Decision ID: 3f6f103c-dbd4-57e3-b5fa-4f57c8718994
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin und ihre Kinder suchten am (...) 2010 in der
Schweiz um Asyl nach. Im Rahmen des Asylverfahrens machte sie im We-
sentlichen Folgendes geltend:
Sie sei (...) Ethnie und stamme aus D._. Am (...) habe sie in Syrien
E._ geheiratet und sich zwei bis zweieinhalb Jahre vor ihrer Aus-
reise von ihm getrennt. Er sei aus der gemeinsamen Wohnung ausgezo-
gen und sie habe ihn nach der Trennung bis zu ihrer Ausreise nie gesehen.
Die Kinder seien in ihrer Obhut verblieben. E._ habe sich vor ihrer
Ausreise aus Syrien nicht um die Kinder gekümmert, auch nicht finanziell.
Sie habe Syrien verlassen, weil sie wegen ihrem Ehemann Probleme mit
den syrischen Behörden bekommen habe. Zwischen dem (...) 2010 und
circa (...) 2010 sei sie von der Polizei insgesamt (...) festgenommen und
befragt worden, weil diese E._ gesucht habe. E._ sei ge-
mäss Angaben der Polizei Mitglied der PYD (Partiya Yekîtiya Demokrat,
Partei der Demokratischen Union) gewesen. Sie sei von der Polizei über
seinen Aufenthalt befragt worden. Bei der ersten Festnahme sei zudem ihr
Haus durchsucht worden. Sie habe aber nicht gewusst, wo er sich aufhalte,
da sie zum Zeitpunkt der Festnahme bereits seit circa zwei bis zweieinhalb
Jahren von ihm getrennt gelebt habe. Sie hätten sich jedoch nicht scheiden
lassen, weil dies als Schande gegolten hätte und ihr Vater eine Scheidung
aus Rücksicht auf die Verwandtschaft nicht zugelassen habe. E._
habe sich nicht für sie interessiert. Ihr Vater habe sich um sie gekümmert
und habe der Polizei jeweils Geld für ihre Freilassung bezahlt. Dadurch sei
sie jeweils nur kurz – wenige Stunden respektive eine Übernachtung – auf
dem Polizeiposten festgehalten worden. Da sie sich vor einer erneuten
Festnahme gefürchtet habe, habe sie Syrien am (...) mit ihren Kindern ver-
lassen, sei mit ihrem eigenen Pass in die Türkei und von dort weiter nach
Griechenland gereist. Dort seien sie jedoch von der griechischen Polizei
aufgegriffen worden und in der Folge am (...) 2010 nach Syrien zurückge-
reist. Am (...) 2010 seien sie und die Kinder mit Hilfe eines Schleppers ille-
gal mit einem fremden Pass per Flugzeug von Damaskus nach Italien ge-
reist und am (...) 2010 in die Schweiz gelangt.
A.b Mit Verfügung vom 3. Dezember 2013 lehnte die Vorinstanz die Asyl-
gesuche der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder mangels Asylrelevanz
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ab. Gleichzeitig ordnete sie aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzugs jedoch deren vorläufige Aufnahme in der Schweiz an. Diese
Verfügung erwuchs in der Folge unangefochten in Rechtskraft.
B.
Am (...) kam es in der Schweiz zwischen der Beschwerdeführerin und
E._ – welcher zwischenzeitlich ebenfalls nach Europa gelangte und
sich zurzeit in F._ aufhalte – zu einem Einigungsgespräch im Ehe-
scheidungsverfahren vor dem Bezirksgericht G._, welches schei-
terte.
C.
C.a Mit einer als «neues Asylgesuch – eventuell Wiedererwägungsge-
such» bezeichneten Eingabe vom 13. Juli 2015 gelangten die Beschwer-
deführerin und ihre Kinder erneut ans SEM. Darin machten sie im Wesent-
lichen Folgendes geltend:
Aufgrund neuer Ereignisse sei ihre Flüchtlingseigenschaft erneut zu prüfen
und sie seien eventualiter als Flüchtlinge vorläufig aufzunehmen. Sie (Be-
schwerdeführerin) werde von E._ und dessen Familie beschuldigt,
die Kinder aus Syrien entführt zu haben. E._ weigere sich, die
Scheidung anzuerkennen. In Syrien sei gegen sie ein Strafantrag gestellt
und eine Untersuchung eingeleitet worden mit dem Vorwurf, die Kinder
ohne Zustimmung des Vaters in die Schweiz mitgenommen zu haben. Im
(...) 2015 sei sie in Syrien zur Haft ausgeschrieben worden. Es drohten ihr
Gefängnis- und Zuchthausstrafen. Sie fürchte sich bei einer Rückkehr vor
einer Verfolgung der syrischen Behörden und einer unverhältnismässig ho-
hen Strafe. Eine Gefährdung bestehe bei einer Rückkehr auch durch
E._ und dessen Familie. Sie befürchte, Opfer eines Ehrenmordes
zu werden.
C.b Am (...) reichte die Beschwerdeführerin beim Bezirksgericht
G._ die Ehescheidung ein.
Mit Urteil des Bezirksgerichts G._ vom (...) wurden die Beschwer-
deführerin und E._ gerichtlich geschieden. Ihr wurde die alleinige
elterliche Sorge für ihre beiden Kinder übertragen.
D.
Am 18. November 2016 wurden die Beschwerdeführenden von der Vo-
rinstanz vertieft angehört. Dabei machten sie im Wesentlichen Folgendes
geltend:
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Die Beschwerdeführerin habe Syrien verlassen, weil sie vor ihrem Ehe-
mann geflüchtet sei. Sie habe sich von ihm scheiden lassen wollen. Dies
sei in Syrien aufgrund des Scharia-Gesetzes aber nicht möglich gewesen,
da gemäss diesem Gesetz die Kinder dem Vater gehörten und man ihr bei
einer Scheidung die Kinder weggenommen hätte. Deshalb sei sie mit den
Kindern in die Schweiz gekommen. Auch in der Schweiz habe sie erst nach
einiger Zeit gewagt, eine Scheidung einzuleiten, weil sie sich vor
E._ gefürchtet habe. E._ habe ihr und ihren Kindern für den
Fall einer Scheidung mit dem Tod gedroht. Nach Einreichung des Schei-
dungsgesuchs sei in Syrien ein Strafantrag gegen sie gestellt und es seien
Untersuchungen eingeleitet worden. Ihre Schwester habe ihr einen Beleg
der Polizei mit dem Richterurteil vom (...) 2015 vom Gericht in D._
geschickt. Sie sei beschuldigt worden, die Kinder ohne Zustimmung des
Vaters aus Syrien mitgenommen respektive entführt zu haben, sowie mit
einem anderen Mann aus Syrien geflohen zu sein. Sie habe ein zweites
Asylgesuch eingereicht, weil sie sich zum einen vor E._ und dessen
Familie fürchte. Zum anderen werde sie von den syrischen Behörden we-
gen Kindesentführung gesucht und fürchte sich deshalb vor den rechtli-
chen Konsequenzen und einer Gefängnisstrafe in Syrien. E._ lebe
seit über (...) Jahren in F._ und habe 2015 und 2016 ihre Kinder
jeweils für ein paar Mal während jeweils ein paar Stunden in (...) getroffen.
Dies sei ohne Kontaktaufnahme der Beschwerdeführerin mit ihrem Ex-
mann geschehen, ihre Schwester organisiere jeweils die Treffen.
Die Kinder bestätigten im Wesentlichen, sich ein paar Mal mit E._
am (...) getroffen zu haben und dass es Probleme zwischen E._
und ihrer Mutter gebe, gaben jedoch an, darüber nichts Genaueres zu wis-
sen.
Die Beschwerdeführerin reichte einen gerichtlichen Haftbefehl (ausgestellt
durch den «Generalanwalt» in D._ vom (...) 2015), einen Auszug
aus dem syrischen Personenstandsgesetz (Kopie), einen Auszug aus der
Scheidungsverhandlung vom (...) (Kopie), Scheidungspapiere vom (...) ih-
res Rechtsanwalts an das Bezirksgericht G._ (Kopie) sowie eine
Kopie des Urteils des Bezirksgerichts G._ vom (...) betreffend die
Ehescheidung ein.
E.
Mit Verfügung vom 11. August 2017 – eröffnet am 15. August 2017 – ver-
neinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden und
lehnte ihre Asylgesuche ab. Gleichzeitig ordnete es ihre Wegweisung aus
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der Schweiz an. Der Vollzug der Wegweisung wurde jedoch wegen Unzu-
lässigkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben.
F.
Mit hiergegen erhobener Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht
vom 8. September 2017 beantragten die Beschwerdeführenden die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung und die Gewährung von Asyl, eventu-
aliter sei ihre Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen unter Gewährung der
vorläufigen Aufnahme. In prozessualer Hinsicht ersuchten sie um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Kostenvorschussver-
zicht.
G.
Mit Verfügung vom 21. September 2017 hiess die vormals zuständige In-
struktionsrichterin unter der Voraussetzung des Nachreichens einer Für-
sorgebestätigung das Gesuch der Beschwerdeführenden um unentgeltli-
che Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses.
H.
Mit Eingabe vom 26. September 2017 reichte die Beschwerdeführerin eine
Fürsorgebestätigung sowie als zusätzliches Beweismittel ein Schreiben ih-
res Scheidungsanwalts ein.
I.
Mit ergänzender Eingabe vom 29. Januar 2018 informierte die Beschwer-
deführerin das Bundesverwaltungsgericht über ihre kürzlich erfolgte Teil-
nahme an zwei Demonstrationen. Hierzu reichte sie eine Kopie ihres F-
Ausweises sowie fünf Foto-Ausdrucke ein.
J.
Mit ergänzender Eingabe vom 27. März 2018 reichte die Beschwerdefüh-
rerin zwei von ihr veröffentlichte Beiträge auf Facebook inklusive Überset-
zung ein.
K.
Mit ergänzender Eingabe vom 9. Juni 2018 reichte die Beschwerdeführerin
drei weitere von ihr auf Facebook veröffentlichte Beiträge inklusive Über-
setzung sowie einen (nicht von ihr verfassten) Blogbeitrag über Internet-
zensur in verschiedenen Ländern ein.
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L.
Mit ergänzender Eingabe vom 15. August 2018 reichte die Beschwerde-
führerin vier weitere, von ihr verfasste Facebook-Beiträge inklusive Über-
setzung ein.
M.
Mit ergänzender Eingabe vom 13. Oktober 2018 reichte die Beschwerde-
führerin einen weiteren Facebook-Beitrag inklusive Übersetzung ein. Des
Weiteren stellte sie eine Anfrage betreffend den Stand ihres Verfahrens,
welche mit Schreiben vom 17. Oktober 2018 beantwortet wurde.
N.
Mit ergänzender Eingabe vom 26. Januar 2019 reichte die Beschwerde-
führerin sieben weitere Facebook-Einträge inklusive Übersetzung sowie
ein Schreiben der «Einbürgerungsbehörde» (recte: des SEM) betreffend
ein Einbürgerungsgesuch ein. Zu letzterem führte sie aus, dass das Ein-
bürgerungsgesuch ihres Sohnes von ihrer Beschwerde abhängig sei, wes-
wegen sie auf eine baldige Urteilsfällung hoffe.
O.
Mit Schreiben vom 6. September 2019 ersuchte die Beschwerdeführerin
erneut um Auskunft betreffend den Stand ihres Verfahrens. Unter Beilage
eines entsprechenden Schreibens des SEM vom 7. August 2019 führte sie
aus, dass die Einbürgerung ihres Sohnes von ihrer Beschwerde abhänge.
Sie könne nicht mehr warten und möchte bis Ende September 2019 Be-
scheid erhalten. Sie wolle nicht ein Stolperstein im Einbürgerungsverfahren
ihres Sohnes sein.
Mit Schreiben vom 18. September 2019 informierte das Gericht die Be-
schwerdeführenden über den Stand ihres Verfahrens.
P.
Mit demselben Schreiben vom 18. September 2019 informierte der unter-
zeichnende Instruktionsrichter die Beschwerdeführerin über den zwischen-
zeitlich aus organisatorischen Gründen erfolgten Wechsel des Verfahrens-
vorsitzes.
Q.
Mit ergänzender Eingabe vom 26. März 2020 ersuchte die Beschwerde-
führerin erneut um Informationen zum Stand ihres Verfahrens. Weiter
reichte sie Ausweiskopien ihrer Schwestern, welche in der Schweiz Asyl
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erhalten hätten, ein und machte in diesem Zusammenhang eine Reflexver-
folgung geltend. Mit Schreiben vom 1. April 2020 beantwortete der Instruk-
tionsrichter ihre Verfahrensstandsanfrage.
R.
Mit Schreiben vom 8. August 2020 erkundigte sich die Beschwerdeführerin
erneut nach dem Stand ihres Verfahrens. Der Instruktionsrichter beantwor-
tete diese Anfrage mit Schreiben vom 14. August 2020.
S.
Mit Zwischenverfügung vom 12. Januar 2021 forderte der Instruktionsrich-
ter die Beschwerdeführerin auf, sich aufgrund einer seit dem 6. Mai 2019
im ZEMIS (Zentrales Migrationsinformationssystem) ausgewiesenen Er-
werbstätigkeit innert Frist zu ihrer aktuellen Bedürftigkeit zu äussern und
gegebenenfalls geeignete Beweismittel einzureichen, andernfalls die mit
Zwischenverfügung vom 21. September 2017 gewährte unentgeltliche Pro-
zessführung wiedererwägungsweise aufzuheben wäre.
T.
Mit fristgerecht erfolgter Eingabe vom 26. Januar 2021 (Datum Poststem-
pel: tags darauf) reichte die Beschwerdeführerin ihre Lohnabrechnungen
vom Oktober und November 2020 sowie Quittungen über die Bezahlung
von Rechnungen ein. Sie machte überdies geltend, dass zusätzliche Kos-
ten und die Aufhebung der unentgeltlichen Prozessführung sie weiter in
finanzielle Not stürzen würde und bat deshalb darum, von der wiedererwä-
gungsweisen Aufhebung der gewährten unentgeltlichen Prozessführung
abzusehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG (SR 142.31) in Kraft
getreten (AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige
Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG
vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
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von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Gemäss den sich in den vorinstanzlichen Akten befindlichen Informati-
onen wurde die Tochter der Beschwerdeführerin, B._, am (...) 2018
in der Schweiz eingebürgert (vgl. Schreiben des SEM an die Beschwerde-
führerin vom 23. Februar 2018, ohne Aktennummer). Sie ist daher durch
die angefochtene Verfügung nicht weiter beschwert und nicht mehr Pro-
zesspartei im vorliegenden Beschwerdeverfahren. Die Beschwerde ist so-
mit hinsichtlich der Person von B._ gegenstandslos geworden.
Die nachfolgenden Ausführungen betreffen daher lediglich die Beschwer-
deführerin, A._, und ihren Sohn, C._.
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durchführung
eines Schriftenwechsels verzichtet.
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Seite 9
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Asylvorbringen
in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis.
Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11
E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.).
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat eine Gefährdungssituation erst ge-
schaffen worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe gel-
tend (vgl. Art. 54 AsylG). Als subjektive Nachfluchtgründe gelten beispiels-
weise illegales Verlassen des Heimatlandes (sogenannte Republikflucht),
Einreichung eines Asylgesuches im Ausland oder aus der Sicht der hei-
matlichen Behörden unerwünschte exilpolitische Betätigung, wenn sie die
Gefahr einer zukünftigen Verfolgung begründet. Subjektive Nachflucht-
gründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinn von Art. 3
AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls
(Art. 2 AsylG). Stattdessen werden Personen, welche subjektive Nach-
fluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge
vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/29 E. 5.1 und E. 7.1 sowie
2009/28 E. 7.4.3, beide mit weiteren Hinweisen).
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Seite 10
5.
5.1 Das SEM führte zur Begründung der Verfügung aus, dass die Vorbrin-
gen der Beschwerdeführerin den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die
flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit nicht zu genügen vermögen. Sie sei aus
Syrien geflohen, um sich scheiden zu lassen und das Sorgerecht der Kin-
der behalten zu können, worin kein asylrelevantes Verfolgungsmotiv er-
kennbar sei. Ihren Aussagen zufolge habe sich E._ angeblich mit
der Trennungssituation bereits mehr als zwei Jahre vor ihrer Ausreise ab-
gefunden. Es habe vor ihrer Ausreise kein Kontakt mehr zwischen ihnen
bestanden und E._ habe weder sie noch die gemeinsamen Kinder
in dieser Zeit unterstützt. Es lägen keine Hinweise auf eine Bedrohungssi-
tuation vor der Ausreise durch E._ oder dessen Familie vor. Es sei
ihr auch möglich gewesen, nach einem gescheiterten Ausreiseversuch im
(...) 2010 nochmals an ihren ursprünglichen Wohnort zurückzukehren und
nochmals über einen Monat dort ohne Zwischenfälle zu leben. Demzufolge
habe vor ihrer Ausreise keine Verfolgungsmotivation durch E._
nach Art. 3 AsylG bestanden. Sie habe keine Übergriffe oder sonstige
Nachteile durch E._ und dessen Familie geltend gemacht, welche
eine Verfolgung im Sinne des AsylG darstellten. Es liege keine individuelle,
gegen ihre Person gerichtete Verfolgung vor.
Hinsichtlich der Furcht der Beschwerdeführerin vor (straf-)rechtlichen Kon-
sequenzen hielt das SEM zum einen fest, dass der von ihr eingereichte
Beleg zum angeblichen Urteil des Gerichts in D._, welcher gemäss
ihrer eigenen Aussage auch gekauft werden könne, eine geringe Beweis-
kraft aufweise. Zum anderen sei die Entziehung Unmündiger eine gemein-
rechtliche Angelegenheit. Eine strafrechtliche Untersuchung bei Verdacht
auf Kindesentführung respektive Entziehung Unmündiger sei grundsätzlich
ein rechtstaatlich legitimes Vorgehen des syrischen Staates. Dieses Vor-
bringen entfalte daher keine Asylrelevanz.
Bei ihrem Vorbringen bezüglich Furcht vor Übergriffen durch E._
und dessen Familie handle es sich um eine Befürchtung, künftig Übergrif-
fen durch Dritte ausgesetzt zu sein. Aus den Akten gehe jedoch keine asyl-
relevante Verfolgungsmotivation durch ihn oder seine Familie hervor. Es
lägen keine Hinweise betreffend eine Bedrohungslage durch Dritte vor ihrer
Ausreise vor. Es sei sodann seit ihrem Aufenthalt in der Schweiz nebst ver-
balen Drohungen seitens E._ nie zu konkreten und ernsthaften Vor-
fällen gekommen. Die Kinder hätten ihren Vater vor und nach der Schei-
dung sogar treffen können, ohne dass es zu irgendwelchen Zwischenfällen
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gekommen sei. Damit fehle es auch an der asylrelevanten Intensität be-
züglich einer möglichen Bedrohung durch E._ und dessen Familie.
Vor diesem Hintergrund erscheine die geltend gemachte Furcht vor Über-
griffen unbegründet.
Der Vollständigkeit halber wies das SEM zudem darauf hin, dass gewisse
Zweifel an den Vorbringen bestünden. Die Beschwerdeführerin habe an-
lässlich ihres ersten Asylgesuchs die Trennungssituation mit E._ in
Syrien zwar erwähnt. Als Ausreisegrund habe sie aber nicht den Verlust
des Sorgerechts für ihre Kinder im Falle einer Scheidung, sondern die po-
lizeilichen Festnahmen aufgrund der behördlichen Suche nach E._
angegeben. Anlässlich der zweiten Befragung am 18. November 2016
habe sie ausschliesslich die Scheidung respektive den Sorgerechtsverlust
als Ausreisegrund angegeben und die Festnahmen nicht mehr erwähnt.
Ihre Kinder hätten anlässlich der Anhörung keine eigenen Asylgründe gel-
tend gemacht.
6.
6.1 Zur Begründung ihrer Beschwerde machte die Beschwerdeführerin
geltend, dass sie zweifellos eine Haft- und Gefängnisstrafe durch die syri-
schen Justizbehörden sowie weitere erhebliche Gefahren wie Ehrenmord
durch E._ und dessen Familie zu befürchten habe. Davor könne sie
sich in keiner Weise schützen. Es gebe keine Schutzmöglichkeit vor Ver-
folgungsmassnahmen des staatlichen syrischen Regimes und der Familie
von E._, womit eine innerstaatliche Fluchtalternative nicht gegeben
sei. Sie werde für die Trennung, Scheidung und die Zerstörung der Famili-
eneinheit verantwortlich gemacht und von E._ und seiner Familie
beschimpft und beleidigt, was sie in ihrer Würde und Ehre sehr verletze.
Sie erhalte weiterhin anonyme Drohbotschaften. Sie habe sehr grosse
Angst vor E._, welcher sie nach seinen kulturellen Vorstellungen
bestrafen wolle. Eine Ehebrecherin respektive eine ungehorsame Ehefrau
werde zu Tode gepeitscht – eine Steinigung könne ebenfalls nicht ausge-
schlossen werden. Sie habe grosse und begründete Angst vor gewaltsa-
mer Rache und dem Tod. Sie traue sich auch nicht, eine neue Beziehung
einzugehen. In Syrien gelte sie immer noch als verheiratet und müsse ih-
rem Mann gehorchen. E._ wolle ihr einfach das Leben zur Hölle
machen.
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Aufgrund des eingeleiteten Strafverfahrens werde sie überdies von den sy-
rischen Justizbehörden gesucht – ihr drohe eine Gefängnisstrafe. Die Stra-
fen seien unverhältnismässig hoch und willkürlich; auch die Haftbedingun-
gen seien unmenschlich. Das SEM habe seine Argumente bezüglich dem
Erwerb der Gerichtsdokumente nicht ausreichend begründet und lediglich
pauschale Behauptungen aufgestellt. Sie sei daher in Syrien grossen Ge-
fahren ausgesetzt und an Leib und Leben bedroht, weshalb ihr Asyl zu ge-
währen sei. Ihre Vorbringen seien sodann substanziiert und widerspruchs-
frei gewesen.
6.2 Mit ihren ergänzenden Eingaben vom 29. Januar 2018, 27. März 2018,
9. Juni 2018, 15. August 2018, 13. Oktober 2018, 26. Januar 2019 und
26. März 2020 machte sie zusätzlich geltend, aufgrund exilpolitischer Akti-
vitäten (Teilnahme an Demonstrationen, Verfassen regimekritischer Face-
book-Beiträge) begründete Furcht vor (zukünftiger) Verfolgung zu haben.
Zudem drohe ihr eine Reflexverfolgung, da ihre drei Schwestern in der
Schweiz Asyl erhalten hätten.
7.
7.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, welche ihr
gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Organe des Hei-
matstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt worden sind, be-
ziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2013/11 E. 5.1,
2010/57 E. 2 und 2008/12 E. 5). Begründet ist die Furcht vor Verfolgung,
wenn ein konkreter Anlass zur Annahme besteht, letztere hätte sich – aus
der Sicht im Zeitpunkt der Ausreise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
und in absehbarer Zeit verwirklicht oder werde sich – auch aus heutiger
Sicht – mit ebensolcher Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirk-
lichen. Es müssen damit hinreichende Anhaltspunkte für eine konkrete Be-
drohung vorhanden sein, die bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage
Furcht vor Verfolgung und damit den Entschluss zur Flucht hervorrufen
würden. Dabei hat die Beurteilung einerseits aufgrund einer objektivierten
Betrachtungsweise zu erfolgen und ist andererseits durch das von der be-
troffenen Person bereits Erlebte und das Wissen um Konsequenzen in ver-
gleichbaren Fällen zu ergänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmass-
nahmen ausgesetzt war, hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (sub-
jektive) Furcht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
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Seite 13
7.2 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass das SEM die Asylrelevanz der Vorbringen der Beschwerde-
führerin zu Recht verneint hat. Um Wiederholungen zu vermeiden kann
betreffend die vorgebrachte Bedrohung durch den Ex-Mann und seine Fa-
milie sowie die Furcht vor Verfolgung der syrischen Behörden mit den
nachfolgenden Erwägungen im Wesentlichen auf die zutreffenden Ausfüh-
rungen gemäss der angefochtenen Verfügung und obiger Zusammenfas-
sung (vgl. E. 5) verwiesen werden. Mit ihrer Beschwerde – welche sich zur
Hauptsache in der Wiederholung ihrer Vorbringen und in einfachen Be-
hauptungen erschöpft – vermag die Beschwerdeführerin diese Einschät-
zung nicht umzustossen. Die auf Beschwerdeebene geltend gemachten
exilpolitischen Aktivitäten sowie die angebliche Reflexverfolgung sind so-
dann gesondert zu prüfen.
7.2.1 Mit dem SEM ist festzustellen, dass es der von der Beschwerdefüh-
rerin vorgebrachten Verfolgung durch E._ und dessen Familie an
der für die Bejahung der Flüchtlingseigenschaft erforderlichen Intensität
und Ernsthaftigkeit mangelt. Es gelingt ihr auch mit ihren allgemein gehal-
tenen Beschwerdeausführungen nicht, diesem Vorbringen eine neue Di-
mension hinzuzufügen. Es liegen keine konkreten Hinweise vor, dass
E._ seine Drohungen effektiv in die Tat umzusetzen gedenkt. Dies
vor dem Hintergrund, dass E._ ohne Umstände zur Scheidungsver-
handlung in der Schweiz erschien und die Beschwerdeführerin anfänglich
gar noch auf eine friedliche Scheidung gehofft habe (vgl. vorinstanzliche
Akten B11, F23, F47; B2, Beweismittel 3). Zudem hätten sich die Be-
schwerdeführerin und E._ betreffend den Besuch der Kinder gar
dermassen arrangiert, dass regelmässig Treffen – zwar an einem öffentli-
chen Ort und angeblich ohne Anwesenheit der Beschwerdeführerin, aber
dennoch unbeaufsichtigt und ohne Zwischenfälle – stattgefunden hätten
(vgl. B11, F37, F43-46, F49-52; B12, F19 ff.; B13, F23 ff., F37 ff.). Hinzu
kommt, dass augenscheinlich weder das Bezirksgericht noch der Anwalt
der Beschwerdeführerin von einem entsprechenden Risiko auszugehen
schienen, zumal das Bezirksgericht E._ ein Besuchsrecht einge-
räumt und sogar der eigene Anwalt ihr empfohlen habe, den Kontakt ihrer
Kinder zu E._ zu ermöglichen (vgl. B11, F37 f., F46). E._
hätte in all den Jahren – insbesondere anlässlich der Treffen mit den Kin-
dern – genügend Gelegenheit gehabt, den Kindern und der Beschwerde-
führerin nachzustellen und Drohungen in die Tat umzusetzen. Im Weiteren
war respektive ist es der Schwester der Beschwerdeführerin scheinbar
problemlos möglich, den Kontakt zu E._ aufrecht zu erhalten und
mit ihm die beschriebenen Treffen zu arrangieren. Es erschliesst sich dem
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Gericht zudem nicht, weshalb sie (die Beschwerdeführerin) betreffend die
Drohungen, welche ihrer Ansicht nach konkret und schwerwiegend gewe-
sen seien, keine Anzeige bei der Polizei erstattet hat – gemäss dem mit
Eingabe vom 26. September 2017 eingereichten Bestätigungsschreiben
ihres Scheidungsanwaltes seien die Polizei und die Gemeindebehörden
über die Drohungen lediglich in Kenntnis gesetzt worden. Im Übrigen kann
auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz (vgl. angefochtene Verfü-
gung, Ziff. 1.3) verwiesen werden. Von einer Gefährdung der mittlerweile
volljährigen Kinder ist ebenfalls nicht auszugehen.
7.2.2 Ungeachtet der Authentizität des angeblichen Haftbefehls ist im Wei-
teren festzuhalten, dass ein die Beschwerdeführerin betreffendes syri-
sches Strafverfahren aufgrund des (gemeinrechtlichen) Tatbestands der
Kindesentführung (resp. gem. Übersetzung «wegen Mitnahme von Kindern
und Reise ins Ausland ohne Zustimmung des Ehemannes und Nichtein-
halten das Begehren des Ehemannes "Ruf zum Gehorsamkeitshaus"»
[sic!], vgl. B2 Beweismittel 1) entgegen den Beschwerdeausführungen
nicht automatisch zur Annahme einer asylrelevanten Verfolgung führt. Aus
den Akten ergeben sich keinerlei Anhaltspunkte für eine Bestrafung aus in
Art. 3 AsylG liegenden Gründen. Damit liegt der geltend gemachten Verfol-
gung keine asylrechtlich relevante Verfolgungsmotivation zugrunde. Ob ihr
bei einer Inhaftierung in Syrien aufgrund des erwähnten Tatbestands eine
menschenrechtswidrige Behandlung droht, wäre im Zusammenhang mit
der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs zu untersuchen. Nachdem die
Beschwerdeführenden ohnehin bereits wegen Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs über eine vorläufige Aufnahme verfügt, kann diesbezüglich
auf weitere Erörterungen verzichtet werden.
Nach dem Gesagten vermag das geltend gemachte Strafverfahren in Sy-
rien selbst bei Wahrunterstellung nicht zur Annahme der Flüchtlingseigen-
schaft der Beschwerdeführerin und damit zur Asylgewährung zu führen.
7.2.3 Im Übrigen und der Vollständigkeit halber sind erhebliche Vorbehalte
zur Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Verfolgung durch E._
respektive der syrischen Behörden anzubringen. Dies, zumal die Be-
schwerdeführerin einerseits die Gründe für ihre Ausreise aus Syrien im Ver-
gleich zum ersten Asylverfahren völlig anders darstellte (vgl. Ausführungen
der Vorinstanz, angefochtene Verfügung Ziff. 1.3) und andererseits ihre
subjektiv angeblich unermesslich grosse Furcht vor E._ und dessen
Familie nicht mit ihrem Tun in Einklang zu bringen ist (vgl. Ausführungen in
E-5120/2017
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E. 7.2.1). Sodann ist festzustellen, dass dem Protokoll der Einigungsver-
handlung vom (...) zufolge (vgl. B2, Beweismittel 2) bereits früher Kontakt
zu E._ bestanden haben muss, zumal dieser damals aussagte, die
Kinder zuletzt vor etwa einem Jahr (also ca. im [...]) in H._ getroffen
zu haben (vgl. a.a.O. S. 6). Im Weiteren gab die Beschwerdeführerin an-
lässlich des ersten Asylverfahrens gar an, dass die Eltern von E._
sie sehr lieben würden. Sie liessen sie in Ruhe und mischten sich nicht in
ihre Angelegenheiten ein, da sie wüssten, dass sie ihre Kinder aufziehe
(vgl. A20, Ziff. 18 f.). Angesichts dessen ist in keiner Weise nachvollziehbar,
weshalb die Eltern von E._ nun ein derartiges Interesse an ihrer
Bestrafung respektive gar ihrer Tötung hätten. Sodann erstaunt, dass die
Beschwerdeführerin die in der Beschwerde erwähnten anonymen Drohbot-
schaften als potenziell entscheidwesentliche Beweismittel nicht eingereicht
hat, was die Vermutung nahelegt, dass derartige Drohbotschaften gar nicht
existieren.
7.3 Nachfolgend ist schliesslich auf die geltend gemachten exilpolitischen
Tätigkeiten sowie die angebliche Reflexverfolgung einzugehen.
7.3.1 Gemäss Rechtsprechung betätigen sich die syrischen Geheim-
dienste in verschiedenen europäischen Ländern, um regimekritische Per-
sonen oder Gruppierungen zu identifizieren, wobei die Überwachung ge-
zielt und selektiv erfolgt. Es erscheint wenig wahrscheinlich, dass die syri-
schen Geheimdienste über die logistischen Ressourcen und Möglichkeiten
verfügen, um sämtliche regimekritischen exilpolitischen Tätigkeiten syri-
scher Staatsangehöriger oder staatenloser Kurden syrischer Herkunft im
Ausland systematisch zu überwachen. Zudem kann gemäss der nach wie
vor geltenden Rechtsprechung davon ausgegangen werden, dass durch
den Überlebenskampf des Regimes die syrischen Geheimdienste ohnehin
primär auf die Situation im Heimatland konzentriert sind (vgl. Referenzurteil
D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015, E. 6.3.5 sowie kürzlich D-2638/2018
vom 12. März 2020 E. 7.2 und D-1600/2017 vom 16. April 2020 E. 6.1.5).
Die Annahme, die betroffene Person habe die Aufmerksamkeit der syri-
schen Geheimdienste in einer Weise auf sich gezogen, die auf eine be-
gründete Furcht vor Verfolgung wegen exilpolitischer Tätigkeiten schlies-
sen lässt, rechtfertigt sich deshalb nur, wenn diese sich in besonderem
Mass exponiert. Dies ist dann der Fall, wenn sie aufgrund ihrer Persönlich-
keit, der Form des Auftritts und aufgrund des Inhalts der in der Öffentlichkeit
abgegebenen Erklärungen den Eindruck erweckt, sie werde aus Sicht des
syrischen Regimes als potentielle Bedrohung wahrgenommen (vgl. Urteil
des BVGer D- 5862/2018 vom 19. Februar 2019, E. 6.3.2 und 8.5.1).
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7.3.2 Diese Voraussetzungen erfüllt die Beschwerdeführerin vorliegend
klarerweise nicht. Ihre exilpolitischen Tätigkeiten beschränken sich auf die
einfache Teilnahme an wenigen Kundgebungen (aktenkundig sind lediglich
ihre Teilnahme an zwei Demonstrationen im (...) in H._, vgl. Ein-
gabe vom 29. Januar 2018) und des gelegentlichen Verfassens regie-
rungskritischer Beiträge auf Facebook. Anlässlich der zwei Kundgebungen,
welche sich gegen türkische Luft-Boden-Angriffe gegen die kurdischen Ge-
biete sowie die Lage in Afrin gerichtet hätten, habe sie Parolen skandiert
und eine Flagge der YPG (Yekîneyên Parastina Gel, kurdische Volksver-
teidigungseinheiten) getragen. Dass sie sich anlässlich dieser beiden De-
monstrationen in besonderem Mass exponiert hätte, ist aus ihren Eingaben
nicht ersichtlich. Sodann veröffentlichte sie die von ihr verfassten regime-
kritischen Beiträge nicht unter ihrem eigenen Namen, sondern tritt auf Fa-
cebook lediglich unter dem Pseudonym «(...)» in Erscheinung, welches
keine Rückschlüsse auf ihren echten Namen zulässt. Demzufolge ist nicht
davon auszugehen, sie hätte die Aufmerksamkeit der syrischen Geheim-
dienste in einer Weise auf sich gezogen, die auf eine begründete Furcht
vor Verfolgung wegen exilpolitischer Tätigkeiten schliessen lässt, respek-
tive dass sie aus Sicht des syrischen Regimes als potentielle Bedrohung
wahrgenommen würde.
7.3.3 Ferner kann sie auch aus der erstmals mit Eingabe vom 26. März
2020 geltend gemachten Reflexverfolgung aufgrund ihrer drei Schwestern,
welche in der Schweiz Asyl erhalten hätten, nichts zu ihren Gunsten ablei-
ten. Zum einen machte sie keine Angaben dazu, weshalb und inwiefern ihr
aufgrund der Asylgewährung ihrer Schwestern eine Verfolgung drohen
sollte. Zum anderen geht aus dem ZEMIS (Zentrales Migrationsinformati-
onssystem) ohnehin hervor, dass ihren Schwestern lediglich die derivative
– und nicht die originäre – Flüchtlingseigenschaft zuerkannt wurde und
ihnen auf der Grundlage von Art. 51 Abs. 1 AsylG (Familienasyl) in der
Schweiz Asyl gewährt wurde. Von einer behördlichen Verfolgung der
Schwestern in Syrien kann deshalb nicht ausgegangen werden.
7.4 Nach dem Gesagten ist es den Beschwerdeführenden nicht gelungen,
eine asyl- respektive flüchtlingsrechtlich relevante Gefährdung im Sinne
von Art. 3 AsylG respektive Art. 54 AsylG glaubhaft darzutun.
7.5 Der Vollständigkeit halber ist festzuhalten, dass der anerkannten kon-
kreten Gefährdung aufgrund des in Syrien herrschenden Bürgerkrieges mit
der Anordnung der vorläufigen Aufnahme der Beschwerdeführerin in der
Schweiz Rechnung getragen worden ist.
E-5120/2017
Seite 17
8.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Die Beschwerdeführerin verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem mit Zwischenver-
fügung vom 21. September 2017 das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung gutgeheissen worden ist und nach Berücksich-
tigung der Eingabe vom 26. Januar 2021 keine wesentliche Veränderung
ihrer finanziellen Verhältnisse ersichtlich ist, sind indes keine Kosten zu er-
heben.
(Dispositiv nächste Seite)
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