Decision ID: a2fbc8d8-d62e-546e-b75f-c40d9fdcc469
Year: 2017
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Oktober 2000 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 2). Sie litt an einer HIV-Infektion, an einer Störung
durch Opioide, an einer Eisenmangelanämie sowie an einer Hepatitis B- und C-
Infektion (IV-act. 5). Nach einer dreimonatigen beruflichen Abklärung (vgl. IV-act. 17
und 21) hielt ein Berufsberater der IV-Stelle im September 2001 fest (IV-act. 22), die
Versicherte könne nur noch halbtags arbeiten, wobei ihre Arbeitsleistung lediglich 80
Prozent der Norm betrage. Die resultierende Arbeitsfähigkeit von 40 Prozent (80
Prozent von 50 Prozent) könne sie nur noch im geschützten Rahmen verwerten,
weshalb sie lediglich noch ein Invalideneinkommen von 13'100 Franken erzielen könne.
Aus dem Vergleich mit dem Zentralwert der Hilfsarbeiterinnenlöhne von 45'168 Franken
resultiere ein Invaliditätsgrad von 71 Prozent. Mit einer Verfügung vom 7. Mai 2002/22.
August 2002 sprach die IV-Stelle der Versicherten mit Wirkung ab dem 1. August 2000
eine ganze Rente zu (IV-act. 27 und 29).
A.b Da die Versicherte im Jahr 2006 ein unerwartet hohes Erwerbseinkommen erzielt
hatte, wurde die ganze Rente mit einer Verfügung vom 5. Juni 2007 per 1. August 2007
bei einem Invaliditätsgrad von neu 68 Prozent auf eine Dreiviertelsrente herabgesetzt
(IV-act. 45). Am 8. April 2009 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie weiterhin
einen Anspruch auf eine Dreiviertelsrente habe, auch wenn der Invaliditätsgrad nun
bloss noch 67 Prozent betrage (IV-act. 55).
A.c Am 16. August 2013 teilte die Zweigstelle der Stadt C._ der IV-Stelle mit, dass
die Versicherte gemäss einer Auskunft des Einwohneramtes D._ am 18. Juli 2013 aus
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ihrer Wohnung ausgewiesen worden und dass ihr Aufenthaltsort nun unbekannt sei (IV-
act. 57). Die behandelnde Ärztin einer medizinisch-sozialen Hilfsstelle der Stadt C._
teilte der IV-Stelle am 2. September 2013 telefonisch mit (IV-act. 58), dass die
Versicherte die Behandlung im März 2013 abgebrochen habe, letzte Woche aber
nochmals bei ihr gewesen sei. Höchstwahrscheinlich sei die Versicherte obdachlos.
Eventuell könne die Sozialhilfe E._ weitere Informationen erteilen. Am 26. November
2013 forderte die Klinik für Infektiologie des Kantonsspitals St. Gallen eine Kopie der
IV-Verfügung an; dem Schreiben lag eine von der Versicherten unterzeichnete
Erklärung zur Entbindung von der Schweigepflicht bei (IV-act. 59 f.). Am 19. Dezember
2013 erhielt die IV-Stelle dann Kenntnis von der neuen Wohnadresse der Versicherten
(IV-act. 62).
A.d Am 26. Februar 2014 und am 27. März 2014 forderte die IV-Stelle die Versicherte
auf, einen Fragebogen zur Überprüfung des Rentenanspruchs auszufüllen (IV-act. 64).
Das Schreiben vom 27. März 2014 wurde mit dem Vermerk „Empfänger konnte unter
angegebener Adresse nicht ermittelt werden“ retourniert (IV-act. 65). Am 22. April 2014
ging der IV-Stelle dann allerdings der ausgefüllte Fragebogen zusammen mit einem
Begleitschreiben der Versicherten zu (IV-act. 66 f.). Am 24. April 2014 forderte die IV-
Stelle die Versicherte auf, weitere Fragen zu beantworten (IV-act. 69). Auch dieses
Schreiben wurde als unzustellbar retourniert (IV-act. 70; vgl. auch IV-act. 73 und 85).
Am 8. Juli 2015 forderte die IV-Stelle die Versicherte zur Mitwirkung bei der
Sachverhaltsabklärung auf und drohte ihr an, die Rentenzahlungen zu sistieren, falls sie
die verlangten Auskünfte nicht bis spätestens am 27. Juli 2015 erhalte (IV-act. 86).
Auch dieses Schreiben wurde als unzustellbar retourniert (IV-act. 87). Am 29. Juli 2015
stellte die IV-Stelle die Rentenleistungen ein (IV-act. 89). Auch dieses Schreiben wurde
als unzustellbar retourniert (IV-act. 90). Am 2. März 2016 teilte die AHV-Zweigstelle der
Stadt C._ der IV-Stelle die neue Wohnadresse der Versicherten mit (IV-act. 91).
A.e Am 17. März 2016 teilte das Amt für Justizvollzug der IV-Stelle mit (IV-act. 92),
dass nicht nachvollziehbar sei, weshalb die Rentenleistungen eingestellt worden seien.
Die Versicherte habe sich für drei Monate in einer stationären Behandlung befunden.
Weil sie ihre Wohnungsmiete nicht bezahlt habe und auch nicht in der Lage gewesen
sei, die Bussen und die Geldstrafen zu bezahlen, befinde sie sich momentan für 77
Tage im Gefängnis. Sie werde im Mai 2016 entlassen werden. Die IV-Stelle antwortete
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am 24. März 2016, dass während eines Straf- oder Massnahmenvollzugs grundsätzlich
keine Versicherungsleistungen ausgerichtet würden, weshalb die Rente sistiert bleiben
müsse (IV-act. 93). Mit einer Verfügung vom 19. April 2016 sistierte die IV-Stelle die
Rente für die Monate März und April 2016 (IV-act. 100).
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess die Versicherte (nachfolgend: die
Beschwerdeführerin) am 10. Mai 2016 eine Beschwerde erheben (act. G 1). Ihre
Rechtsvertreterin beantragte die Aufhebung der Rentensistierung. Zur Begründung
führte sie aus, wenn die Vollzugsart der verurteilten Person die Möglichkeit biete, eine
Erwerbstätigkeit auszuüben, verbiete sich nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung eine Rentensistierung. Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr Dauer
würden in der Form einer Halbgefangenschaft vollzogen, wenn die verurteilte Person im
Arbeitsprozess stehe, sodass diese weiterhin ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen könne.
Bei der Beschwerdeführerin sei nur deshalb keine Halbgefangenschaft angeordnet
worden, weil sie invaliditätsbedingt nicht im Arbeitsprozess gestanden habe. Mit der
Rentensistierung werde sie gegenüber einer nicht invaliden Person benachteiligt, was
der Zwecksetzung des Art. 21 Abs. 5 ATSG widerspreche.
B.b Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 31. Mai 2016
die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie aus, massgebend
sei nur, ob der konkrete Vollzug eine Erwerbstätigkeit zulasse. Dies sei vorliegend nicht
der Fall, weshalb die Rente zu Recht sistiert worden sei.
B.c Mit einer Replik vom 16. Juni 2016 liess die Beschwerdeführerin an ihrem Antrag
festhalten (act. G 7). Ihre Rechtsvertreterin führte aus, die Gleichbehandlung von
invaliden und validen Personen würde verunmöglicht, wenn der Argumentation der
Beschwerdegegnerin gefolgt würde. Eine Invalidität verunmögliche immer eine
Halbgefangenschaft, und wenn eine Rentensistierung dann unumgänglich sei, wäre
eine invalide Person letztlich schlechter gestellt als eine gesunde inhaftierte Person.
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 9).

Erwägungen
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1.
Das Dispositiv der angefochtenen Verfügung vom 19. April 2016 lautet: „Ihre Rente
bleibt für die Monate März 2016 und April 2016 sistiert“. Offenbar ist die
Beschwerdegegnerin davon ausgegangen, infolge des Strafvollzuges „verlängere“ sich
der am 29. Juli 2015 gestützt auf Art. 43 Abs. 3 ATSG verfügte Leistungsstop um
weitere zwei Monate. Diese Ansicht ist aber als unzutreffend zu qualifizieren, denn
einem vorsorglichen Leistungsstop und einer Rentensistierung während eines
Strafvollzugs liegen verschiedene Sachverhalte und unterschiedliche Rechtstitel
zugrunde; es handelt sich um zwei voneinander völlig unabhängige Anordnungen,
weshalb ein vorsorglicher Leistungsstop nicht für die Dauer eines Strafvollzugs
„verlängert“ werden kann. Entgegen dem Wortlaut ihres Dispositivs hat die
angefochtene Verfügung vom 19. April 2016 deshalb nur die Rentensistierung für die
Monate März und April 2016 wegen der Verbüssung einer Haftstrafe zum Gegenstand.
Der am 29. Juli 2015 verfügte vorsorgliche Leistungsstop kann vom
Versicherungsgericht nicht beurteilt werden (wobei allerdings nichts mehr gegen eine
Nachzahlung der im Sinne einer superprovisorisch und damit nicht empfangsbedürftig
verfügten vorsorglich zurückbehaltenen Rentenleistungen für die Monate August 2015
bis und mit Februar 2016 sprechen dürfte, wenn sich der Verdacht einer wesentlichen
Verbesserung des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin im
Revisionsverfahren nicht bestätigt haben sollte).
2.
2.1 Trotz der missverständlichen Bezeichnung „Sistierung“ handelt es sich bei der
Rentensistierung gemäss dem Art. 21 Abs. 5 ATSG nicht um eine vorsorgliche
Massnahme, denn ansonsten käme es notwendigerweise zu einer Nachzahlung nach
dem Ende eines Strafvollzugs. Mit einer Rentensistierung in Anwendung des Art. 21
Abs. 5 ATSG wird der Rentenanspruch an sich also materiell bleibend modifiziert.
Verfahrensrechtlich kann die Rentensistierung des Art. 21 Abs. 5 ATSG weder eine
Revision im Sinne des Art. 17 Abs. 1 ATSG noch eine Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2
ATSG) oder eine sogenannt prozessuale Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) sein, denn ein
nachträglicher Haftantritt ändert weder etwas an der leistungsbegründenden Invalidität
noch lässt er die ursprüngliche Rentenzusprache als qualifiziert unrichtig erscheinen.
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Dass der eigentliche Rentenanspruch durch eine Sistierung nicht verändert wird, zeigt
sich nur schon im Umstand, dass die Kinderrenten von der Rentensistierung unberührt
bleiben (Art. 21 Abs. 5 Satz 2 ATSG). Da das ATSG nur die drei erwähnten Instrumente
zur Korrektur einer formell rechtskräftigen Rentenverfügung kennt, da keines dieser drei
Instrumente für eine Rentensistierung während des Strafvollzugs angewandt werden
kann und da eine Rentensistierung aber dennoch eine (in aller Regel vorübergehende)
Modifikation der formell rechtskräftigen Rentenverfügung erfordert, erweist sich die
Regelung des ATSG als lückenhaft. Es muss nämlich ein weiteres Korrekturinstrument
existieren, das die Rentensistierung verfahrensrechtlich regelt.
2.2 Die Rentensistierung während eines Strafvollzugs weist technisch betrachtet eine
grosse Ähnlichkeit mit einer koordinationsrechtlich begründeten Leistungsmodifikation
auf. In beiden Fällen führt nämlich eine Sachverhaltsveränderung, die mit dem
eigentlichen Versicherungsverhältnis und damit auch mit dem laufenden
Rentenanspruch nichts zu tun hat, zu einer Modifikation der laufenden Rente. Bezieht
beispielsweise eine versicherte Person eine Rente der Invalidenversicherung, wird ihr
Rentenanspruch gestützt auf den Art. 43 IVG rein koordinationsrechtlich modifiziert,
sobald ihr Ehegatte stirbt und die Person zur Witwe oder zum Witwer wird. Der Tod des
Ehegatten hat dabei mit der Invalidität selbstverständlich nichts zu tun. Es handelt sich
um ein Ereignis, das völlig ausserhalb des Versicherungsverhältnisses zwischen der
Invalidenversicherung und der versicherten Person liegt. Trotzdem ist die Folge davon,
dass die bisherige (tiefere) Invalidenrente durch die höhere Witwenrente ersetzt wird.
Derselbe Mechanismus spielt sich ab, wenn eine versicherte Person nach einem Unfall
eine Invalidenrente der Unfallversicherung bezieht und später eine Rente der
Invalidenversicherung zugesprochen erhält: Obwohl sich an der für die
Unfallversicherung massgebenden Invalidität nichts ändert und obwohl die Zusprache
einer Rente der Invalidenversicherung mit dem Versicherungsverhältnis zwischen der
Unfallversicherung und der versicherten Person nichts zu tun hat, wird die laufende
Invalidenrente der Unfallversicherung allenfalls auf eine (echte) Komplementärrente
reduziert. Beim Antritt eines Strafvollzuges verhält es sich ähnlich: Dabei handelt es
sich um einen völlig ausserhalb des Versicherungsverhältnisses zwischen der
Invalidenversicherung und der versicherten Person liegenden Umstand, der an der
leistungsbegründenden Invalidität nichts ändert, aber trotzdem zu einer Modifikation
des Rentenanspruchs führt. Das lässt darauf schliessen, dass auch hier eine
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verfahrensrechtliche Gesetzeslücke vorliegt, weil ein Korrekturinstrument zwingend
notwendig ist. Diese Lücke kann in weitgehender Analogie zur Lückenfüllung im
Verfahren des Koordinationsrechts ausgefüllt werden: Eine laufende Rente der
Invalidenversicherung kann beim Antritt des Strafvollzugs modifiziert werden.
2.3 Zum oben (E. 2.2) erwähnten Koordinationsfall des Zusammentreffens je einer
Rente der Invaliden- und der obligatorischen Unfallversicherung existiert eine
verfahrensrechtliche Regelung in den Art. 31 ff. UVV, was beweist, dass ein Bedarf
nach koordinationsrechtlichen Verfahrensregeln besteht. Dieser Bedarf besteht aber
nicht nur im Zusammenhang mit der sogenannten Komplementärrente der
Unfallversicherung, sondern auch in anderen Koordinationsfällen, denn unabhängig
von der materiell-rechtlichen Konstellation muss die – für die Komplementärrente in
den Art. 31 ff. UVV beantwortete – Frage nach dem korrekten verfahrensrechtlichen
Vorgehen beantwortet werden. Diesbezüglich enthält das ATSG also offensichtlich eine
echte Lücke. Diese Lücke muss auf dem Interpretationsweg modo legislatoris gefüllt
werden. Das Koordinationsrecht des ATSG muss also richterrechtlich durch eine Norm
ergänzt werden, die eine rein koordinationsrechtlich begründete Modifikation einer
formell rechtskräftig zugesprochenen Sozialversicherungsleistung erlaubt. Diese
richterrechtlich geschaffene Norm kann bei der Ausfüllung der verfahrensrechtlichen
Lücke im Zusammenhang mit der Anwendung des Art. 21 Abs. 5 ATSG analog
angewendet werden.
2.4 Mit dem effektiven Haftantritt im März 2016 ist ein Ereignis eingetreten, das in
Anwendung der oben erwähnten lückenfüllenden verfahrensrechtlichen Normen eine
Abänderung der formell rechtskräftigen Rentenverfügung erlaubt hat. Dasselbe gilt
sinngemäss für den Wegfall der Rentensistierung mit dem Austritt aus der Haft im Mai
2016. In rein verfahrensrechtlicher Hinsicht erweist sich das Vorgehen der
Beschwerdegegnerin deshalb als rechtmässig.
3.
3.1 Befindet sich eine versicherte Person im Straf- oder Massnahmenvollzug, so kann
während dieser Zeit die Auszahlung von Geldleistungen mit Erwerbsersatzcharakter
eingestellt werden (Art. 21 Abs. 5 ATSG). Diese Regelung entspricht dem früheren Art.
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13 MVG. Den Gesetzesmaterialien zum Art. 21 Abs. 5 ATSG und zum früheren Art. 13
MVG lässt sich entnehmen, dass der Gesetzgeber mit der Rentensistierung die
Gleichbehandlung der invaliden Inhaftierten mit den nicht invaliden Inhaftierten
bezweckt hat (vgl. die vertiefte Stellungnahme des Bundesrates zur Parlamentarischen
Initiative Sozialversicherungsrecht vom 17. August 1994, Sonderdruck, S. 17; JÜRG
MAESCHI, Kommentar zum Bundesgesetz über die Militärversicherung, 2000, Art. 13 N
2, mit Hinweisen; BGE 113 V 273; BGE 114 V 143; BGE 137 V 154 E. 3.3 S. 158 mit
zahlreichen Hinweisen). Mit dem Haftantritt verliert eine nicht invalide Person die
Möglichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und ein entsprechendes
Erwerbseinkommen zu erzielen. Etwas anderes gilt nur, wenn sie ihre Haftstrafe in
Halbgefangenschaft verbüssen kann, denn diese erlaubt es ihr, tagsüber weiterhin ihrer
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Der historische Gesetzgeber hat diese Auswirkungen
einer Haftstrafe auf die Möglichkeit einer validen Person, ein Erwerbseinkommen
erzielen zu können, auf den Rentenanspruch einer invaliden Person übertragen wollen,
da er angenommen hat, mit der Invalidenrente als Erwerbsersatz müsse es sich
während einer Haftstrafe aus Gleichbehandlungsgründen genau gleich wie mit einem
Erwerbseinkommen verhalten. Der Art. 21 Abs. 5 ATSG sieht also vor, dass eine Rente
während einer Haftstrafe grundsätzlich sistiert werden muss, ausser die Haftstrafe
könne in Halbgefangenschaft verbüsst werden. Das lässt sich zwar nicht direkt dem
Wortlaut des Art. 21 Abs. 5 ATSG entnehmen, welcher der Verwaltung als sogenannte
„Kann-Vorschrift“ ein weitgehendes Ermessen einzuräumen scheint. Aus den oben
erwähnten Materialien geht aber eindeutig hervor, dass für die Anordnung einer
Rentensistierung während eines Strafvollzugs nur entscheidend ist, ob die
Freiheitsstrafe in Halbgefangenschaft verbüsst werden kann; der Sistierungsentscheid
liegt also nicht im freien Ermessen des Versicherungsträgers (vgl. auch BGE 141 V 466
E. 4.3 S. 469 mit Hinweisen).
3.2 Laut den Art. 77b und 79 StGB hängt der Entscheid, ob eine Strafe in
Halbgefangenschaft verbüsst werden kann, massgebend davon ab, ob die zu
inhaftierende Person effektiv erwerbstätig ist (vgl. dazu BSK Strafrecht I-BAECHTOLD,
Art. 77b N 8 sowie Art. 79 N 4 und 10; GÜNTER STRATENWERTH, Schweizerisches
Strafrecht, Allgemeiner Teil, Band II, 2. Aufl. 2006, §4 N 29, mit Hinweisen). Folglich ist
die Ausübung einer Erwerbstätigkeit im Zeitpunkt des Haftantritts auch das
entscheidende Kriterium für die Beantwortung der Frage, ob eine allfällige Rente der
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Invalidenversicherung für die Dauer des Strafvollzugs zu sistieren sei. Das bedeutet,
dass jene Invalide, die ihre allfällige Resterwerbsfähigkeit im Zeitpunkt des Haftantritts
effektiv verwerten, ihre Rente weiter beziehen können, während die Rente jener
Invaliden, die ihre Resterwerbsfähigkeit nicht verwerten oder die überhaupt nicht mehr
erwerbsfähig sind, für die Dauer des Strafvollzugs sistiert wird. Nun hängt der
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung aber gar nicht davon ab, ob eine
allfällige Resterwerbsfähigkeit effektiv verwertet wird. Der Rentenanspruch einer
versicherten Person ändert sich nicht, wenn diese eine Erwerbstätigkeit aufnimmt,
verliert oder aufgibt. Ihr Rentenanspruch bleibt also auch von einer vorübergehenden
haftbedingten Unmöglichkeit, eine allfällige Resterwerbsfähigkeit zu verwerten,
unberührt. Der Bedarf eines effektiv erwerbstätigen Versicherten nach einer Rente der
Invalidenversicherung unterscheidet sich (bei ansonsten identischen tatsächlichen
Verhältnissen) nicht vom Bedarf eines nicht erwerbstätigen Versicherten. Die effektive
Ausübung einer Erwerbstätigkeit kann also kein sachlich geeignetes Kriterium zur
Ungleichbehandlung von invaliden Inhaftierten sein, da sie mit dem Leistungsbedarf
nichts zu tun hat. Die Ungleichbehandlung von inhaftierten Invaliden, die ihre allfällige
Resterwerbsfähigkeit effektiv verwerten, und jenen inhaftierten Invaliden, die nicht
erwerbstätig sind, lässt sich folglich sachlich nicht rechtfertigen, weshalb sie das
Gleichbehandlungsgebot des Art. 8 BV verletzt. In seinem Bestreben, eine
rechtsgleiche Behandlung von validen und invaliden Inhaftierten zu ermöglichen, hat
der historische Gesetzgeber also paradoxerweise eine Regelung geschaffen, welche
die rechtsgleiche Behandlung aller invaliden Inhaftierten verunmöglicht.
3.3 Damit stellt sich die Frage, ob ein anderes sachliches Kriterium existiert, das eine
unterschiedliche Behandlung von invaliden Inhaftierten rechtfertigen könnte
(beziehungsweise dazu zwingen würde). Dafür fällt die Unterscheidung zwischen Voll-
und Teilinvalidität in Betracht, denn auf den ersten Blick scheint ein Haftantritt für einen
Teilinvaliden andere Wirkungen zu zeitigen als für einen Vollinvaliden. Mit einem
Haftantritt verliert nämlich ein nicht erwerbstätiger Teilinvalider für die Dauer des
Strafvollzugs die Möglichkeit, doch noch eine Erwerbstätigkeit auszuüben, während
der Vollinvalide definitionsgemäss auch dann keiner Erwerbstätigkeit nachgehen
könnte, wenn er keine Haftstrafe verbüssen müsste. Doch wie ist dieser Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten des nicht erwerbstätigen Teilinvaliden aus
invalidenversicherungsrechtlicher Sicht zu werten? Er muss irrelevant sein. Für den
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Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung spielt es nämlich keine Rolle, ob die
Möglichkeit zu einer effektiven Verwertung einer allfälligen Resterwerbsfähigkeit
besteht, denn die Rente bezieht sich ja nicht auf jenen Teil der Erwerbsfähigkeit, der
allenfalls noch verwertet werden könnte, sondern im Gegenteil auf jenen Teil, der
infolge einer Gesundheitsbeeinträchtigung sowieso nicht (mehr) vorhanden ist. Auch
eine unterschiedliche Behandlung von Voll- und Teilinvaliden liesse sich folglich
sachlich nicht rechtfertigen, weshalb auch sie gegen das Gleichbehandlungsgebot des
Art. 8 BV verstossen würde.
3.4 Ein anderes Kriterium, das eine Ungleichbehandlung von invaliden Inhaftierten
rechtfertigen könnte, ist nicht ersichtlich. Bezüglich des Bedarfs nach einer Rente der
Invalidenversicherung erweist sich die Verbüssung einer Haftstrafe folglich in jedem Fall
als irrelevant. Ein Strafvollzug kann mit Blick auf den Rentenanspruch keine
unterschiedlichen Folgen für bestimmte Kategorien von Invaliden zeitigen, weshalb sich
eine Ungleichbehandlung von invaliden Inhaftierten nicht rechtfertigen lässt.
Konsequenterweise muss also jede Invalidenrente während der Dauer eines
Strafvollzugs sistiert werden.
3.5 Das Gleichbehandlungsgebot des Art. 8 BV verlangt darüber hinaus auch eine
rechtsgleiche Behandlung von inhaftierten und nicht inhaftierten Invaliden. An sich
müsste deshalb danach gefragt werden, ob es sich denn sachlich überhaupt
rechtfertigen lasse, die Rente eines inhaftierten Invaliden zu sistieren. Das ist nicht der
Fall, da sich die Verbüssung einer Haftstrafe wie oben dargelegt nicht auf den
Leistungsbedarf respektive auf den Leistungsanspruch gegenüber der
Invalidenversicherung auswirken kann. Der Invaliditätsgrad bleibt von einem Haftantritt
unberührt. Auch der in der Rechtsprechung wiederholt erwähnte Umstand, dass der
Staat während der Dauer einer Haftstrafe für den Unterhalt der inhaftierten Person
aufkomme, kann keine unterschiedliche Behandlung rechtfertigen, denn das mag zwar
für Kost und Logis zutreffen, aber nicht für die übrigen laufenden Unkosten der
invaliden Person. Gerade während einer nur relativ kurzen Haftstrafe wird die invalide
Person nicht umhin kommen, ihre Wohnungsmiete, die Prämien für die obligatorische
Krankenpflegeversicherung, die Steuern etc. weiter bezahlen zu müssen. Für diese
Unkosten kommt der Staat während einer Haftstrafe nicht auf. Aus der Sicht der
invaliden Person ändert sich folglich mit einem Haftantritt weder auf der Einnahmen-
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noch auf der Ausgabenseite etwas; ihr Leistungsbedarf bleibt unverändert. Die
Sistierung der Rente für die Dauer des Strafvollzugs lässt sich deshalb nicht mit dem
im Art. 8 BV verankerten Gleichbehandlungsgebot in Übereinstimmung bringen,
weshalb der Art. 21 Abs. 5 ATSG an sich als verfassungswidrig qualifiziert werden
müsste. Der Art. 190 BV verpflichtet aber die rechtsanwendenden Behörden und die
Gerichte zur Anwendung der Bundesgesetze, was bedeutet, dass der Art. 21 Abs. 5
ATSG ungeachtet seiner Verfassungskonformität angewendet werden muss. Die
Auslegung dieser Bestimmung muss aber so verfassungskonform und damit auch so
rechtsgleich wie möglich erfolgen. Da es also Fälle geben muss, in denen eine Rente
oder eine andere Geldleistung mit Erwerbsersatzcharakter zu sistieren ist, und da es
keine Kriterien zur (dem Gleichbehandlungsgebot genügenden) Unterscheidung
einzelner Fallkonstellationen gibt, kann die möglichst rechtsgleiche Behandlung nur
darin bestehen, ausnahmslos alle Geldleistungen mit Erwerbsersatzcharakter während
der Dauer eines Strafvollzugs zu sistieren.
3.6 Da die Beschwerdeführerin im massgebenden Zeitraum eine Haftstrafe verbüsst
hat, hat ihre Rente der Invalidenversicherung folglich ohne Weiteres sistiert werden
müssen. Zum selben Ergebnis würde man (zufälligerweise) auch gelangen, wenn man
das vom historischen Gesetzgeber geschaffene und vom Bundesgericht in konstanter
Rechtsprechung befolgte Regel-Ausnahme-Modell anwenden würde. Die
Beschwerdeführerin ist nämlich im Zeitpunkt des Haftantritts nicht erwerbstätig
gewesen, weshalb sie nicht in den Genuss einer Halbgefangenschaft gekommen ist.
Folglich hat keine Ausnahme vorgelegen, die die Nichtsistierung der Rente
gerechtfertigt hätte. So oder anders erweist sich die angefochtene Verfügung deshalb
im Ergebnis als rechtmässig.
4.
Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen. Die gemäss dem Art. 69 Abs. 1bis IVG zu
erhebenden und angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600
Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdeführerin
aufzuerlegen. Diese hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.