Decision ID: 399f0218-a7a7-5ad8-a432-f9ff44981d27
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 13. Oktober 2014 wegen Rückenschmerzen zum Bezug
von IV-Leistungen an (IV-act, 1). Mit Bericht vom 22. Oktober 2014 diagnostizierte Dr.
med. B._, Ärztin mbF, Schmerzzentrum Kantonsspital St. Gallen, bei der Versicherten
ein chronisches Schmerzsyndrom Gerbershagen Stadium I sowie einen St. n.
Adipositas permagna (IV-act. 18-1).
A.b Am 16. März 2015 wurde die Versicherte im Auftrag des
Krankentaggeldversicherers Swica orthopädisch-psychiatrisch begutachtet (act.
G4.2/2). Dr. med. C._, Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates
FMH, hielt im orthopädischen Teilgutachten fest, die zuletzt ausgeübte Tätigkeit könne
die Versicherte ab sofort nicht mehr verrichten. Im Rahmen beruflicher Massnahmen
sollte eine berufliche Umorientierung erfolgen für körperlich leichte Tätigkeiten, die
bevorzugt im Sitzen und Stehen an einem ergonomischen Arbeitsplatz verrichtet
werden könnten. Für eine solche Tätigkeit bestehe eine Arbeitsfähigkeit von 50%, nach
Fortführung der empfohlenen Therapie steigerbar auf 100%. Einschränkungen würden
sich für mittelschwere und schwere Tätigkeiten, häufiges Bücken, Zwangshaltungen
und den Einfluss von Kälte und Nässe ergeben (act. G4.2/2-2 ff.). Dr. med. D._,
Facharzt FMH für Psychiatrie & Psychotherapie, hielt fest, die Versicherte könne nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
lange auf dem Stuhl sitzen, laufe während der Untersuchung im Zimmer herum, in
deutlicher Schieflage, unauffälliger Schmerzpräsentation und
Schmerzentlastungsbewegungen. Es gebe keinen Hinweis auf Aggravation oder
Simulation. Dr. D._ fand keine psychiatrischen Symptome von Krankheitswert. Die
Schmerzproblematik sei primär somatischer Natur (act. G4.2/2-19 ff.).
A.c Mit Stellungnahme vom 16. April 2015 erachtete die RAD-Ärztin Dr. E._ die
zuletzt ausgeübte Tätigkeit der Versicherten sowohl als Malerin auf dem Bau als auch
als Hauswartin / Reinigungskraft als nicht mehr zumutbar. Insofern bestehe eine
Arbeitsunfähigkeit von 100%. Körperlich leichte, wechselbelastende Tätigkeiten ohne
Einnahme von Zwangshaltungen der Wirbelsäule seien der Versicherten in vollem
Pensum zumutbar. Die von Dr. C._ festgelegte Arbeitsfähigkeit von initial 50%
beruhe auf einer Dekonditionierung, was IV-rechtlich nicht zu berücksichtigen sei (IV-
act. 26).
A.d Am 16. Juni 2015 attestierte die Hausärztin, Dr. med. F._, praktische Ärztin,
Leiterin Gesundheitszentrum santémed in G._, der Versicherten eine
Arbeitsunfähigkeit von 80% vom 15. bis 30. Juni 2015. Die Arbeitsfähigkeit bestehe nur
für Bürotätigkeit (IV-act. 41). Mit Arztbericht vom 27. Juli 2015 attestierte sie ihr eine
Arbeitsfähigkeit von 60% bei sitzendem Bürojob (IV-act. 45-3).
A.e Am 5. August 2015 berichtete Dr. med. H._, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie
und Psychotherapie, vor sechs Monaten sei der Versicherten erstmals das linke Bein
eingeknickt. Seither wiederhole sich dieses Einknicken, stets ohne Schmerzen. Der
klinisch neurologische Befund habe keine eindeutigen Hinweise auf gravierende
Ausfallserscheinungen von Nerven erbracht. Ein Teil der Untersuchungsergebnisse
deute auf ein sensibles L5-Syndrom links hin, welches aber die weiteren Beschwerden
nicht erkläre. Er habe den Eindruck einer psychischen Fehlverarbeitung (IV-act. 46-2 f.).
A.f Am 14. September 2015 gewährte die IV-Stelle Beratung und Unterstützung bei
der Stellensuche durch ihre Eingliederungsberatung (IV-act. 51).
A.g Am 30. September 2015 wurde die Versicherte wegen Selbstgefährdung (akute
Suizidalität wegen starker Schmerzen und grosser Existenzangst) in die Psychiatrische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Klinik I._ eingeliefert. Tags darauf wurde sie wieder entlassen (vgl. IV-act. 56, 64 und
67-13 f.).
A.h Mit Arztbericht vom 26. November 2015 diagnostizierte Dr. med. J._, Psychiatrie
und Psychotherapie FMH, eine andauernde Persönlichkeitsveränderung bei
jahrelangen chronischen Schmerzen (ICD-10: F62.80). Seit Behandlungsbeginn am 5.
Oktober 2015 bestehe bei reduzierter allgemeiner psychischer Belastbarkeit,
eingeschränkter geistiger Flexibilität aufgrund der formalen Denkstörungen und
reduzierter allgemeiner Ausdauer eine volle Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 69).
A.i Am 3. Dezember 2015 erachtete die RAD-Ärztin Dr. E._ die Tätigkeit als
Hauswartin / Reinigungskraft seit 10. März 2014 als nicht mehr zumutbar. Die
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit könne nicht beurteilt werden, da der
Gesundheitszustand instabil sei (IV-act. 71). Am 7. Dezember 2015 teilte die IV-Stelle
der Versicherten mit, berufliche Eingliederungsmassnahmen seien aufgrund ihres
Gesundheitszustandes nicht möglich (IV-act. 76).
