Decision ID: 8e9cbc8b-823f-49a4-8ff5-25037bbce825
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ wurde mit Verfügungen vom 11. November 2009 ab 1. September 2006 eine
ganze Invalidenrente samt einer Kinderrente zugesprochen. Es wurden ihr für die Zeit
bis 31. Oktober 2009 eine Nachzahlung von Fr. 115'378.--, eine Verzugszinszahlung
von Fr. 5'852.-- und die laufende Monatsleistung für November 2009 von Fr. 3'115.--
ausgerichtet. Für die Zeit ab 1. September 2008 sprach ihr die
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen eine weitere Kinderrente zu
(Nachzahlung bis Oktober 2009 Fr. 12'352.--, laufende Monatsleistung Fr. 890.--).
A.a.
Mit Verfügung vom 6. August 2013 stellte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
die Rentenleistungen vorsorglich ein und entzog einer Beschwerde die aufschiebende
Wirkung. Nach einer anlässlich einer amtlichen Revision erfolgten psychiatrischen
Begutachtung vom Februar 2012 sei eine Observation veranlasst worden. Da davon
ausgegangen werden müsse, dass bei der Versicherten seit langem eine
Arbeitsfähigkeit vorliege, habe die IV-Stelle am _. Januar 2013 eine Strafklage
erhoben. Das Beweisergebnis lasse keinen anderen Schluss zu, als dass die
Versicherte die Rente zu Unrecht erwirkt habe, und versuche, weitere Leistungen
unrechtmässig zu erwirken. Die Interessenabwägung zwischen ihrem Interesse an
Akteneinsicht und Weiterausrichtung der Leistung und den Interessen der IV-Stelle,
A.b.
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B.
Gegen die Verfügung vom 4. April 2017 richtet sich die von Rechtsanwalt lic. iur. Adrian
Fiechter für die Betroffene am 10. Mai 2017 erhobene Beschwerde. Der Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin beantragt, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und
die Sache sei zur Neubeurteilung unter Gewährung des rechtlichen Gehörs an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, eventualiter sei die Rückforderung auf
Fr. 258'944.-- zu reduzieren. Ausserdem sei der Beschwerdeführerin die unentgeltliche
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung zu bewilligen. Obwohl sich die
Beschwerdegegnerin auf das Strafurteil beziehe, habe sie einen viel (nämlich um
einerseits keine Leistungen erbringen zu müssen, die wahrscheinlich nicht geschuldet
seien und deren Rückforderung uneinbringlich wäre, und anderseits das Strafverfahren
nicht zu beeinträchtigen, müsse daher zu Lasten der Versicherten ausfallen.
Mit Vorbescheid vom 10. Juli 2015 stellte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle
des Kantons St. Gallen der Versicherten die Aufhebung der Verfügung vom
11. November 2009 und die Feststellung in Aussicht, dass sie keinen Anspruch auf
eine Rente habe. Am 18. September 2015 erging die entsprechende Verfügung.
A.c.
Nachdem die am 28. September 2015 gegen diese Verfügung erhobene
Beschwerde am 12. Januar 2016 vorbehaltlos zurückgezogen worden war, wurde das
Beschwerdeverfahren am 14. Januar 2016 abgeschrieben.
A.d.
Inzwischen war die Versicherte mit Entscheid des zuständigen Kreisgerichts vom
_ 2015 des Betrugs und des Betrugsversuchs für schuldig erklärt worden. Unter
anderem wurde auf eine Ersatzforderung des Staates im Betrag von Fr. 258'944.--
erkannt.
A.e.
Mit Mitteilung vom 24. November 2016 (im Sinn eines Vorbescheids) gab die IV-
Stelle des Kantons St. Gallen dem Rechtsvertreter der Versicherten bekannt, es
würden von der Versicherten für die Zeit vom 1. September 2006 bis 31. Juli 2013
Fr. 310'408.-- zurückgefordert. Angesichts der Verurteilung sei die Verjährungsfrist von
15 Jahren massgebend, weshalb die gesamte Forderung zu leisten sei bzw. die
gesamten Leistungen zurückzuerstatten seien. - Am 4. April 2017 verfügte die IV-Stelle
wie angekündigt. Das Erlassgesuch der Versicherten vom 22. Dezember 2016 wies die
IV-Stelle am 19. April 2017 ab.
A.f.
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Fr. 51'464.--) höheren Rückforderungsbetrag festgesetzt. Der Grund sei nicht
nachvollziehbar.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 26. Juni 2017 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Im Sinn einer reformatio in peius sei die angefochtene
Verfügung zu korrigieren und der Rückforderungsbetrag auf Fr. 316'260.--
festzusetzen. Nach Eingang des Observationsberichts im Mai 2012 habe sie (die
Beschwerdegegnerin) weitere Abklärungen vorgenommen. Insbesondere habe sie eine
Beurteilung eines Arztes eingeholt, der die Beschwerdeführerin früher (zu Beginn des
Jahres 2012) begutachtet gehabt habe. Nachdem ein konkreter Betrugsverdacht
vorgelegen habe, sei die Strafanzeige erfolgt. Am _. Juni 2013 habe die
Staatsanwaltschaft mitgeteilt, die Beschwerdeführerin sei in Kenntnis des
Strafverfahrens. Daraufhin habe die Beschwerdegegnerin nach vorgängiger Anhörung
am 29. Juli 2013 die vorsorgliche Renteneinstellung angeordnet. Am _ 2015 habe die
Staatsanwaltschaft die Beschwerdeführerin angeklagt. Das Kreisgericht habe sich in
betraglicher Hinsicht an der Anklageschrift orientiert, die nur die bis Mai 2012
geflossenen Renten als Gegenstand des vollendeten Betrugs zur Anklage gebracht
habe. Für die Zeit nach dem Eingang des Observationsberichts im Mai 2012 habe die
Staatsanwaltschaft praxisgemäss angenommen, die Beschwerdegegnerin habe sich
nicht mehr geirrt, weshalb kein vollendeter Betrug mehr angenommen werden könne.
Für die später erbrachten Leistungen sei nur noch ein Versuch anzunehmen. Die
Beschwerdegegnerin habe jedoch tatsächlich noch bis Juli 2013 Leistungen erbracht.
Die vorsorgliche Einstellung sei unverzüglich erfolgt, nachdem das
Geheimhaltungsinteresse der Staatsanwaltschaft Ende Juni 2013 weggefallen sei. Eine
frühere Renteneinstellung sei nicht möglich gewesen, weil sonst die Abklärungen der
Staatsanwaltschaft gefährdet worden wären und wichtige Beweismittel nicht hätten
sichergestellt werden können. Die Differenz erkläre sich also durch die Summe der ab
Juni 2012 noch erbrachten Leistungen. Bei der Prüfung der Berechnung habe sich
gezeigt, dass die Ausgleichskasse es versehentlich unterlassen habe, auch die
Verzugszinsen in der Höhe von Fr. 5'852.-- zurückzufordern.
D.
Am 3. Juli 2017 ist dem Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege
(Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung) entsprochen worden.
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E.
Mit Replik vom 4. September 2017 bestätigt der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin die Anträge mit Ausnahme des Rückweisungsgesuchs. Obwohl
sich die Vorwürfe der Beschwerdegegnerin gegen die Beschwerdeführerin im
Wesentlichen auf die Ergebnisse der Observation stützten, habe die
Beschwerdegegnerin nach deren Vorliegen Ende Mai 2012 bis zur Erhebung der
Strafklage am _. Januar 2013 noch fast ein ganzes Jahr gewartet. Sie hätte jedoch
bereits vorher eine vorsorgliche Renteneinstellung verfügen können, denn gemäss
Anklageschrift habe sie schon einen Täuschungsverdacht gehabt. Stattdessen habe sie
bis im Juni 2013 noch weitere Rentenbeträge von zusammen Fr. 53'204.-- ausbezahlt
und die vorsorgliche Einstellung erst am 6. August 2013 verfügt. Es könne nicht sein,
dass das Versäumnis der Beschwerdegegnerin, die vorsorgliche Einstellung bei
Eintreten des Täuschungsverdachts sofort zu verfügen, der Beschwerdeführerin zur
Last gelegt werde. Sie sei nach wie vor gesundheitlich angeschlagen und finanziell
nicht in der Lage, den Rückforderungsbetrag zurückzuerstatten. Es sei auch nicht
ersichtlich, weswegen so lange ein Geheimhaltungsinteresse bestanden haben sollte.
Gegen die Beschwerdeführerin seien bereits im Juni 2013 diverse
Zwangsmassnahmen angeordnet worden. Inwiefern bei einer (früheren) vorsorglichen
Renteneinstellung wichtige Beweismittel nicht hätten sichergestellt werden können,
habe die Beschwerdegegnerin mit dieser vagen Behauptung offen gelassen.
Insbesondere sei fraglich, welche Verdunkelungshandlungen die Beschwerdeführerin
im Zusammenhang mit dem Haus [...] hätte begehen können, das angeblich durch die
Rentenzahlungen finanziert worden sei, von welchem Vorwurf die Beschwerdeführerin
aber freigesprochen worden sei. Die Beschwerdegegnerin stütze sich ausserdem auf
die Anklageerhebung, während aber der Strafentscheid entscheidrelevant sei. Das sei
rechtsstaatlich nicht vertretbar. Eine Verzugszinspflicht auf allfälligen Rückerstattungs
forderungen von Leistungen (sogenannte Vergütungszinsen) bestehe nicht.
F.
In ihrer Duplik vom 18. September 2017 bringt die Beschwerdegegnerin vor, es werde
versucht, die Beschwerdegegnerin als säumig darzustellen, doch das sei sie in keiner
Weise gewesen. Aus der Tatsache, dass die Beschwerdegegnerin nach der Erstattung
der Strafanzeige zugewartet habe, bis aus Sicht der Staatsanwaltschaft kein
Geheimhaltungsinteresse mehr bestanden habe, könne die Beschwerdeführerin nichts
zu ihren Gunsten ableiten. Die Staatsanwaltschaft habe umfangreiche Beweise
erhoben, unter anderem mittels polizeilicher Observation und einer Hausdurchsuchung.
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Gerade das bei letzterer sichergestellte umfangreiche Foto- und Videomaterial habe
eine rückblickende Beurteilung der Sache ermöglicht. Hierauf habe sich die Verfügung
vom 18. September 2015 wesentlich gestützt. Eine vorsorgliche Einstellung schon nach
Eintreffen des Observationsberichts im Mai 2012 dagegen hätte die
Sachverhaltsabklärung sabotiert, weil die Beschwerdeführerin allen Grund gehabt
hätte, Beweismittel zu beseitigen. Mit einem solchen Vorgehen hätte die
Beschwerdegegnerin somit indirekt gegen ihren Abklärungsauftrag verstossen. Die
Beschwerdeführerin habe auch die Verzugszinsen auf den Rentennachzahlungen
zurückzuerstatten.

Erwägungen
1.
2.
Mit der im Streit liegenden Verfügung vom 4. April 2017 hat die
Beschwerdegegnerin für die Zeit vom 1. September 2006 bis 31. Juli 2013
Invalidenrenten (samt IV-Kinderrenten) im Betrag von Fr. 310'408.-- von der
Beschwerdeführerin zurückgefordert. In ihrer Beschwerdeantwort vom 26. Juni 2017
beantragt die Beschwerdegegnerin im Sinn einer reformatio in peius eine
Rückforderung von total Fr. 316'260.--. - Die Erlassfrage bildet vorliegend nicht
Streitgegenstand (sondern im Verfahren IV 2017/94), ist sie doch erst zu prüfen, wenn
die Rechtsbeständigkeit der Rückforderung feststeht (vgl. Bundesgerichtsurteil vom
2. Juli 2015, 9C_466/2014).
1.1.
Es ist keine Verletzung des rechtlichen Gehörs erfolgt, welche eine Aufhebung der
angefochtenen Verfügung aus formellen Gründen rechtfertigen würde.
1.2.
Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten (Art. 25 Abs. 1 ATSG).2.1.
Gemäss der Verfügung vom 18. September 2015, die durch Abschreibung des
Beschwerdeverfahrens am 14. Januar 2016 rechtskräftig wurde, steht fest, dass die
Beschwerdeführerin (bis dahin) noch nie einen (rechtmässigen) Rentenanspruch hatte
(die ursprüngliche Rentenzusprache ist aufgehoben worden). Die Beschwerdeführerin
bezog demnach alle IV-Rentenleistungen ab 1. September 2006 (bis 31. Juli 2013) und
die Verzugszinsen (von Fr. 5'862.--) zu Unrecht. Der Betrag der ausbezahlten
Leistungen (einschliesslich der Beschwerdeführerin ausgerichtete Verzugszinsen) stellt
2.2.
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sich gemäss der Beschwerdegegnerin auf Fr. 316'260.--, ohne Verzugszinsen auf
Fr. 310'408.--, was nicht zu beanstanden ist.
Dass strafrechtlich auf eine Ersatzforderung (wohl gemäss Art. 71 Abs. 1 StGB)
von lediglich Fr. 258'944.-- (für vollendete Straftat, Leistungen bis 31. Mai 2012)
erkannt worden ist, vermag an der Tatsache des ungerechtfertigten
sozialversicherungsrechtlichen Leistungsbezugs der gesamten oben genannten
Summe an Rentenleistungen und Verzugszinsen und an der grundsätzlichen
entsprechenden verwaltungsrechtlichen Rückerstattungspflicht im gesamten Betrag
von Fr. 316'260.-- (zur Rückerstattungspflicht der Verzugszinsen aber unten E. 3.2.7)
nichts zu ändern. Denn die betreffende strafrechtliche Anordnung einer Ersatzforderung
basiert nicht etwa auf einem adhäsionsweise beurteilten zivilrechtlichen Anspruch der
Beschwerdegegnerin. Öffentlich-rechtliche Ansprüche können nicht adhäsionsweise im
Strafprozess geltend gemacht werden und zählen nicht zu den Zivilansprüchen im Sinn
von Art. 122 Abs. 1 StPO (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 22. März 2019,
6B_1324/2018/6B_22/2019 E. 5.1; Entscheid des Kantonsgerichts des Kantons
St. Gallen, Strafkammer, vom 12. August 2014, ZS.2014.11, publiziert auf https://
publikationen.sg.ch/rechtsprechung-gerichte-detail/1945/, besucht am 27. Februar
2020; vgl. Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schweizerischen
Strafprozessordnung, N 5 zu Art. 122 StPO). Um solche öffentlich-rechtlichen
Ansprüche handelt es sich aber beim sozialversicherungsrechtlichen
Rückforderungsanspruch der Beschwerdegegnerin nach Art. 25 ATSG. - Auch
anderweitig ist kein relevanter Einfluss der Anordnung einer Ersatzforderung des
Staates auf die vorliegende Streitsache anzunehmen. Sowohl eine Beschränkung der
sozialversicherungsrechtlichen Forderung wie eine Doppelzahlungspflicht müssen
ausgeschlossen werden. Nach Eintritt der Rechtskraft des Strafurteils bestehen denn
auch aus strafrechtlichem Blickwinkel betrachtet gemäss einem Entscheid des
Kantonsgerichts des Kantons St. Gallen, Strafkammer, vom 4. Mai 2017 (ST.2016.77
E. 1b.cc, publiziert auf https://publikationen.sg.ch/rechtsprechung-gerichte-detail/
2636/, besucht am 27. Februar 2020) die verwaltungsrechtliche Rückforderung und die
strafrechtliche Ersatzforderung nebeneinander. Sobald der Beschuldigte die
strafrechtliche Ersatzforderung des Staates befriedigt, sind diese Zahlungen - zwecks
Vermeidung einer doppelten Inanspruchnahme - an die verwaltungsrechtliche
Rückerstattungsforderung anzurechnen. Sollte der Beschuldigte hingegen der
Rückerstattungsverfügung [in casu: der Sozialhilfe] nachkommen, so reduziert sich die
strafrechtliche Ersatzforderung im Umfang der Rückerstattung.
2.3.
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3.
Der Rückforderungsanspruch erlischt mit dem Ablauf eines Jahres, nachdem die
Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber mit dem Ablauf
von fünf Jahren nach der Entrichtung der einzelnen Leistung. Wird der
Rückerstattungsanspruch aus einer strafbaren Handlung hergeleitet, für welche das
Strafrecht eine längere Verjährungsfrist vorsieht, so ist diese Frist massgebend (Art. 25
Abs. 2 ATSG).
3.1.
3.2.
Was die relative einjährige Verwirkungsfrist betrifft, ist nach der Rechtsprechung
unter der Wendung "nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten
hat" der Zeitpunkt zu verstehen, in dem die Verwaltung bei Beachtung der ihr
zumutbaren Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen, dass die Voraussetzungen für
eine Rückerstattung bestehen, oder mit andern Worten, in welchem sich der
Versicherungsträger hätte Rechenschaft geben müssen über Grundsatz, Ausmass und
Adressat des Rückforderungsanspruchs (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 17. Oktober
2017, 9C_559/2017 E. 2, BGE 140 V 521 E. 2.1).
3.2.1.
Das Bundesgericht hat indessen auch wiederholt erkannt, es sei nicht
bundesrechtswidrig, zuverlässige Kenntnis von der Rechtswidrigkeit des
Leistungsbezugs erst nach Eintritt der Rechtskraft der Rentenaufhebung (bzw. -
herabsetzung) anzunehmen (vgl. Bundesgerichtsurteile vom 29. November 2016,
8C_601/2016 und 8C_602/2016 E. 7.2.2; vom 26. August 2016, 8C_85/2016 E. 7.4;
vom 23. März 2015, 8C_642/2014 E. 3.2; und vom 19. Dezember 2014, 8C_640/2014
E. 3.3). Die relative, einjährige Verwirkungsfrist beginnt demnach frühestens an dem
Tag zu laufen, an dem die der Rückforderung zugrunde liegende Korrekturverfügung
rechtskräftig geworden ist. An diesem Tag hat der Versicherungsträger definitiv
Kenntnis von allen Einzelheiten des Rückforderungsanspruchs, so dass in diesem
Zeitpunkt auch die Voraussetzungen des Art. 25 Abs. 2 ATSG für die Auslösung der
einjährigen Verwirkungsfrist erfüllt sind (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen vom 16. November 2016, IV 2014/559 E. 2.2).
3.2.2.
Gemäss dieser Rechtsprechung ist die relevante fristauslösende Kenntnis
vorliegend am 14. Januar 2016 (bei Rechtskraft der Korrekturverfügung) anzunehmen.
3.2.3.
Die Einwände, wonach die Beschwerdegegnerin früher in einem Kenntnisstand
gewesen sei, der es erlaubt hätte, die Rente vorsorglich oder abschliessend
3.2.4.
http://www.koordination.ch/de/online-handbuch/atsg/rueckerstattung/#c22769
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
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einzustellen, vermögen hieran nichts zu ändern. In einem Urteil vom 16. Mai 2011
(9C_68/2011 E. 4.2) entschied das Bundesgericht betreffend einen Sachverhalt mit
Observation, die Sichtung des entsprechenden Materials, das belegt habe, dass der
(dort betroffene) Versicherte trotz Gesundheitsschadens und voller Invalidität
verschiedene Sportarten habe ausüben können, habe der Verwaltung noch keine
zuverlässige Kenntnis von einem unrechtmässigen Rentenbezug verschafft. Auch in
der Tatsache, dass vorinstanzlich für den Beginn des Fristenlaufs nicht auf die
Kenntnisnahme von einer medizinischen Begutachtung durch die Verwaltung abgestellt
worden sei, liege keine Bundesrechtsverletzung. Das hat auch vorliegend zu gelten.
Der (blosse) Verdacht, den die Beschwerdegegnerin schon längst vor der Verfügung
zur rückwirkenden Aufhebung des Rentenanspruchs vom September 2015 gehegt
hatte (die Staatsanwaltschaft datiert das Aufkommen eines relevanten Verdachts bei
der Beschwerdegegnerin gemäss der Anklageschrift auf den Zeitpunkt des Zugangs
der Ergebnisse der von der Beschwerdegegnerin veranlassten Observation Ende Mai
2012), genügt nach dem Dargelegten nicht, die einjährige relative Verwirkungsfrist für
eine Rückforderung der Leistungen auszulösen. Es bleibt vielmehr bei der
Fristauslösung durch Eintritt der Rechtskraft der Verfügung einer prozessualen Revision
mit Aufhebung der Rente ex tunc vom 14. Januar 2016.
