Decision ID: a1a8b7ae-35d0-491e-8bd5-610b1df2a651
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juli 2018 zum Bezug einer Hilflosenentschädigung der
Invalidenversicherung an (IV-act. 4). Sie gab an, sie leide an einem Morbus Sudeck
respektive an einem CRPS der oberen Extremitäten. Sie benötige seit August 2014
eine regelmässige und erhebliche Dritthilfe beim An- und Auskleiden, bei der
Körperpflege, bei verschiedenen Haushaltsarbeiten (von der Versicherten irrtümlich
unter „Verrichten der Notdurft“ subsumiert) sowie bei der Fortbewegung. Zudem sei sie
auf eine lebenspraktische Begleitung angewiesen. Die Invalidenversicherung des
Fürstentums Liechtenstein hatte der Versicherten mit einer Verfügung vom 19. Juni
2018 mit Wirkung ab dem 1. April 2016 eine ganze Rente bei einem Invaliditätsgrad von
87 Prozent zugesprochen (IV-act. 3). In medizinischer Hinsicht hatte sie sich auf ein
Gutachten der estimed AG gestützt, das in ihrem Auftrag am 15. Februar 2017 (recte:
2018) erstellt worden war (IV-act. 5). Der handchirurgische Sachverständige hatte
festgehalten, gemäss den Akten sei im Juni 2014 ein mittelgradiges, linksbetontes
Carpaltunnelsyndrom festgestellt worden, weshalb im August 2014 ein operativer
Eingriff an beiden Seiten durchgeführt worden sei. Ab September 2014 habe die
Versicherte über vermehrte Schmerzen geklagt. Objektiv habe eine leichte
Überwärmung festgestellt werden können. Das Geschehen sei als ein CRPS qualifiziert
worden. Die Beschwerden hätten sich im Verlauf nur wenig gebessert. Im Rahmen der
aktuellen Untersuchung habe die Versicherte über verschiedenartige Schmerzen und
Einschränkungen beider Hände, vor allem der linken Hand, über ein äusserst
schmerzhaftes „Springen“ des rechten Daumens beim Strecken und Beugen sowie
über Schmerzen im Bereich des rechten Arms geklagt, die vom Handgelenk bis in die
Schulter hochzögen. Klinisch sei eine Schwerfälligkeit respektive Verlangsamung beim
An- und Auskleiden aufgefallen; die Versicherte habe dabei ein Schmerzverhalten
A.a.
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gezeigt. Zudem seien eine Schonhaltung beider Arme, eine Schwerfälligkeit und
Verlangsamung beim Nacken- und Schürzengriff, ein äusserst schwacher Händedruck,
eine Unfähigkeit, einen Grob- oder Schlüsselgriff mit der linken Hand durchzuführen,
eine deutlich schmerzhaft eingeschränkte Beweglichkeit der Schultergelenke, eine
Bewegungseinschränkung des linken Handgelenks sowie eine Differenz der
Handspanne – links 16, rechts 21 Zentimeter – aufgefallen. Die Handgelenkspulse
seien gut tastbar gewesen. Eine Beschwielung im Bereich der Handinnenflächen habe
nicht festgestellt werden können. Das Nagelwachstum sei links verändert im Sinne von
rissigen Fingernägeln gewesen. Das Hautcolorit sei im Bereich der linken Hohlhand im
Vergleich zur Gegenseite verändert respektive gerötet gewesen. Die Hauttemperatur
habe links im Vergleich zu rechts leicht überhöht gewirkt. Im Bereich sämtlicher
Langfinger links habe sich eine deutliche Allodynie vorgefunden. Die Prüfung der
aktiven und passiven Beweglichkeit habe Schmerzen in der linken Hand ausgelöst.
Auffällig sei die Schweissbildung im Bereich der linken Hohlhand gewesen.
Diagnostisch leide die Versicherte an einem CRPS links mit einer Allodynie und
Bewegungseinschränkung der Hand, an einem Status nach einer Dekompression des
Nervus medianus links, an einer Tendovaginitis stenosans des rechten Daumens, an
einem Carpaltunnelsyndrom rechts sowie an einem sekundären, myofascialen
Schmerzsyndrom im Schultergürtelbereich links mehr als rechts. Diskrepanzen
zwischen den subjektiven Beschwerdeangaben und den objektiven Befunden hätten
nicht festgestellt werden können. Die angestammte Tätigkeit als Industriearbeiterin sei
der Versicherten nicht mehr zumutbar. Für eine Verweistätigkeit sei ein
Arbeitsfähigkeitsgrad von maximal 20 Prozent zu attestieren. Der orthopädische
Sachverständige und die oto-rhino-laryngologische Sachverständige hatten keine
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit festgestellt. Der psychiatrische
Sachverständige hatte festgehalten, die Versicherte leide an einer leichtgradig
ausgeprägten depressiven Episode mit einem somatischen Syndrom, an einer
chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren sowie – ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an akzentuierten (rigid-leistungsorientierten und
anankastisch-perfektionistischen) Persönlichkeitszügen. Aus rein psychiatrischer Sicht
sei ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 70 Prozent für jedwede den körperlichen
Möglichkeiten und Fähigkeiten der Versicherten angepasste Tätigkeit zu attestieren.
Nach der Konsensbesprechung führten die Sachverständigen aus, massgebend sei die
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Arbeitsfähigkeitsschätzung des handchirurgischen Sachverständigen. Der
orthopädische Sachverständige habe beim An- und Auskleiden eine unauffällige
Fingerfertigkeit auch der linken Hand festgestellt, was auf eine gewisse
Aggravationstendenz hinweise. Im Sinne einer Konsensbeurteilung lägen aber
insgesamt keine sicheren Hinweise für eine Aggravation oder Simulation vor.
Die Hausärztin der Versicherten, Dr. med. B._, berichtete am 29. August 2018
(IV-act. 11), sie könne die Angaben der Versicherten zur Hilflosigkeit nicht bestätigen. In
der Sprechstunde könne die Versicherte ihre Kleider für die Untersuchung jeweils
selbständig ausziehen. Sie sei auch schon mehrfach dabei beobachtet worden, wie sie
„anstandslos ein Auto führen konnte“. Aussagen zur Körperpflege und zum Verrichten
der Notdurft könnten nicht gemacht werden. Bezüglich des geltend gemachten
Bedarfs nach einer lebenspraktischen Begleitung sei zu vermerken, dass die
Versicherte jeweils alleine in einem gepflegten Zustand zu den ärztlichen
Konsultationen erscheine. Die IV-Stelle forderte in der Folge die Akten der
Invalidenversicherung des Fürstentums Liechtenstein an. Bei diesen befand sich ein im
Auftrag der Invalidenversicherung erstelltes handchirurgisches Gutachten des
Kantonsspitals Graubünden vom April 2016 (IV-act. 67). Darin war festgehalten worden,
die Versicherte sei körperlich gepflegt, mit aufwendigem Make-Up und manikürten
Nägeln, zur Untersuchung erschienen. Beim Aufstehen im Wartezimmer und beim
Gang ins Untersuchungszimmer habe sie Anzeichen starker Schmerzen der linken
Schulter und bei der Bewegung der linken Hand demonstriert. Insgesamt habe sie sich
sehr kooperativ gezeigt. Sie habe alle Fragen beantwortet und die körperliche
Untersuchung durch eine zielgerichtete Mitarbeit unterstützt. Während der Beurteilung
habe sie nur mit leiser Stimme gesprochen. Sie habe ihre Schilderung häufig aufgrund
von Tränenausbrüchen unterbrechen müssen. Bei der Fokussierung der Untersuchung
auf die linke Hand sei es jeweils zu einer deutlichen Beschwerdeaggravation
gekommen; während der Untersuchung anderer Körperstellen oder anderweitiger
Fokussierung der Versicherten, insbesondere bei der Schilderung emotional
aufwühlender Ereignisse aus ihrem Leben, habe sie die Schonhaltung der linken Hand
teilweise aufgehoben. Zudem sei der Eindruck entstanden, dass der
Bewegungsumfang bei unbewussten Bewegungen grösser als der während der
Untersuchung ermittelte Umfang gewesen sei. Klinisch habe eine
A.b.
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Funktionseinschränkung der linken Hand in der Form einer Bewegungseinschränkung
sowie einer Kraftminderung objektiviert werden können. Die Hyperalgesien und
Allodynien hätten nicht sicher einem anatomischen Korrelat zugeordnet werden
können. Die von der Versicherten geschilderten Schmerzen seien mit den festgestellten
Residuen eines CRPS nicht hinlänglich zu erklären. Aufgrund des fluktuierenden
Beschwerdebildes sei eine eindeutige Einschätzung der Arbeitsfähigkeit für die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit nicht konklusiv möglich; eine leidensangepasste Tätigkeit sei
allerdings uneingeschränkt zumutbar.
