Decision ID: efd15eea-f91b-5526-9750-baa81de52e2e
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
1. RW._,
2. EW._,
3. BWW._,
Erben des RW._ sel.,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Braun, Oberdorfstrasse 6, Postfach,
8887 Mels,
gegen
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St.Galler Gerichte
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons
St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Nachbelastung von paritätischen Beiträgen 2007 und Verzugszins
Sachverhalt:
A.
Mit Meldung vom 12. Februar 2009 teilte das Steueramt des Kantons St. Gallen der
Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen mit, EW._ habe im Jahr 2007 für die
Haushaltsführung, Betreuung und Pflege ihres am 4. August 2007 verstorbenen Vaters
im Rahmen der Erbteilung Fr. 60'000.-- erhalten (act. G. 3.1/3). Am 18. März 2009
wurde die Erbengemeinschaft RW._ sel. als Hausdienstarbeitgeberin erfasst (act. G
3.1/4). Mit Schreiben vom 25. März 2009 führte EW._ aus, sie habe während der
Betreuung ihres Vaters (1993 - 2007) weder Lohn noch Entschädigung erhalten und
auch keinen entsprechenden Antrag gestellt. Sie habe von ihren Geschwistern die
Summe von Fr. 60'000.-- erhalten. Dieses Erbgut sei als solches deklariert und
besteuert worden (act. G 3.1/5).
Mit Verfügungen vom 23. April 2009 forderte die Sozialversicherungsanstalt von der
Erbengemeinschaft RW._ sel. Fr. 8'889.80 für die Sozialversicherungsbeiträge 2007
(inkl. Verwaltungskosten und Verzugszins für die Zeit vom 1. Januar 2008 bis zum 23.
April 2009; act. G 3.1/9 f.). Die dagegen erhobene Einsprache vom 19. Mai 2009, mit
welcher EW._ im Wesentlichen geltend machte, beim Betrag von Fr. 60'000.-- handle
es sich um einen zusätzlichen Erbanteil, wurde mit Entscheid vom 6. August 2009
abgewiesen. Die Einsprecherin habe spezifisch für die Haushaltsführung und die Pflege
ihres Vaters eine Entschädigung von Fr. 60'000.-- erhalten. Dieser Lidlohn gehöre zum
massgebenden Lohn und sei beitragspflichtig (act. G 3.1/12).
B.
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B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 8.
September 2009 mit dem Antrag auf Aufhebung des angefochtenen
Einspracheentscheids. Im Rahmen der Erbteilung hätten alle Kinder von RW._ sel.
eine Vorauszahlung erhalten, RW._ und BWW._ je Fr. 25'000.--, EW._ Fr.
85'000.--. Damit sei lediglich eine vorübergehende Begünstigung von EW._ erfolgt,
die dann aus dem Erbteilungsvertrag nicht mehr ersichtlich sei. Mangels gemeinsamen
Wohnsitzes und eines Unterordnungsverhältnisses handle es sich weder um Lidlohn
noch liege ein Arbeitsverhältnis vor. Erst recht liege keine selbstständige
Erwerbstätigkeit vor. Der strittige Betrag sei weder von der Steuerbehörde noch von
der Beschwerdegegnerin so qualifiziert worden. Es handle sich jedenfalls nicht um ahv-
pflichtiges Einkommen (act. G 1).
B.b Mit Eingabe vom 18. September 2009 beantragt die Beschwerdegegnerin
Abweisung der Beschwerde und verweist auf ihre Ausführungen im
Einspracheentscheid (act. G 3).
B.c Mit einer weiteren Eingabe vom 14. Oktober 2009 führte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführer aus, der Erbteilungsvertrag vom 9. Dezember 2007 sei nur
provisorisch und diene lediglich der Dokumentation der Vorauszahlung vom 13.
Dezember 2007 (act. G 6).

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss Art. 5 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) sind vom Einkommen aus
unselbstständiger Erwerbstätigkeit – dem massgebenden Lohn – Beiträge zu erheben.
Dabei gilt als massgebender Lohn gemäss Art. 5 Abs. 2 AHVG jedes Entgelt für in
unselbstständiger Stellung auf bestimmte oder unbestimmte Zeit geleistete Arbeit. Zum
massgebenden Lohn gehören begrifflich sämtliche Bezüge der Arbeitnehmerin oder
des Arbeitnehmers, die wirtschaftlich mit dem Arbeitsverhältnis zusammenhängen,
gleichgültig, ob dieses Verhältnis fortbesteht oder gelöst worden ist und ob die
Leistungen geschuldet werden oder freiwillig erfolgen. Als beitragspflichtiges
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Einkommen aus unselbstständiger Erwerbstätigkeit gilt somit nicht nur unmittelbares
Entgelt für geleistete Arbeit, sondern grundsätzlich jede Entschädigung oder
Zuwendung, die sonstwie aus dem Arbeitsverhältnis bezogen wird, sofern sie nicht
kraft ausdrücklicher gesetzlicher Vorschrift von der Beitragspflicht ausgenommen ist.
Erfasst werden grundsätzlich alle Einkünfte, die im Zusammenhang mit einem Arbeits-
oder Dienstverhältnis stehen und ohne dieses nicht geflossen wären (vgl. dazu das
Urteil des Bundesgerichts vom 25. Januar 2007 i.S. H., H 121/06, E. 3; BGE 131 V 446
E. 1.1).
1.2 Gemäss Art. 334 Abs. 1 ZGB können mündige Kinder oder Grosskinder, die ihren
Eltern oder Grosseltern in gemeinsamem Haushalt ihre Arbeit oder ihre Einkünfte
zugewendet haben, eine angemessene Entschädigung verlangen. Die Entschädigung
kann mit dem Tod des Schuldners geltend gemacht werden (Art. 334 Abs. 1 ZGB).
Dieser Lidlohn gehört nach der Praxis zum massgebenden Lohn im Sinn von Art. 5
Abs. 2 AHVG (ZAK 1989, S. 28 E. 3; WML 2008, Rz 4137).
2.
2.1 Vorliegend ist unbestritten, dass die Beschwerdeführerin 2 in der Zeit von 1993 bis
2005 (Eintritt von RW._ sel. ins Pflegeheim) für ihren Vater Arbeitsleistung erbracht
hat (Haushaltsführung, Betreuung, Pflege; vgl. act. G 3.1/1). Auch die
Beschwerdeführerin 2 selber führte in ihrem Schreiben vom 25. März 2009 an die
Beschwerdegegnerin aus, sie habe ihren Vater von 1993 bis 2007 (Tod) betreut (act. G
3.1/5; vgl. auch Beschwerde, Ziff. III. 2.). Während die Erbengemeinschaft im
vorliegenden Verfahren geltend machen lässt, die Beschwerdeführerin 2 sei dafür nur
vorübergehend, nicht jedoch im Endeffekt bevorzugt worden, geht die
Beschwerdegegnerin davon aus, jene habe für ihre Dienste einen Betrag von Fr.
60'000.-- erhalten. Nach Lage der Akten ist tatsächlich davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin 2 aus dem Nachlassvermögen zunächst den Betrag von Fr.
60'000.-- erhalten und das verbleibende Nachlassvermögen unter die
Beschwerdeführer 1 - 3 zu gleichen Teilen aufgeteilt werden sollte (Erbteilungsvertrag
vom 9. Dezember 2007; act. G 3.1/1). Zwar ist diese Aufteilung aus dem zweiten
Erbteilungsvertrag vom 1. April 2009 nicht mehr ersichtlich, wurden doch darin die
Zuweisungen vom 13. Dezember 2007 zu Fr. 85'000.-- an die Beschwerdeführerin 2
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und zu je 25'000.-- an die anderen beiden Erben als Vorbezüge deklariert und eine
Begünstigung der Beschwerdeführerin 2 in entsprechender Höhe insgesamt nicht mehr
vorgenommen (so wurde die Beschwerdeführerin am restlichen Nachlass wertmässig
zu einem geringeren Anteil als die beiden anderen Erben beteiligt). Während die
Vereinbarung vom 9. Dezember 2007 plausibel und nachvollziehbar erscheint, wurde
die Vereinbarung vom 1. April 2009 erst nach der Abklärung einer allfälligen
Beitragspflicht durch die Beschwerdegegnerin geschlossen. Sie erscheint von
Überlegungen abgaberechtlicher Natur geleitet. Jedenfalls werden von Seiten der
Beschwerdeführer keine anderen plausiblen Gründe dafür vorgebracht, weshalb die mit
dem Erbteilungsvertrag vom 9. Dezember 2007 vereinbarte Zuwendung an die
Beschwerdeführerin 2 in Höhe von Fr. 60'000.-- für die dem Vater erbrachten Dienste
nur eine provisorische Begünstigung darstellte, die später wieder zurückgenommen
werden sollte. Zusammenfassend ist damit davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin 2 gemäss Erbteilungsvertrag vom 9. Dezember 2007 für
Haushalts- und Pflegedienst zu Gunsten des Erblassers aus der Erbmasse den Betrag
von Fr. 60'000.-- erhalten hat.
2.2 Die Beschwerdegegnerin subsumiert diesen Sachverhalt unter den Titel Lidlohn im
Sinn von Art. 334 f. ZGB. Ob dies tatsächlich zutrifft, erscheint allerdings fraglich. So
setzt der Lidlohn zunächst einen gemeinsamen Wohnsitz von Elternteil und Kind voraus
(Art. 334 Abs. 1 ZGB). Im Weiteren muss ein Unterordnungsverhältnis gegeben sein.
Dies ergibt sich aus der systematischen Einordnung des Instituts unter dem Titel
"Hausgewalt" bzw. "Wirkungen der Hausgewalt". Im Weiteren ist davon auszugehen,
dass es sich bei der zu Lidlohn berechtigenden Tätigkeit um eine solche im elterlichen
oder grosselterlichen Betrieb handeln muss, die den Hausgenossen bzw. den Kindern
oder Grosskindern eine anderweitige Erwerbstätigkeit zumindest teilweise
verunmöglicht (Basler Kommentar, Zivilgesetzbuch I, 3. Aufl., Benno Studer,
Vorbemerkungen zu Art. 334 N1 und Art. 334 N5; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts
vom 5. Januar 2005 [5C_133/2004] E. 4.2). Insgesamt erscheint das Institut der
"Hausgewalt" und des unter Umständen daraus fliessenden Anspruchs der
"Untergebenen" auf Lidlohn als auf ländlich-bäuerliche Strukturen zugeschnittenes
Institut (grosse Familienverbände mit mehreren Generationen, evtl. mit weiteren
Hausgenossen [Personal, Verwandte etc.] unter einem Dach, die ein gemeinsames,
meist landwirtschaftliches Gewerbe betreiben). Die Bestimmungen über den Lidlohn
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wurden denn auch im Rahmen der Änderung des bäuerlichen Zivilrechts am 15.
Februar 1973 in Kraft gesetzt. Diese Charakterisierung des Instituts der Hausgewalt
und des Lidlohns trifft auf den vorliegenden Fall nicht zu. Die Beschwerdeführerin 2
lebte weder mit ihrem Vater in einem gemeinsamen Haushalt noch hatte dieser die
Hausgewalt über sie. Im Weiteren bestehen in den Akten keinerlei Anhaltspunkte, dass
die Beschwerdeführerin 2 zu Gunsten der Tätigkeit für den Vater auf anderweitiges
Erwerbseinkommen verzichtet hätte. Da sie von ihrem Vater unbestrittenermassen
weder Kost und Logis noch sonst eine Entschädigung erhielt, war sie vielmehr darauf
angewiesen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Im Weiteren führte sie mit
ihrem Vater auch keinen Betrieb, also ein auf Erwerb ausgerichtetes Unternehmen.
Vielmehr besorgte sie lediglich dessen Privathaushalt und dessen persönliche Pflege.
Zusammenfassend ist wohl nicht davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin 2
unter diesen Umständen Anspruch auf Lidlohn im Sinn von Art. 334 hätte geltend
machen können.
2.3 Die Frage kann indessen offen bleiben. Unabhängig davon hat die
Beschwerdeführerin 2 auf jeden Fall Arbeitsleistung im Interesse ihres Vaters erbracht
und sollte dafür gemäss Erbteilungsvertag vom 9. Dezember 2007 ein Entgelt aus
dessen Erbmasse erhalten. Es ist deshalb von einem Arbeitsvertrag im Sinn von Art.
320 Abs. 2 OR auszugehen (vgl. U. Streiff/A. von Kaenel, Arbeitsvertrag, 6. Aufl., Art.
320 N6 S. 109, mit Hinweis auf BGE 90 II 443). Insbesondere waren die Erben selber
der Meinung, dass es sich nicht bloss um die Erfüllung einer sittlichen Pflicht handelte
(die keinen Entschädigungsanspruch zur Folge hätte), sondern dass es sich vielmehr
um eine Tätigkeit handelte, die angemessen zu entschädigen ist (vgl.
Erbteilungsvertrag vom 9. Dezember 2007, act. G3.1/1). Die Frage, ob eine solche
Tätigkeit "üblicherweise" nur gegen Entgelt geleistet wird, oder ob es sich um die
Erfüllung einer sittlichen Pflicht handelt, stellt sich somit gar nicht mehr. Tatsächlich
hätte für die von der Beschwerdeführerin 2 erbrachten Leistungen jemand anders
angestellt werden müssen, wären die Arbeiten und die Pflege nicht von jener erbracht
worden. Im Weiteren trifft nicht zu, dass kein Unterordnungsverhältnis bestand, waren
doch die Arbeiten sämtlich im Haushalt und im Interesse des Erblassers zu erledigen.
Es verhält sich somit nicht gleich wie bei einem Konkubinatspaar, bei dem der eine
Partner den gemeinsamen Haushalt erledigt und der andere für die Erwerbstätigkeit
zuständig ist. In diesen Fällen nimmt die Rechtsprechung mangels
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Unterordnungsverhältnis das Vorliegen einer einfachen Gesellschaft an, nach deren
Regeln auch eine allfällige Abwicklung zu erfolgen hat (BGE 109 II 228 E. 2b). Der
vorliegende Sachverhalt ist eher vergleichbar mit der Situation, wo der eine
Konkubinatspartner im Betrieb des anderen mithilft und dabei eine Arbeitskraft ersetzt
(Pra 2000 Nr. 47 = JAR 2000 S. 109; vgl. auch Streiff/von Kaenel, a.a.O., Art. 320 N7),
oder mit der Haushälterin, welcher nach langjähriger Tätigkeit für den Erblasser nur
gegen Kost und Logis Fr. 80'000.-- zugewendet wurden. Das Bundesgericht ging von
einem Arbeitsverhältnis und nicht von einer Erbschaft aus (was die Aufhebung der
Erbschaftssteuer zur Folge hatte, BGE 107 Ia 107). Schliesslich ist zu berücksichtigen,
dass die Entschädigung in steuerlicher Hinsicht ebenfalls als steuerbares Einkommen
und nicht als steuerfreie Erbschaft qualifiziert wurde. Diese Qualifikation ist zwar für die
AHV-Behörden nicht verbindlich, stellt aber ein gewichtiges Indiz für eine Lohnzahlung
dar (act. G 3.1/2 und 1.3).
Zusammenfassend ist davon auszugehen, dass es sich beim fraglichen Betrag von
Fr. 60'000.-- um massgebenden Lohn im Sinn von Art. 5 Abs. 2 AHVG handelt. Die
Beitragsverfügung vom 23. April 2009 erging damit zu Recht.
2.4 Die Erhebung und Berechnung des Verzugszinses wurde vorliegend nicht mehr
substantiiert bestritten, sondern nur noch für den Fall, dass auch keine Beiträge zu
entrichten sind. Nachdem die Beschwerde im Hauptpunkt abzuweisen ist und eine
summarische Prüfung des Verzugszinses keine Unregelmässigkeiten zeigt, ist darauf
nicht näher einzugehen.
3.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten
sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53
GerG entschieden:
1. Die Beschwerde wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 04.03.2010 Art. 5 Abs. 2 AHVG. Massgebender Lohn. Eine von der Erbengemeinschaft gewährte Entschädigung an eine Erbin für dem Erblasser geleistete Dienste (Haushalt, Pflege) stellt massgebenden Lohn dar und ist entsprechend zu verabgaben (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 4. März 2010, AHV 2009/11 und KZL 2009/3).
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2021-02-19T13:14:26+0100 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen