Decision ID: 134ce376-bde1-57cd-9f26-8234a463288b
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch MS._,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
Sachverhalt:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.
A.a S._ meldete sich am 5. Dezember 2005 zum Bezug von IV-Leistungen an und
beantragte die Ausrichtung einer Rente sowie eventuell eine Umschulung auf eine neue
Tätigkeit (IV-act. 1).
A.b Nach einem stationären Aufenthalt in der Klinik Valens vom 15. August bis 1.
September 2005 wurden im Austrittsbericht vom 15. September 2005 die Diagnosen
mittelgradige depressive Episode, Panvertebralsyndrom und Verdacht auf eine
Epicondylitis ulnaris beidseits gestellt. Aufgrund der psychiatrischen Diagnose bestehe
aktuell in der angestammten Tätigkeit als Koch eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act.
7/10-12). Dr. med. A._, FMH Innere Medizin, diagnostizierte im Arztbericht vom 14.
Dezember 2005 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Spondylolyse L5 mit
Spondylolisthesis L5/S1 und leichtgradiger Hypermobilität sowie eine mittelgradige
depressive Episode mit latenter Suizidalität und Verdacht auf Symptomausweitung.
Vom 11. Juli bis 29. November 2005 habe die Arbeitsunfähigkeit in der angestammten
Tätigkeit als Hilfskoch zwischen 50 und 100% variiert. Ab 30. November 2005 und bis
auf Weiteres bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 7/1-4). Am 18. Mai 2006
erfolgte im Auftrag der Krankentaggeldversicherung in der Klinik Valens eine
interdisziplinäre Begutachtung des Versicherten. Im Bericht vom 8. Juni 2006 wurden
die Hauptdiagnosen eines lumbospondylogenen Syndroms beidseits und einer
mittelgradigen depressiven Episode mit somatischem Syndrom (F32.11) gestellt. Aus
medizinisch-theoretischer Sicht bestehe eine Arbeitsfähigkeit von wenigstens 50%. Zur
Zeit sei der Versicherte aus psychiatrischer Sicht mindestens 50% arbeitsunfähig (IV-
act 21/9-11 und act. G 4.3). Dr. B._, FMH Psychiatrie/Psychotherapie, attestierte im
Arztbericht vom 8. Juli 2006 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit ab 1. Oktober 2005 und
diagnostizierte aus psychiatrischer Sicht eine Anpassungsstörung mit längerer
depressiver Reaktion in mittelgradiger Ausprägung (F43.21) sowie eine akzentuierte
Persönlichkeit mit perfektionistischen Zügen (Z73.1, IV-act. 20). Der Regionale Ärztliche
Dienst (RAD) der Invalidenversicherung hielt in der Stellungnahme vom 3. November
2006 fest, dass für eine mittelschwere und schwere körperliche Tätigkeit als Hilfskoch
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe. Eine adaptierte Tätigkeit (körperlich leicht,
wechselbelastend, keine Zwangshaltungen) sei dem Versicherten zu 50% zumutbar
(IV-act. 22).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.c Im Vorbescheid vom 20. Februar 2007 stellte die IV-Stelle dem Versicherten in
Aussicht, dass unter Berücksichtigung eines maximalen Leidensabzugs der
Invaliditätsgrad 66% betrage, weshalb er ab 1. Juli 2006 einen Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente habe (IV-act. 37).
A.d Am 21. Februar 2007 teilte die IV-Stelle mit, dass die Arbeitsvermittlung
abgeschlossen werde (IV-act. 38).
B.
B.a Der Versicherte nahm am 23. März 2007 zum Vorbescheid Stellung und beantragte
bei einer Arbeitsunfähigkeit von 100% die Ausrichtung einer ganzen IV-Rente (IV-act.
42).
B.b Die IV-Stelle veranlasste aufgrund des Einwands und nach Rücksprache mit dem
RAD eine bidisziplinäre Abklärung bei der AEH Zentrum für Arbeitsmedizin Ergonomie
und Hygiene AG in Zürich (IV-act. 45). Am 22. August 2007 wurde der Versicherte in
der Klinik Teufen psychiatrisch untersucht und begutachtet (IV-act. 55). Am 30. und 31.
August 2007 erfolgte eine körperliche Untersuchung mit zusätzlicher Durchführung
einer Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit im AEH-Zentrum. Im
interdisziplinären Gutachten vom 25. Februar 2008 wurden die Diagnosen chronisches
zerviko- und lumbalbetontes Panvertebralsyndrom mit Ausstrahlung in beide Beine,
Epicondylopathia humeroradialis beidseits, belastungsabhängige linksseitige
Knieschmerzen, belastungsabhängige rechtsseitige Hüftbeschwerden und
mittelschwere depressive Episode (F32.10) gestellt. Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als
Koch sei aus rheumatologischer Sicht nicht mehr zumutbar. Eine körperlich leichte
adaptierte Tätigkeit sei unter Berücksichtigung gewisser Einschränkungen aus
rheumatologischer Sicht ganztägig mit zwei Stunden vermehrten Pausen,
entsprechend einer 75%igen Arbeitsfähigkeit, zumutbar. Es bestünden
Einschränkungen beim Heben sowie bei Arbeiten über Kopf, vorgeneigtem Stehen und
Sitzen, Hockestellungen, wiederholten Kniebeugen, längerem Sitzen und Stehen sowie
beim Gehen und Treppensteigen. Unter Berücksichtigung des psychiatrischen
Krankheitsbildes mit den damit ausgewiesenen Einschränkungen sei eine angepasste
Tätigkeit zu 50% zumutbar. Eine solche Tätigkeit sollte ein wohlwollendes Arbeitsklima
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
haben, körperlich und geistig nicht überfordern, ein überschaubares Arbeitspensum
enthalten, nur wenig Zeiten mit erhöhten Anforderungen haben und psychisch nicht
belasten. Mit einer zumutbaren maximalen Arbeitsfähigkeit von 50% sei auf Dauer zu
rechnen (IV-act. 56).
B.c In einem weiteren Vorbescheid vom 13. März 2008 führte die IV-Stelle aus, dass
bei einem Invaliditätsgrad von 65% ab 1. Juli 2006 ein Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente bestehe (IV-act. 62). Der Versicherte nahm am 28. April 2008 zum
Vorbescheid Stellung und beantragte bei einer 25%igen Arbeitsfähigkeit für eine leichte
und wechselbelastende Tätigkeit die Ausrichtung einer ganzen IV-Rente einschliesslich
Vorschussleistungen (IV-act. 65).
B.d Mit Verfügung vom 13. November 2008 wurde dem Versicherten bei einem
Invaliditätsgrad von 65% ab 1. Juli 2006 eine Dreiviertelsrente zugesprochen (IV-act. 69
und 77). In einer weiteren Verfügung vom 13. November 2008 wurde eine ordentliche
Kinderrente (zur Rente des Versicherten) gesprochen (IV-act. 78).
C.
C.a Gegen diese Verfügungen richtet sich die von MS._ in Vertretung des
Beschwerdeführers eingereichte Beschwerde vom 19. Januar 2009 (Datum
Postaufgabe). Er beantragt darin, dem Beschwerdeführer sei bei einer 25%igen
Arbeitsfähigkeit für eine leichte und wechselbelastende Tätigkeit eine ganze IV-Rente
zuzusprechen, eventualiter sei aufgrund von erheblichen Mängeln der Gutachten der
Klinik Valens vom August 2005 und Mai 2006 sowie des Gutachtens des AEH-
Zentrums ein umfassendes medizinisches Gutachten anzuordnen und die
Beschwerdegegnerin sei anzuweisen, das psychiatrische Teilgutachten der Klinik
Teufen vom 4. Februar 2008 vervollständigen zu lassen und die der Verfügung
zugrundeliegende Berechnung des massgebenden durchschnittlichen
Jahreseinkommens sowie der anrechenbaren Beitragsdauer auszuweisen; unter
Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der Beschwerdegegnerin. Der
Beschwerdeführer lässt im Wesentlichen ausführen, dass die Gutachten der Klinik
Valens und des AEH-Zentrums mangelhaft seien. Aufgrund der Aktenlage sei dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer höchstens eine leichte, insgesamt 2-stündige, wechselbelastende
(Sitzen/Stehen) Tätigkeit zumutbar (act. G 1).
C.b In der Beschwerdeantwort vom 20. März 2009 beantragt die Beschwerdegegnerin,
es sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer bei einem Invaliditätsgrad von 38%
keinen Anspruch auf eine Invalidenrente habe. Im Übrigen sei die Beschwerde
abzuweisen. Die im AEH-Gutachten aus somatisch-rheumatologischer Sicht attestierte
75%ige Arbeitsfähigkeit für adaptierte Tätigkeiten sei aufgrund der erhobenen Befunde
am Bewegungsapparat plausibel und nachvollziehbar. Hingegen sei die vom
psychiatrischen Experten aus psychiatrischer Sicht attestierte 50%ige
Arbeitsunfähigkeit nicht überzeugend. Mangels eines invalidisierenden psychischen
Gesundheitsschadens lasse sich keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aus
psychischen Gründen begründen. Dadurch sei insgesamt von einer 75%igen
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers für angepasste Tätigkeiten auszugehen. Bei
der Berechnung des Invalideneinkommens könne ein 10%iger Abzug vom Tabellenlohn
zugestanden werden. Für einen Teilzeitabzug bestehe hingegen keine rechtsgenügliche
Grundlage, da der Beschwerdeführer seine Restarbeitsfähigkeit von 75% ganztägig
verwerten könne. Aus der Gegenüberstellung der Vergleichseinkommen resultiere ein
rentenausschliessender Invaliditätsgrad von 38% (act. G 4). Bezüglich Berechnung des
massgebenden durchschnittlichen Jahreseinkommens einschliesslich der
anrechenbaren Beitragsdauer verwies die Beschwerdegegnerin auf das Acor-
Rentenberechnungsblatt, das sie ihrer Beschwerdeantwort beilegte (act. G 4.1).
C.c Mit Replik vom 11. Mai 2009 hält der Beschwerdeführer an seinen Ausführungen
zur Invaliditätsbemessung fest und führt zusätzlich aus, dass die in der Klinik Teufen
attestierte 50%ige Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht auch aus
sozialversicherungsrechtlicher Sicht keinesfalls tiefer liegen dürfe (act. G 6).
C.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet (act. G 9).

Erwägungen:
1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nach den Angaben des Beschwerdeführers wurden die Rentenverfügungen vom
13. November 2008 am 1. Dezember 2008 verschickt und von ihm am 4. Dezember
2008 in Empfang genommen. Diese Sachdarstellung wurde von der
Beschwerdegegnerin nicht bestritten (vgl. dazu den Mailverkehr zwischen Vertreter des
Beschwerdeführers und IV-Stelle vom 4. und 12. Dezember 2008, IV-act. 79-81). Mit
der Beschwerdeerhebung vom 19. Januar 2009 ist somit unter Berücksichtigung des
Fristenstillstands (vgl. Art. 60 Abs. 2 i.V.m. Art. 38 Abs. 4 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]) zwischen 18.
Dezember und 2. Januar die dreissigtägige Beschwerdefrist (vgl. Art. 60 Abs. 1 ATSG)
eingehalten.
2.
Der Beschwerdeführer hat in der Beschwerde nicht explizit beide Verfügungen vom
13. November 2008 angefochten, sondern hat sich bei seiner Eingabe lediglich zur
Ausrichtung einer Invalidenrente geäussert. Da die Höhe und Ausrichtung einer
Kinderrente unmittelbar an die ordentliche Invalidenrente geknüpft ist, zeitigt eine
Veränderung der Höhe der Invalidenrente ohnehin direkte Auswirkung auf die
Kinderrente, weshalb vorliegend beide Verfügungen als angefochten gelten. Zu prüfen
gilt es somit den Rentenanspruch des Beschwerdeführers.
3.
3.1 Am 1. Januar 2008 sind die im Zug der 5. IV-Revision revidierten Bestimmungen
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der Verordnung
über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des ATSG in Kraft getreten. In
materiellrechtlicher Hinsicht gilt jedoch der allgemeine übergangsrechtliche Grundsatz,
dass der Beurteilung jene Rechtsnormen zu Grunde zu legen sind, die bei Erlass des
angefochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der
zu den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklicht hat (vgl. BGE 127 V
467 E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die angefochtenen Verfügungen sind am
13. November 2008 ergangen, wobei ein Sachverhalt zu beurteilen ist, der vor dem
Inkrafttreten der revidierten Bestimmungen der 5. IV-Revision am 1. Januar 2008
begonnen hat. Daher und aufgrund dessen, dass der Rechtsstreit eine Dauerleistung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betrifft, über die noch nicht rechtskräftig verfügt wurde, ist entsprechend den
allgemeinen intertemporalrechtlichen Regeln für die Zeit bis 31. Dezember 2007 auf die
damals geltenden Bestimmungen und ab diesem Zeitpunkt auf die neuen Normen der
5. IV-Revision abzustellen (vgl. zur 4. IV-Revision: BGE 130 V 445 ff.; Urteil des
Bundesgerichts vom 7. Juni 2006, I 428/04, E. 1). Diese übergangsrechtliche Lage
zeitigt indessen keine materiellrechtlichen Folgen, da die 5. IV-Revision hinsichtlich des
Begriffs und der Bemessung der Invalidität keine substantiellen Änderungen gegenüber
der bis Ende 2007 gültig gewesenen Rechtslage gebracht hat; entsprechend werden
nachfolgend die seit 1. Januar 2008 gültigen Bestimmungen des ATSG und IVG
wiedergegeben. Bezüglich eines allfälligen Rentenbeginns ist hingegen unstreitig
bisheriges Recht anwendbar.
3.2 Unter Invalidität wird die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit verstanden (Art. 8 ATSG). Erwerbsunfähigkeit
ist dabei der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 ATSG). Der Grad der für einen allfälligen
Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70%, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60% invalid ist. Liegt ein Invaliditätsgrad von
mindestens 50% vor, so besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem IV-Grad
von mindestens 40% auf eine Viertelsrente.
3.3 Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf
Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur
Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V
261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und
demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige Beurteilung
des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Die Rechtsprechung hat es mit dem
Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf bestimmte
Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweiswürdigung
aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten, die aufgrund eingehender
Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht
erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen,
besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete Indizien
gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
4.
4.1 Zu prüfen ist vorab, ob die medizinische Aktenlage eine rechtsgenügliche
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers erlaubt. In medizinischer Sicht
stützte sich die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung auf das
interdisziplinäre AEH-Gutachten vom 25. Februar 2008. Der Beschwerdeführer
hingegen erachtet das Gutachten als mangelhaft und daher nicht beweistauglich.
4.2 Konkret bringt er gegen das Gutachten vor, dass die objektivierbaren linksseitigen
Knieschmerzen zu wenig berücksichtigt worden seien. Gemäss Austrittsbericht des
Spitals Grabs vom 21. April 2008 bestehe eine Synovialitis, welche eine längere
Belastung verunmöglichen würde (act. G 1, S. 6 und IV-act. 66/4-5).
4.2.1 Im AEH-Gutachten wurden belastungsabhängige linksseitige Knieschmerzen mit
leichtgradig retropatellärem Reiben und ohne Zeichen eines Reizergusses
diagnostiziert. Bei einer Untersuchung im Spital Grabs vom 15. November 2007 wurde
eine mediale Meniskusruptur/Läsion am linken Kniegelenk festgestellt und
entsprechend am 16. November 2007 eine Kniearthroskopie durchgeführt. Wie dem
Zuweisungsbericht von Dr. A._ vom 18. Oktober 2007 zu entnehmen ist, hatte dieser
am 27. August 2007 das linke Knie punktiert und im September 2007 weitere
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Behandlungen vorgenommen (IV-act. 66/1). Nach der Hospitalisation vom 15. bis 18.
November 2007 wurde im Austrittsbericht des Spitals Grabs vom 21. April 2008 ein
komplikationsloser postoperativer Verlauf festgehalten (IV-act. 66). Der RAD führte in
der Stellungnahme vom 6. Mai 2008 aus, dass die Berichte des Spitals Grabs nicht
geeignet seien, eine andere Stellungnahme bezüglich des AEH-Gutachtens
auszulösen. Ausser der Meniskusschädigung seien im Operationsbericht keine
schwerwiegenden krankhaften Gelenksveränderungen aufgeführt. Der Verlauf bis zum
Austritt sei komplikationslos gewesen. Ein aktueller medizinischer Bericht nach dem
18. November 2007 liege nicht vor. Somit würden sich zu den zeitnahen AEH-
Begutachtungsterminen keine neuen medizinisch relevanten Aspekte ergeben, da das
linke Knie befund- und diagnosemässig im Gutachten berücksichtigt sei. Die
Stellungnahme begründet nachvollziehbar, dass aufgrund der erwähnten Berichte
keine Verschlechterung des Knieleidens und keine entsprechende Auswirkung auf die
Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen sind. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers
ist dem Austrittsbericht vom 21. April 2008 nicht zu entnehmen, dass aufgrund der
Synovialitis eine längere Belastung des Knies verunmöglicht werde. Dem Bericht ist
lediglich zu entnehmen, dass bis zwei Wochen nach der durchgeführten Operation eine
Belastung an Unterarmgehstöcken nach Massgabe der Beschwerden zu erfolgen
habe. Eine länger dauernde Einschränkung in der Belastbarkeit lässt sich daraus nicht
ableiten. Darauf weist auch der Arztbericht von Dr. med. C._, Rheumatologie FMH,
vom 15. Dezember 2008 hin. Darin wird eine beginnende Gonarthrose links mit
deutlicher Quadriceps Hypotrophie diagnostiziert. Ende November 2008 traf Dr. C._
ein kaum noch geschwollenes Kniegelenk an. Bei einer Nachkontrolle einen Monat
später zeigte sich ihm ein fast reizloses Knie. Dem Versicherten sei am besten
geholfen, wenn er erneut intensiv den Quadriceps trainiere, da erfahrungsgemäss mit
zunehmender Kraft und Stabilität auch die Schmerzen abnehmen würden (IV-act.
87/126). Die vom Beschwerdeführer am 13. Mai 2009 ins Recht gelegte E-Mail von Dr.
A._ vermag an der Einschätzung der AEH-Gutachter ebenfalls nichts zu ändern. Dr.
A._ bestätigt zwar, dass er den Beschwerdeführer nach der Operation einige Male
mit einer Kniegelenksschwellung gesehen, allerdings nicht punktiert habe (act. G7).
Allein mit dieser Aussage lässt sich keine negative Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
begründen. Aufgrund der medizinischen Aktenlage wurden die Kniebeschwerden des
Beschwerdeführers im AEH-Gutachten hinreichend in die Beurteilung miteinbezogen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sodann ist mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass im
Nachgang zur Kniearthroskopie keine wesentliche Verschlechterung eingetreten ist,
welche sich dauerhaft negativ auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer
adaptierten Tätigkeit ausgewirkt hätte.
4.3 Der Beschwerdeführer bemängelt ausserdem, dass die von ihm geklagten
Beschwerden zwar im AEH-Gutachten Aufnahme in die Diagnosen gefunden hätten,
paradoxerweise die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit aus rheumatologischer Sicht im
Vergleich zu derjenigen der Klinik Valens allerdings um 25% höher liege.
4.3.1 Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die Klinik Valens dem Beschwerdeführer für
den bisherigen Beruf eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 50% attestierte,
gleichzeitig aber darauf hinwies, dass es sich um eine medizinisch-theoretische
Schätzung handle, nachdem sich der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers auf
Grund dessen Selbstlimitierung aus somatischer (internistischer/rheumatologischer)
Sicht klinisch nicht hinreichend habe beurteilen lassen. Im Weiteren nahmen die Ärzte
der Klinik Valens eine 50%ige Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer psychisch bedingten
Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes an. Demgegenüber beurteilten die
Experten des AEH die Leistungsbereitschaft des Beschwerdeführers in ihren
Untersuchungen als gut, weshalb sie ihre somatischen Schlussfolgerungen,
insbesondere hinsichtlich Quantität und Qualität der dem Beschwerdeführer
zumutbaren Arbeitsleistungen, auf aussagekräftigen Tests aufbauen konnten. Die
Experten des AEH gingen entsprechend aus rheumatologischer Sicht von einer
Arbeitsfähigkeit von 75% in einer adaptierten Tätigkeit aus. In einer interdisziplinären
Betrachtung, unter Berücksichtigung des psychiatrischen Krankheitsbildes, gelangten
sie gesamthaft zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 50%. Ein nicht
erklärbarer Widerspruch zwischen den beiden Gutachten ist somit nicht auszumachen.
4.4 Gegen das AEH-Gutachten bringt der Beschwerdeführer ausserdem vor, dass es
zur erheblichen Abweichung der eigenen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit zu derjenigen
von Dr. A._ und Dr. B._ nicht Stellung genommen habe.
4.4.1 Im Arztbericht vom 14. Dezember 2005 attestierte Dr. A._ dem
Beschwerdeführer eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hilfskoch. Andere Tätigkeiten seien ihm nicht zumutbar, da sich der Beschwerdeführer
bereits bei lediglich aufrechter Haltung respektive gewöhnlichem Gehen in der
angestammten Tätigkeit über Schmerzen beklage. Diese Begründung ist eindeutig
ungenügend. Eine pauschale Ablehnung der Zumutbarkeit für sämtliche Tätigkeiten ist
nicht nachvollziehbar, weshalb der Arztbericht bezüglich Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit nicht beweistauglich ist. Dem psychiatrischen
Teilgutachten (Bestandteil des AEH-Gutachtens) vom 4. Februar 2008 ist zu
entnehmen, dass die Gutachter sämtliche Berichte von Dr. B._ zusammengefasst
haben und somit offensichtlich im Besitz der entsprechenden Vorakten waren und sich
mit diesen auch auseinandergesetzt haben. Ausserdem haben die Gutachter am 21.
Dezember 2007 telefonisch mit Dr. B._ Rücksprache genommen (IV-act. 55/8). In der
Beurteilung wird festgehalten, dass Dr. B._ ebenfalls eine mittelgradige depressive
Symptomatik anerkannt, zusätzlich allerdings auch die Diagnose einer
Anpassungsstörung gestellt habe. Sodann wird unter Punkt 8.6 des Gutachtens zu
früheren ärztlichen Gutachten explizit Stellung genommen. Der vom Beschwerdeführer
geltend gemachte Mangel, das Gutachten enthalte keine Stellungnahme zu früheren
ärztlichen Einschätzungen, trifft somit nach dem Gesagten nicht zu.
4.5 Der Beschwerdeführer beanstandet ausserdem, dass das psychiatrische
Teilgutachten vom 4. Februar 2008 unvollständig sei, da die Auswertung zum Test
"Persönlichkeits-Stil und Störungs-Inventar" (PSSI) nicht durchgeführt worden sei.
4.5.1 Bei dem PSSI handelt es sich um ein Selbstbeurteilungsinstrument, das die
relative Ausprägung von Persönlichkeitsstilen quantifiziert. Der Aktenlage ist nicht zu
entnehmen, weshalb der Test nicht ausgewertet wurde, respektive ob er überhaupt
durchgeführt wurde. Allerdings ist ersichtlich, dass bei der psychiatrischen Abklärung
eine Reihe weiterer Tests stattgefunden haben, u.a. auch ein Selbstbeurteilungstest
(Beck Depressions Inventar). Diesbezüglich erscheint die Abklärung hinreichend
durchgeführt. Die Durchführung eines PSSI Tests stellt keine unabdingbare
Voraussetzung für ein beweiskräftiges Gutachten dar. Allein das Fehlen einer solchen
Auswertung vermag die Beweiskraft eines Gutachtens nicht zu schmälern.
Entscheidend ist, dass die übrigen Voraussetzungen für ein beweiskräftiges Gutachten
erfüllt sind.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.6 Insgesamt vermögen die Einwände des Beschwerdeführers gegen das AEH-
Gutachten dessen Beweiswert nicht zu erschüttern. Das Gutachten beruht auf
eigenständigen interdisziplinären Abklärungen (rheumatologische und psychiatrische),
mithin auf allseitigen Untersuchungen und ist damit für die streitigen Belange
umfassend. Die Vorakten und die geklagten Beschwerden des Beschwerdeführers
wurden hinreichend berücksichtigt. Das Gutachten leuchtet in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein.
Insbesondere wurde die verbleibende Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers aus
somatischer und psychischer Sicht genügend abgeklärt, u.a. mit einer Evaluation der
funktionellen Leistungsfähigkeit. Die Gutachter stellten fest, dass die Kopfprotraktion,
die verstärkte BWS-Kyphose und die verstärkte LWS-Lordose sowie die
mehrsegmentalen Degenerationen der HWS und LWS bei unter anderem auch einer
Spondylolisthesis L5/S1 bei Spondylolyse L5 die Belastungstoleranz der Wirbelsäule
herabsetzen würden. Beim Belastungstest könne eine verminderte Kraft- und
Kraftausdauer der Rumpfmuskulatur beobachtet werden. Sodann habe die
eingeschränkte Beweglichkeit der BWS bei Arbeit über Kopf zu einer vermehrten
Rückneigung des Wirbelkörpers mit Überstreckung des thorakolumbalen Übergangs
geführt. Bezüglich der Ellenbogenbeschwerden fänden sich sehr schmerzhafte
Palpationsbefunde am Epicondylus humeroradialis. Hinsichtlich der linksseitigen
Knieschmerzen seien, abgesehen von einem leichtgradigen retropatellären Reiben und
Endphasenschmerzen bei Flexion, keine wesentlichen palpablen Befunde erkennbar.
Bei den rechtsseitigen Leistenschmerzen beim Gehen weise das positive
Impingementzeichen auf eine coxogene Ursache hin. Die psychiatrische Evaluation
habe eine mittelschwere depressive Episode ergeben, in deren Rahmen sich eine
ausgeprägte Schmerz- und Beschwerdenwahrnehmung mit entsprechend depressiv
regressiven und invalidisierenden Verhaltensweisen ausgebildet habe. Die Kriterien
einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung seien hingegen nicht vollständig
erfüllt. Diese Abklärungsergebnisse wurden rechtsgenüglich in ein interdisziplinäres
Gutachten integriert. Vor diesem Hintergrund vermögen die darin enthaltenen
Schlussfolgerungen, namentlich die Beurteilung der 50%igen Arbeitsfähigkeit in einer
körperlich leichten und wechselbelastenden Tätigkeit, unter Berücksichtigung der
bereits erwähnten Einschränkungen aus somatischer und psychischer Sicht, zu
überzeugen. Das Gutachten erfüllt sämtliche praxisgemässen Kriterien für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beweiskräftige Gutachten (vgl. BGE 125 V 352), so dass grundsätzlich darauf
abzustellen ist.
4.7 Dem Eventualantrag des Beschwerdeführers, es sei ein umfassendes Gutachten
anzuordnen, kann somit nicht stattgegeben werden. Das AEH-Gutachten ergibt ein
vollständiges Bild des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers, das hinreichend
Klarheit über den rechtserheblichen Sachverhalt vermittelt. Von weiteren medizinischen
Abklärungen sind keine neuen Erkenntnisse zu erwarten, weshalb darauf zu verzichten
ist (antizipierte Beweiswürdigung; vgl. BGE 122 V 157, E. 1d).
5.
5.1 Die Beschwerdegegnerin stellt in der angefochtenen Verfügung auf das AEH-
Gutachten und somit auf die 50%ige Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit ab.
In der Beschwerdeantwort macht sie hingegen geltend, dass die im psychiatrischen
Teilgutachten attestierte 50%ige Arbeitsunfähigkeit nicht überzeuge. Mangels eines
invalidisierenden psychischen Gesundheitsschadens lasse sich keine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit aus psychischen Gründen begründen. Analog der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung zur somatoformen Schmerzstörung sei ein
Abweichen von den gutachterlichen Schlussfolgerungen möglich, da sich aus
rechtlicher Sicht eine andere Einschätzung ergebe.
5.2 Dieser Auffassung der Beschwerdegegnerin kann nicht gefolgt werden. Die von ihr
zitierte Rechtsprechung bezieht sich in erster Linie auf somatoforme
Schmerzstörungen oder sonstige psychische Beschwerden ohne nachweisbare
körperliche Befunde. Im vorliegenden Fall sind beim Beschwerdeführer
unbestrittenerweise körperliche Beschwerden ausgewiesen, welche auch eine
Arbeitsunfähigkeit von 25% begründen. Eine somatoforme Schmerzstörung wurde von
den Gutachtern ausserdem explizit ausgeschlossen. Diesbezüglich wurde ausgeführt,
dass der Beschwerdeführer zwar subjektiv ein deutliches Schmerzempfinden habe und
an einer depressiven Symptomatik leide, aber nicht zu einer Somatisierung neige. Eine
analoge Anwendung der Rechtsprechung zu den somatoformen Schmerzstörungen ist
daher nicht gerechtfertigt. Selbst wenn die geltend gemachte Rechtsprechung
Anwendung finden würde, wäre aufgrund der medizinischen Aktenlage nicht von einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vollständigen Überwindbarkeit der psychischen Beschwerden auszugehen. Bezüglich
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit wurde im psychiatrischen Teilgutachten
festgehalten, dass die bestehenden chronischen körperlichen Begleiterkrankungen
leicht bis mittelschweren Ausmasses seien. Aufgrund der Krankheitszeit der
depressiven Störung von bereits rund zwei Jahren sei von einer beginnenden
Chronifizierung auszugehen, wobei eine adäquate psychiatrisch-psycho-
therapeutische Behandlung zu einer Stabilisierung geführt habe. Es bestehe nur ein
teilweiser sozialer Rückzug, jedoch sei ein primärer Krankheitsgewinn im Sinn einer
missglückten, psychisch entlastende Konfliktbewältigung festzustellen, die jedoch im
Rahmen der therapeutischen Behandlung noch beeinflussbar zu sein scheine. Somit
könne aus psychiatrischer Sicht von der Zumutbarkeit der Schmerzüberwindung für
eine 50%-Tätigkeit ausgegangen werden. Die Gutachter äussern sich somit explizit zur
Überwindbarkeit der geklagten Beschwerden. Dementsprechend ist eine für den
Beschwerdeführer nicht überwindbare 50%ige Arbeitsunfähigkeit aus psychischen
Gründen ausgewiesen.
6.
6.1 Ausgehend von einer Restarbeitsfähigkeit von 50% (aus somatischer und
psychiatrischer Sicht) bleiben noch die erwerblichen Auswirkungen der
Leistungsbeeinträchtigungen zu prüfen. Für die Ermittlung des Validen- und
Invalideneinkommens ist auf den Zeitpunkt des Rentenbeginns abzustellen. Somit sind
die Einkommen für das Jahr 2006 zu ermitteln.
6.2 Der Beschwerdeführer erzielte bei seinem letzten Arbeitgeber vor Eintritt der
Invalidität im Jahr 2005 einen Monatslohn von Fr. 4'812.80, respektive ein
Jahreseinkommen von Fr. 62'566.-- (inkl. 13. Monatslohn). Hinzuzurechnen sind die
AHV-pflichtigen Sonntagszulagen, nachdem der Beschwerdeführer solche Zulagen
auch in den Vorjahren erhalten hatte (vgl. IV-act. 8) und sich diese im Gesundheitsfall
nach den Abklärungen der Eingliederungsberaterin auf Fr. 1'275.-- pro Jahr belaufen
hätten (IV-act. 29/1). Angepasst an die Nominallohnentwicklung (1.1%, Entwicklung der
Nominallöhne gemäss Bundesamt für Statistik) ergibt sich für das 2006 ein
Jahreseinkommen und somit ein Valideneinkommen von Fr. 64'543.-- ([Fr. 62'566.-- +
Fr. 1'275.--] x 1.011).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.3 Zu Recht hat die Beschwerdegegnerin bei der Ermittlung des Invalideneinkommens
auf die Tabellenlöhne der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) abgestellt.
Dem Beschwerdeführer ist aufgrund seiner Einschränkungen nur noch eine leichte,
wechselbelastende Arbeit zumutbar, weshalb die LSE-Tabelle TA1, Privater Sektor,
Anforderungsniveau 4 (einfache und repetitive Tätigkeiten) anzuwenden ist. Im Jahr
2006 lag der Durchschnittslohn für einen Mann bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von
40 Stunden bei Fr. 4'732.--. Aufgerechnet auf die 2006 vorherrschende
durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden ergibt sich ein
Jahreseinkommen und somit ein Invalideneinkommen - ohne Abzug - von Fr. 59'197.--.
6.4 In der angefochtenen Verfügung gewährte die Beschwerdegegnerin einen Abzug
von 25% auf den Tabellenlohn. In der Beschwerdeantwort vom 20. März 2009 vertrat
sie die Ansicht, dass ein 10%iger Abzug angemessen sei, da der Beschwerdeführer in
einer adaptierten Tätigkeit nicht voll leistungsfähig sei.
Nach der Rechtsprechung können die statistischen Löhne um bis zu 25% gekürzt
werden, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass versicherte Personen mit einer
gesundheitlichen Beeinträchtigung in der Regel das durchschnittliche Lohnniveau nicht
erreichen (RKUV 1999 Nr. U242 S. 412 E. 4b/bb) bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg zu
verwerten in der Lage sind. Dabei handelt es sich um einen allgemeinen behinderungs-
bedingten Abzug (BGE 126 V 78 E. 5a/bb). Nach der Rechtsprechung hängt die Frage,
ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen
persönlichen und beruflichen Umständen - insbesondere auch von invaliditätsfremden
Faktoren - des konkreten Einzelfalles ab (etwa leidensbedingte Einschränkung, Alter,
Dienstjahre, Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach
pflichtgemässem Ermessen gesamthaft zu schätzen sind, wobei der maximal zulässige
Abzug auf 25% festzusetzen ist. Eine schematische Vornahme des Leidensabzuges ist
unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b, bestätigt etwa in AHI 2002 S. 62 und BGE 129 V 481
E. 4.2.3 mit Hinweisen).
Gemäss AEH-Gutachten ist der Beschwerdeführer auch für eine körperlich leichte
Tätigkeit erheblich eingeschränkt, sodass selbst für Arbeiten im Anforderungsniveau 4
lediglich ein beschränkter Bereich für zumutbare Tätigkeiten besteht. Aus somatischer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sicht bestehen Einschränkungen beim Heben sowie bei Arbeiten über Kopf,
vorgeneigtem Stehen und Sitzen, Hockestellungen, wiederholten Kniebeugen,
längerem Sitzen und Stehen sowie beim Gehen und Treppensteigen. Aus
psychiatrischer Sicht sollte die Tätigkeit ein wohlwollendes Arbeitsklima haben,
körperlich und geistig nicht überfordern, ein überschaubares Arbeitspensum besitzen,
nur wenig Zeiten mit erhöhten Anforderungen haben und psychisch nicht belasten. In
Anbetracht der Einschränkungen für eine leichte körperliche Arbeit, dem Umstand,
dass der Beschwerdeführer früher eine körperlich schwere Tätigkeit ausgeübt hat
sowie unter Berücksichtigung des fortgeschrittenen Alters, erscheint ein Leidensabzug
von 15% als angemessen. Der von der Beschwerdegegnerin in der angefochtenen
Verfügung gewährte Abzug von 25% wird somit unterschritten. Allerdings zeigen die
folgenden Berechnungen, dass der Abzug (innerhalb dieser beiden Werte) nicht genau
festgelegt werden muss, da sich der Rentenanspruch bei einem Abzug von 15%
gegenüber einem solchen mit einem Abzug von 25% nicht verändert.
Das Invalideneinkommen beträgt bei einer 50%igen Arbeitsfähigkeit und einem
Leidensabzug von 15% Fr. 25'159.--, respektive bei einem Leidensabzug von 25%
Fr. 22'199.--.
6.5 Aus der Gegenüberstellung des Validen- und des Invalideneinkommens ergibt sich
somit je nach Leidensabzug (15% oder 25%) ein Invaliditätsgrad von gerundet 61%
bzw. 65% und somit ein Anspruch auf eine Dreiviertelsrente.
7.
Hinsichtlich Rentenberechnung (Berechnung des massgebenden durchschnittlichen
Jahreseinkommens und der anrechenbaren Beitragsdauer, vgl. act. G 1) hat sich der
Beschwerdeführer zu den von der Beschwerdegegnerin mit der Beschwerdeantwort
vorgelegten Berechnungsunterlagen (act. G 4.1) nicht geäussert. Mangels konkreter
Einwendungen ist daher auf die Rentenberechnung nicht weiter einzugehen.
8.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Bestätigung der
angefochtenen Verfügung abzuweisen. Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden
Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend ist sie
vollumfänglich dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Der von ihm geleistete
Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist daran anzurechnen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG