Decision ID: dc68d52e-23d6-4b71-8c60-19b5e5cdecff
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VB
Chamber: SG_VB_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Sachverhalt
A.
B._ und C._, beide X._, sind Eigentümer von Grundstück
Nr. 001, Grundbuch Z._, an der I._strasse in Z._. Das Grund-
stück liegt gemäss geltendem Zonenplan der Gemeinde Z._ vom
20. Oktober 1992 in der Wohnzone (W2). Es ist mit einem Einfamilien-
haus überbaut.
B.
a) Mit Baugesuch vom 2. Juli 2018 beantragten B._ und C._
bei der Gemeinde Z._ die Baubewilligung für die Erstellung eines
neuen Einfamilienhauses mit Doppelgarage und Schwimmbecken.
b) Innert der Auflagefrist vom 29. August bis 11. September 2018
erhob A._, Y._, Eigentümer der Grundstücke Nrn. 002 und 003,
Einsprache gegen das Bauvorhaben. Er rügte die Nichteinhaltung der
Grenzabstände.
c) Mit Beschluss vom 23. Oktober 2018 erteilte der Gemeinderat
Z._ die Baubewilligung unter Bedingungen und Auflagen und wies
die Einsprache von A._ ab. Gleichzeitig auferlegte er dem Einspre-
cher die Entscheidgebühr von Fr. 500.–. Er begründete seinen Ent-
scheid damit, dass für An- und Nebenbauten nur der verminderte
Grenzabstand gelte. Das Schwimmbecken sei eine Anlage, weshalb
dieses überhaupt keine Grenzabstände einzuhalten habe. Das Bau-
vorhaben halte sämtliche Grenzabstandsvorschriften ein. Weil damit
die Einsprache abgewiesen und die Baubewilligung erteilt werde, habe
A._ die Kosten zu tragen.
C.
Gegen diesen Beschluss erhob A._ mit Schreiben vom 12. Novem-
ber 2018 Rekurs beim Baudepartement. Es wird folgender Antrag ge-
stellt:
Die Baubewilligung vom 29. Oktober sei aufzuheben.
Zur Begründung wird geltend gemacht, das Bauprojekt verletze die
reglementarisch festgelegten Grenzabstände.
D.
a) Mit Vernehmlassung vom 19. Dezember 2018 beantragt die
Vorinstanz den Rekurs abzuweisen. Zur Begründung verweist sie auf
den Einspracheentscheid.
b) Mit Schreiben vom 21. Februar 2019 wurde das vorliegende
Verfahren aufgrund von Vergleichsgesprächen sistiert. Diese blieben
ergebnislos, weshalb das Verfahren in der Folge weitergeführt wurde.
c) Mit Schreiben vom 21. Mai 2019 zeigt lic.iur. Markus Joos,
Rechtsanwalt, St.Gallen, die Übernahme der Interessenvertretung des
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 65/2019), Seite 3/7
Rekurrenten an und verlangt Akteneinsicht. Mit Schreiben vom
1. Juli 2019 hält er grundsätzlich am Rekurs seines Klienten fest. Er-
gänzend führt er aus, die Vorinstanz habe dem Rekurrenten bzw. da-
maligen Einsprecher zu Unrecht eine Entscheidgebühr auferlegt.
E.
Auf die weiteren Ausführungen der Verfahrensbeteiligten in den vor-

genannten Eingaben wird – soweit erforderlich – in den Erwägungen
eingegangen.
Erwägungen
1.
1.1 Die Zuständigkeit des Baudepartementes ergibt sich aus
Art. 43bis des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1;
abgekürzt VRP).
1.2 Die Frist- und Formerfordernisse von Art. 47 Abs. 1 und Art. 48
VRP sind erfüllt. Die Rekursberechtigung ist gegeben (Art. 45 VRP).
Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.
Am 1. Oktober 2017 ist das Planungs- und Baugesetz (sGS 731.1;
abgekürzt PBG) in Kraft getreten und das Baugesetz vom 6. Juni 1972
(nGS 8, 134; abgekürzt BauG) aufgehoben worden (Art. 172 Bst. a
PBG). Die neuen Regelungen im PBG finden allerdings in der Regel
auf Baugesuche erst dann Anwendung, wenn die kommunalen Rah-
mennutzungspläne revidiert und in Kraft gesetzt sind. Mithin sind – so-
weit vorliegend überhaupt relevant – weiterhin das BauG und das ent-
sprechende Baureglement anwendbar, mit Ausnahme der gemäss An-
hang zum Kreisschreiben „Übergangsrechtliche Bestimmungen im
PBG“ vom 8. März 2017 (Baudepartement SG, Juristische Mitteilun-
gen 2017/I/1) als unmittelbar anwendbar erklärten Bestimmungen.
3.
Der Rekurrent macht geltend, das Bauprojekt verletze die Grenzab-
standsvorschriften in mehrfacher Hinsicht. Bei dem südwestlichen Ge-
bäudeteil handle es sich nicht um eine Anbaute. Aufgrund seiner Funk-
tion, des Erscheinungsbilds und der Materialisierung sei der gedeckte
Sitzplatz Teil der Hauptbaute, weshalb der ordentliche Grenzabstand
von 8 m einzuhalten sei. Weiter grenze direkt an das Baugrundstück
ein landwirtschaftlich genutztes Grundstück. Deshalb sei nicht nach-
vollziehbar, weshalb ein Schwimmbecken keine Grenzabstandsvor-
schriften einzuhalten hätte.
3.1 Gemäss Art. 10 des Baureglementes der Gemeinde Z._ vom
10. Mai 2010 (nachfolgend BauR) beträgt in der Wohnzone W2 der
grosse Grenzabstand 8 m und der kleine 4 m. Der grosse Grenzab-
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 65/2019), Seite 4/7
stand ist gegenüber der am stärksten nach Süden gerichteten Längs-
fassade, der kleine Grenzabstand auf den übrigen Gebäudeseiten ein-
zuhalten (Art. 10 Ziff. 4 BauR). Für An- und Nebenbauten gilt ein ver-
minderter Grenzabstand von 3 m (Art. 16 Abs. 8 BauR).
3.2 Vorliegend ist unbestritten, dass sowohl der gedeckte Sitzplatz
als auch das Schwimmbecken innerhalb des grossen Grenzabstands
von 8 m zu liegen kommen. Fraglich ist, ob der verminderte Grenzab-
stand von 3 m für den gedeckten Sitzplatz als Anbaute bzw. kein
Grenzabstand für das Schwimmbecken als Anlage anzunehmen sind.
3.3 Art. 78 Abs. 2 Bst. a BauG erwähnt Anbauten neben Neu-,
Um-, Auf- und Nebenbauten ausdrücklich als Tatbestände, welche ei-
ner Baubewilligung bedürfen. Eine weiterführende Definition einer An-
baute fehlt im BauG. Nicht unmittelbar anwendbar ist der neue
Art. 75 PBG, wonach Anbauten mit einem anderen Gebäude zusam-
mengebaut sind, in ihren Dimensionen die zulässigen Masse nicht
überschreiten und nur Nebennutzflächen enthalten (Anhang zum
Kreisschreiben „Übergangsrechtliche Bestimmungen im PBG“ vom
8. März 2017; Baudepartement SG, Juristische Mitteilungen 2017/I/1).
Somit sind vorliegend in erster Linie die gängige baurechtliche Defini-
tion und die dazugehörige Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtes
weiterhin von Bedeutung. Als Anbauten gelten danach an das Haupt-
gebäude angebaute untergeordnete Bauten (B. HEER, St.Gallisches
Bau- und Planungsrecht, Bern 2003, Rz. 688). Massgebende Kriterien
sind nach der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung insbesondere
die architektonische Gestaltung, die optische und/oder funktionale Un-
terordnung, die konstruktive Trennung und die funktionale Eigenstän-
digkeit. Anbauten lehnen sich an die Fassade eines Hauptgebäudes
an, sind von diesem aber durch eine Innenwand getrennt. Sie müssen
deutlich als Anbau erkennbar sein und beseitigt werden können, ohne
dass das Hauptgebäude konstruktiv verändert werden muss. Anbau-
ten werden wie Nebenbauten auch als untergeordnete oder beson-
dere Gebäude oder als Kleinbauten bezeichnet. Hinzu treten die Be-
schränkungen hinsichtlich Gebäudegrundfläche, First- und Gebäude-
höhe im kommunalen Baureglement (GVP 2010 Nr. 41, VerwGE
B 2013/70 vom 8. Juli 2014 Erw. 4.1 = GVP 2014 Nr.14). Gemäss
Art. 9 Abs. 10 BauR sind Anbauten eingeschossige, mit der
Hauptbaute verbundene Bauten, die eine Gebäudegrundfläche von
höchstens 50 m2, eine Gebäudehöhe von höchstens 3,50 m und eine
Firsthöhe von höchstens 5 m aufweisen.
Das Bauprojekt sieht im Südwesten einen gedeckten Sitzplatz mit
einem daran anschliessenden kleinen Geräteschuppen vor (Fläche
30,24 m2, Gebäudehöhe 2,75 m). Der gedeckte Sitzplatz ist gegen
Süden durch eine betonierte Mauer geschlossen, während die
Nordfront offen bzw. jedenfalls nicht betoniert ist. Aus diesem Grund
muss das Dach auf der offenen Seite von einem Pfosten abgestützt
werden. Der gedeckte Sitzplatz lehnt sich an die Fassade des
Hauptgebäudes an, ist von dieser aber durch eine isolierte
Fensterfront getrennt. Auf der Höhe dieser "Scharnierstelle" befindet
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 65/2019), Seite 5/7
sich im Hauptgebäude die Küche und der Wohnbereich. Die Fassade
der Geschosse der Hauptbaute besteht aus einer hellgrauen
Holzschalung, während die Betonmauer des Sitzplatzes nicht mit Holz
verkleidet ist.
Nach dem Gesagten ordnet sich die Anbaute mit einer Fläche von
30,24 m2 dem Hauptbau grössenmässig unter. Weiter unterscheidet
sich die Anbaute von den Geschossen des Hauptteils optisch, weil sie
nicht mit Holz verkleidet ist. Sodann sind die beiden Teile konstruktiv
durch eine isolierte Fensterfront voneinander getrennt und werden
anders genutzt. Die Küche bzw. der Wohnbereich der Hauptbaute
wäre auch ohne den vorgelagerten gedeckten Sitzplatz und den
Geräteschuppen offensichtlich nutzbar. Die funktionale
Eigenständigkeit der Hauptbaute ist damit gegeben. Zudem hält die
geplante Anbaute alle Vorgaben von Art. 9 Abs. 10 BauR ein. Folglich
kann letztlich offenbleiben, in welchem Verhältnis die kommunale
Umschreibung der Anbauten zu den kantonalen Vorgaben steht bzw.
inwiefern überhaupt eine Abweichung besteht. Denn vorliegend sind
sowohl alle kommunalen als auch kantonalen Begriffsmerkmale einer
Anbaute eingehalten.
Zusammenfassend handelt es sich beim geplanten überdeckten Sitz-
platz und dem Geräteschuppen um eine Anbaute, welche nur den ver-
minderten Grenzabstand von 3 m einzuhalten hat. Diese Vorschrift
wird vom Bauprojekt nicht verletzt.
3.4 Das Errichten und Ändern von Bauten und Anlagen sind nach
Art. 136 Abs. 1 PBG bewilligungspflichtig. Die Grenzabstandsvor-
schriften gelten hingegen nur für Bauten, nicht aber für Anlagen. Bau-
ten sind Bauwerke, die kubisch und räumlich in Erscheinung treten und
derart ausgestaltet sind, dass sie geeignet sind, Menschen, Tiere oder
Sachen gegen Witterungseinflüsse ganz oder teilweise zu schützen.
Darunter sind alle baulichen Vorrichtungen zu subsumieren, die bau-
polizeilich und planerisch von Bedeutung sind. Anlagen liegen dann
vor, wenn das Ergebnis einer baulichen Massnahme in Form, Gestalt
und Ausmass derart in Erscheinung tritt und auf die Nachbarschaft
oder auf den öffentlichen Grund in der Weise einwirkt, dass dadurch
öffentliche Interessen berührt werden bzw. wenn damit im Allgemei-
nen nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge so wichtige räumliche Fol-
gen verbunden sind, dass ein Interesse der Öffentlichkeit oder der
Nachbarn an einer vorgängigen Kontrolle besteht (B. HEER, a.a.O.,
Rz. 356).
Die Rekursgegner planen ihrem Wohnhaus südwestlich vorgelagert
ein offenes Schwimmbecken mit hinunterführender Treppe auf der
ganzen Breite. Das geplante Schwimmbecken ist eine sich in die Erde
absenkende Mulde. Ein solches Schwimmbecken ohne Abdeckung
schützt weder ganz noch teilweise gegen Witterungseinflüsse. Es han-
delt sich beim geplanten Schwimmbecken um eine Anlage, die keine
Grenzabstände einzuhalten hat; dies unabhängig davon, ob das direkt
angrenzende Grundstück landwirtschaftlich genutzt wird oder in der
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 65/2019), Seite 6/7
Grünzone liegt. Eine Verletzung des grossen Grenzabstands von 8 m
ist somit nicht gegeben.
4.
Der Rekurrent beanstandet zudem die Auferlegung der Einsprachege-
bür von Fr. 500.– im erstinstanzlichen Verfahren.
4.1 Nach Art. 94 Abs. 1 VRP hat die vorgeschriebene Gebühr zu
bezahlen, wer eine Amtshandlung zum eigenen Vorteil oder durch sein
Verhalten veranlasst. Er kann überdies zum Ersatz der Barauslagen
der Behörde verpflichtet werden. Von den Kosten eines Gesuchsver-
fahrens sind die Kosten für ein Einspracheverfahren zu unterscheiden.
Das Einspracheverfahren dient der institutionalisierten Ausübung des
rechtlichen Gehörs. Damit ist es verfassungsmässig geboten, das
rechtliche Gehör frei von Kostenrisiken zu garantieren (R. HIRT, Die
Regelung der Kosten nach st.gallischem Verwaltungsrechtspflegege-
setz, Lachen/St.Gallen 2004, S. 37). In BGE 143 II 467 Erw. 2.5 f. hat
das Bundesgericht darüber hinaus entschieden, dass Kosten des Ein-
spracheverfahrens dem Einsprecher grundsätzlich auch im Baubewil-
ligungsverfahren nicht auferlegt werden dürfen. Es ist vielmehr am
Baugesuchsteller als Verursacher des Verwaltungsakts, sämtliche
Kosten, das heisst auch jene des Einspracheverfahrens, zu überneh-
men. Dem Einsprecher können sie nur auferlegt werden, wenn er die
Verfahrensregeln verletzt hat oder wenn eine Einsprache mutwilligen
Charakter hat.
4.2 Vorliegend hat der Rekurrent weder Verfahrensregeln verletzt
noch die Einsprache mutwillig erhoben. Folglich kann ihm die Ein-
sprachegebühr nicht auferlegt werden. Der Antrag auf Aufhebung der
Gebühr des angefochtenen Beschlusses ist damit gutzuheissen und
Ziff. 3 des Beschlusses der Vorinstanz vom 23. Oktober 2018 aufzu-
heben.
5.
Zusammenfassend ergibt sich, dass das Bauvorhaben die einschlägi-
gen Grenzabstandsvorschriften einhält. Der Rekurs erweist sich somit
– mit Ausnahme der beanstandeten Entscheidgebühr für das Ein-
spracheverfahren – als unbegründet und ist deshalb abzuweisen.
6.
6.1 Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die
Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen
werden. Die Entscheidgebühr beträgt Fr. 3'000.– (Nr. 10.01 des Ge-
bührentarifs für die Kantons- und Gemeindeverwaltung, sGS 821.5).
Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend sind vier Fünftel der
Kosten (Fr. 2'400.–) vom Rekurrent zu bezahlen. Ein Fünftel der
amtlichen Kosten (Fr. 600.–) wären der Politischen Gemeinde auf-
grund ihres Fehlers bei der Verlegung der Einsprachegebühr
aufzuerlegen. Auf deren Erhebung wird jedoch verzichtet (Art. 95
Abs. 3 VRP).
Entscheid des Baudepartementes SG (Nr. 65/2019), Seite 7/7
6.2 Der vom Rekurrenten am 28. November 2018 geleistete Kos-
tenvorschuss von Fr. 1'000.– wird an seinen zu bezahlenden Anteil
angerechnet.