A.j Am 8. Januar 2016 wurde die Versicherte von Dr. med. K._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH und Facharzt für Neurologie FMH, im Auftrag der
Swica erneut psychiatrisch-neurologisch begutachtet. Dr. K._ stellte keine Diagnosen
mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit. In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit bestehe
medizinisch-theoretisch eine Arbeitsfähigkeit von 100%. In einer angepassten, das
heisst leichten bis mittelschweren körperlichen Tätigkeit mit Heben und Tragen von
leichten bis gelegentlich maximal mittelschweren Gegenständen, wechselbelastend,
ohne repetitives Bücken und ohne dauerhaftes Arbeiten in Zwangspositionen bestehe
eine Arbeitsfähigkeit von 100%. Aufgrund der lumbalen Rückenschmerzen und der
zugrundeliegenden degenerativen Erkrankung der LWS seien der Versicherten in
Zukunft schwere körperliche Tätigkeiten mit Heben und Tragen schwerer Lasten,
dauerhaftem Arbeiten in Zwangspositionen und repetitivem Bücken nicht mehr
zumutbar. Die Versicherte zeige keine Motivation für berufliche Massnahmen. In der
Selbsteinschätzung erlebe sie sich als zu 100% arbeitsunfähig. Diese Einschätzung
könne mit den im Rahmen der Untersuchung erhobenen fachärztlichen Befunden nicht
begründet werden. Die Präsentation einer erheblichen Behinderung und die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Behauptungen der Versicherten würden auf eine ausgesprochene Selbstlimitierung
hinweisen. Berufliche Massnahmen seien dringend indiziert (act. G4.2/11-13 ff.).
A.k Am 20. Januar 2016 diagnostizierte Dr. med. L._, Facharzt FMH für
Neurochirurgie, "allenfalls" eine Osteochondrose LW5/SW1. Er tue sich schwer damit,
die Versicherte dauerhaft für 100% krank zu schreiben mit einer reinen
Osteochondrose und einem klaren Schmerzsyndrom multifaktorieller Genese. Er
erachte sie als arbeitsunfähig, aber nicht von seinem Fachgebiet aus. Er schlage die
Durchführung einer EFL vor (IV-act. 142-6).
A.l Vom 9. November bis 31. Dezember 2015 war die Versicherte in einer
tagesklinischen psychosomatischen Behandlung. Im Austrittsbericht vom 2. Februar
2016 erachteten M._, Psychotherapeut, und Dr. J._ aus rein psychiatrischer Sicht
eine Tätigkeit der Versicherten im Umfang von 50% als möglich (IV-act. 81).
A.m Am 18. Februar 2016 wurde die Versicherte von Dr. med. N._, FMH
Rheumatologie und Rehabilitation, im Auftrag der Swica erneut rheumatologisch
begutachtet (act. G4.2/11-3 ff.). Dr. N._ bezeichnete das klinische Bild als vereinbar
mit akuten, subjektiv stärksten Schmerzen lumbal einschiessend bei unberechenbaren,
teilweise schon kleinsten Bewegungen. Das Verhalten der Versicherten sei absolut
konsistent gewesen. Radiologisch finde sich im Wesentlichen nur gerade eine
Osteochondrose mit Protrusion der Bandscheibe L5/S1 und mässigem Modic-Ödem
Grad I, aber keine anderen nennenswerten Befunde. Es entspreche allgemeiner
Erfahrung, dass vor allem Personen mit hyperlaxem Bindegewebe zu vermehrten
Rückenschmerzen neigten und grössere Mühe hätten, die Wirbelsäule genügend zu
stabilisieren, und dass Menschen mit einer grossen Gewichtsabnahme die Wirbelsäule
regelmässig nicht mehr genügend muskulär stabilisieren könnten, nachdem das
Bindegewebe adipositasbedingt überdehnt und das füllende Fett abgebaut worden sei.
Das Invalidisierungsausmass sei im Moment nachvollziehbar und die Versicherte
derzeit für jegliche, auch noch so leichte Tätigkeit arbeitsunfähig. Schmerzbedingt sei
eine Rehabilitation nur auf so tiefem Niveau möglich, dass es bis zu einer relevanten
Besserung lange dauern werde. Eine EFL erachte er im Moment als wenig sinnvoll, da
die Versicherte wegen Schmerzen die meisten Tests wohl vorzeitig abbrechen müsste
(act. G4.2/11-9 f.). Die Arbeit als Reinigungsangestellte bzw. Hauswartin sei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherten nicht mehr zumutbar. In administrativen Tätigkeiten, die kein Heben von
Gewichten über 5-7 kg und kein Schieben oder Stossen von schweren Gewichten
(auch auf einer Rollunterlage) erforderten, in frei einteilbarem Arbeitsrhythmus und in
frei wählbarer Körperstellung erfolgen könnten, kein vermehrtes Bücken und keine
Überschulterarbeiten beinhalteten, sei die Versicherte nach erfolgter Rehabilitation
80% arbeitsfähig bei vermehrtem Pausenbedarf (act. G4.2/11-11).
A.n Mit Stellungnahme vom 24. März 2016 äusserte die RAD-Ärztin Dr. E._, auf das
psychiatrisch-neurologische Gutachten vom 22. Januar 2016 könne abgestellt werden.
Auf die Beurteilung von Dr. J._ könne hingegen nicht abgestützt werden, da seine
Diagnose nicht nachgewiesen werden könne. Das rheumatologische Gutachten sei
nicht nachvollziehbar. In einer adaptierten Tätigkeit gehe der RAD von einer vollen
Arbeitsfähigkeit aus (IV-act. 83).
A.o Im Feststellungsblatt vom 7. April 2016 hielt die IV-Stelle fest, aus IV-rechtlicher
Sicht seien bei einer vollen Arbeitsfähigkeit keine beruflichen Massnahmen angezeigt.
Bei der Stellensuche sei die Versicherte nicht eingeschränkt (IV-act. 85). Gleichentags
teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, es bestehe kein Anspruch auf weitere berufliche
Massnahmen (IV-act. 86). Am 12. April 2016 liess die Versicherte, vertreten durch
Rechtsanwalt David Zünd, um Zustellung einer beschwerdefähigen Verfügung
betreffend berufliche Massnahmen ersuchen (IV-act. 87).
A.p Mit Vorbescheid vom 14. April 2016 stellte die IV-Stelle der Versicherten eine
Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 91). Dagegen erhob die Versicherte
am 16. Juni 2016 innert erstreckter Frist Einwand (IV-act. 98).
A.q Am 14. März 2016 führten die Kliniken Valens einen Basistest der körperlichen
Leistungsfähigkeit durch und stellten eine mässige Symptomausweitung fest (IV-act.
142-15 ff.). Am 25. April 2016 berichteten sie, die Versicherte sei für die Dauer des
stationären Aufenthaltes vom 29. März bis 18. April 2016 100% arbeitsunfähig
gewesen, ab 19. April 2016 für eine leichte, wechselbelastende Tätigkeit 100%
arbeitsfähig (IV-act. 109-4).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.r Am 20. Juni 2016 verfügte die IV-Stelle die Ablehnung des Gesuchs um weitere
berufliche Massnahmen (IV-act. 99). Dagegen erhob die Versicherte am 19. August
2016 Beschwerde (IV-act. 112). Am 8. September 2016 widerrief die IV-Stelle diese
Verfügung (IV-act. 124), sodass das Verfahren vor Versicherungsgericht mit Entscheid
vom 27. September 2016 abgeschrieben wurde (IV-act. 129).
B.
B.a Am 15. Juni 2017 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass eine Begutachtung
durch die MEDAS Zentralschweiz, Dr. med. O._ (Allgemeine Innere Medizin), lic. phil.
P._ (Neuropsychologie), Dr. med. Q._ (Psychiatrie und Psychotherapie) und Dr.
med. R._ (Rheumatologie) erfolgen werde (IV-act. 154).
B.b Mit Gutachten vom 1. September 2017 stellten die MEDAS-Gutachter folgende
Diagnosen mit Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit: chronisches
Lumbovertebralsyndrom mit intermittierender Lumboischialgie rechts bei diskoossärer
Forameneinengung L5/S1 rechts, bei rezenter lumbosakraler Osteochondrose mit
subligamentärer Diskushernie linkslateral und bei engem Foramen durch
Spondylarthrose, chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen
Faktoren ICD-10 F45.41 mit sekundärer Opiatabhängigkeit, ständigem
Substanzgebrauch F11.25 und unerwünschten Nebenwirkungen bei therapeutischer
Anwendung Y57.9 sowie chronische depressive Störung, gegenwärtig leichte bis
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom F32.11 (IV-act. 157-55).
Die verordnete Medikation müsse dringend angepasst werden (vgl. IV-act. 157-21,
157-43 und 157-49). Es liege eine komplexe Schmerzstörung vor mit somatischen und
psychischen (somatoformen) Anteilen, wobei der somatoforme Anteil immer grössere
Ausmasse angenommen habe. Es sei zu einer iatrogenen Fehlbehandlung gekommen,
die Versicherte sei ohne Indikationen mit Opiaten behandelt worden und sei jetzt
abhängig (IV-act. 157-55). In der Tätigkeit als Hauswartin sei die Versicherte nicht mehr
arbeitsfähig. Sie könne seit März 2014 keine Schwerarbeit und keine Arbeiten in
ergonomisch ungünstigen Positionen mehr ausüben. In der erlernten und früher
ausgeübten Tätigkeit als Büroangestellte bestehe ab März 2014 bei einer Präsenzzeit
von etwa sechs Stunden (75%) und einer um etwa 25% eingeschränkten
Leistungsfähigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 55%, wobei die Haupteinschränkung im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychischen Bereich liege. Eine adaptierte Tätigkeit dürfe nicht mit ununterbrochenem
Sitz- und Stehzwang oder häufiger Arbeitsposition in vornübergeneigter Rumpfhaltung
ausgeübt werden. Medizinische Massnahmen, insbesondere Opiatentzug und
Psychopharmakotherapie mit einem dualen Antidepressivum, könnten die
Arbeitsfähigkeit möglicherweise verbessern, seien aber auch notwendig, um sie auf
dem attestierten Niveau von 55% in adaptierter Tätigkeit zu erhalten. Berufliche
Massnahmen seien wahrscheinlich notwendig, um die Versicherte wieder eingliedern
zu können (IV-act. 157-56 f. und 157-92).
B.c Im Strategieprotokoll vom 20. November 2017 hielt die IV-Stelle fest, die
Versicherte habe den Gutachtern mitgeteilt, dass sie sich nicht arbeitsfähig fühle. Unter
diesen Umständen seien grundsätzlich keine beruflichen Massnahmen möglich (IV-act.
158-3). Mit Stellungnahme vom 27. November 2017 schlug RAD-Arzt Dr. S._ die
Einholung von Stellungnahmen bei den behandelnden Ärzten betreffend Opiatentzug
sowie Ergänzungsfragen an den psychiatrischen Gutachter vor (IV-act. 159). Am 5.
Dezember 2017 befürwortete Dr. F._ eine Entzugsbehandlung (IV-act. 163). Am 15.
Dezember 2017 teilten MSc T._, eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Psychologin
FSP, und Dr. J._ mit, zu einer Entzugsbehandlung könnten sie keine Stellung
nehmen. Bezüglich der verbleibenden Arbeitsfähigkeit könne der Versicherten eine
fachliche Unterstützung bei der Stellensuche empfohlen werden (IV-act. 164).
B.d Am 14. Dezember 2017 beantwortete der psychiatrische MEDAS-Gutachter Dr.
