Decision ID: 8cc41aa2-6e28-5774-8650-197aa7fb2437
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, kurdischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in
B._, Kreis C._, Provinz D._, verliess seinen Heimat-
staat eigenen Angaben zufolge letztmals im April 2017 zunächst in Rich-
tung Griechenland. Am 12. Juni 2017 reiste er schliesslich in die Schweiz
ein, wo er gleichentags um Asyl nachsuchte.
B.
B.a Am 20. Juni 2017 fand die Befragung zur Person (BzP) statt. Am
14. Februar 2018 wurde der Beschwerdeführer eingehend zu seinen Asyl-
gründen angehört. Dabei machte er im Wesentlichen Folgendes geltend:
B.b Nach einem ersten erfolglos durchlaufenen Asylverfahren in der
Schweiz sei er im Jahr 2011 in die Türkei zurückgekehrt. Er habe sich ab
Ende 2016 in seiner Heimat bei der "(...)" ([...]) als (...) politisch betätigt
und die verbotenen kurdischen Zeitungen (...) und (...) (ehemals [...]) ver-
teilt. Am (...) März 2017 sei er zusammen mit seinen beiden Kollegen
(E._ [(...)] und F._ [(...)]) ins Dorf G._ gereist, um
dort Zeitungen zu verteilen beziehungsweise Jugendliche anzuwerben und
politische Aufklärungsarbeit zu leisten. E._ sei im Dorf verhaftet
worden, während ihm und F._ mir nach der Warnung eines weiteren
Kollegen die Flucht gelungen sei. Sie beide seien daraufhin gemeinsam
zunächst nach Istanbul und anschliessend über Griechenland in die
Schweiz geflüchtet. Im Zuge der Verhaftung von E._ sei unter an-
derem auch das Fahrzeug, mit dem sie angereist seien, durchsucht wor-
den. Darin hätten die Behörden unter anderem Zeitungen und die Handta-
sche von F._ sichergestellt. In der Handtasche habe sich eine (...)
des Beschwerdeführers befunden. Am Tag nach dem Vorfall im Dorf
G._ habe er seinen Cousin kontaktiert und sei von diesem über eine
laufende Hausdurchsuchung informiert worden. Die Polizei sei auf der Su-
che nach F._ und er sei gehalten, sie den Behörden auszuliefern.
E._ sei in der Folge zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt
worden. Er (der Beschwerdeführer) wisse nicht, wie sich die Lage nach der
Hausdurchsuchung entwickelt habe und ob gegen ihn beispielsweise ein
Haftbefehl vorliege.
B.c Zur Untermauerung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer
unter anderem einen Presseausweis, eine Bestätigung der (...) und ein
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einseitiges Dokument im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Vorfall
im Dorf G._ zu den Akten.
C.
C.a Das SEM ersuchte die Schweizerische Vertretung in Ankara am
14. März 2019 um nähere Abklärungen.
C.b Dem Beschwerdeführer wurde am 6. Juni 2019 der wesentliche Inhalt
des Botschaftsberichts vom 29. Mai 2019 zur Kenntnis gebracht und das
rechtliche Gehör dazu gewährt. Das SEM teilte mit, dass sich gemäss der
Schweizerischen Vertretung in Ankara nicht ermitteln lasse, ob er tatsäch-
lich (...) der (...) gewesen sei, weil die (...) keine transparenten und gere-
gelten Mitgliedschaftslisten führe. Ferner sei im Bericht festgehalten wor-
den, dass gegen den Beschwerdeführer weder eine eröffnete Ermittlung
noch ein Verfahren habe festgestellt werden können. Er werde in der Türkei
nicht gesucht und es bestehe kein Eintrag in der Datenbank GBT zu ihm.
C.c Mit Schreiben vom 21. Juni 2019 nahm der Beschwerdeführer Stellung
zum Botschaftsbericht. Darin hielt er unter anderem fest, nicht mit Sicher-
heit ausschliessen zu können, dass gegen ihn keine Ermittlungen oder Ver-
fahren eröffnet worden seien. Sein Name stehe in unmittelbarer Nähe zu
F._ und E._. Eine (...) sei beschlagnahmt worden und er
wisse nicht, ob das später zu Ermittlungen
oder einem Verfahren führen werde. Darüber hinaus habe er am 9. Sep-
tember 2018 erfahren, dass sein Bruder, welcher sich 2003 der Partiya
Karkerên Kurdistanê (PKK) angeschlossen habe, gefallen sei. Sein Bruder
sei scheinbar bereits im Jahr 2014 gefallen, was erst im September 2018
öffentlich geworden sei, als in einem Zeitungsartikel die Identitäten von sie-
ben Gefallenen offengelegt worden seien. Anlässlich der Trauerfeierlich-
keiten hätten Polizisten seinen Vater wegen seines Bruders bedrängt und
sich dabei auch nach ihm (dem Beschwerdeführer) erkundigt.
D.
Mit Verfügung vom 22. Juli 2019 – eröffnet am 26. Juli 2019 – verneinte
das SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, wies sein
Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den
Vollzug an.
E.
E.a Der Beschwerdeführer liess – handelnd durch seine mandatierte
Rechtsvertreterin – mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom
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Seite 4
26. August 2019 Beschwerde gegen die vorinstanzliche Verfügung erhe-
ben. Darin beantragte er, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und
ihm sei Asyl zu gewähren, eventualiter sei infolge Unzulässigkeit sowie Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme anzuord-
nen.
E.b In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung einschliesslich Verzichts auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses sowie um Beiordnung seiner Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin und Zuspruch einer angemessenen Parteient-
schädigung. Sodann ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden Wir-
kung.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 3. September 2019 hiess die zuständige In-
struktionsrichterin die Gesuche des Beschwerdeführers um unentgeltliche
Prozessführung und amtliche Verbeiständung gut und setzte seine Rechts-
vertreterin als amtliche Rechtsbeiständin ein.
G.
Auf Nachfrage wurde am 7. September 2021 eine aktualisierte Fürsorge-
bestätigung vom 31. August 2021 eingereicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
E-4323/2019
Seite 5
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist – unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung – einzutreten.
1.4 Der vorliegenden Beschwerde kommt von Gesetzes wegen aufschie-
bende Wirkung zu und diese wurde von der Vorinstanz auch nicht entzogen
(Art. 55 VwVG). Auf den Eventualantrag um Gewährung der aufschieben-
den Wirkung der Beschwerde ist deshalb – wie bereits in der Zwischenver-
fügung vom 3. September 2019 festgehalten – nicht einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-4323/2019
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Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1; vgl. auch Urteil des BVGer D-2282/2018 vom 5. April 2019
E. 5.1).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Asylentscheid im We-
sentlichen mit der mangelnden Asylrelevanz der Vorbringen. Es gebe keine
Hinweise, dass der Beschwerdeführer, mit Ausnahme der von ihm geschil-
derten Hausdurchsuchung im März 2017, jemals persönlich belangt wor-
den wäre. Der Botschaftsabklärung vom 29. Mai 2019 zufolge sei gegen
den Beschwerdeführer weder eine Ermittlung noch ein Verfahren eingelei-
tet worden und er werde in der Türkei nicht gesucht. An dieser Feststellung
ändere auch der Fund einer (...) in der Handtasche F._ nichts. Aus
dem Ermittlungsbericht, der diesen Fund erwähne, ergebe sich nichts wei-
teres, das auf eine Gefährdung des Beschwerdeführers hindeute. Aus den
eingereichten Dokumenten und den Aussagen des Beschwerdeführers
gehe lediglich hervor, dass die Behörden ein Verfahren gegen seine Kolle-
gen eingeleitet hätten. Die von ihm überdies erwähnten, etwa viermaligen,
kurzzeitigen Festnahmen wegen seiner Tätigkeit als Zeitungsverteiler
seien in ihrer Intensität nicht asylrelevant. Sodann lasse sich auch aus dem
Umstand, dass sein Bruder bei der PKK gefallen sei und sich die Polizei
anschliessend beim Vater auch nach ihm (Beschwerdeführer) erkundigt
habe, nicht auf begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung schlies-
sen. Insbesondere seien keine Anknüpfungspunkte für die Annahme einer
Reflexverfolgung ersichtlich, zumal der Bruder sich bereits 2003 der PKK
angeschlossen habe und die Familie bis zu seinem Tod keine Probleme in
diesem Zusammenhang gehabt habe. Es sei ferner auch nicht davon aus-
zugehen, dass die Behörden aufgrund seines Profils sowie desjenigen sei-
nes Bruders ein Interesse an der Festnahme des Beschwerdeführers ge-
habt hätten, da weder ein Haftbefehl erlassen noch ein Verfahren gegen
ihn eingeleitet worden sei. Allein aus seinem Interesse für die kurdische
Sache, seiner regierungskritischen Haltung sowie seiner Mitgliedschaft bei
der (...) und der Tätigkeit als Zeitungsverteiler lasse sich keine asylrele-
vante Verfolgung ableiten. Angesichts der offensichtlich fehlenden Asylre-
levanz könne darauf verzichtet werden, auf allfällige Unglaubhaftigkeitsele-
mente der Vorbringen einzugehen.
