Decision ID: 68e61d7e-51cd-42aa-9cd9-0e57444ff8bb
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 08.09.2010 Art. 9 ATSG, Art. 42 IVG, Art. 37 IVV. Hilflosenentschädigung. Anforderungen an die Sachverhaltsabklärung zur Ermittlung der massgebenden Hilflosigkeit (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 8. September 2010, IV 2010/16).
Entscheid Versicherungsgericht, 08.09.2010
Abteilungspräsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterinnen Monika
Gehrer-Hug und Lisbeth Mattle Frei; Gerichtsschreiber Ralph Jöhl
Entscheid vom 8. September 2010
in Sachen
T._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Advokat lic. iur. Martin Boltshauser, c/o procap, Froburgstrasse 4,
Postfach, 4601 Olten,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hilflosenentschädigung
Sachverhalt:
A.
T._ (Jg. 1952) meldete sich am 4. August 2008 zum Bezug von IV-Leistungen an. Am
23. Juli 2009 füllte die Versicherte auch die Anmeldung zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung aus. Sie gab dabei an, sie leide nach zwölf Rückenoperationen
an Lähmungserscheinungen und starken Schmerzen. Sie könne nur noch mit dem
Rollator oder mit Stöcken gehen. Bücken könne sie sich nicht mehr. Sie sei beim An-
und Auskleiden regelmässig in erheblicher Weise auf Hilfe angewiesen. Bei der
Körperpflege brauche sie Hilfe beim Waschen des Rückens und der Füsse, bei der
Pédicure und beim Eincremen. Dasselbe gelte beim Duschen. Dort habe sie zudem
einen sehr unsicheren Stand. Beim Verrichten der Notdurft brauche sie Hilfe, weil sie
beim Drehen des Oberkörpers zur Reinigung des Afters grosse Schmerzen habe.
Ausserdem brauche sie eine Halterung zum Aufstehen. Bei der Fortbewegung in der
Wohnung und im Freien müsse sie sich festhalten können. Da sie maximal eine halbe
Stunde sitzen und maximal acht Minuten stehen oder gehen könne und zudem ständig
die Position wechseln müsse, sei sie auf eine Begleitperson angewiesen. Die IV-Stelle
holte bei Dr. med. A._ einen Bericht ein. Sie wollte insbesondere wissen, ob die
Versicherte lediglich beim An- und Ausziehen der Schuhe Hilfe brauche, ob sie bei der
Körperpflege mit geeigneten Hilfsmitteln keine Hilfe benötige und ob sie bei der
Verwendung eines Closomaten keine Hilfe bei der Notdurftverrichtung brauche. Dr.
med. A._ bejahte diese drei Fragen. Er gab ausserdem an, die Versicherte leide an
einer massiven Beweglichkeitseinschränkung panvertebral, an einer Blockade im
unteren thorakalen und gesamten lumbalen Wirbelsäulenbereich, welche die Inklination
verunmögliche, an einer beidseitigen Blockade der Torsion und an muskulären
Blockaden im gesamten LWS-, Becken- und Oberschenkelbereich.
B.
Die IV-Stelle hatte im Zusammenhang mit der Prüfung eines allfälligen
Invalidenrentenanspruchs der Versicherten bei der Klinik Valens ein Gutachten in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auftrag gegeben. Die Gutachter berichteten am 17. August 2009, sie hätten die
folgenden Diagnosen gestellt: chronisches lumbospondylogenes Syndrom bds.,
chronische Nervenwurzelreizung L5 und S1 links (failed back-surgery-Syndrom),
Gonarthrosen bds. und PHS tendinotica der Supra- und der Infraspinatussehne rechts.
Weiter führten die Gutachter aus, die Versicherte habe sich mit weiterhin bestehenden
lumbalen Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in das linke Bein präsentiert. Ursachen
dafür seien einerseits eine statische Problematik der Wirbelsäule mit deutlichen
Hohlrundrücken und muskulärer Insuffizienz und andererseits Zeichen einer
Nervenreizung. Die Versicherte könnte eine absolut streng wechselbelastende,
körperlich sehr leichte Tätigkeit stundenweise ausüben. Sie müsste statische
Körperpositionen sowie Tätigkeiten im Gehen nach kurzer Zeit unterbrechen können.
Beim Auftreten starker Rückenschmerzen müsste sie sich hinlegen können.
C.
Am 26. August 2009 erfolgte eine telefonische Abklärung der Hilflosigkeit. Gemäss dem
am 6. September 2009 bestätigten Bericht gab die Versicherte dabei an, sie könne sich
am Ober- und am Unterkörper selbständig an- und ausziehen, wozu sie allerdings
dreissig bis sechzig Minuten benötige. Da sie sich nicht genügend vorneigen könne, sei
sie nicht in der Lage, die Schuhe auf herkömmliche Art anzuziehen. Das sei im Sommer
kein Problem, weil sie in die Schlappen hineinschlüpfen könne. Beim Aufstehen/
Absitzen/Abliegen und beim Essen sei sie nicht auf Hilfe angewiesen. Die
Morgentoilette (Gesicht waschen, Zähne putzen, Kämmen) sei ihr selbständig möglich.
Beim Duschen oder Baden könne sie die Füsse und den Rücken nicht oder nur bedingt
mit normalen Mitteln erreichen. Beim Verrichten der Notdurft sei sie grundsätzlich
selbständig. Allerdings sei die Nachreinigung aufgrund der Unbeweglichkeit nur unter
starken Schmerzen möglich. Grundsätzlich sei sie bei der Fortbewegung selbständig.
In der Wohnung habe sie diverse Sitzmöglichkeiten. Ausserhalb der Wohnung benütze
sie den Rollator, auf den sie sich setzen könne. Für das Einkaufen etc. benötige sie
eine Begleitperson, von der sie unterstützt werde. Sie traue sich wegen der Schmerzen
und wegen der Schwächeanfälle nicht allein auf die Strasse. Die Abklärungsperson
führte zur alltäglichen Lebensverrichtung An- und Ausziehen aus, die Versicherte
könnte angepasste Schuhe (ohne Schuhbändel) wählen und Hilfsmittel (z.B.
Greifzange, langer Schuhlöffel) verwenden. Bei der Körperpflege könnte die Versicherte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine lange Bürste benützen oder andere Behelfe einsetzen (Hocker, Badebrett, Badelift,
Haltegriffe). Bei der Notdurftverrichtung wäre der Versicherten mit einem Closomaten
geholfen.
D.
Gemäss einer Notiz vom 21. September 2009 anerkannte die IV-Stelle nur für die
alltägliche Lebensverrichtung der Fortbewegung eine Hilflosigkeit. Mit einem
Vorbescheid vom 23. September 2009 teilte sie der Versicherten mit, dass sie
beabsichtige, das Gesuch um eine Hilflosenentschädigung abzuweisen. In ihrer
Stellungnahme vom 25. September 2009 machte die Versicherte u.a. geltend, sie gehe
an zwei Stöcken, weil der linke Fuss und die Zehen am rechten Fuss taub seien und
weil der Unterschenkel gefühllos sei. Sie könne nicht allein gehen, weil sie oft Fehltritte
mache und zur Seite kippe, denn der Fuss "schlafe". Der Vorschlag, sie könne die
Füsse und den Rücken mit Hilfsmitteln und damit selbständig waschen, sei nicht
brauchbar, da sie sich nicht bücken, keine Drehbewegung machen und die Arme nicht
hochheben könne. Sie könne auch die Pédicure nicht selbst machen. Dr. med. B._
vom RAD hielt am 15. Oktober 2009 fest, die objektivierbaren gesundheitsbedingten
Einschränkungen begründeten keine Notwendigkeit einer regelmässigen erheblichen
Hilfe bei den alltäglichen Lebensverrichtungen. Trotz der schmerzhaft eingeschränkten
Beweglichkeit der Wirbelsäule könne davon ausgegangen werden, dass die Versicherte
mit erhöhtem Zeitbedarf, mit geeigneten Selbsthilfestrategien und mit Hilfsmitteln
(Ankleide- oder Duschhocker, geeignete Schuhe wie Slipper oder mit Klett- oder
Reissverschluss, langer Schuhlöffel, Greifzange, Dusch-WC) ohne Hilfe auskomme. Der
Neurochirurge Dr. med. C._ berichtete am 16. Oktober 2009, die Versicherte könne
die Haare und den Rücken nicht selber waschen. Sie könne die vorgeschlagenen
Hilfsmittel nicht benützen, weil diese Bewegungen über Schulterhöhe erforderten. Die
Versicherte könne sich nicht bücken, weshalb sie die Beine, Füsse und Zehen nicht
selber waschen und trocknen könne. Auswärts oder im Freien könne die Versicherte
keinen Closomaten benützen. Auch beim Aufstehen und Absitzen sei die Versicherte
stark beeinträchtigt. Beim An- und Ausziehen brauche die Versicherte allein so viel Zeit,
dass dies eine unaushaltbare Form von Schmerzen auslöse. Die Versicherte sei auch
für die Fortbewegung und für die Kontaktaufnahme auf Hilfe angewiesen.
E.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die procap wandte am 26. Oktober 2009 für die Versicherte gegen den Vorbescheid
ein, bändellose Schuhe und ein langer Schuhlöffel lösten die Probleme nicht. Die
Versicherte könne einen Klettverschluss nicht bedienen, da sie sich nicht ausreichend
tief bücken könne. Schuhe ohne Bindung, die nur einen langen Schuhlöffel notwendig
machten, seien ungeeignet, da die Versicherte wegen der Gefühllosigkeit des linken
Fusses nicht richtig in den Schuh hineinschlüpfen könne. Wären die Schuhe so weit,
dass sie mit einem langen Schuhlöffel angezogen werden könnten, so gäben sie
zuwenig Halt, auf den die Versicherte aber gerade wegen der Gefühllosigkeit des linken
Fusses angewiesen sei. Schlappen könne die Versicherte deshalb höchstens in der
eigenen Wohnung verwenden, da sie hier alle Hindernisse aus dem Weg räumen und
sich abstützen könne. Sechzig Minuten für das Anziehen seien zudem unzumutbar.
Beim Duschen könne die Versicherte nicht mit einer langen Bürste arbeiten, weil sie die
Hände nicht über die Schultern bringe. Von unten nach oben könne die Bürste nicht
eingesetzt werden, weil die dafür nötige Arm- und Drehbewegung nicht möglich sei.
Die Versicherte könne die Füsse nicht waschen, trocknen und eincremen und sie könne
sich die Fussnägel nicht selbst schneiden. Sie sei zwar bereit, einen Closomaten
einzusetzen, aber sie könne die Hose nachher nicht selbständig heraufziehen, weil ihr
ja in dieser Situation die horizontale Fläche des Bettes nicht zur Verfügung stehe. Dr.
med. B._ führte dazu am 26. November 2009 aus, gemäss den
Untersuchungsbefunden bestehe keine Gefühllosigkeit des linken Fusses, sondern nur
eine diskrete Hypaesthesie und Hypalgesie (diskrete Verminderung des Berührungs-
und Schmerzempfindens). Ausserdem bestehe keine Lähmung, sondern nur eine
leichte Fussheberschwäche. Mit den Befunden im Schulterbereich lasse sich nicht
begründen, warum die Versicherte bei einer uneingeschränkten Beweglichkeit des
linken Schultergelenks nicht in der Lage sein sollte, mit dem linken Arm die
notwendigen Bewegungen auszuführen. Das Waschen, Trocknen und Eincremen der
Füsse könne durch eine geeignete Technik (z.B. Sitzen mit übereinander geschlagenen
Beinen) ermöglicht werden. Dass die Versicherte ihre Hose nach der
Notdurftverrichtung nicht wieder solle heraufziehen können, sei nicht nachvollziehbar.
Zudem sei es ja gar nicht nötig, die Hose vorher bis auf den Boden herunterzuziehen.
Mit einer Verfügung vom 2. Dezember 2009 wies die IV-Stelle das Begehren um eine
Hilflosenentschädigung ab. In der Verfügungsbegründung verwies sie u.a. auf die von
der Rheumaliga vertriebenen Hilfsmittel.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
F.
Die Versicherte liess am 18. Januar 2010 durch die procap Beschwerde erheben und
die Zusprache einer Hilflosenentschädigung mittelschweren Grades beantragen. In
einer Beschwerdeergänzung vom 12. April 2010 führte die procap aus, die Hilflosigkeit
im Bereich Fortbewegung sei von der IV-Stelle akzeptiert. Zur Diskussion stünden nur
die Bereiche An- und Auskleiden, Körperpflege und Verrichten der Notdurft. Die
Versicherte benötige dreissig bis sechzig Minuten, um sich anzuziehen. Das sei ihr nur
deshalb überhaupt möglich, weil sie auf dem Bett liegend langsam die entsprechenden
Bewegungen ausführen könne. Eine derart lange Zeit, um sich anzuziehen, sei keine
zumutbare Schadenminderung. Ebenfalls unzumutbar sei es, von der Versicherten zu
verlangen, dass sie immer nur Badeschlappen anziehe. Aufgrund der früheren Angaben
der procap sei klar, dass die Versicherte auch bei einer Verwendung von Hilfsmitteln
nicht in der Lage sei, die Körperpflege selbständig durchzuführen. Das Benützen eines
Closomaten sei selbstverständlich zumutbar. Aber damit sei das Problem des Ordnens
der Kleider nach der Notdurftverrichtung noch nicht gelöst. Auch dafür benötige die
Versicherte nämlich längere Zeit, zumal sie nicht die Möglichkeit habe, sich auf das
Bett zu legen. Ausser Haus gebe es keinen Closomaten. Dort brauche die Versicherte
Hilfe.
G.
Die IV-Stelle beantragte am 28. Mai 2010 die Abweisung der Beschwerde. Sie machte
geltend, bei der Hilflosenentschädigung stelle sich die Frage der Zumutbarkeit gar
nicht. Der Zeitaufwand zum Anziehen sei demnach nicht relevant. Bei funktionellen
Kleidungsstücken sei davon auszugehen, dass der Zeitaufwand dreissig Minuten nicht
wesentlich übersteige. Es gebe für die Versicherte durchaus geeignete Schuhe. Sie
wäre also nicht gezwungen, immer Badeschlappen zu tragen. Mit geeigneten
Hilfsmitteln könne die Versicherte sich sowohl die Haare als auch den Rücken und die
Füsse selbst waschen. Es sei medizinisch nicht nachgewiesen, dass die Versicherte
nach dem Verrichten der Notdurft die Hose nicht mehr allein hochziehen könne. Wenn
die Versicherte gelegentlich auswärts die Toilette aufsuchen müsse, sei die dabei
notwendige Hilfeleistung nicht regelmässig. Zudem gebe es auch hier Hilfsmittel. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherten sei also bei der Körperpflege, beim Verrichten der Notdurft und beim An-
und Auskleiden nicht hilflos.
H.
Die Versicherte reichte am 21. Juni 2010 ein Zeugnis von Dr. med. D._ vom 15. März
2010 ein. Dr. med. D._ hatte angegeben, bei der Untersuchung habe es die
Versicherte trotz verschiedener Versuche nicht fertig gebracht, die Schuhe und die
Hose ohne Hilfe auszuziehen. Die Rückenschmerzen hätten keine forcierte Flexion
zugelassen. Hinzugekommen seien die Schmerzen im Bereich des rechten Beins und
beider Kniegelenke. Die Versicherte müsse geschlossene Schuhe tragen, denn offene
Schuhe würde sie wegen der partiell ausgefallenen Sensibilität im Bereich des linken
Fusses verlieren.

Erwägungen:
1.
Als hilflos gilt eine Person, die wegen der Beeinträchtigung der Gesundheit für
alltägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der persönlichen
Überwachung bedarf (Art. 9 ATSG). Es ist zu unterscheiden zwischen schwerer,
mittelschwerer und leichter Hilflosigkeit (Art. 42 Abs. 2 IVG). Massgebend für die Höhe
der Hilflosenentschädigung ist das Ausmass der persönlichen Hilflosigkeit. Die
monatliche Entschädigung beträgt bei schwerer Hilflosigkeit 80%, bei mittelschwerer
Hilflosigkeit 50% und bei leichter Hilflosigkeit 20% des Höchstbetrages der Altersrente
(Art. 42 Abs. 1 IVG). Die Hilflosigkeit gilt als mittelschwer, wenn die versicherte
Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in den meisten alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen
ist (Art. 37 Abs. 2 lit. a IVV), wenn sie in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen
ist und überdies einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf (Art. 37 Abs. 2 lit.
b IVV) oder wenn sie in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig
in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter und überdies dauernd auf lebenspraktische
Begleitung angewiesen ist (Art. 37 Abs. 2 lit. c IVV). Als leicht gilt die Hilflosigkeit, wenn
ter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen
ist (Art. 37 Abs. 3 lit. a IVV), einer dauernden persönlichen Überwachung bedarf (Art. 37
Abs. 3 lit. b IVV), einer durch das Gebrechen bedingten ständigen und besonders
aufwendigen Pflege bedarf (Art. 37 Abs. 3 lit. c IVV), wegen einer schweren
Sinnesschädigung oder eines schweren körperlichen Gebrechens nur dank
regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen Dritter gesellschaftlichen Kontakt
pflegen kann (Art. 37 Abs. 3 lit. d IVV) oder auf lebenspraktische Begleitung
angewiesen ist (Art. 37 Abs. 3 lit. e IVV). Ein Bedarf nach einer lebenspraktischen
Begleitung besteht, wenn eine versicherte Person krankheitsbedingt ohne die
Begleitung durch eine Drittperson nicht selbständig wohnen kann (Art. 38 Abs. 1 lit. a
IVV), für Verrichtungen und Kontakte ausserhalb der Wohnung auf die Begleitung durch
eine Drittperson angewiesen ist (Art. 38 Abs. 1 lit. b IVV) oder ernsthaft gefährdet ist,
sich dauernd von der Aussenwelt zu isolieren (Art. 38 Abs. 1 lit. c IVV). Die
Beschwerdeführerin kann allein wohnen und sie ist auch nicht gefährdet, sich dauernd
von der Aussenwelt zu isolieren. Sie benötigt auch keine Begleitung für Verrichtungen
und Kontakte ausserhalb der Wohnung, denn ihr Problem ist die krankheitsbedingt
eingeschränkte Möglichkeit, sich ausserhalb der Wohnung allein zu bewegen, und
nicht die krankheitsbedingt eingeschränkte Möglichkeit, ausserhalb der eigenen
Wohnung mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Die Beschwerdeführerin bedarf
also keiner lebenspraktischen Begleitung. Sie benötigt auch keine dauernde
persönliche Überwachung, d.h. es muss nicht dauernd jemand bei ihr sein.
Ebensowenig ist sie auf eine durch die Krankheit bedingte, ständige und besonders
aufwendige Pflege angewiesen. Die Pflege gesellschaftlicher Kontakte ist ihr ohne eine
regelmässige und erhebliche Dienstleistung Dritter möglich. Eine allfällige Hilflosigkeit
kann also nur darin bestehen, dass die Beschwerdeführerin bei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen
ist.
2.
2.1 Die alltäglichen Lebensverrichtungen sind das An- und Auskleiden, das
Aufstehen/Absitzen/Abliegen, das Essen (Nahrungsaufnahme), die Körperpflege, das
Verrichten der Notdurft und die Fortbewegung (vgl. Rz 8010 des Kreisschreibens des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bundesamtes für Sozialversicherung über Invalidität und Hilflosigkeit in der
Invalidenversicherung, KSIH). Die Beschwerdegegnerin hat für die alltägliche
Lebensverrichtung der Fortbewegung einen behinderungsbedingten, regelmässigen
Bedarf nach erheblicher Hilfe bejaht, für die anderen fünf alltäglichen
Lebensverrichtungen aber verneint. Dabei hat sie sich auf das rheumatologisch-
psychiatrische Gutachten der Klinik Valens vom 17. August 2009, auf den Bericht über
die telefonische Abklärung der Hilflosigkeit vom 26. August 2009 und auf die Angaben
von Dr. med. B._ vom 15. Oktober und vom 26. November 2009 gestützt. Die
Begutachtung durch die Klinik Valens war darauf ausgerichtet, die verbliebene
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer behinderungsadaptierten
Erwerbstätigkeit zu ermitteln. Ziel dieser Begutachtung war also die
Sachverhaltserhebung im Hinblick auf die Prüfung der Rentenberechtigung. Die
Gutachter hatten nicht die Aufgabe abzuklären, inwieweit die Beschwerdeführerin noch
fähig war, die alltäglichen Lebensverrichtungen selbständig zu meistern. Sie haben sich
denn auch nicht zu dieser Frage geäussert. Das Gutachten der Klinik Valens ist deshalb
nur sehr beschränkt geeignet, die medizinische Situation in Bezug auf die von der
Beschwerdeführerin behauptete Hilflosigkeit bei der Fortbewegung, bei der
Notdurftverrichtung, bei der Körperpflege und beim Ankleiden zu erhellen. Dr. med.
B._ hat bei der Beurteilung der Überzeugungskraft des behaupteten Bedarfs nach
Hilfe nur in Bezug auf die Diagnosen und auf die Schwere der Symptome auf das
Gutachten der Klinik Valens abstellen können. Auf der Grundlage dieser
notwendigerweise rudimentären Informationen hat Dr. med. B._ dann eine eigene
Beurteilung des Bedarfs der Beschwerdeführerin nach Hilfe in den genannten
alltäglichen Lebensverrichtungen abgegeben, ohne die Beschwerdeführerin je selbst
untersucht zu haben. Da diese Einschätzung also auf einem unzureichenden
Kenntnisstand beruht, vermag sie das Ausmass der Hilflosigkeit der
Beschwerdeführerin nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen. Es fehlt eine umfassende und direkte, d.h. auf die
Hilflosigkeit gerichtete und auf eigenen Untersuchungen beruhende medizinische
Abklärung.
2.2 Bei der Mehrzahl der Gesuche um eine Hilflosenentschädigung genügt es zur
Abklärung der medizinischen Situation, die von Seiten der versicherten Person
angegebenen Einschränkungen bei den alltäglichen Lebensverrichtungen vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
behandelnden Arzt auf ihre Plausibilität prüfen zu lassen. Im vorliegenden Fall reicht
eine derart rudimentäre medizinische Abklärung offensichtlich nicht, weil die Diagnosen
nicht ohne weiteres auf eine bestimmte Einschränkung bei den alltäglichen
Lebensverrichtungen und damit auf einen bestimmten Bedarf nach Hilfe schliessen
lassen. Hinzu kommt, dass es eine Anzahl von Hilfsmitteln gibt, die dazu bestimmt
sind, insbesondere bei der Körperpflege und bei der Notdurftverrichtung die
behinderungsbedingten Einschränkungen zu kompensieren oder wenigstens zu
reduzieren, um so die Selbständigkeit bei den alltäglichen Lebensverrichtungen
weitgehend zu erhalten. Hier ist zu prüfen, inwieweit die Behauptung der
Beschwerdeführerin zutrifft, all diese Hilfsmittel seien in ihrem Fall ungeeignet, einen
Bedarf nach Hilfe zu vermeiden. Zusammenfassend ist festzustellen, dass der
massgebende Sachverhalt nur unzureichend abgeklärt worden ist. Die
Beschwerdegegnerin wird die notwendigen Abklärungen nachzuholen haben. Der von
der Beschwerdegegnerin mit der Abklärung zu betrauende medizinische
Sachverständige wird zu erheben haben, inwieweit die von der Beschwerdeführerin
angegebenen Einschränkungen bei den alltäglichen Lebensverrichtungen Ankleiden,
Körperpflege, Notdurftverrichtung und insbesondere auch Fortbewegung objektiv
bestehen. Er wird dabei sämtliche auf dem Markt angebotenen Hilfsmittel, die der
Förderung der Selbständigkeit der Beschwerdeführerin dienen könnten, in seine
Beurteilung des Ausmasses des Bedarfs nach Hilfe einfliessen lassen. Nötigenfalls wird
die Beschwerdeführerin - im Sinne einer "Evaluation" der Leistungsfähigkeit bei den
genannten vier alltäglichen Lebensverrichtungen - unter Beobachtung durch den
medizinischen Sachverständigen die einzelnen Verrichtungen vorzunehmen und dabei
gegebenenfalls auch die in Frage kommenden Hilfsmittel einzusetzen haben. Die
zusätzliche Abklärung wird sich also nicht auf eine reine Befragung der
Beschwerdeführerin beschränken können. Im Rahmen der Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung ist es der Beschwerdeführerin zumutbar, sich einer derartigen
"Evaluation" zu unterziehen. Abschliessend sei im Sinne eines obiter dictum darauf
hingewiesen, dass das Verhältnismässigkeitsprinzip auch im Zusammenhang mit der
Hilflosenentschädigung Anwendung finden muss. Die Frage, ob es der
Beschwerdeführerin zumutbar sei, zum Anziehen der Kleider auf dem Bett liegend bis
zu einer Stunde einzusetzen, um nicht auf Hilfe angewiesen zu sein, kann also nicht
zum vornherein bejaht werden, wie es die Beschwerdegegnerin getan hat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Da die angefochtene Verfügung auf einer unvollständigen Kenntnis des massgebenden
Sachverhalts beruht und deshalb in Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes
ergangen ist, erweist sie sich als rechtswidrig. Sie ist aufzuheben und die Sache ist zur
weiteren Abklärung an die Beschwerdeführerin zurückzuweisen. Bei diesem Ausgang
des Beschwerdeverfahrens trägt praxisgemäss die Beschwerdegegnerin die
Verfahrenskosten. Deshalb hat sie der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung
zu bezahlen. Diese Entschädigung richtet sich nach der Schwierigkeit des Prozesses
und nach der Bedeutung der Streitsache (Art. 61 lit. g ATSG). Insbesondere in Bezug
auf das erstgenannte Bemessungskriterium erweist sich das vorliegende Verfahren als
deutlich unterdurchschnittlich. Demnach ist auch die Parteientschädigung
entsprechend tief anzusetzen. Eine Entschädigung von Fr. 2000.- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) erscheint als angemessen. Die Höhe der
Gerichtsgebühr richtet sich nach dem Verfahrensaufwand (Art. 69 Abs. 1 IVG). Auch
dieser ist als deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren. Die Gerichtsgebühr wird
deshalb auf Fr. 400.- festgesetzt. Der Kostenvorschuss von Fr. 600.- wird der
Beschwerdeführerin zurückerstattet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG