Decision ID: a8cde6e7-c4d8-5f88-8172-78fe54b7df59
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1963,
wurde – ausgehend von einer 55%igen Arbeitsfähigkeit in einer behinderungsangepassten Tätigkeit, einem
Validen
einkommen
von
Fr.
50‘700.--, einem Invalideneinkommen von Fr. 22‘024.-- und einem Invaliditätsgrad von 56
%
(vgl.
Urk.
7/118) – mit Verfügung vom
5.
Juli 2000 ab dem
1.
Dezember 1995 eine halbe Invalidenrente zugespro
chen (
Urk.
7/121). Der Rentenanspruch wurde wiederholt von Amtes wegen überprüft (vgl.
Urk.
7/126-128
und 7/143-151)
und mit
schriftlichen Mittei
lungen vom
1.
Februar 2002 (Urk.
7/130)
und vom
1
3.
Juli 2006 (
Urk.
7/153)
bestätigt.
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, leitete 2011 erneut ein Revisionsverfahren ein, indem sie dem Versicherten den
Fragen
bogen
zur Revision der Invalidenrente zukommen liess (Urk. 7/158).
Er
unterzeichnete das ausgefüllte Dokument am 5. August 2011 und sandte es
mit einigen
Beilagen
versehen
wieder an die IV-Stelle zurück,
wo
die Unter
lagen
am
9.
August 2011
eintraf
en
(vgl.
Urk.
7/158, 7/159
und das
Akten
verzeichnis
). Die IV-Stelle
tätigte darauf
diverse medizinische
(Urk.
7/160 und 7/162) und erwerbliche (
Urk.
7/161, 7/163 und 7/165) Abklärungen. Mit Verfügung vom 3
0.
August 2012 (
Urk.
7/175) hob
sie
die Rente rückwirkend per
1.
Januar 2008 auf und stelle fest, für die Zeit seit dem
1.
Januar 2008 bis zum Verfügungserlass liege eine Verletzung der Meldepflicht vor. Die in dieser Zeit zu Unrecht bezogenen Leistungen seien zurückzuerstatten. Es werde hierüber eine separate Verfügung erlassen.
Die vom Versicherte
n
gegen die Verfügung vom 3
0.
August 2012 erhobene Beschwerde (
Urk.
7/176/3-12) wies das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit Urteil IV.2012.01053 vom 2
9.
November 2013 ab (Urk. 7/185). Dagegen erhob der Versicherte Beschwerde ans Bundesgericht (
Urk.
7/186), welche mit
dem
Urteil 8C_25/2014 vom
5.
Juni 2014
ebenfalls
abgewiesen wurde (
Urk.
7/187).
Mit Vorbescheid vom
3.
Oktober 2012 hatte die IV-Stelle dem Versicherten
die Rückforderung der zu viel ausgerichteten Renten vom
1.
Januar 2008 bis zum 3
1.
August
2012 im Betrag von
Fr.
27‘744.--
in Aussicht gestellt (
Urk.
11
; vgl. auch
Urk.
1 S. 3,
2 S.
1 und
7/177/1). Dagegen liess er mit Schreiben vom 3
0.
Okt
ober 2012 Einwand erheben (Urk.
7/177). Mit Verfü
gung vom
4.
September 2015 ver
pflich
tete die IV-Stelle den Versicherten, die ihm
vom
1.
Januar 2008 bis zum 31.
August 2012 zu viel ausbezahlten Ren
ten
in der Höhe
von Fr.
27‘744.
--
zurückzuerstatten (
Urk.
2 = 7/190).
2.
Gegen die Verfügung vom
4.
September 2015 liess der Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin
Gabriela
Gwerder
, mit Eingabe vom
1.
Oktober 2015
(
Urk.
1)
Beschwerde erheben mit dem Antrag, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und er sei zu keinerlei Rückzahlungen von erhaltenen Invali
denrenten zu verpflichten, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten der Beschwerdegegnerin (
Urk.
1 S. 2).
Die IV-Stelle schloss am 26. Oktober 2015 auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
6). Davon wurde dem Beschwer
deführer mit Verfügung vom 2
9.
Oktober 2015 Kenntnis gegeben (
Urk.
8).
Überdies wurde ihm mit Schreiben vom
1
8.
Mai 2017
(
Urk.
11
) mitgeteilt, dass eine Kopie des Vorbescheids vom
3.
Oktober 2012 nachträglich zu den Akten genommen wurde (
Urk.
9 und 10; vgl. auch das Aktenverzeichnis zu
Urk.
7).
Auf die Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften
wird, soweit erfor
derlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurü
ckzuerstatten (vgl.
Art.
1 Abs.
1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung [IVG] in Verbin
dung mit
Art.
25
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG]).
Der Rückforderungsanspruch erlischt mit Ablauf eines Jahres, nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat, spätestens aber mit dem Ablauf von fünf Jahren nach der Ent
richtung der einzelnen Leistung. Wird der Rückerstattungsanspruch aus einer strafbaren Handlung hergeleitet, für welche das Strafrecht eine längere Ver
jährungsfrist vorsieht, so ist diese Frist massgebend (
Art.
1
Abs.
1 IVG in Verbindung mit
Art.
25
Abs.
2 ATSG).
Bei diesen Fristen handelt es sich um Verwirkungsfristen, die immer von Amtes wegen zu berücksichtigen sind (BGE
140 V 521 E. 2.1 mit Hinweisen).
1.2
Unter der Wendung „nachdem die Versicherungseinrichtung davon Kenntnis erhalten hat“, ist der Zeitpunkt zu verstehen, in dem die Verwaltung bei Beachtung der ihr zumutbaren Aufmerksamkeit hätte erkennen müssen, dass die Voraussetzungen für eine Rückerstattung bestehen (BGE 140 V 521 E. 2.1
und 119 V 431 E. 3a, je
mit Hinweisen).
Dies ist der Fall, wenn alle im kon
kreten Einzelfall erheblichen Umstände zugänglich sind, aus deren Kenntnis sich der Rückforderungsanspruch dem Grundsatze nach und in seinem Aus
mass gegenüber einem bestimmten Rückerstattungspflichtigen ergibt. Es genügt nicht, dass bloss Umstände bekannt sind, die möglicherweise zu einem Rückforderungsanspruch führen können (vgl. BGE 112 V 180 E. 4a und das Urteil des Bundesgerichts 9C_454/2012 vom 18. März 2013 E. 4).
2.
Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin über einen
Rückforde
rungsanspruch
im Betrag von
Fr.
27‘744.--
gegenüber de
m
Beschwerdeführer verfügt (vgl.
Urk.
1 und 2).
3.
3.1
Zu Recht wurde nicht in Frage gestellt, dass die Verfügung vom
3
0.
August 2012 (
Urk.
7/175), mit welcher die Rente rückwirkend per
1.
Januar 2008 aufgehoben
,
die Rückerstattungspflicht im Grundsatz festgestellt und die zurückzuerstattenden Leistungen zeitlich genau angegeben wurden
, r
echts
kräftig ist. Ebenso blieb
unbestritten, dass dem Beschwerdeführer im
hier interessierenden
Zeitraum vom
1.
Januar 2008 bis zum 3
1.
August 2012 Renten im Betrag von
Fr.
27‘744.-- ausbezahlt wurden.
3.2
Demgegenüber liess
der Beschwerdeführer
geltend machen, der
Anspruch auf Rückforderung der in der Zeit vom
1.
Januar 2008
bis
zum 3
1.
August 2012
ausbezahlten Renten
sei verwirkt
(
Urk.
1 S. 4
und 6
)
.
3.3
In der Beschwerdeschrift wurde der Standpunkt vertreten, die
Beschwerdegeg
nerin
hätte bei Beachtung der zumutbaren Aufmerksamkeit
bereits am
9.
August 2011
erkennen müssen, dass die Voraussetzungen für eine Rückerstattung bestehen.
Zum
fraglichen
Zeitpunkt
habe sie
vom Beschwerdeführer die Mitteilung der Höhe
seiner Einkommen als Selbständi
gerwerbender i
n den Jahren 2007, 2008 und 2009
erhalten. Ab dem erwähnten
Datum habe sie auch
gewusst, dass er seit 2008 ein
rentenaus
schliessendes
Einkommen
erzielte
. Damit habe sie
im Sinne von
Art.
25
Abs.
2 ATSG von ihrem Rückforderungsanspruch Kenntnis erhalten (
Urk.
1
S.
4 und
5).
Zu
dieser Argumentation
ist vorab
festzuhalten
, dass der
Beschwerde
gegne
rin
am
9.
August 2011 nicht sämtliche relevanten Einkommen bekannt waren, da der Beschwerdeführer sie noch nicht über diejenigen ab Januar 2010 informiert hatte (vgl.
Urk.
7/158 und 7/159
).
Insofern verfügte die Beschwerdegegnerin über keinerlei Kenntnisse
, welche es ihr erlaubt hätten, einen Rückforderungsanspruch zu beurteilen
.
Die Beschwerdegegnerin konnte aber
– mit der ihr zumutbaren Aufmerksam
keit –
auch
nicht bereits
allein
aufgrund der
Bekanntgabe der mit einer selb
ständigen Erwerbstätigkeit erzielten Einkommen erkennen, dass die Voraus
setzungen für eine Rückerstattung bestehen.
Bei der letzten
Rentenüberprü
fung
war der Beschwerdeführer, soweit er die ihm verbliebene Arbeitsfähig
keit
überhaupt ausschöpfen konnte, lediglich im Angestelltenverhältnis erwerbstätig gewesen
(Urk. 7/148-150; vgl. auch Urk.
7/154). Die selbstän
dige Erwerbstätigkeit
nahm er
erst
später
auf, weshalb die
Beschwerdegegne
rin
diesbezüglich über
keinerlei
Vorkenntnisse verfügte. Aufgrund der
bereits
vorhandenen Akten und der
Angaben
im eingereichten Formular
war ihr
dagegen
bekannt, dass
d
er
Beschwerdeführer
seit 2002 verheiratet und Vater eines Kindes ist (
Urk.
7/133-134 und
7/158/1). Sie hatte d
eshalb
eine
Unter
stützung der selbständigen Erwerbstätigkeit durch die
nicht mit einem
Bar
lohn
entschädigte
Mitarbeit von
Familienmitgliedern
in Betracht zu ziehen
.
Wird
ein derartiger Beitrag
g
e
leistet, genügt für die Bemessung der Invalidi
tät des Selbständig
erwerbenden der blosse Einkommensvergleich
nach
Art.
28a Abs.
1 IVG in Verbindung mit
Art.
16 ATSG nicht.
Vielmehr ist unter diesen Umständen das massgebende Erwerbseinkommen des invaliden
Selbständigerwerbenden
auf
g
rund seiner Mitarbeit zu bestimmen (
Art.
25
Abs.
2 der Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV]).
Auch der
kompensatorische
Einsatz von Angestellten
kann sich auf das
Betriebsergeb
nis
auswirken. Solche (invaliditätsfremde) Faktoren müssen mit überwiegen
der Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen oder zumindest deren Be
i
trag an das Ergebnis quantifiziert werden können, um verlässliche Aussagen zu
r
der eigenen Leistungsfähigkeit des Versicherten zuzuordnenden
Einkommens
erzielung
zu erhalten (vgl. das Urteil des Bundesgerichts 9C_221/2016 vom 2
1.
Juni 2016 E. 3.2.2 mit Hinweis).
Es waren somit weitere erwer
bliche Abklärungen erforderlich, welche die Beschwerdegegnerin denn auch tätigte und
(erst)
am 2
7.
März 2012 abschloss (
Urk.
7/163 und 7/165).
Ob
diese Abklärungen wie von der bundesgerichtlichen Rechtsprechung gefordert innert angemessener Zeit vorgenommen wurden beziehungsweise ab wann die Beschwerdegegnerin dazu im Stande war, ihre unvollständige Kenntnis der erwerblichen Verhältnisse
mit dem erforderlichen und zumutbaren Ein
satz
zu ergänzen (vgl. das Urteil des Bundesgerichts 9C_454/2012 vom 1
8.
März 2013 E. 4)
, kann offen bleiben, da der Beantwortung dieser Fragen keine wesentliche Bedeutung zukommt
.
Vielmehr ist
hier entscheidend
,
dass
der Beschwerdeführer mit
seinen Anga
ben im
Fragebogen zur Revision der Invalidenrente
, den die
Beschwerdegeg
nerin
am
9.
August 2011
zugestellt erhielt,
auch eine gesundheitliche Ver
schlechterung geltend machte
,
da er
im März 2009 neu die Diagnose einer Erkrankung an Multipler Sklerose erhalten
habe
(Urk.
7/158/1). Damit bestand zumindest ein Anhaltspunkt dafür
, dass der Beschwerdeführer mit der Aufnahme und der Ausübung seiner selbständigen Erwerbstätigkeit gesundheitlich überfordert gewesen sein könnte. Es war deshalb auch die Frage zu klären
, ob das
deklarierte Einkommen mit einer Tätigkeit erwirt
schaftet
wurde
, die dem Beschwerdeführer aus ärztlicher Sicht quantitativ und qualitativ zumutbar war
(vgl. BGE 119 V 431 E. 3b)
. Die
Beschwerde
gegnerin
forderte
dementsprechend
umgehend bei den behandelnden Ärzten
(vgl.
Urk.
7/158/1) Berichte an. Diese wurden am 14.
September und am 2
0.
Dezember 2011 verfasst
(
Urk.
7/160 und 7/162)
und trafen
am 15.
September und am 2
7.
Dezember 2011 bei
der Beschwerde
gegnerin
ein
(vgl. das Aktenverzeichnis).
Sie
konnte daher
– unabhängig von ihrem Ver
halten
und Einfluss
– frühestens am 27.
Dezember 2011 von
den medizi
nischen Verhältnissen, einer wesentlichen Voraussetzung für ihren
Rückfor
derungsanspruch
,
Kenntnis haben.
Davor konnten auch keine Fristen laufen.
Lediglich a
m Rande ist ferner zu bemerken
, dass das Bundesgericht schon wiederholt
erkannte
, es sei nicht bundesrechtswidrig,
zuverlässige Kenntnis von der Rechtswidrigkeit des Leistungsbezugs erst nach Eintritt der Rechts
kraft der Rentenaufhebung anzunehmen (vgl. die Urteile des Bun
desgerichts 8C_601/2016 vom 29.
November 2016 E. 7.7.2
,
8C_85/2016 vom 2
6.
August 2016 E. 7.4
und 8C_642/2014 vom 2
3.
März 2015 E. 3.2
, je mit Hinweis
en
).
3.4
Der Beschwerdeführer liess die Auffassung vertreten, die relative
Ver
-
wirkungs
frist
von einem Jahr sei ungenutzt verstrichen. Zur Fristwahrung hätte es einer Rückerstattungsverfügung
bedurft, die innert eines
Jahres nach
dem die Versicherungseinrichtung von ihrem Rückforderungsanspruch Kenntnis erhielt, erlassen wurde (
Urk.
1 S. 4 und 5).
Diesen Ausführungen
ist entgegenzuhalten, dass als Folge der Verpflichtung, einen Vorbescheid zu erlassen, im
Invalidenversicherungs
recht
die einjährige Verwirkungsfrist durch den Erlass eines Vorbescheides im Sinne von Art. 73
bis
IVV gewahrt wird (BGE
133 V 579 E. 4.3.1 und
119 V 431 E. 3c). Derselbe wurde unbestritten am
3.
Oktober 2012
erlassen
(Urk. 11)
und
ord
nungsgemäss zugestellt, zumal der Beschwerdeführer am 3
0.
Oktober 2012 Einwand dagegen erheben liess (
Urk.
7/177).
Die
einjährige Verwirkungsfrist
wurde somit
gewahrt.
3.
5
Schliesslich liess der Beschwerdeführer vorbringen, bezüglich der Rentenleis
tungen, die vor September 2010 ausbezahlt worden seien, sei die a
bsolute Verwirkungsfrist
von
fünf Jahre
n missachtet worden (
Urk.
1 S. 6).
Zur Fristwahrung genügt der Vorbescheid vom
3.
Oktober 2012 (
Urk.
11
; BGE 133 V 579 E. 4.3.1 und 119 V 431 E. 3c
; vgl. auch das Urteil des Bun
desgerichts 8C_203/2014 vom 1
5.
Mai 2014 E. 4.2 mit Hinweisen
). Der Rückforderung der einzelnen Leistungen, welche zwischen dem
1.
Januar 2008 und dem 31. August 2012, das heisst jeweils weniger als fünf Jahre
zuvor
erbracht
wurden, steht
somit
kein
Ablauf der fünfjährigen absoluten Verwirkungsfrist entgegen.
3.6
Aus dem Gesagten folgt, dass die angefochtene Verfügung korrekt ist, zumal sämtliche Verwirkungsfristen eingehalten wurden. Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.
4.
Im vorliegenden Verfahren geht es nicht um die Bewilligung oder Verweige
rung von Versicherungsleistungen, weshalb das Verfahren kostenlos ist (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG und
Art.
61
lit
. a ATSG).