Decision ID: 26583476-c6ce-4b0c-a1be-4f7a3cea442f
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde im März 1980 unter Hinweis auf eine Legasthenie erstmals zum
Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 3). In der Folge
wurden ihr die Kosten für eine entsprechende Therapie vergütet (IV-act. 10). Im Januar
1984 erfolgte eine zweite Anmeldung zum Leistungsbezug unter Hinweis auf eine
Epilepsie (IV-act. 15). Mit einem Präsidialbeschluss vom 27. Februar 1984 stellte die IV-
Kommission fest, dass die Versicherte am Geburtsgebrechen Ziff. 387 Anh. GgV litt (IV-
act. 20). Laut einem Bericht des schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen
vom 26. April 1985 verfügte die Versicherte über einen durchschnittlichen IQ von 105,
wobei damals allerdings immer noch eine „legasthenische Anfälligkeit“ zu beobachten
war (IV-act. 30). Mit einer Verfügung vom 26. August 1985 wies die Ausgleichskasse
ein Gesuch um eine Sonderschulung ab (IV-act. 37). Ein gegen diese Verfügung
erhobener Rekurs wurde vom Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit einem
Entscheid vom 14. August 1986 abgewiesen (IV 131/85; vgl. IV-act. 41). Im März 1988
berichtete das Ostschweizer Kinderspital (IV-act. 44), ein aktuelles
Elektroencephalogramm habe Normwerte gezeigt, weshalb die Diagnose einer
Epilepsie nicht mehr gerechtfertigt sei. Da die Versicherte Krankenpflegerin werden
wolle, müsse aber noch ein weiteres Elektroencephalogramm nach einem Schlafentzug
angefertigt werden, bevor sie definitiv aus der Behandlung entlassen werden könne. Im
Juni 1988 gab das Ostschweizer Kinderspital an (IV-act. 45), auch das
Elektroencephalogramm nach einem Schlafentzug habe unauffällige Werte gezeigt. Die
antikonvulsive Behandlung könne auf Zusehen hin eingestellt bleiben.
A.b Im Februar 1994 erfolgte eine weitere Anmeldung zum Leistungsbezug (IV-act. 49).
Die Versicherte gab an, sie habe eine Ausbildung zur Krankenpflegerin absolviert und
anschliessend als Pflegerin gearbeitet. Ihr aktueller Monatslohn belaufe sich auf
3’833.10 Franken zuzüglich einer Inkonvenienzzulage von 90 Franken pro Wochenende
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für die ein, zwei Wochenendeinsätze, die sie monatlich absolviere. Am 3. März 1993
habe sie ein Schleudertrauma erlitten, weshalb sie seither nur noch eingeschränkt
arbeiten könne. Die IV-Stelle unterstützte die Versicherte in der Folge bei einer
Umschulung zur Fahrlehrerin. Da diese Umschulung scheiterte, wurde die Versicherte
ab Juli 1997 zur Podologin umgeschult (vgl. IV-act. 62). Nach dem erfolgreichen
Abschluss dieser Ausbildung schloss die IV-Stelle die beruflichen Massnahmen mit
einer Verfügung vom 18. Januar 2001 mit der Feststellung ab, die Versicherte sei nun
rentenausschliessend eingegliedert (IV-act. 162).
A.c Im November 2013 beantragte die Versicherte unter Hinweis auf ein
Mammacarcinom die Abgabe einer Perücke (IV-act. 172). Mit einer Mitteilung vom 27.
November 2013 erteilte ihr die IV-Stelle eine Kostengutsprache für Perücken oder einen
anderen Haarersatz im Umfang von maximal 1’500 Franken pro Jahr für die Zeit bis
Ende November 2023 (IV-act. 175).
A.d Im Juni 2014 meldete sich die Versicherte zum Bezug von weiteren Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 176). Ihre Arbeitgeberin berichtete im Juli 2014 (IV-
act. 189), sie beschäftige die Versicherte seit September 2000 als Podologin. Das
Pensum belaufe sich seit dem Beginn des Arbeitsverhältnisses auf 10–20 Stunden pro
Woche. Seit dem 1. Januar 2012 betrage der Stundenlohn 50 Franken. Die
Gynäkologin Dr. med. B._ teilte am 18. Juli 2014 mit (IV-act. 190), die Versicherte
leide an einem Mammacarcinom rechts mit einem Status nach Ablatio Mammae und
Expandereinlage. Aktuell liege ein Wundinfekt vor, der die Berufsausübung
verunmögliche. Eventuell werde eine Re-Operation mit einer erneuten Korrektur der
Narbe und einer Behandlung des Infekts durchgeführt werden müssen. Im Januar 2015
berichtete Dr. B._ (IV-act. 203), aktuell laufe noch eine medikamentöse Behandlung.
Die Versicherte fühle sich zunehmend besser, klage aber weiter über
Kribbelparästhesien und Dysästhesien in den Armen und zum Teil auch in den Beinen,
die in Stressituationen zunähmen. Natürlich spiele auch die psychische Komponente
eine Rolle. Im März 2015 teilte Dr. B._ mit, dass ab dem 1. Mai 2015 eine teilweise
Arbeitsaufnahme geplant sei (IV-act. 205). Im Mai 2015 berichtete Dr. B._ (IV-act.
207), die Versicherte sei noch nicht endgültig beschwerdefrei. Zudem habe sie wegen
einer Pneumonie im Spital C._ behandelt werden müssen. Die Pneumonie habe sie
körperlich sehr geschwächt. Die Versicherte befinde sich nun aber auf dem Weg der
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Besserung. Im Juli 2015 gab Dr. B._ an, die Versicherte werde ihre Tätigkeit ab dem
1. August 2015 wieder aufnehmen (IV-act. 208). Der Onkologe Dr. med. D._ vom
Spital C._ berichtete im August 2015, die Versicherte sei über 50–60 Prozent
arbeitsfähig (IV-act. 210). Am 9. September 2015 notierte Dr. med. E._ vom IV-
internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD; IV-act. 212), der Gesundheitszustand der
Versicherten sei nun stabil. Diese leide an einem Status nach einem kurativ
behandelten Mammacarcinom mit leichten Restbeschwerden nach einer Operation und
nach einer adjuvanten Therapie. In der angestammten Tätigkeit als Podologin und in
jeder anderen körperlich leichten Tätigkeit sei sie zu mindestens 50 Prozent
arbeitsfähig. In Anbetracht des in den Arztberichten seit Anfang 2015 unverändert
beschriebenen Gesundheitszustandes bestehe die Arbeitsfähigkeit in diesem Umfang
wohl bereits seit mehreren Monaten.
A.e Am 28. September 2015 forderte die IV-Stelle die Versicherte auf, einen
Fragebogen „zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt“ auszufüllen
(IV-act. 216). Die Versicherte retournierte den ausgefüllten Fragebogen im März 2016
(IV-act. 234). Sie hatte angegeben, dass sie ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung in
einem Pensum von 80 Prozent erwerbstätig wäre, da ihre beiden Kinder nun in der
Schule und im Kindergarten seien, da die im gleichen Haus wohnenden Eltern bei der
Kinderbetreuung mithelfen könnten, da sie gerne als Podologin arbeite (sie hätte sich
auch gerne selbständig gemacht) und da sie aus finanziellen Gründen auf ein
entsprechend höheres Erwerbseinkommen angewiesen sei. Ihre Aktivitäten im
Haushalt habe sie erheblich einschränken müssen, weil sie für alles deutlich mehr Zeit
benötige. Sie hätte ihre Haushaltstätigkeit aber auch vergleichbar reduziert, wenn sie
gesund geblieben und ihr Erwerbspensum auf 80 Prozent erhöht hätte. Mit einem
Vorbescheid vom 14. April 2016 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit (IV-act. 237),
dass sie die Abweisung ihres Rentenbegehrens vorsehe. Zur Begründung führte sie
aus, die Versicherte habe ihre Tätigkeit als Podologin im August 2015 wieder im
bisherigen Rahmen aufgenommen, weshalb in Bezug auf das effektiv ausgeübte
Erwerbspensum von 50 Prozent keine rentenbegründende Einschränkung bestehe. Im
Haushalt bestehe gemäss den Angaben im Haushaltsfragebogen ebenfalls keine
relevante Einschränkung. Das Spital C._ und das Tumorzentrum F._ berichteten im
Mai 2016 über ein Fatigue-Syndrom, das es der Versicherten verunmögliche, in einem
Pensum von mehr als 30 Prozent ausser Haus zu arbeiten (IV-act. 244 f.). Die
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Versicherte liess am 20. Juni 2016 gegen den Vorbescheid vom 14. April 2016
einwenden (IV-act. 249), der medizinische Sachverhalt sei von der IV-Stelle
ungenügend abgeklärt worden, denn in den Akten fänden sich keine spezifischen
Angaben zum Lymphödem und zu den neurologischen Symptomen. Auch der Hinweis
auf ein psychisches Leiden habe offenbar kein Interesse bei der Verwaltung ausgelöst.
Die IV-Stelle hätte eine polydisziplinäre Begutachtung durchführen müssen.
Unverständlich sei, weshalb die IV-Stelle von einer Qualifikation der Versicherten als zu
50 Prozent im Haushalt und zu 50 Prozent ausserhäuslich tätig ausgegangen sei, habe
die Versicherte doch überzeugend dargelegt, dass sie ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung zu 80 Prozent erwerbstätig wäre. Die RAD-Ärztin Dr.
E._ notierte am 22. Juli 2016 (IV-act. 251), die Versicherte sei tumorfrei. Eine
Krebsdiagnose führe praktisch immer zu einer psychischen Reaktion im Sinne einer
depressiven Herabgestimmtheit. Wie im vorliegenden Fall handle es sich meist um eine
vorübergehende Reaktion, die keine längerfristige Therapie erforderlich mache.
Kribbelparästhesien, ein Lymphödem und eine Fatigue seien bekannte, mehr oder
weniger unvermeidliche Folgen einer Tumorbehandlung. Im Verlauf seien diese
Begleiterscheinungen meist regredient. In den Berichten werde bereits eine deutliche
Besserung der Parästhesien und der Dysästhesien im rechten Arm beschrieben. Das
Ausmass der Fatigue sei vom subjektiven Empfinden bestimmt und lasse sich kaum
messen. Wenn das Lymphödem und/oder psychische oder neurologische Probleme
ein ungewöhnliches Ausmass angenommen hätten, wären entsprechende Vermerke in
den Arztberichten zu finden. Von einer polydisziplinären Begutachtung sei kein
wesentlicher Erkenntnisgewinn zu erwarten. Mit einer Verfügung vom 29. Juli 2016
wies die IV-Stelle das Rentenbegehren der Versicherten ab (IV-act. 252).
B.
B.a Am 13. September 2016 liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 29. Juli 2016 erheben
(act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung,
die Zusprache einer halben Rente und eventualiter die Rückweisung der Sache an die
IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zu weiteren medizinischen und
erwerblichen Abklärungen. Zur Begründung führte er an, die Beschwerdeführerin sei
unstreitig während einer längeren Zeit arbeitsunfähig gewesen, weshalb sie zumindest
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für die Vergangenheit einen Anspruch auf eine Rente habe. Die Beschwerdegegnerin
habe die gemischte Methode angewendet, obwohl diese vom EGMR mit einem Urteil
vom 5. Juli 2016 als diskriminierend qualifiziert worden sei. Schon aus diesem Grund
erweise sich die angefochtene Verfügung als rechtswidrig. Unverständlich sei auch,
dass die Beschwerdegegnerin bei der Anwendung der gemischten Methode nicht auf
die glaubhaften Angaben der Beschwerdeführerin zum hypothetischen Erwerbspensum
ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung abgestellt habe. Bisher habe sich die
Beschwerdeführerin von ihrer Krebserkrankung noch nicht vollständig erholen können.
Der medizinische Sachverhalt sei von der Beschwerdegegnerin aber zu Unrecht nicht
hinreichend abgeklärt worden.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 23. November 2016 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie aus, der medizinische Sachverhalt
sei hinreichend abgeklärt worden, denn die RAD-Ärztin Dr. E._ habe gestützt auf die
Berichte der behandelnden Ärzte eine überzeugende Arbeitsfähigkeitsschätzung
abgeben können. Das von der Beschwerdeführerin erwähnte Urteil des EGMR sei hier
nicht relevant, da dieses gemäss dem IV-Rundschreiben Nr. 355 des Bundesamtes für
Sozialversicherungen nur bei „revisionsähnlichen“ Tatbeständen zu beachten sei. Die
Behauptung der Beschwerdeführerin, sie hätte ihr Pensum auf 80 Prozent erhöht, sei
unglaubwürdig. Selbst wenn aber darauf abgestellt würde, würde kein
rentenbegründender Invaliditätsgrad resultieren, da sich für den Erwerbsbereich nur ein
Teilinvaliditätsgrad von 30 Prozent ergeben würde und da im Haushalt keine relevante
Einschränkung vorliege.
B.c Die Beschwerdeführerin liess am 6. Februar 2017 an ihren Anträgen festhalten und
ergänzend die Vergütung der Operationskosten von 20’000 Franken für eine
Brustersatzplastik sowie eventualiter berufliche Massnahmen einschliesslich einer
Umschulung beantragen (act. G 9). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine
Duplik (act. G 11).

Erwägungen
1.
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Die Operationskosten, deren Vergütung die Beschwerdeführerin hat beantragen lassen,
haben nicht zum Gegenstand der angefochtenen Verfügung gehört, weshalb sie auch
nicht zum Streitgegenstand dieses Beschwerdeverfahrens gehören können.
Diesbezüglich kann nicht auf die Beschwerde eingetreten werden. Auch berufliche
Massnahmen haben an sich nicht zum Gegenstand der angefochtenen Verfügung
gehört. Im Sozialversicherungsrecht gilt allerdings der allgemeine Grundsatz
„Eingliederung vor Rente“ (vgl. etwa UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015,
Vorbemerkungen N 81 ff., mit Hinweisen), weshalb eine Rentenzusprache nicht in
Betracht fallen kann, solange der Invaliditätsgrad noch mittels beruflicher Massnahmen
gemindert werden kann. Folglich können berufliche Massnahmen im Einzelfall zum
Gegenstand eines Beschwerdeverfahrens betreffend eine Rentenverfügung gehören.
Wie sich aus den nachfolgenden Erwägungen ergeben wird, könnte hier ein Bedarf
nach beruflichen Massnahmen bestehen, weshalb auf das Begehren um berufliche
Massnahmen einzutreten ist.
2.
2.1 Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres durchschnittlich mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen
ist und die nach dem Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat
gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen Anspruch auf eine Rente der
Invalidenversicherung. Laut dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16
ATSG wird für die Bemessung der Invalidität das Erwerbseinkommen, das die
versicherte Person nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei einer
ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu jenem
Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben wäre.
2.2 Obwohl die Art. 5 Abs. 1 IVG und 8 Abs. 3 ATSG gemäss ihrem klaren Wortlaut
vorsehen, dass der Invaliditätsgrad einer versicherten Person nur dann nicht anhand
eines (reinen) Einkommensvergleichs zu berechnen ist, wenn der versicherten Person
die Ausübung einer Vollerwerbstätigkeit nicht zumutbar ist, erlaubt das Bundesgericht
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die Bemessung der Invalidität anhand der sogenannten gemischten Methode immer
dann, wenn es anhand der gesamten Umstände „überwiegend
wahrscheinlich“ (eigentlich: am plausibelsten) ist, dass die versicherte Person ohne die
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht voll erwerbstätig wäre. Diese Praxis widerspricht
nicht nur dem klaren Wortlaut der Art. 5 Abs. 1 IVG und 8 Abs. 3 ATSG, sondern auch
dem eindeutigen Willen des historischen Gesetzgebers, der ein Abweichen vom
Einkommensvergleich als Invaliditätsbemessungsmethode nur für jene Frauen
vorgesehen hat, die vor dem Eintritt der Invalidität gar nicht erwerbstätig gewesen
waren und denen die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit wegen der Bedeutung des
Familienlebens nicht hat zugemutet werden können (vgl. BBl 1958 II 1162; Bericht der
Expertenkommission vom 30. November 1956, S. 27 und 166 ff.). Die
Bundesgerichtspraxis widerspricht aber auch dem System und dem Sinn und Zweck
der Rentenleistungen in der Invalidenversicherung. Der durch eine Rente der
Invalidenversicherung gedeckte Schaden bemisst sich nämlich sowohl für
Erwerbstätige als auch für Nichterwerbstätige anhand der Erwerbsunfähigkeit der
versicherten Person, denn die Invalidenversicherung ist eine Volksversicherung, deren
Rentenleistungen einen Schaden bezüglich des versicherten Gutes „Erwerbsfähigkeit“
abdecken. Als eine Erwerbsunfähigkeit gilt der Verlust an Erwerbsmöglichkeiten auf
dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt. Der Frage, ob eine versicherte Person diese
Möglichkeiten vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung genutzt hat, kommt
dabei keine Bedeutung zu (vgl. zum Ganzen den Entscheid IV 2014/125 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 24. Mai 2016, E. 2.2, mit zahlreichen Hinweisen). Das
Bundesgericht hat bis heute keine überzeugenden Argumente geliefert, die diese als
„St. Galler Praxis“ bekannt gewordene Interpretation der massgebenden
Gesetzesbestimmungen widerlegen würden. In einem aktuellen Urteil hat es sich
einmal mehr nicht mit der Argumentation des Versicherungsgerichtes des Kantons St.
Gallen auseinandergesetzt, sondern lediglich festgehalten, „dass es nicht Sache der
Invalidenversicherung ist, die Einbusse in einer Tätigkeit auszugleichen, welche im
hypothetischen Gesundheitsfall nicht ausgeübt würde“ (Urteil des Bundesgerichtes
9C_823/2017 vom 18. September 2018, E. 3.2). Das Bundesgericht unterstellt also,
dass eine versicherte Person, die teilweise im Haushalt und teilweise ausserhäuslich
tätig ist, ihre Erwerbsfähigkeit nicht voll ausschöpfe. Das kann nur so verstanden
werden, dass das Bundesgericht einer Haushaltstätigkeit entweder keinen
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ökonomischen Wert beimisst oder dass es davon ausgeht, dabei handle es sich um
eine Art Freizeitbeschäftigung. Tatsächlich leisten je teilweise im Haushalt und
erwerblich tätige versicherte Personen – in aller Regel Frauen – aber gesamthaft
gesehen am meisten, nämlich im Aufgaben- und Erwerbsbereich zusammen meist
deutlich mehr als ein Vollpensum. Die sinngemässe Begründung des Bundesgerichtes
für die Diskriminierung ausgerechnet dieser Versicherten, diese würden ihre
Erwerbsfähigkeit nicht voll ausnutzen, mutet geradezu zynisch an. Weil sich das
Bundesgericht aber jedenfalls einmal mehr geweigert hat, sich mit der Interpretation
der massgebenden Gesetzesbestimmungen auseinanderzusetzen, sieht sich das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen weiterhin gezwungen, an dieser
Interpretation festzuhalten. Die Beschwerdeführerin ist deshalb als vollerwerbstätig zu
qualifizieren, weil sie vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung erwerbstätig
gewesen ist und weil ihr die Ausübung einer Erwerbstätigkeit – insbesondere mit Blick
auf die zur Verfügung stehende Betreuungslösung für die mittlerweile teilweise
selbständigen Kinder – zugemutet werden kann.
2.3 Selbst wenn hier die gemischte Methode anwendbar wäre, würde sich die
diesbezügliche Argumentation der Beschwerdegegnerin als rechtswidrig erweisen. Der
Verordnungsgeber hat nämlich in Nachachtung des Urteils 7186/09 des EGMR per 1.
Januar 2018 im Art. 27bis Abs. 3 lit. a IVV neu vorgesehen, dass das
Erwerbseinkommen, das eine versicherte Person (deren Invaliditätsgrad anhand der
gemischten Methode berechnet werden muss) durch eine Teilerwerbstätigkeit erzielen
könnte, auf eine Vollerwerbstätigkeit hochzurechnen ist, was den gravierendsten
Nachteil der Anwendung der gemischten Methode (die sogenannte doppelte
Gewichtung) eliminiert. Laut dem Urteil des Bundesgerichtes 9C_823/2017 vom 18.
September 2018 soll diese Verordnungsbestimmung zwar nur auf Fälle anwendbar
sein, die nach deren Inkrafttreten am 1. Januar 2018 rechtshängig geworden sind (E.
4.4 mit Hinweisen). Diese Einschränkung fusst aber augenscheinlich auf einer
Fehlinterpretation der massgebenden Übergangsbestimmung zur
Verordnungsänderung vom 1. Dezember 2017. Dort heisst es im Abs. 2: „Wurde eine
Rente vor dem Inkrafttreten der Änderung vom 1. Dezember 2017 [...] verweigert, so
wird eine neue Anmeldung geprüft, wenn die Berechnung des Invaliditätsgrades nach
Art. 27bis Abs. 2–4 IVV voraussichtlich zu einem Rentenanspruch führt“. Das
Bundesgericht scheint davon auszugehen, dass sich diese Übergangsbestimmung
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nicht nur auf formell rechtskräftige, sondern auch auf noch nicht in formelle Rechtskraft
erwachsene Rentenverweigerungsverfügungen beziehe. Die Ausführungen des
Bundesamtes für Sozialversicherungen zur Verordnungsänderung vom 1. Dezember
2017 zeigen aber, dass sich diese Übergangsbestimmung nur auf jene Fälle bezieht, in
denen ein Rentengesuch formell rechtskräftig abgewiesen worden ist (vgl. S. 12). Das
versteht sich eigentlich von selbst, denn bei einer Änderung der Rechtslage kann nie
behauptet werden, vor der Änderung sei die alte Rechtslage richtig gewesen und nun
sei die neue Rechtslage richtig, denn eine Gesetzes- oder Verordnungsänderung findet
ihren Grund in aller Regel in der Erkenntnis, dass die frühere Rechtslage (schon immer)
falsch gewesen ist (vgl. dazu RALPH JÖHL, Übergangsrechtliche Probleme im
Leistungsrecht der Sozialversicherung, Diss. 1996, passim). Konsequenterweise muss
eine Änderung der Rechtslage also stets sofort in allen Fällen berücksichtigt werden, in
denen die betroffenen Gesetzes- oder Verordnungsbestimmungen anzuwenden sind.
Das betrifft nicht nur Fälle, in denen die Anwendung nach dem Inkrafttreten erfolgt,
sondern alle im Verwaltungs- oder Verwaltungsstreitverfahren hängigen Fälle, also
auch den vorliegenden Fall. Eine Ausnahme von diesem generellen Grundsatz würde
entsprechende Übergangsbestimmungen voraussetzen, die sich auf zwingende
Gründe müssten stützen können. Eine solche Übergangsbestimmung liegt hier aber
augenscheinlich nicht vor. Im Gegenteil hat der Verordnungsgeber explizit darauf
hingewiesen, dass er bezüglich des Art. 27bis IVV den allgemeinen Grundsatz der
sofortigen Anwendbarkeit im vollen Umfang beachtet wissen will; ja sogar formell
rechtskräftig abgeschlossene Fälle sollen neu aufgerollt werden. Damit ist
offensichtlich, dass der Verordnungsgeber eine echte Rückwirkung für die Zeit vor dem
1. Januar 2018 vorgesehen hat. Andernfalls hätte er das Rückkommen auf die
rechtskräftig erledigten Fälle nicht zeitlich schrankenlos angeordnet. Zwingende
Gründe, die gegen eine umfassende sofortige Anwendbarkeit der
Verordnungsänderung sprechen würden, sind nicht ersichtlich. Das Urteil 7186/09 des
EGMR, dessen Umsetzung durch die Verordnungsänderung angestrebt wird, ist im
Übrigen bereits am 2. Februar 2016 ergangen, was bedeutet, dass selbst die sofortige
Anwendung der Verordnungsänderung an sich bereits eine Verzögerung von knapp
zwei Jahren darstellt. Die oben erwähnte Bundesgerichtspraxis muss auch vor diesem
Hintergrund als gesetzwidrig qualifiziert werden. Auf den vorliegenden Fall müsste also
bei der Anwendung der gemischten Methode der neue Art. 27bis IVV angewendet
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werden. Das bedeutet, dass bei der Berechnung des Invaliditätsgrades für den
erwerblichen Teil jener Lohn als Valideneinkommen zu berücksichtigen ist, den die
Beschwerdeführerin in einem Vollpensum hätte erzielen können.
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin hat als Kind an einer schweren Legasthenie gelitten und
sie hat – zumindest vorübergehend – wegen Beschwerden im Zusammenhang mit
einer epileptischen Störung Probleme mit der Bewältigung des Schulstoffs gehabt.
Dadurch könnte sie in ihrer schulischen und in ihrer beruflichen Ausbildung
beeinträchtigt gewesen sein. Gemäss dem Bericht des schulpsychologischen Dienstes
des Kantons St. Gallen verfügt die Beschwerdeführerin über eine durchschnittliche
Intelligenz, was bedeutet, dass sie ohne eine Gesundheitsbeeinträchtigung hätte in der
Lage sein müssen, eine gewöhnliche Berufsausbildung zu absolvieren. Beispielsweise
hätte sie den Beruf der Krankenschwester erlernen können. Tatsächlich hat sie aber
nur eine Ausbildung zur Krankenpflegerin absolviert. Da keine Hinweise darauf
ersichtlich sind, dass die Beschwerdeführerin lieber „nur“ als Krankenpflegerin (statt als
Krankenschwester) hätte arbeiten wollen, besteht der Verdacht, dass die Legasthenie
(und allenfalls auch die Beschwerden im Zusammenhang mit der epileptischen
Störung) sie daran gehindert haben könnte, eine höher qualifizierte Ausbildung als jene
zur Krankenpflegerin zu absolvieren. Dieser Verdacht wird durch die Probleme erhärtet,
mit denen die Beschwerdeführerin im Zusammenhang mit der Umschulung zur
Podologin zu kämpfen gehabt hat. Zusammenfassend könnte also eine angeborene
oder im frühen Kindesalter erworbene Gesundheitsbeeinträchtigung die
Beschwerdeführerin daran gehindert haben, jenen Beruf zu erlernen, den sie hätte
erlernen können und erlernen wollen, wenn sie gesund gewesen wäre. Vor diesem
Hintergrund ist die Beschwerdeführerin möglicherweise als eine Frühinvalide im Sinne
des Art. 26 Abs. 1 IVV zu qualifizieren. Dieser Frage ist die Beschwerdegegnerin bislang
aus nicht nachvollziehbaren Gründen noch nicht nachgegangen. Selbst als sie die
Beschwerdeführerin nach einem im Jahr 1993 erlittenen Unfall bei einer Umschulung
unterstützt hat, hat sie dieser Frage keine Bedeutung zugemessen. Die Umschulung
kann folglich zum Vorneherein nicht geeignet gewesen sein, die erwerblichen
Einschränkungen infolge der angeborenen oder frühkindlich erworbenen
Gesundheitsbeeinträchtigung zu beseitigen, denn sie hat ja nur darauf abgezielt, jenes
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Mass an Erwerbsfähigkeit wieder herzustellen, über das die Beschwerdeführerin vor
dem Unfall im Jahr 1993 als Krankenpflegerin verfügt hatte. Sollte die
Beschwerdeführerin also tatsächlich frühinvalid gewesen sein, könnte die neue
Berufskarriere als Podologin keinesfalls die nun relevante Validenkarriere sein. Mit
anderen Worten hängt die Bestimmung der Validenkarriere und damit auch die
Bemessung des Valideneinkommens massgebend davon ab, ob die
Beschwerdeführerin wegen einer Gesundheitsbeeinträchtigung von Beginn weg daran
gehindert gewesen ist, einen ihren Neigungen und Fähigkeiten im sogenannten
„hypothetischen Gesundheitsfall“ entsprechenden Beruf zu erlernen. Da die
Beschwerdegegnerin diesbezüglich keinerlei Abklärungen getätigt hat, erweist sich der
massgebende Sachverhalt insofern als unzureichend ermittelt. Das bedeutet, dass die
angefochtene Verfügung in Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG)
ergangen ist, weshalb sie als rechtswidrig aufzuheben ist. Da es nicht die Sache des
Versicherungsgerichtes sein kann, die ureigenste Aufgabe der Beschwerdegegnerin –
die Sachverhaltsabklärung – zu übernehmen, ist die Sache zur weiteren Abklärung an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird einen medizinischen
Sachverständigen mit der Beantwortung der Frage beauftragen, ob die
Beschwerdeführerin noch immer an einer Legasthenie leidet. Gestützt auf dessen
Angaben dürfte sie in der Lage sein, die Frage zu beantworten, ob die
Beschwerdeführerin an einer Gesundheitsbeeinträchtigung gelitten hat, die ihre
schulische und berufliche Ausbildung behindert hat. Gegebenenfalls wird die
Beschwerdegegnerin das Valideneinkommen der Beschwerdeführerin gestützt auf den
Art. 26 Abs. 1 IVV ermitteln.
3.2 Für die Bestimmung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens
kommt der medizinischen Arbeitsfähigkeitsschätzung eine entscheidende Bedeutung
zu. Diesbezüglich erweist sich die Aktenlage als dürftig. Die Mehrheit der
medizinischen Berichte stammt von der behandelnden Gynäkologin Dr. B._. Diese
hat sich allerdings nur teilweise zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin geäussert,
denn nachdem diese ihre frühere Tätigkeit im bisherigen Pensum wieder aufgenommen
hatte, hat Dr. B._ keine Veranlassung gesehen, sich zur Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin zu äussern. Die Beschwerdegegnerin hat es versäumt, Dr. B._
darauf aufmerksam zu machen, dass der genaue Arbeitsfähigkeitsgrad der
Beschwerdeführerin in der bisherigen und in einer ideal leidensadaptierten Tätigkeit für
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die Beurteilung des Rentenbegehrens bekannt sein muss, weshalb sich bei den Akten
keine Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. B._ befindet, auf die abgestellt werden
könnte. Zwar hat sich der Onkologe Dr. D._ vom Spital C._ in allgemeiner Weise
zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin geäussert, indem er angegeben hat, diese
sei zu 50–60 Prozent arbeitsfähig. Aber sein Bericht enthält keine objektive klinische
Befundschilderung, die es einem medizinischen Laien erlauben würde, sein
Arbeitsfähigkeitsattest nachzuvollziehen. Aus der Sicht eines medizinischen Laien
leuchtet es nicht ein, dass eine erfolgreich behandelte Krebserkrankung aus rein
onkologischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit von 40–50 Prozent zur Folge haben sollte.
Eine überzeugende Begründung für sein Attest hat Dr. D._ jedenfalls nicht geliefert,
weshalb dieses nicht geeignet ist, den massgebenden Arbeitsfähigkeitsgrad der
Beschwerdeführerin mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen. Die RAD-Ärztin Dr. E._ hat zwar anhand einer
Aktenwürdigung versucht, eine begründete Arbeitsfähigkeitsschätzung abzugeben,
aber da sie die Beschwerdeführerin nicht persönlich untersucht hat, hat sie dafür nur
auf die Angaben der Dres. B._ und D._ und auf ihre allgemeine medizinische
Erfahrung abstellen können. Weil die Angaben der behandelnden Ärzte aber – wie
dargelegt – unvollständig gewesen sind, hat Dr. E._ massgebend auf ihre allgemeine
medizinische Erfahrung abstellen müssen. Das zeigen insbesondere ihre Ausführungen
zu den von Dr. B._ erwähnten Folgebeschwerden der Krebserkrankung
(Lymphödem, psychische Belastung, neurologische Beschwerden): Diesbezüglich hat
Dr. E._ nämlich lediglich darauf hinweisen können, dass solche Beschwerden
normale Folgeerscheinungen einer Krebserkrankung seien, die in aller Regel nur
vorübergehender Natur seien. Das mag zwar generell zutreffen, ist aber für den
konkreten Einzelfall nicht massgebend, da die Beschwerdeführerin zu jenen (seltenen)
Ausnahmen gehören könnte, bei denen eine Krebserkrankung länger dauernde oder
gar bleibende Folgebeschwerden verursachen würde, die die Arbeitsfähigkeit
anhaltend einschränken würden. Die Gauss’sche Normalverteilungskurve lässt nun
einmal keinen Schluss vom Allgemeinen auf den Einzelfall zu. Mit anderen Worten sind
auch die sich auf die allgemeine medizinische Erfahrung stützenden Ausführungen von
Dr. E._ nicht geeignet, den massgebenden konkreten medizinischen Sachverhalt mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen.
Damit erweist sich der Sachverhalt auch in Bezug auf die für die Bestimmung des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
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St.Galler Gerichte
zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens massgebende Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin als unzureichend abgeklärt. Die Beschwerdegegnerin wird folglich
auch weitere Abklärungen zur Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin für eine ideal
leidensadaptierte Tätigkeit tätigen müssen. Die Entscheidung, in welcher Form diese
Abklärungen getätigt werden (RAD-Untersuchung, fachärztliche Begutachtung oder
polydisziplinäre Begutachtung), bleibt der Beschwerdegegnerin beziehungsweise ihrem
RAD überlassen.
4.
Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung vom 29. Juli 2016 wegen einer
Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) aufzuheben und die Sache
ist zur weiteren Abklärung und zur anschliessenden neuen Verfügung im Sinne der
Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dieser Verfahrensausgang
gilt rechtsprechungsgemäss hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als ein
vollständiges Obsiegen der Beschwerdeführerin. Die Gerichtskosten von 600 Franken
sind folglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der
von ihr geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet. Die
Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung
auszurichten. Der für deren Höhe massgebende erforderliche Vertretungsaufwand ist
insgesamt als durchschnittlich zu qualifizieren. Der Aufwand zur Begründung des in der
Replik gestellten Antrages um die Vergütung der Kosten der Operation ist zwar nicht
entschädigungspflichtig. Er muss aber im Vergleich zum restlichen (erforderlichen)
Vertretungsaufwand als so geringfügig qualifiziert werden, dass er keine Kürzung der
Parteientschädigung rechtfertigt. Diese ist folglich praxisgemäss auf 3’500 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.