Decision ID: 5ce877dd-788f-51ae-8ac8-d0a0fd2c3d6b
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Januar 2015 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, seit dem 27. Februar 2014 an
Schlafstörungen, Instabilität der Beine, Appetitlosigkeit, Unsicherheitsgefühl,
Gleichgewichtsstörungen und Verlust des Selbstvertrauens zu leiden. Er habe keine
Berufsbildung. Seine letzte Arbeitgeberin (B._ AG) führte am 17. Februar 2015 aus
(IV-act. 11), der Versicherte habe vom 1. Juni 1995 bis zum 31. August 2014 als
Mitarbeiter Packerei Konfektion gearbeitet, wobei der letzte Arbeitstag der 25. Februar
2014, also der Tag, an dem die Kündigung ausgesprochen worden sei, gewesen sei.
Zuletzt habe er in einem Pensum von 100% bei 42.5 Arbeitsstunden pro Woche ein
monatliches AHV-beitragspflichtiges Einkommen von Fr. 5'460.-- erzielt (woraus sich
ein Jahresbruttolohn von Fr. 70'980.-- [inkl. 13. Monatslohn] für das Jahr 2014 ergibt).
A.a.
Gemäss einem der IV-Stelle am 24. April 2015 eingereichten vorläufigen Bericht
der C._ AG (IV-act. 23), Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
3. Februar 2015 war der Versicherte vom 26. Januar 2015 bis 20. Februar 2015 in
stationärer Behandlung gewesen. Die Fachärzte hatten angegeben, der Versicherte
leide an einer Anpassungsstörung, längere depressive Reaktion nach Kündigung der
Arbeitsstelle 02/2014, DD: mittelgradige depressive Episode, sowie an einer unklaren
Beinschwäche mit rezidivierenden Stürzen. Beim Austritt habe der Versicherte ein
affektiv aufgestelltes und hoffnungsfrohes Befinden beschrieben und noch leichte
Schlaf- und Konzentrationsstörungen erwähnt. Gegenüber den beim Eintritt erwähnten
Wutgefühlen habe sich der Versicherte deutlich distanziert gezeigt.
Psychopathologisch habe noch eine leicht verminderte Belastbarkeit bestanden;
Anhaltspunkte für eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung seien nicht vorhanden
A.b.
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gewesen. Der RAD-Arzt Dr. med. D._ notierte am 21. Mai 2015 (IV-act. 26), aufgrund
der Beschreibung beim Austritt sei die Behandlung erfolgreich gewesen. Bei dem
beschriebenen positiven Behandlungsverlauf könne nun mindestens von einer 50%
Arbeitsfähigkeit angestammt und adaptiert ausgegangen werden; eine Steigerung auf
100% sei möglich.
Am 10. Juli 2015 berichtete med. pract. E._(IV-act. 34), Fachärztin für
Psychiatrie und Psychotherapie, von der Tagesklinik F._ gegenüber der IV-Stelle, der
Versicherte leide seit Juni 2015 an einer mittelgradigen depressiven Episode mit einem
somatischen Syndrom und seit März 2015 bestehe ein Verdacht auf eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und emotional instabilen Zügen. Der
Versicherte sei bewusstseinsklar, wach, jünger wirkend, sehr vital und zu allen
Qualitäten ausreichend orientiert. Hinweise auf eine Aufmerksamkeits- und
Konzentrationsschwäche seien vorhanden. Der Versicherte habe Gedächtnisstörungen
beklagt, sei im formalen Gedankengang beschleunigt, weitschweifig, berichte von
Grübeln, Zukunftssorgen und Minderwertigkeitsgefühlen. Hinweise für eine
Wahnsymptomatik, Sinnestäuschungen und Zwänge seien nicht vorhanden. Im Affekt
sei er labil und oft fassadär. Beim Erzählen über eigene Schwächen sei eine tiefe
Traurigkeit spürbar. Im Antrieb sei er unauffällig, psychomotorisch unruhig. Vegetative
Störungen bestünden in Form von Durchschlafbeschwerden und zeitweiser
Inappetenz. Aufgrund der Kündigung der letzten Arbeitsställe sei er stark gekränkt.
Hinweise für eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung bestünden nicht. Die Prognose
sei bei dem Versicherten als eher günstig zu bewerten. In der zuletzt ausgeübten
Tätigkeit bestehe eine volle Arbeitsunfähigkeit. Ab dem 1. Oktober 2015 sei von einer
50%igen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Am 8. September 2015 berichtete med. pract.
G._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, von der Tagesklinik F._
gegenüber der IV-Stelle (IV-act. 35), der Versicherte leide an einer mittelgradigen
depressiven Episode mit einem somatischen Syndrom, einer narzisstischen
Persönlichkeitsstörung und dissoziativen Bewegungsstörungen. Der Verlauf sei seit
dem letzten Bericht im Juli 2015 stationär, die Befunde seien unverändert.
A.c.
Der RAD-Arzt Dr. D._ hielt am 8. Oktober 2015 fest (IV-act. 39), dem
Versicherten seien berufliche Eingliederungsmassnahmen mit einer 50%igen Präsenz
möglich. Das Leistungsbild sei noch schwach, aber steigerbar. Körperlich leichte bis
A.d.
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mittelschwere Tätigkeiten, die überwiegend im Sitzen ausgeübt werden könnten, seien
zumutbar. Für eine Wiedereingliederung sei anfangs ein ruhiges Arbeitsumfeld mit
überschaubaren Aufgaben, geringem Konfliktpotenzial, wenig Zeitdruck und ohne
Multitasking günstig. Die Tätigkeit dürfe keine Anforderungen an die Konzentration, die
Aufmerksamkeit, die mentale Flexibilität und die psychische Belastbarkeit stellen. Eine
begleitende ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung sei angezeigt.
Am 19. September 2016 berichtete med. pract. H._ von der Psychiatrie-Praxis
I._ (IV-act. 79), der Versicherte leide an einer mittelgradigen depressiven Episode (im
Rahmen von Extrembelastung und passager schweren depressiven Episoden spontan
remittierend mit tiefer Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken), an einer dissoziativen
Bewegungsstörung der unteren Extremitäten (Ausschluss neurologische Symptomatik
wiederholt durch Facharzt 01/2016) und an einer prolongierten Anpassungsstörung
(Schwierigkeiten bei Akzeptanz neuer Lebensumstände nach Kündigung im hohen
Erwerbsalter). Bei fortgesetzter integriert psychiatrischer/psychotherapeutischer
Behandlung sei von einer weiteren Remission der aktuell mittelgradig depressiven bis
hin zu leichtgradig depressiven Symptomen auszugehen. Des Weiteren zeichne sich
eine verbesserte Koordinationsfähigkeit und Muskelkraft der unteren Extremitäten ab.
Eine angepasste Tätigkeit bei 50% der Arbeitszeit bei 100% der Arbeitsleistung sei
möglich. Der Versicherte sollte zwischen stehenden und sitzenden Tätigkeiten
wechseln können, keine schweren Gegenstände heben und keinesfalls repetitive
Tätigkeiten ausüben müssen, da sich letztere depressionsverstärkend auswirkten.
Sofern eine geeignete Tätigkeit aufgenommen und begleitend die integrierte
psychiatrische Behandlung fortgesetzt werde, sei mit einer langfristigen nachhaltigen
Remission der depressiven Symptomatik zu rechnen. Der RAD-Arzt Dr. D._ notierte
am 12. Oktober 2016 (IV-act. 83), med. pract. H._ bestätige die bisherige 50%ige
Arbeitsfähigkeit. Aus den Angaben könne geschlossen werden, dass in absehbarer Zeit
eine Steigerung der Arbeitsfähigkeit möglich sei.
A.e.
Am 7. Februar 2017 hatten die Fachärzte der Klinik für Neurologie des
Kantonsspitals St. Gallen gegenüber dem Hausarzt med. pract. J._, Facharzt für
Allgemeine Innere Medizin FMH, berichtet, sie hätten folgende Diagnose erhoben (IV-
act. 106-2 ff.): Subjektiv muskuläre Erschöpfbarkeit der unteren Extremitäten mit
Koordinationsstörung und isolierter Hypästhesie für Berührung Th2-3 interscapulär
A.f.
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(ätiologisch offen, DD: im Rahmen von Diagnose 2) und schwere exogene Depression
(Verdacht auf narzisstische Persönlichkeitsstörung und Somatisierungstendenz).
Klinisch neurologisch komme eine bizarr anmutende Gang- und Koordinationsstörung
der unteren Extremitäten zur Darstellung ohne Hinweise für höhergradige Paresen mit
teils inkongruenten Untersuchungsbefunden (sakkadierte Innervation, langsames
Abgleiten in die Kniebeuge und selbständiges Aufrichten möglich trotz Angabe einer
aufgrund einer Beinschwäche bestehenden Bewegungseinschränkung). Lediglich der
Reflexstatus mute an der unteren Extremität im Vergleich zu den oberen Extremitäten
leicht lebhafter an. Die Befunde der Elektrophysiologie seien vor dem Hintergrund der
unauffälligen bildgebenden Diagnostik und bei beidseitiger Auffälligkeit, klinisch jedoch
lediglich rechtsseitiger (sensibler) Symptomatik, als am ehesten unspezifisch bzw.
möglicherweise technisch bedingt einzuordnen. Bildgebend habe eine spinale und
cerebrale Pathologie ausgeschlossen werden können. Letztlich bestehe kein Grund zur
Annahme einer zugrundeliegenden neurologischen Erkrankung bezüglich des eher
bizarr anmutenden Beschwerdekomplexes, was eine psychogene Ursache in den
Vordergrund rücke.
Der Hausarzt med. pract. J._ berichtete am 26. Juni 2017 (IV-act. 116), der
Versicherte leide mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit an einer subjektiven
muskulären Erschöpfbarkeit in den unteren Extremitäten mit Koordinationsstörungen
und isolierter Hypästhesie für Berührung Th2-3 interscapulär und an einer
Anpassungsstörung, längere depressive Reaktion nach Kündigung der Arbeitsstelle
02/2014, DD: mittelgradige depressive Episode mit unklarer Beinschwäche mit
rezidivierenden Stürzen. Im Verlauf der letzten zweieinhalb bis drei Jahre sei psychisch
eine Stabilisierung eingetreten, wobei die Beinschwäche weiterhin progredient sei. Vom
5. Dezember 2014 bis zum 30. Juni 2017 habe eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden.
Ab dem 1. Juli 2017 bestehe eine 50%ige Arbeitsfähigkeit.
A.g.
Der Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle hielt am 4. September 2017 fest
(IV-act. 120), der Versicherte sei vom 8. Februar 2016 bis zum 7. August 2017 im
Rahmen einer Integrationsmassnahme unterstützt worden. Dabei habe eine Steigerung
der Arbeitsfähigkeit auf maximal 50% realisiert werden können (vier Stunden täglich bei
voller Leistungsfähigkeit), welche im ersten Arbeitsmarkt effektiv verwertbar sei. Eine
weitere Steigerung sei aufgrund der gesundheitlichen Einschränkungen nicht möglich
A.h.
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gewesen. Am 5. September 2017 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass kein
Anspruch auf weitere berufliche Massnahmen bestehe (IV-act. 122).
Am 6. November 2017 berichtete med. pract. H._ (IV-act. 127), er habe beim
Versicherten folgende psychiatrische Diagnosen erhoben: Angst und depressive
Störung, dissoziative Bewegungsstörung und Schwierigkeiten bei der Lebensführung.
Seit August 2017 bestehe eine 60%ige Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten
Tätigkeit (Fachkraft für Verpackung und Logistik). Der Versicherte verfüge über eine
reduzierte Konzentrations- und Merkfähigkeit und eine schnelle körperliche
Erschöpfbarkeit. Er sei unfähig, lange zu stehen oder übermässig lange in einer
Position zu sitzen; auch bei stehenden Tätigkeiten sei der Versicherte eingeschränkt.
Eine behinderungsangepasste Tätigkeit sei dem Versicherten während maximal drei bis
vier Stunden täglich zumutbar. Auf Nachfrage der IV-Stelle gab med. pract. H._ an,
dass die Voraussetzungen für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung nicht erfüllt
seien. Am 16. Januar 2018 reichte med. pract. H._ unter anderem einen Bericht von
Dr. med. K._, Fachärztin für Neurologie FMH, vom 13. April 2015 ein (IV-act. 133-2
ff.). Darin hatte Dr. K._ als Diagnose eine unklare Schwäche im rechten Bein
angegeben. Sie hatte ausgeführt, dass diese Beinschwäche aus neurologischer Sicht
unklar bleibe. Eine relevante motorische Läsion des N. peronaeus rechts habe
elektrophysiologisch nicht nachgewiesen werden können. Auch der Steppergang
rechts bleibe unklar. Am 5. Februar 2018 berichtete Dr. J._ (IV-act. 136), er habe
beim Versicherten aufgrund der Angabe von Schmerzen im linken Schultergelenk vor
allem bei der Abduktion eine Ultraschalluntersuchung vorgenommen. Dabei habe sich
eine intakte Supraspinatussehne mit Verkalkung im Sinne einer Tendinitis calcarea der
SSP links gezeigt. Die SSC, Bicepssehne, Infraspinatussehne und das AC Gelenk seien
ebenfalls intakt bzw. unauffällig. Bezüglich der Kniegelenksarthrose bestehe klinisch
eine Retropatellararthrose in leichtgradigem Ausmass.
A.i.
Die Fachärzte der Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St. Gallen hatten am
14. Mai 2018 gegenüber der L._ AG in einem Austrittsbericht angegeben (IV-act.
143-7 ff.), der Versicherte sei vom 2. Mai bis zum 9. Mai 2018 hospitalisiert gewesen.
Sie hatten folgende Diagnosen erhoben: Funktionelle Gangstörung, Status nach
schwerer exogener Depression mit Verdacht auf narzisstische Persönlichkeitsstörung
und Verdacht auf Somatisierungstendenz (aktuell leichte bis mittelschwere depressive
A.j.
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Symptomatik). Sie führten aus, eine ENMG-Untersuchung sowie ein natives MRI von
Schädel und Halswirbelsäule seien unauffällig gewesen. Das MEP und auch ein
vorbekanntes Kavernom im Marklager frontal rechts zeigten keine Veränderungen auf.
Hinweise auf eine Myelopathie seien nicht vorhanden. Zusammenfassend sei bei einer
unauffälligen Diagnostik und Besserung der Symptomatik unter kognitiver Ablenkung
nicht von einer organischen, sondern von einer funktionellen Genese auszugehen. Der
Versicherte werde in die L._ AG verlegt. Am 6. Juli 2018 hatten die Fachärzte der
L._ AG, Klinik für akutstationäre neurologische und orthopädische Rehabilitation,
gegenüber der Klinik für Neurologie berichtet (IV-act. 243-2 ff.), der Versicherte sei vom
9. Mai bis 22. Juni 2018 bei ihnen hospitalisiert gewesen. Folgende Diagnosen seien
erhoben worden: Funktionelle Gangstörung, schwere exogene Depression (mit
Verdacht auf narzisstische Persönlichkeitsstörung und Verdacht auf
Somatisierungstendenz) bei einer aktuell leichten bis mittelschweren depressiven
Symptomatik, subjektiv muskuläre Erschöpfbarkeit der unteren Extremitäten mit
Koordinationsstörung und isolierter Hypästhesie für Berührung TH2-3 interscapulär.
Während der Hospitalisation habe eine Verbesserung des sturzsicheren Gangbildes,
ein guter muskulärer Aufbau mit deutlicher Steigerung der Ausdauerleistung und eine
psychische Stabilisierung der depressiven Grunderkrankung erzielt werden können.
Vom 9. Mai 2018 bis zum 6. Juli 2018 habe eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden.
Am 21. September 2018 erteilte die IV-Stelle der MGSG Medizinisches
Gutachtenzentrum Region St.Gallen GmbH (nachfolgend: MGSG) einen Auftrag für eine
polydisziplinäre Abklärung des Versicherten in den Fachdisziplinen Allgemeine Innere
Medizin, Neurologie, Orthopädie und Psychiatrie (IV-act. 149). Am 29. Januar 2019 (vgl.
S. 13) erstattete die MGSG ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 157). Der
orthopädische Sachverständige führte in seinem Teilgutachten aus, dass die
Schmerzen und die Schwäche in beiden Beinen und die pathologischen objektiven
Befunde der Hüften mit dem quasi normalen radiologischen Befund nicht plausibilisiert
bzw. erklärt werden könnten. Daher bestehe aus orthopädischer Sicht keine Diagnose
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit leide
der Versicherte an unklaren Schmerzen und Schwäche in den Beinen, an Senk- und an
Spreizfüssen und Präadipositas. Die neurologische Sachverständige gab an: "Aufgrund
der aktuell erfassten bizarr und spastisch anmutenden Gangstörung, leichter
A.k.
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Reflexbetonung im Bereich der unteren Extremität, proximal betonter muskulärer
Parese, insbesondere Hüftbeugung, Kniestreckung beidseits, etwas linksbetonten
Oberflächensensibilitätsstörungen im Bereich der distalen unteren Extremität wie einer
Pallhyp- respektive Pallanästhesie und unsicherem Lageempfinden, vor dem
Hintergrund der bisher ermittelten allesamt elektrophysiologisch unauffälligen Befunde
2015, Verlaufsuntersuchung 2018, ebenso für ein Stiff-Person-Syndrom fehlenden
richtungsweisenden Antikörpern, Amphiphysin Antikörper, GAD II, Glutamat-
Decarboxylase Antikörper" könne keine Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit erhoben werden. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestehe
sehr wahrscheinlich eine funktionelle Ätiologie einer muskulären Tonisierung im Bereich
der unteren Extremität mit einer Stand-, Gang- und Gleichgewichtsstörung sowie als
Differentialdiagnose ein Stiff-Person-Syndrom, das trotz den bisherigen, sämtlich
negativen Abklärungsbefunden nicht abschliessend ausschliessbar sei. Der
psychiatrische Sachverständige erläuterte in seinem Teilgutachten, dass er beim
Versicherten eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte bis
mittelgradige Episode, als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit erhoben
habe. Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit leide der Versicherte an einer
dissoziativen Bewegungsstörung und an akzentuierten, narzisstisch kränkbaren
Persönlichkeitszügen. Der Sachverständige führte weiter aus, der Versicherte habe
nach einer unerwarteten, plötzlichen Kündigung mit fristloser Freistellung im Februar
2014 im Rahmen von anfänglichen Anpassungsstörungen mit vorwiegender Störung
von anderen Gefühlen wie Angst, Depression, Sorgen, Anspannung und Ärger eine
mittelgradige depressive Episode entwickelt. Seither könne trotz stationärer,
teilstationärer und ambulanter psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung
eine rezidivierende depressive Störung mit überwiegend mittelgradigen Episoden
erhoben werden, wobei seit etwa einem Jahr eine leichte Besserung des psychischen
Zustandsbildes mit gegenwärtig leichter bis mittelgradiger depressiver Episode
vorhanden sei. Zusätzlich habe der Versicherte einige Monate nach der Kündigung im
Februar 2014 eine dissoziative Bewegungsstörung mit Fallneigung und wiederholten
Verletzungen entwickelt. Dabei handle es sich um eine psychogene Störung, die in
naher zeitlicher Verbindung zum traumatisierenden Ereignis stehe. Da die dissoziative
Bewegungsstörung bereits länger als ein bis zwei Jahre dauere, könne eine
Chronifizierung angenommen werden. Die vom Versicherten berichteten und geklagten
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Beschwerden seien teilweise inkonsistent und etwas widersprüchlich. Einerseits habe
der Versicherte angegeben, dass er nicht mehr spazieren könne, andererseits sei
schwer nachvollziehbar, wie bei der demonstrierten Bewegungsstörung der unteren
Extremitäten gemäss Angaben des Versicherten täglich etwa 4 km Wegstrecke über
Stunden gelaufen werden könne, nachdem angeblich nach 10 bis 15 Minuten Stehen
eine Fallneigung eintrete. Der Beschwerdeführer habe während der Untersuchung eine
Verdeutlichung der Bewegungsstörung mit demonstrativem Vorführen der Fallneigung
und der Behinderung gezeigt; es fänden sich Hinweise für eine Aggravation und einen
sekundären Krankheitsgewinn, womit der Beschwerdeführer auf seine triste Situation
hinweisen wolle. Zusammenfassend gaben die Sachverständigen in ihrer
Konsensbeurteilung an, der Versicherte leide mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
an einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig leichte bis mittelgradige
Episode. Aufgrund dieser rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig leichte bis
mittelgradige Episode, und der Einschränkung der emotionalen Belastbarkeit, der
geistigen Flexibilität, des Antriebs, der Interessen, der Motivation und
Dauerbelastbarkeit habe die Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als
Lagerist/Maschinenführer bei einer vollen Stundenpräsenz vom März 2014 bis Oktober
2017 60% betragen. Nach der Besserung des psychischen Zustandsbildes mit einer
leichten bis mittelgradigen depressiven Episode seit dem November 2017 betrage die
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit bei voller Stundenpräsenz 70%.
Adaptierte Tätigkeiten ohne erhöhte emotionale Belastung, ohne Stressbelastung, ohne
erforderliche geistige Flexibilität, ohne vermehrte Kundenkontakte und ohne
überdurchschnittliche Dauerbelastung seien vom März 2014 bis Oktober 2017 bei
voller Stundenpräsenz zu 70% und ab November 2017 zu 80% möglich gewesen. Dem
Versicherten sei eine längerfristige Fortsetzung der regelmässigen psychiatrischen und
psychotherapeutischen Behandlung, kombiniert mit einer ausreichend dosierten
antidepressiven Medikation, zu empfehlen, wobei die medikamentöse Therapie
durchaus modifiziert und intensiviert werden könne und die Medikamente auch effektiv
regelmässig eingenommen werden müssten. Unter diesen therapeutischen
Massnahmen sei im günstigen Fall innerhalb eines Jahres in Abhängigkeit von
psychosozialen Faktoren eine Besserung des psychischen Zustandsbildes mit
Leistungssteigerung und gesamthaft bei voller Stundenpräsenz 100%iger
Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit medizinisch-theoretisch zu erwarten.
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Allerdings sei zu befürchten, dass bei Anforderungen eine vermehrte Fixierung auf die
körperlichen Beschwerden mit verstärkten dissoziativen Störungen und verstärkten
reaktiv depressiven Verstimmungen eintreten könne. Der RAD-Arzt Dr. D._ gab am
27. Februar 2019 an (IV-act. 158), das MGSG-Gutachten sei umfassend und schlüssig.
Die im Konsens abgeleiteten medizinischen Schlussfolgerungen seien
versicherungsmedizinisch nachvollziehbar. Die wesentlichen Einschränkungen hätten in
der Beurteilung Berücksichtigung gefunden. Die Indikatoren gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung seien eingehend erörtert worden. Aus
versicherungsmedizinischer Sicht könne auf das Gutachten abgestellt werden.
Mit einem Vorbescheid vom 29. März 2019 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten
die Abweisung des Leistungsbegehrens an (IV-act. 165). Der Versicherte liess am 20.
Mai 2019/21. Juni 2019 (IV-act. 169 und 173) die Aufhebung des Vorbescheids vom 29.
März 2019 und die Zusprache einer Invalidenrente auf der Grundlage eines
Invaliditätsgrades von mindestens 50% beantragen. Zur Begründung führte er aus, die
Ansicht, das MGSG-Gutachten sei umfassend, schlüssig und nachvollziehbar, könne
nicht geteilt werden. Die Gutachter hätten angegeben, die therapeutischen Optionen
seien bisher nicht ausgenutzt worden und unter Wiederaufnahme der psychiatrischen
und psychotherapeutischen Behandlung, kombiniert mit einer ausreichend dosierten
antidepressiven Medikation, sei eine Besserung des psychischen Zustandsbildes mit
einer Leistungssteigerung und einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in angepasster
Tätigkeiten medizinisch theoretisch zu erwarten. Allerdings werde befürchtet, dass bei
Anforderungen eine vermehrte Fixierung auf die körperlichen Beschwerden mit
verstärkten dissoziativen Störungen und verstärkten reaktiv depressiven
Verstimmungen eintreten könnte. Hier sei nicht nachvollziehbar, wieso derartige
Vorbehalte nicht in die Prognose eingezogen worden seien, sondern zuungunsten des
Versicherten vom günstigsten Fall ausgegangen worden sei. Die Prognose entbehre
jeglicher Grundlage und sei aus medizinischer Sicht unbegründet. Ausserdem stehe sie
in einem krassen Widerspruch zu den Feststellungen der behandelnden Ärzte; der
frühere Hausarzt Dr. J._ habe seit dem Februar 2014 eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit und seit Oktober 2017 eine 50% Arbeitsunfähigkeit angegeben.
Auch die Zeit selbst habe gezeigt, dass die Prognose im Gutachten nicht zutreffe; das
Arbeitsintegrationsprogramm im Jahr 2017 habe nach einem kurzen Erreichen einer
A.l.
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50%igen Arbeitsfähigkeit aufgrund von Gleichgewichtsproblemen abgebrochen
werden müssen. Die Schätzung einer 80%igen Arbeitsfähigkeit in einer angestammten
Tätigkeit gemäss dem MGSG-Gutachten sei schon aus diesem Grund nicht
nachvollziehbar. Der Beschwerdeführer liess unter anderem ein ärztliches Attest vom
19. Juni 2019 (IV-act. 173 9 f.) von P._, Praktischer Arzt FMH, und einen ärztlichen
Bericht vom 20. Juni 2019 (IV-act. 173-11 f.) von Dr. med. M._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, einreichen. Der praktische Arzt P._, der neue
Hausarzt des Versicherten, hatte ausgeführt, der Versicherte leide an einer
chronifizierten Gang-, Stand- und Gleichgewichtsstörung, assoziiert mit einem
plötzlichen Tonusverlust der Muskulatur und mit einer Fallneigung, an einer
depressiven Störung mit einer möglichen Persönlichkeitsstörung und
Anpassungsstörung und an Schmerzen im Bewegungsapparat. Der Versicherte habe
berichtet, dass er vermehrt an Wirbelsäulenschmerzen (vom Nacken, den Schultern
beidseits, der Wirbelsäule, bis in die Hüften beidseits ziehend) leide. Aufgrund von
Gleichgewichtsstörungen und einer plötzlichen Fallneigung sei auch sein alltägliches
Leben von der Krankheit bestimmt; faktisch seien die Beine nicht mehr funktionierend.
Die Schlussfolgerungen der Sachverständigen des MGSG seien unsinnig, denn die
Beschwerden würden klar und deutlich nachweislich bestehen, auch ohne bzw.
unabhängig davon, ob die Ärzte die Erkrankung erklären könnten oder nicht. Dass er
wegen seiner Erkrankung praktisch invalide sei, werde übergangen und ignoriert. Er
könne unter den aktuellen Umständen absolut nicht eine volle Erwerbsfähigkeit
erkennen. Gemäss einem ärztlichen Zeugnis hatte Herr P._ dem Versicherten vom 1.
bis zum 30. Juni 2019 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert (IV-act. 173-16). Dr.
M._ hatte angegeben (IV-act. 173-11 f.), der Versicherte befinde sich seit April 2019
bei ihm in einer integriert-psychiatrischen Behandlung. Er leide an einer
Konversionsstörung/dissoziativen Bewegungsstörung. Weiterhin bestehe eine
langjährige depressive Symptomatik mit ausgeprägten Schlafstörungen und
Konzentrations- und Leistungsverlust mit körperlich schneller Ermüdbarkeit, die sich
aggravierend zur Hauptdiagnose auswirke. Aufgrund der Einschränkung der unteren
Extremitäten und der latenten Sturzgefahr sei der Versicherte in der angestammten
Tätigkeit voll arbeitsunfähig, was die Arbeitssuche ausbremse. Dies habe im MGSG-
Gutachten keinerlei Beachtung gefunden und die Sachverständigen seien von einer
deutlich höheren Resterwerbsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit ausgegangen.
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B.
Diese Einschätzung sei nicht nachvollziehbar. In einer behinderungsangepassten
Tätigkeit sei maximal eine 50% Arbeitsfähigkeit gegeben. Der RAD-Arzt Dr. D._ hielt
dazu am 27. Juni 2019 fest (IV-act. 174), aus versicherungsmedizinischer Sicht
enthielten die jetzt vorgelegten medizinischen Unterlagen keine Gesichtspunkte, die im
Rahmen der Begutachtung unerkannt geblieben und geeignet seien, zu einer
abweichenden Beurteilung zu führen. Der praktische Arzt Herr P._ habe weder die
von ihm erhobenen klinischen Befunde noch die objektivierbaren
Funktionseinschränkungen beschrieben; er habe lediglich die Angaben des
Versicherten wiedergegeben. Dr. M._ habe von einer Konversionsstörung/dissozia
tiven Bewegungsstörung und einer langjährigen depressiven Symptomatik berichtet.
Beide Diagnosen seien vom MGSG-Sachverständigen ebenfalls gestellt worden, wobei
dieser nachvollziehbar ausgeführt hätte, dass die dissoziative Bewegungsstörung
einem syndromalen Beschwerdebild entspreche und nach den derzeit gültigen
Beurteilungskriterien zu beurteilen sei. Ausserdem seien IV-fremde psychosoziale
Faktoren zu berücksichtigen. Die Angaben von Dr. J._ seien nicht mehr aktuell. Der
Hinweis, dass der neue Hausarzt Herr P._ wieder eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
seit dem 1. Juni 2019 attestiert habe, vermöge an der ausführlich begründeten
gutachterlichen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit nichts zu ändern.
Versicherungsmedizinisch könne daher weiterhin auf das MGSG-Gutachten abgestellt
werden. Am 28. Juni 2019 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des
Leistungsbegehrens (IV-act. 175).
Am 9. September 2019 liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
Beschwerde gegen die Abweisungsverfügung der IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) vom 28. Juni 2019 erheben (act. G 1). Er beantragte die
Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die Ausrichtung einer Invalidenrente auf
der Grundlage eines Invaliditätsgrades von mindestens 50%. Neben dem bereits in der
Stellungnahme zum Vorbescheid Ausgeführten machte der Beschwerdeführer in der
Begründung im Wesentlichen geltend, dass ein "Leidensabzug" von mindestens 15%
zu berücksichtigen sei, da er seine gesundheitlich bedingte Restarbeitsfähigkeit auf
dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit einem unterdurchschnittlichen erwerblichen
Erfolg würde verwerten können. Am 15. Oktober 2019 liess der Beschwerdeführer wie
B.a.
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in der Beschwerde angekündigt, eine fachliche Stellungnahme zum IV-Gutachten von
med. pract. H._ und Dr. M._ nachreichen (act. G 3). Diese hatten ausgeführt, der
Beschwerdeführer leide an einer funktionellen Gangstörung (entspreche einer
dissoziativen Bewegungsstörung/Konversionsstörung), einer mittelgradigen
depressiven Episode und es bestehe der Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung. Der
Beschwerdeführer zeige das Bild einer isolierten Kraft-, Sensiblitäts- und
Koordinationsbeeinträchtigung der unteren Extremitäten, linksbetont. Weiter träten
Schwankschwindelzustände und plötzliche Kraftverluste auf. Bisherige fachliche
Beurteilungen hätten das Symptombild nicht einem klar definierten Krankheitsbild
zuordnen können. Das Symptombild sei seit der Kündigung im Jahre 2014 progredient,
stehe aber ursächlich mit tiefgreifenden Konflikten in der Kindheit in Zusammenhang.
Der Versicherte sei in einem politischen Konfliktgebiet aufgewachsen und bereits ab
dem 8. Lebensjahr Ziel von gewaltsamen und sexuellen Übergriffen geworden. Der
Beschwerdeführer habe dies aus kulturell nachvollziehbaren Gründen mit Diskretion
behandeln wollen. Insbesondere finde die permanente Bedrohung und Ausgrenzung
als Armenier in der damals annektierenden Q._ und die Diskriminierung der
armenischen Minderheit unter schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen der Familie
nach dem Tod des Vaters, als der Beschwerdeführer 7 Jahre alt gewesen sei, kaum
Erwähnung im Gutachten. Es heisse, der Versicherte habe eine "unauffällige Kindheit
gehabt". Psychiatrisch anamnestisch sei nicht ausreichend exploriert und kein Bezug
zum tiefen Kränkungsereignis infolge der Kündigung mit schweren innerpsychischen
Auswirkungen im Zusammenhang mit den traumatisierenden Kindheitserfahrungen
hergestellt worden. Die Klassifikation der Konversionsstörungen beziehe sich exakt auf
das beim Beschwerdeführer gesehene Krankheitsbild, bei dem die beschriebenen
Symptome des Verlustes von sonst der willentlichen Kontrolle unterliegenden
Körperfunktionen und der sinnlichen Wahrnehmung beschrieben seien. Eine stationär
geführte psychosomatische Therapie sei geplant.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 27. November 2019 beantragte die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde (act. G 5). Sie führte
insbesondere aus, das MGSG-Gutachten enthalte eine vollständige Anamnese,
berücksichtige die geklagten Beschwerden, leuchte in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge ein und enthalte begründete Schlussfolgerungen.
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 14/25
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Daher sei ihm Beweiskraft zuzumessen. Ein Tabellenlohnabzug sei nicht gerechtfertigt,
da der Beschwerdeführer seine Restarbeitsfähigkeit von 80% in einer adaptierten
Tätigkeit voll verwerten könne. Sie legte eine Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. D._
vom 13. November 2019 bei (act. G 5.1). Dieser hatte ausgeführt, med. pract. H._
und Dr. M._ hätten die gutachterlich gestellte Diagnose einer dissoziativen
Bewegungsstörung bestätigt. Die von med. pract. H._ und Dr. M._ genannte
mittelgradige depressive Episode werde nicht mit entsprechenden
psychopathologischen Befunden belegt, sodass nicht darauf abgestellt werden könne.
Mit dem geäusserten Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung habe sich der
psychiatrische MGSG-Sachverständige bereits ausführlich auseinandergesetzt und
dabei das narzisstische Muster durchaus bestätigt. Im Schweregrad sei der
Sachverständige aber von einer Persönlichkeitsakzentuierung ohne Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit ausgegangen. Aus den von med. pract. H._ und Dr. M._
gestellten Diagnosen ergebe sich versicherungsmedizinisch somit nichts Neues. Eine
erneute stationäre Behandlung werde aufgegleist. Damit setzten med. pract. H._ und
Dr. M._ genau die therapeutische Empfehlung des psychiatrischen Sachverständigen
um. Aufgrund der geplanten Hospitalisation ergebe sich versicherungsmedizinisch
keine andere Beurteilung. Die Anamnese im MGSG-Gutachten sei entgegen den
Behauptungen des Beschwerdeführers ausführlich beschrieben worden. Die genannten
Probleme in der Kindheit (Aufwachsen in einem politischen Konfliktgebiet, gewaltsame
und sexuelle Übergriffe) habe der Beschwerdeführer bei der gutachterlichen Befragung
nicht angegeben. Die Angaben dazu in den Vorakten seien dem Sachverständigen
bekannt gewesen. Daraus und aus der Tatsache, dass die traumatisierenden
Ereignisse im vertrauensvollen Setting mit den Therapeuten nur knapp Erwähnung
fänden, lasse sich schliessen, dass sie nicht im Zentrum des Störungsbildes und seiner
funktionellen Auswirkungen gestanden hätten. Wenn der Beschwerdeführer bei der
gutachterlichen Exploration mögliche frühere traumatisierende Ereignisse nicht erwähnt
habe, könne daraus kein gutachterliches Versäumnis abgeleitet werden. Med. pract.
H._ und Dr. M._ hätten in ihrer Stellungnahme keine aktuellen psycho
pathologischen Befunde und keine daraus resultierenden Funktionseinschränkungen
beschrieben. Zu den Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit habe der psychiatrische
Sachverständige ausführlich und nachvollziehbar Stellung genommen und dargelegt,
dass die von der Rechtsprechung aufgestellten Kriterien nicht in dem Masse erfüllt
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 15/25
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C.
seien, dass daraus eine rententangierende Arbeitsunfähigkeit resultieren würde. Dass
die Kündigung eine tiefe Kränkung für den Beschwerdeführer darstelle, sei vom
psychiatrischen Gutachter an verschiedenen Stellen gewürdigt worden. Insgesamt
lasse sich der Stellungnahme von med. pract. H._ und Dr. M._ keine
objektivierbare Veränderung des Gesundheitszustandes mit einer anhaltenden und
relevanten Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit entnehmen. Versicherungsmedizinisch
könne weiterhin auf das MGSG-Gutachten abgestellt werden.
In seiner Replik vom 19. März 2020 liess der Beschwerdeführer an seinen
Anträgen festhalten (act. G 11). Er führte ergänzend aus, er sei vom 28. November
2019 bis zum 30. Januar 2020 in der Klinik N._ hospitalisiert gewesen. Dies belege,
dass er auch ein Jahr nach der Begutachtung noch an denselben Beschwerden leide,
und es zeige, dass die behauptete Arbeitsfähigkeit nicht erreichbar sei; eine Besserung
sei weiterhin nicht in Sicht. Der Beschwerdeführer legte einen Bericht der Klinik N._
AG vom 29. Januar 2020 bei. Deren Fachärzte hatten darin angegeben, der
Beschwerdeführer leide an einer andauernden Persönlichkeitsänderung nach
Grenzüberschreitung in der Kindheit, einer chronischen posttraumatischen
Belastungsstörung, einer dissoziativen Bewegungsstörung mit Stürzen, einer
rezidivierenden depressiven Störung und Dysthymie, chronischen Angst-/
Verfolgungsgefühlen und einer Dyslipidämie.
B.c.
Am 14. April 2020 führte die Beschwerdegegnerin aus (act. G 13), die stationäre
Behandlung in der Klinik N._ sowie der Bericht der Klinik N._ beträfen einen
Zeitraum nach dem Verfügungserlass und bildeten deshalb nicht Gegenstand des
vorliegenden Verfahrens. Im Übrigen werde auf eine Duplik verzichtet und an den
Ausführungen und dem Antrag in der Beschwerdeantwort festgehalten.
B.d.
In einem an den psychiatrischen Sachverständigen Dr. med. O._ von der
Medizinisches Gutachterzentrum Region St.Gallen GmbH gerichteten Schreiben vom
20. April 2021 (act. G 15) hielt das Versicherungsgericht St.Gallen fest, im
psychiatrischen Teilgutachten seien folgende Diagnosen erhoben worden:
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte bis mittelgradige Episode
(F31.1), dissoziative Bewegungsstörung (F44.4) und akzentuierte, narzisstisch
C.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 16/25
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kränkbare Persönlichkeitszüge (Z73.1). Nur der depressiven Störung sei eine
Arbeitsfähigkeitsrelevanz eingeräumt worden. In Bezug auf die Bewegungsstörung
habe er auf Hinweise für eine Aggravation und einen sekundären Krankheitsgewinn
aufmerksam gemacht. In den Berichten von Dr. med. M._ vom 20. Juni 2019 und von
Dr. med. P._ vom 19. Juni 2019, der fachlichen Stellungnahme zum IV-Gutachten
von Dr. med. M._ vom 1. Oktober 2019 und dem Bericht der Klinik N._ vom 29.
Januar 2020 seien einerseits neue Diagnosen, nämlich eine andauernde
Persönlichkeitsänderung (F62.0) und eine chronische posttraumatische
Belastungsstörung (F44.7), gestellt worden und andererseits sei der
Bewegungsstörung, zumindest indirekt, ein erheblicher Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
auch in einer ideal angepassten Erwerbstätigkeit zugeschrieben worden. Daher stellten
sich dem Gericht folgende Fragen: "Sehen Sie auf der Grundlage Ihrer psychiatrischen
Exploration von 2018 eine ausreichende Grundlage für die Diagnosen einer
andauernden Persönlichkeitsänderung (F62.0) und/oder einer chronischen
posttraumatischen Belastungsstörung (F44.7)? Wenn ja, haben diese Diagnosen zur
Folge, dass Ihre im Gutachten abgegebene Arbeitsfähigkeitsschätzung für eine ideal
adaptierte Erwerbstätigkeit eine Änderung erfahren muss? Besteht allenfalls ein Bedarf
nach einer erneuten psychiatrischen Beurteilung? Haben die von Ihnen festgestellten
Hinweise auf eine Aggravation in Bezug auf die Bewegungsstörung dazu geführt, dass
Sie diese dissoziative Störung (auch für eine adaptierte Tätigkeit) als nicht
arbeitsfähigkeitsrelevant betrachtet haben oder sind Sie davon ausgegangen, dass es
sich bei dieser Störung um ein syndromales Leiden handle, das nach der
Rechtsprechung zum Vornherein nicht arbeitsfähigkeitsrelevant sein könne?" Am 14.
Mai 2021 führte Dr. O._ aus (act. G 18), ausgehend von seiner psychiatrischen
Exploration von 2018 bestehe keine ausreichende Grundlage für die Diagnosen einer
andauernden Persönlichkeitsänderung F62.0 und/oder einer chronischen
posttraumatischen Belastungsstörung. Die Klinik N._ habe in ihrem Arztbericht vom
29. Januar 2020 verschiedene traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit angeführt,
die vom Beschwerdeführer im Rahmen seiner psychiatrischen Exploration nicht zu
erheben gewesen seien. Der Beschwerdeführer habe ausdrücklich erwähnt, er könne
sich kaum mehr an seine Kindheit und seinen Vater erinnern, da er immer habe
arbeiten müssen. Damit seien vom Beschwerdeführer keine traumatisierenden
Erlebnisse in der Kindheit genannt worden. Auch seien vom Beschwerdeführer keine
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 17/25
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typischen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie das wiederholte
Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Flashbacks) tags oder in
Träumen vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und
emotionaler Stumpfheit, Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen,
Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegenüber und Vermeidung von Aktivitäten und
Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten, angegeben worden.
Ausserdem sei die posttraumatische Belastungsstörung als verzögerte oder
protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation
aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmasses, die bei fast
jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde, definiert. Hierzu gehörten eine durch
Naturereignisse oder von Menschen verursachte Katastrophe, eine Kampfhandlung, ein
schwerer Unfall oder Zeuge eines gewaltsamen Todes anderer oder selbst Opfer von
Folterungen, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderen Verbrechen zu sein. Derartige
schwere traumatisierende Erlebnisse hätten sich im Rahmen der psychiatrischen
Exploration nicht erheben lassen; als einschneidendes traumatisierendes Erlebnis sei
lediglich die Kündigung 02/2014 angegeben worden. Auch fänden sich aus
psychiatrischer gutachterlicher Sicht keine Hinweise auf eine andauernde
Persönlichkeitsstörung F 62.0. Eine andauernde Persönlichkeitsänderung könne der
Erfahrung von extremer Belastung folgen. Die Belastung müsste so extrem sein, dass
die Vulnerabilität der betreffenden Person als Erklärung für die tiefgreifende Auswirkung
auf die Persönlichkeit nicht ausreiche. Beispiele hierfür seien Erlebnisse in einem
Konzentrationslager, Folter, Katastrophen und andauernde lebensbedrohliche
Situationen. Eine posttraumatische Belastungsstörung F 43.1 könne dieser Form der
Persönlichkeitsänderung vorangehen. Diese Persönlichkeitsänderung müsse
andauernd sein und zur Diagnosestellung müssten folgende Merkmale vorliegen: Eine
feindliche oder misstrauische Haltung der Welt gegenüber, ein sozialer Rückzug,
Gefühle der Leere oder der Hoffnungslosigkeit, ein chronisches Gefühl von Nervosität
wie bei ständigem Bedrohtsein und eine Entfremdung. Der Beschwerdeführer habe
nach der unerwarteten plötzlichen Kündigung mit fristloser Freistellung 02/2014 im
Rahmen von anfänglichen Anpassungsstörungen mit einer vorwiegenden Störung von
anderen Gefühlen wie Angst, Depression, Sorgen, Anspannung und Ärger eine
mittelgradige depressive Episode entwickelt. Seither könne trotz stationärer,
teilstationärer sowie ambulanter psychiatrischer und psychotherapeutischer
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/25
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Behandlung eine rezidivierende depressive Störung mit überwiegend mittelgradigen
Episoden erhoben werden, wobei seit etwa einem Jahr eine leichte Besserung des
psychischen Zustandsbildes mit gegenwärtig leichter bis mittelgradiger depressiver
Episode zu erheben sei. Trotz der Enttäuschung, der Wut und dem Ärger nach dem
Arbeitsverlust fänden sich keine typischen Merkmale einer andauernden
Persönlichkeitsänderung und die zu erhebenden Symptome seien überwiegend der
rezidivierenden depressiven Störung zuzuordnen. Ausserdem stelle ein Arbeitsverlust
nicht ein derart traumatisierendes Erlebnis dar, dass sich damit eine posttraumatische
Belastungsstörung entwickeln könne, der als chronisch irreversible Folge der
Belastung eine andauernde Persönlichkeitsänderung folge. Eine andauernde
Persönlichkeitsänderung habe im Rahmen der psychiatrischen Exploration nicht
erhoben werden können. Beim Beschwerdeführer sei eine psychogene
Bewegungsstörung entsprechend einer dissoziativen Bewegungsstörung anzunehmen.
Dissoziative Störungen stünden in naher zeitlicher Verbindung zu einem
traumatisierenden Ereignis; beim Beschwerdeführer könne die plötzliche, unerwartete
Kündigung als unlösbarer, unerträglicher Konflikt angesehen werden. Dabei seien
mangelnde Bewältigungsstrategien in Belastungssituationen anzunehmen und es sei
schwer festzustellen, ob und in welchem Umfang dieser Funktionsverlust willkürlich
kontrolliert werden könne. Beim Beschwerdeführer liege ein progredienter Verlauf vor
und dissoziative Zustände, die länger als ein bis zwei Jahre bestünden, seien häufig
chronifiziert. Diese dissoziativen Bewegungsstörungen seien einem syndormalen
Beschwerdebild zuzuordnen. Der Beschwerdeführer habe während der Untersuchung
eine Verdeutlichung dieser Bewegungsstörungen mit einem demonstrativen Vorführen
der Fallneigung und der Behinderung gezeigt. Damit hätten Hinweise für eine
Aggravation und einen sekundären Krankheitsgewinn erhoben werden können.
Trotzdem sei nicht davon auszugehen, dass es sich bei diesen Bewegungsstörungen
um eine willkürliche Störung handle; vielmehr sei von einer Verdeutlichung der
Beschwerden mit demonstrativem Vorführen der Beschwerden auszugehen. Des
Weiteren werde im psychiatrischen Gutachten angeführt, dass aufgrund der
rezidivierenden depressiven Störung mit überwiegend mittelgradigen Episoden eine
psychische Komorbidität von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer
anzunehmen sei. Jedoch bestehe keine von den Bewegungsstörungen unabhängige
oder verselbständigte depressive Erkrankung. Unter stationärer/teilstationärer und
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/25
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Erwägungen
1.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 28. Juni 2019 hat die Beschwerdegegnerin das
Rentenbegehren des Beschwerdeführers vom Januar 2015 abgewiesen. Den
Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet folglich die Frage nach einem
allfälligen Rentenanspruch des Beschwerdeführers.
ambulanter psychiatrischer-psychotherapeutischer Behandlung habe zumindest eine
leichte Besserung der depressiven Störung erreicht werden können. Damit sei nicht
von einer Therapieresistenz auszugehen. Unter Fortsetzung der therapeutischen
Massnahmen sei in Abhängigkeit von der psychosozialen Problematik durchaus eine
Besserung der depressiven Störung zu erwarten, wobei unter psychosomatischer
Behandlung auch eine Besserung der dissoziativen Bewegungsstörung eintreten
könne. Damals habe der Beschwerdeführer seit dem Sommer 2018 keine
psychiatrische und/ oder psychotherapeutische Behandlung in Anspruch genommen;
damit seien die therapeutischen Optionen nicht ausgenützt gewesen. Unter
Berücksichtigung der Standardindikatoren sei die dissoziative Bewegungsstörung als
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eingeschätzt worden. Wenn sich im weiteren
Verlauf eine Verschlechterung der Beschwerdesymptomatik einstelle und die
therapeutischen Optionen ausgenützt seien, sei durchaus vorstellbar, dass von einer
zunehmenden Therapieresistenz ausgegangen werden könne, sodass die dissoziative
Bewegungsstörung arbeitsfähigkeitsrelevant sein könnte. Dann sei eine erneute
psychiatrische Begutachtung zu empfehlen.
Am 1. Juni 2021 führte die Beschwerdegegnerin aus (act. G 20), Dr. O._ habe in
seiner Stellungnahme vom 14. Mai 2021 begründet und nachvollziehbar dargelegt,
weshalb beim Beschwerdeführer weder eine chronische posttraumatische
Belastungsstörung noch eine andauernde Persönlichkeitsänderung vorliege. Auch
erkläre er schlüssig, wie er unter Anwendung der Standardindikatoren zur Einschätzung
gelangt sei, dass sich die Diagnose der dissoziativen Bewegungsstörung nicht relevant
auf die Arbeitsfähigkeit ausgewirkt habe. Sie halte daher an den Anträgen und
Ausführungen in der Beschwerdeantwort fest.
C.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/25
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2.
3.
Der Beschwerdeführer hat in Q._ eine Ausbildung als Schreiner absolviert, in der
Schweiz hat er jedoch nie auf diesem Beruf gearbeitet. Der Beschwerdeführer ist in den
letzten Jahren stets als Hilfsarbeiter tätig gewesen. Damit bildet die Tätigkeit als Hilfs
arbeiter die Validenkarriere des Beschwerdeführers. Die Akten enthalten keine
Hinweise auf eine (erheblich) über- oder unterdurchschnittliche Leistungsfähigkeit der
Beschwerdeführerin vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung. Im Jahr 2014
hat der Beschwerdeführer ein Jahreseinkommen von Fr. 70'980.-- erzielt. Im Jahr 2014
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40% invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung, IVG, SR 831.20). Invalidität ist die voraussichtlich bleibende
oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG,
SR 830.1). Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen,
geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung
und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.1.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich
durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen,
das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der
medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares
Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte,
wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
2.2.
Der Beschwerdeführer hat sich im Januar 2015 mit einem Leistungsbegehren
angemeldet. Ab Februar 2014 ist er durchschnittlich zu mehr als 40% arbeitsunfähig
gewesen (Fremdakten act. 3-2 ff.). Unter der Berücksichtigung des sog. Wartejahrs
nach Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG und der sechsmonatigen Frist nach Art. 29 Abs. 1 IVG ist
der potentielle Rentenbeginn auf den Juli 2015 festzusetzten. Basis für den
Einkommensvergleich bilden somit die Verhältnisse im Jahr 2015.
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 21/25
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hat der Nominallohnindex 103.3 Punkte (bei Basis 2010=100) und im Jahr 2015 103.7
Punkte betragen (BfS, Nominallohnindex 2011-2019, T1.10). Unter Berücksichtigung
dieser Nominallohnentwicklung hätte sich der Jahreslohn (=Valideneinkommen) im
Jahre 2015 damit auf Fr. 71'254.85 belaufen.
4.
Für die Ermittlung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens kommt
den Auswirkungen der Gesundheitsbeeinträchtigung auf die Arbeitsfähigkeit in der
Regel eine zentrale Rolle zu. Zur Abklärung des Gesundheitszustandes ist durch die
Beschwerdegegnerin die Erstellung eines polydisziplinären Gutachtens bei der MGSG
Medizinisches Gutachtenzentrum Region St. Gallen GmbH in den Fachdisziplinen
Allgemeine Innere Medizin, Neurologie, Orthopädie und Psychiatrie in Auftrag gegeben
worden. Aufgrund der Einwände des Beschwerdeführers ist zu prüfen, ob dem
Gutachten voller Beweiswert zukommt, das heisst, ob die angegebene Arbeitsfähigkeit
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachvollziehbar belegt ist.
4.1.
Ein Gutachten hat vollen Beweiswert, wenn es für die streitigen Belange
umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen
Situation einleuchtet und die Schlussfolgerungen der Experten begründet sind (BGE
125 V 351, E. 3a). Sämtliche Akten der Beschwerdegegnerin mit den darin enthaltenen
medizinischen Berichten haben den Sachverständigen der MGSG zur Verfügung
gestanden. Die Sachverständigen haben diese Akten verarbeitet und in ihre
medizinische Beurteilung einbezogen. Sie haben den Beschwerdeführer befragt und
ihn persönlich untersucht. In ihren Teilgutachten haben sie die von ihnen erhobenen
objektiven klinischen Befunde anschaulich und vollständig dargelegt (IV-act- 157-8 f.,
157-27 f.,157-42 ff., 157-70 ff.) und in ihrer Art und Schwere gewürdigt, wobei sie sich
auch mit den Angaben des Beschwerdeführers auseinandergesetzt und wo notwendig
die attestierten Diagnosen der Behandler diskutiert haben. Sie haben ihre
versicherungsmedizinische Beurteilung detailliert begründet (IV-act. 157-10 f., 157-29,
157-45 ff., 157-73 ff.). Die jeweils erhobenen Diagnosen und die Angaben zu den
jeweiligen Arbeitsfähigkeitsschätzungen sind nachvollziehbar. Die von den MGSG-
Sachverständigen abschliessend abgegebene interdisziplinäre Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit ist einleuchtend und mit den in den einzelnen Teilgutachten
wiedergebenden Würdigungen vereinbar. Ein Indiz dafür, dass die Sachverständigen
eine relevante Gesundheitsbeeinträchtigung übersehen oder nicht hinreichend erfasst
hätten, ist nicht ersichtlich; das Gutachten ist im Sinne der Rechtsprechung (BGE 125
4.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/25
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V 351) inhaltlich vollständig, umfassend und frei von Widersprüchen. Der zuständige
RAD-Arzt Dr. D._ hat am 27. Februar 2019 das Gutachten als umfassend und
schlüssig qualifiziert; darauf könne abgestellt werden (IV-act. 158).
Zu prüfen bleibt, ob die Einwände des Beschwerdeführers einen erheblichen
Zweifel am Beweiswert des MGSG-Gutachtens zu wecken vermögen. Der
Beschwerdeführer hat insbesondere bemängelt, die Sachverständigen seien hilflos
bezüglich des Krankheitsbildes des Beschwerdeführers gewesen. Die
Sachverständigen haben im Gutachten detailliert begründet und ausführlich dargelegt,
weshalb sie jeweils die Voraussetzungen für eine Diagnosestellung als erfüllt erachtet
haben (oder eben auch nicht). Sie haben nichts erwähnt, wonach eine
Diagnosestellung nicht eindeutig möglich gewesen wäre. Sie haben insbesondere auch
die Inkonsistenzen und Aggravationstendenzen (z.B. Fallneigung) erwähnt und
aufgezeigt. Im Weiteren haben sie nachvollziehbar ausgeführt, wie hoch die noch
verbleibende Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers ist. Für die
Arbeitsfähigkeitsschätzungen für den Zeitraum vor der Begutachtung hat der
psychiatrische Sachverständige auf die Angaben und insbesondere die Diagnosen in
den Behandlerberichten abgestellt. Er hat in seinem Teilgutachten ausgeführt, wieso er
für die Zeit vor der Begutachtung eine höhere Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
angenommen hat als die Behandler (vgl. z.B. IV-act. 157-80 f.). Der Umstand, dass der
psychiatrische Sachverständige die Diagnose einer mittelgradigen depressiven Episode
nach der Kündigung der Arbeitsstellen in den Behandlerberichten als medizinisch
überzeugend erachtet hat, erlaubt es hier ausnahmsweise − entgegen den sonstigen
Vorbehalten gegenüber Behandlerberichten − auf diese abzustellen. Die
Arbeitsfähigkeitsschätzung für den Zeitraum vor der Begutachtung sind durch die
gemachten Erklärungen des psychiatrischen Sachverständigen überzeugend und
nachvollziehbar und damit unter Beachtung des erforderlichen Beweismasses der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit als bewiesen zu erachten.
4.3.
Auch die nach der Begutachtung eingereichten Berichte des Beschwerdeführers
vermögen keine Zweifel am Ergebnis des MGSG-Gutachtens erwecken. Der
Beschwerdeführer hat insbesondere folgende Berichte nachgereicht: Bericht von Dr.
med. M._ vom 20. Juni 2019, von Dr. med. P._ vom 19. Juni 2019, fachliche
Stellungnahme zum IV-Gutachten von Dr. med. M._ vom 1. Oktober 2019 und
Bericht von der Klinik N._ vom 29. Januar 2020. Aus den Berichten gehen unter
anderem eine andauernde Persönlichkeitsänderung und eine chronische
posttraumatische Belastungsstörung als neue Diagnosen hervor. Auf Nachfrage des
Versicherungsgerichts hat der psychiatrische Sachverständige Dr. O._ in einer
4.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 23/25
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5.
Stellungnahme vom 14. Mai 2021 (act. G 18) erklärt, wieso der Beschwerdeführer nicht
an einer andauernden Persönlichkeitsänderung und/oder einer chronischen
posttraumatischen Belastungsstörung leidet (vgl. im Sachverhalt Bst. C.b). Die
Ausführungen von Dr. O._ sind eingehend und nachvollziehbar. Er hat ausgeführt,
dass der Beschwerdeführer während der Begutachtung über keine "traumatischen"
Erlebnisse aus der Kindheit berichtet habe. Vielmehr habe er gesagt, er erinnere sich
kaum mehr an seine Kindheit und seinen Vater. Als einziges einschneidendes
traumatisierendes Erlebnis habe der Beschwerdeführer die Kündigung im Februar 2014
angegeben, welches nicht ein derart traumatisierendes Erlebnis darstelle, dass die
Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung zu rechtfertigen wäre. Als Folge
sei demnach auch keine andauernde Persönlichkeitsänderung eingetreten; hierfür
fehlten ebenfalls die typischen Merkmale. Weiter hat Dr. O._ verständlich ausgeführt,
weshalb die dissoziative Bewegungsstörung keine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
hat; mit der richtigen Therapie sei von einer weiteren Besserung der
Beschwerdesymptomatik auszugehen. Im Übrigen ist bei der Würdigung des
Beweiswerts der Berichte behandelnder Ärzte der Erfahrungstatsache Rechnung zu
tragen, dass behandelnde Ärzte aufgrund ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung
im Zweifel eher zugunsten ihrer Patienten auszusagen pflegen und zudem dazu neigen,
die pessimistischen Beschwerdeschilderungen ihrer Patienten als objektiv
ausgewiesen zu qualifizieren (vgl. etwa BGE 125 V 353 E. 3b.cc). Aus den neu
eingereichten Arztberichten ergeben sich somit keine neuen Tatsachen, sondern
lediglich bereits Bekanntes. Daraus ist gegenüber dem Begutachtungszeitpunkt keine
Sachverhaltsänderung und damit auch keine Verschlechterung bis zum Erlass der
angefochtenen Verfügung ersichtlich. Keiner der eingereichten Berichte ist damit
geeignet, die Beurteilung im Verfügungszeitpunkt zu beeinflussen.
Zusammenfassend sind die Einwände des Beschwerdeführers sowie die nach der
Begutachtung eingereichten Behandlerberichte nicht geeignet, Zweifel an der
Überzeugungskraft des MGSG-Gutachtens zu wecken. Damit steht mit dem
erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der
Beschwerdeführer in einer adaptierten Tätigkeit ohne erhöhte emotionale Belastung,
ohne Stressbelastung, ohne erforderliche geistige Flexibilität, ohne vermehrte
Kundenkontakte und ohne überdurchschnittliche Dauerbelastung von März 2014 bis
Oktober 2017 zu 30% und ab November 2017 zu 20% arbeitsunfähig gewesen ist.
4.5.
Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grundsätzlich
durch einen Einkommensvergleich (bzw. vorliegend durch einen Prozentvergleich)
5.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 24/25
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allenfalls (analog dem sog. Tabellenlohnabzug) korrigiert um einen zusätzlichen Abzug
zu ermitteln. Mit Blick auf den klaren Wortlaut von Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG und von
Art. 7, 8 und 16 ATSG kann keine Invalidität vorliegen, solange noch eine medizinische
oder berufliche Eingliederung durchgeführt wird. Die drei Abteilungen des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen haben im Frühjahr 2019 in einem
Verfahren nach Art. 54 des Gerichtsgesetzes (sGS 941.1) jedoch die folgende Frage
mehrheitlich bejaht: "Haben Versicherte, die während eines Jahres ohne wesentlichen
Unterbruch durchschnittlich mindestens zu 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sind
und die nach Ablauf dieses Jahres weiterhin zu mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig
sind, grundsätzlich Anspruch auf eine Rente, obwohl zumutbare
Eingliederungsmassnahmen, welche ihre Arbeitsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im
Aufgabenbereich zu betätigen, wiederherstellen, erhalten oder verbessern können,
nicht abgeschlossen sind?".
Die Invalidenkarriere besteht in der (zumutbaren) Verrichtung einer durchschnittlich
entlöhnten Hilfsarbeit. Das Invalideneinkommen entspricht somit dem statistischen
Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne im Jahr 2015 für Männer, vorliegend Fr. 66'633.--
(vgl. Anhang 2 der IV-Ausgabe der Informationsstelle AHV/IV, Ausgabe 2019). Nun stellt
sich die Frage, ob der Beschwerdeführer bei der notwendigen rein ökonomisch-
betriebswirtschaftlichen Betrachtungsweise zusätzliche Lohnnachteile in Kauf zu
nehmen hat. Bei Personen, die in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sind, können im
Vergleich zu gesunden Arbeitnehmern Lohnnachteile entstehen, da der Wert der
Arbeitsleistung aus der Sicht eines betriebswirtschaftlich-ökonomisch handelnden
Arbeitgebers vermindert ist. Eine gesundheitlich beeinträchtige Person wäre nämlich
unfähig, sich vorübergehend an einem nicht adaptierten Arbeitsplatz einsetzen zu
lassen. Sie wäre in der Regel auch nicht in der Lage, Überstunden zu leisten.
Längerfristig betrachtet bestünde zudem das Risiko von vermehrten
krankheitsbedingten Absenzen. Geht man von einem ökonomischen Invaliditätsbegriff
aus bzw. will man einen Soziallohnanteil ausscheiden, ist wegen diesen Nachteilen, die
betriebswirtschaftlich zu einem Minderlohn zwingen würden, bei der Ermittlung des
Ausgangswerts des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ein zusätzlicher
Abzug vorzunehmen. Die vorliegenden psychischen Gesundheitsbeeinträchtigungen
rechtfertigen einen Abzug von 5%. Im Rahmen eines Einkommensvergleichs errechnet
sich damit für den Zeitraum ab Juli 2015 (potentieller Rentenbeginn) bis Oktober 2017
unter Berücksichtigung der Restarbeitsfähigkeit von 70% und einem
Tabellenlohnabzug von 5% einen IV-Grad von 37.8%. Ab November 2017 reduziert
sich der IV-Grad aufgrund der höheren Arbeitsfähigkeit von 80% auf 28.93 %. Da erst
ab einem Invaliditätsgrad von 40% eine Rente zugesprochen werden kann, hat die IV-
5.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 25/25
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St.Galler Gerichte
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