Decision ID: 25abaa26-de7c-469f-a028-b5c3a3b3a5a8
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer wurde am 23. Mai 2022 bei der Einreise in die
Schweiz vom Grenzwachtkorps angehalten und suchte hierzulande glei-
chentags um Asyl nach. Er führte eine von den kroatischen Behörden am
(...) 2022 ausgestellte Verfahrenskarte mit sich, wonach er in Kroatien un-
ter der Identität B._, geboren am (...), Afghanistan, registriert wor-
den sei. Diese Personalien wurden auf dem Personalienblatt (Version Eng-
lisch/Italienisch) eingetragen. Auf einem zweiten Personalienblatt (Version
Dari/Farsi/Französisch) gab der Beschwerdeführer den (...) als Geburts-
datum an.
B.
Am 31. Mai 2022 mandatierte der Beschwerdeführer die ihm zugewiesene
Rechtsvertretung.
C.
Ein Abdruck der Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab, dass
der Beschwerdeführer am 22. April 2022 in Kroatien und am 21. Mai 2022
in C._ um Asyl ersucht hatte.
D.
Anlässlich der Erstbefragung als unbegleiteter, minderjähriger Asylsuchen-
der (EB UMA) vom 16. Juni 2022 gab der Beschwerdeführer im Wesentli-
chen zu Protokoll, er sei afghanischer Staatsangehöriger D._ Eth-
nie und stamme aus der Provinz E._. Sein Vater namens F._
habe im (...) gearbeitet und sei von den Taliban mitgenommen worden, als
er (der Beschwerdeführer) (...) Jahre alt gewesen sei. Seine Mutter na-
mens G._ sei daraufhin mit ihm und seiner ein Jahr älteren Schwes-
ter nach H._ umgezogen. Dort hätten sie bis zur Ausreise gelebt.
Von seinem Vater hätten sie nie mehr etwas gehört. Er sei am (...) geboren.
Seine Mutter habe jeweils am (...) mit ihm Geburtstag gefeiert, daher
kenne er das Datum. Welchem Tag dieses im hiesigen Kalender entspre-
che, könne er nicht sagen, er wisse nur, dass er im Jahr (...) geboren sei
(Anmerkung Gericht: [...] entspricht [...]). Das Datum vom (...) habe er von
der Karte, welche die kroatischen Behörden ihm ausgestellt hätten, abge-
schrieben. Er habe das korrekte Geburtsdatum notieren wollen, sei von der
hiesigen Polizei aber gebeten worden, die Angaben der kroatischen Karte
zu übernehmen. Beim zweiten Formular habe er sich bei der Umrechnung
vertan, als er den (...) eingetragen habe. Er sei bei der Ankunft hierzulande
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sehr erschöpft gewesen. Noch in E._ sei ihm eine Tazkira ausge-
stellt worden und in dieser sei sein Geburtsjahr eingetragen gewesen. Er
verfüge weder über das Original noch eine Kopie der Tazkira. Sie hätten
bei der Flucht alles zurücklassen müssen und er wisse nicht, ob sich in
Afghanistan noch Dokumente von ihm befinden würden. Er sei in
H._ sieben Jahre zur Schule gegangen, nachdem er zuvor ein Jahr
lang den Kindergarten besucht habe. Im Kindergarten sei er 7 Jahre alt
gewesen und beim Schulabbruch am Ende der 7. Klasse 15-jährig. Er habe
die Schule vier Tage nach der Machtübernahme der Taliban, die ungefähr
vor neun oder zehn Monaten erfolgt sei, abgebrochen. Er sei damals
(...) Jahre alt gewesen. Danach sei er mit seiner Mutter und Schwester
ausgereist. Sie seien über den I._ in die J._ gelangt. Dort
habe er sich fünf Monate aufgehalten. Anschliessend sei er über
K._, L._, Kroatien, C._ und M._ am 23. Mai
2022 in die Schweiz gelangt. Seine Mutter befinde sich noch in der
J._. Er habe sich für die Weiterreise ab der J._ einer Fami-
lie, die er in der J._ kennengelernt habe, angeschlossen. Er habe
sich als Mitglied dieser Familie ausgegeben und deren Namen N._
benutzt, um zu verhindern, dass er aus Kroatien abgeschoben werde. Al-
leinstehende Personen seien von den kroatischen Behörden abgeschoben
worden, Familien hingegen nicht. In Kroatien und C._ sei er zusam-
men mit dieser Familie registriert worden. Da dies aber nicht ihre Zielländer
gewesen seien, seien sie weitergereist. Soviel er wisse, sei die besagte
Familie dann nach O._ gegangen. Er habe keine gesundheitlichen
Beschwerden.
Dem Beschwerdeführer wurde am Ende der Befragung mitgeteilt, dass
Zweifel an der von ihm geltend gemachten Minderjährigkeit bestehen wür-
den, und er zu einer medizinischen Altersabklärung geschickt werde.
E.
Am (...) Juni 2022 wurde im P._ eine rechtsmedizinische Untersu-
chung des Beschwerdeführers durchgeführt und am (...) Juni 2022 ein ent-
sprechendes Gutachten erstellt. Demzufolge konnten die Schlüsselbeine
wegen einer anatomischen Gegebenheit nicht für die Altersdiagnostik her-
angezogen werden. Zudem wurde für die Weisheitszähne kein Mindestal-
ter angegeben. Basierend auf der Untersuchung der Hand wurde ein Min-
destalter des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Untersuchung von
(...) Jahren und in einer Gesamtschau gestützt auf die Untersuchungen
von Hand und Weisheitszähnen ein durchschnittliches Lebensalter von (...)
bis (...) Jahren festgestellt.
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Seite 4
F.
Am 20. Juli 2022 änderte das SEM das Geburtsdatum des Beschwerde-
führers mittels Mutationsformular für Personendaten im Zentralen Migrati-
onsinformationssystem (ZEMIS) auf den (...). Es versah den Eintrag mit
einem Bestreitungsvermerk.
G.
G.a Mit Schreiben vom 21. Juli 2022 stellte das SEM dem Beschwerdefüh-
rer das Altersgutachten in anonymisierter Form zu und es teilte ihm mit,
dass es die geltend gemachte Minderjährigkeit als nicht glaubhaft erachte
und davon ausgehe, dass er bereits volljährig sei. Es werde deshalb ein
Dublin-Verfahren durchgeführt. Es gewährte ihm das rechtliche Gehör zum
Abklärungsergebnis sowie zur möglichen Wegweisung nach K._
(recte: Kroatien) oder C._.
G.b Am 22. Juli 2022 berichtigte das SEM sein Schreiben vom 21. Juli
2022 dahingehend, dass dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zum
medizinischen Abklärungsergebnis und zur Volljährigkeitserklärung sowie
zur allfälligen Zuständigkeit Kroatiens oder C._ und zur möglichen
Wegweisung in eines dieser Länder gemäss der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen o-
der Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (Dublin-III-VO), gewährt werde.
G.c Der Beschwerdeführer nahm mit Eingabe vom 26. Juli 2022 Stellung.
H.
H.a Am 27. Juli 2022 ersuchte das SEM sowohl die kroatischen als auch
die (...) Behörden – jeweils unter Beilage des rechtsmedizinischen Gutach-
tens vom (...) Juni 2022 – um Übernahme des Beschwerdeführers im
Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO.
H.b Die kroatischen Behörden stimmten dem Gesuch um Wiederauf-
nahme des Beschwerdeführers am 10. August 2022 gestützt auf Art. 18
Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO zu. Sie vermerkten, dass der Beschwerdeführer
in Kroatien mit den Personalien B._, geboren am (...), Afghanistan,
registriert und als minderjähriger Sohn in das Asylgesuch seiner Mutter
Q._ einbezogen worden sei.
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H.c Die (...) Behörden lehnten das Übernahmeersuchen am 12. Septem-
ber 2022 ab und verwiesen auf die von den kroatischen Behörden gegen-
über C._ am 7. September 2022 erfolgte Zustimmung zur Wieder-
aufnahme von Q._ und deren minderjährigen Kindern (u.a.
B._, geboren am [...]).
I.
I.a Mit Schreiben vom 3. August 2022 gelangte der Beschwerdeführer ans
SEM, wonach er Hinweise habe, dass sein Geburtsdatum im ZEMIS be-
reits auf den (...) mutiert worden sei.
I.b Mit Eingabe vom 4. August 2022 erhob der Beschwerdeführer beim
Bundesverwaltungsgericht eine Rechtsverzögerungsbeschwerde betref-
fend die Änderung der Personendaten im ZEMIS.
I.c Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 17. August 2022 mit, dass
er am 20. Juli 2022 für volljährig erklärt worden sei. Es werde diesbezüglich
mit dem Dublin-Entscheid, dem Zuweisungsentscheid in das erweiterte
Verfahren oder dem Asylentscheid eine Verfügung erlassen.
I.d Mit Urteil D-3356/2022 vom 14. Oktober 2022 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht die Rechtsverzögerungsbeschwerde gut und wies das SEM
an, betreffend Änderung der Personendaten des Beschwerdeführers im
ZEMIS unverzüglich eine anfechtbare Verfügung zu erlassen.
J.
Mit Verfügung vom 21. Oktober 2022 – eröffnet am 25. Oktober 2022 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch nicht ein (Dispositivziffer 1). Es ordnete die Wegweisung
aus der Schweiz in den zuständigen Dublin-Staat (Kroatien) an (Disposi-
tivziffer 2), forderte den Beschwerdeführer auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (Dispositivziffer 3), und beauf-
tragte den Kanton R._ mit dem Vollzug der Wegweisung (Disposi-
tivziffer 4). Des Weiteren händigte es dem Beschwerdeführer die editions-
pflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aus (Dispositivziffer 5), hielt
fest, dass das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im ZEMIS auf den
(...) laute (Dispositivziffer 6), und stellte fest, dass einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid keine aufschiebende Wirkung zukomme
(Dispositivziffer 7).
Für die Begründung wird auf die Ausführungen der Vorinstanz in der Ver-
fügung verwiesen.
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K.
Mit Eingabe vom 31. Oktober 2022 erhob der Beschwerdeführer durch die
rubrizierte Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde.
Er ersuchte um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und um Anwei-
sung an das SEM, auf das Asylgesuch einzutreten, eventualiter um Rück-
weisung der Sache zwecks Neubeurteilung, subeventualiter um Anwei-
sung an das SEM, die kroatischen Behörden über das Nichtbestehen der
Familienbeziehung zur Familie N._ zu informieren. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Zudem beantragte er die Aussetzung des Vollzugs der Wegweisung und
die Erteilung der aufschiebenden Wirkung der Beschwerde.
Betreffend die ZEMIS-Eintragung ersuchte er um Anweisung an das SEM,
das Geburtsdatum auf den (...) anzupassen.
Der Beschwerde lagen das Methodendokument «Forensische Altersdiag-
nostik» der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin von Juni 2022
und ein Artikel zur forensischen Altersdiagnostik aus der Zeitschrift
«Rechtsmedizin 2020» bei.
Auf die Begründung der Rechtsbegehren wird – soweit für den Entscheid
wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
L.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
1. November 2022 in elektronischer Form vor. Gleichentags setzte die In-
struktionsrichterin den Vollzug der Überstellung im Sinne einer vorsorgli-
chen Massnahme einstweilen aus.
M.
Betreffend das Beschwerdebegehren um Datenänderung im ZEMIS (Be-
schwerdeantrag um Anpassung des Geburtsdatums des Beschwerdefüh-
rers im ZEMIS auf den [...]) wurde ein separates Beschwerdeverfahren (D-
4993/2022) eröffnet.
N.
Im vorliegenden Verfahren erteilte die Instruktionsrichterin der Beschwerde
mit Zwischenverfügung vom 9. November 2022 die aufschiebende Wir-
kung und stellte fest, dass der Beschwerdeführer den Ausgang des Verfah-
rens in der Schweiz abwarten dürfe. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um
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Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und verzichtete auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses.
O.
Mit Eingabe vom 25. November 2022 (Datum Poststempel; Schreiben da-
tiert vom 24. November 2022) reichte der Beschwerdeführer eine Be-
schwerdeergänzung ein. Er gab Beweismittel – in der Form von Fotogra-
fien – zu den Akten und führte aus, es handle sich dabei um ein Schreiben
seiner Mutter (in Englisch), die sich gegenwärtig in der J._ befinde,
mit welchem diese ihm Fotografien ihrer sowie seiner Tazkira (ohne Über-
setzung) habe zukommen lassen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet auf dem Gebiet des Asyls
– in der Regel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen
Verfügungen (Art. 5 AsylG) des SEM (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31-33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1-3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1,
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
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2.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchfüh-
rung eines Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall eines so-
genannten Aufnahmeverfahrens nach Art. 21 und 22 Dublin-III-VO (engl.:
take charge) sind die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kri-
terien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zu-
ständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es
ist dabei von der Situation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen, in dem
der Asylsuchende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat gestellt hat
(Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens
(Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeits-
prüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE
2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3 Im Fall einer unbegleiteten minderjährigen Person ohne familiäre An-
knüpfungspunkte zu einem anderen Mitgliedstaat ist gemäss Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO stets derjenige Mitgliedstaat zuständig, in welchem die be-
treffende Person ihren (aktuellen) Antrag auf internationalen Schutz ge-
stellt hat. Als minderjährig gilt ein Drittstaatsangehöriger unter 18 Jahren
(Art. 2 Bst. i Dublin-III-VO; Art. 1a Bst. d der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 [AsylV1, SR 142.311]). Unbegleitete Minderjährige sind mithin
vom Wiederaufnahmeverfahren ausgenommen (vgl. CHRISTIAN FILZWIE-
SER/ANDREA SPRUNG, Dublin-III-Verordnung, Das europäische Asylzustän-
digkeitssystem, 2014, K15 f. zu Art. 8 Dublin-III-VO, m.w.H.).
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Seite 9
4.
4.1 Der Beschwerdeführer vertritt die Auffassung, die Schweiz sei gemäss
Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO für die Prüfung seines Asylgesuchs zuständig,
weil er minderjährig sei.
4.2 Eine geltend gemachte Minderjährigkeit ist von der asylsuchenden Per-
son zu beweisen, soweit ihr ein Beweis möglich ist und andernfalls wenigs-
tens glaubhaft zu machen. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung ist eine
Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, welche für oder gegen die Richtigkeit
der betreffenden Altersangaben sprechen, vorzunehmen. Dabei ist insbe-
sondere an für echt befundene Identitätspapiere oder an eigene Angaben
zu denken (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Schwei-
zerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 30 E. 5.3.3; Urteil des
BVGer E-891/2017 vom 8. August 2018 E. 4.2.3 m.w.H.). Es gilt der Grund-
satz der freien Beweiswürdigung (vgl. BVGE 2009/54 E. 4.1). Das Resultat
eines Altersgutachtens stellt nur ein Element bei der Beurteilung der Frage
der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Minderjährigkeit dar (vgl.
BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.).
4.3 Das SEM erachtete die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Min-
derjährigkeit in der angefochtenen Verfügung als nicht glaubhaft. Es führte
dazu an, der Beschwerdeführer habe sein Alter nicht mit Identitätsdoku-
menten belegt. Dem rechtsmedizinischen Gutachten vom (...) Juni 2022
würde sich angesichts fehlender Schlüsselbein- respektive Skelettanalyse
und mangels Angabe eines Mindestalters der Weisheitszähne keine rele-
vante Aussage darüber entnehmen lassen, ob beim Beschwerdeführer
eine Voll- oder Minderjährigkeit wahrscheinlicher sei. Er habe zwar einige
korrekte Angaben gemacht, aber insgesamt vermöge er die Minderjährig-
keit mit seinen Aussagen nicht glaubhaft darzulegen. Es sei nicht ersicht-
lich, weshalb er in Kroatien und C._ ein anderes Geburtsdatum
([...]) als in der Schweiz angegeben habe. Als Indiz für seine Minderjährig-
keit vermöge die Altersangabe in diesen beiden Ländern nicht zu dienen,
zumal er hierzulande betont habe, im Jahr (...) geboren zu sein. Der Um-
stand, dass er die kroatischen und (...) Behörden über seine Identität und
Familienverhältnisse zu täuschen versucht habe, beschlage seine persön-
liche Glaubwürdigkeit, auch wenn ihm zugutegehalten werden könne, dass
er dies bei der EB UMA offengelegt habe. Weitere Aussagen seien vage
geblieben. So habe er beispielsweise die Geburtsdaten seiner Mutter und
Schwester nicht exakt nennen können. Er sei deshalb als volljährig zu be-
trachten.
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4.4 Der Beschwerdeführer entgegnete in Bezug auf sein Alter in der
Rechtsmitteleingabe vom 31. Oktober 2022 im Wesentlichen, er habe in
seiner Stellungnahme vom 26. Juli 2022 dargelegt, dass seine Mutter, die
sich in S._ befinde, dabei sei, mit den in Afghanistan verbliebenen
Verwandten Kontakt aufzunehmen, damit diese seine Tazkira suchen und
ihm gegebenenfalls ein Foto hiervon zukommen lassen könnten. Dass es
ihm bis anhin nicht möglich gewesen sei, die Tazkira einzureichen, könne
ihm vor dem Hintergrund seiner Flucht und der aktuellen Lage in Afghanis-
tan nicht vorgehalten werden. Laut dem rechtsmedizinischen Gutachten
vom (...) Juni 2022 hätten seine Schlüsselbeine nicht für die Altersdiagnos-
tik herangezogen werden können. Bei seinen Weisheitszähnen sei ein Mi-
neralisationsstadium (...) festgestellt worden. Für die Zähne habe kein
Mindestalter angegeben werden können. Nachdem aber bekannt sei, dass
bei dem weiterentwickelten Mineralisationsstadium (...) das Mindestalter
erst bei 17 Jahren liegen würde, liege sein Mindestalter auf jeden Fall unter
17 Jahren. Auch das anhand der Handknochenanalyse festgestellte Min-
destalter von (...) Jahren würde für seine Minderjährigkeit sprechen. Das
Jahr (...) sei daher als wahrscheinlichstes Geburtsjahr zu erachten und
praxisgemäss der (...) dieses Jahres als sein Geburtsdatum anzunehmen.
Es treffe zwar zu, dass er bei der EB UMA zwei unterschiedliche Altersan-
gaben gemacht habe, indem er einerseits den (...) ([...]) als Geburtsdatum
genannt und andererseits gesagt habe, bei der Machtübernahme der Tali-
ban im August 2021 bereits (...) Jahre alt gewesen zu sein. Aber seine bi-
ografischen Angaben, wonach er im Alter von 7 Jahren ein Jahr lang den
Kindergarten und anschliessend sieben Jahre die Schule besucht habe,
und kurz nach der im August 2021 erfolgten Machtübernahme der Taliban
mit (...) Jahren aus Afghanistan ausgereist sei, seien rechnerisch schlüssig
und würden ebenfalls für das Geburtsjahr (...) sprechen. Allein der Um-
stand, dass die Altersangabe von aktuell (...) Jahren nicht mit dem auch
genannten Geburtsdatum vom (...) ([...]) übereingehe, sollte nicht gegen
die Unglaubhaftigkeit seiner Minderjährigkeit sprechen, zumal fehlendes
Wissen betreffend das eigene Alter im afghanischen Länderkontext nicht
unüblich sei. Auch in Kroatien und C._ sei er mit dem Geburtsjahr
(...) registriert worden. Zudem deute die Mitteilung der kroatischen Behör-
den im Rahmen der Zustimmung zu seiner Wiederaufnahme vom 10. Au-
gust 2022, wonach Kroatien ihn in das laufende Asylverfahren seiner "Mut-
ter" Q._ miteinbezogen habe, darauf hin, dass die kroatischen Be-
hörden weiterhin von seiner Minderjährigkeit ausgehen würden. Überdies
vermittle sein Verhalten, sich auf der Flucht ab der J._ einer Familie
angeschlossen und als deren Familienmitglied ausgegeben zu haben, das
Bild eines hilfesuchenden Jugendlichen. Seine Rechtvertreterin schätze
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Seite 11
sein Aussageverhalten als jugendlich und naiv ein. Insgesamt betrachtet
würden somit mehrere Indizien für seine Minderjährigkeit und das Geburts-
jahr (...) sprechen. Eventualiter beantrage er die Rückweisung der Sache
an die Vorinstanz zwecks weiterer Abklärungen zu seinem Alter (beispiels-
weise Einholung einer sozialpädagogischen Einschätzung).
4.5 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass der vorinstanzlichen Einschätzung, wonach die vom Be-
schwerdeführer geltend gemachte Minderjährigkeit nicht glaubhaft und er
als volljährig zu erachten sei, nicht gefolgt werden kann.
4.5.1 Der Beschwerdeführer hat keine rechtsgenüglichen Identitätsdoku-
mente zu den Akten gereicht. Durch die mit der Beschwerdeergänzung
vom 25. November 2022 lediglich in Form einer Fotografie vorgelegte
Tazkira ist die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit nicht belegt. Eine
afghanische Tazkira gilt nicht als fälschungssicher und ihr kommt deshalb
gemäss geltender Rechtsprechung nur ein verminderter Beweiswert zu, da
selbst bei Vorliegen des Originals die Möglichkeit besteht, dass die darin
enthaltenen zeitlichen Angaben über das Geburtsdatum nicht dem wirkli-
chen Alter entsprechen (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.2, 2013/30 E. 4.2.2). Al-
lein der Umstand der Nichteinreichung von rechtsgenüglichen Identitätspa-
pieren vermag aber nicht per se zur Schlussfolgerung zu führen, die Min-
derjährigkeit sei unglaubhaft (vgl. hierzu EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.1
m.w.H.).
4.5.2 Liegen keine schlüssigen Identitätsdokumente vor, fallen mit Blick auf
die Altersfeststellung als Beweismittel sodann wissenschaftliche Abklä-
rungsergebnisse in Betracht (vgl. EMARK 2004 Nr. 30 E. 6.1). Bei medizi-
nischen Altersabklärungen sind gemäss dem Grundsatzurteil des Bundes-
verwaltungsgerichts BVGE 2018 VI/3 von den in der Schweiz angewand-
ten Methoden nur die Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse und
die zahnärztliche Untersuchung – nicht jedoch die Handknochenaltersana-
lyse und die ärztliche körperliche Untersuchung – zum Beweis der Minder-
beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet, und anhand der me-
dizinischen Altersabklärung lässt sich keine Aussage zur Minder- bezie-
hungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das Mindestalter bei
der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein- respektive Ske-
lettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. ebenda E. 4.2.1 f.). Vorliegend
ergibt sich aus dem am (...) Juni 2022 erstellten rechtsmedizinischen Gut-
achten, dass beim Beschwerdeführer aufgrund einer anatomischen Gege-
benheit keine Schlüsselbein- respektive Skelettaltersanalyse durchgeführt
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Seite 12
werden konnte. Des Weiteren konnte bei den Weisheitszähnen des Be-
schwerdeführers, die (erst) das Mineralisationsstadium (...) aufweisen
würden, kein Mindestalter angegeben werden. Das in der Gesamtschau
festgehaltene Mindestalter des Beschwerdeführers von (...) Jahren grün-
det auf der Handknochenaltersanalyse. Das SEM hat in seiner Verfügung
vom 21. Oktober 2022 denn auch selbst festgestellt, dass das Gutachten
vom (...) Juni 2022 keine relevanten Aussagen zur Minder- beziehungs-
weise Volljährigkeit des Beschwerdeführers enthält. Es erübrigt sich damit
vorliegend, auf die in der Rechtsmitteleingabe im Zusammenhang mit dem
besagten Gutachten gemachten Ausführungen und die dazu eingereichten
Beweismittel näher einzugehen. Gestützt auf das Gutachten lässt sich
nicht auf die Volljährigkeit des Beschwerdeführers schliessen. Das Alters-
gutachten vermag mithin kein Indiz für die Volljährigkeit darzustellen.
4.5.3 Anderweitige Anhaltspunkte, die aufgrund ihrer Beweiskraft geeignet
wären, gegen die geltend gemachte Minderjährigkeit des Beschwerdefüh-
rers im Zeitpunkt der Asylgesuchstellung zu sprechen, sind den Akten nicht
zu entnehmen. Zwar ist der Vorinstanz zuzustimmen, dass sich der Be-
schwerdeführer in Bezug auf die Angaben zu seinem Alter bei der EB UMA
eine Ungereimtheit vorwerfen lassen muss, nachdem das genannte Ge-
burtsjahr (...) respektive (...) nicht in Einklang mit dem Alter von (...) Jahren
im Zeitpunkt der Machtübernahme der Taliban im August 2021 steht, son-
dern um etwa ein Jahr divergiert. Demgegenüber weisen die Aussagen des
Beschwerdeführers zu seinem Lebenslauf aber keine wesentlichen Wider-
sprüche auf und erscheinen grundsätzlich plausibel. Er vermag den Kin-
dergarten- und Schulbesuch nachvollziehbar darzulegen und den Anlass
für den Schulabbruch (Machtübernahme der Taliban) zeitlich korrekt einzu-
ordnen. Auch wenn die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter
bei der EB UMA somit nicht völlig schlüssig sind, kann aus diesen aus Sicht
des Gerichts nicht auf die Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Min-
derjährigkeit geschlossen werden. Zum effektiven Geburtsdatum liegen
zwar unterschiedliche Angaben vor ([...] [Personalienblatt 1, kroatische
Verfahrenskarte, Registrierung in Kroatien und C._]; [...] [Persona-
lienblatt 2]; [...] [{...} {EB UMA}]). Vorliegend steht aber nicht die Frage des
effektiven Geburtsdatums des Beschwerdeführers im Zentrum, sondern
die Frage, ob dessen Minderjährigkeit als glaubhaft zu erachten ist. Unter
Berücksichtigung, dass im vorliegenden Länderkontext fehlendes (exak-
tes) Wissen betreffend das eigene Alter grundsätzlich nicht unüblich ist,
erscheinen die Aussagen des Beschwerdeführers zu seinem Alter insge-
samt doch relativ stimmig ([...] bis [...]-jährig im Zeitpunkt der Asylgesuch-
stellung). Auch in Kroatien und C._ wurde der Beschwerdeführer
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Seite 13
als minderjährig registriert und die kroatischen Behörden stellten ihm nach
mehrwöchigem dortigen Aufenthalt am (...) 2022 einen Ausweis mit dem
Geburtsjahr (...) aus. Dass der Beschwerdeführer sich für die Weiterreise
aus der J._ einer anderen Familie angeschlossen habe, erscheint
im Übrigen nicht abwegig. Inwiefern der Umstand, dass der Beschwerde-
führer die Geburtsdaten seiner Mutter und seiner ein Jahr jüngeren
Schwester nicht exakt genannt habe, ein Indiz sein soll, dass gegen seine
Minderjährigkeit respektive für seine Volljährigkeit sprechen würde, er-
schliesst sich dem Gericht nicht.
4.5.4 In einer Gesamtschau gelangt das Bundesverwaltungsgericht dem-
nach zum Schluss, dass der Beschwerdeführer die Minderjährigkeit im
Zeitpunkt der Asylgesuchstellung in einem für die Glaubhaftmachung ge-
nügenden Mass darzulegen vermag. Die Vorinstanz ist damit zu Unrecht
von der Volljährigkeit im betreffenden Zeitpunkt ausgegangen. Der Be-
schwerdeführer kann sich folglich auf die spezifischen Schutzbestimmun-
gen der Dublin-III-VO für unbegleitete Minderjährige (Art. 8 Abs. 4 Dublin-
III-VO) berufen.
4.6 Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass die Schweiz aufgrund
der Minderjährigkeit des Beschwerdeführers gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dub-
lin-III-VO zur Durchführung eines nationalen Asylverfahrens zuständig ist.
4.7 Der Vollständigkeit halber bleibt anzumerken, dass das SEM die Be-
hauptung des Beschwerdeführers, er habe die Asylgesuche in Kroatien
und C._ nicht zusammen mit seiner tatsächlichen Familie bezie-
hungsweise Mutter eingereicht, nicht in Zweifel gezogen hat. Insofern stellt
sich die Frage des Anknüpfungspunktes eines Familienangehörigen in ei-
nem anderen Mitgliedstaat im Sinne von Art. 8 Abs. 1 Dublin-III-VO nicht
mehr.
5.
Aufgrund des Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Der Nichteintre-
tensentscheid vom 21. Oktober 2022 ist aufzuheben und die Vorinstanz
anzuweisen, ein nationales Asylverfahren durchzuführen.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 VwVG).
7.
Dem vertretenen Beschwerdeführer ist für das Beschwerdeverfahren keine
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Parteientschädigung auszurichten, da es sich vorliegend um eine zugewie-
sene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG han-
delt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG ent-
schädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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