Decision ID: 86bbfe8d-b733-4958-ac21-a677de2f2b31
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Der 1966 geborene A._ ist serbischer Staatsangehöriger und reiste am 18. Januar
1990 zum Verbleib bei seiner zukünftigen Ehefrau in die Schweiz ein. Die beiden
heirateten am 8. Februar 1990 und bekamen zwei Söhne K._, geboren 1990, und
M._, geboren 1992. A._ erhielt im Rahmen des Familiennachzugs eine
Aufenthaltsbewilligung. Mit Entscheid des Bezirksgerichts X._ vom 26. Oktober 2000
wurde die Ehe geschieden (act. Migrationsamt [nachfolgend: MA] 46 f.).
A.a.
Das von A._ gestellte Gesuch um Niederlassungsbewilligung wies die damalige
Fremdenpolizei (heute: Migrationsamt) mit Verfügung vom 20. Dezember 1999 ab, da
A._ seinen finanziellen Verpflichtungen nicht ordnungsgemäss nachkam und mit
Betreibungen in der Höhe von CHF 58'894 verzeichnet war (act. MA 70 f.). Zwei Jahre
später verwarnte das Ausländeramt A._ mit Verfügung vom 5. Dezember 2001 und
hielt ihn dazu an, sich künftig in jeder Beziehung klaglos zu verhalten
(ordnungsgemässes Nachkommen der finanziellen Verpflichtungen, Sanierung der
Schulden und geregelte Erwerbstätigkeit; act. MA 40 f.).
A.b.
Bereits am 14. Mai 1998 war A._ bei seiner Tätigkeit als Maschinist in der
Fleischproduktion verunfallt, wobei er sich an der linken Hand verletzte. Im Jahr 2002
A.c.
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erlitt er einen gesundheitlichen Rückfall. Daraufhin sprach ihm die Schweizerische
Unfallversicherung (SUVA) mit Verfügung vom 5. November 2003 bei einem
Erwerbsunfähigkeitsgrad von 17% ab November 2003 eine monatliche Rente von
CHF 598 zu (act. MA 121 ff.). Zugleich meldete er sich zum Leistungsbezug bei der
Invalidenversicherung (IV) an. Ab Dezember 2003 war er auf Sozialhilfeleistungen
angewiesen (act. MA 179 ff.).
Während des laufenden IV-Verfahrens verlängerte das Ausländeramt in den Jahren
2003 bis 2013 jeweils die Aufenthaltsbewilligungen von A._ unter Verweis auf die
Bedingung, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen (act. MA 145 f., 162 f.,
183 f., 193 f., 231 f., 242 f., 277 f., 291 f., 351 f.).
A.d.
Die IV-Stelle wies mit Verfügung vom 31. Juli 2008 das Rentengesuch ab. Die dagegen
erhobene Beschwerde wurde mit Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 8. Juni 2010 gutgeheissen und die Sache zu weiteren Abklärungen an
die IV-Stelle zurückgewiesen (act. MA 244 ff.). Im Rahmen der weiteren Abklärungen
gab die IV-Stelle ein Gutachten in Auftrag. Gestützt auf die darin attestierte
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit von 70% wies die IV-Stelle das
Rentengesuch bei einem IV-Grad von 31% erneut ab. Das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen bestätigte mit Entscheid vom 13. März 2013 die rentenabweisende
Verfügung (act. MA 354 ff.). Unterdessen belief sich der Schuldensaldo beim Sozialamt
auf CHF 143'397.60 (Schreiben der Sozialen Dienste X._ vom 17. Januar 2014; act.
MA 342).
A.e.
Mit Verfügung vom 10. Juli 2014 verwarnte das Migrationsamt A._ erneut und
verlängerte die Aufenthaltsbewilligung nur unter der Bedingung, dass er sich künftig in
jeder Beziehung klaglos verhalte (insbesondere Aufnahme einer Erwerbstätigkeit
gemäss IV-Entscheid, Loslösung von der Sozialhilfe und Schuldensanierung; act. MA
381 ff.). Da A._ weiterhin keiner Erwerbstätigkeit nachging und nach wie vor
ergänzend zu seiner Unfallrente auf Sozialhilfeleistungen angewiesen war (act. MA
386), stellte das Migrationsamt A._ am 22. Januar 2015 im Rahmen der Gewährung
des rechtlichen Gehörs die Nichtverlängerung der Aufenthaltsbewilligung in Aussicht
(act. MA 395 ff.).
A.f.
A._ meldete sich am 26. Oktober 2015 erneut zum Bezug von IV-Leistungen bei der
A.g.
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B.
A._ (Beschwerdeführer) reichte durch seinen Rechtsvertreter mit Eingabe vom 31. Juli
2020 gegen den Entscheid des Sicherheits- und Justizdepartements (Vorinstanz) vom
28. Juli 2020 Beschwerde beim Verwaltungsgericht ein. Er beantragte, dass der
IV-Stelle X._ an. Die IV-Stelle trat mit Verfügung vom 8. August 2016 nicht auf das
Leistungsbegehren ein. Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 20. Dezember 2016
gut und wies die Sache zur Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die IV-Stelle
zurück (act. MA 622 ff.). Aufgrund des hängigen IV-Verfahrens verlängerte das
Migrationsamt die Aufenthaltsbewilligung von A._ für die Jahre 2016 bis 2018 erneut
unter Vorbehalt und ohne Präjudiz (act. MA 605 ff., 618 ff. und 642 ff.). Die IV-Stelle
gelangte nach den durchgeführten Abklärungen zum Schluss, dass bei einer 80%-igen
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit kein Anspruch auf eine IV-Rente bestehe
(Verfügung vom 13. April 2018, act. MA 645 f.). Das Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen wies die dagegen erhobene Beschwerde mit Entscheid vom 19. Oktober
2018 ab (act. MA 686 ff.).
Am 26. April 2019 schloss A._ einen Arbeitsvertrag mit einem Pensum von 30% als
Chauffeur mit der Q._ GmbH ab 1. Mai 2019 ab (act. MA 709 f.). Diese Tätigkeit gab
A._ nach kurzer Zeit bereits wieder auf (act. MA 729) und begab sich vom 15. August
bis 19. Oktober 2019 zur medizinischen Behandlung in die Klinik B._
(Kurzaustrittsbericht vom 9. Oktober 2019, act. MA 733 ff.). A._ meldete sich am
20. September 2019 erneut zum Bezug von IV-Leistungen an (Rekursschrift vom
11. Dezember 2019, S. 11, Ziff. 50, act. MA 776).
A.h.
Nach Gewährung des rechtlichen Gehörs verlängerte das Migrationsamt mit Verfügung
vom 25. Oktober 2019 die Aufenthaltsbewilligung von A._ nicht mehr (act. MA 737 ff.).
Es begründete seinen Entscheid im Wesentlichen damit, dass A._ seit Dezember 2003
ununterbrochen Sozialhilfeleistungen bezogen habe. Obwohl er keinen Anspruch auf
eine IV-Rente habe, gehe er auch trotz mehrfacher Verwarnung seit Jahren keiner
geregelten Erwerbstätigkeit mehr nach. Des Weiteren sei er strafrechtlich in
Erscheinung getreten. Er erfülle daher mehrere Widerrufsgründe. Eine Rückkehr in sein
Heimatland sei trotz seines langjährigen Aufenthalts zumutbar, da es ihm nie gelungen
sei, sich richtig in der Schweiz zu integrieren (act. MA 737 ff.). Den gegen diese
Verfügung erhobenen Rekurs wies das Sicherheits- und Justizdepartement mit
Entscheid vom 28. Juli 2020 ab.
A.i.
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Entscheid aufgehoben und die Aufenthaltsbewilligung auf unbestimmte Zeit verlängert
werde, eventualiter sei die Aufenthaltsbewilligung zu verlängern, bis die SUVA und die
IV-Stelle in den zurzeit rechtshängigen Fällen rechtskräftig entschieden hätten; unter
Kosten- und Entschädigungsfolge.
Mit Vernehmlassung vom 17. August 2020 schloss die Vorinstanz auf Abweisung der

Beschwerde und verwies zur Begründung auf die Erwägungen des angefochtenen
Entscheids.
Mit Eingabe vom 30. September 2020 reichte der Rechtsvertreter eine Bestätigung der
Sozialen Dienste X._ vom 28. September 2020 ein, gemäss welcher der
Beschwerdeführer per 30. September 2020 nicht mehr von der Sozialhilfe unterstützt
werde.
Auf die Erwägungen des angefochtenen Entscheids und die Ausführungen der
Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die Akten wird, soweit für
den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 59 Abs. 1 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege; sGS 951.1, VRP). Als Adressat des
angefochtenen Entscheids ist der im Rekursverfahren unterlegene Beschwerdeführer
zur Ergreifung des Rechtsmittels berechtigt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45 Abs. 1
VRP). Die Beschwerde gegen den am 28. Juli 2020 versandten Entscheid der
Vorinstanz wurde mit Eingabe vom 31. Juli 2020 rechtzeitig erhoben und erfüllt formal
wie inhaltlich die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1
und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist daher einzutreten.
Unbeachtlich bleibt hingegen der pauschale Verweis in der Beschwerde auf die
Rekursschrift und die darin enthaltene Begründung (siehe Ziff. 13 der
Beschwerdeschrift vom 31. Juli 2020). Da aus einem solchen Verweis nicht hervorgeht,
in welchen Punkten und weshalb der vorinstanzliche Entscheid fehlerhaft sein soll,
genügt er den Anforderungen an eine Rechtsmittelbegründung nicht (vgl. VerwGE
B 2018/255 vom 20. März 2019 E. 1 mit Verweis auf B 2013/76 vom 16. April 2014 E. 1,
B 2012/19 vom 29. August 2012 E. 2.3).
bis
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2.
Strittig ist, ob der Widerrufsgrund von Art. 62 Abs. 1 lit. e des Bundesgesetzes über die
Ausländerinnen und Ausländer und über Integration (Ausländer- und
Integrationsgesetz; SR 142.20, AIG) aufgrund des unbestrittenen langjährigen
Sozialhilfebezugs des Beschwerdeführers gegeben ist und ihm trotz gesundheitlicher
Probleme eine Rückkehr ins Heimatland zumutbar ist.
Die Vorinstanz hielt in ihrem Entscheid fest, dass der Beschwerdeführer über sehr
lange Zeit in erheblichem Ausmass Sozialhilfe ergänzend zu seiner SUVA-Rente
beansprucht habe. Bereits zweimal sei sein Gesuch um Ausrichtung einer IV-Rente
abgelehnt worden und ob sein im September 2019 eingereichtes drittes Gesuch zu
einem Rentenanspruch führe, sei reine Spekulation. Damit müsse auch in Zukunft
damit gerechnet werden, dass er die öffentliche Hand weiter in erheblichem Umfang
belasten werde und nicht aus eigener Kraft für sich selbst sorgen könne.
Dagegen wendet der Beschwerdeführer ein, dass er zwar Sozialhilfeleistungen in
Anspruch nehmen musste, es aber auch nicht verwunderlich sei, denn er sei nicht nur
Opfer eines Unfalls und einer daraus sich ergebenden Krankheit, sondern auch des
Umbruchs im Sozialversicherungssystem, welches nur noch Renten für Reiche
vorsehe. Nicht nur bei der IV, sondern auch bei der SUVA sei eine Rückfallmeldung
gemacht worden. Beide Verfahren seien pendent und abzuwarten. Die beiden Söhne
würden für den Unterhalt aufkommen, sodass er nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen
sei. Der Staat habe demnach kein Interesse mehr, dass er die Schweiz verlasse.
Ansonsten verpasse der Staat die Möglichkeit, an den rückwirkend zu zahlenden UVG-
und IV-Renten zu partizipieren.
3.
Die Aufenthaltsbewilligung ist befristet und kann verlängert werden, wenn keine
Widerrufsgründe nach Art. 62 AIG vorliegen (Art. 33 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 62 Abs. 1
lit. e AIG kann die zuständige Behörde Bewilligungen, ausgenommen
Niederlassungsbewilligungen, widerrufen, wenn die Ausländerin oder der Ausländer
oder eine Person, für die er zu sorgen hat, auf Sozialhilfe angewiesen ist. Dabei geht es
in erster Linie darum, eine zusätzliche und damit künftige Belastung der öffentlichen
Wohlfahrt zu vermeiden. Es muss auf die wahrscheinliche finanzielle Entwicklung bei
der ausländischen Person abgestellt werden; erforderlich ist eine konkrete Gefahr der
Sozialhilfeabhängigkeit; blosse finanzielle Bedenken genügen nicht. Es ist neben den
3.1.
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bisherigen und den aktuellen Verhältnissen auch die wahrscheinliche finanzielle
Entwicklung auf längere Sicht abzuwägen. Erwerbsmöglichkeiten bzw. Einkünfte
müssen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf mehr als nur kurze Frist hin
gesichert erscheinen. Der auf Art. 62 Abs. 1 lit. e AIG gestützte Widerruf der
Bewilligung fällt grundsätzlich in Betracht, wenn eine Person hohe finanzielle
Unterstützungsleistungen erhalten hat und nicht damit gerechnet werden kann, dass
sie in Zukunft selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen wird. Ob die
Fürsorgeabhängigkeit selbstverschuldet ist, was den Widerruf bzw. die
Nichterneuerung der Aufenthaltsbewilligung erst rechtfertigt, bildet Teil der Prüfung der
Verhältnismässigkeit der aufenthaltsbeendenden Massnahme (BGer 2C_953/2018 vom
23. Januar 2019 E. 3.1, 2C_1048/2017 vom 13. August 2018 E. 4.2.1, 2C_395/2017
vom 7. Juni 2018 E. 3.1).
Der Beschwerdeführer bezieht seit Dezember 2003 Sozialhilfe. Seine
Sozialhilfeschulden beliefen sich bis November 2018 auf CHF 211'268.90 (E-Mail der
Sozialen Dienste X._ vom 27. Dezember 2018; act. MA 676). Zu Recht wird vom
Beschwerdeführer nicht in Frage gestellt, dass es sich dabei rechtsprechungsgemäss
um einen erheblichen Betrag handelt (vgl. BGer 2C_131/2020 vom 4. Mai 2020 E. 3.2,
2C_813/2019 vom 5. Februar 2019 E. 2.3). Der Beschwerdeführer belegt mit der
Bestätigung der Sozialen Dienste X._ vom 28. September 2020 jedoch, dass er seit
Oktober 2020 nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig sei und weist darauf hin, dass
sowohl bei der IV als auch bei der SUVA Verfahren um (weitere) Rentenleistungen am
Laufen seien. Beim Schreiben des Rechtsvertreters vom 30. September 2020 bzw. der
diesem Schreiben beigelegten Bestätigung der Sozialen Dienste X._ vom
28. September 2020 handelt es sich um echte Noven. Das Verwaltungsgericht hat im
Bereich des Ausländerrechts entgegen Art. 61 Abs. 3 VRP, wonach neue Begehren im
Beschwerdeverfahren unzulässig sind, auch nach dem Erlass des angefochtenen
Entscheides eingetretene Tatsachen (sogenannte "echte" Noven) zu berücksichtigen
(VerwGE B 2019/119 vom 19. Dezember 2019 E. 3.1, B 2018/183 vom 3. Juli 2019 E.
2.1, vgl. auch Art. 6 Abs. 1 EMRK: richterliche Überprüfung mit voller Kognition,
Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen – dargestellt an den
Verfahren vor Verwaltungsgericht, 2. Aufl. 2003, Rz. 645 mit Hinweisen, VerwGE
B 2019/125 vom 12. Februar 2020 E. 6.2, B 2018/225 vom 29. August 2019 E. 5.2).
Massgeblich für den Widerrufsgrund nach Art. 62 Abs. 1 lit. e AIG ist die zu erwartende
finanzielle Entwicklung bei der ausländischen Person auf längere Sicht. Daher ist zu
prüfen, ob der Beschwerdeführer zukünftig selbst für seinen Lebensunterhalt
3.2.
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aufkommen kann und folglich nicht mehr auf Sozialhilfeleistungen angewiesen sein
wird.
3.3.
Der Beschwerdeführer erlitt im Jahr 1998 einen Arbeitsunfall. Nachdem das
Migrationsamt dem Beschwerdeführer im Dezember 1999 aufgrund seiner
Betreibungen keine Niederlassungsbewilligung erteilte und der Beschwerdeführer nach
wie vor seine Schulden nicht sanierte und keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachging,
verwarnte es ihn mit Verfügung vom 5. Dezember 2001 zum ersten Mal (act. MA 40 f.).
Nach einem Rückfall und andauernder Einschränkung der linken Hand sprach die
SUVA dem Beschwerdeführer bei einem Erwerbsunfähigkeitsgrad von 17% ab
November 2003 eine monatliche Rente zu (Verfügung vom 5. November 2003; act. MA
121 ff.). Bei der IV-Stelle ersuchte der Beschwerdeführer zweimal erfolglos um IV-
Leistungen. Die IV-Stelle wies das erste Gesuch mit Verfügung vom 16. März 2011
ausgehend von einer Arbeitsunfähigkeit von 30% und dem ermittelten IV-Grad von
31% ab. Die Verfügung wurde mit Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen vom 13. März 2013 bestätigt (act. MA 354 ff.). Aufgrund des laufenden
Sozialhilfebezugs verwarnte das Migrationsamt den Beschwerdeführer mit Verfügung
vom 10. Juli 2014 zum zweiten Mal (act. MA 381 ff.). Im Oktober 2015 meldete sich der
Beschwerdeführer erneut zum Bezug von IV-Leistungen an. Dieses Gesuch wies die IV-
Stelle nach Vornahme medizinischer Abklärungen, welche eine 80%-ige
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit ergaben, allerdings erneut ab (Verfügung
vom 13. April 2018, act. MA 645 f.). Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen
schützte die Verfügung (Entscheid vom 19. Oktober 2018; act. MA 686 ff.). Der
Beschwerdeführer stellte im September 2019 bei der IV-Stelle neuerlich ein Gesuch um
IV-Leistungen. Das Verfahren ist noch pendent. Am 30. September 2020 reichte der
Rechtsvertreter eine Bestätigung der Sozialen Dienste X._ ein, gemäss welchem der
Beschwerdeführer ab dem 1. Oktober 2020 nicht mehr auf Sozialhilfeleistungen
angewiesen sei. Der Beschwerdeschrift vom 31. Juli 2020 ist zu entnehmen, dass sich
die Söhne des Beschwerdeführers verpflichtet hätten, finanziell für ihren Vater
aufzukommen (Ziff. 15).
3.3.1.
Die vom Beschwerdeführer behauptete finanzielle Unterstützung der Söhne seit
Oktober 2020 und damit die Ablösung von der Sozialhilfe bedeutet nicht, dass die
Gefahr eines zukünftigen weiteren Sozialhilfebezugs abgewendet wurde. Denn sie kam
3.3.2.
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erst unter Druck des migrationsrechtlichen Verfahrens bzw. erst während des
laufenden Beschwerdeverfahrens zustande, obwohl der Beschwerdeführer bereits seit
17 Jahren Sozialhilfe bezieht und letztmals im Jahr 2014 ausländerrechtlich verwarnt
wurde. Des Weiteren sind die vom Beschwerdeführer durch die Söhne in Aussicht
gestellten "Garantien" nicht geeignet, die Ablösung von der Sozialhilfe mit Sicherheit
auf Dauer zu gewährleisten. Denn die notwendigen finanziellen Mittel können nur von
unterstützungswilligen Verwandten eingefordert werden, welche im Sinne von Art. 328
Abs. 1 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (SR 210, ZGB) in günstigen
Verhältnissen leben und deshalb verpflichtet sind, Verwandte in auf- und absteigender
Linie zu unterstützen, die ohne ihren Beistand in Not geraten würden (vgl. VerwGE B
2014/162 vom 27. November 2015 E. 5.1 und B 2012/254 vom 22. Mai 2013 E. 4.2 mit
Hinweisen). Vorliegend liegt weder eine schriftliche Verpflichtung seitens der Söhne vor
noch sind deren finanzielle Verhältnisse bekannt.
Bezüglich der laufenden IV- und SUVA-Verfahren kann anhand der vom
Beschwerdeführer eingereichten Arztberichte der Dres. R._, Facharzt für Psychiatrie,
und S._, Fachärztin Allgemeine Innere Medizin, nicht abgeschätzt werden, ob dem
Beschwerdeführer IV-Leistungen zugesprochen werden bzw. die bisherige Unfallrente
erhöht wird. Die von den Dres. R._ und S._ gestellten Diagnosen entsprechen
jedenfalls den in den Gutachten der Y._ GmbH vom 17. Januar 2011 sowie dem
bidisziplinären Gutachten der Interdisziplinären Medizinischen Expertisen (IME) vom
11. Dezember 2017 aufgelisteten Diagnosen. Einzig der Schweregrad der
rezidivierenden depressiven Störung wird nun als schwer und die Arbeitsunfähigkeit auf
100% eingeschätzt. Die Arbeitsfähigkeitsschätzung des behandelnden Psychiaters
Dr. R._ wurde jedoch bereits durch drei IV-Gutachten widerlegt und anstelle der von
ihm gestellten 100%-igen Arbeitsunfähigkeit wurde dem Beschwerdeführer eine 80%-
ige Arbeitsfähigkeit attestiert (Erwägungen der Urteile des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen, act. MA 252 und 366 f.). Zwar ist es nicht Aufgabe des
Verwaltungsgerichts, eine allfällige Änderung des Gesundheitszustandes bzw. eine
allfällige Arbeitsunfähigkeit zu beurteilen, dennoch ist anhand der vorliegenden Akten
bzw. den neu eingereichten Arztberichten nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, dass
die nun dritte IV-Anmeldung tatsächlich zu einer IV-Rente führen soll. Im Übrigen ist
das IV-Verfahren bereits seit über einem Jahr am Laufen und der Beschwerdeführer
reichte bisher keine Belege zum Verfahrensstand (z.B. medizinische Einschätzung
eines RAD-Arztes, allfällige berufliche Massnahmen oder Auftrag zur Einholung eines
neuen medizinischen Gutachtens) ein. Ebenfalls offen ist, ob die für die SUVA relevante
Verschlechterung der physischen Beschwerden durch den Bericht der Hausärztin
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belegt werden kann. Entgegen des Eventualantrags des Beschwerdeführers muss im
vorliegenden Fall auch nicht der Ausgang der beiden sozialversicherungsrechtlichen
Verfahren abgewartet und der Fall somit sistiert werden. Denn es kann nicht angehen,
dass eine Aufenthaltsbewilligung lediglich dadurch immer verlängert werden muss, weil
der Beschwerdeführer wiederholt bzw. vorliegend zum dritten Mal um IV-Leistungen
ersucht, obwohl seine Gesuche bereits zweimal rechtskräftig abgewiesen wurden und
er für den allfälligen Leistungsanspruch nach wie vor dieselben Leiden wie beim ersten
Leistungsgesuch geltend macht. Im Übrigen könnte der Beschwerdeführer den
Ausgang des IV-Verfahrens auch im Ausland abwarten, zumal Invalidenrenten
(Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Republik
Serbien über soziale Sicherheit, SR 0.831.109.682.1) zumindest, sofern die Person
nicht zu weniger als zur Hälfte invalid ist, nach Serbien ausbezahlt würden (Art. 5 des
Abkommens). Aus dem Vorhalt des Beschwerdeführers, dass er Opfer des Umbruchs
des Sozialversicherungssystems sei, kann er ebenfalls nichts zu seinen Gunsten
ableiten. Einerseits zeigt er nicht auf, inwiefern sich das System für ihn negativ auf
seine Erwerbsfähigkeit im Rahmen der attestierten Arbeitsfähigkeit ausgewirkt haben
soll. Andererseits hätte er Einwendungen sozialversicherungsrechtlicher Natur (u.a.
Einwände gegen bestimmte Gutachterstellen) in den Beschwerdeverfahren vor
Versicherungsgericht vorbringen können. Die beiden rentenabweisenden Urteile des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 13. März 2013 und 19. Oktober
2018 sind allerdings unangefochten in Rechtskraft erwachsen, und damit steht fest,
dass der Beschwerdeführer in einer leichten, adaptierten Tätigkeit bis mindestens zum
laufenden dritten IV-Verfahren zu 80% arbeitsfähig war. Trotz hoher Arbeitsfähigkeit
unternahm er jedoch zumindest in den Zeiten nach Eingang der jeweils abschlägigen
Urteile des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen und bis zu den
Wiederanmeldungen (März 2013 bis Oktober 2015 und Oktober 2018 bis September
2019) und trotz zweimaliger Verwarnung durch das Migrationsamt keine
Anstrengungen, sich eine existenzsichernde Tätigkeit zu suchen und aufzunehmen. Mit
dem gescheiterten Arbeitsversuch im Mai 2019 hätte der Beschwerdeführer in
Abweichung zur attestierten Arbeitsfähigkeit von 80% mit dem niedrigen Pensum von
30% nur bedingt eine Ablösung von der Sozialhilfe erreichen können. Der
Beschwerdeführer behauptet auch nicht, sich künftig um Arbeit zu bemühen. Dies wird
auch durch die Ausführungen im Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons
St. Gallen, gemäss welchem sich der Beschwerdeführer seit Jahren subjektiv nicht
arbeitsfähig fühlt, bestätigt (E. 6.2, act. MA 701). Und selbst die Verwarnungen des
Migrationsamts führten beim Beschwerdeführer nicht zu einem Umdenken bzw.
Handeln. Nebst dem Alter des Beschwerdeführers (Jahrgang 1966), welches die
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4.
Stellensuche ebenfalls erschweren könnte, und mit seiner subjektiven
Krankheitseinstellung ist eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt weder zu erwarten
noch realistisch.
Für die Beurteilung der Sozialhilfeabhängigkeit ist massgebend, ob die Einkünfte mit
einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf längere Dauer hin als gesichert erscheinen. Im
vorliegenden Fall kann aufgrund der erst unter migrationsrechtlichem Druck zustande
gekommenen und erst ab 1. Oktober 2020 erfolgten Verwandtenunterstützung durch
die Söhne, welche aufgrund der fehlenden Schriftlichkeit und der nicht bekannten
finanziellen Verhältnisse der Söhne unsicher ist, dem offenen Ausgang des IV- und
SUVA-Verfahrens und der fehlenden Erwerbsmöglichkeiten des Beschwerdeführers
nicht von gesicherten zukünftigen Einkünfte ausgegangen werden. Der Widerrufsgrund
nach Art. 62 Abs. 1 lit. e AIG ist damit erfüllt.
3.3.3.
Liegt der Widerrufsgrund der Sozialhilfeabhängigkeit vor, ist zu prüfen, ob die damit
verbundene aufenthaltsbeendende Massnahme verhältnismässig im Sinne von Art. 5
Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101, BV)
und im Anwendungsbereich des Ausländergesetzes von Art. 96 Abs. 1 AIG sowie im
Rahmen von Art. 8 Ziff. 2 der Europäischen Konvention zum Schutze der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101, EMRK) erscheint. Im Rahmen dieser
Verhältnismässigkeitsprüfung zu berücksichtigen sind nach bundesgerichtlicher Praxis
namentlich die Ursachen, weshalb eine Person sozialhilfeabhängig geworden ist bzw.
ob sie ein Verschulden trifft, ihre bisherige Anwesenheitsdauer sowie der Grad ihrer
Integration in der Schweiz. In die Interessenabwägung einzubeziehen sind ferner die
konkreten Verhältnisse im Land, in das die betroffene Person auszureisen hätte, und
die sich daraus für sie ergebenden Auswirkungen auf ihre künftigen Lebensumstände.
Allgemein gebietet der Grundsatz der Verhältnismässigkeit, dass die
Aufenthaltsbeendigung im öffentlichen Interesse geeignet, erforderlich und zumutbar
erscheint, d.h. es muss ein sachgerechtes Verhältnis von Mittel und Zweck bestehen
(BGer 2C_458/2019 vom 27. September 2019 E. 4.3, 2C_83/2018 vom 1. Februar 2019
E. 3.2). Nach einer rechtmässigen Aufenthaltsdauer von rund zehn Jahren kann
regelmässig davon ausgegangen werden, dass die sozialen Beziehungen in diesem
Land so eng geworden sind, dass es für eine Aufenthaltsbeendigung besonderer
Gründe bedarf; im Einzelfall kann es sich anders verhalten, wenn die Integration zu
4.1.
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wünschen übrig lässt (BGE 144 I 266 E. 3.9, BGer 2C_953/2018 vom 23. Januar 2019
E. 3.3.1).
Wie bereits vorstehend in E. 3.3.2 ausgeführt, wäre der Beschwerdeführer nach den
Verwarnungen und den jeweils abschlägigen Urteilen des Versicherungsgerichts des
Kantons St. Gallen gehalten gewesen, sich im Rahmen der gutachterlich attestierten
Arbeitsfähigkeit eine existenzsichernde Tätigkeit zu suchen bzw. aufzunehmen. Den
Akten lassen sich seit 17 Jahren keine Arbeitsbemühungen entnehmen, mit Ausnahme
der auf Anraten des damaligen Rechtsvertreters (act. MA 683) sehr kurzfristigen,
niederprozentigen aufgenommenen Erwerbstätigkeit im Jahr 2019. Die
Nichtwiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit ist gemäss den drei IV-Gutachten nicht
auf medizinische Gründe, sondern auf die subjektive Einstellung des
Beschwerdeführers zurückzuführen. Zudem kam der Beschwerdeführer bereits
während seiner Erwerbstätigkeit ab 1999 nicht mehr seinen finanziellen Verpflichtungen
nach. Laut Auskunft des Betreibungsamtes vom 6. November 2002 war der
Beschwerdeführer ab dem Jahr 1999 mit Betreibungen verzeichnet, bis ins Jahr 2002
mit Verlustscheinen von CHF 77'744.65 (act. MA 17 ff.). Diese Schulden führten am
20. Dezember 1999 auch zur Nichterteilung der Niederlassungsbewilligung (act. MA 70
f.) bzw. am 5. Dezember 2001 zur ersten Verwarnung durch das Migrationsamt (act.
MA 40 f.). Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers ist die Sozialhilfebedürftigkeit
somit im rechtlichen Sinne selbstverschuldet. Angesichts der langjährigen und
umfangreichen Fürsorgeabhängigkeit des Beschwerdeführers besteht ein öffentliches
Interesse an einer Beendigung des Aufenthalts, zumal die milderen Massnahmen (zwei
Verwarnungen) und die diversen Verlängerungen unter Vorbehalt und ohne Präjudiz
keine Verhaltensänderung zu bewirken vermochten (BGer 2C_9/2020 vom 29. Juni
2020 E. 5.3.2, 2C_870/2018 vom 13. Mai 2019 E. 5.3.5).
Zu Gute kommt dem Beschwerdeführer, dass er bereits seit Jahrzehnten in der
Schweiz lebt. Jedoch konnte er sich weder wirtschaftlich noch sozial erfolgreich
integrieren. Seine sozialen Kontakte beschränken sich auf seine beiden Söhne und
Telefonate mit seinen Eltern im Heimatland (Arztbericht von Dr. R._ vom 3. Juli 2020,
act. 2/3, Urteil des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen E. 4.3.5; act. MA
698). Im IME-Gutachten vom 11. Dezember 2017 wurde gar die Diagnose
"Schwierigkeiten bei der kulturellen Eingewöhnung" (ICD-10; Z60.3) gestellt, und dies
nach über 27-jährigem Aufenthalt in der Schweiz. Auch aus der vom Beschwerdeführer
geltend gemachten möglichen ungenügenden medizinischen Versorgung in Serbien
bzw. dem geringeren Anteil an Psychiatern auf 100'000 Einwohner (Psychiaterdichte
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
(...).