Decision ID: b2e2bb82-1502-5690-9889-4ecb4d6a967e
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich am 2. Juli 2014 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zum
Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1). Sie gab, an einem cervicospondylogenen
Schmerzsyndrom links bei ausgeprägten degenerativen Veränderungen, an einer
Epicondylopathia humeri ulnaris und radialis bds., an einem chronischen, beidseitigen,
linksbetonten Carpaltunnelsyndrom und (seit der Geburt des Sohnes 19_) an einer
Depression zu leiden. Seit dem 1. Juni 2013 arbeite sie zu 40 % als Putzfrau in einem
Privathaushalt.
A.b B._ berichtete der IV-Stelle am 21. Juli 2014 (IV-act. 14), dass sie die Versicherte
seit dem 1. Juni 2013 für Putzarbeiten im Haushalt beschäftige. Der Stundenlohn
betrage Fr. 35.--. Ursprünglich sollte die Versicherte wöchentlich ca. 7-8 Stunden bei
ihr arbeiten. Die gesundheitlichen Probleme der Versicherten hätten eine solche
Belastung jedoch nicht zugelassen. Die Versicherte arbeite, wenn es ihre Verfassung
zulasse.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Am 29. Juli 2014 (IV-act. 17) teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass keine
beruflichen Eingliederungsmassnahmen angezeigt seien, da sie mehrheitlich als
Hausfrau zu qualifizieren sei.
A.d Der Hausarzt der Versicherten, Dr. med. C._, Facharzt Innere Medizin, gab in
seinem Bericht vom Februar 2015 (IV-act. 22) als Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit eine depressive Entwicklung und eine Panikstörung an. Bezüglich der
somatischen Diagnosen verwies er auf die beigelegten Berichte. Als Diagnosen ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er einen Colon irritabile (Reizdarmsyndrom),
eine Adipositas und ein Hautekzem. Der Hausarzt erklärte weiter, dass die Versicherte
an belastungs- und wetterabhängigen Schmerzen im Bereich der HWS, beider Arme
und der LWS leide. Es bestünden eine schnelle Ermüdbarkeit und eine verminderte
Belastbarkeit/Ausdauer. Er schätzte die Arbeitsunfähigkeit für jegliche Tätigkeiten auf
durchschnittlich etwa 50 % (6 Stunden mit reduzierter Leistung und häufigen Pausen).
Dr. med. D._, Psychiatrie-Zentrum E._, hatte dem Hausarzt am 21. Februar 2014
über eine ambulante Untersuchung vom 3. und 21. Februar 2014 berichtet (IV-act. 22-8
ff.). Dr. D._ hatte als Diagnosen eine Panikstörung (ICD-10: F41.0, episodisch
paroxysmale Angst), eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige
Episode (F33.10), eine undifferenzierte Somatisierungsstörung (F45.1) und eine
Nikotinabhängigkeit angegeben. Dr. med. F._, Physikalische Medizin und
Rehabilitation, hatte dem Hausarzt am 6. Juni 2014 berichtet (IV-act. 22-5 ff.), dass die
Versicherte an einem cervicospondylogenen Schmerzsyndrom links bei ausgeprägten
degenerativen Veränderungen (siehe MRI vom 4.6.2014) und muskulärer Dysbalance,
an einer Epicondylopathia humeri ulnaris und radialis bds. und an einem Verdacht auf
eine Retropatellararthrose bds. leide. Eine entzündliche rheumatische Erkrankung sei
ausgeschlossen worden.
A.e Im Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt vom 9.
März 2015 gab die Versicherte an (IV-act. 28), dass sie bis Juni 2013 Hausfrau und
Mutter gewesen sei. Eine Berufsausbildung habe sie nicht. Sie habe lediglich einen
SRK-Kurs absolviert. Seit 2011 lebe sie getrennt von ihrem Ehemann. Wenn sie gesund
wäre, ginge sie zu 100 % einer Erwerbstätigkeit nach. Derzeit lebe sie in einem Zimmer
im Haus ihrer Arbeitgeberin. Sie sei auf Wohnungssuche. Lic. phil. G._, Psychologin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und H._, Ärztin, Psychiatrie-Zentrum E._, gaben in ihrem Bericht vom März 2015
die folgenden Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an:
• Agoraphobie mit Panikstörung (F41.01, seit 1982)
• rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (F33.10,
mindestens seit 1982)
• akzentuierte Persönlichkeit mit abhängigen und vermeidenden Zügen
• Reizdarmsyndrom mit Diarrhoe
• cervicospondylogenes Schmerzsyndrom links bei ausgeprägten degenerativen
Veränderungen
• chronisches beidseitiges, linksbetontes Carpaltunnelsyndrom.
Sie erklärten, dass sich die Versicherte seit Oktober 2014 in ambulanter
psychologischer Behandlung befinde. Vom 25. Februar bis 11. August 2014 habe eine
tagesklinische Behandlung stattgefunden. In der Tätigkeit als Raumpflegerin sei die
Versicherte vom 3. Februar bis 12. Mai 2014 zu 50 % und vom 13. Mai bis 11. August
2014 zu 100 % arbeitsunfähig gewesen. Seit dem 12. August 2014 bestehe wieder eine
50 %ige Arbeitsfähigkeit. Die Versicherte leide an einer verminderten psychischen
Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit und an einer geringen Stress- und
Frustrationstoleranz, sodass eine normale Arbeitsbelastung mit Überforderung und
Dekompensationsgefahr verbunden sei. Wegen der durch das Reizdarmsyndrom
bedingten Diarrhö komme es immer wieder zu tageweisen Absenzen bei der Arbeit. Die
Schmerzen in den Armen und Händen erschwerten das Halten und Greifen von
Gegenständen sowie das Beugen der Arme. Die Schwankungen in der
Schmerzintensität beeinflussten die Konzentration, die Stimmung sowie die
Leistungsfähigkeit der Versicherten.
A.f Am 28. Mai 2015 unterzog sich die Versicherte wegen einer chronischen Synovitis
mit CTS links (Druckschmerzhaftigkeit in der Hohlhand) einer Synovektomie
Carpalkanal mit Carpaltunnelspaltung (IV-act. 36).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.g Im November 2015 wurde die Versicherte im Auftrag der IV-Stelle polydisziplinär
(internistisch, psychiatrisch, orthopädisch und neurologisch) durch die SMAB AG
begutachtet (Gutachten vom 14. Dezember 2015, IV-act. 47). Die Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit lauteten:
• Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (F33.0)
• Agoraphobie mit Panikstörung (F41.01)
• somatoforme autonome Funktionsstörung unteres Verdauungssystem (Colon
irritabile, F45.32)
• chronisches cervicospondylogenes Schmerzsyndrom bei bekannter intraforaminaler
Bandscheibenhernierung C6 links, aktuell ohne Zeichen einer radikulären
Defizitsymptomatik
• Impingementsyndrom linke Schulter mit leichtgradiger Funktionseinschränkung.
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten die Gutachter:
• Selbstunsichere Persönlichkeitsakzentuierung (Z72)
• Colon irritabile
• Sodbrennen und gastroösophagealer Reflux
• Hypercholesterinämie (familiär)
• Übergewicht
• Nikotinabusus
• Status nach Hysterektomie, Cholezystektomie, Appendektomie
• Status nach Carpaltunnelspaltung links am 28. Mai 2015
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
• Arthralgien beider Ellenbogengelenke ohne Nachweis einer Funktionseinschränkung,
Entzündung, Deformierung oder Arthrose
• Insertionstendopathie Plantarfaszie/Fersensporn links
• Arthralgie rechtes Daumensattelgelenk (DD: Arthritis).
Dr. med. I._, Facharzt für Innere Medizin, hielt fest, dass die Versicherte aus
internistischer Sicht altersentsprechend normal belastungsfähig sei. Eine Ausnahme
davon gelte für die Perioden der unvorhersehbaren und plötzlich einsetzenden
Darmkrämpfe. In diesen Phasen, die einige Stunden dauern könnten, sei die
Versicherte nicht arbeitsfähig. Eine Toilette müsse in der Nähe zur Verfügung stehen.
Ein Versuch zur besseren Einstellung der Problematik des Colon irritabile sei
wünschenswert und erfolgversprechend. Dr. med. J._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, erklärte, dass die depressive Störung und die Angsterkrankung in der
Vergangenheit überwiegend leicht ausgeprägt gewesen seien. Dies sei auch aktuell der
Fall. Aus psychiatrischer Sicht bestünden Fähigkeitsstörungen in den Bereichen
Durchhaltefähigkeit, Flexibilität und Umstellungsfähigkeit sowie emotionale
Belastbarkeit. Es liege sowohl in der bisherigen Tätigkeit als Reinigungskraft als auch in
einer adaptierten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 70-80 % vor. Die Arbeitsfähigkeit
sei in der ersten Jahreshälfte 2014 vorübergehend stärker eingeschränkt gewesen; das
Ausmass könne im Nachhinein allerdings nicht mehr genau quantifiziert werden. K._,
Facharzt für Orthopädie und Traumatologie des Bewegungsapparates, führte aus, dass
seitens der beklagten Beschwerden die linksbetonten Cervicobrachialgien im
Vordergrund gestanden hätten. Zweifelsohne liege ein Diskusprolaps in Höhe C5/6,
nach intraforaminal reichend, vor. Die Epicondylopathien humeri ulnaris und radialis
hätten zum Untersuchungszeitpunkt klinisch nicht mehr im Vordergrund gestanden.
Zeichen einer fortgeschrittenen degenerativen Veränderung der HWS im Sinne einer
Facettengelenksarthrose oder einer fortgeschrittenen Unkarthrose lägen nicht vor;
radiologisch handle es sich um einen altersentsprechenden Befund. Die degenerativen
Veränderungen der HWS liessen die demonstrierten Funktionseinschränkungen nicht
gänzlich erklären. Aufgrund der cervicalen Bandscheibenherniation mit Affektion der
Wurzel C6 links (Juni 2014) sei der Versicherten die Tätigkeit als Reinigungskraft nicht
mehr zumutbar. Körperlich leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeiten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit Heben und Tragen von Lasten bis maximal 15 kg könne die Versicherte aus
orthopädischer Sicht jedoch weiterhin ausüben. Tätigkeiten in Zwangshaltungen
(Vorneige-/Überkopfarbeiten) und Tätigkeiten unter extremen
Temperaturschwankungen (Hitze, Kälte, Nässe, Zug) seien zu vermeiden. Dr. med.
L._, Facharzt für Neurologie, erklärte, dass sich aktuell keine Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit ergeben hätten. In polydisziplinärer Hinsicht schätzten die Gutachter
die Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit als Reinigungskraft auf 0 % und in einer
adaptierten Tätigkeit auf 70-80 %. RAD-Psychiater Dr. med. M._ notierte am 11.
Januar 2016 (IV-act. 48), dass das Gutachten der SMAB AG die
versicherungsmedizinischen Anforderungen erfülle, weshalb auf es abgestellt werden
könne.
A.h Mit Vorbescheid vom 12. Januar 2016 stellte die IV-Stelle der Versicherten bei
einem IV-Grad von 25 % die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 50).
Zur Begründung hielt sie fest, dass in der angestammten Tätigkeit eine
ununterbrochene Arbeitsunfähigkeit seit dem 3. Februar 2014 ausgewiesen sei. Ohne
Behinderung hätte die Versicherte in einem 100 %-Pensum gemäss der
Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik (LSE) ein Jahreseinkommen von
Fr. 51'444.-- erzielen können. Mit Behinderung seien ihr adaptierte Tätigkeiten
weiterhin zu 75 % zumutbar. Die Versicherte könne somit ein Jahreseinkommen von Fr.
38'583.-- erzielen. Dagegen liess die Versicherte am 5. Februar/7. März 2016
einwenden (IV-act. 53), dass die gutachterliche Arbeitsfähigkeitsschätzung zwar
nachvollziehbar sei. Das Valideneinkommen entspreche jedoch nicht den Tatsachen.
Die Versicherte erhalte an ihrer aktuellen Arbeitsstelle als Reinigungsangestellte in
einem Privathaushalt einen Stundenlohn von Fr. 35.--. Ohne Gesundheitsschaden
würde sie zu 100 % als Reinigungsangestellte arbeiten. Ausgehend von 261
Arbeitstagen im Jahr und 42 Arbeitswochen (8.4 Stunden pro Arbeitstag) ergebe dies
jährlich 2'192.4 bezahlte Arbeitsstunden und damit einen Jahreslohn in der Höhe von
Fr. 76'701.70. Unter Berücksichtigung eines Valideneinkommens von Fr. 38'583.--
resultiere ein IV-Grad von 50 %. Unter Berücksichtigung der erhöhten
Wahrscheinlichkeit von krankheitsbedingten Absenzen, des Alters der Versicherten, der
Tatsache, dass sie lange Zeit keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen sei, und weil ihr
nur eine Teilzeittätigkeit zuzumuten sei, müsse ein "Leidensabzug" von mindestens 20
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
% vorgenommen werden. Der Invaliditätsgrad betrage folglich 60 %. Die Versicherte
habe also Anspruch auf eine Dreiviertelsrente.
A.i Mit Verfügung vom 9. März 2016 wies die IV-Stelle das Rentengesuch wie
angekündigt bei einem IV-Grad von 25 % ab (IV-act. 59). Zum Einwand hielt sie fest,
dass die Versicherte keine Berufsausbildung absolviert habe und bis zur Trennung vom
Ehemann Hausfrau gewesen sei. Sie verfüge also über keine Berufserfahrung.
Hilfsarbeiterinnen in einer Teilzeitanstellung verdienten proportional mehr im Verhältnis
zu einer Vollbeschäftigung. Deshalb werde beim Valideneinkommen weiterhin auf den
LSE-Tabellenlohn abgestützt. Ein Teilzeitabzug beim Invalideneinkommen sei nicht
angezeigt.
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
am 15. April 2016 Beschwerde erheben (act. G 1). Ihre Rechtsvertreterin beantragte die
Aufhebung der Verfügung und die Zusprache einer Rente. In der
Beschwerdeergänzung vom 30. Mai 2016 (act. G 6) machte sie erneut geltend, dass
das Valideneinkommen auf Fr. 76'701.70 festzusetzen sei. Eine Teilzeitbeschäftigung
wirke sich gemäss dem Bundesgericht nur bei einem Pensum zwischen 25 und 49 %
im Vergleich zu einer Vollzeitbeschäftigung proportional lohnerhöhend aus. Aufgrund
ihres Alters (53 Jahre), der Darmerkrankung, dem von den Gutachtern aufgestellten
Belastungsprofil und weil ihr lediglich noch eine Teilzeitarbeit zumutbar sei und sie
lange Zeit keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen sei, sei die Beschwerdeführerin auf
dem Arbeitsmarkt benachteiligt, was sich auf das Lohnniveau auswirke. Es sei ihr
daher ein leidensbedingter Abzug von 25 % zu gewähren. Bei einem
Valideneinkommen von Fr. 6'391.80 pro Monat und einem Invalideneinkommen von Fr.
2'348.90 pro Monat resultiere ein Invaliditätsgrad von 63 %. Die Beschwerdeführerin
habe somit Anspruch auf eine Dreiviertelsrente.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 14. Juli 2016 die
Abweisung der Beschwerde (act. G 9). Zur Begründung hielt sie fest, dass die
Beschwerdeführerin gemäss dem IK-Auszug seit ihrer Einreise in die Schweiz (1989)
keine nennenswerten Einkünfte erzielt habe. Sie sei auch keiner geregelten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwerbstätigkeit nachgegangen, als ihre Kinder das Erwachsenenalter erreicht hätten.
Die Argumentation der Beschwerdeführerin, dass sie ohne die gesundheitlichen
Beeinträchtigungen zu 100 % als Reinigungsangestellte tätig wäre und dabei einen
Lohn erzielen würde, der um 32 % höher wäre als das durchschnittliche Einkommen
einer Hilfsarbeiterin gemäss der LSE, sei daher nicht nachvollziehbar bzw.
widersprüchlich. Das Valideneinkommen sei folglich zu Recht anhand des LSE-
Tabellenlohnes ermittelt worden und habe im Jahr 2012 Fr. 52'282.-- betragen. Gründe
für einen Tabellenlohnabzug seien keine ersichtlich, weshalb das Invalideneinkommen
auf Fr. 39'212.-- festzusetzen sei. Der IV-Grad betrage folglich 25 %. Selbst wenn ein
Tabellenlohnabzug von 15 % gewährt würde, würde ein rentenausschliessender IV-
Grad von rund 36 % resultieren.
B.c In ihrer Replik vom 13. September 2016 (act. G 11) beantragte die
Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin eventualiter die Rückweisung der Sache an
die Beschwerdegegnerin zu weiteren Abklärungen, insbesondere zu einer neuen
Begutachtung. Sie machte geltend, dass der Bericht von Dr. F._ vom 5. September
2016 der gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung entgegenstehe. Des Weiteren
seien die MRI-Befunde vom 22. August 2014 (LWS?) und vom 21. Januar 2016 (Knie
rechts) im Gutachten nicht berücksichtigt worden. Das Gutachten sei somit nicht in
Kenntnis der vollständigen Vorakten ergangen und habe nicht sämtliche beklagten
Beschwerden berücksichtigt. Auf das Gutachten könne folglich nicht abgestellt
werden. Bezüglich des Valideneinkommens hielt die Rechtsvertreterin fest, die
Tatsache, dass die Beschwerdeführerin vor Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung
einen Stundenlohn von Fr. 35.-- erzielt habe, zeige, dass die Arbeitgeber bereit wären,
die Beschwerdeführerin in diesem Umfang zu entschädigen. Dr. F._ hatte in ihrem
Bericht vom 5. September 2016 (act. G 11.1.1) als neue Diagnosen ein
Lumbovertebralsyndrom bei degenerativen Veränderungen (siehe MRI vom 22.8.2014),
eine Gonarthrose mit Bakerzyste und Meniskusriss rechts (siehe MRI vom 21.1.2016),
eine Tarsalgie (Fersenschmerzen) bds. bei Fersensporn links, Überlastung Muskel-
Sehnen-Apparat und eine phlebolymphodynamische Insuffizienz beider Beine
angegeben. Sie hatte erklärt, dass aktuell weiterhin die lumbalen Rückenschmerzen im
Vordergrund stünden. Die Schmerzen in den Knien seien weniger stark. Um
Überbelastungen zu vermeiden und eine ausreichende Erholungszeit zu haben,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bestehe für adaptierte Tätigkeiten eine Arbeitsfähigkeit von maximal drei bis vier
Stunden täglich mit einer Pause von 30 Minuten nach zwei Stunden.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 12 f.).

Erwägungen
1.
Gemäss Art. 60 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) ist die Beschwerde innerhalb von 30
Tagen nach der Eröffnung der Verfügung einzureichen. Die angefochtene Verfügung
vom 9. März 2016 ist der damaligen Vertreterin der Beschwerdeführerin am 11. März
2016 zugestellt worden. Die Beschwerdefrist hat also tags darauf, am 12. März 2016,
zu laufen begonnen. Gesetzliche oder behördliche Fristen, die nach Tagen oder
Monaten bestimmt sind, stehen vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten
Tag nach Ostern still (Art. 38 Abs. 4 lit. a ATSG). Der Ostersonntag ist im Jahr 2016 auf
den 27. März gefallen, d.h. die Frist hat vom Sonntag, 20. März bis Sonntag, 3. April
stillgestanden. Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hat am 15. April 2016,
d.h. am 20. Tag der Frist und somit rechtzeitig Beschwerde erhoben. Auf die
Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2.
2.1 Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin einen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin bei einem IV-Grad von 25 % verneint. Strittig
ist demnach, ob die Beschwerdeführerin einen Anspruch auf eine Invalidenrente hat.
2.2 Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Invalidität ist gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.3 Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist der Invaliditätsgrad
grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
3.
3.1 Um das Invalideneinkommen ermitteln zu können, muss die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
feststehen.
3.2 In medizinischer Hinsicht liegen insbesondere die Berichte von Dr. F._ vom 6.
Juni 2014 (IV-act. 22-5 f.) und vom 5. September 2016 (act. G 11.1.1), der Bericht des
Psychiatrie-Zentrums E._ vom März 2015 (IV-act. 29) und das polydisziplinäre
Gutachten der SMAB AG vom 14. Dezember 2015 (IV-act. 47) im Recht.
3.3 Unbestritten und aufgrund der cervicalen Bandscheibenherniation mit Affektion der
Wurzel C6 links ausgewiesen ist, dass der Beschwerdeführerin die zuletzt ausgeübte
Tätigkeit als Reinigungskraft spätestens seit Juni 2014 (MRI-Befund, IV-act. 22-7) nicht
mehr zumutbar ist. Umstritten ist demgegenüber die Arbeitsfähigkeit in einer körperlich
adaptierten Tätigkeit. Der orthopädische Gutachter der SMAB AG, Dr. K._, hat als
orthopädische Diagnosen mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches cervico-
spondylogenes Schmerzsyndrom und ein Impingementsyndrom der linken Schulter mit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer leichtgradigen Funktionseinschränkung angegeben. Die Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten, körperlich leichten bis mittelschweren, wechselbelastenden Tätigkeit hat
er als zu 100 % zumutbar erachtet. Dahingegen hat die behandelnde Ärztin Dr. F._,
Fachärztin für Physikalische Medizin und Rehabilitation, der Beschwerdeführerin in
ihrem Bericht vom 5. September 2016 lediglich noch eine Arbeitsfähigkeit von maximal
drei bis vier Stunden täglich mit einer Pause von 30 Minuten nach zwei Stunden
attestiert, was ca. einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 30-45 % entspricht. Im
vorliegenden Verfahren ist der Gesundheitszustand respektive die Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin bis und mit Verfügungserlass, d.h. bis 9. März 2016, relevant.
Zwar hat Dr. F._ ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung erst ein halbes Jahr nach dem
Erlass der Verfügung abgegeben. Sie stützt sich dabei jedoch unter anderem auf zwei
MRI-Befunde aus einer Zeit vor Verfügungserlass, was eine Auseinandersetzung mit
ihrer Beurteilung vom September 2016 notwendig macht. Dr. F._ hat als neue
Diagnose ein Lumbovertebralsyndrom bei degenerativen Veränderungen angegeben
und auf ein MRI vom 22. August 2014 verwiesen. Die zweite neue Diagnose ist eine
Gonarthrose mit Bakerzyste und Meniskusriss rechts gewesen. Das MRI (wohl der
LWS) vom 22. August 2014 ist im Zeitpunkt der gutachterlichen Untersuchung im
November 2015 über ein Jahr alt gewesen. Zwar hat den Gutachtern dieser MRI-
Befund nicht vorgelegen. Bildgebende Befunde sagen für sich allein jedoch auch nichts
über die Arbeitsfähigkeit aus. Die Beschwerdeführerin hat gegenüber dem
orthopädischen Gutachter nicht über Schmerzen in der Lendenwirbelsäule, sondern
über Nacken-Schulter-Arm-Schmerzen, über Schmerzen im Bereich der rechten Hand
und über Schmerzen in beiden Füssen geklagt (IV-act. 47-47). Die klinische
Untersuchung der LWS ist nicht auffällig gewesen (IV-act. 47-50). Dr. F._ hat in ihrem
Bericht vom 5. September 2016 angegeben, dass aktuell weiterhin die lumbalen
Rückenschmerzen im Vordergrund stünden. Da sie diesen Bericht erst Monate nach
dem Verfügungserlass (9. März 2016) erstellt hat, ist davon auszugehen, dass eine
allfällige Veränderung der gesundheitlichen Situation erst nach Verfügungserlass
eingetreten wäre. Bezüglich der Diagnose einer Gonarthrose mit Bakerzyste und
Meniskusriss rechts ist darauf hinzuweisen, dass Dr. F._ die − im Vergleich zu den
anderen körperlichen Beschwerden − als weniger stark bezeichneten Schmerzen in
beiden Knien bereits in ihrem Bericht vom 6. Juni 2014 erwähnt und einen Verdacht auf
eine Retropatellararthrose beidseits geäussert hatte (IV-act. 22-5 f.). Trotzdem hat die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin anlässlich der gutachterlichen Untersuchung im November 2015
gegenüber dem orthopädischen Gutachter keine Knieschmerzen erwähnt. Auch der
klinische Untersuch ist unauffällig gewesen (IV-act. 47-50). Da die Beschwerdeführerin
gegenüber den Gutachtern keine Knieschmerzen erwähnt hat, haben diese keine
bildgebenden Befunde anfertigen lassen. Auch liegen keine bildgebenden Befunde der
Knie von der Zeit vor der Begutachtung vor. Daher ist nicht nachgewiesen, dass sich
die Kniebeschwerden rechts (im kurzen Zeitraum) zwischen der Begutachtung im
November 2015 und dem Verfügungserlass im März 2016 verschlimmert haben.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Bericht von Dr. F._ vom 5. September
2016 keine Zweifel an der Arbeitsfähigkeitsschätzung des orthopädischen Gutachters
der SMAB AG zu wecken vermag. Auf die Beurteilung des orthopädischen Gutachters
Dr. K._ kann daher vollumfänglich abgestellt werden.
3.4 Der internistische Gutachter der SMAB, Dr. I._, hat erklärt, dass die
Beschwerdeführerin in Perioden der unvorhersehbaren und plötzlich einsetzenden
Darmkrämpfe, die einige Stunden dauern könnten, nicht arbeitsfähig sei. Er hat jedoch
auch darauf hingewiesen, dass ein Versuch zur besseren Einstellung der Problematik
des Colon irritabile wünschenswert und erfolgsversprechend sei. Bei der
Arbeitsfähigkeitsschätzung handelt es sich um eine langfristige Prognose. Da die
Darmbeschwerden behandelbar sind, hat Dr. I._ eine im Verfügungszeitpunkt
allenfalls noch bestehende Arbeitsunfähigkeit in zeitlicher Hinsicht in seiner Beurteilung
zu Recht unberücksichtigt gelassen.
3.5 Demnach steht fest, dass die Beschwerdeführerin aus somatischer Sicht in der
zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Reinigungskraft zu 100 % arbeitsunfähig ist. In einer
körperlich adaptierten Tätigkeit hingegen ist sie im entscheidrelevanten Zeitraum aus
somatischer Sicht nie längerdauernd in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen.
3.6 In psychiatrischer Hinsicht hat der psychiatrische Gutachter der SMAB, Dr. J._,
der Beschwerdeführerin insbesondere eine rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig leichte Episode, und eine Agoraphobie mit Panikstörung, diagnostiziert. Er
hat die Arbeitsfähigkeit für die angestammte wie auch für adaptierte Tätigkeiten auf
70-80 % geschätzt. Er hat ausserdem erklärt, dass die Arbeitsfähigkeit in der ersten
Jahreshälfte 2014 vorübergehend stärker eingeschränkt gewesen sei. Das Ausmass
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könne im Nachhinein jedoch nicht mehr genau quantifiziert werden. Die
Beschwerdeführerin hat sich im Februar 2014 in psychiatrische Behandlung begeben
(s. IV-act. 22-8 und 29-2). Ab diesem Zeitpunkt hat sie auch eine Arbeitsunfähigkeit
geltend gemacht. In antizipierender Beweiswürdigung ist daher davon auszugehen,
dass die Beschwerdeführerin bis und mit Januar 2014 aus psychiatrischer Sicht noch
nicht in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt gewesen ist. Unter Berücksichtigung des
Wartejahres könnte somit frühestens am 1. Februar 2015 ein Rentenanspruch
entstehen. Eine allfällig höhere Arbeitsunfähigkeit im ersten Halbjahr 2014 ist somit
nicht entscheidrelevant, zumal das Wartejahr bereits bei einem Arbeitsunfähigkeitsgrad
von 20 % eröffnet wird (AHI 1998 S. 124, I 411/96 E. 3c; Urteile des Bundesgerichts
vom 21. Oktober 2013, 8C_174/2013 und 8C_178/2013 E. 3.2). Ob im ersten Halbjahr
2014 aus psychiatrischer Sicht eine höhergradige Arbeitsunfähigkeit bestanden hat,
kann somit offen bleiben. Die behandelnde Psychologin und die Oberärztin des
Psychiatrie-Zentrums E._ haben der Beschwerdeführerin in ihrem Bericht vom März
2015 für die Zeit ab dem 12. August 2014 eine 50 %ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt.
Allerdings haben sie nicht nur die psychiatrischen, sondern auch die somatischen
Diagnosen, die nicht zu ihrem Fachgebiet gehören, in ihre Arbeitsfähigkeitsschätzung
einfliessen lassen. Auf ihre Beurteilung kann bereits aus diesem Grund nicht abgestellt
werden. Ob die psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit zwischen 2014 und November
2015 zeitweise höher als 20-30 % gewesen ist, lässt sich (in antizipierender
Beweiswürdigung) retrospektiv nicht mehr belegen. Den Nachteil der Beweislosigkeit
hat die Beschwerdeführerin zu tragen (vgl. BGE 117 V 261 E. 3b). Dr. J._ hat seine
Einschätzung des psychiatrischen Gesundheitszustandes und der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin nachvollziehbar und widerspruchsfrei begründet. Auch der RAD-
Psychiater Dr. M._ hat die Beurteilung von Dr. J._ als plausibel erachtet. Auf die
Arbeitsfähigkeitsschätzung des psychiatrischen Gutachters Dr. J._ kann daher
abgestellt werden. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass für die Zeit ab Februar
2014 von einer 20-30 %igen Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht auszugehen
ist.
4.
4.1 Somit bleibt noch der von der Beschwerdegegnerin vorgenommene
Einkommensvergleich zu überprüfen. Die Beschwerdegegnerin hat das Validen- wie
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch das Invalideneinkommen anhand von Tabellenlöhnen bestimmt. Die
Beschwerdeführerin hat keinen Beruf erlernt und ist seit Juni 2013 als Reinigungsfrau in
einem Privathaushalt tätig gewesen. Davor war sie 24 Jahre lang Hausfrau und Mutter
gewesen. Im Jahr 2006/2008 hatte sie an einer Kosmetikschule Kurse in der
Fusspflege (max. 12 Tage), in der Nagelmodellage (max. 1 Tag), in der Massage (max.
10 Tage) und in der Fussreflexzonenmassage (max. 3 Tage) absolviert. Im Jahr 2011
hatte sie sich in einem 18-tägigen Kurs zur SRK-Pflegehelferin ausbilden lassen (IV-act.
9-3). Die Beschwerdeführerin hatte bis Juni 2013 jedoch nur in einem Monat ein
beitragsrelevantes Erwerbseinkommen erzielt, nämlich im März 2012 (IV-act. 12-1). Die
damalige Arbeitsstelle in einem Pflegewohnheim hatte sie noch während der Probezeit
verloren (IV-act. 47-24). Weder mit einer Tätigkeit im Kosmetikbereich (ohne
eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) noch als Pflegehelferin hätte die
Beschwerdeführerin als Gesunde ein höheres Erwerbseinkommen erzielen können als
mit der ab 1. Juni 2013 ausgeübten Reinigungstätigkeit oder mit einer anderen
Hilfsarbeit, da die Löhne in diesen Tätigkeitsbereichen erfahrungsgemäss tief sind. Der
Lohn der Beschwerdeführerin für die ab 1. Juni 2013 ausgeübte Tätigkeit als
Reinigungsfrau in einem Privathaushalt ist mit Fr. 35.-- pro Stunde überdurchschnittlich
hoch gewesen. Da die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt der Anstellung über keine
Berufserfahrung verfügt hat, kann dieser hohe Lohn nicht mit einer
überdurchschnittlichen Leistungsfähigkeit erklärt werden. Die Beschwerdeführerin hat
ein freundschaftliches Verhältnis zu ihrer Arbeitgeberin gepflegt; anders ist es nicht zu
erklären, dass sie vorübergehend im Haus ihrer Arbeitgeberin gewohnt hat (IV-act.
28-2). Aufgrund der gesamten Umstände muss daher davon ausgegangen werden,
dass es sich bei dem von der Arbeitgeberin bezahlten Stundenlohn von Fr. 35.-- für die
Reinigung ihres Privathaushalts um einen Soziallohn gehandelt hat. Hinzu kommt, dass
die zuletzt ausgeübte Tätigkeit eine Teilzeitarbeit von 7-8 Stunden pro Woche (ca. 20
%) gewesen ist. Da angenommen wird, dass die Beschwerdeführerin im
Gesundheitsfall ein 100 %-Pensum ausgeübt hätte, hätte sie entweder weitere
Teilzeitarbeitsstellen oder eine Festanstellung suchen müssen. Dass andere
Arbeitgeber ihr auch einen Stundenlohn von Fr. 35.-- bezahlt hätten, ist angesichts des
durchschnittlichen Stundelohnes einer Hilfsarbeiterin im Jahr 2014 von ca. Fr. 25.--
gemäss der LSE unrealistisch (Anhang 2 der IVG-Ausgabe der Informationsstelle AHV/
IV, Ausgabe 2018; [Fr. 4'300.-- / 4.3333 Wochen] / 40 Stunden). Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin hat somit für die Ermittlung des Valideneinkommens zu Recht auf
Tabellenlöhne abgestellt. Auch als Invalidenkarriere kommt lediglich eine Hilfsarbeit in
Betracht. Das Validen- und das Invalideneinkommen müssen daher ziffernmässig nicht
festgelegt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 18. April 2017, 9C_675/2016 E.
3.1 und 3.2).
4.2 Die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin hat einen maximalen
Tabellenlohnabzug von 25 % gefordert. Die Beschwerdeführerin ist im
Verfügungszeitpunkt 53-jährig gewesen. Bis zum ordentlichen Pensionsalter ist ihr also
noch eine Restaktivitätsdauer von immerhin fast 11 Jahren verblieben. Hinzu kommt,
dass die Einarbeitungszeit bei Hilfsarbeiten kurz ist und das Alter der Arbeitnehmer
daher keine Rolle spielt. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass depressive Störungen
erfahrungsgemäss Schwankungen unterworfen sind. Arbeitgeber müssen sich auf eine
konstante Arbeitsleistung ihrer Arbeitnehmer verlassen können. Zum Ausgleich des
Risikos einer schwankenden Arbeitsleistung und vermehrter krankheitsbedingter
Arbeitsausfälle wird ein Arbeitgeber die Beschwerdeführerin nur zu einem tieferen Lohn
anstellen als eine gesunde Arbeitnehmerin. Angesichts der lediglich leichtgradig
ausgeprägten depressiven Symptomatik ist ein Tabellenlohnabzug von 10 %
gerechtfertigt. Die Restarbeitsfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten liegt bei 70-80 %. Gibt
ein medizinischer Sachverständiger bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung eine Bandbreite
(hier: 20-30 % arbeitsunfähig) an, ist gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
der Mittelwert heranzuziehen, welcher von den beiden Extremwerten am wenigsten
abweicht (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 21. April 2005, I
822/04 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 28. Dezem¬ber 2007, 9C_626/2007
E. 3.2). Dem Einkommensvergleich ist also eine Arbeitsfähigkeit von 75 % zugrunde zu
legen. Der IV-Grad beträgt folglich 32.5 % (25 % + [75 % x 0.1]). Da der IV-Grad unter
40 % liegt, hat die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine IV-Rente.
5.
5.1 Demnach ist die Beschwerde abzuweisen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.
Die Gerichtsgebühr ist durch den von ihr geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 600.--
gedeckt. Die Beschwerdeführerin hat bei diesem Verfahrensausgang keinen Anspruch
auf eine Parteientschädigung.