Decision ID: cefdcc85-e1b9-587b-9ef5-71cdaad8d7eb
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Kreso Glavas, Haus zur alten Dorfbank,
9313 Muolen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Rentenaufhebung
Sachverhalt:
A.
A.a A._, geboren 19_, meldete sich am 17. Juni 1998 (IV-act. 1) für Berufsberatung
und Arbeitsvermittlung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an. Sie gab an, an einer
Allergie auf Staub und Milben, an Rückenschmerzen (bestehend seit einem Unfall im
Jahr 1994) und an depressiven Verstimmungen zu leiden und deshalb ihrer bisherigen
Tätigkeit als „Arbeiterin“ in einer Textilfabrik nicht mehr nachgehen zu können.
Ergänzend gab sie am 29. August 1998 an (IV-act. 4), sie sei am 28. Januar 1994 als
Velofahrerin auf dem Trottoir von einem Auto angefahren worden. Ihre Arbeitgeberin
teilte am 18. September 1998 mit (IV-act. 5), die Versicherte arbeite seit dem 18. April
1995 als Stickereinachseherin für sie. Das Arbeitsverhältnis dauere an. Der Hausarzt
der Versicherten, Dr. med. B._, berichtete am 23. September 1998 (IV-act. 6), die
Versicherte sei bis auf Weiteres nicht in der Lage, ihre Tätigkeit als Aufseherin in einem
Stickereibetrieb auszuüben. Sie leide an einem chronischen Husten, der wahrscheinlich
allergisch bedingt sei (es sei eine Hausstauballergie bekannt), an multiplen
psychosomatischen Beschwerden (rezidivierender Pruritus und vegetative Dystonie)
und an einem chronisch rezidivierenden Lumbovertebralsyndrom bei muskulärer
Dysbalance. Eine Berufsberaterin der IV-Stelle berichtete am 14. Januar 1999 (IV-
act. 13), dass die Tätigkeit der Versicherten leicht und wechselbelastend sei, weshalb
die Versicherte diese trotz Rückenschmerzen habe ausführen können. In den letzten
gut zwei Jahren seien der vermutlich allergisch bedingte, chronische Husten sowie der
Pruritus im Vordergrund gestanden. Eine Behandlung durch den Psychiater
Dr. med. C._ habe gewisse Erfolge gezeitigt, doch seien in der Folge die
Rückenschmerzen wieder in den Vordergrund getreten. Zudem sei ein psycho-
physischer Erschöpfungszustand aufgetreten. Die Versicherte befinde sich in einer
sozial schwierigen Situation. Sie halte sich erst einige Jahre in der Schweiz auf und
spreche kaum Deutsch. Ihr Ehemann sei arbeitslos. Während er noch gearbeitet habe,
habe die Schwiegermutter die drei Kinder betreut. Dr. med. D._ von der Klinik für
orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen teilte am 10. Juni 1999 mit (IV-
act. 23), dass die Versicherte aufgrund einer chronischen rechtsbetonten
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Lumboischialgie bis auf Weiteres vollständig arbeitsunfähig sei. Als Mutter und
Hausfrau werde sie aber „noch voll eingesetzt“. Ein gezielter Muskelaufbau sollte die
Wiederaufnahme der bisherigen Erwerbstätigkeit ermöglichen.
A.b Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte im Juli 2000 durch das Zentrum für
medizinische Begutachtung (ZMB) medizinisch begutachtet. Die Sachverständigen
führten in ihrem Gutachten vom 29. August 2000 aus (IV-act. 33), sie hätten eine an
haltende somatoforme Schmerzstörung und eine chronische Lumboischialgie rechts
(bei Discushernie L5/S1 mit leichter Kompression der Nervenwurzel S1) diagnostiziert.
Aufgrund der orthopädischen Beschwerden könne die Versicherte nicht mehr über
längere Zeit stehen und keine schweren Lasten mehr tragen. Für körperlich angepasste
Tätigkeiten sei sie aber aus orthopädischer Sicht „praktisch normal“ arbeitsfähig.
Aufgrund der bei der letzten Arbeit vermehrt aufgetretenen respiratorischen
Beschwerden und der bekannten Allergie auf Milben und Entenfedern sei davon
auszugehen, dass sie an ihrem Arbeitsplatz reizenden Stoffen ausgesetzt gewesen sei,
weshalb ihr diese Tätigkeit bloss noch zu weniger als einem Drittel zumutbar sei. In
psychiatrischer Hinsicht stehe das depressiv-adyname Verhalten der Versicherten im
Vordergrund. Erhebliche psychosoziale Faktoren würden das Krankheitsbild wesentlich
mitbestimmen. Weil diese Faktoren schwierig zu beeinflussen seien, sei die Prognose
als ernst zu bezeichnen. Das psychiatrische Leiden beeinträchtige die Arbeitsfähigkeit
der Versicherten zu etwa einem Drittel. Mittels geeigneter somatischer und
psychiatrischer Massnahmen (konsequentes Training der Rücken- und
Bauchmuskulatur, Beinlängenkorrektur, straffe, eventuell kognitiv strukturierte
psychiatrische Führung, aggressivere antidepressive Behandlung) könne die
Arbeitsfähigkeit prognostisch auf etwa 80 Prozent gesteigert werden. Aktuell liege die
Arbeitsfähigkeit gesamthaft in einer dem Rücken adaptierten Tätigkeit bei 50 Prozent.
Die quantitative Einschränkung stehe im Zusammenhang mit dem psychiatrischen
Leiden. Mit einer Verfügung vom 20. Dezember 2001 (IV-act. 59) wurde der
Versicherten mit Wirkung ab dem 1. August 1999 eine Viertelsrente bei einem
Invaliditätsgrad von 48 Prozent zugesprochen (am 19. September 2002 wurde eine
Härtefallrente zugesprochen; IV-act. 70). Das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen hiess einen dagegen erhobenen Rekurs (IV-act. 63) mit einem Entscheid vom
27. März 2003 (IV 2002/19; vgl. IV-act. 78) gut und sprach der Versicherten eine halbe
Rente bei einem Invaliditätsgrad von 55 Prozent zu (vgl. IV-act. 80).
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B. Im Rahmen eines periodischen Rentenrevisionsverfahrens gab die Versicherte am
21. Oktober 2005 an (IV-act. 84), ihr Gesundheitszustand habe sich seit einem Jahr
verschlechtert. Ihr Hausarzt, Dr. med. E._, teilte am 3. November 2005 allerdings mit
(IV-act. 87), der Gesundheitszustand sei im Wesentlichen unverändert geblieben. Am
9. Dezember 2005 (IV-act. 91) teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie nach
wie vor einen Anspruch auf eine halbe Rente habe. In einem weiteren periodischen
Rentenrevisionsverfahren gab die Versicherte am 18. Dezember 2008 an (IV-act. 92),
ihr Gesundheitszustand habe sich nicht wesentlich verändert. Auch Dr. E._ berichtete
am 10. Februar 2009 (IV-act. 98) über einen unveränderten Gesundheitszustand. Am
5. Juni 2009 (IV-act. 102) teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass nach wie vor ein
Anspruch auf eine halbe Rente bestehe.
C.
C.a Im Februar 2012 eröffnete die IV-Stelle ein weiteres Rentenrevisionsverfahren. Die
Versicherte gab am 5. März 2012 wiederum an, ihr Gesundheitszustand habe sich nicht
wesentlich verändert (IV-act. 110). Der neue Hausarzt, Dr. med. F._, teilte am 1. April
2012 mit, der Gesundheitszustand der Versicherten habe sich verschlechtert. Die
Depression und das Rückenschmerzsyndrom hätten zugenommen. Am 2. Juli 2012 (IV-
act. 121) berichtete Dr. C._, der Gesundheitszustand sei im Vergleich zum 29. August
2000 im Wesentlichen gleich geblieben. Die Versicherte leide an einer rezidivierenden
depressiven Störung mit gegenwärtig mittelgradiger Episode und somatischen
Symptomen, an einer ängstlichen Persönlichkeitsstörung, an einem Asthma bronchiale
und an einem chronifizierten Schmerzsyndrom bei bekannten
Wirbelsäulenveränderungen.
C.b Auf eine Frage der zuständigen Sachbearbeiterin der IV-Stelle hin führte Dr. med.
G._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) am 27. August 2012 aus (IV-
act. 122), die Rentenzusprache sei gestützt auf das Gutachten des ZMB und damit
aufgrund einer somatoformen Schmerzstörung und einer chronischen Lumboischialgie
erfolgt. Dr. C._ habe über einen unveränderten Gesundheitszustand berichtet,
weshalb entgegen der Angabe von Dr. F._ von einem im Wesentlichen gleich
gebliebenen Gesundheitszustand auszugehen sei. Die Sachverständigen des ZMB
hätten sich nicht zu den „heutzutage geltenden (verschärften) Anerkennungskriterien
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(Stichwort Foerster-Kriterien)“ geäussert. Es liege deshalb – nach wie vor – ein
pathogenetisch-ätiologisch unklares syndromales Beschwerdebild ohne nachweisbare
organische Genese im Sinne der Schlussbestimmungen zur Änderung des IVG im
Rahmen des ersten Massnahmenpaketes der 6. IV-Revision („IV-Revision 6a“) vor. Mit
einem Vorbescheid vom 13. September 2012 (IV-act. 125) teilte die IV-Stelle der
Versicherten mit, dass die Einstellung der Invalidenrente gestützt auf die
Schlussbestimmungen zur IV-Revision 6a auf den ersten Tag des zweiten Monats nach
der Zustellung der Verfügung vorgesehen sei. Gleichentags bot die IV-Stelle der
Versicherten ihre Unterstützung bei der beruflichen Wiedereingliederung an (IV-
act. 126). Dagegen liess die Versicherte am 12. Oktober 2012 einwenden (IV-act. 130),
sie leide nicht an einem pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen
Beschwerdebild ohne nachweisbare organische Genese, sondern an einer
Discushernie L5/S1 mit Kompression der Nervenwurzel sowie an einer Allergie auf
Hausstaub und Entenfedern. Die Einstellung der Rente sei deshalb nicht rechtens.
Überdies habe sie während Jahren im geschützten Rahmen gearbeitet. Die
entsprechenden Akten seien einzuholen, bevor entschieden werden könne. Nachdem
der RAD-Arzt Dr. G._ am 26. November 2012 (IV-act. 132) Stellung zu den
Einwänden der Versicherten genommen und ausgeführt hatte, er halte an seiner
Beurteilung vom 27. August 2012 fest, verfügte die IV-Stelle am 26. November 2012
(IV-act. 133) die Einstellung der Invalidenrente.
D.
D.a Dagegen liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 3. Januar
2013 (Postaufgabe) Beschwerde erheben (act. G 1). Sie liess die Weiterausrichtung der
bisherigen Rente und die Gewährung beruflicher Massnahmen beantragen. Zur
Begründung liess sie im Wesentlichen ausführen, die Beschwerdegegnerin habe ihren
Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, indem sie nicht wie beantragt die Akten der
Arbeitslosenversicherung und der letzten Arbeitgeberin eingeholt habe. In materieller
Hinsicht sei zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin von einem
pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebild ohne nachweisbare
organische Genese als Grund für die Rentenzusprache ausgegangen sei, denn gemäss
dem Gutachten des ZMB leide die Beschwerdeführerin an einer chronischen
Lumboischialgie. Was die ebenfalls von den Sachverständigen des ZMB diagnostizierte
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somatoforme Schmerzstörung betreffe, so sei aufgrund der Ausführungen des
psychiatrischen Consiliargutachters eher von einer depressiven Störung auszugehen.
D.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 5. März 2013 die Abweisung der Be
schwerde, soweit darauf einzutreten sei (act. G 4). Zur Begründung führte sie im
Wesentlichen aus, auf das Begehren um berufliche Massnahmen sei nicht einzutreten.
Die Beschwerdeführerin habe sich auf das Schreiben vom 13. September 2012 nicht
gemeldet, weshalb davon auszugehen sei, dass sie an beruflichen Massnahmen gar
nicht interessiert sei. Zudem behaupte sie, nicht eingliederungsfähig zu sein. Die Akten
der letzten Arbeitgeberin seien eingeholt und der Beschwerdeführerin am
20. September 2012 zugestellt worden. Die Akten der Arbeitslosenversicherung seien
für das vorliegende Verfahren offensichtlich nicht von Relevanz. Allerdings sei
zuzugestehen, dass die unbegründete Nichteinholung der Akten eine leichte Verletzung
des rechtlichen Gehörs darstelle. Eine sorgfältige Lektüre des Gutachtens des ZMB
zeige, dass die quantitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auf die somatoforme
Schmerzstörung zurückzuführen sei.
