Decision ID: 09ac37f9-9541-5910-85e3-fbf7e0e4684c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die aus Russland (Tschetschenien) stammenden Beschwerdeführen-
den suchten am 2. Juni 2019 in der Schweiz um Asyl nach.
Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen da-
mit, er sei am 31. August 2018 gemeinsam mit Familienangehörigen von
F._ nach G._ gefahren, um dort den anstehenden Geburts-
tag seines Vaters zu feiern. Gleichentags hätten sich sein Vater, sein Onkel
H._, dessen Sohn I._ und er selber zum Freitagsgebet in
die Moschee begeben. Beim Verlassen der Moschee hätten sie Militärs be-
ziehungsweise Einheiten von Kadyrow gesehen, welche eine Razzia
durchgeführt und dabei insbesondere junge Männer mit langen Bärten fest-
genommen hätten. Da auch sein Cousin I._ einen langen Bart ge-
tragen habe, sei jener ebenfalls festgenommen worden. Um seine Mit-
nahme zu verhindern, habe er – der Beschwerdeführer – sich bei den Mili-
tärs um die Freilassung von I._ bemüht. Im Rahmen dieser Inter-
vention habe die den Cousin bewachende Militärperson sich versehentlich
in den Fuss geschossen. Im Zuge einer Rangelei zwischen herbeieilenden
Militärs und Verwandten beziehungsweise Einwohnern des Dorfes
G._ sei es ihm (dem Beschwerdeführer) gelungen, sich zu befreien
und hinter anderen Menschen zu verstecken. Sein Vater habe von einem
beim Innenministerium tätigen Freund erfahren, dass die bei der Razzia
verletzte Militärperson einen Rapport verfasst habe, wonach sie von
I._ und ihm (dem Beschwerdeführer) angegriffen worden sei. Sein
Vater habe ihn aufgefordert, Tschetschenien unverzüglich zu verlassen, da
er behördlich gesucht werde. In der Folge habe er sich nach J._
begeben. Später habe er erfahren, dass die Polizei bereits am (...) bei sei-
ner Ehefrau vorgesprochen und sich nach ihm erkundigt habe. Ausserdem
sei ihm mitgeteilt worden, dass sein Cousin unter Folter ein Geständnis
abgelegt habe, wonach dieser selbst und er – der Beschwerdeführer – sich
des Angriffs auf einen Beamten schuldig gemacht hätten, was in Tschet-
schenien einen Straftatbestand darstelle (Art. 317 des Strafgesetzbuches
der Russischen Föderation). Im November sowie im Dezember 2018 habe
die Polizei an ihn gerichtete Vorladungen bei seiner Ehefrau abgegeben.
Sowohl bei seiner Frau in F._ als auch bei seinen Eltern in
G._ seien wiederholt Hausdurchsuchungen durchgeführt worden.
Im März 2019 habe sein Vater eine Menschenrechtsorganisation kontak-
tiert, um eine Untersuchung hinsichtlich der Ereignisse rund um die Razzia
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vom 31. August 2018 zu veranlassen beziehungsweise seine Unschuld
(die des Beschwerdeführers) und seines Cousins zu beweisen. Als der
Chef dieser Organisation nach Abschluss der Untersuchung Kontakt mit
der tschetschenischen Regierung aufgenommen habe, sei ihm mitgeteilt
worden, der Fall sei abgeschlossen, da der Cousin ein Geständnis abge-
legt habe. Daraufhin habe der Chef jener Menschenrechtsorganisation sei-
nen Vater kontaktiert und diesem mitgeteilt, es sei nur noch eine Frage der
Zeit, bis er – der Beschwerdeführer – landesweit gesucht werde. Daraufhin
habe er J._ zusammen mit seiner Ehefrau und den Kindern, die ihm
dorthin nachgereist seien, verlassen.
A.b Mit Verfügung vom 16. Juli 2019 stellte das SEM fest, dass die Be-
schwerdeführenden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllten, lehnte deren
Asylgesuche ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den
Wegweisungsvollzug an.
Zur Begründung führte die Vorinstanz zusammengefasst aus, die Flucht-
vorbringen der Beschwerdeführenden vermöchten den Anforderungen an
die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG (SR 142.31) nicht standzuhalten.
Den geschilderten Verfolgungsmassnahmen fehle sodann auch ein asyl-
rechtliches Motiv im Sinne von Art. 3 AsylG. Den Wegweisungsvollzug qua-
lifizierte das SEM als zulässig, zumutbar und möglich.
A.c Die von den Beschwerdeführenden dagegen erhobene Beschwerde
wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil D-3803/2019 vom 20. De-
zember 2019 ab. Darin hielt es im Wesentlichen fest, die Vorinstanz habe
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers mit zutreffender Be-
gründung verneint. Hinzu komme, dass die russischsprachigen Quellen
keine Hinweise auf die geltend gemachte Razzia in G._ von Ende
August 2018 enthalten würden, während andere Festnahmen oder Raz-
zien der Sicherheitsorgane im Bezirk K._ in jüngerer Zeit belegt
seien. Angesichts der Behauptung des Beschwerdeführers, es seien da-
mals ungefähr 40 Leute festgenommen und etwa 20 bis 25 Militärautos bei
der Razzia eingesetzt worden, müsse angenommen werden, dieses Ereig-
nis hätte in den Medien seinen Niederschlag gefunden, falls es tatsächlich
stattgefunden hätte.
Bezüglich des eingereichten Beweismittels – eine vom 22. Juli 2019 da-
tierte Bescheinigung der Hauptdirektion des Informationszentrums des Mi-
nisteriums für innere Angelegenheiten der Stadt F._ – wonach der
Beschwerdeführer wegen Verstosses gegen die Bestimmung von Art. 317
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des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation auf der russischen
Fahndungsliste stehe, hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, dass er
nach dieser Darstellung nicht nur in der autonomen Republik Tschetsche-
nien, sondern in ganz Russland zur Fahndung ausgeschrieben wäre.
Gleichzeitig deute der Strafrahmen von Art. 317 des Strafgesetzbuches der
Russischen Föderation, nämlich eine Freiheitsstrafe von zwölf bis zwanzig
Jahren, allenfalls auch lebenslängliche Haft oder die Verhängung der To-
desstrafe, darauf hin, dass es sich hierbei aus Sicht der russischen Behör-
den um ein schweres Vergehen handle. Eine Überprüfung der entspre-
chenden öffentlich zugänglichen Fahndungsliste des russischen Innenmi-
nisteriums habe indessen ergeben, dass der Name des Beschwerdefüh-
rers dort nicht aufgeführt sei. Sein Name figuriere auch nicht auf den auf
der öffentlichen Website des Innenministeriums der Republik Tschetsche-
nien aufgeschalteten Fahndungsbildern von kriminellen Personen, nach
welchen landesweit in ganz Russland gesucht werde, was darauf hindeute,
dass er im Zusammenhang mit der Strafbestimmung von Art. 317 durch die
heimatlichen Behörden nicht gesucht werde.
Weiter falle auf, dass laut der (vom Beschwerdeführer eingereichten) Über-
setzung der Bescheinigung vom 22. Juli 2019 lediglich "Hinweise darauf"
bestünden, dass er auf der "allrussischen Fahndungsliste" stehe. Es
leuchte nicht ein, weshalb die Hauptdirektion des Informationszentrums
des Ministeriums für innere Angelegenheiten der Stadt F._ nicht ge-
nau zu wissen scheine, ob er tatsächlich landesweit gesucht werde oder
nicht, zumal anzunehmen sei, dass gerade diese Stelle über verlässliche
Informationen verfügen müsste. Auch dieser Umstand spreche im Ergebnis
klar für den geringen Beweiswert der entsprechenden Bescheinigung, falls
diese nicht gar eine Fälschung darstellen sollte. Sodann seien die beiden
Bestätigungsschreiben der «interregionalen zivilgesellschaftlichen Bewe-
gung zum Schutz der Menschenrechte und Freiheiten 'Koalition'» als Ge-
fälligkeitsschreiben ohne nennenswerten Beweiswert zu qualifizieren. Zu-
sammenfassend sei festzuhalten, dass das SEM zu Recht die Flüchtlings-
eigenschaft der Beschwerdeführenden verneint und ihre Asylgesuche ab-
gelehnt habe. Zudem bestätigte das Bundesverwaltungsgericht sowohl die
angeordnete Wegweisung als auch den verfügten Wegweisungsvollzug.
B.
Mit Eingabe vom 5. Februar 2020 reichten die Beschwerdeführenden beim
SEM ein Wiedererwägungsgesuch ein, mit welchem sie im Wesentlichen
geltend machten, sie verfügten zwischenzeitlich mit einem Urteil des Be-
zirksgerichts (...) der Stadt F._ vom 22. Januar 2020 über ein neu
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entstandenes Beweismittel. Daraus gehe hervor, dass der Cousin des Be-
schwerdeführers wegen des Vorfalls vom 31. August 2018 zu lebenslanger
Haft verurteilt worden sei. Überdies werde der Beschwerdeführer im Urteil
als Mittäter namentlich erwähnt. Mit dem erwähnten Urteil hätten die Be-
schwerdeführenden ausserdem eine Verfügung des UMWD des Bezirks
(...) vom 4. November 2018 erhalten, gemäss welcher gegen den Be-
schwerdeführer ein Strafverfahren eingeleitet worden sei. Dieses Beweis-
mittel werde allerdings in Form eines Revisionsgesuches an das Bundes-
verwaltungsgericht zu richten sein. Angesichts der neuen Sachlage sei der
Asylentscheid vom 16. Juli 2019 aufzuheben und den Beschwerdeführen-
den sei Asyl zu gewähren.
C.
Mit Verfügung vom 6. März 2020 – eröffnet am 9. März 2020 – wies das
SEM das Wiedererwägungsgesuch ab, soweit es darauf eintrat. Es erklärte
seine Verfügung vom 16. Juli 2019 für rechtskräftig und vollstreckbar, hiess
das Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten gut, verzichtete auf die Erhe-
bung von Gebühren und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde komme
keine aufschiebende Wirkung zu.
Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres Entscheides zusammenge-
fasst aus, dem nur in (beglaubigter) Kopie vorliegenden Urteil komme
grundsätzlich höchstens ein geringer Beweiswert zu. Im Dokument würden
sodann ein Richter sowie ein Staatsanwalt erwähnt, nicht jedoch die für ein
solches Verfahren vorgesehenen sechs Geschworenen. Zudem weise es
keinen Briefkopf auf, was seltsam anmute. Auf die weiteren Vorbringen
(Kritik am Urteil des BVGer sowie Beweismittel vom 4. November 2018)
sei mangels funktioneller Zuständigkeit nicht einzutreten. Zusammenfas-
send lägen keine Gründe vor, welche die Rechtskraft der Verfügung vom
16. Juli 2019 beseitigen könnten, weshalb das Wiedererwägungsgesuch
abzuweisen sei.
D.
Gegen diese Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden mit Eingabe
vom 8. April 2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
Mit dieser beantragten sie, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben
und die Vorinstanz sei in Feststellung der Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführenden anzuweisen, diesen Asyl zu gewähren. Eventualiter
sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die Vorinstanz in Feststel-
lung der Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
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anzuweisen, die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die
angefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur vollständigen Ab-
klärung und Prüfung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vorinstanz
zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten sie, für die
Dauer der Behandlung sei der Vollzug der Wegweisung zu sistieren, die
Beschwerde sei mit dem gleichentags eingereichten Revisionsgesuch be-
treffend das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-3803/2019 vom
20. Dezember 2019 koordiniert zu behandeln, und, sollte der Beweiswert
amtlicher Dokumente von Behörden der Russischen Föderation – nament-
lich das eingereichte beglaubigte Gerichtsurteil vom 22. Januar 2020 –
(abermals) angezweifelt werden, sei dessen Echtheit mit Hilfe der Schwei-
zer Vertretung oder auf anderem Wege zu prüfen. Weiter beantragten die
Beschwerdeführenden die Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung.
Zur Begründung machten sie im Wesentlichen geltend, entgegen der vor-
instanzlichen Beurteilung sei mit den eingereichten Beweismitteln belegt,
dass der Cousin des Beschwerdeführers in einem Strafverfahren wegen
Begehung eines Verbrechens gemäss Art. 317 des Strafgesetzbuches der
Russischen Föderation schuldig gesprochen worden sei und der Be-
schwerdeführer als angeblicher Mittäter figuriere. Dies lasse ohne Weite-
res den Schluss zu, dass gegen den Beschwerdeführer ermittelt und ge-
fahndet werde, wie dies bereits vormals geltend gemacht worden sei, in-
dessen weniger stichhaltig habe bewiesen werden können, als nun bei Vor-
liegen eines offiziellen russischen Gerichtsurteils. Es treffe nicht zu, dass
die eingereichte beglaubigte Kopie des Gerichtsurteils «verschiedene Ma-
nipulationsmöglichkeiten» zulasse. Es sei nämlich in der eingereichten
Form amtlich beglaubigt worden, weshalb solche weitestgehend ausge-
schlossen seien. Auch das Argument, wonach seltsam anmute, dass das
Dokument keinen Briefkopf aufweise, erweise sich als offensichtlich falsch.
Zum Beleg sei auf zwei Urteile, welche auf öffentlich zugänglichen Quellen
im Internet publiziert worden seien, zu verweisen, woraus zu erkennen sei,
dass das eingereichte Beweismittel keineswegs von anderen russischen
Gerichtsurteilen abweiche. Sodannn hätte es der Vorinstanz offengestan-
den, die Echtheit des eingereichten Dokuments mit Hilfe der Schweizer
Vertretung in Moskau oder auf anderem Wege zuverlässig überprüfen zu
lassen.
Der Beschwerde lagen eine Fürsorgebestätigung vom 6. April 2020 bei, ein
russischsprachiger Wikipedia-Ausdruck über das Schwurgerichtsverfahren
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in Russland mit deutscher Übersetzung sowie zwei russische Gerichtsur-
teile, welche inhaltlich nicht in Zusammenhang mit den Beschwerdeführen-
den stehen.
E.
Mit (separater) Eingabe vom 8. April 2020 reichten die Beschwerdeführen-
den beim Bundesverwaltungsgericht – wie in der Beschwerdeschrift er-
wähnt – ein Revisionsgesuch gegen das Beschwerdeurteil D-3803/2019
vom 20. Dezember 2019 ein.
F.
Mit Instruktionsverfügung vom 20. April 2020 wurde angeordnet, der Voll-
zug werde auch im vorliegenden Beschwerdeverfahren – wie bereits zuvor
im Revisionsverfahren – einstweilen ausgesetzt.
G.
Am 11. Juni 2020 ging beim Bundesverwaltungsgericht eine Eingabe der
Beschwerdeführenden vom 9. Juni 2020 mit zwei Berichten zum medizini-
schen Sachverhalt der in der 26. Schwangerschaftswoche stehenden Be-
schwerdeführerin ein («Medizinisches und soziales Bestätigungsschrei-
ben» der (...) [datiert vom 26. Mai 2020]; Arztbericht der (...) [datiert vom
13. Mai 2020]). Ebenfalls am 11. Juni 2020 ging dasselbe Dokument vom
26. Mai 2020 – eingereicht durch die kantonalen Migrationsbehörden –
beim Gericht ein.
H.
Mit Urteil D-1969/2020 vom 15. Juni 2020 wies das Bundesverwaltungsge-
richt das Revisionsgesuch vom 8. April 2020 ab. Das nachgereichte Be-
weismittel qualifizierte das Gericht als beweisuntauglich und demzufolge
als nicht erheblich im Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG, weshalb das
Dokument auch kein Wegweisungshindernis zu begründen vermöge. Ob
dem Dokument aufgrund der notariellen Bestätigung beziehungsweise der
angebrachten Apostille eine höhere Beweiskraft zuzusprechen wäre, sei
indessen im Revisionsverfahren nicht zu prüfen, seien doch beide Anmer-
kungen erst im Januar 2020 und damit nach dem Urteil D-3803/2019 vom
20. Dezember 2019 entstanden.
I.
Die Instruktionsrichterin hiess die Gesuche um Gewährung der aufschie-
benden Wirkung der Beschwerde sowie um Gewährung der unentgeltli-
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Seite 8
chen Prozessführung mit Zwischenverfügung vom 3. Juli 2020 gut und ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig wurde
die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
J.
In ihrer Vernehmlassung vom 7. August 2020 schloss die Vorinstanz sinn-
gemäss auf Abweisung der Beschwerde.
K.
Mit Instruktionsverfügung vom 12. August 2020 wurde den Beschwerde-
führenden die vorinstanzliche Vernehmlassung zugestellt und ihnen Gele-
genheit zur Einreichung einer Replik eingeräumt.
L.
Die Beschwerdeführenden nahmen mit Eingabe vom 27. August 2020 zur
Vernehmlassung des SEM Stellung.
M.
Mit Eingabe vom 13. November 2020 informierten die Beschwerdeführen-
den unter Beilage einer Bestätigung des (...) vom 3. September 2020 über
die am (...) 2020 erfolgte Geburt der Tochter L._. Der Eingabe lag
des Weiteren eine medizinische Stellungnahme zur Behandlung von
L._ vom 29. September 2020 bei. Überdies reichten die Beschwer-
deführenden eine Bestätigung zum Haftort des Cousins des Beschwerde-
führers (samt Kuvert) ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG).
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Seite 9
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und Art. 108 Abs. 6 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
1.3 Das am (...) 2020 geborene Kind L._ ist in das vorliegende Ver-
fahren einzubeziehen.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrunds schriftlich
und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren nach
den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66-68 VwVG (Art. 111b
Abs. 1 AsylG).
3.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Anpassung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen (vgl. zum so-
genannten „qualifizierten Wiedererwägungsgesuch“ BVGE 2013/22 E. 5.4
m.w.H.). Darüber hinaus sind Revisionsgründe, welche sich auf Tatsachen
und Beweismittel abstützen, die erst nach Abschluss eines Beschwerde-
verfahrens entstanden sind, stets unter dem Titel der Wiedererwägung bei
der Vorinstanz einzubringen (vgl. Art. 45 VGG i.V.m. Art. 123 Abs. 2 Bst. a
[letzter Satz] BGG; BVGE 2013/22). Nach Art. 66 Abs. 2 VwVG liegen Re-
visionsgründe unter anderem dann vor, wenn eine Partei neue erhebliche
Tatsachen oder Beweismittel vorbringt (Bst. a). Neue Beweismittel im
Sinne von Art. 66 Abs. 2 Bst. a VwVG müssen entweder den Beweis für
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neue erhebliche Tatsachen oder den Beweis für Tatsachen erbringen kön-
nen, deren Existenz oder Eigenschaften im Beschwerdeverfahren respek-
tive im Asylverfahren vor dem SEM zum Nachteil des Beschwerdeführers
unbewiesen geblieben sind.
3.3 Die Wiedererwägung ist nicht beliebig zulässig. Sie darf insbesondere
nicht dazu dienen, die Rechtskraft von Verwaltungsentscheiden immer wie-
der infrage zu stellen oder die Fristen für die Ergreifung von Rechtsmitteln
zu umgehen (vgl. BGE 136 II 177 E. 2.1). Gründe, die bereits im Zeitpunkt
des ordentlichen Beschwerdeverfahrens bestanden haben, können nicht
als Wiedererwägungsgründe vorgebracht werden (Art. 66 Abs. 3 VwVG).
4.
4.1 Verfahrensrechtliche Fragen sind vorab zu prüfen, da sie allenfalls zu
einer Rückweisung der Sache führen könnten.
4.1.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Gemäss Art. 30 Abs. 1 VwVG
hört die Behörde die Parteien an, bevor sie verfügt. Der Anspruch auf vor-
gängige Anhörung beinhaltet insbesondere, dass die Behörde sich beim
Erlass ihrer Verfügung nicht auf Tatsachen abstützen darf, zu denen sich
die von der Verfügung betroffene Person nicht vorgängig äussern und dies-
bezüglich Beweis führen konnte.
4.1.2 Gemäss Art. 12 VwVG stellt die Behörde den Sachverhalt von Amtes
wegen fest und bedient sich nötigenfalls der gesetzlichen Beweismittel. Un-
richtig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher
oder aktenwidriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch
gewürdigt worden sind. Die Sachverhaltsdarstellung ist demgegenüber un-
vollständig, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachum-
stände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungs-
verfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl. 2013,
Rz. 630).
D-1961/2020
Seite 11
4.2 In der angefochtenen Verfügung hielt das SEM in Bezug auf die einge-
reichte Urteilskopie vom 22. Januar 2020 fest, diese vermöge nichts zu
ändern, zumal das Urteil sich auf einen Sachverhalt stütze, der nicht glaub-
haft sei. Überdies wies die Vorinstanz auf den ohnehin als gering einzustu-
fenden Beweiswert solcher Dokumente hin, das Vorliegen einer (beglau-
bigten) Kopie lasse verschiedene Manipulationsmöglichkeiten zu, und es
seien keine Geschworenen aufgeführt, obwohl solche vorgesehen wären.
Seltsam sei schliesslich, dass das Dokument keinen Briefkopf aufweise. In
Bezug auf die Verfügung über die Eröffnung eines Strafverfahrens gegen
den Beschwerdeführer; datierend vom 4. November 2018 stellte das SEM
fest, das Dokument sei vor Erlass des Beschwerdeurteils entstanden, wes-
halb es aus Gründen der funktionellen Zuständigkeit nur noch revisions-
weise vom Gericht geprüft werden könne. Dass das Dokument zu einem
späteren Zeitpunkt beglaubigt worden sei, vermöge daran nichts zu än-
dern.
4.3 Auf Beschwerdeebene wird gerügt, das SEM habe die Untersuchungs-
pflicht in gravierender Weise verletzt und habe damit gegen Bundesrecht
verstossen. Die Vorinstanz wäre gehalten gewesen, die eingereichten Do-
kumente einer Echtheitsprüfung – etwa mit Hilfe der Schweizer Vertretung
in Moskau – zu unterziehen. Dies zu unterlassen komme einer gravieren-
den Verletzung der Untersuchungspflicht gleich. Es könne nicht sein, dass
pauschale Vermutungen über amtliche Dokumente angestellt und an den
Platz seriöser Abklärungen treten würden. Sollte im Übrigen das Bundes-
verwaltungsgericht das SEM für die Prüfung des Beweismittels vom 4. No-
vember als zuständig erachten, wäre die Sache zur rechtsgenüglichen Ab-
klärung des Sachverhalts zurückzuweisen.
4.4
4.4.1 Die Vorinstanz liess in Bezug auf das von den Beschwerdeführenden
eingereichte Gerichtsurteil durch die amtsinterne Sektion Analysen ein
Consulting erstellen. Unabhängig von der Frage, ob die Vorinstanz die Be-
schwerdeführenden im Lichte von Art. 30 Abs. 1 VwVG vor Erlass ihrer
Verfügung über die vorgenommene Abklärung und das Abklärungsergeb-
nisse hätte in Kenntnis setzen und ihnen dazu das rechtliche Gehör ge-
währen müssen, ergeben sich aus dem Consulting vom 5. März 2020 Er-
kenntnisse, die sowohl für als auch gegen die Authentizität des eingereich-
ten Beweismittels sprechen. Eingang in die angefochtene Verfügung hat
indessen nur die Feststellung gefunden, dass im Urteil keine Geschwore-
nen vermerkt sind, obwohl deren Beteiligung verfahrensrechtlich vorgese-
D-1961/2020
Seite 12
hen wäre. Ob das SEM die weiteren Erkenntnisse aus den getroffenen Ab-
klärungen in seine Überlegungen einbezogen hat und wie diese gegebe-
nenfalls gewichtet wurden, ergibt sich weder aus der angefochtenen Ver-
fügung noch aus der Vernehmlassung des SEM. Damit war zum einen den
Beschwerdeführenden keine sachgerechte Anfechtung, zum anderen ist
dem Gericht keine entsprechende Überprüfung möglich. Damit liegt eine
Verletzung des Anspruches auf rechtliches Gehör vor. Dass die Beschwer-
deführenden dies nicht gerügt haben, kann ihnen nicht entgegengehalten
werden, nachdem sie keine Kenntnis der getroffenen Abklärungen erlan-
gen konnten.
4.4.2 Des Weiteren ist anzumerken, dass die Beschwerdeführenden zum
einen eine beglaubigte Kopie des Gerichtsurteils einreichten. Das SEM
hielt dazu fest, dies lasse verschiedene Manipulationsmöglichkeiten zu,
ohne auf den Umstand der Beglaubigung einzugehen. Sodann hielt das
Bundesverwaltungsgericht zum anderen im Revisionsurteil D-1969/2020
vom 15. Juni 2020 fest, ob der eingereichten Verfügung vom 4. November
2018 aufgrund der notariellen Bestätigung beziehungsweise der ange-
brachten Apostille eine höhere Beweiskraft zuzusprechen wäre, sei im Re-
visionsverfahren nicht zu prüfen, da die entsprechenden Anmerkungen erst
im Januar 2020 und damit nach dem Urteil D-3803/2019 vom 20. Dezem-
ber 2019 entstanden seien. Das SEM äusserte sich in der Folge in seiner
Vernehmlassung zwar zum Dokument beziehungsweise dessen Inhalt an
sich, nicht aber zum Umstand, dass das Dokument mit einer Apostille ver-
sehen eingereicht wurde. Damit ist die Vorinstanz auch diesbezüglich ihrer
Begründungspflicht nicht nachgekommen. Zwar ist die beglaubigte Kopie
eines Dokumentes nicht ohne Weiteres mit einem authentischen Doku-
ment gleichzusetzen, der Umstand der Beglaubigung oder der Überbe-
glaubigung (Apostille) kann indessen auch nicht einfach ausser Acht ge-
lassen werden. Aus diesem Grund hätte die Vorinstanz auch diesbezüglich
begründen müssen, weshalb sich im konkreten Fall weder Beglaubigung
noch Überbeglaubigung auf die Beweiskraft der Dokumente auswirken.
4.4.3 Der Vollständigkeit halber bleibt anzumerken, dass die Argumenta-
tion des SEM, die Urteilskopie führe zu keinem anderen Schluss, weil sie
einen bereits als unglaubhaft qualifizierten Sachverhalt stütze, jedenfalls
im vorliegenden Fall dem Sinn des Wiedererwägungsverfahrens zuwider-
läuft. Das Wiedererwägungsverfahren (oder auch das Revisionsverfahren)
sollen es unter anderem gerade ermöglichen, einen als unglaubhaft beur-
teilten Sachverhalt durch die Vorlage eines weiteren beziehungsweise
neuen Beweismittels als glaubhaft erscheinen zu lassen.
D-1961/2020
Seite 13
4.5 Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz ihre Begründungspflicht und
damit den Anspruch der Beschwerdeführenden auf rechtliches Gehör ver-
letzt. Die angefochtene Verfügung weist demnach formelle Mängel auf.
5.
Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht
in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung der
Sache an die Vorinstanz ist insbesondere dann gerechtfertigt, wenn wei-
tere Tatsachen festgestellt werden müssen sowie ein umfassendes Be-
weisverfahren durchgeführt werden muss. Die in diesen Fällen fehlende
Entscheidreife kann grundsätzlich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz
selbst hergestellt werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomi-
schen Gründen angebracht erscheint (vgl. BVGE 2012/21 E. 5); sie muss
dies aber nicht. Vorliegend ist aufgrund des Gesagten nicht von einer be-
stehenden oder leicht herstellbaren Entscheidungsreife auszugehen. Aus-
serdem soll das Gericht grundsätzlich nicht anstelle der verfügenden Ver-
waltungsbehörde die Grundlagen des rechtserheblichen Sachverhalts er-
stellen, weil die beschwerdeführende Partei bei diesem Vorgehen eine In-
stanz verlöre. Mit Blick auf die Gesamtlage erscheint folglich eine Kassa-
tion mithin als angezeigt.
6.
Demnach ist die Beschwerde gutzuheissen, die angefochtene Verfügung
vom 6. März 2020 aufzuheben und die Sache in Anwendung von Art. 61
Abs. 1 VwVG im Sinne der Erwägungen an das SEM zurückzuweisen. Auf
die weiteren Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe und in der Eingabe
vom 13. November 2020 ist aufgrund der vorliegenden Kassation zum heu-
tigen Zeitpunkt nicht näher einzugehen.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
7.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Es wurde keine Kostennote zu den Akten gereicht, weshalb die notwendi-
gen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in
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fine VGKE). Die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung
wird in Anwendung der genannten Bestimmungen und unter Berücksichti-
gung der massgeblichen Bemessungsfaktoren demnach von Amtes wegen
auf insgesamt Fr. 800.– (inkl. Auslagen) festgelegt.
(Dispositiv nächste Seite)
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