Decision ID: 08c358b9-4e26-5af7-8693-3ec24cf741eb
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 14. September 2017 bei der Gemeinde Lengnau
(BE) ein Baugesuch ein für den Umbau von zwei bestehenden Bauernhäusern zu je 5
Wohnungen und einem Mehrzweckraum, den Anbau eines Ärztezentrums sowie den
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Neubau einer Einstellhalle und eine neue Platzgestaltung auf Parzellen Lengnau (BE)
Grundbuchblatt Nrn. D._, E._, F._, G._, H._,
I._. Die Parzellen liegen in der Mischzone Dorf und in der Zone für öffentliche
Nutzung O. Bei den beiden umzubauenden Bauernhäusern handelt es sich um
erhaltenswerte Gebäude. Sie befinden sich zudem in der Baugruppe A (Dorfkern). Gegen
das Bauvorhaben erhob unter anderem die Beschwerdeführerin Einsprache.
Mit Gesamtentscheid vom 22. Februar 2018 trat das Regierungsstatthalteramt Biel/Bienne
auf die Einsprachen der Beschwerdeführerin sowie eines weiteren Einsprechers nicht ein,
wies die übrigen Einsprachen ab und erteilte dem Bauvorhaben die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 24. März 2018 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt die
Aufhebung des Gesamtentscheids vom 22. Februar 2018 und die Rückweisung an die Vor-
instanz für die Neubeurteilung des Bauvorhabens im Sinne der Erwägungen. Sie macht
insbesondere geltend, sie verfüge über ein besonderes Rechtsschutzinteresse und sei zur
Einsprache / Beschwerdeführung legitimiert.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet,1 holte bei der
Vorinstanz die Vorakten ein und gab ihr sowie der Gemeinde und der Beschwerdegegnerin
Gelegenheit, sich zur Beschwerde zu äussern.
4. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191).
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II. Erwägungen
1. Eintreten
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid respektive gegen den in Bezug auf die Einsprache der
Beschwerdegegnerin erfolgten Nichteintretensentscheid zuständig.
b) Im Streit um die eigene Verfahrenslegitimation ist eine Person, die sich am Verfahren
beteiligen will, Partei und als Adressatin eines Nichteintretensentscheid formell beschwert.
Sie ist damit zur Anfechtung dieses Entscheids befugt, unbesehen darum, ob sie in der
Sache selber, d.h. im Streit um den Anspruch auf Verfahrensbeteiligung, Erfolg haben
wird.4 Die Beschwerdeführerin, die sich am vorinstanzlichen Verfahren beteiligte, ist
demzufolge zur Beschwerdeführung gegen den Nichteintretensentscheid legitimiert. Auf
die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde wird insoweit eingetreten.
2. Einsprachelegitimation
a) Die Vorinstanz ist auf die Einsprache der Beschwerdeführerin nicht eingetreten mit
der Begründung, ihr fehle wegen der räumlichen Distanz zum Bauvorhaben ein
besonderes Rechtsschutzinteresse. Auf Grund ihrer Wohnlage sei sie durch das
Bauvorhaben nicht in höherem Mass als jedermann berührt.
b) Die Beschwerdeführerin macht geltend, da es sich bei der Dorfmitte um eine
historische und denkmalgeschützte Gebäudegruppe handle, müsse der Perimeter der
Betroffenen mehr als die Distanz von 100 m betragen. Zudem verursache das
2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1). 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721). 4 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 65 N. 6.
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Bauvorhaben eine Grundwasserabsenkung. Auch dies sei bei der Beurteilung des Kreises
der Betroffenen zu berücksichtigen.
c) Nach Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG sind nur Personen zur Einsprache befugt, welche
durch das Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind.
Nach Lehre und Rechtsprechung ist eine Person in schutzwürdigen Interessen berührt,
wenn sie durch ein Bauvorhaben in höherem Mass als die Allgemeinheit betroffen ist und
zum Streitgegenstand eine besondere Beziehungsnähe hat. Diese Anforderungen grenzen
die Beschwerden betroffener Drittpersonen von der unzulässigen Popularbeschwerde ab.5
Als wichtiges Kriterium zur Beurteilung der Betroffenheit dient die räumliche Distanz zum
Bauvorhaben bzw. zur Anlage. In einer besonders nahen Beziehung zur Streitsache
stehen naturgemäss die Nachbarinnen und Nachbarn des Baugrundstücks. Die
Einsprachebefugnis der Nachbarinnen und Nachbarn ist zu bejahen, wenn deren
Liegenschaft unmittelbar an das Baugrundstück angrenzt oder allenfalls nur durch einen
Verkehrsträger davon getrennt ist. Nach der bundesgerichtlichen Praxis sind Nachbarinnen
und Nachbarn bis im Abstand von etwa 100 m zum Bauvorhaben in der Regel zu
Verwaltungsgerichtsbeschwerden gegen Bauvorhaben legitimiert. Allerdings ergibt sich die
Legitimation nicht schon allein aus der räumlichen Nähe, sondern erst aus einer daraus
herrührenden besonderen Betroffenheit.6 Der Kreis der betroffenen Nachbarschaft kann
daher nicht allgemein festgelegt werden, sondern muss im Einzelfall nach den konkreten
Verhältnissen bestimmt werden.7 Der Kreis der zur Einsprache legitimierten Personen
reicht so weit wie die allfälligen nachteiligen Auswirkungen des Bauvorhabens. Eine weite
Umschreibung des Kreises der beschwerdeberechtigten Nachbarschaft kann sich
insbesondere dort rechtfertigen, wo eine Baute von weit her sichtbar ist oder von welcher
besonders starke Emissionen ausgehen, wie beispielsweise beim Betrieb eines Flughafens
oder bei grossen Tierhaltungsanlagen.8 Die mögliche Störung muss aber deutlich
wahrnehmbar sein und objektiv betrachtet als Nachteil empfunden werden.9 Die
Beeinträchtigung muss zudem aufgrund der konkreten Gegebenheiten glaubhaft
5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 35– 35c N. 16 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung. 6 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 35–35c N. 17 / 17a, mit Hinweisen auf die Rechtsprechung 7 BGE 140 II 214, E. 2.3 S. 219/220. 8 BGE 136 II 281 E. 2.3.1 S. 285; VGE 22721/22725 vom 30. Mai 2007 E. 1.2.1. 9 BGer 1C_437/2012 vom 21. Februar 2013, E. 4.5.2.
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erscheinen. Die Behauptung allein, eine Einsprecherin sei von den Folgen der
Baubewilligung betroffen, reicht nicht, um die Einsprachebefugnis zu begründen.10
d) Entscheidend für die Beurteilung, welcher Kreis von Personen zur Einsprache
legitimiert ist, sind die mit einem Bauvorhaben verbundenen Auswirkungen. Für die
Bejahung der materiellen Legitimation bedarf es einer konkreten Betroffenheit einer
Person. Daher führt die Umgestaltung von Baudenkmälern im Sinne von Art. 10a ff. BauG
nicht per se zu einer Erweiterung des von einem Bauvorhaben betroffenen Kreis von
Personen.
Die Liegenschaften an der J._strasse 19, in welchen die Beschwerdeführerin
eingemietet ist, liegen rund 200 m vom Standort des umstrittenen Bauvorhabens entfernt.
Die Liegenschaft am K._ 1 sowie die Parzelle Lengnau Grundbuchblatt
Nr. L._, die sich im Eigentum der Beschwerdeführerin befinden, liegen hinter resp.
neben dem Gebäude an der J._strasse 19 und sind damit noch etwas weiter
entfernt von der Bauparzelle.
Die maximale Höhe des Bauvorhabens beträgt ca. 12.3 m und das Gebiet zwischen dem
Bauvorhaben und den Liegenschaften der Beschwerdeführerin ist dicht bebaut. Es besteht
entsprechend kein direkter Sichtkontakt von den Liegenschaften der Beschwerdeführerin
zum Bauvorhaben. Die Um- und Neugestaltung der ehemaligen Bauernhäuser führt damit
nicht zu einer Veränderung der Umgebung der Liegenschaften der Beschwerdeführerin,
die sich auf ihr Blickfeld auswirkte. Die Beschwerdeführerin steht daher nicht in einer
besonderen Beziehungsnähe zu den baulichen Veränderungen der ehemaligen
Bauernhäusern.
e) Das Bauvorhaben liegt im übrigen Bereich des Gewässerschutzes (üB). Es befindet
sich somit zwar im Gewässerschutzbereich, aber nicht im besonders gefährdeten
Bereich.11 Das Vorhaben sieht Einbauten unter dem mittleren Grundwasserspiegel vor und
erfordert eine temporäre Grundwasserabsenkung. Das Amt für Wasser und Abfall (AWA)
hielt in seinem Amtsbericht vom 25. Oktober 2017 fest, dem Bauvorhaben könne die
Gewässerschutzbewilligung erteilt werden. Es hat empfohlen, wegen der Aufstaugefahr
und der allfälligen Beeinträchtigung von Nachbargebäuden seien, wenn nötig,
10 Urteil 1C_346/2011 vom 1. Februar 2012 E. 2.3. 11 Vgl. Art. 19 Bundesgesetz über den Schutz der Gewässer (Gewässerschutzgesetz, GSchG, SR 814.20).
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entsprechende Massnahmen zum Erhalt der natürlichen
Grundwasserströmungsverhältnisse vorzusehen. Den zu erwartenden Wasseranfall hat es
als gering eingestuft. Die Dimensionierung und Detailprojektierung der temporären
Grundwasserabsenkung hat das AWA nicht überprüft.
Da bereits im vorinstanzlichen Verfahren verschiedene Einsprecherinnen und Einsprecher
Grundwassergefährdungen befürchtet haben, hat die Bauherrschaft einen Bericht zu den
hydrologischen Verhältnissen verfassen lassen. Die beauftragten Geologen kamen darin
zum Schluss, Veränderungen der Bodenwasserverhältnisse könnten eventuell
Auswirkungen auf die unmittelbaren Nachbarn haben. Etwas weiter entfernte
Liegenschaften ("zweite Häuserreihe") könnten höchstens in Ausnahmefällen, beim
Zusammentreffen von mehreren ungünstigen Umständen beeinflusst werden.12
Die Liegenschaften der Beschwerdeführerin befinden sich weder in der ersten noch in der
zweiten Häuserreihe, sondern ungefähr in der fünften oder sechsten Reihe. Sie befinden
sich somit in einem Bereich, der in diesem Bericht nicht mehr erwähnt wird. Es ist daher
praktisch ausgeschlossen, dass die Beschwerdeführerin resp. ihre Liegenschaften von den
Auswirkungen der Veränderungen der Bodenwasserverhältnisse betroffen sind. Es
erscheint nicht glaubhaft, dass die Beschwerdeführerin auf Grund der temporären
Grundwasserabsenkung oder sonstigen Veränderungen im Bereich des Grundwassers
beeinträchtigt und damit vom Bauvorhaben speziell betroffen ist. Insbesondere führen die
temporäre Grundwasserabsenkung, resp. die Veränderungen im Bereich des
Grundwassers nicht zu so starken Emissionen, die es rechtfertigten, einen grossen Kreis
von Personen als zu Beschwerdeführung legitimiert zu betrachten.
f) Auch im Übrigen ist nicht ersichtlich, inwiefern die Beschwerdeführerin in höherem
Mass als die Allgemeinheit vom Bauvorhaben betroffen sein könnte. Zwar dürfte das neue
Ärztezentrum zu einer leichten Verkehrszunahme führen. Diese wird aber für die
Beschwerdeführerin nicht wahrnehmbar sein, da die J._strasse im Bereich der
Liegenschaft der Beschwerdeführerin als Kantonsstrasse eine wichtige Strasse des
Strassennetzes darstellt und damit bereits heute viel Verkehr aufnimmt.
12 Vgl. Bericht der Geotest AG Nr. N._, Lengnau, Überbauung M._, Grundwasser / Lochbachquelle vom 1. Dezember 2017, insb. S. 8.
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Insgesamt beeinflusst der Ausgang des Verfahrens die tatsächliche oder rechtliche
Situation der Beschwerdeführerin nicht. Es fehlt ihr an der besonderen Beziehungsnähe
zum Streitgegenstand. Die Vorinstanz hat daher zu Recht die Einsprachelegitimation der
Beschwerdeführerin verneint. Die Beschwerde ist, soweit sie sich auf die Frage der
Einsprachelegitimation der Beschwerdeführerin bezieht, abzuweisen.
Auf die übrigen materiellen Rügen der Beschwerdeführerin kann mangels Legitimation
nicht eingetreten werden.
3. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 600.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV13).
b) Die Beschwerdeführerin hat zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Kostennote des Anwaltes der Beschwerdegegnerin
gibt zu keinen Bemerkungen Anlass. Entgegen dem in seiner Kostennote erwähnten
Mehrwertsteuersatz, macht er korrekterweise lediglich Mehrwertsteuer von 7.7 % geltend.
Die Beschwerdeführerin hat somit der Beschwerdegegnerin die Parteikosten von
Fr. 3'120.00 zu ersetzen.