Decision ID: f156c235-acff-5232-8fb0-023e441de5b2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer verliess seine Heimat eigenen Angaben zufolge
am (...) und gelangte am 4. April 2013 in die Schweiz, wo er am selben
Tag um Asyl nachsuchte. Am 15. April 2013 erhob das damalige Bundes-
amt für Migration (BFM, seit dem 1. Januar 2015: SEM) seine Personalien
und befragte ihn zu seinem Reiseweg sowie – summarisch – zu seinen
Ausreisegründen (Befragung zur Person [BzP]). Am 25. Oktober 2013
hörte das BFM den Beschwerdeführer einlässlich zu seinen Asylgründen
an.
Dabei führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen aus, er sei im Jahr
(...) Gründungsmitglied des Ortsverbandes der HADEP (Halkın Demokrasi
Partisi; Partei der Demokratie des Volkes) in B._ gewesen. Er habe
das Parteilokal allerdings nach (...) Monaten schliessen müssen, weil die
Polizei ständig Razzien durchgeführt und dabei Gegenstände zerstört
habe. Deswegen sei er in diesem Zusammenhang zweimal – (...), wie auch
früher, (...) – für (...) Tage lang festgenommen und verprügelt worden. Spä-
ter habe er zwischen (...) und (...) die Guerilla ([Partiya Karkerên Kurdis-
tan, PKK]; Arbeiterpartei Kurdistans) unterstützt, indem er von kurdischen
Händlern Hilfsgüter in Empfang genommen und diese ins Dorf C._
bei D._ zu einer Tante gebracht habe, die sie dann an die Guerilla
weitergeleitet habe. Er habe diese Aktivitäten an Stelle seines Bruders
E._ übernommen, nachdem dieser habe untertauchen müssen. Er
(Beschwerdeführer) selbst habe mit den Hilfslieferungen an die PKK Ende
(...) /Anfang (...) aufgehört, weil er damals psychische und familiäre Prob-
leme gehabt habe. Ende des Jahres (...) seien seine Aktivitäten allerdings
aufgeflogen, nachdem ein Verwandter, der mit den Militärs zusammenge-
arbeitet habe, ihn (Beschwerdeführer) an die Behörden verraten habe. Da-
nach sei die Polizei vorbeigekommen und habe Razzien durchgeführt. Seit
dem Jahr (...) habe er im (...)geschäft seines Bruders F._ in
B._ mitgearbeitet. Dabei hätten sie sich in den Jahren (...) / (...)
auch über seine früheren Unterstützungsaktivitäten zugunsten der PKK un-
terhalten, die mutmasslich ein weiterer (...) seines Bruders belauscht und
an die Polizei weitergeleitet habe. Ende (...) / Anfang (...) hätten Unbe-
kannte im Teppichreinigungsgeschäft seines Bruders F._, in wel-
chem er (Beschwerdeführer) mitgearbeitet habe, Scheiben eingeschlagen.
Er sei damals nicht vor Ort gewesen, sondern habe mitgeholfen, den Emp-
fang eines (...) der Barış ve Demokrasi Partisi (BDP; Partei des Friedens
und der Demokratie) in B._ vorzubereiten. Nach dem Anschlag auf
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das Geschäft habe ihn sein Bruder F._ telefonisch informiert, dass
die Polizei erschienen sei und sich nach ihm erkundigt habe. Er vermute,
dass die polizeiliche Suche nach ihm im Zusammenhang mit seinen frühe-
ren Tätigkeiten für die HADEP oder denjenigen für die BDP stehen könnte.
Daraufhin sei er (...) bis (...) Tage lang in B._ untergetaucht und
anschliessend nach G._ gereist, bis er die Türkei nach etwa einem
(...) mit Hilfe eines Schleppers mit einem Lastwagen nach Europa habe
verlassen können. Sein Bruder F._ lebe weiterhin in B._.
Der Beschwerdeführer reichte im Verlaufe des erstinstanzlichen Verfah-
rens Listen und Bestätigungen über HADEP Parteimitglieder aus dem Jahr
(...), in denen er namentlich aufgeführt werde, und seine ID-Karte zu den
Akten.
A.b Die Dossiers der M._ (BVGer E-7158/2006, E-6594/2006 und
E-7157/2006) wurden vom BFM für die Behandlung des Asylgesuchs bei-
gezogen.
B.
Mit Verfügung vom 11. Februar 2014 stellte das BFM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab,
verfügte seine Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.
Die gegen diesen Entscheid erhobene Beschwerde hiess das Bundesver-
waltungsgericht mit Urteil D-1344/2014 vom 18. Januar 2017 gut, soweit
die Aufhebung der angefochtenen Verfügung beantragt worden war, und
wies die Sache zur vollständigen Sachverhaltsermittlung und zur Neubeur-
teilung an das SEM zurück.
C.
Der Beschwerdeführer teilte dem SEM mit Eingaben vom 14. März und
5. April 2017 mit, dass seine als Flüchtlinge anerkannten (...) in der
Schweiz wohl bespitzelt worden seien. Zudem sei ein bekannter Filmdar-
steller, H._, der sich europaweit für die kurdische Sache einsetze,
mit seiner I._ verheiratet. Er (Beschwerdeführer) sei in der Schweiz
weiterhin ein praktizierender Alewit. Er habe vernommen, dass in der Tür-
kei immer wieder nach ihm gefragt werde, was auf eine Überwachung
schliessen lasse. Seinetwegen sei sein J._ in der Türkei im Studium
zurückversetzt worden.
D.
Mit Schreiben vom 19. September 2017 reichte der Beschwerdeführer ein
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Arztzeugnis ein, wonach er an einem (...)abhängigkeits-Syndrom leide.
Regelmässig müsse er das Medikament (...) einnehmen. Ausserdem
brachte er vor, es sei ihm wiederholt mitgeteilt worden, dass zu Hause nach
ihm gesucht werde. In der Türkei würden Oppositionspolitiker der HDP un-
ter dem Vorwand festgenommen, den Terrorismus zu unterstützen.
E.
Nachdem der Beschwerdeführer am 27. Juni 2019 sein Asylgesuch zu-
rückgezogen hatte, weil er zu seiner K._ und seinem L._
nach G._ habe zurückkehren wollen, schrieb das SEM sein Asylge-
such am 23. Juli 2019 ab.
F.
Der Beschwerdeführer gab mit Schreiben vom 19. September 2019 an,
dass er am Tag seines Asylrückzugs wegen seines (...)leidens nicht urteils-
fähig gewesen sei.
Das SEM nahm am 30. Dezember 2019 das Asylverfahren wieder auf.
G.
Der Beschwerdeführer setzte das SEM am 24. Februar 2020 darüber in
Kenntnis, dass es zu keiner wesentlichen Änderung hinsichtlich des im
Bundesverwaltungsgerichtsurteil vom 18. Januar 2017 geschilderten
Sachverhalts gekommen sei. Er ergänzte, dass seine M._ selbst
beim Tod seines Vaters nicht in die Türkei hätten reisen können. Es sei in
den Wochen vor seinem Schreiben immer wieder zu Erkundigungen sei-
tens der türkischen Sicherheitsbehörden gekommen, die nach ihm (Be-
schwerdeführer) und seinen M._ gefragt hätten. Er lebe in grosser
Angst, als einziger der M._ in die Hände der türkischen Sicherheits-
behörden ausgeliefert zu werden. Er sei schliesslich auf medizinische Be-
handlung angewiesen.
H.
Mit Verfügung vom 31. März 2020 lehnte das SEM das Asylgesuch des
Beschwerdeführers erneut ab, wies ihn aus der Schweiz weg und ordnete
den Wegweisungsvollzug an.
I.
Der Beschwerdeführer erhob mit Eingabe vom 4. Mai 2020 (Datum Post-
stempel) dagegen Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und bean-
tragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben. Ihm sei Asyl zu ge-
währen und es sei auf eine Wegweisung aus der Schweiz zu verzichten. In
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prozessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und um Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amt-
lichen Rechtsbeistand.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 25. Mai 2020 hiess die damals zuständige In-
struktionsrichterin – unter Vorbehalt des Nachreichens einer Fürsorgebe-
stätigung – die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und um Beiordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlichen
Rechtsbeistand gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
K.
Der Beschwerdeführer reichte mit Schreiben vom 5. Juni 2020 (Datum
Poststempel) eine Fürsorgebestätigung vom 2. Juni 2020 ein.
L.
Die Vorinstanz liess sich mit Eingabe vom 9. Juni 2020 zur Sache verneh-
men.
M.
Innert der mit Instruktionsverfügung vom 11. Juni 2020 angesetzten Frist
ging keine Replik des Beschwerdeführers ein.
N.
Aus organisatorischen Gründen wurde der Vorsitz im Beschwerdeverfah-
ren am 22. Januar 2021 auf Richter Simon Thurnheer übertragen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des AsylG in Kraft
getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
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1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1
sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG) ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE
2015/3 E. 6.5.1 m. Verw.).
4.
4.1 Die Vorinstanz gelangt in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
dass die Vorbringen des Beschwerdeführers weder den Anforderungen an
die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG noch denjenigen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG standhielten.
Der Beschwerdeführer habe im Zusammenhang mit der unmittelbar aus-
reisebestimmenden Fahndung im Jahr (...) behauptet, die Polizei habe
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sich ständig, ungefähr alle (...) Tage, zu Hause und im Geschäft nach ihm
erkundigt. Es sei jedoch nicht nachvollziehbar, dass ihn die Behörden nie
vorgeladen hätten, falls sie ihn in B._ vor oder nach seiner Ausreise
tatsächlich gesucht hätten. Realitätsfremd sei ein derart beschriebenes
Verhalten auch deshalb, weil ihn die heimatlichen Behörden wegen seiner
HADEP-Tätigkeiten mit Sicherheit viel früher gesucht, gefunden und be-
straft hätten, zumal seine Familie den heimatlichen Behörden aktenkundig
als politische Familie bekannt gewesen sei.
Im Weiteren habe er im Verlaufe des Verfahrens zu wesentlichen Punkten
auch unterschiedliche Angaben gemacht. So habe er in der BzP zu Proto-
koll gegeben, dass er Ende (...) / Anfang (...) von einem Verwandten, der
mit den Militärs zusammengearbeitet habe, „enttarnt“ worden sei, wogegen
seine Enttarnung laut der Anhörung erst (...) oder (...) erfolgt sein solle –
womöglich durch einen (...) des (...)geschäfts, der ihn und seinen (...) be-
lauscht haben könnte. Auch hinsichtlich des Grundes, der zur Beendigung
seiner Guerillaunterstützung (im Jahr [...]) geführt habe, habe er wider-
sprüchliche Angaben gemacht, indem er bei der Anhörung gesundheitliche
Gründe, bei der BzP indessen eine polizeiliche Suche zufolge seiner „Ent-
tarnung“ geltend gemacht habe. Darüber hinaus falle auf, dass er in der
BzP als Ausreisegrund im Jahr (...) einen Anschlag auf das Geschäft sei-
nes Bruders F._ geltend gemacht habe, den er bei der Anhörung
erst auf Vorhalt des Befragers hin genannt habe. Der diesbezügliche Er-
klärungsversuch in der Anhörung, entsprechende Beweismittel würden
fehlen, vermöge nicht zu überzeugen. Somit erscheine dieses Vorkommnis
als nicht glaubhaft.
Soweit der Beschwerdeführer Vorbringen im Zusammenhang mit der Grün-
dung der Lokalsektion der HADEP beziehungsweise der DEHAB respek-
tive deren Schliessung im Jahr (...) oder (...) geltend mache, stünden diese
zeitlich nicht in einem hinreichend engen kausalen Zusammenhang zu sei-
ner (...) Jahre später erfolgten Flucht, weshalb sie asylrechtlich nicht rele-
vant seien. Erst in der Anhörung habe er von kurzen, tageweisen Inhaftie-
rungen und Folterungen in den Jahren (...) und (...) gesprochen. Abgese-
hen davon, dass die Glaubhaftmachung von verspäteten Vorbringen
grundsätzlich nicht gegeben sei, seien sie ebenso wenig geeignet, seine
Flucht von (...) zu plausibilisieren. Auch thematisch seien jene verspäteten
Vorbringen auf eine Mitgliedschaft im Verein N._ oder die Schlies-
sung der Parteizentrale der HADEP zurückzuführen.
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Schliesslich habe er während seiner Anhörung keine Nachteile geltend ge-
macht, die ihm im Zusammenhang mit seinen beiden in der Türkei inhaf-
tierten und nunmehr in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannten Brüdern
E._ und O._ widerfahren seien. Die beiden Brüder hätten
ihn ebenso wenig zu ihren eigenen Asylgründen namentlich erwähnt. Zu-
dem sei er (...) weitere Jahre in der Türkei verblieben und habe dort (...)
bis (...) Jahre ohne (glaubhafte) behördliche Massnahmen gelebt und ge-
arbeitet. Dass er nunmehr ebenfalls in die Schweiz eingereist sei und hier
womöglich Kontakt zu seinen Brüdern unterhalte, reiche für die Annahme
einer ihm mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit drohenden Verfolgungsge-
fahr im Falle einer Rückkehr in die Türkei nicht aus, zumal er nach deren
Ausreise aus der Türkei dort nicht gesucht worden sei.
In der umstrittenen Rückzugserklärung vom 27. Juni 2019 habe er ange-
geben, zu seiner K._ und seinem L._ zurückkehren zu wol-
len. Es könne zwar im Zusammenhang mit seinen (...)problemen nicht
gänzlich ausgeschlossen werden, dass er am besagten Tag nicht zurech-
nungsfähig gewesen sei, indes könne im gesamten Verfahren bis zum ei-
gentlichen Rückzug dennoch davon ausgegangen werden, dass er sich mit
einer Rückkehr in die Heimat ernsthaft Gedanken gemacht haben müsse
und einen Termin zwecks Rückzugserklärung beim Asylbüro mit Sicherheit
im Voraus geplant habe. Gerade deshalb könne zumindest seine subjek-
tive Furcht vor asylrelevanten Nachteilen bei einer Rückkehr in die Türkei
verneint werden.
Der Beschwerdeführer beschränke sich auf eine pauschale Erwähnung
von weiteren behördlichen Suchen nach ihm in der Heimat, ohne dass er
dazu ein einziges konkretisierendes Detail zu nennen wisse oder einen
einzigen Beleg eingereicht hätte. Dazu passe auch, dass er festgehalten
habe, dass es in seinem Fall seit dem Bundesverwaltungsgerichtsurteil
vom 18. Januar 2017 bis heute zu keiner wesentlichen Veränderung des
geschilderten Sachverhalts gekommen sei. Den aktualisierten Akten seien
auch keine weiteren konkreten Hinweise zu entnehmen, wonach er in der
Schweiz weiter politisch tätig gewesen wäre. Dass er in der «exilpolitischen
Szene» verkehre, genüge zur Glaubhaftmachung nicht. Die übrigen Einga-
ben, er sei ein Alewit oder HDP-Politiker würden festgenommen werden,
genügten ebenso wenig zur Glaubhaftmachung einer objektiven oder sub-
jektiven Furcht vor Verfolgung.
4.2 Der Beschwerdeführer entgegnete in der Rechtsmittelschrift, die Vor-
kommnisse würden im Zuge der längeren Zeitspanne zwischen den ersten
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Verfolgungshandlungen durch die türkische Staatsmacht gegen ihn ver-
schwimmen, weshalb es ganz automatisch zu Abweichungen in den Aus-
sagen hinsichtlich Zeit und Ort komme. Er müsse die einzelnen Daten und
Ereignisse aus seinem Gedächtnis abrufen. Es könne deshalb nicht von
Widersprüchen ausgegangen werden, sondern mehr von normalen natür-
lichen Abweichungen. Erschwerend komme bei der Beurteilung des Ver-
haltens sowie der kognitiven Fähigkeiten des Beschwerdeführers hinzu,
dass er schwer (...)krank sei und im Zuge dieser Krankheit als invalid zu
betrachten sei. Dass bei einem schweren (...) die Gedächtnisleistungen
stark eingeschränkt seien, dürfte gerichtsnotorisch sein.
Von der Vorinstanz werde anerkannt, dass der Beschwerdeführer aus einer
politisch aktiven Familie mit engen Beziehungen zur PKK stamme, und die
beiden Brüder F._ und E._ seien in diesem Zusammenhang
in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt worden. Dass diese beiden den
Beschwerdeführer in ihren damaligen Verfahren nicht erwähnt hätten, sei
nachvollziehbar und schlüssig. Die beiden hätten doch nicht den Be-
schwerdeführer beziehungsweise die zurückbleibenden Familienmitglieder
einer Gefahr aussetzen wollen. Auch noch heute sei das Misstrauen sehr
gross, dass Informationen aus dem Asylverfahren an die Türkei gelangten.
Die Rolle des Beschwerdeführers bei der HADEP (HDP) in aktiver Form
werde durch die Vorinstanz anerkannt. Diese unterlasse jedoch eine Beur-
teilung im Rahmen des zeitlichen Wandels und ergehe sich in Mutmassun-
gen. Dass zwischenzeitlich die alleinige aktive Mitgliedschaft in der HDP
und aktive Teilnahme an bereits vor Jahren erfolgten Parteiaktivitäten zur
Verfolgung durch den türkischen Staat führe, sei aufgrund der unzähligen
international dokumentierten Fälle allgemein bekannt. Gemäss Mitteilun-
gen der Familie beziehungsweise Quellen aus der Türkei sei der Be-
schwerdeführer in der Türkei zur Verhaftung ausgeschrieben und werde
von Polizei und Staatsgewalt gesucht. Die Einholung entsprechender Be-
lege sei jedoch zum heutigen Zeitpunkt über alle Massen schwer. Einer-
seits aufgrund der Einschränkungen innerhalb sowie zwischen den Staa-
ten, andererseits aufgrund der Tatsache, dass der Beschwerdeführer kei-
nen türkischen Rechtsanwalt in seiner physischen/psychischen Situation
mandatieren könne, auch sei er mittellos. Aufgrund dieser unbestreitbaren
Tatsachen, dass der Beschwerdeführer und seine Familie der
PKK/KCK/HDP, einer in der Schweiz erlaubten politischen Gruppierung,
nahestände und in deren Umfeld aktiv sei, sowie verfolgter Alewit sei, sei
der Beschwerdeführer einer in der Türkei politisch und religiös verfolgten
Minderheit zuzuordnen.
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Der angefochtene Entscheid sei auch unter Vernachlässigung der aktuel-
len politischen Lage ausgefällt worden. Weder sei die Tatsache berücksich-
tigt worden, dass die Türkei unter Kriegsrecht stehe und die Heimat des
Beschwerdeführers Spielball der internationalen Interessen des Präsiden-
ten der Türkei sei, noch die Tatsache, dass die dies- und jenseits der türki-
schen Südgrenze liegenden Kurdengebiete in einem offenen Krieg stün-
den. Das Existenzrecht der Alewiten und Kurden werde seitens der herr-
schenden Politik und Regierung für das gesamte Staatsgebiet der Türkei
in Frage gestellt. Landesweite Säuberungen von AKP-kritischen Personen
und insbesondere Kurden mit einer gewissen Nähe zu kurdischen Organi-
sationen fänden in allen Gesellschaftsschichten (Behörden, Justiz, Polizei,
Militär, Parlamentarier etc.) in der ganzen Türkei statt. Es könne damit nicht
davon ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer vor staatlich mo-
tivierter Verfolgung in einem anderen Landesteil verschont bliebe.
Der Beschwerdeführer habe im Rahmen sämtlicher Befragungen die Er-
lebnisse in der Türkei schlüssig dargelegt. Er habe seine familiäre Situa-
tion, welche eine enge familiäre Beziehung zu führenden Personen der
PKK/KCK beinhalte, sowie seine Hilfeleistung für seinen Cousin
P._, glaubhaft dargelegt. Dass er von türkischen Sicherheitskräften
in der Folge überwacht und danach verschleppt und mit dem Tod bedroht
worden sei, zeige klar auf, dass er in der Türkei mit staatlichen Massnah-
men gegen Leib, Leben und Freiheit bedroht sei.
4.3 Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung fest, die Beschwerde-
schrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, die
eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten. Gemäss Arti-
kel 153 der türkischen Strafprozessordnung seien grundsätzlich Kopien al-
ler Art bereits während eines Untersuchungsverfahrens erhältlich. Be-
stünde tatsächlich – wie vom Beschwerdeführer behauptet – ein Haftbe-
fehl, so wäre es ihm auch unbenommen gewesen, beispielsweise seine
Familie mit der Beweismittelsicherung zu beauftragen. Die Hinweise auf
seine gesundheitliche Verfassung oder Mittellosigkeit seien hier nicht ziel-
führend. Sodann sei nicht aktenkundig, dass er oder seine Familie bemüht
gewesen wären, dazu konkrete Schritte einzuleiten. Solche hätten zur
Glaubhaftigkeit jenes Vorbringens beitragen können.
5.
5.1 Asylsuchende sind auch dann als Flüchtlinge anzuerkennen, wenn sie
erst aufgrund von Ereignissen nach ihrer Ausreise im Falle einer Rückkehr
in ihren Heimat- oder Herkunftsstaat in flüchtlingsrechtlich relevanter
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Seite 11
Weise verfolgt würden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen objektiven und
subjektiven Nachfluchtgründen. Objektive Nachfluchtgründe liegen vor,
wenn äussere Umstände, auf welche die asylsuchende Person keinen Ein-
fluss nehmen konnte, zur drohenden Verfolgung führen; der von einer Ver-
folgung bedrohten Person ist in solchen Fällen die Flüchtlingseigenschaft
zuzuerkennen und Asyl zu gewähren. Subjektive Nachfluchtgründe liegen
vor, wenn eine asylsuchende Person erst durch die unerlaubte Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach
der Ausreise eine Verfolgung zu befürchten hat; in diesen Fällen wird kein
Asyl gewährt (Art. 54 AsyG; vgl. BVGE 2010/44 E. 3.5 m.w.H.).
5.2
5.2.1 Mit erwähntem Urteil D-1344/2014 vom 18. Januar 2017 wurde das
Zwischenergebnis gezogen, dem Beschwerdeführer sei es nicht gelungen,
eine asylbeachtliche Verfolgungssituation zufolge eigener politischer Akti-
vitäten im Zeitpunkt seiner Ausreise aus der Türkei darzutun beziehungs-
weise glaubhaft zu machen (vgl. dortige E. 5.4). Die Sache wurde der Vor-
instanz zur vollständigen Sachverhaltsermittlung und Neubeurteilung zu-
rückgewiesen (vgl. Bst. B hievor). Das Bundesverwaltungsgericht führte
aus, dass angesichts des gescheiterten Putschversuchs in der Nacht vom
15. auf den 16. Juli 2016 und insbesondere seit der Verhängung des Aus-
nahmezustands und der nach der angefochtenen Verfügung eingetretenen
Zuspitzung der politischen Lage in der Türkei sich die Frage stelle, ob die
früheren politischen Tätigkeiten des Beschwerdeführers zugunsten kurdi-
scher Oppositionskreise sowie der Umstand, dass (...) seiner M._
in der Schweiz Asyl erhalten hätten, unter dem Aspekt objektiver Nach-
fluchtgründe geeignet sein könnten, einen Asylanspruch des Beschwerde-
führers zu begründen (vgl. E. 6.3 f. des zitierten BVGer Urteils).
5.2.2 Ausgehend davon vermögen die zu berücksichtigende Verschärfung
der politischen Situation in der Türkei sowie die ergänzenden Ausführun-
gen im Schreiben des Beschwerdeführers vom 24. Februar 2020 mit Blick
auf das allfällige Vorliegen von objektiven Nachfluchtgründen das Beste-
hen einer asylrelevanten Verfolgungsgefahr nicht darzutun. Zwar trifft es
zu, dass sich im Zuge der Parlamentswahlen vom Juni respektive Novem-
ber 2015 und des gleichzeitigen Wiederaufflackerns des Kurdenkonflikts
die Sicherheits- und Menschenrechtslage in der Türkei verschlechtert hat.
Seit dem gescheiterten Putschversuch vom Juli 2016 und insbesondere
der darauffolgenden Verhängung des Ausnahmezustands ist eine Eskala-
tion von Inhaftierungen und politischen Säuberungen festzustellen. Zudem
konnte eine deutliche Zuspitzung des Kurdenkonflikts beobachtet werden.
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Seite 12
Die Sicherheitslage in der Türkei hat sich dadurch namentlich für oppositi-
onell tätige Personen und allgemein für die Kurden in der letzten Zeit deut-
lich verschlechtert (vgl. dazu die Erwägungen im Urteil E-5347/2014 vom
16. November 2016, E. 5.6.2). Die Massnahmen richten sich jedoch vor
allem gegen Anhänger pro-kurdischer Parteien, die eine höhere Funktion
innerhalb ihrer Partei oder ein politisches Amt innehaben (vgl. etwa Urteil
des BVGer E-3814/2019 vom 9. August 2019 E. 5.5 m.w.H.). Auch unter
Berücksichtigung der aktuellen Lage in der Türkei ist nicht anzunehmen,
dass das Profil des Beschwerdeführers für die Behörden von Interesse ist.
So verfügte er bereits zuvor als einfaches Mitglied der HADEP, welches
parteiübliche politische Aktivitäten ausübte und zweimal – (...) und (...) –
für (...) Tage lang inhaftiert wurde, nicht über ein ausgewiesenes politi-
sches Profil. An diesem Umstand vermag auch die Gründung eines Orts-
verbandes der HADEP in (...) nichts zu ändern, zumal er nie eine führende
Position innerhalb einer kurdischen Partei innehatte und auch nie ein poli-
tisches Amt ausübte. Die Vorinstanz hielt ferner zu Recht fest, dass sich
der Beschwerdeführer in seiner Eingabe vom 24. Februar 2020 auf eine
pauschale Erwähnung von weiteren politischen Suchen nach ihm in der
Heimat, ohne dazu ein einziges konkretisierendes Detail zu nennen oder
einen einzigen Beleg eingereicht zu haben, beschränkt hat. Überdies hat
der Beschwerdeführer in dieser Eingabe ausgeführt, dass es in seinem Fall
seit dem Bundesverwaltungsgerichtsurteil D-1344/2014 vom 18. Januar
2017 bis heute zu keiner wesentlichen Veränderung des geschilderten
Sachverhalts gekommen sei. Alleine aus den allgemeinen Ausführungen
zu willkürlichen Inhaftierungen und Strafverfahren, den Parteien in der Tür-
kei sowie zu den Verhaftungen von anderen Parteikadern oder –mitglie-
dern kann er keine konkreten Hinweise auf eine gezielte Verfolgungssitua-
tion seiner Person ableiten.
5.3
5.3.1 Hinsichtlich des Vorbringens, es bestehe das Risiko einer Reflexver-
folgung, da seine in der Türkei politisch aktiven Brüder E._ und
F._ nach seiner Ausreise in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt
worden seien (vgl. Beschwerde, Ziff. 6, S. 3), mithin liege ein weiterer ob-
jektiver Nachfluchtgrund vor, ist zunächst Folgendes festzuhalten: Unter
Reflexverfolgung sind behördliche Belästigungen oder Behelligungen von
Angehörigen aufgrund des Umstandes zu verstehen, dass die Behörden
einer gesuchten, politisch unbequemen Person nicht habhaft werden oder
schlechthin von deren politischer Exponiertheit auf eine solche auch bei
Angehörigen schliessen. Der Zweck einer solchen Reflexverfolgung kann
insbesondere darin liegen, Informationen über effektiv gesuchte Personen
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Seite 13
zu erlangen, beziehungsweise Geständnisse von Inhaftierten zu erzwingen
(vgl. BVGer Urteil E-3506/2018 vom 20. August 2020 E. 5.4).
5.3.2 Einleitend ergibt sich aus den Akten, dass der Beschwerdeführer
zweifellos einer Familie angehört, deren Mitglieder sich teilweise in be-
trächtlicher Weise politisch engagiert haben und dabei erheblichen Verfol-
gungsmassnahmen ausgesetzt waren.
Beim Vorbringen in der Beschwerdeschrift, gemäss welchem Bruder
F._ in der Schweiz als Flüchtling anerkannt worden sei, dürfte es
sich um einen Verschrieb handeln (vgl. Beschwerde, Ziff. 6, S. 3). So führte
der Beschwerdeführer anlässlich der BzP selber aus, F._ wohne in
B._ (vgl. SEM act. A3 Ziff. 3.01). An der Anhörung bestätigte er,
dass F._ in der Türkei wohne (vgl. SEM act. A9, F12). Er habe ab
und zu telefonischen Kontakt mit ihm (vgl. a.a.O. F11). Diese Aktenlage
deckt sich auch mit dem zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS),
welchem kein Eintrag über seinen Bruder F._ zu entnehmen ist.
5.3.3 Sein Bruder E._ war in der Türkei für seine prokurdische Hal-
tung bekannt. Er war in B._ eine Ansprechperson für Kurden, un-
terhielt Kontakte zu linksgerichteten Organisationen und unterstützte die
PKK. So belieferte er die PKK in den Jahren (...) bis (...) mehrmals mit
Kleidern und anderem Material. Ende (...) / Anfang (...) beteiligte er sich
aktiv an einer Unterschriftenaktion für die Einführung von Kurdisch als Un-
terrichtssprache. Später machte er als potenzieller Mitbegründer einer HA-
DEP-Sektion in B._ von sich reden, wobei die Vorbereitungsge-
spräche in (...) stattgefunden hätten. Wenig später erkundigte sich die Po-
lizei regelmässig bei seiner Familie nach ihm, worauf er sich absetzte, ver-
steckte und bis zu seiner Ausreise im (...) unter falscher Identität in der
Türkei lebte. Er gelangte am (...) in die Schweiz und stellte am (...) ein
Asylgesuch. Am 9. Februar 2005 gewährte ihn das BFM Asyl.
5.3.4 Sein Bruder O._ wurde gemäss Akten im Jahr (...) beschul-
digt, einen Unteroffizier mit (...) verletzt zu haben, und wurde deshalb zu
einer Busse verurteilt. Im Jahr (...) wurde er zusammen mit seinem Bruder
Q._ und einem (...) von Soldaten angehalten und geschlagen. Da-
bei brach ihm ein Soldat mit einem Gewehrkolben den Arm. Im Mai (...)
wurde er anlässlich der Mai-Feierlichkeiten zusammen mit weiteren (...)
Personen festgenommen und auf dem Polizeirevier während (...) Tagen
inhaftiert und gefoltert. Gemäss dem in den Akten liegenden Urteil des
D-2337/2020
Seite 14
Strafgerichts B._ vom (...) wurden O._ und die übrigen An-
geschuldigten mangels Beweisen vom Vorwurf des (...) und des (...) frei-
gesprochen. Während seines Studiums von Landkarten und Katasterwis-
senschaft in R._ ([...] bis [...]) hatte O._ Probleme mit Fa-
schisten. Nach seiner Rückkehr nach B._ sammelte er im Januar
(...) zusammen mit Verwandten und Freunden Unterschriften für eine Pe-
tition für die Einführung der kurdischen Unterrichtssprache, weswegen er
von den Behörden unter Druck gesetzt wurde. Nach dem Verschwinden
seines Bruders E._ im März (...) wurde dieser von der Polizei bei
O._ und seiner Familie wiederholt gesucht. Es folgten mehrere
Hausdurchsuchungen. Am (...) wurde O._ von Zivilpolizisten mitge-
nommen, über E._ befragt und misshandelt (Zufügen von Brand-
wunden mit [...]). Wenig später gelang O._ die Flucht. Am (...) ge-
langte er in die Schweiz und stellte ein Asylgesuch. Mit Urteil E-7158/2006
vom 29. Juli 2008 gewährte ihm das Bundesverwaltungsgericht Asyl.
5.3.5 Sein Bruder Q._ wurde im Jahr (...) unter dem Vorwurf, die
PKK zu unterstützen, während (...) Tagen festgehalten, geschlagen und
gefoltert. Im Jahr (...) wurde er zusammen mit seinem Bruder O._
und einem (...) von Soldaten angehalten, geschlagen und dabei mit einem
Messer verletzt. Nach seinem Wegzug nach G._ (...) kam es im
Jahr (...) in seiner Wohnung in G._ zu einer Hausdurchsuchung,
wobei Q._ und seiner (...) Unterstützung der PKK vorgeworfen
wurde. Nach dem Verschwinden von E._ im März (...) kann es in
B._ im Zeitraum von etwa (...) Monaten zu mehreren Hausdurch-
suchungen und Kurzfestnahmen von Q._. Ihm wurde überdies da-
mit gedroht, dass seine K._ getötet oder seine (...) vergewaltigt
würden. Am (...) reisten Q._ und seine Familie in die Schweiz ein
und suchten um Asyl nach. Das Bundesverwaltungsgericht gewährte ihnen
mit Urteil E-7157/2006 vom 29. Juli 2008 Asyl.
5.3.6 S._, die (...) des Beschwerdeführers, verliess die Türkei ge-
meinsam mit ihren (...) am (...) und gelangte am 22. Februar 2002 in die
Schweiz, wo sie noch am selben Tag um Asyl nachsuchte. Ihr (...) verliess
die Türkei am (...) und gelangte am 4. März 2002 in die Schweiz, um glei-
chentags ein Asylgesuch zu stellen. Mit Urteil E-6594/2006 vom 29. Juli
2008 wies das Bundesverwaltungsgericht das BFM an, ihnen Asyl zu ge-
währen. S._ erhielt einerseits Asyl, weil ihr (...) wegen prokurdi-
scher politischer Umtriebe behördlich gesucht wurde, andererseits auch
deswegen, weil sie selbst Ende (...) / Anfang (...) Unterschriften für eine
Petition zur Einführung der kurdischen Unterrichtssprache gesammelt
D-2337/2020
Seite 15
hatte und in diesem Zusammenhang anlässlich einer Anfang (...) erfolgten
Hausdurchsuchung geschlagen und beschimpft worden war.
5.4
5.4.1 Der Beschwerdeführer machte anlässlich der BzP geltend, dass er
nach der Flucht seines Bruders E._ von den Behörden vielfach be-
lästigt worden sei (vgl. SEM act. A3 Ziff. 7.01 S. 7). Aufgrund der einschlä-
gig bekannten Vorgehensweise der türkischen Behörden gegenüber nahen
Angehörigen politischer Aktivisten ist glaubhaft, dass er in der Vergangen-
heit, beispielsweise nach dem Untertauchen seines Bruders E._ in
der Türkei im März (...), seitens der heimatlichen Behörden über dessen
Aufenthalt und Aktivitäten befragt worden ist (vgl. hierzu IMRAK, ABDULLAH,
Sachverständigengutachten an das Verwaltungsgericht Darmstadt,
23.02.2012, https://milo.bamf.de/milop/livelink.exe/fetch/2000/702450/
683266/684671/686374/686376/686219/15257575/Irmak%2C_Abdul-
lah%2C_23.02.2012.pdf?nodeid=15455236&vernum=-2, abgerufen am
23.03.2021).
5.4.2 Demgegenüber weist in den Ausführungen des Beschwerdeführers
nichts darauf hin, dass er im entschreidrelevanten Zeitraum, mithin vor sei-
ner Ausreise Ende (...), aktuellen behördlichen Anständen wegen seines
Bruders E._ beziehungsweise seiner weiteren in der Schweiz be-
findlichen M._ ausgesetzt gewesen wäre. Dieser Umstand legt die
Annahme nahe, dass die heimatlichen Behörden trotz seines familiären
Hintergrunds zum Zeitpunkt seiner Ausreise kein Verfolgungsinteresse am
Beschwerdeführer selbst hatten.
Dies deckt sich mit der aktuellen Quellenlage: Im Zusammenhang mit der
Verhaftung von Fetullah Gülen-Anhängern beziehungsweise mutmassli-
chen Unterstützern des Putschversuchs von 2016, sei es laut Bericht des
U.S. Department of State, das sich dabei auf Berichte von türkischen Men-
schenrechtsgruppen abstützte, auch zu Fällen von staatlichen Repressio-
nen gegen Familienangehörige gekommen (vgl. U.S. Department of State,
Country Report on Human Rights Practices 2016 – Turkey, 11.03.2017,
https://www.state.gov/reports/2016-country-reports-on-human-rights-prac-
tices/turkey/, abgerufen am 23.03.2021). Seit mehreren Gesetzesänderun-
gen und Anpassungen an EU-Standards (namentlich Reform des Strafge-
setzbuches und der Strafprozessordnung) am 1. Juni 2005 sei in der Türkei
bis auf Einzelfälle aber nicht mehr beobachtet worden, dass Verwandte ge-
suchter Personen im Zuge der Verfolgung von Straftaten festgenommen
D-2337/2020
Seite 16
und unter Druck gesetzt worden wären (vgl. IMRAK, ABDULLAH, a.a.O., ab-
gerufen am 23.03.2021). Darüber hinaus würden einzig Angehörige von
HDP-Mitgliedern mit besonders hohem Bekanntheitsgrad aufgrund von
Aktivitäten in den Sozialen Medien oder durch öffentliche Aktionen die er-
höhte Aufmerksamkeit durch die Behörden riskieren (vgl. UK Home Office,
Country Policy and Information Note: Turkey: Peoples’ Democratic Party
(HDP), 03.2020, https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uplo-
ads/system/uploads/attachment_data/file/872473/Turkey_-_Peoples_De-
mocratic_Party_HDP_-_EXTERNAL.pdf, abgerufen am 23.03.2021).
Gemäss aktuellen Quellen findet dem Gesagten nach keine staatliche Re-
flexverfolgung im Zusammenhang mit politisch aktiven Kurden in der Türkei
statt.
5.5 Vor diesem Hintergrund ist auch eine begründete Furcht vor zukünfti-
ger (Reflex)-Verfolgung im Falle einer Rückkehr des Beschwerdeführers in
die Türkei zu verneinen. Wie ausgeführt handelt es sich beim Beschwer-
deführer gerade nicht um einen Politiker mit besonders hohem Bekannt-
heitsgrad, zumal er nie eine führende Position innerhalb einer kurdischen
Partei innehatte und auch nie ein politisches Amt ausübte (vgl. hievor
E. 5.2.2). Daran vermag auch der gescheiterte Putschversuch in der Nacht
vom 15. auf den 16. Juli 2016 nichts zu ändern. Wohl ist anzunehmen, dass
der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in die Türkei von den dortigen
Behörden über allfällige politische Aktivitäten seiner (...) in der Schweiz
weilenden und als Flüchtlinge anerkannten M._ befragt werden
könnte. Gemäss Quellenlage würden zur Verifizierung Daten wie Namen
der Eltern und der Geburtsort überprüft. Danach werde kontrolliert, ob ge-
gen jemanden nichts vorliege beziehungsweise ein Datenblatt-Eintrag
existiere, wofür die türkischen Behörden die Person warten liessen. Es sei
aber nicht damit zu rechnen, dass es dabei zu Misshandlungen komme
(vgl. IMRAK, ABDULLAH, a.a.O., abgerufen am 23.03.2021). Angesichts der
Tatsache, dass seine Verwandten die Türkei mittlerweile vor (...) bezie-
hungsweise (...) Jahren verlassen haben und gegen den Beschwerdefüh-
rer selbst – entgegen seinen nicht weiter substantiierten Behauptungen –
nichts Gravierendes vorliegt, muss die Gefahr für diesen, im Falle einer
Rückkehr in die Türkei ernsthafte behördliche Anstände wegen seiner
M._ gewärtigen zu müssen, indessen als gering bezeichnet wer-
den.
Dafür spricht auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer nach der Aus-
reise seiner M._ beziehungsweise der Stellung ihrer Asylgesuche
D-2337/2020
Seite 17
in der Schweiz noch (...) in der Türkei gewohnt hat und von den Behörden
nicht gesucht wurde. Überdies wäre der Beschwerdeführer – entgegen sei-
ner Behauptung – nicht als (...) in die Hände der türkischen Sicherheitsbe-
hörden ausgeliefert (vgl. SEM act. A40, S. 2), da, wie vorstehend ausge-
führt, sein Bruder F._ weiterhin unbehelligt in B._ wohnt (vgl.
E. 5.3.2). Es liegen derzeit auch keine Hinweise vor, welche auf eine künf-
tige objektiv begründete Furcht vor einer Reflexverfolgung schliessen lies-
sen, zumal der Beschwerdeführer eine solche Befürchtung denn auch im
Rahmen der durchgeführten BzP oder der Anhörung zu keinem Zeitpunkt
geäussert hat. Allein die Tatsache, dass (...) in der Schweiz Asyl gewährt
worden ist, reicht für die Annahme einer Reflexverfolgung nicht aus.
5.6 Zusammenfassend gilt festzustellen, dass sich der Beschwerdeführer
nicht auf objektive Nachfluchtgründe respektive Reflexverfolgung berufen
kann.
5.7 Anzufügen bleibt, dass sich demgegenüber die Situation für seine in
der Schweiz unter anderem wegen Reflexverfolgung in Bezug auf ihren
Bruder E._ als Flüchtlinge anerkannten Brüder O._ und
Q._ ganz anders dargestellt hat: Diese verliessen die Türkei wie
ausgeführt nämlich bereits Anfang (...), also wenige (...), nachdem ihr Bru-
der E._ in der Türkei untergetaucht war (vgl. E. 5.3.3 bis 5.3.5). Dies
deutet zumindest indiziell darauf hin, dass sie ihre Heimat auch aus Angst
vor anhaltender Reflexverfolgung wegen ihres Bruders E._ verlas-
sen haben. Gleichzeitig sei gesagt, dass die vom Beschwerdeführer in der
Vergangenheit wegen seines Bruders E._ erlittenen staatlichen
Verfolgungen – ungeachtet der Frage der asylrechtlich relevanten Intensi-
tät – allein schon deshalb keinen Asylanspruch zu begründen vermögen,
weil sie im Zeitpunkt seiner Ausreise zu weit zurückgelegen haben, um
noch als ausreisebestimmend und damit asylrechtlich bedeutsam gelten
zu können.
5.8 Sodann ist hinsichtlich der exilpolitischen Tätigkeiten des Beschwerde-
führers das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe gemäss Art. 54 AsylG
zu prüfen.
5.8.1 Wer sich darauf beruft, dass durch ein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsland eine Gefährdungssituation geschaf-
fen worden sei, macht – wie bereits erwähnt – subjektive Nachfluchtgründe
geltend (Art. 54 AsylG). Diese begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft
D-2337/2020
Seite 18
im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Aus-
schluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht
missbräuchlich gesetzt wurden (BVGE 2009/28 E. 7.1 m.w.H.). Massge-
blich ist, ob die heimatlichen Behörden das Verhalten der asylsuchenden
Person als staatsfeindlich einstufen und sie deswegen bei der Rückkehr in
den Heimatstaat eine Verfolgung von Art. 3 AsylG befürchten muss. Es
bleiben damit die Anforderungen an den Nachweis einer begründeten
Furcht massgeblich (Art. 3 und Art. 7 AsylG).
5.8.2 Den vom Beschwerdeführer im Bundesverwaltungsgerichtsverfahren
D-1344/2014 eingereichten Fotos ist zu entnehmen, dass dieser in der
Schweiz an (...) teilgenommen hat, an der gegen den Genozid des Islami-
schen Staates im Irak und Syrien (ISIS) an den Yeziden in der Stadt Sind-
schar (in der irakischen Provinz Ninawa) protestiert worden ist (vgl. dortige
Beilagen zu act. 10). Dabei ist bereits vom inhaltlichen Standpunkt aus be-
trachtet, nicht ersichtlich, inwiefern der Beschwerdeführer den Unwillen der
Türkei erregt haben könnte, stellt sich doch auch diese gegen die Gewalt-
herrschaft des ISIS. Soweit der Beschwerdeführer auf einem der Fotos ne-
ben dem Protagonisten des Films «(...)», H._ – dem Ehemann sei-
ner I._ – abgebildet ist, dessen Fluchtumstände aus T._ in
die Schweiz auch als Kritik am bewaffneten Kampf der türkischen Armee
gegen die PKK interpretiert werden können, resultiert daraus aus Sicht des
Gerichts noch kein Grund zur Annahme, dass die türkischen Behörden hie-
raus auf eine relevante kurdenfreundliche respektive regimefeindliche Hal-
tung des Beschwerdeführers schliessen dürften. Eine öffentliche politische
Exponierung des Beschwerdeführers, die geeignet wäre, den Argwohn der
türkischen Behörden zu wecken, ist mit den genannten Fotos nicht verbun-
den. Weitere Fotos oder Beweismittel zur angeblichen Exilpolitik reichte
der Beschwerdeführer trotz seiner erwähnten Mitwirkungspflicht während
des nunmehr beinahe (...) Jahre dauernden Asylverfahrens nicht ein.
5.8.3 Zudem hat die Vorinstanz zu Recht festgehalten, dass die Behaup-
tung des Beschwerdeführers in der exilpolitischen Szene zu verkehren, die
Voraussetzung an die Glaubhaftigkeit nicht erfüllt. Soweit der Beschwerde-
führer hierzu in der Beschwerdeschrift ausführt, einer in der Schweiz er-
laubten politischen Gruppierung nahe zu stehen und in deren Umfeld aktiv
zu sein (vgl. Beschwerde, Ziff. 8, S. 3 f.), macht er allgemeine Ausführun-
gen und bleibt unsubstantiiert. Es bleibt festzuhalten, dass er auf die zu-
treffenden Erwägungen der Vorinstanz nicht weiter eingeht.
D-2337/2020
Seite 19
5.9 Zusammenfassend ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine
relevante Verfolgungsgefahr im Sinne von Art. 3 respektive Art. 54 AsylG
darzutun. Die Vorinstanz hat demnach die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
6.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtli-
che Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer
solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]). Beim Geltendmachen von Wegweisungs-
vollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigen-
schaft; das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich
ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24
E. 10.2 m.w.H.).
7.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
7.2.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zu Recht da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine flüchtlingsrechtlich erhebliche Ge-
fährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5
AsylG und Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) verankerte Grundsatz
der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung fin-
den. Die Rückschaffung des Beschwerdeführers in die Türkei ist demnach
unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
D-2337/2020
Seite 20
7.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass ihm im Fall einer Aus-
schaffung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit Folter oder
eine unmenschliche Behandlung im Sinne von Art. 25 Abs. 3 BV, von Art. 3
des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere
grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe
(FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 und Art. 4 EMRK drohen würde.
Insbesondere vermag der Beschwerdeführer kein „real risk“ im Sinne der
massgeblichen Rechtsprechung darzutun, zumal die blosse Möglichkeit ei-
ner menschenrechtswidrigen Behandlung nicht ausreicht (vgl. Urteil des
EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer
37201/06, §§ 124 ff. m.w.H.). Obwohl sich die allgemeine Menschenrechts-
situation in der Türkei gemäss dem aktuellen Türkei-Bericht der Europäi-
schen Kommission, der am 6. Oktober 2020 publiziert wurde, weiter ver-
schlechtert habe (vgl. European Commission, Turkey 2020 Report,
06.10.2020, https://ec.europa.eu/neighbourhoodenlargement/sites/near/fi-
les/turkey_report_2020.pdf, abgerufen am 23.03.2021), und gegenwärtig
das Verbot der HDP drohe (vgl. https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-kur-
denpartei-hdp-droht-verbot/a-56916153, abgerufen am 23.03.2021), er-
scheint der Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzu-
lässig.
7.2.3 Was die erwähnten gesundheitlichen Beschwerden (psychische Be-
schwerden, Magenbeschwerden und [...]krankheit) betrifft, so kann ge-
mäss der Praxis des EGMR der Vollzug der Wegweisung eines abgewie-
senen Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen zwar im Einzelfall
einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellen. Hierfür sind aber ganz aus-
sergewöhnliche Umstände Voraussetzung (vgl. Urteil des EGMR Papos-
hvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016, Grosse Kammer, 41738/10,
§ 183). Solche Umstände liegen nicht nur in Fällen vor, in denen sich die
von einer Ausschaffung betroffene Person in unmittelbarer Gefahr befindet
zu sterben, sondern auch dann, wenn Personen angesichts fehlender Be-
handlungsmöglichkeiten im Zielstaat der Ausschaffung einem realen Risiko
einer schwerwiegenden, raschen und irreversiblen Verschlechterung des
Gesundheitszustands ausgesetzt werden, die zu heftigen Leiden oder ei-
ner erheblichen Reduktion der Lebenserwartung führen. Solche ausserge-
wöhnlichen Umstände können aber hier – nebst der Tatsache, dass der
Beschwerdeführer sie nicht substantiierend vorbringt – hinlänglich ausge-
schlossen werden (vgl. BVGE 2011/9 E. 7.1 S. 117 f., BVGE 2009/2
E. 9.1.3).
https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-kurdenpartei-hdp-droht-verbot/a-56916153 https://www.dw.com/de/t%C3%BCrkei-kurdenpartei-hdp-droht-verbot/a-56916153
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Seite 21
7.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.1 Der Beschwerdeführer stammt aus der Provinz B._ im (...)
der Türkei. Gemäss konstanter Praxis und auch unter Berücksichtigung der
Entwicklungen im Nachgang des Putschversuchs vom Juli 2016 ist nicht
davon auszugehen, dass in der Türkei eine landesweite Situation allgemei-
ner Gewalt herrschen würde. Nicht einmal in den vorwiegend von Kurden
besiedelten Provinzen im Osten und Südosten des Landes ist von einer
flächendeckenden Situation allgemeiner Gewalt oder bürgerkriegsähnli-
chen Verhältnissen auszugehen (vgl. Urteil des BVGer E-3042/2017 vom
28. Juli 2017 E. 6.2.2 sowie das Referenzurteil E-1948/2018 vom 12. Juni
2018 E. 7.3). Ausgenommen sind die Provinzen Hakkari und Sirnak; den
Wegweisungsvollzug dorthin erachtet das Bundesverwaltungsgericht auf-
grund einer anhaltenden Situation allgemeiner Gewalt als unzumutbar (vgl.
BVGE 2013/2 E. 9.6). Demnach ist der Vollzug der Wegweisung des Be-
schwerdeführers in die Provinz B._ als generell zumutbar zu erach-
ten.
7.3.2 Aus den Akten ergeben sich auch keine Hinweise darauf, dass der
Beschwerdeführer im Falle seiner Rückkehr in die Türkei aus individuellen
Gründen in eine existenzbedrohende Situation geraten könnte. Er verfügt
in der Heimat über ein grosses Beziehungsnetz. Nach seinen Angaben le-
ben an seinem früheren Wohnort in B._ sowohl seine (...) als auch
– entgegen seinen Ausführungen in der Beschwerdeschrift (vgl. Be-
schwerde, Ziff. 6, S. 3) – sein Bruder F._ (vgl. SEM act. A3 Ziff. 2.02
und 3.01 sowie hievor E. 5.3.2). Angesichts seiner Schulbildung, seiner
Sprachkenntnisse und seiner Arbeitserfahrung sollte es dem Beschwerde-
führer möglich sein, dort ein wirtschaftliches Auskommen zu finden. Dabei
hat er die Möglichkeit, auf die Hilfe einzelner Familienangehöriger zurück-
zugreifen. Zudem hat der Beschwerdeführer Verwandte in der Schweiz, die
ihm jedenfalls finanzielle Hilfe bieten können (vgl. vorstehende E. 5.3).
Überdies verfügt der Beschwerdeführer mit seiner in G._ wohnhaf-
D-2337/2020
Seite 22
ten K._ und (...), zu welchen er bereits einmal auszureisen zu be-
absichtigen schien (vgl. SEM act. A32), zweifellos über einen Bezug zu die-
ser Stadt, weshalb auch die Möglichkeit der dortigen sozialen Integration
als gegeben zu erachten wäre. In Berücksichtigung seiner Fähigkeiten
wäre davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer auch dort nicht aus
individuellen Gründen wirtschaftlicher oder sozialer Natur in eine existenz-
bedrohende Situation geraten würde. Schliesslich genügen blosse soziale
und wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevölkerung
im Allgemeinen betroffen ist, nicht, um eine konkrete Gefährdung im Sinne
von Art. 83 Abs. 4 AIG darzustellen (vgl. BVGE 2008/34 E. 11.2.2).
7.3.3 Hinsichtlich der gesundheitlichen Situation liegt beim Beschwerde-
führer gemäss dem in den Akten liegenden Arztbericht vom (...) ein (...)ab-
hängigkeits-Syndrom vor. Der Beschwerdeführer stehe seit dem (...) in
ärztlicher Behandlung. Die Dauer der hiesigen Behandlung sei ungewiss.
Eine weiterführende Medikamenteneinnahme ([...], [...] und [...]) sei indi-
ziert. Wenn die Medikamente vorhanden seien, sei die Behandlung auch
im Herkunftsland möglich (vgl. SEM act. A30, Ziff. 5.2). Weiter macht der
Beschwerdeführer psychische Probleme und Magenbeschwerden geltend
(vgl. SEM act. A9 F17 und 24 bis 31).
Zu den Magenproblemen des Beschwerdeführers ist zu bemerken, dass
diese bereits in der Türkei behandelt worden sind (vgl. SEM act. A9 F 23
f.). Hinsichtlich der psychischen Probleme und des (...) teilt das Bundes-
verwaltungsgericht die Einschätzung der Vorinstanz, dass eine entspre-
chende Behandlung – wie es auch im vorliegenden ärztlichen Bericht fest-
gehalten ist – in der Türkei sowohl stationär als auch ambulant möglich ist.
Es existieren landesweit psychiatrische Einrichtungen und es stehen mo-
derne Psychopharmaka zur Verfügung. Namentlich in türkischen Gross-
und Provinzhauptstädten ist der Zugang zu Gesundheitsdiensten, Bera-
tungsstellen und Behandlungseinrichtungen für psychische Leiden ge-
währleistet (vgl. hierzu etwa Urteil BVGer E-1948/2018 vom 12. Juni 2018
E. 7.3.5.3 m.w.H.). Es ist angesichts des sowohl in der Herkunftsprovinz
als auch in G._ bestehenden Beziehungsnetzes als für den Be-
schwerdeführer möglich und zumutbar zu erachten, eine entsprechende
Behandlung weiterzuführen. Abschliessend ist auf die Möglichkeit, der Vor-
instanz bei Bedarf einen Antrag auf Gewährung medizinischer Rückkehr-
hilfe zu stellen (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG), hinzuweisen.
7.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
D-2337/2020
Seite 23
7.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
Die aktuellen Massnahmen im Zusammenhang mit der weltweiten Ausbrei-
tung der Coronavirus-Krankheit (Covid-19) sind aufgrund ihrer vorüberge-
henden Natur nicht geeignet, die obigen Schlussfolgerungen zur Durch-
führbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Der Situation
wird von den Vollzugsbehörden im Rahmen der Organisation des Vollzugs
angemessen Rechnung zu tragen sein. Verzögern die besagten Massnah-
men vorliegend den Vollzug vorübergehend, so wird dieser zu einem spä-
teren, angemessenen Zeitpunkt erfolgen (vgl. hierzu u. a. das Urteil des
BVGer E-895/2020 vom 15. April 2020 E. 9.6).
7.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihm jedoch mit Zwischen-
verfügung vom 25. Mai 2020 die unentgeltliche Prozessführung gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und keine massgeblichen Verände-
rungen der finanziellen Verhältnisse ersichtlich sind, sind keine Verfahrens-
kosten zu erheben.
9.2 Mit derselben Verfügung wurde ausserdem das Gesuch um amtliche
Verbeiständung gutgeheissen (aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG) und dem
Beschwerdeführer sein Rechtsvertreter als Rechtsbeistand bestellt. Dem-
nach ist diesem ein amtliches Honorar für seine notwendigen Aufwendun-
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Seite 24
gen im Beschwerdeverfahren auszurichten (vgl. für die Grundsätze der Be-
messung der Parteientschädigung Art. 7 ff. VGKE). Es wurde keine Kos-
tennote eingereicht, weshalb die notwendigen Parteikosten aufgrund der
Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE).
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13
VGKE) ist dem Rechtsbeistand zulasten des Gerichts ein amtliches Hono-
rar von insgesamt Fr. 1’000.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzu-
schlag) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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