Decision ID: b1d096a6-87cd-523e-8b6e-efd2644859fc
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorie B seit dem 4. September 2008 und
denjenigen der Kategorie A seit dem 19. Oktober 2012. Am Samstag, 18. August 2018,
um ca. 13.05 Uhr, verursachte sie mit ihrem Motorrad auf der Autobahn A13 in S einen
Verkehrsunfall wegen Nichteinhaltens eines genügenden Abstandes beim
Hintereinanderfahren. In der Folge wurde X mit Strafbefehl des Untersuchungsamts A
vom 11. Oktober 2018 der einfachen Verletzung der Verkehrsregeln schuldig
gesprochen und zu einer Busse von Fr. 300.– verurteilt. Der Strafbefehl erwuchs
unangefochten in Rechtskraft.
B.- Am 4. Dezember 2018 eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des
Kantons St. Gallen (nachfolgend: Strassenverkehrsamt) gegenüber X ein
Administrativmassnahmeverfahren und gab ihr Gelegenheit, zum beabsichtigten
Führerausweisentzug für die Dauer eines Monats Stellung zu nehmen. Mit Eingabe vom
7. Dezember 2018 beantragte der Rechtsvertreter von X, es sei von einem
Führerausweisentzug abzusehen und X sei im Sinne von Art. 16a des
Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt: SVG) zu verwarnen. Am
27. Dezember 2018 (Datum der Postaufgabe) sandte X ihren Führerausweis dem
Strassenverkehrsamt mit der Erklärung, sie sei im Februar 2019 aus beruflichen
Gründen auf das Führen eines Fahrzeugs angewiesen, weshalb sie – im Falle eines zu
verfügenden Führerausweisentzugs – den Ausweis nach Ablauf der Entzugsdauer von
einem Monat am 28. Januar 2019 wieder zurückerwarte. Unmittelbar nach Eingang des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Führerausweises wollte das Strassenverkehrsamt mit dem Rechtsvertreter Kontakt
aufnehmen; dieser war nach den Feiertagen aber erst am 8. Januar 2019 wieder
erreichbar. Am gleichen Tag verfügte das Strassenverkehrsamt einen einmonatigen
Führerausweisentzug mit Wirkung ab 8. Januar bis und mit 7. Februar 2019 (Ziffer 2
des Rechtsspruchs).
C.- Gegen die Verfügung vom Strassenverkehrsamt erhob X mit Eingabe ihres
Rechtsvertreters vom 21. Januar 2019 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission
des Kantons St. Gallen (VRK) mit dem Antrag, Ziffer 2 der Verfügung vom 8. Januar
2019 sei aufzuheben und der Führerausweisentzug von einem Monat sei für die Dauer
vom 28. Dezember 2018 bis zum 27. Januar 2019 festzulegen. Das
Strassenverkehrsamt beantragte mit Vernehmlassung vom 12. Februar 2019 die
Abweisung des Rekurses, wozu der Rechtsvertreter von X mit Eingabe vom
14. Februar 2019 Stellung nahm.
Auf die Ausführungen der Rekurrentin wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sach-entscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 21. Januar 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.- Der vorinstanzlich angeordnete Führerausweisentzug für die Dauer eines Monats
(Ziffer 1 der angefochtenen Verfügung) wird von der Rekurrentin nicht angefochten. Im
Rekurs ist einzig umstritten, ob der Führerausweisentzug mit Wirkung ab 28. Dezember
2018 (Eintreffen des Führerausweises beim Strassenverkehrsamt) oder ab 8. Januar
2019 (Verfügung des Strassenverkehrsamtes) zu vollziehen ist.
3.- Gemäss Art. 101 Abs. 1 VRP sind Verfügungen und Entscheide vollstreckbar, wenn
sie mit ordentlichen Rechtsmitteln nicht oder nicht mehr angefochten werden können,
es sei denn, die erlassende Behörde habe die Vollstreckbarkeit auf einen späteren
Zeitpunkt festgesetzt. Die gesetzliche Ordnung in der Verwaltungsrechtspflege geht
davon aus, dass das Erkenntnis- und Vollstreckungsverfahren grundsätzlich
voneinander getrennt sind. Im ersten wird über Bestand und Umfang öffentlicher
Rechte und Pflichten entschieden, im zweiten über die Art der Durchsetzung und der
Überwälzung der Vollstreckungskosten. Die Sachverfügung geht somit der
Vollstreckungsverfügung voran (Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit, Rz. 1230).
Indem die Vorinstanz in der Verfügung vom 8. Januar 2019 nicht nur den
Führerausweisentzug für die Dauer von einem Monat anordnete, sondern in derselben
Verfügung auch den Vollzugszeitpunkt (8. Januar bis und mit 7. Februar 2019)
festsetzte, vermischte sie unzulässigerweise das Erkenntnis- und das
Vollstreckungsverfahren. Dieses Vorgehen erscheint auch deshalb problematisch, weil
sich die beiden Verfahren in wesentlichen Punkten unterscheiden: So beträgt die
Rechtsmittelfrist bei Vollstreckungsverfügungen fünf Tage (Art. 47 Abs. 2 VRP) und bei
Sachverfügungen 14 Tage (Art. 47 Abs. 1 VRP). Sodann ist für die Beurteilung eines
Rekurses gegen eine Vollstreckungsverfügung der Präsident zuständig (Art. 44 Abs. 2
in Verbindung mit Art. 58 VRP), während das Gericht als Kollegialbehörde über Rekurse
gegen Sachverfügungen zu befinden hat. Zu berücksichtigen ist auch, dass das VRP –
dies im Unterschied zu Art. 337 der Schweizerischen Zivilprozessordnung (SR 272,
abgekürzt: ZPO) – keine "direkte Vollstreckung" vorsieht (vgl. BSK ZPO-Droese,
Art. 337 N 1 ff.). Auch aus diesem Grund ist es der Vorinstanz – ausgenommen von der
Möglichkeit, einem allfälligen Rekurs die aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 51
Abs. 1 VRP), worum es hier aber nicht geht – verwehrt, in der Sachverfügung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gleichzeitig Vollstreckungsmassnahmen anzuordnen, worunter insbesondere die
zeitliche Festsetzung des Beginns und Endes einer administrativrechtlichen
Massnahme fällt. Dass es für die Vorinstanz angesichts der grossen Anzahl zu
bearbeitender Fälle und der im Vergleich zu den erledigten Verfahren geringen Anzahl
an Weiterzügen ans Gericht weniger aufwändig ist, in der Hauptverfügung auch den
Vollzug der Massnahme zeitlich festzulegen, ändert nichts daran, dass diese
Vorgehensweise nicht gesetzmässig ist. Die VRK hebt deshalb vorinstanzlich
angeordnete Vollzugsdauern in Sachverfügungen (Warnungsentzüge oder
Warnungsaberkennungen) unter Kostenfolgen zulasten der Vorinstanz regelmässig auf,
wenn diese aufgrund der Dauer des Rekursverfahrens nicht bereits gegenstandslos
geworden sind. Das Strassenverkehrsamt hat dann nach Eintritt der Rechtskraft der
Sachverfügung eine Vollstreckungsverfügung zu erlassen (Entscheid der VRK
IV-2017/149 P vom 4. Februar 2019 E. 2, im Internet abrufbar unter:
www.gerichte.sg.ch). So ist auch im vorliegenden Fall vorzugehen, weshalb die Ziffer 2
der Verfügung vom 8. Januar 2019 aufzuheben und die Angelegenheit im Sinn der
Erwägungen zum Erlass einer Vollstreckungsverfügung an die Vorinstanz
zurückzuweisen ist, und zwar unter Berücksichtigung der Anzahl Tage der bereits
vollzogenen Massnahme. Die zu erlassende Vollstreckungsverfügung könnte dann
wiederum angefochten werden (vgl. Art. 44 und 47 Abs. 2 VRP).
4.- a) Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten dem Staat
aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 500.– erscheint
angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 500.– ist der Rekurrentin zurückzuerstatten.
b) Zufolge Obsiegens hat die Rekurrentin Anspruch auf volle Entschädigung ihrer
Partei-kosten (Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund der Rechts- und Sachlage als
notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP). Im Rekursverfahren war
der Beizug eines Rechtsbeistandes geboten. Das Honorar im Verfahren vor der
Verwaltungsrekurskommission wird grundsätzlich pauschal bemessen, wobei der
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rahmen zwischen Fr. 1'500.– und Fr. 15'000.– liegt (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt:
HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen
Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des
Falls und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten bemessen (Art. 19 HonO).
Der Aktenumfang ist im Vergleich zu anderen Strassenverkehrsfällen gering. In
tatsächlicher Hinsicht ergaben sich keine besonderen Schwierigkeiten, und die
Rechtsfrage betraf einzig die Frage des Zeitpunkts des Beginns der
Führerausweisentzugsdauer. Insbesondere aufgrund des erheblich eingeschränkten
Prozessthemas ist es gerechtfertigt, die untere Grenze der Honorarpauschale zu
unterschreiten und das Honorar auf Fr. 1'300.– festzulegen. Damit ist gleichzeitig
gesagt, dass das geltend gemachte Honorar von Fr. 1'937.– zu hoch ist. Zum Honorar
hinzuzuzählen sind die Barauslagen von Fr. 52.– (4% von Fr. 1'300.–, Art. 28 Abs. 1
HonO) und die Mehrwertsteuer von Fr. 104.10 (7,7% von Fr. 1'352.–, Art. 29 HonO). Die
ausseramtliche Entschädigung beläuft sich somit auf Fr. 1'456.10;
entschädigungspflichtig ist der Staat (Strassenverkehrsamt).