Decision ID: cebfeee4-96da-5e54-8c46-75186f7cb416
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 18. Februar 2018 im Transitbereich
des Flughafens Zürich bei der Flughafenpolizei um die Gewährung von
Asyl in der Schweiz nach. Gemäss Feststellung der Flughafenpolizei hatte
er den Flughafen am Tag zuvor erreicht. Das SEM verweigerte ihm noch
am gleichen Tag vorläufig die Einreise in die Schweiz und wies ihm für
längstens 60 Tage den Transitbereich des Flughafens als Aufenthaltsort
zu.
A.b Am 20. Februar 2018 wurde der Beschwerdeführer zu seiner Person,
zum Reiseweg und summarisch zu den Gesuchsgründen (Befragung zur
Person, BzP) befragt. Er gab an, er sei in B._ geboren worden und
habe sich zuletzt in C._ aufgehalten. Im Jahr 2011 sei er indessen
untergetaucht und habe anschliessend an verschiedenen Orten gelebt. Er
habe das College 1996 abgebrochen, weil er den Liberation Tigers of Tamil
Eelam (LTTE) beigetreten sei, für die er Bürotätigkeiten ausgeübt und de-
ren Mitglieder registriert habe. Den LTTE habe er bis im April 2009, als er
sich der Armee gestellt habe, angehört. Bis im August 2010 sei er in einem
Camp in D._ gewesen, danach sei er nach C._ geschickt
worden. Bei seiner Freilassung habe man ihm gesagt, seine Tante habe für
ihn gebürgt. Bei seiner Ankunft in C._ sei er von Marine-Soldaten
registriert worden. Er wisse nicht, von wem er immer wieder bei seiner
Tante gesucht worden sei. Er habe deshalb bei Bekannten seiner Tante
gelebt. Anlässlich eines Besuchs bei seiner Tante im Jahr 2011, sei er von
Marine-Soldaten festgenommen worden. Die Marine habe von ihm wissen
wollen, welche LTTE-Leute sich noch in Freiheit befänden. Er sei während
etwa elf Monaten auf dem Stützpunkt von C._ festgehalten worden;
im Camp sei er geschlagen und mit Zigaretten verbrannt worden. Als er
krank geworden und in ein Spital gebracht worden sei, habe er fliehen kön-
nen. 2012 sei er nach E._ gegangen, wo er in den Jahren 2013 und
2014 als (...) gearbeitet habe. Danach sei er von einem Kameraden, der
mit ihm bei den LTTE gewesen sei, finanziell unterstützt worden. Zirka im
März 2015 sei er nach Sri Lanka zurückgekehrt; er habe bis zu seiner Aus-
reise im Februar 2018 versteckt im F._-Distrikt gelebt. In E._
sei er einmal vom dortigen Geheimdienst kontrolliert worden. Er habe zu-
gegeben, dass er bei den LTTE gewesen sei, worauf er sich während
15 Tagen täglich zur Unterschrift habe melden müssen. 2015 sei er von
den (...) Behörden festgenommen worden. Man habe ihn für fünf Tage in-
haftiert; während dieser Zeit seien Geheimdienstleute gekommen, die ihm
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Fotografien gezeigt und gefragt hätten, ob er die abgebildeten Personen
kenne. Man habe seinen Vater gebracht, der sich in einem Flüchtlingscamp
aufgehalten habe, und sie seien beide befragt worden. Man habe ihnen
gesagt, sie würden in Sri Lanka gesucht. Schliesslich habe man ihn gehen
lassen und er sei selbständig in die Heimat zurückgekehrt. Sein Vater sei
seit September 2017 in Sri Lanka in Haft – er sei nicht LTTE-Mitglied ge-
wesen, habe aber für diese Organisation gearbeitet. Sein Schwager, der
bei den LTTE gewesen sei, sei ums Leben gekommen. Zudem sei sein
Bruder verschollen. Es gebe ein Schreiben der Armee, in dem stehe, dass
sein Vater seinetwegen festgenommen worden sei. Die Armee gehe immer
wieder zu seiner Mutter und verlange, dass sein Bruder und er sich stellten.
A.c Am 27. Februar 2018 hörte das SEM den Beschwerdeführer einge-
hend zu seinen Asylgründen an. Dabei machte er im Wesentlichen geltend,
er habe ab 1996 für die LTTE gearbeitet. Seine Aufgabe sei das Zusam-
menfassen von Texten gewesen. Er sei militärisch ausgebildet worden,
habe aber an keinen Kampfhandlungen teilgenommen. Er sei der „Verwal-
tung“ zugeteilt worden und habe alle administrativen Arbeiten erledigen
müssen. Er habe die Personalien und Wohnorte der LTTE-Mitglieder auf-
nehmen müssen. Als die Armee 2009 angerückt sei, habe er nach
E._ fliehen wollen. Während er mit dem Boot unterwegs gewesen
sei, sei er von der sri-lankischen Marine festgenommen und nach
G._ sowie nach einem halben Tag zum (...) in D._ geschickt
worden. Eine Woche später sei er ins (...)-Camp gebracht worden. Man
habe wissen wollen, ob er irgendwo Verwandte habe, und er habe seine
Tante genannt. Bis zu seiner Entlassung Ende 2009/Anfang 2010 sei er
von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und von Caritas
betreut worden. Nach der Freilassung sei er zu einem Navy-Camp in
C._ gebracht worden, wo ihm eine Tafel mit seinem LTTE-Codena-
men in die Hand gegeben worden sei. So habe man ihn fotografiert. Am
folgenden Tag habe er zu seiner Tante gehen dürfen. Nachdem er dort an-
gekommen sei, sei er die ganze Zeit befragt und belästigt worden. Nach
einer Woche habe ihn die Tante zu anderen Personen gebracht. Als er ei-
nes Tages seine Tante habe besuchen wollen, sei er festgenommen und
elf Monate lang im Navy-Camp in C._ festgehalten worden. Man
habe von ihm die Namen von LTTE-Leuten, die er registriert habe, wissen
wollen. Er sei auf verschiedene Weise misshandelt worden. Er glaube, An-
fang 2011 hätten mehrere Gefangene hohes Fieber bekommen; alle seien
nach C._ ins Spital gebracht worden. Er habe einen Gärtner ken-
nengelernt, der dort gearbeitet habe. Dieser habe die Telefonnummer sei-
ner Schwester ausfindig gemacht und sie ihm gegeben. Eines Tages habe
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er das Spital verlassen. Es sei keine Wache dort gewesen. Als er sich in
E._ aufgehalten habe, sei er vom Geheimdienst befragt worden.
Sein Vater sei in E._ in einem anderen Camp untergebracht worden
– er sei im September 2017 mit dem Flugzeug nach Sri Lanka zurückge-
schickt und am Flughafen von Colombo festgenommen worden. Er (der
Beschwerdeführer) habe 2014 bei der Schweizer Botschaft in E._
ein Asylgesuch stellen wollen. 2015 sei er nach Sri Lanka zurückgekehrt,
weil die (...) Behörden gedroht hätten, ihn zurückzuschaffen. Sein Vater sei
seinetwegen festgenommen worden; die Behörden hätten wissen wollen,
wo er sich aufhalte. 2012 sei sein Bruder ebenfalls seinetwegen mitgenom-
men worden – man wisse bis heute nicht, was mit ihm geschehen sei. Nach
seiner Rückkehr nach Sri Lanka im Jahr 2015 habe er versteckt gelebt.
Nachdem sein Vater festgenommen worden sei, habe er noch mehr Angst
gehabt als zuvor. Mitarbeiter des Criminal Investigation Department (CID)
und Navy-Leute seien mehrmals bei ihm zuhause und an anderen Orten
gewesen, um nach ihm zu suchen. Seine Familie sei deshalb umgezogen.
A.d Zur Stützung seiner Angaben reichte der Beschwerdeführer Kopien
seiner Identitätskarte, seiner Geburtsurkunde und eines Schreibens der
Human Rights Commission of Sri Lanka (HRC) vom 13. September 2012
ein. Ferner gab er die Kopie einer Anordnung des High Court von Colombo
vom (...) 2011 zu den Akten, gemäss der sein Vater festzunehmen sei, falls
er ein- oder ausreisen wolle. Zudem reichte er Kopien weiterer seinen Vater
betreffenden Dokumente ein (Ausreisesperre, Bestätigungen seiner Ver-
haftung durch die Polizei). Ebenfalls gab er Kopien eines Schreibens des
„(...) Welfare Centre“ und ein Schreiben eines Parlamentsmitglieds ab. Der
Beschwerdeführer reichte später das Original seiner Identitätskarte nach.
A.e Mit Verfügung vom 9. März 2018 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch
ab, verfügte die Wegweisung aus dem Transitbereich des Flughafens Zü-
rich und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
A.f Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 16. März 2018 liess der Be-
schwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben. Darin wurde beantragt, die Verfügung des SEM sei
aufzuheben, es sei ihm zu gestatten, den Transitbereich des Flughafens
Zürich-Kloten zu verlassen und in die Schweiz einzureisen, es sei festzu-
stellen, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft erfülle und
es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei festzustellen, dass der Voll-
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zug der Wegweisung des Beschwerdeführers unzulässig sei und er sei vor-
läufig aufzunehmen. Subeventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an
das SEM zurückzuweisen. Der Eingabe lagen ein Bestätigungsschreiben
von H._ vom 16. März 2018 sowie weitere Beweismittel bei.
A.g Mit Eingabe vom 26. März 2018 übermittelte der Beschwerdeführer die
Kopie eines Auszugs aus dem Informationsbuch der Polizeistation von
C._ vom (...) 2018.
A.h Am 6. April 2018 reichte der Beschwerdeführer einen Auszug aus dem
Informationsbuch einer Polizeistation und ein Schreiben seiner Schwester
vom 15. März 2018 ein.
A.i Mit Verfügung vom 18. April 2018 bewilligte das SEM dem Beschwer-
deführer die Einreise in die Schweiz und wies ihn für den weiteren Aufent-
halt während des Asylverfahrens dem Kanton I._ zu.
A.j Der Beschwerdeführer liess am 9. Mai 2018 die Kopie einer Registrie-
rungskarte einreichen.
A.k Mit Urteil D-1631/2018 vom 19. Juli 2018 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde gut, soweit die Aufhebung der Verfügung vom
9. März 2018 beantragt worden war. Es wies die Sache zur weiteren Sach-
verhaltsabklärung und Neubeurteilung an das SEM zurück. Es wurden
keine Kosten erhoben und das SEM wurde angewiesen, dem Beschwer-
deführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Partei-
entschädigung von Fr. 3500.– auszurichten.
B.
B.a Das SEM forderte den Beschwerdeführer am 18. Juni 2020 auf, schrift-
liche Auskünfte von den Herren J._ und H._ über die LTTE-
Einsätze von ihm und seinem Vater nachzureichen.
B.b Mit Eingabe vom 31. Juli 2020 übermittelte der Beschwerdeführer die
schriftlichen Auskünfte über seine Tätigkeit bei den LTTE von Herrn
J._ vom 17. Juli 2020 und von Herrn H._ vom 17. Juli 2020.
Er wies darauf hin, dass die beiden Herren über die Tätigkeit seines Vaters
keine Angaben machen könnten. Zudem teilte er mit, sein Vater sei seines
Wissens mehrere Jahre bei den LTTE angestellt gewesen. Infolge einer
Suchaktion sei er nach Indien gegangen, wo er ein Asylgesuch gestellt
habe. Bei seiner Rückkehr nach Sri Lanka sei er im Jahr 2017 verhaftet
worden. 2019 sei er wegen der erlittenen Folterungen und wegen seiner
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Krankheit (Lungenkrebs) im Gefängnis verstorben. Der Leichnam sei nach
Hause gebracht worden. Der Todesschein des Vaters liege bei, wobei der
vermerkte Todesort von den sri-lankischen Behörden «gefälscht» worden
sei.
B.c Das SEM hörte den Beschwerdeführer am 13. Oktober 2020 in Anwe-
senheit seiner Rechtsvertreterin zu seinen Asylgründen an. Er machte im
Wesentlichen geltend, sein Vater habe schon für die LTTE gearbeitet, als
er noch klein gewesen sei. Er habe erfahren, dass sein Vater im «Ausgabe-
bereich» (Lebensmittel und andere Sachen) tätig gewesen sei. Zudem
habe er sich um die Bildung von Kindern, den Wiederaufbau von Tempeln
und Schulen sowie um sportliche Tätigkeiten gekümmert. Er wisse nicht,
ob sein Vater auch in anderen Bereichen für die LTTE tätig gewesen sei.
Sein Vater habe sich häufig im Camp von K._ aufgehalten, der (...)
des LTTE-Gemeindienstes gewesen sei. Von den Personen, die damals
mit seinem Vater zusammen gewesen seien, habe niemand überlebt. Sein
Vater sei am 19. September 2019 verstorben. Danach hätten sich Leute
aus der ganzen Welt gemeldet und ihr Beileid ausgesprochen. Er habe
nicht gewusst, dass sein Vater eine solche Persönlichkeit gewesen sei. Die
Regierung habe es nicht zugelassen, dass die Beerdigung nach hinduisti-
schen Gebräuchen durchgeführt worden sei. Die Leiche sei in Anwesenheit
von einigen Verwandten in der Nähe eines Dorfes (L._) beigesetzt
worden. Diejenigen, die teilgenommen hätten, seien später vom CID be-
fragt worden. Die Behörden seien immer noch interessiert daran, Informa-
tionen über seine Familie zu sammeln. Ein in London lebender Mann habe
ihn kontaktiert und ihm von seinem Vater erzählt. Er (der Beschwerdefüh-
rer) sei überzeugt, dass sein Vater ihm nicht alles über seine LTTE-Tätig-
keit erzählt habe. Ein Mann, der in Deutschland lebe und der (...) ange-
höre, habe sich bei ihm gemeldet und gesagt, die (...) wolle über seinen
Vater ein Buch schreiben. Der Mann habe sich erkundigt, ob er etwas über
seinen Vater erzählen könne. Seine Familie habe (...) besessen, auf denen
viele Leute gearbeitet hätten. Derzeit seien vier Häuser von der Regierung
besetzt und die Hälfte der (...) blockiert worden. Ein Haus sei einer Schule
gegeben worden, ein anderes habe die EPDP (Eelam People’s Democratic
Party) erhalten. Die anderen beiden Häuser dürfe niemand betreten. Seine
Familie lebe in einem Miethaus. Am 11. Oktober 2020 habe seine Mutter
einen Anruf erhalten. Jemand habe sich in gebrochenem Tamilisch nach
ihren Kindern erkundigt. Der Anrufer habe gesagt, er spreche vom Flugha-
fen aus und heisse M._. Sie habe das Gespräch unterbrochen und
sei am selben Abend von derselben Nummer nochmals angerufen worden.
Im Jahr 1996 sei er (der Beschwerdeführer) den LTTE beigetreten. Sein
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Vater sei damals im Camp von N._ gewesen und bis zum Kriegs-
ende dortgeblieben. Angesichts der Folgen des Krieges und weil er die
Schule nicht habe weiterbesuchen können, sei er (der Beschwerdeführer)
freiwillig den LTTE beigetreten. Er sei zu einem Mann namens O._
oder P._ gegangen und habe sich bei diesem gemeldet. Er habe
gesagt, dass er der Bewegung beitreten möchte, woraufhin man ihm ge-
antwortet habe, er sei zu jung. Trotzdem sei er zum Trainingslager gebracht
worden, wo er während sechs Monaten das Basistraining absolviert habe.
1997 sei er den Sea Tigers beigetreten; er sei bis zum 22. April 2009 bei
ihnen geblieben. Zuerst habe er für sie Berichte verfasst und über andere
Männer, die zu den Sea Tigers gekommen seien, Informationen sammeln
müssen. In diesem «Archivierungsbereich» habe man alles gewusst, was
innerhalb der Sea Tigers abgelaufen sei. In seinem Camp hätten 35 Per-
sonen gearbeitet, die solche Berichte verfasst hätten. Q._ sei der
Abteilungsleiter gewesen; dieser sei verschollen. An Kampfhandlungen
habe er nie teilgenommen. Am 22. April 2009 habe er das Vanni-Gebiet
verlassen, um nach Indien zu gehen. Das Boot, auf dem er gewesen sei,
sei von den Behörden angehalten worden. Die Marinesoldaten hätten alle
Flüchtlinge mitgenommen und nach G._ gebracht. Nach zirka
sechs Stunden seien sie zum (...) gebracht worden. Dort sei er einige Wo-
chen geblieben. Danach sei er ins (...) gebracht worden, wo er bis 2010
geblieben sei. Wenn er sich unwohl gefühlt habe, habe er sich im Camp
bei einem Vorsteher melden müssen. Er sei dann in ein Spital und zurück
ins Camp gefahren worden. Als er nach der Ankunft im Camp dem Vorste-
her Informationen über sich habe geben müssen, habe er gesagt, dass
seine nächsten Verwandten in C._ lebten. Später seien 35 Perso-
nen nach C._ geschickt worden, wo sie in einem Distrikts-Büro re-
gistriert worden seien. Erst dann sei er als LTTE-Mitglied identifiziert wor-
den. Als er enttarnt worden sei, habe er im Distrikts-Büro ein Schild mit
dem Namen «R._» hochhalten müssen, wobei er fotografiert wor-
den sei. Da er bereits bei der IOM und der Caritas registriert gewesen sei,
habe man ihm nichts antun können. Als er zu seiner Tante habe gehen
wollen, sei er einmal festgenommen worden. Er sei beim Marine-Stütz-
punkt von C._ ungefähr elf Monate lang festgehalten worden. Die
Marine habe von ihm viele Informationen erhalten wollen. Es habe dort un-
terirdische Wege gegeben. Beim Vorbeigehen habe er Zellen gesehen, in
denen LTTE-Verdächtigte festgehalten und gefoltert worden seien. Auch er
sei befragt und gefoltert worden. Seither könne er mit dem rechten Arm
keine Flaschen mehr halten. Man habe Zigaretten auf ihm ausgedrückt und
ihn mit einem Gurt geschlagen. Er habe am ganzen Körper Narben und
spüre den rechten Arm fast nicht. (Der Beschwerdeführer wurde bei den
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Schilderungen der Haftzeit vom Befrager unterbrochen). In einem Rehabi-
litations-Camp sei er nie gewesen. Er habe nach dem Ende des Krieges
keinen Kontakt zu einer Familie gehabt. Da seine ganze Familie von den
sri-lankischen Behörden befragt und belästigt worden sei, habe sein Vater
im Jahr 2010 Sri Lanka zusammen mit den beiden Brüdern des Beschwer-
deführers verlassen. Sein Bruder S._ sei nach seiner Rückkehr von
Indien festgenommen worden; seither sei er verschollen. T._ sei
schon nach einigen Wochen Aufenthalts in Indien in die Heimat zurückge-
kehrt. Er lebe nun zu Hause bei der Mutter. Sein Vater sei im September
2017 nicht ganz freiwillig nach Sri Lanka zurückgereist. Polizisten der «Q-
Branch» hätten seinen Vater und ihn in Indien einmal befragt. Sie hätten
gesagt, sie seien eine wichtige Familie und würden von der sri-lankischen
Regierung gesucht. Sein Vater sei einerseits an Lungenkrebs gestorben,
anderseits hätten die körperlichen und psychischen Belästigungen wäh-
rend seiner Haft eine wichtige Rolle gespielt. Er könne nicht sagen, wes-
halb sein Vater am 15. September 2017 festgenommen worden sei. Die
Behörden hätten ihn als wichtigen LTTE-Mann angesehen. Als seine Mut-
ter gegen die Inhaftierung des Vaters Beschwerde eingereicht habe, habe
man ihr geschrieben, ihr Ehemann sei von der Antiterror-Abteilung zur Be-
fragung in den vierten Stock gebracht worden. Seine Mutter und seine
Schwester hätten sich um die Freilassung seines Vaters bemüht. Sein Va-
ter sei ins Spital von U._ gebracht worden, wo er von seiner Mutter,
seiner Schwester und deren Tochter habe besucht werden können. Im Ge-
fängnis hätten sie ihn nie besuchen dürfen. Nach seinem Schwager ge-
fragt, sagte der Beschwerdeführer, dieser sei bis zu seinem Tod im Jahr
2006 bei den LTTE gewesen. Seine Schwester habe gesagt, er sei den
LTTE 1988 oder 1989 beigetreten. Als er an Kampfhandlungen beteiligt
gewesen sei, habe er 1991 sein linkes Bein verloren. Danach sei er für die
LTTE in der (...) tätig gewesen. Abschliessend wies der Beschwerdeführer
darauf hin, dass seine Familie drei Männer verloren habe. Die sri-lanki-
schen Behörden würden nach ihnen suchen, bis man sie eliminiert habe.
In Sri Lanka gebe es für seine Familie keine Sicherheit. Der Beschwerde-
führer gab Fotografien seines Vaters, seines Schwagers, seines verschol-
lenen Bruders, von einer Gedenkfeier für seinen Vater in Indien und eine
Liste von Personen, die mit ihm bei den LTTE gewesen seien, ab.
C.
Mit Verfügung vom 27. November 2020 – eröffnet am 1. Dezember 2020 –
stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigen-
schaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
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Seite 9
D.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 30. Dezember 2020 liess der Be-
schwerdeführer gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben. Darin wird beantragt, die Verfügung des SEM sei
aufzuheben und es sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer die
Flüchtlingseigenschaft erfülle und es sei ihm Asyl zu gewähren. Eventuali-
ter sei die Sache zu weiteren Abklärungen und zur Neubeurteilung an das
SEM zurückzuweisen. Insbesondere sei der Beschwerdeführe hinsichtlich
der geltend gemachten Misshandlungen zu befragen. Ferner seien die vom
Bundesverwaltungsgericht erwähnten Abklärungen hinsichtlich der Fest-
nahme seines Vaters sowie seiner Stellung bei den LTTE vorzunehmen.
Subeventualiter sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzu-
lässig sei und er sei vorläufig aufzunehmen. In verfahrensrechtlicher Hin-
sicht wird beantragt, dem Beschwerdeführer sei die unentgeltliche Rechts-
pflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG zu gewähren und es sei ihm in der
Person der Unterzeichnenden eine unentgeltliche Rechtsbeiständin beizu-
geben.
Der Eingabe lagen die Kopien von Schreiben der Rechtsvertreterin an das
SEM vom 16. Juli 2020 und 26. Oktober 2020, ein Schreiben des SEM vom
28. Juli 2020 und eine Bestätigung der Sozialhilfeausrichtung an den Be-
schwerdeführer bezüglich Januar 2021 bei.
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 7. Januar 2021 hiess der Instruktionsrichter
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut. Er gab
dem Beschwerdeführer lic. iur. Brigitt Thambiah als amtliche Rechtsbei-
ständin bei. Gleichzeitig wies er das SEM an, dem Beschwerdeführer eine
Kopie des im Beweismittelumschlag unter Ziffer 7 abgelegten Dokuments
zuzustellen. Die Akten übermittelte er zur Vernehmlassung an das SEM. Er
forderte das SEM auf, das Aktenverzeichnis zu prüfen und zu aktualisieren
sowie der Vernehmlassung eine aktualisierte Version desselben beizule-
gen.
F.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 28. Januar 2021 an seinem
Standpunkt fest.
G.
Mit Eingabe vom 17. Februar 2021 nahm die Rechtsvertreterin namens
des Beschwerdeführers zur Vernehmlassung Stellung, machte geltend,
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das SEM sei der Aufforderung des Bundesverwaltungsgerichts, ihm das
Beweismittel Nr. 7 zuzustellen, nicht nachgekommen und wies hin, dass es
sich um Beweismittel Nr. 5 handle, in das er Einsicht begehre. Da das ihm
vorliegende Aktenverzeichnis unvollständig sei, ersuche er um die Zustel-
lung einer aktualisierten Version desselben.
H.
Mit Eingabe vom 11. März 2021 reichte der Beschwerdeführer ein Schrei-
ben des «Centre for Human Rights and Development» in Colombo (CHRD)
vom 21. Dezember 2020 ein.
I.
Der Instruktionsrichter stellte dem Beschwerdeführer am 24. März 2021
eine Kopie des dem Bundesverwaltungsgericht vorliegenden Aktenver-
zeichnisses und eine Kopie des Beweismittels Nr. 5 zu.
J.
Am 9. April 2021 teilte die Rechtsvertreterin mit, bei dem als Beweismittel
Nr. 5 zugestellten Dokument handle es sich nicht um die im Beweismittel-
verzeichnis unter Ziffer 5 verzeichnete richterliche Haftanordnung, sondern
um zwei ihm bereits vorliegende Beweismittel. Das zugestellte Aktenver-
zeichnis sei nicht aktualisiert worden, denn es entspreche demjenigen, in
dessen Besitz man bereits sei. Sie ersuchte um erneute Aufforderung an
das SEM, ein bis zum Zeitpunkt des Erlasses seiner Entscheide aktuali-
siertes, vollständiges Aktenverzeichnis zu erstellen.
K.
Der Instruktionsrichter bestätigte dem Beschwerdeführer am 21. April
2021, dass das im vorinstanzlichen Beweismittelumschlag (SEM-act. A11)
unter Ziffer 5 abgelegte Dokument demjenigen entspreche, das ihm vom
Gericht am 24. März 2021 zugestellt worden sei. Es sei vom SEM mit
«Richterliche Haftanordnung betr. Vater des GS (Mailkopie)» bezeichnet
worden. Das unter Ziffer 5 abgelegte Dokument entspreche demjenigen,
das ebenfalls unter Ziffer 7 abgelegt und mit «Ausreisesperre für den Vater
des GS (Kopie)» bezeichnet worden sei. Das Dokument sei von ihm offen-
bar der Flughafenpolizei abgegeben worden, die es als «Richterliche
Haftanordnung betr. Vater des GS (Kopie)» an das SEM übermittelt habe
(vgl. SEM-act. A9/35 S. 1 und S. 29 – 34). Hinsichtlich des am 24. März
2021 zugestellten Aktenverzeichnisses der SEM-Akten sei festzuhalten,
dass es sich um das dem Gericht vorliegende Aktenverzeichnis handle.
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Nicht paginierte Akten, die den Zeitraum vor Erlass der angefochtenen Ver-
fügung beträfen, befänden sich nicht bei den Akten. Das Gericht sehe dem-
nach keine Veranlassung, das SEM erneut aufzufordern, sein Aktenver-
zeichnis zu aktualisieren und zu ergänzen.
L.
Die Rechtsvertreterin stellte dem Gericht am 18. Juni 2021 eine Honorar-
note zu.
M.
Mit Eingabe vom 10. September 2021 reichte die Rechtsvertreterin eine ihr
vom Beschwerdeführer zugestellte E-Mail ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (aArt. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
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Seite 12
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seines Entscheides aus, nach Kriegs-
ende seien hunderttausende tamilische Flüchtlinge in Welfare Camps in-
terniert worden. LTTE-Angehörige seien von ihren Familien getrennt und
in separaten Camps festgehalten und rehabilitiert worden. Es erstaune ei-
nerseits, dass die Behörden über die Zusammenarbeit des Beschwerde-
führers mit den LTTE Bescheid gewusst, ihn aber nicht separiert und reha-
bilitiert hätten. Anderseits könne nicht geglaubt werden, dass er selbst nicht
wisse, ob er tatsächlich rehabilitiert und mit welcher Begründung er aus
dem Camp (...) entlassen worden sei. Es erstaune des Weiteren, dass die
Behörden ihn eine Woche nach seiner Entlassung aus dem Camp wieder
festgenommen hätten. Es sei nicht glaubhaft, dass er nach elfmonatiger
Haft ohne Beaufsichtigung in ein Spital gebracht worden sei und mit Hilfe
eines Gärtners habe fliehen können. Nicht nachvollziehbar sei, dass er
nach den angeblich erlebten Verfolgungsmassnahmen von Indien nach Sri
Lanka zurückgekehrt sei. Es könne nicht geglaubt werden, dass er sich
drei Jahre lang in Sri Lanka versteckt habe. Auf diese Zeit angesprochen,
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habe er lediglich gesagt, er habe sich versteckt gehalten und er habe ab
und zu seine Mutter angerufen. Seine Familie habe dem Freund, bei dem
er sich versteckt habe, Geld geschickt. Seinen Angaben seien keine Rea-
litätsmerkmale zu entnehmen. Die sri-lankischen Behörden hätten in den
letzten Jahren nach LTTE-Exponenten gesucht, weshalb nicht plausibel
sei, dass sie neun Jahre nach Kriegsende auf ihn angewiesen seien, um
allfällige LTTE-Kaderleute zu finden. Falls dem so gewesen wäre, hätten
die Behörden ihn nicht ohne weiteres aus dem Welfare Centre entlassen
und ihm auch nicht die Flucht aus dem Spital ermöglicht. Zudem sei nicht
anzunehmen, dass er 2015 nach Sri Lanka zurückgekehrt wäre, falls er
ständig gesucht worden wäre. Dass er trotz angeblich den Behörden be-
kannter LTTE-Tätigkeiten nicht in ein Rehabilitationscamp geschickt wor-
den sei, sei erstaunlich.
Was seinen Bruder betreffe, so sei es erstaunlich, dass seine Eltern keine
ordentliche Vermisstenanzeige erstattet hätten. Hinsichtlich seines Vaters
habe er nur spärliche Auskünfte geben können. Zum Grund der Festnahme
habe er gesagt, man suche nach seinen Söhnen. Es erstaune, dass die
Angehörigen nichts hätten unternehmen können, um seinen Vater zu un-
terstützen. Es falle auf, dass er nicht wissen wolle, was seinem Vater vor-
geworfen werde. Der Beschwerdeführer kenne den Inhalt der abgegebe-
nen Beweismittel offenbar nicht.
Das Bundesverwaltungsgericht habe den vom Beschwerdeführer geltend
gemachten Sachverhalt mit Urteil vom 19. Juli 2018 als unglaubhaft erach-
tet. Seine Aussagen stünden in verschiedener Hinsicht nicht miteinander
im Einklang. Er habe abweichende Angaben zu den Orten gemacht, an
denen er interniert worden sei, sowie zur Frage, ob er sich der Armee frei-
willig gestellt habe oder nicht. Ebenso unstimmig seien die Angaben dazu,
ob er nach der Internierung auf eigene Faust nach C._ gereist
oder von den Behörden dorthin gebracht worden sei. Aufgrund dessen
habe es sich erübrigt, ihn während der ergänzenden Anhörung vom
13. Oktober 2020 zu den vom Bundesverwaltungsgericht als unglaubhaft
befundenen Vorbringen erneut anzuhören. Die Eingaben vom 26. und
28. Oktober 2020 könnten an der Einschätzung des SEM nichts ändern.
Die abgegebenen Beweismittel vermöchten die Aussagen des Beschwer-
deführers nicht glaubhaft zu machen. Es handle sich lediglich um Kopien,
die aufgrund zahlreicher Manipulationsmöglichkeiten geringen Beweiswert
hätten. Zudem widersprächen die Beweismittel seinen Aussagen. In der
Bestätigung der HRC von 2012 werde nicht erwähnt, dass er Anfang 2010
D-6586/2020
Seite 14
nach der Entlassung aus dem (...) Welfare Centre festgenommen und elf
Monate lang festgehalten worden, sondern, dass er im August 2010 zu-
sammen mit seinem Vater nach Indien geflohen sei. Auf diese Ungereimt-
heit angesprochen, habe er lediglich gesagt, er sei damals in Haft gewe-
sen. Auf der polizeilichen Nachricht bezüglich der Festnahme seines Va-
ters vom September 2017 stehe das Datum «1. Mai 2012». Nach der An-
hörung habe der Beschwerdeführer schriftlich mitgeteilt, der Dolmetscher
habe 2012 begonnen, die seinen Vater betreffenden Dokumente zu über-
setzen. Er kenne den Inhalt der Beweismittel nicht ausführlich. Das Schrei-
ben des Parlamentariers habe keinen Beweiswert, da diesem keine stich-
haltigen Hinweise für eine Verfolgung des Beschwerdeführers zu entneh-
men seien.
Bei den Asylgründen des Beschwerdeführers handle es sich um ein Kon-
strukt, das auf Ereignissen basiere, die vielleicht in einem anderen Zusam-
menhang stattgefunden hätten, und auf Ereignissen, die es nicht gegeben
habe. Er habe die Ungereimtheiten nicht aufklären können und sei immer
sehr vage geblieben.
Mit Urteil vom 19. Juli 2018 habe das Bundesverwaltungsgericht die Ein-
schätzung des SEM bestätigt. Dem Beschwerdeführer gelinge es nicht, die
Geschehnisse, die sich in Sri Lanka zugetragen hätten, glaubhaft zu ma-
chen. Neben den Unstimmigkeiten und offensichtlichen Widersprüchen
zwischen seinen Aussagen und den Beweismitteln, seien seine Aussagen
in sich widersprüchlich. Es stehe nicht fest, ob er sich nach dem Ende des
Bürgerkrieges in einem Internierungslager aufgehalten habe. Aufgrund des
Schreibens des schweizerischen Generalkonsulats in V._ vom
22. März 2014 könne als erstellt gelten, dass er 2014 ein Asylgesuch aus
dem Ausland habe stellen wollen. Als Adresse habe er den Aufenthaltsort
seines Vaters in W._ angegeben. Aufgrund der Aktenlage sei ge-
mäss Bundesverwaltungsgericht davon auszugehen, dass er sich tatsäch-
lich in E._ aufgehalten habe. Wann er sich dorthin begeben habe,
sei aufgrund der widersprüchlichen Angaben nicht feststellbar. Er habe gel-
tend gemacht, er sei von Sri Lanka aus über E._ in die Schweiz
gereist, ohne dies zu belegen. Ob er im März oder im Oktober 2015 tat-
sächlich von E._ nach Sri Lanka zurückgekehrt sei und sich dort
zweieinhalb oder drei Jahre versteckt gehalten habe, erscheine angesichts
seiner farblosen und substanzarmen Schilderungen dazu fraglich.
D-6586/2020
Seite 15
Das Ergebnis der zusätzlichen Instruktionsmassnahmen (ergänzende An-
hörung, Anfrage bei den Zeugen) vermöge die Glaubwürdigkeit des Be-
schwerdeführers nicht wiederherzustellen. Er habe weder zu den eigenen
LTTE-Tätigkeiten noch zu denjenigen seines Vaters überzeugende Aussa-
gen machen können, sondern habe sich in weitere Ungereimtheiten ver-
strickt. Er habe weder detailliert erklären können, was sein Vater für die
Bewegung geleistet habe, noch mit stichhaltigen Angaben und Beweismit-
teln belegen können, dass dieser nach seiner Rückkehr festgenommen
worden und nach zwei Jahren in Haft, angeblich auch wegen Misshand-
lungen, gestorben sei. Er habe gesagt, sein Vater sei Sozialaktivist gewe-
sen, der sich um die Bildung von Kindern und um sportliche Aktivitäten ge-
kümmert habe. Es erstaune, dass er diese Aktivitäten in den früheren Be-
fragungen nicht erwähnt habe, handle es sich doch nicht um geheime oder
riskante Tätigkeiten, die sein Vater hätte verbergen müssen. Die Angaben
zu allfälligen Tätigkeiten seines Vaters für den LTTE-Geheimdienst über-
zeugten nicht. Die Gründe für diese Annahme seien gemäss Beschwerde-
führer die grossen Sympathiekundgebungen von Personen aus der gan-
zen Welt sowie das Verfolgungsinteresse der sri-lankischen Behörden an
den Kindern seines Vaters gewesen. Diese Angaben habe er weder mit
detaillierten Angaben noch mit Beweismitteln belegen können. Es könne
nicht geglaubt werden, dass er trotz der angeblich grossen Anzahl von Leu-
ten, die seinen Vater gekannt hätten, und des angeblich langjährigen Ver-
folgungsinteresses der Behörden nicht wisse, was sein Vater für die LTTE
geleistet haben solle. Es sei nicht plausibel, dass sein Vater nach seiner
Rückkehr aus Indien mehrere Jahre in Haft gewesen sei. Zudem habe der
Beschwerdeführer weder die Hilfe eines Anwalts noch diejenige einer Men-
schenrechtsorganisation in Anspruch genommen. Die Haft des Vaters
habe er nicht belegen können. Auf der Todesurkunde seines Vaters sei ein
anderer Sterbeort erwähnt als der vom Beschwerdeführer genannte, der
gesagt habe, die Behörden hätten die Todesurkunde gefälscht. Es sei nicht
ersichtlich, weshalb die Behörden sich die Mühe genommen hätten, den
Sterbeort zu vertuschen. Bei dieser Angabe handle es sich um eine Be-
hauptung, die mit keinen stichhaltigen Aussagen oder mit Beweismitteln
belegt werde. Der Beschwerdeführer habe sich, was die angeblichen Akti-
vitäten seines Vaters und die angebliche Verfolgung durch die Behörden
betreffe, mit Aussagen begnügt, die nicht über deklamatorische Bekundun-
gen hinausgingen. Das SEM schliesse aus, dass sein Vater eine führende
Rolle bei den LTTE gehabt habe.
D-6586/2020
Seite 16
Seine eigenen Tätigkeiten für die LTTE betreffend, habe der Beschwerde-
führer bei der ergänzenden Anhörung bestätigt, dass er eine einfache Bü-
rotätigkeit erledigt habe. Er habe keine Führungsrolle innegehabt, keine
Uniform getragen und nie an Kampfhandlungen teilgenommen. Zur angeb-
lichen Festnahme habe er widersprüchliche Angaben gemacht. In der An-
hörung vom 27. Februar 2018 habe er ausgesagt, dass die Zivilisten und
die LTTE-Angehörigen bereits in D._ sortiert worden seien, wäh-
rend er in der ergänzenden Anhörung angegeben habe, er sei erst in
C._ als LTTE-Angehöriger identifiziert worden. Es erstaune, dass
er bei der ergänzenden Anhörung dezidiert gesagt habe, er sei nie rehabi-
litiert worden, während er in der Anhörung vom 27. Februar 2018 gesagt
habe, er wisse es nicht. Das SEM gelange zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführer bei den LTTE keine führende Rolle gehabt habe.
Was die schriftlichen Aussagen der Zeugen anbelange, sei festzustellen,
dass diese die LTTE-Aktivitäten des Vaters des Beschwerdeführers nicht
bestätigt und angegeben hätten, der Beschwerdeführer sei von 1996 bis
2009 für die LTTE tätig gewesen. Detaillierte Auskünfte seien nicht vorhan-
den.
Schliesslich sei festzustellen, dass die anlässlich der Anhörung vom
13. Oktober 2010 (recte: 2020) abgegebenen Fotografien die geltend ge-
machte Verfolgung des Beschwerdeführers nicht glaubhaft machen könn-
ten. Weder der Tod seines Vaters und seines Bruders noch eine Liste von
Personen, die angeblich seinen LTTE-Einsatz bestätigen könnten, bewie-
sen, dass die sri-lankischen Behörden ihn heute als ehemaliges LTTE-Mit-
glied verfolgten. Somit seien die Fragen bezüglich seiner Funktion bei den
LTTE sowie der angeblichen LTTE-Aktivitäten seines Vaters abschliessend
beantwortet worden.
Es gelte zu prüfen, ob der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach
Sri Lanka begründete Furcht vor Verfolgungsmassnahmen habe. Gemäss
Rechtsprechung sei die Prüfung anhand von Risikofaktoren vorzunehmen
(vgl. Urteil des BVGer E-1866/2016 vom 15. Juli 2016). Eine Befragung bei
einer Rückkehr am Flughafen und das Eröffnen eines Strafverfahrens we-
gen illegaler Ausreise stellten keine asylrelevante Verfolgungsmassnahme
dar. Rückkehrer würden auch am Herkunftsort zwecks Registrierung, Er-
fassung der Identität bis hin zur Überwachung der Aktivitäten der Person
befragt. Auch diese Kontrollmassnahmen nähmen kein asylrelevantes Aus-
mass an. Der Beschwerdeführer habe nicht glaubhaft gemacht, vor seiner
Ausreise asylrelevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt gewesen zu
D-6586/2020
Seite 17
sein. Er sei bis Anfang 2012 und von 2015 bis Februar 2018 in Sri Lanka
wohnhaft gewesen. Allfällige, im Zeitpunkt seiner Ausreise bestehende Ri-
sikofaktoren hätten kein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen
Behörden ausgelöst. Es sei aufgrund der Aktenlage nicht ersichtlich, wes-
halb er nunmehr in den Fokus der Behörden geraten sollte. Auch die am
16. November 2019 erfolgte Präsidentschaftswahl vermöge diese Ein-
schätzung nicht umzustossen. Die Überwachung der Zivilbevölkerung
habe seit den Terroranschlägen von Ostern 2019 und nach der Präsident-
schaftswahl zugenommen. Dennoch gebe es keinen Anlass zur Annahme,
dass ganze Volks- oder Berufsgruppen kollektiv einer Verfolgungsgefahr
ausgesetzt seien. Das Verfolgungsrisiko sei im Einzelfall zu prüfen. Voraus-
setzung für eine Verfolgungsgefahr aufgrund der Präsidentschaftswahl sei
ein persönlicher Bezug der asylsuchenden Person zu diesem Ereignis res-
pektive dessen Folgen. Der Beschwerdeführer habe die Präsidentschafts-
wahl respektive deren Folgen nicht als Gefährdungselement vorgebracht.
Den Akten seien keine Hinweise auf eine Verschärfung seiner persönlichen
Situation zu entnehmen. Die Anforderungen an eine begründete Verfol-
gungsfurcht seien damit nicht gegeben. Somit bestehe kein Anlass zur An-
nahme, der Beschwerdeführer werde bei einer Rückkehr nach Sri Lanka
mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft flüchtlings-
rechtlich relevanten Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt.
4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Sachverhalt sei durch
das SEM unvollständig und teilweise falsch erstellt worden. Entgegen den
Ausführungen des SEM habe der Beschwerdeführer nie davon gespro-
chen, von D._ ins Rehabilitationscamp (...) verlegt worden zu sein.
Er habe lediglich vom Camp (...) gesprochen. Diese Unterscheidung sei
nicht unwichtig, da es im Entscheid auch darum gehe, ob er rehabilitiert
worden sei oder nicht. In der Eingabe vom 26. Oktober 2020 seien nicht
lediglich Ausführungen betreffend die geltend gemachten Folterungen ge-
macht worden. Mit dem Schreiben seien mehrere Fotografien eingereicht
worden, die in der Praxis des Hausarztes des Beschwerdeführers gemacht
worden seien. Ferner sei eine diese erläuternde E-Mail von Dr. X._
beigelegt worden, in der ausgeführt worden sei, es sei mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer wäh-
rend der Haft Misshandlungen ausgesetzt gewesen sei. Dieser Umstand
sei für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft relevant. Er habe sich in
den Anhörungen nie zur geltend gemachten Haft äussern können und es
seien ihm dazu keine Fragen gestellt worden, obwohl er in der Anhörung
vom 27. Februar 2018 gesagt habe, er sei im Navy-Camp in C._
D-6586/2020
Seite 18
misshandelt worden, und auf die davon resultierenden Narben hingewie-
sen habe. In der Anhörung vom 13. Oktober 2020 sei er unterbrochen wor-
den, als er von den Folterungen zu erzählen begonnen habe. Dies sei mit
dem Hinweis geschehen, das Bundesverwaltungsgericht habe in seinem
Urteil vom 19. Juli 2018 die Unglaubhaftigkeit der Schilderungen des Be-
schwerdeführers bezüglich der Geschehnisse in Sri Lanka bestätigt. Da er
nie zu den Folterungen befragt worden sei, habe das Gericht diesbezüglich
keine Unglaubhaftigkeit der Schilderungen bestätigen können. Im ersten
Entscheid des SEM vom 9. März 2018 sei lediglich festgehalten worden,
der Beschwerdeführer sei in C._ über ehemalige LTTE-Mitglieder
befragt «und auch misshandelt worden». Deshalb sei in der Eingabe vom
16. Oktober 2020 beantragt worden, der Beschwerdeführer sei zu seiner
Haft und insbesondere zu den Misshandlungsspuren zu befragen. Dieses
Schreiben figuriere im Aktenverzeichnis des SEM nicht. Ferner wäre der
Satz «noch heute befände er sich in Haft» zu aktualisieren gewesen, da
der Vater des Beschwerdeführers im September 2019 verstorben sei. Der
Sachverhalt sei in verschiedener Hinsicht falsch beziehungsweise nicht
vollständig erstellt, womit das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers
verletzt worden sei.
Im vom SEM zugestellten Aktenverzeichnis seien zahlreiche Dokumente
nicht aufgeführt worden. Es fehlten die Vernehmlassung des SEM vom
16. April 2018, die Verfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 17. Ap-
ril 2018, die Schreiben des Beschwerdeführers vom 19. April 2018, 26. Ok-
tober 2020 und 28. Oktober 2020, die Stellungnahme des Beschwerdefüh-
rers vom 9. Mai 2018 sowie die Entscheide des SEM vom 23. Oktober
2020 und 27. November 2020. Auch dadurch werde der Anspruch auf
rechtliches Gehör verletzt.
Der angefochtene Entscheid sei von Y._ und Z._ gefällt wor-
den, die bereits den negativen Entscheid vom 9. März 2018 gefällt hätten.
Die Tatsache, dass die Ausführungen auf den Seiten 4 bis 7 des Entschei-
des nahezu eine Kopie des ersten Entscheids seien, befremde. Die Ver-
fasser hätten sich nicht bemüht, aktenwidrige Vorbringen im ersten Ent-
scheid, die in der ersten Beschwerde unter Hinweis auf die entsprechen-
den Aktenstellen gerügt worden seien, oder weitere Vorbringen des Be-
schwerdeführers in seinen Eingaben zu berücksichtigen. Das SEM habe
sich in keiner Weise mit den Argumenten in seinen Eingaben auseinander-
gesetzt. Es habe sich bei der «Begründung» des neuen Entscheids im We-
sentlichen mit der Betätigung der copy-paste-Tasten begnügt. Der elfsei-
tige Entscheid sei abgesehen von zwei Seiten eine Kopie des Entscheids
D-6586/2020
Seite 19
vom 9. März 2018. Auf die eingereichten Fotografien, die Spuren von Miss-
handlungen dokumentierten, sei nicht eingegangen worden. An dieser
Stelle sei auf das Verfahren N (...) zu verweisen, in dem gleich wie im an-
gefochtenen Entscheid vorgegangen worden sei, wobei die genannten Mit-
arbeiter des SEM auch diesen Entscheid unterzeichnet hätten.
Das Bundesverwaltungsgericht habe im Urteil vom 19. Juli 2018 an keiner
Stelle festgehalten, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers unglaub-
haft seien. Das Gericht habe zusammenfassend festgehalten, dass «an-
gesichts der zahlreichen Ungereimtheiten in den Aussagen des Beschwer-
deführers und den eingereichten Beweismitteln erhebliche Zweifel an der
Sachverhaltsdarstellung des Beschwerdeführers bestünden». Der Hinweis
des SEM auf diese Zweifel entbinde es nicht davon, die vom Beschwerde-
führer unter Angabe von Aktenstellen belegten aktenwidrigen Vorbringen
zur Kenntnis zu nehmen und deren Wiederholung zu unterlassen. Es
werde nicht in Abrede gestellt, dass verschiedene Widersprüche in den An-
gaben des Beschwerdeführers bestünden, die Glaubhaftigkeit seiner Aus-
sagen deshalb in Frage zu stellen, sei unhaltbar. Die Formulierungen des
SEM seien öfters subjektive Aussagen, bei denen es sich nicht auf kon-
krete Verhältnisse in Sri Lanka berufen könne. Es werde ausser Acht ge-
lassen, dass die Verhältnisse in Sri Lanka nach dem Ende des Krieges im
Frühling 2009 angesichts der zahlreichen Flüchtlinge und Internierten cha-
otisch gewesen seien und nicht alles als «nachvollziehbar» erscheine.
Bei der ergänzenden Anhörung hätten sich verschiedene «Ungereimthei-
ten» geklärt. So etwa, wie der Beschwerdeführer nach seiner Internierung
nach C._ gekommen sei. Zu den Orten, an denen er interniert wor-
den sei, habe er keine abweichenden Angaben gemacht. All dies sei im
angefochtenen Entscheid unbeachtet geblieben. Die Unklarheit bezüglich
seiner Verhaftung beziehungsweise, ob er sich selbst gestellt habe, habe
er bereits anlässlich der Anhörung geklärt. Die in der ergänzenden Anhö-
rung geklärten Ungereimtheiten würden im angefochtenen Entscheid nicht
nur wiederholt, sie würden gar zur Begründung beigezogen, dass es sich
erübrige, ihn zur Haft und den erlittenen Folterungen anzuhören. Abenteu-
erlich sei es, wenn geltend gemacht werde, die schriftlichen Eingaben vom
26. und 28. Oktober 2020 vermöchten an der Einschätzung des SEM
nichts zu ändern. Mit der Eingabe seien Fotografien vom Beschwerdefüh-
rer, die Folterspuren zeigten, sowie eine E-Mail eines Arztes eingereicht
worden. Lägen konkrete Indizien vor, die die Glaubhaftigkeit des Be-
schwerdeführers untermauerten, würden sie vom SEM einfach nicht be-
D-6586/2020
Seite 20
rücksichtigt. Er hätte zur von ihm geltend gemachten Haft und zu den Fol-
terspuren befragt werden müssen. Da dies nicht geschehen sei, liege eine
weitere gravierende Verletzung des rechtlichen Gehörs vor.
Bereits in der Beschwerde vom 16. März 2018 sei geltend gemacht wor-
den, der Beschwerdeführer sei nicht zusammen mit seiner Familie inter-
niert worden. Seines Wissens sei er nicht im Camp (...) gewesen. Vielmehr
habe er gesagt, er sei von April bis Ende 2009/Anfang 2010 im Camp (...)
gewesen. Er habe mit Schreiben vom 9. Mai 2018 (nicht akturiert) eine Re-
gistrierungskarte eingereicht, aus der hervorgehe, dass er als Einzelperson
registriert worden sei. Trotzdem werde im neuen Entscheid zu Unrecht wie-
derholt, er sei im Camp (...) interniert gewesen. Er habe nicht geltend ge-
macht, im (...) Welfare Centre gewesen beziehungsweise von dort entlas-
sen worden zu sein. Auf Seite 5 der SEM-Akte 18, auf die im angefochte-
nen Entscheid auf Seite 5 hingewiesen werde, werde das (...) Welfare
Centre nicht erwähnt, sondern nur das (...)-Camp. Das (...) Welfare Centre
sei einzig deshalb Thema des Verfahrens, weil er ein Schreiben desselben
eingereicht habe, dem zu entnehmen sei, dass er und seine Familie am
15. Mai 2019 in dieses Zentrum transferiert und am 18. November 2019
wieder entlassen worden seien. Der Beschwerdeführer könne sich dies
nicht erklären und halte daran fest, dass er dort nie interniert worden sei.
Weshalb das SEM diesem Bestätigungsformular des (...) Welfare Centre
Glauben schenke, sei nicht ersichtlich, zumal dieses im Widerspruch zum
Schreiben der HRC vom 13. September 2012 stehe, was dem SEM ent-
gangen zu sein scheine. Das SEM nehme nicht zur Kenntnis, dass in der
Beschwerde vom 16. März 2018 dargelegt worden sei, der Beschwerde-
führer habe in der ersten Anhörung klar zum Ausdruck gebracht, dass er in
C._ – nach seinem Aufenthalt in (...) – als LTTE-Mitglied identifiziert
worden sei. Trotz diesen Vorbringen kopiere das SEM einfach den Text aus
dem ersten Entscheid. Der Beschwerdeführer habe bei der ergänzenden
Anhörung deutlich zu Protokoll gegeben, dass er nicht rehabilitiert worden
sei. Angesichts der Tatsache, dass hunderttausende von Menschen in La-
gern interniert worden seien, vermöge nicht zu erstaunen, dass der Be-
schwerdeführer nicht genau wisse, mit welcher Begründung er entlassen
worden sei. Den Freigelassenen seien keine Schreiben mit der Begrün-
dung für ihre Entlassung ausgehändigt worden. Dazu sei auf den Bericht
der Internationalen Kommission von Juristen («ICJ briefing note»)
«Beyond Lawful Constraints: Sri Lanka’s Mass Detention of LTTE Sus-
pects» vom September 2010 hinzuweisen. Dem Vorbringen des Beschwer-
deführers, er wisse nicht, weshalb er im Camp gewesen und weshalb er
D-6586/2020
Seite 21
wieder entlassen worden sei, dürfe somit Glauben geschenkt werden. An-
gesichts dessen, dass er sich während seiner versuchten Flucht zusam-
men mit Zivilisten ergeben habe, sei anzunehmen, dass es sich beim
Camp (...) um ein «surendee»-Camp gehandelt habe. Der Beschwerde-
führer habe nicht ausgesagt, er sei bereits eine Woche nach seiner Entlas-
sung verhaftet worden. Er habe gesagt, er sei knapp eine Woche bei seiner
Tante gewesen, die ihn zu jemand anderem gebracht habe. Als er sie eines
Tages habe besuchen wollen, sei er in der Nähe ihres Hauses verhaftet
worden. Anlässlich seiner ergänzenden Anhörung vom 13. Oktober 2020
habe er erklärt, die Flüchtlinge auf den Booten hätten nicht weiterfahren
können und mit den Marinesoldaten mitgehen müssen. Er wisse nicht, ob
man dies als Festnahme bezeichne. Die voneinander abweichenden An-
gaben habe er bereits bei der Anhörung vom 27. Februar 2018 geklärt.
Auch die Frage, ob er selbständig nach C._ gereist sei oder nicht,
habe er bei der ergänzenden Anhörung geklärt. Glaubhaft sei, dass er auf-
grund der Bestechung eines Gärtners aus dem Spital habe fliehen können;
Gefangene hätten selbst Soldaten durch Bezahlung dazu bringen können,
ihnen zur Flucht zu verhelfen. Der Beschwerdeführer habe in der Be-
schwerde vom 16. März 2018 erklärt, weshalb er von Indien nach Sri Lanka
zurückgekehrt sei. Die sri-lankischen Behörden gingen nicht davon aus,
dass sie ihre Suche nach LTTE-Mitgliedern sowie Waffen-, Munitions- und
Sprengstoff-Verstecken erfolgreich hätten abschliessen können. In der Be-
stätigung der HRC aus dem Jahr 2012 werde nicht erwähnt, dass der Be-
schwerdeführer anfangs 2010 festgenommen worden und elf Monate in
Haft gewesen sei. Aus derselben gehe vielmehr hervor, dass er im August
2010 zusammen mit seinem Vater nach Indien geflüchtet sei. Das (...) Wel-
fare Centre werde in der Bestätigung nicht erwähnt, worauf bereits in den
Stellungnahmen vom 6. April und 9. Mai 2018 hingewiesen worden sei.
Das SEM übergehe erneut, dass sich das Schreiben nicht auf den Be-
schwerdeführer, sondern auf seinen Bruder S._ beziehe. Sein Vater
und seine Brüder S._ sowie T._ seien im August 2010 nach
Indien geflohen.
Zusammenfassend sei festzuhalten, dass der Sachverhalt unvollständig
und teilweise falsch erstellt worden sei. Das Aktenverzeichnis sei unvoll-
ständig. Von den Vorbringen des Beschwerdeführers in der Beschwerde,
in den Vernehmlassungen sowie der ergänzenden Anhörung werde keine
Kenntnis genommen beziehungsweise hätten diese nicht Eingang in den
angefochtenen Entscheid gefunden. Das SEM habe in mindestens sieben
Punkten aktenwidrige Ausführungen einfach wiederholt. Es habe sich in
Verletzung seiner Amtspflicht nicht bemüht, den Entscheid aufgrund der
D-6586/2020
Seite 22
neuen Erkenntnisse zu fällen. Dadurch seien das rechtliche Gehör und der
Untersuchungsgrundsatz verletzt worden. Darüber hinaus seien die Ar-
beitsweise des SEM sowie das Verhalten des Befragers bei der Anhörung
vom 13. Oktober 2020 unhaltbar. Sie seien nicht nur eine Zumutung für
einen Asylsuchenden, sondern verantwortungs- und respektlos. Es werde
auf das «Unterschriftenblatt» des Hilfswerkvertreters und das Schreiben
der Rechtsvertreterin an das Bundesverwaltungsgericht vom 9. Mai 2018
sowie deren Schreiben an das SEM vom 26. Oktober 2020 verwiesen.
Das Bundesverwaltungsgericht habe die Sache mit Urteil vom 19. Juli 2018
zur weiteren Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung an das SEM zu-
rückgewiesen. Dieses habe den Beschwerdeführer nochmals befragt, die
Herren J._ und H._ aber nicht als Zeugen befragt. Der Be-
schwerdeführer sei lediglich aufgefordert worden, schriftliche Auskünfte
der beiden Herren einzureichen. Eine Botschaftsabklärung sei nicht getä-
tigt worden, obwohl das Gericht festgehalten habe, dass die Echtheit der
bezüglich des Vaters des Beschwerdeführers eingereichten Dokumente
ohne weitere Abklärungen nicht festgestellt werden könne. Ohne Berück-
sichtigung und Abklärungen hinsichtlich der vom Gericht erwähnten Doku-
mente komme das SEM zum Schluss, dass sein Vater keine führende Rolle
bei den LTTE innegehabt habe. Die eingereichte Haftanordnung, gemäss
der sein Vater ein wichtiges Mitglied der LTTE sei, das während 20 Jahren
mit einem Kadermann der LTTE terroristische Aktivitäten verübt haben
solle, werde nicht erwähnt. Dem Beschwerdeführer werde aber vorgewor-
fen, er habe die Haft seines Vaters nicht belegen können. Das SEM sei
verpflichtet, den Sachverhalt von Amtes wegen zu erstellen und eine Bot-
schaftsanfrage sei zumutbar. Das SEM habe die ihm obliegende Pflicht,
den Sachverhalt korrekt und vollständig abzuklären, verletzt.
Der Beschwerdeführer habe bei seiner ergänzenden Anhörung erklärt,
weshalb er keine Angaben über die Tätigkeit seines Vaters für die LTTE
machen könne. Einerseits müssten LTTE-Mitglieder beim Eintritt in die Be-
wegung ein Gelübde der Verschwiegenheit und Geheimhaltung abgeben,
anderseits gehe es in der tamilischen Kultur nicht an, den Vater über seine
Tätigkeiten ausserhalb des Hauses auszufragen. LTTE-Mitglieder seien
verschwiegen, was erkläre, dass der Beschwerdeführer auch von den
Menschen, die mit ihm Kontakt aufgenommen hätten, keine Informationen
über seinen Vater erhalten habe. Er habe ausgesagt, seine Mutter und
seine Schwester hätten sich bemüht, den Vater freizubekommen. Sie seien
zu den Behörden gegangen und hätten einen Parlamentarier kontaktiert.
Die Familie habe auch Unterlagen betreffend den Lungenkrebs des Vaters
D-6586/2020
Seite 23
eingereicht und gebeten, ihn behandeln zu dürfen. Der Beschwerdeführer
habe auch gesagt, er wisse nicht, ob die Familie einen Anwalt beauftragt
habe. Die Familie habe die UN-Menschenrechtskommission kontaktiert,
die einen Anwalt eingeschaltet habe. Das SEM habe bei der Beurteilung
der Aktivitäten des Vaters des Beschwerdeführers die eingereichte Haftan-
ordnung des Gerichts vom (...) 2011 und den Bericht des TID (Terrorism
Investigation Division) vom (...) 2012 ausser Acht gelassen. Der Vater habe
sich zum Zeitpunkt, als der Bericht des TID verfasst worden sei, in Indien
befunden. Sollte den Vorbringen des Beschwerdeführers kein Glauben ge-
schenkt werden, werde beantragt, dass die Botschaftsanfrage durchzufüh-
ren sei.
Die Arbeit des Beschwerdeführers für die LTTE sei eine Bürotätigkeit ge-
wesen, die für die Organisation wichtig gewesen sei. Sie sei aber auch für
die sri-lankischen Behörden von Interesse, da sie über ihn Informationen
über die Sea Tigers und deren Mitglieder erhalten könnten. Es sei davon
auszugehen, dass sie auch heute noch ein Interesse an ihm hätten.
Die Auskunftspersonen hätten die Tätigkeit des Vaters des Beschwerde-
führers für die LTTE nicht bestätigen können, weil sie diesen nicht gekannt
hätten. Hinsichtlich der Informationen, die sie über den Beschwerdeführer
gegeben hätten, könne von LTTE-Mitgliedern nicht erwartet werden, dass
sie einer Behörde gegenüber detailliert Auskunft über die Tätigkeit eines
anderen LTTE-Mitglieds gäben. Für detaillierte Angaben hätte das SEM
konkrete Fragen stellen oder die Herren als Zeugen einvernehmen müs-
sen. Der Beschwerdeführer habe bei der ergänzenden Anhörung eine Liste
mit Namen und Telefonnummern von fünf Personen eingereicht, die alle
bei den Sea Tigers gewesen seien und Kenntnis von seiner Mitgliedschaft
und Tätigkeit hätten. Soweit ihm bekannt sei, habe das SEM keine dieser
Personen kontaktiert.
Ein Schwager des Beschwerdeführers sei bei den LTTE gewesen und im
Krieg umgekommen. Der Körper des Beschwerdeführers weise zahlreiche
Vernarbungen auf, was auf Misshandlungen schliessen lasse. Darauf sei
im Entscheid des SEM nicht eingegangen worden.
Es sei davon auszugehen, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers
glaubhaft seien. Dass er mit der zeitlichen Einordnung teilweise Schwierig-
keiten gehabt habe, falle gemäss dem Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts angesichts der verstrichenen Zeit nicht stark ins Gewicht. Aufgrund
seiner Schilderungen und den Folterspuren stehe mit überwiegender
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Wahrscheinlichkeit fest, dass er im Zeitpunkt seiner Flucht ernsthaften
Nachteilen ausgesetzt gewesen sei.
Hinsichtlich der Risikofaktoren, die im Referenzurteil des Bundesverwal-
tungsgerichts vom 15. Juli 2016 definiert worden seien, gelte eine tatsäch-
liche oder vermeintliche Verbindung zu den LTTE als Hauptrisikofaktor.
Auch frühere Verhaftungen im Zusammenhang mit einer tatsächlichen
oder vermuteten Verbindung zu den LTTE durch die sri-lankischen Behör-
den bildeten einen Risikofaktor. Solche Personen seien seit Mitte 1990 auf-
gezeichnet und mit Namen mit dem Vermerk «schädliche Interessen» re-
gistriert. Als weiterer Risikofaktor werde das Fehlen der erforderlichen
Identitätspapiere bei der Einreise betrachtet. Der Aufenthalt in einem west-
lichen Staat stelle ebenfalls einen Risikofaktor dar. Aufgrund der Ausfüh-
rungen und der eingereichten Fotografien sei davon auszugehen, dass die
Aussagen des Beschwerdeführers zur Verhaftung und den erlittenen Miss-
handlungen der Wahrheit entsprächen. Aus den eingereichten, vom SEM
nicht überprüften Dokumenten gehe hervor, dass sein Vater verdächtigt
worden sei, ein wichtiges Mitglied der LTTE gewesen zu sein. Es sei davon
auszugehen, dass der Vater im September 2017 deshalb verhaftet worden
sei. Aus alle diesen Gründen lasse sich schliessen, dass der Beschwerde-
führer im Falle einer Rückkehr ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3
AsylG ausgesetzt sein werde.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, der Beschwerdeführer
beziehungsweise dessen Rechtsvertreterin verkennten, dass das Bundes-
verwaltungsgericht mit Urteil vom 19. Juli 2018 die fehlende Glaubhaf-
tigkeit der Verfolgung klar bestätigt habe. Vor diesem Hintergrund habe für
das SEM keine zwingende Notwendigkeit bestanden, den Beschwerdefüh-
rer nochmals vollumfänglich zu seinen Asylgründen zu befragen. Nachge-
schobene Angaben und/oder Beweismittel könnten daran nichts ändern.
Laut dem Urteil vom 19. Juli 2018 sei zu klären gewesen, ob der Beschwer-
deführer aufgrund seiner Tätigkeiten oder derjenigen seines Vaters in Sri
Lanka Verfolgungsmassnahmen zu befürchten habe. Entsprechend seien
die Zeugen schriftlich einvernommen und er ergänzend angehört worden.
Aus seinen Angaben gehe klar hervor, dass weder seine noch die angebli-
chen Aktivitäten seines Vaters ein Verfolgungsinteresse der sri-lankischen
Behörden auslösen würden.
4.4 In der Replik vom 17. Februar 2021 wird entgegnet, es treffe nicht zu,
dass das Bundesverwaltungsgericht die fehlende Glaubhaftigkeit klar be-
stätigt habe. Weder im Schreiben an das SEM vom 26. Oktober 2020 (nicht
D-6586/2020
Seite 25
akturiert) noch in der Beschwerde sei beantragt worden, der Beschwerde-
führer sei nochmals «vollumfänglich zu seinen Asylgründen» anzuhören.
In der Eingabe vom 26. Oktober 2020 seien Ausführungen betreffend die
erlittene Folter gemacht worden. Es seien mehrere Fotografien eingereicht
worden, die in der Praxis seines Hausarztes aufgenommen worden seien.
In einer beigelegten E-Mail vom 21. Oktober 2020 habe Dr. X._ die
Fotografien erläutert. Dass der Beschwerdeführer vorbringe, gefoltert wor-
den zu sein, und dies mit Fotografien untermauere, sei für die Beurteilung
seiner Flüchtlingseigenschaft relevant. Die erlittenen Misshandlungen
habe er nie schildern können. Aus diesem Grund sei nach der ergänzen-
den Anhörung beantragt worden, er sei zu seiner Haft und insbesondere
zu den Misshandlungsspuren zu befragen. Da das SEM diesem Antrag
nicht Folge geleistet, ihn aber auch nicht abgelehnt habe, sei er in der Be-
schwerde nochmals gestellt worden. Sollte die Sache zu einer erneuten
Anhörung zurückgewiesen werden, werde darum ersucht, dass diese nicht
vom bisher zuständigen Sachbearbeiter oder seiner im Schreiben vom
26. Oktober 2020 erwähnten Mitarbeiterin durchgeführt werde. Zur Be-
gründung werde auf das «Unterschriftenblatt» des Hilfswerkvertreters an-
lässlich der Anhörung vom 13. Oktober 2020 sowie auf das Schreiben an
das SEM vom 26. Oktober 2020 verwiesen. Die Behörde habe gemäss der
Untersuchungsmaxime auch nach Elementen zu forschen, welche die Vor-
bringen der asylsuchenden Person bestätigten. Lägen physische Spuren
von Folter vor, müsse die Behörde dies beachten, auch wenn sich die Per-
son widerspreche. Das Bundesverwaltungsgericht habe hinsichtlich der
geltend gemachten Misshandlungen die Unglaubhaftigkeit der Schilderun-
gen nicht bestätigt und diese nicht bestätigen können, weil der Beschwer-
deführer nie die Gelegenheit gehabt habe, diese zu schildern. Die vorge-
brachten Misshandlungen seien nicht nachgeschoben, denn er habe bei
der Anhörung vom 27. Februar 2018 vorgebracht, er sei im Navy-Camp
von C._ misshandelt worden. Diesbezüglich sei er jedoch nicht be-
fragt worden. Beweismittel könnten bis zum Ende des Verfahrens nachge-
reicht werden. Gemäss den Akten treffe nicht zu, dass die Zeugen schrift-
lich einvernommen worden seien, da keine Einvernahmeprotokolle vorlä-
gen. Der Beschwerdeführer sei aufgefordert worden, schriftliche Auskünfte
einzureichen. Dies stelle keine «Einvernahme» dar; bei einer solchen wür-
den von der Behörde konkrete Fragen gestellt, die von der einvernomme-
nen Person beantwortet würden. Sollten die Zeugen tatsächlich einver-
nommen worden sein, werde um Gewährung von Akteneinsicht und Frist
zur Einreichung einer Stellungnahme ersucht. Was die Tätigkeiten seines
Vaters betreffe, sei darauf hinzuweisen, dass die vom Gericht angeregten
Abklärungen vom SEM nicht vorgenommen worden seien. Stattdessen
D-6586/2020
Seite 26
spreche es immer noch von «angeblichen Aktivitäten des Vaters», obwohl
Beweismittel eingereicht worden seien, denen zu entnehmen sei, dass der
Vater des Beschwerdeführers für die LTTE tätig gewesen und deshalb bei
einer allfälligen Ausreise/Einreise aus/nach Sri Lanka festzunehmen sei.
Die Echtheit der Dokumente sei nie in Frage gestellt worden.
4.5 In der Eingabe vom 11. März 2021 wird ausgeführt, aus dem Schreiben
des CHRD vom 21. Dezember 2020 gehe hervor, dass der Vater des Be-
schwerdeführers am 15. September 2017 am Flughafen von Colombo vom
TID verhaftet worden sei. Das CHRD habe seinen Vater unterstützt, indem
es ihm einen Anwalt besorgt habe. Des Weiteren werde ausgeführt, der
Vater sei am 16. September 2017 dem Gericht vorgeführt und auf Kaution
freigelassen worden. Dies sei zu präzisieren, denn der Vater sei nicht frei-
gelassen, sondern aufgrund der Bezahlung einer Kaution ins U._
eingewiesen worden. Dort sei er unter Beobachtung gewesen und habe
nicht besucht werden dürfen. Er sei alle ein bis zwei Monate abgeholt und
ins Gebäude des TID, Gebäude Nr. 2, 4. Stock gebracht worden, wo er
verhört worden sei. Habe die Einvernahme länger gedauert, habe er im
Gefängnis übernachten müssen. Der Vater sei nach seiner Verhaftung bis
zum Tod keinen einzigen Tag in Freiheit gewesen. Der Beschwerdeführer
habe wohl deshalb gesagt, sein Vater sei bis zum Tod im Gefängnis gewe-
sen.
5.
5.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel
(Bstn. a-e). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mit-
wirkungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG). Dazu ge-
hört, die Identität offenzulegen und vorhandene Identitätspapiere abzuge-
ben, an der Feststellung des Sachverhaltes mitzuwirken und in der Anhö-
rung die Asylgründe darzulegen, allfällige Beweismittel vollständig zu be-
zeichnen und unverzüglich einzureichen sowie bei der Erhebung der bio-
metrischen Daten mitzuwirken (vgl. BVGE 2011/28 E. 3.4).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind. Die Sachverhaltsfeststellung ist demgegenüber unvollständig,
D-6586/2020
Seite 27
wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände be-
rücksichtigt werden.
5.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, ander-
seits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass
eines Entscheides dar, welcher in die Rechtsstellung des Einzelnen ein-
greift. Dazu gehört insbesondere das Recht der Betroffenen, sich vor Er-
lass eines solchen Entscheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise
beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisan-
trägen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise ent-
weder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern,
wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch
auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse,
die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren
Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vorbrin-
gen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfindung
angemessen zu berücksichtigen. Das gilt für alle form- und fristgerechten
Äusserungen, Eingaben und Anträge, die zur Klärung der konkreten Streit-
frage geeignet und erforderlich erscheinen. Die Begründung muss so ab-
gefasst sein, dass der oder die Betroffene den Entscheid gegebenenfalls
sachgerecht anfechten kann. Sie muss kurz die wesentlichen Überlegun-
gen nennen, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und auf die sie
ihren Entscheid stützt. Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit
allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne
Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
6.
6.1
6.1.1 In der Beschwerde wird darauf hingewiesen, dass mehrere Doku-
mente im Aktenverzeichnis des SEM nicht aufgeführt seien. Die zweite Ver-
nehmlassung des SEM im ersten Beschwerdeverfahren vom 16. April
2018 ist in der Tat nicht aufgeführt und auch nicht in den Akten abgelegt.
Die Verfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 17. April 2018, mit
welcher dem Beschwerdeführer Gelegenheit zur Einreichung einer Replik
gewährt wurde, ging gemäss Verteiler nicht an das SEM und muss sich
deshalb nicht in dessen Akten befinden. Das Schreiben des Beschwerde-
führers an das Bundesverwaltungsgericht vom 19. April 2018 (Gesuch um
D-6586/2020
Seite 28
Akteneinsicht) wurde mit der Zwischenverfügung des Bundesverwaltungs-
gerichts vom 24. April 2018 unter SEM-act. A38/1-3 abgelegt. Die Stellung-
nahme des Beschwerdeführers vom 9. Mai 2018 zur Vernehmlassung des
SEM vom 16. April 2018 wurde vom Beschwerdeführer offenbar aus-
schliesslich an das Bundesverwaltungsgericht gesandt, weshalb diese kei-
nen Eingang in die vorinstanzlichen Akten gefunden haben muss. In der
angefochtenen Verfügung vom 27. November 2020 werden die Eingaben
des Beschwerdeführers vom 26. und 28. Oktober 2020 ebenso erwähnt
wie ein an das SEM retournierter Entscheid vom 23. Oktober 2020. Alle
diese Dokumente sowie auch die angefochtene Verfügung vom 27. No-
vember 2020 sind im Aktenverzeichnis nicht aufgeführt worden und befin-
den sich auch nicht bei den vorinstanzlichen Akten.
6.1.2 Obwohl in der Beschwerde gerügt wurde, dass aus Sicht des Be-
schwerdeführers mehrere Akten keinen Eingang in das Aktenverzeichnis
des SEM gefunden hätten und das SEM vom Bundesverwaltungsgericht
mit Zwischenverfügung vom 7. Januar 2021 aufgefordert wurde, das Ak-
tenverzeichnis zu prüfen und zu aktualisieren sowie der Vernehmlassung
eine aktualisierte Version desselben beizulegen, sah sich das SEM nicht
veranlasst, in der Vernehmlassung Stellung zur erhobenen Rüge zu neh-
men beziehungsweise die nicht bei den Akten liegenden Aktenstücke nach-
träglich zu den Akten zu legen und in das Aktenverzeichnis aufzunehmen.
Da das SEM in der angefochtenen Verfügung unter Ziff. 7 des Abschnitts I
auf Eingaben des Beschwerdeführers vom 26. und 28. Oktober 2020 hin-
wies, steht fest, dass ihm diese vorlagen. Gemäss der dem Bundesverwal-
tungsgericht vorliegenden Kopie der Eingabe vom 26. Oktober 2020 und
den Angaben in der Beschwerde vom 30. Dezember 2020 lagen der Ers-
teren Fotografien bei, die in der Praxis des Hausarztes des Beschwerde-
führers aufgenommen worden seien. Der Hausarzt erläutere in einer eben-
falls beigelegten E-Mail vom 21. Oktober 2020, dass der Beschwerdefüh-
rer mit überwiegender Wahrscheinlichkeit misshandelt worden sei. Da das
SEM den Beschwerdeführer nach Erhalt der Eingabe vom 26. Oktober
2020 nicht aufforderte, die darin aufgeführten Beweismittel nachzureichen,
ist davon auszugehen, dass es diese tatsächlich erhielt. Das SEM ist an-
gesichts der vorstehenden Erwägungen seiner Pflicht zur Führung eines
vollständigen Akten- und Beweismittelverzeichnisses nicht nachgekom-
men. Damit wurde der Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches
Gehör verletzt.
D-6586/2020
Seite 29
6.1.3 In der Eingabe des Beschwerdeführers an das SEM vom 26. Oktober
2020 wurde unter Hinweis auf eingereichte Fotografien und die Ausführun-
gen seines Hausarztes beantragt, er sei zu seiner Haft und den Misshand-
lungsspuren zu befragen. Das SEM behandelte den gestellten Antrag in
der angefochtenen Verfügung ebenso wenig, wie es die eingereichten Fo-
tografien, denen gemäss den Ausführungen des Hausarztes Spuren von
erlittenen Misshandlungen zu entnehmen seien, erwähnte und würdigte.
Damit wurden der Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör
und die Begründungspflicht verletzt sowie der rechtserhebliche Sachver-
halt unvollständig festgestellt.
6.1.4 In diesen Zusammenhang ist festzuhalten, dass das Bundesverwal-
tungsgericht, das ebenso wie das SEM keine überwiegenden Zweifel an
der vom Beschwerdeführer geltend gemachten LTTE-Mitgliedschaft äus-
serte, in seinem Urteil D-1631/2018 vom 19. Juli 2018 festhielt, es stehe
nicht fest, ob der Beschwerdeführer sich nach dem Ende des Bürgerkriegs
tatsächlich in einem Internierungslager aufgehalten habe (vgl. E. 5.2.3).
Aus dem Wortlaut ergibt sich, dass das Gericht eine Inhaftierung des Be-
schwerdeführers nicht ausschloss, obwohl es an seiner Sachverhaltsdar-
stellung erhebliche Zweifel hegte (vgl. E. 5.5). Damit ist auch gesagt, dass
sich das Bundesverwaltungsgericht im Urteil D-1631/2018 vom 19. Juli
2018 nicht dazu äusserte, ob die vom Beschwerdeführer geltend gemach-
ten Misshandlungen glaubhaft sind oder nicht. Er brachte bereits bei der
BzP vor, er sei während seiner Haft beim Marine-Stützpunkt C._
geschlagen und mit Zigaretten gebrandmarkt worden (vgl. SEM-act. A9/35
S. 12). Bei der Anhörung wiederholte er dies und wies auf von den Verlet-
zungen zeugende Narben hin (vgl. SEM-act. A18/16 S. 6). Somit kann
nicht davon ausgegangen werden, der Beschwerdeführer habe im Rah-
men der ergänzenden Anhörung bisher nicht Erwähntes nachschieben
wollen, als er begann, von erlittenen Misshandlungen zu berichten (vgl.
SEM-act. A49/24 S. 21).
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hielt in seinem Urteil D-1631/2018 vom
19. Juli 2018 fest, dass sich hinsichtlich der Rolle, die der Vater des Be-
schwerdeführers bei den LTTE spielte, verschiedene Fragen stellten, die
ohne weitere Abklärungen nicht zu beantworten seien. Die vom SEM in der
angefochtenen Verfügung vertretene Auffassung, der Beschwerdeführer
habe hinsichtlich seiner Ausführungen zu den LTTE-Aktivitäten seines Va-
ters und der ihm entstandenen Probleme keine tauglichen Beweismittel
eingereicht, ist in dieser absoluten Form unzutreffend. Er gab bereits am
Flughafen Zürich die Kopie einer Anweisung des High Court von Colombo
D-6586/2020
Seite 30
vom (...) 2011 ab, gemäss der sein Vater bei einer allfälligen Ein- oder Aus-
reise über den Flughafen von Colombo festzunehmen sei. Zudem reichte
er die Kopie eines Antrags der sri-lankischen Polizei vom Januar 2012 ein,
gemäss dem sein Vater, der ein langjähriges und wichtiges LTTE-Mitglied
gewesen sei, wegen des Verdachts des Terrorismus bei einer Ein- oder
Ausreise festzunehmen sei. Ebenso reichte der Beschwerdeführer die Ko-
pie einer Bestätigung des TID (Katuyanake Airport) vom (...) 2017 ein, ge-
mäss der sein Vater an diesem Tag festgenommen worden sei. Des Wei-
teren liegt die Kopie einer Meldung des TID Colombo an den TID
C._ vom (...) 2017 bei den Akten, in der Letzterer gebeten wird, die
Mutter des Beschwerdeführers über die Festnahme seines Vaters zu infor-
mieren. Somit steht fest, dass bereits zu Beginn des Asylverfahrens Be-
weismittel bezüglich der Einleitung eines Verfahrens gegen den Vater des
Beschwerdeführers vorlagen. Der im zweiten Beschwerdeverfahren vor
dem Bundesverwaltungsgericht eingereichten Bestätigung des CRHD vom
21. Dezember 2020 gemäss wurde der Vater des Beschwerdeführers vom
TID Colombo am (...) 2017 festgenommen, als er über den Flughafen von
Colombo nach Sri Lanka einreisen wollte. Er sei am folgenden Tag dem
Colombo Magistrate Court vorgeführt und auf Kaution freigelassen worden.
Das CHRD führt aus, es habe den Vater des Beschwerdeführers während
des Verfahrens durch die Beauftragung von Anwälten unterstützt. Der In-
halt des Dokuments entspricht hinsichtlich der geltend gemachten Fest-
nahme des Vaters dem, was den zu Beginn des Verfahrens eingereichten
Beweismitteln zu entnehmen ist.
6.3
6.3.1 Soweit in der Beschwerde gerügt wird, das SEM habe den Sachver-
halt falsch erstellt, weil es ausgeführt habe, der Beschwerdeführer habe
angegeben, er sei ins Rehabilitationscamp (...) verlegt worden, ist darauf
hinzuweisen, dass er bei der Anhörung vom 27. Februar 2018 die Frage,
ob (...) ein Rehabilitationscamp gewesen sei, ohne zu zögern bejahte. Er
ergänzte, dass dorthin die Mitglieder der Bewegung geschickt worden
seien. Auf die kurz danach gestellte Frage, ob er das Camp rehabilitiert
habe verlassen können, sagte er, es sei nicht gesagt worden, dass (...) ein
Rehabilitationscamp gewesen sei. Auf Nachfrage bestätigte er, er wisse
nicht, ob es ein Rehabilitationscamp gewesen sei oder nicht. Er wies aber
darauf hin, dass dort die Mitglieder der Bewegung gewesen seien (vgl.
SEM-act. A18/16 S. 5). Die in der Beschwerde vertretene Auffassung, der
Beschwerdeführer habe nie vom Rehabilitationscamp (...) gesprochen,
trifft in dieser absoluten Form somit nicht zu, weshalb nicht von einer fal-
schen Sachverhaltsfeststellung gesprochen werden kann.
D-6586/2020
Seite 31
6.3.2 Bezüglich des Hinweises in der Beschwerde, es sei nicht der Unter-
zeichnenden, sondern dem Sachbearbeiter des SEM zuzuschreiben, dass
der Entscheid vom 23. Oktober 2020 nicht habe zugestellt werden können,
erübrigen sich Ausführungen seitens des Gerichts, da das SEM lediglich
darauf hinwies, dass dieser Entscheid aufgrund einer neuen Postfachad-
resse der Rechtsvertreterin nicht habe zugestellt werden können. Dies ent-
spricht dem tatsächlichen Sachverhalt.
6.3.3 In der Beschwerde wird darauf hingewiesen, das SEM hätte in der
Sachverhaltsschilderung den Satz, der Vater des Beschwerdeführers be-
fände sich immer noch in Haft, ergänzen beziehungsweise aktualisieren
müssen, da sein Vater im September 2019 verstorben sei. Das SEM wies
bei der Sachverhaltsdarstellung auf die Aussage des Beschwerdeführers
während der ergänzenden Anhörung hin, sein Vater sei am 19. September
2019 verstorben. Ebenso gab es die Aussagen des Beschwerdeführers
über die Geschehnisse wieder, die sich nach dem Tod seines Vaters zuge-
tragen hätten (vgl. die angefochtene Verfügung S. 3 Ziff. 3). Das SEM er-
wähnte auch hinsichtlich der bei den Akten liegenden Beweismittel, dass
der Beschwerdeführer Fotografien seines inzwischen verstorbenen Vaters
sowie von Personen, die in Indien den Tod seines Vaters betrauert hätten,
eingereicht habe (vgl. die angefochtene Verfügung S. 3 Ziff. 6). Das SEM
wiederholte in den Erwägungen, der Vater des Beschwerdeführers sei am
Flughafen festgenommen worden und derzeit immer noch in Haft (vgl. die
angefochtene Verfügung S. 5. Letzter Abschnitt), führte aber später aus,
dem Beschwerdeführer sei gemäss seinen Aussagen nach dem Tode sei-
nes Vaters klargeworden, welch wichtige LTTE-Persönlichkeit dieser ge-
wesen sei (vgl. angefochtene Verfügung S. 7 letzter Abschnitt). Auch aus
den folgenden Erwägungen geht hervor, dass dem SEM bewusst war, dass
der Vater des Beschwerdeführers zum Zeitpunkt des Erlasses der Verfü-
gung vom 27. November 2020 verstorben war (vgl. angefochtene Verfü-
gung S. 8 f.). Von einer falschen Sachverhaltsfeststellung kann somit trotz
der redaktionellen Fehler, die dem Kopieren von Erwägungen aus der Ver-
fügung des SEM vom 9. März 2018 zuzuschreiben sind, nicht ausgegan-
gen werden.
6.4 Das SEM führt in der angefochtenen Verfügung aus, der Beschwerde-
führer habe gesagt, seine Familie und er seien von April 2009 bis Ende
2009/Anfang 2010 im Camp (...) interniert worden. In der Beschwerde wird
zutreffend festgehalten, dass der Beschwerdeführer während den drei Be-
fragungen nicht geltend machte, sich zusammen mit seiner Familie im ge-
D-6586/2020
Seite 32
nannten Camp aufgehalten zu haben. Auf einen Aufenthalt des Beschwer-
deführers im (...) Welfare Centre könnte einzig aufgrund der von ihm ein-
gereichten Bestätigung dieses Camps vom 18. November 2009 geschlos-
sen werden. Die Sachverhaltsfeststellung des SEM ist in diesem Zusam-
menhang somit unrichtig beziehungsweise unvollständig.
6.5 Das SEM zeigt sich in der angefochtenen Verfügung erstaunt, dass der
Beschwerdeführer von den sri-lankischen Behörden bereits eine Woche
nach seiner Entlassung aus dem Camp (...) wieder verhaftet worden sei.
Das SEM geht auch in diesem Punkt von einem Sachverhalt aus, den der
Beschwerdeführer so nicht geltend machte. Er erklärte, dass seine Tante
ihn, nachdem er sich etwa eine Woche lang bei ihr aufgehalten habe, zu
einer befreundeten Familie gebracht habe, weil sich bei ihr mehrmals un-
bekannte Leute nach ihm erkundigt hätten. Gemäss den Angaben des Be-
schwerdeführers wurde er zu einem späteren Zeitpunkt von der sri-lanki-
schen Marine festgenommen, als er seine Tante habe besuchen wollen
(vgl. SEM-act. A9/35 S. 12, A18/16 S. 5 f. und A49/24 S. 20).
6.6
6.6.1 Festzustellen ist sodann, dass die vom Beschwerdeführer bezeich-
neten Personen, die seine Tätigkeit bei den LTTE bestätigten, entgegen
der in der Vernehmlassung vom 28. Januar 2021 gemachten Ausführun-
gen vom SEM nicht schriftlich einvernommen wurden. Das SEM forderte
den Beschwerdeführer am 18. Juni 2020 auf, schriftliche Auskünfte der bei-
den Personen beizubringen. Die Feststellung in der angefochtenen Verfü-
gung, die beiden «Zeugen» hätten die LTTE-Aktivitäten seines Vaters nicht
bestätigt, ist zutreffend. Der Beschwerdeführer brachte indessen nie vor,
die beiden Personen könnten sich zu den Tätigkeiten seines Vaters äus-
sern. Insofern das SEM ausführt, die «Zeugen» hätten lapidar angegeben,
der Beschwerdeführer sei von 1996 bis 2009 für die LTTE tätig gewesen,
ist festzustellen, dass das SEM keine konkreten Fragen stellte, die es von
den Auskunftspersonen hätte beantwortet haben wollen. Angesichts dieser
Ausgangslage ist ohne weiteres nachvollziehbar, dass die beiden Aus-
kunftspersonen keine detaillierteren Ausführungen zu den Aktivitäten des
Beschwerdeführers für die LTTE machten. Wie bereits vorstehend festge-
halten, zweifelte das SEM nicht daran, dass der Beschwerdeführer LTTE-
Mitglied war; hingegen schloss es aus, dass er bei den LTTE eine führende
Rolle innegehabt habe. Dies hat der Beschwerdeführer auch nie geltend
gemacht.
D-6586/2020
Seite 33
6.6.2 Das Bundesverwaltungsgericht hielt im Urteil D-1631/2018 vom
19. Juli 2018 fest, die Frage der Echtheit der vom Beschwerdeführer abge-
gebenen Dokumente, die ein gegen seinen Vater eingeleitetes Verfahren
betreffen, könne ohne weitere Abklärungen nicht beantwortet werden. Bei
der ergänzenden Anhörung gab der Beschwerdeführer an, er habe keine
Kenntnis von über ein «soziales Engagement» seines Vaters hinausgehen-
den Aktivitäten für die LTTE. Aufgrund der Reaktionen von ihr Beileid be-
kundenden Personen gehe er jedoch davon aus, dass sein Vater eine wich-
tige Persönlichkeit gewesen sei. Das SEM legt in der angefochtenen Ver-
fügung zwar dar, aus welchen Gründen es an den entsprechenden Aussa-
gen des Beschwerdeführers zweifelt, womit aber immer noch keine Klar-
heit darüber besteht, ob gegen den Vater des Beschwerdeführers eine Ein-
beziehungsweise Ausreisesperre verhängt und ein Strafverfahren eröffnet
wurden oder nicht.
6.6.3 Das Bundesverwaltungsgericht forderte das SEM mit Zwischenver-
fügung vom 7. Januar 2021 auf, sich insbesondere zu Ziffer 5 der Be-
schwerde zu äussern, in der gerügt wurde, im zugestellten Aktenverzeich-
nis seien zahlreiche Dokumente nicht akturiert. Zudem wies es das SEM
an, das Aktenverzeichnis zu prüfen und zu aktualisieren sowie der Ver-
nehmlassung eine aktualisierte Version desselben beizulegen. Das SEM
kam diesen Aufforderungen in keiner erkennbaren Weise nach. Ebenso
wenig Beachtung fand die in derselben Zwischenverfügung erteilte Anwei-
sung, dem Beschwerdeführer sei eine Kopie des im Beweismittelumschlag
unter Ziffer 7 abgelegten Dokuments zuzustellen. Das Verhalten der mit
der Bearbeitung des vorliegenden Verfahrens beauftragten Angestellten
des SEM, gestützt auf Art. 61 Abs. 1 VwVG an die Vorinstanz gerichtete
verbindliche Anweisungen des Bundesverwaltungsgerichts zu missachten,
ist rechtswidrig.
6.6.4 In der Beschwerde wird ferner das Verhalten des Fachspezialisten
Asyl während der ergänzenden Anhörung vom 13. Oktober 2020 bean-
standet. Die Hilfswerksvertretung wies auf dem Unterschriftenblatt vom
selben Tag darauf hin, die Körpersprache des Sachbearbeiters sei «lust-
los» gewesen. Er habe auf dem Handy «herumgedrückt» und auf einem
Blatt gemalt (vgl. SEM-act. A49/24 S. 24). Die bei der ergänzenden Anhö-
rung anwesende Rechtsvertreterin bestätigte diese Beobachtungen in ihrer
Eingabe an das SEM vom 26. Oktober 2020. Da sich das SEM zur erho-
benen Rüge, das Verhalten des Befragers sei unangebracht gewesen,
D-6586/2020
Seite 34
nicht äusserte, ist davon auszugehen, dass die von der Hilfswerksvertre-
tung und der Rechtsvertreterin übereinstimmend geschilderten Beobach-
tungen zutreffend sind.
6.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der rechtserhebliche Sach-
verhalt durch das SEM in mehreren Punkten unrichtig oder unvollständig
festgestellt wurde. Ebenso wurde der Anspruch auf rechtliches Gehör des
Beschwerdeführers verletzt. Hinzu kommt, dass während des vorinstanzli-
chen Verfahrens und während des Beschwerdeverfahrens Anordnungen
des Bundesverwaltungsgerichts missachtet wurden.
7.
7.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück.
7.2 Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör führt – ange-
sichts des formellen Charakters des Gehörsanspruchs unabhängig davon,
ob die angefochtene Verfügung bei korrekter Verfahrensführung im Ergeb-
nis anders ausgefallen wäre – grundsätzlich zur Kassation und Rückwei-
sung der Sache an die Vorinstanz. Die Heilung von Gehörsverletzungen
aus prozessökonomischen Gründen ist auf Beschwerdeebene nur mög-
lich, sofern die festgestellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur ist,
das Versäumte nachgeholt wird, der Beschwerdeführer dazu Stellung neh-
men kann und der Beschwerdeinstanz für die konkrete Streitfrage die freie
Überprüfungsbefugnis in Bezug auf Tatbestand und Rechtsanwendung zu-
kommt und die fehlende Entscheidreife mit vertretbarem Aufwand herge-
stellt werden kann (vgl. BVGE 2015/10 E. 7.1).
7.3 Eine Heilung der festgestellten Verfahrensmängel auf Beschwerde-
ebene fällt vorliegend nicht in Betracht, da sich in sachverhaltlicher Hinsicht
weitere Abklärungen als notwendig erweisen und die Entscheidreife nicht
mit vertretbaren Aufwand durch das Bundesverwaltungsgericht hergestellt
werden kann.
7.4 Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, soweit die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung vom 27. November 2020 beantragt wird. Die ange-
fochtene Verfügung ist somit aufzuheben und die Sache im Sinne der nach-
folgenden Erwägungen zur ergänzenden Feststellung des Sachverhalts
und zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen (vgl. BVGE 2015/10
E. 7.1). Bei dieser Sachlage erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit den
D-6586/2020
Seite 35
weiteren Vorbringen und Anträgen in den Eingaben des Beschwerdefüh-
rers.
8.
8.1 Das SEM ist darauf hinzuweisen, dass seitens des Beschwerdeführers
auf eine mögliche Befangenheit des das Verfahren bisher führenden Fach-
spezialisten und einer weiteren Angestellten des SEM hingewiesen und
geltend gemacht wird, dass die weitere Bearbeitung des Verfahrens von
einer anderen Person erfolgen müsse. Es empfiehlt sich, zeitnah über die-
sen Antrag zu befinden.
8.2 Das SEM wird im wiederaufzunehmenden Verfahren die vorstehend
erwähnten Dokumente und Beweismittel zu suchen und zu den Akten zu
nehmen haben. Anschliessend wird es das Akten- und das Beweismittel-
verzeichnis nachzuführen haben. Aufgrund der vom Beschwerdeführer ein-
gereichten Fotografien und der Erläuterungen seines Hausarztes wird das
SEM den Beschwerdeführer zu den von ihm geltend gemachten Misshand-
lungen zu befragen haben. Sollte das SEM aufgrund der dadurch gewon-
nen Erkenntnisse weiterhin davon ausgehen, der Beschwerdeführer sei
aufgrund seiner Vorbringen und der dazu eingereichten Beweismittel bei
einer Rückkehr nach Sri Lanka nicht gefährdet, Opfer von asylrechtlich re-
levanter Verfolgung zu werden, wird es im Rahmen einer Botschaftsabklä-
rung zu ermitteln haben, ob die vom Beschwerdeführer eingereichten Do-
kumente hinsichtlich der Einleitung eines Strafverfahrens gegen seinen Va-
ter authentisch sind oder nicht. Das Ergebnis dieser Abklärungen wird bei
der Beurteilung der Frage, ob der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in
sein Heimatland asylrechtlich relevante Verfolgung zu befürchten hat oder
nicht, ebenso zu berücksichtigen sein. Nachdem der rechtserbliche Sach-
verhalt – soweit möglich – erstellt sein wird, wird das SEM erneut über die
Sache zu befinden haben.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Dem Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in Anwendung
von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
(VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm notwendigerweise
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erwachsenen Parteikosten zuzusprechen. Die Rechtsvertreterin bezeich-
net den zeitlichen Aufwand in der Honorarnote vom 18. Juni 2021 mit ins-
gesamt 20 Stunden und 55 Minuten (gemäss einer Mitteilung der Rechts-
vertreterin im ersten Beschwerdeverfahren vom 26. März 2018 beträgt ihr
Stundenansatz Fr. 220.–) und veranschlagt Spesen von Fr. 78.20. Der
ausgewiesene zeitliche Aufwand erscheint nicht vollumfänglich angemes-
sen beziehungsweise notwendig im Sinne von Art. 64 Abs. 1 VwVG. Unter
Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 9-13
VGKE) und der Entschädigungspraxis in Vergleichsfällen ist der Vertre-
tungsaufwand für das Beschwerdeverfahren auf insgesamt Fr. 4000.–
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzulegen. Dieser Betrag
ist dem Beschwerdeführer vom SEM als Parteientschädigung auszurich-
ten.
(Dispositiv nächste Seite)
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