Decision ID: c6a6caad-fc6e-58da-9343-bbe4f3db66f4
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X ist alleinstehend und lebt in A. Von 1998 bis zu dessen Tod am 3. Juli 2008 lebte
sie mit Y zusammen. In der Steuererklärung zum Erbteilakt deklarierten die zwei
Töchter von Y als dessen Erbinnen, dass vom Nachlassvermögen ab Oktober 2008
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
eine Querschenkung an X, bestehend aus einer Rente von monatlich Fr. 1'000.-- für die
Dauer von fünf Jahren, geleistet werde. Das kantonale Steueramt nahm in der Folge
Schenkungen der beiden Töchter von Y in der Höhe von je Fr. 30'000.-- an und
veranlagte X mit Verfügungen vom 24. Februar 2010 mit einem Steuerbetrag von je
Fr. 6'000.--. Die dagegen mit Schreiben vom 3. März 2010 erhobenen Einsprachen
wies das kantonale Steueramt mit Entscheiden vom 4. August 2010 ab.
B.- Gegen diese Einsprache-Entscheide erhob X mit Eingabe ihres Vertreters vom 16.
August 2010 sowie Ergänzung vom 20. August 2010 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem sinngemässen Antrag, auf die Erhebung einer
Schenkungssteuer sei zu verzichten.
Mit Vernehmlassung vom 29. September 2010 beantragt die Vorinstanz die
kostenfällige Abweisung des Rekurses.
Mit Schreiben vom 11. Oktober 2010 reichte der Vertreter der Rekurrentin eine
zusätzliche Eingabe ein, welche der Vorinstanz zur Kenntnis gebracht wurde.
Für die Rekursbearbeitung wurden zusätzliche Steuerakten beigezogen, was den
Parteien zur Kenntnis gebracht wurde.
Mit Schreiben vom 10. März 2011 reichte der Vertreter der Rekurrentin eine weitere
zusätzliche Stellungnahme sowie weitere Beweismittel ein. Die Vorinstanz nahm dazu
mit Eingabe vom 11. März 2011 Stellung.
Auf die von den Parteien zur Begründung ihrer Anträge gemachten Ausführungen und
die Akten wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 16. August 2010 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 20. August 2010 in
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 194 Abs. 1 des
Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob ein steuerpflichtiger Tatbestand vorliegt.
a) Die Rekurrentin macht zur Hauptsache geltend, sie habe ihrem verstorbenen
Lebenspartner Y die Verwaltung ihres Vermögens vollumfänglich anvertraut und ihm
die Vollmachten über ihre Konten eingeräumt. Sie sei ihm hörig gewesen und habe
nicht bemerkt, dass er kriminell gewesen sei. Ihr Partner habe ein neues Konto bei der
C Bank und zwei neue Konten bei der D Bank in A eröffnet, eines davon unversteuert.
Nachdem sie die Wohnung in E im Jahr 2001 verkauft habe, habe Y Geld von ihren
Konten auf sein unversteuertes Konto bei der C Bank transferiert. Die Steuererklärung
habe jeweils ihr Lebenspartner erstellt. Sie habe ohne jede Kontrolle unterschrieben.
Wegen zunehmender Demenz sei Y im Jahr 2008 nicht mehr in der Lage gewesen, die
Steuererklärung auszufüllen, weshalb sie einen Vertreter beauftragt habe. Dieser habe
die Missstände aufgedeckt. Kurz darauf sei Y verstorben. Er habe insgesamt rund
Fr. 75'000.-- von ihren Konten geplündert. Während der Zeit des Zusammenlebens
habe ihr Vermögen massiv abgenommen, während sich seines vergrössert habe. Die
zwei Töchter des Verstorbenen seien zu einer Rückerstattung nicht bereit gewesen,
weshalb ein Anwalt eingeschaltet worden sei. Wegen des zu grossen Prozessrisikos
habe sie sich schliesslich damit zufrieden geben müssen, dass ihr die Erbinnen
innerhalb von fünf Jahren Fr. 60'000.-- zurückbezahlt hätten. Das Steueramt A sei
einverstanden gewesen, die künftigen Zahlungen als zinsloses Darlehen in der
Steuererklärung zu erfassen. Es sei absurd, von einer freiwilligen Schenkung ohne
Gegenleistung zu sprechen, nachdem zwei Anwälte involviert gewesen seien. Sie sei
praktisch mittellos. Zudem habe sie ihren Partner bis zu dessen Tod gepflegt, was für
den zugesprochenen Betrag ebenfalls mitentscheidend gewesen sei.
Die Vorinstanz hält entgegen, der Nachweis, dass der verstorbene Lebenspartner der
Rekurrentin eine unerlaubte Handlung im Sinn von Art. 41 ff. OR begangen habe, sei
nicht erbracht worden. Die Beweislast dafür liege bei der Rekurrentin. Dass der von ihr
eingeschaltete Anwalt das Prozessrisiko als zu hoch erachtet habe, hänge wohl mit
den fehlenden Beweisen zusammen. Die Rekurrentin sei aus dem Vermögen der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beiden Erbinnen gegenleistungslos bereichert worden, weshalb diese Leistungen mit
der Schenkungssteuer zu erfassen seien. Es liege eine zeitlich befristete Rente ohne
Rückkaufswert vor.
b) Der Schenkungssteuer unterliegen freiwillige Zuwendungen unter Lebenden, soweit
der Empfänger aus dem Vermögen eines anderen ohne entsprechende Gegenleistung
bereichert wird (Art. 143 Abs. 1 StG). Zivilrechtlich gilt als Schenkung jede Zuwendung
unter Lebenden, womit jemand aus seinem Vermögen einen anderen ohne
entsprechende Gegenleistung bereichert (Art. 239 Abs. 1 des Obligationenrechts, SR
220, abgekürzt: OR). Während im Zivilrecht eine Schenkungsabsicht notwendig ist,
setzt die st. gallische Schenkungssteuer keinen Schenkungswillen (animus donandi)
voraus (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 20. Oktober 1997, publiziert in SGE 1997
Nr. 15). Es wird allein an das Fehlen einer entsprechenden Gegenleistung angeknüpft
bzw. auf das Vorliegen einer Bereicherung des Empfängers aus dem Vermögen des
Schenkers abgestellt.
Der Einkommenssteuer unterliegen alle wiederkehrenden und einmaligen Einkünfte (Art.
29 Abs. 1 StG). In Art. 30 bis 36 StG werden die häufigsten Fälle von steuerbaren
Einkünften aufgeführt, wobei die Aufzählung nicht abschliessend ist. Die steuerfreien
Einkünfte werden in Art. 37 StG genannt. Das Einkommen wird in Lehre und
Rechtsprechung als die Gesamtheit derjenigen Wirtschaftsgüter definiert, welche
einem Individuum während eines bestimmten Zeitabschnitts zufliessen, und die es
ohne Schmälerung seines Vermögens zur Befriedigung seiner persönlichen
Bedürfnisse und für seine laufende Wirtschaft verwenden kann. Steuerpflichtiges
Einkommen setzt daher aus Sicht der steuerpflichtigen Person immer einen
Vermögenszugang voraus. Schadenersatzleistungen, die lediglich die
Wiedergutmachung einer eingetretenen Schädigung bezwecken, stellen kein
steuerbares Einkommen dar. Nach der heute allgemein anerkannten
Reinvermögenszugangstheorie ergibt sich das Einkommen als Überschuss der
Vermögenszugänge über die Vermögensabgänge, die nicht der Befriedigung der
eigenen Bedürfnisse dienen. Sofern jedoch Schadenersatzleistungen den effektiven
Schaden übersteigen, stellen sie steuerbares Einkommen dar (Richner/Frei/Kaufmann/
Meu-ter, Handkommentar zum DBG, 2. Aufl. 2009, N 20 ff. zu VB zu Art. 16-39 DBG;
GVP 1986 Nr. 22 mit weiteren Hinweisen).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Nach Art. 35 Abs. 3 StG sind Einkünfte aus Leibrenten zu 40% steuerbar. Unter einer
Leibrente versteht man die vom Leben einer Person abhängige Verpflichtung des
Rentenschuldners, dem Rentengläubiger zeitlich wiederkehrende Leistungen in Gestalt
von Geld zu erbringen. Wird bei der Festlegung der Rentendauer nicht auf das Leben,
sondern auf den Zeitablauf abgestellt, liegt eine Zeitrente vor. Letztere stellt eine
Sonderform einer Kapitalzahlung und keine eigentliche Rente dar (vgl. StE 2002 B
26.12 Nr. 6).
Die Unterstützungen aus öffentlichen und privaten Mitteln sind steuerfrei (Art. 37 lit. e
StG). Unterstützungen sind unentgeltliche Leistungen an bedürftige Personen. Der
Empfänger ist auf diese Leistung zur Bestreitung seines (minimalen) Lebensunterhalts
angewiesen. Die Unterstützung ist auf die Deckung des Grundbedarfs der
unterstützten Person beschränkt (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, a.a.O., N 71 ff. zu
Art. 24 DBG).
c) Gestützt auf eine Vereinbarung mit den zwei Erbinnen ihres verstorbenen
Lebenspartners vom 12. März 2009 erhält die Rekurrentin rückwirkend ab Oktober
2008 einen monatlichen "Unterhaltsbeitrag" für die Dauer von fünf Jahren (act. 17/15).
Als Grund dafür wird in der Vereinbarung ein mündlich geäusserter Wunsch des
Verstorbenen genannt, seine Lebenspartnerin auch nach seinen Tod finanziell zu
unterstützen. Im Erbteilakt deklarierten die Erbinnen diese Leistungen als
"Querschenkung" im Umfang von Fr. 60'000.-- (act. 17/14), weshalb eine
entsprechende Meldung an die Abteilung Erbschafts- und Schenkungssteuer erfolgte.
Jene ging davon aus, dass die monatlichen Zahlungen der Erbinnen an die Rekurrentin
Schenkungen im Umfang von je Fr. 30'000.-- (kapitalisiert nach Art. 151 Abs. 2 StG)
darstellten, und veranlagte darauf eine Schenkungssteuer von je Fr. 6'000.--.
Gegenüber dem Steueramt B deklarierte eine der Erbinnen bei Einreichung ihrer
Steuererklärung für 2008, dass aus der Erbschaft ab Oktober 2008 eine "Leibrente"
von monatlich Fr. 1'000.-- an die Rekurrentin bezahlt werde. Diese Tatsache wurde an
das Steueramt A weitergeleitet. In der Folge besteuerte die Vorinstanz, Abteilung
Natürliche Personen, bei der Veranlagung der Rekurrentin für die Staats- und
Gemeindesteuern 2009 eine Leibrente von Fr. 15'000.-- (satzbestimmend, inkl.
Fr. 3'000.-- aus dem Jahr 2008) als steuerbare Einkünfte. In Anwendung von Art. 35
Abs. 3 StG wurden davon lediglich 40% erfasst (satzbestimmend Fr. 6'000.--).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gleichzeitig wurden die noch ausstehenden Zahlungen in der Höhe von Fr. 45'000.--
beim Vermögen als Darlehen erfasst. Diese Veranlagung erwuchs unangefochten in
Rechtskraft.
Das Verhalten der Vorinstanz ist widersprüchlich. Einerseits wurden die monatlichen
Zahlungen vollumfänglich mit der Schenkungssteuer erfasst, andererseits wurde eine
Leibrente angenommen und als Einkommen besteuert (bisher im Umfang von
Fr. 15'000.--) und die künftigen Leistungen (Fr. 45'000.--) als Darlehensguthaben
vermögenssteuerrechtlich erfasst. Es liegt eine unzulässige Mehrfachbesteuerung vor,
weshalb die angefochtenen Einsprache-Entscheide vom 4. August 2010 sowie die
diesen zugrunde liegenden Veranlagungsverfügungen vom 24. Februar 2010
aufzuheben sind.
d) Da die steuerrechtliche Qualifikation der fraglichen Leistungen unklar ist, sind
weitere Abklärungen zu tätigen. Die zeitliche Befristung der Rente auf die Dauer von
fünf Jahren deutet darauf hin, dass keine Leibrente vorliegt. Allerdings werden die
Erbinnen laut Vereinbarung nach Ablauf der vereinbarten fünf Jahre im September
2013 unter Berücksichtigung der aktuellen Situation entscheiden, ob und in welcher
Höhe weitere Unterstützungsleistungen bezahlt werden (act. 17/15). Die Verwendung
des Begriffs Unterstützungsleistung deutet ferner darauf hin, dass die Rekurrentin für
ihren Lebensunterhalt tatsächlich auf Unterstützung angewiesen ist. Ihre Einkünfte,
bestehend aus einer AHV- und einer kleinen Pensionskassenrente zuzüglich
Vermögensertrag, beliefen sich im Jahr 2009 lediglich auf rund Fr. 34'000.--. Es ist
daher nicht auszuschliessen, dass steuerfreie private Unterstützungen zur Deckung
des Grundbedarfs der Rekurrentin nach Art. 37 lit. e StG vorliegen. Schliesslich
erscheint es vor dem Hintergrund der von der Rekurrentin dargelegten
Vermögensabnahme in den vergangenen Jahren zweifelhaft, ob die Vereinbarung der
"Rente" tatsächlich freiwillig erfolgte. Das Merkmal der Unentgeltlichkeit einer
Schenkung liegt nämlich bei Bestehen eines gesetzlichen, statutarischen, vertraglichen
oder sittlichen Anspruchs nicht vor (Richner/Frei, Kommentar zum Zürcher Erbschafts-
und Schenkungssteuergesetz, Zürich 1996, N 47 zu § 4 ESchG). Den eingereichten
Unterlagen ist zu entnehmen, dass nach dem Tod von Y zwischen dessen Erbinnen
und der Rekurrentin Korrespondenz über eine ungerechtfertigte Bereicherung des
Verstorbenen aus dem Vermögen der Rekurrentin geführt wurde. Der Verstorbene hatte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/7
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
mit deren Geld neue, teils unversteuerte Konten eingerichtet und davon über Jahre
namhafte Bezüge getätigt. Vor diesem Hintergrund erscheint eine gestaffelte
(steuerfreie) Rückzahlung nicht unwahrscheinlich. Zudem hatte die Rekurrentin ihren
Lebenspartner offenbar zuhause intensiv gepflegt, sodass die fragliche Rente allenfalls
auch eine nachträgliche Entschädigung für geleistete Dienste darstellen könnte.
e) Der Rekurs ist somit gutzuheissen und die Streitsache in Anwendung von Art. 56
Abs. 2 VRP zur Vornahme weiterer Abklärungen an die Vorinstanz zurückzuweisen, um
eine einheitliche Besteuerung zu gewährleisten.
3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu
tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Angemessen ist eine Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- (vgl.
Art. 7 Ziff. 122, sGS 941.12). Die Finanzverwaltung ist anzuweisen, der Rekurrentin
Fr. 2'000.-- zurückzuerstatten.