Decision ID: c5509294-cc6b-4f3d-ac9d-53a93f20358f
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1964 geborene
X._
, ist Mutter von zwei Kindern (Jahr
gänge 1990 und 1993) und gelernte Floristin (vgl. Urk. 6/2 Ziff. 3, Ziff. 5.3). Am 12. Juli 2016 meldete sie sich unter Hinweis auf eine schwere Niereninsuffizienz, starke Sehschwäche und hohen Blutdruck bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 6/2). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizinische und erwerbliche Abklärungen, und veranlasste eine Abklärung im Haushalt (Urk. 6/29). Nach durchgeführtem
Vorbescheidver
fahren
(Urk. 6/33, Urk. 6/36)
sprach
ihr
die IV-Stelle mit Verfügung vom
5.
Feb
ruar 2018
(
Urk.
6/
40
,
Urk.
6/
45
) bei einem Invaliditätsgrad von
53
%
mit Wir
kung ab
1.
Juni 2017
eine
halbe Rente
zu.
2.
Die Versicherte erhob am
7.
März 2018 Beschwerde gegen die Verfügung vom
5.
Februar 2018
(
Urk.
2) und beantragte, ihr sei eine höhere als eine halbe Rente zuzusprechen. Am 17. April 2018 (Urk. 5) beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde. Am 2
8.
Mai 2018 erstattete die Beschwerdeführerin eine Replik (Urk. 8) und reichte am 2
5.
Juni 2018 einen weiteren Arztbericht ein (Urk. 11 f.). Am 2
5.
Juli 2018 reichte die Beschwerdegegnerin eine Duplik (Urk. 16) ein, was der Beschwerdeführerin am 1
6.
August 2018 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 18).
Mit Beschluss vom
9.
Juli 2019
(
Urk.
1
9
)
wurde
der
Beschwerdeführer
in
die Gelegenheit eingeräumt, um zu der vom Gericht nicht auszuschliessenden Rück
weisung der Sache an die Beschwerdegegnerin zur ergänzenden Abklärung und der damit verbundenen möglichen Abänderung der angefochtenen Verfügungen zu
ihrem
Nachteil (
reformatio
in
peius
) Stellung zu nehmen oder die Beschwerde zurückzuziehen.
Mit Eingabe vom
6.
August 2019
hielt
sie
an
ihrer Beschwerde fest (Urk. 21
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht,
GSVGer
). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwie
rige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sach
verhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene Verfügung vom
5.
Februar 2018 (
Urk.
2)
damit, dass
die Beschwerdeführerin seit Anfang Juni 2016 erheblich in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei. Aufgrund der medizinischen Abklä
rung sei ihr eine angepasste Tätigkeit zu 50 % zumutbar.
Ein Einkommensver
gleich
habe
einen Invaliditätsgrad von
53
%
ergeben
(S.
3
)
.
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich demgegenüber
aus näher genannten Gründen (
Urk.
1
Rz
3
ff.
, Urk. 8
Rz
1 ff.
)
auf den Standpunkt
,
es sei von einer Arbeit
s
fähigkeit von 25 % auszugehen
.
2.3
Strittig und zu pr
üfen ist
der
Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine höhere als eine halbe Rente.
3.
3.
1
Mit Arbeitsunfähigkeitszeugnis vom 1
2.
Juli 2016 (Urk. 6/1/4) attestierte
Dr.
med. Y._
, Leitende Ärztin
Nephrologie
,
Z._
, der Beschwerdeführerin eine
vollständige
Arbeitsu
nfähigkeit vom 2
2.
Juni bis 12.
Juli 201
6.
Bis zur optimierten
Blutdruck (
BD
)
Einstellung und Einleitung einer stabilen
Peritonealdialyse
und bis zum Erreichen einer besseren Sehkraft bestehe weiterhin eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Langfristig während der
Dialyse
pflichtigkeit
sei mit einer 50%igen Arbeitsunfähigkeit zu rechnen. Eine ophthal
mologische Prognose
sei aktuell noch nicht abschätzbar.
3.
2
M
.
Sc
.
A._
, Neuropsychologin,
Z._
,
berichtete am
2.
August 2016 (Urk. 6/16) über eine neuropsychologische Untersuchung der Beschwerdeführerin
und nannte folgende, hier gekürzt aufgeführte Diagnosen
(S. 1)
:
-
akuter ischämischer
zerebrovaskulärer
Insult am 2
8.
Juli 2016
-
hypertensiver
Notfall am 2
8.
Juli 2016
-
schwere, dialysebedürftige Niereninsuffizienz Stadium G5, A3 nach KDIGO (
Kidney
Disease
Improving
Global Outcomes
)
bei
Nephroan
giosklerose
im Rahmen einer langjährig nicht kontrollierten, schweren arteriellen Hypertonie
-
schwere chronische arterielle Hypertonie
-
hypertensive
Herzkrankheit Juni 2016
Im neuropsychologischen Screening vom 29.
Juli
2016
habe
die Beschwerdefüh
rerin eine leichte Abrufstörung und einen knapp ungenügenden psychomoto
rischen Antrieb im mündlichen TMT-B
(Trail Making Test) gezeigt
. In allen weiteren
überp
rüften Bereichen der höheren Hi
r
n
leistungsfunktionen zeige sie ein durchwegs reguläres, altersentsprechendes kognitives Zustandsbild. Der Affekt und die Schwin
g
ungsfähigkeit sowie die Kooperations- und Leistungsbereitschaft seien unauffällig (S. 3).
3.
3
Dr.
med.
B._
, Facharzt für
Allgemeine Innere Medizin
,
führte m
it Bericht vom 23. August 2016 (Urk. 6/9/1-5)
aus, er hab
e die Beschwerdeführerin vom 7.
bis 22. Juni 2016 behandelt (Ziff. 1.2)
,
und nannte
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.1):
-
schlechter
Visus
wegen
Blutungen
-
Dialyse
-
schwere Niereninsuffizienz
-
akuter
ischämischer
zerebrovaskulärer
Insult
Als Floristin bestehe seit dem 22. Juni 2016 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (Ziff. 1.6).
Die Beschwerdeführerin könne wegen dem schlechten
Visus
(Blutung) nicht mehr Autofahren und Blumen einkaufen.
In welchem Umfang und seit wann eine behinderungsangepasste Tätigkeit möglich sei, sei
zurzeit
noch nicht beurteilbar (Ziff. 1.7).
3.
4
Dr.
Y._
,
Z._
,
nannte mit Bericht vom
7.
März 2017 (Urk.
6/12)
folgende, hier gekürzt aufgeführte
n
Diagnosen mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit (Ziff.
1.1):
-
schwere, dialysebedürftige Niereninsuffizienz Stadium G5, A3 nach KDIGO bei
Nephroangiosklerose
im Rahmen einer langjährigen schweren arteriellen Hypertonie
-
hypertensive
Herzkrankheit
Juni
2016
-
akuter ischämischer
zerebrovaskulärer
Insult (CVI) am 2
8.
Juli 2016
-
schwere chronische arterielle Hypertonie
Die Beschwerdeführerin sei
vom 2
2.
Juni bis
8.
Juli 2016
wegen einer schweren
hypertensiven
Herzkrankheit und
hypertensiven
Entgleisung und entsprechenden Endorganschäden (Retinablutung, schwere Niereninsuffizienz) hospitalisiert wor
den. Während des Aufenthalt
s
habe sich die Nierenfunktion nach Optimierung des Blutdrucks nicht mehr erholt, so dass mit der
Hämodialyse
habe
gestartet werden müssen. Am 6.
Jul
i 2016 sei ein
Peritonealdialys
ekatheter
eingelegt und ab dem 1
6.
August 2016 die Bauchfelldialyse gestartet worden. Zwischenzeitlich sei es zu einem CVI gekommen (
Ziff.
1.4).
Viermal täglich erfolge ein
Bauchfelldialysatwechsel
mit Füllvolumina von
1.5 Liter intraabdominal, einmal monatlich finde eine Kontrolle zur Überwachung der Therapie und Laborparameter
statt
(
Ziff.
1.5).
Als Floristin und Hausfrau bestehe eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit seit dem 22.
Juni 2016
(
Hospitalisationsbeginn
)
bis aktuell (
Ziff.
1.6).
Einerseits bestehe ein Zeitaufwand zur Durchführung der
Bauchfelldialysatwechsel
. Des Weiteren bestehe noch eine reduzierte körperliche Belastbar
keit nach schwerer
hyperten
siven
Entgleisung und Status nach
cerebrovaskulärem
Insult. Mittels Bauchfell
dialyse könne die Müdigkeit, die
urämiebedingt
sei, nicht komplett korrigiert wer
den. Die Konzentrationsfähigkeit sei reduziert, es bestehe eine vermehrte Müdig
keit.
Unter Dialysetherapie bestehe meist eine katabole Stoffwechsellage durch starke Proteinverluste im Dialysat, dadurch sei es meist nur möglich, die Muskel
kraft zu erhalten, jedoch schwierig, einen Muskelaufbau zu erreichen. Zudem bestehe eine zeitliche Belastung durch die regelmässig alle 4-6 Stunden durchzu
führenden
Dialysatwechsel
(
Ziff.
1.7).
Als Hausfrau sei im Verlauf eine Arbeitsfähigkeit gegeben, allerdings in reduzier
tem zeitlichen Rahmen, maximal 50
%
, vorausgesetzt, dass in den nächsten Monaten ein Rehabilitationsprogramm zum Erhalt der Muskelkraft und Wieder
eingliederungsmassnahmen durch die IV möglich seien. Im optimalen Fall könne eine behinderungsangepasste Tätigkeit mit vermehrten Pausen, bedingt durch die
Dialysatwechsel
und die vermehrte Ermüdbarkeit
, im Umfang
von
maximal
vier
Stunden pro Tag
ausgeübt
werden (
Ziff.
1.7).
Solange die Beschwerdeführerin nicht nierentransplantiert werden könne
,
sei die bestmöglich zu erreichende Arbeitsfähigkeit 50 %
(Ziff. 1.8)
.
3.
5
C._
,
Oberarzt
Augenklinik
Z._
,
nannte mit Bericht vom
7.
April 2017 (Urk.
6/17)
folgende Diagnosen mit Auswirku
ng auf die Arbeitsfähigkeit
(Ziff. 1.1)
:
-
Amblyopie
links
-
Fundusveränderungen
im Rahmen der arteriellen Hypertonie
Aus opht
h
almologischer Sicht bestehe keine Einschränkung der Einsatzfähigkeit (
Ziff.
1.9).
3.6
Dipl.-
m
ed.
D._
, Fachärztin für
Allgemeine Innere Medizin
und für
Prävention und Gesundheitswesen
,
Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD)
,
führte mit Stellungnahme vom 1
2.
Mai 2017 (Urk. 6/31/3-4) aus, es liege ein Gesundheits
schaden vor, welcher sich längerfristig auf die Arbeitsfähigkeit in der ange
stammten Tätigkeit auswirke
. Durch
eine dialysepflichtige Niereninsuffizienz sei die Beschwerdeführerin zu 50 % in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Sie
sei ausserdem lediglich in der Lage, leichte wechselbelastende Tätigkeiten auszuüben (S. 2).
3
.7
Im Bericht über eine Abklärung der beeinträchtigten Arbeitsfähigkeit in Beruf und Haushalt vom 1
7.
August 2017 (
Urk. 6/29
) wurde festgehalten,
es sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beschwerdefüh
rerin heute bei guter Gesundheit in einem Anstellungsverhältnis zu 100 % stehen würde (Ziff. 3.5). Die Beschwerdeführerin werde als
v
ollerwerbstätig ab Oktober 2015 qualifiziert (Ziff. 5).
Die Beschwerdeführerin habe ausgeführt, i
hre gesundheitliche Situation lasse es nicht zu
,
einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Sie halte sich auch sehr viel im
Z._
auf
, zum Beispiel für eine Reha. Zudem seien diese Dialysen, die sie selber zu Hause vier Mal pro Tag und dies an sieben Tagen pro Woche durchführen müsse, sehr intensiv und zeitaufwendig. Von daher
sei
das Einhalten einer festen Arbeitszeit gar nicht möglich. Ihr sei es auch nur deshalb möglich, diese Dialysen zu Hause selber durchzuführen,
weil
sie in einem Haus mit genügend Räumen wohne. Eine der Voraussetzungen sei nämlich, dass für diese Dialysen ein eigener Raum zur Verfügung gestellt werden könne (Ziff. 2.3).
3.
8
Dr.
Y._
,
Z._
, führte mit Bericht vom 2
4.
Oktober 2017 (Urk.
6/35/1-3)
aus,
die Besc
hwerdeführerin
habe
zwischen dem 10. April und 17.
Juli 2017 ein kardiales Rehabilitationsprogramm absolviert. Daran anschliessend laufe nun ein
Vi
tafit
-Rehabilitationsprogramm zwei Mal
wöchentlich zum weiteren Muskelaufbau. Des Weiteren führe die Beschwerdeführerin zu Hause
vier Mal
täglich selbständig ihre
Bauchfelldialysatwechsel
durch und werde deswegen monatlich klinisch und labormässig untersucht (S. 2 oben).
Die kardiale R
e
habilitation und aktuell auch das
Vitafit
-Rehabilitationsprogramm
hätten
keine klinisch signifikante Verbesserung der Mus
ke
lfunk
tion gebracht, eine weitere Abnah
me der Muskelkraft habe aber verhindert werden können. Die Beschwerdeführerin leide weiterhin an einer
Chronic
Fatigue
und schnellen Ermüdbarkeit. Bei der
Fahrradergometrie
habe die Leistungsfähigkeit im Ver
gleich zur Untersuchung vor der kardiologischen Rehabilitation auf 94
%
des Solls etwas abgenommen bei fehlenden Hinweisen für eine Ischämie. Die Beschwerdeführerin sei trotz Dialyse
immer noch chronisch müde. Sie benötige zudem für ihren
vier Mal
täglichen
Dialysatwechsel
je eine Stunde mit Vorberei
tung und Aufräumarbeiten.
Deshalb werde
es ihr in Zukunft höchstens möglich sein, einer 25%igen Arbeitstätigkeit
als selbständige Floristin nachzugehen. So könne sie die Aufträge selber einteilen und an ihr Dialyseregime anpassen. Zudem könnte sie weiterhin ein regelmässiges Aufbautraining besuchen, welches auch längerfristig dringend notwendig sei (S. 2 Mitte).
Solange die Beschwerdeführerin dialysepflichtig sei, bestehe nur eine 25%ige Arbeitsfähigkeit (S. 2 unten).
3.9
Dipl.-m
ed.
D._
, RAD, führte mit Stellungnahme vom 1
7.
November 2017 (Urk. 6/38/3) aus,
regulär seien Dialysepatienten in ihrer Leistungsfähigkeit in einem Umfang von 50 % eingeschränkt, hierbei seien zeitlicher Aufwand durch die Dialyse und die bei Niereninsuffizienz regelmässig auftretende Müdigkeit bereits berücksichtigt. Die
Peritonealdialyse
ermögliche den so therapierten niereninsuffizienten Patienten eine grössere Flexibilität als dies bei einer maschi
nellen Dialyse der Fall sein würde. Es könne daher nicht nachvollzogen werden, warum die Beschwerdeführerin die Dialyseintervalle so lege, dass diese aktuell eine berufliche Tätigkeit sehr erschwerten. Das
Z._
berichte
über
keine Verschlechterung des Gesundheitszustandes im Vergleich zur er
sten Stellung
nahme im März 201
7.
Die muskuläre Schwäche sei vorbestehend und nicht mit der Niereninsuffizienz allein zu erklären. Ein mangelnder Trainingszustand dürfte hier mitbeteiligt sein. Es könne daher aus versicherungsmedizinischer Sicht nicht nachvollzogen werden, warum heute die Arbeitsfähigkeit anders beurteilt werde als noch im März dieses Jahres, es handle sich um eine andere Beurteilung des gleichen Sachverhalts.
3.
10
Nach Erlass der vorliegend angefochtenen Verfügung berichteten
M.Sc
.
A._
, und
E._
, Fachpsychologin Neuropsychologie und Psychotherapie FSP
,
am 19.
März 2018 (
Urk.
12)
über eine neuropsychologische Untersuchung vom 14. März 201
8.
In der neuropsychologischen Untersuchung zeige die Beschwerdeführerin einzig wiederkehrende und diskrete qualitative Einbussen, welche für eine verminderte Konzentrationsleistung im Rahmen
einer
Fatigue
sprächen. Im Selbstbeurtei
lungsfragebogen zur Erhebung der kognitiven und körperlichen Erschöp
fung/
Fatigue
zeige sich eine insgesamt leicht vorhandene
Fatigue
, körperlich und kognitiv (S. 5).
Zusammengefasst stehe die vorhandene leicht erhöhte
Fatigue
im Vordergrund, welche bei zunehmender Müdigkeit/Erschöpfung auch die diskreten und isolierten
konzentrativen
Fehlleistungen mitbedinge.
Das klinische Bild spreche für
eine leichte kognitive Störung
. S
omit sei aus rein neuropsycholo
gischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 70-80
%
gegeben
(S. 6)
.
3.
11
Dr.
Y._
,
Z._
,
führte mit Bericht vom
3.
April 2018 (
Urk.
9/3)
aus,
das Durch
führen der Bauchfelldialyse und die zusätzlichen Rehabilitationsprogramme for
derten die Beschwerdeführerin aufs Äusserste. Nebenher
habe
sie auch noch weitere ärztliche Kontrolltermine (zum Beispiel ophthalmologische Verlaufskon
trollen, regelmässige Verlaufskontrollen für Patienten auf der Nieren-
Transplan
tations
-Liste). Seit November
2017
arbeite sie regelmässig in einem etwa
10%-Arbeitspensum als selbständig tätige Floristin. Um die körperliche Leistungs
fähigkeit einigermassen zu erhalten, müsse sie mindestens zweimal pro Woche körperlich aktiv sein (
W
alking, Tanzen). Bereits das Einhalten diese
r Termine
zusätzlich zur
Peritonealdialyse
und dem Haushalt erschöpfe die Beschwerdefüh
rerin so sehr, dass sie kaum Zeit für weitere soziale Kontakte habe. Sie benötige immer wieder Ruhephasen. Von der Beschwerdegegnerin sei keine Umschulung in eine angepasste Tätigkeit gemacht worden. Dies, die fehlenden körperlichen Verbesserungen durch die Rehabilitationsprogramme sowie die fehlenden sozialen Ressourcen, die erwiesenermassen bei Bauchfelldialyse
patienten unter
stützend gegen
Fatigue
und Depression wirkten, führten zu einer nach wie vor reduzierten Arbeitsfähigkeit von aktuell 25 % (S. 2
Ziff.
2a).
Die
Arbeitsfähigkeit in der gemäss Invalidenversicherung angepassten Tätigkeit
werde
mit
25 %
beurteilt
. Einerseits benötige die Beschwerdeführerin genug Zeit und Rückzugsmöglichkeiten zur Durchführung der
vier Mal
täglichen Dialyse, gleichzeitig benötige sie aber angesichts der reduzierten Konzentrationsfähigkeit und der
Fatigue
auch sonst immer wieder Erholungspausen, die länger sein müss
ten, als nur der Zeitbedarf für das Durchführen der Bauchfelldialyse. Die Beutel
wechsel seien keine Entspannungszeit, sondern erforderten von der Beschwerde
führerin Konzentration. Sie sei in ihrer Alltagsbewältigung/Haushalt inklusive Bauchfelldialyse auf sich alleine gestellt und habe keine weiteren sozialen Res
sourcen, die sie zur Hilfestellung einbeziehen könne. Dies erhöhe die
Fatigue
-Symptomatik, weshalb die Arbeitsfähigkeit nur 25 % betrage
(S. 2 Ziff. 2b)
.
Im ersten Bericht (vorstehend E. 3.4) sei geschrieben worden, dass erst im opti
malen Fall, nach Durchführen eines kardialen Rehabilitationsprogramms und nach Umschulung durch die Beschwerdegegnerin auf eine körperlich leichtere Tätigkeit im besten Fall eine 50%ige Arbeitsfähigkeit erreicht werden könne. Zum Zeitpunkt des Berichts sei die Arbeitsfähigkeit 0
%
gewesen. Der beste Fall sei leider auch nicht eingetreten, wie im zweiten Bericht vom 2
4.
Oktober 2017 (vgl. vorstehend E. 3.8)
auch begründet worden sei
.
Die
Fatigue
-Symptomatik sei eine Symptomatik, d
ie von
vielen Dialysepatienten g
eklagt werde, je nach Vorge
schichte, Komorbidität und psychosozialem Umfeld, aber unterschiedlich ausge
prägt sein könne. Diese werde in der ärztlichen Beurteilung
häufig zu wenig miterfasst
und könne bei
Peritonealdialysepatienten
ausgeprägter sein als bei
Hämodialysepatienten
(S. 2 Ziff. 3.1).
Der
Gesundheitszustand
habe sich
seit März 2017 leicht verbessert, da es nach Abschluss des Rehabilitationsprogrammes trotz fehlender objektiver Verbesse
rung der Muskelkraft zu einem subjektiven Gefühl einer Verbesserung des G
esundheitszustandes gekommen sei. Die Beschwerdeführerin habe deshalb ab Juni 2017 ihre Arbeit als Floristin mit Kleinstaufträgen wiederaufnehmen können und ab November 2017 nur regelmässig in einem Pensum von zirka 10 % gear
beitet
(S. 4
Ziff.
3.2).
Die Arbeitsfähigkeit eines Dialysepatienten betrage unter optimalen Bedingungen 50
%
, es könne aber zu einer höheren Arbeitsunfähigkeit kommen. Im Falle der Beschwerdeführerin seien die Hauptfaktoren für die verminderte Arbeitsfähigkeit die starke
Fatigue
, die reduzierte Konzentrationsfähigkeit und die fehlenden psychosozialen Ressourcen. Mitursächlich für diese Symptome sei die Tatsache, dass sie erst in einem sehr späten Stadium der Niereninsuffizienz und ausgepräg
ter
Urämiesymptomatik
zugewiesen worden sei (S. 4
Ziff.
3.3).
Auch
wenn die
Bauchfelldialysatwechsel
optimiert
werden
würden (einer am Morgen vor Arbeitsbeginn, ein Wechsel über den Mittag, ein Wechsel am späteren Nachmittag, einer am Abend)
,
seien nach wie vor vier Wechsel nötig und ent
sprechend müssten grössere Mittagspausen eingelegt werden und auch am Nach
mittag sei die Beschwerdeführerin eingeschränkt, da sie rechtzeitig wieder zuhause sein müsse, um den Wechsel zu machen (
S. 4
Ziff. 4).
3.
12
Dipl.-
m
ed.
D._
, RAD,
führte mit Stellungnahme vom
2
6.
Juli 2018 (Urk. 17)
aus, durch die untersuchenden Neuropsychologen werde festgestellt, dass eine Arbeitsfähigkeit infolge der leichten kognitiven Störung höchstens zu 70 - 80 % gegeben sei. Durch diesen neu eingegangenen Befund, welcher lediglich eine leichte Form einer
Fatigue
erfasse, würden die RAD-Stellungnahm
en vom 1
2.
Mai 2017 und vom 17.
November 2017 bestätigt. Eine leichte
Fatigue
trete regelmäs
sig auf bei Dialysepatienten, sie sei durch den RAD bei der Festlegung der
Arbeitsunfähigkeit
von 50 % bereits berücksichtigt (S. 1 f.).
Bei korrekter Einhal
tung der Dialyseintervalle (vier Stunden zwischen zwei
Dialysatwechseln
) würde die Beschwerdeführerin aus
versicherungsmedizinisch-theoretischer Sicht einer 50%igen Tätigkeit nachgehen und die zur Verfügung stehende freie Zeit für Arzt
termine und Muskeltraining sowie die Pflege sozialer Kontakte nutzen können (S. 2 Mitte).
4.
4.1
Bei der
Beschwerdeführer
in
wurden im Wesentlichen eine
schwere, dialyse
bedürftige Niereninsuffizienz Stadium G5, eine
hypertensive
Herzkrankheit und eine schwere chronische arterielle Hypertonie diagnostiziert (E. 3.4 hiervor). Eine fachärztliche Beurteilung liegt einzig von
Dr.
Y._
vor, welche
ab
Hospitalisa
tionsbeginn
im Juni 2016 eine 100%ige (vorstehend E. 3.1, E. 3.4) und später eine 75%ige Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit als Floristin attestierte (vorstehend E. 3.8, E. 3.11).
Dipl.-med.
D._
, RAD,
kam demgegenüber zur Einschätzung, dass
die Beschwerdeführerin in ihrer Leistungsfähigkeit
zu
50
% eingeschränkt sei
(vorstehend E. 3.6)
.
4.2
Gemäss
Dr.
Y._
benötige die Beschwerdeführerin für ihren vier Mal täglichen
Dialysatwechsel
je eine Stunde mit Vorbereitung und Aufräumarbeiten (vor
stehend E. 3.8).
Dr.
Y._
nannte zudem
als die Arbeitsfähigkeit einschränkende Faktoren eine
Fatigue
, eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit, sowie fehlende psychosoziale Ressourcen.
Nebst dem Zeitbedarf für das Durchführen der Bauch
felldialyse benötige die Beschwerdeführerin Erholungspausen
,
Zeit für Rehabili
tationsprogramme
,
sei in ihrer Alltagsbewältigung/Haushalt auf sich alleine gestellt und habe keine weiteren sozialen Ressourcen, was die
Fatigue
-Sympto
matik erhöhe
(vgl. vorstehend E. 3.11)
.
In diesem Sinne lassen die Berichte von
Dr.
Y._
darauf schliessen, dass
die
Beschwerdeführer
in
zumindest in der ange
stammten Tätigkeit massgeblich in
ihrer
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sein könnte. Indessen kann nicht unbesehen und allein auf die Angaben der behan
delnden Ärzt
in
abgestellt werden. Insofern ist die Erfahrungstatsache zu beach
ten, dass Hausärzte wie auch behandelnde Ärzte im Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen, weshalb im Streitfall eine direkte
Leistungszusprache
einzig gestützt auf die Angaben der behandelnden Ärztinnen und Ärzte kaum je in Frage kommen wird (BGE 135 V 465 E. 4.5).
D
ipl.-med.
D._
, RAD,
verwies in ihrer ersten Stellungnahme auf die Beurtei
lung von
Dr.
Y._
, wonach die Beschwerdeführerin ab März 2017 zu 50 % arbeitsunfähig sei (vgl. Urk. 6/31/4 Mitte
, vorstehend E. 3.6
). Doch
Dr.
Y._
hielt in ihrem Bericht von März 2017 fest, dass nur im optimalen Fall eine 50%ige Arbeitsfähigkeit erreicht
werden könne (vorstehend E. 3.4). Dieser sei nicht ein
getreten (vorstehend E. 3.11). In einer späteren Stellungnahme führte
Dipl.-med.
D._
aus, Di
alysepatienten
seien
regulär in ihrer Leistungsfähigkeit in einem Umfang von 50 % eingeschränkt, wobei der zeitliche Aufwand durch die Dialyse und die bei Niereninsuffizienz regelmässig auftretende Müdigkeit bereits berück
sichtigt seien
(vorstehend E. 3.9). Eine Untersuchung von Neuropsychologen habe ergeben, dass lediglich eine leichte Form einer
Fatigue
vorliege (vorstehend E. 3.12)
.
Bei einer
neuropsychologische
n
Untersuchung im März 2018
konnte
tatsächlich nur eine leichte
Fatigue
festgestellt
werden. Aber die Untersuchung ergab auch,
dass die Beschwerdeführerin durch die
Fatigue
körperlich und kognitiv einge
schränkt ist,
und von
einer Arbeitsunfähigkeit von 20 bis 30
%
aus
zugehen ist
(vorstehend E. 3.10).
Gestützt auf die Ausführungen der Beschwerdeführerin und insbesondere den Umstand, dass nebst vier Mal einer Stunde Bauchfelldialyse
offenbar weitere
Einschränkungen
bestehen
, greift die Begründung der RAD-Ärztin zu kurz,
wonach
Dialysepatienten regulär in ihrer Leistungsfähigkeit in einem Umfang von 50
%
eingeschränkt seien
.
Es erscheint
auch
fraglich, ob nebst einer 50%igen Tätigkeit tatsächlich genügend Zeit für Arzttermine, Muskel
training und die Pflege sozialer Kontakte besteht (vgl. vorstehend E. 3.12)
, zumal eine Arbeitstätigkeit über den ganzen Tag verteilt werden müsste (vgl. nach
stehend E. 4.
3
)
.
Damit
fehlt
es
vorliegend an einer umfassenden, verlässlichen medizinischen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit.
4.
3
Des Weiteren
hat es die Beschwerdegegnerin unterlassen, die Verwertbarkeit der Arbeitsfähigkeit zu prüfen. D
ie Beschwerdeführerin
benötigt
gemäss
Dr.
Y._
täglich vier
Bauchfelldialysatwechsel
. Einer könnte
a
m Morgen vor Arbeitsbe
ginn, einer über den Mittag, der nächste am späteren Nachmittag und der letzte am Abend stattfinden (vorstehend E. 3.11). Zudem benötigt die Beschwerdefüh
rerin eine Rückzugsmöglichkeit zur Durchführung der Dialyse (Urk. 6/31 S. 4 oben, vorstehend E. 3.7, E. 3.11). Die Wechsel erfordern gemäss
Dr.
Y._
Konzentration und sind keine Entspannungszeit. Um den Wechsel über Mittag durchführen zu können, benötigte die Beschwerdeführerin demnach eine
längere
Mittagspause.
Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin wohl zusätzlich Zeit für die Erholung benötigt.
Der Wechsel am Nachmittag müsste
entweder noch auf der Arbeit erfolgen, oder die Beschwerdeführerin müsste die Möglichkeit haben,
rechtzeitig wieder
nach Hause gehen zu können
, um den Wechsel zu machen
.
Vor diesem Hintergrund ist fraglich, ob
die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin überhaupt
verwertbar
ist
.
4.
4
Damit fehlt es an der Grundlage für einen Entscheid. Die Sache ist daher zur ergänzenden medizinischen Beurteilung an die Be
schwerdegegnerin zurückzu
weisen,
damit diese, nach ergänzender medizinischer Abklärung, eine neue Beur
teilung vornehme und über den Leistungsanspruch
der Beschwerdeführerin
neu verfüge. In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
5.
5.1
Die Verfahrenskosten gemäss
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG
sind ermessensweise auf Fr.
7
00.-- festzusetzen und ausgangsgemäss der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.
5.2
Nach
§
34
Abs.
1
GSVGer
hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (
§
34
Abs.
3
GSVGer
).
Beim praxisgemässen Stundenansatz von
Fr.
185.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer) ist die Prozessentschädigung ermessensweise auf
Fr.
1’500
.--
(inklusive Baraus
lagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerle
gen.