Decision ID: e7e9375c-40dd-4edf-a785-cca62c41bdd4
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X (geb. 1986) ist verheiratet und lebt in A. Am 2. Juni 2011 erhielt er das Schweizer
Bürgerrecht. Da er im selben Jahr das 25. Altersjahr erreichte, wurde er nicht mehr für
den Militärdienst rekrutiert, sondern der Ersatzabgabepflicht unterstellt. Bis zum
Erreichen des 30. Altersjahres leistete er in den Jahren 2012 bis 2016
Wehrpflichtersatz. Für das Jahr 2017 wurde ihm keine Abgabe mehr auferlegt.
B.- Nachdem sich die gesetzlichen Grundlagen geändert hatten, wurde X für das Jahr
2018 auf der Grundlage des für die direkte Bundessteuer gültigen steuerbaren
Einkommens von Fr. 54'500.– am 1. Oktober 2019 eine Wehrpflichtersatzabgabe in der
Höhe von Fr. 1'404.– in Rechnung gestellt. Dagegen legte X am 30. Oktober 2019
Einsprache ein. Das Amt für Militär und Zivilschutz des Kantons St. Gallen wies diese
mit Entscheid vom 4. November 2019 ab.
C.- Mit Schreiben vom 30. November 2019 erhob X Beschwerde bei der
Verwaltungsrekurskommission. Er beantragte sinngemäss, der Entscheid des Amtes
für Militär und Zivilschutz vom 4. November 2019 sei aufzuheben und auf die Erhebung
der Ersatzabgabe 2018 sei vollumfänglich zu verzichten.
Die Vorinstanz liess sich am 9. Januar 2020 zur Beschwerde vernehmen und
beantragte deren Abweisung. Mit Schreiben vom 28. Januar 2020 beantragte die
Eidgenössische Steuerverwaltung ebenfalls die Abweisung der Beschwerde. Der
Beschwerdeführer reichte am 16. Februar 2020 eine Stellungnahme dazu ein.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge und die

Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
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1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig (Art. 41 lit. h Ziff. 4 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Die Befugnis
zur Rechtsmittelerhebung ist gegeben. Die Beschwerde vom 30. November 2019 ist
rechtzeitig eingereicht worden. Sie erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 31 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 30 Abs. 2 des
Bundesgesetzes über die Wehrpflichtersatzabgabe, SR 661, abgekürzt: WPEG; Art. 21
Abs. 1 der Verordnung über die Wehrpflichtersatzabgabe, SR 661.1, abgekürzt: WPEV).
2.- a) Der Beschwerdeführer rügt in formeller Hinsicht eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs. Er macht geltend, die Vorinstanz habe seine Einsprache innerhalb eines Tages
nicht ordnungsgemäss prüfen können. Auf seine Begründung sei keinerlei Bezug
genommen worden.
b) Der in Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung (SR 101, abgekürzt: BV) verankerte
Anspruch auf rechtliches Gehör ist das Recht des Privaten, in einem vor einer
Verwaltungs- oder Justizbehörde geführten Verfahren mit seinen Begehren angehört zu
werden, Einblick in die Akten zu erhalten und zu den für die Entscheidfindung
wesentlichen Punkten vorgängig Stellung nehmen zu können. Er umfasst auch das
Recht auf Vertretung und Verbeiständung sowie auf Begründung von Verfügungen. Der
Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachaufklärung und stellt
andrerseits zugleich ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht der Parteien dar.
Der Grundsatz verlangt, dass die Behörde die Vorbringen der vom Entscheid oder der
Verfügung in ihrer Rechtsstellung Betroffenen auch tatsächlich hört, prüft und
berücksichtigt und ihren Entscheid vor diesem Hintergrund begründet (vgl. G.
Steinmann, St. Galler Kommentar, 3. Aufl. 2014, N 49 zu Art. 29 BV). Der von einem
Entscheid oder einer Verfügung Betroffene soll wissen, warum die Behörde entgegen
seinem Antrag entschieden hat; die Begründung muss deshalb so abgefasst sein, dass
er den Entscheid oder die Verfügung gegebenenfalls sachgerecht anfechten kann
(BGE 133 III 439 E. 3.3, 129 I 232 E. 3.2; vgl. auch Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, Rz 1071). Das Bundesgericht lässt in Ausnahmefällen
die Heilung einer Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör im
Rechtsmittelverfahren zu, um einen prozessualen Leerlauf und damit verbunden eine
zeitliche Verzögerung zu vermeiden (BGE 137 I 195 E. 2.3.2). Vorausgesetzt wird, dass
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der betroffenen Partei daraus kein Nachteil erwächst, d.h. dass sie ihre Rechte im
Beschwerdeverfahren voll wahrnehmen und die zweite Instanz alle Tat- und
Rechtsfragen frei nachprüfen kann (Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., Rz 1175).
c) Der Beschwerdeführer hatte mit Schreiben vom 30. Oktober 2019 Einsprache gegen
die Veranlagungsverfügung 2018 erhoben. Darin rügte er unter anderem die Verletzung
der Chancengleichheit, da er keinen Militärdienst habe leisten können, sowie die
Diskriminierung als eingebürgerter Schweizer bei unzulässiger Rückwirkung (act. 2/2).
Die Einsprache trägt den Eingangsstempel 4. November 2019 der Vorinstanz. Am
selben Tag wies die Vor-instanz die Einsprache "nach eingehender Prüfung" ab. In der
Begründung wurde auf Art. 3 Abs. 1 WPEG verwiesen, wonach die Ersatzpflicht
frühestens vom 19. bis spätestens zum 37. Altersjahr und maximal elf Jahre dauere. Da
der Beschwerdeführer die gesetzliche Ersatzpflicht noch nicht erfüllt habe, bleibe er
pflichtig und die Beschwerde werde abgewiesen (act. 2/3). Diese Begründung erweist
sich als unzureichend. Auf die in der Einsprache vorgetragenen Rügen wurde
überhaupt nicht eingegangen, wodurch der Beschwerdeführer gezwungen wurde, den
Einspracheentscheid an das Gericht weiterzuziehen, um eine Begründung des
Entscheids und eine Beurteilung seiner Vorbringen zu erhalten. Auch die
Beschwerdebeteiligte bezeichnete den Einspracheentscheid in ihrer Vernehmlassung
als materiell mangelhaft und sehr rudimentär ausgefallen. Das rechtliche Gehör des
Beschwerdeführers wurde offensichtlich verletzt. Auf die Rückweisung der
Angelegenheit an die Vor-instanz zu neuer Verfügung ist trotzdem zu verzichten, da die
Gehörsverletzung im vorliegenden Beschwerdeverfahren einerseits geheilt werden
kann und die Beschwerde andrerseits gutzuheissen ist, wie die nachfolgenden
Erwägungen zeigen.
3.- Streitgegenstand bildet die Veranlagung der Wehrpflichtersatzabgabe für das Jahr
2018.
a) Der Beschwerdeführer macht zur Hauptsache geltend, nach seiner Einreise in die
Schweiz am 13. März 2005 habe er sobald als möglich im Mai 2010 das Gesuch um
erleichterte Einbürgerung gestellt. Im Zeitpunkt seiner Einbürgerung am 2. Juni 2011
sei er noch nicht 25 Jahre alt gewesen. Auf die Möglichkeit, Militärdienst zu leisten, sei
er damals nicht hingewiesen, sondern mit Schreiben vom 29. Juni 2011 vom
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Militärdienst befreit worden. Auch nach der Gesetzesänderung gebe es keinen Dienst,
den er anstelle der Ersatzpflicht erbringen könnte. Sodann sei das
Differenzierungsverbot (gemeint Diskriminierungsverbot) verletzt gegenüber Inländern,
die aufgrund von Auslandjahren oder mangels steuerbarem Einkommen nicht während
elf Jahren Ersatz bezahlt hätten. Kritisiert wird auch die Berechnung der Abgabe. Wäre
er bereits als Student abgabepflichtig gewesen, hätte er viel weniger bezahlen müssen.
Um auf die elf Ersatzabgabejahre zu kommen, sei er bereit, für die Jahre 2006 bis 2011
eine Abgabe zu leisten. Er habe die Einbürgerung nicht verzögert und bisher während
fünf Jahren Wehrpflichtersatz bezahlt. Sein korrektes Verhalten werde nun nachträglich
bestraft. Als dreifacher Familienvater sei die steuerliche Belastung enorm.
Die Vorinstanz hält dem entgegen, der Beschwerdeführer hätte die Möglichkeit gehabt,
Militärdienst zu leisten, wenn er gewollt hätte. Wer, aus welchen Gründen auch immer,
keinen Militärdienst leiste, habe während elf Jahren die Ersatzabgabe zu leisten. Diese
Pflicht treffe sämtliche Schweizer Bürger im Alter zwischen 19 und 37 Jahren; sowohl
solche, die bereits von Geburt an Schweizer seien, als auch jene, die eingebürgert
worden seien.
Die Beschwerdebeteiligte bringt vor, die im Jahr 2018 geänderte Dauer der
Militärdienstpflicht, insbesondere die neue Altershöchstgrenze, müsse mit der Dauer
der Ersatzpflicht übereinstimmen. Mit der Gesetzesrevision, gültig ab 1. Januar 2019,
anwendbar ab dem Ersatzjahr 2018, dauere die Ersatzabgabepflicht nicht mehr nur bis
zum 30., sondern neu bis zum 37. Altersjahr an. Mit dem Erwerb des Schweizer Passes
erhielten die Neubürger dieselben Rechte und Pflichten wie Schweizer Bürger. Sie
würden folglich gleich behandelt.
b) Nach Art. 59 Abs. 1 BV ist jeder Schweizer verpflichtet, Militärdienst zu leisten. Das
Gesetz sieht einen zivilen Ersatzdienst vor. Schweizer, die weder Militär- noch
Ersatzdienst leisten, schulden eine Abgabe. Diese wird vom Bund erhoben und von
den Kantonen veranlagt und eingezogen (Art. 59 Abs. 3 BV). Schweizer Bürger, die ihre
Wehrpflicht nicht oder nur teilweise durch persönliche Dienstleistung (Militär- oder
Zivildienst) erfüllen, haben gemäss Art. 1 WPEG einen Ersatz in Geld zu leisten. Nach
Art. 2 Abs. 1 WPEG sind Wehrpflichtige mit Wohnsitz im In- oder Ausland
ersatzpflichtig, wenn sie im Ersatzjahr, das dem Kalenderjahr entspricht, während mehr
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als sechs Monaten nicht in einer Formation der Armee eingeteilt sind und nicht der
Zivildienstpflicht unterstehen (lit. a) oder als Dienstpflichtige ihren Militär- oder
Zivildienst nicht leisten (lit. c). Die Ersatzpflicht beginnt frühestens am Anfang des
Jahres, in dem der Wehrpflichtige das 19. Altersjahr vollendet. Sie dauert längstens bis
zum Ende des Jahres, in dem er das 37. Altersjahr vollendet (Art. 3 Abs. 1 WPEG). Für
Ersatzpflichtige nach Art. 2 Abs. 1 lit. a, die keinen Zivilschutzdienst leisten, beginnt die
Ersatzpflicht im Jahr, das auf die Rekrutierung folgt. Sie dauert elf Jahre (Art. 3 Abs. 2
WPEG).
Bis 2017 dauerte die Wehrdienstpflicht für Angehörige der Mannschaft und
Unteroffiziere bis zum Ende des Jahres, in dem sie das 30. Altersjahr vollendeten (Art.
13 Abs. 2 lit. a aMG). Art. 3 WPEG trat in seiner neuen Fassung am 1. Januar 2019 in
Kraft. Bis Ende 2018 sah Art. 3 aWPEG in Übereinstimmung mit Art. 13 aMG für die
Leistung der Ersatzabgabe eine Altersgrenze von 30 Jahren vor, unabhängig davon, ob
die elf Ersatzabgaben bis dahin bezahlt worden waren. Die Erhöhung der Altersgrenze
der Abgabepflicht ist eine Folge der Revision des Gesetzes über die Armee und die
Militärverwaltung (Militärgesetz, SR 510.10, abgekürzt: MG) im Rahmen der
Weiterentwicklung der Armee. Die Dienstleistungspflicht für Angehörige der
Mannschaft und Unteroffiziere dauert seit dem Jahr 2018 neu bis zum Ende des 12.
Jahres nach Abschluss der Rekrutenschule (Art. 13 MG). Da die Rekrutenschule bis
spätestens im 25. Altersjahr zu vollenden ist (Art. 49 MG), begründet dies eine
Militärdienstpflicht bis längstens zum vollendeten 37. Altersjahr.
c) Der Beschwerdeführer wurde im Jahr 2016 30 Jahre alt und war ab 2017 nach dem
bis 31. Dezember 2017 geltenden Recht nicht mehr wehrdienstpflichtig (Art. 13 aMG)
und als Folge davon auch nicht mehr abgabepflichtig (Art. 3 aWPEG). Bis Ende 2017
galt in Übereinstimmung mit den Alterslimiten bei der Wehrpflicht das Erreichen des 30.
Altersjahres als Obergrenze für die Leistung der Ersatzabgabe. Seit 2018 dauert die
Wehrpflicht und desgleichen die Pflicht zur Ersatzabgabe neu vom 19. bis zum
37. Altersjahr. Unverändert blieb die Dauer der Ersatzpflicht von elf Jahren. Beim
Beschwerdeführer begann die Pflicht zur Leistung der Ersatzabgabe ein Jahr nach
seiner Einbürgerung im Jahr 2012. Bis 2016 hatte er fünf Ersatzabgaben bezahlt. Für
das Jahr 2017 wurde er nicht mehr veranlagt.
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4.- In den Jahren 2018 (MG) bzw. 2019 (WPEG) wurden die gesetzlichen
Bestimmungen dahingehend geändert, dass die Dienstpflicht und dieser folgend die
Ersatzabgabepflicht bis zum 37. Altersjahr ausgedehnt wurden. Es stellt sich daher die
Frage, ob diese neuen Bestimmungen zu einer Ersatzpflicht des Beschwerdeführers im
Jahr 2018 führen.
a) Der Beschwerdeführer bringt vor, durch die Rückwirkung der Gesetzesänderung sei
die Rechtssicherheit erheblich verletzt worden; desgleichen das
Verhältnismässigkeitsprinzip. Es sei fraglich, welches öffentliche Interesse damit
verfolgt werde. Personen, die erst nach dem 30. Lebensjahr eingebürgert würden,
seien bisher nicht abgabepflichtig gewesen. Aufgrund der Rückwirkung müssten
solche Personen, die im Jahr 2018 das 37. Altersjahr noch nicht erreicht hätten, neu
Wehrpflichtersatz leisten. Er wisse jedoch von entsprechenden Bekannten, die keine
Rechnung erhalten hätten. Hätte er also mit der Einbürgerung bis zum 30. Altersjahr
zugewartet, hätte er nie eine Abgabe bezahlen müssen.
Die Vorinstanz und die Beschwerdebeteiligte machen geltend, der zu beurteilende
Dauersachverhalt sei die Erfüllung der Militärdienstpflicht. Diese werde entweder durch
die tatsächliche Leistung des Militär- oder Zivildienstes oder durch Bezahlung von elf
Wehrpflichtersatzabgaben erfüllt. Durch das Erreichen eines bestimmten Alters werde
die Wehrpflicht folglich nicht erfüllt. Im Fall des Beschwerdeführers liege keine echte
Rückwirkung vor, da er noch nicht elfmal Wehrpflichtersatz bezahlt und damit seine
Militärdienstpflicht noch nicht erfüllt habe. Da der Dauersachverhalt bei Inkrafttreten
des neuen Rechts angedauert habe – der Beschwerdeführer sei im Jahr 2018 noch
nicht 37 Jahre alt gewesen – liege eine zulässige unechte Rückwirkung vor.
b) Aus dem Rechtsstaatsprinzip, das in Art. 5 BV verankert ist, wird u.a. das Gebot der
Rechtssicherheit abgeleitet. In einem Rechtsstaat ist alles staatliche Handeln an das
Recht, d.h. an generell-abstrakte Normen, gebunden. Damit soll die rechtsgleiche
Behandlung und die Rechtssicherheit im Sinne der Voraussehbarkeit des staatlichen
Handelns gewährleistet werden (Haller/Kölz/Gächter, Allgemeines Staatsrecht, 5. Aufl.
2013, Rz 452). Rückwirkende Erlasse begründen Rechte und Pflichten aufgrund von
Sachverhalten, die im Zeitpunkt des Inkrafttretens des Erlasses bereits abgeschlossen
waren. Die Privaten konnten im Zeitpunkt der Verwirklichung dieser Sachverhalte nicht
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voraussehen, dass ihr Verhalten bestimmte Rechtsfolgen hat, sondern durften darauf
vertrauen, dass es nach dem damals geltenden Recht beurteilt wird. Rückwirkende
Erlasse können deshalb im Widerspruch zum Gebot der Rechtssicherheit stehen, aber
auch gegen das in Art. 9 BV statuierte Vertrauensschutzprinzip und das Gebot der
Rechtsgleichheit (Art. 8 BV) verstossen (Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., Rz 266 f.).
Bestimmte Sachverhalte sind von der Anwendung neuen Rechts ausgenommen. Es
handelt sich um Geschehnisse, die während der Geltungsdauer des früheren Rechts
eintraten und nicht weiterwirken, also abgeschlossene Sachverhalte bilden. Das
Rückwirkungsverbot untersagt, auf sie das neue Recht anzuwenden, auch wenn sie
erst während dessen Geltungsdauer beurteilt werden. Der Bürger durfte sich im
Zeitpunkt, als sich der Sachverhalt verwirklichte, auf die alten Vorschriften verlassen.
Die beschriebene sogenannte echte Rückwirkung würde deshalb Treu und Glauben
sowie der Rechtssicherheit zuwiderlaufen. Sie gilt daher als verfassungswidrig. Unter
altem Recht abgeschlossene Sachverhalte beurteilen sich deshalb nach dessen
Bestimmungen. Das Rückwirkungsverbot gilt nur für verwaltungsrechtliche Normen,
die den Adressaten belasten, schliesst jedoch die Anwendungsvorschrift von
Vorschriften nicht aus, die für ihn günstiger sind. Die schweizerische Rechtsprechung
misst dem Rückwirkungsverbot keine absolute Bedeutung zu. Vielmehr lässt sie nach
einer langjährigen Praxis ausnahmsweise echte Rückwirkungen neuer Normen zu,
wenn sie 1. ausdrücklich in einem Gesetz vorgesehen sind oder sich daraus klar
ergeben, 2. zeitlich mässig sind, 3. auf triftigen Gründen beruhen, 4. keine stossenden
Rechtsunsicherheiten bewirken und 5. nicht in wohlerworbene Rechte eingreifen. Das
Rückwirkungsverbot schützt lediglich unter dem alten Recht bereits abgeschlossene
Sachverhalte vor der Anwendung neuer Normen, hingegen nicht Dauersachverhalte,
die unter dem alten Recht ihren Anfang genommen haben und unter dem neuen Recht
weiterbestehen. Ihre Unterstellung unter die neuen Vorschriften ab ihrem Inkrafttreten
hat eine Änderung der rechtlichen Ordnung, aber keine Rückwirkung zur Folge,
weshalb der dafür übliche Ausdruck der unechten Rückwirkung eigentlich unpassend
ist. Ein solcher Wechsel des rechtlichen Regimes ist zulässig, da die
Rechtsunterworfenen, soweit sie nicht über wohlerworbene Rechte verfügen, mit der
Änderung der sie betreffenden Vorschriften rechnen müssen (P. Karlen,
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Schweizerisches Verwaltungsrecht, Zürich/Basel/Genf 2018, S. 112 ff.; Tschannen/
Zimmerli/Müller, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, S. 203). Die
bundesgerichtliche Rechtsprechung unterscheidet nach den gleichen Kriterien
zwischen eigentlicher oder echter und unechter Rückwirkung (vgl. BGE 138 I 189 E.
3.4, mit zahlreichen Hinweisen).
c) Die von der Vorinstanz und der Beschwerdebeteiligten angestrebte zeitliche Geltung
des Gesetzes würde zu einer echten Rückwirkung führen, da die Neuregelung im
Zeitpunkt ihres Inkrafttretens am 1. Januar 2018 bzw. 2019 einen abgeschlossenen
Sachverhalt betrifft. Die Dienstpflicht wird erfüllt, wenn man einerseits entweder die
erforderlichen Diensttage leistet bzw. elf jährliche Wehrpflichtersatzabgaben bezahlt
oder andrerseits die Altersobergrenze erreicht wird. Aufgrund des zuvor geltenden
Wehrpflichtersatzabgaberechts (aWPEG) hatte der Beschwerdeführer vom Folgejahr
der Einbürgerung 2012 an bis zum Erreichen des 30. Altersjahres im Jahr 2016
Wehrpflichtersatz zu leisten. Im Jahr 2016 hatte er seine Ersatzpflicht definitiv erfüllt
und war ab 2017 weder wehr- noch ersatzpflichtig. Eine anderslautende Regelung für
eingebürgerte Schweizer, welche im Zeitpunkt des Erreichens des 30. Altersjahres
noch nicht elf Ersatzabgaben bezahlt hatten, gab es nicht.
Die Ausführungen der Vorinstanz, wonach die Militärdienstpflicht in jedem Fall erst mit
Bezahlen von elf jährlichen Wehrpflichtersatzabgaben erfüllt sei, trifft nicht zu. Die
Militär- bzw. Ersatzdienstpflicht war gestützt auf das aMG und aWPEG auch dann
erfüllt, wenn die gesetzliche Altersobergrenze erreicht war, unabhängig davon, ob die
erforderliche Anzahl an Diensttagen oder Ersatzabgaben geleistet worden war. Nach
Art. 8 der im Jahr 2016 geltenden Verordnung über die Militärdienstpflicht (AS 2012
3415) wurden die Entlassungen auf das Ende des Jahres vorgenommen, in dem das
massgebende Ereignis eintrat und Angehörige der Armee durften nach Eintritt des
massgebenden Ereignisses nicht mehr aufgeboten werden. In Art. 59 BV werden weder
die Anzahl Diensttage noch die Anzahl Ersatzzahlungen erwähnt. Dies war beim
Beschwerdeführer gemäss den damals geltenden gesetzlichen Bestimmungen im Jahr
2016 der Fall. Damit waren die tatsächlichen Ereignisse, die zur Erfüllung der
Abgabepflicht geführt hatten, zu einem Ende gekommen, und der Dauersachverhalt der
Erfüllung der Militärdienstpflicht war noch unter der Geltung des alten Rechts
abgeschlossen worden, weshalb eine echte Rückwirkung der neuen, am 1. Januar
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2018 bzw. 1. Januar 2019 in Kraft getretenen Bestimmungen vorliegt. Dafür, dass die
erfüllte Dienst- und damit auch die erfüllte Ersatzabgabepflicht mit der nachträglichen
Erhöhung der Altersgrenze auf 37 Jahre wiederauflebt, findet sich im vorliegenden Fall
keine gesetzliche Grundlage. Eine zulässige, echte Rückwirkung müsste sich in einer
entsprechenden ausdrücklichen Anordnung manifestieren. Sowohl das MG als auch
das WEPG enthalten keine entsprechenden (Übergangs)Bestimmungen, wonach
Personen, welche die Dienst- bzw. Abgabepflicht nach bisherigem Recht erfüllt haben
und bei Inkrafttreten der Normen noch nicht 37 Jahre alt sind, neu wieder dienst- oder
abgabepflichtig werden. Ohne eine entsprechende Bestimmung erweist sich eine
Rückwirkung als unzulässig, insbesondere im Abgaberecht, wo das das Erfordernis der
gesetzlichen Grundlage (Legalitätsprinzip) ein selbstständiges verfassungsmässiges
Recht ist, dessen Verletzung unmittelbar gestützt auf Art. 127 Abs. 1 BV geltend
gemacht werden kann (BGE 132 II 371 mit Hinweisen).
Anders verhält es sich in jenen Fällen, wo die Ersatzabgabepflichtigen im Zeitpunkt des
Inkrafttretens der Alterserhöhung die bisherige Grenze von 30 Jahren noch nicht
erreicht haben. Diese müssen sich die Fortdauer der Zahlungspflicht bis zum 37.
Altersjahr entgegenhalten lassen. Dabei wird auf Verhältnisse abgestellt, die unter der
Herrschaft des alten Rechts entstanden sind, beim Inkrafttreten des neuen Rechts aber
noch andauern (BGE 126 V 134 E. 4a). Es liegt hier eine zulässige unechte
Rückwirkung vor.
d) Die Beschwerde ist folglich gutzuheissen und der angefochtene Entscheid der
Vorinstanz vom 4. November 2019 sowie die diesem zugrundeliegende
Veranlagungsverfügung vom 1. Oktober 2019 sind aufzuheben. Es ist festzustellen,
dass der Beschwerdeführer ab 2017 keinen Wehrpflichtersatz schuldet.
5.- Dem Verfahrensausgang entsprechend wären die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Da diese Rechtsfrage indessen erstmals gerichtlich zu
beurteilen ist, ist auf die Erhebung der Kosten zu verzichten (Art. 97 VRP; PK
[Praxiskommentar] VRP/SG-von Rappard-Hirt, Zürich/St. Gallen 2020, Art. 97 N 7). Der
Kostenvorschuss von Fr. 600.– ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.