Decision ID: dc82c883-b1d3-4f21-9775-84bafbc6f252
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
Am 16. November 2020 erhob die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten An-
klage gegen die Beschuldigte wegen Diebstahls, Hausfriedensbruchs, Wi-
derhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz, Drohung, Sachbe-
schädigung und Tätlichkeiten. Sie beantragte dafür eine bedingte Freiheits-
strafe von 8 Monaten, Probezeit 3 Jahre, eine bedingte Geldstrafe von 60
Tagessätzen à Fr. 120.00, Probezeit 3 Jahre, sowie eine Busse von
Fr. 1'500.00. Zudem sei die Beschuldigte für 5 Jahre des Landes zu ver-
weisen.
2.
Mit Urteil vom 17. Februar 2021 sprach der Präsident des Bezirksgerichts
Bremgarten die Beschuldigte im Sinne der Anklage schuldig und bestrafte
sie mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 8 Monaten und einer bedingten
Geldstrafe von 180 Tagessätzen à Fr. 120.00, Probezeit je 3 Jahre, und
einer Busse von Fr. 1'500.00. Zudem verwies er die Beschuldigte für 6 Jah-
re des Landes.
3.
3.1.
Mit Berufungserklärung vom 7. Juni 2021 beantragte die Beschuldigte ei-
nen vollumfänglichen Freispruch von der Anklage.
Die Beschuldigte reichte am 15. September 2021 vorgängig zur Berufungs-
verhandlung eine schriftliche Berufungsbegründung ein.
Mit vorgängiger Berufungsantwort vom 11. Oktober 2021 beantragte die
Staatsanwaltschaft die Abweisung der Berufung der Beschuldigten.
3.2.
Die Berufungsverhandlung fand am 23. März 2022 statt.

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Die Beschuldigte beantragt mit Berufung einen vollumfänglichen Frei-
spruch. Damit ist das vorinstanzliche Urteil vollständig angefochten und zu
überprüfen (Art. 404 Abs. 1 StPO).
2.
2.1.
In Anklageziffer I./1 wird der Beschuldigten Diebstahl und Hausfriedens-
bruch vorgeworfen. Sie soll sich am 2. Juni 2018, zwischen 14:00 Uhr und
- 3 -
15:00 Uhr Zugang zur Wohnung der Familie M. an der [...] in Villmergen,
verschafft haben, indem sie den Wohnungsschlüssel, welcher unter dem
Teppich vor der Haustüre deponiert war, behändigte. Sie habe danach die
Wohnung betreten und Geld, welches in der Kommode im Schlafzimmer
aufbewahrt gewesen sei, gestohlen. Der Deliktsbetrag wird auf mindestens
Fr. 31'000.00 und € 2'800.00 beziffert.
2.2.
Die Vorinstanz sah es als erwiesen an, dass die Beschuldigte den unter
Anklageziffer I./1. beschriebenen Sachverhalt begangen hat und erklärte
sie wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs für schuldig. Sie stützte sich
dabei einerseits auf die Aussagen des Zeugen G., welcher gesehen haben
will, dass die Beschuldigte die Wohnung am 2. Juni 2018, am frühen Nach-
mittag, verlassen und den Schlüssel unter den Teppich gelegt hat. Weiter
erwog die Vorinstanz, dass gestützt auf die übereinstimmenden Aussagen
der Eheleute M. unzweifelhaft sei, dass Bargeld im genannten Betrag in der
Wohnung aufbewahrt worden war (vorinstanzliches Urteil E. 1.2.1. ff. und
1.4.1. ff.).
2.3.
Die Beschuldigte bestreitet jegliche Tatbeteiligung. Sie habe am 2. Juni
2018 weder die Wohnung der Familie M. betreten, noch habe sie Geld da-
raus gestohlen. Sie stellt grundsätzlich in Abrede, dass das Ehepaar den
genannten Bargeldbetrag bei sich zu Hause aufbewahrt habe (Berufungs-
begründung, S. 3 ff.).
2.4.
2.4.1.
Das Gericht würdigt die Beweise frei nach seiner aus dem gesamten Ver-
fahren gewonnenen Überzeugung (Art. 10 Abs. 2 StPO). Bestehen unüber-
windliche Zweifel an der Erfüllung der tatsächlichen Voraussetzungen der
angeklagten Tat, so geht das Gericht von der für die beschuldigte Person
günstigeren Sachlage aus (Art. 10 Abs. 3 StPO; «in dubio pro reo»). Bloss
abstrakte und theoretische Zweifel sind nicht massgebend, weil solche
immer möglich sind und absolute Gewissheit nicht verlangt werden kann.
Der Grundsatz «in dubio pro reo» ist erst anwendbar, nachdem alle aus
Sicht des urteilenden Gerichts notwendigen Beweise erhoben und ausge-
wertet worden sind und nach erfolgter Beweiswürdigung als Ganzem rele-
vante Zweifel bestehen, wobei nur das Übergehen offensichtlich erhebli-
cher Zweifel eine Verletzung des Grundsatzes «in dubio pro reo» zu be-
gründen vermag (BGE 144 IV 345 E. 2.2.1 ff.).
2.4.2.
Mit der Vorinstanz geht auch das Obergericht davon aus, dass die Beschul-
digte am 2. Juni 2018 aus der Wohnung der Familie M. Bargeld von min-
destens Fr. 31'000.00 und € 2'800.00 gestohlen hat.
- 4 -
Abzustellen ist dazu zunächst auf die glaubhaften Aussagen des Zeugen
G., dem Nachbar der Familie M.. Seine Aussagen erweisen sich als
konstant, schlüssig und nachvollziehbar. Gestützt darauf ist es als erstellt
zu erachten, dass sich die Beschuldigte am 2. Juni 2018, am frühen Nach-
mittag, in der Wohnung der M. aufgehalten hat und beim Verlassen der
Wohnung von G. beobachtet werden konnte.
G. wurde mehrfach einvernommen. Obwohl die zweite Einvernahme am
26. Juni 2020 (UA act. 163 ff.) und damit zwei Jahre nach der ersten Be-
fragung stattfand, sind keine eklatanten Widersprüche in den Schilderun-
gen zu erkennen. Unsicherheiten bezüglich nebensächlicher Punkte, wie
beispielsweise der genauen Uhrzeit oder welche Kleidung die Beschuldigte
am 2. Juni 2018 trug, schmälern den Aussagegehalt nicht. Im Gegenteil ist
aufgrund des Zeitablaufs durchaus zu erwarten, dass er sich nicht mehr an
alle Details hat erinnern können. Entscheidend ist einzig, dass er die Be-
schuldigte zweifelsfrei als jene Person zu identifizieren vermochte, welche
aus der Wohnung der Familie M. kam. Diesbezüglich ist der Zeuge G. in
seinen Aussagen konstant: Er schilderte erneut und sehr glaubhaft, dass
er die Beschuldigte am 2. Juni 2018, am frühen Nachmittag, beim Ver-
lassen der Wohnung der Familie M. erkannt habe. Es sei jene Frau, welche
früher oft bei M. zu Besuch gewesen sei (UA act. 164). Er kenne sie flüchtig,
sie wohne in einem anderen Block und er sehe sie jeden Tag, wenn sie zur
Arbeit fahre (UA act. 164). Namentlich kenne er sie nicht, aber ihr Gesicht
habe er erkannt (UA act. 164 f.). Die Aussagen des Zeugen G. enthalten
weder Übertreibungen noch sonstige Lügensignale. Er schildert vielmehr
sachlich und neutral, welche Beobachtungen er gemacht hat, ohne die
Beschuldigte übermässig zu belasten. Sie habe sich nicht auffällig verhal-
ten, er sei vielmehr davon ausgegangen, dass sie in der Wohnung gewe-
sen sei, um Blumen zu giessen. Ihm sei lediglich aufgefallen, dass sie den
Wohnungsschlüssel unter die Fussmatte gelegt habe (UA act. 164). Es ist
schliesslich nicht erkennbar, aus welchem Grund er die Beschuldigte zu
Unrecht belasten sollte. Einerseits pflegt er zur Familie M. lediglich ein
normales, nachbarschaftliches Verhältnis; beide Parteien bestätigen kei-
nen sehr engen oder vertrauten Kontakt zueinander (UA act. 105, UA act.
101). Andererseits berichtete er nicht von sich aus, dass er die Beschul-
digte beim Verlassen der Wohnung angetroffen habe, sondern erst nach-
träglich als D.M. ihm von dem Diebstahl erzählt hatte (UA act. 164).
Der Zeuge G. wurde im Rahmen der Berufungsverhandlung erneut ein-
lässlich einvernommen. Das Obergericht konnte dadurch einen persönlich-
en Eindruck des Aussageverhaltens von G. gewinnen und Unklarheiten klä-
ren. Der Zeuge G. sagte erneut sehr glaubhaft aus, dass er die Beschul-
digte beim Verlassen der Wohnung am 2. Juni 2018 eindeutig erkannt habe
(Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 3-5). Sein Detailwissen zu den
Wohnverhältnissen der Beschuldigten sind darauf zurückzuführen, dass
- 5 -
beide in derselben Überbauung wohnen (Protokoll der Berufungsverhand-
lung, S. 2). Dass er ihr Autokennzeichen im Rahmen der ersten polizeili-
chen Befragung (UA act. 107 f.) angeben konnte, ist ebenfalls keine Auffäl-
ligkeit, sondern auf die täglichen Begegnungen zurückzuführen. Zudem ha-
be er generell ein gutes Gedächtnis für Autonummern (Protokoll der Beru-
fungsverhandlung, S. 4).
Demgegenüber sind die Aussagen der Beschuldigten als äusserst wider-
sprüchlich, unglaubhaft und teilweise als nachweislich falsch zu qualifizie-
ren. Sie vermochte nicht zu erklären, weshalb der Zeuge G. sie als jene
Person erkannt hat, welche die Wohnung der Familie M. am 2. Juni 2018
verlassen hat. Sie versuchte vielmehr, den Zeugen G. zu diskreditieren,
indem sie ihm regelmässigen Alkoholeinfluss unterstellte und ihn der
Falschaussage bezichtigte (Protokoll der erstinstanzlichen Hauptverhand-
lung, S. 3 = GA act. 324).
2.4.3.
Nicht abgestellt werden kann auf das von der Beschuldigte behauptete
Alibi, dass sie sich am 2. Juni 2018 ab dem Mittag am Grillplatz aufgehalten
und diesen Ort erst gegen 22:00 Uhr verlassen haben will (GA act. 323).
Es steht im Widersprich zum Tagesablauf, wie er von B.L., dem Ex-Mann
der Beschuldigten, glaubhaft und detailliert geschildert worden ist. Dieser
gab an, zunächst zusammen mit der Beschuldigten zwischen 08:00 Uhr
und 08:30 Uhr zum Grillplatz gefahren zu sein, wo man ca. um 09:00 Uhr
angekommen sei. Sie habe ihn dort abgesetzt und sei um ca. 09:30 Uhr
wieder weggefahren (UA act. 126). Er berichtete, dass sie anschliessend
insgesamt zwei Mal den Ort wieder verlassen habe und konnte nachvoll-
ziehbar erklären, zu welchem Zweck diese Fahrten erfolgten und mit wel-
chen Personen sie wieder zum Grillplatz zurückgekehrt sei (UA act. 126 f.).
Sie sei zuletzt mit den Kindern ca. gegen 15:00 Uhr eingetroffen.
Auch B.L., der Ex-Mann der Beschuldigten, der aber noch im gleichen
Haushalt wie die Beschuldigte und die erwachsenen Kinder wohnt, wurde
im Rahmen der Berufungsverhandlung nochmals befragt, was dem Ober-
gericht Gelegenheit gab, sich einen persönlichen Eindruck von ihm zu ver-
schaffen. Er verweigerte seine Aussagen anlässlich der Berufungsver-
handlung grösstenteils. Er habe eine gute Beziehung zu seinen Kindern
und möchte es dabei belassen (Protokoll der Berufungsverhandlung,
S. 27.). Er führte jedoch aus, dass die Beschuldigte seit der Ankunft am
Grillplatz um ca. 8:30 Uhr zwei bis drei Mal weggefahren sei (Protokoll der
Berufungsverhandlung, S. 26). Zudem bestätigte er die Aussage von C.L.,
dass man ungefähr gegen 14:30 Uhr zum Grillplatz gekommen sei und
dass ab dann wahrscheinlich auch alle Gäste dort gewesen seien (Protokoll
der Berufungsverhandlung, S. 26).
- 6 -
Es ist somit gerade nicht zutreffend, dass seit dem Vormittag gefeiert wurde
und sich von Anfang an viele Personen am Grillplatz aufgehalten haben,
wie dies die Beschuldigte ausführt (Berufungsbegründung, S. 4). Vielmehr
konnte B.L. – insbesondere im Rahmen der polizeilichen Einvernahme vom
12. Juni 2018 (UA act. 123 ff.) – relativ genaue zeitliche Angaben machen
und diese mit entsprechenden Details verknüpfen, was seine Aussagen
insgesamt sehr glaubhaft machen.
Dass diese Zeitangaben stimmen, belegt die spontan geäusserte Zeitan-
gabe von C.L., welcher zunächst angab, dass seine Mutter angerufen und
ihm gesagt habe, sie hole ihn um 14:30 Uhr ab (UA act. 136). Er korrigierte
diese Aussage erst, nachdem die Beschuldigte die Einvernahme ungebühr-
lich zu beeinflussen versuchte (vgl. Protokollnotiz, UA act. 136). Im Rah-
men der Berufungsverhandlung führte er diesbezüglich aus, dass er nicht
mehr wisse, dass er sich korrigiert habe. Die Beschuldigte habe ihm ge-
sagt, dass er überlegen soll, wie er aussage und dass er nach dem tatsäch-
lich Geschehenen berichten solle (Protokoll der Berufungsverhandlung,
S. 23).
2.4.4.
Zusammengefasst bestehen für das Obergericht in Übereinstimmung mit
der Vorinstanz keine Zweifel, dass die Beschuldigte am 2. Juni 2018 die
Wohnung der Familie M. betreten hat.
2.5.
Die Beschuldigte bestreitet sodann, dass das Ehepaar M. überhaupt Bar-
geld in dieser Höhe in der Wohnung aufbewahrt habe (Berufungsbegrün-
dung, S. 5 f.).
Diesbezüglich kann mit der Vorinstanz (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. 1.4.1
f.) auf die glaubhaften Aussagen von E.M. und D.M. abgestellt werden.
Zunächst ist festzustellen, dass nicht ein pauschaler Geldbetrag genannt
wurde. Die Herkunft, Währung und Stückelung des Geldes wurde von bei-
den präzise beschrieben. Beide konnten unabhängig voneinander dar-
legen, weshalb sie überhaupt so viel Bargeld zu Hause aufbewahrt haben
und woher der grösste Betrag – aus einer Erbschaft von E.M. – stammte.
Ebenso vermochten beide präzise den Aufbewahrungsort zu beschreiben
(UA act. 96 f.; 172 f.). Ebenfalls sagten beide übereinstimmend aus, dass
das Bargeld in drei Couverts verteilt (UA act. 96 und 172) gewesen sei,
dass es sich um Schweizerfranken und Euro gehandelt habe und woher
das Geld stamme. Im ersten Couvert sei der Lohn bzw. das Haushaltsgeld
gewesen, im zweiten hätten sich die Euro befunden und der grösste Betrag
– die Erbschaft – sei in einem dritten Umschlag zusammen mit entspre-
chenden Bankbelegen und einem Text der Familienangehörigen von E.M.
aufbewahrt gewesen (UA act. 172).
- 7 -
Den Aussagen sind weitere Details zu entnehmen, beispielsweise, dass
Schweizerfranken in Euro gewechselt wurden, wenn der Kurs günstig stand
und die Euro für Ferien und Lebensmitteleinkäufe in Deutschland verwen-
det würden. Die Beschreibung, wann D.M. den Diebstahl bemerkte, ist
ebenso nachvollziehbar und bildhaft wiedergegeben: D.M. schilderte dies-
bezüglich, dass sie am Abend des 2. Juni 2018 festgestellt habe, dass das
gesamte Geld fehle (UA act. 172). Sie habe Geld aus dem Korpus holen
wollen, um Lebensmittel zu kaufen. Ihre Reaktion als sie den Diebstahl
bemerkte, ist ebenso glaubhaft wie lebensnah. Dass sich der Diebstahl vor
dem 2. Juni 2018 ereignet haben könnte, schloss sie explizit aus, indem
sie erklärte, am 1. Juni 2018, mithin einen Tag zuvor, Geld aus einem der
Couverts genommen zu haben, um ihr Abonnement zu bezahlen (UA act.
170). Sie habe alles am 2. Juni 2018 so vorgefunden wie am Tag zuvor,
ausser dass das gesamte Geld gefehlt habe. Dass der Korpus nicht be-
schädigt gewesen sei, erklärte sie damit, dass sie am Abend vorher ver-
gessen habe, diesen abzuschliessen (UA act. 173). Auch den Umstand,
dass die Beschuldigte gewusst habe, dass das Ehepaar M. Geld in der
Wohnung aufbewahrte, konnte D.M. damit begründen, dass sie ihr schon
mehrfach Geld in verschiedener Höhe ausgeliehen habe (UA act. 174).
Für die Glaubhaftigkeit der Aussagen spricht weiter, dass weder E.M. noch
D.M. die Beschuldigte übermässig belasten. E.M. beziffert seine Erbschaft,
welche er von der Mutter erhalten habe, auf ursprünglich Fr. 32'000.00; von
diesem Betrag hätten er und seine Frau je ca. Fr. 3'000.00 verbraucht (UA
act. 98). Wäre es tatsächlich die Absicht gewesen, die Beschuldigte falsch
zu belasten, wäre eine solche Reduktion eher nicht zu erwarten. Aufgrund
dessen, dass weder E.M. noch D.M. den exakten Betrag beziffern konnten,
ist die Vorinstanz von einem Betrag von Fr. 31'000.00 (Fr. 23'000.00 +
Fr. 8'000.00) und € 2'800.00 ausgegangen (vorinstanzliches Urteil,
E. 1.4.5.), was nicht zu beanstanden ist.
Am 14. März 2022 reichten E.M. und D.M. dem Obergericht ein Schreiben
ein, worin ausgeführt wird, dass mit dem Diebstahl neben dem Geld auch
sämtliche Belege betreffend Herkunft des Geldes verschwunden seien.
Ferner sei der Beleg bezüglich der Erbschaft von Hand geschrieben wor-
den und die Mutter habe darin festgehalten, dass die Erbschaft an die Kin-
der von E.M. zukommen solle, sobald die Kinder alt genug seien, um zu
verstehen, was ein Erbe sei. Es ist davon auszugehen, dass es sich beim
wiedergegebenen Wortlaut um eine Niederschrift aus der Erinnerung und
somit nicht um den exakten, von der Mutter verfassten Wortlaut, handelt.
Schliesslich wird in der Eingabe vom 14. März 2022 festgehalten, dass
ihnen das Geld gemeinsam mit dem genannten Beleg ungefähr am 18./19.
Mai 2018 vom Bruder von E.M., F.M., übergeben worden sei. Anlässlich
der Berufungsverhandlung wurde F.M. als Zeuge im Zusammenhang mit
dem Geld und dem Beleg befragt. F.M. bestätigte, dass es sich bei den
Fr. 32'000.00 – welche er vor der Abgabe an E.M. und D.M. im Mai 2018
- 8 -
abgezählt habe – um eine Erbschaft von den Eltern gehandelt habe (Proto-
koll der Berufungsverhandlung, S. 15 und 16). Er selbst habe das Geld in
verschiedenen Barstückelungen – wie es zum Reisen erlaubt sei – von
Mazedonien in die Schweiz gebracht, da sich eine Banküberweisung von
Mazedonien aus als schwierig gestalte (Protokoll der Berufungsverhand-
lung, S. 15 f.). F.M. bestätigte die Angaben in der Eingabe vom 14. März
2022, indem er ausführte, dass es einen handschriftlichen Brief der Eltern
gegeben habe, den die vier Geschwister unterschrieben hätten und dass
das Erbe für die Kinder von E.M. bestimmt gewesen sei (Protokoll der Be-
rufungsverhandlung, S. 16 f.).
Sowohl E.M. als auch D.M. bestätigten ihre Aussagen im Rahmen der Be-
rufungsverhandlung. So führte E.M. aus, dass das Geld von seinem Bru-
der, F.M., überbracht worden sei (Protokoll der Berufungsverhandlung,
S. 18). Auch bestätigte er den Aufbewahrungsort und die Aufbewahrung
des Geldes in drei Couverts im Kasten der ehelichen Wohnung (Protokoll
der Berufungsverhandlung, S. 18 f.). Auch D.M. gab an der Berufungsver-
handlung neben dem konkreten Aufbewahrungsort die Stückelung der
Geldbeträge in den drei Couverts wieder (Protokoll der Berufungs-
verhandlung, S. 8 f.). Die Herkunft der Euro erklärte sie damit, dass sie
monatlich einen Teil ihres Lohnes in Euro gewechselt habe, um in Deutsch-
land einkaufen zu gehen (Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 9).
Bankbelege vom Geldwechsel habe sie zwar von der Bank erhalten, aber
nicht aufbewahrt (Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 9). Ferner hat sie
an der Berufungsverhandlung das Monatsabonnement für den öffentlichen
Verkehr mit Gültigkeit vom 2. Juni 2018 bis 1. Juli 2018 eingereicht, was
ihre frühere Aussage, dass ein Diebstahl vor dem 2. Juni 2018 ausge-
schlossen sei, da sie einen Tag zuvor, am 1. Juni 2018, Geld aus einem
der Couverts genommen habe, um ihr Abonnement zu bezahlen, als zu-
sätzlich glaubhaft erscheinen lässt. Hinsichtlich der Frage, ob die Beschul-
digte gewusst habe, dass das Ehepaar M. Geld in der Wohnung aufbewahrt
habe, führte D.M. anlässlich der Berufungsverhandlung nachvollziehbar
und schlüssig aus, dass zwar nur sie und E.M. von der im Schlafzimmer
aufbewahrten Erbschaft gewusst hätten, die Beschuldigte aber von dem
dort aufbewahrten Lohn und Euro gewusst habe. Die Beschuldigte habe
ein paar Mal Fr. 200.00 resp. Fr. 300.00 gebraucht und sie seien auch ein
Mal gemeinsam nach Deutschland gegangen. Daher habe sie auch schon
gemeinsam mit der Beschuldigten Geld vom Aufbewahrungsort geholt
(Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 10).
2.6.
Insgesamt bestehen bei einer Gesamtwürdigung sämtlicher Beweise keine
Zweifel daran, dass am 2. Juni 2018 Bargeld in der Höhe von Fr. 31'000.00
und € 2'800.00 aus der Wohnung der Familie M. entwendet wurde. Auf-
grund dessen, dass die Beschuldigte vom Zeugen G. zweifelsfrei beim Ver-
- 9 -
lassen der Wohnung an besagtem Tag erkannt wurde, ist für das Ober-
gericht erstellt, dass sie das Bargeld aus der Wohnung gestohlen hat. Dass
eine Drittperson sich auf dieselbe Art und Weise Zutritt zur Wohnung ver-
schafft hätte und von niemandem beobachtet worden ist, liegt ausserhalb
einer vernünftigen Betrachtungsweise. Ebenso wenig stichhaltig ist das
Argument der Beschuldigten, es handle sich um einen Racheakt von E.M.
und D.M.. Dafür liegen keine Anhaltspunkte vor, nachdem die Beschuldigte
selbst bestätigte, dass im Jahre 2018 ein guter, sehr regelmässiger Kontakt
zwischen den Familien bestanden habe und sie regelmässig zum Kaffee in
der Wohnung M. eingeladen war (UA act. 111). Auch der Umstand, dass
das Bargeld weder anlässlich der Hausdurchsuchung der Beschuldigten
aufgefunden noch entsprechende Kontobewegungen festgestellt wurden,
kann die Beschuldigte unter diesen Umständen entlasten. Es ist denn auch
ohne Weiteres denkbar, dass die Beschuldigte den erbeuteten Betrag
sofort verwendet oder weitergegeben hat. Der Sachverhalt unter Anklage-
ziffer I/1. ist damit als erstellt zu erachten.
2.7.
Die rechtliche Würdigung der Vorinstanz als Diebstahl gemäss Art. 139
Ziff. 1 StGB und Hausfriedensbruch ist zutreffend und wird von der Be-
schuldigten denn auch nicht bestritten (vgl. Berufungsbegründung vom 15.
September 2021). Damit ist der Schuldspruch wegen Diebstahls gemäss
Art. 139 Ziff. 1 StGB und wegen Hausfriedensbruchs gemäss Art. 186 StGB
zu bestätigen und die Beschuldigte ist entsprechend zu verurteilen. Ihre
Berufung ist in diesem Punkt abzuweisen.
3.
3.1.
Gemäss Anklageziffer I./2. wird der Beschuldigten sodann vorgeworfen,
mehrfach gegen das Strassenverkehrsgesetz verstossen zu haben. Sie soll
mutmasslich am 5. Oktober 2019 E.M., welcher auf der Kantonsstrasse von
Villmergen nach Dintikon fuhr, überholt haben. Als sie auf gleicher Höhe
fuhr, soll sie ununterbrochen gehupt haben. Nach Vollendung des Überhol-
manövers habe sie ihr Fahrzeug in einem Abstand von 1 bis 2 Metern vor
das Fahrzeug von E.M. geschwenkt und auf 55-60 km abgebremst, obwohl
auf dieser Strecke eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h galt.
3.2.
Die Vorinstanz erachtete den angeklagten Sachverhalt als erstellt. Gestützt
auf die glaubhaften Aussagen von E.M. sei erwiesen, dass die Beschul-
digte das in Anklageziffer I/2. beschriebene Überholmanöver vollzog, dabei
unablässig die Hupe betätigte, in zu geringem Abstand vor das Fahrzeug
von E.M. einschwenkte und diesen ausbremste (vorinstanzliches Urteil,
E. 2.2.2. ff.).
- 10 -
3.3.
Die Beschuldigte beantragt einen Freispruch. Zur Begründung bringt sie
vor, die Aussagen von E.M. seien widersprüchlich und nicht glaubhaft. Dies
zeige sich schon allein in der Tatsache, dass die angebliche Tatortstrecke
zwischen den Kreiseln Dottikon und Dintikon ein stark befahrener Abschnitt
und insbesondere an einem Samstag im Oktober um 22:30 Uhr stark be-
fahren sei (Berufungsbegründung, S. 7).
3.4.
3.4.1.
Mit der Vorinstanz geht auch das Obergericht davon aus, dass sich der
Vorfall gemäss Anklageziffer I/2. Anfang Oktober 2019 zugetragen hat.
Abzustellen ist dabei auf die glaubhaften Aussagen von E.M.. Seine Schil-
derungen sind insgesamt widerspruchsfrei, konstant und in sich schlüssig.
Er war in der Lage, die Strecke und die dort erlaubten Höchstgeschwindig-
keiten exakt zu beschreiben (UA act. 246); auch schilderte er, zu welchem
Zeitpunkt er die Beschuldigte das erste Mal wahrgenommen habe. Er habe
ein Fahrzeug bemerkt, als er den Kreisel bei der zweiten Ausfahrt verlassen
habe. Dieses sei rasch auf sein Fahrzeug aufgeschlossen, habe ihn über-
holt und sei auf seiner Höhe gefahren. Er habe die Beschuldigte und deren
Sohn im Auto erkannt (UA act. 246 f.). Der Sohn habe nichts gemacht und
ihn nur angeschaut. Die Beschuldigte habe ununterbrochen gehupt, sei
dann nach dem Überholmanöver vor sein Fahrzeug gefahren und habe die
Geschwindigkeit reduziert, so dass er habe bremsen müssen, um eine
Kollision zu verhindern (UA act. 247). Die Strassenverhältnisse seien ruhig
gewesen, es habe keinen Verkehr habt (UA act. 246/247). Anlässlich der
Berufungsverhandlung führte E.M. zudem aus, dass er die Beschuldigte
und ihren Sohn trotz der Dunkelheit aufgrund des Lichts der Tankstelle
beim Kreisel klar erkannt habe (Protokoll der Berufungsverhandlung,
S. 20).
Insgesamt schilderte E.M. den Vorfall durchwegs sachlich und nachvoll-
ziehbar. Seine Darstellungen stehen sowohl in einem zeitlichen als auch in
einem örtlichen Zusammenhang. Er nannte als Grund für die spätnächt-
liche Fahrt, dass er seine Frau, welche Spätschicht gehabt habe, habe ab-
holen wollen. Da es ein Samstag gewesen sei, sei um diese Zeit kein Bus
mehr gefahren (UA act. 247). Für die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen
spricht sodann, dass er das Erlebte nicht übertrieben darstellte. Er sagte
explizit aus, dass es, abgesehen vom Wiedereinschwenken vor sein Fahr-
zeug, zu keiner gefährlichen Situation gekommen sei; es habe im Zeitpunkt
des Überholmanövers kein Gegenverkehr geherrscht; weder vor noch hin-
ter ihnen, seien Fahrzeuge gefahren. Ebenso bestätigte er, dass es mit
dem Auto zu keinen weiteren Vorfällen mehr gekommen sei (UA act. 224,
246 f.). Nachvollziehbar und glaubhaft ist auch die Wiedergabe seiner Ge-
fühlslage nach dem Vorfall. Er habe im verriegelten Auto auf seine Frau
- 11 -
gewartet (UA act. 224); er habe sich um die Kinder, welche alleine zu
Hause gewesen seien, gesorgt (UA act. 247).
3.4.2.
Den detaillierten und glaubhaften Schilderungen stehen die pauschalen
Bestreitungen der Beschuldigten gegenüber. Sie vermochte keinen Grund
zu nennen, weshalb E.M. sie falsch beschuldigten sollte. Ihre Begründung,
er sei «ein grosser Schauspieler» und werde von seiner Frau manipuliert
(UA act. 250), passt zu ihren stereotypen Diffamierungen. Auch ihre Aus-
führungen im Rahmen der Berufungsverhandlung, dass E.M. jede Möglich-
keit suche, um ihr und ihrer Familie zu schaden und dass er viele Sachen
sage, die nicht stimmen würden, vermögen daran nichts zu ändern (Proto-
koll der Berufungsverhandlung, S. 35), zumal sich ihre Aussagen weitge-
hend in unsubstantiierten Behauptungen erschöpfen. Auch das Argument,
dass es sich um eine bekanntlich stark befahrene Strecke handle und die
Darstellung von E.M. bereits aufgrund dieser Tatsache nicht stimmen
könnte (Berufungsbegründung, S. 7), ist nicht stichhaltig. Wie bereits aus-
geführt, spricht gerade dieser Umstand für die Sachlichkeit seiner Dar-
stellung, da er eine für die Beschuldigte günstigere Situation beschreibt.
Hätte er sie tatsächlich falsch bezichtigen wollen, wäre es auf der Hand
gelegen, eine gefährliche Situation zu beschreiben, was er gerade nicht tat.
3.4.3.
Im Ergebnis kann festgehalten werden, dass der Sachverhalt gemäss der
Anklageziffer I./2. erstellt ist.
3.5.
Die Vorinstanz hat die rechtlichen Voraussetzungen der Verletzung der
Verkehrsregeln durch unnötige und übermässige Warnsignale gemäss
Art. 90 Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 40 SVG korrekt wiedergegeben. Das trifft
grundsätzlich auch auf die grobe Verkehrsregelverletzung durch ungenü-
gende Rücksichtnahme auf das überholte Fahrzeug und brüskes Bremsen
gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG zu (vorinstanzliches Urteil, E. 2.3.2 und
E. 2.3.3.). Einschlägig sind in diesem Zusammenhang jedoch nebst Art. 37
Abs. 1 SVG zusätzlich die Art. 34 Abs. 4 SVG, Art. 35 Abs. 3 SVG und
Art. 12 Abs. 2 VRV. Die Berufung erweist sich in diesem Punkt als
unbegründet und ist abzuweisen.
4.
4.1.
Unter Anklageziffer I.3. wird der Beschuldigten schliesslich vorgeworfen,
am 18. Dezember 2019 gegen das Fahrrad von E.M., welcher gerade an
ihr vorbeigefahren sei, getreten zu haben. E.M. sei gestürzt und der Fahr-
radkorb sei beschädigt worden. Danach soll sie E.M. gedroht haben, ihn
umzubringen und seine Familie nicht in Ruhe zu lassen. Dadurch habe sie
- 12 -
sich der Tätlichkeit, der Sachbeschädigung und der Drohung schuldig ge-
macht.
4.2.
4.2.1.
In tatsächlicher Hinsicht ist erstellt und nicht bestritten, dass die Beschul-
digte und E.M. am 18. Dezember 2019, ca. 13:25 Uhr vor deren Haus in
Villmergen aufeinandergetroffen und die Beschuldigte gegen das Velo von
E.M. getreten hat, wodurch der Velokorb beschädigt wurde. Die Beschul-
digte macht jedoch eine Abwehrhandlung geltend. Sie bestreitet schliess-
lich auch, dass sie gedroht haben soll (Berufungsbegründung, S. 7).
4.2.2.
Gemäss Art. 15 StGB ist jemand, der ohne Recht angegriffen oder unmittel-
bar mit einem Angriff bedroht wird, berechtigt, den Angriff in einer den Um-
ständen angemessenen Weise abzuwehren.
Die Beschuldigte führt aus, E.M. habe sie mit dem Velo «überfahren» wol-
len. Sie habe einen Schritt zurück machen müssen und habe mit dem Fuss
in den Einkaufskorb «gekickt» (UA act. 195). Sie sei auf der rechten Seite
des entgegenkommenden Fahrrads gestanden und habe mit dem rechten
Fuss gegen den Korb getreten (GA act. 326).
Diese Sachverhaltsdarstellung der Beschuldigten liegt komplett ausserhalb
einer vernünftigen Betrachtungsweise. Die von ihr geltend gemachte Not-
wehrsituation ist nicht im Ansatz erkennbar und vielmehr als Schutzbe-
hauptung zu qualifizieren. Dafür dass der damals 60-jährige E.M. sie mit
einem Velo hätte «überfahren» wollen, gibt es keine Hinweise, zumal ein
solches Manöver kaum zu bewältigen gewesen wäre, ohne selber zu
stürzen. Erstellt ist jedoch, dass die Beschuldigte gegen den Korb getreten
hat, welcher auf dem Gepäckträger montiert war, woraus erhellt, dass E.M.
bereits an ihr vorbeigefahren war. Der Fusstritt erfolgte somit nicht zum
Selbstschutz, sondern vielmehr, um E.M. zumindest möglicherweise zu Fall
zu bringen.
4.2.3.
Die Vorinstanz hat die rechtlichen Voraussetzungen der Tätlichkeit gemäss
Art. 126 StGB und der geringfügigen Sachbeschädigung gemäss Art. 141
i.V.m. Art. 172ter Abs. 1 StGB korrekt wiedergegeben (vorinstanzliches Ur-
teil, E. 3.3.2. und 3.3.3.). Diese werden von der Beschuldigten denn auch
nicht bestritten. Darauf kann verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Die
Berufung erweist sich in diesem Punkt als unbegründet und ist abzuweisen.
- 13 -
4.3.
4.3.1.
Der Beschuldigten wird schliesslich vorgeworfen, E.M. bedroht zu haben.
Sie solle zu ihm gesagt haben, ihn umzubringen und seine Familie nicht in
Ruhe zu lassen. Die Beschuldigte bestreitet diese Darstellung und macht
geltend, ihrerseits von E.M. bedroht worden zu sein.
4.3.2.
Gemäss Art. 180 Abs. 1 StGB wird auf Antrag bestraft, wer jemanden durch
schwere Drohung in Schrecken oder Angst versetzt. Subjektiv muss der
Täter im Bewusstsein handeln, dass eine bestimmte Drohung geeignet ist,
jemanden mindestens möglicherweise in Angst oder Schrecken zu ver-
setzen und der Täter muss das wollen bzw. mindestens in Kauf nehmen.
Hingegen ist kein Wille erforderlich, die Drohung in die Tat umzusetzen.
Das Obergericht hat aufgrund der widerspruchsfreien, konstanten und in
sich schlüssigen Aussagen von E.M. keine Zweifel daran, dass die Be-
schuldigte die angeklagte Drohung ausgesprochen hat. Jedoch ist der Tat-
erfolg ausgeblieben: E.M. sagte im Rahmen der Konfrontationseinver-
nahme aus, dass er nicht direkt Angst um sich habe, sondern vielmehr um
seine Frau und seine Kinder, da sich der Sohn der Beschuldigten wie ein
Macho aufführe (UA act. 249). Auch anlässlich der Berufungsverhandlung
führte E.M. aus, dass er sich aufgrund des Vorfalls eher geschämt habe
(Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 21). Seine Verunsicherung resp.
sein Unbehagen ist somit auf andere, nicht von der Anklage erfasste, Um-
stände zurückzuführen.
Da E.M. durch die von der Beschuldigten ausgesprochenen Drohungen
nicht in Angst und Schrecken versetzt worden ist, ist sie nicht wegen voll-
endeter Drohung zu verurteilen. Mit ihrer Aussage, E.M. umzubringen und
seine Familie nicht in Ruhe zu lassen, hat sie jedoch wissentlich und willent-
lich ein künftiges Übel angekündigt und wollte E.M. damit in Angst oder
Schrecken versetzen bzw. hat in Kauf genommen, dass sie ihn dadurch
mindestens möglicherweise in Angst oder Schrecken versetzen würde. Sie
ist deshalb wegen versuchter Drohung schuldig zu sprechen.
5.
5.1.
Die Beschuldigte hat sich des Diebstahls gemäss Art. 139 Ziff. 1 StGB, des
Hausfriedensbruchs gemäss Art. 186 StGB, der groben Verkehrsregelver-
letzung gemäss Art. 90 Abs. 2 SVG i.V.m. Art. 34 Abs. 4 SVG, Art. 35
Abs. 3 SVG, Art. 37 Abs. 1 SVG und Art. 12 Abs. 2 VRV, der Verkehrs-
regelverletzung gemäss Art. 90 Abs. 1 SVG i.V.m. Art. 40 SVG, der Tätlich-
keit gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB, der geringfügigen Sachbeschädigung
gemäss Art. 144 Abs. 1 i.V.m. Art. 172ter StGB und der versuchten Drohung
- 14 -
gemäss Art. 180 Abs. 1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1StGB schuldig gemacht
und ist dafür angemessen zu bestrafen.
5.2.
Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung nach Art. 47 ff.
StGB wiederholt dargelegt (BGE 147 IV 241; BGE 144 IV 313; BGE 144 IV
217; BGE 141 IV 61 E. 6.1.1; BGE 136 IV 55 E. 5.4 ff.; je mit Hinweisen).
Darauf kann verwiesen werden.
Die Tatbestände des Diebstahls, des Hausfriedensbruchs, der groben Ver-
kehrsregelverletzung und der Drohung sehen als Strafe sowohl Freiheits-
strafe als auch Geldstrafe vor. Bei der Wahl der Sanktionsart sind neben
dem Verschulden unter Beachtung des Prinzips der Verhältnismässigkeit
als wichtige Kriterien die Zweckmässigkeit und Angemessenheit einer be-
stimmten Sanktion, ihre Auswirkungen auf den Täter und sein soziales Um-
feld sowie ihre Wirksamkeit unter dem Gesichtswinkel der Prävention zu
berücksichtigen (BGE 147 IV 241 E. 3; BGE 134 IV 97 E. 4.2; 134 IV 82
E. 4.1). Der aktuelle Strafregisterauszug der Beschuldigten weist keine
Vorstrafen mehr auf. Die Vorstrafe aus dem Jahre 2009 ist aus dem Straf-
register entfernt worden und darf deshalb nicht mehr berücksichtigt werden
(BGE 135 IV 87). Mithin gilt die Beschuldigte als nicht vorbestraft, weshalb
nicht gesagt werden kann, die Ausfällung einer Geldstrafe sei dort, wo sie
aufgrund des Verschuldens infrage kommt, nicht zweckmässig. Wie zu
zeigen sein wird, kommt hinsichtlich des Diebstahls aufgrund der Schwere
des Verschuldens einzig eine Freiheitsstrafe in Betracht. Hingegen ist hin-
sichtlich des Hausfriedensbruchs, der groben Verkehrsregelverletzung und
der versuchten Drohung je auf eine Geldstrafe zu erkennen.
Für die Übertretungen kommt von Gesetzes wegen lediglich eine angemes-
sene Busse in Betracht.
5.3.
5.3.1.
Hinsichtlich des Diebstahls gemäss Art. 139 Ziff. 1 StGB ergibt sich Folgen-
des:
Ausgangspunkt für die Strafzumessung bildet die Verletzung oder
Gefährdung des betroffenen Rechtsguts (Art. 47 Abs. 2 StGB). Durch
Art. 139 StGB wird das Vermögen geschützt (Urteil des Bundesgerichts
6B_786/2014 vom 10. April 2015 E. 1.5.3). Die Beschuldigte hat am 2. Juni
2018 aus der Wohnung der Familie M. Bargeld von insgesamt Fr. 31'000.00
und € 2'800 gestohlen und damit einen beträchtlichen Betrag erbeutet,
welcher einem Vielfachen dessen entspricht, was sie legal verdiente. Der
Deliktsbetrag liegt auch deutlich über dem im Jahr 2018 einem Privathaus-
halt in der Schweiz durchschnittlich verfügbaren Einkommen von Fr.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1233%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-IV-61%3Ade&number_of_ranks=0#page61 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6b_1233%2F2017&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-IV-55%3Ade&number_of_ranks=0#page55 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6B_449%2F2011&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-IV-97%3Ade&number_of_ranks=0#page97 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=6B_449%2F2011&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-IV-82%3Ade&number_of_ranks=0#page82
- 15 -
7'069.00 (vgl. Medienmitteilung des Bundesamtes für Statistik vom 23. No-
vember 2020). Dennoch handelt es sich unter Berücksichtigung des Straf-
rahmens von bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe und des grossen Spektrums
möglicher Deliktssummen innerhalb dieses Strafrahmens um einen ver-
gleichsweise noch nicht sehr hohen Deliktsbetrag; der Taterfolg ist damit
als mittelschwer zu qualifizieren.
Mittelschwer verschuldenserhöhend ist die Art und Weise der Tatbege-
hung, die deutlich über die Erfüllung des Tatbestands hinausgegangen ist,
zu berücksichtigen: Die Beschuldigte ist äusserst dreist vorgegangen, in-
dem sie sich zunächst einen Schlüssel für die Wohnung aneignete, um bei
ihr bekannter Abwesenheit sämtlicher Familienmitglieder der Familie M.
unbemerkt in die Wohnung einzudringen und sich dort ungestört bedienen
zu können. Dass der Wohnungsschlüssel unter der Fussmatte deponiert
war, war der Beschuldigten aus einem Gespräch am Vorabend zwischen
D.M. und deren Kindern bekannt. Mithin erforderte der Diebstahl ein ge-
wisses Mass an Planung und Vorbereitung und ist nicht etwa spontan an-
lässlich einer sich der Beschuldigten unverhofft bietenden Gelegenheit er-
folgt. Auch wenn es sich bei einer Gesamtbetrachtung nicht um einen Fall
besonders schwerer Kriminalität handelt, so zeugt das Vorgehen der Be-
schuldigten doch von einer beachtlichen kriminellen Energie und Durch-
triebenheit. Sie schreckte nicht davor zurück, in die Wohnung einer ihr
bestens bekannten und sehr freundschaftlich verbundenen Familie einzu-
dringen und deren gesamte Ersparnisse an sich zu nehmen. Damit hat sie
das Vertrauen der Geschädigten auf das Gröbste missbraucht und gleich-
zeitig ein höchst durchtriebenes, hemmungsloses Verhalten an den Tag
gelegt. Allerdings ist zu beachten, dass die mit dem Einschleichdiebstahl
einhergehende schwere Verletzung der Privatsphäre der Familie M. primär
eine Folge des Hausfriedensbruchs ist und damit nicht bei der Beurteilung
des Diebstahls zu berücksichtigen ist (Urteil des Bundesgerichts
6B_510/2015 vom 25. August 2015 E. 1.3).
Dass die Beschuldigte aus rein monetären Gründen gehandelt hat, ist je-
dem Vermögensdelikt immanent und wird beim Diebstahl bereits durch das
Tatbestandsmerkmal der unrechtmässigen Bereicherung erfasst. Diese
Umstände dürfen deshalb bei den Tatkomponenten nicht nochmals ver-
schuldenserhöhend berücksichtigt werden (vgl. Urteil des Bundesgerichts
6B_1327/2015 vom 16. März 2016 E. 4.2).
Verschuldenserhöhend ist das sehr grosse Mass an Entscheidungsfreiheit
zu berücksichtigen, über das die Beschuldigte bei der Begehung des Dieb-
stahls verfügte. Die Beschuldigte hatte im Zeitpunkt der Tat eine Anstellung
und damit auch ein legales Einkommen von über Fr. 4'000.00. Obwohl ihre
finanzielle Lage – die Beschuldigte weist hohe Sozialhilfeschulden auf – als
desolat bezeichnet werden muss, ist es nicht so, dass sie sich in einer sub-
jektiv aussichtslosen Lage befand. Dass sie aus achtenswerten Gründen,
- 16 -
in schwerer Bedrängnis oder unter dem Einfluss oder Druck von Drittper-
sonen gehandelt hätte, ist nicht erkennbar. Je leichter es aber für sie ge-
wesen wäre, das fremde Vermögen zu respektieren, desto schwerer wiegt
die Entscheidung dagegen und somit auch ihr Verschulden (vgl. BGE 117
IV 112 E. 1 mit Hinweisen).
Insgesamt ist in Relation zum ordentlichen Strafrahmen von bis zu 5 Jahren
Freiheitsstrafe und der davon erfassten Handlungen und Deliktssummen
von einem nicht mehr leichten bis mittelschweren Verschulden und einer
dafür angemessenen Freiheitsstrafe von 15 Monaten zuzüglich einer Ver-
bindungsbusse (siehe dazu unten) als in ihrer Summe angemessenen
Sanktion auszugehen.
5.3.2.
Hinsichtlich der Täterkomponente ergibt sich Folgendes:
Der aktuelle Strafregisterauszug weist keine Vorstrafen auf. Die Beschul-
digte gilt somit als nicht vorbestraft, was allerdings den Normalfall darstellt
und sich deshalb neutral auswirkt (BGE 136 IV 1). Negativ wirkt sich jedoch
aus, dass die Beschuldigte während des hängigen Strafverfahrens, das
wegen des Diebstahls und des Hausfriedensbruchs gegen sie eröffnet wur-
de, weiter straffällig in Erscheinung getreten ist. Obwohl sie zwei Tage in
Untersuchungshaft verbracht hatte, beging sie die hier ebenfalls zu beur-
teilenden vorsätzlichen Verkehrsregelverletzungen sowie die Tätlichkeit
und Sachbeschädigung – alles Handlungen, welche sich hauptsächlich ge-
gen E.M. gerichtet haben.
Weitere Faktoren wie Einsicht, Reue oder ein Geständnis, welche eine
Strafminderung rechtfertigen würden, liegen nicht vor. Zwar ist – entgegen
der Vorinstanz – nicht von einer erdrückenden Beweislage auszugehen.
Entsprechend neutral ist ihr hartnäckiges Bestreiten der Tat zu werten. Hin-
gegen beliess es die Beschuldigte nicht bei einem blossen Abstreiten der
Tat; sie versuchte vielmehr die als Zeugen oder Auskunftspersonen am
Verfahren beteiligten Personen zu verunglimpfen und deckte diese mit
teilweise ehrenrührigen Schmähungen ein. (UA act. 250). Hinzu kommt,
dass sie die Befragung ihres Sohnes zu manipulieren versuchte, indem sie
in ungebührlicher Weise intervenierte. Ein solches Verhalten geht über eine
erlaubte Verteidigungsstrategie hinaus und ist entsprechend negativ zu be-
rücksichtigen.
Die Strafempfindlichkeit der Beschuldigten erscheint durchschnittlich, zu-
mal – aufgrund des Verschlechterungsverbots – nur bedingte Strafen aus-
gesprochen werden können. Die Rechtsprechung des Bundesgerichts hat
wiederholt betont, dass eine erhöhte Strafempfindlichkeit nur bei ausser-
- 17 -
gewöhnlichen Umständen zu bejahen ist (statt vieler: Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1079/2016 vom 21. März 2017 E. 1.4). Solche Umstände sind
vorliegend nicht gegeben.
Insgesamt wirkt sich die negative Täterkomponente im Umfang eines Mo-
nats leicht straferhöhend aus.
5.3.3.
Zusammengefasst wäre für den Diebstahl eine dem Verschulden und den
persönlichen Verhältnissen angemessene (bedingte) Freiheitsstrafe von 16
Monaten zuzüglich einer Verbindungsbusse (siehe dazu unten) auszuspre-
chen.
Da nur die Beschuldigte ein Rechtsmittel ergriffen hat, hat es aufgrund des
Verschlechterungsverbots (Art. 391 Abs. 2 StPO) mit der von der Vor-
instanz ausgesprochenen bedingten Freiheitsstrafe von 8 Monaten und
einer Verbindungsbusse sein Bewenden. Eine Reduktion der Freiheitsstra-
fe kommt damit unter keinem Titel in Frage.
5.3.4.
Die ausgestandene Untersuchungshaft von zwei Tagen (12. Juni 2018 bis
13. Juni 2018) ist gestützt auf Art. 51 StGB auf die Freiheitsstrafe anzu-
rechnen.
5.4.
5.4.1.
Für die weiteren von der Beschuldigten begangenen Delikte (grobe Ver-
kehrsregelverletzung, Hausfriedensbruch und versuchte Drohung), für wel-
che bei isolierter Betrachtung aufgrund des Verschuldens noch eine Geld-
strafe infrage kommt, ist eine Gesamtgeldstrafe auszusprechen. Die Vor-
instanz hat eine solche von insgesamt 180 Tagessätzen à Fr. 120.00 aus-
gesprochen. Wie noch zu zeigen sein wird, kann die Gesamtgeldstrafe
nicht reduziert werden.
5.4.2.
Die Einsatzstrafe ist – da identische Strafrahmen vorliegen – für die konkret
schwerste Straftat und somit die grobe Verkehrsregelverletzung, welche
die Beschuldigte am 5. Oktober 2019 begangen hat, festzusetzen. Dazu
ergibt sich Folgendes:
Beim Tatbestand der groben Verletzung der Verkehrsregeln gemäss
Art. 90 Abs. 2 SVG ist das geschützte Rechtsgut die Verkehrssicherheit
respektive der Schutz von Leib und Leben der Verkehrsteilnehmer vor einer
erhöhten abstrakten Gefahr. Die Beschuldigte hat ein Überholmanöver mit
anschliessendem Ausbremsen des überholten Fahrzeugs durchgeführt.
- 18 -
Ganz offensichtlich wurde dadurch eine erhöhte Gefahr für einen Unfall ge-
schaffen. Der Tatbestand der groben Verletzung der Verkehrsregeln er-
fordert weder das Vorliegen eines Unfalls noch eine konkrete Gefährdung.
Aus dem Umstand, dass es zu keinem Unfall gekommen ist, ist im Rahmen
der Strafzumessung nichts zu Gunsten der Beschuldigten abzuleiten. Das
Fehlen eines verschuldenserhöhenden Umstandes kann nicht verschul-
densmindernd berücksichtigt werden, sondern wirkt sich neutral aus. Die
sich aus dem Manöver ergebende Gefährdung für den Lenker des über-
holten Fahrzeugs ist nicht zu bagatellisieren, ist doch allgemein bekannt,
dass bei Unfällen auf Ausserortsstrecken aufgrund der gefahrenen Ge-
schwindigkeiten eine erhebliche Gefahr besteht, dass Verkehrsteilnehmer
verletzt oder gar getötet werden.
Die Beschuldigte hat sich über die für die Sicherheit im Strassenverkehr
wichtige Vorschriften beim Überholen und Abbremsen sowie den einzu-
haltenden Abständen bewusst hinweggesetzt. Ihr Motiv bestand darin, E.M.
einzuschüchtern. Mithin hat sie leichtfertig und verantwortungslos gehan-
delt. Sie verfügte in Bezug auf das ausgeführte Fahrmanöver denn auch
über ein sehr grosses Mass an Entscheidungsfreiheit. Es wäre ihr ohne
weiteres möglich gewesen, darauf zu verzichten. Je leichter es aber für sie
gewesen wäre, die für sie geltenden Verkehrsregeln einzuhalten, desto
schwerer wiegt die Entscheidung dagegen (vgl. BGE 117 IV 112 E. 1
S. 114 mit Hinweisen).
Insgesamt ist von einem leichten bis mittelschweren Verschulden und einer
dafür in Relation zum Strafrahmen von bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe
angemessenen Geldstrafe von 120 Tagessätzen auszugehen.
5.4.3.
Diese Einsatzstrafe von 120 Tagessätzen ist für den Hausfriedensbruch
vom 2. Juni 2018 in Anwendung des Asperationsprinzips gemäss Art. 49
Abs. 1 StGB angemessen zu erhöhen.
Dazu ergibt sich Folgendes: Art. 186 StGB schützt das Hausrecht und
damit die Unverletzlichkeit des eigenen Heims (NYDEGGER, in: StGB An-
notierter Kommentar, N. 1 zu Art. 186 StGB). Die Beschuldigte hat die
Privatsphäre der Familie M. durch das Eindringen in deren Wohnung aufs
Gröbste verletzt und traf diese in ihrem Sicherheitsgefühl gravierend und
nachhaltig. Die Beschuldigte wusste, dass der Wohnungsschlüssel unter
einer Fussmatte deponiert war und hat das schamlos ausgenutzt. Die Fol-
gen des Hausfriedensbruchs und der damit einhergehende Vertrauens-
bruch war für die Familie M. ebenso gravierend wie der nicht unerhebliche
Sachschaden (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_510/2015 vom 25. August
2015 E. 1.3). Auch hinsichtlich des Hausfriedensbruchs verfügte die Be-
schuldigte über ein sehr grosses Mass an Entscheidungsfreiheit. Es kann
dazu auf die Ausführungen zum Diebstahl verwiesen werden.
- 19 -
Im breiten Spektrum der vom Tatbestand von Art. 186 StGB erfassten For-
men des Hausfriedensbruchs ist insgesamt von einem vergleichsweise
nicht mehr leichten bis mittelschweren Verschulden auszugehen. Bei iso-
lierter Betrachtung wäre von einer angemessenen Einzelstrafe von 100
Tagessätzen auszugehen.
Im Rahmen der Asperation ist zu berücksichtigen, dass der Hausfriedens-
bruch in einem sehr engen sachlichen und zeitlichen Zusammenhang mit
dem Diebstahl, für welchen eine Freiheitsstrafe ausgefällt worden ist, steht.
Hingegen besteht hinsichtlich der weiteren Taten, für welche eine Geld-
strafe auszufällen ist, nur insoweit ein Zusammenhang, als dass sich diese
ebenfalls gegen E.M. gerichtet haben. Es rechtfertigt sich somit eine ange-
messene Erhöhung um 60 Tagessätze auf 180 Tagessätze.
5.4.4.
Die Geldstrafe wäre an sich aufgrund der versuchten Drohung sowie der
negativen Täterkomponente (siehe dazu oben) weiter zu erhöhen. Da die
Strafobergrenze von 180 Tagessätzen gemäss Art. 34 Abs. 1 StGB jedoch
bereits erreicht ist und zudem das Verschlechterungsverbot gilt, hat es mit
der von der Vorinstanz ausgesprochenen bedingten Geldstrafe von 180
Tagessätzen zuzüglich einer Verbindungsbusse (siehe dazu unten) sein
Bewenden.
5.4.5.
Die Höhe des Tagessatzes bemisst sich nach den Verhältnissen des Täters
im Urteilszeitpunkt (Art. 34 Abs. 2 StGB). Massgebende Kriterien für die
Bestimmung der Tagessatzhöhe sind das Einkommen, das Vermögen und
der Lebensaufwand des Beschuldigten, seine Unterstützungspflichten und
persönlichen Verhältnisse sowie sein Existenzminimum (BGE 142 IV 315
E. 5 = Pra 2018 Nr. 52, Bestätigung der bisherigen Rechtsprechung).
Ausgangspunkt ist das Nettoeinkommen, das der Täter im Zeitpunkt des
Urteils durchschnittlich erzielt bzw. alle geldwerten Leistungen, die ihm zu-
fliessen (BGE 134 IV 60 E. 6.1).
Die 43 Jahre alte Beschuldigte verfügt über ein massgebliches monatliches
Nettoeinkommen von rund Fr. 4'550.00 (Protokoll der Berufungsverhand-
lung, S. 28 und 37). Bei einem Pauschalabzug für die Krankenkasse, Steu-
ern und notwenigen Berufskosten von 20 % und einem Abzug für die hohe
Anzahl Tagessätze von 15 % resultiert ein abgerundeter Tagessatz von
Fr. 100.00.
5.5.
Die Vorinstanz hat sowohl die Freiheits- als auch die Geldstrafe bedingt
ausgesprochen, womit es aufgrund des Verschlechterungsverbots sein Be-
wenden hat.
- 20 -
Die Beschuldigte hat nach Eröffnung des Strafverfahrens wegen Diebstahls
und damit einhergehender Untersuchungshaft vorsätzlich weitere Delikte
begangen (siehe dazu oben). Den Bedenken an ihrer Legalbewährung ist
mit der Vorinstanz mit einer leicht erhöhten Probezeit von 3 Jahren ange-
messen Rechnung zu tragen (Art. 44 Abs. 1 StGB).
5.6.
Eine bedingt ausgesprochene Geld- oder Freiheitstrafe kann mit einer
Busse verbunden werden (Art. 42 Abs. 4 StGB). Vorliegend ist die Verbin-
dung der bedingt ausgesprochenen Freiheits- und Geldstrafe mit einer
Busse angezeigt, um der Beschuldigten die Ernsthaftigkeit der Sanktion
und die Konsequenzen ihres Handelns deutlich vor Augen zu führen. Zu-
dem soll sie gegenüber einem Täter, der sich bloss wegen einer Über-
tretung zu verantworten hat und dafür mit einer Busse bestraft wird, nicht
bessergestellt werden (sog. Schnittstellenproblematik).
Um dem akzessorischen Charakter der Verbindungsstrafe gerecht zu wer-
den, erscheint unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse und
des Verschuldens der Beschuldigten sowie des Umstands, dass der Ver-
bindungsstrafe nicht lediglich symbolische Bedeutung zukommen soll, eine
Verbindungsbusse von Fr. 1'000.00, wie sie von der Vorinstanz festgesetzt
worden ist, als sehr mild (vgl. BGE 135 IV 188 E. 3.4.4). Sie kann unter
keinem Titel herabgesetzt werden. Aufgrund des Verschlechterungsver-
bots kann sie jedoch auch nicht erhöht werden.
5.7.
Für die Übertretungen (Tätlichkeit, Verletzung der Verkehrsregeln, gering-
fügige Sachbeschädigung) hat die Vorinstanz eine Gesamtbusse von
Fr. 500.00 ausgesprochen.
Die Busse ist so zu bemessen, dass der Täter die Strafe erleidet, die sei-
nem Verschulden und seinen (finanziellen) Verhältnissen angemessen er-
scheint (Art. 106 Abs. 3 StGB).
Hinsichtlich der am 18. Dezember 2019 begangenen Tätlichkeit ergibt sich
Folgendes: Die Beschuldigte trat unvermittelt gegen E.M., welcher mit dem
Velo an ihr vorbeifuhr und deshalb zu Fall kam und sich mit den Händen
am Boden auffangen musste. Er hat sich dabei glücklicherweise nicht
verletzt, was jedoch weitgehend dem Zufall zu verdanken ist. Im breiten
Spektrum denkbarer Tätlichkeiten ist jedoch von einem noch leichten
Taterfolg auszugehen. Die Art und Weise des Vorgehens bzw. die Verwerf-
lichkeit des Handelns ist nicht wesentlich über die blosse Erfüllung des Tat-
bestandes, der eine gewisse Intensität der Handlung erfordert, hinaus-
gegangen, was sich jedoch neutral auswirkt. Die Beschuldigte hat aus
- 21 -
reiner Bosheit gehandelt. Dies und das sehr grosse Mass an Entschei-
dungsfreiheit, über welches die Beschuldigte verfügte, wirkt sich verschul-
denserhöhend aus. Schuldangemessen erscheint dem Obergericht eine
Busse von Fr. 1'000.00.
Diese Busse wäre an sich aufgrund der weiteren Übertretungen zusätzlich
zu erhöhen. Aufgrund des Verschlechterungsverbots bleibt es jedoch bei
der von der Vorinstanz für die Übertretungen ausgesprochenen Busse von
Fr. 500.00, auch wenn diese als nicht mehr schuldangemessen mild er-
scheint. Eine Herabsetzung kommt unter keinem Titel infrage.
5.8.
Die Ersatzfreiheitsstrafe für den Fall, dass die Beschuldigte die Busse von
Fr. 1'500.00 (Verbindungsbusse Fr. 1'000.00, Übertretungsbusse Fr.
500.00) schuldhaft nicht bezahlt, ist ausgehend von einem Umwandlungs-
satz von Fr. 100.00 (BGE 134 IV 60 E. 7.3.3) auf 15 Tage Freiheitsstrafe
festzusetzen (Art. 106 Abs. 2 StGB).
5.9.
Zusammengefasst ist die Beschuldigte zu einer bedingten Freiheitsstrafe
von 8 Monaten und einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à
Fr. 100.00, d.h. Fr. 18'000.00, Probezeit je 3 Jahre, einer Verbindungsbus-
se von Fr. 1'000.00 und einer Übertretungsbusse von Fr. 500.00, insgesamt
Fr. 1'500.00, ersatzweise 15 Tage Freiheitsstrafe, zu verurteilen.
6.
6.1.
Die Vorinstanz hat eine Landesverweisung von 6 Jahren ausgesprochen.
Die Beschuldigte verlangt einen vollumfänglichen Freispruch und damit ein
Absehen von der Landesverweisung.
6.2.
6.2.1.
Mit der Verurteilung wegen Diebstahls (Art. 139 StGB) in Verbindung mit
einem Hausfriedensbruch (Art. 186 StGB) liegt eine Katalogtat im Sinne
von Art. 66a Abs. 1 lit. d StGB vor, was eine obligatorische Landesver-
weisung zur Folge hat. Gemäss dieser Bestimmung verweist das Gericht
den Ausländer unabhängig von der Höhe der Strafe für 5 bis 15 Jahre aus
der Schweiz, wenn er wegen einer oder einer Kombination der in Abs. 1
aufgeführten strafbaren Handlungen verurteilt wird (obligatorische Landes-
verweisung). Von der Landesverweisung kann nur ausnahmsweise unter
den kumulativen Voraussetzungen abgesehen werden, dass die Auswir-
kungen (1.) einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde und (2.)
die öffentlichen Interessen an der Landesverweisung den privaten Interes-
sen des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht überwiegen (Art. 66a
Abs. 2 StGB). Die Härtefallklausel ist restriktiv anzuwenden (BGE 144 IV
- 22 -
332 E. 3.3.1; Urteile des Bundesgerichts 6B_689/2019 vom 25. Oktober
2019 E. 1.7; 6B_908/2019 vom 5. November 2019 E. 2.1). Bei der Prüfung,
ob im konkreten Fall ein schwerer persönlicher Härtefall vorliegt, sind in
Anlehnung an Art. 31 Abs. 1 VZAE insbesondere die folgenden Aspekte zu
berücksichtigen: Die Anwesenheitsdauer, die Persönlichkeitsentwicklung,
der Grad der Integration sowie die Möglichkeit der Wiedereingliederung im
Herkunftsland (BGE 144 IV 332 E. 3.3.2).
6.2.2.
Die 43 Jahre alte Beschuldigte, welche über eine B-Bewilligung verfügt, ist
kosovarische Staatsangehörige. Sie reiste erst im Jahr 1997 im Alter von
19 Jahren in die Schweiz ein. Die prägenden Kindheits- und Jugendjahre
hat sie damit in der Heimat verbracht, dort die Schulen besucht und eine
Ausbildung absolviert. Sie heiratete einen Landsmann, mit welchem sie
zwei gemeinsame Söhne hat. Die Ehe wurde im Jahre 2009 geschieden.
Beide Söhne sind mittlerweile volljährig; der ältere Sohn schliesst dieses
Jahr eine Ausbildung als Fachmann Gesundheit ab und der jüngere Sohn
ist in seinem ersten Lehrjahr als Plattenleger (Protokoll der Berufungsver-
handlung, S. 28). Die Beschuldigte verfügt über keine weitere Verwandt-
schaft in der Schweiz, vielmehr lebt mit ihren Eltern und der Schwester der
Rest der Verwandtschaft in der Heimat (GA act. 327). Zu dieser besteht ein
regelmässiger Kontakt. Ihr Vater ist gemäss eigenen Angaben vermögend
und Eigentümer mehrerer Liegenschaften im Kosovo (GA act. 327).
Die soziale Integration in der Schweiz ist insgesamt als schwach zu be-
zeichnen. Abgesehen von ihren Söhnen und ihrem Exmann, mit welchen
sie immer noch im selben Haushalt lebt, pflegt die Beschuldigte keine
sozialen Kontakte und verfügt insoweit über kein tragfähiges soziales Netz.
Mit ihren Familienangehörigen unterhält sie sich in ihrer Muttersprache.
Trotz der langen Anwesenheit sind die Deutschkenntnisse äusserst be-
scheiden, was auch aus dem Umstand, dass für sämtliche Befragungen ein
Dolmetscher beigezogen werden musste, ersichtlich ist. Dasselbe gilt auch
bezüglich der wirtschaftlichen Integration. Zwar absolvierte die Beschul-
digte in der Heimat eine Ausbildung als Schneiderin (UA act. 24); in der
Schweiz arbeitete sie aber nie im angestammten Beruf, vielmehr gestaltete
sich die Arbeitssuche als schwierig. Sie war jahrelang auf Sozialhilfe
angewiesen, woraus Sozialhilfeschulden von über Fr. 100'000.00 re-
sultierten. Aktuell arbeitet sie als Küchenhilfe im Altersheim [...]. Der Lohn
beläuft sich auf rund Fr. 4'200.00 (UA act. 24). Schliesslich ist auch
festzuhalten, dass der Leumund der Beschuldigten getrübt ist (UA act. 1)
und sie verschiedentlich in den polizeilichen Registraturen verzeichnet ist
(vgl. MIKA Akten; UA act. 1).
Gesamthaft spricht nichts für einen hohen Grad an Integration in der
Schweiz. Diese ist vielmehr als schlecht bis maximal mässig zu bezeich-
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nen. Es ist somit keine positive Persönlichkeitsentwicklung der Beschul-
digten in der Schweiz festzustellen, welche einen Härtefall zu begründen
vermöchte. Demgegenüber sind die Resozialisierungschancen in ihrer
Heimat Kosovo als sehr intakt anzusehen. Ihre Schwester und die Eltern
leben im Heimatland; es besteht ein regelmässiger und gelebter Kontakt.
So führte die Beschuldigte im Rahmen der Berufungsverhandlung selbst
aus, dass sie im Kosovo genug Verwandte habe und ihre ganze Familie
dort lebe. Auch habe sie noch nie in ihrem Leben in einem anderen Land
Ferien gemacht als bei ihren Eltern im Kosovo (Protokoll der Berufungs-
verhandlung, S. 30). Der Vater ist vermögend. Zudem hat die Beschuldigte
vor einigen Jahren Geld in ein Zimmer eines Hauses, welches ihr Vater im
Kosovo baut, investiert (Protokoll der Berufungsverhandlung, S. 29). So-
wohl die Sprache als auch die Kultur sind ihr bestens vertraut. Ihre Chancen
auf Wiedereingliederung in die Berufswelt sind vergleichbar mit jenen in der
Schweiz oder aufgrund der sprachlichen Kenntnisse sogar besser. Was die
persönliche Beziehung mit ihren erwachsenen Söhnen anbelangt, ist fest-
zuhalten, dass sie ohne Weiteres mit den modernen Kommunikationsmit-
teln oder im Rahmen von Besuchen im Kosovo weiterhin Kontakt zu ihnen
pflegen und die Beziehung aufrechterhalten kann.
Nach dem Gesagten liegt kein schwerer persönlicher Härtefall vor und die
Beschuldigte ist des Landes zu verweisen.
6.2.3.
Selbst wenn vom Vorliegen eines Härtefalls auszugehen wäre, würde das
erhebliche öffentliche Interesse an einer Wegweisung das private über-
wiegen. Die Beschuldigte erbeutete an einem Tag einen beträchtlichen De-
liktsbetrag und offenbarte durch ihr dreistes Verhalten eine erhebliche
kriminelle Energie. Während der laufenden Strafuntersuchung wegen Dieb-
stahls und Hausfriedensbruchs, wofür sie zwei Tage in Untersuchungshaft
sass, liess sie sich weitere Verfehlungen zuschulden kommen. Sie bestritt
sämtliche Vorwürfe hartnäckig, zeigte sich weder einsichtig noch reuig,
sondern versuchte, die laufende Strafuntersuchung zu beeinflussen. Sie
liess nicht nur eine aufrichtige Reue vermissen, sondern deckte die wei-
teren Verfahrensbeteiligten mit teilweise ehrenrührigen Schmähungen ein.
Dieses Verhalten sowie der Umstand, dass sie während eines hängigen
Strafverfahrens, sowie nach Verbüssen von zwei Tagen Untersuchungs-
haft, weiterhin straffällig in Erscheinung trat, zeigt den Unwillen, sich an die
Rechtsordnung halten zu wollen.
Mit den vorliegenden Taten zeigt sie, dass sie fremdes Eigentum nicht re-
spektiert und aus rein egoistischen Gründen nicht davor zurückschreckt,
die gesamten Ersparnisse einer Familie an sich zu nehmen. Es besteht ein
legitimes, hohes Interesse am Schutz des Eigentums. Insgesamt ist das
öffentliche Interesse an der Wegweisung der Beschuldigten höher zu ver-
anschlagen als ihr vergleichsweise geringes privates Interesse an einem
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Verbleiben in der Schweiz. Die Beschuldigte wäre somit auch bei Vorliegen
eines Härtefalls des Landes zu verweisen.
6.2.4.
Die Vorinstanz hat die Landesverweisung für die Dauer von 6 Jahren aus-
gesprochen, was sich in Anbetracht des nicht unerheblichen Verschuldens
der Beschuldigten, ihrer Unbelehrbarkeit und Uneinsichtigkeit, der Gefähr-
dung der öffentlichen Sicherheit sowie – trotz einer Anwesenheitsdauer von
mehr als 15 Jahren in der Schweiz – vergleichsweise schwachen Integra-
tion als verhältnismässig erweist. Der Beschuldigten ist weder sprachlich,
kulturell noch beruflich eine Integration gelungen. Vom Verbot, sich in der
Schweiz aufzuhalten, wird das persönliche und wirtschaftliche Fortkommen
der Beschuldigten demnach – wenn überhaupt – nur in geringem Masse
tangiert.
6.2.5.
Mit der Vorinstanz ist die Landesverweisung im Schengener Informations-
system (SIS) auszuschreiben, zumal nach der Rechtsprechung des Bun-
desgerichts für die Ausschreibung im SIS kein schweres oder besonders
schweres Delikt vorliegen muss (BGE 147 IV 340). Von der Beschuldigten
geht eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von
Art. 24 Ziff. 2 SIS-II-Verordnung aus (siehe dazu oben).
7.
In der Berufung der Beschuldigten finden sich für den Fall der ganz oder
teilweisen Abweisung der Berufung im Strafpunkt keine Ausführungen zu
den von der Vorinstanz zugesprochenen Zivilforderungen.
Darauf ist somit nicht weiter einzugehen bzw. es kann auf die unbestritten
gebliebenen Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4
StPO), zumal hinsichtlich der adhäsionsweise geltend gemachten Zivilfor-
derungen die Dispositionsmaxime gilt.
8.
8.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe
des Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Zwar erwirkt die
Beschuldigte mit ihrer Berufung insoweit einen für sie günstigeren Ent-
scheid, als dass sie nur der versuchten anstatt der vollendeten Drohung
schuldigt gesprochen wird und die Tagessatzhöhe – gestützt auf die aktu-
ellen persönlichen Verhältnisse – auf Fr. 100.00 festgesetzt wird. Es han-
delt sich dabei jedoch um untergeordnete Punkte und der vorinstanzliche
Entscheid wird nur unwesentlich abgeändert. Insbesondere bleibt es beim
vorinstanzlichen Strafmass. Es rechtfertigt sich deshalb, der Beschuldigten
die obergerichtlichen Verfahrenskosten von Fr. 5'000.00 (§ 18 VKD) voll-
umfänglich aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 2 lit. a und b StPO).
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8.2.
Die amtliche Verteidigerin ist für das Berufungsverfahren aus der Staats-
kasse zu entschädigen (Art. 135 Abs. 1 StPO i.V.m. § 9 Abs. 1 und
Abs. 3bis AnwT; § 13 AnwT). Entschädigungspflichtig sind nur jene Bemü-
hungen, die in einem kausalen Zusammenhang mit der Wahrung der
Rechte im Strafverfahren stehen und die verhältnismässig sind (BGE 141 I
124 E. 3.1). Als Massstab bei der Beantwortung der Frage, welcher Auf-
wand für eine angemessene Verteidigung im Strafverfahren angemessen
ist, hat der erfahrene Anwalt zu gelten, der im Bereich des materiellen
Strafrechts und des Strafprozessrechts über fundierte Kenntnisse verfügt
und deshalb seine Leistungen von Anfang an zielgerichtet und effizient
erbringen kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6B_824/2016 vom 10. April
2017 E. 18.3.1 mit Hinweis). Zu entschädigen ist nicht der effektiv vom
amtlichen Verteidiger getätigte Aufwand, sondern der notwendige und ver-
hältnismässige Aufwand.
Die amtliche Verteidigerin war mit dem Sachverhalt und den sich in tatsäch-
licher und rechtlicher Hinsicht stellenden Fragen bereits aus dem erstin-
stanzlichen Verfahren, für das sie mit Fr. 10'112.70 entschädigt worden ist,
bestens vertraut. Die Beschuldigte hat den ihr vorgeworfenen Sachverhalt
auch vor Obergericht vollständig bestritten. Es haben sich dabei für eine
erfahrene Verteidigerin weder in tatsächlicher noch rechtlicher Hinsicht
besonders schwierige Fragen gestellt und die zu studierenden Akten waren
weitgehend bekannt. Entsprechend geringer ist der zur Verteidigung im
Berufungsverfahren angemessene Aufwand zu veranschlagen. Auf die an-
lässlich der Berufungsverhandlung eingereichte Kostennote, mit welcher
die amtliche Verteidigerin einen Aufwand von 23.12 Stunden geltend
macht, kann deshalb nur teilweise abgestellt werden. Insbesondere der
geltend gemachte Aufwand für die vorgängige Berufungsbegründung (rund
7 Stunden), die Besprechungen und Kontakte mit der Beschuldigten (rund
4 Stunden) und die Vorbereitung des Plädoyers (rund 4 Stunden) erweist
sich als erheblich überhöht und ist auf ein angemessenes Mass zu redu-
zieren.
Der geltend gemachte Aufwand für die bei der Vorinstanz zu erfolgende
Berufungsanmeldung, die Kurzbriefe, das Telefonat mit dem Bruder der
Beschuldigten und das Aktenstudium vor der Berufungserklärung gehören
nicht zum im Berufungsverfahren zu entschädigenden Aufwand. Das
erstinstanzliche Gericht übermittelt nach Ausfertigung des begründeten
Urteils die Anmeldung der Berufung zusammen mit den Akten dem Be-
rufungsgericht (Art. 399 Abs. 2 StPO). Erst damit wird das Verfahren beim
Berufungsgericht rechtshängig und die Verfahrensleitung geht vom erst-
instanzlichen Gericht auf das Berufungsgericht über (Urteil des Bundes-
gerichts 6B_469/2015 vom 17. August 2015 E. 3). Wird eine Berufung gar
nicht erst angemeldet, kann der amtliche Verteidiger einen im Nachgang
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zur erstinstanzlichen Urteilseröffnung ergangenen Aufwand denn auch
selbstredend nicht bei der Rechtsmittelinstanz in Rechnung stellen. Im Be-
rufungsverfahren kann nur der angemessene Aufwand ab Rechtshän-
gigkeit beim Berufungsgericht, d.h. aus Sicht des amtlichen Verteidigers ab
Berufungserklärung entschädigt werden. Der zuvor anfallende Aufwand ist
im erstinstanzlichen Verfahren geltend zu machen. Dass dieser Aufwand
teilweise nur geschätzt werden kann, ändert nichts daran, dass er zum erst-
instanzlichen Verfahren gehört. Mithin sind die in der Kostennote aufge-
führten Positionen bis zur Berufungserklärung nicht im Berufungsverfahren
zu entschädigen.
Nicht zu entschädigen sind sodann bloss kurze Durchsichten oder Kennt-
nisnahmen von Eingaben wie z.B. die nicht weiter begründete vorgängige
Berufungsantwort der Staatsanwaltschaft, in welcher auf die Erwägungen
der Vorinstanz verwiesen wird. Diese gelten als anwaltlicher Kürzestauf-
wand (vgl. Entscheid des Kantonsgerichts Basel-Landschaft 470 16 83
vom 5. Juli 2016 E. 2.5.5; LIEBER, in: Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung (StPO), 3. Aufl. Zürich 2020, N. 4 zu Art. 135 StPO;
Leitfaden für amtliche Mandate der Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich,
Ziff. E. 1.2). Kurzbriefe und kurze Rückfragen sind als Sekretariatsarbeit zu
qualifizieren, was grundsätzlich nicht separat zu entschädigen ist, da derar-
tiger Aufwand bereits im Stundenansatz des Verteidigers enthalten ist, aus-
genommen die hierfür notwendigen Auslagen (vgl. Urteil SK.2017.58 des
Bundesstrafgerichts vom 4. Dezember 2018 E. 5.4.2.3 i.V.m. E. 3.1.3).
Ebenfalls um Sekretariatsarbeit handelt es sich bei blossen Weiterleitungen
von Eingaben oder Orientierungskopien.
Ein Gesuch um Fristerstreckung wegen Ferien – vorliegend geltend ge-
macht am 16. Juli 2021 mit einem Aufwand von 0.25 Stunden – ist eine
einfache, regelmässig vorkommende sowie weitgehend standardisierte
Eingabe. Fristerstreckungsgesuche und der diesbezügliche Aufwand sind
grundsätzlich nicht entschädigungspflichtig, da diese regelmässig von der
Rechtsvertretung selbst verursacht sind (vgl. Beschluss des Bundesstraf-
gerichts BB.2017.125 vom 15. März 2018 E. 7.7).
Nach dem Gesagten ist ein angemessener Aufwand für die kurze Be-
rufungserklärung (1⁄2 Stunde), die vorgängige Berufungsbegründung (5
Stunden), die notwendigen und angemessenen Besprechungen mit der
Beschuldigten (insgesamt 2 Stunden, ohne Nachbesprechung), die Vorbe-
reitung der Berufungsverhandlung (2 Stunden), die Aufwendungen im Zu-
sammenhang mit verfahrensleitenden Verfügungen (insgesamt 1 Stunde),
die Teilnahme an der Berufungsverhandlung (4 1⁄2 Stunden) und eine Nach-
besprechung (3⁄4 Stunde), d.h. insgesamt 15 3⁄4 Stunden à Fr. 200.00, zu
entschädigen. Hinzu kommen die pauschalisierten Auslagen (§ 13 Abs. 1
AnwT) von praxisgemäss 3 % und die gesetzliche Mehrwertsteuer, woraus
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eine Entschädigung für das Berufungsverfahren von gerundet Fr. 3'500.00
resultiert.
Diese Entschädigung ist von der Beschuldigten zurückzufordern, sobald es
ihre wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO). Die
Beschuldigte hat zudem der amtlichen Verteidigerin die Differenz zwischen
der amtlichen Entschädigung (Stundenansatz Fr. 200.00) und dem vollen
Honorar (Stundenansatz Fr. 220.00 und darauf berechnete Mehrwertsteu-
er) zu erstatten, d.h. gerundet insgesamt Fr. 350.00, sobald es ihre wirt-
schaftlichen Verhältnisse zulassen (Art. 135 Abs. 4 lit. b StPO).
8.3.
Fällt die Rechtsmittelinstanz einen neuen Entscheid, so befindet sie darin
auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428
Abs. 3 StPO). Die Beschuldigte wird hinsichtlich aller Anklagepunkte schul-
dig gesprochen, weshalb ihr die Verfahrenskosten vollumfänglich aufzuer-
legen sind (Art. 426 Abs. 1 StPO). Dass hinsichtlich der Drohung nur ein
Schuldspruch wegen Versuchs erfolgt, ändert daran nichts, denn auch eine
versuchte Tatbegehung stellt einen Schuldspruch dar.
Die Entschädigung der amtlichen Verteidigerin für das erstinstanzliche Ver-
fahren von Fr. 10'112.70 ist im Berufungsverfahren unangefochten geblie-
ben und damit keiner Überprüfung mehr zugänglich (Urteil des Bundes-
gerichts 6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2). Diese Entschädigung
ist von der Beschuldigten zurückzufordern, sobald es ihre wirtschaftlichen
Verhältnisse zulassen (Art. 135 Abs. 4 lit. a StPO). Die Beschuldigte hat
zudem der amtlichen Verteidigerin die Differenz zwischen der amtlichen
Entschädigung (Stundenansatz Fr. 200.00) und dem ordentlichen Honorar
(Stundenansatz Fr. 220.00 und der darauf berechneten Mehrwertsteuer)
zu erstatten, d.h. gerundet Fr. 960.00 sobald es ihre wirtschaftlichen Ver-
hältnisse zulassen (Art. 135 Abs. 4 lit. b StPO).
9.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO).