Decision ID: 9b175f90-67cc-5b47-8c7f-8a4853b6505b
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Marco Bivetti, Oberer Graben 42, 9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 10. Mai 2002 aufgrund eines im Mai 2001 erlittenen
Herzinfarkts zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des
Kantons St. Gallen an (IV-act. 2).
A.b Mit Verfügung vom 27. Juni 2003 wurde das Rentengesuch abgewiesen (IV-
act. 19).
A.c Die am 15. Juli 2003 dagegen erhobene und am 15. September 2003 ergänzte
Einsprache (IV-act. 20 und 23) wurde mit Entscheid vom 11. Dezember 2003
abgewiesen (IV-act. 29).
A.d Das durch die am 22. Januar 2004 erhobene Beschwerde (IV-act. 30) eingeleitete
Beschwerdeverfahren vor dem Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen wurde mit
Entscheid IV 2004/6 vom 30. März 2004 als gegenstandslos abgeschrieben (vgl. IV-
act. 43), nachdem die IV-Stelle mit Verfügung vom 25. März 2004 ihren
Einspracheentscheid zwecks Durchführung weiterer medizinischer Abklärungen
widerrufen hatte (IV-act. 41).
A.e Gestützt auf das von der IV-Stelle in Auftrag gegebene Gutachten der Ärztliches
Begutachtungsinstitut (ABI) GmbH vom 20. Juli 2005, in welchem im Wesentlichen eine
koronare Herzkrankheit, ein chronisches cervical und lumbal betontes
Panvertebralsyndrom mit lumbospondylogener Komponente sowie eine anhaltende
somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert und für körperlich leichte bis
intermittierend mittelschwere, adaptierte Tätigkeiten volle Arbeitsfähigkeit attestiert
worden waren (IV-act. 63), wies die IV-Stelle das Rentenbegehren mit Verfügung vom
8. September 2005 wiederum ab (IV-act. 68).
A.f Die am 11. Oktober 2005 dagegen erhobene Einsprache (IV-act. 71) wurde mit
Entscheid vom 19. Januar 2006 abgewiesen (IV-act. 80).
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A.g Die am 20. Februar 2006 an das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
erhobene Beschwerde (IV-act. 83) wurde mit Entscheid IV 2006/32 vom 22. Juni 2006
abgewiesen (vgl. IV-act. 88).
A.h Die dagegen an das Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG; seit 1. Januar
2007 sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts) erhobene
Verwaltungsgerichtsbeschwerde wurde mit Urteil I 657/06 vom 5. Februar 2007
abgewiesen (vgl. IV-act. 95).
B.
B.a Am 23. Januar 2008 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug einer Rente
der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 98).
B.b Am 13. März 2008 verfügte die IV-Stelle Nichteintreten auf die Neuanmeldung;
der Versicherte habe nicht glaubhaft gemacht, dass sich die tatsächlichen Verhältnisse
seit dem 22. Juni 2006 in einer für den Anspruch erheblichen Weise verändert hätten
(IV-act. 108).
B.c Am 27. März 2008 erstattete Dr. med. B._, Facharzt FMH für Innere Medizin,
einen Arztbericht. Er diagnostizierte eine essentielle primäre, noch nicht befriedigend
eingestellte arterielle Hypertonie, eine stabile, koronare Herzerkrankung bei Zustand
nach Myocardinfarkt, eine alimentäre Adipositas, eine Hyperlipidämie, eine
Hypothyreose nach Thyreoiditis, eine Fettleber, eine Lumboischialgie, eine
Polyarthrose, eine Pseudodemenz im Rahmen einer depressiven Episode, eine
subjektiv beklagte kognitive Störung, eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung,
eine Dysthymia sowie einen primären Semianalphabetismus und attestierte – unter
Berücksichtigung der so genannten Foerster’schen Kriterien gemäss
bundesgerichtlicher Rechtsprechung – eine vollständige Arbeitsunfähigkeit für
sämtliche Tätigkeiten (IV-act. 109–1 ff.). Dem Bericht lagen diverse weitere
medizinische Berichte bei, unter anderem folgende: Med. pract. C._, Fachärztin FMH
für Neurologie sowie Psychiatrie und Psychotherapie, hatte in einem Bericht vom
29. Oktober 2007 eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, eine Dysthymia, eine
essentielle arterielle Hypertonie, eine chronische pseudoradiculäre Lumboischialgie,
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einen Status nach Myocardinfarkt mit koronarer Herzkrankheit sowie einen primären
Semianalphabetismus (IV-act. 109–4 f.) und in einem weiteren Bericht vom 10. März
2008 zusätzlich eine subjektiv beklagte kognitive Störung (Differentialdiagnosen: leichte
kognitive Störung, Pseudodemenz im Rahmen einer depressiven Episode)
diagnostiziert (IV-act. 109–10 f.); eine am 12. März 2008 durchgeführte
Computertomographie des Schädels hatte keine pathologischen Befunde ergeben (IV-
act. 109–12).
B.d Am 4. April 2008 liess der Versicherte Beschwerde gegen die Verfügung vom
13. März 2008 erheben (IV-act. 114). Mit Replik vom 31. Juli 2008 (IV-act. 126) liess der
Beschwerdeführer sodann einen Bericht von Dr. med. D._, Facharzt FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie, vom 24. Juli 2008 einreichen, in welchem im
Wesentlichen eine Panikstörung und eine somatoforme Überlagerung im Sinne einer
somatoformen Schmerzstörung diagnostiziert und die Arbeitsfähigkeit aus rein psychi
atrischer Sicht auf 53 % geschätzt worden waren (IV-act. 127).
B.e Mit Entscheid IV 2008/161 vom 26. November 2008 wies das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die Beschwerde ab. Die Replik samt
Bericht von Dr. D._ wurde der IV-Stelle zur Prüfung als Neuanmeldung überwiesen
(vgl. IV-act. 134).
B.f Am 11. November 2009 erstattete die ABI GmbH im Auftrag der IV-Stelle ein
weiteres Gutachten. Die Gutachter diagnostizierten im Wesentlichen ein chronisches
panvertebrales Schmerzsyndrom ohne radiculäre Ausstrahlung, eine koronare
Herzkrankheit sowie eine leichte depressive Episode und attestierten eine 80%ige
Arbeitsfähigkeit für körperlich leichte, adaptierte Tätigkeiten (IV-act. 153–1 ff.).
B.g Mit Vorbescheid vom 1. März 2010 teilte die IV-Stelle mit, dass die Abweisung
des Rentengesuchs vorgesehen sei (IV-act. 159).
B.h Dagegen liess der Versicherte am 16. April 2010 Einwand erheben. Auf das
Gutachten der ABI GmbH könne nicht abgestellt werden. Zudem sei bei der
Berechnung des Invaliditätsgrades von einem falschen Valideneinkommen
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ausgegangen und zu Unrecht kein Abzug vom Tabellenlohn vorgenommen worden (IV-
act. 160 und 162).
B.i Mit Verfügung vom 12. Mai 2010 wies die IV-Stelle das Rentengesuch ab. Das
Valideneinkommen sei korrekt ermittelt worden, es sei kein Abzug vom Tabellenlohn
vorzunehmen und das Gutachten der ABI GmbH stelle eine geeignete Grundlage für
die Beurteilung des Leistungsanspruchs dar (IV-act. 163).
C.
C.a Dagegen richtet sich die am 14. Juni 2010 erhobene Beschwerde, mit der die
Zusprache einer angemessenen Invalidenrente sowie eventualiter die Rückweisung der
Angelegenheit zur Vornahme weiterer Abklärungen beantragt werden und zur
Begründung im Wesentlichen ausgeführt wird, das Gutachten der ABI GmbH
überzeuge nicht, namentlich, da der Bericht von Dr. D._ von den Gutachtern nicht
berücksichtigt worden sei, es sei zu Unrecht kein Abzug vom Tabellenlohn
vorgenommen worden, und das Valideneinkommen sei falsch ermittelt worden
(act. G 1).
C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer Be
schwerdeantwort vom 7. September 2010 führte sie zur Begründung im Wesentlichen
aus, das Gutachten der ABI GmbH stelle eine geeignete Grundlage für die Bemessung
des Invaliditätsgrades dar, allerdings sei von voller Arbeitsfähigkeit auszugehen, da
die diagnostizierten Leiden nicht invalidisierend seien (act. G 7). Bei den von der
Beschwerdegegnerin eingereichten Akten lag ein Schreiben der ABI GmbH vom
19. August 2010, in welchem Stellung zur Diskrepanz zwischen dem Gutachten vom
11. November 2009 und dem Bericht von Dr. D._ genommen worden war (IV-
act. 178).
C.c Mit Replik vom 29. Oktober 2010 liess der Beschwerdeführer an den mit
Beschwerde vom 14. Juni 2010 gestellten Anträgen festhalten. Die nachträgliche
Stellungnahme der ABI GmbH gehe an der Sache vorbei; auf das Gutachten könne
nicht abgestellt werden (act. G 13).
C.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 15).
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Erwägungen:
1.
Streitig zwischen den Parteien ist zunächst die quantitative Beeinträchtigung der
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer leidensadaptierten Tätigkeit. Während
der Beschwerdeführer das Gutachten der ABI GmbH bemängelt und sinngemäss die
Einholung eines Obergutachtens beantragt, will die Beschwerdegegnerin auf das Gut
achten abstellen, aber die attestierte quantitative Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit
mangels invalidisierender Wirkung bei der Ermittlung des Invaliditätsgrades nicht be
rücksichtigen.
2.
Bezüglich des Beweiswerts des Gutachtens der ABI GmbH kann den Ausführungen
des Beschwerdeführers, die Arbeitsfähigkeitsschätzung sei unklar bzw.
widersprüchlich, nicht gefolgt werden. Aus dem Gutachten geht klar hervor, dass die
Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht zu 20 % (vgl. IV-act. 153–17) und aus
orthopädischer Sicht quantitativ nicht (vgl. IV-act. 153–23) beeinträchtigt ist, weshalb
„insgesamt (...) aus polydisziplinärer Sicht eine Arbeits- resp. Leistungsfähigkeit von
80 % in körperlich leichten, adaptierten Tätigkeiten festgestellt“ wurde (IV-act. 153–27).
Eine Unklarheit oder gar ein Widerspruch ist nicht ersichtlich. Was die von Dr. D._
diagnostizierte Panikstörung und deren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers betrifft, so handelt es sich offensichtlich um eine unterschiedliche
Beurteilung desselben Sachverhalts: Sowohl Dr. D._ als auch die Gutachter der ABI
GmbH beschrieben diesbezüglich im Wesentlichen dieselben Symptome (vgl. IV-
act. 127–1 f. und IV-act. 153–11; vgl. auch IV-act. 63–6); während allerdings Dr. D._
gestützt darauf eine Panikstörung diagnostizierte, gelangten die Gutachter der ABI
GmbH zum Schluss, die Symptomatik sei im Rahmen der
Schmerzverarbeitungsstörung zu sehen und begründe nicht die Diagnose einer
Panikstörung, da es an den gemäss ICD-10 geforderten häufigen, deutlich schweren
Angstanfällen mit vegetativen Begleitsymptomen und einem entsprechenden
Vermeidungsverhalten fehle und der Beschwerdeführer angegeben habe, selber mit
dem Auto kürzere Strecken zurückzulegen und Kontakte innerhalb der Familie und zu
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Freunden zu pflegen. Es sei nicht gänzlich ausgeschlossen, dass es früher zu
Panikattacken gekommen sei, im Zeitpunkt der Begutachtung hätten aber keine
Hinweise auf eine Panikstörung vorgelegen (IV-act. 178). Diese Ausführungen
erscheinen nachvollziehbar. Da den Gutachtern der ABI GmbH zudem sämtliche
Vorakten zur Verfügung standen und sie den Beschwerdeführer polydisziplinär
begutachteten und daher allfälligen Wechselwirkungen von somatischen und
psychischen Beschwerden besser Rechnung tragen konnten, ist eher auf die
Schlussfolgerung der Gutachter der ABI GmbH abzustellen und das Vorliegen einer
Panikstörung zu verneinen. Abgesehen davon besteht aber, wie erwähnt, weitgehende
Übereinstimmung zwischen dem Gutachten der ABI GmbH und dem Bericht von
Dr. D._, was die psychiatrisch bedingten Beeinträchtigungen betrifft. Die Gutachter
der ABI GmbH haben nachvollziehbar begründet, weshalb sie eine relevante
quantitative Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht
attestierten: Der Beschwerdeführer leide an einer langjährigen Problematik, sei seit
langem erheblich auf die Schmerzen fixiert, der Herzinfarkt habe ein nach wie vor
bestehendes Gefühl der Einengung der Brust und eine psychische Fehlentwicklung
ausgelöst, es bestehe ein langjähriger, unveränderter und chronifizierter Verlauf mit
Therapieresistenz, was nur teilweise auf die ausgeprägte subjektive
Krankheitsüberzeugung zurückzuführen sei. Die so genannten Foerster’schen Kriterien
seien gesamthaft teilweise erfüllt, was das Attest einer quantitativen Beeinträchtigung
der Leistungsfähigkeit von 20 % rechtfertige (IV-act. 153–18). Zu berücksichtigen ist
weiter, dass der Beschwerdeführer an weiteren erschwerenden, die Arbeitsfähigkeit
zwar nicht einschränkenden Begleiterkrankungen – Hypothyreose, Adipositas,
Hyperlipidämie, Hypertonie – leidet, die seine Belastbarkeit und sein Arbeitstempo
sicherlich ebenfalls mindern. Auch Dr. D._ berichtete von einer nicht psychisch
bedingten Dekonditionierung (IV-act. 127–4). Auch die erhebliche Selbstunsicherheit
beim Bewegen draussen und die zumindest subjektiv empfundene Sturzneigung sowie
die zusätzliche Verunsicherung durch die sehr schlechte Schulbildung wirken sich
ungünstig aus; Dr. D._ wies gestützt darauf auf eine ausserordentlich schwache
Ressourcenlage hin, was von den Gutachtern der ABI GmbH bestätigt wurde.
Gesamthaft ist aufgrund des nachvollziehbaren und sorgfältig erarbeiteten Berichts von
Dr. D._ sowie der Ausführungen der Gutachter der ABI GmbH zur Zumutbarkeit und
Überwindbarkeit der psychischen Beeinträchtigungen davon auszugehen, dass es dem
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Beschwerdeführer zwar zumutbar ist, seine Arbeitsunfähigkeitsüberzeugung zu
überwinden, seine Leistungsfähigkeit aber krankheitsbedingt zu 20 % eingeschränkt
ist.
3.
Die Frage nach der medizinisch-theoretischen quantitativen oder qualitativen
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit ist eine Tatfrage, keine Rechtsfrage (BGE 132 V
393 E. 3.2 S. 398 mit zahlreichen Hinweisen). Ihre Beantwortung setzt Fachwissen
voraus, weshalb dazu in aller Regel medizinische Sachverständige beauftragt werden.
Aufgabe von Verwaltung und Gericht ist es, die entsprechenden Antworten rechtlich zu
würdigen, was insbesondere bedeutet, zu prüfen, ob sie für die Beurteilung der
Angelegenheit als bewiesene Tatsachen heranzuziehen sind. Bei der Beweiswürdigung
ist sowohl gesetzlichen als auch tatsächlichen Vermutungen Rechnung zu tragen. Bei
letzteren handelt es sich um Schlussfolgerungen aus bewiesenen Tatsachen auf
weitere nicht bewiesene Tatsachen, welche der Rechtsanwender auf Grund der
Lebenserfahrung zieht (natürliche Vermutungen; Erfahrungstatsachen; vgl. Oscar
Vogel/Karl Spühler, Grundriss des Zivilprozessrechts, 7. Aufl., Bern 2001, Kap. 10,
Rz. 50 ff.). So hat das Bundesgericht etwa in BGE 137 V 64 E. 1.2 S. 66 festgehalten,
es bestehe gestützt auf medizinische Empirie beispielsweise die Vermutung, dass eine
anhaltende somatoforme Schmerzstörung oder ein vergleichbarer ätiologisch unklarer
syndromaler Zustand überwindbar sei. Gemeint ist damit, dass zu vermuten ist, einer
versicherten Person sei es trotz anhaltender somatoformer Schmerzstörung zumutbar,
einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Diese tatsächliche Vermutung ist, wie alle anderen
tatsächlichen Vermutungen auch, als Beweisregel und damit als Rechtsfrage zu
qualifizieren, nicht als Tatfrage. Wie jede andere tatsächliche Vermutung auch kann sie
durch einen Gegenbeweis widerlegt werden (Oscar Vogel/Karl Spühler, a.a.O., Kap. 10,
Rz. 51). Dies verkennt die Beschwerdegegnerin vorliegend offensichtlich, wenn sie
davon ausgeht, es könne zwar auf das Gutachten der ABI GmbH abgestellt, aber die
darin enthaltene (medizinische) Arbeitsfähigkeitsschätzung gleichsam durch eine
rechtliche Arbeitsfähigkeitsschätzung ersetzt werden. Damit geht sie nämlich zu
Unrecht davon aus, die tatsächliche Vermutung, einer versicherten Person sei es trotz
somatoformer Schmerzstörung oder einem dieser verwandten Syndrom zumutbar, mit
vollem Pensum und bei voller Leistung einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, könne
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nicht widerlegt werden. Wie dargelegt, ist die Widerlegung dieser Vermutung durch den
Gegenbeweis ohne weiteres möglich. Liegt also im Einzelfall eine überzeugende
medizinische Arbeitsfähigkeitsschätzung vor, von der anzunehmen ist, dass sie der der
allgemeinen Schadenminderungspflicht entspringenden zumutbaren
Willensanstrengung zur Verrichtung einer Erwerbstätigkeit trotz
Gesundheitsbeeinträchtigung genügend Rechnung trägt, ist der Rechtsanwendung
nicht die tatsächliche Vermutung, sondern vielmehr der insofern mit dem notwendigen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesene Sachverhalt zu
Grunde zu legen. Dabei ist es selbstverständlich – was die Beschwerdegegnerin zu
verkennen scheint – möglich, dass einer versicherten Person gegebenenfalls lediglich
noch ein Teilpensum zumutbar oder aber die Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Es
gibt insofern also nicht nur ein „Alles oder Nichts“, sondern auch ein „Teilweise“ (vgl.
hierzu auch den Entscheid IV 2010/122 des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen vom 9. November 2010, E. 1.3.3; sinngemäss bestätigt durch das
Bundesgericht in dessen Urteil 8C_958/2010, 8C_1039/2010 vom 25. Februar 2011
E. 6.2.2.2; vgl. auch das Urteil des Bundesgerichts 9C_1041/2010 vom 30. März 2011
E. 5.2). Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeitsschätzung der Gutachter der ABI GmbH kann
ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass der der allgemeinen
Schadenminderungspflicht entspringenden zumutbaren Willensanstrengung zur
Verrichtung einer Erwerbstätigkeit trotz Gesundheitsbeeinträchtigung genügend
Rechnung getragen wurde. In ihrem ersten Gutachten hatten die Gutachter nämlich
noch ausgeführt, sie könnten zwar nachvollziehen, dass der Beschwerdeführer keine
Motivation mehr aufbringen könne, in einer anderen Hilfstätigkeit Fuss zu fassen, doch
begründe dies auf medizinisch-theoretischer Ebene keine Arbeitsunfähigkeit (IV-
act. 63–17). Wenn sie nun im zweiten Gutachten eine quantitative Beeinträchtigung von
20 % attestierten, so ist davon auszugehen, dass sie wiederum strikt nur jenen
Tatsachen Rechnung trugen, die medizinisch-theoretisch von Relevanz sind und die
die Leistungsfähigkeit trotz zumutbarer Willensanstrengung in einem gewissen
Ausmass einschränken. Es besteht also keine Veranlassung, die
Arbeitsfähigkeitsschätzung als nicht überzeugend zu qualifizieren. Der
Beschwerdeführer ist als zu 80 % arbeitsfähig in einer leidensadaptierten Tätigkeit zu
qualifizieren.
4.
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4.1 Für die Bemessung des Invaliditätsgrades wird gemäss Art. 16 des Bundes
gesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1)
das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und
nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das
sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre. Es ist mithin einerseits
danach zu fragen, wie die berufliche Karriere des Beschwerdeführers ohne
Gesundheitsbeeinträchtigung verlaufen wäre, und andererseits danach, welche
beruflichen Möglichkeiten ihm unter Berücksichtigung seiner gesundheitlichen
Beeinträchtigungen noch offen stünden.
4.2 Was die Validenkarriere betrifft, so ist ohne Weiteres davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer seine über viele Jahre hinweg ausgeübte Tätigkeit bis zur
Pensionierung weiter ausgeübt hätte (vgl. IV-act. 7–1). Offenbar wurde sein Lohn per
1. Januar 2001, also kurz vor Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung, erhöht, was
dazu geführt hätte, dass er im Jahr 2001 ein Jahreseinkommen von Fr. 64’161.-- erzielt
hätte (im Jahr 2000 erzielte er ein solches von Fr. 60’698.--). Da diese Lohnerhöhung
vor Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung erfolgte und da davon auszugehen ist,
dass der Beschwerdeführer im Jahr 2001 gleich viele Stunden gearbeitet hätte wie im
Jahr 2000, besteht kein Grund, auf das tiefere Einkommen vom Vorjahr abzustellen,
zumal der Jahreslohn bereits in den 90er-Jahren öfter über Fr. 60’000.-- betrug (vgl. IV-
act. 138–3). Eine Bindung an frühere Festsetzungen besteht nicht, da es sich dabei
nicht um Verfügungen über Dauerleistungen handelt, sondern um Abweisungen. Das
Valideneinkommen ist daher ausgehend vom Jahreslohn 2001 im Betrage von
Fr. 64’161.-- zu ermitteln (vgl. IV-act. 7–2).
4.3 Bezüglich Invalidenkarriere ist zunächst ausschlaggebend, dass dem
Beschwerdeführer die bisherige (körperlich schwere) Tätigkeit nicht mehr zugemutet
werden kann, er aber einer körperlich leichteren Tätigkeit nachgehen könnte. Da der
Beschwerdeführer bereits in der angestammten Tätigkeit als Hilfsarbeiter tätig war, er
mithin keinen Beruf erlernt hat, ist ihm zuzumuten, auf dem allgemeinen
Hilfsarbeitermarkt eine Tätigkeit zu suchen. Das so erzielbare Erwerbseinkommen ist
statistisch zu ermitteln, und zwar anhand der vom Bundesamt für Statistik (BFS)
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regelmässig durchgeführten Lohnstrukturerhebung (LSE). Gemäss LSE 2008, TA1,
erzielten männliche Hilfsarbeiter im Jahr 2008 einen standardisierten Monatslohn von
Fr. 4’806.--. Standardisiert bedeutet, auf ein Wochenpensum von 40 Stunden
umgerechnet. Unter Berücksichtigung der vom BFS ermittelten betriebsüblichen
Wochenarbeitszeit von 41,6 Stunden im Jahr 2008 resultiert ein massgebender
Jahreslohn von Fr. 59’979.--. Da dieser statistische Lohn auf den Daten gesunder
Arbeitnehmer beruht, ist zu prüfen, ob ein Abzug vom Tabellenlohn vorzunehmen ist
(BGE 126 V 75). Vorliegend fallen insbesondere das fortgeschrittene Alter des
Beschwerdeführers – er war im Jahr 2008 60 Jahre alt – und die Tatsache, dass er
auch in einer leidensadaptierten Tätigkeit nicht mehr voll leistungsfähig ist, als
Abzugsgründe in Betracht (vgl. hierzu eingehend Philipp Geertsen, Der
Tabellenlohnabzug, in: Ueli Kieser/Miriam Lendfers [Hrsg.], Jahrbuch zum Sozial
versicherungsrecht, 2012, S. 143 ff.). Zu berücksichtigen sind auch die lange Dauer der
Abwesenheit vom Arbeitsmarkt, das erhöhte Krankheitsrisiko, die aus psychischen
Gründen reduzierte Belastbarkeit, die verminderte Flexibilität, die lange Dauer des
letzten Anstellungsverhältnisses sowie die Tatsache, dass der ursprünglich schwere
körperliche Tätigkeiten verrichtende Beschwerdeführer lediglich noch leichte
Tätigkeiten ausüben kann. Insgesamt rechtfertigt sich vorliegend die Vornahme eines
Abzuges von mindestens 15 %. Der Ausgangswert des Invalideneinkommens per 2008
beläuft sich damit auf Fr. 50’982.--. Unter Berücksichtigung der 20%igen
Arbeitsunfähigkeit ergibt sich ein massgebendes Invalideneinkommen von Fr. 40’785.--
für das Jahr 2008.
4.4 Eine relevante Gesundheitsbeeinträchtigung aus psychiatrischen Gründen wurde
– nach Abschluss des ersten Rentenverfahrens – erstmals im Juli 2008 von einem
Facharzt attestiert, nämlich von Dr. D._ in dessen Bericht vom 24. Juli 2008 (IV-
act. 127). Die Gutachter der ABI GmbH haben diesen Bericht in ihrem (zweiten)
Gutachten vom November 2009 nicht berücksichtigt und deshalb den Beginn der
relevanten (quantitativen) Arbeitsunfähigkeit auf den Zeitpunkt der Begutachtung
(August 2009, obwohl die psychiatrische Begutachtung bereits im Juli 2009
stattgefunden hatte) festgelegt (vgl. IV-act. 153–26). Es ist davon auszugehen, dass sie,
wenn sie den Bericht von Dr. D._ berücksichtigt hätten, den Beginn auf Juli 2008
angesetzt hätten. Da der Beschwerdeführer bereits davor während Jahren in seiner
angestammten Tätigkeit zu 100 % arbeitsunfähig gewesen war (vgl. IV-act. 63–16),
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hatte er das so genannte Wartejahr im Juli 2008 bereits vollendet, weshalb ein
Rentenanspruch per 1. Juli 2008 entstand. Unter Berücksichtigung der
Nominallohnentwicklung (Indexstand 2001: 1902; 2008: 2092) belief sich das
Valideneinkommen in diesem Zeitpunkt auf Fr. 70’570.--. Verglichen mit dem
Invalideneinkommen von Fr. 40’785.-- ergibt sich ein Invaliditätsgrad von 42 %.
5.
Demnach hat der Beschwerdeführer ab 1. Juli 2008 Anspruch auf eine Viertelsrente der
Invalidenversicherung. Die angefochtene Verfügung ist insofern aufzuheben, und die
Sache ist an die Beschwerdegegnerin zur Berechnung der Rentenbeträge
zurückzuweisen. Die gemäss Art. 69 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) zu verlegenden und angesichts des
durchschnittlichen Aufwandes auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichtskosten sind der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Diese hat den Beschwerdeführer sodann pauschal
mit Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen. Die
Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung wird damit obsolet.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP