Decision ID: 788ba293-9699-5904-b781-e5e9119859eb
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin suchte am 2. Dezember 2020 zusammen mit
ihrer Mutter (N [...]) in der Schweiz um Asyl nach.
A.b Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentral-
einheit Eurodac) vom 7. Dezember 2020 ergab, dass die Beschwerdefüh-
rerin am 22. Juni 2016 und am 16. September 2020 in Deutschland um
Asyl ersuchte hatte, dies nachdem sie mit einem Visum, ausgestellt durch
die französische Botschaft in Colombo, gemeinsam mit ihrer Mutter nach
Europa gekommen war.
A.c Am 8. Dezember 2020 fand die Personalienaufnahme statt.
A.d Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 17. Dezember 2020 gewährte
das SEM der Beschwerdeführerin im Beisein der ihr zugewiesenen Rechts-
vertretung das rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Deutsch-
lands für die Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens, zum
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
sowie zur Wegweisung nach Deutschland. Dabei gab die Beschwerdefüh-
rerin an, sie sei in Deutschland von einem dort lebenden Mann bedroht
worden. Zudem gehe es ihr psychisch nicht gut und habe sie Schlafstörun-
gen. Die Beschwerdeführerin reichte einen Beschluss des Familiengerichts
B._ vom 20. Februar 2019 betreffend Schutzmassnahmen sowie
eine gerichtliche Anordnung des Amtsgerichts B._ vom 11. Septem-
ber 2020 (Vorladung als Zeugin) zu den Akten.
A.e Am 18. Dezember 2020 ersuchte das SEM die deutschen Behörden
um Übernahme der Beschwerdeführerin gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
Die deutschen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen am 28. De-
zember 2020 zu.
A.f Die Beschwerdeführerin übernahm während des gesamten Dublin-Ver-
fahrens die Pflege, Betreuung und gesetzliche Vertretung ihrer (...) Mutter.
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A.g Medizinische Abklärungen ergaben, dass die Beschwerdeführerin an
Schlafstörungen und Kopfschmerzen leide. Zudem wurde von den Pflege-
fachkräften des Bundesasylzentrums festgestellt, dass sie mit der Betreu-
ung ihrer Mutter überfordert sei und an innerer Unruhe, Schmerzen und
Herzrasen leide. Es wurden ihr verschiedene Medikamente verschrieben.
B.
Mit Verfügung vom 22. April 2021 – eröffnet am 23. April 2021 – trat die
Vorinstanz in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylge-
such der Beschwerdeführerin nicht ein, verfügte ihre Überstellung nach
Deutschland, forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Be-
schwerdefrist zu verlassen und beauftragte den zuständigen Kanton mit
dem Vollzug der Wegweisung. Gleichzeitig wurden ihr die editionspflichti-
gen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt und festgestellt, dass
einer allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende
Wirkung zukomme.
C.
Die Rechtsvertreterin teilte dem SEM mit Schreiben vom 23. April 2021 die
Beendigung des Mandatsverhältnisses mit.
D.
Mit gemeinsam mit ihrer Mutter eingereichtem Rechtsmittel vom 30. April
2021 erhob die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
und auf ihr Asylgesuch sei einzutreten; eventualiter sei die Sache zur voll-
ständigen Feststellung des Sachverhalts und Neubeurteilung an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung der Beschwerde. Die Vollzugsbehörden seien anzuweisen, von
einer Überstellung nach Deutschland abzusehen, bis das Bundesverwal-
tungsgericht über den Suspensiveffekt der eingereichten Beschwerde ent-
schieden habe. Zudem beantragte sie die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses.
Der Beschwerde lagen persönliche Erläuterungen der Beschwerdeführe-
rin, ein (...)-Ausweis ihrer Mutter und ein Brief an das Amt für (...) vom
29. April 2021 zwecks Bestätigung der Fürsorgeabhängigkeit bei.
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E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
3. Mai 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend
aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine offensichtlich unbe-
gründete Beschwerde, weshalb auf einen Schriftenwechsel zu verzichten
und der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a
Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
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unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3 Im Falle eines sogenannten Aufnahmeverfahrens (engl.: take charge)
sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der
dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskri-
terien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Si-
tuation im Zeitpunkt, in dem der Antragsteller erstmals einen Antrag in ei-
nem Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im
Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) – wie das
vorliegende – findet demgegenüber grundsätzlich keine (erneute) Zustän-
digkeitsprüfung nach Kapitel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5
E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
4.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
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als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.5 Der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat ist verpflichtet,
einen Drittstaatsangehörigen oder einen Staatenlosen, dessen Antrag ab-
gelehnt wurde und der in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt
hat oder der sich ohne Aufenthaltstitel im Hoheitsgebiet eines anderen Mit-
gliedstaats aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24, 25 und 29 wieder-
aufzunehmen (Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO).
4.6 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre.
5.
Die Dublin-III-VO räumt den Schutzsuchenden grundsätzlich kein Recht
ein, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch
BVGE 2010/45 E. 8.3). Den vorliegenden Akten ist zu entnehmen, dass die
Beschwerdeführerin am 22. Juni 2016 und am 16. September 2020 in
Deutschland ein Asylgesuch eingereicht hatte. Am 18. Dezember 2020 er-
suchte die Vorinstanz die deutschen Behörden um Übernahme der Be-
schwerdeführerin. Dieses Rückübernahmeersuchen hiessen die deut-
schen Behörden am 28. Dezember 2020 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. d
Dublin-III-VO gut. Die grundsätzliche Zuständigkeit Deutschlands ist somit
gegeben.
6.
6.1 Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung damit, Deutschland bleibe
gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d Dublin-III-VO für das Asylverfahren der Be-
schwerdeführerin bis zu einem allfälIigen Wegweisungsvollzug oder einer
allfälligen Regelung des Aufenthaltsstatus weiterhin zuständig. Es würden
keine Hinweise vorliegen, dass Deutschland seinen völkerrechtlichen Ver-
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pflichtungen nicht nachgekommen wäre und das Asyl- und Wegweisungs-
verfahren nicht korrekt durchgeführt hätte. Sollte sie (die Beschwerdefüh-
rerin) mit einem allfällig erneuten Entscheid der deutschen Behörden nicht
einverstanden sein, könne sie den Beschwerdeweg beschreiten. Es gebe
keine Gründe für die Annahme, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Asylsuchende in Deutschland Schwachstellen aufweisen
würden, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Be-
handlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 der Eu-
ropäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) mit sich bringen würden.
Deutschland sei sowohl Signatarstaat des Abkommens vom 28. Juli 1951
über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Flüchtlingskonvention, FK,
SR 0.142.30) als auch der EMRK. Es lägen keine konkreten Anhaltspunkte
dafür vor, dass sich Deutschland nicht an seine völkerrechtlichen Verpflich-
tungen halten und die Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt
durchführen würde. Es sei nicht davon auszugehen, dass die Beschwer-
deführerin bei einer Überstellung nach Deutschland gravierenden Men-
schenrechtsverletzungen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO und Art.
3 EMRK ausgesetzt, in eine existenzielle Notlage geraten oder ohne Prü-
fung ihres Asylgesuchs und unter Verletzung des Non-Refoulement-Ge-
bots in ihren Heimat- oder Herkunftsstaat überstellt würde. Zudem lägen
keine systemischen Mängel in Deutschlands Asyl- und Aufnahmesystem
vor. Ferner bestünden weder Gründe, das Asylgesuch der Beschwerdefüh-
rerin gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO zu prüfen, noch die Souveräni-
tätsklausel anzuwenden.
Betreffend die geltend gemachten Probleme mit einem Mann in Deutsch-
land, dem sie versprochen worden sei, und der sie bedroht und versucht
habe, sie zu töten, könne den eingereichten gerichtlichen Dokumenten
(Beschluss des Familiengerichts B._ vom 20. Februar 2019 betref-
fend Schutzmassnahmen sowie die gerichtliche Anordnung vom 11. Sep-
tember 2020; vgl. Sachverhalt Bst. A.d) entnommen werden, dass
Deutschland ein demokratischer Rechtsstaat mit funktionierenden staatli-
chen Polizei-, Behörden- und Justizorganen und schutzwillig sowie schutz-
fähig sei. Zudem habe Deutschland das spezifische Übereinkommen des
Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen
und häuslicher Gewalt unterzeichnet und ratifiziert (Istanbul-Konvention).
Das SEM sehe angesichts der zahlreichen tatsächlichen und rechtlichen
Möglichkeiten, die Deutschland der Beschwerdeführerin als Opfer von
Übergriffen durch diesen Mann zur Verfügung stelle, keinen Grund, wes-
halb sie auf den Schutz der Schweiz angewiesen sein sollte.
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Betreffend die dargelegten gesundheitlichen Beeinträchtigungen sei fest-
zuhalten, dass Deutschland über eine ausreichende medizinische Infra-
struktur verfüge und verpflichtet sei, ihr die erforderliche medizinische Ver-
sorgung zu gewähren. Es lägen keine Hinweise vor, wonach Deutschland
der Beschwerdeführerin eine medizinische Behandlung verweigert hätte
oder zukünftig verweigern würde. Ihr Asylgesuch sei zwar bereits rechts-
kräftig abgeschlossen, und selbst wenn sie deswegen keinen Anspruch
mehr auf eine Unterbringung oder eine weitergehende staatliche oder
nichtstaatliche Unterstützung hätte, sei Deutschland weiterhin für ihr Ver-
fahren bis zu einem allfälligen Wegweisungsvollzug nach Sri Lanka zustän-
dig. Für das weitere Dublin-Verfahren sei einzig die Reisefähigkeit aus-
schlaggebend. Diese werde erst kurz vor der Überstellung definitiv beur-
teilt. Das SEM trage dem aktuellen Gesundheitszustand bei der Organisa-
tion der Überstellung nach Deutschland Rechnung, indem es die deut-
schen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 VO Dublin vor der Über-
stellung über den Gesundheitszustand und die notwendige medizinische
Behandlung informiere. Deutschland sei für das weitere Verfahren zustän-
dig, weshalb auf das Asylgesuch nicht eingetreten werde.
6.2 Die Beschwerdeführerin macht demgegenüber geltend, die deutschen
Behörden seien in Bezug auf die Drohungen seitens ihres Ex-Verlobten
weder schutzwillig noch schutzfähig. Ihre psychische Gesundheit habe
sich wegen der Situation in Deutschland – ihre schwer kranke Mutter habe
keine angemessene Unterkunft erhalten – und durch die Vorkommnisse
der letzten Jahre erheblich verschlechtert. Das SEM habe sich zwar bei
der Pflege des BAZ nach ihrer Gesundheit erkundigt, indes den medizini-
schen Sachverhalt in Bezug auf ihre Traumatisierung nur ungenügend ab-
geklärt. Zudem sei ihre Mutter, welche an einer schweren (...) Erkrankung
leide, rund um die Uhr auf Pflege angewiesen. Sie und ihre Mutter seien
vulnerable Personen, weshalb die Souveränitätsklausel anzuwenden sei.
Es sei aus humanitären Gründen auf eine Wegweisung nach Deutschland
zu verzichten.
7.
7.1 Eine Prüfung der Akten ergibt, dass die im erstinstanzlichen Verfahren
und auf Beschwerdeebene vorgebrachten Gründe an der staatsvertragli-
chen Zuständigkeit Deutschlands für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens nichts zu ändern vermögen. Deutschland hat denn
auch der Wiederaufnahme zugestimmt. Die Zuständigkeit Deutschlands
wird von der Beschwerdeführerin nicht bestritten.
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7.2 Deutschland ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105), der FK sowie
deren Zusatzprotokoll vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301) und kommt
seinen entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Ferner
gelten in Deutschland die Richtlinien 2013/32/EU (Verfahrensrichtlinie),
2011/95/EU (Qualifikationsrichtlinie) und 2013/33/EU (Aufnahmerichtlinie)
des Europäischen Parlaments und des Rates. Es darf davon ausgegangen
werden, Deutschland anerkenne und schütze die Rechte, die sich für
Schutzsuchende aus den genannten Richtlinien ergeben.
In Übereinstimmung mit der Vorinstanz und ständiger Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts weist das Asylverfahren in Deutschland keine
systemischen Schwachstellen im Sinn von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auf
(vgl. anstelle vieler Urteil des BVGer F-464/2021 vom 8. Februar 2021
E. 5.1 m.H.). Der Vollständigkeit halber ist in diesem Zusammenhang fest-
zustellen, dass ein definitiver Entscheid über ein Asylgesuch und die Weg-
weisung in das Heimatland nicht per se eine Verletzung des Non-Refoule-
ment-Prinzips darstellt.
Es ist zudem davon auszugehen, Deutschland verhalte sich auch bei einer
allfälligen Abschiebung von Antragstellern mit rechtskräftig abgewiesenen
Gesuchen in den Herkunfts- oder einen Drittstaat ausserhalb des Asylver-
fahrens unions- oder völkerrechtskonform. Diesbezüglich gelangt die
Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates 2008/115/EG vom
16. Dezember 2008 über die gemeinsamen Normen und Verfahren in den
Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger
zur Anwendung.
Die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO fällt demnach nicht in Be-
tracht.
7.3 Die Vorinstanz hat sodann die Anwendung des Selbsteintrittsrechts im
Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu
Recht verneint.
7.3.1 Die Beschwerdeführerin hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko
dargetan, wonach die deutschen Behörden sich weigern würden, sie wie-
deraufzunehmen und einen allfälligen neuen Antrag auf internationalen
Schutz unter Einhaltung der Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den
Akten sind denn auch keine Gründe für die Annahme zu entnehmen,
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Seite 10
Deutschland werde in ihrem Fall den Grundsatz des Non-Refoulement
missachten und sie zur Ausreise in ein Land zwingen, in dem ihr Leib, ihr
Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefähr-
det ist oder in dem sie Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches
Land gezwungen zu werden. Ausserdem hat die Beschwerdeführerin nicht
dargetan, die ihr bei einer Rückführung erwartenden Bedingungen in
Deutschland seien derart schlecht, dass sie zu einer Verletzung von Art. 4
der EU-Grundrechtecharta, Art. 3 EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten.
Soweit sie geltend macht, sie möchte aus Angst vor ihrem Ex-Verlobten
nicht nach Deutschland zurückkehren, kann den eingereichten gerichtli-
chen Unterlagen entnommen werden, dass sich die deutschen Behörden
sehr wohl als schutzwillig und schutzfähig erweisen. Es steht der Be-
schwerdeführerin offen, für den Fall, dass sie mit allfälligen Entscheidun-
gen der deutschen Behörden nicht einverstanden sein sollte und/oder sich
von ihrem Ex-Verlobten weiterhin bedroht fühlt oder bedroht wird, sich er-
neut an die deutschen Behörden zu wenden.
7.3.2 Hinsichtlich des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin
kann ferner den im vorinstanzlichen Verfahren vorgenommenen medizini-
schen Abklärungen entnommen werden, dass die Beschwerdeführerin an
Knieschmerzen rechts (nach einer Knieoperation vor 15 Jahren), Kopf-
schmerzen und gewissen Schlafstörungen leide sowie psychisch ange-
schlagen sei. Sie leide sehr an der (...) Erkrankung ihrer Mutter. Die Pfle-
gekräfte des Bundesasylzentrums bemerkten hiezu, dass sie mit der Be-
treuung ihrer Mutter massiv überfordert sei. Die Beschwerdeführerin
wünschte keine Medikamente, jedoch eine Psychotherapie.
Dazu ist festzuhalten, dass die Vorinstanz entgegen des Einwandes in der
Beschwerdeschrift den Sachverhalt zu Recht als ausreichend erstellt er-
achtete und demnach auch keine weitere medizinische Abklärung vorge-
nommen hat. Entsprechend kann nicht von einer ungenügenden Feststel-
lung des Sachverhalts ausgegangen werden, weshalb der diesbezügliche
Eventualantrag abzuweisen ist.
Bei den erwähnten gesundheitlichen Problemen der Beschwerdeführerin
handelt es sich sodann nicht um solche, die unter die vom EGMR in seinem
Urteil vom 13. Dezember 2016 (Nr. 41738/10 Paposhvili gg. Belgien),
§183, genannten "other very exceptional cases" subsumiert werden. Je-
denfalls stellen sich diese nicht derart gravierend dar, als dass eine Über-
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stellung nach Deutschland eine tatsächliche Gefahr (real risk) einer Verlet-
zung von Art. 3 EMRK mit sich bringen würde (vgl. BVGE 2011/9 E. 7
m.w.H.). Die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragten
Behörden werden den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der
konkreten Modalitäten der Überstellung der Beschwerdeführerin, welche
zusammen mit ihrer Mutter zu erfolgen hat, Rechnung tragen und die deut-
schen Behörden vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen me-
dizinischen Umstände informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO).
7.3.3 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessensspiel-
raum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 und 8). Die angefochtene Verfügung ist unter
diesem Blickwinkel nicht zu beanstanden; insbesondere sind den Akten
keine Hinweise auf einen Ermessensmissbrauch oder ein Über- respektive
Unterschreiten des Ermessens zu entnehmen. Das Gericht enthält sich
deshalb in diesem Zusammenhang weiterer Äusserungen.
Vorliegend besteht kein Grund für eine Anwendung der Ermessensklauseln
von Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1.
7.4 Zusammenfassend ist Deutschland der für die Behandlung des Asyl-
gesuchs der Beschwerdeführerin zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-
III-VO. Deutschland ist verpflichtet, die Beschwerdeführerin wiederaufzu-
nehmen.
8.
Das SEM hat demnach den rechtserheblichen Sachverhalt vollständig und
korrekt erhoben und ist zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten. Weil
die Beschwerdeführerin nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder
Niederlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Deutschland
in Anwendung von Art. 44 AsylG zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
9.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
E-2047/2021
Seite 12
10.
Aus den Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung kein
Bundesrecht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist (Art. 106
AsylG und Art. 49 VwVG). Die Beschwerde ist somit abzuweisen.
11.
Da das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
werden die Anträge um Erteilung der aufschiebenden Wirkung und um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos.
12.
12.1 Das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtspflege (im Sinne der unentgeltlichen Prozessführung
nach Art. 65 Abs. 1 VwVG) ist abzuweisen, da dieses Begehren – wie sich
aus den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtslos zu bezeich-
nen war.
12.2 Die Verfahrenskosten sind somit gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen und auf insgesamt Fr. 750.– festzuset-
zen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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