Decision ID: aea4b44a-9353-4138-80eb-7dd7be2015d4
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte (zusammen mit ihrem mitgereisten Bruder
F.A.) am 5. Mai 2017 in der Schweiz um Asyl nach und wurde im Rahmen
der Befragung zu Person (BzP) summarisch und am 7. August 2017 (AH)
vertieft zu ihren Asylgründen angehört.
Zur Begründung ihres Asylgesuches machte die aus B._ stam-
mende Beschwerdeführerin im Wesentlichen geltend, wegen Behelligun-
gen durch Extremisten Afghanistan verlassen zu haben. Sie habe als Leh-
rerin in einer Mädchendorfschule namens C._ die aus einem kon-
servativen Umfeld stammenden Schülerinnen unter anderem über Frauen-
rechte aufgeklärt, worüber sich Eltern bei der Schuldirektion beschwert hät-
ten. Nachdem zwei Männer im Gespräch mit dem Wächter der Schule Dro-
hungen gegenüber der Beschwerdeführerin ausgesprochen hätten, sei sie
auf Anraten ihres Vaters Ende Dezember 2014 in den Iran gezogen, habe
sich indessen mangels Erwerbstätigkeit Mitte Januar 2015 zur Rückkehr
entschlossen. In der Folge habe sie ihre Tätigkeit als Lehrerin in derselben
Schule wiederaufgenommen. Am 1. November 2015 seien sie und ihr Bru-
der auf dem Heimweg von zwei vermummten Männern angegriffen wor-
den. Die beiden Männer hätten die Flucht ergriffen, als sich ihnen eine Po-
lizeipatrouille genähert habe. Später sei ihr Vater von zwei Männern dazu
aufgefordert worden, die Beschwerdeführerin mit einem von ihnen zu ver-
heiraten, widrigenfalls ihr Bruder getötet werde. Auch ihr Onkel habe sie
mit seinem Sohn zwangsverheiraten wollen, worauf sie in Begleitung ihres
Bruders Afghanistan verlassen habe. Nach ihrer Ausreise hätten die Extre-
misten ihrem Vater gegenüber mit Folgen für sie und ihren Bruder gedroht.
B.
Mit Verfügungen vom 24. August 2017 wies das SEM die Asylgesuche der
Beschwerdeführerin und ihres Bruders ab, ordnete deren Wegweisung aus
der Schweiz an und erachtete den Vollzug als zulässig, zumutbar und mög-
lich.
In diesen Verfügungen brachte das SEM Zweifel an der Glaubhaftigkeit
der Vorbringen an, verzichtete indessen (insbesondere mit dem Hinweis
auf die Schutzfähigkeit der afghanischen Behörden) auf eine
abschliessende Beurteilung der Glaubhaftigkeit.
C.
Mit (vereinigtem) Urteil E-5413/2017/E-5418/2017 vom 9. September 2019
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hiess das Bundesverwaltungsgericht die gegen diese Entscheide erhobe-
nen Beschwerden gut, hob die Verfügungen vom 24. August 2017 auf und
wies die Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und zu neuer
Entscheidung an das SEM zurück.
D.
Am 15. Oktober 2021 fand eine (weitere) Anhörung der Beschwerdeführe-
rin (nachfolgend eAH genannt) statt.
In teilweiser Ergänzung und Konkretisierung der bisherigen Vorbringen
machte die Beschwerdeführerin geltend, sie habe als Lehrerin von Mäd-
chen und jungen verheirateten Frauen oft Mitleid mit diesen gehabt, da es
unter diesen Mädchen gegeben habe, die erst zwölf oder dreizehn Jahre
alt gewesen seien. Sie habe sie gefragt, warum sie sie so früh geheiratet
hätten. Eines Tages sei eine Schülerin zu ihr gekommen und habe gesagt,
sie müsse nach Hause, da die Familie ihres Ehemannes zu Besuch käme.
Auf Nachfrage habe die zwölfjährige Schülerin ihr erzählt, dass ihr Ehe-
mann 51-jährig sei, worauf sie dieser gesagt habe, er sei wie ihr Opa. Als
dieses Mädchen zu Hause gewesen sei, habe sie dies ihrem Vater erzählt,
woraufhin dieser sie mit heissem Wasser überschüttet habe. Die Männer
dieser Familien hätten in der Folge dem Fahrer des Autos, mit welchem sie
jeweils zur Arbeit gefahren sei, ihre weitere Mitnahme untersagt. Danach
sei sie immer von ihrem Bruder mit dem Motorrad zur Arbeit gebracht wor-
den. Bei einer dieser Fahrten seien sie von denselben Männern aufgehal-
ten worden. Ihren Bruder hätten sie geschlagen, so dass er zu Boden ge-
stürzt sei. Sie selbst habe sich am Motorrad festgehalten, so dass man sie
nicht habe mitnehmen können. Als ein Polizeiwagen aufgetaucht sei, seien
die Männer geflohen. Sie habe der Polizei die Geschehnisse geschildert,
worauf diese ihr geraten habe, zu Hause zu bleiben. Ihr Vater habe ihr da-
nach verboten, weiter ihrer Tätigkeit als Lehrerin nachzugehen. Später sei
ihr Vater von diesen Männern zu ihrer Herausgabe aufgefordert worden
unter der Drohung, dass sein Sohn in Gefahr sei, sollte er der Aufforderung
nicht nachkommen. Daraufhin habe ihr Vater ihre Ausreise in den Iran vor-
bereitet.
Erstmals machte die Beschwerdeführerin geltend, ungefähr vier Tage vor
ihrer Ausreise habe ihr die Leiterin der Schule mitgeteilt, dass sie wieder in
die Schule zurückkehren könne, sie habe mit «diesen Leuten» gesprochen
und diese würden ihr nichts mehr antun. Als ihre Familie an einer Hoch-
zeitsfeier teilgenommen habe, habe sie die Leiterin der Schule aufgesucht
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und diese habe sie an zwei Männer verkauft. Diese Männer hätten Sex mit ihr
gehabt. In der Folge sei sie in die Schweiz gereist.
E.
Zur Stützung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin mehrere Do-
kumente und Fotografien ein (u.a. Arbeitsbewilligung als Kindergärtnerin,
Computer-und Englisch-Zertifikate des Lehrercolleges, Auszeichnungen
der C._ und der D._, Bildungsdiplom des E._, zwei
Fotografien und ein Screenshot der Familienmitglieder im Iran).
F.
Mit Entscheid vom 5. September 2022 (Eröffnung am 7. September 2022)
wies das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin vom 5. Mai 2017
ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an, schob jedoch den
Vollzug der Wegweisung wegen Unzumutbarkeit auf.
G.
Mit Eingabe vom 6. Oktober 2022 erhob die Beschwerdeführerin gegen
diesen Entscheid Beschwerde. Sie beantragte die Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die
Asylgewährung. Eventualiter sei die Sache zur neuen Entscheidung an die
Vorinstanz zurückzuweisen, wobei der Gegenstand auf die Frage der
Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung zu beschränken sei. In ver-
fahrensrechtlicher Hinsicht wurde unter Verzicht auf das Erheben eines
Kostenvorschusses um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
und der amtlichen Rechtsverbeiständung ersucht.
H.
Mit Schreiben vom 7. Oktober 2022 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Nach Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den Be-
hörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwal-
tungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist folglich zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
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auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist zur Ein-
reichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS 2016
3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E.5).
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich vor-
liegend, wie nachstehend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 6
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Das SEM erachtete die Vorbringen der Beschwerdeführerin, aufgrund
ihrer Tätigkeit als Lehrerin behelligt (und vergewaltigt) worden und der kon-
kreten Gefahr einer Zwangsverheiratung ausgesetzt gewesen zu sein, als
nicht glaubhaft.
6.1.1 Vorbringen seien dann nicht hinreichend begründet, wenn sie in we-
sentlichen Punkten zu wenig konkret detailliert und differenziert dargelegt
würden und somit den Eindruck vermittelten, dass die Person das Geschil-
derte nicht selbst erlebt habe.
Während die Beschwerdeführerin ihre schulische und berufliche Laufbahn,
ihren Arbeitsalltag an der Schule und ihre Interaktionen mit ihren Kollegin-
nen und den Schülerinnen in Detailreichtum habe beschreiben können
(vgl. BzP 7.01, AH F42, F43, 1.17.04, AH F22, F26, F28), seien ihre Erzäh-
lungen und Antworten zur angeblich erlebten Verfolgungssituation durch-
wegs vage und oberflächlich ausgefallen. Insbesondere die Beschreibung
ihrer Verfolger, mit welchen Sie mehrfache Kontakte gehabt habe, sei äus-
serst knapp und undetailliert ausgefallen. So habe sie mehrfach nur geant-
wortet, sie habe die Personen nicht gekannt (vgl. AH F71, eAH F67, F86),
und sie wisse nicht, wie sie ausgesehen hätten, weil sie vermummt gewe-
sen seien (vgl. AH F75, F89) Sie habe ausserdem nicht sagen können, ob
es sich jeweils um dieselben Personen gehandelt habe (vgl. eAH F85, F89,
F90) und vage und mit einzelnen Sätzen wie «Das waren hochgewachsene
Männer» und «Sie waren auch aus dem Dorf» auf Rückfragen zu konkre-
teren Beschreibungen geantwortet (vgl. AH F76, eAH, F85). Insgesamt
wiesen die diesbezüglichen Aussagen nicht die Qualität auf, welche zu er-
warten wäre, insbesondere, wenn man diese mit den Antworten zu Kind-
heitserinnerungen oder Familienwerten vergleiche, weIche äusserst bild-
haft ausgefallen seien (vgl. AH F87, F88, eAH F93, F96, F97).
6.1.2 Vorbringen seien dann widersprüchlich, wenn im Verlauf des Verfah-
rens zu wesentlichen Punkten unterschiedliche Angaben gemacht werden
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würden. Auch der Wahrheitsgehalt wesentlicher, ohne zwingenden Grund
im weiteren Verlauf des Verfahrens nicht mehr geltend gemachten Vor-
bringen seien zweifelhaft.
Es sei anzumerken, dass die Beschwerdeführerin im Verlauf ihres Verfah-
rens mehrfach widersprüchliche Aussagen gemacht habe. So habe sie an-
lässlich der BzP vom 12. Mai 2017, sowie anlässlich ihrer ersten Anhörung
vom 7. August 2017 zu Protokoll gegeben, dass ihr Vater sie für einen
Monat in den Iran geschickt habe, nachdem ihr verwehrt worden sei, mit
dem Auto zur Schule zu fahren und der Torwächter der Schule ihr eine
Drohung übermittelt habe (vgl. AH F42). In der zweiten Anhörung vom
15. Oktober 2021 habe die Beschwerdeführerin ihren kurzzeitigen Aufent-
halt im Iran hingegen zunächst gar nicht erwähnt (vgl. eAH F58, F59, F60)
und habe auf Nachfrage angegeben, sie sei aufgrund der Drohungen in-
folge des Zwischenfalls mit der Schülerin, welche mit heissem Wasser
überschüttet worden sei, ausgereist (vgl. eAH F80, F84) und der Zwischen-
fall mit dem Auto sei nach ihrer Rückkehr aus dem Iran passiert (vgl. eAH
F82, F87, F88). Die Ereignisse mit dem Torwächter habe sie hingegen nicht
mehr erwähnt. Es sei zwar davon auszugehen, dass die Detailliertheit ge-
wisser Erinnerungen nach einigen Jahren nachlasse. Gemäss den Er-
kenntnissen der Gedächtnispsychologie könnten jedoch neuartige, folgen-
reiche und emotional bedeutsame Erfahrungen verhältnismässig gut im
Gedächtnis abgespeichert werden. Das Kerngeschehen von wichtigen au-
tobiographischen Ereignissen sei längerfristig im Gedächtnis abrufbar, so
dass in der Regel Angaben dazu möglich seien, selbst wenn die Ereignisse
schon einige Zeit zurücklägen. Vor diesem Hintergrund erscheine es frag-
würdig, dass die Beschwerdeführerin ein solch einschneidendes Ereignis,
welches folgenreiche Auswirkungen auf ihr Leben gehabt habe, vergessen
haben sollte (vgl. eAH F157).
Im Weiteren habe sie anlässlich ihrer Anhörung vom 7. August 2021 ange-
geben, dass die Zeit zwischen dem Vorfall, als die Männer in den Laden
ihres Vaters gekommen seien und ihrer Ausreise etwa dreieinhalb Monate
betragen habe (vgl. AH F89). In ihrer Anhörung vom 15. Oktober 2021 habe
sie hingegen geltend gemacht, dazwischen seien ungefähr zehn Tage ge-
legen (vgl. eAH F113). Darauf angesprochen habe sie ausgesagt, die erste
Angabe stimme und sie sei vergesslich geworden (vgl. eAH F158 Anm.).
Vor diesem Hintergrund lasse sich allerdings die Aussage ihrer Verfolger
im Laden ihres Vaters, dass sie Ende des Monats kommen und sie mitge-
nommen werden würde und sie daher am 22. des Monats ausgereist sei,
zeitlich schlecht einordnen (vgl. eAH F113, F116). Hinzu komme, dass in
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diesen Zeitraum auch der Zwischenfall, bei welchem die Leiterin der
Schule sie an die zwei Männer verkauft habe und sie von diesen festge-
halten worden sei, fallen würde. Angesichts des emotional bedeutsamen
Charakters eines solchen Ereignisses sei davon auszugehen, dass dessen
Dauer für die Beschwerdeführerin von Relevanz gewesen wäre. Im Weite-
ren habe die Beschwerdeführerin in ihrer ersten Anhörung ausgesagt, ihr
Vater habe ihre Ausreise finanziert, sie habe ihn nicht gefragt, wie er die
Reise finanziert habe (vgl. AH F118). In ihrer zweiten Anhörung habe sie
indessen angegeben, sie habe ein bisschen Gold, ihr Bruder etwas Geld
gehabt und ihr Vater habe das Haus verkauft, um ihr zu helfen (vgl. eAH
F141). Hingegen habe sie die Zwangsverheiratung mit ihrem Cousin nur
noch auf Nachfrage erwähnt (vgl. eAHF100), dies obwohl sie zuvor explizit
gefragt worden sei, ob sie alle Asylgründe genannt habe (eAH F61), und
habe diesbezüglich keine akute Bedrohungssituation mehr genannt.
6.1.3 Der Wahrheitsgehalt wesentlicher Vorbringen sei zweifelhaft, wenn
sie ohne zwingenden Grund erst im späteren Verlauf des Verfahrens gel-
tend gemacht würden und nicht lediglich eine Konkretisierung bereits dar-
gelegter Ereignisse darstellten.
Den Vorfall, bei dem die Leiterin der Schule die Beschwerdeführerin an
zwei Männer verkauft habe, woraufhin sie von diesen vergewaltigt worden
sei, habe sie erst anlässlich der zweiten Anhörung vom 15. Oktober 2021
erstmals geltend gemacht. Im Rahmen der ersten Anhörung vom 7. August
2017 habe sie ausdrücklich zu Protokoll gegeben, zwischen dem Entfüh-
rungsversuch vom 1. November 2015 und ihrer Ausreise sei sie nur zu
Hause gewesen und habe tatenlos abgewartet (vgl. AH F83, F84). Die Er-
klärung der Beschwerdeführerin, wonach sie aus Furcht, dass das SEM
die Übergriffe der Familie mitteilen würde, es zuvor nicht gewagt habe, da-
von zu erzählen, vermöge nicht zu überzeugen, habe sie ihren Vater doch
stets als ausgesprochen fortschrittlichen Mann, der sie habe beschützen
wollen, beschrieben (vgl. AH F43, F87, eAH F80). Auch mit ihren restlichen
Familienmitgliedern habe sie nach eigenen Angaben durchwegs gute Be-
ziehungen gehabt (vgl. AH F17). Vor diesem Hintergrund und der Tatsache,
dass die Beschwerdeführerin mehrfach über die Vertraulichkeitspflicht des
SEM informiert worden sei, erscheine die Aussage, sie habe zuvor nicht
gewagt, davon zu erscheine die Aussage, sie habe zuvor nicht gewagt,
davon zu erzählen, unlogisch. Zudem seien auch die Angaben hinsichtlich
dieser Ereignisse undetailliert undifferenziert. So habe die Beschwerdefüh-
rerin bezüglich der Vergewaltigungsvorbringen lediglich an, «diese Männer
hatten Sex mit mir» (vgl. (eAH F63). Nach den Tätern gefragt, seien ihre
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Antworten ebenso kurz und oberflächlich wie die Beschreibungen ihrer
Verfolger im Zusammenhang mit anderen Ereignissen ausgefallen (vgl.
eAH F66, F67, F68, F69). Nach dem Gesagten erschienen diese neu vor-
gebrachten Ereignisse als nachgeschoben, um dem Asylgesuch mehr Ge-
wicht zu verleihen.
6.1.4 Vorbringen seien unglaubhaft, wenn sie in wesentlichen Punkten der
allgemeinen Erfahrung oder der Logik des Handelns widersprechen wür-
den.
Trotz mehrmaligen Nachfragens seien einige Punkte der Erzählung der Be-
schwerdeführerin, namentlich ihre Entscheidungen, entgegen zunehmen-
der Hindernisse Drohungen zu ihrer Arbeit zurückzukehren, schwer nach-
vollziehbar. So hätten sich diese Leute zunächst über sie beschwert (vgl.
AH F42), sie mehrfach beschimpft (vgl. AH F42) und sie schliesslich daran
gehindert, auf üblichem Weg zur Arbeit zu gelangen (vgl. AH F42, eAH
F60). Obwohl die Situation offenbar bedrohlich genug gewesen sei, dass
sich die Beschwerdeführerin deswegen ins Ausland habe absetzen müs-
sen, sei sie zu ihrer Arbeit in der Schule zurückgekehrt. Da sie in Afghanis-
tan aufgewachsen sei (vgl. AH F9) und bereits ein Jahr an der Schule in
C._ gearbeitet habe, bevor ihre Probleme begonnen hätten, sei da-
von auszugehen, dass sie die Lage in der Region hätte korrekt einschätzen
können. Die Erläuterungen der Beschwerdeführerin, sie habe ihre Arbeit
geliebt und es sei schwierig, in Afghanistan eine Stelle zu finden, würden
vor dem Hintergrund dieser Widrigkeiten und insbesondere der konkreten
Drohungen nicht zu erklären vermögen, weshalb sie nicht lieber den Um-
stand einer kurzfristigen Arbeitslosigkeit auf sich genommen hätte, um die-
sem Umfeld zu entkommen. Insbesondere in Anbetracht der Tatsache,
dass sie schliesslich sogar die Reise in die Schweiz auf sich genommen
habe, um diesem Umfeld zu entkommen. Auch ihre Aussage, sie habe ge-
glaubt, diese Leute würden eines Tages zur Besinnung kommen, erscheine
vor dem Hintergrund des Erlebten unlogisch.
6.1.5 Zusammenfassend lasse sich festhalten, dass sich die Zweifel an der
Glaubhaftigkeit der Äusserungen nach der ersten Anhörung der Beschwer-
defüherin in ihrer zweiten Anhörung bestätigt habe, während weitere signi-
fikante Unstimmigkeiten hinzugekommen seien. Die obengenannten Vor-
bringen hielten somit den Anforderungen an die Glaubhaftmachung ge-
mäss Art. 7 AsyIG nicht stand, so dass deren Asylrelevanz nicht erneut ge-
prüft werden müsse.
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6.2 In der Beschwerde wurde im Wesentlichen geltend gemacht, die gel-
tend gemachten Vorbringen, insbesondere die sexuellen Übergriffe, seien
mit vielen belastenden Emotionen verbunden und im Protokoll der Anhö-
rung vom 15. Oktober 2021 sei festgehalten worden, dass sie emotionale
Momente gehabt habe. Sie habe die Täter nicht genauer beschreiben kön-
nen, weil sie nicht mehr habe erkennen können. Nach dem Übergriff habe
sie die Erinnerungen an diese beiden Männer verdrängt. Sie erinnere sich
eher an ihren Geruch und an ihre Stimmen als an die wenigen körperlichen
Merkmale. Es erscheine offensichtlich, dass sie sich an ihren jahrelang
dauernden Lebensalltag besser erinnern könne als an einzelne, wenn auch
schwere Augenblicke ihres Lebens.
In ihrer Schilderung habe sie den ersten Aufenthalt im Iran nicht erwähnt,
weil sie zusammenfassend das Geschehene geschildert habe. Später
habe sie diesen indessen erwähnt (vgl. eAH F79). Im Weiteren habe sie
tatsächlich anlässlich der Anhörung im Oktober 2021 den Vorfall, bei wel-
chem dem Busfahrer verboten worden sei, sie weiterhin zur Schule zu brin-
gen, auf Nachfrage hin zeitlich falsch eingeordnet. Im Rahmen der freien
Schilderung und danach mit F81 habe sie dieses Ereignis allerdings richtig
eingeordnet gehabt. Erst auf Nachfrage hin sei sie verwirrt gewesen. Die
Ereignisse mit dem Torwächter habe sie bereits in der ersten Anhörung
wiedergegeben, weshalb sie diese anlässlich der zweiten Anhörung nicht
explizit erwähnt habe. In eAH F84 habe sie erklärt, weshalb die Schulleite-
rin und ihr Vater die Drohrungen dieser Männer zu jenem Zeitpunkt ernster
genommen hätten als sie selbst. Wie in eAH F92 aufgeführt, habe sie ge-
hofft, dass es bei den Drohrungen bleiben werde.
Die Zeit zwischen dem Besuch der Männer im Laden ihres Vaters und ihrer
Ausreise betrage zirka drei Monate. Dieser Besuch sei vor dem Schlüssel-
ereignis, als die Schulleiterin sie verkauft habe, erfolgt, und sie habe sich
in ihrer Erzählung «auf diesen Moment versteift» und da dieser relativ kurz
vor ihrer Ausreise stattgefunden habe, habe sie sich in eAH F113 ge-
täuscht. Sie sei bei dieser Begegnung auch nicht dabei gewesen. In der
Anhörung vom 7. August 2017 habe sie erklärt, dass die Männer ihrem
Vater gesagt hätten, sie würden sie spätestens bis Ende des elften Monats
abholen (vgl. AH F89-F90). Im Rahmen der zweiten Anhörung vom 15. Ok-
tober 2021 habe sie sich auf das Ende dieses elften Monats bezogen. Sie
habe jedoch aus Versehen über «diesen» oder «den» Monat gesprochen,
weil sie in diesem Monat ausgereist sei und kurv davor der Vorfall mit der
Schulleiterin geschehen sei.
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Ihr Nicken nach dem aufwühlenden Schildern der Vergewaltigung auf die
Frage, ob das alle Gründe gewesen seien, warum sie Afghanistan verlas-
sen habe, werde vom SEM falsch ausgelegt (vgl. eAH F61). Sie habe damit
lediglich ihre Erzählung des Vorfalls abschliessen wollen. Natürlich sei
auch die drohende Zwangsheirat mit ihrem Cousin ein Grund dafür gewe-
sen, ihren Heimatstaat zu verlassen.
Die erlittene Vergewaltigung habe sie anlässlich der ersten Anhörung nicht
aus der Furcht vor Repressalien ihrer Familie nicht erwähnt gehabt, son-
dern weil sie mit den Erinnerungen an dieses Ereignis gerungen habe.
Wenn ihr Vater und ihr Bruder hiervon erfahren würden, würden sie sich
wegen nicht hinreichender Hilfestellung auch schuldig fühlen, was sie nicht
wolle. Ihr psychischer Zustand sei weder 2017 noch später abgeklärt wor-
den. Im Protokoll der Anhörung vom 15. Oktober 2021 werde ausdrücklich
festgehalten, dass gemäss Ansicht ihrer damaligen Rechtsvertretung An-
zeichen einer Traumatisierung vorliegen würden. Auch die anwesende
Hilfswerkvertretung habe eine Abklärung ihres psychischen Gesundheits-
zustands angeregt, jedoch habe das SEM nichts Entsprechendes veran-
lasst. Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit hätte ihr psychischer Zustand
berücksichtigt werden müssen, da dieser erfahrungsgemäss Einfluss auf
das Aussageverhalten habe. Sie habe ohnehin auch nebensächliche De-
tails der erlittenen Entführung und Vergewaltigung geschildert.
Ihren Job als Lehrerin habe sie trotz zunehmender Schwierigkeiten weiter-
hin ausgeübt, weil sie grosse Leidenschaft für ihre Lehrertätigkeit empfun-
den habe und es schwierig sei, in Afghanistan eine Arbeitsstelle zu finden.
7.
7.1 Das SEM erachtete in der angefochtenen Verfügung die geltend ge-
machten Behelligungen zu Recht als nicht glaubhaft.
7.1.1 Diese wurden von der Beschwerdeführerin sowohl ausweichend und
unbestimmt, als auch widersprüchlich und realitätsfremd geschildert.
7.1.2 Wie das SEM zutreffend ausgeführt hat, ist die Schilderung der schu-
lischen und beruflichen Laufbahn und ihres Arbeitsalltags an der Schule
sehr detailreich. In direktem Kontrast hierzu fielen ihre Angaben zu der be-
haupteten Verfolgungssituation offensichtlich vage und oberflächlich aus-
gefallen. Der Erklärungsversuch, wonach es nachvollziehbar sei, dass sie
sich an ihren jahrelang dauernden Lebensalltag besser erinnern könne als
an einzelne, wenn auch schwere Augenblicke ihres Lebens, vermag nicht
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Seite 12
zu überzeugen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass einschneidende Er-
lebnisse tiefere und detailreichere Erinnerungen hervorzurufen vermögen
als blosse Alltagserlebnisse, die gemeinhin weniger im Gedächtnis verhaf-
ten und somit schneller in Vergessenheit geraten. Die fehlende Substanz
ihrer Kernvorbringen fällt daher ins Gewicht. Insbesondere die Beschrei-
bung ihrer Verfolger, mit denen sie mehrfach Kontakte gehabt haben will,
ist äusserst knapp und undetailliert ausgefallen. So war sie, auch nicht auf
Nachfrage, nicht in der Lage, genauere Angaben zu deren Aussehen und
ihrem Verhalten zu nennen. Die Erklärung in der Beschwerde, sie habe die
Täter nicht genauer beschreiben können, weil sie nicht mehr habe erken-
nen können und sie sich eher an ihren Geruch und an ihre Stimmen als an
die wenigen körperlichen Merkmale erinnern könne, vermag nicht zu über-
zeugen. Zum einen wäre anzunehmen, dass die Beschwerdeführerin, die
den angeblichen Tätern schutzlos für längere Zeit ausgesetzt gewesen sei,
sich zweifelsfrei Details und Auffälligkeiten hätte merken können. Weiter
kommt hinzu, dass die Behauptung, sie hätte sich viel eher an anderer kör-
perlicher Erscheinungsformen (wie Stimme und Geruch) erinnern können,
auch deshalb nicht überzeugt, weil entsprechende Angaben bei der Anhö-
rung ebenfalls unterblieben.
7.1.3 Im Weiteren weisen die Angaben der Beschwerdeführerin mehrere
Widersprüche beziehungsweise Ungereimtheiten auf. Diese konnte sie
auch auf Beschwerdeebene nicht entkräften. Wie das SEM zutreffend aus-
geführt hat, gab sie anlässlich der BzP vom 12. Mai 2017 sowie anlässlich
ihrer ersten Anhörung vom 7. August 2017 zu Protokoll, dass ihr Vater sie
für einen Monat in den Iran geschickt habe, nachdem ihr verwehrt worden
sei, mit dem Auto zur Schule zu fahren und der Torwächter der Schule ihr
eine Drohung übermittelt habe (vgl. AH F42). In der zweiten Anhörung vom
15. Oktober 2021 hat die Beschwerdeführerin ihren kurzzeitigen Aufenthalt
im Iran hingegen zunächst gar nicht erwähnt (vgl. eAH F58, F59, F60) und
hat auf Nachfrage angegeben, sie sei aufgrund der Drohungen infolge des
Zwischenfalls mit der Schülerin, welche mit heissem Wasser überschüttet
worden sei, ausgereist (vgl. eAH F80, F84) und der Zwischenfall mit dem
Auto sei nach ihrer Rückkehr aus dem Iran passiert (vgl. eAH F82, F87,
F88). In der Beschwerde gibt die Beschwerdeführerin denn auch zu, tat-
sächlich anlässlich der Anhörung im Oktober 2021 den Vorfall, bei welchem
dem Busfahrer verboten worden sei, sie weiterhin zur Schule zu bringen,
auf Nachfrage hin zeitlich falsch eingeordnet zu haben. Ihr simpler Erklä-
rungsversuch, sie sie aufgrund der Nachfrage verwirrt gewesen, verfängt
offensichtlich nicht. Mit diesem unbehelflichen Erklärungsversuch vermag
sie ihr widersprüchliche Aussageverhalten nicht zu entkräften. Auch die
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Seite 13
weitere Erklärung, sie habe die Ereignisse mit dem Torwächter bereits in
der ersten Anhörung wiedergegeben, weshalb sie diese anlässlich der
zweiten Anhörung nicht explizit erwähnt habe, erscheint als Schutzbe-
hauptng. Im Weiteren gab sie, abweichend von der Angabe im Rahmen der
Anhörung vom 7. August 2017, wonach die Zeit zwischen dem Vorfall, als
die Männer in den Laden ihres Vaters gekommen seien und ihrer Ausreise
etwa dreieinhalb Monate betragen habe (vgl. AH F89), im Rahmen der An-
hörung vom 15. Oktober 2021 an, dazwischen seien ungefähr zehn Tage
gelegen (vgl. eAH F113). In der Beschwerde wird entgegnet, anlässlich der
Anhörung vom 7. August 2017 habe sie erklärt, dass die Männer ihrem
Vater gesagt hätten, sie würden sie spätestens bis Ende des elften Monats
abholen (vgl. AH F89-F90). Im Rahmen der zweiten Anhörung vom 15. Ok-
tober 2021 habe sie sich auf das Ende dieses elften Monats bezogen, je-
doch habe sie aus Versehen über «diesen» oder «den» Monat gesprochen,
weil sie in diesem Monat ausgereist sei und kurz davor der Vorfall mit der
Schulleiterin geschehen sei. Auch dieser simpel gehaltene Erklärungsver-
such eines blossen Versehen kann den festgestellten Widerspruch nicht
entkräften. Im Übrigen sind auch die Angaben zur Finanzierung der Reise
nach Europa widersprüchlich ausgefallen.
7.1.4 Weiter kommt hinzu, dass auch die übrigen Angaben der Beschwer-
deführerin nicht zu überzeugen vermögen. Mit dem SEM ist festzuhalten,
dass die Tatsache, dass sie trotz erheblicher Schwierigkeiten in der Schule
bereist nach kurzzeitigem Aufenthalt im Iran wieder in die Schule zurück-
kehrte, nicht nachvollziehbar erscheint. Der Erklärungsversuch, sie habe
diese Arbeit geliebt und es schwierig sei, in Afghanistan eine andere Stelle
zu finden, ist unbehelflich. Es ist kaum anzunehmen, dass sie, wäre sie
effektiv massiv bedroht worden, sich lieber freiwillig den angeblich massi-
ven Drohungen erneut aussetzen würde, als sich ganz einfach um eine
andere Stelle zu bemühen. Auch der Erklärungsversuch, sie habe ge-
glaubt, diese Leute würden eines Tages zur Besinnung kommen, erscheint
sowohl vor dem Hintergrund des Erlebten wie auch im Lichte der afghani-
schen Alltagsrealitäten wenig lebensnah.
7.1.5 Schliesslich ist das erstmals anlässlich der Anhörung vom 15. Okto-
ber 2021 geltend gemachte Vorbringen, von zwei Männern vergewaltigt
worden zu sein, als nicht glaubhaft zu erachten. Zwar erscheint verständ-
lich, wenn jemand nicht über eine Vergewaltigung erzählen will, indessen
ist nicht nachvollziehbar, weshalb sie einen sexuellen Übergriff gänzlich
verneinen sollte. Im Rahmen der ersten Anhörung vom 7. August 2017 gab
die Beschwerdeführerin unmissverständlich zu Protokoll, zwischen dem
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Entführungsversuch vom 1. November 2015 und ihrer Ausreise sei sie nur
zu Hause gewesen und habe tatenlos abgewartet (AH F83, F84). Die von
der Beschwerdeführerin geschilderten Umstände lassen somit keinerlei
Raum offen für die Annahme, sie habe einen während dieser Zeit erfolgten
Übergriff bloss vergessen zu erwähnen oder bloss aus Scham nicht er-
wähnt. Die Erklärungsversuche der Beschwerdeführerin gehen somit ins
Leere. Zusätzlich kommt hinzu, dass die Schilderung der geltend gemach-
ten Vergewaltigung ohnehin auffallend ausweichend und unbestimmt aus-
gefallen. Das ausweichende Aussageverhalten der Beschwerdeführerin ist
denn auch nicht mit der Schwierigkeit, über diesen Übergriff sprechen zu
können, zu erklären. Dies zum einen, weil ihre Schilderungen nicht mit ih-
ren früheren örtlichen und zeitlichen Angaben in Einklang zu bringen sind
und zum anderen, weil ohnehin die allermeisten Fragen nicht unmittelbar
den Übergriff und deren Begleitumstände betrafen.
In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass sich aus den Anhörungs-
protokollen keine konkreten Hinweise darauf ergeben, dass die Urteilsfä-
higkeit der Beschwerdeführerin anlässlich der Befragungen derart einge-
schränkt gewesen wäre, dass deren Prozessfähigkeit in Frage hätte ge-
stellt werden müssen. Entgegen der Auffassung in der Beschwerde war die
Vorinstanz aufgrund des Verhaltens der Beschwerdeführerin anlässlich der
Anhörung (Weinen) nicht gehalten, den psychischen Zustand der Be-
schwerdeführerin von Amtes wegen abzuklären. Es ist darauf hinzuweisen,
dass anlässlich der Anhörung sie zu ihrem gesundheitlichen Zustand ge-
fragt wurde sie auf die Frage, wie es ihr gesundheitlich gehe, lediglich an-
gab, sie wisse es nicht, ihr ganzer Körper sei müde, sie habe häufig Kopf-
schmerzen (vgl. A31 S. 4). Zwar geht aus dem Protokoll hervor, dass die
Rechtsvertretung die Erstellung eines psychiatrischen anregte; jedoch die
Beschwerdeführerin mitgeteilt habe, dass sie keinen psychiatrischen Ter-
min wahrnehmen wolle (vgl. F159). Aufgrund dieser Sachlage war das
SEM nicht gehalten, von Amtes wegen eine weitere Abklärung des psychi-
schen Zustands der Beschwerdeführerin einzuleiten. Doch selbst unter der
Annahme, dass die Beschwerdeführerin im Rahmen der Anhörungen men-
tal belastet gewesen sei, vermöchte dies die klaren und gewichtigen Un-
gereimtheiten alleine nicht zu entkräften.
7.2 Insgesamt ist es der Beschwerdeführer nicht gelungen, eine Verfol-
gung im Heimatstaat glaubhaft darzulegen. Aufgrund der offensichtlichen
Unglaubhaftigkeit der Vorbringen bedarf die Frage der Asylrelevanz nicht
näherer Prüfung. Das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft ist zu vernei-
nen. Das SEM hat zu Recht sein Asylgesuch abgelehnt.
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8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrecht-
liche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.3 Mit der angefochtenen Verfügung wurde die Beschwerdeführerin vor-
läufig in der Schweiz aufgenommen. Da die Wegweisungsvollzugshinder-
nisse alternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51), besteht kein schutzwür-
diges Interesse an der Überprüfung, aus welchen Gründen die Vorinstanz
den Vollzug aufgeschoben hat (Art. 48 Abs. 1 Bst. c VwVG).
9.
Insgesamt ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung Bundesrecht nicht
verletzt, und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie vollständig
feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Mit dem vorliegenden Urteil wird das Gesuch um Verzicht auf das Er-
heben eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
10.2 Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist
abzuweisen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt – als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten
sind der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf
insgesamt Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
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