Decision ID: bdbc83e9-2cca-5863-9816-66f6a225bbf8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am (...) November 2015 in der Schweiz
um Asyl nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 2. Dezem-
ber 2015 und der Anhörung vom 12. April 2017 machte sie im Wesentlichen
Folgendes geltend:
Sie sei kurdischer Ethnie, in B._, Provinz C._, geboren, wo
sie bis zur neunten Klasse D._ und danach E._ gewesen
sei. Seit 2011 besitze sie die syrische Staatsangehörigkeit. Sie habe an der
Uni (...) Geschichte studiert und dieses Studium (...) abgeschlossen. Seit
(...) sei sie Mitglied der kurdischen F._-Partei, für welche sie Auf-
klärungsarbeit geleistet und diverse Sitzungen in den Dörfern organisiert
habe. (...) sei es in G._ in diesem Zusammenhang zu einem Vorfall
gekommen. Sie habe zusammen mit einem Studienkollegen eine Reise für
ihre Kommilitonen geplant, um sich gegenseitig besser kennenzulernen.
Kurz nach Beginn der Reise seien sie jedoch angehalten und kontrolliert
worden. Sie und ein paar weitere Personen seien nach dem Namen gefragt
worden. Am nächsten Morgen sei sie gerufen und in die Zweigstelle der
politischen Sicherheitskräfte gebracht worden. Dort habe man sie gefragt,
im Auftrag welcher Partei sie diese Reise geplant habe. Da sie gesagt
habe, diese habe nur zum gegenseitigen Kennenlernen gedient, sei sie
über Nacht in einen unterirdischen Raum gesperrt und am nächsten Tag
wiederum dem Befrager gegenübergestellt worden. Sie habe erklärt, nicht
gewusst zu haben, dass eine solche Reise illegal sei und versprochen, es
werde nicht mehr vorkommen. Nachdem sie ein entsprechendes Schrei-
ben unterzeichnet habe, sei sie freigelassen worden.
2011 während der Prüfungsphase seien alle Studenten aufgefordert wor-
den, an eine Kundgebung zu gehen, um Bashar al-Assad zu unterstützen.
Sie und zwei Studienkolleginnen hätten sich geweigert und seien in ihren
Zimmern geblieben. Diese seien jedoch kontrolliert worden, weswegen sie
festgenommen und eingesperrt worden seien. Ihr sei vorgeworfen worden,
regimekritische Parolen an eine Wand gesprüht zu haben. Da sie das nicht
getan habe, habe sie auch verneint, etwas damit zu tun zu haben, weshalb
sie "nach unten" gebracht worden sei, wo sie zum Reden gebracht werden
sollte. Sie sei bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen worden. Nachdem sie
wieder bei Sinnen gewesen sei, habe sie erklärt, alles gestehen zu wollen.
Nachdem der Befrager kurz telefoniert habe, habe sie ein Schreiben unter-
zeichnen und bestätigen müssen, dass sie künftig ihre Studienkollegen für
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die politischen Sicherheitskräfte im Auge behalten werde. Sie sei danach
einmal angerufen worden und habe erklärt, nach den Prüfungen Informati-
onen zu liefern. Nach den Prüfungen und dem Abschluss ihres Studiums
sei sie jedoch nach Hause zurückgekehrt und nicht wieder kontaktiert wor-
den. Das Diplom habe sie durch einen Freund in G._ abholen las-
sen.
Im (...) 2015 habe sie als Geschichtslehrerin eine dreimonatige Mutter-
schaftsvertretung an der Schule in H._ übernommen und unter der
Woche jeweils bei ihrem Onkel in I._ gewohnt. Sie sei die einzige
Kurdin an der Schule gewesen. Eines Tages sei es einer ihrer Schülerinnen
nicht gut gegangen. Diese habe jedoch nicht auf die Krankenstation gehen
wollen, weshalb sie sie in einer freien Stunde nach Hause begleitet habe.
Dort sei sie auf einen Kaffee eingeladen worden. Der Vater habe telefoniert,
kurz bevor sie das Haus verlassen habe. Als sie schliesslich auf dem Rück-
weg zur Schule gewesen sei, sei ein Auto neben ihr zum Stehen gekom-
men und der Fahrer habe sie auf Arabisch begrüsst und sie nach dem Weg
gefragt. Als sie sich vom Auto abgewendet habe, sei sie von hinten ange-
griffen und betäubt worden. Sie sei später gefesselt und mit verbundenen
Augen aufgewacht und habe gehört, wie mehrere Männer den Raum im-
mer wieder verlassen und betreten hätten. Danach hätten sie sie geschla-
gen, bis sie in Ohnmacht gefallen sei. Als sie erwacht sei, habe sie nur das
Wort "Abend" verstanden und daraus geschlossen, dass es schon spät
war. An der BzP machte sie überdies geltend, es habe einen Vergewalti-
gungsversuch gegeben. Später sei sie nochmals geschlagen und dann ge-
fesselt mit einem Fahrzeug in den Wald gebracht worden, wo sie nach un-
gefähr einer halben Stunde von ihrem Onkel und dessen Ehefrau abgeholt
worden sei. Da sie am Vortag nicht nach Hause gekommen sei, habe ihr
Onkel sie in der Schule gesucht, wo er an die Eltern der kranken Schülerin
verwiesen worden sei. Diese hätten sich auf Druck des J._, wel-
chem ihre Cousins angehörten, für ihre Freilassung eingesetzt. Danach sei
sie ein bis zwei Monate bei ihrem Onkel geblieben, bevor sie nach Hause
zu ihrer Familie gegangen sei. Dort seien die Dorfbewohner davon ausge-
gangen, dass sie vergewaltigt worden sei und diese Schande nur mit einer
Heirat bedeckt werden könne. Im (...) 2015 habe sie alles nicht mehr aus-
gehalten, weshalb sie aus Syrien ausgereist und in die Schweiz gekommen
sei, wo sie mehrere Geschwister und weitere Verwandte habe.
Zum Nachweis ihrer Identität reichte die Beschwerdeführerin ihre Identi-
tätskarte im Original ein. Ausserdem legte sie drei behördliche Dokumente
betreffend ihre Reise in die Schweiz, ein Diplom der Universität (...), ein
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Blutspendenausweis, zwei Auszüge aus dem Familienregister, sieben
Schuldokumente, eine Mitgliederbestätigung der F._-Partei, zehn
Fotos betreffend Ihrer Tätigkeiten für die F._-Partei in Syrien, acht
Fotos ihrer Tanzgruppe und Parteitätigkeit in der Schweiz, zwei Fotos von
Ihrer Reise über das Meer Richtung Schweiz sowie drei Fotos einer De-
monstrationsteilnahme in der Schweiz ins Recht.
B.
Mit Verfügung vom 15. Mai 2018 – eröffnet am 17. Mai 2018 – verneinte
die Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte
ihr Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung an. Aufgrund der Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs nahm sie die Beschwerdeführerin
vorläufig in der Schweiz auf.
C.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 15. Juni 2018 be-
antragte die Beschwerdeführerin die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung, die Feststellung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von
Asyl.
In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung unter Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
D.
Mit Schreiben vom 18. Juni 2018 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Juni 2018 hiess die damals zuständige
Instruktionsrichterin das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses.
F.
Mit Schreiben vom 26. November 2019 reichte die Beschwerdeführerin un-
aufgefordert eine Ergänzung ihrer Beschwerde ein.
G.
Mit Verfügung vom 14. Mai 2020 lud die neu zuständige Instruktionsrichte-
rin die Vorinstanz ein, sich zur Beschwerdeschrift vernehmen zu lassen
und bat sie ausdrücklich, sich zur geltend gemachten Reflexverfolgung zu
äussern. Mit Schreiben vom 26. Mai 2020 verzichtete die Vorinstanz auf
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eine Stellungnahme, weshalb die Vernehmlassung lediglich zur Kenntnis
an die Beschwerdeführerin gesandt wurde.
H.
Am (...) heiratete die Beschwerdeführerin einen irakischen Staatsangehö-
rigen, dessen Asylgesuch noch hängig ist.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorlie-
gende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel  so auch vorliegend  endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise solche mit beachtlicher
Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft befürchten muss, sofern ihr
die Nachteile gezielt und aufgrund bestimmter, in Art. 3 Abs. 1 AsylG auf-
gezählter Verfolgungsmotive zugefügt worden sind, respektive zugefügt zu
werden drohen. Die erlittene Verfolgung muss sachlich und zeitlich kausal
für die Ausreise aus dem Herkunftsstaat und grundsätzlich auch im Zeit-
punkt des Asylentscheids noch aktuell sein. Massgeblich für die Beurtei-
lung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation im Zeitpunkt des Entschei-
des, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt der Ausreise bestehende
begründete Furcht vor Verfolgung  im Sinne einer Regelvermutung  auf
eine andauernde Gefährdung hinweist. Veränderungen der Situation zwi-
schen Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asyl-
suchenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2009/51
E. 4.2.5; 2007/31 E. 5.2 f., je m.w.H.).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
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4.
4.1 Die Vorinstanz begründete ihren ablehnenden Asylentscheid mit ihren
Zweifeln am Wahrheitsgehalt der Aussagen der Beschwerdeführerin, da
sie teils realitätsfremde, widersprüchliche sowie unsubstantiierte Angaben
gemacht habe, denen es insbesondere an Realkennzeichen mangle.
So habe sie an der BzP erwähnt, sie sei in H._ von Arabern entführt
worden, als sie eine kranke Schülerin besucht und danach das Haus wie-
der verlassen habe. Anlässlich der Anhörung habe sie hingegen nicht an-
gegeben, eine kranke Schülerin zu Hause besucht zu haben, sondern
diese in einer Freistunde aufgrund ihrer Schmerzen nach Hause begleitet
zu haben. Ihre diesbezüglichen Schilderungen in Bezug auf die Umstände
der kranken Schülerin würden seltsam anmuten. Es widerspreche der Er-
fahrung des SEM, dass Menschen, die unter Schmerzen leiden, unruhig
die Gegend beobachten würden. Die Bilder, welche die Beschwerdeführe-
rin zu vermitteln versuche, würden darauf hindeuten, dass sie ihrer kon-
struierten Geschichte mit solchen Aussagen Nachdruck verleihen wolle.
Des Weiteren habe sie ausgeführt, sie sei auf Arabisch angesprochen wor-
den, als sie das Haus der Schülerin verlassen habe, und kurz darauf be-
wusstlos geworden. Als sie zu sich gekommen sei, hätten die Entführer
eine Sprache gesprochen, die sie nicht gekannt habe. Sie habe nur das
Wort „Abend" verstanden. Direkt auf die Sprache angesprochen habe sie
zu Protokoll gegeben, die Sprache habe nach Arabisch oder Persisch ge-
klungen. Abgesehen davon, dass sie angegeben habe, fliessend Arabisch
zu sprechen und über einen Universitätsabschluss verfüge, sei es realitäts-
fremd zu behaupten, die Sprache habe „nach Arabisch, nach Persisch" ge-
klungen, zumal dies zwei unterschiedliche Sprachen sind, die zudem einer
anderen Sprachfamilie entspringen würden. Es mute auch etwas seltsam
an, dass Sie lediglich (oder gerade) das Wort „Abend" verstanden haben
wolle. Es könne trotz verkürzter BzP erwartet werden, dass die Antworten
wahrheitsgetreu beantwortet würden, weshalb ihr Argument, sie habe an
der BzP nicht die Möglichkeit erhalten, sich näher zu diesen Punkten zu
äussern, nicht überzeuge.
Die Beschwerdeführerin sei im Jahr 2010 von politischen Sicherheitskräf-
ten festgenommen und verhört worden. Sie könne aber nicht mit absoluter
Sicherheit sagen, dass es sich im Jahre 2015 ebenfalls um die politischen
Sicherheitskräfte gehandelt habe. Es sei aber davon auszugehen, dass sie
bemerken müsste, ob es sich bei den Entführern um politische Sicherheits-
kräfte oder um den Daesh handle. Ihre Vermutung betreffend die kranke
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Schülerin, deren Familie möglicherweise dem Daesh angehört habe, über-
zeuge nicht. Es sei realitätsfremd, dass die Schülerin einerseits dem Daesh
angehörig und damit strengen religiösen Regeln unterworfen sein soll und
ihre Familie es anderseits zulasse, dass sie eine gemischte Schule besu-
che.
An der Anhörung habe sie ausserdem die an der BzP geltend gemachte
versuchte Vergewaltigung nicht mehr erwähnt. Sie wisse nicht, was die
Peiniger ihr angetan hätten, als Sie bewusstlos gewesen sei. Der Arzt habe
nur die oberflächlichen Wunden behandelt. Ihr Onkel habe nicht gewagt,
ihr zu sagen, dass sie mit seiner Frau zu einem Arzt gehen solle um fest-
zustellen, ob sie vergewaltigt worden sei. Diese wiederholten Schilderun-
gen und Erklärungen würden erstaunen, da sie an der BzP auf Nachfrage
explizit erwähnt habe, es sei bei einem Vergewaltigungsversuch geblieben.
Da sie sich keiner frauenärztlichen Kontrolle unterzogen habe, liessen sich
diese unterschiedlichen Schilderungen auch nicht in Form einer nachträg-
lich erfahrenen Diagnose erklären.
Abgesehen von den unterschiedlichen Ausführungen enthielten die Schil-
derungen realitätsfremde Aspekte, seien stereotyp und würden keine Re-
alkennzeichen aufweisen. In Bezug auf ihre Schilderungen in der freien
Rede zu ihren Asylgründen sei festzuhalten, dass diese in auffallend chro-
nologischer Manier und mit wenigen Realkennzeichen ausgefallen seien.
Die zu erwartenden Realkennzeichen würden insbesondere in Bezug auf
ihre Gemütslage, Gefühle, Schmerzen und die Vorkommnisse während der
Entführung fehlen. Die zahlreichen stereotypen Aussagen würden vielmehr
den Eindruck vermitteln, dass sie sich an einer Filmszene orientiert habe,
weil sie nicht auf Selbsterlebtes zurückgreifen könne, was den Eindruck
eines konstruierten Vorbringens vermittle. Aufgrund der Unglaubhaftigkeit
der Schilderungen sei nicht weiter auf deren Asylrelevanz einzugehen.
Die beiden Vorfälle in den Jahren 2010 und 2011 hätten zum Zeitpunkt ihrer
Ausreise aus Syrien im (...) 2015 bereits über vier respektive fünf Jahre
zurückgelegen. Es würden keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sie
wegen der geltend gemachten Begebenheiten im Zeitpunkt ihrer Ausreise
noch mit Verfolgungsmassnahmen hätte rechnen müssen. So habe sie
dann auch erklärt, nach ihrer Freilassung bis zur Ausreise in diesem Zu-
sammenhang keine Probleme mehr gehabt zu haben. Der erforderliche
zeitliche Zusammenhang zwischen der geltend gemachten Haft und der
Flucht aus Syrien sei somit nicht gegeben, weshalb die diesbezüglichen
Aussagen nicht auf ihre Glaubhaftigkeit geprüft werden müssten.
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Den Akten sei ausserdem an keiner Stelle zu entnehmen, dass die Be-
schwerdeführerin aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur F._-Partei einer
Verfolgung oder anderen Nachteilen ausgesetzt gewesen sei. In der Erst-
befragung habe sie ihre Zugehörigkeit zur Partei nicht und im Rahmen der
Anhörungen die diesbezüglichen Betätigungen nur auf Nachfrage erwähnt.
Aus dem vage gehaltenen Bestätigungsschreiben der F._-Partei
gehe nicht hervor, weshalb sie bei einer eventuellen Rückkehr nach Syrien
in Lebensgefahr geraten sollte. Ausserdem sei das Bestätigungsschreiben
als mutmassliches Gefälligkeitsdokument zu klassifizieren. Es könne daher
nicht auf eine erfolgte oder drohende zielgerichtete Verfolgung geschlos-
sen werden.
Die exilpolitische Tätigkeit der Beschwerdeführerin liessen nicht ein Bild
einer herausragend aktiven Person entstehen. Demzufolge sei nicht davon
auszugehen, dass sie im Rahmen dieser niederschwelligen Aktionen durch
die Behörden als Regimegegnerin identifiziert und registriert würde. Vor
dem Hintergrund des Überlebenskampfes des syrischen Regimes und der
Intervention aus dem Ausland in diesem Kampf sei es zwar naheliegend,
dass auch rückkehrende Asylbewerber verstärkt unter dem Gesichtspunkt
möglicher Kenntnis von Aktivitäten der Exilopposition verhört würden. Die
Anforderungen an den Exponierungsgrad einer exilpolitisch tätigen Person
zur Bejahung einer Gefährdung bei einer Rückkehr seien jedoch zu vernei-
nen. Insgesamt entstehe aufgrund ihrer Persönlichkeit und der Form der
Auftritte nicht der Eindruck, sie könnte aus Sicht des syrischen Regimes
als potenzielle Bedrohung wahrgenommen werden.
Zuletzt sei vollständigkeitshalber festzuhalten, dass ihre Geschwister und
ihr Schwager in der Schweiz Asyl erhalten respektive als Flüchtlinge aner-
kannt worden seien. Sie habe jedoch in keiner Weise zu erkennen gege-
ben, dass sie wegen ihren Verwandten konkreten Verfolgungsmassnah-
men ausgesetzt gewesen sei oder sie solche befürchtet hätte. Dass ihr im
Falle der Wiedereinreise eine Reflexverfolgung drohen würde, sei aufgrund
der Fallumstände mithin als nicht wahrscheinlich einzustufen.
4.2 Die Beschwerdeführerin entgegnete den Vorwürfen der Vorinstanz fol-
gendermassen:
Im arabischen Sprachgebrauch mache man keinen Unterschied in der Dar-
stellung, jemanden zu besuchen oder jemanden nach Hause zu begleiten
und in der Folge einen Kaffee zu trinken. Mit dem Besuch habe sie vielmehr
die Einladung zum Kaffee bezeichnet. Der summarische Charakter an der
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BzP erlaube es den Asylsuchenden nicht, ihre Erlebnisse im Detail zu schil-
dern. Hinsichtlich der vorgeworfenen widersprüchlichen Angaben zur Spra-
che ihrer Entführer müsse festgehalten werden, dass sie Kurdin und des
Hocharabischen mächtig sei, allerdings nicht alle arabischen Dialekte von-
einander zu unterscheiden vermöge. Die Vielfalt regionaler Dialekte stelle
auch für Personen arabischer Muttersprache eine Herausforderung dar.
Ausserdem sei sie aufgrund der Ereignisse schwer traumatisiert gewesen.
Aus diesem Grund sowie vor dem kulturellen Hintergrund ihres Herkunfts-
landes sei es verständlich, dass sie keine detaillierteren Angaben zur Ver-
gewaltigung habe machen können. Diese Einsicht sei auch der Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts zu entnehmen. Ausserdem weise
sie sehr wohl ein politisches Profil auf und habe sich in Syrien aktiv für die
F._-Partei engagiert. Sie habe sich für die kurdische Kultur und
Sprache und somit für etwas eingesetzt, was vom syrischen Regime offizi-
ell verboten worden sei. Es habe sich bereits 2010 und 2011 gezeigt, dass
die syrischen Behörden ihre kulturelle und politische Tätigkeit nicht tolerie-
ren würden. Das fehlende Vorbringen der Reflexverfolgung sei darauf zu-
rückzuführen, dass sie nie dazu befragt worden sei. Dazu wäre sie auf-
grund der Tatsache, dass mehrere Familienangehörige politisches Asyl er-
halten hätten, jedoch verpflichtet gewesen. Die Annahme der Vorinstanz,
sie habe daher keine Verfolgungsmassnahmen zu befürchten, stelle eine
unbegründete Behauptung dar und beruhe nicht auf einer konkreten Aus-
sage. Ausserdem sei darauf hinzuweisen, dass den syrischen Behörden
bewusst sei, dass sie einer oppositionspolitisch sehr engagierten Familie
entstamme und damit im Falle einer Rückkehr nach Syrien ernsthaft ge-
fährdet sei.
4.3 Mit Schreiben vom 26. November 2019 informierte die Beschwerdefüh-
rerin das Gericht über die Übereinkunft vom 13. Oktober 2019 der Kurden
mit dem syrischen Regime, der syrischen Armee zwecks Verteidigung der
Grenzen gegen die türkischen Invasoren das Vorrücken in die kurdischen
Gebiete in Rojava zu erlauben. Die syrischen Truppen seien bereits in zahl-
reiche Städte eingerückt. Das syrische Regime sei somit daran, auch die
kurdischen Gebiete in Rojava wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Die
türkische Offensive habe laut UNO eine Flüchtlingswelle von 160'000 Men-
schen verursacht, während mehr als 7'500 Kurden aus Syrien, die den
Kämpfen entkommen seien, nun Flüchtlinge im irakischen Grenzkurdistan
seien. Die syrische Armee würde am Flughafen in Al-Qamishli Kurden ver-
haften und gegen von der Yekîneyên Parastina Gel (YPG, Volksverteidi-
gungseinheiten) verhaftete Araber tauschen. Ihre Ausschaffung nach Sy-
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rien würde neben der desaströsen aktuellen Situation für die syrischen Kur-
den überdies bedeuten, dass sie Opfer eines solchen Handels werden
könnte.
5.
5.1 Hinsichtlich der Einschätzung der allgemeinen Lage in Syrien ist auf
das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-5779/2013 vom 25. Februar
2015 zu verweisen. Die Situation in Syrien hat sich seither zwar verändert,
aber nicht verbessert. Durch zahlreiche Berichte ist belegt, dass die staat-
lichen syrischen Sicherheitskräfte seit dem Ausbruch des Konflikts im März
2011 gegen tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner mit grösster
Brutalität und Rücksichtslosigkeit vorgehen. Personen, die durch die staat-
lichen syrischen Sicherheitskräfte als Gegner des Regimes identifiziert
werden, haben eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich
relevanten Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt (vgl. Urteil
des BVGer D-5779/2013 vom 25. Februar 2015 E. 5.7.2 [als Referenzurteil
publiziert]).
5.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen der
Gesuchstellerin. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der
gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen, überwiegen oder
nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesent-
liche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschick-
sals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesent-
lichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vor-
kommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlitte-
nen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinrei-
chende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine
Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüch-
lichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurtei-
lung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Ele-
mente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Sub-
stanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit
usw.), die für oder gegen die Gesuchstellerin sprechen. Glaubhaft ist eine
Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die
Glaubhaftmachung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vor-
bringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we-
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Seite 12
sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver-
haltsdarstellung sprechen (vgl. Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23.
Februar 2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
Der Vollständigkeit halber ist vorerst zu erwähnen, dass die Schlussfolge-
rungen, welche die Vorinstanz aus ihrer Glaubhaftigkeitsprüfung zieht,
durch das Bundesverwaltungsgericht nicht umfassend geteilt werden kön-
nen.
So kann dem dargelegten Widerspruch betreffend den Besuch bei der
Schülerin beziehungsweise die Begleitung der Schülerin nicht gefolgt wer-
den, zumal die Erklärung der Beschwerdeführerin, dies bedeute im arabi-
schen Sprachgebrauch dasselbe, durchaus überzeugt. Auch der Vorwurf,
Menschen die unter Schmerzen leiden würden, würden nicht unruhig die
Gegend beobachten, scheint sehr weit hergeholt. Verhaltensweisen von
Menschen lassen sich nicht derart generalisieren. Auch hinsichtlich des
Verständnisses der arabischen Sprache ist der Beschwerdeführerin beizu-
pflichten. Beim Mithören eines Gesprächs kann das Erkennen einer frem-
den Sprache tatsächlich schwierig sein. Dies ist auch im Fall der Beschwer-
deführerin und trotz ihrer Kenntnisse in Hocharabisch nachvollziehbar, zu-
mal die arabische Sprache unzählige Dialekte aufweist. Dass sie lediglich
das Wort "Abend" verstanden haben will, vermag allein nicht die Schilde-
rung ihrer Entführung in Zweifel zu ziehen. Der persischen Sprache ist die
Beschwerdeführerin nicht mächtig, weshalb der entsprechenden Vermu-
tung wenig Gewicht zukommt.
Die Beschwerdeführerin legt von sich aus dar, dass sie nicht sicher sei, ob
die politischen Sicherheitsbehörden hinter ihrer Entführung stünden oder
möglicherweise doch der Daesh. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz
spricht diese Unwissenheit nicht per se gegen ihre Vorbringen. Das Argu-
ment der Vorinstanz, es sei realitätsfremd, dass die Tochter von Daesh-
Anhängern eine gemischte Schule besuche, ist durchaus berechtigt. Aller-
dings hat die Vorinstanz nicht abgeklärt, ob es sich dabei um die einzige
Schule im Umkreis handelt. Aufgrund der Nebensächlichkeit dieses Argu-
ments kann aber auf eine solche Abklärung auch vorliegend verzichtet wer-
den. Der Vorinstanz ist zwar insofern beizupflichten, als dass die Be-
schwerdeführerin den an der BzP erwähnten Vergewaltigungsversuch an
der Anhörung nicht mehr vorbrachte. Die entsprechende Erklärung, es
habe keine Untersuchung stattgefunden, ist allerdings nicht unplausibel. In
einem islamischen Staat stellt eine Vergewaltigung offensichtlich auch für
das Opfer eine Schande dar. Dass sie sich nicht darum bemüht hat, eine
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solche offiziell nachweisen zu lassen, erscheint durchaus nachvollziehbar,
zumal sie offenbar auch nicht in Erwägung zog, die Verfolger bei der Polizei
anzuzeigen. Überdies wäre wohl durch eine Untersuchung lediglich eine
Vergewaltigung nachzuweisen gewesen, nicht ein entsprechender Ver-
such. Hinzu kommt die Scham, darüber zu berichten. Es mutet allerdings
tatsächlich etwas abenteuerlich an, dass die Beschwerdeführerin mitten in
der Wildnis ausgesetzt worden sein soll, doch ist auch nicht davon auszu-
gehen, dass die Entführer eine verwundete Frau mit zerrissener Kleidung
mitten im Dorf oder vor ihrem Posten abholen lassen oder diese nach
Hause fahren würden. Hinsichtlich des Vorwurfs, die Schilderungen der
Beschwerdeführerin würden keine Realkennzeichen aufweisen, ist festzu-
halten, dass ihre Erzählung tatsächlich etwas spärlich ausgefallen ist. In-
dessen sind ihr auch einige Details zu entnehmen (vgl. etwa die Ge-
sprächswiedergabe mit dem angeblich kranken Mädchen, dass die Mutter
die Tür geöffnet hat, dass der Vater zu diesem Zeitpunkt eben erst nach
Hause gekommen ist, die genaue Ortsangabe bei der Frage des Chauf-
feurs, dass sie sich aus Angst ohnmächtig gestellt hat, dass ihr Onkel sie
beim Auffinden nicht habe ansehen können und sich daher weggedreht
und geraucht hat; vgl. hierzu A13 F59). Letztlich kann ein abschliessendes
Urteil betreffend die Glaubhaftigkeit unterbleiben, zumal es ihr selbst bei
deren Annahme nicht gelungen ist, in nachvollziehbarer Weise eine asyl-
rechtlich relevante Gefährdung im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus Syrien dar-
zutun.
Wie die Vorinstanz bereits darlegte, waren die beiden von der Beschwer-
deführerin geschilderten Vorfälle vom Jahr 2010 und 2011 zeitlich nicht
kausal für ihre Ausreise aus Syrien und folglich bereits aufgrund dessen
nicht asylrelevant. Auch beim letzten Vorfall (Entführung durch Unbe-
kannte) ist das Vorliegen dieses zeitlich notwendigen Elements zumindest
fraglich. So führte sie aus, nach dem Vorfall noch ein bis zwei Monate bei
ihrem Onkel und danach ungefähr zwei Monate bei ihren Eltern gewesen
zu sein und keine Ausreise geplant zu haben (vgl. A13 F84 f.). Angst vor
weiteren Angriffen machte sie nicht geltend. Folglich ist auch nicht von ei-
ner objektiven und/oder subjektiven Furcht vor weiteren Übergriffen durch
die unbekannten Entführer auszugehen. Den Entschluss auszureisen habe
sie erst gefällt, als Leute in ihrer Umgebung – welche offenbar von einer
Vergewaltigung ausgegangen seien – über sie gesprochen und ihr geraten
hätten, so schnell wie möglich einen ihrer Cousins zu heiraten, um diese
Schande zu vertuschen. Sie habe die Situation nicht mehr ausgehalten und
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sei daher in die Schweiz gereist (vgl. A13 F84). Dieser letztlich ausschlag-
gebende Ausreisegrund ist nicht asylrelevant, da er kein asylrelevantes
Motiv im Sinne von Art. 3 AsylG darstellt.
5.3 Aufgrund der allgemeinen Lage in Syrien verfügte die Vorinstanz die
vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz. Die mit
Schreiben vom 26. November 2019 eingereichte Stellungnahme der Be-
schwerdeführerin zur aktuellen Lage in Syrien vermag an der obigen Ein-
schätzung nichts zu ändern, zumal daraus keine Verfolgung ihrer Person
hervorgeht.
5.4 Unter Reflexverfolgung sind behördliche Belästigungen oder Behelli-
gungen von Angehörigen aufgrund des Umstandes zu verstehen, dass die
Behörden einer gesuchten, politisch unbequemen Person nicht habhaft
werden oder schlechthin von deren politischen Exponiertheit auf eine sol-
che auch bei Angehörigen schliessen. Der Zweck einer solchen Reflexver-
folgung kann insbesondere darin liegen, Informationen über effektiv ge-
suchte Personen zu erlangen beziehungsweise Geständnisse von Inhaf-
tierten zu erzwingen (vgl. dazu bspw. Urteil des BVGer D-2037/2016 vom
23. August 2018 E. 4.2.3 m.w.H.). Die Verfolgung von Angehörigen ver-
meintlicher oder wirklicher politischer Oppositioneller durch die syrischen
Behörden ist durch diverse Quellen dokumentiert. Es lassen sich unter-
schiedliche Motive für die Verfolgung von Angehörigen politischer Opposi-
tioneller erkennen. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um
eine Person für ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu be-
strafen, um Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu brin-
gen, um eine Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein
Geständnis zu erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um
Angehörige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die
ihnen aufgrund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen Oppositionel-
len zugeschrieben wird (vgl. zum Ganzen: Urteil des BVGer D-7317/2015
vom 26. März 2018 E. 6.2 m.w.H.).
Was das allfällige Bestehen einer Reflexverfolgung durch die syrischen Be-
hörden wegen der Verwandtschaft der Beschwerdeführerin zu ihren in der
Schweiz lebenden Geschwistern und diversen Verwandten betrifft, ist fest-
zuhalten, dass eine solche im Zeitpunkt der Flucht nicht vorlag beziehungs-
weise geltend gemacht wurde. Die Beschwerdeführerin bringt erst auf Be-
schwerdeebene eine Reflexverfolgung vor. Aufgrund politischer Tätigkeit
hätten zwei ihrer Brüder, eine Schwester und diverse Onkel und Tanten in
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der Schweiz Asyl erhalten. Die Vorinstanz war sich dieser Verwandt-
schaftsverhältnisse bewusst, hat diese aber aufgrund des fehlenden Vor-
bringens durch die Beschwerdeführerin nicht geprüft und sich nicht dazu
vernehmen lassen. Da die Beschwerdeführerin die mögliche Reflexverfol-
gung erst auf Beschwerdeebene vorbringt, diese kaum begründet ist und
ihr daraus keine asylrelevanten Vorfluchtgründe zu entstanden sein schei-
nen, ist der Vorinstanz beizupflichten, dass diese nachgeschoben wirkt. Al-
lerdings sind die verwandtschaftlichen Verhältnisse im Rahmen der folgen-
den Prüfung allfälliger objektiver Nachfluchtgründe zu berücksichtigen.
5.5 Im Falle einer Rückkehr nach Syrien hätte die Beschwerdeführerin da-
mit zu rechnen, dass sie durch Angehörige der syrischen Sicherheitskräfte
einer einlässlichen Kontrolle unterzogen wird (vgl. Urteil des BVGer
D-3839/2013 vom 28. Oktober 2015 E. 6.3.1 [als Referenzurteil publiziert]).
Wenngleich die Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt der Ausreise aus Sy-
rien im Jahr 2015 nicht aktuell verfolgt war und auch keine begründete
Furcht vor Verfolgung hegen musste, gilt es deshalb zu prüfen, ob ihr heute
für den Fall einer (hypothetischen) Rückkehr nach Syrien aufgrund bereits
vor der Ausreise vorhandener oder sich nach der Ausreise ergebender Ri-
sikofaktoren im Sinne von objektiven Nachfluchtgründen eine begründete
Furcht vor Verhaftung und Folter und mithin ernsthaften asylrechtlich rele-
vanten Nachteilen zu attestieren ist.
5.5.1 Die Beschwerdeführerin ist seit (...) Mitglied der F._-Partei
und war bereits zuvor für die Partei aktiv (vgl. A13 F87). Für die Partei hat
sie Krankenschwester- und Sprachkurse aufgebaut sowie Aufklärungsko-
mitees und Sitzungen organisiert. Letztere hat sie auch in anderen Dörfern
geleitet (vgl. A13 F38 ff.). Im Jahr 2010 war sie aufgrund ihres politischen
Aktivismus bereits kurzzeitig von politischen Sicherheitskräften auf den
Posten zitiert, dort festgehalten und verhört worden, da sie eine Studien-
reise organisiert hat (vgl. A13 F49 ff. und F61 ff.). Ende Mai 2011 hat sie
sich geweigert, an einer Demonstration als scheinbare Unterstützerin für
Bashar al-Assad teilzunehmen, weshalb sie erneut zum Posten gebracht
worden war. Dabei wurde sie geschlagen und ihr wurde vorgeworfen, Pa-
rolen an eine Wand geschrieben zu haben. Gegen das Versprechen, den
Sicherheitskräften Informationen zu ihren Studienkollegen zu liefern, ist sie
freigelassen worden (vgl. A13 F52 und F65 ff.). Danach ist sie nicht mehr
verfolgt worden, da sie kurz darauf das Studium abgeschlossen und
G._ verlassen hat. Das Abschlusszeugnis hat sie nicht mehr selbst
abholen können, sondern von einem Freund abholen lassen (vgl. A13 F55
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ff., F67 f. und F104). Auch in der Schweiz ist die Beschwerdeführerin wei-
terhin politisch tätig. Sie ist Teil einer Tanzgruppe und nimmt an monatli-
chen Sitzungen der F._-Partei teil. Ihr ist sogar eine leitende Funk-
tion angeboten worden, die sie aber aufgrund der fehlenden regionalen
Kenntnisse abgelehnt hat (vgl. A13 F88 ff.). Ihre politische Aktivität unter-
mauert sie mit zahlreichen Fotos aus Syrien und der Schweiz (vgl. A12 BM
1 und 2, vgl. auch A13 F9 f.).
5.5.2 Die Beschwerdeführerin hat in der Schweiz diverse Verwandte, wel-
chen politisches Asyl gewährt wurde. Ihr Bruder K._ (N [...]) ist ak-
tives Mitglied der F._-Partei und in einer der Partei nahestehenden
Musikfolkloregruppe gewesen. Bei einem Auftritt dieser Band am (...) in
seinem Dorf ist es zu einer Auseinandersetzung mit den Behörden gekom-
men. Später ist er deswegen gesucht worden und daher nach G._
zurückgekehrt. Im (...) 2010 ist er mit seiner sehr stark politisch tätigen
Tante L._ (N [...]), die aufgrund ihrer politischen Tätigkeit
(F._-Partei) mehrmals über längere Zeit inhaftiert und gefoltert wor-
den war, aus Syrien ausgereist, nachdem sie in ihrem Laden gesucht wor-
den war, aber nur er dort anwesend war. Die Behörden haben seine Per-
sonalien abgenommen und ihn danach festnehmen wollen. Er hat aber flie-
hen und die Tante warnen können. Zusammen sind sie ausgereist und ha-
ben in der Schweiz Asyl erhalten. M._ (N [...]) – der Ehemann der
Schwester der Beschwerdeführerin, N._ – ist ebenfalls Mitglied der
F._-Partei. Er wurde unter dem Vorwurf, die Freie Syrischen Armee
(FSA) zu unterstützen, verhaftet und gefoltert. Mithilfe einer Kontaktperson
wurde er unter der Bedingung entlassen, künftig als Spitzel für das Regime
tätig zu sein. Er floh mit seiner Familie in die Schweiz, wo er Asyl erhielt.
Der Bruder der Beschwerdeführerin, O._ (N [...]), ebenfalls aktives
Mitglied der F._-Partei, war von feindlichen Milizionären festgenom-
men worden und ist einer Hinrichtung nur durch einen Gefangenentausch
mit der P._ -Partei entkommen. Letztere wollte ihn anschliessend
rekrutieren. Da er sich geweigert hat, war er gezwungen, das Land zu ver-
lassen. Ein Onkel der Beschwerdeführerin, Q._ (N [...]), war
P._ -Kadermitglied und wurde in der Schweiz als Flüchtling vorläufig
aufgenommen. Bei den beiden Schwestern der Beschwerdeführerin,
R._ (N [...]) und S._ (N [...]) wurde die Reflexverfolgung ver-
neint (vgl. D-7735/2015 vom 30. März 2016 und D-4845/2019 vom 3. Juli
2020). Im Unterschied zum vorliegenden Fall waren den Schwestern die
Asylvorbringen grösstenteils nicht geglaubt worden.
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5.5.3 Die Beschwerdeführerin stammt folglich aus einer politischen Fami-
lie, von welcher viele Mitglieder in der Schweiz politisches Asyl erhalten
haben. Ihre politische Tätigkeit in Syrien sowie in der Schweiz erfährt damit
eine Akzentuierung. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass dieser familiäre
und politische Hintergrund bei der Einreisekontrolle im Falle einer Rück-
kehr nach Syrien seitens der Behörden festgestellt würde. Es ist anzuneh-
men, dass die Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Syrien als Mit-
glied einer politisch oppositionell tätigen Familie eingestuft und zwecks wei-
terer Abklärungen beziehungsweise Befragungen den syrischen Geheim-
diensten übergeben würde. Angesichts der notorischen Vorgehensweise
des syrischen Machtapparats gegen Personen, die als Regimegegner ein-
gestuft werden, hat sie deshalb begründeten Anlass anzunehmen, dass sie
eine Behandlung erwartet, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfol-
gung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt. Die von der Beschwerdefüh-
rerin geäusserte subjektive Furcht vor Nachstellungen des syrischen Re-
gimes beziehungsweise vor einer menschenrechtswidrigen Behandlung im
Rahmen der bei einer Rückkehr vorzunehmenden Sicherheitsüberprüfung,
ist daher objektiv nachvollziehbar. Diesbezüglich ist ergänzend darauf hin-
zuweisen, dass die Schwelle zur Annahme begründeter Furcht bei Perso-
nen, die – wie die Beschwerdeführerin – in der Vergangenheit bereits Opfer
von Verfolgung geworden waren, ohnehin herabgesetzt ist (vgl. BVGE
2010/9 E. 5.2).
5.6 Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Beschwerdeführerin auf-
grund der vorstehenden Sachverhaltselemente von den staatlichen Sicher-
heitskräften als (zumindest potentielle) Regimegegnerin eingestuft würde.
Eine innerstaatliche Schutzalternative steht ihr nicht offen. Es ist ihr daher
für den Fall einer Rückkehr nach Syrien zum heutigen Zeitpunkt eine be-
gründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG zu
attestieren. Demzufolge ist sie als Flüchtling anzuerkennen. Mangels An-
zeichen für das Vorliegen eines Ausschlussgrundes (Art. 53 AsylG) ist ihr
in der Schweiz Asyl zu gewähren (vgl. Art. 49 AsylG).
6.
Die Beschwerde ist daher gutzuheissen. Die angefochtene Verfügung vom
15. Mai 2018 ist aufzuheben, die Beschwerdeführerin als Flüchtling anzu-
erkennen und die Vorinstanz anzuweisen, ihr Asyl zu gewähren.
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
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7.2 Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Seitens des Rechtsvertreters wurde keine Kostennote eingereicht, wes-
halb das Honorar aufgrund der Akten festzulegen ist (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Unter Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren
(Art. 8 – 11 VGKE) ist die Parteientschädigung auf Fr. 1'000.– (inkl. Ausla-
gen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen. Die Vorinstanz ist anzu-
weisen, der Beschwerdeführerin diesen Betrag als Parteientschädigung zu
entrichten.
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