Decision ID: 83f63f97-c753-5ca2-b036-2f376d6ccb6d
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein kosovarischer Staatsangehöriger albanischer
Ethnie – suchte am 5. April 2017 im damaligen Empfangs- und Verfahren-
szentrum (EVZ) des SEM in B._ um Asyl nach. Am 19. April 2017
wurde er zu seiner Person, zum Reiseweg sowie summarisch zu den Ge-
suchsgründen befragt (Befragung zur Person, BzP). Am 26. April 2017
hörte ihn das SEM einlässlich zu den Asylgründen an (Anhörung).
B.
Anlässlich seiner Befragungen machte der Beschwerdeführer im Wesent-
lichen geltend, dass er aus C._ stamme, wo er immer wohnhaft ge-
wesen sei. Er habe eine Lehre als (...) absolviert und danach in einem (...)
gearbeitet und nebenher (...) studiert. Seit drei Jahren habe er eine (...)
und eine eigene (...) betrieben. Im August 2016 habe er geheiratet und im
Januar 2017 sei seine Tochter zur Welt gekommen. Er habe ausserdem
eine weitere Tochter im Alter von (...) Jahren, die bei seiner ehemaligen
Konkubinatspartnerin lebe. Am (...). März 2017 habe sein Bruder
D._ in Notwehr einen Mann namens E._ getötet, dem er
1000 Euro geschuldet habe. E._ habe seinem Bruder im Vorfeld
gedroht, für die geliehene Summe 100'000 Euro Zinsen zu verlangen. Des-
halb sei es in einem Auto zwischen D._ und E._ zu einer
Auseinandersetzung gekommen. Letzterer habe eine Pistole gezogen und
diese auf seinen Bruder gerichtet. Nachdem sein Bruder die Pistole habe
ergreifen können, sei E._ von zwei Schüssen tödlich getroffen wor-
den. Sein Bruder habe sich anschliessend der Polizei gestellt und befinde
sich seither in Untersuchungshaft. Der Vorfall sei von Kameras in der Stadt
aufgezeichnet worden, so dass die Beweislage klar sei. Die Familie von
E._ gelte in der Stadt als Problemfall und sei bekannt. Sie sei mäch-
tig und verfüge über eine Schiessanlage. Einer der Familienangehörigen
sei Söldner. Er [der Beschwerdeführer] befürchte aufgrund des Vorfalls
Blutrache seitens dieser Familie. Die Polizei habe ihn zwei Nächte lang
bewacht und ihm Schutz gewährt. Am 7. März 2017 sei sein (...) zusam-
men mit dem (...), welches er in C._ geführt habe, in Brand gesteckt
worden. Er habe einen Imam zur Familie von E._ geschickt, um
eine Versöhnung herbeizuführen und um darum zu bitten, am Begräbnis
des Getöteten teilzunehmen. Die Familie von E._ habe dies jedoch
abgelehnt. Seine Familie müsse sich seither einsperren. Sein Vater bleibe
nur noch zu Hause, seine Frau könne ihren Nebenerwerb in einem (...)
nicht mehr fortführen und er habe seine Tätigkeit in der (...) und der (...)
D-1054/2018
Seite 3
nach dem Tötungsdelikt einstellen müssen. Seither habe er sein Haus nicht
mehr verlassen. Er habe mehrere Male Vermittler zur Familie von
E._ geschickt. Diese sei jedoch erst zu einer Versöhnung bereit,
wenn seine Familie 100'000 Euro bezahle. Aus Furcht, Opfer von Blutrache
zu werden, habe er am 2. April 2017 den Kosovo verlassen und sei auf
dem Landweg über Serbien und Ungarn illegal in die Schweiz gelangt.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer diverse Online-Zeitungsar-
tikel vom 7. und 9. März 2017 über das Tötungsdelikt sowie einen Zivil-
standsregisterauszug seines Bruders D._ zu den Akten.
C.
Am 26. April 2017 wurde bei der Schweizer Botschaft in Pristina eine Ab-
klärung in Auftrag gegeben. Am 2. Juni 2017 übermittelte die Schweizer
Botschaft die Abklärungsergebnisse der Vorinstanz. Am 12. Juni 2017 ge-
währte die Vorinstanz dem Beschwerdeführer mündlich das rechtliche Ge-
hör zu den Abklärungsergebnissen.
D.
Mit Verfügung vom 13. Juni 2017 stellte das SEM fest, der Beschwerde-
führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab,
wies ihn aus der Schweiz weg und ordnete den Vollzug an.
E.
Mit Eingabe vom 12. Juli 2017 erhob der Beschwerdeführer gegen diese
Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Als Beweismittel
reichte er Fotos vom Brand der (...) sowie amtliche Dokumente mit Über-
setzung betreffend den Brand ein. Zudem reichte er ein Schreiben des lo-
kalen Dorfvorstehers (F._) aus G._ vom 26. Juni 2017 hin-
sichtlich einer allfälligen Rache seitens der Familie des Opfers zu den Ak-
ten.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 18. Juli 2017 lud das Bundesverwaltungsge-
richt die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein.
G.
Aufgrund der neuen Aktenlage (eingereichte Beweismittel zum Brand der
[...]) hob die Vorinstanz ihre Verfügung auf und nahm das erstinstanzliche
Verfahren wieder auf, woraufhin das Bundesverwaltungsgericht das Be-
schwerdeverfahren mit Entscheid D-3898/2017 vom 16. August 2017 als
durch Wiedererwägung gegenstandslos geworden abschrieb.
D-1054/2018
Seite 4
H.
Am 29. August 2017 wurden bei der Schweizer Botschaft in Pristina ergän-
zende Abklärungen in Zusammenhang mit den vom Beschwerdeführer ein-
gereichten Beweismitteln in Auftrag gegeben. Am 13. Oktober 2017 über-
mittelte die Schweizer Botschaft ihre Abklärungsergebnisse der Vorinstanz
I.
Mit Schreiben vom 7. November 2017 setzte die Vorinstanz den Beschwer-
deführer über den wesentlichen Inhalt der ergänzenden Botschaftsanfrage
in Kenntnis, liess ihm eine Zusammenfassung der Botschaftsantwort zu-
kommen und forderte ihn unter Fristansetzung dazu auf, zu den Abklä-
rungsergebnissen Stellung zu nehmen,
J.
Mit Eingabe vom 29. November 2017 nahm der Beschwerdeführer zu den
Abklärungsergebnissen Stellung.
K.
Mit Verfügung vom 18. Januar 2018 – eröffnet am 19. Januar 2018 – stellte
das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft
nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, wies ihn aus der Schweiz weg und ord-
nete den Vollzug an.
L.
Mit Eingabe seines Rechtsvertreters vom 19. Februar 2018 erhob der Be-
schwerdeführer gegen diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht. Er beantragte in materieller Hinsicht, die vorinstanzliche Ver-
fügung sei vollumfänglich aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft
festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme zu
gewähren. Ferner sei die Vorinstanz anzuweisen, ihm Einsicht in die erste
und die zweite Botschaftsabklärung zu gewähren. In prozessualer Hinsicht
ersuchte der Beschwerdeführer um die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege einschliesslich des Verzichts auf Erhebung eines Kostenvor-
schusses sowie um die Beiordnung des im Rubrum aufgeführten Rechts-
vertreters als amtlichen Rechtsbeistand.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer ein Schreiben seines Va-
ters, ein Arbeitszeugnis aus der Schweiz, einen Zeitungsartikel zu Kämp-
fen in H._ (Mazedonien) sowie vier Zeitungsartikel zur Blutrache in
C._ zu den Akten.
D-1054/2018
Seite 5
M.
Mit Schreiben vom 21. Februar 2018 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
N.
Mit Zwischenverfügung vom 17. Mai 2018 stellte der Instruktionsrichter
fest, dass der Beschwerdeführer den Abschluss des Beschwerdeverfah-
rens in der Schweiz abwarten dürfe, hiess die Gesuche um Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege (inklusive Verzicht auf Erhebung eines Kos-
tenvorschusses) und Rechtsverbeiständung gut und lud die Vorinstanz zur
Vernehmlassung ein, verbunden mit dem Hinweis, dass Parteien grund-
sätzlich einen Anspruch auf Einsichtnahme in die Botschaftsanfrage sowie
Botschaftsantworten hätten, unter Abdeckung der aus überwiegenden öf-
fentlichen oder privaten Interessen geheim zuhaltenden Stellen.
O.
In ihrer Vernehmlassung vom 29. Mai 2018 äusserte sich die Vorinstanz in
einigen Punkten zur Beschwerdeschrift und verwies im Übrigen auf ihre
Erwägungen in der angefochtenen Verfügung, an welchen sie vollumfäng-
lich festhielt. Gleichzeitig gewährte sie dem Beschwerdeführer unter Abde-
ckung der geheim zuhaltenden Stellen Einsicht in die beiden Botschafts-
anfragen sowie Abklärungsergebnisse.
P.
Die Vernehmlassung der Vorinstanz wurde dem Beschwerdeführer am
31. Mai 2018 zur Kenntnis gebracht und ihm wurde eine Frist bis zum
15. Juni 2018 zur Replik angesetzt.
Q.
In seiner Replik vom 15. Juni 2018 nahm der Beschwerdeführer zur Ver-
nehmlassung der Vorinstanz Stellung, wobei er vollumfänglich an seinen
bisherigen Vorbringen festhielt. Gleichzeitig reichte er einen Artikel des Ta-
gesanzeigers vom 28. Januar 2011 als weiteres Beweismittel zu den Ak-
ten.
R.
Mit Eingabe vom 28. November 2018 reichte der Beschwerdeführer eine
Kopie des erstinstanzlichen Strafurteils gegen seinen Bruder D._
zu den Akten und führte diesbezüglich aus, dass er bemüht sei, so bald als
möglich eine gut leserliche Kopie des Urteils zu beschaffen.
D-1054/2018
Seite 6
S.
Mit Eingabe vom 17. Dezember 2018 reichte der Beschwerdeführer erneut
eine Kopie des erstinstanzlichen Strafurteils sowie eine Übersetzung des-
selben ein und erklärte diesbezüglich, aus dem Urteil sei ersichtlich, dass
sein Bruder unter anderem wegen Mordes zu einer Gefängnisstrafe von 22
Jahren und 6 Monaten verurteilt worden sei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde zudem das Ausländergesetz vom 16. De-
zember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Auslän-
der- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwen-
dende Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG
übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Geset-
zesbezeichnung verwenden wird.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 In der Beschwerde wird eine formelle Rüge erhoben, welche vorab zu
beurteilen ist, da sie gegebenenfalls geeignet ist, eine Kassation der vo-
rinstanzlichen Verfügung zu bewirken (vgl. BVGE 2013/34;
D-1054/2018
Seite 7
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 1043 ff. m.w.H.).
3.2 Im Zusammenhang mit den vorgenommenen Botschaftsanfragen
wurde zu Recht die Verletzung des Rechts auf Akteneinsicht gerügt. Zwar
gilt das Recht auf Akteneinsicht nicht unbeschränkt; es kann insbesondere
dann eingeschränkt werden, wenn wesentliche öffentliche oder private In-
teressen des Bundes, des Kantone oder von Privaten die Geheimhaltung
erfordern (Art. 27 Abs. 1 VwVG). Bei den Akten zur Botschaftsabklärung
handelt es sich jedoch um Akten, welche praxisgemäss dem Einsichtsrecht
unterliegen, allenfalls unter Abdeckung gewisser sensibler Daten (vgl. Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1994 Nr. 26 S. 192 ff.). Indem die Vorinstanz diese Akten ([...])
mit der Klassifizierung "Überwiegende öffentliche oder private Interessen
an der Geheimhaltung" im Aktenverzeichnis abgelegt und gestützt darauf
die Akteneinsicht verwehrt hat, ohne näher zu begründen, welche öffentli-
chen Interessen entgegenstehen, hat sie das Akteneinsichtsrecht verletzt.
3.3 Im Sinne einer Heilung dieser Verfahrensverletzung ist vorliegend von
einer Rückweisung der Sache an die Vorinstanz jedoch abzusehen, nach-
dem dem Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene das Einsichtsrecht so-
wie die Möglichkeit zur Stellungnahme nachträglich gewährt wurden und
dem Bundesverwaltungsgericht als Beschwerdeinstanz nach wie vor die
volle Kognition in Bezug auf Sachverhaltsfeststellung und Rechtsanwen-
dung zukommt (Art. 106 AsylG).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Sie ist glaubhaft gemacht, wenn die Be-
hörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gege-
ben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
D-1054/2018
Seite 8
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Zur Begründung ihrer abweisenden Verfügung führte die Vorinstanz
aus, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers weder den Anforderun-
gen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG noch denjenigen an
die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG standhalten würden.
Zunächst erwog die Vorinstanz, dass sich die Befürchtung, Opfer von Blut-
rache zu werden, auf die Übergriffe Dritter beziehe. In diesem Zusammen-
hang sei festzuhalten, dass Kosovo durch einen Beschluss des Bundesra-
tes als verfolgungssicherer Staat (safe country) eingestuft worden sei. Die
zuständigen Behörden im Kosovo gingen im Rahmen ihrer Möglichkeiten
konsequent gegen Bedrohungen und Übergriffe durch Privatpersonen vor.
Insofern sei vom Schutzwillen und der weitgehenden Schutzfähigkeit der
Sicherheitsbehörden auszugehen. Dementsprechend sei zu erwarten,
dass die Polizei ihm im Bedarfsfall Schutz gewähren würde. So habe er
selber dargelegt, dass sie ihn zwei Nächte lang bewacht habe. Zudem
stehe fest, dass sich sein Bruder in Untersuchungshaft befinde. Angesichts
der grundsätzlichen Schutzfähigkeit respektive Schutzwilligkeit des koso-
varischen Staates, sei es ihm zuzumuten, sich zu seinem Schutz vor allfäl-
ligen Übergriffen durch die Angehörigen von E._ an die zuständigen
Behörden oder gegebenenfalls an eine andere staatliche Stelle zu wenden.
Ferner fehle es bei einer privaten Blutfehde auch am Erfordernis einer
flüchtlingsrechtlichen Verfolgungsmotivation, weil sie nicht aus einem in
Art. 3 Abs. 1 AsylG genannten Grund erfolge.
Betreffend den Brand der (...) beziehungsweise des (...) führte die Vo-
rinstanz aus, dass die ergänzenden Abklärungen nach Wiederaufnahme
des Verfahrens auf Grundlage der von ihm eingereichten Beweismittel
zwar ergeben hätten, dass ein solcher wohl stattgefunden habe. Dennoch
sei dieser Brand aus objektiver Sicht nicht geeignet, die geltend gemachte
Gefahr einer Blutrache zu begründen. Zunächst gebe es keine Hinweise
auf die Täterschaft. Sein Vater habe sich anlässlich der ergänzenden Ab-
klärungen gegenüber der Verbindungsperson dahingehend geäussert,
dass es keine Hinweise darauf gebe, dass die Familie von E._ in
Zusammenhang mit dem Brand gebracht werden könne. Zudem hätte er
[der Beschwerdeführer] sich bei ausreichendem Verdacht an die zuständi-
gen Behörden wenden und Anzeige erstatten können, was er offensichtlich
D-1054/2018
Seite 9
unterlassen habe. Auch aus den Aussagen des Vaters gehe hervor, dass
man den Brand nicht zur Anzeige gebracht und auch der Staatsanwalt-
schaft nichts gesagt habe, da es keinerlei Beweise oder Hinweise auf eine
Verbindung zur Familie des Opfers gebe.
Im Hinblick auf die (...) erwog die Vorinstanz, dass bereits anlässlich der
ersten Abklärung festgestellt worden sei, dass diese weiter betrieben
werde. Insofern er anlässlich seiner ersten Beschwerde vorgebracht habe,
dass jene einem Angestellten übertragen worden sei, sei anzumerken,
dass er in der Anhörung vom 26. April 2017 ausgesagt habe, diese sei von
seinem Vater eine Woche zuvor aufgrund schlechter Einkünfte vermietet
worden. Somit vermöge seine Darlegung, dass die (...) aus Angst vor Ra-
che seitens der Familie des Opfers verpachtet worden sei, nicht gänzlich
zu überzeugen.
Bezüglich der (...) argumentierte die Vorinstanz, dass er weder in zeitlicher
noch in sachlicher Hinsicht einen kausalen Zusammenhang zum Tötungs-
delikt vom (...). März 2017 habe glaubhaft machen können. Bereits der
erste Abklärungsbericht habe ergeben, dass die (...) vor geraumer Zeit, be-
ziehungsweise ungefähr ein Jahr zuvor geschlossen worden sei. Auch die
ergänzenden Abklärungen hätten zu Tage gebracht, dass die (...) seit über
einem Jahr, mithin seit Oktober 2016, nicht mehr in Betrieb sei. In seiner
Stellungnahme vom 28. November 2017 habe er behauptet, stets ausge-
sagt zu haben, dass die (...) im Herbst geschlossen worden sei. Diesbe-
züglich sei aber festzuhalten, dass er in der Anhörung zu Protokoll gege-
ben habe, die (...) sei am (...). März 2017 gegen 16 Uhr geschlossen wor-
den, während er anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs vom
12. Juni 2017 geschildert habe, dass die (...) seit Dezember 2016 nicht
mehr in Betrieb sei. Beide Aussagen liessen sich indessen nicht mit den
Ergebnissen der Botschaftsabklärungen vereinbaren.
Betreffend die im ersten Beschwerdeverfahren eingereichte Erklärung von
F._ erwog die Vorinstanz, dass die ergänzenden Abklärungen erge-
ben hätten, dass dem Verfasser des Schreibens ausser dem Iman (...)
keine weiteren Personen namentlich bekannt seien, welche sich um eine
Versöhnung zwischen seiner Familie und der Familie des Opfers bemüht
hätten. In diesem Zusammenhang habe sein Vater ausserdem ausgesagt,
dass er zahlreiche Personen zur Familie des Opfers geschickt habe, an
deren Namen er sich jedoch nicht erinnern könne, und dass sich die Polizei
D-1054/2018
Seite 10
am Tag des Tötungsdelikts vor dem Haus positioniert habe, sie diese je-
doch nach vier Stunden mit dem Hinweis weggeschickt hätten, sie hätten
keinen Schutz nötig.
Schliesslich führte die Vorinstanz aus, dass die Angaben im Hinblick auf
eine ihm drohende Blutrache sehr vage ausgefallen seien. In der BzP habe
er zu Protokoll gegeben, dass die Polizei ihm zwei Nächte lang Schutz ge-
währt habe. Die ergänzende Abklärung habe diesbezüglich ergeben, dass
der Staatsanwaltschaft nichts darüber bekannt sei. Selbst wenn sein Vor-
bringen indessen zutreffen sollte, sei dies per se kein Hinweis darauf, dass
die Familie des Opfers Interesse an Rache hege, da in den ersten Tagen
nach einer solchen Tat erhöhte Wachsamkeit zu erwarten sei. An dieser
Einschätzung vermöge auch die Behauptung in seiner Stellungnahme, der
Polizeischutz sei nicht mangels Interesse seinerseits, sondern aufgrund
von Kapazitätsengpässen der Polizei abgebrochen worden, nichts zu än-
dern.
Insgesamt, so die Vorinstanz, sei festzustellen, dass seine Aussagen zur
geltend gemachten Gefährdungslage rein spekulativer Natur seien und
nicht den Eindruck einer konkret drohenden Gefahr vermittelten. Seine Be-
hauptung, die Angehörigen von E._ hätten angekündigt, an ihm Ra-
che zu üben, sei substanzlos geblieben. Auch auf Nachfrage habe er dies
nicht weiter konkretisieren können und lediglich ausgeführt, dass er den
Angehörigen nie begegnet sei, diese jedoch gesagt hätten, dass sie zu ei-
ner Versöhnung nicht bereit seien. Insofern er geschildert habe, dass die
Angehörigen als Bedingung für eine Versöhnung von seiner Familie
100'000 Euro verlangt hätten, sei Folgendes festzuhalten: Selbst wenn sie
tatsächlich diese Geldsumme gefordert hätten, könne dies nicht als Hin-
weis dafür gewertet werden, dass sie auf Blutrache sinnen würden. Auch
bedeute der Umstand, dass die Familie des Opfers Schlichtungsbemühun-
gen bis anhin abgelehnt habe, nicht, dass eine Gefahr für ihn bestehe oder
ihm Rache drohe. Im Rahmen der ersten Abklärung habe die Vertrauens-
person der Schweizer Vertretung ein Gespräch mit dem Imam geführt, der
in die Angelegenheit als Vermittler involviert sei und eine Schlichtungsfunk-
tion innehabe. Dieser habe sich zuversichtlich im Hinblick darauf geäus-
sert, dass die Vermittlungsbemühungen zu einem positiven Abschluss kä-
men. Im Übrigen habe aufgrund der Recherchen vor Ort auch nicht bestä-
tigt werden können, dass es sich bei der Familie des Opfers um eine "ein-
schlägige" oder sehr mächtige Familie handle. Es lägen somit keine kon-
kreten Hinweise dafür vor, dass die Familie des Opfers daran interessiert
sei, an ihm oder gar einem seiner Familienmitglieder Blutrache auszuüben.
D-1054/2018
Seite 11
Schliesslich erwog die Vorinstanz, die ergänzende Botschaftsabklärung
habe ergeben, dass er amtlichen Angaben zufolge den heimatlichen Be-
hörden seit Jahren einschlägig bekannt sei und ihm unter anderem die Fäl-
schung von Dokumenten, gewalttätige Angriffe, Verkehrsdelikte und Be-
täubungsmitteldelikte vorgeworfen würden. Aktuell werde er von den Be-
hörden gesucht, da eine Gefängnisstrafe von eineinhalb Jahren wegen Be-
täubungsmitteldelikte ausstehe. In diesem Zusammenhang sei festzuhal-
ten, dass gemäss dem AsylG keine asylrelevante Verfolgung vorliege,
wenn staatliche Massnahmen rechtsstaatlich legitimen Zwecken dienten.
5.2 In seiner Rechtsmitteleingabe äussert sich der Beschwerdeführer unter
Wiederholung des Sachverhalts zunächst zu den Botschaftsabklärungen
und führt diesbezüglich aus, dass sich die Ergebnisse der ersten Bot-
schaftsabklärung im Hinblick auf den Brand später nachweislich als falsch
entpuppt hätten und die Ergebnisse der zweiten Botschaftsabklärung einen
stark reduzierten Beweiswert aufweisen würden, solange nicht geklärt sei,
weshalb die erste Abklärung fehlerhaft gewesen sei.
Sodann habe er selbst die Polizei nicht weggeschickt, er habe mit dieser
nicht einmal gesprochen. Die Polizei habe er am Tag des Tötungsdelikts
zwar von seinem Haus stehen sehen, sei jedoch noch am selben Abend
nach I._ geflohen, wo er sich bis zur Ausreise aufgehalten habe. Er
habe von seiner Ehefrau erfahren, dass die Polizei insgesamt noch zwei
Tage vor Ort gewesen sei. Deshalb habe er anlässlich der Anhörung ge-
sagt, dass ihm zwei Tage Schutz gewährt worden sei. Auch sein Vater be-
stätige, dass er gehört habe, dass die Polizei noch zwei Tage am Ende der
Strasse, an welcher die Familie in mehreren Häusern verteilt wohne, ge-
standen habe. Sein Vater bestätige auch, dass er die Polizisten wirklich
nach vier Stunden weggeschickt habe. Dies habe er [der Beschwerdefüh-
rer] jedoch nicht mitbekommen. Insgesamt gebe es keine Gründe, das Vor-
bringen, dass die Polizei zwei Tage (davon vier Stunden direkt vor den
Häusern, für den Rest am Ende der Strasse positioniert) Schutz gewährt
habe, in Frage zu stellen. Da die Polizei wohl keinen spezifischen bezie-
hungsweise keinen durch die Familie gewünschten Schutzauftrag gehabt
habe und sich wohl auf eigenes Gutdünken hin am Ende der Strasse auf-
gehalten habe, sei es nachvollziehbar, dass der Staatsanwaltschaft dies-
bezüglich kein Bericht vorliege. Dass die Polizei, obwohl sie von seinem
Vater weggeschickt worden sei, sich weitere zwei Tage an der Strasse auf-
gehalten habe, lasse darauf schliessen, dass sie selbst von einer sehr
grossen Gefahr der Blutrache ausgegangen sei.
D-1054/2018
Seite 12
Insofern die Botschaftsabklärung ergeben habe, dass sich sein Vater nicht
mehr namentlich an die Personen erinnern könne, die er zwecks Vermitt-
lung zur Familie des Opfers geschickt habe, sei darauf hinzuweisen, dass
sein Vater in einem persönlichen Schreiben zwar bestätige, dass er ge-
wusst habe, dass die befragende Person [die Vertrauensperson] von der
Schweizer Botschaft geschickt worden sei, dass er ihr jedoch nicht vertraut
habe und die Namen deshalb geheim gehalten habe. Im Schreiben bestä-
tige sein Vater jedoch, dass er seinen Bruder J._, K._ und
den L._ zur Schlichtung beziehungsweise Vermittlung geschickt
habe. Was die Aussagen des Vaters zum Brand angehe, so werde offen-
sichtlich, dass er der Verbindungsperson der Schweizer Vertretung zwar
gesagt habe, dass keine Beweise vorlägen, dass die Familie des Opfers
hinter dem Brandanschlag stecke, aber nicht, dass er persönlich denke,
diese habe nichts mit der ganzen Sache zu tun.
Betreffend die (...) sei festzuhalten, dass seine Aussage in der Anhörung
durchaus mit dem Ergebnis der Botschaftsabklärung vereinbar sei. So
habe er nämlich gesagt, dass die (...) seit dem Vorfall vom (...). März 2017
komplett geschlossen sei. Mit seiner Aussage, dass "(...)" habe er aber
bereits anlässlich der Anhörung impliziert, dass die (...) im Winter nicht ge-
öffnet gewesen sei. Im rechtlichen Gehör zur ersten Botschaftsabklärung
habe er seine Aussagen diesbezüglich spezifiziert und insbesondere klar-
gemacht, dass im Jahr 2016 die (...) zuletzt noch im Dezember 2016 offen
gewesen sei. Diese sei jedoch nicht durchgehend bis zum Dezember 2016
offen, sondern schon vorher wochenweise geschlossen gewesen.
Insofern ihm die Vorinstanz vorwerfe, er werde von den kosovarischen Be-
hörden gesucht, weil eine Freiheitsstrafe ausstehe, gehe aus den Ausfüh-
rungen nicht hervor, ob das gegen ihn ergangene Urteil rechtskräftig sei.
Insbesondere sei auch festzuhalten, dass er sich nicht auf der Flucht vor
der Justiz befinde. Ein Urteil wegen Betäubungsmitteldelikte, welche eine
Sache der Vergangenheit betreffe, habe insbesondere nicht zum Zeitpunkt
seiner Ausreise vorgelegen. Es sei ihm zu keinem Zeitpunkt bekannt ge-
wesen beziehungsweise sei ihm auch heute nicht bekannt, dass er gesucht
würde. Vor dem Hintergrund des Abklärungsergebnisses, dass er der ko-
sovarischen Polizei einschlägig bekannt sei, sei auch darauf hinzuweisen,
dass er sich in der Schweiz stets vorbildlich verhalten habe.
Der Ansicht der Vorinstanz, dass die geltend gemachte Gefährdungslage
rein spekulativer Natur sei, könne nicht gefolgt werden. Ob die Gefähr-
D-1054/2018
Seite 13
dungslage tatsächlich bestehe, sei anhand objektiver Umstände zu beur-
teilen. Fakt sei, dass im vorliegenden Fall verschiedenste starke Indizien
vorlägen (Tötung von E._, Brandanschlag, tatsächlich stattgefun-
dene und gescheiterte Schlichtungsversuche, nicht gewährte Besa [Frie-
denszeit], Bedrohung des Anwaltes des Bruders, allgemeine Gefährlichkeit
der Familie des Opfers sowie Verbreitung von Blutrache in seiner Heimat-
region), welche deutlich werden liessen, dass ihm eine Blutrache drohe.
Die Vorinstanz habe die tatsächlichen Fakten sowie sämtliche Indizien ein-
seitig zu seinen Ungunsten gewürdigt.
Sodann gehe die Argumentation betreffend Schutzfähigkeit und Schutzwil-
len fehl: Bei der Einstufung als verfolgungssicherer Staat (safe country)
handle es sich gemäss Rechtsprechung um eine relative Verfolgungssi-
cherheit, die im Einzelfall aufgrund konkreter und substantiierter Hinweise
umgestossen werden könne. Er habe in diesem Zusammenhang aufzeigen
können, dass im vorliegenden Fall solch konkrete und substantiierte Hin-
weise vorlägen. Auch der vorinstanzlich vorgebrachte Umstand, dass sein
Bruder sich in Untersuchungshaft befinde, sei in keiner Weise ein konkreter
Anhaltspunkt für eine tatsächliche Schutzgewährung, zumal das staatliche
Strafsystem aus traditioneller Sicht nicht den durch eine Tötung entstande-
nen Ehrverlust auszugleichen vermöge. Auch aus Berichten gehe hervor,
dass die kosovarischen Behörden nicht in der Lage oder willens seien, je-
manden vor Blutrache zu schützen. Zu berücksichtigen sei in diesem Zu-
sammenhang insbesondere auch, dass es in C._ regelmässig zu
Blutfehden komme, was auch durch internationale Berichte bestätigt
werde. In dieser Hinsicht sei auch nachvollziehbar, dass sein Vater die Po-
lizei fortgeschickt habe, da dieser gewusst habe, dass die Polizei keinen
effektiven Schutz vor Blutrache würde gewährleisten können. Auf mittel-
oder langfristigen Polizeischutz habe er ohnehin nicht zählen können, da
ein Schutz rund um die Uhr nur bei bekannten Persönlichkeiten möglich
sei oder wenn konkret ein Auftrag des Innenministeriums vorliege. Dass
sein Vater – ohne sein Wissen – die Polizei weggeschickt habe und er oh-
nehin nach I._ und dann in die Schweiz geflohen sei, ohne vorher
versucht zu haben, Polizeischutz zu erhalten, sei irrelevant, da anhand
konkreter Beispiele, etwa der Familie M._ und N._ aufge-
zeigt werden können, dass die Polizei in C._ ohnehin nicht in der
Lage sei gefährdete Personen vor Blutrache zu schützen.
Soweit die Vorinstanz vorgebracht habe, es bestehe eine innerstaatliche
Fluchtalternative, sei ebenfalls zu widersprechen. Gemäss der Schweize-
rischen Flüchtlingshilfe (SFH) hätten von Blutrache bedrohte Personen
D-1054/2018
Seite 14
nicht die Möglichkeit, innerhalb des Kosovo Schutz zu finden. Wegen der
geringen Grösse sei leicht möglich, eine Person auch in grösseren Städten
schnell ausfindig zu machen. Zudem habe er im Rest des Kosovo auch
keinerlei Bezugspunkte (soziales Netz, Wohnmöglichkeit, berufliche Mög-
lichkeiten).
Insofern die Vorinstanz das Vorliegen eines flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgungsmotivs verneine, sei festzuhalten, dass es sich bei den Opfern
von Blutrache aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Familie gemäss weit
verbreiteter Ansicht um eine "bestimmte soziale Gruppe" im Sinne der
Flüchtlingskonvention handle, so dass die darin begründete Verfolgungs-
motivation sehr wohl flüchtlingsrechtlich relevant erscheine.
Insgesamt habe er unter Berücksichtigung der herabgesetzten Beweisan-
forderungen gemäss Art. 7 AsylG seine Befürchtung, im Falle der Wegwei-
sung wegen eines Racheaktes durch die Familie des Opfers, Opfer asylre-
levanter Verfolgung oder zumindest Opfer unmenschlicher und erniedri-
gender Behandlung zu werden, glaubhaft machen können. Somit erfülle er
die Flüchtlingseigenschaft und, da keine Asylausschlussgründe vorlägen,
sei ihm Asyl zu gewähren
5.3 In ihrer Vernehmlassung wies die Vorinstanz zunächst die Behauptung
zurück, dass relevante Informationen zugunsten des Beschwerdeführers
absichtlich vorenthalten worden seien. Auch dass zunächst ein absichtlich
falscher Bericht erstellt worden sei, sei eine blosse Unterstellung. Sodann
sei auch vor dem Hintergrund, dass die Familie des Beschwerdeführers
zum Clan von O._ gehöre, dem zahlreiche kriminelle Machenschaf-
ten nachgesagt würden, und der über die Landesgrenzen hinaus einschlä-
gig bekannt sei, nicht anzunehmen, dass die Familie des Opfers Blutrache
üben würde. Die Behauptung, dass es sich bei der Familie des Opfers um
eine mächtige Familie handle, habe nicht belegt werden können. Auch die
vom Beschwerdeführer vorgebrachte Blutfehde zwischen den Familien
M._ und N._ seit dem Jahr 2000 in C._ sei per se
nicht geeignet, von dieser auf Verfolgungshandlungen seitens der Familie
des Opfers zu schliessen. Was den Brand angehe, so sei nochmals darauf
hinzuweisen, dass aus den Aussagen des Vaters eindeutig hervorgehe,
dass keine Hinweise auf die Familie des Opfers als Brandverursacher be-
stünden. Betreffend das Vorbringen, ein Mitglied der Familie des Opfers
habe dem Rechtsanwalt des inhaftierten Bruders aufgelauert und diesen
mit dem Tod bedroht, sei festzuhalten, dass es sich um eine pauschale
Behauptung handle, die nicht belegt worden sei.
D-1054/2018
Seite 15
5.4 In seiner Replik führt der Beschwerdeführer insbesondere aus, dass es
sich beim Onkel des Opfers, P._, um eine einflussreiche Persön-
lichkeit des Q._-Clans handle, der ein Restaurant und einen
Schiessplatz in C._ sowie weitere Firmen betreibe, und dessen
Sohn R._ mit einer Gruppe von Bewaffneten im Jahr 2017 in krimi-
neller Absicht nach Mazedonien eingedrungen sei und dort nun eine le-
benslange Haftstrafe absitze. Somit könne auch der Familie des Opfers
eine gewisse Stellung und ein gewisser Einfluss nicht abgesprochen wer-
den. Dass sich die Familie des Opfers alles andere als eingeschüchtert
verhalte, gehe auch aus folgendem Umstand hervor: Wie die Zeitung (...)
am 13. März 2018 berichtet habe, habe die Frau des verstorbenen
E._, S._, während der laufenden Gerichtsverhandlung sei-
nem Bruder einen Schlüssel an den Kopf geworfen, worauf die anwesende
Polizei zur Schaffung von Ruhe und Ordnung habe einschreiten müssen.
Allen Vermittlungsversuchen – auch jenen von O._ – zum Trotz wei-
gere sich die Familie des Opfers bis heute, sich mit seiner Familie zu ver-
söhnen und eine Besa auszusprechen. Obwohl Verwandtschaften über die
beiden Clan-Grenzen hinaus bestünden, hätten seine Angehörigen auf An-
weisung der Familie des Opfers auch auf die Teilnahme an der Beerdigung
von E._ verzichtet. Es sei anzunehmen, dass die Familie des Op-
fers den Ausgang des Strafprozesses gegen seinen Bruder abwarte, wobei
eine Verurteilung seines Bruders wegen fahrlässiger Tötung oder Notwehr-
exzess wohl eine viel bessere Ausgangslage für Gespräche beziehungs-
weise weitere Vermittlungsversuche bilden würde als eine Verurteilung we-
gen Mordes. In diesem Fall würde die Familie des Opfers wohl unversöhn-
lich bleiben und er hätte mit schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen.
Im Hinblick auf die Aussagen seines Vaters zum Brand sei schliesslich fest-
zuhalten, dass es die Absicht seines Vaters gewesen sei, nicht unnötig die
ohnehin angespannte Situation anzuheizen. Insbesondere auch deswegen
habe sein Vater sich dahingehend geäussert, dass keine Hinweise auf die
Täterschaft der Familie des Opfers bestünden. Hätte sein Vater Vermutun-
gen in diese Richtung geäussert beziehungsweise würde er dies in Zukunft
tun und die Familie des Opfers würde davon erfahren, würde dies den Ver-
söhnungsprozess nachhaltig beeinträchtigen.
Hinsichtlich der Drohungen gegenüber dem Rechtsanwalt seines Bruders
könne er lediglich die Angaben wiedergeben, die der Anwalt gegenüber
D-1054/2018
Seite 16
seiner Familie gemacht habe. Dass der Anwalt diese Drohungen den Be-
hörden gemeldet habe, davon gehe er aus, könne dies aber naturgemäss
ebenso wenig beweisen.
6.
6.1 Nachfolgend ist zu prüfen, ob das SEM zu Recht die Flüchtlingseigen-
schaft des Beschwerdeführers verneint und das Asylgesuch abgelehnt hat.
6.2 Zunächst sieht das Bundesverwaltungsgericht keine Veranlassung, die
Ergebnisse der zweiten Botschaftsabklärung in Zweifel zu ziehen, zumal
es dem Beschwerdeführer im Gegensatz zur ersten Abklärung, im An-
schluss an welche er auf Beschwerdeebene mittels Beweismitteln den
Brand an der (...) darlegen konnte, nicht gelingt substanziiert aufzuzeigen,
inwiefern die zweite Abklärung fehlerbehaftet sein soll. Nach Durchsicht
der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht sodann in Übereinstim-
mung mit der Vorinstanz zum Schluss, dass die Vorbringen zur Bedro-
hungslage spekulativer Natur sind beziehungsweise nicht den Eindruck ei-
ner konkret drohenden Gefahr vermitteln. So vermag die Darlegung, dass
die (...) aus Angst vor Racheakten verpachtet worden beziehungsweise die
(...) in Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt geschlossen worden sei,
nicht zu überzeugen. Auch ergeben sich aus dem Brand an der (...) kei-
nerlei Hinweise auf eine Verbindung zur Familie des Opfers. Es kann dies-
bezüglich auf die zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen verwiesen
werden, denen sich das Gericht anschliesst (vgl. E. 5.1). Wie von der Vo-
rinstanz zu Recht bemerkt, dürfte auch der Umstand, dass der Beschwer-
deführer zum Clan von O._ gehört, dem zahlreiche kriminelle Ma-
chenschaften nachgesagt werden (vgl. [...]) eine abschreckende Wirkung
auf die Familie des Opfers haben. Hingegen konnte die Aussage des Be-
schwerdeführers, dass es sich bei der Familie des Opfers um eine sehr
einflussreiche Familie handle, anlässlich der Abklärungen nicht erhärtet
werden. Der Umstand, dass ein Sohn dieser Familie in Mazedonien an ei-
nem bewaffneten Angriff beteiligt war und dort nun eine lebenslange Frei-
heitsstrafe absitzt, vermag nicht zu einer anderen Einschätzung zu führen.
Darüber hinaus waren gemäss der ersten Botschaftsabklärung keinerlei
Sicherheitsvorkehrungen ersichtlich und die zweite Abklärung ergab, dass
alle Familienmitglieder ihrer eigenen Tätigkeit nachgingen. Mithin ist nicht
davon auszugehen, dass sich die Familie bedroht gefühlt und versteckt ge-
lebt hätte. Im Hinblick auf die Beurteilung einer subjektiven Furcht ist
schliesslich noch auf folgende Ungereimtheit hinzuweisen: Dass der Be-
schwerdeführer für die Angabe, die Polizei habe ihn zwei Nächte lang be-
wacht, erst im Rahmen des zweiten Beschwerdeverfahrens eine Erklärung
D-1054/2018
Seite 17
dahingehend abgibt, er habe dies von seiner Ehefrau erfahren, mutet selt-
sam an, zumal auch seine weitere, in diesem Zusammenhang erfolgte Aus-
sage, er sei am Abend des Tötungsdelikts nach I._ gegangen und
habe sich dort bis zur Ausreise versteckt gehalten, nicht mit seinen bishe-
rigen (uneinheitlichen) Angaben, wonach er sich bis zu seiner Ausreise zu
Hause aufgehalten habe ([...]) beziehungsweise das Haus einen Tag nach
dem Vorfall verlassen habe und nach I._ gegangen sei ([...]), über-
einstimmt.
Schliesslich dürfte der Umstand, dass das Tötungsdelikt von den kosova-
rischen Behörden strafrechtlich geahndet und (erstinstanzlich) eine ange-
sichts der Tat nicht unangemessen scheinende Strafe (22 Jahre und 6 Mo-
nate, vgl. Sachverhalt Bst. S.) ausgesprochen wurde, ebenfalls als Indiz
gegen die Gefahr einer Blutrache zu werten sein.
An dieser Stelle erübrigt sich eine Auseinandersetzung mit weiteren Aspek-
ten.
6.3 Die Vorinstanz ist zu Recht davon ausgegangen, dass die Vorbringen
des Beschwerdeführers den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft
nicht zu genügen vermögen. Er macht von Privatpersonen ausgehende
Verfolgungsmassnahmen geltend. Damit handelt es sich nicht um eine
asylrechtliche Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG, welche die
Flüchtlingseigenschaft zu begründen vermöchte. Einerseits fehlt es bei ei-
ner privaten Blutfehde am Erfordernis der flüchtlingsrechtlich relevanten
Verfolgungsmotivation, weil diese nicht aus einem in Art. 3 Abs. 1 AsylG
genannten Grund erfolgt. Insbesondere handelt es sich bei der Täterfamilie
entgegen der Rechtsmitteleingabe nicht um eine "soziale Gruppe" im Sinne
des Asylgesetzes. Andererseits sind Übergriffe von privaten Dritten nur
dann flüchtlingsrechtlich relevant, wenn es der betroffenen Person nicht
möglich ist, im Heimatland Schutz davor zu finden. Der Schutz ist dann als
ausreichend zu qualifizieren, wenn eine Person effektiv Zugang zu einer
funktionierenden staatlichen Infrastruktur hat und ihr deren Inanspruch-
nahme zumutbar ist, wobei von einem Staat nicht erwartet werden kann,
dass er jederzeit präventiv in die Lebensbereiche seiner Bürger eingreifen
kann. Ist kein ausreichender Schutz möglich, setzt die Anerkennung zudem
voraus, dass die betroffene Person einer landesweiten Verfolgung ausge-
setzt ist und nicht in einem anderen Teil ihres Heimatstaates Schutz finden
kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.1 S. 173 ff., 2008/4 E. 5.2 S. 37 f.).
D-1054/2018
Seite 18
6.4 Der Bundesrat hat Kosovo mit Beschluss vom 6. März 2009 als verfol-
gungssicheren Staat (Safe Country) eingestuft. Die Bezeichnung eines
Landes als Safe Country beinhaltet die Regelvermutung, dass eine asylre-
levante staatliche Verfolgung nicht stattfindet und der Schutz vor nicht
staatlicher Verfolgung gewährleistet ist. Hierbei handelt es sich jedoch um
eine relative Verfolgungssicherheit, die im Einzelfall auf Grund konkreter
und substantiierter Hinweise widerlegt werden kann. Gemäss Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts gehen die zuständigen Behörden
in Kosovo im Rahmen ihrer Möglichkeiten konsequent gegen Bedrohungen
und Übergriffe durch Privatpersonen vor. Insofern ist vom Schutzwillen und
von der weitgehenden Schutzfähigkeit der Sicherheitsbehörden auszuge-
hen (vgl. die Urteile des BVGer D-2562/2013 vom 16. Mai 2013 E. 4.1 f.
mit Hinweis auf BVGE 2011/50 E. 4.7; E-6802/2014 vom 5. Dezem-
ber 2014 E. 7 und D-1609/2016 vom 27. Dezember 2016 E. 5). Wie bereits
in der angefochtenen Verfügung ausgeführt, wäre es dem Beschwerdefüh-
rer bei Nachstellungen seitens der Familie des Opfers unbenommen ge-
wesen, den Schutz der kosovarischen Behörden in Anspruch zu nehmen,
zumal davon ausgegangen werden kann, dass sich diese auch in seinem
Fall den Möglichkeiten entsprechend für seinen Schutz eingesetzt hätten.
Es gibt keinen Grund anzunehmen, sie könnten dies nicht auch künftig,
nach seiner Rückkehr in den Heimatstaat, tun. In dieser Hinsicht hat der
Beschwerdeführer in der BzP schliesslich selber angegeben, dass die Po-
lizei ihn zwei Nächte lang bewacht habe (vgl. [...]). Entsprechendes geht
auch aus der Rechtsmitteleingabe im ersten Beschwerdeverfahren hervor
([...]).
6.5 Angesichts dieser Sachlage ergibt sich, dass die Vorbringen des Be-
schwerdeführers den Anforderungen an die Asylrelevanz nicht standzuhal-
ten vermögen. Es bestehen des Weiteren keine konkreten und substanti-
ierten Hinweise, welche die Regelvermutung, Kosovo gewähre Schutz vor
nichtstaatlicher Verfolgung, in seinem Fall zu widerlegen vermögen. Die
Beschwerdevorbringen rechtfertigen keine andere Einschätzung. Die Vor-
instanz hat die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers zu Recht
verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
D-1054/2018
Seite 19
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
8.2.1 So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1
AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über
die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement schützt nur
Personen, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
D-1054/2018
Seite 20
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihm unter Hinweis auf die vorangehenden
Erwägungen nicht gelungen. Auch die allgemeine Menschenrechtssitua-
tion im Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt
klarerweise nicht als unzulässig erscheinen, zumal die Republik Kosovo
seit dem 1. April 2009 als verfolgungssicherer Staat im Sinne von Art. 6a
Abs. 2 Bst. a AsylG gilt. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegwei-
sung sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmun-
gen zulässig.
8.2.3 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Die allgemeine Lage in Kosovo, die weder von Bürgerkrieg noch von
allgemeiner Gewalt gekennzeichnet ist, steht einem Wegweisungsvollzug
nicht entgegen. Der Bundesrat hat Kosovo als Staat bezeichnet, in den die
Rückkehr zumutbar ist (Art. 83 Abs. 3 AIG i.V.m. Art. 18 der Verordnung
über den Vollzug der Weg- und Ausweisung sowie der Landesverweisung
von ausländischen Personen [VVWAL, SR 142.281] und Anhang 2 der Ver-
ordnung).
8.3.2 Der Beschwerdeführer vermag die gesetzliche Vermutung der Zu-
mutbarkeit der Rückkehr nach Kosovo (vgl. E. 8.3.1) mit seinen Vorbringen
nicht umzustossen. Es ist nicht davon auszugehen, der Beschwerdeführer
D-1054/2018
Seite 21
würde bei einer Rückkehr aus individuellen Gründen wirtschaftlicher, sozi-
aler oder gesundheitlicher Natur in eine seine Existenz gefährdende Situ-
ation geraten. Der Beschwerdeführer stammt aus C._, wo ihm ein
Haus gehört und nach wie vor etliche Familienmitglieder leben. Er hat eine
(...) und eine (...) betrieben und gemäss eigenen Angaben mindestens
2'000 Euro monatlich verdient ([...]) auch gemäss der ersten Botschaftsab-
klärung scheint die wirtschaftliche Situation des Beschwerdeführers und
seiner Angehörigen sehr gut zu sein. Es liegen somit keine Anhaltspunkte
dafür vor, der Beschwerdeführer könnte in Kosovo in eine existenzbedro-
hende Notlage geraten.
8.3.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, der über einen gültigen
Reisepass verfügt, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates
die für eine Rückkehr allenfalls notwendigen weiteren Reisedokumente zu
beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), wes-
halb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde ihm
mit Zwischenverfügung vom 17. Mai 2018 die unentgeltliche Prozessfüh-
rung gewährt und ist den Akten nicht zu entnehmen, dass er nicht mehr
bedürftig wäre, weshalb auf die Auferlegung von Verfahrenskosten zu ver-
zichten ist.
10.2 Mit derselben Zwischenverfügung wurde dem Beschwerdeführer die
unentgeltliche Rechtsverbeiständung gemäss aArt. 110a Abs. 1 AsylG be-
D-1054/2018
Seite 22
willigt und Rechtsanwalt Urs Ebnöther als amtlicher Rechtsbeistand einge-
setzt. Die Festsetzung des amtlichen Honorars erfolgt in Anwendung der
Art. 8-11 sowie Art. 12 VGKE (Reglement vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]), wobei das Bundesverwaltungsgericht bei amtlicher Vertre-
tung in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 200.– bis Fr. 220.– für
Anwältinnen und Anwälte ausgeht (Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Der
Rechtsvertreter weist in seiner Kostennote vom 15. Juni 2018 einen zeitli-
chen Aufwand von 13 Stunden aus und beziffert die Auslagen auf
Fr. 65.40.–. Der ausgewiesene Zeitaufwand erscheint angemessen. Bei ei-
nem Stundensatz von Fr. 220.– ist demnach die Parteientschädigung auf
Fr. 3'150.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzulegen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-1054/2018
Seite 23