Decision ID: 077ceaa5-42f9-4b72-a66a-cf7a62a979ee
Year: 2018
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.
X._, geboren 1991, meldete sich am 24. März 2016 bei der Invalidenver
sicherung zum Leistungsbezug an (Urk. 7/6), worauf die Sozialversicherungsan
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, medizinische (Urk. 7/18, Urk. 7/20, Urk. 7/25 und Urk. 7/34) und Arbeitgeberberichte (Urk. 7/13 und Urk. 7/15) einholte. Mit Vorbescheid vom 27. November 2017 stellte sie die Abweisung des Leistungsbe
gehrens in Aussicht (Urk. 7/37). Gleichentags auferlegte sie dem Versicherten die Pflicht, den Suchtmittelkonsum einzustellen (Urk. 7/36).
Gegen den Vorbescheid erhob der Versicherte am 12. Januar 2018 (Urk. 7/43) und 8. Februar 2018 (Urk. 7/48) Einwände und beantragte Eingliederungsmassnah
men als Vorbereitung auf berufliche Massnahmen. Mit Verfügung vom 27. März 2018 hielt die IV-Stelle an ihrem Vorbescheid fest und verneinte den Leistungs
anspruch (Urk. 7/52 = Urk. 2).
2.
Gegen die Verfügung vom 27. März 2018 (Urk. 2) erhob der Versicherte am 30. April 2018 Beschwerde und beantragte die Rückweisung der Sache an die IV-Stelle zwecks Abklärung möglicher Eingliederungsmassnahmen, eventuell die Rückweisung der Sache zu ergänzenden medizinischen Abklärungen (Urk. 1). Mit Beschwerdeantwort vom 5. Juni 2018 schloss die IV-Stelle auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6).
Am 23. August 2018 fand eine Instruktionsverhandlung statt (Protokoll S. 2 f.) und am 28. August 2018 nannte die IV-Stelle mögliche psychiatrische Gutachter für ein Administrativgutachten (Urk. 10). Der Beschwerdeführer beantragte am 13. September 2018 das Einholen eines Gerichtsgutachtens (Urk. 13). Sein Antrag wurde der Beschwerdegegnerin am 19. September 2018 zur Kenntnis gebracht (Urk. 14).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im bis
herigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf oder Aufgaben
bereich berücksichtigt (
Art.
6
des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts,
ATSG).
1.2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Nach der Rechtsprechung führt Drogensucht (wie auch Alkoholismus und Medi
kamentenmissbrauch) als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Dagegen wird sie im Rahmen der Invalidenversicherung relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender Gesundheitsschaden eingetre
ten ist, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheits
schadens ist, dem Krankheitswert zukommt (BGE 124 V 265 E. 3c). Aus letzterem Leitsatz folgt nicht, dass die Auswirkungen einer Drogensucht, die ihrerseits auf einen Gesundheitsschaden zurückgeht, per se invaliditätsbegründend sind. Die zitierte Praxis setzt vielmehr den Grundsatz um, dass funktionelle Einschränkun
gen nur anspruchsbegründend sein können, wenn sie sich als Folgen selbständi
ger Gesundheitsschädigungen darstellen (Art. 6 ff. ATSG und Art. 4 Abs. 1 IVG). Insofern verhält es sich ähnlich wie im Verhältnis zwischen psychosozialen oder soziokulturellen Umständen und fachärztlich festgestellten psychischen Störun
gen von Krankheitswert (BGE 127 V 294 E. 5a): Wo die Gutachter im Wesentli
chen nur Befunde erheben, welche in der Drogensucht ihre hinreichende Erklä
rung finden, gleichsam in dieser aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben. Dies trifft zu, wenn davon auszugehen ist,
dass sich beispielsweise ein depressives Zustandsbild bei einer (angenommenen) positiven Veränderung der suchtbedingten psychosozialen Problematik wesentlich
bessern
(und die damit verbundene Beeinträchtigung des Leistungsvermögens sich ent
sprechend verringern) würde (Urteil des Bundesgerichts 8C_582/2015 vom 8. Ok
tober 2015 E. 2.2.1 unter Hinweis auf 8C_580/2014 vom 11. März 2015 E. 2.2.1 und 9C_856/2012 vom 19. August 2013 E. 2.2.1).
Angesichts der insoweit finalen Natur der Invalidenversicherung (BGE 120 V 95 E. 4c; Meyer/Reichmuth, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung, 3. Aufl. 2014,
Rz
51 zu Art. 4 IVG) ist nicht entscheidend, ob die Drogensucht Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens ist oder ob die Sucht ausserhalb eines Kausalzusammenhangs mit dem versicherten Gesundheitsschaden steht. In beiden Konstellationen sind reine Suchtfolgen IV-rechtlich irrelevant, soweit sie als solche allein leistungsmindernd wirken. Hingegen sind sie gleichermassen IV-rechtlich relevant, soweit sie in einem engen Zusammenhang mit einem eigen
ständigen Gesundheitsschaden stehen. Dies kann der Fall sein, wenn die Drogen
sucht – einem Symptom gleich – Teil eines Gesundheitsschadens bildet (BGE 99 V 28 E. 3b); dies unter der Voraussetzung, dass nicht allein die unmittelbaren Folgen des Rauschmittelkonsums, sondern wesentlich auch der psychiatrische Be
fund selber zu Arbeitsunfähigkeit führt. Sodann können selbst reine Suchtfolgen invalidisierend sein, wenn daneben ein psychischer Gesundheitsschaden besteht, welcher die Betäubungsmittelabhängigkeit aufrecht erhält oder deren Folgen massgeblich verstärkt. Umgekehrt können die Auswirkungen der Sucht (unab
hängig von ihrer Genese) wie andere psychosoziale Faktoren auch mittelbar zur Invalidität beitragen, wenn und soweit sie den Wirkungsgrad der Folgen eines Gesundheitsschadens beeinflussen (Urteil des Bundesgerichts 8C_582/2015 vom 8. Oktober 2015 E. 2.2.2 unter Hinweis auf 8C_580/2014 vom 11. März 2015 E. 2.2.2 und 9C_856/2012 vom 19. August 2013 E. 2.2.2).
1.3
Invalide oder von einer Invalidität (Art. 8 ATSG) bedrohte Versicherte haben ge
mäss Art. 8
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
IVG Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen, soweit (Abs. 1):
a.
diese notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, wieder herzustellen, zu erhalten oder zu verbessern; und
b.
die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen Massnahmen erfüllt sind.
Die Eingliederungsmassnahmen bestehen gemäss Abs. 3 in medizinischen Mass
nahmen (
lit
. a), Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Ein
gliederung (
lit
.
a
bis
), Massnahmen beruflicher Art (Berufsberatung, erstmalige be
rufliche Ausbildung, Umschulung, Arbeitsvermittlun
g, Kapitalhilfe;
lit
. b) und in
der Abgabe von Hilfsmitteln (
lit
. d).
1.4
Versicherte, die seit mindestens sechs Monaten zu mindestens 50 % arbeitsunfä
hig (Art. 6 ATSG) sind, haben Anspruch auf Integrationsmassnahmen zur Vorbe
reitung auf die berufliche Eingliederung (Integrationsmassnahmen), sofern dadurch die Voraussetzungen für die Durchführung von Massnahmen beruflicher Art geschaffen werden können (Art. 14a Abs. 1 IVG). Als Integrationsmassnah
men gelten gemäss Abs. 2 gezielte, auf die berufliche Eingliederung gerichtete Massnahmen zur sozialberuflichen Rehabilitation (
lit
. a) und Beschäftigungs
massnahmen (
lit
. b). Es geht darum, bei denjenigen Versicherten, die aktuell nicht eingliederungsfähig sind oder deren Eingliederungsfähigkeit verloren zu gehen droht, die Eingliederungsfähigkeit herzustellen oder zu erhalten (
BBl
2005 4521 ff., 4564; Erwin
Murer
, Invalidenversicherung: Prävention, Früherfassung und Integration, Bern 2009, N. 4 und 31 zu Art. 14a IVG; Silvia Bucher, Die In
tegrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung nach Art. 14a IVG, in: Soziale Sicherheit – Soziale Unsicherheit, Festschrift für Erwin
Murer
zum 65. Geburtstag, 2010, S. 111). Ist aber jemand in einer anderen zu
mutbaren Tätigkeit arbeitsfähig, so ist er (in dieser anderen Tätigkeit) bereits ein
gliederungsfähig; er braucht keine Integrationsmassnahmen mehr, um die Ein
gliederungsfähigkeit herzustellen. Es gibt keinen Grund, Massnahmen zur Ermög
lichung einer beruflichen Eingliederung durchzuführen, wenn auch ohne solche Massnahmen eine berufliche Eingliederung bereits umgesetzt werden kann (BGE 137 V 1 E. 7.2.3).
1.5
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Berichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten
(Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusam
menhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen in der Expertise begründet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1, 125 V 351 E. 3a, 122 V 157 E. 1c).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte den Anspruch des Beschwerdeführers auf In
validenleistungen mit der Begründung (Urk. 2), vor dem Einstieg in die Suchter
krankung hätten keine Anzeichen auf eine gesundheitliche Einschränkung be
standen. Das Abhängigkeitsverhalten stehe daher im Vordergrund. Dieses dürfe von der Invalidenversicherung nicht berücksichtigt werden (S. 1).
2.2
Dagegen brachte der Beschwerdeführer vor (Urk. 1), er leide an einer Persönlich
keitsstörung sowie an einer sozialen Phobie, welche sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkten. Zudem stehe eine Verdachtsdiagnose auf ADHS im Raum. Das Ab
hängigkeitsverhalten habe sich auf dem Hintergrund einer Persönlichkeitsstörung entwickelt (S. 7 Ziff. 4). Ein Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen bestehe nicht nur bei Invalidität, sondern auch wenn Invalidität drohe (S. 10 Ziff. 9).
2.3
Streitig ist der Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen im Sinne von Art. 14a IVG.
3.
3.1
Dr. A._, Oberarzt der Integrierten Psychiatrie B._, stellte im Bericht vom 25. Januar 2017 (Urk. 7/18) folgende Di
agnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit (Ziff. 1.1 S. 2)
-
kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen mit ängstlich-vermei
denden, emotional instabilen und narzisstischen Anteilen (F61.0)
-
soziale Phobie (F40.1)
-
anamnestisch Verdacht auf ADHS
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika: Ab
hängigkeitssyndrom mit wiederholtem Entzugssyndrom (F13.3), aktuell kontrollierte Abhängigkeit (F13.20)
Als Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannte er (Ziff. 1.1 S. 2)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen: intermittierend schädli
cher Gebrauch von Cannabis, MDMA, Kokain, Codein, GBL, LSD, Alkohol (F19.1)
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide: Abhängigkeitssyn
drom ohne Heroin-
Beikonsum
, durch die Substitutionstherapie mit
Subutex
gelang es den polytoxikomanen Substanzkonsum wesentlich ein
zudämmen (F11.20).
Aufgrund der mangelhaften Absprachefähigkeit in Verbindung mit instabiler Compliance und ständigem
Beikonsum
von psychotropen Substanzen, sobald es dem
Beschwerdeführer wieder besser gehe, seien momentan die Bedingungen für berufliche Massnahmen nicht erfüllt. Bei stabilisiertem Substanzkonsum, d.h. entsprechender Compliance und Sistierung des
Beikonsums
, seien die Aussichten auf eine schrittweise Wiederherstellung der vollständigen Arbeitsfähigkeit noch gegeben. Angesichts der langjährig chronifizierten Entwicklung bei praktisch un
veränderter Problematik seien die Prognosen eher ungünstig (Ziff. 1.4 S. 4).
Zurzeit bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 50 % für die zuletzt aus
geübte Tätigkeit als Maler (Ziff. 1.6 S. 4). Der Beschwerdeführer sei deutlich re
duziert belastbar, was die Leistungsfähigkeit deutlich einschränke und zu fehlen
der Konstanz (vorschnelle Abbrüche) führe. Grundsätzlich sei die bisherige Tätig
keit noch zumutbar und bei schrittweisem Vorgehen könnte sie auch bis 80 % gesteigert werden. Der Beschwerdeführer neige dazu, sich selbst zu überfordern, anderen etwas vorzumachen und die Diskrepanz durch Erhöhung des
Benzodia
zepinkonsums
bis zur Dekompensation zu kompensieren (Ziff. 1.7 S. 5). Mit der Weiterführung der begonnenen integrierten psychiatrischen Behandlung, kon
trollierter Reduktion der
Benzodiazepindosis
(ev. stationär) und Erarbeitung an
gemessener Copingstrategien in einem angepassten Arbeitsbereich und schritt
weiser Reintegration mit Unterstützung durch berufliche Massnahmen liessen sich die Einschränkungen vermindern. Die Aussichten, die Arbeitsfähigkeit bis mindestens auf 80 % wiederherzustellen, seien theoretisch noch intakt (S. 5 Ziff. 1.8).
3.2
Am 7. März 2017 berichtete Dr. A._ (Urk. 7/20), es sei dem Beschwerdeführer bisher nur teilweise gelungen, eine stabile kontrollierte Abhängigkeit bezüglich Sedativa aufzubauen. Die notwendige Compliance und die Absprachefähigkeit seien noch zu brüchig. Der regelmässige wiederkehrende meist episodische
Bei
konsum
von anderen Substanzen in zirka vierteljährlichem Abstand, aber auch vor allem der Konsum von Kokain, in letzter Zeit auch monatelang anhaltend, unterstreiche diese Brüchigkeit (S. 1 Mitte).
Entscheidend für den weiteren Verlauf werde sein, ob es dem Beschwerdeführer gelinge, während der 3.
Hospitalisation
das Therapieangebot für sich zu nutzen und regulär (ohne Rückfall) auszutreten (S. 2 oben).
3.3
Vom 22. März bis 3. April 2017 war der Beschwerdeführer in der Universitätsklinik C._ hospitalisiert. Die Ärzte diagnostizierten im Austrittsbe
richt vom 28. Juni 2017 (Urk. 7/25) Folgendes (S. 1):
-
psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika (F13.2)
-
Abhängigkeitssyndrom
-
psychische und Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum anderer psychotroper Substanzen (F19.1)
-
schädlicher Gebrauch
-
einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F90.0)
-
soziale Phobien (F40.1)
-
kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen (F61)
-
ängstlich-vermeidende, emotional instabile und narzisstische Anteile
Der Beschwerdeführer sei von der B._ zum
Subutex
- sowie zum Benzodiazepin-Abbau zugewiesen worden. Das
Rivotril
habe bei keinerlei Komplikationen nur geringfügig reduziert werden können. Der Beschwerdeführer habe regelmässig am Informations- und Motivationsprogramm teilgenommen, habe sich jedoch selten absprachefähig gezeigt und sei nicht ohne Rückfall gewesen. Er sei auf eigenen Wunsch, aber in gegenseitigem Einvernehmen ausgetreten (S. 4 Mitte).
3.4
Am 23. November 2017 kam Dr. D._, Fachärztin für Kin
der- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD; Feststellungsblatt vom 27. November 2017, Urk. 7/35 S. 5), aufgrund der ihr zur Verfügung gestandenen Akten zum Schluss, dass beim Beschwerdeführer kein IV-relevanter Gesundheitsschaden ausgewiesen sei. Psychische und Verhal
tensstörungen durch Sedativa oder Hypnotika durch Abhängigkeit und schädli
chen Gebrauch seien in direktem Zusammenhang mit der Sucht zu sehen und reversibel bei Abstinenz, weshalb der Beschwerdeführer, um sekundäre Schäden durch Suchtmittelkonsum zu verhindern, im Rahmen der Schadenminderungs
pflicht zu verpflichten sei, weiterhin abstinent zu bleiben.
3.5
Am 31. Januar 2018 berichtete Dr. A._ (Urk. 3/4 =Urk. 7/47), auf Ende Sep
tember 2017 sei dem Beschwerdeführer die Wohnung gekündigt worden. Die dadurch ausgelöste dreimonatige Krise habe zur Folge gehabt, dass es dem Be
schwerdeführer gelungen sei, seinen
Substanzbeikonsum
erfolgreich nachhaltig zu sistieren. Er werde in einem Wohnheim, wo er neu ein Zimmer beziehen könne, im Aufbau einer Tagesstruktur unterstützt (S. 1 Mitte). So gesehen seien die Prog
nosen mittlerweile doch deutlich günstiger als noch im Frühjahr 2017. Aktuell erfülle der Beschwerdeführer die ihm auferlegte Mitwirkungspflicht und konsu
miere keine Suchtmittel (S. 1 unten).
Der Substanzkonsum des Beschwerdeführers müsse als untauglicher Selbstmedi
kationsversuch auf dem Hintergrund einer sich entwickelnden Persönlichkeits
störung
mit ängstlich-vermeidenden, narzisstischen und emotional instabilen Zü
gen gesehen werden (S. 2 Mitte).
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin verneinte den Anspruch auf Integrationsmassnahmen mit der Begründung, es liege kein invalidisierender Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 8 Abs. 1 ATSG. Sie stützte sich bei ihrer Entscheidung auf die medizini
sche Einschätzung ihrer RAD-Ärztin (vgl. E. 3.4).
4.2
Zur Frage, ob das Abhängigkeitsverhalten allein leistungsmindernd wirke, äus
serte sich RAD-Ärztin Dr. D._ (E. 3.4) dahingehend, dass die psychi
sche und Verhaltensstörungen in direktem Zusammenhang mit der Sucht zu se
hen und bei Abstinenz reversibel seien. Bei ihrer Beurteilung stützte sie sich im Wesentlichen auf die Schulzeugnisse des Beschwerdeführers und stellte fest, dass das Funktionsniveau ausreichend und die Leistungen konstant gewesen seien. Hieraus schloss sie, dass keine schwerwiegende psychiatrische Erkrankung vor
liegen könne, da sich die Symptomatik einer solchen bis zum 16. Lebensjahr hätte im Funktionsniveau abbilden müssen. Im Weiteren verwies sie auf die von den Ärzten der C._ erhobene Anamnese, wonach ein Erstkontakt mit Alkohol und Cannabis mit 13/14 Jahren erfolgt sei und in einen regelmässigen Cannabiskon
sum seit 2007 gemündet habe. Hieraus folgerte sie, dass das Scheitern der Aus
bildung zum Maler dem schon zum damaligen Zeitpunkt bestehenden Substanz
konsum geschuldet sei.
4.3
Die Funktion interner RAD-Berichte besteht darin, aus medizinischer Sicht – ge
wissermassen als Hilfestellung für die medizinischen Laien in Verwaltung und Gerichten, welche in der Folge über den Leistungsanspruch zu entscheiden haben – den medizinischen Sachverhalt zusammenzufassen und zu würdigen, wozu na
mentlich auch gehört, bei widersprüchlichen medizinischen Akten eine Wertung vorzunehmen und zu beurteilen, ob auf die eine oder die andere Ansicht abzu
stellen oder aber eine zusätzliche Untersuchung vorzunehmen sei. Sie würdigen die vorhandenen Befunde aus medizinischer Sicht (Urteil des Bundesgerichts 9C_406/2014 vom 31. Oktober 2014 E. 3.5 mit Hinweisen).
Insoweit RAD-Ärztin Dr. D._ versuchte, gestützt auf die Schulzeug
nisse das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung zu verneinen, eignen sich diese nicht als zuverlässige Grundlage für die Frage, ob Anzeichen eines psychischen Gesundheitsschadens bereits im Jugendalter vorgelegen haben, bildet sich doch das Verhalten eines Schülers in der
Regel nicht allein im Schulzeugnis ab. In den von Dr. D._ herangezogenen Zeugnissen wurden seitens der Lehrer
schaft weder Absenzen vermerkt, noch finden sich schriftliche Kommentare oder Begründungen zur Notengebung. Ebenso wenig wurde eine Einschätzung der Per
sönlichkeit abgegeben. Überdies manifestiert sich das Befinden eines Schülers nicht allein im schulischen Umfeld. Um das Funktionsniveau des Beschwerdefüh
rers im Jugendalter zu beurteilen, reichen die vorliegenden Zeugnisse nicht aus, weshalb der medizinischen Einschätzung durch Dr.
D._ das Funda
ment fehlt. Damit entbehrt aber auch ihre Einschätzung, der Lehrabbruch sei al
lein dem zum damaligen Zeitpunkt bestehenden Substanzkonsum geschuldet, jeglicher Grundlage.
4.4
Auch die Berichte der behandelnden Ärzte lassen keine zuverlässigen Rück
schlüsse zu, ob es sich beim Abhängigkeitsverhalten des Beschwerdeführers um einen Gesundheitsschaden im invalidenversicherungsrechtlichen Sinn handelt. So kann den Berichten von Dr. A._ (E. 3.1-2 und E. 3.5) nicht entnommen werden, wie er die Persönlichkeitsentwicklungsstörung, auf deren Hintergrund sich der anhaltende
Substanzabusus
nach seinem Dafürhalten entwickelt hatte, hergeleitet hat, und insbesondere ist nicht ersichtlich, weshalb die mangelhafte Absprachefähigkeit, die bezüglich Arbeitsunfähigkeit das ausschlaggebende Kri
terium zu sein scheint, primär auf den von ihm gestellten Diagnosen der Persön
lichkeitsstörung und sozialen Phobie gründet und nicht auf dem Substanzkon
sum. Insbesondere aber der Umstand, dass Dr. A._ die Prognosen im Januar 2018, nachdem dem Beschwerdeführer die vollständige Abstinenz von Suchtmit
teln gelungen war, als deutlich günstiger als noch im Frühjahr 2017 wertete, könnte den Schluss nahelegen, dass allein die Suchtfolgen leistungsmindernd sind.
4.5
Insgesamt kann aufgrund der vorhanden medizinischen Berichte die Frage, ob ein invalidisierender Gesundheitsschaden vorliegt, nicht beantwortet werden, weshalb es zu deren Beantwortung weiterer medizinischer Abklärungen bedarf. Wie im Folgenden zu zeigen sein wird, kann die Frage allerdings für die Beurtei
lung des vorliegend strittigen Anspruchs auf Integrationsmassnahmen im Sinne von Art. 14a IVG offen bleiben.
5.
5.1
D
as IVG
kennt keine
n einheitl
ichen Invaliditätsbegriff,
sondern
folgt
dem System der leistungsspezifischen Invalidität (BGE 126 V 241 E. 4). Die für den Rentenan
spruch
geltenden Voraussetzungen können daher nicht unbesehen auf die einzel
nen Eingliederungsmassnahmen übertragen werden. Was inhaltlich in Bezug auf die Invalidität erforderlich ist, kann daher nur im Zusammenhang mit einer be
stimmten Eingliederungsmassnahme gesagt werden. Es rechtfertigt sich diesbe
züglich, die Invalidität nicht primär nach
Art.
8
Abs.
1
ATSG
zu definieren, son
dern nach der von der fraglichen Massnahme verlangten Einschränkung (vgl. dazu Silvia Bucher, Eingliederungsrecht der Invalidenversicherung, Bern 2011,
S. 64 f.
Rz
101 und
Rz
103-104).
5.2
Anders als zum Beispiel die Umschulung (Art. 17 IVG) setzen Integrationsmass
nahmen keine Invalidität nach Art. 8 Abs. 1 ATSG voraus, verweist doch Art. 14a Abs. 1 IVG auf Art. 6 ATSG, der die Arbeitsunfähigkeit definiert.
Immerhin ist
aber
erforderlich, dass die Arbeitsunfähigkeit durch eine Beeinträchtigung der
körperlichen oder
psychischen Gesundheit bedingt ist (vgl. vorstehend
e
E.
1.1).
Im Urteil IV.2017.00802 vom 30. November 2017 hat das hiesige Gericht ent
schieden, dass im Falle von psychischen Störungen, welchen die invalidisierende Wirkung unter Berücksichtigung der damals anwendbaren «Überwindbarkeits
praxis» abgeht, bei der Prüfung der nach Art. 6 ATSG geforderten Arbeitsunfä
higkeit mit Blick auf die leistungsspezifische Invalidität (vorstehende E. 5.1) die Frage der Überwindbarkeit und der Invalidisierung des Leidens im Sinne von Art. 7 Abs. 2 ATSG ausser Acht zu bleiben hat. Da es sich gemäss höchstrichter
licher Rechtsprechung bei der Substanzabhängigkeit ähnlich verhält wie im Ver
hältnis zwischen psychosozialen oder soziokulturellen Umständen und fachärzt
lich festgestellten psychischen Störungen von Krankheitswert, rechtfertigt sich ein analoges Vorgehen bei der Prüfung des Vorliegens einer Arbeitsunfähigkeit gemäss Art. 6 ATSG.
Bezogen auf die Substanzabhängigkeit des Beschwerdeführers sind der schädliche Gebrauch psychotroper Substanzen sowie das Abhängigkeitssyndrom in der In
ternationalen Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F) aufge
führt, weshalb diese als psychische Störungen mit Krankheitswert zu betrachten sind und eine darauf gründende Arbeitsunfähigkeit als gesundheitsbedingt zu qualifizieren ist. Unabhängig davon, ob die von den behandelnden psychiatri
schen Fachärzten attestierte Arbeitsunfähigkeit auf dem Substanzkonsum allein oder auf einer anderen psychischen Störung gründet, ist diese krankheitswertig, womit beim Beschwerdeführer eine Arbeitsunfähigkeit im Sinne von Art. 6 ATSG ausgewiesen ist.
Ist die nach Art. 6 ATSG geforderte Arbeitsunfähigkeit als Voraussetzung für In
tegrationsmassnahmen im Sinne von Art. 14a IVG ausgewiesen, hat der Be
schwerdeführer Anspruch auf solche, sofern die übrigen Voraussetzungen gege
ben sind. Dies, sowie die Frage, welche Integrationsmassnahmen für den Be
schwerdeführer geeignet sind, wird die Beschwerdegegnerin zu prüfen haben.
6.
Zusammenfassend hat die Beschwerdegegnerin den Sachverhalt nur ungenügend abgeklärt. Die Verfügung vom 27. März 2018 (Urk. 2) ist daher aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese bezüglich In
tegrationsmassnahmen im Sinne von Art. 14a IVG die weiteren Voraussetzungen prüfe und über die Massnahmen entscheide. Sollten die weiteren Voraussetzun
gen für Integrationsmassnahmen nicht gegeben sein, hat sie bezüglich des inva
lidisierenden Charakters der Substanzabhängigkeit weitere medizinische Abklä
rungen vorzunehmen und über den Anspruch auf Invalidenleistungen neu zu entscheiden.
Dies führt zur Gutheissung der Beschwerde.
7.
7.1
Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist der Antrag des Beschwerdeführers auf unentgeltliche Prozessführung gegenstandslos geworden.
7.2
Die Verfahrenskosten gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr. 900.-- festzusetzen und der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.