Fristwahrend ist in der Invalidenversicherung nicht erst der Erlass der
Rückforderungsverfügung, sondern unter der Herrschaft des Vorbescheidverfahrens
bereits der Vorbescheid (vgl. BGE 119 V 431 E. 3c, BGE 133 V 579 E. 4.3.1).
3.2.5.
Den Vorbescheid ("Mitteilung") über die Rückforderung von Fr. 310'408.--
Rentenleistungen hat die Beschwerdegegnerin mit Datum vom 24. November 2016
zugestellt. Die einjährige relative Verwirkungsfrist ist daher diesbezüglich eingehalten.
3.2.6.
Mit der Beschwerdeantwort vom 26. Juni 2017 macht die Beschwerdegegnerin
eine Erhöhung der Rückforderung um Fr. 5'852.-- Verzugszinsen geltend. Diese
ergänzende Rückforderung ist allerdings (angesichts des Beginns der einjährigen
relativen Verwirkungsfrist am 14. Januar 2016) als verwirkt zu betrachten. Die
Verjährungsfrist ist nur für den Betrag von Fr. 310'408.-- eingehalten.
3.2.7.
3.3.
Bei der absoluten Verwirkungsfrist ist zu beachten, dass die Ausnahmeregelung
des Art. 25 Abs. 2 zweiter Satz ATSG nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts
bezweckt, die Vorschriften des Sozialversicherungs- und des Strafrechts im Bereich
der Verjährung zu harmonisieren. Es soll vermieden werden, dass der
3.3.1.
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4.
Die Rückforderung der Beschwerdegegnerin beträgt daher - wie verfügt -
Fr. 310'408.--. Der Antrag auf reformatio in peius ist abzulehnen.
5.
sozialversicherungsrechtliche Anspruch verwirkt, bevor die Verfolgungsverjährung des
Strafrechts eintritt; denn es erschiene unbefriedigend, wenn der Täter zwar noch
bestraft werden könnte, die Rückerstattung unrechtmässig bezogener Leistungen aber
nicht mehr verlangt werden dürfte. Dieser ratio legis wird entsprochen, wenn für den
Beginn der längeren strafrechtlichen Verjährungsfrist auf die entsprechende
strafrechtliche Regelung abgestellt wird (vgl. BGE 138 V 74 E. 5.2).
Da die Beschwerdeführerin wegen Betrugs verurteilt wurde und hierfür eine
strafrechtliche (Verfolgungs-) Verjährungsfrist von fünfzehn Jahren (ab Aufhören des
strafbaren Verhaltens, vgl. Art. 98 lit. b StGB) gilt (vgl. Art. 97 Abs. 1 lit. b i.V.m. Art. 146
Abs. 1 StGB), ist für die absolute Verwirkung gemäss Art. 25 Abs. 2 ATSG ebenfalls
diese Frist massgebend. Es ist daher nicht zu beanstanden, dass die
Beschwerdegegnerin mit der angefochtenen Verfügung vom 4. April 2017 Leistungen
bis September 2006 zurück von der Beschwerdeführerin zurückforderte. Die absolute
Verwirkungsfrist ist demnach ebenfalls gewahrt.
3.3.2.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen die Beschwerde abzuweisen.5.1.
Nach Art. 69 Abs. 1 IVG ist das IV-Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um
die Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig. In Streitigkeiten um Rückforderungen werden
dagegen nach kantonaler Praxis keine Gerichtskosten erhoben (vgl. Art. 61 lit. a ATSG).
5.2. bis
Zufolge Unterliegens der Beschwerdeführerin und der Bewilligung der
unentgeltlichen Prozessführung (Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) durch die Gerichtsleitung am 3. Juli 2017 ist der Staat zu
verpflichten, für die Kosten der Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin
aufzukommen. Ihr Rechtsvertreter hat eine Kostennote über einen Betrag von
Fr. 2'100.35 (Honorar bei Fr. 250.-- Ansatz total Fr. 1'870.--, Barauslagen Fr. 74.80 und
MWSt Fr. 155.55) eingereicht. Eine entsprechende Parteientschädigung erscheint der
Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand angemessen. Das Honorar ist indessen
in Anwendung von Art. 31 Abs. 3 des st. gallischen Anwaltsgesetzes (sGS 963.70) um
5.3.
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