Decision ID: f1918f78-ac98-4ec9-9c52-937594976986
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige Körperverletzung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Hinwil, Einzelgericht, vom 27. Januar 2020 (GG190030)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See/Oberland vom 26. September
2019 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 24).
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 48 S. 19 f.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist nicht schuldig und wird vollumfänglich freigesprochen.
2. Die Zivilklage der Privatklägerin wird auf den Zivilweg verwiesen.
3. Die Gerichtsgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten (Gebühr für das Vorver-
fahren von Fr. 1'500.–) werden auf die Gerichtskasse genommen.
4. Vom Verzicht des Beschuldigten auf eine Umtriebsentschädigung wird Vormerk
genommen.
5. (Mitteilungen)
6. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 5 f.)
a) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 80 S. 1)
1. Schuldigsprechung der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von Art. 125
Abs. 1 StGB.
2. Bestrafung mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 30.– (entspre-
chend Fr. 2'700.–).
3. Gewährung des bedingten Vollzuges der Geldstrafe unter Ansetzung einer
Probezeit von 2 Jahren.
4. Kostenauflage an den Beschuldigten.
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b) Der Vertretung der Privatklägerin A._:
(Urk. 81 S. 1)
1. Der Beschuldigte sei der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von
Art. 125 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
2. Der Beschuldigte sei dem Grundsatz nach zu verpflichten, der Privatklägerin
Schadenersatz und Genugtuung zu leisten; betreffend Höhe des Zivilan-
spruchs sei die Zivilklage auf den Zivilweg zu verweisen.
c) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Prot. II S. 8; sinngemäss)
Die Berufungen seien abzuweisen und der vorinstanzliche Freispruch sei zu
bestätigen.
Eventualiter, für den Fall einer Verurteilung des Beschuldigten, sei zwar sei-
ne Schadenersatz- und Genugtuungspflicht dem Grundsatze nach festzu-
stellen, indessen zur Festsetzung von Haftungsquote und Quantitativ auf
den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte / Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Bezüglich des Verfahrensgangs bis zum vorinstanzlichen Urteil kann auf
die Erwägungen im angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 48 S. 3).
1.2. Der Beschuldigte wurde mit Urteil des Bezirksgerichts Hinwil, Einzelgericht
in Zivil- und Strafsachen, vom 27. Januar 2020 von den Anklagevorwürfen freige-
sprochen (Urk. 48 S. 19 f.). Dagegen meldeten die Staatsanwaltschaft
See/Oberland mit Eingabe vom 30. Januar 2020 und die Privatklägerin mit Einga-
be vom 5. Februar 2020 Berufung an (Urk. 39, 40).
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1.3. Nach Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 45, 46) reichten die Staats-
anwaltschaft See/Oberland mit Eingabe vom 16. April 2020 (Urk. 49) und die
Privatklägerin mit Eingabe vom 30. April 2020 (Urk. 51) fristgerecht die Beru-
fungserklärung ein. Die Privatklägerin liess zusätzlich ein Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und Bewilligung eines unentgeltlichen
Rechtsbeistandes stellen (Urk. 51). Am 14. Mai 2020 zeigte Rechtsanwalt lic. iur.
Y._ mit Vollmacht die Vertretung des Beschuldigten als dessen Verteidiger
an (Urk. 54, 55). Mit Präsidialverfügung vom 8. Juni 2020 wurde den Parteien
Frist angesetzt, um bezüglich der Berufungen der jeweiligen Gegenpartei An-
schlussberufung zu erheben oder ein Nichteintreten auf die erhobenen Berufun-
gen zu beantragen. Gleichzeitig wurde dem Beschuldigten und der Privatklägerin
Frist angesetzt, um ihre finanzielle Leistungsfähigkeit zu belegen (Urk. 57). Die
Staatsanwaltschaft teilte mit Eingabe vom 11. Juni 2020 unter Verweis auf die ei-
gene Berufung mit, auf Anschlussberufung zu verzichten (Urk. 61). Die Privatklä-
gerin liess sich diesbezüglich nicht vernehmen, machte aber mit Eingabe vom
30. Juli 2020 Angaben zu ihren wirtschaftlichen Verhältnissen (Urk. 69). Der Be-
schuldigte verzichtete
– unter Verweis auf die erst wenige Zeit zurückliegende Hauptverhandlung –
darauf, die entsprechenden Angaben zu machen, und auf Einwendungen gegen
das Eintreten auf die Berufung und auf die Erhebung einer Anschlussberufung
(Urk. 65). Mit Präsidialverfügung vom 3. August 2020 wurde der Privatklägerin die
unentgeltliche Prozessführung bewilligt und Rechtsanwalt lic. iur. X._ als
unentgeltlicher Rechtsbeistand bestellt (Urk. 72).
1.4. Am 8. Dezember 2020 wurde auf den 18. Februar 2020 zur Berufungsver-
handlung vorgeladen, zu welcher der Beschuldigte in Begleitung seines Vertei-
digers, Rechtsanwalt lic. iur. Y._, der Leitende Staatsanwalt lic. iur. M. Kehrli
sowie der unentgeltliche Rechtsvertreter der Privatklägerin A._, Rechts-
anwalt lic. iur. X._, erschienen sind (Prot. II S. 5).
2. Umfang der Berufung
2.1. Staatsanwaltschaft und Privatklägerin beantragen im Berufungsverfahren
eine Schuldigsprechung des Beschuldigten (Urk. 80 S. 1; Urk. 81 S. 1). Sodann
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beantragt die Staatsanwaltschaft die Bestrafung mit einer bedingten Geldstrafe.
Des Weiteren richtet sich ihre Berufung auch gegen die Kostenfolgen (Urk. 80
S. 1). Die Privatklägerin beantragt neben dem Schuldspruch die Feststellung der
grundsätzlichen Schadenersatzpflicht des Beschuldigten (Urk. 81 S. 1).
2.2. Damit ist das vorinstanzliche Urteil in den Dispositiv-Ziffern 1 (Freispruch),
2 (Verweisung der Zivilklage auf den Zivilweg) und 3 (Kostenfolgen) angefochten.
Dementsprechend ist die Dispositiv-Ziffer 4 (Vormerknahme vom Verzicht des
Beschuldigten auf eine Umtriebsentschädigung) nicht angefochten (vgl. Prot. II
S. 7) und damit in Rechtskraft erwachsen, was vorab mittels Beschlusses fest-
zustellen ist (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.3. Im übrigen Umfang – für den nicht in Rechtskraft erwachsenen und ange-
fochtenen Teil des Urteils – steht das vorinstanzliche Urteil zwecks Überprüfung
zur Disposition.
3. Formelles
3.1. Es ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende Instanz
nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und jedes ein-
zelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (BGE 141 IV 249 E. 1.3.1 S. 253
mit Hinweisen). Die Berufungsinstanz kann sich somit auf die für ihren Entscheid
wesentlichen Punkte beschränken.
3.2. Die Verteidigung machte im Rahmen ihres Plädoyers die Verletzung des
Anklageprinzips geltend. Die Ausführungen der Staatsanwaltschaft sowie der
Privatklägervertretung zum Unfallereignis würden einen viel dichteren Substantiie-
rungsgrad aufweisen als die Anklageschrift. Es würden nicht – wie bei Fahrlässig-
keitsdelikten gefordert – sämtliche Umstände in der Anklageschrift aufgeführt, aus
welchen sich die Pflichtwidrigkeit des vorgeworfenen Verhaltens sowie die Vo-
raussehbarkeit und die Vermeidbarkeit des eingetretenen Erfolgs ergeben wür-
den. Es werde lediglich behauptet, der Beschuldigte habe zu wenig auf die vor
ihm liegende Fahrbahn geblickt (Prot. II S. 8 f.). Der Einwand der Verletzung des
Anklageprinzips ist unbegründet.
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3.2.1. Nach dem Anklagegrundsatz bestimmt die Anklageschrift den Gegenstand
des Gerichtsverfahrens (Umgrenzungsfunktion; Art. 29 Abs. 2 und Art. 32 Abs. 2
BV; Art. 9 und Art. 325 StPO; Art. 6 Ziff. 1 und Ziff. 3 lit. a und b EMRK). Das
Gericht ist an den in der Anklage wiedergegebenen Sachverhalt gebunden
(Immutabilitätsprinzip), nicht aber an dessen rechtliche Würdigung durch die An-
klagebehörde (vgl. Art. 350 StPO). Die Anklage hat die der beschuldigten Person
zur Last gelegten Delikte in ihrem Sachverhalt so präzise zu umschreiben, dass
die Vorwürfe im objektiven und subjektiven Bereich genügend konkretisiert sind.
Das Anklageprinzip bezweckt zugleich den Schutz der Verteidigungsrechte der
beschuldigten Person und dient dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Informa-
tionsfunktion; BGE 143 IV 63 E. 2.2 mit Hinweisen).
3.2.2. Unter dem Gesichtspunkt der Informationsfunktion des Anklageprinzips
ist massgebend, dass die beschuldigte Person genau weiss, was ihr angelastet
wird, damit sie ihre Verteidigungsrechte angemessen ausüben kann (Urteile
6B_997/2019 vom 8. Januar 2020 E. 2.3; 6B_441/2013 vom 4. November 2013
E. 3.2; je mit Hinweisen). Die vorliegende Anklageschrift umschreibt das dem
Beschuldigten vorgeworfene Verhalten (im Hauptantrag) sachlich, örtlich und zeit-
lich genügend konkret. Insbesondere die bei Fahrlässigkeitsdelikten oft kritischen
Punkte der Umschreibung der Voraussehbarkeit und Vermeidbarkeit sind hin-
reichend ausgeführt, wobei daran gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
ohnehin keine übertriebenen Anforderungen zu stellen sind (vgl. Urteil
6B_1157/2016 vom 28. März 2017 E. 3.3). Es ist sodann nicht erkennbar, inwie-
fern eine wirksame Verteidigung erschwert worden wäre. Für den Beschuldigten
war ersichtlich, welche Vorwürfe Gegenstand der Anklage bilden. Dazu gehört –
entgegen der Ansicht der Verteidigung (Prot. II S. 8 f.) – auch der Vorwurf, der
Gegenfahrbahn beziehungsweise der Mittelinsel nicht die gebührende Aufmerk-
samkeit geschenkt zu haben, zumal in der Anklageschrift das Folgende ausge-
führt wird: "Hätte der Beschuldigte die ihm als Fahrzeuglenker obliegende Auf-
merksamkeit beachtet und den Blick auf die vor ihm liegende Strasse und insbe-
sondere den ihm bekannten Fussgängerstreifen gerichtet, hätte er die Geschädig-
te frühzeitig und damit rechtzeitig wahrnehmen und sein Fahrzeug zum Stillstand
bringen können und wäre es nicht zur Kollision gekommen." (Urk. 24 S. 3).
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3.2.3. Eine Verletzung des Anklageprinzips liegt somit (zumindest betreffend den
Hauptantrag) nicht vor.
II. Sachverhalt
1. Die Vorinstanz kam nach Würdigung der Beweismittel zum Schluss, dass
sich der Sachverhalt nicht erstellen lasse. Die beiden Unfallbeteiligten hätten
übereinstimmend angegeben, sich gegenseitig erst zum Kollisionszeitpunkt wahr-
genommen zu haben. Da die Privatklägerin nur auf eine Distanz von 20 Meter se-
he, sei es durchaus möglich, dass sie den Beschuldigten nicht wahrgenommen
und unvermittelt die Fahrbahn betreten habe. Daraus lasse sich keine Unacht-
samkeit des Beschuldigten herleiten. Aus den Unfallfotos ergebe sich, dass die
Vollbremsung schon etliche Meter vor dem Fussgängerstreifen eingeleitet worden
sei. Die anwesenden unbekannten Drittpersonen seien nicht als Zeugen einver-
nommen worden. Aufgrund dieser Beweise lasse sich dem Beschuldigten keine
Missachtung der ihm obliegenden Aufmerksamkeit vorwerfen (Urk. 48 S. 10 ff.).
2. Die Staatsanwaltschaft war im erstinstanzlichen Verfahren nicht zur
Teilnahme an der Hauptverhandlung verpflichtet. Die Privatklägerin liess ihren
Antrag auf Verurteilung und Zusprechung von Schadenersatz und Genugtuung
des Beschuldigten damit begründen, dass dessen strafrechtliche Verantwortung
für den Verkehrsunfall offensichtlich sei (Urk. 33).
Im Rahmen der heutigen Berufungsverhandlung machte die Staatsanwaltschaft
geltend, der objektive Sachverhalt im Sinne des Tatablaufs sei erstellt und werde
von den Parteien übereinstimmend geschildet. Kernpunkt des vorliegenden
Verfahrens sei aber der subjektive Sachverhalt. Streitpunkt sei die Frage, ob der
Beschuldigte fahrlässig im Sinne von Art. 12 Abs. 3 StGB gehandelt habe, mitun-
ter ob er unter Verletzung der erforderlichen Vorsichtsmassnahmen auf diesen
Fussgängerstreifen zugefahren sei, also ob eine Kollision mit Verletzungsfolgen
für ihn voraussehbar und auch vermeidbar gewesen wäre. Entscheidend sei, dass
es dem Beschuldigten hätte auffallen müssen, dass eine Fussgängerin von links
her über die Strasse auf die Mitteinsel gegangen sei. Aus Richtung ... [Ortschaft]
kommend durchfahre man über 100 Meter vor der Kollisionsstelle eine leichte
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Linkskurve. Rund 90 Meter vor der Kollisionsstelle sei die Strasse geradlinig. Bei
einer Geschwindigkeit von ca. 50 km/h habe der Beschuldigte somit bis zum
Fussgängerstreifen über sechs Sekunden Zeit gehabt, die Fussgängerin zu erbli-
cken. Sodann seien die Sicht- und Strassenverhältnisse am Unfalltag einwandfrei
gewesen. Wer mit der genügenden Aufmerksamkeit diese Strecke befahre, neh-
me eine Fussgängerin, welche von links die Strasse überquere, deshalb von Wei-
tem her bereits wahr. Aber auch bei weiter fortgeschrittener Annäherung an den
Fussgängerstreifen könne man mit genügender Aufmerksamkeit eine auf der Mit-
telinsel stehende Fussgängerin schlichtweg nicht übersehen. Sodann könne eine
Person, welche auf der Mittelinsel stehe (oder langsam gehe) nur die Absicht ha-
ben, den Fussgängerstreifen zu überqueren, was ein Verlangsamen und allenfalls
Anhalten eines aufmerksamen Autolenkers zur Folge haben müsse. Entspre-
chend sei die Schlussfolgerung der Vorinstanz, dem Beschuldigten sei nur eine
sehr kurze Zeitspanne verblieben, um zu reagieren, da die Privatklägerin unver-
mittelt den Fussgängerstreifen betreten habe, womit der Beschuldigte nicht habe
rechnen müssen, nicht schlüssig. Somit sei für den Beschuldigten bereits aus
grosser Distanz schon seit mehreren Sekunden erkennbar gewesen, dass eine
Fussgängerin den Fussgängerstreifen auf seiner Fahrspur betreten werde, und
dementsprechend hätte er sein Fahrzeug frühzeitig deutlich abbremsen müssen
und so die Kollision verhindern können. Dass die damals schon über 60-jährige
Privatklägerin völlig überraschend vom linksseitigen Trottoir derart schnell über
den Fussgängerstreifen gerannt wäre, dass auch ein vorsichtiger Automobilist
keine Chance zum Bremsen gehabt hätte, könne nicht ernsthaft angenommen
werden und widerspreche auch den glaubhaften Aussagen der Privatklägerin. Ei-
ne Unterbrechung des Kausalzusammenhangs durch ein Fehlverhalten der Pri-
vatklägerin als Fussgängerin liege sodann nicht vor (Urk. 80 S. 1 ff.).
3. Die Privatklägervertretung führte an der Berufungsverhandlung aus, es sei
unbestritten, dass sich die Privatklägerin auf dem Zebrastreifen befunden habe,
als sie vom Beschuldigten mit dem Personenwagen angefahren und dabei ver-
letzt worden sei. Gestützt auf die Aussagen der Privatklägerin könne davon aus-
gegangen werden, dass sie von Fahrtrichtung des Beschuldigten her gesehen die
Strasse auf dem Zebrastreifen von links kommend überqueren gewollt habe.
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Nach dem Verlassen der Verkehrsinsel in der Mitte der Strasse sei sie dann im
Bereich der linken Frontseite vom Fahrzeug des Beschuldigten erfasst worden.
Auch wenn die Privatklägerin offenbar unter einer Sehschwäche leide, sei zu be-
zweifeln und ergebe sich auch nicht aus ihren Aussagen bei der Staatsanwalt-
schaft, dass sie Fahrzeuge nur auf eine Distanz von 20 Metern erkennen könne.
Die Privatklägervertretung erklärte, die Aussage der Privatklägerin sei ihres Er-
achtens so zu verstehen, dass die Privatklägerin Fahrzeuge auf 20 Meter gut er-
kenne könne, in weiterer Distanz allenfalls nicht mehr so gut. Die Aussagen des
Beschuldigten könnten nur so interpretiert werden, dass sich die Privatklägerin
bereits auf seiner Fahrbahn befunden habe, als sie vom Beschuldigten erstmals
wahrgenommen worden sei. Andernfalls hätte er sagen können, ob sie von links
oder von rechts gekommen sei. Der Beschuldigte sei in diesem Zeitpunkt immer-
hin noch in der Lage gewesen, eine Vollbremsung einzuleiten. Es sei ihm beinahe
gelungen, das Fahrzeug noch vor dem Zebrastreifen zum Stillstand zu bringen.
Gemäss den Fotoaufnahmen der Polizei dürften zwischen fünf und sieben Meter
gefehlt haben. Bei einer Ausgangsgeschwindigkeit von 40 km/h habe der Brems-
weg gemäss der von der Vorinstanz angewendeten Formel mindestens 24 Meter
betragen. Mithin habe rund ein Viertel des Bremswegs gefehlt, den es noch benö-
tigt hätte, um das Fahrzeug vor der Kollision zum Stillstand zu bringen. Sodann
sei auch die Bremsdauer eine wesentliche Grösse, worauf die Vorinstanz leider
nicht eigegangen sei. Bei einer Bremsverzögerung von 7.72 Meter pro Sekunde
ergebe sich bei einer Ausgangsgeschwindigkeit von 40 km/h eine reine Brems-
dauer von 1.4 Sekunden. Dazu sei eine Reaktionszeit von zumindest 0.5 Sekun-
den bis zu einer Sekunde zu addieren. Die Bremsdauer inklusive Reaktionszeit
dürfte somit mindestens 2 Sekunden betragen haben. Ein Teil dieser Bremsdauer
betreffe allerdings die Zeit nach der Kollision. Der Zeitraum zwischen Wahrneh-
mung der Privatklägerin und Kollision dürfte somit im Bereich von eineinhalb Se-
kunden gelegen haben. Entscheidend sei nun, dass die Privatklägerin, als sie
vom Beschuldigten wahrgenommen worden sei, sich bereits auf dessen Fahrbahn
befunden habe. Ausgehend von einem normalen Schritttempo von einem Meter
pro Sekunde müsse sie sich somit in den Sekunden davor noch auf der Verkehrs-
insel in der Mitte der Strasse befunden haben (Urk. 81 S. 1 ff.). Hätte der Be-
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schuldigte sie bereits dort erkannt, hätte er somit mindestens eine Sekunde mehr
zur Verfügung gehabt, um das Fahrzeug anzuhalten und das hätte mit Sicherheit
gereicht, um noch rechtzeitig anhalten zu können. Dies gelte erst recht, wenn der
Beschuldigte die Privatklägerin nicht erst auf der Verkehrsinsel, sondern bereits
auf dem Zebrastreifen der entgegenkommenden Fahrbahn wahrgenommen und
als Verkehrsteilnehmerin, die allenfalls den Vortritt als Fussgängerin beanspru-
chen würde, beachtet hätte (Urk. 81 S. 1 ff.).
4. Die Verteidigung bringt diesbezüglich vor, es handle sich bei den Darstel-
lungen der Staatsanwaltschaft sowie Privatklägerschaft um denkbare Szenarien,
welche aber beweismässig nicht erstellt seien. Insbesondere sei die Überblick-
barkeit der Gegenfahrbahn bzw. der anderen Seite des Fussgängerstreifens nicht
bewiesen, zumal es sich um eine der meistbefahrensten Hauptstrassen der
Schweiz handle. Der Blick sei da in aller Regel durch eine dichte Fahrzeugkolon-
ne behindert bzw. beschränkt. Die Aussagen der Beteiligten könnten sodann nicht
stimmen und liessen nur den Schluss zu, dass man nichts über das Unfallereignis
wisse, insbesondere wisse man nicht, was den Vorwurf der Fahrlässigkeit gegen-
über dem Beschuldigten belegen würde. Entsprechend sei der vorinstanzliche
Freispruch zu bestätigen (Prot. II S. 8 ff.).
5. Die Vorinstanz hat die Beweismittel vollständig aufgezählt und ebenso
zutreffend wiedergegeben wie die allgemeinen Regeln der Beweiswürdigung und
die Grundsätze der Unschuldsvermutung. Es kann darauf verwiesen werden.
Nicht zu überzeugen vermag hingegen die Beweiswürdigung (Urk. 48 S. 5 ff.).
6. Ohne weiteres erstellt ist der Sachverhaltsvorwurf, wonach die Privatkläge-
rin durch die Kollision mit dem Fahrzeug des Beschuldigten zu Fall kam und sich
die erwähnten Verletzungen zuzog.
7. Zum Unfallhergang befragt, konnte der Beschuldigte einzig angeben, dass
er 40 km/h schnell gefahren sei, die Privatklägerin plötzlich als schwarzen Schat-
ten wahrgenommen, sogleich eine Vollbremsung eingeleitet habe und es zur Kol-
lision gekommen sei. Angaben zum Verhalten der Privatklägerin und zum genau-
en Unfallablauf in örtlicher und zeitlicher Hinsicht, wie beispielsweise zum Zeit-
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punkt des Erblickens der Privatklägerin, zu deren Annäherung zum Kollisionsort,
zu seinem Standort beim Einleiten der Bremsung und zum Kollisionsort machte er
nicht. Seinen Anhalteweg schätzte er auf 40 Meter (Urk. 7 S. 3 f., Prot. I S. 13 ff.).
Im Übrigen sind seine Aussagen durchsetzt mit Mutmassungen und Spekulatio-
nen, etwa dass die Privatklägerin so schnell gerannt sein müsse wie Spiderman,
ansonsten er sie ja hätte sehen müssen (Urk. 7 S. 5), dass es möglich sei, dass
sie sich habe suizidieren wollen, dass sie nichts gesehen habe, weil ihr das Kopf-
tuch über das Gesicht gerutscht sei (Prot. I S. 13 f.) und sie jedenfalls den Unfall
hätte verhindern können, wenn sie auf der Mittelinsel stehen geblieben wäre (Urk.
7 S. 5). Diese Ausführungen tragen nicht zur Klärung des Sachverhalts bei.
8. Nicht viel ergiebiger sind die Aussagen der Privatklägerin: Sie sei in norma-
lem Tempo unterwegs gewesen. Als sie auf der Mittelinsel angekommen und dort
in deren Mitte gestanden sei, habe sie nach rechts geschaut, um zu sehen, ob die
Strasse frei sei. Als dem so gewesen sei, habe sie begonnen, die Strasse in
normalen Tempo zu überqueren. Was sich dann ereignet habe, wisse sie nicht
mehr. Ihr Kopftuch habe die Sicht nicht behindert. Mit ihrer Brille könne sie Autos
auf eine Distanz von 20 Meter erkennen; sie habe alles gut gesehen. Die Fahr-
bahn sei in diesem Bereich frei gewesen (Urk. 9 S. 4 ff.).
9. Zusammengefasst lässt sich somit festhalten, dass beide Unfallbeteiligten
den jeweils anderen Unfallbeteiligten vor der Kollision nicht oder im Falle des
Beschuldigten lediglich einen Augenblick vor dem Unfallereignis wahrgenommen
haben wollen. Diese Aussagen mögen zwar in Anbetracht der übersichtlichen
Verkehrssituation merkwürdig anmuten. Im Lichte der Beweislage lassen sich
diese jedoch – mit Ausnahme der nachfolgend zu erläuternden Ausnahmen –
nicht widerlegen. Damit ist der Anklagevorwurf erstellt, wonach der Beschuldigte
die den Fussgängerstreifen betretende bzw. die Strasse querende Fussgängerin
nicht wahrgenommen hat. Dabei ist die folgende Präzisierung anzubringen:
9.1. Auf den Unfallfotos ist eine gerade, übersichtliche Strasse bei besten
Witterungsverhältnissen mit einem Fussgängerstreifen samt Mittelinsel zu er-
kennen (Urk. 2). Zwar fehlen Referenzmasse auf den Bildern. Auszugehen ist
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aber von einer Breite des Fussgängerstreifens von ca. 3 Metern, entsprechend
der VSS Norm SN 640 241 „Querungen für den Fussgänger- und leichten
Zweiradverkehr- Fussgängerstreifen“ (vgl. auch Urk. 1 S. 5, wonach die Strasse
beim Fussgängerstreifen eine Breite von 7 Metern aufweist). Der Radstand des
Unfallfahrzeuges beträgt rund 3, die Fahrzeuglänge knapp 5 Meter (Prot. II S. 7).
9.2. Berücksichtigt man weiter, dass die Hinterachse noch auf dem Fussgän-
gerstreifen und die Fahrzeugfront geschätzte 3 Meter nach dem Fussgängerstrei-
fen zum Stillstand kam (vgl. Urk. 2), muss daraus geschlossen werden, dass der
Beschuldigte das Bremsmanöver bereits einige Zeit vor der Kollision auf dem
Fussgängerstreifen eingeleitet hat. Der Beschuldigte gab den Bremsweg – wobei
damit wohl der Anhaltweg gemeint war – mit 40 Metern an (vgl. oben Ziff. II.7.
Abs. 1). Dies ist jedoch weit zu hoch gegriffen, auch wenn man berücksichtigt,
dass es sich vorliegend um einen leeren Kleinbus mit beladenem Anhänger han-
delt.
9.3. Im Internet finden sich diverse Webseiten, die Berechnungen des Anhalte-
wegs (Reaktionsweg und Bremsweg) und der bei verschiedenen gefahrenen Ge-
schwindigkeiten zurückgelegten Strecken (und umgekehrt) anbieten. Zu beachten
gilt jedoch, dass solche Berechnungsmöglichkeiten nur Anhaltspunkte für die im
Einzelfall geltenden Werte geben. Die Umstände des Einzelfalls wie der konkrete
Verzögerungswert des Fahrzeugs, der Zustand oder die Neigung der Fahrbahn,
die Fähigkeiten und Erfahrung des Lenkers und manch anderes mehr können
entscheidend sein. Der wichtigste Parameter ist der Verzögerungswert, der die
Bremswirkung zwischen Fahrzeug und Fahrbahn wiedergibt. Der erreichbare
Verzögerungswert ist in den letzten Jahren wesentlich verbessert worden, insbe-
sondere dank neuer Fahrzeugtechnik (ABS, ESP usw.), Reifen und verbessertem
Strassenbau. Heutige Fahrzeuge erreichen bei trockener Fahrbahn ohne weiteres
durchschnittliche Verzögerungswerte von mindestens 7–8,5 m/s2 (WEISSENBER-
GER, Kommentar SVG, 2. Aufl. 2015, Art. 32 N 1 ff.; vgl. auch GIGER, SVG-
Kommentar, 8. Aufl. 2014, Art. 32 N 8).
9.4. Die Bremsverzögerung eines durchschnittlichen Personenwagens beträgt
bei guten Verhältnissen rund 7 m/s2, bei einem modernen Sportwagen kann diese
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bis zu 9 m/s2 betragen. Diejenige eines Lastwagens beträgt rund 5 m/s2, wobei es
in der Regel keine Rolle spielt, ob auch ein Anhänger mitgeführt wird, da auch
dieser gebremst wird. Der Beschuldigte lenkte einen Renault Master T32 2.2dCi,
das heisst einen Kleinbus, mit Anhänger, welcher eine Auflaufbremse hatte.
Sodann war der Anhänger gemäss den Angaben des Beschuldigten frisch im
Service gewesen und hatte neue Pneus (Urk. 79 S. 7 f.). Vorliegend hat, wie sich
aus den Fotos ergibt, die Anhängerauflaufbremse offensichtlich funktioniert, an-
sonsten das Heck des Zugfahrzeuges weggedrückt worden und das Gespann in
einer V-Form zu stehen gekommen wäre (vgl. Urk. 2). Die Strassenverhältnisse
waren gut. Deshalb ist zu Gunsten des Beschuldigten von einer für Kleinbusse
und Wohnmobilen üblichen Bremsverzögerung von rund 6 m/s2 auszugehen.
9.5. Der Bremsweg wird mit folgender Formel berechnet: Geschwindigkeit in
m/s im Quadrat, geteilt durch die mit 2 multiplizierte mittlere Bremsverzögerung in
m/s2 (Urteil 6B_533/2012 vom 25. Januar 2013 E. 1.5; vgl. auch Urteil
6B_533/2012 vom 25. Januar 2013 E. 1.5). In casu, bei einer Geschwindigkeit
von 40 km/h, war der Bremsweg entsprechend 10.29 Meter
[(40'000m/3600s)2/(2x6m/s2)].
9.6. Der Anhalteweg berechnet sich aus dem Bremsweg und der während der
Reaktions- und Bremsschwellzeit zurückgelegten Wegstrecke.
9.7. Die Reaktionszeit des Fahrzeugführers besteht aus der Zeit, die vergeht,
bis auf die Wahrnehmung gehandelt werden kann, und der Zeit bis zur mechani-
schen Reaktion; sie beginnt mit der Wahrnehmung des gefährlichen Ereignisses
und endet mit dem Beginn der mechanischen Wirkung des Bremsens (Praxis 79
(1990) Nr. 19 E. 1 = BGE 115 II 283 E. 1).
Die Rechtsprechung räumt dem Automobilisten, der bemerkt, dass Fussgänger
über den Fussgängerstreifen gehen wollen, eine Reaktionszeit von 0,6 bis
0,7 Sekunden als angemessen ein (Praxis 79 (1990) Nr. 19 E. 1 = BGE 115 II 283
E. 1; BGE 91 IV 79 E. 2). Es ist deshalb in casu mit einer mittleren Reaktionszeit
von 0,6 bis 0,7 Sekunden zu rechnen. Zur Reaktionszeit ist die sogenannte
Bremsschwellzeit (Zeit vom Beginn der Bremswirkung bis zum Beginn der Blo-
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ckier- oder Regelspurzeichnung) von 0,2 Sekunden hinzuzurechnen (Urteile
6B_533/2012 vom 25. Januar 2013 E. 1.5; 6B_493/2011 vom 12. Dezember 2011
E. 4.3).
9.8. Entsprechend ist bei einer Geschwindigkeit von 40 km/h bei einer Voll-
bremsung von einem Anhalteweg von ca. 19-20 Metern (8.89-10.00 Meter Reak-
tionsweg + 10.29 Meter Bremsweg) und einer Anhaltezeit von ca. 2.7 Sekunden
(0,8-0,9 Sekunden Reaktion- und Bremsschwellzeit + 1,85 Sekunden Bremszeit;
vgl. hierzu beispielsweise https://www.rechner.club/weg-zeit-
geschwindigkeit/anhalteweg-berechnen) auszugehen.
Dabei ist darauf hinzuweisen, dass der Unfall – also der Kontakt der Fahrzeug-
front mit der Privatklägerin – vorher, auf dem Fussgängerstreifen, stattgefunden
hat und das Fahrzeug des Beschuldigten erst rund 5 Meter nach dem Aufprall
zum Stillstand gekommen ist. Geht man weiter mit dem Beschuldigten davon aus,
dass er einzig wegen der Privatklägerin eine Vollbremsung eingeleitet hat, so zei-
gen die Berechnungen des Anhaltewegs auf, dass der Beschuldigte die Privatklä-
gerin, welche bereits den Fussgängerstreifen auf der anderen Strassenseite
überquert hatte, erst ca. 1.5 Sekunden vor dem Aufprall, als die Privatklägerin
sich auf der Mittelinsel oder bereits auf dem Fussgängerstreifen seiner Fahrbahn
befunden haben muss, als Gefahr wahrgenommen und eine Vollbremsung einge-
leitet hat. Auch wenn man zugunsten des Beschuldigten von 2 Sekunden ausge-
hen würde, hat dies – wie noch zu zeigen ist – keinen Einfluss auf das Mass der
Sorgfaltspflichtverletzung.
9.9. Schliesslich wirft die Anklage dem Beschuldigten vor, dass er sein Fahr-
zeug rechtzeitig hätte zum Stillstand bringen können, wenn er die ihm obliegende
Aufmerksamkeit beachtet und seinen Blick auf die vor ihm liegende Strasse und
den Fussgängerstreifen gerichtet hätte. Damit hätte er die Privatklägerin rechtzei-
tig wahrnehmen und sein Fahrzeug zum Stillstand bringen können und es wäre
nicht zur Kollision gekommen. Auch das ist insgesamt erstellt, da der Beschuldig-
te
– wenn er seine Aufmerksamkeit auf den vor ihm liegenden Fussgängerstreifen
inklusive Mittelinsel gerichtet hätte – angesichts der konkreten Verkehrssituation
- 15 -
(vgl. Urk. 2) und den zum Tatzeitpunkt herrschenden Witterungsverhältnissen die
Privatklägerin sicher hätte vor dem Moment sehen können, in dem er zu reagie-
ren und zu bremsen begonnen hat. Denn die Privatklägerin muss sich bereits
vorgängig während einiger Sekunden auf dem Fussgängerstreifen auf der Gegen-
fahrbahn beziehungsweise auf der Mittelinsel befunden haben. Dabei ist auf die
glaubhaften Aussagen der Privatklägerin abzustellen, wonach sie die Strasse in
normalem Schritttempo überquert hat (Urk. 9 S. 6 f.). Sodann vermögen die Vor-
bringen der Vereidigung anlässlich der Berufungsverhandlung, dass es sein könn-
te, dass die Sicht des Beschuldigten durch Gegenverkehr eingeschränkt gewesen
sei, nicht zu überzeugen, zumal auch der Beschuldigte so etwas nie behauptete
(Urk. 7 S. 3). Schliesslich muss nicht weiter erläutert werden, dass, wenn der Be-
schuldigte die Privatklägerin früher gesehen und entsprechend gebremst hätte –
wobei bereits eine gute Sekunde gereicht haben dürfte –, der Unfall, wie er vorge-
fallen ist, und die daraus resultierenden Verletzungen hätten verhindert werden
können.
III. Rechtliche Würdigung
1. Tatbestandsmerkmale der fahrlässigen Körperverletzung
Der einfachen fahrlässigen Körperverletzung macht sich schuldig, wer fahrlässig
einen Menschen am Körper oder an der Gesundheit schädigt (Art. 125 Abs. 1
StGB). Dies setzt das unvorsätzliche Bewirken des tatbestandsmässigen Erfolgs
der einfachen Körperverletzung, den Kausalzusammenhang zwischen Handlung
und Erfolg (natürliche Kausalität), die Missachtung einer Sorgfaltspflicht sowie die
Relevanz der Sorgfaltspflichtverletzung für den Erfolgseintritt voraus (DONATSCH/
HEIMGARTNER/ISENRING/WEDER, StGB-Kommentar, 20. Aufl. 2018, Art. 12 N 14 ff.,
Art. 123 N 1 ff.; DONATSCH/TAG, Strafrecht I – Verbrechenslehre, 9. Aufl. 2013, §
31 f.).
1.1. Unvorsätzliches Bewirken eines tatbestandsmässigen Erfolgs
1.1.1. Der tatbestandsmässige Erfolg
- 16 -
1.1.1.1. Der tatbestandsmässige Erfolg liegt bei der fahrlässigen einfachen Kör-
perverletzung nach Art. 125 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 123 StGB im Ein-
tritt der Schädigung des Körpers oder der Gesundheit eines Menschen, wobei die
Verletzung weder die Voraussetzungen von Art. 122 StGB noch diejenigen von
Art. 126 StGB erfüllt (DONATSCH, Strafrecht III – Delikte gegen den Einzelnen,
11. Aufl. 2018, S. 64 f., 69).
1.1.1.2. Die Privatklägerin hat gemäss ärztlichem Befund des Spitals Wetzikon
vom 22. März 2017 die in der Anklage erwähnten Verletzungen erlitten (Urk.
11/5). Folglich weisen die Verletzungen nicht die Schwere einer schweren Kör-
perverletzung i.S.v. Art. 122 StGB auf, jedoch gehen die Beeinträchtigungen klar
über das Ausmass einer Tätlichkeit im Sinne von Art. 126 StGB hinaus. Die Ver-
letzungen sind als einfache Körperverletzung i.S.v. Art. 123 StGB zu qualifizieren.
Wie im Nachfolgenden aufzuzeigen sein wird, ist das Verursachen dieser einfa-
chen Körperverletzung dem Beschuldigten zuzuordnen und somit als der tatbe-
standsmässige Erfolg zu betrachten.
1.1.2. Kausalzusammenhang zwischen Handlung und Erfolg (natürliche Kausali-
tät)
1.1.2.1. Ein (pflichtwidriges) Verhalten ist im natürlichen Sinne kausal, wenn es
nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch der eingetretene Erfolg entfiele.
Dieses Verhalten braucht nicht die alleinige oder unmittelbare Ursache des Er-
folgs zu sein. Mit dieser Bedingungsformel (conditio sine qua non) wird ein hypo-
thetischer Kausalzusammenhang untersucht und dabei geprüft, was beim Weg-
lassen bestimmter Tatsachen geschehen wäre. Ein solchermassen vermuteter
natürlicher Kausalverlauf lässt sich nicht mit Gewissheit beweisen, weshalb es
genügt, wenn das Verhalten des Täters mindestens mit einem hohen Grad an
Wahrscheinlichkeit oder mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Ur-
sache des Erfolgs bildete (Urteil 1B_322/2017 vom 24. August 2017 E. 2.5; BGE
135 IV 56 E. 2.1 f.; BGE 130 IV 7 E. 3.2; BGE 121 IV 286 E. 3; BGE 116 IV 306
E. 2a mit Hinweisen). Für die Bedingungs- oder Äquivalenztheorie sind alle Be-
dingungen, die überhaupt zum Eintritt des Erfolgs beitragen, gleichwertig (Urteile
6B_855/2013 vom 24. März 2014 E. 2.4; 6B_461/2012 vom 6. Mai 2013 E. 5.4;
- 17 -
6B_183/2010 vom 23. April 2010 E. 3). Massgebend für die objektive Zurechnung
ist, dass der jeweilige Beschuldigte durch sein Verhalten eine Bedingung für den
konkreten Erfolg gesetzt hat (BGE 135 IV 56 E. 3.1.2).
1.1.2.2. Die "Handlung", die vorliegend am Anfang der Kausalkette stand, war
– wie noch zu zeigen sein wird – die unterlassene Aufmerksamkeit bzw. das zu
späte Reagieren und Bremsen des Beschuldigten. Zufolge mangelnder Aufmerk-
samkeit hat er die Privatklägerin nicht rechtzeitig gesehen, weshalb er zu spät
gebremst hat und mit dieser kollidiert ist, wobei sich diese die genannten Verlet-
zungen zuzog.
1.1.2.3. Für die Beurteilung des Kausalzusammenhangs ist hier somit die Frage
entscheidend, ob es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zur Kollision gekommen
wäre und die Privatklägerin diese Verletzungen nicht davongetragen hätte, wenn
der Beschuldigte aufmerksam gewesen wäre und rechtzeitig reagiert sowie
gebremst hätte. Würde die Tatsache wegfallen, entfiele auch die Kollision. In
diesem Fall wäre die Privatklägerin auch nicht verletzt worden. Das Verhalten des
Beschuldigten bildete somit die Ursache des Taterfolgs und war natürlich-kausal
für die Tatbestandsverwirklichung der Schädigung der Privatklägerin.
1.1.2.4. Die Prüfung der adäquaten Kausalität, das heisst die Frage, ob das Ver-
halten des Beschuldigten geeignet ist, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge
und den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg wie den eingetretenen herbeizu-
führen oder mindestens zu begünstigen, erfolgt auf Stufe der Voraussehbarkeit
des Erfolgs (Ziff. III.1.3.1.).
1.1.3. Mangelnder Vorsatz
Der Beschuldigte hat seine Aufmerksamkeit nicht genügend der vor ihm liegen-
den Strasse bzw. dem Fussgängerstreifen inklusive Mittelinsel gewidmet und
dadurch die Privatklägerin nicht frühzeitig wahrgenommen, weshalb er ihr den
Vortritt am Fussgängerstreifen unabsichtlich verweigerte und es dann zur Kollisi-
on und den Verletzungen der Privatklägerin gekommen ist. Er hat die Schädigung
des Körpers der Privatklägerin nicht vorsätzlich beziehungsweise eventualvor-
- 18 -
sätzlich verursacht. Es geht insbesondere nicht aus den Akten hervor, dass der
Beschuldigte den Erfolg einer Schädigung in Kauf genommen hätte, weshalb
auch das Tatbestandsmerkmal „unvorsätzliches Bewirken“ erfüllt ist.
1.2. Missachtung einer Sorgfaltspflicht
1.2.1. Gemäss Art. 12 Abs. 3 StGB handelt fahrlässig, wer die Folge seines
Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf keine
Rücksicht nimmt. Im Strassenverkehr richtet sich der Umfang der zu beachtenden
Sorgfalt nach dem Strassenverkehrsgesetz und den dazu gehörenden Verord-
nungen. Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts stellt die Über-
tretung einer solchen Vorschrift – bei Eintritt eines entsprechenden tatbestands-
mässigen Erfolgs – regelmässig auch eine pflichtwidrige Unvorsichtigkeit im Sinne
von Art. 12 Abs. 3 StGB dar (BGE 116 IV 306 E. 1a).
1.2.2. Als Grundregel gilt, dass sich jede Person im Verkehr so verhalten muss,
dass sie andere in der ordnungsgemässen Benützung der Strasse weder behin-
dert noch gefährdet (Art. 26 Abs. 1 SVG). Art. 33 Abs. 1 und 2 SVG sehen vor,
dass den Fussgängern das Überqueren der Fahrbahn in angemessener Weise zu
ermöglichen ist und der Fahrzeugführer vor Fussgängerstreifen besonders vor-
sichtig zu fahren und nötigenfalls anzuhalten hat, um den Fussgängern den Vor-
tritt zu lassen, die sich schon auf dem Streifen befinden oder im Begriffe sind, ihn
zu betreten. Zur Kollision kam es zwar primär, weil der Beschuldigte nicht recht-
zeitig gebremst hat, was als Nichtbeherrschen des Fahrzeuges gilt (Art. 31 Abs. 1
SVG). Ursächlich dafür war seine mangelnde Aufmerksamkeit. Im Sinne seiner
Zugaben hat der Beschuldigte die Privatklägerin erst gesehen, als sie ihm Anlass
zur Vollbremsung gab, und mithin in dem Moment, in welchem sie sich anschick-
te, die Strasse vor dem Fahrzeug des Beschuldigten zu überqueren. Vorher hat
dieser die Privatklägerin gemäss erstelltem Sachverhalt nicht wahrgenommen.
Dies kann, nachdem zum Zeitpunkt des Vorfalls schönes, sonniges Wetter
herrschte und keine Umstände bestehen, die den Beschuldigten in seiner Sicht
eingeschränkt hätten, seinen Grund nur darin gehabt haben, dass der Beschuldig-
te seinen Blick nicht dem gesamten Fussgängerstreifen – d.h. also insbesondere
auch der Verkehrsinsel und dem Streifen auf der Gegenfahrbahn – zugewendet
- 19 -
hat. Dazu wäre er aber verpflichtet gewesen (BGE 129 IV 39 E. 2.2). Das Nicht-
beherrschen des Fahrzeuges wird durch die mangelnde Aufmerksamkeit konsu-
miert, sofern die erstgenannte Verletzung der Verkehrsregeln ausschliesslich auf
die mangelnde Aufmerksamkeit zurückzuführen ist (Urteil 6A.82/2001 vom 12.
September 2001 E. 2c/cc; WEISSENBERGER, Kommentar SVG, 2. Aufl. 2015, Art.
31 N 17), also keine anderen Faktoren wie Selbstüberschätzung, Müdigkeit, un-
angepasste Geschwindigkeit usw. mitgewirkt haben. Dafür bestehen vorliegend
keine Anzeichen. Indem der Beschuldigte dem Verkehr vor ihm auf der Strasse,
insbesondere dem gesamten Fussgängerstreifen als wesentliche Gefahrenquelle,
auf welche sich sein Augenmerk zu richten hatte, nicht die genügende Aufmerk-
samkeit zugewendet hat, hat er die zu beachtende Sorgfalt missachtet und sich
damit pflichtwidrig unvorsichtig im Sinne von Art. 12 Abs. 3 StGB verhalten.
1.3. Relevanz der Sorgfaltspflichtverletzung für den Erfolgseintritt
Nicht jedes sorgfaltspflichtwidrige Verhalten ist der beschuldigten Person auch
tatsächlich im konkreten Fall anzulasten. Vielmehr muss ein Zusammenhang
zwischen der objektiv gegebenen Sorgfaltspflichtwidrigkeit und dem Deliktserfolg
bestehen. Zu prüfen sind dabei die Vorhersehbarkeit, die Vermeidbarkeit sowie
der Schutzzweck der Norm, die verletzt wurde (vgl. DONATSCH/TAG, Strafrecht I –
Verbrechenslehre, 9. Aufl., Zürich 2013, S. 339 ff., 351 ff.; Urteil 6B_250/2012
vom 1. November 2012 E. 3.2.1).
1.3.1. Voraussehbarkeit
1.3.1.1. Zunächst ist zu prüfen, ob der zum Erfolg führende Geschehensverlauf
angesichts der konkreten Umstände in seinen wesentlichen Zügen für den Be-
schuldigten voraussehbar war, das heisst, ob für ihn voraussehbar war, dass er
durch seine mangelnde Aufmerksamkeit einem Fussgänger bzw. einer Fussgän-
gerin beim Fussgängerstreifen den Vortritt verweigern könnte, mit diesem bzw.
dieser kollidieren und diesen bzw. diese dabei verletzen könnte. Dabei muss in
Beachtung der massgeblichen Adäquanz das fragliche Verhalten geeignet sein,
nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens den
eingetretenen Erfolg herbeizuführen oder mindestens zu begünstigen. Das Ver-
- 20 -
halten der beschuldigten Person braucht dabei nicht die einzige oder unmittelbare
Ursache der Schädigung zu sein. Die Voraussehbarkeit wird nur dann verneint,
wenn ganz aussergewöhnliche Umstände wie das Mitverschulden eines Dritten
als Mitursachen hinzutreten, mit denen die beschuldigte Person schlechthin nicht
rechnen musste und die derart schwer wiegen, dass sie als wahrscheinlichste und
unmittelbarste Ursache des Erfolgs erscheinen und so alle anderen mitverursa-
chenden Faktoren – namentlich das Verhalten des jeweiligen Beschuldigten – in
den Hintergrund drängen (BGE 135 IV 56 E. 2.1; vgl. DONATSCH/TAG, Strafrecht I
– Verbrechenslehre, 9. Aufl., Zürich 2013, S. 352 ff.).
1.3.1.2. Im Sinne der Lehre und Rechtsprechung musste der Beschuldigte beim
fraglichen Fussgängerstreifen grundsätzlich mit einem vortrittsberechtigten Fuss-
gänger bzw. einer vortrittsberechtigten Fussgängerin rechnen. Konkret hätte er
die Privatklägerin auch schon sehr viel früher wahrnehmen müssen. Dem Polizei-
rapport lässt sich entnehmen, dass die Strasse an der Unfallstelle rund 7 Meter
breit war (Urk. 1 S. 5). Der auf der Unfallskizze mit "1" bezeichnete Kollisionsort
liegt rund 5 Meter vom Beginn des Fussgängerstreifens entfernt, was sich auch
aus den Unfallfotos ergibt (Urk. 2). Geht man von der glaubhaften Aussage der
Privatklägerin aus, dass sie mit normaler Fussgängergeschwindigkeit unterwegs
war, welche erfahrungsgemäss rund 1 m/s beträgt, so hätte der Beschuldigte bei
gehöriger Aufmerksamkeit bereits 5 Sekunden vor der Kollision feststellen kön-
nen, dass diese den Fussgängerstreifen betreten und damit ihr Vortrittsrecht aus-
geübt hat. Gar noch länger wäre diese Zeit, wenn die Privatklägerin auf der Insel
einen Halt eingelegt hätte, was sich aus deren Aussagen jedoch nicht zweifelsfrei
ergibt, weshalb zugunsten des Beschuldigten nicht davon auszugehen ist. Wie
oben unter Ziff. II.9.8. festgestellt, hat der Beschuldigte die Privatklägerin jedoch
erst rund eineinhalb, maximal zwei Sekunden vor der Kollision wahrgenommen.
Daraus ergibt sich, dass der Beschuldigte während sicher gut drei Sekunden, in
denen die Privatklägerin schon auf dem Fussgängerstreifen unterwegs war, diese
nicht gesehen und auch so lange nicht reagiert bzw. sein Fahrzeug so lange nicht
abgebremst hat. Zwar gilt es zu berücksichtigen, dass gemäss Art. 47 Abs. 3 VRV
bei Fussgängerstreifen ohne Verkehrsregelung, die durch eine Verkehrsinsel un-
terteilt sind, jeder Teil des Überganges als selbständiger Streifen gilt. Trotzdem
- 21 -
muss der Fahrzeuglenker, der sich einem durch eine Verkehrsinsel unterteilten
Streifen nähert, schon deshalb auch das Geschehen auf dem die Gegenfahrbahn
querenden Teil des Übergangs sowie auf dem linksseitigen Trottoir beobachten,
damit er erkennen kann, ob sich dort Fussgänger befinden, bei denen Anzeichen
dafür bestehen, dass sie, was keineswegs völlig aussergewöhnlich ist, in Verlet-
zung ihrer Verkehrsbeobachtungs- und allfälligen Wartepflicht die Strasse in ei-
nem Zug überqueren und sich damit verkehrswidrig verhalten könnten (BGE 129
IV 39 E. 2.2.). Wie es sich mit dem Verhalten der Privatklägerin konkret verhält, ist
in casu nicht weiter zu erörtern, da der Beschuldigte sie ohnehin nicht (frühzeitig)
gesehen und entsprechend ihr Verhalten auch nicht wahrgenommen hat. Aus ei-
nem allfälligen Fehlverhalten der Privatklägerin zu einem Zeitpunkt, in welchem er
das noch gar nicht erblickt hatte, könnte der Beschuldigte nichts für sich ableiten.
Die Vorhersehbarkeit des Geschehensablaufs sowie des Erfolgs sind somit gege-
ben.
1.3.2. Vermeidbarkeit
1.3.2.1. Der Erfolg wäre vermeidbar gewesen, wenn er nach dem hypothetischen
Kausalverlauf bei pflichtgemässem Verhalten des Beschuldigten ausgeblieben
wäre (Urteil 6B_250/2012 vom 1. November 2012 E. 3.2.1), beziehungsweise
wenn der Beschuldigte grundsätzlich die Möglichkeit gehabt hätte, durch sein
Verhalten den Eintritt des voraussehbaren Erfolgs zu vermeiden (DONATSCH/TAG,
Strafrecht I – Verbrechenslehre, 9. Aufl., Zürich 2013, S. 364 f.).
1.3.2.2. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann davon ausgegan-
gen werden, dass die Privatklägerin ohne das Fehlverhalten des Beschuldigten
nicht angefahren worden wäre und entsprechende Verletzungen davon getragen
hätte. Denn wäre der Beschuldigte pflichtgemäss aufmerksam gewesen und hätte
entsprechend die Privatklägerin frühzeitig auf dem Fussgängerstreifen der Ge-
genfahrbahn bzw. der Mittelinsel gesehen bzw. wahrgenommen und rechtzeitig
gebremst, wäre die Privatklägerin nicht angefahren und entsprechend verletzt
worden. Der Erfolg wäre damit vermeidbar gewesen, wenn sich der Beschuldigte
pflichtgemäss aufmerksam verhalten hätte.
- 22 -
1.3.3. Schutzzweck der Norm
Schliesslich muss die verletzte Norm gerade bezwecken, einen Erfolg von der Art
des eingetretenen zu verhindern. Mangelnde Aufmerksamkeit ist mit Abstand der
häufigste Unfallgrund und auch oft die wahre Ursache von Unfällen, die laut Sta-
tistik unter anderem wegen Vortrittsverletzungen geschehen sein sollen (vgl.
nachfolgend unter Ziff. IV. 2.1.). Die im vorliegenden Fall verletzte Vorschrift be-
zweckt gerade, die Sicherheit im Strassenverkehr zu erhöhen und Kollisionen,
Behinderungen sowie deren Auswirkungen zu verhindern. Der Schutzzweck der
Norm ist daher gegeben.
2. Fazit
Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass sämtliche Tatbestands-
merkmale der fahrlässigen einfachen Körperverletzung vorliegend erfüllt sind.
Rechtfertigungs- und Schuldausschlussgründe sind weder ersichtlich, noch wur-
den solche behauptet. Der Beschuldigte ist daher der fahrlässigen Körperverlet-
zung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
IV. Sanktion
1. Strafrahmen und allgemeine Prinzipien der Strafzumessung
1.1. Für den Tatbestand der fahrlässigen einfachen Körperverletzung im Sinne
von Art. 125 StGB sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder eine
Geldstrafe vor.
1.2. Innerhalb dieses Rahmens ist die Strafe nach dem Verschulden des Täters
zu bemessen. Das Gericht berücksichtigt dabei das Vorleben und die persönli-
chen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters (Art. 47
Abs. 1 StGB). Das Verschulden wird nach der Schwere der Verletzung oder Ge-
fährdung des betroffenen Rechtsguts, nach der Verwerflichkeit des Handelns, den
Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie weit der Täter
nach den inneren und äusseren Umständen in der Lage war, die Gefährdung oder
- 23 -
Verletzung zu vermeiden (Art. 47 Abs. 2 StGB). Der Begriff des Verschuldens
muss sich auf den gesamten Unrechts- und Schuldgehalt der konkreten Straftat
beziehen, wobei im Einzelnen zwischen der Tat- und der Täterkomponente zu un-
terscheiden ist (vgl. allgemein BGE 117 IV 112 E. 1; BGE 122 IV 241 E. 1.a; BGE
123 IV 150 E. 2.a; BGE 127 IV 101 E. 2; BGE 129 IV 6 E. 6.1).
1.3. Bei der Tatkomponente ist der Ausgangspunkt die objektive Schwere des
Delikts. Dabei sind insbesondere das Ausmass des Erfolgs, die Art und Weise
des Vorgehens, der Deliktsbetrag sowie die Grösse der kriminellen Energie zu be-
rücksichtigen. Hinsichtlich der subjektiven Tatschwere sind insbesondere die In-
tensität des verbrecherischen Willens, das Mass an Entscheidungsfreiheit des Tä-
ters sowie das Mass der Pflichtwidrigkeit zu beurteilen (WIPRÄCHTIGER/KELLER in:
NIGGLI/ WIPRÄCHTIGER [Hrsg.], BSK StGB, 4. Aufl. 2019, Art. 47 N 90 ff.).
2. Konkrete Strafzumessung
2.1. Bezüglich der objektiven Tatschwere ist erwiesen, dass die Privatklägerin
sich erhebliche Verletzungen zugezogen hat. In Bezug auf die Art und Weise der
Herbeiführung des Erfolgs ist zu bemerken, dass das Fahrverhalten des Beschul-
digten als rücksichtslos zu qualifizieren ist. Er hat die Privatklägerin erst unmittel-
bar vor der Kollision wahrgenommen, obwohl er dies schon einige Zeit vorher hät-
te tun müssen. Die momentane Unaufmerksamkeit ist bei Personenunfällen in-
nerorts mit Abstand die häufigste Unfallursache und damit weit häufiger als bei-
spielsweise Alkohol am Steuer oder übersetzte Geschwindigkeit. Von den 3'407
Unfällen mit Personenschäden, welche sich im Jahre 2019 im Kanton Zürich er-
eignet haben, sind deren 954 auf mangelnde Aufmerksamkeit zurückzuführen
(Verkehrsunfallstatistik Kanton Zürich 2019, S. 20). Die wesentlichen Verschul-
denselemente der Unaufmerksamkeit sind deren Dauer und die herrschende Ver-
kehrssituation. Wird der Blick lediglich einen Augenblick vom Verkehrsgeschehen
abgewendet, beispielsweise um die Heizung einzuschalten oder die Radiostation
zu wechseln, so hat dies keine wesentliche Beeinträchtigung der Verkehrssicher-
heit zur Folge. Wer aber auf einer viel befahrenen Strasse im Agglomerationsver-
kehr in Gegenwart von Fussgängern bzw. vor einem frequentierten Fussgänger-
streifen während 2 bis 3 Sekunden unachtsam ist, schafft eine erhebliche Gefahr:
- 24 -
In dieser Zeit, immerhin die doppelte Reaktionszeit, legt ein Fahrzeug, welches
mit einer Geschwindigkeit von 40 km/h unterwegs ist, eine Strecke von ca. 20 bis
30 Meter zurück.
2.2. Beim subjektiven Verschulden ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldig-
te die Körperverletzung fahrlässig verursacht hat. Da der Beschuldigte keine An-
gaben zum Unfallablauf und zur Zeit davor machen kann, müssen auch die Grün-
de für sein Verhalten im Dunkeln bleiben. Immerhin geht aus den Akten nicht her-
vor, dass der Beschuldigte in besonderer Eile gewesen wäre oder darüber hinaus
einen besonders rücksichtslosen Fahrstil an den Tag gelegt hätte. Auch liegen
keine Anhaltspunkte für eine Ablenkung durch ein Mobiltelefon oder ähnliches
vor.
2.3. Ein allfälliges verkehrsregelwidriges Verhalten der Privatklägerin wirkt sich
nicht auf das Verschulden des Beschuldigten aus. Das Strafrecht kennt keine
Verschuldenskompensation (Urteil 6B_826/2011 vom 13. April 2012 E. 2.4). Ein
allfälliges Mitverschulden eines anderen Verkehrsteilnehmers betrifft vor allem die
zivilrechtliche Haftungsfrage (vgl. Art. 44 Abs. 1 OR, Art. 50 f. OR). Eine Unter-
brechung des strafrechtlichen Kausalzusammenhangs ist auszuschliessen.
2.4. Die Täterkomponente umfasst die persönlichen Verhältnisse, das Vorleben
sowie das Verhalten nach der Tat und im Strafverfahren. Zum Vorleben des
Beschuldigten gehören unter anderem sein früheres Wohlverhalten sowie allfälli-
ge Vorstrafen.
2.5. Was die Täterkomponente angeht, so ergibt sich aus dem bisherigen Ver-
fahren, dass der Beschuldigte zwar pensioniert ist, aber nach wie vor im Automo-
bilgewerbe tätig ist, wobei er damit kein Einkommen erzielt. Er lebt mit seiner Frau
zusammen und erzielt ein Renteneinkommen von rund Fr. 2700.–. Vermögen hat
er keines, es bestehen aber Verlustscheine in der Höhe von rund Fr. 100'000.–.
Die Wohnkosten belaufen sich auf monatlich Fr. 1'500.–, diejenigen für die Kran-
kenkasse auf Fr. 800.– (Prot. I S. 8 ff.; Urk. 79 S. 2 ff.).
- 25 -
2.6. Vorstrafen sind keine verzeichnet, sein automobilistischer Leumund ist
leicht getrübt (Urk. 17).
2.7. Zum Nachtatverhalten kann sodann angeführt werden, dass der Beschul-
digte sich zwar keiner Schuld im rechtlichen Sinne bewusst ist, ihn dieser Vorfall
dennoch auch Jahre danach zu beschäftigen scheint. So gab er im Rahmen der
Berufungsverhandlung an, er erwache jeweils nachts und höre es "Boom" ma-
chen (Urk. 79 S. 6).
2.8. Täterkomponente und Nachtatverhalten wirken damit strafmessungsneut-
ral. Weitere Strafzumessungsgründe sind nicht ersichtlich, weshalb vor diesem
Hintergrund die von der Staatsanwaltschaft beantragte Geldstrafe von 90 Ta-
gessätzen als angemessen erscheint.
2.9. Während sich gemäss Art. 34 Abs. 1 StGB die Anzahl Tagessätze nach
dem Verschulden des Täters bemisst, richtet sich die Höhe des Tagessatzes
nach den persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters im Zeitpunkt
des Urteils, namentlich nach Einkommen und Vermögen, Lebensaufwand, allfälli-
gen Familien- und Unterstützungspflichten sowie nach dem Existenzminimum
(Art. 34 Abs. 2 StGB). Aufgrund der oben genannten finanziellen Verhältnisse des
Beschuldigten ist der Tagessatz auf Fr. 30.– festzusetzen.
2.10. Fazit
Der Beschuldigte ist nach Würdigung aller relevanten Umstände mit einer Geld-
strafe von 90 Tagessätzen zu je Fr. 30.– zu bestrafen.
V. Vollzug
1. Das Gericht schiebt den Vollzug einer Geldstrafe in der Regel auf, wenn
eine unbedingte Strafe nicht notwendig erscheint, um den Täter von der Be-
gehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten (Art. 42 Abs. 1 StGB).
Materiell ist demnach das Fehlen einer ungünstigen Prognose vorausgesetzt. Das
heisst in Anlehnung an die herrschende Praxis, dass auf das Fehlen von Anhalts-
punkten für eine Wiederholungsgefahr abgestellt wird. Die günstige Prognose
- 26 -
wird also vermutet. Bei der Beurteilung der Frage, ob die für die Gewährung des
bedingten Strafvollzuges erforderliche Voraussetzung des Fehlens einer ungüns-
tigen Prognose vorliegt, ist eine Gesamtwürdigung aller Umstände vorzunehmen,
wobei insbesondere Vorleben, Leumund, Charaktermerkmale und Tatumstände
einzubeziehen sind.
Weder hat der Beschuldigte Vorstrafen noch liegen sonstige Hinweise auf eine
schlechte Prognose vor. Das vorliegende Strafverfahren dürfte den Beschuldigten
genügend beeindruckt haben, weshalb ihm der bedingte Strafvollzug zu gewäh-
ren ist.
2. Schiebt das Gericht den Vollzug einer Strafe ganz oder teilweise auf, so
bestimmt es der verurteilten Person eine Probezeit von zwei bis fünf Jahren
(Art. 44 Abs. 1 StGB). Vorliegend sind keinerlei Gründe ersichtlich, die für eine
besonders lange Probezeit sprechen würden. Aufgrund der obigen Erwägungen
erscheint es vielmehr angemessen, eine Probezeit von zwei Jahren anzusetzen.
VI. Zivilansprüche
1. Die Privatklägerin verlangt, dass der Beschuldigte dem Grundsatze nach
verpflichtet wird, ihr Schadenersatz und Genugtuung zu bezahlen, wobei die Kla-
ge betreffend die Höhe des jeweiligen Betrags auf den Zivilweg zu verweisen sei
(Urk. 81).
2. Die geschädigte Person kann zivilrechtliche Ansprüche aus der Straftat
entweder selbständig auf dem Weg des Zivilprozesses oder adhäsionsweise
durch schriftliches oder mündliches Begehren an das für den Entscheid über die
Anklage zuständige Strafgericht geltend machen (Art. 119 i.V.m. Art. 122 Abs. 1
StPO). Gemäss Art. 123 Abs. 2 StPO hat der Privatkläger seinen Anspruch spä-
testens im Parteivortrag zu beziffern und zu begründen. Wird die Klage durch die
Privatklägerschaft nicht hinreichend begründet oder beziffert, so wird die Zivil-
klage auf den Zivilweg verwiesen (Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO).
3. Da der Beschuldigte durch sein widerrechtliches Verhalten der Privatkläge-
rin Schaden zugefügt hat (Art. 41 Abs. 1 OR) und sie in ihrer Persönlichkeit im
- 27 -
Sinne von Art. 49 OR verletzt wurde, ist er ihr gegenüber aus dem eingeklagten
Ereignis grundsätzlich schadenersatz- und genugtuungspflichtig. Antragsgemäss
ist diese grundsätzliche Schadenersatz- bzw. Genugtuungspflicht des Beschuldig-
ten gegenüber der Privatklägerin festzustellen. Für die genaue Feststellung dieser
Ansprüche ist die Privatklägerin – antragsgemäss – auf den Weg des Zivilprozes-
ses zu verweisen. Dass damit nicht nur das Quantitativ der Haftung, sondern
auch die Haftungsquote offen bleibt, ist klar, weshalb dies nicht – wie die Verteidi-
gung eventualiter beantragt (Prot. II S. 6, 12 f.) – explizit im Dispositiv festzuhalten
ist. Es bleibt bei der Standardforumlierung.
VII. Kosten und Entschädigung
1. Die Vorinstanz hat entschieden, dass die Gerichtsgebühr ausser Ansatz
fällt und die übrigen Kosten auf die Gerichtskasse genommen werden (Urk. 48 S.
19).
2. Fällt die Rechtsmittelinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428 Abs.
3 StPO). Entscheidet die Rechtsmittelinstanz reformatorisch, so hat sie von Am-
tes wegen auch über die vorinstanzlichen Kostenfolgen neu zu befinden (GRIES-
SER in: DONATSCH/LIEBER/SUMMERS/WOHLERS [Hrsg.], Zürcher StPO-Kommentar,
3. Aufl. 2020, Art. 428 N 14). Es ist denkbar, aber nicht zwingend, dass bei einem
Freispruch durch die Vorinstanz, mit nachfolgenden Schuldspruch durch die
Rechtsmittelinstanz, die Kosten der Vorinstanz vom Beschuldigten zu tragen sind.
Der Rechtsmittelinstanz steht ein weites Ermessen zu; war der Freispruch der
Vorinstanz eindeutig fehlerhaft, ist eine Übernahme der Kosten des erstinstanz-
lichen Verfahrens auf die Staatskasse naheliegend (SCHMID/JOSITSCH, StPO-
Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, Art. 428 N 13).
3. Angesichts des klaren Schuldspruchs rechtfertigt es sich, dass im Sinne
der obigen Erwägungen die erstinstanzlichen Gerichtsgebühr ausser Ansatz be-
lassen wird. Die Kosten für das Vorverfahren sind ausgangsgemäss dem Be-
schuldigten aufzuerlegen (Art. 426 Abs. 1 StPO).
- 28 -
4. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 3'000.– festzu-
setzen.
5. Im Berufungsverfahren werden die Kosten nach Obsiegen und Unterliegen
auferlegt (Art. 428 Abs. 1 Satz 1 StPO). Ob eine Partei im Rechtsmittelverfahren
als obsiegend oder unterliegend gilt, hängt davon ab, in welchem Ausmass ihre
vor Beschwerdeinstanz bzw. Berufungsgericht gestellten Anträge gutgeheissen
wurden (DOMEISEN in: NIGGLI/HEER/WIPRÄCHTIGER [Hrsg.], BSK StPO, 2. Aufl.
2014, Art. 428 N 6). Nachdem der Beschuldigte mit seinen Anträgen vollständig
unterliegt und die Staatsanwaltschaft und die Privatklägerin vollständig obsiegen,
sind die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme der Kosten der unent-
geltlichen Vertretung der Privatklägerin, dem Beschuldigten aufzuerlegen.
6. Die unentgeltliche Vertretung der Privatklägerin, Rechtsanwalt lic. iur.
X._, hat mit Eingabe vom 16. bzw. 23. Februar 2021 ihre Honorarnote
eingereicht (Urk. 77 und 77B). Der geltend gemachte Aufwand ist ausgewiesen
und mit den Aufwendungen für die Berufungsverhandlung zu entschädigen.
Die unentgeltliche Vertretung der Privatklägerin ist somit mit pauschal Fr.
2'600.–, inklusive Barauslagen und MwSt., aus der Gerichtskasse zu entschä-
digen.
7. Ausgangsgemäss hat der Beschuldigte keinen Anspruch auf eine
Prozessentschädigung (vgl. Art. 429 Abs. 1 lit. b StPO).
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