Decision ID: b7c1af8a-afca-550d-869b-08114f1985d2
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 30.07.2012 Art. 11 Abs. 1 lit. g ELGAnrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens bei Fahrenden. Rückweisung zur umfassenden Prüfung der Zumutbarkeitsvorgaben bei der Ehefrau des EL-Bezügers.Bei der Prüfung der Zumutbarkeit, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen oder auszudehnen, ist sämtlichen massgebenden subjektiven und objektiven Umständen – hier insbesondere dem Umstand, dass der Beschwerdeführer und seine Familie zur Minderheit der Fahrenden gehören – Rechnung zu tragen, was entsprechende Abklärungen bedingt (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 30. Juli 2012, EL 2012/5).Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterin Monika Gehrer-Hug,a.o. Versicherungsrichter Christian Zingg; Gerichtsschreiber Tobias BoltEntscheid vom 30. Juli 2012in SachenA._, Beschwerdeführer,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErgänzungsleistung zur IVSachverhalt:
A.
A.a A._, geboren 1975, meldete sich 1. September 2006 zum Bezug von
Ergänzungsleistungen (EL) zur mit Verfügung vom 28. Juli 2006 (vgl. act. G 3.1) zuge
sprochenen ganzen Rente der Invalidenversicherung (IV) an (EL-act. 45).
A.b Auf entsprechende Anfrage der EL-Durchführungsstelle vom 8. November 2006
teilte die Ehefrau des Versicherten mit, sie habe keine berufliche Ausbildung absolviert
und sei bislang keiner ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit nachgegangen, sondern sei
als Hausfrau und Mutter zweier Kinder tätig gewesen und habe sich um ihren Mann
gekümmert. Ihrer Antwort legte sie ein ärztliches Zeugnis von Dr. med. B._, Facharzt
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FMH für Allgemeinmedizin, vom 13. November 2006 bei, in welchem ausgeführt wurde,
seit einem am 12. April 2006 erlittenen Unfall könne die Ehefrau des Versicherten
aufgrund starker Schmerzen im Nacken-Schulter- und Arm-Bereich keine Arbeiten zu
Hause und ausser Hause mehr ausführen (EL-act. 40).
A.c Der zuständige Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle vermerkte am
4. Dezember 2006, aufgrund der Betreuungspflichten gegenüber den Kindern sei
einstweilen auf die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau
des Versicherten bei der Berechnung der jährlichen Ergänzungsleistung zu verzichten
(EL-act. 40).
A.d Mit Verfügung vom 18. Januar 2007 sprach die EL-Durchführungsstelle dem
Versicherten eine Ergänzungsleistung von monatlich Fr. 3’875.-- für den Zeitraum vom
1. August bis zum 31. Dezember 2004, Fr. 3’955.-- für das Jahr 2005, Fr. 3’997.-- für
den Zeitraum vom 1. Januar bis zum 30. September 2006, Fr. 4’420.-- für den Zeitraum
vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember 2006 bzw. Fr. 4’140.-- ab dem 1. Januar 2007
zu (EL-act. 34). Dabei wurde der Ehefrau des Versicherten kein hypothetisches
Erwerbseinkommen angerechnet (vgl. EL-act. 36 ff.).
A.e Mit Verfügung vom 21. Dezember 2007 wurde die jährliche Ergänzungsleistung
mit Wirkung ab dem 1. Januar 2008 auf Fr. 4’156.-- pro Monat erhöht (EL-act. 30).
A.f Mit Verfügung vom 23. Dezember 2008 wurde die jährliche Ergänzungsleistung
mit Wirkung ab dem 1. Januar 2009 auf Fr. 4’263.-- pro Monat erhöht (EL-act. 29).
A.g Mit Verfügung vom 28. Dezember 2009 wurde die jährliche Ergänzungsleistung
mit Wirkung ab dem 1. Januar 2010 auf Fr. 4’341.-- pro Monat erhöht (EL-act. 25).
A.h Mit Verfügung vom 8. November 2010 wurde die jährliche Ergänzungsleistung mit
Wirkung ab dem 1. November 2010 zufolge Anpassung der Ausgaben für den allge
meinen Lebensbedarf auf Fr. 5’156.-- pro Monat erhöht (EL-act. 19).
A.i Mit Verfügung vom 29. Dezember 2010 wurde die jährliche Ergänzungsleistung
mit Wirkung ab dem 1. Januar 2011 auf Fr. 5’265.-- pro Monat erhöht (EL-act. 15).
B.
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B.a Am 11. Februar 2011 forderte die EL-Durchführungsstelle die Ehefrau des
Versicherten auf, sich ab sofort unter Mithilfe des Regionalen
Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) für in Frage kommende Voll- und Teilzeitstellen in
ausreichendem Ausmass zu bewerben, da ein Arbeitspensum von über 60 % zumutbar
sei, nachdem die beiden Kinder mittlerweile 12 und 15 Jahre alt und tagsüber
mehrheitlich in der Schule seien (EL-act. 13).
B.b Am 3. Juni 2011 forderte die EL-Durchführungsstelle den Versicherten auf,
sämtliche Nachweise über die getätigten Arbeitsbemühungen seiner Ehefrau seit
Februar 2011, allfällig vorhandene Absagen der angeschriebenen Arbeitgeber und ein
Beispiel eines verwendeten vollständigen Bewerbungsdossiers einzureichen (EL-
act. 9).
B.c Nachdem der Versicherte auf dieses Schreiben nicht reagiert hatte, verfügte die
EL-Durchführungsstelle am 20. Juli 2011 mit Wirkung ab dem 1. August 2011 die
Herabsetzung der jährlichen Ergänzungsleistung auf Fr. 3’527.-- pro Monat zufolge
Anrechnung eines hypothetischen Nettoerwerbseinkommens der Ehefrau im Betrag
von Fr. 32’782.-- pro Jahr (EL-act. 5 ff.).
C.
C.a Am 15. August 2011 erhob der Versicherte Einsprache gegen die Verfügung vom
20. Juli 2011. Seiner Ehefrau sei es nicht möglich, einer Arbeit nachzugehen und
jährlich Fr. 32’782.-- zu verdienen. Er ertrage das Alleinsein aufgrund seiner
psychischen Krankheit nicht, weshalb seine Ehefrau nicht ganztags arbeitsabwesend
sein könne (EL-act. 4).
C.b Am 6. Juli 2011 war der Versicherte zwecks Überprüfung seines
Rentenanspruchs von Dr. med. C._, Facharzt FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) untersucht worden.
Im entsprechenden Bericht vom 8. November 2011 diagnostizierte Dr. C._ eine
Agoraphobie mit weiteren situativen Ängsten und Panikstörung sowie eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung vom ängstlich-vermeidenden und abhängig-psychasthenisch
gehemmten Typ. Der Zustand des Versicherten habe sich seit der letztmaligen
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Begutachtung vor Rentenzusprache insofern verbessert, als sich die Panikattacken in
Intensität und Häufigkeit verringert hätten. Die angestammte Tätigkeit im
Familiengeschäft sei dem Versicherten an fünf Tagen in der Woche in einem Pensum
von vier Stunden pro Tag mit voller Leistung zumutbar. Der Wechsel in eine andere
Tätigkeit sei dem zur Ethnie der Sintis gehörenden Versicherten aus gesundheitlichen
und ethnologischen Gründen dagegen nicht zumutbar. Er würde damit sein Gesicht
verlieren bzw. sich dem Vorwurf des Verrates und der Distanzierung tradierter
Einstellungen aussetzen, was den Ausschluss aus der Sippe zur Folge haben könnte.
Ein solcher selbst bestimmender Schritt sei für den Versicherten antitypisch und somit
nur unter negativen, nicht wünschenswerten Folgen umsetzbar (act. G 3.1).
C.c Mit Entscheid vom 16. Januar 2012 wurde die Einsprache abgewiesen. Gemäss
Bericht des RAD-Arztes Dr. C._ vom 8. November 2011 erhalte der Versicherte
täglich Besuch von seinem Vater und Bruder und könne er an guten Tagen auch
seinem Vater bei der Arbeit helfen und im Übrigen sich im Rahmen des Möglichen um
seine Kinder kümmern. Seine Erkrankung stehe einer Arbeitsaufnahme der Ehefrau
daher nicht entgegen. Die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens sei
daher zu Recht erfolgt (act. G 1.1).
D.
D.a Dagegen richtet sich die am 13. Februar 2012 erhobene Beschwerde, in der
ausgeführt wird, die Ehefrau des Beschwerdeführers habe eine Ausbildung als
Scherenschleiferin. Mit einer 80%igen Beschäftigung könne sie nicht Fr. 32’782.-- pro
Jahr erwirtschaften. Die Stellensuche gestalte sich schwierig. Die Ehefrau sei sich ihren
Verpflichtungen bewusst, sei aber nicht mobil genug, um ihre Tätigkeit zum Hausieren
und Scherenschleifen aufzunehmen. Das frühere gemeinsame Hausieren und
Scherenschleifen sei bis auf Weiteres ebenfalls nicht möglich (act. G 1).
D.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer Be
schwerdeantwort vom 27. Februar 2012 verwies sie zur Begründung auf den
angefochtenen Einspracheentscheid (act. G 3).
D.c Ein zweiter Schriftenwechsel wurde nicht durchgeführt.
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Erwägungen:
1.
Die jährliche Ergänzungsleistung zu einer Rente der ersten Säule ist eine
Bedarfsleistung. Sie soll es den Rentenbezügern ermöglichen, ihren Existenzbedarf zu
decken, wenn die Rente dafür nicht ausreicht. Demgemäss werden für die Berechnung
der Höhe einer allfälligen Ergänzungsleistung dem Grundsatz nach den – mehrheitlich
pauschalierten – anerkannten Ausgaben lediglich die effektiven Einnahmen
gegenübergestellt. Es entspricht allerdings den Grundsätzen der Verhältnismässigkeit
der Leistungsverwaltung und der „Schadenminderungspflicht“ der Versicherten, dass
Einkommen, die an sich erzielt werden könnten, effektiv aber nicht erzielt werden, unter
Umständen ebenfalls anzurechnen sind. Die Allgemeinheit – die Ergänzungsleistungen
werden nicht durch Beiträge, sondern ausschliesslich durch Steuergelder finanziert –
soll nicht für Ausgaben aufkommen müssen, für welche die Betroffenen selbst
aufkommen könnten. Demgemäss bestimmt Art. 11 Abs. 1 lit. g des Bundesgesetzes
über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
(ELG; SR 831.30), dass Einkünfte und Vermögenswerte, auf die verzichtet worden ist,
anzurechnen sind. Könnte eine versicherte Person oder eine Person, die in die
Berechnung der jährlichen Ergänzungsleistung mit eingeschlossen wird und dadurch
ebenfalls in den Genuss derselben gelangt, einer Erwerbstätigkeit nachgehen oder eine
solche ausdehnen, unterlässt sie dies aber, wird ihr ein hypothetisches
(Verzichts-)Einkommen in der Grösse der entsprechenden Differenz angerechnet. Die
Grenze für die Anrechnung eines solchen hypothetischen Einkommens bildet die
Zumutbarkeit. Das heisst, ein hypothetisches Einkommen ist nur insofern bzw. insoweit
anzurechnen, als die betroffene Person dieses zumutbarerweise erzielen könnte, dies
aber unterlässt. Bei der Prüfung der Zumutbarkeit sind sämtliche massgebenden
subjektiven und objektiven Umstände, wie Alter, berufliche Stellung, Verwurzelung am
Wohnort, der tatsächliche Arbeitsmarkt und die noch zu erwartende erwerbliche
Aktivitätsdauer zu würdigen. Auch die Frage, ob ein Fahrender oder eine Fahrende
verpflichtet werden kann, eine unselbständige Erwerbstätigkeit aufzunehmen, ist im
Zusammenhang mit der Zumutbarkeit zu prüfen (Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit 1. Januar 2007 sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] I 750/04 vom 5. April 2006, E. 5.3).
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2.
In Bezug auf den Beschwerdeführer selbst hat der RAD-Arzt Dr. C._ unter
Berücksichtigung der kulturellen und gesundheitlichen Umstände sowie deren
gegenseitigen Wechselwirkungen nachvollziehbar und überzeugend ausgeführt,
weshalb die Aufnahme einer unselbständigen Erwerbstätigkeit nicht zumutbar ist.
Darauf ist abzustellen. In Bezug auf die Ehefrau des Beschwerdeführers fehlt es in den
Akten an einer vergleichbaren Zumutbarkeitsbeurteilung. Ihr wurde von der
Beschwerdegegnerin implizit die Aufnahme einer unselbständigen Erwerbstätigkeit
zugemutet; einlässlich geprüft wurden einzig die Betreuungspflichten gegenüber ihren
Kindern und ihrem invaliden Ehemann. Dies genügt nicht, denn aufgrund der Akten ist
davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer und seine Ehefrau nicht in dem Sinne
sesshaft geworden sind, als sie die für Fahrende typische Lebensweise aufgegeben
hätten. Vielmehr ist es dem Beschwerdeführer selbst aufgrund seiner Invalidität nicht
mehr bzw. nicht mehr in vollem Umfang möglich, der entsprechenden typischen
Erwerbstätigkeit nachzugehen, was offenbar verständlicherweise mit sich bringt, dass
auch seine Ehefrau nicht mehr „mobil“ ist, wie in der Beschwerde ausgeführt wurde.
Der Beschwerdeführer hat selbst angetönt, dass er bei besserer Gesundheit wieder
zusammen mit seiner Frau die Lebensweise von Fahrenden pflegen würde. Vor diesem
Hintergrund durfte die Beschwerdegegnerin nicht ohne Weiteres davon ausgehen, der
Ehefrau des Beschwerdeführers sei es zumutbar, eine unselbständige Erwerbstätigkeit
aufzunehmen. Dies hat sie aber mit der Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens ausgehend von den Ergebnissen der vom Bundesamt für Statistik
(BFS) regelmässig durchgeführten Lohnstrukturerhebung (LSE) gemacht, denn diese
bedingt die Aufgabe der Lebensweise der Fahrenden, wäre es doch ansonsten nicht
möglich, entsprechende Einkommen zu erzielen (Urteil des Bundesgerichts
9C_540/2011 vom 15. März 2012, E. 6.2, mit Hinweisen). Die Beschwerdegegnerin wird
die eingehende Zumutbarkeitsprüfung nachzuholen haben, allenfalls nach
Durchführung weiterer Abklärungen (vgl. auch die Urteile IV 2007/357 und IV 2009/422
des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 8. Juni 2009 bzw. 25. August
2011). Insofern ist der angefochtene Einspracheentscheid aufzuheben.
3.
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Nicht weiter geprüft hat die Beschwerdegegnerin zudem, ob dem Beschwerdeführer
selbst die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit in der angestammten Tätigkeit als Hausierer
und Scherenschleifer zumutbar wäre, obwohl der RAD-Arzt Dr. C._ diesbezüglich
eine Arbeitsfähigkeit von 50 % attestiert hat. Da allerdings davon auszugehen ist, dass
ein entsprechendes Verfahren betreffend Anpassung der Invalidenrente hängig ist,
wäre eine solche Prüfung im jetzigen Zeitpunkt verfrüht. Es wäre aber angezeigt
gewesen, jenes Verfahren rasch voranzutreiben und das Verfahren betreffend
Anpassung der jährlichen Ergänzungsleistung bis zum Abschluss jenes Verfahrens zu
sistieren. Insofern ist der angefochtene Einspracheentscheid bzw. die dadurch
bestätigte Verfügung als zu früh ergangen zu qualifizieren, was die Aufhebung
zusätzlich rechtfertigt.
4.
Zusammenfassend ist der angefochtene Einspracheentscheid in teilweiser Gutheissung
der Beschwerde aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zu weiteren
Abklärungen im Sinne der Erwägungen und anschliessender Neubeurteilung
zurückzuweisen. Gerichtskosten sind keine zu erheben
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP