Decision ID: 62a99eea-b2d1-5d12-a044-7ec7f00b1f8a
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwältin Franziska Wenk, MLaw, Rechtsanwälte.og42,
Oberer Graben 42, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 24. Mai 2002 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1).
Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte am 21. März 2003 von Dr. med. B._,
Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, und von Dr. med. C._, Facharzt
FMH für Innere Medizin, speziell Rheumaerkrankungen, begutachtet. Die Gutachter
diagnostizierten eine leichte Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.0), einen Status nach
Knieoperation rechts 1993 sowie ein zervikales und lumbovertebrales
Schmerzsyndrom. Aus psychiatrischer sowie aus rheumatologischer Sicht sei die
Versicherte in Kontrastierung der subjektiv vorgebrachten Symptomatik im Prinzip voll
arbeitsfähig. Körperlich leichte Tätigkeiten mit wechselnden (sitzenden und stehenden)
Positionen "wirkten dem Krankheitsgedanken der Versicherten entgegen". Aufgrund
der Chronifizierung und der teilweisen Verselbstständigung der Symptome sei die
Prognose des Krankheitsverlaufs jedoch vorsichtig zu stellen (Gesamtgutachten vom
1. April 2003, IV-act. 28; zum rheumatologischen Teilgutachten vom 24. März 2003
siehe IV-act. 29). Am 1. März 2004 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des
Rentengesuchs (IV-act. 40). Die dagegen gerichtete Einsprache vom 15. März 2004 (IV-
act. 43) wies die IV-Stelle mit Entscheid vom 16. Januar 2007 ab (IV-act. 94). Das
Versicherungsgericht hiess die gegen den Einspracheentscheid erhobene Beschwerde
vom 16. Februar 2007 (IV-act. 96) gestützt auf verschiedene nach Verfügung vom
1. März 2004 ergangene medizinische Berichte, worin der Versicherten eine 50%ige
Arbeitsfähigkeit bescheinigt worden war und woraus sich eine gesundheitliche
Verschlechterung ergebe, teilweise gut und sprach der Versicherten eine halbe Rente
ab 1. Februar 2006 zu (Urteil vom 18. August 2008, IV 2007/86, IV-act. 106). Die IV-
Stelle erhob gegen dieses Urteil am 24. September 2008 Beschwerde in öffentlich-
rechtlichen Angelegenheiten (IV-act. 107). Am 1. Oktober 2008 teilte die Versicherte der
IV-Stelle mit, ihr Gesundheitszustand habe sich noch einmal erheblich verschlechtert.
Die Voraussetzungen für eine Überprüfung der Angelegenheit angesichts veränderter
Umstände seien gegeben (IV-act. 109). Im Urteil vom 29. Mai 2009, 9C_803/2008, hob
das Bundesgericht das kantonale Urteil in Gutheissung der Beschwerde der IV-Stelle
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auf. Es gelangte zur Auffassung, dass die diagnostizierten mittelgradigen Episoden
keine von depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbare andauernde
Depression im Sinn eines verselbstständigten Gesundheitsschadens darstellten und
dass von einer Überwindbarkeit der somatoformen Schmerzstörung auszugehen sei
(IV-act. 112).
A.b Zusammen mit der Wiederanmeldung vom 4. September 2009 (IV-act. 114) reichte
die Versicherte einen Bericht des behandelnden Dr. med. D._, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, vom 7. August 2009 (worin eine 50%ige Arbeitsfähigkeit
bescheinigt wurde, IV-act. 116) und von der behandelnden Dr. med. E._, FMH
Physikalische Medizin und Rehabilitation, vom 7. August 2009 (worin als
"Hauptdiagnose für die Neuanmeldung" ein zervikoradikuläres Syndrom C7 erwähnt
und eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert wird, IV-act. 117) ein. Die IV-Stelle teilte
der Versicherten am 8. September 2009 mit, ein Revisionsgesuch sei bereits am
1. Oktober 2008 gestellt worden. Dieses sei bis zum Vorliegen des
Bundesgerichtsurteils sistiert gewesen. Mittlerweile sei die Bearbeitung des Gesuchs
vom 1. Oktober 2008 an die Hand genommen worden (IV-act. 119). Im von der IV-
Stelle eingeholten Verlaufsbericht vom 6. Oktober 2009 führte Dr. E._ aus, die
zusätzlichen Beschwerden durch das zervikoradikuläre Syndrom C7 seien von
objektivem Befund. Mit einer Arbeitsfähigkeit sei nicht mehr zu rechnen (IV-act. 122).
Dr. D._ berichtete am 20. November 2009, der Gesundheitszustand sei seit 2007
stationär geblieben. Die Förster-Kriterien ("EVG-Kriterien") seien nicht erfüllt, womit
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht attestiert werden
könne (IV-act. 124).
A.c RAD-Arzt Dr. F._ untersuchte die Versicherte am 17. Dezember 2009. Er
gelangte zum Schluss, aufgrund der Befunde mit weitgehend normaler
Kopfbeweglichkeit, fehlenden motorischen Ausfällen und leichter, nicht
dermatombezogener Angabe einer Dysästhesie der linken Hand müsse auch
hinsichtlich des cervico-radikulären Reizsyndroms C7 links (bei im MRI
nachgewiesenem Diskusprolaps C6/7 mit Kompression der linksseitigen C7 Wurzel)
von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten ausgegangen
werden (IV-act. 127).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.d Im Vorbescheid vom 14. Januar 2010 zeigte die IV-Stelle der Versicherten an, das
Rentengesuch abzuweisen (IV-act. 132). Dagegen erhob die Versicherte am
19. Februar 2010 Einwand und reichte einen Bericht von Dr. D._ vom 25. Januar
2010 ein. Darin führte dieser aus, in der Zwischenzeit hätte sich der
Gesundheitszustand der Versicherten verschlechtert, wobei gegenwärtig vordergründig
eine massive Akzentuierung der abhängig-histrionischen Persönlichkeitszüge stehe,
was zu einer "Suizidhandlung" anfangs Januar 2010 geführt habe. Wegen des
depressionsfördernden Verlusts einer sinnvollen Tagesstruktur sei die Versicherte in die
Tagesklinik des Psychiatriezentrums G._ überwiesen worden (IV-act. 133). Die in der
Tagesklinik behandelnde Dr. med. H._ diagnostizierte bei Behandlungsbeginn am
22. Januar 2010 eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome bei
bekannter rezidivierender depressiver Störung (ICD-10: F33.2). Momentan bestehe eine
leicht- bis mittelgradig depressive Episode (ICD-10: F33.1; Bericht vom 13. Oktober
2010, IV-act. 139; siehe ferner die ergänzende Stellungnahme vom 9. März 2011, worin
der Versicherten aufgrund der starken Schwankungen der psychischen Erkrankung für
das ganze Jahr 2010 ab Eintrittsdatum eine 100%ige und ab Januar 2011 eine 50%ige
Arbeitsunfähigkeit bescheinigt wurde, IV-act. 143). Am 15. Juni 2011 reichte die
Versicherte weitere medizinische Berichte (Austrittsberichte der Psychiatrischen Klinik
I._ vom 8. Januar 2004 und vom 28. Dezember 2009, IV-act. 150) ein (IV-act. 149).
Dr. H._ berichtete am 15./19. September 2011, der Gesundheitszustand der
Versicherten sei seit 9. März 2011 stationär geblieben. Von der psychiatrischen
Erkrankung her wäre eine 50%ige Arbeitsfähigkeit gegeben (IV-act. 153).
A.e Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte am 21. März 2012 polydisziplinär
(orthopädisch-rheumatologisch und psychiatrisch) in der MEDAS Ostschweiz
untersucht. Die Experten diagnostizierten mit Einschränkung der zumutbaren
Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte bis
mittelgradige depressive Episode mit somatischem Syndrom (ICD-10: F33.01/F33.11).
Ohne wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit seien ein chronisches,
generalisiertes myofasziales bzw. tendomyogenes Schmerzsyndrom, eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) und eine histrionische
Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.4). Sowohl für die angestammte Tätigkeit (als
Mitarbeiterin in der Endkontrolle bei einer Präzisionsoptikfirma) als auch für (andere)
leidensangepasste Tätigkeiten bestehe aufgrund des psychiatrischen Krankheitsbilds
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit. Die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bestehe seit
dem Bericht von Dr. D._ vom 25. Januar 2010 (Gutachten vom 18. Juni 2012, IV-
act. 162). RAD-Arzt Dr. med. J._, Facharzt für Chirurgie, hielt die gutachterliche
Beurteilung für schlüssig (Stellungnahme vom 25. Juni 2012, IV-act. 163).
A.f Mit neuerlichem Vorbescheid vom 26. Juli 2012 stellte die IV-Stelle der
Versicherten gestützt auf einen ermittelten Invaliditätsgrad von 30% die Abweisung des
Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 167). Dagegen erhob die Versicherte am
21. September 2012 Einwand und reichte weitere medizinische Berichte ein (Bericht
von Dr. med. K._, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin des Spitals L._, vom
28. August 2012, sowie ärztliches Zeugnis von Dr. E._ vom 5. September 2012, IV-
act. 170). Am 22. Oktober 2012 (IV-act. 173) überliess die Versicherte der IV-Stelle
einen Bericht von Dr. H._ vom 17. Oktober 2012 (IV-act. 174). RAD-Arzt Dr. J._
würdigte die eingereichten Berichte und vertrat die Auffassung, es könne weiterhin an
der gutachterlichen Beurteilung festgehalten werden (Stellungnahme vom
14. November 2012, IV-act. 175). Am 14. November 2012 verfügte die IV-Stelle die
Abweisung des Rentengesuchs (IV-act. 176).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 14. November 2012 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 17. Dezember 2012. Die Beschwerdeführerin beantragt darin unter
Kosten- und Entschädigungsfolge deren Aufhebung. Es sei ihr ab Februar 2010 eine
angemessene Invalidenrente zu bezahlen. Sie hält das MEDAS-Gutachten nicht für
beweiskräftig und die medizinische Abklärung durch die Beschwerdegegnerin für
unvollständig. Insbesondere sei nicht nachvollziehbar, weshalb keine neurologische
Teilbegutachtung stattgefunden habe (act. G 1). In der Beschwerdeergänzung vom
22. Januar 2013 bringt die Beschwerdeführerin vor, selbst wenn von einer 70%igen
Arbeitsfähigkeit ausgegangen würde, resultiere ein Rentenanspruch, da sich bei der
Bemessung des Invalideneinkommens ein Tabellenlohnabzug von 15% rechtfertige
(act. G 3). Mit der Beschwerde reicht die Beschwerdeführerin u.a. einen Verlaufsbericht
von Dr. med. M._, Leitender Arzt Anästhesie/FA Interventionelle Schmerztherapie am
Spital L._, vom 6. November 2012 ein (act. G 1.7).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b RAD-Arzt Dr. J._ nahm am 25. Januar 2013 aus medizinischer Sicht Stellung zur
Beschwerde. Aus seiner Sicht ergebe sich keine Notwendigkeit weiterer medizinischer
Abklärungen (IV-act. 184). Die Beschwerdegegnerin beantragt in der
Beschwerdeantwort vom 7. März 2013 die Abweisung der Beschwerde. Sie hält das
MEDAS-Gutachten für beweiskräftig. Entgegen der Auffassung der
Beschwerdeführerin sei sie in der MEDAS Ostschweiz auch neurologisch abgeklärt
worden (das Gutachten sei von einem Facharzt für Neurologie FMH mitunterzeichnet),
wobei die neurologische Untersuchung keinerlei Hinweise auf eine (floride) neuro-
radikuläre Symptomatik gezeigt habe. Für eine vertiefte neurologische Abklärung
hätten die Vorakten und die Untersuchungsbefunde keinerlei Anlass geboten. Sodann
sei zu beachten, dass die gutachterlich bescheinigte Arbeitsunfähigkeit
invalidenversicherungsrechtlich nicht relevant sei (act. G 5).
B.c Mit Präsidialverfügung vom 13. März 2013 wird dem Gesuch der
Beschwerdeführerin um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von
den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung)
entsprochen (act. G 6).
B.d In der Replik vom 16. August 2013 hält die Beschwerdeführerin unverändert an der
Beschwerde fest. Bei der Verneinung einer invalidisierenden Wirkung des depressiven
Leidens verkenne die Beschwerdegegnerin, dass im MEDAS-Gutachten festgehalten
werde, die depressive Störung stehe in keinem reaktiven Verhältnis zur somatoformen
Schmerzstörung. Des Weiteren sei ihr eine willentliche Schmerzüberwindung nicht
zumutbar (act. G 14).
B.e Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Duplik verzichtet (act. G 16).

Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch
der Beschwerdeführerin.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.1 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 des Bundesgesetzes über
den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Erwerbsun
fähigkeit ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die
Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG). Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60%
invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf
eine halbe Rente und bei einem IV-Grad von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
1.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswerts eines ärztlichen Berichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a).
1.3 Im Sozialversicherungsprozess gelten die Grundsätze der Untersuchungspflicht
und der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Demgemäss hat der
Versicherungsträger bzw. im Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien
gebunden zu sein. Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zusätzliche Abklärungen stets vorzunehmen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53 E. 4a in fine).
2.
Zunächst ist die Frage zu beantworten, ob der medizinische Sachverhalt rechts
genüglich abgeklärt ist. Die Beschwerdegegnerin stützte sich in der angefochtenen
Verfügung auf das MEDAS-Gutachten vom 18. Juni 2012 (IV-act. 176). Die
Beschwerdeführerin hält dieses aus verschiedenen Gründen nicht für beweiskräftig
(act. G 1 und G 14).
2.1 Gegen die gutachterlich-psychiatrische Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bringt die
Beschwerdeführerin vor, diese lasse sich nicht mit den übrigen medizinischen
Berichten und der Einschätzung von Dr. K._ vereinbaren (act. G 1, Rz 12 ff., und act.
G 14, S. 6).
2.1.1 In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass ein den
Beweisanforderungen grundsätzlich genügendes medizinisches Gutachten (BGE 125 V
351 f. E. 3a und b) nicht in Frage gestellt werden kann und nicht ohne weiteres Anlass
zu weiteren Abklärungen besteht, wenn und sobald die behandelnden medizinischen
Fachpersonen nachher zu einer unterschiedlichen Beurteilung gelangen oder an
vorgängig geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Anders verhält es sich
nur, wenn objektiv feststellbare Gesichtspunkte vorgebracht werden, die im Rahmen
der Begutachtung unerkannt geblieben waren und die geeignet sind, zu einer anderen
Beurteilung zu führen (Urteil des Bundesgerichts vom 29. Juli 2008, 9C_830/2007,
E. 4.3 mit Hinweisen). Ferner kann eine psychiatrische Exploration von der Natur der
Sache her nicht ermessensfrei erfolgen. Sie eröffnet der begutachtenden
psychiatrischen Fachperson daher praktisch immer einen gewissen Spielraum,
innerhalb dessen verschiedene medizinisch-psychiatrische Interpretationen möglich,
zulässig und zu respektieren sind, sofern der Experte oder die Expertin lege artis
vorgegangen ist (Urteil des Bundesgerichts vom 5. März 2009, 8C_694/2008, E. 5.1.1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1.2 Bei der Würdigung des psychiatrischen Teils des Gutachtens fällt ins
Gewicht, dass sich der Experte ausführlich über mehrere Seiten mit der einschlägigen
medizinischen Voraktenlage auseinandergesetzt hat (act. G 162-33 ff.). Abweichungen
von der mehrheitlich in den Vorakten bescheinigten 50%igen Einschränkung
begründete er damit, dass einerseits die anhaltende somatoforme Schmerzstörung
nicht aufgeführt werde und andererseits auch die histrionische Persönlichkeit kaum
berücksichtigt werde. Schliesslich werde bei Aufführen der anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung nicht auf die Foerster-Kriterien eingegangen (act. G 162-38).
2.1.3 Des Weiteren ergibt sich weder aus den Akten noch wird von der
Beschwerdeführerin substanziiert dargelegt dass objektiv wesentliche Gesichtspunkte
im Rahmen der psychiatrischen Begutachtung ausser Acht gelassen worden wären
oder dass die Begutachtung nicht lege artis vorgenommen worden wäre.
2.1.4 Was den von der Beschwerdeführerin ins Feld geführten Bericht von
Dr. K._ vom 28. August 2012 anbelangt, worin sich dieser zum MEDAS-Gutachten
äusserte, so vermag dieser den psychiatrischen Teil des Gutachtens nicht in Zweifel zu
ziehen. Denn Dr. K._ wies ausdrücklich darauf hin, dass ihm eine vertiefte
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nicht möglich sei. Des Weiteren könne er
"grundsätzlich" die Überlegungen des Psychiaters und Rheumatologen nachvollziehen.
Die teilweise Arbeitsunfähigkeit ergebe sich in erster Linie aufgrund der
"psychiatrischen Erkrankung" und höchstens sekundär aufgrund der muskulären und
skelettären Schmerzen. Diesbezüglich stimme er mit der Beurteilung der Gutachter
überein (IV-act. 170-9). Er hielt lediglich das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit für nicht
nachvollziehbar und erachtete eine mindestens 50%ige Arbeitsunfähigkeit als
gerechtfertigt (IV-act. 170-10). Dabei benannte er keine abweichenden objektiven
Gesichtspunkte, sondern interpretierte lediglich den Sachverhalt anders als der
psychiatrische Gutachter (vgl. etwa betreffend den Suizidversuch vom 19. November
2011 die Beurteilung durch den psychiatrischen Gutachter in IV-act. 162-35), was keine
Zweifel an dessen Beurteilung entstehen lässt, zumal Dr. K._ nicht über eine
fachpsychiatrische Ausbildung verfügt.
2.2 In somatischer Hinsicht ist nach der Auffassung der Beschwerdeführerin nicht
nachvollziehbar, weshalb keine schmerztherapeutische bzw. neurologische
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtung erfolgt sei. Sodann habe Dr. M._ ausgeführt, dass die
Schmerzursachen mit dem radiologischen Befund erklärbar seien. Ferner hätte er eine
neurochirurgische Beurteilung empfohlen (act. G 1, Rz 17, und G 14, S. 3). Die
Gutachter hätten hierzu keine Stellung genommen (act. G 14, S. 3 f.).
2.2.1 Vorweg ist hinsichtlich der orthopädisch-rheumatologischen Begutachtung
festzustellen, dass diese den Anforderungen an beweiskräftige medizinische
Beurteilungen genügt (vgl. vorstehende E. 1.2) und die Beschwerdeführerin auch nichts
Gegenteiliges vorbringt.
2.2.2 Angesichts dessen, dass Dr. K._ die Arbeitsfähigkeit in ausdrücklicher
Übereinstimmung mit den Gutachtern in erster Linie aufgrund der psychiatrischen
Erkrankung und "höchstens sekundär aufgrund der muskulären und skelettären
Schmerzen" für eingeschränkt hielt (IV-act. 170-9) und Dr. M._ keine Hinweise auf
neurologische Defizite fand (act. G 1.7, S. 1), ist ein neurologischer Abklärungsbedarf
zu verneinen, zumal sich auch aus den übrigen Akten kein solcher ergibt. Ergänzend
kann auf die zutreffenden Ausführungen der Beschwerdegegnerin (act. G 5, Rz 6)
verwiesen werden. Ferner wurden mit Dr. M._ keine weiteren Kontroll- oder
Behandlungstermine vereinbart (act. G 1.7, S. 2). Deshalb und weil keine anderen
Umstände für eine (zusätzliche) schmerztherapeutische Begutachtung sprechen,
verletzt der Verzicht darauf nicht den Untersuchungsgrundsatz.
2.2.3 Zwar empfahl Dr. M._ eine neurochirurgische Beurteilung (act. G 1.7, S. 2).
Allerdings erfolgte diese Empfehlung in therapeutischem Zusammenhang ("Da die
periradikuläre Therapie nur eine vorübergehende Besserung bewirkt hat, ist von einer
Wiederholung keine längerfristige Schmerzlinderung zu erwarten. Vielmehr habe ich der
Patientin eine neurochirurgische Beurteilung empfohlen. Eine Operation wird aber von
der Patientin abgelehnt, [...]") und nicht hinsichtlich der Arbeitsfähigkeitsbeurteilung,
weshalb sich Weiterungen erübrigen.
2.2.4 Ein Mangel an der gutachterlichen Beurteilung wird auch nicht durch den
Umstand begründet, dass Dr. M._ die Beschwerden für "absolut glaubhaft" hielt und
es als "nicht zulässig" betrachtet, die Schmerzsymptomatik alleine mit der psychischen
Komponente erklären zu wollen (act. G 1.7, S. 2). Diese Auffassung ist - soweit sie die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit betrifft - nicht bloss mit der gutachterlichen Beurteilung, sondern auch
mit derjenigen von Dr. K._ nicht Einklang zu bringen. Dieser stimmte hinsichtlich des
im Vordergrund stehenden psychischen Leidens mit dem MEDAS-Gutachten überein
(IV-act. 170-9; vgl. ferner vorstehende E. 2.2.2). Sodann stellte Dr. M._ bei seiner
Beurteilung ausdrücklich auf die Leidensschilderung der Beschwerdeführerin ("absolut
glaubhaft", act. G 1.7, S. 2) und die (gerichtete) klinische Untersuchung (act. G 1.7,
S. 1) ab, ohne die gewonnenen Eindrücke zu hinterfragen. Angesichts der im MEDAS-
Gutachten ausführlich beschriebenen erheblichen Selbstlimitation und Inkonsistenz
zwischen gerichtetem und ungerichtetem Untersuchungsgang (IV-act. 162-25; siehe
auch die Ausführungen in IV-act. 162-41 unten) vermag die Einschätzung von Dr. M._
keine Zweifel an der gutachterlichen Beurteilung entstehen zu lassen. Denn sie
unterscheidet nicht zwischen objektivierbarem Leiden und den subjektiv empfundenen
Beeinträchtigungen.
2.2.5 Im Licht dieser Umstände bestehen auch hinsichtlich des physischen
Leidensbilds weder ein Mangel am Gutachten noch ein Bedarf für weitere Abklärungen
(insbesondere auch für die von der Beschwerdeführerin geforderte Stellungnahme der
Gutachter). Ergänzend kann auf die damit einhergehende Stellungnahme des RAD vom
14. November 2012 (IV-act. 175-2) verwiesen werden.
2.3 Vor diesem Hintergrund ist gestützt auf das beweiskräftige Gutachten der MEDAS
Ostschweiz davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin ab Januar 2010 (IV-
act. 162-43) über eine 70%ige Restarbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
verfügt. Die Frage, ob dieser die invalidisierende Wirkung abzusprechen ist, wie die
Beschwerdegegnerin vorbringt (act. G 5, Rz 12), kann mangels Relevanz für den
Rentenanspruch offen bleiben (vgl. nachstehende E. 3.2).
3.
Die von der Beschwerdegegnerin auf gleicher betraglicher Grundlage ermittelten
Vergleichseinkommen (IV-act. 176) sind von der Beschwerdeführerin grundsätzlich
nicht bestritten worden, und es ergeben sich keine Hinweise für eine mangelhafte
Berechnung. Die Beschwerdeführerin rügt einzig, dass sich bei der Bestimmung des
Invalideneinkommens ein 15%iger Tabellenlohnabzug rechtfertige (act. G 3, Rz 5 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Nach der Rechtsprechung hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass
Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen - auch von invaliditätsfremden Faktoren - des konkreten Einzelfalles ab
(namentlich leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/
Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen sind, wobei der maximal zulässige Abzug auf 25%
festzusetzen ist. Eine schematische Vornahme des Tabellenlohnabzugs ist unzulässig
(BGE 126 V 79 E. 5b, bestätigt in AHI 2002 S. 62 und BGE 129 V 481 E. 4.2.3 mit
Hinweisen).
3.2 Unter Berücksichtigung, dass gemäss gutachterlicher Beurteilung die
angestammte Tätigkeit qualitativ im Wesentlichen einer optimal leidensangepassten
Tätigkeit entspricht (IV-act. 162-43), fällt vorliegend höchstens ein 10%iger Abzug in
Betracht. Zumindest sind keine Umstände erkennbar, die eine Erhöhung des im Urteil
des Versicherungsgerichts vom 18. August 2008, IV 2007/86, E. 7.3, (ohne Bedeutung
für die Rentenhöhe) gewährten 10%igen Abzugs (IV-act. 106-16 f.) rechtfertigen. Bei
Gewährung eines 10%igen Abzugs resultiert ein nicht rentenbegründender
Invaliditätsgrad von 37% (30% + [70% x 10%]).
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde vom 17. Dezember 2012 abzuweisen.
4.2 Der Beschwerdeführerin wurde die unentgeltliche Rechtspflege am 13. März 2013
bewilligt (act. G 6). Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse der Beschwerdeführerin es
gestatten, kann sie jedoch zur Nachzahlung verpflichtet werden (Art. 99 Abs. 2 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1] i.V.m. Art. 123 Abs. 1 der
Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO/CH; SR 272]).
4.3 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Der
unterliegenden Beschwerdeführerin ist die Gerichtsgebühr in der Höhe von Fr. 600.--
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/13
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist sie von der Bezahlung zu
befreien.
4.4 Der Staat ist zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung zu verpflichten, für die
Kosten der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin aufzukommen. Die
Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht
auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des
Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO pauschal Fr. 1'000.--
bis Fr. 12'000.--. Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hat keine Kostennote
eingereicht. In der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit erscheint mit Blick auf
vergleichbare Fälle (vgl. etwa Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 9. Mai 2011, IV 2009/234) eine pauschale Parteientschädigung von
Fr. 3'500.-- angemessen. Diese ist um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 AnwG).
Somit hat der Staat die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin pauschal (BGE 125 V
201) mit Fr. 2'800.-- (inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP