Decision ID: de41b7c6-09fb-4dc5-a471-25afbb857b84
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend fahrlässige Körperverletzung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur, Einzelgericht
Strafsachen, vom 2. August 2011 (GG100085)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 29. Novem-
ber 2010 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 24).
Urteil der Vorinstanz:
1. Die Beschuldigte A._ ist schuldig der fahrlässigen Körperverletzung im
Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB.
2. Die Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu
Fr. 30.– sowie mit einer Busse von Fr. 500.–.
3. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf zwei
Jahre festgesetzt.
4. Die Busse ist zu bezahlen. Bezahlt die Beschuldigte die Busse schuldhaft
nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe von 5 Tagen.
5. Es wird festgestellt, dass die Beschuldigte aus dem Ereignis vom
18. November 2009 gegenüber dem Privatkläger grundsätzlich schadener-
satz- und genugtuungspflichtig ist. Zur genauen Feststellung der Höhe des
Schadenersatzes und der Genugtuung wird der Privatkläger auf den Weg
des Zivilprozesses verwiesen.
6. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 2'100.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'530.65 Untersuchungskosten
Fr. 3'630.65
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden der
Beschuldigten auferlegt.
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8. Die Beschuldigte wird verpflichtet, dem Privatkläger für das gesamte Verfah-
ren eine Prozessentschädigung von Fr. 2'557.30 inklusive Mehrwertsteuer
zu bezahlen.
Berufungsanträge:
a) Der erbetenen Verteidigung der Beschuldigten: (mündlich, Urk. 61 S. 1): " 1. Ziff. 1 des vorinstanzlichen Urteils vom 2. August 2011 sei insofern ab-
zuändern, als die Berufungsklägerin vom Vorwurf der fahrlässigen Kör-
perverletzung freizusprechen sei,
2. die Ziffern 2 bis 5 seien aufzuheben,
3. Ziff. 7 sei insofern abzuändern, als die Kosten der Untersuchung und
des erstinstanzlichen Gerichtsverfahrens auf die Staatskasse zu neh-
men seien,
4. Ziff. 8 sei aufzuheben,
5. die Kosten für das Berufungsverfahren seien auf die Staatskasse zu
nehmen, unter angemessener Entschädigung der Berufungsklägerin."
b) Der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich: (schriftlich Urk. 56) Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils.
c) Der Privatklägerschaft B._ durch RA Dr. iur. Y._: (mündlich, Urk. 62): "Es sei die Berufung abzuweisen;
unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschuldigten und
Berufungsklägerin."
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Das Gericht erwägt:
I. Anklagesachverhalt
Gemäss Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom
29. November 2010 wird der Beschuldigten fahrlässige schwere Körperverletzung
im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB vorgeworfen, weil sie sinngemäss zusammen-
gefasst Folgendes getan habe:
Am 18. November 2009, ca. um 10:45 Uhr, sei die Beschuldigte in C._
auf der ...strasse auf Höhe Liegenschaft "..." als Lenkerin des Sattelschleppers
..., ... Kontrollschild ..., mit dem korrekt vor ihr fahrenden und das Motorfahrrad
Pony 503, Kontrollschild ..., lenkenden Privatkläger kollidiert, wobei sich letzterer
lebensgefährliche innere Verletzungen zugezogen habe. Dieser Unfall sei auf
mangelnde Aufmerksamkeit und demzufolge auf pflichtwidrige Unvorsichtigkeit
der Beschuldigten zurückzuführen (näher dazu Urk. 24, S. 2; zur Illustration der
Unfallstelle Urk. 12/3).
II. Prozessgeschichte
1. Das Urteil des Bezirksgerichts Winterthur, Einzelgericht in Strafsachen,
erging am 2. August 2011 und wurde der Beschuldigten am 5. August 2011 in so-
gleich vollständiger Ausfertigung schriftlich eröffnet (Urk. 45). In der Folge melde-
te sie mit Eingabe vom 15. August 2011, eingegangen am 16. August 2011, innert
Frist Berufung an (Urk. 46). Die Berufungserklärung erfolgte ebenfalls fristgemäss
mit Eingabe vom 25. August 2011, eingegangen am 29. August 2011, und wurde
nicht beschränkt (Urk. 52). Von Seiten der Staatsanwaltschaft oder des Privatklä-
gers wurde keine Berufung erhoben. Mit Verfügung vom 16. August 2011 über-
wies die Vorinstanz deshalb die Akten ans Obergericht des Kantons Zürich, damit
dieses die Berufung der Beschuldigten behandle (Urk. 48).
2. Mit Verfügung des Präsidenten der Berufungskammer vom 30. August
2011 wurde der Staatsanwaltschaft und dem Privatkläger Frist angesetzt, um An-
schlussberufung zu erheben oder Nichteintreten zu beantragen (Urk. 54). Die
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Staatsanwaltschaft verzichtete in der Folge explizit auf Anschlussberufung und
beantragte Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 56); der Privatkläger
liess sich nicht vernehmen.
3. Zur heutigen Berufungsverhandlung sind RA lic. iur. X._ als erbe-
tener Verteidiger der Beschuldigten und RA Dr. iur. Y._ als Vertreter des Pri-
vatklägers B._ erschienen. Es wurden die eingangs genannten Anträge ge-
stellt (Prot. II, S. 3).
III. Prozessuales
Gemäss Art. 454 Abs. 1 der am 1. Januar 2011 in Kraft getretenen Schwei-
zerischen Strafprozessordnung gilt für Rechtsmittel gegen erstinstanzliche Ent-
scheide, die nach Inkrafttreten dieses Gesetzes gefällt wurden, neues Recht.
Entsprechend ist die Berufung gegen das Urteil des Bezirksgerichts Win-
terthur, Einzelgericht in Strafsachen, vom 2. August 2011 in Anwendung der
Schweizerischen Strafprozessordnung (nachfolgend: StPO) sowie des Zürcheri-
schen Gesetzes über die Gerichts- und Behördenorganisation im Zivil- und Straf-
prozess (nachfolgend: GOG) zu beurteilen.
IV. Sachverhaltserstellung
1. Die Beschuldigte macht sinngemäss zusammengefasst geltend, dass
sich das vorinstanzliche Urteil nicht mit einem allenfalls fehlerhaften Verhalten des
Privatklägers auseinandersetze, womit letztlich offen bleiben müsse, ob der Unfall
tatsächlich auf mangelnde Aufmerksamkeit der Beschuldigten zurückzuführen sei
oder ob eventuell auch ein unvermittelter Spurwechsel des Privatklägers dafür
verantwortlich sein könnte. Entsprechend sei die Beschuldigte von Schuld und
Strafe freizusprechen (Urk. 52, S. 2).
2. Der Grundsatz der freien richterlichen Beweiswürdigung besagt, dass
das Gericht die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Verfahren gewonne-
nen Überzeugung würdigen soll (Art. 10 Abs. 2 StPO).
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Entsprechend hat das Gericht seinem Urteil denjenigen Sachverhalt zugrun-
de zu legen, den es aufgrund aller ihm vorliegenden Beweise und seiner daraus
resultierenden Überzeugung als gegeben erachtet. Ist ein Sachverhalt umstritten,
ist es demzufolge Aufgabe des Gerichts, nur den vorliegenden Fakten verpflichtet
und ohne Bindung an gesetzliche Regeln zu prüfen, ob es sich von einer be-
stimmten Sachverhaltsdarstellung überzeugt zeigen kann. Bestehen nach so vor-
genommener Beweiswürdigung erhebliche und unüberwindbare Zweifel an der
Täterschaft des Beschuldigten, so sind diese aufgrund der Unschuldsvermutung
und dem aus ihr fliessenden Grundsatz "in dubio pro reo" zu seinen Gunsten zu
werten (Art. 10 Abs. 1 und 3 StPO).
Wenngleich in einem Strafprozess an den Beweis von Täterschaft und
Schuld besonders hohe Anforderungen zu stellen sind, kann ein Schuldspruch
somit auch dann erfolgen, wenn hinsichtlich der Tatsachenfeststellung keine ab-
solute Sicherheit besteht. Denn bloss abstrakte und theoretische Zweifel sind im-
mer möglich. Es sind mithin – wie vorstehend erwähnt – nur erhebliche und un-
überwindbare Zweifel zu Gunsten des Beschuldigten zu berücksichtigen. Als sol-
che gelten Zweifel dann, wenn sie sich nach der objektiven Sachlage aufdrängen
und sich jedem kritischen und vernünftigen Menschen stellen (HAUSER/SCHWERI/
HARTMANN, Schweizerisches Strafprozessrecht, Basel 2005, 6. Aufl., S. 247 f.;
BGE 127 I 40).
Ein Freispruch in Anwendung des Grundsatzes "in dubio pro reo" hat mit
anderen Worten also nur dann zu ergehen, wenn das Gericht nach pflichtgemäs-
ser Beweiswürdigung unter Einbezug aller im Einzelfall relevanten Umstände vor-
handene Zweifel nicht überwinden und sich demzufolge von einer bestimmten
Sachverhaltsdarstellung nicht überzeugt zeigen kann. Die Anforderungen an die
gerichtliche Überzeugung dürfen dabei aber freilich auch nicht überspannt wer-
den. Überzeugung ist erreicht, wenn vernünftigerweise und nach der Erfahrung
des Lebens ein gegenteiliger Sachverhalt keine oder nur eine geringe Wahr-
scheinlichkeit für sich hat und erhebliche Zweifel demzufolge nicht oder nicht
mehr bestehen. Bei der Beweiswürdigung muss sich das Gericht also zu einer
subjektiven Gewissheit und Wahrheit durchringen können (HOCHULI, In dubio pro
reo, SJZ 50 [1954], S. 255; ZR 72, Nr. 80; ZR 71, Nr. 110; ZR 71, Nr. 7).
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Sind Personalbeweise zu würdigen, so ist anhand sämtlicher sich aus den
Akten ergebenden Umstände zu prüfen, ob die einzelnen bzw. welche der Sach-
verhaltsdarstellungen überzeugen. Dabei kommt es vorwiegend auf den inneren
Gehalt der einzelnen Aussagen an, verbunden mit der Art und Weise, wie sie er-
folgen. Es darf also nicht einfach auf die Persönlichkeit oder die allgemeine
Glaubwürdigkeit der aussagenden Person abgestellt werden, sondern es ist vor
allem die Glaubhaftigkeit ihrer konkreten, sachverhaltsrelevanten Aussagen zu
berücksichtigen. Diese sind einer Analyse und einer kritischen Würdigung zu un-
terziehen. Sie sind insbesondere auf das Vorhandensein von Realitätskriterien
oder Lügensignalen zu überprüfen. Fehlen Realitätskriterien und finden sich Lü-
gensignale, so gilt das als Indiz für eine Falschaussage. Bei der Würdigung sind
aber im Sinne einer Gesamtschau alle Aussagen zu berücksichtigen, die eine
Person in dem in Frage stehenden Zusammenhang gemacht hat (anstelle vieler
BENDER/NACK/TREUER, Tatsachenfeststellung vor Gericht, Bd. I, 3. Aufl., München
2007, S. 68 ff.).
3. a) Zunächst ist festzustellen, dass die Vorinstanz eine umfassende
und eingehende Beweiswürdigung vorgenommen sowie mit nachvollziehbarer
und plausibler Begründung den Anklagesachverhalt als erstellt betrachtet hat. Es
kann deshalb vorab auf die entsprechenden vorinstanzlichen Erwägungen ver-
wiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO; Urk. 50, S. 4 ff.).
b) In einem ersten Schritt hat die Vorinstanz die Aussagen der Beschul-
digten zutreffend zusammengefasst und einander gegenübergestellt (Urk. 50,
S. 4 ff.).
Die Beschuldigte sagte rund zwei Stunden nach dem gegenständlichen Vor-
fall anlässlich ihrer ersten polizeilichen Befragung aus, den Privatkläger vor der
Kollision nicht wahrgenommen zu haben, weshalb sie auch zum Unfallhergang
keine Angaben machen könne. Es habe plötzlich einen Knall gegeben, worauf sie
nach links ausgewichen und deshalb in die Strassenlaterne gefahren sei und
schliesslich im Rückspiegel ein Motorfahrrad und einen Mann am Boden liegen
gesehen habe. Vielleicht sei sie durch Verkehrsschilder und das in der unteren
Hälfte ungefähr in der Mitte der Frontscheibe angebrachte Navigationsgerät abge-
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lenkt gewesen und habe den Privatkläger deshalb nicht gesehen. Hätte sie ihn
wahrgenommen, wäre es sicher nicht zum Unfall gekommen (Urk. 4 S. 2 f.).
Tags darauf widerrief die Beschuldigte ihre ersten Aussagen und machte
geltend, sich nun doch erinnern zu können, den Privatkläger kurz vor der Kollision
gesehen zu haben. Weitere Aussagen dazu wollte sie jedoch keine machen
(Urk. 1 S. 11 f.).
Anlässlich der gut fünf Monate später erfolgten staatsanwaltschaftlichen
Einvernahme erklärte die Beschuldigte, nach dem Unfall unter Schock gestanden
und deshalb bei der Polizei falsch ausgesagt zu haben, weshalb sie die entspre-
chenden Aussagen ja auch widerrufen habe (Urk. 6 S. 1 und 5). Richtig sei, dass
sie den Privatkläger kurz vor der Kollision durch die Frontscheibe gesehen habe;
er sei ein paar Meter vor ihrem Sattelschlepper auf der rechten Seite gewesen. Er
habe kurz nach hinten geschaut, die Hand rausgehalten und sei dann auch schon
rübergekommen (gemeint: von der Hauptfahrspur auf die Einspurstrecke für
Linksabbieger; vgl. Urk. 12/3). In der Folge habe sie gehupt und sei nach links
ausgewichen bzw. in die Strassenlaterne gefahren, um Schlimmeres zu vermei-
den, habe den Privatkläger aber dennoch mit der vorderen rechten Seite ihres
Fahrzeugs erwischt. Der Unfall sei somit unvermeidbar gewesen (Urk. 6 S. 2).
Im Rahmen der Hauptverhandlung sagte die Beschuldigte aus, den Privat-
kläger kurz vor der Kollision gesehen zu haben; er sei neben bzw. fast neben ihr
gewesen, so dass sie habe ausweichen müssen, um Schlimmeres zu vermeiden.
Er sei etwa in der Mitte der Hauptfahrspur gewesen, habe die Hand rausgehalten
und sei dann auch schon zu ihr auf die Einspurstrecke rübergekommen, auf der
sie sich mindestens schon mit der Schnauze ihres Sattelschleppers befunden ha-
be (Urk. 42/1 S. 2 ff.). Auf den Hinweis, dass der Privatkläger dann eher seitlich
unter ihr Fahrzeug geraten wäre, meinte die Beschuldigte, dass er dann halt nicht
neben, sondern ein Stückchen vor ihr gewesen sei. Sie habe ihn jedenfalls mit der
vorderen rechten Seite ihres Sattelschleppers erwischt (Urk. 42/1 S. 3).
Wie bereits die Vorinstanz festgestellt hat, ergeben sich aus den verschie-
denen Aussagen der Beschuldigten bisweilen eklatante Widersprüche, so dass ih-
re entsprechenden Ausführungen im Hinblick auf ihre Glaubhaftigkeit in ihrer Ge-
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samtheit fraglos in Zweifel zu ziehen sind. Die Vorinstanz hat aber auch aufge-
zeigt, dass die ersten Aussagen der Beschuldigten bei der Polizei sehr wohl über-
zeugend sind, während ihren Sachverhaltsdarstellungen bei der Staatsanwalt-
schaft und vor Vorinstanz kein Glauben geschenkt werden kann (näher dazu
nachfolgend lit. c), zumal diese mitunter schon aus logischen Gründen gar nicht
zutreffen können (Urk. 50, S. 7 f.).
An der Glaubhaftigkeit der ersten Aussagen der Beschuldigten bei der Poli-
zei zu zweifeln, besteht denn in der Tat auch kein Anlass. Ihre entsprechenden
Schilderungen wirken in sich stimmig, lebensnah und durchweg nachvollziehbar.
Zudem decken sie sich mit den – jedenfalls in diesem Punkt konstanten (näher
dazu nachfolgend lit. d) – Aussagen des Privatklägers, wonach sich die Beschul-
digte nach dem Unfall bei ihm entschuldigt und ihm gesagt habe, dass sie ihn
nicht gesehen habe (Urk. 5, S. 3; Urk. 7, S. 2).
Demgegenüber erscheint das nachträgliche Geltendmachen, die entspre-
chenden Aussagen seien falsch, weil sie in einem Schockzustand gemacht wor-
den seien, als nachgeschobene Schutzbehauptung. Wenngleich der Beschuldig-
ten zuzugestehen ist, dass sie sich im Zeitpunkt der polizeilichen Befragung noch
unter dem Eindruck des Unfallgeschehens und damit in einer psychischen Aus-
nahmesituation befunden haben mag, so ist dennoch nicht anzunehmen, dass ein
so grundlegendes Faktum wie das Wahrnehmen des Privatklägers schon vor der
Kollision einfach ausgeblendet war und trotz mehrfacher Nachfrage ausgeblendet
blieb. Die Vorinstanz hat zu Recht darauf hingewiesen, dass wenn die Beschul-
digte den Privatkläger tatsächlich schon vor der Kollision gesehen hätte, vielmehr
zu erwarten gewesen wäre, dass sich bei ihr dieses Bild des von rechts kommen-
den und unter ihren Sattelschlepper geratenden Mofas "eingebrannt" hätte und
dieses Trauma anlässlich ihrer ersten Befragung ganz sicher zur Sprache ge-
kommen wäre (vgl. Urk. 50, S. 8).
c) In einem zweiten Schritt prüfte die Vorinstanz die Aussagen der Be-
schuldigten auf ihre Übereinstimmung mit den vorliegenden Sach- bzw. Sachver-
ständigenbeweisen (Urk. 50, S. 9 ff.). Diesbezüglich kann unter Verweis auf die
zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz festgehalten werden, dass aufgrund
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der von der Stadtpolizei C._ erstellten Fotodokumentation der Unfallstelle
(Urk. 12/1) und der Zeugenaussage des selbst dorthin ausgerückten Unfallsach-
bearbeiters D._ (Urk. 8) keine ernsthaften Zweifel daran bestehen, dass die
Abrieb- und Kratzspuren am verunfallten Sattelschlepper vom Motorfahrrad des
Privatklägers stammen und dass sich die beiden Fahrzeuge im Zeitpunkt der Kol-
lision in einer Linie befanden, da andere und zusätzliche Spuren, wie insbesonde-
re Abriebspuren des Pneus des Motorfahrrades, auf der Strasse zu erwarten ge-
wesen wären, wenn die beiden Fahrzeuge schräg zu einander gestanden hätten
(Urk. 8, S. 3; Urk. 12/1, S. 5 unten und S. 6 oben). Im Übrigen passt laut Vo-
rinstanz das Spurenbild auch zur Aussage der Beschuldigten, wonach sie das
Motorfahrrad des Privatklägers mit der vorderen rechten Seite ihres Sattelschlep-
pers erwischt habe (Urk. 6 S. 2; Urk. 41/2 S. 2 f.).
Des Weiteren führte die Vorinstanz einleuchtend aus, wie anhand des Situa-
tionsplans des Unfalltechnischen Dienstes der Stadtpolizei Zürich (Urk. 12/3) die
Kollisionsstelle abgeleitet werden kann und sich daraus wiederum Distanzen er-
geben, die mit der Geschwindigkeit der Beschuldigten in Relation gesetzt werden
können, so dass sich letztlich nachweisen lässt, dass ihre seit der polizeilichen
Befragung gemachten Aussagen nicht stimmen können, denn selbst nach ihrer
für sie günstigsten Sachverhaltsdarstellung (Urk. 6, S. 2; Urk. 42/1, S. 2) hätte
zwischen dem Zeitpunkt, in dem die Beschuldigte den Privatkläger das erste Mal
gesehen haben will, und der Kollision mit diesem lediglich rund eine Sekunde ge-
legen. Dass die Beschuldigte in diesem kurzen Augenblick sämtliche von ihr be-
schriebenen Wahrnehmungen und Handlungen gemacht bzw. vorgenommen hat,
ist jedoch mit der Vorinstanz als schlicht unmöglich zu bezeichnen. Es kann dies-
bezüglich - um Wiederholungen zu vermeiden - auf die zutreffenden Ausführun-
gen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 50, S. 10 f.).
An dieser Einschätzung ändert sich auch nichts, wenn man die Annahme,
dass der Privatkläger zu Beginn seines Spurwechsels auf dem Fahrradstreifen
rechts der Hauptfahrspur gewesen sei, als falsch betrachtet. Denn selbst wenn er
sich gemäss den Angaben der Beschuldigten zu Beginn seines Spurwechsels be-
reits in der Mitte der Hauptfahrspur befunden (Urk. 42/1, S. 4) und zur Einspur-
strecke somit bloss einen seitlichen Abstand von drei statt sechs Metern gehabt
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hätte (vgl. Urk. 12/3), wäre es immer noch undenkbar, dass es der Beschuldigten
in besagter Zeitspanne von lediglich rund einer Sekunde möglich gewesen sein
soll, den Privatkläger zunächst wahrzunehmen, in der Folge seinen kurzen Blick
nach hinten, das Ausstrecken seiner Hand und dessen Einleitung des Spurwech-
sels zu beobachten, sodann zu hupen und schliesslich ihr Ausweichmanöver
nach links vorzunehmen. Zudem hätte der Privatkläger einen enorm raschen und
deshalb mit einem massiven seitlichen Einschlag verbundenen Spurwechsel vor-
nehmen müssen, um innerhalb einer Sekunde von der Mitte der Hauptfahrspur
auf die rechte Hälfte der Einspurstrecke zu gelangen; wie bereits erwähnt, fehlen
im vorliegenden Spurenbild aber Hinweise darauf, dass die beiden Fahrzeuge im
Zeitpunkt der Kollision schräg zu einander gestanden sind.
d) Damit stellte die Vorinstanz zu Recht auf die ersten Aussagen der Be-
schuldigten anlässlich der polizeilichen Befragung vom 18. November 2009 ab, da
die späteren davon abweichenden Aussagen der Beschuldigten nicht mit den
ebenfalls massgebenden Sach- bzw. Sachverständigenbeweise vereinbar sind.
Demzufolge kommt den Aussagen des Privatklägers für die Beweisführung
grundsätzlich keine Bedeutung zu. Aus diesem Grund spielt es auch keine Rolle,
dass er mitunter ebenfalls widersprüchlich aussagte, indem er einmal zu Protokoll
gab, dass er den Sattelschlepper der Beschuldigten vor dem Unfall nicht gesehen
habe (Urk. 5 S. 3), später dann aber aussagte, dass er etwas vor der Einspurstre-
cke zurückgeschaut und diesen ca. 50 Meter hinter sich gesehen habe (Urk. 7
S. 2). Abgesehen davon beschlägt diese Ungereimtheit die Frage, ob bzw. wann
die Beschuldigte den Privatkläger gesehen hat, nicht. Es kann daraus auch kein
Fehlverhalten des Privatklägers abgeleitet werden, welches sich zu Gunsten der
Beschuldigten auszuwirken würde. Es ist denn auch nicht zu beanstanden, dass
die Vorinstanz die Aussagen des Privatklägers wegen eines aufgrund der Verlet-
zungsfolgen (Notoperation, siebentägiges künstliches Koma) möglicherweise be-
einträchtigten Erinnerungsvermögens zwar als "nicht ausreichend glaubhaft, um
vorbehaltlos auf sie abstellen zu können", qualifizierte (Urk. 50, S. 8), dann aber
ohnehin nicht darauf abstellte (Urk. 50, S. 9).
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Bezug nehmend auf die Berufungsbeanstandungen der Beschuldigten ist
somit zusammenfassend festzuhalten, dass den Aussagen des Privatklägers für
die Beweisführung grundsätzlich keine Bedeutung zukommt und dass ihnen auch
nichts entnommen werden kann, was auf ein Fehlverhalten des Privatklägers
schliessen lassen würde. Darüber hinaus enthalten auch die vorhandenen Sach-
bzw. Sachverständigenbeweise keine Hinweise auf eine Mitverantwortung des
Privatklägers am Unfallgeschehen. Entsprechend bestand für die Vorinstanz kein
Anlass, sich näher mit der Behauptung eines fehlerhaften Verhaltens des Privat-
klägers auseinanderzusetzen, als sie es – was die Beschuldigte verkennt – im
Rahmen der Erörterung der vorliegenden Sach- bzw. Sachverständigenbeweise
getan hat. Gleiches hat für das Berufungsverfahren zu gelten.
Im Ergebnis ist deshalb festzustellen, dass aufgrund der vorliegenden Be-
weislage keine erheblichen und unüberwindbaren Zweifel daran bestehen, dass
der gegenständliche Unfall auf mangelnde Aufmerksamkeit der Beschuldigten zu-
rückzuführen ist, weshalb der Anklagesachverhalt in Bestätigung der Vorinstanz
rechtsgenügend erstellt ist.
V. Rechtliche Würdigung
Zur rechtlichen Würdigung des als erstellt betrachteten Sachverhalts kann
vollumfänglich auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen wer-
den (Art. 82. Abs. 4 StPO; Urk. 50, S. 11 ff.).
Entsprechend ist der Schuldspruch wegen fahrlässiger schwerer Körperver-
letzung im Sinne von Art. 125 Abs. 2 StGB zu bestätigen.
VI. Strafzumessung und Vollzug
Zur Strafzumessung und zum Vollzug kann grundsätzlich ebenfalls auf die
zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 50, S. 13 ff.).
Bezüglich der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Beschul-
digten hat sich gemäss Angaben der Beschuldigten seit dem vorinstanzlichen Ur-
teil im Wesentlichen nichts verändert (Urk. 58/1-4). Die Beschuldigte wohnt offen-
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bar nach wie vor zusammen mit ihrem Partner und teilt sich die Mietkosten von
Euro 470.– (Urk. 58/3). Für ihr Kind, welches beim Vater wohnt, bezahlt sie einen
monatlichen Unterhaltsbeitrag von Euro 150.– (Urk. 58/4). Und ihr Arbeitspensum
beträgt wie bis anhin 100 %. Einzig das aktuelle Nettoeinkommen der Beschuldig-
ten hat sich leicht um monatlich Euro 200.–, nämlich auf Euro 1'200.– pro Monat,
erhöht (Urk. 58/1-2).
Demnach ist die Beschuldigte in Bestätigung der Vorinstanz mit einer Geld-
strafe von 90 Tagessätzen zu Fr. 30.– zu bestrafen. Für die Ausfällung einer Bus-
se besteht vorliegend indes kein Anlass (TRECHSEL, StGB Praxiskommentar, Zü-
rich 2008, N 24 zu Art. 42).
Der Vollzug der Geldstrafe ist mit der Vorinstanz aufzuschieben und die
Probezeit auf 2 Jahre festzusetzen.
VII. Zivilansprüche
Die Vorinstanz hat die Grundlagen der adhäsionsweisen Geltendmachung
von Zivilansprüchen im Strafverfahren zutreffend dargelegt (Urk. 50, S. 16 f.),
weshalb vorab darauf verwiesen werden kann. Gleiches gilt sodann für die Haf-
tungsgrundlagen, wobei diesbezüglich zu korrigieren ist, dass sich der Genugtu-
ungsanspruch bei Körperverletzung nicht aus Art. 49 Abs. 1 OR, sondern aus Art.
47 OR ergibt, ist letztere Bestimmung doch "lex specialis" zu ersterer.
Der Privatkläger konstituierte sich bereits im Vorverfahren als solcher
(Urk. 3; Art. 118 Abs. 2 StPO) und beantragte vor Vorinstanz, es sei festzustellen,
dass ihm die Beschuldigte für die Folgen der anlässlich des Unfallereignisses vom
18. November 2009 erlittenen Verletzungen schadenersatz- und genugtuungs-
pflichtig sei (Urk. 42/2, S. 1). Daran hielt er auch im Berufungsverfahren fest
(Urk. 62 S. 1).
Da vorliegend ein Schuldspruch zu ergehen hat (vgl. vorstehend V.) und
ausser Frage steht, dass der Privatkläger aus dem eingeklagten Ereignis schwere
Körperverletzungen erlitt (vgl. Urk. 13/4+7), ist somit antragsgemäss festzustellen,
dass die Beschuldigte dem Privatkläger für die Folgen der anlässlich des Unfal-
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lereignisses vom 18. November 2009 erlittenen Verletzungen dem Grundsatz
nach schadenersatz- und genugtuungspflichtig ist. Zur genauen Feststellung der
Höhe von Schadenersatz und Genugtuung ist der Privatkläger auf den Zivilweg zu
verweisen.
VIII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Erstinstanzliches Verfahren:
Bei diesem Ausgang des Berufungsverfahrens ist das erstinstanzliche Kos-
ten- und Entschädigungsdispositiv (Dispositivziffern 6 bis 8) ohne Weiteres zu be-
stätigen (Art. 428 Abs. 3 StPO und Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO).
2. Zweitinstanzliches Verfahren:
2.1. Die Kosten des Berufungsverfahrens tragen die Parteien nach Mass-
gabe ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 Satz 1 StPO). Vorlie-
gend unterliegt die Beschuldigte mit ihrer Berufung vollumfänglich, weshalb ihr
ausgangsgemäss die gesamten Verfahrenskosten aufzuerlegen sind.
2.2. Entsprechend der Kostenauflage wird die Beschuldigte gegenüber der
obsiegenden Privatklägerschaft entschädigungspflichtig für notwendige Aufwen-
dungen im Berufungsverfahren (Art. 433 Abs. 1 lit. a StPO).
2.3. Für das Berufungsverfahren liess der Privatkläger durch seinen
Rechtsvertreter anlässlich der Berufungsverhandlung Aufwendungen und Baraus-
lagen in der Höhe von insgesamt Fr. 3'334.– zuzüglich 8 % Mehrwertsteuer, mit-
hin insgesamt Fr. 3'600.70, geltend machen. Angesichts der Dauer der Beru-
fungsverhandlung von gut einer Stunde und des Plädoyerumfangs seines
Rechtsvertreters von zwei Seiten rechtfertigt es sich allerdings die Entschädigung
auf insgesamt Fr. 3'270.– (inkl. MwSt) festzusetzen.
Die Beschuldigte ist demnach zu verpflichten, dem Privatkläger für das ge-
samte Verfahren eine Prozessentschädigung von Fr. 3'270.– (inkl. MwSt) zu be-
zahlen.
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