Decision ID: e382a09b-6374-476a-a726-86df3377c648
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 196
7
,
ist
ausgebildete Telefonistin
(Urk
. 8/
3
).
Der
Versicherte
n wurde ihre letzte
fest
e
Stelle
als
Telefonistin bei der
Y._
per
Januar 1989 gekündigt
(vgl. Urk. 8/
9
S. 3
)
. Sie war kurzzeitig noch 2006/2007 bei der
Z._
angestellt
(
Urk. 8/20
)
, ansonsten war sie erwerbslos
.
Am 22. Juli 2004
(Urk. 8/3)
meldete
sie sich unter Hinweis auf die Angaben
der behandelnden Ärzte
, welche Such
t
erkrankungen sowie Panikattacken und eine längerdauernde mittelgradige depressive Episode diagnostizierten
(Urk. 8/10/1-3)
, bei
der Invalidenversicherung
zum Leistungs
-
bezug
an.
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, wies das Leistungsbegehren
unter Hinweis auf ein im Vordergrund stehendes Abhängig
keitsverhalten
mit Verfügung vom
29
.
September
20
04
(Urk. 8/
12
) ab.
1.2
Am
28
.
Oktober
201
3
meldete sich die Versicherte unter Hinweis auf
verschie
de
ne Leiden (Schlafstörungen, Fettleber, Arthrose, Rippenbrüche, Rückenbe
schwer
den,
Borderline
, Persönlichkeitsstörung,
Hepatitis
C, vergröss
erte Eierstö
cke)
erneu
t bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 8/
15
).
Die IV-Stelle tätigte Abklärungen in erwerblicher und medizinischer Hinsicht und
stellte
der Versicherten
mit Vorbescheid vom 6
.
Juni 2014 (Urk. 8/30
)
die Abweisung des
Leistungsbegehrens in Aussicht
.
Nach Einwand der Versicherten
vom
14
. J
uli 201
4
(Urk. 8/
35
)
tätigte die
IV-Stelle
weitere medizinische
Abklärungen und
veran
lasste
ein polydisziplinäres
Gutachten
bei
der
A._
(
Urk.
8/
75
und
Urk. 8/77)
.
Nach Stellungnahme
n
der Versicherten vom 18. Mai 2016 (Urk. 8/81) und des Regional
en
Ärztlichen Dienstes
(RAD)
vom 25. April, 10. Mai und 19. August 2016 (vgl. Urk. 8/83 S. 5-10) wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren der Versicherten mit Verfügung vom 1
9.
August 2016 (Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob die Versicherte am 22. September 2016 Beschwerde (Urk. 1) mit den Anträgen, es sei die Verfügung der IV-Stelle vom 19. August 2016 aufzu
heben und diese zu verpflichten, ihr die gesetzlichen Leistungen, insbesondere eine Invalidenrente zu gewähren. Zudem sei ihr die unentgeltliche Prozess
führung zu gewähren und Rechtsanwalt Thomas Wyss, Zürich, als unentgeltlicher Rechtsvertreter zu bestellen und ein zweiter Schriftenwechsel
zu bewilligen
(S. 2).
Die IV-Stelle beantragte am
31
. Oktober 2016 Abweisung der Beschwerde (Urk. 7), was der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom
3
. November 2016 (Urk. 9) zur Kenntnis
gebracht
wurde.
Am 12. Mai
2017 (Urk. 10) reichte der
Ver
treter der Beschwerdeführerin seine Kostennote (Urk. 11) ein und am 27. Juli 201
7 (Urk. 12) zeigte er seinen Kanzleiwechsel an.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des Bundesgesetzes über den All
gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG
).
Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG
).
Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausge
gliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.
3
War eine Rente wegen eines zu geringen Invaliditätsgrades verweigert worden und ist die Verwaltung auf eine Neuanmeldung eingetreten (Art. 87 Abs. 3
der Verordnung über die Invalidenversicherung, IVV
), so ist im Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob im Sinne von
Art.
17 ATSG eine für den Rentenanspruch relevante Änderung des Invaliditätsgrades eingetreten ist (BGE 117 V 198 E. 3a mit Hin
weis).
1.4
Nach der Rechtsprechung führt Drogensucht (wie auch Alkoholismus und Medi
ka
mentenmissbrauch) als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Dagegen wird sie im Rahmen der Invalidenversicherung relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden eingetre
ten ist, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesund
heitsschadens ist, dem Krankheitswert zukommt (BGE 124 V 265 E. 3c). Aus letzterem Leitsatz folgt nicht, dass die Auswirkungen einer Drogensucht, die ihrerseits auf einen Gesundheitsschaden zurückgeht, per se invaliditäts
begrün
dend sind. Die zitierte Praxis setzt vielmehr den Grundsatz um, dass funktionelle Einschränkungen nur anspruchsbegründend sein können, wenn sie sich als Folgen selbständiger Gesundheitsschädigungen darstellen (Art. 6 ff. ATSG und Art. 4 Abs. 1 IVG). Insofern verhält es sich ähnlich wie im Verhältnis zwischen psychosozialen oder soziokulturellen Umständen und fachärztlich festgestellten psychischen Störungen von Krankheitswert (BGE 127 V 294 E. 5a): Wo die Gutachter im Wesentlichen nur Befunde erheben, welche in der Drogensucht ihre hinreichende Erklärung finden, gleichsam in dieser aufgehen, ist kein invali
di
sierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben. Dies trifft zu, wenn davon auszugehen ist, dass sich beispielsweise ein depressives Zustandsbild bei einer
(angenommenen) positiven Veränderung der suchtbedingten psychosozialen Prob
lematik wesentlich
bessern
(und die damit verbundene Beeinträchtigung des Leistungsvermögens sich entsprechend verringern) würde (Urteil des Bundes
gerichts 8C_582/2015 vom 8. Oktober 2015 E. 2.2.1 unter Hinweis auf 8C_580/2014 vom 11. März 2015 E. 2.2.1 und 9C_856/2012 vom 19. August 2013 E. 2.2.1).
Angesichts der insoweit finalen Natur der Invalidenversicherung (BGE 120 V 95 E. 4c; Meyer/
Reichmuth
, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 3. Aufl. 2014,
Rz
51 zu Art. 4 IVG) ist nicht entscheidend, ob die Drogensucht Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens ist oder ob die Sucht ausserhalb eines Kausalzusammenhangs mit dem versicherten Gesundheitsschaden steht. In beiden Konstellationen sind reine Suchtfolgen IV-rechtlich irrelevant, soweit sie als solche allein leistungsmindernd wirken. Hingegen sind sie gleichermassen IV-rechtlich relevant, soweit sie in einem engen Zusammenhang mit einem eigen
ständigen Gesundheitsschaden stehen. Dies kann der Fall sein, wenn die Drogen
sucht – einem Symptom gleich – Teil eines Gesundheitsschadens bildet (BGE 99 V 28 E. 3b); dies unter der Voraussetzung, dass nicht allein die unmittelbaren Folgen des Rauschmittelkonsums, sondern wesentlich auch der psychiatrische Befund selber zu Arbeitsunfähigkeit führt. Sodann können selbst reine Sucht
folgen invalidisierend sein, wenn daneben ein psychischer Gesundheitsschaden
besteht, welcher die Betäubungsmittelabhängigkeit
aufrecht erhält
oder deren Folgen massgeblich verstärkt. Umgekehrt können die Auswirkungen der Sucht (unabhängig von ihrer Genese) wie andere psychosoziale Faktoren auch mittelbar zur Invalidität beitragen, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der Folgen eines Gesundheitsschadens beeinflussen (Urteil des Bundesgerichts 8C_582/2015 vom 8. Oktober 2015 E. 2.2.2 unter Hinweis auf 8C_580/2014 vom 11. März 2015 E. 2.2.2 und 9C_856/2012 vom 19. August 2013 E. 2.2.2).
Im
erwähnten Urteil 8C_582/2015
vom 8. Oktober 2015
E. 4
hat das Bundes
gericht entschieden, dass die Rechtsprechung
gemäss
BGE
141 V 281 psychoso
ma
tische Leiden betrifft und auf Suchtproblematiken nicht anwendbar ist (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_6/2016 vom 3. Februar 2016 E. 4.2.3 mit Hinweis auf die Kritik
von
Liebrenz
/
Uttinger
/Ebner, Sind Abhängigkeitserkrankungen aus höchstrichterlicher Sicht [weiterhin] nicht mit anderen psychischen Störungen [z.B. somatoformen Störungen] vergleichbar? - Eine Urteilsbesprechung von BGE 8C_582/2015 im Lichte der theoretischen Anwendbarkeit des ergebnisoffenen, strukturierten Beweisverfahrens, in: SZS
2016 S. 96; ferner:
Liebrenz
et
alii
, Das Suchtleiden bzw. die Abhängigkeitserkrankungen - Möglichkeiten der Begutach
tung nach
BGE 141 V 281
[= 9C_492/2014]
, in: SZS 2016 S.
12).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vor
akten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammen
hänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete ihre leistungsabweisende Verfügung vom
19
.
August 2016
(Urk. 2) damit
, dass
kein invalidisierender Gesundheitsschaden vorliege, welcher einen Anspruch auf eine Invalidenrente rechtfertige
.
Aus den medizinischen Abklärungen ergäben sich Schwierigkeiten
in
der Diagnose
stel
lung eines psychischen Leidens. Es habe erneut keine einwandfreie psychia
trische Diagnose gestellt werden können. Zudem nehme die somatische Beeinträchtigung keinen erheblichen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
(Urk. 2 S.
2
).
2.2
Die Beschwerdeführerin stellte sich in ihrer Beschwerde vom 2
2
. September 2016 (Urk. 1) zusammengefasst auf den Standpunkt,
sie sei
fachgutachterlich attestiert sicher schon seit mehreren Jahren vollständig arbeitsunfähig für jede Tätigkeit in
der freien Wirtschaft. Dies würde auch gelten, falls die von den Fachgutachtern
des
A._
differenzialdiagnostisch festgestellten Diagnosen vorliegen würden
. Es handle sich keinesfalls um eine Primärsucht.
Das
A._
-Gutachten sei absolut schlüssig und nachvollziehbar
(S. 7)
.
2.3
Umstritten ist vorliegend, ob der Beschwerdeführerin nach der Neuanmeldung aufgrund einer allfälligen Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes nunmehr
eine
Invalidenrente
zusteht.
Vorliegend sind die aktuellen gesundheitlichen Verhältnisse zu vergleichen mit denjenigen, wie sie sich im Zeitpunkt des Erlasses
der
Verfügung vom 29. Septem
ber 2004 (Urk. 8/10/1-3)
gezeigt haben.
3.
3.1.
Die ursprüngliche rentenabweisende
Verfügung vom 29. September 2004 (Urk. 8
/
12
)
basierte
im Wesentlichen auf
folgenden Berichten
:
3.2
Dr.
med.
B._
,
Facharzt für Allgemein
e Innere
Medizin FMH
sowie
Oberarzt
Drop-in
,
und Dr.
phil.
C._
, Psychologin,
von
der
D._
,
welche die
Beschwerdeführerin seit
9
.
Januar
20
01
behandelte
n
, nannte
n
in
ihrem
Bericht vom
1. September 2004 (
Urk.
8/10/1-3)
folgende Diagnosen
mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
(S. 1
):
-
Status nach Alkoholabhängigkeit, zurzeit abstinent (ICD-10 F10.20)
-
Status nach Heroinabhängigkeit, zurzeit substituiert
(ICD-10
F1
1
.22)
-
Status nach täglichem Kokainkonsum, zurzeit episodischer Kokainkonsum (ICD-10 F14.26)
-
Status nach
Benzodiazepinabhängigkeit
, zurzeit abstinent (ICD-10 F1
3.20)
-
Panikattacken (ICD-10 F40.01)
-
Status nach
einer längerdauernden mittelgrad
i
gen depressiven Episode
(ICD-10
F
32.11)
Die Fachpersonen führten aus, dass d
ie Beschwerdeführerin eine sehr lange und massive Suchterkrankung
zeige
, welche sich in den letzten Jahren reduziert und etwas stabilisiert habe (S. 3).
3.
3
Dr. med.
E._
vom RAD
berichtete in seiner auf die Akten gestützten Stel
lungnahme vom 23. September 2004 (Urk. 8/1
1), dass Art.
8 ATSG nicht erfüllt sei. Es handle sich
um reines Suchtgeschehen. Es lie
ge keine suchtunabhängige Ko-Morbidität von Krankheitswert vor. Sowohl die Panikattacken als auch die depressive Episode 1999 seien Folge des Substanzmissbrauchs und seien unter
Abstinenz klar reversibel.
4.
4.1
Die rentenabweisende Verfügung vom
19
.
August 2016 (Urk.
2) nach Neuan
meldung beruhte
im Wesentlichen
auf nachstehenden medizinischen Berichten.
4.
2
F._
,
A
ssistenzarzt, und Dr.
med.
G._
, Oberarzt
und
Facharzt für Psy
chiatrie und Psychotherapie,
von
der
D._
, in welcher die
Beschwerdeführerin
vom 7. November 2012 bis zum 3. Januar 2013
zwecks
Alkoholentzug
s
zum achte
n Mal
stationär behandelt wurde
sowie
sich
seit 9. Januar 2001 in ambu
lan
ter Behandlung befand
(Urk. 8/27/1)
,
nannte
n
in
ihrem
Austrittsb
ericht vom
5
.
Februar 2013 (Urk.
8/
27
/1
5
-
18
)
folgende Diagnosen (S. 1
):
-
Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F10.2
)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch
Opioide
: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F1
1
.2)
-
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung:
Borderline
-Typ (ICD-10 F60.31
)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch
Kokain
:
Schädlicher Gebrauch (ICD-10 F14
.
1
)
Die Ärzte
berichteten, dass
es
d
urch die affektive Instabilität und verminderte Impulskontrolle bei Stressoren schnell zu destruktivem Verhalten mit Konsum
komme
. Länge
re
Phasen der Abstinenz seien gerade aufgrund der Schwere der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung kaum absehbar. Eine erfolgverspre
chende Behandlung der Alkoholabhängigkeit sei nur mit einer spezifischen Be
handlung der Persönlichkeitsstörung möglich (S. 2 f.).
4.
3
M
ed.
pract
.
H._
, Assistenzärztin
,
Dr. med.
I._
, Oberarzt und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
,
und
Dr. phil.
C._
, Psychologin,
von
der
D._
,
in welcher die Beschwerdeführerin
seit
7. Januar 2014
in stationärer Be
hand
lung befand
, nannten in ihrem
Bericht
vom
28
. Februar 201
4
(Urk. 8/27/
1
-
5
)
folgende Diagnosen
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(S. 1):
-
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom
Borderline
-Typus (ICD-10 F60.31; seit Jugend mit Erstdiagnose 2011)
, im Rahmen einer
p
ost
traumatischen Belastungsstörung (ICD-10 F43.1; seit Jugend)
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.1)
-
Störung durch Alkohol,
Abhängigkeitssyndrom
, gegenwärtig abstinent in beschütztem Umfeld
(ICD-10 F10.2
1; seit Jugend
)
-
Panikstörung (F41.0; seit September 2013)
Daneben nannten sie folgende Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeits
fähig
keit (S. 1):
-
Störung
durch Opioide
,
Abhängigkeitssyndrom
, gegenwärtig Teilnahme an ei
nem ärztlich
überwachten Substitutionsprogramm
(ICD-10 F11.
2
2)
-
Störung
durch Kokain
, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent
(ICD-10 F14.
20
)
-
Störung durch Benzodiazepine, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig absti
nent (ICD-10 F13.20)
Die Fachpersonen der
D._
führten aus
, dass
die
Kindheit der Beschwerdeführerin von familiären Spannungen und Gewaltandrohungen geprägt gewesen sei. In der Folge sei es zu verschiedenen Traumatisierungen (wie die Vergewaltigung und später Gewalt durch eine Partnerin) und destruktiven Beziehungen, die mass
geblich zur Ausbildung der schw
eren Persönlichkeitsstörung bei
getra
gen
hätten
, gekommen. Aufgrund ihrer Instabilität habe sie keine sinnvollen Bewältigungs
strategien entwickeln können, auf die sie in Krisensituationen zurückgreifen könne, um sich zu beruhigen. So konsumiere sie verschiedene Substanzen, um ihren fast unerträglich
en
Anspannungen und Ängsten zu begegnen
,
und habe eine schwere Alkohol- und Drogenabhängigkeit entwickelt. In den letzten Jahren
sei
es zu mehreren Phasen von bis zu sechs Monaten Dauer
gekommen
, in denen
die Beschwerdeführerin
von Benzodiazepinen, Kokain und Alkohol total absti
nent
gewesen sei
. Während dieser abstinenten
Phasen
habe
sich das Ausmass ihrer Persönlichkeitsstörung und ihrer begrenzten Ressourcen besonders
klar
ge
zeigt
.
Die Fachpersonen
schätzten die Prognose
aufgrund der seit Jugend besteh
enden schweren psychischen Störungen und des
negativen Verlaufes trotz aller therapeutischen Bemühungen
als
schlecht
ein
. Insbesondere
erschien ihnen
eine Rehabilitation in den ersten Arbeitsmarkt nicht mehr möglich
(S. 6)
.
Zur Arbeitsfähigkeit berichteten
sie
, dass die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer emotionalen Instabilität nicht be
l
astbar
sei
, ihre Leistungs- und Anpassungs
fähigkei
t seien stark eingeschränkt, so
dass eine Tätigkeit oder Tagesstruktur nicht realistisch sei. Bei einer eventuellen zukünftigen weiteren Stabilisierung könne eine stundenweise Tätigkeit an einem geschützten Arbeitsplatz in Frage kommen (S. 4). Durch medizinische Massnahmen liessen sich die Einschränkungen nicht vermindern. Mit einer Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit beziehungs
weise einer Erhöhung der Einsatzfähigkeit könne nicht gerechnet werden (S. 5). Der Beschwerdeführerin seien unter Berücksichtigung ihrer gesundheitlichen Einschränkungen in behinderungsangepasster Tätigkeit keine Erwerbstätigkeiten zumutbar (S. 6).
4.
4
J._
, Assistenzärztin, und Dr. med.
K._
, Oberarzt und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie,
von
der
D._
, in welcher sich die Beschwerdeführerin vom 16. Januar bis zum 16. April 2014 in stationärer
Behandlung befand,
nannten in ihrem Bericht
vom 15. Mai 2014 (Urk. 8/28
/5-13
) folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S. 2):
-
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom
Borderline
-Typus (ICD-10 F60.31
)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch Alkohol: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F10.2
)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch
Opioide
: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F1
1
.2)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch Sedativa oder Hypnotika: Abhängigkeitssyndrom (ICD-10 F13.2)
-
Psychische und Verhaltensstörung durch
Kokain
:
Schädlicher Gebrauch (ICD-10 F14
.
1
)
Danebe
n nannten sie eine bekannte Ovarialzyste rechts als Diagnose
ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (S.
2
)
.
Sie
stellten fest, dass die Beschwerdeführerin während aller stationären
Aufent
halte zu 100 % arbeitsunfähig gewesen sei. Für die Zeiten zwischen den stationären Aufenthalten und nach Abschluss der Sekundarstufe könne keine klare Aussage getroffen werden.
Es
stünden bei ihr eine Stabilisierung der Stimmung bei emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung vom
Borderline
-Typ und eine Reduktion der Rückfälle mit Alkoholintoxikationen im Vordergrund. Entsprechend der momentanen klinischen Einschätzung und aufgrund der langen Krankheitsgeschichte sei das Erlangen der vollen Arbeitsfähigkeit nicht als wahr
scheinlich anzusehen (S. 1).
Zur Arbeitsfähigkeit führten sie aus, dass die Beschwerdeführerin im alltäglichen Kontakt ein selbstunsicheres und leicht irritierbares Verhalten zeige. Die Konzen
trationsfähigkeit sei teilweise deutlich eingeschränkt. Sie sei leicht ablenkbar und zeige grosse Defizite bei der Fähigkeit zur Strukturierung ihrer Tätigkeiten. In der Ausführung bestimmter Arbeiten sei sie laut den Therapeuten zwar sehr genau, jedoch im Tempo verlangsamt und umständlich. Eine genaue Aussage zur Arbeits
fähigkeit
könne
bei fehlender
a
rbeitstherapeutischer Begutachtung
nicht gemacht werden
(S. 5)
.
Die bisherige Tätigkeit sei ihr aus medizinischer Sicht nicht zumutbar und eine behinderungsangepasste Tätigkeit nicht möglich. Die Einschränkungen liessen sich durch medizinische Massnahmen vermindern. Mög
licherweise könne durch die Durchführung eines DBT-Programmes die Stimmung der Beschwerdeführerin stabilisiert und erneute Alkoholrückfälle ver
mieden werden. Unter diesen Umständen sei eine erneute Verbesserung der Kon
zentration und Leistungsfähigkeit denkbar. Das A
usmass könne aktuell
jedoch nicht beurteilt werden (S. 6).
4.
5
M
ed.
pract
.
L._
, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie
,
RAD
,
nannte in
seiner auf die Akten gestützten Stellungnahme vom 27. Mai 2014 (Urk. 8/29
S. 3-4) lediglich
Diagnosen ohne dauerhafte Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (
Polytoxikomanie
[ICD-10 F19.2] und emotional
instabile Persönlichkeitszüge
[Z73.1]). Er führte diesbezüglich aus, der Bericht der
D._
vom 15. Mai 2014 (vgl. E. 4.4
) berichte von zahlreichen Süchten (Alkohol, Valium, Kokain
;
d
erzeit unter anderem Methadon) und postuliere eine emotional instabile Persönlichkeits
stö
rung
. Dazu müsse eingewendet werden, dass eine emotionale Instabilität nicht als
Kriterium für die
ICD
-Diagnose einer
Borderline
-Persönlichkeitsstörung aus
reiche
. Der Bericht schildere auch nicht die sonst so typischen
Borderline
-Selbstver
letzungen. Die ausführlichere
Borderline
-Abklärung im Bericht der
D._
vom 27. Juni 2011 (Urk. 8/27/29-33)
sehe
die Mindestanzahl von
Borderline
-Kriterien
als
erfüllt. Es sei nicht zulässig, einen Kontrollverlust unter Alkohol/Drogen als Persönlichkeitsmerkmal zu werten.
Die
Mindestkriterien einer
Borderline
-Persönlichkeitsstörung
seien
nicht erfüllt. Es lägen jedoch emotional instabile Persönlichkeitszüge
(
Z73.1
)
vor.
Im Ve
rgleich zum Zustand im Jahr
2004 (Bericht Drop-
I
n vom 1.
September
2004
[E. 3.2]
) zeig
e
sich keine wesentliche Änderung
(S. 3 f.)
.
4.6
Dr.
med.
M._
, Oberärztin
und
l
ic
. phil.
N._
von
der
D._
, in welcher die Beschwerdeführerin vom 16. April 2014 bis zum 12. August 2014 stationär be
handelt wurde,
stellten
in ihrem Bericht vom
7. Januar 2015
(Urk. 8/42/
1
-
7
)
fest,
dass
bei der Beschwerdeführerin einerseits eine emotional instabile Persön
lichkeitsstörung vom
Borderline
-Typ, andererseits mehrere Abhängigkeitser
krankung
en
(Alkohol, Opioide, Sedativa oder Hypnotika) dominierten. Diese Störungs
bilder
hing
en in komplexer Weise zusammen und seien
chronifiziert
. Dass die psychische Erkrankung bei ihr schon seit sehr langer Zeit bestehe, ver
schlechtere die Prognose. Erschwerend komme hinzu, dass sie sich wohl auf thera
peutische Gespräche
habe
einlassen können, das Erlernte jedoch nur teilweise im Alltag
habe
umsetzen können (S. 3). Die Beschwerdeführerin habe deutliche Schwierigkeiten
,
sich auf eine Tätigkeit länger einzulassen, eine nie
drige Frustrationstoleranz sowie eine deutlich erniedrigte affektive und kognitive Belastbarkeit (S. 4).
Im Weite
ren stellten Dr.
M._
und
lic
.
phil.
N._
fest, dass
der
Beschwer
deführerin
die bisherige Tätigkeit aus medizinischer Sicht nicht zumutbar sei, sich die Einschränkungen durch medizinische Massnahmen nicht vermindern liessen
und mit einer Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit beziehungsweise
der Erhöhung der Einsatzfähigkeit nicht gerechnet werden könne (S. 4).
4.
7
Gestützt auf die Ergebnisse ihrer internistischen,
neurologischen
und psychia
tri
schen
Untersuchung stellten die
A._
-Gutachter Dr. med.
O._
,
Facharzt
Allgemeine
Innere Medizin
FMH
, D
r. med.
P._
, Facharzt
Neurologie FMH
, und Dr. med.
Q._
, Facharzt Psychiatrie
und Psychotherapie FMH
, in ihrer Exper
tise vom
7
.
April
2016 (Urk.
8
/
75
/3-43
) folgende Diagnosen mit Auswirkung
en
auf die Arbeitsfähigkeit (S.
36
):
-
Diskrete Gangataxie mit Unsicherheit im Strichgang
-
Differentialdiagnostisch:
Cerebellopathie
bei Status nach
Aethylabusus
(ICD-10 R27.0)
-
Emotional instabile Persönlichkeitsstöru
ng vom
Borderline
-Typ (ICD-10 F
60.31)
-
Differentialdiagnostisch
: Kombinierte P
ersönlichkeitsstörung (ICD-10 F
61)
-
Differentialdiagnostisch:
Sekundäre Verhaltensstörung nach
Substan
zen
abusus
(ICD-10 F19.8)
Zude
m nannten sie unter anderem folgende Diagnose ohne Auswirkung
auf die Arbeitsfähigkeit (S. 39):
-
Abhängigkeit von Alkohol, Opioiden und Sedativa, teilweise substituiert oder mit aversiven Mitteln behandelt (ICD-10 F19.22/23)
Die Fachärzte stellten fest, dass
zwischen den verschiedenen Diagnosen keine relevanten Wechselwi
rkungen ersichtlich seien (S. 37
). Zu medizinischen Mass
nahmen gaben sie wieder, dass die Beschwerdeführerin in einer jahrelangen ambulanten Therapie s
t
ehe und bei Bedarf auch hospitalisiert werde. Es werde zudem eine begleitende medikamentöse Behandlung und Substitutionstherapie durchgeführt. Sie benötige auch eine psychosoziale Unterstützung, welche vor
han
den sei. Die Behandlungsmassnahmen seien adäquat und weitere könnten nicht empfohlen werden. Berufliche Massnahmen seien nicht umsetzbar (S.
38)
.
Zur Arbeitsfähigkeit führten sie aus, dass in der gelernten Tätigkeit als Tele
fonistin oder Büroangestellte aus neurologischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit bestehe.
Aus psychiatrischer Sicht sei
von einer stark vermin
derten Belastbarkeit auszugehen. Die Beschwerdeführerin b
enötig
e
einen hohen Betreuungsaufwand, sie
müsse
überwacht
werden.
Sie
könne
keine Verantwortung übernehmen und Aufgaben nicht selbst planen.
Die Beschwerdeführerin
dürfte auch verlangsamt
sein und einen erhöhten Pausen
bedarf aufweisen.
Es
käme höchstens eine Tätig
keit i
n einem geschützten
Betrieb infrage, weswegen von einer vollen Arbeits
unfähigkeit für jede Tätigkeit
in der freien Wirtschaft auszuge
h
en
sei
.
Diese Einschränkung der Arbeitsfähigkeit besteh
e
sicher schon seit mehreren Jahren,
ein genauer Beginn
könne
aufgrund der vorhandenen Unterlagen nicht eruiert werden.
Gesamtmedizinisch
sei
somit festzuhalten, dass in der freien Wirtschaft seit vielen Jahren eine vollschic
htige Arbeitsunfähigkeit bestehe (S.
38
f.).
Dr.
Q._
stellte in seinem psychiatrischen Teilgutachten
(Urk. 8/75/27-37)
fest, dass
sich Hinweise darauf ergäben, dass die Beschwerdeführerin grosse Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich
habe
. Es gelinge ihr nicht, tragende Beziehung aufzunehmen und zu pflegen, sie lebe mittlerweile sozial relativ isoliert.
Sie sei
in den letzten Jahren nicht mehr in der Lage, einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen, wobei diesbezüglich sicher auch ihre Persönlich
keitsstruktur
eine grosse Rolle aufweise.
Es
hätten
sich Hinweise auf emotional instabile Verhaltensweisen
gezeigt. Die Beschwerdeführerin
reagier
e
auch schnell auf Verletzungen,
sei
auch in geringem Masse
belastbar (S. 32 ff.
). Das Verhalten sei inadäquat und nicht mehr an die Umstände angepasst. Es müsse deshalb angenommen werden, dass aufgrund des langjährigen Verlaufes und der Konstanz eine Persönlichkeitsstörung vorliege. Inwieweit emotional instabile Verhaltensweisen ausschlaggebend seien, sei schwierig zu beurteilen. Es zeigten sich auch Hinweise auf abhängige Züge, auch mögliche hintergründige ängstliche Züge, die Beschwerdeführerin wirke auch sehr unreif. Es müsse deshalb zumindest der Verdacht auf eine kombinierte Persönlichkeitsproblematik angenommen werden. Kompliziert werde die Situation dadurch, dass eine langjährige Abhän
gig
keit von verschiedenen Drogen, Medikamenten und Alkohol best
eh
e, welche die Persönlichkeitsentwicklung sicher ungünstig beeinflusst und möglicherweise auch zu einer sekundären (Persönlichkeits-)Schädigung geführt habe. Mit grosser Wahrscheinlichkeit sei von einer sekundären Suchtentwicklung auszugehen. Die Beschwerdeführerin kämpfe schon seit der Jugendzeit mit emotional wechselhaften Zuständen. Es sei denkbar, dass sie mit dem Drogenkonsum versucht habe, diese seelischen Verletzungen anzugehen. Der langjährige Suchtmittelkonsum habe dazu geführt, dass eine inadäquate Persönlichkeitsentwicklung stattge
funden habe. Unklar sei, ob allenfalls auch eine toxische Schädigung eingetreten
sei
. Es zeig
t
en sich Hinweise auf ein distanzloses Verhalten,
d
ie doch starke Affektlabilität deute auf mögliche hirnorganische Beeinträchtigungen
hin, wes
wegen zumindest eine sekundäre Schädigung in Betracht gezogen
werden müss
e.
Es geling
e
der
Beschwerdeführerin
mitt
ler
weile mit Hilfen von verschiedener Seite
,
auf den
Konsum von Drogen und Alkohol zu verzichten. Es besteh
e
allerdings ein äusserst
labiles Gleichgewicht. Sie benötig
e
auch eine enge psy
chosoziale Betreuung.
Die Beschwerdeführerin habe
grosse Mühe, sich an alltäg
liche Regeln, Rou
tinen und Abmachungen zu halten. A
uch bei der Planung von Aufgaben u
nd deren Strukturierung benötige
sie eine
Stütze. Sie
sei
wenig flexi
bel und umstellfähig,
dürfte auch Mühe haben, allfällige
fachliche Kompetenzen adäquat anzuwenden. Sie
habe
Mühe, Entscheidungen zu fällen
oder ein Urteil zu bilden
. I
hre Durchhaltefähigkeit
sei
ebenfalls eingeschränkt,
ebenso die Selbst
behauptungsfähigkeit
. In der Kontaktfähigkeit zu Dritten habe sie Mühe, es ge
linge ihr nicht, Beziehungen aufzunehmen oder Freundschaften zu pflegen. In der Gruppenfähigkeit sei sie eingeschränkt. Sie pflege nur sehr oberflächliche familiäre Beziehungen, intime Beziehungen bestünden keine mehr. In den Spon
tanaktivitäten sei sie ebenfalls gebremst. Sie könne sich einigermassen die Selbst
pflege angedeihen lassen, es gelinge ihr
, selb
ständig Termine wahrzu
nehmen, wenn sie daran erinnert werde. Es sei deshalb anzunehmen, dass die Beschwer
de
-
führerin im Alltag doch wesentlich beeinträchtigt sei und auch grosse Unterstützung benötige. Dadurch dürfte sie bei der Aufnahme einer allfälligen Tätigkeit ebenfalls beeinträchtigt sein
. Zur Prognose berichtete Dr.
Q._
, dass dies
e
bezüglich einer Wiederaufnahme einer Tätigkeit als gering eingestuft werden müsse. Es sei anzunehmen, dass bereits irreversible Schädigungen der Persönlich
keitsstruktur vorliegen würden, wobei schon primär eine sehr labile Persönlich
keitskonstellation bestanden habe (S. 37).
4.
8
Dr.
L._
vom RAD
hielt in seiner auf die Akten gestützten
Stellungnahme vom
25. April 2016 (Urk. 8
/
83/5-7
)
fest, dass
dem psychiatrischen
Teilg
utachten von
Dr.
Q._
(
vgl.
E.
4.
7
)
nicht gefolgt werden könne.
Dr.
Q._
gebe einen Befund an, welcher nicht zu einer
Borderline
-Persönlichkeitsstörung passe
. Die
ICD
-Kriterien einer
Borderlinie
-Persönlichkeitsstörung
seien
nicht erfüllt (S. 5 f.). Bezüglich der Partnerschaftsprobleme müsse man aus versicherungspsychiatri
scher Sicht darauf hinweisen, dass derartige Probleme IV-fremd seien.
Dr.
L._
führte im Weiteren aus,
Dr.
Q._
habe
keine Belege für die postulierte stark
verminderte Belastbarkeit mit einer vollen Arbeitsunfähigkeit
vorgebracht
.
Aus versicherungspsychiatrischer Sicht
liege
keine
sekundäre Sucht vor, vielmehr
handel
e
es sich um ein primäres Suchtgeschehen
(S. 6
)
.
4.
9
A
uf Rückfrage
des RAD legte Dr.
Q._
am 4. Mai 2016 (Urk. 8/77)
dar, weswegen die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung der Beschwerdeführerin durchaus denkbar sei.
Er führte aus, dass sich neben Hinweisen auf emoti
onal instabile Verhaltensweisen
auch Hinweise auf abhängige und ängstliche Züge gezeigt hätten. Die Beschwerdeführerin habe zudem auch unreif gewirkt. Dies sei dann insgesamt der Grund, weswegen angenommen werde, dass auch eine kom
binierte Persönlichkeitsstörung vorliegen könnte. Die Diagnose einer
Borderline
-Persönlichkeitsstörung könne
aufgrund der zur Verfügung stehenden Angaben
nicht eindeutig gestellt werden. Immerhin sei in der Vergangenheit von einer namhaften Klinik
(
D._
)
eine derartige Diagnose gestellt worden. Im Gutachten
sei ganz klar dargelegt worden, dass diese Diagnose nicht ohne weiteres über
nommen werden könne und auch differentialdiagnostische Überlegungen ange
stellt werden müssten.
Ihrer
Meinung nach besteh
e
schon seit Jahren eine Ein
schränkung der
Arbeitsfähigkeit.
Es handle sich nicht
nur um eine Einschränkung aufgrund einer Suchtstörung, sondern auch aufgrund der
gesamten Persönlich
keit der
Beschwerdeführerin
, wobei nicht klar
sei
, inwieweit eine allfällige
primäre Persönlichkeitsproblematik, sekundäre Problematik oder allenfalls gar
organische Störung
vorliege
(S. 1 f.). Es falle ihnen auf, dass
der RAD eine sekundäre Suchtentwicklung mit dem Argument bestreite, dass trotz Konsum von Alkohol und Drogen eine anhaltende
Arbeitsfähigkeit vorliege
, indem die Beschwerdeführerin erfolgreich eine Lehre zur Telefonistin habe absolvieren können. Diese Argumentation sei sehr befremdend und erscheine nicht nachvollziehbar, denn dies würde ja bedeuten, dass jeder, der arbeite, mit Sicherheit keine sekundäre Suchtentwicklung aufweisen könne (S. 3). Insgesamt erschien den Fachärzten des
A._
die Fragestellung durch den RAD tendenziös und nicht nachvollziehbar (S. 4).
5.
5.1
Das
A._
-Gutachten
vom 7. April 20
16 (E. 4.7
) samt Ergänzung vom 4. Mai
2016
(E.
4
.
9
)
beruht auf den erforderlichen allseitigen Untersuchungen, wurde in Kenntnis der und
in
Auseinandersetzung mit den
Vorakten
erstattet, berücksichtigt die geklagten Beschwerden und setzt sich mit diesen sowie dem Verhalten
der Beschwerdeführerin
auseinander.
Die
Gutachter
haben
die medizinischen Zustände und Zusammenhänge einleuchtend d
argelegt und ihre Schlussfolge
rungen nachvollziehbar begründet.
Die
A._
-Gutachter stellten die Diagnose einer emotionalen Persönlichkeits
störung vom Typ
Borderline
(differential
diag
nostisch: Kombinierte Persönlich
keitsstörung [ICD-10 F61]); differentialdiag
nos
tisch: Sekundäre Verhaltensstö
rung nach
Substanzenabusus
[ICD-10 F19.8]) in ihrem Gutachten nachvollzieh
barer
weise (vgl. E. 4.7 und E. 4.9). Sie wiesen explizit auf die Schwierigkeiten bei der Diagnosestellung hin und erläuterten,
dass deswegen differentialdiag
nos
tische Überlegungen angestellt werden mussten
. Sie stellten jedoch klar, dass von einer irreversiblen Schädigung der Persön
lichkeitsstruktur der Beschwerde
füh
rerin auszugehen ist und es
sich nicht nur um eine Einschränkung aufgrund einer Suchtstörung hand
elt
, sondern auch aufgrund der gesamten Persönlichkeit der Beschwerdeführerin
. Die Diagnose einer emo
tionalen Persönlichkeitsstörung vom Typ
Borderline
deckt sich denn auch mit der Diagnose durch die
D._
, in welcher die Beschwerdeführerin seit
9. Januar 2001
regelmässig ambulant und vielfach
stationär behandelt worden ist. Die Erstdiagnose der
D._
erfolgte am
27. Juni
2011 (Urk. 8/27/29-33) nach einer ausführlichen Untersuchung (
SKID
-
TT
-Test und
Borderline
-Persönlichkeits
inven
tar) und wurde im Lauf der Jahre durch
verschie
den
e Ärzte der
D._
bestätigt
).
So
haben diese festgestellt, dass die Beschwer
de
führerin
verschiedene Substanzen
konsumiert
, um ihren fast unerträglich
en
Anspannungen und Ängsten zu begegnen
,
und eine schwere Alkohol- und Drogenabhängigkeit
entwickelt hat. Weiter zeigten
sich w
ährend
der
abstinenten Phasen das Ausmass
der
Persönlichkeitsstörung und die
begrenzten Ressourc
en besonders klar
(vgl. E. 4.3).
Damit entspricht es
grundsätzlich
den bun
des
gerichtlichen Vorgaben an ein beweiskräf
tiges Gutachten (
vgl.
E. 1.5
).
Die
Beschwerdeführer
in
hat denn gegen das Gutach
ten
auch
nichts einzuwenden (vgl. Urk. 1).
Auch der RAD-Arzt Dr.
L._
stellt sich auf den Standpunkt
, dass in
einer versicherungsmedizinischen Auswertung auf das Gutachten
(E. 4.7
)
und die Zusatzantworten
(E. 4.9
)
abgestellt werden
könne (vgl.
Urk. 8/83 S. 8
)
.
5.2
Der RAD-Arzt Dr.
L._
kritisiert am
A._
-
Gutachten die Diagnose der
emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom
Borderline
-Typ (ICD-10 F.60.31
)
respektive hält diese als nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
belegt
(vgl. Urk. 8/83 S. 8).
Dies
allein
gestützt auf die
vorliegenden Berichte, bei welchen die
befassten
Ärzte einhellig zu einer anderen Ansicht gelangt sind
,
und
ohne die Beschwerdeführ
erin selbst untersucht zu haben.
Die Gutachter legten diesbezüglich ausführlich dar, dass der
Borderline
-Typ nicht gesichert ist, die Persönlichkeitsstörung indessen schon. Angesichts dieser Umstände erweist sich die Diskussion um die exakte Diagnosestellung als irrelevant, zumal rechtsprechungsgemäss nicht die Diag
nose, sondern die Auswirkungen
der gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf
die
Arbeitsfähigkeit
von Bedeutung ist
(BGE 136 V 279 E.
3.2.1
mit Hinweis auf BGE 127 V 294).
Dass sich diesbezüglich kein objektiver Beleg für die postulierten Einschränkungen findet – wie RAD-Arzt Dr.
L._
festhielt (Urk. 8/83/6 Mitte) – ist angesichts der ausführlichen Befundschilderung der Gutachter samt Be
rücksichtigung anamnestischer Angaben und Vorberichten der behandelnden Ärzte (Urk. 8/75/31-36)
nicht zutreffend
(vgl. auch E. 5.1).
Irrelevant ist sodann die von RAD-Arzt Dr.
L._
geführte Diskussion, ob ein primäres oder ein sekundäres Suchtgeschehen vorliegt (Urk. 8/83/6). Denn erstellt ist, dass sich der Gesundheitsschaden nicht im Suchtgeschehen erschöpft, sondern eine davon unterscheidbare psychiatrische Pathologie besteht.
Zusammenfassend vermag der Aktenbericht des Dr.
L._
die Schlüsse der
A._
-Gutachter nicht in Frage zu stellen.
5.
3
Nach dem Gesagten ist von einer substantiellen
Veränderung
des Gesundheitszustandes
der
Beschwerdeführerin
auszugehen
– es liegt nicht mehr ein bloss reines
Suchtgeschehen vor
, sondern
mit der Persönlichkeitsstörung
eine selb
ständige psychische Erkrankung -
womit in der Folge
die
b
ei einer Neuanmeldung
erforderliche
substantielle
Verschlech
terung des Gesundheitszustandes
vorliegt. Daher ist im Folgenden der Rentenanspruch in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht umfassend zu prüfen
.
6
.
Nach Lage der Akten litt die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt des Erlasses des angefochtenen Entscheids an keinen somatischen Beschwerden, die eine relevante Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
in ihrer Tätigkeit als Telefonistin oder Büroangestellte
zur Folge hatten
(vgl.
Urk. 8/19/1-3
und Urk. 8/75 S. 26
).
7
.
7.
1
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
tu
rierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen). Die Anerkennung eines renten
begründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswir
kungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit
(zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es daran
, hat die Folgen der Beweislosigkeit (nach wie vor) die materiell beweisbelastete versicherte Person zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; BGE 141 V 547 E. 2).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systemati
siert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie „funktioneller Schweregrad" (E. 4.3)
-
Komplex „Gesundheitsschädigung" (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex „Persönlichkeit" (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
so
urcen, E. 4.3.2)
-
Komple
x „Sozialer Kontext" (E. 4.3.3)
-
Kategorie „Konsistenz" (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Übergangsrechtlich ist bedeutsam, dass die vor der Rechtsprechungsänderung eingeholten Gutachten nicht einfach ihren Beweiswert verlieren. Vielmehr ist im Rahmen einer gesamthaften Prüfung des Einzelfalls mit seinen spezifischen Gegebenheiten und den erhobenen Rügen entscheidend, ob ein
abschliessendes
Abstellen auf die vorhandenen Beweisgrundlagen vor Bundesrecht standhält (BGE 141 V 281 E. 8 unter Hinweis auf BGE 137 V 210 E. 6). Mithin ist im kon
kreten Fall zu klären, ob die beigezogenen Gutachten
–
allenfalls zusammen mit weiteren fachärztlichen Berichten
–
eine schlüssige Beurteilung anhand der
mass
geblichen
Indikatoren erlauben oder nicht. Je nach Abklärungstiefe und -dichte kann zudem unter Umständen eine punktuelle Ergänzung genügen (vgl. Urteile des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 5.2.2 und 8C_300/2017 vom 1. Februar 2018 E. 4.2).
In der Folge ist daher eine Prüfung der funktionellen Auswirkungen
des
psy
chischen Leiden
s
der Beschwerdeführerin
anhand des strukturierten Beweisverfahrens vorzunehmen.
7.2
Zunächst sind im Rahmen der Kategorie „funktioneller Schweregrad" die Indi
katoren zum Komplex „Gesundheitsschädigung" näher auszuleuchten.
Entscheidwesentlich
sind demnach die Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome, deren Behandlungs- und Eingliederungserfolg resp. -resistenz sowie allfällige Komorbiditäten
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_539/2015
vom 21. März 2016 E. 4.1). Zur
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde und Symptome
ist festzuhalten
, dass
die
Beschwerdeführer
in
grosse Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich
hat
, sozial relativ isoliert
ist,
Hinweise auf emotional instabile Verhaltensweisen
bestehen,
sie
nur
in geringem Masse belast
bar
, d
as Verhalten inadäquat und nicht mehr an die Umstände angepasst
ist.
Zudem bestehen
Hinweise auf abhängige Züge
und sie
wirkt
sehr unreif. Die Beschwerdeführerin
hat
grosse Mühe, sich an alltägliche Regeln, Routinen und Abmachungen zu halten. Auch bei der Planung von Aufgaben und deren Struk
turierung benötig
t
sie
Unters
tütz
ung
. Sie
ist
wenig flexibel und umstellfähig
und hat auch Mühe
, allfällige fachliche Kompetenzen adäquat anzuwenden. Sie
hat
Mühe, Entscheidungen zu fällen oder
sich
ein Urteil zu bilden. Ihre Durchhalte
fähigkeit
ist
ebenfalls eingeschränkt, ebenso die Selbstbehauptungsfähigkeit. In der Kontaktfähigkeit zu Dritten
hat sie Mühe, es gelingt
ihr nicht, Beziehungen aufzunehmen oder Freundschaften zu pflegen. In
den Spontanaktivitäten
ist
sie ebenfalls
gebremst
.
Behandlungsmassnahmen
sind
adäquat und
soweit ausge
schöpft
.
Komorbiditäten bestehen
in Bezug auf die Alkoholsucht sowie die
G
anz
ataxie
. Indessen sind
keine
relevanten Wechselwirkungen der Diagnosen ersichtlich (vgl. E. 4.
7
).
7.3
Zur Kategorie
„
funktioneller Schweregrad" ist ferner der Komplex
„
Persönlich
keit" (Persönlichkeitsentwicklung und -struktur, grundlegende psychische Funk
tionen) zu zählen
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_539/2015 vom 21. März 2016
E. 4.2). Hierzu ergibt sich aus den Akten, dass
die
Beschwerdeführer
in – auch aufgrund ihrer Persönlichkeitsstörung – eine innere Leere fühlt, unter Antriebs
losigkeit leidet und eine geringe Stresstoleranz
aufweist
(vgl. Urk. 8/75 S. 18
)
.
Die Konzentrationsfähigkeit
ist
teilweise deutlich eingeschränkt.
Formal
gedanklich
ist
die
Beschwerdeführerin
unauffällig. Hinweise auf ein wahnhaftes Erleben,
Sinnes
täuschungen oder Ich-Störung konnten keine festgestellt werden. Durch die
affektive Instabilität und verminderte Impulskontrolle
kommt
es bei Stres
soren schnell zu destruktivem Verhalten mit Konsum
. Die Beschwerde
führerin zeigt
Defizite bei der Fähigkeit zur Strukturierung ihrer Tätigkeiten. In der Ausführung bestimmter Arbeiten
ist
sie zwar sehr genau, jedoch im Tempo verlangsamt und umständlich
(vgl. E. 4.2
, E. 4.4
und E. 4.
7
).
Damit
ist
ein
strukturelles Defizit im Sinne einer eigentlichen Persönlichkeitsproblematik erkennbar, welches im Rahmen einer umfassenden Ressourcenprüfung negativ ins Gewicht
fällt
.
7.
4
Innerhalb der Kategorie
„
funktioneller Schweregrad" bestimmt ferner auch der Komplex
„
Sozialer Kontext" mit darüber, wie si
ch die (kausal allein massgeb
li
chen) Auswirkungen der Gesundheitsbeeinträchtigung konkret manifestieren
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_539/2015 vom 21. März 2016 E. 4.3).
Im Lebe
ns
kontext zu berücksichtigen sind (mobilisierbare) Ressourcen
der Be
schwer
deführerin
respektive das Fehlen solcher Ressourcen, so sie Unterstüt
zung aus ihrem sozialen Netzwerk erfährt oder eben nicht.
Die Beschwerdeführerin pflegt – mit Ausnahme zur Mutter und
zu
r Schwester - keine privaten Kontakte. Freunde fehlen ihr, aber sie
weiss
nicht, wie welche zu finden. Sie lebt heute relativ isoliert
(vgl. Urk.
8
/
75 S. 26
und S. 32
). Dam
it enthält der Lebenskontext der
Beschwer
de
führer
in
praktisch
keine
sich potentiell positiv auf ihre Ressourcen auswirken
de
n
Faktoren.
7.
5
Der Indikator einer gleichmässigen Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleichbaren Lebensbereichen der Kategorie
„
Konsistenz" (Gesichtspunk
te des Verhaltens) zielt auf die Frage ab, ob die diskutierte Einschränkung in Beruf und Erwerb (bzw. bei Nichterwerbstätigen im Aufgabenbereich) einerseits und in den sonstigen Lebensbereichen (beispielsweise Freizeitgestaltung) ander
seits gleicher
massen ausgeprägt ist
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_539/2015 vom
21. März 2016 E. 4.4).
Der
Tagesablauf
der
Beschwerdeführer
in zeigt sich
im Wesentlichen unauffällig
,
was
jedoch nicht in Widerspruch zur diagnostizierten
emotional instabile
n
Persönlichkeitsstörung
steht
.
Sie
steht zwischen
7
:00 und
8
:00 Uhr auf
, nimmt ihr
Frühstück
ein, duscht sich und räumt ihr Zimmer auf. Sie versucht
,
sich tagsüber mit Lesen und Fernsehen zu beschäftigen. Je nach Wetter geht sie
nach
draussen
und ist oft zu
Fuss
unter
wegs. Nach dem Mit
tagessen schlä
f
t
sie etwa zwei Stunden
. Sie pflegt – abgesehen von der Mutter und der Schwester – keine privaten Kontakte mehr. Freunde
hat sie keine
. Eine Beziehung führt sie schon seit Jahren nicht mehr. Je nach Situation ist sie durchaus gereizt. Sie leidet unter Stimmungsschwankungen
(vgl. Urk.
8
/
75
S.
2
6
). Insgesamt zeigt sich
eine konsistente Einschränkung auch im privaten Bereich, welche mit den fachärztlichen erhobenen Befunden vereinbar ist
.
7.
6
Der in die gleiche Kategorie (
„
Konsistenz") fallende Aspekt des behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesenen Leidensdrucks betrifft die Frage nach der Inanspruchnahme von therapeutischen Optionen. Das Ausmass, in welchem
Behandlungen wahrgenommen oder eben vernachlässigt werden, weist (ergän
zend
zum Gesichtspunkt Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz) im Regelfall auf den tatsächlichen Leidensdruck hin
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_539/2015 vom 21. März 2016 E. 4.5).
Die Beschwerdeführerin schöpft die zur Verfügung stehenden und angebrachten Behandlungen
im Rahmen der seit Jahren bestehenden ambulanten Therapie mit
Hospitalisationen
bei Bedarf sowie medikamentöser Behandlung samt Substitutionstherapie
in vollem Masse aus
(Urk. 8/75 S.34)
. Hinweise auf
Malcompliance
ergeben sich aus den Akten
keine
(E. 4.
7
)
.
7.7
Damit ergibt die Prüfung der verschiedenen Indikatoren, dass diese im sozial
versicherungsrechtlich relevanten Sinne als ausgeprägt anzusehen sind. Insge
samt ist damit eine relevante Einschränkung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit aufgrund der psychischen Leiden
der
Beschwerdeführer
in
mit dem Mass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen.
8.
Zusammenfassend ist von einer 100%igen Arbeits
un
fähigkeit der Beschwerde
führerin
sowohl
in ihrer angestammten Tätigkeit als Telefonistin
wie
in
jeglicher anderer Tätigkeit
in der freien Wirtschaft
auszugehen
(vgl.
E. 4.
7
)
.
Demgemäss ergibt sich ein Invaliditätsgrad von 100 %. Die
Beschwerde
ist
gut
zuheissen und
die
Beschwerdeführerin
hat
,
nachdem sie sich am 28. Oktober
2012 für IV-Leistungen angemeldet hatte (Urk. 8/15), nach
Art.
28 und 29 IVG ab
1.
April
2013 Anspruch auf eine ganze Rente der Invalidenversicherung.
9
.
9.1
Da
die Beschwerde gutzuheissen ist, erweist sich das Gesuch der Be
schwer
de
führerin
um unentgeltliche Rechtspflege
als geg
enstandslos.
9.2
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG) und ermessensweise auf
Fr.
800.-- anzusetzen. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind sie
von der
unterliegenden Beschwerde
gegn
er
in
zu tragen.
9.3
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten hat grundsätzlich die obsiegende Be
schwer
de führende Person, die erhebliche Auslagen im Rahmen des Prozesses gehabt hat (vgl. Art. 61
lit
.
g ATSG
).
Nach § 34 Abs.
3
des Gesetzes über das Sozialver
sicherungsgericht
GSVGer
bemisst sich die Höhe der gerichtlich festzusetzenden Entschädigung nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert. Gemäss
§
8 in Verbindung mit
§
7
Abs.
1 der Verordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozialversicherungsgericht (
GebV
SVGer
) wird namentlich für unnötigen Aufwand kein Ersatz gewährt.
Der von Rechtsanwalt Thomas Wyss, Winterthur, mit Eingabe vom 12. Mai 2017 (Urk. 10) geltend gemachte Aufwand von 12.35 Stunden
zu einem Honorar
stundenansatz von Fr. 250.--
und Fr. 94.35 Barauslagen (
Urk.
11) ist der Bedeu
tung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses nicht angemessen, ins
be
sondere aufgrund der Tatsache, dass er die Beschwerdeführerin schon im
Vorbescheidverfahren
vertrat und die Akten somit bekannt waren. Namentlich erscheint ein Aufwand von
8:10
Stunden für die
Arbeiten an der
Beschwer
deschrift
sowie 1:30 Stunden für das Studium
des
Urteil
s
und Besprechung mit der
Klientschaft
bei Gutheissung
als überhöht.
Nicht relevant für die Entschädi
gung im vorliegenden Verfahren ist der Aufwand für das Studium
von nicht akten
kundigen S
chreiben der IV-Stelle (2
3.
und 2
4.
August 2017
) sowie für zukünftige
Arbeiten UP (vgl. Urk. 11
).
Angesichts der zu
rekapitul
ierenden gut 88 Aktenstücke der Beschwerdegegnerin, der
knapp
8
-seitigen
Beschwerde
, den Aufwendungen im Zusammenhang mit dem Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung
sowie der in ähnlichen Fällen zugesprochenen Beträgen ist die
Parteientschädigung
von Rechtsanwalt Thomas Wyss, Winterthur,
bei Anwendung des gerichtsüblichen Stundenansatzes
von Fr.
220
.-- (zuzüglich Mehrwertsteuer)
auf Fr. 2'
4
00
.--
(inklusive
Barauslagen
und Mehrwertsteuer)
festzusetzen.
Die Beschwerdegegnerin ist in der Folge zu verpflichten, der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung
in diesem
Umfang zu bezahlen.