Decision ID: 3dcf8b67-be6e-4bd4-b947-fc06b077b184
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Seine
Eltern meldeten den am
6.
Februar 2012 (
Urk.
12/2
)
geborenen
X._
am
6.
Juli 2021 bei der Invalidenversicherung zum Bezug medizi
nischer Massnahmen an (
Urk.
12/1).
Die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
holte daraufhin medizinische Berichte ein
(
Urk.
12/4-11)
, insbesondere den Bericht vom 2
8.
September 2021 von
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
; gemäss diesem Bericht war
beim Beschwerdeführer die Diagnose eines infantilen POS
gemäss Ziffer 404
des Anhangs
der
Verordnung über Geburtsgebrechen (
GgV
, in der bis 3
1.
Dezember 2021 in Kraft gewesenen Fassung
)
gestellt
worden
(
Urk.
12/11/5-9).
Nach Durch
füh
rung des
Vorbescheidverfahrens
(
Urk.
12
/12-15,
Urk.
12/17
-18)
lehnte die IV-Stelle
eine Kostengutsprache für medizinische Massnahmen
mit Verfügung vom
4.
Januar 2022
ab
.
Dies begründete sie damit
, das Geburtsgebrechen Ziffer 404 sei erst nach dem neunten Geburtstag des Versicherten und damit verspätet diagnostiziert worden (
Urk.
12/19 =
Urk.
2).
2.
D
er Versicherte, gesetzlich vertreten durch
seine
Mutter
Y._
,
reichte mit Eingabe vom 2
8.
Januar 2022 beim Sozialversicherungsgericht ein Gesuch um Verlängerung der Beschwerdefrist ein, weil er bei der IV-Stelle weitere wichtige Dokumente zur Nachprüfung eingereicht habe. Zudem
ersuchte er darum
, seine Eingabe als Einsprache (richtig: Beschwerde)
gegen die Ablehnung einer Kostengutsprache für die Behandlung des Geburtsgebrechens Ziffer 404
zu behandeln, falls die IV-Stelle seinen Anspruch auf
medizinische
Massnahmen nicht doch noch anerkenne (
Urk.
1). Das Gericht
nahm diese Eingabe als Beschwerde entgegen und setzte der IV-Stelle mit Verfügung vom
1.
Februar 2022 Frist
zur Beschwerdeantwort an
(
Urk.
4).
Am 2
7.
und 2
8.
Januar 2022
wurden
der IV-Stelle neue
Unterlagen ein
gereicht
(
Urk.
12/
20
=
Urk.
12/
24,
Urk.
12/
22,
Urk.
12/
26-27
)
.
Die IV-Stelle
prüfte
darauf
hin den
Leistungsanspruch
unter Berücksichtigung
dieser weiteren
Unterlagen
erneut
(
Urk.
12/
21
,
Urk.
12/
29
)
.
A
m
3.
Februar 2022
teilte sie
der Mutter des Versicherten
mit, dass
sie
eine
Kosten
gutsprache für
die
Behandlung des Geburts
gebrechens Ziffer 404
weiterhin ablehne
(
Urk.
12/
30
).
Mit Eingabe vom
9.
Februar 2022 nahm
die Mutter des Versicherten
gegenüber dem Sozialversicherungsgericht
ergänzend zur Sache Stellung (
Urk.
6
; vgl. auch
Urk.
12/36
) und reichte weitere Unterlagen ein (
Urk.
7/1a-5). Eine Kopie dieser Eingabe wurde der IV-Stelle zur Stellungnahme innert der laufenden Frist zur Beschwerdeantwort zugestellt (
Urk.
8). Mit Beschwerdeantwort vom
9.
März 2022 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
10).
In der
Replik vom 2
4.
März 2022
liess der Versicherte
an seinem Antrag
auf Erteilung der Kostengutsprache für medizinische Massnahmen fest
halten
(
Urk.
15), während die IV-Stelle am
2.
Mai 2022 auf eine Duplik verzichtete (
Urk.
18). Dies wurde de
r Mutter des Versicherten
mit Verfügung vom
3.
Mai 2022
mitgeteilt
(
Urk.
19).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV)
sowie eine Neufassung der Verordnung über Geburtsge
brechen (
GgV
; neu
GgV
-EDI)
in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Deshalb sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nachfolgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.2
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3 Abs. 2 ATSG) notwendigen medizi
nischen Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1 IVG). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Massnahmen gewährt werden (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, die bei vollendeter Geburt bestehen (
Art.
3
Abs.
2 ATSG in Verbindung mit
Art.
1
Abs.
1 Satz 1
GgV
).
Die blosse Veranlagung zu einem Leiden gilt nicht als Geburtsgebrechen. Der Zeit
punkt, in dem ein Geburtsgebrechen als solches erkannt wird, ist unerheblich (
Art.
1
Abs.
1
GgV
). Die Geburtsgebrechen sind in der Liste im Anhang aufgeführt
(
Art.
1
Abs.
2
GgV
).
1.3
1.3.1
Geb
urtsgebrechen im Sinne von Ziffer
404 Anhang
GgV
sind Störungen des Verhaltens bei Kindern mit normaler Intelligenz, im Sinne krankhafter Beein
trächtigung der Affektivität oder Kontaktfähigkeit, bei Störungen des Antriebes, des Erfassens, der perzeptiven Funktionen, der Wahrnehmung, der Konzentra
tionsfähigkeit sowie der Merkfähigkeit [ADHS; früher
«
psychoorganisches Syndrom
»
, POS
; vgl. das Urteil des Bundesgerichts 9C_418/2016 vom
4.
Novem
ber 2016 E. 4
], sofern sie mit bereits gestellter Diagnose als solche vor der Vollendung des
neunten
Altersjahres auch behandelt worden sind.
Nach der
-
g
esetzes- und
v
erordnungskonformen (vgl.
BGE 122 V 113 E. 2 f. und
Urteil
e
des Bundesgerichts
8C_159/2020 vom 1
4.
Mai 2020 E. 2.2 sowie
8C_316/2018
vom 2
3.
Oktober 2018
E. 4.3
mit Hinweisen) -
Verwaltungspraxis gelt
en die Voraussetzungen von Ziffer
404
GgV
Anhang als erfüllt, wenn
die dort aufgeführten Symptome
vor Vollendung des
neunten
Altersjahres kumulativ nachgewiesen
sind
,
wobei es genügt, wenn sie nicht alle gleichzeitig, sondern erst nach und nach
auftreten (vgl. Ziffer
2.1
des A
nhangs 7
des
Kreisschreiben
s
über die medizinischen
Eingliederungsmassnahmen
der Invalidenversicherung
[KSME, Stand
1.
Juli 2021).
1.3.2
Nach ständiger Rechtsprechung handelt es sich bei der objektiven Bedingung
«
mit bereits gestellter Diagnose als solche vor der Vollendung des
neunten
Altersjahres auch behandelt
»
um zwei kumulativ zu erfüllende Anspruchsvoraussetzungen im Sinne von Abgrenzungskriterien, um zu entscheiden, ob die Stör
ung angeboren oder erworben ist.
Auf diese beiden Voraussetzungen kann nicht verzichtet werden. Sie beruhen auf der empirischen Erfahrung, dass ein erst später diagnos
tiziertes und behandeltes Leiden nicht mehr auf einem angeborenen, sondern
auf
einem erworbenen POS beruht, welches nicht von der Invaliden-, sondern von der Krankenversicherung zu übernehmen ist.
Die Befristung bezweckt, spätere Einflussfaktoren auszuschliessen, die mit dem Geburtsgebrechen nichts zu tun haben, aber dennoch zu den erwähnten Symptomen führen können.
Erfolgen Diagnose und Behandlungsbeginn erst nach dem vollendeten neunten Altersjahr, besteht die unwiderlegbare Rechtsvermutung, dass ein erworbenes und kein angeborenes POS vorliegt. Damit entfällt auch der nachträgliche Beweis, dass die Möglichkeit der Diagnosestellung vor Vollendung des neunten Altersjahres bestanden habe. Selbst wenn es, objektiv betrachtet, an sich möglich gewesen wäre, rechtzeitig eine Diagnose zu stellen, dies aber im konkreten Einzelfall - aus welchen Gründen auch immer - nicht geschah, hat die Invalide
nversicherung gestützt auf Ziffer
404
GgV
Anhang keine medizinischen Massnahmen zu erbrin
gen. Zudem genügt eine Verdachtsdiagnose rechtsprechungsgemä
ss den Voraus
setzungen von Ziffer
404
GgV
Anhang nicht
(Urteile des Bundesgerichts 9C_418/2016 vom
4.
November 2016 E. 4 sowie 8C_23/2012
vom
5.
Juni 2012
E. 5.1.1-2
unter Hinweis auf BGE 122 V 113 E
.
2f,
3c/
bb
und E. 4c
).
1.3.3
Allerdings wäre es überspitzt formalistisch, ein POS nur dann als rechtzeitig diagnostiziert zu qualifizieren, wenn auch der entsprechende Untersuchungs
bericht
vor dem neunten Geburtstag verfasst wurde. Entscheidend ist, ob die der Diagnose
zugrunde liegenden
Störungen vor dem massgebenden Zeitpunkt des vollendeten neunten Altersjahres zweifelsfrei festgestellt wurden (Urteil des Bundesgerichts 8C_23/2012
vom
5.
Juni 2012
E. 5.1.2
; vgl. auch Z
iffer
404.5 KSME)
, und zwar von einem Facharzt (Urteil des Bundesgerichts
9C_419/2016 vom
2.
November 2016 E. 7.2).
Darüber hinaus darf die beweisrechtliche Frage, ob die rechtzeitig gestellte Diagnose eines POS zutrifft, auch mit erst nach dem neunten Geburtstag vorgenommenen ergänzenden Abklärungen beantwortet werden (Urteil des Bundesgerichts 8C_23/2012 vom
5.
Juni 2012 E. 5.2.2 unter Hinweis auf BGE 122 V 113 E. 2f).
1.3.4
Laut Informationsschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen BSV 04/2020 zu Covid-19 an die IV-Stellen ist die Anerkennung des Geburtsge
brechens Ziffer 404
auch nach Überschreiten der Altersgrenze möglich, wenn die Verspätung
der Abklärung
auf die ausserordentliche Lage zurückzuführen ist
(
Urk.
11)
.
2.
2.1
Die IV-Stelle begründet
ihre Ablehnung einer Kostengutsprache für medizinische Massnahmen in der angefochtenen Verfügung und in der Beschwerdeantwort damit, die Anerkennung eines
Geburtsgebrechens gemäss Ziffer 404 der Liste im Anhang zur
GgV
und damit die Übernahme der entsprechenden Behandlungs
kosten durch die Invalidenversicherung setze zwingend voraus
, dass das Geburts
gebrechen vor Vollendung des
neunten
Lebensjahrs diagnostiziert, dokumentiert und behandelt worden sei (
Urk.
2 S. 1 ff.,
Urk.
10).
Eine Ausnahme
von der strikten Einhaltung der Altersgrenze
sei mit dem Informationsschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen BSV 04/2020 zu Covid-19 für die Zeit der ausserordentlichen Lage gemacht worden, soweit die Verspätung auf die ausser
ordentliche Lage zurückzuführen sei (
Urk.
10 S. 2).
Die Mutter des
Versicherten
habe nach einem Vorgespräch am
5.
Mai 2020 mit den weiteren Abklärungen noch zuwarten wollen. Am 1
9.
Juni 2020 sei die ausserordentliche Lage beendet gewesen. Danach hätten die notwendigen Abklärungen grundsätzlich rechtzeitig
wieder aufgenommen
werden können, um noch vor dem neunten Geburtstag am
6.
Februar 2021 die Diagnose stellen und mit der Behandlung beginnen zu können.
Die Mutter habe den
Versicherten
aber erst a
m 2
0.
September 2020
,
etwa drei Monate nach Beendigung der ausserordentlichen Lage,
für weitere Abklä
rungen angemeldet,
als
seine
Situation sich nach dem Übertritt in die dritte Kla
sse deutlich verschlimmert habe
.
Die definitive Diagnose des Geburtsgebrechens Ziffer 404 sei
dann
am
6.
April 2021 und damit verspätet gestellt worden. Die Diagnosestellung sei somit
in erster Linie
durch Einflussnahme der Mutter verzö
gert worden. Die Pandemie habe bloss ein
Treffen von mindestens acht Personen am gleichen Ort verzögert, welches
Teil der Abklärungen
ge
bilde
t habe
. Weshalb die Diagnose ohne dieses Treffen nicht hätte gestellt werden können
, sei aber nicht nachvollziehbar (
Urk.
2 S. 2 f.,
Urk.
10 S. 2
,
Urk.
12/30/1
; vgl. auch
Urk.
18
).
2.2
Die Mutter des
Versicherten
macht
demgegenüber geltend
, sie habe alles unter
nommen, damit der S
chlussbericht
mit der definitiven Diagnose
rechtzeitig eingereicht werden könne. Auf die versäumte Fristeinhaltung habe sie keinen E
influss gehabt
(
Urk.
1).
Dabei habe n
icht die ausserordentliche Lage
zur
entscheidend
en V
erzöger
ung geführ
t. Sie habe die Abklärungen
bereits
Ende 2020, als der
Versicherte
noch acht Jahre alt gewesen sei, vorangetrieben. Dass der
Bericht mit der definitiven Diagnose erst rund zwei Monate nach seinem
9.
Geburtstag fertiggestellt worden sei, liege daran, dass
die Schulleitung, welche
in den Entscheidungsprozess der Diagnosestellung involviert gewesen sei, ein aus ihrer Sicht zwingend notwendiges Treffen mit physischer Anwesenheit von mindestens acht Personen
erst im April
2021
habe durchführen können, weil die
damals geltenden Corona-Bestimmungen
dies nicht früher
erlaubt
hätten (
Urk.
6 S. 1 f.; vgl. auch
Urk.
7/1a)
.
Auch der behandelnde Arzt habe mit Schreiben vom 2
7.
Januar 2022 bestätigt, dass die Abklärung der Diagnose unter normalen Umständen rechtzeitig erfolgt wäre und nur die kantonal angeordneten Corona-Massnahmen zur Verzögerung geführt hätten (
Urk.
15 S. 1).
Die Kritik der IV-Stelle, die Art der letzten Abklärungen sei nicht nachvollziehbar, sei willkürlich und entbehre einer Grundlage. Die Bestimmung der notwendigen Abklärungen obliege dem zuständigen Arzt. Sowohl dieser als auch die Schule hätten bestätigt, dass das gewählte Vorgehen für eine professionelle Abklärung erforderlich gewesen sei.
Die Antragsteller treffe bezüglich des
Verzug
s
also kein
V
erschu
l
den
.
Ohne die Corona-M
assnahmen hätte die Frist
bis zum
6.
Februar 2021 eingehal
ten werden können.
Zudem seien alle erforderlichen Handlungen nach Wegfall des Hindernisses umgehend nachgeholt worden.
Somit seien die Antragsteller so zu stellen, als wären die auf die Corona-Massnahmen zurückzuführenden Verzö
gerungen nie gewesen; mithin seien die Frist
w
iederherzustellen und die Kosten
gutsprache zu erteilen
(
Urk.
6 S. 1 f.
,
Urk.
15 S. 2
)
.
3.
Aus den Akten geht hervor, dass
Dr.
med.
A._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, den Beschwerdeführer am
2.
März 2020
bei Verdacht auf
«
ADS
» (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom)
an
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, speziell Entwicklungspädiatrie, zur weiteren Abklärung überwies. In ihrem Bericht vom
2.
März 2020 erwähnte
sie
eine Konzentrationsproblematik sowie eher impulsives Verhalten mit einer niedrigen Frustrationstoleranz (
Urk.
12/7
; vgl. auch
Urk.
12/14/1
).
Am 1
6.
März 2020 erklärte der Bundesrat infolge der COVID-19-Pandemie die ausserordentliche Lage (vgl.
Urk.
12/29/2).
Das Vorgespräch bei
Dr.
Z._
fand a
m
5.
Mai 2020 statt
(
Urk.
12/8/1).
In der Folge
entschied sich die Mutter, mit der weiteren Abklärung zuzuwarten, weil sie sich in einer angespannten und belasteten beruflichen Situation befand (
gemäss Angaben im Bericht von
Dr.
Z._
vom 2
0.
Juli 2021 [
Urk.
12/8/1
]
; vgl. auch
Urk.
12/14/1).
Im
Schreiben an die IV-Stelle vom 2
7.
Januar 2022 modifizierte
Dr.
Z._
seine Angaben dahingehend,
das
Zuwarten der Mutter mit den weiteren Abklärungen sei nicht freiwillig
,
sondern eine
r
Erkrankung
geschuldet gewesen, weshalb keine schuldhafte Verzögerung ihrerseits vorgelegen habe
(
Urk.
12/20)
.
Per 1
9.
Juni 2020 beendete der Bundesrat die ausserordentliche Lage (vgl.
Urk.
12/29/2).
Mit E-Mail vom 2
0.
September 2020 ersuchte die Mutter
Dr.
Z._
um Unterstützung, weil
die Symptomatik
des
Versicherten
nach dem Übertritt in die
3.
Klasse deutlich eskaliert
sei
(
Urk.
12/14)
.
Am
6.
April 2021
- und damit nach Vollendung des neunten Lebensjahrs am
6.
Februar 2021 – erfolgte die
zweieinhalb bis drei Stunden dauernde
e
ntwicklungspädiatrische Untersuchung in der Praxis von
Dr.
Z._
(
Urk.
12/11/5). Aufgrund
der klinisch und mittels verschiedener Testverfahren
erhobenen
Untersuchungsb
efunde
(
Urk.
12/8/1-3,
Urk.
12/11/5-6)
stellte er
gleichentags
erstmals die Diagnose einer einfachen Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) beziehungsweise eines
Geburtsgebrechens Ziffer 404
(
Urk.
12/8/2,
Urk.
12/11/7).
Am 1
6.
Juni 2021 fand
in der
Schule
ein Auswertungsgespräch
mit Ev
aluation des weiteren therapeutischen Vorgehens
statt
(
Urk.
12/8/1,
Urk.
12/9/2,
Urk.
12/14/1
; vgl. auch
Urk.
12/27/2,
Urk.
12/29/2
).
Am
6.
Juli
2021 meldeten die Eltern den
Versicherten
bei der IV-Stelle zum Bezug medizinischer Massnahmen an (
Urk.
12/1).
Am 2
0.
Juli 2021
stellte
Dr.
Z._
seinen Bericht zu
Handen
des Haus
arztes fertig (
Urk.
12/8), am 2
8.
September 2021
verfasste er
den Arztbericht zum infantilen POS gemäss Ziffer 404
des Anhangs
der
GgV
für die IV-Stelle (
Urk.
12/11/5-9).
4.
4.
1
Angesichts dieser Abläufe kann festgehalten werden, dass
die dem diagnostizier
ten POS
zugrunde liegenden
Störungen
frühestens
am
6.
April 2021 anlässlich der entwicklungspädiatrischen Untersuchung in der Praxis von
Dr.
Z._
fachärztlich
zweifelsfrei festgestellt wurden
(vgl. E. 1.3.3)
.
Die
von
Dr.
A._
am
2.
März 2020 gestellte Verdachtsdiagnose eines ADS
erfüllt die Voraussetzungen von Ziffer
404
GgV
Anhang
rechtsprechungsgemäss
nicht (vorstehend E.
1.3.2
).
Das von der Mutter des
Versicherten
angeführte
(
Urk.
6
S. 2) Gespräch mit den Schulverantwortlichen (
Urk.
12/27)
spielt für die nachfol
genden Erwägungen keine Rolle, da es erst später, am
1
6.
Juni 2021, stattfand (
Urk.
12/8/1,
Urk.
12/9/2,
Urk.
12/14/1)
und
Anhaltspunkte fehlen, dass es
die fachärztlichen Abklärungen hinauszögerte.
Da die Diagnosestellung nicht
-
wie in Ziffer
404
GgV
Anhang gefordert
-
vor Vollendung des neunten Altersjahrs
am
6.
Februar 2021
erfolgt ist,
ist
zu prüfen, ob die Altersgrenze im hier zu beurteilenden Fall ausnahmsweise überschritten werden durfte.
4
.2
Dr.
Z._
konnte
den
Versicherten
rund sechseinhalb Monate
nach
dem Gesuch
seiner Mutter
um
Wiederaufnahme der
Abklärungen
(
vo
m 2
0.
September 2020
[
Urk.
12/14]
)
untersuchen (am
6.
April 2021
[
Urk.
12/11/5]
). Hätte die Mutter nach dem Vorgespräch vom
5.
Mai 2020
(
Urk.
12/8/1)
einer Weiterfüh
rung der
Untersuchungen
zugestimmt, hätten die entscheidenden Abklärungen von
Dr.
Z._
also, unter Berücksichtigung einer
gleich langen
Warte
zeit
von
ungefähr
sechseinhalb Monaten
,
noch rechtzeitig vor dem neunten Geburtstag des
Versicherten
am
6.
Februar 2021
abgeschlossen werden können
. Dies gilt
selbst
dann, wenn man die Wartezeit von rund sechseinhalb Monaten
erst nach dem Ende der ausserordentlichen Lage am 1
9.
Juni 2020 beginnen lässt
.
Allerdings
ist zumindest fraglich
, ob eine entsprechende Verlängerung der
zulässigen Abklärungsdauer wegen der ausserordentlichen Lage wirklich gerecht
fertigt ist, zeigt doch die Durchführung des Vorgesprächs am
5.
Mai 2020, dass
Dr.
Z._
die Abklärungen während der ausserordentlichen Lage
(mit Beginn am 1
6.
März 2020)
nicht sistiert, sondern weiter vorangetrieben hatte.
V
or diesem Hintergrund
ist mit dem massgeblichen Beweisgrad der überwiegen
den
W
ahrscheinlich
keit
(
BGE 144 V 427 E. 3.2)
ausgewiesen
, dass die entschei
denden fachärztlichen Abklärungen ohne die abwartende Haltung der Mutter während und nach der ausserordentlichen Lage noch vor dem neunten Geburtstag des
Versicherten
hätten
durchgeführt werden
können
.
D
ie verspätete Diagnose
stellung
ist folglich
nicht
auf die ausserordentliche Lage
zurückzuführen
.
Eine Anerkennung des Geburtsgebrechens Ziffer 404 trotz überschrittener Alters
grenze kann sich somit nicht auf das
Informationsschreiben des Bundesamtes für Sozialversicherungen BSV 04/2020 zu Covid-19 an die IV-Stellen
stützen.
D
ie erst später durch
Dr.
Z._
im Schreiben vom
2
7.
Januar 2022
nach
geschobenen Begründung, es habe eine Erkrankung vorgelegen (
Urk.
12/20), vermag daran nichts zu ändern. Denn einerseits fällt dieser
nicht weiter substan
tiierte
Umstand
von vornherein
nicht unter die im Informationsschreiben vorgesehene Ausnahmeregelung und andererseits
kann dieser Darstellung nicht gefolgt werden,
stellt das Gericht
doch
praxisgemäss auf die
sogenannte Aussage der ersten Stunde ab, de
r
in beweismässiger Hinsicht grösseres Gewicht zukommt als späteren Darstellungen, die bewusst oder unbewusst von nachträglichen Über
legungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein können (BGE 143 V 168 E. 5.2.2
).
4.3
Soweit
Dr.
Z._
in seinen späteren Stellungnahmen vom 2
6.
November 2021 (
Urk.
12/14
/1
) und 2
7.
Januar 2022 (
Urk.
12/20) geltend macht, die weiter
bestehenden pandemiebedingten Einschränkungen hätten zu längeren Warte
zeiten geführt, so dass die Untersuchung nicht vor dem
6.
April 2021 habe durchgeführt werden können
, ist Folgendes zu beachten:
D
ie
nach Beendigung der ausserordentlichen Lage am 1
9.
Juni 2020
verbleibenden
Massnahmen
zur Eindämmung der Corona-Pandemie
führten
zu geringeren Einschränkungen als während des
Lockdowns
. Dementsprechend
hat das
Bundesamt
für Sozialver
sicherungen die im Informationsschreiben BSV 04/2020
statuierte
Unbeachtlich
keit
der Altersgrenze von neun Jahren,
wenn die Verspätung auf die ausser
ordentliche Lage zurückzuführen ist (
Urk.
11)
, nicht auf die darauffolgende Zeit ausgedehnt.
Dr.
Z._
war be
kannt
, dass
die Diagnose bis zur Vollen
dung des neunten Lebensjahrs gestellt
werden
muss, damit das Geburtsgebrechen Ziffer
404
anerkannt werden kann
;
dies geht
aus seinem Bericht vom 2
8.
Sep
tember 2021
hervor
(
Urk.
12/11/
10)
.
Er
legt nicht dar und es ist auch nicht einzusehen, weshalb es nicht möglich gewesen sein sollte, trotz
gewisser
pande
miebedingter Verzögerungen Patienten wie den
Versicherten
,
die auf die Einhal
tung zeitlicher Fristen angewiesen sind, um invalidenversicherungsrechtliche Leistungsansprüche wahren
zu können
, vorzuziehen.
Rechtsprechungsgemäss vermögen Fehler der Ärzte, etwa bei der Diagnosestellung, am Erfordernis der rechtzeitigen Diagnosestellung vor Vollendung des neunten Altersjahres nichts zu ändern
(vgl. BGE 122 V 113 E. 4c)
,
ungeachtet des Umstands, dass
solche Versäumnisse nicht der versicherten Person beziehungsweise ihren gesetzlichen Vertretern angelastet werden können.
Es ist an dieser Stelle nochmals zu betonen, dass die in
Ziffer
404
GgV
Anhang
statuierte Altersgrenze
auf der empirischen Erfahrung
beruht
, dass ein erst
nach dem neunten Geburtstag
diagnostiziertes und behandeltes Leiden nicht mehr auf einem angeborenen, sondern einem erworbenen POS beruht, welches nicht von der Invaliden-, sondern von der Krankenversicherung zu übernehmen ist.
Erfolgen Diagnose und Behandlungsbeginn erst nach dem vollendeten neunten Altersjahr, besteht die unwiderlegbare Rechtsvermutung, dass ein erworbenes und kein angeborenes POS vorliegt. Selbst wenn es, objektiv betrachtet, an sich möglich gewesen wäre, rechtzeitig eine Diagnose zu stellen, dies aber im konkre
ten Einzelfall - aus welchen Gründen auch immer - nicht geschah, hat die Invalidenversicherung gestützt auf Ziffer 404
GgV
Anhang keine medizinischen Massnahmen zu erbringen
(vorstehend E. 1.3.2)
.
Dass
Dr.
Z._
den Abklärungstermin nicht rechtzeitig vor Vollendung des neunten Altersjahrs angesetzt hat, rechtfertigt somit ebenfalls kein Abweichen vom Erfordernis der Einhaltung der Altersgrenze.
4.4
Fehlt es
nach dem Gesagten
an der rechtzeitigen Diagnosestellung,
ist bereits eine der zwei kumul
ativ zu erfüllenden Voraussetzungen für
die Ausrichtung medizi
nischer Massnahmen zur Behandlung des
Geburtsgebrechen
s
Ziffer 404
nicht gegeben
(vorstehend E. 1.3.2)
.
Deshalb braucht nicht näher geprüft zu werden, wie es sich mit der zweiten Leistungsvoraussetzung, dem Beginn der Behandlung
vor der Vollendung des
neunten
Altersjahres
, verhält.
Es ist nicht zu beanstanden
, dass die IV-Stelle eine Kostengutsprache für medizinische Massnahmen
im Sinne von
Art.
13 IVG
mit Verfügung vom
4.
Januar 2022 abgelehnt hat. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
Abschliessend bleibt darauf hinzuweisen, dass die Kosten der Therapie des
Versicherten
bei diesem Ergebnis grundsätzlich
von der obligatorischen Kranken
versicherung zu
übernehmen
sind. Zudem besteht möglicherweise ein Anspruch auf
medizinische
Massnahmen
zur Eingliederung im Sinne von
Art.
12 IVG (also nicht zur Behandlung eines G
eburtsgebrechens im Sinne von
Art.
13 IVG
)
, wozu die Eltern den
Versicherten
bei der IV-Stelle anmelden können.
5.
Ausgangsgemäss gehen die Verfahrenskosten von
Fr.
500.-- zulasten des
Versicherten
(
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG).