Decision ID: 3cff7915-17bc-5d2a-9272-c583ce0e27c2
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Gesuch vom 12. Januar 2018 beantragte A._ (nachfolgend: Be-
schwerdeführer) beim Bundesamt für Justiz (nachfolgend: Vorinstanz) die
Ausrichtung eines Solidaritätsbeitrags für Opfer von fürsorgerischen
Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in der Schweiz vor 1981.
Mit Verfügung vom 16. Juli 2019 wies die Vorinstanz das Gesuch auf Emp-
fehlung der beratenden Kommission ab.
B.
Mit Einsprache vom 16. September 2019 ersuchte der nunmehr anwaltlich
vertretene Beschwerdeführer neben der Aufhebung der erwähnten Verfü-
gung auch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung.
Seine Einsprache begründete er im Kern damit, dass er nach seiner Geburt
in einem Diakoniewerk und danach bei einer Pflegefamilie auf behördli-
chen Druck fremdplatziert und im Alter von knapp zweieinhalb Jahren
adoptiert worden sei. Seine Pflege- und späteren Adoptiveltern hätten ihn
bereits im Kindesalter als Arbeitskraft eingesetzt und ihm auch physische
Gewalt angetan.
Die Vorinstanz wies die Einsprache mit Entscheid vom 4. November 2020
ab. Sie begründete dies im Wesentlichen damit, dass in der Zeit vor der
Adoption im Diakoniewerk und bei den Pflegeeltern keine Anhaltspunkte
für eine Opfereigenschaft des Beschwerdeführers vorliegen würden. Nach
der Adoption sei nicht mehr von einer Fremdplatzierung im Sinn des Ge-
setzes auszugehen, weshalb er die Anspruchsvoraussetzungen nicht er-
fülle.
C.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe vom
7. Dezember 2020 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er bean-
tragte die Aufhebung des vorinstanzlichen Einspracheentscheids und die
Gutheissung seines Gesuchs um Ausrichtung eines Solidaritätsbeitrags.
Zudem ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
Seine Beschwerde begründete er im Wesentlichen damit, dass er mit der
Fremdplatzierung im Diakoniewerk und bei den Pflegeeltern Opfer einer
unter behördlichem Druck erfolgten Kindswegnahme und Freigabe zur
Adoption geworden sei. Nach der Adoption sei weiterhin von einer
Fremdplatzierung auszugehen. Durch seine Adoptiveltern sei er in seiner
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körperlichen und psychischen Integrität beeinträchtigt worden, weshalb er
die Opfereigenschaft erfülle.
D.
Mit Vernehmlassung vom 22. Januar 2021 beantragte die Vorinstanz die
Abweisung der Beschwerde.
Sie argumentierte im Wesentlichen, dass keine Hinweise auf eine unter
behördlichem Druck erfolgte Kindswegnahme und Freigabe zur Adoption
vorliegen würden. Nach der Adoption habe keine behördliche Aufsichts-
pflicht mehr bestanden und es könne nicht mehr von einer Fremdplatzie-
rung ausgegangen werden.
E.
Mit Verfügung vom 28. Januar 2021 hiess das Bundesverwaltungsgericht
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und
setzte dem Beschwerdeführer Frist zur Einreichung einer Kostennote als
Beleg des Vertretungsaufwands im vorinstanzlichen Einspracheverfahren
sowie zur Erstattung einer Replik an.
F.
Der Beschwerdeführer hielt mit Replik vom 1. März 2021 an seinen Anträ-
gen fest und reichte eine Kostennote ein. Die Vorinstanz liess sich darauf-
hin nicht mehr vernehmen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist für die Beurteilung von Beschwerden
gegen Verfügungen der Vorinstanz zuständig (Art. 31, Art. 32 e contrario
sowie Art. 33 Bst. d VGG). Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerde legi-
timiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG), und auch die übrigen Sachurteilsvorausset-
zungen sind erfüllt (Art. 50 Abs. 1, Art. 52 Abs. 1 und Art. 44 ff. VwVG). Auf
die Beschwerde ist daher einzutreten.
2.
2.1 Der Beschwerdeführer rügt zunächst eine Verletzung seines An-
spruchs auf rechtliches Gehör, da er sich nicht mündlich zu den erlittenen
Beeinträchtigungen habe äussern können (vgl. Beschwerdeschrift,
Ziff. III/Rz. 14).
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2.2 Der Anspruch auf rechtliches Gehör in Art. 29 Abs. 2 BV räumt den
betroffenen Parteien das Recht ein, sich vor Erlass eines in ihre Rechts-
stellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern. Er umfasst
grundsätzlich kein Recht auf eine mündliche Anhörung (vgl. BGE 134 l 140
E. 5.3; kürzlich bestätigt in Urteil des BGer 2C_250/2021 vom 3. November
2021 E. 3.1.2, je m.H.). Eine mündliche Äusserungsmöglichkeit kann aller-
dings geboten sein vor dem Hintergrund von Art. 6 Ziff. 1 EMRK oder, unter
anderem wegen persönlicher Umstände, die sich nur anhand einer münd-
lichen Anhörung klären lassen (vgl. BGE 140 I 68 E. 9; GEROLD STEINMANN,
in: Ehrenzeller/Schindler/Schweizer/Vallender [Hrsg.], Die schweizerische
Bundesverfassung: St. Galler Kommentar, 3. Aufl., 2014, Art. 29 N. 46;
RENÉ WIEDERKEHR/KASPAR PLÜSS, Praxis des öffentlichen Verfahrens-
rechts, 2020 N. 396, je m.H.).
2.3 Nach Art. 3 der Verordnung zum Bundesgesetz über die Aufarbeitung
der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor
1981 vom 15. Februar 2017 (AFZFV; SR 211.223.131) beschreibt die ge-
suchstellende Person zum Nachweis ihrer Opfereigenschaft im Gesuchs-
formular die früheren Erlebnisse und legt Unterlagen bei, die geeignet sind,
ihre Opfereigenschaft aufzuzeigen (Abs. 1 und 2). Sind keine Unterlagen
vorhanden, so können auch mündliche Darlegungen genügen (Abs. 5).
Aus den genannten Bestimmungen geht hervor, dass das in Frage ste-
hende Verfahren vor der Vorinstanz grundsätzlich als schriftliches Ge-
suchsverfahren ausgestaltet ist. Auch lässt sich daraus kein Anspruch auf
eine mündliche Anhörung ableiten. Der Beschwerdeführer hatte im Übrigen
ausreichend Gelegenheit, sein Äusserungsrecht vor der Vorinstanz mit
schriftlichen Eingaben und der Einreichung von Unterlagen wahrzuneh-
men. Anhaltspunkte für eine Konstellation, in welcher ausnahmsweise An-
spruch auf eine mündliche Anhörung bestehen würde, sind vorliegend nicht
ersichtlich. Auch der Anwendungsbereich von Art. 6 Ziff. 1 EMRK ist hin-
sichtlich des vorinstanzlichen Verfahrens nicht eröffnet (vgl. hierzu MEYER-
LADEWIG/HARRENDORF/KÖNIG, in: Meyer-Ladewig/Nettesheim/Von Rau-
mer [Hrsg.], EMRK – Europäische Menschenrechtskonvention Handkom-
mentar, 4. Aufl., 2017, Art. 6 N. 5 ff.).
3.
Im vorliegenden Verfahren stellt sich die Frage, ob der Beschwerdeführer
die Voraussetzungen für die Ausrichtung eines Solidaritätsbeitrags nach
dem Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangs-
massnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 vom 30. September 2016
(AFZFG; SR 211.223.13) erfüllt. Dieses bezweckt die Anerkennung und
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Wiedergutmachung des Unrechts, das den Opfern solcher Massnahmen
in der Schweiz vor 1981 zugefügt worden ist (vgl. Botschaft des Bundesrats
vom 4. Dezember 2015 zur Volksinitiative "Wiedergutmachung für Verding-
kinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen [Wiedergutma-
chungsinitiative]" und zum indirekten Gegenvorschlag [Bundesgesetz über
die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplat-
zierungen vor 1981], BBl 2016 101, 118 Ziff. 3.1.2; Urteil des BVGer
B-5301/2019 vom 25. März 2020 E. 2.4.2). Anspruch auf einen Solidari-
tätsbeitrag haben Opfer im Sinn des Aufarbeitungsgesetzes (Art. 4 Abs. 1
AFZFG). Darunter versteht das Gesetz "von fürsorgerischen Zwangsmas-
snahmen oder Fremdplatzierungen betroffene Personen, [...] deren kör-
perliche, psychische oder sexuelle Unversehrtheit oder deren geistige Ent-
wicklung unmittelbar und schwer beeinträchtigt worden ist" (Art. 2 Bst. d
und c AFZFG). Anspruch auf einen Solidaritätsbeitrag hat nur, wer entwe-
der von einer Fremdplatzierung oder von einer fürsorgerischen Zwangs-
massnahme betroffen war und in der Folge einer der beiden Massnahmen
eine Beeinträchtigung im soeben umschriebenen Sinn erlitten hat (vgl. Ur-
teil des BVGer B-4479/2020 vom 4. August 2021 E. 3.2).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer führt in diesem Zusammenhang aus, eine
Fremdplatzierung habe sowohl vor als auch nach seiner Adoption im Alter
von knapp zweieinhalb Jahren bestanden. Bei der altrechtlichen Adoption
habe das Kindsverhältnis zur leiblichen Mutter fortbestanden. Die durch
behördlichen Druck erfolgte Kindswegnahme und Freigabe zur Adoption
durch die zuständigen Behörden seien ursächlich für die späteren Beein-
trächtigungen seiner physischen und psychischen Integrität durch die
Pflege- und späteren Adoptiveltern gewesen. Die Vormundschaftsbehör-
den hätten diese Beeinträchtigungen in Verletzung ihrer Aufsichtspflicht zu-
mindest in Kauf genommen (vgl. Beschwerdeschrift, Ziff. III/Rz. 7 ff.; Rep-
lik, Rz. 3 ff.).
4.2 Die Vorinstanz hält dem entgegen, dass bis zur Adoption zwar eine
Fremdplatzierung im Sinn des AFZFG vorgelegen habe, der Beschwerde-
führer aber in dieser Zeit nicht in seiner körperlichen, psychischen oder
sexuellen Unversehrtheit beeinträchtigt worden sei. Allfällige Beeinträchti-
gungen nach der Adoption seien nicht als Fremdplatzierung einzustufen,
da auch mit der altrechtlichen Adoption die elterlichen Rechte und Pflichten
auf die Adoptiveltern übergegangen seien. Eine behördliche Aufsichts-
pflicht habe somit nicht mehr bestanden; Anhaltspunkte für ein unsorgfälti-
ges Vorgehen der Behörden bei der Auswahl der Adoptiveltern würden
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nicht vorliegen (vgl. Einspracheentscheid, Ziff. 4.3; Vernehmlassung,
Rz. 2.3).
5.
5.1 Fürsorgerische Zwangsmassnahmen nach dem AFZFG sind "die vor
1981 in der Schweiz von Behörden veranlassten und von diesen oder in
deren Auftrag und unter deren Aufsicht vollzogenen Massnahmen zum
Schutz oder zur Erziehung von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen"
(Art. 2 Bst. a AFZFG). Darunter fallen gemäss der Botschaft neben der Ver-
dingung in landwirtschaftlichen Betrieben und der Platzierung in stationä-
ren Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie in Erziehungs- und
Strafanstalten auch die Unterdrucksetzung, um einer Abtreibung, Kinds-
wegnahme mit anschliessender Adoption, Sterilisation, Kastration oder ei-
nem Medikamentenversuch zuzustimmen und diese Massnahmen zu dul-
den (vgl. BBl 2016, 101, 123).
5.2 Vorliegend ist abzuklären, ob durch die Unterbringung des Beschwer-
deführers nach seiner Geburt im Diakoniewerk sowie bei den späteren
Pflege- und Adoptiveltern eine unter behördlichem Druck erfolgte Kinds-
wegnahme und Freigabe zur Adoption vorliegt (Art. 2 Bst. d Ziff. 3 AFZFG).
Deren Vorliegen begründet der Beschwerdeführer im Wesentlichen mit der
Drucksituation, in der sich seine Mutter damals befunden habe. Es ist be-
kannt, dass in der Schweiz bis in die siebziger Jahre eine Praxis existierte,
wonach Vormundschaftsbehörden Mütter von ihren Neugeborenen trenn-
ten und gegen den Willen ihrer Mütter zur Adoption freigaben
(Zwangsadoptionen). Die schriftliche Adoptionserklärung wurde dabei oft
unter grossem Druck unterschrieben (Unabhängige Expertenkommission
[EUK] Administrative Versorgungen, Organisierte Willkür, Administrative
Versorgungen in der Schweiz 1930-1981: Schlussbericht, 2019, S. 270 ff.;
LUZIUS MADER, Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzie-
rungen – Überblick, S. 2, <www.fuersorgerischezwangsmassnahmen.ch>
Medienmitteilungen/Dokumente, besucht im März 2022).
5.3 Vorliegend geht aus den verfügbaren Unterlagen zwar hervor, dass die
Mutter des Beschwerdeführers der Adoption zugestimmt hat (vgl. Auszug
aus dem Protokoll der Vormundschaftsbehörde der Stadt X._ vom
[Datum]; vorinstanzliches actorum [vi-act.] Nr. 9, Beilage Nr. 3). Doch be-
stehen auch konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die Mutter sich in einer
Drucksituation befunden hat. Etwa sieben Monate vor der Geburt des Be-
schwerdeführers erfolgte die Scheidung der Mutter von ihrem Ehemann.
Sie befand sich damals in einer angespannten finanziellen Situation (vgl.
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Gesuch um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung der Mutter
vom [Datum]; Beilage Nr. 14 zur Replik). Auch war der leibliche Vater des
Beschwerdeführers selbst bevormundet (vgl. Urteil des Bezirksgerichts
X._ vom [Datum]; vi-act. Nr. 9, Beilage Nr. 3). Der Mutter wurde zu-
dem ein zweijähriges Eheverbot auferlegt, weshalb sie den Kindsvater
nicht heiraten konnte (vgl. Bericht der Amtsvormundschaft der Stadt
X._ vom [Datum]; Beilage Nr. 15 zur Replik). Auch wurde sie direkt
nach der Geburt des Beschwerdeführers sterilisiert (vgl. Bericht der Amts-
vormundschaft der Stadt X._ vom [Datum]; Beilage Nr. 16 zur Rep-
lik). In den Akten findet sich auch ein Schreiben der Vormundschaftsbe-
hörde mit der dringlichen Bitte, die Adresse der Adoptiveltern zu sperren,
damit keine Nachforschungen nach dem Beschwerdeführer angestellt wer-
den können (vgl. Schreiben der Amtsvormundschaft der Stadt X._
vom [Datum]; vi-act. Nr. 9, Beilage Nr. 4).
5.4 All diese Indizien lassen im vorliegenden Einzelfall den Schluss zu,
dass die Mutter der Freigabe des Beschwerdeführers zur Adoption unter
Druck zugestimmt hat, womit eine Zwangsadoption und damit eine fürsor-
gerische Zwangsmassnahme vorliegt. Opfer der Kindswegnahme ist zwar
die betroffene Mutter selbst. Aber auch die von der Wegnahme betroffenen
Kinder können Opfer sein, wenn sie während der auf diese Wegnahme
folgenden Platzierungen unmittelbar und schwer beeinträchtigt wurden
(BBl 2016 101, 124).
5.5 Der Beschwerdeführer bringt hinsichtlich seiner Opfereigenschaft ins-
besondere vor, infolge physischer Gewalt und Ausbeutung als Arbeitskraft
durch die Adoptiveltern in seiner physischen und psychischen Integrität be-
einträchtigt worden zu sein. Die geltend gemachte Opfereigenschaft des
Beschwerdeführers wurde von der Vorinstanz mangels Vorliegens einer
Fremdplatzierung insbesondere für die Zeit nach der Adoption allerdings
nicht hinreichend abgeklärt (vgl. Einspracheentscheid, Ziff. 4.3). Da im kon-
kreten Fall eine Zwangsadoption vorliegt (vgl. vorn E. 5.3 f.) und der Be-
schwerdeführer im Sinn von Art. 2 Bst. c AFZFG von einer fürsorgerischen
Zwangsmassnahme betroffen war, muss seine Opfereigenschaft (vgl. vorn
E. 3), d.h. die mögliche Beeinträchtigung seiner physischen und psychi-
schen Integrität infolge der Platzierungen, auch für die Zeit nach der Adop-
tion abgeklärt werden. Die Sache ist daher zur Abklärung der Opfereigen-
schaft des Beschwerdeführers im erwähnten Sinn an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen.
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6.
Zu überprüfen bleibt die Beurteilung des Gesuchs um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung hinsichtlich des vorinstanzlichen Verfahrens (vgl.
vorn Sachverhalt "E" und "F" sowie Verfügung des Bundesverwaltungsge-
richts vom 28. Januar 2021, S. 2).
6.1 Die Vorinstanz bejahte zwar die Bedürftigkeit des Beschwerdeführers
und hielt dafür, dass die gestellten Rechtsbegehren zum Zeitpunkt der Ge-
suchstellung nicht aussichtslos waren. Sie verneinte jedoch die Notwen-
digkeit einer unentgeltlichen Vertretung, weshalb sie das Gesuch abwies.
Das Einspracheverfahren sei (genau wie das Gesuchsverfahren) bewusst
niederschwellig ausgestaltet und die Formerfordernisse würden nicht
streng gehandhabt (Einspracheentscheid, Ziff. 5.3).
Der Beschwerdeführer hält dem entgegen, dass er die Einsprache nicht
ohne anwaltliche Vertretung hätte formulieren können. Er bekunde ausser-
ordentliche Mühe, über seine Vergangenheit zu sprechen und mit jenen
Umständen konfrontiert zu werden. Daraus erkläre sich auch die ungenü-
gende Begründung seines damaligen Gesuchs um Ausrichtung eines So-
lidaritätsbeitrags (vgl. Einsprache vom 16. September 2019, Ziff. III/Rz. 12;
vi-act. Nr. 9).
6.2 Die bedürftige Partei hat Anspruch auf eine unentgeltliche Vertretung,
wenn ihre Interessen in schwerwiegender Weise betroffen sind und der Fall
in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht Schwierigkeiten bietet, die den Bei-
zug eines Rechtsvertreters erforderlich machen (vgl. BGE 144 IV 299
E. 2.1; 130 I 180 E. 2.2, je m.H.). Ob die anwaltliche Verbeiständung not-
wendig ist, beurteilt sich nach den konkreten objektiven und subjektiven
Umständen (vgl. zuletzt z.B. Urteil des BGer 9C_686/2020 vom 11. Ja-
nuar 2021 E. 2.2; BVGE 2017 VI/8 E. 3.3.2, je m.H.).
6.3 Mit der Beurteilung des Anspruchs auf Ausrichtung eines Solidaritäts-
beitrags für Opfer im Sinn des AFZFG sind persönliche Interessen des Be-
schwerdeführers in zentraler Weise berührt. Zudem ergibt sich aus den Ak-
ten, dass der Beschwerdeführer mit dem Ausfüllen des diesbezüglichen
Gesuchsformulars klar überfordert war. So schilderte er unter der Rubrik
"Opfereigenschaft" aktuelle Schwierigkeiten mit seinen Verwandten, an-
statt die durch seine Adoptiveltern erlittenen Beeinträchtigungen (vgl. Ge-
suchsformular vom 12. Januar 2018, Ziff. B.3; vi-act. Nr. 1). Die Vorinstanz
stellte dazu keine Nachfragen. Weiter stellten sich vorliegend rechtlich
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komplexe Fragen, insbesondere betreffend Vorliegen einer Zwangsmass-
nahme (vgl. hierzu vorn E. 5.3 f.). Mit dem selbständigen Führen des Ein-
spracheverfahrens und Vorbringen der relevanten Anspruchsgrundlagen
wäre der Beschwerdeführer daher überfordert gewesen. In dieser beson-
deren Konstellation war eine Vertretung deshalb geboten.
6.4 Zusammenfassend waren die Voraussetzungen zur Gewährung der
unentgeltlichen Verbeiständung für das Einspracheverfahren vor der
Vorinstanz unter Berücksichtigung der besonderen Umstände des vorlie-
genden Einzelfalls gegeben. Der angefochtene Entscheid ist damit auch
insoweit aufzuheben, als die Vorinstanz die Ernennung und Entschädigung
des Rechtsvertreters als unentgeltlichen Rechtsbeistand verweigerte. Dem
Gericht liegt eine Kostennote vor. Diese weist für das Einspracheverfahren
einen Zeitaufwand von acht Stunden aus (vgl. Honorarnote vom 1. März
2021 als Beilage zur Replik). Dieser erweist sich als gerade noch ange-
messen. Demnach ist die Vorinstanz anzuweisen, dem Beschwerdeführer
für das bisherige vorinstanzliche Einspracheverfahren eine Entschädigung
von Fr. 2'219.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten.
7.
Die Beschwerde erweist sich somit als begründet und ist gutzuheissen. Der
angefochtene Entscheid ist aufzuheben und die Angelegenheit an die
Vorinstanz zurückzuweisen.
Die Vorinstanz ist anzuweisen, in materieller Hinsicht insbesondere die Op-
fereigenschaft des Beschwerdeführers nach der Adoption abzuklären. Wei-
ter ist betreffend Nebenfolgen Dispositivziffer 2 des angefochtenen Ein-
spracheentscheids aufzuheben, das Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Rechtsverbeiständung in der Person des rubrizierten Rechtsver-
treters, Rechtsanwalt Dr. iur. B._, gutzuheissen und die Vorinstanz
anzuweisen, dem Beschwerdeführer für das bisherige vorinstanzliche Ein-
spracheverfahren eine Entschädigung in der Höhe von Fr. 2'219.– auszu-
richten.
8.
8.1 Der Beschwerdeführer gilt entsprechend dem Verfahrensausgang als
obsiegende Partei. Es sind ihm daher keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63
Abs. 1 VwVG e contrario). Dem Beschwerdeführer wurde im vorliegenden
Verfahren die unentgeltliche Prozessführung gewährt (vgl. Verfügung des
Bundesverwaltungsgerichts vom 28. Januar 2021).
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8.2 Dem obsiegenden Beschwerdeführer ist für die ihm erwachsenen not-
wendigen Kosten eine Parteientschädigung auszurichten (Art. 64 Abs. 1
VwVG, Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]). Für das Beschwerdeverfahren reichte der Beschwerde-
führer keine Kostennote ein, weshalb die notwendigen Parteikosten auf-
grund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt
auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9 ff. VGKE) ist
dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsge-
richt zu Lasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von pauschal
Fr. 1'500.– auszurichten.
8.3 Der Antrag des Beschwerdeführers auf unentgeltliche Rechtspflege be-
zog sich für das vorliegende Beschwerdeverfahren allein auf den Erlass
der Verfahrenskosten (vgl. Beschwerdeantrag Nr. 3 sowie Beschwerde-
schrift Ziff. IV/Rz. 1 f.; vgl. sodann Verfügung des Bundesverwaltungsge-
richts vom 28. Januar 2021). Über die Ernennung eines unentgeltlichen
Rechtsbeistands für das Beschwerdeverfahren ist folglich nicht zu ent-
scheiden.
9.
Gemäss Art. 83 Bst. x BGG ist die Beschwerde an das Bundesgericht ge-
gen Entscheide betreffend die Gewährung von Solidaritätsbeiträgen nach
dem AFZFG dann zulässig, wenn sich eine Rechtsfrage von grundsätzli-
cher Bedeutung stellt oder aus anderen Gründen ein besonders bedeuten-
der Fall vorliegt. Die Erfüllung letzterer Voraussetzungen wäre im Fall eines
Weiterzugs darzulegen (Art. 42 Abs. 2 Satz 2 BGG; vgl. BGE 139 II 340
E. 4 m.H.).
(Dispositiv nächste Seite)
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