Decision ID: 3c1361a2-2202-5ca7-ac5b-a2e36d73f804
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der am (...) 1977 geborene und zwischenzeitlich in Deutschland wohn-
hafte italienische Staatsangehörige A._ (nachfolgend Versicherter
oder Beschwerdeführer) arbeitete unter anderem vom 1. Januar 2007 bis
30. September 2016 bei der B._ AG in (...) als Betriebsmitarbeiter
in der Produktion mit Bedienung verschiedener Maschinen. Der Versi-
cherte war während der Dauer seines Arbeitsverhältnisses bei der Schwei-
zerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend Suva) gegen die Fol-
gen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert und seine Arbeitgeberin
entrichtete Beiträge an die schweizerische Alters-, Hinterlassenen- und In-
validenversicherung (vgl. Akten der Vorinstanz [IV-act.] 1; 6; 10; 28 [S. 6],
155).
B.
B.a Am 10. Januar 2014 zog sich der Versicherte bei der Arbeit für die
B._ AG am rechten Arm eine partielle distale Bizepssehnenruptur
zu. Die Sehne wurde in der Folge operativ am Ellenbogen refixiert und der
Versicherte war ab 2. Juni 2014 wieder zu 100 % arbeitsfähig (IV-act. 20
[S. 4 f.]). Bereits am 28. Januar 2015 erlitt der Versicherte bei der gleichen
Arbeitgeberin einen weiteren Arbeitsunfall. Während dem Ablängen von
Metallrohren an der Laserschneidanlage in der Nachtschicht wurde seine
linke Hand zwischen einem Auflagebock und einem scharfen Rohrende
eingeklemmt (IV-act. 9 [S. 31]). Er zog sich dabei Sehnen- und Nervenlä-
sionen sowie eine Riss-Quetsch-Wunde zu, weshalb gleichentags eine
erste Operation am Kantonsspital C._ vorgenommen wurde (IV-
act. 8 [S. 3 ff.]). In der Folge richtete die Suva als Unfallversicherer ab
31. Januar 2015 Taggelder aus (IV-act. 9 [S. 6]). Am 27. Juli 2015 fand eine
zweite Operation der linken Hand statt (IV-act. 8 [S. 25]). Mit Verfügung
vom 7. Mai 2019, welche die erste Verfügung vom 21. Dezember 2017,
gegen die der Versicherte Einsprache erhoben hatte, ersetzte, sprach die
Suva dem Versicherten aufgrund diverser Abklärungen, insbesondere das
orthopädische-handchirurgische Gutachten vom 11. Februar 2019, eine In-
validenrente basierend auf einer Erwerbsunfähigkeit von 40.00 % sowie
eine Integritätsentschädigung entsprechend einer Integritätseinbusse von
11.00 % zu (IV-act. 119 [S. 2 ff.]; 123 [S. 2 ff.]; 150 [S. 8 ff.]; 153 [S. 2 ff.]).
B.b Am 4. August 2015 (Eingangsdatum) meldete sich der Versicherte mit
undatiertem Anmeldeformular unter Hinweis auf den Arbeitsunfall vom
28. Januar 2015 bei der IV-Stelle des Kantons D._ (nachfolgend:
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IV-Stelle) zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-
act. 1).
B.c Die IV-Stelle gewährte dem Versicherten am 7. August 2015 Beratung
und Unterstützung beim Erhalt des derzeitigen Arbeitsplatzes als Frühin-
terventionsmassnahmen (IV-act. 5). Als die B._ AG dem Versicher-
ten am 29. Juni 2016 per 30. September 2016 den Arbeitsvertrag kündigte
(IV-act. 28 [S. 6]), teilte ihm die IV-Stelle am 5. Juli 2016 mit, er erhalte Be-
ratung und Unterstützung bei der beruflichen Integration (IV-act. 30). In der
Folge fanden vom 7. November bis 6. Dezember 2016 eine Potenzialab-
klärung im Spital E._ (IV-act. 70; 74) sowie vom 23. Januar bis
17. Februar 2017 berufliche Abklärungen bei der F._ (IV-act. 101)
statt. Gestützt auf diese Abklärungen gewährte die IV-Stelle dem Versi-
cherten am 1. März 2017 eine sechsmonatige Umschulung beziehungs-
weise Einarbeitung in die industrielle Arbeit durch das Spital E._,
Berufliche Integration (IV-act. 94), welche am 7. März 2017 startete (IV-
act. 97). Am 30. Juni 2017 wurde die berufliche Massnahme jedoch im Ein-
vernehmen mit dem Versicherten und der IV-Stelle aufgrund der ausblei-
benden Aussicht auf Zielerreichung vorzeitig beendet (IV-act. 108 [S. 2];
113). Die IV-Stelle verfügte daraufhin – nach Durchführung des Vorbe-
scheidverfahrens – am 27. September 2017 die Aufhebung der Kostengut-
sprache vom 1. März 2017 für berufliche Massnahmen (IV-act. 110; 115),
welche unangefochten in Rechtskraft erwuchs.
B.d Die RAD-Ärztin Dr.med. G._ hielt in ihrer Beurteilung vom
22. Juni 2018 fest, es werde ein polydisziplinäres Gutachten empfohlen,
da Unklarheiten bezüglich der Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätig-
keit bestünden (IV-act. 127). Im Rahmen der Prüfung des Rentenan-
spruchs fand deshalb am 18., 20. und 27. September 2018 bei der
H._ des Spital I._ eine polydisziplinäre Begutachtung des
Versicherten statt (H._-Gutachten vom 3. Dezember 2018; IV-
act. 137). Die Gutachter/innen attestierten dem Versicherten insbesondere
eine Arbeitsfähigkeit von 60 % in angepasster Tätigkeit.
B.e Mit Vorbescheid vom 25. Januar 2019 (IV-act. 140) stellte die IV-Stelle
dem Versicherten in Aussicht, sein Leistungsgesuch aufgrund eines ermit-
telten Invaliditätsgrads (IV-Grad) von 24 % abzuweisen. Zur Berechnung
des IV-Grads wurde insbesondere ausgeführt, die von den Gutachter/innen
attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 40 % (psychiatrisch be-
dingt) könne nicht berücksichtigt werden, weil bei gesamthafter Betrach-
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tung über alle Indikatoren hinweg eine medizinisch-gesundheitliche An-
spruchsgrundlage, welche zur Anerkennung einer Invalidität in angepass-
ter Tätigkeit führen könnte, nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sei und kein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in
allen Lebensbereichen vorliege. Es sei stattdessen von einer Arbeitsfähig-
keit von 80 % in angepasster Tätigkeit (handchirurgisch bedingt) auszuge-
hen. In der angestammten Tätigkeit sei jedoch eine Einschränkung der Ar-
beitsfähigkeit aus somatischer Sicht nachvollziehbar.
B.f Der Versicherte erhob am 1. April 2019 Einwand gegen den Vorbe-
scheid der IV-Stelle (IV-act. 148) und brachte insbesondere vor, das Vali-
deneinkommen sei offensichtlich falsch, das H._-Gutachten sei auf-
grund eines unauflösbaren Widerspruchs zum orthopädischen-handchirur-
gischen Gutachten vom 11. Februar 2019 (im Suva-Verfahren erstellt) un-
verwertbar, es sei auf das Suva-Gutachten abzustellen, da ausschliesslich
Unfallfolgen vorlägen, und der Vorbescheid widerspreche im Übrigen der
Beurteilung des RAD, welcher in Übereinstimmung mit dem H._-
Gutachten von einer Arbeitsfähigkeit von 60 % in angepasster Tätigkeit
ausgegangen sei.
B.g Nachdem der Versicherte die IV-Stelle am 15. Juli 2019 über seinen
Umzug nach Deutschland informierte (IV-act. 155), überwies diese das
Verfahren zuständigkeitshalber am 26. Juli 2019 an die IV-Stelle für Versi-
cherte im Ausland (nachfolgend IVSTA; IV-act. 168). Am 13. September
2019 reichte der Versicherte der IVSTA Ergänzungen zum Einwand gegen
den Vorbescheid ein und brachte insbesondere vor, der RAD der IVSTA
bestätige die Feststellungen im H._-Gutachten, wonach von einer
Arbeitsfähigkeit von 60 % in einer Verweistätigkeit auszugehen und keine
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit mehr vorhanden sei (IV-
act. 171).
B.h Mit Verfügung vom 28. Oktober 2019 wies die IVSTA das Rentenge-
such des Versicherten aufgrund eines ermittelten IV-Grades von 24 % ab
(IV-act. 174). Ihrer Berechnung legte sie ein Valideneinkommen von
Fr. 70'324.- (bei einem 100 % Pensum, indexiert per 2016) und ein Invali-
deneinkommen von Fr. 53'442.- (bei einem 80 % Pensum, LSE 2016, TA1,
Kompetenzniveau 1) zugrunde. Zur Begründung führte sie – wie bereits im
Vorbescheid (IV-act. 140) – insbesondere aus, die von den Gutachter/in-
nen attestierte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 40 % (psychiatrisch
bedingt) könne nicht berücksichtigt werden, weil bei gesamthafter Betrach-
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Seite 5
tung über alle Indikatoren hinweg eine medizinisch-gesundheitliche An-
spruchsgrundlage, welche zur Anerkennung einer Invalidität in angepass-
ter Tätigkeit führen könnte, nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sei und kein stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in
allen Lebensbereichen vorliege. Es sei stattdessen von einer Arbeitsfähig-
keit von 80 % in angepasster Tätigkeit (handchirurgisch bedingt) auszuge-
hen. In der angestammten Tätigkeit sei jedoch eine Einschränkung der Ar-
beitsfähigkeit aus somatischer Sicht nachvollziehbar.
C.
C.a Gegen diese Verfügung liess der Beschwerdeführer am 29. November
2019 durch seinen Rechtsvertreter, Rechtsanwalt Markus Schmid, Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht erheben (vgl. Beschwerdeakten
[B-act] 1). Er beantragte, es sei die Verfügung der Vorinstanz vom 28. Ok-
tober 2019 aufzuheben und die Vorinstanz sei zu verpflichten, dem Be-
schwerdeführer mit Wirkung ab dem 1. Januar 2016 eine ganze Invaliden-
rente, eventualiter eine Dreiviertelsrente, auszurichten; unter o/e Kosten-
folge zu Lasten der Vorinstanz. Zur Begründung brachte er vor, das von
der Vorinstanz angenommene Valideneinkommen sei offensichtlich akten-
widrig. Das Valideneinkommen sei – wie dies die SUVA getan habe – auf
Fr. 83'842.- festzulegen. In Bezug auf das Invalidenkommen sei zu berück-
sichtigen, dass der Beschwerdeführer gemäss der erfolgten beruflichen
Abklärung auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sei. Entspre-
chend verbiete es sich, der Invaliditätsbemessung ein Invalideneinkommen
in der Grössenordnung zu Grunde zu legen, wie dies die Vorinstanz getan
habe. Ausserdem würden die zahlreichen Einschränkungen des Be-
schwerdeführers zeigen, dass eine Stelle auf dem ausgeglichenen Arbeits-
markt, die den erwähnten Einschränkungen Rechnung trage, nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit anzutreffen sei. Es sei mit Nachdruck
zu betonen, dass letztlich eine verwertbare Arbeitsfähigkeit im Rahmen des
ersten Arbeitsmarktes nicht gegeben sei. Selbst wenn von einer verwert-
baren Restarbeitsfähigkeit auszugehen sein sollte, wäre dies lediglich im
Rahmen von 60 % möglich. Ausserdem wäre in diesem Fall ein leidensbe-
dingter Abzug von 20 % angezeigt, woraus sich der Eventualantrag auf Zu-
sprache einer Dreiviertelsrente ergebe.
C.b Der mit Zwischenverfügung vom 4. Dezember 2019 einverlangte Kos-
tenvorschuss von Fr. 800.- (B-act. 2) ging am 18. Dezember 2019 in der
Gerichtskasse ein (B-act. 4).
