Decision ID: 115a72c6-2ee9-598b-b67b-29c8c1523656
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden suchten am 22. Oktober 2015 in der Schweiz
um Asyl nach. Anlässlich der Befragungen zur Person (BzP) vom 27. Ok-
tober 2015 und den Anhörungen vom 1. Juni 2017 (Beschwerdeführer 2,
N (...); nachfolgend auch BF 2) und 2. Juni 2017 (Beschwerdeführer 1,
N (...); nachfolgend auch BF 1) machten sie im Wesentlichen Folgendes
geltend:
Sie seien tadschikischer Ethnie und stammten aus Kabul, wo sie bis Ende
2010 / Anfang 2011 mit ihren Eltern und Geschwistern gelebt hätten. Im
Jahr 2008 hätten sie begonnen, für die C._ als (...) respektive (...)
(BF 1) beziehungsweise als (...) (BF 2) zu arbeiten. Die C._ habe
(...). Nach sechs bis sieben Monaten hätten sie telefonische Drohungen
erhalten. Die ihnen unbekannten Anrufer hätten von ihnen verlangt, Infor-
mationen über die Tätigkeiten der C._ an sie weiterzuleiten. Sie
hätten die Anrufe zunächst aber für einen Streich ihrer Freunde gehalten.
Danach sei eine Zeit lang nichts mehr passiert, ihnen seien aber verdäch-
tige Personen aufgefallen. Nachdem im (...) respektive (...) 2010 ein
C._-(...) von den Taliban angegriffen, der Sicherheitschef als Geisel
genommen und schliesslich getötet worden sei, hätten die Drohungen wie-
der angefangen. Am späteren Abend des (...) 2010 habe es bei ihnen Zu-
hause am Haustor geklopft. Der Beschwerdeführer 2 habe das Tor beden-
kenlos geöffnet. Es seien vor dem Haus eine Gruppe von Personen ge-
standen. Diese hätten versucht, ihn zu entführen. Er habe sich jedoch am
Tor festhalten und um Hilfe schreien können. Der hierdurch alarmierte
Nachbar habe daraufhin geistesgegenwärtig einige Schüsse abgegeben
und die Angreifer so in die Flucht geschlagen. Tags darauf sei er mit seiner
Mutter auf den Polizeiposten gegangen. Die Polizei habe jedoch nicht hel-
fen können, da er keinerlei sachdienliche Angaben zur Täterschaft habe
machen können. Ihm sei weder bekannt gewesen, wer die Personen ge-
wesen seien, noch welcher Gruppierung diese angehört hätten. Die Mutter
sei davon ausgegangen, dass es sich um Diebe gehandelt habe. Tags da-
rauf sei die gesamte Familie mit ihren Habseligkeiten zur (...) nach Mazar-
i-Sharif gefahren. Dort hätten sie sich zunächst im Haus der (...) versteckt,
später aber ein eigenes Haus gemietet. Trotz des Vorfalls im (...) 2010 hät-
ten die Beschwerdeführenden bereits (...) 2011 wieder für die C._
zu arbeiten begonnen. Nebenbei hätten sie auch ein Studium angefangen
und regelmässig die öffentliche Universität aufgesucht. Der Beschwerde-
führer 2 habe sein Studium im Jahr 2014 erfolgreich abgeschlossen.
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Ungefähr im (...) 2014 – also erst fast vier Jahre nach dem Vorfall vom (...)
2010 – sei der Beschwerdeführer 1 abends auf dem Heimweg von mehre-
ren Angreifern angehalten und mit einer Waffe bedroht worden. Er habe
einen der Angreifer wegstossen und wegrennen können, wobei die Angrei-
fer mit Gewehren auf ihn geschossen hätten. Er sei in einen Strassenkanal
/ eine Wasserrinne gefallen und dort ohnmächtig geworden. Als er schliess-
lich wieder zu sich gekommen sei, habe er sich zu Hause bei seinen Eltern
befunden. Er sei dort von Polizisten und Nachbarn umringt aufgewacht. Am
nächsten Tag habe er auf dem Polizeiposten alles erzählt, er habe jedoch
die Angreifer nicht beschreiben können. Nach diesem Vorfall sei der Be-
schwerdeführer 2 gemeinsam mit dem Rest der Familie nach Kabul zu-
rückgekehrt. Der Beschwerdeführer 1, welcher immer noch unter Schock
gestanden habe, habe sich noch drei bis vier Monate lang bei seiner (...)
in Mazar-i-Sharif versteckt gehalten. In der Zwischenzeit hätten sie ihrem
(...) aufgetragen, ein Stück Land in ihrem Eigentum zu verkaufen, um ihre
Ausreise zu finanzieren; dies habe sechs bis acht Monate gedauert. Da-
raufhin habe sich der Beschwerdeführer 1 nach Kabul begeben und sei
von dort zusammen mit dem Beschwerdeführer 2 mit der Hilfe eines
Schleppers über Nimruz in den Iran gereist. Über Griechenland seien sie
nach Europa gelangt und in die Schweiz weitergereist.
Die Beschwerdeführenden reichten ihre Tazkera, ihre Führerscheine, je ein
Schreiben der Dorfältesten betreffend die Übergriffe auf sie, diverse Schul-
und Universitätsdokumente, Arbeitszertifikate, Bestätigungsschreiben und
Fotos zu den Akten.
B.
Mit zwei separaten Verfügungen vom 20. November 2017 (beide eröffnet
am 23. November 2017) verneinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der
Beschwerdeführenden und lehnte ihre Asylgesuche ab. Gleichzeitig ver-
fügte es ihre Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
C.
Mit separaten Beschwerden vom 27. Dezember 2017 an das Bundesver-
waltungsgericht beantragten die Beschwerdeführenden die Aufhebung der
angefochtenen Verfügungen, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
und die Gewährung von Asyl, eventualiter die Anordnung der vorläufigen
Aufnahme. In prozessualer Hinsicht beantragten sie die Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung inklusive Kostenvorschussverzicht sowie
die Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbei-
stand.
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Seite 4
D.
Mit separaten Zwischenverfügungen vom 4. Januar 2018 hiess die vormals
zuständige Instruktionsrichterin die Gesuche um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses, ordnete den Beschwerdeführenden den rubrizierten Rechts-
vertreter als amtlichen Rechtsbeistand bei und stellte ihren rechtmässigen
Aufenthalt in der Schweiz für die Dauer des Verfahrens fest.
E.
Aus organisatorischen Gründen ist die Verfahrensleitung seit dem letzten
Schriftenwechsel auf den vorsitzenden Richter als neuen Instruktionsrich-
ter übergegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerden und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerden sind frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerden ist einzutreten.
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Seite 5
2.
Grundsätzlich bildet jeder vorinstanzliche Entscheid ein selbständiges An-
fechtungsobjekt. Ein gemeinsames Beschwerdeverfahren mit einem einzi-
gen Urteil ist indes zuzulassen, wenn die einzelnen Sachverhalte in einem
engen inhaltlichen Zusammenhang stehen und sich ähnliche Rechtsfragen
stellen (ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessie-
ren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 3.17).
Die Vorinstanz lehnte die Asylgesuche der Beschwerdeführenden in zwei
separaten Verfügungen ab. Da es sich um einen zusammenhängenden
Sachverhalt handelt und sich die gleichen Rechtsfragen stellen, sind die
Verfahren zu vereinigen und es ist in einem einzigen Urteil über die beiden
Verfügungen zu entscheiden.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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Seite 6
6.
6.1 Das SEM begründete seine Verfügungen im Asylpunkt mit dem fehlen-
den respektive nicht glaubhaften Kausalzusammenhang zwischen der Tä-
tigkeit der Beschwerdeführenden für die C._ und den geltend ge-
machten Übergriffen. Im Übrigen mangle es ihren Vorbringen an der erfor-
derlichen Asylrelevanz.
Den Angaben der Beschwerdeführenden zu den angeblichen Übergriffen
könnten weder konkrete Hinweise auf eine Täterschaft entnommen wer-
den, noch liessen sich daraus Rückschlüsse auf Motive und Hintergründe
der Taten ziehen. Um einen Kausalzusammenhang zwischen ihren Tätig-
keiten und den Übergriffen glaubhaft zu machen beziehungsweise um da-
raus eine begründete Furcht vor gezielter Verfolgung in absehbarer Zu-
kunft ableiten zu können, müssten objektive Anhaltspunkte vorhanden
sein. Es genüge nicht, die Bedrohungslage lediglich mit Vermutungen und
Spekulationen zu unterlegen. Ihren Vorbringen seien keine konkreten Hin-
weise darauf zu entnehmen, warum sie in den Jahren 2010 respektive
2014 angegriffen worden seien. Ebensowenig liessen die geltend gemach-
ten Drohanrufe Rückschlüsse auf eine Täterschaft und die Motive zu. Dies-
bezüglich seien ihre Angaben, insbesondere im Vergleich zu anderen Vor-
bringen, substanzarm und erlebnisfern ausgefallen. Es bestünden somit
erhebliche Zweifel daran, dass sie wegen ihrer Arbeitstätigkeit persönlich
und gezielt via Telefon kontaktiert und bedroht worden seien. Weiter er-
scheine es nicht nachvollziehbar, dass sie einerseits davon ausgegangen
seien, dass der Beschwerdeführer 2 aufgrund seiner Tätigkeit für die
C._ angegriffen worden sei, sie andererseits bloss wenige Monate
später genau diese Arbeit beim selben Arbeitgeber in Mazar-i-Sharif wie-
derum aufgenommen hätten. Ihre diesbezügliche Erklärung, es sei schwie-
rig gewesen, eine andere Arbeit zu finden, überzeuge nicht. Da ihre Familie
angeblich aufgrund dieses Ereignisses Kabul verlassen und nach Mazar-i-
Sharif habe umsiedeln müssen, wäre zu erwarten gewesen, dass die Be-
schwerdeführenden und ihre Eltern alles unternommen hätten, um eine
weitere Gefährdung zu vermeiden. Es könne somit nicht davon ausgegan-
gen werden, dass sie sich zum Zeitpunkt ihrer Ausreise in besagter Bedro-
hungslage befunden hätten. An dieser Einschätzung würden auch die als
Beweismittel eingereichten Schreiben nichts zu ändern vermögen, zumal
diese mangels Fälschungsmerkmalen (recte: Sicherheitsmerkmalen) nicht
auf ihre Echtheit zu prüfen und ohnehin als Gefälligkeitsschreiben einzu-
stufen seien. Sie seien somit nicht geeignet, den dargelegten Sachverhalt
zu belegen.
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Seite 7
Ferner seien die vorgebrachten Gründe für die Ausreise nicht asylrelevant.
Die allgemeine Sicherheitslage und damit auch die erhöhte Gefahr einer
Entführung in Afghanistan betreffe eine Vielzahl von Menschen und sei auf
die politische und wirtschaftliche Situation an ihrem damaligen Wohnort zu-
rückzuführen. Somit ergäben sich in Anbetracht der Aktenlage und mit Be-
zug auf den unglaubhaften Kausalzusammenhang zwischen den Übergrif-
fen und ihrer Arbeitstätigkeit keinerlei Hinweise darauf, dass sie in Afgha-
nistan Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hätten. In Anbe-
tracht ihrer Biographie und ihrer Arbeitstätigkeit sei keine Exponiertheit zu
erkennen, welche ein erhöhtes Verfolgungsrisiko zu begründen vermöge.
Zudem hätten für die Beschwerdeführenden mit Kabul respektive Mazar-i-
Sharif ohnehin innerstaatliche Fluchtalternativen vorgelegen.
Im Zeitpunkt ihrer Ausreise sei eine begründete Furcht vor Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG bei objektiver Betrachtung zu verneinen.
6.2
6.2.1 Zur Begründung ihrer Beschwerden äusserten sich die Beschwerde-
führenden zunächst zum Kausalzusammenhang ihrer Arbeitstätigkeit für
die C._ mit den Drohungen und Angriffen.
Die Beschwerdeführenden hätten zwar ihre Angreifer nicht benennen und
auch nicht einer bestimmten Gruppe zuordnen können, aber zumindest die
Vermutung geäussert, dass die Taliban respektive Angehörige des soge-
nannten Islamischen Staates (IS) sowohl für die Drohanrufe als auch die
Angriffe verantwortlich gewesen sein könnten. Es könne von ihnen auch
nicht erwartet werden, einzelne Mitglieder dieser Gruppierungen kennen
zu müssen. Für eine mögliche Täterschaft der Taliban spreche, dass die
Angreifer Paschtu gesprochen hätten und es kurz vorher zu Tötungen von
entführten Angestellten der C._ durch die Taliban gekommen sei.
Drohanrufe mit einer Forderung der Zusammenarbeit entspreche einem
bekannten Muster der Taliban. Daraus erhelle sich, dass die Drohanrufe
und die Angriffe mit ihrer Tätigkeit für die C._ zusammenhingen.
Dabei hätten es die Angreifer auf sie persönlich abgesehen, hätten diese
beim Angriff auf den Beschwerdeführer 2 doch gerufen «Er ist es selber!»;
den Beschwerdeführer 1 hätten sie gekannt und beim Elternhaus abge-
passt. Der Beschwerdeführer 1 habe überdies entgegen der Ansicht der
Vorinstanz den Erhalt der Drohanrufe im Kontext der Bedrohungslage aus-
führlich dargelegt und Wissenslücken bezüglich der Täterschaft zugege-
ben. Die Schilderungen des Beschwerdeführers 2 zur Lage zu Hause nach
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dem Angriff auf seinen Bruder seien substanziiert gewesen, er habe hierbei
sogar die direkte Rede verwendet. Bezüglich seiner eigenen Entführung
habe er an der Anhörung gar weinen müssen. Auch habe er von sich aus
erwähnt, wie sich das Weinen und Schreien der Mutter in sein Gedächtnis
gebrannt habe. Diese Realkennzeichen deuteten auf Selbsterlebtes hin.
Auch der Beschwerdeführer 1 habe mit Realkennzeichen und Detailaussa-
gen seine Asylgründe geschildert. Die traumatischen Auswirkungen sowie
seine Gefühlslage während und nach dem Angriff habe er ausführlich ge-
schildert. Die psychischen Folgen des Angriffes sowie die gemäss Bemer-
kung der Hilfswerksvertretung (nachfolgend HWV) zu bemängelnden
Deutschkenntnisse des Dolmetschers müssten bei der Beurteilung der
Glaubhaftigkeit berücksichtigt werden.
Die Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit für die C._ nach ihrer Flucht
nach Mazar-i-Sharif hätten die Beschwerdeführenden bereits an der Anhö-
rung begründen können. Der Jobwechsel des Vaters von einer (...) zum
(...) sei mit einer Einkommenseinbusse einhergegangen. Sie hätten im Jahr
2011 weder über ein abgeschlossenes Studium noch über genügend Be-
rufserfahrung verfügt, um sich im Arbeitsmarkt behaupten zu können. Sie
hätten daher keine andere Wahl gehabt, als sich wieder bei ihrem bisheri-
gen Arbeitgeber um eine Stelle zu bemühen. Sie hätten sich in einer neuen
Gegend befunden und überdies Vorsichtsmassnahmen getroffen, indem
sie als Mitarbeiter nicht registriert worden seien und ihren Lohn «schwarz»
bezogen hätten.
6.2.2 Zur Asylrelevanz ihrer Vorbringen äusserten sich die Beschwerdefüh-
renden wie folgt:
Die Beschwerdeführenden seien für die C._ als «(...)» (BF 2) und
als (...) (BF 1) tätig gewesen. Die C._ führe unter anderem (...) und
(...) durch, wobei öfters amerikanische Armeeeinheiten oder Behörden zu
ihren Kunden zählten. Die Beschwerdeführenden rückten damit als Helfer
der «Ungläubigen» durchaus in den Fokus der Taliban oder ideologisch
ähnlich ausgerichteten Gruppierungen. Die C._ sei ihren Angaben
zufolge denn auch schon Ziel von Anschlägen der Taliban oder ähnlicher
Gruppen gewesen. Als Arbeitnehmer der C._ fielen sie in die Kate-
gorie von gefährdeten Personen. Zudem sei im Arbeitszeugnis der
C._ festgehalten worden, dass sie ihre erste Stelle in Kabul auf-
grund von Sicherheitsproblemen hätten aufgeben müssen.
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Wenn die Vorinstanz ausführe, für den Beschwerdeführer 2 hätte mit Ma-
zar-i-Sharif eine innerstaatliche Fluchtalternative bestanden, verkenne sie,
dass die Familie zu Beginn versteckt im Haus der (...) und später in stän-
diger Angst gelebt habe. Aufgrund des Angriffs auf den Beschwerdefüh-
rer 1 sei die Familie erneut nach Kabul zum (...) geflüchtet. Da der Grund
für den Angriff auf den Beschwerdeführer 1 in dessen Arbeitstätigkeit gele-
gen habe, sei es wohl eher Zufall gewesen, dass sich der Angriff nicht ge-
gen den Beschwerdeführer 2 gerichtet habe. Im geltend gemachten Kon-
text bestehe zudem die Gefahr einer allfälligen Reflexverfolgung. Überdies
sei der afghanische Staat im Moment nicht fähig, Schutz vor Angriffen der
Taliban und anderen bewaffneten Gruppen zu gewähren. Dasselbe gelte
auch für den Beschwerdeführer 1, für den entgegen der Ansicht der Vo-
rinstanz mit Kabul keine innerstaatliche Fluchtalternative bestanden habe.
Die Familie habe sich nach ihrer Rückkehr nach Kabul beim (...) versteckt.
Die Geschwister hätten keine Schule besucht und der Vater habe drei bis
vier Stunden pro Woche als (...) gearbeitet.
Bei einer Rückkehr fürchteten sie, von den Taliban oder anderen Gruppie-
rungen aufgefunden, misshandelt und getötet zu werden.
7.
7.1 Grundsätzlich sind Vorbringen dann glaubhaft gemacht, wenn sie ge-
nügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind. Sie dürfen sich
nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht
widersprüchlich sein, nicht der inneren Logik entbehren oder den Tatsa-
chen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Vorbringen sind sub-
stantiiert, wenn sie sich auf detaillierte, präzise und konkrete Schilderun-
gen stützen. Als schlüssig gelten Vorbringen, wenn sie innerhalb einer An-
hörung, zwischen Anhörungen oder im Vergleich zu Aussagen Dritter keine
Widersprüche aufweisen. Allerdings sollten kleine, marginale Widersprü-
che sowie solche, die nicht die zentralen Asylvorbringen betreffen, zwar in
die Gesamtbetrachtung einfliessen, jedoch nicht die alleinige Begründung
für die Verneinung der Glaubhaftigkeit darstellen. Darüber hinaus muss die
gesuchstellende Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbe-
sondere dann nicht der Fall ist, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt
oder bewusst falsch darstellt, im Laufe des Verfahrens Vorbringen aus-
wechselt, steigert oder unbegründet nachschiebt oder die nötige Mitwir-
kung am Verfahren verweigert. Glaubhaftmachen bedeutet ferner – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, welche für die
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Seite 10
Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (vgl. BVGE 2012/5
E. 2.2, BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3; ANNE KNEER und LINUS SONDEREG-
GER, Glaubhaftigkeitsprüfung im Asylverfahren – Ein Überblick über die
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Asyl 2/2015 S. 5).
Nachfolgend ist nach einer einleitenden Erläuterung zur Sicherheitslage in
Afghanistan auf die einzelnen Vorbringen der Beschwerdeführenden ein-
zugehen.
7.2
7.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat zuletzt mit Urteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert) eine Lagebeurteilung
zu Afghanistan vorgenommen. Zu verzeichnen war und ist eine deutliche
Verschlechterung der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des
Bundesverwaltungsgerichts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug
der International Security Assistance Force (ISAF) über alle Regionen hin-
weg. Seit dem Übergang der Kontrolle von den ISAF-Kampftruppen auf die
Afghan National Security Forces (ANSF) hat der Konflikt mehr und mehr
den Charakter eines Bürgerkrieges angenommen, wobei grosse Teile des
Staatsgebiets direkt von Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen
terroristische Anschläge in den von offenen Gefechten weitgehend ausge-
nommenen urbanen Zentren. Im Visier stehen vor allem Grossstädte wie
Kabul. An dieser Einschätzung ist angesichts der nach wie vor sehr volati-
len Sicherheitslage, welche sich im Jahr 2018 im Verhältnis zum Jahr 2017
nochmals verschlechtert hat, weiterhin festzuhalten (vgl. US Commission
on International Religious Freedom [USCIRF]: "Annual Report 2018 – Af-
ghanistan" vom 24. Februar 2019, https://www.uscirf.gov/sites/default
/files/Tier2_AFGHANISTAN_2019.pdf; Austrian Centre for Country
of Origin and Asylum Research and Documentation [ACCORD]: "General
Security Situation in Afghanistan and Events in Kabul" vom
27. September 2019, https://www.ecoi.net/en/countries/afghanistan/fea
tured-topics/general-security-situation-in-afghanistan-and-events-in-kabul;
United Nations Assistance Mission in Afghanistan [UNAMA] / Office of the
United Nations High Commissioner for Human Rights [OHCHR]: "Protec-
tion of Civilians in Armed Conflict – Annual Report 2018" vom 1. Februar
2019, https://unama.unmissions.org/sites/default/files/afghanistan_protec
tion_of_civilians_annual_report_2018_final_24_feb_2019_v3.pdf; alle zu-
letzt abgerufen am 7. Juli 2020).
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7.2.2 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich sodann Gruppen
von Personen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten
Verfolgungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Perso-
nen, welche der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemein-
schaft einschliesslich den internationalen Militärkräften nahestehen oder
als Unterstützer derselben wahrgenommen werden sowie westlich orien-
tierte oder der afghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen
nicht entsprechende Personen (vgl. dazu UNHCR Eligibility Guidelines for
Assessing the International Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan,
30. August 2018, A. Risk Profiles, S. 39 ff., sowie die beiden Berichte des
Europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen [European Asylum Sup-
port Office EASO]: "Country of Origin Information Report: Afghanistan: In-
dividuals targeted by armed actors in the conflict" vom Dezember 2017;
S. 34 f. und "Country Guidance: Afghanistan: Guidance note and common
analysis", Juni 2019, insb. S. 49-51). Gegenüber solchen Personen kommt
es regelmässig zu Vorfällen, worunter namentlich Entführungen und An-
griffe fallen, bei denen die Betroffenen verletzt oder gar getötet worden sind
(EASO Bericht "Country Guidance: Afghanistan: Guidance note and com-
mon analysis", Juni 2019, a.a.O.). Auch andere Quellen berichten von ge-
zielten Angriffen auf Mitarbeiter der afghanischen Regierung oder interna-
tionaler Organisationen und einem erhöhten Risiko dieser Personen, ei-
nem Gewaltakt – insbesondere durch die Hände der Taliban – ausgesetzt
zu werden (vgl. Australian Departement of Forgein Affairs and Trade
[DFAT]: "Country Information Report Afghanistan" vom 18. September
2017, Ziff. 3.19 und 3.23; ACCORD: "Aktuelle Sicherheitslage in Afghanis-
tan und Chronologie für Kabul" vom 11. September 2018, Kapitel 1.2;
Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH]: "Afghanistan: Gefährdungsprofile"
vom 12. September 2019, insbesondere S. 10).
8.
Nachfolgend ist zu prüfen, ob es den Beschwerdeführenden gelungen ist,
ihre Tätigkeit für die C._ und die darauf beruhenden Drohungen,
welche im Jahr 2010 in einem Entführungsversuch des Beschwerdeführers
2 in Kabul und im Jahr 2014 in einem Angriff auf den Beschwerdeführer 1
in Mazar-i-Sharif gemündet haben sollen, glaubhaft zu machen.
8.1
8.1.1 Als Beleg ihrer Tätigkeit für die C._ reichten die Beschwerde-
führenden je eine angebliche Arbeitsbestätigung (vgl. bei beiden Be-
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Seite 12
schwerdeführern vorinstanzliche Akten A14, Beweismittel 3 resp. Beweis-
mittel 6) sowie ein «Certificate Of Appreciation» (vgl. a.a.O, Beweismittel 4
resp. Beweismittel 7) – beide datiert auf den (...) 2014 – ein.
8.1.2 Bei den eingereichten Bestätigungen handelt es sich um Dokumente,
welche über keine validen Sicherheitsmehrmale verfügen, sehr einfach
fälschbar oder käuflich erwerbbar sind und schon daher einen reduzierten
Beweiswert aufweisen. Im vorliegenden Fall kommt hinzu, dass die ent-
sprechenden Dokumente erhebliche Unstimmigkeiten aufweisen, die mit
einem authentischen Dokument kaum in Einklang zu bringen sind und die
erhebliche Zweifel an deren Echtheit begründen.
8.1.3 Auf den eingereichten Arbeitsbestätigungen finden sich zahlreiche
Unstimmigkeiten und Fehler. Die Kopfzeile der Dokumente enthält den Na-
men des Unternehmens, dessen Logo und Kürzel sowie Adress- und Kon-
taktinformationen. Hierbei sticht ins Auge, dass sich bereits im Firmenna-
men gleich zwei Schreibfehler befinden ([...], sic!). Dass die Firmenbe-
zeichnung im Briefkopf des offiziellen Briefpapiers fehlerhaft geschrieben
ist, erscheint wenig realitätsnah. Hinzu kommt, dass auch das abgebildete
Logo augenscheinlich unvollständig ist und sich an der linken Seite deutlich
abgeschnitten präsentiert. Dass ein Logo auf dem offiziellen Briefpapier nur
fragmentarisch abgebildet wird, ist ebenfalls unüblich. Weiter ist herauszu-
streichen, dass auch die Schriftart des Kürzels auf dem Dokument abwei-
chend ist und gänzlich anders als auf den Beweismitteln 7 und 4 erscheint.
Es fehlen hierbei die Punkte zwischen den einzelnen Buchstaben. Dass
die Kopfzeile eines offiziellen Briefpapiers derart gewichtige Fehler auf-
weist, wobei nicht einmal der Name der Firma und ihr Logo fehlerlos sind,
erscheint nicht nachvollziehbar. Hinzu kommt, dass der weitere Inhalt des
Dokuments in schlechtem und fehlerhaften Englisch sowie unsorgfältig
verfasst wurde.
Im Weiteren datieren beide Dokumente vom (...) 2014. In dieser Zeit wären
die Beschwerdeführenden aber eigenen Angaben zufolge nach wie vor bei
der C._ tätig gewesen. Auf das Ausstelldatum aufmerksam ge-
macht, machte der Beschwerdeführer 1 geltend, dass er die Dokumente
nach der BzP beantragt habe (vgl. BF 1, A13 F124). Wenn die Dokumente
aber zeitlich nach der BzP ausgestellt worden wären, hätten diese auf
Ende 2015 datiert sein müssen. Weiter kommt hinzu, dass die Arbeitsbe-
stätigungen unerklärlicherweise bloss eine Tätigkeit vom (...) 2008 bis (...)
2010 ausweisen. Die angeblich im (...) 2011 aufgenommene zweite Tätig-
keit für dieses Unternehmen wird demgegenüber nicht ausgewiesen; dies
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Seite 13
obgleich die beiden Dokumente 2014 ausgestellt worden sein sollen und
eine ab (...) 2011 aufgenommene Tätigkeit somit klarerweise hätten ent-
halten müssen. Die betroffenen Dokumente weisen somit auch mehrere
inhaltliche Unstimmigkeiten auf.
8.1.4 Insgesamt sind erhebliche Zweifel an der Echtheit der vorgenannten
Beweismittel anzubringen. Damit ist die persönliche Glaubwürdigkeit der
Beschwerdeführenden in Frage gestellt.
8.2 Die Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Sachvorbringen werden unter
anderem dadurch untermauert, dass die Beschwerdeführenden trotz ihrer
angeblich mehrjährigen Tätigkeit für die C._ den Tätigkeitsbereich
der Firma und ihre persönlichen Aufgaben nicht mit der zu erwartenden
Substanz beschreiben konnten.
Der Beschwerdeführer 1 sei für die C._ als (...) und (...) tätig gewe-
sen (vgl. BF 1, A13 F41). Die Tätigkeit der Firma habe vor allem darin be-
standen, amerikanische Waren in verschiedene Camps (...), so hätten sie
einen Vertrag mit dem D._-Camp gehabt. Obwohl er als (...) tätig
gewesen sein soll, konnte er nicht einmal konkret angeben, wo sich das
Camp befunden haben soll. Vielmehr führte er hierzu lapidar aus, er habe
gehört, dass die meisten amerikanischen Camps sich in der Region
E._ befänden (vgl. a.a.O. F71 f.). Es ist nicht nachvollziehbar, dass
der Beschwerdeführer 1, welcher jahrelang für die Firma als (...) tätig ge-
wesen sein soll, diesen wichtigen Auftraggeber nicht einmal genauer loka-
lisieren konnte und die Standorte der amerikanischen Camps lediglich vom
Hörensagen kennen will.
8.3
8.3.1 Weiter sind die Schilderungen der Beschwerdeführenden bezüglich
der Drohungen als unglaubhaft zu beurteilen. Die Glaubhaftigkeit des An-
griffs auf den Beschwerdeführer 2 kann mangels Kausalzusammenhang
mit der Ausreise – wie von der Vorinstanz zu Recht festgestellt – offenge-
lassen werden. Dies zumal – wie nachfolgend ausgeführt – auch die er-
neute Anstellung bei der C._ in Mazar-i-Sharif und dem vorgebrach-
ten Angriff auf den Beschwerdeführer 1 – und damit die eigentliche Fluch-
tursache – als unglaubhaft zu qualifizieren ist.
8.3.2 Hinsichtlich der telefonischen Drohungen gab der Beschwerdeführer
1 an, dass sie diese zunächst nicht ernst genommen und für einen Streich
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Seite 14
gehalten hätten. Solche Spässe seien unter jungen Leuten üblich. Den-
noch hätten sie mehrmals ihre SIM-Karten gewechselt (vgl. BF 1, A13 F66,
F79). Demgegenüber machte der Beschwerdeführer 2 – nach dem
schlimmsten Erlebnis bis zum Entführungsversuch gefragt – geltend, dass
der erste Drohanruf sehr schlimm für ihn gewesen sei (vgl. BF 2, A13 F87).
Dass die Beschwerdeführenden die subjektiv empfundene Bedrohungs-
lage diametral unterschiedlich schilderten, ist nicht nachvollziehbar. Des
Weiteren schilderten die Beschwerdeführenden diese Drohungen stereo-
typ, inhaltslos und vage. So seien sie zunächst telefonisch zur Zusammen-
arbeit aufgefordert worden. Nachdem sie eine solche verweigert hätten,
habe man ihnen gedroht (vgl. BF 1, A13 F66, F74, F77; BF 2, A13 F80,
F83, F94). Dialog- und Interaktionsschilderungen mit den Anrufern fehlen
in den Ausführungen der Beschwerdeführenden gänzlich. Weitere Aspekte
dieser Bedrohungen konnten sie nicht schildern, insbesondere blieb die
Urheberschaft dieser Drohungen ungeklärt. Konkret gefragt, was er über
die Verfolger wisse, antwortete der Beschwerdeführer 1 lediglich pauschal,
dass dies sicherlich Gegner der C._, des Staates sowie der Ameri-
kaner gewesen seien und bereits zahlreiche Angriffe auf ihre (...) und Mit-
arbeiter verübt hätten (vgl. BF 1, A13 F73 f.). Der Beschwerdeführer 2 ver-
mutete sodann die Taliban als mögliche Urheber der Drohungen und
merkte an, dass die Anrufer ihre Gruppenzugehörigkeit respektive ihren
Namen nicht genannt hätten (vgl. BF 2, A13 F94). Namentlich erscheint
vorliegend nur wenig realitätsnah, dass ein Anrufer eine Person eines Un-
ternehmens für eine Zusammenarbeit gewinnen will, ohne zumindest of-
fenzulegen, zu welcher Gruppierung der Anrufer gehört, welche Ziele die
erwünschte Zusammenarbeit verfolgen soll und auf welchem Weg der be-
troffene Mitarbeiter wieder in Kontakt zu dieser Gruppierung treten soll. Die
Weitergabe von Informationen und Unterlagen setzt voraus, dass der Be-
troffene minimale Kenntnis hat, mit wem er überhaupt kooperiert, wer seine
Verbindungsperson ist und wie beziehungsweise auf welchem Weg der Be-
troffene hierzu Kontakt zu dieser Gruppierung aufnehmen kann. Dass die
Beschwerdeführenden keinerlei Kenntnisse von den Personen oder deren
Gruppenzugehörigkeit haben, erweist sich vor dem aufgezeigten Hinter-
grund daher als nicht glaubhaft. Zusätzlich kommt hinzu, dass nicht nach-
vollziehbar ist, wie die Anrufer sie überhaupt hätten telefonisch kontaktie-
ren können. Da der Beschwerdeführer 1 angab, sie hätten mehrmals ihre
SIM-Karten gewechselt, ist davon auszugehen, dass sie jeweils auf ihrem
privaten Mobiltelefon kontaktiert worden seien. In diesem Fall ist jedoch
nicht ersichtlich, wie die Anrufer überhaupt an ihre privaten Telefonnum-
mern hätten gelangen können – und dies sogar mehrmals.
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Seite 15
Nach dem Ausgeführten müssen die vorgebrachten Drohungen aufgrund
der Tätigkeit der Beschwerdeführenden für die C._ für unglaubhaft
befunden werden.
8.3.3 Ferner sind Ungereimtheiten in der Schilderung der Situation der Be-
schwerdeführenden in Mazar-i-Sharif nach dem Vorfall vom (...) 2010 fest-
zustellen. Diesbezüglich brachte der Beschwerdeführer 2 vor, dass sie ge-
zwungen waren, versteckt zu leben. Es sei ein Leben «unter Angst wie im
Gefängnis» gewesen (vgl. BF 2, A13 F108 f.). Gleichwohl hätten sie sich
jedoch ein eigenes Haus gemietet und dann ein normales Leben geführt
(vgl. a.a.O., F70 f., F110). Der Beschwerdeführer 1 schilderte ähnliches
(vgl. BF 1, A13 F 67, F84, F86, F88 f.). Weiter hätten sie in der Folge die
öffentliche Universität besucht. Es mag zunächst nachvollziehbar erschei-
nen, wenn ein subjektives Bedrohungsempfinden nach einer gewissen er-
eignislosen Zeit etwas schwindet. Die vorgebrachte Angstsituation der Be-
schwerdeführenden steht aber in klarem Widerspruch zu ihren übrigen
Darlegungen. Geradezu unvorstellbar ist sodann, dass sich die Beschwer-
deführenden wiederum von der C._ haben anstellen lassen, zumal
sie zuvor aufgrund eben genau dieser Tätigkeit verfolgt worden seien, was
schliesslich in der Aufgabe ihres gewohnten und geregelten Lebens in Ka-
bul, der Flucht nach Mazar-i-Sharif und einem ständigen Leben in Angst
geführt habe. Aufgrund dessen habe sich der Vater gar gezwungen gese-
hen, seine gut bezahlte (...) beim F._ aufzugeben und als (...) zu
arbeiten (vgl. BF 2, A13 F28, F64; BF 1, A13 F110 f.). Die Beschwerdefüh-
renden versuchten dies mit der schwierigen beruflichen und finanziellen
Situation sowie den getroffenen «Sicherheitsmassnahmen» zu rechtferti-
gen (vgl. BF 2, A13 F100 f.; BF 1, A13 F99). Dies überzeugt das Gericht
nicht. So ergibt sich aus den Akten nicht, dass die Familie finanziell in einer
derart prekären Situation gewesen wäre, als dass es keine andere Mög-
lichkeit gegeben hätte, zumal es ihnen sogar möglich gewesen sei, ein
ganzes Haus zu mieten (vgl. a.a.O. F70; BF 1, A13 F67). Zudem haben die
Beschwerdeführenden zu dieser Zeit ein Studium begonnen. Dass sie –
wie sie vorbringen – aus Vorsicht inoffiziell für die C._ gearbeitet
hätten, überzeugt nicht. Gemäss ihren Aussagen habe dies lediglich be-
deutet, dass ihre Namen in der Mitarbeiterliste nicht aufgeführt gewesen
seien, sie sich weder an- noch abmelden hätten müssen und ihnen der
Lohn schwarz bezahlt worden sei (vgl. BF 2, A13 F100 f.; BF 1, A13 F67,
F69 f.). Es ist davon auszugehen, dass sie, wie bereits zuvor, jeweils an
ihrem Arbeitsort hätten ein- und ausgehen müssen und vor allem erneut
Kontakt mit ihren Arbeitskollegen gepflegt hätten. Dass sie unter solchen
Umständen davon ausgegangen seien, ihre erneute Anstellung bei der
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Seite 16
C._ bleibe geheim, erscheint realitätsfremd. Mithin ist nicht nach-
vollziehbar, weshalb die Beschwerdeführenden unter den genannten Um-
ständen sich und ihre Familie erneut einem Verfolgungsrisiko hätten aus-
setzen sollen.
Im Weiteren ergeben sich Widersprüche zur Aussage des Beschwerdefüh-
rers 1, wonach er nach dem Angriff das Haus der (...) nie verlassen und
niemanden getroffen habe (vgl. a.a.O. F59). Zum einen sagte er an anderer
Stelle aus, einige Male seine Kollegen von der Universität besucht zu ha-
ben, dort jedoch immer in deren Zimmern geblieben zu sein (vgl. a.a.O.
F87; vgl. auch BF2, A13 F62). Zum anderen ergibt sich aus den Akten,
dass er in dieser Zeit für einige Tage nach Kabul zurückgekehrt sein will;
dies versteckt in einem Tankwagen (vgl. BF1, A5 Ziff. 2.01; A13 F121).
8.3.4 Die Schilderungen des Beschwerdeführers 1 betreffend den Angriff
auf ihn im Jahr 2014 weisen ebenfalls zahlreiche Ungereimtheiten sowie
Widersprüche auf. Zunächst gab er an, mit seinem Motorrad auf dem Rück-
weg von der Uni gewesen zu sein. Als er in seine Wohnstrasse habe ein-
biegen wollen, habe jemand eine Waffe auf ihn gerichtet. Er habe den An-
greifer – dessen Gesicht er aufgrund der Dunkelheit nicht habe sehen kön-
nen – wegstossen können und sei weggerannt (vgl. BF 1, A13 F67). Später
verneinte er, mit einem Motorrad unterwegs gewesen zu sein; lediglich die
Angreifer seien auf dem Motorrad gewesen (vgl. a.a.O., F107). Weiter
führte er mehrmals an, dass es dunkel gewesen sei (vgl. a.a.O. F67, F107).
Bei einem Abstand zum Angreifer von lediglich etwa einem Meter wäre je-
doch trotz Dunkelheit zu erwarten gewesen, dass er gegenüber der Polizei
gewisse Angaben zum Angreifer hätte machen können (vgl. a.a.O. F67).
Weiter führte er an, die Angreifer hätten mit einer Schusswaffe auf ihn ge-
schossen. Er sei jedoch in eine Wasserrinne gesprungen, dort aber in Ohn-
macht gefallen. Es erscheint unwahrscheinlich, dass ihn die Angreifer, wel-
che unmittelbar vor ihm gestanden sein müssen als er sie weggestossen
habe, aus dieser sehr kurzen Distanz mit ihren Schüssen nicht getroffen
hätten. Da er zudem kurz darauf das Bewusstsein verloren habe, wäre es
für die Angreifer ein leichtes gewesen, ihn aus dem Wassergraben zu ber-
gen und zu entführen oder vor Ort zu töten. Stattdessen sei er unter wenig
geklärten Umständen nach Hause zu den Eltern gebracht worden und dort
körperlich völlig unversehrt zu sich gekommen (vgl. a.a.O. F67 und
F107 f.), wobei er an anderer Stelle in widersprüchlicher Weise anführte,
angeschossen worden zu sein (vgl. a.a.O. F60).
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Seite 17
Nach dem Gesagten ist nicht davon auszugehen, dass der Beschwerde-
führer 1 Opfer eines Angriffs wurde.
8.3.5 Schliesslich weisen die Schilderungen der Beschwerdeführenden be-
treffend ihren Aufenthaltsort und die Umstände bis zur Ausreise weitere
(zeitliche) Widersprüche und Ungereimtheiten auf. Die Beschwerdeführen-
den gaben anlässlich der BzP zu Protokoll, bis Ende 2011 in Kabul gelebt
zu haben (vgl. bei beiden Akte A5, Ziff. 2.01). Demgegenüber machten sie
an der Anhörung geltend, bereits Ende 2010 respektive Anfang 2011 nach
Mazar-i-Sharif gegangen zu sein. Mit diesem Widerspruch konfrontiert be-
harrten sie auf Letzterem und verneinten, dies so an der BzP gesagt zu
haben (vgl. BF 2, A13 F16 ff.), respektive erklärte sich der Beschwerdefüh-
rer 1 den Widerspruch mit den psychischen Folgeschäden des Angriffs auf
ihn (vgl. BF 1, A13 F127). Ferner gab der Beschwerdeführer 2 an, nach
dem Angriff auf den Beschwerdeführer 1 ungefähr im (...) respektive (...)
2014 mit der Familie nach Kabul zurückgekehrt (vgl. a.a.O. F36, F74) und
vor seiner Ausreise weniger als zwei Monate in Kabul geblieben zu sein
(vgl. a.a.O. F18). Dies ist jedoch mit seinen an anderer Stelle getätigten
Aussagen, circa im (...) 2015 Afghanistan verlassen zu haben (vgl. a.a.O.
F40) und dass der (...) das zur Finanzierung ihrer Ausreise benötigte Land
erst nach sechs bis acht Monaten habe verkaufen können (vgl. a.a.O. F75),
nicht in Einklang zu bringen. Auch der Beschwerdeführer 1 gibt an, sie
seien etwa im (...) 2015 ausgereist (vgl. BF 1, A13 F31). Im Weiteren gab
der Beschwerdeführer 1 an, sich drei bis vier Monate bei seiner (...) in Ma-
zar-i-Sharif versteckt zu haben und sieben bis acht Monate nach dem Vor-
fall nach Kabul zurückgekehrt und gleichentags weitergereist zu sein (vgl.
a.a.O. F67). Da die Ausreise aus Afghanistan im (...) 2015 – somit rund
(...) nach dem Angriff auf den Beschwerdeführer 1 – erfolgt sei, «fehlen»
mindestens (...) Monate in den Schilderungen der Beschwerdeführenden.
Nicht nachvollziehbar ist überdies, dass der Beschwerdeführer 1 nach ei-
nem kurzen Besuch in Kabul unter hohem Risiko wieder nach Mazar-i-Sha-
rif – den Ort der angeblichen Attacke auf ihn – zurückgekehrt sein will, zu-
mal er den Aussagen des Beschwerdeführers 2 zufolge hauptsächlich auf-
grund seines Schockzustands nicht mit der restlichen Familie nach Kabul
habe zurückkehren können (vgl. a.a.O., F94; vgl. BF 2, A13 F111). Bei sei-
ner letzten Reise von Mazar-i-Sharif nach Kabul sei er in der Nacht mit
einem Bus gefahren, dabei habe er lediglich sein Gesicht versteckt (vgl.
a.a.O., F122). Weshalb er nun bei dieser Reise praktisch keine Vorsichts-
massnahmen getroffen habe und damit ein viel grösseres Risiko eingegan-
gen sein will, erschliesst sich nicht.
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Seite 18
8.4 Nach dem Ausgeführten sind insbesondere die erneute Anstellung bei
der C._ im Jahr 2011 sowie der Angriff auf den Beschwerdeführer
1 als unglaubhaft zu qualifizieren.
Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen ist zwar zu berück-
sichtigen, dass die Schilderungen der Beschwerdeführenden in groben Zü-
gen übereinstimmend ausfielen. Dies vermag jedoch die zahlreichen ge-
wichtigen Widersprüche und erheblichen Ungereimtheiten in wesentlichen
Punkten ihrer Vorbringen nicht aufzuwiegen. An dieser Einschätzung ver-
mögen auch die zu den geltend gemachten Übergriffen eingereichten
Schreiben der Dorfältesten (vgl. BF 2, A14 BM 6 und BF 1, A14 BM 5)
nichts zu ändern, zumal diese zum einen als reine Gefälligkeitsschreiben
zu qualifizieren sind und zum andern auch keinerlei Sicherheitsmerkmale
aufweisen, leicht fälschbar sind und diesen daher kein tragender Beweis-
wert zuerkannt werden kann.
8.5 Nach einer Gesamtwürdigung ist es den Beschwerdeführenden nicht
gelungen, Fluchtgründe im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder
glaubhaft zu machen. Das SEM hat ihre Flüchtlingseigenschaft folglich zu
Recht verneint und die Asylgesuche abgelehnt.
9.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht angeordnet
(vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
10.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
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Seite 19
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
10.2
10.2.1 Die Vorinstanz erachtete den Vollzug der Wegweisung der Be-
schwerdeführenden für zulässig, möglich und aufgrund des Vorliegens von
besonders begünstigenden Umständen auch für zumutbar.
Da sie die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllten, könne auch der Grundsatz
der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5 Abs. 1 AsylG nicht angewandt wer-
den. Ferner ergäben sich aus den Akten keine Anhaltspunkte dafür, dass
ihnen im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe oder Behandlung
drohe.
Sie hätten einen Grossteil ihres Lebens in Kabul und anschliessend vier
Jahre in Mazar-i-Sharif verbracht, wo ihre (...) auch heute noch wohnhaft
sei. Ihre Eltern, zwei Schwestern und ein Bruder lebten seit dem Übergriff
im Jahr 2014 in Kabul. Damit verfügten sie sowohl in Mazar-i-Sharif als
auch in Kabul über eine gesicherte Wohnsituation und ein soziales Bezie-
hungsnetz, welches sie aufnehmen und bei der Wiedereingliederung un-
terstützen könne. Angesichts des dargelegten Lebensstandards sei davon
auszugehen, dass ihre Familie sie falls notwendig finanziell unterstützen
könne. Sie hätten ein Studium absolviert und könnten auf Berufserfahrung
zurückgreifen. Demnach könne angenommen werden, dass sie erneut in
der Lage sein würden, in Afghanistan selbständig für ihren Lebensunterhalt
aufzukommen. Sie seien im Übrigen zwei junge, alleinstehende Männer
bei guter Gesundheit.
10.2.2 Dem entgegneten die Beschwerdeführenden, dass sich ihre famili-
äre Situation in Afghanistan seit der Anhörung verändert habe. Inzwischen
seien viele ihrer Verwandten entweder verstorben oder emigriert, so sei
auch der Ehemann ihrer in Mazar-i-Sharif lebenden (...) in die Schweiz ge-
flüchtet (N [...]). Dieser habe ursprünglich zusammen mit der (...) und ih-
rem gemeinsamen Kind die Flucht ergriffen, als sein Vater erschossen wor-
den sei. Die (...) der Beschwerdeführenden habe jedoch den Grenzübertritt
in die Türkei nicht geschafft und sei deshalb nach Mazar-i-Sharif zurückge-
kehrt. Dort lebe sie als alleinstehende Frau ohne stabiles Beziehungsnetz.
In Kabul lebe noch ein (...), welcher einen (...) betreibe und bloss ein klei-
nes Einkommen erziele. Da er seine Familie nicht in Gefahr bringen wolle,
verweigere er auch die Unterstützung für die Beschwerdeführenden und
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Seite 20
ihrer Familie. Die Eltern der Beschwerdeführenden wechselten aus Angst
vor einer Entführung der bei ihnen verbliebenen Kinder zwecks Erpressung
zur Bekanntgabe des Aufenthaltsorts der Beschwerdeführenden ständig
den Wohnort und fühlten sich nirgends sicher. Demnach könne nicht mehr
von einem tragfähigen sozialen Beziehungsnetz ausgegangen werden.
Weiter könnten sie keinesfalls in ihren angestammten Beruf zurückkehren,
die Lage auf dem afghanischen Arbeitsmarkt gestalte sich äussert schwie-
rig, wie sie bereits selber hätten erfahren müssen. In dieser Hinsicht fehle
ihnen ebenfalls ein Beziehungsnetz, welches ihnen bei der Arbeitssuche
behilflich sein könnte. Die Einstellung eines von den Taliban oder ähnlichen
Gruppen gesuchten Mitarbeiters stelle zudem für jedes Unternehmen ein
Sicherheitsrisiko dar. Unter diesen Umständen sei äusserst unsicher, ob
sie bei einer Rückkehr in der Lage sein würden, ihren Lebensunterhalt be-
streiten zu können. Die nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungs-
gerichts für die Bejahung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs er-
forderlichen besonders begünstigenden Umstände lägen vorliegend nicht
vor und sie würden bei einer Rückkehr in eine persönliche Notlage geraten.
10.3
10.3.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss Art. 25
Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen
Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behand-
lung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf nie-
mand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Be-
handlung unterworfen werden.
10.3.2 Die Vorinstanz wies in ihren angefochtenen Verfügungen zutreffend
darauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement
nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den
Beschwerdeführenden nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Ver-
fahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr der Beschwerdeführenden
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Seite 21
in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG recht-
mässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wären. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müssten die Beschwerdeführenden eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihnen im Fall einer Rückschiebung
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würden (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies gelingt ihnen nicht. Auch die allgemeine Men-
schenrechtssituation in Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen.
10.3.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
10.4
10.4.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
10.4.2 Gemäss dem als Referenzurteil publizierten Entscheid des Bundes-
verwaltungsgerichts D-5800/2016 vom 13. Oktober 2017 ist der Vollzug
nach Kabul zumutbar, falls besonders begünstigende Faktoren vorliegen
und die betroffene Person ausnahmsweise nicht in eine existenzbedro-
hende Lage geraten würde (E. 8.4.1). Solche begünstigenden Vorausset-
zungen könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es
sich bei der rückkehrenden Person um einen jungen, gesunden Mann
handle, welcher im Heimatland über ein soziales Netz verfüge, das ihn wie-
der aufnehmen könne und tragfähig sei, so dass er sich dort wieder ein-
gliedern könne. Mithin müsse das soziale Netz in der Lage sein, ihm eine
angemessene Unterkunft, die Grundversorgung und Hilfe zur sozialen und
wirtschaftlichen Reintegration bieten zu können. Allein lose Kontakte zu
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Seite 22
Verwandten, Bekannten oder Mitgliedern der Kernfamilie würden insbe-
sondere dann kein tragfähiges Netz darstellen, wenn das wirtschaftliche
Fortkommen und die Unterbringung ungeklärt seien. Zurückhaltung bei der
Bejahung eines tragfähigen sozialen Beziehungsnetzes sei auch geboten,
wenn die betroffene Person lediglich im Sinne einer Aufenthaltsalternative
nach Kabul zurückkehre und dort kaum oder nie gelebt habe. Entscheidre-
levant sei ferner die Berufserfahrung der zurückkehrenden Person respek-
tive die Frage, inwiefern eine wirtschaftliche Wiedereingliederung mit einer
bezahlten Arbeit im Zusammenspiel mit dem Beziehungsnetz begünstigt
werden könne.
10.4.3 Die Beschwerdeführenden haben seit ihrer Geburt ([...] und [...]) bis
zum Jahr 2010 – das heisst fast (...) lang – in Kabul gelebt, sind mit den
dortigen Verhältnissen bestens vertraut und verfügen dort sowohl über ei-
nen Verwandten- wie auch einen Freundeskreis. Danach haben sie rund
vier Jahre in Mazar-i-Sharif gelebt. Der Beschwerdeführer 2 lebte eigenen
Angaben zufolge vor seiner Ausreise wiederum rund ein Jahr lang mit den
Eltern und den jüngeren Geschwistern beim (...) in Kabul. Dieser arbeite
als (...) respektive betreibe (...) (vgl. BF 1, A13 F23 ff.; BF 2, A13 F29). Der
Beschwerdeführer 1 habe in dieser Zeit bei der (...) in Mazar-i-Sharif ge-
lebt. Deren Mann ist jedoch zwischenzeitlich ebenfalls in die Schweiz ge-
flüchtet.
Da die Vorbringen der Beschwerdeführenden wie oben dargelegt für un-
glaubhaft befunden wurden, kann dem Beschwerdeargument nicht gefolgt
werden, wonach die Eltern mit den jüngeren Geschwistern aus Angst vor
einer Entführung respektive einer Verfolgung stets den Aufenthaltsort
wechseln würden. Ohnehin ist nicht nachvollziehbar, weshalb der schein-
bar vermögende (...), welcher der Familie zunächst während rund einem
Jahr freigiebig Unterschlupf gewährt, die Ausreise der Beschwerdeführen-
den durch den Verkauf von Grundeigentum finanziert sowie für sie während
des Asylverfahrens in Afghanistan Beweismittel beschafft habe, der Familie
nun plötzlich die Unterstützung verwehrt haben soll. Dies, zumal es seit der
Ausreise der Beschwerdeführenden weder zu Bedrohungen der Familien-
mitglieder noch sonstigen Vorfällen gekommen sei (vgl. BF 1, A13 F5, F22,
F109; BF 2, A13 F7 ff., F26 f., F115, F117, F127 f.). Es ist folglich davon
auszugehen, dass die Eltern und Geschwister der Beschwerdeführenden
– sofern sie nicht nach wie vor beim (...) wohnen – eine eigene Unterkunft
bewohnen und die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr in Kabul so-
mit eine gesicherte Wohnsituation vorfinden werden. Wie bereits in E. 8.3.3
ausgeführt, war es der Familie der Beschwerdeführenden trotz der geltend
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Seite 23
gemachten Einkommenseinbussen möglich, in Mazar-i-Sharif ein ganzes
Haus zu mieten. Weiter war die Familie finanziell auch in der Lage, den
beiden Söhnen ein Universitätsstudium zu ermöglichen. Es ergeben sich
auch keine Anhaltspunkte für die Annahme, der (...) würde ihnen bei einer
Rückkehr die (finanzielle) Unterstützung verweigern. Ferner verfügen die
Beschwerdeführenden über mehrere Tanten, welche sowohl in Kabul als
auch in Mazar-i-Sharif wohnhaft seien (vgl. BF 2, A13 F44 ff.). Die Be-
schwerdeführenden erwähnen zwar in ihrer Beschwerdeeingabe in pau-
schaler Weise, dass zwischenzeitlich einige Verwandte verstorben oder
emigriert seien, führen aber nicht aus, um welche Verwandte es sich hier-
bei handelt. Im Weiteren ist aufgrund ihres jahrzehntelangen Aufenthalts in
Kabul davon auszugehen, dass sie sich vor Ort gut auskennen und dort
soziale Beziehungen aufgebaut haben, auf die sie bei ihrer Rückkehr zu-
rückgreifen beziehungsweise die sie reaktivieren können.
Bei den Beschwerdeführenden handelt es sich um junge, arbeitsfähige, al-
leinstehende und gesunde Männer. Soweit der Beschwerdeführer 1 psy-
chische Probleme geltend macht, blieben diese unbelegt und werden im
Zusammenhang mit dem Wegweisungsvollzug auch nicht weiter substan-
ziiert. Weiter verfügen die Beschwerdeführenden über eine überdurch-
schnittliche (universitäre) Ausbildung, Englischkenntnisse und bereits über
einige Arbeitserfahrung. Es ist folglich davon auszugehen, dass es ihnen
mit der Unterstützung ihres tragfähigen Beziehungsnetzes in Kabul mög-
lich sein wird, sich wirtschaftlich wieder einzugliedern.
In Würdigung aller Umstände ist somit nicht davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Kabul respektive Mazar-i-
Sharif in eine existenzielle Notlage geraten würden.
10.4.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
10.5 Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführenden, sich bei der zu-
ständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendi-
gen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu
auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als
möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
10.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
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Seite 24
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtenen Verfügungen
Bundesrecht nicht verletzen, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellen (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen sind. Die Beschwerden sind abzuweisen.
12.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da mit Zwischenverfügun-
gen vom 4. Januar 2018 jedoch die unentgeltliche Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und seither keine Verbesserung der
finanziellen Verhältnisse eingetreten ist, sind keine Verfahrenskosten zu
erheben.
13.
Mit Zwischenverfügungen vom 4. Januar 2018 wurde den Beschwerdefüh-
renden lic. iur. Urs Ebnöther als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Ihm
ist deshalb ein amtliches Honorar zu entrichten.
Bei amtlicher Vertretung geht das Bundesverwaltungsgericht in der Regel
von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für anwaltliche Ver-
treterinnen und Vertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Es
wurde keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachforderung einer solchen
kann vorliegend jedoch verzichtet werden, da sich der Vertretungsaufwand
zuverlässig aus den Akten abschätzen lässt (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE).
Unter Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren ist ein
amtliches Honorar von insgesamt Fr. 2’500.– (inklusive Auslagen und
MwSt) als angemessen zu veranschlagen.
(Dispositiv nächste Seite)
E-7312/2017; E-7321/2017
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