Decision ID: c1549cb2-776f-5ccd-b115-13ea19b249fb
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer ersuchte erstmals am 23. Juli 2012 im Emp-
fangs- und Verfahrenszentrum B._ um Asyl. Er wurde am 30. Juli
2012 im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) summarisch befragt und
am 22. August 2012 vertieft zu seinen Asylgründen angehört.
Dabei machte er im Wesentlichen geltend, algerischer Staatsangehöriger,
ethnischer Jude und islamischen Glaubens zu sein und aus C._ zu
stammen. Sein Heimatland habe er erstmals im November 2010 verlassen
und während zweier Jahre in Athen, Griechenland, gelebt und gearbeitet.
Im April 2012 sei er nach Algier, Algerien, zurückgekehrt. Ende Juni 2012
habe er Algerien erneut verlassen und sei über Italien in die Schweiz ge-
langt.
Sein Bruder habe im Jahre 2004 in den Irak gehen wollen, um gegen die
amerikanischen Militäreinheiten zu kämpfen und sei in diesem Zusammen-
hang inhaftiert worden. Er, der Beschwerdeführer, sei sodann von Bekann-
ten seines Bruders sowie vom algerischen Geheimdienst kontaktiert wor-
den, wobei Letzterer von ihm verlangt habe, für ihn zu arbeiten und ihn
über eine längere Zeit bedroht habe.
A.b Mit Entscheid des damaligen Bundesamtes für Migration (BFM; heute:
SEM) vom 22. August 2012 wurde auf das Asylgesuch gestützt auf den
damals geltenden Art. 32 Abs. 2 lit. a AsylG (SR 142.31) nicht eingetreten.
Mittels eines am 8. April 2013 vom SEM durchgeführten Telefoninterviews
zur Herkunftsabklärung wurde die algerische Nationalität des Beschwerde-
führers bestätigt. Ein am 14. November 2017 gebuchter Flug nach Algerien
musste aufgrund einer Selbstverletzung des Beschwerdeführers annulliert
werden.
B.
B.a Am 2. März 2018 reichte der Beschwerdeführer ein zweites Asylge-
such ein. Er wurde am 20. November 2018 vertieft zu seinen Asylgründen
angehört, wobei er ihm Wesentlichen dieselben Fluchtgründe wie im Rah-
men des ersten Asylgesuchs vorbrachte. Zudem machte er geltend, dass
es ihm psychisch sehr schlecht gehe und er sich seit mehreren Jahren in
psychiatrischer Behandlung befinde. Er sei teilweise stationär in der Uni-
versitären Psychiatrischen Kliniken D._ (UPK) behandelt worden
und wohne in einem Wohnheim für vulnerable Personen. Er sei medika-
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menten- und alkoholabhängig und leide an einer posttraumatischen Belas-
tungsstörung (PTBS) sowie einer depressiven Störung. Eine spezialisierte
Therapieform sei laut seiner behandelnden Ärztin in Algerien nicht erhält-
lich, weswegen eine Rückkehr zum jetzigen Zeitpunkt unzumutbar sei.
B.b Am 12. Juni 2019 reichte der Beschwerdeführer beim Zivilstandsamt
E._ ein Gesuch um Vorbereitung der Eheschliessung ein. Am
30. Januar 2020 heiratete er in E._ eine Schweizer Staatsangehö-
rige, woraufhin ihm das SEM mit Schreiben vom 10. Februar 2020 an-
fragte, ob er sein Asylgesuch zurückziehen wolle. Mit Schreiben vom 3.
August 2020 teilte seine Rechtsvertretung dem SEM mit, dass der Be-
schwerdeführer sich mittlerweile in einem hängigen Scheidungsverfahren
befinde und daher am gestellten Asylgesuch festhalte.
Zur Untermauerung seiner Identität reichte der Beschwerdeführer seine al-
gerische Identitätskarte zu den Akten. Zudem reichte er folgende medizini-
sche Unterlagen ein:
- ein Bestätigungsschreiben der UPK D._ vom 6. April 2018 be-
treffend seinen stationären Aufenthalt seit dem 28. März 2018;
- einen Austrittbericht der UPK D._ vom 17. September 2018 be-
treffend seinen teilstationären Aufenthalt vom 6. – 27. August 2018;
- einen Austrittsbericht der UPK D._ vom 1. Oktober 2018 betref-
fend seinen teilstationären Aufenthalt vom 29. August – 12. September
2018;
- ein ärztliches Zeugnis der UPK D._ vom 25. August 2018 be-
treffend eine ambulante Behandlung;
- einen Arztbericht der UPK D._ vom 5. Dezember 2018;
- einen Arztbericht der UPK D._ vom 2. September 2020.
B.c Die Asylakten des Bruders des Beschwerdeführers (N [...]) wurden für
die Beurteilung des Asylgesuchs beigezogen. Mit Schreiben vom 13. Au-
gust 2020 wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu den Aus-
sagen seines Bruders gewährt. Eine Stellungnahme reichte der Beschwer-
deführer mit Eingabe vom 3. September 2020 ein, zusammen mit einem
Entscheid des Zivilgerichts des Kantons E._ vom 30. Juli 2020 be-
treffend das Getrenntleben von seiner Ehefrau.
C.
Mit Verfügung vom 18. September 2020 stellte das SEM fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte das
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Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz
und ordnete den Vollzug an.
D.
Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch die
rubrizierte Rechtsvertreterin – mit Eingabe vom 22. Oktober 2020 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte die Aufhebung
der angefochtenen Verfügung und die Feststellung, dass der Vollzug der
Wegweisung aus medizinischen Gründen unzumutbar sei, weswegen ihm
die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren sei.
In formeller Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege unter Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses sowie
um Beiordnung seiner Rechtsvertreterin als amtliche Rechtsbeiständin.
E.
Der Eingang der Beschwerde wurde am 23. Oktober 2020 bestätigt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
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durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich um eine solche, weshalb das Urteil nur
summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
Die Beschwerde richtet sich ausschliesslich gegen den von der Vorinstanz
angeordneten Vollzug der Wegweisung. Die Dispositivziffern 1–3 der an-
gefochtenen Verfügung (Asyl, Flüchtlingseigenschaft und Wegweisung als
solche) sind mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen und bilden
nicht Gegenstand dieses Verfahrens.
5.
5.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
5.2 Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
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6.
6.1 Die Vorinstanz hielt in ihrer Verfügung in Bezug auf den Wegweisungs-
vollzug fest, dass eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit ge-
sundheitlichen Problemen nur dann einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK
darstelle, wenn sich die betroffene Person in einem fortgeschrittenen oder
terminalen Krankheitsstadium und bereits in Todesnähe befinde, nach ei-
ner Überstellung mit dem sicheren Tod rechnen müsse und dabei keinerlei
soziale Unterstützung erwarten könne. Der Wegweisungsvollzug könne
auch bei Schwerkranken unzulässig sein, die durch den Vollzug der Weg-
weisung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im Zielstaat
– mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, raschen und
unwiederbringlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes ausge-
setzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkür-
zung der Lebenserwartung führen würde. Es bestehe aber kein durch die
EMRK geschützter Anspruch auf Verbleib in einem Staat, um weiterhin in
den Genuss medizinischer Unterstützung zu kommen.
Der Beschwerdeführer leide gemäss den eingereichten medizinischen Un-
terlagen an psychischen Beschwerden. Es könne aber aufgrund der Akten-
lage und der Ausführungen in den Arztberichten im Falle einer (zwangs-
weisen) Rückführung nicht auf eine lebensbedrohliche medizinische Not-
lage im Sinne von Art. 3 EMRK geschlossen werden. Der Beschwerdefüh-
rer sei nicht in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheitsstadium
oder bereits in Todesnähe. Es sei ebenso wenig davon auszugehen, dass
er im Falle einer Rückkehr nach Algerien aufgrund seines Gesundheitszu-
stands mit dem sicheren Tod rechnen müsse. Es bestehe mithin kein reales
Risiko dafür, dass sich sein Gesundheitszustand ernsthaft, rasch und un-
wiederbringlich verschlechtern würde, weshalb der Wegweisungsvollzug
als zulässig zu erachten sei.
Des Weiteren könne nur dann auf die Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs geschlossen werden, wenn das Fehlen einer notwendigen medi-
zinischen Behandlung im Heimatstaat nach der Rückkehr zu einer raschen
und lebensgefährdenden Beeinträchtigung des Gesundheitszustandes der
betroffenen Person führen würde. Dabei werde als wesentlich die allge-
meine und dringende medizinische Behandlung erachtet, welche zur Ge-
währleistung einer menschenwürdigen Existenz absolut notwendig sei. Un-
zumutbarkeit liege jedenfalls dann noch nicht vor, wenn im Heimatstaat
eine nicht dem Schweizer Standard entsprechende Behandlung möglich
sei. Soweit der Beschwerdeführer vorbringe, er leide an psychischen Prob-
lemen und eine spezialisierte Therapieform sei in seinem Heimatstaat nicht
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erhältlich, sei festzuhalten, dass Art. 83 Abs. 4 AIG eine restriktiv auszule-
gende Ausnahmebestimmung darstelle und nicht vorgebracht werden
könne, um einen Wegweisungsentscheid einzig mit dem Argument zu ver-
hindern, die stationäre Infrastruktur und das medizinische Know-how in der
Schweiz entsprächen einem hohen, im Herkunftsstaat nicht zur Verfügung
stehenden Standard. In Algerien sei ausserdem die medizinische Versor-
gung grundsätzlich gewährleistet. Es würden in jeder grösseren Stadt
Krankenhäuser existieren. Für die geltend gemachten psychischen Be-
schwerden könne er sich an das öffentliche «Etablissements Hospitaliers
Specialises (EHS) Drid Hocine» in Algier wenden. Dem aktuellsten Arztbe-
richt sei zudem zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer seine Sucht-
probleme mittlerweile unter Kontrolle habe und momentan abstinent sei.
Sollte er rückfällig werden, würde beispielsweise das «Hôpital psychiat-
rique Mahfoud Boucebci» in Algier, welches Entzugstherapien anbiete, zur
Verfügung stehen. Insgesamt sei mithin nicht auf eine medizinische Not-
lage zu schliessen. Eine hinreichende medizinische und psychiatrische
Versorgung sei in Algerien gewährleistet und ein Wegweisungsvollzug da-
her als zumutbar zu erachten. Hinzu komme, dass der Beschwerdeführer
eine solide Grundschulausbildung inklusive Maturabschluss vorweise und
über genügend Arbeitserfahrung verfüge. Seine Mutter und seine Brüder
seien zudem in Algier wohnhaft, so dass die nötigen Voraussetzungen für
eine soziale und wirtschaftliche Reintegration in Algerien gegeben seien.
Schliesslich stehe es dem Beschwerdeführer frei, bei der kantonalen Rück-
kehrberatungsstelle medizinische Rückkehrhilfe zu beantragen.
6.2 Dem hielt der Beschwerdeführer in der Beschwerde entgegen, dass er
nach seinem negativen Asylentscheid im Jahre 2012 aufgrund seiner
PTBS etwa fünf Monate in der UPK D._ verbracht habe. Danach
habe er zwei Jahre in einem (...) Zivildienst leisten können. Nach Beendi-
gung des Zivildienstes habe er sich wegen seiner schweren Benzodiaze-
pin- und Alkoholabhängigkeit erneut in die UPK D._ begeben müs-
sen. Dank einer engmaschigen psychologischen Behandlung während vier
Jahren habe er seine Sucht überwinden und in der Gesellschaft wieder
Fuss fassen können. Aus dem aktuellsten Arztbericht vom 2. September
2020 gehe klar hervor, dass die Traumatherapie bei ihm positiv anschlage
und er sowohl seine Sucht als auch seine Depression gut in den Griff be-
kommen habe. Die behandelnde Ärztin empfehle dringend, die Therapie-
form weiterzuführen; eine solche sei ihres Wissens in Algerien nicht ver-
fügbar. Soweit die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung ausführe, in
Algerien würden in jeder grösseren Stadt Krankenhäuser und öffentliche
Institutionen für psychisch Erkrankte existieren, sei dem entgegenzuhalten,
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dass eine Mehrheit der psychiatrischen Behandlungen letztendlich von pri-
vater Seite getragen werden müssten, weil das Angebot an psychiatrischer
Versorgung in den öffentlichen Institutionen der hohen Nachfrage und den
speziellen Bedürfnissen der Betroffenen nicht gerecht werde. Es würden
ausserdem medizinisch geschultes Personal sowie Strukturen für Perso-
nen mit psychischen Erkrankungen fehlen. Eine psychiatrische Behand-
lung, wie sie vorliegend erforderlich sei, werde in Algerien nur von privaten
Einrichtungen angeboten und sei aufgrund der hohen Kosten und der
Pflicht, einer Krankenversicherung angeschlossen zu sein, nur erschwert
zugänglich. In öffentlichen Institutionen seien lediglich ambulante Konsul-
tationen möglich. Ausserdem sei in der algerischen Gesellschaft die Stig-
matisierung von Personen mit psychischen Erkrankungen stark verbreitet.
Es sei ihm in finanzieller Hinsicht nicht möglich, die jahrelange psychologi-
sche Stabilisierung weiterzuführen. Zudem würde ihn die Entwurzelung
aus der Schweiz nach gut zehnjährigem Aufenthalt in weitere finanzielle
Nöte und in eine weitere Lebenskrise führen. Die Gefahr, dass er wieder
dem Alkoholkonsum verfallen würde und schwer depressiv werde, liege
daher sehr nahe. Er wäre daher bei einer Rückkehr nach Algerien mit einer
medizinischen Notlage konfrontiert. Er habe in der Schweiz des Weiteren
ein intaktes soziales Beziehungsnetz aufbauen können, wohne zurzeit bei
einem seiner besten Freunde und habe zeitweise in einem (...) gearbeitet.
Anfang 2020 habe er seine Freundin, die er sei gut acht Jahren kenne,
geheiratet. Sie habe sich aber wegen ihrer eigenen psychischen Proble-
men von ihm getrennt – eine Situation, die ihn erneut in eine psychische
Krise mit depressiver Symptomatik versetzt habe. Insgesamt hätte bei ei-
ner Rückkehr nach Algerien der Wegfall des sozialen Netzes und das Feh-
len einer geregelten Arbeitstätigkeit verheerende Folgen für ihn. Er sei
nicht im Stande, sich in die heutige algerische Gesellschaft wieder einzu-
gliedern, zumal es aufgrund der schlechten Wirtschaftslage für ihn schwie-
rig sei, eine Arbeitsstelle zu finden oder sein früheres Geschäft wiederauf-
zubauen. Auch von Seiten seiner Mutter und seiner Brüder sei keine finan-
zielle Unterstützung zu erwarten. Ohnehin wäre er aufgrund seines psychi-
schen Zustandes nicht in der Lage, in seinem Heimatstaat Vollzeit zu ar-
beiten und ein eigenständiges Leben zu führen.
7.
7.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
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So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
7.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr («real risk») nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Al-
gerien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als un-
zulässig erscheinen. Die gesundheitlichen Probleme des Beschwerdefüh-
rers führen vorliegend von vornherein nicht zur Unzulässigkeit des Vollzugs
der Wegweisung. Diesbezüglich ist vollumfänglich auf die vorinstanzlichen
Erwägungen zu verweisen (vgl. vorinstanzliche Verfügung S. 6 f.), denen
in der Beschwerde auch nichts Substanziiertes entgegengehalten wird. Die
gesundheitliche Situation bildet jedoch Gegenstand der nachfolgenden Er-
wägungen zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges.
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Seite 10
Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der
asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.3
7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.2 Die allgemeine Lage in Algerien ist weder von Bürgerkrieg noch von
allgemeiner Gewalt gekennzeichnet, so dass der Vollzug der Wegweisung
dorthin grundsätzlich zumutbar ist.
7.3.3 Es bestehen auch in individueller Hinsicht keine Anhaltspunkte, die
darauf schliessen liessen, der Beschwerdeführer sei bei einer Rückkehr
nach Algerien einer konkreten Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AIG
ausgesetzt. Insbesondere ist nicht davon auszugehen, dass er in Algerien
in wirtschaftlicher Hinsicht in eine existenzbedrohende Situation geraten
wird. Gemäss eigenen Angaben hat der Beschwerdeführer ein eigenes
(...)geschäft in C._ geführt (act. A4/10 F1.17.05). Während seines
Aufenthalts in der Schweiz habe er im Rahmen des Zivildienstes in einem
(...) und später gelegentlich in einem (...) gearbeitet (Beschwerde S. 3 und
5). Er verfügt über einen Maturaabschluss und nebst seiner Muttersprache
Arabisch über gute französische, englische und mittlerweile deutsche
Sprachkenntnisse (act. A4/10 F1.17.09). Er verfügt mithin über die Voraus-
setzungen, künftig ein Einkommen erwirtschaften und für seinen Lebens-
unterhalt aufkommen zu können. Selbst wenn er mittlerweile seit zehn Jah-
ren landesabwesend ist, kann davon ausgegangen werden, dass er als
alleinstehender Mann die Möglichkeit hat, sich eine Existenzgrundlage in
seinem Heimatstaat zu schaffen. Der in der Beschwerde angebrachte Hin-
weis auf die schlechte Wirtschaftslage in Algerien vermag an dieser Ein-
schätzung nichts zu ändern (Beschwerde S. 5). Anfängliche wirtschaftliche
Reintegrationsschwierigkeiten stehen dem Vollzug nicht entgegen, da
blosse soziale oder wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen die ansäs-
sige Bevölkerung betroffen ist (beispielsweise Mangel an Arbeitsplätzen),
keine existenzbedrohende Situation zu begründen vermögen (vgl. BVGE
2010/41 E. 8.3.6). Zudem leben in Algerien seine Mutter sowie seine Brü-
der (vgl. act. A4/10 F3.01), die ihn bei der Reintegration und bei allfälligen
anfänglichen Schwierigkeiten unterstützen können.
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Seite 11
7.3.4 In Bezug auf die geltend gemachten medizinischen Probleme des
Beschwerdeführers ist zunächst festzuhalten, dass nur dann auf Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs geschlossen werden kann, wenn eine
notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur Verfügung
steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährdenden Beein-
trächtigung des Gesundheitszustandes führen würde. Dabei wird als we-
sentlich die allgemeine und dringende medizinische Behandlung erachtet,
welche zur Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz notwendig
ist. Unzumutbarkeit liegt jedenfalls nicht vor, wenn im Heimat- oder Her-
kunftsstaat eine nicht dem schweizerischen Standard entsprechende me-
dizinische Behandlung möglich ist (vgl. BVGE 2009/2 E. 9.3.2, m.w.H.; u.a.
E-3954/2018 vom 24. Juli 2018 E. 9.4.2).
Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass der Beschwerdeführer an psychi-
schen Beschwerden leidet. Nach Durchsicht der Akten schliesst sich das
Gericht aber der Einschätzung des SEM an, wonach die geltend gemach-
ten psychischen Probleme des Beschwerdeführers keine Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs begründen können. Gemäss dem Arztbericht
vom 2. September 2020 leidet der Beschwerdeführer an einer PTBS und
einer depressiven Störung, wobei er seine letzte depressive Episode nach
der Trennung von seiner Ehefrau erfolgreich hat bewältigen können. In Be-
zug auf seine Schmerzmittel- und Alkoholabhängigkeit ist festzustellen,
dass er seit rund zwei Jahren abstinent ist. Seit zwei Jahren befindet er
sich in ambulanter psychiatrischer Behandlung; Medikamente nimmt er
momentan keine ein. Weder aus diesem Bericht noch sonst aus den Akten
ergibt sich mithin eine schwerwiegende Erkrankung des Beschwerdefüh-
rers, die zur Annahme führen würde, bei einer Rückkehr in sein Heimatland
käme es zu einer raschen und lebensgefährdenden Bedrohung seiner Ge-
sundheit. Ebenso wenig lässt die psychische Erkrankung des Beschwer-
deführers auf eine medizinische Notlage schliessen, die in seinem Heimat-
land nicht behandelbar wäre. Das SEM verweist zurecht auf die medizini-
schen Behandlungsmöglichkeiten, die ihm in Algerien, insbesondere in Al-
gier, zur Verfügung stehen. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann auf
die vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen werden (Verfügung S. 6 ff.).
Insbesondere ist in Algerien der Zugang zu ambulanten psychologischen
und psychiatrischen Behandlungen, wie sie der Beschwerdeführer aktuell
in der Schweiz in Anspruch nimmt – selbst wenn die algerischen Qualitäts-
standards nicht den sehr hohen schweizerischen Standards entsprechen
– gewährleistet. Einwände in der Beschwerde betreffend die medizinische
Versorgung in Algerien (fehlendes medizinisches Personal, Erfordernis ei-
E-5209/2020
Seite 12
ner Krankenversicherung, blosse ambulante Behandlung durch die öffent-
lichen Institutionen) sind nicht stichhaltig (vgl. zum Ganzen das Urteil des
BVGer E-6848/2018 vom 18. Dezember 2018 E. 7.4.4 f.). Einer akuten
Krise, wie sie der Beschwerdeführer offenbar im Rahmen des zuletzt ver-
fügten Wegweisungsvollzugs erlitt, ist sodann praxisgemäss mit einer sorg-
fältigen ärztlichen Betreuung und Vorbereitung der Ausreise zu begegnen.
Zur Überbrückung möglicher finanzieller Schwierigkeiten ist zudem auf die
Möglichkeit der medizinischen Rückkehrhilfe zu verweisen (Art. 93 Abs. 1
Bst. d AsylG).
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung als zumut-
bar.
7.4 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu BVGE 2008/34 E. 12), wes-
halb der Vollzug der Wegweisung als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83
Abs. 2 AIG).
7.5 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt vo-
raus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, son-
dern voraussichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf
Monate – bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären
Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entschei-
dungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e). Bei der Corona-Pandemie handelt es
sich – wenn überhaupt – um ein bloss temporäres Vollzugshindernis, wel-
chem im Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden
Rechnung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situa-
tion im Heimatland angepasst wird.
7.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
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Seite 13
9.
9.1 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde-
begehren des Beschwerdeführers schon bei Einreichung des Rechtsmit-
tels als aussichtslos zu gelten hatten. Damit ist – ungeachtet der Frage der
prozessualen Bedürftigkeit des Beschwerdeführers – eine der kumulativ zu
erfüllenden Voraussetzungen für die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege nach Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt und das entspre-
chende Gesuch abzuweisen. Aus demselben Grund fällt auch die amtliche
Rechtsverbeiständung nach aArt. 110a Abs. 1 AsylG von vornherein aus-
ser Betracht. Das Gesuch um Verzicht auf die Kostenvorschusserhebung
ist mit dem vorliegenden Entscheid gegenstandslos geworden.
9.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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