Decision ID: 5d5a382c-83d5-5138-8e67-1984205ea964
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ist Staatangehöriger Sri Lankas, tamilischer Ethnie
und stammt aus B._, Distrikt Jaffna, Nordprovinz, wo er bis kurz vor
seiner Ausreise im Haus der Eltern mit der ganzen Familie gelebt habe.
Nach der Schulausbildung (A-Level) und dem Besuch des (...) Colleges
habe er in Sri Lanka noch nie gearbeitet. Am 1. September 2016 sei er mit
Hilfe eines Schleppers mit dem eigenen Reisepass und einem Visum für
Russland von Colombo via die Türkei nach Russland gereist. Am 5. No-
vember 2016 sei er von dort mit einem PKW weitergereist. Er ersuchte am
14. November 2016 in der Schweiz um Asyl.
B.
Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 28. November 2016 und
der Anhörung vom 12. Dezember 2016 führte er im Wesentlichen Folgen-
des aus:
Er sei insgesamt drei Mal vom Militär beziehungsweise von den Sicher-
heitsbehörden des Criminal Investigation Departments (CID) für jeweils
wenige Tage festgehalten und befragt worden. Der CID habe im Jahr 2016
das Haus der Familie durchsucht.
Nach dem Ende des Bürgerkriegs habe man im Gemeindezentrum Kriegs-
opfer mit Kleidern und Essen unterstützt; man habe auch ehemaligen
LTTE-Mitgliedern geholfen und ihnen Unterkünfte angeboten. Im Jahr 2009
habe auch seine Familie entfernte Verwandte aufgenommen. Der Mann,
ein ehemaliges Mitglied der «Liberation Tigers of Tamil Eelam» (LTTE), sei
erst im Jahr 2011 aus einem Rehabilitierungs-Lager entlassen worden. Am
15. März 2011 sei er (der Beschwerdeführer), damals (...) Jahre alt, des-
halb von der sri-lankischen Armee festgenommen und für zwölf Tage in
C._ inhaftiert worden; die Armee habe ihn festgehalten, um von sei-
nem Vater zu erfahren, wo sich die LTTE-Familie aufhalte. Einer der Be-
kannten dieser Gast-Familie, ein ehemaliger LTTE-Mann aus D._,
sei 2012 erschossen worden.
Anlässlich des Besuchs der UN-Menschenrechtshochkommissarin Na-
vaneethem Pillay im August 2013 und anlässlich des Besuchs des damali-
gen britischen Premierministers David Cameron im November 2013 habe
er mitgeholfen, Informationen über vermisste Personen aus den umliegen-
den Dörfern zu sammeln; das sei nicht verboten gewesen. Am 2. Dezem-
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ber 2013 gegen elf Uhr sei er zum zweiten Mal von CID-Leuten festgenom-
men und zum Polizeiposten in E._ gebracht worden. Man habe ihn
drei Tage lang festgehalten und befragt, ob er einen gewissen «Gobi»
kenne und mit diesem die LTTE wiederaufleben lassen wolle; diesen Gobi
kenne er jedoch gar nicht.
Im März 2014 habe er in Kilinochchi an einer Demonstration gegen die
Festnahme der Aktivistin Jeyakumari teilgenommen.
Im März 2015 habe er eine Person namens Mathisayan unterstützt, der für
eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet habe; zweimal habe er an
Meetings der Organisation teilgenommen, die sich für kriegsbetroffene Fa-
milien und Witwen einsetze. Den Namen der Organisation kenne er nicht,
er habe aber selbst auch Hilfe geleistet; an zwei Samstagen im März 2015
habe er für die Organisation Informationen gesammelt, man sei von Tür zu
Tür gegangen und habe Daten erhoben, damit Bedürftige Hilfe bekommen
könnten. Am 13. April 2015 sei er erneut von CID-Leuten festgenommen
und während zwei Tagen nach seinen Verbindungen zu Mathisayan und
dessen Kontaktpersonen im Ausland befragt worden. Am 1. Juni 2015 sei
Mathisayan erschossen worden, dies weil er den Tamilen geholfen habe.
Daraufhin habe er (der Beschwerdeführer) an seinem (...) College Protest-
Flyer verteilt und auf dem Campus an die Wände angebracht. Die Flyer
seien eine Warnung an die regierungsfreundlichen Leute gewesen, die Ma-
thisayan erschossen hatten, dass sie keine Leute, die im Sozialbereich ar-
beiteten, erschiessen dürften, weil es sonst Konsequenzen geben werde.
Ende 2015 sei am (...) College ein Protest gegen den damaligen Direktor
F._ organisiert worden; die Studierenden hätten dessen Absetzung
gefordert. Er habe an vorderster Front mitgemacht und sei daraufhin direkt
von F._ bedroht worden. Vor dem (...) College seien auch CID-
Leute in Zivil postiert gewesen. Sie hätten ihm auf der Strasse gedroht und
gesagt, er solle nicht an den Protesten gegen den Direktor teilnehmen.
Am 8. März 2016 seien CID-Leute zu ihnen nach Hause gekommen und
hätten einige Beweisdokumente und Flyer mitgenommen. Man habe ihnen
vorgeworfen, die LTTE zu unterstützen und ihren Wiederaufbau fördern zu
wollen. Er sei zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause gewesen, weil er zufällig
in G._ gewesen sei; er sei dann auch nie mehr nach Hause zurück-
gekehrt und habe sich am 10. März 2016 nach Kilinochchi begeben, um
sich dort bei einem Freund zu verstecken. Im Juni 2016 habe der Vater
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Kontakt zu einem Schlepper aufgenommen; dieser habe die Reise organi-
siert. Im September 2016 sei er mit seinem Pass ausgereist.
Der Beschwerdeführer brachte vor, nach Schlägen durch die CID-Männer
öfters an Entzündungen im rechten Ohr gelitten zu haben. Ausserdem er-
klärte er, dass seine Familie aufgrund einer Mitgiftstreitigkeit mit der Ver-
wandtschaft sehr arm sei und in sehr bescheidenen Verhältnissen leben
müsse.
Aufgrund der oben erwähnten Vorgänge bezeichnete sich der Beschwer-
deführer als politisch aktive Person, räumte aber ein, abgesehen von den
Festhaltungen keine weiteren Probleme mit den sri-lankischen Behörden
oder Sicherheitsdiensten gehabt zu haben.
Zum Beleg seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer eine Geburts-
urkunde, seine Identitätskarte sowie ein Schreiben eines Friedensrichters
aus Jaffna zu den Akten.
C.
Mit Verfügung vom 19. Juli 2017, eröffnet am 25. Juli 2017, lehnte das SEM
das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete seine Wegwei-
sung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Es hielt die Vorbringen des
Beschwerdeführers nicht für asylbeachtlich im Sinne des Art. 3 AsylG, den
Vollzug der Wegweisung erachtete es für zulässig. Das SEM hielt den Voll-
zug in die Nordprovinz auch für zumutbar, da der Beschwerdeführer jung,
gesund und gut ausgebildet sei und in sein Elternhaus zurückkehren
könne.
D.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 24. August 2017
beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und beantragte die Feststel-
lung, dass die Verfügung des SEM vom 19. Juli 2017 seinen Anspruch auf
gleiche und gerechte Behandlung verletze und aus diesem Grund nich-
tig/ungültig sei; das SEM sei anzuweisen sein Asylverfahren weiterzufüh-
ren. Des Weiteren wurde die Aufhebung der Verfügung des SEM wegen
Verletzung des Willkürverbotes beantragt, die Sache sei an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Eventualiter sei die Verfügung aufzuheben und zur Fest-
stellung des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts
und zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei
ihm unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Feststellung der
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Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die angefoch-
tene Verfügung betreffend die Dispositivziffern 4 und 5 aufzuheben und die
Unzulässigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs festzustellen.
In prozessualer Hinsicht beantragte er vollständige Einsicht in sämtliche
nicht öffentlich zugänglichen Quellen des Lagebildes des SEM vom 16. Au-
gust 2016 zu Sri Lanka; nach Akteneinsicht sei eine angemessene Frist zur
Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzusetzen. Zudem sei ihm der
Spruchkörper bekanntzugeben und zu bestätigen, dass die mit der Be-
handlung der vorliegenden Sache betrauten Gerichtspersonen tatsächlich
zufällig ausgewählt worden seien. Für den Fall, dass das Bundesverwal-
tungsgericht materiell entscheiden sollte, stellte er verschiedene Beweis-
anträge.
Als Beweismittel reichte er folgende Unterlagen zu den Akten:
– Ein Foto des H._ in Kopie (Beilage 6); dieser habe mit der Fa-
milie im Jahr 2011 im Elternhaus des Beschwerdeführers gewohnt, er
sei Mitglied des Geheimdienstes der LTTE gewesen.
– Zwei Berichte über die Ermordung von Selvanayagam Kajeepan alias
«Gopi» und seiner Mitstreiter (Beilagen 7 und 8)
– Einen Bericht über die Ermordung von Mathisayan Sachchithanantham
(Beilage 9)
– Der Beschwerde lagen folgende weiteren Beweismittel bei: eine Zwi-
schenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 30. September
2016 aus einem anderen Verfahren, eine Stellungnahme des Rechts-
vertreters vom 12. Oktober 2016 zum Lagebild des SEM vom 5. Juli
2016; eine Stellungnahme des Rechtsvertreters vom 18. Oktober 2016
zum Lagebild des SEM vom 16. August 2016, ein Rechtsgutachten von
Prof. Walter Kälin zu Handen des SEM vom 23. Februar 2014, ein 88-
seitiger Bericht des Rechtsvertreters zur aktuellen Lage in Sri Lanka
vom 18. Juli 2017 (inklusive CD mit Informationsquellen), diverse inter-
nationale Berichte und Zeitungsartikel zur Lage in Sri Lanka aus den
Jahren 2016 und 2017 sowie ein Formular «Ersatzreisepapierbeschaf-
fung» des sri-lankischen Generalkonsulats und die Kopie eines Bei-
trags der NZZ am Sonntag «Ausgeschaffte Tamilen geoutet» vom
27. November 2016.
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Seite 6
E.
Mit Zwischenverfügung vom 1. September 2017 bestätigte die Instruktions-
richterin den Eingang der Beschwerde und stellte fest, der Beschwerdefüh-
rer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Sie teilte
ihm – vorbehältlich etwaiger Absenzen wegen Urlaub oder Krankheit – die
Mitglieder des ordentlichen Spruchgremiums mit. Den Antrag auf Offenle-
gung sämtlicher nicht öffentlich zugänglicher Quellen des SEM-Lagebildes
vom 16. August 2016 zu Sri Lanka lehnte sie ab, ebenso wie den Antrag
auf Fristansetzung zur Beschwerdeergänzung. Sie forderte den Beschwer-
deführer auf, den in seiner Rechtsmitteleingabe erwähnten Arztbericht ein-
zureichen und die ihn behandelnden Fachpersonen mittels Unterzeich-
nung und Rücksendung einer Entbindungserklärung gegenüber den Bun-
des-Asylbehörden vom Arztgeheimnis zu entbinden. Sie forderte ihn ferner
auf, innert Frist darzulegen, welche Unterlagen er zwecks der Untermaue-
rung der geltend gemachten grossen Armut seiner Familie einzureichen
gedenke; im Fall der Säumnis werde aufgrund der Akten entschieden.
Schliesslich setzte sie dem Beschwerdeführer Frist zur Bezahlung eines
Kostenvorschusses.
F.
Fristgerecht bezahlte der Beschwerdeführer am 18. September 2017 den
Kostenvorschuss.
G.
Am 22. September 2017 übermittelte der Beschwerdeführer fristgerecht
die Erklärung über die Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht vom
22. September 2017. Er reichte auch eine Kopie des ärztlichen Untersu-
chungsberichts zu seinen Gehörproblemen aus dem Jahr 2015 von
Dr. I._ zu den Akten. Ferner reichte er eine Bestätigung der (...)
Community Based Bank in J._ vom 14. September 2017 zu den
Akten, aus welcher die Armut und die Unterstützungsbedürftigkeit seiner
Familienangehörigen hervorgehe. Zudem legte er zwei Fotos seiner Eltern
in der Küche ihres Wohnhauses (ein Foto zusammen mit dem jüngeren
Bruder) ins Recht und wies auf die ärmlichen Verhältnisse und die einfache
Kleidung hin. Mit der Eingabe erneuerte er seinen zuvor bereits durch das
Gericht abgewiesenen Antrag auf Offenlegung der Quellen des Lagebildes
des SEM vom 16. August 2016 und reichte hierzu einen Bericht des UN-
HCR «Country of Origin Information: Towards Enhanced International
Cooperation» vom Februar 2004 sowie einen Ausdruck des Artikels C8
«Länderinformationen und Lageanalysen» aus dem «Handbuch Asyl und
Rückkehr» des SEM als Beweismittel zu den Akten.
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Seite 7
H.
Am 2. April 2020 richtete der Beschwerdeführer eine erneute Eingabe an
das Gericht und legte einen von seinem Rechtsvertreter verfassten Län-
derbericht («Update Ländersituation Sri Lanka») vom 26. Februar 2020 so-
wie einen Länderbericht vom 23. Januar 2020 samt Beilagen ins Recht. Er
wies auf die veränderte Situation seit der Wahl von Gotabaya Rajapaksa
zum Präsidenten im November 2019 hin und legte dar, dass für ihn nun-
mehr im Fall der Rückkehr eine erhöhte Gefahr für Übergriffe durch das
sri-lankischen Regime bestünde und er an Leib und Leben gefährdet sei.
Ferner nahm der Rechtsvertreter erneut ausführlich (S. 2 – 21 der Eingabe)
zur Lage in Sri Lanka Stellung und reichte eine weitere CD mit Informati-
onsquellen als Beweismittel zu den Akten.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 2. September 2020 wurde die Vorinstanz ein-
geladen, sich innert Frist zu den Beschwerdevorbringen im Lichte der
jüngsten politischen Veränderungen im Herkunftsland zu äussern.
J.
Nach gewährter Fristerstreckung nahm das SEM am 1. Oktober 2020 Stel-
lung zu den Beschwerdevorbringen. Es hielt an seiner Verfügung fest und
beantragte die Abweisung der Beschwerde. Es teilte dem Beschwerdefüh-
rer den Namen des für den Entscheid zuständigen Fachspezialisten mit.
K.
Am 5. Oktober 2020 übermittelte die Instruktionsrichterin dem Beschwer-
deführer die Stellungnahme des SEM zur Replik.
L.
In der Replik vom 20. Oktober 2020 wurde erneut auf die Beschwerdevor-
bringen hingewiesen. Die Auskunft des SEM betreffend die sachbearbei-
tende Person wurde unter Hinweis auf das Urteil des Bundesverwaltungs-
gerichts D-1549/2017 vom 2. Mai 2018 als unvollständig und daher unge-
nügend erachtet. Dies sei im Rahmen der Kostenregelung zu beachten.
Betreffend die eingereichten Beweismittel Ziff. 6-9 sei klar festzuhalten,
dass diese die unterstellten LTTE-Verbindungen sowie das Ausmass der
Beschuldigungen, Verdächtigungen und der Verfolgung der sri-lankischen
Sicherheitskräfte gegenüber dem Beschwerdeführer belegten. Das SEM
habe seine Vorbringen auch stets als glaubhaft erachtet. Er (der Beschwer-
deführer) gehöre zu den Personen, welche im Verdacht stünden, den Wie-
deraufbau der LTTE voranzutreiben. Er habe auch die Armut seiner Familie
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Seite 8
hinreichend dokumentiert, ebenso wie seinen Gesundheitszustand; dies-
bezüglich wurde eine Fristansetzung zur Nachreichung eines aktuellen
Arztberichts beantragt. Angesichts des Engagements des Beschwerdefüh-
rers in Sri Lanka betreffend die Aufklärung von Menschenrechtsverletzun-
gen passe es ins Bild, dass er sich auch in der Schweiz exilpolitisch enga-
giere. Das SEM hätte das exilpolitische Engagement im Sinne des Grund-
satzes "in dubio pro refugio" als glaubhaft gemacht werten müssen. Der
Beschwerdeführer sei klar gefährdet, die Ersatzreisepapierbeschaffung
habe ihn in den Fokus der Behörden gerückt. Angesichts der stark ver-
schlechterten Sicherheitssituation, welche in einem Bericht des Rechtsver-
treters dargelegt werde, sei von einer Akzentuierung der Gefährdungslage
auszugehen, da er (der Beschwerdeführer) verschiedene Risikomerkmale
aufweise. Besonders schwer wiegten seine politischen Überzeugungen,
seine Tätigkeiten im Menschenrechtsbereich, seine Verbindungen zu den
LTTE, die Vorwürfe bezüglich eines vermeintlichen Wiederaufbaus der
LTTE, sein ausgeprägtes exilpolitisches Engagement sowie sein langjähri-
ger Aufenthalt in der Schweiz.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG und dem VGG, soweit das
AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
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Seite 9
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
1.5 Auf den Antrag auf Mitteilung betreffend die Zufälligkeit der Zusam-
mensetzung des Spruchkörpers ist nicht einzutreten (vgl. Teilurteil des
BVGer D-1549/2017 vom 2. Mai 2018 E. 4.3).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 In der Beschwerde werden verschiedene formelle Rügen erhoben.
Diese sind vorab zu prüfen, da sie geeignet sein könnten, eine Kassation
der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34; KÖLZ/
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-1549/2017 http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/34
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Seite 10
HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des
Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
4.2 Der Beschwerdeführer rügt eine Verletzung des Anspruchs auf gleiche
und gerechte Behandlung. Die Verfügung der Vorinstanz leide an einem
schweren formellen Mangel, da aus ihr nicht hervorgehe, welche Personen
für den Entscheid zuständig gewesen seien (vgl. Beschwerde S. 12 ff.).
Damit verletze die Verfügung den zentralen Anspruch auf Rechtsgleichheit
und sei nichtig.
4.2.1 Nach der Rechtsprechung ist eine Verfügung nichtig, wenn der ihr
anhaftende Mangel besonders schwer und offensichtlich oder zumindest
leicht erkennbar ist und die Rechtssicherheit durch die Annahme der Nich-
tigkeit nicht ernsthaft gefährdet wird (vgl. dazu BGE 132 II 342 E. 2.1
S. 346 m. w. H.). Schwerwiegende Form- oder Eröffnungsfehler können
unter Umständen die Nichtigkeit einer Verfügung nach sich ziehen. Aus der
mangelhaften Eröffnung einer Verfügung darf der Partei kein Nachteil er-
wachsen.
4.2.2 Jede Person in einem Verwaltungsverfahren hat Anspruch darauf,
dass die Behörden in einem sie betreffenden Verfahren ordnungsgemäss
zusammengesetzt sind und die Ausstands- und Ablehnungsgründe beach-
tet werden. Gemäss Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-2378/2013
vom 5. März 2015 E. 6.4 beinhaltet der verfassungsmässige Grundsatz
von Art. 29 Abs. 1 BV einen Anspruch auf gleiche und gerechte Behandlung
und somit einen Anspruch auf eine rechtmässig zusammengesetzte, zu-
ständige und unbefangene Behörde. Dieses Recht umfasst den Anspruch
auf Bekanntgabe der Behördenmitglieder, die beim Entscheid mitwirken,
denn nur so können die Betroffenen feststellen, ob ihr verfassungsmässi-
ger Anspruch auf richtige Besetzung der Verwaltungsbehörde und eine un-
parteiische Beurteilung ihrer Sache gewahrt ist. Die Namen der am Ent-
scheid beteiligten Personen müssen jedoch nicht in der Verfügung selbst
ausdrücklich genannt werden. Nach bundesgerichtlicher Praxis genügt die
Bekanntgabe in irgendeiner Form, beispielsweise in einem besonderen
Schreiben (vgl. dazu das Teilurteil des BVGer D-1549/2017 vom 2. Mai
2018 E. 8 m.w.H.)
4.2.3 In seiner Stellungnahme vom 1. Oktober 2020 teilte das SEM dem
Beschwerdeführer den Namen des für die angefochtene Verfügung zustän-
digen SEM-Mitarbeiters mit. In der Replik hat der Beschwerdeführer innert
der ihm gesetzten Frist dazu Stellung genommen (vgl. oben Bst. L.), wobei
http://links.weblaw.ch/BGE-132-II-342 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-1549/2017
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Seite 11
er bemängelte, dass ihm nicht auch der Name der zuständigen Sektions-
chefin bekannt gegeben wurde. Diesbezüglich ist jedoch festzuhalten,
dass der Name der unterzeichnenden «Chefin Fachbereich Asylverfahren
EVZ» aus dem öffentlich zugänglichen Staatskalender ersichtlich ist, was
genügend ist (vgl. Urteil des BVGer E-2378/2013 vom 5. März 2015 E. 6.4).
Ergänzend ist ferner festzustellen, dass der zuständige Fachspezialist, der
die angefochtene Verfügung unterzeichnet hat, bereits die Anhörung des
Beschwerdeführers vom 12. Dezember 2016 durchgeführt hat (vgl. A9/18),
was dem Beschwerdeführer spätestens mit der Gewährung der Aktenein-
sicht bekannt geworden ist. Allfällige Ausstandsgründe gegen den Fach-
spezialisten wären mithin bereits mit Beschwerdeerhebung geltend zu ma-
chen gewesen. Der formelle Mangel wird bei dieser Sachklage relativiert.
4.2.4 Das Fehlen der Namen in der angefochtenen Verfügung selbst stellt
auch keinen besonders schwerwiegenden Mangel dar, welcher die Nich-
tigkeit der Verfügung nach sich ziehen würde (vgl. Urteil des BVGer
E-5326/2017 vom 19. Dezember 2017 E. 7.1), sondern ist praxisgemäss
heilbar. Durch die nachträgliche Bekanntgabe der sachbearbeitenden Per-
son im Rahmen der Beschwerdeinstruktion war es dem Beschwerdeführer
möglich, seinen Anspruch auf richtige Besetzung der Vorinstanz und die
Wahrung der unparteiischen Beurteilung seiner Sache zu überprüfen. Der
Antrag auf Feststellung einer Verletzung des Anspruchs auf gleiche und
gerechte Behandlung und der Nichtigkeit der Verfügung ist abzuweisen
(vgl. zum Ganzen Urteil des BVGer E-1277/2018 vom 3. April 2018 E. 4.1).
Der festgestellte Mangel ist mittlerweile geheilt.
4.3 Sodann rügt der Beschwerdeführer eine Verletzung des Aktenein-
sichtsrechts, da ihm nicht alle Quellen, die im Lagebild des SEM zu Sri
Lanka vom 16. August 2016 ausgewertet wurden, offengelegt worden
seien (Beschwerde S. 6 ff., Eingabe vom 22. September 2017). Diesbe-
züglich ist auf die Erwägungen der Instruktionsverfügung vom 1. Septem-
ber 2017 zu verweisen, mit welcher der Antrag auf entsprechende Akten-
einsicht abgewiesen worden ist.
4.4 Des Weiteren macht der Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz
habe den Sachverhalt unrichtig und unvollständig abgeklärt.
4.4.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-5326/2017 http://links.weblaw.ch/BVGer-E-1277/2018 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
E-4795/2017
Seite 12
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 143 III 65 E. 5.2).
4.4.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht
bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und akten-
widriger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt
worden sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechts-
wesentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/
BERTSCHi, a.a.O., Rz. 1043).
4.4.3 Der Beschwerdeführer wirft dem SEM vor, es habe den Sachverhalt
in Hinblick auf sein Gefährdungsrisiko nicht vollständig abgeklärt und die
Relevanz der Vorbringen nicht richtig erkannt (vgl. Beschwerde S. 18 ff.).
Es habe die Zusammenhänge zwischen der Unterbringung eines LTTE-
Geheimdienstaktivisten und seiner Familie in seinem Elternhaus nicht ge-
nügend berücksichtigt; es sei ihm auch entgangen, dass die sri-lankischen
Behörden deshalb sicher vermutet hätten, dass auch er, der Beschwerde-
führer, mit dem ehemaligen LTTE-Mann Zeit verbracht habe und daher au-
tomatisch in den Fokus der Sicherheitsbehörden geraten und als potenti-
elle Kontakt- oder Informationsperson gelistet worden sei. Dies erkläre
auch die Verhöre betreffend wichtiger LTTE-Personen wie «Gopi» – zumal
er sich auch anlässlich der Besuche der UN-Hochkommissarin und David
Camerons im Jahr 2013 exponiert habe. In dieses Bild füge sich auch das
Verhör betreffend seines Kontakts zum Menschenrechtsaktivisten Mathy-
seenan (beziehungsweise Mathisayan, Anmerkung des Gerichts) im April
2015 ein, das nur zwei Wochen vor dessen Ermordung stattgefunden
habe. Aufgrund dieser Zusammenhänge habe er sich verdächtig gemacht,
Verbindungen im Zusammenhang mit dem Aufbau einer neuen LTTE zu
pflegen. Abgerundet werde sein politisches Profil schliesslich durch seine
Teilnahme am Protest gegen den Direktor seines Colleges. Das SEM habe
den Zusammenhang zwischen diesen Fakten – welche unbestritten seien
– nicht verstanden und nicht richtig eingeordnet.
http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/35
E-4795/2017
Seite 13
Überdies habe das SEM die aktuelle Situation in Sri Lanka unvollständig
und unrichtig abgeklärt sowie das Referenzurteil des Bundesverwaltungs-
gerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 falsch ausgelegt, was dazu ge-
führt habe, dass zahlreiche bei ihm klar einschlägige Risikofaktoren nicht
geprüft worden seien. Stattdessen habe sich das SEM an seinem eigenen
unvollständigen und teilweise falschen Lagebild orientiert. Das Lagebild
des SEM vom 16. August 2016, auf das in der angefochtenen Verfügung
Bezug genommen werde, beruhe auf Falschinformationen und bewussten
Manipulationen und müsse als eigentliches Machwerk bezeichnet werden
(Beschwerde S. 14 ff.) Falsch seien auch die Abklärungen des SEM zur
Menschenrechtslage in Sri Lanka. Diese habe sich entgegen der Ansicht
des SEM insbesondere in Bezug auf die allgemeine Situation der Tamilen
sowie die Existenz von Folter und Korruption auch seit der Wahl des Prä-
sidenten Sirisena nicht verbessert (Beschwerde S. 22 ff.). In diesem Zu-
sammenhang wurde – neben Datenträgern mit vielen länderspezifischen
Informationen – mit der Beschwerde ein vom Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers verfasster Länderbericht vom 18. Juli 2017 zu Sri Lanka
eingereicht; im weiteren Verlauf des Beschwerdeverfahrens reichte der
Rechtsvertreter wiederholt weitere von ihm verfasste Lageberichte ein (vgl.
oben Bst. H, L).
4.4.4 Das Bundesverwaltungsgericht weist darauf hin, dass die Frage, ob
das SEM den Vorbringen des Beschwerdeführers zu Recht die Asylerheb-
lichkeit absprach, nicht die Erstellung des Sachverhalts beschlägt, sondern
eine Frage der rechtlichen Würdigung der Sache ist, welche die materielle
Entscheidung über die vorgebrachten Asylgründe betrifft. Darüber hinaus
hat die Vorinstanz entgegen der Behauptung in der Beschwerde die Vor-
bringen des Beschwerdeführers sehr wohl vor dem Hintergrund der aktu-
ellen Lage in Sri Lanka gewürdigt. Sie stufte aber seine Vorbringen zur
geltend gemachten Verfolgung durch die sri-lankischen Sicherheitsbehör-
den als nicht asylbeachtlich ein. Dies ist in formeller Hinsicht nicht zu be-
anstanden, zumal sich die Vorinstanz – wie bereits erwähnt – mit den we-
sentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers auseinandersetzte und ihm
eine sachgerechte Anfechtung offensichtlich ermöglichte. Alleine der Um-
stand, dass das SEM zum einen in seiner Länderpraxis zu Sri Lanka einer
anderen Linie folgt, als vom Beschwerdeführer vertreten, und es zum an-
deren aus sachlichen Gründen auch zu einer anderen Würdigung der Vor-
bringen gelangt, als vom Beschwerdeführer verlangt, bedeutet noch keine
ungenügende Sachverhaltsfeststellung. Der rechtserhebliche Sachverhalt
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-1866/2015
E-4795/2017
Seite 14
wurde von der Vorinstanz vielmehr richtig und vollständig festgestellt. So-
weit sich die Kritik des Beschwerdeführers auf die Beweiswürdigung be-
zieht, ist in den nachfolgenden Erwägungen darauf einzugehen.
4.5 Der Beschwerdeführer rügt ferner, dass das SEM seinem exilpoliti-
schen Engagement nicht Rechnung getragen habe. Zudem habe das SEM
es unterlassen, die zu erwartende Papierbeschaffung beim sri-lankischen
Generalkonsulat in Genf, den standardmässigen behördlichen «Back-
groundcheck», die Relevanz des Urteils des High Court Vavuniya vom
25. Juli 2017 und der Verfahren vor dem High Court in Colombo für das
vorliegende Verfahren korrekt und vollständig abzuklären. Politische Inte-
ressen in der Schweiz würden sodann einer objektiven und neutralen Be-
trachtung der Lage in Sri Lanka entgegenstehen.
4.5.1 Weder im Zusammenhang mit der Prüfung allfälliger exilpolitischer
Vorbringen noch betreffend die bevorstehende Papierbeschaffung beim
sri-lankischen Generalkonsulat ist eine unrichtige oder unvollständige
Sachverhaltserstellung durch das SEM festzustellen. Der Beschwerdefüh-
rer wurde zu Beginn der Anhörung darauf aufmerksam gemacht, dass er
die Gründe für sein Asylgesuch nennen solle und am Schluss gefragt, ob
es noch unerwähnte Gründe gäbe, die gegen eine Rückkehr in seinen Hei-
matstaat sprechen würden. Exilpolitische Tätigkeiten erwähnte er dabei
nicht und er ist bis heute entsprechende Belege für ein mögliches exilpoli-
tisches Engagement schuldig geblieben.
4.5.2 Auch für spezifische Abklärungen im Zusammenhang mit der Be-
schaffung von Reisepapieren bestand und besteht ebenso wenig Veran-
lassung. Was die diesbezüglichen Befürchtungen des Beschwerdeführers
anbelangt (vgl. Beschwerde S. 25 ff.), ist auf das Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts BVGE 2017 VI/6 E. 4.3.3 zu verweisen, wonach es sich bei
der Ersatzreisepapierbeschaffung um ein standardisiertes, lang erprobtes
und gesetzlich geregeltes Verfahren handelt. Nur aufgrund der Datenüber-
mittlung der schweizerischen Behörden an die sri-lankischen Behörden
und der Nennung des (unglaubhaften) Ausreisegrundes anlässlich einer
Vorsprache auf dem sri-lankischen Generalkonsulat ist bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka nicht mit einer asylrelevanten Verfolgung zu rechnen.
4.6 Die verfahrensrechtlichen Rügen erweisen sich nach dem Gesagten
als unbegründet. Der rechtserhebliche Sachverhalt wurde korrekt und um-
fassend erstellt; die Verfügung ist in angemessener Weise begründet, und
der Beschwerdeführer konnte sie sachgerecht anfechten. Der Mangel,
http://links.weblaw.ch/BVGE-2017%20VI/6
E-4795/2017
Seite 15
dass die an der Verfügung mitwirkenden Personen zunächst nicht nament-
lich bekannt gegeben wurden, konnte im Beschwerdeverfahren geheilt
werden. Weitere Verletzungen des rechtlichen Gehörs sind nicht ersicht-
lich; erst recht kann nicht von krassen formellen Mängeln der angefochte-
nen Verfügung und von Willkür im vorinstanzlichen Verfahren (vgl. Be-
schwerde S. 14 ff.) die Rede sein. Es besteht daher keine Veranlassung,
die angefochtene Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und an
das SEM zurückzuweisen. Die entsprechenden Kassationsbegehren sind
abzuweisen.
4.7 Das Gericht hat demnach in der Sache materiell zu entscheiden. Dies-
bezüglich werden Beweisanträge gestellt (vgl. Beschwerde S. 34 f.). Was
den Antrag betrifft, es sei dem Beschwerdeführer Frist zur Einreichung ei-
nes Arztberichts und von Unterlagen zur grossen Armut seiner Familie an-
zusetzen, wurde diesem Antrag im Rahmen der Beschwerdeinstruktion
entsprochen (vgl. oben Bst. E und G). Der Antrag, der Beschwerdeführer
sei durch eine Person des SEM, welche über ausreichende Länderkennt-
nisse verfüge, erneut anzuhören, ist demgegenüber abzuweisen; wie vor-
stehend dargelegt, erweist sich der Sachverhalt als ausreichend erstellt,
zumal sich der Beschwerdeführer im Beschwerdeverfahren mit mehreren
Eingaben hat zusätzlich äussern können, und es besteht kein Anlass, die
Sache an die Vorinstanz zu weiteren Abklärungen oder Anhörungen zu-
rückzuweisen.
5.
5.1 Das SEM erachtete die vom Beschwerdeführer vorgebrachten Prob-
leme mit den sri-lankischen Behörden als nicht asylbeachtlich im Sinne des
Art. 3 AsylG; bei den geschilderten Vorfällen habe es sich jeweils um in
sich abgeschlossene Ereignisse gehandelt, die in keinem Zusammenhang
gestanden hätten und für sich genommen keine negativen Folgen für den
Beschwerdeführer gezeitigt hätten.
Die erste Festnahme durch Armeeangehörige im Jahr 2011 habe sich nicht
gezielt gegen den Beschwerdeführer gerichtet, sondern das Interesse
habe der beherbergten Familie und vor allem dem LTTE-Veteranen gegol-
ten und man habe Druck auf seinen Vater ausüben wollen. Dafür spreche,
dass der Beschwerdeführer nach dieser Festhaltung bis Ende 2013 keine
weiteren Probleme gehabt habe. Im Rahmen der zweiten Festnahme,
Ende 2013, sei er zu einer Person namens «Gopi» befragt worden; man
habe bei diesem Anlass aber weder auf die Festhaltung 2011 noch auf
seine Informationssammlung betreffend verschwundene Personen Bezug
E-4795/2017
Seite 16
genommen; deshalb sei davon auszugehen, dass die Sicherheitsbehörden
diese früheren Vorfälle als unbeachtlich erachtet hätten. Dies gelte eben-
falls für die Teilnahme an der Demonstration gegen die Festnahme der Ak-
tivistin Jeyakumari, wobei unsicher sei, ob diese den Behörden überhaupt
bekannt geworden sei. Auch bei der Festhaltung vom 13. April 2015 sei es
vornehmlich um den Aktivisten Mathisayan gegangen und weniger um den
Beschwerdeführer selbst. Dies sei nachvollziehbar, habe der Beschwerde-
führer doch nie vorgebracht, engere Beziehungen zu Mathisayan gepflegt
zu haben. Auch anlässlich dieser Festhaltung sei der Beschwerdeführer
nur ganz isoliert zu Mathisayan befragt worden, wobei diese Festhaltung
keine weiteren Konsequenzen für ihn gehabt habe. Was den Protest gegen
den Direktor des Colleges betreffe, bezeichnete das SEM dieses Ereignis
als für den Beschwerdeführer folgenlos geblieben. Die Hausdurchsuchung
am 8. März 2016 in seinem Elternhaus, bei der Dokumente und Flugblätter
beschlagnahmt worden seien, und deren Anlass seine Einmischung in die
Politik und eine Unterstützung für den Wiederaufbau der LTTE gewesen
sein soll, erachtete das SEM schliesslich als legitime Massnahme des sri-
lankischen Staates gegen den Wiederaufbau der LTTE und somit durch
das legitime Gewaltmonopol des Staates abgedeckt. Diese Massnahme,
zumal sie ebenfalls folgenlos geblieben sei, erfülle daher die Intensität ei-
ner Behandlung im Sinne des Art. 3 AsylG nicht. Aufgrund der nur nieder-
schwelligen Erfahrungen des Beschwerdeführers mit den sri-lankischen
Behörden und seinem vernachlässigbaren politischen Profil, sei nicht da-
von auszugehen, dass er im Fall einer Rückkehr asylbeachtliche Folgen zu
befürchten hätte. Dass zukünftig weitere Konsequenzen drohen sollten,
bleibe lediglich Spekulation; eine begründete Furcht vor zukünftiger Verfol-
gung verneinte das SEM. Das vorgelegte Schreiben des Friedensrichters
ändere nichts an diese Einschätzung, gehe aus diesem doch nur hervor,
dass der Beschwerdeführer 2013 und 2015 kurz festgehalten worden sei,
worauf sich der Friedensrichter für seine Freilassung eingesetzt habe.
5.2 In der Beschwerde wird entgegnet, die Vorinstanz habe es unterlassen,
die einzelnen Verhaftungen des Beschwerdeführers als Ganzes zu be-
trachten. Eine isolierte Betrachtung verbiete sich jedoch, vielmehr bestehe
zwischen den Einzelereignissen ein klarer Zusammenhang. Offensichtlich
sei der Beschwerdeführer im Fokus der Behörden; er habe sich aufgrund
der von ihm geltend gemachten Festhaltungen und Befragungen zu zent-
ralen und wichtigen Persönlichkeiten bei den sri-lankischen Sicherheitsbe-
hörden höchst verdächtig gemacht, sich für die tamilische Sache und den
E-4795/2017
Seite 17
Wiederaufbau der LTTE einsetzen zu wollen. Deshalb habe er eine begrün-
dete Furcht, ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt
zu werden.
Beim LTTE-Veteranen, dessen Familie im Jahr 2011 im Elternhaus des Be-
schwerdeführers untergebracht war, handle es sich um H._, der
Mitglied des Geheimdienstes der LTTE gewesen sei; die Bekanntschaft
werde durch ein privates Foto belegt. Zuvor sei schon der Vater des Be-
schwerdeführers in das Camp der «Eelam People's Democratic Party»
(EPDP) in G._ vorgeladen worden, wo er von Armeeangehörigen
ebenfalls zu H._ befragt worden sei. «Gopi» dagegen sei Selva-
nayagam Kajeepan, ein LTTE-Mitglied, welchem vorgeworfen worden sei,
die LTTE wieder ins Leben gerufen zu haben, und der von den sri-lanki-
schen Sicherheitskräften getötet worden sei. Der Beschwerdeführer sei am
2. Dezember 2013 vom CID für drei Tage festgenommen und zu seinen
möglichen Kontakten zu «Gopi» und dessen Auslandkontakte befragt wor-
den; er sei verhört und geschlagen worden, obwohl er «Gopi» weder ge-
kannt noch etwas über ihn gewusst habe. Auch die Menschenrechtsakti-
vistin Jeyakumari solle aus Sicht der Terrorism Investigation Division (TID)
in diese Sache verwickelt gewesen sein; der Beschwerdeführer habe im
März 2014 an einer Kundgebung wegen ihrer Verhaftung teilgenommen.
Da es sich bei diesen Personen um frühere LTTE-Aktivisten gehandelt
habe, welche auch aus Geheimdienstkreisen der LTTE stammten, ferner
der beherbergte H._ auch Mitglied des LTTE Geheimdienstes ge-
wesen sei, und Menschenrechtsaktivisten aus Sicht der sri-lankischen Be-
hörden und Sicherheitskräften ebenfalls damit in Verbindung standen,
zeigten sich damit Hintergründe für die Verhaftung des Beschwerdeführers
am 2. Dezember 2013. Es erstaune nicht, dass er verdächtigt worden sei,
Kontakte zur militanten Zelle um «Gopi» zu pflegen, oder etwas über ihn
zu wissen, zumal er auch noch an der Demonstration gegen die Verhaftung
der Aktivistin Jeyakumari teilgenommen habe. Schliesslich habe der Be-
schwerdeführer an zwei Veranstaltungen teilgenommen, bei welchen Ma-
thisayan, der Chef einer Nichtregierungsorganisation (NGO), anwesend
war, der am 1. Juni 2015 unter ungeklärten Umständen getötet worden sei
– verdächtigt habe man den CID, was durch eingereichte Medienberichte
bestätigt werde. Kurz zuvor sei der Beschwerdeführer am 13. April 2015
festgenommen und während zwei Tagen befragt worden, insbesondere zu
den Aussagen von Mathisayan und dessen möglichen Kontakten. Auch im
Fall von Mathisayan sei von Seiten der sri-lankischen Behörden versucht
worden, eine Verbindung von Menschenrechtsaktivitäten zu einem Wieder-
aufbau der LTTE aufzuzeigen, dies offensichtlich um die Aktivitäten der
E-4795/2017
Seite 18
Menschenrechtsvertreter, welche die Aufklärung der schweren Menschen-
rechtsverletzungen und Kriegsverbrechen forderten, zu diskreditieren, was
durch die vorgelegten Presseberichte belegt werde. Ein weiteres Zeichen
des politischen Aktivismus des Beschwerdeführers sei schliesslich seine
Teilnahme an einem Protest Ende 2015 gegen den Direktor des (...) Col-
leges, welcher mit den Sicherheitskräften kooperierte. Vor diesem Hinter-
grund sei nicht erstaunlich, dass der CID am 8. März 2016 das Wohnhaus
des Beschwerdeführers und seiner Familie nach Material im Zusammen-
hang mit dem Wiederaufbau der LTTE durchsucht und dem Beschwerde-
führer – wie er gehört habe – eine entsprechende Beteiligung vorgeworfen
habe. Das SEM habe diese Vorbringen nur ungenügend abgeklärt und des-
halb deren Bedeutung nicht verstanden (vgl. Beschwerdeeingabe S. 9
ff.,18 ff., 39 f.). In der Schweiz nehme der Beschwerdeführer regelmässig
an monatlichen LTTE-Anlässen teil (vgl. Beschwerdeeingabe S. 34).
Das SEM habe diese Zusammenhänge nicht erkannt und falsche Schlüsse
gezogen. Bereits die erste Verhaftung des damals noch minderjährigen
und unbeteiligten Beschwerdeführers deute darauf hin, dass er unter einer
politisch motivierten Verfolgung leide, dies inzwischen auch aufgrund sei-
nes Engagements im Menschenrechtsbereich. Wenn das SEM dem Be-
schwerdeführer im Entscheid vorhalte, es habe sich bei der Hausdurchsu-
chung um eine legitime Massnahme gehandelt, welche nur asylrelevant
sei, wenn dabei wesentliche rechtsstaatliche Prinzipien verletzt würden,
werde die politisch motivierte Verfolgung des Beschwerdeführers aufgrund
seines menschenrechtlichen Engagements, welche eigentlich zur Asylge-
währung führen müsste, in ihr Gegenteil – in eine staatlich legitime Mass-
nahme des sri-lankischen Staates gegen den Beschwerdeführer – ver-
kehrt. Eine solche Schlussfolgerung sei unzulässig und widerspreche dem
Grundsatz, dass Opfern politischer Verfolgung der Schutz des Asylgeset-
zes zu Teil werde (vgl. Beschwerdeeingabe S. 16 ff.).
Das SEM schätze darüber hinaus auch die allgemeine Lage in Sri Lanka
völlig falsch ein; entgegen dessen Einschätzung sei die Menschenrechts-
und Sicherheitslage desolat (vgl. Beschwerdeeingabe S. 20 – 25). Es
stütze seine Einschätzung auf unzutreffenden Ländererkenntnissen ab
(vgl. Beschwerdeeingabe S. 35 ff.).
Zudem sei zu erwarten, dass der Beschwerdeführer im Rahmen des Back-
ground-Checks vor einer möglichen Rückführung aufgrund seines expo-
nierten politischen Profils, der bereits erfolgten Behelligungen durch den
E-4795/2017
Seite 19
CID und seiner exilpolitischen Aktivitäten in der Schweiz bei der entspre-
chenden Überprüfung des Formulars einen Eintrag in der «Watch List»
oder sogar in der «Stop List» erhalten werde. Es sei damit zu rechnen,
dass er im Fall der Rückkehr schon aufgrund des Prozederes der Papier-
beschaffung und den im Hintergrund ablaufenden Vorgängen mit asylrele-
vanter Verfolgung zu rechnen habe (vgl. Beschwerdeeingabe, S. 25 ff. und
28 ff.).
Der Beschwerdeführer erfülle aufgrund all dieser Faktoren ein herausra-
gendes Risikoprofil und habe ein reales Risiko, einer nach Art. 3 AsylG
oder Art. 3 EMRK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt zu wer-
den (vgl. Beschwerdeeingabe S. 39 f.).
5.3 In seiner Stellungnahme im Rahmen der Vernehmlassung vom 1. Ok-
tober 2020 hielt das SEM an seinem Entscheid fest. Es erachtete die mit
der Beschwerde vorgelegten Beweismittel als untauglich, um seine Ein-
schätzung betreffend die Verneinung der Asylrelevanz der Vorbringen des
Beschwerdeführers zu erschüttern. Die erstmals auf Beschwerdestufe gel-
tend gemachten exilpolitischen Aktivitäten erachtete es als nachgeschoben
und bisher völlig unbelegt. Betreffend die Befürchtungen im Zusammen-
hang mit der Reisepapierbeschaffung stellte das SEM fest, dass es sich
dabei um ein standardisiertes und langjährig bewährtes Verfahren handle,
seit dem 24. Dezember 2016 zusätzlich durch das Migrationsabkommen
zwischen der Schweiz und Sri Lanka (SR 0.142.117 .121) geregelt. Es wür-
den dem Konsulat nur Personendaten bekannt gegeben, die dem Zweck
der Ersatzreisepapierbeschaffung dienten, unter vollumfänglicher Einhal-
tung der Datenschutzbestimmungen nach Art. 97 AsylG und Art. 106 AIG.
Es handle sich zudem weder in Art. 97 Abs. 3 AsylG noch in Art. 16 Bst. c
des Migrationsabkommens um eine abschliessende Aufzählung der Daten,
die einer ausländischen Behörde für die Organisation der Ausreise der be-
troffenen Person übermittelt werden dürfen; diese Übermittlung schaffe
keine neuen Gefährdungselemente.
5.4 In der Replik vom 20. Oktober 2020 hielt der Beschwerdeführer fest,
die Sicherheitslage habe sich seit seiner Einreise durch den Regierungs-
wechsel im November 2019 und die Machtübernahme von Gotabaya Raja-
paksa enorm verschärft (vgl. Replikeingabe, S. 6 – 15). Für ihn bestehe im
gegenwärtigen Kontext eine erhöhte Gefahr eines Übergriffs auf seine un-
verzichtbaren Rechte an Leib, Leben und Freiheit, da er sich unbestritten
in Sri Lanka intensiv für die Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen
seitens der sri-lankischen Regierung eingesetzt habe, was das SEM stets
E-4795/2017
Seite 20
als glaubhaft erachtet habe. Die Beweismittel 6 – 9 belegten die ihm unter-
stellten LTTE-Verbindungen sowie das Ausmass der Beschuldigungen,
Verdächtigungen und der Verfolgung der sri-lankischen Sicherheitskräfte
ihm gegenüber. Er gehöre zu den Personen, welche im Verdacht stünden,
den Wiederaufbau der LTTE voranzutreiben. Er sei klar gefährdet, die Er-
satzreisepapierbeschaffung habe ihn in den Fokus der Behörden gerückt.
Angesichts der stark verschlechterten Sicherheitssituation, welche in ei-
nem Bericht des Rechtsvertreters zur Lage in Sri Lanka dargelegt werde,
sei von einer Akzentuierung der Gefährdungslage auszugehen, da er fast
alle Risikomerkmale aufweise, welche das Bundesverwaltungsgericht de-
finiert habe. Besonders ins Gewicht fielen dabei seine politischen Überzeu-
gungen, seine Tätigkeiten im Menschenrechtsbereich, seine Verbindungen
zu den LTTE, die Vorwürfe bezüglich eines vermeintlichen Wiederaufbaus
der LTTE, sein ausgeprägtes exilpolitisches Engagement sowie sein lang-
jähriger Aufenthalt in der Schweiz.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Durchsicht der Akten zur
Auffassung, dass die Vorinstanz zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers verneint und das Asylgesuch abgelehnt hat. Da die
Ausführungen in der Beschwerde zu keiner anderen Betrachtungsweise
führen, kann im Grundsatz zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen auf
die zutreffenden Ausführungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen
werden.
6.2 Ergänzend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zwar geltend
machte, er sei beginnend im Jahr 2011 insgesamt dreimal aufgegriffen und
von Militärangehörigen (2011) beziehungsweise dem CID (2013, 2015) in-
haftiert und befragt worden, er dazu aber selbst ausführte, er sei jeweils
nach kurzer Zeit ohne weitere Auflagen wieder freigelassen worden. Seine
Festhaltungen hätten – gemäss seinen Angaben – keine weiteren Prob-
leme für ihn oder seine Angehörigen ausgelöst (vgl. act. A9/18 F65 ff., F71,
107, 111, 117, 118 – 120, bzw. A7/12, S. 8). Auch nach seinem Protest
gegen den Direktor des Colleges sei es bei einer Drohung durch den CID
geblieben (vgl. act. A9/18 F88 f.), und seine (legale) Ausreise mit dem ei-
genen Pass (vgl. act. A9/18 F25, 26, A7/12 F5.01, S. 6) sei für die in Sri
Lanka verbliebene Familie ohne Konsequenzen geblieben (vgl. act. A9/18
F17 – 20, 45 – 48). Die Einschätzung der Vorinstanz, wonach es sich bei
den Festhaltungen um isolierte Ereignisse handelte, nach denen der Be-
schwerdeführer sowie seine Familie jahrelang unbehelligt lebten, trifft zu.
E-4795/2017
Seite 21
6.3 In der Beschwerdeeingabe wird dagegen ein Zusammenhang zwi-
schen all diesen Einzel-Ereignissen skizziert, um aufzuzeigen, dass der
Beschwerdeführer ein starkes politisches Profil aufweise, weshalb er im
Fall der Rückkehr an Leib und Leben gefährdet sei. Diese Ausführungen in
der Beschwerde überzeugen aus den folgenden Gründen nicht.
6.3.1 Betreffend die Vorbringen um den LTTE-Mann H._ im Jahr
2011 erscheint es wenig überzeugend, dass der Beschwerdeführer und
sein Vater vorgeladen und festgehalten wurden, jedoch über eine mögliche
Befragung und Verhaftung der direkten Familienmitglieder des H._,
die zur gleichen Zeit im selben Haus lebten, nichts bekannt ist. Auch das
mit der Beschwerde eingereichte Beweismittel (Kopie eines Fotos, das an-
geblich den H._ zeigt), vermag das Vorbringen des Beschwerde-
führers nicht zu belegen und wurde von der Vorinstanz zu Recht als un-
tauglich bezeichnet. Ferner gilt das bereits oben Gesagte, wonach die Fa-
milie des Beschwerdeführers nach dessen Festhaltung durch das Militär
zwei Jahre völlig unbehelligt lebte. Ein Risiko vermag dieses Ereignis nicht
zu begründen, zumal der Beschwerdeführer klar sagte, sein Vater sei wäh-
rend des Bürgerkriegs nie Mitglied der LTTE gewesen, auch er selber nicht
(vgl. act. A9/18 F27 – 33).
6.3.2 Zur zweiten Verhaftung und Befragung betreffend «Gopi» im Dezem-
ber 2013 ist festzuhalten, dass bekannt ist, dass im Jahr 2014 im Zusam-
menhang mit «Gopi» – einem LTTE-Mitglied, welchem vorgeworfen wurde,
die LTTE wieder ins Leben gerufen zu haben – die ganze Zivilbevölkerung
systematisch überwacht wurde (vgl. dazu Office fédéral des migrations
ODM, Focus Sri Lanka, Présence de l'armée sur le territoire nationale et
nouvelles tensions sécuritaires, Bern 31. Juli 2014; vgl. auch UNO-Men-
schenrechtsrat [OHCHR], Genf, Report of the OHCHR Investigation on Sri
Lanka [OISL]. A/HRC/30/CRP.2. 16.09.2015). Die vom Beschwerdeführer
erwähnte Festhaltung ist in diesem Zusammenhang zu sehen, zumal er
«Gopi» nicht einmal kannte (vgl. act. A9/18 F74 – 77; A7/12, S. 7); auch
dieser Vorfall wurde daher zu Recht als abgeschlossenes Ereignis qualifi-
ziert und vermag – anders als in der Beschwerde ausgeführt – aufgrund
seiner Art und Intensität keine Asylrelevanz zu begründen. Das in der Be-
schwerde behauptete exponierte politische Profil des Beschwerdeführers,
da dieser sowohl mit «Gopi» in Verbindung gebracht worden sei als auch
an einer Demonstration anlässlich der Festnahme der Menschenrechtsak-
tivistin Jeyakumari teilgenommen habe, findet in den Akten keine tragfä-
hige Grundlage, und ein solcher Zusammenhang wurde vom Beschwerde-
führer selbst in dieser Form gar nicht geltend gemacht (vgl. beispielsweise
E-4795/2017
Seite 22
act. A9/18 F101). Auch nach diesem Vorfall gab es für den Beschwerde-
führer keine weiteren Probleme.
6.3.3 Schliesslich ist die geltend gemachte dritte Festhaltung vor der Er-
mordung des Menschenrechtsaktivisten Mathisayan im April 2015 eben-
falls nicht geeignet, ein Risikoprofil zu begründen, war der Beschwerdefüh-
rer nach eigenen Angaben doch nur ein Teilnehmer unter vielen, der zwei-
mal an einer Veranstaltung teilnahm und sich bezeichnenderweise gar
nicht mehr an den Namen der NGO erinnern konnte (vgl. act. A9/18 F116,
A7/12, S. 7); dass er einen engen Bezug zu Mathisayan gehabt hätte, geht
aus den Akten nicht hervor. Schliesslich zeitigte die Hausdurchsuchung im
März 2016 ebenfalls keine weiteren Folgen.
6.4 Die geschilderten Aufgriffe und regelmässigen Kontrollen sind zwar
schikanös und mochten vor dem Hintergrund der persönlichen Erlebnisse
des Beschwerdeführers geeignet sein, ihn zu verängstigen. In einer objek-
tiven Betrachtungsweise sind sie aber als zu wenig intensiv anzusehen,
um asylrechtliche Relevanz entfalten zu können. Die Annahme, der Be-
schwerdeführer hätte nach der Hausdurchsuchung festgenommen oder
getötet werden sollen, gründet auf reinen Vermutungen, die in den Akten
keine Stütze finden. Demnach ging die Vorinstanz zu Recht davon aus, der
Beschwerdeführer habe vor seiner Ausreise keine begründete Furcht vor
einer asylrelevanten Verfolgung gehabt.
6.5 Betreffend die erst auf Beschwerdestufe geltend gemachten subjekti-
ven Nachfluchtgründe aufgrund eines exilpolitischen Engagements hat die
Vorinstanz im Rahmen ihrer Vernehmlassung vom 1. Oktober 2020 zutref-
fend festgestellt, dass dieses Vorbringen bisher völlig unbelegt behauptet
wurde. Auch das Bundesverwaltungsgericht geht nicht davon aus, dass der
Beschwerdeführer ein politisches Profil aufgrund exilpolitischer Aktivitäten
in der Schweiz aufweisen kann, nachdem keines der im Beschwerdever-
fahren eingereichten zahlreichen Beweismittel sich auf die angeblichen
exilpolitischen Aktivitäten bezieht.
6.6 Weiter ist zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer wegen seiner Zugehö-
rigkeit zur tamilischen Ethnie und seinem langen Aufenthalt in der Schweiz
bei einer Rückkehr nach Sri Lanka zum heutigen Zeitpunkt ernsthafte
Nachteile drohen würden. Diesbezüglich ist auf das Referenzurteil des
Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 zu verweisen,
in welchem das Gericht eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkeh-
renden nach Sri Lanka vorgenommen (vgl. a.a.O., E. 8) und festgestellt
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-1866/2015
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Seite 23
hat, dass aus Europa respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische
Asylsuchende nicht generell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaf-
tung und Folter ausgesetzt seien (vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert
sich bei der Beurteilung des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter
Nachteile in Form von Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen
Risikofaktoren. Dabei handelt es sich unter anderem um das Vorhanden-
sein einer Verbindung zu den LTTE und um das Vorliegen früherer Verhaf-
tungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusammen-
hang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE
(sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.1-8.4.3). Einem
gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden, unterliegen
ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach
Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise zurückgeführt werden oder
die über die Internationale Organisation für Migration (IOM) nach Sri Lanka
zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben (sog. schwach
risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und 8.4.5). Das Gericht
wägt im Einzelfall ab, ob die konkret glaubhaft gemachten Risikofaktoren
eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden Person ergeben.
Dabei zieht es in Betracht, dass insbesondere jene Rückkehrer eine be-
gründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ha-
ben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zugeschrieben wird, dass
sie bestrebt sind, den tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen
(vgl. a.a.O. E. 8.5.1). Die Einschätzungen des Referenzurteils
E-1866/2015 sind weiterhin aktuell (vgl. statt vieler in jüngerer Zeit die Ur-
teile des BVGer D-6855/2019 vom 20. Mai 2021 E. 6.2, E-6131/2019 vom
18. Mai 2021 E. 6.5.1).
6.7 Wie ausgeführt ist die Einschätzung der Vorinstanz zu bestätigen, dass
beim Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Ausreise keine Risikofaktoren be-
standen, die ein Verfolgungsinteresse seitens der sri-lankischen Behörden
zu begründen vermochten. Es ist somit nicht davon auszugehen, dass dem
Beschwerdeführer Verbindungen zu den LTTE vorgeworfen werden, wel-
che im Zusammenhang mit dem Wiedererstarken der Organisation zu se-
hen wären. Gewisse untergeordnete Verbindungen mit den LTTE – hier
wäre es die Beherbergung eines rehabilitierten LTTE-Veteranen und seiner
Familie im Jahr 2011 – hat fast die gesamte tamilische Bevölkerung zu
verzeichnen, weshalb solche regelmässig nicht zu einer Gefährdung im
Sinne der Praxis führen, zumal die sri-lankischen Behörden diese nicht als
Gefahr für den sri-lankischen Einheitsstaat wahrnehmen. Im vorliegenden
Fall ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer im Jahr 2011 sehr jung
war und die Verantwortung für die Einquartierung einer Veteranenfamilie
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Seite 24
bei seinem Vater gelegen haben dürfte – einem Mann, der nach Angaben
des Beschwerdeführers ausdrücklich nichts mit den LTTE zu tun gehabt
haben soll (vgl. act. A9/18 F27 ff.). Auch der Umstand, dass der Beschwer-
deführer anlässlich der Besuche der UN-Menschenrechtshochkommissa-
rin und von David Cameron im Jahr 2013 in seinem lokalen Umfeld Infor-
mationen über Verschwundene gesammelt hat, was in der Beschwerde als
Einsatz für die Menschenrechte benannt wird (vgl. Replik Ziff. 31), er-
scheint als nicht beachtlich genug, um ein geschärftes politisches Profil zu
begründen, welches den Beschwerdeführer – selbst vor dem Hintergrund
des erfolgten Machtwechsels – im Fall der Rückkehr in den Fokus staatli-
cher Ermittlungen zu rücken vermag. Zwar wird in der Beschwerde ausge-
führt, der Beschwerdeführer sei auch an der Übergabe der Informationen
an die ausländischen Besucher beteiligt gewesen (vgl. Beschwerdeein-
gabe S. 10), seine eigenen Angaben im Rahmen der Anhörung sind in die-
sem Punkt aber wenig aussagekräftig (vgl. act. A9/18 F36, 73, 101, 126),
ebenso wie die übrigen Angaben zur erfolgten Sammelaktion.
Der Beschwerdeführer hat bis 2016 in Sri Lanka gelebt und es liegen keine
Hinweise dafür vor, dass ihm dies nun bei einer Wiedereinreise vorgehal-
ten werden sollte oder er sich auf einer «Stop-List» befindet. Aus seiner
tamilischen Ethnie, der Landesabwesenheit und dem Asylverfahren in der
Schweiz kann er keine Gefährdung ableiten; exilpolitische Aktivitäten sind,
wie erwähnt, nicht glaubhaft gemacht worden. Unter Würdigung aller Um-
stände ist somit anzunehmen, dass der Beschwerdeführer von der sri-lan-
kischen Regierung nicht zu jener kleinen Gruppe gezählt wird, die bestrebt
ist, den tamilischen Separatismus wieder aufleben zu lassen, und so eine
Gefahr für den sri-lankischen Einheitsstaat darstellt. Es ist nicht davon aus-
zugehen, dass ihm persönlich im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka
ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden. Daran ver-
mag auch die aktuelle Lage in Sri Lanka, namentlich der Regierungswech-
sel und die Wahl von Gotabaya Rajapaksa zum Präsidenten, nichts zu än-
dern, zumal auf Beschwerdeebene keine direkten Bezüge zwischen den
Vorbringen des Beschwerdeführers und dem Regierungswechsel aufge-
zeigt werden.
6.8 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer nichts
vorgebracht hat, was geeignet wäre, seine Flüchtlingseigenschaft nachzu-
weisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vorinstanz hat das Asyl-
gesuch demnach zu Recht abgelehnt.
E-4795/2017
Seite 25
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
E-4795/2017
Seite 26
8.2.1 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in
Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerde-
führers in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von
Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.2 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124-127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt ebenso wenig als
unzulässig erscheinen (vgl. dazu Referenzurteil E-1866/2015 E. 12.2 und
in jüngerer Zeit, statt vieler, Urteile des BVGer D-4546/2017 vom 18. Mai
2021 E. 10.3.3, D-1587/2020 vom 17. Mai 2021 E. 11.2.2, E-4836/2018
vom 30. April 2021 E. 12.3.1). Auch der EGMR hat sich mit der Gefähr-
dungssituation im Hinblick auf eine EMRK-widrige Behandlung namentlich
für Tamilen, die aus einem europäischen Land nach Sri Lanka zurückkeh-
ren müssen, wiederholt befasst (vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil
vom 19. September 2013, Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark, Urteil vom
20. Januar 2011, Nr. 20594/08; P.K. gegen Dänemark, Urteil vom 20. Ja-
nuar 2011, Nr. 54705/08; Rechtsprechung zuletzt bestätigt in J.G. gegen
Polen, Entscheidung vom 11. Juli 2017, Beschwerde Nr. 44114/14). Dabei
unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller Weise davon auszu-
gehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine unmenschliche Behand-
lung.
Es bestehen aufgrund der Akten keine konkreten Hinweise, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit Massnahmen zu befürchten hätte, die über einen so genann-
ten «Background Check» (Befragung und Überprüfung von Tätigkeiten im
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-1866/2015
E-4795/2017
Seite 27
In- und Ausland) hinausgehen würden, oder dass er persönlich gefährdet
wäre.
8.3 Nach Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts wirken sich die
jüngsten politischen Entwicklungen in Sri Lanka nicht in relevanter Weise
auf den Beschwerdeführer aus. Die allgemeine Menschenrechtssituation
in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt weiter-
hin nicht als unzulässig erscheinen.
Der Vollzug der Wegweisung ist demnach sowohl im Sinn der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.5 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Frage der generellen Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs nach Sri Lanka im schon mehrfach erwähn-
ten Referenzurteil E-1866/2015 (E. 13) geprüft und sich im Sinne einer
Aufdatierung der davor letzten Lagebeurteilung (BVGE 2011/24) einge-
hend mit der aktuellen politischen und allgemeinen Lage in Sri Lanka aus-
einandergesetzt (E. 13.2 f.). Dabei kam es zum Schluss, der Vollzug der
Wegweisung in die Nord- und Ostprovinz sei grundsätzlich zumutbar, so-
fern das Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien bejaht werden
könnten, insbesondere die Existenz eines tragfähigen familiären oder so-
zialen Beziehungsnetzes sowie Aussichten auf eine gesicherte Einkom-
mens- und Wohnsituation. Bezüglich der im Referenzurteil
E-1866/2015 noch offengelassenen Frage der Zumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ins sogenannte Vanni-Gebiet (siehe dazu BVGE 2011/24
E. 13.2.2.1) stellte das Bundesverwaltungsgericht mit Referenzurteil
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5 fest, dass dieser ebenfalls zu-
mutbar ist. An dieser Einschätzung vermögen auch die vom Beschwerde-
führer erwähnten Ereignisse (Präsidentschaftswahl im Jahr 2019) nichts zu
ändern und sie bleibt weiterhin aktuell (vgl. dazu zuletzt statt vieler Urteile
des BVGer D-2635/2020 vom 1. März 2021 E. 8.2, E-5504/2019 vom
25. Februar 2021 E.10.3.2).
http://links.weblaw.ch/BVGer-E-1866/2015 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/24 http://links.weblaw.ch/BVGer-E-1866/2015 http://links.weblaw.ch/BVGE-2011/24 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3619/2016 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-2635/2020 http://links.weblaw.ch/BVGer-E-5504/2019
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Der Beschwerdeführer bringt in der Beschwerde vor, der Vollzug der Weg-
weisung sei nicht zumutbar, da seine Familie arm sei, sein Vater arbeite
nur als Taglöhner; nach Aufforderung durch die Instruktionsrichterin legte
er im Rahmen des Beschwerdeverfahrens zwei Familienfotos, welche die
bescheidenen Verhältnisse illustrieren sollen, sowie eine Bestätigung der
(...) Community Based Bank in J._ vom 14. September 2017 vor.
Das Bundesverwaltungsgericht erachtet nach Prüfung dieser Beweismittel
die Ausführungen im angefochtenen Entscheid für zutreffend, wonach an-
gesichts des Umstandes, dass der Beschwerdeführer ohne weiteres eine
höhere Schul- und Ausbildung absolvieren konnte und während des Studi-
ums sowie danach nicht zum Familienunterhalt hat beitragen müssen, nicht
von einer besonderen Bedürftigkeit der Familie auszugehen ist. Die vorge-
legten Fotos sind nicht geeignet, Auskunft über die wirtschaftliche Situation
der Familie zu geben. Die vorgelegte Bankbestätigung vermag eine beson-
dere Bedürftigkeit ebenfalls nicht zu belegen, enthält sie doch keine Infor-
mationen über das tatsächliche Vermögen oder entsprechende Belastun-
gen der Familie oder die Höhe allfälliger Zahlungen aus dem Unterstüt-
zungsprogramm für «the poorest of the poor»; sie ist als Gefälligkeits-
schreiben ohne hohen Beweiswert zu werten.
8.6 Die Vorinstanz hat die Vorbringen betreffend die Ohrenschmerzen des
Beschwerdeführers nach Schlägen auf das Ohr zu Recht als nicht gravie-
rend erachtet. Das eingereichte Arztzeugnis aus dem Jahr 2015 ist dabei
nicht geeignet, eine gravierende Verletzung oder dauerhafte Schädigung
zu dokumentieren, es bezeugt lediglich, dass der Beschwerdeführer we-
gen der Ohren in Sri Lanka behandelt wurde. Für den Beweisantrag, es sei
ein aktuelles Arztzeugnis einzuholen, der in der Beschwerde gestellt und
in der Replik wiederholt wird, gibt es aus Sicht des Gerichts keine Veran-
lassung, zumal es dem Beschwerdeführer im Rahmen seiner Mitwirkungs-
pflicht (Art. 8 AsylG) oblegen hätte, ein solches nachzureichen, was bisher
– nach mehr als vierjährigem Verfahren – nicht erfolgte. Das Gericht geht
davon aus, dass das geltend gemachte Ohrenleiden bisher in der Schweiz
gar keiner Behandlung bedurfte.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.7 Der Beschwerdeführer verfügt über eine Identitätskarte. und es obliegt
ihm, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine
Rückkehr notwendigen weiteren Reisedokumente zu beschaffen (vgl.
E-4795/2017
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Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Voll-
zug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2
AIG).
8.8 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung das
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und– soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit da-
rauf einzutreten ist.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten im Verhältnis zum
Obsiegen dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG); sie
wären zufolge seiner sehr umfangreichen Beschwerde mit zahlreichen Bei-
lagen ohne individuellen Bezug zu ihm praxisgemäss auf insgesamt
Fr. 1 '500.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE. SR 173.320.2]). Dieser Betrag ist angesichts der zu Recht erhobe-
nen Rüge betreffend die Offenlegung des Namens des SEM-Mitarbeiters
praxisgemäss um Fr. 100.– zu kürzen, so dass Verfahrenskosten in Höhe
von gesamthaft Fr. 1’400.– anzusetzen sind. Der am 18. September 2017
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 750.– wird zur Bezahlung der Verfah-
renskosten verwendet. Dem Beschwerdeführer wird der noch offene Be-
trag von Fr. 650.– zu Gunsten der Gerichtskasse auferlegt.
11.
Die Beschwerdeinstanz kann der ganz oder teilweise obsiegenden Partei
von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung für ihr erwach-
sene notwendige und verhältnismässig hohe Kosten zusprechen (Art. 64
Abs. 1 VwVG). Obsiegt eine Partei nur teilweise, so ist die Parteientschä-
digung zu kürzen (Art. 7 Abs. 2 VGKE). Sind die Kosten verhältnismässig
gering, kann von einer Parteientschädigung abgesehen werden (Art. 7
Abs. 4 VGKE). Als geringe Kosten gelten Aufwendungen von weniger als
Fr. 100.– (analog zu Art. 13 Bst. b VGKE: als verhältnismässig hohe Kos-
ten gelten Spesen von mehr als Fr. 100.–; vgl. zum Ganzen:
E-4795/2017
Seite 30
MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs-
gericht, 2. Aufl., Rz. 4.69). Hinsichtlich der Rüge der Offenlegung des Na-
mens des SEM-Mitarbeiters wurde diese zu Recht erhoben; der Name
wurde dem Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung vom 1. Oktober
2020 genannt. Mit allen übrigen Rechtsbegehren ist er unterlegen. Im vor-
liegenden Verfahren ist der Aufwand für die Rüge der Offenlegung des Na-
mens des SEM-Mitarbeiters als gering einzustufen (weniger als Fr. 100.–),
weshalb von einer Parteientschädigung abzusehen ist (vgl. zur Praxis statt
vieler das Urteil des BVGer D-2478/2017 vom 11. März 2019 E. 12).
(Dispositiv nächste Seite)
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