Decision ID: cfb1f379-3f9a-54c3-a864-fdc2dc5f71b9
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1
.1
Der am 24. November 1994 geborene
Z._
leidet an einem POS im Sinne
von Ziffer 404 des Anhangs der Verordnung über Geburtsgebrechen (
GgV
) und wurde am
21. März 2001
bei der Sozialversicherungsanstalt
des Kantons Zürich,
IV
Stel
le, zum Leistungsbezug angemeldet (Urk. 7
/1). Diese sprach dem Versi
cher
ten in der Folge im Zusammenhang
mit der Behandlung des Geburts
ge
brechens Leistungen zu
;
namentlich übernahm sie
ab 14. Mai 2002 die Kosten für
eine
ambulante Ergotherapie, welche ab 1. Juli 2003 durch eine 13-mona
tige Psychotherapie (Spieltherapie) ersetzt wurde
(Urk. 7/
9, Urk. 7/16
).
1
.2
Infolge von gewalttätigem Verhalten
unter anderem gegen seine Mutter wurde
Z._
am
20. März 2011
von
der
psychiatrischen Notfalldienst
leistenden
Dr. med.
A._
, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
in
die
B._
in Rahmen eines fürsorgerischen Freiheitsentzugs
einge
wiesen
(Urk. 7/28).
Am 23. März 2011 wurde
er
auf freiwilliger Basis
in die
C._
verlegt
, woraus er zwei Tage
später
disziplinarisch entlassen
wurde
.
Infolge Beteiligung an einem versuchten Raub
,
begangen am
26. März 2011
,
wurde
er verhaftet
.
A
m 31. März 2011
ordnete die
Jugendanwaltschaft See/
Oberland
eine
geschlossene
Unterbringung
im Rahmen einer vorsorglichen jungendstrafrechtlichen Schutzmassnahme an
. Am 13. April 2011 trat der Ver
sicherte
in die
D._
ein
.
Mit Verfügung vom 13. April 2011 verpflichtete der zuständige Jugendanwalt die
Eltern
des Versi
cher
ten
, an die Kosten der vorsorglichen
geschlossenen
Unterbringung
in der
D._
monatliche Beiträge von Fr. 3‘327.
zu bezahlen (Urk. 7/18 S. 2 f.).
Am 27. Mai 2011 ersuchten die Eltern von
Z._
um Kostengutsprache für den Aufenthalt
ihre
s
Sohnes
in der
D._
ab 13. April 2011 (Urk. 7/18).
Da
raufhin holte die IV-Stelle aktuelle Auskü
nfte der involvierten Ärzte ein und zog
das von der Jugendanwaltschaft
See/Oberland
beim
E._
in Auf
trag gegebene psychiatrisch-psychologische Gutachten vom 9. August 2011 bei (Urk. 7/34)
. Am 2. November 2011
eröffnete
sie
de
n Eltern des
Versicherten
die Kostengutsprache für medizinische Massnahmen
zur Behandlung des Ge
burts
gebrechens Ziffer 404
vom
4. April 2011 bis
30. November 2014 (
Vollen
dung
des 20. Altersjahres
;
Urk. 7/38).
Mit separater Mitteilung vom 3. November 2011
erteilte die IV-Stelle sodann Kostengutsprache für eine am
bulante Psycho
thera
pie
vom 4. April 2011 bis 30. November 2014 (Urk. 7/39). A
uf
grund einer
Interven
tion
des
vorleistungspflichtigen
Krankenversicherers
ersetzte
sie in der Folge die Mitteilung vom 2. November 2011 durch eine Mit
teilung vom 7. Februar 2012
,
worin sie Kostengutsprache für medizinische Massnahmen ab 20. März 2011 er
teilte und dadurch auch
die
Kosten der
Einweisung des Versicherten zunächst in die
B._
und anschliessend in die
C._
über
nahm
(
Urk. 7/53, Urk. 7/56,
Urk. 7/61
; vgl. ferner Urk. 7/58).
Am
16. Dezember 2011 ersuchte die Mutter von
Z._
um
Rückerstattung
der
der Familie
durch die Unterbringung
des Sohnes
in der
D._
entstandenen
Kosten
in Höhe von Fr. 15‘276.
(Urk. 7/42
). Daraufhin erliess die IV-Stelle den Vorbescheid vom 23. Dezember 2011, worin sie di
e Ablehnung der Kostengut
sprache
für
den Aufenthalt
in der
D._
unter dem Titel medizinischer Massnahmen
in Aussicht stellte (Urk. 7/47). Nach Eingang der Stellungnahme vom 24. Dezember 2011 (Urk. 7/49)
verfügte sie am
27. Februar 2012
im angekündigten Sinne
(Urk. 2).
2.
Dagegen führ
t
en
Y._
und
X._
namens
ihres
(zur Zeit der Beschwerdeerhebung
noch min
derjährigen
)
Sohnes
Z._
und in eigenem Namen
am 25. März 2012
Be
schwerde mit dem sinngemässen Rechtsbegehren um
Übernahme der ihnen
durch den Aufenthalt des Versicherten in der
D._
entstandenen Kosten in
Hö
he
von Fr. 15‘276.
(Urk. 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 15. Mai 2012 schloss die Verwaltung auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6).
Die Einzelrichterin

zieht in Erwägung:
1.
Da der Streitwert
Fr.
20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der
Be
schwer
de
in die einzelrichterliche Zuständigkeit (
§
11
Abs.
1 des Gesetzes über das
Sozialversicherungsgericht).
2
.
2.1
Streitig und zu prüfen ist
der Anspruch auf Kostengutsprache für den
Aufent
halt
von
Z._
in der
D._
vom 13. April bis 7. September 2011.
2
.2
Während die Beschwerdegegnerin die Kostengutsprache
deshalb
ablehnt,
weil
die
Plazierung
in der
D._
einer Verwahrung
gleich gekommen
sei
(Urk. 2, Urk. 6),
wird
beschwerdeweise
vorgebracht, dass die
betreffende
Unterbringung keine straf
rechtliche
Massnahme de
r Jugendanwaltschaft darstelle,
sondern ausschliess
lich
der genauen Abklärung des Geburtsgebrechens gedient habe (Urk. 1).
3.
3.1
Mit Verfügung vom 13. April 2011 verpflichtete der zuständige Jugendanwalt die
Eltern
von
Z._
, an die Kosten der vorsorglichen Unterbringung ih
res Sohnes monatliche Beiträge von Fr. 3‘
327.
zu bezahlen
. Diese setzen sich
laut
Verfügungstext
aus dem Grundbetrag von Fr. 300.
sowie einem
einkom
mes
- und vermögensabhängigen Anteil zusammen
.
Bei der Beitragsfestsetzung
stützte
sich
der verfügende Jugendanwalt
auf Art. 45 Abs. 5 der Jugendstraf
prozess
ord
nung (
JStPO
),
auf
§ 37 des Straf- und Justizvollzuggesetzes (
StJVG
) und
auf
§ 41 der Verordnung über die Jugendstrafrechtspflege (
JStV
;
Urk. 7/18 S. 2 f.).
3.2
Nach Art. 45 Abs. 1 der Schweizerischen Jugendstrafprozessordnung (
JStPO
) gelten
als Vollzugskosten die Kosten des Vollzugs von Schutzmassnahmen und Stra
fen (
lit
. a) sowie die Kosten einer im Laufe des Verfahrens angeordneten Be
obachtung oder vorsorglichen Unterbringung (
lit
. b). Der Kanton, in dem die oder
der Jugendliche bei Eröffnung des Verfahrens Wohnsitz hatte, trägt sämtli
che Vollzugskosten mit Ausnahme der Kosten des Strafvollzugs (Art. 45 Abs. 2
JStPO
). Die Eltern beteiligen sich im Rahmen ihrer zivilrechtlichen Unterhalts
pflicht an den Kosten der Schutzmassnahmen und der Beobachtung (Art. 45 Abs. 5
JStPO
).
Gemäss
§
37 des Straf-
und Justizvollzugsgesetzes (
StJVG
) erhebt die Direktion auf Grund der Abklärungen und des Antrages der Jugendanwaltschaft von Ver
urteilten und ihren Eltern angemessene Ersatzleistungen. Versicherungsleistun
gen und Schulbeiträge, auf welche Verurteilte einen Rechtsanspruch haben, werden zur Kostendeckung verwendet.
§ 41 der Verordnung über die Jugendstrafrechtspflege (
JStV
) sieht vor, dass die Oberjugendanwaltschaft Richtlinien über die Bemessung, die Auflage und den Be
zug der Beiträge der Verurteilten und ihrer Eltern an die Kosten des
Mass
nahmevollzugs
sowie der vorsorglichen Anordnung von Schutzmassnahmen und
der Beobachtung erlässt. Diese Richtlinien bedürfen der Genehmigung der Direk
tion (Abs. 1). Die Oberjugendanwaltschaft verpflichtet die Verurteilten und ihre Eltern auf Antrag der Jugendanwaltschaft zu angemessenen Beiträgen an die
Massnahmevollzugskosten
und entscheidet über den Beitrag der Verurteilten an die Strafvollzugskosten (Abs. 2).
3.3
Art. 45 Abs. 5
JStPO
schränkt die
Beteiligungspflicht
der Eltern von straffälli
gen Jugendlichen
auf den Umfang ihrer zivilrec
htlichen Unterhaltspflicht ein.
Diese wird in Art. 276 ff.
des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB)
geregelt.
Nach Art. 276
ZGB
haben die Eltern für den Unterhalt des Kindes aufzukom
men,
inbegriffen die Kosten von Erziehung, Ausbildung und Kindesschutzmass
nah
men (Abs. 1). Der Unterhalt wird durch Pflege und Erziehung oder, wenn das Kind nicht unter der Obhut der Eltern steht, durch Geldzahlung geleistet (Abs. 2).
Über die zivilrechtliche Unterhaltspflicht
welche unter anderem nach der Leis
tungsfähigkeit der Eltern bemessen wird (Art. 285 ZGB)
besteht keine Ver
pflich
tung der Eltern zur Übernahme der Kosten von jugendstrafrechtlichen Mass
nahmen (
Jositsch
et al.,
Schweizerische Jugendstrafprozessordnung
(
JS
t
PO
)
Kom
mentar
,
Art. 45 N 2 f.
und N 8 f.;
BBl
1999 2267).
Durch die Erfüllung
der vom Jugendanwalt auferlegten
Beitragspflicht
kamen die (vorübergehend) nicht mehr
obhutsberechtigten
Eltern
von
Z._
demzufolge
lediglich ihrer ge
setzlichen Unterhaltspflicht
gemäss
Art. 276 ff. ZGB
nach.
Die darüber hinaus
anfallenden Kosten der Beobachtung und vorsorglichen Unterbringung
von
Z._
in der
D._
wurden vom Kanton Zürich übernommen (Art. 45 Abs. 2
JStPO
in Verbindung mit Abs. 1).
Für eine Rückerstattung
dieser
von den
Eltern
von
Z._
an die Jugendanwaltschaft See/Oberland geleisteten Bei
träge durch die Invalidenversicherung besteht keine gesetzliche Grundlage
.
4.
4.1
4.1.1
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Be
handlung von Geburtsgebrechen (
Art.
3
Abs.
2 des Bundesgesetzes über den All
gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts; ATSG) notwendigen medizini
schen
Massnahmen (
Art.
13
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversi
che
rung;
IVG). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese Mass
nahmen gewährt werden. Er kann die Leistung ausschliessen, wenn das Gebre
chen von geringfügiger Bedeutung ist (
Art.
13 Abs. 2 IVG).
4.1.2
Als Geburtsgebrechen gemäss Ziff. 404 Anhang zur Verordnung über Geburts
ge
brechen (
GgV
; in der bis 28. Februar 2012 gültig gewesenen Fassung
) gelten kongenitale Hirnstörungen mit vorwiegend psychischen und kognitiven Symp
tomen bei normaler Intelligenz (kongenitales infantiles Psychosyndrom, konge
nitales hirndiffuses psychoorganisches Syndrom, kongenita
les hirnlokales Psy
chosyndrom),
sofern sie mit bereits gestellter Diagnose als solche vor Vollen
dung
des 9. Alte
rsjahres behandelt worden sind.
4.1.3
Die medizinischen Massnahmen umfassen gemäss Art. 14 Abs. 1 IVG die Be
hand
lung, die vom Arzt oder von der Ärztin selbst oder auf ihre Anordnung durch medizinische Hilfspersonen in Anstalts- oder Hauspflege vorgenommen
wird (
lit
. a), mit Ausnahme von logopädischen und psychomotorischen Thera
pien
sowie die Abgabe der vom Arzt oder der Ärztin verordneten Arzneien (
lit
. b). Beim Entscheid über die Gewährung von ärztlicher Behandlung in
An
stalts
- oder Hauspflege ist auf den Vorschlag des behandelnden Arztes oder der be
han
deln
den Ärztin und auf die persönlichen Verhältnisse der versicherten Person in angemessener Weise Rücksicht zu nehmen (
Art.
14
Abs.
3 IVG).
4.2
Dem Konzept der
D._
lässt sich entnehmen, dass es
sich
bei der
D._
um eine sozialpädagogisch arbeitende Insti
tu
tion
handelt,
in welcher
Jugendliche bei einer akuten Krise im Rahmen eines straf
rechtlichen oder zivil
rechtlichen Verfahrens
plaziert
werden. Dement
sprech
end
diente der
im Rah
men des Ju
gendstrafverfahrens angeordnete
Aufenthalt
von
Z._
in dieser geschlossenen Einrichtung unter anderem der Abklärung
seiner
persönli
chen Verhältnisse (vgl.
Art. 5
und
Art. 9 Abs. 1
des Jugend
straf
gesetzes
[
JStG
]).
Eine gezielte (psychiatrisch-psychotherapeutische) Behandlung im stationären Rahmen
fand
dort nicht statt
;
die
D._
bietet
k
eine fachärztliche Behandlung von psychischen Störungen mit Krankheitswert an.
Unter diesen Umständen
liegt keine Behandlung in Anstaltspflege
im Sinne
von Art. 14 Abs. 1
lit
. a IVG
vor
.
Ein Ersatz der durch den Aufenthalt von
Z._
in der
D._
angefal
lenen Kosten unter dem Titel medizinischer Massnahmen fällt damit ausser Be
tracht.
5.
Eine
Leistungspflicht der Invalidenversicherung
lässt sich schliesslich auch nicht
aus
Art. 78 Abs. 3
der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) ablei
ten
, wonach
Kosten von Abklärungsmassnahmen von der Versicherung getra
gen
werden, wenn die Massnahmen durch die IV-Stelle angeordnet wurden oder, falls
es an einer solchen Anordnung fehlt, soweit sie für die Zusprechung von Leis
tungen unerlässlich waren oder Bestandteil nachträglich zugesproche
ner Ein
glie
derungsmassnahmen bilden
.
Zwar
ist
nach Lage der Akten
ausgewiesen und
auch
unbestritten, dass die Be
schwerdegegnerin medizinische Massnahmen zur Behandlung des Geburtsge
brechens Ziff. 404 gestützt auf das gemäss Stellungnahme des Regionalen Ärzt
lichen Dienstes
vom 3. November 2011 eindeutige und nachvollziehbare foren
sische Gutachten der
E._
vom
9. August 2011
zugesprochen hatte
(Urk. 7/37 S. 3, Urk. 7/38; vgl. auch Urk. 7/5
6 und Urk. 7/61).
Jedoch bestehen
keine
hinreichende
n
Anhaltspunkte für die An
nah
me, dass
die von der Jugendanwaltschaft See/Oberland angeord
nete Unter
bringung
von
Z._
in der
D._
für die
Durchführung der psy
chia
trischen
Begutachtung
soweit für die Belange
der Invalidenversicherung notwendig
unerlässlich
war
.
Dr.
A._
gab
im Bericht vom 28. August 2011 an,
es
sei
eine sta
tionäre Standortbestimmung und Therapieeinleitung notwendig, weshalb sie
Z._
in Rahmen des Notfalldienstes in die
B._
einge
wiesen habe (Urk. 7/29 S. 5).
Laut Bericht der
B._
vom 23. August 2011
war
eine jugendpsychiatrische/
psychologische Diagnostik in
diziert. Das weitere Verhalten
von
Z._
im stationären Setting werde darüber entscheiden müssen, welcher Rahmen für diese Abklärung sinnvoll sei
(Urk. 7/28 S. 2 f.).
Die Ärzte der
C._
empfahlen im Bericht vom 23. August 2011 eine längerfristige integrative psychiatrisch-psychothera
peutische Behandlung, ein betreutes Wohnen in einem geschützten Aus
bil
dung
splatz sowie eine erneute Abklärung eines allfälligen ADHS. Zur Frage
,
in
welchem Rahmen diese Abklärung durchgeführt werden müsste, nahmen sie
aller
dings
nicht Stellung (Urk. 7/33 S. 2 und S. 4; vgl. auch Urk. 7/18 S. 6).
Schliesslich lässt sich auch dem forensischen Gutachten vom 9. August 2011
sel
ber
nicht entnehmen, dass die Unterbringung
von
Z._
in der
D._
zur Durchführung der Explorationsgespräche unerlässlich
gewesen
w
ä
r
e
. Dies lässt sich
entgegen der Meinung der
Eltern
von
Z._
(Urk. 1, Urk. 7/42, Urk. 7/49, Urk. 7/60)
auch nicht daraus ableiten, dass die Gutachterinnen eine Unterbringung
von
Z._
in einer (offenen) sozialpädagogischen Institu
tion als prioritär beurteilten (Urk. 7/34 S. 45, S. 51).
6.
Die Kosten des Verfahrens sind auf Fr.
600
.-- festzulegen und ausgangsgemäss von
den Beschwerdeführenden
zu tragen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG).