Decision ID: 2bda6c24-6ed3-4407-8e88-4572c50845bd
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein haitianischer Staatsangehöriger, reiste am (...)
Juni 2016 in die Schweiz ein, um sich mit seiner damaligen Ehefrau, einer
Schweizer Staatsangehörigen, zu vereinen. Aufgrund der folgenden defini-
tiven Trennung des Ehepaares entschied das Migrationsamt des Kantons
B._ mit Verfügung vom 13. Mai 2020, die Aufenthaltsbewilligung
des Beschwerdeführers nicht zu verlängern und ordnete seine Wegwei-
sung aus der Schweiz und dem Schengenraum bis zum 13. August 2020
an. Die Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.
Am 4. November 2020 wurde der Beschwerdeführer zur Besprechung sei-
ner Ausreise vom Migrationsamt des Kantons B._ vorgeladen. Da
er zum Termin nicht erschien, wurde er für den 20. November 2020 erneut
vorgeladen, wobei er dem Termin wiederum fernblieb. In der Folge war der
Beschwerdeführer unbekannten Aufenthalts.
C.
Die Ehe des Beschwerdeführers wurde gemäss den vorinstanzlichen Ak-
ten am (...) Juni 2021 geschieden.
D.
Anlässlich einer polizeilichen Kontrolle «im Milieu» wurde der Beschwer-
deführer am 18. Februar 2022 zu Handen des Migrationsamts des Kantons
B._ festgenommen, welches die Ausschaffungshaft des Beschwer-
deführers bis zum 18. Mai 2022 verfügte. Die Einzelrichterin für Zwangs-
massnahmen im Ausländerrecht des C._ (im Folgenden: Einzel-
richterin für Zwangsmassnahmen) bestätigte diese mit Urteil vom 21. Feb-
ruar 2022. Während der Haftverhandlung stellte der Beschwerdeführer ein
Asylgesuch.
E.
Das Asylgesuch des Beschwerdeführers wurde am 22. Februar 2022 beim
Staatssekretariat für Migration (SEM) registriert.
F.
Mit Urteil vom 1. April 2022 wies das Bundesgericht die gegen das Haftur-
teil gerichtete Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten war.
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Seite 3
G.
Am 5. April 2022 wurde der Beschwerdeführer einlässlich zu seinen Asyl-
gründen befragt. Dabei gab er an, er sei haitianischer Staatsangehöriger
aus Port-au-Prince, wo er das Collège D._ besucht und anschlies-
send für zwei Jahre an der Universität E._ (...) studiert habe. Auf-
grund lokaler Unruhen habe er diese in der Folge abgebrochen. Er sei Va-
ter eines am (...) geborenen Sohnes, welcher nach wie vor in Haiti lebe.
Am (...) Juni 2016 habe er Haiti verlassen, um mit seiner damaligen Ehe-
frau, einer Schweizer Staatsangehörigen, in der Schweiz zusammenzule-
ben. Nach ungefähr zwei Jahren, zwischen Dezember 2017 und Februar
2018, habe er sich von seiner Ehefrau getrennt, diese jedoch weiterhin re-
gelmässig getroffen. Die Ehe sei trotz der Trennung nicht geschieden wor-
den. Im Oktober 2020 sei seine Aufenthaltsbewilligung nicht mehr verlän-
gert worden, weshalb er schliesslich festgenommen worden sei.
In Bezug auf seine Asylgründe macht er geltend, er habe in Haiti einen
Polizisten namens F. _ alias G. _ gekannt, welcher in Port-
au-Prince ein Massaker angestiftet habe, bei dem 300 Menschen umge-
kommen seien. In der Folge sei G. _ aus dem Polizeikorps entlas-
sen worden. Insgesamt habe G. _ zwölf Massaker angerichtet, bei
denen zahlreiche Menschen das Leben verloren hätten. Da er nach dem
ersten Massaker von G. _ an Demonstrationen für dessen Entlas-
sung aus der Polizei beziehungsweise dessen Festnahme beziehungs-
weise an Friedensmärschen teilgenommen habe, sei er – wie viele an-
dere – zur Zielscheibe geworden. Hinzu komme, dass man ihn persönlich
kenne und um seine Ideologie wisse. G. _ sei inzwischen der mäch-
tigste Mann Haitis. Port-au-Prince sei im Allgemeinen ein gesetzloser Ort
geworden, in dem Gangs herrschten, man überall umgebracht werden
könne und es keine gerechte Politik gebe, was auch die Tötung des ehe-
maligen Präsidenten zeige. Die Situation in Haiti sei schrecklich.
H.
Der am 12. April 2022 erstmals ergangene Asylentscheid wurde aufgrund
fehlender Rechtsbelehrung am 13. Mai 2022 von der Vorinstanz wieder
aufgehoben und durch einen am selben Tag erlassenen neuen Asylent-
scheid ersetzt. Das in Bezug auf den Asylentscheid vom 12. April 2022 am
Bundesverwaltungsgericht hängige Beschwerdeverfahren wurde am 24.
Mai 2022 abgeschrieben.
I.
Mit Verfügung vom 6. Mai 2022 verlängerte das Migrationsamt des Kantons
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B._ die Ausschaffungshaft des Beschwerdeführers bis zum 5. be-
ziehungsweise 17. August 2022. Die Einzelrichterin für Zwangsmassnah-
men bestätigte diese mit Urteil vom 12. Mai 2022.
J.
Mit Verfügung vom 13. Mai 2022 (eröffnet am 16. Mai 2022) stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht
(Dispositivziffer 1), lehnte das Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2), verfügte
die Wegweisung aus der Schweiz (Dispositivziffer 3), stellte fest, der Be-
schwerdeführer müsse die Schweiz verlassen (Dispositivziffer 4), beauf-
tragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung (Disposi-
tivziffer 5) und händigte die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis aus (Dispositivziffer 6).
K.
Mit Eingabe vom 13. Juni 2022 reichte der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, die Verfügung der
Vorinstanz sei teilweise aufzuheben, es sei von seiner Wegweisung abzu-
sehen und er sei in der Schweiz vorläufig aufzunehmen, eventualiter sei
festzustellen, dass die Wegweisung zurzeit nicht durchführbar sei, sube-
ventualiter sei die Angelegenheit zur neuen Entscheidung an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen. Es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung
und die Verbeiständung mit dem Unterzeichnenden als Advokaten zu be-
willigen.
Als Beilagen zur Beschwerde legte er eine Kopie der Reisehinweise für
Haiti des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten
(EDA) vom 7. April 2022 sowie eine Kopie des Dokuments «Résolution du
Parlement européen du 20 mai 2021 sur la situation en Haïti» ins Recht.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Juni 2022 wurde der Beschwerdeführer
aufgefordert, seine Bedürftigkeit nachzuweisen.
Mit Eingabe vom 20. Juni 2022 kam er dieser Aufforderung nach, indem er
das Urteil der Einzelrichterin für Zwangsmassnahmen vom 12. Mai 2022
beilegte.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Juni 2022 wurden die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung
gutgeheissen und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet.
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Seite 5
Gleichzeitig wurde die Vorinstanz eingeladen, eine Vernehmlassung zur
Beschwerde und deren Beilagen einzureichen.
N.
In ihrer Eingabe vom 19. Juli 2022 erklärte die Vorinstanz, sie verzichte auf
eine erneute Darlegung ihrer Sichtweise und verwies auf ihre Verfügung
vom 13. Mai 2022.
O.
Die Stellungnahme der Vorinstanz wurde dem Beschwerdeführer auf seine
Anfrage vom 25. Juli 2022 hin am 26. Juli 2022 zur Kenntnis zugestellt.
P.
Mit Urteil vom 28. Juli 2022 hob die Einzelrichterin für Zwangsmassnahmen
die Ausschaffungshaft des Beschwerdeführers per sofort auf.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem Gebiet
des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG;
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadres-
sat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist-
und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 1
AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Kognition im Bereich des
Ausländerrechts richtet sich nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich begründet, weshalb sie
im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zwei-
ten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG) zu behandeln ist, wobei der Entscheid nur summarisch zu begrün-
den ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
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Seite 6
3.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den Vollzug der Weg-
weisung. Die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft sowie die Ablehnung
des Asylgesuchs und die Anordnung der Wegweisung bleiben unangefoch-
ten, womit sie in Rechtskraft erwachsen sind und nicht Gegenstand des
Verfahrens bilden.
4.
Die Beschwerde enthält die formelle Rüge der Verletzung der Pflicht zur
vollständigen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhal-
tes. Diese Rüge ist vorab zu prüfen, da sie zu einer Kassation der ange-
fochtenen Verfügung führen kann.
5.
5.1 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel (Ur-
kunden, Auskünfte der Parteien, Auskünfte oder Zeugnis von Drittperso-
nen, Augenschein und Gutachten von Sachverständigen). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind. Die Sachverhaltsfeststellung ist demgegenüber unvollständig,
wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände be-
rücksichtigt werden (KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 630).
5.2 Auf Beschwerdeebene wird hierzu vorgebracht, die Vorinstanz habe
sich weder mit der Frage der Wegweisung und deren Vollstreckung noch
mit dem Vorliegen allfälliger Non-Refoulement-Gründe auseinanderge-
setzt. Sie habe es ausserdem unterlassen, sich mit der derzeitigen politi-
schen und sozialen Situation in Haiti zu befassen. Es gelte diesbezüglich
zu betonen, dass in Haiti derzeit ein Zustand struktureller Gewalt herrsche,
welche teilweise auch von der Polizei ausgehe und auch die unbeteiligte
Zivilbevölkerung betreffe. Es bestünden hohe politische, soziale und wirt-
schaftliche Spannungen, wovon auch der eingereichte Reisehinweis des
EDA zeuge. Seit der Ermordung des ehemaligen haitianischen Präsiden-
ten am 7. Juli 2021 sei auch die Weiterentwicklung der Lage ungewiss.
Jede Einwohnerin und jeder Einwohner von Haiti sei von der prekären So-
zial- und Sicherheitslage potenziell gefährdet und betroffen, wobei eine so-
ziale und politische Situation wie diejenige vor Ort offensichtlich in Bezug
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auf das Non-Refoulement-Verbot relevant sei. Eine Rückweisung des Be-
schwerdeführers nach Haiti würde zudem zu einer unmenschlichen Be-
handlung und einer Verletzung von Art. 3 EMRK führen.
5.3
Mit Zwischenverfügung vom 24. Juni 2022 wurde die Vorinstanz eingela-
den, eine Vernehmlassung zur Beschwerde und deren Beilagen einzu-
reichen. Dabei wurde sie vom Gericht ersucht, sich unter Berücksichtigung
der aktuellen politischen sowie allgemeinen Lage in Haiti vertieft mit der
Zulässigkeit, der Zumutbarkeit und der Möglichkeit des Wegweisungsvoll-
zugs auseinanderzusetzen.
In ihrer Stellungnahme vom 19. Juli 2022 führte die Vorinstanz aus, die in
der Beschwerde vorgebrachten Standpunkte seien bereits anlässlich des
Asylentscheids eingehend geprüft worden, weshalb sie auf eine erneute
Darlegung ihrer Sichtweise verzichte.
5.4
5.4.1 Im Asylverfahren obliegt es der Vorinstanz, neben der materiellen
Prüfung des Asylgesuchs die Frage der Wegweisung zu prüfen (vgl. Art. 44
AsylG) und zu klären, ob deren Vollzug Hindernisse im Sinne von Art. 83
AIG (SR 142.20) entgegenstehen (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts E-6704/2017 vom 1. März 2018 E. 8 m.w.H.). Es erübrigen sich an
dieser Stelle weitere Ausführungen hierzu, da die Vorinstanz vorliegend
ihre Zuständigkeit zur Prüfung der Wegweisung und des Vollzugs – zumin-
des implizit – bestätigt hat, indem sie unter Punkt III des Asylentscheids –
teilweise unter Verweis auf die Wegweisungsverfügung des Migrations-
amts des Kantons B._ vom 13. Mai 2020 – feststellte, der Vollzug
der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich sowie durchführbar
und diesen im Dispositiv anordnete.
5.4.2 Indem die Vorinstanz trotz ihrer Zuständigkeit zur Prüfung des Weg-
weisungsvollzugs offensichtlich keine weiteren Abklärungen zur aktuellen
Lage in Haiti getroffen hat und auch auf Ersuchen des Gerichts, sich in der
Vernehmlassung dazu zu äussern, dieser Einladung nicht nachgekommen
ist, hat sie den Sachverhalt unvollständig festgestellt.
Es ist dem Beschwerdeführer an dieser Stelle beizupflichten, dass sich die
Situation in Haiti und insbesondere in Port-au-Prince zuletzt und seit Erlass
der kantonalen Wegweisungsverfügung wesentlich verschärft hat. So
wurde am 7. Juli 2021 der damalige Präsident Jovenel Moïse umgebracht,
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Seite 8
wobei der Prozess gegen die – mutmasslichen – Verantwortlichen inzwi-
schen ins Stocken geraten ist (United Nations Integrated Office in Haiti
[BINUH], Report of the Secretary-General vom 13. Juni 2022, S/2022/481,
nachfolgend: BINUH-Bericht, S. 6). Nach der Ermordung des Präsidenten
trat der damals noch nicht offiziell eingesetzte Premierminister Ariel Henry
ersatzweise an dessen Stelle und verkündete, die Priorität der Regierung
sei es, so bald wie möglich Neuwahlen zu organisieren. Diese haben je-
doch bis heute noch nicht stattgefunden, womit das Land seit Januar 2020
ohne gewähltes Parlament ist (Neue Zürcher Zeitung [NZZ], Haiti versinkt
definitiv im Chaos, 02.10.2021). Auch die humanitäre Situation verschlech-
tert sich zusehends aufgrund von Naturkatastrophen, den sozioökonomi-
schen Bedingungen – Ernährungsunsicherheit und Unterernährung einge-
schlossen –, der instabilen Regierungssituation sowie der eskalierenden
Bandengewalt (BINUH-Bericht, S. 12). Die erwähnte Bandengewalt hat
insbesondere in Port-au-Prince zu einer prekären Sicherheitslage geführt,
bei der auf offener Strasse bewaffnete Kämpfe zwischen den Banden statt-
finden, die auch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft ziehen (BINUH, Re-
port of the Secretary-General vom 15. Februar 2022, S/2022/117, S. 4; Le
Monde, Haïti s’enfonce dans la violence des affrontements entre gangs,
14.07.2022). Zusätzlich waren die Banden – soweit registriert – von 1. Ja-
nuar bis 31. Mai 2022 für 540 Entführungen und 782 vorsätzliche Tötungen
verantwortlich, was einen markanten Anstieg im Vergleich zu den letzten
fünf Monaten des Vorjahres bedeutet (BINUH-Bericht, S. 3). Ein zur Über-
prüfung des Mandats des BINUH eingesetzter unabhängiger Experte kam
zum Schluss, Haiti erlebe einen der schwierigsten Momente seiner Ge-
schichte (Security Council, Letter dated 29 April 2022 from the Secretary-
General addressed to the President of the Security Council, S/2022/369).
Vor diesem Hintergrund wäre die Vorinstanz gehalten gewesen, sowohl in
genereller als auch individueller Hinsicht weitere Abklärungen zu treffen,
zumal sie sich im Wesentlichen auf veraltete Abklärungen des Migrations-
amts des Kantons B._ abstützt.
6.
Nach dem Gesagten liegt eine mangelhafte Sachverhaltsfeststellung vor.
E-2608/2022
Seite 9
7.
7.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (vgl. PHILIPPE WEISSENBERGER, ASTRID HIRZEL, Praxiskommentar
Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG, N 16 S.1264).
Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar
auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies
im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie
muss dies aber nicht.
7.2 Im vorliegenden Fall ist die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen,
zumal die Erstellung des Sachverhalts bezüglich des Vollzugs der Wegwei-
sung weiterer Abklärungen bedarf.
8.
Die Beschwerde ist gutzuheissen und die vorinstanzliche Verfügung vom
13. Mai 2022 in den Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben und in Anwen-
dung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG zur vollständigen und richtigen Sach-
verhaltsermittlung und Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Hiermit werden die übrigen Beschwerdean-
träge gegenstandslos.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
9.3 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat keine Kostennote ein-
gereicht. Der Aufwand lässt sich allerdings aufgrund der Akten zuverlässig
abschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). In Anwendung der massgeblichen Be-
messungsfaktoren (vgl. Art. 8–11 VGKE) ist das Honorar auf Fr. 750.– (inkl.
Auslagen) festzusetzen. Dieser Betrag ist Dr. iur. Nicolas Roulet, Advokat
als Parteientschädigung zu Lasten der Vorinstanz auszurichten.
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