Decision ID: 20198e61-7057-4810-bd1e-c507beab8d71
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._, meldete sich am 9. August 2004 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act.
1). Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte am 20./21. Juni 2005 in der AEH
Zentrum für Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene AG, Zürich, von Dr. med. B._,
Fachärztin FMH für Physikalische Medizin und Rehabilitation, und am 6. September
2005 von Dr. med. Dr. phil. C._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie,
untersucht. Die Experten diagnostizierten: ein lumbospondylo¬genes Syndrom
beidseits, rechts mehr als links, ein cervikospondylogenes Syndrom links, ein
thorakospondylogenes Syndrom links bei/mit Wirbelsäulenfehlform, degenerativer
Diskopathie L5/S1 mit flacher Diskushernie, möglicher Wurzelirritation S1 rechts, einem
links präsakralen zystischen Prozess (am ehesten Nervenwurzel L5 links zugehörig; DD:
präsakraler neurogener Tumor mit Kontakt der Wurzel L5 rechts) und muskulärer
Insuffizienz; eine prolongierte gemischte Anpassungsstörung mit Störung der Gefühle
und des Sozialverhaltens leichten Ausprägungsgrades (ICD-10: F43.25) und/oder eine
sub¬syndromale affektive Störung als nicht näher zu bezeichnende Restkategorie
(ICD-10: F38.8), demnach nicht im Sinn einer depressiven Episode als phasenhaft
wieder¬kehrendes Rezidiv. Aus rein rheumatologisch-orthopädischer Sicht sei dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherten eine leichte wechselbelastende Tätigkeit zu 50% medizinisch-theoretisch
zumutbar. Aus psychiatrischer Sicht bestehe keine psychische Störung bzw.
Beeinträchtigung, die eine „IV-Störung“ begründen würde. Interdisziplinär wurde die
Arbeitsfähigkeit für eine leichte wechselbelastende Tätigkeit nach einer Frist von 3
Monaten auf mindestens eine 50% eingeschätzt (Gesamtgutachten vom 15. November
2015, IV-act. 21; zum psychiatrischen Teilgutachten vom 28. September 2005 siehe IV-
act. 20). Der RAD-Arzt Dr. med. D._, Facharzt für Allgemeinmedizin, vertrat in der
Stellungnahme vom 18. November 2005 die Ansicht, es könne aus
versicherungsmedizinischer Sicht von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit für
leidensangepasste Tätigkeiten ausgegangen werden (IV-act. 22). Mit Verfügung vom
11. Mai 2006 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit Wirkung ab 1. August 2003
eine halbe Rente zu (IV-act. 34).
A.b Am 20. Mai 2009 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, im Rahmen eines von
Amtes wegen durchgeführten Revisionsverfahrens sei keine Änderung festgestellt
worden, die sich auf die Rente auswirke (IV-act. 44).
A.c Im Fragebogen „Revision der Invalidenrente/Hilflosenentschädigung“ gab der
Versicherte am 21. Juli 2014 an, dass sich sein Gesundheitszustand seit ungefähr 2
Jahren verschlechtere (IV-act. 59). Der behandelnde Dr. med. E._, Facharzt für
Allgemeinmedizin FMH, bestätigte im Verlaufsbericht vom 4./7. August 2014 einen
verschlechterten Gesundheitszustand (IV-act. 62). Nach einer Würdigung der Akten
gelangte RAD-Arzt F._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, zur Auffassung,
dass die dem Rentenanspruch zugrunde liegende Arbeitsunfähigkeit am ehesten nicht
auf einer nachgewiesenen organisch-somatischen Erkrankung, sondern auf einer
Schmerzverarbeitungsstörung im Sinn eines sogenannten pathogenetisch-ätiologisch
unklaren syndromalen Beschwerdebilds ohne nachweisbare organische Grundlage
beruhe. Er empfahl eine polydisziplinäre Begutachtung (Stellungnahme vom 26. August
2014, IV-act. 66).