5.2 Zur Begründung seines Rechtsmittels führte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen aus, es könne nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden,
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dass gegen ihn Ermittlungen laufen würden. Aus den eingereichten Doku-
menten – insbesondere auch den von F._ in ihrem Asylverfahren
beigebrachten Beweismitteln – gehe eindeutig hervor, dass er aufgrund der
aufgefundenen (...) mit den Anklagten F._ und E._ in Ver-
bindung gebracht worden sei. Vermerke in der Datenbank GBT beträfen
sodann nur offiziell eröffnete Verfahren. Inoffizielle Registrationen bei
Nachrichtendiensten würden für Überwachungsaktivitäten verwendet und
es sei für die Schweizerische Vertretung vor Ort unmöglich herauszufinden,
ob eine solche inoffizielle Registration bestehe. Darüber hinaus sei der Tod
seines Bruders im Oktober 2018 in der Presse veröffentlicht worden, wel-
che auch von den türkischen Behörden verfolgt würde. Sodann sei anläss-
lich der Kondolenzbesuche auch nach ihm gefragt worden, weshalb mit
grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen sei, dass er gesucht werde. Die
Vorinstanz blende den Zusammenhang zwischen seinen politischen Tätig-
keiten und dem Tod seines Bruders aus, sei das Engagement für die Kur-
densache den Behörden doch bekannt. Es könne nicht ausgeschlossen
werden, dass er bei einer Rückkehr nicht behördlichem Druck ausgesetzt
oder sogar angeklagt werde. Die Vorinstanz habe zudem ausser Acht ge-
lassen, dass er bereits mehrmals in Untersuchungshaft genommen worden
sei. Als den Behörden bekannte Person seien diese Mitnahmen durchaus
von Bedeutung. Er weise ein exponiertes Profil auf und, dass er den türki-
schen Behörden bekannt sei, werde auch aus der Beschlagnahme seines
Passes ersichtlich. Zudem habe sich die Sicherheits- und Menschen-
rechtslage seit dem Putschversuch im Juli 2016 erheblich verschlechtert.
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten des Beschwerdeführers unter Beizug und
Durchsicht des Asyldossiers seiner Kollegin F._ (N [...]) kommt das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die Vorinstanz die Vorbrin-
gen des Beschwerdeführers zu Recht als flüchtlingsrechtlich nicht relevant
qualifiziert hat. Die Ausführungen in der Beschwerdeschrift vermögen den
Erwägungen des SEM letztlich nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen. Da
das SEM an den eingereichten Beweismitteln keine Zweifel anbrachte, ist
auf den nicht begründeten Hinweis auf eine allfällige Verletzung der Unter-
suchungs- beziehungsweise Begründungspflicht durch die Vorinstanz (vgl.
der Beschwerdeschrift Ziff. II.3, S. 5) nicht weiter einzugehen. Somit kann
vorab auf die zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
verwiesen werden.
Ergänzend hält das Bundesverwaltungsgericht Folgendes fest:
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Seite 8
6.2 Wie vom SEM zutreffend festgestellt wurde, ergeben sich aus den Ak-
ten keine Hinweise, dass gegen den Beschwerdeführer Ermittlungen oder
gar ein Verfahren eröffnet worden sein soll. Die eingereichten türkischen
Verfahrensunterlagen betreffen ausschliesslich die Kollegen des Be-
schwerdeführers E._ und F._ sowie deren Ehemann. Aus
dem im erstinstanzlichen Verfahren eingereichten Auszug eines Ermitt-
lungsberichts (Anklageschrift) – sowie aus dessen Gesamtheit (Beschwer-
debeilage 4a) – geht zwar hervor, dass im Rahmen der Durchsuchung des
Autos eine (...) des Beschwerdeführers gefunden worden sein soll. Aller-
dings gibt es keine weitere Erwähnung des Beschwerdeführers und somit
letztlich keine Anhaltspunkte, die auf ein Interesse der Behörden am Be-
schwerdeführer – gerade auch im Zusammenhang mit den Ermittlungen
des Vorfalls im Dorf G._ – schliessen lassen würden. Auch anhand
der Schilderungen des Beschwerdeführers bestätigt sich der Eindruck
mangelnden Interesses der Behörden am Beschwerdeführer, zumal die
Hausdurchsuchung in erster Linie darauf ausgerichtet schien, F._
ausfindig zu machen (vgl. act. B15/21 F86).
6.3 Soweit der Beschwerdeführer in seiner Stellungnahme zum rechtlichen
Gehör sowie auch in seinem Rechtsmittel vorbringt, es könne nicht ausge-
schlossen werden, dass mittlerweile Ermittlungen aufgenommen bezie-
hungsweise ein Verfahren eröffnet worden seien, überzeugt dieser Ein-
wand nicht. In seiner Beschwerde hält der Beschwerdeführer denn auch
selbst explizit fest, es sei bisher zu keinem Verfahren gekommen (vgl. S. 7
Beschwerde). Angesichts der gegen E._ und F._ bereits ein-
geleiteten (und betreffend E._ abgeschlossenen) Verfahren er-
scheint kaum plausibel, dass die türkischen Behörden nunmehr viereinhalb
Jahren nach dem Vorfall im Dorf G._ noch ein Verfahren gegen den
Beschwerdeführer anstrengen sollten. Schliesslich vermag der Beschwer-
deführer nach dem bislang Gesagten auch aus dem Umstand, dass
F._ in der Schweiz Asyl gewährt wurde, nichts zu seinen Gunsten
abzuleiten.
6.4 Auch das Engagement des Bruders bei der PKK sowie dessen Tod im
Jahre 2014 sind nicht geeignet, beim Beschwerdeführer zur Annahme ei-
nes politisch exponierten Profils zu führen. Selbst unter Berücksichtigung,
dass der Tod des Bruders in den Reihen der PKK erst 2018 bekannt ge-
worden sein soll, deutet nichts darauf hin, dass der Beschwerdeführer oder
seine Familie deswegen seither mit Problemen oder gar Nachteilen in asyl-
relevantem Ausmass konfrontiert gewesen wäre. Insofern ist nicht von be-
gründeter Furcht vor zukünftiger Reflexverfolgung auszugehen. Ebenso
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wenig ist anzunehmen, die Aktivitäten des verstorbenen Bruders würden
sich negativ auf das Bild des Beschwerdeführers in den Augen der türki-
schen Behörden auswirken. Soweit der Beschwerdeführer sich in seinem
Rechtsmittel im Übrigen darauf beruft, er sei den Behörden jedenfalls des-
halb bekannt, weil sein Pass bei der Hausdurchsuchung beschlagnahmt
worden sei, ist auch darin kein flüchtlingsrechtlicher Nachteil erkennbar.
6.5 Zusammenfassend ist daher festzuhalten, dass die Vorinstanz zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und sein
Asylgesuch abgelehnt hat.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt namentlich weder über eine ausländerrecht-
liche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
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nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Rückkehr in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung aus-
gesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Men-
schenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste
der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen.
8.2.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
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festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Auch unter Berücksichtigung des Wiederaufflammens des türkisch-
kurdischen Konfliktes sowie der bewaffneten Auseinandersetzungen zwi-
schen der PKK und staatlichen Sicherheitskräften seit Juli 2015 in ver-
schiedenen Provinzen im Südosten des Landes sowie der Entwicklungen
nach dem Militärputschversuch im Juli 2016 ist gemäss konstanter Praxis
des Bundesverwaltungsgerichts nicht von einer Situation allgemeiner Ge-
walt oder bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in der Türkei – auch nicht
für Angehörige der kurdischen Ethnie – auszugehen (vgl. statt vieler Urteile
des BVGer E-1716/2020 vom 22. April 2020 E. 7.4.1 und E-2182/2020
vom 17. Dezember 2020 E. 12.4.1 je m.w.H.). Bei Sanliurfa handelt es sich
sodann nicht um eine Provinz, bei der die geltende Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts von der generellen Unzumutbarkeit des Voll-
zugs von Wegweisungen ausgeht (vgl. BVGE 2013/2 E. 9.6 und das Refe-
renzurteil E-1948/2018 E. 7.3.1).
8.3.2 In individueller Hinsicht ist festzuhalten, dass der – gemäss Akten
gesunde – Beschwerdeführer in der Türkei während acht Jahren die
Schule besucht hat und über Arbeitserfahrung im familieninternen Land-
wirtschaftsbetrieb verfügt. Insbesondere verfüge seine Familie über (...),
von denen es sich gut leben lasse, sowie Tiere. Sowohl der Vater und die
ältere Schwester des Beschwerdeführers als auch seine Ehefrau, die bei-
den gemeinsamen Kinder und sein Schwiegervater leben noch in der Tür-
kei. Es ist davon auszugehen, dass sein grosses familiäres Beziehungs-
netz im Heimatstaat ihn bei Bedarf bei der Wiedereingliederung unterstüt-
zen kann.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indessen mit In-
struktionsverfügung vom 3. September 2019 sein Gesuch um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutge-
heissen wurde und keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich seine
finanzielle Lage seither entscheidrelevant verändert hätte (vgl. oben
Bst. G), ist von der Auflage von Verfahrenskosten abzusehen.
10.2 Mit der Instruktionsverfügung vom 3. September 2019 wurde auch
das Gesuch des Beschwerdeführers um amtliche Verbeiständung gutge-
heissen (aArt. 110a Abs. 1 AsylG) und seine Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin eingesetzt. Demnach ist dieser ein Honorar für die not-
wendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten. Die
Rechtsbeiständin reichte mit der Beschwerde vom 26. August 2019 eine
Honorarnote zu den Akten, in welcher sie einen Vertretungsaufwand von
12 Stunden und 15 Minuten auflistet, wobei der ausgewiesene zeitliche
Aufwand angesichts des Beschwerdeumfangs zu hoch erscheint. In Anbe-
tracht sämtlicher Aspekte des vorliegenden Falles – auch unter Berück-
sichtigung der weiteren Eingaben – ist ein Aufwand von pauschal acht
Stunden als angemessen zu veranschlagen. Zudem geht das Gericht – wie
in der Instruktionsverfügung vom 3. September 2019 kommuniziert – bei
amtlicher Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz von
Fr 100.– bis Fr. 150.– für nicht-anwaltliche Vertreterinnen und Vertreter aus
(vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
(VGKE, SR 173.320.2), wobei nur der notwendige Aufwand zu entschädi-
gen ist (vgl. Art. 8 Abs. 2 VGKE). Der Stundenansatz ist daher von
Fr. 185.– auf Fr. 150.– zu kürzen. In Anwendung der massgebenden Be-
messungsfaktoren und unter Berücksichtigung des herabgesetzten Stun-
denansatzes ist das vom Gericht auszurichtende Honorar demnach auf
insgesamt Fr. 1'250.– (inklusive Auslagen) festzulegen.
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