Decision ID: f2869aee-4a19-48de-bff5-90a203af6f1a
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Jean-Pierre Menge, Quaderstrasse 5, Postfach
26, 7002 Chur,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rentenrevision
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 16. Februar 1995 zum Bezug von IV-Leistungen an (IV-act.
1). Die MEDAS berichtete in ihrem Gutachten vom 8. Januar 1997 (IV-act. 15), die
Versicherte leide an einem lumbovertebralen Schmerzsyndrom mit pseudoradikulärer
Schmerzausbreitung in die linke untere Extremität und an einer anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung. Der psychiatrische Sachverständige habe angegeben,
bei der körperlichen Untersuchung habe er Anhaltspunkte für ein demonstrativ-
aggravatorisches, ja histrionisch anmutendes Verhalten gefunden. Bei der
psychiatrischen Exploration sei das kaum aufgefallen. Er habe den Eindruck gewonnen,
dass die Versicherte eine psychische Belastung haben müsse, die sie jedoch wegen
der geringen Introspektionsfähigkeit nicht ganz wahrnehmen wolle. Es sei nicht
auszuschliessen, dass die Versicherte zeitweise depressive Verstimmungen habe, in
denen sie die körperlichen Beschwerden überbewerte. Sie neige auch zu emotionalen
Ausbrüchen, die den konversiven Reaktionen zugeordnet werden könnten. Das alles
habe aber keinen Krankheitswert. Vom psychischen Zustand her sei keine
Arbeitsunfähigkeit zu bestätigen. Die Gesamtbeurteilung lautete: Keine
Arbeitsunfähigkeit für leichte bis mittelschwere Tätigkeiten mit der Möglichkeit von
Haltungswechseln und ohne repetitives Heben von schweren Lasten. Mit Verfügung
vom 2. April 1997 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab (IV-act. 22).
A.b Am 8. Dezember 1997 meldete sich die Versicherte erneut zum Bezug von IV-
Leistungen an (IV-act. 23). Dr. med. B._, Klinik für Neurologie des Kantonsspitals St.
Gallen, berichtete in seinem Gutachten vom 5. Mai 2008 (IV-act. 28), es bestehe ein
qualitativ und quantitativ unverändertes lumbovertebrales Schmerzsyndrom mit
pseudoradikulärer Schmerzausweitung in die linke untere Extremität. Gestützt auf die
Röntgenbilder (inklusive Kernspintomogramm) sei von einer links paramedianen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diskusprotrusion auf Höhe L4/5 auszugehen. Gleichzeitig bestehe eine Hypertrophie
des Ligamentum flavum. Eine Beeinträchtigung der abgehenden Nervenwurzel L5 links
habe jedoch nicht verifiziert werden können. Das klinische Beschwerdebild entspreche
nicht einem lumboradikulären Schmerzsyndrom. Die Diagnose eines lumbovertebralen
Schmerzsyndroms mit pseudoradikulärer Schmerzausstrahlung sei eine rein
syndromatische Festlegung, die nichts über die Ätiopathogenese aussage. Vieles
spreche für eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung. Für leichte bis
mittelschwere behinderungsadaptierte Tätigkeiten bestehe keine Arbeitsunfähigkeit.
Die MEDAS hielt in ihrem Gutachten vom 23. April 1999 fest (IV-act. 41), bei der
psychiatrischen Exploration habe wieder die Klage über die bekannten Schmerzen im
Vordergrund gestanden, wobei das subjektive Schmerzbild gleich geblieben sei.
Objektiv habe man im psychopathologischen Befund eine depressive Symptomatik,
allerdings milderen Ausprägungsgrads, gefunden. Zeitweise habe die Versicherte aber
auch lächeln können. Es liege eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung vor,
wobei nach psychodynamischer Betrachtung ein konversives Element wahrscheinlich
sei. Seit der letzten Begutachtung seien zweieinhalb Jahre vergangen. Entsprechend
habe sich die Symptomatik weiter chronifiziert. Alle therapeutischen Bemühungen
seien gescheitert, die Versicherte sei resigniert. Dementsprechend finde sich eine
gegenüber früher verstärkte depressive Symptomatik. Deren Ausprägungsgrad sei
mild, so dass sie keine volle Arbeitsunfähigkeit begründe. Die Arbeitsunfähigkeit im
Erwerb betrage aus psychiatrischer Sicht 40%, diejenige im Haushalt 20%. Im
Gutachten wurde weiter ausgeführt, radiologisch finde sich eine diskrete
Osteochondrose auf der Höhe L4/5. In Bezug auf die Arbeitsfähigkeit stünden die
psychischen Faktoren deutlich im Vordergrund. Die Diagnosen lauteten: Erhebliche
psychische Überlagerung eines ursprünglich somatisch bedingten und im Kern wohl
auch jetzt noch somatogenen Schmerzsyndroms, im Lauf der Chronifizierung mit
zunehmender, inzwischen überwiegender psychogener Komponente, so dass eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung mit depressiver Entwicklung anzunehmen
sei, ausserdem ein chronisches lumboischialgiformes Schmerzsyndrom links ohne
radikuläre Ausfälle. Die IV-Stelle nahm eine Invaliditätsbemessung nach der
sogenannten gemischten Methode vor, wobei sie von einem Beschäftigungsgrad von
50% ausging. Es resultierte ein Invaliditätsgrad von 30% (IV-act. 43). Die IV-Stelle wies
das Rentenbegehren am 6. Mai 1999 ab (IV-act. 44). Die Versicherte erhob
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerde. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen brachte am 23. August
2001 statt der gemischten Methode der Invaliditätsbemessung den reinen
Einkommensvergleich zur Anwendung (IV-act. 50). Daraus resultierte ein
Invaliditätsgrad von 46%, weshalb das Gericht der Versicherten eine Viertelsrente
zusprach. Dieser Entscheid wurde vom Eidgenössischen Versicherungsgericht am 10.
Dezember 2002 (I 578/01) bestätigt (IV-act. 54). Mit Verfügung vom 13. Juni bzw. 8. Juli
2003 sprach die IV-Stelle der Versicherten rückwirkend ab 1. November 1994 auf der
Grundlage eines Invaliditätsgrads von 46% eine halbe Invalidenrente im Härtefall zu (IV-
act. 68).
A.c Die Versicherte hatte bereits am 17. Januar 2003 ein Rentenrevisionsgesuch
stellen lassen (IV-act. 56), da sich ihr Gesundheitszustand in der Zwischenzeit
verschlechtert habe. Dr. med. C._ berichtete am 25. Februar 2003 (IV-act. 58), die
Versicherte sei seit November 1993 wegen einer Lumboischialgie links bei Diskus
protrusion L4/5 mit Kompromittierung der linken L5-Wurzel zu 100% arbeitsunfähig. Im
Fragebogen für die Rentenrevision gab die Versicherte am 17. Mai 2003 an (IV-act. 65),
ihr Gesundheitszustand habe sich verschlechtert, was Dr. C._ bestätigte (IV-act. 66).
Die IV-Stelle gab eine Verlaufsbegutachtung in Auftrag. Die Sachverständigen der
MEDAS berichteten im Gutachten vom 17. Februar 2005 (IV-act. 82), folgende
Diagnosen seien erhoben worden: Anhaltende somatoforme Schmerzstörung,
rezidivierende depressive Störung, z.Zt. leichte Episode ohne somatische Symptome,
chronisches lumboischialgiformes Schmerzsyndrom bei degenerativen Veränderungen
der unteren LWS sowie – ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit – chronische
Supraspinatustendinose rechte Schulter und massive Adipositas. Die
Sachverständigen führten weiter aus, bei der aktuellen Untersuchung sei die LWS
weiterhin eingeschränkt bewegt worden, dies vorwiegend bei Inklination unter Angabe
einer diffusen Druckdolenz der gesamten Lumbalregion und des rechten Beins, wobei
weiterhin keine radikulären Zeichen festzustellen gewesen seien. Die Beweglichkeit der
rechten Schulter sei typischerweise vorwiegend bei Abduktion mässiggradig
eingeschränkt gewesen, was sich vorwiegend bei Tätigkeiten über Schulterhöhe
auswirke. Wieder seien viele Zeichen für ein nichtorganisches Krankheitsverhalten
festzustellen gewesen. Die Arbeitsfähigkeit werde vordergründig durch ein chronisches
lumboischialgiformes Schmerzsyndrom bestimmt, das allerdings in dieser Intensität
klinisch und radiologisch nur wenig objektivierbar sei. Wesentlich seien die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
psychischen Faktoren, die sich tendenziell eher gebessert hätten. Die Arbeitsfähigkeit
für rückenadaptierte Tätigkeiten ohne Überkopfarbeiten betrage nach wie vor 60%. Die
IV-Stelle ging weiterhin von einem Invaliditätsgrad von 46% aus (IV-act. 90). Mit
Verfügung vom 29. August 2005 wies sie das Revisionsbegehren ab (IV-act. 91).
A.d Die IV-Stelle hat der Versicherten, dem in der genannten Abweisungsverfügung
angesetzten amtlichen Revisionstermin gemäss, am 12. August 2009 einen
Fragebogen für die Rentenrevision zugestellt. Darin hat die Versicherte am 17. August
2009 angegeben, ihr Gesundheitszustand habe sich seit dem 17. August 2006
verschlimmert. Sie sei 2006 am Rücken und am 5. Mai 2009 am linken Fuss operiert
worden. Am 24. August 2009 werde sie am linken Knie operiert. Dr. med. D._, FMH
Allgemeine Medizin, berichtete am 22. September 2009 (IV-act. 185-1), es bestehe ein
Status nach Operation am linken Knie. Die Versicherte jammere über alles (Verdacht
auf Aggravation). Gemäss dem beigelegten Bericht der Neurochirurgie des
Kantonsspitals St. Gallen war am 17. August 2006 ein grosser Bandscheibenvorfall
L4/5 links, der eine Nervenwurzelkompression L5 links bewirkt hatte, operiert worden
(IV-act. 185-10). Gemäss einem vorläufigen Austrittsbericht vom 23. August 2006 (IV-
act. 185-8) hatten die Schmerzen nach der Operation rasch nachgelassen, so dass die
Versicherte beim Austritt praktisch schmerzfrei gewesen war. Nach der Operation
waren keine neurologischen Defizite mehr zu verzeichnen gewesen. Gemäss einem
Bericht des Spitals E._ vom 2. September 2009 (IV-act. 185-6) litt die Versicherte an
einem interartikulären Ganglion am linken Knie, das durch Kniearthroskopie und
Débridement hätte entfernt werden können. Prof. Dr. med. F._, Facharzt FMH
Neurologie, hatte am 7. September 2009 angegeben, die Versicherte leide ausserdem
an einem analgetika-induzierten Dauerkopfschmerz (IV-act. 185-4). Er hatte empfohlen,
für wenigstens einen Monat auf die Einnahme von Analgetika zu verzichten. Dr. med.
G._ vom Regionalen ärztlichen Dienst (RAD) der IV-Stelle hielt am 1. Oktober 2009
fest (IV-act. 186), bei einer vorwiegend sitzenden Tätigkeit mit Wechselbelastung, ohne
häufiges Treppensteigen und längeres Gehen auf unebenem Gelände sei die
Versicherte durch die Knieproblematik nicht eingeschränkt. Die Kopfschmerzen sollten
durch eine Reduktion der Medikamente weitgehend verschwinden. Die IV-Stelle teilte
der Versicherten am 5. Oktober 2009 mit, dass sie keine Änderung des
Invaliditätsgrads festgestellt habe (IV-act. 188). Da die Versicherte den Erlass einer
anfechtbaren Verfügung verlangte, wurde ihr am 13. November 2009 in der Form eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vorbescheids mitgeteilt, dass vorgesehen sei, ihr Revisionsgesuch abzuweisen (IV-act.
195). Die Versicherte liess am 1. Dezember 2009 darauf hinweisen, dass das Ergebnis
der Fussoperation nicht geprüft worden sei und dass die Einstellung der
Analgetikaeinnahme erfolglos gewesen sei (IV-act. 196). Mit Verfügung vom 4. Januar
2010 wies die IV-Stelle das Revisionsgesuch ab (IV-act. 198). Die Versicherte erhob am
4. Februar 2010 Beschwerde (IV-act. 207). Sie verlangte eine polydisziplinäre
Begutachtung. Dr. G._ empfahl am 23. März 2010 weitere medizinische Abklärungen
(IV-act. 212), worauf die IV-Stelle die Abweisungsverfügung widerrief (IV-act. 214).
Dr. F._ berichtete der IV-Stelle am 30. April 2010 (IV-act. 221), er habe mit der
Versicherten nochmals die Notwendigkeit eines Analgetikaentzugs besprochen. Es
hänge von der Motivation der Versicherten ab, ob sie eine Verringerung der
Kopfschmerzen erreichen werde. Aus neurologischer Sicht hätten die Kopfschmerzen
keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit zur Folge. Das Spital E._ teilte am 17. Mai
2010 mit (IV-act. 223), die Knie- und Fussproblematik bewirke in einer sitzenden
Tätigkeit keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Tätigkeiten im Stehen oder Gehen
seien allerdings nicht mehr möglich. Am 30. Juni 2010 berichtete Dr. F._ (IV-act. 227),
die Versicherte habe die Motivation für einen durchgehenden Analgetikaentzug nicht
aufgebracht. Deshalb leide sie unverändert an einem Dauerkopfschmerz. Dr. G._
notierte am 8. Juli 2010 (IV-act. 228), es sei keine Veränderung des
Gesundheitszustands mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit plausibel gemacht
worden. Mit einem Vorbescheid vom 19. Juli 2010 kündigte die IV-Stelle die Abweisung
des Revisionsbegehrens an (IV-act. 233). Die Versicherte liess einwenden (IV-act. 234),
es hätte eine Begutachtung hinsichtlich der Rückenschmerzen erfolgen müssen.
Dr. G._ wies am 24. September 2010 darauf hin, dass in Bezug auf den
Rückenschaden und die psychische Beeinträchtigung eine Verbesserung eingetreten
sein könnte. Deshalb empfahl er eine Verlaufsbegutachtung durch die MEDAS.
A.e Deren Sachverständige berichteten in einem Gutachten vom 31. März 2011 (IV-
act. 244), folgende Diagnosen seien erhoben worden: Anhaltende somatoforme
Schmerzstörung, rezidivierende depressive Störung (gegenwärtig mittelgradige
Episode mit somatischen Symptomen), chronifiziertes ischialgiformes
Schmerzsyndrom links, Periarthrose genu links, Restbeschwerden linker Vorfuss und –
ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit – Cervicocranialsyndrom und radiologisch sowie
im Computertomogramm (CT) degenerative Veränderungen der mittleren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Halswirbelsäule (HWS), vor allem C5/6. Der psychiatrische Sachverständige führte aus,
da die aufgelaufenen medizinischen Berichte weder eine entsprechende Diagnose
noch einen psychopathologischen Befund enthielten, lasse sich der Verlauf nicht
nachzeichnen. Es sei nicht möglich gewesen, anhand der klinischen Beobachtung
während der sozialen Kontakte und der Exploration objektive Kriterien einer Depression
festzuhalten. Der Grund dafür sei in erster Linie die mangelnde Auskunftsbereitschaft
der Versicherten gewesen. Die Angaben zur Depressionsanamnese seien nicht ganz
konsistent gewesen, hätten aber einen konsistenten Kern nachvollziehen lassen.
Aufgrund mangelnder Offenheit und Spontaneität der Versicherten sei unklar, wie weit
unmittelbare und reversible Reaktionen auf die psychosozialen Belastungen (also
versicherungsfremde Faktoren) für die psychischen Beschwerden ausschlaggebend
gewesen seien. Rein medizinisch-theoretisch dürfte aufgrund der Eigenanamnese der
Versicherten seit 2005 eine Verschlechterung in der Form eines nachweislich
chronifizierten und fixierten depressiven Zustands eingetreten sein. Gemäss den
beiden Fremdbeurteilungsinstrumenten sei dieser Zustand knapp schwergradig. Unter
der Annahme einer Verdeutlichungstendenz angesichts des diskrepanten
psychopathologischen Befunds sei im Endresultat auf eine depressive Episode mit
lediglich mittelschwerer Ausprägung, jedoch mit somatischem Syndrom, zu schliessen.
