Decision ID: c2bd7a1b-90b2-5239-ba9a-926c1c9271eb
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Am 3. April 2020 reichte die A._ AG für die Transportabteilung ihrer
Niederlassung in B._ einen Antrag auf Kurzarbeitsentschädigung ein. Als
Begründung führte sie aus, dass auf Grund der Einschränkungen durch die COVID-19-
Schutzmassnahmen und der damit einhergehenden Betriebsschliessungen auch ein
Einbruch bei den Transportaufträgen zu verzeichnen sei. Die (Abteilung) Logistik sei
davon noch nicht betroffen, da Hygienematerial eingelagert werden könne. Die
Kurzarbeit dauere voraussichtlich vom 1. April 2020 bis "abh. Covid-19" und betreffe
21 Angestellte (act. G 3.1/A1).
A.a.
Mit Verfügung vom 27. April 2020 erhob das Amt für Wirtschaft und Arbeit des
Kantons St. Gallen teilweise Einspruch gegen die Auszahlung von
Kurzarbeitsentschädigung. Der Bereich "Transport" werde nicht als Betriebsabteilung
anerkannt. Für die Gesamtniederlassung B._ könne die Kasse jedoch
Kurzarbeitsentschädigung ausrichten, sofern die übrigen Anspruchsvoraussetzungen
erfüllt seien (act. G 3.1/A4).
A.b.
Mit Einsprache vom 29. April 2020 machte die A._ AG geltend, die Abteilungen
Transport und Logistik seien in sämtlichen Betrieben der A._ AG in sich
eigenständige Betriebsteile mit eigenen Kostenstellen und könnten auch unabhängig
voneinander funktionieren resp. wirtschaftlich existieren. Sie verfügten je über eine
A.c.
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B.
eigene, innerbetrieblich selbstständige Leitung und erbrächten je eigene Leistungen
(act. G 3.1/A5).
Mit Entscheid vom 16. Juli 2020 wies das Amt für Wirtschaft und Arbeit die
Einsprache ab. Zwar sei grundsätzlich denkbar, dass die Teilbereiche Transport und
Logistik unabhängig voneinander operierten. Vorliegend sei aber davon auszugehen,
dass diese Abteilungen derart eng mit dem Kerngeschäft der Unternehmung verknüpft
seien, dass ein selbstständiger Betrieb der einen oder anderen Organisationseinheit
wenig plausibel erscheine. Die enge Verflechtung beider Tätigkeitsbereiche zeige sich
auch darin, dass die Niederlassung B._ Teil eines Netzwerks von Transport- und
verwandten Dienstleistungen bilde, die dem Unternehmenszweck entsprechend alle
Lager-, Transport- und verwandten Leistungen anbiete. Würde ein Teil vom anderen
getrennt, müsste in Bezug auf die Niederlassung in B._ zumindest der Teil der
Abteilung Logistik im Bereich der Kommissionierung und Bereitstellung der Waren
sowie der Stückguttransport mit den Bereichen F._ und G._ neu aufgestellt
werden. Daran vermöge auch nichts zu ändern, dass die Transport- und
Logistikabteilung über je eigene personelle und technische Mittel verfügten (act. G 3.1/
A7).
A.d.
Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom
11. September 2020 mit dem Antrag auf dessen Aufhebung. Entgegen der Darstellung
des Beschwerdegegners ergebe sich auf Grund der Geschäftsstrategie und des
Leistungsangebots, dass die Leistungen Transport und Logistik eigenständig geführt
und angeboten würden. Die Aufträge im Bereich Transport würden eigenständig in der
Betriebsabteilung Transport abgewickelt. Im Bereich der Logistik würden unter
anderem sowohl die Lagerung als auch die Konfektionierung angeboten. Beides seien
Leistungen, die unabhängig vom Transport und damit eigenständig am Markt
angeboten werden könnten. Die Anlieferung der Ware könne durch den
Wareneigentümer selbst oder durch ein drittes Transportunternehmen erfolgen.
Kleinere Waren würden oftmals per Post vom Lager zum Endkunden transportiert. Es
sei zwar möglich, die beiden Leistungen zu kombinieren. Jedoch erfordere die
Inanspruchnahme einer Logistikleistung nicht auch eine Leistung aus dem Bereich
B.a.
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Erwägungen
1.
Transport. Die Leistungen eines Bereichs könnten unabhängig von der anderen gekauft
und erbracht werden. Dagegen spreche nicht, dass die Beschwerdeführerin ihren
Kunden auch eine Gesamtlösung anbiete, die das Zusammenwirken aller
Leistungsbereiche und sämtlicher Standorte erfordere. Im Weiteren ergebe sich aus
dem Organigramm, dass beide Abteilungen unabhängig voneinander geführt würden.
Ein Personalaustausch finde nicht statt und könne auch faktisch nicht stattfinden, da
beide Leistungen andere Fachkompetenzen erforderten (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 25. September 2020 beantragt der
Beschwerdegegner unter Verweis auf den angefochtenen Einspracheentscheid die
Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
Die Beschwerdeführerin verzichtet nach Einsicht in die Akten auf eine weitere
Stellungnahme (act. G 7).
B.c.
Vorliegend ist einzig umstritten, ob die von der Beschwerdeführerin geltend
gemachte Abteilung Transport eine Betriebsabteilung im Sinn der nachfolgend
aufgeführten Bestimmungen bildet.
1.1.
Arbeitnehmende, deren normale Arbeitszeit verkürzt oder deren Arbeit ganz ein
gestellt ist, haben unter den in Art. 31 Abs. 1 lit. a - d des Bundesgesetzes über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR
837.0) genannten Voraussetzungen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung. Der
Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung setzt gemäss Art. 31 Abs. 1 lit. b AVIG unter
anderem voraus, dass der Arbeitsausfall anrechenbar ist. Gemäss Art. 32 Abs. 1 AVIG
ist ein Arbeitsausfall anrechenbar, wenn er auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen
und unvermeidbar ist (lit. a) und pro Abrechnungsperiode mindestens 10 Prozent der
Arbeitsstunden ausmacht, die von den Arbeitnehmenden des Betriebes normalerweise
insgesamt geleistet werden (lit. b). Kleinere Beschäftigungsschwankungen hat der
Arbeitgeber selbst zu tragen.
1.2.
In Art. 32 Abs. 4 AVIG wird der Bundesrat ermächtigt zu bestimmen, unter welchen
Voraussetzungen eine Betriebsabteilung einem Betrieb gleichgestellt ist. Von dieser
Kompetenz hat der Bundesrat in Art. 52 Abs. 1 der Verordnung über die obligatorische
1.3.
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Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02) Gebrauch
gemacht. Danach ist eine Betriebsabteilung einem Betrieb gleichgestellt, wenn sie eine
mit eigenen personellen und technischen Mitteln ausgestattete organisatorische Einheit
bildet, die einer eigenen innerbetrieblich selbstständigen Leitung untersteht (lit. a) oder
Leistungen erbringt, die auch von selbstständigen Betrieben erbracht und auf dem
Markt angeboten werden könnten (lit. b).
Wird eine organisatorische Einheit eines Betriebes als Betriebsabteilung im Sinne
von Art. 52 Abs. 1 AVIV qualifiziert, bildet sie (und nicht mehr der gesamte Betrieb [vgl.
oben E. 1.1]) die massgebliche Bezugsgrösse für die Berechnung des Mindest
arbeitsausfalls. Eine allzu grosszügige Anerkennung von Betriebsabteilungen führt
deshalb dazu, dass die 10-Prozent-Klausel im Zusammenhang mit dem geforderten
Mindestarbeitsausfall (Art. 32 Abs. 1 lit. b AVIG) ihres Inhalts entleert wird (vgl. AVIG-
Praxis Kurzarbeitsentschädigung [KAE], Rz C34). Die Qualifikation als Betriebsabteilung
setzt deshalb eine gewisse Autonomie der fraglichen Organisationseinheit innerhalb
des Gesamtbetriebs voraus. Die Organisationseinheit muss eine Arbeitnehmergruppe
umfassen, die im Gesamtbetrieb eine organisatorische Einheit bildet. Sie muss einem
eigenen Betriebszweck dienen oder im innerbetrieblichen Produktionsablauf eigene
Leistungen (z.B. Herstellung eines Zwischenprodukts) erbringen. Eine räumliche
Trennung ist nicht zwingend erforderlich. Gegen eine Betriebsabteilung spricht eine
enge personelle und technische Verflechtung mit anderen betrieblichen Einheiten.
Ebenfalls keine Betriebsabteilung liegt vor, wenn die Gruppe nur wenige
Arbeitnehmende oder gar nur eine einzelne Person umfasst (vgl. AVIG-Praxis KAE, Rz
C31 ff.).
1.4.
In Bezug auf die Erfüllung des Kriteriums des anrechenbaren Arbeitsausfalls hat
die massgebende Rechtslage (Art. 32 Abs. 1 und 4 AVIG, Art. 52 Abs. 1 AVIV) durch die
Pandemiegesetzgebung (Art. 17 des Bundesgesetzes über die gesetzlichen
Grundlagen für Verordnungen des Bundesrates zur Bewältigung der Covid-19-
Epidemie vom 25. September 2020 [abgekürzt: Covid-19-Gesetz; SR 818.102] sowie
die Verordnung über Massnahmen im Bereich der Arbeitslosenversicherung im
Zusammenhang mit dem Coronavirus vom 20. März 2020 [COVID-19; abgekürzt:
COVID-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung; SR 837.033]) keine Änderung bzw.
Erleichterung erfahren. Dies ist folgerichtig, sollten doch mit den speziellen
Massnahmen in erster Linie Betriebe und deren Mitarbeitende, die von Covid-19 bzw.
den darauf gerichteten Gegenmassnahmen ("Lockdown") sehr stark betroffen waren
oder sind, unterstützt werden. Das Erfüllen der in Frage stehenden Voraussetzung
eines Mindestarbeitsausfalls von 10 % in Bezug auf den Gesamtbetrieb bzw. eine
1.5.
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2.
Betriebsabteilung ist demnach gemäss bestehender Gesetzgebung und dazu
ergangener Rechtsprechung zu beurteilen.
Der Beschwerdegegner begründete seinen Einspruch zunächst lediglich implizit
damit, dass durch die Anerkennung der beantragten Betriebsabteilung Transport die
Anspruchsvoraussetzung eines Mindestarbeitsausfalls von 10 % umgangen werde, da
von 38 Beschäftigten deren 21 von Kurzarbeit betroffen seien (act. G 3.1/A4). Im ange
fochtenen Einspracheentscheid brachte er zudem im Wesentlichen vor, die Gruppen
Transport und Logistik seien derart eng mit dem Kerngeschäft der Unternehmung
verbunden, dass ein selbstständiger Betrieb der einen oder anderen
Organisationseinheit wenig plausibel erscheine. Zwar ist der Beschwerdeführerin darin
zuzustimmen, dass die beiden Teilbereiche Transport und Logistik grundsätzlich
separat betrieben werden könnten, setzt doch eine Spedition nicht zwingend voraus,
dass auch Lagerflächen oder weitere mit der Logistik verbundene Dienstleistungen
angeboten werden. Dies scheint auch der Beschwerdegegner grundsätzlich
anzuerkennen (Einspracheentscheid, Ziff. 4.2). Gemäss Website der
Beschwerdeführerin besteht das Transportgeschäft im Wesentlichen im
Stückguttransport, bei welchem die Sendungen für die Hauptdistanzen zwischen den
Zentren gebündelt werden, um einen effizienten Transport (per Bahn) zu ermöglichen
und am Zielort durch die Niederlassungen der Beschwerdeführerin an die Empfänger
zugestellt zu werden. Für grössere Volumina bzw. Tonnagen bietet die
Beschwerdeführerin einen Teil- bzw. Komplettladungsservice an, dessen Vorteil darin
besteht, dass die Fracht direkt von der Absenderin zum Empfänger transportiert wird.
Das Logistikgeschäft besteht sodann im Wesentlichen darin, dass Lagerflächen für
Kunden zur Verfügung gestellt werden, die selbst keine solchen vorhalten wollen oder
können. Darüber hinaus bietet die Beschwerdeführerin Lagerung, Konfektionierung und
Kommissionierung verschiedenster Güter an, wobei die Beschwerdeführerin als
Drehscheibe zwischen ihren Kundinnen und deren Abnehmern fungiert. Schliesslich
bietet die Beschwerdeführerin die Kontraktlogistik an, wobei sie die Waren in
Absprache mit den Kundinnen abholt, kontrolliert, kommissioniert und an die
Endkunden zustellt.
2.1.
Bei der Organisation der Beschwerdeführerin sticht zudem ein weiteres Merkmal
hervor, nämlich, dass sie gemäss Angaben in ihrer Website über insgesamt 16 Nieder
lassungen (inkl. Hauptsitz in D._) verfügt, die sich insbesondere über das
schweizerische Mittelland bis nach E._ verteilen. Unter anderem unterhält die
Beschwerdeführerin eine Niederlassung in B._, welche Filiale hier zur Diskussion
2.2.
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steht. Es besteht somit gewissermassen eine Matrixorganisation, indem offenbar jede
Zweigniederlassung über die beiden fraglichen Teilbereiche Transport und Logistik
verfügt, wie dies auch die Beschwerdeführerin in ihrer Einsprache ausführt (act. G 3.1/
A5).
Zwar erscheint glaubhaft, dass die Bereiche Transport und Logistik über eigene
personelle und technische Mittel verfügen und damit die Grundvoraussetzung für eine
Anerkennung als Betriebsabteilung gemäss Art. 52 Abs. 1 Ingress AVIV erfüllen. So ist
plausibel, dass für die beiden Teilbereiche unterschiedliche berufliche Qualifikationen
benötigt werden. Ausserdem leuchtet ein, dass der Transportbereich vor allem Fahr
zeuge, der Logistikbereich vor allem Lagerflächen benötigt. Mit dem
Beschwerdegegner ist indessen festzustellen, dass die Angebote der
Beschwerdeführerin durchaus eng aufeinander abgestimmt sind, wenn es auch
möglich sein mag, Transport- oder Logistikleistungen einzeln einzukaufen. Dies zeigt
sich etwa am Bereich Kontraktlogistik, wo die Beschwerdeführerin integral die gesamte
Lieferkette von der Produktion über die Eingangskontrolle, eventuelle Zustands- und
Funktionskontrollen, Kommissionierung der Ware bis zur zeitgerechten Bereitstellung
übernimmt. Auch bei der Dienstleistung H._ geht die Beschwerdeführerin davon aus,
dass sie als Drehscheibe zwischen ihren Kundinnen und deren Abnehmern fungiert.
Zwar wäre wohl theoretisch denkbar, dass die hierbei nötigen Transportleistungen
durch Drittanbieter (oder durch die Kundinnen selbst) durchgeführt werden. Das
Geschäftsmodell der Beschwerdeführerin ist jedoch klar auf einen Komplettservice
ausgerichtet, der auch die Transportleistungen umfasst. Dies erscheint auch
wirtschaftlich sinnvoll, können durch den gegenseitig generierten Mehrwert doch
Geschäftsvolumen erzeugt und Synergien genutzt werden. Umgekehrt ist davon
auszugehen, dass auch der Transportbereich auf die Dienste des - nach Angaben der
Beschwerdeführerin dem Bereich Logistik zugerechneten - Umschlagspersonals
zurückgreifen kann (vgl. act. G 3.1/A1). Es bestehen damit enge personelle und
technische Verflechtungen zwischen den fraglichen Teilbereichen, insbesondere im
Verbund mit den anderen Niederlassungen der Beschwerdeführerin, wenn auch kein
Personal ausgetauscht werden mag. Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten
erscheint damit unwahrscheinlich, dass der Betriebsteil Transport B._ auch einzeln
effizient betrieben werden könnte. Die als massgebliche Bezugsgrösse beantragte
Abteilung Transport der Niederlassung B._ erfüllt damit weder das Kriterium einer
"gewissen Autonomie", noch erfüllt sie einen eigenen Unternehmenszweck oder
erbringt eine Leistung, die auch von einem selbstständigen Betrieb erbracht und auf
dem Markt angeboten werden könnte.
2.3.
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3.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu
erheben (aArt. 61 lit. a ATSG in der bis 31. Dezember 2020 gültigen, für das
vorliegende Verfahren gemäss Art. 83 ATSG noch anwendbaren Fassung).