Decision ID: 0a52a062-689b-51aa-9dfc-f94dde10d3ad
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a Mit Entscheid vom 17. September 2012 (UV-act. Z338 [richtig offenbar Z388])
hatte die Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG (nachfolgend Zürich oder
Beschwerdegegnerin) als obligatorische Unfallversicherung die Einsprache von A._
(nachfolgend Versicherter oder Beschwerdeführer) gegen die Verfügung vom
7. Februar 2012 (UV-act. Z356) teilweise gutgeheissen und ihm eine
Integritätsentschädigung aufgrund einer Integritätseinbusse von 60% zugesprochen.
Im Übrigen hatte sie die Einsprache abgewiesen und damit bestätigt, dass die
Leistungen für Heilbehandlung per 29. Februar 2012 und für Taggelder per
30. November 2011 eingestellt worden seien und kein Anspruch auf eine Invalidenrente
aus der obligatorischen Unfallversicherung bestehe. Die verbleibende Arbeitsfähigkeit
nach einem Sturz beim Velofahren am 17. August 2005, der zu einer inkompletten
Tetraplegie geführt hatte, hatte die Zürich insbesondere dem Bericht des Zentrums für
Arbeitsmedizin, Ergonomie und Hygiene AG (AEH) vom 30. September 2011 über die
Funktionsorientierte Medizinische Abklärung (FOMA, UV-act. ZM39) entnommen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.b Die Beschwerde vom 12. Oktober 2012 gegen den genannten
Einspracheentscheid wies das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit
Entscheid vom 23. April 2013 ab (Prozessnummer UV 2012/79).
A.c Mit Urteil vom 3. März 2014, Prozessnummer 8C_441/2013, hiess die I.
sozialrechtliche Abteilung des Bundesgerichts die dagegen erhobene Beschwerde
teilweise gut. Sie hob den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen
vom 23. April 2013 und den Einspracheentscheid vom 17. September 2012 auf, soweit
sie nicht die Integritätsentschädigung betreffen, und wies die Sache zu neuer
Entscheidung an die Vorinstanz zurück. In Erwägung 6 hielt das Bundesgericht fest, die
Aktenlage lasse die Beurteilung nicht zu, welches Invalideneinkommen der Versicherte
trotz der natürlich und adäquat kausalen Unfallfolgen und der vorbestehenden
Beeinträchtigungen psychiatrischer Natur noch erzielen könnte. Es wies das
Versicherungsgericht an, ein polydisziplinäres Gutachten zur Beurteilung der
Restarbeitsfähigkeit einzuholen.
B.
B.a Mit Schreiben vom 12. Mai 2014 (act. G 2) teilte das Versicherungsgericht den
Parteien mit, dass das Verfahren neu eröffnet und unter der Prozessnummer
UV 2014/30 eingetragen worden sei. Als Begutachtungsstelle schlug es die Stiftung
Medas Ostschweiz in St. Gallen vor und als Fachdisziplinen Neurologie, Orthopädie
und Psychiatrie. Weiter wies es darauf hin, dass die Akten der Invalidenversicherung
(IV) beigezogen würden.
B.b Beide Parteien erklärten sich am 28. Mai 2014 beziehungsweise 2. Juni 2014 mit
der Begutachtungsstelle und den vorgeschlagenen Disziplinen einverstanden (act.
G 5 f.). Die Zürich erachtete es als zentral, dass im Rahmen der Begutachtung auch
eine normierte Testung der Leistungsfähigkeit (EFL) stattfinde.
B.c Die Medas Ostschweiz nahm mit Schreiben vom 14. August 2014 den
Begutachtungsauftrag vom 28. Juli 2014 an und erstellte einen Kostenvoranschlag
über Fr. 14‘100.-- zuzüglich technische Untersuchungen nach Aufwand (act. G 9,
G 12). Auf die Auftragserteilung vom 19. August 2014 hin (act. G 13) bot die Medas
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ostschweiz den Versicherten am 20. August 2014 zu den Begutachtungsterminen am
17. und 18. September 2014 auf und teilte ihm die Namen der begutachtenden
Personen mit (act. G 14). Zum provisorischen Fragebogen für das Gutachten vom
28. Juli 2014 holte das Versicherungsgericht die Stellungnahmen der Parteien ein und
unterbreitete den ergänzten Fragebogen der Begutachtungsstelle am 29. August 2014
(act. G 10 f., G 15 f.).
B.d Das polydisziplinäre Medas-Gutachten wurde dem Versicherungsgericht am
26. November 2014 zugestellt, zusammen mit der Rechnung über den Totalbetrag von
Fr. 14‘311.55 (veranschlagte Fr. 14‘100.-- für die Arbeit der begutachtenden Personen
inklusive Administration und zuzüglich Fr. 164.90 für Röntgen- und Fr. 46.95 für
Laborkosten; act. G 20, G 20.1). Professor Dr. med. B._, Facharzt für Neurologie
FMH sowie für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Interventionelle Schmerztherapie
SSIPM, Vertrauensarzt SGV, zertifizierter medizinischer Gutachter SIM und Chefarzt
der Medas Ostschweiz, Dr. med. C._, Fachärztin für Orthopädische Chirurgie und
zertifizierte medizinische Gutachterin SIM, Dr. med. D._, eidgenössischer Facharzt
FMH für Psychiatrie und Psychotherapie und zertifizierter medizinischer Gutachter SIM,
und Dr. med. E._, Facharzt für Neurologie und Oberarzt an der Klinik für Neurologie
des Kantonsspitals St. Gallen mit Assistenzärztin Dr. med. F._ hatten am
18. September 2014 die Erhebungen bei den einzelnen fachärztlichen Untersuchungen
am 17. und 18. September 2014 polydisziplinär besprochen. Sie beantworteten die
gutachterlichen Fragen zusammengefasst dahingehend (act. G 20.1 S. 74 ff.), dass der
Versicherte aus somatischer Sicht zwar 50% arbeitsfähig sei, aus psychiatrischer Sicht
aber zu 100% arbeitsunfähig. Weiter hielten sie fest, der aktuelle Gesundheitszustand
sei im Wesentlichen auf den Unfall vom 17. August 2005 zurückzuführen (act. G 20.1
S. 77 f.). Sie machten verschiedene Therapievorschläge zur Erhaltung des
Gesundheitszustands beziehungsweise dessen Bewahrung vor einer Verschlechterung
(act. G 20.1 S. 79).
B.e Zum Medas-Gutachten nahm der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers am
6. Januar 2015 Stellung (act. G 22). Er bezeichnete es als eindeutig und schlüssig und
beantragte gestützt darauf die Aufhebung des Einspracheentscheids vom
17. September 2012, insofern er nicht die Integritätsentschädigung betreffe. Die
Beschwerdegegnerin sei weiter zu verpflichten, dem Beschwerdeführer rückwirkend ab
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1. Dezember 2011 eine Invalidenrente bei einem Invaliditätsgrad von 100% sowie die
Leistungen für die Heilbehandlung nach Festsetzung der Rente im Sinne von Art. 21
UVG auszurichten.
B.f Die Beschwerdegegnerin reichte dem Versicherungsgericht mit ihrer
Stellungnahme vom 27. März 2015 zum Medas-Gutachten auch diejenige von Dr. med.
G._, Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie und zertifizierter
medizinischer Gutachter SIM, vom 22. März 2015 zum Medas-Gutachten ein (act.
G 27, G 27.1). Sie beantragte, zur Bestimmung der Restarbeitsfähigkeit aus
somatischer Sicht sei ergänzend eine normierte Testung der Leistungsfähigkeit (EFL)
anzuordnen und es sei ein neues psychiatrisches Teilgutachten einzuholen. Zur
Begründung führte die Beschwerdegegnerin zusammengefasst aus, der
Beschwerdeführer leide laut Dr. G._ an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung,
die ein hohes Manipulationspotential sowie eine Tendenz zur Demonstration der
Krankenrolle beinhalte. Um ein solches Verhalten von somatisch ausgewiesenen
Befunden abzugrenzen, sei eine EFL unentbehrlich. Eine solche Untersuchung sei
einerseits durch die behandelnden Fachärzte und andererseits durch die Medas-
Gutachter empfohlen worden. Am psychiatrischen Teilgutachten von Dr. D._ rügte
die Beschwerdegegnerin, gestützt auf die Stellungnahme von Dr. G._, mehrere
Mängel und hielt es nicht für geeignet zur Bestimmung der Leistungspflicht,
insbesondere der Restarbeitsfähigkeit, aus psychiatrischer Sicht. Deshalb beantragte
sie, bei einem Sachverständigen, welcher im Bereich von Persönlichkeitsstörungen ein
Expertenwissen aufweise und entsprechende Testungen durchführe, ein neues
psychiatrisches Gutachten einzuholen.
B.g Das Versicherungsgericht unterbreitete die Stellungnahme von Dr. G._ am
1. April 2015 Professor B._, Medas Ostschweiz, damit er begründet Stellung nehme,
ob Letztere Anlass gebe, das Gerichtsgutachten zu ergänzen, zu korrigieren oder zu
präzisieren (act. G 28). Professor B._ und Dr. D._ beantworteten die Anfrage am
27. April 2015 (act. G 29). Sie wiesen die kritische Stellungnahme von Dr. G._ zurück
und hielten insbesondere fest, die Schlussfolgerungen des Medas-Gutachtens vom
26. November 2014 seien polydisziplinär besprochen worden und beruhten auf
eingehenden fachärztlichen Untersuchungen. Ihre Diagnosen seien klar und begründet
gestellt worden und würden den tatsächlichen Gesundheitszustand des Versicherten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
berücksichtigen, während Dr. G._ allein aufgrund der ihm zur Verfügung gestellten
Akten Stellung genommen habe. Für die Antwort von Professor B._ und Dr. D._
stellte die Stiftung Medas Ostschweiz dem Versicherungsgericht Fr. 728.10 in
Rechnung (Gutachten der Kategorie B).
B.h Die Antwort von Professor B._ und Dr. D._ stellte das Versicherungsgericht
den Parteien am 29. April 2015 zu und teilte ihnen mit, dass in der Sache kein weiterer
Schriftenwechsel durchgeführt werde (act. G 30).
B.i Am 15. Oktober 2015 wurde den Parteien Einsicht in die IV-Akten (IV-act. 1-190)
und die ebenfalls von der IV eingereichten Suva-Fremdakten der IV (bis 7. Februar
2012, Verfügung der Zürich Versicherung) gewährt und die Möglichkeit eingeräumt,
eine Stellungnahme dazu abzugeben (act. G 31). Beide Parteien verzichteten darauf,
sich nochmals zu äussern (act. G 34 f.).
C.
Auf die weiteren Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der
übrigen Akten wird, soweit erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen. Dies gilt ausdrücklich für die gesamten Akten, inklusive IV-Akten und
Suva-Fremdakten, die einerseits im Verfahren 8C_441/2013 dem Bundesgericht
vorgelegen hatten und andererseits den begutachtenden Personen bei der Medas
Ostschweiz zur Verfügung gestellt worden waren.

Erwägungen
1.
1.1 Streitig und zu prüfen ist zunächst die Frage, ob das Gerichtsgutachten der
Medas Ostschweiz beweiskräftig ist und daher zur Festlegung der Leistungspflicht der
Beschwerdegegnerin darauf abgestellt werden kann. Alsdann ist je nach Ergebnis
dieser Prüfung der Umfang der Leistungspflicht der Beschwerdegegnerin festzulegen.
1.2 Das Bundesgericht hat mit Urteil vom 3. März 2014, 8C_441/2013, den
Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 23. April 2013 und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den Einspracheentscheid der Beschwerdegegnerin vom 17. September 2012
rechtskräftig aufgehoben, soweit sie nicht die Integritätsentschädigung betreffen.
Entgegen dem Antrag des Beschwerdeführers, den er am 6. Januar 2015 gestellt hat
(act. G 22), kann daher im vorliegenden Verfahren nicht (mehr) über das Schicksal des
genannten Einspracheentscheids entschieden werden.
2.
2.1 Hinsichtlich der rechtlichen Grundlagen für das Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsverfahren, den Grundsatz der freien Beweiswürdigung und den
Beweiswert von ärztlichen Berichten kann auf die Ausführungen des Entscheids vom
23. April 2013, UV 2012/79, Erwägung 2.2, verwiesen werden.
2.2 Zu ergänzen ist bezüglich der Beweiskraft von Gerichtsgutachten, dass das
Gericht "nicht ohne zwingende Gründe" von den Einschätzungen der medizinischen
Experten abweicht. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat
diesbezüglich erwogen, der Meinung eines von einem Gericht ernannten Experten
komme bei der Beweiswürdigung vermutungsweise hohes Gewicht zu (der EGMR-
Entscheid wird referenziert in BGE 135 V 469 f. E. 4.4).
3.
3.1 Das Medas-Gutachten vom 26. November 2014 (act. G 20.1) beruht auf
allseitigen Untersuchungen. Die Hauptgutachterin, Dr. C._, und die Teilgutachter
Dr. D._ sowie Dr. E._ zusammen mit Assistenzärztin Dr. F._ hatten den
Beschwerdeführer je am 17. oder 18. September 2014 fachärztlich eingehend
untersucht und die Ergebnisse der Untersuchung in den jeweiligen Teilgutachten
dokumentiert (act. G 20.1 S. 41 ff. orthopädisch [objektive Befunde], S. 44 ff.
psychiatrisch, S. 52 ff. neurologisch). Ihre Befunde ergänzten die begutachtenden
Personen durch eine Labor- und eine Röntgenuntersuchung, beide vom 17. September
2014 (vgl. Beilagen zum Medas-Gutachten). Am 18. September 2014 besprachen die
Hauptgutachterin und die teilbegutachtenden Spezialärzte unter Leitung von Professor
B._ die Diagnosestellung und die medizinische Beurteilung polydisziplinär (act.
G 20.1 S. 65 ff.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Die subjektiven Angaben des Beschwerdeführers werden ab Seite 37 des
Medas-Gutachtens ausführlich wiedergegeben (act. G 20.1). Soweit die geklagten
Beschwerden objektivierbar sind, werden sie in den jeweiligen Teilgutachten
berücksichtigt (vgl. vorstehende E. 3.1). Gleiches gilt auch für die polydisziplinäre
versicherungsmedizinische Beurteilung (act. G 20.1 S. 66 ff.) sowie die Antworten auf
die gutachterlichen Fragen (act. G 20.1 S. 74 f.) und auf die Zusatzfragen (act. G 20.1
S. 75 ff.). Zusammenfassend werden die geklagten Beschwerden im Medas-Gutachten
umfassend berücksichtigt.
3.3 Die begutachtenden Personen weisen auch eine umfassende Kenntnis der
Vorakten und der Anamnese aus. Auch Dr. G._, beratender Psychiater der
Beschwerdegegnerin, attestierte in seiner Stellungnahme vom 22. März 2015 zum
Gutachten der Medas Ostschweiz eine vollständige Wiedergabe der Vorakten (vgl. act.
G 27.1 S. 2). Das Medas-Gutachten erfüllt demnach auch dieses Kriterium für seine
Beweiskraft.
3.4 Weiter sind die medizinischen Zusammenhänge im Medas-Gutachten
einleuchtend dargelegt und die medizinische Situation wird ebenso beurteilt. Die
Schlussfolgerungen der medizinischen Fachpersonen sind begründet und
nachvollziehbar. Das Medas-Gutachten ist für die streitigen Belange umfassend.
4.
4.1 Die Beschwerdegegnerin kritisiert das Medas-Gutachten in verschiedenen
Punkten. Auf diese ist im Folgenden einzugehen:
4.2
4.2.1 Zunächst macht die Beschwerdegegnerin geltend, zur Bestimmung der
Restarbeitsfähigkeit aus somatischer Sicht sei ergänzend eine normierte Testung der
Leistungsfähigkeit (EFL) anzuordnen. Zur Begründung führt sie an, die Medas-
Gutachter hätten sich zu wenig mit den abweichenden Befunden im AEH-Gutachten
auseinandergesetzt, obwohl der neurologische Gutachter den Sachverhalt ähnlich
geschildert habe. Dem ist entgegenzuhalten, dass Dr. E._ und Dr. F._ zwar etwas
knapp aber durchaus begründen, weshalb sie die Einschätzung im AEH-Gutachten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch retrospektiv nicht teilen. Sie heben insbesondere hervor, im AEH-Gutachten seien
keine deutlichen Paresen der Handmuskeln beidseits beschrieben worden (act. G 20.1
S. 61). Das Medas-Gutachten beurteilt den Beschwerdeführer zudem polydisziplinär
und sieht das chronische neuropathische Schmerzsyndrom und seine physischen und
psychischen Folgen im Vordergrund (vgl. act. G 20.1 S. 65 ff.). Demgegenüber
beschränkte sich das AEH-Gutachten auftragsgemäss auf die physikalisch-
medizinische Sicht (vgl. UV-act. Z303, ZM39).
4.2.2 Die Beschwerdegegnerin sieht ihren Antrag auf eine ergänzende normierte
Testung der Leistungsfähigkeit auch durch die Antwort von Dr. E._ und Dr. F._ im
neurologischen Teilgutachten (act. G 20.1 S. 65 oben) gestützt. Diese bejahen, dass
von einer normierten Testung der Leistungsfähigkeit weitere Erkenntnisse hinsichtlich
der verbliebenen Arbeitsfähigkeit erwartet werden könnten. Die polydisziplinäre und
massgebende Antwort auf die Gutachterfrage 12 fällt hingegen negativ aus (act. G 20.1
S. 79 unten). Die begutachtenden Personen halten zum mutmasslichen Ergebnis einer
Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit fest, eine wesentliche Änderung in der
Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei aus somatischer Sicht nicht zu erwarten. Der
psychopathologische Befund sei souverän und würde sich durch keine normierte
Testung der Leistungsfähigkeit beeinflussen lassen.
4.2.3 Der Hinweis von Dr. med. H._, Chefarzt, und von Dr. med. I._, Oberarzt
Neurologie, am Zentrum für Schmerzmedizin des Schweizer Paraplegiker-Zentrums
Nottwil in der Stellungnahme vom 3. Mai 2011 (UV-act. ZM36), zur möglichen
Arbeitsfähigkeit bei chronischen Schmerzen eigne sich am ehesten eine Evaluation der
funktionellen Leistungsfähigkeit, war Teil der Antwort auf die Frage der
Beschwerdegegnerin nach der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers. Sie ist
ausdrücklich im Zusammenhang mit der Tatsache zu sehen, dass den behandelnden
Ärzten in jenem Zeitpunkt die Grundlagen für eine fundierte Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit fehlten. Die letzte Behandlung des Beschwerdeführers am
Schmerzzentrum war im August 2010 erfolgt und lag im Zeitpunkt der Anfrage der
Beschwerdegegnerin somit schon mehrere Monate zurück. Im August 2010 waren
lediglich neurologische Teilaspekte beurteilt worden. Der zitierte Hinweis eignet sich
demnach nicht, die Notwendigkeit einer Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit
nach Vorliegen des polydisziplinären Medas-Gerichtsgutachtens zu untermauern.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2.4 Zusammenfassend besteht kein Anlass, zusätzlich zum polydisziplinären Medas-
Gutachten die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers normiert zu testen (EFL). Der
entsprechende Antrag der Beschwerdegegnerin wird abgelehnt.
4.3
4.3.1 Im Auftrag der Beschwerdegegnerin prüfte Dr. G._ das Medas-Gutachten und
nahm kritisch dazu Stellung (act. G 27.1). Er führte insbesondere aus, es bestehe kein
Zweifel daran, dass der Versicherte aus psychiatrischer Sicht unter einer narzisstischen
Persönlichkeitsstörung leide. Diese könne auch weiterhin nicht zu dauerhaften, sondern
zu auf Krisenphasen bezogenen Leistungseinschränkungen infolge
zwischenmenschlicher Probleme und daraus folgenden depressiven oder
anderweitigen pathologischen Reaktionen führen. Eine adäquate, kontinuierliche
psychiatrische Behandlung sei von hoher prognostischer Bedeutung. Diese
vorbestehende Erkrankung berücksichtige das Medas-Gutachten zu wenig, weshalb es
hinsichtlich psychiatrischer Diagnose und Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit
unzureichend sei.
4.3.2 Professor B._ und Dr. D._ nahmen im Auftrag des Versicherungsgerichts am
27. April 2015 zur Kritik von Dr. G._ Stellung (act. G 29). Sie führten aus, die
Schlussfolgerungen ihres Gutachtens vom 26. November 2014 seien polydisziplinär
besprochen worden und im Konsens der involvierten Fachärzte gemeinsam erfolgt.
Dr. G._ stütze sich demgegenüber auf sämtliche ihm zur Verfügung gestellten Akten
beziehungsweise seine Aktenanalyse. Diese würden jedoch den tatsächlichen
Gesundheitszustand des Versicherten nicht wiedergeben. Dr. G._ verharre auf der
Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ohne den Versicherten
untersucht zu haben. Er lasse auch ausser Acht, dass im Vordergrund ihrer
Begutachtung ein chronisches, neuropathisches Schmerzsyndrom der Arme und Beine
beidseits stehe, bei posttraumatischer zervikaler Myelopathie im Rahmen eines
Fahrradunfalls 08/2005 und mit weiteren somatischen Folgen. Aufgrund des
bestehenden Schmerzsyndroms, das anhaltend sei und eine Auswirkung sowohl auf
somatische Funktionen, als auch auf den psychischen Zustand des Versicherten nach
sich ziehe, kämen sie aus psychiatrischer Sicht zur Diagnose einer andauernden
Persönlichkeitsänderung bei chronischem Schmerzsyndrom. Diese Diagnosestellung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
werde unter 5.4.3 ausführlich gemäss ICD-10 Kriterien begründet. Dr. D._
berücksichtige in seinem Teilgutachten (5.4.1 ff.) die vorbestehenden Diagnosen und
setze sich mit diesen auseinander. Weiter führen Professor B._ und Dr. D._ an,
weshalb die Darlegungen von Dr. G._ in sich widersprüchlich seien.
Zusammenfassend weisen sie die kritische Stellungnahme von Dr. G._ zurück und
halten an ihrer Diagnosestellung und den gezogenen klaren Schlussfolgerungen fest.
4.3.3 Nach dem Gesagten, erfüllt das Medas-Gutachten vom 26. November 2014 (act.
G 20.1) die Voraussetzungen an ein beweiskräftiges Gerichtsgutachten. Diese
Beurteilung wird auch durch die zusätzliche Stellungnahme von Professor B._ und
Dr. D._ vom 27. April 2015 (act. G 29) unterstützt. Die Stellungnahme von Dr. G._
vom 22. März 2015 (act. G 27.1) enthält demgegenüber keine Gründe, die im Sinn der
zitierten Rechtsprechung (vgl. vorstehende E. 2.2) zwingend ein Abweichen des
Gerichts von den Einschätzungen der Medas-Gutachter verlangen würden.
4.4 Auch unter Berücksichtigung der von Dr. G._ gestützten Kritik der
Beschwerdegegnerin am Medas-Gutachten vom 26. November 2014 (act. G 20.1) ist
Letzteres beweiskräftig und es ist darauf abzustellen.
5.
5.1
5.1.1 Die Rechtsgrundlagen für den Anspruch des Beschwerdeführers auf weitere
Leistungen der Beschwerdegegnerin sind ebenfalls im Entscheid vom 23. April 2013,
UV 2012/79, Erwägungen 2.1 und 3.4, ausgeführt. Es geht dabei um den Anspruch auf
eine Invalidenrente der Unfallversicherung gemäss Art. 18 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über die Unfallversicherung (UVG; SR 832.20), um die Begriffe der Erwerbsunfähigkeit
und der Invalidität gemäss Art. 7 f. des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) und um die Bemessung des
Invaliditätsgrades gemäss Art. 18 Abs. 2 UVG in Verbindung mit Art. 16 ATSG.
5.1.2 Ergänzend ist vorliegend Art. 28 Abs. 3 der Verordnung über die
Unfallversicherung (UVV; SR 832.202) grundsätzlich anwendbar. War die
Leistungsfähigkeit der versicherten Person aufgrund einer nicht versicherten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gesundheitsschädigung vor dem Unfall dauernd herabgesetzt, ist für die Bestimmung
des Invaliditätsgrades der Lohn, den die versicherte Person aufgrund der
vorbestehenden verminderten Leistungsfähigkeit zu erzielen im Stande gewesen wäre,
dem Einkommen gegenüberzustellen, das sie trotz der Unfallfolgen und der
vorbestehenden Beeinträchtigung erzielen könnte. Wie das Bundesgericht im ersten
Absatz von Erwägung 6.2 seines Urteils vom 3. März 2014, 8C_441/2013, festhält, war
die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers aufgrund einer nicht (nach UVG)
versicherten Gesundheitsschädigung vor dem Unfall dauernd herabgesetzt. Das
Medas-Gutachten attestiert ihm eine volle Arbeitsunfähigkeit in der angestammten und
in einer angepassten Tätigkeit (act. G 20.1 S. 74 f.). Demnach besteht keine restliche
Arbeitsfähigkeit und resultiert keine Erwerbsfähigkeit. Der Invaliditätsgrad beträgt somit
100% und Art. 28 Abs. 3 wirkt sich unter diesen Voraussetzungen nicht weiter aus (vgl.
auch Peter Omlin, Die Invalidität in der obligatorischen Unfallversicherung, Freiburg
1995, S. 130 ff.).
5.2
5.2.1 Gemäss Art. 19 Abs. 1 UVG entsteht der Rentenanspruch, wenn von der
Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des
Gesundheitszustands des Versicherten mehr erwartet werden kann und allfällige
Eingliederungsmassnahmen der IV abgeschlossen sind. Mit dem Beginn der Rente
fallen die Heilbehandlung und die Taggeldleistungen dahin.
5.2.2 Laut Medas-Gutachten vom 26. November 2014 bestand spätestens ab August
2007 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für die angestammte Tätigkeit und für allfällige
Verweistätigkeiten (act. G 20.1 S. 74). Auf die Zusatzfrage 10 antworteten die Medas-
Gutachter, ihre Feststellungen bezüglich Diagnosen, Arbeitsfähigkeit, Unfallkausalität
und Therapiemassnahmen würden mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für das Jahr
2012 gleichermassen gelten (act. G 20.1 S. 79).
5.2.3 Die Beschwerdegegnerin hatte dem Beschwerdeführer bis am 30. November
2011 Taggelder ausgerichtet und einen Rentenanspruch ab dem 1. Dezember 2011
verneint (vgl. Verfügung vom 7. Februar 2012 [UV-act. Z356] bzw. Einspracheentscheid
vom 17. September 2012 [UV-act. Z338, richtig Z388]). Bei der dargestellten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ausgangslage rechtfertigt es sich, den Rentenbeginn auf den 1. Dezember 2011
festzusetzen.
5.3 Die Streitsache ist zur Berechnung und Nachzahlung der Invalidenrente an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Als versicherten Verdienst hat diese in
Anwendung von Art. 15 Abs. 2 und 3 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung
(UVG; SR 832.20), Art. 22 Abs. 4 UVV und Art. 24 Abs. 2 UVV das Einkommen zu
ermitteln und der Rentenberechnung zu Grunde zu legen, das der Beschwerdeführer,
hochgerechnet auf ein Jahr, in seiner 50%-Tätigkeit bei der J._ AG, im Jahr vor dem
Beginn der Rente, mithin vom 1. Dezember 2010 bis 30. November 2011 erzielt hätte
(vgl. auch BGE 139 V 473). Bei der Berechnung der Komplementärrente des
Beschwerdeführers ist zudem Art. 32 Abs. 2 UVV anzuwenden und lediglich derjenige
Teil der IV-Rente zu berücksichtigen, um welchen diese durch die Unfallfolgen erhöht
worden ist.
5.4
5.4.1 Art. 21 Abs. 1 UVG räumt Rentenbezügern unter gewissen Voraussetzungen
auch nach der Festsetzung der Rente einen Anspruch auf Pflegeleistungen und
Kostenvergütungen nach Art. 10 bis 13 UVG ein. Auf den Beschwerdeführer treffen die
Voraussetzungen von Buchstabe d zu: Er ist erwerbsunfähig und sein
Gesundheitszustand kann durch medizinische Vorkehren wesentlich verbessert oder
vor wesentlicher Beeinträchtigung bewahrt werden. Er hat demnach einen gesetzlichen
Anspruch auf entsprechende Pflegeleistungen und Kostenvergütungen. Die Medas-
Gutachter listen in Ziffer 8.3 des Gutachtens verschiedene medizinische Massnahmen
auf (act. G 20.1 S. 75, S. 79). Regelmässige Physio- und Ergotherapie empfehlen sie
dringend, um der Spastik entgegenzuwirken und die Handmotorik zu trainieren. Auch
die Einnahme von Lyrica befürworten sie weiterhin, eventuell in höherer Dosis.
5.4.2 Mit ihrer Verfügung vom 7. Februar 2012 (UV-act. Z356) beziehungsweise ihrem
Einspracheentscheid vom 17. September 2012 (UV-act. Z338 [richtig Z388]) hatte die
Beschwerdegegnerin einen Anspruch auf weitere Heilbehandlung über den 29. Februar
2012 hinaus verneint. Nachdem der Einspracheentscheid durch das Urteil des
Bundesgerichts vom 3. März 2014, 8C_441/2913, aufgehoben worden ist, besteht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rückwirkend ab 1. März 2012 ein gesetzlicher Anspruch des Beschwerdeführers auf
weitere Pflegeleistungen und Kostenvergütungen, vorausgesetzt diese erfüllen die
Vorgaben des Gesetzes. Zur Prüfung und Nachzahlung der entsprechenden
Leistungen ist auch diesbezüglich die Sache an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
6.
6.1 Laut den vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde gutzuheissen. Die
Beschwerdegegnerin ist anzuweisen, dem Beschwerdeführer ab dem 1. Dezember
2011 eine Rente aufgrund eines Invaliditätsgrades von 100% und ab 1. März 2012
Leistungen für die Heilbehandlung auszurichten. Die Sache ist zur Berechnung der
Rente und zur Nachzahlung der Leistungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
6.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
6.3 Im Gerichtsverfahren fielen Gutachtenkosten im Umfang von insgesamt
Fr. 15‘039.65 an (Fr. 14‘311.55 für das Medas-Gutachten vom 26. November 2014 [act.
G 20.1] zuzüglich Fr. 728.10 für die Stellungnahme von Professor B._ und Dr. D._
vom 27. April 2015 [act. G 29]). Das polydisziplinäre Gerichtsgutachten war vom
Bundesgericht angeordnet worden (Urteil vom 3. März 2014, 8C_441/2013, E. 6.3). Es
hatte die bisherige medizinische Aktenlage als ungenügend beurteilt, weil sie die
Beurteilung nicht erlaubte, welches Erwerbseinkommen der Versicherte trotz der
natürlich und adäquat kausalen Unfallfolgen und der vorbestehenden Beeinträchtigung
erzielen könnte (genanntes Urteil E. 6.2 am Ende). Diese weiteren Abklärungen bei
einer unabhängigen Gutachterstelle wären im Rahmen der Untersuchungspflicht eine
Pflicht der Beschwerdegegnerin gewesen. Sie hat daher die dadurch verursachten
Kosten zu tragen (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich 2015, N 16ff. zu
Art. 45, mit weiteren Hinweisen, sowie BGE 140 V 70 E. 6 und 139 V 225 E. 4.3). Auch
die Kosten der zusätzlichen Stellungnahme von Professor B._ und Dr. D._ sind auf
die Beschwerdegegnerin zu überwälzen. Sie hatte mit ihrer eigenen und der
Stellungnahme von Dr. G._ zum Medas-Gutachten die Rückfrage bei der
Gutachterstelle erst nötig gemacht.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.4 Der obsiegende Beschwerdeführer hat gemäss Art. 61 lit. g ATSG Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für
Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis
Fr. 12'000.--. Praxisgemäss wird im Bereich der Unfallversicherung bei durchschnittlich
aufwändigen Fällen ein mittleres Honorar von Fr. 4'000.-- zugesprochen. Angesichts
beider Verfahren (UV 2012/79 und des vorliegenden), der umfangreichen Akten und
des 80 Seiten umfassenden Gerichtsgutachtens rechtfertigt sich vorliegend, das
mittlere Honorar mit dem Faktor 1,5 zu multiplizieren und eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 6'000.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
zuzusprechen.