Decision ID: ad6abb0a-f4a6-43fc-bfc8-f59c0fdf2146
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 18. Januar 2016 in der Schweiz um
Asyl. Am 20. Januar 2016 befragte das SEM ihn zu seiner Person, dem
Reiseweg und summarisch zu seinen Asylgründen (Befragung zur Person;
BzP).
Im Rahmen dieser Befragung machte der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen geltend, er sei ethnischer Tamile, hinduistischen Glaubens und
stamme ursprünglich aus B._, Distrikt C._, Sri Lanka. Sein
Vater habe 2008 Probleme mit Angehörigen der Karuna-Gruppe bekom-
men. Diese hätten Geld vom Vater verlangt. Einmal habe der Vater gezahlt.
Am 10. Februar 2009 habe sich der Vater jedoch geweigert, ein weiteres
Mal zu zahlen. Er sei an jenem Tag durch Angehörige der Karuna-Gruppe
derart geschlagen worden, dass der Beschwerdeführer ihn ins Spital habe
fahren müssen. Während dieser Fahrt sei sein Vater infolge einer Herzkrise
verstorben.
Im Jahr 2009 sei der Beschwerdeführer zwei Festnahmeversuchen durch
die Karuna-Gruppe entgangen. Er und seine Mutter hätten in jener Zeit
versucht, ein Visum für die Schweiz, wo seine Schwester wohnhaft sei, zu
erhalten. Seiner Mutter sei die Einreise in die Schweiz bewilligt, sein Ersu-
chen hingegen abgelehnt worden. Nachdem seine Mutter in die Schweiz
gereist sei, hätten Angehörige der Karuna-Gruppe ihn nach D._ mit-
genommen, geschlagen und Geld von ihm verlangt. Acht Tage sei er inhaf-
tiert gewesen und gefoltert worden. Von der Folter seien sichtbare Narben
(...) zurückgeblieben. Ein Mitglied der Gruppe habe ihm zur Flucht verhol-
fen und er sei zu seinem Cousin E._ geflohen. Dieser habe ihm am
10. November 2010 geholfen, Sri Lanka zu verlassen. Er sei auf dem Luft-
weg mit seinem sri-lankischen Pass nach F._ gelangt. Den Pass
habe er dem Schlepper gegeben. Seine Identitätskarte habe er den engli-
schen Behörden im Rahmen seines Asylverfahrens abgeben müssen.
Die englischen Behörden hätten sein Asylgesuch vom 15. Februar 2011
abgelehnt. Im Dezember 2013 sei er nach Sri Lanka zurückgeschafft wor-
den. Da er keine Identitätspapiere besessen habe, sei er nach seiner An-
kunft am Flughafen von Colombo verhört und geschlagen worden. Man
habe ihm ein Foto, welches ihn an einer Teilnahme am Heldentag in
F._ zeige, sowie weitere Fotos von Kundgebungen, an denen er
teilgenommen habe, gezeigt. Er sei der Zugehörigkeit zu den LTTE (Libe-
ration Tigers of Tamil Eelam) verdächtigt und in das Gefängnis im vierten
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Stock gebracht worden. Sein Onkel habe einen Angestellten bestochen
und so sei er im Juli 2014 freigekommen. Der Onkel habe ihn dann nach
G._, wo dessen Tochter wohnhaft gewesen sei, gebracht. Dort
habe er sich zwei Wochen aufgehalten. Im Mai 2015 sei er mit gefälschten
Papieren von H._ aus auf dem Luftweg nach Moskau, von dort wei-
ter mit dem Auto in die Ukraine, anschliessend mit dem Flugzeug in die
Türkei, von dort in einem Gummiboot in ein ihm unbekanntes Land und
zuletzt in einem Camion versteckt in die Schweiz gelangt.
B.
B.a Am 9. Februar 2016 ersuchte das SEM das Vereinigte Königreich ge-
stützt auf die Dublin-Verordnung um Rückübernahme des Beschwerdefüh-
rers. Am 21. Februar 2016 stimmte das Dublin-Unit des Vereinigten König-
reichs dem Ersuchen der Vorinstanz zu.
B.b Das SEM trat mit – unangefochten in Rechtskraft erwachsener – Ver-
fügung vom 22. Februar 2016 nicht auf das Asylgesuch des Beschwer-
deführers vom 18. Januar 2016 ein und ordnete dessen Überstellung in
das Vereinigte Königreich an.
B.c Mit Schreiben vom 26. August 2016 berief sich der Beschwerdeführer
darauf, dass die Überstellungsfrist gemäss der Dublin-Verordnung abge-
laufen sei, weshalb die Schweiz zuständig sei, sein Asylgesuch zu prüfen.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 8. September 2016 fest, die Über-
stellungsfrist sei abgelaufen, hob die Verfügung vom 22. Februar 2016 auf
und nahm das Asylverfahren des Beschwerdeführers wieder auf.
C.
Am 19. Juni 2017 wurde der Beschwerdeführer vertieft zu seinen Asylgrün-
den angehört.
In Ergänzung zu seinen Ausführungen an der BzP brachte er im Wesentli-
chen vor, er sei 2006 von B._ zu seinem Onkel mütterlicherseits
nach I._ umgezogen. Dieser habe ihn von B._ weggeholt,
da dort in jener Zeit das Militär präsent gewesen sei. Sein Onkel sei ein
Sympathisant der LTTE gewesen und habe in I._ ein Geschäft be-
trieben. Er habe dem Onkel im Laden geholfen. Eines Tages im Jahr 2008
seien Mitglieder der LTTE im Laden gewesen. Diese hätten – wie schon
oftmals zuvor – Pakete im Laden des Onkels abgeholt. Militärangehörige
hätten ihn (den Beschwerdeführer) und seinen Onkel verhaftet und ins
Camp (...) gebracht. Dort seien sie gefoltert worden. Vier Monate sei er in
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Haft gewesen. Nach seiner Freilassung sei er nach C._ zurückge-
kehrt, wo er von Unbekannten zu erwähnter Verhaftung in I._ be-
fragt worden sei. Diese Festnahme sei wohl der Grund gewesen, warum
sein Vater durch Angehörige der Karuna-Gruppe erpresst und im Februar
2009 geschlagen worden sei.
Im Mai 2009 habe sein Onkel zwei Freunde und zugleich Mitglieder der
LTTE zu ihm nach C._ gesandt und ihn darum gebeten, für die bei-
den eine Unterkunft zu organisieren. Er habe die zwei Personen zu Freun-
den von ihm gebracht. Ein Jahr später, im Mai 2010, sei eine dieser Perso-
nen namens J._ durch das CID (Criminal Investigation Department)
verhaftet und geschlagen worden. J._ habe verraten, dass er ihm
im Jahr zuvor geholfen habe, eine Unterkunft zu finden. In der Folge hätten
Mitglieder der Karuna-Gruppe ihn nachts aufgesucht und ins Camp nach
D._ mitgenommen. Seine Mutter und seine Schwester hätten sich
damals in der Schweiz befunden. In jenem Camp sei er von Angehörigen
der Karuna-Gruppe, des CID und des Militärs zu den beiden Mitgliedern
der LTTE verhört und dabei misshandelt worden. Acht Tage später sei er
mit Hilfe eines Mitglieds der Karuna-Gruppe freigekommen. Er sei zu sei-
nem Cousin geflüchtet, der ihm geholfen habe, seine Ausreise zu organi-
sieren. Es sei ihm ein Pass (lautend auf seinen Namen) und ein Studen-
tenvisum besorgt worden. Am 8. November 2010 sei er legal auf dem Luft-
weg nach F._ geflogen, wo er um Asyl ersucht habe. Nach seiner
Ausreise aus Sri Lanka sei sein Cousin und Fluchthelfer E._ durch
Angehörige der Karuna-Gruppe zu seiner Person befragt und anschlies-
send vergiftet worden.
Ausserdem gab der Beschwerdeführer an, nach seiner Rückkehr nach Sri
Lanka im Dezember 2013 sei er zunächst nicht nur am (...) von H._,
sondern für kurze Zeit auch in C._ in einem Gefängnis inhaftiert
gewesen. Danach sei er zurück nach H._ transferiert worden und
habe dort die restlichen fünf Monate im Gefängnis verbracht. Nach seiner
Freilassung aus dem Gefängnis in H._ im Juli 2014 sei er zunächst
zwei Wochen in C._ im Spital gewesen, da er im Gefängnis –
ebenso wie zuvor im Camp (...) – gefoltert worden sei. Er sei manchmal
komplett ausgezogen und geschlagen worden. Ihm seien mit Zigaretten
Brandmale zugefügt, seine linke Hand gebrochen ihm auf den Kopf ge-
schlagen worden und manchmal sei er auch sexuell misshandelt worden.
Er sei mit dem Penis berührt oder dieser sei in seinen Mund gesteckt und
auf ihn sei uriniert worden. Seinen Zellenkameraden, die aus Australien
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nach Sri Lanka zurückgekehrt seien, sei es damals gleich ergangen. Wäh-
rend jener siebenmonatigen Haft seien ihm Fotos von LTTE-Mitgliedern
gezeigt und nach deren Namen gefragt worden. Er sei mit den LTTE in
Verbindung gebracht worden, da er zwei Mitgliedern der LTTE geholfen
gehabt habe. Er sei auch nach dem Grund für seine Ausreise aus Sri Lanka
(im Jahr 2010) gefragt und verdächtigt worden, dass er selber ein Mitglied
der LTTE sei. Nach jenem Gefängnisaufenthalt (2014) habe er zwei Wo-
chen bei einem weiteren Onkel namens K._ in B._ ver-
bracht. Dieser habe ihn mittels der erwähnten Bestechung und auch des-
halb freibekommen, weil er einen Parlamentarier um Hilfe gebeten gehabt
habe. Der Onkel habe ihn später bei verschiedenen Bekannten an ver-
schiedenen Orten im Distrikt C._, zuletzt in L._, unterge-
bracht, denn er wäre bei seinem Onkel nicht mehr sicher gewesen. Das
CID habe nämlich nach dessen Schwiegersohn, einem Mitglied der Bewe-
gung TELO (Anmerkung des Gerichts: Tamil Eelam Liberation Organisa-
tion), gesucht. Die Tochter des Onkels sei deshalb durch Angehörige des
CID zu ihrem Ehemann befragt worden. Dabei sei er (der Beschwerdefüh-
rer), erblickt worden, weshalb er durch die Hintertüre verschwunden sei.
Die Angehörigen des CID hätten ihn noch rennen sehen, aber nicht er-
wischt, da es Nacht gewesen sei.
Schliesslich brachte der Beschwerdeführer vor, er habe sich zwischen Juli
2014 bis zu seiner erneuten Ausreise aus Sri Lanka im Mai 2015 einmal an
seine ursprüngliche Wohnadresse in B._ begeben. Ungefähr im
März oder April 2015 sei er dorthin gegangen, um nach den beiden Häu-
sern, die seiner Familie gehörten, zu sehen. Ein Haus sei vermietet gewe-
sen; im anderen Haus, das nicht mehr bewohnt gewesen sei, habe er
ebenfalls nicht leben können, denn er habe bereits 2014 eine Vorladung
des CID erhalten, gemäss der er sich am 21. oder 23. August 2014 hätte
melden müssen. Weil er Angst gehabt habe, erneut festgenommen zu wer-
den, habe er der Vorladung keine Folge geleistet. Er vermute, ein Grund
für die Vorladung sei seine Teilnahme am Heldentag in F._ gewe-
sen. Damals sei in M._, anlässlich des Besuchs des damaligen Prä-
sidenten Mahinda Rajapaksha, eine Kundgebung durchgeführt. Die Fotos
der Kundgebung seien auf der Internetseite (...) publiziert worden. Auch
sei er sicher, dass er wegen seiner Freilassung gegen Bestechung vorge-
laden worden sei. Die Vorladung belege, dass er durch das CID gesucht
worden sei. Ausserdem hätten ihn im vergangenen Jahr (2016) Militäran-
gehörige des CID an seinem ehemaligen Wohnsitz in G._ gesucht.
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Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer im Rahmen
der Anhörung unter anderem die Fotokopie seiner Identitätskarte, eine Ge-
burtsurkunde, vier Fotos von Narben und Brandmalen an seinem Körper,
die Todesurkunde des Vaters, ein Unterstützungsschreiben eines sri-lanki-
schen Parlamentsabgeordneten und Mitglied der TNA vom 15. Mai 2015,
ein Schreiben des Grama Niladhari's Office (GS) in B._ vom 27. Ja-
nuar 2016, eine am 10. August 2014 ausgestellte Vorladung des CID mit
dem Aufgebot für eine Anhörung für den 21. August 2014 in H._
betreffend terroristischer Aktivitäten, eine Todesurkunde seinen am 17. Mai
2011 verstorbenen Cousin betreffend, einen medizinischen Bericht vom
17. Juni 2010 (betreffend einen Spitalaufenthalt in C._ vom 10.
Juni 2010 bis am 17. Juni 2010) und einen weiteren medizinischen Bericht
vom 3. August 2014 (betreffend einen Spitalaufenthalt des Beschwerde-
führers in C._ vom 20. Juli 2014 bis am 3. August 2014) zu den
vorinstanzlichen Akten.
D.
Am 3. Juli 2017 wurde beim SEM ein medizinischer Bericht vom 29. Juni
2017 eingereicht. Darin wurde dem Beschwerdeführer durch eine Fachärz-
tin der Psychiatrie eine mittelschwere (...) und eine (...) attestiert sowie
erwähnt, dass er seit anfangs Februar 2017 in medizinischer Behandlung
sei und unter Medikation stehe.
E.
Das SEM forderte den Beschwerdeführer am 5. September 2019 auf, in-
nert Frist einen aktuellen Arztbericht einzureichen.
F.
Ein medizinischer Bericht, verfasst am 18. September 2019 durch Dr. med.
N._, wurde dem SEM postalisch am 25. September 2019 übermit-
telt. In diesem wurde dem Beschwerdeführer eine (...) attestiert und bestä-
tigt, dass der Beschwerdeführer in psychischer Hinsicht unter anderem un-
ter (...) leide und deswegen Unterstützung erhalte.
G.
Ein weiterer Arztbericht wurde dem SEM am 23. September 2019 zuge-
stellt. Dieser war am 19. September 2019 durch die Fachärztin der Psychi-
atrie verfasst worden. Darin wurde die Diagnose einer (...) gestellt und die
bereits im Arztbericht von 2017 erwähnte (...) bestätigt.
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H.
Mit Verfügung vom 27. September 2019 – eröffnet am 1. Oktober 2019 –
erachtete das SEM die vom Beschwerdeführer dargelegten Fluchtvorbrin-
gen als nicht glaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG (SR 142.31). Es verneinte
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asylgesuch
ab und ordnete dessen Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug der
Wegweisung an.
Auf die Ausführungen des SEM wird – sofern von Relevanz – in den nach-
folgenden Erwägungen eingegangen.
I.
Mit Ersuchen des rubrizierten Rechtsvertreters vom 4. Oktober 2019 bean-
tragte der Beschwerdeführer beim SEM die vollständige Einsicht in die Ver-
fahrensakten.
J.
Mit Verfügung vom 9. Oktober 2019 gewährte das SEM dem Beschwerde-
führer die beantragte Akteneinsicht unter Ausnahme der im Sinne von
Art. 27 VwVG nicht zu edierenden Aktenstücke oder solcher, bei denen es
sich einzig um interne Notizen handle.
K.
Mit Eingabe vom 31. Oktober 2019 erhob der Beschwerdeführer durch sei-
nen Rechtsvertreter gegen die Verfügung des SEM vom 27. September
2019 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Mit der Rechtsmitte-
leingabe wurden zahlreiche Artikel und allgemeine Berichte über Sri Lanka
sowie eine Zusammenstellung von Länderinformationen (inkl. einer CD-
ROM, bestehend aus zahlreichen Berichten und Artikeln; Stand: 31. Okto-
ber 2019) eingereicht.
In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, das Bundesverwaltungsgericht
habe nach Eingang der Beschwerde unverzüglich darzulegen, welche Ge-
richtspersonen mit der Behandlung der Sache betraut seien. Gleichzeitig
habe es zu bestätigen, dass diese Gerichtspersonen tatsächlich zufällig
ausgewählt worden seien und andernfalls die objektiven Kriterien bekannt
zu geben, nach denen die Gerichtspersonen ausgewählt worden seien (Zif-
fer 1). Im Weiteren wurde beantragt, die angefochtene Verfügung sei we-
gen der Verletzung des rechtlichen Gehörs aufzuheben und die Sache an
die Vorinstanz zurückzuweisen (Ziffer 2). Eventuell sei die angefochtene
Verfügung wegen der Verletzung der Begründungspflicht aufzuheben und
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die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen (Ziffer 3). Eventuell sei die
angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Feststellung des
vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neu-
beurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Ziffer 4). Eventuell sei die
angefochtene Verfügung aufzuheben und es sei die Flüchtlingseigenschaft
des Beschwerdeführers festzustellen und es sei ihm in der Schweiz Asyl
zu gewähren (Ziffer 5). Eventuell sei die angefochtene Verfügung betref-
fend die Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben und es sei die Unzulässigkeit
oder zumindest die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustel-
len (Ziffer 6).
Im Weiteren wurden die Anhörung des Beschwerdeführers durch ein Män-
nerteam und der Beizug der Akten der Mutter – unter anschliessender Ein-
räumung einer Frist zur Stellungnahme – sowie die fachärztliche Begut-
achtung der Herkunft der Narben des Beschwerdeführers beantragt. Aus-
serdem wurde um Offenlegung der Quellen, auf welche sich das SEM in
der Verfügung gestützt habe, ersucht.
Auf die Beschwerdebegründung wird, soweit für den vorliegenden Ent-
scheid massgeblich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 12. November 2019 wurde dem Beschwerde-
führer durch die zuständige Instruktionsrichterin die damalige Zusammen-
setzung des Spruchkörpers bekanntgegeben. Der Beschwerdeführer wur-
de aufgefordert, bis zum 27. November 2019 einen Kostenvorschuss zu
leisten.
M.
Der Kostenvorschuss ging am 27. November 2019 zu Gunsten der Ge-
richtskasse ein.
N.
Mit Eingabe vom gleichen Tag wurde durch den Rechtsvertreter die Höhe
des Vorschusses als unverhältnismässig taxiert. Ausserdem wurde erklärt,
die Akten der Mutter – welche in der Schweiz infolge fehlenden Bezie-
hungsnetzes in Sri Lanka vorläufig aufgenommen worden sei – würden
dem Anwalt nun vorliegen. Durch die Aussagen der Mutter würden die Vor-
bringen des Beschwerdeführers teilweise gestützt. Schliesslich verwies der
Rechtsanwalt auf die Wahl des neuen Präsidenten von Sri Lanka und die
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daraus resultierende Erhöhung der Gefährdung für – wie den Beschwer-
deführer – Zugehörige zu einer Risikogruppe.
Der Eingabe vom 27. November 2019 lagen zahlreiche Berichte zur aktu-
ellen Lage in Sri Lanka bei.
O.
Durch seinen Anwalt liess der Beschwerdeführer mit Schreiben vom
27. April 2020 – unter Einreichung diverser Berichte (und einer CD-ROM)
auf eine erneute Verschlechterung der Situation in Sri Lanka hinweisen und
übermittelte hierzu einen Länderbericht vom 23. Januar 2020, ein Länder-
update vom 26. Februar 2020 sowie einen Zusatzbericht vom 10. April
2020. Ausserdem wurde auf Berichte betreffend sexuelle Gewalt gegen
Männer in Sri Lanka respektive entsprechende Foltermethoden verwiesen
und hierzu entsprechende Unterlagen eingereicht.
P.
Die den Beschwerdeführer behandelnde Fachärztin für Psychiatrie reichte
beim SEM am 18. Mai 2020 einen ausführlichen ärztlichen Bericht vom
14. Mai 2020 den Beschwerdeführer betreffend ein. Darin wurden die vor-
herigen Diagnosen wiederholt sowie sexuelle Übergriffe erwähnt, von de-
nen der Beschwerdeführer ihr erstmals erzählt habe.
Q.
Am 22. August 2021 wies der Anwalt auf eine erneute Verschlechterung
der Sicherheits- und Menschenrechtslage in Sri Lanka hin. Ausserdem
wurde eine mündliche Parteiverhandlung als zwingend erachtet. Zu den
Akten wurde – nebst einem weiteren Länderbericht vom 16. August 2021
– eine Kostennote gereicht.
R.
Mit Eingabe vom 4. November 2021 wurde dem Gericht ein Bericht der
Fachärztin für Psychiatrie vom 2. September 2021 übermittelt. Darin wur-
den die bisherigen Diagnosen einer (...) und die (...) Belastungsstörung
erneut bestätigt.
S.
Am 25. November 2021 wurde dem SEM Frist zur Einreichung einer Ver-
nehmlassung bis zum 10. Dezember 2021angesetzt. Das SEM reichte am
6. Dezember 2021 seine Stellungnahme ein, wobei es die Abweisung der
Beschwerde beantragte.
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Auf die Ausführungen des SEM wird – sofern von Belang – in den Erwä-
gungen eingegangen.
T.
Dem Beschwerdeführer wurde die Vernehmlassung des SEM mit Instruk-
tionsverfügung vom 6. Dezember 2021 zur Kenntnis gebracht und Frist zur
Replik bis zum 30. Dezember 2021 angesetzt.
U.
Die Replik wurde – zusammen mit weiteren Beweismitteln und einer wei-
teren Kostennote – am 30. Dezember 2021 zu den Akten gereicht.
Auf die darin enthaltenen Ausführungen wird, sofern massgeblich, in den
Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist unter anderem zuständig für die Be-
handlung von Beschwerden gegen Asyl- und Wegweisungsverfügungen
des SEM; dabei entscheidet das Gericht auf dem Gebiet des Asyls in der
Regel – und so auch vorliegend – endgültig (vgl. Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 31–33 VGG und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Das Verfahren richtet sich
dabei nach dem VwVG, dem VGG, dem BGG und dem AsylG (Art. 37 VGG
und Art. 6 AsylG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des Asylgesetzes (AsylG, SR
142.31) in Kraft getreten (AS 2016 3101). Für das vorliegende Verfahren
gilt das bis dahin geltende Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen
zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Insoweit die Bestätigung der Zufälligkeit der Zusammensetzung des
Spruchkörpers beantragt wird, ist Folgendes festzuhalten:
Dem Beschwerdeführer wurde mit Zwischenverfügung vom 12. November
2019 mitgeteilt, dass die Spruchkörperbildung weiterhin aufgrund regle-
mentarischer Kriterien durch ein automatisiertes EDV-gestütztes Pro-
gramm erfolge und bei Eingang einer Beschwerde lediglich der Instrukti-
onsrichter oder die Instruktionsrichterin sowie der oder die Gerichtsschrei-
bende festgelegt würden. Die übrigen Mitglieder des Spruchkörpers aus
den Abteilungen IV und V würden erst im Zeitpunkt der Zirkulation be-
stimmt. Die Mitglieder des Spruchkörpers würden sich beim vorliegenden
Verfahren derzeit auf die Instruktionsrichterin Constance Leisinger und die
Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg beschränken.
Aufgrund des objektiv zu berücksichtigenden Kriteriums der Entlastung
musste der Spruchkörper jedoch vorliegend kurzfristig manuell angepasst
werden, so dass rubrizierte Richterin Camilla Mariéthoz Wyssen nun den
Vorsitz führt. Die Gerichtsschreiberin ist die zuvor genannte. Richterin
Jeannine Scherrer–Bänziger und Richter Markus König wurden – wie an-
gekündigt – nach In-Zirkulationssetzung mittels eines automatisierten
EDV-Zuteilungssystems bestimmt.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für
gegeben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in
wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich
sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte
oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Das SEM vertritt in der angefochtenen Verfügung die Ansicht, die
Angaben des Beschwerdeführers zu seinen Fluchtgründen seien stereotyp
ausgefallen. Die von ihm beschriebenen Handlungen der sri-lankischen
Behörden und Militärangehörigen sowie die geltend gemachten Umstände,
die zur Suche nach seiner Person geführt hätten, seien daher als nicht
glaubhaft zu erachten. Es erhelle beispielsweise nicht, weshalb die sri-
lankischen Behörden an der Person des Beschwerdeführers über eine
derart lange Zeit ein Interesse hätten haben können, zumal er gemäss
seinen Aussagen nie Mitglied bei den LTTE gewesen sei und in dieser
Organisation auch nie eine wichtige Rolle innegehabt habe. Hätten das
CID und Militärangehörige den Beschwerdeführer tatsächlich als gefährlich
eingestuft, und sich deren Verdacht, dass er für die LTTE aktiv gewesen
sei, bestärkt, so wäre er nach der von ihm beschriebenen Verhaftung im
Mai 2010, bei der er angeblich wegen Gewährung des Unterschlupfs eines
LTTE-Mitglieds im Jahr zuvor verhört worden sei, nicht wieder freigelassen
worden. Wäre er damals im Fokus der Behörden gestanden, so wäre es
für ihn zudem nicht möglich gewesen, Sri Lanka 2010 legal auf dem
Luftweg zu verlassen.
Unwahrscheinlich erscheine auch, dass der Beschwerdeführer lediglich
wegen eines Fotos, das ihn an einer Kundgebung in London zeige, bei
seiner Wiedereinreise drei Jahre später durch die sri-lankischen Behörden
auf die von ihm geschilderte Weise festgenommen und misshandelt wor-
den sei. Die Angaben zu seiner anschliessenden siebenmonatigen Haft
seien vage ausgefallen. Der Beschwerdeführer habe sich darauf be-
schränkt, von seinen Folterungen zu erzählen, den Gefängnisalltag habe
er indes auch auf Nachfrage hin nicht konkret beschreiben können. Ihm sei
es auch nicht gelungen, logische, kohärente Angaben zu seinem Alltag
nach seiner Haftentlassung zu machen. So sei er nicht im Stande gewe-
sen, konkret die Orte zu benennen, an denen er sich während jener zehn
Monate vor seiner erneuten Ausreise im Mai 2015 aus Sri Lanka aufgehal-
ten habe. Seine Erzählungen, wie er diese zehn Monate verbracht habe,
seien lediglich allgemein gehalten. Zweifelhaft seien zugleich seine Aussa-
gen zur angeblichen Suche nach seiner Person in jenem Zeitpunkt. Er
habe sich diesbezüglich auch widersprochen, indem er einmal erklärt habe,
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er sei vor den Angehörigen des CID, die seinen Onkel damals aufgesucht
hätten, geflüchtet, nachdem er deren Stimmen gehört habe. An anderer
Stelle habe er indes ausgesagt, er sei geflüchtet, nachdem die Leute des
CID ihn erblickt hätten. Die entsprechenden Angaben seien ausserdem
nicht detailreich.
Zu den Beweismitteln hält das SEM fest, die Verletzungen, die auf den vier
Fotos des Beschwerdeführers zu erkennen seien, seien kein Beleg dafür,
dass deren Ursache in den von ihm geltend gemachten Umständen
gründe. Gleiches gelte für den eingereichten medizinischen Bericht. Aus-
serdem sei ein solcher leicht fälschbar. Was die Vorladung des CID anbe-
lange, sei es notorisch, dass in Sri Lanka solche Dokumente aus Gefällig-
keit oder gegen Entgelt ausgestellt würden. Dasselbe könne auch zum
Schreiben des Dorfvorstehers und Parlamentsmitglied gesagt werden; dies
umso mehr, als der Beschwerdeführer angegeben habe, den Vorsteher
nicht zu kennen.
Selbst wenn die vom Beschwerdeführer erklärten Probleme mit der Ka-
runa-Gruppe als glaubhaft zu erachten wären, so würden diese Ereignisse
neun Jahre vor der geltend gemachten (erneuten) Ausreise im Jahre 2015
zurückliegen, weshalb diese nicht mehr kausal und damit asylrechtlich
nicht beachtlich wären. Eine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung
verneint das SEM auch mit Blick auf eine mögliche Befragung des Be-
schwerdeführers am Flughafen in Sri Lanka bei einer (erneuten) Rückkehr.
Weder eine solche Befragung noch eine allfällige Eröffnung eines Strafver-
fahrens wegen illegaler Ausreise aus Sri Lanka wären als asylrechtlich re-
levante Handlungen zu qualifizieren. Sri-lankische Bürger würden zwar ge-
mäss dem Lagebild des SEM nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland oft
auch in ihrer Herkunftsregion befragt, wobei es sich allerdings lediglich um
eine Kontrollmassnahme handle. Der Beschwerdeführer habe nach
Kriegsende bis zu seiner Ausreise im Mai 2015 noch sechs Jahre in Sri
Lanka gelebt, ohne dabei – wie aufgrund seiner nicht glaubhaften Angaben
festgestellt worden sei – behelligt worden zu sein. Allfällige Risikofaktoren
im Ausreisezeitpunkt seien somit nicht vorhanden gewesen. Es sei daher
nicht davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr ins Visier der sri-lan-
kischen Behörden gerate.
Den Vollzug der Wegweisung würdigte das SEM sodann als zulässig, zu-
mutbar und möglich.
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4.4 In der Beschwerde wird gerügt, zwischen der BzP und der Anhörung
habe ein zu grosser zeitlicher Abstand gelegen. Dieser Umstand hätte das
SEM unter dem Aspekt der Glaubhaftigkeit berücksichtigten müssen, was
es indes unterlassen habe, weshalb eine Gehörsverletzung vorliege.
Dieser Anspruch sei auch aufgrund der zu lange dauernden Anhörung
verletzt worden. Eine Gehörsverletzung ergebe sich sodann aus dem
Umstand, dass die Befragung des Beschwerdeführers durch eine andere
Person erfolgt sei, als jene, die später den Entscheid gefällt habe.
Der Rückweisungsantrag wird zudem mit der Verletzung der Begründungs-
pflicht begründet und ausgeführt, das SEM thematisiere im Entscheid mit
keinem Wort die auffälligen Folternarben des Beschwerdeführers an (...)
oder aber seine psychiatrische Behandlung hier in der Schweiz. Diese Ri-
sikofaktoren seien nicht gewürdigt respektive nicht berücksichtigt worden
(vgl. Beschwerde S. 12 f. und S. 63 ff.). Ausserdem habe das SEM keine
ernsthafte Prüfung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers vorgenommen und sei auch deshalb seiner Begründungspflicht nicht
nachgekommen (vgl. a.a.O. S. 13). Gerügt wird zudem, dass der Be-
schwerdeführer trotz geschlechtsspezifischer Verfolgungsvorbringen nicht
durch ein Team gleichen Geschlechts angehört worden sei (vgl. a.a.O. und
S. 62 f.). Nicht berücksichtigt habe die Vorinstanz in ihrer Begründung,
dass die Mutter und die Schwester in der Schweiz ein Asylverfahren durch-
laufen hätten und dass sich der Beschwerdeführer für die TNA engagiert
habe (vgl. a.a.O. S. 14).
Damit habe das SEM zugleich gewichtige Sachverhaltselemente ausser
Acht gelassen. Zudem habe es den Todesschein des Vaters falsch kopiert,
so dass dessen Todesursache nicht mehr ersichtlich sei. Der Sachverhalt
sei auch deshalb unvollständig wiedergegeben worden, da die Vorinstanz
nicht erwähne, dass der Beschwerdeführer Verbindungen zu den LTTE
aufweise und diese Tatsache zum Eintrag in der sogenannten "Stop-List"
führe (vgl. Beschwerde S. 15 ff.). Ausser Acht lasse das SEM bei der Prü-
fung der Flüchtlingseigenschaft die beim Beschwerdeführer diagnostizier-
ten psychischen Probleme (vgl. a.a.O. S. 17), seine Unterstützungstätigkeit
für die TNA (vgl. a.a.O. S. 18) sowie auch, dass er im Rahmen der Papier-
beschaffung für seine Rückschaffung durch das sri-lankische Generalkon-
sulat in Genf einer Überprüfung unterzogen werde, ob er auf der sogenann-
ten "Black-List" aufgeführt sei, womit Verfolgungsgründe geschaffen wür-
den (vgl. a.a.O. S. 18 f.). Ausserdem hätte das SEM die standardmässigen
Background-Checks von zurückkehrenden Personen aus Sri Lanka thema-
tisieren sollen.
E-5719/2019
Seite 15
Schliesslich wird dem SEM vorgeworfen, es hätte die aktuelle Lage in Sri
Lanka berücksichtigen müssen, was es ebenfalls unterlassen habe
(vgl. Beschwerde S. 21 ff.). Das von ihm erstellte Lagebild sei zudem feh-
lerhaft und dabei die konkreten Quellen nicht ersichtlich (vgl. a.a.O. S. 56
ff.). Die veränderte allgemeine Sicherheits- und Menschenrechtslage
würde zu einer gravierend höheren Gefährdungslage für zurückkehrende
abgewiesene asylsuchende Personen führen (vgl. a.a.O. S. 23 ff.). Tamilen
würden auch ohne konkrete Anhaltspunkte der ehemaligen Zugehörigkeit
zu den LTTE durch die Sicherheitsbehörden verdächtigt (vgl. a.a.O. S. 45).
4.5 Das SEM wendet in seiner Vernehmlassung ein, weder der Beizug des
Dossiers der Mutter noch die (weiteren) Ausführungen in der Beschwerde
würden an seiner bisherigen Einschätzung etwas ändern. Dem
Beschwerdeführer sei das rechtliche Gehör in Form der Anhörung gewährt
worden, wo er nicht formell beantragt habe, von einem Männerteam
angehört zu werden. Er habe erklärt, er habe seine Anliegen vorbringen
können. Die Narben des Beschwerdeführers würden keinen – wie geltend
gemacht – Risikofaktor im Sinne der Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts darstellen. Die medizinischen Berichte seien – wie in
der Verfügung schon erwähnt – nicht zum Nachweis der dargelegten
Fluchtvorbringen geeignet. Die zahlreichen Ungereimtheiten würden damit
nicht widerlegt werden. Die geltend gemachten gesundheitlichen
Probleme, die mittels ärztlichem Bericht vom 2. September 2021
untermauert würden, würden zudem kein Vollzugshindernis darstellen, da
in Sri Lanka Behandlungsmöglichkeiten bestünden. Auch die allgemeine
aktuelle Lage in Sri Lanka ändere nichts daran, dass der Vollzug der
Wegweisung als zumutbar und zulässig zu erachten sei.
4.6 In der Replik wird hauptsächlich geltend gemacht, mit den Aussagen
der Mutter werde bestätigt, dass sowohl der Beschwerdeführer als auch
andere Familienangehörige Opfer von Verfolgung geworden seien. Der
Beschwerdeführer verfüge zudem in Sri Lanka nicht mehr über ein
familiäres Netz. Aus den verschiedenen ärztlichen Berichten resultiere im
Weiteren, dass er erst nach Aufbau eines Vertrauensverhältnisses über die
sexuellen Misshandlungen habe erzählen können. Trotz der Anhörung in
einem gemischten Team habe der Beschwerdeführer zwar schon damals
einiges erzählt. Er habe aber gewisse Erinnerungen verdrängt und befinde
sich nun seit mehr als viereinhalb Jahren in Therapie, in der er die
Vergangenheit aufarbeite. Am Antrag, dass er in einem reinen Männerteam
angehört werde, werde festgehalten, damit er seine geschlechtsspe-
zifischen Verfolgungsvorbringen vorlegen könne.
E-5719/2019
Seite 16
Das SEM verkenne, dass der Beschwerdeführer über eigene Verbindun-
gen zu den LTTE verfüge, da er zwei Mitgliedern im Mai 2009 eine Unter-
kunft organisiert habe. Auch verfüge er mit dem Onkel, der ein Unterstützer
der LTTE sei, über familiäre LTTE-Verbindungen. Sowohl sein Vater als
auch der Cousin seien den paramilitärischen Verbündeten des Regimes
von Sri Lanka zum Opfer gefallen. Diese Sachverhaltselemente seien vom
SEM nicht bestritten worden. Ausserdem habe sich der Beschwerdeführer
in England exilpolitisch betätigt und er habe sich insgesamt neun Jahre in
zwei Ländern aufgehalten, die als Horte des tamilischen Separatismus gel-
ten würden. Seine Mutter und seine Schwester würden in der Schweiz le-
ben und er sei somit stark in die exilpolitische Diaspora eingebunden. Auf-
grund der Verhaftung unmittelbar nach seiner Rückkehr aus England sei
zudem davon auszugehen, dass er in einer sogenannten "Stop-List" ein-
getragen worden sei. Die Ursache seiner Narben seien nicht nur aufgrund
seiner ausführlichen Angaben, sondern auch aufgrund der medizinischen
Berichte erstellt und demnach auf Folter und sexuelle Misshandlungen zu-
rückzuführen. Der Beschwerdeführer erfülle damit zahlreiche Hochrisiko-
faktoren im Sinne der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts.
Ausserdem wird vorgebracht, dass zwischenzeitlich Verwandte des Be-
schwerdeführers in Sri Lanka behelligt worden seien. So sei am 5. März
2021 K._ und dessen Ehefrau von zwei Unbekannten auf einem
Motorrad heimgesucht, betreffend den Aufenthaltsort des Beschwerdefüh-
rers befragt und mit dem Tod bedroht worden. Drei Tage später hätten die
Unbekannten erneut nach dem Beschwerdeführer gefragt und K._
erneut mit dem Tod gedroht. K._ habe sich zunächst an das Grama
Niladhari's Office gewandt, man habe diesem jedoch geraten, sich an die
Polizei zu wenden. Die entsprechenden Auszüge aus den Polizeiakten
seien beigelegt. Ausserdem habe K._ dem Beschwerdeführer ei-
nen Brief geschrieben, welcher ebenfalls als Beweismittel beigelegt werde.
Im Weiteren wird argumentiert, das SEM habe den Gesundheitszustand zu
wenig abgeklärt. Aus dem Arztbericht vom 4. November 2021 gehe hervor,
dass eine Rückschaffung nach Sri Lanka eine Retraumatisierung hervor-
rufen würde. Eine Selbstgefährdung sei nicht ausgeschlossen.
Schliesslich wird in der Replik auf ein Länderupdate zu Sri Lanka vom
9. Dezember 2021 respektive auf die allgemein sich verschlechterte Lage
hingewiesen, der das SEM nicht Rechnung getragen habe.
E-5719/2019
Seite 17
5.
5.1 Auf Beschwerdeebene werden demnach in der Hauptsache verschie-
dene formellen Rügen erhoben. Diese sind vorab zu prüfen, da sie allen-
falls geeignet sein könnten, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung
zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2; KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwal-
tungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes; 3. Aufl. 2013,
Rz. 1043 ff. m.w.H.).
5.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der unter Buchstaben a–e
aufgelisteten Beweismittel. Die unrichtige oder unvollständige Feststellung
des rechtserheblichen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen
Untersuchungspflicht bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b
AsylG). Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein
falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise
falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den
Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden
(vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungs-
rechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043). Gemäss Art. 8 AsylG
hat die asylsuchende Person demgegenüber die Pflicht, an der Fest-
stellung des Sachverhaltes mitzuwirken (vgl. BVGE 2015/10 E. 3.2).
5.3 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der
Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in
ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich
ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich
auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt
(vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
6.
6.1 Unter dem Titel der Gehörsverletzung wird in der Beschwerde gerügt,
zwischen der BzP vom 19. Januar 2016 und der Anhörung vom 19. Juni
2017 sei zu viel Zeit verstrichen (vgl. Beschwerde S. 10 f.).
Der vorliegende Zeitraum von fast eineinhalb Jahren stellt indes für sich
genommen keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar, zumal es sich bei
der in der Beschwerde angerufenen Empfehlung, die Anhörung möglichst
E-5719/2019
Seite 18
zeitnah zur BzP durchzuführen, um keine justiziable Verfahrenspflicht
handelt. Bei dem vom Beschwerdeführer zitierten Rechtsgutachten
(vgl. Beschwerde S. 11 und Beilage 2) handelt es sich lediglich um eine
Empfehlung von Prof. Dr. Walter Kälin an das SEM, aus welcher der
Beschwerdeführer keine Ansprüche für sich ableiten kann. Dasselbe gilt für
die Medienmitteilung des SEM vom 26. Mai 2014 (vgl. a.a.O. und
Beilage 3). Dem zwischen der BzP und Anhörung liegenden Zeitraum ist
indessen bei der Würdigung der Aussagen durch die Asylbehörden
Rechnung zu tragen (vgl. statt vieler: Urteil des BVGer E- 1824/2018 vom
7. Juli 2021 E. 4.4).
6.2 Im Weiteren wird gerügt, die Anhörung sei durch eine andere Person
erfolgt, als jene, die später den Entscheid gefällt habe (vgl. Beschwerde
S. 10 f.).
Dazu lässt sich feststellen, dass gesetzliche Vorgaben für die Vorinstanz,
die Verfügung müsse durch die befragende Person verfasst werden, nicht
bestehen. Denn letztlich beruht ein Entscheid auf der Auswertung der
protokollierten Aussagen als solcher, die die Personen, die den Entscheid
erlassen, zu berücksichtigen haben. Im Umstand, dass vorliegend nicht der
Befrager, sondern die Fachreferentin den Entscheid verfasst hat, kann per
se keine Gehörsverletzung erblickt werden.
6.3 Ferner wird unter der Rubrik Gehörsverletzung eine zu lange dauernde
Anhörung moniert (vgl. Beschwerde S. 10 f.).
Auch hinsichtlich der Anhörungsdauer bestehen keine gesetzlichen
Vorgaben oder Verpflichtungen. Fest steht, dass die Anhörung (inklusive
Rückübersetzung) von 9.45 Uhr bis 19.20 Uhr dauerte, wobei gemäss dem
Protokoll Pausen von insgesamt 110 Minuten eingelegt wurden. Damit
belief sich die Dauer netto auf 7 Stunden und 45 Minuten (vgl. Akte SEM
A20/26 S. 1, 7, 11, 15, 24 f.). Ob diese Dauer für den Beschwerdeführer im
Gesamtkontext als zu lang zu werten wäre, zumal er im Rahmen der
Anhörung auch auf gesundheitlichen Probleme hinwies (vgl. Akte SEM
A20/26 Q96 ff., Q182, Q190 ff.), kann angesichts dessen, dass die
Anhörung – wie nachstehend dargelegt – ohnehin an einem gravierenden
Mangel leidet (vgl. E. 6.4 f.), offenbleiben.
6.4
6.4.1 Gemäss Art. 17 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 6 der Asylverordnung 1 über
Verfahrensfragen vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) wird die
E-5719/2019
Seite 19
asylsuchende Person von einer Person gleichen Geschlechts befragt,
wenn konkrete Hinweise auf geschlechtsspezifische Verfolgung vorliegen.
Geschlechtsspezifisch ist die Verfolgung dann, wenn sie in der Form
sexueller Gewalt stattfindet oder die sexuelle Identität des Opfers treffen
soll (vgl. BVGE 2015/42 E. 5.2 unter Hinweis auf Entscheidungen und
Mitteilungen der [vormaligen] Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2003 Nr. 2 E. 5a und b S. 16 ff.).
Das Geschlecht soll nach Möglichkeit auch bei der Auswahl der dol-
metschenden Personen eingesetzt werden und auch bei jenen Personen,
die das Protokoll führen, berücksichtigt werden. Art. 6 AsylV 1 – der bei
Frauen und Männern gleichermassen Anwendung findet – ist eine
Ausgestaltung des rechtlichen Gehörs, mithin eine Schutzvorschrift, deren
Zweck es ist, dass asylsuchende Personen ihre Sache angemessen
vortragen, das heisst konkret erlittene Übergriffe möglichst frei und
unbeeinträchtigt von Schamgefühlen schildern können. Gleichzeitig dient
sie dazu, die Richtigkeit der Sachverhaltsabklärung zu gewährleisten. Da
diese Schutzvorschrift nicht bloss ein Recht der asylsuchenden Person
beinhaltet, eine solche Befragung zu verlangen, sondern die Behörde dazu
verpflichtet, in der vorgesehenen Weise vorzugehen, sobald ent-
sprechende Hinweise vorliegen, ist sie von Amtes wegen anzuwenden. Ein
Verzicht der betroffenen asylsuchenden Person auf die Befragung durch
eine Person gleichen Geschlechts könnte höchstens dann angenommen
werden, wenn dieser ausdrücklich erklärt wird (vgl. BVGE 2015/42 a.a.O.
mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 2 E. 5b/dd und E. 5c S. 19 f.; vgl. auch
Urteil des BVGer E-816/2020 vom 20. Dezember 2020 E. 5.2).
6.4.2 Vorliegend lässt sich feststellen, dass die vertiefte Anhörung vom
19. Juni 2017 durch eine männliche Person durchgeführt wurde und die
Übersetzung durch eine Frau erfolgte. Der Anhörung wohnte eine Vertre-
tung eines Hilfswerks bei, wobei aus dem Protokoll nicht hervorgeht, ob
männlich oder weiblich, und eine männliche Person fungierte als Protokoll-
führer (vgl. Akte SEM A20/26 S. 1 f., S. 25 f.). Während der Anhörung
brachte der Beschwerdeführer vor, er sei sexuell gefoltert worden (vgl. Akte
SEM A20/26 Q138). Im weiteren Verlauf wurde er durch den Befrager auf-
gefordert, konkreter über diese Erlebnisse zu sprechen. Darauf antwortete
er, manchmal seien die Leute betrunken gewesen, hätten ihn ausgezogen,
ihn mit ihrem Penis berührt und diesen in seinen Mund getan (vgl. a.a.O.
Q144).
E-5719/2019
Seite 20
Aufgrund dieser Sachlage hat der Befrager den Beschwerdeführer umge-
hend – und zu Recht – über sein Recht, dass er eine Anhörung zu den
Asylgründen in einem reinen Männerteam verlangen könne, aufmerksam
gemacht (vgl. a.a.O. Q145). Auf die anschliessende Frage, ob er von die-
sem Recht Gebrauch machen möchte, antwortete der Beschwerdeführer :
"Was ich erlebt habe, ist, was ich gerade erzählt habe. Manchmal urinierten
sie auf mich" (vgl. a.a.O. Q146). In dieser Antwort kann indes nach Auffas-
sung des Gerichts keine ausdrückliche Erklärung des Beschwerdeführers,
dass er auf sein Recht verzichte, durch ein gleichgeschlechtliches Team
befragt zu werden, erblickt werden. Diese Antwort erscheint – wie die Hilfs-
werkvertretung ebenso anmerkte (vgl. a.a.O. S. 26) – nicht genügend aus-
sagekräftig. Auch ist die weitere Frage des Befragers, ob der Beschwerde-
führer noch mehr darüber erzählen wolle, was er im Gefängnis erlebt habe
(vgl. a.a.O. Q146), lediglich pauschal gehalten und beinhaltet nicht etwa
eine konkrete Aufforderung dazu, die zuvor gestellte Frage, ob er von ei-
nem Männerteam angehört werden möchte, klar (mit ja oder nein) zu be-
antworten. Eine eindeutige Verzichtserklärung kann auch nicht der nach-
folgenden Erklärung des Beschwerdeführers, er habe all das gesagt, was
er in den sieben Monaten Haft erlebt habe, und wenn er geblieben wäre,
hätte er sterben können (vgl. a.a.O. Q146), entnommen werden. Denn da-
raus wird erneut nicht klar, ob er damit ausdrücklich auf sein Recht, von
einem Männerteam angehört zu werden, verzichtet.
Das SEM verkennt zudem, dass es nicht – wie in der Vernehmlassung an-
genommen (vgl. Vernehmlassung S. 1) – an der asylsuchenden Person
liegt, explizit einen formellen Antrag auf Anhörung in einem gleichge-
schlechtlichen Team zu stellen, sondern das SEM hat – wie in der zitierten
Rechtsprechung erwähnt – bei entsprechenden Anhaltspunkten auf ge-
schlechtsspezifische Verfolgung von Amtes wegen diese Frage aufzuwer-
fen. Ausserdem kann vorliegend nicht ohne Weiteres gesagt werden, der
Beschwerdeführer hätte bei der Befragung durch ein Männerteam keine
weitergehenden Angaben zu den sexuellen Übergriffen gemacht. Die An-
wesenheit einer Frau als Übersetzerin lässt überdies durchaus die Mög-
lichkeit zu, der Beschwerdeführer habe – wie er dies auch gegenüber der
Fachärztin bekundete (vgl. der zu Handen des SEM am 18. Mai 2020 ein-
gereichte – nicht paginierte – Arztbericht vom 14. Mai 2020; vgl. Beschwer-
debeilage 174 zur Replik S. 2) – aus Scham darauf verzichtet, ausführli-
cher über die sexuellen Übergriffe zu erzählen.
6.4.3 Da somit keine eindeutige Verzichtserklärung seitens des Beschwer-
deführers vorlag, hätte die Vorinstanz die Anhörung abbrechen und diese
E-5719/2019
Seite 21
mittels einem reinen Männerteam fortsetzen respektive den Beschwerde-
führer zu seinen Asylgründen in einer solchen Zusammensetzung ergän-
zend anhören müssen. Dies hat das SEM vorliegend unterlassen und da-
her – wie auf Beschwerdeebene unter anderem gerügt wird (vgl. Be-
schwerde S. 13, S. 52 und S. 62; vgl. Eingabe vom 27. April 2020 S. 12;
vgl. Replik S. 3 f.) – den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt und zu-
gleich den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig festgestellt. Die
Verletzung fällt ins Gewicht, zumal das SEM die Unglaubhaftigkeit der
Sachvorbringen des Beschwerdeführers unter anderem auch mit dessen
angeblich unsubstantiierten Angaben zur Haft begründet (vgl. Verfügung
S. 4).
6.5
6.5.1 Das SEM lässt zudem ausser Acht, dass der Beschwerdeführer im
Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens mehrere ärztliche Zeugnisse
respektive medizinische Berichte einreichte, darunter zwei Dokumente aus
Sri Lanka, die seine Spitalaufenthalte dort belegen sollen sowie zwei
Arztberichte, die seine ärztliche Behandlung in der Schweiz betreffen
(vgl. Akte SEM A22 [Beweismittel Nr. 17 und 19], A21 und A24). In der
angefochtenen Verfügung werden diese Dokumente pauschal als
"medizinische Akten" ("actes médicaux") bezeichnet (vgl. Verfügung S. 3),
ohne diese jedoch in den Erwägungen konkret zu bezeichnen und
hinreichend zu würdigen.
So spricht das SEM in seinen Erwägungen zur Glaubhaftigkeit lediglich von
einem ärztlichen Bericht, der nicht geeignet sei, die vom Beschwerdeführer
angegeben Ursachen seiner Narben zu belegen. Es stellt ausserdem dazu
fest, solche Dokumente seien leicht fälschbar (vgl. Verfügung S. 5). Damit
lässt das SEM nicht erkennen, auf welche konkreten ärztlichen Unterlagen
es sich bei dieser Erwägung bezieht. Es ist indes davon auszugehen, dass
es mit den leicht fälschbaren Dokumenten wohl die medizinischen Unter-
lagen aus Sri Lanka nicht aber die in der Schweiz verfassten Arztberichte
meint, zumal es sich bei der Prüfung der Zumutbarkeit des Vollzuges der
Wegweisung zumindest auf einen in der Schweiz verfassten Arztbericht
beruft. So stützt sich das SEM in diesem Punkt auf einen ersten ärztlichen
Bericht ("un premier rapport médical"), wobei es sich auf die Akte A24 und
damit auf den medizinischen Bericht vom 18. September 2019 bezieht
(vgl. Verfügung S. 8). Diese Feststellung (erster ärztlicher Bericht) trifft so
jedoch nicht zu, da dem SEM bereits am 3. Juli 2017 ein ärztlicher Bericht
vom 29. Juni 2017 (SEM Akte A21) vorlag, der in der angefochtenen Ver-
fügung jedoch unerwähnt bleibt. Sowohl die Sachverhaltsfeststellung des
E-5719/2019
Seite 22
SEM als auch dessen Begründung sind demnach in diesem Punkt als man-
gelhaft zu erachten.
6.5.2 Im erwähnten medizinischen Bericht vom 29. Juni 2017, ausgestellt
durch eine Fachärztin für Psychiatrie, werden Ausführungen zu dem vom
Beschwerdeführer dargelegten Sachverhalt (Wegzug von zu Hause im
Jahre 2006, Tod seines Vaters 2009, viermonatige Haft aufgrund der Un-
terstützungstätigkeit seines Onkels für die LTTE etc.) gemacht und dabei
insbesondere Misshandlungen sowie erwähnt, dass er zahlreiche Narben
und Brandmale habe (vgl. Akte SEM A22 S. 1 ff.).
Wie erwähnt, lässt das SEM diesen Bericht in der Verfügung ausser Acht.
Bei seinen Erwägungen stützt es sich – und dies lediglich im Vollzugspunkt
– einzig auf genannten Arztbericht vom 18. September 2019, zu dessen
Einreichung es den Beschwerdeführer vor Erlass der Verfügung aufgefor-
dert hatte (vgl. Akte SEM A23). Im Rahmen dieser Aufforderung unterliess
es jedoch, darauf hinzuweisen, dass angesichts der ärztlichen Beurteilung
vom 29. Juni 2017 insbesondere auch der aktuelle psychische Zustand des
Beschwerdeführers von Interesse wäre. Der daraufhin eingetroffene Arzt-
bericht vom 18. September 2019 attestiert dem Beschwerdeführer zwar in
psychischer Hinsicht ebenfalls eine (...); er ist indes nicht nur schlecht le-
serlich und äusserst kurzgehalten, sondern er wurde vor allem nicht von
einem Facharzt oder einer Fachärztin für Psychiatrie, sondern von einem
Arzt für Allgemeinmedizin verfasst (vgl. Akte SEM A24). Dessen ärztliche
Beurteilung, die mittels dem üblichen Fragebogen des SEM erstellt wurde,
gründete damit nicht in einer umfassenden psychischen Untersuchung des
Beschwerdeführers. Eine solche Beurteilung hätte sich aber angesichts
der Tatsache, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der Anhörung von
Folter, Misshandlungen und sexuellen Übergriffen berichtete sowie des
Umstands, dass er ab 2017 bei einer Psychiaterin in Behandlung war, de-
ren erster umfassender Bericht dem SEM übermittelt worden war, aufge-
drängt.
6.5.3 Bereits vor diesem Hintergrund erscheint die Begründung des SEM
in seiner Vernehmlassung, die eingereichten Berichte (womit die Arztbe-
richte gemeint sein dürften) würden nichts an seiner Einschätzung ändern,
dass die dargelegten Ursachen für die Narben des Beschwerdeführers als
nicht glaubhaft erachtet würden (vgl. Vernehmlassung S. 2 f.), als unzu-
reichend.
E-5719/2019
Seite 23
6.5.4 Das SEM verkennt zudem, dass nach Erlass der Verfügung respek-
tive im Verlauf des Beschwerdeverfahrens zwei weitere fachärztliche Be-
richte der behandelnden Psychiaterin übermittelt wurden. Einer datiert vom
14. Mai 2020 und wurde zu Handen des SEM adressiert und am 18. Mai
2020 übermittelt. Der andere datiert vom 2. September 2021 (vgl. Eingabe
vom 4. November 2021) und wurde dem Bundesverwaltungsgericht über-
mittelt. Dem Arztbericht vom 14. Mai 2020, wo zu den sexuellen Übergriffen
Ausführungen gemacht werden, trägt das SEM auf Vernehmlassungsstufe
keine Rechnung. Den Arztbericht vom 2. September 2021, in dem die
Übergriffe ebenfalls umschrieben werden, erwähnt es einzig explizit bei
seiner Beurteilung zur Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Ver-
nehmlassung S. 2). Für die Beurteilung der Vorbringen zu den Asylgründen
könnten die erwähnten fachärztlichen Ausführungen allerdings beachtlich
sein. So kann die Einschätzung einer fachärztlichen Person in Bezug auf
die Plausibilität von Vorkommnissen oder Ereignissen, die als Ursachen für
ein Trauma respektive eine posttraumatischen Belastungsstörung in Be-
tracht fallen, durchaus ein Element sein, welches bei der Beurteilung der
Glaubhaftigkeit von Verfolgungsvorbringen im Rahmen der Beweiswürdi-
gung zu berücksichtigen wäre (vgl. BVGE 2015/11 E. 7.2 m.w.H).
In den erwähnten Arztberichten, auch im aktuellsten vom 2. September
2021, wird nicht nur die zuvor bereits bekannte Diagnose der (...) bestätigt,
sondern darin werden auch die vom Beschwerdeführer geschilderten se-
xuellen Übergriffe erwähnt. Angesichts der genannten Rechtsprechung
hätte das SEM den fachärztlichen Berichten daher auch bei der Beurteilung
der Glaubhaftigkeit der vom Beschwerdeführer dargelegten Ausreise-
gründe im Asylpunkt Rechnung tragen müssen. Dies hat die Vorinstanz
unterlassen, weshalb es auch unter diesem Aspekt geboten scheint, den
Beschwerdeführer noch einmal einlässlich zu seinen Asylgründen zu be-
fragen.
6.6 Zusammenfassend ist eine Gehörsverletzung (unzureichende Anhö-
rung und zugleich mangelnde Begründung der Verfügung) sowie festzu-
stellen, dass der rechtserhebliche Sachverhalt nicht hinreichend erstellt ist.
Eine ergänzende Anhörung des Beschwerdeführers zum geschlechtsspe-
zifischen Vorbringen in einem Männerteam erscheint unerlässlich. Ebenso
hat das SEM sämtliche fachärztlichen Berichte, insbesondere jenen vom
2. September 2021 zu berücksichtigen sowie – gegebenenfalls – einen ak-
tuelleren Arztbericht einzuholen, der über den psychischen Zustand Auf-
schluss gibt. Denn die ergänzende Anhörung sowie die Berücksichtigung
(aktueller) fachärztlicher Berichte bilden die Grundlage für die Beurteilung,
E-5719/2019
Seite 24
ob der geltend gemachte sexuelle Missbrauch im Heimatstaat glaubhaft
erscheint und darin allenfalls Fluchtgründe zu erblicken sind (vgl. EMARK
2006 Nr. 32 E. 8). Es erscheint demzufolge sachgerecht, das Verfahren an
die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese die nötigen Abklärungen vor-
nimmt und sie im Rahmen eines neuen beschwerdefähigen Entscheids ei-
ner rechtlichen Würdigung unterzieht.
7.
7.1 Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, soweit damit die Aufhe-
bung der vorinstanzlichen Verfügung und Rückweisung der Sache bean-
tragt wird.
7.2 Auf die im Beschwerdeverfahren vorgebrachten weiteren Rügen und
deren Begründung sowie die zahlreichen Beweismittel ist bei diesem Ver-
fahrensausgang nicht einzugehen. Das SEM ist jedoch darauf aufmerksam
zu machen, dass es seine Sache sein wird, sich im Rahmen des wieder-
aufzunehmenden erstinstanzlichen Asylverfahrens damit zu befassen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Dem Beschwerdeführer ist der bereits geleis-
tete Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 1'500.– zurückzuerstatten.
8.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine
Entschädigung für die ihm tatsächlich erwachsenen Vertretungskosten
zuzusprechen.
Der Rechtsvertreter macht in seinen Kostennoten vom 22. August 2021
(vgl. Beilage 173) und vom 30. Dezember 2021 (vgl. Replik S. 14) geltend,
seinem Mandaten Vertretungskosten von insgesamt rund Fr. 12’000.– in
Rechnung zu stellen. Dabei weist er einen Stundenansatz von Fr. 240.–
und einen Aufwand von insgesamt 46.25 Stunden aus.
Der Stundenansatz erweist sich als reglementskonform (vgl. Art. 10 Abs. 2
VGKE). Die Auslagen im Umfang von Fr. 79.– (gerundet) erscheinen an-
gemessen. Der zeitliche Aufwand von insgesamt 46,25 Stunden erscheint
indes als zu hoch bemessen. So enthalten die zahlreichen Eingaben so-
wohl redundante Passagen als auch teils weitschweifige Ausführungen zur
E-5719/2019
Seite 25
allgemeinen Lage in Sri Lanka (vgl. insbesondere die Beschwerdeschrift
und die Eingaben vom 27. November 2019, 27. April 2020, 22. August
2021 und 30. Dezember 2021), welche sich auch in den vielen Eingaben
des Rechtsvertreters in anderen Beschwerdeverfahren finden. Die zudem
steten Sachverhaltswiederholungen in den Folgeeingaben zur Be-
schwerde sind ebenfalls als unnötig zu erachten. Der zeitliche Aufwand
wird daher entsprechend gekürzt. In Berücksichtigung des veranschlagten
Stundenansatzes und aller massgeblichen Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff.
VGKE) ist die Parteientschädigung auf Fr. 4'000.– (inkl. Auslagen und
Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) festzu-
setzen.
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E-5719/2019
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