Decision ID: 1f751305-8c3b-5792-8208-6b76aec04a93
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 08.06.2011 Art. 16 Abs. 2 und Art. 30 Abs. 1 lit. d AVIG. Keine Nichtannahme einer zumutbaren Stelle, wenn Lohnforderung wegen besonderen finanziellen Verhältnissen gefährdet war (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 8. Juni 2011, AVI 2010/85). Präsidentin Lisbeth Mattle Frei, Versicherungsrichterin Marie Löhrer, a.o. Versicherungsrichter Christian Zingg; Gerichtsschreiberin Anita Raimann Entscheid vom 8. Juni 2011 in Sachen A._, Beschwerdeführer, gegen RAV Rapperswil-Jona, Neue Jonastrasse 59, Postfach, 8640 Rapperswil, Beschwerdegegner, vertreten durch Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen, betreffend Einstellung in der Anspruchsberechtigung (zumutbare Arbeit) Sachverhalt:
A.
A.a A._, war vom 1. Juli 2007 bis zum 30. Juni 2009 bei der B._ AG angestellt (act.
B 8). Die Arbeitgeberin kündigte das Arbeitsverhältnis aus wirtschaftlichen Gründen
(act. A 2). Mit Antrag vom 16. Juni 2009 beanspruchte der Versicherte
Arbeitslosenentschädigung ab 1. Juli 2009 (act. B 8). Am 2. Oktober 2009 verfügte das
Regionale Arbeitsvermittlungszentrum Rapperswil-Jona (RAV) eine Einstellung von
acht Tagen ab 1. Juli 2009 mit der Begründung, er habe sich während der
Kündigungsfrist in ungenügender Weise um eine neue Stelle beworben. Im Mai 2009
habe er sich nie und im Juni 2009 lediglich zweimal um Arbeit bemüht (act. B 20). Diese
Verfügung blieb unangefochten.
A.b Mit Verfügung vom 1. März 2010 wurde der Versicherte ab 1. Februar 2010 für
sechs Tage in der Anspruchsberechtigung eingestellt mit der Begründung, er habe sich
im Januar 2010 nur einmal um Arbeit bemüht (act. A 35). Er sei am 30. November 2009
von seiner Personalberaterin darüber informiert worden, dass er im Hinblick auf seine
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geplanten Ferien in Thailand vom 4. bis 29. Januar 2010 lediglich zehn kontrollfreie
Tage zugute habe. Für die restlichen Ferientage sei er nicht von der Kontrollpflicht
befreit, auch wenn er hierfür keine Taggelder beziehe. Die hiergegen erhobene
Einsprache vom 2. März 2010 (act. A 38) wurde mit Einspracheentscheid vom 7. Juni
2010 abgewiesen (act. A 52).
A.c Am 18. März 2010 verfügte das RAV erneut eine Einstellung in der
Anspruchsberechtigung, diesmal ab 1. März 2010 für zwölf Tage wegen ungenügender
Arbeitsbemühungen während der Kontrollperiode Februar 2010 (act. A 39). Das RAV
begründete diese Einstellung damit, er habe für den Monat Februar 2010 lediglich fünf
Arbeitsbemühungen vorweisen können, obwohl er von seiner Personalberaterin
angewiesen worden sei, mindestens acht Arbeitsbemühungen pro Monat zu tätigen.
Die hiergegen erhobene Einsprache vom 20. März 2010 hiess das RAV am 7. Juni 2010
teilweise gut und reduzierte die Einstelltage von zwölf auf sechs Tage (act. A 53).
B.
Beim Beratungsgespräch am 11. Februar 2010 wies die zuständige Personalberaterin
des RAV den Versicherten an, sich noch am selben Tag bei einem Taxiunternehmen,
namentlich bei einem Herrn C._, um eine Stelle zu bewerben, allenfalls im
Zwischenverdienst (act. A 33). Das RAV teilte dem Versicherten am 29. März 2010 mit,
er habe sich gemäss Rückmeldung der D._ AG vom 18. März 2010 nicht um diese
Stelle beworben. Es forderte ihn zur Stellungnahme auf (act. A 42). Mit Schreiben vom
30. März 2010 erklärte dieser, er habe noch am 11. Februar 2010 versucht, die C._
telefonisch zu erreichen. Es habe sich aber niemand gemeldet. Am nächsten Tag habe
er es wieder versucht, und es habe sich wieder niemand gemeldet. Am darauf
folgenden Montag (15. Februar 2010) habe er ein Unwohlsein bemerkt. Er habe sich
geschwächt und müde gefühlt. Daraufhin habe er eine Grippe mit allen bekannten
Symptomen gehabt. An eine Bewerbung sei nicht mehr zu denken gewesen. Als die
Grippe einigermassen am Abklingen gewesen sei, habe ihm auch noch sein Herz
Beschwerden gemacht. So sei die Zeit vergangen. Da er die neue Stelle bei der E._
AG am 1. April 2010 gesund habe antreten wollen, habe er sich entschlossen, die
Krankheit zuhause auszukurieren. Er hätte es nicht verantworten können, mit
Fahrgästen in Kontakt zu kommen, wenn er sich nicht gesund gefühlt hätte. Dies töne
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wahrscheinlich unglaubhaft, es habe sich aber so, wie geschildert, zugetragen (act.
A 43).
C.
Vom 1. April bis 4. Juni 2010 arbeitete der Versicherte bei der E._ AG. Die
Arbeitgeberin kündigte das Arbeitsverhältnis während der Probezeit per 4. Juni 2010
(act. B 46). Am 7. Juni 2010 beanspruchte der Versicherte erneut
Arbeitslosenentschädigung ab 7. Juni 2010 (act. B 43).
D.
Mit Verfügung vom 1. Juni 2010 stellte das RAV den Versicherten ab 5. Februar 2010
für 37 Tage in der Anspruchsberechtigung ein mit der Begründung, es treffe ihn ein
schweres Verschulden an der Arbeitslosigkeit. Er sei mit Zuweisung vom 11. Februar
2010 aufgefordert worden, sich auf eine Stelle als Taxichauffeur bei der D._ AG zu
bewerben, was er jedoch nicht gemacht habe. Bei der Verschuldensbemessung sei
berücksichtigt worden, dass er schon dreimal während der Leistungsrahmenfrist in der
Anspruchsberechtigung eingestellt worden sei (act. A 51).
E.
E.a Am 7. Juni 2010 erhob der Versicherte Einsprache gegen die Verfügung vom 1.
Juni 2010. Er beantragte sinngemäss, die Verfügung sei aufzuheben. In der Sache
verwies er wiederum auf seine besagten gesundheitlichen Probleme (act. A 55).
E. b Mit Einspracheentscheid vom 2. September 2010 wies das RAV die Einsprache
ab. Es begründete seinen Entscheid damit, es liege kein Arztzeugnis vor für die
angeblichen Krankheiten. Abgesehen davon wäre er auch bei Vorliegen
gesundheitlicher Probleme durchaus in der Lage gewesen, unter anderem telefonisch
mit der potentiellen Arbeitgeberin Kontakt aufzunehmen, um einen Termin für die Zeit
nach der voraussichtlichen Genesung zu vereinbaren. Sein Verhalten sei nicht
entschuldbar. Es treffe ihn aufgrund wiederholter Einstellungen in der
Anspruchsberechtigung ein schweres Verschulden an seiner Arbeitslosigkeit (act. G
1.1).
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F.
F.a Gegen den Einspracheentscheid des RAV vom 2. September 2010 richtet sich die
Beschwerde des Versicherten vom 7. September 2010. Er beantragt sinngemäss
dessen Aufhebung. In der Sache macht er geltend, es habe sich bei allen Einstellungen
um ein Missverständnis gehandelt. Hinsichtlich der vorliegend zu beurteilenden
Einstellung erklärt er, er habe sich Anfang März 2010 in einem schlechten Zustand
befunden. Während drei Wochen sei nicht an ein Bewerbungsgespräch zu denken
gewesen. Derweil habe er einen Telefonanruf von der E._ AG erhalten und sei gefragt
worden, ob er an einer Anstellung noch interessiert sei. Er habe dort ein Praktikum
absolviert. Die Stelle habe er schliesslich per 1. April 2010 zugesagt bekommen.
Während der letzten Märzwoche habe er sich noch zuhause auskurieren wollen, um die
neue Stelle gesund antreten zu können. Er könne nicht akzeptieren, dass ihn ein
schweres Verschulden an seiner Arbeitslosigkeit treffen solle (act. G 1).
F.b Der Beschwerdegegner beantragt am 6. Oktober 2010 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Die Angaben des Beschwerdeführers zum Verlauf der
gesundheitlichen Beschwerden seien widersprüchlich. Zunächst habe er
gesundheitliche Beschwerden ab 15. Februar 2010 geltend gemacht, in der
Beschwerde erkläre er nun, erst ab anfangs März 2010 erkrankt zu sein. Die
widersprüchlichen Angaben seien nicht glaubwürdig und könnten nicht berücksichtigt
werden. Am 12. Oktober 2010 räumte das Gericht dem Beschwerdeführer Gelegenheit
zur Akteneinsicht und Stellungnahme ein (act. G 4), worauf er verzichtete.

Erwägungen:
1.
Die versicherte Person, die Versicherungsleistungen beanspruchen will, muss nach
Art. 17 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Arbeitslosenversicherung (AVIG; SR 837.0)
mit Unterstützung des zuständigen Arbeitsamtes alles Zumutbare unternehmen, um
Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen. Sie muss zur Schadensminderung
grundsätzlich jede Arbeit unverzüglich annehmen (Art. 16 Abs. 1 AVIG). Nach Art. 30
Abs. 1 lit. d AVIG ist die versicherte Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen,
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wenn sie die Kontrollvorschriften oder die Weisungen der zuständigen Amtsstelle nicht
befolgt, namentlich eine ihr zugewiesene zumutbare Arbeit ohne entschuldbaren Grund
nicht annimmt. Dieser Einstellungstatbestand ist auch dann erfüllt, wenn die versicherte
Person die Arbeit zwar nicht ausdrücklich ablehnt, es aber durch ihr Verhalten in Kauf
nimmt, dass die Stelle anderweitig besetzt wird (Thomas Nussbaumer,
Arbeitslosenversicherung, in: Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Band XIV,
Soziale Sicherheit, 2. Aufl., S. 2431, Rz 844, mit Hinweisen auf BGE 122 V 38 E. 3b und
ARV 2002 Nr. 6 S. 58 E. 1). Die Voraussetzungen für die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung gelten auch bei Ablehnung einer Zwischenverdienstarbeit. Bei
lohnmässig unzumutbarer Arbeit im Sinn von Art. 16 Abs. 2 lit. i AVIG ist die versicherte
Person aus arbeitslosenversicherungsrechtlicher Sicht verpflichtet, die angebotene
Arbeit als Zwischenverdienst anzunehmen, wenn sie nach Art. 24 AVIG
Kompensationszahlungen erhält.
2.
2.1 Gemäss Akten hat die Personalberaterin den Beschwerdeführer erstmals am
3. Februar 2010 auf eine offene Stelle bei Taxi C._ aufmerksam gemacht. Da der
Beschwerdeführer gerade ein Vorstellungsgespräch bei der E._ AG für den
10. Februar 2010 erhalten hatte, wurde vereinbart, dass er sich bei Taxi C._ melden
solle, falls er die Stelle bei E._ nicht erhalte (vgl. act. A 29). Anlässlich des
Beratungsgesprächs vom 11. Februar 2010 forderte dann allerdings die
Personalberaterin den Beschwerdeführer auf, sich noch heute bei Herrn C._,
Taxiunternehmen, zu bewerben, evtl. im Zwischenverdienst oder als Anstellung (vgl.
act. A 33). Gemäss Darstellung des Beschwerdeführers hat er darauf mehrmals
vergeblich versucht, Herrn C._ telefonisch zu erreichen. Nachdem er am 15. Februar
2010 von der E._ AG eine mündliche Stellenzusage per 1. April 2010 erhalten hatte,
machte er keine Bewerbung mehr bei Herrn C._. Es steht somit fest, dass der
Beschwerdeführer sich für die Stelle bei Taxi C._ nicht beworben hat, was einer
Nichtannahme einer Stelle gleichzusetzen ist (vgl. Nussbaumer, RZ 844 mit Hinweisen).
2.2 Damit ist zu prüfen, ob und in welchem Umfang sich eine Einstellung in der
Anspruchsberechtigung rechtfertigt. Da der Beschwerdeführer per 1. April 2011 eine
Stelle bei der E._ AG erhalten hatte, wäre es bei Taxi C._ nur noch um einen
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befristeten Einsatz von maximal etwa sechs Wochen gegangen. Dem
Beratungsprotokoll vom 11. Februar 2010 ist lediglich zu entnehmen, dass es sich bei
der zugewiesenen Arbeit um eine "Anstellung, evtl. im Zwischenverdienst" gehandelt
hat. Dieser Hinweis und auch die übrigen Akten geben aber nicht Aufschluss darüber,
ob eine Festanstellung oder eine befristete Stelle, eine lohnmässig zumutbare oder
unzumutbare Arbeit in Frage gestanden hat. Letzteres wäre für die Frage des
Einstellungsgegenstandes von Bedeutung. Wenn es sich um eine Festanstellung
gehandelt haben sollte, erscheint es weniger wahrscheinlich, dass der
Beschwerdeführer für die Zeit von einem bis eineinhalb Monaten noch angestellt
geworden wäre. Handelte es sich aber um eine befristete Arbeit, allenfalls als
Zwischenverdienst, so hätte für ihn eine reale Chance bestanden, bei diesem
Taxiunternehmen arbeiten zu können.
2.3 Aufgrund der Akten ist eine abschliessende Beurteilung nicht möglich. Von einer
Rückweisung zur weiteren Abklärung der Modalitäten der zugewiesenen Stelle ist
indessen abzusehen, da die genauen Umstände sich zum heutigen Zeitpunkt kaum
mehr eruieren lassen, was zur Gutheissung der Beschwerde führen muss. Hinzu
kommt, dass aufgrund der Akten höchst fraglich erscheint, ob die zugewiesene Stelle
überhaupt zumutbar gewesen wäre. Der Beschwerdeführer hat nach seinem
Stellenverlust bei der E._ AG von der Personalberaterin erneut eine Stellenzuweisung
als "Aushilfe Taxichauffeur" für Taxi C._ erhalten (act. A 57) und sich dort beworben.
Ab 30. Juni 2010 war er dort tätig, allerdings zu unklaren und ungeklärten Konditionen
(vgl. act. A 70). Ab 1. August 2010 wurden für die Stelle "Taxi/Wassertaxifahrer/
Allrounder" Einarbeitungszuschüsse bewilligt (act. A 77). Zwar erfolgte die Anstellung
formell über "Team XX._". Kontrollperson war aber C._, der auch als
geschäftsführender Gesellschafter figuriert. Die eigentliche Tätigkeit wurde
offensichtlich über die C._ D._ AG geführt, bei der wiederum C._ als
Verwaltungsrat mit Einzelunterschrift im Handelsregister eingetragen ist. Da der
Beschwerdeführer u.a. für seine Arbeitsleistung im Juli 2010 den Lohn nicht erhielt und
auf weitere Ungereimtheiten bei der Arbeitgeberin stiess, löste er das Arbeitsverhältnis
Mitte August 2010 auf (vgl. act. A 92). Gemäss Handelsregisterauszug wurde die
"Team XX._" bereits am 30. September 2010 durch den Einzelrichter des
Bezirksgerichts Z._ aufgelöst, und es wurde ihre Liquidation nach den Vorschriften
über den Konkurs angeordnet. Das Konkursverfahren wurde mit Verfügung des
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Konkursrichters vom 1. November 2010 mangels Aktiven eingestellt. Die "formelle"
Arbeitgeberin hat sich zu den Umständen der Vertragsauflösung nicht vernehmen
lassen. Auch hier sind und bleiben die Umstände im Dunkeln. Die bekannten
Verhältnisse (kein Arbeitsvertrag für die Beschäftigung bis 1. August 2010, keine
Lohnzahlungen, keine minimale Beschäftigung, vgl. act. A 70, 72, 92) lassen es als
höchst fraglich erscheinen, dass die am 11. Februar 2010 zugewiesene Stelle zumutbar
gewesen wäre. Bei dieser Ausgangslage kann letztlich auch offen bleiben, ob die
Angaben des Beschwerdeführers zu seiner gesundheitlichen Situation Mitte Februar
bzw. Anfang März 2010 den tatsächlichen Gegebenheiten entsprochen haben oder
nicht.
3.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die Beschwerde unter Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheids vom 2. September 2010 gutzuheissen ist.
4.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP