Decision ID: 38940fba-0b4f-4901-8e52-bfbceb00192e
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. T.S. war ab 2003 als Berufsfachschullehrer bei der Berufsschule X. tätig. Am
15. November 2010 wurde er fristlos entlassen, nachdem er am 22. Oktober 2010 die
Damentoilette des Schulhausgebäudes aufgesucht, sich – als Schülerinnen die Toilette
betreten hatten – in einer Toilettenkabine eingeschlossen und mit seinem Mobiltelefon
unter der Kabinenwand hantiert hatte. Einen dagegen erhobenen Rekurs wiesen
sowohl die Berufsfachschulkommission der Berufsschule X. am 10. Februar 2011 als
auch das Bildungsdepartement am 28. Oktober 2011 ab. Mit Entscheid vom
29. August 2012 hiess das Verwaltungsgericht die gegen den Rekursentscheid des
Bildungsdepartements erhobene Beschwerde gut, hob den Entscheid vom 28. Oktober
2011 sowie die Verfügung vom 15. November 2010 auf und wies die Streitsache zum
Vollzug der ordentlichen Kündigung per 31. Januar 2011 an die Berufsschule X. zurück
(VerwGE B 2011/235 vom 29. August 2012, www.gerichte.sg.ch). Der Entscheid des
Verwaltungsgerichts ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.
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B. Mit Anklage vom 18. September 2015 warf die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat
T.S. vor, heimlich insgesamt 27 Kinder unter anderem bei der Körperhygiene im
Badezimmer, beim Toilettengang, unter der Dusche und beim Umziehen für den
Schwimmunterricht gefilmt zu haben. Am 2. Juni 2016 verurteilte das Bezirksgericht
Zürich T.S. wegen mehrfacher Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch
Aufnahmegeräte und mehrfachen Inverkehrbringens und Anpreisens von Abhör-, Ton-
und Bildaufnahmegeräten zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten.
Dagegen erhoben T.S. Berufung und die Staatsanwaltschaft sowie die
Privatklägerinnen Anschlussberufung beim Obergericht des Kantons Zürich.
Laut einem Artikel des Tages-Anzeigers kamen im Rahmen des zürcherischen
Strafverfahrens auch Bilder von Schülerinnen und Schülern der Berufsschule X. ans
Tageslicht, weshalb das Bildungsdepartement am 13. Juni 2016 beim Bezirksgericht
Zürich um Akteneinsicht in die Gerichtsakten ersuchte, welches mit Verfügung vom
19. August 2016 gutgeheissen wurde.
C. Mit Eingabe vom 19. August 2016 stellte das Bildungsdepartement (Gesuchsteller) –
in Unkenntnis des Entscheids über die Akteneinsicht desselben Datums – beim
Verwaltungsgericht ein (vorsorgliches) Gesuch um Wiederaufnahme des Verfahrens
B 2011/235 betreffend die fristlose Auflösung des Dienstverhältnisses mit T.S.
(Gesuchsgegner). Mit Schreiben vom 13. Oktober 2016 teilte das Verwaltungsgericht
den Verfahrensbeteiligten mit, das Beschwerdeverfahren werde bis nach Rechtskraft
des Entscheids über das Akteneinsichtsgesuch des Bildungsdepartements sistiert. Am
11. November 2016 trat das Obergericht Zürich auf die Beschwerde gegen die
Gutheissung des Akteneinsichtsgesuchs nicht ein und stellte die Nichtigkeit der
entsprechenden Verfügung des Bezirksgerichts Zürich fest. Dem in der Folge beim
Obergericht Zürich gestellten Gesuch um Einsicht in die Akten des Strafverfahrens gab
dieses am 16. Januar 2017 statt. Die Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
Mit Eingabe vom 23. März 2017 beantragte der Gesuchsteller die Aufhebung der
Sistierung des Beschwerdeverfahrens und die Gutheissung des Gesuchs um
Wiederaufnahme des Verfahrens. Am 3. Mai 2017 nahm der Gesuchsgegner durch
seinen Rechtsvertreter Stellung zum Verfahren und beantragte die Abweisung des
Wiederaufnahmegesuchs. Mit Eingabe vom 23. Mai 2017 schloss sich die Berufsschule
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X. (Verfahrensbeteiligte) den Ausführungen des Gesuchstellers an und verzichtete auf
eine weitere Stellungnahme.
