Decision ID: a44a78c0-1912-4393-8d7c-cf3984f3ea90
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 2. November 2021 in der Schweiz um
Asyl nach. Am 5. November 2021 bevollmächtigte er die ihm zugewiesene
Rechtsvertretung. Am 9. November 2021 fand die Personalienaufnahme,
am 16. November 2021 das Dublin-Gespräch und am 17. Januar 2022 die
Anhörung zu den Asylgründen statt.
Der Beschwerdeführer machte geltend, er stamme aus B._ (Pro-
vinz Dohuk), wo er seit seiner Geburt bis zur Ausreise gelebt habe. Er habe
als Hilfskraft an einer (...) zusammen mit neun anderen Angestellten (zwei
Buchhalter, zwei Zapfsäulenwarte, eine Reinigungskraft, zwei Wachmän-
ner, ein Koch und der Tankstellenbetreiber) gearbeitet und auf dem Markt
des (...) Waren in grosser Menge verkauft. Eines Tages sei er von Sicher-
heitsbehörden auf das Revier von C._ mitgenommen worden, wo
er gefoltert und zu einem seiner Kunden (S.) aus seinem Dorf befragt wor-
den sei, den er jedoch nicht persönlich gekannt habe. Als er nach acht Ta-
gen dorthin zurückgekehrt sei, um seine persönlichen Sachen abzuholen,
sei er durchsucht und nach D._ auf das Generalsicherheitsamt ge-
bracht worden. Dort sei er abermals befragt und zu einer Aussage gegen
S., dem (...) vorgeworfen worden seien, gedrängt worden. Zudem habe er
sich zum Erscheinen am Gerichtstermin mit einer Kaution verpflichten müs-
sen, bevor er schliesslich mit seinem Vater habe nach Hause gehen kön-
nen. Ungefähr zehn Tage später hätten ihm Angehörige von S. telefonisch
gedroht. Für ihn sei diese Situation schwierig gewesen; einerseits sei er
von der Familie von S. bedroht worden, andererseits hätten ihn die Behör-
den bei Nichterscheinen vor Gericht festgenommen oder zumindest (...)
Kaution von seinem Vater verlangt. Deshalb habe er und seine gesamte
Kernfamilie das Land verlassen müssen. Zwei Wochen vor seiner Ausreise
habe er seinen Reisepass verlängern lassen und sei dann am (...) 2021
mit seinem Bruder auf legalem Weg in die Türkei gereist. Am (...) 2021
seien seine Eltern und weiteren Geschwister – ebenfalls legal – nachge-
reist. In der Schweiz habe er von seiner Schwester – die verheiratet in der
Schweiz lebe – erfahren, dass im Irak gegen ihn und seinen Vater inzwi-
schen ein Haftbefehl erlassen worden sei.
B.
Am 19. Januar 2022 wurde das Verfahren dem erweiterten Verfahren zu-
geteilt. Mit Schreiben vom 19. Januar 2022 erklärte die Rechtsvertretung
des Beschwerdeführers, sie habe das Mandat niedergelegt.
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C.
Mit Verfügung vom 9. Februar 2022 (zugestellt am 17. Februar 2022) stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte das Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der
Schweiz, ordnete deren Vollzug an, beauftragte den zuständigen Kanton
mit dem Vollzug der Wegweisung und händigte die editionspflichtigen Ak-
ten gemäss Aktenverzeichnis aus.
D.
Mit Eingabe vom 15. März 2022 reichte der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, es sei die Verfü-
gung des SEM vom 9. Februar 2022 aufzuheben und Asyl zu gewähren.
Eventualiter sei er als Flüchtling vorläufig aufzunehmen. Subeventualiter
sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig bezie-
hungsweise nicht zumutbar sei, und er sei vorläufig aufzunehmen. Allen-
falls sei die Angelegenheit zur neuerlichen Abklärung des Sachverhalts so-
wie zur neuen Entscheidung an das SEM zurückzuweisen. In prozessualer
Hinsicht seien die Akten des Vorverfahrens beizuziehen. Zudem sei die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren, auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses zu verzichten und der rubrizierte Rechtsvertreter als amtlicher
Rechtsbeistand beizuordnen.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht seit
17. März 2022 in elektronischer Form vor.
F.
Mit Instruktionsverfügung vom 18. März 2022 bestätigte der Instruktions-
richter den Eingang der Beschwerde und stellte fest, der Beschwerdeführer
könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Der
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Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung le-
gitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten
Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend aufgezeigt,
handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur summarisch zu be-
gründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG
wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Auf den Antrag die aufschiebende Wirkung betreffend (vgl. Beschwerde
S. 13) ist nicht einzutreten, da diese der Beschwerde nicht entzogen wurde
(vgl. Art. 55 VwVG).
5.
Die Flüchtlingseigenschaft muss nachweisen oder zumindest glaubhaft
machen, wer um Asyl nachsucht (Art. 7 AsylG). Glaubhaft gemacht ist die
Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwie-
gender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält. Unglaubhaft sind insbeson-
dere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in
sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massge-
blich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden
(Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an
das Glaubhaftmachen der Vorbringen in einem publizierten Entscheid dar-
gelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(BVGE 2010/57 E. 2.2 und 2.3).
6.
6.1 Nach Prüfung der Akten durch das Gericht ist in Übereinstimmung mit
der Vorinstanz festzustellen, dass die Asylvorbringen des Beschwerdefüh-
rers den Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG
nicht standzuhalten vermögen, weshalb vorab auf die zutreffenden Erwä-
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gungen der Vorinstanz zu verweisen ist. Die vorinstanzliche Schlussfolge-
rung ist weder in tatsächlicher noch in rechtlicher Hinsicht zu beanstanden.
Die Beschwerdevorbringen sind nicht geeignet, zu einer von der Vorinstanz
abweichenden Betrachtungsweise zu gelangen. Der Beschwerdeführer
moniert in formeller Hinsicht, die Vorinstanz habe seine in Aussicht gestell-
ten Beweismittel nicht abgewartet beziehungsweise nicht gewürdigt, womit
sie den Sachverhalt nicht ausreichend festgestellt und das rechtliche Ge-
hör verletzt habe. Es trifft zwar zu, dass er in der Anhörung zu den Asyl-
gründen ein Gerichtsurteil in Aussicht stellte. Dieses hat er indessen weder
im vorinstanzlichen Verfahren noch auf Beschwerdeebene einreicht, ob-
wohl er hierzu bereits im vorinstanzlichen Verfahren ausreichend Zeit ge-
habt hätte (vgl. zur diesbezüglichen Mitwirkungspflicht Art. 8 Abs. 1 Bst. d
AsylG). Die Behauptung, man habe ihm damals gesagt, die Einreichung
dieses Beweismittels sei vorerst nicht notwendig, erweist sich als akten-
widrig (vgl. SEM-eAkten A21/18 F52 f.). Zudem wurden die angeblich vor-
handenen Beweismittel in der Beschwerde weder ansatzweise konkreti-
siert noch in Aussicht gestellt. Schliesslich liegt auch in dem Umstand, dass
die Vorinstanz nach einer gesamtheitlichen Würdigung der aktenkundigen
Parteivorbringen zu einem anderen Schluss gelangt als der Beschwerde-
führer, weder eine Verletzung des rechtlichen Gehörs noch eine unrichtige
oder unvollständige Sachverhaltsfeststellung. Die Vorinstanz hat den
Sachverhalt ausreichend festgestellt; es liegt keine Gehörsverletzung vor.
Die entsprechenden Rügen sind unbegründet.
6.2 Aufgrund des dargelegten Sachverhalts ist davon auszugehen, dass
dieser anhand von verschiedenen Beweismitteln hätte belegt werden kön-
nen. Der Beschwerdeführer hat indessen bis heute keine entsprechenden
Beweismittel eingereicht und deren Ausbleiben in der Beschwerde auch
nicht ansatzweise erklärt, was erste Zweifel an den geltend gemachten
Fluchtgründen zulässt. Hinzu kommt, dass der Beschwerdeführer vor der
Mitnahme durch die Sicherheitskräfte weder in Haft war noch Probleme mit
den Behörden hatte und seine Ausführungen auch nicht darauf schliessen
lassen, dass er einer Familie mit entsprechenden Problemen entstammt.
Vor diesem Hintergrund ist das plötzliche und derart brutale Vorgehen der
Behörden gegen ihn nicht nachvollziehbar (vgl. a.a.O. F73 f.). Ebenfalls
gegen die dargelegten Probleme mit den Behörden spricht, dass der Be-
schwerdeführer seinen Reisepass zwei Wochen vor seiner Ausreise prob-
lemlos hat verlängern lassen können und mit seiner gesamten Kernfamilie
gestaffelt und legal ohne geschilderte Hürden ausreisen konnte (vgl. z. B.
a.a.O. F56 S. 11 und F51). Zudem konnte seine in der Schweiz lebende
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Schwester problemlos in den Irak fliegen und am 15. Januar 2022 zurück-
kehren (vgl. a.a.O. F30). Des Weiteren ist es nicht nachvollziehbar, wes-
halb die Behörden einzig den Beschwerdeführer und den Tankstellenbe-
treiber befragt haben sollen, gab es an der Tankstelle doch sowohl zustän-
diges Sicherheitspersonal (Wachmänner) als auch Überwachungskame-
ras; die entsprechenden Erklärungsversuche des Beschwerdeführers ver-
mögen sodann auch nicht zu überzeugen (vgl. a.a.O. F64, F66 und F72).
Was schliesslich die Ausführungen zu der angeblichen Drohung durch die
Familie von S. anbelangt – die einzig per Telefon ausgesprochen worden
sein soll – sind diese oberflächlich ausgefallen und hinterlassen einen ste-
reotypen Eindruck; ihnen ist bereits aus diesem Grund die Glaubhaftigkeit
abzusprechen. Im Übrigen hätten diese – sofern sie tatsächlich ausgespro-
chen worden wären – bei den Behörden gemeldet werden können. Nach
dem Gesagten ist nicht davon auszugehen, dass ein Haftbefehl gegen den
Beschwerdeführer und seinen Vater vorliegt (vgl. a.a.O. F56 S. 11). Die
Beschwerde vermag diese Erwägungen nicht zu entkräften, da sie lediglich
an der Glaubhaftigkeit der gemachten Aussagen festhält, indem sie entwe-
der das bereits bei den Befragungen Dargelegte wiederholt, die von der
Vorinstanz aufgeführten Ungereimtheiten nicht nachvollziehbar zu erklären
vermag oder sich in weiteren Mutmassungen erschöpft.
6.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer
nicht gelungen ist, einen glaubhaften beziehungsweise flüchtlingsrechtlich
bedeutsamen Sachverhalt darzulegen. Die Feststellung der Vorinstanz,
dieser erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, ist dementsprechend zu be-
stätigen. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
7.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG). Beim Geltendmachen von Wegwei-
sungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsge-
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richts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingsei-
genschaft; das heisst, sie sind wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.
BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völkerrecht-
liche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder
des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegen-
stehen. Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt,
ist das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des
Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) und Art. 5 AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des
Vollzuges beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und
völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Überein-
kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK,
SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Weder aus den Akten noch aus der Beschwerde ergeben sich konkrete
Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer für den Fall einer Aus-
schaffung in den Irak dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach
Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausge-
setzt wäre. Der Vollzug der Wegweisung ist zulässig.
8.3
8.3.1 Der Vollzug der Wegweisung kann nach Art. 83 Abs. 4 AIG unzumut-
bar sein, wenn der Ausländer oder die Ausländerin im Heimat- oder Her-
kunftsstaat auf Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner
Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet ist.
8.3.2 Die Vorinstanz stellt in der angefochtenen Verfügung fest, die Kon-
fliktlage im Irak zeichne sich durch grosse Dynamik und Volatilität aus, wo-
mit allgemeine Aussagen über die Sicherheits- und Menschenrechtslage
rasch ihre Gültigkeit verlieren könnten. Trotz grosser Flüchtlingswelle in die
Autonome Region Kurdistan (ARK) sei die Sicherheits- und Versorgungs-
lage für Einheimische nicht derart gravierend, dass generell von einer kon-
kreten Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG gesprochen werden
könne. Die Lage in den angrenzenden Distrikten in den Provinzen Ninawa,
Salah ad-Din und Diyala habe sich zudem dahingehend wesentlich verän-
dert, dass der Krieg gegen die Terrormiliz Islamischer Staat als Territorial-
macht von der irakischen Regierung als beendet erklärt worden sei. Auch
wenn nach wie vor das Risiko von terroristischen Anschlägen bestehe und
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sich die wirtschaftliche Lage im Nachgang des Unabhängigkeitsreferen-
dums vom 25. September 2017 sowie aufgrund der Ereignisse in der Re-
gion verschärft und teilweise zu Protesten in der Bevölkerung geführt habe,
herrsche in der ARK keine Situation allgemeiner Gewalt. Der Wegwei-
sungsvollzug sei deshalb grundsätzlich zumutbar, was im Einklang mit der
aktuellen Wegweisungspraxis des Bundesverwaltungsgerichts stehe. Zu-
dem würden im vorliegenden Fall auch keine individuellen Gründe gegen
die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprechen.
8.3.3 Diese Ausführungen sind nicht zu beanstanden. So hat sich das Bun-
desverwaltungsgericht im Urteil BVGE 2008/5 einlässlich mit der Frage der
Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die drei damaligen kurdischen
Provinzen des Nordiraks (Dohuk, Erbil und Suleimania) auseinanderge-
setzt. Es hielt diesbezüglich fest, dass sich sowohl die Sicherheits- als auch
die Menschenrechtslage in dieser Region im Verhältnis zum restlichen Irak
relativ gut darstelle. Gestützt auf die vorgenommene Lageanalyse kam das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass ein Wegweisungsvollzug in
die kurdischen Provinzen dann zumutbar ist, wenn die betreffende Person
ursprünglich aus der Region stammt, oder eine längere Zeit dort gelebt hat
und über ein soziales Netz (Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis)
oder über Beziehungen zu den herrschenden Parteien verfügt, wobei bei
alleinstehenden Frauen, Familien mit Kindern, Kranken sowie Betagten
grosse Zurückhaltung angebracht sei (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5, insb.
E. 7.5.1 und 7.5.8).
Diese Praxis wurde in den folgenden Jahren durch das Bundesverwal-
tungsgericht bekräftigt. Im Referenzurteil E-3737/2015 vom 14. Dezember
2015 wurde die Lage im Nordirak und die Zumutbarkeitspraxis neuerlich
überprüft. Festgestellt wurde, dass in den Provinzen der ARK aktuell nach
wie vor nicht von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83
Abs. 4 AIG auszugehen ist. An dieser Einschätzung, welche jeweils auf die
aktuell herrschende Lage fokussiert, ändert auch das am 25. Septem-
ber 2017 in der ARK durchgeführte Referendum nichts, in dem offenbar
eine Mehrheit der Kurden für die Unabhängigkeit vom Irak votierte. Den
begünstigenden individuellen Faktoren – insbesondere denjenigen eines
tragfähigen familiären Beziehungsnetzes – ist angesichts der Belastung
der behördlichen Infrastrukturen durch im Irak intern Vertriebene (Internally
Displaced Persons [IDPs]) gleichwohl ein besonderes Gewicht beizumes-
sen (vgl. dazu statt vieler Urteil des BVGer E-1524/2020 vom 28. Mai 2020
E.6.4.2).
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Der Beschwerdeführer, der den Irak erst vor kurzer Zeit auf legalem Wege
verlassen hat, kann lesen und schreiben (vgl. z. B. selbständig ausgefülltes
Personalienblatt SEM-eAkten 1/2), gehört der Partei KDP (Kurdistan De-
mocratic Party) an und hatte bis ungefähr einen Monat vor seiner Ausreise
eine Arbeit als Hilfskraft an einer (...), wo er zudem Waren in grosser
Menge auf dem Markt des (...) verkaufte. Dass er nicht wissen will, wo sich
seine Eltern zurzeit genau aufhalten, ändert an der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs nichts, handelt es sich bei ihm doch um einen volljähri-
gen, alleinstehenden und selbständigen Mann, der vor Ort über ein gros-
ses intaktes familiäres Beziehungsnetz verfügt (z. B. neun Onkel und sie-
ben Tanten), zu dem er Kontakt pflegt und auf dessen Hilfe er – bei Bedarf
– im Hinblick auf seine Reintegration zurückgreifen kann (vgl. SEM-eAkten
21/18 F26 bis F28). Zudem konnte die Familie ein Haus verkaufen, womit
die Ausreise der siebenköpfigen Kernfamilie finanziert werden konnte (vgl.
a.a.O. F88). Die genannten begünstigenden Faktoren sprechen für die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Im Übrigen leidet der Beschwerde-
führer den Akten zufolge an keinen gesundheitlichen Problemen, die einem
Wegweisungsvollzug entgegenstehen könnten. Insgesamt ist nicht davon
auszugehen, dass er bei einer Rückkehr nach B._ (Provinz Dohuk)
aufgrund der allgemeinen Situation oder aus individuellen Gründen wirt-
schaftlicher, sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzbedro-
hende Lage geraten würde. Dieser Schlussfolgerung wird in der Rechts-
mitteleingabe nichts Stichhaltiges entgegengestellt. Dass der Beschwerde-
führer im Irak namentlich niemanden mehr haben soll (vgl. Beschwerde S.
12), ist eine durch nichts belegte Behauptung, die überdies seinen Aussa-
gen in der Anhörung nicht entspricht.
Der Vollzug der Wegweisung erweist sich nach dem Gesagten sowohl in
genereller als auch individueller Hinsicht als zumutbar.
8.4 Nach Art. 83 Abs. 2 AIG ist der Vollzug auch als möglich zu bezeichnen,
weil es dem Beschwerdeführer obliegt, sich die für eine Rückkehr notwen-
digen Reisedokumente bei der zuständigen Vertretung seines Heimat-
staats zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu BVGE 2008/34 E. 12).
Der Vollzug der Wegweisung ist möglich.
8.5 Die Vorinstanz hat den Vollzug demnach zu Recht als zulässig, zumut-
bar und möglich erachtet. Damit fällt die Anordnung einer vorläufigen Auf-
nahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG). Das Subeventualbegehren
ist abzuweisen.
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9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen. Nach dem Gesagten be-
steht auch kein Grund zur Rückweisung der Sache an die Vorinstanz; das
entsprechende Beschwerdebegehren ist abzuweisen.
10.
10.1 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass seine Begehren als aussichtslos zu gelten
haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht
gegeben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist. Aus demselben
Grund kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung
nicht stattgegeben werden.
10.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE], SR 173.320.2)
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen. Mit vorliegendem Urteil ist der An-
trag auf Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos
geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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