Decision ID: 4882c662-e8cc-5c30-a389-3950e02cfab7
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer, ein eritreischer
Staatsangehöriger der Ethnie der Bilen, aus der Zoba Anseba stammend,
am 10. August 2015 sein Heimatland. Am 21. Februar 2017 reiste er in die
Schweiz ein und stellte gleichentags ein Asylgesuch.
Am 28. Februar 2017 fand die MIDES-Personalienaufnahme im (...)
respektive dem Bundesasylzentrum (BAZ) der Region B._ statt. Am
6. April 2017 wurde die Anhörung zu den Asylgründen durchgeführt.
Nach der Aufnahme ins erweiterte Verfahren am 13. April 2017 wurde der
Beschwerdeführer am 27. März 2018 ergänzend befragt.
Am 7. August 2018 wurde mit dem Beschwerdeführer ein Lingua-Interview
durchgeführt und der entsprechende Bericht am 7. November 2018
fertiggestellt.
B.
B.a Der Beschwerdeführer legte hinsichtlich seines Lebenslaufs dar, er
stamme aus C._ in der Zoba Anseba und sei ledig. Er habe mehr-
mals verschiedene Schulklassen wiederholen müssen. Nachdem er im
Jahr 2012 zuletzt die neunte Klasse absolviert habe, sei er nach Erreichen
seiner Volljährigkeit aus der Schule gewiesen worden. Danach habe er als
Hirte gearbeitet und seiner Mutter geholfen, sich um die familieneigenen
Felder zu kümmern. Verschiedene Verwandte würden in Eritrea und eine
Schwester in der Schweiz leben.
B.b Zur Begründung seines Asylgesuchs brachte der Beschwerdeführer
im Wesentlichen vor, er habe nach seinem Schulausschluss im Juni 2012
eine Vorladung für das Militär erhalten. Einige Schüler hätten hierfür einen
Brief mit dem konkreten Einrückdatum (vom 20. Februar 2013) bei ihm ab-
gegeben. Um einer Rekrutierung zu entgehen, habe er sich in den Bergen
versteckt und Ziegen gehütet. Während dieser Zeit sei seine Mutter mehr-
mals von Beamten zu Hause aufgesucht worden und man habe nach ihm
gefragt. Zwischendurch sei er von seinem Versteck in den nahegelegenen
Bergen nach Hause zurückgekehrt, um die Mutter zu besuchen, wobei er
manchmal im Stall übernachtet habe. Zudem habe er jeweils das familien-
eigene Landstück bewirtschaftet, da seine Mutter alt und krank und sein
Vater im Militärdienst stationiert gewesen sei. Im Mai 2014 habe er sich
abends im Stall aufgehalten, als sein Hund gebellt habe. Plötzlich sei er
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von vier Polizisten umzingelt gewesen, welche ihn hätten mitnehmen wol-
len. Er habe jedoch entkommen können. Im Januar 2015 sei er erneut fast
mitgenommen worden, als er seine Mutter zu Hause besucht habe. Dabei
habe ihn einer der Beamten mit einem Stock so stark auf den Oberarm
geschlagen, dass bis heute eine Narbe davon zeuge. Als er vor ihnen ge-
flohen sei, sei geschossen worden. Anfang August 2015 sei er auf dem
Weg gewesen, um seinen Esel zu holen, als er von zwei Dschihadisten
angesprochen worden sei. Diese hätten wissen wollen, wo sich die örtliche
Verwaltung befinde und ob es in der Nähe Polizisten oder stationierte Sol-
daten gebe. Weiter hätten sie nach dem Weg in die Berge gefragt. Nach
der Konversation hätten sie ihm gedroht, ihn umzubringen, wenn er sie
verraten würde. Während er mit diesen Leuten gesprochen habe, habe ihn
jemand beobachtet und bei den Behörden gemeldet. Es sei eine schwere
Straftat, Dschihadisten Informationen zu geben, und könne sogar mit dem
Tod bestraft werden. Einige Tage später, am 9. August 2015, habe ihn ein
Nachbar, welcher bei der Ortsverwaltung gearbeitet habe, kontaktiert und
ihn gewarnt, dass er wegen diesem Gespräch mit den Dschihadisten ver-
raten worden sei und nun polizeilich gesucht werde. Deshalb sei er umge-
hend in die Berge geflüchtet und am nächsten Tag über D._ und
E._ in den Sudan ausgereist. Dort habe er sich bis im Januar 2016
bei Verwandten aufgehalten, um danach nach Ägypten zu gelangen.
Er reichte Kopien der Identitätskarten seiner Eltern sowie verschiedene
Arzt- und Spitalberichte ein.
Auf die weiteren Ausführungen des Beschwerdeführers wird, soweit
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
C.
Mit Verfügung vom 21. Januar 2020 respektive vom 27. Januar 2020 – er-
öffnet am 23. Januar 2020 respektive am 30. Januar 2020 – stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte sein Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz
sowie deren Vollzug.
D.
Der Beschwerdeführer focht mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom
24. Februar 2020 die (erste) Verfügung des SEM beim Bundesverwal-
tungsgericht an und beantragte, die Verfügung der Vorinstanz sei aufzuhe-
ben, er sei als Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren. Als
Eventualantrag stellte er das Begehen, er sei als Flüchtling vorläufig auf-
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zunehmen, als Subeventualantrag ersuchte er um die Aufhebung der Ver-
fügung und die Rückweisung zur Neubeurteilung an die Vorinstanz. In pro-
zessualer Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung sowie um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses.
Weiter beantragte er die Beiordnung der rubrizierten Rechtsvertreterin als
amtliche Rechtsbeiständin gemäss aArt. 110a lit. a und Abs. 3 AsylG
(SR:142.31).
E.
Mit Zwischenverfügung vom 5. März 2020 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und erhob keinen Kostenvorschuss. Sophia
Delgado wurde antragsgemäss als amtliche Rechtsbeiständin beigeord-
net. Gleichzeitig wurde das SEM eingeladen, eine Vernehmlassung einzu-
reichen.
F.
Mit Eingabe vom 15. März 2020 reichte der Beschwerdeführer nebst einer
Kopie eines Begleitschreibens an die Rechtsvertreterin einen Arztbericht
vom 10. März 2020 des Bürgerspitals F._ zu den Akten.
G.
Die Vorinstanz nahm in ihrer Vernehmlassung vom 2. April 2020 Stellung.
H.
Mit Eingabe vom 18. Mai 2020 legte der Beschwerdeführer eine Replik,
denselben Arztbericht vom 10. März 2020, eine Mailnachricht des Bürger-
spitals F._ vom 6. Mai 2020 sowie eine Kostennote zu den Akten.
I.
Mit Eingabe vom 8. Juli 2020 reichte der Beschwerdeführer eine Stellung-
nahme zu seinem Facebook-Profil ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts Anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die gleichlautenden angefochtenen Verfügungen – vom 21. Januar
2020 und 27. Januar 2020 – besonders berührt und hat ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. Art. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26, E.5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz führte zur Begründung des Asylentscheides im Wesent-
lichen an, die Ausführungen des Beschwerdeführers zu seinen Vorflucht-
gründen würden den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit im Sinne von
Art. 7 AsylG nicht genügen. Zudem sei ein Wegweisungsvollzug, auch aus
medizinischer Sicht, zulässig und zumutbar.
Hinsichtlich seiner Begegnung mit den Islamisten sei festzustellen, dass
der Ablauf der Geschehnisse oberflächlich und mehrheitlich konstruiert
wirke. Obwohl er das Gespräch mit den angeblichen Islamisten kohärent
habe wiedergeben können, seien die äusseren Beschreibungen der Per-
sonen wenig substanziiert ausgefallen. Zudem sei es nicht nachvollzieh-
bar, wie er von einer Drittperson habe beobachtet und erkannt werden kön-
nen, obwohl es seinen Aussagen zufolge bereits dunkel gewesen sei. Wei-
ter falle auf, dass er keine detaillierten Angaben zur Zeitspanne zwischen
der Begegnung mit den Islamisten und seiner Flucht aus dem Heimatland
habe machen, sondern erst die darauffolgende behördliche Verfolgung
habe ausführlich schildern können. Sein Aussageverhalten spreche für ein
konstruiertes Asylvorbringen, da er wichtige Ereignisse hervorgehoben und
die weniger wichtigen unbeantwortet gelassen habe. Ferner würden in den
Schilderungen im Zusammenhang mit der geltend gemachten Verfolgung
durch die Behörden relevante Realkennzeichen fehlen und diese somit un-
glaubhaft wirken. So falle auf, dass seine Ausführungen hinsichtlich des
Treffens mit dem Nachbarn, welcher bei den Behörden arbeite, sehr dürftig
ausgefallen seien. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb sich ein Beamter
dem Risiko aussetzen sollte, bei einem zufälligen Gespräch mit einem Tat-
verdächtigen gesehen zu werden. Allgemein würden die unaufgeforderten
Angaben von präzisen Daten zu den relevanten Ereignissen auffallen, wo-
bei erfahrungsgemäss ein solches Aussageverhalten in der freien Rede
von einer konstruierten Asylgeschichte zeugen würde. Insbesondere sei
dies auffallend, wenn er sich im Gegenzug dazu in keiner Weise an andere
Geschehnisse wie etwa die Ausreisezeit seiner Schwester erinnern könne.
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Ferner habe er teilweise unterschiedliche Angaben im Zusammenhang mit
seiner angeblich bevorstehenden Rekrutierung gemacht. Ausserdem er-
scheine es unverständlich, dass er einerseits aufgrund seiner Volljährigkeit
aus der Schule gewiesen, anderseits jedoch nicht direkt in den Militärdienst
eingezogen worden sei. Gemäss den Angaben seiner in der Schweiz le-
benden Schwester habe er bereits Militärdienst geleistet, als diese 2014
Eritrea verlassen habe. Sie müsse seine Umstände kennen, da sie – ge-
mäss ihren Aussagen – in einem gemeinsamen Haushalt gelebt hätten.
Auch hinsichtlich der Lebensumstände sei es zu verschiedenen Wider-
sprüchen mit den Schilderungen seiner Schwester gekommen. Seine land-
wirtschaftlichen Kenntnisse seien zudem nicht sehr präzise, sondern viel-
mehr allgemeiner Natur, weshalb anzunehmen sei, dass er nicht aus einer
Bauernfamilie stamme. Zudem habe es in zeitlicher Hinsicht Widersprüche
in Bezug auf seine Schulzeit gegeben. Insgesamt entstehe aufgrund seiner
diffusen und widersprüchlichen Angaben der Eindruck, er habe die von ihm
geschilderten Ereignisse nicht selber erlebt und versuche, seine wahren
Lebensumstände zu verschleiern.
Überdies wirke die Beschreibung seiner illegalen Ausreise aus Eritrea ste-
reotyp und in mehreren Punkten realitätsfremd. Es sei nicht nachvollzieh-
bar, wie er sich ohne jegliche Hilfe in einer ihm unbekannten Gegend allein
sowie nachts habe orientieren können, um danach zielsicher nach
G._ zu gelangen. Zudem habe er sich widersprochen, als er er-
wähnt habe, nur nachts unterwegs gewesen zu sein, um danach darzule-
gen, die eritreisch-äthiopische Grenze aus Angst vor wilden und nachtakti-
ven Tieren tagsüber überquert zu haben. Insgesamt sei die illegale Aus-
reise als unglaubhaft zu betrachten. Ferner sei die Wahl seines weiteren
Reisewegs von Ägypten nach Italien ungewöhnlich, zumal erfahrungsge-
mäss der Weg über Ägypten eingeschlagen werde, um nach Israel zu ge-
langen.
Dem Bericht der Sprachanalyse zufolge sei er in der Gegend von
D._ sozialisiert worden sei, weshalb von der Richtigkeit seines
Wohnortes auszugehen sei. Hingegen sei an seinen mangelnden Ara-
bischkenntnissen zu zweifeln, zumal einerseits seine Schwester angege-
ben habe, Arabisch in der Schule gelernt zu haben. Anderseits liege es
nahe, dass Muslime auch in Eritrea über gute Arabischkenntnisse verfügen
würden.
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Obwohl ihm nie das rechtliche Gehör im Zusammenhang mit seinem Fa-
cebook-Profil gewährt worden sei, müsse angemerkt werden, dass er min-
destens seit Januar 2014 ein solches betreibe. Diese Tatsache führe dazu,
dass er sich entweder in einer urbanen Umgebung und nicht, wie von ihm
angegeben, auf dem Land, aufgehalten habe, oder, dass er sich entgegen
seinen Angaben, nicht auf den Feldern und in den Bergen in seiner Hei-
matregion versteckt gehalten habe.
Insgesamt entstehe der Eindruck, er habe versucht, seine wahren Lebens-
umstände zu verschleiern. Es sei zudem zu erwähnen, dass es gemäss
einem einschlägigen Bericht zufolge nicht unüblich sei, dass junge musli-
mische Männer aus der Gegend um D._ von arabischen Staaten
finanzierte Schulen besuchen würden, um danach die Möglichkeit eines
Stipendiums oder einer Arbeit im arabischsprechenden Ausland zu erhö-
hen. Ausgehend von seinen Schilderungen sei bei ihm eher von einem sol-
chen Lebenslauf auszugehen.
Sodann spreche nichts gegen einen Wegweisungsvollzug. Seit seiner im
Sudan diagnostizierten (...) nehme er regelmässig Medikamente ein. Aus
den vorliegenden Arztberichten aus der Schweiz sei zu entnehmen, dass
er medikamentös behandelt werde, wobei er seit April 2017 keinen (...)
mehr erlitten habe. Obwohl in Eritrea keine für (...) spezialisierten (...) zur
Verfügung stehen würden, gebe es im öffentlichen (...)-Spital in H._
eine Abteilung für innere Medizin, wo bildgebende Diagnosemittel sowie
(...), unter anderem mit dem Wirkstoff (...), zur Verfügung stehen würden.
Gemäss dem Arztbericht des Kantonspitals I._ vom 11. Mai 2017
könne die aktuelle Kombinationstherapie mit diesem in Eritrea erhältlichen
Wirkstoff ersetzt werden. Der alleinige Umstand, dass eine medizinische
Behandlung oder Therapie nicht den schweizerischen Standards entspre-
che, führe gemäss ständiger Rechtsprechung nicht zur Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs.
4.2 Dagegen wendete der Beschwerdeführer in Bezug auf die angebliche
Unglaubhaftigkeit seiner fluchtauslösenden Vorbingen ein, er habe insbe-
sondere das Ereignis mit den Dschihadisten erlebnisreich und ausführlich
geschildert sowie Nebensächliches, wie etwa die Wiedergabe des Ge-
sprächs mit ihnen oder deren Erscheinungsbild, erwähnt. Zudem sei anzu-
merken, dass auch die Vorinstanz der Meinung gewesen sei, er habe das
Ereignis kohärent dargelegt. Deshalb sei es nicht nachvollziehbar, weshalb
seine Geschichte als konstruiert taxiert werde. Ausserdem sei es durchaus
möglich, dass er trotz der Dunkelheit beobachtet und in der Folge bei den
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Behörden denunziert worden sei, zumal ihn vier Tage nach diesem Ge-
spräch der Nachbar informiert habe, dass die Behörden Kenntnis von die-
sem Gespräch hätten. Weiter sei es falsch zu behaupten, er habe keine
Angaben zu der Zeitspanne zwischen der Begegnung mit den Dschihadis-
ten und seiner Ausreise gemacht, da er sehr wohl beschrieben habe, wie
er den Esel habe nach Hause bringen wollen. Es könne ihm nicht vorge-
worfen werden, seine Vorbringen seien konstruiert, weil er hierzu erst auf
Nachfrage geantwortet habe. Weiter sei es nicht nachvollziehbar, weshalb
sein Vorbringen hinsichtlich der Begegnung mit dem Nachbar konstruiert
wirken solle, zumal er das Gespräch in der direkten Rede wiedergegeben
habe. Er könne zudem nicht wissen, weshalb ihn der Nachbar gewarnt
habe, jedoch würden sich alle in seinem Heimatdorf kennen und gegensei-
tig helfen.
Dem Vorwurf der Vorinstanz, er habe sich an genaue Daten erinnern kön-
nen, weshalb sein Vorbringen konstruiert und vorbereitet wirke, könne nicht
gefolgt werden, da diese Ereignisse ihn persönlich betroffen hätten und er
sich gerade deswegen an diese erinnern könne. Dass er sich nicht an das
Ausreisedatum seiner Schwester habe erinnern können, liege daran, dass
er unter (...) leide und dies das Langzeitgedächtnis beeinträchtigen könne.
Zudem habe er sich während dieser Zeit verstecken müssen und habe
nicht täglich mit seiner Schwester Kontakt gepflegt, wobei zu erwähnen sei,
dass sich auch seine Schwester (an einem anderen Ort) habe verstecken
müssen. In diesem Zusammenhang sei abschliessend zu bemerken, dass
die Akten der Schwester noch nicht vorliegen würden, weshalb er sich
hierzu nicht vollständig äussern könne. Ausserdem sei klarzustellen, dass
er keinen Grund hätte zu verheimlichen, nicht Militärdienst geleistet zu ha-
ben.
Entgegen den Behauptungen, er habe mutmasslich eine Koranschule be-
sucht, sei festzustellen, dass die eritreische Regierung seit einiger Zeit sol-
che aus dem Ausland finanzierten Schulen verboten habe. Da seine
Schwester acht Jahre älter sei, seien die vorhandenen Sprachkenntnisse
andere. Dem Vorwurf der Vorinstanz, er verfüge seit 2014 über ein Face-
book-Profil sei zu widersprechen, da er bis zu seiner Ausreise im April 2015
immer in Eritrea gewohnt habe. Dieses Profil sei ihm von einem Freund
nach seiner Ausreise überlassen worden. Er könne jedoch nicht mehr auf
sein altes Profil zurückgreifen.
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Hinsichtlich seiner Ausreise aus Eritrea sei anzumerken, dass er diese sehr
wohl detailliert ausgeführt habe. Weiter wäre, um Libyen erreichen zu kön-
nen, die Durchquerung der Sahara unumgänglich. Da der Januar eine un-
günstige Reisezeit darstelle, habe er die Route über Ägypten gewählt. Im
Zusammenhang mit seiner Schulbildung seien keine gravierenden Wider-
sprüche erkennbar, er habe sich höchstens um ein Jahr verrechnet, insge-
samt jedoch nachvollziehbar dargelegt, dass er mehrmals habe Klassen
wiederholen müssen. Auch sei es schlüssig, dass er nicht nach dem Schul-
ausschluss direkt rekrutiert worden sei, da die Behörden gewusst hätten,
wo er wohne. Zusammenfassend seien seine Vorbringen glaubhaft darge-
legt und es seien klare Vorfluchtgründe vorhanden oder zumindest subjek-
tive Nachfluchtgründe aufgrund seiner illegalen Ausreise aus Eritrea, ver-
bunden mit der verbotenen Begegnung mit den Dschihadisten, welche im
Heimatland aktenkundig sei. Bei einer Rückkehr würde er am Flughafen
von H._ verhaftet und anschliessend unter unmenschlichen Bedin-
gungen inhaftiert. Zudem sei zu berücksichtigen, dass der eritreische Na-
tionaldienst eine Form von Leibeigenschaft sowie Zwangsarbeit im Sinne
von Art. 4 EMRK darstelle. Deshalb sei bei einer Rückkehr nach Eritrea
davon auszugehen, dass ihm mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ernst-
hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 und Art. 4 EMRK drohen würden, wes-
halb eine Wegweisung unter diesem Aspekt unzulässig sei.
Ein Wegweisungsvollzug sei zudem unzumutbar, da einerseits seine in
Eritrea lebenden Familienangehörigen ihn nicht finanziell unterstützen
könnten und er aufgrund mangelnder Ausbildung keine Arbeit finden
würde. Anderseits würde ihm in Eritrea ein menschenunwürdiges Leben
aufgrund seiner gesundheitlichen Beschwerden und fehlender medizini-
scher Betreuung drohen. Zudem sei zu bemängeln, dass sich die Vor-
instanz auf einen alten Arztbericht aus dem Jahr 2018 gestützt habe, ohne
einen aktuellen einzufordern. Sodann gehe aus einem älteren Arztbericht
hervor, dass eine Behandlungsmöglichkeit im Herkunftsland fehle. Auch
sei es für ihn nicht zumutbar, sich mehrmals im Jahr in das 100 km ent-
fernte Spital in H._ zur Untersuchung zu begeben, eine solche Be-
handlung sei zudem nicht finanzierbar, da er aus einer armen Familie
stamme. Da keine Medikamente mit denselben Wirkstoffen wie in der
Schweiz vorhanden seien, müsste er eine Umstellung in Kauf nehmen, was
weitere (...) zur Folge haben könne und eine rigide medizinische Überwa-
chung erfordere. Gemäss einem Bericht der Schweizerischen Flüchtlings-
hilfe (SFH) käme es neben den hohen Kosten der Behandlung und dem
Reiseweg vermehrt zu Engpässen bei der Versorgung von Medikamenten
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gegen (...), weshalb eine ausreichende medizinische Versorgung im Hei-
matland zu verneinen sei. Dies auch unter dem Aspekt, dass in Eritrea (...)
im sozialen Kontext zu einer Stigmatisierung führen könne.
4.3 In seiner Eingabe vom 15. März 2020 legte der Beschwerdeführer be-
züglich seiner gesundheitlichen Situation dar, er sei auf die vom Arzt ver-
ordneten (...) angewiesen, fühle sich seit der Behandlung in der Schweiz
gut und könne sich nun auf seine Ausbildung konzentrieren, was zuvor
nicht möglich gewesen sei, da er bis zu zwei (...) pro Tag gehabt habe.
Unter dem Gesichtspunkt, dass in Eritrea lediglich die wohlsituierten
Schichten der Gesellschaft Zugang zu Medikamenten hätten und er der
ärmeren Schicht angehöre, sei er im Heimatland seiner Krankheit komplett
ausgesetzt und eine medizinische Versorgung sei dementsprechend nicht
gewährleistet. Trotz diagnostizierter (...) würde er in Eritrea in den Militär-
dienst eingezogen werden. Er könne sich nicht vorstellen, eine Waffe tra-
gen zu müssen. Ausserdem würden seine Anfälle vor allem dann auftreten,
wenn er aufgeregt sei.
4.4 In ihrer Vernehmlassung äusserte sich die Vorinstanz einleitend zu den
Widersprüchen bezüglich der Aussagen der Schwester des Beschwerde-
führers. Seine nachträgliche Erklärung, der Widerspruch zu seinem angeb-
lichen Militärdienst sei eine Fehlannahme der Schwester gewesen, sei als
stereotype Schutzbehauptung zu werten. Zudem sei angesichts des Le-
benslaufs der Schwester davon auszugehen, dass diese habe wissen
müssen, was er zwischen seinem Schulabbruch und ihrer Ausreise ge-
macht habe, zumal sie während dieser Periode in einem gemeinsamen
Haushalt gelebt hätten. Hinsichtlich seiner schriftlichen Arabischkenntnisse
sei zu bemerken, dass seine Erklärung, er habe diese autodidaktisch er-
worben, lebensfremd wirke. Es sei darauf hinzuweisen, dass seine Bei-
träge auf seinem Facebook-Profil ausschliesslich mit arabischen Einträgen
versehen seien, wobei einer vor dem 10. August 2015 respektive vor sei-
ner angeblichen Ausreise datiert sei. Dies würde seiner Aussage wider-
sprechen, er habe erst nach seiner Ausreise arabisch gelernt und ein Fa-
cebook-Profil erstellen lassen. Weiter sei erneut zu betonen, dass einige
seiner Facebook-Einträge, welche jedoch zwischenzeitlich gelöscht wor-
den seien, bereits vom Januar 2014 stammen, weshalb sein Vorbringen, in
einer ländlichen Gegend aufgewachsen zu sein, aufgrund fehlenden Inter-
netzugangs widersprüchlich erscheine. Zudem zeige eine Meldung vom
29. Mai 2018, dass er seit fünf Jahren respektive seit mindestens Mai 2013
auf Facebook sei.
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Im Hinblick auf eine mangelhafte Abklärung seiner geltend gemachten ge-
sundheitlichen Probleme sei festzuhalten, dass aus dem Arztbericht vom
11. Mai 2017 hervorgehe, dass eine Behandlung seiner Beschwerden in
Eritrea möglich sei. Es falle auf, dass er verschiedene andere Arztberichte,
ausser dem erwähnten, eingereicht habe. Es entstehe somit der Eindruck,
dass er diesen einen Bericht habe vorenthalten wollen, da daraus wesent-
liche medizinische Informationen zur Erstellung des Sachverhalts hervor-
gehen würden und eine Behandlung in seinem Heimatland möglich sei. Er
habe damit seine Mitwirkungspflicht verletzt. Weiter sei die Information im
Arztbericht vom 24. April 2018, es gebe in Eritrea keine Behandlungsmög-
lichkeiten irreführend, da die behandelnde Ärztin über keine Kenntnisse zu
den dortigen Behandlungsmöglichkeiten verfüge. Der Begründung, dass
die medizinische Versorgung in Eritrea nicht dem schweizerischen Stan-
dard entspreche und die wirtschaftliche Situation eine Behandlung im 100
Kilometer entfernten Spital in H._ nicht zulasse, sei entgegenzuhal-
ten, dass gemäss einem Bericht der SFH die Behandlung sowie die dazu
erforderlichen Medikamente für (...) in Eritrea kostenlos seien. Obwohl es
zu Engpässen in der medizinischen Versorgung kommen könne, könnten
die betreffenden Medikamente aus dem Ausland bestellt werden. In Bezug
auf allfällige finanzielle Probleme sei darauf hinzuweisen, dass er verschie-
dene Verwandte im Ausland habe, welche ihn materiell oder finanziell un-
terstützen könnten. Zudem sei er ein gesunder junger Mann, welcher be-
reits über Arbeitserfahrung verfüge, weshalb er seinen Lebensunterhalt
selber bestreiten könne. Überdies liege eine gesicherte Wohnmöglichkeit
im Haus seiner Eltern vor. Zusammenfassend sei zu erwähnen, dass er
mehrfach seine Mitwirkungspflicht verletzt habe, womit keine vollumfängli-
che Prüfung von allfälligen Wegweisungsvollzugshindernissen habe erfol-
gen können.
4.5 In der Replik wurde hinsichtlich der angeblichen Widersprüche der
Schwester des Beschwerdeführers moniert, dass aus ihren Akten hervor-
gehe, dass sie – im Gegensatz zum Beschwerdeführer – lediglich äusserst
kurz zum familiären Landwirtschaftsbetrieb befragt worden sei. Es sei nicht
nachvollziehbar, weshalb den knappen Antworten der Schwester mehr Ge-
wicht beigemessen werde als den ausführlichen sowie glaubhaften Schil-
derungen des Beschwerdeführers. Ferner verkenne die Vorinstanz, dass
sowohl er als auch seine Schwester übereinstimmend in ihren Verfahren
angegeben hätten, nicht mehr im selben Haushalt gelebt zu haben, son-
dern sich unabhängig voneinander versteckt hätten. Zu den ihm vorgehal-
tenen mangelnden Arabischkenntnissen sei festzuhalten, dass die Vor-
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instanz den Systemwechsel respektive den Wegfall des Arabischunter-
richts an eritreischen Schulen nicht berücksichtigt habe.
Zu den Einträgen seines Facebook-Profils sei ihm nie das rechtliche Gehör
gewährt worden. Zudem sei darauf hinzuweisen, dass sämtliche Einträge
jederzeit und beliebig abänderbar seien, weshalb es durchaus möglich sei,
dass die Person, welche für ihn damals sein Profil eröffnet habe, dieses
bereits zuvor verwendet habe und deshalb einige Einträge älter seien.
Dementsprechend sei die Beweiskraft von Facebook lediglich minimal.
Da ihm trotz eines Akteneinsichtsgesuches an die Vorinstanz der Arztbe-
richt vom 11. Mai 2017 nicht vorliege, könne hierzu nicht abschliessend
Stellung genommen werden. Jedoch sei es fraglich, ob ein Schweizer Arzt,
unter Berücksichtigung der schwer zugänglichen Informationen zur Ge-
sundheitsversorgung in Eritrea, überhaupt die dortigen Behandlungsmög-
lichkeiten beurteilen respektive bejahen könne. In diesem Zusammenhang
sei zu erwähnen, dass der medizinische Sachverhalt ungenügend abge-
klärt worden sei. Gemäss dem eingereichten Arztbericht vom 10. März
2020 sei für seine Behandlung ein Facharzt für (...) notwendig, dies insbe-
sondere bei einer Therapieumstellung. Die Auswirkungen sowie die Ne-
benwirkungen einer solchen Therapie seien nicht voraussehbar und es sei
nicht garantiert, dass die notwendigen Medikamente auch in Eritrea jeder-
zeit erhältlich seien, zumal auch die Vorinstanz anerkenne, dass es bei der
Medikamentenversorgung in Eritrea zu Engpässen kommen könne. Zu-
dem gebe es keine ausgebildeten (...) in Eritrea. Angesichts dieser Fakto-
ren sowie der Einschätzung des behandelnden Arztes sei sein künftiger
Gesundheitszustand bei einer Rückkehr ins Heimatland als unsicher zu
betrachten. Deshalb sei ein Vollzug der Wegweisung unzumutbar.
5.
5.1 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Ent-
scheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar-
stellung der gesuchstellenden Person sprechen, überwiegen oder nicht.
Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche
Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist
eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen
widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkomm-
nisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Ver-
folgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende
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Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung
von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, ge-
steigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der
Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente
(Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanzi-
iertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.),
die für oder gegen die gesuchstellende Person sprechen. Glaubhaft ist eine
Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die
Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vor-
bringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we-
sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver-
haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2).
5.2 In einem ersten Schritt ist zu prüfen, ob die Vorbringen des Beschwer-
deführers von der Vorinstanz zu Recht als unglaubhaft eingestuft worden
sind.
5.3 Die Vorinstanz zweifelte am Wahrheitsgehalt der Schilderungen des
Beschwerdeführers bezüglich seiner Begegnung mit den Islamisten und
der sich daraus ergebenden Verfolgung durch die eritreischen Behörden.
Das Gericht stützt die vorinstanzliche Einschätzung.
Der Beschwerdeführer schilderte, bei der Begegnung mit den Dschihadis-
ten sei es bereits dunkel gewesen, als er ungefähr um 20 Uhr unterwegs
gewesen sei (vgl. Akte 1012293-27/28 [nachfolgend SEM-Akte 27/28]
F119; F121). Diese Aussage erweist sich insofern als korrekt, als dass in
D._ ([...] der Zoba Anseba, aus welcher der Beschwerdeführer
stammt) ab ungefähr 19.15 Uhr mit einer kompletten Dunkelheit zu rechnen
ist. Basierend auf einer vollständigen Dunkelheit während der beschriebe-
nen Begegnung erweist es sich jedoch als nicht plausibel, dass die vom
Beschwerdeführer beschriebenen Details zu erkennen gewesen wären,
auch wenn er sich in der unmittelbaren Nähe der Männer aufgehalten ha-
ben sollte (https://www.laenderdaten.info/Afrika/Eritrea/sonnenunter-
gang.php, abgerufen am 11. November 2020). So ist es nicht möglich zu
erkennen, ob die Bekleidung einer der Männer schmutzig gewesen sei und
dieser ein Messer auf sich getragen habe (vgl. SEM-Akte 27/28, F123), wie
auch, welche Farbe das Gewand der beiden Männer gehabt habe (vgl.
Akte 1012293-17/19 [nachfolgend SEM-Akte 17/19], F175). Demnach er-
scheint es umso weniger wahrscheinlich, dass er von einer anderen Per-
son hat beobachtet werden können, wie er sich mit zwei Dschihadisten un-
terhalten respektive diese als solche identifiziert haben soll. Angesichts der
https://www.laenderdaten.info/Afrika/Eritrea/sonnenuntergang.php https://www.laenderdaten.info/Afrika/Eritrea/sonnenuntergang.php
D-1035/2020
Seite 15
von ihm beschriebenen Situation wären höchstens Schatten von verschie-
denen Personen zu erkennen, jedoch in keinem Fall eine Identifizierung
der Personen als Dschihadisten möglich gewesen. Seine Aussagen, dass
er gewusst habe, es handle sich bei den Männern um Dschihadisten (vgl.
SEM-Akte 27/28, F123f., F132, F134), überzeugt ebenso wenig wie die
Schilderung, eine aussenstehende Person habe das Gespräch belauschen
können (vgl. SEM-Akte 17/19, F175). Weitere Zweifel am Wahrheitsgehalt
seiner Asylvorbringen ergeben sich bezüglich dem angeblichen und zufäl-
ligen Treffen mit dem Nachbarn respektive einem langjährigen Bekannten,
welcher für die lokalen Behörden gearbeitet haben soll. Die diesbezügli-
chen Ausführungen wirken oberflächlich und emotionslos. Zudem gelang
es ihm nicht, aufschlussreich zu erklären, weshalb ihn ein Bekannter res-
pektive ein Nachbar bei einem zufälligen Treffen erzählt haben sollte, dass
er gesucht werde. Ferner erscheint es unlogisch, dass er nur durch dieses
zufällige Treffen gewarnt worden sein soll (vgl. SEM-Akte 27/28, F135).
Hätte dieser Nachbar den Beschwerdeführer tatsächlich warnen wollen,
wäre davon auszugehen gewesen, dass sich Ersterer aktiv beim Be-
schwerdeführer gemeldet hätte, um ihn zu warnen. Ausserdem erscheint
es – wie die Vorinstanz bereits treffend ausführte – nicht stringent, weshalb
sich ein eritreischer Beamter in eine solche Gefahr begeben und bei einer
zufälligen Begegnung Amtsgeheimnisse verraten sollte. Die Erklärung des
Beschwerdeführers, man habe sich im Dorf gegenseitig gekannt und ei-
nander geholfen, überzeugt in diesem Kontext nicht. Sodann widerspricht
es dem allgemeinen Verständnis, weshalb der Beschwerdeführer sich
nach dem Vorfall mit den Dschihadisten zwar vor einer Denunziation bei
den eritreischen Behörden gefürchtet hat (vgl. SEM-Akte 27/28, F137-
147), sich hingegen noch vier Tage im Dorf aufgehalten und tagsüber auf
dem Feld gearbeitet sowie sich erst nach dem zufälligen Treffen mit dem
Nachbarn, versteckt haben soll (vgl. SEM-Akte 27/28, F146, F149, F153,
F163). Das Gericht kommt zum Schluss, dass weder die Begegnung noch
die daraus erfolgte angebliche Verfolgung durch die eritreischen Behörden
als glaubhaft zu erachten sind.
5.4 Im Zusammenhang mit dem drohenden Einzug ins Militär des Be-
schwerdeführers ist Folgendes festzuhalten: Verschiedenen Quellen zu-
folge finden Rekrutierungen in den eritreischen Militärdienst durch das
Schulsystem statt, wobei Informationen über Schulabsolventen des
11. Schuljahres dem lokalen education office gemeldet werden, welches
diese Informationen der military training administration der Ortschaft zur
Verfügung stellt (vgl. UN Human Rights Council, Report of the detailed find-
ings of the Commission of Inquiry on Human Rights in Eritrea
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Seite 16
(A/HRC/29/CRP.1), http://www.ohchr.org/Documents/ HRBodies/HRCoun-
cil/CoIEritrea/A_HRC _29_CRP-1.pdf; Kibreab, Gaim, The Open-Ended
Eritrean National Service: The Driver of Forced Migration, 15.10.2014,
abgerufen auf https://www.ecoi.net/en/file/local/1282042/90_1416473628
_gaim-kibreab-the-open-ended-eritrean-national-service-the-driver-of-
forced-migration. pdf;Human Rights Watch (HRW), Service for Life –State
Repression and Indefinite Conscription in Eritrea, 04.2009,
https://www.hrw.org/sites/default/files/reports/eritrea0409web_0.pdf; Te-
clemariam Bahta, Dawit, Girls’ Enrollment in Secondary Schools in Eritrea:
Status and Hindering Factors, in: African Research Journal of Education
and Social Sciences, 2016, http://arjess.org/education-research/girls-en-
rollment-in-secondary-schools -in-eritrea-status-and-hindering-factors/,
alle abgerufen am 20. November 2020). Zudem würden auch minderjäh-
rige Schulabbrechende zum Nationaldienst eingezogen, wobei lokale Ver-
waltungen Schulabbrechende sowie Schüler, von welchen man annehme,
sie würden ihren Schulabschluss hinauszögern, um nicht rekrutiert zu wer-
den, häufig (zur Deckung ihrer Quoten) melden würden. Neben den lokalen
Verwaltungsbehörden und dem Geheimdienst würden zivile Spitzel den lo-
kalen Behörden Informationen zukommen lassen, ein Phänomen, welches
in der eritreischen Gesellschaft weit verbreitet sei (vgl. https://www.fluecht-
lingshilfe.ch/fileadmin/user_upload/Publikationen/Herkunftslaenderbe-
richte/Afrika/Eritrea/150402-eri-schulverweis-de.pdf, abgerufen am
19. November 2020). Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig wahr-
scheinlich, dass der Beschwerdeführer nach seinem Schulabbruch noch
rund drei Jahre in Eritrea in der Nähe seines Heimatdorfes hat leben kön-
nen, ohne entdeckt zu werden, zumal er angab, mehrmals die familienei-
genen Felder bestellt und sich lediglich eine halbe Fussstunde von zu
Hause erfolgreich vor den Behörden versteckt zu haben (vgl. SEM-Akte
17/19, F106-108; F140). Unter diesen Umständen wäre anzunehmen ge-
wesen, dass er entweder von lokalen Behördenmitgliedern oder von Spit-
zeln entdeckt und gemeldet worden wäre. Zudem weisen seine diesbezüg-
lichen Schilderungen verschiedene unstimmige Aspekte auf. So erklärte er,
erst im Alter von neunzehn Jahren im Juni 2012 von der Schule ausge-
schlossen worden zu sein und eine erste Vorladung für den Militärdienst
am 20. Februar 2013 – also mehr als ein halbes Jahr nach seinem Schul-
ausschluss und im Alter von knapp zwanzig Jahren – durch Übergabe sei-
ner ehemaligen Mitschüler erhalten zu haben (vgl. SEM-Akte 17/19, F80,
F98; SEM-Akte 27/28, F161-165). Es erstaunt, dass Schüler und nicht die
eritreischen Behörden ihm ein Militäraufgebot zugestellt haben sollen. Fer-
ner ist es im eritreischen Kontext nicht nachvollziehbar, weshalb er bis zum
http://www.ohchr.org/Documents/%20HRBodies/HRCouncil/CoIEritrea/A_HRC%20_29_CRP-1.pdf http://www.ohchr.org/Documents/%20HRBodies/HRCouncil/CoIEritrea/A_HRC%20_29_CRP-1.pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/1282042/90_1416473628%20_gaim-kibreab-the-open-ended-eritrean-national-service-the-driver-of-forced-migration.%20pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/1282042/90_1416473628%20_gaim-kibreab-the-open-ended-eritrean-national-service-the-driver-of-forced-migration.%20pdf https://www.ecoi.net/en/file/local/1282042/90_1416473628%20_gaim-kibreab-the-open-ended-eritrean-national-service-the-driver-of-forced-migration.%20pdf https://www.hrw.org/sites/default/files/reports/eritrea0409web_0.pdf http://arjess.org/education-research/girls-enrollment-in-secondary-schools%20-in-eritrea-status-and-hindering-factors/ http://arjess.org/education-research/girls-enrollment-in-secondary-schools%20-in-eritrea-status-and-hindering-factors/ https://www.fluechtlingshilfe.ch/fileadmin/user_upload/Publikationen/Herkunftslaenderberichte/Afrika/Eritrea/150402-eri-schulverweis-de.pdf https://www.fluechtlingshilfe.ch/fileadmin/user_upload/Publikationen/Herkunftslaenderberichte/Afrika/Eritrea/150402-eri-schulverweis-de.pdf https://www.fluechtlingshilfe.ch/fileadmin/user_upload/Publikationen/Herkunftslaenderberichte/Afrika/Eritrea/150402-eri-schulverweis-de.pdf
D-1035/2020
Seite 17
Alter von neunzehn Jahren am Schulunterricht hat teilnehmen können,
ohne direkt in den Militärdienst eingezogen zu werden.
Insgesamt kann dem Beschwerdeführer nicht geglaubt werden, dass er,
wie von ihm geschildert, durch die eritreischen Behörden gesucht wurde.
Demzufolge erweisen sich seine Vorbringen, im Mai 2014 durch die Milizen
gesucht worden zu sein, als ebenso unglaubhaft.
5.5 Hingegen ist die illegale Ausreise des Beschwerdeführers an sich –
trotz einiger Restzweifel – als vorwiegend glaubhaft zu qualifizieren. So
konnte er detailliert und mit einigen Realkennzeichen schildern, wie er sich
anhand des Sonnenstandes orientiert habe, abends einen Stein legte, um
seine Zielrichtung Westen zu markieren und aus Angst, verraten zu wer-
den, sich nicht wagte, Leute nach dem Weg zu fragen. Anschaulich be-
schrieb er ausserdem, wie er nach der Überquerung des Flusses linker-
hand Lichter einer grösseren Stadt, welche er vermutungsweise als
J._ identifizierte, gesehen habe. Überzeugend fallen auch seine
Bemerkungen aus, er sei sich jeweils nicht sicher gewesen, welche Ort-
schaft er gesehen und ob er sich am Ende seiner Reise tatsächlich in
G._ befunden habe. Zudem erscheint es durchaus schlüssig, dass
er im Vorfeld gewusst hatte, dass sich bei J._ ein Kontrollposten
befindet, da es sich dabei um einen allgemein bekannten Kontrollposten in
der Nähe der sudanesischen Grenze handelt. Ferner erscheinen seine
Zeitangaben zu seiner Reisestrecke als durchaus plausibel, zumal davon
auszugehen ist, dass eine auch nicht geübte Person im Schnitt vier bis fünf
Kilometer pro Stunde zurücklegen kann, womit es realistisch erscheint,
eine Strecke von rund (...) Kilometern (von E._ nach G._)
in vier Tagen auch unter widrigen Umständen zurückzulegen (vgl. SEM-
Akte 27/28, F94-116). Hingegen wirkt seine Beschreibung, wie er den Fluss
überquert haben soll, etwas realitätsfremd, zumal nicht davon auszugehen
ist, dass ein Wasserbett mit «sehr viel» Wasser bereits nach kurzer Zeit
begeh- und passierbar ist (vgl. SEM-Akte 27/28, F104). Angesichts der vo-
rangehenden Erwägungen überwiegen jedoch die glaubhaften Sachver-
haltselemente. Zudem erweist sich im eritreischen Kontext eine legale Aus-
reise als eher unwahrscheinlich. Jedoch ist eher davon auszugehen, dass
die illegale Ausreise nicht, wie von ihm dargelegt, im Zusammenhang mit
einer unmittelbaren Flucht erfolgte, sondern vielmehr geplant worden sein
muss (vgl. E. 5.3 und 5.4).
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Seite 18
Im Hinblick auf die vorangehenden Erwägungen ist davon auszugehen,
dass sich die (glaubhaft gemachte) Ausreise in einem anderen Zusammen-
hang, als vom Beschwerdeführer beschrieben, zugetragen haben muss
und er zu einem früheren Zeitpunkt als von ihm dargelegt, respektive mut-
masslich vor dem Erreichen seines neunzehnten Lebensjahrs Eritrea ver-
lassen hat. Diese Einschätzung wird durch die zeitlichen Ungereimtheiten
im Zusammenhang mit seinen Facebook-Einträgen bestärkt, welche er
nicht überzeugend zu entkräften vermochte.
5.6 Zusammenfassend kommt das Gericht zum Schluss, dass der Be-
schwerdeführer die geltend gemachten Vorfluchtgründe respektive die Ver-
folgung durch die eritreischen Behörden nicht hat glaubhaft darlegen kön-
nen.
6.
6.1 In einem weiteren Schritt ist zu prüfen, ob der Beschwerdeführer infolge
seiner (glaubhaft gemachten) illegalen Ausreise aus Eritrea die Flüchtlings-
eigenschaft erfüllt.