Im Vorgutachten seien die zur Gewichtung der Diagnose einer somatoformen
Schmerzstörung zu diskutierenden Foerster'schen Kriterien noch nicht berücksichtigt
worden. Da weiterhin eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung vorliege und die
Depression nicht wirklich objektiv habe gesehen werden können, seien diese Kriterien
zu diskutieren. Eine mitwirkende psychische Komorbidität sei medizinisch-theoretisch
aufgrund der depressiven Störung anzunehmen. Auf der Basis der gesehenen Befunde
sei sie nicht objektivierbar gewesen. Ein Grund dafür seien die aggressive Stimmung
und der Nihilismus der Versicherten gewesen. Entsprechend den Depressionsskalen,
die zwar teilweise auch auf den Angaben der Versicherten fussten, liege das Ausmass
der depressiven Störung im Bereich von mittelschwer bis schwer. Die chronische
körperliche Begleiterkrankung müsse nach Massgabe der entsprechenden
Konsiliarärzte beurteilt werden. Ein sozialer Rückzug in allen Belangen des Lebens sei
nicht ausgewiesen. Ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr angehbarer
innerseelischer Verlauf einer missglückten, psychisch aber entlastenden
Konfliktbewältigung im Sinn eines primären Krankheitsgewinns sei nicht eruierbar.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Vielmehr bestehe ein sekundärer Krankheitsgewinn im Sinn eines Strebens nach mehr
materieller Sicherheit und nach Schonung im Familiensystem. Klinisch habe bei den
sozialen Interaktionen wie Begrüssung, Verabschiedung, Beziehung zur Dolmetscherin
und Dialog mit dem Gutachter kein sichtbares Zeichen einer schweren depressiven
Störung vorgelegen. Deshalb dürfte die Ausprägung der Störung lediglich mittelschwer
sein. Daraus könne man aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit von
höchstens 40% ableiten. Mehrfache Behandlungsversuche mit diversen Antidepressiva
unter psychiatrischer Betreuung seien zumutbar. Gleichzeitig sollte ein
Analgetikaentzug durchgeführt werden. Dies würde zu einer Behebung der
Schlafstörungen und zu einer Verminderung der Kopfschmerzen führen. Wegen der
schlechten Compliance sollte die Behandlung halbstationär durchgeführt werden. In
einer somatisch adaptierten Tätigkeit in der freien Wirtschaft sollte bei vollzeitiger
Präsenz eine Reduktion des Rendements von 40% bestehen. Wegen der freien
Zeiteinteilung sei die Arbeitsfähigkeit im Haushalt nur um 20% vermindert. Der Beginn
und der Verlauf der die Arbeitsunfähigkeit verursachenden depressiven Störung seien
mangels Dokumentation und wegen der schlechten Kooperation der Versicherten nicht
zu rekonstruieren. Deshalb müsse als Zeitpunkt des Eintritts der Verschlimmerung das
Datum der Exploration (7. Februar 2011) angenommen werden. In psychiatrischer
Hinsicht sei das Verdeutlichungsverhalten in den Hintergrund getreten. Es habe zu
einer gegenüber dem Sachverständigen nihilistisch-aggressiven Verweigerungshaltung
geführt. Das sei vermutlich nicht steuerbar gewesen und damit nicht willentlich
eingesetzt worden. Das heisse aber nicht, dass das Verhalten situationsunabhängig
gewesen sei. Diese Frage sollte durch eine nicht teilnehmende Beobachtung über
einen längeren Zeitraum geklärt werden. Die polydisziplinäre Einschätzung ergab, dass
die Versicherte aus rheumaorthopädischer Sicht rein qualitativ eingeschränkt war:
Keine körperlichen Schwerarbeiten mit häufigem Heben und Tragen schwerer Lasten,
keine langdauernden Tätigkeiten in einer unergonomischen Rückenhaltung, keine
Arbeiten mit häufigem Bücken und Aufrichten, keine ausschliesslich stehenden und
gehenden Tätigkeiten und keine den linken Vorfuss belastenden Tätigkeiten. Neu
aufgetreten waren nur die qualitativen Einschränkungen wegen Knie und Fuss links. Die
Diskushernien-Operation L4/5 links vom 17. August 2006 hatte eine erst nach der
letzten Begutachtung aufgetretene L5-Symptomatik links deutlich gebessert,
erwartungsgemäss aber den lumbal lokalisierten Schmerz nicht geändert.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.f Dr. G._ betrachtete das Gutachten als widerspruchsfrei und
versicherungsmedizinisch plausibel (IV-act. 246). Mit einem Vorbescheid vom 20. April
2011 (IV-act. 249) kündigte die IV-Stelle der Versicherten die Abweisung ihres
Revisions-/Erhöhungsgesuchs an. Der Rechtsvertreter der Versicherten wandte am 6.
Mai 2011 ein (IV-act. 250), das Gutachten sei lückenhaft, widersprüchlich und vor allem
im psychiatrischen Teil nicht nachvollziehbar. Ausserdem enthalte es juristische
Ausführungen und Wertungen, die nicht in den Zuständigkeitsbereich eines
medizinischen Gutachters gehörten. Ein Vergleich der vier MEDAS-Gutachten (von
1997, 1999, 2005 und 2011) zeige klar eine Verschlechterung des psychischen
Gesundheitszustands auf. Es sei nicht nachvollziehbar, wie bei der Diagnose einer
schweren depressiven Störung davon ausgegangen werden könne, dass keine
relevante Veränderung eingetreten sei, denn im Jahr 2005 sei noch eine leichte
Episode der depressiven Störung angegeben worden. Der psychiatrische
Sachverständige habe in unzulässiger Art und Weise versucht, die Schwere der
Störung als rein subjektiv empfunden darzustellen und deshalb als nur mittelgradig zu
qualifizieren. Mit einer schweren depressiven Störung müsse die Arbeitsfähigkeit so
eingeschränkt sein, dass der Invaliditätsgrad mehr als 50% betrage. Dr. G._ schlug
am 21. Juni 2011 vor, eine Stellungnahme der MEDAS einzuholen (IV-act. 251). Der
psychiatrische Sachverständige der MEDAS führte am 30. Juni 2011 aus (IV-act. 253),
der Widerspruch sei aus der Diskrepanz zwischen den Angaben der Versicherten und
der klinisch objektivierbaren Beeinträchtigung entstanden. Es treffe zu, dass die
Schwere der depressiven Störung vorwiegend subjektiv und wenig objektivierbar sei.
