Decision ID: e8c98b57-2cc0-5f5e-ab26-7c6eb13121f8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein syrischer Staatsangehöriger [...], ersuchte am
1. Oktober 2001 gemeinsam mit seiner Ehefrau und (damals) fünf Kindern
in der Schweiz um Asyl.
B.
Mit Verfügung vom 2. August 2005 lehnte das damalige Bundesamt für
Migration (BFM; nunmehr Staatssekretariat für Migration [SEM]) die Asyl-
gesuche des Beschwerdeführers und seiner Familienangehörigen ab und
verfügte deren Wegweisung aus der Schweiz. Gleichzeitig ordnete es we-
gen Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige Aufnahme
des Beschwerdeführers und seiner Familienangehörigen an.
C.
Mit Urteil vom 16. Dezember 2009 hiess das Bundesverwaltungsgericht die
hiergegen erhobene Beschwerde gut, anerkannte den Beschwerdeführer
gemeinsam mit seiner Ehefrau und vier Kindern als Flüchtling und wies das
SEM an, ihm und den genannten Familienangehörigen in der Schweiz Asyl
zu gewähren.
D.
Mit Verfügung vom 21. Dezember 2009 gewährte das damalige BFM dem
Beschwerdeführer gemeinsam mit seiner Ehefrau und vier Kindern Asyl.
E.
Mit Schreiben vom 28. August 2017 teilte das SEM dem Beschwerdeführer
unter Hinweis auf den damaligen Art. 63 Abs. 2 des Asylgesetzes (AsylG,
SR 142.31; in der Fassung vor dem 1. April 2020) im Wesentlichen mit,
aufgrund von Abklärungen sei es als wahrscheinlich zu erachten, dass er
die innere und äussere Sicherheit der Schweiz gefährde. Das Staatssek-
retariat beabsichtige daher, das ihm gewährte Asyl zu widerrufen. Zugleich
wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, eine Stellungnahme abzuge-
ben. Mit dem Schreiben wurde dem Beschwerdeführer ein seine Person
betreffender Amtsbericht des Nachrichtendiensts des Bundes (NDB) vom
21. Juli 2017 übermittelt.
F.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters an das SEM vom 6. September 2017
ersuchte der Beschwerdeführer um Einsicht in die Verfahrensakten.
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Seite 3
G.
Mit Zwischenverfügung vom 12. September 2017 gewährte das SEM dem
Beschwerdeführer eine teilweise Einsicht in die Akten des Verfahrens be-
treffend Widerruf des Asyls.
H.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters an das SEM vom 25. September 2017
ersuchte der Beschwerdeführer im Wesentlichen um vollständige Einsicht
in die Verfahrensakten.
I.
Mit Schreiben vom 28. September 2017 lehnte das SEM die Gewährung
der Einsicht in weitere Verfahrensakten ab.
J.
Mit Eingabe an das SEM vom 9. Oktober 2017 reichte der Beschwerdefüh-
rer durch seinen Rechtsvertreter eine Stellungnahme zur Zwischenverfü-
gung vom 28. August 2017 ein. Des Weiteren wiederholte er seinen Antrag
auf vollständige Akteneinsicht.
K.
Mit Verfügung vom 26. Februar 2018 (Datum der Eröffnung: 27. Februar
2018) widerrief das SEM das dem Beschwerdeführer gewährte Asyl.
L.
Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer mit Eingabe seines Rechts-
vertreters vom 29. März 2018 beim Bundesverwaltungsgericht an. Dabei
beantragte er hauptsächlich die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
sowie in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG.
M.
Mit Zwischenverfügung vom 27. April 2018 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung vorbehältlich des Nach-
reichens einer Fürsorgebestätigung mit Frist bis zum 14. Mai 2018 gut. Für
den Fall eines nicht erbrachten Nachweises der prozessualen Bedürftigkeit
wurde der Beschwerdeführer zur Leistung eines Kostenvorschusses von
Fr. 750.– innert gleicher Frist aufgefordert.
N.
Mit Eingabe vom 14. Mai 2018 ersuchte der Beschwerdeführer durch sei-
nen Rechtsvertreter um Erstreckung der gesetzten Frist.
D-1922/2018
Seite 4
O.
Mit Zwischenverfügung vom 15. Mai 2018 hiess die Instruktionsrichterin
den Antrag auf Fristerstreckung gut und gewährte dem Beschwerdeführer
eine Nachfrist von drei Tagen ab Erhalt der Verfügung zum Nachreichen
einer Fürsorgebestätigung oder zur Leistung des verlangten Kostenvor-
schusses. Diese Verfügung ging dem Rechtsvertreter des Beschwerdefüh-
rers am 16. Mai 2018 zu.
P.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 22. Mai 2018 reichte der Be-
schwerdeführer ein ausgefülltes Formular "Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege" mit entsprechenden Beilagen ein.
Q.
Mit Einzahlung vom 22. Mai 2018 leistete der Beschwerdeführer zudem
den verlangten Kostenvorschuss.
R.
Mit Verfügung vom 11. Juni 2018 teilte die Instruktionsrichterin dem Be-
schwerdeführer mit, über den Antrag auf unentgeltliche Prozessführung
werde im Endentscheid befunden. Zugleich hielt sie fest, dass sowohl die
Einreichung des Formulars "Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege" als
auch die Leistung des Kostenvorschusses fristgerecht erfolgt seien. Des
Weiteren wurde das SEM zur Vernehmlassung aufgefordert.
S.
Mit Vernehmlassung vom 10. Juli 2018 hielt das SEM vollumfänglich an
seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
T.
Mit Verfügung vom 12. Juli 2018 wurde dem Beschwerdeführer bezüglich
der Vernehmlassung die Gelegenheit zur Replik erteilt.
U.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 27. Juli 2018 reichte der Be-
schwerdeführer eine entsprechende Stellungnahme ein. Dabei beantragte
er ausserdem die Einsichtnahme in allfällige durch das SEM mit der Ver-
nehmlassung eingereichte weitere Aktenstücke.
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Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Über Beschwerden ge-
gen Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das SEM erlassen wor-
den sind, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich (mit
Ausnahme von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Ausliefe-
rungsersuchen des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) end-
gültig (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31–33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können im Anwen-
dungsbereich des AsylG die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich
Missbrauch und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
1.3 Für das vorliegende Verfahren gilt hinsichtlich der am 1. März 2019 in
Kraft getretenen Änderung des AsylG das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September
2015).
2.
Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf seine frist- und formgerecht ein-
gereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG;
Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Im vorliegenden Fall wird mit der Beschwerdeschrift vorgebracht, der
Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör sei durch das
SEM verletzt worden, weil ihm die Einsicht in die Akten des vorinstanzli-
chen Verfahrens unbegründet teilweise verweigert worden sei. Angesichts
des Ergebnisses des Beschwerdeverfahrens erübrigt es sich, über diese
Rüge zu befinden.
3.2 Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens wurden seitens des SEM beim
Bundesverwaltungsgericht keine Beweismittel eingereicht. Der mit Ein-
gabe vom 12. Juli 2018 gestellte Antrag auf Einsichtnahme in allfällige
durch das SEM mit der Vernehmlassung eingereichte Aktenstücke erweist
sich somit als gegenstandslos.
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Seite 6
4.
4.1 Gemäss Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG (in Kraft seit 1. April 2020; inhaltlich
gleichlautend wie der vorherige Art. 63 Abs. 2 AsylG) wird das Asyl wider-
rufen, wenn Flüchtlinge die innere oder die äussere Sicherheit der Schweiz
verletzt haben oder gefährden oder besonders verwerfliche strafbare
Handlungen begangen haben.
4.2 Die Begriffe der inneren und der äusseren Sicherheit der Schweiz im
Sinne von Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG (betreffend den Widerruf des Asyls)
stimmen mit jenen von Art. 53 Bst. b AsylG (betreffend die Asylunwürdig-
keit) überein (vgl. BVGE 2013/23 E. 3.2; BVGE 2018 VI/5 E. 3.2). Eine Ge-
fährdung der inneren oder der äusseren Sicherheit kann ausserdem in wei-
teren Bereichen des Migrationsrechts zum Gegenstand einer Prüfung wer-
den, so etwa im Einbürgerungsverfahren (vgl. BVGE 2015/1 E. 3.4 m.w.H.).
4.3 Bei der Prüfung der Frage, ob ein Sachverhalt vorliegt, welcher gestützt
auf Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG den Widerruf des Asyls rechtfertigt, liegt die
Beweislast bei der Behörde, welche das Asyl zu widerrufen beabsichtigt.
Dabei ist das SEM angesichts einer möglichen Gefährdung der inneren
oder der äusseren Sicherheit der Schweiz nicht dazu gehalten, einen strik-
ten Beweis zu erbringen. Jedoch muss das Staatssekretariat selbst unter
Berücksichtigung des präventiven Charakters der Gesetzesbestimmung
gleichwohl substantielle Verdachtsmomente erbringen, die sich auf kon-
krete Indizien stützen; blosse Mutmassungen genügen demnach nicht
(BVGE 2013/23 E. 3.3 m.w.H.; vgl. auch BVGE 2018 VI/5 E. 3.2 f. in Bezug
auf Art. 53 Bst. b AsylG).
4.4 Schliesslich hat das SEM auch beim Widerruf des Asyls – wie bei jeder
behördlichen Anordnung – den Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu be-
rücksichtigen (BVGE 2013/23 E. 3.4).
5.
5.1 Das SEM begründete den Widerruf des Asyls in der angefochtenen
Verfügung im Wesentlichen folgendermassen.
Auf der Grundlage eines Amtsberichts des NDB vom 21. Juli 2017 stehe
fest, dass der Beschwerdeführer als streng gläubige Person gelte und eine
konservative, teils islamistische Auslegung des Islams befürworte. Auch
habe er für die internationale Islamische Liga mit Sitz in Mekka gearbeitet.
Weiter unterhalte er Kontakte zu Personen mit einer radikal-islamistischen
Einstellung, dies sowohl in der Schweiz als auch im benachbarten Ausland.
Weiter solle er ein Anhänger dschihadistischer Gruppierungen sein und
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Seite 7
sich bei anderen Personen erkundigt haben, ob sie ihn nach Syrien beglei-
ten würden. Es sei möglich, dass er aufgrund seiner Tätigkeit als Imam
weiteren Personen seine islamistische Sicht des Islams näherbringe und
sich diese Personen deswegen radikalisieren könnten.
Im Rahmen des rechtlichen Gehörs habe der Beschwerdeführer geltend
gemacht, die Behauptung des SEM, wonach er ein Anhänger dschihadis-
tischer Gruppierungen sei, sei wahrheitswidrig und ehrverletzend. Viel-
mehr habe er sich stets von dschihadistischen Gruppierungen distanziert
und auch nicht mit diesen sympathisiert.
Diese Argumente des Beschwerdeführers seien nicht geeignet, die Ein-
schätzung des NDB in Frage zu stellen. Durch den Amtsbericht des NDB
lägen vielmehr substantiell verdichtete Verdachtsmomente vor, die auf ei-
nem Bündel von konkreten Indizien beruhen würden und zum Schluss
kommen liessen, dass der Beschwerdeführer eine Gefahr für die innere
und äussere Sicherheit der Schweiz beziehungsweise den sozialen Frie-
den in der Schweiz darstelle.
Zu dieser Einschätzung trage die aktuelle Bedrohungslage in Europa ent-
scheidend bei. In der Schweiz kämen als Täter in erster Linie hier radikali-
sierte Personen oder Rückkehrer aus Konfliktgebieten in Frage. Die Täter
könnten dabei auch lediglich von der dschihadistischen Propaganda inspi-
riert sein. So habe auch der NDB in seinem Lagebericht 2017 festgestellt,
dass mit der Radikalisierung die steigende Bereitschaft verbunden sei, zur
Verwirklichung der eigenen Vorstellungen illegale Mittel zu befürworten, zu
unterstützen und einzusetzen, darunter auch Gewalt. Mit dem Bundesge-
setz über das Verbot der Gruppierungen "Al-Qaïda" und "Islamischer
Staat" sowie verwandter Organisationen vom 12. Dezember 2014
(SR 122) habe auch der Gesetzgeber den Willen und die Dringlichkeit zum
Ausdruck gebracht, propagandistische und terroristische Aktivitäten prä-
ventiv zu unterbinden respektive bei Verstoss entsprechend zu sanktionie-
ren. Es bestehe das Risiko, dass die Propaganda der genannten Organi-
sationen Personen in der Schweiz zur Verübung von Anschlägen oder zum
Anschluss an andere terroristische Organisationen verleiten würden. Be-
zweckt sei der Schutz der öffentlichen Sicherheit schon im Vorfeld von
Straftaten. Durch eine Strafbestimmung werde eine Vorverlagerung der
Strafbarkeit bewirkt, indem sie schon das Unterstützen und Fördern der im
Titel des Gesetzes benannten terroristischen Organisationen unter Strafe
stelle.
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Zwar habe sich der Beschwerdeführer keiner in Art. 260ter des Schweizeri-
schen Strafgesetzbuchs vom 21. Dezember 1937 (StGB, SR 311.0) er-
wähnten Aktivität schuldig gemacht. Jedoch seien sein Engagement in der
Schweiz sowie seine Anhängerschaft bei einer dschihadistischen Gruppie-
rung vor dem Hintergrund der derzeitigen europaweiten Bedrohungslage
einzuordnen. In Gesamtwürdigung dieser Erkenntnisse und des Amtsbe-
richts des NDB erscheine es als überwiegend wahrscheinlich, dass der Be-
schwerdeführer mit seinem Verhalten die innere Sicherheit der Schweiz
gefährde und ein entsprechendes Sicherheitsrisiko darstelle.
Schliesslich sei der Widerruf des Asyls auch verhältnismässig.
5.2 Der Beschwerdeführer hielt dieser Argumentation in der Beschwerde-
schrift in materieller Hinsicht im Wesentlichen entgegen, die angefochtene
Verfügung gründe auf einer unrichtigen und geradezu willkürlichen Fest-
stellung des Sachverhalts. Er habe bereits im Rahmen des rechtlichen Ge-
hörs im vorinstanzlichen Verfahren ausgeführt, dass es eine wahrheitswid-
rige und ehrverletzende Behauptung sei, er sei ein Anhänger dschihadisti-
scher Gruppierungen. Für diese Verleumdung gebe es keine Beweise und
Fakten. Vielmehr habe er sich stets von dschihadistischen Gruppierungen
distanziert und noch nie mit diesen sympathisiert.
Das SEM verweise für seine Behauptungen einzig auf die Einschätzung
des NDB im Amtsbericht vom 21. Juli 2017. Schon in diesem Amtsbericht
werde die Behauptung als blosse Vermutung irgendeiner Informations-
quelle angegeben und nicht als geprüfte Information des Nachrichten-
dienstes. Das SEM könne solche Mutmassungen im Amtsbericht des NDB
nicht ohne Überprüfung übernehmen, wenn es damit die Gefährdung der
inneren und äusseren Sicherheit nachweisen wolle. Aus der Begründung
des SEM sei nicht ersichtlich, inwiefern die Informationen gemäss dem
Amtsbericht gesichert seien. Jedoch seien die fraglichen Informationen of-
fensichtlich selbst aus Sicht des NDB nicht gesichert, wie sich aus der Ein-
schätzung im Amtsbericht ergebe, wonach es „nicht auszuschliessen sei“,
dass der Beschwerdeführer eine Bedrohung der inneren Sicherheit der
Schweiz darstelle.
5.3
5.3.1 Mit Zwischenverfügung vom 11. Juni 2018 wurde das SEM aufgefor-
dert, im Rahmen der Vernehmlassung die aktuelle Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts zum Asylwiderruf gemäss BVGE 2013/23 zu
berücksichtigen. Dabei wurde das Staatssekretariat insbesondere auf die
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im genannten Urteil enthaltenen Erwägungen zu Beweislast und Beweis-
mass (BVGE 2013/23 E.3.3), zum Anspruch auf rechtliches Gehör und auf
Akteneinsicht (ebd., E. 6.1–6.3) sowie zu seiner Pflicht zur angemessenen
Aktenführung (E. 6.4) und zur Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts (E. 6.4, 7.3 und 8) hingewiesen.
5.3.2 Das Staatssekretariat äusserte sich mit der Vernehmlassung vom
10. Juli 2018 ausschliesslich zum Aspekt der Akteneinsicht. Dabei führte
es im Wesentlichen aus, die Quellen des Berichts des NDB würden aus
Gründen des Quellenschutzes sowie des überwiegenden Interesses an
der Geheimhaltung nicht offengelegt. Ein überwiegendes Geheimhaltungs-
interesse sei insbesondere zu bejahen, wenn es aus Gründen der inneren
oder äusseren Sicherheit zu verhindern gelte, Quellen und Methoden der
Informationsbeschaffung preiszugeben. Wie das SEM bereits im vor-
instanzlichen Verfahren ausgeführt habe, würden die Quellen des NDB als
zuverlässig eingestuft. Es stehe dem Bundesverwaltungsgericht frei, beim
NDB die vorhandenen Akten einzusehen und eine eigene Qualifizierung
der Quellen vorzunehmen.
5.3.3 In seiner Replik vom 27. Juli 2018 hielt der Beschwerdeführer voll-
umfänglich an seiner Beschwerde fest und stellte fest, das SEM bringe
nichts vor, was die Verletzung des rechtlichen Gehörs rechtfertigen könne.
6.
6.1 Im vorliegenden Fall ist in erster Linie zu prüfen, ob der von der Vor-
instanz gestützt auf die Informationen des NDB festgestellte Sachverhalt
überhaupt geeignet ist, eine Gefährdung der inneren oder der äusseren
Sicherheit der Schweiz und damit gestützt auf Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG
den Widerruf des Asyls zu begründen. Dies gilt ungeachtet der Frage, ob
das SEM den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör aus-
reichend beachtet hat oder nicht (vgl. E. 3.1).
6.2
6.2.1 Zum Aussagegehalt des Amtsberichts des NDB ist zunächst festzu-
stellen, dass darin – nach der Aufzählung verschiedener Informationen in
Bezug auf den Beschwerdeführer – unter dem Zwischentitel "Beurteilung"
folgender Schluss gezogen wurde: "Aufgrund der oben aufgeführten Fest-
stellungen ist nicht auszuschliessen, dass [der Beschwerdeführer] eine Be-
drohung der inneren Sicherheit der Schweiz darstellt." Angesichts dieser
Wortwahl – eine Bedrohung sei "nicht auszuschliessen" – stellt sich die
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Frage, ob die vom NDB getroffene Einschätzung überhaupt den gesetzli-
chen Anforderungen gemäss Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG entspricht, wo-
nach der betreffende Flüchtling die innere oder die äussere Sicherheit der
Schweiz verletzt hat, gefährdet oder besonders verwerfliche strafbare
Handlungen begangen hat. Soweit die Rechtsfolge des Asylwiderrufs – wie
im vorliegenden Fall – aus dem Tatbestand der Gefährdung der inneren
oder der äusseren Sicherheit der Schweiz hergeleitet werden soll, genügen
blosse Mutmassungen, wie bereits ausgeführt, nach ständiger Rechtspre-
chung gerade nicht (vgl. zuvor, E. 4.3). Die Einschätzung, eine Bedrohung
der inneren Sicherheit der Schweiz sei "nicht auszuschliessen", legt jedoch
nahe, dass der NDB dem Beschwerdeführer kein klares Gefährdungspo-
tential zuzurechnen vermochte.
6.2.2 Der angefochtenen Verfügung ist allerdings zu entnehmen, dass das
SEM aus dem Amtsbericht des NDB eine Folgerung ableitete, welche über
die vorsichtige Einschätzung des Nachrichtendiensts hinausgeht. Dies, in-
dem im Entscheid des SEM festgestellt wird, es erscheine als "überwie-
gend wahrscheinlich", dass der Beschwerdeführer mit seinem Verhalten
die innere Sicherheit der Schweiz gefährde und ein entsprechendes Si-
cherheitsrisiko darstelle. Dabei beruft sich das SEM auf eine "Gesamtwür-
digung", die sich einerseits aus dem Amtsbericht des NDB ergeben soll,
andererseits aus verschiedenen weiteren in der Verfügung aufgelisteten
Erkenntnissen. So nennt das Staatssekretariat unter anderem die allge-
meine Bedrohungslage in Europa, das von Rückkehrern aus dschihadisti-
schen Konfliktgebieten und radikal-islamistischer Propaganda ausge-
hende Gewaltpotential sowie das gesetzgeberische Anliegen, propagan-
distische und terroristische Aktivitäten präventiv zu unterbinden und gege-
benenfalls zu sanktionieren. Diesbezüglich ist festzustellen, dass trotz der
Behauptung, die Beurteilung der Frage, ob vom Beschwerdeführer eine
Gefährdung im Sinne von Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG ausgehe, stütze sich
auf eine Gesamtwürdigung des Amtsberichts des NDB sowie weiterer Er-
kenntnisse, nicht erkennbar ist, weshalb das SEM zu einer Beurteilung ge-
langt ist, welche jene des NDB in der Deutlichkeit der Risikoeinschätzung
übertrifft. Angesichts der gesetzlichen Aufgaben des NDB liegt nämlich auf
der Hand, dass die vom SEM aufgeführten allgemeinen, nicht die Person
des Beschwerdeführers selbst betreffenden Erkenntnisse selbstverständ-
lich auch vom Nachrichtendienst bei der Beurteilung des Gefährdungspo-
tentials im Rahmen des Amtsberichts bereits zu berücksichtigen waren.
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6.3 Wie sich freilich erweist, ist der Aussagegehalt des Amtsberichts des
NDB vom 21. Juli 2017, mit dessen Erkenntnissen das SEM die angefoch-
tene Verfügung in erster Linie begründet, untrennbar mit der Frage verbun-
den, auf welche Quellen sich der Nachrichtendienst dabei abgestützt hat.
6.3.1 In nachrichtendienstlichen und präventiven Belangen der inneren
und äusseren Sicherheit gehört zu den Aufgaben des NDB die Unterstüt-
zung jeglicher Dienststellen des Bundes und der Kantone (vgl. Bericht des
Bundesrates an die Bundesversammlung über die Sicherheitspolitik der
Schweiz vom 23. Juni 2010, BBl 2010 5133 [5197]; zum Folgenden auch
SUSANNE BOLZ, Auch Dschihadisten haben (Verfahrens-)Rechte, in: Juslet-
ter vom 15. April 2019, Rz. 6, m.w.N.). Zur Erfüllung seiner Aufgaben be-
schafft der NDB gemäss Art. 5 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Nach-
richtendienst vom 25. September 2015 (NDG, SR 121) Informationen aus
öffentlich und nicht öffentlich zugänglichen Informationsquellen. Der NDB
kann die Beschaffungsmassnahmen selbst durchführen, mit in- oder aus-
ländischen Amtsstellen zusammenarbeiten oder diese mit der Durchfüh-
rung beauftragen (Art. 34 Abs. 1 NDG). Ausnahmsweise kann er auch mit
Privaten zusammenarbeiten oder Privaten Aufträge erteilen, wenn dies aus
technischen Gründen oder wegen des Zugangs zum Beschaffungsobjekt
erforderlich ist (Art. 34 Abs. 2 NDG). Nachrichtendienstliche Erkenntnisse
und Einschätzungen stützen sich wenn immer möglich auf mehrere Infor-
mationen unterschiedlicher Herkunft (Bericht des Bundesrates über die Si-
cherheitspolitik der Schweiz, a.a.O., 5198 f.).
6.3.2 Im vorliegenden Fall ist festzustellen, dass jene Aussagen im Amts-
bericht des NDB vom 21. Juli 2017, welche grundsätzlich am ehesten als
tauglich erscheinen würden, zur Begründung einer Gefährdung der inneren
oder äusseren Sicherheit der Schweiz im Sinne von Art. 63 Abs. 2 Bst. a
AsylG beizutragen, sich auf eine einzige gemeinsame Quelle stützen. Es
handelt sich dabei um die Informationen, der Beschwerdeführer unterhalte
Kontakte zu Personen mit einer radikal-islamistischen Einstellung, sei ein
Anhänger dschihadistischer Gruppierungen und habe sich bei anderen
Personen erkundigt, ob sie ihn nach Syrien begleiten würden. In Bezug auf
die Frage, welcher Art diese Quelle sei, ist den vorinstanzlichen Akten le-
diglich zu entnehmen, dass es sich dabei um eine einzelne Privatperson
handelt. Wie sich aus den vorinstanzlichen Akten ausserdem ergibt, bildete
die Frage, ob die Art der Quelle – selbst in der Beschränkung auf die
soeben genannten ungenauen Angaben – im Rahmen des rechtlichen Ge-
hörs dem Beschwerdeführer eröffnet werden dürfe, Gegenstand eines sich
über mehrere Wochen erstreckenden Schriftenwechsels zwischen dem
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Seite 12
SEM und dem NDB mit dem Ergebnis, dass im schliesslich edierten Amts-
bericht – und entsprechend auch in der angefochtenen Verfügung – über-
haupt keine Quellenangabe enthalten ist. Ob das SEM im Verbund mit dem
NDB damit ein berechtigtes Geheimhaltungsinteresse wahrnahm und ob
es dem Beschwerdeführer auf dieser Grundlage überhaupt möglich war,
sein Äusserungsrecht im Rahmen des rechtlichen Gehörs in sinnvoller und
mithin rechtsgenüglicher Weise auszuüben, kann – wie bereits angespro-
chen – im vorliegenden Fall offen bleiben.
6.3.3 Als entscheidwesentlich ist nämlich vielmehr der Umstand zu erach-
ten, dass sich die betreffenden Aussagen im Amtsbericht nicht nur auf die
einzige gleiche Quelle stützen, sondern den vorinstanzlichen Akten auch
keinerlei Hinweis zu entnehmen ist, der NDB habe die Aussagen der frag-
lichen Privatperson durch andere Mittel zu überprüfen, geschweige denn
zu verifizieren vermocht. So ist den vorinstanzlichen Akten zu entnehmen,
dass der NDB zu einem Zeitpunkt, als die Aussagen der genannten Privat-
person bereits vorlagen, im Hinblick auf die Erstellung seines Amtsberichts
eine Anfrage an eine schweizerische polizeiliche Behörde richtete, weitere
Abklärungen zur Person des Beschwerdeführers im Zusammenhang mit
dessen Gefährdungsprofil zu tätigen. Jedoch ergaben sich aus dem daraus
resultierenden Bericht jener Behörde, wie der NDB dem SEM in der Folge
ausdrücklich mitteilte, keine zusätzlichen sicherheitsrelevanten Informatio-
nen über den Beschwerdeführer. Somit ist davon auszugehen, dass eine
unabhängige Verifizierung der Angaben der genannten einzigen Quelle
nicht möglich war. Mit anderen Worten stützen sich die Erkenntnisse und
Einschätzungen des NDB im vorliegenden Fall weder, wie grundsätzlich
verlangt (vgl. E. 6.3.1), auf mehrere Informationen unterschiedlicher Her-
kunft, noch ist angesichts der Akten nachvollziehbar, weshalb dem so ist.
Vielmehr ist festzustellen, dass keinerlei Hinweise darauf bestehen, der
NDB hätte durch den Einsatz sonstiger nachrichtendienstlicher Mittel ir-
gendwelche konkreten Informationen in Bezug auf die Person des Be-
schwerdeführers erlangen können, welche geeignet wären, ein spezifi-
sches Sicherheitsrisiko im Sinne von Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG zu beja-
hen.
6.3.4 Im Rahmen der Vernehmlassung brachte das SEM vor, es stehe dem
Bundesverwaltungsgericht frei, beim NDB die vorhandenen Akten einzuse-
hen und eine eigene Qualifizierung der Quellen vorzunehmen. Angesichts
dessen, dass die dem Amtsbericht des NDB zugrundeliegende Quellen-
lage nach dem Gesagten von vornherein als ungenügend zu erachten ist,
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Seite 13
liegt für das Bundesverwaltungsgericht jedoch kein ausreichender Anlass
vor, Einsicht in die Akten des Nachrichtendienstes zu nehmen.
6.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass gestützt auf den Amtsbericht des
NDB vom 21. Juli 2017 und die weiteren in den vorinstanzlichen Akten ent-
haltenen Informationen keine ausreichenden Erkenntnisse vorliegen, wel-
che geeignet wären, eine Gefährdung der inneren oder der äusseren Si-
cherheit der Schweiz durch den Beschwerdeführer und damit gestützt auf
Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG den Widerruf seines Asyls zu begründen.
6.5 Im vorliegenden Fall besteht kein Raum für eine Aufhebung der ange-
fochtenen Verfügung mit der Auflage an das SEM, weitere Abklärungen
des Sachverhalts durchzuführen oder zu veranlassen. Im Unterschied zu
den Gegebenheiten von BVGE 2013/23 (vgl. dortige E. 8.2) hat das SEM
im vorliegenden Fall alles in seiner Zuständigkeit Stehende unternommen,
um den unter dem Aspekt von Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG relevanten Sach-
verhalt abzuklären beziehungsweise durch den NDB abklären zu lassen.
So wurde der NDB durch das SEM, wie die vorinstanzlichen Akten zeigen,
im Verlauf des gegenseitigen Schriftenwechsels ausdrücklich darüber in
Kenntnis gesetzt, dass zu bezweifeln sei, ob die vom Nachrichtendienst
zur Verfügung gestellten Informationen über den Beschwerdeführer aus-
reichen würden, um einen Widerruf des Asyls in rechtsgenüglicher Weise
zu begründen.
7.
Nach dem Gesagten erweist sich, dass die Voraussetzungen für den Wi-
derruf des Asyls gemäss Art. 63 Abs. 2 Bst. a AsylG in Bezug auf den Be-
schwerdeführer nicht erfüllt sind. Die Beschwerde ist folglich gutzuheissen,
und die angefochtene Verfügung ist aufzuheben.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). Der mit der Beschwerdeschrift
gestellte Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung wird
damit gegenstandslos. Der mit Zahlung vom 22. Mai 2018 geleistete Kos-
tenvorschuss von Fr. 750.‒ ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
8.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG kann die Beschwer-
deinstanz der ganz oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen
oder auf Begehren eine Entschädigung für die ihr erwachsenen notwendi-
gen und verhältnismässig hohen Kosten zusprechen (vgl. für die Grund-
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Seite 14
sätze der Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff. des
Reglements über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesver-
waltungsgericht vom 21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Der Be-
schwerdeführer hat keine Kostennote eingereicht. Auf die Nachforderung
einer solchen wird indessen verzichtet (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE), weil im
vorliegenden Verfahren der Aufwand für die Beschwerdeführung zuverläs-
sig abgeschätzt werden kann. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden
Bemessungsfaktoren (Art. 9‒13 VGKE) ist die Parteientschädigung auf-
grund der Akten daher auf Fr. 2‘000.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer)
festzusetzen. Dieser Betrag ist dem Beschwerdeführer durch das SEM zu
entrichten.
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D-1922/2018
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