Decision ID: fb215a4c-7047-54c8-bf7f-6fb2da9f7b14
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden (Ehepaar und ihr minderjähriges Kind), af-
ghanische Staatsangehörige tadschikischer Ethnie, verliessen ihren Hei-
matstaat eigenen Angaben zufolge am 28. Mai 2019 und gelangten über
den Iran und die Türkei nach Griechenland. Am 16. August 2020 reisten
sie in die Schweiz ein und stellten gleichentags ein Asylgesuch.
A.b Am 31. August 2020 wurden die Beschwerdeführenden vom SEM zu
ihrer Person und summarisch zu ihrem Reiseweg befragt (Befragung zur
Person BzP; vgl. Akte 1072390-16/8 und 1072390-17/8).
Dabei gaben sie namentlich an, ihre Familie habe zuletzt im Dorf
D._, E._ (Provinz F._) gelebt. Sie hätten sowohl ei-
nen Reisepass als auch eine Identitätskarte besessen.
B.
Am 4. September 2020 fand das persönliche Dublin-Gespräch statt. Dabei
trugen die Beschwerdeführenden beide vor, ihre Reisepässe seien von den
türkischen Behörden beschlagnahmt worden. Ihre afghanischen Taskara
würden sich im Heimatland befinden; sie hätten nur eine Fotoaufnahme
dieser Ausweise verfügbar. Zum medizinischen Sachverhalt führte die Be-
schwerdeführerin weiter aus, sie sei seit ihrer Flucht oft traurig und ver-
gesslich geworden; ihre Rechtsvertretung werde eine diesbezügliche Ein-
gabe nachreichen. Im Weiteren habe sie gesundheitliche Unterleibsprob-
leme. Der Beschwerdeführer trug diesbezüglich vor, er habe abgesehen
von Schmerzen an den Füssen wegen der langen Märsche auf der Flucht
keine gesundheitlichen Probleme (vgl. Akten A22 und A24).
C.
Mit Eingaben ihrer Rechtsvertretung vom 28. und 30. September 2020 (Ak-
ten A27 und A31) liessen die Beschwerdeführenden folgende Beweismittel
in Kopie nachreichen:
- afghanische Taskara aller drei Beschwerdeführenden;
- Geburtsurkunde der Beschwerdeführerin;
- Heiratsurkunde, ausgestellt am «(...)1394» (afghanischer Kalender);
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- mehrere Dokumente betreffend den Sohn C._ (Geburtsur-
kunde, Impfausweis);
- Diplom «Secondary Education», datiert mit (...) 2019, die Beschwerde-
führerin betreffend;
- zwei Studentenausweise der Beschwerdeführerin;
- Universitäts-Diplom der «(...) University», datiert (...) 2018 inklusive
Notenblätter, die Beschwerdeführerin betreffend;
- Praxisnachweise betreffend Medizinstudium der Beschwerdeführerin,
ausgestellt durch die «(...) University» am (...) 2018;
- «Basic Ultrasound Training Certificate» und «Ultrasound Training Cer-
tificate», beide ausgestellt von der «(...) University» betreffend ein
zweimonatiges «post graduate trainee» zwischen dem (...) 2017 und
(...) 2017 und ein sechsmonatiges «practical training» vom (...) 2017
bis (...) 2018;
- Diplom des Beschwerdeführers, ausgestellt durch (...)ministerium von
Afghanistan;
- Steuerbescheinigung des Beschwerdeführers, ausgestellt durch
Finanzministerium von Afghanistan;
- Mehrere Arbeitsbescheinigungen des Beschwerdeführers aus Afgha-
nistan;
- Mehrere Arbeits- und Berufsausweise des Beschwerdeführers.
Hierzu wurde weiter ausgeführt, die Arbeitsbescheinigungen des Be-
schwerdeführers würden belegen, dass dieser über eine gute berufliche
Existenz in Afghanistan verfügt habe. Er habe sich nicht vorstellen können,
seine Heimat jemals verlassen zu müssen, bis die Erlebnisse seiner Ehe-
frau ihn und seine Familie zur Ausreise veranlasst hätten.
Das Einreichen weiterer Beweismittel wurde ausdrücklich vorbehalten.
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D.
Am 1. Oktober 2020 fand die Befragung gemäss Art. 26 Abs. 3 AsylG res-
pektive die einlässliche Anhörung der Beschwerdeführerin gemäss Art. 29
AsylG statt (vgl. Akte A32).
Dabei trug sie im Wesentlichen vor, sie sei Ärztin und habe ihr Universi-
tätsstudium in der Provinz G._ in den Jahren 2011/12 bis 2017/18
absolviert. Anschliessend habe sie eine eigene frauenärztliche Praxis in
E._ geführt; an den genauen Zeitpunkt der Praxiseröffnung könne
sie sich nicht erinnern. Sie sei «nur Medical Doctor» gewesen und noch
nicht Fachärztin (für Gynäkologie). Sie habe nur Frauen behandelt und da-
bei Ultraschall-Untersuchungen durchgeführt. Es sei vorgesehen gewe-
sen, dass sie eine staatliche Arbeitsstelle antrete; der diesbezügliche Pro-
zess sei beim Gesundheitsamt bereits hängig gewesen.
Am 17. Mai 2019 sei ein bewaffneter Mann mit zwei Frauen (Mutter und
ihre unehelich schwangere Tochter H._; im Nachfolgenden: F.) in
der Gynäkologiepraxis der Beschwerdeführerin erschienen. Der Mann –
der Bruder der Schwangeren – habe sich als «Sohn des I._» aus-
gegeben und die Beschwerdeführerin dazu aufgefordert, die Abtreibung
des unehelichen Kindes seiner Schwester F. vorzunehmen. Die Beschwer-
deführerin habe dann erklärt, sie könne und dürfe die Abtreibung nicht
durchführen; in Afghanistan seien Abtreibungen nicht zugelassen und eine
solche würde gegen die islamischen Regeln verstossen. Der Bruder res-
pektive «Sohn des I._» (im Nachfolgenden: Q.) habe herumge-
schrien und mit seiner Kalaschnikov gegen die Praxistüre geschlagen. Die
im Wartezimmer sich aufhaltenden und aufgrund des Aufruhrs alarmierten
Patientinnen hätten sich erkundigt, was vorgefallen sei.
Am Abend dieser Vorfälle sei die Beschwerdeführerin vom Bruder der
Schwangeren telefonisch unter Druck gesetzt und massiv bedroht worden.
Am nächsten Tag habe sich die Beschwerdeführerin von einem Mullah be-
raten lassen. Dieser habe ihr erklärt, Abtreibungen seien im Islam gleich-
gesetzt mit der Tötung eines erwachsenen Menschen und daher verboten.
Er, der Mullah, werde versuchen, mit Q. eine Lösung zu finden. Nach dieser
«Konsultation» beim Mullah sei die Beschwerdeführerin in ihre Praxis zu-
rückgekehrt. Die beiden Frauen – die schwangere F. und ihre Mutter –
seien dann am nächsten Tag wieder in der Praxis erschienen. Die Mutter
habe sie angefleht, die Ehre ihrer Familie zu retten. Die Beschwerdeführe-
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rin habe der Schwangeren eine Infusion angelegt, weil diese einen niedri-
gen Blutdruck aufgewiesen habe. F. habe die Beschwerdeführerin als Ärz-
tin dann angefleht, ihr Kind nicht abzutreiben. Die Mutter des Mädchens
habe ihrerseits wieder auf die Abtreibung beharrt und habe die Beschwer-
deführerin wissen lassen, ein Mann aus J._, ein Paschtune, habe
F. heiraten wollen, aber F.s Bruder habe sie ihm nicht zur Frau geben wol-
len; F. sei dann "abgehauen" und erst nach vier Monaten – schwanger –
wieder aufgetaucht. Die Familie wolle sie mit einem anderen Mann verhei-
raten.
Am Mittag des 18. Mai 2019 habe der «Ehemann» von F. und Kindsvater
die Beschwerdeführerin angerufen und ihr drohend untersagt, sein Kind
abzutreiben. Sie habe ihm zugesichert, keine Abtreibung vorzunehmen.
Noch am gleichen Nachmittag sei die schwangere F. in einem körperlich
schlechten Zustand nochmals in die Praxis gebracht worden. Sie habe da-
bei stark geblutet sowie am Kopf und am Bauch Spuren von körperlicher
Gewalt aufgewiesen. Die Beschwerdeführerin habe die Schwangere mit
Ultraschall untersucht und dabei festgestellt, dass der Fötus abgestorben
sei. Sie habe die Notlage erkannt und die beiden Frauen aufgefordert, so-
fort ein Spital aufzusuchen. F. habe das Kind dann verloren, ohne ärztliches
Zutun der Beschwerdeführerin. Am Abend dieses Vorfalls sei die Be-
schwerdeführerin vom Bruder von F. (Q.) telefonisch bedroht worden, weil
sich diese an den Mullah gewandt habe. In derselben Nacht seien vor dem
Haus ihrer Familie Schüsse gefallen.
Der Vater der Beschwerdeführerin habe am Folgetag bei der Distriktbe-
hörde Anzeige erstattet; man habe ihm aber behördlicherseits mitgeteilt,
dass Q. ein gefährlicher, mächtiger Straftäter sei, welcher bereits Morde
und Entführungen begangen habe sowie mit Drogen handle; gegen ihn
könne behördlicherseits nichts unternommen werden; es seien kürzlich
Soldaten entsandt worden, um ihn zu verhaften, aber er habe entfliehen
können; ein paar Tage nach diesem Festnahmeversuch habe dieser Q. den
Distriktshauptsitz mit Waffengewalt angegriffen; im Weiteren stamme der
Mann, mit welchem das Mädchen das Kind gezeugt habe, aus J._,
einer Region, in welcher die Regierung keine Macht habe und nichts tun
könne.
Wenig später habe die Beschwerdeführerin eine weitere massive telefoni-
sche Drohung vom weinenden Kindsvater erhalten, der ihr vorgeworfen
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habe, sein Kind «vernichtet zu haben». Sie habe dem Kindsvater gegen-
über beteuert, keine Abtreibung vorgenommen zu haben, worauf dieser ihr
die Rache an ihrem Sohn angedroht habe. Wegen diesen Drohungen sei
die Beschwerdeführerin eine Woche lang nicht in ihrer Praxis erschienen.
Am 26. Mai 2019 habe sie dann – in Begleitung ihres Sohnes – ihre Pra-
xisarbeit wieder aufgenommen. Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit
seien zwei vermummte Personen auf einem Motorrad an ihr und ihrem
Sohn vorbeigefahren. Eine Person habe mit einer Pistole auf die beiden
geschossen, die sich ihrerseits in einen Strassengraben geworfen hätten.
Der Sohn sei an der Stirn und die Beschwerdeführerin am Oberschenkel
verletzt worden. Die Verletzungen des Sohnes seien von einem Arzt ver-
sorgt und genäht worden. Danach sei die Beschwerdeführerin mit ihrem
Sohn nach Hause gegangen. Dort habe sie wieder einen
Drohanruf bekommen, in welchem man ihr mitgeteilt habe, das nächste
Mal werde ihr Sohn getötet. Sie sei ja von zwei Seiten – von Q., weil sie
den Mullah über die Schwangerschaft von dessen Schwester informiert
habe, sowie von F.s Ehemann, der sie für den Tod des Kindes verantwort-
lich gemacht habe, bedroht worden; von welcher Seite dieser letzte Dro-
hanruf gekommen sei, könne sie nicht mit Sicherheit sagen; die Stimme
habe jener des Ehemannes geglichen, aber sie sei nicht sicher. Sie habe
anschliessend ihren Ehemann – der sich mit der Mutter der Beschwerde-
führerin wegen deren längerdauernden Krebsbehandlung in Pakistan auf-
gehalten habe – telefonisch kontaktiert. Ihr Ehemann habe entschieden,
dass die Familie aus Afghanistan ausreisen müsse; selbst der sicherste Ort
innerhalb des Landes sei für die Familie noch unsicher; Q. und seine Ge-
folgschaft hätten überall Macht. Die Beschwerdeführerin hätte auch in Ka-
bul ihre Arztpraxis aus Sicherheitsgründen nicht weiterführen können.
Wenn sie in Afghanistan geblieben wäre oder dorthin zurückkehren würde,
würde das ihren Tod bedeuten. Sie habe ursprünglich nicht beabsichtigt,
das Land zu verlassen, ansonsten die Familie Afghanistan bereits verlas-
sen hätte, als ihr Ehemann (...) habe.
Ihre Reisepässe seien von den türkischen Behörden beschlagnahmt wor-
den, als sie auf ihrem Fluchtweg nach Griechenland von ihrem sinkenden
Schiff von der türkischen Polizei aufgegriffen und nach Izmir gebracht wor-
den seien.
E.
Am 8. Oktober 2020 wurde der Beschwerdeführer gestützt auf Art. 29
AsylG einlässlich zu den Asylgründen befragt (vgl. Akte A35). Dabei trug er
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im Wesentlichen vor, er und seine Familie seien auf ihrer Reise von der
türkischen Polizei festgenommen und während längerer Zeit in einem Mili-
tärgefängnis untergebracht worden. Dabei seien ihnen namentlich die Rei-
sepässe abgenommen worden.
Er habe in Afghanistan sein Studium in (...)wirtschaft absolviert. Er habe
danach für die (...) gearbeitet. Er hätte die Möglichkeit gehabt, durch diese
Firma mit seiner Familie K._ auszureisen; er habe aber Afghanistan
damals nicht verlassen wollen. Später sei er bis 2016 beim Staat angestellt
und sei für (...) verantwortlich gewesen. Als die Regierung gewechselt
habe, sei diese Behörde aufgelöst worden und er habe zum (...)ministe-
rium gewechselt, wo er bis Ende 2018 tätig gewesen sei. Ab diesem Zeit-
punkt habe er nicht mehr gearbeitet und habe sich um seine Schwieger-
mutter, die zugleich seine Tante sei und in einer Krebsbehandlung gestan-
den habe, gekümmert. Er sei namentlich mehrmals mit ihr zur Chemothe-
rapie und zur Bestrahlungsbehandlung nach Pakistan gereist. Seine Fami-
lie habe ihren Lebensunterhalt mit den Ersparnissen, ihren Grundstücken
und von der Erwerbstätigkeit seiner Ehefrau, die seit etwa 2017/2018 eine
eigene Arztpraxis geführt habe, finanziert.
Wegen der Probleme seiner Ehefrau und ihres gemeinsamen Sohnes, die
sich beide in Lebensgefahr befunden hätten, habe die Familie Afghanistan
verlassen. Seine Ehefrau sei von Regierungsgegnern und einer weiteren
Person, die Macht gehabt habe, bedroht worden. Er selbst habe keine
Probleme mit den Behörden gehabt, wäre aber von den Problemen seiner
Ehefrau mitbetroffen gewesen, wenn er sich zu jenem Zeitpunkt nicht in
Pakistan aufgehalten hätte.
Ein Mädchen namens F. habe einen Jungen heiraten wollen und ihre Fa-
milie habe sich gegen diese Heirat gestellt. Deshalb hätten sich das Mäd-
chen und dieser Junge in einer von den Taliban dominierten Region ver-
steckt, aus welcher der Junge stamme. Sie sei dann schwanger zur Familie
zurückgekehrt. In der Folge sei seine Ehefrau als Ärztin vom einflussrei-
chen, mächtigen Bruder des Mädchens, der den Spitznamen Q. trage, un-
ter massiver Drohung aufgefordert worden, eine Abtreibung durchzufüh-
ren. Weil sich seine Ehefrau geweigert habe, sei sie sowohl von der Familie
dieses Mädchens als auch von der Familie des Kindsvaters, der seinerseits
davon ausgegangen sei, sie habe die Abtreibung durchgeführt, mehrmals
massiv bedroht worden. Während er selbst sich in Pakistan aufgehalten
habe, sei es auch zu einer Schiesserei hinter dem Haus seiner Familie
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gekommen. Etwas später habe das Mädchen ihr Kind verloren, nachdem
sie von ihrem Bruder Q. misshandelt worden sei.
Nachdem seine Ehefrau mehrmals behelligt worden sei, sei sie auf dem
Heimweg zusammen mit dem Sohn von zwei Motorradfahrern angeschos-
sen worden; die Verletzungen seines Sohnes hätten genäht werden müs-
sen; seine Ehefrau habe sich am Oberschenkel verletzt. Sein Schwieger-
vater habe bei der Distriktpolizei eine Anzeige erstattet und um Schutz ge-
beten. Die Behörden hätten aber nicht weitergeholfen. Man habe dem
Schwiegervater mitgeteilt, dass es einerseits «schwierig» sei, den Bruder
des Mädchens (Q.) zur Rechenschaft zu ziehen, da er sehr gefährlich und
unantastbar sei. Andererseits sei der «Ehemann» des Mädchens ein ein-
flussreicher Talib und stamme aus der Region J._, einer von den
Taliban beherrschten Gegend. Nachdem seinem Schwiegervater beschie-
den worden sei, dass die Behörden die Peiniger nicht zur Rechenschaft
ziehen könnten, habe er die Anzeige zerrissen und das Polizeirevier ver-
lassen.
Er habe von den Problemen seiner Ehefrau erfahren, nachdem sie ihm am
26. Mai 2019, während seines Aufenthaltes in Pakistan, telefonisch von
den Vorfällen berichtet habe. Nach diesem Telefonat sei er sehr schockiert
und aufgewühlt gewesen. Unmittelbar, nachdem er von Pakistan nach
Hause gekommen sei, sei die Familie aus Afghanistan ausgereist. Sie hät-
ten keine anderweitige Möglichkeit gehabt, im Heimatland zu bleiben, da
die Peiniger seiner Ehefrau die Macht hätten, sie überall, auch in Kabul,
wo sie sich bereits mehrmals aufgehalten, aber nie gelebt hätten, zu er-
greifen.
F.
Am 16. November 2020 wurde die Beschwerdeführerin ergänzend ange-
hört (vgl. A37). Dabei trug sie zusätzlich vor, sie könne sich nicht an das
genaue Datum der Eröffnung ihrer frauenärztlichen Praxis erinnern.
Beim Angriff durch die beiden vermummten Motorradfahrer habe sie sich
mit ihrem Sohn in einem Wassergraben zu verstecken versucht. Bei die-
sem Angriff sei ihr Sohn angeschossen, am Mund und am Schienbein und
sie selbst am Oberschenkel verletzt worden. Sie habe die Angreifer nicht
gekannt. Sie sei ja von zwei Seiten – einerseits von Q., andererseits vom
Ehemann von F. – bedroht worden. Noch am gleichen Abend habe sie ei-
nen Drohanruf erhalten. Dabei sei ihr in Aussicht gestellt worden, dass sie
und ihr Kind beim nächsten Angriff nicht überleben würden. Die Stimme
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des Anrufers habe der Stimme des Ehemanns von F. geähnelt, aber sie
könne nicht sicher sagen, ob er es gewesen sei. Sie habe von der Person
Q. zwar zuvor gehört, ihn aber erst bei den Ereignissen im Mai 2019 per-
sönlich getroffen. Sie kenne seinen genauen Namen nicht; er sei ein Ver-
brecher, der an Raubüberfällen, Morden und Entführungen teilgenommen
und bereits einmal aus dem Gefängnis L._ ausgebrochen sei. Als
ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt worden sei, sei er zur Distriktsbehörde
gegangen und habe auf deren Gebäude geschossen. Als dieser Q. ihre
Praxis aufgesucht und sie zur Durchführung der Abtreibung des Kindes
seiner Schwester F. aufgefordert habe, habe sie ihm erklärt, dass eine sol-
che Abtreibung gegen die afghanischen Gesetze und die islamischen Re-
geln verstossen und sie zudem ihre Praxisbewilligung verlieren würde.
Die Beschwerdeführerin bestätigte ihre Vorbringen, die sie in der ersten
Anhörung zu Protokoll gegeben hatte. Schliesslich gab sie an, sie hätte
nicht nach Kabul, wo Verwandte leben, umziehen und dort Sicherheit fin-
den können; wenn sie in Kabul weiter eine Arztpraxis geführt hätte, wäre
es ein Leichtes gewesen, sie dort ausfindig zu machen, und damit hätte sie
auch ihre Verwandten in Gefahr gebracht; (...). Auf die Ausübung ihres Be-
rufs zu verzichten und "einfach zu Hause wie eine Gefangene zu hocken",
habe sie sich nicht vorstellen können.
G.
Das SEM gab den Beschwerdeführenden am 19. November 2020 Gele-
genheit, zum Entscheidentwurf Stellung zu nehmen (vgl. Akte A39).
H.
Mit E-Mail vom 19. November 2020 ersuchte die Rechtsvertretung der Be-
schwerdeführenden um eine Fristverlängerung zur Stellungnahme zum
Entscheidentwurf und stellte zur Begründung die Nachreichung weiterer
Beweismittel in Aussicht.
Mit E-Mail vom 20. November 2020 gewährte das SEM eine entspre-
chende Fristverlängerung bis zum 24. November 2020 (vgl. Akte A40)
I.
Die Rechtsvertretung nahm mit Eingabe vom 23. November 2020 Stellung
zum Entwurf des SEM und führte dabei aus, aus welchen Gründen die Be-
schwerdeführenden mit dem Entscheidentwurf nicht einverstanden seien.
Gleichzeitig wurden drei fremdsprachige Beweismittel in Kopie nachge-
reicht und dazu folgende Inhaltsangaben (in Klammern) gemacht:
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- Dokument mit Briefkopf «(...)» und Nummer (...): (Mietvertrag für die
ärztliche Praxis der Beschwerdeführerin, datiert «(...).1397»);
- Dokument mit Stempel sowie Foto und Nummer «(...)»: (Schreiben
des afghanischen (...)ministeriums, um in staatlichen Spitälern respek-
tive beim staatlichen Gesundheitswesen zu arbeiten, ausgestellt am
«(...).1398»);
- Dokument mit Nummern «(...)» und «(...)» sowie Foto: (Schreiben be-
treffend zukünftige Anstellung bei verschiedenen staatlichen Kliniken
von M._, ausgestellt am «(...).1398»).
J.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 24. November 2020 lehnte das
SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführenden mangels Glaubhaftigkeit
ab und ordnete ihre Wegweisung aus der Schweiz an. Wegen Unzumut-
barkeit des Wegweisungsvollzuges wurde die vorläufige Aufnahme der Be-
schwerdeführenden verfügt (vgl. Akte 43).
Zur Begründung führte das SEM aus, die Schilderungen der Beschwerde-
führerin – zu den Drohungen seitens des «Q.» und des Erzeugers des un-
geborenen Kindes, zu den nächtlichen Schüssen vor ihrem Wohnhaus, zur
Strafanzeigeerstattung durch den Vater und zum Übergriff durch Motorrad-
fahrer – seien vage, wenig substanziiert und teilweise widersprüchlich aus-
gefallen. Insbesondere habe sie keine genauen Angaben dazu machen
können, in welchem Zeitraum sie ihre frauenärztliche Praxis geführt habe.
Ihre Erklärungen, sie könne sich nicht erinnern, beziehungsweise die Er-
öffnung ihrer Praxis sei für sie «völlig gewöhnlich» gewesen, seien nicht
überzeugend. Auch der Beschwerdeführer habe keine konkrete Auskunft
zur Praxis seiner Ehefrau geben können. Da der ärztlichen Praxis der Be-
schwerdeführerin eine zentrale Rolle für die Gesamtvorbringen zukomme
und deren Eröffnung ein beachtliches Ereignis dargestellt haben dürfte,
wäre von den Beschwerdeführenden zu erwarten gewesen, dass sie hierzu
genauere zeitliche Angaben hätten machen können.
Im Weiteren seien die Angaben zu den beiden Personen, die die Be-
schwerdeführerin bedroht haben sollten, vage geblieben. Der eigentliche
Name des Q. oder die Gründe für dessen Macht und Einfluss hätten nicht
genannt werden können. Auch die Beschreibungen seiner Person und der
Begegnungen mit ihm seien weitgehend stereotyp und ohne individuelle
Merkmale geblieben. Auch ihren Angaben zur Person des Kindserzeugers,
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zu den Personen, welche vom Motorrad aus auf sie geschossen hätten und
zu den Verantwortlichen der nächtlichen Schussabgaben fehle es an Sub-
stanz und Differenziertheit. Die Beschwerdeführerin habe nicht nachvoll-
ziehbar darlegen können, inwiefern diese Vorfälle mit ihren Problemen zu-
sammenhängen würden. Ihre Angabe, sie habe sonst mit niemandem
Probleme gehabt, vermöge den Zusammenhang nicht hinreichend zu er-
klären. Da es sich um wesentliche Aspekte ihrer Vorbringen gehandelt
habe, wäre zu erwarten gewesen, dass konkretere und substanziiertere
Angaben zu den genannten Personen hätten gemacht werden können.
Die Beschwerdeführerin habe sich zwar zu den einzelnen Vorfällen relativ
ausführlich geäussert und ihre Angaben würden einige Realkennzeichen
aufweisen. Ihre Ausführungen hätten sich jedoch als weitgehend starre,
chronologische und sachliche Abfolge von Ereignissen gestaltet. Ihre Schil-
derungen zum Praxisbesuch des Mädchens wiesen zwar eine grosse
Übereinstimmung auf, ihren Angaben fehle es jedoch an persönlichem Be-
zug und der Schilderung allfälliger Komplikationen. Ihre Erzählweise sei
wenig flexibel, sie habe sich des Öfteren wiederholt und ihre Ausführungen
wiesen keinerlei zeitliche Diskontinuitäten auf, wie sie bei Schilderungen
persönlicher Erlebnisse oft zu beobachten sei.
Der Beschwerdeführer habe namentlich bei der Schilderung der Situation,
wie er erstmals von den Problemen seiner Ehefrau erfahren haben wolle,
vage und wenig detaillierte Angaben gemacht. Seine Angaben erweckten
nicht den Eindruck, dass er auf persönlich Erlebtes zurückgegriffen habe.
Schliesslich hätten sich die Beschwerdeführenden widersprüchlich zu der
vom Vater/Schwiegervater angeblich eingereichten Strafanzeige geäus-
sert. Der Beschwerdeführer habe dazu angegeben, sein Schwiegervater
habe aus Zorn die Anzeige zerrissen, während die Beschwerdeführerin im
Rahmen ihrer beiden Anhörungen dazu nichts erwähnt habe, obwohl sie
mehrfach danach gefragt worden sei, was mit der Anzeige weiter gesche-
hen sei. Die Erklärungen – der Vater habe «vielleicht» die Anzeige zerris-
sen respektive er habe sie zerrissen, sie selbst habe zunächst nicht daran
gedacht, – seien widersprüchlich ausgefallen. Zudem seien keine Beweis-
mittel eingereicht worden, welche die geltend gemachte Strafanzeige be-
legen könnten.
Nachdem die Vorbringen als unglaubhaft einzuschätzen seien, müsse die
Asylrelevanz nicht geprüft werden. Immerhin sei festzuhalten, dass es an
einem asylrelevanten Verfolgungsmotiv fehle.
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In ihrer Stellungnahme vom 23. November 2020 sei die Rechtsvertretung
der Beschwerdeführenden zu einer anderen Einschätzung der Asylvorbrin-
gen gelangt. Zudem werde eingewandt, das SEM habe die eingereichten
Beweismittel nicht gewürdigt. Hierzu sei festzuhalten, dass die besagten
Beweismittel bestenfalls den Werdegang der Beschwerdeführenden und
ihre beruflichen Tätigkeiten belegen könnten. Dokumente, welche die vor-
gebrachte Verfolgung belegen könnten, seien keine eingereicht worden.
Zudem seien die Dokumente ausschliesslich in Kopie eingereicht worden,
weshalb sich deren Authentizität nur bedingt überprüfen lasse. Schliesslich
seien Dokumente dieser Art auch käuflich erhältlich, weshalb ihnen nur ge-
ringer Beweiswert zukomme. Nach dem Gesagten könne auf eine Über-
setzung der mit der Stellungnahme nachgereichten Beweismittel verzichtet
werden.
K.
Mit Eingabe ihrer zugewiesenen Rechtsvertretung vom 24. Dezember
2020 liessen die Beschwerdeführenden beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde erheben und beantragen, die Dispositivziffern 1 bis 3 der
SEM-Verfügung vom 24. November 2020 seien aufzuheben; die Vorin-
stanz sei anzuweisen, die Beschwerdeführenden als Flüchtlinge anzuer-
kennen und ihnen Asyl zu gewähren.
In prozessualer Hinsicht wurden die unentgeltliche Prozessführung und der
Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses beantragt.
Zur Begründung der Beschwerde wurde ausgeführt, das SEM habe die
Vorbringen zu Unrecht als unglaubhaft, namentlich als vage, unsubstanti-
iert und widersprüchlich gewürdigt. Das SEM habe darauf verzichtet, den
mit der Stellungnahme vom 23. November 2020 eingereichten Mietvertrag
zu übersetzen und zu würdigen. Das Dokument zur Praxisbewilligung
selbst sei nicht mehr auffindbar; deshalb seien anderweitige Beweismittel
eingereicht worden, die die Angaben zur Führung der frauenärztlichen Pra-
xis in E._ bestätigen würden.
Der eingereichte Mietvertrag halte – nebst weiteren Einzelheiten – die Be-
schwerdeführerin als Mieterin fest und sei von ihr eigenhändig unterzeich-
net worden. Es seien mehrere Praxis- respektive Registrierungsnummern
aufgeführt. Es handle sich um einen für drei Jahre – gemäss afghanischer
Zeitrechnung von (...)1397 bis (...) 1400 [gemäss Übersetzung des Ge-
richts: (...) 2018 bis (...) 2021) – abgeschlossenen Vertrag. Es sei stos-
send, dass das SEM einerseits den Vorbringen zur Praxisführung keinen
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Glauben geschenkt, andererseits die dazu nachgereichten Beweismittel
nicht übersetzt und gewürdigt habe. Das Argument der potentiellen Fälsch-
barkeit von entsprechenden Beweismitteln entbinde das SEM nicht von der
Übersetzungs- und Würdigungspflicht.
Die Beschwerdeführenden hätten sich an den groben Zeitraum, wie lange
die Ehefrau ihre Praxis geführt habe, erinnern können. Aus den eingereich-
ten Beweismittel gingen genügend Hinweise hervor, die die Praxisführung
als glaubhaft dargetan einschätzen liessen, weshalb nicht nachvollziehbar
sei, weshalb das SEM dieser Zeitangabe dermassen grosses Gewicht bei-
gemessen habe. Der Beschwerdeführer habe den diesbezüglichen Zeit-
raum einzugrenzen vermocht. Nachdem er längere Zeiten wegen der Be-
handlung seiner Schwiegermutter in Pakistan landesabwesend gewesen
sei, sei auch nachvollziehbar, dass er nicht genauere Angaben zu den Er-
lebnissen seiner Frau habe machen können.
Die Beschwerdeführerin habe glaubhaft beschrieben, dass es sich bei Q.
um eine berühmte, Angst einflössende Person gehandelt habe und dass
es sich bei seiner Bezeichnung um einen Spitznamen handle. Sie habe Q.
auch relativ detailliert beschrieben (traditionelle afghanische Kleidung, er
habe die Hose «ziemlich weit oben getragen»), seine Stimme nachgeahmt
und als grob beschrieben. Da sie dem Kindsvater nie persönlich begegnet
sei und nur zwei Telefongespräche mit ihm geführt habe, sei auch ver-
ständlich, dass sie zu ihm nicht weitere Informationen habe zu Protokoll
geben können. Der Beschwerdeführer – und nicht wie vom SEM in seinem
Entwurf festgehalten, seine Ehefrau – habe den Kindsvater als «Talib» be-
zeichnet. Da der Ehemann von F. aus einer Gegend stamme, die von den
Taliban beherrscht werde, habe die Beschwerdeführerin bei der Bespre-
chung mit der Rechtsvertretung auch erwähnt, dass dieser möglicherweise
den Taliban angehöre.
Es sei durchaus plausibel und sozial adäquat, dass der Vorfall mit den Mo-
torradfahrern und den Schüssen auf die Beschwerdeführerin und ihren
Sohn im Zusammenhang mit den Geschehnissen in ihrer ärztlichen Praxis
stehe. Im Gegenteil wäre nicht einzusehen, weshalb unbekannte Personen
etwas mit den gewalttätigen Angriffen auf die Beschwerdeführerin und ihre
Familie zu tun haben sollten. Das SEM habe dazu selbst zugestanden,
dass ihre diesbezüglichen Schilderungen Realkennzeichen aufweisen wür-
den. Es sei unverständlich, weshalb das SEM dann aber den Schluss ge-
zogen habe, diese Vorbringen mit Realkennzeichen würden nicht eine
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Qualität aufweisen, die auf eigenes Erleben schliessen lasse. Die protokol-
lierten Angaben würden 40 Seiten umfassen, weshalb nicht von substanz-
armen Aussagen auszugehen sei. Im Weiteren habe sie mit ihrer Schilde-
rung, sie habe die von ihr verlangte Abtreibung nicht nur aufgrund von is-
lamischen und medizinischen Prinzipien verweigert, sondern auch weil sie
den Entzug ihrer Praxisbewilligung befürchtet habe, eine persönliche Be-
troffenheit und Involviertheit dargetan.
Auch aus den Angaben des Beschwerdeführers werde dessen persönliche
Betroffenheit spürbar. Es erscheine lebensnah, dass seine Erinnerung
nach dem für ihn emotional schwer verkraftbaren Telefongespräch mit sei-
ner Ehefrau abgerissen sei und er sich nicht mehr an das danach Gesche-
hene erinnern könne. Seine Angabe, sein Mobil-Telefon sei vor Schrecken
aus der Hand gefallen, decke sich mit der Aussage seiner Ehefrau, sie
habe ihn nicht mehr telefonisch erreichen können.
Die Beschwerdeführerin habe bei der Besprechung des SEM-Entwurfs der
Rechtsvertretung gegenüber erklärt, dass sie vergessen habe, dass ihr Va-
ter die eingereichte Strafanzeige bei den Behörden zerrissen habe. Sie
habe diesen Vorfall jedoch bei der Rückübersetzung der Anhörung vom
16. November 2020 bestätigt. Es sei durchaus sozialadäquat, dass sie sich
bei einer Anhörung mit 152 Fragen nicht an jedes kleinste Detail erinnert
habe. Innerhalb ihrer Kernvorbringen seien keine gravierenden Widersprü-
che feststellbar. Die Erwägungen des SEM zur angeblich fehlenden Glaub-
haftigkeit liessen eine Gesamtwürdigung vermissen und würden den Ein-
druck erwecken, der Entscheid stütze sich auf unwesentliche Sachverhalt-
selemente. Die Vorbringen der Beschwerdeführenden seien vielmehr als
glaubhaft gemacht anzuerkennen.
Ferner seien die Vorbringen der Beschwerdeführerin auch asylrelevant;
namentlich sei die Erwägung des SEM, es fehle an einem Verfolgungsmo-
tiv, nicht zutreffend. Bei Nachteilen, die Frauen zugefügt würden, liege
dann ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv vor, wenn diese in diskrimi-
nierender Weise an das Merkmal des weiblichen Geschlechts anknüpfen
würden. Von Zwangsheirat oder Ehrenmord bedrohte Frauen würden in
Afghanistan keinen effektiven staatlichen Schutz erhalten, wie dies männ-
liche Opfer erwarten könnten. Hierzu wurde auf mehrere Urteile des Bun-
desverwaltungsgerichts verwiesen (E-2918/2018 vom 12. August 2019,
E-4322/2018 vom 21. August 2018, E-2108/2011 vom 1. Mai 2013 E. 6.2,
D-2250/2010 vom 26. November 2012, D-4289/2006 vom 11. September
2008 E. 6.4). Frauen, die in Afghanistan einem Beruf nachgingen, seien die
E-6543/2020
Seite 15
Ausnahme und seien potentiell alleine aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit
exponiert. Patriarchalische und gewalttätige gesellschaftliche Strukturen
führten dazu, dass Frauen gegen grössere Widerstände kämpfen müssten
als Männer. Die Beschwerdeführerin habe in Afghanistan berufsbedingt nur
Frauen behandelt. Sie sei von zwei Seiten (seitens des Q, der sich in seiner
Ehre verletzt erachtet habe, auf der einen und seitens des wegen des Ver-
lust seines leiblichen Kindes zornigen Ehemannes von F. auf der anderen
Seite) mit Todesbedrohungen eingedeckt worden, welche direkt mit ihrem
Beruf respektive ihrem weiblichen Geschlecht zusammenhingen und somit
frauenspezifisch seien. Verbrechen gegen Frauen blieben in Afghanistan
weitgehend straflos, wozu das Urteil D-3501/2019 vom 21. September
2019 (recte: 21. August 2019) E. 5.4.5) referenziert werde. In Afghanistan
bestehe keine Schutzinfrastruktur und es fehle an einem behördlichen
Schutzwillen bei geschlechtsspezifischer Gewalt. Nachdem der Vater der
Beschwerdeführerin bei der Distriktverwaltung um Schutz nachgesucht
habe, hätten sich die Behörden als machtlos erwiesen. Die Beschwerde-
führenden seien in Afghanistan schutzlos den Angriffen von Drittpersonen
ausgesetzt gewesen und diese Gefahr sei nach wie vor aktuell. Die Frage
einer innerstaatlichen Fluchtalternative stelle sich nicht, da die Familie vor-
läufig aufgenommen worden sei.
Mit der Rechtsmitteleingabe wurden die Originale der bereits in Kopie ein-
gereichten Beweismittel nachgereicht: die Taskara der drei Beschwerde-
führenden, Geburtsurkunde der Ehefrau, Heiratsurkunde, Mietvertrag vom
«(...).1397», Schreiben des afghanischen (...)ministeriums vom
«(...).1398», Schreiben betreffend zukünftige Anstellung bei verschiede-
nen staatlichen Kliniken von M._ vom «(...).1398» (vgl. Sachverhalt
oben, Bst. C und J).
L.
Das Bundesverwaltungsgericht stellte mit Instruktionsverfügung vom 6. Ja-
nuar 2021 fest, die Beschwerdeführenden könnten den Ausgang ihres
Asylverfahrens in der Schweiz abwarten und verwies dazu ergänzend auf
die angeordnete vorläufige Aufnahme. Im Weiteren wurde das Gesuch um
unentgeltliche Prozessführung gutgeheissen und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses verzichtet.
M.
In seiner Vernehmlassung vom 13. Januar 2021 hielt das SEM ergänzend
fest, es lasse sich auch aus dem Mietvertrag im Original die behauptete
Verfolgung nicht ableiten; der Verwendungszweck des gemieteten Lokals
E-6543/2020
Seite 16
werde zudem nicht genannt. Der Umstand, dass die Beschwerdeführen-
den – ausser den geltend gemachten – keine anderweitigen Feindschaften
gehabt hätten, reiche angesichts der generell unsicheren Lage in Afgha-
nistan nicht aus, um den Kausalzusammenhang zwischen dem bewaffne-
ten Angriff und der geltend gemachten Verfolgungssituation wegen den Ab-
treibungsvorbringen herzustellen. Das SEM halte daran fest, dass die
Frage, ob der Vater die Strafanzeige zerrissen habe, kein vernachlässig-
bares Detail darstelle. Die Ursache der geltend gemachten Verfolgung be-
ruhe nicht auf dem Geschlecht oder dem "Sein" der Beschwerdeführerin,
sondern auf deren Handeln beziehungsweise Untätigkeit, nachdem sich
diese geweigert habe, die Abtreibung vorzunehmen. Es fehle an einem
asylbeachtlichen Verfolgungsmotiv.
N.
Mit Replikeingabe vom 1. Februar 2021 wurde entgegnet, das SEM habe
im Rahmen seiner Vernehmlassung keine Fälschungsmerkmale beim Ori-
ginal-Mietvertrag festgehalten. Die pauschalen Argumente gegen die Be-
weiskraft des Mietvertrages seien nicht stichhaltig. Dieses Beweismittel
stelle ein starkes Indiz für die Existenz der Arztpraxis dar; aus den übrigen
Beweismitteln gingen zudem zusätzliche Informationen wie die Registrie-
rungsnummer der Praxis hervor. Beide Beschwerdeführenden hätten un-
gefähre Zeitangaben zur Dauer der Praxistätigkeit zu Protokoll gegeben,
die inhaltlich übereinstimmten und durch die Daten im Mietvertrag bestätigt
würden.
In Afghanistan sei generell von einer unsicheren Lage auszugehen; es
müsse aber differenziert werden: Ziel der Taliban und anderer regierungs-
feindlicher Gruppierungen sei es, möglichst viele Menschen, – aus ihrer
Sicht «Ungläubige», – bei Attentaten zu treffen. Demgegenüber sei vorlie-
gend einzig das von den Beschwerdeführenden bewohnte Haus beschos-
sen worden, andere Häuser nicht. Ferner hätten die Motorradfahrer gezielt
Schüsse auf die Beschwerdeführerin und ihren Sohn abgegeben, hinge-
gen gebe es keine Hinweise beispielsweise auf ein Interesse an Wertge-
genständen oder an einem Sexualdelikt. Die Verbindung dieser Angriffe mit
ihrer Praxistätigkeit sei sozial adäquat. Es gehe nicht an, dass das SEM
nur auf die generellen gewalttätigen Vorfälle im Land verweise.
Die Weigerung der Beschwerdeführerin, die Abtreibung vorzunehmen, be-
ruhe nicht nur auf ihren eigenen, persönlichen Wertvorstellungen. Die Ab-
treibung würde gegen staatliche Gesetze und religiöse Gebote verstossen
und würde zum Verlust der Praxisbewilligung führen. Trotz dem erneuten
E-6543/2020
Seite 17
Versuch, die Beschwerdeführerin und ihren Sohn auf offener Strasse zu
töten, hätten die Distriktsbehörden ihnen keinen Schutz bieten können.
Zur generellen Schutzunfähigkeit und -willigkeit in Bezug auf Angriffe ge-
genüber Frauen wurde auf zwei Quellen verwiesen: NYT Magazine: The
Many Dangers of Being an Afghan Women in Uniform» vom 5. Oktober
2018 und Reuters: “Afghan working women still face perils at home and
office” vom 20. Mai 2019 verwiesen.
O.
Das Bundesverwaltungsgericht liess die drei beim SEM eingereichten, bis-
her unübersetzt gebliebenen Beweismittel übersetzen, brachte den Be-
schwerdeführenden die Übersetzungen mit Instruktionsverfügung vom
30. März 2021 zur Kenntnis und räumte ihnen die Gelegenheit zu ergän-
zenden Äusserungen ein. Namentlich wurden die Beschwerdeführenden
ersucht, zur Frage der angeblich in den Unterlagen enthaltenen Praxisre-
gistrierungsnummern Stellung zu nehmen.
P.
Mit Eingabe vom 14. Mai 2021 reichten die Beschwerdeführenden weitere
Beweismittel (Inhaltsangabe der Beschwerdeführenden in Klammern)
nach:
- Zwei Fotos der Beschwerdeführerin, mit Burka gekleidet (aufgenom-
men in Afghanistan);
- Fünf weitere Fotos (zwei Aufnahmen der Beschwerdeführerin gemein-
sam mit anderen angehenden Ärztinnen, aufgenommen während des
Praktikums im siebten Jahr ihres Studiums sowie drei Aufnahmen der
Beschwerdeführerin beim Operieren);
- ein USB-Stick mit einer Videoaufnahme (in welcher die Beschwerde-
führerin beim Operieren aufgenommen wurde).
Ergänzend wurde ausgeführt, die eingereichten Aufnahmen gewährten ei-
nen Einblick in die Ausbildung der Beschwerdeführerin als Ärztin in Afgha-
nistan und belegten die bereits bei den Anhörungen zu Protokoll gegebe-
nen detaillierten Schilderungen. Sie habe in Afghanistan eine Arbeitsbewil-
ligung mit der Nummer (...) besessen, was ihr ermöglicht habe, sowohl
zukünftig an staatlichen Spitälern arbeiten zu können, als auch privat eine
Arztpraxis zu eröffnen. Eine eigentliche "Praxisregistrierungsnummer"
gebe es nicht. Bei der Besprechung der Beschwerdeeinreichung sei es
E-6543/2020
Seite 18
diesbezüglich zu einem Missverständnis der Rechtsvertreterin gekommen;
die Beschwerdeführerin habe mit dieser «Nummer» ihre Arbeitsbewilligung
(«work permit») gemeint.
Beim Dokument betreffend zukünftige Anstellung bei verschiedenen Klini-
ken in M._ handle es sich um eine Art Leumundszeugnis, welches
der Beschwerdeführerin wiederum die Berufsausübung in staatlichen Spi-
tälern in Afghanistan ermöglicht hätte. Auf diesem Dokument sei auch ihre
vorhergehende/bisherige Tätigkeit aufgeführt. Mit der in der Übersetzung
verwendeten Formulierung «former job: non official obstetrician» sei die
privat-ärztliche Tätigkeit in E._ gemeint. Es existiere kein weiteres
Beweismittel, welches die Eröffnung ihrer Arztpraxis dokumentiere.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, sind
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG und 108 Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
E-6543/2020
Seite 19
3.
Das SEM hat in seiner Verfügung vom 24. November 2020 die vorläufige
Aufnahme der Beschwerdeführenden infolge Unzumutbarkeit des Wegwei-
sungsvollzuges angeordnet. Das vorliegende Beschwerdeverfahren be-
schränkt sich daher auf die Fragen, ob die Beschwerdeführenden als
Flüchtlinge anzuerkennen, ihnen Asyl zu gewähren und die Wegweisung
als solche anzuordnen ist.
4.
4.1 Es gilt vorab festzustellen, dass Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7
Abs. 2 AsylG – im Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Be-
weismass bedeutet und durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel
an den Vorbringen des Gesuchstellers lässt. Eine wesentliche Vorausset-
zung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die
eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen wider-
spruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse.
Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung
ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision
und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Er-
lebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftma-
chung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstim-
mung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und
Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder
gegen den Gesuchsteller sprechen. Dabei ist auf eine objektivierte Sicht-
weise abzustellen. Glaubhaft ist eine Sachverhaltsdarstellung, wenn die
positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaftmachung reicht es dem-
gegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber
in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und überwiegende Um-
stände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen.
4.2 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung dann, wenn sie Nachteile
von bestimmter Intensität erlitten hat, beziehungsweise mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründet befürchten muss,
welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive durch Or-
gane des Heimatstaates oder durch nichtstaatliche Akteure zugefügt wor-
den sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen, ohne dass die be-
troffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat ausreichenden
Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E.7.2.6.2, BVGE 2008/4 E. 5.2).
E-6543/2020
Seite 20
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides. Die Verfolgung muss grundsätzlich auch im
Zeitpunkt des Asylentscheides noch aktuell sein, wobei erlittene Verfol-
gung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende begründete Furcht vor
Verfolgung auf eine andauernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderun-
gen der Situation im Heimat- oder Herkunftsstaat zwischen Ausreise und
Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsuchenden Person
zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2, BVGE 2010/9 E. 5.2, BVGE
2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
Bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft ist den frauenspezifischen
Gründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.3 Begründet ist die Furcht vor Verfolgung, wenn ein konkreter Anlass zur
Annahme besteht, letztere hätte sich – aus der Sicht im Zeitpunkt der Aus-
reise – mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zeit verwirk-
licht oder werde sich – auch aus heutiger Sicht – mit ebensolcher Wahr-
scheinlichkeit in absehbarer Zukunft verwirklichen. Es müssen damit hin-
reichende Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung vorhanden sein, die
bei jedem Menschen in vergleichbarer Lage Furcht vor Verfolgung und da-
mit den Entschluss zur Flucht hervorrufen würden. Dabei hat die Beurtei-
lung einerseits aufgrund einer objektivierten Betrachtungsweise zu erfol-
gen und ist andererseits durch das von der betroffenen Person bereits Er-
lebte und das Wissen um Konsequenzen in vergleichbaren Fällen zu er-
gänzen. Wer bereits staatlichen Verfolgungsmassnahmen ausgesetzt war,
hat objektive Gründe für eine ausgeprägtere (subjektive) Furcht (vgl. BVGE
2014/27 E. 6.1 und 2010/57 E. 2).
5.
5.1 Das SEM kam in der angefochtenen Verfügung zum Schluss, die von
den Beschwerdeführenden geschilderte Bedrohungslage, die bei der Aus-
übung der beruflichen Tätigkeit der Beschwerdeführerin als Frauenärztin
entstanden sei, sei nicht glaubhaft vorgetragen worden. Ihre Angaben
seien teilweise vage und unsubstanziiert ausgefallen. Ferner stellte sich
das SEM auf den Standpunkt, die geltend gemachten Nachteile seien nicht
asylrelevant, weil diesen kein Motiv gemäss Art. 3 AsylG zugrunde liege.
Die von der Beschwerdeführerin und ihrer Familie angeblich erlittenen Be-
helligungen seitens Dritter knüpften nicht an ihr Geschlecht oder an ihr
"Sein" an; sie beruhten vielmehr auf ihrem eigenen Handeln, insbesondere
auf ihrer Weigerung, die von ihr abverlangte Abtreibung vorzunehmen.
E-6543/2020
Seite 21
5.2 Die Beschwerdeführenden verwiesen in ihrer Rechtsmitteleingabe zu-
nächst auf die nach ihrer Auffassung mit konkreten Realkennzeichen ge-
schilderten Vorfälle und reichten dazu insbesondere die Originale der be-
reits im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Beweismittel nach. Sie
verwiesen zudem auf mehrere Berichte, welche den Umstand untermauern
würden, dass Frauen in Afghanistan keinen staatlichen Schutz vor Repres-
salien seitens privater Dritter erhielten. Zur konkret erlittenen Bedrohungs-
lage führten sie erneut aus, die Beschwerdeführerin sei als Frauenärztin
von zwei Seiten verfolgt worden: einerseits, weil sie sich geweigert habe,
auf Geheiss eines einflussreichen Mannes die Abtreibung des Kindes sei-
ner Schwester vorzunehmen; andererseits sei sie seitens des Kindserzeu-
gers unter Druck geraten und bedroht worden, weil dieser sie für das Ster-
ben des Kinds im Mutterleib seiner Partnerin verantwortlich gemacht habe.
6.
In einem ersten Schritt sind die vom SEM aufgeführten Unglaubhaftigkeits-
argumente zu prüfen.
6.1 Die Beschwerdeführerin hat die Ausbildung und anschliessende Aus-
übung ihrer beruflichen Tätigkeit als Frauenärztin bereits im vorinstanzli-
chen Verfahren mit zahlreichen Unterlagen – damals noch in Kopie – belegt
(vgl. Sachverhalt oben, Bst.C und I). Im Rahmen des Beschwerdeverfah-
rens wurden mehrere Dokumente als einschlägige Belege der beruflichen
Ausbildung und Arbeitstätigkeit als Frauenärztin im Original nachgereicht
(vgl. Sachverhalt oben, Bst. K.). Mit Eingabe vom 14. Mai 2021 wurden
zusätzlich mehrere Fotoaufnahmen eingereicht und dazu vorgetragen, auf
diesen Aufnahmen sei die Beschwerdeführerin abgebildet (in der traditio-
nellen Burka-Kleidung, mit weiteren Frauen in weissen Kitteln sowie in ei-
nem einfach eingerichteten Operationssaal bei einem medizinischen Ein-
griff in der Bauch-/Unterleibsgegend).
6.1.1 Das SEM zweifelte im Rahmen des angefochtenen Entscheids zwar
nicht explizit am beruflichen Werdegang der Beschwerdeführerin und ihrer
Tätigkeit als Frauenärztin, hielt aber dazu fest, der Umstand, dass weder
die Beschwerdeführerin noch ihr Ehemann sich an das genaue Datum der
Eröffnung der ärztlichen Praxis hätten erinnern können, spreche gegen die
Glaubhaftigkeit der darauf beruhenden Vorbringen (vgl. Ziff. II, S. 4, dritter
Abschnitt). Zudem würden die diesbezüglichen Beweismittel «bestenfalls»
ihren Werdegang belegen, nicht jedoch die daraus abgeleitete Verfol-
gungssituation (vgl. Ziff. II, S. 6, 5. Abschnitt).
E-6543/2020
Seite 22
6.1.2 Was das mit Eingabe vom 23. November 2020 – im vorinstanzlichen
Verfahren – zu den Akten gereichte Dokument mit Briefkopf «(...)» anbe-
langt (vgl. dazu: Sachverhalt oben, Bst. I) – das Original wurde mit der Be-
schwerdeeingabe nachgereicht), verzichtete das SEM zunächst auf eine
Übersetzung des Beweismittels und stellte sich in der Vernehmlassung auf
den Standpunkt, aus diesem Mietvertrag gehe der behauptete Verwen-
dungszweck – die Miete eines Lokals zur Ausübung einer Arztpraxis – nicht
hervor. Die eingereichten Beweismittel würden insgesamt die vorgetragene
Bedrohungslage nicht belegen.
6.1.3 Dem SEM ist darin zuzustimmen, dass die einzelnen Dokumente je-
weils für sich alleine betrachtet, nicht geeignet wären, zu belegen, dass die
Beschwerdeführerin als ausgebildete Ärztin in einer eigenen frauenärztli-
chen Praxis tätig gewesen und im Zusammenhang mit dieser beruflichen
Tätigkeit seitens Drittpersonen verfolgt worden ist.
Die Beweismittel zeichnen jedoch gemeinsam betrachtet ein sehr konzises
Bild: Es ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin ein medizini-
sches Studium abgeschlossen und in den Jahren 2017 und 2018 zwei Wei-
terbildungen für die Anwendung des Ultraschall-Bildgebungsverfahrens
absolviert hat. Aus den beiden diesbezüglichen Weiterbildungsbestätigun-
gen («Basic Ultrasound Training Certificate» und «Ultrasound Training Cer-
tificate») geht hervor, dass diese Schulungen die Erlangung von Kompe-
tenzen und Fähigkeiten bei bildgebenden Ultraschall-Untersuchungen bei
Erkrankungen im Bauchraum, bei gynäkologischen Befunden und bei der
Geburtshilfe («training skills of abdominal, gynecological, obstetrical and
small parts») zum Inhalt hatten. Die praktischen Ausbildungen dauerten
vom (...) bis (...) 2017 und vom (...) 2017 bis zum (...) 2018.
6.1.4 Auf den mit Eingabe vom 14. Mai 2021 eingereichten Fotoaufnah-
men sind die jeweils abgebildeten Personen zwar nicht persönlich klar
identifizierbar: Zum Teil wurden die Aufnahmen in einiger Distanz aufge-
nommen (Abbildung einer Frau in traditioneller Kleidung), in den übrigen
Aufnahmen sind die abgebildeten Frauen aufgrund ihrer Kopfbedeckung
respektive der Berufsbekleidung (sterile Operations-Bekleidung mit Ge-
sichtsmasken und Haarnetz) verdeckt. Daher kann nicht eindeutig festge-
stellt werden, dass auf diesen Aufnahmen die Beschwerdeführerin abge-
bildet ist.
Unter Mitberücksichtigung des sonstigen Sachverhaltsvortrags der Be-
schwerdeführenden hat das Gericht jedoch keinerlei Veranlassung, daran
E-6543/2020
Seite 23
zu zweifeln, dass die Beschwerdeführerin auf den insgesamt sieben Foto-
aufnahmen abgebildet ist und dabei mit medizinischen Fachkolleginnen
respektive bei der Vornahme eines chirurgischen Eingriffs aufgenommen
wurde.
6.1.5 Bezüglich des eingereichten Mietvertrages ist festzustellen, dass die
Beschwerdeführerin auf diesem Dokument namentlich als Mieterin aufge-
führt ist, es sich beim gemieteten Objekt um ein Lokal in E._ handelt
und dass die Mietdauer drei Jahre, beginnend ab (...) 2018, beträgt. Nach-
dem beide Beschwerdeführenden im Rahmen ihrer Anhörungen zu Proto-
koll gegeben haben, dass sie vor ihrer Ausreise in der genannten Ortschaft
gelebt haben und die Beschwerdeführerin dort ihre Arztpraxis geführt habe,
geht das Gericht davon aus, dass es sich beim eingereichten Beweismittel
um den Mietvertrag für die Arztpraxis handelt. Auch die im Mietvertrag ge-
nannte Dauer ab dem (...) 2018 lässt sich ohne Weiteres mit den Daten
der Ausbildung der Beschwerdeführerin (Absolvierung von Praktika bis (...)
2018) wie mit den zeitlichen Angaben der Beschwerdeführenden vereinba-
ren. Auch wenn sich beide Beschwerdeführende nicht an einen genauen
Zeitpunkt der Praxiseröffnung erinnern konnten, gaben sie doch überein-
stimmend an, die Beschwerdeführerin habe die Praxis bis zur Ausreise (im
Mai 2019) für etliche Monate, aber für weniger als ein Jahr geführt; die
Beschwerdeführerin sagte weiter, sie habe die Praxis etwa ab Mitte des
Jahres 2018 geführt (vgl. A32 Antwort 52, A37 Antworten 18, 23 f., 27; A35
Antworten 96 f.).
Das SEM würdigt die Unfähigkeit, die Praxiseröffnung genau zu datieren,
als wichtiges Unglaubhaftigkeitselement; zahlreiche der vom SEM in den
Anhörungen gestellten Fragen bezogen sich auf diesen Sachverhaltsas-
pekt (vgl. A37 Fragen 17-28, 100; A35 Fragen 90-97). Diesbezüglich ist
jedoch festzuhalten, dass es sich hierbei nicht um ein ausschlaggebendes
Sachverhaltselement handelt. Dass die Beschwerdeführerin kein präzises
Datum zu nennen vermochte, ist nicht geeignet, die Glaubhaftigkeit ihrer
Vorbringen insgesamt in Frage zu stellen, zumal zum einen die ungefähren
Datenangaben durchaus stimmig sind und zum andern die Beschwerde-
führerin an verschiedenen Stellen auf Erinnerungsschwierigkeiten hinge-
wiesen hat (vgl. A22 S. 2; A32 Antwort 73; A37 Antwort 21).
6.1.6 Nach dem Gesagten geht das Gericht davon aus, dass die Be-
schwerdeführerin als ausgebildete Ärztin in »E._» eine frauenärzt-
liche Praxis geführt hat. Es ist den Beschwerdeführenden gelungen, die
E-6543/2020
Seite 24
vom SEM aufgeführten Zweifel am Wahrheitsgehalt ihrer Angaben zur be-
ruflichen Tätigkeit der Beschwerdeführerin auszuräumen. Das Gericht hält
die diesbezüglichen Vorbringen für glaubhaft, und es gibt keine Veranlas-
sung für konkrete Vorbehalte an der persönlichen Glaubwürdigkeit der Be-
schwerdeführenden.
6.2 Wie in der Rechtsmitteleingabe ausgeführt wird, machte die Beschwer-
deführerin auch einige Detailangaben zur Person des «Sohn des Q.» und
zum Kindserzeuger (vgl. Beschwerde, S. 7f.). Sie gab bei beiden Personen
an, diese vor den Ereignissen im Mai 2019 nicht gekannt zu haben. Sie
beschrieb dann den ersten Peiniger sowie seine Kleidung und schilderte
auch sein Verhalten mit Realkennzeichen. Insbesondere trug sie vor, die-
ser habe beim ersten Erscheinen in ihrer Arztpraxis eine Kalaschnikov auf
sich getragen und er habe sich damit bedrohend verhalten, indem er mit
der Waffe auf die Tür in der Praxis geschlagen und dabei die im Wart-
saal anwesenden Patientinnen aufgeschreckt habe. Auch bei der Schilde-
rung des Behördengangs ihres Vaters gab sie – wie ihr Ehemann – wie-
derholt Hintergrundangaben der Distriktverwaltung zum «Sohn des Q.» als
bekannter, einflussreicher Krimineller und Straftäter zu Protokoll (A32, Ant-
wort 92, 98-102 und 124 ff.; A35, Antworten 107 und 120ff; A37, Antworten
44ff., 52ff. und 82). Sie hat gar versucht, seine Stimme nachzuahmen (vgl.
A37, Antwort 52) und gab an, von welchem Gefängnis aus ihm die Flucht
gelungen sein soll (A37, Antwort 45).
6.3 Zum Kindserzeuger trug die Beschwerdeführerin vor, dieser sei
Paschtune und stamme aus der Gegend J._, welche nicht unter der
Herrschaft der staatlichen Behörden stehe; der Beschwerdeführer bestä-
tigte die Angaben seiner Ehefrau (A32, Antwort 92; A37, Antworten 35, 56
und 66; A35, Antwort 120 und 140).
Entgegen der vorinstanzlichen Erwägungen sind die Angaben der Be-
schwerdeführenden insgesamt in sich stimmig und ohne massgebliche Wi-
dersprüche ausgefallen.
Die Beschwerdeführerin hat die persönlich erlittenen Repressalien seitens
der beiden Drittparteien mehrfach und stets konzis und widerspruchsfrei
geschildert. Im Rahmen der freien Schilderung in der ersten Anhörung
machte sie ausserordentlich ausführliche, substanzielle Aussagen (vgl.
A32 Antwort 92), die sie auf Nachfragen in der Anhörung selber (vgl. A32
Antworten 97 ff.) wie auch in einer zweiten ergänzenden Anhörung (vgl.
A37) ohne Widersprüche und Unstimmigkeiten vertiefen und erläutern
E-6543/2020
Seite 25
konnte. Die Antworten sind differenziert; auch noch anlässlich der Rück-
übersetzungen präzisierte die Beschwerdeführerin ihre Darstellungen. Ihr
Aussageverhalten in der freien Schilderung und bei der Beantwortung kon-
kreter Fragen ist als schlüssig einzuschätzen. Sie vermochte eindrücklich
zu schildern, wie sie als Ärztin im Zusammenhang mit einer gewünschten
respektive verpönten Abtreibung zwischen die Fronten des Q. und des
Kindserzeugers geraten ist, und wie ihr Vorgehen, beim Mullah Rat zu ho-
len, zu einer weiteren Bedrohung geführt hat, da dadurch der Name von Q.
und die Schwangerschaft von dessen Schwester bekannt wurde und Q.
sich in der Ehre verletzt sah. Die Vorbringen sind nicht unkomplex, indem
zwei verschiedene Verfolger mit je unterschiedlich gestalteten Verfolgungs-
motiven eine Rolle spielen. Weshalb das SEM in der angefochtenen Ver-
fügung zur Einschätzung gelangte, ihre Ausführungen hätten sich als
«starre, chronologische und sachliche Abfolge von Ereignissen» gestaltet
respektive ihre Angaben würden «zwar grosse Übereinstimmung» aufwei-
sen, jedoch die Substanz vermissen lassen (vgl. Ziffer II, Seite 5, zweiter
Textabschnitt), um dieselbe Feststellung dann als Unglaubhaftigkeitsele-
ment zu werten, bleibt für das Gericht nicht nachvollziehbar.
Der Beschwerdeführer, der seinerseits die Ereignisse nicht selber miterlebt
hat, sondern nur von den Berichten seiner Ehefrau kennt, bestätigte die
Darstellungen der Beschwerdeführerin, so wie sie ihm mitgeteilt worden
seien; er selber hielt sich zu jenem Zeitpunkt – wie wiederum beide Be-
schwerdeführenden widerspruchsfrei dargelegt haben – mit der schwer
kranken Schwiegermutter wegen einer lange dauernden Spitalbehandlung
in Pakistan auf. Der Beschwerdeführer schilderte die Ereignisse in durch-
aus eigenen Worten und Betonungen; es drängt sich bei der Lektüre der
Protokolle an keiner Stelle der Eindruck auf, hier würden abgesprochene
Vorbringen präsentiert. Die Angaben beider Beschwerdeführenden decken
sich, ohne dass Widersprüche entstanden wären. Der einzige Widerspruch
könnte darin erblickt werden, dass gemäss den Angaben der Beschwerde-
führerin ihr Vater bei den Behörden bereits nach dem ersten bedrohlichen
Vorfall, als hinter ihrem Haus nachts Schüsse abgegeben worden seien,
Anzeige erstattet habe (vgl. A32 Antwort 92, 134; A37 Antwort 81), während
der Beschwerdeführer diese Anzeigeerstattung durch den Schwiegervater
auf den Zeitpunkt nach dem zweiten bedrohlichen Vorfall, als Motorradfah-
rer auf seine Frau und seinen Sohn geschossen hätten, datierte (vgl. A35
Antwort 107). Nachdem der Beschwerdeführer diese Vorfälle allerdings nur
vom Hörensagen kennen kann und die Beschwerdeführerin ihn erst nach
E-6543/2020
Seite 26
dem Vorfall mit den Schüssen der Motorradfahrer telefonisch erstmals in-
formiert hatte (vgl. A32 Antwort 137; A37 Antwort 85 f., 99), kann in dieser
Ungereimtheit kein entscheidrelevanter Widerspruch erblickt werden.
6.4 Auch die weitere Erwägung der Vorinstanz, den Vorbringen der Be-
schwerdeführerin mangle es an persönlicher Betroffenheit, vermag nicht
zu überzeugen.
In der Rechtsmitteleingabe (vgl. S. 11) wird zutreffend darauf verwiesen,
dass die Beschwerdeführerin bei ihrer Verweigerung der Vornahme einer
Abtreibung ihrem ersten Peiniger gegenüber nicht nur auf die medizini-
schen und gesetzlichen Hindernisse und Verbote verwies, sondern zudem
betonte, dass sie bei einer Vornahme einer Abtreibung ihre Praxisbewilli-
gung verlieren könnte.
Auch der Umstand, dass die Beschwerdeführerin angab, nach ihrer ersten
Konfrontation mit dem Bruder der schwangeren Frau habe sie sich in ihrer
verzweifelten Situation an einen Mullah gewandt und ihn um Rat gebeten
(vgl. A32, Antwort 92, 105 ff.; A37, Antwort 72), ist ohne Weiteres als An-
zeichen für ihre persönliche Betroffenheit zu würdigen.
Im Weiteren wurde in den Protokollen der beiden Anhörungen mehrfach
festgehalten, dass die Beschwerdeführerin ihre Emotionen gezeigt respek-
tive geweint habe (vgl. A32, Antwort 92-95; A37, Antworten 21, 39, 45, 53).
Nach dem Gesagten lässt sich die vorinstanzliche Erwägung der fehlenden
persönlichen Betroffenheit aufgrund der Akten nicht bestätigen.
6.5 Das SEM hat im angefochtenen Entscheid explizit festgehalten, dass
die Angaben der Beschwerdeführerin «relativ ausführlich» ausgefallen
seien und ihre Angaben «einige Realkennzeichen» enthalten würden (vgl.
Ziff. II, S. 5, 2. Textabschnitt).
Weshalb das SEM diesbezüglich einzig die ärztliche «Verabreichung von
Vitamin C» aufführte, jedoch darauf verzichtete, weitere Realkennzeichen
– wie beispielsweise die bereits erwähnte Schilderung der im Warteraum
der Praxis anwesenden Patientinnen und wie diese von Q. und seinen dro-
henden Gebärden mit einer Kalaschnikov aufgeschreckt wurden, wie auch
die detaillierten Angaben beim Beschrieb der körperlichen Verletzungen
der schwangeren F. (A32, Antwort 92, S.11 unten; A37, Antwort 68) – nicht
heranzog, bleibt für das Gericht ebenfalls nicht verständlich.
E-6543/2020
Seite 27
6.6 Die Beschwerdeführerin hat im Weiteren die Schussabgabe der Motor-
radfahrer auf ihre Person und auf ihren Sohn grundsätzlich widerspruchs-
frei geschildert. Auch zu diesem Ereignis trug sie im Rahmen ihres freien
Berichts Detailangaben vor (zum Ort des Geschehens: ein «Kanal»; zu den
Motorradfahrern: diese seien mit einem Schal vermummt gewesen und
schnell gefahren; sie selbst habe eine Burka getragen; sie gab ferner Ge-
sprächsausschnitte in der direkten Rede zu Protokoll; vgl. A32, Antwort 92,
S. 12 unten und S. 13 oben). Es sind keine inhaltlichen Divergenzen oder
chronologische Unstimmigkeiten in ihren diesbezüglichen Angaben er-
sichtlich, hingegen durchaus Realkennzeichen erkennbar. Das Gericht er-
achtet auch diese Darstellungen als substantiiert, stimmig und glaubhaft.
6.7 Schliesslich trugen auch beide Beschwerdeführenden übereinstim-
mend vor, dass ihr Vater respektive Schwiegervater bei der Distriktverwal-
tung eine Strafanzeige eingereicht und von den Behörden die Auskunft er-
halten habe, sie – die staatlichen Institutionen – könnten gegen den noto-
risch kriminellen, aber gleichzeitig sehr mächtigen und einflussreichen Q.
nichts unternehmen; auch gegen den zweiten Peiniger, den aus J._
stammenden Kindserzeuger, könnten behördlicherseits keine strafrechtli-
chen Ermittlungshandlungen vorgenommen werden, weil dieser aus einer
Gegend Afghanistans stamme, welche der Macht der staatlichen Instanzen
entzogen sei und von den Taliban dominiert werde (A32, Antwort 92 und
134; A35, Antwort 107 und 140; A37 Antwort 81ff.). Die Ausführung des
SEM, die Beschwerdeführerin habe bei den Anhörungen nicht erwähnt,
dass ihr Vater die Strafanzeige aus Wut zerrissen habe, trifft als Feststel-
lung zwar zu, ist jedoch nicht geeignet, die Gesamtvorbringen in einem un-
glaubhaften Licht erscheinen zu lassen. Offenbar erwartete das SEM eine
Aussage der Beschwerdeführerin, dass der Vater die Anzeige zerrissen
habe, auf seine Fragen hin "Wie ging es weiter mit dieser Anzeige?" bezie-
hungsweise "Was geschah weiter mit der Anzeige, die er erstattet hat?"
(A37 Fragen 82 und 83); die Beschwerdeführerin führte auf diese Fragen
hin aus, die Behörden hätten dem Vater erklärt, weshalb sie kaum etwas
unternehmen könnten, und sie selber habe, nachdem nach der Anzeige in
der Folge während einer Woche nichts Bedrohliches mehr geschehen sei,
wieder in die Praxis zur Arbeit gehen wollen, wobei sich ja dann der Vorfall
mit der Schiesserei der Motorradfahrer ereignete; diese Antworten der Be-
schwerdeführerin auf die gestellten Fragen erscheinen durchaus nachvoll-
ziehbar.
6.8 Allenfalls mag es überraschen, dass der Beschwerdeführer die Fragen
des SEM zu seinen Geschwistern und deren Alter nur mit Zurückhaltung
E-6543/2020
Seite 28
beantworten konnte (vgl. A35 Antworten 41 ff., 164 ff.); andererseits betrifft
dies nicht einen entscheidrelevanten Aspekt der Vorbringen, und die Iden-
tität der Beschwerdeführenden ist nie in Zweifel gestanden.
6.9 Insgesamt zeichnen sich die Asylvorbringen als substanziiert und in-
haltlich stimmig aus. Es ist daher mit überwiegender Wahrscheinlichkeit im
Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG davon auszugehen, dass die Schilderungen
der Beschwerdeführenden in ihren Kernvorbringen glaubhaft sind.
6.10 Nach dem Gesagten geht das Gericht von folgendem Sachverhalt
aus:
Die Beschwerdeführerin ist bei der Ausübung ihrer frauenärztlichen Tätig-
keit zum einen seitens des Bruders Q. der schwangeren F. massiv unter
Druck gesetzt worden, eine gesetzeswidrige Abtreibung vorzunehmen;
nachdem sie beim Mullah Rat geholt und dabei den Namen des Q. und die
Tatsache der Schwangerschaft des Mädchens offenbarte, sah Q. seine
Ehre und die Ehre seiner Familie verletzt und bedrohte die Beschwerde-
führerin. Andererseits stand die Beschwerdeführerin zunächst unter mas-
sivem Druck des Kindsvaters, keine Abtreibung vorzunehmen, und wurde
von diesem fälschlicherweise verantwortlich gemacht für den Tod seines
ungeborenen Kindes. Die Beschwerdeführerin wurde mehrfach telefonisch
bedrängt und mit der konkreten Tötung und der Tötung ihres Sohnes be-
droht. Zudem wurde ihr Wohnhaus Schauplatz einer Schiesserei und kurz
darauf wurden die Beschwerdeführerin und ihr Sohn von vorbeifahrenden
Motorradfahrern angeschossen. Sie erlitten dabei Körperverletzungen, die
ärztlich behandelt werden mussten (vgl. A32, Antwort 92, S. 13 oben).
7.
Im Folgenden ist zu prüfen, ob die als glaubhaft zu würdigenden massiven
Übergriffe, welche im Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit der Be-
schwerdeführerin erfolgten und eine Verfolgung seitens Drittpersonen dar-
stellen, Asylrelevanz entfalten.
7.1 Es ist zunächst auf die länderspezifischen Begebenheiten zu verwei-
sen:
7.1.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat zuletzt mit Urteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert) eine Lagebeurteilung
zu Afghanistan vorgenommen (das Referenzurteil D-4287/2017 vom
8. Februar 2019 befasst sich sodann mit der Situation in Mazar-i-Sharif;
der zur Publikation als Referenzurteil vorgesehene Entscheid D-4705/2016
E-6543/2020
Seite 29
vom 14. Juni 2021 befasst sich mit der Situation in Herat). Zu verzeichnen
war und ist eine deutliche Verschlechterung der Sicherheitslage seit dem
letzten Länderurteil des Bundesverwaltungsgerichts im Jahr 2011 (BVGE
2011/7) und dem Abzug der International Security Assistance Force (ISAF)
über alle Regionen hinweg. Seit dem Übergang der Kontrolle von den
ISAF-Kampftruppen auf die Afghan National Security Forces (ANSF) hat
der Konflikt mehr und mehr den Charakter eines Bürgerkrieges angenom-
men, wobei grosse Teile des Staatsgebiets direkt von Kampfhandlungen
betroffen sind. Hinzu kommen terroristische Anschläge in den von offenen
Gefechten weitgehend ausgenommenen urbanen Zentren. Im Visier ste-
hen vor allem Grossstädte wie Kabul. An dieser Einschätzung ist ange-
sichts der weiterhin sehr volatilen Sicherheitslage nach wie vor festzuhal-
ten (vgl. etwa Urteil des BVGer E-2843/2017 vom 3. Mai 2021 mit weiterem
Verweis auf D-1788/2018 vom 3. November 2020 respektive D-5407/2017
vom 24. Februar 2020 E. 6.3).
7.1.2 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich Gruppen von Per-
sonen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, wel-
che der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft in-
klusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder als Unterstützer
derselben wahrgenommen werden sowie westlich orientierte oder der af-
ghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entspre-
chende Personen (vgl. Urteil des BVGer E-5522/2017 vom 30. Januar
2018 E. 6.1 sowie: United Nations High Commissioner for Refugees [UN-
HCR], Eligibility Guidelines for Assessing the International Protection
Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 30. August 2018,
HCR/EG/AFG/18/02, S. 40 ff.; CORINNE TROXLER, Schweizerische Flücht-
lingshilfe [SFH]: "Afghanistan: Gefährdungsprofile" vom 30. September
2020, insbesondere S. 12; European Asylum Office [EASO], "Country of
Origin Information Report: Afghanistan: Individuals targeted by armed ac-
tors in the conflict" vom Dezember 2017, S. 28 ff.; EASO, "Country Guid-
ance: Afghanistan, Common analysis and guidance note" vom Dezember
2020, S. 82 ff.). Auch andere Quellen berichten von gezielten Angriffen auf
Mitarbeiter der afghanischen Regierung oder internationaler Organisatio-
nen und einem erhöhten Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – ins-
besondere durch die Hände der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. Urteil
des BVGer E-1551/2019 vom 5. Dezember 2019 E. 7.3 mit weiteren Ver-
weisen auf internationale Berichte).
E-6543/2020
Seite 30
7.2 Im Krieg in Afghanistan stehen zwei fundamentalistisch-terroristische
Organisationen – die Taliban und der Islamic State in Khorasan Province
(ISKP, wie der IS in Afghanistan bezeichnet wird) – als regierungsfeindliche
Gruppierungen den staatlichen Sicherheitskräften gegenüber. Die Vorge-
hensweise des ISKP ist durch eine besondere Rücksichtslosigkeit gegen-
über seinen Gegnern wie auch gegenüber der lokalen Bevölkerung und
dabei insbesondere auch gegenüber Frauen, Kindern und Älteren gekenn-
zeichnet (vgl. Referenzurteil D-5800/2016, a.a.O., E. E. 7.3 und 7.3.2).Von
der allgemeinen schwierigen Lage in Afghanistan sind sodann Frauen ge-
mäss den vom Gericht konsultierten Quellen besonders betroffen (Anmer-
kung des Gerichts: alle nachstehend konsultierten Internetquellen wurden
zuletzt am 28. Juni 2021 abgerufen). Auf diese Informationen ist im Nach-
folgenden näher einzugehen:
7.2.1 Gemäss den oben zitierten UNHCR-Richtlinien zur Feststellung des
Internationalen Schutzbedarfs afghanischer Asylsuchender werden
Frauen, die (vermeintlich) soziale Normen und Sitten verletzen, gesell-
schaftlich stigmatisiert und allgemein diskriminiert. Zudem sei ihre Sicher-
heit gefährdet. Frauen, die in der Öffentlichkeit tätig sind, würden oft als die
sozialen Normen überschreitend wahrgenommen und dabei gezielt wegen
ihres «unmoralischen» Verhaltens eingeschüchtert; sie erlitten Behelligun-
gen und gewalttätige Übergriffe (inklusive Tötungen). Einerseits würden
Frauen in Afghanistan häufig für sogenannte «moralische Verbrechen»,
wie etwa zina (Ehebruch) oder die Absicht zina zu begehen, verhaftet und
strafrechtlich verfolgt. Andererseits sei die Gewalt gegen Frauen eine weit-
verbreitete, allgemeine und nicht bestreitbare Realität. Frauen würden
nach wie vor ernsthaften Schwierigkeiten unterliegen, um ihre ökonomi-
schen, sozialen und kulturellen Rechte einzulösen. (vgl. UNHCR Eligibility
Guidelines vom 30.08.2018, a.a.O., Abschnitt III. A. Risk Profiles; Ziffer 1
Bst. h sowie Ziffern 7 und 8, Seiten 45f., 66ff., 76ff., https://
www.refworld.org/docid/5b8900109.html). Die United Nations Assistance
Mission in Afghanistan (UNAMA) stellte fest, dass die Täter von Morden
und sogenannten “Ehrenmorden” an Frauen in Afghanistan oft straflos aus-
gingen (UN Office of the High Commissioner for Human Rights [OHCHR],
Injustice and Impunity – Mediation of Criminal Offences of Violence against
Women, 01.05.2018, Kapitel 5). Frauen würden ferner oft Diskriminierung
durch das Rechtssystem erfahren, wenn sie Missbrauch oder andere For-
men von Gewalt melden wollten; die Polizei verweigere regelmässig die
Aufnahme beziehungsweise Registrierung entsprechender Meldungen
(Ministry of Foreign Affairs of the Netherlands, Country of Origin Report
E-6543/2020
Seite 31
Afghanistan, 03.2019, Seite 95; https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/2010321/COIAfghanistanMarch2019.pdf).
7.2.2 Der Zugang der Frauen zu Justizbehörden bleibt gemäss den UN-
HCR Guidelines auf einem tiefen Niveau. Der überwiegende Teil der gegen
Frauen begangenen Gewalttaten werde nach wie vor von traditionellen
Strukturen, statt durch vom Gesetz vorgesehene staatliche Strafverfol-
gungsbehörden geschlichtet (vgl. a.a.O., S. 70).
7.2.3 Laut der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) sind Frauen im All-
tag gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt; die Gewalt gegen sie ist weit ver-
breitet und hat im Jahr 2019 im Vergleich zum Vorjahr weiter zugenommen.
Sie umfasst etwa häusliche Gewalt, Verstümmelungen, Schläge, Ermor-
dungen, Zwangs- und Kinderheiraten sowie Verheiratungen zur Konfliktlö-
sung oder Schuldenbegleichung («baad») sowie sexuelle Übergriffe. Zu
den Tätern gehören namentlich Verwandte, aber auch bewaffnete Perso-
nen und regierungsfeindliche Gruppierungen und staatliche Institutionen
wie die Polizei und Justiz. Speziell gefährdet sind Frauen, welche nicht den
gängigen traditionellen Gesellschaftsvorstellungen entsprechen oder die in
der Öffentlichkeit eine Rolle übernehmen, etwa in Regierung, Politik, Poli-
zei, Justiz, Bildung, Gesundheit, NGOs, Medien und als Geschäftsfrauen.
Sie werden von konservativen, staatlichen und regierungsfeindlichen Kräf-
ten bedroht, eingeschüchtert und getötet. Gemäss den Vereinten Nationen
(UNO) nahm Afghanistan im «Gender Development Index» weltweit den
zweitletzten Platz ein (vgl. SFH: Afghanistan: Gefährdungsprofile; up-date
der SFH-Länderanalyse, 12. September 2019, S. 8 sowie up-date vom 30.
September 2020, S. 7).
Entsprechende Taten werden häufig nicht mit gebührender Sorgfalt unter-
sucht und strafrechtlich verfolgt. Die Umsetzung des Gesetzes zur Elimi-
nierung der Gewalt gegen Frauen (Elimination of Violence Against Women
[EVAW Law] erfolgt weiterhin nur eingeschränkt. Der Krieg und die damit
einhergehenden Konflikte verschärfen die bereits bestehenden Ungleich-
heiten zwischen den Geschlechtern und diskriminierenden Praktiken ge-
genüber Frauen (vgl. Corinne Troxler [SFH], a.a.O., up-date vom
30.9.2020, S. 8 sowie up-date vom 12.9.2019, S. 8).
7.2.4 Zwar hat sich nach dem Fall des Taliban-Regimes im Jahr 2001 die
Lage der Frauen in verschiedenen Bereichen verbessert. In Anbetracht der
Entwicklungen und Verhandlungen zwischen den Taliban und den USA
bleibt aber unklar, wie nachhaltig diese Verbesserungen sein werden. (vgl.
E-6543/2020
Seite 32
SFH, a.a.O., up-date vom 12.9.2019, S. 8). Laut UNHCR sind die Verbes-
serungen der Situation von Frauen und Mädchen insgesamt marginal ge-
blieben (vgl. UNHCR Guidelines, a.a.O., S. 68).
7.3 Wie bereits festgehalten, trug die Beschwerdeführerin glaubhaft vor,
dass sie bei der Ausübung ihres Berufes als Frauenärztin zwischen die
Fronten zweier privater Drittpersonen respektive Clans geraten ist. Sie und
ihr Sohn haben – in Abwesenheit des Beschwerdeführers als Ehemann
respektive Familienvater – eine Schiesserei vor ihrem Wohnhaus erlebt
und sie wurden wenige Tage später von Unbekannten auf einem Motorrad
angeschossen und an Leib und Leben verletzt beziehungsweise bedroht.
Aufgrund der Länderbegebenheiten in Afghanistan bestehen gewisse Hin-
weise dafür, dass es sich beim gewaltsamen Angriff der Motorradfahrer auf
die Beschwerdeführerin und ihr Kind sowie bei der vorangehenden nächt-
lichen Schiesserei bei ihrem Haus tatsächlich um gezielt gegen sie gerich-
tete Vorfälle gehandelt hat. In der Rechtsmitteleingabe wird zutreffend da-
rauf hingewiesen, dass sich die Übergriffe gegen die Beschwerdeführerin
und ihren Sohn grundlegend unterscheiden von den Anschlägen der Tali-
ban, die bevorzugt Bombenanschläge und Selbstmordattentate mit explo-
siven Sprengkörpern verüben, damit möglichst viele Menschen durch ein
solches Attentat getötet werden. Das Gericht hält es für glaubhaft gemacht,
dass es sich vorliegend nicht um solche ungezielte, die Opfer willkürlich
treffende Ereignisse, sondern um einen gezielt gegen die Beschwerdefüh-
rerin und ihren Sohn gerichteten Anschlag handelte; darauf lässt insbeson-
dere ihre Aussage schliessen, dass sie nach dem Vorfall telefonisch erneut
bedroht worden sei, das nächste Mal würden sie und ihr Kind weniger
Glück haben und nicht mehr mit dem Leben davon kommen (vgl. A32 Ant-
wort 114; A37 Antwort 40 und S. 19). Auch der enge zeitliche Kontext der
beiden Vorfälle mit den Ereignissen in der frauenärztlichen Praxis, als die
Beschwerdeführerin die Vornahme einer Abtreibung verweigerte, das un-
geborene Kind aber später nicht retten konnte, spricht für eine gezielte Ein-
schüchterungs- und Racheaktion. Eine abschliessende Beurteilung der
Frage, wer für die Anschläge verantwortlich war, ist aus heutiger Sicht nicht
mehr möglich, kann letztlich aber offenbleiben. Als glaubhaft gemacht steht
für das Gericht fest, dass die Beschwerdeführerin gezielt von Drittpersonen
angegriffen wurde. Sie trug weiter glaubhaft vor, dass sie sich über ihren
Vater bei den staatlichen Stellen um staatlichen Schutz bemühte und die-
sen nicht erhalten hat.
E-6543/2020
Seite 33
7.4
7.4.1 Die Beschwerdeführenden argumentieren diesbezüglich weiter, die
fehlende staatliche Schutzfähigkeit respektive Schutzwilligkeit beruhe auf
einem asylbeachtlichem Motiv.
7.4.2 Das SEM stellte sich in der Vernehmlassung vom 13. Januar 2021
demgegenüber auf den Standpunkt, den Vorbringen der Beschwerdefüh-
rerin mangle es an Relevanz, weil kein flüchtlingsrechtliches Verfolgungs-
motiv vorliege und die vorgetragenen Nachteile insbesondere nicht auf
dem (weiblichen) Geschlecht der Beschwerdeführerin oder ihrem «Sein»
beruhten, sondern zurückzuführen seien auf ihr eigenes Handeln respek-
tive auf ihre Untätigkeit und Weigerung, die von ihr verlangte Abtreibung
vorzunehmen.
7.4.3 Diese Argumentation des SEM geht fehl.
Zunächst ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin sich legitimerweise
geweigert hat, in ihrer Praxis eine Abtreibung vorzunehmen; sie stützte sich
dabei auf die in ihrer Heimat geltenden Sitten und Vorschriften, auf ihr ei-
genes Gewissen und ihren ärztlichen Handlungskodex; auch in einem
nicht-islamischen Kontext wäre im Übrigen die Vornahme einer Abtreibung
gegen den expliziten Willen der schwangeren Frau offenkundig nicht legi-
tim. Die Argumentation, mit der Vornahme einer (im hier interessierenden
Kontext verbotenen) Abtreibung hätte die Beschwerdeführerin eine dro-
hende Verfolgung vermeiden können, ist somit unzulässig. Im Übrigen
würde das Argument auch verkennen, dass die Beschwerdeführerin sich
diesfalls im Gegenteil einer Bedrohung durch den Vater des ungeborenen
Kindes, der keine Abtreibung wollte, ausgesetzt hätte. Auch die Gefähr-
dung durch Q., der zunächst die Abtreibung hatte erzwingen wollen, ergab
sich für die Beschwerdeführerin in der Folge nicht mehr aus ihrer Weige-
rung, eine Abtreibung vorzunehmen, sondern daraus, dass Q. seine Ehre
und die Ehre seiner Familie als verletzt betrachtete, nachdem der Mullah
in die Angelegenheit involviert worden war.
Zudem erfolgten die Verfolgungsmassnahmen gegen die Beschwerdefüh-
rerin aufgrund ihrer Tätigkeit als Frauenärztin. Im Länderkontext ist kaum
möglich, dass ein männlicher Arzt in Afghanistan in die gleiche Situation
wie die Beschwerdeführerin hätte geraten können. Das Gericht hat keine
zuverlässigen, öffentlich zugänglichen Statistiken zur Verteilung der Ge-
schlechter unter den Ärztinnen und Ärzten mit Spezialisierung in Gynäko-
logie in Afghanistan eruieren können. Aus den konsultierten Quellen lässt
E-6543/2020
Seite 34
sich jedoch – innerhalb der relativ geringen Anzahl von Arztpersonen mit
Fachgebiet der Gynäkologie – auf einen sehr hohen Frauenanteil schlies-
sen: In einer Studie zur Einstellung des medizinischen Personals an einer
Geburtsklinik in Kabul von 2014 wird darauf verwiesen, dass in Afghanistan
traditionell Frauen für die Gesundheitsversorgung von Frauen verantwort-
lich seien. Im Jahr 2002 habe ein akuter Mangel («severe shortage») von
weiblichem Fachpersonal bestanden. Frauen, die unter den Taliban von
der universitären Ausbildung ausgeschlossen gewesen seien, seien seit
deren Herrschaftszerfall wieder zum Studium der Geburtshilfe und Gynä-
kologie zugelassen und die Ausbildung von Ärztinnen und Hebammen sei
vorangetrieben worden. Aufgrund der religiösen und kulturellen Sitten
würden Frauen nur selten männliche Ärzte, insbesondere keine männli-
chen Gynäkologen, aufsuchen (vgl.: Arnold, R. et al, Understanding Afghan
healthcare providers: a qualitative study of the culture of care in a Kabul
maternity hospital, in: International Journal of Obstetrics and Gynaecology,
02.2014, https://doi.org/10.1111/1471-0528.13179 ; The New York Times,
At a Maternity Center Near a War Zone, 20 Births in One Day, 12.09.2019,
https://www.nytimes.com/2019/09/12/world/asia/afghanistan-women-hos-
pital-births.html sowie: British Broadcasting Corporation (BBC), Afghani-
stan: The only gynaecologist for hundreds of miles, 05.03.2017,
https://www.bbc.com/news/world-asia-38918509).
7.5 Im Zusammenhang mit den Drohungen des Bruders Q. der schwange-
ren Frau und den Unterstellungen des Kindsvaters, sie habe den Tod des
Fötus verursacht, wurde die Beschwerdeführerin respektive ihre Familie
angegriffen und ihr Leben und ihre körperliche Unversehrtheit wurden kon-
kret bedroht. Sie hat damit ernsthafte Nachteile von ausreichender Intensi-
tät erlitten beziehungsweise angesichts der Drohungen weiterhin befürch-
ten müssen, die gezielt gegen sie gerichtet waren und zur unmittelbar an-
schliessenden Ausreise in hinlänglichem Kausalzusammenhang stehen.
Eine flüchtlingsrechtlich relevante Motivation hat das SEM nach dem oben
Gesagten zu Unrecht verneint, zumal frauenspezifischen Gründen Rech-
nung zu tragen ist (Art. 3 Abs. 2 in fine AsylG). Die staatlichen Behörden
erwiesen sich ferner als schutzunfähig respektive schutzunwillig; als der
Vater der Beschwerdeführerin bei den staatlichen Behörden die erlittenen
Übergriffe zur Anzeige bringen wollte, wurde ihm beschieden, die staatli-
chen Instanzen würden nicht tätig werden (vgl. A32, Antworten 92 und 134;
A35, Antworten 107, 140; A37, Antworten 82 f. und 98). Auch dieses Vor-
gehen der heimatlichen Behörden erweist sich im afghanischen Länder-
kontext als plausibel und stimmt mit vorliegenden Berichten überein.
E-6543/2020
Seite 35
7.6 Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Beschwerdefüh-
rerin oder ihre Familie bei den afghanischen Sicherheitskräften effektiven
Schutz vor einer Verfolgung durch einflussreiche Drittpersonen (wie Q. es
offenbar war) respektive durch Personen, die aus einem von den Taliban
beherrschten Gebiet stammen (wie der Vater des verstorbenen Fötus),
hätte erhalten können.
Wie bereits festgestellt, ist Afghanistan ein für Frauen und Mädchen sehr
gefährliches Land. Die Diskriminierung von Frauen ist dort tief verwurzelt.
Gewalt gegen Frauen und Mädchen bleibt weit verbreitet, wobei Straflosig-
keit für solche Verbrechen die Regel ist. Die Umsetzung von Gesetzen zum
Schutz von Frauenrechten, insbesondere des EVAW-Gesetzes geht nur
sehr langsam voran. Den Behörden fehlt der Wille, das Gesetz konsequent
umzusetzen, dies besonders in ländlichen Gebieten. Die grosse Mehrzahl
der Fälle, einschliesslich schwerer Verbrechen gegen Frauen, werden wei-
terhin durch traditionelle Streitschlichtungsmechanismen vermittelt, anstatt
strafrechtlich verfolgt zu werden, wie es das Gesetz verlangt. Vor diesem
Hintergrund fehlt es in Afghanistan insbesondere am Schutzwillen der af-
ghanischen Behörden bei geschlechtsspezifischen Übergriffen, aber auch
an der Schutzinfrastruktur (vgl. hierzu die in der Beschwerdeschrift zutref-
fend zitierten Urteile des BVGer D-3501/2019 vom 21. August 2019 E.
5.4.5 sowie E-2918/2018 vom 12. August 2019 E. 6.6).
7.7 Schliesslich müssen die Befürchtungen, die die Beschwerdeführerin im
Zeitpunkt ihrer Ausreise begründeterweise haben musste, auch im heuti-
gen Zeitpunkt weiterhin als aktuell gelten. Die Situation im Heimatland hat
sich seit der Ausreise der Beschwerdeführerin nicht verbessert; im Gegen-
teil hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan seit 2016 weiter deutlich ver-
schlechtert und es ist zu vermehrten Anschlägen durch die Taliban und an-
dere islamistische Gruppierungen in allen Landesteilen, auch in Kabul, ge-
kommen. Von einer zum heutigen Zeitpunkt relevant höheren Schutzfähig-
keit und Schutzwilligkeit der afghanischen Behörden zugunsten beispiels-
weise von Frauen, die private Verfolgung befürchten müssen, kann offen-
kundig nicht ausgegangen werden.
7.8 Nachdem die festgestellte Verfolgungsgefahr nicht von staatlichen Or-
ganen, sondern von Dritten ausgeht und die Behörden die Beschwerdefüh-
rerin an ihrem Herkunftsort nicht zu schützen vermochten, bleibt zu prüfen,
ob ihr allenfalls anderswo in Afghanistan eine innerstaatliche Fluchtalter-
native zur Verfügung stünde.
E-6543/2020
Seite 36
7.8.1 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bedingt
die Annahme einer innerstaatlichen Schutzalternative im Lichte der Schutz-
theorie, dass am Zufluchtsort eine funktionierende und effiziente Schutz-
infrastruktur besteht und der Staat gewillt ist, der in einem anderen Lan-
desteil von Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu ge-
währen, an dessen Effektivität hohe Anforderungen gestellt werden (vgl.
BVGE 2013/5 E. 5.4.3, BVGE 2011/51 E. 8.5.1 und 8.6). Insbesondere
aber muss eine Fluchtalternative auch zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs.
4 AIG sein; es muss dem Betreffenden individuell zuzumuten sein, den am
Zufluchtsort erhältlichen Schutz längerfristig in Anspruch nehmen zu kön-
nen. Dabei sind die allgemeinen Verhältnisse am Zufluchtsort und die per-
sönlichen Umstände der betroffenen Person zu beachten und es ist unter
Berücksichtigung des länderspezifischen Kontextes im Rahmen einer indi-
viduellen Einzelfallprüfung zu beurteilen, ob ihr angesichts der sich konkret
abzeichnenden Lebenssituation am Zufluchtsort realistischerweise zuge-
mutet werden kann, sich dort niederzulassen und sich eine neue Existenz
aufzubauen (vgl. BVGE 2011/51 E. 8).
7.8.2 In Afghanistan könnten aufgrund der derzeitigen Lagebeurteilungen
des Gerichts – unter engen Bedingungen – einzig die Städte Kabul, Mazar-
i-Sharif oder Herat als innerstaatliche Fluchtalternativen in Frage kommen
(vgl. die oben bereits erwähnten Referenzurteile D-5800/2016 vom 31. Ok-
tober 2017 betreffend Kabul, D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 betreffend
Mazar-i-Sharif und D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 betreffend Herat).
Dass die Beschwerdeführenden Beziehungen zu Herat oder zu Mazar-i-
Sharif hätten, geht aus den Akten nicht hervor. Was Kabul betrifft, wo die
Beschwerdeführerin gewisse verwandtschaftliche Beziehungen hätte, wies
sie plausibel auf ihre Befürchtungen hin, dass sie dort leicht auffindbar
wäre, (...). Ob die Behörden in Kabul (oder den beiden anderen Städten)
der Beschwerdeführerin Schutz vor ihren Verfolgern bieten könnten und
wollten, kann letztlich offen bleiben; jedenfalls ist auch die Vorinstanz nicht
davon ausgegangen, es wäre der Beschwerdeführerin und ihrer Familie
zumutbar, sich nach Kabul (oder in eine der beiden anderen Städte) zu
begeben, und hat aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
die vorläufige Aufnahme angeordnet. Eine innerstaatliche Fluchtalternative
besteht demnach nicht.
E-6543/2020
Seite 37
8.
8.1 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde-
führerin die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt. An-
haltspunkte für das Vorliegen von Asylausschlussgründen im Sinne von
Art. 53 AsylG gehen aus den Akten nicht hervor, weshalb ihr Asyl zu ge-
währen ist (Art. 49 AsylG).
8.2 Der Beschwerdeführer hat ausser den Vorfällen, die seine Ehefrau und
sein Kind betroffen haben, keine eigenen Asylgründe geltend gemacht. Aus
seinen Aussagen und den eingereichten Beweisunterlagen geht hervor,
dass er früher (...) gearbeitet hat; er hat indessen keine aus diesem Grund
erlebten Behelligungen angeführt und auch keine entsprechenden Be-
fürchtungen geltend gemacht; aus seinen Aussagen geht nicht hervor,
dass er persönlich je ernsthafte Nachteile im flüchtlingsrechtlichen Sinn er-
litten habe. Er erfüllt demnach die Flüchtlingseigenschaft nicht in eigener
Person gemäss Art. 3 AsylG, ist aber gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG in
die Flüchtlingseigenschaft und in das Asyl seiner Ehefrau einzubeziehen.
Besondere Umstände, die einem Einbezug gemäss Art. 51 Abs. 1 AsylG
entgegenstehen könnten, oder Gründe, die gemäss Art. 53 AsylG gegen
die Asylgewährung sprechen könnten, sind in den Akten nicht ersichtlich.
8.3 Auch betreffend den heute (...)jährigen Sohn der Beschwerdeführerin
ist nicht von der Erfüllung der Flüchtlingseigenschaft in eigener Person im
Sinne von Art. 3 AsylG auszugehen. Zwar war das Kind in Afghanistan in-
sofern im Fokus der Verfolger seiner Mutter, als zumindest einer der Ver-
folger – der Vater des gestorbenen Fötus – an der Beschwerdeführerin Ra-
che nehmen wollte, indem er ihrem Kind etwas zuleide getan hätte; den-
noch ist nicht von einer eigentlichen begründeten Furcht vor asylrelevanter
Verfolgung im Zeitpunkt der Ausreise auszugehen, was das bei den dama-
ligen Ereignissen (...)jährige Kind betrifft. Indessen ist auch der Sohn
C._ gestützt auf Art. 51 Abs. 1 AsylG in die Fluchtlingseigenschaft
und ins Asyl seiner Mutter einzubeziehen.
9.
Zusammenfassend erfüllt die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 3 AsylG,
der Beschwerdeführer und das Kind C._ gestützt auf Art. 51 Abs. 1
die Flüchtlingseigenschaft. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen.
Die Verfügung des SEM vom 20. November 2020 ist aufzuheben und die
Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführenden in der Schweiz in
Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren.
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10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
10.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden wäre angesichts ihres Obsie-
gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) zu Lasten der Vorinstanz
grundsätzlich eine Entschädigung für die ihnen notwendigerweise erwach-
senen Parteikosten zuzusprechen.
Vorliegend ist jedoch keine Parteientschädigung auszurichten, da den Be-
schwerdeführenden eine unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von
Art. 102h AsylG zugewiesen worden war, deren Leistungen vom Bund
nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch
Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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