Decision ID: 76464441-e115-5785-aa63-f4c0e3252576
Year: 2015
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. Am 17. Juli 2014 hörte A_ beim Aufbocken seines Motorrades auf den Mittelständer
einen Knall und konnte danach den Fuss nicht mehr richtig abrollen. Er begab sich später
in die Notfallstation des Spitals Heiden, wo eine Ruptur der Achillessehne festgestellt wurde
(vgl. VI-act. 7, S. 4). In der Folge wurde der Beschwerdeführer am 22. Juli 2014 operiert
und am 25. Juli 2014 nach Hause entlassen (VI-act. 7, S. 6).
B. Am 18. Juli 2014 stellte das Spital Heiden bei der SUVA (nachfolgend: Vorinstanz) ein
Kostengutsprache-Gesuch (VI-act. 6). Nachdem die Vorinstanz die Arztberichte bei den
behandelnden Ärzten und einen Fragebogen zum Vorfall beim Beschwerdeführer eingeholt
hatte (VI-act. 7 und 9), teilte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer am 7. August 2014 mit,
dass sie eine Leistungspflicht ablehne und empfahl ihm, den Fall dem Krankenversicherer
zu melden (VI-act. 8 und 10). Auf ein Schreiben der Rechtsschutzversicherung des
Beschwerdeführers hin (VI-act. 15) erliess die Vorinstanz am 21. August 2014 eine
entsprechende Verfügung und hielt darin an der Ablehnung ihrer Leistungspflicht fest (VI-
act. 16). Dagegen erhob der Beschwerdeführer am 10. September 2014 Einsprache bei der
Vorinstanz (VI-act. 17), welche diese mit Einspracheentscheid vom 5. Februar 2015 abwies
(VI-act. 21).
C. Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die vom Beschwerdeführer am 5. März
2015 erhobene Beschwerde ans Obergericht (act. 1). Mit Vernehmlassung vom 3. Juli 2015
(act. 9) verlangte die Vorinstanz deren Abweisung und Bestätigung des angefochtenen
Einspracheentscheids. Der Beschwerdeführer verzichtete stillschweigend auf Einreichung
einer Replik. Weder er noch die Vorinstanz verlangten die Durchführung einer mündlichen
Verhandlung. Am 18. November 2015 wurde die Sache in der dritten Abteilung des
Obergerichts in Abwesenheit der Parteien abschliessend beraten und darüber entschieden.
Dem Begehren des Beschwerdeführers gemäss Schreiben vom 24. November 2015
entsprechend (act. 16) wird das Urteil mit schriftlicher Begründung eröffnet.
D. Auf weitere Einzelheiten im Sachverhalt und in den vorinstanzlichen Akten sowie die
Vorbringen der Parteien in den Rechtschriften wird, soweit entscheidrelevant, in den
nachfolgenden Erwägungen näher eingegangen.
Seite 4

Erwägungen
I. Formelles
Der angefochtene Entscheid ist in Anwendung von Sozialversicherungsrecht ergangen.
Gemäss Art. 57 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR 830.1) i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b des Justizgesetzes
(JG, bGS 145.31) beurteilt das Obergericht Beschwerden gegen solche Entscheide. Die
örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 58 Abs. 1 ATSG).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind (insbesondere Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über die Unfallversicherung [UVG, SR 832.20] i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b
ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege
[VRPG, bGS 143.1]).
Auf die Beschwerde ist somit einzutreten.
II. Materielles
1.
1.1.
Gegenstand der Unfallversicherung sind Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen,
Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten (Art. 6 Abs. 1 UVG). Der Bundesrat kann
Körperschädigungen, die den Folgen eines Unfalls ähnlich sind, in die Versicherung
miteinbeziehen (Art. 6 Abs. 2 UVG).
1.2.
Der Beschwerdeführer ist unbestrittenermassen bei der Vorinstanz unfallversichert. Die
Vorinstanz ist somit gegenüber dem Beschwerdeführer dann leistungspflichtig, wenn es
sich beim Achillessehnenriss um einen Unfall (Art. 6 Abs. 1 UVG) oder um eine sog.
unfallähnliche Körperschädigung (Art. 6 Abs. 2 UVG) handelt. Ob die Voraussetzungen
dafür im vorliegenden Fall gegeben sind, ist zwischen den Parteien strittig.
Seite 5
2.
2.1.
Unfall ist die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen
äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat (Art. 4 ATSG). Der
Leistungsansprecher muss die Umstände eines Unfalls glaubhaft machen; im Streitfall
obliegt es dem Gericht, zu beurteilen, ob die Elemente eines Unfalls erfüllt sind. Zu diesem
Zweck hat es den Sachverhalt von Amtes wegen zu untersuchen, wobei für die Annahme
eines unfallmässigen Geschehens die blosse Möglichkeit eines Sachverhalts nicht genügt.
Das Gericht hat auf jene Sachverhaltsdarstellung abzustellen, die es von allen möglichen
Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (RUMO-JUNGO/HOLZER, in: Murer/
Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht,
4. Auflage, Zürich/Basel/Genf 2012, S. 29, m.w.H.; Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts U 307/01 vom 22. April 2003, E. 5).
2.2.
Zum Ablauf der Geschehnisse am 17. Juli 2014 geht aus den Akten folgendes hervor:
- In der elektronischen Schadenmeldung vom 18. Juli 2014 wurde der Sachverhalt wie
folgt beschrieben (VI-act. 1): „Herr A_ wollte seinen Töff abstellen. Als er mit dem
Fuss den Töffständer «runterdrücken» wollte, hat er sich die Achillessehne gerissen.“
- Am 22. Juli 2014 schickte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer einen Fragebogen zu
(VI-act. 3), in welchem der Beschwerdeführer am 29. Juli 2014 zur Frage, ob sich „etwas
Besonderes (Ausgleiten, Sturz, usw.)“ ereignet habe, „ja“ ankreuzte und als Präzisierung
auf die Frage, was genau passiert sei, ausführte: „Ich habe schon einige 100x mein
Motorrad auf den Hauptständer gestellt und nie ist so etwas geschehen“ (VI-act. 9).
- Am 7. August 2014 telefonierte eine Mitarbeiterin der Vorinstanz mit dem
Beschwerdeführer und teilte ihm mit, dass aus Sicht der Vorinstanz die
Voraussetzungen für Versicherungsleistungen der Unfallversicherung nicht erfüllt seien.
Anlässlich dieses Telefongesprächs hielt der Beschwerdeführer erstmals fest, „dass er
beim Aufstellen des Töffs mit dem Fuss vom Ständer abgerutscht“ sei (VI-act. 8).
- In den Arztberichten des Spitals Heiden, wo der Beschwerdeführer behandelt und
operiert worden war, wurde ein solches Ausrutschen nirgends erwähnt: Im ersten
Austrittsbericht des Spitals Heiden vom 17. Juli 2014 (VI-act. 7, S. 2) heisst es: „Der
Patient habe beim Aufstellen des Motorrades auf den Mittelständer einen plötzlichen
«Zwick» an der Achillessehne rechts verspürt. Seitdem laufe er wacklig auf dem rechten
Fuss.“ Im Operationsbericht vom 22. Juli 2014 (VI-act. 7, S. 4) ist festgehalten: „Herr
A_ hat am 17.07.2014 sein Motorrad auf den Mittelständer stellen wollen, dabei habe
er verstärkt Kraft aufgewandt und habe dann einen Knall gehört. Anschliessend konnte
Seite 6
er mit dem Fuss nicht mehr recht abrollen, weshalb am Abend die Vorstellung auf
unserem Notfall erfolgte. Hierbei stellte sich eindeutig eine Ruptur der Achillessehne
heraus.“ Im zweiten Austrittsbericht betreffend die Hospitalisation vom 22. bis 25. Juli
2014 (VI-act. 7, S. 6) ist festgehalten: „Der Patient habe sein Motorrad auf den
Mittelständer stellen wollen, und dazu mit dem Fuss in einer verdrehte[n] Stellung
vermehrt Kraft aufgewendet und dann einen Knall wahrgenommen. Er habe sich aber
keine grossen Sorgen gemacht [...].“
2.3.
Art. 4 ATSG umschreibt zum einen unter Heranziehung von vier Kriterien (Plötzlichkeit,
Unfreiwilligkeit, Ungewöhnlichkeit, äusserer Faktor) das Unfallereignis und hält zum
anderen fest, dass das so definierte Unfallereignis eine bestimmte Folge (Beeinträchtigung
der Gesundheit oder Tod) haben müsse (vgl. KIESER, ATSG-Kommentar, 2. Auflage,
Zürich/Basel/Genf 2009, N 11 zu Art. 4). Während der sinngemässen Argumentation des
Beschwerdeführers, wonach die Plötzlichkeit, Unfreiwilligkeit und eine Beeinträchtigung der
Gesundheit im vorliegenden Fall zu bejahen ist, gefolgt werden kann, bleibt näher zu
prüfen, ob auch das Kriterium eines ungewöhnlichen äusseren Faktors erfüllt ist.
2.4.
Nach Lehre und Rechtsprechung kann das für den Unfallbegriff wesentliche Merkmal des
ungewöhnlichen äusseren Faktors in einer unkoordinierten Bewegung bestehen (Urteil des
Bundesgerichts 8C_736/2014 vom 29. November 2014, E. 4.2.1). Dies trifft beispielsweise
dann zu, wenn die versicherte Person stolpert, ausgleitet oder an einem Gegenstand
anstösst, oder wenn sie, um ein Ausgleiten zu verhindern, eine reflexartige Abwehrhaltung
ausführt oder auszuführen versucht. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung ist das
Merkmal der Ungewöhnlichkeit ohne besonderes Vorkommnis in der Regel zu verneinen
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_865/2013 vom 13. März 2014, E. 4.1.1). Der äussere
Faktor ist nur dann ungewöhnlich, wenn er - nach einem objektiven Massstab - nicht mehr
im Rahmen dessen liegt, was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich und üblich ist,
nicht aber, wenn ein Geschehen in die gewöhnliche Bandbreite eines Bewegungsmusters
fällt (Urteil des Bundesgerichts 8C_835/2013 vom 28. Januar 2014, E. 5.1). Die
Ungewöhnlichkeit bezieht sich dabei auf den Faktor selbst, und nicht auf dessen Wirkung
auf den menschlichen Körper - d.h. im vorliegenden Fall ist für eine Leistungspflicht der
Unfallversicherung erforderlich, dass im Bewegungsablauf, mit dem das Motorrad
aufgebockt wurde, eine Ungewöhnlichkeit vorkam. Dass das Aufbocken des Motorrades
sich im vorliegenden Fall ausserdem insofern ungewöhnlich ausgewirkt hat, als der
Beschwerdeführer dabei einen Sehnenriss erlitt, ist für die Beurteilung, ob der gesetzliche
Unfallbegriff erfüllt ist oder nicht, nicht entscheidend.
Seite 7
2.5.
In der Rechtsprechung werden enge Bezüge zwischen dem Kriterium der Plötzlichkeit und
demjenigen der Ungewöhnlichkeit gemacht (vgl. zum Beispiel Urteil des Bundesgerichts
8C_783/2013 vom 10. April 2014, E. 4.1 und 4.2, m.w.H.). Dabei ist es unerheblich, wie oft
sich ein bestimmter Vorgang im jeweiligen Lebensbereich abspielt; entscheidend ist einzig,
ob zu einem Vorkommnis etwas Besonderes hinzugetreten ist, das den äusseren Faktor im
Rahmen des im jeweiligen Lebensbereich Alltäglichen oder Üblichen überschreitet (KIESER,
ATSG-Kommentar, a.a.O., N 13 zu Art. 4). Bei Körperbewegungen gilt der Grundsatz, dass
das Erfordernis der äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der
Aussenwelt begründeter Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam
"programmwidrig" beeinflusst hat. Der äussere Faktor ist zentrales Begriffscharakteristikum
eines jeden Unfallereignisses; er ist Gegenstück zur - den Krankheitsbegriff
konstituierenden - inneren Ursache (anstelle vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_835/2013
vom 28. Januar 2014, E. 5.1, m.w.H.).
2.6.
Nach der Rechtsprechung hat die versicherte Person die Umstände des als Unfall
gemeldeten Ereignisses glaubhaft zu machen. Unvollständige, ungenaue oder
widersprüchliche Angaben zum Geschehensablauf können die Verneinung der
Leistungspflicht der Unfallversicherung zur Folge haben. Spricht der rechtserhebliche
Sachverhalt nicht wenigstens mit Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen der einzelnen
Begriffsmerkmale - die blosse Möglichkeit genügt nicht -, ist ein Unfall im Rechtssinne zu
verneinen (Urteil des Bundesgerichts 8C_126/2009 vom 10. Juni 2009, E. 4.1.1). Weder in
der Unfallmeldung des Beschwerdeführers noch in den Berichten des Spitals Heiden wird
über einen ungewöhnlichen äusseren Faktor berichtet, der den nach dem Aufbocken des
Motorrads diagnostierten Achillessehnenriss hätte verursachen können. Erstmals beim
Telefongespräch vom 7. August 2014 mit der Mitarbeiterin der Vorinstanz hat der
Beschwerdeführer angegeben, mit dem Fuss abgerutscht zu sein. Da er aber gegenüber
den behandelnden Ärzten kein Ausrutschen oder dergleichen erwähnte, ist nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich eine derartige
Programmwidrigkeit tatsächlich abgespielt hatte. Es ist auf die Beweismaxime abzustellen,
wonach die Aussage der ersten Stunde in der Regel zuverlässiger ist als spätere Angaben,
die erst auf einen negativen Bescheid seitens des Versicherers hin erfolgen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts 8C_865/2013 vom 13. März 2014, E. 4.1.2, m.w.H.). Insoweit der
Beschwerdeführer geltend macht, es wäre an der Vorinstanz gewesen, bei ihm
nachzufragen, nachdem er im Fragebogen zur Schadenmeldung die Frage, ob sich etwas
Besonderes ereignet habe, klar mit „ja“ beantwortet habe, ist darauf hinzuweisen, dass der
Seite 8
Beschwerdeführer im Fragebogen selbst bereits präzisiert hatte, dass die Besonderheit
darin lag, dass er sein Motorrad schon 100x auf den Hauptständer gestellt habe, ohne dass
so etwas geschehen sei. Im Fragebogen wurde sogar noch ausdrücklich nach einer
Präzisierung, was genau Besonderes vorgefallen war, gefragt und als Beispiel namentlich
auf ein Ausgleiten oder einen Sturz verwiesen (vgl. VI-act. 3, S. 2 und VI-act. 9), so dass
angenommen werden muss, der Beschwerdeführer hätte bereits an dieser Stelle ein
Ausrutschen erwähnt, hätte sich der Sachverhalt tatsächlich so abgespielt, wie in der
Beschwerdeschrift behauptet wird. Auch aus den medizinischen Unterlagen ergeben sich
keine Anhaltspunkte für einen programmwidrigen Bewegungsablauf; allein der Umstand,
dass sich der Beschwerdeführer einen Achillessehnenriss zugezogen und dabei offenbar
einen Knall gehört bzw. einen Zwick gespürt hat, vermag den Unfallbegriff nicht zu erfüllen,
denn das Begriffsmerkmal der Ungewöhnlichkeit bezieht sich nicht auf die Wirkung des
äusseren Faktors, sondern nur auf diesen selber.
2.7.
Zusammengefasst ist somit im Einklang mit der Vorinstanz festzuhalten, dass im
vorliegenden Fall der gesetzliche Unfallbegriff nicht erfüllt ist.
3.
Der Beschwerdeführer bringt sodann vor, dass selbst wenn ein Unfallereignis verneint wird,
eine unfallähnliche Körperschädigung gemäss Art. 9 Abs. 2 der Verordnung über die
Unfallversicherung (UVV, SR 832.202) vorliege, weshalb die Vorinstanz aus diesem Grund
leistungspflichtig sei.
3.1.
Der Bundesrat hat seine in Art. 6 Abs. 2 UVG festgehaltene Befugnis, Körperschädigungen,
die den Folgen eines Unfalls ähnlich sind, in die Versicherung miteinzubeziehen, in Art. 9
Abs. 2 UVV umgesetzt. Nach dieser Bestimmung sind folgende, abschliessend aufgeführte
Körperschädigungen, sofern sie nicht eindeutig auf eine Erkrankung oder eine
Degeneration zurückzuführen sind, auch ohne ungewöhnliche äussere Einwirkung Unfällen
gleichgestellt: Knochenbrüche, Verrenkungen von Gelenken, Meniskusrisse, Muskelrisse,
Muskelzerrungen, Sehnenrisse, Bandläsionen und Trommelfellverletzungen.
3.2.
Im vorliegenden Fall hat der Beschwerdeführer eine Achillessehnenruptur erlitten. Diese
Körperschädigung fällt grundsätzlich unter Art. 9 Abs. 2 lit. f UVV, sofern die weiteren
Voraussetzungen für die Annahme einer unfallähnlichen Körperschädigung erfüllt sind.
Seite 9
3.3.
Gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts müssen bei unfallähnlichen
Körperschädigungen nach Art. 9 Abs. 2 UVV zur Begründung der Leistungspflicht des
Unfallversicherers mit Ausnahme der Ungewöhnlichkeit die übrigen Tatbestandsmerkmale
des Unfalls erfüllt sein. Besondere Bedeutung kommt hierbei der Voraussetzung des
äusseren Ereignisses zu, d.h. eines ausserhalb des Körpers liegenden, objektiv
feststellbaren, sinnfälligen, eben unfallähnlichen Vorfalls. Die schädigende äussere
Einwirkung kann in einer körpereigenen Bewegung bestehen. Erforderlich für die Bejahung
eines äusseren Faktors ist immer ein gesteigertes Schädigungspotenzial, sei es zufolge
einer allgemein gesteigerten Gefahrenlage, sei es durch Hinzutreten eines zur
Unkontrollierbarkeit der Vornahme der alltäglichen Lebensverrichtung führenden Faktors
(vgl. anstelle vieler: Urteil des Bundesgerichts 8C_152/2015 vom 22. Juli 2015, E. 3,
m.w.H., insbesondere auf BGE 129 V 466, E. 4).
3.4.
Da die Sachverhaltsdarstellung des Beschwerdeführers, wonach er beim Aufbocken des
Motorrads mit dem Fuss abgerutscht sein will, wie bereits unter E. 2.6 dargelegt, nicht
überwiegend wahrscheinlich erscheint, sondern die erst nach Kenntnisnahme der
Leistungsablehnung durch die Vorinstanz vorgebrachte Präzisierung, er sei mit dem Fuss
abgerutscht, gerade so gut bewusst oder unbewusst von nachträglichen Überlegungen
versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein könnte, ist der Argumentation
der Vorinstanz beizupflichten, wonach im vorliegenden Fall keine Unkontrollierbarkeit im
Bewegungsablauf anzunehmen ist. Es kann an dieser Stelle erneut auf die Beweismaxime
hingewiesen werden, wonach die sogenannten spontanen Aussagen der ersten Stunde in
der Regel unbefangener und zuverlässiger sind als spätere Darstellungen. Da die
Vorinstanz in Nachachtung ihrer Verpflichtung zur richtigen und vollständigen Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts (Untersuchungsgrundsatz; Art. 43 Abs. 1 ATSG)
mittels Fragebogen im Anschluss an den ihr gemeldeten Vorfall eine detaillierte Erhebung
der tatsächlichen Verhältnisse durchgeführt hat, überzeugt es nicht, wenn der
Beschwerdeführer eine entscheidende Präzisierung im Sachverhaltsablauf erst später,
nämlich nach dem abschlägigen Bescheid seitens der Vorinstanz anlässlich des
Telefongesprächs vom 7. August 2014 (VI-act. 8), erstmals erwähnt (vgl. auch Urteil des
Bundesgerichts 8C_126/2009 vom 10. Juni 2009, E. 4.1.1; Urteil des Bundesgerichts
8C_696/2013 vom 14. November 2013, E. 2 und 4.2).
3.5.
Auch stellt das Aufbocken des Motorrades auf den Mittelständer keine Tätigkeit mit
erhöhter Gefahrenlage dar. Die physiologische Beanspruchung des Skeletts, der Gelenke,
Seite 10
Muskeln, Sehnen und Bänder stellt keinen äusseren Faktor dar, dem ein zwar nicht
ungewöhnliches, jedoch gegenüber dem normalen Gebrauch der Körperteile gesteigertes
Gefährdungspotenzial innewohnen muss (anstelle vieler: BGE 129 V 466, E. 4.2.2). Der
Beschwerdeführer gibt selbst an, er habe die zum Aufbocken nötige Bewegung schon 100x
gemacht, womit auch sinngemäss zum Ausdruck kommt, dass diese Bewegung für ihn
bisher immer unproblematisch gewesen und er darin geübt war. Dass beim Aufbocken
ohne Zweifel ein gewisser Schwung und Kraftaufwand und eine gewisse Übung erforderlich
ist, ändert nichts daran, dass dies allein noch keine erhöhte Gefahrenlage begründet. Für
Motorradfahrer liegt beim Aufbocken eine alltägliche Handlung vor, die durchaus im
Rahmen einer physiologisch normalen und psychologisch beherrschten Beanspruchung
des Körpers liegt. Mangels besonderen hinzutretenden Umständen liegt daher im
vorliegenden Fall kein äusserer Faktor im Sinne der Rechtsprechung vor. Der Begriff der
unfallähnlichen Körperschädigung ist damit nicht erfüllt. Da es an einem benennbaren
äusseren Faktor fehlt, besteht - ungeachtet dessen, dass im vorliegenden Fall mit dem
Achillessehnenriss ohne Zweifel eine der in Art. 9 Abs. 2 lit. f UVV aufgeführten Diagnosen
gestellt wurde - gemäss ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts trotzdem keine
Leistungspflicht der Vorinstanz (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_665/2010 vom 10.
Januar 2011, E. 3.4; 8C_172/2015 vom 23. April 2015, E. 3.1).
3.6.
Diese Rechtsprechung hat mitunter zu Kritik in der Lehre geführt (vgl. dazu schon KIESER/
KIESER, Die unfallähnliche Körperschädigung - Bemerkungen zu einem neuen EVG-Urteil,
in: SZS 2001, S. 580 ff.). Das Bundesgericht hat seine Rechtsprechung indes mehrfach
bestätigt und bis heute unverändert daran festgehalten (vgl. anstelle vieler: Urteile des
Bundesgerichts 8C_11/2015 vom 30. März 2015, E. 3.3; 8C_653/2014 vom 25. Februar
2015, E. 4.1, je m.w.H.). Aufgrund der klaren und ständigen bundesgerichtlichen Auslegung
von Art. 9 Abs. 2 UVV ist eine Leistungspflicht des Unfallversicherers nur dann gegeben,
wenn die Verletzung auf eine plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines
äusseren Faktors zurückzuführen ist. Erforderlich ist damit auch für die Bejahung einer
unfallähnlichen Körperschädigung ein auf den menschlichen Körper einwirkender äusserer
Faktor, d.h. ein objektiv feststellbarer, sinnfälliger - eben unfallähnlicher - Einfluss auf den
Körper (Urteil des Bundesgerichts 8C_172/2015 vom 23. April 2015, E. 3.1, m.w.H.). Der
Gesetzgeber hat erkannt, dass diese Auslegung im Einzelfall nicht immer zu
befriedigenden Ergebnissen führt und daher im Rahmen der Revision des UVG auch eine
Neufassung von Art. 6 Abs. 2 UVG beschlossen (vgl. BBl 2014 7911 ff., insbesondere S.
7922; BBl 2015 7139 ff., insbesondere S. 7140). Für die Beurteilung des vorliegenden
Falles spielt diese künftige Gesetzesänderung aber noch keine Rolle. Bei der heutigen
Gesetzeslage ist unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des Bundesgerichts das
Seite 11
Vorliegen einer unfallähnlichen Körperschädigung mit der Vorinstanz zu verneinen. Die
Beschwerde ist entsprechend abzuweisen und die angefochtene leistungsabweisende
Verfügung der Vorinstanz zu bestätigen.
III. Kosten und Entschädigung
Es handelt sich um ein kostenloses Verfahren (Art. 1 Abs. 1 UVG i.V.m. Art. 61 lit. a
ATSG), weshalb keine Gerichtskosten zu erheben sind.
Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet, da der Beschwerdeführer unterliegt (Art. 1
Abs. 1 UVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG e contrario) und da die obsiegende Vorinstanz wegen
des Prinzips der Kostenlosigkeit des Verfahrens gemäss Art. 61 lit. a ATSG grundsätzlich
keinen Anspruch auf eine solche haben kann (KIESER, ATSG-Kommentar, a.a.O., N 33 und
N 114 zu Art. 61).
Seite 12