Decision ID: 09ab5b17-0662-5f26-a01d-efcd2df17340
Year: 2005
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ a) N.B., geboren am 22. Oktober 1983, nahm im Oktober 2002 ein Studium an der
Universität St. Gallen auf. Seine Schriften hinterlegte er in St. Gallen. Im Sommer 2004
brach er sein Studium ab und kehrte nach Romanel-sur-Lausanne/VD zurück, dem
Wohnort seiner Mutter. Dort hinterlegte er per 1. Oktober 2004 seine Schriften.
b) Am 6. Februar 2004 meldete sich N.B. bei der Sozialversicherungsanstalt des
Kantons St. Gallen zum Bezug einer individuellen Prämienverbilligung für das Jahr
2004 an. Er führte an, dass seine Eltern keine Ausbildungszulage nach dem
Kinderzulagengesetz bezögen. Auf einem zweiten Anmeldeformular vom 10. März 2004
bejahte er die Frage, ob seine Eltern eine Kinderzulage bezögen, und machte einen
Vermerk, dies sei mit dem Kanton Waadt zu überprüfen.
c) Mit Verfügung vom 7. Mai 2004 wies die Sozialversicherungsanstalt den Antag von
N.B. auf eine individuelle Prämienverbilligung für das Jahr 2004 ab. Sie führte zur
Begründung aus, in Ausbildung stehende Personen bis zum vollendeten 25. Altersjahr
erhielten keine Prämienverbilligung, wenn die Eltern zur Hauptsache für deren Unterhalt
aufkämen.
d) Gegen diese Verfügung erhob der Gesuchsteller Einsprache, die von der
Sozialversicherungsanstalt mit Entscheid vom 21. Mai 2004 abgewiesen wurde.
B./ Gegen den Einspracheentscheid gelangte N.B. am 7. Juli 2004 mit Rekurs an das
Versicherungsgericht. Dieses hiess den Rekurs mit Entscheid vom 3. November 2004
gut. Es erwog im wesentlichen, das Bundesrecht gewähre Personen in bescheidenen
wirtschaftlichen Verhältnissen einen Anspruch auf individuelle Prämienverbilligung. Im
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Kanton St. Gallen könnten nur Personen mit Wohnsitz im Kanton einen Anspruch auf
Prämienverbilligung geltend machen. Personen bis zum vollendeten 25. Alters-jahr, die
hauptsächlich von ihren Eltern unterstützt würden, hätten jedoch keinen eigenen
Anspruch. Die Prämienverbilligung stehe dafür allenfalls den Eltern zu. Im Kanton
Waadt dagegen knüpfe der Anspruch der Eltern auf die Prämienverbilligung ihrer in
Ausbildung befindlichen Kinder nicht an den familienrechtlichen Unterhalt, sondern an
die Wohnverhältnisse an. Ein Anspruch der Eltern bestehe nur, wenn die in Ausbildung
befindlichen Kinder bei ihnen wohnten. Die unterschiedlichen Regelungen der
Anspruchsvoraussetzungen im Kanton Waadt und im Kanton St. Gallen vereitelten im
vorliegenden Fall den bundesrechtlichen Anspruch auf Prämienverbilligung. Weder
N.B. selbst noch dessen Eltern könnten bei der Anwendung der im Gesetz
vorgesehenen Regeln im Kanton Waadt oder im Kanton St. Gallen eine
Prämienverbilligung beanspruchen. Das Bundesrecht enthalte keine einschlägige
Kollisionsnorm. In dieser Situation sei der Richter aufgerufen, eine sachgerechte
Lösung zu suchen. Im vorliegenden Fall sei allein auf die Voraussetzung des
Wohnsitzes nach st. gallischem Recht abzustellen und N.B. gestützt darauf ein eigener
Anspruch auf individuelle Prämienverbilligung einzuräumen.
C./ Mit Eingabe vom 23. Dezember 2004 erhob die Sozialversicherungsanstalt
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, der Entscheid des
Versicherungsgerichts sei aufzuheben und die Verfügung vom 7. Mai 2004 sowie der
Einspracheentscheid vom 14. Juni 2004 seien zu bestätigen. Zur Begründung macht
sie im wesentlichen geltend, entgegen der Annahme des Versicherungsgerichts liege
kein negativer Entscheid des Kantons Waadt bezüglich Prämienverbilligung für N.B.
vor. Selbst wenn ein solcher vorläge, hätte N.B. keinen Anspruch auf
Prämienverbilligung im Kanton St. Gallen, da sich sein Wohnsitz im Kanton Waadt und
nicht im Kanton St. Gallen befinde. N.B. sei lediglich mit der Absicht zu studieren nach
St. Gallen gekommen. Er sei trotz Studium weiterhin viel stärker mit dem Kanton Waadt
als mit dem Kanton St. Gallen verbunden. Ohnehin würde im Kanton St. Gallen
angesichts der finanziellen Verhältnisse des Beschwerdeführers und dessen Eltern,
wenn überhaupt, nur Anspruch auf eine minimale Prämienverbilligung bestehen.
Mit Schreiben vom 7. Januar 2005 verzichtete das Versicherungsgericht auf eine
Stellungnahme.
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Am 31. Januar 2005 nahm N.B. zur Beschwerde Stellung und beantragte deren
Abweisung.
Auf die weiteren Vorbringen der Beteiligten wird im folgenden, soweit wesentlich, näher
eingegangen.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die
Sozialversicherungsanstalt ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung
mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerde wurde fristgerecht eingereicht und erfüllt
formal und inhaltlich die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1 in Verbindung mit
Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist damit einzutreten.
2./ Gemäss Art. 10 Abs. 1 des Einführungsgesetzes zur Bundesgesetzgebung über die
Krankenversicherung (sGS 331.11, abgekürzt EG-KVG) wird eine Prämienverbilligung
an Personen gewährt, die im Kanton St. Gallen ihren steuerrechtlichen Wohnsitz haben
(lit. a) und ein die Prämienverbilligung auslösendes Einkommen erzielen (lit. b). Gemäss
Art. 10 Abs. 2 Ziff. 3 EG-KVG wird in Ausbildung stehenden Personen, für deren
Unterhalt die Eltern zur Hauptsache aufkommen, bis zum vollendeten 25. Altersjahr
keine Prämienverbilligung gewährt.
Voraussetzung für den Anspruch auf eine Prämienverbilligung ist damit in jedem Fall
das Vorliegen eines steuerrechtlichen Wohnsitzes im Kanton St. Gallen. Hat der
Beschwerdegegner im Kanton St. Gallen keinen Wohnsitz, so können weder er selbst
noch seine Eltern einen entsprechenden Anspruch geltend machen.
a) Die Vorinstanz hat die Frage, ob sich der Wohnsitz des Beschwerdegegners im
Kanton St. Gallen befindet, nicht ausdrücklich geprüft; sie hat dessen Vorliegen ihrem
Entscheid jedoch implizit zu Grunde gelegt.
Im folgenden ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer im massgeblichen Zeitpunkt am
1. Januar 2004 (Art. 9 Abs. 1 der Verordnung zum Einführungsgesetz zur
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Bundesgesetzgebung über die Krankenversicherung, sGS 331.111) seinen
steuerrechtlichen Wohnsitz in St. Gallen hatte.
Unbestritten ist, dass der Beschwerdegegner im Oktober 2002 seine Schriften in St.
Gallen hinterlegt hat. Am 1. Oktober 2004 meldete er sich in Romanel-sur-Lausanne,
dem Wohnort seiner Mutter, an.
Nach Art. 13 Abs. 2 des Steuergesetzes (sGS 811.1) hat eine Person steuerrechtlichen
Wohnsitz im Kanton St. Gallen, wenn sie sich hier mit der Absicht dauernden
Verbleibens aufhält. Der Begriff des steuerrechtlichen Wohnsitzes wird somit gleich
umschrieben wie jener des zivilrechtlichen Wohnsitzes (Art. 23 Abs. 1 des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches, SR 210, abgekürzt ZGB). Der steuerrechtliche
Wohnsitz einer Person befindet sich damit an dem Ort, wo sie sich mit der Absicht
dauernden Verbleibens tatsächlich aufhält, d.h. am Mittelpunkt ihrer Lebensinteressen
bzw. Lebensbeziehungen (BGE 127 V 238, 108 Ia 254). Für die Begründung des
Wohnsitzes müssen somit zwei Merkmale erfüllt sein: ein objektives äusseres, der
Aufenthalt, sowie ein subjektives inneres, die Absicht dauernden Verbleibens. Als
innere Tatsache ist die Absicht dauernden Verbleibens an einem Ort keinem direkten
Beweis zugänglich. Sie kann lediglich indirekt aus der äusserlichen Gestaltung der
Lebensverhältnisse gefolgert werden (E. Bucher, Berner Kommentar, Bern 1976, Art.
23 N 35; vgl. BGE 97 II 4). Nach der Rechtsprechung kommt es nicht auf den inneren
Willen, sondern darauf an, auf welche Absicht die erkennbaren Umstände objektiv
schliessen lassen (BGE 127 V 238). Massgebend ist die Gesamtheit der Umstände,
wobei auf die tatsächlichen Verhältnisse und nicht auf rein formelle Handlungen
abgestellt wird. Die polizeiliche Anmeldung und die Hinterlegung der Schriften sind
zwar gewichtige Indizien für die Wohnsitzbegründung, für sich allein aber nicht
entscheidend (Weidmann/Grossmann/Zigerlig, Wegweiser durch das st. gallische
Steuerrecht, 6. Aufl., Muri-Bern 1999, S. 21).
Gemäss Art. 26 ZGB begründet der Aufenthalt an einem Ort zum Zweck des Besuches
einer Lehranstalt keinen Wohnsitz. Es handelt sich dabei aber nur um eine gesetzliche
Vermutung; liegen die oben genannten tatsächlichen Voraussetzungen vor, kann der
Studienort zugleich der Wohnsitz sein. Auf die Dauer des Studienaufenthaltes kommt
es nicht an. Indizien für die Wohnsitznahme am Studienort können neben der Absicht,
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auch nach Studienabschluss an diesem Ort zu verbleiben, die Erwerbstätigkeit am
Studienort und vor allem der Aufenthalt auch während der Ferien und an Wochenenden
sein (Bucher, a.a.O., Art. 26 N 11).
Der Beschwerdegegner weilte zu Studienzwecken in St. Gallen. Er selbst führt in seiner
Stellungnahme vom 31. Januar 2005 zur Beschwerde aus, "Je me suis inscrit comme
domicilié à Saint-Gall car je comptais y passer plusieurs années pour mes études, ce
qui est, j'en suis convaincu, une raison suffisante pour considérer ce lieu comme un
domicile définitif, pour les impôts et autres activités économiques." Der Aufenthalt zu
Studienzwecken begründet gemäss Art. 26 ZGB aber gerade keinen Wohnsitz, und wie
erwähnt bilden die Hinterlegung der Schriften und allfällige innere Absichten keine
ausschlaggebenden Merkmale für die Begründung des Wohnsitzes.
Das Argument der Beschwerdeführerin, der Beschwerdegegner habe seine Schriften
möglicherweise nur deshalb nach St. Gallen verlegt, weil er hier von tieferen Prämien
für Zusatzversicherungen habe profitieren können, ist nicht stichhaltig. Indessen fehlen
im vorliegenden Fall weitere Indizien, die objektiv nach den äusseren Umständen für
die Begründung eines Wohnsitzes in St. Gallen sprechen. Der Beschwerdegegner hat
sich zwar zur Frage seines Wohnsitzes geäussert, aber nicht geltend gemacht, dass er
in St. Gallen regelmässig auch die Wochenenden oder die Ferien verbracht habe. Auch
aus den Akten ergeben sich dafür keine Anhaltspunkte. Sodann behauptet der
Beschwerdegegner nicht, er habe beabsichtigt, nach dem Studium in St. Gallen zu
bleiben. Aufgrund der Akten ist zudem der Beschwerdegegner in St. Gallen keiner
Erwerbstätigkeit nachgegangen. Der Preis seiner Unterkunft (Fr. 520.-- pro Monat) lässt
darauf schliessen, dass es sich dabei um ein Zimmer zur Untermiete oder in einer
studentischen Wohngemeinschaft handelt. Der Beschwerdegegner macht auch nicht
geltend, er habe in St. Gallen einen eigenen Bekanntenkreis aufgebaut. Die Tatsache,
dass sich der Beschwerdegegner im Einsprache- und Rekursverfahren durch seine
Mutter vertreten liess, spricht zudem dafür, dass er zu dieser noch ein enges Verhältnis
pflegt und im Kanton Waadt familiär verwurzelt ist. Nach dem Abbruch bzw.
Unterbruch des Studiums kehrte er denn auch wieder an den Wohnort seiner Mutter
zurück. Im übrigen macht der Beschwerdegegner auch nicht geltend, die
Steuerbehörden hätten einen steuerrechtlichen Wohnsitz anerkannt und ihn im Kanton
St. Gallen rechtskräftig veranlagt. In den Akten findet sich lediglich ein Vermerk,
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wonach eine vorläufige Steuerrechnung gestellt worden sei und das Einkommen und
Vermögen per Ende 2001 Fr. 0.-- betragen habe.
Unter diesen Umständen ist davon auszugehen, dass sich der Beschwerdegegner zum
Zweck des Studiums in St. Gallen aufhielt und damit hier keinen Wohnsitz begründete.
Die Anspruchsvoraussetzungen für eine individuelle Prämienverbilligung im Kanton St.
Gallen gemäss Art. 10 Abs. 1 lit. a EG-KVG sind damit nicht erfüllt.
Da sowohl der Kanton St. Gallen als auch der Kanton Waadt die
Anspruchsberechtigung vom Wohnsitz abhängig machen und gemäss Art. 23 Abs. 2
ZGB niemand an mehreren Orten zugleich seinen Wohnsitz haben kann, erübrigt sich
das Aufstellen einer Kollisionsregel, wie das die Vorinstanz gemacht hat. Zudem liegt
kein Entscheid des Kantons Waadt vor, der den Anspruch des Beschwerdegegners
ablehnt. Die Beschwerdeführerin hält dazu fest, in der Verfügung vom 9. Februar 2004
über die Ergänzungsleistungen an seine Mutter habe sich ein entsprechender Vermerk
befunden, weshalb der Entscheid über die Ergänzungsleistung den Anspruch auf eine
individuelle Prämienverbilligung nicht präjudiziert habe.
Im übrigen kann auch aus der - auf Einsprache hin erfolgten - Gewährung einer
individuellen Prämienverbilligung per 2003 nichts zugunsten des Beschwerdegegners
abgeleitet werden. Der Anspruch auf Prämienverbilligung ist jedes Jahr neu zu prüfen.
Die Beschwerde ist folglich gutzuheissen und der Rekursentscheid vom 3. November
2004 aufzuheben. Die Verfügung der Sozialversicherungsanstalt vom 7. Mai 2004 und
der Einspracheentscheid vom 14. Juni 2004 sind zu bestätigen.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten dem
Beschwerdegegner aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr.
2'000.-- erscheint angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS 941.12). Auf die
Erhebung ist zu verzichten (Art. 97 VRP).
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen. Der Beschwerdegegner ist
unterlegen (Art. 98bis VRP), und die Beschwerdeführerin hat keinen Antrag gestellt (Art.
98ter VRP in Verbindung mit Art. 263 Abs. 3 des Zivilprozessgesetzes, sGS 961.2).