Decision ID: 49aa1539-959b-4df0-a7cd-73f0b2065d58
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ war bei der B._ AG als C._ tätig und dadurch bei der Schweizerische
Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG (nachfolgend: Mobiliar) obligatorisch gegen die
Folgen von Unfällen versichert. Am 11. September 2019 meldete die Arbeitgeberin der
Mobiliar, der Versicherte habe sich am 23. August 2019 beim Rüsten "in vollem Schuss
umgedreht" und sei mit dem Rücken gegen einen Gabelstapler gestossen (UV-act.
UM). Der erstbehandelnde Dr. med. D._, Facharzt Innere Medizin FMH, hatte am 2.
September 2019 die Diagnose einer Lumboischialgie gestellt und eine Infiltration
durchgeführt. Da diese keine Besserung gebracht hatte, hatte der Versicherte tags
darauf Dr. med. E._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, konsultiert. Dieser war von
einem Lumboradikulärsyndrom ausgegangen und hatte eine MR-Untersuchung
veranlasst (vgl. UV-act. M8). Diese hatte am 4. September 2019 eine grossvolumige
breitbasige mediolinkslateral bevorzugte Hernierung der Bandscheibe L5/S1 mit links
mehr als rechts rezessaler Einengung und Nervenwurzelkompression linksseitig vor
allem S1, eine dehydrierte und höhengeminderte Bandscheibe sowie mässige
Degenerationen der Intervertebralgelenke L4/5 und L5/S1 zur Darstellung gebracht
(UV-act. M1). Dr. E._ hatte dem Versicherten vom 2. bis 8. September 2019 eine
Arbeitsunfähigkeit von 100 % attestiert (UV-act. AUZ1).
A.a.
Ab 9. September 2019 war der Versicherte durch Dr. med. F._, Chiropraktor
SCG/ECU, behandelt worden. Dieser hielt in seinem Bericht vom 24. September 2019
als vorläufige Diagnosen eine Kontusion der Wirbelsäule und ein lumboradikuläres
Syndrom mit Nervenwurzelkompression S1 links fest (UV-act. M2). Er attestierte dem
A.b.
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Versicherten vom 7. September bis 10. Oktober 2019 eine Arbeitsunfähigkeit von 100
% (UV-act. AUZ2, davon abweichend UV-act. AUZ3 [vom 7. bis 24. September 2019
100 %; ab 25. September 2019 50 %]).
Am 27. September 2019 beurteilte Dr. med. G._, Arzt für Chirurgie und
Orthopädie, beratender Arzt der Mobiliar, die Prellung/Kontusion der
Lendenwirbelsäule (LWS) sei überwiegend wahrscheinlich auf das Unfallereignis vom
23. August 2019 zurückzuführen. Die übrigen Veränderungen, insbesondere die
Diskushernie L5/S1, seien sicher nicht unfallkausal. Der Status quo sine sei spätestens
am 4. September 2019 (Ausschluss traumatischer Veränderungen per MRT) erreicht
gewesen (UV-act. M3).
A.c.
Mit Schreiben vom 30. September 2019 teilte die Mobiliar dem Versicherten mit,
seine Beschwerden stünden ab dem 5. September 2019 nicht mehr mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit in Zusammenhang mit dem Ereignis vom 23. August 2019. Sie
lehne daher ab diesem Datum einen Anspruch auf Versicherungsleistungen ab (UV-act.
K5).
A.d.
Dr. E._ wies den Versicherten am 18. Oktober 2019 Dr. med. H._, Neurologie
FMH, zu. Er führte aus, der Versicherte habe sich am 3. September 2019 wegen
starker, krampfartiger Rückenschmerzen mit Ausstrahlung ins linke Bein bei ihm
gemeldet. Wohl aufgrund von sprachlichen Schwierigkeiten habe er damals nicht
realisiert, dass offenbar am 23. August 2019 ein Unfall mit einem Gabelstapler
stattgefunden habe. Gemäss jetziger Übersetzungshilfe durch seine Ehefrau sei der
Versicherte damals beim Umdrehen mit seiner linken Gesässhälfte heftig gegen die
Gabel eines Gabelstaplers gestossen. Es finde sich eine ausgeprägte Druckdolenz über
dem Valleix-Punkt links, so dass er von einer Ischiadicus-Quetschung ausgehe und um
eine diesbezügliche Beurteilung ersuche (UV-act. M4). Dr. H._ diagnostizierte am 26.
Oktober 2019 eine posttraumatische Ischialgie links nach Unfall vom 23. August 2019.
Sie beurteilte, klinisch bestünden keine neurologischen Ausfälle. Elektrophysiologisch
habe sie keine relevante neurogene Läsion zur linken unteren Extremität nachweisen
können. Sie empfehle die Weiterführung der intensiven physikalisch-medizinischen
Therapie inklusive Akupunktur (UV-act. M5 f.).
A.e.
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B.
Am 22. Oktober 2019 hatte Dr. E._ der Mobiliar ein "Wiedererwägungsgesuch"
eingereicht. Er hatte darin im Wesentlichen den Inhalt des Schreibens vom 18. Oktober
2019 an Dr. H._ (vgl. UV-act. M4) wiederholt und geltend gemacht, unter diesen
neuen Gesichtspunkten sei klar von einer Unfallfolge auszugehen. Er hatte die Mobiliar
daher gebeten, für die diesbezüglichen Heilungs- und Arbeitsunfähigkeitskosten
aufzukommen (UV-act. M7, vgl. auch das Schreiben vom 15. November 2019; UV-act.
M8). Er hatte dem Versicherten vom 10. bis 20. Oktober 2019 eine Arbeitsunfähigkeit
von 100 % und vom 21. Oktober bis 30. November 2019 eine solche von 50 %
attestiert (UV-act. AUZ4 f.).
A.f.
Dr. G._ beurteilte am 26. November 2019, es lägen keinerlei Hinweise dafür vor,
dass die Veränderungen der LWS traumatisch bedingt seien. Aufgrund der Eingabe
von Dr. E._ ergäben sich keine Gründe, um von der bisherigen Beurteilung
abzuweichen (UV-act. M9).
A.g.
Mit Verfügung vom 3. Dezember 2019 stellte die Mobiliar ihre Leistungen per 5.
September 2019 ein (UV-act. K14).
A.h.
Dagegen erhob der Versicherte am 13. Dezember 2019 Einsprache. Er reichte
mehrere Berichte von behandelnden Ärzten, insbesondere von Dr. med. I._, J._
Praxis, von Dr. med. K._, Orthopädie L._ und von Dr. med. M._, Facharzt für
Chirurgie, ein (UV-act. K16). Dr. I._ hatte am 19. November 2019 berichtet, dass er
den Versicherten seit 25. Oktober 2019 mitbetreue. Dieser leide nach einem Schlag
vom Gabelstapler bei der Arbeit unter starken Schmerzen am linken Gesäss. Die
Schmerzen hätten sich zum Teil auf den lateralen proximalen Oberschenkel
"verteilt" (UV-act. M10). Dr. K._ hatte am 6. Dezember 2019 über eine ambulante
Untersuchung vom 4. Dezember 2019 berichtet, bei welcher er eine am 23. August
2019 erlittene Hüftkontusion diagnostiziert hatte. Er hatte befunden, es bestehe ein
regelrechter Verlauf und mithilfe der Physiotherapie werde ein "Status quo ante"
erreicht werden. Der Versicherte sei zu 25 % arbeitsunfähig (UV-act. M12, bzgl. der
Arbeitsunfähigkeit von 25 % vom 2. bis 15. Dezember 2019 vgl. UV-act. AUZ6). Dr.
M._ hatte in seinem Bericht vom 10. Dezember 2019 eine Kontusion Trochanter
major links diagnostiziert. Der Versicherte sei vor drei Monaten mit der linken Hüfte
B.a.
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C.
gegen einen Gabelstapler gestossen und habe seither Schmerzen im Bereich des
Trochanters links. Die Prognose sei gut, der Versicherte solle weiterhin
physiotherapeutisch und antiphlogistisch behandelt werden. Eventuell sei eine
Infiltration zu erwägen (UV-act. M11).
Mangels wesentlicher Linderung der Beschwerden veranlasste Dr. K._ auf
Wunsch des Versicherten eine MR-Untersuchung (UV-act. M13). Diese ergab am 14.
Januar 2020 eine diskrete Bursitis trochanterica, eine etwas verstärkte acetabuläre
Überdachung mit grundsätzlicher Konstellation zu einem femoroazetabulären Pincer-
Impingement sowie eine kulineare Signalalteration am Labrum kranioventral basisnah
(Differentialdiagnose: kleiner sublabraler Sulcus/kleiner Einriss; UV-act. M14). Am 24.
Januar 2020 führte Dr. K._ aus, aufgrund der MR-Untersuchung seien keine
Traumafolgen eruierbar. Die Physiotherapie solle mit Fokus auf den Tractus iliotibialis
und allenfalls Stosswelle am Trochanter major weitergeführt werden (UV-act. M15).
B.b.
Im Auftrag der Mobiliar erstellte Dr. med. N._, Facharzt für Chirurgie, am 28. Juli
2020 ein Aktengutachten. Er beurteilte, die Diskushernie L5/S1 könne nicht durch den
Unfall vom 23. August 2019 verursacht worden sein. Bezüglich einer Prellung bzw.
Kontusion der LWS sei ab dem 5. September 2019 von einem Status quo sine
auszugehen. Eine kontusionsbedingte Quetschung des Nervus ischiadicus sei sodann
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen. Es sei nicht erklärbar, dass der
Versicherte nun erst drei Monate nach dem Ereignis angegeben habe, er habe sich die
linke Hüfte angeschlagen, nicht das linke Gesäss. Auch an der linken Hüfte lägen aber
keine traumabedingten Folgen vor. Der Entscheid der Mobiliar, wonach ab dem 5.
September 2019 ein Status quo sine bestehe, sei dementsprechend korrekt (UV-act.
M17).
B.c.
Mit Entscheid vom 29. Januar 2021 wies die Mobiliar die Einsprache ab (UV-act.
K20).
B.d.
Dagegen erhob der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer), vertreten durch
Rechtsanwalt lic. rer. publ. HSG M. B. Graf, St. Gallen, am 24. Februar 2021
Beschwerde. Er beantragte, der Einspracheentscheid vom 29. Januar 2021 sei
C.a.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und vorliegend zu prüfen ist der Anspruch des
Beschwerdeführers gegenüber der Beschwerdegegnerin auf vorübergehende
Versicherungsleistungen (Heilbehandlung, Taggelder) über den 5. September 2019
hinaus.
aufzuheben und die Mobiliar (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) sei zu verpflichten,
ihm die gesetzlichen Leistungen (insbesondere Heilbehandlung und Taggelder) über
den 5. September 2019 hinaus zu gewähren; alles unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Eventualiter seien die behandelnden Ärzte und Therapeuten
anzufragen, welche Diagnosen bzw. Befunde Ursache der Arbeitsunfähigkeit gewesen
seien und welche Beschwerden behandelt und therapiert worden seien (act. G1).
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 25. Juni 2021 die vollumfängliche
Abweisung der Beschwerde (act. G7). Sie stützte sich dabei unter anderem auf eine
Stellungnahme von Dr. N._ vom 25. April 2021 (UV-act. M18).
C.b.
Mit Replik vom 13. September 2021 und Duplik vom 21. Oktober 2021 hielten die
Parteien an ihren Anträgen fest (act. G11, 13).
