Decision ID: 931258a0-f489-55dd-a3aa-5488dc0d5378
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juli 2015 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Dr. med. B._, Facharzt in Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, hatte am 30. Juni 2015 im Auftrag der Versicherung G._ ein
psychiatrisches Gutachten erstattet (Fremdakten act. 5-41 ff.). Er gab an, er habe bei
der Versicherten eine unmittelbar nach der Kündigung (Freistellung) ihrer letzten
Arbeitsstelle Ende Januar 2015 klinisch manifest gewordene, mittlerweile noch in Form
einer deutlich spürbaren emotionalen Labilität in Erscheinung tretende kombinierte
Anpassungsstörung autonom-somatoformer, leicht neurasthenischer, leicht
depressiver sowie emotional-instabiler Ausrichtung, diagnostiziert. Die aktuelle Störung
hänge eng damit zusammen, dass die Versicherte ihre Cheffunktion mit den
zwischenmenschlichen Umgangsformen mit den Mitarbeitern nicht im Sinne ihrer
Position habe vereinbaren können. Er gehe mittel- bis längerfristig von einer günstigen
Prognose aus, sofern sich die Versicherte für eine zukünftige, ihren Ressourcen
adäquat angepasste berufliche Tätigkeit entscheide. Eine volle Arbeitsfähigkeit sei in
einer angepassten Tätigkeit in zwei bis drei Monaten wieder möglich.
A.a.
Der Hausarzt Dr. med. C._, Praktischer Arzt FMH, berichtete am 20. August
2015 (IV-act. 12), die Versicherte leide an einer depressiven Episode, mindestens
mittelschwer, und an einer chronischen Gastritis. Seit dem 31. Januar 2015 bestehe
eine volle Arbeitsunfähigkeit. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sei die Arbeitsfähigkeit
theoretisch gegeben; die zumutbare Stundenanzahl lasse sich noch nicht festlegen. Die
Wiedereingliederung habe belastungsadaptiert und stufenweise in kleinen Schritten zu
erfolgen. Die Prognose sei als günstig zu beurteilen.
A.b.
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RAD-Arzt Dr. D._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, notierte am 1.
September 2015 (IV-act. 13), dass sich die Prognose der höchstens mittelgradigen
depressiven Symptomatik, vorausgesetzt es handle sich tatsächlich lediglich um eine
Anpassungsstörung, entsprechend der Prognose von Dr. B._ mindestens teilweise
zurückgebildet haben müsste. Diese Schlussfolgerung werde aufgrund des natürlichen
Verlaufes von Anpassungsstörungen nach dem Wegfall des auslösenden Ereignisses
(Mobbing, Druck des Arbeitgebers) gezogen. Daher könne von einer Arbeitsfähigkeit
von 50%, auch für die Tätigkeit als Verkaufsleiterin, ausgegangen werden, falls keine
Mitarbeiterkonflikte auszustehen seien und die zu leitende Filiale nicht von besonderen
Schwierigkeiten (drohende Schliessung) betroffen sei.
A.c.
Die Fachärzte des F._ und der Privatklinik E._, Fachbereich Psychosomatik,
gaben am 8. Oktober 2015 gegenüber der IV-Stelle an (IV-act. 20), dass die Versicherte
vom 8. Juni bis 18. Juli 2015 in stationärer, integrierter, psychosomatisch-
sozialmedizinischer Rehabilitationsbehandlung gewesen sei. Dabei seien folgende
Diagnosen erhoben worden: Mittelgradige depressive Episode bei multifaktorieller
psychosozialer Belastung mit Entwicklung eines Erschöpfungssyndroms, chronische
normozytäre, hypochrome Anämie, Status nach Exhairese beidseits 1996 bei Varikosis,
Status nach Cholezystektomie 2000, Gastritis nach Eradikationstherapie im Februar
2015 und Laktoseintoleranz. Die Versicherte habe die Klinik in einem gebesserten
Zustand verlassen. Die Fachärzte attestierten vom 1. Juli bis zum 1. August 2015 eine
volle Arbeitsunfähigkeit; danach sei ein Arbeitseinstig in einem 50% Pensum bei einer
langsamen Steigerung der beruflichen Tätigkeit möglich.
A.d.
RAD-Arzt Dr. D._ notierte am 26. Oktober 2015 (IV-act. 21), dass aufgrund der
Beschreibung des therapeutischen Verlaufs und der geschilderten Psychosomatik
keine lang dauernde, schwere Erkrankung mit einer relevanten, dauerhaften
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vorliege; die Eingliederungsfähigkeit sei zu 50%
gegeben. Weitere Abklärungen seien nicht notwendig.
A.e.
Mit einem Vorbescheid vom 27. Oktober 2015 kündigte die IV-Stelle der
Versicherten die Abweisung des Begehrens um berufliche Massnahmen und
Rentenleistungen an (IV-act. 24). Sie führte aus, dass ab dem 1. November 2015 keine
Arbeitsunfähigkeit mehr vorliege. Die Versicherte liess am 18. November 2015
A.f.
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einwenden (IV-act. 25), dass der Vorbescheid vom 27. Oktober 2015 aufzuheben sei
und ihr berufliche Massnahmen und eine unbefristete ganze Rente zuzusprechen seien;
eventualiter sei eine angemessene Rente zu gewähren. Sie begründete dies im
Wesentlichen damit, dass sie ab dem 31. Januar 2015 und bis auf weiteres
ununterbrochen zu 100% arbeitsunfähig gewesen sei; die Aussage, dass sie seit dem
1. November 2015 wieder voll arbeitsfähig sei, sei tatsachenwidrig.
Am 11. November 2015 hatte Dr. med. H._ (IV-act. 25-6 f.), Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, der Rechtsschutzversicherungen I._ berichtet,
dass sie die Versicherte seit dem 9. Oktober 2015 betreue. In der angestammten und in
einer adaptierten Tätigkeit sei die Versicherte seit Therapiebeginn nicht arbeitsfähig;
eine rückwirkende Beurteilung für die Zeit vor Therapiebeginn sei nicht möglich. Sie
habe bei der Versicherten Anpassungsstörungen und eine längere depressive Reaktion
mit der Entwicklung eines Erschöpfungssyndroms festgestellt. Bis Jahresende sei von
einer vollen Arbeitsunfähigkeit auszugehen; ab Januar 2016 werde die Versicherte
eventuell ein sehr kleines Pensum ausüben können.
A.g.
Dr. B._ gab in seinem im Auftrag der Versicherung G._ ausgefertigten
Gutachten vom 13. Dezember 2015 an (Fremdakten act. 7-1 ff.), er habe bei der
Versicherten eine nach wie vor in erster Linie durch eine deutlich spürbare emotionale
Labilität in Erscheinung tretende kombinierte Anpassungsstörung, nunmehr vor allem
neurasthenischer und emotional-instabiler Ausrichtung, diagnostiziert. Eine
Wiederaufnahme der Arbeit in einer den Ressourcen adäquat angepassten beruflichen
Tätigkeit sei ab sofort zu einem vollen Pensum zumutbar. Eine berufliche Veränderung
sei nicht notwendig, wohl aber ein Wechsel zu einer Tätigkeit mit weniger bis keiner
Führungsverantwortung. RAD-Arzt Dr. D._ notierte am 2. September 2016 (IV-act.
39), das Gutachten von Dr. B._ stützte sich auf ausführlich dokumentierte
Untersuchungsbefunde und auf eine umfassende Aktenlage. Der im Gutachten
angegebene Gesundheitszustand entspreche dem von Dr. H._ festgestellten
Gesundheitszustand. Gemäss dem Gutachten sei die Versicherte in ihrer bisherigen
Tätigkeit voll arbeitsfähig; darauf könne abgestellt werden.
A.h.
In einem Schreiben vom 31. Dezember 2015 liess die Versicherte (IV-act. 28)
ergänzend (sub) eventualiter eine spezialärztliche Abklärung durch die IV-Stelle bean
A.i.
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B.
tragen. Sie machte geltend, die Einschätzung des RAD widerspreche der Einschätzung
von Dr. H._.
Am 25. Februar 2016 gab Dr. H._ an (IV-act. 30), die Versicherte leide an einer
Anpassungsstörung F43.32 sowie F43.28. Aufgrund der psychischen Instabilität sei die
Versicherte bis am 29. Februar 2016 voll arbeitsunfähig. Ab dem 1. März 2016 bestehe
eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit. Dr. B._ gab am 13. März 2016 an (Fremdakten act.
7-17 ff.), aus dem Bericht von Dr. H._ ergäben sich keine neuen Fakten; er halte an
seiner Beurteilung im Gutachten vom 13. Dezember 2015 fest.
A.j.
Mit einer Verfügung vom 5. September 2016 wies die IV-Stelle das Begehren um
berufliche Massnahmen und das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act. 41). Die
Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
A.k.
Am 30. Mai/3. Juni 2019 meldete sich die Versicherte erneut zum Leistungsbezug
an (IV-act. 42). Sie gab an, seit einem Ereignis am 23. April 2017 seien orthopädische
Probleme und Schmerzen aufgetaucht. An manchen Tagen könne sie fast nicht mehr
"laufen". Das Ganze habe ihr vegetatives und Immunsystem noch mehr verschlechtert
(chronische Schmerzen und vieles mehr). Dr. C._ sei Vertrauensarzt und Schnittstelle
zwischen allen Spezialisten, Rehabilitationen und Schmerztherapien. Da mehrere
Spezialisten involviert seien, bitte sie die IV-Stelle, Dr. C._ zu kontaktieren.
B.a.
Die IV-Stelle teilte der Versicherten am 5. Juni 2019 mit (IV-act. 45), dass diese
eine erhebliche Veränderung des Gesundheitszustandes glaubhaft machen müsse. Mit
den bisher eingereichten Unterlagen sei noch keine relevante Änderung des
rechtserheblichen Sachverhalts seit der Abweisung des Gesuchs um berufliche
Massnahmen und Rentenleistungen vom 5. September 2016 glaubhaft gemacht. Sie
bat die Versicherte, Nachweise wie ausführliche Arztberichte. Lohnausweise usw.
zuzustellen, und sie wies darauf hin, dass diese Dokumente konkrete und sachliche
Anhaltspunkte für das Vorliegen relevanter Änderungen seit dem erwähnten Entscheid
enthalten müssten. Zudem müsse die Versicherte angeben, wann die Änderung
eingetreten sei. Die IV-Stelle setzte der Versicherten eine Frist bis zum 21. Juni 2019,
um entsprechende Nachweise einzureichen. Sie wies die Versicherte darauf hin, dass
B.b.
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C.
sie nicht auf das Gesuch eintreten und ihre Abklärungen einstellen werde, wenn innert
dieser Frist keine entsprechenden Nachweise eingereicht würden.
Am 12. Februar 2020 notierte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle, es seien keine
medizinischen Unterlagen eingegangen, die eine Veränderung oder Verschlechterung
des Gesundheitszustandes nachweisen würden. Daher werde das Gesuch um
berufliche Massnahmen und Rentenleistungen abgewiesen (IV-act. 48). Mit einem
Vorbescheid vom 12. Februar 2020 (IV-act. 49) kündigte die IV-Stelle der Versicherten
an, dass sie nicht auf das Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen und
Rentenleistungen eintreten werde. Sie führte aus, dass die Versicherte in ihrem neuen
Gesuch nicht glaubhaft dargelegt habe, dass sich die tatsächlichen Verhältnisse seit
der letzten Verfügung wesentlich verändert hätten. Die Versicherte liess sich nicht
vernehmen. Am 7. Mai 2020 verfügte die IV-Stelle das Nichteintreten auf das Begehren
um berufliche Massnahmen und Rentenleistungen (IV-act. 50).
B.c.
Am 8. Juni 2020 liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
Beschwerde gegen die Nichteintretensverfügung der IV-Stelle (Beschwerdegegnerin)
vom 7. Mai 2020 erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung
dieser Verfügung und das Eintreten auf die Neuanmeldung vom 3. Juni 2019. Der
Begründung war im Wesentlichen zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin in ihrer
Wiederanmeldung auf ein Unfallereignis vom 23. April 2017 und die daraus
resultierenden chronifizierten Beschwerden hingewiesen habe. Dies lege glaubhaft eine
erhebliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes seit dem 5. September 2016
dar; der Unfall habe sich nach dem Referenzzeitpunkt ereignet. Auch wenn das
Versicherungsgericht entsprechend der Bundesgerichtspraxis der beschwerdeweisen
Überprüfung der Nichteintretensverfügung nur den Sachverhalt zu Grunde lege, der
sich der Verwaltung dargeboten habe, reiche die Beschwerdeführerin dennoch
folgende Unterlagen ein: Ein Schreiben der kantonalen Arbeitslosenkasse vom 8. Mai
2017 (act. G 1.3), ein Schreiben der G._ Versicherungen AG vom 16. August 2019
inkl. einer Auflistung vom 3. Juni 2019 über die Taggeldzahlungen (act. G 1.4) und
Arbeitsunfähigkeitszeugnisse von Dr. C._ (act. G 1.5).
C.a.
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D.

Erwägungen
1.
Am 29. Juni 2020 meldete sich die Beschwerdeführerin bei der
Beschwerdegegnerin nochmals zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 55). Sie legte
jene Unterlagen bei, die sie bereits ihrer Beschwerde beigelegt hatte, nämlich ein
Schreiben der kantonalen Arbeitslosenkasse vom 8. Mai 2017 (IV-act. 55-3 f.), ein
Schreiben der G._ Versicherungen AG vom 16. August 2019 inkl. einer Auflistung
vom 3. Juni 2019 über die Taggeldzahlungen (IV-act. 55-5 ff.) und
Arbeitsunfähigkeitszeugnisse von Dr. C._ (IV-act. 55-9 ff.).
D.a.
Die angefochtene Verfügung enthält zwei voneinander unabhängige Entscheide,
nämlich den Entscheid, nicht auf die Anmeldung zum Bezug von beruflichen Ein
gliederungsmassnahmen einzutreten, und den Entscheid, nicht auf die Anmeldung zum
Bezug von Rentenleistungen einzutreten. Angefochten sind also zwei Verfügungen, die
der Beschwerdeführerin in einem einzigen Dokument eröffnet worden sind. Mit der
Anfechtung der Verfügung vom 7. Mai 2020 hat die Beschwerdeführerin also zwei
Beschwerden erhoben, nämlich eine Beschwerde gegen die Verfügung der
Beschwerdegegnerin, nicht auf die Anmeldung zum Bezug von beruflichen
Eingliederungsmassnahmen einzutreten, und eine Beschwerde gegen die Verfügung,
nicht auf die Anmeldung zum Bezug von Rentenleistungen einzutreten. Das
Versicherungsgericht hat die beiden Beschwerdeverfahren von Anfang an formlos
vereinigt. Damit hat es die Gefahr sich widersprechender Entscheide ausgeschaltet
und gleichzeitig den Verfahrensaufwand, insbesondere in Bezug auf den
Schriftenwechsel und die Urteilsbegründung, reduziert. Die Vereinigung der beiden
Beschwerdeverfahren hat aber nicht zur Folge, dass die beiden Streitgegenstände
„verschmelzen“ würden. Diese bleiben von der Vereinigung unberührt und haben
folglich weiterhin je ein eigenes juristisches Schicksal. Das bedeutet, dass es der
Beschwerdeführerin möglich ist, das Urteil nur bezüglich des einen Streitgegenstandes
anzufechten und den anderen Streitgegenstand unangefochten in formelle Rechtskraft
erwachsen zu lassen. Diesem Umstand wird durch eine weitgehende Aufteilung der
Erwägungen und des Urteilsdispositivs Rechnung getragen.
1.1.
Für beide Beschwerdeverfahren ist zu beachten, dass die Beschwerdegegnerin mit
der angefochtenen Verfügung vom 7. Mai 2020 nicht auf die beiden Leistungsbegehren
1.2.
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2.
der Beschwerdeführerin eingetreten ist. In diesem Beschwerdeverfahren kann folglich
nur überprüft werden, ob diese beiden in der Verfügung vom 7. Mai 2020 enthaltenen
Nichteintretensentscheide rechtmässig gewesen sind. Sollte dies für das eine oder für
beide Beschwerdeverfahren zu bejahen sein, müsste(n) die
Nichteintretensverfügung(en) (je) durch den verfahrensleitenden Entscheid ersetzt
werden, auf die Neuanmeldung(en) einzutreten. Die Sache(n) wäre(n) dann zur
materiellen Prüfung der Neuanmeldung(en) an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
Die von der Beschwerdeführerin erst nach der Eröffnung der "kombinierten"
Nichteintretensverfügung vom 7. Mai 2020, nämlich im Beschwerdeverfahren (bzw. mit
der erneuten Neuanmeldung vom Juni 2020) eingereichten Akten können nicht
gewürdigt werden, da nur die Aktenlage maßgebend sein kann, die beim Erlass der
angefochtenen "kombinierten" Verfügung vorgelegen hat (BGE 130 V 64 E. 5.2.5).
Andernfalls könnte der Fall eintreten, dass eine aufgrund der damaligen Aktenlage
rechtmäßige Nichteintretensverfügung auf der Grundlage der im Beschwerdeverfahren
eingereichten Akten vom Gericht als rechtswidrig aufgehoben werden müsste, was in
der nachträglichen Verwaltungsrechtspflege (vgl. etwa F. Gygi,
Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. A., S. 30) ausgeschlossen ist.
1.3.
Art. 29 ATSG sieht ein jederzeitiges Anmelderecht in Bezug auf
Sozialversicherungsleistungen und damit notwendigerweise auch einen Anspruch auf
ein Eintreten des jeweiligen Sozialversicherungsträgers auf jede Anmeldung
beziehungsweise einen Anspruch auf eine materielle Behandlung jeder Anmeldung vor.
Bei diesem Recht auf eine materielle Behandlung jeder Anmeldung handelt es sich um
einen elementaren Grundsatz des sozialversicherungsrechtlichen
Verwaltungsverfahrensrechts, denn dabei handelt es sich um einen wichtigen Baustein
für die Umsetzung des Prinzips, dass jede versicherte Person jene gesetzlich
vorgesehenen Sozialversicherungsleistungen erhalten soll, die sie benötigt. Da im Art.
29 ATSG nicht zwischen einer erstmaligen Anmeldung und einer sogenannten Neu-
oder Wiederanmeldung (also einer erneuten Anmeldung nach einer formell
rechtskräftigen Abweisung eines früheren Gesuchs) unterschieden wird und da sich
eine solche Unterscheidung auch nicht mit dem Sinn und Zweck des Anmelderechtes
vereinbaren liesse, muss der uneingeschränkte Anspruch auf ein Eintreten auf ein
Leistungsbegehren auch für Neuanmeldungen gelten. Dieser Anspruch wird vom Art.
87 Abs. 3 IVV für bestimmte Leistungen der Invalidenversicherung eingeschränkt,
nämlich für die Rente, für die Hilflosenentschädigung und für den Assistenzbeitrag,
2.1.
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denn laut Art. 87 Abs. 3 IVV ist nur dann auf eine Neuanmeldung einzutreten, wenn die
versicherte Person eine relevante Sachverhaltsveränderung seit der Abweisung ihres
letzten Gesuchs glaubhaft gemacht hat. Die ratio legis des Art. 87 Abs. 3 IVV besteht
darin, die IV-Stellen vor jenem Aufwand zu schützen, mit dem diese konfrontiert wären,
wenn Versicherte repetitiv (d.h. ohne jeden Hinweis auf eine Sachverhaltsveränderung)
Anmeldungen zum Leistungsbezug einreichen könnten, die von den IV-Stellen jedes
Mal wieder umfassend materiell geprüft werden müssten. Art. 87 Abs. 3 IVV dient also
allein der Verfahrensökonomie, bei der es sich anerkanntermassen um ein
untergeordnetes öffentliches Interesse handelt. Das ist problematisch, weil die
Anwendung des Art. 87 Abs. 3 IVV eine Durchbrechung des – elementar wichtigen –
jederzeitigen Anspruchs auf eine materielle Prüfung einer Anmeldung zur Folge hat.
Dennoch kann Art. 87 Abs. 3 IVV wohl gerade noch als gesetzmässig qualifiziert
werden, denn die Sachverhaltsabklärung bezüglich der in dieser
Verordnungsbestimmung genannten Leistungen – Rente, Hilflosenentschädigung und
Assistenzbeitrag – erweist sich erfahrungsgemäss meist als besonders aufwendig,
weshalb diesbezüglich ein gewisser „Schutzbedarf“ der Sozialversicherungsträger vor
repetitiven Neuanmeldungen anzuerkennen ist. Auch wenn sich Art. 87 Abs. 3 IVV nicht
auf eine explizite gesetzliche Grundlage stützen kann, die eine Einschränkung des in
Art. 29 ATSG verankerten uneingeschränkten Anspruchs auf ein Eintreten auf ein
Leistungsbegehren erlauben würde, trägt er also doch offenkundig einem öffentlichen
Interesse Rechnung, ohne dafür die gesetzliche Regelung im Art. 29 ATSG in einem
unverhältnismässig hohen Mass einzuschränken. Er ist also vom
Vollzugsverordnungsauftrag im Art. 86 Abs. 2 Satz 1 IVG abgedeckt. Die Anwendung
des Art. 87 Abs. 3 IVV führt auch nicht zu einer rechtsungleichen Behandlung der Ver
sicherten, denn die "Eintretenshürde" stützt sich auf einen sachlichen Grund, nämlich
auf die Vermeidung eines unnötigen Verfahrensaufwandes bei repetitiven
Neuanmeldungen.
Das vorgedruckte Anmeldeformular, das von der Beschwerdeführerin am 30. Mai
2019 ausgefüllt worden ist und mit dem die Beschwerdeführerin die Ausrichtung einer
Invalidenrente beantragt hat, hat keinen Hinweis auf die in Art. 87 Abs. 3 IVV enthaltene
"Eintretenshürde" enthalten. Die Beschwerdeführerin ist also in diesem Formular nicht
darauf aufmerksam gemacht worden, dass sie eine anspruchsrelevante Sachverhalts
veränderung glaubhaft machen müsse, damit auf ihre Anmeldung eingetreten werden
könne. Dementsprechend hat die Beschwerdeführerin davon ausgehen dürfen, dass
die Beschwerdegegnerin ohne weiteres auf das neue Rentengesuch eintreten werde,
wenn das Anmeldeformular vollständig ausgefüllt worden sei. Sie hat deshalb zwar
darauf hingewiesen, dass sich ihr Gesundheitszustand nach einem "Ereignis" vom 23.
2.2.
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April 2017 verschlechtert habe, aber sie hat keine Unterlagen eingereicht, die diese
Verschlechterung glaubhaft gemacht hätten. Stattdessen hat sie die
Beschwerdegegnerin aufgefordert, bei Dr. C._ einen Bericht einzuholen. Damit hat
die Beschwerdeführerin keine anspruchserhebliche Sachverhaltsveränderung geltend
gemacht. Wäre die Beschwerdegegnerin in dieser Situation gestützt auf Art. 87 Abs. 3
IVV nicht auf die Anmeldung der Beschwerdeführerin eingetreten, hätte sie sich
rechtswidrig verhalten, denn gemäss Art. 27 Abs. 1 ATSG ist sie verpflichtet gewesen,
im Rahmen ihres Zuständigkeitsbereiches die interessierten Personen über deren
(Rechte und) Pflichten aufzuklären. Die Beschwerdeführerin hatte offensichtlich ein
Aufklärungsinteresse in Bezug auf die Notwendigkeit, bei einer Neuanmeldung zum
Rentenbezug eine anspruchsrelevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft zu machen.
Die Beschwerdegegnerin hat ihre Aufklärungspflicht erfüllt, indem sie die
Beschwerdeführerin am 5. Juni 2019 darauf aufmerksam gemacht hat, dass mit den
Angaben im Anmeldeformular noch keine nach der Abweisung des früheren
Rentenbegehrens eingetretene anspruchsrelevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft
gemacht sei. Sie hat weiter die Beschwerdeführerin korrekt darauf hingewiesen, dass
diese, wenn sie ein Eintreten auf ihre Anmeldung erreichen wolle, Nachweise (wie etwa
einen ausführlichen Arztbericht) einreichen müsse, die konkrete und sachliche
Anhaltspunkte für das Vorliegen einer relevanten Änderung des Gesundheitszustandes
enthielten. Insbesondere aufgrund des Hinweises auf die Notwendigkeit eines
ausführlichen Arztberichtes betreffend den verschlechterten Gesundheitszustand hat
die Beschwerdeführerin nicht im Zweifel darüber sein können, dass ihre Angaben im
Anmeldeformular nicht ausreichten, dass sie also beispielsweise einen Bericht von Dr.
C._ anfordern und der Beschwerdegegnerin einreichen oder Dr. C._ bitten musste,
direkt der Beschwerdegegnerin über den aktuellen Gesundheitszustand zu berichten.
Entgegen den Ausführungen der Beschwerdeführerin in ihrer Replik kann es nämlich
nicht genügen, wenn die sich neu anmeldende Person eine Verschlechterung ihres
Gesundheitszustandes behauptet. Das gilt selbst dann, wenn sie detaillierte Angaben
zu ihrem aktuellen Gesundheitszustand macht. Andernfalls würde das in Art. 87 Abs. 3
IVV (Bzw. Art. 87 Abs. 2 IVV) verwendete Wort "glaubhaft" als "begründet behaupten"
interpretiert, womit der Zweck der Bestimmung, nämlich die Vermeidung unnötigen
Verwaltungsaufwandes bei repetitiven Neuanmeldungen, kaum je mehr erreicht würde.
Die Beschwerdeführerin hat selbst nach dem Vorbescheid, in dem sie nochmals auf die
Notwendigkeit, eine anspruchsrelevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft zu
machen, hingewiesen worden ist, nichts unternommen, um die von ihr behauptete
Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes glaubhaft zu machen. Die
Beschwerdegegnerin ist somit zu Recht nicht auf die Neuanmeldung zum Bezug einer
Invalidenrente eingetreten. Die diesbezügliche Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
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3.
Seinem klaren Wortlaut nach bezieht sich Art. 87 Abs. 3 IVV nur auf Renten, Hilflosen
entschädigungen und Assistenzbeiträge, nicht aber auf andere Leistungen der
Invalidenversicherung, insbesondere nicht auf berufliche Eingliederungsmassnahmen.
Diesbezüglich stellt sich die Frage, ob der Verordnungsgeber die anderen
Leistungsarten bloss versehentlich oder absichtlich nicht erwähnt hat, ob Art. 87 Abs. 3
IVV also eine ausfüllungsbedürftige Lücke enthält oder nicht. Über die nicht explizit in
Art. 87 Abs. 3 IVV erwähnten Leistungsarten kann erfahrungsgemäss – anders als über
eine Rente, eine Hilflosenentschädigung oder einen Assistenzbeitrag - meist mit einem
bescheidenen Abklärungsaufwand entschieden werden. Eine Ausweitung des
Anwendungsbereichs des (sich nicht auf eine explizite gesetzliche Grundlage
stützenden und einen elementaren Grundsatz des Sozialversicherungsleistungsrechts
aus rein verfahrensökonomischen Überlegungen unterlaufenden) Art. 87 Abs. 3 IVV auf
von dessen klarem Wortlaut nicht erfasste Leistungsarten der Invalidenversicherung ist
nicht zulässig, weil damit die Gefahr einer Untergrabung des in Art. 29 ATSG
verankerten Grundsatzes des uneingeschränkten Anspruchs auf das Eintreten auf ein
Leistungsbegehren verbunden wäre. Eine Anwendung des Art. 87 Abs. 3 IVV auf dort
nicht aufgelistete Leistungsarten käme nur in Betracht, wenn deren Prüfung im
Normalfall eine ebenso aufwendige Sachverhaltsabklärung wie die Prüfung eines
Rentenbegehrens, eines Begehrens um eine Hilflosenentschädigung oder eines
Begehrens um einen Assistenzbeitrag erfordern würde, was erfahrungsgemäss kaum je
der Fall ist. Die Missachtung des klaren Wortlautes würde zudem voraussetzen, dass
der Verordnungsgeber es versehentlich versäumt hätte, diese weiteren Leistungsarten
ebenfalls aufzulisten. Für die Annahme einer entsprechenden ausfüllungsbedürftigen
Verordnungslücke fehlt aber jeder Hinweis. Selbst als der Verordnungsgeber den
Wortlaut im Zuge der Einführung des Assistenzbeitrages ergänzen musste, hat er ganz
offensichtlich bewusst nur den Assistenzbeitrag als dritte Leistung aufgelistet, welcher
die „Eintretenshürde“ bei der Neuanmeldung meistern muss. Er hat weder weitere
Leistungsarten aufgelistet noch Art. 87 Abs. 3 IVV auf alle Leistungsarten der
Invalidenversicherung ausgedehnt. Dabei kann es sich ganz eindeutig nicht um eine
versehentliche Wiederholung eines gesetzgeberischen Versehens aus dem Jahr 1961
(Vgl. AS 1961 S. 50) gehandelt haben. Deshalb muss die in Art. 87 Abs. 3 IVV
enthaltene Aufzählung als vollständig und damit abschliessend qualifiziert werden. Auf
Neuanmeldungen betreffend berufliche Eingliederungsmassnahmen kann Art. 87 Abs.
3 IVV also eindeutig nicht angewendet werden. Bei einer Neuanmeldung für berufliche
Eingliederungsmassnahmen muss demnach nicht glaubhaft gemacht werden, dass
sich der anspruchsbegründende Sachverhalt seit der letzten Leistungsverweigerung
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wesentlich verändert hat. Auf jede Neuanmeldung ist einzutreten, d.h. das in der
Neuanmeldung enthaltene Leistungsgesuch ist materiell zu prüfen. Die
Beschwerdegegnerin hätte folglich auf das Begehren vom Juni 2019 eintreten müssen,
auch wenn keine Veränderung des massgebenden Sachverhaltes nach der letzten
Leistungsverweigerung glaubhaft gemacht worden ist (vgl. zum Ganzen auch die
rechtskräftigen Entscheide IV 2019/284 des St.Galler Versicherungsgerichts vom 17.
März 2020, E. 3 und IV 2018/77 des St.Galler Versicherungsgerichtes vom 18.
Dezember 2018, E. 3). Somit ist die Nichteintretensverfügung vom 7. Mai 2020
betreffend das Begehren um berufliche Eingliederungsmassnahmen aufzuheben und
durch den verfahrensleitenden Entscheid zu ersetzen, dass auf das Begehren um
berufliche Massnahmen eingetreten wird. Die Sache wird zur materiellen Behandlung
dieses Begehrens an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen.
4.