Decision ID: ac1b6b64-b300-4f20-aa15-0378107006e9
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren
1983
und gelernte Köchin
, arbeitete
zuletzt
seit dem
23. Januar 2012
im Verkauf und
in der
Produktion
bei der
Y._ in
,
als
ihr per 30. April 201
2
aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt wurde
(vgl. Urk. 7/22/174
, Urk. 7/30/1 Ziff. 2.1; Urk. 7/30/9
). Am 8. April 2012 erlitt sie schwere Brandverletzungen
(vgl. Schadenmeldung UVG, Urk. 7/22/174)
. Die
zuständige
Unfallversicherung der Versicherten erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Urk. 7/22/47-48). Am 18. September 2012 meldete sich die Versicherte bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/15). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, holte einen Auszug aus dem individuellen Konto
der
Versicherten
(IK-Auszug, Urk. 7/19)
sowie einen Arbeitgeberbericht (Urk. 7/30)
ein und zog die Akten
der Unfallversicherung (Urk. 7/22/1-174; Urk. 7/23
, Urk. 7/27, Urk. 7/36, Urk. 7/37/1-48
) bei.
Vom 1.
Novem
ber 2012 bis 29. Dezember 2012 arbeitete die Versicherte als All
rounderin im
Z._
(Urk. 7/38).
Mit Mitteilung vom
12. August 2013 erteilte die IV-Stelle Kostengutsprache für die Umschulung
der Versicherten
zur kaufmännischen Mitarbeiterin in der Ho
tellerie oder im Tourismus vom 19. August 2013 bis 16. August 2015 (Urk. 7/57).
Mit Verfügung vom 28. August 2013 sprach
ihr
die IV-Stelle Tag
gelder für die Zeit vom 19. August 2013 bis 16. August 2015 zu (Urk. 2).
2.
Gegen die Verfügung vom 28. August 2013 (Urk. 2) erhob die Versicherte am 18. September 2013 Beschwerde und beantragte
unter anderem
eine
Erhöhung der ihr
gewährten IV-Taggelder
mit der Begründung,
der Tagessatz
im Betrag von Fr. 118.40
sei
zu tief
bemessen
(Urk. 1 S. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 4. November 2013 schloss die IV-Stelle mit Hinweis auf die Stellungnahme der zuständigen Ausgleichskasse (Urk. 6) auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 5)
. Eine Kopie der Beschwerdeantwort wurde der Beschwerdeführerin am 7. November 2013 zur Kenntnisnahme zugestellt (Urk. 8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art.
57a des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) teilt die IV-Stelle der versicherten Person den vorgesehenen Endentscheid über ein Leistungsbegehren oder den Entzug oder die Herabsetzung einer bisher ge
währten Leistung mittels Vorbescheid mit. Die versicherte Person hat Anspruch auf rech
tliches Gehör im Sinne von Art.
42 des Bundesgesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG).
Gegenstand des Vorbescheids sind Fragen, d
ie gemäss Art. 57 Abs. 1
lit
.
c-f
IVG in den Aufgabenbere
ich der IV-Stellen fallen (Art.
73
bis
Abs.
1 der Verordnung über die Invalidenversicherung, IVV).
Demnach obliegt de
n IV-Stellen insbesondere (Art. 57 Abs.
1 IVG):
-
d
ie Abklärung der versicherung
smässigen Voraussetzungen (
lit
.
c
);
-
die Abklärung der Eingliederungsfähigkeit der versicherten Person, die
Berufsberatung und die Arbeitsvermittlung (
lit
. d);
-
die Bestimmung und Überwachung der Eingliederungsmassnahmen sowie
die notwendige Begleitung der
versicherten Person während der
Mass
-
nahme
n
(
lit
. e);
-
die Bemessung der Invalidität, der Hilflosigkeit und der
von der
versich
-
erten
Person benötigten Hilfeleistungen (
lit
. f).
Die von den kantonalen IV-Stellen erlassenen Verfügungen sind
sodann - in Abweichung von Art. 52 und Art.
58 ATSG - direkt beim Versicherungsgericht am Ort
der IV-Stelle anfechtbar (Art. 69 Abs. 1
lit
.
a IVG).
1.2
Nach Art.
42 ATSG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, wobei sie nicht angehört werden müssen vor Verfügungen, die durch Einsprache an
fechtbar sind.
Bestandteile des Anspruchs auf rechtliches Gehör, wie er neben der explizite
n gesetzlichen Regelung in Art. 42 ATSG auch in Art. 29 Abs.
2 der Bundesver
fassung (BV) garantiert wird (vgl. BGE 124 V 181 E. 1a), sind das Recht der be
troffenen Person, sich vor Erlass eines in ihre Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu be
einflussen
.
Der Anspruch auf rechtliches Gehör umfasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann
(
vgl. BGE 135 I
279 E. 2.3;
BGE
132 V 368 E. 3.1 mit Hinweisen
;
Kieser
, ATSG-Ko
mmentar,
2.
Auflage,
Art. 42
Rz
11
ff.).
Das
Vorbescheidverfahren
bezweckt - nebst der Entlastung der
Verwaltungs
-
rechts
pflegeorgane
-, dem Versicherten den Anspruch auf rechtli
ches Gehör in dem von der Rechtsprechung umschriebenen Sinne zu
gewähr
leisten (BGE 124 V 182 E
. 1c mit Hinweisen).
1.3
Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des rechtli
chen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sa
che selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Es kommt mit anderen Worten nicht darau
f an, ob die Anhörung im konkre
ten
Fall für den Ausgang der materiel
len Streitentscheidung
von Bedeutung ist, d.h. die Be
hörde zu einer Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (BGE 132 V 387 E. 5.1
S. 390; 127 V 431 E. 3d/
aa
S. 437).
Nach der Rechtsprechung kann eine
nicht besonders schwerwiegende
Ver
letzung des rechtlichen Gehörs ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die be
troffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwer
de
instanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechts
lage frei überprüfen kann (BGE 127 V 431 E. 3d/
aa
S. 437). Von einer Rückweisung der Sache an die Verwaltung ist selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des rechtlichen Ge
hörs dann abzusehen, wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalisti
schen Leerlauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten) Interesse der betroffenen Partei an einer
beförderlichen
Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären (BGE 132 V 387 E. 5.1 S. 390 mit Hinweis).
2.
2.1
Nach Ar
t. 57a Abs.
1 IVG fallen Leistungsstreitigkeiten unter
das Vorbescheid
-
ver
fahren. Die Beschwerdeführerin hat die Verfügung vom 2
8
. August 2013 betreff
end Taggelder angefochten (Urk.
1). Taggelder zählen zu den Leis
tungsstreitigkeiten gemäss Art. 57a Abs.
1 IVG
(vgl. auch Art. 22-25 IVG
sowie Müller, Das Verwaltungsverfahren in der Invalidenversicherung, Bern 2010, RZ 2117 und 2120 zu
§
29
)
, weshalb darüber ein
Vorbescheidverfahren
zu erfolgen hat, was vorliegend nicht geschah. Würden Taggelder nicht unter den Tatbestand der Leistungsstreitigkeiten fallen, wäre der Gehörsanspruch von Art. 42 Satz 1 ATSG
überdies
auf andere, geeignete Weise zu wahren
gewesen
.
Die Beschwerdegegnerin gewährte der Beschwerdeführerin vorgängig zur mit Verfügung vom 2
8.
August 2013 (
Urk.
2) eröffneten
Leistungszusprache
keine
Gelegenheit zur Stellungnahme
und
führte insbesondere kein
Vorbescheidver
fahren
durch.
Dies stellt eine schwerwiegende Verletzung des rechtlichen Ge
hörs dar, die einer Heilung grundsätzlich nicht zugänglich ist.
Nach der Recht
sprechung kann die Verletzung der Anhörungspflicht schon dann schwerwie
gend sein, wenn ein nach Erlass des Vorbescheids ergangenes Begehren um Aktenedition oder eine Stellungnahme zum Vorbescheid unberücksichtigt ge
blieben ist, indem auf die vorgebrachten Einwendungen nicht eingegangen wurde (BGE 124 V 182 E. 2). Umso schwerwiegender ist es, wenn - wie im vor
liegenden Fall - überhaupt kein
Vorbescheidverfahren
durchgeführt und ohne Gewährung des rechtlichen Gehörs eine Verfügung erlassen wird (vgl. Urteile des
Bundesgerichts
I 184/00 vom 7.
August 2000 und
I 584/01
v
om 24.
Juli 2002).
Die Beschwerdeführerin konnte sich demnach nicht zur Höhe des
Tag
geldsatzes
äussern.
Eine Heilung kann
vorliegend
auch nicht
damit
begründet werden, dass die Beschwerdeführerin ihre Anliegen noch vor einer mit voller Kognition ausgestatteten Beschwerdeinstanz vorbringen konnte
, da n
eben der zwingend vorgeschriebenen Anhörungspflicht auch die Entlastung der
Verwal
tungsrechtspflegeorgane
sowie die Kostenlosigkeit des
Vorbescheidverfahrens
- im Gegensatz zur Kostenpflicht des Gerichtsverfahrens - einem Verzich
t auf dasselbe entgegenstehen
.
2.2
Die Beschwerde ist folglich – ungeachtet
ihrer
materiellrechtlichen
Erfolgsaus
sichten
– in dem Sinne gutzuheissen, dass die
angefochtene Verfügung vom 28.
August 2013 aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurück
zuweisen ist, damit diese ein
Vorbescheidverfahren
durchführe und danach er
neut über den Taggeldanspruch der Beschwerdeführerin während der Umschu
lung von August 2013 bis August 2015 (
Urk.
7/57) entscheide.
3.
Da der Streitgegenstand die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungs
leistungen betrifft, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG), ermessensweise auf Fr. 200.-- anzusetzen und
ausgangs
gemäss
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.