Decision ID: cfcaf31e-26c2-5cf8-b22a-c2f4213358b6
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess die Türkei eigenen Angaben zufolge am
13. Dezember 2016 und gelangte über Griechenland und weitere ihm un-
bekannte Länder am 4. Mai 2017 in die Schweiz, wo er gleichentags ein
Asylgesuch stellte. Am 11. Mai 2017 wurde er summarisch befragt und am
31. Januar 2018 einlässlich zu den Asylgründen angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuches gab er im Wesentlichen an, nach
einem Verkehrsunfall im Jahr 2012 sei er aufgrund seines kurdischen Na-
mens von den Polizisten als Terrorist bezeichnet worden, woraufhin er
diese ebenfalls als Terroristen bezeichnet habe. Sie hätten ihm Handschel-
len anlegen und ihn auf den Posten mitnehmen wollen. Weil er sich ge-
wehrt habe, seien sie auf ihn losgegangen. Auf dem Posten sei er gefoltert
worden. Am nächsten Morgen hätten sie ihn wieder gehen lassen. Über
diesen Vorfall sei in einer Zeitung berichtet worden. Er sei deswegen zu
einem Menschenrechtsverein gegangen und habe die Polizei angezeigt.
Nachdem er zu einem psychologischen Gutachten aufgeboten worden sei,
habe er die Sache aber nicht weiterverfolgt. Er sei für den Vorfall erstin-
stanzlich zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Im Jahr 2014 habe
er bei einer normalen Verkehrskontrolle, als er während des Kobane-Krie-
ges nach B._ habe gelangen wollen, stundenlang warten müssen,
weil das Auto eines alkoholisierten Fahrers beschlagnahmt worden sei. Er
habe sich wegen der Wartezeit beschwert. Als die Beamten im System ge-
sehen hätten, dass er registriert sei und er aus Witz gesagt habe, er habe
sein palästinensisches Halstuch von einem Guerillero, hätten sie ihn be-
schimpft und geschlagen. Er sei dann erneut erstinstanzlich zu zweieinhalb
Jahren Haft verurteilt worden. Die beiden Verfahren seien beim Kassati-
onsgerichtshof hängig. Er sei vom (...) 2014 bis zum (...) 2015 zusätzlich
für (...) Tage in einem geschlossenen Gefängnis und dann (...) Tage in
einem offenen Gefängnis gewesen. Dann habe er sechs Monate einer Mel-
depflicht unterstanden. Das sei eine Verurteilung von einem Ereignis im
Jahr 2010 gewesen, bei dem es sich um ähnliche Probleme gehandelt
habe. Es liege eine Ausreisesperre gegen ihn vor und es sei ein Datenblatt
erstellt worden.
Im Jahr 2015 habe er freiwillig sechs Monate in einem Camp für syrische
Flüchtlinge in B._ gearbeitet. Deshalb hätten viele Leute gedacht,
er habe in Kobane gekämpft. Auch in einem versteckten Krankenhaus in
C._ sei er ein paarmal gewesen, in dem die Verletzten der YPG
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(Yekîneyên Parastina Gel; Volksverteidigungseinheiten) behandelt worden
seien. Sie hätten die Verletzten an der syrischen Grenze abgeholt, im Spital
versorgt und dann auf Familien in C._ verteilt. Zudem habe er in
D._ Medikamente und Kleider für Syrien gesammelt. Er habe auch
an vielen Demonstrationen teilgenommen, so in E._ gegen Waffen-
transporte aus der Türkei nach Syrien und in D._ gegen ein Bom-
benattentat in B._. Zirka im (...) 2016 habe er eine Schlägerei
schlichten wollen und sei mit einem Messer verletzt worden. Später habe
es geheissen, dies sei eine Falle von Mitgliedern der Alperen-Gruppe ge-
wesen. Die Polizei habe den Täter nicht finden können. In der Nacht vom
Militärputsch im Juli 2016 sei er von 150 Angehörigen der AKP (Adalet ve
Kalkınma Partisi; Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) vor seiner
Haustüre angegriffen und geschlagen worden. Sein Nachbar habe aus
dem Fenster zweimal in die Luft geschossen, um sie zu vertreiben. Seine
Mutter habe jemanden mit einem Stein geschlagen. Als nachher die Polizei
gekommen sei, habe sich herausgestellt, dass dies ein Mitglied der AKP
gewesen sei. Im Jahr 2016 sei er auf der Grundlage des Dekretes 675 im
Zusammenhang mit dem Militärputsch grundlos als staatlicher Kranken-
pfleger entlassen worden. Der Gewerkschaftsanwalt habe eine Massen-
klage eingereicht und wolle bis zum Gerichtshof der Europäischen Union
(EuGH) gehen. In diesem Zusammenhang sei gegen ihn ein geheimes
Dossier eröffnet worden. Er habe dies von seinem Schwager erfahren, wel-
cher Parlamentarier bei der AKP gewesen sei. Aufgrund des Ausnahmezu-
standes habe er aber keine Einsicht in diese Akten. Aufgrund der Entlas-
sung habe er nirgends mehr Arbeit finden können. Im (...) 2016 sei er von
einer unbekannten Gruppe, vermutlich dem IS (Islamischer Staat) oder
dem Sicherheitsdienst, entführt worden. Sie hätten ihn mit dem Auto aus
der Stadt gebracht und ihm ein Agentenangebot gemacht. Er hätte Anga-
ben zu den Abläufen im Spital machen sollen. Als er abgelehnt habe, hät-
ten sie ihn zusammengeschlagen und auf einem Feld stehenlassen. Sie
hätten gesagt, er müsse aufpassen, was er tue. Er habe den Vorfall der
Polizei und der Gendarmerie melden wollen, welche ihn aber weggeschickt
hätten. Später seien vor ihrem Haus AKP-Slogans geschrieben worden.
Das sei eine Botschaft für ihn gewesen. Einmal hätten sie vier verschie-
denfarbige Kugeln von einem Jagdgewehr auf ihren Balkon geworfen und
gesagt, er müsse sich für eine Farbe entscheiden. Sein Haus sei auch ob-
serviert worden. Er sympathisiere für die HDP (Halkların Demokratik Par-
tisi; Demokratische Partei der Völker) und habe im Vorfeld der Wahlen für
diese gearbeitet. Als Staatsangestellter habe er nicht Mitglied werden dür-
fen. Er sei Mitglied der SES (Gewerkschaft im Bereich Gesundheit und So-
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zialdienste), die der Konföderation KESK (Konföderation für staatliche An-
gestellte) unterstellt sei. Er habe verschiedene führende Mitglieder der Ge-
werkschaft gekannt.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer unter ande-
rem den erwähnten Zeitungsartikel betreffend den Unfall im Jahr 2012 und
diverse Dokumente betreffend die Gerichtsverfahren und seine Arbeitstä-
tigkeit (darunter den Auszug aus dem Amtsblatt zu seiner Entlassung und
die entsprechende Beschwerde), Fotografien von sich im Flüchtlingscamp,
an Demonstrationen und zusammen mit dem HDP-Copräsidenten
(F._) zu den Akten.
B.
Mit Strafbefehl vom 25. Oktober 2017 wurde der Beschwerdeführer wegen
Sachbeschädigung und Hinderung einer Amtshandlung zu einer bedingten
Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je Fr. 30.– und einer Busse von Fr. 300.–
verurteilt.
C.
Am 31. Mai 2019 wurde der Beschwerdeführer wegen des Führens eines
motorlosen Fahrzeuges in angetrunkenem Zustand und der Verweigerung
oder Vereitelung der Blutprobe angezeigt.
D.
Mit Strafbefehl vom 27. April 2020 wurde der Beschwerdeführer wegen ein-
facher Körperverletzung sowie Drohung und Beschimpfung und zusätzlich
wegen Ungehorsams gegen eine amtliche Verfügung zu einer bedingten
Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je Fr. 30.– und einer Busse von Fr. 500.–
verurteilt.
E.
Mit Schreiben vom 4. September 2020 forderte das SEM den Beschwer-
deführer auf, weitere Beweismittel einzureichen und verschiedene Fragen
zu beantworten.
F.
In seiner Stellungnahme vom 13. Oktober 2020 reichte der Beschwerde-
führer weitere Beweismittel betreffend die Strafverfahren ein und führte
aus, bei der von ihm angegebenen Verurteilung von fünf Jahren habe es
sich lediglich um die von ihm befürchtete Höchststrafe gehandelt. Vom
Kassationshof sei er mittlerweile zu einer definitiven Haftstrafe von 5 Mo-
naten wegen Hinderung einer Amtshandlung verurteilt worden. Die Strafe
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von einem Jahr, 2 Monaten und 17 Tagen wegen Beleidigung sei vom Kas-
sationsgericht an die Vorinstanz zurückgewiesen worden. Das ganze Ver-
fahren betreffe die Geschehnisse aus dem Jahr 2010. Er sei damals für 17
Tage in Untersuchungshaft genommen worden. In Zusammenhang mit
dem Unfall im Jahr 2012 sei er freigesprochen worden. Anlässlich dieses
Unfalls sei es zu heftigen Ausschreitungen zwischen den Zivilisten, der Po-
lizei und dem Militär gekommen. Aufgrund der Ereignisse anlässlich der
Verkehrskontrolle im Jahr 2014 sei er zu sechs Monaten Haft verurteil wor-
den, welche er vom (...) 2014 bis zum (...) 2015 verbüsst habe.
G.
Mit Verfügung vom 28. Oktober 2020 – eröffnet am 2. November 2020 –
lehnte das SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete
die Wegweisung sowie den Vollzug an. Einer allfälligen Beschwerde gegen
diese Verfügung entzog es die aufschiebende Wirkung.
H.
Mit Eingabe vom 2. Dezember 2020 erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch seine Rechtsvertreterin – gegen diesen Entscheid beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung, die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und
die Asylgewährung sowie eventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit
beziehungsweise Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs und die Er-
teilung einer vorläufigen Aufnahme. In formeller Hinsicht ersuchte er um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege, um Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses und um Wiederherstellung der aufschie-
benden Wirkung.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Dezember 2020 stellte die Instruktionsrich-
terin fest, die Voraussetzungen für den Entzug der aufschiebenden Wir-
kung seien vorliegend nicht erfüllt. Der Beschwerdeführer könne den Aus-
gang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Gleichzeitig verzichtete sie
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Den Entscheid über das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und Verbeistän-
dung verschob sie auf einen späteren Zeitpunkt und forderte den Be-
schwerdeführer auf, eine Fürsorgebestätigung einzureichen.
J.
Mit Eingabe vom 14. Dezember 2020 reichte der Beschwerdeführer eine
Fürsorgebestätigung zu den Akten.
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Seite 6
K.
In seiner Vernehmlassung vom 21. Dezember 2020 hielt das SEM vollum-
fänglich an seinen Erwägungen fest.
L.
Mit Replik vom 5. Januar 2021 nahm der Beschwerdeführer zur Vernehm-
lassung des SEM Stellung und reichte eine Kostennote zu den Akten.
M.
Am 23. Juli 2021 wurde gegen den Beschwerdeführer wegen Belästigung
eine Verfügung betreffend Ausgrenzung aus einem Gemeindegebiet erlas-
sen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM im Wesentlichen
aus, die geltend gemachten Gerichtsverfahren würden in keinem zeitlichen
Kausalzusammenhang mit der Ausreise des Beschwerdeführers stehen,
weshalb sie nicht asylrelevant seien. Diese Ereignisse hätten sich einein-
halb bis sechs Jahre zuvor ereignet. Zudem sei aufgrund der Aktenlage
und den eingereichten Beweismitteln davon auszugehen, dass es sich um
rechtsstaatliche legitime Strafverfolgungsmassnahmen und Verurteilungen
beziehungsweise Inhaftierungen ohne politisches Motiv, sondern aufgrund
der genannten Straftaten gehandelt habe (Hinderung einer Amtshandlung
sowie Beschimpfung und Beleidigung von Polizeibeamten, welche auch in
der Schweiz strafbar seien), zumal er im Verfahren betreffend den Vorfall
im Jahr 2012 freigesprochen worden sei. Falls ihm bei den Festnahmen
oder während der Haft Unrecht geschehen wäre, handle es sich im Übrigen
um vergangenes Unrecht, welches, auch zum Zeitpunkt seiner Ausreise
eineinhalb bis über sechs Jahre danach nicht mehr aktuell gewesen sei
sowie im Hinblick auf die Haftstrafe vom (...) 2014 bis (...) 2015 verbüsst
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sei. Zudem habe er mit einem Rechtsanwalt Beschwerde gegen diese Ver-
urteilungen führen können. Die fünfmonatige Freiheitstrafe sei vom Kassa-
tionshof bestätigt, jedoch die Verurteilung zu einem Jahr, zwei Monaten
und 17 Tagen zurückgewiesen worden. Dies zeige auf, dass im vorliegen-
den Fall das Justizsystem und grundlegende Rechtsprinzipien wie Be-
schwerdemöglichkeit und Instanzenzug funktioniert hätten. Letztlich sei
das Strafmass bei beiden Verurteilungen, vor allem aber die fünfmonatige
Freiheitsstrafe als verhältnismässig und für die beiden Straftatbestände
nicht als unangemessen anzusehen, dies auch im Vergleich zum Schwei-
zerischen Recht. Er sei gemäss türkischen Strafrecht nur zu den absoluten
Mindeststrafen verurteilt worden, wobei die längere Freiheitsstrafe noch
nicht rechtskräftig sei. Aus diesen Gründen sei, trotz seiner Behauptung,
dass ein Politmalus wegen seiner kurdischen Ethnie vorläge, vorliegend
von einer rechtsstaatlich legitimen Verurteilung auszugehen.
Zudem würden seine diesbezüglich Aussagen verschiedene Unglaubhaf-
tigkeitselemente enthalten. So habe er an der Befragung und der Anhörung
angegeben, insgesamt zu fünf Jahren Haft verurteil worden zu sein. Aus
den eingereichten Beweismitteln und der Stellungnahme vom 14. Oktober
2020 gehe jedoch hervor, dass er im Zusammenhang mit den Vorfällen im
Jahr 2012 freigesprochen worden sei, im Zusammenhang mit den Vorfällen
im Jahr 2014 eine sechsmonatige Haftstrafe verbüsst habe und im Zusam-
menhang mit den Vorfällen im Jahr 2010 einerseits zu einer fünfmonatigen
und andererseits zu einer Haftstrafe von einem Jahr, zwei Monaten und 17
Tagen verurteilt worden sei, wobei letztere noch nicht rechtskräftig sei. Bei
der Aussage, wonach er über einen Schwager, der bei der AKP sei, gehört
habe, es gäbe ein geheimes Dossier bei den Behörden über ihn, weswe-
gen er eine lebenslange Strafe befürchte, handle es sich um eine nachge-
schobene und unbelegte Parteibehauptung, auf die vorliegend nicht weiter
einzugehen sei.
In Bezug auf seine Befürchtung bei seiner Einreise festgenommen und in-
haftiert zu werden, sei auf obige Erwägungen zu verweisen, wonach es
sich bei den Verurteilungen um legitime staatliche Massnahmen handle.
Aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen des türkischen Strafrechts
könne er zudem bereits zum heutigen Zeitpunkt ein Gesuch um vorzeitige
Entlassung stellen und werde daher seine Strafe mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit nicht in Haft verbüssen müssen. Es könne nämlich ein Ver-
fahren durchgeführt werden, bei welchem sich die betroffene Person im
Gefängnis melde und am selben Tag entlassen werde. Allfällige Bewäh-
rungsauflagen seien nicht asylrelevant.
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Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichtes bestehe vor allem für
Personen, die wegen tatsächlicher oder vermuteter Verbindungen zur PKK
(Partiya Karkerên Kurdistanê; Arbeiterpartei Kurdistans) strafrechtlich ver-
folgt würden, ein erhebliches Risiko von Misshandlungen und Folter bei
Festnahmen oder ausstehenden Haftstrafen. Da er kein politisches Profil
im genannten Sinne habe, kein PKK-Mitglied sei, mit der YPG nichts zu tun
gehabt habe und auch nicht wegen PKK-Verbindungen, sondern wegen
anderen Straftaten verurteilt worden sei, und auch keine anderen genü-
genden politischen Risikofaktoren aufweise, sei für ihn die Wahrscheinlich-
keit gering, bei der Anhaltung in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise Über-
griffen ausgesetzt zu werden.
Die Vorbringen des Beschwerdeführers rund um seine Entlassung, den An-
griff von AKP-Anhängern in der Putschnacht, den Messerangriff, die übri-
gen Bedrohungen und die angebliche Überwachung seien nicht hinrei-
chend intensiv im Sinne des Asylgesetzes. Es sei allgemein bekannt, dass
Angehörige der kurdischen Bevölkerung in der Türkei Schikanen und Be-
nachteiligungen verschiedenster Art ausgesetzt sein könnten. Dabei
handle es sich aber nicht um ernsthafte Nachteile im Sinne des Asylgeset-
zes. Offenkundig sei er erst sechs Monate nach dem Angriff durch die AKP-
Anhänger und dem Messerangriff ausgereist. Diese Ereignisse hätten kei-
nerlei Konsequenzen für ihn gehabt und die Angriffe von AKP-Anhängern
hätten sich nicht wiederholt. Ausserdem sei dieser Angriff in der Nacht des
Putschversuchs nicht als zielgerichtete Verfolgung seiner Person, sondern
als gewaltsamer Übergriff wie viele andere auch in dieser Nacht zu qualifi-
zieren. Letztlich habe ihm gegen diese Angriffe und Drohungen der staatli-
che Schutz offen gestanden. Es erübrige sich damit, vorliegend auf Un-
glaubhaftigkeitselemente wie den Nachschub an der Anhörung wegen der
Drohung mit den Gewehrkugeln sowie wegen des Messerangriffs weiter
einzugehen.
Aufgrund seiner politischen Aktivitäten für die HDP, seiner gewerkschaftli-
chen Aktivitäten, seines Einsatzes in einem Flüchtlingslager in B._
und seiner Demonstrationsteilnahmen könnten Übergriffe durch politische
Gegner, wie sie der Beschwerdeführer geltend mache, nicht ausgeschlos-
sen werden, auch wenn die genannten Organisationen legal seien. Dies
genüge indessen nicht, um begründete Furcht vor einer zukünftigen flücht-
lingsrechtlich relevanten Verfolgung anzunehmen, da aus seinen Aussa-
gen hervorgehe, dass er nicht in exponierter Stellung qualifiziert politisch
tätig gewesen sei und nicht aus der grossen Masse von Demonstranten
herausgestochen sei. Er sei auch nicht Mitglied der Ärzte ohne Grenzen
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gewesen, sondern habe lediglich als freiwilliger Krankenpfleger im Flücht-
lingslager B._ gearbeitet. Die eingereichte Fotografie, welche ihn
mit dem später inhaftierten Co-Präsidenten der HDP zeigen solle, ändere
daran auch nichts, da dieser mit unzähligen Personen für Fotos posiert
habe. Auch aufgrund von allfälligen exilpolitischen Tätigkeiten und Kontak-
ten in der Schweiz zu politisch aktiven Personen bestehe keine beachtliche
Wahrscheinlichkeit, dass sich seine eventuellen Befürchtungen, deswegen
verhaftet oder inhaftiert zu werden, verwirklichen würden, zumal er diesbe-
züglich kein Straf- oder Ermittlungsverfahren in der Türkei habe belegen
können. Ausserdem habe er selber nichts mit der YPG (oder der PKK) zu
tun gehabt, weshalb es auch diesbezüglich keine objektiven Hinweise auf
ein zu befürchtendes politisch motiviertes Strafverfahren gebe.
Gegen die geltend gemachten Übergriffe durch Mitglieder des IS wäre es
ihm trotz seiner eigenen Probleme mit der Polizei und den vorgenannten
Verurteilungen zumutbar gewesen, um staatlichen Schutz zu ersuchen,
welcher für ihn grundsätzlich zugänglich und damit gewährleistet gewesen
wäre. Dies habe er nach einem zweimaligen Versuch unterlassen. Im Wei-
teren sei festzustellen, dass gemäss der Aktenlage keine objektiven Hin-
weise dafür vorlägen, dass er von diesen IS-Personen nochmals bedroht
worden wäre oder würde. Schliesslich sei dieses Vorbringen auch nicht
glaubhaft. So habe er an der Anhörung gesagt, dass diese Entführung (...)
2016, somit vor seiner Ausreise stattgefunden habe. An der Befragung
habe er dieses Ereignis aber auf (...) 2016 datiert.
Die zu den Akten gereichten, teilweise bereits gewürdigten, teilweise nicht
mit dem Asylgesuch in Zusammenhang stehenden Beweismittel könnten
an der fehlenden flüchtlingsrechtlichen Relevanz nichts ändern.
Das vom Beschwerdeführer erwähnte Betreibungsverfahren weise keinen
flüchtlingsrelevanten Grund auf. Dasselbe gelte für die zweitägige Fest-
nahme wegen des nicht rechtzeitig angetretenen Militärdienstes im Jahr
2009 oder 2010, welche überdies nicht kausal für die Ausreise und zu we-
nig intensiv gewesen sei. Die Festnahmen und umgehenden Freilassun-
gen seines Vaters letztmals im Jahr 2007/2008 seien ebenfalls nicht aktuell
und zudem nicht gegen den Beschwerdeführer selber gerichtet gewesen.
4.2 In der Beschwerde wurde dem SEM entgegengehalten, dieses verliere
bei seinen Erwägungen zur fehlenden Asylrelevanz den Blick fürs Ganze.
Es lasse ausser Acht, dass die Aneinanderreihung der einzelnen Gescheh-
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nisse in ihrer Gesamtheit bereits eine flüchtlingsrechtliche Relevanz ent-
falte, insbesondere aber, dass sich die Ereignisse ab dem Jahr 2015, zu
einer gezielten Verfolgung verdichtet hätten und sich die Bedrohungslage
mit den Übergriffen kurz vor der Flucht zugespitzt habe. Zu den laufenden
– gemäss den Erwägungen des SEM legitimen – drei Strafverfahren sei
festzuhalten, dass er sich zwar ungehalten gegenüber der Polizei verhalten
habe, Ursprung der Auseinandersetzung aber stets die kurdenfeindlich mo-
tivierten Kontrollen und anschliessenden Beleidigungen durch die türki-
sche Polizei gewesen seien. Im ersten Verfahren im Jahr 2010 sei er auf-
grund seines kurdischen Namens schikaniert, 17 Tage in Untersuchungs-
haft genommen und schliesslich zu einer Haftstrafe von insgesamt mehr
als eineinhalb Jahren verurteilt worden. Das Verfahren ziehe sich zudem
bereits seit mehr als zehn Jahren hin. Bei solch einem Verfahrensverlauf
dürfte klar sein, dass ein Politmalus vorliege. Auch das Bundesverwal-
tungsgericht stelle fest, dass die türkische Strafverfolgung bei Delikten mit
massgeblichen Berührungspunkten zur Kurdenproblematik weiterhin
rechtsstaatliche Defizite aufweise (vgl. BVGE 2013/35, E 5.4.). In Zusam-
menhang mit dem zweiten Verfahren im Jahr 2012 sei er aufgrund seines
kurdischen Namens von der Polizei schikaniert und misshandelt worden.
Letztlich sei er zwar freigesprochen worden, seine Bemühungen, sich ge-
gen die Misshandlungen durch die Polizei zu wehren, seien aber vergeb-
lich gewesen beziehungsweise durch die Anordnung eines psychologi-
schen Gutachtes gezielt erschwert worden. Auch hier könne auf keinen Fall
von einem rechtsstaatlich legitimen Verfahren gesprochen werden. Eine
Menschenrechtsorganisation sowie die Medien hätten über den Vorfall be-
richtet. Dabei sei er mit Foto namentlich abgebildet worden. Im dritten Ver-
fahren sei er aufgrund eines Schals als Kurde erkannt, kontrolliert und
misshandelt worden. Er sei zu einer Haftstrafe von sechs Monaten wegen
Beamtenbeleidigung und Hinderung einer Amtshandlung verurteilt worden.
Diese Strafe habe er bereits im Jahr 2014/15 abgesessen. Eine Person
nicht kurdischer Abstammung hätte dieselben Erfahrungen wie er nie ma-
chen müssen. Der Politmalus liege nicht primär in der Höhe der Strafen –
auch wenn diese durchaus als hoch angesehen werden müssten –, son-
dern darin, dass er überhaupt wiederholt von der Polizei angehalten, be-
schimpft, misshandelt, angezeigt und dann teilweise von einem Gericht
verurteilt worden sei. So schreibe auch das SEM, die Festnahmen seien
bloss „überwiegend“ gerechtfertigt und die Strafen nur nicht „völlig unver-
hältnismässig“. In den einzelnen Verfahren sei der Politmalus zwar eher
gering. In der Summe werde aber umso deutlicher, dass er keine faire Be-
handlung beziehungsweise rechtsstaatlichen Verfahren erwarten könne.
Das durch die türkische Polizei provozierte und teilweise fingierte kriminelle
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Unrecht, das er begangen habe beziehungsweise haben solle, stehe in
keinem Verhältnis zur Behandlung durch die Polizei, den eingeleiteten Ver-
fahren und ausgesprochenen sowie drohenden Strafen gegen ihn. Somit
sei von einem politischen Hintergrund der Verfahren auszugehen.
Entgegen der Annahme des SEM sei die Verfolgung auch aktuell. Bei einer
Rückkehr in die Türkei würde er aufgrund der Verurteilungen umgehend in
Haft kommen. Er sei bereits mehrfach von der Polizei misshandelt worden,
weshalb davon auszugehen sei, dass dies wieder geschehen würde, zu-
mal die Menschenrechtssituation im Südosten der Türkei in allgemeinen
Berichten weiterhin als prekär bezeichnet werde. Für einen Kurden be-
stehe derzeit keine rechtsstaatliche Möglichkeit sich gegen willkürliche
Festnahmen oder polizeiliche Übergriffe in der Haft zu wehren, schon gar
nicht, wenn er vom Staat aufgrund einer Entlassung per Dekret 675 als
„Putschist“ angesehen werde.
Weiter sei er Teil der Krankenpflegergewerkschaft SES gewesen, welche
der KESK unterstehe, deren früherer Präsident in die Schweiz habe flüch-
ten müssen. Verschiedene führende Mitglieder beider Organisationen
habe er persönlich gekannt und mit ihnen zusammengearbeitet. Er sei zu-
dem bekennender Sympathisant der HDP und habe als solcher an ver-
schiedenen Demonstrationen teilgenommen. Organisiert durch die KESK,
Ärzte ohne Grenzen und dem lokalen Vertreter der kurdischen Demokrati-
schen Partei der Regionen (DBP) habe er in syrischen Flüchtlingscamps
gearbeitet und dabei auch YPG-Kämpfer gepflegt sowie Kleider und Medi-
kamente gesammelt. Dadurch habe er Zorn auf sich gezogen und viele
Leute hätten geglaubt, er habe in Kobane gekämpft. Aus Medien- und Men-
schenrechtsberichten gehe hervor, dass viele zivile Unterstützer des kurdi-
schen Kampfes damals gezielt durch das türkische Militär umgebracht wor-
den seien. Nach wie vor würden Personen, die kurdische Kämpfer im Krieg
logistisch oder etwa durch Nahrung (oder Medikamente) unterstützt hätten
zu besonders gefährdeten Personengruppen in der Türkei gehören. Auch
nach Ablauf der gewaltsamen Auseinandersetzungen würden ehemalige
Unterstützer besonders im Südosten der Türkei schikaniert, verhaftet,
überwacht und Gewalt gegen sie ausgeübt (vgl. Bericht der Schweizeri-
schen Flüchtlingshilfe (SFH), Türkei: Gefährdung aufgrund von Hilfeleis-
tungen an kurdische Bewaffnete, Bern 24. Mai 2019). Vor diesem Hinter-
grund seien die von ihm erlebten Ereignisse nach seiner Rückkehr von der
syrisch-türkischen Grenze zu lesen, so der Messerangriff von Mitgliedern
eines Alperen-Ocaklari-Verbands – Jugendorganisationen der rechtsextre-
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men islamistisch-nationalistischen Partei der grossen Einheit (BBP), wel-
che pantürkischen Rassismus mit Islamismus und antiwestlichem Gedan-
kengut vermischen und sich durch eine ideologische und personelle Nähe
zum IS auszeichnen würden –, der Angriff von Anhängern der AKP in der
Putschnacht im Juli 2016, bei dem er verletzt worden sei, und die nachfol-
genden Drohungen sowie die Entlassung per Dekret, welche im Amtsblatt
veröffentlicht worden sei, ihn als Terroristen stigmatisiere, seine weitere
Anstellung verhindere und ihn als Unruhestifter exponiere, weil er sich
rechtlich dagegen gewehrt habe. Ausschlaggebend für die Flucht sei aber
die Entführung Ende 2016 durch Mitglieder des IS oder eine diesem nahe-
stehende Organisation gewesen, welche Informationen zum Spital in
D._ verlangt, ihn zusammengeschlagen und ihm gedroht hätten.
Als er danach habe ausreisen wollen, habe er erfahren, dass eine Ausrei-
sesperre gegen ihn bestehe und sein Pass annulliert worden sei. Dies ge-
schehe, wenn gegen eine Person ein Strafverfahren wegen einer Mitglied-
schaft, Verbindungen oder Kontakten mit einer die nationale Sicherheit be-
drohenden Gruppierung laufe. All dies sei geschehen, während gegen ihn
noch Verfahren wegen angeblicher Beamtenbeleidigung und Hinderung
von Amtshandlungen gelaufen seien. Wann diese erfolgt seien, spiele letzt-
lich keine Rolle. Wenn das SEM vor diesem Hintergrund davon ausgehe,
dass er über kein politisches Profil verfüge, habe es den zeitlichen und
räumlichen Zusammenhang der verschiedenen Ereignisse seiner Flucht-
geschichte nicht beachtet. Er sei den türkischen Behörden offensichtlich
als politischer Unruhestifter bekannt und stehe im Verdacht, engere Bezie-
hungen zu militanten kurdischen Bewegungen zu haben, als dies der Fall
sei. Er habe zudem an mehreren Stellen gesagt, dass er von einem Ver-
wandten gehört habe, dass über ihn eine Akte beziehungsweise ein Daten-
blatt erstellt worden sei. Dies sei angesichts der verschiedenen Vorfälle in
der Türkei als durchaus plausibel einzuschätzen. Die Erwägung des SEM,
wonach er wegen der Angriffe in der Putschnacht und den Übergriffen
durch den IS hätte zur Polizei gehen können, mute zynisch an. Misshand-
lungen von Inhaftierten seien aufgrund des Dekretes 675 straffrei geblie-
ben und offizielle Vertreter der Regierung hätten zudem öffentlich zu Miss-
handlungen gegen Putschisten aufgerufen. Auch dass er von der Gendar-
merie zur Polizei und wieder zurückgeschickt worden sei, zeige, dass kaum
mit der Bereitschaft der Polizei zu rechnen sei, seinen Fall zu untersuchen.
In Bezug auf die Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen sei anzumerken, dass
er derzeit immer noch nicht wisse, wie lange die Strafe ausfallen werde und
er von einer längeren Haftstrafe als einem Jahr und gut sieben Monaten
ausgehe. Deshalb habe er in der Befragung und der Anhörung stets von
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längeren Strafen gesprochen. Zudem habe er die Beweise selbst einge-
reicht, was den genauen Nachvollzug der Strafdauer ermöglicht habe.
Seine durch Furcht vor einer längeren Strafe begründete Übertreibung sei
ihm angesichts dessen nicht anzulasten. Zudem habe das SEM an der An-
hörung selber ein Durcheinander zwischen den verschiedenen Verfahren
gemacht, sodass nicht immer klar gewesen sei, von welchem Verfahren
gerade gesprochen werde. Auch er habe diese teilweise durcheinanderge-
bracht, was angesichts dessen, dass diese zum Teil seit zehn Jahren dau-
ern würden und für einen Laien kaum durchschaubar seien, nachvollzieh-
bar sei. Zudem handle es sich um traumatische Ereignisse. Das Bestehen
des Geheimdossiers, der Messerangriff und die Drohungen durch die AKP
habe er an der Anhörung nicht nachgeschoben. Er habe an der summari-
schen Befragung die Hauptpunkte seiner Vorbringen erwähnt. Dass er auf
gewisse Punkte erst an der einlässlichen Anhörung eingegangen sei,
könne ihm nicht vorgeworfen werden. Zur Datierung der Übergriffe durch
den IS habe er auf Rückfrage angegeben, diese hätten zirka zwei Monate
nach dem Putschversuch stattgefunden und er könne das Datum anhand
der Arztzeugnisse rekonstruieren. Er werde diese Zeugnisse nun einrei-
chen, sobald er sie erhalten habe. Es mache Sinn, dass er nach einer so
langen Zeit kein Datum mehr im Kopf gehabt habe. Ein derart kleiner zeit-
licher Unterschied vermöge die Glaubhaftigkeit zudem nicht in Frage zu
stellen. Zur Stützung seiner Vorbringen habe er zudem zahlreiche Beweis-
mittel eingereicht.
Zur Stützung seiner Beschwerde reichte der Beschwerdeführer unter an-
derem ein Bestätigungsschreiben der Demokratischen Kurdischen Gesell-
schaftszentrum G._ zu den Akten.
4.3 In seiner Vernehmlassung hielt das SEM fest, die neu zu den Akten
gereichten Beweismittel seien entweder für den Asyl- oder Wegweisungs-
punkt unbeachtlich oder vermöchten an den Erwägungen im Asylentscheid
nichts zu ändern.
4.4 Mit seiner Replik reichte der Beschwerdeführer eine Fotografie von sich
an einer HDP-Wahlveranstaltung und zwei Arztberichte im Zusammen-
hang mit den Übergriffen durch die AKP in der Putschnacht und den IS im
(...) 2016 zu den Akten. Zudem erwähnte er, seine Familie habe vor Kur-
zem berichtet, dass sich die türkische Polizei bei ihnen telefonisch nach
seinem Aufenthaltsort erkundigt habe.
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5.
Das SEM äusserte sich in seiner Verfügung nicht substantiell zur Glaub-
haftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers. Das Gericht sieht ange-
sichts der zahlreichen Beweismittel und der detaillierten Ausführungen des
Beschwerdeführers insgesamt ebenfalls keinen Anlass, an dieser grund-
sätzlich zu zweifeln. Angesichts der Dichte der vorgebrachten Elemente im
Asylgesuch des Beschwerdeführers und seiner ausführlichen Erzählweise
schon an der Befragung, vermag insbesondere das Argument der Nachge-
schobenheit im vorliegenden Kontext nur wenig zu überzeugen. Wenn das
SEM im Weiteren pauschal auf weitere Unglaubhaftigkeitselemente ver-
weist und sich deren spätere Geltendmachung vorbehält, vermag dies
nicht durchzudringen. Auf die vereinzelten Elemente, die das SEM in seiner
Verfügung bei der Prüfung der Asylrelevanz konkret aufbringt, wird nach-
folgend eingegangen.
6.
6.1 Nach Lehre und Praxis setzt die Anerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft im Sinne von Art. 3 AsylG voraus, dass die asylsuchende Person
ernsthafte Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungs-
weise solche im Fall einer Rückkehr in den Heimatstaat mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss. Die Nach-
teile müssen gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive drohen
oder zugefügt worden sein. Die betroffene Person muss zudem einer lan-
desweiten Verfolgung ausgesetzt sein. Ausgangspunkt für die Beurteilung
der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage, ob im Zeitpunkt der Ausreise eine
Verfolgung oder eine begründete Furcht vor einer solchen bestand. Die
Verfolgungsfurcht muss im Zeitpunkt des Asylentscheids noch aktuell sein
(vgl. dazu BVGE 2013/11 E. 5.1; 2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5 je m.w.H.).
6.2 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur
Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus-
reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk-
licht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahr-
scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurtei-
lung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfol-
gen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
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hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE
2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
6.3 Die türkischen Behörden gehen seit dem gescheiterten Putschversuch
im Juli 2016 und der darauffolgenden Verhängung des Ausnahmezustands
(welcher im Juli 2018 faktisch aufgehoben wurde) rigoros gegen tatsächli-
che und vermeintliche Regimekritiker und Oppositionelle vor. Dabei sind
fingierte Terrorismusanklagen sowie übermässig lange und willkürliche In-
haftierungen an der Tagesordnung. Tausende von Leuten sehen sich auf-
grund ihrer Aktivitäten in den sozialen Medien mit gegen sie eingeleiteten
Strafuntersuchungen und Anklagen konfrontiert. Die türkische Justiz ist
ebenfalls politischem Druck ausgesetzt, was eine faire und unabhängige
Prozessführung praktisch unmöglich macht (vgl. Urteil des BVGer D-
6937/2019 vom 11. November 2020 E. 5.3. m. H. a. D-3375/2018 vom
31. Juli 2019 E. 4.3.6).
6.4 Zwar ist dem SEM insoweit zuzustimmen, dass es sich bei den gegen
den Beschwerdeführer in der Türkei geführten Strafverfahren angesichts
seines renitenten Verhaltens wohl im Einzelfall um legitime Verfolgungen
gehandelt hat, zumal er einmal freigesprochen wurde und im Übrigen ord-
nungsgemäss Beschwerde führen konnte. Der Beschwerdeführer ist denn
auch in der Schweiz verschiedentlich mit den Behörden in Konflikt geraten.
Auch die Höhe der ausgefällten Strafen lässt an sich nicht auf einen Polit-
malus schliessen. Dennoch gilt es nicht ausser Acht zu lassen, dass diese
Verfahren alle zumindest als Auslöser für den Konflikt einen Zusammen-
hang zur Kurdenfrage aufwiesen, zumal der Beschwerdeführer wegen sei-
nes Namens oder seiner vermeintlich kurdisch oppositionellen Kleidung
von der Polizei schikaniert wurde. Diese Schikane und die erlebten Miss-
handlungen machte er über eine Menschenrechtorganisation namentlich
medial publik. Dass diese Vorbringen des Beschwerdeführers unglaubhaft
sein könnten, wie dies das SEM in seiner Verfügung andeutet, ist ange-
sichts der zahlreichen Beweismittel, der detaillierten Ausführungen des Be-
schwerdeführers und seiner Erklärungen zum Missverständnis bezüglich
der ausgefällten Strafe eher unwahrscheinlich. Dass der Beschwerdefüh-
rer in Bezug auf die Straflänge an der Befragung und der Anhörung auf die
mögliche Höchststrafe verwies, ist zwar nicht korrekt, vermag angesichts
der Mitwirkung des Beschwerdeführers an der Klärung des Missverständ-
nisses in der Sache aber nichts zu ändern, zumal die verschiedenen Straf-
verfahren für den Beschwerdeführer als Laien wohl tatsächlich unüber-
schaubar waren. Dass er das Erlebte zuweilen aufbauschte – so auch an-
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derenorts – hängt offenbar auch massgeblich mit seinem Charakter zu-
sammen – augenscheinlich auch geprägt von einer gewissen subjektiv
ausgeprägt empfundenen Verfolgungsangst – und ist nicht als Täu-
schungsabsicht zu qualifizieren.
6.5 Der Beschwerdeführer wurde in der Türkei in verschiedene Strafver-
fahren verwickelt, die ihn zumindest als eine für die Kurdenfrage sensibili-
sierte renitente Persönlichkeit erscheinen liessen. Damit ist er behördlich
einschlägig in Erscheinung getreten und registriert worden. Zudem wurden
die vom Beschwerdeführer als Schikane aufgrund seiner Ethnie empfun-
denen Vorfälle zum Teil medial namentlich publik gemacht. Wie das SEM
weiter richtig angab, liegen die Taten selber einige Jahre zurück. Die Straf-
verfahren sind aber in zwei Fällen noch nicht abgeschlossen geschweige
denn die Strafen abgesessen. Dass dies wohl eher auf den beschrittenen
Rechtsweg und die Landesabwesenheit denn auf Schikane aufgrund der
kurdischen Ethnie zurückzuführen ist, dürfte in der Sache wenig ändern.
Ebenfalls für wenig ausschlaggebend hält das Gericht die Erwägungen des
SEM zu den türkischen Strafrechtsbestimmungen und zu einer möglichen
sofortigen Entlassung bei Strafantritt.
Im Zeitpunkt der Ausreise bestanden damit verschiedene hängige Strafver-
fahren gegen den Beschwerdeführer, deren Ausgang zu diesem Zeitpunkt,
nicht zuletzt auch angesichts der anhaltenden behördlichen und justiziellen
Willkür im Zusammenhang mit dem gescheiterten Putschversuch, unbere-
chenbar war. Weiter besteht ein Datenblatt und der Beschwerdeführer hat
mit seiner Ausreise gegen eine Ausreisesperre verstossen, was angesichts
der laufenden Strafverfahren durchaus plausibel ist.
6.6 Vor diesem Hintergrund ist das weitere Engagement des Beschwerde-
führers in der Kurdenfrage zu beurteilen. So war er Sympathisant der HDP
und hat sich während des Bürgerkrieges in Syrien an der syrisch-türki-
schen Grenze als Krankenpfleger in einem Flüchtlingslager für syrische
Kurden engagiert. Er macht zwar widersprüchliche Angaben dazu, ob er
dabei auch YPG-Kämpfer oder nur Zivilisten gepflegt habe. Zudem ist er
vor seinem Einsatz von Tür zu Tür gegangen, um Kleider und Medikamente
zu sammeln, wodurch er sich öffentlich exponiert hat. Während seines Ein-
satzes nahm er an verschiedenen Demonstrationen im Zusammenhang
mit dem kriegerischen Konflikt der syrischen Kurden teil. Er kam bei seinem
Einsatz auch in Kontakt mit verschiedenen zum Teil führenden Mitgliedern
gewerkschaftlicher und politischer Organisationen, welche die Hilfe für die
Kurden organisiert hatten. Nach seiner Rückkehr von seinem Einsatz an
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der Grenze ist es offenbar zu verschiedenen auch negativen Reaktionen
seines Umfeldes gekommen und verschiedene Personen hätten vermutet,
dass er in Kobane gekämpft habe. Auch das SEM hält es für nicht ausge-
schlossen, dass es zu Übergriffen von politischen Gegnern kam. So bringt
der Beschwerdeführer den Messerangriff durch die rechtsextreme islamis-
tisch-nationalistische Alperen-Gruppe nach seiner Rückkehr in der Be-
schwerde in Verbindung zu seinem Einsatz an der Grenze – auch wenn
dieser zuerst mit einer Streitschlichtung seinerseits begonnen habe. Der
Vorfall wurde der Polizei gemeldet. Wiederum polizeilich in Erscheinung
getreten ist der Beschwerdeführer in der Putschnacht, als es vor seinem
Haus zu einem Tumult kam und seine Mutter einen AKP-Abgeordneten an-
griff. Nach dem Putsch wurde der Beschwerdeführer per Notstandsdekret
675 entlassen. Diese Entlassungswelle von zehntausenden Beamten nach
dem Putsch wird als Aufräumaktion der türkischen Regierung gegen die
Opposition angesehen. Die Entlassung wurde im Amtsblatt kundgetan.
Weiter sei er gemäss seinen Angaben durch AKP-Anhänger Mittels Patro-
nen, welche auf seinen Balkon geworfen worden seien, bedroht worden.
Die diesbezüglichen Aussagen des Beschwerdeführers sind zwar wenig
substantiiert ausgefallen. Das SEM stellte aber auch keine spezifischen
Nachfragen. Jedenfalls erwähnte der Beschwerdeführer den Vorfall an der
Anhörung mehrmals. Der Übergriff durch eine dem IS nahestehende
Gruppe erscheint vor dem Hintergrund des spezifischen Wissens des Be-
schwerdeführers aus dem Spital ebenfalls plausibel. Dass er das Ereignis
einmal auf den (...) 2016 datierte, vermag dabei nicht zu dessen Unglaub-
haftigkeit zu führen, zumal der Beschwerdeführer entsprechende Arztbe-
richte zu den Akten reichte, welche seine Vorbringen stützen. Weitere Un-
glaubhaftigkeitselemente werden vom SEM nicht genannt und werden dem
Gericht aus den Akten auch nicht ersichtlich.
6.7 Nach dem Gesagten waren gegen den Beschwerdeführer im Zeitpunkt
der Ausreise verschiedene Strafverfahren hängig, ausgelöst durch Diskus-
sionen zur Kurdenfrage. Er hat sich ausserdem an der syrisch-kurdischen
Grenze als Krankenpfleger engagiert und an einschlägigen Kundgebungen
teilgenommen. Schliesslich wurde er im Zusammenhang mit dem Putsch
im Jahr 2016 aus dem Staatsdienst entlassen. Damit verfügt er entgegen
den Ausführungen des SEM über ein nicht unerhebliches politisches Profil
und eine Furcht des Beschwerdeführers vor übermässigen Haftstrafen auf-
grund seiner Herkunft und politischen Haltung in den hängigen Strafverfah-
ren beziehungsweise vor erneuter Strafverfolgung erscheint dem Gericht
als objektiv begründet. Dies umso mehr angesichts der damaligen politi-
schen Situation kurz nach dem Putschversuch. Diese Furcht wurde auf
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subjektiver Seite zusätzlich akzentuiert durch die verschiedenen Übergriffe
durch politische Gegner. Insgesamt hatte er somit begründete Furcht vor
weiteren Nachteilen. Angesichts seiner langjährigen Landesabwesenheit,
der Ausreise trotz Ausreisesperre, der sich in den letzten Jahren weiter ver-
schlechterten Situation in der Türkei und dem nach wie vor hängigen Straf-
verfahren ist auch davon auszugehen, dass die Frucht vor Verfolgung wei-
terhin aktuell ist.
6.8 Nach dem Gesagten erfüllt der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigen-
schaft. Aufgrund der Aktenlage besteht weiter kein Grund zur Annahme ei-
ner Asylunwürdigkeit des Beschwerdeführers im Sinne von Art. 53 AsylG,
weshalb ihm Asyl zu gewähren ist.
7.
Diesen Erwägungen gemäss ist die Beschwerde gutzuheissen, die ange-
fochtene Verfügung vom 28. Oktober 2020 aufzuheben und das SEM an-
zuweisen, dem Beschwerdeführer in der Schweiz Asyl zu gewähren.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
9.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Die bei den Akten liegende Kostennote erscheint den Verfahrensumstän-
den als angemessen. Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteient-
schädigung ist demnach auf insgesamt Fr. 1’761.– (inkl. Auslagen) festzu-
setzen.
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