Decision ID: c72a71d0-48df-52e7-b1c1-fc68ead0d323
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich 2001 erstmals zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act. 1-1 ff.).
Im Auftrag der IV-Stelle wurde durch die Ärztliche Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH in
Basel am 4. März 2005 ein polydisziplinäres Gutachten erstellt, das als Diagnose mit
Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom
ohne radikuläre Symptomatik (ICD-10 M54.5) anführte; die Arbeitsfähigkeit des
Versicherten in einer adaptierten Tätigkeit betrage 100 % (IV-act. 69-1 ff.). Mit
Verfügung vom 16. März 2005 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab (IV-act. 75-1 f.).
Dagegen erhob der Versicherte am 2. Mai 2005 Einsprache (IV-act. 80-1 f.), welche er
mit Eingabe vom 23. Mai 2005 begründen liess (IV-act. 86-1 ff.). Mit Ein
sprachentscheid vom 21. Juni 2005 wies die IV-Stelle die Einsprache ab (IV-act.
89-1 ff.). Der Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft (IV-act. 90-1).
A.b Am 5. März 2007 liess der Versicherte aufgrund angegebener Verschlechterung
seines gesundheitlichen Zustands um erneute Prüfung der Rentenfrage ersuchen (IV-
act. 101-1) und reichte einen Bericht der Klinik Gais vom 29. Januar 2007 ein. Die
Ärzte, welche den Versicherten während seines vom 27. Dezember 2006 bis 9. Januar
2007 dauernden stationären Aufenthalts in der Klinik Gais behandelt hatten,
diagnostizierten eine mittelgradige depressive Episode sowie eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung und attestierten eine 50 %ige Arbeitsfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht (IV-act. 102-1 ff.).
A.c Am 17. Dezember 2007 erstattete der behandelnde Arzt Dr. med. B._, Spezialarzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, einen Bericht. Er diagnostizierte eine mittelgradige
depressive Störung auf dem Boden einer emotional instabilen/ narzisstischen
Persönlichkeit, eine HWS-Distorsion nach einem am 18. November 2005 erlebten
Autounfall, eine posttraumatische Belastungsstörung sowie einen Status nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diskushernie-Operation L5/S1 im Jahr 2003 und attestierte eine mindestens 75 %ige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 122-28 f.).
A.d Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die ABI GmbH am 12. Februar 2008 ein
polydisziplinäres Verlaufsgutachten mit Untersuchungsdatum vom 18. Dezember 2007.
Die Gutachter stellten folgende, die Arbeitsfähigkeit beeinflussenden Diagnosen: Eine
leichte depressive Episode, eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, ein
chronisches lumbovertebrales Schmerzsyndrom mit pseudoradikulären Schmerzaus
strahlungen in beide Beine sowie ein chronisches zervikozephales und links-
zervikobrachiales Schmerzsyndrom. Sie attestierten eine Arbeits- und
Leistungsfähigkeit für körperlich leicht bis mittelschwer belastende berufliche
Tätigkeiten von 80 %, ganztags realisierbar (IV-act. 122-1 ff.).
A.e Mit Vorbescheid vom 30. Juli 2008 stellte die IV-Stelle dem Versicherten die Ab
weisung des Leistungsgesuchs in Aussicht (IV-act. 133-1 f.). Der Invaliditätsgrad
betrage 34 % (Valideneinkommen: Fr. 72'821.--, Invalideneinkommen: Fr. 47'926.40).
A.f Der Versicherte liess am 2. September 2008 sinngemäss Einwand gegen den Vor
bescheid erheben und machte geltend, die behandelnden Ärzte seien zu ganz anderen
Erkenntnissen gelangt als die ABI-Gutachter; den Berichten der behandelnden Ärzten
sollte mehr Gewicht beigemessen werden. Er beantragte vorschlagsweise eine Drei
viertels-IV-Rente (IV-act. 136-1 f.). Dem Einwand wurden diverse Berichte der be
handelnden Ärzte beigelegt (IV-act. 136-3 ff.).
A.g In Verlaufsbericht vom 21. Januar 2009 führten die behandelnden Ärzte Dr. med.
C._, Oberärztin, und Dr. med. D._, Assistenzärztin, Psychiatriezentrum E._, im
Wesentlichen aus, der Versicherte nehme seit dem 22. August 2008 an Modulen der
Tagesklinik teil. Sie diagnostizierten eine mittelgradige bis schwere depressive Störung,
Status nach Diskushernie-Operation L5/S1 2003, anhaltende Rückenschmerzen, eine
HWS-Distorsion vom 18. November 2005 (Auffahrunfall ohne Bewusstlosigkeit) sowie
eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung. Aus ärztlicher Sicht stelle sich der
Gesundheitszustand des Versicherten aktuell seit dem 22. August 2008 verschlechtert
dar. Die Arbeitsfähigkeit werde nach Stabilisierung des depressiven Zustandbildes auf
15 % vermutet (IV-act. 139-1 ff.). Im Verlaufsbericht der Psychiatriezentrum E._ vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
18. Juni 2009 führten Dr. med. C._ und Dr. med. F._, Assistenzärztin, im
Wesentlichen aus, eine zumutbare Tätigkeit in leidensadaptiertem Rahmen sei
unrealistisch, da der Patient bereits im therapeutischen Setting mit Möglichkeit zu
Pausierung maximal 20 bis 30 Minuten habe teilnehmen können (IV-act. 147-1 ff.).
A.h Am 16. September 2009 erstattete der behandelnde Arzt Dr. med. G._,
Spezialarzt FMH für Chirurgie, Wirbelsäulenleiden, Schleudertrauma und orthopädische
Traumatologie, einen Bericht. Er attestierte aus somatischer Sicht in einer der
Behinderung angepassten Tätigkeit eine 50 %ige Arbeitsfähigkeit. Der Versicherte
arbeite seit Mai 2007 in der geschützten Werkstatt "H._", zeitlich gesehen 50 % mit
einer Leistung von 15 % (IV-act. 152-1 ff.).
A.i Auf die Mitteilung der IV-Stelle an den Vertreter des Versicherten vom 12. Oktober
2009, es werde eine weitere Begutachtung bei der ABI GmbH in Basel durchgeführt
(IV-Stelle vom 156-1 f.), liess der Versicherte mit Schreiben vom 30. Oktober 2009 ein
wenden, er sei aufgrund der falschen früheren Beurteilungen durch die Ärzte der
ABI GmbH in Basel mit dieser Begutachterstelle nicht einverstanden, und ersuchte um
eine andere MEDAS bzw. RAD-Begutachtung (IV-act. 157-1). Mit Schreiben vom
5. November 2009 kam die IV-Stelle dem das Gesuch des Versicherten nicht nach (IV-
act. 159-1).
A.j Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. B._ am 25. Februar 2010 einen Ver
laufsbericht. Er führte aus, dass es dem Versicherten zumutbar wäre, in einem
geschützten Rahmen eine Tätigkeit im Umfang von 25 % auszuüben. Diese Tätigkeit
sollte therapeutischen Zwecken dienen und nicht als Arbeit im engeren Sinn angesehen
werden. Dabei sollte beachtet werden, dass der Versicherte in keinem Fall unter Zeit-
oder Leistungsdruck stehen dürfte. Es bestünde aus rein psychiatrischer Sicht eine
mindestens 75 %ige Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 163-1 ff.).
A.k Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die ABI GmbH am 1. März 2010 ein weiteres
polydisziplinäres Verlaufsgutachten mit Untersuchungsdatum vom 12. Januar 2010.
Die Gutachter diagnostizierten mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit ein chronisches
lumbovertebrales Schmerzsyndrom ohne klaren Hinweis für radikuläre Ausfälle (ICD-10
M54.5), ein chronisches zervikozephales und beidseitiges zervikobrachiales Schmerz
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
syndrom ohne radikuläre Ausfälle (ICD-10 M53.0/M53.1), eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10 F33.0) sowie eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) und attestierten eine Arbeits- und
Leistungsfähigkeit für leichte bis mittelschwere, adaptierte Tätigkeiten von 80 %,
vollschichtig realisierbar (IV-act. 164-1 ff.).
A.l In der Stellungnahme der ABI GmbH vom 22. März 2010 zum Arztbericht von
Dr. B._ vom 25. Februar 2010 führten die Gutachter aus, dass an den Schluss
folgerungen, die von ihnen im Verlaufsgutachten vom 1. März 2010 gezogen worden
seien, festgehalten werde (IV-act. 168-1 f.).
A.m Mit Vorbescheid vom 31. März 2010 stellte die IV-Stelle bei einem Invaliditätsgrad
von 34 % die Abweisung des Rentengesuchs in Aussicht (IV-act. 171-1 f.).
A.n Der Versicherte liess am 4. Mai 2010 Einwand gegen den Vorbescheid erheben.
Er liess im Wesentlichen geltend machen, anlässlich der Begutachtung durch die
ABI GmbH Basel sei kein Neurologe beigezogen worden, obwohl er an neurologischen
Ausfällen leide und oft in Ohnmacht falle. Zudem würden diverse Arztberichte von den
Begutachtungsergebnissen der ABI GmbH eindeutig abweichen (IV-act. 172-1 ff.). Dem
Einwand wurden diverse ärztliche Berichte beigelegt (IV-act. 172-7 ff.).
A.o Mit Schreiben vom 3. Juni 2010 (IV-act. 173-1) liess der Versicherte einen ärzt
lichen Bericht des Allgemeinmediziners Dr. med. I._ vom 27. Mai 2010 (IV-act. 174-1
f.) sowie ein Schreiben seiner Verwandten vom 11. Mai 2010 einreichen (IV-act. 173-2).
A.p Mit Schreiben vom 23. Juni 2010 liess der Versicherte einen ärztlichen Bericht von
Dr. G._ vom 14. Juni 2010 einreichen. Dr. G._ attestierte in einer der Behinderung
angepassten Tätigkeit aus somatischer Sicht eine 50 %ige Arbeitsfähigkeit (IV-act.
177-1 f.).
A.q Mit Verfügung vom 15. Juli 2010 wies die IV-Stelle das Rentengesuch des Ver
sicherten ab (IV-act. 179-1 ff.).
A.r Mit Schreiben vom 23. Juli 2010 liess der Versicherten einwenden, aufgrund
seines stationären Aufenthaltes in einer psychiatrischen Klinik im Verfügungszeitpunkt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und des noch ausstehenden Klinikberichts sei die Verfügung vom 15. Juli 2010
zurückzuziehen (IV-act. 180-1). In der Folge forderte die IV-Stelle den Versicherten mit
Schreiben vom 4. August 2010 zur Einreichung der für eine Revision benötigten
Dokumente innert Frist auf und wies gleichzeitig auf die Beschwerdemöglichkeit beim
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hin (IV-act. 181-1 f.).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 15. Juli 2010 richtet sich die am 20. August 2010 er
hobene Beschwerde. Darin beantragt der Beschwerdeführer, es sei die Verfügung vom
15. Juli 2010 aufzuheben und ihm eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Zudem sei
die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen. Als Begründung wird im Wesentlichen
sinngemäss ausgeführt, die abweichenden medizinischen Berichte zum ABI-Gutachten
seien ebenso wie die Verschlechterung seines gesundheitlichen Zustandes ignoriert
worden. Es sei bekannt, dass die Gutachten der ABI GmbH nicht als neutrale Berichte
zu werten seien und die Ärzte parteiisch handelten. Er verweise auf die vielen ärztlichen
Berichte, welche klar bestätigten, dass er nicht arbeitsfähig sei. Es sei festzustellen,
dass das aufgrund einer einstündigen Untersuchung erstellte Gutachten der ABI GmbH
im Widerspruch zu den Berichten der behandelnden Ärzte stehe. Er habe im Weiteren –
entgegen den Ausführungen im ABI-Gutachten – keinen guten Kontakt zu seiner
Familie. Aktuell befinde er sich in der Psychiatrischen Klinik J._ in stationärer
Behandlung; den Klinikbericht werde er nach seiner Erstellung dem Gericht zustellen
(act. G 1).
B.b In der Beschwerdeantwort vom 30. September 2010 beantragt die IV-Stelle die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus, sie
habe der ABI GmbH den nach Erlass des Vorbescheids eingegangenen Bericht von
Dr. B._ zur Stellungnahme zugestellt. Dr. B._s Diagnosen hätten in keiner Weise
nachvollzogen werden können. Weder lägen Hinweise für eine posttraumatische Be
lastungsstörung noch für eine Persönlichkeitsstörung vor. Im Übrigen sei es gerichts
notorisch, dass Dr. B._s Berichten und Einschätzungen kein grosser Wert bei
gemessen werden könne. Im Weiteren werde sowohl der leichten als auch der
mittelgradig depressiven Episode gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung keine
invalidisierende Wirkung zugesprochen. Dasselbe gelte für die diagnostizierte somato
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
forme Schmerzstörung. Vielmehr bestehe eine Vermutung, dass die somatoforme
Schmerzstörung oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensanstrengung über
windbar seien. Aufgrund der Schilderungen des Beschwerdeführers in Bezug auf
seinen Tagesablauf könne nicht von einem sozialen Rückzug in allen Belangen des
Lebens gesprochen werden. Zudem sei aufgrund der verfügbaren Akten offensichtlich,
dass die weiteren Beurteilungskriterien nicht in einem Masse erfüllt seien, welches die
Annahme einer psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeit und der Unzumutbarkeit des
vollen Wiedereinstiegs des Beschwerdeführers in den Arbeitsprozess ausnahmsweise
rechtfertigen könnte. Insbesondere sei das Scheitern aller therapeutischer
Bemühungen auf die ausgeprägte subjektive Krankheitsüberzeugung des
Beschwerdeführers zurückzuführen. Es liege mithin keine Invalidität im Rechtssinne
vor, weshalb ein Rentenanspruch zu verneinen sei. Demnach sei gemäss der vom
Bundesgericht seit dem Urteil vom 12. März 2004 gefestigten Praxis von einer vollen
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers aus psychischen Gründen auszugehen. Auch
aus somatischer Sicht bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Ganz
allgemein bestünden gemäss ABI-Gutachten massive Hinweise für eine Ausweitung
der Schmerzproblematik. Die vom Beschwerdeführer angegebenen, äusserst diffusen
Beschwerden würden sich durch objektivierbare Befunde und die vorliegenden
Bilddokumente keinesfalls begründen lassen. Nach objektiver, umfassender,
eingehender und inhaltsbezogener Würdigung sei auf die Einschätzung des ABI-
Gutachtens abzustellen. Abschliessend sei anzumerken, dass der Beschwerdeführer
ganz klar den Eindruck vermittle, er möchte nicht arbeiten. Selbst die von Dr. G._
attestierte Arbeitsfähigkeit von 50 % habe der Beschwerdeführer nicht leisten wollen
(act. G 5).
B.c Am 4. Oktober 2010 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege
(Befreiung von den Gerichtskosten) bewilligt (act. G 7).
B.d Mit Replik vom 22. Oktober 2010 hält der Beschwerdeführer an seinen An
trägen fest (act. G 8). Er führt aus, dass die letzte Untersuchung beim ABI-Gutachter
Dr. K._ 20 Minuten gedauert habe. Der Gutachter habe improvisiert, ihn nur wenig
befragt und keinen Test oder eine Fremdanamnese durchgeführt. Der Gutachter
Dr. L._ habe ihn unter Gewaltanwendung und ohne Einblick auf die neuesten
Röntgenbilder zu nehmen untersucht. Dr. L._ habe seine Aussage zu den
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerden nicht hören und keine fremdanamnestischen Angaben einholen wollen.
Die Erkenntnisse der behandelnden Ärzte seien in seinem Fall massgebend. Er lege
den neuesten Bericht der Ärzte der Klinik St. Pirminsberg in J._ vom 18. Oktober
2010 bei (act. G 8.1).
B.e In der Folge verzichtete die Beschwerdegegnerin mit Schreiben vom 29. Oktober
2010 auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2012 sind die im Zug des ersten Teils der 6. Revision revidierten Be
stimmungen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20), der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) und des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) in Kraft
getreten. In materiell-rechtlicher Hinsicht gilt der übergangsrechtliche Grundsatz, dass
der Beurteilung jene Rechtsnormen zugrunde zu legen sind, die bei Erlass des ange
fochtenen Entscheids beziehungsweise im Zeitpunkt gegolten haben, als sich der zu
den materiellen Rechtsfolgen führende Sachverhalt verwirklichte (vgl. BGE 127 V 467
E. 1, 126 V 136 E. 4b, je mit Hinweisen). Die Beschwerdegegnerin hat die angefochtene
Verfügung am 15. Juli 2010 (IV-act. 179-1 ff.) und somit vor Inkrafttreten der IV-
Revision 6a erlassen. Gemäss übergangsrechtlichem Grundsatz werden nachfolgend
die zum Zeitpunkt des Verfügungserlasses anwendbaren Bestimmungen
wiedergegeben. Bezüglich des allfälligen Rentenbeginns sind angesichts der erneuten
Anmeldung zum Leistungsbezug im März 2007 und des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit
im Juni 2003 die vor Inkrafttreten der 5. IV-Revision bis zum 31. Dezember 2007 gültig
gewesenen Bestimmungen anzuwenden.
2.
2.1 Als Invalidität gilt gemäss Art. 8 Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder
länger dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Nach Art. 28 Abs. 2 IVG hat
die versicherte Person Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie mindestens zu 70 %,
auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 %, auf eine halbe Rente, wenn
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sie mindestens zu 50 % oder auf eine Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40 %
invalid ist.
2.2 Grundlage der Bemessung des zumutbaren Invalideneinkommens ist die Arbeits
fähigkeitsschätzung. Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den
Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das
Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere
Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es,
den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem
Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist
(BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen
und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel eine zuverlässige
Beurteilung des strittigen Leistungsanspruchs gestatten. Die Rechtsprechung hat es
mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar erachtet, in Bezug auf
bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die
Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten, die aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten
Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange nicht konkrete
Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
2.3 Wurde eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert, wird ein
Gesuch um Revision nur geprüft, wenn die Voraussetzungen gemäss Art. 87 Abs. 3 IVV
i.V.m. Art. 87 Abs. 2 IVV erfüllt sind. Danach ist von der versicherten Person im Gesuch
glaubhaft zu machen, dass sich der Grad der Invalidität in einer für den Anspruch er
heblichen Weise geändert hat. Die Frage, ob eine anspruchsbegründende Änderung in
den für den Invaliditätsgrad erheblichen Tatsachen eingetreten sein könnte, beurteilt
sich durch den Vergleich des Sachverhaltes, wie er im Zeitpunkt der ersten Ab
lehnungsverfügung (bzw. bei mehreren Ablehnungen seit der letzten unangefochten
gebliebenen Ablehnung des Leistungsgesuchs) bestanden hat, mit demjenigen zur Zeit
der streitigen neuen Verfügung (BGE 130 V 73 E. 3.1). Tritt die Verwaltung (nach er
folgter Glaubhaftmachung) auf die Neuanmeldung ein, so hat sie die Sache materiell
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
abzuklären und zu prüfen, ob nunmehr eine anspruchsbegründende Invalidität zu be
jahen sei (Entscheid des Bundesgerichts vom 3. April 2008, 9C_733/2007, E. 1).
3.
Vorliegend trat die Beschwerdegegnerin auf die Neuanmeldung vom 5. März 2007 (IV-
act. 101-1) ein und holte diverse ärztliche Berichte ein. Das polydisziplinäre Gutachten
des ABI vom 12. Februar 2008 (IV-act. 122-2 ff.), das polydisziplinäre Verlaufs
gutachten vom 1. März 2010 (IV-act. 164-1 ff.) sowie die Stellungnahme des RAD Ost
schweiz vom 24. März 2010 (IV-act. 167-1 f.) hielten eine objektive Verschlechterung
des Gesundheitszustandes bzw. eine Arbeitsunfähigkeit in adaptierter Tätigkeit von
mehr als 20 % grundsätzlich für nicht ausgewiesen. In der Folge führte die Be
schwerdegegnerin einen erneuten Einkommensvergleich durch, wobei sie diesem nun
das Jahr 2008 (IV-act. 130-1) und nicht mehr 2005 (IV-act. 71-2) zugrunde legte. Die
Berechnung erfolgte - wie bei der erstmaligen Anspruchsprüfung - ohne Anerkennung
eines Tabellenlohnabzugs; bei der ersten Berechnung resultierte ein IV-Grad von
16.49 %, bei der späteren ein solcher von 34 %. Der Beschwerdeführer beanstandet
die medizinische Würdigung des polydisziplinären Verlaufsgutachtens vom 1. März
2010 der ABI GmbH. Unbestritten ist, dass die Beschwerdegegnerin zu Recht auf die
Neuanmeldung eingetreten ist.
4.
4.1 Die Beschwerdegegnerin stützt die angefochtene Verfügung in erster Linie auf das
polydisziplinäre Verlaufsgutachten der ABI GmbH vom 1. März 2010 mit ambulanter
Untersuchung vom 12. Januar 2010.
4.2 Der Beschwerdeführer moniert, bei der psychiatrischen Untersuchung habe der
ABI-Gutachter Dr. K._ sich am 12. Januar 2010 lediglich 20 Minuten mit ihm unter
halten. Diese Zeit sei absolut ungenügend, um eine umfassende Beurteilung im
Rahmen eines psychiatrischen Gutachtens, auch eines Verlaufsgutachtens, abgeben
zu können. Zudem sei bei der psychiatrischen Untersuchung vom 12. Januar 2010 nur
improvisiert, wenig befragt und keine Tests durchgeführt worden. Im Übrigen hätten
die behandelnden Ärzte des Medizinischen Zentrums M._, des psychiatrischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zentrums E._, der Klinik Gais, der Psychiatrischen Klinik St. Pirminsberg in J._
sowie Dr. B._ eine erhebliche Verschlechterung des psychischen Ge
sundheitszustandes bestätigt. Die behandelnden Ärzte Dr. N._ und Dr. G._ hätten
ebenfalls eine erhebliche Verschlechterung des physischen Gesundheitszustandes
bestätigt. Die Einschätzungen der ihn teilweise jahrelang behandelnden Ärzte seien
höher zu gewichten als diejenigen der ABI-Gutachter. Der Beschwerdeführer macht
schliesslich geltend, es bestünden Zweifel an der Unabhängigkeit des ABI. Dieses lebe
sozusagen von den ständigen Aufträgen der kantonalen IV-Stellen und sei von letzteren
geradezu abhängig.
4.3 Was die geltend gemachte fehlende Unabhängigkeit der ABI GmbH, insbesondere
auch in wirtschaftlicher Hinsicht, anbelangt, wird auf BGE 137 V 210, u.a. bestätigt im
Urteil 8C_740/2010 vom 29. September 2011, verwiesen. Im Grundsatzurteil BGE 137
V 210 hat das Bundesgericht einlässlich und in Berücksichtigung aller in Betracht
fallenden Gesichtspunkte zur Beschaffung medizinischer Entscheidungsgrundlagen
durch externe Begutachtungsinstitute wie die Medizinischen Abklärungsstellen
(MEDAS) in der Invalidenversicherung, zu welchen auch die ABI GmbH zählt, Stellung
genommen und diese als verfassungs- und konventionskonform erklärt (E. 2.1-2.3).
Aufgrund des Ertragspotenzials der Tätigkeit der MEDAS zuhanden der Invalidenver
sicherung und der damit gegebenen wirtschaftlichen Abhängigkeit sah das Bundes
gericht die Verfahrensgarantien als latent gefährdet an (E. 2.4). Es bejahte daher die
Notwendigkeit von Korrektiven (E. 3.1-3.4), welche zwischenzeitlich zumindest
teilweise umgesetzt worden sind. Allein die wirtschaftliche Abhängigkeit der
Medizinischen Abklärungsstellen von der Invalidenversicherung begründet jedoch
keine Befangenheit des betreffenden Instituts, weshalb die entsprechenden Vorbringen
des Beschwerdeführers unerheblich sind. Mit Blick auf BGE 137 V 210 erscheint die in
der Beschwerde geübte Kritik an der ABI GmbH unbegründet, zumal die pauschal
erhobenen Vorwürfe betreffend die angeblich fehlende Objektivität der Gutachter der
ABI GmbH nicht konkret belegt werden.
4.4 Was sodann den Einwand betrifft, die psychiatrische Untersuchung habe lediglich
20 Minuten gedauert, es sei nur improvisiert, wenig befragt und keine Tests durch
geführt worden, ist auf das Folgende hinzuweisen: Bezüglich Dauer wird verkannt, dass
es für den Aussagegehalt eines Arztberichtes nicht auf die Dauer der Untersuchung an
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=9C_342%2F2012&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=9C_342%2F2012&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=9C_342%2F2012&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=9C_342%2F2012&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-210%3Ade&number_of_ranks=0#page210
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kommt. Massgeblich ist vielmehr, ob der Bericht inhaltlich vollständig und im Ergebnis
schlüssig ist (Ulrich Meyer-Blaser, Rechtliche Vorgaben an die medizinische Begut
achtung, in: Schaffhauser/ Schlauri [Hrsg.], Rechtsfragen der medizinischen Begut
achtung in der Sozialversicherung, 1997, S. 23 f.; Urteil I1094/06 vom 14. November
2007; I 719/05 vom 17. November 2006; 9C_170/2009 vom 6. Mai 2009 E. 2.2).
Konkrete Hinweise, die unter diesem und den weiteren angeführten Aspekten gegen
die Zuverlässigkeit der Expertise des psychiatrischen Gutachters sprechen, werden
vom Beschwerdeführer nicht namhaft gemacht. Er beschränkt sich vielmehr auf die
oben erwähnten pauschalen Behauptungen und unterlässt es aufzuzeigen, inwiefern
sich diese angeblich kurze und ungenügende psychiatrische Untersuchung konkret
negativ in der Qualität und der Aussagekraft des Gutachtens niedergeschlagen haben
soll. Offenbleiben kann daher, ob seine Darstellungsweise zutrifft. Im Übrigen ist festzu
stellen, dass es sich um eine Verlaufsbegutachtung handelte und der psychiatrische
Gutachter den Beschwerdeführer bereits einmal exploriert hatte (vgl. IV-act. 69-15 ff.),
der Gutachter mit der Anamnese etc. also bereits weitgehend vertraut war. Überdies
durfte beim Gutachter auch Kenntnis der umfangreichen Akten vorausgesetzt werden.
Die vorgebrachten Einwände lassen vorliegend jedenfalls keine Rückschlüsse auf den
Beweiswert des Verlaufsgutachtens zu.
5.
Der Beschwerdeführer wurde am 12. Januar 2010 in der ABI GmbH erneut
begutachtet, nachdem bereits am 18. Januar 2005 und am 18. Dezember 2007
Begutachtungen durch dieses Institut stattgefunden hatten. Die polydisziplinäre
Verlaufsbegutachtung vom 12. Januar 2010 bestand aus einer psychiatrischen und
einer orthopädischen Untersuchung sowie aus einer internistischen/
allgemeinmedizinischen Beurteilung.
5.1 Aus psychiatrischer Sicht wurden als Diagnosen mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode
(ICD-10 F33.0), sowie eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4)
gestellt. In der psychopathologischen Befundaufnahme beschreibt der Gutachter, dass
sich der Beschwerdeführer umständlich hingesetzt habe, das Schmerzverhalten sei
demonstativ gewesen. Er habe einen gepflegten Eindruck gemacht, sei freundlich und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kooperativ gewesen. Nur selten habe er Blickkontakt zum Untersucher aufgenommen.
Die Stimmung sei herabgesetzt gewesen, leicht depressiv. Er sei bewusstseinsklar und
allseits orientiert gewesen. Die Auffassungsgabe und die Konzentrationsfähigkeit
seien nicht eingeschränkt gewesen. Hinweise für Merkfähigkeitsstörungen und Ge
dächtnisstörungen hätten sich nicht gefunden. Das Denken sei formal unauffällig
gewesen, inhaltlich hätten eher depressive Gedanken im Vordergrund gestanden.
Befürchtungen und Zwänge seien nicht feststellbar gewesen. Wahnhafte Störungen,
Sinnestäuschungen, Halluzinationen und Ich-Störungen seien nicht vorhanden
gewesen. Es hätten keine circadianen Besonderheiten vorgelegen. Hinweise für
sozialen Rückzug, Aggressivität, Suizidalität oder Selbstbeschädigung seien nicht
gefunden worden. Die Realitätsprüfung und die Urteilsbildung seien ungestört
gewesen. Der Beschwerdeführer habe einen guten affektiven Kontakt zum Untersucher
aufgenommen. Die Beziehungsfähigkeit sei nicht beeinträchtigt gewesen. Hinweise für
mangelnde Affektsteuerung und fehlende Impulskontrolle hätten gefehlt. Die
Selbstwertregulation sei vermindert gewesen. Zeichen für eine gestörte Intentionalität
hätten sich nicht gefunden (IV-act. 164-18 f.). In der Stellungnahme zur
Selbsteinschätzung wird ausgeführt, der Beschwerdeführer fühle sich nicht mehr
arbeitsfähig. Im Alltag sei er durch psychopathologische Symptome nicht derart
eingeschränkt, als dass ihm ein 80 %iges Arbeitspensum nicht zumutbar wäre. Die
ausgeprägte subjektive Krankheitsüberzeugung, das demonstrative Schmerzverhalten
und die regressiven Verhaltensweisen begründeten weder eine psychiatrische
Diagnose noch eine Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht (IV-act. 164-20). Zur
Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht führte der Gutachter Dr. K._ folgendes aus:
Aufgrund der leichten depressiven Episode und der anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung könne aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 80 %
attestiert werden. Ein ausgeprägter sozialer Rückzug lasse sich nicht feststellen. Dass
alle therapeutischen Bemühungen gescheitert seien, hänge wesentlich damit
zusammen, dass der Beschwerdeführer aufgrund der ausgeprägten subjektiven
Krankheitsüberzeugung wenig Motivation zeige, trotz allfälliger Restbeschwerden sich
aktiv um seine Genesung zu bemühen und sich den Belastungen der Arbeitswelt
wieder auszusetzen. Schwere lebensgeschichtliche Belastungen fänden sich nicht. Es
fänden sich keine Hinweise auf einen therapeutisch nicht mehr angehbaren
innerseelischen Verlauf einer missglückten, psychisch aber entlastenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Konfliktbewältigung (primärer Krankheitsgewinn). Aus psychiatrischer Sicht könne es
dem Beschwerdeführer daher zugemutet werden, trotz der geklagten Beschwerden die
nötige Willensanstrengung aufzubringen, um 80 % einer beruflichen Tätigkeit
nachgehen zu können (IV-act. 164-20).
5.2 Aus dem orthopädischen Teilgutachten geht hervor, dass sich die vom Be
schwerdeführer angegebenen, äusserst diffusen Beschwerden durch die objektivier
baren Befunde und vorliegenden Bilddokumente keinesfalls begründen liessen. Auch
das unablässige Stöhnen während der gesamten körperlichen Untersuchung sei
ein klarer Hinweis darauf, dass eine wesentliche nicht-organische Komponente der
Schmerzen vorliege. An der lumbalen Wirbelsäule bestünden degenerative Ver
änderungen, welche grundsätzlich bei körperlich hohen Belastungen zu Beschwerden
führen könnten. Nicht geklärt bleibe allerdings die Tatsache, dass es trotz lang
dauernder körperlicher Schonung während mehrerer Jahre nicht zu einer deutlichen
Schmerzreduktion gekommen sei. Auch komme nicht klar zum Ausdruck, wie gross der
Leidensdruck durch die somatischen Beschwerden effektiv sei, da der Explorand
ausgerechnet am Untersuchungstag keine Analgetika zu sich genommen habe, obwohl
die voraussehbare Belastung mit dem Anreiseweg und der bevorstehenden
körperlichen Untersuchung als überdurchschnittlich hoch zu betrachten sei.
Hinzuweisen sei auch auf das deutlich inkonsistente bzw. nicht verifizierbare Hinken
sowie die geringe Kooperation bei der körperlichen Untersuchung. Zur Arbeitsfähigkeit
aus orthopädischer Sicht führte der Gutachter Dr. L._ folgendes aus: Für körperlich
leichte bis mittelschwere Tätigkeiten unter Wechselbelastung bestehe aufgrund der
aktuellen Untersuchung aus rein orthopädischer Sicht eine zeitlich und leistungsmässig
uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit. Das Heben und Tragen von Lasten über 15 kg sollte
dabei vermieden werden. In Anbetracht der erhobenen Befunde sollte bei einer derart
angepassten Tätigkeit im Vergleich zum aktuellen Alltagsleben kaum eine wesentliche
Schmerzprovokation entstehen, so dass diese auch zumutbar sei (IV-act. 164-26).
5.3 Gesamthaft gesehen bestehe beim Beschwerdeführer weiterhin eine volle Arbeits
unfähigkeit für körperlich schwer belastende Tätigkeiten. Ebenfalls bestehe weiterhin
für leichte bis mittelschwere adaptierte Tätigkeiten eine 80 %ige Arbeits- und
Leistungsfähigkeit, vollschichtig realisierbar. Entgegen der seit Jahren zunehmenden
Krankheits- und Behinderungsüberzeugung bestünden keine progredienten, objektiven
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Befunde aus somatischer und psychiatrischer Sicht. Dementsprechend ergebe sich
keine veränderte Einschätzung zum Vorgutachten (IV-act. 164-31).
5.4 Dass dem Beschwerdeführer körperlich schwere Tätigkeiten mit starker Rücken-
und Halswirbelbelastung nicht mehr zumutbar sind, er jedoch in einer adaptierten
Tätigkeit aus orthopädischer Sicht nicht in seiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist,
erscheint aufgrund der Diagnosestellung und der beschriebenen Befunde
nachvollziehbar. In seiner Stellungnahme zu den von Dr. G._ im Bericht vom
16. September 2009 aufgeführten Diagnosen und der attestierten Arbeitsfähigkeit von
50 % führte der orthopädische Gutachter aus, dass die angegebenen Reizsymptome
durch die aktuelle Untersuchung nicht verifiziert werden könnten, auch fehlten
radiologische Hinweise für eine Neurokompression (IV-act. 164-27). Der orthopädische
Gutachter äusserte sich im Weiteren ebenfalls schlüssig und nachvollziehbar zum
ärztlichen Bericht von Dr. N._ vom 14. Februar 2008 (IV-act. 164-26 f.). Die in der
psychiatrischen Begutachtung gestellten Diagnosen stehen jenen der behandelnden
Ärzte, die von einer (rezidivierenden) mittelgradigen bis schweren depressiven Störung
ausgehen, gegenüber. Diesbezüglich führte der psychiatrische Gutachter aus, dass
sich der psychiatrische Zustand des Beschwerdeführers seit Dezember 2007 nicht
verändert habe. Es fänden sich keine Hinweise für eine mittelgradige oder schwere
depressive Störung. Der Beschwerdeführer versorge den Haushalt selbständig,
unternehme täglich Spaziergänge, unterhalte Kontakte mit seinen Familienangehörigen,
habe auch Hoffnung auf Besserung seiner Beschwerden. Er sei auch in der Lage, seine
zahlreichen Ärzte regelmässig zu besuchen und zweimal pro Woche eine
Physiotherapie aufzusuchen. All diese Verhaltensweisen wären mit einer mittelgradigen
oder schweren depressiven Störung nicht vereinbar. Das Psychiatriezentrum E._ wie
auch der behandelnde Psychiater (Dr. B._) würden weitgehend die subjektive
Krankheitseinschätzung des Beschwerdeführers übernehmen, nach der keine Arbeit
mehr möglich sei. Die subjektive Krankheits- und Behinderungsüberzeugung des
Beschwerdeführers begründe aber weder eine psychiatrische Diagnose noch eine
Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht (IV-act. 164-20). Zur durch Dr. B._
gestellten Diagnosen einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie einer
narzisstischen Persönlichkeitsstörung führte der psychiatrische Gutachter am 22. März
2010 aus, der Beschwerdeführer sei nie Opfer eines schweren Unfalls geworden oder
habe eine Situation aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausmasses erlebt. Er leide auch nicht unter Angstträume oder Flash Backs von einem
derartigen Ereignis. Weder die Voraussetzung noch die Symptome für die Diagnose
einer posttraumatischen Belastungsstörung seien vorhanden. Da sich eine
Persönlichkeitsstörung beim Eintreten ins Erwachsenenalter zeigen und die beruflichen
Möglichkeiten sowie die sozialen Beziehungen wesentlich einschränken würde, was
beim Beschwerdeführer nicht vorliege, bestünden auch keine Hinweise auf eine
Persönlichkeitsstörung (IV-act. 168-2). Angesichts der erhobenen Befunde, der
Stellungnahme des ABI zu den Berichten von Dr. N._, Dr. G._, Dr. B._, der
behandelnden Ärzte der Klinik Gais und des Psychiatriezentrums E._ sowie der
Stellungnahme des RAD zu den Arztberichten erscheint die im ABI-Verlaufsgutachten
gestellten Diagnosen bzw. Arbeitsfähigkeitsschätzung in adaptierter Tätigkeit plausibel
(IV-act. 164-31).
5.5 Entgegen den Ausführungen des Beschwerdeführers haben die Gutachter somit
die Berichte der behandelnden Ärzte keineswegs ignoriert. Die Ausführungen der
Gutachter erscheinen, insbesondere auch unter Berücksichtigung der Stellungnahmen
des RAD, schlüssig. Dass vor allem die psychiatrischen Diagnosen unterschiedlich
ausfallen, vermag die Beweistauglichkeit des Verlaufsgutachtens nicht in Frage zu
stellen. Denn die psychiatrische Exploration kann von der Natur der Sache her nicht
ermessensfrei erfolgen. Sie eröffnet dem begutachtenden Psychiater deshalb praktisch
immer einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen verschiedene medizinisch-
psychiatrische Interpretationen möglich, zulässig und zu respektieren sind, sofern der
Experte lege artis vorgegangen ist (vgl. die Leitlinien der Schweizerischen Gesellschaft
für Versicherungspsychiatrie für die Begutachtung psychischer Störungen, in: SAeZ
2004 S. 1050 f.; Urteil des Bundesgerichts I 783/05 vom 18. April 2006, E. 2.2). Das
Verlaufsgutachten ist schlüssig und nachvollziehbar. Bei der Würdigung der
gutachterlichen Verlaufsbeurteilung fällt weiter ins Gewicht, dass sie auf
eigenständigen Abklärungen beruht und für die streitigen Belange umfassend ist. Die
medizinischen Vorakten wurden verwertet und die vom Beschwerdeführer - trotz
entgegengesetzten Ausführungen in der Replik (act. G 8) - geklagten Beschwerden
berücksichtigt und gewürdigt. Das Verlaufsgutachten bzw. die darin vorgenommene
medizinische Arbeitsfähigkeitsschätzung kann daher grundsätzlich für die Bemessung
des Invaliditätsgrades beigezogen werden.
6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusammenfassend ist demnach gestützt auf das ABI-Verlaufsgutachten vom 1. März
2010 von einem im Vergleich zum Einspracheentscheid vom 21. Juni 2005 bis zum
Erlass der streitigen Verfügung vom 15. Juli 2010 leicht veränderten Gesund
heitszustand auszugehen, der zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in einer
adaptierten Tätigkeit von 20 % führt.
7.
7.1 Aufgrund der durch die Gutachter ermittelten Diagnosen ist der Beschwerdeführer
nur noch zu 80% in adaptierter Tätigkeit arbeitsfähig. Die Beschwerdegegnerin be
streitet, dass in psychischer Hinsicht eine Invalidität im Rechtssinne vorliege. Aus
rechtlicher Sicht sprächen gemäss der vom Bundesgericht seit dem Urteil vom
12. März 2004 (I 682/03) gefestigten Praxis keine hinreichenden Gründe dafür, dass die
psychischen Ressourcen es dem Beschwerdeführer nicht ermöglichen würden, trotz
seiner Schmerzen eine vollzeitige Erwerbstätigkeit auszuüben (act. G 5).
7.2 Beim Beschwerdeführer hat der psychiatrische Gutachter eine rezidivierende
depressive Störung und eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung festgestellt. Bei
derartigen Diagnosen muss die medizinische Fachperson allerdings dem Umstand
Rechnung tragen, dass der versicherten Person als Folge der IV-spezifischen Schaden
minderungspflicht zugemutet werden muss, trotz der objektiv vorhandenen oder auch
nur subjektiv empfundenen Schmerzen und Beeinträchtigungen soweit als objektiv
möglich und zumutbar einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, d.h. die Krankheitsüber
zeugung zu überwinden. Dieser Pflicht der versicherten Person muss die medizinische
Fachperson bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung Rechnung tragen. Sofern sich der
Gutachter nachvollziehbar zur Zumutbarkeit der zur Schmerzüberwindung
erforderlichen aufzubringenden Willensanstrengung geäussert hat, ist es weder Sache
der Verwaltung noch des Gerichts, die ärztliche Arbeitsfähigkeitsschätzung durch eine
eigene Arbeitsfähigkeitsschätzung zu ersetzen. Sofern ernsthafte Anhaltspunkte dafür
bestehen, dass der Gutachter das Ausmass der dem Beschwerdeführer zumutbaren
Willensenergie unterschätzt haben könnte, hätte dies zur Folge, dass die Sache zur
nochmaligen medizinischen Beurteilung an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen
würde. Die Beschwerdegegnerin erklärt ihre Forderung nach der Feststellung einer
Arbeitsfähigkeit von 100% sinngemäss damit, dass aufgrund der Schilderungen des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführers in Bezug auf seinen Tagesablauf nicht von einem sozialen Rückzug
des Versicherten in allen Belangen des Lebens gesprochen werden kann. Zudem sei
aufgrund der verfügbaren Akten offensichtlich, dass die weiteren Beurteilungskriterien
nicht in einem Masse erfüllt seien, welche die Annahme einer psychisch bedingten Ar
beitsunfähigkeit und der Unzumutbarkeit des vollen Wiedereinstiegs der Versicherten in
den Arbeitsprozess ausnahmsweise rechtfertigen könnte. Insbesondere sei das
Scheitern aller therapeutischer Bemühungen auf die ausgeprägte subjektive Krank
heitsüberzeugung des Beschwerdeführers zurückzuführen (act. G 5 Ziff. III/5 Abs. 2).
Aufgrund des Gutachtens ist indessen mit der Diagnose der rezidivierenden de
pressiven Störung gegenwärtig leichte Episode, eine psychische Komorbidität
gegeben, welche die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt (vgl. IV-act. 164-20 Ziff. 4.1.5:
"Aufgrund der leichten depressiven Episode und der anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung kann aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsfähigkeit von 80 %
attestiert werden"). Es besteht im Weiteren ein chronischer Schmerzzustand, der
wenigstens teilweise eine somatische Ursache hat. Dabei handelt es sich um
Umstände, die grundsätzlich geeignet sind, entweder die zumutbare Willensenergie zu
vermindern oder den zu überwindenden Widerstand zu erhöhen. Zudem ist zu
beachten, dass auch die Schwere der somatoformen Schmerzstörung geeignet sein
kann, die vollständige Überwindung der Krankheitsüberzeugung als unzumutbar
erscheinen zu lassen. Auch zeugt ebenfalls die Tatsache, dass sich der
Beschwerdeführer vom August 2008 bis April 2009 freiwillig an vier Halbtagen im
Psychiatriezentrum E._ in tagesklinische Behandlung begab, diese jedoch aufgrund
des Ausmasses der Erkrankung mit den daraus resultierten Einschränkungen vorzeitig
beenden musste (IV-act. 147-2, 147-5), vom Scheitern einer konsequent
durchgeführten ambulanten Behandlung trotz kooperativer Haltung der versicherten
Person. Dass die behandelnden Ärzte des Psychiatriezentrums E:_ keinen Zweifel an
der Kooperationsbereitschaft des Beschwerdeführers offenliessen, belegen ihre
Ausführungen im Beiblatt zum Arztbericht vom 18. Juni 2009 (IV-act. 147-4 f.). Darin
wurde unter anderem festgehalten, dass der Beschwerdeführer immerhin während
mehrerer Monate (über ein halbes Jahr) viermal wöchentlich konsequent erschienen
sei, und zu keinem Zeitpunkt der Eindruck bestanden habe, er aggraviere oder
simuliere (IV-act. 147-5). Im konkreten Fall erscheint es plausibel, mit Rücksicht auf die
genannten Umstände von einer reduzierten Arbeitsfähigkeit auszugehen. Die er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
fahrenen Gutachter des ABI sind sich im Jahr 2010 der bundesgerichtlichen Recht
sprechung zu dieser Frage durchaus bewusst gewesen. Wenn sie trotzdem eine Ein
schränkung der Arbeitsfähigkeit angegeben haben, dann sind sie nach einer sorg
fältigen Abwägung davon ausgegangen, dass der Beschwerdeführer auch bei Auf
wendung aller zumutbaren Willensenergie nicht in der Lage wäre, zu mehr als 80%
einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Diese Einschätzung überzeugt. Bei der Ermittlung
des zumutbaren Invalideneinkommens ist deshalb eine Arbeitsfähigkeit von 80 % zu-
grundezulegen.
8.
8.1 Auf der Basis der gutachterlichen Arbeitsfähigkeitsschätzung für eine leidens
adaptierte Tätigkeit ist im Folgenden der Invaliditätsgrad zu bemessen. Recht
sprechungsgemäss ist bei der Ermittlung des Valideneinkommens entscheidend, was
die versicherte Person im massgebenden Zeitpunkt nach dem Beweisgrad der über
wiegenden Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdienen würde. Da nach
empirischer Feststellung in der Regel die bisherige Tätigkeit im Gesundheitsfall weiter
geführt worden wäre, ist Anknüpfungspunkt für die Bestimmung des Validen
einkommens grundsätzlich der letzte vor Eintritt der Gesundheitsschädigung erzielte,
nötigenfalls der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepasste Ver
dienst (vgl. Bundesgerichtsentscheid i/S. K. vom 23. März 2009, 8C_515/2008). Es
rechtfertigt sich daher, von den Einkommensverhältnissen im letzten Jahr vor Eintritt
der gesundheitlichen Beeinträchtigung, nämlich 2000, auszugehen. Der
Beschwerdeführer erzielte im Jahr 2000 ein Einkommen von Fr. 70'352.-- (IV-act.
138-1), das als Valideneinkommen bezeichnet werden kann.
8.2 Nach Eintritt der gesundheitlichen Beeinträchtigung stehen dem
Beschwerdeführer gemäss dem Begutachtungsergebnis noch verschiedene
Hilfstätigkeiten offen. Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der
beruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person konkret
steht. Hat sie nach Eintritt des Gesundheitsschadens keine oder jedenfalls keine ihr an
sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen (vgl. IV-act. 122-11), so können
nach der Rechtsprechung statistische Werte (Tabellenlöhne) beigezogen werden (BGE
129 V 472 E. 4.2.1, Bundesgerichtsentscheid i/S C. vom 19. Juni 2008, 9C_81/2008).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Jahr 2000 machte der statistische Durchschnittslohn für einfache und repetitive
Tätigkeiten von Männern Fr. 55'640.-- aus (Anhang 2 der Textausgabe 2006 IVG und
ATSG).
8.3 Bestehen im Einzelfall Anhaltspunkte dafür, dass die versicherte Person ihre
gesundheitlich bedingte (Rest-) Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur
mit unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg verwerten kann, ist ein Abzug von den
Tabellenlöhnen zu machen. Mit dem behinderungsbedingten Abzug wird in der Praxis
dem Umstand Rechnung getragen, dass versicherte Personen, die in ihrer letzten
Tätigkeit körperliche Schwerarbeit verrichteten, nach Eintritt des Gesundheitsschadens
auch für leichtere Arbeiten nur beschränkt einsatzfähig sind, dass sie - unabhängig von
der früher ausgeübten Tätigkeit - als gesundheitlich Beeinträchtigte im Rahmen leichter
Hilfsarbeitertätigkeiten nicht mehr voll leistungsfähig sind oder dass weitere
persönliche und berufliche Merkmale wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit,
Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad Auswirkungen auf die
Höhe des Lohnes haben können. Bei der Bestimmung der Höhe des Abzuges ist der
Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf das Invalideneinkommen unter
Würdigung der Umstände im Einzelfall gesamthaft zu schätzen und insgesamt auf
höchstens 25 % des Tabellenlohnes zu begrenzen. (vgl. zum Ganzen: BGE 134 V 322
E. 5.2 und BGE 126 V 75). - Die medizinisch bedingten Einschränkungen des
Beschwerdeführers sind bei der Festsetzung der (ganztägig zu verwertenden)
Arbeitsfähigkeit bereits berücksichtigt worden. Alter, Migrationshintergrund und
Ausbildungsstand bieten ebenfalls nicht Grund für einen Abzug, weil sie sich auf das
Validen- wie auf das Invalideneinkommen gleichermassen auswirken. Es ist aber damit
zu rechnen, dass der Beschwerdeführer, der als Hilfsarbeiter nur noch für körperlich
eher leichte Tätigkeiten, vorzugsweise wechselbelastend und ohne Lastenheben und
Tragen über 15 kg, zu 80 % arbeitsfähig ist, im Vergleich zu gesunden Mitbewerbern
um eine entsprechende Stelle auf dem Arbeitsmarkt ein geringeres Einkommen erzielen
wird. Tabellenlöhne werden bei gesunden Arbeitnehmern erhoben. Insgesamt erscheint
ein Tabellenlohnabzug von 10 % angemessen.
8.4 Das Durchschnittseinkommen ist mithin auf Fr. 50'076.--herabzusetzen. Bei einer
Arbeitsfähigkeit von 80 % ergibt sich ein zumutbares Invalideneinkommen von
Fr. 40'061.--. Der Invaliditätsgrad, wie er sich bei den bis zur Begutachtung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorliegenden Verhältnissen ergibt, beträgt somit 43 %. Da der Invaliditätsgrad über
40 % und unter 50 % liegt, ist der Anspruch auf eine Viertelsrente der
Invalidenversicherung gegeben.
8.5 Ist eine versicherte Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
zu durchschnittlich 40% arbeitsunfähig gewesen, so entsteht ein Rentenanspruch
(aArt. 29 Abs. 1 lit. b IVG). aArt. 29 Abs. 1 lit. b IVG verweist auf Art. 6 ATSG.
Demgemäss ist Arbeitsunfähigkeit die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im
bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer
wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich
berücksichtigt (Art. 6 Satz 2 ATSG). Bei Hilfsarbeitern wird für die Ermittlung des
Invaliditätsgrades bei längerdauernder Arbeitsunfähigkeit auf die Leistungsfähigkeit in
einer leidensadaptierten Tätigkeit abgestellt. Für die Ermittlung des Rentenbeginns ist
gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung jedoch die Arbeitsunfähigkeit im
bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich relevant. (BGE 130 V 99 E. 3.2). Dies gilt auch
für Hilfsarbeiter, auch wenn ihnen eine leichtere Arbeit als die bisher ausgeübte
Tätigkeit weiterhin zumutbar wäre (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23. Oktober
2003 i/S. S. [I 392/02] E. 4; vgl. auch die Entscheide des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 16. April 2010 [IV 2009/134] E. 4 und vom 16. August 2010 [IV
2008/482] E. 6.3.4). Vorliegend gilt die einjährige Wartezeit als eröffnet, sobald in der
bisherigen Tätigkeit eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 20% vorliegt (AHI 1998 S.
124 E. 3c). Für die Erfüllung des Wartejahrs genügt eine durchschnittlich 40%ige
Arbeitsunfähigkeit. Bei längerdauernder Arbeitsunfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit
entsteht ein Rentenanspruch nach Ablauf des Wartejahrs jedoch erst bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40% bezogen auf eine adaptierte Tätigkeit (Art. 6 Satz
2 ATSG). Gemäss den Einschätzungen der begutachtenden Ärzte ist dem
Beschwerdeführer die bisherige Tätigkeit als Maschinenbedienter seit Juni 2003 nicht
mehr zumutbar. Jedoch war ihm damals der Wechsel in eine körperlich leichte bis
mittelschwere Tätigkeit mit nur intermittierend schweren Anteilen und unter Ausschluss
von länger dauernder Zwangshaltung der unteren Wirbelsäule zu 100 % zumutbar (vgl.
IV-act. 69-18), weshalb damals kein Rentenanspruch entstehen konnte. Bei der nun ab
Dezember 2007 ausgewiesenen rentenrelevanten Verschlechterung des
Gesundheitszustandes in einer leidensadaptierten Tätigkeit (IV-act. 164-29) ist das
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Wartejahr jedoch nicht erneut zu erfüllen, da dieses aufgrund der Arbeitsunfähigkeit in
der bisherigen Tätigkeit berechnet wird. Das Wartejahr war somit bei einer nach wie vor
vollen Arbeitsunfähigkeit als Maschinenbediener seit 2003 im Dezember 2007 bereits
erfüllt. Es ist nach der Rechtsprechung hinreichend, dass die versicherte Person im
Zeitpunkt der rechtsgenüglich erwiesenen Verschlechterung des
Gesundheitszustandes bzw. des festzusetzenden Rentenbeginns das Wartejahr be
standen hat (Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S S. vom 20. Juni
2003, I 285/02; vgl. auch 9C_684/07; eine Änderung war mit der Anpassung des IVG an
das ATSG wohl nicht beabsichtigt). Der Beschwerdeführer hat deshalb ab 1. Dezember
2007 Anspruch auf eine Viertelsrente der Invalidenversicherung.
9.
9.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Verfügung vom 15. Juli 2010 in
Gutheissung der Beschwerde aufzuheben. Der Beschwerdeführer hat ab 1. Dezember
2007 Anspruch auf eine Viertelsrente.
9.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt, sodass ihr die gesamte
Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP