Decision ID: 46054bca-b1b0-5085-8e1e-0c785cbb855e
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin 1) und deren (...)
B._ (nachfolgend: die Beschwerdeführerin 2) – georgische Staats-
angehörige – suchten am 23. Februar 2019 im Empfangs- und Verfahren-
szentrum (EVZ) des SEM in C._ um Asyl nach. Im Rahmen eines
Pilotversuchs hat das SEM in den vorliegenden Einzelfällen die Befragung
zur Person (BzP) und die Anhörung zu den Asylgründen (Anhörung) aus
verfahrensökonomischen Gründen zusammengelegt und je am 5. März
2019 durchgeführt.
A.b In Bezug auf ihren persönlichen Hintergrund und zu ihren Gesuchs-
gründen brachte die Beschwerdeführerin 1 im Wesentlichen vor, sie
stamme aus D._ (Bezirk E._) und habe bis kurz vor ihrer
Ausreise mit ihrem Ehemann und den (...) gemeinsamen Kindern (Jahr-
gänge [...]) in F._ (Bezirk G._) gelebt. Im Juli 2014 sei bei
ihr multiple Sklerose diagnostiziert worden. Seither besuche sie Neurolo-
gen und nehme verschiedene Medikamente ein. Dennoch habe sich ihr
Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert. Darüber hinaus sei es ihr
verwehrt geblieben, in einem Programm für Patienten mit multipler Skle-
rose aufgenommen zu werden, da sie zusätzlich an (...) leide und die Me-
dikamente, die im Rahmen dieses Programms abgegeben worden seien,
ihre (...) zu stark belastet hätten. Zur bescheidenen Wirkung der medizini-
schen Behandlung sei gekommen, dass sie von ihrem Ehemann keinerlei
Unterstützung erfahren habe und schlecht behandelt worden sei. Am 4. Ja-
nuar 2019 habe sie schliesslich ihre (...) um Unterstützung gebeten, wobei
jene sie noch am selben Tag zu sich nach Hause geholt habe. Danach
seien ihr von ihrem Ehemann Vorwürfe gemacht worden, dass sie das
Haus verlassen habe. In der Hoffnung, dass sich ihr Gesundheitszustand
durch eine adäquate Behandlung verbessern würde und sie Kraft für eine
Scheidung aufbringen könne, habe sie sich entschlossen, Georgien zu ver-
lassen. Am 23. Februar 2019 sei sie deshalb – zusammen mit ihrer (...)
respektive der Beschwerdeführerin 2 – auf dem Luftweg aus Georgien aus-
gereist.
A.c Die Beschwerdeführerin 2 machte ihrerseits geltend, sie stamme aus
H._ (Bezirk E._) und habe zuletzt in D._ (im selben
Bezirk) – zusammen mit ihrem Ehemann – gelebt. Georgien habe sie in
erster Linie wegen des Gesundheitszustandes ihrer (...) beziehungsweise
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der Beschwerdeführerin 1 verlassen. Diese sei aufgrund ihrer gesundheit-
lichen Einschränkungen auf ihre Pflege angewiesen. Darüber hinaus habe
ihnen ihr (...) respektive der Ehemann der Beschwerdeführerin 1 mit dem
Tod gedroht.
A.d Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichten die Beschwerdefüh-
rerinnen ihre georgischen Reisepässe (im Original), zwei Arztberichte aus
Georgien vom 22. Juli 2014 und 20. März 2018 (jeweils in englischer Spra-
che) sowie ein durch Dr. med. I._ (Assistenzärztin an der Universi-
tätsklinik für Infektiologie des [...]) ausgefülltes Formular des SEM vom
15. März 2019 ins Recht.
B.
B.a Mit zwei separaten Verfügungen vom 20. März 2019 stellte das SEM
fest, die Beschwerdeführerinnen erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte ihre Asylgesuche ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug an.
B.b Gegen diese Entscheide erhoben die Beschwerdeführerinnen mit Ein-
gaben vom 17. April 2019 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
Im Laufe des Beschwerdeverfahrens reichten sie am 13. Mai 2019 und
29. Mai 2019 weitere medizinische Unterlagen bezüglich der Beschwerde-
führerin 1 (ein ärztliches Zuweisungsschreiben vom 5. April 2019 [von
Dr. med. J._; Facharzt Allgemeine Innere Medizin], einen ausführli-
chen Spitalbericht vom 23. April 2019 [von Dr. med. K._; Oberarzt
am Neurozentrum des {...}], einen Spitalbericht über eine medikamentöse
Stosstherapie vom 29. April 2019 [von Prof. Dr. med. L._; Leitender
Arzt am Neurozentrum des {...}] sowie einen weiteren Spitalbericht vom
21. Mai 2019 [wiederum von Dr. med. K._]) ins Recht.
B.c Mit zwei separaten Entscheiden vom 27. Juni 2019 hob das SEM im
Rahmen der Vernehmlassung seine Verfügungen vom 20. März 2019 auf
und nahm die erstinstanzlichen Verfahren wieder auf.
B.d Mit Abschreibungsentscheid des Bundesverwaltungsgerichts D-1844/
2019 und D-1840/2019 vom 2. Juli 2019 wurden die Beschwerden vom
17. April 2019 als gegenstandslos geworden abgeschrieben.
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C.
C.a Mit Schreiben vom 11. November 2019 teilte das SEM der Beschwer-
deführerin 1 mit, dass es zur abschliessenden Beurteilung ihres Gesund-
heitszustandes einen ausführlichen ärztlichen Bericht benötige, den es ge-
gebenenfalls von einer Fachperson überprüfen lasse. Gleichzeitig hielt es
fest, dass dieser ärztliche Bericht bis zum 28. November 2019 mit dem bei-
liegenden Formular einzuholen sei.
C.b Am 19. November 2019 liess die Beschwerdeführerin 1 durch Dr. med.
K._ das ausgefüllte Formular des SEM (datiert vom 15. November
2019) zu den Akten reichen.
D.
Mit zwei separaten Verfügungen vom 20. Februar 2020 – am darauf fol-
genden Tag eröffnet – stellte das SEM erneut fest, die Beschwerdeführe-
rinnen erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht (je Dispositivziffer 1),
lehnte ihre Asylgesuche ab (je Dispositivziffer 2), verfügte die Wegweisung
aus der Schweiz (je Dispositivziffer 3) und ordnete den Vollzug an (je Dis-
positivziffern 4 bis 5).
E.
Mit Eingaben der rubrizierten Rechtsvertreterin vom 23. März 2020 (Datum
des Poststempels) erhoben die Beschwerdeführerinnen gegen diese Ent-
scheide Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragten,
die angefochtenen Verfügungen seien im Vollzugspunkt (je Ziffern 4 und 5
des Dispositivs) aufzuheben, die Unzulässigkeit respektive Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs sei festzustellen und die vorläufige Auf-
nahme in der Schweiz anzuordnen. Eventualiter sei das Verfahren zur voll-
ständigen Sachverhaltsfeststellung und zur Neubeurteilung an die Vo-
rinstanz zurückzuweisen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie
um Koordination ihrer Verfahren, um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
sowie um Beiordnung ihrer Rechtsvertreterin als amtlichen Rechtsbei-
stand.
Den Beschwerden beigelegt waren – nebst den angefochtenen Verfügun-
gen, Vollmachten vom 15. November 2019, Fürsorgebestätigungen vom
10. März 2020 und Kostennoten der Rechtsvertreterin vom 23. März 2020
– ein Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) «Georgien: Mul-
tiple Sklerose» vom 5. Dezember 2019, zwei Terminbestätigungen des (...)
vom 18. Februar 2020 betreffend eine MRI Untersuchung am 27. April
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2020 und eine Infusionstherapie am 19. Mai 2020, eine Anfrage der rubri-
zierten Rechtsvertreterin an das (...) vom 12. März 2020 betreffend weitere
medizinische Unterlagen sowie zwei separate Schreiben vom 19. März
2020 bezüglich des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerinnen
(von Dr. med. J._).
F.
Mit Zwischenverfügung vom 2. April 2020 stellte der Instruktionsrichter
fest, dass die beiden Verfahren (D-1660/2020 und D-1661/2020) aufgrund
des engen persönlichen und sachlichen Zusammenhangs unter der Ver-
fahrensnummer D-1660/2020 vereinigt werden und die Beschwerdeführe-
rinnen den Abschluss des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfen.
Gleichzeitig hiess er die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung sowie der amtlichen Rechtsverbeiständung gut und ordnete
den Beschwerdeführerinnen Rechtsanwältin Eliane Schmid als amtlichen
Rechtsbeistand bei. Ferner wurde die Vorinstanz zur Einreichung einer
Vernehmlassung bis zum 17. April 2020 eingeladen.
G.
Mit Eingabe vom 8. April 2020 reichte das SEM eine Vernehmlassung ein
und hielt im Wesentlichen an seinen Ausführungen in den angefochtenen
Verfügungen fest.
H.
Am 15. April 2020 wurde die Vernehmlassung den Beschwerdeführerinnen
zur Kenntnis gebracht.
I.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 28. April 2020 legten die Be-
schwerdeführerinnen – unter Beilage zweier Spitalberichte vom 28. Okto-
ber 2019 und 18. November 2019 bezüglich der Infusionstherapie mit (...)
(von Prof. Dr. med. L._ und Dr. med. M._ [Leiter am Zentrum
für Multiple Sklerose des {...}]) sowie einem ausführlichen Spitalbericht
vom 18. Februar 2020 (von Dr. med. K._) – eine Beschwerdeergän-
zung ins Recht. Darin führten sie aus, dass bei der Beschwerdeführerin 1
gemäss dem Spitalbericht vom 18. Februar 2020 gegebenenfalls eine sta-
tionäre Rehabilitation angezeigt sei (vgl. daselbst, S. 3, Titel: Procedere).
Entsprechend sei zusätzlich zu prüfen, inwiefern ihr in Georgien eine sol-
che ermöglicht werden könnte. Zudem sei darauf hinzuweisen, dass der-
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zeit eine ausserordentliche Ausnahmesituation (Corona-Pandemie) be-
stehe, die auch Georgien betreffe. Folglich sei der Wegweisungsvollzug
der Beschwerdeführerin 1 nunmehr auch nicht möglich.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerdeführerinnen sind als
Verfügungsadressaten zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG).
Auf die frist- und formgerecht eingereichten Beschwerden ist einzutreten
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Die Beschwerden richten sich ausschliesslich gegen den von der Vo-
rinstanz angeordneten Vollzug der Wegweisung (je Ziffern 4 und 5 des Dis-
positivs), womit die Verfügungen des SEM vom 20. Februar 2020, soweit
sie die Ablehnung der Asylgesuche betreffen, unangefochten in Rechts-
kraft erwachsen, und auch die verfügten Wegweisungen nicht mehr zu
überprüfen sind (je Ziffern 1 bis 3 des Dispositivs).
2.2 Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet demnach
einzig die Frage, ob das SEM den Wegweisungsvollzug zu Recht als
durchführbar erachtet hat oder ob allenfalls anstelle des Vollzugs eine vor-
läufige Aufnahme anzuordnen ist.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Bereich des Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE
2014/26 E. 5).
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Seite 7
4.
4.1 Das SEM regelt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen
Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme, wenn der Vollzug der Weg-
weisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich ist (Art. 44
AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
5.
5.1 Die Vorinstanz kam in den angefochtenen Verfügungen zum Schluss,
dass der Wegweisungsvollzug der Beschwerdeführerinnen nach Georgien
zulässig, zumutbar und möglich sei.
Zunächst hielt sie fest, dass der bedauerliche Gesundheitszustand der Be-
schwerdeführerin 1 eine Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im
Sinne der restriktiven Rechtsprechung nicht zu rechtfertigen vermöge. Aus
den medizinischen Unterlagen aus Georgien und den in der Schweiz er-
stellten Arztberichten (datiert vom 15. März 2019, 23. April 2019, 21. Mai
2019 und 15. November 2019) gehe hervor, dass sie an multipler Sklerose
und an einer chronischen (...) leide. In den drei letztgenannten Arztberich-
ten werde ihr sodann eine (...) multiple Sklerose vom (...) Verlauf diagnos-
tiziert. Aufgrund der raschen Progredienz der multiplen Sklerose sowie der
durch die Krankheit verursachten schweren Behinderung (...), sei gemäss
ihrem in der Schweiz behandelnden Arzt Dr. med. K._ alle sechs
Monate eine hochaktive Immuntherapie mit dem Wirkstoff (...) indiziert. Da-
neben seien zur Behandlung neurologische Kontrollen (wiederum alle
sechs Monate), Laborkontrollen (dreimal monatlich), ein jährliches MRI und
regelmässige Physiotherapien vorgesehen. Gemäss Arztbericht vom
15. November 2019 werde durch diese Behandlung eine Stabilisierung der
neurologischen Defizite und im geringen Prozentsatz eine mögliche leichte
Besserung der Behinderung prognostiziert. Die Behandlung von multipler
Sklerose sei gemäss eigenen Abklärungen in der Klinik «(...)» in
N._ möglich. Dort gebe es eine Abteilung für Neurologie, in welcher
Patienten mit multipler Sklerose ambulant und stationär behandelt würden.
In derselben Klinik gebe es zudem auch Augenärzte sowie Fachärzte für
innere Medizin (vgl. SEM, Consulting médical vom 24. Januar 2019, Géor-
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gie: [...]). Ferner seien in Georgien auch Angebote für Physiotherapien vor-
handen und es stünden alle Arten von Medikamenten des westeuropäi-
schen Marktes als Originalpräparate oder Generika zur Verfügung. Der
vom in der Schweiz behandelnden Arzt verschriebene Wirkstoff (...) sei
etwa in der privaten Apotheke «(...)» in N._ erhältlich (vgl. SEM,
Consulting médical vom 12. Februar 2020, Géorgie: [...]). Folglich könne
die Beschwerdeführerin 1 die in der Schweiz begonnene Behandlung mit
dem Wirkstoff (...) in ihrem Heimatstaat weiterführen. Auch bezüglich der
diagnostizierten chronischen (...) sei festzuhalten, dass eine Behandlung
in Georgien möglich sei. In ihrem Heimatstaat würden (...) durch Fachärzte
für innere Medizin oder für Infektionskrankheiten behandelt (SEM, Medizi-
nisches Consulting vom 23. Januar 2020, Georgien: [...]). Weiter sei darauf
hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin 1 in Georgien in ärztlicher Be-
handlung gewesen sei. Neben regelmässigen Besuchen bei Neurologen
habe sie ein Medikament verschrieben erhalten. Am Anfang ihrer Krankheit
sei sie ferner mittels Infusionen des Medikaments (...) behandelt worden,
durch welches das infolge ihrer Krankheit stark verschlechterte Sehvermö-
gen teilweise habe wiederhergestellt werden können. Auch die zu den Ak-
ten gereichten Arztberichte aus Georgien vom Juli 2014 und März 2018
wiesen darauf hin, dass sie in Georgien in ständiger ärztlicher Behandlung
gewesen sei und Zugang zu medizinischer Hilfe gehabt habe. Darüber hin-
aus existiere in Georgien seit dem Jahr 2006 ein Sozialhilfeprogramm für
Personen unter der Armutsgrenze, das eine kostenlose Krankenversiche-
rung einschliesse. Nach dem Gesagten sei aufgrund der vorhandenen me-
dizinischen Unterlagen und unter Berücksichtigung der geschilderten ge-
sundheitlichen Beeinträchtigung nicht davon auszugehen, dass die hohe
Schwelle für eine drohende Verletzung von Art. 3 EMRK überschritten
werde.
Sodann würden weder die im Heimatland herrschende politische Situation
noch andere Gründe gegen die Zumutbarkeit der Wegweisung sprechen.
Die Beschwerdeführerinnen erhielten beide eine Rente und verfügten über
ein unterstützungsfähiges familiäres Beziehungsnetz. Mit dem Haus der
Beschwerdeführerin 2 verfügten sie ausserdem über eine gesicherte
Wohnsituation. Das Bedürfnis der Beschwerdeführerinnen, der Beschwer-
deführerin 1 in der Schweiz eine bessere medizinische Behandlung zu er-
möglichen, sei zwar nachvollziehbar. In Georgien stehe aber, wie bereits
ausgeführt, die notwendige medizinische Behandlung und ein Sozialhilfe-
programm zur Verfügung, womit eine menschenwürdige Existenz gewähr-
leistet sei. Dass allenfalls die Ressourcen in Georgien limitierter seien als
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Seite 9
in der Schweiz und dort das Gesundheitswesen möglicherweise nicht die-
selbe Qualität wie in der Schweiz aufweise, begründe die Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs nicht. An dieser Einschätzung würden auch die
diversen medizinischen Unterlagen aus der Schweiz nichts ändern. Die
Beschwerdeführerin 1 habe in Georgien Zugang zu medizinischer Behand-
lung und diese bereits in der Vergangenheit in Anspruch genommen. Be-
treffend deren Finanzierung sei anzumerken, dass die Beschwerdeführerin
1 von einer staatlichen Krankenversicherung profitiere, welche die Kran-
kenkosten – je nach Einkommen – teilweise oder ganz übernehme. Die
teilweise oder vollständige Übernahme der Medikamentenkosten im Rah-
men des staatlichen Krankenversicherungssystems sei von der Beurtei-
lung des Krankheitsbildes durch einen Arzt abhängig. Es müssten für eine
allfällige Kostenübernahme die Medikamente ärztlich verschrieben worden
sein. Die erhältlichen und staatlich finanzierten Behandlungen würden
möglicherweise von der Qualität ähnlicher Behandlungen in der Schweiz
abweichen. Diese Umstände änderten jedoch nichts an der Feststellung,
dass eine menschenwürdige Versorgung und Behandlung durch die staat-
liche Krankenkasse in Georgien sichergestellt und der Beschwerdeführerin
1 zugänglich sei. Im Übrigen stehe es der Beschwerdeführerin 1 frei, me-
dizinische Rückkehrhilfe zu beantragen. Die Beschwerdeführerin 2 habe
schliesslich keine gesundheitlichen Probleme, die eine Rückkehr nach Ge-
orgien als unzumutbar erscheinen lasse.
5.2 In den Rechtsmitteleingaben machen die Beschwerdeführerinnen die
Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges geltend.
Die behandelnden Ärzte in der Schweiz hätten bestätigt, dass die Be-
schwerdeführerin 1 an einer multiplen Sklerose mit einer (...) Verlaufsform
sowie an (...) leide. Sodann hätten diese wiederholt darauf hingewiesen,
dass ihr ohne angemessene Behandlung eine zunehmende Verschlechte-
rung ihres Gesundheitszustandes drohe, die bis zum Versterben reichen
könnte. Eine solche sei in Georgien – wie ihre rudimentäre Behandlung der
Vergangenheit belege – nicht erhältlich, weshalb die Wegweisung Art. 3
EMRK verletze und unzulässig sei. So hätten zwei der in der Schweiz be-
handelnden Ärzte unabhängig voneinander darauf hingewiesen, dass frag-
lich sei, inwiefern sie in Georgien behandelt worden sei (vgl. Arztbericht
von Dr. med. I._ vom 15. März 2019, Ziff. 5.2: «Die Patientin ist ak-
tuell in einem schlechten Allgemeinzustand. Sie braucht dringend eine
enge neurologische Behandlung, was bis jetzt nicht der Fall war.»; Spital-
bericht von Dr. med. K._ vom 23. April 2019, unter dem Titel «Be-
urteilung»: «Es bleibt festzuhalten, dass in ihrem Heimatland bisher eine
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medizinische Unterversorgung in Anbetracht des Schwere- und Aktivitäts-
grades ihrer Erkrankung erfolgte.»). Ausserdem sei aktenkundig, dass sie
dauerhaft auf Unterstützung angewiesen sein werde. Diese habe sie in Ge-
orgien (abgesehen von der Unterstützungsleistung ihrer [...] respektive der
Beschwerdeführerin 2) nicht erhalten. Dass ihr ohne Hilfe im Alltag die Be-
friedigung der grundlegendsten Bedürfnisse verwehrt würde, sei mit Men-
schenrechten wie der Achtung der Menschenwürde und dem Verbot der
unmenschlichen Behandlung nicht vereinbar. Soweit die Vorinstanz auf
einzelne Adressen bezüglich der jeweiligen Behandlungsmöglichkeiten in
Georgien verweise, verkenne sie, dass für sie eine ganzheitliche Behand-
lung gewährleistet werden müsse. Ihr sei es gerade nicht möglich, einzel-
nen Adressen selbständig nachzugehen und ihre Behandlung selbst zu or-
ganisieren, sofern dies unter den genannten Adressen überhaupt möglich
sein sollte. Selbst wenn ihre (...) respektive die Beschwerdeführerin 2 sie
dabei unterstützen könnte, werde dies voraussichtlich nicht ihr gesamtes
Leben zu gewährleisten sein. Ferner habe sich die Vorinstanz nicht mit der
Behandlungsmöglichkeit von multipler Sklerose in Verbindung mit (...) in
ihrem Heimatstaat auseinandergesetzt, sondern sich einzig auf medizini-
sche Consultings bezüglich anderer Personen mit einer anderen Aus-
gangslage und allgemeine Quellen berufen. Aus letzteren lasse sich nicht
schliessen, ob sie bei ihrer Rückkehr nach Georgien tatsächlich eine Mög-
lichkeit habe, eine angemessene Behandlung wahrzunehmen. Die Vo-
rinstanz wäre vielmehr gehalten gewesen, bei den zuständigen heimatli-
chen Stellen konkrete Abklärungen vorzunehmen. Aus dem beiliegenden
SFH-Bericht «Georgien: Multiple Sklerose» vom 5. Dezember 2019 gehe
denn auch hervor, dass der Zugang zu neurologischen Fachpersonen in
Georgien eingeschränkt sei, weshalb sie – selbst bei Vorhandensein von
Fachpersonen – wohl mit einer Warteliste konfrontiert wäre. Ihr Gesund-
heitszustand erlaube es aber gerade nicht, mit einer Behandlung zuzuwar-
ten.
Sodann würde die Beschwerdeführerin 1 bei einer Rückkehr nach Geor-
gien in eine medizinische Notlage geraten, weshalb die Wegweisung auch
nicht zumutbar sei. Selbst wenn eine medizinische Behandlung vorhanden
wäre, wäre diese für sie nicht finanzierbar. Ihre Krankheit sei in Georgien
nicht von der Krankenversicherung gedeckt und sie habe aufgrund ihrer
Nebendiagnose (...) nicht in ein Programm für Patienten mit multipler Skle-
rose aufgenommen werden können. Diese Angaben habe die Vorinstanz
nicht hinreichend gewürdigt, sondern pauschal auf die vorhandene Kran-
kenversicherung sowie die grundsätzlich vorhandenen Sozialprogramme
verwiesen. Unabhängig davon, ob eine Aufnahme in einem Programm
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Seite 11
überhaupt möglich wäre, sei festzuhalten, dass gemäss dem bereits zitier-
ten SFH-Bericht vom 5. Dezember 2019 die Behandlung von chronischen
Erkrankungen wie multiple Sklerose nicht durch die staatliche georgische
Krankenversicherung («Universal Health Care Program [UHC]») abge-
deckt würden. Derselbe Bericht halte sodann fest, dass die Medikamente
zur Behandlung von multiple Sklerose – unter anderem (...) – nicht in der
Liste der in Georgien erstattungsfähigen Medikamente enthalten seien.
Entsprechend habe die Beschwerdeführerin 1 in ihrem Heimatstaat für
(...), (...) sowie (...) selber aufkommen müssen, obwohl sie vom georgi-
schen Staat eine Rente von lediglich 200 Lari pro Monat erhalten habe. In
Anbetracht der hohen Kosten, die mit der Behandlung von multipler Skle-
rose verbunden seien, dürfte sie deshalb in eine finanzielle Notlage gera-
ten, und es sei denkbar, dass sie auch aufgrund dessen die benötigte me-
dizinische Behandlung nicht oder nur unvollständig erhalte. Ferner sei sie
auf die permanente Unterstützung ihrer (...) respektive der Beschwerde-
führerin 2 angewiesen, was dazu führe, dass letztere praktisch ohne Ein-
kommen wäre. Andere enge Familienangehörige, welche die Betreuung
übernehmen könnten, habe sie seit dem Tod ihres (...) keine mehr.
Schliesslich leide auch die Beschwerdeführerin 2 an gesundheitlichen
Problemen, was die Vorinstanz nicht berücksichtigt habe. Sie sei wegen
(...) in ärztlicher Behandlung und nehme diesbezüglich täglich Medika-
mente ein. Zudem sei sie aufgrund des kürzlichen Todes ihres Ehemannes
und der anspruchsvollen Betreuung ihrer (...) respektive der Beschwerde-
führerin 1 – wie diese selbst – psychisch stark belastet.
6.
6.1 In den Beschwerden werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu
beurteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügungen zu bewirken. Die Beschwerdeführerinnen rü-
gen eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes und des rechtlichen
Gehörs.
6.2 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist,
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Seite 12
dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich ausei-
nandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl.
BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und ak-
tenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsma-
xime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für
die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl.
dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12 N 16).
6.3 Die Aktenlage im Zeitpunkt des Ergehens der angefochtenen Verfü-
gung stellte eine hinreichende Beurteilungsgrundlage dar (vgl. Verfügun-
gen des SEM vom 20. Februar 2020, je Ziff. III). Für die Vorinstanz bestand
keine Veranlassung, weitere konkrete Sachverhaltsabklärungen zu treffen.
Sodann würdigte die Vorinstanz die gesundheitlichen Vorbringen inklusive
der eingereichten Beweismittel vor dem Hintergrund der medizinischen Be-
handlungsmöglichkeiten in Georgien. Dies ist nicht zu beanstanden, zumal
sie sich mit den wesentlichen Vorbringen der gesundheitlichen Beschwer-
den auseinandersetzte und den Beschwerdeführerinnen eine sachge-
rechte Anfechtung ermöglichte. Alleine der Umstand, dass die Vorinstanz
in ihrer Einschätzung zur gesundheitlichen Versorgung in Georgien zu ei-
nem anderen Ergebnis kommt, als von den Beschwerdeführerinnen vertre-
ten, spricht weder für eine ungenügende Sachverhaltsfeststellung noch für
eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör.
6.4 Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, die angefochtenen
Entscheide aus formellen Gründen aufzuheben und an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. Die entsprechenden Eventualbegehren sind abzuweisen.
7.
7.1 Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche
Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des
Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder in einen Drittstaat entgegen-
stehen (Art. 83 Abs. 3 AIG).
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Seite 13
7.1.1 Nachdem in den Verfügungen vom 20. Februar 2020 rechtskräftig
festgestellt wurde, dass die Beschwerdeführerinnen die Flüchtlingseigen-
schaft gemäss Art. 3 AsylG nicht erfüllen, kann das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5
AsylG vorliegend nicht zur Anwendung gelangen. Sodann sind den Akten
keine Anhaltspunkte für eine in Georgien drohende menschenrechtswid-
rige Behandlung im Sinne von Art. 25 Abs. 3 BV und Art. 3 des Überein-
kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR
0.105) ersichtlich.
7.1.2 Soweit sich die Beschwerdeführerinnen auf den Gesundheitszustand
der Beschwerdeführerin 1 berufen, könnte die Bestimmung von Art. 3
EMRK – das Verbot der unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung
– der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs entgegenstehen.
Eine zwangsweise Wegweisung von Personen mit gesundheitlichen Prob-
lemen kann allerdings nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK darstellen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die be-
troffene Person sich in einem fortgeschrittenen oder terminalen Krankheits-
stadium und bereits in Todesnähe befindet, nach einer Überstellung mit
dem sicheren Tod rechnen müsste und dabei keinerlei soziale Unterstüt-
zung erwarten könnte (vgl. BVGE 2011/9 E. 7 m. H. auf die damalige Pra-
xis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR]). Eine
weitere vom EGMR definierte Konstellation betrifft Schwerkranke, die
durch die Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behand-
lung im Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer erns-
ten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesund-
heitszustands ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer
erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien 13. Dezember 2016, Grosse Kammer
41738/10, §§ 180–193 m.w.H., und zum Ganzen auch BVGE 2017 VI/7
E. 6).
7.1.3 Es bestehen aufgrund der Akten keine Zweifel, dass die Beschwer-
deführerin 1 gesundheitlich ernsthaft beeinträchtigt ist und daher auf wei-
tergehende medizinische Untersuchungen, Behandlungen und Therapien
angewiesen ist. In ihrem Heimatstaat war sie gemäss eigenen Angaben
seit Juli 2014 regelmässig in ärztlicher Behandlung (hautsächlich in der Kli-
nik «(...)» in N._ [vgl. Anhörung A._, F57, F60-72, F118]),
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was die zu den Akten gereichten Arztberichte aus Georgien vom 22. Juli
2014 und 20. März 2018 bestätigen (vgl. SEM-Akten A._, A19). Da-
nach wurde am 22. Juli 2014 ein MRI durchgeführt und das Medikament
(...) verschrieben. Dass die in Georgien erhaltene Behandlung zu keiner
Besserung geführt habe und in den Arztberichten vom 15. März 2019 und
23. April 2019 als unzureichend qualifiziert wird, kann – entgegen der auf
Beschwerdeebene vertretenen Ansicht – nicht zur Annahme führen, der
Beschwerdeführerin 1 komme im Heimatstaat keine adäquate medizini-
sche Behandlung zuteil. Dem aktuellsten Arztbericht von Dr. med.
K._ vom 18. Februar 2020 ist zu entnehmen, dass sich anamnes-
tisch, klinisch und bildmorphologisch ein stabiler Verlauf zeige, weshalb
eine Fortführung der Therapie mit dem Wirkstoff (...) sowie der Physiothe-
rapie empfohlen werde; gegebenenfalls sei eine stationäre Rehabilitation
angezeigt (vgl. daselbst, S. 3, Titel: Beurteilung/Procedere). Wie die Vo-
rinstanz in ihren Erwägungen ausführlich dargelegt hat, ist die empfohlene
Behandlung – sowie eine allfällig benötigte stationäre Rehabilitation (vgl.
SEM, Consulting médical vom 24. Januar 2019, Géorgie: [...]) – auch in
Georgien erhältlich. Zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen kann auf
die betreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen
werden (vgl. die Zusammenfassung der entsprechenden Erwägungen in
E. 5.1 des vorliegenden Urteils). An dieser Einschätzung vermag auch das
Beschwerdevorbringen, dass der Zugang zu neurologischen Fachperso-
nen wohl mit einer Warteliste verbunden sei, was ihr Gesundheitszustand
nicht zulasse, nichts zu ändern, zumal eine solche gemäss dem SFH-Be-
richt «Georgien: Multiple Sklerose» vom 5. Dezember 2019 nur für die Teil-
nahme von Patientinnen an einer bestimmten klinischen Studie existiert
und ansonsten gewährleistet ist (vgl. daselbst S. 5, Ziff. 2.2). Nach dem
Gesagten steht der bedauerliche Gesundheitszustand der Beschwerdefüh-
rerin 1 der Zulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung nicht entgegen.
7.1.4 Dies gilt umso mehr in Bezug auf die Beschwerdeführerin 2, welche
an einer (...) leidet (vgl. SEM-Akten B._, A6; Arztbericht von
Dr. med. J._ vom 19. März 2020).
7.2 Der Vollzug der Wegweisung der Beschwerdeführinnen erweist sich
damit – sowohl im Sinne der landes- als auch der völkerrechtlichen Best-
immungen – als zulässig.
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8.
8.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.2 In Georgien herrscht keine Situation allgemeiner Gewalt. Wie das SEM
in den angefochtenen Verfügung zutreffend festgehalten hat, ist aufgrund
der dort herrschenden allgemeinen politischen Lage nicht von der generel-
len Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs auszugehen (vgl. etwa statt
vieler Urteil des BVGer D-828/2020 vom 19. März 2020 E. 7.2.2).
8.3 Auf Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs aus medizinischen
Gründen ist nach Lehre und konstanter Praxis nur dann zu schliessen,
wenn eine notwendige medizinische Behandlung im Heimatland nicht zur
Verfügung steht und die Rückkehr zu einer raschen und lebensgefährden-
den Beeinträchtigung des Gesundheitszustands der betroffenen Person
führen würde. Dabei wird als wesentlich die allgemeine und dringende me-
dizinische Behandlung erachtet, welche zur Gewährleistung einer men-
schenwürdigen Existenz absolut notwendig ist. Unzumutbarkeit liegt jeden-
falls dann noch nicht vor, wenn im Heimat- oder Herkunftsstaat eine nicht
dem schweizerischen Standard entsprechende medizinische Behandlung
möglich ist (vgl. etwa BVGE 2011/50 E. 8.3 und 2009/2 E. 9.3.1 je mit wei-
teren Hinweisen).
8.3.1 Nach dem zuvor Dargelegten ist – in Übereinstimmung mit der Vo-
rinstanz – davon auszugehen, dass die gesundheitlichen Probleme der Be-
schwerdeführerin 1 auch in Georgien behandelt werden können. Hinsicht-
lich des Wunsches der Beschwerdeführerin 1 um weitere Behandlungen in
der Schweiz, wo das Niveau der medizinischen Versorgung höher sei als
im Heimatstaat, ist darauf hinzuweisen, dass der EGMR grundsätzlich kei-
nen durch die EMRK geschützten Anspruch auf Verbleib in einem Konven-
tionsstaat anerkennt, um weiterhin in den Genuss medizinischer Unterstüt-
zung zu kommen (vgl. Urteil vom 2. Mai 1997 i.S. D. gegen Vereinigtes
Königreich). Ein Niveauunterschied hinsichtlich der medizinischen Versor-
gung vermag – wie bereits erwähnt – genau so wenig gegen die Zumut-
barkeit des Wegweisungsvollzugs zu sprechen (vgl. BVGE 2009/2
E. 9.3.2). Dem Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin 1 ist bei der
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Vollzugsorganisation mit einer angemessenen Vorbereitung Rechnung zu
tragen.
8.3.2 Soweit die Beschwerdeführerinnen geltend machen, sie könnten die
Behandlung der Beschwerdeführerin 1 in Georgien nicht finanzieren, ist
zusammen mit der Vorinstanz festzuhalten, dass bisher beide staatliche
Unterstützung erhalten haben (vgl. Anhörung A._, F52, F98, F116).
Es ist davon auszugehen, dass dies auch weiterhin der Fall sein dürfte.
Wie von der Vorinstanz sodann zutreffend festgehalten, existiert in Geor-
gien seit dem Jahre 2006 ein Sozialhilfeprogramm für Personen unter der
Armutsgrenze, das eine kostenlose Krankenversicherung einschliesst (vgl.
Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Georgien: Zugang zu medizinischer
Versorgung, 28. August 2018, S. 48; Urteil des BVGer D-5433/2014 vom
25. November 2014 E. 9.2.1). Darüber hinaus hat sich der Zugang der Be-
völkerung zur Gesundheitsversorgung seit der Einführung des neu organi-
sierten, staatlich finanzierten allgemeinen Gesundheitsprogramms „Uni-
versal Health Care Program“ (UHCP) im Februar 2013 weiter verbessert
und das Gesundheitssystem wurde seither stets weiter ausgebaut
(agenda.ge, Society benefits from Government healthcare program,
2.9.2014, http://agenda.ge/en/news/2014/2054, abgerufen am 12. Mai
2020). Den Beschwerdeführerinnen ist zwar darin Recht zu geben, dass
die Behandlung von multiple Sklerose gemäss dem SFH-Bericht «Geor-
gien: Multiple Sklerose» vom 5. Dezember 2019 – abgesehen von der Neu-
rologensprechstunde – nicht durch die staatliche georgische Krankenver-
sicherung abgedeckt wird (vgl. daselbst S. 4 f., Ziff. 2.1). Diesbezüglich ist
aber auf die Möglichkeit flankierender Massnahmen und einer individuellen
medizinischen Rückkehrhilfe hinzuweisen, die nicht nur in der Form der
Mitgabe von Medikamenten, sondern beispielsweise auch der Organisa-
tion und Übernahme von Kosten für notwendige Untersuchungen und The-
rapien bestehen kann (Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG, Art. 75 der Asylverord-
nung 2 vom 11. August 1999 über Finanzierungsfragen [AsylV 2,
SR 142.312]). Damit wäre namentlich in einer Anfangsphase die medizini-
sche Betreuung der Beschwerdeführerin 1 sichergestellt. Im Übrigen ob-
liegt es den Beschwerdeführerinnen, bei Bedarf bei den zuständigen hei-
matlichen Behörden um (weitere) Unterstützung zu ersuchen und entspre-
chende Anträge (bspw. um Ausrichtung einer Hinterlassenen-Rente für die
Beschwerdeführerin 2) zu stellen respektive Ansprüche (bspw. Unterhalts-
ansprüche der Beschwerdeführerin 1 gegenüber dem getrenntlebenden
Ehemann) durchzusetzen, selbst wenn die diesbezüglichen Prozedere
langwierig sein sollten. Auch in diesem Zusammenhang kann eine medizi-
nische Rückkehrhilfe zur Überbrückung dienlich sein. Schliesslich verfügt
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die Beschwerdeführerin 1 – wie die Vorinstanz zutreffend festgehalten hat
– mit dem Haus der Beschwerdeführerin 2 in D._ über eine gesi-
cherte Wohnsituation im Heimatstaat (vgl. Anhörung B._, F66).
8.3.3 Weiter machen die Beschwerdeführerinnen geltend, als Folge ihrer
Erkrankung seien die Beschwerdeführerin 1, aber auch die Beschwerde-
führerin 2 psychisch stark belastet, weshalb der Vollzug der Wegweisung
auch diesbezüglich nicht zumutbar sei.
Wie vorstehend dargelegt, ist die empfohlene Behandlung der Beschwer-
deführerin 1 in Georgien gewährleistet und auch von deren Finanzierbar-
keit auszugehen. Dies gilt ebenso für die Behandlung allfälliger psychi-
scher Probleme (Social Service Agency, Mental health, 2013,
http://ssa.gov.ge/index.php?sec_id=808&lang_id=ENG, abgerufen am
12. Mai 2020).
8.3.4 Was die Beschwerdeführerin 2 betrifft, leidet diese – wie bereits fest-
gehalten (vgl. oben E. 7.1.4) – unter (...). Als weiteres Prozedere wurde im
Arztbericht von Dr. med. J._ vom 19. März 2020 eine (...) medika-
mentöse Therapie empfohlen. Diese ist ohne Weiteres in Georgien mög-
lich. Etwas anderes wird bezeichnenderweise in der Rechtsmittelschrift
auch nicht vorgebracht.
8.3.5 Schliesslich hat die Vorinstanz zutreffend festgehalten, dass die Be-
schwerdeführerinnen – entgegen den Beschwerdevorbringen – über ein
tragfähiges familiäres Beziehungsnetz verfügen (vgl. Anhörung
A._, F39-41; Anhörung B._, F38). Insbesondere führte die
Beschwerdeführerin 2 an, ihre (...) respektive die (...) der Beschwerdefüh-
rerin 1 habe ihnen die Ausreise ermöglicht, indem sie die Pflege des kran-
ken (...) übernommen habe (vgl. Anhörung B._, F69). Es kann somit
angenommen werden, dass eine gewisse Unterstützung durch die (...) res-
pektive (...) möglich ist.
8.4 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass weder die allgemeine Lage in
Georgien noch individuelle Gründe auf eine konkrete Gefährdung der Be-
schwerdeführerinnen in ihrem Heimatstaat schliessen lassen. Der Vollzug
der Wegweisung erweist sich somit als zumutbar.
9.
Schliesslich obliegt es den Beschwerdeführerinnen, welche über gültige
Pässe verfügen, sich bei der zuständigen Vertretung ihres Heimatstaates
die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl.
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Seite 18
Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Voll-
zug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2
AIG).
10.
Auch die Corona-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug nicht entge-
gen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus, dass ein
Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern voraus-
sichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate –
bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis bei
den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 14 E. 8d und e).
Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss
temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im Rahmen der Vollzugsmo-
dalitäten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem
etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Heimatland angepasst
wird.
11.
Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht
als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der vorläu-
figen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtenen Verfügungen
Bundesrecht nicht verletzen und auch sonst nicht zu beanstanden sind
(Art. 49 VwVG). Die Beschwerden sind abzuweisen.
13.
13.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwer-
deführerinnen aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem mit ver-
fahrensleitender Verfügung vom 2. April 2020 die Gesuche um Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut-
geheissen worden sind und nicht von einer veränderten finanziellen Lage
auszugehen ist, sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
13.2 Ebenfalls mit verfahrensleitender Verfügung vom 2. April 2020 wurde
den Beschwerdeführerinnen die amtliche Rechtsverbeiständung im Sinne
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Seite 19
von aArt. 110a Abs. 1 Bst. a AsylG zugesprochen und ihre Rechtsvertrete-
rin als amtlicher Rechtsbeistand eingesetzt. Diese reichte am 23. März
2020 zwei separate Kostennoten zu den Akten, welche sie mit Eingabe
vom 28. April 2020 ergänzte. Insgesamt weist sie einen zeitlichen Vertre-
tungsaufwand von 11.05 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 193.85
sowie Auslagen in der Höhe von Fr. 54.– aus, was als angemessen er-
scheint. Demnach ist der Rechtsvertreterin vom Bundesverwaltungsgericht
ein amtliches Honorar von gerundet Fr. 2’200.– (inkl. Auslagen) auszurich-
ten (vgl. Art. 12 und Art. 14 Abs. 2 VGKE). Diese Parteientschädigung um-
fasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne von Art. 9 Abs. 1 Bst. c
VGKE.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 20