Decision ID: 7982c317-09b0-4466-b630-92294e810deb
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1977
,
arbeitete
nach diversen Tätigkeiten als Service
mit
arbeiter und Barmann
seit 2011
als Betriebsleiter der
Y._
GmbH
(
Urk.
7/9/1,
Urk.
7/9/6
,
Urk.
7/52/2
). Am 27
.
Juni 2016
(Eingangsdatum) meldete er sich bei der Sozialver
siche
rungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, unter Hin
weis auf eine
seit 2004 bestehende Depression und Such
t
zum Leistungsbezug an (
Urk.
7/9-10
).
In der Folge arbeitete der Versicherte ab August 2016 wieder in einem vollen Pensum für die
Y._
GmbH. Er erklärte sich damit einverstanden, dass die IV-Stelle sein Dossier abschliesst (
Urk. 7/13). Gestützt darauf
wies die IV-Stelle sein Leistungsbegehren vom 2
7.
Juni 2016 mit Verfügung vom 18.
Oktober 2016 ab (
Urk.
7/16).
1.2
Am 3
0.
Januar 2017 meldete sich
X._
bei der IV-Stelle wieder zum Leis
tungsbezug an (
Urk.
7/22-23). Daraufhin tätigte die IV-Stelle Abklärungen in be
ruf
lich-erwerblicher (
Urk.
7/30,
Urk.
7/36-37,
Urk.
7/40-42
,
Urk.
7/52
) und medi
zi
nischer (
Urk.
7/43,
Urk.
7/45
,
Urk.
7/47,
Urk.
7/51
) Hinsicht.
Der Ver
sicherte
trat am 1
7.
April 2017 eine Arbeitsstelle als Serviceangestellter in einem 60%-Pen
sum bei
Z._
an (
Urk.
7/63/1).
Die IV-Stelle gewährte dem Versicherten Frühinterventionsmassnahmen in Form von Support durch einen Job-Coach am Arbeitsplatz für die Periode vom 15. August 2017 bis 14. Februar 2018 (Mittei
lung vom 17. Oktober 2017 [Urk. 7/62]; vgl. auch Verlaufsprotokoll Eingliede
rungsberatung vom 17. Oktober 2017 [
Urk.
7/63]).
Ab
1.
November 2017 stei
gerte der Versicherte sein Arbeitspensum bei
Z._
auf 80
%
. Der neue Arbeitsvertrag wurde bis 2
8.
Februar 2018 befristet (
Urk.
7/72/1).
Auf Ersuchen des Versicherten hin (
Urk.
7/73)
teilte
ihm
die IV-Stelle
am 1
3.
Februar 2018
mit, dass sie seine berufliche
E
ingliederung bei
Z._
im Sinne eines Arbeits
versuchs unterstütze (
Urk.
7/75/1).
Mit Verfügungen vom 27. März 2018
sprach sie ihm rückwirkend für die Zeitperiode vom
1.
September 2017 bis 2
8.
Februar 2018 ein Taggeld zu (
Urk.
7/76
,
Urk.
7/87
,
Urk.
7/90
).
Am 2
1.
März 2018 erklärte die IV-Stelle die beruflichen Massnahmen
als
ab
ge
schlossen, da der Ver
sicherte beim Abschluss
ge
spräch vom 2
0.
Februar 2018
ausgeführt habe, dass er
ab dem
1.
März 2020 ein volles Arbeitspensum bei der
Z._
aufnehmen
werde
(
Urk.
7/84).
Hernach prüfte die IV-Stelle den Rentenanspruch des Versicherten. Dafür holte sie zunächst beim behandelnden Psychiater
Dr.
med.
A._
, Psychiatrie/
Psychotherapie FMH, den Verlaufsbericht vom
1.
Mai 2018 (Urk. 7/95) und den Arztbericht von
B._
, Allgemeine Innere Medizin FMH, vom 1
7.
Mai
2018 (
Urk.
7/97) ein. Alsdann auferlegte sie dem Versicherten
mit Schreiben vom 6. Juli 2018
die Durchführung eines Entzugs von Kokain und Alkohol mit
Urin
kon
trollen und
Haaranalyse zum Abstinen
z
nachweis
; weiter forderte sie ihn auf bis am 8. August 2018 mitzuteilen, bei welchem Arzt oder welcher Ärztin er den Entzug durchführen werde
(
Urk.
7/98).
Dieser liess mit Eingabe vom 11. Juli 2018 einwenden, die ihm auferlegte Schadenminderungspflicht sei zumindest teilweise unmöglich, da der Entzug vor längerer Zeit erfolgt sei
, teilte die Adresse seines behandelnden Psychiaters mit und ersuchte um umgehenden Rentenentscheid (Urk. 7/99). Mit Schreiben vom 25. Juli 2018 hielt die IV-Stelle daran fest, dass nach sechs bis acht Monaten der Nachweis der Suchtmittelabstinenz durch Haar
analyse zu erfolgen habe und der Rentenanspruch erst anschliessend geprüft wer
den könne (Urk. 7/101).
Nach Eingang der Berichte zu Haaranalysen am 4. Januar 2019 (Urk. 7/115)
holte
die IV-Stelle
bei
Dr.
A._
den Verlaufsbericht vom
1
9.
Februar 2019 ein (
Urk.
7/116). Am 1
0.
Mai 2019 nahm
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Psychiatrie/Psychotherapie, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) der IV-Stelle Stellung (
Urk.
7/120/11).
Alsdann kündigte die IV-Stelle dem Ver
sicherten m
it Vorbescheid vom 4
.
September 2019
die Abweisung seines Ge
suches um Ausrichtung einer Invalidenrente
an
(
Urk.
7/121).
Da
ge
g
en erhob der Ver
sicherte am
20
.
September
2016 Einwand (Urk.
7
/
124
). Nach der Prüfung des Einwandes wies die IV-Stelle das Leistungs
begehren von
X._
mit Ver
fügung vom 24. Januar 2020 wie vorbeschieden ab (Urk. 2).
2.
Dagegen erhob
X._
am
2
.
Mä
r
z
2020 Beschwerde und be
antragte, in Auf
hebung der angefochtenen Verfügung vom
24. Januar 2020
sei
die Beschwer
degegnerin zu verpflichten, ihm eine Invalidenrente nach Massgabe eines Invali
di
tätsgrades von 55
%
auszurichten. Eventualiter sei
ihm
eine Invaliden
rente ge
mäss einem Invaliditätsgrad von 43
%
auszurichten
(
Urk.
1 S. 2).
Die Beschwer
degegnerin beantragte m
it Beschwerde
antwort vom
1.
Ap
r
il
2020
Abweisung der Beschwerde (Urk. 6
, unter Beilage der IV-Akten, Urk.
7/1-131
), was dem Be
schwer
deführer am 20. April 2020 zur Kenntnis gebracht wurde (Urk. 9).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erfor
derlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundes
gesetzes über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbs
möglich
keiten auf dem in Betracht kom
menden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der ge
sundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
1.2.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
IVG
)
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege artis auf die Vorgaben eines anerkann
ten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE 145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend ob
jektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zu
mutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 145 V 215 E. 5.3.2, 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG
).
1.2.2
Nach bisheriger und langjähriger höchstrichterlicher Rechtsprechung führten Sucht
erkrankungen als solche nicht zu einer Invalidität im Sinne des Gesetzes. Sie wurden im Rahmen der Invalidenversicherung erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen Unfall
bewirkt haben, in deren Folge ein körperlicher oder geistiger, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender, Gesundheitsschaden eingetre
ten war, oder wenn sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesund
heits
schadens waren, dem Krankheitswert zukam. Ein invalidisierender psychi
scher Gesundheitsschaden fehlte demgegenüber, wo in der Begutachtung im Wes
ent
li
chen nur Befunde erhoben wurden, welche in der Sucht ihre hinreichende Erklä
rung fanden (Hinweise zur bisherigen Rechtsprechung in BGE 145 V 215 E. 4.1).Diese bisherige Rechtsprechung änderte das Bundesgericht mit BGE 145 V
215 dahingehend, dass
-
fachärztlich einwandfrei diagnostizierten
-
Abhängig
keits
syndromen beziehungsweise Substanzkonsumstörungen nicht zum vornhe
rein jede invalidenversicherungsrechtliche Relevanz abgesprochen werden kann (E. 5.3.3), sondern diese vielmehr als invalidenversicherungsrechtlich beachtliche (psychische) Gesundheitsschäden in Betracht fallen (E. 6).
Gemäss BGE 143 V 418 E. 6 f. ist die Frage nach den Auswirkungen sämtlicher psychischer Erkrankungen auf das funktionelle Leistungsvermögen grundsätzlich unter Anwendung des strukturierten Beweisverfahrens nach BGE 141 V 281 zu beantworten. Hierzu gehören nach dem oben Ausgeführten auch Abhängigkeits
syn
drome (E. 6.2).
Im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens kann und muss insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten Einzelfall Rechnung getragen
werden. Diesem kommt nicht zuletzt deshalb Bedeutung zu, weil bei Abhängig
kei
tserkrankungen - wie auch bei anderen psychischen Störungen - oft eine Gemengelage aus krankheitswertiger Störung sowie psychosozialen und sozio
kultu
rellen Faktoren vorliegt. Letztere sind selbstverständlich auch bei Abhängig
keits
er
krankungen auszuklammern, wenn sie direkt negative funktionelle Folgen zei
tigen (vgl. bezüglich der Depressionen BGE 143 V 409 ff. E. 4.5.2). Eine krank
heitswertige Störung muss umso ausgeprägter vorhanden sein, je stärker psycho
soziale oder soziokulturelle Faktoren das Beschwerdebild mitprägen (E. 6.3).
Diese neue Rechtsprechung ist auf alle im Zeitpunkt der Praxisänderung noch nicht erledigten Fälle anzuwenden
(
zur BGE-Publikation vorgesehenes
Urteil des Bundesgerichts 9C_132/2020 vom 7. Juni 2021 E. 2.2 mit Hinweis).
1.2.3
Aus Gründen der Verhältnismässigkeit kann dort von einem strukturierten Be
weis
verfahren nach BGE 141 V 281 abgesehen werden, wo es nicht nötig oder auch gar nicht geeignet ist. Ein Beweisverfahren bleibt daher entbehrlich, wenn im Rahmen beweiswertiger fachärztlicher Berichte (vgl. BGE 125 V 351) eine Arbeitsunfähigkeit in nachvollziehbar begründeter Weise verneint wird und all
fälli
gen gegenteiligen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder aus anderen Gründen kein Beweiswert beigemessen werden kann (BGE 143 V 409 E. 4.5.3
, 145 V 215 E. 7
; vgl. BGE 143 V 418 E. 7.1). Insbesondere in Fällen, in welchen nach der Aktenlage überwiegend wahrscheinlich von einer bloss leicht
gradigen depressiven Störung auszugehen ist, die nicht schon als chronifiziert
gelten kann und auch nicht mit Komorbiditäten einhergeht, bedarf es in aller Rege
l keines strukturierten Beweisverfahrens (BGE 143 V 409 E. 4.5.3; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_580/2017 vom 16. Januar 2018 E. 3.1).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertelsrente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.
4
1.
4
.1
Versicherungsträger und das Sozialversicherungsgericht haben den Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen und die Beweise frei, das heisst ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Sie haben alle Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuver
lässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruches gestatten. Insbesondere dürfen
sie bei einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzu
geben, warum sie auf die eine und nicht auf die andere medizinische These ab
stellen (BGE 125 V 351 E. 3a).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist also entscheidend, ob er für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a).
1.
4
.2
Die
RAD
stehen den IV-Stellen zur Beurteilung der medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs zur Verfügung. Sie setzen die für die Invalidenversicherung nach Art. 6 ATSG massgebende funktio
nelle Leistungsfähigkeit der Versicherten fest, eine zumutbare Erwerbstätigkeit oder Tätigkeit im Aufgabenbereich auszuüben. Sie sind in ihrem medizinischen Sachentscheid im Einzelfall unabhängig (Art. 59 Abs. 2
bis
IVG). Nach Art. 49
der Verordnung über die Invalidenversicherung (
IVV
)
beurteilen die RAD die medizinischen Voraussetzungen des Leistungsanspruchs
.
Berichten des RAD, welche auf eigenen Untersuchungen beruhen (Art. 49 Abs. 2 IVV), kommt Beweiswert zu, sofern sie den von der Rechtsprechung umschrie
be
nen Anforderungen an ein ärztliches Gutachten genügen (BGE 137 V 210 E. 1.2.1). Selbst eine reine Aktenbeurteilung des RAD kann beweiskräftig sein, sofern ein lückenloser Befund vorliegt und es im Wesent
lichen nur um die fach
ärztliche Beurteilung eines an sich feststehenden medi
zinischen Sachverhalts geht, mithin die direkte ärztliche Befassung mit der versicherten Person in den Hintergrund rückt (Urteile des Bundesgerichts 9C_730/2018 vom 27. März 2019
E. 5.1.3, 9C_335/2015 vom 1. September 2015 E. 3.1 und 9C_196/2014 vom 18. Juni
2014 E. 5.1.1 mit Hinweisen). Nach der Rechtsprechung ist es dem Sozial
versicherungsgericht nicht verwehrt, einzig oder im Wesentlichen gestützt auf die (ver
sicherungsinterne) Beurteilung des RAD zu entscheiden. In solchen Fällen sind an die Beweiswürdigung jedoch strenge Anforderungen in dem Sinne zu stellen, dass bei auch nur geringen Zweifeln an der Zuverlässigkeit und Schlüssig
keit der ärztlichen Feststellungen ergänzende Abklärungen vorzunehmen sind (BGE 142 V 58 E. 5.1; 139 V 225 E. 5.2; 135 V 465 E. 4.4 und E. 4.7).
1.5
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer).
2.
2.1
Die Allgemeinmedizinerin
B._
hielt in ihrem Bericht vom 1
7.
Mai 2018 fest, dass sie dem Beschwerdeführer keine längeren Arbeitsunfähigkeitsatteste aus
gestellt habe. Sie könne die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht be
ur
teilen
(
Urk.
7/97
/5
)
.
2.2
2.2.1
Dem an die Beschwerdegegnerin gerichteten Bericht der Psychiatrischen
Klinik D._
, Zentrum für Integrative Psychiatrie und Alkoholent
wöhnung 72A, vom 24. März 2017 (Urk. 7/45) lässt sich entnehmen, dass der Be
schwerdeführer vom
5.
Dezember 2016 bis 1
8.
Februar 2017 stationär behan
delt wurde. Als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
(nach ICD-10)
wurden aufgeführt:
-
Rezidivierende depressive Störung, nicht näher bezeichnet (F33.9)
-
Einfache Aufmerksamkeitsstörung (F90.0)
-
Posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
-
Asymptomatische HIV-Infektion (Z21)
-
Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: gegenwärtig absti
nent (F10.21
-
Psychische und Verhaltensstörungen durch Kokain: gegenwärtig absti
nent (F14.21)
Der Beschwerdeführer sei zuvor vom
3.
bis 1
4.
November
2016
in der Klinik
E._
zum Entzug und vom 15. November bis 4. Dezember 2016 in der Klinik
F._
gewesen, zudem ab 12. Januar 2016 während vier Monaten sowie im Juni 2016 während vier Wochen in der Klinik
G._
in
H._
. Weiter werden anamnestisch zwei Suizidversuche (am 23. Dezember 2015 und 2. November 2016) aufgeführt. Die posttraumatische Belastungsstörung
sei seit Jugendalter im Vordergrund ste
hend. Die depressive Symptomatik bestehe sei
t
15 Jahren. Die ADHS-Sympto
matik sei hier erstmals bestätigt und medikamentös behandelt worden, was zu einer wesentlichen Verbesserung in der Konzentration geführt habe. Die Kokain
abhängigkeit bestehe seit drei Jahren, zuvor habe er nur gelegentlich konsumiert. Nach sechsjähriger Alkoholabstinenz sei der Beschwerdeführer vor einem Jahr wieder rückfällig geworden.
Zum Befund (ohne Angabe des Untersuchungsdatums) wird namentlich festge
halten, dass Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Merkfähigkeit unauffällig seien
; im formalen Denken beschleunigt, logisch und inhaltlich kohärent
. Die Konzentra
tion sei eingeschränkt.
In der Affektivität sei er leichtgradig verflacht; der Antrieb sei unauffällig. Keine Veränderung der zirkadianen Besonderheiten.
Bei der Prog
nose wird darauf hingewiesen, dass beim Beschwerdeführer
multiple psychia
tri
sche und somatische Diagnosen vorlägen. Dabei falle insbesondere eine vermin
derte Stresstoleranz auf.
Der Beschwerdeführer verfüge über gute kognitive Fähig
keiten, über Introspektionsfähigkeit und den Willen zur Aufrechterhaltung der Abstinenz. Da er stets im Arbeitsprozess eingebunden gewesen sei, würde die Prognose als gut angesehen. Die bisherige Tätigkeit sei nicht mehr zumutbar. Der Beschwerdeführer möchte baldmöglichst wieder in den Arbeitsalltag einsteigen mit einem 50 %-Pensum, das evtl. anschliessend gesteigert werden könne. Beruf
liche Massnahmen und Job-Coaching seien angezeigt.
2.2.2
Der behandelnde Psychiater
Dr.
A._
stellte in seinem Bericht vom 2
6.
April 2017 die folgenden Diagnosen (
Urk.
7/51/1):
-
Rezidivierende depressive Störung (ICD-10: F33.4) mit Erstmanifestation im Februar 2003
-
Einfache Aufmerksamkeitsstörung (ICD-10: F90.9) mit Erstdiagnose bei Behandlungsbeginn 2003
-
Schädlicher Alkoholabusus im Kontext mit depressiven Entgleisungen (ICD-10: F10.20), zur Zeit abstinent
-
Schädlicher Kokainmissbrauch im Kontext mit depressiven Entgleisungen (ICD-10: F14.20), zur Zeit abstinent
-
Asymptomatische HIV-Infektion (ICD-10: Z21).
Dem Bericht von
Dr.
A._
ist zu entnehmen, dass ihm der Beschwerdeführer im Jahr 2003 zugewiesen worden sei
(
Urk.
7/51/2, vgl. dazu auch das Psychia
trische Konsilium der Psychiatrischen Polyklinik des Universitätsspitals
I._
, vom
7.
Oktober 2003,
Urk.
7/51/8)
. Unter Antidepressiva habe bis 2009 eine weit
gehende Stabilität erreicht werden können. Damals sei der B
eschwerde
führer erst
mals im Kontext mit depressiver Dekompensation und sekundärem Alkohol
abusus hospitalisiert worden (
Urk.
7/51/2, vgl. den Austritts
bericht der Psychia
trischen Dienste
J._
, vom 2
9.
September 2009,
Urk.
7/51/6-7). Im Mai 2014 sei die Diagnose HIV positiv gestellt worden. Seit 2015 sei es im Kontext von beruflichen Überlastungssituationen und depres
siven Schwankungen zu eskalierenden Phasen von Aethyl- und Kokain
miss
brauch gekommen, die zu mehreren stationären Entzugsbehand
lungen geführt hätten (
Urk.
7/51/2, vgl. die
Austrittsbericht
e
der Integrierten Psychiatrie
K._
vom 6. Januar 2017 betreffend
statio
näre Behandlung vom
3.
bis 1
1.
November
2016
,
des Sanatorium
s
F._
vom 2
9.
Dezember 2016
betreffend stationäre Behandlung vom 1
5.
bis 30. November 2016
sowie den Kurzaustrittsbericht der
Psychiatrischen Klinik D._
, Zentrum für Integrative Psychiatrie und Alkoholentwöhnung 72A,
vom 1
8.
Februar 2017
betreffend stationäre Behandlung vom
5.
Dezember 2016 bis 1
8.
Februar 2017
,
Urk.
7/51/9-15).
Dr.
A._
hielt fest, dass beim Beschwerdeführer körperlich keine Defizite be
stehen würden. Geistig würden
solche aber
insbesondere mit depressiven Dekom
pensa
tionen
,
mangelnde
r
Flexibilität und Vergesslichkeit bei teils stark verrin
gerter Leistungsfähigkeit zum Tragen kommen (
Urk.
7/51/2).
Dr.
A._
attestierte dem Beschwerdeführer seit November 2016 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (
Urk.
7/51/2).
2.2.
3
In seinem Verlaufsbericht vom
1.
Mai 2018
führte
Dr.
A._
aus
, dass der Be
schwerdeführer mit Ausnahme von erhöhter Vergesslichkeit und rascher Er
müdbarkeit symptomfrei sei. Er zeige einen adäquaten Realitätsbezug. Im Rah
men des angelaufenen Wiedereingliederungsprogramms bei
Z._
zeige er ein enormes Engagement, aber auch Tendenzen zur Selbstüberforderung.
Von einem Wiedereinstieg in die frühere Erwerbstätigkeit müsse aus ärztlicher Sicht infolge Überforderungsgefahr mit konsekutiv hohem Rückfallrisiko absolut abge
raten werden. Bei
Z._
habe der Beschwerdeführer eine neue, sinn
ge
bende Arbeit gefunden, die ihn beglücke und ausfülle. Aktuell arbeite er dort in einem 80%-Pensum. Von einer Steigerung müsse aktuell noch abgeraten werden
(Urk. 7/95
/1
)
.
2.2.
4
Dr.
A._
führte sodann in seinem
Verlaufsbericht vom 1
9.
Februar 2019
aus, dass die Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers aktuell zu 20
%
vermindert sei. Die Möglichkeit, die aktuell vorliegende Erwerbsfähigkeit längerfristig erhal
ten zu können, scheine realistisch
(
Urk.
7/116
/2
).
2.
3
RAD-Arzt
Dr.
C._
schrieb in seiner versicherungsmedizinischen Beurteilung,
dass die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung nachvollzogen wer
den
könne. Allerdings werde diese vom langjährigen ambulanten Psychiater als remittiert beurteilt. Die Diagnose einfache Aufmerksamkeitsstörung
(Erst
diagnose
bei Behandlungsbeginn bei
Dr.
A._
)
könne aufgrund fehlender Befunde, anam
nestischer Angaben und F
ehlen spezifischer Testungen nicht nachvollzogen werden. Es bestehe zudem ein Zustand nach
Alkohol- und Kokainabhängigkeit. D
ie Abstinenz sei durch die Haaranalyse des Instituts für
L._
vom
3.
Januar 2019 (vgl.
Urk.
7/115)
nachgewiesen
. Auf
grund der Akten bestehe der Verdacht einer narzisstischen Akzentuierung.
Wegen
der Abhängigkeitserkrankungen und des Risikos eines Rückfalls sei die bisherige Tätigkeit als Geschäftsführer des Saunaclubs des Lebenspartners
des Beschwerde
führers
(gemeint ist
dessen frühere
Tätigkeit
als Betriebsleiter der
Y._
GmbH, vgl.
Urk.
7/23,
Urk.
7/30,
Urk.
7/36-37,
Urk.
7/40-42,
Urk.
7/52) nicht mehr zu
mut
bar. Für diese Tätigkeit bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit seit Novem
ber 201
6.
Für angepasste Tätigkeiten könne jedoch spätestens seit Mitte April 2017 keine medizinisch begründete Arbeitsunfähigkeit nachvollzogen werden (
Urk.
7/120/11).
Auf Nachfrage der
Sachbearbeiterin
führte
Dr.
C._
am 2
8.
August 2019
sodann
aus, dass für den Beschwerdeführer sämtliche Tätigkeiten zumutbar seien, die ohne Suchtpotential seien. Fraglich sei daher, ob die neue Tätigkeit des Be
schwerde
führers im
Z._
wegen des Alkoholausschanks überhaupt geeignet sei (
Urk.
7/120/12).
3.
3.1
Dem RAD-Arzt ist insoweit zuzustimmen, dass die behandelnden Ärztinnen und Ärzte in ihren knapp gehaltenen Berichten die von ihnen gestellten Diagnosen respektive den Schweregrad der Störung nicht aufgrund der erhobenen Befunde nachvollziehbar dargelegt haben. Auch begründete Dr.
A._
in seinem Ver
laufs
bericht vom 19. Februar 2019 nicht, weshalb er dem Beschwerdeführer (wei
ter
hin) eine um 20 % verminderte Leistungsfähigkeit attestierte (vgl. E. 2.2.4). Indessen begründet auch Dr.
C._
- der den Beschwerdeführer nicht selber untersucht hat - nicht, weshalb er offenbar davon ausgeht, dass die Abhängig
keitserkrankungen im Vordergrund stehen und allein diese bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit und des Zumutbarkeitsprofils zu berücksichtigen sind (und die rezidivierende depressive Episode keinerlei Einfluss hat), wogegen die Fach
personen der Kliniken
Integrierte Psychiatrie K._
,
Psychiatrische Klinik D._
und Sanatorium
F._
sowie der behan
deln
de Psychiater die Substanzkonsumstörungen eher als Ausdruck einer depressiven Störung (mit Suizidalität bzw. selbstschädigendem Verhalten) und verminderter Stresstoleranz beschrieben (vgl. Urk. 7/51/9, Urk. 7/51/11, Urk. 7/45/3-4). Ob aus der vom behandelnden Psychiater gestellten Diagnose einer rezidivierenden de
pres
siven Störung, gegenwärtig remittiert (F33.4), geschlossen werden kann, dass diese Störung für die Beurteilung des Leistungsvermögens unbeachtlich ist, weil sie remittiert ist, wäre aufgrund der vorliegenden Umstände zu diskutieren ge
wesen, zumal diese Diagnose auch bei Behandlung zur Verminderung des Rück
fallrisikos verwendet wird (vgl. Dilling/Mombour/Schmidt, Internationale Klassi
fi
kation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V [F] Klinisch-diagnostische Leitlinien, 10., überarbeitete Auflage, Bern 2015, S. 181). Wären die «Abstürze» des Beschwerdeführers als Folge einer depressiven (oder einer anderen) Störung zu qualifizieren, würde das vom RAD-Arzt definierte Belastungsprofil, wonach sämtliche Tätigkeiten ohne Suchtpotential (spätestens seit Mitte April 2017) un
eingeschränkt zumutbar seien, kaum Sinn machen. Zudem wird durch die RAD-Beurteilung auch die Zweckmässigkeit der von der Beschwerdegegnerin durchge
führten Ein
gliederungs
massnahmen infrage gestellt.
3.2
Indem der RAD-Arzt allein auf die Abhängigkeitsstörungen fokussierte, setzte er sich auch nicht weiter mit den Gründen für die attestierte vollständige Arbeits
unfähigkeit in der Tätigkeit als Betriebsleiter bei der
Y._
GmbH auseinander. Laut Dr.
A._
können insbesondere berufliche Überlastungssituationen respek
tive Überforderung zu Rückfällen führen (vgl. E. 2.2.2 und E. 2.2.3). Es wäre daher zu berücksichtigen gewesen, dass der Beschwerdeführer von 1995 bis 1997 eine Lehre als Verkäufer in einem TV-Geschäft absolviert und anschliessend stets im Gastgewerbe als Servicemitarbeiter oder Barmann gearbeitet hatte
(Urk. 7/52/2)
, bevor er im Mai 2011 die Funktion eines Betriebsverantwortlichen bei der
Y._
GmbH (bzw. im Betrieb seines Lebenspartners) übernahm. Deren Arbeitgeber
be
richt ist zu ent
nehmen, dass der Beschwerdeführer Arbeiten verrichten könne, welche weni
ger Verantwortung sowie persönliche Belastungen verlangten; die Aufgaben sollten keine langfristigen Projekte oder Pendenzen beinhalten. Der Be
schwerdeführer brauche Strukturen und klare Arbeitsanweisungen/Aufga
ben
zuteilungen. Er habe die Fähigkeit, jederzeit ein verständnisvoller, aufmerksamer Gastgeber zu sein, der ein respektvolles und von Wertschätzung geprägtes Klima generiere (Urk. 7/36/3). Angesichts der Berufsbiografie des Beschwerdeführers und den von der Arbeitgeberin angeführten Ressourcen und Defiziten wäre zu erörtern ge
wesen, ob respektive inwieweit die Überforderungssituationen tat
säch
lich mit einer psychischen Störung zusammenhängen oder ob primär eine unge
nügende berufliche Qualifikation zur Überforderung führte.
3.3
Zusammenfassend
ergeben sich zumindest geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der Einschätzung von Dr.
C._
und sind die Voraussetzungen für das Abstellen auf eine reine Aktenbeurteilung des RAD nicht erfüllt (vgl. E. 1.
4
.2). Der rechtserhebliche Sachverhalt erweist sich da
mit als unzureichend abgeklärt.
Die Sache ist deshalb in Aufhebung der angefochtenen Verfügung an die Be
schwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie den medizinischen Sachverhalt in psychiatrischer Hinsicht gutachterlich abklären lässt und danach über einen möglichen Rentenanspruch des Beschwerdeführers neu verfügt.
4
.
4
.1
Da es um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen geht, ist das vorliegende Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
b
is
IVG) und ermessensweise auf Fr.
6
00.-- anzusetzen.
Nach ständiger Rechtspre
chung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwaltung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2), weshalb die Gerichtskosten der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen sind.
4
.2
Der vertretene
Beschwerde
führer
hat zudem Anspruch auf eine Prozess
ent
schä
digung. Seine Rechtsvertreterin macht mit Honorarnote vom
2.
M
ärz 2020
einen Aufwand von 7,42 Stunden sowie Spesen und Auslagen von Fr. 66.75 geltend (Urk. 3), was nicht unangemessen erscheint. Beim gerichtsüblichen Stundenan
satz von Fr. 220.-- ergibt dies inkl. Barauslagen und Mehrwertsteuer einen Betrag von Fr. 1'830.--.