Decision ID: ca1d9417-0162-58bd-8ad4-c95c362a8cde
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der minderjährige Beschwerdeführer reichte am 6. Dezember 2020 in der
Schweiz ein Asylgesuch ein. Am 7. Januar 2021 fand im Bundesasylzent-
rum (BAZ) B._ eine Erstbefragung für unbegleitete minderjährige
Asylsuchende (UMA) statt (Protokoll in den SEM-Akten 1083187-21/17 [in
der Folge A21]); am 26. Januar 2021 wurde er eingehend angehört (Proto-
koll in den SEM-Akten 1083187-27/13 [in der Folge A27]). Dabei brachte er
vor, er sei afghanischer Staatsangehöriger, ethnischer Hazara und stamme
aus C._, Bezirk D._, Provinz E._ (Zentralafghanis-
tan), wo er bis zu seiner Ausreise mit seiner Familie gelebt und (...) Jahre
lang die Schule besucht habe. Seine Eltern, seine drei Schwestern und
seine fünf Brüder lebten noch immer dort.
Zur Begründung seines Asylgesuchs gab er im Wesentlichen an er habe
sich in die Tochter (...) verliebt. Dieser sei während des Bürgerkrieges (...)
gewesen und arbeite heute mit den Taliban zusammen. Er habe (...) nur
im Versteckten treffen können, da es sich in der afghanischen Gesellschaft
nicht gehöre, dass sich Knaben und Mädchen, die älter als 8 oder 10 Jahre
alt seien, treffen würden. Eines Tages hätten sie sich zufällig getroffen und
bei einem Brunnen zusammengesessen, wo er sich ihr defektes Handy
angesehen habe. Die Mutter seiner Freundin habe sie so zusammensit-
zend gesehen und (...) informiert. Am Abend seien vier maskierte und be-
waffnete Männer vor dem Haus seiner Familie aufgetaucht und hätten nach
ihm gesucht. Seine Mutter habe ihn versteckt und den Männern gesagt, er
sei nicht zu Hause. In derselben Nacht habe sie ihn zum Bazar bezie-
hungsweise zu seiner Tante gebracht, wo sie ihn seinem Cousin überge-
ben habe, der ihn in die Türkei bringen würde. Dies sei sein Hauptvorbrin-
gen. Im Übrigen würden Personen der Ethnie der Hazara von den Taliban
besonders stark bedroht und auch von der Regierung benachteiligt. Er
selbst sei während seines zweijährigen Aufenthalts in F._ von ei-
nem afghanischen Staatsangehörigen anderer Ethnie (...). Ausserdem
seien die Möglichkeiten, in seinem Gebiet Sport zu treiben und schulisch
Karriere zu machen, eingeschränkt.
Als Beweismittel legte er einen ärztlichen Kurzbericht (F2-Formular) von
G._ vom 5. Januar 2021 sowie zwei Zahnarztberichte ins Recht.
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B.
Der Beschwerdeführer erhielt am 2. Februar 2021 von der Vorinstanz die
Gelegenheit, zum Entwurf des ablehnenden Asyl- und Wegweisungsent-
scheids Stellung zu nehmen, wovon er gleichentags Gebrauch machte.
C.
Mit Entscheid vom 4. Februar 2021 – am gleichen Tag eröffnet – lehnte das
SEM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und wies ihn aus der
Schweiz weg. Es ordnete aufgrund des für unzumutbar befundenen Voll-
zugs der Wegweisung seine vorläufige Aufnahme an.
D.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer durch die rubrizierte
Rechtsvertreterin am 8. März 2021 Beschwerde beim Bundesverwaltungs-
gericht. Er beantragt, die Dispositivziffern 1 bis 3 der angefochtenen Verfü-
gung seien aufzuheben und er sei unter Asylgewährung als Flüchtling an-
zuerkennen. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung an die Vorin-
stanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht ersucht er um unentgeltli-
che Prozessführung sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
Als Beweismittel legte er einen aktuellen Arztbericht (F2-Formular) der
H._ vom 4. Februar 2020 bei.
E.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
9. März 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG [SR
142.31]).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG in Verbindung mit Art. 10 der Verordnung über Massnahmen
im Asylbereich im Zusammenhang mit dem Coronavirus vom 1. April 2020
[Covid-19-Verordnung Asyl, SR 142.318]; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52
Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Prüfungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Fragen der
Flüchtlingseigenschaft, des Asyls und der Wegweisung (Ziffern 1-3 der an-
gefochtenen Verfügung).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
5.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
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Seite 5
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
6.
6.1 Die Vorinstanz begründet ihren Asylentscheidentwurf zum einen damit,
die Vorbringen des Beschwerdeführers hinsichtlich der geltend gemachten
Unterdrückung der Hazara und der allgemeinen Lebensbedingungen in Af-
ghanistan seien nicht asylrelevant. Der vorgebrachte (...) habe in
F._ und somit in einem Drittstaat stattgefunden. Den Angaben des
Beschwerdeführers könne nicht entnommen werden, dass dieser zu einer
asylbeachtlichen Verfolgungssituation in der Heimat führen können würde.
Die für die Annahme einer Kollektivverfolgung gestellten hohen Anforde-
rungen seien im Falle der Hazara in Afghanistan nicht erfüllt. Weiter würden
die Vorbringen, welche die allgemeine Sicherheitslage oder die schuli-
schen Perspektiven in Afghanistan beträfen, Nachteile beinhalten, die auf
die allgemeinen politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Lebensbedin-
gungen zurückzuführen seien. Diese beträfen die in Afghanistan ansässige
Zivilbevölkerung gleichermassen und stellten deshalb keine asylbeachtli-
che Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG dar.
Zum anderen befand die Vorinstanz die Vorbringen des Beschwerdefüh-
rers betreffend die geltend gemachte Liebesbeziehung mit (...) für nicht
glaubhaft. Er habe nicht erklären können, wie die Beziehung unter den er-
schwerten Umständen überhaupt habe zustande kommen können. Es
wäre zu erwarten gewesen, dass er mehr darüber hätte berichten können,
wie es ihm unter den beschriebenen Bedingungen gelungen sei, eine Be-
ziehung einzugehen, und was er dafür auf sich genommen habe. Vor dem
Hintergrund des angeblich strikten Abstandgebotes und der Angabe, wo-
nach sie sich stets heimlich getroffen hätten, sei zudem schwer nachvoll-
ziehbar, dass sie sich im Bewusstsein der Gefahr öffentlich bei einem Brun-
nen unterhalten hätten. Er sei ausserdem wiederholt zum geltend gemach-
ten Überfall befragt worden, habe aber keine anschaulichen Details nen-
nen können. Auch die Angaben zur Vorbereitung der abrupten Ausreise
seien knapp ausgefallen. Zur Person des (...), den der Beschwerdeführer
in seiner Ehre verletzt habe, habe er ebenfalls keine detaillierten Angaben
machen können. Zu dessen Tätigkeiten befragt, habe er angegeben, dass
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er mit den Taliban zusammenarbeite. Er habe diese Annahme jedoch le-
diglich mit dem Umstand erklärt, dass der (...) oft verschwinde. Auch diese
Aussage werde vor dem Hintergrund der gesamthaft vagen Angaben als
unzulängliche Schutzbehauptung aufgefasst, mit welcher er sein «Nicht-
wissen» zu erklären versuche. Seinen insgesamt substanzlosen Schilde-
rungen könnten keine Realkennzeichen entnommen werden. Die Angaben
hätten auch ohne jeglichen Erlebnisbezug gemacht werden können.
Hinsichtlich der von der Rechtsvertretung beantragten medizinischen Ab-
klärungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem geltend gemachten
(...) und den (...), sowie des Antrages auf (...) wies das SEM im Ent-
scheidentwurf darauf hin, dass weitere medizinische Abklärungen im gut-
achterlichen Sinn das Ergebnis des Asyl-und Wegweisungsverfahrens
nicht zu beeinflussen vermöchten. An dieser Einschätzung ändere auch
die zwischenzeitlich diagnostizierte (...) nichts, welche gestützt auf die
Aktenlage die Verfahrensschritte nicht nachteilig zu beeinflussen ver-
mocht habe. In antizipierender Beweiswürdigung könne daher auf weitere
Abklärungen verzichtet werden, da diese nicht geeignet seien, den Aus-
gang des Verfahrens zu ändern.
6.2 In seiner Stellungnahme entgegnete der Beschwerdeführer, er habe
anschaulich schildern können, wie er mit (...) gemeinsam aufgewachsen
sei und sie sich mit zunehmenden Alter immer mehr gemocht hätten. Er
habe davon berichtet, wie sie sich heimlich Briefe geschrieben und geplant
hätten, später zu heiraten. Er habe somit alle wesentlichen Punkte zur Ent-
stehung der Beziehung darlegen können. Zur Situation am Brunnen wolle
er ergänzend anmerken, dass dieser sehr abgelegen gewesen sei und sich
abseits, an einem nicht öffentlich zugänglichen Ort, befunden habe. Dass
er mit (...) gesprochen habe, sei aus einer spontanen Situation heraus und
erst, nachdem er sich versichert habe, dass niemand in der Nähe gewesen
sei, erfolgt. Abgesehen von dieser Situation habe er alle nötigen Vorsichts-
massnahmen ergriffen, indem er sich nicht öffentlich mit seiner Freundin
getroffen habe. Insgesamt habe er folglich widerspruchsfreie und in sich
stimmige Angaben zur Beziehung zu (...) und den daraus resultierenden
Problemen gemacht. Eine Würdigung auch derjenigen Gründe, welche für
die Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprächen, sei dem Entwurf
nicht zu entnehmen. Ausserdem sei dem Antrag auf (...) zwar nachgegan-
gen und ein Termin vereinbart worden, dieser finde aber erst im Juni 2021
statt. Es sei jedoch bereits eine (...) diagnostiziert worden und er leide un-
ter starken Nebenwirkungen der einzunehmenden Medikamente, was im
Rahmen der Beurteilung seines Aussageverhaltens nicht berücksichtigt
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worden sei. Folglich sei der medizinische Sachverhalt einerseits nicht voll-
ständig erstellt und die bisher bekannten (...) seien bei der Entscheidfin-
dung andererseits nicht ausreichend berücksichtigt worden.
6.3 Die Vorinstanz übernahm in ihrem Asylentscheid im Wesentlichen die
Erwägungen des Entwurfs. Zur Stellungahme führt sie darin aus, dass es
aufgrund der Abgeschiedenheit des Brunnens umso weniger nachvollzieh-
bar sei, dass plötzlich die Mutter der Freundin am betreffenden Ort aufge-
taucht sein solle. Auch dass sie sich zufällig an diesem abgelegenen Ort
getroffen hätten, erscheine nicht ohne Weiteres nachvollziehbar. Zudem
änderten die Angaben nichts daran, dass die Ausführungen zum Überfall
in seinem Haus derart substanzlos ausgefallen seien, dass ihm nicht ge-
glaubt werden könne, dass er aufgrund der geltend gemachten Umstände
ausgereist sei.
Ergänzend erwägt das SEM, die geltend gemachte Drittverfolgung beruhe
nicht auf einem asylrelevanten Motiv im Sinne von Art. 3 AsylG. Eine asyl-
rechtlich erhebliche Verfolgung ziele auf das Sein einer Person und nicht
auf deren Tun ab. Er mache geltend, dass ihm ein Racheakt drohen
könnte: Mit der Beziehung zu (...) habe er (...) in seiner Ehre verletzt. All-
fällige Repressalien seinerseits würden somit auf sein Tun abzielen und
wären damit keinem asylbeachtlichen Motiv geschuldet.
Der Sachverhalt sei hinreichend erstellt. An dieser Einschätzung ändere
auch die zwischenzeitlich diagnostizierte (...) nichts, welche gestützt auf
die Aktenlage die Verfahrensschritte nicht nachteilig zu beeinflussen ver-
mocht habe. So habe er insbesondere in der Anhörung mehrfach zu Pro-
tokoll gegeben, dass er alles zu seinem Gesuch habe sagen können, was
ihm wichtig erscheine (m.H.a. A27, Rechtliches Gehör nach F85 und F86),
und zu Beginn der Befragung angegeben, dass es ihm gut gehe und er
sich wohlfühle (m.H.a. A27 S. 2). Die Nebenwirkungen der Medikamente
seien in der Anhörung thematisiert worden, der Beschwerdeführer habe
dies aber nicht näher konkretisieren können. Aus den Akten gingen keine
Hinweise dafür hervor, dass er aufgrund der Medikamenteneinnahme
massgebliche Probleme gehabt habe. Weiter könne auch nicht per se und
ohne einschlägige Hinweise davon ausgegangen werden, dass eine diag-
nostizierte (...) seine Aussageverhalten im Allgemeinen beeinflusse. Je-
denfalls würden dafür keine konkreten Anzeichen vorliegen. Es sei somit
nicht ersichtlich, dass sein Aussageverhalten zum massgeblichen Zeit-
punkt in irgendeiner Weise negativ beeinflusst gewesen wäre.
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6.4 Auf Beschwerdeebene bringt der Beschwerdeführer vor, es dürfe nicht
ausser Acht gelassen werden, dass er minderjährig sei und an ihn weniger
hohe Ansprüche gestellt werden dürften, als an eine volljährige Person.
Entgegen der Auffassung der Vorinstanz habe er die Medikamente als sehr
stark bezeichnet und gesagt, diese würden ihn körperlich schwächen, wo-
bei durchaus auch von einem Einfluss auf die Psyche und so auch auf
seine Aussagefähigkeit ausgegangen werden könne. Ausserdem seien
seine einzelnen Angaben in den zentralen Punkten deckungsgleich ausge-
fallen und würden ein zusammenhängendes Gesamtbild wiedergeben. Es
seien auch diverse Realkennzeichen vorhanden. Es könne von einem (...)-
Jährigen überdies nicht erwartet werden, dass er eine Situation, die haupt-
sächlich mit Stress und traumatischem Erleben in Zusammenhang stehe,
abspeichern und drei Jahre später detailliert wiedergeben könne.
Hinsichtlich der Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft unterlasse es
die Vorinstanz, eine detaillierte Prüfung vorzunehmen, und verweise pau-
schal darauf, allfällige Repressalien des (...) würden auf sein Tun abzielen
und wären damit keinem asylbeachtlichen Motiv geschuldet. Dies werde
vorliegend bestritten. So seien aussereheliche Beziehungen (Zina) sowohl
nach dem afghanischen Strafgesetzbuch als auch nach der Scharia straf-
bar. Von der Schutzfähigkeit und -willigkeit der afghanischen Behörden
könne nicht ausgegangen werden. Eine legitime Strafverfolgung liege im
vorliegenden Fall nicht vor, da die bewaffneten und maskierten Personen
offensichtlich nicht der Polizei respektive Regierung angehörten. Damit
liege ein Motiv nach Art. 3 Abs. 1 AsylG vor. Sollte das Gericht diesem An-
trag nicht folgen, so sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, um
das Motiv vertieft zu klären. So könne der (...) ihn aus dem Motiv «Reli-
gion» heraus verfolgt haben. Auf Religion beruhende Verfolgung umfasse
alle Massnahmen aufgrund von Konflikten über die «richtige» Anschauung.
Mit seiner heimlichen Beziehung zu (...) habe er die religiös geprägten Vor-
gaben missachtet. Diesem Verhalten liege klarerweise eine Motivation zu-
grunde, eine innere Haltung hinsichtlich seiner Religion, welche an der An-
hörung mangels Nachfrage zu wenig zum Ausdruck gekommen sei. Sein
Verhalten könne auch als Widerstand gegen traditionelle Strukturen und
somit als politisch angesehen werden, da damit die herrschende Gesell-
schaftsordnung angegriffen werde. (...) habe mit der Taliban zusammen-
gearbeitet, weshalb ein Auflehnen gegen die herrschende Gesellschafts-
ordnung mit ähnlicher Vehemenz verfolgt werden könne, wie die klassische
politische Opposition. Die Vorinstanz habe es unterlassen, den Sachver-
halt diesbezüglich zu klären.
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7.
Vorab ist festzustellen, dass der Sachverhalt auch in Berücksichtigung der
Minderjährigkeit des Beschwerdeführers sowie seiner gesundheitlichen
Beschwerden als vollständig erstellt erachtet werden kann. Zur Begrün-
dung kann vollumfänglich auf die entsprechende Erwägung in der ange-
fochtenen Verfügung verwiesen werden (vgl. ebd. E. IV, S. 7 f.). In der Be-
schwerde wird nur hinsichtlich der materiellen Würdigung noch eine feh-
lende Berücksichtigung dieser Umstände moniert. Darauf ist gegebenen-
falls in der folgenden Erwägung einzugehen.
Auch hinsichtlich der Frage der Asylrelevanz ist der Sachverhalt als erstellt
zu betrachten und es ist nicht ersichtlich, inwiefern sich diesbezüglich spe-
zifische Nachfragen seitens des SEM aufgedrängt hätten. Ergänzend ist
auf die nachfolgende Erwägung 8.2 zu verweisen.
8.
8.1 Das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass – wie die
Vorinstanz zutreffend erwägt – die Ausführungen des Beschwerdeführers
zu erheblichen Zweifeln Anlass geben. Diesbezüglich kann vollumfänglich
auf die vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden, denen der Be-
schwerdeführer in seiner Beschwerde nichts Stichhaltiges entgegenzuset-
zen vermag. So gehen etwa aus den Aktenstellen im Anhörungsprotokoll,
auf die verwiesen wird, keine entscheidenden Realkennzeichen hervor.
Wenn beispielsweise mit Hinweis auf A27 F56 geltend gemacht wird, der
Beschwerdeführer habe die direkte Rede benutzt, worin ein Realkennzei-
chen liege, ist zu entgegnen, dass die sogenannten Realkennzeichen abs-
trakte, von der Aussagepsychologie entwickelte Hinweise sind, die für die
Glaubhaftigkeit von Aussagen sprechen. Sie sind aber stets vor dem kon-
kreten Hintergrund zu beurteilen. Inwiefern aus der in direkter Rede ge-
machten Aussage des Beschwerdeführers "Sie haben gesagt: Wo ist er?
Wir wollen ihn mitnehmen." ein im Rahmen der Gesamtwürdigung ent-
scheidender Hinweis auf die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen hervorgeht,
erhellt nicht. Auch muss letztlich gar nicht bestritten werden, dass sich der
Beschwerdeführer in (...) verliebt habe. Nicht glaubhaft ist nämlich insbe-
sondere, dass er wegen seiner angeblichen jungen Liebe in den Fokus des
(...) geraten wäre, und gar vier bewaffnete Männer ihn aufgesucht hätten
deswegen. Auch die Zusammenarbeit des (...) mit den Taliban vermag er
offensichtlich nicht glaubhaft darzutun, wie das SEM mit Hinweis auf A27
F85 zutreffend feststellt. Es ist abgesehen davon auch schlecht nachvoll-
ziehbar, dass der (...) als Angehöriger der schiitischen Hazara (vgl. auch
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Seite 10
A27 F74) mit den Taliban als Angehörige der Deobandi-Bewegung und da-
mit sunnitisch, zusammenarbeiten würde. Schlecht nachvollziehbar ist
schliesslich die überstürzte Ausreise. Letztlich braucht die Frage der
Glaubhaftigkeit der Vorbringen aus den nachfolgenden Gründen nicht ab-
schliessend geklärt zu werden, womit es sich erübrigt, weiter auf die ent-
sprechenden Vorbringen in der Beschwerde – wie etwa, es sei bei der
Glaubhaftigkeitsprüfung dem Alter des Beschwerdeführers nicht genügend
Rechnung getragen worden – weiter einzugehen.
8.2 Art. 1A des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 Abs. 1 AsylG nennen Rasse, Re-
ligion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe
oder politische Anschauungen als flüchtlingsrechtlich relevante Motive. Die
erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind über ihre sprachlich allenfalls en-
gere Bedeutung hinaus so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen
äusserer oder innerer Merkmale, die untrennbar mit der Person oder Per-
sönlichkeit des Opfers verbunden sind, erfolgt. Verfolgung im Sinne des
Asylgesetzes und der Flüchtlingskonvention erfolgt immer wegen des
Seins, nicht wegen des Tuns. Zwar kann der Verfolger gleichfalls oder so-
gar vordergründig hauptsächlich auf Handlungsweisen einer Person abzie-
len, bedeutsam für die Flüchtlingseigenschaft wird der Eingriff des Verfol-
gers (oder der mangelnde Schutz vor privater Verfolgung bei Schutzunwil-
ligkeit des Staates) aber nur, wenn dieser die hinter einer Handlungsweise
steckende Eigenart und Gesinnung der entsprechenden Person treffen will
(vgl. BVGE 2014/28 E. 8.4.1 m.w.H.).
8.2.1 Ein solches Motiv liegt den geltend gemachten Vergeltungsmassnah-
men durch den (...) des Beschwerdeführers nicht zugrunde. Es kann auch
diesbezüglich auf die entsprechende Erwägung in der vorinstanzlichen
Verfügung verwiesen werden. Der Grund für die behauptete Verfolgung
liege darin, dass der Beschwerdeführer eine Liebesbeziehung geführt
habe, was die Familie seiner Freundin beziehungsweise die afghanische
Gesellschaft nicht toleriert habe. Dass – wie auf Beschwerdeebene ausge-
führt – die Werte, welche dem afghanischen Gesellschaftssystem zu-
grunde liegen, (auch) religiöser Natur sind, ändert daran nichts (vgl. dazu
mutatis mutandis BVGE 2014/28 E. 8.4.5). Eine Verfolgung wegen der Re-
ligion muss darauf abzielen, was die betroffene Person glaubt (oder gerade
nicht glaubt). Der Grund für die Verfolgung muss in diesem Sinne in der
Identität der betroffenen Person liegen, in einem Element, das für ihre per-
sönliche Identität grundlegend ist (vgl. BVGE 2014/28 E. 8.4.5 und Urteil
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Seite 11
des BVGer E-3331/2013 vom 3. Juli 2014 E. 8.4.5). Dies ist beim Be-
schwerdeführer nicht der Fall. Nirgends aus den Akten wird ersichtlich,
dass der (...) den Beschwerdeführer aufgrund seiner Religion oder gar aus
politischen Gründen verfolgt hätte. Es besteht auch kein Anlass, den Ent-
scheid aufzuheben, weil diesbezüglich weitere Abklärungen nötig wären o-
der das SEM die Begründungspflicht verletzt hätte. Der Grund für die Ver-
folgung liegt folglich nicht in der Identität, in einer Eigenschaft des Be-
schwerdeführers, sondern sie zielt lediglich auf sein Handeln ab, nämlich
das Führen einer ausserehelichen Beziehung (vgl. im Ergebnis überein-
stimmend Urteil des BVGer E-1406/2020 vom 26. März 2020 E. 6.1 m.w.H.,
BVGE 2014/28 E. 8.4.5). Aus seinen Ausführungen ist zu schliessen, dass
der (...) durch die Verfolgungsmassnahmen nicht eine Eigenart oder Ge-
sinnung des Beschwerdeführers treffen, sondern vielmehr die Weiterfüh-
rung der Beziehung verhindern sowie ihn für das Führen dieser Beziehung
bestrafen wolle.
Zwar könnten die angedrohten Konsequenzen seitens (...) allenfalls –
würde eine Schutzunfähigkeit oder -unwilligkeit der afghanischen Behör-
den festgestellt – im Rahmen der Wegweisungsvollzugsprüfung, unter dem
Aspekt von Art. 3 EMRK relevant sein. Diesbezüglich ist aber auf die alter-
native Natur der drei Voraussetzungen für einen Verzicht auf den Vollzug
der Wegweisung (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit, BVGE
2009/51 E. 5.4) zu verweisen. Nachdem der Beschwerdeführer aufgrund
der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig in der Schweiz
aufgenommen worden ist, stellt sich diese Frage demnach nicht mehr.
8.2.2 Hinsichtlich der aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den Hazara geltend
gemachten Diskriminierungen und schlechten Lebensumständen in Afgha-
nistan sowie des Übergriffs in F._ ist vollumfänglich auf die zutref-
fenden Erwägungen in der vorinstanzlichen Verfügung zu verweisen. Im
Übrigen hat die Vorinstanz der allgemein schwierigen Lage in Afghanistan
durch die Anordnung der vorläufigen Aufnahme gestützt auf Art. 83 Abs. 4
AIG (SR 142.20) Rechnung getragen.
8.2.3 Insgesamt geht aus den Vorbringen des Beschwerdeführers und den
Akten nicht hervor, dass er wegen einer der vorstehend aufgezählten
flüchtlingsrechtlich erheblichen Verfolgungsgründe oder eines Merkmals,
das untrennbar mit ihm oder seiner Persönlichkeit verbunden ist, verfolgt
wurde respektive er objektiv begründete Furcht vor künftiger entsprechen-
der Verfolgung in seinem Heimatstaat hätte.
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Seite 12
8.3 Zusammenfassend hat der Beschwerdeführer nichts vorgebracht oder
ergibt sich nichts aus den Akten, was geeignet wäre, seine Flüchtlingsei-
genschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Die Vor-
instanz hat daher sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
9.
9.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
9.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
11.
11.1 Mit dem vorliegenden Entscheid in der Hauptsache ist das Gesuch
um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos
geworden.
11.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG), zumal sich
die Beschwerde als aussichtslos im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG erwie-
sen hat. Gestützt auf Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]) kann jedoch auf die Erhebung von Verfahrenskos-
ten vom auch heute noch minderjährigen Beschwerdeführer verzichtet
werden.
(Dispositiv nächste Seite)
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