Decision ID: 300fb3f0-b96d-4804-8a0d-a65ab6883b96
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden 1 und 2 ersuchten am 6. Juli 2022 in der
Schweiz für sich und ihre drei Kinder um Asyl. Ein Abgleich ihrer Fingerab-
drücke mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac) ergab,
dass sie am 15. Juni 2022 in Kroatien daktyloskopisch erfasst worden wa-
ren und um Asyl ersucht hatten.
B.
Am 20. bzw. am 27. Juli 2022 gewährte die Vorinstanz den Beschwerde-
führenden 1 und 2 das rechtliche Gehör zu einem allfälligen Nichteintreten-
sentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung nach Kroatien.
C.
Die kroatischen Behörden hiessen die Ersuchen der Vorinstanz vom
28. Juli 2022 um Übernahme der Beschwerdeführenden gestützt auf
Art. 20 Abs. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parla-
ments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und
Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines
von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitglied-
staat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; nachfolgend: Dublin-III-VO) am 11. August
2022 gut.
D.
Am 8. und am 30. September 2022 reichte die den Beschwerdeführenden
beigeordnete Rechtsvertreterin medizinische Unterlagen zu den Akten der
Vorinstanz.
E.
Mit Verfügung vom 26. Oktober 2022 – eröffnet am 28. Oktober 2022 – trat
die Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf die Asylgesuche nicht ein, ordnete die Wegweisung aus der Schweiz
nach Kroatien an und forderte die Beschwerdeführenden auf, die Schweiz
spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleich-
zeitig wies die Vorinstanz auf die einer allfälligen Beschwerde von Geset-
zes wegen fehlende aufschiebende Wirkung hin und beauftragte den Kan-
ton Basel-Landschaft mit dem Vollzug der Wegweisung.
F.
Am 28. Oktober 2022 teilte die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführen-
den der Vorinstanz die Mandatsniederlegung mit.
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G.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 3. November 2022 (Datum Postaufgabe) ge-
langten die Beschwerdeführenden 1 und 2 für sich und ihre Kinder an das
Bundesverwaltungsgericht und beantragten, die vorinstanzliche Verfügung
sei aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, die Asylgesuche ma-
teriell zu prüfen. Eventualiter seien die Beschwerdeführenden in der
Schweiz vorläufig aufzunehmen. Der Beschwerde sei die aufschiebende
Wirkung zu gewähren und den Beschwerdeführenden sei zu gestatten,
den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abzuwarten. Demzufolge sei
das Migrationsamt des Kantons Basel-Landschaft anzuweisen, vorläufig
von jeglichen Vollzugs- bzw. Wegweisungsmassnahmen abzusehen. Wei-
ter sei den Beschwerdeführenden gegenüber Stellungnahmen der Vo-
rinstanz das Replikrecht einzuräumen und es sei ihnen eine angemessene
Nachfrist zur Beschwerdeergänzung zu gewähren. Ihnen sei die unentgelt-
liche Rechtspflege zu bewilligen.
H.
Am 4. November 2022 lagen dem Bundesverwaltungsgericht die Akten in
elektronischer Form vor und gleichentags setzte der Instruktionsrichter den
Vollzug der Überstellung gestützt auf Art. 56 VwVG einstweilen aus.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 17. November 2022 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Anträge um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
sowie um Erteilung der aufschiebenden Wirkung gut und wies den Antrag
um Ansetzung einer Nachfrist zur Beschwerdeergänzung ab.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1. Das vorliegende Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG
und dem BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG
und Art. 6 AsylG).
1.2. Gemäss Art. 105 AsylG in Verbindung mit Art. 31 VGG ist das Bundes-
verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des
Asyls zuständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführenden 1
und 2 sind für sich und ihre Kinder zur Beschwerdeanhebung legitimiert
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(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG verzichtet das Gericht auf die Einforde-
rung einer Stellungnahme der Vorinstanz, womit der Antrag der Beschwer-
deführenden um Gewährung des Replikrechts abzuweisen ist.
3.
3.1. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2. Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Die von den Beschwerdeführenden eventualiter
beantragte Gewährung der vorläufigen Aufnahme bildet demgegenüber
nicht Gegenstand des angefochtenen Nichteintretensentscheides und da-
mit auch nicht des vorliegenden Verfahrens. Auf den Antrag ist deshalb
nicht einzutreten.
4.
4.1. Auf ein Asylgesuch wird in der Regel nicht eingetreten, wenn die asyl-
suchende Person in einen Drittstaat ausreisen kann, der für die Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist
(Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel
die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an
(Art. 44 AsylG).
4.2. Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
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statt. Die Zuständigkeit beziehungsweise die Verpflichtung des Mitglied-
staates zur Wiederaufnahme ergibt sich direkt aus Art. 18 Abs. 1 Bst. b–d
beziehungsweise Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO (vgl. Urteil des EuGH
[Grosse Kammer] vom 2. April 2019, H. und R., C-582/17 und C-583/17,
EU:C:2019:280, Rn. 47–50; BVGE 2019 VI/7 E. 4-6; 2017 VI/5 E. 6.2 und
8.2.1 m.H.).
4.3. Der Mitgliedstaat, bei dem der erste Antrag auf internationalen Schutz
gestellt wurde, ist gehalten, einen Antragsteller, der sich ohne Aufenthalts-
titel im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats aufhält oder dort einen
Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, nachdem er seinen ersten
Antrag noch während des Verfahrens zur Bestimmung des zuständigen
Mitgliedstaats zurückgezogen hat, nach den Bestimmungen der Artikel 23,
24, 25 und 29 wieder aufzunehmen, um das Verfahren zur Bestimmung
des zuständigen Mitgliedstaats zum Abschluss zu bringen (Art. 20 Abs. 5
Dublin-III-VO). Diese Bestimmung findet auch – wie vorliegend – im Falle
der Weiterreise eines Antragstellers in einen anderen Mitgliedstaat bei
noch nicht abgeschlossenem Zuständigkeitsverfahren Anwendung
(vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, 2014, K. 19 zu Art. 20).
4.4. Vorliegend ergab ein Abgleich der Fingerabdrücke der Beschwerde-
führenden 1 und 2, dass sie am 15. Juni 2022 in Kroatien daktyloskopisch
erfasst worden waren. Gleichentags hatten sie gemäss Auszug aus der
Eurodac-Datenbank Asylgesuche gestellt. Die kroatischen Behörden
stimmten dem Wiederaufnahmeersuchen der Vorinstanz gestützt auf
Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO zu und wiesen darauf hin, dass das Zuständig-
keitsverfahren von ihnen fortgeführt werde. Die Beschwerdeführenden 1
und 2 hätten am 14. Juni 2022 ihren Willen zum Ausdruck gebracht, um
internationalen Schutz zu ersuchen. Beide hätten das Empfangszentrum
aber vor der Durchführung einer Befragung verlassen. Die Zuständigkeit
Kroatiens ist somit grundsätzlich gegeben. Dass die Beschwerdeführen-
den pauschal abstreiten, in Kroatien um Asyl ersucht zu haben, vermag
daran vor dem dargestellten Hintergrund nichts zu ändern. Es ist nicht er-
sichtlich und wird von ihnen nicht erläutert, wieso der von den kroatischen
Behörden vorgenommene Eurodac-Eintrag falsch sein sollte. Eine gültige
Antragstellung in einem Mitgliedstaat kann im Übrigen nicht an das Erfor-
dernis der Freiwilligkeit gebunden sein, räumt die Dublin-III-VO den
Schutzsuchenden doch kein Recht ein, den ihren Antrag prüfenden Staat
selber auszuwählen (vgl. Urteil des BVGer E-6739/2018 vom 18. März
2020 E. 5.2). Zum Vorbringen der Beschwerdeführenden, sie seien ge-
zwungen worden, Fingerabdrücke abzugeben ist sodann festzuhalten,
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dass sämtliche Dublin-Mitgliedstaaten dazu verpflichtet sind, Drittstaatsan-
gehörige oder Staatenlose, die beim illegalen Überschreiten einer Aussen-
grenze aufgegriffen werden, zu registrieren (vgl. dazu Art. 14 Abs. 1 der
Verordnung [EU] Nr. 603/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 [Eurodac-Verordnung]; Urteil des BVGer
F-3304/2022 vom 15. August 2022 E. 3.2).
4.5. Im Ergebnis sind sowohl die Antragstellung in Kroatien als auch der
Umstand, dass das kroatische Verfahren zur Bestimmung des für die Asyl-
gesuche der Beschwerdeführenden zuständigen Mitgliedstaats gemäss
Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO noch nicht abgeschlossen wurde und nach ei-
ner Rücküberstellung der Beschwerdeführenden fortgesetzt wird, durch die
Einträge in der Eurodac-Datenbank sowie durch die Antwort der kroati-
schen Behörden vom 11. August 2022 als erstellt zu betrachten (vgl. Urteil
des BVGer E-4781/2022 vom 31. Oktober 2022 E. 4.2 am Ende). Die Zu-
ständigkeit Kroatiens für die Fortsetzung dieses Zuständigkeitsverfahrens
ist gegeben. Sie wird durch den Umstand, dass sich die Vorinstanz in ihren
Wiederaufnahmegesuchen vom 28. Juli 2022 mit Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dub-
lin-III-VO auf eine andere Rechtsgrundlage stützte, nicht in Frage gestellt
(vgl. Urteil des BVGer F-3878/2022 vom 31. Oktober 2022 E. 3.7 am Ende
m.H.).
5.
5.1. Nachfolgend ist im Licht von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO zu prüfen, ob
es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die
Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Kroatien würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
5.2. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts im Bereich der Wie-
deraufnahmeverfahren liegen zum heutigen Zeitpunkt keine konkreten
Gründe für die Annahme vor, das Asylverfahren und die Aufnahmebedin-
gungen für Antragstellende in Kroatien würden systemische Schwachstel-
len im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-III-VO aufwei-
sen (vgl. etwa Urteile des BVGer E-4367/2022 vom 6. Oktober 2022 E. 6.4;
F-3957/2022 vom 11. Oktober 2022 E. 5; F-4002/2022 vom 26. September
2022 E. 7.2). Für eine Änderung der Rechtsprechung besteht auch in Wür-
digung der von den Beschwerdeführenden gemachten pauschalen Äusse-
rungen zu ihrer Behandlung in Kroatien keine Veranlassung. Folglich ist die
Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
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6.
6.1. Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt zwingend (vgl. BVGE
2015/9 E. 8.2.1).
6.2. Die Beschwerdeführenden bringen vor, Kroatien könne nicht als siche-
rer Drittstaat im Sinne von Art. 31a Abs. 1 lit. b AsylG gelten, da sie dort in
mehrfacher Hinsicht und trotz ihrer Vulnerabilität als Familie mit drei klei-
nen Kindern unrechtmässig und unangemessen behandelt worden seien.
Sie seien von der Polizei nie in einer ihnen verständlichen Sprache darüber
informiert worden, welches Verfahren laufe, welche Rechte sie hätten und
welche Unterstützung sie in Anspruch nehmen könnten. Sie seien gezwun-
gen worden, Unterlagen zu unterzeichnen, deren Inhalt sie nicht verstan-
den hätten. Verschiedene Familienmitglieder würden gesundheitliche
Probleme aufweisen. In Kroatien könnten sie keine adäquate medizinische
Versorgung hierfür erwarten. Bei einer Wegweisung sei mit der Retrauma-
tisierung einzelner Familienmitglieder zu rechnen. Es bestehe eine Pflicht
zum humanitären Selbsteintritt infolge drohender Verletzung von Art. 3
EMRK. Andernfalls sei der Selbsteintritt im Rahmen einer pflichtgemässen
Ermessensausübung durch die Vorinstanz zu verfügen.
6.3. Das Bundesverwaltungsgericht verkennt im Sinne der von den Be-
schwerdeführenden geschilderten Erlebnisse nicht, dass der Empfang und
die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Kroatien problematisch
sein können. Die Beschwerdeführenden vermögen mit ihren Vorbringen je-
doch nicht darzutun, dass die sie bei einer Rückführung nach Kroatien zu
erwartenden Bedingungen derart schlecht sind, dass sie zu einer Verlet-
zung von Art. 3 EMRK führen könnten. Sie werden sich nach der Dublin-
Überstellung in einer anderen Situation befinden, als bei ihrer ersten Ein-
reise nach Kroatien. Das Gericht geht davon aus, dass Kroatien als
Rechtsstaat mit einem funktionierenden Justizsystem einzustufen ist. Folg-
lich ist von der grundsätzlichen Schutzwilligkeit und Schutzfähigkeit dieses
Staates auszugehen. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung
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der ihnen zustehenden Aufnahmebedingungen könnten sie sich nötigen-
falls an die kroatischen Behörden wenden und ihre Rechte auf dem
Rechtsweg einfordern (vgl. Art. 26 der Richtlinie des Europäischen Parla-
ments und des Rates 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von
Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz bean-
tragen [Aufnahmerichtlinie]). Dies gilt auch in Bezug auf die geltend ge-
machte Gewalt seitens der kroatischen Behörden. Im Übrigen steht den
Beschwerdeführenden die Möglichkeit offen, die vor Ort tätigen karitativen
Organisationen zu kontaktieren. Im Zusammenhang mit dem Kindeswohl
ist festzuhalten, dass Kroatien Signatarstaat des Übereinkommens vom
20. November 1989 über die Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) ist, wes-
halb eine Überstellung nach Kroatien weder eine Verletzung von Art. 3
KRK noch Art. 3 EMRK bedeutet. Die Kinder sind aufgrund ihres Alters
noch stark auf die Eltern fixiert und angesichts der relativ kurzen Aufent-
haltsdauer in der Schweiz hier nicht verwurzelt, sodass ein Vollzug der
Wegweisung nicht gegen das Kindeswohl spricht. Gemäss Aktenlage be-
stehen auch keine Hinweise auf unverzüglich behandlungsbedürftige ge-
sundheitliche Probleme der Kinder (vgl. nachfolgend E. 6.4).
6.4.
6.4.1. Was den medizinischen Sachverhalt anbelangt, so kann eine
zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Problemen
nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Von ei-
ner Verletzung geht die Rechtsprechung etwa dann aus, wenn sich die
asylsuchende Person in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krank-
heitsstadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung
mit dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unter-
stützung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die
damalige Praxis des EGMR). Eine weitere vom EGMR definierte Konstel-
lation betrifft Schwerkranke, die durch die Abschiebung – mangels ange-
messener medizinischer Behandlung im Zielstaat – mit einem realen Risiko
konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichem Ver-
schlechterung ihres Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden, die zu
intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwar-
tung führen würde (vgl. Urteil des EGMR Paposhvili gegen Belgien vom
13. Dezember 2016, Grosse Kammer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.).
6.4.2. Aktengemäss wurde der Beschwerdeführer 4 wegen Albträumen,
Panikattacken, schreiendem Erwachen in der Nacht, Appetitminderung
und gedrückter Stimmung der Klinik für Kinder und Jugendliche der Uni-
versitären Psychiatrischen Kliniken Basel zugewiesen. Es fanden zwei Sit-
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zungen statt. Die behandelnde Person kam zum Schluss, eine (Neuro-)pä-
diatrische Abklärung der nächtlichen Weinanfälle (Differentialdiagnose Pa-
vor nocturnus) sowie einer längeren Bewusstlosigkeit im Dezember 2021
sei empfehlenswert. Der Beschwerdeführer 4 wirke im Gespräch wenig
strukturiert, teils distanzlos. Aufgrund der Fluchtgeschichte der Familie und
vor allem den Zuständen im Heimatland scheine die ausreichende elterli-
che Verfügbarkeit fraglich. Daher sei pädagogische Unterstützung in der
Form von klarer Grenzsetzung, Tagesstruktur – und rhythmus sowie Be-
wegung und Spiel zu empfehlen. Am 5. September 2022 war der Be-
schwerdeführer 4 in einer neuropädiatrischen Sprechstunde des Universi-
täts-Kinderspitals (...). Der untersuchende Konsiliararzt Pädiatrie stellte mit
gleichentags erstelltem Bericht die Diagnose «Schlafstörung, z.B. obstruk-
tive Schlafapnoen». Beurteilend führte er aus, was der Kindsvater be-
schreibe, erinnere an obstruktive Schlafapnoen mit apnoe-induziertem kur-
zem Erwachen. Er habe den Vater gebeten, eine Videodokumentation des
Schlafes respektive dieser nächtlichen Episoden zu erstellen, danach
werde das weitere Vorgehen geplant. Sodann wurde die Beschwerdefüh-
rerin 5 am 13. Juli 2022 kinderärztlich untersucht. Ihr wurde ein guter All-
gemeinzustand, ein mikropapuläres (recte wohl: mikropapilläres) Exan-
them, ubiquitär am Körper und eine seröse Rhinitis diagnostiziert. Dafür
wurden ihr eine Pflegecreme, eine Waschlotion, ein Antihistaminikum in
Tropfenform und ein Nasenspray verschrieben. Für die übrigen Beschwer-
deführer sind keine gesundheitlichen Probleme aktenkundig.
6.4.3. Das Bundesverwaltungsgericht verkennt nicht, dass sich die Be-
schwerdeführenden gesamthaft gesehen in einer schwierigen Lage befin-
den. Die geltend gemachten gesundheitlichen Beeinträchtigungen stellen
allerdings keine gravierenden Erkrankungen dar und können in Kroatien
(weiter) behandelt werden. Kroatien verfügt grundsätzlich über eine aus-
reichende medizinische Infrastruktur (vgl. Urteil des BVGer D-735/2022
vom 28. Februar 2022 E. 6.7.3). Sodann bestehen nebst den staatlichen
Einrichtungen auch Angebote von Nichtregierungsorganisationen für die
psychische Betreuung, womit von einem genügenden psychologischen
Behandlungsangebot auszugehen ist (vgl. Urteil des BVGer F-4368/2020
vom 14. Januar 2021 E. 7.3 m.H.). Die schweizerischen Behörden, die mit
dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, werden dem
aktuellen Gesundheitszustand der Beschwerdeführenden bei der Organi-
sation der Überstellung nach Kroatien Rechnung tragen, indem sie die dor-
tigen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dublin-III-VO vorgängig
über den aktuellen Gesundheitszustand und die allenfalls notwendige me-
dizinische Behandlung der Beschwerdeführenden informieren.
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6.5. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt die Vorinstanz
bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessens-
spielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Die angefochtene Verfügung ist unter
diesem Blickwinkel – entgegen dem Dafürhalten der Beschwerdeführen-
den – nicht zu beanstanden. Insbesondere sind den Akten keine Hinweise
auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive Unterschreiten
des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich deshalb in diesem
Zusammenhang weiterer Äusserungen.
6.6. Es liegen somit weder völkerrechtliche Vollzugshindernisse vor, die die
Schweiz zum Selbsteintritt verpflichten würden, noch Rechtsfehler bei der
Ermessensbetätigung. Die Vorinstanz hat das Selbsteintrittsrecht gemäss
Art. 17 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu Recht nicht ausge-
übt.
7.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf die Asylgesuche der Beschwerdeführenden nicht eingetreten.
Da diese nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungs-
bewilligung sind, wurde die Überstellung nach Kroatien in Anwendung von
Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1).
8.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
9.
Nach dem Ausgeführten ist die Beschwerde abzuweisen, soweit darauf
einzutreten ist, und ist die Verfügung des SEM zu bestätigen. Die der Be-
schwerde mit Zwischenverfügung vom 17. November 2022 zuerkannte
aufschiebende Wirkung fällt mit dem vorliegenden Urteil dahin.
10.
10.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens würden die Beschwerdeführen-
den grundsätzlich kostenpflichtig (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenver-
fügung vom 17. November 2022 hat das Bundesverwaltungsgericht dem
Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung im Sinne von
Art. 65 Abs. 1 VwVG und Art. 102m AsylG stattgegeben. Demzufolge sind
sie von der Bezahlung der Verfahrenskosten befreit.
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Seite 11
10.2. Das Gericht setzt die Entschädigung für amtlich bestellte Anwältinnen
und Anwälte aufgrund der Kostennote fest. Wird – wie vorliegend – keine
Kostennote eingereicht, so setzt das Gericht die Entschädigung aufgrund
der Akten fest (Art. 14 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008 über
die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]). In Berücksichtigung der Notwendigkeit der Einga-
ben, der Schwierigkeit der Streitsache in rechtlicher und tatsächlicher Hin-
sicht sowie der Bandbreite ausgerichteter Entschädigungen in vergleich-
baren Fällen ist das Honorar nach Massgabe der einschlägigen Bestim-
mungen auf Fr. 1'000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag im
Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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