A.d Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte am 25. und 26. November sowie am
2. Dezember 2014 polydisziplinär (internistisch, psychiatrisch, rheumatologisch und
neurologisch) in der ZIMB Zentrum für Interdisziplinäre Medizinische Begutachtungen
AG untersucht. Die Experten stellten keine Diagnosen „mit Einfluss auf die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsfähigkeit“. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bestünden: 1. Ein chronischer
Schmerzzustand im Bereich des Nervus maxillaris rechts mit/bei: Status nach
endoskopischer Tumorent¬fernung eines invertierten Papilloms (Schneider’sches
Papillom) aus der rechten Kieferhöhle und Ethmoidektomie rechts am 11. März 2009;
Status nach medialer Maxillektomie rechts endoskopisch und über einen
osteoplastischen Zugang aufgrund eines Rezidivs des invertierten Papilloms am 23.
September 2011; Status nach endoskopisch navigationsgestützter Exploration der
Fossa sphenopalatina rechts und Ausschluss eines Tumorrezidivs am 13. März 2012;
Exazerbation eines neuropathischen Schmerzes in niedriger Attackenfrequenz; 2. ein
chronifiziertes Lumbovertebralsyndrom mit/bei: degenerativen LWS-Veränderungen mit
Diskopathie L5/S1, ohne radikuläre Ausfallsymptomatik; 3. eine Hypästhesie rechter
Arm und rechtes Bein, nicht sicher einem nervalen oder radikulären Versorgungsgebiet
zuzuordnen, am ehesten funktioneller Genese; 4. eine chronische Nuchalgie ohne
radikuläre Ausfallsymptomatik; 5. eine Steatosis hepatis bei Adipositas Grad I nach
WHO (BMI von 30.9 kg/m2). Zusammenfassend und unter Berücksichtigung aller
Gegebenheiten und Befunde sei der Versicherte aktuell weder aus somatischer noch
aus psychiatrischer Sicht in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Aus interdisziplinärer
Sicht seien ihm sowohl die zuletzt ausgeübte Tätigkeit in der Automobilindustrie als
auch eine entsprechende Verweistätigkeit zu 100% zumutbar. Die Rückenproblematik
sei verglichen mit dem Jahr 2005 subjektiv und objektiv unverändert. Bei nach wie vor
fehlender neurologischer Reiz- und Ausfallsymptomatik legitimiere diese
Schmerzsymptomatik, vor allem in Anbetracht der damals beschriebenen
Selbstlimitierung in der EFL, höchstens qualitative Einschränkungen der zumutbaren
Arbeitsfähigkeit. Die damals von Dr. C._ diagnostizierte „prolongierte gemischte
Anpassungsstörung mit Störung der Gefühle und des Sozialverhaltens leichten
Ausprägungsgrades“ (ICD-10: F43.25) sei mittlerweile in den Hintergrund getreten. Es
bestehe auch keine andere depressive Störung. Die damals attestierte 50%ige
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit sei aus heutiger versicherungsmedizinischer Sicht
in keiner Weise nachvollziehbar. Retrospektiv müsse davon ausgegangen werden, dass
zum damaligen Zeitpunkt keine psychiatrische Diagnose vorgelegen habe, die eine
langfristige Auswirkung auf die Leistungs- bzw. Arbeitsfähigkeit gehabt habe. Ein
pathogenetisch-ätiologisch unklares Beschwerdebild ohne nachweisbare organische
Grundlage könne postuliert werden, wobei eine Unüberwindbarkeit nicht ausgewiesen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sei (Gutachten vom 15. Januar 2015, IV-act. 70). Auf die Nachfrage der IV-Stelle hin (IV-
act. 71) antwortete der internistische ZIMB-Gutachter am 16. Februar 2015, dass mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit bereits im Jahr 2005 beim Versicherten ein
syndromales Leiden ohne adäquates organisches Korrelat bestanden habe (IV-act. 72;
zur Würdigung der gutachterlichen Einschätzung durch den RAD siehe die
Stellungnahmen vom 11./23. Februar 2015, IV-act. 73).