Bereits mit Entscheid vom 7. März 2017 verurteilte das Obergericht Zürich den
Gesuchsgegner zu dreissig Monaten Freiheitsstrafe, wovon 128 Tage durch
Untersuchungshaft erstanden waren. Es schob den Vollzug der Freiheitsstrafe im
Umfang von zwanzig Monaten auf und setzte die Probezeit auf vier Jahre fest. Am
20. Dezember 2017 wies das Bundesgericht eine dagegen erhobene Beschwerde ab
(Urteil 6B_891/2017).
Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten sowie die Akten wird, soweit für den

Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. Über Wiederaufnahmebegehren entscheidet die Instanz, welche den Entscheid
getroffen hat (Art. 82 Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS
941.1, VRP). Gemäss Art. 83 Abs. 1 VRP muss das Wiederaufnahmebegehren innert
drei Monaten eingereicht werden, nachdem der Betroffene vom Wiederaufnahmegrund
Kenntnis erhalten hat, spätestens aber innert zehn Jahren seit der Eröffnung der
Verfügung oder des Entscheids.
Die Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts zur Behandlung des Gesuchs um
Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens B 2011/235 ist gegeben, weil sein Urteil
vom 29. August 2012 betreffend fristlose Auflösung des Dienstverhältnisses revidiert
werden soll. Weiter wurde das Gesuch vom 19. August 2016 rechtzeitig eingereicht,
nachdem der Gesuchsteller gestützt auf einen Artikel des Tages-Anzeigers vom 2. Juni
2016 Kenntnis davon erlangt hatte, dass im Rahmen eines zürcherischen
Strafverfahrens gegen den Gesuchsgegner auch Bilder von Schülerinnen und Schülern
des Verfahrensbeteiligten ans Tageslicht gekommen seien. Insoweit sind die
Voraussetzungen für die Behandlung des Gesuchs erfüllt.
2. Zu prüfen ist zunächst, ob auf das Gesuch um Wiederaufnahme des Verfahrens
eingetreten werden kann.
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2.1. Nach Art. 81 Abs. 1 lit. c VRP kann gegen Verfügungen und Entscheide die
Wiederaufnahme des Verfahrens mit der Begründung verlangt werden, die Behörde
habe wesentliche Tatsachen oder Beweismittel, die zur Zeit des Erlasses der Verfügung
oder des Entscheids bestanden hätten, nicht gekannt. Nach Abs. 2 der gleichen
Bestimmung wird auf Wiederaufnahmebegehren nur eingetreten, wenn die Gründe mit
einem ordentlichen Rechtsmittel nicht geltend gemacht werden können und dies auch
bei zumutbarer Sorgfalt unmöglich war. Revisionsbegründend sind nur Tatsachen, die
zur Zeit der Erstbeurteilung bereits bestanden haben, ferner Beweismittel zu solchen
Tatsachen. Die neuen Tatsachen oder Beweismittel müssen wesentlich sein. Das
bedeutet, dass sie geeignet sein müssen, einen für den Gesuchsteller vorteilhafteren
Entscheid herbeizuführen. Ob die Tatsachen oder Beweismittel im Ergebnis wirklich zu
einem anderen Entscheid führen, ist nicht bei der Prüfung der
Revisionsvoraussetzungen zu beurteilen, sondern beim Erlass des neuen
Sachentscheids. Was die neuen Beweismittel betrifft, so ist unbestritten, dass
unvermutet auftretende und zuvor nicht eruierbare Zeugen und Urkunden einen
Revisionsgrund darstellen können (Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im
Kanton St. Gallen – dargestellt an den Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, 2. Aufl.
2003, Rz. 1192 ff.).
2.2. Der Gesuchsteller macht geltend, das Verwaltungsgericht habe mit Entscheid vom
29. August 2012 die Beschwerde mit der Begründung gutgeheissen, es habe nicht
bewiesen werden können, dass sich der Gesuchsgegner eines strafrechtlich relevanten
Verhaltens schuldig gemacht habe. Im Rahmen des Strafverfahrens vor den St. Galler
Untersuchungsbehörden seien zwar mehrere Geräte sichergestellt worden, es habe
aber nicht bewiesen werden können, dass er sich mit diesen Einblick in die Kabine
einer Damentoilette verschaffen und Aufnahmen habe machen wollen. Überdies seien
auf den Geräten keine strafrelevanten Daten gefunden worden. Im Zeitpunkt der
Urteilsfällung habe das Verwaltungsgericht aufgrund der Ergebnisse der forensischen
Ermittlung deshalb davon ausgehen müssen, dass keine strafrelevanten Daten
vorliegen würden. Die Ermittlungsergebnisse der Strafverfolgungsbehörden des
Kantons Zürich würden nun ein vollkommen anderes Bild zeigen. Es seien eine grosse
Menge Bilder gefunden worden, die der Gesuchsgegner während seiner Anstellung
beim Verfahrensbeteiligten aufgenommen habe. Es stehe nunmehr zweifellos fest, dass
er mehrmals in der Damentoilette und im Schulzimmer Bilder und Filme angefertigt
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habe. Zudem habe er Unterwäsche von Schülerinnen aus den Turntaschen entwendet
und fotografiert. Der Gesuchsgegner habe diese Taten in der polizeilichen Einvernahme
vom 20. Mai 2014 zugegeben. Das Obergericht des Kantons Zürich habe ihn
deswegen mit Urteil vom 7. März 2017 verurteilt.
2.3. Eine Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens B 2011/235 ist nur gestützt auf
Tatsachen oder Beweismittel möglich, die bereits in jenem Zeitpunkt bestanden. Die
Kantonspolizei St. Gallen führte Ende 2010 auf Anordnung des Untersuchungsamts
St. Gallen beim Gesuchsgegner eine Hausdurchsuchung durch und stellte diverse
Informatikmittel sicher. Gemäss forensischen Ermittlungsbericht vom 7. Dezember
2010 wurden bei der Auswertung keine relevanten Daten gefunden (vgl. act. 15/4). Am
25. März 2011 stellte das Untersuchungsamt St. Gallen das Strafverfahren gegen den
Gesuchsgegner wegen Verletzung des Geheim- oder Privatbereichs durch
Aufnahmegeräte und Pornographie ein (act. 15/3). In der Folge hiess das
Verwaltungsgericht mit Entscheid vom 29. August 2012 die Beschwerde gegen die
fristlose Auflösung des Dienstverhältnisses gut im Wesentlichen mit der Begründung,
bei der Beurteilung der Frage, ob ein wichtiger Grund für eine fristlose Kündigung
vorliege, sei zu beachten, dass von Lehrkräften ein mehr als nur gerade nicht strafbares
Verhalten gefordert werde. Aufgrund des unbestrittenen und nachgewiesenen
Sachverhalts könne dem Gesuchsgegner keine eigentliche Gefährdung der sexuellen
Integrität einer Schülerin vorgeworfen werden (VerwGE B 2011/235 E. 4). Erst im
Rahmen des zürcherischen Strafverfahrens im Jahr 2014 fanden sich auf den beim
Gesuchsgegner sichergestellten Datenträgern Aufnahmen von Schülerinnen des
Verfahrensbeteiligten aus der Zeit, als der Gesuchsgegner dort unterrichtet hatte. Aus
der Dokumentation der Auswertung durch die zürcherischen Untersuchungsbehörden
geht eindeutig hervor, dass die Aufnahmen in der Damentoilette im Zeitraum vom
25. August bis 23. September 2010 entstanden sind (act. 15/2/12/2-207). Weiter
wurden im Zeitraum vom 24. September 2009 (Bild Nr. 42) bis 17. September 2010
(Bild Nr. 44) aufgenommene Bilder von Damenunterwäsche sichergestellt
(act. 15/2/12/209). Schliesslich existieren Aufnahmen vom 25. Mai 2007 bis 21. August
2010, bei welchen den Frauen im Schulzimmer unter den Jupe oder in den Ausschnitt
fotografiert wurde (act. 15/2/12/210-278). Diese Beweismittel bestanden folglich bereits
im Zeitpunkt des Entscheids des Verwaltungsgerichts vom 29. August 2012, wurden
jedoch erst nach Erlass des Entscheids entdeckt. Schliesslich gab der Gesuchsgegner
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erst im Rahmen des zürcherischen Strafverfahrens die Taten zu (act. 15/5). Damit
waren die Aufnahmen und das Geständnis des Gesuchsgegners dem Gesuchsteller im
Zeitpunkt des Entscheids B 2011/235 nicht bekannt, und sie waren ihm auch nicht
zugänglich. Weiter erhärtet sich mit den nun neu entdeckten Aufnahmen der damals
bestehende Verdacht eines strafbaren Verhaltens, welches die fristlose Auflösung des
Dienstverhältnisses allenfalls hätte rechtfertigen können. Die Aufnahmen sind folglich
grundsätzlich geeignet, einen für den Gesuchsteller vorteilhafteren Entscheid
herbeizuführen.
2.4. Zusammenfassend ergibt sich, dass ein Wiederaufnahmegrund im Sinn von Art. 81
Abs. 1 lit. c VRP vorliegt, weshalb auf das Gesuch um Wiederaufnahme des
Beschwerdeverfahrens B 2011/235 einzutreten ist.
3. Das Verfahren läuft zweistufig ab: Zunächst wird im Sinn einer Eintretensfrage
geprüft, ob ein Revisionsgrund vorliegt. Wird dies – wie vorliegend – bejaht, so wird die
Frage untersucht, ob die Verfügung oder der Entscheid materiell geändert werden soll
oder nicht (Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016,
Rz. 1267). Nach herrschender Lehre können die beiden Schritte – Gutheissung des
Revisionsgesuches und neuer Sachentscheid – im gleichen Entscheid ergehen, soweit
die Umstände dies als angezeigt erscheinen lassen. Wird das Revisionsgesuch
gutgeheissen, führt dies zu einer Aufhebung des in Revision gezogenen
Sachentscheids und das Erkenntnisverfahren wird in denjenigen Stand zurückversetzt,
in welchem es sich vor dem aufgehobenen Entscheid befunden hat (vgl. BGer
5A_366/2016 vom 21. November 2016 E. 4).
Der Gesuchsteller hat lediglich ein Gesuch um Wiederaufnahme des
Beschwerdeverfahrens B 2011/235 ersucht und mit Eingabe vom 23. März 2017
beantragt, nach Wiederaufnahme des Verfahrens sei ihm Gelegenheit zur ergänzenden
Begründung und zur Einreichung der damaligen Verfahrensakten einzuräumen. Einen
Antrag, wie in der Sache selbst zu entscheiden sei, wurde dagegen nicht gestellt (vgl.
act. 14). Auch der Gesuchsgegner äusserte sich in seiner Stellungnahme lediglich zur
Frage der Verfahrenswiederaufnahme. Unter diesen Umständen erscheint es nicht
angezeigt, im gleichen Entscheid das Revisionsgesuch gutzuheissen und gleichzeitig
über die fristlose Auflösung des Dienstverhältnisses zu befinden. Vielmehr ist dem
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Gesuchsteller Gelegenheit zu geben, innert einer Frist bis 30. Juni 2018 das
Wiederaufnahmebegehren materiell zu begründen, wobei nach unbenütztem Ablauf der
Frist der Verzicht auf eine Begründung angenommen würde. Der Gesuchsteller ist
zudem aufzufordern, dem Gericht sämtliche vorinstanzlichen Akten des
Beschwerdeverfahrens B 2011/235 einzureichen. Nach unbenützter Frist ist aufgrund
der vorhandenen Akten zu entscheiden.
4. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Wiederaufnahmeverfahrens über die Eintretensfrage dem Gesuchsgegner aufzuerlegen
(Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von CHF 1‘000 erscheint angemessen (Art.
7 Abs. 1 Ingress und Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Bei diesem
Verfahrensausgang – der Gesuchsteller hat grundsätzlich keinen Anspruch auf
Kostenersatz – sind ausseramtliche Kosten nicht zu entschädigen (Art. 98 Abs. 1 und
98 VRP).