Decision ID: c3ded18b-4495-56aa-a953-4d409b58c250
Year: 2020
Language: de
Court: BE_VG
Chamber: BE_VG_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der 1962 geborene A._ (Versicherter bzw. Kläger) bezieht eine Invalidenrente zuzüglich Kinderrenten aus beruflicher Vorsorge von der D._, ... (D._ bzw. Beklagte). Nachdem die E._ (E._ bzw. Beigeladene) mit E-Mail vom 20. Januar 2017 (Beilage zur Klageantwort [act. IIA] 1) um eine Aufstellung aller seit Juli 2012 ausbezahlten Renten gebeten hatte, teilte die D._ der E._ mit Schreiben vom 22. März 2017 (act. IIA 2) mit, dass infolge einer neuen Koordinationsberechnung des Rentenanspruchs ab dem 1. April 2013 ein Nachzahlungsanspruch zugunsten des Versicherten von total Fr. 42‘055.50 bestehe. Gleichzeitig bat die D._ die E._, einen Verrechnungsantrag oder ein vom Versicherten unterschriebenes Gesuch um Drittauszahlung zuzustellen. Ohne Gegenbericht bis am 30. April 2017 werde der Betrag von Fr. 42‘055.50 direkt an den Versicherten ausbezahlt. Mit Schreiben vom 24. April 2017 (act. IIA 3) stellte die E._ der D._ einen Verrechnungsantrag zu. Mit zwei Rückforderungs- und Verrechnungsverfügungen vom 28. April 2017 (Klagebeilage [act. I] 3 = Akten der Beigeladenen, erstes Dossier [act. III] 85 f.) teilte die E._ dem Versicherten mit, die gesetzlichen Bestimmungen würden sie verpflichten, zu viel bezogene Ergänzungsleistungen (EL) zurückzufordern und die Verrechnung mit Vorsorgeleistungen der D._ ermöglichen. Daher werde die Rückforderung von zu viel bezogener EL zwischen April 2013 und Dezember 2014 von Fr. 9‘290.-- bzw. zwischen Januar 2015 und Dezember 2016 von Fr. 2‘504.--, total mithin Fr. 11‘794.--, mit der Rentennachzahlung der D._ verrechnet. In der Folge zahlte die D._ die um die Verrechnungsforderung reduzierten Rentenbetreffnisse an den Versicherten aus.
Nachdem der Versicherte im Februar 2019 von der D._ die Bezahlung von Fr. 11‘794.-- verlangt hatte (vgl. dazu act. I 4; Klageantwort Ziff. 10), nahm die D._ mit der E._ Kontakt auf und verlangte ihrerseits mit E-Mail vom 3. April 2019 (Akten der Beigeladenen, zweites Dossier [act. IIIA] 103) die Rückzahlung des Verrechnungsbetrags.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 24. Feb. 2020, BV/2019/753, Seite 3
Mit Schreiben vom 15. April 2019 (act. IIA 4) teilte die E._ der D._ mit, dass die zwei Verrechnungsverfügungen vom 28. April 2017 (act. III 85 f.) unangefochten in Rechtskraft erwachsen seien, weshalb der Verrechnungsbetrag nicht an die D._ zurückerstattet werde. Die D._ teilte dem Versicherten in der Folge mit Schreiben vom 24. April 2019 (act. IIA 6) mit, über die Rückforderung sowie Verrechnung im Umfang von Fr. 11‘794.-- mit den Nachzahlungen der D._ habe die E._ mit Verrechnungsverfügungen vom 28. April 2017 rechtskräftig befunden, was sich der Versicherte entgegenhalten zu lassen habe.
B.
Mit Eingabe vom 26. September 2019 erhob der Versicherte, kostenlos vertreten durch B._, Klage gegen die D._ und beantragte, die Beklagte sei zu verpflichten, ihm Fr. 11‘794.-- zu bezahlen.
Mit Klageantwort vom 10. Dezember 2019 beantragte die Beklagte die Abweisung der Klage. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte sie die Beiladung der E._ im Verfahren.
Mit prozessleitender Verfügung vom 11. Dezember 2019 wurde die E._ im vorliegenden Verfahren beigeladen und ihr Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben.
Mit Stellungnahme vom 9. Januar 2020 schloss die Beigeladene auf Abweisung der Klage.
Mit Eingabe vom 20. Januar 2020 reichte der Kläger eine nachträgliche Stellungnahme mit der Referenz 200 19 915 EL (recte: 200 19 753 BV) ein, in welcher er an seinem Antrag bzw. seinen Ausführungen festhielt.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 24. Feb. 2020, BV/2019/753, Seite 4

Erwägungen:
1.
1.1 Das Verwaltungsgericht des Kantons Bern, Sozialversicherungsrechtliche Abteilung, ist als einzige kantonale Instanz sachlich und funktionell zuständig zur Beurteilung der mit Klage vom 26. September 2019 geltend gemachten Ansprüche (Art. 73 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 25. Juni 1982 über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge [BVG; SR 831.40] i.V.m. Art. 87 lit. c des kantonalen Gesetzes vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege [VRPG; BSG 155.21] und Art. 54 Abs. 1 lit. a des kantonalen Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]). Gerichtsstand ist nach Art. 73 Abs. 3 BVG der schweizerische Sitz oder Wohnsitz des Beklagten oder der Ort des Betriebes, bei dem die versicherte Person angestellt wurde. Dabei kommt es für den Wahlgerichtsstand nicht darauf an, ob die Vorsorgeeinrichtung, der Arbeitgeber oder – wie hier – die versicherte Person klagende Partei ist (SVR 2006 BVG Nr. 17 S. 62 E. 2.3). Die Beklagte hat ihren Sitz in Bern (vgl. Handelsregisteramt des Kantons Bern < https://be.chregister.ch>, besucht am 7. Februar 2020); damit ist das angerufene Verwaltungsgericht zur Behandlung der Klage örtlich zuständig. Auch die übrigen Prozessvoraussetzungen sind erfüllt. Namentlich ist die Klage formgerecht eingelangt (Art. 32 VRPG) und die am Verfahren Beteiligten sind partei- sowie prozessfähig. Auf die Klage ist daher einzutreten.
1.2 Aufgrund des im Recht der beruflichen Vorsorge auf kantonaler Ebene vorgeschriebenen Klageverfahrens ergibt sich der Streitgegenstand einzig aus den Rechtsbegehren der Klage, und allenfalls, soweit zulässig, der Widerklage. Innerhalb des Streitgegenstandes ist das Berufsvorsorgegericht in Durchbrechung der Dispositionsmaxime an die Begehren der Parteien nicht gebunden (Art. 84 Abs. 3 VRPG; vgl. auch BGE 135 V 23 E. 3.1 S. 26). Streitig und zu prüfen ist somit, ob die Beklagte dem Kläger den Betrag von Fr. 11‘794.-- zu bezahlen hat.
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 24. Feb. 2020, BV/2019/753, Seite 5
1.3 Ausgehend vom klägerischen Rechtsbegehren beträgt der Streitwert Fr. 11‘794.-- und liegt damit unter Fr. 20‘000.--, weshalb die Beurteilung der Klage in die einzelrichterliche Zuständigkeit fällt (Art. 57 Abs. 1 GSOG).
1.4 Gemäss Art. 73 Abs. 2 BVG sehen die Kantone zur Beurteilung von Streitigkeiten aus dem Bereich des BVG ein einfaches, rasches und in der Regel kostenloses Verfahren vor; der Richter stellt den Sachverhalt von Amtes wegen fest. Es gilt somit der Untersuchungsgrundsatz, der besagt, dass das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen hat (BGE 138 V 86 E. 5.2.3 S. 97, 125 V 193 E. 2 S. 195).
2.
2.1 Der Kläger macht im Wesentlichen geltend, die Beklagte habe ihm zustehende Rentenleistungen in der Höhe von Fr. 11'974.-- zu Unrecht mit einer EL-Rückforderung der Beigeladenen verrechnet (Klage Ziff. 1). Die Verrechnungsverfügungen der Beigeladenen vom 28. April 2017 (act. III 85 f.), auf welche sich die Beklagte stütze, seien nie versandt worden und habe er nie erhalten, weshalb diese ihm nicht als rechtskräftig entgegengehalten werden könnten. Weiter bestehe keine Möglichkeit, Leistungen der beruflichen Vorsorge mit EL-Rückforderungen zu verrechnen. Die Verrechnungsverfügungen vom 28. April 2017 (act. III 85 f.) seien daher nichtig (Klage Ziff. 3; Stellungnahme des Klägers vom 20. Januar 2020 Ziff. 2 ff.).
2.2 Die Beklagte bringt demgegenüber vor, die Verrechnungsverfügungen vom 28. April 2017 (act. III 85 f.) seien unangefochten in Rechtskraft erwachsen und es bestünden keine Hinweise, die gegen deren tatsächlich erfolgte Zustellung sprechen würden (Klageantwort Ziff. 12-16). Selbst im Fall einer mangelhaften Eröffnung müsse der Kläger sich diese Verfügungen entgegenhalten lassen, da er sie auch nachträglich nicht angefochten habe (Klageantwort Ziff. 17 f.). Eine Nichtigkeit der Verrechnungsverfügungen vom 28. April 2017 (act. III 85 f.) sei nicht anzunehmen (Klageantwort Ziff. 19).
Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 24. Feb. 2020, BV/2019/753, Seite 6
2.3 Es ist somit nachfolgend zu prüfen, ob die Verrechnungsverfügungen vom 28. April 2017 (act. III 85 f.) dem Beschwerdeführer zugestellt worden respektive in (formelle) Rechtskraft erwachsen sind, sowie, ob hinsichtlich der vorgenommenen Verrechnung von Vorsorgeleistungen mit einer EL-Rückforderung ein Nichtigkeitsgrund vorliegt.
3.
3.1