenleben schwierig war (vgl. auch
Urk. HD 36/17 S .63 f.). Ferner sind eine von Gewalt geprägte Erziehung und
ausserfamiliäre Platzierungen durchaus geeignet, sich negativ auf die Persönlich-
keit eines Menschen auszuwirken und Straftaten zu begünstigen, was im Rahmen
der Strafzumessung leicht relativierend zu berücksichtigen ist.
4.12. Im angefochtenen Urteil wurde zutreffend auf die in Deutschland erwirkte
einschlägige Vorstrafe des Beschuldigten hingewiesen, welche vom Landgericht
Darmstadt am 17. Januar 2005 ausgefällt wurde und auf sechs Jahre und zehn
Monate Freiheitsstrafe lautete. Es ging damals um Straftaten an einem neun-
jährigen, einem siebenjährigen und einem achtjährigen Mädchen, welche er unter
Anwendung einer List in seinem Auto an einen abgelegenen Ort mitnahm, wo es
zu unterschiedlichen sexuellen Handlungen kam (HD/Ordner 10 S. 547 ff.). Der
Beschuldigte erklärte, vier Jahre dieser Strafe abgesessen zu haben, was nicht
ganz zwei Drittel gewesen seien. Gemäss Entscheid der Staatsanwaltschaft
Darmstadt vom 4. März 2008 wurde tatsächlich entschieden, dass von einer Voll-
streckung der Restfreiheitsstrafe abgesehen werde, wenn der Beschuldigte das
Land endgültig verlassen habe, frühestens aber am 12. März 2008. Zwei Drittel
der Strafe wären gemäss diesem Entscheid am 7. Oktober 2008 verbüsst gewe-
sen (HD/Ordner 10 S. 731). Der Beschuldigte wurde mit einer Einreisesperre
nach Deutschland belegt. Diese massive und einschlägige Vorstrafe, der damit
verbundene mehrjährige Freiheitsentzug und die Tatsache, dass er mit seinem
Verhalten all das, was er sich in der Vergangenheit aufgebaut hatte, verlor und
namentlich auch nicht mehr in das Land zurückkehren durfte, wo er aufwuchs und
wo sein soziales Umfeld lebt, vermochte den Beschuldigten nicht davon abzuhal-
ten, weniger als drei Jahre nach seiner Entlassung auf dem Strafentzug erneut in
gleicher Weise zu delinquieren. Dies tat er, obwohl er in einer intakten Beziehung
lebte. Die neuen sexuellen Übergriffe beging er zudem an noch jüngeren Kindern,
wobei er sich ganz offensichtlich seine früher gesammelten Erfahrungen zu Nutze
- 32 -
machen konnte. Diese Aspekte müssen sich im Rahmen der Strafzumessung
trotz der schwierigen Kindheit und Jugend erheblich zu Ungunsten des Be-
schuldigten und damit in Form einer massiven Erhöhung der Einsatzstrafe aus-
wirken. Die weitere Vorstrafe, die der Beschuldigte in der Schweiz im Bereich der
Strassenverkehrsgesetzgebung erwirkt hat, vermag nicht zusätzlich negativ ins
Gewicht zu fallen.
4.13. Im Rahmen der Beurteilung des Nachtatverhaltens ist zu bemerken, dass
der Beschuldigte sich im Strafverfahren durchaus kooperativ gezeigt hat. In der
ersten Befragung, der Hafteinvernahme vom 30. Januar 2013, verweigerte er
zwar im Wesentlichen die Aussage zur Sache, gab aber unumwunden zu, in
Deutschland wegen Kindesmissbrauch und Freiheitsberaubung vorbestraft zu
sein (Urk. HD 20/1 S. 7). In den nächsten beiden Befragung bestätigte er die Aus-
sagen von K._ als richtig und äusserte sich zum Vorfall in Q._ mit
L._ und M._ und zu demjenigen in H._ mit D._, gab einen wei-
teren Vorfall in R._ vom Dezember 2012 zu, und erklärte, nach seiner Vor-
strafe in Deutschland nun einen Rückfall gehabt zu haben. Allerdings sagte er, es
gebe keine weiteren Vorfälle (Urk. HD 20/2 + 3). In den folgenden Befragungen
machte er ausführliche Aussagen zum Vorfall mit D._, wobei er gewisse As-
pekte erst nach und nach zugab. Gleichzeitig äusserte er sich von sich aus zum
Vorfall mit J._ und mit I._ sowie zu zwei Vorfällen mit unbekannten
Mädchen, nämlich E._ und wohl B._ (Urk. HD 20/4; vgl. auch Urk. HD
20/8-10). Dieses Aussageverhalten mit spontanen Zugaben ist dem Beschuldig-
ten zu Gute zu halten, zumal es nicht nur die Ermittlungsarbeiten unterstützte,
sondern einigen Mädchen weitere Befragungen ersparte und im Falle von
E._ und nun auch B._ wohl überhaupt dazu führte, dass die Taten ent-
deckt und zugeordnet werden konnten. Dass der Beschuldigte gewisse Punkte
(beispielsweise ob er nun je eine Erektion oder einen Samenerguss im Beisein
eines Mädchen hatte oder ob bzw. wieviel Zwang er anwendete, um die Mädchen
zum Einsteigen zu bewegen) relativierte bzw. verschiedentlich wieder auf eigene
Aussagen zurückkam, führt zu geringfügigen Abstrichen an der grundsätzlich gu-
ten Mitwirkung des Beschuldigten in der Untersuchung.
- 33 -
4.14. Dem Beschuldigten geradezu jegliche Einsicht und Reue bezüglich seiner
Taten abzusprechen (Urk. 106 S. 24 ff.), ist in Anbetracht seiner wiederholten ge-
genteiligen Bekundungen nicht haltbar. Der Umstand, dass er zuweilen nicht wirk-
lich nachvollziehbare Erklärungen für seine Taten vorbrachte, Ausflüchte suchte,
seine Handlungen bagatellisierte bzw. relativierte sowie die Problematik seiner
sexuellen Ausrichtung offenbar verkennt, bedeutet nicht, dass er nicht der Mei-
nung wäre, einen grossen Fehler begangen zu haben und im Verfahren keinerlei
Empathie für die Opfer gezeigt hätte. Die im angefochtenen Entscheid wiederge-
gebenen zum Teil tatsächlich fragwürdigen Aussagen des Beschuldigten dürften
weniger auf Gefühlskälte zurückzuführen sein als auf eine tief empfundene
Scham und Hilflosigkeit bzw. Unverständnis über sein eigenes Verhalten, was im
Versuch mündet, das wahre Ausmass der Probleme und des angerichteten
Schadens zu verdrängen und zu beschwichtigen. Der Beschuldigte brach wäh-
rend den Befragungen oft in Tränen aus, und zwar als es um seine konkreten se-
xuellen Handlungen ging, bei denen die Mädchen zum Teil geweint hatten (Urk.
HD 20/4 S. 15; Urk. HD 20/7 S. 3, S. 5; Urk. HD 20/8 S. 4) sowie es allgemein da-
rum ging, was er mit den Mädchen vor hatte (Urk. HD 20/9 S. 3), wie er aktuell
ihnen gegenüber empfindet (Urk. HD 20/10 S. 12 f.; Urk. HD 20/11 S. 15) und
auch als ihm klar war, dass er durch die Taten alles verliert (Urk. HD 20/7 S. 1).
Überdies unternahm er während der Untersuchung einen Suizidversuch, was ein
weiteres Zeichen dafür ist, dass er vermehrt einsieht, was er angerichtet hat, sich
mit seinen Taten schwer tut und sie auch bedauert. Er suchte im Gefängnis wie-
derholt das Gespräch mit dem Sozialarbeiter und sprach mit ihm über seine Ta-
ten, wobei er ebenfalls weinte und erklärte, dass es ihm leid tue (Urk. 61 S. 3).
Diese Aspekte wirken sich im Rahmen der Strafzumessung erheblich zu Gunsten
des Beschuldigten aus, wobei sich die Aspekte bezüglich Vorstrafen und bezüg-
lich Nachtatverhalten in etwa die Waage halten.
4.15. Demzufolge erscheint eine Freiheitsstrafe von 8 Jahren angemessen. Der
Anrechnung der erstandenen Haft sowie des vorzeitigen Strafvollzugs von ins-
gesamt 982 Tagen steht nichts entgegen (Art. 51 StGB). Bei diesem Strafmass
kommt mit der Vorinstanz der bedingte Vollzug nicht mehr in Betracht (vgl.
Urk. 106 S. 27).
- 34 -
5. Massnahme/Verwahrung
5.1. Die Staatsanwaltschaft hält im Berufungsverfahren an ihrem bereits vor
Vorinstanz gestellten Antrag auf Anordnung einer Verwahrung ebenso fest wie die
Verteidigung an ihrem Antrag auf Anordnung einer vollzugsbegleitenden am-
bulanten Massnahme unter Verzicht auf eine Verwahrung (Urk. 109 S. 1; Urk. 170
S. 8 ff. Urk. 168 S. 24 ff.). Die Staatsanwaltschaft macht zusammengefasst gel-
tend, dass aufgrund der erfolglosen Behandlung des Beschuldigten in Deutsch-
land und dem Umstand, dass der Gutachter die Therapiefähigkeit und Verände-
rungsbereitschaft des Beschuldigten verneint habe, nicht davon ausgegangen
werden könne, dass eine Massnahme nach Art. 59 StGB Erfolg versprechen wer-
de (Urk. 170 S. 11). Die Verteidigung macht dagegen zusammengefasst geltend,
dass die Anordnung der Verwahrung krass unverhältnismässig wäre, denn es
könne nicht von einer negativen therapeutischen Vorerfahrung aus Deutschland
ausgegangen werden. Der Beschuldigte habe nie die Möglichkeit erhalten, eine
inhaltlich und zeitlich genügende und adäquate Therapie zu absolvieren und
möchte dies nun unbedingt, da er einsehe, dass er einiges an sich aufzuarbeiten
habe (Urk. 168 S. 25 ff.).
5.2. Die Verwahrung sieht als isolierende Massnahme den zeitlich un-
begrenzten Freiheitsentzug vor, der so lange anhält, wie die Rückfallgefahr eines
als gefährlich eingestuften Täters bestehen bleibt. Die Verwahrung gilt daher als
gravierendste Sanktion und soll nur als ultima Ratio zum Einsatz kommen
(Schwarzenegger/ Hug/ Jositsch, Strafrecht II, 8. Aufl., Zürich 2007, S. 186;
Flachsmann/ Eckert/ Isenring, Tafeln zum Strafrecht, Allgemeiner Teil, 5. Aufl.,
Zürich/Basel/Genf 2008, S. 134; BGer 6B_497/2013, Urteil vom 13. März 2014,
E. 2.3.). Sie darf nicht angeordnet werden, wenn die bestehende Gefährlichkeit
des Täters auf andere Weise behoben werden kann (BGer 6B_8/2015, Urteil vom
14. September 2015, E. 2.2. mit Hinweisen). Darin kommt die Subsidiarität der
Verwahrung im Verhältnis zur therapeutischen Massnahme zum Ausdruck. So-
lange eine therapeutische Massnahme noch Erfolg verspricht, kommt die Ver-
wahrung nicht in Frage (BBl 1999 1979 ff, 2078, 2097). Hiervon ist gemäss Bun-
desgericht auszugehen, wenn im Zeitpunkt des Entscheides die hinreichende
- 35 -
Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich durch eine stationäre Behandlung über die
Dauer von fünf Jahren die Gefahr weiterer Straftaten im Sinne von Art. 64 Abs. 1
deutlich verringern lässt oder wenn die ausgesprochene Freiheitsstrafe allenfalls
verbunden mit einer ambulanten Massnahme dem Sicherungsbedürfnis der All-
gemeinheit zu genügend vermag (BGer 6B_8/2015, Urteil vom 14. September
2015, E. 2.2. mit Hinweisen).
5.3. Gemäss Art. 64 Abs. 1 StGB ordnet das Gericht die Verwahrung an, wenn
der Täter eine der in dieser Bestimmung ausdrücklich genannten Katalogtat oder
eine im Sinne der Generalklausel mit Freiheitsstrafe von fünf oder mehr Jahren
bedrohte Tat begangen hat, durch welche er die physische, psychische oder se-
xuelle Integrität einer anderen Person schwer beeinträchtigt hat oder beeinträchti-
gen wollte. Alsdann fordert Art. 64 Abs. 1 StGB, dass aufgrund der Persönlich-
keitsmerkmale des Täters, der Tatumstände und seiner gesamten Lebens-
umstände ernsthaft zu erwarten ist, dass er weitere Taten dieser Art begeht
(lit. a); oder auf Grund einer anhaltenden oder langdauernden psychischen Stö-
rung von erheblicher Schwere, mit der die Tat in Zusammenhang stand, ernsthaft
zu erwarten ist, dass der Täter weitere Taten dieser Art begeht und die Anord-
nung einer Massnahme nach Art. 59 StGB keinen Erfolg verspricht (lit. b).
5.4. Das Gericht stützt sich bei seinem Entscheid über die Anordnung einer
Massnahme nach den Art. 59-61, 63 und 64 StGB auf eine sachverständige Be-
gutachtung, welche sich über die Notwendigkeit und die Erfolgsaussichten einer
Behandlung des Täters, über die Art und Wahrscheinlichkeit weiterer möglicher
Straftaten sowie die Möglichkeit des Vollzugs der Massnahme zu äussern hat
(Art. 56 Abs. 3 StGB; BGer 6B_829/2013, Urteil vom 6. Mai 2014, E. 4.1. mit Hin-
weisen). Hat der Täter eine Anlasstat gemäss Art. 64 Abs. 1 StGB begangen, ist
die Begutachtung ferner durch einen Sachverständigen vorzunehmen, der den
Täter weder behandelt noch in anderer Weise betreut hat (Art. 56 Abs. 4 StGB;
BGer 6B_487/2011, Urteil vom 30. Januar 2012, E. 3.1.1).
5.5. Es liegt auf der Hand, dass der Beschuldigte eine Anlasstat gemäss Art. 64
Abs. 1 StGB, nämlich nicht nur eine, sondern mehrere "andere" mit einer Höchst-
strafe von fünf oder mehr Jahren bedrohte Taten, begangen hat. Ob von einer
- 36 -
schweren Opferbeeinträchtigung auszugehen ist, ist unter Zugrundelegung eines
objektiven Massstabes zu beurteilen, wenn aufgrund der zu beurteilenden Taten
nach der allgemeinen Lebenserfahrung mit einer Traumatisierung des Opfers zu
rechnen ist (BGE 6B_8/2015 E. 2.1). Die Handlungen des Beschuldigten waren,
entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 168 S. 37 f.), geeignet, seine noch
sehr jungen Opfer zu traumatisieren. Im Zeitpunkt der Deliktsausübung waren sie
erkennbar schwer beeinträchtigt, wie die Videobefragungen zeigen. Die Mädchen
hatten offenkundig grosse Mühe, über das Ihnen Widerfahrene zu sprechen. Wie
es ihnen heute, d.h. einige Zeit nach Deliktsausübung geht bzw. in Zukunft gehen
wird, ist bei dieser Beurteilung nicht weiter von Bedeutung.
5.6. Über den Beschuldigten wurde von Dr. med. S._ ein psychiatrisches
Gutachten vom 27. November 2013 erstellt (Urk. HD 37/16). Was die Frage einer
psychischen Störung des Beschuldigten anbelangt, führte der Gutachter aus, im
Gegensatz zu früheren Einschätzungen sei eine Kontinuität in dissozialem Verhal-
ten aufzeigbar, welche sich in häuslicher Gewalt und später in der Sozialdelin-
quenz gezeigt habe. Der Gutachter zeigte verschiedene Punkte in der Persönlich-
keit des Beschuldigten auf, aus welchen er auf eine dissoziale Persönlichkeitsstö-
rung schloss, so seine Unfähigkeit zu einer tiefer gehenden Beziehung, seine
mangelnde Offenheit, ausweichendes Konfliktverhalten und ausgeprägte Denk-
verzerrungen (a.a.O. S. 68 f.). Eine histronische Seite habe sich insofern gezeigt,
als der Beschuldigte bei verschiedenen belastenden oder schamhaften Themen
in perseverierendes Klagen, Weinanfälle und fast überzeichnete Selbstvorwürfe
falle (a.a.O. S. 69). Insgesamt geht der Gutachter von einer sehr deutlich ausge-
prägten dissozialen Persönlichkeitsstörung mit histronischen Zügen aus (a.a.O. S.
78). Zudem vertritt er die Auffassung, aufgrund der Datenlage sei ferner die Diag-
nose einer sehr deutlich ausgeprägten heterosexuell ausgerichteten Pädophilie
vom nichtausschliesslichen Typus eindeutig belegbar (a.a.O. S. 70, S. 78). Der
Gutachter verweist darauf, dass der Beschuldigte im Rahmen der Exploration ein-
räumte, Ende der Neunzigerjahre eine Ansprechbarkeit zu präpubertierenden so-
wie zu jungen pubertierenden Mädchen bemerkt zu haben und solche Mädchen in
der Öffentlichkeit aufmerksamer registriert sowie entsprechende sexuelle Fanta-
sien gehegt zu haben (a.a.O. S. 56). Neben pathologischem Glückspiel, d.h. einer
- 37 -
deutlich ausgeprägten Spielsucht und einer abklingenden depressiven Haftreakti-
on seien keine weiteren Diagnosen wie Psychosen, Phobien oder eine Sucht
feststellbar (a.a.O. S. 72). Die Pädosexualität und die Persönlichkeitsstörung qua-
lifiziert der Gutachter als lang dauernde psychische Störung erheblicher Schwere
(a.a.O. S. 78, zu 3.).
5.7. Die Pädophilie und die Persönlichkeitsstörung stehen gemäss Gutachten in
Zusammenhang mit den Tathandlungen und belasten die Legalprognose, wobei
die Spielsucht die Bereitschaft zu solchen Delikten zumeist verstärke. Namentlich
aus der Persönlichkeitsstörung würden mehrere prognoserelevante Defizite resul-
tieren. Weiter würde die erneute Tatserie nach der mehrjährigen Vorstrafe einen
grossen Handlungsdruck zeigen. Die Lebensumstände im Vorfeld der hier zu be-
urteilenden Tatserie stufte der Gutachter mit Bezug auf den Anlass zur Tatbege-
hen als weniger relevant ein. Mit Blick auf sexuelle Handlungen mit Kindern sei
die Rückfallgefahr als deutlich hoch zu veranschlagen (a.a.O. S. 74, S. 78). Damit
ist von einer ungünstigen Legalprognose und einer hohen Gefährlichkeit des Be-
schuldigten auszugehen.
5.8. Was die Frage der Anordnung bzw. Erfolgsaussichten einer Massnahme
anbelange, komme bei diesen Störungsbildern keine stationäre Massnahme nach
Art. 59 StGB in Frage. Aufgrund der prognoserelevanten Problembereiche wäre
vielmehr eine strafvollzugsbegleitende ambulante Massnahme nach Art. 63 StGB
mit Einzel- und Gruppentherapien in hohen Frequenzen der geeignete Ansatz.
Der zusätzliche Interventionseinsatz, der bei einer stationären Massnahme nach
Art. 59 StGB zum Tragen käme, wäre insbesondere die milieutherapeutische
Komponente und die Möglichkeit der intensiveren Verhaltensbeobachtung. Die
Vorerfahrung aus Deutschland zeige jedoch, dass sich der Beschuldigte für diese
Massnahmevariante nicht zugänglich gezeigt habe (a.a.O. S. 75). Der Behand-
lungszeitraum in Deutschland habe in zwei Jahren milieutherapeutischem Setting
bestanden, wobei über ein Jahr lang eine dezidiert deliktpräventive Gruppen-
therapie für Sexualstraftäter durchgeführt worden sei. Gelange man zur Einschät-
zung, dass der Behandlungszeitraum in Deutschland zu kurz ausgefallen sei und
erst eine deutlich längerfristige, mehrjährige deliktpräventive Therapie den Beweis
- 38 -
erbringen könnte, ob die belastete Legalprognose relevant zu bessern wäre, wür-
de dies gegen eine Verwahrung und für eine weitere Therapiechance sprechen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Beschuldigte in einer zukünftigen Behand-
lung ähnlich ungünstig verhalten würde wie in der früheren, sei aber deutlich ge-
geben (a.a.O. S. 76). Neben eingeschränkter Therapiemotivation, Veränderungs-
bereitschaft und Offenheit seien dem Beschuldigten auch aufgrund der intellektu-
ellen Fähigkeiten und Bildung Grenzen gesetzt. Die Aussichten auf einen signifi-
kanten deliktspräventiven Behandlungserfolg seien aus gutachterlicher Sicht auch
bei mehrjähriger Behandlung getrübt (a.a.O. S. 77; vgl. hierzu auch S. 60 und
S. 62). Aus gutachterlicher Sicht seien vielmehr die Eingangsvoraussetzungen für
eine Verwahrungsmassnahme nach Art.64 StGB gegeben (a.a.O. S. 79).
5.9. Der Gutachter hegt ernste Zweifel an der Behandelbarkeit des Beschuldig-
ten. Er stützt sich dabei einerseits auf den Umstand, dass die in Deutschland
durchgeführte Therapie angesichts der erneuten Tatserie des Beschuldigten
offensichtlich keine Wirkung gezeigt hat. Andererseits sieht er die Voraussetzun-
gen für einen Behandlungserfolg auf Seiten des Beschuldigten aus verschiedenen
Gründen als nicht in genügendem Masse gegeben an.
5.10. Gemäss dem im Jahre 2004 im deutschen Strafverfahren erstellten foren-
sisch-psychiatrischen Gutachten (vgl. Urk. 49) liessen sich keine dissozialen Per-
sönlichkeitszüge beschreiben oder Hinweise auf eine krankheitswertige Persön-
lichkeitsstörung, neurotische Symptombildung bzw. krankhafte seelische Störung
oder Abartigkeit im Sinne des Gesetzes finden. Dabei wurde auch eine Pädophilie
ausgeschlossen. Vielmehr wurde von einem vorübergehendem Krisenverhalten
ausgegangen (Urk. 49 S. 45, S. 52, S. 62 f., S. 86 f.).
5.11. Aus den im aktuellen Gutachten getroffenen Abklärungen ist ferner ersicht-
lich, dass der Beschuldigte, der 2004 in Deutschland in Haft kam, noch im Okto-
ber 2006 nicht erkennen lassen habe, dass er bereit wäre, sich einer sozialthera-
peutischen Behandlung zu unterziehen und sich mit seinen Persönlichkeitsantei-
len auseinanderzusetzen, die den Hintergrund der Straffälligkeiten darstellen wür-
den. Vielmehr habe für den Beschuldigten augenscheinlich eine möglichst rasche
Rückkehr nach Italien im Fokus gestanden (Urk. HD 37/16 S. 31). Die Motivation
- 39 -
bzw. die Hintergründe der Taten seien damals noch unklar gewesen. Man sei da-
von ausgegangen, dass keine Pädophilie vorliege und eine Kränkung des Be-
schuldigten durch den Seitensprung seiner Ehefrau im Vordergrund gestanden
habe. Gleichzeitig sei dem Beschuldigten eine Persönlichkeit mit leicht histrioni-
schen Zügen und einem verminderten Selbstwertgefühl attestiert worden (a.a.O.
S. 31). Der Beschuldigte habe sich zwar auf eigenen Wunsch am 31. Mai 2006 in
die sozialtherapeutische Anstalt verlegen lassen, allerdings ohne damit konkrete
Wünsche oder Vorstellungen verbunden zu haben. Die sexuelle Motivation seiner
Straftaten habe der Beschuldigte nach wie vor vollständig geleugnet, und eine
Auseinandersetzung mit seinen Delikten habe noch nicht begonnen (a.a.O. S. 32,
S. 34; vgl. auch Urk. 80). Ab Februar 2007 habe der Beschuldigte regelmässig an
der therapeutischen Gruppe für Missbraucher teilgenommen (a.a.O. S. 33). Mitte
2007 wurde festgestellt, dass erhebliche Beeinträchtigungen des Beschuldigten
im Selbstwertgefühl bestünden und phasenweise dissoziale Verhaltensmuster
vorhanden gewesen seien, welche sich im Erwachsenenalter aber verloren hät-
ten. Weiter wurden eine ausgeprägte Misserfolgsorientierung, Konflikt- bzw. Prob-
lemvermeidungsstrategien, krisenhafte Situationen in Arbeit, Ehe, Finanzen und
Freizeit im Vorfeld der Sexualstraftaten sowie Übertragungen von sexuellen Er-
lebnissen und Wünschen sowie Aggressionen und Wut aus der Partnerbeziehung
auf Kinder thematisiert. Hinweise auf Perversion hätten keine gefunden werden
können. Die Bereitschaft, sich auf das Therapieangebot einzulassen, sei erheblich
beeinträchtigt gewesen. Im Vordergrund habe weiter der Wunsch nach Abschie-
bung in das Heimatland gestanden (a.a.O. S. 32). Der Beschuldigte habe sich
damals seine Taten mit dem Ehebruch seiner Ehefrau erklärt, der in ihm Rache-
wünsche gegenüber dem Nebenbuhler geweckt habe. Künftig würde er daher
keine Bindung mehr eingehen, um solche Entwicklungen zu vermeiden (a.a.O.
S. 32 f.). Im Rahmen der Therapie sei der Beschuldigte durch Ausweichen, man-
gelnden Willen, sich der Auseinandersetzung zu stellen, Beharren auf seiner Sicht
der Dinge und Ablehnen von Hilfsangeboten aufgefallen und habe es vorgezogen,
sich auf den einfachsten Weg zu fokussieren, nämlich sich durch die Abschiebung
allem entziehen zu können (a.a.O. S. 34). Im Februar 2008 wurde festgehalten,
dass der Beschuldigte in den bisher absolvierten 39 Behandlungseinheiten als
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stiller Teilnehmer beschrieben werde, der die Gruppe aufmerksam verfolge, aber
wenig sage. Er melde sich vor allem dann, wenn er Parallelen zwischen sich und
anderen Teilnehmern entdecke. Zwar begründe der erreichte Behandlungsstand
keine günstigere Einschätzung der Legalprognose, jedoch sei insbesondere in der
Missbrauchsgruppe eine tendenziell positivere Entwicklung als zuvor feststellbar
(a.a.O. S. 35). Präventionsstrategien für die Zeit nach der Haft seien noch nicht
entwickelt worden (a.a.O. S. 36). Im März 2008 trat der Beschuldigte aus der JVA
Kassel aus bzw. wurde aus dem Strafvollzug entlassen und des Landes ver-
wiesen. Das Austrittsdatum sei ihm schon etwa ein halbes Jahr vorher bekannt
gewesen, ohne dass die Anstalt davon gewusst hätte (a.a.O. S. 52). Der Be-
schuldigte erklärte dem Gutachter im Übrigen, er könne nicht nachvollziehen,
weshalb in den Berichten davon die Rede sei, dass er über ein Jahr in Therapie
gewesen sei und derart viele Sitzungen absolviert habe. Da stimme etwas nicht
(a.a.O. S. 52).
5.12. Im angefochtenen Entscheid wird kurz zusammengefasst zutreffend fest-
gehalten, dass der Gutachter sich über die Erfolgsaussichten einer Massnahme,
selbst bei mehrjähriger Behandlung, pessimistisch äussert und aufgrund der
Rückfallgefahr stark zu einer Verwahrung tendiert. Der Gutachter lässt aber auf
der anderen Seite anklingen, man könnte zur Einschätzung gelangen, der Be-
handlungszeitraum in Deutschland sei zu kurz ausgefallen und erst eine deutlich
längerfristige, mehrjährige deliktspräventive Therapie könnte den Beweis erbrin-
gen, ob die die belastende Legalprognose relevant zu bessern wäre. Ebenso für
eine nochmalige Therapie spräche ein gegenüber dem deutschen Ansatz, der
zwar durchaus modern gewirkt habe, modifiziertes therapeutisches Vorgehen. Es
bleibe letztlich ein normativ-juristischer Entscheid, inwieweit man die gutachter-
liche Einschätzung als hinreichende Basis für eine Verwahrung sehe oder alter-
nativ eine nochmalige bessernde Massnahme versuche (a.a.O. S. 76). An den
vorher zusammengefasst wiedergegebenen deutschen Berichten fällt jedenfalls
auf, dass zwar eine Persönlichkeitsstörung des Beschuldigten konstatiert, jedoch
ebenso festgehalten wurde, dass sich diese im Erwachsenenalter wieder verloren
habe. Die nun beim Beschuldigten diagnostizierte Pädophilie, welche von enor-
mer Bedeutung ist, war in diesen Berichten ebenso wenig Thema wie die Spiel-
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sucht des Beschuldigten, welche heute ebenfalls moderat rückfallbegünstigend
eingestuft wird. In Anbetracht der völlig anderen Einschätzung des Beschuldigten
durch die deutschen Behörden ist zwangsläufig zu folgern, dass der Beschuldigte
mit einem ganz anderen Schwerpunkt als – zumindest aus heutiger Sicht – tat-
sächlich indiziert gewesen wäre, therapiert worden ist. Die Therapie war damals
deshalb nicht optimal auf das Störungsbild des Beschuldigten zugeschnitten. Er
wurde ferner mehrheitlich als stiller, wortloser Teilnehmer der Missbrauchsgruppe
geschildert. Dafür, dass er im Rahmen der Therapie mit seinen Defiziten und Un-
zulänglichkeiten aktiv konfrontiert worden wäre und sich in eine wirkliche Aus-
einandersetzung hätte begeben müssen, geschweige denn Strategien entwickelt
worden wären, um seine Probleme wirksam anzugehen, gibt es hingegen keine
Anhaltspunkte. Immerhin wurde dem Beschuldigten aber kurz vor seiner Ent-
lassung eine tendenziell positivere Entwicklung in der Missbrauchsgruppe als zu-
vor attestiert. Nachdem der Beschuldigte demnach in der Therapie in Deutschland
geringfügige Fortschritte zu verzeichnen vermochte und gemäss Gutachter bei
der Beinflussbarkeit immerhin ein Wert von 0.5 gemäss FOTRES festgestellt wer-
den konnte, kann entgegen der Einschätzung der Staatsanwaltschaft (vgl.
Urk. 170 S. 11) nicht von einer gänzlichen Therapieunfähigkeit des Beschuldigten
ausgegangen werden. Dass keine Präventionsstrategien für die Zeit nach der Haft
ausgearbeitet wurden, ist sodann insofern nicht aussergewöhnlich, als der Be-
schuldigte – für die deutsche Vollzugsanstalt offenbar überraschend – austreten
konnte, wodurch es zu einem abrupten Abbruch der Therapie kam (vgl. Urk. 80).
Bei diesem nicht sachgerechten Abschluss der Therapie kann auch nicht von ei-
ner gescheiterten Therapie ausgegangen werden. Da der Beschuldigte selbst of-
fenbar schon ein halbes Jahr vorher über seine Abschiebung orientiert worden
war, lässt sich die schwache Motivation und Fokussierung des Beschuldigten auf
die Abschiebung nach Italien nachvollziehen. Wie der Gutachter auch festgehal-
ten hat, ist der Behandlungszeitraum des Beschuldigten in Deutschland zu kurz
ausgefallen, um verbindlich aussagekräftig zu sein. Den Akten ist zu entnehmen,
dass 39 Gruppengespräche stattfanden, wobei diese Therapie gesamthaft ledig-
lich ein bis zwei Jahre – gestützt auf die Angaben des Beschuldigen sogar nur
rund ein Jahr (vgl. Urk. 167 S. 13) – dauerte, nicht über die ganze Zeit hinweg in-
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tensiv therapiert wurde und keine Einzelgespräche stattfanden. Zudem ist davon
auszugehen, dass zum jetzigen Zeitpunkt, das heisst zehn Jahre nach der in
Deutschland erfolgten Therapie, neue Erkenntnisse vorliegen und demnach eine
aktuelle Therapie als qualitativ besser einzustufen wäre. Unter den gegebenen
Umständen kann – mit der Verteidigung (vgl. Urk. 168 S. 27) – nicht von einer in-
haltlich und zeitlich genügenden und adäquaten Therapie ausgegangen werden,
die gescheitert ist. Der Beschuldigte liess am 30. Juni 2014, nachdem die Akten
bei der Vorinstanz eingegangen waren, ein Gesuch um vorzeitigen Massnahme-
vollzug stellen (Urk. 53), was sein grundsätzliches Interesse an einer Therapie
– worauf auch die Verteidigung zu Recht hingewiesen hat (vgl. Urk. 168 S. 34) –
ebenso dokumentiert, wie den im Gefängnis dringend geäusserten Wunsch, eine
Therapie, vorzugsweise Einzeltherapie beginnen zu können (Urk. 61 S. 3). Im Üb-
rigen wurde ihm hierauf der vorzeitige Vollzug einer ambulanten Massnahme be-
willigt, wofür er vom Gefängnis Affoltern in die Strafanstalt Pöschwies verlegt
werden sollte (Urk. 59; Urk. 72). Diese gesamten Umstände, welche der Gut-
achter in seiner Expertise aufscheinen lässt sowie die Tatsache, dass die Ver-
wahrung nur als ultima ratio angeordnet werden darf, müssen dazu führen, dass
dem Beschuldigten eine Therapiechance zu gewähren ist.
5.13. Eine therapeutische Massnahme zur Behandlung psychischer Störungen
ist anzuordnen, wenn eine Strafe allein nicht geeignet ist, der Gefahr weiterer
Straftaten zu begegnen, wenn ein Behandlungsbedürfnis des Täters besteht oder
die öffentliche Sicherheit dies erfordert und wenn die Voraussetzungen von
Art. 59 StGB erfüllt sind (Art. 56 Abs. 1 StGB). Die Anordnung einer Massnahme
setzt voraus, dass der mit ihr verbundene Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des
Täters im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit und Schwere weiterer Straftaten
nicht unverhältnismässig ist (Art. 56 Abs. 2 StGB). Das Verhältnismässigkeits-
prinzip umfasst drei Teilaspekte: Eine Massnahme ist verhältnismässig, wenn sie
geeignet ist, die Legalprognose des Täters zu verbessern. Weiter muss sie erfor-
derlich sein, d.h., sie hat zu unterbleiben, wenn eine gleich geeignete, aber milde-
re Massnahme für den angestrebten Erfolg ausreichen würde. Schliesslich muss
zwischen dem Eingriff und dem angestrebten Zweck eine vernünftige Relation
bestehen, wobei im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Schwere des Eingriffs in
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die Freiheitsrechte des Betroffenen gegen das Behandlungsbedürfnis sowie die
Schwere und die Wahrscheinlichkeit künftiger Straftaten abzuwägen sind (zum
Ganzen: Urteil 6B_596/2011 vom 19. Januar 2012 E. 3.2.3; BGE 118 IV 213
E. 2c/bb und cc im Zusammenhang mit Art. 42 aStGB; je mit Hinweisen). Den Ge-
fahren, die von einem Täter zu befürchten sind, muss bei einer Interessen-
abwägung grössere Bedeutung zukommen als der Schwere des mit einer Mass-
nahme verbundenen Eingriffs (vgl. BGE 118 IV 213 E. 2c/bb und cc).
5.14. Beim Entscheid über die Anordnung einer stationären therapeutischen
Massnahme hat sich das Gericht auf eine sachverständige Begutachtung im Sin-
ne von Art. 56 Abs. 3 StGB zu stützen. Das Gutachten muss sich zur Notwendig-
keit und den Erfolgsaussichten einer Behandlung des Täters, Art und Wahr-
scheinlichkeit weiterer möglicher Straftaten und zu den Möglichkeiten des Voll-
zugs der Massnahme äussern (Art. 56 Abs. 3 lit. a, b und c StGB). Nach Art. 59
Abs. 1 StGB setzt eine stationäre Behandlung neben einer schweren psychischen
Störung voraus, dass der Täter ein Verbrechen oder Vergehen begangen hat, das
mit der Störung in Zusammenhang steht (lit. a), und dass zu erwarten ist, dadurch
lasse sich der Gefahr weiterer mit seiner Störung in Zusammenhang stehender
Taten begegnen (lit. b).
5.15. Die erforderlichen Voraussetzungen einer therapeutischen Massnahme
wurden zu einem Teil bereits im Rahmen der Prüfung der Verwahrung bejaht.
5.16. Die Verteidigung beantragt die Anordnung einer ambulanten vollzugs-
begleitenden Massnahme. Sie begründet sinngemäss, dass eine solche aufgrund
der Delikte angezeigt sei und ihm die Möglichkeit gebe, sich zu bewähren. Von
einer ambulanten Massnahme könne wieder eine stationäre angeordnet werden,
wenn sich herausstellen würde, dass sich der Beschuldigte nicht bewähre (Urk.
79 S. 1, S. 6 ff., S. 11; Prot. I S. 9.). Anlässlich der Berufungsverhandlung erklärte
die Verteidigung, dass grundsätzlich eine Therapie versucht werden sollte, wobei
eine ambulante wie auch eine stationäre Therapie Erfolg haben könnte. Bevor-
zugt werde aber, wie vom Gutachter auch, eine ambulante Therapie (vgl. Prot. II
S. 27 f.). Der Gutachter führt betreffend Art der anzuordnenden Massnahme aus,
für die Behandlung der beim Beschuldigten vorliegenden Störungsbilder komme
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a priori nicht eine stationäre Massnahme nach Art. 59 StGB in Frage; für gewöhn-
lich wäre vielmehr eine strafvollzugsbegleitende ambulante Massnahme nach
Art. 63 StGB mit Einzel- und Gruppentherapien in hoher Frequenz der geeignete
Ansatz. Eine stationäre Massnahme würde allerdings die Möglichkeit eines zu-
sätzlichen Interventionseinsatzes in Form einer milieutherapeutischen Kom-
ponente und intensiveren Verhaltensbeobachtung bieten, wobei die Vorerfah-
rungen aus Deutschland zeigen würden, dass der Beschuldigte hierfür nicht zu-
gänglich sei. Aus seiner Sicht sei der Beschuldigte jedenfalls hafterstehungsfähig,
formal massnahmewillig, aber deutlich eingeschränkt massnahmefähig. Falls das
Gericht eine bessernde Massnahme und keine Verwahrung ausspreche, wäre
aus gutachterlicher Sicht letztlich dennoch eine stationäre Massnahme nach
Art. 59 zu empfehlen (Urk. HD 37/16 S. 76 f.). Eine ambulante Massnahme hat
der Gutachter nur für den Fall empfohlen, dass die damalige stationäre Mass-
nahme in Deutschland als gescheitert anzusehen sei. Das setzt aber voraus, dass
jene Therapie einen verbindlichen, aussagekräftigen Schluss über die Wirksam-
keit einer adäquaten Massnahme zuliesse und dies ist – wie zuvor dargelegt –
nicht der Fall. Unter diesen Umständen empfiehlt der Gutachter eine stationäre
Massnahme.
5.17. Zumal der Beschuldigte zum wiederholten Mal sehr schwerwiegende Delik-
te begangen hat und das Gutachten von einer hohen und konkreten Rückfall-
gefahr für gleichartige Delikte ausgeht, erweist sich eine stationäre Massnahme
ohne Weiteres als verhältnismässig. In der in Deutschland durchgeführten thera-
peutischen Behandlung und auch im Rahmen der Exploration des Beschuldigten
hat sich gezeigt, dass der Beschuldigte Mühe bekundet und wenig Bereitschaft
gezeigt hat, sich seine Taten und Störungen einzugestehen und sich damit aus-
einanderzusetzen. Er hat sich einer Behandlung gegenüber wenig offen gezeigt
und erst nach einiger Zeit bescheidene Fortschritte gemacht. Ferner seien ge-
mäss Gutachter auch wegen der intellektuellen Fähigkeiten und Bildung des Be-
schuldigten Grenzen vorhanden. Unter diesen Umständen muss davon ausge-
gangen werden, dass nur eine engmaschige Therapie mit dauernder Herausfor-
derung und Beobachtung des Beschuldigten zum Erfolg führen kann. Nicht zuletzt
wird es darum gehen, die Motivation des Beschuldigten genügend aufzubauen
- 45 -
und aufrecht zu erhalten, zumal er mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe konfron-
tiert ist. Dass diesen Anforderungen nur eine stationären Massnahme mit einer
milieutherapeutischen Komponente und intensiver Verhaltensbeobachtung ge-
recht werden kann, ist plausibel. Demzufolge ist der Empfehlung des Gutachtes in
diesem Punkt ohne Weiteres zu folgen. Eine nur vollzugsbegleitende ambulante
Massnahme würde schliesslich auch dem Sicherungsbedürfnis der Öffentlichkeit
nicht genügen. Der Beschuldigte ist, wie gezeigt, mit einer Freiheitsstrafe von acht
Jahren zu bestrafen, wobei 982 Tage durch Haft sowie vorzeitigen Strafvollzug
bereits erstanden sind. Unter der Annahme, dass der Beschuldigte gemäss
Art. 86 StGB nach zwei Drittel der Strafe bedingt entlassen werden könnte, würde
dieser Termin in etwa zwei Jahren und 7 Monaten liegen. Dass nun aber der Be-
schuldigte in nur gerade zwei Jahren und 7 Monaten vollständig therapiert sein
könnte, ist angesichts der gutachterlichen Feststellungen füglich auszuschliessen.
Vielmehr bedarf das Sicherheitsbedürfnis der Öffentlichkeit, insbesondere nach-
dem das Gutachten aufgrund der Persönlichkeitsstörung sowie der Pädophilie
des Beschuldigten von einer deutlich hohen und konkreten Rückfallgefahr für
gleichartige Delikte und demnach von einer Wiederholungsgefahr gemäss Art. 59
Abs. 3 StGB ausgeht (vgl. Urk. HD 37/16 S. 73 f. und S. 78), dass eine stationäre
Massnahme im Sinne von Art. 59 Abs. 3 StGB zur Anwendung gelangt. Nachdem
die Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung aber gemäss Art. 59 Abs. 3
StGB eine Vollzugsfrage ist, ist sie grundsätzlich von den Vollzugsbehörden zu
beurteilen. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung hat sich das Sachgericht
aber in seinen Urteilserwägungen – nicht jedoch im Urteilsdispositiv – zu der Not-
wendigkeit eines geschlossenen Massnahmevollzugs zu äussern und den Voll-
zugsbehörden eine geschlossene Unterbringung unverbindlich zu empfehlen (vgl.
BGer 6B_708/2015 vom 22.10.2015), was hiermit ausdrücklich erfolgt.
5.18. Im Ergebnis ist daher eine stationäre Massnahme im Sinne von Art. 59
StGB anzuordnen.
5.19. Gemäss Art. 57 Abs. 2 StGB geht der Vollzug einer stationären, d.h. frei-
heitsentziehenden therapeutischen Massnahme dem Vollzug der Freiheitsstrafe
- 46 -
voraus. Der Vollzug der Freiheitsstrafe ist daher zu Gunsten der stationären
Massnahme aufzuschieben.
5.20. Ein Mitglied des Richtergremiums hat gemäss § 124 GOG einen Minder-
heitsantrag bezüglich Thematik Massnahme nach Art. 59 StGB oder Verwahrung
nach Art. 64 StGB gestellt (vgl. Prot. II S. 34). Dieser Minderheitsantrag wurde zu
den Akten genommen (Urk. 174) und ist den Parteien mit dem ausgefertigten
Entscheid zuzustellen.
6. Zivilansprüche
6.1. Die Dispositiv-Ziffern 6 bis 9 sind, wie vorher erwähnt, in Rechtskraft er-
wachsen. Eine zusätzliche Bestätigung dieser Erkenntnisse, wie von der Vertrete-
rin von E._ und D._ verlangt (Urk. 153), ist daher nicht notwendig.
6.2. Die Vertreterin von B._ beantragte anlässlich der Berufungsverhand-
lung, in Abänderung ihrer Eingabe vom 11. Juni 2015 (Urk. 126), in welcher sie
zunächst eine Genugtuung von Fr. 15'000.– beantragte, eine Genugtuung von Fr.
20'000.–, mit Zins ab 1. Februar 2013 (Urk. 171). Betreffend geändertem Antrag
der Genugtuungssumme wies sie darauf hin, dass zum Zeitpunkt der Eingabe an
das Gericht am 11. Juni 2015 die zweite Befragung von B._ noch nicht statt-
gefunden habe. Diese habe erst am 10. September 2015 stattgefunden. Für
B._ habe der Umstand, dass sie nochmals habe befragt werden müssen,
damit der Beschuldigte habe verurteilt werden können, eine neue Last und ein
Eingriff in ihr Leben bedeutet. Ausserdem sei sie mit ihrer Mutter extra aus ...
[Stadt in der Türkei] in die Schweiz gereist (Urk. 171 S. 2). Mit Eingabe vom 23.
September 2015 stellte sie den weiteren Antrag, den sie auch anlässlich der Be-
rufungsverhandlung wiederholte (Urk. 171), der Beschuldigte sei zu verpflichten,
für die Kosten der künftigen in Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch
stehenden Psychotherapien von B._ aufzukommen (Urk. 151), wobei anzu-
merken sei, dass sich B._ bereits in eine Therapie in ... [Stadt in der Türkei]
begeben habe (Prot. II S. 25). Der Beschuldigte anerkannte anlässlich der Beru-
fungsverhandlung die Genugtuungsforderung von 20'000.-- plus 5 % Zins und
wies bezüglich Therapiekosten darauf hin, dass er sie im Grundsatze nach aner-
- 47 -
kenne (Prot. II S. 28 und Urk. 168 S. 39). Der Beschuldigte ist demnach gemäss
seiner Anerkennung zu verpflichten, der Privatklägerin B._ Fr. 20'000.-- zu-
züglich 5% Zins seit 1. Februar 2013 als Genugtuung zu bezahlen. Zudem ist da-
von Vormerk zu nehmen, dass der Beschuldigte das Schadenersatzbegehren der
Privatklägerin B._ insofern anerkennt, als er sich verpflichtet, für die Kosten
von künftigen Psychotherapien, welche im Zusammenhang mit den angeklagten
strafbaren Handlungen stehen, aufzukommen.
7. Kosten- und Entschädigungsfolgen
7.1. Da es bei der Verurteilung des Beschuldigten, wie im angefochtenen Ent-
scheid vorgesehen, bleibt, ist das erstinstanzliche Kostendispositiv zu bestätigen
(Art. 428 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 426 Abs. 1 StPO).
7.2. In den Erwägungen des angefochtenen Entscheides wurde festgehalten,
die Vergütung für die "Privatklägerinnen 1" seien mit Verweis auf die Kostennote
(Urk. 69) auf Fr. 2'604.60 festzusetzen. Die Vergütung für die Vertreterin der
Privatklägerin 2 sei nicht beziffert worden und noch offen, würden aber zu den
weiteren Kosten des Strafverfahrens gehören (Urk. 106 S. 44). Die Kostennote
von Fr. 2'604.60 betrifft die Privatklägerinnen E._ sowie D._, also die
Privatklägerinnen 1 und 2 des erstinstanzlichen Verfahrens bzw. ihre Rechtsver-
treterin lic. iur. Z._, weshalb nichts offen bleibt, was auch von den Parteien
anlässlich der Berufungsverhandlung so bestätigt wurde (Prot. II S. 20 f.).
7.3. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 SPO). Im Berufungsverfahren
unterliegt der Beschuldigte hinsichtlich der Frage des Schuldpunktes mit seiner
Berufung, obsiegt aber grundsätzlich, was die Frage der Massnahme anbelangt.
Die Staatsanwaltschaft unterliegt mit ihrer Anschlussberufung gänzlich. Bei die-
sem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschuldigten die Kosten des Berufungs-
verfahrens zu 2/5 aufzuerlegen und zu 3/5 auf die Gerichtskasse zu nehmen.
7.4. In Bezug auf die geltend gemachten Kosten der amtlichen Verteidigung
von Fr. 28'952.– (vgl. Urk. 165) ist zu berücksichtigen, dass sich die Ent-
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schädigung für die anwaltliche Verteidigung grundsätzlich nach der Verordnung
über die Anwaltsgebühren des Kantons Zürich vom 8. September 2010 (Anwalts-
gebührenverordnung; LS 215.3; vgl. auch § 1 AnwGebV) bestimmt. Gemäss Pra-
xis ist bei so genannten einfachen Standardverfahren von den in der Anwalts-
gebührenverordnung angeführten Ansätzen auszugehen. Für die Führung eines
Rechtsmittelvefahrens in einem Strafprozess ist § 18 Abs. 1 i.V.m. § 17 Abs. 1
lit. b AnwGebV massgebend. Dabei wird die Grundgebühr nach den besonderen
Umständen, namentlich etwa nach Art und Umfang der Bemühungen und Schwie-
rigkeiten des Falles, bemessen. In Verfahren, die nicht zu den einfachen Stan-
dardfällen gezählt werden können, ist gestützt auf eine sachgerechte Auslegung
der Anwaltsgebührenverordnung von der Honorarabrechnung des Verteidigers
auszugehen. Diese ist danach auf ihre Angemessenheit hin zu prüfen. Vorliegend
ist zwar nicht von einem einfachen Standardverfahren auszugehen, aber auch
nicht von einem sehr komplexen und schwierigen Fall, insbesondere nachdem
der Beschuldigte weitgehend geständig ist und das Urteil nicht vollumfänglich an-
gefochten wurde, sondern vielmehr rechtliche Aspekte zu beurteilen waren. Zu
berücksichtigen ist zudem, dass der Zeitaufwand für die Durchsicht des be-
gründeten Urteils der Vorinstanz nicht im Rahmen des Berufungsverfahrens zu
entschädigen ist und dass für Einvernahmen und Gefängnisbesuche im Kanton
Zürich amtlichen Verteidigungen maximal pro Weg eine halbe Stunde Aufwand
vergütet wird (vgl. Leitfaden amtliche Mandate ,Oberstaatsanwaltschaft, Büro für
amtliche Mandate, 2. Aufl. 2015, S. 52; BGE 1P.327/1999). Gestützt auf eine sach-
gerechte Auslegung der Anwaltsgebührenverordnung und unter Beachtung von
§ 18 Abs. 1 i.V.m. § 17 Abs. 1 lit. b AnwGebV erscheint eine Entschädigung von
Fr. 22'000.-- (inkl. 8 % MwSt.) angemessen. Der amtliche Verteidiger des Be-
schuldigten ist demnach für das Berufungsverfahren mit Fr. 22'000.– (inklusive
Mehrwertsteuer) zu entschädigen, wobei diese Kosten wegen Uneinbringlichkeit
(vgl. diesbezügliche Ausführungen der Vorinstanz Urk. 106 S. 44 f.) definitiv auf
die Gerichtskasse zu nehmen sind.
7.5. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerinnen E._
sowie D._ für das Berufungsverfahren von insgesamt Fr. 623.80, welche sich
gestützt auf die Honorarrechnung (Urk. 155), jedoch ausgehend von einem höhe-
- 49 -
ren Stundenansatz von Fr. 220.– (inklusive Mehrwertsteuer) ergeben und die
Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerin B._ von Fr. 7'000.–
(inklusive Mehrwertsteuer) (vgl. Urk. 155 A) sind ebenfalls wegen Uneinbringlich-
keit definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen.