Decision ID: 99b3046c-c217-4ab3-abb5-1be71c78a222
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im November 2011 unter Hinweis auf eine
Daumensattelgelenks-Operation vom 10. Juni 2011 bei der IV-Stelle des Kantons St.
Gallen zum Leistungsbezug an. Sie gab an, seit dem Jahr 2006 bis zu ihrem letzten
Arbeitstag am 9. Juni 2011 mit einem Pensum von 60%im Betagtenheim B._ als
Betreuerin im Bereich Pflege gearbeitet zu haben. Zusätzlich sei sie seit April 2008 im
30%-Pensum als selbständig erwerbende C._-Therapeutin tätig gewesen (IV-act. 1,
vgl. auch IV-act. 3, 11).
A.b Dr. med. D._, Fachärztin für Chirurgie, hatte bei der Versicherten am 10. Juni
2011 bei der Diagnose eines schmerzhaft instabilen Sattelgelenks links eine
Bandplastik durchgeführt (IV-act. 102-31). Postoperativ bestand eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit (vgl. IV-act. 101-5). Bereits im Mai 2011 hatte der Arbeitgeber der
Versicherten das Arbeitsverhältnis per Ende August 2011 mit der Begründung
gekündigt, dass aufgrund der veränderten Pflegesituation der Personalbestand
reduziert werden müsse (IV-act. 13-11, vgl. auch den Arbeitgeberfragebogen vom 25.
November 2011, IV-act. 13-1 ff.). Ende Februar 2012 trat die Versicherte aus dem
Arbeitsverhältnis aus (vgl. IV-act. 22, 24-2, 102-22). Ab Ende Mai 2012 attestierte Dr.
D._ der Versicherten eine 20%ige Arbeitsfähigkeit (vgl. IV-act. 101-5).
A.c Im Juni 2012 wurde die Versicherte im Auftrag der Swica Gesundheitsorganisation
(Swica) von Dr. med. E._, Facharzt für Chirurgie, handchirurgisch begutachtet. Im
entsprechenden Gutachten vom 26. Juni 2012 hielt der Sachverständige fest, bei der
Versicherten bestünden ein Status nach stabilisierender Bandplastik des
Daumensattelgelenks links bei einer Operation vom 10. Juni 2011 sowie eine
konsekutive Teilläsion des Nervus radialis subaxillär links mit sensiblen Defiziten und
neuropathischen Schmerzen, zum Teil in Remission (kein CRPS-Typ II). Die Versicherte
habe sich einer planmässigen Operation am linken Daumensattelgelenk unterzogen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dieses sei im Rahmen einer möglichen allgemeinen Gelenkslaxität bei beginnender
Arthrose unter Belastungen allmählich schmerzhaft geworden. Im Jahr 2006 sei die
gleiche Operation am rechten Daumen erfolgreich ausgeführt worden. Beim Eingriff
vom Juni 2011 sei es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer iatrogenen Schädigung des
Radialis-Nervs auf Höhe der linken Axilla mit sensiblen Defiziten im radialen Daumen,
Hand- und Handgelenksbereich und heftigen neuropathischen Schmerzen, welchen
den gesamten linken Arm erfassten, gekommen. Erst vor kurzem sei der Ruheschmerz
im Schonzustand oder bei Nichtgebrauch des Armes weitgehend verschwunden; er
werde aber immer wieder von neuem durch jede unkontrollierte Armbewegung
ausgelöst, wobei er heftig einschiesse und Schmerzwellen von mehrstündiger Dauer
auslöse. Im Operationsgebiet bestünden keine Zeichen einer Nervenschädigung. Das
Gelenk sei bei der heutigen Stabilitätsprüfung und bei den radiologischen
Kontrollaufnahmen weder arthrotisch verändert noch irgendwie pathologisch instabil
gewesen. Klinisch hätten sich lediglich diskrete Zeichen einer beginnenden, leichten
Daumensattelgelenks-Arthrose gefunden. Diese vermöchten das gesamte
Beschwerdebild keinesfalls zu erklären. Ohne die neuropathischen Schmerzen dürfte
mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass die Versicherte an
ihrem linken Daumen das gleich gute Behandlungsresultat wie auf der rechten Seite
erreicht hätte. Aktuell beeinflusse nicht mehr der Zustand des operierten
Daumensattelgelenkes links, sondern die am gesamten linken Arm auftretenden
neuropathischen Schmerzen die Arbeitsfähigkeit. Aufgrund des erfreulichen Verlaufs,
gekennzeichnet durch eine deutliche Remission der verschiedenen neurologischen
Defizite, und des günstigen Schmerzverlaufes, dürfe davon ausgegangen werden, dass
sich das Beschwerdebild noch namhaft und spontan bessern werde. Da der
Regenerationsprozess einer Nervenschädigung durch keine Therapie beeinflusst
werden könne, müsse mit einer Mindesterholungszeit von eineinhalb Jahren gerechnet
werde. Aus heutiger Sicht sei sehr wahrscheinlich mit bleibenden neuropathischen
Schmerzen zu rechnen. Dasselbe gelte für die lokalen Schmerzen auf Druck und
Berührung im Bereich des Nervenschadens im subaxillären Bereich und mit
schmerzhaften dehnenden Bewegungen des linken Armes. Hauptsächlich würden
Arbeiten auf Brust-, Kopf- oder Überkopfhöhe Probleme bereiten. Die von Dr. D._
attestierte 20%ige Arbeitsfähigkeit könne aus medizinisch-theoretischer Sicht
vollumfänglich bestätigt und weiterhin unterstützt werden. Aus praktischer Sicht sei die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Realisierung der 20%igen Arbeitsfähigkeit als Betagten-Betreuerin kaum realistisch, da
die meisten anfallenden Arbeiten zu schwer seien. Aus dieser Sicht resultiere weiterhin
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bis zum Eintritt einer effektiven Besserung der
Beschwerden in drei bis vier Monaten. In sämtlichen fein- und grobmotorischen
Arbeiten sei die Versicherte mit der linken Hand bzw. dem linken Arm noch heute
eingeschränkt und kaum einsatzfähig. Das betreffe alle mittelschweren und schweren
Arbeiten. Beim Tragen in hängender Position des Armes betrage das Gewichtslimit
8kg. Greifen, Festhalten, Schieben, Drücken und Stossen mit der Hand und den
Fingern sei auf 5-6kg begrenzt. Fliessbandarbeiten seien nicht möglich. Ebenfalls nicht
möglich seien Arbeiten mit Abstützfunktion der linken Hand bzw. dem linken Arm und
Arbeiten auf Brust- und Kopf- oder Überkopfhöhe. Für diese Tätigkeiten bestehe für
weitere drei bis vier Monate eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit. Zumutbar seien
Computerarbeiten, Bestellungsarbeiten, Dienste an Kassen, Kuriertätigkeiten, optische
und akustische Überwachungsarbeiten, Telefonbedienung sowie Kassieren. Beim
Vermeiden von belastenden und ausladenden Bewegungen mit dem linken Arm könne
eine Arbeitsleistung von 50% in Bezug auf ein 60%-Pensum zugemutet werden. In drei
bis vier Monaten könne mit einer schrittweisen Steigerung der Arbeitsfähigkeit
gerechnet werden. Nichtmedizinische Probleme, welche die Arbeitsfähigkeit negativ
beeinflussen würden, bestünden keine (IV-act. 102-7 ff.).
A.d Am 9. März 2013 berichtete Dr. E._ der IV-Stelle auf Anfrage, dass der
Heilungsprozess am Daumensattelgelenk links infolge einer Komplikation nicht
abgeschlossen sei, sodass der Daumen in absehbarer Zeit nicht beschwerdefrei sein
werde. Nur unter strikter Schonung des linken Armes und der linken Schulter, was einer
weitgehenden Einhändigkeit entspreche, sei eine 100%ige Arbeitsfähigkeit ganztags an
fünf Tagen in der Woche möglich. Ein uneingeschränkter Einsatz der gesunden
Gegenseite werde wegen der Wirkung auf der kranken Seite (Übertragung von
Bewegungen, Anspannungen, Halten des Körpergleichgewichtes) nicht möglich sein
(IV-act. 51).
A.e Dr. D._ berichtete der IV-Stelle am 28. März 2013, dass anlässlich der aktuellen
Untersuchung weiterhin ein druckdolenter Plexus axillär mit sofortigen Schmerzen und
Kribbeln im Radialis-Ausbreitungsgebiet habe festgestellt werden könne. Nach
Abschluss des Heilungsprozesses könne unter Schulter- und Armschonung links in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
einer optimal schulter- und armadaptierten Tätigkeit mit einer Arbeitsfähigkeit
gerechnet werden, allerdings könne der prozentuale Anteil im Moment nicht festgelegt
werden (IV-act. 49).
A.f Am 7. Juni 2013 teilte die Versicherte der IV-Stelle mit, dass Dr. D._ wegen einer
Schmerzzunahme im linken Arm weiterhin eine 80%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert
habe (IV-act. 61 f., 64).
A.g Am 22. August 2013 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass das
Leistungsbegehren um berufliche Massnahmen abgewiesen werde, da sie sich nicht in
der Lage fühle, an Eingliederungsbemühungen mitzuwirken (IV-act. 65).
B.
B.a Im Rahmen der Rentenprüfung tätigte die IV-Stelle weitere Abklärungen. Dr. D._
hielt im Verlaufsbericht vom 10. September 2013 einen stationären
Gesundheitszustand bei gleichgebliebener Diagnose fest. Der Pflegeberuf könne nicht
mehr ausgeführt werden. Für Tätigkeiten ohne Einsatz der linken Hand sollte
gelegentlich eine höhere Arbeitsfähigkeit als 20% möglich sein. Im Moment seien
sämtliche Einsätze der linken Hand nur kurzzeitig möglich; deshalb bestehe zurzeit
lediglich eine 20%ige Arbeitsfähigkeit. In der Tätigkeit als C._-Therapeutin bestehe in
Teilzeit eine volle Leistungsfähigkeit (IV-act. 66).
B.b Im Fragebogen zur Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit und Haushalt
vom 18. September 2013 gab die Versicherte u.a. an, seit der Operation im Juni 2011
im Umfang von vier Stunden pro Woche selbständig erwerbstätig zu sein. Im
Gesundheitsfall würde sie eine 90-100%ige Erwerbstätigkeit im Bereich Pflege und
Betreuung sowie als C._-Therapeutin in eigener Praxis ausüben. Die
Haushalttätigkeiten würden seit der Operation mehrheitlich von ihrem Ehemann erledigt
(IV-act. 67).
B.c Dr. D._ berichtete der IV-Stelle am 28. November 2013, dass weiterhin eine
Arbeitsfähigkeit von 20% bestehe. Die Versicherte mache pro Woche 8.5 Stunden
C._-Therapie, was ihr knapp möglich sei (IV-act. 75).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Im Mai 2014 wurde eine Haushaltabklärung durchgeführt. Dabei gab die
Versicherte im Wesentlichen an, dass sie bei guter Gesundheit im bisherigen Rahmen,
d.h. mit 60% als Fachangestellte Gesundheit, tätig sein würde. Deshalb habe sie die
entsprechende Ausbildung abgeschlossen. Daneben wäre sie weiterhin im Umfang von
30% als selbständige C._-Therapeutin im Nebenerwerb tätig. Zugunsten der
Haushalttätigkeit würde sie das Erwerbspensum auf ca. 90% reduzieren (IV-act. 96-3).
Der zuständige Abklärungsbeauftragte hielt fest, dass die zumutbare Arbeitsfähigkeit
im Rahmen einer medizinischen Begutachtung definiert werden müsse. Im
Haushaltbereich habe die Versicherte ihre Einschränkungen im Vergleich zu den
Angaben im Haushaltfragebogen zwischenzeitlich weit nach oben korrigiert. Die
geltend gemachten massiven Einschränkungen von rund 48% im Haushalt seien
medizinisch ebenfalls noch nicht objektiviert (IV-act. 96-13 ff.).
B.e In der Folge veranlasste die IV-Stelle eine weitere Begutachtung bei Dr. E._ (vgl.
IV-act. 107). Dieser hielt im handchirurgischen Verlaufsgutachten vom 30. November
2014 als Diagnosen neuropathische Schmerzen Hand und Arm links (postoperativ
aufgetreten) mit neurologischen Defiziten (aktuell Budapester Kriterien für ein CRPS
nicht erfüllt), sowie einen Status nach stabilisierender Bandplastik des
Daumensattelgelenks links bei Regionalanästhesie am 10. Juni 2011 mit Verdacht auf
Teilläsion des Nervus radialis subaxillär links fest. Die Tätigkeit als Pflegerin in einem
Betagtenheim habe wegen der vorliegenden Beschwerden zu 100% nicht mehr
ausgeübt werden können. Die bereits vor dem Ereignis vom 10. Juni 2011 (Radialis-
Teilschädigung) ausgeübte Tätigkeit als C._-Therapeutin mit 30%-Pensum habe
infolge der aufgetretenen neuropathischen Schmerzen nicht mehr im gleichen Ausmass
ausgeübt werden können. Gezwungenermassen habe diese Tätigkeit auf sieben bis
neun Stunden pro Woche, entsprechend einem 20-%-Pensum, reduziert werden
müssen. Verschiedene Versuche zur Erhöhung dieses Pensums seien gescheitert. In
den aktenkundigen Zeugnissen von Frau Dr. D._ werde stets von einer konstant
bleibenden, niedrigen Leistung von 20% ausgegangen, welche die Versicherte als
C._-Therapeutin erbringen könne. Diese Einschätzung stimme überein mit den
subjektiven Angaben und den heutigen und früheren Feststellungen (Gutachten vom
20. Juni 2012). Gesundheitlich habe sich das Beschwerdebild seit Juni 2012 keinesfalls
verbessert. Im Gegenteil sei zwischenzeitlich eine Ausweitung neurologischer
Störungen auf den Bereich des Zeigefingerstrahles (dorsalseitig) festzustellen. Die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schmerzintensität und die Anfälligkeit, Schmerzschübe bei Kraftanwendungen, bei
allgemeiner Belastung des linken Armes und bei aktiven und passiven Bewegungen
auszulösen, hätten sich ebenso wenig verringert. Nur bezüglich Zeitdauer der
Erholungsphase der einzelnen evozierten Schmerzschübe sei eine leichte Besserung
im Sinne rascherer Erholungsfähigkeit eingetreten. Solche Langzeit-Veränderungen
seien bei neuropathischen Schmerzen traumatischen Ursprungs nicht ungewöhnlich.
Bei einem CRPS seien sie sogar häufig. Ein solches liege gemäss wissenschaftlich
anerkannter Budapester Kriterien allerdings nicht vor. Die von der Versicherten geltend
gemachten Beschwerden seien weitgehend durch die ermittelten neurologischen
Defizite nachvollziehbar. Auch die Intensität der Schmerzen gemäss der
Schmerztoleranz-Skala VAS sei in Abhängigkeit der geklagten, spezifischen Symptome
nachvollziehbar. Die qualitativen Änderungen der Sensibilität und die unterschiedlich
charakterisierte pathologische Schmerzwahrnehmung entsprächen den bereits vor
zwei Jahren erhobenen Befunden. Die Kräfte für den Faustschluss und den
Präzisionsgriff hätten sich zwar verbessert, aber nur für vereinzelte und nicht für
repetitive Anwendungen, da unvermeidlich Schmerzattacken von unterschiedlich
langer Dauer aufträten. Die beobachteten Beschwerden und die präsentierten
Symptome seien durchwegs konsistent und stimmten auch mit den Feststellungen von
heute sowie der Begutachtung vom 20. Juni 2012 überein. Tendenzen zur Aggravation
oder Simulation hätten nicht festgestellt werden können. Die Angaben und die
geäusserten Beschwerden seien stets adäquat zu den mehrfach wiederholten und zum
Teil verdeckt durchgeführten Tests gewesen. Die Funktionseinschränkungen würden
sich ausschliesslich auf den gesamten linken Arm beziehen, wobei die Ressourcen für
die Erbringung einer Mehrleistung bezogen auf die aktuelle Tätigkeit als C._-
Therapeutin ausgeschöpft zu sein schienen. Einzeltherapiestunden wirkten sich
offensichtlich wesentlich belastender aus als der mehrheitlich verbal geführte
Gruppenunterricht. Daraus folgend könne die Leistung im Bereiche der verbalen
Gruppentherapie im zeitlichen Ausmass noch gesteigert werden, während der
Einzelunterricht dazu nicht geeignet sei. Die angestammte Tätigkeit als Pflegerin in
einem Betagtenheim sei seit dem Auftreten der neuropathischen Schmerzen, d.h. ab
dem 10. Juni 2011, zu 100% nicht mehr zumutbar. Eine angepasste Tätigkeit sei mit
folgendem Belastungsprofil zumutbar: Das Tragen von Gewicht mit hängendem Arm
sei nur vereinzelt, nicht repetitiv oder längerdauernd möglich und begrenzt auf 8kg bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
maximal 10kg. Das Heben auf Tischhöhe sei nur vereinzelt mit Gewichten von max.
5kg und ohne Bewegungen über Brust- oder Kopfhöhe möglich. Das Festhalten mit
Faustgriff, Drücken, Stossen, Schieben sei bis max. 3kg und nur vereinzelt, nicht
repetitiv, unter Vermeidung von Schlägen, Vibrationen und ruckartigen Bewegungen
zumutbar. Geeignet seien abwechslungsreiche, vielgestaltige Arbeiten. Möglich und
zumutbar seien Arbeiten bei normaler Raumtemperatur unter Vermeidung von
Kälteexposition sowie optische und akustische Kontrollen und beratende Tätigkeiten.
Im Rahmen dieses Belastungsprofils bestünde zudem für leichte manuelle Tätigkeiten
eine zeitliche Begrenzung bei ununterbrochener und anhaltender Tätigkeit auf 30 bis
maximal 45 Minuten und Wiederholungen seien erst nach ausreichender
Erholungspause möglich. Dies gelte beispielsweise für Arbeiten am PC und feine
manuelle Arbeiten wie Nähen. Eine solche angepasste Tätigkeit sei ab Juli 2014 im
Rahmen von fünf bis maximal sechs Stunden pro Tag, entsprechend einem 60-70%-
Pensum bezogen auf ein 100%-Pensum, zumutbar. Eine niederschwellige
Eingliederung bei Ausübung einer angepassten Tätigkeit wäre schätzungsweise ca.
sechs Monate nach der Ausheilung der Operationsfolgen, d.h. ab Januar 2012, möglich
gewesen. Die verbleibende Einschränkung sei damit zu begründen, dass auch unter
Schonung und Achtsamkeit selbst geringe Belastungen und auch kontrollierte
Bewegungen unweigerlich Schmerzschübe von längerer Dauer auslösen könnten,
welche je nach Heftigkeit zwingend das Einschalten von längeren Pausen und
Arbeitsunterbrüchen notwendig machten. Die ermittelten Einschränkungen seien auch
in Bezug auf die Tätigkeit als C._-Therapeutin sowie auf die Haushalttätigkeit
nachvollziehbar (IV-act. 114-14 ff.).
B.f Am 16. Dezember 2014 notierte der Regionale Ärztliche Dienst (RAD), dass ein
umfassendes, konsistentes und nachvollziehbares Gutachten vorgelegt worden sei, auf
dessen Schlussfolgerungen vollumfänglich abgestellt werden könne. Für den Zeitraum
vom Januar 2012 bis Juli 2014 könne auf die vorangehende Einschätzung des
Gutachters abgestellt werden. Als Angestellte sei die Versicherte adaptiert zu 30%
arbeitsfähig; die Arbeitsunfähigkeit als Selbstständige und im Haushalt betrage je 23%
(IV-act. 122).
B.g Gestützt darauf stellte die IV-Stelle der Versicherten im Vorbescheid vom 11. Juni
2015 die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Sie führte an, dass die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Versicherte gemäss den Abklärungen ohne Gesundheitsschaden weiterhin als
Betreuerin in einem Pensum von 60% sowie als Selbständigerwerbende in einem
Pensum von 30% tätig wäre. Aus ärztlicher Sicht sei ihr die Ausübung einer adaptierten
Tätigkeit zu 65% zumutbar. Im Haushalt bestehe eine Einschränkung von 23.2% und in
der Tätigkeit als Selbständigerwerbende von 23%. Daraus ergebe sich ein
Invaliditätsgrad von insgesamt 21% (IV-act. 128).
B.h Nachdem die Versicherte gegen den Vorbescheid am 13. August 2015 Einwand
erhoben und einen Invaliditätsgrad von insgesamt 56.4% geltend gemacht hatte (IV-
act. 131), erliess die IV-Stelle am 5. Januar 2016 einen neuen Vorbescheid. Sie führte
an, die Qualifikation sei anzupassen und es sei von einem Erwerbsanteil von 90% und
einem Haushaltanteil von 10% auszugehen. Gemäss der Schadenminderungspflicht
sei es der Versicherten zumutbar, die selbständige Tätigkeit zugunsten der
unselbständigen Tätigkeit aufzugeben. Aus der medizinischen Beurteilung gehe hervor,
dass aufgrund der Einschränkungen eine funktionelle Einarmigkeit vorliege. Bei einer
solchen sei gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung von einer vollen
Arbeitsfähigkeit auszugehen. Da nur noch leichte Tätigkeiten möglich seien, werde ein
Tabellenlohnabzug von 10% gewährt. Bezüglich des Haushaltes sei unberücksichtigt
geblieben, dass für den im selben Haushalt wohnhaften Ehepartner eine
Schadenminderungspflicht von 90 Minuten pro Tag anzurechnen sei. Damit liege bei
einem Zeitaufwand von zwei Stunden pro Tag für Haushalttätigkeiten keine
Einschränkung vor. Bezüglich des Valideneinkommens werde am Tabellenlohn
festgehalten. Die Kündigung sei aufgrund einer Reduktion des Personalbestandes
erfolgt und darüber hinaus entspreche das erzielte Jahreseinkommen im Wesentlichen
dem Tabellenlohn. Damit ergebe sich bei der 90%igen Erwerbstätigkeit ein Teil-
Invaliditätsgrad von 24% und bei der 10%igen Haushalttätigkeit ein Teil-
Invaliditätsgrad von 0%. Bei einem Invaliditätsgrad von insgesamt 24% bestehe kein
Rentenanspruch (IV-act. 138).
B.i Dagegen wandte die Versicherte am 5. Februar 2016 ein, die IV-Stelle habe
unberücksichtigt gelassen, dass gemäss dem Gutachten von Dr. E._ erst ab Juli
2014 die Ausübung einer adaptierten Tätigkeit zu 60-70% möglich sei. Zuvor sei eine
Leistungsfähigkeit von maximal 20% ausgewiesen, weshalb es bei der Bestimmung
des Invaliditätsgrades eine zeitliche Abstufung zu berücksichtigen gelte. Eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
funktionelle Einarmigkeit bzw. volle Arbeitsfähigkeit liege gemäss dem Gutachten nicht
vor. Nicht nachvollziehbar sei zudem, dass für das Valideneinkommen auf den
Tabellenlohn abgestellt werde. Im Weiteren sei beim Invalideneinkommen vom Niveau
1 auszugehen und ein Tabellenlohnabzug von 20% zu gewähren (IV-act. 139).
B.j Mit Verfügung vom 19. April 2016 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren gemäss
ihrem Vorbescheid ab und hielt an ihren Ausführungen fest (IV-act. 140).
C.
C.a Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte am 19. Mai 2016 Beschwerde. Sie
beantragte die Aufhebung der Verfügung und die Zusprache einer ganzen
Invalidenrente ab dem 10. Juni 2012. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um die
Durchführung einer mündlichen Verhandlung. Sie rügte eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs, da auf diverse Einwände zu den Vorbescheiden nicht eingegangen worden sei.
Im Wesentlichen machte sie geltend, dass die Beschwerdegegnerin das
Rechtsgleichheitsgebot verletzt habe, indem sie die Arbeitsfähigkeit abweichend von
der medizinischen Beurteilung analog einer funktionell Einarmigen eingestuft habe.
Weiter habe die Beschwerdegegnerin die vom EGMR als menschenrechtswidrig
beurteilte gemischte Methode angewendet. Gerade bei einer 90%ige Erwerbstätigkeit
rechtfertige es sich, den Invaliditätsgrad ausschliesslich gestützt auf den Erwerbsteil zu
berechnen. Darüber hinaus sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin ohne
Invalidität ihre damalige Arbeitsstelle noch hätte, da diese erst nach Mitteilung des
operativen Arbeitsausfalls gekündigt worden sei. Doch selbst wenn die Stelle dennoch
gekündigt worden wäre, hätte die Beschwerdeführerin in ähnlicher Position in einem
anderen Heim in der angestammten Tätigkeit gearbeitet. Damit müsse beim
Valideneinkommen auf das tatsächlich erzielte Einkommen abgestellt werden. Beim
Invalideneinkommen könne nicht der allgemeine Durchschnittslohn herangezogen
werden, sondern es kämen aufgrund der massivsten Einschränkungen nur Aufgaben
im Bereich der persönlichen Dienstleistungen in Frage. Sodann sei ein
Tabellenlohnabzug von 20% zu gewähren. Damit resultiere ein Invaliditätsgrad von
73% (act. G 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.b Mit Beschwerdeantwort vom 13. Juli 2016 beantragte die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führte sie an, der Beschwerdeführerin sei
darin zuzustimmen, dass nicht von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit ausgegangen werden könne. Gestützt auf das Gutachten von Dr. E._ vom
30. November 2014 sei von einer 65%igen Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit auszugehen. Der Beschwerdeführerin sei die Arbeitsstelle im Betagtenheim
gemäss dem Arbeitgeberfragebogen vom 25. November 2011 infolge Reduktion des
Personalbestandes gekündigt worden sei. Da ihr die Stelle nicht aus gesundheitlichen
Gründen gekündigt worden sei, könne nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
davon ausgegangen werden, dass sie heute noch dort arbeiten würde. Folglich sei das
Valideneinkommen anhand der Lohnstrukturerhebungen des Bundesamtes für Statistik
zu bestimmen. Anzurechnen sei das Einkommen für die Tätigkeit als C._-
Therapeutin, da die Beschwerdeführerin diese Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden
ebenfalls weitergeführt hätte. Das Valideneinkommen in der Verfügung vom 19. April
2016 sei somit äusserst grosszügig berechnet worden. Beim Invalideneinkommen sei
der Hilfsarbeiterlohn gemäss den LSE heranzuziehen und ein Tabellenlohnabzug vom
10% zu gewähren. Im Haushalt bestehe keine Einschränkung. Damit ergebe sich bei
einer 90%igen Erwerbstätigkeit und einer 10%igen Haushalttätigkeit ein
Invaliditätsgrad von 38.5% (act. G 4).
C.c Mit Replik vom 9. September 2016 hielt die Beschwerdeführerin an ihren
Standpunkten fest. Ergänzend führte sie an, dass sie nicht nur weiterhin im
Betagtenheim oder in einer ähnlichen Anstellung gearbeitet hätte, sondern sogar mit
einer Lohnerhöhung zu rechnen gewesen wäre, da sie im Juni 2011 das Diplom
Fachperson Gesundheit erlangt habe (act. G 6).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete am 19. September 2016 auf die Einreichung
einer Duplik (act. G 8).
C.e Am 15. Mai 2017 reichte die Beschwerdeführerin ein Arztzeugnis von Dr. med.
F._ vom 28. April 2017 zu den Akten (act. G 10). Dieser hatte angegeben, dass die
Beschwerdeführerin seit dem 5. April 2017 wegen eines Impingement-Syndroms der
rechten Schulter in Behandlung sei. Das Impingement sei im MR dokumentiert und die
Beschwerden seien typisch und behandlungsbedürftig. Offensichtlich könnten die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerden sehr wohl durch Überlastung bei einem Umzug bei einer Einschränkung
der linken oberen Extremität gesehen werden. Die Beschwerdeführerin sei durch diese
Diagnose bei Arbeiten über der Horizontalen deutlich und im Alltag eingeschränkt (act.
G 10.1).
C.f Am 29. August 2018 verzichtete die Beschwerdeführerin auf die Durchführung
einer mündlichen Verhandlung (vgl. act. G 12).

Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin hat eine Verletzung ihres Anspruchs auf rechtliches Gehör (Art.
42 ATSG) respektive auf eine ausreichend begründete Verfügung (Art. 49 Abs. 3 ATSG)
gerügt. Die Begründungspflicht soll es dem Verfügungsadressaten ermöglichen
nachzuvollziehen, aus welchen Gründen ein Entscheid zustande gekommen ist. Auf
diese Weise kann der Verfügungsadressat in Kenntnis der relevanten Gesichtspunkte
entscheiden, ob und mit welchen Argumenten er den Entscheid anfechten will. Diesen
Zweck hat die angefochtene Verfügung vom 19. April 2016 erfüllt, denn die
Beschwerdegegnerin hat darin eingehend dargelegt, von welchen Gründen sie sich bei
der Entscheidfindung hatte leiten lassen. Der Beschwerdeführerin ist es in der Folge
denn auch möglich gewesen, eine ausführlich begründete Beschwerde zu erheben.
Folglich liegt keine Verletzung der Begründungspflicht vor.
2.
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat mit der angefochtenen Verfügung vom 19. April 2016
das Rentengesuch der Beschwerdeführerin bei einem Invaliditätsgrad von 24%
abgewiesen (IV-act. 140). Zu prüfen ist demnach, ob sie einen Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin zu Recht verneint hat.
2.2 Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
durchschnittlich mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40% invalid sind (Art. 28 Abs. 1 IVG). Invalidität ist gemäss Art. 8
Abs. 1 ATSG die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch eine Beeinträchtigung
der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach
zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust
der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Gemäss Art. 28a Abs. 1 des IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die
Invalidität grundsätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Dabei wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung
gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
3.
3.1 Um das Invalideneinkommen zu bestimmen und damit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, muss die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehen. In medizinischer
Hinsicht liegen insbesondere die beiden handchirurgischen Gutachten von Dr. E._
vom Juni 2012 und vom November 2014 im Recht.
3.2 Dr. E._ hat im ersten Gutachten von 2012 (IV-act. 102-7 ff.) in seiner
medizinischen Beurteilung weitgehend unauffällige objektive Befunde erhoben (keine
Zeichen einer Nervenschädigung, keine arthrotische Veränderung des Gelenks, keine
pathologische Instabilität, lediglich diskrete Zeichen einer leichten
Daumensattelgelenks-Arthrose, vgl. IV-act. 102-19 f.). Er hat festgehalten, dass die
Befunde das gesamte Beschwerdebild „keinesfalls zu erklären“ vermöchten. Dennoch
hat er der Beschwerdeführerin in deren angestammter Tätigkeit als Pflegerin aus
medizinisch-theoretischer Sicht eine 20%ige Arbeitsfähigkeit und aus praktischer Sicht
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert. Für eine adaptierte Tätigkeit ist der
Gutachter von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit bezogen auf ein 60%-Pensum
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgegangen (IV-act. 102-22 f.). Dabei wird deutlich, dass Dr. E._ die Arbeitsfähigkeit
hauptsächlich durch die von der Beschwerdeführerin geschilderten neuro¬pathischen
Schmerzen beeinflusst gesehen hat. So hat er z.B. festgehalten, ohne diese Schmerzen
dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass am linken
Daumen das gleich gute Behandlungsresultat wie auf der rechten Seite hätte erreicht
werden können. Gleichzeitig ist Dr. E._ im Juni 2012 jedoch auch davon
ausgegangen, dass sich das Beschwerdebild insbesondere aufgrund des günstigen
Schmerzverlaufes noch namhaft und spontan bessern werde. Entsprechend hat er bei
der Einschätzung der adaptierten Arbeitsunfähigkeit mit einer schrittweisen Steigerung
der Arbeitsfähigkeit in drei bis vier Monaten gerechnet und auch die angestammte
Arbeitsunfähigkeit lediglich bis zum Eintritt einer effektiven Besserung der
Beschwerden in drei bis vier Monaten attestiert.
3.3 Eine solche Verbesserung ist gemäss dem Verlaufsgutachten von November 2014
(IV-act. 114) allerdings nicht eingetreten. Vielmehr hat Dr. E._ festgehalten, dass sich
das Beschwerdebild seit Juni 2012 „keinesfalls verbessert“ habe. Im Gegenteil sei
zwischenzeitlich eine Ausweitung der neurologischen Störungen festzustellen und nur
bezüglich der Zeitdauer der Erholungsphase der einzelnen Schmerzschübe eine leichte
Besserung eingetreten. Eine substantiierte Auseinandersetzung mit der Frage, aus
welchen Gründen die prognostizierte Verbesserung der Arbeitsfähigkeit nicht bzw.
nicht im erwarteten Masse eingetreten ist, ist dem Gutachten jedoch nicht zu
entnehmen. Dr. E._ hat sich mit anderen Worten nicht damit befasst, weshalb die in
vergleichbaren Fällen zu erwartende Verbesserung im Falle der Beschwerdeführerin
nicht eingetreten ist. Er hat lediglich angeführt, dass Langzeitveränderungen bei
neuropathischen Schmerzen traumatischen Ursprungs „nicht ungewöhnlich“ und bei
einem CRPS sogar häufig seien. Diese Begründung überzeugt nicht, zumal Dr. E._
das Vorliegen eines ebensolchen CRPS sowohl im Gutachten von 2012 als auch im
Verlaufsgutachten von 2014 klar verneint hat.
3.4 Nicht zuletzt überzeugt die Einschätzung der adaptierten Arbeitsfähigkeit von neu
60-70% bezogen auf ein 100%-Pensum in zweierlei Hinsicht nicht: Zum einen hatte Dr.
E._ im März 2013 noch berichtet, dass unter strikter Schonung des linken Armes und
der linken Schulter eine 100%ige Arbeitsfähigkeit ganztags an fünf Tagen in der Woche
möglich sei (IV-act. 51), zum anderen steht die neuste Arbeitsfähigkeitsschätzung im
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
deutlichen Widerspruch zur Aussage, dass sich das Beschwerdebild seit 2012
keinesfalls verbessert habe. Die Aussage von Dr. E._, dass die von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Beschwerden weitgehend durch die
ermittelten neurologischen Defizite nachvollziehbar seien und die qualitative Änderung
der Sensibilität und die unterschiedlich charakterisierte pathologische
Schmerzwahrnehmung den bereits vor zwei Jahren erhobenen Befunden entsprächen,
vermag für sich alleine als Grundlage für die Arbeitsfähigkeitsschätzung jedenfalls nicht
zu genügen. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass sich Dr. E._ primär auf die
subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin gestützt und diese unkritisch als
objektive Grundlage für seine Beurteilung übernommen hat, obwohl eine eingehende
Auseinandersetzung mit der Nachvollziehbarkeit der Schilderungen der
Beschwerdeführerin betreffend die Schmerzintensität im vorliegenden Fall unabdingbar
gewesen wäre.
3.5 Insgesamt enthält das Verlaufsgutachten, welches der RAD als konsistent und
nachvollziehbar erachtet hat (IV-act. 122) und auf welches sich die
Beschwerdegegnerin in der vorliegend angefochtenen Verfügung in medizinischer
Hinsicht im Wesentlichen stützt, gerade auch im Hinblick auf das Vorgutachten von
2012 erhebliche Widersprüche und Inkonsistenzen, weshalb es nicht geeignet ist, die
massgebende Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen.
4.
4.1 Zusammenfassend fehlt es vorliegend an einer überwiegend wahrscheinlich
richtigen Arbeitsfähigkeitsschätzung, womit sich der massgebliche medizinische
Sachverhalt als ungenügend abgeklärt erweist. Die Beschwerdegegnerin hat folglich
ihre Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) offensichtlich noch nicht erfüllt. Es
kann nicht die Aufgabe des Versicherungsgerichtes sein, dieses Manko zu beheben,
denn die vollständige Sachverhaltsabklärung ist die ureigenste Aufgabe der
Verwaltung. Die Verfügung vom 19. April 2016 ist als rechtswidrig aufzuheben und die
Sache ist zur weiteren Abklärung des Sachverhalts an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Dabei wird die Beschwerdegegnerin nicht nur weiterführende
Abklärungen zum medizinischen Sachverhalt zu veranlassen, sondern auch die seit der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Begutachtung erstellten Arztberichte zu würdigen haben. Im Weiteren wird sie sich
eingehend mit der Validen- und Invalidenkarriere der Beschwerdeführerin
auseinandersetzen müssen. Sie wird dabei insbesondere zu prüfen haben, ob es der
Beschwerdeführerin mit Blick auf ihre Schadenminderungspflicht zumutbar wäre, ihre
selbständige Tätigkeit als C._-Therapeutin zugunsten einer adaptierten
unselbständigen Tätigkeit aufzugeben, sofern sie mit einer solchen ein höheres
Einkommen erzielen könnte.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Die Rückweisung
der Sache zur ergänzenden Abklärung und neuen Beurteilung an die Verwaltung ist als
volles Obsiegen der Beschwerdeführerin zu werten (BGE 132 V 215 E. 6.2).
Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist
der Beschwerdeführerin zurückzuerstatten. Ausgangsgemäss hat die
Beschwerdegegnerin der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung auszurichten.
Diese ist angesichts des durchschnittlichen erforderlichen Vertretungsaufwandes
praxisgemäss auf Fr. 3'500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer)
festzusetzen.