6.2 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes oder exilpolitische Betätigungen – eine Gefährdungssituation
erst geschaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachflucht-
gründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Diese begründen die Flücht-
lingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54
AsylG zum Ausschluss des Asyls. Daher werden Personen, welche sub-
jektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als
Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
6.3 Im Urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil publi-
ziert) kam das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass im Kontext
von Eritrea die illegale Ausreise allein zur Begründung der Flüchtlingsei-
genschaft nicht ausreicht. Vielmehr bedarf es hierzu zusätzlicher Anknüp-
fungspunkte, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritrei-
schen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen und dadurch zu
einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten (vgl.
Urteil D-7898/2015 E. 5.1).
6.4 Vorliegend sind keine solchen zusätzlichen Faktoren vorhanden. Der
Beschwerdeführer konnte seine Verfolgung durch die eritreischen Behör-
den nicht glaubhaft darlegen (vgl. E.5.3 und E.5.4). Somit sind neben einer
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Seite 19
illegalen Ausreise keine zusätzlichen Anknüpfungspunkte vorhanden, wel-
che ihn in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person er-
scheinen lassen könnten, beziehungsweise zu einer Schärfung seines Pro-
fils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr
führen könnten. Er verfügt somit über kein relevantes Profil im Sinne der
zitierten Rechtsprechung.
6.5 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Vorinstanz die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers – auch im Hinblick auf die illegale
Ausreise – zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt hat.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG [SR 142.20]). Bei der Geltendmachung
von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss Praxis des Bundesver-
waltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei der Prüfung der
Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind wenigstens glaubhaft zu ma-
chen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nach Art. 83 Abs. 3 AuG unzulässig, wenn völkerrecht-
liche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder
des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegen-
stehen.
8.2.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
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Seite 20
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden (vgl. auch Art. 33 Abs. 1 des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK,
SR 0.142.30]). Die Zulässigkeit des Vollzuges beurteilt sich mithin nach
den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestimmungen (ins-
besondere Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 FoK, Art. 3 und hier auch Art. 4 EMRK).
8.2.3 Der Beschwerdeführer machte geltend, der Wegweisungsvollzug sei
angesichts der drohenden Einziehung in den eritreischen Nationaldienst
sowie wegen der damit verbundenen Zwangsarbeit und einer damit ver-
bundenen Verletzung von Art. 3 und Art. 4 Abs. 2 EMRK als unzulässig zu
betrachten.
8.2.4 Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei anstehen-
der Einziehung in den eritreischen Nationaldienst ist vom Bundesverwal-
tungsgericht in einem Grundsatzurteil geklärt worden (vgl. BVGE 2018 VI/4
E. 6.1). Darin wurde zunächst festgehalten, dass es sich beim eritreischen
Nationaldienst nicht um Sklaverei oder Leibeigenschaft im Sinne von Art. 4
Abs. 1 EMRK handle (vgl. hierzu a.a.O. E. 6.1.4). Im Weiteren prüfte es die
Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs sowohl unter dem Gesichtspunkt
des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4 Abs. 2 EMRK) als auch unter jenem des
Verbots der Folter und der unmenschlichen und erniedrigenden Behand-
lung (Art. 3 EMRK). Das Bundesverwaltungsgericht gelangte dabei zum
Ergebnis, dass die durchschnittliche Dienstdauer zwischen fünf und zehn
Jahren betrage und in Einzelfällen darüber hinausgehen könne. Die Le-
bensbedingungen gestalteten sich sowohl in der Grundausbildung als auch
im militärischen und im zivilen Nationaldienst schwierig; im zivilen Natio-
naldienst insbesondere deshalb, weil Verpflegung und Unterkunft nicht im-
mer zur Verfügung gestellt würden und der Nationaldienstsold – trotz ein-
zelner Verbesserungen in jüngster Zeit – kaum ausreiche, um den Lebens-
unterhalt zu decken. Zudem könne es im eritreischen Nationaldienst – ins-
besondere in der Grundausbildung und im militärischen Nationaldienst –
zu Misshandlungen und sexuellen Übergriffen kommen (vgl. zum Ganzen
BVGE 2018 VI/4 E. 6.1.5.2). Weiter hielt das Gericht fest, Art. 4 Abs. 2
EMRK stehe dem Wegweisungsvollzug nur dann entgegen, wenn das
ernsthafte Risiko einer flagranten Verletzung des Zwangsarbeitsver-
bots anzunehmen wäre. Der im eritreischen Nationaldienst effektiv zu be-
fürchtende Nachteil, auf unabsehbare Zeit eine niedrig entlöhnte Arbeit für
den Staat ausführen zu müssen, sei zwar als unverhältnismässige Last zu
qualifizieren, beraube jedoch Art. 4 Abs. 2 EMRK nicht seines essenziellen
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Seite 21
Gehalts. Insofern sei keine flagrante Verletzung anzunehmen (vgl. a.a.O.
E. 6.1.5.2).
8.2.5 Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte
(EGMR) müsste der Beschwerdeführer mit Blick auf Art. 3 EMRK das ernst-
hafte Risiko ("real risk") nachweisen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung
Folter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EGMR [Grosse
Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Nr. 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Im Grundsatzurteil BVGE 2018 VI/4 führte das Bun-
desverwaltungsgericht diesbezüglich aus, dass keine hinreichenden Be-
lege dafür existieren, dass Misshandlungen und sexuelle Übergriffe im Na-
tionaldienst systematisch stattfänden, so dass alle Dienstleistenden dem
ernsthaften Risiko ausgesetzt wären, selbst solche Übergriffe zu erleiden
(vgl. dazu E. 7.1.2.2). Es bestehe daher kein ernsthaftes Risiko einer Ver-
letzung von Art. 3 EMRK im Falle einer Einziehung in den eritreischen Na-
tionaldienst (a.a.O. E. 6.1.6). Auch von einem real risk einer Haftstrafe al-
lein aufgrund der Ausreise vor bestehender Dienstpflicht ging das Bundes-
verwaltungsgericht nicht aus (vgl. a.a.O. E. 6.1.8).
8.2.6 Aufgrund des Alters des Beschwerdeführers ist zwar davon anzuge-
hen, dass er bei seiner Rückkehr in den Militärdienst eingezogen würde.
Nach dem Gesagten ist jedoch kein «real risk» im Sinne der Rechtspre-
chung anzunehmen. Weitere Gründe für die Annahme der Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs ergeben sich weder aus den Akten noch aus
der Beschwerdeschrift. Der Vollzug der Wegweisung ist nach dem Gesag-
ten als zulässig zu betrachten.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Angesichts der im Referenzurteil D-2311/2016 festgehaltenen
schwierigen allgemeinen – und insbesondere wirtschaftlichen – Lage in
Eritrea muss bei Vorliegen besonderer Umstände aber nach wie vor von
einer Existenzbedrohung ausgegangen werden. Die Frage der Zumutbar-
keit bleibt im Einzelfall zu prüfen (a.a.O. E. 17.2).
D-1035/2020
Seite 22
Aus den Akten gehen keine Hinweise hervor, dass der Beschwerdeführer
oder seine nahen Verwandten einer existentiellen ökonomischen Notlage
ausgesetzt gewesen wären oder es zum jetzigen Zeitpunkt sind. Hingegen
ist seine geltend gemachte Erkrankung respektive deren ungenügender
Behandlungsmöglichkeiten im Heimatland näher zu beleuchten. Der Be-
schwerdeführer brachte vor, aufgrund seiner (...) Erkrankung auf die regel-
mässige Einnahme von Medikamenten angewiesen zu sein. Neben der
Tatsache, dass es in Eritrea häufig zu Engpässen bei Medikamenten
komme, könne er sich diese aus finanzieller Sicht gar nicht leisten.
8.3.3 Die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs wegen einer medizi-
nischen Notlage ist nur dann anzunehmen, wenn eine notwendige medizi-
nische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung steht und die Rück-
kehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beeinträchtigung der Ge-
sundheit der asylsuchenden Person führt. Dabei wird als wesentlich die
allgemeine und dringende medizinische Behandlung erachtet, welche zur
Gewährleistung einer menschenwürdigen Behandlung absolut notwendig
ist. Unzumutbarkeit liegt jedoch noch nicht vor, wenn im Heimat- oder Her-
kunftsland eine nicht den schweizerischen Standards entsprechende me-
dizinische Behandlung möglich ist (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3; 2009/52
E. 10.1; 2009/51 E. 5.5; 2009/28 E. 9.3.1; 2009/2 E. 9.3.2; EMARK 2003
Nr. 24, E. 5a und b).
Nach Pschyrembel kann (...) im Sinne einer Dauertherapie respektive ei-
ner Anfallsprophylaxe durch (...) und mit der Vermeidung von charakteris-
tischen Auslösefaktoren (wie etwa Schlafmangel, Stresssituationen etc.)
begegnet werden. 50-70% der betroffenen Personen sind in ihrem Alltag
durch die Erkrankung nicht beeinträchtigt. Komplikationen können jedoch
auftreten und zeigen sich durch Sturzverletzungen, Ertrinken, bei einem
akuten Anfall, (...) ([...]) sowie in Form von Auftreten psychiatrischer Stö-
rungen mit erhöhter Suizidgefahr (vgl. https://www.pschyrem-
bel.de/(...)/K072E/doc, abgerufen am 27. November 2020).
Die allgemeine Quellenlage zu Eritrea, insbesondere zum eritreischen Ge-
sundheitssystem, stellt sich als schwierig heraus; sie ist dünn, die verfüg-
baren Informationen sind meist wenig spezifisch, widersprüchlich, nicht ak-
tuell oder nicht überprüfbar. Die eritreischen Behörden kontrollieren und
schränken auch medizinische Informationen stark ein (vgl. Landinfo, Re-
port Eritrea: National Service, 20.05.2016, https://landinfo.no/as-
set/3382/1/3382_1.pdf, abgerufen am 30. November 2020). Aus den zur
https://www.pschyrembel.de/epilepsie/K072E/doc https://www.pschyrembel.de/epilepsie/K072E/doc
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Seite 23
Verfügung stehenden Quellen geht hervor, dass neben mangelndem Fach-
personal verschiedene komplexe Eingriffe, Chemotherapien sowie Trans-
plantationen nicht durchgeführt werden könnten und es eine beschränkte
Auswahl an Medikamenten gebe. Die Eritrean National List of Medicines
führte im Jahr 2010 180 Medikamente auf, welche jedoch aufgrund man-
gelnder Vorräte oder fehlender Finanzen nicht jederzeit zur Verfügung ste-
hen würden. Die gebräuchlichsten Medikamente seien jedoch gut zugäng-
lich und würden häufig unentgeltlich abgegeben, insbesondere seien die
verfügbaren Medikamente gegen (...) kostenlos. Ausserdem figuriere auch
das (...) (...) auf der nationalen Medikamentenliste als erhältliches Medi-
kament. Zudem sei es möglich, Medikamente aus dem nahen Ausland
(etwa Sudan, Ägypten oder Indien) zu importieren oder diese durch Ver-
wandte aus dem Ausland zukommen zu lassen (vgl. Neue Zürcher Zeitung
[NZZ], Paranoia und Pseudospitäler in Eritrea, 21.08.2015,
https://www.nzz.ch/international/afrika/paranoia-und-pseudospitaeler-in-
eritrea-1.18599191, Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Eritrea: Ge-
sundheitsversorgung: https ://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftsla-
ender/afrika/eritrea/190703-eri-gesundheitsversorgung. pdf.;
https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/EASO-Eritrea-Count-
ryFocus-DE.pdf.S.23-24; https:// www.who.int/selection_medici-
nes/country_lists/eri_eml_2010.pdf., alle abgerufen am 24. November
2020).
Dem Arztbericht vom 10. März 2020 ist zu entnehmen, dass der Beschwer-
deführer insgesamt drei Mal eine Konsultation wahrgenommen habe, wo-
bei angesichts der langen (...) (seit April 2017) auf Kontrollen mit (...) ver-
zichtet werden könne. Eine gelegentliche Betreuung durch einen (...) sei
lediglich bei einer Therapieumstellung notwendig. Bei der Umstellung auf
eine Monotherapie mit dem Medikament (...) könne nicht vorausgesehen
werden, ob es zu Nebenwirkungen oder zu häufigeren Anfällen komme.
Dies sei im Einzelfall zu beurteilen. Hinsichtlich der Verfügbarkeit der aktu-
ell eingenommenen Medikamente respektive des lückenlosen Vorhan-
denseins des Medikaments (...) in Eritrea könnten keine Aussagen ge-
macht werden. Aus dem Arztbericht vom 11. Mai 2017 geht hervor, dass
der Beschwerdeführer in Italien seit Juni 2016 bereits das Medikament (...)
eingenommen sowie gut vertragen habe.
Vorliegend kommt das Gericht im Hinblick auf die medizinische Faktenlage
zum Schluss, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Eritrea
durchaus über die Möglichkeit verfügt, seine benötigten Medikamente er-
https://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftslaender/afrika/eritrea/190703-eri-gesundheitsversorgung.%20pdf https://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftslaender/afrika/eritrea/190703-eri-gesundheitsversorgung.%20pdf https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/EASO-Eritrea-CountryFocus-DE.pdf https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/EASO-Eritrea-CountryFocus-DE.pdf
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hältlich zu machen und auf die in den Arztberichten vorgeschlagenen Mo-
notherapie mit (...) umzusteigen. Eine regelmässige Behandlung wird vor-
liegend nicht benötigt. Zudem ist der Krankheitsverlauf von (...) nicht töd-
lich. Wie bereits von der Vorinstanz erwähnt, besteht im Rahmen des Rück-
kehrprogramms die Möglichkeit, medizinische Rückkehrhilfe zu beantra-
gen. Auch wenn nicht dieselben Medikamente oder medizinischen Stan-
dards in Eritrea zur Verfügung stehen, ist es dem Beschwerdeführer bei
einer Rückkehr ins Heimatland möglich, sich medizinisch behandeln zu las-
sen. Der Vollzug der Wegweisung ist zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Ein mit der Be-
schwerde gestelltes Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung wurde jedoch mit Zwischenverfügung vom 5. März 2020 gutge-
heissen. Folglich sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
10.2 Mit Eingabe vom 18. Mai 2020 reichte die Rechtsbeiständin eine Kos-
tennote in der Höhe von Fr. 2'116.– ein. Dabei ging sie von einem Stun-
denansatz von Fr. 250.– aus. Mit Zwischenverfügung vom 5. März 2020
war darauf aufmerksam gemacht worden, dass bei einer nicht-anwaltlichen
Vertretung bei einer amtlichen Rechtsvertretung in der Regel von einem
Stundenansatz von Fr. 100.– bis Fr. 150.– ausgegangen werde (vgl. Art.
12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Das Honorar ist entsprechend zu kürzen,
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der Stundenansatz auf Fr. 150.– herabzusetzen und der amtlichen Rechts-
beiständin ein Honorar von Fr. 1'283.– (inklusive Auslagen) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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