Decision ID: 897e7ab5-52ed-4ece-8a6a-3c3f0eb692b2
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
mehrfache versuchte vorsätzliche Tötung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster vom 15. Dezember 2011 (DG110018)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 4. Juli 2011
ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 18).
Entscheid der Vorinstanz: (Urk. 55 S. 52 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der mehrfachen versuchten vorsätzlichen Tö-
tung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 13 Jahren Freiheitsstrafe, wovon 388 Tage durch
Untersuchungshaft sowie vorzeitigen Strafantritt erstanden sind.
3. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 1 eine Genugtuung von
Fr. 30'000.– zuzüglich 5 % Zins seit tt. November 2010 zu bezahlen.
4. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 2 eine Genugtuung von
Fr. 20'000.– zuzüglich 5 % Zins seit tt. November 2010 zu bezahlen.
5. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der B._ AG Fr. 10'976.60 zu bezahlen (Versi-
cherungsleistungen zu Gunsten den Privatklägerinnen 1 und 2).
6. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV vom 4. Juli 2011 beschlagnahmte
Schälmesser, Marke ..., gelber Griff (Länge insgesamt 19 cm, Klingenlänge
ca. 8,5 cm), wird eingezogen und der Bezirksgerichtskasse Uster zur Vernichtung
überlassen.
7. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf
Fr. 3'000.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 5'021.35 Untersuchungskosten
Fr. 1'825.20 Kosten der Kantonspolizei
Fr. 8'736.45 Kosten der unentgeltlichen Rechtsvertretung
Fr. .– Kosten der amtlichen Verteidigung (noch ausstehend)
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8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt, aber abgeschrieben.
9. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerinnen 1 und 2 werden auf
die Gerichtskasse genommen.
10. Die Kosten der amtlichen Verteidigung (inklusive Haftbeschwerde) werden auf die
Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135
Abs. 4 StPO.
11. (Mitteilung)
12. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge: (Prot. II S. 2 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(schriftlich und mündlich; Urk. 79 S. 2)
1. Es sei der Beschuldigte des mehrfach versuchten Totschlags im Sinne
von Art. 113 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB schuldig zu
sprechen.
2. Es sei der Beschuldigte mit einer Freiheitsstrafe von maximal vier Jah-
ren zu bestrafen, unter Anrechnung der erstandenen Untersuchungs-
haft (inkl. Polizeiverhaft) sowie der bisherigen Dauer des vorzeitigen
Strafantrittes.
3. Es sei den Privatklägerinnen C._ und D._ je
eine Genugtuung (zuzüglich 5% Zins seit tt. November 2010) zuzu-
sprechen, bei deren Bemessung dem Mitverschulden der Privatkläge-
rinnen angemessen Rechnung zu tragen sei.
4. Es seien die Dispositivziffern 5 bis 10 des erstinstanzlichen Urteils vom
15. Dezember 2011 zu bestätigen.
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5. Es seien die Kosten des Berufungsverfahrens auf die Gerichtskasse zu
nehmen und es sei dem Beschuldigten für das Berufungsverfahren
eine angemessene Entschädigung aus der Gerichtskasse zuzu-
sprechen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(mündlich; Prot. II S. 7 ff.)
Es sei die Berufung abzuweisen und das vorinstanzliche Urteil, mit Aus-
nahme der ausgesprochenen Höhe der Sanktion zu bestätigen. Der
Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren zu bestrafen.
c) Der Privatklägerschaft:
(sinngemäss; Urk. 80)
Bestätigung des vorinstanzlichen Entscheids.

Das Gericht erwägt:
I. Prozessuales
1. Sachverhalt
1.1 Der Beschuldigte A._ (geb. 1957) und die Privatklägerin 1, C._
(geb. 1972) waren vom 4. Juli 2006 bis am 12. Juli 2011 miteinander verheiratet
(Urk. 16/3; Urk. 31 S. 1). Sie wohnten während dieser Zeitspanne durchgehend in
E._ (Urk. 4/2 S. 2; Urk. 5/2 S. 3 f.). Bei der Privatklägerin 2, D._ (geb.
1995) handelt es sich um die jüngere Tochter der Privatklägerin 1 aus ihrer frühe-
ren Ehe.
1.2 Am tt. November 2010 ca. 20.00 Uhr fügte der Beschuldigte seiner damali-
gen Ehefrau, C._ (nachfolgend Privatklägerin 1) in der ehelichen Wohnung
an der ...strasse ... in E._ insgesamt 18 Stichwunden inbesondere im
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Bauch- und Brustbereich mit Verletzung des Dickdarms und seiner ebenfalls im
ehelichen Haushalt lebenden Stieftochter D._ (nachfolgend Privatklägerin 2)
fünf Stichverletzungen im Bereich des Bauches mit Verletzung der Leber zu.
Noch am gleichen Abend um 20.20 Uhr konnte der Beschuldigte in der ehelichen
Wohnung verhaftet werden (Urk. 15/1). Mit Beschluss der III. Strafkammer des
Obergerichts des Kantons Zürich wurde dem Beschuldigten der vorzeitige Straf-
vollzug bewilligt (Urk. 15/13).
2. Prozessgeschichte
2.1 Die erstinstanzliche Prozessgeschichte ergibt sich aus dem angefochtenen
Urteil (Urk. 55 S. 4; Art. 82 Abs. 4 StPO).
2.2 Mit dem eingangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil der Vorinstanz
vom 15. Dezember 2011 wurde der Beschuldigte der mehrfachen versuchten vor-
sätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1
StGB schuldig gesprochen und mit 13 Jahren Freiheitsstrafe, davon 388 Tage
durch Untersuchungshaft sowie vorzeitigen Strafantritt erstanden, bestraft. Weiter
verpflichtete ihn die Vorinstanz, der Privatklägerin 1 eine Genugtuung von
Fr. 30'000.-- zuzüglich 5 % seit tt. November 2010 und der Privatklägerin 2 eine
solche von Fr. 20'000.-- zuzüglich 5 % seit tt. November 2010 zu bezahlen.
Zudem wurde der Beschuldigte zu einer Schadenersatzzahlung von Fr. 10'976.60
an die B._ AG (Versicherungsleistungen zu Gunsten der Privatklägerinnen 1
und 2) verpflichtet. Sodann ordnete die Vorinstanz die Einziehung und Vernich-
tung der beschlagnahmten Tatwaffe - Schälmesser Marke ..., gelber Griff, Länge
insgesamt 19 cm, Klingenlänge ca. 8,5 cm - an. Die Kosten der Untersuchung
und des gerichtlichen Verfahrens wurden dem Beschuldigten auferlegt, aber ab-
geschrieben und die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der beiden Privatklä-
gerinnen auf die Gerichtskasse genommen. Schliesslich entschied die Vorinstanz,
die Kosten der amtlichen Verteidigung ebenfalls auf die Gerichtskasse zu neh-
men, unter Vorbehalt einer Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO (Urk. 55
S. 52 f.).
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3. Umfang der Berufung
3.1 Gegen dieses Urteil liess der Beschuldigte durch seinen amtlichen Vertei-
diger rechtzeitig mit Schreiben vom 20. Dezember 2011 Berufung anmelden
(Urk. 41; Art. 399 Abs. 1 StPO) und nach Zustellung des begründeten Urteils -
ebenfalls fristgerecht - mit Eingabe vom 29. Mai 2012 beim Obergericht die Beru-
fungserklärung einreichen (Urk. 56; Urk. 63 Präzisierung dazu).
3.2 Die Staatsanwaltschaft hat mit Schreiben vom 26. Juni 2012 zunächst mit-
geteilt, dass sie auf Anschlussberufung verzichtet und Bestätigung des
vorinstanzlichen Urteils beantragt (Urk. 66). Mit Schreiben vom 27. Juni 2012 und
damit ebenfalls in der Frist widerrief die Staatsanwalt den Verzicht auf Anschluss-
berufung, der irrtümlich erfolgt sei, und erklärte Anschlussberufung (Urk. 67;
Art. 400 Abs. 3 StPO). Die Vertreterin der Privatklägerinnen teilte mit Brief vom
16. Juli 2012 mit, dass auf Anschlussberufung verzichtet werde (Urk. 68).
Beweisergänzungsanträge wurden im Berufungsverfahren nicht gestellt (Urk. 56
S. 2; Urk. 66 und 67; Art. 399 Abs. 3 lit. c StPO).
3.3 In Präzisierung ihrer Berufungserklärung hat die Verteidigung die Berufung
auf die Dispositiv Ziffern 1 - 4 des vorinstanzlichen Urteils beschränkt und die
Dispositiv Ziffern 5 - 10 nicht angefochten, sondern ausdrücklich deren Bestäti-
gung beantragt (Urk. 63; Prot. II S. 5). Die Anschlussberufung der Staatsanwalt-
schaft bezieht sich ausschliesslich auf das in Dispositiv Ziffer 2 geregelte Straf-
mass (Urk. 65; Prot. II S. 5). Das vorinstanzliche Urteil ist somit bezüglich der
Dispositiv Ziffern 5-10 in Rechtskraft erwachsen und bildet nicht mehr Gegen-
stand des Berufungsverfahrens (Art. 399 Abs. 3 StPO in Verbindung mit Art. 402
und Art. 437 StPO). Das ist vorab mit Beschluss festzustellen.
4. Verwertbarkeit der Aussagen
4.1 Die Verteidigung moniert, die Vorinstanz sei zu Unrecht davon ausgegan-
gen, dass die Aussagen des Beschuldigten anlässlich der Hafteinvernahme vom
25. November 2010 verwertet werden dürfen. Die Einvernahme sei ohne Rechts-
beistand erfolgt, dies obschon offenkundig ein Fall notwendiger Verteidigung im
Sinne von § 11 Abs. 2 StPO/ZH vorgelegen habe (Urk. 56 S. 12 mit Verweis auf
ZR 109/2010 S. 80; Prot. II S. 9).
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4.1.1 Vorab ist festzuhalten, dass gemäss Art. 448 Abs. 2 StPO Verfahrenshand-
lungen, die vor Inkrafttreten dieses Gesetzes angeordnet oder durchgeführt
worden sind, ihre Gültigkeit behalten. Gemäss § 11 Abs. 2 Ziff. 3 StPO/ZH musste
der Beschuldigte notwendig verteidigt werden, wenn gegen ihn eine Freiheits-
strafe von mehr als einem Jahr oder eine freiheitsentziehende Massnahme im
Sinne des Strafgesetzbuches beantragt wurde oder in Aussicht stand.
In dem von der Verteidigung erwähnten Entscheid der II. Strafkammer des Ober-
gerichts des Kantons Zürich vom 30. Oktober 2009 war die Ausgangslage wie
folgt: Die Strafuntersuchung wurde durch eine Strafanzeige ausgelöst. Im Ent-
scheid wird sodann zusammengefasst konstatiert, dass trotz umfangreichen
Ermittlungen während der Untersuchung und der damit einhergehenden Komple-
xität der Sache, was offensichtlich auf einen Fall amtlicher Verteidigung hinge-
wiesen habe, dem Beschuldigten anlässlich der ersten Einvernahme, welche
sechs Monate nach der Strafanzeige erfolgte, kein Verteidiger zur Seite gestellt
wurde. Dies würde gegen den Grundsatz von Treu und Glauben verstossen
(ZR 109/2010 S. 80 f.).
Im vorliegenden Fall präsentiert sich die Ausgangslage anders: Einen Tag nach
dem Vorfall wurde der Beschuldigte erstmals durch die Polizei befragt und auf
seine Rechte hingewiesen, insbesondere dass er das Recht habe, sich jederzeit
einen Verteidiger zu bestellen. Der Beschuldigte erklärte, dass er sich ohne an-
waltliche Vertretung nicht zur Sache äussern wolle (Urk. 4/1 S. 1 f.). Anlässlich
der Hafteinvernahme tags darauf wurde er abermals darauf hingewiesen, dass er
jederzeit einen Verteidiger bestellen und die Aussage verweigern könne. Dieses
Mal entschied sich der Beschuldigte zur Aussage (Urk. 4/2). Am 29. November
2010 wurde dem Beschuldigten eine amtliche Verteidigung bestellt (Urk. 13/2). In
der Folge fanden die Einvernahmen des Beschuldigten jeweils in Anwesenheit
seines Rechtsbeistandes statt (Urk. 4/3-4; Urk. 5/3-4). Da es sich um ein
Tötungsdelikt handelte, war zwar selbstredend von Beginn der Untersuchung an
klar, auch dass es sich um einen Fall amtlicher Verteidigung handelte, doch kam
im vorliegenden Haftfall eine zeitlich dingliche Komponente hinzu, an welcher es
im vorgenannten ZR-Entscheid fehlte.
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Das Verhalten der Untersuchungsbeamten verstiess in casu keinesfalls gegen
den Grundsatz von Treu und Glauben, sondern entsprach den damals geltenden,
gesetzlichen Anforderungen. Nach dem zürcherischen Prozessrecht bestand im
polizeilichen Ermittlungsverfahren kein generelles Teilnahmerecht der Verteidi-
gung. Weder konnte ein solcher Anspruch aus § 17 Abs. 2 StPO/ZH begründet
werden, noch liess sich aus Verfassung oder Konvention ein derartiges Teil-
nahmerecht der Verteidigung herleiten. Voraussetzung hierfür war, dass der
Beschuldigte vorgängig korrekt über sein Aussageverweigerungsrecht unterrichtet
wurde. Gemäss § 17 Abs. 2 StPO/ZH war der Rechtsbeistand sodann stets zuzu-
lassen, sobald der Beschuldigte vor dem Untersuchungsbeamten erstmals ein-
lässlich ausgesagt hatte oder sich seit 14 Tagen in Haft befand (Schmid, Straf-
prozessrecht, 4. Aufl., Zürich 2004, N 494 auf S. 161; sowie Lieber/Donatsch in:
Donatsch/Schmid, Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Zürich,
Zürich 2006, N24 f. zu § 17). Der Beschuldigte war jeweils korrekt auf seine
Rechte hingewiesen worden und nach erster einlässlicher Hafteinvernahme
wurde ihm ein Rechtsbeistand zu Seite gestellt. Die Hafteinvernahme am
25. November 2010 erfolgte somit in Einklang mit den damals geltenden gesetzli-
chen Bestimmungen. Sodann bleibt zu ergänzen, dass der Beschuldigte später in
Anwesenheit seines amtlichen Verteidigers sämtliche früheren Aussagen als
richtig bestätigte, obwohl er ausdrücklich auf die Möglichkeit angesprochen
worden war, diese anzupassen, zu korrigieren oder zu ergänzen (Urk. 4/4 S. 7).
Abgesehen davon wurden die in der Hafteinvernahme deponierten Angaben nie
widerrufen.
4.3 Nicht verwertbar zu Lasten des Beschuldigten ist einzig - wie bereits von
der Vorinstanz richtig erkannt - die lediglich im Rahmen der polizeilichen Ermitt-
lungen gemachte Aussage der älteren Tochter der Privatklägerin 1, F._ (Urk.
5/1; Urk. 55 S. 6 f.).
II. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Der eingeklagte Sachverhalt ergibt sich aus der Anklageschrift (Urk. 18).
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2. Standpunkt des Beschuldigten
2.1 Wie bereits vor Vorinstanz anerkennt der Beschuldigte die äusseren Um-
stände des eingeklagten und dem vorinstanzlichen Urteil zugrunde liegenden
Sachverhalts bezüglich örtlicher und zeitlicher Gegebenheiten sowie insbesonde-
re des Umstandes, dass es zuerst zu einer verbalen Streitigkeit betreffend die
Gestaltung des Ausgangs am Abend des tt. November 2010 mit der Privatklägerin
1 kam sowie dass sich diese Streitigkeit in der Intensität zunehmend gesteigert
hat und dann zu einer teils tätlichen Auseinandersetzung geworden ist. Ausser
Frage steht auch, dass der Beschuldigte den Privatklägerinnen letztlich mit dem
fraglichen ...-Küchenmesser die in der Anklageschrift umschriebenen Ver-
letzungen zufügte und dass er die beiden Privatklägerinnen dadurch in eine
konkrete Lebensgefahr brachte. Darüber hinaus räumt der Beschuldigte ein, bei
seiner Messerattacke eventualvorsätzlich gehandelt zu haben, dass sein Verhal-
ten mithin als mehrfache versuchte eventualvorsätzliche Begehung eines
Tötungsdeliktes zu qualifizieren sei (Urk. 55 S. 5; Urk. 56 S. 3 f., 21, 23 und 26 f.;
Urk. 77 S. 9 ff.).
2.2 Nach wie vor bestreitet der Beschuldigte den Anklagesachverhalt bezüglich
des konkreten Ablaufs der Geschehnisse und der weitgehend passiven Rollen der
Privatklägerinnen im Vorfeld seiner eigentlichen Messerattacke. Er macht weiter-
hin geltend, von der Privatklägerin 1 einseitig Beleidigungen und Demütigungen
erfahren zu haben und dass die Privatklägerinnen ihm gegenüber Gewalt ange-
wendet hätten. Die Privatklägerin 1 habe die Tatwaffe als Erste behändigt. Darauf
hin habe sich die Privatklägerin 2 auf Seiten der Privatklägerin 1 eingemischt und
ihm die Nase verdreht, worauf ihn die Privatklägerin 1 mit dem Messer in den
Oberarm gestochen habe (Urk. 56 S. 4 und 21; Urk. 77 S. 13). Im Sinne einer
eigentlichen "Kurzschlussreaktion" habe er sofort alles daran gesetzt, der Privat-
klägerin 1 das Messer wegzunehmen und sich dabei eine Schnittverletzung am
rechten Zeigefinger zugezogen. Völlig überfordert und überwältigt von der auch
für ihn äusserst beängstigenden und bedrohlichen Situation, dem Schmerz auf-
grund der erlittenen Verletzungen und enthemmt durch den vorgängigen Konsum
einer beachtlichen Menge Alkohol habe er - als dann im Besitz der Tatwaffe - so-
fort begonnen, ohne nachzudenken und unkontrolliert auf die Privatklägerin 1 ein-
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zustechen. Die Privatklägerin 2 als Helferin der Privatklägerin 1 habe sich in
diesem Augenblick wohl erneut gegen den Beschuldigten gewandt und dabei
auch nicht vor weiteren Gewaltanwendungen zurückgeschreckt, was ihn dazu
veranlasst haben müsse, auch die Privatklägerin 2 mit dem Messer zu attackie-
ren. Ganz vehement stellt der Beschuldigte sodann in Abrede, die Absicht gehabt
zu haben, die Privatklägerinnen töten zu wollen und dahingehende Äusserungen
von sich gegeben zu haben. Er sei in seinem (Ausnahme)Zustand weder in der
Lage gewesen, seinen Willen zu kontrollieren noch sein Handeln zu beherrschen
und damit situationsadäquat zu reagieren, was die Vielzahl der den Privatkläge-
rinnen zugefügten Messerstichen selbstverständlich nicht zu entschuldigen
vermöge, aber zu einem gewissen Grad erklärbar erscheinen lasse (Urk. 56 S. 4
und 22).
3. Grundsätze der Beweiswürdigung
3.1 Insoweit der Beschuldigte die Anklagevorwürfe bestreitet, ist zu prüfen, ob
der Sachverhalt rechtsgenügend nachgewiesen werden kann.
Als Beweismittel stehen die Aussagen des Beschuldigten (Urk. 4/1-4; Urk. 30;
Urk. 77) und der beiden Privatklägerinnen (Urk. 5/2-4; Urk. 31 f.) zur Verfügung,
ferner die Rapporte der Kantonspolizei (Urk. 1-3), die Fotodokumentation des
Forensischen Instituts Zürich (FOR, vgl. Urk. 6), der chemisch-toxikologische
Untersuchungsbericht des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich
(IRMZ) vom 30. Dezember 2010 über den Beschuldigten (Urk. 7/3) und das
Gutachten des IRMZ zur körperlichen Untersuchung des Beschuldigten vom
18. April 2011 (Urk. 7/5), der Vorbericht des FOR vom 6. Dezember 2010
(Urk. 8/4) sowie der chemisch-toxikologische Untersuchungsbericht des IRMZ
vom 30. Dezember 2010 betreffend die Privatklägerin 1 (Urk. 8/5) und das
Gutachten des IRMZ zur körperlichen Untersuchung der Privatklägerin 1 vom
18. April 2011 (Urk. 8/6), der chemisch-toxikologische Untersuchungsbericht des
IRMZ vom 30. Dezember 2010 betreffend die Privatklägerin 2 (Urk. 9/5) und
schliesslich das Gutachten des IRMZ betreffend die körperliche Untersuchung der
Privatklägerin 2 vom 18. April 2011 (Urk. 9/6). Anlässlich der Berufungsverhand-
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lung wurde sodann ein weiteres Zeugnis betreffend die Privatklägerin 2 der
G._ AG vom 9. Oktober 2012 eingereicht (Urk. 78).
3.2 Die Vorinstanz hat die massgeblichen Grundsätze der Beweiswürdigung
vollständig dargelegt und sich zur Unterscheidung zwischen der Glaubwürdigkeit
einer Person und der Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen korrekt geäussert. Auf diese
Ausführungen kann vorab verwiesen werden (Urk 55 S. 7-10; Art. 82 Abs. 4
StPO).
3.3 Betreffend die generelle Glaubwürdigkeit des Beschuldigten ist anzufügen,
dass ein Beschuldigter im Strafprozess Objekt und Subjekt zugleich ist (Niklaus
Schmid, Strafprozessrecht, 4. Aufl. Zürich 2004, N 613 u. N 469 ff.). Seine
Doppelstellung bedeutet konkret, dass sich einerseits das Strafverfahren gegen
ihn richtet, andererseits seine Aussagen als Beweismittel für und gegen ihn ver-
wendet werden können. Eine Pflicht, durch aktives Verhalten die Untersuchung zu
fördern und so zu seiner eigenen Überführung beizutragen, trifft den Beschuldig-
ten nicht (Niklaus Schmid, a.a.O., N 472 ff.). So ist ein Beschuldigter im Rahmen
der Selbstbegünstigung grundsätzlich nicht zur wahrheitsgemässen Aussage
verpflichtet. Vielmehr hat er ein durchaus legitimes Interesse daran, die Gescheh-
nisse in einem für ihn günstigen Licht darzustellen. Die Aussagen des Beschuldig-
ten sind daher mit einer gewissen Vorsicht zu würdigen.
Bei den Privatklägerinnen steht aufgrund ihrer Zivilforderungen zwar ein gewisses
finanzielles Interesse am Verfahrensausgang im Raum, doch ist mit der
Vorinstanz relativierend festzuhalten, dass ihre Angaben zum Geschehen un-
mittelbar nach der Tat und ohne Wissen um eine ihnen allenfalls zustehende
Genugtuungsforderung erfolgten (Urk. 55 S. 9 f.). Wenn im Übrigen die Privat-
klägerin 1 - auf ihre Gefühle gegenüber dem Beschuldigten nach der Tat ange-
sprochen - von Hass und grosser Angst sprach (Urk. 5/2 S. 19) - tangiert das
nicht ihre allgemeine Glaubwürdigkeit, sondern ist angesichts des Geschehenen
durchaus nachvollziehbar.
3.4 Der allgemeinen Glaubwürdigkeit eines Beschuldigten, einer Zeugin oder
einer Auskunftsperson im Sinne einer dauerhaften personalen Eigenschaft kommt
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indessen kaum mehr relevante Bedeutung zu. Weitaus bedeutender für die
Wahrheitsfindung als die allgemeine Glaubwürdigkeit ist die Glaubhaftigkeit der
konkreten Aussagen (BGE 6B_692/2011 vom 9. Februar 2012, E. 1.4; BGE 133 I
33 E. 4.3, je mit Hinweisen). Diese sind im folgenden zu beleuchten und gesamt-
haft, auch unter Einbezug der übrigen Beweismittel, zu würdigen.
3.5 Ebenso ist auf die Argumente der Verteidigung im Rahmen der nachste-
henden Erwägungen einzugehen. Dabei muss sich das Gericht nicht ausdrücklich
mit jeder tatsächlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand auseinander-
setzen; vielmehr kann es sich auf die für die Entscheidfindung wesentlichen
Gesichtspunkte beschränken (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.62/2006 E. 4.2.2
vom 14.11.2006 mit Hinweis auf BGE 126 I 97 E. 2b, BGE 125 II 369 E. 2c,
BGE 124 V 180 und BGE 112 Ia 107 E. 2b).
4. Aussagen der Privatklägerin 1
4.1 Die Schilderungen der Privatklägerin in insgesamt drei Befragungen
während der Untersuchung und vor Vorinstanz (Urk. 5/2-3 und Urk. 31) finden
sich umfassend und korrekt dargestellt im angefochtenen Urteil. Darauf ist zur
Vermeidung von Wiederholungen zunächst zu verweisen (Urk. 55 S. 16-23;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
Im Wesentlichen erklärte die Privatklägerin 1, dass sie während der Auseinander-
setzung den Beschuldigten nicht angegriffen und das Messer nie in der Hand
gehabt habe. Der Beschuldigte habe dieses plötzlich geholt und sei damit im
Kinderzimmer erschienen. Sie habe gedacht, er wolle ihr damit wieder drohen,
wie er das mit einem Messer bereits zuvor einmal getan habe. Der Beschuldigte
habe ihr gesagt, er würde sie umbringen, wenn sie sich scheiden lasse; sie habe
sich scheiden lassen wollen. Sie sei - nachdem er sie zuvor geschüttelt bzw.
gestossen, gewürgt und geschlagen habe und die Privatklägerin 2 aus dem
Zimmer gerannt sei - noch immer auf dem Rücken auf dem Boden gelegen, als er
dann voller Wut immer wieder und immer wieder auf sie eingestochen habe. Die
meisten Stiche seien in den Bauch hinein gegangen, auch in die Brust und die
Beine. Nachdem er auf ihr Bitten aufgehört habe, auf sie einzustechen, habe er
das Zimmer verlassen, sei aber nochmals zurückgekommen und habe sie stark
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gewürgt mit den Worten, dass er sie jetzt umbringen würde. Sie habe sich nicht
befreien und auch nicht dagegen wehren können. Sie habe gedacht, dass sie
ersticke und sei bewusstlos geworden. Nach dem Wiederaufwachen habe sie
festgestellt, dass sie überall geblutet habe. Mit einem neben ihr liegenden Handy
habe sie der Polizei telefoniert. Der Beschuldigte sei plötzlich wieder im Kinder-
zimmer gestanden, habe einen Anzug und ein Hemd getragen und sich von ihr
auf ... [Sprache des Staates H._] verabschiedet. Dann sei er gegangen.
4.2 Die Vorinstanz würdigte die Aussagen der Privatklägerin 1 folgender-
massen (Urk. 55 S. 29 f.):
Sie habe in den Befragungen jeweils in sich stimmige Aussagen gemacht und den
Geschehnisablauf konkret und anschaulich dargestellt. Auch vor Gericht habe die
Privatklägerin 1 den Vorfall in so charakteristischer Weise geschildert, wie es nur
von jemandem zu erwarten sei, der den Vorfall selber erlebt habe. Sie habe sich
dabei nie in Widersprüche verwickelt, wobei anzumerken sei, dass kleinere
Details im Ablauf des Geschehens nach einer gewissen Zeit durchaus verwech-
selt oder vergessen werden könnten, ohne dass dies für die Glaubhaftigkeit der
Aussagen abträglich sei (Robert Hauser, Der Zeugenbeweis im Strafprozess mit
Berücksichtigung des Zivilprozesses, Zürich 1974, S. 316). Zu bemerken sei
auch, dass sie den Sachverhalt nicht gänzlich zu ihren Gunsten wiedergegeben
habe. So habe sie in der Untersuchung und an der Hauptverhandlung einge-
räumt, dem Beschuldigten das Weinglas aus der Hand genommen, dieses auf
den Boden geworfen und mit dem Beschuldigten heftig gestritten zu haben. Die
Privatklägerin 1 habe demnach sogar Aussagen gemacht, die sie selber nicht vor-
teilhaft darstellen würden; das lasse auf die Glaubhaftigkeit ihrer Angaben
schliessen. Sodann seien keine Übersteigerungen in den Beschuldigungen im
Verlaufe der mehreren Einvernahmen ersichtlich. Vielmehr bleibe sie in ihren
Aussagen sachlich und erkläre jeweils auch, was sie nicht mitbekommen und was
sie eigens erlebt habe. Beispielsweise habe sie plausibel ausgeführt, dass sie
nicht mitbekommen habe, wie der Beschuldigte die Privatklägerin 2 verletzt habe.
Das zeige, dass sie im Rahmen ihrer Aussagen klar zwischen eigenen Wahr-
nehmungen und lediglich am Rande mitbekommener Ereignisse unterscheide,
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was wiederum für die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen spreche. Weiter seien die
Aussagen nie unklar oder vage ausgefallen, sondern stets nachvollziehbar und
konstant. Ihre Aussagen würden sich darüber hinaus mit dem in den Akten
liegenden Untersuchungsergebnis decken und mit den Aussagen der Privat-
klägerin 2 übereinstimmen. Mangels Lügen- und Fantasiesignalen in den Aus-
sagen der Privatklägerin 1 sowie aufgrund ihrer sehr konstanten und nachvoll-
ziehbaren Aussagen, die im Übrigen auch durch das Untersuchungsergebnis
gestützt seien und mit den Aussagen der Privatklägerin 2 übereinstimmten, seien
die Aussagen der Privatklägerin 1 insgesamt als glaubhaft zu erachten. Auf ihre
Aussagen könne zur Erstellung des rechtlich relevanten Sachverhaltes abgestellt
werden.
4.3 Diese sorgfältige Würdigung entspricht den Erkenntnissen, wie sie sich aus
den Akten ergeben und sie überzeugt auf der ganzen Linie (Art. 82 Abs. 4 StPO).
4.3.1 Mit der Vorinstanz ist zu konstatieren, dass die Privatklägerin 1 sowohl in
der Untersuchung als auch an der Hauptverhandlung weitestgehend beständig,
detailreich, lebendig und bildhaft, zugleich auch sachlich und zurückhaltend aus-
sagte, so dass aufgrund ihrer Darstellung keine Zweifel bleiben, dass sie das
Geschilderte auch so erlebt hatte.
4.3.2 Massgeblich ist vor allem, dass sie das Kerngeschehen in freier Rede sehr
präzis und nahezu kongruent und nachvollziehbar sowie in logischer Reihenfolge
schilderte (Urk. 5/2 S. 11 f.; Urk. 5/3 S. 6 f.; Urk. 5/3 S. 8, auf Ergänzungsfragen
des Beschuldigten und der Verteidigung; Urk. 31 S. 4 ff.): Lebensnah wirken ihre
Schilderungen, wie der wutentbrannte Beschuldigte die Privatklägerin 1, die auf-
grund von Handgreiflichkeiten schon zu Boden gegangenen sei, ein erstes Mal
"nicht so fest" gewürgt, darauf das Messer geholt habe, wie die Tochter D._
aus dem Zimmer gerannt sei, wie der Beschuldigte bei der Privatklägerin 1 dann
unzählige Male zugestochen und darauf das Zimmer verlassen habe, wie
D._ auf die Hilferufe ihrer Mutter zwischenzeitlich zurückgekommen sei, der
Beschuldigte wiederum erschienen sei und nun die Privatklägerin 1 recht stark bis
zu deren Bewusstlosigkeit gewürgt habe und wiederverschwunden sei, wie sie
es geschafft habe, per Handy selber die Polizei zu benachrichtigen und wie
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schliesslich der Beschuldigte erneut in Hemd und Anzug ein letztes Mal erschie-
nen sei. Dabei erwähnte die Privatklägerin 1 zahlreiche Äusserungen der Beteilig-
ten, die mit der jeweiligen Handlung des Beschuldigten oder mit ihrem eigenen
Empfinden und ihrer Situation korrespondieren, so etwa: dass er beim sehr
starken Einstechen auf sie erklärt habe, er bringe sie um, sie würde schon sehen,
was sie davon habe (Urk. 5/2 S. 11 und 15 f.; Urk. 5/3 S. 7; Urk. 31 S. 5); dass sie
geschrien und ihn angefleht habe, aufzuhören, sie werde sowieso sterben bzw.
sei ja schon praktisch tot (Urk. 5/2 S. 11; Urk. 5/3 S. 7); dass die herbeigerufene
Tochter ihr gesagt habe, sie sei auch verletzt und ihr die rechte Flanke gezeigt
habe (Urk. 5/2 S. 11; Urk. 5/3 S. 7); dass der zuletzt frisch und schön gekleidete
Beschuldigte sich auf ... [Sprache des Staates H._] mit den Worten "Ciao,
Gott sei mit dir" d.h. "...", von ihr verabschiedet habe (Urk. 5/2 S. 11; Urk. 5/3 S.
7).
Ob die Privatklägerin 1 das Zufügen der Stichwunde gegenüber der Privatklägerin
2 selbst sah - wie sie noch bei der Polizei zu Protokoll gab (vgl. Urk. 5/2 S. 11) -
oder ob sie erst von der Tochter bei deren kurzfristiger Rückkehr die Verletzung
berichtet und gezeigt bekam (Urk. 5/3 S. 7 f.; Urk. 31 S. 5), ist als untergeordnete
Differenz in ihren Aussagen zu betrachten und wohl mit dem dynamischen Tatge-
schehen zu erklären. Die alles in allem sehr plastische Wiedergabe des ganzen
Tatablaufs wird dadurch nicht tangiert. Abgesehen davon liegt zwischen den
fraglichen Einvernahmen eine grössere Zeitspanne von mehreren Wochen bzw.
Monaten, geprägt von Operationen, Komplikationen, Schmerzen, Ängsten und
wohl auch von Versuchen zu vergessen und Distanz zu gewinnen, weshalb
geringfügige Abweichungen in den Aussagen nach menschlichem Ermessen
geradezu zu erwarten sind. Dennoch erstaunt es, dass die Privatklägerin 1 trotz
ihrer eigenen Verletzungen und der grossen Aufregung sehr vieles wahrnehmen
und memorieren konnte. Sie erläuterte dies - ebenso einleuchtend - damit, dass
sie es selbst erlebt habe und es ihr vorkomme, wie wenn es gestern gewesen wä-
re. Sie werde immer daran erinnert, zum Beispiel durch ihre Angst (Urk. 31 S. 5).
Dieselben Überlegungen gelten bezüglich der Abweichung, ob der Beschuldigte
die Absicht, die Privatklägerin 1 umzubringen, während des mehrfachen Zu-
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stechens oder aber erst beim starken Würgen äusserte (vgl. Urk. 5/2 S. 11 und 16
im Vergleich zu Urk. 5/3 S. 7 und Urk. 31 S. 6). Beide Handlungskomplexe waren
zudem gleichermassen geeignet, zum angekündigten Ziel zu führen. Schliesslich
bestärken solch geringfügige Nuancen sogar die Glaubhaftigkeit von Aussagen
und machen diese umso authentischer, dies erst recht dann, wenn die späteren
Ausführungen eines Opfers, wie hier, weniger belastend ausfallen.
4.3.3 Auffallend und die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen bekräftigend ist ferner die
durchwegs differenzierte und zurückhaltende Aussageweise der Privatklägerin 1.
Hätte sie den Beschuldigten zu Unrecht anschwärzen wollen, hätte sie sein tat-
zeitliches und auch früheres Handeln viel gravierender darstellen können. Auch
räumte sie stets ein, wenn sie etwas nicht mehr (sicher) wusste.
Beispielsweise erwähnte sie zwar Schläge des Beschuldigten beim vorangegan-
genen Streit, aber nicht, dass er sie ins Gesicht geschlagen habe (Urk. 5/3 S. 4).
Vor dem Angriff mit dem Messer habe er sie am Hals festgehalten, aber nicht all-
zu stark. Sie habe ihn wegstossen können (Urk. 5/2 S. 16). Sie glaube nicht, dass
sie an den Haaren gerissen worden sei und der durch die Spurensicherung
sichergestellte Haarbüschel von ihr stamme. Vielleicht habe er das bei D._
getan (Urk. 5/2 S. 17). Sie wisse nicht, ob der Beschuldigte D._ habe um-
bringen wollen und wie die (weiteren) Verletzungen der Tochter entstanden seien
(Urk. 5/2 S. 17). Auch konnte sie nicht sagen, wie oft und wie genau er sie
gewürgt habe, bevor sie bewusstlos geworden sei (Urk 31 S. 5). Die Dauer der
Bewusstlosigkeit war ihr ebenso unklar, Urinabgang während des Vorgangs ver-
neinte sie (Urk. 5/2 S. 16).
Auf frühere Vorkommnisse angesprochen erwähnte sie, insgesamt viermal vom
Beschuldigten geschlagen, d.h. herumgestossen, angepöbelt und festhalten bzw.
gewürgt worden zu sein. Durch das Würgen seien blaue Flecken am Hals ent-
standen und sie habe fast keine Luft mehr bekommen, doch habe der Beschuldig-
te nicht so lange gewürgt, sie sei weder bewusstlos geworden noch habe sie
Urinabgang gehabt, sondern habe ihn wegstossen (Urk. 5/2 S. 6 -8; Urk. 5/3
S. 4). Zwei Arbeitskollegen aus dem "...-Projekt" hätten dies allerdings bemerkt
und sie darauf angesprochen, ob es von ihrem Mann sei, was sie bejaht habe
- 17 -
(Urk. 5/2 S. 7 und 19). Auch berichtete sie, dass der Beschuldigte ihr ein paar
Monate zuvor im Zusammenhang mit einer ersten Messerbedrohung den Finger
gebrochen habe (Urk. 5/2 S. 6 f. und S. 14). Hinsichtlich ihrer Töchter sprach sie
von einer guten Beziehung zum Beschuldigten bis zu dessen tätlichem Angriff auf
die ältere Tochter F._ (siehe die nachstehende Erwägung 5.3.4), dies im
Gegensatz zur Privatklägerin 2, die das Verhältnis zum Beschuldigten als schon
von Anfang an nicht so gut bezeichnete (Urk. 5/4 S. 3). Die Privatklägerin 1 erhob
sodann keinen Alkoholvorwurf gegenüber dem Beschuldigten, weder allgemein
noch bezüglich des Tatgeschehens. Alkohol sei in ihrer Beziehung kein Problem
gewesen (Urk. 5/3 S. 5). Diese Aussagen erweisen sich als rücksichtsvoll. Die
Privatklägerin 1 wusste somit auch bei der Beschreibung der Tatvorgeschichte
und von früheren Vorkommnissen zu differenzieren und liess sich trotz der ge-
nannten Ereignisse, der wachsenden Spannungen zwischen ihren Töchtern und
dem Beschuldigten sowie aufkommenden Scheidungsgedanken nicht dazu hin-
reissen, ein einseitig schwarzes Bild vom Beschuldigten zu malen (Urk. 5/2
S. 19 sowie die nachfolgende Erwägung 4.3.4).
4.3.4 In vielen Einzelheiten, sehr anschaulich, gleichbleibend und ebenso glaub-
haft schilderte die Privatklägerin 1 im Übrigen auch die Vorgeschichte am Tattag
und weshalb sich ihr lange Zeit gutes Verhältnis zum Beschuldigten in den
Wochen und Monaten vor der Tat verdüstert habe. Auch diese Schilderungen
sind authentisch und stützen die Sachdarstellung der Privatklägerin 1.
Zwei Aspekte trübten die Beziehung aus Sicht der Privatklägerin 1 ab 2009. Zum
einen habe sich der Beschuldigte in Dinge einzumischen begonnen, die ihn nichts
angegangen seien. So habe er ihre Töchter [geb. 1993 und 1995] beschimpft und
die grosse Tochter, F._, einmal tätlich angegriffen, d.h. sie gepackt und ge-
schüttelt, so dass sie rücklings gegen den Salonglastisch gefallen und dieser in
1000 Scherben geborsten sei. Bei den Töchtern sei in der Folge der Wunsch ent-
standen, dass ihr Stiefvater weggehen solle (Urk. 5/2 S. 8), und auch die Privat-
klägerin 1 habe gewollt, dass der Beschuldigte zu einem Kollegen ziehe oder sich
eine eigene Wohnung suche. Der Beschuldigte habe aber nicht in eine Scheidung
eingewilligt, sondern das Formular zerrissen und sie anschliessend mit den
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Worten bedroht, wenn sie sich scheiden lasse, würde er sie umbringen (Urk. 5/2
S. 9 und 19). Die gleiche Drohung habe er ausgesprochen, falls sie - betreffend
die genannten früheren Tätlichkeiten - zur Polizei gehe (Urk. 5/3 S. 4). Zudem
habe der Beschuldigte offensichtlich Eifersucht entwickelt, als die Privatklägerin 1
ihren Bewegungsradius erweitert und Kolleginnen zu treffen begonnen habe, was
der Beschuldigte ihr verboten habe (Urk. 5/2 S. 5) und im Rahmen eines
Programms des Sozialamtes zu arbeiten begonnen bzw. dies habe tun müssen
und bei dieser Tätigkeit auch auf männliche Kollegen getroffen sei. Vorher habe
die Privatklägerin 1 keine Kollegen gehabt. Der Beschuldigte sei mit dem Projekt
des Sozialamtes nicht einverstanden gewesen und das eheliche Verhältnis sei
angespannt geworden (Urk. 5/2 S. 5; Urk. 5/3 S. 5; Urk. 31 S. 3). Die Eifersucht
des Beschuldigten habe sich am Tattag bei einem durch das Sozialamt vorgege-
benen Einsatz beider Beteiligter in einem Restaurant, nachdem die Privatklägerin
1 einerseits Kuchen mitgebracht und anderseits von Kollegen Blumen zum
Geburtstag erhalten habe, akzentuiert (Urk. 5/2 S. 10; Urk. 5/3 S. 5; Urk. 31 S. 3).
Unmittelbarer Auslöser der in die Tat mündenden Streitigkeit an ihrem Geburts-
tagsabend habe wohl der Umstand gebildet, dass der Beschuldigte der Privat-
klägerin 1 vorgeworfen habe, sie habe sich nicht für die von ihm gekauften
Blumen und zwei T-Shirts bedankt und worauf er die der Privatklägerin von
Dritten geschenkten Blumen abgerissen habe (Urk. 5/2 S. 10 und 13; Urk. 5/3
S. 6). Darauf habe ihm die Privatklägerin 1 das Weinglas aus der Hand genom-
men und es zu Boden geworfen (Urk. 5/2 S.12; Urk. 31 S. 7). Damit beschrieb sie
ein eigenes unvorteilhaftes Verhalten, was den Wahrheitsgehalt ihrer Darstellung
zusätzlich stützt. Den lautstark in der Küche ausgetragenen Streit habe auch die
Privatklägerin 2 mitbekommen und der Privatklägerin 1 vorgeschlagen, mit ihr, der
Tochter, in den Ausgang zu kommen, was den Beschuldigten dann vollends in
Rage gebracht habe, nachdem er - unbestritten - schon seit einigen Tagen ange-
kündigt habe, mit der Privatklägerin 1 auswärts essen gehen zu wollen (Urk. 5/2
S. 11; Urk. 5/4 S. 4; Urk. 31 S. 4). So sei es dazu gekommen, dass der Beschul-
digte das T-Shirt der Privatklägerin 1 zerrissen und ihr im Zuge der eskalierenden
Auseinandersetzung ins Kinderzimmer zur Privatklägerin 2 nachgefolgt sei, wo
das Kerngeschehen einsetzt habe.
- 19 -
4.3.5 All diese realitätsnahen und unverfälschten Darlegungen der Privatklägerin
1 zeugen zugleich von einem gewissen Droh- und Gewaltpotential des Beschul-
digten im Vorfeld der Tat, weshalb seine Tathandlungen nicht ganz persönlich-
keitsfremd erscheinen.
4.4 Auf die Schilderungen der Privatklägerin 1 kann aus all diesen Gründen
uneingeschränkt abgestellt werden, zumal sie auch mit dem Untersuchungs-
ergebnis, namentlich ihrem Verletzungsbild und dem Verletzungsbild der Privat-
klägerin 2 sowie deren Aussagen (vgl. nachfolgende Erwägung 5), überein-
stimmen.
5. Aussagen der Privatklägerin 2
5.1 Die Aussagen der Privatklägerin 2, D._ (vgl. Urk. 5/4 und Urk. 32), un-
termauern die Darstellung der Privatklägerin 1 in allen zentralen Punkten, insbe-
sondere darin, dass der Beschuldigte als erster das Messer in der Hand hatte und
nicht etwa wie von diesem geltend gemacht die Privatklägerin 1. Zunächst ist zur
Vermeidung unnötiger Wiederholungen auf den die Aussagen wiedergebenden
Überblick und die zughörige Würdigung im angefochtenen Urteil zu verweisen
(Urk. 55 S. 23-25 sowie S. 30 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
5.2 Auch die Schilderungen der Privatklägerin 2 sind detailliert, in sich stimmig,
widerspruchsfrei und spiegeln anschaulich das Geschehen am Tatabend. So
erzählte auch sie vom angeblich fehlenden Dank der Mutter für die Blumen des
Beschuldigten, vom Zwist um den Ausgang, vom zerrissenen T-Shirt der Privat-
klägerin 1, vom Zirkulieren der Beteiligten in der Wohnung, dem Hilferuf der
Privatklägerin 1, dem Messereinsatz des Beschuldigten, den eigenen erlittenen
Verletzungen, ihrer Flucht ins Treppenhaus, von ihrer Rückkehr in die Wohnung,
dem in der "Stube" rauchenden und einen Anzug tragenden Beschuldigten und
schliesslich ihrem Warten im Treppenhaus bis zum Eintreffen der Polizei.
Besonders bildhaft und authentisch wirkt ihre Darstellung zum Kerngeschehen:
wie der Beschuldigte sofort mit einem Messer in der Hand auf sie zugekommen
sei, als sie - dem Hilferuf der auf dem Rücken auf dem Bett liegenden Mutter
folgend - die Tür zum Elternschlafzimmer geöffnet habe, wie sie anfangs über-
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haupt nichts gespürt sondern gedacht habe, der Beschuldigte habe sie geboxt,
wie der Beschuldigte noch zwei bis drei Mal auf sie eingestochen habe, wie sie
ins Kinderzimmer gerannt sei und der Beschuldigte sowie die Privatklägerin 1 ihr
gefolgt seien, wobei die Privatklägerin 1 den Beschuldigten von hinten gehalten
habe und beide bei ihr dann aufs Bett gefallen seien, wie der Beschuldigte wieder
aufgestanden sei und begonnen habe, von oben auf die Privatklägerin 1 einzu-
stechen. Weiter erklärte sie dezidiert, nie das Messer in der Hand der Privatkläge-
rin 1 gesehen und den Beschuldigten nicht an der Nase gepackt zu haben, was
ihr ohne Bedenken zu glauben ist. Ein Angriff von ihrer Seite mit blossen Händen
auf das Gesicht des Beschuldigten entbehrt auch jeder Logik, nachdem der
Beschuldigte die Privatklägerin 2 schon direkt beim Öffnen der Türe mit einem
Messerstich empfangen haben soll. Der Überraschungseffekt lag klar auf ihrer
Seite und es war dem Beschuldigten denn auch gelungen, die zur Hilfe der Mutter
herbeigeeilte Tochter sogleich wieder in die Flucht zu schlagen.
Zurückhaltung zeichnet auch ihre Angaben aus und macht diese umso glaubhaf-
ter: Statt mit Nichtwissen etwas zu behaupten sprach sie nur von "vielleicht" und
verneinte zum Beispiel ausdrücklich, gesehen und gehört zu haben, wie der
Beschuldigte die Privatklägerin 1 gewürgt und sie mit dem Tod bedroht habe
(Urk. 32 S. 5 f.), ob die Privatklägerin 1 im Schlafzimmer bereits verletzt gewesen
sei und wie der Beschuldigte dieser dann die einzelnen Messerstiche zugefügt
habe. Nicht zum eigenen Vorteil räumte die Privatklägerin 2 im Übrigen ein, be-
treffend Ausgang an jenem Abend selber etwas Streit mit der Mutter gehabt zu
haben.
Verwechslungen oder verblasste Erinnerung zu Details beeinflussen die Glaub-
haftigkeit ihrer Aussagen nicht, und geringfügige Abweichungen in den Berichten
der beiden Privatklägerinnen sind ohne weiteres damit erklärbar, dass sie sich nur
teilweise im selben Raum befanden, erst noch unterschiedliche Blickwinkel hat-
ten, das Tatgeschehen äusserst dynamisch war und im Übrigen beide verletzt
und von Schrecken umhüllt waren.
5.3 So wenig wie bei der Privatklägerin 1 sind Lügen- oder Fantasiesignale bei
der Privatklägerin 2 auszumachen. Ihre Aussagen sind vielmehr wirklichkeitsge-
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treu und einleuchtend und lassen das Berichtete zusammen mit dem bisherigen
Beweisergebnis zu einem originären Ganzen verschmelzen. Mit Recht hat schon
die Vorinstanz den Schluss gezogen, dass die Ausführungen der Privatklägerin 2
zur Erstellung des rechtlich relevanten Sachverhalts herangezogen werden
können (Urk. 55 S. 31).
6. Aussagen des Beschuldigten
6.1 Der Beschuldigte wurde in der Untersuchung und im erstinstanzlichen Ver-
fahren fünfmal zur Sache befragt, einmal durch die Kantonspolizei Zürich anläss-
lich einer delegierten Einvernahme (wobei er die Aussage verweigerte), dreimal
durch den Staatsanwalt und sodann vor Vorinstanz. Die Vorinstanz hat seine
Schilderungen im angefochtenen Urteil sehr detailliert und korrekt dargestellt.
Zwecks Vermeidung von Wiederholungen ist darauf zu verweisen (Urk. 55 S. 11-
16; Art. 82 Abs. 4 StPO). Anlässlich der Berufungsverhandlung wurde der
Beschuldigte erneut einlässlich befragt (Urk. 77).
6.2 Die Vorinstanz hat die Aussagen des Beschuldigten einlässlich gewürdigt,
auf welche Erwägungen ebenfalls vorab verwiesen werden kann (Urk. 55
S. 25-29; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nachfolgenden Erwägungen verstehen sich
als Zusammenfassung und teilweise Ergänzung dazu.
6.2.1 Mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass sich der Beschuldigte zum Motiv seines Handelns uneinheitlich äusserte und sich in Widersprüche verstrickte (Urk. 55 S. 25 ff.).
Anlässlich der ersten staatsanwaltschaftlichen Einvernahme - zwei Tage nach der
Tat - hat der Beschuldigte die Messerattacke auf die Privatklägerin 1 damit
begründet, dass er angetrunken und sehr wütend gewesen sei, nachdem die
Privatklägerin 1 ihn mit dem Messer und die Privatklägerin 2 ihn an der Nase ver-
letzt und die Privatklägerin 1 ihn zudem als Hund beschimpft habe. Er habe mit
dem Messer in den Bauch seiner Frau gestochen, er sei so wütend gewesen. Er
habe das Blut an ihrem Bauch gesehen und auch das Blut an seinem Arm
(Urk. 4/2 S. 5 f.). In der folgenden Einvernahme führte er im Gegensatz dazu aus,
dass das Messer da gewesen sei und er Angst bekommen habe, dass gegen ihn
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etwas geplant sei und dass die beiden Privatklägerinnen auf ihn los gehen
würden (Urk. 4/3 S. 2). Auf den Widerspruch angesprochen erklärte er, die Privat-
klägerin 1 sei im Kinderzimmer auf dem Bett gelegen und habe das Messer bei
sich gehabt. Dann sei die Privatklägerin 2 gekommen und habe gemeint, was er
von ihrer Mutter wolle und ihn an der Nase festgehalten. Was danach genau
geschehen sei, wisse er nicht, weil er unter Alkoholeinfluss gestanden habe
(Urk. 4/3 S. 2 f.).
Diese zwei Aussagen enthalten gleich mehrere Differenzen: Zum einen bezüglich
Beweggrund seiner Tat; weiter soll der Beschuldigte gemäss erster Aussage
bereits von der Privatklägerin 1 mit dem Messer attackiert und verletzt worden
sein und als Reaktion selber zugestochen haben, während er laut späterer Aus-
sage einen solchen Angriff erst befürchtet habe, und schliesslich kann der
Beschuldigte sein Tun (in den Bauch gestochen) und seine Feststellungen (bei
beiden Blut gesehen) zunächst noch anschaulich beschreiben, während er in der
folgenden Befragung erklärte: "Was danach genau geschah, weiss ich nicht, weil
ich unter Alkoholeinfluss stand." (Urk. 4/3 S. 3).
An der Schlusseinvernahme bestätigte der Beschuldigte einerseits seine bisheri-
gen Aussagen in der Untersuchung und sah keinen Anlass, etwas anzupassen,
zu korrigieren oder zu ergänzen (Urk. 4/4 S. 7). Auf Ergänzungsfragen seines
Verteidigers, wie er sich seine damalige Verletzung an der Ellenbeuge rechts
(Urk. 6 S. 120 und 121) erkläre, verwies er auf eine Messerattacke durch die
Privatklägerin 1. Auf seine Reaktion angesprochen meinte er, sich ungefähr zu
erinnern, dass er ihr das Messer weggenommen habe, aber über den Rest habe
er keine Erinnerung. Und nach einer Erklärung gefragt, weshalb er dermassen oft
auf seine Frau eingestochen habe, führte der Beschuldigte schlicht aus: "Ich kann
mich an nichts erinnern." (Urk. 4/4 S. 10). Mit dieser Berufung auf eine gänzliche
Gedächtnislücke blieb gleichzeitig die Frage nach seinem Motiv unbeantwortet.
Anlässlich der Hauptverhandlung vor Vorinstanz erklärte der Beschuldigte
schliesslich, dass er sich verloren habe, nachdem er verletzt worden und während
seiner Messerattacke nicht bei Bewusstsein gewesen sei (Urk. 30 S. 7). Die vor
Vorinstanz an ihn gerichtete Frage, ob er heute dem Gericht eine Erklärung
- 23 -
geben könne, wie es zu diesen Handlungen gekommen sei, verneinte der
Beschuldigte. Bis zu diesem Vorfall habe es zwischen ihnen nichts Spezielles
gegeben (Urk. 30 S. 8). Damit hielt der Beschuldigte erneut die Antwort zu seinem
Beweggrund zurück. Heute gab er sodann zu Protokoll, gar nicht wütend
gewesen zu sein, er habe einfach wissen wollen, weshalb seine Frau ihm gesagt
habe, er solle ihnen nicht wie ein Hund nachschleichen (Urk. 77 S. 11).
Die inkonsistenten Darlegungen des Beschuldigten zum Beweggrund seines
Handelns sowie die augenfällig zunehmende Flucht in fehlende Erinnerung trüben
die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen ganz erheblich.
6.2.2 Die Darstellung des Beschuldigten zeichnet sich weiter durch eine voll-
ständige Erinnerungslücke aus. Bezeichnend hierfür sind seine heutigen : Während er anlässlich der ersten staatsanwaltschaftlichen Einvernahme
zu Protokoll gab, mit dem Messer in den Bauch seiner Frau gestochen zu haben
(Urk. 4/2 S. 6), anerkannte er zwar heute, der Privatklägerin 1 18 Stiche versetzt
und diese gewürgt zu haben. Allerdings habe er letzteres erstmals vom Staats-
anwalt gehört, er habe dies nicht gewusst. Er könne es aber nicht abstreiten
wegen der Finderabdrücke. Auch dass er der Stieftochter Stiche zugefügt habe,
anerkenne er, aber er sei sich auch dessen nicht bewusst gewesen (Urk. 77
S. 15).
Allgemein fällt zu seinem Erinnerungsvermögen auf, dass dieses just da ziemlich
abrupt schwindet und sich im Nichts auflöst, wo das Kerngeschehen beginnt und
das ihm vorgeworfene Tathandeln einsetzt. An unzählige Einzelheiten zu den
Abläufen am fraglichen Tag, dem 38. Geburtstag der Privatklägerin 1, den genau-
en Örtlichkeiten in der Wohnung sowie Handlungen und konkreten Äusserungen
der Beteiligten bis unmittelbar vor das Kerngeschehen und auch nach dem Kern-
geschehen bis zum Eintreffen der Polizei kann sich der Beschuldigte nämlich sehr
wohl erinnern. Dieses sehr selektive Gedächtnis mit der behaupteten Erinne-
rungslücke zum Kerngeschehen spricht für gezieltes Ausblenden seiner Verant-
wortung und stellt offensichtlich ein Lügensignal dar. Nachstehend einige Bei-
spiele für im Übrigen sehr präzise Erinnerungen:
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6.2.2.1 Der Beschuldigte schilderte zum Tatabend unter anderem detailliert, wer
in welchem Zimmer um welche Zeit welches Programm im Fernsehen geschaut
und welches Getränk (eine 0.5 Literdose Bier von Feldschlösschen) er dazu
konsumiert habe, wie er zweimal auf dem Balkon eine Zigarette geraucht und ein
Glas Wein getrunken habe und wo überall in der Zwischenzeit er und die Privat-
klägerin 1 sich in der Wohnung aufgehalten hätten sowie wer wem in welchen
Raum gefolgt sei und was gesagt habe (Küche, Elternschlafzimmer, Kinder-
zimmer). Auch wusste er die Positionen der Privatklägerinnen im Kinderzimmer
genau zu beschreiben, als er dort erschienen sei, nämlich die Privatklägerin 2 am
Computer sitzend und die Privatklägerin 1 auf dem Bett liegend (vgl. Urk. 4/2 S. 4
f.; Urk. 4/3 S. 2 f., Urk. 4/4 S. 7; Urk. 77 S. 10). Daran schliessen sich die ihm
angeblich zugefügten Übel an, das An-der-Nase-Packen durch die Privatklägerin
2 und die geltend gemachte Messerattacke seitens der Privatklägerin 1. Zudem
war sich der Beschuldigte nach vollbrachter Tat - und hier setzt die Erinnerung jäh
wieder ein (siehe auch die nachfolgende Erwägung 6.2.2.2) - absolut bewusst,
dass die Polizei kommen würde. Weil sein Trainer Blutflecken gehabt habe, habe
er diesen abgelegt und Hemd, Anzug und Schuhe angezogen (Urk. 4/3 S. 3;
Urk. 4/4 S. 7; Urk. 77 S. 19). Er machte sich somit gezielt bereit im Hinblick auf
das erwartete Eintreffen der Polizei. Dieses Vorgehen deutet auch darauf hin,
dass er mitbekommen haben musste, wie die Privatklägerin 1 die Privatklägerin 2
im Rahmen des Kerngeschehens gerufen und gebeten hatte, Hilfe zu holen und
die Polizei zu benachrichtigen, was die Privatklägerinnen übereinstimmend zu
Protokoll gaben (Urk. 5/2 S. 11; Urk. 5/3 S. 7; Urk. 5/4 S. 5; Urk. 31 S. 5; Urk. 32
S. 5).
6.2.2.2 Als vom Beschuldigten wiedergegebene Gespräche, an welche er sich
detailliert zu erinnern vermag, zu nennen sind etwa:
- dass die Privatklägerin 1 vorgeschlagen habe, der Privatklägerin 2 etwas Geld
zu geben, damit sich diese auswärts verpflegen könne und er und die Privat-
klägerin 1 gemeinsam auswärts deren Geburtstag feiern könnten (Urk. 4/2 S. 4;
Urk. 4/4 S. 7),
- 25 -
- dass die Privatklägerin 1 bei einer Werbeunterbrechung in ihrem TV-Programm
in der Küche erschienen sei und er sie gefragt habe, ob es in diesem Haus nicht
etwas anderes zu trinken gäbe (als das von ihm eben getrunkene Bier) und sie
geantwortet habe, er solle doch Wein trinken und ihm eine Flasche Rotwein
geöffnet habe (Urk. 4/2 S. 4; Urk. 4/4 S. 7; wobei er heute hiervon abweichend
geltend machte, sie hätte ihm gesagt, weshalb er noch mehr Wein trinken wolle,
ob er Alkoholiker sei; Urk. 77 S. 10),
- dass die Privatklägerin 1 plötzlich ihre Meinung dahin geändert habe, er könne
machen was er wolle, sie würde nicht mit ihm, sondern mit der Privatklägerin 2
ausgehen, dann alleine weiterziehen und irgendwann nach Hause kommen
(Urk. 4/2 S. 4; Urk. 4/4 S. 7),
- dass die Privatklägerin 1 erwähnt habe, was sie denn mit ihm als einem so alten
Mann tun solle, worauf es Streit gegeben und er darauf bestanden habe, wie
abgemacht gemeinsam essen zu gehen (Urk. 4/2 S. 4; Urk. 4/4 S. 7),
- dass er die inzwischen ins Kinderzimmer zur Privatklägerin 2 gegangene Privat-
klägerin 1 aufgefordert habe, ins Schlafzimmer zu kommen, da er nochmals mit
ihr reden wolle, die Privatklägerin 1 im Schlafzimmer während des Umziehens
für den Ausgang gesagt habe, sie würde ohne ihn weggehen (Urk. 4/2 S. 4;
Urk. 4/4 S. 7),
- dass die Privatklägerin 1 auf dem Weg ins Kinderzimmer zu ihm gesagt habe, er
solle ihr nicht folgen wie ein Hund und er ihr ins Kinderzimmer nachgegangen
sei und sie gefragt habe, warum sie ihn als Hund betitelt habe (Urk. 4/2 S. 5;
Urk. 4/4 S. 7),
- dass er erst (mit Zustechen bzw. mit Würgen) aufgehört habe, als die Privatklä-
gerin 1 zu ihm gesagt habe "Mein Lieber was machst du, möchtest du mich
töten." (Urk. 30 S. 7; was zugleich zeigt, dass er durchaus wahrnahm, was er
tat, indem er die Bitte resp. das Flehen der Privatklägerin 1 umsetzte und von
ihr abliess),
- 26 -
- dass die Privatklägerin zum Schluss, beim Abschied (durch den Beschuldigten
nach der Tat) noch zu ihm gesagt habe: "Schatz, warum hast du das getan?"
(Urk. 4/3 S. 2; Urk. 4/4 S. 7).
6.2.2.3 Wenn der Beschuldigte bei dieser Fülle von Angaben rund um die Tat
geltend macht, zum Kerngeschehen - welches ihn allein massiv belastet - rein gar
nichts mehr zu wissen (vgl. vorstehend Ziff. 6.2.2), so ist dies reichlich unglaub-
haft und als reine Schutzbehauptung zu taxieren. Die Diskrepanz ist umso auffäl-
liger, als seine kundgegebenen Erinnerungen manche Aspekte enthalten, die kein
vorteilhaftes Licht auf die Privatklägerinnen werfen, wie seine Darstellung zum
Nasenpacken oder zum Messerangriff sowie zu Beschimpfungen seitens der
Privatklägerin 1 oder deren absichtliches Zerbrechen eines Trinkglases in der
Küche im Verlaufe des damaligen Streites (ein Ereignis, das sowohl der Beschul-
digte als auch die Privatklägerin 1 durchgehend und im Wesentlichen überein-
stimmend berichteten und das überdies fotografisch festgehalten ist; vgl. Urk. 6
S. 45 und 46, zusammengekehrte Glasbruchstücke eines Weinglases in der
linken Bodenecke der Küche). Demgegenüber stellte sich der Beschuldigte in der
von ihm ausgebreiteten Vorgeschichte als geprellten Ehegatten dar.
6.2.2.4 All diese Reflexionen zur behaupteten Erinnerungslücke gelten gleicher-
massen hinsichtlich der beiden Privatklägerinnen verabreichten Messerstiche als
auch bezüglich des noch nachträglich erfolgten, starken Würgens bis zur
Bewusstlosigkeit der schwer verletzt am Boden liegenden Privatklägerin 1. Als
Erklärung für seine Gedächtnislücke gab er heute zu Protokoll, dass er, als er
verhaftet worden sei, zunächst nicht gewusst habe, wie er sich verhalten solle.
Aber mit der Zeit werde man sich bewusst, wie sich ein Vorfall ereignet habe, es
sei wie ein Film und dann erinnere man sich eben. Mit der Zeit könne man sich
besser erinnern (Urk. 77 S. 20 f.). Diese Erklärung ist nicht plausibel, verhielt es
sich beim Beschuldigten doch genau umgekehrt: zu Beginn wusste der Beschul-
digte noch, dass er mit dem Messer auf die Privatklägerin 1 eingestochen habe,
heute konnte er sich daran nicht mehr erinnern (Urk. 77 S. 20 f.). Aufhorchen lässt
weiter, dass er heute die Reihenfolge der Attacken (Messerstiche gegen Privat-
klägerinnen und Würgen) nicht mehr wusste, indes klar darüber Bescheid wusste,
- 27 -
dass es sich nicht so wie in der Anklagschrift vorgehalten abgespielt habe
(Urk. 77 S. 17 ff.). Ein solches Aussageverhalten überzeugt keineswegs.
4.2.3 Weitere Widersprüche zeigen sich bei den Ausführungen des  zum behaupteten Messereinsatz durch die Privatklägerin 1. Die präsentierten
Versionen sind gleichermassen verschwommen wie unterschiedlich.
4.2.3.1 Zwei Tage nach der Tat mutmasste der Beschuldigte, als die Privatkläge-
rin 1 zurück ins Kinderzimmer gegangen sei, müsse sie wohl ein Küchenmesser
mitgenommen haben (Urk. 4/2 S. 4). Nach Darstellung des Beschuldigten be-
fanden er und die Privatklägerin 1 sich anschliessend im Elternschlafzimmer und
danach in der Küche, bevor die Privatklägerin 1 sich wieder ins Kinderzimmer
begab. Als er dann ins Kinderzimmer gekommen sei, sei die Privatklägerin 2 vom
PC aufgestanden und habe ihn an der Nase gepackt. Die Privatklägerin 1 sei auf
ihn zugekommen mit dem kleinen Küchenmesser mit gelbem Griff in der rechten
Hand und habe ihn am rechten Oberarm mit dem Messer verletzt. Er habe ihr das
Messer wegnehmen können (Urk. 4/2 S. 5).
In der folgenden Einvernahme führte er aus, die Privatklägerin 1 sei im Kinder-
zimmer auf dem Bett gelegen und habe das Messer bei sich gehabt. Dann habe
ihn die Privatklägerin 2 an der Nase festgehalten und gemeint, was er von ihrer
Mutter wolle. Was dann genau geschehen sei, wisse er nicht mehr, da er unter
Alkoholeinfluss gestanden habe (Urk. 4/3 S. 3 f.).
Anlässlich der Schlusseinvernahme vermochte sich der Beschuldigte wieder
daran zu erinnern, von der Privatklägerin 1 mit dem Messer attackiert worden zu
sein. Als er im Kinderzimmer zu ihr gegangen sei, habe sie dieses Messer in der
Hand gehabt und so sei es dazu gekommen. Er könne sich ungefähr erinnern,
dass er ihr das Messer weggenommen habe, aber über den Rest habe er keine
Ahnung (Urk. 4/4 S. 10).
In der Befragung vor Bezirksgericht gab der Beschuldigte zu Protokoll (Urk. 30
S. 5): "Wir, meine Exfrau und ich haben in der Küche gestritten und ich verlangte von ihr noch mehr Alkohol und sie sagte mir nein genug. Danach schlug sie ein Glas auf den
Boden. Ich fragte sie, was machst du überhaupt und sie nahm eines der Küchenmesser,
- 28 -
die wir in der ... gekauft hatten in die Hand und ging ins Kinderzimmer. Ich folgte ihr ins
Kinderzimmer und fragte sie nochmals was machst du? Sie sagte mir folge mir nicht wie
ein Hund. Sie ging ins Kinderzimmer und setzte sich aufs Bett. Ich sagte ihr komm hier
heraus, wir sollten draussen noch einmal miteinander reden. Die Privatklägerin hat
gesagt, komm nicht zu nahe. Ich schwöre ich kann mit dem Messer stechen. Die Privat-
klägerin sagte mir dies auf ... [Sprache des Staates H._], denn sie kann ziemlich gut
... [Sprache des Staates H._] sprechen. Die Privatklägerin 1 machte eine Stichbe-
wegung und traf mich am rechten Arm. Inzwischen kam D._ dazu und fasste mich
an meiner Nase, währenddessen konnte ich das Messer aus der Hand der Privatklägerin
1 wegnehmen." Mit der Verschlimmerung seiner Darstellung vor Vorinstanz wird
der Standpunkt des Beschuldigten unglaubhaft, vorab selber eine Messerattacke
seitens der Privatklägerin 1 erlitten zu haben.
Auch heute konnte der Beschuldigte detailliert Auskunft über diesen Abschnitt des
Tatgeschehens geben. Erstmals spricht er von Schwenkbewegungen, die die
Privatklägerin 1 mit dem Messer gemacht haben soll und zeigte, wie er ihr das
Messer entnommen habe. Er habe mit seiner linken Hand den Arm der Privat-
klägerin 1 gepackt und mit der rechten an die Klinge des Messers gegriffen. Er
vermochte sich auch daran erinnern, dass er gesagt habe "lass das Messer los"
(Urk. 77 S. 12 f. und 22 f.). Während seine Aussagen vor Vorinstanz noch dahin-
gehend zu verstehen sind, dass er gesehen habe, wie die Privatklägerin 1 das
Küchenmesser in der Küche genommen habe und mit diesem ins Kinderzimmer
gegangen sei ("..., sie nahm eines der Küchenmesser, die wir in der ... gekauft hatten
in die Hand und ging ins Kinderzimmer"; Urk. 30 S. 5), will heute zwar gesehen
haben, wie die Privatklägerin 1 in der Küche das Messer in der Hand gehalten
habe, als sie ins Kinderzimmer gegangen sei, habe er das Messer in ihrer Hand
jedoch nicht bemerkt (Urk. 77 S. 12).
6.2.3.2 Mit einem Messer angegriffen zu werden, ist kein alltägliches Ereignis.
Wie sich aus den Schilderungen des Beschuldigten ergibt, gilt das auch aus
seiner Sicht. Nach seiner Darstellung war das Verhältnis zur Privatklägerin 1 gut;
man war eine normale Familie mit den üblichen verbalen Auseinandersetzungen
(Urk. 30 S. 8). Im Streit habe er sie vielleicht schon an der Schulter oder am
Kragen festgehalten. Er verneinte aber ausdrücklich, je zuvor mit einem Messer
- 29 -
auf die Privatklägerin 1 losgegangen zu sein oder ihr sonst wie Gewalt angetan zu
haben (Urk. 4/2 S. 6; diese Beteuerung steht allerdings im Gegensatz zu den
Ausführungen der Privatklägerin 1, vgl. Urk. 5/2 S. 6). Bis dahin selber mit einer
Messerattacke konfrontiert worden zu sein, behauptete der Beschuldigte ebenfalls
nicht. Bei dieser Ausgangslage wäre zu erwarten gewesen, dass der Beschuldigte
zu dem für ihn als sehr bedrohlich empfundenen Ereignis und den zentralen
Umständen, etwa auf welche Art und Weise sich der genannte Messerangriff
seitens der Privatklägerin 1 abgespielt haben soll und wie es ihm gelungen sei, ihr
das Messer wegzunehmen, sich von Beginn der Untersuchung an einigermassen
anschaulich und gleichbleibend hätte äussern können, zumal er bereits anlässlich
der ersten polizeilichen Einvernahme angab, dabei verletzt worden zu sein. Nicht
nachvollziehbar ist, weshalb er anlässlich der ersten Einvernahme bereitwillig
seine Verletzungen zeigte und um diese besorgt war, jedoch keine Erklärung für
diese hatte (Urk. 4/1 Frage 2 und 7). Wäre er tatsächlich angegriffen worden,
hätte er dies bereits bei der Polizei erwähnt. Stattdessen blieb der Beschuldigte in
der Untersuchung äusserst vage. Auf die Frage, weshalb er erst heute sich daran
zu erinnern vermöge, wie er der Privatklägerin 1 das Messer aus der Hand
genommen habe, antwortete er lapidar, er sei bis anhin nie danach gefragt wor-
den (Urk. 77 S. 12). Die heutigen Schilderungen wirken deshalb nachgeschoben.
Somit deutet auch der plötzlich dichte Detaillierungsgrad zum geltend gemachten
Angriff mit dem Messer über ein Jahr nach dem Ereignis zu bis dahin teilweise
bloss vermuteten oder kaum erinnerten Vorgängen auf ein Fantasiegebilde. Das
alles spricht gegen tatsächlich Erlebtes.
6.2.3.3 Auch die Reihenfolge, ob er nun zuerst durch die Privatklägerin 2 an der
Nase gepackt oder zuerst von der Privatklägerin 1 mit dem Messer attackiert
worden sei (Urk. 4/2 S. 5 und Urk. 4/3 S. 2 f. im Vergleich zu Urk. 30 S. 5), bleibt
unklar (vgl. auch vorstehend Ziff. 6.2.2.4).
6.2.4 Der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen ist überdies abträglich, dass der
Beschuldigte im Verlaufe des Verfahrens zu einzelnen Fragen unvollständig Aus-
kunft gegeben hat. Erkennbar weggelassen in seiner Schilderung des fraglichen
Abends hat der Beschuldigte beispielsweise, dass er schon im Vorfeld der Tat
- 30 -
teilweise handgreiflich geworden war, indem er die Privatklägerin 1 herumge-
schubst und dabei ihr T-Shirt zerrissen hatte. Ein Herumschubsen verneinte er
zwar durchwegs, gab aber auf entsprechenden Vorhalt das Zerreissen des
T-Shirts (zögerlich) zu (Urk. 30 S. 4 f.). Dieser Vorfall tangiert zwar nicht direkt
den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen im vorliegenden Verfahren, doch die
Vorgehensweise, das Ausblenden von Vorkommnissen, welche ihn in einem
schlechten Licht erscheinen lassen, scheint seinem Aussageverhalten nicht
fremd.
6.2.5 Auf einen Nenner gebracht ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz fest-
zuhalten, dass die Aussagen des Beschuldigten - schon für sich allein betrachtet
und soweit sie vom eingestandenen äusseren Sachverhalt abweichen - insgesamt
unglaubhaft sind (Urk. 55 S. 25-29; Art. 82 Abs. 4 StPO). Bei gesamthafter
Betrachtung verbleiben keinerlei vernünftige Zweifel, dass sich der Tathergang im
Wesentlichen so ereignet hat, wie von den Privatklägerinnen geschildert und in
die Anklageschrift eingeflossen.
6.3 Der geltend gemachte Bewusstseinsverlust zum eigentlichen Tatvorwurf
- bestehend im Zufügen von insgesamt 25 Messerstichen gegenüber beiden
Privatklägerinnen und starkem, zur Bewusstlosigkeit führendem Würgen der
Privatklägerin 1 - ist dem Beschuldigten angesichts der Fülle von berichteten
Einzelheiten vor und nach dem Kerngeschehen nicht abzunehmen.
6.3.1 Die beim Beschuldigten auf den Tatzeitpunkt rückgerechnete Blutalkohol-
konzentration von zwischen 0,98 und 1,66 Gewichtspromillen (vgl. Urk. 7/3), Mit-
telwert 1,32 Gewichtspromille, erreichte sodann - selbst bei einem "ungeübten
Konsumenten", wovon beim Beschuldigten auszugehen ist (Urk. 56 S. 14;
Urk. 5/3 S. 5) - keineswegs ein Ausmass, das zu einer erheblichen Bewusstseins-
trübung oder gar einem totalen Bewusstseinsverlust hätte führen können.
Zugunsten des Beschuldigten ist von 1,66 Gewichtspromille auszugehen. Nach
der Rechtsprechung des Bundesgerichts fällt bei einer Blutalkoholkonzentration
von über 2 Gewichtspromillen eine Verminderung der Zurechnungsfähigkeit -
nach aktueller Terminologie Schuldfähigkeit (Art. 19 StGB) - in Betracht (vgl. BGE
122 IV 49 E. 1b unter Hinweis auf BGE 119 IV 292 E. 2d). Der Blutalkohol-
- 31 -
konzentration kommt bei der Beurteilung der Schuldfähigkeit allerdings nicht allei-
nige Bedeutung zu. Sie ist bloss eine grobe Orientierungshilfe (BGE 122 IV 49 E.
1b unter Hinweis auf BGE 119 IV 120 E. 2b). Stets sind Gewöhnung, Persönlich-
keit und Tatsituation in die Beurteilung einzubeziehen (Entscheide des Bundesge-
richtes 6B_725/2009 vom 26. November 2009 E. 2.2 und 6S.119/2004 vom 5. Juli
2004 E. 2.4). Bei einer Blutalkoholkonzentration zwischen 2 und 3 Promillen kann
- gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung - im Regelfall von einer verminder-
ten Zurechnungs- beziehungsweise Schuldfähigkeit ausgegangen werden. Es
besteht in diesem Bereich mit anderen Worten eine Vermutung der verminderten
Zurechnungs- beziehungsweise Schuldfähigkeit. Diese Vermutung kann jedoch
im Einzelfall durch Gegenindizien umgestossen werden. Der Blutalkoholkonzent-
ration kommt bei der Beurteilung der Zurechnungsfähigkeit mithin keine vorrangi-
ge Bedeutung zu (Entscheid des Bundesgerichtes 6S.497/2002 vom 2. Mai 2003
E. 2.2.1). Konkrete Feststellungen über die Alkoholisierung oder Nüchternheit
haben prinzipiell Vorrang gegenüber Blutalkoholwerten. Ausschlaggebend für die
Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit ist der psycho-pathologische Zustand (der
Rausch) und nicht dessen Ursache, die Alkoholisierung, welche sich in der Blut-
alkoholkonzentration widerspiegelt. Von einer aufgehobenen Steuerungsfähigkeit
kann beispielsweise aus psychiatrischer Sicht erst ausgegangen werden, wenn
sich psychotische Störungen des Realitätsbezugs feststellen lassen. Dies ist der
Fall bei Störungen der Orientierung mit Situations- und Personenverkennung
sowie bei Zuständen, die von Halluzinationen oder Wahnvorstellungen determi-
niert sind, wie beispielsweise Fehlen der Ansprechbarkeit oder fehlende Reagibili-
tät auf Aussenreize (Entscheid des Bundesgerichtes 6B_725/2009 vom
26. November 2009 E. 2.2 samt Hinweisen). Nur als grobe Faustregel kann davon
ausgegangen werden, dass bei einer Blutalkoholkonzentration von unter 2 Promil-
len in der Regel keine Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit vorliegt (BGE 122 IV
49 E. 1b). Bei mehr als 3 Promillen spricht die Vermutung für eine Schuldunfähig-
keit.
6.3.2 Im vorliegenden Fall existieren nicht die geringsten Anhaltspunkte für einen
Rauschzustand mit Störung des Realitätsbezugs. Es ist hierzu vorab auf das
bereits umschriebene intakte Erinnerungsvermögen des Beschuldigten aus-
- 32 -
serhalb des Kerngeschehens und seine umfassenden Aussagen zu verweisen,
was klar gegen eine Bewusstseinsstörung oder gar einen Bewusstseinsverlust
spricht. Auf diese konkreten Feststellungen betreffend Wahrnehmung, Vorgehen,
Gedächtnis und entsprechende Wiedergabe der Ereignisse zum Tatzeitraum -
welche auf hinreichende Nüchternheit und damit jedenfalls weitgehend erhaltenes
Bewusstsein deuten - kommt es massgeblich an. Hinzu kommt, dass der
Beschuldigte bei der ärztlichen Untersuchung am Institut für Rechtsmedizin der
Universität Zürich unmittelbar nach der Tat keine Bewusstseinsstörung ins Feld
führte und eine solche vom medizinischen Fachpersonal auch nicht vermutet
wurde, ansonsten dies in der betreffenden Spalte - die leer blieb - sicherlich
erwähnt worden wäre. Die Einschätzung, wie die untersuchte Person zum Zeit-
punkt der Untersuchung aufgrund der erhobenen Befunde wirkte, lautete wohl auf
"merkbar beeinträchtigt". Es wurde jedoch nicht nur der mutmassliche Alkohol-
einfluss als Ursache dafür genannt, sondern ebenso eine mutmassliche Über-
forderung von der Situation (Urk. 7/3, Protokoll der ärztlichen Untersuchung,
Rückseite), was in Anbetracht der eben verübten Tat völlig einleuchtet. Selbst der
Beschuldigte bezeichnete sich als im Tatzeitpunkt lediglich "etwas betrunken"
(Urk. 30 S. 4). Zudem erreichte die Alkoholisierung auch aus Sicht der Verteidi-
gung kein Ausmass, das zu einer (rechtserheblichen) Verminderung der Schuld-
fähigkeit geführt hätte (Urk. 35 S. 20; Urk. 56 S. 14). Im Ergebnis lässt sich eine
relevante Bewusstseinstrübung nicht erkennen und wäre auch nicht erklärbar,
geschweige denn ein Bewusstseinsverlust wie behauptet. Auch die Privatkläge-
rinnen konnten nichts dergleichen feststellen. Vielmehr erlebte die Privatklägerin 1
den Beschuldigten durchgehend als bewusst handelnd. Trotz Konsums des
Weins sei er gleich gewesen wie immer, gleich wie am Anfang, nämlich ganz
besonnen. Er wirkte weder angetrunken noch gar betrunken auf die Privatklägerin
1 (Urk. 5/2 S. 12 f.; vgl. auch die nachfolgende Erwägung 5). Wenn sich die
Verteidigung als Erklärung für den geltend gemachten Bewusstseinsverlust über
den Alkoholkonsum hinaus auch auf das - von ihr abweichend gewichtete - Ver-
letzungsbild des Beschuldigten sowie Provokation und schwere Bedrängnis etc.,
mithin eine multiple Ursache, berufen will (z.B. Urk. 56 S. 27), bezieht sie eine
behauptete Sachdarstellung mit ein, die vorliegend nicht zum Tragen kommt. Die
- 33 -
Argumentation geht daher ins Leere. Selbst eine allfällige Kombination mit den
(geringfügigen) Verletzungen des Beschuldigten könnte nicht einen Realitäts-
verlust im Sinne der postulierten völligen Absenz bewirkt haben.
6.3.3 Schliesslich deutet, wie aufgezeigt, auch das Aussageverhalten des
Beschuldigten auf selektives Ausblenden der Ereignisse am Tatabend.
7. Stichverletzung am Oberarm
Da auf die glaubhaften Aussagen der Privatklägerinnen 1 und 2 abzustützen ist,
kann als erstellt erachtet werden, dass der Beschuldigte zu keinem Zeitpunkt von
der Privatklägerin 1 mit dem Messer bedroht wurde. An dieser Überzeugung
ändern auch die beim Beschuldigten festgestellten Verletzungen nichts, die - mit
Ausnahme der Stichverletzung am Oberarm von ca. 1 cm Länge, die ins Fettge-
webe reichte - allesamt oberflächlicher Natur waren. Die Verteidigung fokussiert
auch im Berufungsverfahren auf die Verletzungsbilder des Beschuldigten als aus-
schlaggebend für das Tatgeschehen (Urk. 35 S. 8; Urk. 56 S. 4 ff.; Urk. 79 S. 3
ff.). Sie bezieht sich dabei auch auf das Gutachten zur körperlichen Untersuchung
des Beschuldigten durch das IRMZ vom 18. April 2011 (Urk. 7/5) sowie die Foto-
dokumentation (Urk. 6 S. 118 ff.). Doch das eigene Verletzungsbild, auf welches
der Beschuldigte seine Sachverhaltsdarstellung abstützt, lässt jedenfalls nicht nur
die Interpretation zu, welche der Beschuldigte ihm beimisst.
7.1 Wie schon die Vorinstanz zutreffend aufzeigte (Urk. 55 S. 28 f.), stützt das
medizinische Untersuchungsergebnis die Ausführungen des Beschuldigten nicht.
Über die Entstehung seiner Verletzungen kann das besagte Gutachten ohne
Tatrekonstruktion mit den Beteiligten keine Auskunft geben (Urk. 7/5 S. 4). Zwar
wäre die Tatwaffe, das ... Küchenmesser, an sich geeignet, eine Verletzung beim
Beschuldigten wie die fotografisch festgehaltene, quer verlaufende, scharfkantige,
ca. 1cm lange Hautdurchtrennung an der rechten Ellenbeuge zu bewirken (Urk. 6
S. 120 und 121; Urk. 7/5 S. 4). Auch erscheint naheliegend, dass
diese Verletzung wie auch die übrigen Blessuren des Beschuldigten - da frisch
und zum Ereigniszeitpunkt passend (Urk. 7/5 S. 4) - auf den Tatzeitraum zurück-
zuführen sind bzw. sein dürften. Damit ist aber noch nicht gesagt, auf welche Art
und Weise und in welchem Augenblick das Messer, sei es gewollt oder unabsicht-
- 34 -
lich, gezielt oder zufällig, zur Stichverletzung in der Ellenbeuge des Beschuldigten
führte. So wenig aber, wie das Gutachten (ohne weitere Abklärungen) die Version
des Beschuldigten stützen oder (eher) ausschliessen kann, so wenig kann es das
hinsichtlich anderer denkbarer Versionen, einschliesslich der Sachdarstellung der
Privatklägerin 1.
7.2 Klar und unbestritten ist jedoch, dass im Zuge des Kerngeschehens ein
heftiges Gerangel zwischen dem Beschuldigten und der Privatklägerin 1 stattfand,
wobei das Messer im Spiel war. Ebenso lebensnah wie nachvollziehbar und aus
der Fotodokumentation ersichtlich ist, dass sich die Privatklägerin 1 während des
Kerngeschehens nach ihren Möglichkeiten zu wehren versuchte ([aktive] Abwehr-
handlungen, vgl. u.a. Urk. 5/2; Urk. 6; Urk. 8/6 S. 5 f.; Urk. 30 S. 6; Urk. 31 S. 5).
Nicht nur die genannte Stichverletzung, sondern sämtliche Verletzungen des
Beschuldigten wie die Kratzspuren, Hautabschürfungen, Hautunterblutungen und
Hautrötungen (Urk. 6 S. 7 ff., 122 ff.) lassen sich fraglos mit diesem Gerangel in
Einklang bringen. Ob die Verletzungen des Beschuldigten genau so gut von den
nicht gerade kurzen Fingernägeln der Privatklägerin 1 stammen könnten (vgl.
Urk. 6 S. 98 und 99), als diese sich zu wehren versuchte, wie die Vorinstanz
mutmasst und was die Verteidigung kritisiert (Urk. 55 S. 28; Urk. 56 S. 8), kann
offen bleiben. So ist es durchaus denkbar, dass der Beschuldigte im Gerangel die
Herrschaft über das Messer verloren hatte und durch dieses an der Ellenbeuge
verletzt wurde. Es braucht auch nicht weiter spekuliert zu werden, wie die Ver-
letzungen des Beschuldigten, deren Ursache sich die Privatklägerin 1 auch nicht
erklären kann, schliesslich entstanden sein könnten.
7.3 Zu Recht angefügt hat die Vorinstanz, dass der Beschuldigte nebst ober-
flächlichen Hautabschürfungen keinerlei Schnittverletzungen an seinen beiden
Händen, insbesondere den Handflächen, davon trug (vgl. Urk. 6) - was umso
mehr erstaunt, als dass er heute zeigte, wie er nach der Klinge des Messer gegrif-
fen habe (Urk. 77 S. 22). Das spricht ebenfalls gegen seine Version der
Geschehnisse. Entsprechende Verletzungen wären naturgemäss zu erwarten,
wenn jemand einer anderen Person ein Messer von der besagten Art und Grösse
entwenden müsste, mit welchem er gerade angegriffen wird.
- 35 -
8. Fazit
Zusammenfassend ist mit der Vorinstanz (Urk. 55 S. 31-33; Art. 82 Abs. 4 StPO)
festzuhalten, dass der Sachverhalt gemäss Anklage (Urk. 18) gestützt auf die
übereinstimmenden und glaubhaften Aussagen der beiden Privatklägerinnen
sowie der übrigen bei den Akten liegenden Beweismittel, namentlich der Foto-
grafien, ärztlichen Befunde und der medizinischen Gutachten (Urk. 6; Urk. 8/3 und
8/6; Urk. 9/3 und 9/6) im Wesentlichen rechtsgenügend erstellt und der rechtli-
chen Würdigung zugrunde zu legen ist.
Ergänzend ist zu betonen, dass das aktive Handeln im Kerngeschehen einzig
vom Beschuldigten ausging, indem er das Messer behändigte, sich damit zur
Privatklägerin 1 begab, die von der Privatklägerin 1 gerufene Privatklägerin 2 mit
einem ersten Messerangriff ausschaltete, die Privatklägerin 1 mit einer Fülle von
Messerstichen bedachte und nach Verlassen des Zimmers nochmals zu ihr
zurückkehrte, um sie dann noch bis zur Bewusstlosigkeit zu würgen. Demgegen-
über waren die Privatklägerinnen seine Opfer; sie beschränkten sich auf die ihnen
mögliche Abwehr seiner Messer- und Würgeattacken, die bereits auf dem Rücken
liegende Privatklägerin 1 hauptsächlich durch Schreien und Flehen und die
Privatklägerin 2 durch Flucht vor dem Beschuldigten. Der Beschuldigte selber
erlitt beim unmittelbar vorangehenden Gerangel und im Kerngeschehen selbst die
eine oder andere Abwehrverletzung bzw. -schramme, wobei - wie bereits erwähnt
- offen bleiben kann und im Nachhinein ohnehin nicht mehr schlüssig klärbar ist,
wie genau die einzelnen Kratzer entstanden. Das gilt insbesondere auch für die
kleine Stichwunde in der rechten Ellenbeuge des Beschuldigten.
III. Schuldpunkt - rechtliche Würdigung
1. Hinsichtlich der Parteistandpunkte und der Voraussetzungen zur Tat-
bestandserfüllung der vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB sei auf
die zutreffenden Erwägungen im angefochtenen Urteil verwiesen (Urk. 55 S. 33 f.
und 36; Art. 82 Abs. 4 StPO).
- 36 -
2.1 In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist der objektive Tatbestand von
Art. 111 StGB bei der Privatklägerin 1 - bis auf den ausgebliebenen Erfolg - als
erfüllt anzusehen.
Der Beschuldigte fügte der Privatklägerin 1 die folgenden Verletzungen zu: eine
Stichverletzung an der linken Brustunterseite ins Unterhautfettgewebe (Urk. 6
S. 80; Urk. 8/6 S. 5), 13 Stichverletzungen im Bauchbereich (Urk. 6 S. 72 ff.;
Urk. 6/8), wovon vier dieser Stichverletzungen das Bauchfell durchtrennten und
wobei ferner ein Stich zu einer Verletzung des querverlaufenden Dickdarmanteils
führte, ein weiterer Stich eine Blutung in der grossen Fettschürze verursachte und
ein weiterer Stich das Band zwischen Leber und Bauchwand durchtrennte; die
übrigen dieser Stichverletzungen reichten lediglich bis in das Unterhautfettgewebe
bzw. die Bauchmuskulatur. Eine andere Stichwunde findet sich an der Hüfte aus-
sen, eine weitere am Oberschenkel rechts und zwei Stichwunden trafen den
linken Oberschenkel. Zudem resultierten grossflächige Hauteinblutungen und
Hautunterblutungen am Hals und oberflächliche, glattrandige Oberhautdurch-
trennungen am fünften Finger der linken Hand und an der rechten Handinnen-
fläche sowie oberflächliche Hautläsionen am rechten Daumen (Abwehrverletzun-
gen; Urk. 8/6 S. 5). Gemäss Gutachten des IRMZ vom 18. April 2011 zur körperli-
chen Untersuchung der Privatklägerin 1 - welches sich als eindeutig und klar
erweist und keine triftigen Gründe ersichtlich sind, die ein Abweichen von der
fachlichen Beurteilung rechtfertigen würden - hat sich die Privatklägerin 1 einer-
seits durch den Würgevorgang in konkreter, unmittelbarer Lebensgefahr befunden
und andererseits bestand durch die Stichverletzungen in den Bauchraum eben-
falls eine konkrete Lebensgefahr für sie. Durch die Stiche in die Bauchhöhle und
die Verletzung des Dickdarmes komme es zu einer Bauchfellentzündung, und
ohne zeitnahe ärztliche Behandlung bestehe eine grosse Gefahr, dass diese im
Rahmen einer Blutvergiftung tödlich verlaufe. Die beschriebene retroperitoneale
Blutung [Retroperitoneum = Rückseite der Bauchhöhle; Urk. 8/6 S. 7] könne
ausserdem, je nach Grösse, die untere Hohlvene komprimieren und damit den
venösen Rückstrom des Blutes zum Herzen deutlich erschweren. Dann hätte sich
ein Schock entwickeln können, welcher wiederum tödlich hätte verlaufen können
(Urk. 8/6 S. 6, Antwort zu Frage 2).
- 37 -
Folglich ergibt sich, dass die vom Beschuldigten der Privatklägerin 1 zugefügten
vier Stichverletzungen in den Bauchbereich zu einer konkreten Lebensgefahr
geführt hatten und dass sich die Privatklägerin 1 durch das anschliessende starke
Würgen erneut in konkreter und darüber hinaus unmittelbarer Lebensgefahr
befand. Beide Handlungskomplexe des Beschuldigten gegenüber der Privatkläge-
rin 1 waren mithin grundsätzlich geeignet, deren Tod zu bewirken.
2.2 Die Privatklägerin 2 erlitt durch die Messerattacke des Beschuldigten eine
Stichwunde in den Oberbauch median links mit Perforierung des Bauchfells und
Verletzung der Leber, eine Stichwunde in den Oberbauch ventrolateral rechts in
die Bauchmuskulatur, zwei Stich-/Schnittwunden an der Flanke links in die
Bauchmuskulatur, eine Stichwunde in den Rücken, paravertebral links in die
Rückenmuskulatur sowie eine Schnittwunde am Ellenbogen links und eine Stich-
wunde am Unterschenkel links (Urk. 6 S. 100 ff.; Urk. 9/6 S. 2 ff.). Gemäss
Gutachten zur körperlichen Untersuchung der Privatklägerin 2 - welches sich als
eindeutig und klar erweist und keine triftigen Gründe erkennbar sind, die ein
Abweichen vom Expertenbefund rechtfertigen würden - bestand für die Privat-
klägerin 2 Lebensgefahr (Urk. 9/6 S. 4, Antwort zu Frage 2). Die Stichverletzung
am Oberbauch links hatte das Bauchfell durchstochen und zu einer Leber-
verletzung geführt. Das Ende des Stichkanals lag in unmittelbarer Nähe der
lappenversorgenden Gefässe. Bei einer Verletzung der Leber bestehe grundsätz-
lich die Gefahr einer Blutung, je nach Ausmass mit der Gefahr des Verblutens.
Bei der Privatklägerin 2 war nur eine kleine Blutung aufgetreten und hatte bei der
durchgeführten Bauchspiegelung bereits spontan gestoppt und die Leberver-
letzung war mit geronnenem Blut verschlossen. Es wäre aber durchaus auch
denkbar gewesen, dass die Blutung nicht spontan gestoppt hätte und es dadurch
zu einem grösseren Blutverlust in die freie Bauchhöhle gekommen wäre. Dann
hätte sich ein Schock entwickeln können, welcher wiederum tödlich hätte ver-
laufen können (Urk. 9/6 S. 4, Antwort zu Frage 2). Darüber hinaus hätten
die Stichverletzungen in die Bauchhöhle bei einer zufälligen Abweichung lebens-
wichtige Organe wie Leber, Milz oder Nieren und/oder auch Blut führende
Gefässe verletzen können. Ein Verblutungstod wäre durchaus denkbar gewesen
- 38 -
und wurde in anderen Fällen, bei ähnlichen Verletzungen schon oft beobachtet,
hält das Gutachten weiter fest (Urk. 9/6 S. 5).
Demnach ist festzuhalten, dass die vom Beschuldigten der Privatklägerin 2 zuge-
fügte Stichverletzung am Oberbauch links grundsätzlich geeignet war, den Tod
der Privatklägerin 2 zu bewirken.
Damit ist, wie schon die Vorinstanz richtig folgerte, der objektive Tatbestand von
Art. 111 StGB - wiederum bis auf den ausgebliebenen Erfolg - auch bezüglich der
Privatklägerin 2 gegeben.
3. Auch das subjektive Tatbestandsmerkmal des Vorsatzes ist vorliegend
bezüglich der Handlungen des Beschuldigten gegenüber beiden Privatklägerin-
nen zu bejahen.
3.1 In Bezug auf die Privatklägerin 2 ging die Vorinstanz - der Anklägerin und
der Verteidigung folgend - zutreffend von eventualvorsätzlichem Handeln aus
(Urk. 55 S. 36 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Das ist entsprechend unstrittig.
3.2 Hinsichtlich der Privatklägerin 1 schloss die Vorinstanz völlig zu Recht auf
direkten Vorsatz (Urk. 55 S. 37; Urk. 82 Abs. 4 StPO). Dem widerspricht die
Verteidigung nach wie vor, wobei sie ihrer Wertung den eigenen Sachverhalt des
Beschuldigten zugrunde legt (Urk. 56 S. 22 f.).
3.2.1 Beim erstellten Sachverhalt ist der Argumentation der Verteidigung
indessen der Boden entzogen, und es braucht nicht weiter auf ihre diesbezügli-
chen Ausführungen eingegangen zu werden.
3.2.2 Das entfesselte und geradezu blindwütige Vorgehen des Beschuldigten mit
dem repetitiven Zustechen in den Rumpf des Opfers sowie dass massive Würgen
als Nachhaken, nachdem die Privatklägerin durch die Messerstiche offensichtlich
bereits schwerverletzt am Boden lag, deutet ohne jeden Zweifel auf direkten
Tötungsvorsatz und nicht bloss auf missbilligendes in Kauf nehmen eines
möglichen Erfolgseintritts (d.h. Todeseintritts). Der Beschuldigte räumte denn
auch ein zu wissen, dass Messerstiche in den Oberkörper eines Menschen
- 39 -
dessen Tod verursachen können (Urk. 4/2 S. 6; Urk. 4/4 S. 7). Das gilt erst recht
bei einem derart unerbittlichen Messereinsatz gegen Brust und Bauch eines
Menschen wie hier, weshalb der Beschuldigte wusste, dass er die Privatklägerin 1
dadurch hätte töten können und dies ganz offensichtlich auch wollte. Seine
Begleitworte zum Handeln, er werde sie umbringen, unterstreichen dies unmiss-
verständlich. Das nachfolgende Würgen erscheint dabei wie der letzte Schritt zum
Ziel: Der Beschuldigte liess erst vom augenfällig schwer verwundeten Opfer ab,
als dieses auch noch ins Koma gefallen und damit leblos geworden war, was er
fraglos ebenso wollte. Die zuletzt erfolgte förmliche Verabschiedung des Opfers
durch den frisch gekleideten Täter fügt sich bestens in dieses apokalyptische Bild.
Dass der Beschuldigte durchaus auf ein Ableben der Privatklägerin 1 gefasst war
bzw. gar von einem solchen ausging, ergibt sich schliesslich auch aus den tat-
nahen Einvernahmen und seinen damaligen Reaktionen: "Gott sei Dank!
(weinend) Ich bin froh, dass sie noch lebt." (Urk. 4/2 S. 5; Urk. 4/1 S. 2 f.).
3.2.3 Das Vorgehen des Beschuldigten grenzt an Skrupellosigkeit im Sinne des
Mordtatbestandes von Art. 112 StGB, auch wenn die Tat im Vorfeld nicht geplant
war, sondern der Tötungsvorsatz sich erst in ganz kurzer Zeit im Rahmen einer
fatalen Eigendynamik entwickelt hat bzw. haben mag. Skrupellosigkeit manifes-
tiert sich äusserlich etwa im Kopfschuss auf das bereits schwerverletzt am Boden
liegende Opfer. Aber auch Beweggrund und Zweck der Tat können für Skrupel-
losigkeit und damit für Mord sprechen, so zum Beispiel, wenn der aus einer
Nichtigkeit heraus entstandene Hass in eine rächende Tat mündet (Urteil des
Bundesgerichts 6S.84/2005 vom 20. Oktober 2005 E. 2.3). Vorliegend verhält es
sich nicht gänzlich anders als im zitierten Entscheid: Das nachträgliche Würgen
erinnert an den erwähnten Kopfschuss, und es erwuchs aus einer Nichtigkeit
(Ausgehkonflikt) eine Riesenwut, welche sich gnadenlos entlud. Wenn die Staats-
anwaltschaft das Vorgehen des Beschuldigten als äusserst brutal und grausam
einstuft, nahe, sehr nahe an der Grenze zum versuchten Mord (Prot. I S. 8), so ist
diese Ansicht zu teilen. Die - leicht zu relativierende - Auffassung der Vorinstanz
im Zusammenhang mit der ergänzenden Prüfung des Mordtatbestandes, die Tat
offenbare "noch keine besondere Skrupellosigkeit" (Urk. 55 S. 40), weist auch in
- 40 -
diese Richtung und lässt erkennen, dass zumindest eine gewisse Nähe zum
qualifizierten Tötungstatbestand statuiert wurde.
3.2.4 Anzufügen bleibt an dieser Stelle, dass auch die Tathandlungen des
Beschuldigten gegenüber der Privatklägerin 2 - trotz fehlender Planung, wurden
sie doch erst durch deren Erscheinen in der Schlafzimmertür ausgelöst - als sehr
egoistisch zu bewerten ist, ging es ihm doch offensichtlich darum, die potenzielle
Helferin seines Opfers zurückzubinden und somit einen Störfaktor bei seiner Tat-
ausführung loszuwerden. Angesichts des bloss eventualvorsätzlichen Handelns
kann aber noch nicht von versuchter Elimination gesprochen werden.
4. Da beide Privatklägerinnen die Tathandlungen des Beschuldigten überlebt
haben, liegt je ein Versuch im Sinne von Art. 22 Abs. 1 StGB vor.
5. Unter Hinweis auf die vorstehenden Erwägungen, namentlich den erstellten
Sachverhalt, der eine Affekthandlung des Beschuldigten im Sinne von Art. 113
StGB ausschliesst, sowie auf die entsprechenden Ausführungen im vorinstanzli-
chen Urteil, wo alles Wesentliche gesagt wurde und denen vorbehaltlos zuzu-
stimmen ist (Urk. 55 S. 38-40; Art. 82 Abs. 4 StPO), steht - entgegen der Verteidi-
gung - eine Subsumtion der vorliegend zu beurteilenden Handlungen unter den
privilegierten Tatbestand des Totschlags von Art. 113 StGB ausser Frage.
Wenn der Beschuldigte im Übrigen geltend macht, die Privatklägerin 1 habe ihn
als Hund beschimpft, was im ... Raum [des Staates H._] eine schwerwie-
gende Beleidigung darstelle und was ihn sehr wütend gemacht habe (Urk. 4/2 S.
5; Urk. 35 S. 5), so trifft seine Behauptung so nicht zu. Anlässlich der heutigen
Berufungsverhandlung will der Beschuldigte wegen dieser Bemerkung sodann
auch nicht mehr wütend gewesen sein (Urk. 77 S. 11). Die Privatklägerin 1 hatte
dem Beschuldigten - immer gemäss seiner Darstellung - lediglich gesagt, er solle
ihr nicht wie ein Hund folgen (Urk. 4/2 S. 5; Urk. 30 S. 5). Damit stellte sie einen
bildlichen Vergleich an, der erst noch zutraf, war doch der Beschuldigte auch laut
seinen Aussagen der Privatklägerin 1, die sich mehrmals zurückziehen und dem
Streit ausweichen wollte, am fraglichen Abend wiederholt nachgefolgt, zuletzt ins
Kinderzimmer, wo er dann die Tat verübte. Weitere konkrete Beispiele für der Tat
- 41 -
angeblich vorausgegangene Beschimpfungen des Beschuldigten durch die
Privatklägerin 1 finden sich in den Aussagen des Beschuldigten keine. Das
Zerbrechen des Weinglases in der Küche durch die Privatklägerin 1 war Teil des
bereits eskalierten Streites, wobei es der Privatklägerin 1 darum ging, den nicht
alkoholgewohnten Beschuldigten vor weiterem Trinken abzuhalten. Ihr Handeln
war nicht allzu geschickt, aber auch nicht ganz unverständlich.
6. Der Beschuldigte hat sich demnach der mehrfachen versuchten vorsätzli-
chen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
schuldig gemacht (ebenso Urk. 55 S. 40).
IV. Strafzumessung
1. Strafrahmen
1.1 Ausgangspunkt für die Strafzumessung ist vorliegend Art. 111 StGB,
welcher als Sanktion eine Freiheitsstrafe zwischen fünf und 20 Jahren vorsieht.
1.2 Hat der Täter, wie hier der Beschuldigte, mehrfach den gleichen Straftat-
bestand erfüllt, ist für die Strafzumessung von der schwersten Straftat auszu-
gehen und die Dauer der für sie auszufällenden Strafe angemessen, jedoch nicht
um mehr als die Hälfte, zu erhöhen. Dabei ist der Richter an das gesetzliche
Höchstmass der Strafart gebunden (Art. 49 Abs. 1 StGB).
1.3 Liegt lediglich ein strafbarer Versuch vor, so kann das Gericht die Strafe
mildern (Art. 22 Abs. 1 StGB). Mildert das Gericht die Strafe, so ist es nicht an die
angedrohte Mindeststrafe gebunden (Art. 48a Abs. 1 StGB). Das Gericht kann auf
eine andere als die angedrohte Strafart erkennen, ist aber an das gesetzliche
Höchst- und Mindestmass der Strafart gebunden (Art. 48a Abs. 2 StGB).
Vorliegend hat sich der Beschuldigte der mehrfachen versuchten vorsätzlichen
Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB
schuldig gemacht. Es ist nach dem oben Dargelegten vom ordentlichen Straf-
rahmen von mindestens fünf Jahren bis 20 Jahre Freiheitsstrafe auszugehen,
- 42 -
wobei dem Versuch im vorliegenden Fall innerhalb des ordentlichen Strafrahmens
entsprechend Rechnung zu tragen ist. Eine Milderung der Strafe, die den
Rahmen nach unten öffnen würde, ist nicht angezeigt.
1.4 Eine rechtserhebliche Verminderung der Schuldfähigkeit im Sinne von
Art. 19 StGB besteht wie bereits dargelegt nicht. Ebenso wenig sind Verschul-
densminderungsgründe im Sinne von Art. 48 StGB gegeben. Damit bleibt es beim
genannten Strafrahmen von fünf bis 20 Jahren Freiheitsstrafe.
2. Strafzumessungsregeln
Die Strafzumessungsregeln sind im angefochtenen Urteil richtig und vollständig
aufgeführt (Urk. 55 S. 41 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
3. Tatkomponente
Vorerst ist die objektive Tatschwere als Ausgangskriterium für die Verschuldens-
bewertung festzulegen und zu bemessen. Es gilt zu prüfen, wie stark das straf-
rechtlich geschützte Rechtsgut überhaupt beeinträchtigt worden ist. Darunter
fallen etwa das Ausmass des Erfolges (Deliktsbetrag, Gefährdung/Risiko, Zahl
der Verletzten, körperliche und psychische Schäden beim Opfer, Sachschaden
etc.) sowie die Art und Weise des Vorgehens. Von Bedeutung ist auch die
kriminelle Energie, wie sie durch die Tat und die Tatausführung offenbart wird.
Wichtig ist ferner die Prüfung der Frage, was der Täter gewollt bzw. in Kauf
genommen hat.
In einem nächsten Schritt ist eine Bewertung des subjektiven Verschuldens vor-
zunehmen. Es stellt sich die Frage, wie dem Täter die objektive Tatschwere tat-
sächlich anzurechnen ist. Dabei spielen neben der Frage der Schuldfähigkeit
(Art. 19 StGB) das Motiv, die Willensrichtung und das Mass der Entscheidungs-
freiheit des Täters eine Rolle. Egoistische bzw. verwerfliche Beweggründe, ein
Handeln aus eigenem Antrieb etc. wirken verschuldenserhöhend, während
beispielsweise ein Handeln "bloss" mit Eventualvorsatz statt direktem Vorsatz
geringer wiegt (vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.119/2003/6S.333/2003 vom
20. Januar 2004, E. II. 7.5; Stratenwerth, Schweizerisches Strafrecht, AT II, 2.A.,
Bern 2006 S. 185 f. N 25 ff.). Eine verminderte Schuldfähigkeit im Sinne von
- 43 -
Art. 19 StGB oder die in Art. 48 StGB genannten Strafmilderungsgründe sind ver-
schuldensmindernd zu gewichten sind (Hans Mathys, Zur Technik der Strafzu-
messung, SJZ 100/2004 S. 173 ff., S. 181).
3.1 Tötungsversuch gegenüber der Privatklägerin 1
3.1.1 Die Tötungsdelikte gehören – was schon der Strafrahmen aufzeigt – zwei-
fellos zu den schwersten Delikten der Rechtsordnung. Wer mit seinem Vorgehen
den Tod eines Menschen will oder in Kauf nimmt, der begeht zweifellos eine ganz
gravierende Gewalttat.
3.1.2 Bezüglich der objektiven Tatschwere ist gestützt auf das Gutachten und die
ärztliche Bescheinigung (Urk. 8/6 S. 6; Urk. 34/1) mit der Vorinstanz festzuhalten,
dass der Beschuldigte mit seinem Handeln die Privatklägerin 1 sowohl durch die
Stiche in die Bauchhöhle als auch den Würgevorgang in eine konkrete Lebens-
gefahr gebracht hat, wobei das Würgen zudem unmittelbare Lebensgefahr
bewirkte. Ohne zeitnahe ärztliche Behandlung wäre der Todeseintritt als wahr-
scheinlich einzustufen. Zudem hätten bei zufällig leicht anderen Einstichrichtun-
gen gut durchblutete Organe oder grössere Gefässe verletzt werden können
mit raschem Blutverlust innert kürzester Zeit und unmittelbarer Lebensgefahr
(Urk. 8/6 S. 6 f.).
Völlig zu Recht bezeichnete die Vorinstanz die Art und Weise des Vorgehens an-
lässlich der Tatausübung als äusserst brutal und niederträchtig, zumal der
Beschuldigte seiner damaligen Ehefrau ohne vernünftigen Grund 18 Messerstiche
verabreichte und dann auch noch mit unmittelbar lebensbedrohlichem Würgen
nachdoppelte. Das strafrechtlich geschützte Rechtsgut - das menschliche Leben -
war ausserordentlich stark beeinträchtigt bzw. gefährdet. Auch ihre körperliche
Integrität wurde sehr stark und nachhaltig tangiert, namentlich durch eine Vielzahl
von Narben. Ergänzend kann auf die Darlegungen zum Schuldpunkt (Erwägun-
gen III. und IV.) verwiesen werden.
Als Folge der Verletzungen der Tat kam es zu einer komplizierten Wundheilung
und Störungen der Darmfunktion. Noch heute leidet die Privatklägerin 1 unter
bestehenden Bauchdeckenschmerzen und die starke Luftbildung im Darmbereich
- 44 -
erfordert eine Dauereinnahme von Medikamenten wie Paspertin, Legendal,
Motilium und Buscopan (Urk. 34/1). Sodann leidet sie unter Panik und Angst-
attaken (Urk. 34/1 und Urk. 31 S. 3; Urk. 80 S. 1). Allerdings geht aus den
ärztlichen Unterlagen auch hervor, dass zur Frage, inwieweit die Tat des
Beschuldigten allein ursächlich für diese psychischen Beschwerden sei, kritisch
anzumerken sei, dass die Privatklägerin 1 bereits vor der Tat an psychischen
Beschwerden gelitten habe (Urk. 34/2 S. 2).
Das objektive Tatverschulden wiegt im Ergebnis sehr schwer. Die hypothetische
Einsatzstrafe für das vollendet begangene Delikt wäre durchaus im oberen
Bereich des Strafrahmens, d.h. bei 15 Jahren, anzusiedeln.
3.1.3 Dem Umstand, dass es lediglich beim Versuch blieb, hat die Vorinstanz in
geringem Ausmass Rechnung getragen.
Auch dem ist beizupflichten. Wie weit ein Versuch gediehen ist, ist für die konkre-
te Strafhöhe deswegen von Bedeutung, weil das strafzumessungsrelevante
Handlungsunrecht klar ein anderes Gewicht erhält, ob ein Täter schon die Tat-
handlung nicht zu Ende geführt hat oder aber das Delikt allein aus anderen
Gründen nicht zur Vollendung gelangt ist (Wohlers, in: Tag / Hauri, Die Revision
des Strafgesetzbuches Allgemeiner Teil, Zürich 2006, S. 54; Donatsch / Tag,
Strafrecht I, 8. Auflage, Zürich 2006, S. 136). Mathys (Zur Technik der Straf-
zumessung, SJZ 100/2004, S. 178) weist zu Recht darauf hin, dass Umstände,
die zu einem unvollendeten Versuch führten, verschuldensmindernd zu gewichten
seien, während der vollendete Versuch - und davon ist hier auszugehen - als ver-
schuldensunabhängige Tatkomponente erscheine. Wenn der zur Vollendung der
Tat gehörende Erfolg nicht eingetreten sei, ohne dass dies vom Täter beeinflusst
worden sei, so bleibe dessen Verschulden unberührt (gleichwohl habe sich dieser
Umstand letztlich zugunsten des Täters auszuwirken). Dieser Sichtweise ist zuzu-
stimmen. Ausgehend von einer vollendeten versuchten Tötung ist der Versuch
bereits bei der objektiven Tatkomponente, also unabhängig vom Verschulden des
Beschuldigten, zu berücksichtigen. Das Mass der zulässigen Reduktion der Strafe
hängt beim Versuch nach der Rechtsprechung unter anderem von der Nähe des
tatbestandsmässigen Erfolgs und den tatsächlichen Folgen der Tat ab (Urteil des
- 45 -
Bundesgerichtes 6S.44/2007 vom 6. Juni 2007, E. 4.5.4 und 4.5.5 unter Verweis
auf BGE 121 IV 49 Erwägung 1b).
Aufgrund des erstellten Sachverhalts drängt sich der Schluss auf, dass der
Beschuldigte nicht nur alles nach seinen Vorstellungen zur Tatbestandsverwirkli-
chung Erforderliche getan hat, sondern auch im Anschluss an seine Tathandlun-
gen rein gar nichts unternahm, um den möglichen Eintritt des tatbestandsmässi-
gen Erfolgs abzuwenden. Weder organisierte er medizinische Hilfe noch infor-
mierte er die Polizei, sondern schaute nur für sich selbst, indem er schöne
Kleidung anzog und sich eine Zigarette genehmigte. Die förmliche Verab-
schiedung der Privatklägerin 1, deren Schicksal er in ... [Gott] Hände legte, unter-
streicht seine Gleichgültigkeit. Wenn der zur Vollendung der Tat gehörende Erfolg
nicht eintrat, war dies in keiner Weise vom Beschuldigten beeinflusst worden.
Der Umstand, dass es bei der versuchten Tat blieb, rechtfertigt nur eine leichte
Reduktion der nach Bewertung der objektiven Tatschwere festgesetzten hypothe-
tischen Einsatzstrafe.
3.1.3 In subjektiver Hinsicht ist festzuhalten, dass der Beschuldigte direktvorsätz-
lich handelte, was sich indes neutral auswirkt. Straferhöhend fällt ins Gewicht,
dass er - wie schon die Vorinstanz zu Recht betont hat - aus niederen egoisti-
schen Beweggründen handelte.
Eine Verletzung in seinem Ehrgefühl aufgrund seines kulturell bedingten Hinter-
grunds gestand die Vorinstanz dem Beschuldigten richtigerweise nicht zu, nach-
dem er sich im Tatzeitpunkt bereits 4 1/2 Jahre ununterbrochen in der Schweiz
aufgehalten und annähernd so lange mit der Privatklägerin 1 in ehelicher
Gemeinschaft gelebt sowie während dieser Zeit auch in der Schweiz gearbeitet
hatte (Urk. 30/3). Seine Tat mit seiner Herkunft zu relativieren oder gar zu
entschuldigen geht umso weniger an, als er zudem bis im März 2006 praktisch
ein Vierteljahrhundert lang mit einer ... Staatsangehörigen [des States N._]
verheiratet gewesen war und teilweise auch mit dieser zusammengewohnt hatte,
weshalb ihm die Mitteleuropäische Kultur und die hiesigen Gepflogenheiten längst
nicht mehr fremd gewesen sein konnten. Der parallele Kontakt zur ... Heimat
- 46 -
[Staat H._] und mit der dortigen Ehefrau (bis 1993) sowie Verwandten ver-
mag an dieser Schlussfolgerung nichts zu ändern.
Zutreffend leicht strafmindernd ist dem Umstand Rechnung zu tragen, dass
der Beschuldigte im Tatzeitpunkt eine Blutalkoholkonzentration von 1,66 Ge-
wichtspromillen aufwies (Urk. 7/3; vgl. II. 6.3.1). Das spricht für eine leichte,
alkoholbedingte Enthemmung, was das Mass seiner Entscheidungsfreiheit gering-
fügig tangiert haben dürfte. Es bleibt indes zu betonen, dass immer noch von voll
erhaltener Schuldfähigkeit auszugehen ist.
Bei der subjektiven Tatkomponente heben sich die negativen und positiven Fakto-
ren in etwa auf.
3.1.4 Unter Einbezug des Versuchs - die subjektiven Tatschwere ändert an der
objektiven nichts - ist die hypothetische Einsatzstrafe für das Delikt gegenüber der
Privatklägerin 1 auf rund 14 Jahre festzusetzen.
3.2 Tötungsversuch gegenüber der Privatklägerin 2
In Anwendung des Asperationsprinzips ist die soeben festgesetzte Einsatzstrafe
aufgrund der Tatmehrheit zu erhöhen.
3.2.1 Auch die Privatklägerin 2 schwebte aufgrund der an ihr verübten Tat in
Lebensgefahr, und sie musste notfallmässig behandelt werden (Urk. 9/6 S. 4 und
Urk. 34/4). Die ihr zugefügte Leberverletzung barg das Risiko des Verblutens,
da das Ende des Stichkanals in unmittelbarer Nähe der lappenversorgenden
Gefässe lag. Es war ein Glücksfall, dass nur eine kleine Blutung auftrat, die auch
spontan stoppte. Wie schon bei der Privatklägerin 1 gilt, dass die Stichverletzung
in die Bauchhöhle bei einer zufälligen Abweichung lebenswichtige Organe wie
Leber, Milz oder Nieren und/oder auch blutführende Gefässe hätte verletzen und
diesfalls zum schon oft beobachteten Verblutungstod hätte führen können
(Urk.9/6 S. 5).
Zur Art und Weise des Vorgehens ist zu erwähnen, dass der Beschuldigte seiner
Stieftochter ohne vernünftigen Grund 7 Messerstiche verabreichte und auch ihr
Leben dadurch stark gefährdete sowie ihre körperliche Unversehrtheit beeinträch-
- 47 -
tigte. Die Privatklägerin wird für alle Zukunft durch die Narben an das Geschehen
erinnert, was angesichts ihres noch sehr jugendlichen Alters von aktuell erst
17 Jahren sehr bedenklich ist.
Zwar verlief die Heilung bei der Privatklägerin 2 komplikationslos, doch ein
schweres psychisches Trauma wird lebenslänglich bleiben und behindert offenbar
ihren beruflichen Werdegang.
Das objektive Tatverschulden wiegt im Ergebnis mittelschwer. Alleine für die Tat
zum Nachteil der Privatklägerin 2 wäre - wenn es nicht beim Versuch geblieben
wäre - eine Strafe von rund sechs Jahren angemessen.
Hinsichtlich der versuchten Tatbegehung gilt grundsätzlich das zur Privatklägerin
1 Gesagte (vorstehende Erwägung V. 3.1.2), wobei sich der Versuch bei der
Privatklägerin 2 etwas mehr strafreduzierend auswirkt, zumal ihr der Beschuldigte
im Gegensatz zur Privatklägerin 1 weniger Messerstiche versetzte und sie nicht
zusätzlich würgte.
3.2.2 In subjektiver Hinsicht ist weiter festzuhalten, dass das Verschulden eines
Täters, der eine Tat vorsätzlich begeht, wesentlich schwerer zu werten ist, als das
Verschulden eines Täters, der "bloss" fahrlässig oder mit Eventualvorsatz handelt.
Dies ist beim Verschulden zu berücksichtigen, wiegt dieses doch dann geringer
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 6P.119/2003/6S.333/2003 vom 20. Januar 2004,
Erw. II. 7.5.; Stratenwerth, Schweizerisches Strafrecht, AT II, 2.A., Bern 2006,
S. 185 f. N 25 ff. und Hans Wiprächtiger in BSK StGB I, 2.A., Basel 2007, N 89 zu
Art. 47 StGB). Abweichend von der Tat an der Privatklägerin 1 ist bei der Privat-
klägerin 2 von Eventualvorsatz auszugehen, womit das Delikt gegenüber der
Privatklägerin 2 als weniger schwer einzustufen ist. Das Tatmotiv als strafer-
höhender Aspekt und die leichte Alkoholisierung des Beschuldigten als Straf-
minderungsfaktor präsentieren sich hingegen gleich wie bei der Privatklägerin 1.
Insgesamt wird das objektive Tatverschulden durch die subjektive Tatschwere
relativiert, womit ein noch knapp mittelschweres Verschulden resultiert.
- 48 -
3.3 Einsatzstrafe
Die Einsatzstrafe für beide vom Beschuldigten begangenen Delikte ist aufgrund
der Tatkomponente und in Beachtung des Aperationsprinzips bei 17 Jahren Frei-
heitsstrafe anzusetzen.
4. Täterkomponente
Die Täterkomponente (Art. 47 Abs. 1 Satz 2 StGB) umfasst das Vorleben, die
persönlichen Verhältnisse sowie das Verhalten nach der Tat und im Strafver-
fahren. Bei der Beurteilung des Vorlebens fallen einerseits früheres Wohlver-
halten, andererseits Zahl, Schwere und Zeitpunkt von Vorstrafen ins Gewicht.
Unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Verhältnisse ist etwa zu berück-
sichtigen, ob sich der Täter im Strafverfahren kooperativ verhielt, ob er Reue und
Einsicht zeigte, ob er mehr oder weniger strafempfindlich ist.
4.1 Werdegang und persönliche Verhältnisse
Der Beschuldigte - er bezeichnet sich als ... [Angehöriger der Ethnie I._] - ist
1957 als Einzelkind in J._, Region ... in H._ geboren worden, dort in
seiner Familie aufgewachsen und hat auch während 8 Jahren die Schulen be-
sucht. Eine Berufsausbildung hat er nicht; er arbeitete auf dem Bauernhof seiner
(Gross)Familie als Traktorfahrer. Als 3-Jähriger verlor er seinen Vater, und seine
Mutter starb im Jahre 1994. 1976 heiratete er in der Heimat eine Frau namens
K._. Aus der Ehe gingen 5 Kinder hervor, zu denen er heute keinen bzw. nur
noch ganz wenig Kontakt hat. 1993 kam es zur Scheidung. Nach der Scheidung
lebte er einerseits bei seiner Mutter und teilweise mit seinen Kindern. 1981 heira-
tete er in L._ M._, bei der er teilweise wohnte, daneben aber eine eige-
ne Wohnung hatte. Seine Frau in H._ wusste von der Ehe in N._, nicht
aber umgekehrt. Diese andere Ehe blieb kinderlos und wurde im März 2006 auf-
gelöst, worauf der Beschuldigte in die Schweiz einreiste, die Privatklägerin 1 ken-
nenlernte und sie im Juli 2006 heiratete. In der Folge lebte er zusammen mit der
Privatklägerin 1 und deren Töchter, abgesehen von Temporärstellen im
Reinigungsbereich, vom Sozialamt. Er besitzt etwas Vermögen in Form von
geerbtem Bauland in seiner Heimatstadt. Schulden und Unterstützungspflichten
hat er gemäss seinen Angaben keine (Urk. 4/2 S. 2 f.; Urk. 4/4 S. 2 ff.; Urk. 16/5;
- 49 -
Urk. 30 S. 2 f.). die Ehe mit der Privatklägerin 2 wurde im Juli 2011 geschieden
(Urk. 31 S. 1). Anlässlich der Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte
aktualisierend aus, dass er im Vollzug Hausarbeiten machen könne und so
zwischen Fr. 600.– bis 650.– im Monat verdiene. Nach seiner Entlassung möchte
er in sein Dorf zurückkehren und Landwirtschaft betreiben und wenn möglich als
Chauffeur tätig sein (Urk. 77 S. 3 ff.).
Dieser Zumessungsfaktor ist als neutral zu werten.
4.2 Vorstrafen
Was das Vorleben betrifft, kommt bei der Strafzumessung den Vorstrafen grund-
sätzlich eine ausserordentlich wichtige Rolle zu (BSK Strafrecht I - Wiprächtiger,
2. Aufl., Basel 2007, Art. 47 N 94 ff.; Schwarzenegger/Hug/Jositsch, Strafrecht II,
8. Aufl., Zürich 2007, S. 100).
Gemäss Vorstrafenbericht (Urk. 16/2; auch Urk. 58), welchen der Beschuldigte als
richtig anerkennt (Urk. 4/4 S. 5), weist der Beschuldigte aus dem Jahre 2007 eine
Vorstrafe wegen Vergehens gegen das Bundesgesetz über Aufenthalt und
Niederlassung der Ausländer auf, wobei er mit einer auf zwei Jahre bedingten
Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu Fr. 30.-- belegt wurde. Diese nicht einschlägi-
ge Vorstrafe fällt nur leicht straferhöhend ins Gewicht.
4.3 Nachtatverhalten
Bei der Strafzumessung ist auch das Nachtatverhalten eines Täters mit zu
berücksichtigen. Darunter fällt das Verhalten nach der Tat sowie im Strafverahren,
wie zum Beispiel Reue, Einsicht und Strafempfindlichkeit. Ein Geständnis, das
kooperative Verhalten eines Täters bei der Aufklärung von Straftaten sowie
Einsicht und Reue wirken strafmindernd (BSK Strafrecht I - Wiprächtiger, Basel
2007, Art. 47 N 130 ff.).
Die Vorinstanz wertete das teilweise Geständnis des Beschuldigten zum äusse-
ren Sachverhalt strafmindernd. Das ist grundsätzlich nicht zu beanstanden, doch
ist zu betonen, dass der Beschuldigte bereits angesichts der Verhaftssituation in
Kombination mit der übrigen Beweislage praktisch überführt war und daher nur
- 50 -
eine minime Strafminderung angezeigt ist. Ebenfalls nur ganz leicht strafsenkend
ist ihm das grundsätzlich kooperative Verhalten im Strafverfahren anzurechnen,
zeigte er durch Beharren auf seiner Sichtweise des Geschehens doch kaum
Einsicht in das Unrecht seines Verhaltens. Dasselbe gilt für seine Reuebekun-
dung, die eher rhetorisch anmutet (Urk. 30 S. 6 und 8). Selbstmitleid ("Ich bin
nicht mehr bei meinem geliebten Leuten"; vgl. Urk. 4/4 S. 6) schwingt allerdings
ebenso mit.
Das Nachtatverhalten des Beschuldigten wirkt sich insgesamt nur leicht straf-
mindernd aus.
Eine erhöhte Strafempfindlichkeit ist sodann nicht ersichtlich.
4.4 Fazit
Die Täterkomponente relativiert die Tatkomponente in einem geringen Ausmass.
5. Fazit Strafzumessung
In Würdigung aller massgeblichen Strafzumessungsgründe und auch unter
Berücksichtigung des Asperationsprinzips erweist sich die von der Vorinstanz
ausgesprochene Sanktion von 13 Jahren Freiheitsstrafe als deutlich zu milde.
Dem Verschulden und den persönlichen Verhältnissen angemessen ist eine  von 16 Jahren.
An diese Freiheitsstrafe anzurechnen sind bis und mit heute 689 Tage Unter-
suchungshaft und vorzeitiger Strafvollzug (Art. 51 StGB; Urk. 55 S. 45).
V. Zivilansprüche
1. Die theoretischen Grundlagen für die Geltendmachung von Zivilansprüchen
sowie die Voraussetzungen für das Zusprechen einer Genugtuung samt der
massgeblichen Bemessungskriterien und Hinweis auf die aktuelle Fallkasuistik
sind im erstinstanzlichen Urteil korrekt aufgeführt und es kann darauf verwiesen
werden (Urk. 55 S. 45 f. und 49 f.). Ebenso hat die Vorinstanz richtig erwogen,
dass die Privatklägerinnen durch die vorliegend zu beurteilenden Straftaten in
- 51 -
ihrer physischen und psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt wurden und
deshalb Opfer gemäss Art. 1 Abs. 1 OHG bzw. Art. 116 Abs. 1 StPO sind.
2. Vor Vorinstanz haben die Privatklägerinnen eine Genugtuung in der Höhe
von Fr. 50'000.– (Privatklägerin 1) bzw. von Fr. 40'000.-- (Privatklägerin 2) je
zuzüglich 5 % Zins seit dem tt. November 2010 beantragt. Dem Genugtuungs-
begehren der Privatklägerin 1 wurde in der Höhe von Fr. 30'000.– nebst 5 % Zins
seit tt. November 2010 entsprochen. Die Genugtuung für die Privatklägerin 2 be-
mass die Vorinstanz auf Fr. 20'000.-- zuzüglich 5 % Zins seit tt. November 2010.
Im Mehrbetrag wurden die Genugtuungsforderungen abgewiesen. Die
Privatklägerinnen haben wie erwähnt auf eine Anschlussberufung verzichtet
(Urk. 80 S. 1).
3.1 Der Beschuldigte anerkennt grundsätzlich einen Genugtuungsanspruch der
beiden Opfer, erachtet die zuerkannten Beträge aber als unangemessen hoch.
Wie schon vor Bezirksgericht nimmt er den Standpunkt ein, es treffe die Privat-
klägerinnen ein Mitverschulden und die Genugtuungssummen seien deshalb
wesentlich tiefer anzusetzen (Urk. 56 S. 29).
3.2 Wie schon im angefochtenen Urteil zu Recht festgestellt, geht aus dem
rechtlich relevanten Sachverhalt kein Mitverschulden der Privatklägerinnen hervor
(Urk. 55 S. 49), und auch die vorstehenden Erwägungen zum Schuldpunkt führen
nicht zu einem andern Ergebnis. Eine Reduktion der Genugtuungssummen
infolge Mitverschuldens wie von der Verteidigung verlangt steht damit ausser
Frage.
3.3 Beide Privatklägerinnen wurden durch die versuchten Tötungsdelikte in ihrer
Persönlichkeit schwer verletzt.
3.4 Mit der Rechtsvertreterin der Privatklägerin 1 (Urk. 33) und der Vorinstanz ist
festzustellen, dass die Privatklägerin 1 nicht nur den Angriff ihres damaligen
Ehemannes - des Beschuldigten - auf sich selbst erleiden, sondern auch grosse
Angst um ihre Tochter, die Privatklägerin 2, erleben musste. Aufgrund der in der
- 52 -
Anklageschrift erwähnten und nicht bestrittenen Tatfolgen (Urk. 18 S. 3; vgl. auch
die vorstehenden Ausführungen zum Schuldpunkt, E. IV. und V.), musste bei der
Privatklägerin 1 zweimal eine grosse operative Baucheröffnung durchgeführt
werden (Urk. 8/6) , wobei es in der Folge zu einer komplizierten Wundheilung
sowie zu noch immer andauernden Störungen der Darmfunktion kam. Der
Bauchbereich blieb bis heute aufgeschwollen. Immer noch muss die Privatkläge-
rin 1 Medikamente einnehmen. Nach Einschätzung des behandelnden Arztes ist
mit lebenslänglichen Schmerzen im Bauchdeckenbereich zu rechnen (Urk. 34/1).
Überdies wirken die zahlreichen Narben entstellend und bedeuten für die erst
40-jährige Privatklägerin 1 eine psychische Belastung. Seit ihrer Entlassung aus
dem Spital steht die Privatklägerin 1 zudem in psychiatrischer Behandlung. Wenn
die Vorinstanz angesichts der Schwere des Verschuldens des Beschuldigten und
der Schwere der immateriellen Unbill der Privatklägerin 1 die Genugtuung auf
Fr. 30'000.-- zuzüglich Zins festgesetzt hat (Urk. 55 S. 50), so ist dies gerecht-
fertigt und sicher nicht übersetzt, weshalb die der Privatklägerin 1 zugesprochene
Genugtuung zuzüglich 5 % Zins seit tt. November 2010 ohne weiteres zu be-
stätigen ist.
3.5 Für die Privatklägerin 2 sind gemäss ihrer Rechtsvertreterin (vgl. Urk. 33),
deren Einschätzung ebenso zu übernehmen ist, die psychischen Folgen der Tat
nicht weniger dramatisch einzuschätzen als für die Privatklägerin 1. Sie ist eben-
falls Opfer eines versuchten Tötungsdelikts einer engen Bezugsperson, ihres
Stiefvaters, geworden. Sodann hat sie als Augenzeugin den Tötungsversuch an
ihrer Mutter, der Privatklägerin 1, miterlebt. Die Heilung der in der Anklageschrift
umschriebenen und unbestrittenen Verletzungen (Urk. 18 S. 4) sind bei ihr glück-
licherweise komplikationslos verlaufen. Sie hat aber ebenfalls bleibende Narben
davon getragen, was sie angesichts ihres noch jugendlichen Alters verständli-
cherweise sehr belastet. Das nähere Umfeld hat die Privatklägerin 2 nach der Tat
sodann als "sehr verändert" erlebt. Sie wirkte blockiert, irgendwie "näbe de
Schue" (act. 33 S. 3). Aufgrund ihres adoleszenten Alters stelle eine Psychothe-
rapie, bei der eine Bindung zum Psychiater einzugehen sei, laut ihrer Rechtsver-
treterin aber keine Option dar, da die aktuelle Lebensphase (Reifeprozess) der
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Privatklägerin 2 die Loslösung von Bindungen verlange. Obschon die Privatkläge-
rin 2 derzeit keine Psychotherapie besucht, kann fraglos davon ausgegangen
werden, dass auch bei ihr die Tat vom tt. November 2010 Spuren hinterlassen
habe (Prot. S. 11). Dr. med. O._ schliesst in seinem Bericht vom
12. Dezember 2011 wiederholte Depressionen oder Angstzustände in bestimmten
Situationen und Panikattacken nicht aus (Urk. 34/4). Die von der Vorinstanz der
Privatklägerin 2 zuerkannte Genugtuungssumme von Fr. 20'000.-- zuzüglich
5 % Zins seit tt. November 2010 ist angesichts der Schwere des Verschuldens
des Beschuldigten und der erlittenen immateriellen Unbill der Privatklägerin 2
ebenfalls nicht zu hoch und somit zu bestätigen.
VI. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die Kosten des Berufungsverfahrens sind auf Fr. 3'500.– zu veranschlagen
(Art. 424 Abs. 1 StPO i.V.m. § 16 Abs. 1 und § 14 der Gebührenverordnung des
Obergerichts, LS. 211.11).
2.1 Der Beschuldigte unterliegt in zweiter Instanz mit seinen Anträgen vollum-
fänglich, weshalb ihm auch die Kosten des Berufungsverfahrens, einschliesslich
der Kosten für die unentgeltliche Verbeiständung der Privatklägerinnen 1 und 2,
aber mit Ausnahme der Kosten für die amtliche Verteidigung, aufzuerlegen sind
(Art. 428 StPO). Angesichts der bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnisse des
Beschuldigten sowie der langjährigen Freiheitsstrafe sind die Kosten definitiv
abzuschreiben (Art. 425 StPO).
2.2 Die Kosten der amtlichen Verteidigung für das Berufungsverfahren sind auf
die Gerichtskasse zu nehmen, wobei eine allfällige Rückerstattungspflicht im
Sinne von Art. 135 Abs. 4 StPO vorbehalten bleibt.
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