Decision ID: 5cf06178-e240-59e1-a15c-09f51be40d2d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 18. Mai 2018 im damaligen Empfangs-
und Verfahrenszentrum (EVZ) in Kreuzlingen ein Asylgesuch ein, nachdem
er bei einer Personenkontrolle [in der Schweiz] ohne gültigen Aufenthalts-
titel erfasst wurde.
B.
Eine Abfrage des SEM bei verschiedenen Datenbanken ergab, dass dem
Beschwerdeführer im Jahr 1996 eine zehnjährige Einreisesperre in die
Schweiz auferlegt wurde. Eine weitere dreijährige Einreisesperre wurde
ihm aufgrund zahlreicher illegaler Einreisen in die Schweiz am 18. Novem-
ber 2015 mit Gültigkeit bis 17. November 2018 auferlegt.
C.
Am 31. Mai 2018 fand eine Befragung zur Person (BzP) statt. Dabei gab
der Beschwerdeführer an, er sei in der Schweiz rechtlich vertreten.
D.
Am 20. Juni 2018 reichte die Rechtsvertretung dem SEM eine Mandatsan-
zeige, datierend auf den 20. September 2016, ein, und führte aus, sie ver-
trete den Beschwerdeführer in ausländerrechtlichen Belangen bereits seit
geraumer Zeit.
E.
Am 6. August 2018 wurde der Beschwerdeführer in Anwesenheit seiner
Rechtsvertretung vertieft zu seinen Asylgründen angehört. Dabei machte
er im Wesentlichen folgenden Sachverhalt geltend:
Er stamme aus Tunis und habe die Schule bis zur 6. Klasse besucht. In
den 90er Jahren sei er bereits einmal in der Schweiz gewesen und habe
mit seiner damaligen Partnerin ein Kind bekommen. 1996 sei er nach Tu-
nesien ausgeschafft worden. Seine damalige Partnerin habe ihn nach Tu-
nesien begleitet. In Tunesien seien sie mit einem Polizisten in Kontakt ge-
kommen, welcher ihnen versprochen habe, ihm wieder einen Reisepass
zu besorgen. Bei einer Verabredung mit dem Polizeibeamten sei er jedoch
einer Kontrolle unterzogen und auf den Polizeiposten gebracht worden.
Man habe ihm dabei Drogen unterschieben wollen. Erst am folgenden Tag
sei er wieder freigelassen worden. Er habe sich danach über die Polizei-
beamten beschwert und diese seien in der Folge aus dem Dienst entlassen
worden.
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Etwa im Jahr 1999/2000 habe er in Tunesien einen Mann kennengelernt
und habe mit diesem eine Beziehung geführt. Etwa bis zum Jahr 2010 hät-
ten sie an einem Ort namens B._ zusammengelebt. Seine Familie
und auch Freunde hätten von der Beziehung gewusst. Damals habe er
noch keine Probleme aufgrund seiner sexuellen Orientierung gehabt. Nach
der Trennung sei er wieder zu seiner Familie in sein Herkunftsquartier in
Tunis zurückgekehrt.
Nach der Revolution im Jahr 2011 habe er verschiedene Probleme gehabt,
weshalb er bereits kurz darauf entschieden habe, Tunesien erneut zu ver-
lassen. Damals habe er jedoch noch keine Möglichkeit gehabt auszurei-
sen, weswegen er noch einige Jahre in Tunesien geblieben sei. Ab dem
Jahr 2011 habe er keine Stelle mehr gehabt, habe aber Gelegenheitsjobs
ausgeführt. Er habe sich fortan an verschiedenen Orten aufgehalten, da
sich seine Probleme insbesondere in seinem Quartier abgespielt hätten; er
sei jedoch immer wieder zu seiner Familie in sein Herkunftsquartier zurück-
gekehrt. Nach der Revolution seien jene Polizeibeamte, welche wegen ihm
entlassen worden seien, wieder an seinem Wohnort in Tunis tätig gewesen.
Er sei mehrfach festgenommen und geschlagen worden, da man sich an
ihm habe rächen wollen. Hinzukommend sei er von Kollegen und auch Un-
bekannten, welche nach der Revolution religiös geworden seien, in seinem
Herkunftsquartier aufgrund seiner sexuellen Orientierung wiederholt ge-
schlagen worden. Sie hätten ihm beispielsweise im Jahr 2013 oder 2014
eine Verletzung am Hals zugefügt, von welcher er bis heute eine Narbe
davontrage. Es seien in der Folge Polizisten ins Krankenhaus gekommen
und er habe von der Verletzung am Hals berichtet, es sei jedoch nichts
weiter unternommen worden und er habe keine Anzeige erstattet. Im Jahr
2014 sei er von einem Auto angefahren worden und sei am Handgelenk
verletzt worden. Im Jahr 2015 sei er abends auf dem Heimweg heftig auf
den Kopf geschlagen worden und habe hospitalisiert werden müssen.
Etwa drei bis vier Monate nach diesem Vorfall habe er Tunesien letztmals
verlassen. Er habe sich insgesamt von den Polizisten und den Leuten im
Quartier gefürchtet, da diese von seiner sexuellen Orientierung gewusst
hätten, und radikale Islamisten geworden seien. Seit seiner Ausreise aus
Tunesien im Jahr 2015 habe er sich bis zur Einreichung des Asylgesuchs
im Jahr 2018 illegal in der Schweiz aufgehalten. Er habe ein Verfahren zur
Eintragung der Partnerschaft mit einem in der Schweiz wohnhaften [euro-
päischen] Staatsangehörigen eingeleitet.
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Seite 4
Er reichte eine Partnerschaftsurkunde, ausgestellt am (...) 2018 in Zürich,
ein. Bei den Akten befinden sich ferner ein Geburtsschein und eine tunesi-
sche Zivilstandsbescheinigung, beide datierend auf den (...) 2017, sowie
eine tunesische Staatsangehörigkeitsbescheinigung.
F.
Mit Verfügung vom 10. September 2018 (eröffnet am 11. September 2018)
stellte die Vorinstanz fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingsei-
genschaft nicht erfülle und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig hielt sie
fest, dass der Entscheid über den weiteren Aufenthalt in der Schweiz oder
eine allfällige Wegweisung in die Zuständigkeit der kantonalen Migrations-
behörde falle.
G.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer durch seinen Rechts-
vertreter mit Eingabe vom 11. Oktober 2018 (Poststempel) Beschwerde. Er
beantragte, die Verfügung der Vorinstanz vom 10. September 2018 sei auf-
zuheben, seine Flüchtlingseigenschaft sei festzustellen und ihm sei Asyl zu
gewähren, eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz
zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Prozess-
führung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu
gewähren und der Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beizuord-
nen.
H.
Mit Zwischenverfügungen vom 29. Oktober 2018 sowie 15. November
2018 hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung gut und ordnete den Rechtsvertreter als amtli-
chen Rechtsbeistand bei. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz eingeladen,
sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
I.
In seiner Vernehmlassung vom 20. November 2018 hielt das SEM fest, die
Beschwerdeschrift enthalte keine erheblichen Tatsachen oder Beweismit-
tel, welche eine Änderung seines Standpunktes rechtfertigen könnten. Es
verwies auf die Erwägungen seiner Verfügung, an denen es vollumfänglich
festhielt.
J.
Am 11. Januar 2019 wurde die Vernehmlassung dem Beschwerdeführer
zur Kenntnisnahme zugestellt.
E-5830/2018
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz begründete die ablehnende Verfügung im Wesentlichen
mit der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen. Zunächst führte das SEM aus,
dass Zweifel an den Vorbringen des Beschwerdeführers, er habe wegen
seiner Homosexualität Probleme gehabt, bestehen würden. Trotz der Be-
ziehung im Jahr 1996, aus welcher eine Tochter hervorgegangen sei, sowie
seiner Aussage gegenüber der (schweizerischen) Grenzwache im Jahr
2018, er habe beabsichtigt nach Frankreich zu reisen, um eine französi-
sche Staatsbürgerin zu heiraten, könne die Frage der Tatsächlichkeit sei-
ner Homosexualität und seines Willens, in der Schweiz eine eingetragene
Partnerschaft einzugehen, offen bleiben. Diese Beurteilung falle in die Zu-
ständigkeit des Kantons (...). Im Rahmen seines Asylverfahrens sei indes-
sen festzustellen, dass ihm eine Verfolgung in Tunesien aufgrund seiner
Homosexualität nicht geglaubt werden könne. An der BzP habe er ange-
geben, bis auf den angeblichen Aufenthalt in B._ bei seiner Familie
in Tunis gewohnt zu haben. Er habe dabei nichts über die später vorge-
brachten vorsorglichen Aufenthalte in anderen Quartieren aufgrund seiner
Angst vor Verfolgung erzählt. In der Anhörung habe er hingegen angege-
ben, nur sporadisch seine Familie besucht zu haben, beziehungsweise Un-
terstützung von ihnen verlangt zu haben. Demgegenüber habe er jedoch
auch angegeben, mit seiner Familie Probleme gehabt und von dieser keine
Unterstützung erhalten zu haben. Weshalb er zwischen 2011 und 2015 re-
gelmässig in sein Quartier in Tunis hätte zurückkehren sollen, in welchem
er im Gegensatz zu den anderen Quartieren verfolgt worden sei, er-
schliesse sich nicht. Es sei auch nicht nachvollziehbar, weshalb er Tune-
sien angesichts der angeblichen fortlaufenden Verfolgung nicht schon frü-
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Seite 7
her verlassen habe. Er habe bezüglich seiner Ausreisemotivation und sei-
nem Ausreisezeitpunkt widersprüchliche, unsubstantiierte und inkongru-
ente Angaben gemacht.
Des Weiteren habe er nicht zu erklären vermocht, weshalb er erst nach
seiner Festnahme [in der Schweiz] im Jahr 2018 ein Asylgesuch gestellt
habe, obschon er bereits im Jahr 2015 Tunesien verlassen habe. Er habe
zunächst verschiedene, nicht nachvollziehbare Gründe angegeben, wes-
halb er trotz der angeblichen Verfolgung in Tunesien bei seinen mehrmali-
gen illegalen Einreisen in die Schweiz ab 2015 nie um Schutz ersucht
habe. Im Jahre 2015 habe er bei der Grenzwache überdies lediglich ange-
geben, gegen eine Rückkehr nach Tunesien spreche ein Mangel an Arbeit.
Seine Erklärung, weshalb er nach seiner Festnahme im Jahr 2018 ange-
geben habe, er habe eine Französin ehelichen wollen, sei ebenfalls un-
behelflich. Erst am Ende der Anhörung zu den Asylgründen habe er dann
offenbart, dass er nicht wie von ihm zuvor dargelegt seit 2015 hauptsäch-
lich in Italien gewohnt habe, sondern die Schweiz seit 2015 nicht mehr ver-
lassen habe. Seine Angabe, dass sein Bruder ihm (nach seiner angeblich
letzten Einreise in die Schweiz im Jahr 2018) wegen seiner Homosexualität
drohe, erscheine somit umso mehr fraglich, wobei ohnehin nicht ersichtlich
sei, mit was der Bruder ihm drohen solle, da gemäss seinen Angaben seine
Familie bereits über seine frühere Partnerschaft mit einem Mann gewusst
habe. Ausserdem erscheine seine Asylgeschichte auch vor dem Hinter-
grund, dass er zum Zeitpunkt der Einreichung seines Asylgesuchs in Folge
einer Festnahme bereits seit eineinhalb bis zwei Jahren rechtlich vertreten
gewesen sei, konstruiert. Seine Vorbringen würden insgesamt den Anfor-
derungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten,
weshalb auf die Prüfung von deren Asylrelevanz nach Art. 3 AsylG verzich-
tet werden könne.
In Bezug auf seine geltend gemachten Probleme mit Polizisten ab dem
Jahr 2011 und die mehrmaligen Inhaftierungen führte das SEM aus, dass
gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers das Motiv der Polizisten
Rache für deren auf ihn zurückzuführende Dienstentlassung im Jahr 1996
gewesen sei. Dabei handle es sich nicht um ein asylrechtliches Motiv im
Sinne des Art. 3 AsylG. Diesem Vorbringen müsse vielmehr im Rahmen
der Prüfung des Wegweisungsvollzugs Rechnung getragen werden. Es sei
somit auf die auch in Bezug auf dieses Vorbringen vorhandenen Unglaub-
haftigkeitsmerkmale nicht weiter einzugehen.
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Seite 8
4.2 In der Beschwerde wird moniert, dass die Argumentation des SEM, wo-
nach das Motiv der Rache nicht vom Asylgesetz abgedeckt sei, unvollstän-
dig sei. Der Beschwerdeführer habe zwar in Bezug auf die Polizeibeamten
von Rache gesprochen. Er habe jedoch stets betont, dass sein soziales
Umfeld und die staatlichen Behörden nach der Revolution im Jahr 2011
stark radikalisiert worden seien und ihm von verschiedenen Seiten viel Leid
und Unrecht angetan worden sei. Die Verfolgung habe sich nicht auf die
vom Dienst entlassenen Polizeibeamten beschränkt, sondern er sei auch
von Unbekannten und von ehemaligen Bekannten verfolgt worden. Ihm sei
von Fremden mitgeteilt worden, dass homosexuelle Personen auszulö-
schen seien. Es handle sich somit nicht nur um eine Rache von zwei ehe-
maligen Polizisten, sondern um eine seit 2011 stattfindende Verfolgung von
homosexuellen Personen, vor welcher der tunesische Staat keinen Schutz
zu bieten vermöge.
In Bezug auf die Glaubhaftigkeit der Vorbringen wird ferner ausgeführt,
dass die Erwägungen der Vorinstanz hinsichtlich der sexuellen Orientie-
rung verkürzt, teilweise anmassend und realitätsfremd seien. Der Be-
schwerdeführer habe an der Anhörung angegeben, erst seit dem Jahr 1999
in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gelebt zu haben. Er habe mit
seinem damaligen Partner knapp zehn Jahre zusammengelebt, was eine
beachtliche Dauer sei. Er habe auch betont, dass Familienmitglieder und
zahlreiche Freunde von seiner Homosexualität gewusst oder diese zumin-
dest vermutet hätten. Bereits vor der Revolution sei seine sexuelle Orien-
tierung bekannt und teilweise auch ein Problem gewesen. Die gravieren-
den Probleme hätten indes erst nach der Revolution begonnen. Aufgrund
der Sachlage bestehe kein Anlass, an seiner Homosexualität zu zweifeln.
Die Tatsache, dass er zuvor mit einer Frau eine Partnerschaft geführt und
mit ihr ein Kind habe, könne die Vorinstanz nicht zu seinen Ungunsten aus-
legen. Es sei angesichts seiner Herkunft und Religion verständlich, dass er
möglicherweise seine Homosexualität nicht schon früher habe offenlegen
können beziehungsweise wollen. Inzwischen lebe er in der Schweiz in ei-
ner eingetragenen Partnerschaft, womit seine Homosexualität belegt sei.
Der Beschwerdeführer habe überdies betont, dass er die bei der Grenzwa-
che getätigte Aussage, er habe eine französische Staatsangehörige eheli-
chen wollen, aus rein taktischen Gründen und auf Ratschlag und Druck
seines Bruders geäussert habe. Dieser habe ihm nämlich gedroht, seine
Homosexualität seiner Familie zu offenbaren.
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Seite 9
Es erschliesse sich zudem nicht, inwiefern der Beschwerdeführer in Bezug
auf seine Wohnverhältnisse widersprüchliche Aussagen gemacht haben
solle. Die Frage in der BzP nach seinem letzten Wohnort habe lediglich
den Zweck gehabt, die letzte offizielle Wohnadresse des Beschwerdefüh-
rers zu eruieren. Diese sei tatsächlich bei seiner Familie gewesen. Eine
persönliche Wohnadresse habe er angesichts seiner schwierigen persön-
lichen Verhältnisse und insbesondere aufgrund der Verfolgung wegen sei-
ner Homosexualität nicht angeben können. Er sei aufgrund seiner Gesamt-
situation nicht in der Lage gewesen, an einem bestimmten Ort sesshaft zu
werden. Er habe ausgeführt, dass er immer wieder bei Freunden oder Ver-
wandten gelebt und ab und zu – wenn es seine finanziellen Verhältnisse
erlaubt hätten – eine eigene Wohnung gemietet habe. Er sei häufig umher-
gereist, aber letztlich stets zu seiner Familie zurückgekehrt. Es habe für ihn
keine sichere Alternative gegeben. Es sei somit naheliegend, dass er unter
seinen vielen Aufenthaltsorten die konstanteste Wohnadresse seiner Fa-
milie in Tunis angegeben habe.
Der Vorwurf der Vorinstanz, der Beschwerdeführer sei trotz der intensiven
Verfolgung zwischen 2011 und 2015 regelmässig in sein Wohnquartier zu-
rückgekehrt, anstatt sich dauerhaft an einem anderen Ort niederzulassen,
mute ebenfalls seltsam an. Die Vorinstanz verkenne damit, dass es dem
Beschwerdeführer an den persönlichen Voraussetzungen und finanziellen
Mitteln gefehlt habe, um selbstständig zu werden und sich an einem neuen
Ort ein Leben aufzubauen. Er habe ausserhalb von Tunis niemanden ge-
kannt und sei auf die Unterstützung seiner Familie angewiesen gewesen.
Nach der Trennung von seinem damaligen Lebenspartner sei er gezwun-
gen gewesen, zu seiner Familie zurückzukehren und sich dem Risiko einer
Verfolgung auszusetzen. Er habe durch die prägenden Erfahrungen der
erlittenen Gewalt und der Einschüchterung seitens der Behörden eine ge-
nerelle Unsicherheit und Mutlosigkeit verspürt. Dies könne mitunter als Er-
klärung dienen, weshalb der Beschwerdeführer den Schritt ins Ausland erst
nach jahrelanger Schikane gewagt habe. Die Hürde, in ein fremdes Land
zu reisen und dort um Hilfe zu ersuchen, sei für ihn sehr hoch gewesen.
Die Aussagen des Beschwerdeführers seien insgesamt äusserst glaubhaft
und er habe seine Erfahrungen anschaulich zum Ausdruck gebracht. Das
SEM habe hingegen auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Vor-
bringen des Beschwerdeführers verzichtet und seine leidvollen Erfahrun-
gen nicht erwähnt. Aus diesem Grund sei neben der Verletzung von Art. 3
und Art. 7 AsylG sowie Art. 1A Abs. 2 FK auch die unrichtige und unvoll-
ständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu rügen.
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Seite 10
5.
Der Beschwerdeführer beantragt eventualiter die Kassation der angefoch-
tenen Verfügung und macht geltend, die Vorinstanz habe den Sachverhalt
unrichtig und unvollständig festgestellt (Beschwerde S. 4, 7f.). Diese for-
melle Rüge ist vorab zu prüfen.
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3.
Aufl., 2013, Rz. 1043).
Die Rüge erweist sich nach Durchsicht der Akten als nicht berechtigt. Die
Vorinstanz hat den Beschwerdeführer in der Befragung zur Person und in
der Anhörung einlässlich zu allen seinen Vorbringen angehört; in der An-
hörung war seine Rechtsvertretung anwesend, die die Möglichkeit gehabt
hätte, Zusatzfragen zu stellen (vgl. Akte A31 S. 7, 15 und 20). Die bei der
Anhörung anwesende Hilfswerkvertretung hatte keine Einwendungen ge-
gen die Art der Befragung anzubringen und liess ebenfalls keine zusätzli-
chen Fragen stellen (vgl. Akte A31 S. 7, 15, 20 und 22). Dass in der Anhö-
rung relevante Aspekte der Vorbringen nicht zur Sprache gekommen wä-
ren, lässt sich demnach nicht feststellen; der im Asylverfahren von Anfang
an rechtlich vertretene Beschwerdeführer hat sich denn auch nie schriftlich
mit ergänzenden Angaben an die Vorinstanz gewandt. Auch im Beschwer-
deverfahren werden keine Sachverhaltsaspekte neu vorgetragen, die nicht
im erstinstanzlichen Verfahren zur Sprache gekommen wären. Eine unrich-
tige oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung durch die Vorinstanz
lässt sich nicht feststellen. Dass die Vorinstanz die Vorbringen des Be-
schwerdeführers teils als unglaubhaft, teils als nicht asylrelevant gewürdigt
hat, betrifft vielmehr die Frage der materiellen Prüfung der geltend gemach-
ten Asylgründe; hierauf ist nachfolgend zurückzukommen.
6.
6.1 Grundsätzlich sind die Vorbringen eines Gesuchstellers dann glaub-
haft, wenn sie genügend substanziiert, in sich schlüssig und plausibel sind;
sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen
Punkten nicht widersprüchlich sein oder der inneren Logik entbehren und
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Seite 11
auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen.
Darüber hinaus muss der Gesuchsteller persönlich glaubwürdig erschei-
nen, was insbesondere dann nicht der Fall ist, wenn er seine Vorbringen
auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt, aber auch dann,
wenn er wichtige Tatsachen unterdrückt oder bewusst falsch darstellt, im
Laufe des Verfahrens Vorbringen auswechselt, steigert oder unbegründet
nachschiebt, mangelndes Interesse am Verfahren zeigt oder die nötige Mit-
wirkung verweigert. Glaubhaftmachung bedeutet ferner – im Gegensatz
zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Beschwer-
deführers. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sach-
verhaltsdarstellung des Gesuchstellers sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen (Art. 7 AsylG; vgl.
EMARK 2005 Nr. 21 E. 6.1 m.w.H.).
6.2 Nach Durchsicht der Akten kommt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrele-
vante Verfolgung in Tunesien aufgrund seiner geltend gemachten Homo-
sexualität glaubhaft zu machen.
6.2.1 Die Vorinstanz hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der Beschwer-
deführer inkonsistente Angaben zum Verhältnis zu seiner Familie und zu
seinen letzten Wohnorten gemacht hat, weshalb insgesamt nicht der Ein-
druck entstand, er habe aufgrund seiner sexuellen Orientierung ernsthafte
Probleme mit seiner Familie gehabt. Einerseits hat er angegeben, er habe
bis zum Jahr 2010 während etwa neun bis zehn Jahren eine Beziehung
mit einem Mann geführt. Seine Familie habe davon gewusst und er habe
keine Probleme gehabt (SEM Akte A31, F138f.). Erst nach der Revolution
habe er Schwierigkeiten aufgrund seiner Homosexualität bekommen. Der
Partner seiner Mutter habe ein Problem damit gehabt, wie auch die Part-
nerin seines Vaters und der Mann der Schwester. Er sei bei seiner Familie
nicht mehr erwünscht gewesen (a.a.O., F148). Es scheint jedoch wenig
plausibel, dass die Familie vor der Revolution kein Problem mit seiner Ho-
mosexualität gehabt haben soll, nach der Revolution hingegen schon, ins-
besondere auch da gemäss verschiedenen Quellen nach der Revolution
das gesellschaftliche Tabu der Homosexualität in Tunesien allmählich brö-
ckelt (vgl. MONIA LACHHEB, Université de la Manouba, Tunesien, Pouvoir et
contestation des normes de genre en Tunisie. A propos des corps de
femmes lesbiennes, in: Kultūra ir visuomenė: socialinių tyrimų žurnalas,
2018, 9 (1), 115-130 (S. 116), http://culturesociety.vdu.lt/wp-con-
tent/uploads/2018/03/8_Monia-Lachheb_Pouvoir-et-contestation-des-
E-5830/2018
Seite 12
normes-de-genre-en-Tunisie.pdf, abgerufen am 4.8.2020; Le Monde, La
longue marche des homosexuels tunisiens vers l’émancipation,
14.08.2018). Hinzukommend hat sich der Beschwerdeführer hinsichtlich
seiner Wohnverhältnisse mehrfach widersprochen und seine Aussage, er
habe aufgrund seiner Homosexualität nicht bei seiner Familie wohnen kön-
nen, ist mit Zweifeln behaftet. An der BzP gab er an, er habe abgesehen
von einem Unterbruch von 2000 bis 2008 sein ganzes Leben mit seiner
Familie in Tunis gelebt. Dies sei auch seine letzte offizielle Wohnadresse
gewesen und er habe mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und einem Halb-
bruder zusammengelebt (SEM Akte A8, Ziff. 2.01). An der Anhörung führte
er zunächst aus, er habe sich während den letzten vier bis fünf Jahren vor
seiner Ausreise meistens im Haus (der Mutter) aufgehalten. Seine Mutter,
sein Vater und seine Schwester würden alle im selben Quartier wohnen,
weshalb er ab und zu zwischen deren Wohnorten gependelt sei. Da es
immer wieder Streit mit dem Mann der Mutter gegeben habe, sei er zwi-
schen den Wohnungen der Mutter und der Schwester gependelt (SEM Akte
A31, F31ff.). Später gab er auf Vorhalt des SEM, dass er gemäss seinen
Aussagen trotz des Wissens der Familie um seine Homosexualität bei sei-
ner Familie gewohnt habe, an, er sei jeweils heimlich in das Haus der Mut-
ter gegangen um sie zu besuchen, da er mit dem Mann der Mutter aufgrund
seiner Homosexualität Probleme gehabt habe. Er sei jeweils etwa zwei bis
drei Tage geblieben (a.a.O., F151f.). Er sei zu jener Zeit ständig auf der
Flucht gewesen und habe zwischen 2011 und 2015 keinen bestimmten
Wohnort gehabt. Er habe hauptsächlich ausserhalb seines Quartiers gelebt
und sei etwa während 10 bis 15 Tage pro Monat in seinem Quartier bei
seiner Mutter, seinem Vater und seiner Schwester gewesen (a.a.O.,
F155ff.). Am Ende der Anhörung gab er erneut an, er habe keinen bestimm-
ten Wohnsitz gehabt, sondern sich ab und zu in möblierte Häuser einge-
mietet oder sei bei Freunden in Tunis wohnhaft gewesen (a.a.O., F172).
Seine widersprüchlichen Angaben betreffend seine Wohnorte in Tunis und
auch betreffend das Wissen der Familie über seine Partnerschaft mit einem
Mann bis zum Jahr 2010 lassen insgesamt nicht den Eindruck entstehen,
dass er mit seiner Familie erhebliche Probleme aufgrund seiner Homose-
xualität gehabt habe. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass seinen Aus-
sagen in Bezug auf die Probleme mit seiner Familie keine Hinweise zu ent-
nehmen sind, wonach diese bereits ein asylrelevantes Ausmass angenom-
men hätten.
6.2.2 Ferner erschliesst sich nicht, inwiefern der in der Schweiz wohnhafte
Bruder des Beschwerdeführers ihm gedroht haben soll, seiner Familie in
Tunis von seiner gleichgeschlechtlichen Partnerschaft in der Schweiz zu
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Seite 13
berichten (SEM Akte A31, F48). In der Anhörung gab er nämlich wie oben
erwähnt zu Protokoll, er habe keine Probleme mit seiner Familie gehabt,
als er in Tunesien während zahlreichen Jahren mit einem Mann eine Part-
nerschaft geführt habe (a.a.O., F138f.). Gemäss seinen Aussagen sei so-
mit seine Familie bereits vor seiner Ausreise aus Tunesien über seine se-
xuelle Orientierung im Bilde gewesen, weshalb es nicht einleuchtet, dass
sein Bruder ihm damit hätte drohen sollen.
6.2.3 Auch seine vorgebrachten Schwierigkeiten mit ehemaligen Freunden
und unbekannten Personen aufgrund seiner Homosexualität sind insge-
samt nicht glaubhaft geworden. Er berichtete zwar an der BzP und an der
Anhörung übereinstimmend, dass Freunde beziehungsweise Personen
aus dem Quartier ihn am Hals verletzt hätten. Wegen seiner sexuellen Ori-
entierung sei er im Quartier immer wieder geschlagen worden (SEM Akten
A8, Ziff. 7.02; A31, F52f.). Seine Schilderungen der Behelligungen durch
Unbekannte und Freunde blieben jedoch oberflächlich. Beispielsweise
konnte er nicht konkret angeben, wer hinter den Behelligungen gesteckt
habe, sondern gab vage an, es seien manchmal die Polizisten, manchmal
Freunde und teilweise auch Unbekannte gewesen (SEM Akte A31, F57f.,
F80). Auch die Schilderung des Vorfalls, bei welchem er einen Schlag auf
den Kopf erhalten habe, blieb oberflächlich und ohne erlebnisgeprägte De-
tails, und er konnte das Ereignis zeitlich auch nicht konkret einordnen
(a.a.O., F71ff.). Neben seinen oberflächlichen Schilderungen der Über-
griffe sind seine Aussagen auch nicht nachvollziehbar. Wäre seine Homo-
sexualität tatsächlich an seinem Wohnort bekannt und er deswegen seit
dem Jahr 2011 erheblichen Behelligungen ausgesetzt gewesen, leuchtet
nicht ein, weshalb er bis zu seiner Ausreise im Jahre 2015 in ebendiesem
Quartier wohnhaft gewesen beziehungsweise immer wieder dorthin zu-
rückgekehrt wäre. Wie unter E.6.2.1 ausgeführt, fielen seine späteren Aus-
sagen, wonach er nur ab und zu nachts ins Quartier zurückgekehrt sei,
wenig überzeugend aus. Des Weiteren ist auch in Bezug auf seine Freunde
nicht nachvollziehbar, weshalb diese kein Problem mit seiner Partnerschaft
mit einem Mann bis zum Jahr 2010 gehabt und ihn auch an deren gemein-
samen Wohnort besucht hätten (SEM Akte 31, F138), während sie nach
der Revolution ihn deswegen behelligt hätten. Hinzukommend reichte er
auch keinerlei Dokumente über die geltend gemachten Krankenhausauf-
enthalte nach den Übergriffen ein. Vor dem Hintergrund, dass er seit Be-
ginn seines Asylverfahrens rechtlich vertreten gewesen ist, wäre zu erwar-
ten gewesen, dass er – auch ohne eine entsprechende Aufforderung des
SEM – Belege eingereicht hätte. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass
er sich den Behelligungen durch Freunde und Unbekannte habe entziehen
E-5830/2018
Seite 14
können, indem er sich nicht in dem Quartier aufgehalten habe (a.a.O.,
F155, F174), weshalb diese – auch bei Wahrunterstellung – unter Beach-
tung des Subsidiaritätsprinzips keine asylrechtliche Relevanz zu entfalten
vermögen (vgl. hierzu auch E.7.2).
6.2.4 Des Weiteren fällt auf, dass der Beschwerdeführer sowohl an der
BzP als auch an der Anhörung auf die Frage nach seinen Asylgründen zu-
nächst ausführlich über die Vorkommnisse nach seiner Rückkehr nach Tu-
nesien aus der Schweiz im Jahr 1996 berichtete (SEM Akten A8, Ziff. 7.01;
A31, F50). Über die angeblich nach der Revolution im Jahr 2011 erlebten
Probleme mit den Polizisten wie auch mit Privatpersonen erzählte er erst
auf Nachfrage ausführlicher, seine Ausführungen blieben jedoch im Ver-
gleich zu seinen Schilderungen des Jahres 1996 eher knapp und ober-
flächlich (SEM Akten A8, Ziff. 7.02; A31, F52ff.). Dies erstaunt umso mehr,
als die damaligen Probleme mit der Polizei bereits über zwanzig Jahre zu-
rückgelegen haben. Es wäre vielmehr zu erwarten gewesen, dass die gel-
tend gemachten Probleme kurz vor seiner Ausreise aus Tunesien für den
Beschwerdeführer in Bezug auf seine Asylgründe im Vordergrund gestan-
den wären. Die unterschiedliche Erzähldichte kann als ein weiteres Ele-
ment, welches für die Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Schwierig-
keiten ab dem Jahr 2011 aufgrund seiner sexuellen Orientierung spricht,
gewertet werden.
6.2.5 Ferner hat das SEM zu Recht darauf hingewiesen, dass vom Be-
schwerdeführer hätte erwartet werden können, dass er bereits bei seiner
Einreise in die Schweiz im Jahr 2015 ein Asylgesuch gestellt hätte, wäre er
tatsächlich in seiner Heimat in einer asylrelevanten Weise verfolgt worden.
Der Beschwerdeführer hat hingegen erst im Mai 2018, als er bei einer Per-
sonenkontrolle festgehalten wurde, ein Asylgesuch eingereicht. Seine Er-
klärung, er habe gehört gehabt, dass es Nordafrikanern damals verboten
gewesen sei, ein Asylgesuch einzureichen (SEM Akte A31, F160f.), über-
zeugt nicht. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass er zum Zeitpunkt der
Einreichung seines Asylgesuchs im Jahr 2018 bereits seit etwa zwei Jah-
ren in der Schweiz rechtlich vertreten gewesen war, wäre zu erwarten ge-
wesen, dass er schon zu einem früheren Zeitpunkt um Schutz in der
Schweiz ersucht hätte. Sein vor der Einreichung des Asylgesuchs bereits
fast dreijähriger (illegaler) Aufenthalt in der Schweiz ist ein weiteres Indiz,
welches gegen die Glaubhaftigkeit einer asylrelevanten Verfolgung in sei-
ner Heimat spricht.
E-5830/2018
Seite 15
6.2.6 Daneben leuchtet auch nicht ein, weshalb er erst im Jahr 2015 Tune-
sien verlassen habe, obschon seine Probleme seit dem Jahr 2011 bestan-
den hätten. Er gab an, die Möglichkeit auszureisen, habe sich erst 2015
ergeben, da er nicht mit zahlreichen Personen habe illegal ausreisen und
dabei im Mittelmeer ertrinken wollen (SEM Akte A31, F59f.). Obschon
diese Ängste nachvollziehbar sind, wäre doch zu erwarten gewesen, dass
er etwas an seiner Situation geändert hätte, wäre er tatsächlich derart be-
droht gewesen. Zumindest kann angenommen werden, dass er sich bei
ernsthaften Benachteiligungen an einem anderen Ort in Tunesien nieder-
gelassen hätte, da er mehrfach angab, die Probleme hätten sich auf sein
Herkunftsquartier in Tunis beschränkt (a.a.O., F155, F174). Seine Ausfüh-
rungen, es habe nach der Revolution keine Arbeit mehr gegeben und Tunis
sei am sichersten gewesen, zudem habe er in keiner anderen Stadt Per-
sonen gekannt und hätte auf der Strasse übernachten müssen (a.a.O.,
F69f.), überzeugen nicht. Von einem Mann in seinem Alter, welcher fast
sein ganzes Leben in Tunesien verbracht hat, kann erwartet werden, dass
er auch an einem anderen Ort als in seinem Herkunftsquartier sich hätte
niederlassen und für seinen Lebensunterhalt sorgen können, insbesondere
auch vor dem Hintergrund, dass er gemäss seinen Angaben während fast
zehn Jahren im Ort B._ gelebt habe.
6.2.7 Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass sich in den vorinstanzlichen
Akten diverse Berichte der [Polizei] befinden (SEM Akte A1). Aus den Be-
richten geht hervor, dass er bei seiner Festnahme im Mai 2018 angegeben
habe, er habe nach Frankreich reisen wollen, um eine Französin zu eheli-
chen, dies habe jedoch nicht geklappt. Seine spätere Aussage, er habe
dies auf Druck seines Bruders gesagt (SEM Akte A31, F42ff.), leuchtet ent-
gegen den Ausführungen in der Beschwerde nicht ein. Des Weiteren habe
er gemäss der [Polizei] ausgesagt, er sei im Mai 2018 in die Schweiz ein-
gereist, mit der Absicht, seine Tochter und seinen Bruder zu besuchen. Da-
neben hat er von seiner Freundin, welche im Kanton (...) wohnhaft sei,
berichtet (SEM Akte A1). Entsprechende Schwierigkeiten in Tunesien und
einen männlichen Partner in der Schweiz erwähnte er damals zu keinem
Zeitpunkt. Es wäre indes zu erwarten gewesen, dass er bei erster Gele-
genheit den Schweizer Behörden gegenüber seine Probleme in Tunesien
erwähnt hätte und sein Schutzersuchen in der Schweiz im Vordergrund ge-
standen wäre. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer wiederholt zuge-
gebenermassen unrichtige Aussagen – auch den Asylbehörden gegenüber
(vgl. Akten A8 S. 7, A31 F7, 167f.) – zu Protokoll gegeben hat, spricht eben-
falls gegen die Glaubwürdigkeit seiner Darstellungen.
E-5830/2018
Seite 16
6.3 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine
asylrelevante Verfolgung aufgrund seiner geltend gemachten Homosexua-
lität in Tunesien glaubhaft zu machen. Das SEM hat seine dementspre-
chenden Vorbringen zu Recht als unglaubhaft eingestuft.
6.4 Abschliessend ist festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht
die Frage der effektiven sexuellen Orientierung des Beschwerdeführers of-
fen lassen kann, weshalb auf die diesbezüglichen Ausführungen in der Be-
schwerde nicht weiter einzugehen ist. Wie oben dargelegt, ist es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen, eine Verfolgung in Tunesien aufgrund sei-
ner Homosexualität glaubhaft zu machen. Auch bei einer angenommenen
Homosexualität des Beschwerdeführers ist nicht davon auszugehen, dass
er begründete Furcht hätte, bei einer Rückkehr nach Tunesien mit erhebli-
cher Wahrscheinlichkeit einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt zu
werden. Es soll zwar nicht in Abrede gestellt werden, dass die Situation für
homosexuelle Personen in Tunesien schwierig sein kann und homosexu-
elle Handlungen gemäss dem tunesischen Strafgesetzbuch unter Strafe
stehen. Von einer Kollektivverfolgung von homosexuellen Personen kann
indes nicht ausgegangen werden und es ist jeweils eine Einzelfallprüfung
vorzunehmen. In casu kann auch bei Annahme der Homosexualität des
Beschwerdeführers eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen auf-
grund der Unglaubhaftigkeit der Vorfluchtgründe und fehlender anderweiti-
ger Hinweise für drohende Benachteiligungen im Sinne des Art. 3 AsylG
nicht bejaht werden. Der Umstand, dass der Beschwerdeführer in der
Schweiz eine Partnerschaft hat eintragen lassen, vermag an dieser Ein-
schätzung nichts zu ändern. Es ist auch darauf hinzuweisen, dass der Be-
schwerdeführer in B._ angeblich über mehrere Jahre eine homose-
xuelle Partnerschaft hat führen können, ohne deswegen ernsthaften Be-
nachteiligungen ausgesetzt gewesen zu sein und seinen Angaben zufolge
dies (eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft zu führen) in der Gesell-
schaft in B._ üblich gewesen sei (SEM Akte A31, F139).
7.
Die übrigen Vorbringen, namentlich die geltend gemachten Schwierigkei-
ten mit Polizeibeamten, sind auf deren Asylrelevanz zu prüfen.
7.1 In Bezug auf die geltend gemachten Probleme mit den Polizeibeamten
im Jahr 1996 ist festzustellen, dass diese keine flüchtlingsrechtliche Rele-
vanz zu entfalten vermögen. Einerseits stehen sie in keinem kausalen Zu-
sammenhang mit seiner Ausreise im Jahr 2015. Anderseits konnte er sich
erfolgreich gegen die Polizeibeamten zur Wehr setzen und er hat deren
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Seite 17
Fehlverhalten zur Anzeige gebracht, was schliesslich zur Dienstentlassung
der involvierten Polizisten geführt habe.
7.2 Was seine vorgebrachten späteren Probleme mit den drei wieder in
den Dienst aufgenommenen Polizisten betrifft, hat das SEM einerseits zu
Recht darauf hingewiesen, dass diese ihn offenbar aus Rache schikaniert
hätten (SEM Akte A31, F103) und die Schikanen nicht aus einem in Art. 3
AsylG genannten Motiv erfolgt sind. Andererseits setzt die Anerkennung
der Flüchtlingseigenschaft aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrecht-
lichen Schutzes unter anderem voraus, dass die betroffene Person in ihrem
Heimatland keinen ausreichenden Schutz finden kann (vgl. BVGE 2011/51
E. 7, 2008/12 E. 7.2.6.2, BVGE 2008/4 E. 5.2). Gemäss der Schutztheorie
ist somit die flüchtlingsrechtliche Relevanz einer Verfolgung vom Vorhan-
densein eines adäquaten Schutzes durch den Heimatstaat abhängig. Die-
ser Schutz ist als hinreichend zu qualifizieren, wenn die betroffene Person
effektiven Zugang zu einer funktionierenden und effizienten Schutzinfra-
struktur hat und ihr die Inanspruchnahme eines solchen innerstaatlichen
Schutzsystems individuell zumutbar ist (vgl. BVGE 2011/51 E. 7.3). Der
Beschwerdeführer wäre somit gehalten gewesen, sich zunächst erneut
über das Fehlverhalten der Polizisten zu beschweren, hätten diese ihn tat-
sächlich in dem von ihm geschilderten Ausmass schikaniert. Seine Erklä-
rung, die Stelle, an welche er sich im Jahr 1996 gewendet habe, sei abge-
schafft worden (SEM Akten A8, Ziff. 7.02; A31, F105ff.), überzeugt nicht.
Es wäre ihm möglich und auch zumutbar gewesen, sich gegen die unge-
rechtfertigten Inhaftierungen und Diskriminierungen durch die drei Polizis-
ten – allenfalls mit Hilfe eines Anwaltes oder einer Anwältin oder im Land
tätigen internationalen Organisationen – auf dem Rechtsweg erneut zur
Wehr zu setzen, zumal in Tunesien vom Bestehen einer funktionierenden
und effizienten Schutzinfrastruktur auszugehen ist (vgl. D-522/2019 vom
12. Februar 2019 E.6.4.1 m.w.H.) und der Beschwerdeführer sich bereits
in der Vergangenheit erfolgreich zur Wehr hat setzen können.
Aus seinen Aussagen geht des Weiteren hervor, dass die Polizisten ihn
lediglich in seinem Herkunftsquartier belästigt hätten. Die von ihm geltend
gemachten Nachteile leiten sich demnach aus lokal beschränkten Verfol-
gungsmassnahmen ab, welchen er sich durch einen Wegzug an einen an-
deren Ort hätte entziehen können. Gemäss dem Subsidiaritätsprinzip sind
Personen mit einer innerstaatlichen Fluchtalternative nicht auf den Schutz
eines Drittstaates angewiesen.
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Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass seine Ausführungen über die Be-
helligungen durch die Polizei ab 2011 und die kurzzeitigen Festnahmen
sowie zum Vorfall, bei welchem er durch ein Polizeiauto in zivil absichtlich
angefahren worden sei, vage geblieben sind und es ihm schwer fiel, eine
zeitliche Einordnung der Geschehnisse wiederzugeben (SEM Akte A31,
F84ff.). Die Glaubhaftigkeit dieser Vorbringen kann indes letztlich offen
bleiben, da sie asylrechtlich nicht relevant sind.
7.3 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer somit nicht gelungen,
asylrelevante Fluchtgründe nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die
Vorinstanz hat folglich zu Recht seine Flüchtlingseigenschaft verneint und
das Asylgesuch abgelehnt.
8.
8.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG). Die Wegweisung wird unter anderem dann nicht verfügt,
wenn die asylsuchende Person im Besitze einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist oder einen Anspruch auf die Erteilung einer
solchen Bewilligung hat (Art. 32 Abs. 1 Bst. a der Asylverordnung 1 vom
11. August 1999 über Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]).
8.2 Nachdem der Beschwerdeführer am (...) 2018 seine Partnerschaft mit
einem in der Schweiz wohnhaften [europäischen] Staatsangehörigen ein-
tragen liess, ist ein grundsätzlicher Anspruch auf Erteilung einer Aufent-
haltsbewilligung zu bejahen (vgl. Art. 42 ff. AIG), wobei die materielle Prü-
fung, ob die Anspruchsvoraussetzungen zur Erteilung einer Aufenthaltsbe-
willigung gegeben sind, in die Zuständigkeit der kantonalen Migrationsbe-
hörden fällt (vgl. Art. 14 AsylG; EMARK 2001 Nr. 21 E. 8d; BVGE 2013/37
E. 4.4), die gegebenenfalls auch über die Wegweisung und den Wegwei-
sungsvollzug zu entscheiden haben. Das SEM hat somit zu Recht keine
Wegweisung verfügt.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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Seite 19
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenver-
fügung vom 29. Oktober 2018 und 15. November 2018 wurde indes das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gutgeheissen.
Eine allfällige Veränderung der finanziellen Lage des Beschwerdeführers
geht aus den Akten nicht hervor. Dem Beschwerdeführer sind deshalb trotz
Unterliegens keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
11.
Infolge Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist dem eingesetzten
Rechtsvertreter ein amtliches Honorar zu entrichten. Am 13. November
2018 wurde eine Honorarnote zu den Akten gereicht. Der Honoraransatz
ist mit Verweis auf die Zwischenverfügung vom 29. Oktober 2018 auf Fr.
220.– festzulegen. Der in der Honorarnote ausgewiesene Zeitaufwand er-
scheint für den Aufwand des Verfahrens insgesamt leicht überhöht. Für das
Verfassen der 10-seitigen Beschwerde wird ein Arbeitsaufwand von 5
Stunden als angemessen betrachtet und die entsprechend ausgewiesenen
Stunden sind zu kürzen. Die Sichtung der Eingangsbestätigung vom 16.
Oktober 2018 und der Zwischenverfügung vom 29. Oktober 2018 wird nicht
entschädigt. Die Eingabe ans SEM vom 1. Oktober 2018 wird vom Gericht
ebenfalls nicht entschädigt. Auch die pro futuro berechnete Stunde für die
Kenntnisnahme des Urteils und die Besprechung mit dem Klienten ist pra-
xisgemäss nicht zu entschädigen. Der übrige ausgewiesene Zeitaufwand
und die ausgewiesenen Auslagen sind als angemessen zu erachten. Dem
Rechtsvertreter ist zulasten der Gerichtskasse somit ein amtliches Honorar
von insgesamt Fr. 1821.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zu-
zusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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