Decision ID: 1f68c895-2db0-59af-82c8-f3331dfbd66f
Year: 2018
Language: de
Court: SG_HG
Chamber: SG_HG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: civil_law

Sachverhalt:
A. GmbH (Klägerin) schloss mit der B. AG (Beklagte) am 13. bzw. 23. Oktober 2004
einen als "Agency Agreement" bezeichneten schriftlichen Vertrag (Agenturvertrag),
gemäss welchem die Klägerin – im Grundsatz – eine Kommission bzw. Provision von
10% für im Vertragsgebiet verkaufte Anlagen und Ersatzteile erhielt. Aufgrund der
Vermittlungstätigkeit der Klägerin schloss die Beklagte mit einer Reihe von in Belgien
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und Luxemburg ansässigen Kunden Verträge über die Lieferung von Maschinen zur
Herstellung bzw. Verarbeitung von Butter. Der Agenturvertrag wurde am 13. Juni 2011
von der Beklagten "wegen ungenügender Erfolge" auf den 31. Dezember 2011
beendet. Mit der Klage verlangte die Klägerin u.a. Rechnungslegung über die erzielten
Provisionen und Einsichtnahme in die entsprechenden Belege, worauf das
Handelsgericht nach Durchführung eines doppelten Schriftenwechsels, wobei der
zweite auf die Rechnungslegung und Einsichtnahme beschränkt wurde, mit
Zwischenentscheid vom 18. Dezember 2014 / 23. November 2015 die Beklagte im
Sinne der klägerischen Anträge verpflichtete. Die Klägerin erstattete am 19. August
2016 eine die Klage ergänzende Eingabe ("Replik") mit Bezifferung ihrer Forderung,
worauf die Beklagte am 23. Dezember 2016 eine die Klageantwort ergänzende Eingabe
("Duplik") einreichte.

Aus den Erwägungen:
II.
[...]
4. a) Die Beklagte macht geltend, da sich der erste Schriftenwechsel vor dem
Zwischenentscheid auf die Frage der Aktenherausgabe beschränkt habe, habe sie erst
danach zu den materiellen Grundlagen des Forderungsprozesses Stellung nehmen
können. Sie habe sich somit nur in einer Eingabe im Sinne einer Klageantwort zur
Forderung äussern können, weshalb die an der Hauptverhandlung neu vorgebrachten
Tatsachen und Beweismittel zulässig seien. Die Klägerin beantragt, diese seien aus
dem Recht zu weisen.
b) Bei der vorliegenden Stufenklage stellte die Klägerin in Ziff. 1 und 2 Hilfs-
Rechtsbegehren betreffend Abrechnung und Gewährung der Einsicht in die Unterlagen
zur Bezifferung der Provisionsansprüche (vgl. Markus, Berner Kommentar, N 16 zu Art.
85 ZPO; BSK ZPO-Dorschner, Art. 85 N 23), begründete jedoch die Klage
vollumfänglich in materieller Hinsicht. Dazu äusserte sich die Beklagte in der
Klageantwort umfassend und lehnte die beantragte Verfahrensbeschränkung ab, da sie
sämtliche verfahrensrelevanten Unterlagen eingereicht habe, womit der Klägerin eine
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Frist zur Bezifferung ihrer Forderung anzusetzen sei. Damit hatte ein – abgesehen von
der zu beziffernden Provisionsforderung – umfassender einfacher Schriftenwechsel
stattgefunden und nach einem weiteren Schriftenwechsel trat der Aktenschluss ein
(BGE 140 III 312 E. 6.3.2; Leuenberger, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger,
ZPO Komm., Art. 229 N 4a). Der folgende Schriftenwechsel beschränkte sich auf die
Rechtsbegehren Ziff. 1 und 2. Mit dem Zwischenentscheid wurde über diese
(rechtskräftig) entschieden. Nach Aufhebung der Verfahrensbeschränkung am 27. Juni
2016 fand der umfassende zweite Schriftenwechsel zur Forderungsklage statt. Die
Beklagte bezeichnete ihre Eingabe denn auch folgerichtig ausdrücklich als Duplik. Die
Parteien wurden am 29. Dezember 2016 darauf hingewiesen, dass der
Schriftenwechsel – abgesehen von der Gehörswahrung – abgeschlossen sei. Die
Beklagte wandte daraufhin nicht ein, den Parteien stehe das Recht zu, in einem
weiteren Schriftenwechsel oder an der Hauptverhandlung noch unbegrenzt Noven
vorzutragen. Sie verhält sich damit widersprüchlich, wenn sie ihre Eingabe zur
Forderungsklage ausdrücklich als Duplik bezeichnet, aber an der Verhandlung vorträgt,
es habe kein zweiter Schriftenwechsel stattgefunden. Die Beklagte behielt sich denn
auch in der Duplik vom 23. Dezember 2016, d.h. im Rahmen des zweiten
Schriftenwechsels, in einem neuen Rechtsbegehren Ziff. 3 die Geltendmachung von
Schadenersatz ausdrücklich vor, begründete diesen und legte neue Akten ein. Mit
dieser Eingabe der Beklagten trat der Aktenschluss ein. Sie legte an der
Hauptverhandlung nicht dar, dass die Voraussetzungen von Art. 229 Abs. 1 ZPO erfüllt
seien. Die in den Plädoyernotizen von der Beklagten vorgebrachten Noven und
Beweisanträge, namentlich auch deren mit neuen Tatsachenbehauptungen
verbundenen "Verknüpfungen" (vgl. Leuenberger, ZPO Komm., Art. 221 N 51), sind, da
unzulässig, nicht zu berücksichtigen. [...]
III.
1. Zwischen den Parteien bestand (bis zur Kündigung per 31. Dezember 2011) ein
Vertragsverhältnis, das als Agenturvertrag zu qualifizieren ist. Unbestritten ist, dass die
Klägerin der Beklagten die Kunden C., D. und E. vermittelte und dass diese Kunden bei
der Beklagten Maschinen bestellten. Umstritten sind noch Provisionsansprüche aus
fünf von diesen drei Kunden getätigten Bestellungen. Die Beklagte bestreitet zwar nicht
grundsätzlich, dass es sich um provisionsauslösende Bestellungen handelte, sie macht
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jedoch provisionsmindernde bzw. -ausschliessende Gründe geltend. Zudem bestreitet
sie zum Teil die Höhe der von den Kunden geleisteten Zahlungen und stellt den
Provisionsansprüchen verrechnungsweise Schadenersatzansprüche entgegen.
2. a) Unbestritten ist, dass die Beklagte bei der C. und der E. Nachbesserungs-
bzw. Umbauarbeiten ausführen musste, um die Kunden zufriedenzustellen. Nach
Darstellung der Beklagten erbrachten die gelieferten Maschinen anfänglich nicht die
geforderte bzw. vereinbarte Leistung. Die Beklagte macht geltend, die Provision sei
wegen der Notwendigkeit dieser "Garantiearbeiten" zu reduzieren. Der Streit dreht sich
daher im Wesentlichen um die Frage, wie die Vertragsklausel "If there are any price
reductions caused by the customer or any warranty work, the commission will be
reduced accordingly" zu verstehen ist und ob diese Klausel zum (teilweisen)
Dahinfallen des klägerischen Provisionsanspruchs führt.
b) Mit der genannten Klausel beabsichtigten die Parteien offenbar, das Risiko einer
nicht vollständigen Bezahlung der Auftraggeberin durch den vermittelten Kunden
teilweise auf die Agentin zu überwälzen. Aus der Formulierung geht hervor, dass die
Provision u.a. dann anteilsmässig zu reduzieren sei, wenn die volle Gegenleistung des
Kunden wegen eines Garantiefalls ("price reductions caused by ... warranty work")
ausbleibt.
c/aa) Unzutreffend ist der Einwand der Klägerin, das zwingende Recht schliesse eine
vertragliche Vereinbarung, wonach der Provisionsanspruch bei Garantieansprüchen
des Kunden zu reduzieren sei, von vornherein aus. Wie sich bereits aus dem Text von
Art. 418g Abs. 1 OR ergibt, hat der Agent Anspruch auf eine Provision, wobei diese
grundsätzlich mit Abschluss des Geschäfts in voller Höhe entsteht. Diese ist aber
soweit wie hier schriftlich vereinbart, resolutiv bedingt bis zur Ausführung des
Geschäfts, namentlich bei Preisreduktionen seitens des Kunden oder bei
Garantiearbeiten (CHK-Mathys, Art. 418g-k OR N 9). Art. 418g OR ist nur insoweit
zwingend, als die Parteien die Provision des Vermittlungsagenten nicht zusätzlichen
Voraussetzungen unterwerfen können. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
ist die Entstehung des Provisionsanspruchs von nicht mehr als der Vermittlung eines
konkreten Geschäfts abhängig. Wären weitere Voraussetzungen zu erfüllen, läge
gemäss dem Bundesgericht kein Agenturvertrag mehr vor (BGE 121 III 414 E. 2c; vgl.
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CHK-Mathys, Art. 418g-k OR N 7).
bb) Bei der Vereinbarung der Höhe der Provision sind die Parteien frei. Ihre
vertragliche Vereinbarung geht einer allfälligen Übung vor (BSK-Wettenschwiler, N 6 zu
Art. 418g OR). Nach Art. 418g OR ist es deshalb nicht ausgeschlossen, die Höhe der
Provision an die Höhe der Einnahmen des Auftraggebers zu koppeln. In Art. 418h OR
sieht der Gesetzgeber sogar selbst vor, dass der Provisionsanspruch dahinfalle, wenn
das vermittelte Geschäft aus einem vom Auftraggeber nicht zu vertretenden Grund
nicht ausgeführt werden kann oder wenn die Gegenleistung für die vom Auftraggeber
erbrachten Leistungen – zu einem grossen Teil – unterbleibt.
cc) Fraglich bleibt, ob das Gesetz eine vertraglich vereinbarte Reduktion der
Provision auch erlaubt, wenn die Gegenleistung des Kunden wegen Schlechterfüllung
durch den Auftraggeber (teilweise) ausbleibt. Art. 418h Abs. 2 OR, der das Dahinfallen
des Provisionsanspruchs bei unterbliebener Gegenleistung regelt, setzt nach seinem
Wortlaut nicht voraus, dass das Ausbleiben der Gegenleistung nicht vom Auftraggeber
selbst zu verantworten ist. In der nicht höchstrichterlichen Rechtsprechung und Lehre
wird jedoch die Ansicht vertreten, dass Art. 418h Abs. 2 OR trotzdem in diesem Sinne
zu interpretieren sei (Bühler, Zürcher Kommentar, N 15 zu Art. 418h OR; BSK-
Wettenschwiler, N 1 zu Art. 418h OR; CHK-Mathys, Art. 418g-k OR N 10; je mit
Verweisen). Gegen diese Ansicht spricht jedoch, dass es sich bei Art. 418h OR nicht
um eine zwingende Norm handelt (vgl. die Übersicht bei: ZK-Bühler, N 49 zu
Vorbemerkungen Art. 418a – Art. 418c OR). Indessen ist gestützt auf Art. 100 Abs. 1
OR zu schliessen, dass die Vereinbarung des Dahinfallens eines Provisionsanspruches
zumindest bei grober Fahrlässigkeit des Auftraggebers nichtig wäre. Die Frage, ob es
den Parteien nach dem Grundsatz der Vertragsfreiheit erlaubt ist, eine Reduktion der
Provision bei selbst zu verantwortenden Einnahmeausfällen des Auftraggebers zu
vereinbaren, kann jedoch, wie nachfolgend auszuführen ist, offen gelassen werden.
d) Die Klägerin behauptet zwar, der Wortlaut gebe den übereinstimmenden Willen
der Parteien nicht wieder, vermag jedoch letztlich den Inhalt einer auf einem
tatsächlichen übereinstimmenden Willens der Parteien abweichenden Vereinbarung
nicht zu beweisen. Umgekehrt hat die Beklagte zu beweisen, dass ihr Verständnis der
Klausel auf einem tatsächlichen übereinstimmenden Willen beruhte. Dieser Beweis
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misslingt schon deshalb, weil die Klägerin vorbringt, die Klausel anders verstanden zu
haben, wofür schon der Umstand spricht, dass nicht anzunehmen ist, die Klägerin
habe sich damit einverstanden erklären wollen, dass eine Schlechterfüllung des
Vertrags durch die Beklagte, für welche die Klägerin kein Verantwortung trägt, zu einer
Kürzung der Provision führen soll.
aa) Die Klausel ist somit objektiv aufgrund eines hypothetischen Parteiwillens
auszulegen, wobei der Wortlaut Ausgangspunkt der Auslegung zu bilden hat. Dabei
fällt auf, dass der Wortlaut unklar ist. Die Beklagte geht sinngemäss von folgendem
Verständnis der Klausel aus:
"If there are any price reductions caused by the customer or if there is any warranty
work, the commission will be reduced accordingly."
Gegen dieses Verständnis spricht schon der Umstand, dass es aus einer objektiven
Sicht kaum sachgemäss erscheint, eine Regelung zu vereinbaren, die eine
Provisionsberechnung letztlich von einer komplizierten Abrechnung gestützt auf die
internen Kosten der Beklagten abhängig machen würde, welche die Klägerin kaum
nachvollziehen könnte. Dies wiederspräche dem Charakter der Vereinbarung, die sehr
schlicht gehalten ist. Zudem wäre eine solche Berechnung systemfremd, berechnet
sich ein Provisionsanspruch doch regelmässig gestützt auf den Verkaufspreis und die
von den Parteien geschlossene Vereinbarung bildet hier keine Ausnahme.
bb) Es scheint deshalb sachgerechter bzw. naheliegender, die Klausel wie folgt
auszulegen:
"If there are any price reductions caused by the customer or caused by any warranty
work, the commission will be reduced accordingly."
Dadurch, dass bei diesem Verständnis der Klausel eine Provisionskürzung stets eine
Preisreduktion ("price reductions") voraussetzt, ergibt sich eine einfache
Berechnungsgrundlage. Zudem bleibt der Grundsatz erhalten, dass die Provision
letztlich aufgrund des Kauf- oder Werkpreises berechnet wird. Kosten oder Aufwände,
die der Beklagten im Zusammenhang mit nachträglichen "Garantiearbeiten vor Ort"
entstanden, namentlich Material- und Arbeitskosten (inkl. Spesen, Reise- und
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Übernachtungskosten), wirken sich demnach nicht provisionsmindernd aus.
Berücksichtigt werden können einzig Preisnachlässe, welche die Beklagte ihren
Kunden aufgrund von Garantie oder Nachbesserungsarbeiten gewährte.
3. Nach erfolgter Einsichtnahme in die beklagtische Buchhaltung und dem
Abschluss des (doppelten) Schriftenwechsels sind die folgenden fünf Positionen noch
umstritten: [...]
4. a) Hat der Agent durch seine Tätigkeit den Kundenkreis des Auftraggebers
wesentlich erweitert und erwachsen diesem oder seinem Rechtsnachfolger aus der
Geschäftsverbindung mit der geworbenen Kundschaft auch nach Auflösung des
Agenturverhältnisses erhebliche Vorteile, so haben der Agent oder seine Erben, soweit
es nicht unbillig ist, einen unabdingbaren Anspruch auf eine angemessene
Entschädigung (Art. 418u Abs. 1 OR). Die Kundschaftsentschädigung stellt einen
Ausgleich für den Geschäftswert dar, den der Auftraggeber nach Beendigung des
Vertrags weiter nutzen kann (BGer 4A_61/2008 E. 4.1; BGE 134 III 497 E. 4.1 = Pra
2009, 105; BGE 122 III 66 E. 3d; BGE 110 II 280 E. 3b = Pra 1984, 573). Da der
unabdingbare Anspruch einer Partei nach Vertragsbeendigung auf zusätzliche
Entschädigung für vertragsgemässe Erfüllung im schweizerischen Zivilrecht eine
absolute Ausnahme darstellt, hat das Bundesgericht bei der Zusprechung einer
Kundschaftsentschädigung wiederholt äusserste Zurückhaltung gezeigt (BSK-
Wettenschwiler,N 1 zu Art. 418u OR).
b) Die Klägerin verlangt EUR 3‘000.00 als Kundschaftsentschädigung. Zur
Begründung führt sie an, dass sie den Kundenstamm der Beklagten in den Ländern
Belgien und Luxemburg aufgebaut habe. Gesamthaft habe sie der Beklagten in den
Jahren 2007 bis 2011 einen Umsatz von EUR 826‘363.63 vermittelt. Im Durchschnitt
habe sie dadurch einen jährlichen Provisionsanspruch von EUR 16‘527.27 (brutto)
erworben. Netto, d.h. nach Abzug ihrer Aufwendungen, habe sie pro Jahr
EUR 6‘527.27 verdient. Nachdem ihr das Gesetz einen Anspruch auf höchstens einen
Nettojahresverdienst gebe, mache sie EUR 3‘000.00 als Kundschaftsentschädigung
geltend. In ihrer Klageantwort vom 8. April 2013 bestritt die Beklagte, dass ein
Anspruch auf Kundschaftsentschädigung bestehe. Nach der Bezifferung der
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klägerischen Forderung auf EUR 3‘000.00 in der ergänzten Klageschrift äusserte sich
die Beklagte zu diesem Punkt indessen nicht mehr, weder in der Eingabe vom
23. Dezember 2016, d.h. in der ergänzten Klageantwort, noch in einer der
nachträglichen Eingaben. Die klägerische Behauptung, der durchschnittliche
Nettojahresverdienst habe sich auf EUR 6‘527.27 belaufen, hat somit als unbestritten
zu gelten.
c/aa) Von einer wesentlichen Erweiterung des Kundenkreises kann gesprochen
werden, wenn der Agent einen Kundenkreis der Auftraggeberin überhaupt erst
geschaffen oder diesen wesentlich erweitert hat, sodass dem Auftraggeber aus der
Geschäftsverbindung mit der neu erworbenen Kundschaft auch nach Auflösung des
Agenturverhältnisses wesentliche Vorteile erwachsen (ZK-Bühler, N 23 zu Art. 418u
OR, m. Verw. a. HGer ZH, SJZ 53/1957, 289).
bb) Die Klägerin behauptet, in den Ländern Belgien und Luxemburg neun Abnehmer
als Kunden geworben zu haben. Die Beklagte anerkennt, von den Kundinnen C., D., E.
und F. Bestellungen erhalten zu haben. Da die Klägerin auch nach Einsichtnahme in die
beklagtische Buchhaltung keine Belege für weitere Kundenbeziehung nachweisen
konnte, sind lediglich die Beziehungen zu den vier genannten Firmen näher zu prüfen.
aaa) Wie die Beklagte mit entsprechenden Unterlagen nachgewiesen hat, bestand mit
den Kunden C. und D. bereits vor Beginn der klägerischen Agententätigkeit eine
Kundenbeziehung.
bbb) Es verbleiben als neu gewonnene Kunden die Unternehmen E. und F. Somit steht
fest, dass die Beklagte den beklagtischen Kundenkreis bloss um zwei Kunden erweitert
hat. Selbst unter Berücksichtigung des Umstandes, dass nach übereinstimmender
Darstellung der Parteien der Kreis der potentiellen Kunden in den Ländern Belgien und
Luxemburg auf die von der Klägerin aufgezählten neun Unternehmen beschränkt ist,
handelt es sich dabei nicht um eine wesentliche Ausweitung des Kundenkreises i.S.v.
Art. 418u Abs. 1 OR.
cc) Als erhebliche Vorteile im Sinne des Gesetzes kommen vorliegend finanzielle
Vorteile in Betracht, welche sich für die Beklagte aus dem Fortbestand der
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hinzugewonnenen Kundenbeziehungen ergaben. Nach eigener Darstellung erzielte die
Beklagte mit der Kundin F. in den Jahren 2007 bis 2011 gerade einmal
durchschnittliche Einnahmen in Höhe von rund EUR 7‘000.00 pro Jahr. Die E. gab in
den Jahren 2007 bis 2011 lediglich die Bestellung über EUR 218‘000.00 auf und war
dann nicht mehr Kundin der Beklagten. Unabhängig davon, weshalb die E. keine neuen
Bestellungen mehr tätigte, kann unter diesen Umständen nicht von erheblichen
Vorteilen gesprochen werden, welche der Beklagten auch nach Auflösung des
Agenturverhältnisses erwachsen (ZK-Bühler, N 23 zu Art. 418u OR; BSK-
Wettenschwiler, N 7 zu Art. 418u OR mit Hinweis auf BGE 103 II 277 E. 2).
dd) Insgesamt ist somit davon auszugehen, dass die Erweiterung des
Kundenstamms um zwei Abnehmerinnen keine wesentliche Erweiterung darstellt und
aus dieser Erweiterung nach Auflösung des Agenturverhältnisses auch keine
erheblichen Vorteile erwuchsen. Die beantragte Kundschaftsentschädigung von
EUR 3‘000.00 ist abzuweisen.
5. [...]
6. a) Die Beklagte stellt dieser Forderung einen Schadenersatzanspruch in Höhe
von EUR 202‘788.00 zur Verrechnung gegenüber. Als Begründung führt sie an, die
Klägerin habe ihre Sorgfaltspflicht als Agentin missachtet, indem sie wichtige
Kundenwünsche der C. "nicht im Detail aufgenommen" und diese auch nicht "mit der
genügenden Deutlichkeit kommuniziert" habe. Deshalb seien Nachbesserungsarbeiten
notwendig geworden und schlussendlich habe sich aus diesem Geschäft ein Verlust
ergeben.
b) Eine Haftung der Klägerin setzt eine Vertragsverletzung voraus. In ihrer Eingabe
vom 9. Januar 2017 bestreitet die Klägerin, die Agententätigkeit unsorgfältig ausgeführt
und Unterlassungen bzw. Versäumnisse begangen zu haben. Folglich hat die Beklagte
die von ihr behauptete Vertragsverletzung zu beweisen (Art. 8 ZGB). Als Beweis für ihre
Behauptung, die Klägerin sei verpflichtet gewesen, die Kundenwünsche bzw. die
Spezifikationen der bestellten Maschinen weiterzuleiten, und habe gegen diese Pflicht
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verstossen, beantragt die Beklagte allerdings einzig eine Parteibefragung ihres
Verwaltungsratspräsidenten G.
c) Die Agentin hat die Interessen der Auftraggeberin mit der Sorgfalt eines
ordentlichen Kaufmannes zu wahren (Art. 418c OR). Schon aus dem verwendeten
Begriff des Kaufmannes ergibt sich, dass der Agent regelmässig nicht in die technische
Abwicklung eines Auftrags bzw. einer Bestellung einbezogen ist. In der Regel erschöpft
sich der Beitrag des Agenten vielmehr in der Vermittlung des Geschäftes und dessen
kaufmännische Bearbeitung. In der Literatur werden denn auch als Beispiele zur
Sorgfaltspflicht die ordentliche Buchhaltung, Einhaltung vorgeschriebener
Ausführungsweisungen (Vertrags- und Zahlungsbedingungen für Abnehmer),
beschränkte Solvenzprüfung, Information des Auftraggebers über Abschlüsse und die
Führung von Kundenlisten erwähnt (BSK-Wettenschwiler, N 4 zu Art. 418c OR). Gerade
bei technisch anspruchsvollen Projekten wie den vorliegenden entspricht es den
Gepflogenheiten, dass nach Vertragsabschluss eine direkte Kommunikation zwischen
dem Besteller und dem Lieferanten zur technischen Abwicklung des Auftrags
stattfindet. Aus dem Vertragstext ergeben sich denn auch keine Anhaltspunkte dafür,
dass die Klägerin verpflichtet gewesen wäre, sich genauer mit technischen
Kundenwünschen auseinanderzusetzen und die Abwicklung der vermittelten Geschäfte
entsprechend technisch zu begleiten. Es wäre somit an der Beklagten gelegen,
substantiiert darzulegen, worin die behaupteten Pflichten der Klägerin genau
bestanden, und allenfalls anhand von anderen Auftragsabwicklungen aufzuzeigen,
welche technischen Abklärungen und Übermittlung von technischen Daten die
Beklagte regelmässig ausführte. Die Beklagte betrachtet jedoch die Verpflichtung zur
Übermittlung als selbstverständlich, indem sie der Klägerin pauschal vorwirft, wichtige
Kundenwünsche "nicht im Detail aufgenommen" und diese auch nicht "mit der
genügenden Deutlichkeit kommuniziert" zu haben. Diese Vorbringen genügen den
Anforderungen an eine hinreichende Substantiierung der behaupten vertraglichen
Pflichten nicht. Daran vermag auch der pauschale Hinweis auf die Sorgfaltspflicht des
Agenten gemäss Art. 418c OR nichts zu ändern. Da es schon an einer hinreichenden
Begründung der behaupteten vertraglichen Sorgfaltspflichten bzw. deren Verletzung
fehlt, ist es irrelevant, dass die substantiierten Vorbringen und Beweisanträge sowie die
Einreichung von neuen Beweismitteln zur Schadenhöhe an der Hauptverhandlung
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verspätet waren. Die behauptete beklagtische Schadenersatzforderung ist demnach
abzuweisen.
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