Decision ID: c9573835-5440-4d8f-9144-22c65b054bfa
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ arbeitete als „Bohrgehilfe“ für die B._ GmbH und war damit bei der Suva
obligatorisch gegen Unfälle versichert. Am 1. Mai 2014 erlitt er während der beruflichen
Tätigkeit eine Verletzung an der rechten Hand (UV-act. 1). Die Erstbehandlung fand im
Kantonsspital G._ statt. Dieses berichtete am 4. Juni 2014 (UV-act. 9), der
Versicherte habe eine Fräsenverletzung an der rechten Hand erlitten. Dabei seien der
Zeigefinger auf der Höhe der Grundphalanx, der Mittelfinger articulär auf der Höhe des
MCP-Gelenks und der Ringfinger auf der Höhe des Metacarpale-Köpfchens amputiert
worden. Am kleinen Finger habe der Versicherte eine mehrfragmentäre
Grundphalanxtrümmerfraktur sowie eine Strecksehnenläsion in der Zone IV erlitten. Am
Erstgespräch mit einem Sachbearbeiter der Suva gab der Versicherte am 2. Juli 2014
an (UV-act. 21), die rechte Hand sei seine dominante Hand. Er leide an Schmerzen, an
Gefühlsstörungen sowie an einem starken Einschlafgefühl in den Fingern. Am 1. März
2016 untersuchte der Neurochirurg und Suva-Kreisarzt med. pract. H._ den
Versicherten, der zwischenzeitlich mehrfach an der rechten Hand operiert worden war
(UV-act. 116). Er hielt fest, der Versicherte habe über eine Gebrauchsunfähigkeit der
rechten Hand im Alltag geklagt. Er habe angegeben, dass die Handfläche, die
Handrückseite, der Zeigefinger, der Mittelfinger und der kleine Finger ausgesprochen
überempfindlich seien und dass er im Bereich des amputierten Ringfingers
A.a.
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Phantomschmerzen verspüre. Objektiv stünden nach Ansicht des Kreisarztes H._ die
Probleme um den Mittelfinger im Vordergrund, da diesbezüglich noch immer keine
adäquate ossäre Konsolidation erfolgt sei. Aktuell sei die rechte Hand nicht nur massiv
schmerzhaft, sondern auch völlig gebrauchsunfähig. Dem Versicherten könne eine
einhändige, linksseitige, leichte bis gelegentlich mittelschwere Tätigkeit allerdings
ganztags zugemutet werden. Der Gesundheitszustand sei aber noch nicht ausreichend
stabil. Gegenüber dem Psychiater und Suva-Kreisarzt Dr. med. C._ gab der
Versicherte am 30. März 2016 unter anderem an (UV-act. 123), seine Ehefrau müsse
ihm beim Rasieren helfen. Pizza müsse ihm „wie einem Baby“ geschnitten werden. In
einem Restaurant könne er keine Spaghetti essen. Die berufliche Abklärungsstelle
D._ hielt nach einer dreiwöchigen Abklärung im November 2016 fest (UV-act. 150 f.),
die Einschränkungen des Versicherten seien grösser als jene eines Einhändigen. Die
rechte Hand störe bei vielen Arbeiten. Sie könne nicht als Hilfshand eingesetzt werden.
Mit einer Verfügung vom 13. Dezember 2016 sprach die Suva dem Versicherten mit
Wirkung ab dem 1. Februar 2017 eine Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 70
Prozent sowie eine Integritätsentschädigung bei einer Integritätseinbusse von 35
Prozent zu (UV-act. 159).
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die estimed AG am 19. Februar 2018 ein
polydisziplinäres Gutachten (UV-act. 199). Die Sachverständigen hielten fest, aus
neurologischer Sicht seien dem Versicherten einhändig, mit der nicht-dominanten
Hand auszuführende Tätigkeiten grundsätzlich uneingeschränkt zumutbar, allerdings
sei es sehr fraglich, ob eine entsprechende Tätigkeit gefunden werden könne; aus
handchirurgischer Sicht (vgl. auch UV-act. 198) sei selbst für solche Tätigkeiten ein
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 70 Prozent zu attestieren, da bereits jetzt aufgrund der
Überbelastung der linken Hand Zeichen einer chronischen Tendinitis und
Tendovaginitis nachweisbar seien und da der Versicherte deshalb entsprechende
Pausen benötige. Im Übrigen sei die linke Hand funktionell nicht eingeschränkt. Die
rechte Hand könne dagegen nicht einmal mehr als Hilfshand eingesetzt werden. Im
April 2018 notierte Dr. med. E._ vom regionalen ärztlichen Dienst (RAD) der
Invalidenversicherung (IV), die Arbeitsfähigkeitsschätzung des handchirurgischen
Sachverständigen überzeuge ihn nicht; seines Erachtens sei der Versicherte als
funktionell Einhändiger uneingeschränkt arbeitsfähig, wobei man ihm aber wohl einen
A.b.
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erhöhten Pausenbedarf von 20 Prozent zubilligen könne (UV-act. 209). Die IV-Stelle
beauftragte deshalb die asim Begutachtung mit der Erstellung eines handchirurgischen
Obergutachtens. Dieses Gutachten wurde am 10. Mai 2019 erstattet (UV-act. 227). Der
Sachverständige hielt fest, der Versicherte könne seine rechte Hand nur noch für
leichteste Tätigkeiten zum Halten benutzen. Jedweder Druck vom Daumen auf die
Finger führe zu einschiessenden neuropathischen Beschwerden. Ein Gegendruck mit
der radialen Hand (Daumen) gegen die linke Hand sei noch möglich. Die rechte Hand
könne nicht einmal mehr die Aufgabe einer „basic hand“ wahrnehmen. Die
Funktionalität der linken Hand sei dagegen nicht eingeschränkt. Eine einhändige
berufliche Tätigkeit sei „auch höherprozentig theoretisch denkbar“. Die vom
Vorgutachter attestierte Arbeitsunfähigkeit von 70 Prozent selbst für leidensadaptierte
Tätigkeiten sei handchirurgisch „schwierig“ zu begründen. Die Schmerzen hätten seit
April 2017 weiter nachgelassen. Der Versicherte sei nicht mehr regelmässig auf
Schmerzmittel angewiesen. Die linke Hand sei voll einsatzfähig. Die rechte Hand gelte
als passive Hilfshand mit einem „house score“ von 1–2. Versicherungsmedizinisch liege
eine funktionelle Einhändigkeit vor. Angepasste Tätigkeiten seien dem Versicherten
uneingeschränkt zumutbar. Die Chirurgin und Versicherungsmedizinerin Dr. med. F._
hielt in einer im Auftrag des Versicherten erstellten Aktenbeurteilung vom 28. Januar
2020 fest (UV-act. 267), da der Versicherte die rechte Hand nicht einmal mehr als
Hilfshand benutzen könne, resultiere für sämtliche Tätigkeiten eine erhebliche
Verlangsamung. Für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten könne deshalb nur ein
Arbeitsfähigkeitsgrad von 50 Prozent attestiert werden.
Am 24. November 2020 beantragte der Versicherte sinngemäss die Zusprache
einer Hilflosenentschädigung (UV-act. 292). Am 15. Januar 2021 wurde er von einem
Sachbearbeiter der Suva befragt. Er gab an (UV-act. 297 f.), seine rechte Hand reagiere
immer noch sehr empfindlich auf Berührungen, Sonneneinstrahlung und Kälte. Wenn er
die Hand nur leicht anschlage, träten starke Schmerzen auf. Er trage regelmässig eine
Schiene, um seine Hand zu schützen. Er könne keine Faust machen und keine
Gegenstände halten. Er könne keine normale Hose mit Knopf und Reissverschluss
anziehen. Eine Trainerhose könne er dagegen alleine hochziehen. Er könne sich sein
Essen nicht zerkleinern. Mit der rechten Hand könne er nicht einmal ein Hilfsbesteck
halten. Die linke Hand könne er nicht waschen. Rasieren müsse ihn seine Ehefrau. Die
A.c.
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B.
C.
linke Seite des Oberkörpers könne er ebenfalls nicht selbständig waschen. Ansonsten
sei er nicht auf eine regelmässige erhebliche Dritthilfe angewiesen. Mit Verfügung vom
12. Februar 2021 wies die Suva das Begehren um eine Hilflosenentschädigung mit der
Begründung ab (UV-act. 300), der Versicherte sei nicht bei mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen regelmässig, dauernd und erheblich auf die Hilfe Dritter
angewiesen und er benötige auch keine dauernde persönliche Überwachung. Er sei
verpflichtet, geeignete und zumutbare Massnahmen zu treffen, um seine
Selbständigkeit zu erhalten. Beispielsweise müsse er der Behinderung angepasste
Kleidung und Schuhe tragen.
Am 15. März 2021 liess der Versicherte eine Einsprache gegen die Verfügung vom
12. Februar 2021 erheben (UV-act. 304). Sein Rechtsvertreter beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Zusprache einer
Hilflosenentschädigung bei einer Hilflosigkeit leichten Grades. Zur Begründung führte
er aus, die Abklärung habe eine relevante Hilflosigkeit bei drei alltäglichen
Lebensverrichtungen (An- und Auskleiden, Essen, Körperpflege) ergeben, was sich mit
der überzeugenden Beurteilung von Dr. F._ decke.
B.a.
Mit einem Entscheid vom 10. Juni 2021 wies die Suva die Einsprache gegen die
Verfügung vom 12. Februar 2021 ab (UV-act. 310). Zur Begründung führte sie an,
rechtsprechungsgemäss begründe eine Einarmigkeit keinen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung.
B.b.
Am 14. Juli 2021 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 10. Juni 2021 erheben (act. G 1).
Sein Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheides und die Ausrichtung einer Hilflosenentschädigung. Zur
Begründung führte er aus, bereits in der kreisärztlichen Untersuchung durch die Suva
Linth vom 1. März 2016 sei festgestellt worden, dass aus den gesamten Operationen
und der Verletzung eine massiv schmerzhafte rechte Hand mit einer völligen
Gebrauchsunfähigkeit resultiert habe. Die rechte Hand sei nicht nur nicht einsetzbar.
C.a.
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Erschwerend sei sie auch von einem ausgeprägten neuropathischen Schmerzsyndrom
geprägt. Die Ergebnisse der Abklärung betreffend die Hilflosigkeit im Januar 2021 seien
vor diesem Hintergrund nachvollziehbar. Dem Versicherten stehe angesichts der
Einschränkung bezüglich drei alltäglichen Lebensverrichtungen eine Entschädigung bei
einer Hilflosigkeit leichten Grades zu. Die Hinweise auf die Rechtsprechung, die die
Suva (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zur Begründung ihres
Einspracheentscheides angeführt habe, gingen fehl, da die Umstände des konkreten
Einzelfalles massgebend seien. Gemäss der Rz. 8014 des Kreisschreibens über die
Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH) liege eine relevante
Hilflosigkeit beim An- und Auskleiden vor, wenn die versicherte Person ein alltägliches
Kleidungsstück nicht selbständig an- oder ausziehen könne. Der Beschwerdeführer
könne nicht einmal eine normale Hose öffnen oder schliessen. Damit seien „die
Grenzen der zumutbaren Anpassung der Kleidungsstücke mit Sicherheit erreicht“. Im
Bereich des Essens liege nach der Rz. 1818 KSIH (richtig: Rz. 8018 KSIH) eine
relevante Hilflosigkeit vor, wenn die versicherte Person nur noch auf eine nicht übliche
Art und Weise essen könne. Gemäss der Rz. 8018.1 KSIH liege bei Einarmigkeit eine
Hilflosigkeit vor, was auch für eine funktionelle Einarmigkeit gelte, wenn der gelähmte
Arm nicht einmal als Stützarm eingesetzt werden könne. Das sei hier der Fall. Laut der
Rz. 8020 KSIH liege eine Hilflosigkeit bei der Körperpflege vor, wenn die versicherte
Person eine täglich notwendige Verrichtung, beispielsweise die Rasur, nicht
selbständig ausführen könne, was hier ebenfalls der Fall sei.
Die Beschwerdegegnerin liess am 30. August 2021 die Abweisung der
Beschwerde beantragen (act. G 3). Zur Begründung führte der Rechtsvertreter an, der
Beschwerdeführer sei gehalten, sich im Rahmen seiner Schadenminderungspflicht mit
leidensangepasster Kleidung auszustatten. Heute gebe es eine breite Palette von
Hosen ohne Knopf und Reissverschluss, auch durchaus sportlich-elegant
geschnittene, die der Beschwerdeführer ohne Dritthilfe an- und ausziehen könne. Beim
An- und Auskleiden liege folglich keine Hilflosigkeit vor. Der Beschwerdeführer
benötige nur eine Hilfe beim Zerkleinern von harten Speisen, was für sich allein noch
keine Hilflosigkeit begründe. Zudem sei er nur funktionell einhändig, nicht funktionell
einarmig. Auch sei nicht ersichtlich, weshalb der Beschwerdeführer beim Rasieren
eingeschränkt sein sollte. Diese Aktivität werde typischerweise ohnehin einhändig
C.b.
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Erwägungen
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine Hilflosenentschädigung nach dem Bundesgesetz über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) mit dem Einspracheentscheid vom 10. Juni 2021
zu Recht verneint hat.
2.
Nach Art. 26 Abs. 1 UVG hat eine im Sinne des Art. 9 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechtes (ATSG; SR 830.1) hilflose versicherte
Person einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung, deren Betrag sich gemäss
dem Art. 27 UVG auf mindestens den doppelten und höchstens den sechsfachen
Höchstbetrag des versicherten Tagesverdienstes (vgl. Art. 22 Abs. 1 der Verordnung
über die Unfallversicherung [UVV; SR 832.202]) pro Monat beläuft. Eine leichte
Hilflosigkeit als anspruchsbegründende Voraussetzung liegt nach Art. 38 Abs. 4 UVV
vor, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in mindestens zwei
alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter
angewiesen ist (lit. a), wenn sie eine dauernde persönliche Überwachung benötigt (lit.
b), wenn sie einer durch das Gebrechen bedingten ständigen und besonders
aufwendigen Pflege bedarf (lit. c) oder wenn sie wegen einer schweren
Sinnesschädigung oder eines schweren körperlichen Gebrechens nur dank
regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen Dritter gesellschaftliche Kontakte
pflegen kann (lit. d). Der Begriff der Hilflosigkeit ist zweigübergreifend im Art. 9 ATSG
definiert, weshalb sich die Bemessung der Hilflosigkeit im Unfallversicherungsrecht
nach den gleichen Kriterien wie in der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV)
und in der IV richtet, sodass auch die in diesen Sozialversicherungszweigen ergangene
verrichtet. Beim Baden und Duschen könne er sich nötigenfalls mit geeigneten
Hilfsmitteln behelfen. Zusammenfassend liege bei keiner der alltäglichen
Lebensverrichtungen eine relevante Hilflosigkeit vor.
Der Beschwerdeführer liess am 5. November 2021 an seinen Anträgen festhalten
und eventualiter die Rückweisung zur weiteren Sachverhaltsermittlung beantragen (act.
G 7). Die Beschwerdegegnerin liess am 16. Februar 2022 ebenfalls an ihrem Antrag
festhalten (act. G 13).
C.c.
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Rechtsprechung sowie die sich darauf stützenden Verwaltungsweisungen (insb. das
KSIH) herangezogen werden können (vgl. KOSS – Landolt, Art. 26 Rz. 14 ff.).
3.
Ein Anwendungsfall von Art. 38 Abs. 4 lit. d UVV liegt hier offenkundig nicht vor. Der
Beschwerdeführer benötigt augenscheinlich und unbestrittenermassen weder eine
besonders aufwendige Pflege (Art. 38 Abs. 4 lit. c UVV) noch eine dauernde
persönliche Überwachung (Art. 38 Abs. 4 lit. b UVV).
4.
Es bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer bei mindestens zwei alltäglichen
Lebensverrichtungen auf eine regelmässige und erhebliche Dritthilfe angewiesen und
damit hilflos im Sinne des Art. 38 Abs. 4 lit. a UVV ist. Die massgebenden alltäglichen
Lebensverrichtungen sind weder im Gesetz noch in einer Verordnung definiert. Praxis-
und rechtsprechungsgemäss werden die folgenden sechs alltäglichen
Lebensverrichtungen berücksichtigt: An- und Auskleiden, Aufstehen, Absitzen und
Abliegen, Essen, Körperpflege, Verrichten der Notdurft sowie Fortbewegung und
Kontaktaufnahme mit der Umwelt (BGE 127 V 94 E. 3c S. 97; vgl. auch Rz. 8010 KSIH).
4.1.
Erwiesenermassen benötigt der Beschwerdeführer keine regelmässige und
erhebliche Dritthilfe beim Aufstehen, Absitzen und Abliegen sowie bei der
Fortbewegung.
4.2.
Im Rahmen der Abklärung betreffend eine allfällige Hilflosigkeit hat der
Beschwerdeführer geltend gemacht, er könne sich zwar mehrheitlich selbständig an-
und ausziehen, aber er könne weder den Reissverschluss noch den Knopf einer
„normalen“ Hose öffnen oder schliessen. Das überzeugt nicht, denn es ist nicht
einzusehen, weshalb der Beschwerdeführer nicht in der Lage sein sollte, den Knopf
und den Reissverschluss einer Hose mit seiner linken Hand zu öffnen und zu
schliessen. Diesbezüglich ist es ihm durchaus zumutbar, etwas weiter geschnittene
Hosen zu tragen, die einen entsprechenden Bewegungsspielraum für die Manipulation
des Knopfes bieten. Mittlerweile dürfte der Beschwerdeführer die dafür notwendige
Fingerfertigkeit erlernt haben (vgl. dazu auch den Entscheid UV 2010/26 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 17. November 2010, E. 3.4.1, mit Hinweisen). Für jene
wohl eher seltenen Fälle, in denen er aus gesellschaftlicher Sicht gehalten sein sollte,
eine enger respektive besser sitzende Hose zu tragen, wird er zwar eine Dritthilfe
benötigen, aber diese Gelegenheiten werden nach der allgemeinen Lebenserfahrung so
selten sein, dass nicht von einer regelmässigen erheblichen Dritthilfe gesprochen
4.3.
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werden kann. Im Übrigen hat der handchirurgische Sachverständige der asim in
seinem Gutachten darauf hingewiesen, dass sich der gepflegt erscheinende
Beschwerdeführer zwar langsam, aber selbständig hat an- und auskleiden können (vgl.
UV-act. 227–7). Was die Probleme beim Anziehen von Socken und Schuhen anbetrifft
(vgl. act. G 1 S. 5 Ziff. 7), ist anzumerken, dass diese im Alltag mit einer voll
funktionsfähigen linken Hand erfahrungsgemäss zu bewältigen sein müssen.
Insbesondere gibt es heutzutage zahlreiche Schuhmodelle, die ohne die klassischen
Schuhbändel, etwa mit Klettlaschen, verschliessbar sind.
Bezüglich des Essens fällt ins Gewicht, dass der Beschwerdeführer gemäss dem
überzeugenden handchirurgischen Gutachten der asim seine rechte Hand nicht einmal
als Hilfshand, sondern nur dazu benutzen kann, Gegenstände mit leichtem Druck an
seinem Körper zu fixieren. Das dürfte es ihm bestenfalls lediglich noch erlauben, einen
Teller zu fixieren, indem er diesen zwischen den rechten Unterarm und den Oberkörper
„einklemmt“. Nicht möglich ist es ihm hingegen, ein Nahrungsmittel auf dem Teller zu
fixieren und gleichzeitig zu „bearbeiten“. Er ist also überwiegend wahrscheinlich nur in
der Lage, Speisen zu zerkleinern, die so weich sind, dass sie ohne Weiteres einhändig
durch Druck (ohne Schnittbewegung) mit der Gabel oder dem Messer zerkleinert
werden können, und er ist überwiegend wahrscheinlich nicht in der Lage, eine Scheibe
Brot mit Butter, Confiture, Honig oder dergleichen zu beschmieren, was
rechtsprechungsgemäss bereits als eine relevante Hilflosigkeit beim Essen zu
qualifizieren ist (vgl. die Hinweise in der Rz. 8018 KSIH). Die Behauptung des
Rechtsvertreters der Beschwerdegegnerin, der Beschwerdeführer benötige nur beim
Zerkleinern von harten Speisen eine Dritthilfe, findet in den Akten keine Stütze und
deckt sich im Übrigen auch nicht mit den medizinischen Angaben zur weitestgehenden
Gebrauchsunfähigkeit der rechten Hand. Im Bereich Essen liegt zusammenfassend
eine relevante Hilflosigkeit vor.
4.4.
Wie der Rechtsvertreter der Beschwerdegegnerin zu Recht geltend gemacht hat,
ist nicht einzusehen, weshalb der Beschwerdeführer beim Rasieren oder beim Baden
respektive Duschen auf eine regelmässige erhebliche Dritthilfe angewiesen sein sollte.
Mit der linken Hand kann mithilfe eines Rasierapparates problemlos der gesamte
Gesichtsbereich rasiert werden. Für das Waschen der linken Körperhälfte mit der linken
Hand stehen Hilfsmittel, namentlich entsprechende Bürsten, fixierte Seifenspender,
einhändig bedienbare Tuben oder Dosen, zur Verfügung (vgl. auch den Entscheid UV
2010/26 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 17. November 2010, E. 3.4.3, mit
Hinweisen). So ergibt sich denn auch aus dem vom Beschwerdeführer gegenüber dem
internistischen Sachverständigen der estimed AG geschilderten Tagesablauf, dass er in
4.5.
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5.
Bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer in der Vergangenheit während eines
ausreichend langen Zeitraums anspruchsrelevant hilflos gewesen ist. Nach Art. 37 UVV
entsteht der Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung nämlich bereits am ersten Tag
des Monats, in dem die Voraussetzungen erfüllt sind. Der Beschwerdeführer dürfte
sofort ab dem Unfallzeitpunkt (1. Mai 2014) hilflos bezüglich des Essens, aber
möglicherweise auch bezüglich des Verrichtens der Notdurft und des An- und
Auskleidens gewesen sein, da es eine gewisse Zeit gedauert haben dürfte, bis er die
notwendigen Strategien zum einhändigen An- und Auskleiden, Verrichten der Notdurft
etc. erlernt hatte. Da weder das UVG noch die UVV eine Wartefrist für die Entstehung
des Anspruchs auf eine Hilflosenentschädigung vorsehen, muss der allgemeine
Grundsatz zur Anwendung kommen, wonach der materielle Leistungsanspruch zeitlich
dem effektiven Leistungsbedarf entspricht, dass also die versicherte Person für jeden
Zeitabschnitt jene gesetzlich vorgesehenen Leistungen erhält, die sie aufgrund ihres
objektiven, relevanten Leistungsbedarfs benötigt. Das Bundesgericht hat zwar im Urteil
8C_745/2012 vom 4. März 2013 festgehalten, die im Art. 9 ATSG enthaltene
der Lage ist, ohne Dritthilfe zu duschen (UV-act. 199–75). Diesbezüglich liegt folglich
keine relevante Hilflosigkeit vor.
Grundsätzlich ist der Beschwerdeführer auch beim Verrichten der Notdurft nicht
hilfsbedürftig im Sinne des Art. 26 UVG respektive des Art. 38 UVV. Bei der Befragung
im Januar 2021 hat er allerdings angegeben, dass er sich die linke Hand nicht gut
waschen könne. Diese Angabe ist zu einem gewissen Teil nachvollziehbar, da die linke
Hand für gewöhnlich mit der rechten Hand gewaschen wird, die aber beim
Beschwerdeführer völlig gebrauchsunfähig ist. Allerdings dürfte der Beschwerdeführer
im Verlauf der Zeit die Fähigkeit erlernt haben, sich die linke Hand ohne Einsatz der
rechten Hand zu waschen (z.B. Reiben der eingeseiften linken Hand am rechten
Unterarm). Ein Bedarf nach einer regelmässigen und erheblichen Dritthilfe im
Zusammenhang mit der Reinigung nach der Notdurft respektive allgemein mit dem
Verrichten der Notdurft besteht damit überwiegend wahrscheinlich nicht.
4.6.
Zusammenfassend liegt also nur bezüglich der alltäglichen Lebensverrichtung
Essen eine relevante Hilflosigkeit vor, weshalb der Beschwerdeführer nicht als hilflos im
Sinne des Art. 38 Abs. 4 lit. a UVV zu qualifizieren ist. Weitere Abklärungen sind nicht
angezeigt, weshalb der entsprechende Eventualantrag des Beschwerdeführers
abzuweisen ist. Der Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Entschädigung bei
einer Hilflosigkeit.
4.7.
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Anspruchsvoraussetzung einer dauernden Hilfsbedürftigkeit bedeute, dass die
Hilfsbedürftigkeit über einen längeren Zeitraum bestehen müsse (E. 6.2). Es hat aber
die Frage ausdrücklich offengelassen, ob mit Blick auf die verwandten Regelungen –
etwa im Bereich der IV – eine Hilflosigkeit während mindestens eines Jahres bestanden
haben muss, um einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung zu begründen (E.
6.5). Jedenfalls ist der Beschwerdeführer nicht dauernd im Sinne des Art. 9 ATSG,
sondern bloss vorübergehend hilflos gewesen, da eine allfällige weiter gehende
Hilflosigkeit nur solange bestanden haben kann, bis er die selbständige Bewältigung
der alltäglichen Lebensverrichtungen (ausser dem Essen) mit der linken Hand erlernt
hatte. Folglich besteht auch kein Anspruch auf eine befristete Hilflosenentschädigung
für die Vergangenheit.
6.
Der angefochtene Einspracheentscheid erweist sich damit als rechtmässig, weshalb
die Beschwerde abzuweisen ist. Da das UVG keine Kostenpflicht für das
Beschwerdeverfahren vorsieht, sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. f
ATSG). Der unterliegende Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.