Am 4. März 2019 fand eine Abklärung in der Wohnung der Versicherten statt (IV-
act. 122). Der Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle berichtete, die Versicherte habe
angegeben, dass sie in Bezug auf sämtliche alltäglichen Lebensverrichtungen
selbständig sei, nicht an Einschränkungen leide, die eine lebenspraktische Begleitung
erforderten, keine Pflege benötige und nicht überwacht werden müsse. Am 26. März
2019 notierte er, dass keine relevante Hilflosigkeit vorliege (IV-act. 123). Mit einer
Verfügung vom 15. Mai 2019 wies die IV-Stelle das Begehren der Versicherten um eine
Hilflosenentschädigung – nach durchgeführtem „Vorbescheidsverfahren“ – ab (IV-act.
134). Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
A.c.
Im Juli 2019 notierte Dr. med. C._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst
(RAD; IV-act. 140), auf das polydisziplinäre Gutachten der estimed AG könne nicht
ohne weiteres abgestellt werden. Das Gutachten leide an Widersprüchen. Bei der
Konsensbesprechung seien die Arbeitsfähigkeitsschätzungen in den Teilgutachten
teilweise falsch wiedergegeben worden. Der orthopädische Sachverständige habe
darauf hingewiesen, dass sich die Versicherte ungehindert und zügig aus- und
angekleidet habe; bei der handchirurgischen Untersuchung habe sie sich dabei sehr
schwerfällig präsentiert. Der handchirurgische Sachverständige habe verschiedene
Auffälligkeiten der Handgelenke und der linken Hand festgestellt. Der orthopädische
Sachverständige habe die Hände als unauffällig qualifiziert. In der handchirurgischen
Untersuchung habe die Versicherte den Arm steif nach unten hängen lassen. Bei der
Handkraftmessung sei links kein Druck messbar gewesen, was an sich bedeuten
würde, dass die linke Hand vollständig gelähmt wäre. Dieser hoch auffällige Befund sei
nicht diskutiert worden, obwohl den Sachverständigen bekannt gewesen sei, dass die
Versicherte koche, Staub sauge, abstaube, die Betten mache etc. Aus den übrigen
A.d.
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Akten ergäben sich weitere Diskrepanzen: Die Versicherte sei im Alltag selbständig,
fahre Auto und könne sich auch die Haare selbständig waschen; sie präsentiere bei
den Konsultationen der Hausärztin jeweils keine Probleme beim An- und Auskleiden,
könne anstandslos ein Auto führen und erscheine jeweils alleine und selbständig zu
den Konsultationen. Schliesslich hätten die Sachverständigen der estimed AG
behauptet, der Gesundheitszustand habe sich seit dem ersten handchirurgischen
Gutachten vom 19. April 2016 mit Sicherheit verschlechtert. Diese Behauptung hätten
sie aber nicht begründet. Man müsse nun mit Rückfragen an die Sachverständigen
gelangen. Am 11. Oktober 2019 forderte die IV-Stelle die estimed AG auf, sich zur
Stellungnahme der RAD-Ärztin Dr. C._ zu äussern (IV-act. 143). Am 24. Juni 2020
antworteten die Sachverständigen der estimed AG (IV-act. 153), bei der
Konsensbesprechung seien keine falschen Arbeitsfähigkeitsschätzungen
berücksichtigt worden, wie Dr. C._ irrtümlich angenommen habe. Die
entsprechenden Ausführungen bezögen sich auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung im
Vorgutachten aus dem Jahr 2016. Bezüglich der diskrepanten Befunde in der
orthopädischen und in der handchirurgischen Untersuchung sei zu berücksichtigen,
dass die orthopädische Untersuchung am 8. November 2017 und die handchirurgische
Untersuchung am Folgetag, am 9. November 2017, stattgefunden hätten. Die
Versicherte habe am 9. November 2017 angegeben, dass ihr die Untersuchung vom
Vortag körperlich stark zugesetzt habe, was die Diskrepanzen erkläre. In diesem
Zusammenhang sei auch das Resultat der Handkraftmessung interpretiert worden. Es
mute merkwürdig an, dass der Versicherten die körperlich gepflegte Erscheinung zum
Vorwurf gemacht werde. Sie habe ja nicht geltend gemacht, dass sie sich gar nicht
mehr pflegen könne, sondern vielmehr, dass ihr die Körperpflege – insbesondere das
Haarewaschen und das Eincremen von Körperpartien – schwer falle. Das sei aufgrund
des klinischen Eindrucks nachvollziehbar. Angesichts der erhobenen Befunde sei zu
bezweifeln, dass die Versicherte noch mit ausreichender Zuverlässigkeit ein
Motorfahrzeug lenken könne. Insbesondere dürfte sie nicht in der Lage sei, das
Steuerrad kräftig genug zu greifen. Vom Führen von Motorfahrzeugen sollte daher
abgesehen werden. Aufgrund der erhobenen klinischen Befunde sei die Versicherte im
Untersuchungszeitpunkt wesentlich stärker eingeschränkt als noch im Rahmen der
Voruntersuchung gewesen; eine Arbeitsfähigkeit von 65 Prozent für die angestammte
Tätigkeit (Attest im Vorgutachten) sei aufgrund der handchirurgischen Befunde nicht
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denkbar gewesen, weshalb man von einer Verschlechterung des
Gesundheitszustandes ausgegangen sei. Die RAD-Ärztin Dr. C._ notierte am 2. Juli
2020 (IV-act. 157), die Antwort der estimed AG könne die Widersprüche und
Unklarheiten nicht gänzlich ausräumen. Die Mehrheit der in der Rückfrage ausdrücklich
erwähnten Diskrepanzen sei von den Sachverständigen ohne jede Begründung negiert
worden. Die angebliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes sei mit Befunden
begründet worden, die subjektiv beeinflussbar seien respektive stark von der Mitarbeit
der Versicherten abhingen. Die Aussage der Sachverständigen, die Versicherte könne
kein Motorfahrzeug mehr führen, passe nicht zum Umstand, dass die Versicherte
regelmässig ein Auto lenke. Eventuell sei diesbezüglich eine Meldung an das
Strassenverkehrsamt angezeigt. Am 6. Januar 2021 erging eine entsprechende
Meldung an das Strassenverkehrsamt (IV-act. 167). Am 25. Februar 2021 gab die
Versicherte den Führerausweis freiwillig ab; sie ersuchte um eine Stornierung der
bereits in die Wege geleiteten verkehrsmedizinischen Untersuchung (IV-act. 174).
Am 6. Mai 2021 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie eine
polydisziplinäre medizinische Begutachtung in die Wege leiten werde (IV-act. 181). Am
27. Mai 2021 liess die Versicherte ihr Nichteinverständnis erklären (IV-act. 182). Ihr
Rechtsvertreter machte geltend, es liege bereits ein über 100 Seiten umfassendes
polydisziplinäres Gutachten einer vom Bundesamt für Sozialversicherungen
anerkannten medizinischen Abklärungsstelle im Recht. Gestützt auf dieses Gutachten
sei eine hohe, bleibende Erwerbsunfähigkeit ausgewiesen. Von der
Invalidenversicherung des Fürstentums Liechtenstein beziehe die Versicherte deshalb
schon seit Jahren eine ganze Rente. Die einzige noch offene Frage betreffe die
Fähigkeit der Versicherten, ein Motorfahrzeug zu lenken. Auch diese Frage sei aber nun
beantwortet, denn die Versicherte habe ihren Führerausweis freiwillig abgegeben,
nachdem sie schon jahrelang kein Motorfahrzeug mehr geführt habe.
A.e.
In einem mit „Mahn- und Bedenkzeitverfahren“ betitelten Schreiben vom 7. Juli
2021 hielt die IV-Stelle fest (IV-act. 188), das Gutachten der estimed AG sei vom RAD
nicht gewürdigt worden, bevor die IV-Stelle des Fürstentums Liechtenstein die Rente
zugesprochen habe. Erst im Verfahren bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen habe
sich der RAD mit dem Gutachten befasst. Dabei habe er verschiedene Widersprüche
festgestellt, die geklärt werden müssten. Die Abgabe des Führerausweises belege
A.f.
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B.
nichts. Eine weitere Begutachtung sei unabdingbar und zumutbar. Die IV-Stelle forderte
die Versicherte unter Hinweis auf den Art. 43 Abs. 3 ATSG, den Art. 21 Abs. 4 ATSG
und den Art. 7b Abs. 1 IVG auf, sich einer polydisziplinären Begutachtung zu
unterziehen, die Termine einzuhalten und bei sämtlichen Untersuchungen aktiv
mitzuwirken. Sie drohte ihr an, dass sie die beantragten Rentenleistungen verweigern
werde, falls die Versicherte ihrer Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung nicht
nachkommen sollte. Sie räumte ihr eine Frist bis zum 31. August 2021 ein, um
„verbindlich“ ihre Bereitschaft zur Mitwirkung bei der Sachverhaltsabklärung zu
erklären. Am 9. Juli 2021 liess die Versicherte antworten, dass sie sich keiner
Begutachtung unterziehen werde (IV-act. 189). Mit einem Vorbescheid vom 30. Juli
2021 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie die Abweisung des
Leistungsbegehrens wegen der Verletzung der Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung vorsehe (IV-act. 190). Mit einer Verfügung vom 21. September
2021 wies sie das Leistungsbegehren mit der Begründung ab, die Versicherte habe ihre
Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung verletzt (IV-act. 191).
Am 25. Oktober 2021 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 21. September 2021 erheben (act. G 1). Ihr
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung sowie die
Zusprache einer Viertelsrente ab März 2016 und einer ganzen Rente ab April 2016. Zur
Begründung führte er aus, die Beschwerdeführerin habe ihre Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung nicht verletzt, denn es liege bereits ein beweistaugliches
polydisziplinäres Gutachten im Recht. Die IV-Stelle des Fürstentums Liechtenstein
habe darauf abgestellt und der Beschwerdeführerin eine Viertelsrente ab März 2016
und eine ganze Rente ab April 2016 zugesprochen. Die Frage nach der Fähigkeit der
Beschwerdeführerin, ein Motorfahrzeug zu lenken, sei beantwortet, da die
Beschwerdeführerin ihren Führerausweis freiwillig abgegeben habe. Eine weitere
Begutachtung sei unnötig, unverhältnismässig und unzulässig.
B.a.
Die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte am 14. Februar
2022 die Abweisung der Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie an, der RAD
habe mit einer überzeugenden Begründung aufgezeigt, dass das Gutachten der
B.b.
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Erwägungen
1.
estimed AG nicht beweiskräftig sei. Die Beschwerdegegnerin sei deshalb gezwungen
gewesen, weitere Abklärungen zu tätigen respektive eine erneute Begutachtung in
Auftrag zu geben. Der Beschwerdeführerin sei die Mitwirkung an der Begutachtung
zumutbar gewesen, weshalb die Beschwerdegegnerin sie nach ihrer Weigerung zur
Mitwirkung gemahnt und ihr angedroht habe, ihr Leistungsbegehren abzuweisen, falls
sie ihrer Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung nicht nachkommen sollte.
Da die Beschwerdeführerin daraufhin erneut explizit erklärt habe, dass sie sich weigere,
sich einer weiteren Begutachtung zu unterziehen, habe die Beschwerdegegnerin zu
Recht „das Leistungsbegehren abgewiesen und nicht Nichteintreten beschlossen“.
Die Beschwerdeführerin liess am 11. März 2022 an ihren Anträgen festhalten (act.
G 8). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).
B.c.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin reichte am 29. April 2022 eine
Honorarnote über 3’043.80 Franken für einen Aufwand von 10,87 Stunden ein (act. G
12 und G 12.1).
B.d.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen
Verfügung vom 21. September 2021 auf deren Rechtmässigkeit. Das Dispositiv der
Verfügung lautet: „Ihr Leistungsbegehren wird abgewiesen“. Es handelt sich aber nicht
um eine „gewöhnliche“ Abweisung eines Leistungsbegehrens (genauer:
Rentenbegehrens). Aus der Begründung der Verfügung geht hervor, dass die
Abweisung die „Sanktion“ einer Verletzung der Mitwirkungspflicht der
Beschwerdeführerin bei der Sachverhaltsabklärung, also eine „vorläufige“ Abweisung
für jene Zeit gewesen ist, in der sich die Beschwerdeführerin geweigert hat, ihre
Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung zu erfüllen. Das entspricht der
Verfahrensgeschichte unmittelbar vor dem Erlass der Verfügung vom 21. September
2021. Die Beschwerdegegnerin war nämlich zur Auffassung gelangt, dass sie zur
Erfüllung ihrer Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ein weiteres medizinisches
Gutachten einholen müsse, die Beschwerdeführerin hatte sich aber geweigert, an einer
solchen Begutachtung mitzuwirken. Daraufhin hatte die Beschwerdegegnerin die
Beschwerdeführerin zur Mitwirkung bei der Begutachtung gemahnt und ihr angedroht,
dass sie andernfalls ihr Rentenbegehren „sanktionsweise“ abweisen werde. Die
1.1.
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2.
angefochtene Verfügung vom 21. September 2021 ist ergangen, nachdem die
Beschwerdeführerin sich erneut ausdrücklich geweigert hatte, an einer Begutachtung
mitzuwirken. Zu prüfen ist in diesem Beschwerdeverfahren also ausschliesslich, ob es
rechtmässig gewesen ist, das Leistungsbegehren in Anwendung des Art. 43 Abs. 3
ATSG „vorläufig“ abzuweisen.
Nach der bundesgerichtlichen Auffassung soll es zulässig sein, eine laufende
Rente in Anwendung des Art. 43 Abs. 3 ATSG „definitiv“ revisionsweise aufzuheben
und damit einen materiellen Entscheid zu erlassen, der sich ausschliesslich auf den Art.
43 Abs. 3 ATSG stützt (vgl. den unveröffentlichten Teil von BGE 139 V 585 = Urteil des
Bundesgerichtes 8C_481/2013 vom 7. November 2013, E. 3.3). Wenn es tatsächlich
möglich wäre, in Anwendung des Art. 43 Abs. 3 ATSG einen „negativen“ materiellen
Entscheid zu erlassen, müsste es aber auch zulässig sein, in Anwendung des Art. 43
Abs. 3 ATSG einen „positiven“ materiellen Entscheid zu erlassen, denn das (positive
oder negative) inhaltliche Ergebnis kann ja nicht für die Definition der wesensmässigen
Natur des Entscheides – „vorläufig“ oder „definitiv“ – massgebend sein. Der Art. 43
Abs. 3 ATSG kann (ganz allgemein) nur entweder „definitive“ materielle Entscheide
erlauben oder aber nicht. Offenkundig lässt der Art. 43 Abs. 3 ATSG jedoch die –
„sanktionsweise“ – Zusprache einer Rente nicht zu, da dies seinem Sinn und Zweck
diametral zuwiderlaufen würde. Also kann es entgegen der bundesgerichtlichen
Auffassung auch nicht möglich sein, gestützt auf den Art. 43 Abs. 3 ATSG einen
„definitiven“ materiellen Entscheid zu Ungunsten der versicherten Person zu erlassen.
Jedenfalls ist es ausgeschlossen, dass das Versicherungsgericht die von der
Beschwerdegegnerin verfügte „Sanktion“ durch eine „definitive“ Rentenzusprache
ersetzt. Auf das entsprechende Begehren der Beschwerdeführerin kann folglich nicht
eingetreten werden.
1.2.
Kommt eine versicherte Person ihrer Mitwirkungspflicht bei der
Sachverhaltsabklärung in einer unentschuldbaren Weise nicht nach, kann der
Versicherungsträger gemäss dem Art. 43 Abs. 3 ATSG aufgrund der Akten verfügen
oder die Erhebungen einstellen und ein Nichteintreten beschliessen. Er muss die
versicherte Person aber vorher schriftlich mahnen und auf die Rechtsfolgen hinweisen;
zudem muss er ihr eine angemessene Bedenkfrist einräumen. Die ratio legis des Art. 43
Abs. 3 ATSG besteht darin, eine Blockade des Verwaltungsverfahrens in jenen Fällen
zu beseitigen, in denen die Blockade auf eine Weigerung der versicherten Person
zurückzuführen ist, ihre Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung zu erfüllen.
Die im Art. 43 Abs. 3 ATSG genannten Möglichkeiten des Sozialversicherungsträgers,
2.1.
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auf eine solche Weigerung zu reagieren, sind also bei genauer Betrachtung keine
Sanktionen, sondern vielmehr Druckmittel, mit denen die versicherte Person dazu
gebracht werden soll, ihre Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung doch noch
zu erfüllen. Die Anwendung dieser Druckmittel ist gemäss dem Art. 43 Abs. 3 ATSG an
die folgenden Voraussetzungen geknüpft: Die versicherte Person muss ihre
Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung verletzt haben; ihre Weigerung, die
Mitwirkungspflicht zu erfüllen, muss unentschuldbar sein; die dadurch entstandene
Verfahrensblockade muss solange „unüberwindbar“ sein, bis die versicherte Person
ihre Mitwirkungspflicht erfüllt; die versicherte Person muss zur Erfüllung ihrer
Mitwirkungspflicht gemahnt worden sein; der versicherten Person muss die spezifische
Rechtsfolge bei einer weiter andauernden Verweigerung der Mitwirkungspflicht
angedroht worden sein und der versicherten Person muss eine angemessene Bedenk-
respektive Reaktionszeit eingeräumt worden sein.
Massgebend für die Beantwortung der Frage nach einem Rentenanspruch ist der
Invaliditätsgrad, der wiederum wesentlich davon abhängt, welche Tätigkeiten der
versicherten Person aus medizinischer Sicht in welchem Umfang zumutbar sind. Zur
Beantwortung dieser Frage hat die IV-Stelle des Fürstentums Liechtenstein im Frühjahr
2016 ein handchirurgisches Gutachten eingeholt. Die Sachverständigen des
Kantonsspitals Graubünden, die diese Begutachtung durchgeführt haben, haben die
Frage nach der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in der angestammten Tätigkeit
als Industriearbeiterin nicht konklusiv beantworten können, da die von ihnen erhobenen
klinischen Befunde teilweise inkonsistent gewesen sind und teilweise im Widerspruch
zu den Angaben der Beschwerdeführerin und den Angaben in den Vorakten gestanden
haben. Sie haben allerdings festgehalten, dass trotz der sich aus diesen Inkonsistenzen
und Diskrepanzen ergebenden Unsicherheiten jedenfalls eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten attestiert werden könne, was sie
hauptsächlich damit begründet haben, objektiv klinisch hätten keine Befunde erhoben
werden können, die das Attest einer Arbeitsunfähigkeit für ideal leidensadaptierte
Tätigkeiten hätten rechtfertigen können. Da die Beschwerdeführerin in der Folge
verschiedene Berichte von behandelnden Ärzten eingereicht und eine Verschlechterung
ihres Gesundheitszustandes geltend gemacht hat, hat die IV-Stelle des Fürstentums
Liechtenstein knapp zwei Jahre später eine weitere Begutachtung in Auftrag gegeben,
die in der Folge von der estimed AG durchgeführt worden ist. Die Sachverständigen
der estimed AG haben geltend gemacht, bei ihren Untersuchungen seien – anders als
bei der ersten Begutachtung – kaum Inkonsistenzen oder Diskrepanzen aufgefallen. Die
im Rahmen der handchirurgischen Untersuchung präsentierten Schmerzen und
Beschwerden seien – glaubhaft – so stark ausgeprägt gewesen, dass von einer
2.2.
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praktisch vollständig aufgehobenen Einsatzfähigkeit der Hände habe ausgegangen
werden müssen. Selbst ideal leidensadaptierte Tätigkeiten seien der
Beschwerdeführerin nur im Umfang von maximal 20 Prozent zumutbar. Die IV-Stelle
des Fürstentums Liechtenstein hat auf das Gutachten abgestellt und der
Beschwerdeführerin eine ganze Rente zugesprochen, was allerdings für die Frage nach
einem Rentenanspruch gegenüber der Schweizer Invalidenversicherung irrelevant ist,
da eine Schweizer IV-Stelle (und auch ein Schweizer Gericht) augenscheinlich nicht an
einen ausländischen Rentenentscheid gebunden sein kann. Erst im später von der
Beschwerdegegnerin eröffneten Verwaltungsverfahren hat der RAD das Gutachten der
estimed AG zu Gesicht bekommen. Die RAD-Ärztin Dr. C._ hat sich auf den
Standpunkt gestellt, dass auf die Schlussfolgerungen der Sachverständigen der
estimed AG nicht abgestellt werden könne, weil diese einerseits nicht hinreichend
überzeugend begründet worden seien und weil sie andererseits im Widerspruch zu
Angaben in den übrigen Akten stünden. Da die Diskrepanzen durch eine Rückfrage an
die Sachverständigen nicht haben ausgeräumt werden können, hat die
Beschwerdegegnerin beschlossen, eine weitere polydisziplinäre Begutachtung in
Auftrag zu geben. Sie hätte zwar die Beschwerdeführerin auch einfach observieren
lassen können. Eine solche Observation hätte angesichts der noch offenen Fragen
durchaus erhellende Erkenntnisse liefern können. Der Beschwerdegegnerin dürfte aber
bewusst gewesen sein, dass eine Rentenverfügung, die sich auf
Observationsergebnisse und nicht auf medizinische Erkenntnisse stützt, kaum je als
rechtmässig qualifiziert werden kann, weshalb sie nach einer Observation wohl doch
noch eine medizinische Begutachtung hätte in die Wege leiten müssen. Grundsätzlich
ist die Beschwerdeführerin gemäss dem Art. 43 Abs. 2 ATSG verpflichtet gewesen, an
einer solchen weiteren Begutachtung mitzuwirken. Folglich stellt sich die Frage, ob sie
mit ihrer Weigerung, sich erneut begutachten zu lassen, ihre Mitwirkungspflicht
„unentschuldbar“ verletzt hat. Der Art. 43 Abs. 3 ATSG enthält keine Definition des
Begriffs „unentschuldbar“. Im Bericht der Kommission des Ständerates zur
Parlamentarischen Initiative Allgemeiner Teil Sozialversicherung vom 27. September
1990 (BBl 1991 II 185 ff.) findet sich dazu ebenfalls nichts. Vielmehr heisst es dort, dass
eine – nicht näher qualifizierte – „schuldhafte“ Verletzung der Mitwirkungspflicht einen
Entscheid aufgrund der Akten oder einen Nichteintretensentscheid zur Folge haben
könne, wobei auf die damals bestehende Regelung im Art. 47 Abs. 3 UVG hingewiesen
worden ist (BBl 1991 II 261). In der Botschaft des Bundesrates zum Bundesgesetz über
die Unfallversicherung vom 18. September 1976 (BBl 1976 III 141 ff.) findet sich zur
entsprechenden Bestimmung lediglich der Hinweis, einer versicherten Person dürfe
kein Vorteil daraus erwachsen, dass sie die Sachverhaltsabklärung erschwere (BBl
1976 III 202). Zusammenfassend geht aus den einschlägigen Materialien (der bereits im
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Bericht der Kommission des Ständerates vom 27. September 1990 vorgesehene
Wortlaut – „unentschuldbar“ – wurde bei den parlamentarischen Diskussionen
diskussionslos übernommen) also nur hervor, dass die versicherte Person ihre
Mitwirkungspflicht bei der Sachverhaltsabklärung jedenfalls schuldhaft verletzt haben
muss. Verglichen mit einer parallelen Regelung im Art. 13 Abs. 2 VwVG, die einen
Nichteintretensentscheid für den – nicht näher qualifizierten – Fall vorsieht, dass eine
gesuchstellende Person die notwendige und zumutbare Mitwirkung verweigern, muss
die Hürde für die Anwendung des Art. 43 Abs. 3 ATSG höher sein. Ein im Sinne des Art.
43 Abs. 3 ATSG „unentschuldbares“ Verhalten liegt gemäss Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl. 2020, Art. 43 N 103, nur vor, „wenn das Verhalten der Person nicht
mehr nachvollziehbar ist, was etwa dann gegeben ist, wenn ein Rechtfertigungsgrund
nicht einmal ansatzweise erkennbar ist oder wenn das Verhalten schlechthin
unverständlich ist“. Diese Interpretation erweist sich allerdings mit Blick auf die oben
wiedergegebenen, wesentlich schwächeren Formulierungen in den Materialien zum
ATSG und UVG als zu eng. Als „unentschuldbar“ ist die Verweigerung einer Mitwirkung
zu qualifizieren, wenn keine sachlichen Gründe vorliegen, die die Weigerung
rechtfertigen könnten. Das ist vorliegend in Bezug auf eine erneute handchirurgische
Begutachtung der Fall gewesen, denn das handchirurgische Teilgutachten der estimed
AG ist selbst nach einer ergänzenden Stellungnahme des Sachverständigen zu den
gezielten Rückfragen der Beschwerdegegnerin respektive des RAD nicht
beweistauglich gewesen, weshalb sich eine erneute handchirurgische Begutachtung
als unumgänglich erweist (vgl. E. 2.2). Ein sachlicher Grund, der gegen die
Notwendigkeit oder Zumutbarkeit einer weiteren handchirurgischen Begutachtung
sprechen würde, ist nicht ersichtlich. Im Gegensatz dazu sind das rheumatologische
und das oto-rhino-laryngologische Teilgutachten der estimed AG als überzeugend und
damit beweiskräftig zu qualifizieren. Weshalb sich die Beschwerdeführerin erneut hätte
rheumatologisch begutachten lassen müssen, ist deshalb nicht einzusehen. Auch die
Notwendigkeit einer zusätzlichen allgemein-medizinischen respektive internistischen
Begutachtung erschliesst sich nicht. In Bezug auf das psychiatrische Teilgutachten der
estimed AG erweist sich zwar die Arbeitsfähigkeitsschätzung als ungenügend
begründet, da aus der Sicht eines medizinischen Laien nicht nachvollziehbar ist,
weshalb eine leichtgradige depressive Episode und eine chronische Schmerzstörung
die Arbeitsfähigkeit selbst an einem ideal leidensadaptierten Arbeitsplatz erheblich,
nämlich um 30 Prozent, einschränken sollten, aber das bedeutet nicht, dass die
Beschwerdeführerin nochmals psychiatrisch hätte begutachtet werden müssen. Der
psychiatrische Sachverständige der estimed AG hätte auf eine entsprechende
Rückfrage der Beschwerdegegnerin hin wohl eine überzeugende Begründung für seine
Arbeitsfähigkeitsschätzung nachgeliefert. In diesem Fall hätte eine monodisziplinäre,
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/15
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St.Galler Gerichte
3.
Die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken
festzusetzenden Gerichtskosten sind der unterliegenden Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von
600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin
eine Parteientschädigung auszurichten. Der vom Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin geltend gemachte Vertretungsaufwand erweist sich als
angemessen. Der auf das materielle Rentenbegehren, auf das nicht eingetreten werden
kann, entfallende Teil des Vertretungsaufwandes kann zwar an sich nicht entschädigt
werden, aber die entsprechende Argumentation ist auch für das massgebende
Prozessthema sachgerecht gewesen, weshalb kein nicht zu entschädigender Anteil des
Aufwandes ausgeschieden werden kann. Die Parteientschädigung ist folglich gestützt
auf die Kostennote vom 29. April 2022 auf 3’043.80 Franken (einschliesslich
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.