Decision ID: df95d175-9e59-5656-9207-17a7d9ba7b54
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin, eine Tamilin mit letztem Wohnsitz in
C._ (Westprovinz), verliess eigenen Angaben gemäss zusammen
mit ihrem Ehemann, C._ (D-4722/2019), ihr Heimatland am 1. Feb-
ruar 2019 und gelangte am 8. Februar 2019 in die Schweiz, wo sie am
11. März 2019 um Asyl nachsuchte.
A.b Am 18. März 2019 fand mit der Beschwerdeführerin die Personalien-
aufnahme (PA), am 27. März 2019 ein persönliches Gespräch gemäss
Art. 5 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments
und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfah-
ren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von ei-
nem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat ge-
stellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (Neufassung)
(ABl. L 180/31 vom 29.6.2013; nachfolgend: Dublin-III-VO), statt.
A.c Das SEM führte mit der Beschwerdeführerin am 8. April 2019 die Erst-
befragung durch. Dabei gab sie zu Protokoll, sie sei an ihren Arbeitsstellen
aus rassistischen Gründen unterdrückt worden. In der letzten Zeit habe sie
sexuelle Belästigungen erlitten und sich nicht mehr sicher gefühlt. Sie sei
schwanger und könne in der Heimat kein gesundes Kind haben. Ihr Mann
habe eine Auseinandersetzung mit einem Militäroffizier gehabt. Er sei vom
Geheimdienst und von der Armee befragt und geschlagen worden; sie
nehme an, man habe versucht, ihn zu töten. Ein Verwandter ihres Vaters,
der bei den LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) gewesen sei, habe
einmal bei ihnen übernachtet. Während sie bei der (...)-Zeitung gearbeitet
habe, habe sie auch pro-tamilische Nachrichten an die Redaktion weiter-
geleitet. Sie habe einen Anruf erhalten, bei dem man ihr gesagt habe, sie
solle ihre Arbeit aufgeben, ansonsten sie getötet werde. Während dieser
Zeit habe bei ihnen ein Verwandter (D._) übernachtet, der von
E._ gekommen sei. Sie habe deshalb Probleme gehabt. Die Polizei
habe F._ einmal mitgenommen; sie habe für ihn gebürgt und ihn
«rausgeholt». Nachdem sie ihre Stelle gekündigt habe, habe sie von der
Polizei eine Vorladung erhalten. Man habe sie gefragt, wo sich F._
aufhalte, und ihr gesagt, man werde ihr die Schuld geben, für alles, was
zukünftig in Sri Lanka geschehe. In der Firma, in der sie danach gearbeitet
habe (...), habe sie immer wieder Auseinandersetzungen mit einem ande-
ren Angestellten gehabt, der sie beschimpft habe. Er habe sie bedroht und
D-4724/2019
Seite 3
auch vor ihren Kollegen erniedrigt. Ihr Vorgesetzter – ein ehemaliger Ar-
meeoffizier –, mit dem sie gesprochen habe, habe sich nicht für sie einge-
setzt. Sie habe die Stelle gekündigt und mit ihrem Ehemann und ihrem
Vater über ihre Probleme gesprochen. Ihr Vater habe einen Brief an einen
Parlamentarier geschrieben, der umgehend geantwortet habe. Vier oder
fünf Tage später sei sie von ihrem Ex-Chef angerufen worden, der sie be-
schimpft habe. Er sei erbost gewesen und habe gesagt, sie habe seinen
Ruf geschädigt und er werde sie unter falschen Anschuldigungen ins Ge-
fängnis bringen. Er habe ihr unterstellt, sie beherberge LTTE-Leute und
bringe diese zu anderen Orten. Da sie geweint habe, habe ihr Mann das
Telefon ergriffen und sich mit dem Ex-Chef gestritten. Einige Tage später
sei sie vom CID (Criminal Investigation Department) vorgeladen worden.
Ihr Vater und sie seien befragt worden. Die Beamten hätten sich nach ei-
nem Mann erkundigt, der bei den Blacktigers gewesen sei und 2005 bei
ihnen übernachtet habe. Sie hätten sie über ihre Beziehungen zu den LTTE
und ihre Arbeitsstellen ausgefragt. Sie sei beschuldigt worden, die LTTE
unterstützt zu haben, und ihr sei eröffnet worden, man werde sie im Auge
behalten. Danach habe ihr Vater sie nach G._ geschickt. Dort habe
sie keine Probleme gehabt, indessen sei ihr Vater nochmals befragt wor-
den. An ihrer neuen Arbeitsstelle sei sie jedoch auch unter Druck gesetzt
und als tamilische Aktivistin bezeichnet worden.
A.d Das SEM hörte die Beschwerdeführerin am 25. April 2019 einlässlich
zu ihren Asylgründen an. Sie machte im Wesentlichen geltend, im Jahr
2005 sei ein LTTE-Angehöriger zu ihnen gekommen und habe eine Nacht
bei ihnen verbracht. Das CID habe ihren Vater befragt und ihm gesagt, sie
sollten weitere Besucher melden. 2007 habe sie begonnen, bei der Zeitung
(...) zu arbeiten. Im Dezember 2008 sei ihr Cousin F._ zu ihnen
gekommen, der bei einer Kontrolle festgenommen worden sei. Nachdem
sie für ihren Cousin gebürgt habe, sei er freigelassen worden. Sie habe
Drohanrufe erhalten und sich an ihren Chef gewandt. Ihr Cousin habe nach
seiner Freilassung bei ihnen gewohnt und später Sri Lanka verlassen. Po-
lizisten seien zu ihnen gekommen und hätten Fragen zu F._ ge-
stellt. Da sie nichts über ihn habe sagen können, sei sie bedroht worden.
Da damals mehrere (...) getötet worden seien, habe sie ihre Stelle gekün-
digt. An ihrem neuen Arbeitsort (...) sei sie von einem Hilfsarbeiter be-
schimpft worden. Sie habe mit ihrem Chef gesprochen, der ihr gesagt
habe, sie könne kündigen, was sie getan habe. 2012 habe sie unter De-
pressionen gelitten und geheiratet. Zusammen mit ihrem Vater habe sie
einen Brief an ein Parlamentsmitglied geschrieben, das kurz darauf geant-
wortet habe – eine Kopie dieses Schreibens sei an die (...) gegangen. Ihr
D-4724/2019
Seite 4
Ex-Chef habe sie angerufen und ihr gesagt, er werde ihr Probleme ma-
chen. Sie habe eine Panikattacke erlitten, ihr Mann habe das Telefon ge-
nommen und sich mit ihrem Ex-Chef gestritten. CID-Angehörige seien zu
ihnen gekommen und hätten sie vorgeladen. Sie und ihr Vater seien dorthin
gegangen und getrennt über H._ und F._ befragt worden.
Man habe sie beschuldigt, Leute der LTTE beherbergt zu haben, und ihr
vorgeworfen, in der Zeitung falsche Nachrichten über Tamilen publiziert zu
haben. Sie hätten auch Fragen zu den Problemen in der (...) gestellt (wes-
halb sie gekündigt und falsche Informationen an einen Parlamentarier wei-
tergeleitet habe). Sie sei beschuldigt worden, Informationen an F._
der beim Geheimdienst der LTTE gearbeitet habe, weitergeleitet zu haben.
Danach habe sie nicht mehr in I._ leben wollen und sei nach
G._ gegangen. Ihr Mann sei von der Polizei vorgeladen und über
sie befragt worden. 2017 sei ihr Mann nach G._ gekommen, weil
sie zusammen an eine Hochzeitsfeier nach J._ hätten gehen wol-
len. Die Braut habe sie am 5. Februar 2017 gefragt, ob ihr Mann gegen
2.30 Uhr ihre Verwandten von der Bushaltestelle abholen könne. Um 4 Uhr
morgens habe sie einen Anruf erhalten; man habe ihr gesagt, ihr Mann sei
schwer verletzt ins Spital gebracht worden. Sie habe ihren Bruder angeru-
fen, der herbeigeeilt sei. Nach einigen Stunden habe sie ihren Mann, der
auf der Intensivstation gelegen sei, besuchen können. Er sei bewusstlos
gewesen und habe innere Blutungen im Kopf gehabt. Unbekannte Perso-
nen seien auf die Intensivstation gekommen und Polizisten hätten ihr ge-
sagt, ihr Mann habe Alkohol konsumiert und sei in einem Van unterwegs
gewesen, als der Unfall geschehen sei. Fünf Tage später hätten sie ihren
Mann nach I._ ins (...) transferiert. Nach seiner Entlassung aus
dem Spital sei es ihm psychisch nicht gut gegangen und er habe alles ver-
gessen gehabt. Er sei blind gewesen und habe sie erst nach drei Monaten
wiedererkannt. Er habe ihr erzählt, was in der Nacht zum 6. Februar 2017
geschehen sei. 2018 sei sie mit ihrem Mann nach K._ gereist, um
ihn medizinisch behandeln zu lassen. Kurz nach ihrer Rückkehr seien ei-
nes Abends (wohl Ende März 2018) zwei Männer des CID bei ihr erschie-
nen, die gesagt hätten, sie müssten das Haus durchsuchen. Sie hätten ge-
fragt, wo sie gewesen seien und weshalb sie ihre Abwesenheit nicht ge-
meldet hätten. Dann sei ein Polizist gekommen, der ebenfalls auf Kontroll-
gang gewesen sei. Die Beamten hätten gesagt, sie wollten ihren Mann
auch befragen. Sie hätten ihn über die medizinische Behandlung und sei-
nen «Unfall» befragt. Sie hätten auch gefragt, ob sie F._ in
K._ besucht hätten. Schliesslich hätten die Beamten gesagt, sie
wollten sie (die Beschwerdeführerin) allein befragen, und seien mit ihr zum
Esszimmer gegangen, wo man ihr persönliche Fragen gestellt habe. Die
D-4724/2019
Seite 5
beiden Männer hätten gesagt, ihr Ehemann sei «sexuell nicht fit» und sie
könnten ihr helfen. Sie habe ihnen geantwortet, man solle sie in Ruhe las-
sen, sie habe genug Probleme. Der dritte Mann sei hinzugekommen und
sie habe geschrien. Als ihr Mann auch geschrien habe, sei einer der Män-
ner zu ihm gegangen und habe ihn mit einer Pistole bedroht. Er habe ihren
Mann beschimpft und sie sei von den beiden anderen belästigt worden. Sie
sei zu ihrem Mann gerannt und die Männer hätten gesagt, sie kämen wie-
der. Danach habe sie keine Ruhe mehr gehabt, denn diese Leute hätten
ihr Bilder und Videos auf ihr Handy geschickt – nach zwei Monaten habe
sie diese SIM-Karte nicht mehr benutzt. Sie sei auch beobachtet worden.
Es sei ihr psychisch schlecht gegangen und sie habe ihrem Mann gesagt,
sie werde sterben – er habe geantwortet, er werde mit ihr sterben. Sie habe
ihren Bruder angerufen, der sofort gekommen sei und gesagt habe, er
werde bei ihnen wohnen. Er habe sie zu einer psychiatrischen Behandlung
gebracht. Ihr Bruder habe gefragt, ob sie mit ihrem Mann ins Ausland rei-
sen wolle. Im Juni 2018 hätten Männer mit ihrem Bruder gesprochen, denn
sie sei nicht zu Hause gewesen. Dazwischen habe sie Klingeln und Klopfen
gehört, aber sie habe die Türe nicht geöffnet.
A.e Mit Zwischenverfügung vom 3. Mai 2019 teilte das SEM der Beschwer-
deführerin mit, ihr Asylgesuch werde im erweiterten Verfahren weiterbe-
handelt.
A.f Am 8. Mai 2019 übermittelte die Beschwerdeführerin dem SEM meh-
rere Beweismittel. Mit einem Gerichtsdokument solle belegt werden, dass
ihr Cousin, M._, wegen Verdachts auf terroristische Aktivitäten in-
haftiert und gegen Leistung einer Bürgschaft freigelassen worden sei. Des-
sen Anwalt bestätige, dass sie die Bürgschaft geleistet habe. Zudem wur-
den zwei Arbeitsbestätigungen eingereicht.
B.
Mit Verfügung vom 13. August 2019 – eröffnet am 15. August 2019 – stellte
das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und lehnte das Asylgesuch ab. Zugleich verfügte es ihre Wegwei-
sung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
C.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 16. September 2019 erhob die Be-
schwerdeführerin gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde. In dieser wird beantragt, die Verfügung des SEM sei auf-
zuheben, die Beschwerdeführerin als Flüchtling anzuerkennen und ihr Asyl
D-4724/2019
Seite 6
zu gewähren. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an das SEM
zurückzuweisen. Subeventualiter sei die vorläufige Aufnahme der Be-
schwerdeführerin anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wird bean-
tragt, es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren; insbesondere
sei von der Erhebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
Der Beschwerde lag ein Arztbericht des (...) vom Februar 2017 bei.
D.
Der Instruktionsrichter hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung mit Instruktionsverfügung vom 26. September 2019
gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Die Akten
übermittelte er zur Vernehmlassung an das SEM.
E.
Am (...) 2019 kam die Tochter der Beschwerdeführerin, B._, zur
Welt
F.
Das SEM hielt in seiner Vernehmlassung vom 8. Oktober 2019 an seinem
Standpunkt fest.
G.
Mit Replik vom 29. Oktober 2019 bekräftigte die Beschwerdeführerin ihre
Anträge.
H.
Die Beschwerdeführerin übermittelte mit Schreiben vom 28. Mai 2020 ei-
nen Abschlussbericht der (...) vom 26. Mai 2020. In diesem wird eine sta-
tionäre psychiatrische Behandlung der Beschwerdeführerin, die vom 4. bis
zum 22. Mai 2020 dauerte, bestätigt. Des Weiteren wird ausgeführt, die
psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung sei ambulant wei-
terzuführen.
D-4724/2019
Seite 7

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor.
1.2 Die Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde (Art. 108 Abs. 2 AsylG; Art. 105 AsylG
i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
D-4724/2019
Seite 8
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führt zur Begründung seiner Verfügung aus, einige der von
der Beschwerdeführerin genannten Asylgründe (Befragung durch Polizei
wegen F._, Drohanrufe während der Tätigkeit für die Zeitung (...),
Probleme mit ihrem Chef bei der (...), Diskriminierung am Arbeitsplatz in
G._), die sich in den Jahren 2008 und 2013 zugetragen hätten, wür-
den weder einen zeitlichen und kausalen Zusammenhang mit ihrer Aus-
reise noch die erforderliche Intensität aufweisen, um als asylrelevant taxiert
werden zu können. Bis zum Februar 2017 habe sie keine Probleme mehr
mit den Behörden gehabt. Die Schikanen, die sie aufgrund ihrer Ethnie im-
mer wieder erfahren habe, hätten kein asylrelevantes Ausmass angenom-
men.
Bei der Annahme, es könnte sich beim Unfall ihres Mannes im Februar
2017 um einen inszenierten Vorfall handeln, mangle es an Nachvollzieh-
barkeit und Logik. Aus ihren Ausführungen gehe nicht hervor, weshalb ihr
Ex-Chef bei der (...) oder Personen, die mit ihr zusammen bei (...) gear-
beitet hätten, ihrem Mann nach so langer Zeit noch hätten Schaden zufü-
gen wollen. Aufgrund einiger Realkennzeichen, die sich in ihren Schilde-
rungen hinsichtlich ihres Eintreffens im Spital verbunden mit den Hinter-
gründen des Unfalls finden liessen, stelle sich die Frage, ob sich dabei tat-
sächlich etwas nicht mit rechten Dingen zugetragen habe. Gegen diese
Annahme spreche der Umstand, dass bis zu ihrer Reise nach Indien etwa
ein Jahr lang nichts geschehen sei. Ihre Antworten auf die Frage, weshalb
sie davon ausgehe, beobachtet worden zu sein, seien ausweichend und
undifferenziert ausgefallen. Die tatsächlichen Hintergründe der Erblindung
ihres Ehemannes blieben unklar.
Die Schilderung des Vorfalls im Hause der Beschwerdeführerin beinhalte
eine reine Abfolge äusserer Ereignisse, die mit wenigen Details versehen
seien, jedoch nahezu ohne erkennbare Anzeichen dafür, dass sie den
Abend in der von ihr geltend gemachten Form erlebt habe. Dies zeige sich,
abgesehen von der eigentlichen Bedrängungssituation in der rudimentären
D-4724/2019
Seite 9
Täterbeschreibung oder den Ausführungen hinsichtlich dessen, was im An-
schluss nach dem Weggang der drei Personen geschehen sei. Nicht ganz
nachvollziehbar seien ihre Angaben dazu, wie es ihr gelungen sei, ins
Wohnzimmer zu flüchten, habe sich doch einer der Männer in ihrer Nähe,
der andere ihr gegenüber befunden. Ihr Ehemann und sie hätten sich hin-
sichtlich der Anzahl der Behördenbesuche nach ihrer Rückkehr aus
K._ widersprochen. Im Zusammenhang mit den Belästigungen sei
anzufügen, dass aufgrund einiger Äusserungen eine Erfahrung sexueller
Bedrängung nicht ausgeschlossen werden könne, wenn auch nicht in der
vorgebrachten Form und durch die geltend gemachte Täterschaft. Wäre
sie tatsächlich so wie geschildert belästigt worden, hätte sie zumindest den
Versuch unternehmen und einen allfälligen Übergriff anzeigen können. Da
ihr Vater und ihre Schwester Anwälte seien, hätte sie mit Unterstützung
rechnen können. Alternativ wäre auch eine innerstaatliche Wohnsitzalter-
native zu prüfen gewesen. Aus den eingereichten ärztlichen Unterlagen
lasse sich eine sexuelle Belästigung nicht ableiten. Vielmehr deute die Be-
handlungsbestätigung, in der auf eine posttraumatische Belastungsstörung
(PTBS) – zurückgehend auf das Jahr 2017 – verwiesen werde, darauf hin,
dass ihre psychischen Probleme auf die Erblindung ihres Mannes zurück-
zuführen sein dürften. Die Beschwerdeführerin habe das Interesse des CID
an ihr und ihrem Mann nicht überzeugend darlegen können.
4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Beschwerdeführerin
habe an beiden Anhörungen chronologisch, detailliert und mit Realkenn-
zeichen versehen von ihren Asylgründen erzählt. Sie habe immer wieder
geweint und Aussagen von Beteiligten in direkter Rede wiedergegeben.
Sie habe überzeugend dargelegt, weshalb es sich beim Vorfall vom Feb-
ruar 2017 um einen durch die Behörden inszenierten Vorfall handeln
müsse. Sie habe gesagt, im Polizeirapport, der ihr vorgelegt worden sei,
sei gestanden, ihr Mann habe einen Verkehrsunfall erlitten, weshalb sie
denselben nicht unterschrieben habe. Die Tatsache, dass er schwere Kopf-
verletzungen erlitten habe, ansonsten aber nahezu unversehrt geblieben
sei, lasse erheblich daran zweifeln, dass die Verletzungen auf einen Ver-
kehrsunfall zurückzuführen seien. Sie habe erwähnt, dass sie auf der In-
tensivstation von ihr Unbekannten beobachtet worden sei und dass die
CID-Beamten, die sie im März 2018 aufgesucht hätten, über den Vorfall
vom Februar 2017 Bescheid gewusst hätten.
D-4724/2019
Seite 10
Das SEM habe sich mehrfach mit pauschalen Begründungen zur fehlen-
den Glaubhaftigkeit begnügt. Die Beschwerdeführerin habe den Vorfall
vom März 2018 bei der Anhörung vom 25. April 2019 in freier Rede aus-
führlich dargelegt. Die anschliessenden Detailfragen habe sie alle beant-
wortet. Hinsichtlich des Zeitpunkts des Behördenbesuchs, bei dem es zu
sexuellen Übergriffen gekommen sei, stimmten ihre Aussagen mit denjeni-
gen ihres Mannes überein. Trotz der psychischen Ausnahmesituation, in
der sie sich befunden habe, habe sie diverse äussere Merkmale der Täter
nennen können. Als sich einer der Männer ausgezogen habe, habe sie ge-
schrien, worauf man von ihr abgelassen habe. Auch ihr Mann habe zu
schreien begonnen. Die Männer seien vermutlich aufgrund der heftigen
Gegenwehr gegangen.
Gemäss wissenschaftlichen Untersuchungen stehe fest, dass fehler- und
lückenlose Erinnerungen nicht die Regel, sondern die Ausnahme seien.
Personen, die traumatisierende Erlebnisse durchlebt hätten, könnten den
im Asylverfahren geltend Glaubhaftigkeitskriterien nicht immer gerecht
werden. Gedächtnisleistung sei individuell und situationsabhängig. Das
SEM habe den psychischen Zustand der Beschwerdeführerin kaum be-
rücksichtigt, obwohl es Hinweise dafür gebe, dass sie von den Ereignissen
stark belastet sei. Bei der Anhörung habe sie mehrfach geweint und von
Depressionen und Suizidgedanken gesprochen. Eine allfällige Traumati-
sierung sei nicht berücksichtigt worden.
Einem Bericht der SFH (Schweizerischen Flüchtlingshilfe) sei zu entneh-
men, dass es in Sri Lanka wegen mangelnder Strafverfolgung nur wenige
Anzeigen wegen sexueller Gewalt gebe. Opfer würden gemäss einem Be-
richt der International Crisis Group (ICG) vom Juli 2017 nur selten Gerech-
tigkeit erfahren. Auch Amnesty International (AI) habe im Jahresbericht
2017 bestätigt, dass Täter nicht bestraft würden. Die Beschwerdeführerin
habe den sexuellen Übergriff berechtigterweise nicht angezeigt, zumal der
Übergriff von Behördenmitgliedern erfolgt sei. Eine Verlegung des Wohn-
sitzes hätte sie nicht vor weiteren Übergriffen geschützt, da die Strafverfol-
gung von an Frauen verübten Gewaltdelikten landesweit nicht gewährleis-
tet sei.
Die Beschwerdeführerin sei durch vermeintliche Verbindungen zu den
LTTE ins Visier der Behörden geraten. Sie sei einmal Opfer sexueller Über-
griffe geworden und anschliessend über einen längeren Zeitraum mit Kurz-
nachrichten belästigt worden. Sie habe mit ihrem Mann nur oberflächlich
D-4724/2019
Seite 11
darüber gesprochen und sei unter einem hohen psychischen Druck ge-
standen. Das SEM habe nicht beachtet, dass mehrere Vorfälle zusammen,
die für sich allein die von Art. 3 AsylG geforderte Intensität nicht erreichten,
gesamthaft betrachtet das Mass des Erträglichen überschreiten könnten.
Sie habe über Jahre hinweg Schikanen und Bedrohungen über sich erge-
hen lassen müsse; sie sei seit 2008 immer wieder Verfolgungsmassnah-
men und einem grossen psychischen Druck ausgesetzt gewesen. Ihr Bru-
der sei kürzlich von einer unbekannten Person aufgesucht und gefragt wor-
den, wo sich seine Schwester und sein Schwager aufhielten. Er sei mehr-
mals angerufen worden, wobei gegen Schwester und Schwager Todesdro-
hungen ausgestossen worden seien. Die Beschwerdeführerin habe des-
halb begründete Furcht, in Sri Lanka ernsthaften Nachteilen im Sinne von
Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden.
4.3 Das SEM führt in seiner Vernehmlassung aus, das Vorbringen, der Bru-
der der Beschwerdeführerin habe mehrfach Anrufe erhalten, in denen To-
desdrohungen gegen sie und ihren Mann ausgesprochen worden seien,
beziehe sich auf einen als unglaubhaft taxierten Sachverhalt. Diese Äusse-
rungen seien als reine Parteibehauptung zu qualifizieren.
4.4 In der Replik wird entgegnet, dem SEM sei der psychische Zustand der
Beschwerdeführerin bekannt gewesen und es hätte diesbezüglich weitere
Abklärungen tätigen müssen. Bei Vorliegen psychischer Erkrankungen
könne nicht ausgeschlossen werden, dass es Asylsuchenden nicht möglich
sei, ihre Asylgründe schlüssig und nachvollziehbar darzulegen. Aufgrund
des vorgebrachten Sachverhalts bestünden bei ihr Hinweise auf eine mög-
liche Traumatisierung, was vom SEM nicht angemessen berücksichtigt
worden sei.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
5.2 Die Beschwerdeführerin reiste zusammen mit ihrem Ehemann am
8. Februar 2019 in die Schweiz ein und hielt sich anschliessend bis zum
11. März 2019 bei ihrer Cousine auf, ohne sich bei den schweizerischen
Behörden zu melden und diese um Schutz vor erlittener beziehungsweise
zukünftig drohender Verfolgung zu ersuchen (vgl. Protokoll der PA S. 5).
D-4724/2019
Seite 12
Dieses Verhalten lässt erste Zweifel am geltend gemachten Schutzbedürf-
nis aufkommen, ist es doch verfolgten Personen erfahrungsgemäss ein
dringendes Anliegen, ihr Schutzersuchen so rasch wie möglich zu depo-
nieren.
5.3 Aufgrund der Schilderungen der Beschwerdeführerin ist durchaus
möglich, dass sie an verschiedenen Arbeitsstellen von ihren singhalesi-
schen Kollegen wegen ihrer ethnischen Herkunft verspottet und teilweise
auch beleidigt wurde (vgl. Protokoll der Erstbefragung S. 8 f.). Ebenso re-
alistisch erscheint, dass sie aufgrund ihrer damaligen Tätigkeit für den Zei-
tungsverlag (...) bedroht wurde, weil sie in das Visier von Kreisen geriet,
denen ihre Tätigkeit (Weitergabe von Meldungen über Benachteiligungen
von Tamilen) ein Dorn im Auge war (vgl. Protokoll der Erstbefragung S. 8 f.,
Protokoll der Anhörung S. 6). Sie legte des Weiteren dar, sie sei von ihrem
Ex-Chef bei der (...) am Telefon beschimpft und bedroht worden, weil ihr
Vater aufgrund der Probleme, die sie an diesem Arbeitsplatz gehabt habe,
sich schriftlich an einen Minister gewandt habe (vgl. Protokoll der Erstbe-
fragung S. 9, Protokoll der Anhörung S. 6 f.). Durch die Verlegung ihres
Wohnsitzes nach G._ im Jahr 2013 und den Antritt einer neuen
Stelle, konnte sie diesem auf ihr lastenden Druck weitgehend entgehen,
wenngleich sie auch vorbrachte, dass sie an ihrem letzten Arbeitsort von
Kollegen aufgrund ihrer Ethnie bezichtigt worden sei, an Aktionen tamili-
scher Aktivisten beteiligt gewesen zu sein. Da sie indessen von den Sicher-
heitsbehörden nie ernsthaft in Zusammenhang mit tamilischen Wider-
standsbewegungen gebracht wurde, lebte sie dort unbehelligt und hatte
keine grösseren Probleme (vgl. Protokoll der Erstbefragung S. 10, Proto-
koll der Anhörung S. 9).
5.4 Aufgrund der Aussagen der Beschwerdeführerin und der eingereichten
Unterlagen ist davon auszugehen, dass sie vom CID wegen ihrer Ver-
wandtschaft mit einem ehemaligen LTTE-Mitglied namens F._ be-
fragt wurde. Da sie mit diesem indessen keine engen Kontakte pflegte und
vom CID offensichtlich nicht ernsthaft verdächtigt wurde, Verbindungen zu
den LTTE (gehabt) zu haben, und F._ Sri Lanka verlassen habe,
erwuchsen ihr aufgrund des Umstandes, dass dieser kurzzeitig in ihrem
Haus gewohnt und sie für ihn gebürgt habe, keine über die Befragungen
hinausgehenden Benachteiligungen (vgl. Protokoll der Erstbefragung
S. 8 f., Protokoll der Anhörung S. 6 f).
D-4724/2019
Seite 13
5.5
5.5.1 Die Beschwerdeführerin brachte vor, auf ihren Ehemann sei im Feb-
ruar 2017 ein Mordanschlag verübt worden, als sie zusammen mit ihm an
einer Hochzeitsfeier habe teilnehmen wollen. Sie brachte diesen Vorfall mit
der telefonischen Auseinandersetzung in Verbindung die ihr Ehemann und
sie im Jahr 2013 mit ihrem Ex-Chef bei der (...) gehabt hätten (vgl. Proto-
koll der Erstbefragung S. 8, Protokoll der Anhörung S. 7 f.). Wie im Urteil
vom heutigen Tag bezüglich ihres Ehemannes festgestellt, ist unglaubhaft,
dass dieser aufgrund eines rund vier Jahre zurückliegenden Disputs mit
ihrem Ex-Chef Opfer eines gezielten Tötungsversuchs durch Angehörige
der Sicherheitsdienste wurde. Auf die entsprechenden Erwägungen kann
hier verwiesen werden (vgl. Urteil D-4722/2019 E. 5.5). Bestätigt werden
diese Zweifel durch die von den gegenüber den Asylbehörden diametral
abweichenden Aussagen, welche die Beschwerdeführerin gegenüber den
sie behandelnden Fachpersonen der (...) machte. Dem entsprechenden
Abschlussbericht vom 26. Mai 2020 ist zu entnehmen, dass sie angab, ihr
Mann sei seit dem Jahr 2017 aufgrund einer erlittenen Kriegsverletzung
blind; sie seien aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit von der sri-lanki-
schen Armee angegriffen worden. Diese Angaben lassen sich, mit Aus-
nahme der aktenkundigen Erblindung ihres Ehemannes, in keiner Hinsicht
mit den von ihr bei den beiden Befragungen durch das SEM gemachten
Aussagen in Einklang bringen.
5.5.2 Gemäss den Aussagen der Beschwerdeführerin und ihres Eheman-
nes seien sie beide im Februar/März 2018 legal nach Indien gereist, damit
er sich dort medizinisch habe behandeln lassen können (vgl. Protokoll der
Anhörung S. 8). Dass sie anschliessend freiwillig und legal wieder nach Sri
Lanka zurückgekehrt seien (vgl. Protokoll der Anhörung S. 11), bestätigt
die Zweifel an der vorgebrachten Schilderung des Vorfalls vom Februar
2017. Hätten die sri-lankischen Behörden damals tatsächlich versucht, ih-
ren Ehemann zu töten, wäre nicht nachvollziehbar, dass sie ihr Heimatland
erst ein Jahr danach verlassen und sich durch die Rückkehr nach Sri Lanka
wieder in den Einflussbereich der Verfolger begeben hätten. Auch wenn ihr
Ehemann aufgrund der erlittenen Verletzungen, die zu seiner Erblindung
geführt hätten, in den ersten Monaten nach dem Vorfall nicht reisefähig
gewesen sein mag, hätten sie wohl alles darangesetzt, um nach einem
Mordanschlag, der von den Sicherheitsbehörden ausgegangen wäre, die
Heimat so schnell wie möglich definitiv zu verlassen. Durch die geltend ge-
machte Rückkehr nach Sri Lanka stellten sich sowohl die Beschwerdefüh-
rerin als auch ihr Ehemann (wieder) unter den Schutz des Heimatlandes,
was die Zweifel am Vorliegen einer ernsthaften Furcht vor Nachstellungen
D-4724/2019
Seite 14
durch die heimatlichen Behörden oder mit deren Billigung agierenden Per-
sonen bestärkt, und die geltend gemachte Bedrohungslage als überwie-
gend unwahrscheinlich erscheinen lässt.
5.6
5.6.1 Bei der Anhörung brachte die Beschwerdeführerin vor, dass kurze
Zeit nach ihrer Rückkehr aus Indien zwei Agenten des CID und ein Polizist
in ihr Haus gekommen seien und dieses kontrolliert hätten. Sie hätten ge-
fragt, wo sie und ihr Ehemann hingegangen seien und weshalb sie die Be-
hörden über die Auslandsreise nicht informiert hätten. Da sie ihren Mann
auch hätten befragen wollen, habe sie ihn ins Wohnzimmer gebracht. Die
Agenten des CID hätten ihm auch Fragen bezüglich der Reise nach Indien
und zum «Unfall» vom Februar 2017 gestellt. Danach sei sie von diesen
zum Esszimmer geführt worden, wo man ihr persönliche Fragen gestellt
habe. Sie habe sich verbal zur Wehr gesetzt und nachdem der Polizist auch
zum Esszimmer gekommen sei, habe sie zu schreien begonnen. Ihr Mann
habe vom Wohnzimmer aus ebenfalls geschrien und sie sei zu ihm ge-
rannt. Die Männer hätten gesagt, sie würden wiederkommen und seien ge-
gangen (vgl. Protokoll S. 8 f.).
5.6.2 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung zu Recht festgehalten,
dass die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann nicht übereinstimmende
Aussagen zur Anzahl der Besuche des CID nach ihrer Rückkehr aus Indien
sowie des dabei Vorgefallenen machten. Es ist zwar nicht auszuschliessen,
dass die Beschwerdeführerin nach der Rückkehr aus Indien von Angehöri-
gen der Sicherheitsdienste aufgesucht und zum Hintergrund der Reise be-
fragt wurde. Unwahrscheinlich ist aber, dass sie von diesen belästigt und
bedroht wurde. Die Beschwerdeführerin wies zu keinem Zeitpunkt ein Per-
sönlichkeitsprofil auf, welches das von ihr geschilderte gesteigerte Inte-
resse der Sicherheitsdienste an ihrer Person erklären würde. Die sri-lanki-
schen Sicherheitsbehörden verdächtigten sie nicht ernsthaft, Verbindun-
gen zu den LTTE gehabt und diese unterstützt zu haben, ansonsten sie zu
einem früheren Zeitpunkt Ermittlungen gegen sie eingeleitet hätten. Offen-
sichtlich wird das Desinteresse der Sicherheitsbehörden an ihrer Person
auch dadurch, dass sie während vier Jahren in G._ lebte und arbei-
tete und dort seitens der Sicherheitsdienste nie aufgesucht wurde. Gegen
die geltend gemachte Tragweite der Vorsprache der Agenten des CID
spricht insbesondere, dass die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann nach
dem geltend gemachten Vorfall mit der Ausreise aus Sri Lanka noch mo-
natelang zugewartet haben, obschon zum damaligen Zeitpunkt bei ihrem
D-4724/2019
Seite 15
Ehemann keine medizinischen Gründe vorgelegen haben, die gegen ein
zeitnahes Verlassen der Heimat gesprochen hätten.
5.6.3 Die Zweifel am Vorbringen der Beschwerdeführerin, sie sei von An-
gehörigen des CID sexuell verbal und von einem Polizisten durch Vorzei-
gen des Geschlechtsteils belästigt worden, werden durch die von ihren
Aussagen bei den beiden Befragungen stark abweichenden Angaben be-
stärkt, die sie gegenüber den sie betreuenden Fachpersonen machte, die
bei der (...) arbeiten. So ist dem eingereichten Abschlussbericht vom
26. Mai 2020 zu entnehmen, dass sie teilweise täglich von «den Männern»
aufgesucht worden sei und viel sexuelle Gewalt erlitten habe. Bei der An-
hörung gab sie indessen mehrfach ausdrücklich an, sie sei einmal vor al-
lem verbal sexuell belästigt, jedoch nicht angefasst worden (vgl. Protokoll
S. 13). Anschliessend sei sie per auf ihr Mobiltelefon gesendeter Nachrich-
ten unter Druck gesetzt worden und habe mehrmals einen Mann gesehen,
der in der Nähe ihres Hauses gestanden sei (vgl. Protokoll S. 9 und S. 15).
5.7 Bei der PA vom 18. März 2019 erklärte die Beschwerdeführerin, sie sei
im (...) Monat schwanger (vgl. Protokoll S. 4), was sich mit dem Geburts-
termin ihrer Tochter, dem (...) 2019, in Einklang bringen lässt. Gemäss ih-
ren Angaben bei der Anhörung vom 25. April 2019 sei sie mit der IUI-Me-
thode (Intrauterine Insemination) schwanger geworden (vgl. Protokoll
S. 10). Die Insemination müsste demnach Ende (...) durchgeführt worden
sein. Es befremdet, dass die Beschwerdeführerin sich zu einem Zeitpunkt,
wo sie wusste, dass sie sich innerhalb kurzer Zeit auf eine Flucht ins Un-
gewisse begeben würde, inseminieren liess. Die Familienplanung der Be-
schwerdeführerin und ihres Ehemannes deutet darauf hin, dass sie sich
damals nicht vor einer bevorstehenden Flucht, sondern vor einer geplanten
Migration befanden.
5.8 Aufgrund des Abschlussberichts der (...) vom 26. Mai 2020 ist davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin im damaligen Zeitpunkt unter
einer postnatalen Depression und einer PTBS litt. Dies lässt sich hinsicht-
lich der PTBS mit ihren Angaben, sie habe sich bereits in ihrer Heimat in
psychologisch/psychiatrischer Behandlung befunden, vereinbaren. Die Ur-
sache der Traumatisierung der Beschwerdeführerin muss indessen offen-
gelassen werden, da sie die von ihr dazu geltend gemachten Gründe nicht
glaubhaft machen konnte und diese in mehreren Punkten von den Anga-
ben, die sie den sie betreuenden Fachpersonen gegenüber machte, erheb-
lich abweichen. Aufgrund der Aussagen der Beschwerdeführerin bei der
D-4724/2019
Seite 16
Anhörung vom 25. April 2019 ist nicht auszuschliessen, dass sie Opfer se-
xueller Belästigung geworden sein könnte, indessen sind die von ihr gel-
tend gemachten Umstände aufgrund der vorstehenden Erwägungen als
nicht glaubhaft zu werten.
5.9 Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass die Aussagen der Be-
schwerdeführerin, sie sei aufgrund ihrer ethnischen Herkunft an mehreren
Arbeitsstellen durch abwertende Aussagen von Kollegen psychisch unter
Druck geraten, als glaubhaft erscheinen. Es ist auch davon auszugehen,
dass sie wegen ihrer verwandtschaftlichen Bande zu F._ und des
Umstandes, dass sie für diesen anstelle ihres Vaters bürgte, als er in
I._ inhaftiert wurde, vom CID in der Vergangenheit befragt und un-
ter Druck gesetzt wurde. Als überwiegend unwahrscheinlich und damit un-
glaubhaft ist jedoch das Vorbringen der Beschwerdeführerin zu erachten,
wonach die sri-lankischen Sicherheitsbehörden ihren Ehemann gezielt hät-
ten töten wollen, weil er vier Jahre zuvor telefonisch einen verbalen Disput
mit ihrem Ex-Chef gehabt habe. Es ist zudem denkbar, dass die Beschwer-
deführerin in der Vergangenheit sexuell belästigt worden sein könnte, die
in diesem Zusammenhang geltend gemachten Umstände und den vorge-
brachten Hintergrund ist jedoch als überwiegend unwahrscheinlich zu be-
urteilen.
6.
6.1 Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft im Sinne
von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat,
beziehungsweise solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in abseh-
barer Zukunft befürchten muss, sofern ihr die Nachteile gezielt und auf-
grund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG aufgezählter Verfolgungsmotive
zugefügt worden sind respektive zugefügt zu werden drohen. Eine begrün-
dete Furcht vor Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG liegt vor, wenn
ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, die Verfolgung hätte sich – aus
der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger
Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk-
lichen. Es müssen demnach hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete
Bedrohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer
Lage Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorru-
fen würden. Die erlittene Verfolgung oder die begründete Furcht vor zu-
künftiger Verfolgung muss zudem sachlich und zeitlich kausal für die Aus-
reise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeit-
punkt des Asylentscheides noch aktuell sein. Anspruch auf Asyl nach
D-4724/2019
Seite 17
schweizerischem Recht hat somit nur, wer im Zeitpunkt der Ausreise ernst-
haften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt war (Vorflucht-
gründe) oder aufgrund von äusseren, nach der Ausreise eingetretenen
Umständen, auf die er keinen Einfluss nehmen konnte, bei einer Rückkehr
ins Heimatland solche ernsthaften Nachteile befürchten müsste (soge-
nannte objektive Nachfluchtgründe).
6.2 Die Konflikte, welche die Beschwerdeführerin bei der (...) mit Arbeits-
kollegen und nach ihrem Ausscheiden aus der Firma mit ihrem Ex-Chef
hatte, sowie die Drohungen, die sie während ihrer Tätigkeit bei der Zeitung
(...) erhielt, lagen zum Zeitpunkt ihrer zweiten Ausreise aus Sri Lanka im
Februar 2019 mehrere Jahre zurück. Anschliessend arbeitete sie von 2013
bis im Februar 2017 in G._, wo sie zwar aufgrund ihrer Ethnie schi-
kaniert, aber nicht ernsthaft benachteiligt oder behelligt wurde. Die Prob-
leme, denen sie bis zum Jahr 2013 begegnete, waren somit weder zeitlich
noch sachlich kausal für ihre Ausreise. Die herabwertenden Äusserungen,
denen sie ausgesetzt war, waren für die Beschwerdeführerin zweifellos
psychisch belastend, sie erreichten indessen kein Ausmass, das als asyl-
rechtlich relevant zu werten wäre.
6.3 Die Befragungen, denen die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer Ver-
wandtschaft mit dem ehemaligen LTTE-Mitglied F._ unterzogen
wurde, waren für sie sicherlich belastend und in einem gewissen Mass
auch beängstigend, indessen erwuchsen ihr darüberhinausgehend keine
weiteren Benachteiligungen. Die Agenten des CID hatten offensichtlich
keine Anhaltspunkte dafür – und verdächtigten die Beschwerdeführerin
auch nicht ernsthaft – Verbindungen zu den LTTE (gehabt) zu haben, an-
sonsten sie weitere Ermittlungen gegen sie eingeleitet hätten. Da
F._ Sri Lanka gemäss ihren Angaben verlassen habe und die sri-
lankischen Behörden dies gewusst hätten, musste die Beschwerdeführerin
nicht befürchten, seinetwegen verfolgt zu werden. Ihren Aussagen gemäss
wurde sie vom CID während ihres vierjährigen Aufenthalts in G._
nicht aufgesucht.
6.4 Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie sei zusammen mit ihrem
Ehemann im Februar/März 2018 während ungefähr eines Monats in Indien
gewesen (vgl. Protokoll der Erstbefragung S. 6), um ihn alternativ-medizi-
nisch behandeln zu lassen. Danach seien sie gemeinsam nach Sri Lanka
in das von ihnen gemietete Haus zurückgekehrt. Der Umstand, dass sie
Sri Lanka legal verlassen hat und ebenso legal wieder in ihr Heimatland
D-4724/2019
Seite 18
zurückgekehrt ist, lässt darauf schliessen, dass sie zum damaligen Zeit-
punkt keine begründete Furcht vor Verfolgung hatte, stellte sie sich doch
durch ihre Rückkehr (wieder) unter den Schutz ihres Heimatlandes. Allfäl-
lige zuvor erlittene Benachteiligungen wären in asylrechtlicher Hinsicht so-
mit nicht (mehr) relevant.
6.5 Bezüglich der in der Beschwerde vertretenen Auffassung, die Be-
schwerdeführerin sei in Sri Lanka immer wieder Verfolgungsmassnahmen
und einem grossen psychischen Druck ausgesetzt gewesen, ist festzuhal-
ten, dass Eingriffe in andere Rechtsgüter als Leib, Leben oder Freiheit
dann als Verfolgung gelten, wenn daraus ein unerträglicher psychischer
Druck entsteht, der einen weiteren Verbleib im Heimatstaat für die be-
troffene Person objektiv gesehen unzumutbar macht. Ein unerträglicher
psychischer Druck im Sinne von Art. 3 AsylG ist dann zu bejahen, wenn
einzelne Personen oder Teile einer Bevölkerung systematisch schweren
oder wiederholten Eingriffen in ihre Menschenrechte durch den Staat aus-
gesetzt sind (oder dieser keinen adäquaten Schutz vor Übergriffen Dritter
zu gewähren im Stande ist) und diese Eingriffe eine derartige Intensität
erreichen, dass ein menschenwürdiges Leben nicht mehr möglich er-
scheint (vgl. BVGE 2014/32 E. 7.2, 2013/21 E. 9.1, 2013/12 E. 6, 2013/11
E. 5.4.2, 2011/16 E. 5, jeweils m.w.H.). Ausgangspunkt ist dabei immer ein
konkreter Eingriff, der stattgefunden hat oder mit solcher Wahrscheinlich-
keit droht, dass die Furcht vor ihm als begründet erscheint, wobei dieser
aus einem der in Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Motive erfolgen muss. Be-
ruht der psychische Druck einzig auf den gesellschaftlichen, wirtschaftli-
chen oder ähnlichen Gegebenheiten in einem Staat beziehungsweise auf
der psychischen Verfassung eines Asylsuchenden, ist er selbst dann nicht
flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die Angehörigen bestimmter politischer,
religiöser oder ähnlicher Gruppen (z.B. Menschen mit psychischen Erkran-
kungen) besonders darunter leiden. Dass die Beschwerdeführerin durch
die Probleme, die ihr im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeiten erwuchsen,
und durch die Erblindung ihres Ehemannes psychisch belastet war, wird
nicht bezweifelt. Da ihre Vorbringen hinsichtlich der Benachteiligungen, die
sie nach ihrer Rückkehr aus Indien im Frühjahr 2018 ausgesetzt gewesen
sei, als nicht glaubhaft einzustufen sind, kann jedoch nicht von einem psy-
chischen Druck ausgegangen werden, der objektiv gesehen einen Verbleib
im Heimatland verunmöglicht hätte.
D-4724/2019
Seite 19
6.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass es der Beschwerdeführerin
nicht gelungen ist, eine im Heimatland erlittene oder ihr dort zum Zeitpunkt
ihrer Ausreise in absehbarer Zeit drohende asylrechtlich relevante Verfol-
gung zu belegen oder glaubhaft zu machen.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli
2016 eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach Sri
Lanka vorgenommen (vgl. dort E. 8) und festgestellt, dass aus Europa res-
pektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht gene-
rell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausgesetzt
seien (vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurteilung
des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von Ver-
haftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei
handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeint-
lichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, Teilnahme
an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und Vorliegen früherer
Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusam-
menhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE
(sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.1 - 8.4.3). Einem
gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen
ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach
Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt
werden oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM)
nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben
(sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und
8.4.5). Es ist im Einzelfall abzuwägen, ob die konkret glaubhaft gemachten
Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden
Person ergeben. Dabei ist in Betracht zu ziehen, dass insbesondere jene
Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinn von
Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zuge-
schrieben wird, dass sie bestrebt sind, den tamilischen Separatismus wie-
deraufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
7.2 Wie bereits vorstehend erwogen, ist es der Beschwerdeführerin nicht
gelungen, ein behördliches Interesse an ihrer Person glaubhaft zu machen.
Der geltend gemachte Umstand, wonach Verwandte bei den LTTE gewe-
sen seien, war den heimatlichen Behörden ebenso bekannt, wie der Um-
stand, dass F._ – die Beschwerdeführerin wurde seinetwegen vom
CID befragt – Sri Lanka vor geraumer verlassen habe. Das CID wusste,
D-4724/2019
Seite 20
dass sie keine Verbindungen zu den LTTE und mit F._ keinen en-
geren Kontakt hatte. Sie selbst, ihre Geschwister und ihr Vater waren nicht
Mitglieder der LTTE und sie machte nicht geltend, dass sie von den sri-
lankischen Behörden ernsthaft verdächtigt wurde, sich am Wiederaufbau
dieser Organisation zu beteiligen. Sie brachte weder bei den Befragungen
noch zu einem späteren Zeitpunkt vor, sie sei in einer Art und Weise aktiv
gewesen, die es nahelegen würde, dass ihr seitens der sri-lankischen Be-
hörden ein überzeugter Aktivismus mit dem Ziel der Wiederbelebung des
tamilischen Separatismus zugeschrieben werden könnte.
7.3 Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin nicht im Besitz eines sri-
lankischen Reisepasses sein soll und von der Schweiz aus nach Sri Lanka
zurückkehren wird, führt nach konstanter Praxis für sich allein gesehen
nicht zur Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft. Auch aus den Bomben-
anschlägen in Sri Lanka vom 21. April 2019 und dem ausgerufenen Not-
stand, der am 22. August 2019 wieder aufgehoben wurde, lässt sich in Be-
zug auf die christliche Beschwerdeführerin keine ihr drohende asylrechtlich
relevante Verfolgung ableiten.
7.4 Beim in der Beschwerde geltend gemachten Vorbringen, der Bruder
der Beschwerdeführerin sei kürzlich von einer unbekannten Person aufge-
sucht und nach dem Verbleib seiner Schwester und seines Schwagers ge-
fragt worden beziehungsweise, er habe mehrmals Telefonanrufe erhalten,
während derer Todesdrohungen gegen diese ausgestossen worden seien,
handelt es sich um eine durch nichts gestützte Parteibehauptung, die an-
gesichts des Persönlichkeitsprofils der Beschwerdeführerin nicht zu über-
zeugen vermag. Sie machte bei den Anhörungen geltend, sie sei von Agen-
ten des CID und Angehörigen anderer Sicherheitsdienste belästigt worden.
Da die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann Sri Lanka mit ihren eigenen
Reisepässen versehen verlassen haben und sie nach ihrer zweiten Aus-
reise nicht in die Heimat zurückgekehrt sind, ist den sri-lankischen Behör-
den bekannt, dass sie ausser Landes sind. Entsprechende Nachfragen bei
Verwandten und das Ausstossen von Todesdrohungen ergeben somit kei-
nen Sinn und sind angesichts der gesamten Aktenlage als unglaubhaft zu
werten.
7.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin we-
der Vor- noch Nachfluchtgründe nachgewiesen oder zumindest glaubhaft
gemacht hat. Es erübrigt sich, auf die weiteren Ausführungen in der Be-
schwerde und die eingereichten Beweismittel im Einzelnen einzugehen, da
sie an der Würdigung des Sachverhalts nichts zu ändern vermögen. Das
D-4724/2019
Seite 21
SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch
abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
8.2 Die Beschwerdeführerinnen verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
9.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
D-4724/2019
Seite 22
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
9.3
9.3.1 Das SEM wies in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf hin,
dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen
schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Beschwerdefüh-
rerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzu-
weisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte
Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine An-
wendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin und ihrer Tochter
nach Sri Lanka ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmäs-
sig.
9.3.2 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts lassen
weder die Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie noch die allgemeine Men-
schenrechtssituation in Sri Lanka den Wegweisungsvollzug als unzulässig
erscheinen (vgl. Urteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 12.2 f. [als Refe-
renzurteil publiziert]). Auch der Europäische Gerichtshof für Menschen-
rechte (EGMR) hat – wie vom SEM zutreffend erwähnt – wiederholt fest-
gestellt, dass nicht generell davon auszugehen sei, zurückkehrenden Ta-
milen drohe in Sri Lanka eine unmenschliche Behandlung. Eine Risikoein-
schätzung müsse im Einzelfall vorgenommen werden (vgl. Urteil des
EGMR R.J. gegen Frankreich vom 19. September 2013, 10466/11, Ziff.
37). Aus den Akten ergeben sich keine konkreten Anhaltspunkte dafür, die
Beschwerdeführerin hätte bei einer Rückkehr nach Sri Lanka dort mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit Massnahmen zu befürchten, die über einen
sogenannten «Backgroundcheck» (Befragung und Überprüfung von Tätig-
keiten im In- und Ausland) hinausgehen würden oder dass sie dadurch per-
sönlich gefährdet wäre. Nach neuesten Erkenntnissen des Bundesverwal-
tungsgerichts lässt auch der Vorfall rund um die Mitarbeiterin der Schwei-
zerischen Botschaft in Sri Lanka im vorliegenden Fall keine andere Ein-
schätzung zu, da kein konkreter Grund zur Annahme besteht, die allgemei-
nen politischen Entwicklungen in Sri Lanka könnten sich zum heutigen Zeit-
punkt auf sie auswirken. Der Vollzug der Wegweisung ist zulässig.
9.4
9.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
D-4724/2019
Seite 23
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
9.4.2 Das SEM hat die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs bejaht.
Seine Schlussfolgerungen sind im Ergebnis nicht zu beanstanden. Der be-
waffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und den LTTE ist
im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka weder Krieg
noch eine Situation allgemeiner Gewalt. An dieser Einschätzung vermögen
auch die am Ostersonntag 2019 erfolgten Anschläge auf Kirchen und Lu-
xushotels nichts zu ändern. Auch unter Berücksichtigung des Vorfalls im
Zusammenhang mit der Mitarbeiterin der Schweizerischen Botschaft und
der aktuellen politischen Situation rund um Präsident Gotabaya Rajapaksa,
sieht das Bundesverwaltungsgericht keine Veranlassung den Wegwei-
sungsvollzug sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer Ethnie als gene-
rell unzumutbar einzustufen.
9.4.3 Gemäss nach wie vor gültiger Rechtsprechung ist der Wegweisungs-
vollzug zumutbar, wenn das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskri-
terien (insbesondere Existenz eines tragfähigen familiären oder sozialen
Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkommens- und
Wohnsituation) bejaht werden kann.
Der Beschwerdeführerin, die über eine gute Schulbildung, eine gute Be-
rufsausbildung sowie über mehrjährige Berufserfahrung in verschiedenen
Bereichen verfügt (vgl. Protokoll der Erstbefragung S. 5 f.), lebte von Ge-
burt bis zum Jahr 2002 in der Nordprovinz (in den Distrikten N._
und J._), und danach mit Ausnahme ihres Aufenthalts in G._
(2013 bis 2017) (...) I._. Gemäss ihren Angaben leben ihr Vater, ihr
Bruder sowie ihre Schwester weiterhin in I._. Alle ihre engsten Ver-
wandten sind sehr gut ausgebildet und haben gehobene berufliche Stel-
lungen inne, mit denen sie sich den Lebensunterhalt offenbar gut sichern
können. Damit verfügen die Beschwerdeführerin und ihre Tochter, die mit
ihrem Ehemann beziehungsweise Vater nach Sri Lanka zurückkehren wer-
den, in der Heimat über ein Beziehungsnetz, auf dessen Unterstützung sie
nach einer Rückkehr zurückgreifen können. Da ihre Angehörigen in relativ
guten Verhältnissen leben und die Beschwerdeführerin und ihren Ehemann
bereits vor ihrer Ausreise aus Sri Lanka unterstützt haben, ist nicht zu be-
fürchten, dass sie nach einer Rückkehr in eine existenzielle Notlage gera-
ten. Der Beschwerdeführerin wird es angesichts ihrer guten Ausbildung
und ihrer Berufserfahrung mittelfristig offenstehen, einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen und den Lebensunterhalt ihrer Familie zu bestreiten. Zudem
D-4724/2019
Seite 24
hat sie die Möglichkeit, bei der zuständigen Behörde ein Gesuch um Ge-
währung von Rückkehrhilfe zu stellen (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG), was ihr
eine Reintegration in Sri Lanka in finanzieller Hinsicht erleichtern würde.
Dem eingereichten Abschlussbericht der (...) vom 26. Mai 2020 lässt sich
entnehmen, dass die Beschwerdeführerin unter einer postnatalen Depres-
sion und einer PTBS litt. Nach ihrem zweieinhalbwöchigen stationären Auf-
enthalt werde sie im Rahmen einer ambulanten psychiatrisch-psychothe-
rapeutischen Behandlung von Frau Dr. phil. O._, Psychologin, be-
treut. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Beschwerdeführerin,
unter denen sie zumindest teilweise bereits in ihrer Heimat litt, sind für sie
mit Sicherheit belastend, lassen aber nicht auf eine medizinische Notlage
schliessen. Es gibt in Sri Lanka verschiedene Möglichkeiten, psychische
Erkrankungen in Spitälern oder ambulanten Einrichtungen behandeln zu
lassen (vgl. Urteil des BVGer E-7137/2018 vom 23. Januar 2019 E. 12.3
m.H.). Bei einer weiterhin bestehenden PTBS und einer depressiven
Symptomatik oder im Falle einer Verschlechterung derselben könnten ihre
psychischen Probleme somit auch im Heimatstaat behandelt werden. All-
fälligen spezifischen Bedürfnissen der Beschwerdeführerin könnte im Rah-
men der medizinischen Rückkehrhilfe Rechnung getragen werden (vgl.
Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August
1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Sie hat die Möglichkeit, sich in nächster Zeit
allenfalls mit Unterstützung der sie betreuenden Psychologin auf eine
Rückkehr in den Heimatstaat vorzubereiten. Einer nicht auszuschliessen-
den vorübergehenden Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes
kann im Rahmen der Ausgestaltung der Vollzugsmodalitäten Rechnung
getragen werden, indem eine sorgfältige Vorbereitung erfolgt und geeig-
nete medizinische Massnahmen getroffen werden sowie eine adäquate
Betreuung (beispielsweise durch medizinisches Fachpersonal) sicherge-
stellt wird. Es ist deshalb nicht anzunehmen, dass eine Rückkehr nach Sri
Lanka zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung ihres
Gesundheitszustandes führen würde.
Bezüglich der sich derzeit in zahlreichen Ländern ausbreitenden Corona-
Pandemie ist festzuhalten, dass in Sri Lanka gemäss öffentlich zugängli-
chen Quellen der erste Fall einer Covid-19-Erkrankung Ende Januar 2020
und somit rund einen Monat bevor in der Schweiz der erste Fall gemeldet
wurde, diagnostiziert wurde. Die Krankheit hat sich in Sri Lanka weit weni-
ger als in der Schweiz ausgebreitet, wobei unter Hinweis auf die Dunkel-
ziffer in beiden Ländern nicht alle Fälle bekannt sein dürften. Jedenfalls
D-4724/2019
Seite 25
führt die Tatsache, dass auch Sri Lanka von Covid-19-Erkrankungen be-
troffen ist, nicht zur Annahme der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs.
Die Beschwerdeführerin hat in der Schweiz zwar ein Kind geboren, das
mittlerweile bald (...) alt ist. Auch damit liegen keine Umstände vor, auf-
grund derer bei einer Rückkehr der Beschwerdeführerin und ihres Ehe-
mannes nach Sri Lanka von einer Existenzbedrohung ausgegangen wer-
den müsste. Auch diesbezüglich ist auf die bereits erwähnte berufliche Er-
fahrung der Beschwerdeführerin und das in guten Verhältnissen lebende
Familiennetz zu verweisen, das der Beschwerdeführerin nach ihrer Rück-
kehr in verschiedener Hinsicht zur Seite stehen wird. Somit spricht auch
das Kindeswohl nicht gegen eine Rückkehr der Beschwerdeführerin mit ih-
rem Kleinkind in die Heimat.
9.4.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar.
9.5
9.5.1 Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich für sich und für
ihre Tochter bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine
Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4
AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Weg-
weisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
9.5.2 Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um
ein bloss temporäres Vollzugshindernis, dem im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst
wird.
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Da der rechtserhebliche Sachverhalt als erstellt zu erachten ist und das
SEM seinen Standpunkt in der angefochtenen Verfügung entgegen der in
der Beschwerde vertretenen Auffassung hinreichend begründete, besteht
keine Veranlassung, die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzu-
weisen, weshalb das entsprechende Eventualbegehren abzuweisen ist.
D-4724/2019
Seite 26
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihr mit Zwi-
schenverfügung vom 26. September 2019 die unentgeltliche Rechtspflege
gewährt wurde (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und sich an den Voraussetzungen
dazu nichts geändert hat, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-4724/2019
Seite 27