Decision ID: c0aa0e0d-aee1-499d-a6d9-538131c218bf
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1983 geborene
X._
arbeitete seit dem
28. Mai 2007 als
Pflege
assistentin
bei der
Y._
AG (Urk. 8/Z1) und war bei der Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG (Zürich Versicherung) gegen die Folgen von Unfall versichert, als sie am 27. August 2008 auf ihrem Mofa mit einem Lieferwagen kollidierte und sich multiple Brüche zuzog (Urk. 8/Z1, Urk. 8/amtli
che Akten/Unfallprotokoll vom 17. September 2008 S. 4 f.). Die Zürich Ver
siche
rung kam für Heilkosten auf und erbrachte Taggeldleistungen (Urk. 8/Z2).
Am 12. Juli 2009 meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf multiple Frakturen
am
Becken, Oberschenkel und Unterschenkel rechts sowie ein post
traumatisches Syndrom bei der Invalidenversicherung
zum
Leistungsbe
zug
an (Urk. 8/Zm
138
/a S. 1
). In der Folge beauftrage die
Sozialversicherungs
anstalt
des Kantons Zürich die
Medas
Z._
mit einer
polydisziplinä
ren
Begutachtung (Urk. 8/Z253), welcher sich die Zürich Versicherung am 26. Juli 2011 mit Zusatzfragen anschloss (Urk. 8/Z255). Am 12. Dezember 2012 erstattete die
Medas
Z._
ihr Gutachten (Urk. 8/Zm
138
).
Mit Verfü
gung vom 27. Februar 2013 stellte die Zürich Versicherung die Heilbehandlung per 30. April 2010 und die Taggelder per 31. Dezember 2012 ein und verneinte eine Rentenanspruch sowie eine Integritätsentschädigung (Urk. 8/Z338). Dage
gen erhob die Versicherte am 28. März 2013 Einsprache (Urk. 8/Z349).
Mit An
frage vom 5. Juli 2013 unterbreitete die Zürich Versicherung ihrem medizini
schen Dienst das Gutachten der
Medas
Z._
zur Stellungnahme hin
sichtlich Übereinstimmung des
Medas
-Gutachtens, insbesondere des psychi
atrischen Teils, mit den Vorgutachten von Dr. med.
A._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, und Dr. med.
B._
, FMH Psychiatrie und Psychotherapie
(Urk. 8/Zm
13
8
).
Gestützt auf die medizinischen Beurteilungen vom
20.
u
nd 23. September 2013
(Urk. 8/Zm141, Urk. 8/Zm13
9
)
beabsichtigte
die Zürich Versicherung eine erneute polydisziplinäre Begutachtung der Versi
cherten (Urk. 8/Z36
3
)
, welcher die
se
sich
jedoch nicht
unterzog
.
Mit
Zwischen
verfügung
vom
6. Januar 2014
verpflichtete die Zürich Versicherung die Versi
cherte,
bei
einer Begutachtung
mitzuwirken
(Urk. 2).
2.
Hiergegen erhob die Versicherte am 30. Januar 2014 Beschwerde mit den Anträ
gen, die angefochtene Zwischenverfügung sei aufzuheben
und es sei die Beschwerdegegnerin anzuweisen, den
Einspracheentscheid
zu erlassen, es sei ihr die unentgeltliche Rechtsvertretung zu bewilligen und es sei Rechtsanwalt Massimo
Aliotta
zum unentgeltlichen Rechtsbeistand zu bestellen (Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 10. Februar 2014 schloss die Beschwerdegegnerin auf
Abweisung der Beschwerde (Urk. 7), was der Beschwerdeführerin am 18. Februar 2014 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 9).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien sowie die Akten ist, soweit für die
Ent
scheid
fin
dung
erforderlich, in den Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Beschwerdegegnerin stellte sich in der angefochtenen Verfügung
zu
sammen
gefasst
auf den Standpunkt,
es lägen unterschiedliche ärztliche Beurteilungen vor, so dass Differenzen geklärt werden müssten. Gemäss Dr. med.
dipl.
-psych.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
,
wiesen der Vorzustand wie auch die nach dem Unfall durchgeführten Therapien auf ein unfallfremdes Geschehen hin und kaum auf einen posttraumatischen Zustand (Urk. 2).
1.2
Dem hielt die Beschwerdeführerin im Wesentlichen entgegen,
das
Medas
-Gutach
ten, insbesondere das psychiatrische Teilgutachten, sei voll beweiskräf
tig, weshalb keine Notwendigkeit fü
r eine Neubegutachtung bestehe und eine solche lediglich eine nicht zulässig
e
„
second
opinion
“
darstelle (Urk. 1).
2.
Die Anordnung eines Administrativgutachtens hat bei fehlendem Konsens in Form einer anfechtbaren Verfügung zu erfolgen. Wird eine Begutachtung nach den in BGE 137 V 210 festgelegten Regeln veranlasst und mittels Verfügung angeordnet, so kann die versicherte Person mit Beschwerde an das kantonale
Ver
siche
rungsgericht
formelle
Ausstandsgründe
und gewisse materielle Einwen
dungen geltend machen, nämlich den Einwand, es handle sich um eine unnö
tige
second
opinion
,
sowie Einwendungen gegen Art oder Umfang der Begut
achtung (beispielsweise betreffend die Auswahl der medizinischen Disziplinen) oder gegen einzelne Sachverständige (etwa betreffend deren Sachko
mpetenz, BGE 138 V 271 E. 1.1).
3.
3.1
Gemäss Urteil des Bundesgerichts U 571/06 vom 29. Mai 2007
E. 4.1 und 4.2
statuiert Art. 43 Abs. 1 ATSG
zwar
die Sachverhaltsabklärung von Amtes wegen, wobei es im Ermessen des Versicherungsträgers liegt, darüber zu befin
den, mit welchen Mitteln diese zu erfolgen hat. Im Rahmen der
Verfahrenslei
tung
kommt ihm ein grosser Ermessensspielraum bezüglich der Notwendigkeit, den Umfang und die Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Was zu beweisen ist, ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz hat der Unfallversicherer den Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass er über den Leistungsanspruch zumindest mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (vgl. dazu
BGE 126 V 353
E. 5b S. 360) entscheiden kann. Dabei kommt im Abklärungsverfahren des Unfallversicherers Sachverständigengutachten eine massgebende Rolle zu (vgl. Art. 55 Abs. 2 UVV). Der Untersuchungsgrundsatz wird ergänzt durch die
Mitwirkungspflich
ten
der versicherten Person (vgl.
BGE 125 V 193
E. 2 S. 195). Danach hat sich diese den ärztlichen oder fachlichen Untersuchungen zu unterziehen, wenn sie zumutbar sind. Nach dem Wortlaut von Art. 43 Abs. 1 und Abs. 2 ATSG müs
sen diese aber auch notwendig und somit von entscheidender Bedeutung für die Erstellung des rechtserheblichen Sachverhalts sein
.
In diesem Sinne liegt die medizinische Begutachtung nicht im uneingeschränkten Ermessen der
rechts
anwendenden
Stellen. Diese haben sich von rechtsstaatlichen Grundsätzen leiten zu lassen, wozu die Verpflichtung zur Objektivität und Unvoreingenom
menheit (vgl. Ulrich Meyer-Blaser, Das medizinische Gutachten aus
sozialrecht
licher
Sicht, in: Adrian M. Siegel/Daniel Fischer [Hrsg.], Die neurologische Begutachtung, Schweizerisches
medico
-legales Handbuch, Bd. 1, Zürich 2004, S. 105) ebenso gehört wie der Grundsatz der rationellen Verwaltung (vgl. Mar
kus Fuchs, Rechtsfragen im Rahmen des Abklärungsverfahrens bei Unfällen, in: SZS 2006 S. 288).
Insbesondere beinhalten die für die Beurteilung des Leistungsanspruchs von Amtes wegen durchzuführenden notwendigen Abklärungen im Sinne von Art. 43 ATSG nicht das Recht des Versicherungsträgers, eine "
second
opinion
" zum bereits in einem Gutachten festgestellten Sachverhalt einzuholen, wenn ihm dieser nicht passt. Es geht hier namentlich nicht darum, die Tunlichkeit einer medizinischen Massnahme mittels Einholung einer Zweitmeinung zu hinterfra
gen, sondern darum, in welchem Umfang und in welcher Tiefe Abklärungen vorzunehmen sind, damit der rechtserhebliche Sachverhalt als mit dem massge
benden Beweisgrad erstellt gelten kann (
Kieser
, ATSG-Kommentar,
Rz
11 zu Art. 43). Dabei ergibt sich die Notwendigkeit der Anordnung eines weiteren
Gutachtens aus der Beantwortung der Frage, ob bereits bei den Akten liegende Gutachten die inhaltlichen und beweismässigen Anforderungen an eine zu erstattende ärztliche Expertise erfüllen. Dies hängt entscheidend davon ab, ob sie für die Beantwortung der gestellten Fragen umfassend sind und in diesem Rahmen auf den erforderlichen allseitigen Abklärungen beruhen; die geklagten Beschwerden wiedergeben und sich damit auseinandersetzen, was vor allem bei psychogenen Fehlentwicklungen nötig ist; in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
abgegeben worden sind; in der Darle
gung der medizinischen Zustände, Entwicklungen und Zusammenhänge ein
leuchten; und die Schlussfolgerungen der medizinischen Experten in einer Weise begründet sind, dass die Rechtsanwender sie kritisch nachvollziehen können (
BGE 125 V 351
E. 3a S. 352; Ulrich Meyer-Blaser, a.a.O., S. 97).
3.2
Das MEDAS-Gutachten vom
12. Dezember 2012 (Urk. 8/Zm138) und insbeson
dere das psychiatrische Teilgutachten von Dr. med.
D._
, FMH Psychiatrie Psychotherapie,
entspricht den von der Rechtsprechung aufgestellten
beweis
mässigen
Anforderungen (vgl.
BGE 125 V 351
E. 3a S. 352).
Das Gutachten ist umfassend, und sowohl die geklagten Beschwerden als auch die medizinische Aktenlage sind berücksichtigt. Dr.
D._
verwies im psychiatrischen
Teilgut
achten
(Urk. 8/Zm138/
f S. 1)
auf die ausführliche Aktenzusammenfassung des
Medas
-Gutachters Dr. med.
E._
, Allgemeine Medizin FMH, Zertifizierter medizinischer Gutachter SIM,
welche sich über 38 Seiten erstreckt (Urk. 8/Zm138/a) und sowohl das psychiatrische Gutachten von Dr.
A._
vom 6. März 2009 (Urk. 8/Zm138/a S. 10) als auch d
ie
Aktengutachten von Dr.
B._
vom 2. September 2009 (Urk. 8/Zm138/a S. 14)
und 5. Mai 2012 (Urk. 8/Zm138/a S. 35)
beinhaltet.
Die Gut
achter untersuchten d
ie
Beschwerde
führer
in
selber, lieferten eine eigene Ein
schätzung der Situation und beantwor
teten in nachvollziehbarer Weise die
unfallversicherungsspezifischen Zusatzfra
gen der
Beschwerdegegnerin
.
Dr.
D._
setzte
sich auch differenziert mit den Beurteilungen von Dr.
A._
und Dr.
B._
ausein
ander und
begründete einlässlich, weshalb er zu einer anderen Diagnose gelangte und die
Unfallkau
salität
abweichend beurteilte (Urk. 8/Zm138/f S. 14 f. und S. 17
). Damit erfüllt das Gutachten sämtli
che Kriterien, denen ein beweis
taugliches Gutachten zu genügen hat. Es ist
daher eine zuverlässige Beurtei
lungsgrundlage.
Nichts zu ihren Gunsten vermag die Beschwerdegegnerin aus der medizinischen Beurtei
lung ihrer Spezialistin Medical Support
vom 23. September 2013
(Urk. 8/Zm140) abzuleiten.
Da es sich bei dieser
unbestrittenermassen
nicht um eine ärztliche Fachperson handelt, kann auch nicht von
einer
medizinisch-fun
dierten
Kritik
ausgegangen werden. Dass Dr.
C._
dieses von der
Fachspezi
alistin
alleine verfasste Schreiben am 19. November 2013 (Urk. 8/Zm141)
auch
unterzeichnete, vermag daran nichts zu ändern. Selbst wenn die medizinische Beurteilung dem erst nachträglich unterzeichnenden Dr.
C._
zugeordnet würde, kann nicht aus einer kurzen Auflistung unterschiedlicher Diagnose
stellungen auf die Notwendigkeit einer umfassenden Neubegutachtung der Beschwerdeführerin geschlossen werden.
Weder die von der
Beschwerde
gegnerin
vorgetragenen m
assive
n
Kritikpunkte
noch die gravierenden Mängel (vgl. Urk. 7 S. 3)
sind
zu erkennen. Dr.
C._
setzte sich in seiner
Kurzbeur
teilung
nicht mit der differenziert begründeten abweichenden Beurteilung von Dr.
D._
auseinander, sondern begnügte sich damit, auf die bereits von Dr.
D._
erkannte unterschiedliche Diagnosestellung hinzuweisen.
3.3
Zusammenfassend ergibt sich somit, dass sich die Anordnung einer weiteren interdisziplinären Begutachtung erübrigt, weshalb
die Beschwerde gutzuheissen und
die Sache an die Beschwerde
gegnerin
zum Erlass eines materiellen Ent
scheids zurück
zuweisen ist
.
4
.
Nach
§ 34 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozial
versicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierig
keit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
). Vorliegend erscheint eine Prozessentschädigung von Fr. 1'100.-- (inkl. Mehrwert
steuer und Barauslagen) als angemessen.
5
.
Bei dieser Sachlage ist das Gesuch der Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtsvertretung und Bestellung von Rechtsanwalt Massimo
Aliotta
als unent
geltlicher Rechtsvertreter
vom 30. Januar 2014
gegenstandslos geworden.