Decision ID: 2be371a7-1ae9-4388-9f26-b5fce18e592e
Year: 2020
Language: de
Court: AG_VB
Chamber: AG_VB_002
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Der Präsident entnimmt den Akten:
1. Anfang 2019 wurde A. (nachfolgend Angeklagte) die Steuererklärung 2018 zugestellt. Nachdem diese nicht eingegangen war, wurde die Angeklagte am 8. August 2020 erstmals gemahnt. Am 14. Oktober 2019 erfolgte eine letzte, per A-Post Plus versandte Mahnung unter Ansetzung einer Frist von 20 Tagen zur Einreichung der Steuererklärung 2018 inklusive aller Beilagen. Des Weiteren wurde die Angeklagte auf die Folgen im Unterlassungsfall (insbesondere Busse) hingewiesen.
2. Da dem zuständigen Steueramt innert Mahnfrist keine Steuererklärung , wurde beim Steueramt des Kantons Aargau (KStA), Sektion Bezug, ein Bussenantrag gestellt.
3. Mit Strafbefehl des KStA, Sektion Bezug, vom 3. Februar 2020 wurde der Angeklagten eine Busse von CHF 6'000.00 (zuzüglich Staatsgebühr/ von CHF 200.00) auferlegt.
4. Gegen diesen Strafbefehl erhob die Angeklagte mit Schreiben vom 3. März 2020 Einsprache.
5. In seiner Stellungnahme vom 10. März 2020 beantragte das  Q. die Abweisung der Einsprache.
6. Am 26. August 2020 erhob das KStA beim Spezialverwaltungsgericht  die Angeklagte folgende Anklage:
"1. Gestützt auf den angefochtenen Strafbefehl sei das Verfahren vor , Abteilung Steuern gemäss § 249 ff. des Steuergesetzes vom 15. Dezember 1998 durchzuführen.
2. Die angeklagte Person sei im Sinne des Strafbefehls zu bestrafen."
7. 7.1. Mit Verfügung vom 31. August 2020 wurde die Angeklagte auf den 1. Oktober 2020 vorgeladen. Gleichzeitig wurde die Anklage zugestellt.
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7.2. Mit Schreiben vom 24. September 2020 wurde die Angeklagte auf eine mögliche Bussenerhöhung hingewiesen. Am 28. September 2020 teilte der Sohn der Angeklagten mit, dass die Angeklagte aufgrund schwerer  Probleme nicht mehr an einer Verhandlung teilnehmen könne und ersuchte um eine Verschiebung der Verhandlung, da er selbst ebenfalls angeschlagen sei.
7.3. Die Angeklagte wurde daraufhin mit Verfügung vom 19. Oktober 2020 auf den 17. November 2020 neu vorgeladen. Gleichzeitig wurde ihr eine Frist bis 15. November 2020 gesetzt, um ein Arztzeugnis zu ihrem aktuellen  einzureichen.
8. Es wurden die Akten der Ordnungsbussenverfahren 3-BU.2019.69 und 3-BU.2020.64 beigezogen.
9. Anlässlich der Verhandlung vor dem Präsidenten des  wurde der Sohn der Angeklagten befragt (Protokoll der  vom 17. November 2020 [nachfolgend: Protokoll]).
10. Am 27. November 2020 reichte der Sohn der Angeklagten  (Protokoll) diverse medizinische Berichte betreffend die  ein.
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Der Präsident zieht in Erwägung:
I. 1. Massgebend für die Beurteilung der vorliegenden Anklage ist das  vom 15. Dezember 1998 (StG).
2. 2.1. Im Steuerstrafverfahren ist das KStA für Ermittlung, Untersuchung und Strafbefehl (§ 242 StG) zuständig. Nach Abschluss der Untersuchung wird ein Strafbefehl erlassen oder das Verfahren eingestellt (§ 245 Abs. 1 StG). Die angeschuldigte Person und der Gemeinderat können innert 30 Tagen nach Zustellung des Strafbefehls beim KStA schriftlich Einsprache ; diese bewirkt die Aufhebung des Strafbefehls (§ 247 Abs. 1 StG). Ist Einsprache erhoben worden, kann das KStA weitere Untersuchungen durchführen und bei veränderter Sach- oder Rechtslage einen neuen  erlassen (§ 247 Abs. 2 StG). Erachtet das KStA den Erlass eines neuen Strafbefehls nicht als geboten, stellt es das Verfahren ein oder  Anklage beim Spezialverwaltungsgericht (§ 247 Abs. 3 StG). Der  Strafbefehl gilt als Anklageschrift (§ 247 Abs. 4 StG).
2.2. Das KStA hat gegenüber der Angeklagten einen Strafbefehl erlassen.  gilt aufgrund der eingereichten Einsprache als aufgehoben. Gestützt auf die vorstehend zitierten Gesetzesbestimmungen ist das KStA befugt, Anklage zu erheben, und das Spezialverwaltungsgericht ist zuständig für deren Beurteilung. Auf die Anklage ist dementsprechend einzutreten.
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II. 1. 1.1. Eine Bestrafung nach § 235 Abs. 1 StG setzt drei Tatbestandselemente voraus: Eine Verfahrenspflicht nach Massgabe des Steuergesetzes, eine fruchtlos erfolgte Mahnung sowie die vorsätzliche oder fahrlässige  dieser gesetzlichen Verfahrenspflicht.
Zu den Verfahrenspflichten nach Steuergesetz gehört das Einreichen der Steuererklärung (§ 180 Abs. 2 StG). Die Verpflichtung zur Abgabe einer Steuererklärung trifft denjenigen unmittelbar, der kraft persönlicher oder wirtschaftlicher Zugehörigkeit im Kanton und in der in Frage stehenden  eine Steuerpflicht begründet (§§ 16 f. StG).
1.2. Die Angeklagte hatte am 31. Dezember 2018 unbestrittenermassen  in Q. Somit war sie verpflichtet, dem zuständigen Steueramt die Steuererklärung 2018 einzureichen.
1.3. 1.3.1. Die Angeklagte wurde mehrfach gemahnt. Trotz rechtsgenüglicher  der letzten, per A-Post Plus versandten Mahnung vom 14. Oktober 2019 reichte sie innert der gesetzten Frist keine Steuererklärung ein.
1.3.2. In der Einsprache macht der Sohn der Angeklagten (Mitunterzeichnung der vom Sohn verfassten Einsprache durch die Angeklagte) geltend, er habe die Steuererklärung 2018 für seine Mutter termingerecht nach Neujahr 2019/2020 eingereicht.
Das Gemeindesteueramt Q. bringt vor, das Mahnverfahren sei ordnungsgemäss durchgeführt worden. Die Steuererklärung 2018 sei bis zum Zeitpunkt der Vernehmlassung am 10. März 2020 noch nicht .
1.4. Bei Bussen nach § 182 StG handelt es sich ungeachtet der geläufigen  als Ordnungsbusse um echte Strafen (vgl. den Titel des 10. Teils des StG "Steuerstrafrecht" sowie § 99 Kantonsverfassung und §§ 242 ff. StG; Kurt Eichenberger, Verfassung des Kantons Aargau, Textausgabe mit Kommentar, Aarau 1986, § 99 N 2). Folglich gelten die allgemeinen Grundsätze des Straf- und Strafverfahrensrechts.
Im Strafverfahren muss die (Anklage-)Behörde den massgeblichen  nachweisen. Bleiben beim Strafrichter objektive Zweifel offen,
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ob der Straftatbestand tatsächlich verwirklicht wurde, muss er nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" freisprechen (vgl. Art. 10 Abs. 3  Strafprozessordnung vom 5. Oktober 2007 [StPO]). Voraussetzung für die Auferlegung einer Ordnungsbusse ist somit die Überzeugung der Strafbehörde bzw. des Strafrichters, dass der Steuerpflichtige seine  trotz Mahnung tatsächlich nicht eingereicht hat.
Es darf nicht übersehen werden, dass ein strikter Nachweis negativer  (Nichteinreichen der Steuererklärung) unmöglich ist. Letztlich muss eine Würdigung anhand sämtlicher relevanter Tatsachen erfolgen. Dabei fällt es zulasten des Steuerpflichtigen ins Gewicht, wenn konkrete  darauf schliessen lassen, er habe die Steuererklärung nicht , und er für diese Umstände keine andere, "harmlose" Erklärung  kann. Vom Steuerpflichtigen darf indessen nicht verlangt werden, dass er die Einreichung der Steuererklärung nachzuweisen hat; eine , die darauf hinausläuft, dass der Angeklagte seine Unschuld  muss, ist unzulässig (vgl. zum Ganzen RGE vom 13. November 1996).
Dafür, dass das Gemeindesteueramt Q. grundlos behaupten sollte, die Steuererklärung 2018 der Angeklagten sei auch am 10. März 2020 noch nicht eingegangen, bestehen keinerlei Anhaltspunkte. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass keine weiteren Indizien ersichtlich sind, die die Einreichung der Steuererklärung nach Neujahr 2019/2020 stützen würden, ist die Aussage des Sohns der Angeklagten (vgl. auch Protokoll) als Schutzbehauptung zu werten.
Zudem wäre eine Einreichung der Steuererklärung nach Neujahr 2019/2020 ohnehin als verspätet anzusehen, da die mit letzter Mahnung vom 14. Oktober 2019 gesetzte Frist am 31. Dezember 2019 endete.
Wenn der Sohn der Angeklagten in der Einsprache also ausführt, er habe die Steuererklärung 2018 für seine Mutter nach Neujahr 2019/2020 , ist dies unbehelflich.
1.5. 1.5.1. Anlässlich der Verhandlung führte der Sohn der Angeklagten detailliert aus, seine Mutter sei aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage, ihren steuerlichen Verfahrenspflichten nachzukommen (vgl. Protokoll).
1.5.2. Der Sohn der Angeklagten hat am 27. November 2020, wie an der  vereinbart, weitere Unterlagen (insbesondere ärztliche Berichte) eingereicht.
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Aus dem Austrittsbericht Akutgeriatrie des Spitals Q. vom 9. März 2020 geht hervor, dass bei der Angeklagten ein Verdacht auf cerebrale Amyloidangiopathie besteht. Es konnten multiple kleine Mikroblutungen im Gehirn nachgewiesen werden. Weiter werden eine seit 2018 bestehende rechtsseitige Hemisymptomatik, eine multifaktoriell bedingte Gangstörung, eine leichte kognitive Beeinträchtigung, arterielle Hypertonie, Osteoporose, ein schwerer Vitamin-D-Mangel seit Februar 2020, eine leichte  Eiweissmangelernährung sowie chronische venöse Insuffizienz . Im Februar 2020 war die Angeklagte aufgrund des Verdachts auf einen Schlaganfall hospitalisiert und vom Kantonsspital R. notfallmässig in das Universitätsspital S. verlegt worden.
Aus dem Neuropsychologischen Bericht der Reha Q. vom 25. Juni 2020 und dem Bericht des stellvertretenden Chefarztes vom 1. Juli 2020 geht zudem hervor, dass die Angeklagte während der physio- und ergotherapeutischen Behandlungen deutliche Schwierigkeiten in der  zeigte. Die Angeklagte ist zudem von vielen  Ereignissen belastet. Auch von einer seit langer Zeit  Angststörung der Angeklagten wird berichtet. Die Angeklagte wohnt momentan bei ihrer Tochter, welche ihr zusammen mit dem Sohn der Angeklagten im Alltag hilft. Zusätzlich wird sie fünf Mal pro Woche durch die Spitex unterstützt.
1.6. 1.6.1. Das tatbestandsmässige Verhalten bei der Verfahrenspflichtverletzung  § 235 Abs. 1 StG besteht darin, dass der Täter die erforderlichen Massnahmen nicht ergreift bzw. in Bezug auf die Einreichung der  untätig bleibt. Für diese Passivität darf er gemäss den  Regeln für das Unterlassungsdelikt nicht verantwortlich gemacht , wenn ihm die Handlungsfähigkeit bzw. Tatmacht fehlt, das heisst, wenn ihm die Fähigkeit zum Handeln aus physischen oder psychischen Gründen abgeht (Basler Kommentar Strafrecht I, 4. Auflage, Basel 2019, Art. 11 N 120).
Aus den eingereichten medizinischen Berichten ist klar ersichtlich, dass die Angeklagte durch ihre Erkrankungen im Alltag sehr stark eingeschränkt ist und es ihr folglich bereits vor ihrer notfallmässigen Spitaleinweisung im Februar 2020 nicht mehr möglich war, ihren Verpflichtungen .
1.6.2. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es der Angeklagten aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands nicht möglich war, die  2018 oder ein Fristerstreckungsgesuch einzureichen.
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2. Die Angeklagte ist dementsprechend mangels Tatbestandsmässigkeit vom Vorwurf der Verletzung von Verfahrenspflichten gemäss § 235 Abs. 1 StG freizusprechen.
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III. Soweit die §§ 249 ff. StG betreffend das Strafverfahren vor  keine abweichenden Vorschriften enthalten, gelten die Bestimmungen über das Rekursverfahren bei ordentlichen Veranlagungen sinngemäss (§ 251 StG). Gemäss § 189 Abs. 1 StG werden die amtlichen Kosten grundsätzlich der unterliegenden Partei auferlegt; bei teilweisem Obsiegen/Unterliegen sind die Kosten anteilsmässig zu verteilen.
Nachdem die vom KStA beantragte Busse von CHF 6'000.00 nicht  wird, sind der Angeklagten keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
Nicht vertretenen Angeklagten wird keine Parteientschädigung  (§ 189 Abs. 2 StG).
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IV. Aufgrund der evidenten Hilfsbedürftigkeit der Angeklagten erstattet das Spezialverwaltungsgericht dem Familiengericht Q. von Amtes wegen eine Gefährdungsmeldung.
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