C.c.
Ist die versicherte Person infolge des Unfalls voll oder teilweise arbeitsunfähig (Art.
6 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
[ATSG; SR 830.1]), so hat sie Anspruch auf ein Taggeld (Art. 16 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über die Unfallversicherung [UVG; SR 832.20]). Die versicherte Person
hat zudem Anspruch auf die zweckmässige Behandlung der Unfallfolgen (Art. 10 UVG).
1.1.
Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der Unfallversicherung bildet die
Unfallkausalität. Eine Leistungspflicht besteht demnach nur für Gesundheitsschäden,
die natürlich und adäquat-kausal mit einem versicherten Unfallereignis
zusammenhängen (BGE 129 V 181 E. 3.1 f.; André Nabold, N 48 ff. zu Art. 6, in: Marc
Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz über die Unfallversicherung, Kommentar
zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht, 2018, [nachfolgend zitiert: KOSS UVG];
Irene Hofer, N 66 zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/Susanne Leuzinger/Kurt Pärli
[Hrsg.], Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019, [nachfolgend zitiert: BSK
UVG]; Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
1.2.
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Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 53 ff.). Der Beweis des
natürlichen Kausalzusammenhangs (bzw. des Wegfalls desselben) wird in erster Linie
mittels Angaben der medizinischen Fachpersonen geführt (Urteil des Bundesgerichts
vom 1. September 2008, 8C_522/2007, E. 4.3.2; KOSS UVG-Nabold, N 53 zu Art. 6;
BSK UVG-Hofer, N 66 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55). Bei physischen
Unfallfolgen spielt die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine
Rolle (BGE 135 V 250 E. 4 mit Hinweisen, 118 V 291 f. E. 3.a, 117 V 365 mit Hinweisen;
SVR 2000 Nr. 14 S. 45). Das Vorliegen eines natürlichen Kausalzusammenhangs bzw.
das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines
Gesundheitsschadens muss mit dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad
der überwiegenden Wahrscheinlichkeit verneint werden können bzw. nachgewiesen
sein. Die blosse Möglichkeit gänzlich fehlender Auswirkungen des Unfalls genügt nicht
(Thomas Locher/Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl.
2014, § 70 N. 58 f.; Rumo-Jungo/ Holzer, a.a.O., S. 4).
Eine durch einen Unfall verursachte Gesundheitsschädigung oder eine auftretende
Beschwerdesymptomatik kann einen zuvor intakten oder einen bereits
vorgeschädigten Körperteil betreffen. Ist letzteres der Fall kommt eine unfallkausale
Gesundheitsschädigung höchstens als vorübergehende oder richtunggebende
Verschlimmerung eines Vorzustandes in Betracht. Die Leistungspflicht des
Unfallversicherers bei einem verschlimmerten oder überhaupt erst manifest
gewordenen Vorzustand entfällt erst, wenn der Unfall nicht mehr die natürliche oder
adäquate Ursache des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also letzterer nur noch
und ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Dies trifft zu, wenn entweder
der Gesundheitszustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo
ante), oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf
eines krankhaften Vorzustands früher oder später eingestellt hätte (Status quo sine),
erreicht ist. Eine richtunggebende Verschlimmerung liegt vor, wenn medizinischerseits
feststeht, dass weder der Status quo sine noch der Status quo ante je wieder erreicht
werden können (vgl. KOSS UVG-Nabold, N 54 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 71 zu Art.
6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 54).
1.3.
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
1.4.
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2.
Der Beschwerdeführer erlitt am 23. August 2019 unbestritten einen Unfall, bei welchem
er gegen einen Gabelstapler stiess (vgl. UV-act. UM). Damit ist jedoch noch nichts
darüber ausgesagt, welche Verletzungen sich der Beschwerdeführer beim Unfall
zugezogen hat. In der Regel kann nur ein vom Unfall betroffener Körperteil eine
Verletzung mit nachfolgenden Beschwerden zeitigen. Gemäss Unfallmeldung schlug
der Beschwerdeführer mit dem Rücken gegen den Gabelstapler (UV-act. UM). Dr.
E._ realisierte offenbar vorerst nicht, dass es zu einem Unfall gekommen war. Er
diagnostizierte aber aufgrund der geklagten Rückenbeschwerden und des
diesbezüglich bestehenden Vorzustandes (vgl. UV-act. M2, act. G1.3) ein
Lumboradikulärsyndrom, veranlasste ein MRT der LWS und verordnete eine
chiropraktische Behandlung (vgl. UV-act. M1 f., M8). Erst am 18. Oktober 2019 führte
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Um den Gesundheitszustand beurteilen zu können, ist die Verwaltung und
im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben (BGE 125 V 261
E. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der
Anamnese abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Fachperson begründet und
nachvollziehbar sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Den Berichten und
Gutachten, welche die Versicherungen während des Administrativverfahrens von ihren
eigenen oder von beratenden Ärzten und Ärztinnen einholen, kann
rechtsprechungsgemäss ebenfalls Beweiswert beigemessen werden (BGE 135 V 467
ff. E. 4 und BGE 125 V 353 f. E. 3b/ee, je mit Hinweisen). In solchen Fällen sind an die
Beweiswürdigung jedoch strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe
Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen
Feststellungen, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 471 E. 4.7;
RKUV 1997 Nr. U 281 S. 281 f. E. 1a). Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass auch
reine Beurteilungen aufgrund der Akten beweiskräftig sein können, sofern ein
lückenloser Befund vorliegt und es im Wesentlichen nur um die fachärztliche
Beurteilung eines an sich feststehenden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die
direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteil
des Bundesgerichts vom 18. Juni 2014, 9C_196/2014, E. 5.1.1).
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Dr. E._ aus, er habe aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten des Beschwerdeführers
nicht realisiert, dass dieser am 23. August 2019 die linke Gesässhälfte heftig gegen die
Gabel eines Gabelstaplers gestossen habe. Er gehe nun von einer Ischiadicus-
Quetschung aus und veranlasse eine Beurteilung bei Dr. H._ (UV-act. M4, vgl. UV-
act. M7). Am 6. Dezember 2019 berichtete Dr. K._ sodann erstmals über eine
Hüftkontusion, welche der Beschwerdeführer am 23. August 2019 erlitten habe (UV-
act. M12). Den Akten sind also drei Varianten von Kontusionen, eine solche der LWS,
des Gesässes bzw. des Ischiasnervs und der Hüfte, zu entnehmen. Während der
Beschwerdeführer im Einspracheverfahren einen starken Zusammenstoss des
Gesässes mit dem Gabelstapler beschrieb (UV-act. K16), lässt er im
Beschwerdeverfahren vorbringen, er sei mit der Hüfte links gegen den Gabelstapler
geprallt. Aufgrund seiner sprachlichen Schwierigkeiten habe er dies als medizinischer
Laie mit dem Gesäss verwechselt (UV-act. M1, M11). Präsentiert eine versicherte
Person während des Verwaltungsverfahrens widersprüchliche oder inhaltlich
wechselnde Sachverhaltsdarstellungen, ist der Grundsatz zu berücksichtigen, dass die
spontanen "Aussagen der ersten Stunde" in der Regel unbefangener und zuverlässiger
sind als spätere Darstellungen, die bewusst oder unbewusst von nachträglichen
Überlegungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein können (BGE
121 V 47 E. 2a; RKUV 2004 2004 Nr. U 524 S. 546). Hierbei handelt es sich nicht um
eine förmliche Beweisregel, sondern lediglich um eine im Rahmen der freien
Beweiswürdigung zu berücksichtigende Entscheidungshilfe. Vorliegend erscheint ein
Anschlagen der Hüfte als die am wenigsten überzeugende Sachverhaltsversion, weil
den Akten eine solche erst über drei Monate nach dem Unfall zu entnehmen ist. Eine
(sprachliche) Verwechslung der Hüfte mit der LWS und insbesondere dem Gesäss
erscheint zwar insofern plausibel, als sich diese Körperteile - vor allem das Gesäss und
die Hüfte - zumindest gemäss einem laienhaften medizinischen Verständnis nahe
beieinander finden bzw. direkt aneinandergrenzen und der Beschwerdeführer aufgrund
seiner eingeschränkten Deutschkenntnisse allenfalls nicht in der Lage war, den
betroffenen Körperteil exakt zu benennen (vgl. act. G11). Der nachfolgend dargestellte
Verlauf der Beschwerden und der erhobenen Befunde sprechen jedoch insbesondere
gemäss der überzeugenden Beurteilung von Dr. N._ (UV-act. M18) höchstens für
eine Kontusion der LWS und gegen eine solche der Hüfte, was, wie dargelegt, eine
unfallkausale Verletzung der Hüfte ausschliesst. Im Regelfall führen erlittene
Verletzungen zu Schmerzen und werden unmittelbar im Anschluss an den Unfall oder
zumindest unfallnah auch wahrgenommen und im Rahmen einer ärztlichen
Untersuchung beschrieben.
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3.
Der Beschwerdeführer suchte am 2. September 2019, mithin 10 Tage nach dem
Unfall, Dr. O._ (Praxiskollege von Hausarzt Dr. E._) auf und klagte über heftige, ins
Bein ausstrahlende Rückenschmerzen. Dr. O._ diagnostizierte eine Lumboischialgie
und führte Infiltrationen durch. Mangels Besserung der Beschwerden konsultierte der
Beschwerdeführer tags darauf Dr. E._, welcher ein Lumboradikulärsyndrom
vermutete (vgl. UV-act. M8). Die von ihm veranlasste MR-Untersuchung brachte am 4.
September 2019 eine Diskushernie auf Höhe L5/S1 mit Kompression der Nervenwurzel
S1 links zur Darstellung (UV-act. M1). Nachdem Dr. E._ im Oktober 2019 realisiert
hatte, dass am 23. August 2019 ein Unfallereignis stattgefunden hatte (vgl. UV-act. M4,
M7, vgl. auch UV-act. M8), tätigte er weitere Abklärungen und verordnete
Physiotherapie (s. dazu unten E. 3.2.1). Der Beschwerdeführer war offenbar nie der
Ansicht, dass es beim Unfall vom 23. August 2019 zu einer Diskushernie gekommen
war und seine nach dem genannten Unfall aufgetretenen Beschwerden darauf
zurückzuführen gewesen seien (vgl. act. G1). Er verneint damit die Unfallkausalität der
im MRI vom 4. September 2019 dargestellten Veränderungen der LWS in
Übereinstimmung mit der Beschwerdegegnerin (act. G7). Es entspricht denn auch einer
medizinischen Erfahrungstatsache, dass praktisch alle Diskushernien degenerativ
entstehen. Ein Unfall im Rechtssinne kann nur ausnahmsweise als eigentliche Ursache
in Betracht fallen. Voraussetzung dafür ist in der Regel, dass das fragliche Ereignis von
besonderer Schwere und geeignet war, eine Schädigung der Bandscheibe
herbeizuführen, und die Symptome der Diskushernie (vertebrales oder radikuläres
Syndrom) unverzüglich und mit sofortiger Arbeitsunfähigkeit auftreten (RKUV 2000 Nr.
U 379 S. 193, E. 2a mit Hinweisen; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
vom 3. Oktober 2005, U 163/05, E. 3.; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55 f.). Diese
Voraussetzungen sind vorliegend unbestritten nicht erfüllt. Hingegen ist den Akten zu
entnehmen, dass der Beschwerdeführer bereits früher wegen Rückenbeschwerden in
Behandlung gewesen ist (vgl. act. G1.3, M1 f.). Es bestand damit ein gewisser
Vorzustand. Entsprechend der übereinstimmenden Ansicht der Parteien und der
Beurteilung von Dr. G._ sowie Dr. N._ ist insgesamt davon auszugehen, dass die
Veränderungen der LWS nicht durch das Unfallereignis vom 23. August 2019
verursacht wurden und bei einer allfälligen Kontusion der LWS spätestens am 4.
September 2019 (Datum der MR-Untersuchung) der Status quo sine wieder erreicht
war (vgl. act. G1, G7, G11, UV-act. M3, M9, M17 f.).
3.1.
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3.2.
In seinen Schreiben vom 18. und 22. Oktober 2019 erwähnte Dr. E._ erstmals,
gemäss Übersetzung der Ehefrau des Beschwerdeführers habe sich am 23. August
2019 ein Unfall ereignet, bei dem der Beschwerdeführer beim Umdrehen heftig mit
seiner linken Gesässhälfte gegen die Gabeln eines Gabelstaplers gestossen sei. Dr.
E._ habe bei der klinischen Untersuchung eine ausgeprägte Druckdolenz über dem
Valleix-Punkt links gefunden, so dass er von einer unfallbedingten Ischiadicus-
Quetschung ausgehe. Er habe Physiotherapie und hochdosiert NSAR verordnet.
Zudem habe er den Beschwerdeführer zur Abklärung an Dr. H._ überwiesen (UV-act.
M4, M7). Diese diagnostizierte am 26. Oktober 2019 eine posttraumatische Ischialgie
links nach Unfall. Sie beurteilte, klinisch bestünden keine neurologischen Ausfälle. Sie
habe elektrophysiologisch keine relevante neurogene Läsion zur linken unteren
Extremität, insbesondere keine axonale Radiculopathie S1 links bzw. L5 links und keine
Polyneuropathie, nachweisen können. Therapeutisch empfehle sie die Weiterführung
der intensiven physikalisch-medizinischen Therapie inklusive Akupunktur (UV-act. M5
f.). Damit war keine neurologische Beeinträchtigung nachweisbar. Die von Dr. E._
vermutete Ischiadicus-Quetschung wurde - soweit aktenkundig - nicht bestätigt. Dr.
I._ berichtete zwar am 19. November 2019 ebenfalls über eine starke
Schmerzangabe des Beschwerdeführers betreffend das linke Gesäss nach einem
Schlag von einem Gabelstapler, stellte jedoch keine konkrete Diagnose (UV-act. M10).
3.2.1.
Dr. N._ beurteilte am 28. Juli 2020, die von Dr. E._ postulierte Quetschung
des Nervus ischiadicus hätte theoretisch bei einem massiven Anprall des Gesässes
verursacht werden können. Dr. H._ habe eine solche Quetschung jedoch
elektrophysiologisch ausgeschlossen. Auch beim Chiropraktor Dr. F._ hätten keine
Hinweise für eine solche bestanden. Eine Quetschung des Nervus ischiadicus hätte
sofort zu entsprechenden Schmerzen mit einer Arbeitsunfähigkeit in der Logistik führen
müssen, was jedoch nicht der Fall gewesen sei. Mit einer derartigen Quetschung
hätten im MRI der LWS vom 4. September 2019 auch noch Hämatome und Ödeme
nachweisbar sein müssen. Solche hätten sich aber weder im genannten MRI der LWS,
noch im später durchgeführten MRI der linken Hüfte vom 14. Januar 2020 gezeigt. Die
Latenz vom Ereignis bis zur Erstkonsultation, die dafür fehlenden Befunde im MRI und
der Elektrophysiologie sowie auch der anschliessende Schmerzwechsel zur Hüfte (s.
dazu E. 2.3) schlössen eine kontusionsbedingte Quetschung des Nervus ischiadicus
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit aus (UV-act. M17, vgl. auch UV-act. M18).
3.2.2.
Damit ist eine Quetschung des Nervus ischiadicus anlässlich des Unfalls vom 23.
August 2019 nicht überwiegend wahrscheinlich nachgewiesen.
3.2.3.
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Der Beschwerdeführer macht im Beschwerdeverfahren eine Hüftkontusion sowie
damit zusammenhängende Beschwerden geltend (act. G1, G11).
3.3.
Dr. K._ berichtete am 6. Dezember 2019 erstmals über eine am 23. August
2019 erlittene Hüftkontusion. Der Beschwerdeführer werde seit ca. sechs Wochen
physiotherapeutisch behandelt, was zu einer deutlichen Regredienz der Beschwerden
mit noch verbleibenden Restbeschwerden von ca. 30 % geführt habe. Auch die
Akupunktur verhelfe ihm zu einer deutlichen Schmerzlinderung. Er sei noch zu 25 %
arbeitsunfähig. Der Verlauf sei regelrecht und mit weiterer Physiotherapie werde ein
Status quo ante erreicht. Eine MRI-Bildgebung sei nicht indiziert. Die Verlaufskontrollen
würden abgeschlossen, eine Wiedervorstellung sei bei Bedarf möglich (UV-act. M12).
Dr. K._ äusserte sich nicht zur Unfallkausalität der beklagten Beschwerden an der
Hüfte. Dem festgehaltenen Befund lassen sich - abgesehen von einer Druckdolenz
entlang des Tractus iliotibialis - zudem keine Auffälligkeiten entnehmen (vgl. UV-act.
M12). Dr. M._ diagnostizierte in seinem Bericht vom 10. Dezember 2019 eine
Kontusion Trochanter major links. Bei der gleichentags erfolgten Untersuchung hätten
sich keine Anhaltspunkte für eine lumboradikuläre Ursache der Beschwerden
gefunden. Es liege ein eindeutiges Unfallereignis vor und die Beschwerden seien
seither vorhanden. Die klinische Untersuchung passe zu den angegebenen
Beschwerden und zum Unfallereignis vom 23. August 2019. Die Prognose sei gut.
Auch Dr. M._ hielt neben einer Dolenz über dem Trochanter major und dem Tractus
iliotibialis einen unauffälligen Befund fest. Er empfahl die Weiterführung der
physiotherapeutischen und antiphlogistischen Behandlung sowie eventuell eine
Infiltration (UV-act. M11). Bezugnehmend auf diese beiden Berichte stellte Dr. N._ am
28. Juli 2020 grundsätzlich in Frage, ob am 23. August 2019 eine Kontusion der Hüfte
links stattgefunden habe, zumal der Beschwerdeführer diese erst drei Monate nach
dem Ereignis vorgebracht habe. Er begründete weiter, bei der Untersuchung von Dr.
K._ hätten sich keine Bewegungseinschränkungen gezeigt und auch Dr. M._ habe
über eine völlig unauffällige und physiologische Beweglichkeit der Hüfte berichtet (UV-
act. M17).
3.3.1.
Am 8. Januar 2020 klagte der Beschwerdeführer gegenüber Dr. K._ über
gleichbleibende Beschwerden an der linken Hüfte und wünschte eine MR-
Untersuchung (UV-act. M13). Diese ergab am 14. Januar 2020 eine diskrete Bursitis
trochanterica, eine etwas verstärkte acetabuläre Überdachung mit grundsätzlicher
Konstellation zu einem femoroazetabulären Pincer-Impingement sowie eine kulineare
Signalalteration am Labrum kranioventral basisnah (Differentialdiagnose: kleiner
sublabraler Sulcus/kleiner Einriss; UV-act. M14). Dr. N._ befand diesbezüglich in
3.3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
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