D.c Mit einer Replik vom 21. März 2013 liess die Beschwerdeführerin an ihren
Anträgen festhalten (act. G 7). Sie liess dem Gericht Nachweise über
Stellenbemühungen zugehen. Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl.
act. G 9).

Erwägungen:
1.
1.1 Gemäss lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen der Änderung des IVG vom
18. März 2011 (6. IV-Revision, erstes Massnahmenpaket) werden Renten, die bei
pathogenetisch-ätiologisch unklaren syndromalen Beschwerdebildern ohne nachweis
bare organische Genese gesprochen worden sind, innerhalb von drei Jahren seit
Inkrafttreten dieser Gesetzesänderungen überprüft, wobei die Rente herabzusetzen
oder aufzuheben ist, wenn die Voraussetzungen von Art. 7 ATSG nicht erfüllt sind.
Keine Anwendung findet diese Bestimmung auf Personen, die im Zeitpunkt des
Inkrafttretens dieser Gesetzesänderungen das 55. Altersjahr zurückgelegt haben oder
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im Zeitpunkt, in dem die Überprüfung eingeleitet wird, seit mehr als 15 Jahren eine
Rente der Invalidenversicherung beziehen (Abs. 4). Diese Bestimmung ist am 1. Januar
2012 in Kraft getreten (AS 2011 5672). Der Gesetzgeber hat damit bezweckt, eine
rechtliche Grundlage zur Anpassung laufender Renten zu schaffen, die vor dem
1. Januar 2008 wegen „somatoformer Schmerzstörungen, Fibromyalgie und ähnlicher
Sachverhalte“ zugesprochen worden waren. In der Botschaft hat der Bundesrat
ausgeführt, dass eine Rente in Abweichung von Art. 17 ATSG auch dann anzupassen
sei, wenn weder eine wesentliche Veränderung des Gesundheitszustandes noch der
erwerblichen Verhältnisse vorliege, sofern die Überprüfung durch die IV-Stelle ergebe,
dass eine somatoforme Schmerzstörung, eine Fibromyalgie oder ein ähnlicher
Sachverhalt vorliege und gemäss Art. 7 ATSG als überwindbar zu qualifizieren sei. Eine
Herabsetzung oder Aufhebung dürfe allerdings nur nach eingehender Prüfung des
Sachverhaltes erfolgen. In jedem Fall seien die in BGE 130 V 352 formulierten Kriterien
zu prüfen. Zudem sei dem bisher berechtigterweise erfolgten Rentenbezug sowie der
dadurch entstandenen Situation angemessen Rechnung zu tragen. So sei in jedem
einzelnen Fall eine Güterabwägung vorzunehmen und auf dieser Basis zu entscheiden,
ob eine Anpassung im konkreten Fall als verhältnismässig erscheine (BBl 2010 1911;
vgl. auch Amtl. Bull. SR 2010 661 ff. und Amtl. Bull NR 2010 2116 ff.). Es handelt sich
bei dieser Schlussbestimmung um ein neues, zusätzliches Korrekturinstrument für
bestimmte formell rechtskräftige Rentenverfügungen. Der Gesetzgeber hat einen
Bedarf gesehen, laufende Renten, auf die heute die in BGE 130 V 352 eingeführte
Bundesgerichtspraxis anzuwenden wäre, nachträglich einer Überprüfung im Sinne
dieser Praxis zu unterziehen. Die Renten sollen aufgehoben oder herabgesetzt werden
können, wenn sie dieser nachträglichen Überprüfung nicht standhalten, und zwar auch
dann, wenn weder die Voraussetzungen für eine Rentenanpassung (Art. 17 ATSG) noch
jene für eine Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) oder eine Wiedererwägung (Art. 53 Abs. 2
ATSG) erfüllt sind. Es handelt sich also um eine Anpassung von Renten an eine
geänderte Bundesgerichtspraxis.
1.2 In einem Verfahren nach lit. a Abs. 1 der Schlussbestimmungen zur IV-Revision 6a
ist zuerst – gewissermassen im Sinne einer Eintretensprüfung – zu klären, ob die
Voraussetzungen für eine Überprüfung und allfällige Anpassung des Rentenanspruchs
gegeben sind. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, ob die Rente aufgrund eines
Leidens im Sinne dieser Bestimmung zugesprochen worden ist. Hierfür sind die „alten“
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Akten relevant, also die Akten, die im Zeitpunkt der Rentenzusprache im Recht gelegen
haben. Ist diese Frage zu bejahen und sind auch die übrigen Voraussetzungen (Alter
der versicherten Person, Dauer des Rentenbezuges, dreijährige Überprüfungsfrist ab
Inkrafttreten der Änderung) erfüllt, ist das eigentliche Verfahren zur (umfassenden und
sorgfältigen) Überprüfung und allfälligen Anpassung des Rentenanspruchs von Amtes
wegen zu eröffnen. Diese Überprüfung hat natürlich einerseits der geänderten
bundesgerichtlichen Rechtsprechung Rechnung zu tragen. Dem Entscheid, mit dem
das Verfahren abgeschlossen wird, muss das aktuell geltende Recht zugrunde liegen.
Das bedeutet, dass der Invaliditätsgrad unter Berücksichtigung der Vorgaben der
aktuellen Rechtslage neu zu ermitteln ist. Selbstverständlich muss der
Rechtsanwendung aber auch der aktuelle Sachverhalt zugrunde gelegt werden. Das
fordert bereits der Untersuchungsgrundsatz (Art. 43 Abs. 1 ATSG). Der Gesetzgeber
hat zudem keine Korrektur ex tunc, sondern vielmehr eine Anpassung ex nunc
vorgesehen. Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet also nicht: „Wie hoch ist der
Invaliditätsgrad im Zeitpunkt der ursprünglichen Rentenzusprache beim damaligen
Stand der Akten, aber unter Berücksichtigung der aktuellen Rechtsprechung
gewesen?“ Vielmehr ist die aktuelle Praxis auf den aktuellen Sachverhalt anzuwenden,
denn die rentenanpassungstypische Frage ist, wie hoch der Invaliditätsgrad im jetzigen
Zeitpunkt unter Berücksichtigung des aktuellen Sachverhaltes und des jetzt geltenden
Rechts ist. Der Gesetzgeber wollte die Vergangenheit auf sich beruhen lassen, die
laufenden Renten aber ab jetzt korrigieren. Diese Korrektur lässt sich nur so
durchführen, wenn das aktuelle Recht bzw. die aktuelle Praxis auf den aktuellen
Sachverhalt angewendet wird. Im Übrigen lässt sich bereits dem Wortlaut der
fraglichen Bestimmung entnehmen, dass die allfällige Rentenanpassung eine
sorgfältige und umfassende Überprüfung des massgebenden Sachverhaltes
voraussetzt. Würde nämlich aus der Bejahung der Voraussetzungen für die
Überprüfung direkt die Aufhebung der Rente folgen, hätte der Gesetzgeber gewiss
nicht die Möglichkeit einer Herabsetzung der Rente erwähnt.
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin hat am 1. Januar 2012 ihr 55. Altersjahr noch nicht voll
endet gehabt. Ihre Rente hat sie im Zeitpunkt der Eröffnung des Verfahrens, das mit
der angefochtenen Verfügung abgeschlossen worden ist, noch nicht 15 Jahre lang
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bezogen. Entgegen der Auffassung ihres Rechtsvertreters liegt auch auf der Hand,
dass sie an einem Beschwerdebild im Sinne der Schlussbestimmung leidet und dass
dieses Leiden letztlich zur Rentenzusprache geführt hat. Dem Gutachten des ZMB lässt
sich entnehmen, dass aus somatischer Sicht bloss qualitative und geringfügige
quantitative Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit aufgrund der Rückenbeschwerden
und Allergien attestiert worden sind. Der orthopädische Consiliargutachter hat
ausgeführt, der Beschwerdeführerin seien leidensadaptierte Tätigkeiten zu 80–90
Prozent zumutbar. Der Internist hat bloss qualitative Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit aufgrund der Allergien attestiert. Der psychiatrische Consiliargutachter
hat dagegen eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit um einen Drittel attestiert. In ihrer
Konsensbeurteilung haben die Sachverständigen die Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit auf 50 Prozent festgelegt, was mit den Teilgutachten übereinstimmt.
Abschliessend haben sie auch klar darauf hingewiesen, dass diese quantitative
Einschränkung erstens (hauptsächlich) auf psychiatrische Gründe zurückzuführen sei
und dass zweitens mittels geeigneter Massnahmen die Arbeitsfähigkeit wesentlich
verbessert werden könne. Hätten die Sachverständigen die Auswirkungen der
somatoformen Schmerzstörung nicht berücksichtigt, hätte sich die quantitative
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit also auf maximal 20 Prozent belaufen. Entgegen
der Auffassung der Beschwerdeführerin hat der psychiatrische Consiliargutachter auch
nicht gleichsam versehentlich eine somatoforme Schmerzstörung anstelle einer
depressiven Störung diagnostiziert. Eine depressive Verstimmung weist nicht per se
auf eine depressive Störung hin, sondern kann vielmehr auch Symptom einer anderen
psychiatrischen Störung, wie eben beispielsweise einer somatoformen
Schmerzstörung, sein. Abgesehen davon ist ein medizinischer Sachverständiger eher
in der Lage, die richtige Diagnose zu stellen, als ein medizinischer Laie. Die
entsprechenden Ausführungen des Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin erweisen
sich insbesondere unter diesem Gesichtspunkt nicht als zielführend.
Zusammenfassend sind die Voraussetzungen für eine nachträgliche Überprüfung der
Rentenzusprache und eine allfällige Anpassung an die geänderte Bundesgerichtspraxis
also erfüllt gewesen.
2.2 Die Überprüfung hat sich auf eine Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. G._ be
schränkt, der im Wesentlichen bloss ausgeführt hat, die Sachverständigen des ZMB
hätten sich zur Zumutbarkeit einer Erwerbstätigkeit trotz Schmerzen im Sinne der
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bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht geäussert. Dies trifft zwar zu, ersetzt aber
nicht die nachträgliche Zumutbarkeitsprüfung gemäss der bundesgerichtlichen Recht
sprechung. Dr. G._ hat mit anderen Worten die Frage, ob und in welchem Umfang es
der Beschwerdeführerin zumutbar sei, trotz ihrer Schmerzen einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen, nicht ausdrücklich beantwortet. Seine Ausführungen können zwar ge
samthaft dahingehend interpretiert werden, dass seines Erachtens die Arbeitsfähigkeit
der Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht nicht beeinträchtigt sei. Eine Be
gründung für diese Schlussfolgerung lässt sich seiner Stellungnahme aber nicht ent
nehmen. Die vom Gesetzgeber geforderte sorgfältige Prüfung der Zumutbarkeit ist
demnach nicht erfolgt. An sich wäre die Angelegenheit zur Durchführung der
erwähnten medizinischen Prüfung und anschliessenden Ermittlung des
Invaliditätsgrades an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Ausnahmsweise kann
davon aber vorliegend abgesehen werden, weil sich bereits die Sachverständigen des
ZMB zur Zumutbarkeit einer Erwerbstätigkeit trotz Schmerzen geäussert haben, was
der RAD-Arzt Dr. G._ übersehen zu haben scheint. Die Sachverständigen haben
nämlich ausgeführt, es sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin (mittels
geeigneter Massnahmen) ihr psychiatrisches Leiden „überwinden“ und eine
Erwerbstätigkeit im orthopädisch zumutbaren Rahmen (80 Prozent) ausüben könne.
Nach der aktuellen bundesgerichtlichen Rechtsprechung würde man von der
Notwendigkeit der erwähnten geeigneten Massnahmen absehen und direkt von einer
Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent ausgehen bzw.das psychiatrische Leiden a priori als
„nicht invalidisierend“ qualifizieren und dessen Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
nicht berücksichtigen. Die so genannten Foerster’schen Kriterien sind nämlich nicht
erfüllt. Es fehlt an einer mitwirkenden, psychisch ausgewiesenen Komorbidität von
erheblicher Schwere, Intensität, Ausprägung und Dauer, an chronischen körperlichen
Begleiterkrankungen von hinreichender Intensität und Konstanz, an einem
ausgewiesenen sozialen Rückzug in allen Belangen des Lebens, an einem verfestigten,
therapeutisch nicht mehr angehbaren innerseelischen Verlauf einer an sich
missglückten, psychisch aber entlastenden Konfliktbewältigung und an
unbefriedigenden Behandlungsergebnissen trotz konsequent durchgeführter
ambulanter oder stationärer Behandlungsbemühungen. Einzig der mehrjährige Krank
heitsverlauf könnte allenfalls als gegeben qualifiziert werden, was aber insgesamt
nichts daran ändert, dass gemäss der aktuellen bundesgerichtlichen Rechtsprechung
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die „invalidisierende Wirkung“ der somatoformen Schmerzstörung zu verneinen wäre.
Eine „bundesgerichtskonforme“ Überprüfung der Arbeitsfähigkeit wird also wohl zum
Attest einer Leistungsfähigkeit von 80 Prozent für leidensadaptierte Tätigkeiten führen.
2.3 Die Beschwerdegegnerin hat allerdings auch übersehen, dass Dr. E._ in seinem
Bericht vom 10. Februar 2009 eine Discusdegeneration mit Protrusion auf der Höhe L4/
L5 mit Einengung des Recessus lateralis links sowie auf der Höhe L4/S1 median bis
paramedian rechts, möglicherweise mit Tangierung der Nervenwurzel S1 rechts und
Spondylarthrose auf der Höhe L4/L5 und L5/S1 rechts diagnostiziert hatte (vgl. IV-
act. 98–1). Weil der orthopädische Consiliargutachter des ZMB in seinem Teilgutachten
lediglich auf eine kleine mediale und rechtslaterale Discushernie L5/S1 mit leichter
Kompression der Nervenwurzel S1 hingewiesen hatte (vgl. IV-act. 33–10), besteht ein
Grund zur Annahme, der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin habe sich seit
der Rentenzusprache in somatischer Hinsicht verschlechtert. Vor diesem Hintergrund
hätte die Beschwerdegegnerin zwingend Abklärungen bezüglich des aktuellen
somatischen Befundes tätigen müssen. Weil sie diese Abklärungen unterlassen hat,
beruht ihre angefochtene Verfügung auf einem nicht hinreichend abgeklärten und damit
nicht überwiegend wahrscheinlichen Sachverhalt. Die Verfügung ist deshalb
aufzuheben und die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zur Durchführung der
versäumten Abklärungen und zur anschliessenden Neuverfügung zurückzuweisen.
Hinsichtlich der Art und des Umfangs erscheint eine Aktenbeurteilung durch einen
RAD-Arzt (mit oder ohne persönliche Untersuchung) als ausreichend. Der RAD wird
allerdings letztlich beurteilen müssen, ob dies der Fall sei oder ob ein
versicherungsexternes Gutachten eingeholt werden müsse.
2.4 Inwiefern die Akten der Arbeitslosenversicherung, die Berichte über den Einsatz
im geschützten Rahmen oder die Stellenbemühungen der Beschwerdeführerin für die
hier zu beurteilende Frage von Belang sein sollten, erschliesst sich nicht aus den Akten.
Es ist auch keine diesbezügliche Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör
ersichtlich. Die Beschwerdeführerin hat einen Beweisantrag gestellt, dem die
Beschwerdegegnerin nicht gefolgt ist. Es wäre zwar zu begrüssen gewesen, wenn die
Beschwerdegegnerin explizit mitgeteilt hätte, dass und weshalb sie keine
entsprechenden Abklärungen tätigen wolle. Sie ist aber nicht verpflichtet gewesen,
diese Abklärungen zu tätigen, denn der Untersuchungsgrundsatz hat sie nur
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verpflichtet, den massgebenden Sachverhalt abzuklären, wozu die Akten der
Arbeitslosenversicherung soweit ersichtlich nichts Relevantes hätten beitragen können.
2.5 Über die Unterstützung bei einer beruflichen Eingliederung ist noch nicht verfügt
worden, weshalb auf den entsprechenden Antrag der Beschwerdeführerin nicht einge
treten werden kann.
3. Gesamthaft ist die Beschwerde also dahingehend gutzuheissen, als die ange
fochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur weiteren Abklärung und zur an
schliessenden Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist. Die ge
mäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und angesichts des durchschnittlichen Auf
wandes auf 600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten hat die Beschwerdegegnerin
zu tragen, weil die Rückweisung zu weiteren Abklärungen praxisgemäss hinsichtlich
der Kosten- und Entschädigungsfolgen als Obsiegen der Beschwerde führenden Partei
zu qualifizieren ist. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete
Kostenvorschuss von 600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der
Beschwerdeführerin sodann eine Parteientschädigung von 3’500 Franken
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP