Decision ID: 2f243b07-22bd-5664-b98c-0e9b2123d28d
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im Juli 2014 unter Hinweis auf eine seit der Geburt bestehende
Entwicklungsverzögerung zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
angemeldet (IV-act. 1). Der Kinderarzt Dr. med. B._ berichtete im August 2014 (IV-
act. 11), derzeit sei kein Geburtsgebrechen ausgewiesen; „genetische Abklärungen“
seien noch „am laufen“. Die Versicherte leide an einem psychomotorischen
Entwicklungsrückstand unklarer Ätiologie. Ein im Jahr 2014 erstelltes MRI habe einen
unauffälligen Befund gezeigt; auch eine Stoffwechselabklärung habe unauffällige
Resultate ergeben. Im September 2014 teilte Dr. med. C._ vom Ostschweizer
Kinderspital mit (IV-act. 14), es sei noch nicht abschliessend beurteilbar, ob der
psychomotorische Entwicklungsrückstand auf ein Geburtsgebrechen zurückzuführen
sei. Die Entwicklungsverzögerung habe sich schon früh gezeigt. Trotz diversen
Abklärungen habe die Ursache bislang aber nicht gefunden können. Im Februar 2015
berichtete die Augenärztin Dr. med. D._ (IV-act. 25), die Versicherte leide an einem
Astigmatismus beidseits, links ausgeprägter als rechts, an einer Hyperopie beidseits
und an einer physiologischen Anisocorie. Sie befinde sich seit September 2013 in
augenärztlicher Behandlung. Die Sehentwicklung werde weiter überwacht werden
müssen. Am 25. März 2015 notierte Dr. med. E._ vom IV-internen regionalen
ärztlichen Dienst (RAD), die versicherungsmedizinischen Voraussetzungen für die
Gewährung von medizinischen Massnahmen bei einem Geburtsgebrechen seien bisher
nicht erfüllt, doch würden zurzeit noch diverse weitere Abklärungen durchgeführt (IV-
act. 26). Mit einem Vorbescheid vom 31. März 2015 teilte die IV-Stelle der Mutter der
Versicherten mit (IV-act. 28), dass sie die Abweisung des Begehrens um die Vergütung
von medizinischen Massnahmen vorsehe. Zur Begründung führte sie aus, es liege kein
von der Invalidenversicherung anerkanntes Geburtsgebrechen vor. Die
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Anspruchsvoraussetzungen des Art. 12 IVG seien ebenfalls nicht erfüllt. Hilfsmittel
optischer Art würden nur von der Invalidenversicherung abgegeben, wenn das
Sehvermögen mit einer optimalen Korrektur höchstens 0,2 an einem Auge oder
höchstens 0,4 an beiden Augen betrage oder wenn das Auge nicht zentral fixieren
könne. Am 29. Mai 2015 verfügte die IV-Stelle gemäss diesem Vorbescheid (IV-act. 32).
A.b Am 9. März 2016 berichtete Dr. B._ (IV-act. 35), die Versicherte leide an einer
gemischten Cerebralparese mit einem hypoton-ataktischen Muster. Es handle sich
dabei um das Geburtsgebrechen Ziff. 390 Anh. GgV. Die Versicherte benötige eine
Physiotherapie. Sämtliche Untersuchungen hätten bislang unauffällige Resultate
ergeben. In der letzten neuropädiatrischen Kontrolle im Jahr 2015 sei erstmalig ein
Intensions- und Ruhetremor beschrieben worden. Die Physiotherapeutin habe
angegeben, dass sich immer mehr ein ataktisches Bild mit einem zunehmend steifen
Gangbild und einem unsicheren Gang zeige. Eine klare Spastizität sei nicht feststellbar.
Athetoide Bewegungsmuster seien nicht vorhanden. Die muskuläre Hypotonie, die
früher im Vordergrund gestanden habe, weiche zusehends einer Ataxie. Am 29. April
2016 notierte der RAD-Arzt und Neuropädiater Dr. med. F._ (IV-act. 38), bei der im
November 2013 durchgeführten ersten Untersuchung im Ostschweizer Kinderspital, für
die ein sehr erfahrener Neuropädiater beigezogen worden sei, habe keine
Cerebralparese festgestellt werden können. Auch nach einer zweiten Untersuchung im
März 2014 sei keine Cerebralparese diagnostiziert worden. Die klinischen Befunde
seien ungefähr mit jenen vergleichbar gewesen, die im November 2013 erhoben
worden seien. Jegliche klinische Zeichen für eine ataktische Cerebralparese hätten
gefehlt. Der Kinderarzt Dr. B._ beschreibe nun neue Befunde, die auf eine
Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Versicherten hindeuteten, was nicht
zu einer statisch verlaufenden Cerebralparese passe. Auch habe er keine typischen
Zeichen für eine ataktische Cerebralparese beschrieben. Die
Anspruchsvoraussetzungen für die Anerkennung eines Geburtsgebrechens seien daher
nach wie vor nicht erfüllt. Mit einem Vorbescheid vom 13. Mai 2016 teilte die IV-Stelle
der Mutter der Versicherten mit, dass sie die Abweisung des Leistungsbegehrens
vorsehe (IV-act. 40). Dagegen wandte diese am 1. Juni 2016 ein (IV-act. 45), ihre
Tochter zeige schon seit jeher einen psychomotorischen Entwicklungsrückstand und
habe schon als Kleinkind verschiedene Therapien benötigt. Die Abweisung sämtlicher
Leistungsbegehren ohne vertiefte Abklärungen sei rechtswidrig. Der Eingabe lagen
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zwei Abklärungsberichte der heilpädagogischen Früherziehungsdienste des Kantons
G._ vom 21. Mai 2010 und vom 1. Juli 2010, ein Bericht des schulpsychologischen
Dienstes des Kantons St. Gallen vom 10. Juli 2013, ein Physiotherapiezwischenbericht
vom 19. November 2015 sowie drei Berichte der heilpädagogischen Schule bei. Am 1.
Juli 2016 hielt der RAD-Arzt Dr. F._ fest (IV-act. 46), aus den neu eingereichten
Berichten ergäben sich keine Hinweise für eine Cerebralparese. Nach wie vor handle es
sich um eine Entwicklungsverzögerung unbekannter Ätiologie. Mit einer Verfügung vom
8. Juli 2016 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (IV-act. 47).
B.
B.a Am 1. September 2016 liess die nun durch einen Rechtsagenten vertretene
Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die
Verfügung vom 8. Juli 2016 erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache zur weiteren
Abklärung an die Beschwerdegegnerin. Zur Begründung führte er an, die IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe nicht einmal einen aktuellen Bericht des
Ostschweizer Kinderspitals eingeholt. Damit habe sie offenkundig ihre
Untersuchungspflicht verletzt. Aus dem neusten Bericht des Ostschweizer
Kinderspitals vom 2. August 2016 gehe hervor, dass die Beschwerdeführerin einen
Ruhetremor und eine leichte Dysmetrie gezeigt habe. Das seien typische Befunde einer
Cerebralparese. Entgegen der offenbar vom RAD-Arzt vertretenen Auffassung sei in
den neuen Befunden keine Progredienz zu erblicken. Vielmehr zeigten sich seit jeher
vorhandene Befunde nun stetig deutlicher. Der Beschwerde lag ein Bericht des
Ostschweizer Kinderspitals vom 2. August 2016 bei (act. G 1.3). Darin hatten die
behandelnden Kinderärzte einen psychomotorischen Entwicklungsrückstand unklarer
Ätiologie mit einem dezenten Intensions- und Ruhetremor und mit einer minimalen
Dysmetrie sowie eine Anisocorie der rechten Pupille unklarer Genese diagnostiziert.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 11. November 2016 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie aus, die von Dr. B._ geschilderten
Befunde passten gemäss den überzeugenden Ausführungen des RAD-Arztes nicht zu
einer Cerebralparese. In den gesamten medizinischen Akten fänden sich keine
pathologischen neurologischen Befunde, die eine spastische, ataktische oder
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dyskinetische cerebrale Parese belegten. Auch im aktuellen Bericht hätten die Ärzte
des Ostschweizer Kinderspitals weiterhin kein Geburtsgebrechen diagnostiziert. Der
RAD-Arzt habe dazu festgehalten (IV-act. 56), die Ärzte des Ostschweizer Kinderspitals
hätten eine cerebrale Parese diagnostiziert, wenn sie auch nur diskret ausgeprägte
Befunde dafür festgestellt hätten. Das sei bei der Beschwerdeführerin aber
offensichtlich nicht der Fall gewesen. Die Anisocorie sei kein Symptom einer
Cerebralparese. Bei der Physiotherapie handle es sich nicht um eine medizinische
Massnahme im Sinne des Art. 12 IVG, denn sie diene der Behandlung des Leidens an
sich und wäre auch notwendig, wenn die Beschwerdeführerin nicht die Schule
besuchen würde (vgl. auch IV-act. 59).
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 12. Dezember 2016 an ihrem Antrag festhalten
(act. G 10). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 11 f.).

Erwägungen
1.
Laut dem Art. 13 Abs. 1 IVG hat eine versicherte Person bis zum vollendeten 20.
Altersjahr einen Anspruch auf die zur Behandlung eines Geburtsgebrechens
notwendigen medizinischen Massnahmen. Gemäss dem Art. 12 Abs. 1 IVG hat eine
versicherte Person zudem bis zum vollendeten 20. Altersjahr einen Anspruch auf
medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an sich, sondern
unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben gerichtet und geeignet sind, die
Erwerbsfähigkeit dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor einer wesentlichen
Beeinträchtigung zu bewahren. Die Art. 12 und 13 IVG stimmen bezüglich der
Anspruchsvoraussetzungen weitgehend überein und sehen dieselbe
Rechtsfolgeanordnung vor, nämlich die Vergütung der Kosten von medizinischen
Massnahmen durch die Invalidenversicherung. Der Unterschied zwischen den beiden
Normen besteht darin, dass ein Leistungsanspruch gestützt auf den Art. 13 IVG auf
jene Geburtsgebrechen beschränkt ist, die eine Leistungspflicht der
Invalidenversicherung begründen können (Art. 13 Abs. 2 IVG und GgV), während der
Leistungsanspruch gestützt auf den Art. 12 IVG auf eingliederungswirksame
Behandlungen beschränkt ist. Im Anwendungsbereich des Art. 13 IVG spielt die
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Eingliederungswirksamkeit keine Rolle. Im Anwendungsbereich des Art. 12 IVG ist es
dagegen unerheblich, ob es sich bei der Gesundheitsbeeinträchtigung um ein Geburts-
oder um ein erworbenes Gebrechen handelt. Für die Prüfung eines
Leistungsbegehrens, das auf eine medizinische Massnahme abzielt, muss in aller Regel
geprüft werden, ob ein Anspruch gestützt auf den Art. 13 IVG oder gestützt auf den Art.
12 IVG besteht. Die Beschwerdegegnerin hat vorliegend bei der Anspruchsprüfung zu
Recht beide Normen berücksichtigt. Den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens
bildet folglich zunächst die Frage, ob die Beschwerdeführerin – gestützt auf den Art. 13
IVG oder gestützt auf den Art. 12 IVG – einen Anspruch auf eine Vergütung der Kosten
der laufenden Physiotherapie hat. Zum Verfahrensgegenstand gehört aber auch die
Frage, ob die Beschwerdeführerin an einem Geburtsgebrechen leidet, das eine
Leistungspflicht der Invalidenversicherung gestützt auf den Art. 13 IVG auslöst. Mit
einer entsprechenden Feststellung (vgl. Art. 49 Abs. 2 ATSG) könnte die
Beschwerdeführerin nämlich nicht nur die Vergütung der Kosten der Physiotherapie,
sondern auch die Vergütung der Kosten von allfälligen weiteren, nicht spezifisch
eingliederungswirksamen medizinischen Massnahmen beantragen.
2.
Der Kinderarzt Dr. B._ hat zwar geltend gemacht, die Beschwerdeführerin leide an
einer angeborenen Cerebralparese. In seinem Bericht hat er aber nicht überzeugend
begründet, weshalb es sich bei der Entwicklungsverzögerung unklarer Ätiologie um
eine Cerebralparese im Sinne der Ziff. 390 Anh. GgV handle. Er hat keine Befunde
genannt, die diese Behauptung hätten untermauern können, und er hat keine neuen
Erkenntnisse zur Genese des Entwicklungsrückstandes erwähnt. Der RAD-Arzt Dr.
F._ hat überzeugend aufgezeigt, dass Dr. B._ keine der typischen Symptome einer
Cerebralparese erwähnt hatte und dass die von Dr. B._ beschriebene Progredienz
einzelner Symptome eindeutig gegen das Vorliegen einer Cerebralparese sprächen.
Entgegen der Auffassung des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin hat der RAD-
Arzt Dr. F._ nicht etwa neue Erkenntnisse zu einem unveränderten Zustand
fälschlicherweise als Progredienz missinterpretiert, sondern vielmehr anschaulich
anhand eines Vergleichs verschiedener Befunde dargelegt, dass sich der
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin tatsächlich verschlechtert hatte. Auch Dr.
B._ hat im Übrigen in seinem Bericht eine Progredienz hinsichtlich einzelner
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Symptome beschrieben. Schliesslich haben auch die behandelnden Ärzte des
Ostschweizer Kinderspitals weiterhin eine Entwicklungsverzögerung unklarer Ätiologie
und nicht etwa – Dr. B._ folgend – eine Cerebralparese diagnostiziert. Das spricht
ebenfalls gegen die Zuverlässigkeit der Angabe von Dr. B._, es liege eine
Cerebralparese vor. Gesamthaft bestehen also ernsthafte Zweifel an der Diagnose
einer Cerebralparese. Selbst wenn das Vorliegen einer Cerebralparese hätte
nachgewiesen werden können, wäre damit aber noch nicht hinreichend belegt, dass
diese angeboren – und nicht etwa erworben – wäre. Auch das Gegenteil (dass also
keine angeborene Cerebralparese vorliege) ist nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt. Aus den Berichten von Dr. B._ und
des Ostschweizer Kinderspitals geht hervor, dass bereits umfangreiche Abklärungen
bezüglich der Frage nach der Genese der Entwicklungsverzögerung getätigt worden
sind, die jedoch allesamt keinen wesentlichen neuen Erkenntnisgewinn verschafft
haben. Bei dieser Sachlage hat in antizipierender Beweiswürdigung von weiteren,
durch die Beschwerdegegnerin in Auftrag gegebenen medizinischen Abklärungen keine
bessere Kenntnis des Sachverhaltes mehr erwartet werden können. Folglich liegt eine
objektive Beweislosigkeit hinsichtlich der Frage vor, ob die Beschwerdeführerin an
einer angeborenen Cerebralparese (Ziff. 390 Anh. GgV) leidet. Mangels einer
spezifischen sozialversicherungsrechtlichen Regelung der Folgen einer objektiven
Beweislosigkeit hat die Beschwerdeführerin lückenfüllend in analoger Anwendung des
Art. 8 ZGB den Nachteil dieser Beweislosigkeit zu tragen, da sie aus dem Nachweis
einer angeborenen Cerebralparese einen Vorteil für sich ableiten könnte, nämlich eine
Leistungspflicht der Invalidenversicherung gestützt auf den Art. 13 IVG. Folglich hat die
Beschwerdegegnerin die Anwendbarkeit des Art. 13 IVG zu Recht verneint.
3.
3.1 Als einzige medizinische Massnahme, für die ein Anspruch der Beschwerdeführerin
gestützt auf den Art. 12 IVG zu prüfen ist, steht eine Physiotherapie zur Diskussion,
denn nur diese medizinische Massnahme ist im Zeitpunkt der Eröffnung der
angefochtenen Verfügung durchgeführt worden. Eine RAD-Ärztin hat angegeben, die
Physiotherapie diene der Behandlung des Leidens an sich, da sie unabhängig von ihrer
Eingliederungswirksamkeit durchgeführt werde respektive auch durchgeführt würde,
wenn eine Eingliederung der Beschwerdeführerin ins Erwerbsleben gar nicht in Frage
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käme. Dieses Argument geht an der Sache vorbei, denn massgebend ist nur, ob die
Physiotherapie bloss der Behandlung des Leidens an sich dient oder ob sie einen
Eingliederungszweck verfolgt. Dem Bericht der Physiotherapeutin vom 19. November
2015 lässt sich entnehmen, dass die Physiotherapie im Gesamtförderplan der
heilpädagogischen Schule eine wichtige Funktion einnimmt. Sie dient also offenkundig
zu einem wesentlichen Teil der schulischen und damit natürlich auch der späteren
beruflichen Eingliederung der Beschwerdeführerin. Obwohl sie gleichzeitig auf eine
Verbesserung der Selbständigkeit der Beschwerdeführerin im häuslichen Alltag abzielt,
lässt sich ihre Eingliederungswirksamkeit also nicht abstreiten. Würde die
Beschwerdeführerin nämlich keine Physiotherapie mehr erhalten, dürfte sich ihre
Beweglichkeit im weiteren Verlauf stark vermindern, was zur Folge hätte, dass sie
schlimmstenfalls die Schule nicht mehr weiter besuchen könnte, dass sie jedenfalls
aber später kaum mehr in der Lage wäre, eine berufliche Ausbildung zu absolvieren
oder eine Erwerbstätigkeit auszuüben. Die Physiotherapie verhindert eine solche
Entwicklung. Folglich dient sie nicht nur der Behandlung des Leidens an sich, weshalb
die Beschwerdeführerin gestützt auf den Art. 12 IVG grundsätzlich einen Anspruch auf
die Vergütung der Kosten der Physiotherapie durch die Invalidenversicherung hat.
3.2 Nun könnte eingewendet werden, es sei fraglich, ob die Beschwerdeführerin je
einer Erwerbstätigkeit werde nachgehen können. Diesbezüglich ist aber zunächst
darauf hinzuweisen, dass nicht nur die Fähigkeit, im ersten („ungeschützten“)
Arbeitsmarkt erwerbstätig sein zu können, vom Eingliederungszweck des Art. 12 IVG
erfasst ist. Auch eine Vorbereitung auf eine Tätigkeit in einem geschützten Rahmen gilt
als eine anspruchsbegründende Eingliederungsmassnahme (vgl. Art. 16 Abs. 2 lit. a
IVG), sofern die versicherte Person dabei einen ökonomischen Mehrwert generieren
kann. Laut der bundesgerichtlichen Rechtsprechung muss die versicherte Person ein
Erwerbseinkommen erzielen können, das mindestens einen beachtlichen Teil der
Unterhaltskosten deckt (AHI 2000 S. 187 ff.). Praxisgemäss wird ein Leistungslohn von
mindestens 2.55 Franken pro Stunde vorausgesetzt (Rz 3010 KSBE). Die Frage, ob das
pauschale Abstellen auf diesen eher willkürlich anmutenden Stundenlohn die
Abgrenzung zwischen einer ökonomisch relevanten Tätigkeit im geschützten Bereich
und einer reinen Beschäftigungstherapie in einer gesetzmässigen Weise erlaube, kann
im vorliegenden Verfahren offen gelassen werden, da angesichts des jungen Alters der
Beschwerdeführerin noch keine konkrete Massnahme zur Diskussion steht.
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Entscheidend ist jedenfalls, dass eine Tätigkeit in einer geschützten Werkstätte, mit der
ein relevantes Einkommen erzielt werden kann, als ein Eingliederungsziel zu
qualifizieren ist, das einen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung verschafft (vgl. dazu auch den Entscheid IV 2016/61 des St.
Galler Versicherungsgerichtes vom 7. September 2017, E. 1.1). Nach der
bundesgerichtlichen Terminologie muss die spätere ökonomisch relevante
Erwerbsfähigkeit „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit“ feststehen. Ein solcher
Nachweis kann aber nicht geführt werden, denn es geht dabei nicht um ein
Sachverhaltselement, das sich mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit ermitteln liesse, sondern um eine Prognose für die Zukunft, die
naturgemäss nicht beweisbar ist. Folglich kann in Bezug auf die spätere
Erwerbsfähigkeit nur mit Plausibilitäten operiert werden. Je jünger eine versicherte
Person und je weiter eine allfällige spätere Erwerbsfähigkeit in der Zukunft liegt, umso
schwieriger ist es, eine plausible Prognose abzugeben. Dabei ist auch zu
berücksichtigen, dass die ersten Lebensjahre eines Menschen in aller Regel von einer
stetigen Entwicklung geprägt sind, was Prognosen über einen Zeitraum von vielen
Jahren regelmässig verunmöglicht. In Bezug auf Kinder wird es daher nur in wenigen
Ausnahmefällen möglich sein, eine spätere Eingliederungsunfähigkeit mit der
notwendigen Plausibilität zu prognostizieren. In aller Regel muss deshalb wohl bei
(jüngeren) Kindern eine objektive Beweislosigkeit angenommen werden. Den Nachteil
dieser Beweislosigkeit müssten an sich die Versicherten tragen, die aus der
unbewiesen gebliebenen Anspruchsvoraussetzung einen Vorteil für sich ableiten
könnten (vgl. Art. 8 ZGB). Das hätte aber zur Folge, dass die Anwendung des Art. 12
IVG auf wenige Fallkonstellationen beschränkt würde. Dies liesse sich offenkundig
nicht mit dem Sinn und Zweck des Art. 12 IVG vereinbaren, der auf eine Optimierung
der (späteren) Erwerbsfähigkeit und damit auf eine Minimierung des Risikos, eine Rente
auszahlen zu müssen, abzielt. Jede durchgeführte Eingliederungsmassnahme leistet
grundsätzlich einen Beitrag zu dieser Optimierung; jede verweigerte
Eingliederungsmassnahme gefährdet eine spätere Erwerbsfähigkeit. Je früher eine
Eingliederungsmassnahme durchgeführt wird, umso bessere Erfolge sind davon für die
spätere Erwerbsfähigkeit zu erwarten. Kurz vor dem Beginn einer allfälligen beruflichen
Eingliederung dürfte von medizinischen Massnahmen nämlich in aller Regel nicht mehr
derselbe Erfolg wie von frühzeitig begonnenen und dann über Jahre hinweg
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konsequent durchgeführten medizinischen Massnahmen erwartet werden. Das spricht
ebenfalls für die Notwendigkeit, selbst bei einer unsicheren Prognose so früh als
möglich mit medizinischen Massnahmen zu beginnen. Angesichts des Umstandes,
dass Eingliederungsmassnahmen im Verhältnis zu Rentenleistungen in aller Regel
wesentlich kostengünstiger sind, ist die Verweigerung einer Eingliederungsmassnahme,
die das Risiko einer späteren Rentenleistung erhöht, als unverhältnismässig zu
qualifizieren. Vor diesem Hintergrund drängt sich eine Umkehr der Beweislast auf:
Wenn nicht mit einer hohen Plausibilität feststeht, dass die versicherte Person später
selbst im besten Fall und trotz maximaler Unterstützung durch die
Invalidenversicherung kein ökonomisch relevantes Erwerbseinkommen wird erzielen
können (weshalb Eingliederungsmassnahmen zum Vorneherein ohne jeden Einfluss auf
einen späteren Rentenanspruch wären), muss – dem Sinn und Zweck des Art. 12 IVG
entsprechend – ein Anspruch auf eine medizinische Eingliederungsmassnahme bejaht
werden (sofern auch die übrigen Voraussetzungen erfüllt sind). Vor diesem Hintergrund
kann es beispielsweise eine blosse Entwicklungsverzögerung bei einem zehnjährigen
Knaben nicht rechtfertigen, eine medizinische Massnahme mit der Begründung zu
verweigern, dieser werde später wohl kaum ein solches Erwerbseinkommen erzielen
(anderer Meinung mit vor diesem Hintergrund unzutreffender Begründung: Urteil des
Bundesgerichtes 9C_842/2016 vom 27. April 2017, E. 5). Da die Beschwerdeführerin im
Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen Verfügung erst acht Jahre alt gewesen ist
und da keine Umstände ersichtlich sind, die eine spätere ökonomisch relevante
Erwerbsfähigkeit zum Vorneherein als unrealistisch erscheinen liessen, kann keine
ausreichend plausible Prognose bezüglich einer späteren Eingliederungsfähigkeit
abgegeben werden. Zudem besteht die noch am plausibelsten erscheinende Prognose
darin, dass die Beschwerdeführerin nach dem Ende der Schulzeit wohl kaum
eingliederungsfähig sein dürfte, wenn ihre Beweglichkeit bis dahin nicht mittels einer
Physiotherapie erhalten bliebe. Folglich rechtfertigt es sich nicht, der
Beschwerdeführerin die Vergütung der Kosten der Physiotherapie vorzuenthalten und
damit eine Begünstigung einer möglichen Invalidität zu riskieren (vgl. zum Ganzen den
Entscheid IV 2016/61 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 7. September 2017,
E. 1.2).
3.3 Daran ändert der Umstand, dass die Beschwerdeführerin wohl noch während
Jahren auf eine Physiotherapie angewiesen sein wird, nichts. Das Bundesgericht
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behautet zwar, dass eine medizinische Massnahme nicht direkt auf eine Eingliederung
abziele, wenn sie primär auf eine Stabilisierung eines instabilen Gesundheitszustandes
abziele, da die Anwendung des Art. 12 IVG grundsätzlich einen stabilen
Gesundheitszustand im Sinne einer abgeschlossenen Heilung mit einem verbleibenden
pathologischen oder Defektzustand voraussetze. Diese Rechtsprechung stammt aber
aus der Zeit vor der fünften IVG-Revision, mit der der Anspruch gestützt auf den Art. 12
IVG auf Versicherte beschränkt worden ist, die das 20. Altersjahr noch nicht vollendet
haben. Nach dieser Gesetzesänderung ist die Gefahr einer jahrzehntelangen
Leistungspflicht der Invalidenversicherung dahingefallen, die das Bundesgericht mit
seiner erwähnten Rechtsprechung offenbar hatte minimieren wollen. Heute ist jeder
Anwendungsfall des Art. 12 IVG ein Ausnahmefall im Sinne der veralteten
Rechtsprechung, laut der vom oben erwähnten Grundsatz hatte abgewichen werden
können, wenn bei Kindern und Jugendlichen damit zu rechnen war, dass ohne die
fragliche medizinische Massnahme eine unvollständige Heilung oder ein sonstwie die
Berufsbildung oder die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender stabilisierter Zustand
eintreten würde (vgl. ZAK 1981 S. 547). Vorliegend zielt die Physiotherapie aber
ohnehin nicht auf eine Stabilisierung eines instabilen Zustandes, sondern auf die
Erzielung von weiteren Fortschritten und damit auf die Verbesserung der späteren
Eingliederungs- beziehungsweise Erwerbsfähigkeit der Beschwerdeführerin ab,
weshalb keine „Dauertherapie“ im Sinne der überholten bundesgerichtlichen
Rechtsprechung vorliegt. Die möglicherweise lange Therapiedauer spricht also nicht
gegen die Leistungspflicht der Invalidenversicherung. Die Beschwerdegegnerin wird
aber selbstverständlich regelmässig zu überprüfen haben, ob die Physiotherapie
weiterhin wirksam und zweckmässig ist beziehungsweise ob der Anspruch auf die
Physiotherapie revisionsweise angepasst werden muss.
3.4 Zusammenfassend steht also fest, dass die Beschwerdeführerin gestützt auf den
Art. 12 IVG einen Anspruch auf die Vergütung der Kosten einer wirksamen und
zweckmässigen Physiotherapie hat. Die Sache ist folglich in Aufhebung der
angefochtenen leistungsverweigernden Verfügung vom 8. Juli 2016 zur Fortsetzung
des Verwaltungsverfahrens, das heisst zur Prüfung der weiteren
Anspruchsvoraussetzungen und zur anschliessenden Zusprache der notwendigen
Physiotherapie, an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
4.
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Die angefochtene Verfügung erweist sich zusammenfassend als rechtswidrig, weshalb
sie aufzuheben ist. Die Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss
zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine
Parteientschädigung auszurichten. Angesichts des geringen Aktenumfangs und der
Beschränkung des Verfahrens auf wenige isolierte Rechtsfragen ist der erforderliche
Vertretungsaufwand als deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren. Die
Entschädigung wird deshalb praxisgemäss auf Fr. 2'000.-- (einschliesslich Barauslagen
und Mehrwertsteuer) festgesetzt.