Decision ID: 00ea76cd-58fc-451c-b63b-07c22399e412
Year: 2013
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Mit Urteil vom 13. Juni 2005 erklärte das Amtsgericht Dresden den deut-
schen Staatsangehörigen A. des Betruges in fünf Fällen schuldig und ver-
urteilte ihn unter Einbeziehung der durch Urteil des Amtsgerichts Dresden
vom 4. Mai 2004 und der durch Strafbefehl des Amtsgerichts Dresden vom
2. Dezember 2003 verhängten Strafen unter Auflösung der dort gebildeten
Gesamtstrafe zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr, wobei es de-
ren Vollstreckung zur Bewährung aussetzte. Mit separatem Beschluss vom
selben Tag wurden A. bestimmte Auflagen gemacht und die Bewährungs-
zeit auf zwei Jahre und sechs Monate festgesetzt. In einem weiteren Urteil
gegen A. erklärte das Amtsgericht Dresden diesen am 29. November 2005
des Computerbetruges in 19 Fällen schuldig und verurteilte ihn zu einer
Gesamtfreiheitsstrafe von 12 Monaten, wobei auch deren Vollstreckung zur
Bewährung ausgesetzt wurde. Mit separatem Beschluss wurde die diesbe-
zügliche Bewährungszeit auf drei Jahre festgesetzt. Mit separaten Be-
schlüssen vom 7. Februar 2011 widerrief das Amtsgericht Dresden hin-
sichtlich beider Urteile die Strafaussetzung zur Bewährung (vgl. zum Gan-
zen act. 4.2 und die dazugehörigen Beilagen).
B. Hierauf ersuchte das Sächsische Staatsministerium für Justiz und Europa
das Bundesamt für Justiz (nachfolgend "BJ") am 12. Dezember 2012 um
Auslieferung des in der Schweiz wohnhaften A. zwecks Vollstreckung der
beiden Freiheitsstrafen (act. 4.2). Gestützt auf den entsprechenden Auslie-
ferungshaftbefehl des BJ (act. 4.7) wurde A. am 16. Januar 2013 festge-
nommen und durch die Staatsanwaltschaft Bischofszell zur Sache befragt.
Hierbei stimmte er einer vereinfachten Auslieferung nicht zu (vgl. act. 4.6,
S. 5). Mit Stellungnahme vom 30. Januar 2013 (ergänzt am 1. Februar
2013) liess sich A. beim BJ zum Auslieferungsersuchen vernehmen. Hier-
bei schloss er auf Abweisung des Auslieferungsersuchens und auf seine
Entlassung aus der Auslieferungshaft (act. 4.13, 4.14 und 4.15). Mit Ent-
scheid vom 5. Februar 2013 bewilligte das BJ die Auslieferung von A. an
Deutschland für die dem Auslieferungsersuchen vom 12. Dezember 2012,
ergänzt am 21. Januar 2013, zugrunde liegenden Straftaten und wies das
Haftentlassungsgesuch ab (act. 1.2).
C. Hiergegen gelangte A. mit Beschwerde vom 8. März 2013 an die Be-
schwerdekammer des Bundesstrafgerichts und beantragt Folgendes
(act. 1):
"1. Der Auslieferungsentscheid der Beschwerdegegnerin sei aufzuheben.
2. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge (inkl. Mehrwertsteuer) zulasten der Staatskasse."
In prozessualer Hinsicht beantragt A. zudem, es sei ihm die unentgeltliche
Prozessführung zu gewähren und es sei ihm Rechtsanwalt Valentin Land-
mann als unentgeltlicher Rechtsvertreter beizugeben.
Die Beschwerdekammer ersuchte das BJ um Einreichung der Akten
(act. 3), welche ihr am 13. März 2013 übermacht wurden (act. 4 – 4.18),
und verzichtet im Übrigen auf die Durchführung eines Schriftenwechsels.
Auf die Ausführungen des Beschwerdeführers und die eingereichten Akten
wird, soweit erforderlich, in den folgenden rechtlichen Erwägungen Bezug
genommen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Für den Auslieferungsverkehr zwischen der Schweiz und Deutschland sind
primär das Europäische Auslieferungsübereinkommen vom 13. Dezem-
ber 1957 (EAUe, SR 0.353.1), das hierzu ergangene zweite Zusatzprotokoll
vom 17. März 1978 (ZPII EAUe, SR 0.353.12), welchem beide Staaten bei-
getreten sind, sowie der Vertrag vom 13. November 1969 zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Bundesrepublik Deutschland
über die Ergänzung des EAUe und die Erleichterung seiner Anwendung
(ZV EAUe, SR 0.353.913.61) massgebend. Ausserdem gelangen die Be-
stimmungen der Art. 59 ff. des Übereinkommens vom 19. Juni 1990 zur
Durchführung des Übereinkommens von Schengen vom 14. Juni 1985
(Schengener Durchführungsübereinkommen, SDÜ; Abl. L 239 vom
22. September 2000, S. 19 – 62) zur Anwendung (BGE 136 IV 88 E. 3.1
S. 89), wobei die zwischen den Vertragsparteien geltenden weitergehen-
den Bestimmungen aufgrund bilateraler Abkommen unberührt bleiben
(Art. 59 Abs. 2 SDÜ).
1.2 Soweit diese Staatsverträge bestimmte Fragen nicht abschliessend regeln,
findet auf das Verfahren der Auslieferung ausschliesslich das Recht des
ersuchten Staates Anwendung (Art. 22 EAUe), vorliegend also das Bun-
desgesetz vom 20. März 1981 (Rechtshilfegesetz, IRSG; SR 351.1) und
die Verordnung vom 24. Februar 1982 über internationale Rechtshilfe in
Strafsachen (Rechtshilfeverordnung, IRSV; SR 351.11). Dies gilt auch im
Verhältnis zum SDÜ (Art. 1 Abs. 1 lit. a IRSG). Das innerstaatliche Recht
gelangt nach dem Günstigkeitsprinzip auch dann zur Anwendung, wenn
dieses geringere Anforderungen an die Auslieferung stellt (BGE 137 IV 33
E. 2.2.2 S. 40 f.; 136 IV 82 E. 3.1; 122 II 140 E. 2 S. 142). Vorbehalten
bleibt die Wahrung der Menschenrechte (BGE 135 IV 212 E. 2.3; 123 II 595
E. 7c S. 616; TPF 2008 24 E. 1.1 S. 26). Auf Beschwerdeverfahren in in-
ternationalen Rechtshilfeangelegenheiten sind darüber hinaus die Bestim-
mungen des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwal-
tungsverfahren (Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVG; SR 172.021) an-
wendbar (Art. 39 Abs. 2 lit. b StBOG).
2.
2.1 Gegen Auslieferungsentscheide des BJ kann innerhalb von 30 Tagen nach
Eröffnung des Entscheids bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafge-
richts Beschwerde geführt werden (Art. 55 Abs. 3 i.V.m. Art. 25 Abs. 1
IRSG; Art. 12 Abs. 1 IRSG i.V.m. Art. 50 Abs. 1 VwVG). Die Frist beginnt
an dem auf ihre Mitteilung folgenden Tage zu laufen (Art. 20 Abs. 1 VwVG).
2.2 Der angefochtene Entscheid wurde dem Vertreter des Beschwerdeführers
am 6. Februar 2013 eröffnet (vgl. act. 4.17). Die am 8. März 2013 durch ihn
erhobene Beschwerde erweist sich daher als fristgerecht. Die übrigen Ein-
tretensvoraussetzungen geben zu keinen Bemerkungen Anlass, weshalb
auf die Beschwerde einzutreten ist.
3. Die Beschwerdekammer ist nicht an die Begehren der Parteien gebunden
(Art. 25 Abs. 6 IRSG). Sie prüft die Auslieferungsvoraussetzungen grund-
sätzlich mit freier Kognition. Die Beschwerdekammer befasst sich jedoch
nur mit Tat- und Rechtsfragen, die Streitgegenstand der Beschwerde bilden
(BGE 132 II 81 E. 1.4; 130 II 337 E. 1.4; TPF 2011 97 E. 5; Entscheide des
Bundesstrafgerichts RR.2012.175 vom 7. März 2013, E. 5; RR.2013.4 vom
12. Februar 2013, E. 3).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer beruft sich zusammenfassend auf Art. 4 IRSG und
auf das diesem Artikel zu Grunde liegende Prinzip der Verhältnismässig-
keit. Er macht diesbezüglich geltend, beim Grund für den Widerruf der
Strafaussetzung zur Bewährung handle es sich nur um einen leichten Ver-
stoss gegen die Bewährungsauflagen. Eine Auslieferung nach Deutschland
würde sein mittlerweile in der Schweiz neu aufgebautes Leben zerstören
(vgl. act. 1, Ziff. II.10 ff., S. 6 ff.).
http://links.weblaw.ch/BGE-122-I-139 http://links.weblaw.ch/BGE-123-II-595
4.2 Die Vertragsparteien des EAUe sind grundsätzlich verpflichtet, einander
Personen auszuliefern, die von den Justizbehörden des ersuchenden Staa-
tes wegen strafbaren Handlungen verfolgt werden, welche sowohl nach
dem Recht des ersuchenden als auch nach dem des ersuchten Staates mit
einer Freiheitsstrafe oder die Freiheit beschränkenden sichernden Mass-
nahme im Höchstmass von mindestens einem Jahr oder mit einer schwere-
ren Strafe bedroht sind (Art. 1 und 2 Ziff. 1 Satz 1 EAUe). Ist im Hoheitsge-
biet des ersuchenden Staates eine Verurteilung zu einer Strafe erfolgt oder
eine sichernde Massnahme angeordnet worden, so muss deren Mass min-
destens vier Monate betragen (Art. 2 Ziff. 1 Satz 2 EAUe). Gemäss Art. II
ZV EAUe wird eine Auslieferung auch gewährt, wenn das Mass einer noch
zu vollstreckenden Strafe oder bei mehreren noch zu vollstreckenden Stra-
fen deren Summe mindestens drei Monate beträgt.
4.3 Die Rüge des Beschwerdeführers, seine Auslieferung verstosse gegen
Art. 4 IRSG, erweist sich offensichtlich als unbegründet, nachdem es die
einschlägigen Bestimmungen des Völkerrechts (siehe oben E. 1.1) dem er-
suchten Staat nicht erlauben, selbst zu entscheiden, ob es sich um einen
Bagatellfall handelt oder nicht (TPF 2011 89 E. 3.1 m.w.H.; siehe zuletzt
u. a. auch die Entscheide des Bundesstrafgerichts RR.2012.153 vom
9. Oktober 2012, E. 6; RR.2011.183 vom 26. September 2011, E. 3.3;
RR.2011.84 vom 11. Mai 2011, E. 3.1). Vielmehr ergibt sich eine Ausliefe-
rungsverpflichtung aus Art. 1 und 2 Ziff. 1 Satz 2 EAUe (vgl. supra E. 4.2).
Somit spielt es auch keine Rolle mehr, dass gestützt auf Art. 4 IRSG eine
Auslieferung gegebenenfalls zu verweigern wäre, wenn die Bedeutung der
Straftat und nicht diejenige eines allfälligen Verstosses gegen Bewäh-
rungsauflagen die Durchführung des Verfahrens nicht rechtfertigen würde.
4.4 Nach dem Gesagten erweist sich der angefochtene Entscheid als recht-
mässig. Sofern die vom Beschwerdeführer gegen seine Auslieferung erho-
benen Einreden und Einwendungen überhaupt zu hören sind, erweisen sie
sich zum vornherein als unbegründet. Andere Auslieferungshindernisse
sind nicht erkennbar. Die Beschwerde ist – ohne Schriftenwechsel (Art. 57
Abs. 1 VwVG e contrario) – abzuweisen.
5.
5.1 Die Beschwerdekammer befreit eine Partei, die nicht über die erforderli-
chen Mittel verfügt, auf Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten,
sofern ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und
bestellt dieser einen Anwalt, wenn dies zur Wahrung ihrer Rechte notwen-
dig ist (Art. 65 Abs. 2 VwVG). Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtspre-
chung sind Prozessbegehren als aussichtslos anzusehen, wenn die Ge-
https://www.swisslex.ch/LawDetail.mvc/Show?normalizedReference=CH%2F0.353.1%2F1
winnaussichten beträchtlich geringer erscheinen als die Verlustgefahren.
Dagegen gilt ein Begehren nicht als aussichtslos, wenn sich Gewinnaus-
sichten und Verlustgefahren ungefähr die Waage halten oder jene nur we-
nig geringer sind als diese (BGE 138 III 217 E. 2.2.4; 134 I 92 E. 3.2.1;
129 I 129 E. 2.3.1).
5.2 Anhand des oben Ausgeführten erweist sich die Beschwerde offensichtlich
als aussichtslos im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG. Demzufolge ist das
Gesuch des Beschwerdeführers um unentgeltliche Rechtspflege und Ver-
beiständung abzuweisen.
6. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Gerichtsgebühr
ist auf Fr. 3'000.-- festzusetzen (Art. 63 Abs. 5 VwVG i.V.m. Art. 73 StBOG
sowie Art. 5 und 8 Abs. 3 lit. a des Reglements des Bundesstrafgerichts
vom 31. August 2010 über die Kosten, Gebühren und Entschädigungen in
Bundesstrafverfahren [BStKR, SR 173.713.162]).