Decision ID: b5209569-e73b-48cd-8246-a1a383fa554c
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1975 geborene
X._
, ohne Ausbildung, meldete sich am 7. April 2015 unter Hinweis auf Depressionen und Angstzustände bei der Invali
den
versicherung zum Leistungsbezug an
(Urk. 7/7
)
.
Die Sozialversicherungsan
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, wies am 8. April 2016
das Leistungsbegehren des Versicherten
verfügungsweise ab
, nachdem sich
dieser auch nach Durch
füh
rung eines Mahn
-
und
Bedenkzeitverfahrens
nicht bereit gezeigt hatte, sich der angeordneten Begutachtung zu unterziehen
(Urk. 7/28).
Am 14. März 2019 meldete sich der Versicherte unter Verweis auf depressive Verstimmungen, Konzentrationsstörungen, Ängste, wenig Initiative sowie auf
frühere
schlechte Leistungen in der Schule und
an
Arbeitsstellen erneut bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an
und erklärte sich am 20. März 2019 auch bereit, sich einer ärztlichen Begutachtung zu unterziehen
(Urk. 7/30
, 7/33
). Die
IV-St
elle
nahm erwerbliche und medizinisch
e
Abklärungen vor
und stellte dem Versicherten mit Vorbescheid vom 21. August 2019 (Urk. 7/48) die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht, wogegen er am 12. September 2019 Einwand (Urk. 7/53, Urk. 7/55
, Urk. 7/61
) erhob.
Am 17. März 2020 ver
neinte die IV-Stelle verfügungsweise einen Leistungsanspruch des Versicherten (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob der Versicherte am 15. Mai 2020 Beschwerde (Urk. 1) und bean
tragte, dass ihm eine IV-Leistung zu gewähren sei, da er darauf angewiesen sei (S. 2). Mit Beschwerdeantwort vom 29. Juni 2020 (Urk. 6) schloss die Beschwer
de
gegnerin auf Abweisung der Beschwerde
, worauf sich der
Beschwerdeführer
nicht mehr vernehmen liess
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung
des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines aner
kannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (Art. 28 Abs. 2 IVG).
1.4
Nach Art. 43 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begehren, nimmt die notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Aus
künfte ein (Abs. 1 Satz 1). Soweit ärztliche oder fachliche Untersuchungen für die Beurteilung notwendig und zumutbar sind, hat sich die versicherte Person diesen zu unterziehen (Abs. 2). Kommen die versicherte Person oder andere Personen, die Leistungen beanspruchen, den Auskunfts- oder Mitwirkungspflichten in un
ent
schuldbarer Weise nicht nach, so kann der Versicherungsträger aufgrund der
Akten verfügen oder die Erhebungen einstellen und Nichteintreten beschliessen. Er muss diese Personen vorher schriftlich mahnen und auf die Rechtsfolgen hin
weisen; ihnen ist eine angemessene Bedenkzeit einzuräumen (Abs. 3). Die nach Erlass einer auf Art. 43 Abs. 3 ATSG gestützten Verfügung erklärte Mit
wir
kungsbereitschaft macht die Widersetzlichkeit, die zur Verfügung geführt hat, nicht ungeschehen. Es ist mithin im Rahmen der Neuanmeldung für die Zukunft zu prüfen, ob auf die bisherige Leist
ungsablehnung zurückzukommen
ist
(
Urteil des Bundesgerichts 8C_494/2019 vom 10. Dezember 2019 E. 4.1 mit Hinweisen
).
1.5
Die regionalen ärztlichen Dienste (RAD) stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funk
tio
nelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49
der
Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV)
beurteilen die RAD die medizi
nischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs. Die geeigneten Prüfmethoden können sie im Rahmen ihrer medizinischen Fachkompetenz und der allgemeinen fachlichen Weisungen des Bundesamtes frei wählen (Abs. 1). Die RAD können Versicherte bei Bedarf selber ärztlich untersuchen. Sie halten die Untersu
chungs
ergebnisse schriftlich fest (Abs. 2; Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.5).
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht – gewissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdigen, wozu namentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wer
tung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzustellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie wür
digen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundes
ge
richts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
RAD-Berichte sind versicherungsinterne Dokumente, die von Art. 44 ATSG be
treffend Gutachten nicht erfasst werden; die in dieser Norm vorgesehenen Ver
fahrensregeln entfalten daher bei Einholung von RAD-Berichten keine Wirkung (Urteil des Bundesgerichts 8C_385/2014 vom 16. September 2014 E. 4.2.1 mit Hinweis auf BGE 135 V 254 E. 3.4).
Der Beweiswert von RAD-Berichten nach Art. 49 Abs. 2 IVV ist mit jene
n
exter
ner medizinischer Sachverständigengutachten vergleichbar, sofern sie den praxis
gemässen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten (
BGE 134 V 231
E. 5.1) genügen und die Arztperson über die notwendigen fachlichen Qualifikationen ver
fügt (
BGE 137 V 210
E. 1.2.1). Allerdings kann auf das Ergebnis versiche
rungsinterner ärztlicher Abklärungen – zu denen die RAD-Berichte gehören – nicht abgestellt werden, wenn auch nur geringe Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit bestehen (Urteil des Bundesgerichts 8C_197/2014 vom 3. Okto
ber 2014 E. 4.2 mit Hinweisen auf
BGE 139 V 225
E. 5.2;
135 V 465
E. 4.4 und E. 4.7).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die leistungsabweisende Verfügung (Urk. 2) damit, dass keine gesundheitliche Einschränkung mit dauerhafter Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit vorliege. Aufgrund des verkehrsmedizinischen Gutach
tens des Strassenverkehrsamtes
Kanton
Zürich hätten sich - abgesehen von der Arbeitsunfähigkeit von Juni bis November 2017 - keine belastenden Indikatoren für eine bleibende 100%ige Arbeitsunfähigkeit ergeben
.
Die vom
behandelnden Psychiater Dr. med.
Y._
, Facharzt FMH
für Psychiatrie und Psychotherapie, zwischen 2010 und 2019 attestierte
100%ige
Arbeitsunfähigkeit werde sowohl durch das genannte Gutachten
als
auch das Aktivitätsniveau des Beschwerde
führers im Alltag widerlegt.
Entsprechend ergäben sich keine Anknüpfungs
punkte für eine nennenswerte Arbeits
un
fähigkeit mit Bezug zu einer Hilfsar
bei
tertätigkeit
, weshalb kein
IV-relevanter Gesundheitsschaden
vorliege
.
2.2
Demgegenüber stellte sich der Beschwerdeführer auf den Standpunkt (Urk. 1), dass er seit
fast
20 Jahren ohne Arbeit sei
,
immer wieder psychische Aussetzer habe und
sich
ambulant oder stationär habe behandeln müssen. Ohne seine Eltern könne er nur schwer leben und
er
sei nach seiner Scheidung zu seinen E
ltern
gezogen. Aus dem Attest von Dr.
Y._
sei ersichtlich, dass
er
gesundheitliche Einschränkungen habe, welche ihm die Ausführung einer Arbeit für längere Zeit verunmögliche
. Es sei für ihn nicht möglich, sich in einen Arbeitsprozess ein
zufügen
,
und die von ihm geforderte Leistung zu erbringen (S. 1).
Der Umfang
seiner Tagesaktivitäten sei sehr unterschiedlich und entspreche dem Krankheits
bild einer psychisch kranken Person. Er könne sich nur eine ganz kurze Zeit auf eine Tätigkeit konzentrieren und sei auch für die Ausübung einer Hilfsarbeiter
tätigkeit nicht zu gebrauchen (S.
2).
3.
3.1
Der behandelnde Psychiater
Dr.
Y._
nannte in seinem Bericht vom 20. April 2019 (Urk. 7/
37/1-7) folgende Diagnosen (S. 3
Ziff. 2.5 f.):
-
mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit:
-
kombinierte Persönlichkeitsstörung mit abhängigen, asthenischen Anteilen, aber auch mit emotional instabilen impulsiven explosiven und paranoiden Anteilen (ICD-10 F61.0) und/oder
-
unklare schwere psychische Krankheit mit gelegentlich wahnhaft
psycho
tischem Ausmass, Stimmen
hören, massiven Ängsten, Panik, Kontrollverlust und Gewalt
-
Differenzialdiagnose
(DD)
: rezidivierende depressive Störung mit gelegent
lich schweren Episoden mit psychot
ischen Symptomen (ICD-10 F33.1-
3)
-
D
D
:
schizoaffektive
Störung, gegenwärtig depressiv
(ICD-10 F25.1)
-
D
D
: Krankheit aus
dem schizophrenen Formenkreis, am ehesten paranoide Schizophre
nie, episodisch, mit zunehmendem
Residuum (ICD-10 F20.01)
-
alle bestehend seit der Jugendzeit zirka 1993-1995
-
ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit:
-
Rückenbeschwerden
-
Hörsturz rechts 2014, seither Tinnitus
Dr.
Y._
führte aus,
dass
in den letzten Monaten alle 14
Tage respektive am Anfang der Behandlung/nach den
Hospitalisationen
von 2017 jede Woche eine Konsultation stattgefunden habe (S. 2 Ziff. 1.2).
In der bisherigen Tätigkeit als Hilfsarbeiter bestehe seit
26.
August 2010 eine 100%ige Arbeits
un
fähigkeit (S. 2 Ziff. 1.3).
Im Weiteren
hielt
der behandelnde Psychiater
fest, dass der Beschwerdeführer zeitweise sehr ängstlich und menschenscheu sowie stark in sich gekehrt sei. Die Kommunikation sei schwierig, sodass
die Arbeit
mit anderen Leuten zumeist un
möglich wäre.
Es
bestünden
zudem
eine schnelle Ermüdbarkeit, schwere Konzen
trationsstörungen sowie ein Mangel an Antrieb und Initiative (S. 4 Ziff. 3.4).
3.2
Dr.
med.
Z._
, Abteilungsleiter-St
ellvertreter
und Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Institut für
Rechtsmedizin
, Universität
A._
,
führte
in seinem verkehrsmedizinischen Gutachten vom 2. Mai 2018 zuhande
n des Strassen
ver
kehrsamtes
des
Kan
t
on
s
Zürich
(Urk. 7/45/6-
11) aus,
dass es dem Beschwerde
führer gemäss eigenen Angaben
im Juli 2017
nach der Scheidung von seiner damaligen Ehefrau und einer unglücklichen Liebesbeziehung schlecht gegangen sei. Seit seinem letzten Klinikaufenthalt im November 2017 habe sich sein Zustand unter medikamentöser Therapie gebessert und
er
habe zum Zeitpunkt der verkehrsmedizinischen Untersuchung keine psychischen oder körperlichen Beschwerden mehr geltend gemacht (S. 5).
Im Weiteren
berichtete
Dr.
Z._
,
dass der Beschwerdeführer im Untersu
chungs
gespräch etwas zurückhaltend und seine Stimmung eher flach gewesen sei. Hinweise für eine Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit oder Merkfähigkeit hätten sich nicht gezeigt und in den Kurztests zur Beurteilung der Hirn
leis
tungs
funktionen seien keine Defizite aufgefallen (S. 5).
Zusammenfassend sei festzustellen, dass der Beschwerdeführer an einer psychi
schen Störung leide,
die seine Leistungsfähigkeit
mindern könne. Unter medika
mentöser Therapie sei es zu einer anhaltenden Stabilisierung gekommen und beim Beschwerdeführer fänden sich keine relevanten psychischen Auffälligkeiten und seine kognitive Leistungsfähigkeit dürfte ausreichend sein.
Aus verkehrs
medizinischer Sicht
könne
die Fahreignung mit entsprechender Auflage (regel
mässige Behandlung/Kontrolle der psychischen Erkrankung, Verzicht auf
das Führen eines Fahrzeuges/
Aufsuchen eines Arztes bei Zustandsverschlechterung) befürwortet werden
(S. 5
f.
).
3.3
RAD-Arzt med.
pract
.
B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Neurologie,
führte in seiner Stellungnahme vom 13. August 2019 (Urk. 7/47/3-4) aus, dass beim Beschwerdeführer keine Hinweise für eine psy
chische Störung zu finden sei
en
, welche zu einer erheblichen und andauernden Beeinträchtigung der Funktionalität im Alltag und Beruf führe. Wie dem ver
kehrsmedizinischen Gutachten zu entnehmen sei, sei es im Zusammenhang mit einer Scheidung und einer weiteren Trennung
zu einer Krise mit ängstlich-depressiven Gefühlen sowie zu einer Auseinandersetzung mit den Eltern gekom
men, wobei sich der Beschwerdeführer wieder schnell habe regenerieren können und auch die Fahreignung nicht mehr in Frage gestellt worden sei. Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer jährlich 50'000 km mit dem Auto zurücklege und mit Musikinstrumenten handle, spreche deutlich gegen eine depressive Antriebs- und Energielosigkeit als Kernkriterien einer depressiven Störung. Zudem hätten sich
im verkehrsmedizinischen Gutachten
keine Hinweise für eine kognitive Störung ergeben. Die von Dr.
Y._
am 23. April 2019 genannten Konzentrations
stö
rungen seien nicht objektivierbar und offensichtlich situationsabhängig – also abhängig von der Willensanstrengung -, da auch in der verkehrsmedizinischen Verlaufsbeurteilung vom Januar 2019 (vgl. Urk. 7/45/2) ein unveränderter Zu
stand beschrieben worden sei. Diese Willensanstrengung könne auch hinsichtlich der Aufnahme von beruflichen Tätigkeiten erwartet werden, nicht nur bezüglich des Bestehens der verkehrsmedizinischen Untersuchung.
3.4
In seinem Bericht vom
22. November 2019
(Urk. 7/60)
führte
der behandelnde Psychiater
aus, dass der Beschwerdeführer schon immer ei
ne auffällige Person gewesen
und
eine
Verschlimmerung im Frühjahr 2017
aufgetreten
sei. In der Folge
sei es zu
vier stationären
Hospitalisationen
(30. Juni bis 1. Juli 2017, 16. bis 26. Juli 2017, 25. September bis 6. Oktober 2017, 13. bis 20. November 2017) – drei davon per fürsorgerische
r
Unterbringung – gekommen (S. 1).
Der Beschwerdeführer habe keine Berufsausbildung abgeschlossen, wobei der Lehrabbruch mit überwiegender Wahrscheinlichkeit gesundheitsbedingt erfolgt sei (S. 1). Auch bei späteren Arbeiten als Hilfsarbeiter sei ihm gekündigt worden, weil er
offenbar
zu langsam gearbeitet oder heftigen Streit mit Mitarbei
tern/
Vorgesetzten gehabt habe. Der Beschwerdeführer habe in den Jahren vor 2017 eine streitbare explosive Seite gehabt (verbale aggressive Ausbrüche in der psychiatrischen Praxis,
häufige physische Gewalt gegenüber der Ex-Frau
, wüste Schlägereien mit seinem Vater). Die Gründe für diese heftigen, meistens nicht nachvollziehbaren aggressiven Ausbrüche seien nicht eindeutig einem einzigen psychischen Leiden zuzuordnen. Die ausgewiesenen Symptome könnten sowohl Wahnvorstellungen im Rahmen einer Psychose wie auch
einer emotional insta
bilen explosiven Persönlichkeitsstörung zugeordnet werden. Diese Wutausbrüche seien seit der Behandlung mit dem Neuroleptikum
Zyprexa
(
Olanzapin
bis zu 25 mg) ab Juli 2017 seltener geworden. Aktuell nehme er noch 10 mg
Zyprexa
ein und sei relativ ruhig, aber ohne Steigerung der Arbeitsfähigkeit. Es stünden Zeichen von Apathie, mangelnder Kraft, wenig Energie und Antrieb im Vorder
grund, wobei der Beschwerdeführer ständig über grosse Ängste – an unbekannten Orten habe er Angst und der Vater müsse ihn begleiten – berichte. Er sei völlig zurückgezogen und fast
mutistisch
und antworte auf Fragen nur mit ja oder nein. Diese Symptome seien nicht immer vorhanden und manchmal sei er zugänglicher und ein Gespräch sei möglich. Wegen dieses extremen Mangels an Energie, Kraft und Ausdauer sowie der Apathie sei
er
in den Jahren 2018 und 2019 – zumindest im ersten Arbeitsmarkt - nicht arbeitsfähig gewesen (S. 2).
Dr.
Y._
führte weiter aus, dass die eineinhalb Jahre andauernde Lehre in der Adoleszenz das längste
Arbeitsverhältnis
gewesen
sei,
das
der Beschwerdeführer je gehabt habe. Er habe eigentlich nie richtig gearbeitet und sei finanziell immer von seinen Eltern unterstützt worden. Sein Tagesablauf sei monoton: Aufstehen, spazieren, Mittagessen mit der Mutter, Zeitung lesen, Besuch der Messe, Vor
bereiten des Abendessens und Fernsehschauen. Im 2018 und 2019 habe sich der Beschwerdeführer mit dem Kauf/Verkauf von Digitalpianos mit einem Pensum von zirka einem halben Tag pro Woche beschäftigt. Vor 2017 sei er in der Lage
gewesen, die Pianos selber abzuholen/auszutra
gen; aktuell müsse der Vater
mit
kommen, da
d
er
Beschwerdeführer
Angst habe,
allein
hinzugehen und fremde Leute zu treffen. Bei dieser Tätigkeit handle es sich nicht um eine
Arbeit, sondern um ein Hobby, wobei der Beschwerdeführer von «
Arbeit» spreche, da er damit vor
anderen Leuten nicht sagen müsse, dass er eigentlich nicht arbeite (S. 2).
3.5
Am 11. März 2020 nahm der RAD-Arzt erneut Stellung zum Gesundheitszustand des Beschwerdeführers (Urk. 7/62
/3
) und
hielt fest
, dass eine längerdauernde Arbeitsunfähigkeit nicht festgestellt werden könne. Im Rahmen der verkehrs
me
dizinischen Untersuchung habe der Beschwerdeführer angegeben, dass er keine Besc
hwerden habe, es ihm super gehe und
er seinen Job
wieder aufgenommen
ha
be
. Im Weiteren sei
auch
der Psychostatus unauffällig
,
es sei unter der Therapie zu einer anhaltenden Stabilisierung gekommen und es fänden sich keine psy
chischen Auffälligkeiten.
Gestützt auf diese medizinisch-gutachtliche Aussage
von prominenter Aussagekraft
ergäben sich jenseit
s der Arbeitsunfähigkeit (Juni
bis November 2017) keine belastbaren Indikatoren für eine persistierende Arbeitsunfähigkeit
von 100 %, wie dies von Dr.
Y._
zwischen 2010 und 2019 postuliert worden sei
. Die Angaben des behandelnden Psychiaters würden de facto bereits durch das Aktivitätsniveau
widerlegt und
durch
die kritische medizi
nisch-gutachtliche Untersuchung -
die bei Zweifeln hinsichtlich der Verkehrssicherheit eher zu Un
gunsten des Beschwerdeführers ausgefallen wäre – hinreichend unterstrichen. Entsprechend ergäben sich keine Anknüpfungspunkte für eine nennenswerte Arbeitsunfähigkeit mit Bezug
auf eine
Hilfsarbeitertätigkeit und
es lieg
e
somit kein I
V-relevanter Gesundheitsschaden vor.
4.
4.1
Der RAD-Arzt, welcher den Beschwerdeführer nicht persönlich untersuchte, stützte seine Einschätzung
betreffend fehlenden relevanten Gesundheitsschaden
(Urk. 7/47/3-4, Urk. 7/62/3)
im Wesentlichen
auf die verkehrsmedizinische Be
gutachtung von Dr.
Z._
vom 2. Mai 2018 (Urk. 7/45/6-11)
ab. Bezüglich
dieser Expertise
ist Folgendes festzuhalten:
Gegenstand des Gutachtens von Dr.
Z._
war
die
Klärung
der Frage nach dem Vorliegen einer verkehrsrelevanten Gesund
heitsproblematik
beim Beschwerdeführer
respektive eines
Ausschlussgrundes be
treffend dessen
Fahreignung gemäss Art. 14 Abs. 2 des Strassenverkehrsgesetzes
(S. 1, Urk. 7/45/3-4 S. 2)
. Dr.
Z._
befasste sich
jedoch
nicht mit der Thematik eines invalidenversicherungsrelevanten Gesundheitsschadens und dessen Aus
wirkungen auf die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers.
Im Weiteren
ist zu
berücksichtigen, dass Dr.
Z._
über keinen Facha
rzttitel in Psychiatrie verfügt und zwischen der verkehrsmedizinischen Untersuchung am 25. April 2018 (S. 1) und dem Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung vom 17. März 2020 (Urk. 2)
knapp
zwei Jahre verstrichen s
ind.
In seiner Stellungnahme vom 13. August 2019 (Urk. 7/47/3-4) verne
inte der RAD-Arzt
eine psychische Störung
unter Hinweis
darauf
, dass sich der Beschwer
deführer nach der Krise
im Jahre 2017
schnell
wieder
habe regenerieren können, das
s das
Zurücklegen von 50'000 km pro Jahr mit dem Auto und der Handel mit Musikinstrumenten gegen eine depressive Antriebs-/Energielosigkeit sprächen,
dass
Hinweise für eine kognitive Störung im verkehrsmedizinischen Gutachten fehlten und dass die
von Dr.
Y._
genannten Konzentrationsstörungen von der Wi
llensanstrengung abhängig seien
.
Betreffend die
von Dr.
Z._
erwähnten
Autofahrten von 50'000 km
pro Jahr
(vgl. Urk. 7/45/6-11 S.
2) liegen keine nähe
ren Angaben vor, insbesondere nicht darüber,
in welchen Jahren diese Fahrten
stattfanden
und
ob der Beschwerdeführer
diese alleine
durchführt
e
.
Mit Bezug auf den Handel mit Musikinstrumenten ist darauf hinzuweisen, dass sich der zeitliche Umfang in den Jahren 2018 und 2019 gemäss den Angaben
von Dr.
Y._
– wenn überhaupt - auf einen halben Tag alle z
wei Wochen beschränkt habe
und der Beschwerdeführer bei
m
Abholen/Bringen der Digitalpianos auf die Unterstützung des Vaters angewiesen
gewesen
sei (Urk. 7/50, Urk. 7/60 S. 2). Was die im verkehrsmedizinischen Gutachten erwähnten fehlenden Hinweise auf
eine kognitive Störung
angeht, ist in Erinnerung zu rufen, dass es sich bei Dr.
Z._
um keinen in Psychiatrie spezialisierten Facharzt handelt und
bei dem
von ihm durchgeführte
n
Trial-Makin
g-
Test (
TMT,
Urk. 7/45/6-11 S. 4) die Überprüfung der
– für die Beurteilung der Fahreig
n
ung wesentlichen -
visuelle
n Aufmerk
samkeit und
Umstellfähigkeit
i
m Vordergrund
stand
.
Aufgrund der TMT-Ergeb
nisse kann deshalb nicht automatisch auf eine uneingeschränkte
kognitive Leis
tungsfähigkeit
betreffend die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit geschlossen werden.
Vor diesem Hintergrund
zielt
auch der Einwand des RAD-Arztes be
treffend Situationsabhängigkeit der Willensanstrengung ins Leere, da von der Fahreignung nicht automatisch auf die
invalidenversicherungsrechtliche
Arbeits
fähigkeit geschlossen werden kann.
Bei
der verkehrsmedizinischen Verlaufsbeur
teilung vom 29. Januar 2019 (Urk. 7/45/2)
handelt es sich
um ein standardisiertes Formular
betreffend die Beurteilung
der Fahreignung
,
welches
nicht durch eine in Psychiatrie spezialisierte Arztperson ausgefüllt wurde.
Im Weiteren setzte sich der RAD-Arzt
in der in Frage stehenden Stellungnahme
nicht in
rechtsgenü
gender Weise mit der anderslautenden
Einschätzung des behandelnden Psychia
ters auseinande
r
, wobei er sich insbesondere nicht zu
den von Dr.
Y._
ge
nannten Diagnosen
und
Einschränkungen des Beschwerdeführers
äusserte
.
In seiner Stellungnahme vom 11. März 2020 (Urk. 7/62/3)
verwies der RAD-Arzt im Wesentlichen auf die Angaben des Beschwerdeführers im Rahmen der ver
kehrsmediz
inischen Untersuchung sowie
auf
dessen Aktivitäts
niveau im Alltag. Die Aussagen des Beschwerdeführers (es gehe ihm gut und er habe seinen Job wiederaufgenommen) stehen diametral zu den Ausführungen
von Dr.
Y._
im Bericht vom 22. November 2019 (Urk. 7/60)
,
wonach der Beschwerdeführer Zei
chen von Apathie, mangelnder Kraft und wenig Energie/Antrieb zeige, völlig zurückgezogen sei
und
grosse Ängste habe, an unbekannte Orte zu gehen (S. 2).
Mit diesem Bericht setzte sich d
er RAD-Arzt in keiner Weise auseinander.
Gleiches gilt betreffend
das
Aktivitäts
niveau, wobei Dr.
Y._
einen monotonen Tagesablauf
beschrieb
und den zeitlichen Umfang des Handels mit Digitalpianos auf einen halben Tag alle zwei Wochen schätzte und der Beschwerdeführer dabei auf die Begleitung
d
es Vaters angewiesen sei
(S. 2)
.
Des
Weiteren ist
daran zu erinnern
,
dass
die
Fahreignung
nicht per se mit der
Arbeitsfähigkeit
gleichgesetzt werden kann
, weshalb
die Schlussfolgerung
des RAD-Arztes,
das
verkehrsmedi
zinische
Gutachten
sei für die Beurteilung des Rentenanspruchs besonders aus
sagekräftig, weil
bei Zweifeln hinsichtlich der Verkehrssicherheit der Entscheid eher zuungunsten des Beschwerdeführe
rs ausgefallen
wäre
, nicht
zutrifft
.
4.2
Nach dem Gesagten durfte die Beschwerdegegnerin ihre Leistungsablehnung nicht
auf die Einschätzung
en
des
RAD-Arztes
vom
13. August 2019 und 11. März 2020
abstützen (vgl. E. 1.4
). In den Akten
finden sich sodann keine fachärztlichen Stel
lungnahmen, welche in psy
chiatrischer
Hinsicht ein abschlies
sendes Bild betref
fend Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers ergeben würden
. Die Berichte
be
züglich der
Hospitalisationen
(Urk. 7/37/12-16, Urk. 7/37/19-23, Urk. 7/37/26-28)
betreffen allesamt Behandlungen, welche im Jahre 2017 stattgefunden haben, mithin also vor der aktuellen Anmeldung vom 14. März 201
9 (Urk. 7/30) respek
tive über 2
Jahre vor Erlass der angefochtenen Verfügung vom
17.
März
2020 (Urk. 2). Davon abgesehen finden sich in den genannten Berichten keine Angaben betreffend Arbeitsfähigkeit.
Der behandelnde Psychiater Dr.
Y._
äusserte sich
weder
zu den konkreten Auswirkungen der psychischen Beschwerden auf die Leistungsfähigkeit noch zum Belastungsprofil
einer
behinderungsangepassten Tätigkeit
.
Nicht vollends nachvollziehbar ist sodann die von Dr.
Y._
durch
gehend attestierte 100%ige Arbeitsunfähigkeit seit August 2016
(Urk. 7/37/2-6 S.
2 Ziff. 1.3),
obwohl er
im Nachgang
zu den
stationären Behandlungen im Jahre
2017
von einer zumindest teilweisen Besserung
d
es Gesundheitszustands berich
tet
e
(S. 3 Ziff. 2.2, Urk. 7/60 S. 2)
.
Im Übrigen ist die Erfahrungstatsache zu berücksichtigen, dass behandelnde Ärzte und Ärztinnen mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc).
4.3
Bei dieser Sachlage
ist die Verfügung vom
17.
März
2020
aufzuheben und die Sache
zu
r
D
urchführung weiterer
medizinischer
Abklärungen an die Beschwerde
gegnerin zu
rück
zuweisen.
Im Rahmen dieser Abklärungen wird bezüglich der psychischen Erkrankungen – inklusive rezidivierende depressive Störung – für die Beurteilung der Arbeits
fähigkeit ein strukturiertes Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 durchzuführen sein (vgl.
BGE 143 V 409 E. 4.5.1, BGE 143 V 418 E. 7.2).
5.
5.1
Die Kosten des Verfahrens gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr.
8
00.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Bei diesem Ausgang des Verfahrens steht dem Beschwerdeführer eine Prozes
s
entschädigung zu, welche in Anwendung von § 34 Abs. 1 und 3 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht mit Fr. 800.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) zu bemessen und der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen ist.