Decision ID: 52c76929-227d-4b79-8e4e-170688f26785
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 17.06.2009 Art. 28 IVG. Dem RAD lag entgegen seiner Auffassung keine in zweierlei Hinsicht interpretierbare, sondern eine Arbeitsfähigkeitsschätzung der behandelnden Ärztin vor, die nur in dem einen bestimmten Sinne verstanden werden konnte. Die allein auf eine Würdigung der Akten gestützte, davon abweichende Arbeitsfähigkeitsbeurteilung des RAD gemäss Art. 49 Abs. 3 IVV vermag in der Beweiswürdigung dagegen nicht anzukommen. Der Sachverhalt ist abklärungsbedürftig. Rückweisung (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 17. Juni 2009, IV 2007/454).
Vizepräsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterinnen Monika Gehrer-Hug
und Marie Löhrer; Gerichtsschreiberin Fides Hautle
Entscheid vom 17. Juni 2009
in Sachen
K._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Braun, Oberdorfstrasse 6, Postfach,
8887 Mels,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a Der 1949 geborene K._ beantragte am 29./30. Mai 2007 bei der
Invalidenversicherung eine Rente. Er gab an, er habe in seiner Heimat die
Grundschulen besucht und den Beruf des Maurers gelernt; im April 1977 sei er in die
Schweiz gekommen. Seit 1991 stehe er in einem Arbeitsverhältnis mit der A._ AG.
Vom 30. Mai bis 13. August 2006 sei er vollständig arbeitsunfähig gewesen, seit 14.
August 2006 sei er es noch zu 50 % (IV-act. 1).
A.b Dr. med. B._, Facharzt FMH für Urologie, hielt in seinem Arztbericht vom 13. Juni
2007 fest, aus urologischer Sicht bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (IV-
act. 13).
A.c Die Arbeitgeberin bestätigte am 21. Juni 2007 das seit August 1991 bestehende
Arbeitsverhältnis (Betriebsmitarbeiter in allen Bereichen). Seit ca. zwei Jahren arbeite
der Versicherte nur noch reduziert, seit dem 30. April 2007 noch 25 Wochenstunden.
Das Durchhalten an dem Arbeitsplatz im Stehen über den ganzen Tag hinweg sei für
den Versicherten zu anstrengend. Er beschwere sich jedoch nicht (IV-act. 15).
A.d Dr. med. C._, FMH Innere Medizin und Rheumatologie, berichtete am 22. Juni
2007, der Versicherte stehe seit 23. Februar 2002 in ihrer Behandlung. Als Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gab sie an: 1. M. Crohn und seronegative
Spondarthropathie mit wandernden Polyarthralgien, Arthritis Schub (Wurstzehe) 3/2006
und Konjunktivitis, Urethritis, 2. chronisches TSS bei rechtsseitiger Diskushernie Höhe
Th7/Th8, keine Myelopathie, und Status nach M. Scheuermann und 3. ein chronisches
CSS bei erosiver Osteochondrose C5/C6 whs. postentzündlich im Rahmen der unter
erstens erwähnten Diagnose, und Retrolisthesis HWK5 und breitbasiger
Diskusprotrusion. Ohne Auswirkung bleibe die rez. Gastritis (1997 ulcus duodeni). Vom
30. Mai bis 13. August 2006 sei der Versicherte vollständig arbeitsunfähig gewesen und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seit 14. August 2006 sei er zu 50 % arbeitsunfähig. Der Gesundheitszustand sei
stationär. Trotz der seit ca. 1995 bestehenden chronischen Schmerzen wechselnder
Intensität wegen ausgeprägter degenerativer Veränderungen im LWS- und schwerer
erosiver Veränderungen im HWS-Bereich, der Ileitis-Schübe und der
Spondarthropathie und ihrer Folgen habe der Versicherte bis 2006 immer zu 100 %
arbeiten können. Im Mai 2006 seien dann invalidisierende Schmerzen im BWS-Bereich
dazu gekommen (Diskushernie). Unter medikamentöser Behandlung und
Physiotherapie habe er dann die Arbeit wieder zu 50 % aufnehmen können. Dank
seinen speziellen Kenntnissen über Arbeitsablauf und Maschinen habe für ihn im
Betrieb eine leichtere Arbeit, teilweise auch in vorwiegend beratender Funktion,
gefunden werden können. Deswegen sei ihm ermöglicht gewesen, weiterhin zu 50 %
arbeitsfähig zu bleiben. Die bisherige Tätigkeit sei noch an vier Stunden pro Tag
zumutbar; teilweise bestehe eine verminderte Leistungsfähigkeit für schwere Arbeit.
Alle leichten wechselbelastenden Tätigkeiten seien ohne verminderte
Leistungsfähigkeit zumutbar. In wechselbelastender Tätigkeit bestehe eine
Arbeitsfähigkeit von 50 %. Der aktuelle Arbeitsplatz sei diesbezüglich ideal, da der
Versicherte relativ frei disponieren könne, wie und wann er welche Arbeitsprozesse
durchführe (IV-act. 16-1 bis 6/10). In der Beilage fanden sich ein Bericht der Klinik für
Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen (Dr. med. D._) vom 22. Juni 2006 über
eine ambulante Untersuchung, wonach eine operative Sanierung nicht angebracht sei
(IV-act. 16-9 f./10), und ein Bericht der Klinik für Innere Medizin am Spital Walenstadt
(Dr. med. E._) vom 21. Dezember 2006, wo hauptsächlich 1. ein Status nach Ileitis
terminalis 03/03, 2. rezidivierende Arthralgien, 3. rezidivierende rechtsseitige
Bauchschmerzen, 4. ein Status nach Ulkuskrankheit vor mehreren Jahren und 5. ein
kleiner Rektumpolyp diagnostiziert worden waren (IV-act. 16-7 f./10).
A.e Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) der Invalidenversicherung (Dres. med. F._
und G._) hielt am 30. Juli 2007 (act. 17) dafür, beim Versicherten liege ein
Gesundheitsschaden vor und er sei in seiner angestammten Tätigkeit seit dem 30. Mai
2006 voll arbeitsunfähig. Die Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit liege gemäss
Dr. C._ und der eigenen Würdigung bei 100 %. Es sei nachvollziehbar, dass der
Versicherte bei dem ideal angepassten Arbeitsplatz und dem vorliegenden
Beschwerdebild vollständig arbeitsfähig sei. Medizintheoretische Anforderungen an
eine angepasste Tätigkeit seien: eine wechselbelastende Tätigkeit mit frei planbaren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsprozessen, nur fallweise leichte Hebe-/Trageleistung, keine oder nur fallweise
Zwangshaltungen, leichte körperliche Belastung und ergänzend teilweise beratende
Funktion.
A.f Gestützt auf die Ausführungen des RAD stellte die Sozialversicherungsanstalt/
IV-Stelle des Kantons St. Gallen dem Versicherten am 20. September 2007 eine
Rentenabweisung bei einem Invaliditätsgrad von 6 % (Valideneinkommen 62'784.--,
Invalideneinkommen Fr. 59'028.--) in Aussicht (IV-act. 20 f.). Der Versicherte erhob am
15. Oktober 2007 gegen den Vorbescheid Einwand und erklärte, die
Abklärungsergebnisse deckten sich nicht mit seinem Gesundheitszustand. Seine
Krankheitssituation ermögliche ihm keine vollzeitliche Leistungsfähigkeit mehr, und
zwar unabhängig von der auszuführenden Arbeit (IV-act. 22). Die IV-Stelle verfügte am
23. Oktober 2007 unverändert die Abweisung des Leistungsanspruchs (IV-act. 23).
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Braun für den
Betroffenen am 19. November 2007 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers beantragt, die angefochtene Verfügung aufzuheben und dem
Beschwerdeführer ab Mai 2007 mindestens eine halbe Invalidenrente zuzusprechen.
Der RAD sei ohne weiteres von einer Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers von
100 % in adaptierter Tätigkeit ausgegangen, ohne die angeblichen Widersprüche in der
Beurteilung durch Dr. C._ zu klären. Eine einfache Anfrage an Dr. C._ hätte genügt,
den medizinischen Sachverhalt zu klären. Bei der Frage nach der Arbeitsfähigkeit in
anderen Tätigkeiten sei die Ärztin davon ausgegangen, dass der Beschwerdeführer an
vier Stunden pro Tag arbeiten könne und in diesem zeitlichen Rahmen nicht vermindert
leistungsfähig sei, wie aus ihrem beigelegten Schreiben vom 14. November 2007
hervorgehe. Der Beschwerdeführer geniesse aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit bei
seiner Arbeitgeberin eine Sonderstellung. Der angefochtenen Verfügung liege die
Annahme zugrunde, die Arbeitgeberin könne ihm eine vollzeitliche geeignete Arbeit
zuweisen. Auch das sei nicht abgeklärt worden; es treffe nicht zu. Die spezielle
Funktion, welche der Beschwerdeführer zu 50 % ausübe, könne nicht weiter ausgebaut
werden. Dass die Arbeitgeberin dem Beschwerdeführer den halben Lohn bezahle,
dürfte zumindest teilweise ein Entgegenkommen sein. Jedenfalls aber resultiere eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwerbseinbusse von 50 % und bestehe Anspruch auf eine halbe Rente. Dr. C._
hatte am 14. November 2007 erläutert, die Arbeitsfähigkeit von 50 % gelte nur für eine
adaptierte, also leichte, wechselbelastende Tätigkeit.
C.
Die Beschwerdegegnerin beantragt in ihrer Beschwerdeantwort vom 4. Februar 2008
die Abweisung der Beschwerde. Der RAD habe nicht gestützt auf die aus seiner Sicht
widersprüchlichen Angaben im Bericht von Dr. C._ eine eigene
Arbeitsfähigkeitsschätzung vorgenommen. Vielmehr habe er schlüssig und
nachvollziehbar ausgeführt, dass beim Beschwerdeführer aufgrund der nicht
vorhandenen neurologischen Ausfälle von einer vollen Arbeitsfähigkeit in adaptierter
Tätigkeit auszugehen sei. Aufgrund der vollständigen medizinischen Aktenlage sei der
RAD in der Lage gewesen, eine eigenständige Beurteilung vorzunehmen. In einer
neuen Stellungnahme vom 17. Dezember 2007 habe der RAD nachvollziehbar
dargelegt, dass beim Beschwerdeführer ausschliesslich von einer Schmerzproblematik
im gesamten Rückenbereich auszugehen sei. Die durchgeführten Untersuchungen und
das MRI hätten jedoch keine neurologischen Auffälligkeiten ergeben. Reine
Schmerzangaben genügten aber nicht, einen Rentenanspruch zu begründen. Vielmehr
müssten die geltend gemachten Schmerzen mit entsprechenden Befunden korrelieren,
was hier nicht der Fall sei. Aufgrund der vorhandenen neurochirurgischen und
rheumatologischen Befunde seien dem Beschwerdeführer keine Zwangshaltungen der
Wirbelsäule mehr zumutbar. Er sei auf eine körperlich leichte, wechselbelastende
Tätigkeit angewiesen. Eine solche könne er ganztags ausüben. Aufgrund dieser
schlüssigen Ausführungen des RAD überzeuge die Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr.
C._ nicht. Sie begründe nicht, weshalb es dem Beschwerdeführer unzumutbar sein
sollte, eine adaptierte Tätigkeit vollzeitlich auszuführen. Unerheblich sei auch, dass
dieser an seinem Arbeitsplatz offenbar das bisherige Arbeitspensum in einer ihm
angepassten Tätigkeit aus betrieblichen Gründen nicht steigern könne. Es sei auf den
hypothetischen ausgeglichenen Arbeitsmarkt abzustellen. In der erwähnten
Stellungnahme vom 17. Dezember 2007 hatte der RAD nach Würdigung der Vorbringen
im Beschwerdeverfahren daran festgehalten, dass dem Beschwerdeführer leichte,
wechselbelastende Tätigkeiten ganztags zumutbar seien.
D.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Replicando erwidert der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am 25. Februar 2008,
der RAD habe den Beschwerdeführer nie untersucht. Es handle sich bei beiden
Stellungnahmen um eine reine Aktenbeurteilung. Entgegen der Auffassung des RAD
lägen medizinische Befunde vor und gehe es nicht lediglich um Schmerzangaben des
Beschwerdeführers. Das Fehlen neurologischer Ausfälle oder der vorläufige Verzicht
auf eine Rückenoperation könnten keine Arbeitsfähigkeit begründen. RAD-Berichte
hätten nicht den Stellenwert medizinischer Gutachten oder Untersuchungsberichte. An
sogenannt "intern eingeholte Gutachten" seien hohe Anforderungen zu stellen. Bei
auch nur geringen Zweifeln an der Schlüssigkeit ärztlicher Feststellungen seien
ergänzende Abklärungen vorzunehmen.
E.
Die Beschwerdegegnerin hat am 29. Februar 2008 auf die Einreichung einer Duplik
verzichtet.

Erwägungen:
1.
1.1 Da ein Sachverhalt zu beurteilen ist, wie er sich bis zum Zeitpunkt des Erlasses der
angefochtenen Verfügung am 23. Oktober 2007 entwickelt hat, sind die auf den
1. Januar 2008 in Kraft getretenen Rechtsänderungen nicht anwendbar.
1.2 Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin einen
Rentenanspruch des Beschwerdeführers bei einem Invaliditätsgrad von 6 % abgelehnt.
Der Beschwerdeführer hatte im Verwaltungsverfahren einzig Rentenleistungen
beantragt und lässt in diesem Gerichtsverfahren ebenfalls allein die Zusprechung einer
Rente beantragen. Streitgegenstand bildet daher zunächst der allfällige
Rentenanspruch. Ergäbe sich allerdings, dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein
solcher in Frage stünde, so gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die
Frage, ob die Verwaltung den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
allfällige Pflicht des Beschwerdeführers zu Massnahmen korrekt in Anspruch
genommen habe.
2.
2.1 Nach Art. 28 Abs. 1 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens
40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.2 Für die Invaliditätsbemessung sind zunächst die medizinischen Vorbedingungen
von Bedeutung. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu
beschreiben und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Die ärztlichen Auskünfte sind in
der Folge eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4; ZAK 1982 S. 34). Ob die versicherte Person eine ihr zumutbare Tätigkeit auch
tatsächlich ausübt, ist für die Invaliditätsbemessung hingegen unerheblich (Rz 3046
des vom Bundesamt für Sozialversicherungen erlassenen Kreisschreibens über die
Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung = KSIH).
2.3 Die Invaliditätsbemessung in der angefochtenen Verfügung basiert auf der
Feststellung, dass dem Beschwerdeführer eine angepasste Tätigkeit zu 100 %
zumutbar ist. Das entspricht der Einschätzung des RAD. Dieser war am 30. August
2007 davon ausgegangen, im Bericht von Dr. C._ befänden sich widersprüchliche
Angaben. Einerseits werde nämlich eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit in
adaptierter Tätigkeit attestiert, anderseits eine Arbeitsfähigkeit von 50 % in der
aufgenommenen, adaptierten Arbeit. Der RAD hielt dafür, in Anbetracht der mitgeteilten
objektiven Befunde bei insbesondere fehlenden neurologischen Ausfällen sei eine auf
50 % eingeschränkte Arbeitsfähigkeit in dem ideal angepassten Arbeitsplatz nicht
nachvollziehbar. Nachvollziehbar sei vielmehr eine Arbeitsfähigkeit von 100 %. Davon
sei gemäss Dr. C._ und der RAD-Würdigung auszugehen. Am 17. Dezember 2007
ergänzte der RAD, die vorliegenden Befunde liessen den Schluss zu, dass das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hauptproblem des Beschwerdeführers (zum Teil ausstrahlende) Schmerzen im
gesamten Rückenbereich seien. Da aber keine Beeinträchtigung der neuralen
Strukturen festzustellen seien, verbleibe nur die Schmerzproblematik. Blosse
Schmerzangaben genügten aber nicht, einen Leistungsanspruch auszulösen.
Unzumutbar seien Zwangshaltungen der Wirbelsäule; im Übrigen sei der
Beschwerdeführer ganztags arbeitsfähig.
2.4 Dr. C._ hatte in dem angesprochenen Bericht vom 22. Juni 2007 auf dem
Beiblatt angegeben, die bisherige Tätigkeit sei dem Beschwerdeführer noch an vier
Stunden pro Tag zumutbar. Auf die Frage, ob dabei eine verminderte
Leistungsfähigkeit bestehe, antwortete sie "teilweise für schwere Arbeit". Was die
Arbeitsfähigkeit in anderen Tätigkeiten (Ziff. 2.2) betrifft, hatte sie erklärt, zumutbar
seien dem Beschwerdeführer alle leichten wechselbelastenden Arbeiten. Weitere
Angaben dazu (insbesondere zum zeitlich zumutbaren Rahmen) machte sie nicht. Die
Frage, ob in dem zeitlichen Rahmen eine verminderte Leistungsfähigkeit bestehe,
verneinte sie. Diese Angaben für sich allein könnten tatsächlich darauf hinweisen, dass
die Ärztin eine Arbeitsfähigkeit von 100 % für adaptierte Tätigkeiten attestiert habe.
Indessen kann nicht übersehen werden, dass sie dargelegt hatte, seit dem 14. August
2006 sei der Beschwerdeführer zu 50 % arbeitsunfähig. Weiterhin zu 50 % arbeitsfähig
zu bleiben, sei ihm ermöglicht worden, weil für ihn im Betrieb eine leichtere Arbeit,
teilweise auch in vorwiegend beratender Funktion, habe gefunden werden können. Die
Arbeitsfähigkeit von 50 % bezog Dr. C._ demnach auf eine adaptierte Tätigkeit. Auch
bei der Prognose (Ziff. 7) bestätigte sie, dass für eine wechselbelastende Tätigkeit eine
Arbeitsfähigkeit von 50 % bestehe. Es lässt sich bei diesen Gegebenheiten festhalten,
dass Dr. C._ dem Beschwerdeführer für eine leichte wechselbelastende Arbeit eine
Arbeitsfähigkeit von 50 % attestierte. In ihrer Erläuterung vom 14. November 2007
erklärte sie denn auch, dass sie bei der Frage nach der verminderten Leistungsfähigkeit
in anderen Tätigkeiten von einem zeitlichen Rahmen von nur vier Stunden pro Tag (wie
bei den vorangegangenen Antworten) ausgegangen sei.
2.5 Während der RAD annahm, er habe zu bestimmen, auf welche von zwei
widersprüchlichen medizinischen Aussagen dank besserer Nachvollziehbarkeit
abzustellen sei, wie es die Funktion eines RAD-Berichts gemäss Art. 49 Abs. 3 IVV ist
(Bundesgerichtsentscheid i/S R. vom 14. September 2007, I 143/07), und er könne sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit der Beurteilung von 100 % Arbeitsfähigkeit auf Dr. C._ stützen (ct.17-4/4), kann
ihr Arbeitsfähigkeitsattest wie erwähnt nur dahingehend verstanden werden, dass eine
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit von 50 % besteht. Ein ärztliches
Arbeitsfähigkeitsattest von 100 % lag dem RAD nicht vor, und zwar auch nicht von
einem anderen Arzt. In den Berichten des Kantonsspitals St. Gallen und des Spitals
Walenstadt wird zur Arbeitsfähigkeit keine Stellung genommen. Der RAD seinerseits
hat den Beschwerdeführer nicht selber untersucht oder Befunde erhoben. Seiner
Beurteilung kommt daher nicht der Stellenwert eines Untersuchungsberichts im Sinne
von Art. 49 Abs. 2 IVV zu. Die Beurteilung, eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit in
adaptierter Tätigkeit sei nicht nachvollziehbar, ist gewiss beweismässig zu würdigen,
allerdings als lediglich auf die Akten gestützte Einschätzung. Wenn der RAD dafürhält,
die aktenmässig ausgewiesenen Befunde vermöchten ein Attest einer eingeschränkten
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit nicht zu rechtfertigen, kann er sich damit auf
keine dokumentierte ärztliche Arbeitsfähigkeitsschätzung stützen. Eine allein auf einer
Würdigung der Akten basierende Beurteilung des RAD vermag aber in der
Beweiswürdigung nicht gegen eine abweichende Einschätzung der behandelnden
Ärztin anzukommen. Wenn in der nachträglichen RAD-Stellungnahme der relevante
medizinische Sachverhalt von den somatischen Befunden gelöst und von einer reinen
Schmerzproblematik ausgegangen wird, vermag das im Übrigen aus dem gleichen
Grund nicht zu überzeugen. Hatte der RAD Zweifel an der einzigen vorhandenen
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung von 50 % in adaptierter Tätigkeit, so wäre erforderlich
gewesen, ergänzend eine eigene medizinische Abklärung (Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit nach eigener Untersuchung) durchzuführen oder zusätzliche
anderweitige medizinische Erhebungen zu veranlassen.
2.6 Da solche Abklärungen unterblieben sind, lässt sich nicht beurteilen, ob die Zweifel
des RAD an der von Dr. C._ attestierten Arbeitsfähigkeit berechtigt seien oder nicht,
und die Sache ist zur erforderlichen Ergänzung der Sachverhaltsuntersuchung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.
3.1 Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 23. Oktober 2007 teilweise zu schützen und die Sache
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ist zur ergänzenden Abklärung im Sinne der Erwägungen und zu entsprechender neuer
Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Eine Rückweisung zur weiteren Abklärung der Streitsache und anschliessender
neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin stellt praxisgemäss aus prozessualer
Sicht in Bezug auf die Kosten ein vollständiges Obsiegen dar (vgl. SVR 1995 IV Nr. 51
S. 143; ZAK 1987 S. 266 E. 5a). Angesichts des Unterliegens der Beschwerdegegnerin
rechtfertigt es sich, ihr die Gerichtskosten, die nach dem Verfahrensaufwand und
unabhängig vom Streitwert festgelegt werden (Art. 69 Abs. 1 IVG), gesamthaft
aufzuerlegen (vgl. Art. 95 Abs. 1 VRP/SG). Eine Entscheidgebühr von Fr. 600.--
erscheint angemessen. Dem Beschwerdeführer ist der geleistete Kostenvorschuss von
Fr. 600.-- zurückzuerstatten.
3.3 Der Beschwerdeführer hat bei vollem Obsiegen Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten, die vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung
der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen werden (Art. 61
lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP). Die Entschädigung ist auf pauschal Fr. 3'500.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzulegen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG