Decision ID: fcd9b9f7-b82d-56b7-8285-2a1e277c26b1
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- Am Sonntag, 26. Juni 2011, um 17.11 Uhr, wurde ein Motorrad auf der
Rickenstrasse in Richtung Wattwil anlässlich einer Geschwindigkeitskontrolle in Wattwil
geblitzt. Die Messung ergab, dass der Lenker bei einer zulässigen
Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h mit einer rechtlich relevanten Geschwindigkeit von
103 km/h unterwegs war. Als Halter des Motorrades wurde X ermittelt.
B.- Mit Strafbefehl vom 19. September 2011 wurde X der Verletzung von
Verkehrsregeln gemäss Art. 90 Ziff. 1 SVG schuldig gesprochen und mit einer Busse
von Fr. 330.-- bestraft. Am 24. September 2011 erhob X Einsprache gegen den
Strafbefehl. Am 12. Januar 2012 wurde der Strafbefehl vom 19. September 2011 durch
einen neuen Strafbefehl ersetzt. Materiell entsprach dieser dem aufgehobenen
Strafbefehl, die Gebühren wurden jedoch von Fr. 150.-- auf Fr. 450.-- erhöht. Dagegen
erhob X mit Eingabe vom 17. Januar 2012 wiederum Einsprache. Er bezog sich
hauptsächlich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht. Nach mehrfacher Korrespondenz
sowie Besprechungen zwischen dem Sachbearbeiter mit staatsanwaltlichen
Befugnissen und X forderte jener diesen mit Schreiben vom 23. November 2012 zur
schriftlichen Mitteilung darüber auf, ob er seine Einsprache gegen den Strafbefehl
zurückziehe oder an der Einsprache festhalte und den Fall durch das Kreisgericht
beurteilen lassen wolle. Nachdem X nicht darauf reagiert hatte, informierte ihn der
Sachbearbeiter schriftlich darüber, dass er davon ausgehe, dass kein Interesse am
Weitergang des Strafverfahrens bestehe und er das Verfahren somit abschliesse.
C.- Am 27. Dezember 2012 wurde X vom Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
Gelegenheit zur Stellungnahme zur beabsichtigten administrativrechtlichen
Massnahme einer Verwarnung gegeben. Mit Schreiben vom 9. Januar 2013 nahm er
insbesondere mit dem Hinweis auf die Geltendmachung des
Zeugnisverweigerungsrechts vor der Staatsanwaltschaft dazu Stellung. Er erklärte,
dass ihm kein rechtskräftiger Strafbefehl bekannt sei. Daraufhin sprach das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt mit Datum vom 11. Februar 2013 eine
Verwarnung gegen ihn aus. Gegen diese Verfügung erhob er am 1. März 2013 (Datum
der persönlichen Übergabe an die Gerichtskanzlei) Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission. Sinngemäss beantragte er die Aufhebung der
vorinstanzlichen Verfügung bzw. eine Sistierung bis zum rechtskräftigen Strafbefehl.
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Die Vorinstanz verzichtete mit Schreiben vom 28. März 2013 auf eine Vernehmlassung.
Im Rekursverfahren wurden die Strafakten beigezogen.
Auf die Ausführungen des Rekurrenten und die Begründung der Vorinstanz wird, soweit
erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 1. März 2013 ist rechtzeitig eingereicht
worden und erfüllt in formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen
(Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS
951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Strittig ist hauptsächlich, ob das Strafverfahren abgeschlossen ist, und damit, ob
die Vorinstanz bereits eine administrativrechtliche Massnahme verfügen durfte oder
nicht.
a) Im Rekurs wird sinngemäss geltend gemacht, die Vorinstanz habe die Verwarnung
damit begründet, dass der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft rechtskräftig sei. Der
Rekurrent habe jedoch keine Kenntnis von einem rechtskräftigen Strafbefehl. Er sei
mehrmals beim Sachbearbeiter mit staatsanwaltlichen Befugnissen vorgeladen
gewesen und habe mit ihm die Lenkerfrage und das Zeugnisverweigerungsrecht
besprochen. Wiederholt habe er ausgesagt, als Halter die Verantwortung für die
Geschwindigkeitsüberschreitung nicht zu übernehmen. Der Sachbearbeiter habe ihm
die weiteren Verfahrensmöglichkeiten aufgezeigt. Mit Schreiben vom 23. November
2012 sei er von diesem darüber informiert worden, dass beabsichtigt sei, den Fall
demnächst definitiv abzuschliessen. Er sei aufgefordert worden, aus zwei aufgeführten
Vorgehen auszuwählen. Da für ihn jedoch weder ein Rückzug noch eine Überweisung
des Falls ans Kreisgericht stimmig gewesen seien, habe er das Schreiben nicht
retourniert. Für ihn wäre die Aussage, er halte an der Einsprache gegen den Strafbefehl
vom 12. Januar 2012 fest, korrekt gewesen. Er sei aber nicht auf die Idee gekommen,
bis
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das Schreiben abzuändern. Er habe es als Aufgabe der Staatsanwaltschaft erachtet,
das weitere Vorgehen festzulegen. Sodann sei in dem Schreiben – im Gegensatz zu
den Vorladungen mit dem Vermerk, dass unentschuldigtes Fernbleiben einen Rückzug
der Einsprache bedeute – auch nicht auf Säumnisfolgen hingewiesen worden. In der
Folge habe er ein Schreiben vom 14. Dezember 2012 erhalten, in dem der
Sachbearbeiter mit staatsanwaltlichen Befugnissen erklärt habe, da der Rekurrent auf
das Schreiben vom 23. November 2012 nicht reagiert habe, nehme er an, dass kein
Interesse am Weitergang des Verfahrens mehr vorhanden sei, und schliesse die
Strafprozedur ab. Gleichzeitig habe er eine Rechnung über den Betrag von Fr. 780.--
erhalten. Da er von der Staatsanwaltschaft bereits mehrere Zahlungsaufforderungen
erhalten habe, habe ihn dies nicht mehr beeindruckt. Er habe die vom Sachbearbeiter
getroffene Entscheidung, damit die Einsprache als Rückzug zu erachten, nicht gekannt
und ebenso wenig deren Auswirkungen. Das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
habe sich dann auf einen "rechtskräftigen" Strafbefehl bezogen. Aufgrund der
dargelegten Begründung bestreite er die Rechtskraft des Strafbefehls vom 12. Januar
2012. Ohne die Rechtskraft des Strafbefehls könne aber das Administrativverfahren
noch gar nicht durchgeführt werden. Durch die willkürliche Verfahrenserledigung stehe
ihm auch keine Möglichkeit offen, sich gerichtlich gegen den angeblich rechtskräftigen
Strafbefehl zur Wehr zu setzen.
Die Vorinstanz erklärt in ihrer Verfügung vom 11. Februar 2013 summarisch, dass die
Stellungnahme des Rekurrenten vom 9. Januar 2013 geprüft worden sei. Es liege ein
rechtskräftiger Strafbefehl vom 12. Januar 2012 vor, mit dem der Rekurrent in
Anwendung von Art. 90 Ziff. 1 des Strassenverkehrsgesetzes (SR 741.01, abgekürzt:
SVG) zu einer Busse von Fr. 330.-- verurteilt worden sei. Es seien keine Gründe
ersichtlich, vom vorliegenden strafrechtlichen Entscheid abzuweichen. Was im
Strafverfahren rechtskräftig festgestellt worden sei, könne im Administrativverfahren
nicht mehr umgestossen werden. Es erübrige sich, auf die bereits im Strafverfahren
vorgebrachten Argumente, der Fahrzeuglenker sei nicht bekannt, einzugehen. Eine
Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit um mehr als 20 km/h im
Ausserortsbereich stelle nach konstanter Rechtsprechung immer eine erhöhte
abstrakte Verkehrsgefährdung dar, welche eine Administrativmassnahme nach sich
ziehe. Dabei genüge es, wenn ein Verhalten den Umständen entsprechend geeignet
sei, den Verkehr zu gefährden. Gemäss Art. 16a Abs. 3 SVG werde nach einer leichten
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Widerhandlung die fehlbare Person verwarnt, wenn in den vorangegangenen zwei
Jahren der Ausweis nicht entzogen und keine andere Administrativmassnahme verfügt
worden sei.
b) Nach Strassenverkehrsdelikten befindet das Strafgericht über die strafrechtlichen
Sanktionen (Freiheitsstrafe, Geldstrafe, Busse) und die Verwaltungsbehörde in einem
separaten Verfahren über Administrativmassnahmen (insbesondere
Führerausweisentzug, Verwarnung). Die Zweispurigkeit des Verfahrens ist zulässig,
kann aber – bei fehlender Koordination – dazu führen, dass derselbe Lebensvorgang zu
voneinander abweichenden Sachverhaltsfeststellungen von Verwaltungs- und
Justizbehörden führt und die erhobenen Beweise abweichend gewürdigt und rechtlich
beurteilt werden. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, hat die Verwaltungsbehörde
gemäss konstanter bundesgerichtlicher Rechtsprechung grundsätzlich mit ihrem
Entscheid zuzuwarten, bis ein rechtskräftiges Strafurteil vorliegt. Denn das
Strafverfahren bietet durch die verstärkten Mitwirkungsrechte des Beschuldigten, die
umfassenderen persönlichen und sachlichen Ermittlungsinstrumente sowie die
weiterreichenderen prozessualen Befugnisse besser Gewähr dafür, dass das Ergebnis
der Sachverhaltsermittlung näher bei der materiellen Wahrheit liegt als im nicht
durchwegs derselben Formstrenge unterliegenden Verwaltungsverfahren (BGE 119 Ib
158 E. 2/c/bb; VRKE IV-2009/152 vom 27. Mai 2010, im Internet unter
www.gerichte.sg.ch). Für den Betroffenen bedeutet dies auf der anderen Seite, dass er
nicht das Verwaltungsverfahren abwarten darf, um allfällige Rügen vorzubringen und
Beweisanträge zu stellen, sondern nach Treu und Glauben verpflichtet ist, dies bereits
im Rahmen des Strafverfahrens zu tun und allenfalls die nötigen Rechtsmittel zu
ergreifen (BGE 123 II 97 E. 3c/aa; VRKE IV-2009/152 vom 27. Mai 2010).
Im vorliegenden Fall besteht kein Anlass, von dieser langjährigen Praxis abzuweichen.
Eine Ausnahme wäre nur dann zuzulassen, wenn hinsichtlich des Schuldspruchs der in
Frage stehenden SVG-Widerhandlung keinerlei Zweifel bestünden (vgl. BGE 119 Ib 158
E. 2/c/bb; VRKE IV-2009/152 vom 27. Mai 2010). Der Rekurrent bestreitet indessen,
das Motorrad zum fraglichen Zeitpunkt gelenkt zu haben. Die bundesgerichtliche
Rechtsprechung besagt, dass die Haltereigenschaft lediglich ein Indiz für die
Täterschaft sei (BGE 6B_41/2009 vom 1. Mai 2009, E. 5; BGE 6B_791/2011 vom 4.
Juni 2012, E. 1.4.1). Sodann kann bei einem Vergleich des Faber-Fotos mit den
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Radarbildern nicht zweifelsfrei festgestellt werden, ob es sich dabei um dieselbe
Person handelt. Die Frage, ob der Rekurrent zum fraglichen Zeitpunkt tatsächlich
Lenker des entsprechenden Motorrades war, kann also nicht im Administrativverfahren
geklärt werden. Es muss auf die Würdigung im Strafverfahren abgestellt werden.
Dementsprechend kann das Administrativverfahren erst nach Abschluss des
Strafverfahrens durchgeführt werden.
c) Es ist also zu prüfen, ob das Strafverfahren abgeschlossen ist. Gegen einen
Strafbefehl kann unter anderem die beschuldigte Person Einsprache erheben (Art. 354
der Schweizerischen Strafprozessordnung, SR 312.0, abgekürzt: StPO). Wird
Einsprache erhoben, so nimmt die Staatsanwaltschaft die weiteren Beweise ab, die zur
Beurteilung der Einsprache erforderlich sind (Art. 355 Abs. 1 StPO). Bleibt eine
Einsprache erhebende Person trotz Vorladung einer Einvernahme unentschuldigt fern,
so gilt ihre Einsprache als zurückgezogen (Art. 355 Abs. 2 StPO). In diesem Falle
erlässt die Staatsanwaltschaft eine mittels Beschwerde nach Art. 393 ff. StPO
anfechtbare Verfügung (vgl. BSK StPO-Riklin, Art. 355 N 2). Nach Abnahme der
Beweise entscheidet die Staatsanwaltschaft darüber, ob sie (a) am Strafbefehl festhält,
(b) das Verfahren einstellt, (c) einen neuen Strafbefehl erlässt oder (d) Anklage beim
erstinstanzlichen Gericht erhebt (Art. 355 Abs. 3 StPO). Entschliesst sich die
Staatsanwaltschaft, am Strafbefehl festzuhalten, so überweist sie die Akten
unverzüglich dem erstinstanzlichen Gericht zur Durchführung des Hauptverfahrens. Der
Strafbefehl gilt dann als Anklageschrift (Art. 356 Abs. 1 StPO). Das erstinstanzliche
Gericht entscheidet über die Gültigkeit des Strafbefehls und der Einsprache (Art. 356
Abs. 2 StPO).
Dass der Rekurrent gegen den Strafbefehl vom 12. Januar 2012 Einsprache erhoben
hat, ist nicht umstritten. Sodann hat der Rekurrent den Vorladungen der
Staatsanwaltschaft stets Folge geleistet. Es war also an der Staatsanwaltschaft,
weitere Beweise abzunehmen, die zur Beurteilung der Einsprache erforderlich waren
und über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Der Sachbearbeiter mit
staatsanwaltlichen Befugnissen hat sich darum bemüht, das Verfahren einvernehmlich
mit dem Rekurrenten zu erledigen. Es konnte jedoch kein Konsens über das weitere
Vorgehen gefunden werden. Der Rekurrent äusserte sich mehrmals klar darüber, dass
er daran festhalte, das Motorrad, dessen Halter er ist, zum fraglichen Zeitpunkt nicht
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selbst gelenkt zu haben und sich auf das Zeugnisverweigerungsrecht zu berufen. Nach
umfangreicher Korrespondenz und mehrmaligen Besprechungen forderte der
Sachbearbeiter den Rekurrenten mit Schreiben vom 23. November 2012 dazu auf, sich
entweder für den Rückzug der Einsprache oder die Beurteilung durch das Kreisgericht
zu entscheiden. Das Schreiben enthielt weder eine Fristansetzung noch gab es einen
Hinweis auf allfällige Säumnisfolgen. Nachdem der Sachbearbeiter in der Zwischenzeit
nichts vom Rekurrenten vernommen hatte, informierte er den Rekurrenten am 14.
Dezember 2012 kurzerhand mit A-Post darüber, dass er annehme, dass kein Interesse
mehr am Weitergang des Verfahrens bestünde und er damit das Strafverfahren
abschliesse. Das entsprechende Schreiben war weder als Verfügung gekennzeichnet,