Er halte an der Diagnose einer mittelgradigen Depression mit somatischem Syndrom
fest. Bei der Gewichtung seien die subjektiven Angaben der Versicherten zwar nicht
voll, aber soweit als möglich berücksichtigt worden. Bei einer motivierten Teilnahme
der Versicherten an der Detoxifikation und der Verabreichung von Antidepressiva
könne eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit erwartet werden. Die vorgeschlagene
halbstationäre Therapie sei nicht die Voraussetzung zum Erreichen einer 60%igen
Arbeitsfähigkeit, sondern die Voraussetzung zur Verbesserung des um 40% reduzierten
Rendements. Dr. G._ notierte dazu (IV-act. 254), die Übergänge zwischen den
verschiedenen Stadien der Depression seien fliessend. Der psychiatrische
Sachverständige habe angegeben, dass die Schwere der Depression vorwiegend
subjektiv und wenig objektivierbar gewesen sei. Das erkläre, warum trotz der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
postulierten Zunahme der depressiven Störung gegenüber dem Gutachten von 2005
keine Veränderung der Arbeitsunfähigkeit eingetreten sei. Der Rechtsvertreter der
Versicherten wandte am 3. August 2011 ein (IV-act. 256), das Gutachten sei wegen
Voreingenommenheit zurückzuweisen, da juristische Ausführungen gemacht und
unzulässige Parallelen zu Schleudertraumafällen gezogen worden seien. Der
psychiatrische Sachverständige stütze sich auf die rein subjektiven Empfindungen der
Versicherten, obwohl auf der MADRAS-Depressionsskala 31 Punkte erreicht worden
seien, was im unteren Bereich einer schweren Störung liege. Auch das Ergebnis auf der
Hamiltonskala deute auf eine schwere depressive Störung im unteren Bereich hin.
Somit könne keine Rede davon sein, dass es sich um rein oder vorwiegend subjektive
Empfindungen der Versicherten gehandelt habe. Das Gutachten und die Ergänzung
seien somit widersprüchlich. Wenn die effektiv zumutbare Arbeitsfähigkeit nur durch
eine langfristige Beobachtung an einer adaptierten Arbeitsstelle ermittelt werden
könne, sei es dem Sachverständigen gar nicht möglich gewesen, etwas Konkretes zur
Arbeitsfähigkeit zu sagen. Es sei deshalb nicht nachvollziehbar, weshalb eine
Arbeitsunfähigkeit von 40% angegeben worden sei, zumal eine Verschlechterung des
Gesundheitszustands eingetreten sei. Das Gutachten habe offensichtlich darauf
abgezielt, eine gleichbleibende Arbeitsunfähigkeit zu attestieren, um damit der IV-Stelle
dienlich zu sein. Das Gutachten sei zudem nicht korrekt, weil nicht mindestens drei
Expertisen enthalten seien, weil die psychiatrische Untersuchung nur eine Stunde und
15 Min. gedauert habe und weil erneut die MEDAS beigezogen worden sei. Es zeige
sich nämlich klar, dass die Sachverständigen trotz verschlechterter Verhältnisse nicht
vom letzten Gutachten hätten abweichen wollen. Dr. G._ hielt dazu am 24. August
2011 fest (IV-act. 258), die Fremdbeurteilungsskalen hiessen so, weil nicht der Patient,
sondern der Untersucher den standardisierten Fragebogen ausfülle. Sie beruhten aber
auf den Aussagen der Patienten und seien deshalb im Endeffekt subjektiv. Für die
Diagnose und zur Festlegung der Schwere der Depression sei der Untersucher aber auf
das klinische Bild angewiesen. Deshalb sei es nichts Aussergewöhnliches, wenn der
Untersucher zu einem anderen Schweregrad der Depression komme, als in der
Fremdbeurteilungsskala suggeriert werde. Mit Verfügung vom 1. September 2011 wies
die IV-Stelle das Gesuch der Versicherten ab (IV-act. 259).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Die Versicherte liess am 5. Oktober 2011 Beschwerde erheben und die Zusprache
mindestens einer halben unbefristeten Invalidenrente beantragen (act. G 1). Die
Begründung entsprach weitgehend den Vorbringen im Vorbescheidsverfahren.
Zusätzlich wurde geltend gemacht, die Behauptung, die Fremdbeurteilungsskalen
seien im Endeffekt subjektiv, weil sie auf den Angaben der Patienten beruhten (der
Untersucher fülle lediglich die Fragebögen aus), sei unhaltbar. Diese Skalen gäben
deshalb nicht nur die rein oder überwiegend subjektiven Empfindungen der
Beschwerdeführerin wieder. Das Untersuchungsergebnis sei nicht schlüssig, nicht
nachvollziehbar und vor allem widersprüchlich. Zudem beruhe es auf einem
voreingenommenen und willkürlichen Verhalten der Sachverständigen.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 21. November 2011 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Sie wies darauf hin, dass die Beschwerdeführerin psychiatrisch,
neurologisch und rheumatologisch abgeklärt worden sei. Die Leiden am linken Knie
und am linken Fuss seien also fachmännisch beurteilt worden. Von der Dauer der
psychiatrischen Abklärung könne nicht auf deren Qualität geschlossen werden. Der
psychiatrische Sachverständige habe sich auf eine umfassende Anamnese und die
Vorakten gestützt, er sei ausführlich auf die Angaben der Beschwerdeführerin
eingegangen und die Befundlage und die abschliessende Beurteilung hätten im
Gutachten einen breiten Raum eingenommen. Die psychiatrische Beurteilung beruhe
also auf einer ausreichenden Untersuchung. Eine Verlaufsbegutachtung könne durch
denselben Sachverständigen erfolgen, ohne diesen als befangen erscheinen zu lassen.
Es sei zulässig, dass sich medizinische Sachverständige zur Komorbidität und zu den
Foerster'schen Kriterien äusserten. Den Fremdbeurteilungsskalen komme für die
Arbeitsfähigkeitsschätzungen keine Bedeutung zu, da sie auf den oft pessimistischen
Einschätzungen der Versicherten beruhten. Eine anhaltende somatoforme
Scherzstörung zusammen mit einer mittelgradigen depressiven Episode schränke die
Arbeitsfähigkeit nur ein, wenn es sich bei letzterer um eine Komorbidität von
erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer handle. Das sei vorliegend nicht der Fall,
so dass aus psychiatrischer Sicht von einer vollen Arbeitsfähigkeit ausgegangen
werden könne. Da sich der Gesundheitszustand seit dem 29. August 2005 nicht
verbessert habe, könne die laufende Rente aber mangels eines Revisionsgrunds nicht
aufgehoben werden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin wandte am 20. Dezember 2011 ein
(act. G 6), die schwere depressive Störung im unteren Bereich sei eine Komorbidität
von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer, welche die Arbeitsfähigkeit ernstlich
einschränke. Die Beschwerdegegnerin verharmlose aktenwidrig den
Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin.
B.d Die Beschwerdegegnerin liess sich nicht mehr vernehmen.

Erwägungen:
1.
1.1 Mit Verfügung vom 29. August 2005 hat die Beschwerdegegnerin ein Rentenrevi
sionsgesuch der Beschwerdeführerin abgewiesen. Darin hat sie einen (internen bzw.
amtlichen) Revisionstermin (08/2009) festgesetzt. Dementsprechend hat sie der
Beschwerdeführerin am 12. August 2009 den Fragebogen für die Rentenrevision
zugestellt. Dieser Fragebogen dient praxisgemäss (in Analogie zu Art. 87 Abs. 3 IVV)
der Beantwortung der Frage, ob Anzeichen für eine rentenrelevante Veränderung des
Invaliditätsgrads vorliegen, so dass es sich rechtfertigt, von Amtes wegen ein
Rentenrevisionsverfahren (Art. 17 Abs. 1 ATSG) zu eröffnen. In diesem Fragebogen hat
die Beschwerdeführerin zwei Operationen (2006 und 2009) angegeben. Diese
Operationen sind von der Beschwerdegegnerin – zu Recht – als Indizien dafür gewertet
worden, dass eine rentenrelevante Veränderung des Invaliditätsgrads eingetreten sein
könnte. Die Eröffnung eines Rentenrevisionsverfahrens von Amtes wegen war somit
rechtmässig. Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet deshalb das
Ergebnis eines Rentenrevisionsverfahrens bzw. eine Verfügung, mit der ein
Rentenrevisionsbedarf verneint worden ist.
1.2 Zeitlicher Ausgangspunkt für die Beurteilung einer anspruchserheblichen
Änderung des Invaliditätsgrads ist die letzte rechtskräftige Verfügung, die auf einer
materiellen Prüfung des Rentenanspruchs mit rechtskonformer Sachverhaltsabklärung,
Beweiswürdigung und Durchführung eines Einkommensvergleichs beruht. Unerheblich
ist dabei, ob die letzte umfassende Überprüfung eine Änderung des Invaliditätsgrads
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ergab oder nicht (BGE 133 V 108 E. 5). Vorliegend schloss die Beschwerdegegnerin mit
Verfügung vom 29. August 2005 ein Revisionsverfahren ab mit dem Ergebnis eines
unveränderten Rentenanspruchs (IV-act. 91). Diese Beurteilung kam nach einer
materiellen Prüfung zustande, insbesondere nach Berücksichtigung des MEDAS-
Gutachtens vom 17. Februar 2005. Die Verfügung erwuchs unangefochten in
Rechtskraft. Folglich ist der Sachverhalt, wie er sich im August 2005 präsentierte, zu
vergleichen mit jenem bei Erlass der angefochtenen Verfügung vom 1. September
2011.
1.3 Das Rentenrevisionsverfahren wurde wie erwähnt im Jahr 2009 eröffnet und mit
der angefochtenen Verfügung vom 1. September 2011 beendet. Die per 1. Januar 2012
in Kraft getretene Rechtsänderung (IV-Revision 6a) und insbesondere deren
Schlussbestimmung sind daher auf die vorliegend relevanten Fragestellungen nicht
anwendbar. Die allfällige Anwendung der Schlussbestimmung hat die
Beschwerdegegnerin gegebenenfalls ausserhalb dieses Verfahrens zu prüfen.
2.
2.1 Der Grad der für den Rentenanspruch massgebenden Invalidität ist gemäss
Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 16 ATSG durch einen Einkommensvergleich
zu ermitteln, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person durch eine ihr
zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Erwerbseinkommen, das sie
erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen).
Wichtigstes Element der Bemessung des zumutbaren Invalideneinkommens – und
damit auch des Invaliditätsgrads – ist in der Regel der Arbeitsfähigkeitsgrad in einer der
Gesundheitsbeeinträchtigung angepassten Tätigkeit. Im Rentenrevisionsverfahren stellt
sich deshalb meist als erstes die Frage, ob sich der Arbeitsfähigkeitsgrad seit der
Rentenzusprache bzw. seit der letzten revisionsweisen Anpassung der Invalidenrente
verändert hat.
2.2 In Bezug auf den somatischen Gesundheitszustand wurde im Gutachten vom
17. Februar 2005 festgehalten, dass das lumboischialgiforme Schmerzsyndrom klinisch
und radiologisch nur wenig objektivierbar sei. Zentral für die auf 40% geschätzte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsunfähigkeit waren nicht die somatischen, sondern die psychischen Probleme.
Die psychiatrischen Diagnosen bestanden in einer anhaltenden somatoformen
Schmerzstörung und einer rezidivierenden depressiven Störung mit leichter Episode
ohne somatische Symptome. Wie bereits im Gutachten aus dem Jahr 1999 wurde eine
Arbeitsunfähigkeit von 40% angegeben, sodass der Invaliditätsgrad von 46%
unverändert bestehen blieb.
2.3
2.3.1 Die im Rahmen des Rentenrevisionsverfahrens angestellte strittige
Invaliditätsbemessung beruht auf dem Gutachten vom 31. März 2011. Aus den Akten
ergeben sich keine Hinweise auf eine Befangenheit der am Gutachten vom 31. März
2011 beteiligten Sachverständigen. Der Vorwurf der Beschwerdeführerin, die
Sachverständigen der MEDAS seien "vorbefasst" gewesen, weil sie sie schon früher
begutachtet hätten, ist nicht stichhaltig, denn das Ziel dieser Verlaufsbegutachtung ist
die Prüfung der aktuellen Situation im Hinblick auf eine allfällige Veränderung seit der
letzten massgebenden Begutachtung gewesen. Es ist also nicht darum gegangen, die
letzte bzw. eine noch frühere Begutachtung auf deren Richtigkeit zu prüfen. Deshalb ist
nicht anzunehmen, dass eine "Vorbefasstheit" bestanden hat. Vielmehr ist es sinnvoll
gewesen, die früheren Sachverständigen mit einer Verlaufsbegutachtung zu betrauen,
denn diese sind mit dem Sachverhalt vertraut gewesen, so dass es ihnen leichter
gefallen ist, eine Veränderung festzustellen. Von einer generellen Befangenheit der
Sachverständigen der MEDAS ist nicht auszugehen, schon weil die
Invalidenversicherung und deren Durchführungsorgane dem Legalitätsprinzip, dem
Gleichbehandlungs- und dem Untersuchungsgrundsatz verpflichtet sind.
Zusammengefasst besteht also keine Veranlassung, aus formalen Gründen an der
Beweiskraft des Gutachtens vom 31. März 2011 zu zweifeln.
2.3.2 Zu prüfen bleibt, ob dieses Gutachten inhaltlich zu überzeugen vermag. Die
Dauer der psychiatrischen Exploration ist für die Beurteilung der Qualität der
Begutachtung in der Regel irrelevant, denn diese besteht ja nicht nur aus der
Exploration, sondern auch aus dem Studium der Akten und der Bewertung des
Ergebnisses der Exploration. Da der Zeitaufwand im vorliegenden Fall nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aussergewöhnlich kurz gewesen ist, erweist sich der entsprechende Vorwurf der
Beschwerdeführerin als unberechtigt.
2.3.3 In somatischer Hinsicht sind verschiedene neue Diagnosen erhoben worden:
Die Untersuchung des chronifizierten lumboischialgiformen Schmerzsyndroms links
nach der Diskushernien-Operation L4/5 links im Jahr 2006 hat keine Hinweise auf eine
persistierende lumbale Kompressionssymptomatik ergeben, d.h. die Operation ist
langfristig erfolgreich gewesen. Es sind zwar Restbeschwerden festzustellen gewesen,
aber diese sind nur geeignet gewesen, die Arbeitsfähigkeit qualitativ zu
beeinträchtigen, d.h. die behinderungsbedingte Tätigkeit noch enger zu definieren.
Dasselbe gilt für die Auswirkungen der Fuss- und Kniebeschwerden; auch sie
schränken die behinderungsadaptierte Tätigkeit weiter ein, haben aber bezogen auf
eine ideal behinderungsadaptierte Tätigkeit keine Einschränkung der quantitativen
Arbeitsfähigkeit zur Folge. Während bei der Begutachtung im Jahr 2005 noch
Hinterkopf-Schmerzen erwähnt wurden, die erst seit Kürzerem alle zwei bis drei Tage
aufträten (IV-act. 82 S. 3), klagte die Beschwerdeführerin bei der Begutachtung 2011
über praktisch täglich bestehende Kopfschmerzen (IV-act. 244 S. 3). Diese sind jedoch
nicht auf degenerative Veränderungen der HWS, sondern auf einen
Analgetikamissbrauch zurückzuführen. Die Feststellung der Sachverständigen, dass
diese Kopfschmerzen keine Arbeitsunfähigkeit zur Folge hätten, beruht auf der effektiv
bestehenden Situation und nicht auf einem hypothetischen Zustand nach einer
erfolgreichen Entzugsbehandlung. Auch hier besteht keine Veranlassung, an den
Erkenntnissen der Sachverständigen zu zweifeln. Die seit 2005 eingetretenen
Veränderungen des somatischen Gesundheitszustands haben also mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nur eine qualitative Einschränkung, d.h. eine Verringerung der Zahl
der behinderungsbedingt noch in Frage kommenden Arbeitsplätze zur Folge. In einer
adaptierten Tätigkeit ist die Beschwerdeführerin – aus rein somatischer Sicht – nach
wie vor nicht in ihrer (quantitativen) Arbeitsfähigkeit eingeschränkt.
2.3.4 In psychiatrischer Hinsicht ist keine neue Krankheit aufgetreten, aber die
Diagnose hat sich in Bezug auf den Schweregrad verändert. Die depressive Störung,
die 2005 noch als leichte depressive Episode betrachtet wurde, ist neu als mittelgradig
eingeschätzt worden. Entgegen der von der Beschwerdegegnerin im
Beschwerdeverfahren vertretenen Auffassung ist die Kombination aus einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anhaltenden somatoformen Schmerzstörung und einer rezidivierenden depressiven
Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode mit somatischen Symptomen, nicht
irrelevant für die Arbeitsfähigkeit, denn die Symptome der Depression (wie
insbesondere die Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit und die Antriebs- und
Aktivitätsminderung) sind dann, wenn sie ein erhebliches Ausmass aufweisen,
willensmässig nicht oder nur teilweise überwindbar. Bei einer mittelgradigen
Depression dürfte es in der Regel nicht möglich sein, mittels einer zumutbaren
Willensanstrengung sämtliche Beeinträchtigungen so weitgehend zu überwinden, dass
die Arbeitsfähigkeit nicht eingeschränkt ist. Das Ergebnis des Einsatzes von
Depressionsfremdbeurteilungsskalen beruht, worauf der RAD und auch der
psychiatrische Sachverständige der MEDAS hingewiesen haben, auf den
Selbstangaben der Beschwerdeführerin. Diese Skalen dürften nicht oder nur bedingt
geeignet sein, (bewusste oder unbewusste) Verdeutlichungs- oder
Aggravationstendenzen einer Explorandin aufzuzeigen, da sie für den therapeutischen
und nicht für den gutachterlichen Einsatz entwickelt worden sind. Die Einschätzung des
Schweregrads einer depressiven Erkrankung – und damit auch die Einschätzung des
Arbeitsfähigkeitsgrads – darf nicht allein und direkt auf dem Ergebnis des Einsatzes
dieser Skalen beruhen, denn es ist damit zu rechnen, dass dieses Ergebnis – als Folge
einer Verdeutlichungs- oder Aggravationstendenz – auf eine zu starke Ausprägung der
Depression hinweist. Es muss deshalb durch das Ergebnis der klinischen
Untersuchung verifiziert werden. Diesbezüglich ist im Gutachten vom 31. März 2011
überzeugend dargelegt worden, dass die klinische Untersuchung der
Beschwerdeführerin eine deutlich geringere Ausprägung der Depression ergeben habe,
als das Ergebnis der Anwendung der Depressionsskalen hätte erwarten lassen. Einem
psychiatrischen Sachverständigen bleibt in einer solchen Situation nichts anderes
übrig, als ermessensweise abzuwägen. Das ändert aber grundsätzlich nichts daran,
dass auch die Arbeitsfähigkeitsschätzung, die sich auf widersprüchliche
Abklärungsergebnisse hat stützen müssen, dem erforderlichen Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit genügen kann.
2.3.5 Die Beschwerdeführerin hat einwenden lassen, dass sich medizinisch nicht
erklären lasse, weshalb eine leichte und eine mittelgradige Episode einer
rezidivierenden Depression ein und denselben Arbeitsfähigkeitsgrad (40%) zur Folge
haben sollten. Die Auswirkungen der mittelgradigen Episode auf die Arbeitsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sind tatsächlich erheblich stärker als diejenigen einer milden Episode. So können etwa
leichte Konzentrationsstörungen willensmässig noch zu einem grossen Teil
kompensiert werden, aber bei starken Konzentrationsstörungen ist das offensichtlich
nicht mehr möglich. Das Ergebnis der psychiatrischen Begutachtung dürfte darauf
zurückzuführen sein, dass die Kriterien zur Bemessung der Arbeitsfähigkeit bei
Personen, die an einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung in Kombination mit
einer rezidivierenden depressiven Erkrankung leiden, beginnend mit dem
höchstrichterlichen Urteil BGE 130 V 352 erheblich verschärft worden sind. Die
Sachverständigen haben in ihrem Gutachten vom 31. März 2011 – anders als noch
Anfang 2005 – wohl diese neuen, schärferen Kriterien zur Anwendung gebracht, so
dass trotz einer Verschlechterung der gesundheitlichen Situation wieder dieselbe
Arbeitsfähigkeit resultiert hat. Die revisionsrechtlich relevante
Sachverhaltsveränderung, die an sich geeignet gewesen wäre, eine Erhöhung des
Invaliditätsgrads zu bewirken, ist demnach überlagert worden von einer
Praxisänderung, die an sich eine Reduktion des Invaliditätsgrads bewirkt hätte.
2.3.6 Das Bundesgericht hat nun aber im Urteil BGE 135 V 201 E. 7 festgehalten,
dass diese Praxisänderung keinen hinreichenden Grund bilde, um unter dem Titel der
Anpassung an einen geänderten Rechtszustand eine laufende Rente, die früher formell
rechtskräftig zugesprochen wurde, zu reduzieren oder einzustellen. Dem liegen primär
vertrauensschutzrechtliche Überlegungen zugrunde: Bleibt eine Verbesserung des
Gesundheitszustands bzw. der Arbeitsfähigkeit aus oder kommt es sogar zu einer
subjektiv empfundenen gesundheitlichen Verschlechterung, rechnet die
rentenbeziehende Person nicht mit einer Reduktion bzw. Einstellung der Rente.
Insofern soll eine Art "Besitzstandswahrung" zum Tragen kommen. Der so verstandene
Vertrauensschutz kann aber nicht so weit führen, dass bei einer allfälligen
Verschlechterung des Gesundheitszustands in Ignoranz der Praxisänderung bzw.
Praxisverschärfung ein Anspruch auf eine Leistungserhöhung besteht, die nur unter
fortdauernder Anwendung der alten Praxis zustande kommt. Auch aus Gründen der
Rechtsgleichheit geht es (ausserhalb der vertrauensschutzrechtlichen
"Besitzstandswahrung") nicht an, die verschärfte Praxis nur auf erstmalige
Rentenprüfungen, nicht aber – für die Zukunft – auch auf Revisionsfälle zur Anwendung
zu bringen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3.7 Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass der psychiatrische Gutachter im
Rahmen seiner Begutachtung vom 8. Februar 2011 zu Recht die von der
Rechtsprechung als massgebend bezeichneten Foerster'schen Kriterien für die
Annahme der Unzumutbarkeit einer willentlichen Schmerzüberwindung und eines
Wiedereinstiegs in den Arbeitsprozess in seiner Arbeitsfähigkeitsschätzung
berücksichtigt hat. Dass er folglich trotz der eine Verschlechterung anzeigenden
Diagnosestellung die Arbeitsunfähigkeit auf 40% festlegte – wie dies bereits in den
Jahren 1999 und 2005 der Fall gewesen war –, ist vor diesem Hintergrund durchaus
nachvollziehbar. Die Einschätzung erscheint insgesamt als schlüssig. Folglich ist
gestützt auf die vorstehenden Erwägungen auch die Gesamtbeurteilung der Gutachter
plausibel.
3.
3.1 Gestützt auf eine Arbeitsfähigkeit von 60% in leidensadaptierten Tätigkeiten hat
die Beschwerdegegnerin zu Recht verfügt, dass weiterhin Anspruch auf die bisherige
Rente bestehe. Das Gesuch um Rentenerhöhung hat sie entsprechend rechtmässig
abgewiesen. Damit ist die Beschwerde abzuweisen.
3.2 Die unterliegende Beschwerdeführerin hat keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung und sie hat für die Gerichtskosten aufzukommen. Da der
Beurteilungsaufwand als durchschnittlich zu betrachten ist, wird die Gerichtsgebühr
praxisgemäss auf Fr. 600.-- festgesetzt. Diese Gebühr ist durch den von der
Beschwerdeführerin geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 600.-- gedeckt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP