Decision ID: 19aa7cd1-17c7-4ab7-af36-e5dd4e93d6a9
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_007
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Versicherungsgericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die 1985 geborene Beschwerdeführerin, zuletzt als Kassiererin tätig, mel-
dete sich am 26. Juni 2012 wegen unfallbedingter Beschwerden (CRPS
des linken Armes) bei der Beschwerdegegnerin zum Bezug von Leistungen
(berufliche Integration, Rente) der Eidgenössischen Invalidenversicherung
(IV) an. Nach Beizug der Akten des UVG-Versicherers veranlasste die Be-
schwerdegegnerin eine rheumatologisch-psychiatrische Begutachtung
durch die medexperts ag, St. Gallen. Das Gutachten wurde am 14. Juli
2015 erstattet. Nach Konsultation des Regionalen Ärztlichen Dienstes
(RAD) wurde der Beschwerdeführerin als Massnahme zur Verbesserung
beziehungsweise zum Erhalt ihrer Arbeitsfähigkeit auferlegt, sich einer Psy-
chotherapie zu unterziehen. Anschliessend führte die Beschwerdegegnerin
das Vorbescheidverfahren durch und sprach der Beschwerdeführerin mit
Verfügung vom 7. Dezember 2015 ab dem 1. Januar 2013 eine ganze
Rente zu.
Im September 2016 leitete die Beschwerdegegnerin ein Revisionsverfah-
ren ein und holte bei den behandelnden Ärzten Verlaufsberichte ein.
Gestützt auf die Beurteilungen des RAD vom 1. Februar 2018 und vom
8. März 2018 hob sie nach Durchführung des Vorbescheidverfahrens die
bisherige ganze Rente mit Verfügung vom 29. Juni 2018 auf das Ende des
der Zustellung der Verfügung folgenden Monats auf. Mit Urteil vom 13. Mai
2019 hiess das Versicherungsgericht des Kantons Aargau die dagegen
erhobene Beschwerde insoweit gut, als sie die Verfügung vom 29. Juni
2018 aufhob und die Sache zur weiteren Abklärung und zur Neuverfügung
an die Beschwerdegegnerin zurückwies.
1.2.
In der Folge veranlasste die Beschwerdegegnerin beim C., Institut für inter-
disziplinäre medizinische Begutachtung, ein bidisziplinäres Gutachten
(Fachgebiete: Psychiatrie und Handchirurgie), welches am 20. November
2020 erstattet wurde. Mit Vorbescheid vom 11. Januar 2021 stellte die Be-
schwerdegegnerin der Beschwerdeführerin in Aussicht, dass es bei der per
31. Juli 2018 aufgehobenen Invalidenrente bleibe. Nach Prüfung der Ein-
wände der Beschwerdeführerin vom 9. und 18. Februar 2021 durch den
RAD sowie Vorlage an die Gutachterstelle und erneuter Stellungnahme der
Beschwerdeführerin vom 23. Juni 2021 hielt die Beschwerdegegnerin mit
Verfügung vom 2. September 2021 am Vorbescheid bzw. der Aufhebung
der Invalidenrente per 31. Juli 2018 fest.
- 3 -
2.
2.1.
Mit Beschwerde vom 28. September 2021 stellte die Beschwerdeführerin
die folgenden Anträge:
"1. Es sei die Verfügung vom 2.09.2021 der IV-Stelle Aargau aufzuheben und der Beschwerdeführerin weiterhin eine ganze Rente auszurichten.
2. Eventualiter ist der Beschwerdeführerin bis am 28.2.2021 eine ganze Rente zuzusprechen und bezüglich des Gesundheitszustand ab 20.11.2020 ein  Gerichtsgutachten in Auftrag zu geben oder das Verfahren zur Durchführung der erforderlichen Abklärungen und zum neuen Entscheid an die Vorinstanz zurückzuweisen.
3. Unter Kosten- und Entschädigungsfolge."
2.2.
In der Vernehmlassung vom 20. Oktober 2021 beantragte die Beschwer-
degegnerin die Abweisung der Beschwerde.
2.3.
Mit Verfügung vom 22. Oktober 2021 lud die Instruktionsrichterin die aus
den Akten erkennbare berufliche Vorsorgeeinrichtung zum Verfahren bei
und räumte ihr Gelegenheit zur Stellungnahme ein, worauf die Berufsvor-
sorgeeinrichtung mit Eingabe vom 25. Oktober 2021 sinngemäss
verzichtete.

Das Versicherungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Streitig und vorliegend zu prüfen ist die Rechtmässigkeit der per Ende Juli
2018 verfügten Aufhebung der ganzen Invalidenrente, welche der
Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 7. Dezember 2015 rückwirkend ab
dem 1. Januar 2013 zugesprochen worden war (vgl. Vernehmlassungsbei-
lage [VB] 69; 162).
2.
2.1.
Ändert sich der Invaliditätsgrad eines Rentenbezügers erheblich, so wird
die Rente von Amtes wegen oder auf Gesuch hin für die Zukunft
entsprechend erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben (Art. 17 Abs. 1
ATSG). Anlass zur Rentenrevision gibt jede wesentliche Änderung in den
tatsächlichen Verhältnissen seit Zusprechung der Rente, die geeignet ist,
den Invaliditätsgrad und damit den Rentenanspruch zu beeinflussen.
- 4 -
Insbesondere ist die Rente bei einer wesentlichen Änderung des Gesund-
heitszustandes revidierbar. Weiter sind, auch bei an sich gleich gebliebe-
nem Gesundheitszustand, veränderte Auswirkungen auf den Erwerbs-
oder Aufgabenbereich von Bedeutung (BGE 141 V 9 E. 2.3,
134 V 131 E. 3). Hingegen ist die lediglich unterschiedliche Beurteilung
eines im Wesentlichen gleich gebliebenen Sachverhalts im revisionsrecht-
lichen Kontext unbeachtlich (BGE 141 V 9 E. 2.3 mit Hinweisen).
Zeitlicher Referenzpunkt für die Prüfung einer anspruchserheblichen
Änderung bildet die letzte (der versicherten Person eröffnete) rechtskräftige
Verfügung, welche auf einer materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit
rechtskonformer Sachverhaltsabklärung, Beweiswürdigung und Durchfüh-
rung eines Einkommensvergleichs (bei Anhaltspunkten für eine Änderung
in den erwerblichen Auswirkungen des Gesundheitszustands) beruht
(BGE 133 V 108 E. 5 S. 110 ff.; 130 V 71 E. 3 S. 73 ff.).
2.2.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend,
ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt,
in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darle-
gung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der
Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V
157 E. 1c).
2.3.
Der Versicherungsträger und das Gericht (vgl. Art. 61 lit. c in fine ATSG)
haben die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisre-
geln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das Beschwer-
deverfahren bedeutet dies, dass das Gericht alle Beweismittel, unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entschei-
den hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des
streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere darf es bei einander
widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge-
ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These
abstellt (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352; vgl. auch BGE 132 V 393 E. 2.1
S. 396).
- 5 -
3.
3.1.
In revisionsrechtlicher Hinsicht ist der Sachverhalt im Zeitpunkt der Verfü-
gung vom 7. Dezember 2015 (VB 69) mit demjenigen im Zeitpunkt der an-
gefochtenen Verfügung vom 2. September 2021 zu vergleichen (VB 162).
3.2.
3.2.1.
Die ursprüngliche rentenzusprechende Verfügung vom 7. Dezember 2015
erging gestützt auf das medexperts-Gutachten der Dres. med. D., Facharzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, und E., Facharzt für Allgemeine Innere
Medizin und für Rheumatologie, vom 14. Juli 2015 (VB 59.1). Diese stellten
als Hauptdiagnosen mit Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit
ein CRPS l der oberen Extremität links, eine chronische Anpassungsstö-
rung auf einer zugrundeliegenden Schmerzproblematik mit Störung der
Emotionen und des Sozialverhaltens, gemischt ICD-10 F43.25, sowie psy-
chische und Verhaltensstörungen durch Opioide (ICD-10 F11.25), ständi-
gen Substanzgebrauch, durchaus iatrogen, fest (VB 59.1 S. 38). In der bi-
disziplinären versicherungsmedizinischen Beurteilung führten die Gutach-
ter aus, ausgehend von einem CRPS I des linken Armes, bei Status nach
Handgelenkstrauma während der Arbeit am 16. Dezember 2011, habe die
Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht eine Anpassungsstörung mit
depressiven Symptomen, ängstlichen Erwartungen, Verzweiflung, Störung
des Verhaltens, nicht zuletzt als Ausdruck der Hoffnungslosigkeit auch Su-
izidgedanken entwickelt. Es bestehe ein grosser Leidensdruck, der den
Schweregrad und das Beschwerdebild der Symptome deutlich beeinflusse.
Es bestünden deutliche Beeinträchtigungen im sozialen, beruflichen und
familiären Bereich. Aufgrund der hohen Dosis an Opiaten, die zur Behand-
lung der als stark empfundenen Schmerzen indiziert seien, könnten die
psychischen Störungen und die Störungen des Sozialverhaltens unter Um-
ständen auf diese indizierte Behandlung zurückgeführt werden. Beide kli-
nischen Bilder würden sich überlappen und führten ebenso aus psychiatri-
scher Sicht zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit (VB 59.1 S. 40). In
der angestammten Tätigkeit als Verkäuferin sei die Beschwerdeführerin so-
wohl aus rheumatologischer als auch aus psychiatrischer Sicht zu 100 %
arbeitsunfähig. Zur Zumutbarkeit einer adaptierten Tätigkeit führten die
Gutachter aus, aufgrund der funktionellen Einarmigkeit sei aus rheumato-
logischer Sicht einzig ein beruflicher Einsatz in ausschliesslich oder über-
wiegend intellektuellen beruflichen Tätigkeiten denkbar (z.B. Dolmetsche-
rin). Dies sei aber aufgrund der psychoaktiven Schmerzmedikation mit ei-
ner Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen (eingeschränkte "Konzent-
rations-Aufmerksamkeitsfähigkeit, erhöhte Müdigkeit und rasche Erschöpf-
barkeit) aus psychiatrischer Sicht nicht möglich. Aufgrund der Beeinträchti-
gung der kognitiven und emotionalen Funktionen sei die Beschwerdefüh-
rerin aus psychiatrisch-versicherungsmedizinischer Sicht in ihrer Willens-
anstrengung erheblich beeinträchtigt (VB 59.1 S. 41).
- 6 -
3.2.2.
In dem durch die Dres. med. F., Facharzt für Psychiatrie und Psychothera-
pie, und G., Praktischer Arzt, Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und
Ästhetische Chirurgie, für Chirurgie sowie für Handchirurgie, erstellten Gut-
achten des C. wurden als psychiatrische Diagnosen ohne Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit eine leichte depressive Episode (ICD-10 F32.00), eine
chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(ICD-10 F45.41) sowie eine Störung durch Opioidanalgetika, iatrogen,
ständiger Substanzgebrauch (ICD-10 F11.25) und als somatische bzw.
handchirurgische Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit ein
chronisches CPRS Arm/Hand mit unvollständigem oberem Quadranten-
syndrom (Allodynie, distal betonte Anästhesia dolorosa, Ödem, Paresen
und Kontrakturen) nach Distorsion "vom 16.12.2" (ICD 10 M89.09) sowie
eine STT-Arthrose am Handgelenk (ICD 10 M19.94) gestellt (VB 143.1
S. 2).
Die Gutachter führten in der interdisziplinären Beurteilung aus (VB 143.1
S. 2 ff.), in der angestammten Tätigkeit als Verkäuferin/Kassiererin bestehe
aus handchirurgischer Sicht aufgrund der Funktionseinschränkung der lin-
ken Hand seit 10. März 2015 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. In einer an-
gepassten Tätigkeit, die mit der linken Hand nur leichte, nicht repetitive
Griffe, mit nur reduzierter Präzision, ohne Heben und Tragen von Gewich-
ten über 3 kg und ohne Abstützen, Drücken und Stossen beinhalte, bestehe
seit 10. März 2015 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit ohne Leistungseinschrän-
kung. Aus psychiatrischer Sicht bestehe angestammt eine 100%ige Ar-
beitsfähigkeit ohne Leistungseinschränkung. Von dieser Arbeitsfähigkeit
könne seit der Beurteilung durch den RAD vom 8. März 2018 ausgegangen
werden, worauf die Verfügung vom 29. Juni 2018 abstütze. Zuvor habe die
Arbeitsunfähigkeit bestanden, aufgrund derer gemäss Verfügung vom
7. Dezember 2015 die IV-Rentenzusprechung erfolgt sei. Somit bestehe
aus bidisziplinärer Sicht in der angestammten Tätigkeit als Verkäufe-
rin/Kassierin keine Arbeitsfähigkeit, hingegen bestehe seit 8. März 2018 in
einer angepassten Tätigkeit eine 100%ige Arbeitsfähigkeit ohne Leistungs-
einschränkung. Die Frage, ob seit der rentenzusprechenden Verfügung
vom 7. Dezember 2015 eine wesentliche Verbesserung des Gesundheits-
zustandes mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eingetreten sei, bejahten
die Gutachter. Sie führten aus (VB 143.1 S. 4), es sei aus psychiatrischer
Sicht zu einer Verbesserung der depressiven Symptomatik gekommen, es
bestehe eine leichte depressive Episode neben der Schmerzstörung und
der Störung durch Opioidanalgetika.
3.3.
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts sind Abhängigkeitssyn-
drome bzw. Substanzkonsumstörungen, wie sie bei der Beschwerdeführe-
rin diagnostiziert wurden, – wie sämtliche psychische Erkrankungen –
grundsätzlich einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V
281 zu unterziehen (BGE 145 V 215, E. 5 und 6.2). Die Auswirkungen des
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- 7 -
bestehenden Gesundheitsschadens auf die funktionelle Leistungsfähigkeit
sind im Einzelfall nachvollziehbar ärztlich festzustellen (BGE 145V 215
E. 6.1). Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens kann und muss
insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall
Rechnung getragen werden. Diesem kommt nicht zuletzt deshalb Bedeu-
tung zu, weil bei Abhängigkeitserkrankungen – wie auch bei anderen
psychischen Störungen – oft eine Gemengelage aus krankheitswertiger
Störung sowie psychosozialen und soziokulturellen Faktoren vorliegt.
Letztere sind auch bei Abhängigkeitserkrankungen auszuklammern, wenn
sie direkt negative funktionelle Folgen zeitigen. Eine krankheitswertige Stö-
rung muss umso ausgeprägter vorhanden sein, je stärker psychosoziale
oder soziokulturelle Faktoren das Beschwerdebild mitprägen (BGE 145 V
115 E. 6.3).
3.4.
3.4.1.
Dr. med. F. führte im psychiatrischen Teilgutachten vom 4. Oktober 2020
unter anderem aus (VB 143.2 S. 12 ff.), bei der Beschwerdeführerin be-
stehe diagnostisch eine bereits in den Akten dokumentierte Abhängigkeit
von Opioidanalgetika, iatrogen induziert, bei ständigem Substanzgebrauch.
Die Störung sei im Rahmen einer unfallbedingten Schmerzproblematik ent-
standen, die sich mittlerweile chronifiziert habe mit einem CRPS am linken
Arm. Die Symptomatik sei ausgeweitet und deutlich ausgeprägt. Es bestün-
den psychosoziale und emotionale Belastungsfaktoren. Durch die chroni-
sche Beschwerdeproblematik mit Schmerzen, die sich trotz Behandlung bis
heute nicht gebessert hätten, und die Beziehung zum Ehemann, die nicht
nur gut, sondern durch Fremdgehen geprägt sei, bestünden emotionale
Belastungen. Ein deutlicher psychosozialer Faktor sei die angespannte
finanzielle Situation. Es seien auch die diagnostischen Kriterien einer leich-
ten depressiven Episode erfüllt, gekennzeichnet durch depressive Verstim-
mungen mit verminderter Freude, aggressive Gestimmtheit, Schlafstörun-
gen, erhöhte Ermüdbarkeit, leichte Konzentrationsstörungen und negative
Zukunftsperspektiven bezüglich der gesundheitlichen und beruflichen Situ-
ation. Ein rezidivierender Verlauf der Depression mit deutlichen Phasen
von Verschlechterung, Verbesserung und symptomfreien Intervallen sei
nicht erwiesen. Dass die Depression vorübergehend mittelgradig geprägt
gewesen sei, sei gut möglich. Eine Depression könne aber behandelt wer-
den und die Beschwerdeführerin erhalte eine antidepressive Medikation.
Erschwerend wirke sich die Opioidabhängigkeit aus. Dadurch könne nicht
nur die depressive Symptomatik, sondern auch die Schmerzsymptomatik
verstärkt werden. Ein beeinträchtigender irreversibler Gesundheitsschaden
sei nicht erwiesen. Unter den Opioidanalgetika komme es aber zu einer
verstärkten Müdigkeit am Tag. Trotz deutlicher Opioiddosis funktioniere die
Beschwerdeführerin in ihrem familiären Kontext. Dies weise auf eine "To-
leranzentwicklung" hin im Rahmen der Abhängigkeit. Die Beschwerdefüh-
rerin könne auf die Opioidanalgetika-Medikation nicht einfach so verzich-
- 8 -
ten. Für eine ausserhäusliche Erwerbstätigkeit sei eine qualifizierte statio-
näre Entzugsbehandlung notwendig, die aber wegen der fehlenden Moti-
vation gegenwärtig nicht empfohlen werden könne. Die Beschwerdeführe-
rin sei nicht derart schwer psychisch beeinträchtigt, dass ihr keine Tätigkeit
mehr zugemutet werden könne, insbesondere, wenn davon ausgegangen
werde, dass ihr eine qualifizierte stationäre Entzugsbehandlung und Absti-
nenz von Opioidanalgetika helfen könne. Sie verfüge durchaus über Res-
sourcen mit einem guten Berufsabschluss als Verkäuferin und mehrjähriger
Berufserfahrung. Auch habe die Beschwerdeführerin mit ihrem Ehemann
eine Familie gegründet mit einer schulpflichtigen Tochter und einem Sohn
im Kindergarten. Es bestehe zwar ein sozialer Rückzug in die Familie,
innerhalb der Familie habe sie aber gute Kontakte. Die Beschwerdeführerin
beschäftige sich auch mit Haushaltsarbeiten, soweit ihr diese mit ihren
Beeinträchtigungen wegen der Schmerzen möglich seien, auch fahre sie
für kürzere Strecken selber mit dem Auto, und Reisen in den Kosovo seien
ebenfalls möglich (VB 143.2 S. 13 f.).
3.4.2.
Im Gegensatz zur Beurteilung der medexperts-Gutachter, welche die Aus-
übung einer (leidensangepassten) beruflichen Tätigkeit aufgrund der
beeinträchtigten kognitiven Funktionen (eingeschränkte Konzentrations-
Aufmerksamkeitsfähigkeit, erhöhte Müdigkeit und rasche Erschöpfbarkeit)
und der beeinträchtigten Willensanstrengung für nicht möglich hielten, äus-
sert sich Dr. med. F. - ausser dem Hinweis auf die Müdigkeit und der An-
nahme einer "Toleranzentwicklung" - mit keinem Wort zu allfälligen konkre-
ten, aus dem diagnostizierten Abhängigkeitssyndrom resultierenden Funk-
tionseinschränkungen bei der Beschwerdeführerin. Dr. F. legt im Gutach-
ten weder schlüssig dar, ob aus dem Abhängigkeitssyndrom überhaupt
Funktionseinschränkungen resultieren und inwieweit diese allenfalls durch
psychosoziale Faktoren geprägt sind, noch ob und inwieweit sich diesbe-
züglich eine relevante Veränderung im Vergleich zur Beurteilung im medex-
perts-Gutachten ergeben hat. So hält Dr. med. F. bei der Befunderhebung
lediglich in allgemeiner Hinsicht fest (VB 143.2 S. 11), dass die Anamnese
gut habe erhoben werden können, nur leichte Konzentrationsstörungen be-
standen hätten, die Beschwerdeführerin Lebensdaten zwar nicht immer ge-
nau habe angeben können, die Aufmerksamkeit, die Auffassung und das
Gedächtnis aber intakt gewesen seien. Die Konzentrationsstörungen er-
achtet Dr. med. F. dann aber als eine Folge der festgestellten leichten de-
pressiven Episode (VB 143.2 S. 12 unten). In Bezug auf die Ausklamme-
rung psychosozialer Faktoren weist Dr. med. F. lediglich in allgemeiner Hin-
sicht auf die angespannte finanzielle Situation und die Probleme in der Ehe
der Beschwerdeführerin hin (VB 143.2 S. 12), ohne aber aufzuzeigen, in-
wieweit psychosoziale Faktoren das Beschwerdebild tatsächlich mitprä-
gen. Ebenso wenig können dem psychiatrischen Teilgutachten – ausser
der Feststellung, die Symptomatik sei "ausgeweitet und deutlich ausge-
prägt" (VB 143.2 S. 12) – nähere Angaben zum Schweregrad der diagnos-
tizierten Opioidabhängigkeit entnommen werden. Dr. med. F. hält dafür, ein
- 9 -
"beeinträchtigender irreversibler Gesundheitsschaden" sei nicht erwiesen
und für die Ausübung einer ausserhäuslichen Erwerbstätigkeit sei eine qua-
lifizierte stationäre Entzugsbehandlung notwendig, die aber wegen der feh-
lenden Motivation nicht empfohlen werden könne (VB 143.2 S. 13). In Be-
zug auf die Entzugsbehandlung äussert sich Dr. med. F. aber wiederum mit
keinem Wort dazu, in welchem Rahmen eine Reduktion der Opiateinnahme
vor dem Hintergrund des diagnostizierten chronischen CPRS medizinisch
überhaupt zumutbar und inwieweit eine Steigerung der Leistungsfähigkeit
nach erfolgter Entzugsbehandlung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
zu erwarten wäre (Behandlungserfolg).
Im Gutachten des C. fehlt denn auch in diesem Zusammenhang jegliche
Auseinandersetzung mit der (bidisziplinären) Beurteilung im medexperts-
Gutachten, wo die hohe Dosis an Opiaten zur Behandlung der als stark
empfundenen Schmerzen als indiziert erachtet wurde (VB 59.1 S. 39 f.).
Zudem ist darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin von der Be-
schwerdegegnerin bisher nie dazu angehalten wurde, im Rahmen ihrer
Schadenminderungspflicht (Art. 7 und 7b Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 21 Abs. 4
ATSG) eine Entzugsbehandlung durchzuführen. Abgesehen davon, dass
im Rahmen der psychiatrischen Untersuchung durch Dr. F. ein von der
PDAG im Bericht vom 28. Mai 2020 empfohlener stationärer Aufenthalt
(vgl. VB 126 S. 3 f.), nicht aber explizit eine stationäre Entzugsbehandlung,
thematisiert wurde (VB 143.2 S. 10 unten), kann der Beschwerdeführerin
daher nicht mangelnde Behandlungsbereitschaft in Bezug auf zumutbare
Therapieoptionen vorgeworfen werden, wie dies im psychiatrischen Teil-
gutachten suggeriert wird (VB 143.2 S. 14). Aus den im Rahmen der Be-
gutachtung getätigten Äusserungen der Beschwerdeführerin zu einem all-
fälligen stationären Klinikaufenthalt kann daher kein Rückschluss in Bezug
auf den Schweregrad ihrer Suchterkrankung gezogen werden. Im psychi-
atrischen Teilgutachten wird sodann ohne nähere Begründung und trotz
des Hinweises auf eine "Toleranzentwicklung" davon ausgegangen, dass
die Beschwerdeführerin aufgrund der Opioidabhängigkeit ohne Entzugsbe-
handlung nicht arbeitsfähig ist. Andererseits werden im Teilgutachten aber
sämtliche psychiatrischen Diagnosen als solche ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit beurteilt und Dr. med. F. geht lediglich unter Hinweis auf
eine Verbesserung der depressiven Symptomatik davon aus, dass die Be-
schwerdeführerin in psychiatrischer Hinsicht in jeder somatisch angepass-
ten Tätigkeit uneingeschränkt arbeitsfähig sei (VB 143.2 S. 15). Diese
Schlussfolgerung ist nicht einleuchtend, nachdem der Beschwerdeführerin
in Bezug auf zumutbare Therapien keine Verletzung der Schadenminde-
rungspflicht vorgeworfen werden kann. In Bezug auf den Zeitpunkt, seit
welchem gemäss Dr. med. F. bzw. der angefochtenen Verfügung bei der
Beschwerdeführerin ein verbesserter psychischer Gesundheitszustand
vorliegen soll, stellte der psychiatrische Gutachter auf die Aktenbeurteilung
des RAD vom 8. März 2018 ab (VB 143.2 S. 15). Das Versicherungsgericht
hatte im rechtskräftigen Urteil vom 13. Mai 2019 diesbezüglich aber ausge-
führt (VB 106 S. 9 f.), die psychiatrische Beurteilung des RAD vom 8. März
- 10 -
2018 vermöge nicht zu überzeugen, es finde sich darin keine nachvollzieh-
bare und auf den konkreten Fall bezogene Begründung, dass sich der psy-
chische Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin im Zeitablauf ver-
bessert habe. Auch diesbezüglich ist das psychiatrische Teilgutachten so-
mit nicht schlüssig.
4.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich das von der Beschwerde-
gegnerin in Auftrag gegebene Gutachten des C. als unvollständig erweist.
Zudem ist es weder aussagekräftig in Bezug auf den aktuellen, psychi-
schen Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin (funktionelle Ein-
schränkungen und Schweregrad der diagnostizierten Opioidabhängigkeit)
noch betreffend die Frage, ob es bezüglich der im medexperts-Gutachten
(im Zusammenhang mit der Opioidabhängigkeit) festgestellten, leistungs-
einschränkenden kognitiven Beeinträchtigungen seit der rentenzuspre-
chenden Verfügung vom 7. Dezember 2015 mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit zu einer relevanten Veränderung des Gesundheitszustands
der Beschwerdeführerin gekommen ist. Die Hinweise von Dr. med. F. auf
eine "Toleranzentwicklung" im Rahmen der Abhängigkeit sowie auf (durch-
aus) vorhandene Ressourcen (Gründung einer Familie, Kontakte innerhalb
der Familie, Beschäftigung mit gewissen Haushaltarbeiten, Reisen) sind
nicht ausreichend, um eine revisionsrechtlich relevante Veränderung auf-
zuzeigen. Ebenso wenig kann aufgrund der Akten beurteilt werden, ob und
in welchem Rahmen der Beschwerdeführerin im Hinblick auf eine allfällige
Leistungssteigerung eine Entzugsbehandlung zumutbar ist bzw. inwieweit
diesbezüglich Therapieoptionen bestehen.
Die Beurteilung im Gutachten des C., wonach die Beschwerdeführerin seit
dem 8. März 2018 insbesondere in psychiatrischer Hinsicht uneinge-
schränkt leistungsfähig ist, vermag nach dem Gesagten nicht zu überzeu-
gen; das teilweise unvollständige Gutachten genügt den praxisgemässen
Beweisanforderungen (vgl. vorstehend E. 1.4.) nicht, weshalb nicht darauf
abgestellt werden kann. Die angefochtene Verfügung ist daher aufzuheben
und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie – in
Nachachtung des Untersuchungsgrundsatzes – den Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin umfassend abkläre, insbesondere in psychiatri-
scher Hinsicht und aus interdisziplinärer Perspektive. Danach hat sie über
den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin neu zu verfügen. In Überein-
stimmung mit der bundesgerichtlichen Rechtsprechung (BGE 137 V 210
E. 4.4.1.4 S. 264) erscheint die Einholung eines Gerichtsgutachtens (ent-
sprechend dem Eventualantrag der Beschwerdeführerin) angesichts der
bis anhin unvollständigen medizinischen Abklärungen nicht angezeigt.
5.
Nach dem Dargelegten ist die Beschwerde in dem Sinne gutzuheissen,
dass die angefochtene Verfügung vom 2. September 2021 aufzuheben und
- 11 -
die Sache zur weiteren Abklärung im Sinne der Erwägungen und zur Neu-
verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
6.
6.1.
Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Kosten
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.00 bis Fr. 1'000.00 festgesetzt. Für das vorliegende
Verfahren betragen diese Fr. 800.00. Sie sind gemäss dem Verfahrens-
ausgang der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
6.2.
Ausgangsgemäss hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf Ersatz der
richterlich festzusetzenden Parteikosten (Art. 61 lit. g ATSG), denn die
Rückweisung der Sache an die Verwaltung zwecks Vornahme ergänzen-
der Abklärungen gilt als anspruchsbegründendes Obsiegen (BGE 132
V 215 E. 6.1 S. 235 mit Hinweisen). Vorliegend handelt es sich bei der Ver-
treterin der Beschwerdeführerin um eine angestellte, nicht im Anwaltsregis-
ter eingetragene Rechtsanwältin, womit sich eine Entschädigung von
Fr. 1'000.00 als angemessen erweist.