C-6315/2019
Seite 6
C.c In ihrer Vernehmlassung vom 2. März 2020 (B-act. 6) stellte die Vo-
rinstanz unter Verweis auf neue Stellungnahmen des ärztlichen Dienstes
der IVSTA vom 23. Januar 2020 und 3. Februar 2020 sowie einer neuen
Invaliditätsbemessung vom 20. Februar 2020 den Antrag, die Beschwerde
sei teilweise gutzuheissen und dem Beschwerdeführer sei ab 1. Januar
2016 eine Viertelsrente zuzusprechen.
C.d Mit Replik vom 20. Mai 2020 (B-act. 10) hielt der Beschwerdeführer an
seinen Anträgen fest und reichte insbesondere weitere Unterlagen betref-
fend die Ermittlung des Valideneinkommens ein.
C.e Die Vorinstanz stellte mit Duplik vom 18. Juni 2020 (B-act. 12) unter
Verweis auf eine neue Invaliditätsbemessung vom 8. Juni 2020 den Antrag,
die Beschwerde sei teilweise gutzuheissen und dem Beschwerdeführer sei
ab dem 1. Februar 2016 eine halbe Invalidenrente zuzusprechen.
C.f Mit Triplik vom 25. August 2020 (B-act. 14) nahm der Beschwerdefüh-
rer von einem von der Vorinstanz nun korrekt berücksichtigten Validenein-
kommen Kenntnis, hielt aber an seinen bereits gestellten Anträgen fest.
C.g Am 27. August 2020 schloss das Bundesverwaltungsgericht den
Schriftenwechsel ab und stellte der Vorinstanz die Triplik des Beschwerde-
führers zur Kenntnis zu (B-act. 15).
D.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen
wird – soweit erforderlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegan-
gen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) in Verbindung mit Art. 33 Bst. d VGG und Art. 69 Abs. 1
Bst. b des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversiche-
rung (IVG, SR 831.20) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwer-
den von Personen im Ausland gegen Verfügungen der IVSTA. Eine Aus-
nahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungs-
gericht ist somit zur Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig.
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Seite 7
1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem Bundesgesetz vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfah-
ren (VwVG, SR 172.021), soweit das VGG nichts anderes bestimmt
(Art. 37 VGG). Gemäss Art. 3 Bst. dbis VwVG bleiben in sozialversiche-
rungsrechtlichen Verfahren die besonderen Bestimmungen des Bundesge-
setzes vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversiche-
rungsrechts (ATSG, SR 830.1) vorbehalten. Gemäss Art. 2 ATSG sind die
Bestimmungen dieses Gesetzes auf die bundesgesetzlich geregelten So-
zialversicherungen anwendbar, wenn und soweit die einzelnen Sozialver-
sicherungsgesetze es vorsehen. Nach Art. 1 IVG sind die Bestimmungen
des ATSG auf die Invalidenversicherung anwendbar (Art. 1a bis 26bis und
Art. 28 bis 70), soweit das IVG nicht ausdrücklich eine Abweichung vom
ATSG vorsieht.
1.3 Der Beschwerdeführer ist durch die angefochtene Verfügung berührt
und hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung,
so dass er im Sinne von Art. 59 ATSG beschwerdelegitimiert ist. Da die
Beschwerde im Übrigen frist- und formgerecht (Art. 60 Abs. 1 ATSG und
Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereicht und der Kostenvorschuss innert Frist ge-
leistet wurde (B-act. 4), ist auf die Beschwerde einzutreten.
2.
2.1 Der Beschwerdeführer ist italienischer Staatsangehöriger und wohnt in
Deutschland. Damit gelangen das Freizügigkeitsabkommen vom 21. Juni
1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und die Regelwerke der Gemeinschaft zur
Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss Anhang II des
FZA, insbesondere die für die Schweiz am 1. April 2012 in Kraft getretenen
Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 (SR 0.831.109.268.1) und Nr. 987/2009
(SR 0.831.109.268.11), zur Anwendung. Seit dem 1. Januar 2015 sind
auch die durch die Verordnungen (EU) Nr. 1244/2010, Nr. 465/2012 und
Nr. 1224/2012 erfolgten Änderungen in den Beziehungen zwischen der
Schweiz und den EU-Mitgliedstaaten anwendbar. Das Vorliegen einer an-
spruchserheblichen Invalidität beurteilt sich indes auch im Anwendungsbe-
reich des FZA und der Koordinierungsvorschriften nach schweizerischem
Recht (vgl. BGE 130 V 253 E. 2.4; Urteil des Bundesgerichts [BGer]
9C_573/2012 vom 16. Januar 2013 E. 4).
2.2 Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bildet die
Verfügung vom 28. Oktober 2019, mit der die Vorinstanz den Anspruch des
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Seite 8
Beschwerdeführers auf eine Invalidenrente verneint hat. Streitig und vom
Bundesverwaltungsgericht zu prüfen ist daher die Rechtmässigkeit dieser
Verfügung beziehungsweise im Hinblick auf das materielle Hauptbegehren
des Beschwerdeführers insbesondere, ob ein Anspruch auf eine ganze IV-
Rente ab 1. Januar 2016 besteht.
2.3 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
2.4 Gemäss dem Grundsatz der Rechtsanwendung von Amtes wegen ist
das Bundesverwaltungsgericht nicht an die Begründung der Begehren der
Parteien gebunden (Art. 62 Abs. 4 VwVG). Es kann die Beschwerde auch
aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder den an-
gefochtenen Entscheid im Ergebnis mit einer Begründung bestätigen, die
von jener der Vorinstanz abweicht (vgl. BVGE 2013/46 E. 3.2).
2.5 Sowohl das Verwaltungsverfahren wie auch der erstinstanzliche Sozi-
alversicherungsprozess sind vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht
(Art. 43 Abs. 1 ATSG; Art. 61 Bst. c ATSG; Art. 12 VwVG). Danach hat die
Verwaltung und im Beschwerdeverfahren das Gericht von Amtes wegen für
die richtige und vollständige Abklärung des erheblichen Sachverhalts zu
sorgen (BGE 136 V 376 E. 4.1.1). Sofern das Gesetz nicht etwas Abwei-
chendes vorsieht, gilt im Sozialversicherungsrecht der Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 143 V 168 E. 2; 138 V 218 E. 6).
2.6 In zeitlicher Hinsicht sind – vorbehältlich besonderer übergangsrechtli-
cher Regelungen – grundsätzlich diejenigen materiellen Rechtssätze
massgebend, die bei der Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu
Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (Urteil des BGer
8C_419/2009 vom 3. November 2009 E. 3.1, BGE 132 V 215 E. 3.1.1). Der
Leistungsanspruch ist für die Zeit vor einem Rechtswechsel aufgrund der
bisherigen und ab diesem Zeitpunkt nach den neuen Normen zu beurteilen
(vgl. BGE 130 V 445).
2.7 Das Sozialversicherungsgericht stellt bei der Beurteilung einer Streit-
sache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen
Verwaltungsverfügung (hier: 28. Oktober 2019) eingetretenen Sachverhalt
ab (BGE 132 V 215 E. 3.1.1; 130 V 445 E. 1.2). Tatsachen, die jenen Sach-
verhalt seither verändert haben, sollen im Normalfall Gegenstand einer
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Seite 9
neuen Verwaltungsverfügung sein (BGE 121 V 362 E. 1b). Berichte, die
sich über den vorliegend massgebenden Zeitraum aussprechen, hat das
Gericht auch dann zu berücksichtigen, wenn sie nach dem Verfügungser-
lass datieren (Urteil des BGer 9C_175/2018 vom 16. April 2018 E. 3.3.2
m.w.H.)
3.
3.1 Anspruch auf eine ordentliche Rente haben Versicherte, die invalid im
Sinne des Gesetzes sind (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG) und bei Eintritt der Inva-
lidität während mindestens drei Jahren Beiträge geleistet haben (Art. 36
Abs. 1 IVG). Für die Erfüllung der dreijährigen Mindestbeitragsdauer kön-
nen Beitragszeiten, die in einem EU/EFTA-Staat zurückgelegt worden sind,
mitberücksichtigt werden (Art. 6 und Art. 45 VO [EG] 883/2004; vgl. auch
BGE 131 V 390). Die Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein; fehlt
eine, so entsteht kein Rentenanspruch, auch wenn die andere Vorausset-
zung erfüllt ist.
Gemäss Art. 36 Abs. 2 IVG sind für die Berechnung der ordentlichen Inva-
lidenrenten die Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 20. Dezember
1946 über die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10)
sinngemäss anwendbar. Eine IV-spezifische Besonderheit besteht darin,
dass die Mindestbeitragszeit bei Eintritt der Invalidität (Eintritt des Versi-
cherungsfalls) geleistet sein muss (vgl. Urteil des BGer 8C_721/2013 vom
4. März 2014 E. 4.1). Der Zeitpunkt des Eintritts der Invalidität beurteilt sich
nach Art. 28 Abs. 1 IVG. Die Invalidität beziehungsweise der Versiche-
rungsfall gilt erst mit der Entstehung des Rentenanspruches als eingetre-
ten, also frühestens mit Ablauf des Wartejahres gemäss Art. 28 Abs. 1
Bst. b IVG (vgl. BGE 138 V 475 E. 3). Beim Beschwerdeführer bestand die
Arbeitsunfähigkeit von 100 % ab Januar 2015 (vgl. nachfolgend
E. 5.2.1 ff.). Unter Berücksichtigung von Art. 28 Abs. 1 Bst. b IVG könnte
der Versicherungsfall damit frühestens im Januar 2016 eingetreten sein
(zum frühesten möglichen Beginn des Rentenanspruchs vgl. nachfolgend
E. 5.1).
Dem Auszug aus dem individuellen Konto des Beschwerdeführers vom
27. Februar 2020 (B-act. 6 Beilage 5) ist zu entnehmen, dass die An-
spruchsvoraussetzung der Mindestbeitragsdauer zweifelsfrei erfüllt ist.
C-6315/2019
Seite 10
3.2 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG; der am 1. Januar 2008 in Kraft getretene Abs. 2 hat
den Begriff der Erwerbsunfähigkeit nicht modifiziert, BGE 135 V 215
E. 7.3). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperli-
chen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teil-
weise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare
Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in
einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6 ATSG).
3.3 Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können
auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7
ATSG). Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach Art. 4 Abs. 1 IVG so-
wie Art. 6 ff. und insbesondere Art. 7 Abs. 2 ATSG ist die medizinische Be-
fundlage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann
anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchti-
gung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE 141 V
281 E. 2.1). Mit der Diagnose eines Gesundheitsschadens ist noch nicht
gesagt, dass dieser auch invalidisierenden Charakter hat. Ob dies zutrifft,
beurteilt sich gemäss dem klaren Gesetzeswortlaut nach dem Einfluss, den
der Gesundheitsschaden auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit hat. Ent-
scheidend ist, ob der versicherten Person wegen des geklagten Leidens
nicht mehr zumutbar ist, ganz oder teilweise zu arbeiten. Deshalb gilt eine
objektivierte Zumutbarkeitsprüfung unter ausschliesslicher Berücksichti-
gung von Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung (BGE 142 V 106
E. 4.4). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und da-
mit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschränkun-
gen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung al-
len guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, ab-
wenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv
bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 352 E. 2.2.1; SVR 2014 IV Nr. 2
E. 3.1). Entscheidend ist, ob und inwiefern es der versicherten Person trotz
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Seite 11
ihres Leidens sozialpraktisch zumutbar ist, die Restarbeitsfähigkeit auf
dem ihr nach ihren Fähigkeiten offenstehenden ausgeglichenen Arbeits-
markt zu verwerten, und ob dies für die Gesellschaft tragbar ist. Dies ist
nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu prüfen (BGE 136 V 279
E. 3.2.1; SVR 2016 IV Nr. 2 E. 4.2).
Geht es um psychische Erkrankungen, namentlich eine anhaltende soma-
toforme Schmerzstörung oder ein damit vergleichbares psychosomati-
sches Leiden (vgl. BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3), sind für die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit systematisierte Indikatoren beachtlich, die – unter Berück-
sichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und
Kompensationspotentialen (Ressourcen) anderseits – erlauben, das tat-
sächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281
E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; 143 V 418 E. 6 ff.). Ausgangspunkt der Prüfung
und damit erste Voraussetzung bildet eine psychiatrische, lege artis ge-
stellte Diagnose (vgl. BGE 141 V 281 E. 2.1; 143 V 418 E. 6 und E. 8.1).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erwähnten Indikatoren hat das
Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Kategorie
«funktioneller Schweregrad» (E. 4.3) mit den Komplexen «Gesundheits-
schädigung» (Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symp-
tome; Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz; Komorbidi-
täten [E. 4.3.1]), «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsentwicklung und -struk-
tur, grundlegende psychische Funktionen [E. 4.3.2]) und «sozialer Kon-
text» (E. 4.3.3) sowie Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhal-
tens [E. 4.4]) mit den Faktoren gleichmässige Einschränkung des Aktivitä-
tenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und be-
handlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens-
druck (E. 4.4.2). Zu ergänzen bleibt, dass sich das Bundesgericht in zwei
wichtigen Leitentscheiden zur Beurteilung der invalidisierenden Wirkung
psychischer Leiden geäussert hat. Es distanzierte sich im Rahmen seiner
Praxisänderung zu Depressionen und anderen psychischen Leiden von
der (kurzen Episode der) Sonderrechtsprechung für Depressionen, weitete
die Indikatorenprüfung der neuen "Schmerzrechtsprechung" gemäss
BGE141 V 281 auf sämtliche psychischen Leiden aus und präzisierte ei-
nige der Indikatoren (vgl. BGE 143 V 409 [= 8C_841/2016 vom 30. Novem-
ber 2017] und 143 V 418 [=8C_130/2017 vom 30. November 2017]).
3.4 Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG (in
der seit 1. Januar 2008 gültigen Fassung) Versicherte, die ihre Erwerbsfä-
higkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten
C-6315/2019
Seite 12
oder verbessern können (Bst. a), während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG)
gewesen sind (Bst. b) und nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 %
invalid (Art. 8 ATSG) sind (Bst. c).
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Viertelsrente, bei mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei mindestens
60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei mindestens 70 % auf eine ganze
Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG [in der seit 1. Januar 2008 gültigen Fassung]).
Beträgt der Invaliditätsgrad weniger als 50 %, so werden die entsprechen-
den Renten nur an Versicherte ausbezahlt, die ihren Wohnsitz und ge-
wöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben (Art. 29 Abs. 4
IVG). Diese Einschränkung gilt jedoch nicht für die Staatsangehörigen ei-
nes Mitgliedstaates der EU und der Schweiz, sofern sie, wie vorliegend, in
einem Mitgliedstaat der EU Wohnsitz haben (Art. 7 VO [EG] 883/2004; vgl.
BGE 130 V 253 E. 2.3 und E. 3.1).
3.5 Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16
ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommens-
vergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen
durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage
erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Valideneinkommen). Der Einkommensvergleich hat in der
Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen
Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander
gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der
Invaliditätsgrad bestimmen lässt (allgemeine Methode des
Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2; Urteil des BGer
8C_536/2017 vom 5. März 2018 E. 5.1).
3.6
3.6.1 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung
(und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärzt-
liche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen
haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand
zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und be-
züglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im
C-6315/2019
Seite 13
Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Be-
urteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person
noch zugemutet werden können (Urteil des BGer 9C_462/2014 vom
16. September 2014 E. 3.2.1; BGE 140 V 193 E. 3.2; 132 V 93 E. 4; 125 V
256 E. 4). Die – arbeitsmedizinische – Aufgabe der Ärzte und Ärztinnen
besteht darin, sich dazu zu äussern, inwiefern die versicherte Person in
ihren körperlichen oder geistigen Funktionen leidensbedingt eingeschränkt
ist. Im Vordergrund stehen dabei vor allem jene Funktionen, welche für die
nach der Lebenserfahrung im Vordergrund stehenden Arbeitsmöglichkei-
ten der versicherten Person wesentlich sind. Die Frage, welche konkreten
beruflichen Tätigkeiten auf Grund der medizinischen Angaben und unter
Berücksichtigung der übrigen Fähigkeiten der versicherten Person in Frage
kommen, ist demgegenüber nicht von der Ärztin oder dem Arzt, sondern
von der Verwaltung beziehungsweise von der Berufsberatung zu beant-
worten (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 457/04
vom 26. Oktober 2004, in: SVR 2006 IV Nr. 10 E. 4.1 mit Verweis auf BGE
107 V 20 E. 2b).
3.6.2 Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend,
ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Un-
tersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle-
gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der me-
dizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Exper-
tin oder des Experten begründet sind (Urteil des BGer 9C_788/2019 vom
30. Januar 2020 E. 3.1.1; BGE 140 V 193; 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351
E. 3a). Unabhängig davon, ob es sich um eine nachweisliche organische
Pathologie oder um ein unklares Beschwerdebild handelt, setzt eine An-
spruchsberechtigung stets eine nachvollziehbare ärztliche Beurteilung der
Auswirkungen des Gesundheitsschadens auf die Arbeits- und Erwerbsfä-
higkeit voraus. Dabei können – insbesondere unklaren Beschwerdebildern
inhärente – Abklärungs- und Beweisschwierigkeiten die Berücksichtigung
weiterer Lebens- und Aktivitätsbereiche wie etwa Freizeitverhalten oder fa-
miliäres Engagement erfordern, um das Ausmass der Einschränkungen zu
plausibilisieren, wobei auch fremdanamnestische Angaben zu berücksich-
tigen sind. Ohne Einbezug solcher Indizien, wie sie im Rahmen der festen
Praxis zu den organisch nicht nachweisbaren unklaren Beschwerdebildern
(BGE 141 V 281 E. 4.4.1) regelmässig zu berücksichtigen sind, ist eine
ärztliche Arbeitsfähigkeitsbeurteilung nicht beweiskräftig (BGE 140 V 290
E. 3.3.2). In den konsistenten Nachweis einer gestörten Aktivität und Par-
C-6315/2019
Seite 14
tizipation einzubeziehen sind nur funktionelle Ausfälle, die sich aus denje-
nigen Befunden ergeben, welche auch für die Diagnose der Gesundheits-
beeinträchtigung massgebend gewesen sind. Die Einschränkung in den
Alltagsfunktionen, welche begrifflich zu einer lege artis gestellten Diagnose
gehört, wird mit den Anforderungen des Arbeitslebens abgeglichen und an-
hand von Schweregrad- und Konsistenzkriterien in eine allfällige Ein-
schränkung der Arbeitsfähigkeit umgesetzt. Auf diesem Weg können gel-
tend gemachte Funktionseinschränkungen über eine sorgfältige Plausibili-
tätsprüfung bestätigt oder verworfen werden (BGE 141 V 281 E. 2.1.2).
Die fachliche Qualifikation des Experten spielt für die richterliche Würdi-
gung einer Expertise eine erhebliche Rolle, denn bezüglich der medizini-
schen Stichhaltigkeit eines Gutachtens müssen sich Verwaltung und Ge-
richte auf seine Fachkenntnisse verlassen können. Deshalb ist für die Eig-
nung eines Arztes als Gutachter in einer bestimmten medizinischen Diszip-
lin ein entsprechender spezialärztlicher Titel des berichtenden oder zumin-
dest des den Bericht visierenden Arztes vorausgesetzt (Urteile des BGer
9C_410/2008 vom 8. September 2009 E. 3.3.1 in fine; I 142/07 vom
20. November 2007 E. 3.2.3; Urteil des Eidgenössischen Versicherungs-
gerichts [EVG] I 362/06 vom 10. April 2007 E. 3.2.1; vgl. auch SVR 2009
IV Nr. 53 E. 3.3.2 [nicht publizierte Textpassage der E. 3.3.2 des BGE 135
V 254]).
Das Bundesgericht hat zudem Richtlinien zur Würdigung bestimmter For-
men medizinischer Berichte und Gutachten aufgestellt (vgl. BGE 125 V 352
E. 3b; AHI 2001 S. 114 E. 3b). Im Rahmen des Verwaltungsverfahrens ein-
geholten Gutachten externer Spezialärzte, die aufgrund eingehender Be-
obachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, ist demnach volle Beweiskraft zuzuerkennen – solange nicht
konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE
125 V 353 E. 3.b.bb m.w.H.). Berichte behandelnder Haus- und Spezial-
ärzte sind aufgrund deren auftragsrechtlicher Vertrauensstellung zum Pa-
tienten hingegen mit Vorbehalt zu würdigen (BGE 125 V 353 E. 3.b.cc; Ur-
teil des EVG I 655/05 vom 20. März 2006 E. 5.4 m.w.H.), aber auch nicht
von vornherein unbeachtlich (Urteil des BGer 9C_24/2008 vom 27. Mai
2008 E. 2.3.2).
Die Stellungnahmen des RAD oder des medizinischen Dienstes der IVSTA,
welche nicht auf eigenen Untersuchungen beruhen, können wie Aktengut-
achten beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im
C-6315/2019
Seite 15
Wesentlichen nur um die fachärztliche Beurteilung eines an sich festste-
henden medizinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Be-
fassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (vgl. Urteile
des BGer 9C_524/2017 vom 21. März 2018 E. 5.1; 9C_28/2015 vom
8. Juni 2015 E. 3.2; 9C_196/2014 vom 18. Juni 2014 E. 5.1.1, je m.H.). Die
Aufgabe der versicherungsinternen Fachpersonen besteht insbesondere
darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfestellung für die
medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über
den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen Sach-
verhalt zusammenzufassen und versicherungsmedizinisch zu würdigen
(vgl. SVR 2009 IV Nr. 50 [Urteil 8C_756/2008] E. 4.4 m.H.; Urteil des BGer
9C_692/2014 vom 22. Januar 2015 E. 3.3). Sie haben die vorhandenen
Befunde aus medizinischer Sicht zu würdigen, wozu namentlich auch ge-
hört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wertung vorzuneh-
men und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen
oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen ist (BGE 142 V 58
E. 5.1). Enthalten die Akten für die streitigen Belange keine beweistaugli-
chen Unterlagen, kann die Stellungnahme einer versicherungsinternen
Fachperson in der Regel keine abschliessende Beurteilungsgrundlage bil-
den, sondern nur zu weitergehenden Abklärungen Anlass geben (vgl. Urteil
des BGer 9C_58/2011 vom 25. März 2011 E. 3.3).
4.
Mit Blick auf die Verfügung der Suva vom 7. Mai 2019 (IV-act. 153
[S. 2 ff.]), mit welcher bei einer Erwerbsunfähigkeit von 40 % ein Unfallver-
sicherungsrentenanspruch für die Zeit ab 1. Oktober 2017 bejaht wurde, ist
in koordinationsrechtlicher Hinsicht vorab festzuhalten, dass die IV-Stellen
und die Unfallversicherer die Invaliditätsbemessung in jedem Einzelfall
selbstständig vorzunehmen haben. Keinesfalls dürfen sie sich ohne wei-
tere eigene Prüfung mit der blossen Übernahme des IV-Grads des Unfall-
versicherers beziehungsweise der IV-Stelle begnügen (BGE 126 V 288
E. 2d). Die Invaliditätsschätzung der Invalidenversicherung entfaltet ge-
genüber dem Unfallversicherer keine Bindungswirkung (vgl. BGE 131 V
362), was auch in umgekehrter Hinsicht gilt (BGE 133 V 549 E. 6). Auf-
grund dieser bundesgerichtlichen Rechtsprechung war die Vorinstanz beim
Erlass der angefochtenen Verfügung vom 28. Oktober 2019 nicht an die
von der Suva vorgenommene Invaliditätsbemessung gebunden, zumal die
Invalidenversicherung – trotz identischem Invaliditätsbegriff seit dem In-
Kraft-Treten von Art. 8 ATSG – als final konzipierte Versicherung im Ge-
gensatz zur Unfallversicherung, bei welcher nur die unfallbedingte Invalidi-
tät Berücksichtigung findet, nicht zwischen krankheits- oder unfallbedingter
C-6315/2019
Seite 16
Invalidität unterscheidet (vgl. Urteil des BGer 9C_7/2008 vom 18. Septem-
ber 2008 E. 5).
5.
5.1 Im Zusammenhang mit der vorliegend angefochtenen Verfügung vom
28. Oktober 2019 (IV-act. 174) stützte sich die Vorinstanz betreffend den
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers und dessen Auswirkungen
auf die Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit in erster Linie auf das polydiszipli-
näre H._-Gutachten vom 3. Dezember 2018 (IV-act. 137) und die
diesbezüglichen Berichte des RAD beziehungsweise des medizinischen
Dienstes der IVSTA. Anhand dieser medizinischen Akten ist zu prüfen, ob
der Beschwerdeführer einen (befristeten oder unbefristeten) Rentenan-
spruch hat beziehungsweise ob die materiellen Anspruchsvoraussetzun-
gen erfüllt sind (vgl. oben E. 3.4).
Es ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass der Rentenanspruch ge-
mäss Art. 29 IVG frühestens nach Ablauf von sechs Monaten nach Gel-
tendmachung des Leistungsanspruchs nach Art. 29 Abs. 1 ATSG entsteht,
jedoch frühestens im Monat, der auf die Vollendung des 18. Altersjahres
folgt (Abs. 1). Im vorliegenden Fall hat der Beschwerdeführer ein undatier-
tes Anmeldeformular eingereicht, welches am 4. August 2015 bei der IV-
Stelle eingegangen ist (vgl. IV-act. 1). Demnach könnte dem Beschwerde-
führer frühestens ab Februar 2016 (sechs Monate nach Einreichung des
undatierten Anmeldeformulars) unter der Bedingung, dass die materiellen
Anspruchsvoraussetzungen erfüllt sind (vgl. oben E. 3.4), eine IV-Rente
ausgerichtet werden.
5.2
5.2.1 Das unter der Fallführung von Dr. med. J._, Facharzt für All-
gemeine Innere Medizin, erstellte interdisziplinäre Gutachten der
H._ vom 3. Dezember 2018 (IV-act. 137) umfasst die Teilgutachten
in den Fachbereichen Allgemeinmedizin (Untersuchung vom 27. Septem-
ber 2018 durch Dr. med. J._), Psychiatrie (Untersuchung vom
20. September 2018 durch Dr. med. K._), Handchirurgie (Untersu-
chung vom 27. September 2018 durch Dres. L._ und M._)
und Neurologie (Untersuchung vom 18. September 2018 durch Dr. med.
N._). Insgesamt stellten die verschiedenen Fachgutachter/innen in
der Konsensbeurteilung die nachfolgenden Diagnosen mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit (vgl. S. 6):
C-6315/2019
Seite 17
1. Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Fakto-
ren (ICD-10: F45.41)
2. Quetschtrauma der linken Hand mit Schnittverletzung Finger II bis IV
links:
- Digitus II 100 % Läsion FDS und FDP Zone 2, 100% Läsion ulnarer
Digitalnerv, 80 % Läsion radialer Digitalnerv; an Digitus IV 100 %
Läsion ulnarer Digitalnerv (ICD-10: G58.8)
- aktuell: klinisch-neurologisch Sensibilitätsstörung mit neuro-
pathischer Reizsymptomatik mit Zeichen der zentralen Schmerz-
sensitivierung sowie:
- elektrophysiologisch Nachweis einer demyelinisierenden
sensiblen Neuropathie des Nervus radialis links (ICD-10:
G56.3)
- Status nach Beugesehnennaht FDS und FDP II sowie
Neurorrhaphie der Digitalnerven II und III am 28.1.2015
- Status nach Tenolyse der FDP II-Sehne, Tenotomie der FDS II-
Sehne, A2-Ringbandrekonstruktion mit FDS und Arthrolyse PIP-
Gelenk Digitus II links am 27.7.2015
- Beugekontraktur des Zeigefingers im PIP-Gelenk von 90°,
mittelschwere Bewegungseinschränkung in den MCP- und DIP-
Gelenken des Zeigefingers links
3. Restbeschwerden im Bereich des Ellenbogens rechts im Sinne einer
Epicondylitis bei
- Status nach subtotalem Riss der distalen Bizepssehne rechts und
Bizepssehnenrefixation rechts am 6.2.2014
- aktuell: klinisch-neurologisch restitutio ad integrum ohne Hinweise
für eine persistierende motorische Radialisparese und ohne
Hinweise für eine persistierende Sensibilitätsstörung im Autonomie-
gebiet bei
- elektrophysiologisch nachgewiesener subklinischer demyelini-
sierender sensibler Neuropathie des Nervus radialis rechts
- heterotope Ossifikationen anterior und posterior am proximalen
Radius nach Refixation der Biszepssehne
Keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit habe hingegen die Diagnose des
Nikotinabusus (ICD-10: F17.1).
In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit hielten die Gutachter/innen in der interdis-
ziplinären Gesamtbeurteilung (Konsensbeurteilung) fest, für die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit als Maschinenführer bestehe bleibend keine Arbeits-
C-6315/2019
Seite 18
fähigkeit mehr und zwar seit dem 28. Januar 2015 (vgl. S. 7 f.). Die Arbeits-
unfähigkeit von 100 % in angestammter Tätigkeit werde durch die neurolo-
gischen und handchirurgischen Diagnosen beziehungsweise durch die or-
ganischen Befunde begründet (vgl. S. 9).
Für eine auf die Beschwerden der Hand und auch des Ellbogens optimal
angepasste körperlich leichte Tätigkeit bestehe aufgrund der verminderten
Durchhaltefähigkeit und der erhöhten Ermüdbarkeit bei chronischer
Schmerzstörung eine Arbeitsfähigkeit von 60 % und zwar seit September
2015. Die Einschränkung von 40 % begründe sich durch das langsamere
Arbeitstempo und durch die verminderte Durchhaltefähigkeit des Versi-
cherten. Bezüglich der Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit stehe die
psychiatrische Diagnose der Schmerzstörung im Vordergrund, was zu ei-
ner Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um 40 % führe, obschon aus rein
neurologisch-handchirurgischer Sicht die optimal angepasste Tätigkeit zu
etwa 90 % möglich wäre. Die chronische Schmerzstörung werde aktuell
nicht behandelt, weshalb eine Therapie erfolgen sollte, wonach damit zu
rechnen sei, dass sich die Arbeitsfähigkeit verbessern dürfte. Dem Versi-
cherte dürften in einer optimal leidensangepassten Tätigkeit keine wieder-
holten Stoss-, Schlag- oder Vibrationsbelastungen zugemutet werden, da
es sekundär zu einer weiteren Schädigung der bereits vorgeschädigten
Nerven an der linken Hand kommen könne. Ferner sollten aufgrund der
persistierenden Kälte-Allodynie keine Arbeiten mit Kälteexposition zuge-
mutet werden. Aufgrund der Allodynie auf Berührungsreize im Bereich der
linken Hand müsse darauf geachtet werden, dass eine allfällige leidens-
adaptierte Tätigkeit keine Arbeiten beinhaltet, die das Tragen von Schutz-
kleidung, insbesondere von festsitzenden Handschuhen, erfordere. Durch
die gestörte Grob- und insbesondere Feinmotorik der linken Hand könne
dem Exploranden keine Tätigkeiten zugemutet werden, die mit erhöhten
Anforderungen an die Feinmotorik einhergingen oder koordinativ an-
spruchsvolle, handwerkliche Tätigkeiten darstellten. Grundsätzlich sollten
keine körperlich schweren bis repetitiv mittelschweren, beidhändig auszu-
führenden Tätigkeiten zugemutet werden. Aus psychiatrischer Sicht sollte
es sich um eine eher ruhige Tätigkeit handeln (vgl. S. 8 f.).
Zum Verlauf der Arbeitsunfähigkeit hielten die Gutachter/innen fest, bis
zum Januar 2014 habe eine vollständige Arbeitsfähigkeit bestanden. Vom
10. Januar 2014 bis 2. Juni 2014 habe eine vollständige Arbeitsunfähigkeit
bestanden, anschliessend wiederum eine vollständige Arbeitsfähigkeit.
Vom 28. Januar 2015 bis zum September 2015 habe wiederum eine voll-
C-6315/2019
Seite 19
ständige Arbeitsunfähigkeit bestanden und ab diesem Zeitpunkt die Ar-
beitsfähigkeit von 60 % in angepasster Tätigkeit (vgl. S. 8).
Hinsichtlich medizinischer Massnahmen und Therapien mit Auswirkungen
auf die Arbeitsfähigkeit hielten die Gutachter/innen fest, es sollte zeitnah
mit einer schmerzspezifischen Psychotherapie begonnen werden. Parallel
sollte dringend an der Suche nach einem Arbeitsplatz gearbeitet werden.
Hier brauche der Beschwerdeführer Unterstützung. Zum Beispiel der Er-
werb des Taxischeines wäre eine sinnvolle Massnahme, da er beim Taxi-
fahren immer wieder Pausen machen könne und seine sehr guten sozial-
kommunikativen Fähigkeiten gut anwenden könnte. Aus neurologischer
und handchirurgischer Sicht könnten keine Massnahmen zur Verbesse-
rung der Arbeitsfähigkeit genannt werden (vgl. S. 9).
5.2.2 Im RAD-Bericht vom 9. Januar 2019 (IV-act. 139) hielt Dr. G._
zuhanden der dannzumal zuständigen IV-Stelle in Bezug auf das
H._-Gutachten fest, auf das Gutachten könne abgestützt werden.
Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit bestehe für eine auf die Beschwerden der
(linken) Hand und auch des (rechten) Ellbogens angepasste körperliche
leichte Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 60 % aufgrund der verminderten
Durchhaltefähigkeit und der erhöhten Ermüdbarkeit bei chronischer
Schmerzstörung. Es bestünden zudem nicht ausgeschöpfte Behandlungs-
möglichkeiten. Es sollte eine psychiatrische Therapie erfolgen, wonach da-
mit zu rechnen sei, dass sich die Arbeitsfähigkeit verbessern dürfte. Spä-
testens zwei Jahre nach Therapiebeginn wäre eine erneute Abklärung an-
gezeigt.
5.2.3 Aufgrund der Einwendungen des Beschwerdeführers im Vorbe-
scheidverfahren (IV-act. 148) ergänzte die IV-Stelle die Verfahrensakten
insbesondere um das im Rahmen des Suva-Verfahrens am Spital
O._ erstellte orthopädische-handchirurgische Gutachten vom
11. Februar 2019 der Dres. P._, Q._ und R._ (IV-
act. 150 [S. 8 ff.]). Diese Gutachter stellten die folgenden Diagnosen (vgl.
S. 29):
Ellenbogen rechts (dominant):
- Epicondylitis humeri radialis rechts mit teilweise diffuser Schmerzaus-
strahlung
- Status nach distaler Bizepssehnen-Refixation rechts bei subtotaler
Ruptur (80 %) am 6.2.2014 mit
 Hypertropher Ossifikation an der Tuberositas radii
C-6315/2019
Seite 20
Hand links (adominant):
- Status nach Schnitt-/Quetschverletzung Digitus II-IV vom 28.1.2015
mit
 Status nach Tenolyse der FDP-Sehne und Tenotomie der FDS-
Sehne sowie A2-Ringband-Rekonstruktion mit FDS-Sehne und
Arthrolyse des PIP-Gelenkes Digitus II links am 27.7.2015 bei
 Status nach Naht der FDS- und FDP-Sehne und Koaptation des
radio - und ulno-palmaren Digitalnerven Digitus II links, Explora-
tion und Versorgung einer Riss-Quetschwunde an Digitus III
links und Koaptation des ulno-palmaren Digitalnerven Digitus IV
links am 28.1.2015
Aktuell:
Digitus II: Fixierte Beugekontraktur im PIP-Gelenk (80°), Missempfindun-
gen am ulno- und radio-palmaren Digitalnerv, Kälteempfindlichkeit
Digitus IV: Dysästhesien am ulno-palmaren Digitalnerv und Kälteempfind-
lichkeit
Die Epicondylitis humeri radialis könne nicht als Folge der Läsion und Ope-
ration der langen Bizeps-Sehnen (Unfall vom 10. Januar 2014) angesehen
werden. Ausserdem sei auch nicht von einem natürlichen Kausalzusam-
menhang mit dem Unfallereignis vom 28. Januar 2015 auszugehen. Er-
wähnenswert erschien den Gutachtern des Weiteren, dass für den Tenni-
sellenbogen diverse durchaus erfolgsversprechende Behandlungsoptio-
nen bestünden und somit nicht sicher von einem Endzustand für den rech-
ten Ellenbogen auszugehen sei. Nach konservativen, oft lang dauernden
Behandlungen fänden verschiedene Operationsmethoden bei Tennisellen-
bogenbeschwerden Anwendung, welche nach Literatur eine ungefähr
90 %ige Erfolgswahrscheinlichkeit hätten. Mit unterschiedlich anhaltendem
Effekt käme auch eine Kortison-Infiltration in Betracht (vgl. S. 43 f.).
Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit hielten die Gutachter insbesondere fest,
der Beschwerdeführer sei in seiner angestammten Tätigkeit nicht mehr ein-
setzbar. In einer angepassten Tätigkeit mit maximal leichter körperlicher
Arbeit sei der Versicherte ganztags einsetzbar, er sollte aber regelmässige
kurze Erholungspausen einlegen können. Kälteexposition sei zu vermei-
den, die linke Hand sei lediglich als Hilfshand zu gebrauchen und obwohl
der Versicherte die Hand geschickt einsetzen könne, bestünden doch Ein-
schränkungen der Feinmotorik. Auch die Grobmotorik der linken Hand sei
C-6315/2019
Seite 21
eingeschränkt. Körperlich fordernde Tätigkeiten, wie zum Beispiel auf der
Baustelle oder als Lagerist seien deshalb nicht umsetzbar. Repetitive Dreh-
bewegungen der rechten Hand, häufig wiederholter Krafteinsatz wie auch
Schläge und Vibrationen an beiden Händen seien zu vermeiden. Bei ein-
geschränkter Grob- und Feinmotorik müssten absturzgefährdete Stellen
und Leitern gemieden werden. Der Versicherte könnte ganztägige Büroar-
beiten am PC ausführen, was jedoch aufgrund der sprachlichen Einschrän-
kungen nur schwer umsetzbar erscheine. Von gutachterlicher Seite her
werde ein Potential für eine Tätigkeit als Taxifahrer gesehen, welche der
Versicherte initial beispielsweise mit einem Pensum von 50 % aufnehmen
könnte. Geistig-wissenschaftliche Berufe würden zwar eine Alternative dar-
stellen, seien jedoch aufgrund des Ausbildungsgrades und der Sprachbar-
rieren nicht realistisch (vgl. S. 41 f.).
5.2.4 Dr. G._ vom RAD hielt hinsichtlich des orthopädischen-hand-
chirurgischen Gutachtens am 15. Juli 2019 (IV-act. 154) unter anderem
fest, es seien dem Gutachten keine wesentlichen neuen Befunde zu ent-
nehmen. Die medizinische Beurteilung des handchirurgischen Gutachters
der H._ mit 80 % im Endresultat sei nachvollziehbar, denn im Gut-
achten der Suva werde eine Arbeitsaufnahme von initial 50 %, das heisst
anfänglich mit anschliessender Steigerung, vorgeschlagen. Zudem sei
dem Gutachten der Suva zu entnehmen, in einer angepassten Tätigkeit mit
maximal leichter körperlicher Arbeit sei der Versicherte ganztags einsetz-
bar und er sollte regelmässig kurze Erholungspausen einlegen können.
Nicht der RAD sei in der Endsumme auf eine Arbeitsfähigkeit von 60 % in
angepasster Tätigkeit gekommen, sondern das H._-Gutachten in
interdisziplinärer Würdigung, und der RAD könne dies medizinisch nach-
vollziehen. Ausserdem sei die von der Suva vorgenommene Begutachtung
lediglich monodisziplinär erfolgt.
5.2.5 Nachdem das Verfahren am 26. Juli 2019 zuständigkeitshalber an
die IVSTA überwiesen worden war (IV-act. 168, vgl. oben Bst. B.g), hielt
Dr. med. S._ vom medizinischen Dienst der IVSTA am 6. Septem-
ber 2019 (IV-act. 170) fest, die ärztlichen Unterlagen seien komplett und
ausführlich. Im Gutachten vom Dezember 2018, und danach auch von Dr.
G._ bestätigt, werde eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % mit Besse-
rungsmöglichkeit attestiert. Er könne jedoch die Unterlagen nicht finden,
wo in möglichen Verweistätigkeiten eine Arbeitsunfähigkeit von nur 20 %
attestiert werde.
In einer Aktennotiz des medizinischen Dienstes wurde am 9. Oktober 2019
C-6315/2019
Seite 22
(IV-act. 173) festgehalten, die Schlussfolgerungen der H._-Gutach-
ter/innen in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit seien nachvollziehbar und be-
gründet, weshalb kein Grund bestehe, davon abzuweichen. Für die mögli-
che Verbesserung in der Zukunft sei wie von Dr. G._ empfohlen
eine Überprüfung in zwei Jahren angezeigt.
5.3
5.3.1 Der Beschwerdeführer bringt beschwerdeweise insbesondere vor, es
habe sich im Rahmen der durchgeführten beruflichen Massnahmen ge-
zeigt, dass der Beschwerdeführer auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht ver-
mittelbar sei und es sei daher falsch, wenn die Vorinstanz von einem nicht
der Realität entsprechenden hohen Invalideneinkommen ausgehe. Es sei
zwar richtig, dass den medizinischen Abklärungen gegenüber denjenigen
der Fachleute der Berufsberatung / beruflichen Eingliederung ein grösse-
res Gewicht zukomme. Indessen dürfe den Ergebnissen leistungsorientier-
ter beruflicher Abklärungen nicht jegliche Aussagekraft für die Beurteilung
der Restarbeitsfähigkeit abgesprochen werden. Stehe eine medizinische
Einschätzung der Leistungsfähigkeit in offensichtlicher und erheblicher
Diskrepanz zu einer Leistung, wie sie während einer ausführlichen berufli-
chen Abklärung bei einwandfreiem Arbeitsverhalten/-einsatz der versicher-
ten Person effektiv realisiert und gemäss Einschätzung der Berufsfachleute
objektiv realisierbar sei, vermöge dies ernsthafte Zweifel an den ärztlichen
Annahmen zu begründen und es sei das Einholen einer klärenden medizi-
nischen Stellungnahme grundsätzlich unabdingbar. Im vorliegenden Fall
sei dem Beschwerdeführer eine tadellose Arbeitshaltung attestiert worden,
gleichwohl sei die berufliche Abklärung zum Schluss gekommen, dass ein
Einsatz auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht möglich sei. Vor diesem Hinter-
grund verbiete es sich, der lnvaliditätsbemessung ein lnvalideneinkommen
in der Grössenordnung zu Grunde zu legen, wie dies von der Vorinstanz
getan werde (vgl. B-act. 1 Rz. 28 und 29).
Ausserdem seien die Angaben zur Arbeitsfähigkeit in einer Verweistätigkeit
im handchirurgischen Gutachten der H._ in sich widersprüchlich.
Auf Seite 9 werde ausgeführt, dass in der angestammten Tätigkeit auch
weiterhin bei deutlich eingeschränktem Faustschluss der linken Hand mit
deutlichem Kraftdefizit eine Arbeitsfähigkeit nicht möglich sei. Gleichwohl
werde bloss einige Zeilen weiter unten postuliert, dass in der angestamm-
ten Tätigkeit die Arbeitsfähigkeit von 80 % gegeben sei. Es sei daran erin-
nert, dass alle in diesen Fall involvierten Ärzte, einschliesslich der RAD,
der Auffassung gewesen seien, in der angestammten Tätigkeit sei keine
C-6315/2019
Seite 23
Arbeitsfähigkeit mehr gegeben. Der Gutachter nehme zudem keinerlei Be-
zug auf die gescheiterten Wiedereingliederungsbemühungen, so dass
seine Ausführungen auch im Lichte dieses Umstandes nicht schlüssig er-
scheinen würden. Was die Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit an-
gehe, gehe der Handchirurg offenbar davon aus, dass diese zu 80 % ge-
geben sei. Diese Annahme widerspreche den Ergebnissen der IV-Abklä-
rungsmassnahmen (vgl. Rz. 32).
5.3.2 Die Vorinstanz hat sich zu den vorgebrachten Rügen betreffend die
Schlüssigkeit des H._-Gutachtens im Zusammenhang mit den
durchgeführten IV-Eingliederungsmassnahmen weder in ihrer Vernehmlas-
sung noch in der Duplik geäussert. In der Vernehmlassung hat sie lediglich
ausgeführt, dass der Psychiater des ärztlichen Dienstes in seinen Stellung-
nahmen vom 23. Januar 2020 und 3. Februar 2020 in nachvollziehbarer
und begründeter Weise darlege, dass auf die Beurteilung der Arbeitsfähig-
keit des beweiskräftigen H._-Gutachtens vom 3. Dezember 2018
sowie auf die Stellungnahmen des ärztlichen Dienstes vom 6. September
2019 und vom 9. Oktober 2019 abgestellt werden könne.
Der Psychiater des medizinischen Dienstes der IVSTA,
Dr.med. T._, hielt in seiner Stellungnahme vom 23. Januar 2020 (B-
act. 6 Beilage 2) insbesondere fest, die Schlussfolgerungen im psychiatri-
schen Teilgutachten seien gut nachvollziehbar. Sie seien fein abgewogen
und gut begründet und ganz besonders differenziert. Er könne der Diag-
nose voll und ganz zustimmen.
In seiner zweiten Stellungnahme vom 3. Februar 2020 führte er überdies
aus, die Begründung für die Nicht-Übernahme der Empfehlung im Gutach-
ten (60 % Arbeitsfähigkeit) habe gelautet, dass keine Therapieresistenz
ausgewiesen sei und dass keine Einschränkung in allen Lebensbereichen
vorliege. Dieser Behauptung könne er nicht folgen. Der Versicherte habe
eine Wiedereingliederung unternommen. Erst jetzt eigentlich trete die psy-
chiatrische Störung ein, weil man – wie er meine – erkannt habe, dass er
auch eine 50 %-Tätigkeit nicht erledigen könne. Dies sei nicht verwunder-
lich bei einem Mann aus (...), der sich zeitlebens über seine körperliche
Arbeit definiert habe. Daran, dass dieser Mann «sein Gesicht verloren hat»
werde keine Therapie etwas ändern können. Das zweite Argument, dass
keine Einschränkung in allen Lebensbereichen vorliege, treffe sicherlich
nicht zu. Die Ehefrau habe angegeben, dass sich der Versicherte verändert
habe. Zuvor sei er ausgeglichen, fleissig und zufrieden mit seinem Leben
gewesen. Heute sei er unzufrieden, sehe keinen Sinn mehr, überlaunig,
C-6315/2019
Seite 24
reizbar usw. All dies treffe sicherlich nicht nur auf den Lebensbereich der
Arbeit, sondern immer zu.
5.4 Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist die Frage nach den
noch zumutbaren Tätigkeiten und Arbeitsleistungen nach Massgabe der
objektiv feststellbaren Gesundheitsschädigung in erster Linie durch die
Ärzte und nicht durch die Eingliederungsfachleute auf der Grundlage der
von ihnen erhobenen, subjektiven Arbeitsleistung zu beantworten (Urteile
des BGer 8C_334/2018 vom 8. Januar 2019 E. 4.2.1 und 8C_802/2017
vom 21. Februar 2018 E. 5.1.1, je m.w.H.). Jedoch kann den Ergebnissen
leistungsorientierter beruflicher Abklärungen nicht jegliche Aussagekraft für
die Beurteilung der Restarbeitsfähigkeit abgesprochen werden (Urteile des
BGer 9C_909/2017 vom 3. Mai 2018 E. 5.1; 9C_737/2011 vom 16. Okto-
ber 2012 E. 3.3). Steht eine medizinische Einschätzung der Leistungsfä-
higkeit in offensichtlicher und erheblicher Diskrepanz zu einer Leistung, wie
sie während einer ausführlichen beruflichen Abklärung bei einwandfreiem
Arbeitsverhalten/-einsatz der versicherten Person effektiv realisiert und ge-
mäss Einschätzung der Berufsfachleute objektiv realisierbar ist, vermag
dies ernsthafte Zweifel an den ärztlichen Annahmen zu begründen und ist
das Einholen einer klärenden medizinischen Stellungnahme grundsätzlich
unabdingbar (Urteile des BGer 8C_30/2020 vom 6. Mai 2020 E. 5.2.1 und
8C_661/2019 vom 23. Januar 2020 E. 4.2 je m.H.).
5.5 Nachfolgend sind daher insbesondere die Ergebnisse der Kurz- bezie-
hungsweise Potenzialabklärung, der beruflichen Abklärung sowie der vor-
zeitig abgebrochenen sechsmonatigen Umschulung/Einarbeitung in die in-
dustrielle Arbeit darzustellen.
5.5.1 Im Rahmen der Kurz- beziehungsweise Potenzialabklärung vom
7. November bis 6. Dezember 2016 durch das Spital E._, Arbeit
und Integration (IV-act. 74), wurde zusammenfassend festgestellt, dass
der Versicherte während der ganzen Massnahme über mittlere bis starke
Schmerzen in der rechten Hand bis und mit dem Arm und in der linken
Hand geklagt habe. Er habe seine Hände nicht drehen und auch die leich-
testen Arbeiten nur unter Schmerzen ausführen können. Der Schnupper-
einsatz in der industriellen Montage habe gezeigt, dass der Versicherte die
meisten Arbeiten zwar habe ausführen können, jedoch unter Schmerzen
gelitten habe. In den Aussagen zur Zielerreichung wurde festgehalten, der
Versicherte wirke sehr motiviert und habe die Arbeits- und Pausenzeiten
eingehalten. Er führe einfache und leichteste Arbeiten aus. Trotz der gerin-
gen Belastung und drei Schmerztabletten am Tag habe der Versicherte
C-6315/2019
Seite 25
über andauernde starke Schmerzen geklagt. Diese hätten auf der
Schmerzskala bei einer Sieben gelegen, wobei die Zehn den am schlimms-
ten vorstellbaren Schmerzen entspreche. Der Versicherte habe geäussert,
dass die Schmerzen auch wetterabhängig seien. Der Schnuppereinsatz in
der industriellen Montage habe gezeigt, dass der Versicherte trotz der
Schmerzen alle Arbeiten habe ausführen können. Er habe auch hier mehr
Zeit als vorgegeben benötigt. Gegenüber den Vorgesetzten und Kollegen
habe sich der Versicherte freundlich und umgänglich verhalten. Grosse
Schwierigkeiten hätten sich in der Kommunikation gezeigt. Der Versicherte
habe lediglich einfachste Gespräche führen können. Er habe mit einem
kleinen Unterbruch, aufgrund eines Missverständnisses, regelmässig die
Physiotherapie besucht und am Arbeitsplatz selber zwischendurch seine
Hände massiert, um diese zu mobilisieren. Im Umgang mit seinen Schmer-
zen habe sich immer wieder gezeigt, dass sich der Versicherte zu spät
beim Vorgesetzten gemeldet und sein tatsächliches Schmerzerleben be-
schönigt habe. Die beruflichen Möglichkeiten seien einerseits durch die
Schmerzproblematik und andererseits durch die mangelnden sprachlichen
Kompetenzen stark eingeschränkt. Bei der Neigungsabklärung sei der Ver-
sicherte trotz Gesprächen und Internetrecherchen überfordert und nicht in
der Lage gewesen, die Berufsinhalte realistisch zu erfassen. Abschlies-
send wurde eine weiterführende Massnahme in der industriellen Montage
empfohlen, sofern aus medizinischer Sicht eine Trainierbarkeit bestehe.
Der Versicherte hätte dort die Möglichkeit, die Beweglichkeit und den
Krafteinsatz weiter zu trainieren. Um die sprachlichen Kompetenzen und
damit die beruflichen Möglichkeiten zu fördern, werde der Besuch eines
Deutschkurses empfohlen.
5.5.2 Aufgrund des Berichts des Spitals E._ gab die IV-Stelle
schliesslich eine berufliche Abklärung in Auftrag. Im Abklärungsbericht der
F._ (IV-act. 101) betreffend den Zeitraum vom 23. Januar bis
17. Februar 2017 wurde als Kurzbeurteilung in Bezug auf den Beschwer-
deführer zusammenfassend festgehalten, der Versicherte könne ganztags
leichte Arbeiten ohne Anforderung an Koordination und Kraft der linken
Hand und ohne stärkere Kraftausübung des rechten Armes verrichten.
Möglich seien einfache Tätigkeiten im Bereich der Elektromontage (Kabel-
konfektionierung, Vorbereitungsarbeiten, Funktionskontrolle), Zusammen-
bau von einfachen Baugruppen, Einstellen und Bedienen von einfachen
Maschinen in der industriellen Fertigung, Qualitätssicherung. Bei ange-
passten Tätigkeiten sei mit einer Gesamtleistung von 80 % im ersten Ar-
beitsmarkt zu rechnen. Es werde ein Arbeitstraining im geschützten Rah-
men von 3-6 Monaten mit anschliessendem Job-Coaching empfohlen (vgl.
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Seite 26
S. 1).
In Bezug auf die medizinische Situation wurde in der Beurteilung insbeson-
dere festgehalten, der Versicherte falle durch eine hochgradige Schmerz-
fokussierung und Selbstlimitierung auf. Eine Aggravierung oder übermäs-
sige Verdeutlichung könnten nicht ausgeschlossen werden. Nicht auszu-
schliessen sei bei regelmässiger, seit Jahren erfolgter Einnahme das Vor-
liegen einer opioidinduzierten Hyperalgesie. In Anbetracht der offensichtli-
chen Selbstlimitierung und Schmerzfokussierung sollte entsprechend der
Leitlinien bei chronischen Schmerzkrankheiten eine Kombination aus akti-
ver Therapie mit medizinischer Trainingstherapie und eventuell auch Ver-
haltenstherapie erfolgen. Dies setze allerdings eine entsprechende Moti-
vation voraus. Diese habe im Rahmen des Reha Aufenthaltes in Bellikon
im Mai/Juni 2016 jedoch nicht festgestellt werden können. Bereits damals
seien Anzeichen einer Selbstlimitierung und Symptomausweitung ange-
nommen worden. Dies werde auch heute bestätigt (vgl. S. 15).
In der Beurteilung der beruflichen Eingliederungsmöglichkeiten wurde wei-
ter festgehalten, der Beschwerdeführer habe bekräftigt, dass er arbeiten
wolle, ansonsten habe er «viel Probleme im Kopf». Er habe angegeben,
dass er sich generell eingeschränkt fühle, und als Hauptproblem habe er
seine Angst, keine Stelle zu finden, genannt. Der Beschwerdeführer habe
sich Neuem gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen und interessiert,
aber auch unsicher gezeigt. Wenn der Auftrag klar gewesen sei, habe er
ausdauernd, konstant gearbeitet und gute Fortschritte erzielt. Er verfüge
über mittel- bis grobmanuelle Fertigkeiten und über Monotonieresistenz.
Im Umgang mit Maschinen und Material habe er gute Affinität bewiesen,
sei sorgfältig und adäquat vorgegangen. In der Aufnahme von Instruktio-
nen habe sich herausgestellt, dass er mündliche Erklärungen mit prakti-
schen Beispielen benötige, um die Aufgaben zu erfassen. Das selbstän-
dige Aneignen von Wissen mittels interaktivem Lernprogramm sei nicht
möglich gewesen, ebenso schriftliche Anleitungen (Text, Skizze) und rein
verbale Erläuterungen ohne konkrete Mustervorlage. Neben den mangeln-
den Sprachkenntnissen sei es ihm oft zu theoretisch und zu abstrakt ge-
wesen. Der Beschwerdeführer habe mit wenigen Ausnahmen einen Hand-
schuh an der linken Hand, hin und wieder auch rechts, getragen. Er habe
nur bei kraftfordernden Tätigkeiten über Beschwerden geklagt. Eine Fo-
kussierung auf die Einschränkungen sei bei eher mässigem Interesse an
einer Aufgabe oder bei intellektueller Überforderung aufgetreten. Der Be-
schwerdeführer sei stets freundlich und in ausgeglichener Stimmung er-
schienen. Er sei gut in die Gruppe integriert gewesen, habe sich allgemein
C-6315/2019
Seite 27
korrekt an die Vorgaben der F._ gehalten. Er habe während der Ab-
klärung gezeigt, dass er bei angepassten Arbeiten im ersten Arbeitsmarkt
einsetzbar sei und eine verwertbare Leistung erbringen könne. Er benötige
jedoch Unterstützung bei der Stellensuche, der Lebenslauf sei im Rahmen
der Abklärung aktualisiert worden (vgl. S. 17).
5.5.3 Aufgrund der Resultate der F._-Abklärung erteilte die IV-Stelle
dem Versicherten am 1. März 2017 eine Kostengutsprache für eine sechs-
monatige Umschulung/Einarbeitung in die industrielle Arbeit (IV-act. 94).
Im definitiven Bericht zum Arbeitstraining im Spital E._ vom 7. März
bis 30. Juni 2017 in der Abteilung industrielle Montage (IV-act. 113) wurde
zusammenfassend festgehalten, dass die berufliche Abklärung per
30. Juni 2017 im gegenseitigen Einvernehmen abgebrochen worden sei
aufgrund der ausbleibenden Aussicht auf Zielerreichung. Die Leistung des
Versicherten in den eingesetzten Bereichen, die zur Auswahl gestanden
hätten, habe nicht auf über 10 % gesteigert werden können. Das Arbeits-
tempo sei deutlich reduziert gewesen, was auf die schmerzbedingten Ent-
lastungspausen sowie behinderungsbedingte Einschränkung der feinmo-
torischen Koordination und den Krafteinsatz beider Arme zurück zu führen
gewesen sei. Die starken Schmerzen in Schulter, Ellbogen und Handge-
lenk hätten mehrmals täglich Arbeitsunterbrüche erfordert, die der Entlas-
tung (massieren, pausieren) gedient hätten. Die geplante Stellensuche in
den ersten Arbeitsmarkt mit der internen Arbeitsvermittlung habe aufgrund
der nicht verwertbaren Leistung des Versicherten nie in Angriff genommen
werden können. Die Arbeitshaltung und die Umgangsformen des Versi-
cherten seien einwandfrei gewesen und er habe stets gezeigt, dass ihm
viel daran liege, arbeiten zu können, und er sei jederzeit offen dafür gewe-
sen, neue Bereiche auszuprobieren. In der Berufsberatung habe er ver-
stärktes Interesse für technische Berufe sowie den Verkauf gezeigt. Auf-
grund der schwachen Deutschkenntnisse, der behinderungsbedingten
Fahruntauglichkeit sowie den fein- und grobmotorischen Einschränkungen
sei der Beschwerdeführer zurzeit nicht vermittelbar im ersten Arbeitsmarkt.
Wenn überhaupt könnte eines Tages eine mittelmotorisch belastende Tä-
tigkeit in Frage kommen. Diese dürfte aber auf keinen Fall mit Zwangshal-
tungen verbunden sein. Die behinderungsbedingten Schmerzen in Hand,
Ellenbogen und Schulter hätten eine Steigerung des Arbeitspensums
(50 %) nicht zugelassen. Aufgrund der motorischen Einschränkungen und
Bedarf nach Zusatzpausen während der Arbeit hätte die Arbeitsleistung bei
durchschnittlich 8 % stagniert. Im eingesetzten Bereich (industrielle Mon-
tage) bestehe aufgrund der invaliditätsbezogenen Leistungsminderung
C-6315/2019
Seite 28
(stark eingeschränkte Tätigkeitsbereiche; schmerzbedingt reduziertes Ar-
beitstempo; regelmässige Pausen) keine Vermittelbarkeit, sofern keine
weiteren Massnahmen erfolgten. Als nicht invaliditätsbezogene Gründe für
die Leistungsminderung wurden die reduzierten Sprachkenntnisse in
Deutsch aufgeführt. Die Institution empfahl schliesslich auch die Teilnahme
an einem Sprachkurs, um die Deutschkenntnisse zu verbessern und damit
die Chancen auf eine Anstellung im ersten oder zweiten Arbeitsmarkt zu
erhöhen (vgl. S. 1 f.).
Der detaillierteren Beurteilung ist in Bezug auf die Selbstkompetenzen des
Beschwerdeführers insbesondere zu entnehmen, der Beschwerdeführer
scheine wenig Perspektiven beziehungsweise Strategien entwickeln zu
können, die ihm aus der Situation helfen könnten (Schmerzbewältigung
und berufliche Perspektiven). Ausserdem sei die Selbsteinschätzung im
Schmerzprotokoll fraglich, da häufig sehr hohe Wertungen im Schmerzpro-
tokoll eingetragen seien, die von aussen betrachtet nicht nah am «grössten
vorstellbaren Schmerz» lägen (vgl. S. 6).
5.5.4 Zusammenfassend kann aufgrund der dargestellten Berichte festge-
halten werden, dass dem Beschwerdeführer – wie von ihm im vorliegenden
Beschwerdeverfahren geltend gemacht – durchwegs eine einwandfreie Ar-
beitshaltung und mehrheitlich auch grosse Motivation attestiert wurden,
wobei die F._ diesbezüglich festgehalten hat, bei eher mässigem
Interesse an einer Aufgabe oder bei intellektueller Überforderung sei es zu
einer Fokussierung auf die Einschränkungen gekommen. In den Berichten
der ausführlichen beruflichen Abklärungen finden sich jedoch keine Hin-
weise darauf, dass der Beschwerdeführer ein nicht einwandfreies Arbeits-
verhalten gezeigt beziehungsweise einen nicht einwandfreien Arbeitsein-
satz geleistet haben soll.
5.6 Im Zusammenhang mit den dargestellten Ergebnissen der IV-Einglie-
derungsmassnahmen (vgl. E. 5.5 ff.) ist für das H._-Gutachten vor
dem Hintergrund der Rügen des Beschwerdeführers (vgl. oben E. 5.3.1)
Folgendes festzuhalten:
5.6.1 Grundsätzlich ist festzustellen, dass den Gutachter/innen die Unter-
lagen zu den IV-Eingliederungsmassnahmen – neben den übrigen relevan-
ten medizinischen Unterlagen – vorlagen und diese teilweise Eingang ins
Gutachten fanden.
In der Konsensbeurteilung des H._-Gutachtens ist unter dem Titel
C-6315/2019
Seite 29
medizinischer Sachverhalt insbesondere festgehalten: «2017 wurde eine
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in der F._ (...) durchgeführt; dabei
wurde für eine leichte Tätigkeit, bei der keine grossen Einsätze der Hand
mit Kraft ausgeführt werden müssen, eine 80 %-ige Arbeitsfähigkeit im ers-
ten Arbeitsmarkt angenommen. Daraufhin wurde im Rahmen der Frühin-
tegrationsmassnahmen eine 6-monatige Umschulung in der Verpackerei
des Spitals E._ begonnen. Diese Umschulung musste vorzeitig ab-
gebrochen werden; gemäss Abschlussbericht erbrachte der Explorand nur
eine Leistung von 6 bis 8 %, es bestehe keine Vermittelbarkeit im ersten
Arbeitsmarkt.» (vgl. IV-act. 137 [S. 3]). Ausserdem sind die Berichte der
F._ und des Arbeitstrainings am Spital E._ jeweils im Akten-
auszug des H._-Gutachtens aufgeführt (vgl. S. 18).
Weiter wurden im psychiatrischen Teilgutachten die Inkonsistenzen betref-
fend Schmerzfokussierung, Selbstlimitierung und eventuell übermässiger
Verdeutlichung in Bezug auf die F._-Abklärung und das Arbeitstrai-
ning am Spital E._ aufgenommen. Diesbezüglich hat
Dr. K._ festgehalten, es lasse sich nicht abschliessend klären, in-
wieweit die vielleicht entstandene Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Anteilen seitens der F._-Abklärer nicht geglaubt wor-
den sei. Ein Nachweis von Beschwerdeverdeutlichung oder Aggravation
sei jedoch nicht erfolgt (vgl. IV-act. 137 [S. 31]). Auch im neurologischen
Teilgutachten wurden der F._-Abklärungsbericht und die berufliche
Massnahme am Spital E._ zumindest in der Herleitung der Diag-
nose erwähnt (vgl. S. 61).
5.6.2
5.6.2.1 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, die Ausführungen
des handchirurgischen Teilgutachters seien nicht schlüssig, da er keinen
Bezug auf die gescheiterten Wiedereingliederungsbemühungen nehme,
und dessen Annahme einer Arbeitsfähigkeit von 80 % (in angepasster Tä-
tigkeit) würde den Ergebnissen der IV-Abklärungsmassnahmen widerspre-
chen, ist festzuhalten, dass sich der handchirurgische Gutachter tatsäch-
lich mit keinem Wort zu den Eingliederungsbemühungen und den IV-Ab-
klärungsmassnahmen äussert. Insbesondere findet sich im erwähnten Teil-
gutachten keine Erklärung, weshalb der Gutachter trotz erheblicher Diskre-
panz mit der Leistung des Beschwerdeführers, wie sie während der beruf-
lichen Abklärung bei einwandfreiem Arbeitsverhalten und -einsatz effektiv
realisiert werden konnte und gemäss Einschätzung der Berufsfachleute
C-6315/2019
Seite 30
objektiv realisierbar war, dennoch von einer Arbeitsfähigkeit von 80 % in
angepasster Tätigkeit ausgeht.
5.6.2.2 Hinsichtlich der vom Beschwerdeführer geltend gemachten Wider-
sprüche im handchirurgischen Teilgutachten wird aus dem Textzusammen-
hang auf Seite 9 (bzw. S. 49 des Gesamtdokuments [IV-act. 137]) klar,
dass es sich um ein offensichtliches redaktionelles Versehen des Gutach-
ters handeln muss und er bei der Arbeitsfähigkeit von 80 % nicht von der
angestammten, sondern von der angepassten Tätigkeit ausgegangen ist.
5.6.2.3 Obwohl retrospektive Beurteilungen der Arbeits(un)fähigkeit
schwierig sind und deshalb entsprechende Begutachtungen erhöhten An-
sprüchen genügen müssen (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts
[BVGer] C-3577/2018 vom 4. Februar 2020 E. 5.3 mit Hinweis auf C-
8902/2010 vom 14. März 2013 E. 5.2.1 m.w.H.), ist erstellt, dass der Be-
schwerdeführer bereits aus rein neurologischer und handchirurgischer
Sicht zufolge der im neurologischen Teilgutachten vom 18. September
2018 diagnostizierten Digitalnervenläsion mit schmerzbedingt reduzierter
Halte-/Greifkraft (IV-act. 137 [S. 62]) und des im handchirurgischen Teilgut-
achten vom 27. September 2018 diagnostizierten deutlich eingeschränkten
Faustschlusses der linken Hand mit deutlichem Kraftdefizit (IV-act. 137
[S. 49]) in der angestammten Tätigkeit als Maschinenführer seit dem Un-
fallereignis vom 28. Januar 2015 über keine nennenswerte Arbeitsfähigkeit
mehr verfügt. Diese Einschätzung wurde im Übrigen auch anlässlich der
Konsensbeurteilung der beteiligten Gutachter/innen (IV-act. 137 [S. 7 f.])
sowie in den Stellungnahmen der RAD-Ärztin Dr. G._, Fachärztin
für orthopädische Chirurgie und Traumatologie FMH, vom 9. Januar 2019
(IV-act. 139) beziehungsweise des medizinischen Dienstes der IVSTA vom
6. September 2019 und 9. Oktober 2019 (IV-act. 170 und 173) nicht in
Frage gestellt.
5.6.3 Weiter wird auch aus der interdisziplinären Gesamtbeurteilung nicht
ersichtlich, weshalb letztlich von einer Restarbeitsfähigkeit von 60 % (bei
100 % Leistungsfähigkeit) ausgegangen wird, obwohl der Beschwerdefüh-
rer anlässlich der abgebrochenen Umschulung bei einem Pensum von
50 %, welches auch nicht gesteigert werden konnte, lediglich in der Lage
war, eine Leistung von durchschnittlich 8 % zu erbringen. Da sich die Ein-
schränkung der Arbeitsfähigkeit von 40 % gemäss interdisziplinärer Ge-
samtbeurteilung durch die verminderte Durchhaltefähigkeit und erhöhte Er-
müdbarkeit bei chronischer Schmerzstörung ergebe, ist in diesem Zusam-
menhang insbesondere das psychiatrische Teilgutachten von Interesse.
C-6315/2019
Seite 31
Wie bereits festgehalten (vgl. oben E. 5.6.1) werden darin die Inkonsisten-
zen betreffend Schmerzfokussierung, Selbstlimitierung und eventuell über-
mässiger Verdeutlichung in Bezug auf die F._-Abklärung und das
Arbeitstraining am Spital E._ besprochen. Allerdings werden die
Diskrepanzen zur Arbeits- und Leistungsfähigkeit im Rahmen der abgebro-
chenen Umschulung ebenfalls nicht thematisiert.
5.6.4 Im Zusammenhang mit der Tramadol-Einnahme des Beschwerdefüh-
rers hatte zudem Dr. med. U._, Facharzt Orthopädie und Trauma-
tologie, im F._-Bericht vom 10. März 2017 festgehalten, bei regel-
mässiger seit Jahren erfolgter Einnahme sei das Vorliegen einer opioidin-
duzierten Hyperalgesie nicht auszuschliessen. Ein Ersatz dieser Medika-
tion durch andere nicht suchterzeugende Analgetika sei dringend anzura-
ten (IV-act. 101 [S. 15]). Gemäss den eigenen Angaben im allgemeinmedi-
zinischen, handchirurgischen und neurologischen Teilgutachten nimmt der
Beschwerdeführer dreimal täglich Zaldiar ein (vgl. IV-act. 137 [S. 22; 44;
55]), welches neben Paracetamol das Opioid Tramadol enthält (vgl.
Fachinformation zu Zaldiar unter www.compendium.ch; abgerufen am
14. Juli 2021). Zwar hat sich insbesondere das psychiatrische Teilgutach-
ten mit der im F._-Bericht in diesem Zusammenhang ebenfalls fest-
gehaltenen hochgradigen Schmerzfokussierung und Selbstlimitierung aus-
einandergesetzt. Im neurologischen Teilgutachten wird zudem eine Hyper-
algesie Digitus II und IV links festgestellt, allerdings wird dazu festgehalten,
die Ausdehnung über das eigentliche Autonomiegebiet hinaus weise auf
eine zentrale respektive eine periphere Schmerzsensitivierung hin, die sich
häufig im Laufe der Zeit infolge von Läsionen neuraler Strukturen ausbilde
(IV-act. 137 [S. 62]). Entsprechend lässt sich weder den Teil- noch dem
Gesamtgutachten eine Diskussion der im F._-Bericht durch einen
Arzt aufgeworfenen allfälligen opioidinduzierten Hyperalgesie entnehmen.
5.6.5 Aufgrund der obigen Ausführungen begründen die Ergebnisse der IV-
Eingliederungsmassnahmen ernsthafte Zweifel an den ärztlichen Annah-
men der H._-Gutachter/innen, welche das Einholen einer klärenden
medizinischen Stellungnahme bei den H._-Gutachter/innen erfor-
derlich machen.
5.7 Das H._-Gutachten weist überdies weitere Unklarheiten bezie-
hungsweise Unvollständigkeiten auf, die abzuklären sind:
5.7.1 Das psychiatrische Teilgutachten enthält keine – aufgrund der
Schmerzproblematik und der fraglichen Folgen einer Opiateinnahme – sich
C-6315/2019
Seite 32
aufdrängende und durch die bundesgerichtliche Praxis (vgl. BGE141 V
281) gebotene Erhebung der Standardindikatoren und keine Plausibilisie-
rung der Ergebnisse der klinischen Untersuchung anhand der Indikatoren.
Insofern erweist sich das Gutachten als unvollständig und ist entsprechend
zu ergänzen. Die von der Vorinstanz in der Verfügung vom 28. Oktober
2019 vorgenommene Indikatorenprüfung (vgl. IV-act. 174) ist im Übrigen
aufgrund der festgestellten Unstimmigkeiten im H._-Gutachten (vgl.
oben E. 5.6) vorliegend nicht zielführend.
5.7.2 In der interdisziplinären Gesamtbeurteilung wird hinsichtlich der Be-
urteilung der aktuellen Arbeitsfähigkeit in angepasster Tätigkeit von den
H._-Gutachter/innen auf Seite 8 darauf hingewiesen, die Ein-
schränkung von 40 % (langsameres Arbeitstempo und verminderte Durch-
haltefähigkeit) entspreche auch in etwa der 36 %-igen Suva-Rente (Verfü-
gung vom 21. Dezember 2017 [IV-act. 119 {S. 2 ff.}]).
Diesbezüglich ist jedoch festzuhalten, dass die Suva lediglich die kausalen
Unfallfolgen der Ereignisse vom 10. Januar 2014 und 28. Januar 2015 be-
rücksichtigt hat. In der Verfügung wurde sodann ausdrücklich festgehalten,
dass eine allenfalls neben den organisch bedingten Unfallfolgen vorlie-
gende Psychenproblematik und eine damit einhergehende Beeinträchti-
gung der Leistungsfähigkeit nicht adäquate Folge des versicherten Unfal-
les wäre und die Suva diesbezüglich keine Leistungen erbringen könne.
Weiter handelt es sich bei den angegebenen 36 % um die berechnete un-
fallbedingte Erwerbseinbusse. Es ist daher nicht nachvollziehbar, weshalb
sich die H._-Gutachter/innen bei der Begründung der aktuellen Ar-
beitsfähigkeit auf die Suva-Rente beziehen und damit die 40 % Einschrän-
kung offenbar weitergehend abstützen wollen, obwohl einerseits die
H._-Gutachter/innen die Arbeitsunfähigkeit von 40 % überwiegend
psychiatrisch begründen, was bei der Suva-Rente ausdrücklich nicht be-
rücksichtigt worden ist, und andererseits die angegebenen 36 % der Suva-
Rente nicht der Arbeitsunfähigkeit, sondern der unfallbedingten Erwerbs-
einbusse und damit dem ermittelten IV-Grad entspricht. Diesbezüglich ist
ebenfalls eine klärende medizinische Stellungnahme bei den H._-
Gutachter/innen einzuholen.
5.7.3 Zwischenzeitlich wurde zudem die Verfügung der Suva vom 21. De-
zember 2017 durch jene vom 7. Mai 2019 ersetzt (IV-act. 153 [S. 2 ff.]),
welche überwiegend auf das orthopädisch-handchirurgische Gutachten
vom 11. Februar 2019 (IV-act. 150 [S. 8 ff.]) abstellt und eine Erwerbsein-
busse von 40 % feststellt. Aufgrund des Zeitablaufs konnten den
C-6315/2019
Seite 33
H._-Gutachter/innen die erwähnten Unterlagen im Zeitpunkt der
Gutachtenserstellung noch gar nicht vorliegen. Da ohnehin eine Ergän-
zung des Gutachtens erforderlich ist (vgl. oben E. 5.6.5), ist es angezeigt,
den H._-Gutachter/innen das orthopädisch-handchirurgische Gut-
achten vom 11. Februar 2019 ebenfalls zur Stellungnahme zukommen zu
lassen. Diesbezüglich wird insbesondere zu berücksichtigen sein, dass
sich das Suva-Gutachten einerseits nur mit den unfallbedingten Gesund-
heitsschäden auseinandersetzt und andererseits – wie vom Beschwerde-
führer zutreffend ausgeführt (vgl. B-act. 1 Rz. 31) – in Unkenntnis der IV-
Eingliederungsmassnahmen ergangen ist.
5.7.4 Die H._-Gutachter/innen sind daher zu einer Gutachtenser-
gänzung unter Vornahme einer Standardindikatorenprüfung sowie einer
klärenden Stellungnahme hinsichtlich des Verweises auf die Suva-Rente
aufzufordern und es ist ihnen gleichzeitig das orthopädische-handchirurgi-
sche Gutachten vom 11. Februar 2018 zur Stellungnahme zu unterbreiten.
5.8 Zusammenfassend ist für das Bundesverwaltungsgericht insbesondere
mit Blick auf die Ergebnisse der IV-Eingliederungsmassnahmen nicht
rechtsgenüglich nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer in einer lei-
densangepassten Verweistätigkeit gemäss der von den Gutachter/innen
abgegebenen Beurteilung seit September 2015 eine Arbeitsfähigkeit von
60 % beziehungsweise eine Arbeitsunfähigkeit von 40 % aufweist. Insofern
erweist sich das Einholen einer Gutachtensergänzung als unabdingbar.
Ausserdem ist das Gutachten um eine Standardindikatorenprüfung sowie
um Stellungnahmen hinsichtlich des Verweises auf die Suva-Rente und
des orthopädisch-handchirurgischen Gutachtens vom 11. Februar 2018 zu
ergänzen. Entsprechend ist die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen,
damit sie nach Rücksprache mit den Gutachter/innen, deren Äusserungen
in einer schriftlichen Stellungnahme konkret und nicht bloss hypothetisch
zu erfolgen haben, die vorliegenden Unklarheiten auflösen lässt. Gleich-
zeitig ist eine Gutachtensergänzung mit aktualisierter Verlaufsbegutach-
tung seit Dezember 2018 vorzunehmen. Sollte die Vorinstanz nach sorg-
fältiger Prüfung der ergänzten und präzisierten H._-Expertise vom
3. Dezember 2018 zum Ergebnis gelangen, dass diese nach wie vor nicht
voll beweiskräftig ist, hat sie ein neues polydisziplinäres Gutachten in Auf-
trag zu geben.
6.
Mit Blick auf die Ausführungen von Dr. K._, Facharzt Psychiatrie
C-6315/2019
Seite 34
und Psychotherapie FMH, im psychiatrischen Teilgutachten vom 20. Sep-
tember 2018 (IV-act. 137 [S. 26 ff.]), wonach zeitnah eine schmerzspezifi-
sche Psychotherapie begonnen werden sollte, hat die Vorinstanz nach
neuer Ermittlung des vollständigen und richtigen medizinischen Sachver-
halts den Beschwerdeführer – sollten Massnahmen in Form einer ambu-
lanten oder stationären Therapie und/oder medikamentösen Behandlung
weiterhin indiziert sein – unter Hinweis auf die Schadenminderungspflicht
(vgl. hierzu Urteil des BGer 9C_242/ 2009 vom 30. April 2009 sowie BGE
113 V 22 E. 4a m.H.) unverzüglich aufzufordern, sich diesen Massnahmen
bei entsprechender Zumutbarkeit zu unterziehen.
7.
Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass nach der Rechtsprechung
ganz allgemein der Grundsatz gilt, dass eine invalide Person, bevor sie
Leistungen verlangt, alles ihr Zumutbare selber vorzukehren hat, um die
Folgen ihrer Invalidität bestmöglich zu mildern; deshalb besteht kein Ren-
tenanspruch, wenn sie selbst ohne Eingliederungsmassnahmen zumut-
barerweise in der Lage wäre, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkom-
men zu erzielen (vgl. hierzu BGE 138 I 205 E. 3.2 und 113 V 22 E. 4a; SVR
2007 IV Nr. 1 E. 5.1). Berufliche Eingliederungsmassnahmen setzen in ge-
nereller Hinsicht insbesondere auch die Erfüllung der versicherungsmässi-
gen Kriterien und die subjektive und objektive Eingliederungsfähigkeit von
versicherten Personen voraus (vgl. hierzu bspw. Urteil des BGer
8C_667/2015 vom 6. September 2016 E. 4.2 m.H.). Im Rahmen der ergän-
zenden Abklärungen wird die Vorinstanz auch zu prüfen haben, ob der Be-
schwerdeführer, über dessen Rentengesuch noch nicht rechtskräftig ent-
schieden worden ist, trotz Wechsel seines Wohnsitzes nach Deutschland
und weggefallener obligatorischer Versicherung allenfalls einen Anspruch
auf Eingliederungsmassnahmen aus der Nachversicherungsklausel in
Ziff. 8 der besonderen Vorschriften betreffend die Schweiz in Anhang XI
der VO Nr. 883/2004 hat (vgl. auch Urteil des BVGer C-2286/2016 vom
27. September 2019 E. 5.1).
8.
Nach dem vorstehend Dargelegten erweist sich der rechtserhebliche Sach-
verhalt nicht vollständig und damit rechtsgenüglich abgeklärt und gewür-
digt (Art. 43 ff. ATSG sowie Art. 12 VwVG). Eine Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz zur weiteren Abklärung, in Nachachtung des Untersu-
chungsgrundsatzes (Art. 43 Abs. 1 ATSG), ist unter diesen Umständen
möglich, da sie in der notwendigen Klarstellung, Präzisierung und Ergän-
zung des H._-Gutachtens vom 3. Dezember 2018 begründet liegt
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(vgl. BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4 m.H.; 141 V 281 E. 6.4). Den im Rahmen
des Schriftenwechsels gestellten vorinstanzlichen Anträgen auf Gewäh-
rung einer Viertelsrente ab 1. Januar 2016 beziehungsweise einer halben
Rente ab 1. Februar 2016 ist daher nicht stattzugeben. Die Beschwerde
vom 29. November 2019 ist demnach insoweit gutzuheissen, als die ange-
fochtene Verfügung vom 28. Oktober 2019 aufzuheben ist und die Akten
im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zur Durchführung weiterer Ab-
klärungen und anschliessendem Erlass einer neuen Verfügung zurückzu-
weisen sind.
9.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt gemäss Art. 63 Abs. 1 und
Abs. 3 VwVG die Verfahrenskosten in der Regel der unterliegenden Partei.
Da eine Rückweisung praxisgemäss als Obsiegen der Beschwerde führen-
den Partei gilt (BGE 132 V 215 E. 6), sind dem Beschwerdeführer im vor-
liegenden Fall keine Verfahrenskosten aufzuerlegen und ist ihm der einbe-
zahlte Kostenvorschuss von Fr. 800.- nach Eintritt der Rechtskraft des vor-
liegenden Urteils auf ein von ihm bekanntzugebendes Konto zurückzuer-
statten. Der Vorinstanz sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 2 VwVG).
9.2 Die ganz oder teilweise obsiegende Partei hat Anspruch auf eine Par-
teientschädigung (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 7 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Parteientschädigung
umfasst die Kosten der Vertretung sowie allfällige weitere Auslagen der
Partei (Art. 8 Abs. 1 VGKE). Unter Berücksichtigung des Verfahrensaus-
gangs, des gebotenen und aktenkundigen Aufwands, der Bedeutung der
Streitsache und der Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfah-
rens ist eine Parteientschädigung von Fr. 2'800.- (inkl. Auslagen, ohne
Mehrwertsteuer [vgl. dazu Urteil des BVGer C-6173/2009 vom 29. August
2011 m.H.]; Art. 9 Abs. 1 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE [Stundenansatz für An-
wälte/Anwältinnen mindestens Fr. 200.- und höchstens Fr. 400.- und für
nichtanwaltliche Vertreter und Vertreterinnen mindestens Fr. 100.- und
höchstens Fr. 300.-]) gerechtfertigt. Die unterliegende Vorinstanz hat kei-
nen Anspruch auf eine Parteientschädigung (Art. 7 Abs. 3 VGKE).
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