Decision ID: e50c5061-68cb-581a-be27-6a2127112c4c
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 19.04.2012 Art. 13 Abs. 1 OHG. Soforthilfe. Vorliegend erscheint der Aufenthalt des Rekurrenten in der Notunterkunft überwiegend durch die Erziehungsprobleme der Eltern und weniger durch die Tätlichkeiten des Vaters bedingt. Es fehlt damit an einem adäquaten Kausalzusammenhang zwischen einer Straftat und dem Aufenthalt in der Notunterkunft, weshalb nicht die Opferhilfe dafür aufzukommen hat (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 19. April 2012, OH 2011/2).Vizepräsidentin Marie-Theres Rüegg Haltinner, Versicherungsrichterinnen Marie Löhrer und Lisbeth Mattle Frei; Gerichtsschreiber Jürg SchutzbachEntscheid vom 19. April 2012in SachenA._Rekurrent,vertreten durch B._,zusätzlich vertreten durch Markus Riz, Rechtsagent, Rechts- und Gemeindeberatung, Sonnenbühlstrasse 3, 9200 Gossau SG,gegenStiftung Opferhilfe der Kantone SG/AI/AR, Teufenerstrasse 11, Postfach, 9001 St. Gallen,Vorinstanz,betreffendKostenbeiträge (Schlupfhuus)Sachverhalt:
A.
Am 20. Dezember 2010 stellten die Eltern bei der Stiftung Opferhilfe der Kantone SG/
AI/AR ein Gesuch um Kostengutsprache für den Aufenthalt ihres Sohnes im
Schlupfhuus, St. Gallen, wo dieser am 14. Dezember 2010 eingetreten sei (act. G 5.1).
Zusätzlich stellte das Kinderschutzzentrum St. Gallen am 27. Dezember 2010 ein
Gesuch um Übernahme eines Betrags von Fr. 1'050.-- (21 Tage à Fr. 50.-- [Kostgeld
der Eltern]). Vor dem Hintergrund einer sehr konflikthaften familiären Zuspitzung sei es
zunächst zu Handgreiflichkeiten zwischen A._ und seiner Mutter gekommen. Gemäss
Schilderung von A._ sei er nachfolgend von seinem Vater mit einem Kabel auf den
Kopf, das Bein und den Unterarm geschlagen worden. Er sei dann von der
Kantonspolizei ins Schlupfhuus verbracht worden (act. G 5.2). Mit Verfügung vom 15.
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Februar 2011 wies die Stiftung Opferhilfe das Gesuch ab, da die
Vormundschaftsbehörde schon früher einbezogen worden sei. Sie habe den Aufenthalt
im Schlupfhuus organisiert und finanziert (mit Ausnahme des Kostgeldes der Eltern).
Damit sei ein hinreichender Schutz bewirkt worden, weshalb keine rein finanzielle Hilfe
durch die Opferhilfe mehr nötig sei. Grundsätzlich hätten die Eltern für die Kosten von
Kindesschutzmassnahmen aufzukommen. Zwar hätten Eltern eines Opfers im Sinn von
Art. 1 Abs. 2 OHG ebenfalls Anspruch auf Leistungen der Opferhilfe und könnten die
ihnen durch den Aufenthalt im Schlupfhuus entstanden (Mehr-)Kosten in eigenem
Namen bei der Opferhilfe geltend machen. Dies gelte jedoch nicht, wenn sie selbst -
wie vorliegend - schadenverursachende Täter seien (act. G 5.4).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich der Rekurs vom 3. März 2011/25. März 2011
mit den Anträgen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben. Die Vorinstanz sei
sodann zu verpflichten, die Kosten für den Aufenthalt des Rekurrenten im Schlupfhuus
St. Gallen vom 14. Dezember 2010 bis 17. Januar 2011 zu übernehmen. Es treffe nicht
zu, dass die Vormundschaftsbehörde "schon früher einbezogen" worden sei und den
"Aufenthalt im Schlupfhuus organisiert und finanziert" habe. Ebenso wenig treffe zu,
dass "von der Vormundschaftsbehörde ein hinreichender Schutz bewirkt" worden sei.
Im Gegenteil habe die Vormundschaftsbehörde bis zum heutigen Zeitpunkt keine
einzige Kindesschutzverfügung erlassen. Die Soforthilfe sollte so schnell wie möglich
wirksam werden und dem Opfer die zur Bewältigung der unmittelbaren Folgen der
Straftat notwendige Hilfe verschaffen. Trete eine unmündige Person als Opfer eines
Gewaltdelikts der Eltern oder eines Elternteils in ein Schlupfhuus ein, habe es Anspruch
auf Opferhilfe. Erkläre sich in der Folge die Vormundschaftsbehörde mit diesem
Aufenthalt einverstanden, ändere dies nichts an diesem Anspruch. Die Vorinstanz
könne auch nicht damit argumentieren, der Vater sei der Täter und seine
Unterhaltspflicht gehe der Opferhilfe vor, weshalb sein unmündiges Kind als Opfer von
Straftaten keinen Anspruch auf staatliche Hilfe habe. Dies widerspreche der
Zielsetzung und den Intentionen des Gesetzgebers, der eine rasche und
unbürokratische Befriedigung der Ansprüche des Opfers verlange. Andernfalls würde in
diesen Fällen regelmässig ein Anspruch auf Opferhilfe entfallen. Vorliegend sei erstellt,
dass der Rekurrent von seinem Vater geschlagen worden sei und sich bedroht gefühlt
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habe. Eine Rückkehr sei für ihn erst in Frage gekommen, als von der
Vormundschaftsbehörde eine sozialpädagogische Familienbegleitung angeordnet
worden sei und diese ihre Tätigkeit bereits aufgenommen habe. Der Aufenthalt im
Schlupfhuus sei durch die Straftat des Vaters bedingt, notwendig und damit
gerechtfertigt gewesen. Die dadurch entstandenen Kosten seien deshalb als Soforthilfe
bzw. längerfristige Hilfe im Sinn von Art. 2 OHG von der Opferhilfe zu übernehmen (act.
G 1 und 3).
B.b Mit Vernehmlassung vom 11. Mai 2011 beantragt die Verwaltung Abweisung des
Rekurses. Die bundesgerichtliche Rechtsprechung gehe davon aus, dass mit den von
einer Vormundschaftsbehörde getroffenen Massnahmen ein hinreichender Schutz des
Kindes bewirkt werde, sodass (trotz grundsätzlicher Subsidiarität der Sozialhilfe) keine
rein finanzielle Hilfe durch die Opferhilfe mehr nötig sei. Dem Gesuch des
Kinderschutzzentrums St. Gallen sei zu entnehmen, dass der Rekurrent auf
Veranlassung der Vormundschaftsbehörde im Schlupfhuus notplatziert und
Kindesschutzmassnahmen bejaht worden seien. Die Vormundschaftsbehörde sei am
13. Dezember 2010 durch die Kantonspolizei über den Vorfall informiert worden und
die Sachbearbeiterin habe dieser gegenüber erklärt, dass der Eintritt ins Schlupfhuus
sinnvoll und notwendig sei. Später sei eine sozialpädagogische Familienbegleitung
eingerichtet worden. Die Vormundschaftsbehörde sei auf Grund ihres gesetzlichen
Auftrages zuständig, umgehend die notwendigen Schritte zum Schutz des Kindes
vorzunehmen, auch wenn dies nicht immer im Sinn einer formellen
Kindesschutzmassnahme geschehen möge. Mit dem Tätigwerden der
Vormundschaftsbehörde und schliesslich mit dem Erteilen einer Kostengutsprache
durch die Gemeinde sei ein hinreichender Schutz des Rekurrenten bewirkt und die
Finanzierung geregelt worden. Es bestehe mithin kein Bedürfnis nach einer
nachträglichen finanziellen Unterstützung durch die Opferhilfe. Mit dem OHG habe man
nicht in den Aufgabenbereich der Gemeinden und in ein gut funktionierendes System
im Bereich Kindesschutz/soziale Betreuung und Begleitung eingreifen wollen. Auch sei
keine Kostenumwälzung von der Gemeinde auf den Kanton gewollt gewesen (act. G 5).
B.c Mit Replik vom 7. Juni 2011 hält der Rechtsvertreter des Rekurrenten im
Wesentlichen an seinen Anträgen und Ausführungen fest. Er fügt an, dass die
Vorinstanz von falschen Voraussetzungen ausgehe, wenn sie annehme, die
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Vormundschaftsbehörde habe rechtskräftig Kindesschutzmassnahmen angeordnet und
die Sozialhilfe habe Unterstützungsleistungen erbracht. Die von der Vorinstanz zitierte
Rechtsprechung des Bundesgerichts beziehe sich aber genau auf solche Fälle,
weshalb sie hier nicht einschlägig sei. Vorliegend habe die Vormundschaftsbehörde
keinerlei Kindesschutzmassnahmen und keine Unterbringung im Schlupfhuus
angeordnet und habe auch nicht einen Obhutsentzug oder eine Beistandschaft verfügt.
Ausserdem habe die Sozialhilfebehörde keine finanzielle Hilfe geleistet. Entgegen der
Darstellung der Vorinstanz sei die Opferhilfe von Anfang an involviert gewesen,
weshalb sie ihre originäre und vorrangige gesetzliche Pflicht wahrzunehmen habe. Dies
gelte selbst dann, wenn die Vormundschaftsbehörde zwischenzeitlich den Aufenthalt
im Schlupfhuus genehmigt und beiden Eltern nachträglich die Obhut im Sinn einer
Kindesschutzmassnahme entzogen hätte. So handle es sich auch dann um Sofort- und
längerfristige Hilfe im Sinn von Art. 13 OHG, wenn die Vormundschaftsbehörde (unter
Einbezug der involvierten Opferhilfe) die Platzierung verfügt habe. Vorliegend habe aber
bisher keine spezifische kindesrechtliche Gefährdungslage vorgelegen, bei welcher die
Eltern bis dahin die Kindesinteressen nicht hinreichend hätten wahren können. Die
Vormundschaftsbehörde habe sich deshalb nicht vorgängig mit dem Rekurrenten
befasst oder Kindesschutzmassnahmen angeordnet, die einen hinreichenden Schutz
im Sinn des OHG hätten gewähren können. Es bestehe deshalb ein voller Anspruch auf
Leistungen durch die Opferhilfe (act. G 7).
B.d Mit Duplik vom 16. August 2011 betont die Vorinstanz, dass das (vorliegend
umstrittene) Kostgeld für das Schlupfhuus von den Eltern geschuldet sei. Der Rekurrent
sei demnach finanziell nicht belastet und deshalb nicht zum vorliegenden Rekurs
legitimiert. Es stelle sich generell die Frage, ob bei Fremdunterbringungen ein Anspruch
auf finanzielle Opferhilfe bestehe und selbst wenn ja, ob ein Einbezug der Opferhilfe
sinnvoll sei. Da die Zuständigkeit zur Anordnung von Massnahmen und auch zu deren
Finanzierung (über die Vormundschafts- und Sozialhilfebehörden) geregelt sei und für
diese Leistungen keine Rückerstattungspflicht bestehe, sodass die Kinder keinen
finanziellen Schaden erleiden würden, sei diese Frage zu verneinen. Die Darlegung des
Sachverhalts durch den Rechtsvertreter des Rekurrenten sei teilweise widersprüchlich
und nicht dokumentiert. Im Gesuch des Schlupfhuuses vom 27. Dezember 2010 werde
jedenfalls die Vormundschaftsbehörde als Vertreterin des Rekurrenten aufgeführt und
das Bestehen von Kindesschutzmassnahmen bejaht. Ausserdem werde darin erwähnt,
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dass es mit der Vormundschaftsbehörde schon mehrere Familiengespräche gegeben
habe, weil es seit Längerem zu Schlägen des Vaters gekommen sei. Der Rekurrent
habe ausserdem bei der Polizei angegeben, dass seine Lehrerin das Gemeindeamt
verständigt und er schon einige Male bei der Vormundschaftsbehörde vorgesprochen
habe. Im gleichen Befragungsprotokoll werde festgehalten, dass seitens des
Fürsorgeamtes verfügt worden sei, dass der Rekurrent nach der Befragung ins
Schlupfhuus St. Gallen gebracht werde. Später sei auch eine sozialpädagogische
Familienbegleitung angeordnet worden. Somit sei die zuständige Gemeindebehörde
tätig geworden und habe sich um den Rekurrenten gekümmert, ihn betreut und die
notwendigen Schritte zu seinem Schutz eingeleitet. Der Rekurrent sei zweifellos Opfer,
aber nicht finanziell geschädigt. Er habe durch den Schlupfhuus-Aufenthalt bereits die
notwendige Hilfe erhalten (act. G 9).

Erwägungen:
1.
1.1 Die angefochtene Verfügung stützt sich auf das Bundesgesetz über die Hilfe an
Opfern von Straftaten (Opferhilfegesetz, OHG [SR 312.5]). Verfügungen der
Beratungsstelle über Sofort- oder längerfristige Hilfe gemäss Art. 13 OHG können beim
Versicherungsgericht innert 14 Tagen angefochten werden (Art. 32 des
Einführungsgesetzes zur Schweizerischen Straf- und Jugendstrafprozessordnung [sGS
962.1] in Verbindung mit Art. 42 Abs. 1 lit. e und Art. 47 Abs. 1 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [sGS 951.1]).
1.2 Insoweit die Vorinstanz geltend macht, der Rekurrent sei durch den Aufenthalt im
Schlupfhuus finanziell nicht belastet, weshalb ihm (implizit) keine Rekurslegitimation
zukomme, kann dem nicht gefolgt werden. Der Anspruch auf Opferhilfe steht
selbstredend dem Opfer zu. Grundsätzlich hat sodann die betroffene Person selbst für
einen allfälligen Selbstbehalt in einer Notunterkunft aufzukommen. Daran vermag nichts
zu ändern, dass bei minderjährigen Opfern die Eltern an deren Statt die
entsprechenden Kosten übernehmen müssen. Es kann somit nicht gesagt werden, der
Rekurrent werde durch die Auferlegung eines Kostgeldes finanziell nicht belastet.
Entgegen der Ansicht der Vorinstanz hat das Bundesgericht in BGE 125 II 232 E. 1b
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und 1A.249/2000 E. 2 sodann nicht gesagt, die blosse Möglichkeit, empfangene
Sozialhilfe später zurückerstatten zu müssen, stelle keinen aktuellen Schaden dar, der
schon zum heutigen Zeitpunkt über die Opferhilfe abzugelten sei. Vielmehr hat das
Bundesgericht in diesen Urteilen gerade entschieden, es genüge für ein aktuelles
schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung der Verfügung, wenn eine spätere
Rückzahlungspflicht nicht ausgeschlossen werden könne. Beim Bezug unmündige
oder in Ausbildung befindliche Personen haben im Kanton St. Gallen empfangene
finanzielle Sozialhilfe zurückzuerstatten, soweit sie aus Erbschaft bereichert sind (Art.
18 Abs. 3 des Sozialhilfegesetzes [sGS 381.1]). Mithin kann nicht ausgeschlossen
werden, dass der Rekurrent Sozialhilfe zurückerstatten müsste, weshalb er zum
vorliegenden Rekurs legitimiert ist. Nachdem der Rekurs rechtzeitig beim
Versicherungsgericht eingereicht wurde und der Rekurrent ein aktuelles
schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung der angefochtenen Verfügung hat, ist
darauf einzutreten.
2.
2.1 Die Beratungsstellen leisten dem Opfer und seinen Angehörigen sofort Hilfe für
die dringendsten Bedürfnisse, die als Folge der Straftat entstehen (Soforthilfe; Art. 13
Abs. 1 OHG). Sie leisten dem Opfer und dessen Angehörigen soweit nötig zusätzliche
Hilfe, bis sich der gesundheitliche Zustand der betroffenen Person stabilisiert hat und
bis die übrigen Folgen der Straftat möglichst beseitigt oder ausgeglichen sind
(längerfristige Hilfe; Art. 13 Abs. 2 OHG). Die Beratungsstellen können die Soforthilfe
und die längerfristige Hilfe durch Dritte erbringen lassen (Art. 13 Abs. 3 OHG). Die
Leistungen der Beratungsstellen umfassen die angemessene medizinische,
psychologische, soziale, materielle und juristische Hilfe in der Schweiz, die als Folge
der Straftat notwendig geworden ist. Die Beratungsstellen besorgen dem Opfer oder
seinen Angehörigen bei Bedarf eine Notunterkunft (Art. 14 Abs. 1 OHG). Der Anspruch
auf Opferhilfe besteht unabhängig davon, ob der Täter oder die Täterin ermittelt
worden ist, sich schuldhaft verhalten oder vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt hat
(Art. 1 Abs. 3 OHG). Die Beratung, die Soforthilfe und die von den Beratungsstellen
erbrachte längerfristige Hilfe sind sodann für das Opfer und seine Angehörigen
unentgeltlich (Art. 5 OHG).
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2.2 Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung muss die Beeinträchtigung von
einem gewissen Gewicht sein. Bagatelldelikte wie z.B. Tätlichkeiten, die nur
unerhebliche Beeinträchtigungen bewirken, sind daher vom Anwendungsbereich des
Opferhilfegesetzes grundsätzlich ausgenommen. Massgebend für das Vorliegen der
Opfereigenschaft ist jedoch nicht die Schwere der Tat, sondern der Grad der
Betroffenheit der geschädigten Person. Danach ist entscheidend, ob die
Beeinträchtigung der geschädigten Person in ihrer körperlichen, sexuellen oder
psychischen Integrität das legitime Bedürfnis begründet, die Hilfsangebote und die
Schutzrechte des Opferhilfegesetzes in Anspruch zu nehmen (Entscheid vom
15. Dezember 2003 [1P.610/2003 E. 1.2]). Auch im Opferhilfegesetz gilt schliesslich der
Grundsatz, wonach eine Entschädigung (bzw. Hilfe) nur dann geschuldet ist, wenn ein
adäquater Kausalzusammenhang zwischen dem vom Opfer erlittenen Schaden (bzw.
der Notsituation) und der Straftat besteht. Wie im Haftpflichtrecht handelt es sich dabei
um eine unabdingbare Voraussetzung für die Leistungspflicht (vgl. AJP 2003 Nr. 12 S.
1487). Das Erfordernis des adäquaten Kausalzusammenhangs besteht darin, zu
erfahren, ob das eine Haftung auslösende Element - die Straftat - nach dem
gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich
geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt des
Erfolges also durch das Ereignis allgemein als begünstigt erscheint (vgl. BGE 123 lll
112).
3.
3.1 Vorliegend ist unbestritten, dass der Rekurrent am 13. Dezember 2010 von
seinem Vater mit einem Kabel auf den Kopf, das Bein und den Unterarm geschlagen
wurde und dabei eine Beule am Kopf sowie "Striemen" oberhalb des rechten
Handgelenks erlitten hat (Anmeldung des Kinderschutzzentrums vom 27. Dezember
2010 und Befragungsprotokoll vom 14. Dezember 2010 [act. G 5.2 und 3.4 S. 3]). Aus
den Akten ist jedoch nicht ersichtlich, dass der Rekurrent darauf hin ärztliche Hilfe
hätte in Anspruch nehmen müssen oder sonstige über das Bagatellausmass hinaus
gehende Verletzungen erlitten hätte. Vielmehr erschien er am nächsten Morgen auf
dem Polizeiposten, um die Befragung durchzuführen. Ebenso wenig ergibt sich aus
den Akten eine erhebliche Beeinträchtigung der psychischen Integrität durch die
inkriminierte Tat. Die in Frage stehende Tat des Vaters erscheint damit an der oberen
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Grenze der Tätlichkeit. Ohne die strafrechtliche Qualifikation abschliessend vornehmen
zu wollen, erscheint somit fraglich, ob unter diesen Umständen überhaupt von einer
genügenden Betroffenheit und damit einer Opferstellung des Beschwerdeführers im
oben beschriebenen Sinn (vgl. E. 2.2) ausgegangen werden kann. Die Frage kann
jedoch offen gelassen werden, da es vorliegend auch an einem adäquaten
Kausalzusammenhang zwischen der mutmasslichen Tätlichkeit des Vaters und dem
Aufenthalt im Schlupfhuus fehlt, wie nachfolgend zu zeigen ist.
3.2 Wie aus dem Anmeldeformular ersichtlich, war die Vormundschaftsbehörde
bereits vor dem Eintritt des Beschwerdeführers in das Schlupfhuus darüber informiert,
dass es offenbar seit Längerem zu Schlägen durch den Vater gegenüber dem
Rekurrenten gekommen war und deshalb eine sozialpädagogische Familienbegleitung
(Familiengespräche) durchgeführt wurde. Wie sich weiter aus dem Anmeldeformular
ergibt, kam es am 13. Dezember 2010 vor dem Hintergrund einer erneuten sehr
konfliktbehafteten familiären Zuspitzung zunächst zu Handgreiflichkeiten zwischen dem
Rekurrenten und seiner Mutter, worauf jener dann vom Vater geschlagen worden sei
(act. G 5.1/2). Wie sich sodann aus dem vom Gericht nachträglich eingeholten
Kurzbericht vom 22. Januar 2011 an die Vormundschafsbehörde ergibt, hatte das
Schlupfhuus zunächst den Auftrag, bis Anfang Januar 2011 eine Standortbestimmung
vorzunehmen. Danach sollten weiterführende Unterstützungsmassnahmen und
Anschlussempfehlungen evaluiert werden. Es wird ausgeführt, die Eltern sollten
dahingehend angeleitet werden, dass die Macht- und Gewaltgrenze wiederhergestellt
wird, sie wieder die Erziehungsverantwortung übernehmen und dem Sohn Orientierung
geben können. Mittels konkreter Anleitung im Alltag sollten sie unterstützt werden, wie
sie Grenzen setzen und bei Regelverstössen adäquate und alternative Konsequenzen
durchsetzen können. Es sei zudem dringend notwendig, dass die Familienmitglieder so
bald wie möglich einen neuen Umgang miteinander lernen und in die entsprechenden
Rollen zurückfinden (act. G 12). Aus diesen Ausführungen erhellt, dass eine mögliche
Straftat des Vaters (Tätlichkeit, allenfalls leichte Körperverletzung) von Anfang an
gegenüber den Erziehungsproblemen der Eltern in den Hintergrund trat. So wurde
denn auch bereits nach einer kurzen Abklärungsphase die Rückkehr des Rekurrenten
nach Hause vorbereitet und festgestellt, was sich dafür sowohl bei den Eltern als auch
beim Rekurrenten selber ändern müsste. Es ging sodann um die Frage, wie die Familie
in Zukunft wieder respektvoll zusammenleben und wohl auch mit den zusätzlichen
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Schwierigkeiten umgehen könnte (Vater Frührentner, Mutter arbeitslos [act. G 3.4 S. 1]).
Soweit aus den Akten ersichtlich, wurde gegen den Vater in der Folge keine
Strafanzeige erstattet, wäre doch ein solches Vorgehen im Austrittsbericht wohl
erwähnt worden. Mithin ist davon auszugehen, dass der Aufenthalt des Rekurrenten im
Schlupfhuus nicht in erster Linie auf eine mögliche Straftat des Vaters, sondern auf die
Erziehungsprobleme der Eltern zurückzuführen war und damit überwiegend den
Charakter einer Familienberatung hatte. Nachdem somit ein adäquater
Kausalzusammenhang zwischen der möglichen Straftat des Vaters und dem Aufenthalt
des Beschwerdeführers im Schlupfhuus nicht feststeht, hat dafür nicht die Vorinstanz
einzustehen.
4.
Nach dem Gesagten ist der Rekurs abzuweisen. Gerichtskosten sind weder vom
Rekurrenten noch von der Vorinstanz zu erheben (Art. 30 Abs. 1 OHG, Art. 95 Abs. 3
VRP).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht