Decision ID: 59bc5aed-b293-430a-abd7-1a07f69e8172
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden, syrische Staatsangehörige kurdischer Ethnie,
verliessen ihren Heimatstaat zusammen mit ihren beiden älteren Kindern
eigenen Angaben zufolge im Jahr 2015 in Richtung Türkei, von wo aus sie
nach Griechenland weiterreisten. Am 4. Mai 2017 reisten sie im Rahmen
des Relocation-Programms von Griechenland in die Schweiz ein und stell-
ten gleichentags im Empfangs- und Verfahrenszentrum F._ ein
Asylgesuch. Dort wurden sie am 18. Mai 2017 im Rahmen einer Befragung
zur Person (BzP) zu ihren persönlichen Umständen, dem Reiseweg sowie
summarisch zu ihren Asylgründen befragt. Am (...) kam die jüngste Toch-
ter, E._, zur Welt. Schliesslich hörte das SEM sie am 11. September
2018 einlässlich zu den Asylgründen an.
Dabei machte der Beschwerdeführer geltend, er habe zwischen 2005 und
2007 seinen obligatorischen Militärdienst in Daraa geleistet. Er habe mit
seiner Familie in Aleppo gelebt und sei nach Ausbruch des Konflikts in Sy-
rien dem Aufruf der YPG (Volksverteidigungseinheit), das Quartier zu
schützen, nachgekommen und habe sich bei zivilen Aktivitäten engagiert.
Als es zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen sei, habe er
seine Tätigkeit eingestellt. Im Jahr 2013 habe er von den syrischen Behör-
den zu Hause ein Aufgebot für den Reservedienst ausgehändigt bekom-
men, gemäss welchem er bei Mitteilung eines Codes im Fernsehen einrü-
cken solle. Einige Monate später sei dieser Code im Fernsehen gezeigt
worden. Da sich sein Wohnquartier zu diesem Zeitpunkt nicht unter Regie-
rungskontrolle befunden habe, sei er dem Aufgebot nicht nachgekommen.
Zu Beginn des Jahres 2015 habe sich aufgrund der anhaltenden Kämpfe
die Sicherheitslage in Aleppo stark verschlechtert, weshalb er mit seiner
Familie nach Afrin geflohen sei. Dort hätten sie sich ein bis zwei Monate
aufgehalten, bevor sie sich aufgrund einer drohenden Rekrutierung durch
die YPG entschlossen hätten Syrien zu verlassen. Als sie sich in der Türkei
aufgehalten hätten, habe der Vater des Beschwerdeführers ein weiteres
Aufgebot betreffend diesen für den Reservedienst erhalten. Später, nach-
dem die Eltern Aleppo ebenfalls verlassen hätten, habe der sich noch dort
aufhaltende Bruder des Beschwerdeführers ein weiteres Aufgebot diesen
betreffend erhalten. Die Beschwerdeführerin machte keine eigenen Asyl-
gründe geltend.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer seine Identitätskarte, Fami-
lien- und Krankenkassenkarte sowie sein Militärbüchlein zu den Akten.
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Weiter wurde eine Bestätigung für Staatsangestellte des Vaters des Be-
schwerdeführers sowie ein Familienfoto eingereicht.
B.
Mit Verfügung vom 31. März 2020 – eröffnet am 2. April 2020 – wurden die
Asylgesuche der Beschwerdeführenden abgewiesen und festgehalten,
diese würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen. Weiter wurde die
Wegweisung aus der Schweiz verfügt. Dabei wurde betreffend den Be-
schwerdeführer festgehalten, der Vollzug der Wegweisung werde als un-
zulässig erachtet, weshalb eine vorläufige Aufnahme angeordnet wurde.
Die Beschwerdeführerin und die gemeinsamen Kinder wurden aufgrund
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen.
C.
Die Beschwerdeführenden erhoben mit Eingabe ihres Rechtsvertreters
vom 30. April 2020 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen
diesen Entscheid. Darin wurde beantragt, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und ihnen sei Asyl zu gewähren. Eventualiter sei ihre Flücht-
lingseigenschaft festzustellen und sie seien als Flüchtlinge vorläufig aufzu-
nehmen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie zudem um Ver-
zicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und Befreiung von der
Bezahlung der Verfahrenskosten. Der Beschwerde lag neben der ange-
fochtenen Verfügung ein Nachrichtenartikel in arabischer Schrift bei.
D.
Nach entsprechender Aufforderung vom 7. Mai 2020 reichten die Be-
schwerdeführenden am 12. Mai 2020 eine Fürsorgebestätigung vom
23. April 2020 zu den Akten.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Mai 2020 hiess die Instruktionsrichtern das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Mit Vernehmlassung vom 22. September 2020 stellte die Vorinstanz fest,
die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder
Beweismittel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen
könne. Am 10. November 2020 machten die Beschwerdeführenden von
ihrem Replikrecht Gebrauch.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
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politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM aus, eine Wehr-
dienstverweigerung oder Desertion vermöge die Flüchtlingseigenschaft
nicht per se zu begründen, sondern nur dann, wenn damit eine Verfolgung
im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden sei. Im syrischen Kontext er-
gebe die Quellenanalyse, dass die dortigen Behörden zum heutigen Zeit-
punkt nicht allen Wehrdienstverweigerern oder Deserteuren eine regie-
rungsfeindliche Haltung unterstellen. Beim Vorliegen spezifischer politi-
scher Faktoren sei jedoch davon auszugehen, dass die syrischen Behör-
den eine Wehrdienstverweigerung oder Desertion als Stellungnahme für
die Opposition einstufen und entsprechende Strafen aussprechen würden.
Daraus folge, dass im syrischen Kontext eine Bestrafung wegen Wehr-
dienstverweigerung oder Desertion nur dann aus Gründen im Sinne von
Art. 3 AsylG erfolge, wenn zusätzliche einzelfallspezifische Risikofaktoren
vorliegen würden. Im Fall des Beschwerdeführers würde dies nicht zutref-
fen. Es sei aber nicht auszuschliessen, dass ihm in Syrien Strafmassnah-
men drohen würden, die gegen Art. 3 EMRK verstossen. Diesem Umstand
sei bei der Prüfung der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs Rechnung
zu tragen. Weiter würden im Rahmen von Krieg oder Situationen allgemei-
ner Gewalt erlittene Nachteile keine Verfolgung im Sinne des AsylG dar-
stellen, soweit sie nicht auf der Absicht beruhen würden, einen Menschen
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aus einem der in Art. 3 AsylG erwähnten Gründe zu treffen. Das SEM ver-
kenne die schwierigen Umstände und das individuell erlittene Leid in keiner
Weise. Die diesbezüglichen Vorbringen würden sich jedoch allgemein auf
die Folgen des Bürgerkrieges in Syrien beziehen, weshalb diese als nicht
asylrelevant zu qualifizieren seien. Betreffend die geltend gemachte Be-
fürchtung, durch die YPG rekrutiert zu werden, sei festzuhalten, dass diese
Rekrutierungsbemühungen gemäss Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts mangels eines Verfolgungsmotivs im Sinne von Art. 3 AsylG
und mangels hinreichender Intensität keine Asylrelevanz zu entfalten ver-
möge. Es sei nicht davon auszugehen, dass eine entsprechende Weige-
rung asylrelevante Sanktionen nach sich ziehe. Die Vorbringen würden den
Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG somit
nicht standhalten.
4.2 Dem entgegneten die Beschwerdeführenden in ihrer Rechtsmittelein-
gabe im Wesentlichen, die Vorinstanz habe asylrelevante Tatsachen über-
sehen und diese in ihrem Entscheid nicht beachtet. Wehrdienstverweige-
rern drohe in Syrien Folter, Gefängnis und in vielen Fällen der Tod. Die
Vorinstanz habe lediglich aufgrund von pauschalen Feststellungen und
standardisierten Begründungen über das Schicksal der Beschwerdefüh-
renden entschieden. Der Beschwerdeführer habe glaubhaft dargelegt,
dass er zum Reservedienst aufgeboten worden sei, diesem aber keine
Folge geleistet habe, weshalb er bis heute gesucht werde. So sei er insge-
samt drei Mal aufgeboten worden. In Syrien werde man nach einem Wehr-
dienstentzug laut Gesetz zur Haft ausgeschrieben und gesucht sowie in
Abwesenheit verurteilt. Es sei bekannt, wie die syrischen Behörden mit
grosser Brutalität und erschreckender Gewalt gegen Deserteure, Dienst-
verweigerer und Dienstentzieher vorgehen würden. Die Brutalität der Be-
hörden sei unvorstellbar. Die Einberufung habe angesichts des in Syrien
herrschenden brutalen Krieges Angst und Furcht um seine Sicherheit und
sein Leben ausgelöst. In den Augen des syrischen Regimes gelte man
nach einer Wehrdienstentziehung als politischer Gegner und Verräter, eine
regierungskritische Haltung werde einem unterstellt. Die Vorinstanz habe
nur pauschal begründet, dass sie die Vorbringen für nicht asylrelevant
halte. Sie habe keine individuelle Prüfung vorgenommen und damit die Be-
gründungspflicht verletzt. Ferner wurde betreffend eine allfällige Zwangs-
rekrutierung durch die YPG festgehalten, es könne zum heutigen Zeitpunkt
nicht mehr behauptet werden, dass solche nicht erfolgen würden. Es werde
massiver Druck auf kurdische Familien ausgeübt.
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Weiter enthält die Beschwerde zahlreiche allgemeine Aussagen zur Situa-
tion in Syrien, insbesondere jener von Wehrdienstverweigern, welche kei-
nen direkten Bezug zu den Beschwerdeführenden haben sowie Kritik an
der aktuellen Praxis des Gerichts und der Vorinstanz betreffend Syrien.
4.3 In ihrer Vernehmlassung führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, mit
BVGE 2020 VI/4 habe das Bundesverwaltungsgericht gerügt, es sei mit
dessen Praxis nicht vereinbar, wenn das SEM davon ausgehe, dass
Dienstverweigerern, bei denen keine zusätzlichen einzelfallspezifischen
Risikofaktoren vorliegen würden, keine flüchtlingsrechtlich relevanten Stra-
fen drohen würden und aber gleichzeitig feststelle, diese Personen hätten
drohende Folterstrafen im Sinne eines «real risk» zu befürchten. Das SEM
gehe aber entgegen dieser Einschätzung davon aus, dass für Wehrdienst-
verweigerer aufgrund der drohenden Haftbedingungen sowie der Behand-
lung ein «real risk» einer gegen Art. 3 EMRK verstossenden Behandlung
bestehe, allerdings sei es der Ansicht, dass eine solche Verletzung von Art.
3 EMRK ohne das Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren nicht auf der be-
wussten Absicht des Verfolgerstaats gründe, einen politisch Oppositionel-
len zu bestrafen. Es fehle somit an der flüchtlingsrechtlich relevanten Mo-
tivation.
4.4 In der Replik wurde dargelegt, das SEM habe sich in seiner Vernehm-
lassung kaum zu den Ausführungen in der Beschwerde geäussert, sondern
lediglich zu einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts. Wehrdienstent-
ziehung sei in Syrien eine Straftat und unabhängige Beobachter würden
darauf hinweisen, dass sie von der Regierung wahrscheinlich als politi-
sche, regierungsfeindliche Handlung angesehen werde. Dies könne zur
Folge haben, dass der Person, die sich dem Wehrdienst entzieht, eine
Strafe drohe, die über die regulären Sanktionen für die Straftat der Wehr-
dienstentziehung hinausgehe. In der Praxis drohe Wehrdienstentziehern
statt einer strafrechtlichen Sanktion nach dem Militärstrafgesetzbuch der
Einsatz an vorderster Front innerhalb von Tagen oder Wochen nach der
Festnahme. Folglich bestehe für den Beschwerdeführer im Falle einer
Rückkehr nach Syrien eine asylrelevante Verfolgungsgefahr.
5.
5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat sich seit Ausbruch des Bürger-
kriegs wiederholt mit der Asylrelevanz von Desertion und Refraktion im sy-
rischen Kontext auseinandergesetzt und dazu eine gefestigte Praxis ent-
wickelt. Gemäss Grundsatzentscheid BVGE 2015/3 vermag eine Wehr-
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/3
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dienstverweigerung oder Desertion nicht für sich allein, sondern nur ver-
bunden mit einer Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG die Flücht-
lingseigenschaft zu begründen. Mit anderen Worten muss die betroffene
Person aus einem der in dieser Norm genannten Gründe wegen ihrer
Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen
haben, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleich-
kommt. Eine asylrechtlich relevante Verfolgung liegt demzufolge insbeson-
dere dann vor, wenn eine Person aufgrund ihrer Dienstverweigerung als
politischer Gegner qualifiziert und als solcher unverhältnismässig hart be-
straft würde. Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Praxis da-
von aus, dass bei Wehrdienstverweigerung und Desertion im syrischen
Kontext nur dann eine asylrelevante Strafe zu befürchten ist, wenn zusätz-
liche exponierende Faktoren gegeben sind, welche darauf schliessen las-
sen, dass eine Person als Regimegegner angesehen wird und damit aus
politischen Gründen eine unverhältnismässige Bestrafung zu gewärtigen
hätte (vgl. BVGE 2020 VI/4 E.5.1.1 und 5.1.2).
5.2 Vorab ist festzuhalten, dass die Sichtweise des SEM dogmatisch nicht
zu überzeugen vermag. Sie ist auch nicht kohärent mit der rechtlichen Wür-
digung der Dienstverweigerung im syrischen Kontext, wie sie das Bundes-
verwaltungsgericht im Urteil BVGE 2015/3 niedergelegt hat. Sofern Perso-
nen als «einfache» Wehrdienstverweigerer oder Refraktäre zu erachten
sind, würde in der Praxis des Bundesverwaltungsgerichts keine derart dra-
konische Strafe im Sinne eines Malus drohen, als dass die Schwelle des
Art. 3 EMRK erreicht würde. Eine Wehrdienstverweigerung oder Refrak-
tion wäre dann nur im Rahmen der Unzumutbarkeit des Vollzugs der Weg-
weisung aufgrund der derzeitigen allgemeinen Situation in Syrien zu be-
rücksichtigen (vgl. BVGE 2020 VI/4 E. 6).
5.3 Vorliegend ist es als glaubhaft zu erachten, dass der Beschwerdeführer
eine Aufforderung zur Einrückung in den Reservedienst erhalten hat. Dies
wurde von der Vorinstanz denn auch nicht angezweifelt. Allerdings ist mit
dem SEM davon auszugehen, dass im Falle des Beschwerdeführers keine
zusätzlich exponierenden Faktoren vorliegen. Solche werden von ihm nicht
geltend gemacht. Die erfolgte Aufforderung zur Leistung von Reserve-
dienst wäre aber flüchtlingsrechtlich nur relevant, wenn solche vorliegen
würden. Es handelt sich bei ihm somit um einen "einfachen" Wehrdienst-
verweigerer, bei welchem – gemäss der in BVGE 2020 VI/4 bestätigten
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts – nicht davon auszuge-
hen ist, dass ihm bei einer Rückkehr aufgrund der Dienstverweigerung eine
Strafe droht, welche die Schwelle der Asylrelevanz erreichen könnte (vgl.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/3
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dazu BVGE 2020 VI/4 E. 6.2.4). Es liegen keine massgeblichen Risikofak-
toren vor, aufgrund derer angenommen werden müsste, dem Beschwerde-
führer drohe bei einer Rückkehr – aufgrund seiner Dienstverweigerung in
Verbindung mit einem Politmalus – eine besonders grausame Bestrafung.
5.4 Ferner hat das SEM in der angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hingewiesen, dass einer drohenden Rekrutierung durch die kurdischen Be-
hörden (PYD respektive YPG) gemäss der Rechtsprechung des Bundes-
verwaltungsgerichts keine flüchtlingsrechtliche Relevanz zukommt.
5.5 Im Weiteren ist festzuhalten, dass die illegale Ausreise aus Syrien so-
wie die Asylgesuchstellung in der Schweiz für sich genommen keine flücht-
lingsrechtliche Relevanz entfalten, sofern keine Verfolgungssituation im
Sinne von Art. 3 AsylG und keine besondere individuelle Vorbelastung vor-
liegen (vgl. zur diesbezüglichen Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
das Referenzurteil D-3839/2013 vom 28. Oktober 2013 E. 6.4.3 sowie das
Urteil des BVGer E-194/2020 vom 4. Februar 2020 E. 8.6). Dies ist im Fall
des Beschwerdeführers zu verneinen, da aufgrund der Aktenlage – wie
vorstehend ausgeführt – nicht davon auszugehen ist, dass er vor seiner
Ausreise als regimefeindliche Person ins Blickfeld der syrischen Behörden
geraten ist.
5.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die vom Beschwerdeführer
geltend gemachten Asylgründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsrele-
vante Verfolgung oder eine entsprechende Verfolgungsfurcht zu begrün-
den. An dieser Einschätzung vermögen auch die weiteren Ausführungen in
der Beschwerde sowie das eingereichte Beweismittel nichts zu ändern,
weshalb darauf nicht näher einzugehen ist. Demnach hat das SEM zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, seiner Frau und
seiner Kinder verneint und die Asylgesuche abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Die Beschwerdeführenden verfügen insbesondere weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu
Recht angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
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6.3 Die Vorinstanz hat mit Verfügung vom 31. März 2020 die vorläufige
Aufnahme der Beschwerdeführenden in der Schweiz angeordnet. Dem-
nach erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit, Zumut-
barkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenverfügung
vom 18. Mai 2020 wurde jedoch das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung gutgeheissen, weshalb auf die Erhebung von
Verfahrenskosten zu verzichtet ist.
(Dispositiv nächste Seite)
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