Q._ Ergänzungsfragen. Zwar sei die neuropsychologische Untersuchung der
Versicherten unauffällig gewesen, sie habe aber naturgemäss auch nicht am Ende
eines ganztägigen Arbeitstages stattgefunden und die verwendete Interviewtechnik
mache es einem Exploranden leicht, verwertbare Angaben zu machen. Die Aussagen in
der Anamnese seien glaubhaft und nachvollziehbar. Die Diskrepanzen zu den Unter-
suchungsbefunden liessen sich dadurch erklären, dass die Versicherte die
Einschränkungen subjektiv als wesentlich gravierender erlebe, als sie in den
standardisierten Testsituationen abgebildet seien. Die Versicherte habe eine Neigung
zur Dissimulation und einen hohen Einsatz gezeigt, habe es möglichst gut machen
wollen. Einen solchen Einsatz könne sie kaum jeden Tag erbringen. Die durch die
Einnahme der opiathaltigen Medikamente hervorgerufenen unerwünschten
Arzneimittelwirkungen (UAW) würden sich mit den Symptomen der übrigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychischen Störungen überschneiden. Durch das Absetzen dieser Medikation werde
erkennbar werden, welche Symptome auf die Opiatabhängigkeit zurückzuführen seien
(IV-act. 167).
B.e Am 29. Januar 2018 hielt RAD-Arzt Dr. S._ fest, aus versicherungsmedizinischer
Sicht habe eine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit trotz umfangreicher
Untersuchungen nicht aufgrund von fassbaren Befunden bestätigt werden können. Die
subjektiv geklagte Symptomatik werde so stark von zu erwartenden Nebenwirkungen
einer nicht indizierten Medikation überlagert, dass allfällige weitere Abklärungen nur
nach einer qualifizierten Entzugsbehandlung möglich seien (IV-act. 169).
B.f Mit Vorbescheid vom 2. Februar 2018 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Ablehnung weiterer beruflicher Massnahmen in Aussicht, da sie sich gemäss MEDAS-
Gutachten nicht in der Lage fühle, an Eingliederungsmassnahmen mitzuwirken (IV-act.
172). Dagegen erhob die Versicherte am 14. Februar 2018 Einwand. Sie sei durchaus
bereit, an beruflichen Massnahmen mitzuwirken. Woher der MEDAS-Gutachter
anderslautende Informationen haben wolle, sei ihr unerklärlich (IV-act. 175).
B.g Mit Austrittsbericht vom 23. Februar 2018 stellten die Kliniken Valens aus
rheumatologischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 100% für adaptierte Tätigkeiten fest.
Die Zuweisung sei durch Dr. F._ zu einem stationären Opiatentzug im Rahmen einer
rheumatologischen Rehabilitation erfolgt. Für Oxycontin sei die Dosis von 10 mg
zweimal täglich auf 10 mg morgens und 20 mg abends erhöht worden. Als
Reservemedikation bleibe Oxynorm 5 mg. Nach den klinischen Beobachtungen
erscheine die aktuelle analgetische Medikation als adäquat, bei der aktuellen Dosis
habe die Patientin eine entsprechende Lebensqualität und sei in der Lage gewesen,
das Trainingsprogramm zu absolvieren (IV-act. 178).
B.h Im Austrittsbericht Psychosomatik vom 26. Februar 2018 schilderte Dr. med.
U._, Leitender Arzt Psychosomatik der Kliniken Valens, die Versicherte könne nicht
verstehen, weswegen sie im Rahmen der MEDAS-Begutachtung als opiatabhängig
beurteilt worden sei und man sie zum Entzug geschickt habe. Eine Reduktion der
Opiate führe zu unerträglichen Schmerzen. Aus fachpsychiatrischer Sicht sei die
Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt (IV-act. 181).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.i Mit Stellungnahme vom 16. März 2018 hielt RAD-Arzt Dr. S._ fest, die vom
MEDAS-Gutachten kritisierte Medikation sei nicht vollständig abgesetzt worden, was
den Regeln einer Suchtbehandlung widerspreche. Allerdings werde seitens der Kliniken
Valens nicht von einer Abhängigkeitserkrankung gesprochen und bei der Versicherten
kein Gesundheitsschaden mit Einschränkung der Arbeitsfähigkeit festgestellt. Die
Beurteilungen der Kliniken Valens ergäben mit den im Gutachten erhobenen Befunden
ein konsistentes Bild. Die weit über die subjektive Einschätzung und die objektive
Realität hinausgehende Interpretation der erhobenen Befunde Dr. Q._s werde weder
von den Behandlern noch von der Versicherten mitgetragen. Auf sie könne daher nicht
abgestellt werden. Eine neuerliche Beurteilung erübrige sich, weil von den Kliniken
Valens eine klare und konsistente Beurteilung vorliege (IV-act. 182).
B.j Mit Vorbescheid vom 22. März 2018 stellte die IV-Stelle erneut die Ablehnung
weiterer beruflicher Massnahmen in Aussicht. Die Abklärungen bei den Kliniken Valens
hätten keine gesundheitliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit ergeben (IV-act.
185). Dagegen erhob die Versicherte am 31. Mai und 8. August 2018 Einwand (IV-act.
192 und 197).
B.k Mit Stellungnahme vom 9. August 2018 äussert RAD-Arzt Dr. S._, die
Versicherte habe selbst wesentliche Aussagen des MEDAS-Gutachtens in Zweifel
gezogen, sodass dieses insgesamt an Glaubwürdigkeit eingebüsst habe. Die
erfahrenen Behandler der Kliniken Valens seien über einen längeren
Beobachtungszeitraum und unter der Einforderung eines Behandlungsziels zu einer
anderen Beurteilung gelangt. Das Ergebnis der Untersuchungen und Behandlungen der
Kliniken Valens könne als wahrscheinlich zutreffender angesehen werden, als die
Beurteilung des MEDAS-Gutachters (IV-act. 198).
B.l Mit Verfügung vom 23. August 2018 lehnte die IV-Stelle das Leistungsbegehren um
berufliche Massnahmen ab. Die Versicherte sei von September 2015 bis Dezember
2015 bei der Stellensuche unterstützt worden. Das MEDAS-Gutachten habe ergeben,
dass eine definitive Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nach einer zumutbaren
Entzugsbehandlung (Medikation) möglich sei. Aufgrund der weiteren Abklärungen habe
keine die Arbeitsfähigkeit berührende gesundheitliche Beeinträchtigung festgestellt
werden können. Somit bestehe kein Anspruch auf berufliche Massnahmen (IV-act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
200). Mit Vorbescheid vom 23. August 2018 stellte die IV-Stelle der Versicherten
sodann die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht (IV-act. 203). Dagegen erhob
die Versicherte am 17. September 2018 Einwand (IV-act. 208).
C.
C.a Gegen die Verfügung vom 23. August 2018 betreffend berufliche Massnahmen
erhob A._ am 13. September 2018 Beschwerde. Sie beantragt unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen, die angefochtene Verfügung vom 23. August 2018 sei
aufzuheben und ihr seien die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen. Zur Begründung
bringt sie vor, sie leide seit mittlerweile 30 Jahren an zunächst schubweisen, seit
Januar 2014 jedoch konstanten und starken Rückenschmerzen mit Ausstrahlungen in
die Beine. Zudem habe sie Schmerzen in den Knien und der Hüfte sowie eine
Fingergelenksarthrose. Die Schmerzproblematik habe sich derart stark akzentuiert,
dass auch psychische Probleme aufgetreten seien. Dem von der Beschwerdegegnerin
in Auftrag gegebenen MEDAS-Gutachten vom 1. September 2017 sei zu entnehmen,
dass in einer leidensangepassten Tätigkeit aus psychiatrischer Sicht eine
Arbeitsunfähigkeit von 45% bestehe. Der Gutachter Dr. Q._ habe die Rückfragen des
RAD ausführlich und schlüssig beantwortet. Der RAD habe sich einfach auf den Bericht
Dr. U._s abgestützt, obschon dieser ohne Kenntnis der Vorakten verfasst worden sei.
Die Kliniken Valens seien für die ursprüngliche Opiat-Medikation mitverantwortlich
gewesen. Statt eine Suchtproblematik zu diagnostizieren, hätten sie die Versicherte
nach zwei Wochen mit der gleichen Medikation nach Hause entlassen. Mit dem
MEDAS-Gutachten und den Austrittsberichten der Kliniken Valens würden
unterschiedliche fachärztliche Einschätzungen zur Arbeitsfähigkeit vorliegen. Es wäre
dringend nötig gewesen, die Widersprüche aufzuklären. Dass der RAD eine der beiden
Einschätzungen als "wahrscheinlich zutreffender" erachte, zeige doch, dass die
Verwirrung in diesem Fall Ausmasse angenommen habe, welche nur durch eine
neuerliche Begutachtung geklärt werden könnten. Die Beschwerdeführerin sei sehr
wohl bereit, an beruflichen Massnahmen teilzunehmen (act. G1).
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 14. November 2018 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Aus dem MEDAS-Gutachten
ergebe sich, dass der subjektive Eingliederungswille der Beschwerdeführerin fehle. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
plötzlich divergierende Aussage anlässlich der stationären Behandlung in den Kliniken
Valens sei im Rahmen des laufenden Einwandverfahrens gegen die Abweisung weiterer
beruflichen Massnahmen zu werten. Trotz umfangreicher Untersuchungen lägen keine
fassbaren Befunde für eine relevante Einschränkung vor. Die Beschwerdeführerin sei
während der dreistündigen neuropsychologischen Untersuchung belastbar gewesen
und habe keinen Leistungsabfall, sondern durchschnittliche Leistungen gezeigt. Auch
bei der Begutachtung durch Dr. K._ vom 22. Januar 2016 hätten sich keine Hinweise
auf kognitive Funktionsstörungen gefunden. Die Beurteilung der Kliniken Valens
bestätige diejenige des RAD. Das MEDAS-Gutachten verliere deswegen nicht an
Beweiswert. Bei Betrachtung der objektiven Befunde ergebe sich ein konsistentes Bild,
und es sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit aus psychiatrischer Sicht nicht von
einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auszugehen. Sollten tatsächlich weitere
Abklärungen für nötig erachtet werden, werde die Einholung eines Obergutachtens
durch das Gericht beantragt (act. G4).
C.c Mit Replik vom 22. November 2018 führt die Beschwerdeführerin aus, Zweck der
Begutachtung sei nicht gewesen, ihren Eingliederungswillen zu prüfen. Welche Fragen
gestellt und mit welchen Worten geantwortet worden sei, bleibe unklar. Die
Beschwerdegegnerin habe nach der MEDAS-Begutachtung keinerlei
Abklärungsgespräch mehr durchgeführt. Sie (die Beschwerdeführerin) habe
aktenkundig mehrmals geäussert, dass sie sehr gerne wieder arbeiten würde. Es
erscheine merkwürdig, dass die Beschwerdegegnerin sich für die subjektive
Eingliederungsfähigkeit auf das MEDAS-Gutachten abstütze, dieses dann aber für die
Arbeitsfähigkeit-Schätzung ignoriere. Mit dem Eventualantrag eines gerichtlichen
Obergutachtens delegiere die Beschwerdegegnerin ihre eigene Abklärungspflicht
unzulässigerweise an das Gericht. Abgesehen davon würden nicht zwei gleichwertige,
sich widersprechende Gutachten im Recht liegen. Somit müsse auch kein gerichtliches
Obergutachten in Auftrag gegeben werden (act. G7).
C.d Mit Schreiben vom 5. Dezember 2018 verzichtete die Beschwerdegegnerin auf
eine Duplik (act. G9).

Erwägungen
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Anfechtungsgegenstand bildet die Verfügung vom 23. August 2018, worin die
Beschwerdegegnerin das Gesuch der Beschwerdeführerin um berufliche Massnahmen
abgewiesen hat. Nicht Gegenstand dieses Verfahrens ist es, über einen allfälligen
Rentenanspruch zu entscheiden. Diesbezüglich hat die Beschwerdegegnerin, soweit
ersichtlich, noch keine Verfügung erlassen.
1.2 Invalide oder von einer Invalidität bedrohte Versicherte haben nach Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) Anspruch auf
Eingliederungsmassnahmen, soweit diese notwendig und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder
herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern, und die Voraussetzungen für den
Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind. Die Invalidität gilt als eingetreten,
sobald sie die für die Begründung des Anspruchs auf die jeweilige Leistung
erforderliche Art und Schwere erreicht hat (Art. 4 Abs. 2 IVG). In Bezug auf
Massnahmen beruflicher Art tritt der Versicherungsfall in dem Zeitpunkt ein, in dem der
Gesundheitsschaden aufgrund seiner Art und Schwere die Eingliederungsmassnahme
sowohl erfordert als auch ermöglicht (SILVIA BUCHER, Eingliederungsrecht der
Invalidenversicherung, Bern 2011, S. 302).
1.3 Der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen besteht unabhängig von der
Ausübung einer Erwerbstätigkeit vor Eintritt der Invalidität. Bei der Festlegung der
Massnahmen ist die gesamte noch zu erwartende Dauer des Erwerbslebens zu
berücksichtigen (Art. 8 Abs. 1bis IVG). Die versicherte Person hat in der Regel nur
Anspruch auf die dem jeweiligen Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen
Massnahmen, nicht aber auf die nach den gegebenen Umständen bestmögliche
Vorkehr. Das Gesetz will die Eingliederung lediglich so weit sicherstellen, als diese im
Einzelfall notwendig, aber auch genügend ist (BGE 132 V 215 E. 4.3.1). Die
Eingliederungsmassnahmen bestehen unter anderem in Massnahmen beruflicher Art
(Berufsberatung, erstmalige berufliche Ausbildung, Umschulung und
Arbeitsvermittlung, Art. 8 Abs. 3 lit. b IVG). Nötigenfalls wird gestützt auf Art. 69 bzw.
Art. 78 Abs. 3 IVV mit geeigneten Massnahmen wie beispielsweise einer Abklärung bei
der beruflichen Abklärungsstelle der IV (BEFAS) geprüft, ob die versicherte Person
überhaupt eingliederungsfähig ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.4 Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz und der Grundsatz
der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebenden Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
2.
2.1 In der angefochtenen Verfügung ging die Beschwerdegegnerin gestützt auf die
Stellungnahmen des RAD-Arztes Dr. S._ vom 29. Januar, 16. März und 9. August
2018 davon aus, dass keine gesundheitliche Beeinträchtigung festgestellt worden sei,
welche zu anhaltenden Funktionseinschränkungen führe und eine Arbeitsunfähigkeit
begründe. Tatsächlich besteht jedoch Einigkeit, dass der Beschwerdeführerin aus
somatischer Sicht die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Hauswartin / Reinigungskraft
nicht mehr zumutbar ist (vgl. MEDAS-Gutachten vom 1. September 2017 [IV-act.
157-67] sowie Stellungnahme von RAD-Ärztin Dr. E._ vom 26. September 2017 [IV-
act. 159]). So geht denn auch die Beschwerdegegnerin in ihrer Beschwerdeantwort
nunmehr davon aus, dass die Beschwerdeführerin in einer leichten körperlichen
Tätigkeit mit Dispens vom Heben schwerer Lasten und ohne Sitz- und Stehzwang
sowie unter Vermeidung einer Arbeitsposition in vornübergeneigter Grundhaltung
arbeitsfähig sei (vgl. act. G4 S. 4).
2.2 Weiterhin streitig ist hingegen der Umfang der zumutbaren Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit. Vollständig arbeitsunfähig geschrieben war die
Beschwerdeführerin lediglich für wenige kurze Zeiträume. Sie selbst macht denn auch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
keine vollständige Arbeitsunfähigkeit geltend, sondern erachtet das MEDAS-Gutachten
als beweiskräftig und beantragt berufliche Massnahmen. Auch die
Beschwerdegegnerin erachtet das MEDAS-Gutachten grundsätzlich als beweiskräftig.
Das Gutachten erfüllt die Anforderungen eines beweiskräftigen Arztberichtes, indem es
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden
berücksichtigt und in Kenntnis der Vorakten abgegeben wurde sowie in der Beurteilung
der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet (vgl.
BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Die gestellten Diagnosen sind ausführlich
begründet und werden nicht in Zweifel gezogen. Die Beschwerdegegnerin anerkennt
einzig die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit durch den psychiatrischen Teilgutachter
Dr. Q._ nicht. Im MEDAS-Gutachten wird festgehalten, der Beschwerdeführerin wäre
eine Präsenzzeit von etwa sechs Stunden pro Tag möglich, wobei die
Leistungsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht um etwa 25% eingeschränkt sei, was
zusammengefasst eine Arbeitsunfähigkeit von 45% ergebe (vgl. IV-act. 157-92). Als
Zwischenfazit kann somit festgehalten werden, dass in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit
als Hauswartin und Reinigungskraft eine volle Arbeitsunfähigkeit vorliegt, während in
einer adaptierten Tätigkeit zumindest eine Teilarbeitsfähigkeit von sechs Stunden pro
Tag mit einer Leistungsfähigkeit von 75% gegeben ist.
2.3 Die genaue Bestimmung der Höhe der adaptierten Arbeitsfähigkeit kann für die
Prüfung des Anspruchs auf berufliche Massnahmen vorliegend noch offenbleiben, wie
nachfolgend dargelegt wird. Die Beschwerdeführerin hat als Hauswartin /
Reinigungskraft ein überdurchschnittlich gutes Einkommen erzielt. Bei einem Pensum
von 47% verdiente sie im Jahr 2013 bei der Pensionskasse V._ Fr. 35'824.-- (IV-act.
16-2 f.), was hochgerechnet auf 100% einem Valideneinkommen von Fr. 76'221.--
entspricht. Gemäss den vom Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen
Lohnstrukturerhebungen (LSE) lag der Jahreslohn für Frauen in Hilfsarbeitertätigkeiten
im Jahr 2013 bei Fr. 51'793.-- (Anhang 2 der von der Informationsstelle AHV/IV
herausgegebenen IV-Textausgabe, Ausgabe 2019, S. 228, basierend auf der
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung LSE des Bundesamtes für Statistik). Allein
gestützt auf diese Zahlen bestünde auch ohne Tabellenlohnabzug und unter der
Annahme einer adaptierten Arbeitsfähigkeit von 100% ein IV-Grad von ca. 32%. Damit
ist ein Anspruch auf berufliche Massnahmen in Bezug auf den IV-Grad ausgewiesen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unabhängig davon, ob die von der Beschwerdegegnerin angenommene
Arbeitsfähigkeit oder jene gemäss MEDAS-Gutachten zutrifft.
3.
3.1 Die Eingliederungsmassnahme muss sich sowohl objektiv mit Bezug auf die
Massnahme selbst, als auch subjektiv mit Bezug auf die versicherte Person zur
Erreichung des gesetzlichen Eingliederungsziels eignen. Eingliederungswirksam kann
eine Massnahme nur sein, wenn die betroffene Person – bezogen auf die jeweilige
Massnahme – selber wenigstens teilweise objektiv eingliederungsfähig und subjektiv
eingliederungsbereit ist (objektive und subjektive Eingliederungsfähigkeit; SILVIA
BUCHER, a.a.O., S. 75). Auch gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts setzt
der Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen deshalb einen Eingliederungswillen bzw.
eine subjektive Eingliederungsfähigkeit voraus. Fehlt es daran, so entfällt der Anspruch
auf Eingliederungsmassnahmen, ohne dass zunächst ein Mahn- und
Bedenkzeitverfahren durchgeführt werden müsste (Urteil des Bundesgerichts vom 22.
Dezember 2016, 9C_469/2016, E. 7 mit Hinweisen).
3.2 Berufliche Massnahmen wurden von verschiedenen Ärzten empfohlen, so etwa
von Dr. C._ (act. G4.2/2-9), Dr. K._ (act. G4.2/11-75), den MEDAS-Gutachtern (IV-
act. 157-57) und Dr. J._ (IV-act. 164). Sie erscheinen notwendig und geeignet, eine
weitergehende bzw. drohende Invalidität abzuwenden. Bei der Festlegung der
Massnahmen ist die gesamte noch zu erwartende Dauer des Erwerbslebens zu
berücksichtigen (Art. 8 Abs. 1bis IVG). Da der Beschwerdeführerin noch über zehn
Jahre bis zur Pensionierung verbleiben, erscheinen auch in zeitlicher Hinsicht berufliche
Massnahmen als sinnvoll.
3.3 Gemäss den MEDAS-Gutachtern ist eine Umstellung der Medikation erforderlich,
um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Andere Fachpersonen, insbesondere auch der
RAD-Arzt Dr. S._ und Gutachter Dr. K._, teilten die Ansicht, dass eine nicht
indizierte Medikation mit UAW vorliege. Dass die Medikation während des stationären
Aufenthaltes in den Kliniken Valens nicht angepasst wurde, dürfte unter anderem
darauf zurückzuführen sein, dass die Kliniken Valens nicht über die vollständigen
Akten, namentlich das MEDAS-Gutachten, verfügten. Zudem hatte die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin selbst gemäss dem Austrittsbericht von Dr. U._ nicht
verstanden, weshalb die Medikation geändert werden sollte. Sie meinte offenbar, dass
man ihr einen Medikamentenmissbrauch vorhielt. Im MEDAS-Gutachten kommt jedoch
klar zum Ausdruck, dass iatrogen, also durch ärztliche Einwirkung, eine Abhängigkeit
geschaffen worden sei. Eine erneute Überprüfung der Medikation wäre deshalb sowohl
mit Blick auf eine allfällige Verbesserung des Gesundheitszustandes infolge Wegfalls
der UAW als auch zum Zwecke der Erhaltung der gegebenen Arbeitsfähigkeit (und
damit Abwendung einer drohenden weitergehenden Invalidität, vgl. Art. 8 Abs. 1 IVG)
sinnvoll. Dabei wäre zu klären, ob die behandelnden Ärzte einer Umstellung der
Medikation nach wie vor zustimmen oder sie als nicht mehr indiziert ansehen. Falls eine
Medikamentenumstellung befürwortet würde, wäre weiter zu prüfen, ob sie der
Beschwerdeführerin zumutbar und diese dazu bereit ist. Von zentraler Bedeutung ist
hierbei, dass die Beschwerdeführerin umfassend über die Gründe und den erhofften
Nutzen einer solchen Massnahme informiert würde, damit sie aktiv daran mitwirken
könnte. Die objektive Eingliederungsfähigkeit ist nach dem derzeitigen Aktenstand aber
auch bei einer Beibehaltung der aktuellen Medikation gegeben, zumal die MEDAS-
Gutachter in einer adaptierten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 55% bei einer
Präsenzzeit von sechs Stunden pro Tag mit einer Leistungsfähigkeit von 75%
bescheinigten und die Beschwerdeführerin damit das Kriterium einer zumindest
teilweisen Arbeitsfähigkeit erfüllt.
3.4 Die Beschwerdegegnerin zweifelt die subjektive Eingliederungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin, mithin ihren Eingliederungswillen an. Sie stützt sich dabei im
Wesentlichen auf die im Recht liegenden medizinischen Gutachten.
3.4.1 Dr. Q._ schilderte, die Beschwerdeführerin könne sich subjektiv nicht
vorstellen, mit ihrer Müdigkeit, ihren Schmerzen und der fehlenden Kraft wieder 100%
einer Arbeit im freien Arbeitsmarkt nachzugehen (IV-act. 157-91). Daraus kann nicht auf
eine Ablehnung beruflicher Massnahmen geschlossen werden. Dr. Q._ schätzte die
Beschwerdeführerin als sehr leistungsorientiert, perfektionistisch und stolz auf ihre
Leistungen ein (IV-act. 157-53). Sie erschien ihm gegenüber motiviert und mit dem
starken Wunsch, sich so zu verhalten, wie es sozial erwünscht sei (IV-act. 167-5). Dies
birgt Potential für berufliche Massnahmen. Zudem schrieb Dr. Q._, der
Beschwerdeführerin liege viel an Arbeitsversuchen. Es sei ihre Hoffnung gewesen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"wenigstens ins Büro zurück zu können" (IV-act. 167-5). Dies weist ebenfalls auf den
Eingliederungswillen der Beschwerdeführerin hin.
3.4.2 Die Beschwerdegegnerin bezieht sich auf verschiedene weitere Angaben im
MEDAS-Gutachten, wonach die Beschwerdeführerin sich wie folgt geäussert haben
soll: Sie habe keinerlei Arbeitsperspektive. Sie könne überhaupt nichts mehr machen,
auch nicht im kaufmännischen Bereich. Sie habe es immer wieder versucht, könne
aber nicht einmal die Abrechnungen und die Buchhaltung für das Ein-Mann-
Malergeschäft ihres Partners machen, da sie nicht zwei Stunden an einer Rechnung
arbeiten könne, weil sie nicht sitzen könne und ihre Finger nicht mitmachten. Sie sei
somit nicht in der Lage, einen Sekretärinnen-Beruf auszuüben (IV-act. 157-38, 157-42
und 157-78). Diese Äusserungen legen nicht eine Verweigerungshaltung nahe, sondern
bringen im Gegenteil den Willen der Beschwerdeführerin zum Ausdruck, wieder zu
arbeiten. Sie hat offensichtlich selbst versucht, wieder eine Arbeit aufzunehmen. Dabei
handelte es sich um nicht professionell unterstützte Versuche, wobei fraglich ist,
inwiefern die aufgenommene Tätigkeit tatsächlich adaptiert war.
3.4.3 Die Beschwerdeführerin distanziert sich von den anderslautenden Ausführungen
im MEDAS-Gutachten und erklärt sich bereit, an beruflichen Massnahmen mitzuwirken.
Sie weist darauf hin, dass sie diesen Willen mehrfach bekundet habe (vgl. IV-act. 175
und 197). Tatsächlich ergibt sich aus den Akten, dass die Beschwerdeführerin den
Wunsch geäussert hat, in eine berufliche Tätigkeit zurückzukehren (vgl. beispielhaft act.
G4.2/2-3, IV-act. 23, 37-3, 67-71, 109-3 und 181-3). In diesem Zusammenhang ist zu
beachten, dass die Beschwerdegegnerin die beruflichen Massnahmen am 7. Dezember
2015 eingestellt hatte, weil sie berufliche Eingliederungsmassnahmen aufgrund des
Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin für nicht möglich erachtete (IV-act. 76).
Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Beschwerdeführerin in einer tagesklinischen
psychosomatischen Behandlung (IV-act. 81). Erst mit Vorbescheid vom 2. Februar
2018 änderte die Beschwerdegegnerin ihre Begründung und hielt der
Beschwerdeführerin fehlenden Eingliederungswillen vor (IV-act. 172). Für die
Beschwerdeführerin bestand deshalb bis dahin keine Veranlassung, ihren
Eingliederungswillen gegenüber der Beschwerdegegnerin zu bekräftigen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.4.4 Zwar gibt es nach dem Gesagten durchaus Hinweise darauf, dass die
Beschwerdeführerin ihre Arbeitsfähigkeit zu tief einschätzt. Da sie ihren Antrag auf
berufliche Massnahmen erneuert hat, zumindest teilweise arbeitsfähig und von
Invalidität bedroht ist, sind berufliche Massnahmen jedoch zu prüfen. Die
Beschwerdeführerin sieht das MEDAS-Gutachten als beweiskräftig an, sodass sie sich
im Rahmen von beruflichen Massnahmen für eine Tätigkeit von mindestens sechs
Stunden täglich zur Verfügung zu stellen haben wird. Zu berücksichtigen wird sein,
dass aufgrund medizinischer Massnahmen, beispielsweise einem stationären
Aufenthalt zur Anpassung der Medikation, vorübergehend tatsächlich eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit entstehen könnte. Für einen solchen Zeitraum wären berufliche
Massnahmen zu sistieren.
4.
4.1 Nach dem Gesagten hat die Beschwerdeführerin weiterhin Anspruch auf berufliche
Massnahmen. Bis anhin haben von Juli bis Dezember 2015 lediglich ein
Assessmentgespräch, wenige telefonische Kontakte sowie eine Triage mit dem RAV
stattgefunden (vgl. IV-act. 37, 48, 50 und 74). Eine berufliche Abklärung ist nur sinnvoll,
wenn die Beschwerdeführerin zu einer Anwesenheit von mindestens sechs Stunden am
Tag bereit ist (vgl. MEDAS-Gutachten). Die Frage, ob vorab oder begleitend noch
einmal eine Medikamentenumstellung oder -entwöhnung angezeigt ist, und ob dies der
Beschwerdeführerin zumutbar ist, ist von den medizinischen Fachpersonen bzw. dem
RAD zu beantworten und eventuell als flankierende Massnahme aufzugleisen. Da seit
ihrer letzten Tätigkeit im kaufmännischen Bereich mehr als zehn Jahre verstrichen sind
und die Beschwerdeführerin auf einen adaptierten Arbeitsplatz angewiesen ist, ist
jedenfalls anzunehmen, dass sie eine solche Beschäftigung nicht ohne gezielte
Eingliederungsmassnahmen wieder aufzunehmen vermag (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 26. Juli 2002, I 137/02, E. 2.2).
4.2 Die Beschwerde ist somit gutzuheissen und die angefochtene Verfügung vom 23.
August 2018 aufzuheben. Die Sache ist im Sinne der Erwägungen zur Prüfung von
geeigneten beruflichen Massnahmen und zu neuer Verfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/21
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.3 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
angemessen. Mit der Rückweisung zur Prüfung geeigneter Massnahmen im Sinne der
Erwägungen obsiegt die Beschwerdeführerin. Die Beschwerdegegnerin hat deshalb die
gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.
4.4 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO; sGS
963.75; in der vorliegend anwendbaren, seit 1. Januar 2019 gültigen Fassung, siehe
Art. 30bis HonO) pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Im vorliegenden Fall erscheint
eine durchschnittliche pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'500.-- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer, vgl. act. G11) als angemessen.