A.e Mit Vorbescheid vom 26. Februar 2015 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die
Aufhebung der Rente in Aussicht (IV-act. 75). Dagegen erhob der Versicherte am 12.
März 2015 Einwand (IV-act. 78), den er am 28. April 2015 ergänzend begründete und
mit Stellungnahmen von Dr. E._ vom 17. März 2015 sowie von Dr. med. H._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Rorschach, vom 23. März 2015
untermauerte (IV-act. 81). Der RAD-Arzt Dr. J._ gelangte zur Auffassung, dass die
Ausführungen der behandelnden Dres. E._ und H._ keine Zweifel an der
gutachterlichen Beurteilung begründeten (Stellungnahme vom 22. Mai 2015, IV-act.
83). Am 26. Mai 2015 verfügte die IV-Stelle die Aufhebung des Rentenanspruchs auf
den ersten Tag des zweiten Monats nach der Zustellung der Verfügung (IV-act. 84).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 26. Mai 2015 richtet sich die vorliegende Beschwerde
vom 25. Juni 2015. Der Beschwerdeführer beantragt darin deren Aufhebung. Es sei ihm
weiterhin eine Invalidenrente zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegenheit zu
weiteren Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen und sie zu
verpflichten, die Kosten einer allfälligen Begutachtung zu übernehmen; alles unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen. Im Wesentlichen bringt der Beschwerdeführer vor,
die ursprüngliche Rentenzusprache sei nicht aufgrund eines unklaren syndromalen
Zustandsbilds erfolgt. Er leide weiterhin an einem invalidisierenden
Gesundheitsschaden. Die Beurteilung der ZIMB-Gutachter berücksichtige die
Anforderungen gemäss der geänderten Rechtsprechung des Bundesgerichts zu den
somatoformen Schmerzstörungen nicht, weshalb der gutachterlichen Einschätzung die
Beweiskraft abgehe. Ein Revisionsgrund liege nicht vor (act. G 1; siehe auch die
ergänzende Begründung vom 18. August 2015, act. G 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 29. September
2015 die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie aus, die
Voraussetzungen für eine Revision des Rentenanspruchs gemäss der
Schlussbestimmungen des IVG vom 18. März 2011 seien erfüllt. Selbst wenn dies
wider Erwarten verneint würde, wäre die Rentenaufhebung unter dem Titel der
Wiedererwägung gerechtfertigt (act. G 7).
B.c Mit Verfügung vom 5. Oktober 2015 ist dem Gesuch des Beschwerdeführers um
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege für das Verfahren vor
Versicherungsgericht entsprochen worden (act. G 8).
B.d In der Replik vom 30. November 2015 hat der Beschwerdeführer unverändert an
der Beschwerde festgehalten. Ergänzend macht er geltend, die Voraussetzungen für
eine Wiedererwägung der ursprünglichen Rentenverfügung seien nicht erfüllt (act. G
12).
B.e Die Beschwerdegegnerin hat am 4. Dezember 2015 auf eine Duplik verzichtet (act.
G 14).

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Renten¬anspruch
des Beschwerdeführers bzw. dessen Aufhebung gestützt auf lit. a der
Schlussbestimmungen der Änderung vom 18. März 2011 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20; nachfolgend Schlussbestimmungen).
1.1 Gemäss lit. a der Schlussbestimmungen sind Renten, die bei pathogenetisch-
ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebildern ohne nachweisbare organische
Grundlage gesprochen wurden, innerhalb von drei Jahren nach Inkrafttreten dieser
Änderung neu zu überprüfen. Sind die Voraussetzungen nach Art. 7 Abs. 1 und 2 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1; Erwerbsunfähigkeit) nicht erfüllt, so wird die Rente herabgesetzt oder
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aufgehoben, auch wenn der Tatbestand von Art. 17 Abs. 1 ATSG (Revision) nicht
verwirklicht ist.
1.2 Ausgangspunkt für die Bemessung der Invalidität bildet die Frage, ob und in
welchem Ausmass es einer versicherten Person zumutbar ist, trotz ihres
Gesundheitsschadens ein Erwerbseinkommen zu erzielen. In Art. 7 Abs. 2 ATSG, der
mit der 5. IVG-Revision am 1. Januar 2008 in Kraft getreten ist, wird festgelegt, dass
eine Erwerbsunfähigkeit nur vorliegt, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist. Damit wurde gesetzlich verankert, dass die Zumutbarkeit nicht nach dem
subjektiven Empfinden der versicherten Person, sondern nach objektiven
Gesichtspunkten zu beurteilen ist. Art. 7 Abs. 2 ATSG schreibt somit auf Gesetzesstufe
das Erfordernis der Objektivierbarkeit fest.
1.3 Das Bundesgericht hat mit Entscheid vom 3. Juni 2015 (BGE 141 V 281) seine die
Bestimmung von Art. 7 Abs. 2 ATSG beschlagende Rechtsprechung zu den
Voraussetzungen, unter denen anhaltende somatoforme Schmerzstörungen und
vergleichbare psychosomatische Leiden eine rentenbegründende Invalidität zu
bewirken vermögen, geändert. Es hat die von ihm geschaffene
Überwindbarkeitsvermutung und den sich an den Foersterkriterien orientierenden
Prüfungsraster aufgegeben. Das bisherige Regel/Ausnahme-Modell wurde durch ein
„strukturiertes“ Beweisverfahren ersetzt. Nach der neuen Rechtsprechung hat die
Invaliditätsbemessung bei psychosomatischen Störungen den Aspekt der funktionellen
Auswirkungen zu berücksichtigen, was sich schon in den diagnostischen
Anforderungen niederschlagen muss. Massgebend seien in Schweregrad und
Konsistenz der funktionellen Auswirkungen eingeteilte Standardindikatoren. Die
Anerkennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrads sei nur zulässig, wenn die
funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen
Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und
widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen
seien (BGE 141 V 307 f. E. 6; vgl. Urteil des Bundes¬gerichts vom 23. September 2015,
8C_421/2015, E. 5.2).
1.4 Aufgrund dessen, dass die Vorschrift von lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen
eine Überprüfung bisheriger Rentenansprüche in Nachachtung von Art. 7 ATSG
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verlangt und die neue Rechtsprechung gemäss BGE 141 V 281 auch auf laufende
Verfahren Anwendung findet (Urteil des Bundesgerichts vom 23. September 2015,
8C_421/2015, E. 5.1 mit Hinweis auf BGE 137 V 266 E. 6), ist diese auch für die
Prüfung der vorliegenden Renteneinstellung massgebend.
2.
Zunächst ist die zwischen den Parteien umstrittene Frage zu beurteilen, ob die
ursprüngliche Rentenzusprache aufgrund eines pathogenetisch-ätiologisch unklaren
syndromalen Beschwerdebilds ohne nachweisbare organische Grundlage im Sinn von
lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen erfolgte.
2.1 Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts sind laufende Renten vom
Anwendungsbereich von lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen nur auszunehmen,
wenn und soweit sie auf erklärbaren Beschwerden beruhen. Lassen sich unklare
Beschwerden von erklärbaren Beschwerden trennen, können die
Schlussbestimmungen der 6. IV-Revision auf erstere Anwendung finden. Sodann
bestimmt sich die Anwendung der Schlussbestimmungen danach, ob die ursprüngliche
Rentenzusprache zum Teil aufgrund eines syndromalen Gesundheitsschadens
zugesprochen worden ist. Beim Vorliegen sowohl syndromaler als auch nicht
syndromaler Gesundheitsschäden hängt die Anwendbarkeit von lit. a Abs. 1 der
Schlussbestimmungen davon ab, dass letztere die anspruchs¬erhebliche
Arbeitsunfähigkeit nicht mitverursacht, das heisst letztlich nicht selbstständig zur
Begründung des Rentenanspruchs beigetragen haben. Damit bleibt eine
Renten¬revision unter diesem Rechtstitel möglich, wenn sie die Auswirkungen des
unklaren Beschwerdebilds bloss verstärken (Urteil des Bundesgerichts vom 7. August
2017, 8C_380/2017, E. 3.3 mit Hinweisen).
2.2 Dr. C._ diagnostizierte im Rahmen seiner Begutachtung vom 6. September 2005
eine prolongierte gemischte Anpassungsstörung mit Störung der Gefühle und des
Sozialverhaltens (ICD-10: F43.25) „und/oder“ eine subsyndromale „affektive Störung
als nicht näher zu bezeichnende Restkategorie (ICD-10: F38.8).
Differenzialdiagnostisch bestehe eine anhaltend somatoforme (undifferenzierte)
Schmerzverarbeitungsstörung (ICD-10: F45.4; IV-act. 20-3). Syndromal könne gemäss
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
AMDP von keiner relevanten psychopathologischen Störung ausgegangen werden.
Lediglich die subjektive Zentrierung auf die Schmerzproblematik und die
psychodynamische Fehlverarbeitung hätten bezüglich des Ausmasses und des
Fixierungsgrads Krankheitswert (IV-act. 20-2). Der RAD-Arzt G._ hat in der
Stellungnahme vom 26. August 2014 dargelegt, weshalb die Einschätzung von Dr.
C._ im Wesentlichen auf einem pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen
Beschwerdebild ohne nachweisbare organische Grundlage beruht (IV-act. 66-3 oben).
Darauf kann verwiesen werden, zumal der Beschwerdeführer dagegen nichts
Substanziiertes vorbringt und auch im ZIMB-Gutachten kein davon abweichender
Schluss gezogen wurde (IV-act. 70-54).
2.3
2.3.1 Im AEH-Gesamtgutachten vom 15. November 2005 gelangte die somatische
Expertin zum Schluss, zusammengefasst bestehe ein chronisch persistierendes
Schmerzsyndrom (panvertebrale Beschwerden) mit Schmerzausstrahlung in die Arme
und Beine. Die Beurteilung der effektiven Leistungsgrenze sei infolge der
Selbstlimitierung nicht möglich gewesen. Lokalisierte körperliche Limits hätten
aufgrund des Schmerz¬verhaltens des Beschwerdeführers nicht ermittelt werden
können. Als arbeitsbezogene Problematik äussere sich zum jetzigen Zeitpunkt vor
allem das Schonungs- und Schmerzverhalten des Beschwerdeführers (IV-act. 21-7).
Aus diesen Ausführungen geht eindeutig hervor, dass bei der somatischen Beurteilung
der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers ein syndromales Leiden im Vordergrund
stand, dessen Auswirkungen nicht auf objektive Befunde zurückgeführt werden
konnten, sondern ihre Erklärung „vor allem“ im Schonungs- und Schmerzverhalten des
Beschwerdeführers bzw. in seiner subjektiven Wahrnehmung fanden.
2.3.2 Zwar stellte die somatische AEH-Gutachterin auch klinische Befunde fest (IV-
act. 21-6 f.). Allerdings geht aus ihrer Beurteilung nicht hervor, dass die degenerative
Diskopathie L5/S1 oder der links präsakrale zystische Prozess für die bescheinigte
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten
ausschlaggebend gewesen sind (vgl. vorstehende E. 2.3.1). Bezüglich des präsakralen
Bereichs wies bereits Dr. K._ am 9. Januar 2004 auf ein fehlendes Korrelat hin (IV-
act. 8-9). Nichts anderes gilt im Übrigen bezüglich der von der AEH-Gutachterin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erwähnten Wirbelsäulenfehlform oder der muskulären Insuffizienz. Des Weiteren vertrat
auch Dr. C._ die Auffassung, der Ausschluss hauptsächlich organisch bedingter
Krankheitsfaktoren sei gesichert (IV-act. 20-3).
2.3.3 Hinzu kommt, dass bereits vor der ersten Administrativbegutachtung seitens
der behandelnden medizinischen Fachpersonen mehrfach auf die Bedeutung nicht
objektivierbarer Faktoren hingewiesen wurde. Dr. med. H._, Assistenzarzt an der
Klinik für Neurochirurgie am Kantonsspital St. Gallen, wies im Bericht vom 12.
November 2002 darauf hin, sowohl die vom Beschwerdeführer beschriebenen
Beschwerden als auch die klinische Untersuchung liessen sich nur sehr schwer mit
radiologischen Befunden in Einklang bringen (IV-act. 8-18). Dr. K._ hielt im Bericht
vom 25. April 2002 fest, die Beschwerden würden ziemlich ungenau angegeben und
seien „relativ diffus“ (IV-act. 8-15). Am 17. September 2002 berichtete sie über Zeichen
einer deutlichen Schmerzverarbeitungsstörung und eine Somatisierungstendenz (IV-
act. 8-13). Am 9. Januar 2004 führte sie aus, „während der ganzen Untersuchung
zeigte sich dieses Mal, wie auch sonst, eine deutliche funktionelle Überlagerung“ (IV-
act. 8-9).
2.4 Nach dem Gesagten beruht die ursprüngliche Rentenzusprache im Wesentlichen
auf einem syndromalen Leiden im Sinn von lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen.
Damit war die Beschwerdegegnerin zu einer revisionsweisen Überprüfung des
Rentenanspruchs unter den Erfordernissen von Art. 7 Abs. 1 und Abs. 2 ATSG befugt.
3.
Des Weiteren ist zu prüfen, ob der im Revisionsverfahren gemäss lit. a Abs. 1 der
Schlussbestimmungen von der Beschwerdegegnerin ermittelte Sachverhalt spruchreif
ist. Diese legte der verfügten Renteneinstellung das polydisziplinäre Gutachten der
ZIMB vom 15. Januar 2015 zugrunde.
3.1 Bei der Würdigung des ZIMB-Gutachtens fällt ins Gewicht, dass es die
Anforderungen an eine beweiskräftige medizinische Expertise erfüllt (siehe hierzu BGE
125 V 352 E. 3a mit Hinweisen). Insbesondere beruht es auf eigenständigen
Abklärungen und ist für die streitigen Belange umfassend. Die medizinischen Vorakten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
wurden verwertet und diskutiert. Die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden
wurden berücksichtigt und gewürdigt. Die bescheinigte Arbeitsfähigkeit leuchtet in der
Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation ein. Weiter bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass objektiv
wesentliche Tatsachen nicht berücksichtigt worden wären. Solche ergeben sich auch
nicht aus den mit der Einwandbegründung vom 28. April 2015 eingereichten ärztlichen
Berichten (IV-act. 81).
3.2 Der Beschwerdeführer bestreitet denn auch nicht, dass das ZIMB-Gutachten
Ergebnis einer fachgerecht durchgeführten Begutachtung bildet. Er spricht der
gutachterlichen Beurteilung einzig deshalb die Beweiskraft ab, da sie in Nachachtung
der inzwischen überholten Praxis des Bundesgerichts zur Überwindbarkeit der
somatoformen Schmerzstörung erfolgt sei (act. G 1, Rz 3, und act. G 12, S. 3).
3.2.1 Mit BGE 141 V 281 hat das Bundesgericht die von ihm geschaffene
Überwindbarkeitsvermutung und den sich an den Foersterkriterien orientierenden
Prüfungsraster aufgegeben (siehe hierzu vorstehende E. 1.3). Medizinische Gutachten,
die noch nach alter Praxis des Bundesgerichts eingeholt wurden, verlieren nicht per se
ihren Beweiswert. Es ist im Einzelfall zu prüfen, ob das betreffende Gutachten,
gegebenenfalls im Kontext mit weiteren fachärztlichen Berichten, eine schlüssige
Beurteilung im Licht der massgeblichen Indikatoren erlaubt oder nicht, wobei je nach
Abklärungstiefe und -dichte eine punktuelle Ergänzung genügen kann. Somit führt ein
nach alter Praxis des Bundesgerichts erstattetes Gutachten nicht zwangsläufig zu einer
neuen Begutachtung oder anderen abklärungsrechtlichen Weiterungen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 18. Mai 2017, 8C_842/2016, E. 5.2.1 mit Hinweisen).
3.2.2 Für die Beurteilung des ZIMB-Gutachtens ist entscheidend, dass die
Würdigung des Krankheitsbilds und der Arbeitsfähigkeit weder anhand der damals vom
Bundesgericht postulierten Überwindbarkeitsvermutung noch der blossen Verneinung
der Foersterkriterien erfolgte. Mit der damaligen Rechtsprechung setzten sich die
Gutachter erst in der letzten Zusatzfrage auseinander (IV-act. 70-54). Insbesondere der
psychiatrische Teil beruht auf einer umfassenden Ressourcen- und
Konsistenzbeurteilung unter umfassendem Einbezug der Alltagsaktivitäten des
Beschwerdeführers (IV-act. 70-50 f.). So kann der Beschwerdeführer etwa - im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gegensatz zu früher (IV-act. 25-1) - wieder Autofahren (IV-act. 70-50). Anlässlich der
Begutachtung wurden auch beschwielte Hände festgestellt (IV-act. 70-26 unten; vgl.
auch IV-act. 70-31), was ebenfalls auf gewisse Ressourcen hinweist, zumal der
Beschwerdeführer früher nach eigenen Angaben kaum mehr in der Lage gewesen sei,
die TV-Fernbedienung zu halten (IV-act. 25-1). Der Beschwerdeführer wurde als
muskulös gebauter Mann in eigentlich gutem bis sehr gutem Allgemeinzustand
beschrieben (IV-act. 70-33). Den Haushalt vermag er alleine zu erledigen (IV-act.
70-39). Zudem verfügt er über einen guten Kollegenkreis und geht gerne spazieren (IV-
act. 70-39). Ausserdem ergeben sich aus dem ZIMB-Gutachten ein sehr
demonstratives Schmerzverhalten mit 5 von 5 positiven Wadell-Zeichen und erhebliche
Diskrepanzen (IV-act. 70-27 und IV-act. 70-33), die auch unter der Rechtsprechung
gemäss BGE 141 V 281 eher gegen das Vorliegen einer aus objektiver Sicht nicht
überwindbaren Erwerbsunfähigkeit im Sinn von Art. 7 Abs. 2 ATSG sprechen. Es
bestehen damit keine Mängel an der Ressourcen- und Konsistenzprüfung durch die
ZIMB-Gutachter, weshalb deren Beurteilung auch nach der Rechtsprechung gemäss
BGE 141 V 281 verwertbar bleibt und auf deren Ergebnisse abzustellen ist. Der
Beschwerdeführer legt denn auch nicht substanziiert dar, welche ressourcen- oder
konsistenzrelevanten Aspekte die ZIMB-Gutachter ausser Acht gelassen hätten.
3.3 Gestützt auf das ZIMB-Gutachten ist somit davon auszugehen, dass der
Beschwerdeführer sowohl für die angestammte als auch eine leidensangepasste
Tätigkeit aus objektiver Sicht über eine 100%ige Arbeitsfähigkeit verfügt. Die konkrete
Berechnung des Invaliditätsgrads kann offen bleiben, da offensichtlich kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad resultiert. Demnach erfolgte die verfügte
Renteneinstellung zu Recht.
4.
4.1 Die Beschwerde ist abzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem unterliegenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer sind die Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 600.-- aufzuerlegen.
Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist er von der Bezahlung zu befreien.
4.3 Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung des Beschwerdeführers. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr.
12'000.--. Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers hat keine Kostennote
eingereicht. In der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit erscheint eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 3'500.-ange¬messen. Diese ist um einen Fünftel zu kürzen
(Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes, sGS 963.70). Somit hat der Staat die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers pauschal mit Fr. 2'800.-- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
4.4 Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur
Nachzahlung verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung [ZPO; SR 272] i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS 951.1]).