Decision ID: c4dc4709-d947-4fc7-897a-7bd35101109c
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 21. April 2022 suchte A._, afghanischer Staatsangehöriger, in
der Schweiz um Asyl nach. Er gab bei der Aufnahme seiner Personalien
an, er sei am 17. Juni 2005 in Afghanistan geboren. Für die weitere Be-
handlung seines Verfahrens wurde er dem Bundesasylzentrum Altstätten
zugewiesen.
B.
Am 18. Mai 2022 führte das Staatssekretariat für Migration SEM eine Erst-
befragung durch. Auch dabei führte A._ zu seinem Geburtsdatum
aus, er sei am 27.03.1384 (afghanischer Kalender) bzw. umgerechnet am
17. Juni 2005 geboren worden.
C.
Am 25. Mai 2022 erfolgte eine medizinische Altersabklärung, bei der
A._ einer körperlichen Untersuchung, einer Computertomographie
beider Schlüsselbein-Brustbeingelenke, einer Röntgenuntersuchung der
Hand und einer Erstellung einer Panoramaröntgenaufnahme der Kiefer
durch das Kantonsspital St. Gallen unterzogen wurde. Weiter erfolgte eine
zahnärztliche Altersschätzung durch das Universitäre Zentrum für Zahn-
medizin Basel. Das Gutachten vom 1. Juni 2022 (nachfolgend: Altersgut-
achten) ergab in Bezug auf die Zahnanalyse ein Durchschnittsalter von
22 Jahren und ein Mindestalter von 17 Jahren sowie in Bezug auf die Ske-
lettaltersanalyse ein Durchschnittsalter von 21 Jahren (21.7 Jahren) bei ei-
nem Mindestalter von 17.6 Jahren. Zusammenfassend ergab das
Altersgutachten im Zeitpunkt der Untersuchung ein durchschnittliches Le-
bensalter von 18 bis 22 Jahren bei einem Mindestalter von 17 Jahren (17.6
Jahren). Es kam somit zum Schluss, dass das von ihm angegebene Ge-
burtsdatum (chronologisches Lebensalter von 16 Jahren und 11 Monaten)
aufgrund der Ergebnisse nicht zutreffe.
D.
Mit Schreiben vom 9. Juni 2022 gewährte das SEM A._ das recht-
liche Gehör zum Resultat des Altersgutachtens. Aufgrund der dortigen Er-
kenntnisse beabsichtigte das SEM das Geburtsdatum im Zentralen Migra-
tionsinformationssystem (nachfolgend: ZEMIS) von Amtes wegen auf den
1. Januar 2004 anzupassen und den Eintrag mit einem Bestreitungsver-
merk gemäss Art. 25 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Datenschutz
vom 19. Juni 1992 (DSG, SR 235.1) zu versehen.
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Seite 3
E.
Am 14. Juni 2022 nahm A._ Stellung zur Änderung seines Geburts-
datums, mit der er nicht einverstanden sei. Gleichzeitig verlangte er eine
anfechtbare Verfügung und stellte verschiedene prozessuale Anträge, na-
mentlich zum Verbleib in den Strukturen für unbegleitete minderjährige
Asylbewerber (UMA).
F.
Mit E-Mail vom 22. Juni 2022 stellte das SEM A._ das
Mutationsformular für Personendaten zu.
G.
Am darauffolgenden Tag erhielt A._ ein Schreiben vom 22. Juni
2022, dass sein Geburtsdatum im ZEMIS gemäss Mutationsformular auf
den 1. Januar 2004 mit Bestreitungsvermerk angepasst werde und dass er
hinsichtlich einer ZEMIS-Verfügung zu gegebener Zeit eine entsprechende
Rückmeldung erhalten werde, je nach Verlauf des Verfahrens entweder mit
dem Entscheid im beschleunigten nationalen Verfahren mittels separater
Dispositivziffer nach Datenschutzgesetz oder anlässlich der Zuweisung ins
erweiterte Verfahren mit einer separaten ZEMIS-Verfügung.
H.
Mit E-Mail vom 24. Juni 2022 gab das SEM den prozessualen Anträgen
von A._ gemäss Stellungnahme vom 14. Juni 2022 nicht statt und
teilte ihm mit, dass er demnächst aus den UMA-Strukturen ausquartiert
werde.
I.
Am 28. Juni 2022 hielt A._ per E-Mail an seiner Auffassung fest,
weswegen er in den UMA-Strukturen zu belassen sei, und dass diesbe-
züglich eine Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht
werde.
J.
Mit E-Mail (inkl. Verlegungsliste) der Vorinstanz vom 4. Juli 2022 wurde
dem Beschwerdeführer mitgeteilt, dass er am 6. Juli 2022 in das
Bundesasylzentrum Kreuzlingen verlegt werde.
K.
Mit Eingabe vom 5. Juli 2022 erhebt A._ (nachfolgend: Beschwer-
deführer) Rechtsverzögerungsbeschwerde gegen das SEM (nachfolgend:
Vorinstanz) beim Bundesverwaltungsgericht.
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Seite 4
Er verlangt, es sei festzustellen, dass betreffend Änderung der Personen-
daten im ZEMIS eine Rechtsverzögerung vorliege und die Vorinstanz sei
anzuweisen, eine beschwerdefähige Verfügung betreffend Änderung der
Personendaten im ZEMIS unter Beilage des Formulars des Diensts Daten-
management Asyl und Rückkehr DDAR zur Anpassung der Geburtsdaten
im ZEMIS zu erlassen.
Zudem stellt er die prozessualen Anträge, er sei im Rahmen einer super-
provisorischen Massnahme bis zum rechtskräftigen Entscheid bzw. Urteil
in den UMA-Strukturen zu belassen bzw. wieder einzugliedern; eventualiter
seien bis zum rechtskräftigen Entscheid die für UMA geltenden Verfahrens-
regeln im Asylverfahren (namentlich Beistand durch Vertrauensperson und
Anhörung durch UMA-Team) auf ihn anzuwenden (Ziff. 2 und 3 der Be-
schwerdeanträge). Auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu ver-
zichten und es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 13. Juli 2022 wird dem Beschwerdeführer die
unentgeltliche Prozessführung (unter Vorbehalt eines Bedürftigkeitsnach-
weises) bewilligt. Das Gesuch des Beschwerdeführers um superprovisori-
sche Anordnung von vorsorglichen Massnahmen entsprechend seinen
prozessualen Beschwerdeanträgen Ziff. 2 und Ziff. 3 wird abgewiesen.
M.
Nach Ablauf der Vernehmlassungsfrist beantragt die Vorinstanz am 26. Juli
2022 die Abweisung der Beschwerde bzw. der Rechtsbegehren Ziff. 1 bis
3 und nimmt Stellung zu den Beschwerdevorbringen.
N.
Mit unaufgeforderter Eingabe vom 28. Juli 2022 beantragt der Beschwer-
deführer, dass mit Hinblick auf die veränderte Sachlage, die Beschwerde
vom 5. Juli 2022 in eine Rechtsverweigerungsbeschwerde umzudeuten
sei. Er führt hierzu aus, dass mit Verfügung vom 27. Juli 2022 ein
materieller Asylentscheid ergangen sei. Darin habe es die Vorinstanz –
trotz Hinweis der Rechtsvertreterin – unterlassen, betreffend die Altersan-
passung im ZEMIS eine separate Dispositivziffer anzubringen.
O.
Mit instruktionsrichterlicher Verfügung vom 29. Juli 2022 wird dem Be-
schwerdeführer die unentgeltliche Prozessführung bewilligt.
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Seite 5
P.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die sich bei den Akten be-
findlichen Schriftstücke wird – soweit entscheidrelevant – in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gemäss Art. 31 des Verwal-
tungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom
20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021), sofern eine Vorinstanz im Sinne
von Art. 33 VGG entschieden hat und keine Ausnahme nach Art. 32 VGG
gegeben ist. Gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern einer
anfechtbaren Verfügung kann ebenfalls Beschwerde geführt werden
(Art. 46a VwVG). Für deren Behandlung ist die Beschwerdeinstanz und
damit das Bundesverwaltungsgericht zuständig (Urteil des BVGer
A-1519/2021 vom 21. Januar 2022 E. 1.1 m.H.; FELIX UHLMANN/SIMONE
WÄLLE-BÄR, in: Waldmann/Weissenberger (Hrsg.), Praxiskommentar
VwVG, 2. Aufl. 2016, N. 12 zu Art. 46a VwVG).
Das SEM ist Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts im Sinne von
Art. 33 Bst. d VGG. Da die vorliegende Streitsache nicht in einen nach
Art. 32 VGG ausgeschlossenen Sachbereich fällt, ist das Bundesverwal-
tungsgericht für die Beurteilung der Beschwerde zuständig. Das Verfahren
richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt
(Art. 37 VGG).
1.2 Rechtsverzögerungs- oder Rechtsverweigerungsbeschwerden richten
sich gegen den Nichterlass einer anfechtbaren Verfügung (Art. 46a
VwVG). Sie können jederzeit geführt werden (Art. 50 Abs. 2 VwVG). Den-
noch steht der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung nicht völlig im Belieben
der beschwerdeführenden Person. Der Grundsatz von Treu und Glauben
bildet hier eine Grenze. Die beschwerdeführende Person muss zudem dar-
legen, dass sie zur Zeit der Beschwerdeerhebung ein schutzwürdiges –
mithin aktuelles und praktisches – Interesse an der Vornahme der verzö-
gerten Amtshandlung respektive der Feststellung einer entsprechenden
Rechtsverzögerung hat (vgl. ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ
KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl.
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Seite 6
2013, Rz. 5.23). Die Beschwerdelegitimation setzt voraus, dass bei der zu-
ständigen Behörde zuvor ein Begehren um Erlass einer Verfügung gestellt
wurde und Anspruch darauf besteht. Der Bestand eines Anspruchs ist an-
zunehmen, wenn die Behörde verpflichtet ist, in Verfügungsform zu han-
deln, und der ansprechenden Person nach Art. 6 i.V.m. Art. 48 Abs. 1
VwVG Parteistellung zukommt (BGE 135 II 60 E. 3.1.2; BVGE 2010/29
E. 1.2.2).
1.3 Der Beschwerdeführer beruft sich auf Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25 Abs. 3
Bst. a DSG, der einen Berichtigungsanspruch bezüglich unrichtiger Perso-
nendaten vorsieht, und er forderte die Vorinstanz insbesondere mit Schrei-
ben vom 14. Juni 2022 u.a. auf, bis zum 22. Juni 2022 eine anfechtbare
Verfügung zu erlassen. Der Zeitpunkt der Beschwerdeerhebung ist vorlie-
gend nicht zu beanstanden und das schutzwürdige Interesse des Be-
schwerdeführers an der Vornahme der Amtshandlung ergibt sich aus der
Tatsache, dass die Vorinstanz bis anhin in der Sache formell nicht entschie-
den hat. Entsprechend ist seine Beschwerdelegitimation gegeben.
1.4 Auf die formgerecht (Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Beschwerde
ist einzutreten.
2.
Die Prüfungsbefugnis des Bundesverwaltungsgerichts beschränkt sich
vorliegend auf die Frage, ob das Gebot des Rechtsschutzes in angemes-
sener Zeit im konkreten Fall verletzt worden ist oder nicht. Im Falle einer
Gutheissung der Beschwerde weist es die Sache mit verbindlichen Wei-
sungen an die Vorinstanz zurück (Art. 61 Abs. 1 VwVG). Hingegen ist das
Gericht nicht dazu befugt, sich dazu zu äussern, wie ein unrechtmässig
verzögerter Entscheid inhaltlich hätte ausfallen sollen, da es – Spezial-
konstellationen vorbehalten – nicht anstelle der untätig gebliebenen Be-
hörde entscheiden darf, andernfalls der Instanzenzug verkürzt und mög-
licherweise Rechte der Verfahrensbeteiligten verletzt würden (vgl.
BVGE 2008/15 E. 3.1.2 m.w.H.).
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Seite 7
3.
3.1 Das Verbot der Rechtsverweigerung ergibt sich als Teilgehalt aus der
allgemeinen Verfahrensgarantie von Art. 29 Abs. 1 der Bundesverfassung
der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101).
Danach hat jede Person vor Gerichts- und Verfahrensinstanzen Anspruch
auf gleiche und gerechte Behandlung sowie auf Beurteilung innert ange-
messener Frist (sog. Beschleunigungsgebot). Eine Rechtsverweigerung
liegt vor, wenn eine Behörde sich weigert, eine Verfügung zu erlassen, ob-
wohl sie dazu aufgrund der einschlägigen Rechtsnormen verpflichtet wäre
(vgl. BGE 144 II 184 E. 3.1). Von einer Rechtsverzögerung im Sinne des
Gesetzes ist nach Lehre und Praxis auszugehen, wenn behördliches Han-
deln zwar nicht (wie bei einer Rechtsverweigerung) grundsätzlich infrage
steht, aber die Behörde nicht innert der Frist handelt, die nach der Natur
der Sache objektiv noch als angemessen erscheint (vgl. BGE 130 I 312
E. 5.1 f. m.w.H.).
3.2 Mit Eingabe vom 28. Juli 2022 stellt sich der Beschwerdeführer auf den
Standpunkt, dass die Vorinstanz den Streitgegenstand des vorliegenden
Verfahrens, welcher auf Rechtsverweigerung bzw. Rechtsverzögerung be-
treffend Erlass einer ZEMIS-Verfügung laute, vollends zu verkennen
scheint. Gerügt werde das Nichterlassen einer Verfügung, auf die ein An-
spruch bestehe. Durch den Umstand, dass nun selbst im Endentscheid
eine separate Dispositivziffer fehle, sei der betreffende Antrag nicht gegen-
standslos geworden. Im Hinblick auf die veränderte Sachlage sei die Be-
schwerde vom 5. Juli 2022 jedoch in eine Rechtsverweigerungsbe-
schwerde umzudeuten.
3.3 Die Vorinstanz lässt sich hierzu nicht vernehmen.
3.4 Vorliegend richtet sich die Rechtsverzögerungs- bzw. die Rechtsver-
weigerungsbeschwerde im Wesentlichen gegen den Nichterlass einer an-
fechtbaren separaten Verfügung oder einer Dispositivziffer im Asylent-
scheid vom 27. Juli 2022 bezüglich der Datenberichtigung im ZEMIS. Am
22. Juni 2022 hat die Vorinstanz eine Verfügung über die Altersanpassung
im ZEMIS – je nach Verlauf des Verfahrens entweder mit dem Entscheid
im beschleunigten nationalen Verfahren mittels separater Dispositivziffer
nach Datenschutzgesetz oder anlässlich der Zuweisung ins erweiterte Ver-
fahren mit einer separaten ZEMIS-Verfügung – in Aussicht gestellt. Mit Ver-
fügung vom 27. Juli 2022 ist ein asylrechtlicher Entscheid im beschleunig-
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Seite 8
ten Verfahren ohne separate Dispositivziffer bezüglich der Datenberichti-
gung im ZEMIS ergangen. Die Vorinstanz stellt sich darin u.a. auf den
Standpunkt, dass eine Dispositivziffer betreffend ZEMIS zur Anfechtung
der Volljährigkeit im Asylentscheid nicht nötig sei. Zwar äussert sie sich
darin in sachverhaltlicher Hinsicht dahingehend, dass ein separates
ZEMIS-Verfahren hängig sei. Allerdings widerspricht der Asylentscheid
vom 27. Juli 2022 der in Aussicht gestellten separaten Dispositivziffer be-
züglich ZEMIS bei einem Entscheid im beschleunigten Verfahren. Aus die-
sem Verhalten der Vorinstanz geht somit hervor, dass die Vorinstanz keine
Notwendigkeit sieht und sich somit weigert, eine Verfügung zu erlassen.
Kommt schliesslich hinzu, dass das Geburtsdatum im ZEMIS mit Mutati-
onsformular vom 22. Juni 2022 bereits mutiert wurde. Nach dem Gesagten
ist die Beschwerde des Beschwerdeführers vom 5. Juli 2022 daher unter
dem Aspekt der Rechtsverweigerung zu prüfen.
3.5 Im Übrigen kommt der Abgrenzung ohnehin keine ausschlaggebende
Bedeutung zu, da die Rechtssuchenden dasselbe Ziel verfolgen, den Er-
lass einer Verfügung innert angemessener Frist. Der Unterschied besteht
einzig darin, dass bei der Rechtsverweigerungsbeschwerde überprüft wer-
den muss, ob sich die Vorinstanz zu Recht weigert, die Angelegenheit zu
behandeln, während bei der Rüge der Rechtsverzögerung nur zu prüfen
ist, ob das Verfahren allzu lange dauert (vgl. MARKUS MÜLLER/PETER BIERI,
in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesgesetz über das
Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Fn. 44 zu Art. 46a).
4.
4.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich vom
20. Juni 2003 [BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zent-
rale Migrationsinformationssystem vom 12. April 2006 (ZEMIS-Verord-
nung, SR 142.513) näher geregelt ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verord-
nung richten sich die Rechte der Betroffenen, insbesondere deren Aus-
kunfts-, Berichtigungs- und Löschungsrecht sowie das Recht auf Informa-
tionen über die Beschaffung besonders schützenswerter Personendaten,
nach dem DSG und dem VwVG.
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Seite 9
4.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Auf die Berichtigung besteht in einem solchen Fall ein
absoluter und uneingeschränkter Anspruch (vgl. Urteil des BVGer
A-394/2021 vom 27. April 2021 E. 3.2 m.H). Die ZEMIS-Verordnung sieht
im Übrigen in Art. 19 Abs. 3 ausdrücklich vor, dass unrichtige Daten von
Amtes wegen zu berichtigen sind.
4.3 Der Beschwerdeführer bringt bezüglich der ursprünglich geltend ge-
machten Rechtsverzögerung im Wesentlichen vor, dass der vorliegende
Fall nicht komplexer Natur sei, was der Angemessenheit der Dauer des
Verfahrens einen engen Rahmen setze. Namentlich habe durch die Be-
hörde keine grosse Menge an Beweismitteln übersetzt werden müssen.
Auch habe der Beschwerdeführer das Verfahren durch sein Verhalten in
keinster Weise behindert oder in die Länge gezogen. Es könne deshalb
erwartet werden, dass ein materieller Entscheid in der Sache zum Alter des
Beschwerdeführers innert kurzer Zeit – also wenigen Tagen – ergehen
könne. Die Rechtsvertretung habe im Hinblick auf die Tragweite des mit
der Altersanpassung einhergehenden Grundrechtseingriffs ursprünglich
eine Frist von sieben Arbeitstagen anvisiert. Vor dem Hintergrund des
Grundsatzes der Waffengleichheit und den sehr kurzen Fristen, denen die
Rechtsvertretung im beschleunigten Verfahren unterworfen sei, erscheine
diese Bearbeitungsfrist daher als angemessen. Mit der Änderung der Per-
sonendaten, insbesondere der Altersanpassung im ZEMIS, werde er dem-
nächst aus den UMA-Strukturen ausziehen müssen. Dabei habe er erklärt,
dass er nicht akzeptieren könne, dass er aufgrund seiner Altersanpassung
aus den UMA-Strukturen ausquartiert werde. Er sei nicht volljährig, son-
dern 16 Jahre, bald 17 Jahre alt. Für den Beschwerdeführer sei es daher
von grosser Wichtigkeit, dass er die Altersanpassung der Vorinstanz bald-
möglichst einer gerichtlichen Prüfung unterziehen könne.
4.4 Die Vorinstanz nimmt zur Rechtsverzögerung dahingehend Stellung,
dass sie den Erlass einer ZEMIS-Verfügung nie verweigert habe, sondern
es sei aus technischen Gründen nicht möglich ein solches Verfahren zu
eröffnen, weshalb es jeweils im eGOV unter dem Vorhaben "Änderung/Be-
richtigung von Personendaten" eröffnet werde. Weiter sei festzuhalten,
dass das Asylrecht kein selbständiges Rechtsmittel vorsehe, welches die
Anfechtung einer unrechtmässigen Altersanpassung zeitnah erlauben
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Seite 10
würde. Dies bedeute, dass es sich bei der Feststellung der Unglaubhaf-
tigkeit der Minderjährigkeit oder der asylrechtlichen Altersfeststellung um
eine nicht selbständig anfechtbare Zwischenverfügung handle, die gemäss
Asylgesetz nur mit dem Endentscheid anfechtbar sei. Hervorzuheben sei,
dass eine Überprüfung der asylrechtlichen Altersbestimmung im Rahmen
einer asylrechtlichen Beschwerde erwirkt werden könne, und zwar selbst
dann, wenn das Alter nicht Teil des Dispositivs sei. Die Rechtsvertreterin
des Beschwerdeführers nehme im Asylverfahren Rückgriff auf daten-
schutzrechtliche Bestimmungen, um den Eintrag im ZEMIS zu ändern. Ju-
ristisch sei dies grundsätzlich nicht zu beanstanden, und der Anspruch
könne nicht in Abrede gestellt werden. Es gelte, ihn mit der notwendigen
Sorgfalt zu behandeln und nach Abschluss der Untersuchungsmassnah-
men zu entscheiden. Genau dies tue sie. Allerdings richte sie sich nach
dem Vorrang des asylrechtlichen Verfahrens vor dem datenschutzrechtli-
chen. Korrekterweise müsse der asylrechtliche Verfahrensvorrang – insbe-
sondere nach der Neustrukturierung des Asylverfahrens im Jahre 2019 und
dessen Beschleunigung – absolute Priorität haben. Mit einer Priorisierung
des datenschutzrechtlichen Verfahrens, mithin der Forderung auf Erlass
einer ZEMIS-Verfügung in Bezug auf das Alter in einem laufenden Asylver-
fahren, würde nicht nur eine Jahrzehnte lange Praxis dahinfallen, sondern
das Asylgesetz und insbesondere das beschleunigte Asylverfahren ausge-
hebelt. Zwar fordere die Rechtsvertretung des Beschwerdeführers eine
entsprechende Verfügung innert fünf Tagen, jedoch stelle sich hier die
Frage, auf welche gesetzliche Grundlage sie sich bei dieser Frist stütze.
Somit käme es zu Verzögerungen in der Behandlung der Asylgesuche.
Auch wenn das ZEMIS-Berichtigungsverfahren inhaltlich einen engen Be-
zug zur asylrechtlichen Altersbestimmung aufweise, so handle es sich
doch formell um ein separates Verfahren. Beide Verfahren würden unter-
schiedliche Beweisobjekte und Beweislastverteilung sowie Beschwerde-
fristen aufweisen. Vor diesem Hintergrund sei festzustellen, dass sie einer
langen und somit gefestigten Rechtsprechung gefolgt sei und den Vorrang
des asylrechtlichen Verfahrens beachtet habe.
4.5 Namentlich mit Schreiben vom 14. Juni 2022 zum rechtlichen Gehör
betreffend sein Alter bzw. zur beabsichtigten Anpassung seines Geburts-
datums im ZEMIS auf den 1. Januar 2004 ersuchte der Beschwerdeführer
u.a. um eine anfechtbare Verfügung. Die Vorinstanz änderte das Geburts-
datum mit Mutationsformular vom 22. Juni 2022 von Amtes wegen auf den
1. Januar 2004 (mit Bestreitungsvermerk) ohne eine Verfügung zu erlas-
sen. In der Stellungnahme zum Entscheidentwurf vom 26. Juli 2022 bean-
tragte er die Feststellung seines Alters im Dispositiv des Entscheides (vgl.
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Seite 11
Antrag 2). Dennoch fehlt im Asylentscheid vom 27. Juli 2022 eine Disposi-
tivziffer bezüglich der Altersanpassung im ZEMIS. Offenbleiben kann, ob
das Datenberichtigungsverfahren allzu lange dauerte, wie es der Be-
schwerdeführer in seiner Eingabe vom 5. Juli 2022 geltend macht. Darauf
kommt es nicht an, da die Beschwerde einzig unter dem Aspekt der
Rechtsverweigerung zu prüfen ist und der Beschwerdeführer ohnehin den
Antrag stellt, die Rechtsverzögerungsbeschwerde sei als Rechtsverweige-
rungsbeschwerde umzudeuten (vgl. E. 3.4 hiervor). Es entspricht jeden-
falls der ständigen und damit der Vorinstanz bekannten Praxis des Bun-
desverwaltungsgerichts, dass Asylsuchende Anspruch auf Erlass einer
ZEMIS-Verfügung über die Altersanpassung oder aber einer entsprechen-
den separaten Dispositivziffer im Asylentscheid haben (vgl. statt vieler Ur-
teile des BVGer D-2844/2022 vom 5. Juli 2022 E. 4.3, E-1725/2022 vom
9. Juni 2022 E. 4.3 und D-1170/2021 vom 28. Mai 2021 E. 3.5). Im Übrigen
hält die Vorinstanz in ihrer eigenen Weisung ausdrücklich fest, dass bei
Änderung der Hauptidentität im Rahmen des erstinstanzlichen Asyl- und
Wegweisungsentscheides, die Datenänderung im Asylentscheid zu be-
gründen und zwingend im Dispositiv aufzuführen ist (Weisung des SEM
zur Erfassung und Änderung von Personendaten im ZEMIS vom 1. Juli
2020, Ziff. 4.3). Aufgrund der bereits erfolgten Änderung des Geburtsda-
tums im ZEMIS (mit Bestreitungsvermerk) mittels Mutationsformular und
des erneuten expliziten Antrags des Beschwerdeführers um Erlass einer
beschwerdefähigen Verfügung bzw. um Ergänzung einer entsprechenden
Dispositivziffer betreffend Änderung seines Geburtsdatums im ZEMIS wäre
die Vorinstanz somit verpflichtet gewesen, gestützt auf die Datenschutzge-
setzgebung (bzw. die einschlägigen Bestimmungen des BGIAA, der
ZEMIS-Verordnung, des DSG und des VwVG) eine diesbezügliche sepa-
rate Verfügung oder eine Dispositivziffer im Asylentscheid zu erlassen.
Dadurch, dass die Vorinstanz dies nicht getan hat, erweist sich die Rechts-
verweigerungsbeschwerde als begründet.
Auch die weiteren Ausführungen der Vorinstanz sind nicht geeignet, zu ei-
ner anderen Einschätzung zu gelangen. Insbesondere ist nicht ersichtlich,
inwiefern die darin vertretene Ansicht, wonach der datenschutzrechtliche
Anspruch im Asylverfahren keine Vorrangfunktion erlangen dürfe, dem Er-
lass einer eigenen diesbezüglichen Dispositivziffer im Asylentscheid ent-
gegensteht (vgl. Urteil des BVGer D-1170/2021 vom 28. Mai 2021 E. 3.5),
zumal es sich dabei nicht um besonders komplexe Verfahren handelt (vgl.
JOËL OLIVIER MÜLLER, "Nichts Genaues" weiss man nicht: Altersbestim-
mung im schweizerischen Asylverfahren, Jusletter vom 20. März 2017,
Fn. 236). Auch die Ausführungen der Vorinstanz zur Beweislastverteilung
A-2939/2022
Seite 12
vermögen am Ergebnis nichts zu ändern. Dass im Asyl- bzw. das ZEMIS-
Datenberichtigungsverfahren unterschiedliche Beweislastregeln gelten
(vgl. JOËL OLIVIER MÜLLER, a.a.O., Rz. 109), liegt in der Natur der Sache.
Schliesslich ist es auch aufgrund der kompensatorischen Natur des Daten-
schutzes sachgerecht, dass der asylrechtliche Entscheid und der ZEMIS-
Entscheid möglichst koordiniert werden. Eine Altersanpassung soll grund-
sätzlich auch während eines laufenden Asylverfahrens zeitnah gerichtlich
überprüft werden können (vgl. JOËL OLIVIER MÜLLER, a.a.O., Rz. 111 ff.).
5.
Nach dem Gesagten ist die Rechtsverweigerungsbeschwerde gutzuheis-
sen. Die Vorinstanz ist anzuweisen, unverzüglich eine anfechtbare Verfü-
gung betreffend Änderung der Personendaten des Beschwerdeführers im
ZEMIS zu erlassen.
6.
Vorliegend erscheint ein direkter Entscheid in der Hauptsache möglich, zu-
mal bereits ein Schriftenwechsel in der Hauptsache stattgefunden hat.
Deshalb ist es nicht erforderlich, zuerst gesondert über den (sinngemäs-
sen) Antrag auf Anordnung von vorsorglichen Massnahmen zu entschei-
den (vgl. Ziff. 2 und 3 der Beschwerdebegehren). Diese würden (sofern
deren Anordnung überhaupt statthaft wäre) mit einer Zwischenverfügung
angeordnet, die mit dem Entscheid in der Hauptsache ohnehin dahinfällt
(vgl. BGE 136 V 131 E. 1.1.2). Vielmehr kann das Verfahren bereits jetzt
mit einem Endurteil abgeschlossen werden, weshalb das sinngemässe
Gesuch des Beschwerdeführers um Anordnung von vorsorglichen Mass-
nahmen – soweit darauf einzutreten wäre – gegenstandslos wird.
Anzumerken bleibt, dass der Streitgegenstand des vorliegenden Verfah-
rens – entgegen den prozessualen Anträgen des Beschwerdeführers –
ohnehin keine asylrechtlichen Fragestellungen umfasst.
7.
Es bleibt über die Kosten- und Entschädigungsfolgen zu befinden.
7.1 Die Verfahrenskosten hat in der Regel die unterliegende Partei zu tra-
gen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Die Vorinstanz ist insgesamt als vollständig un-
terliegend zu betrachten. Vorinstanzen werden jedoch keine Verfahrens-
kosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2 VwVG). Dem Verfahrensausgang entspre-
chend sind deshalb keine Verfahrenskosten zu erheben.
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Seite 13
7.2 Ganz oder teilweise obsiegende Parteien haben für ihnen erwachsene
notwendige und verhältnismässig hohe Kosten Anspruch auf eine Partei-
entschädigung (Art. 64 Abs. 1 VwVG). Die Entschädigung umfasst die not-
wendigen Kosten der Vertretung sowie allfällige weitere Auslagen der Par-
tei (vgl. Art. 8 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). In ihrer Kostennote vom 5. Juli 2022 weist die Rechtsver-
treterin einen Betrag von insgesamt Fr. 1'100.– bei einem Stundenansatz
von Fr. 200.– aus. Der Stundenaufwand erscheint angemessen. Sodann
liegt der Stundenansatz in der zulässigen Bandbreite (vgl. Art. 10 Abs. 2
VGKE). Die geltend gemachte Parteientschädigung ist somit im Grundsatz
nicht zu beanstanden. Allerdings werden Spesen – entgegen der Kosten-
note – aufgrund der tatsächlichen Kosten ausbezahlt (Art. 11 Abs. 1
VGKE); es sei denn es liegen besondere Verhältnisse vor (vgl. Art. 11
Abs. 3 VGKE). Besondere Verhältnisse werden weder geltend gemacht
noch sind solche ersichtlich, weshalb kein Anspruch auf die geltend ge-
machte Kleinspesenpauschale in der Höhe von Fr. 20.– (Porti, Telefon und
Fax) besteht. Dagegen sind die Kopien (70 Seiten à 50 Rappen) sowie die
Dolmetscherkosten (eine halbe Stunde) konkretisiert und damit mit Fr. 35.–
respektive mit Fr. 45.– zu entschädigen (vgl. Art. 9 Abs. 1 Bst. b VGKE).
Somit hat der Beschwerdeführer im Ergebnis Anspruch auf eine reduzierte
Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1'180.–.
7.3 Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts auf dem Gebiet des Da-
tenschutzes sind gemäss Art. 35 Abs. 2 der Verordnung vom 14. Juni 1993
zum Bundesgesetz über den Datenschutz (VDSG, SR 235.11) dem Eidge-
nössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) be-
kanntzugeben.
(Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.)
A-2939/2022
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