Decision ID: 25e1e620-4076-5df8-a5e7-a2e24e3ceaa7
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 2. Oktober 2019 in der Schweiz um
Asyl. Am 8. Oktober 2019 fand die Personalienaufnahme und am 14. Ok-
tober 2019 ein Dublin-Gespräch statt. Das eingeleitete Dublin-Verfahren
wurde am 28. November 2019 beendet und das nationale Asyl- und Weg-
weisungsverfahren aufgenommen. Die Erstbefragung fand am 21. Januar
2020 statt. Mit Zwischenverfügung des SEM vom 27. Januar 2020 wurde
der Beschwerdeführer dem erweiterten Verfahren zugeteilt. Am 12. Feb-
ruar 2021 und 16. März 2021 fanden ergänzende Anhörungen statt.
Der Beschwerdeführer führte zur Begründung seines Asylgesuchs im We-
sentlichen aus, er sei syrischer Staatsangehöriger kurdischer Ethnie und
im Dorf B._ in Syrien geboren. Nach seiner Geburt sei die Familie
in das Quartier C._ (arabisch: C._) in D._ gezogen.
Er stamme aus einer politisch aktiven Familie. Alle Familienmitglieder hät-
ten – teilweise langjährige – Tätigkeiten für die Partiya Karkerên Kurdistanê
(PKK), Partiya Yekîtiya Demokrat (PYD) oder Yekîneyên Parastina Gel
(YPG/J) ausgeführt. Zwei Brüder hätten sich 1988 beziehungsweise 1993
der PKK angeschlossen und seien (...) beziehungsweise (...) als Märtyrer
gestorben. Ein anderer Bruder sei ungefähr (...) beim Versuch, sich der
PKK anzuschliessen, von den syrischen Behörden für drei bis vier Monate
verhaftet und gefoltert worden und habe in der Folge den Verstand verlo-
ren. Ein weiterer Bruder arbeite für die (...) der autonomen Region Kurdis-
tans und ein anderer für die PYD. Ferner lebten zwei Brüder seit über 20
Jahren in E._ und eine Schwester habe im Rahmen des Familien-
nachzugs in der Schweiz Asyl erhalten. Bereits als Kind habe der Be-
schwerdeführer verbotene soziale Aktivitäten für die PKK ausgeübt und
mitgeholfen, Hilfsgüter und Geld für Bedürftige im Nordirak zu sammeln.
Später habe er beispielsweise in Theaterstücken mitgewirkt, an Newroz-
Festen teilgenommen, Folklore getanzt, Flugblätter verteilt und zwei Mal
pro Woche an Parteisitzungen teilgenommen. Nach einer Tanzdarbietung
bei der Newroz-Feier im (...) 1998 sei er von der syrischen Polizei einver-
nommen worden. (...) habe er das Militärdienstbüchlein erhalten. Er sei
weder rekrutiert worden noch habe er ein Aufgebot für den Militärdienst
erhalten. Am (...) 1999 sei er ein zweites Mal festgenommen worden. Er
sei über seine Familienmitglieder befragt und ein Dossier sei über ihn er-
stellt worden. Auch dieses Mal sei er nicht inhaftiert worden. 1999 habe er
Syrien verlassen und sei F._ gereist. Zwischen 1999 und 2003 sei
er mehrmals nach Syrien zurückgekehrt. (...) habe er (...) an einem Treffen
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der PKK in Syrien teilgenommen. Kadermitglieder der PKK hätten über die
Gründung der Partei PYD in Syrien informiert. Seit deren Gründung am
20. September 2003 sei er ziviles, politisches Mitglied gewesen und habe
Aktivitäten wie beispielsweise die Teilnahme an Demonstrationen und das
Verteilen von Flyern nur noch für die PYD weitergeführt. Im Herbst (...)
habe er in D._, Syrien, geheiratet. Kurz danach, im (...) 2003, habe
eine Patrouille der syrischen Behörden eine Razzia zu Hause durchge-
führt. Sie hätten gefragt, weshalb er nicht im Militärdienst gewesen sei.
Eine schriftliche Aufforderung habe er nicht erhalten. Er sei geflohen und
für ungefähr drei Monate zu seinem Onkel mütterlicherseits gegangen.
Nach den Vorfällen im Fussballstadion in Kamishli im März 2004 habe er
auf Anraten seiner Familie Syrien verlassen und sei erneut F._ ge-
gangen. Er habe sich danach nur noch F._ für die Rechte der Kur-
den eingesetzt. Dabei habe er beispielsweise an Demonstrationen, Protes-
ten, Kulturanlässen und Sitzungen teilgenommen, Folkloreanlässe und
kurdischen Sprachunterricht organisiert sowie Aktivitäten für Jugendliche
koordiniert. Er habe drei Kulturvereine geleitet und Tanzunterricht gege-
ben. Als im Juli 2006 der Krieg zwischen Israel und Libanon ausgebrochen
sei und in Syrien die Grenzen für alle Libanesen geöffnet worden seien, sei
er für ungefähr eineinhalb Monate nach G._, Syrien, gegangen.
Nach der Rückkehr F._ sei er dort 2007 oder 2008 von der Informa-
tionsabteilung zwei Stunden festgenommen und zu seiner Familie sowie
Arbeit befragt worden, weil er oft Besuch von politischen Personen erhalten
habe. 2010 sei er F._ auf dem Rückweg von der Newroz-Feier von
einer militärischen Gruppe zufällig verhaftet worden, weil es bei einem in
der Nähe stattfindenden Fussballspiel Probleme gegeben habe. Weil er
keine gültigen Identitätspapiere gehabt habe, sei ihm mitgeteilt worden, er
dürfe nicht mehr F._ bleiben, würde aber nicht nach Syrien wegge-
wiesen werden. 2010 sei er illegal für zehn Tage nach D._, Syrien,
zurückgekehrt, weil sein Vater krank gewesen sei. Die Ausstellung einer
syrischen Identitätskarte sei ihm verweigert worden, weil (...) Familienan-
gehörige von den syrischen Behörden gesucht würden. Anlässlich der drit-
ten Anhörung erwähnte er, dabei von einem Strafverfahren gegen ihn er-
fahren zu haben. Er sei illegal F._ zurückgekehrt und 2011 sei sein
Vater gestorben. Im Sommer 2014, als er ohne seine Frau und Kinder ver-
sucht habe, die Grenze nach Syrien illegal zu überqueren, sei er von (...)
Tage festgenommen worden. Weil er eine gefälschte Identitätskarte auf
sich gehabt habe und ihnen deshalb seine richtige Identität nicht bekannt
gewesen sei, sei er freigelassen worden und nach D._, Syrien, ge-
langt. Die Ortschaft sei durch den IS eingekesselt gewesen. Er habe da-
mals nicht zur Waffe gegriffen und nicht direkt am Krieg teilgenommen,
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sondern Nahrungsmittel für Bedürftige verteilt, Verletzte versorgt und Lei-
chen transportiert. Die Kämpfe hätten über drei Monate gedauert. Viele
Kurden seien in die Türkei geflohen. Er habe sich ihnen aufgrund seiner
Tätowierungen mit Aufschriften der PKK nicht anschliessen können. Ende
2016 sei er von D._ nach G._ gelangt. Mit einer gefälschten
Identitätskarte habe er nach H._ fliegen und von dort 2016 illegal
F._ gelangen können. Er habe sich von seiner Frau, mit der er drei
gemeinsame Kinder habe, scheiden lassen. Seine Frau und die gemeinsa-
men Kinder befänden sich seit 2016 in I._. 2017 Jahr habe er sich
auf der syrischen Botschaft einen Pass ausstellen lassen und am 5. De-
zember 2018 F._ legal verlassen können.
In der Schweiz habe er einmal an einem Protest teilgenommen. Danach
sei er nicht mehr politisch aktiv gewesen. Er habe erfahren, dass ein
Freund seines Bruders, der drei Jahre bei seiner Familie in D._,
Syrien, gelebt habe, vom syrischen Regime verhaftet worden sei. Die syri-
schen Behörden hätten bei dessen Befragung herausgefunden, dass die-
ser als Spitzel für den türkischen Geheimdienst gearbeitet habe. Ob dieser
ihn denunziert habe, wisse er nicht. Er fürchte sich nicht nur vor Problemen
mit den syrischen Behörden, sondern auch vor dem türkischen Geheim-
dienst.
Von seiner Kernfamilie lebten heutzutage noch zwei Schwestern, drei Brü-
der und seine Mutter in Syrien.
Er sei psychisch angeschlagen und habe regelmässig Albträume.
Der Beschwerdeführer reichte seinen Reisepass, die Identitätskarte, sein
Militärbüchlein – alle im Original – sowie diverse Fotos von Familienange-
hörigen und politischen Tätigkeiten und Screenshots einer Videoaufnahme
von einer Feier nach seiner Ankunft F._ Ende 2016 – alle in Kopie
– ein.
B.
Mit Verfügung vom 8. April 2021 (eröffnet am 12. April 2021) verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers, lehnte sein Asyl-
gesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz. Es stellte fest,
der Beschwerdeführer sei wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs vorläufig aufzunehmen.
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C.
Mit Eingabe vom 27. April 2021 erhob der Beschwerdeführer am Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben. Es sei festzustellen, dass er die Flüchtlingseigen-
schaft erfülle und es sei ihm in der Schweiz Asyl zu gewähren. In prozessu-
aler Hinsicht sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren, auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten und ihm sei ein amtli-
cher Rechtsbeistand zu bestellen. Der Beschwerde lag die Honorarnote
bei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerde-
führer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
2.2 Der Wegweisungsvollzug wurde zugunsten einer vorläufigen Auf-
nahme aufgeschoben und bildet deshalb nicht Gegenstand des Beschwer-
deverfahrens.
2.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 3
AsylG).
3.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch exilpolitische Aktivitä-
ten – eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht soge-
nannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend.
Solche begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3
AsylG, führen jedoch gemäss Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls,
unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich ge-
setzt wurden. Stattdessen werden Personen, die subjektive Nachflucht-
gründe nachweisen oder glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläu-
fig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
3.4 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 und Art. 3 AsylG).
4.
Die Vorinstanz hält in ihrer Verfügung fest, der Beschwerdeführer bringe
erst in der dritten Befragung vor, dass in Syrien ein Strafverfahren gegen
ihn bestehe, obwohl er anlässlich der ersten und zweiten Befragung aus-
führlich Gelegenheit dazu gehabt habe. Es liege kein plausibler Grund vor,
weshalb er nicht früher darüber berichtet habe. Anlässlich der dritten An-
hörung habe er zudem mehrfach die Gelegenheit erhalten, mehr über das
vorgebrachte Strafverfahren zu schildern. Seine Ausführungen seien pau-
schal, substanzlos und ohne jeglichen Bezug zu seiner Person geblieben,
weshalb das Vorbringen den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss
Art. 7 AsylG nicht standhalte.
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Seite 7
Der Beschwerdeführer habe den Wehrdienst nicht verweigert. Ihm sei zwar
ein Militärdienstbüchlein ausgestellt worden, er habe die militärische Aus-
hebung jedoch nicht vollständig durchlaufen. Nach dem Erhalt des Militär-
dienstbüchleins habe er nie eine schriftliche Aufforderung, einen Marsch-
befehl oder sonstige Briefe der Behörden erhalten. Seinen Ausführungen
sei auch nicht zu entnehmen, dass er von der syrischen Armee als dienst-
tauglich erklärt und tatsächlich einberufen worden sei. Daran ändere auch
nichts, dass die syrischen Behörden während einer Razzia im (...) 2003
bei ihm zu Hause seine Mutter gefragt hätten, weshalb er keinen Militär-
dienst leiste. Allein der Umstand, dass er sich vor einem zukünftigen Ein-
zug in den Militärdienst fürchte, vermöge gemäss ständiger Praxis die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG nicht zu begründen.
Die vorgebrachten Festnahmen (...) und (...) seien für seine letzte Ausreise
aus Syrien 2016 nicht kausal und damit flüchtlingsrechtlich nicht relevant.
Er sei danach mehrmals nach Syrien zurückgekehrt und habe unter ande-
rem (...) offiziell in D._, Syrien, geheiratet. Nach (...) sei er zudem
weder verhaftet worden noch habe er ernsthafte Probleme mit den syri-
schen Behörden gehabt. Seinen Ausführungen sei zu entnehmen, dass er
letztmals (...) in Syrien politisch aktiv gewesen sei. Es sei deshalb fraglich,
weshalb er zum heutigen Zeitpunkt noch in den Fokus der syrischen Be-
hörden geraten solle. Seine damaligen politischen Aktivitäten seien als nie-
derschwellig zu betrachten, weil er nie eine führende oder besonders ex-
ponierte politische Position innegehabt habe. Hierfür spreche ebenfalls,
dass weder er noch Familienangehörige seit 2003 konkrete Probleme mit
den syrischen Behörden gehabt hätten. Die geltend gemachte Razzia 2003
habe er nicht in Zusammenhang mit seinen politischen Tätigkeiten ge-
bracht. Auch das einmalige Zusammenkommen mit Führungspersonen der
PKK (...) vermöge sein politisches Profil nicht wesentlich zu schärfen.
Er habe die politischen Aktivitäten seiner Familie mit zahlreichen Fotos be-
legt und gewisse Familienmitglieder hätten vor langer Zeit Probleme mit
den syrischen Behörden gehabt. Sowohl seine Mutter als auch drei Brüder
und zwei Schwestern würden immer noch in Syrien leben, ohne ernsthafte
Nachteile zu erleiden. Seine Ausführungen zu den politischen Aktivitäten
seiner Familienmitglieder enthielten somit keine weiteren Hinweise, wes-
wegen er aktuell oder in Zukunft Nachteile seitens der syrischen Behörden
zu gewärtigen hätte. Hierfür spreche ebenfalls, dass er nach den beiden
Festnahmen mehrmals zwischen 1999 und 2003 nach Syrien zurückge-
kehrt sei und sich längere Zeit dort aufgehalten habe. Seine offizielle Hoch-
zeit in D._ im Herbst (...) spreche ebenfalls gegen die zu diesem
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Zeitpunkt bereits geltend gemachte Verfolgung durch den syrischen Staat.
Auch erstaune der Versuch, sich (...) eine Identitätskarte ausstellen zu las-
sen, hätte er tatsächlich Angst vor einer Verfolgung gehabt. Nach der Raz-
zia 2003 sei er noch weitere drei Male nach Syrien zurückgekehrt. Unter
der Annahme, dass er zu dieser Zeit in Syrien flüchtlingsrechtlich relevante
Nachteile zu befürchten gehabt habe, sei dies nicht nachvollziehbar. Auch
die Vorbringen seiner Schwester und die seiner Ex-Frau enthielten keine
Hinweise auf eine mögliche Verfolgung durch die syrischen Behörden. Da-
nach gefragt, was er konkret bei einer Rückkehr nach D._, Syrien,
zu befürchten habe, sei seine Antwort allgemein und ohne Bezug auf seine
Person ausgefallen, obschon er explizit aufgefordert worden sei, nicht all-
gemein zu berichten. Er habe lediglich ausgeführt, weshalb die Kurden so-
wohl seitens des syrischen Regimes, des türkischen Geheimdienstes als
auch seitens der Araber in Gefahr seien. Dem Protokoll der ersten Anhö-
rung könne zudem entnommen werden, dass er nicht wegen flüchtlings-
rechtlich relevanter Nachteile Syrien Ende 2016 endgültig verlassen habe,
sondern wegen der allgemeinen Lage nach dem Angriff durch den IS. Es
sei ferner nicht ersichtlich, weswegen er aufgrund seiner Familie eine Re-
flexverfolgung in Syrien zu befürchten habe.
Er verfüge über kein exponiertes exilpolitisches Profil, welches aus Sicht
der syrischen Behörden als Bedrohung angesehen werden könne. Es lä-
gen keine Hinweise vor, welche darauf schliessen liessen, dass das syri-
sche Regime sein Engagement im Exil als regimefeindlich taxiert habe. In
der Schweiz würde er keinerlei politische Tätigkeiten ausüben. Auch mit
seinen jahrelangen politischen Aktivitäten F._ würde er nicht erheb-
lich aus der Masse an regimekritischen Kurden herausstechen.
Aufgrund der Aktenlage könne nicht geschlossen werden, dass er wegen
der geltend gemachten Probleme F._ – drei Festnahmen durch die
Behörden – auch in Syrien entsprechende Nachteile zu befürchten habe,
weshalb darauf verzichtet werde, von ihm F._ Erlebtes im Asylent-
scheid zu thematisieren. Betreffend die befürchtete Gefahr durch den tür-
kischen Geheimdienst erscheine es nicht als überwiegend wahrscheinlich,
dass er persönlich denunziert worden sei. Es möge sein, dass die türki-
schen Behörden einen gewissen Einfluss in D._, Syrien, hätten.
Seinen Aussagen sei jedoch nicht zu entnehmen, inwiefern der türkische
Geheimdienst solch eine Macht ausüben könne, dass er in Syrien ernst-
hafte Nachteile dadurch zu befürchten habe.
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Schliesslich hält die Vorinstanz fest, dass die Rechtsprechung das Vorlie-
gen einer Kollektivverfolgung der Kurden in Syrien verneine. Auch ange-
sichts des türkischen Einmarsches in Nordsyrien sei nicht davon auszuge-
hen, dass sämtliche in Syrien und insbesondere in Nordsyrien verbliebe-
nen Kurden derzeit eine objektiv begründete Furcht vor Verfolgung hätten.
Die bedauerlichen Vorfälle in Kamishli 2004 und in Kobane 2016 ständen
im Zusammenhang mit der allgemeinen Sicherheitslage in Syrien und hät-
ten keinen direkten Bezug zu seiner Person, weshalb diese Vorbringen
nicht flüchtlingsrechtlich relevant seien.
5.
5.1 Nach Prüfung der Akten durch das Gericht ist in Übereinstimmung mit
der Vorinstanz festzustellen, dass die Vorbringen des Beschwerdeführers
weder den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG noch den an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG standzuhalten
vermögen, weshalb vorab auf die ausführlichen und zutreffenden Erwägun-
gen der Vorinstanz zu verweisen ist.
5.2 Dem Beschwerdeführer ist zwar zuzustimmen, dass er schon in der
ersten Anhörung erwähnte, beim Versuch, eine Identitätskarte ausstellen
zu lassen, erfahren zu haben, dass er und weitere Brüder von der Behörde
gesucht werden würden. Dass er nie konkret über ein Strafverfahren be-
richtet haben soll ist jedoch aktenwidrig. So ist dem Wortlaut des Protokolls
der dritten Befragung klar zu entnehmen, dass er geltend macht, er habe
2010 erfahren, dass gegen ihn ein Strafverfahren hängig sei. Die Vor-
instanz hält zu Recht fest, dass er erst anlässlich der dritten Anhörung er-
wähnte, dass es sich bei der behördlichen Suche nach ihm um ein Straf-
verfahren handeln soll. Es erscheint nicht plausibel, dass er nicht schon
früher darüber berichtete. Zudem bleiben – wie von der Vorinstanz zutref-
fend aufgeführt – seine Schilderungen zum geltend gemachten Strafver-
fahren auf Nachfrage pauschal, substanzlos und ohne jeglichen Bezug zu
seiner Person. Die Vorinstanz erachtete das geltend gemachte Strafver-
fahren deshalb zu Recht als unglaubhaft.
5.3 Die Vorinstanz hält sodann zutreffend fest, dass der Beschwerdeführer
kein Wehrdienstverweigerer ist, weil er seine Aushebung nicht vollständig
durchlaufen hat und von den syrischen Behörden somit nie für militär-
diensttauglich eingestuft wurde. Die Razzia 2003 kann, wie von der Vor-
instanz korrekt festgehalten, eine offizielle Einberufung in den Militärdienst
nicht ersetzen, zumal seine Diensttauglichkeit nicht festgestellt wurde. Im
Weiteren lässt sich den Akten auch nicht entnehmen, dass es nach der
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Razzia 2003 diesbezüglich zu Behördenkontakten kam. Er hat sich damit
nicht der Dienstpflicht in der staatlichen Armee entzogen und gilt nicht als
Wehrdienstverweigerer (zum Ablauf der Rekrutierung zum Militärdienst in
die staatliche Armee Syriens vgl. SFH, Syrien: Rekrutierung durch die sy-
rische Armee, 30. Juli 2014, S. 1 ff. sowie Urteile des BVGer D-5806/2019
vom 9. April 2021 E. 6.2; D-1794/2020 vom 5. Juni 2020 E. 7.5; D-
5253/2018 vom 4. Oktober 2018 E. 5.2.3). Im vom Beschwerdeführer zi-
tierten Bericht wird festgehalten, dass Männer, welche den dreimonatigen
Militärdienst nicht geleistet hätten eine Befreiungsgebühr über 8000 Dollar
bezahlen müssten, ansonsten ihr Vermögen beschlagnahmt werden
könnte (https://www.hrw.org/news/2021/02/09/syrian-military-evaders-face
-unlawful-seizure-property-assets, abgerufen am 24.06.2021). Es ist davon
auszugehen, dass diese Regelung lediglich auf Personen angewendet
wird, welche ausgehoben und für militärdiensttauglich befunden wurden.
Der Beschwerdeführer ist von dieser Regelung deshalb nicht betroffen.
Ganz abgesehen davon, dass es sich dabei bereits mangels Intensität
nicht um eine asylrechtlich relevante Massnahme handeln dürfte.
5.4 Die Vorinstanz hält zu Recht fest, dass die geltend gemachten Fest-
nahmen (...) und (...) sowie die Razzia 2003 nicht kausal für seine letzte
Ausreise aus Syrien 2016 und damit flüchtlingsrechtlich nicht relevant sind.
Sie hat keinen Zweifel an seinen politischen Aktivitäten in Syrien und
F._. Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers, ging die Vor-
instanz aber zu Recht davon aus, dass er seine politischen Aktivitäten in
Syrien (...) beendet hat. So erwähnte er dies selber regelmässig in seinen
Befragungen (SEM-Akten A31 F28, S. 6; A53 F50 f. und F64). Sie bestrei-
tet auch nicht, dass Kurden Probleme mit Behörden bekommen können
und dass er aufgrund seiner politischen Aktivitäten (...) und (...) verhört
und ihm (...) die Ausstellung der Identitätskarte verweigert wurde. Sie hält
jedoch zu Recht fest, dass keine konkreten Hinweise darauf bestehen,
dass die syrischen Behörden aktuell ein Interesse an ihm haben oder er
vom türkischen Spitzel denunziert wurde. Dass er mehrmals, wenn auch
jeweils nur kurze Zeit, nach Syrien zurückgekehrt ist und (...) offiziell in
D._, Syrien, heiraten konnte, sind Indizien dafür, dass er damals
nicht im Fokus der syrischen Behörden stand. Er erwähnte zwar, von einem
Dossier gegen ihn erfahren zu haben, als er versucht habe, die Identitäts-
karte ausstellen zu lassen. Dass es sich dabei um ein Strafverfahren han-
delt, ist jedoch, wie weiter oben erläutert, unglaubhaft. Weshalb dieses
Dossier – wenn überhaupt – konkret eröffnet wurde, bleibt unklar. Jeden-
falls sind mittlerweile ungefähr zehn Jahre vergangen, seine Familienmit-
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glieder konnten unbehelligt in Syrien leben und den Akten sind keine wei-
teren Hinweise für eine heutige Bedrohungslage zu entnehmen. Es liegen
damit viele Indizien vor, welche gegen ein Interesse der syrischen Behör-
den an ihm sprechen, weshalb keine objektiv begründete Furcht vor einer
Verfolgung durch die syrischen Behörden vorliegt. Seine mehrmalige
Rückkehr nach Syrien, insbesondere auch jene 2014 sprechen im Übrigen
auch gegen eine subjektiv begründete Furcht. Schliesslich hat er seitens
der syrischen Behörden 2017 einen Pass erhalten, was ebenfalls stark ge-
gen eine objektiv begründete Furcht vor Verfolgung spricht. Auch die gel-
tend gemachte mögliche Denunzierung des türkischen Spitzels mag keine
begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung durch die syrischen Be-
hörden zu begründen. Einerseits sind den Akten keine Hinweise hierauf zu
entnehmen und anderseits erwähnte er selber, er wisse nicht, ob er denun-
ziert worden sei und die Gefahr durch die syrischen Behörden sei dadurch
nicht grösser. In Bezug auf die mögliche Gefahr einer Verfolgung durch die
türkischen Behörden auf syrischem Staatsgebiet aufgrund der geltend ge-
machten möglichen Denunzierung verkennt der Beschwerdeführer, dass
die Vorinstanz keine Glaubhaftigkeitsprüfung dieses Vorbringens vorge-
nommen hat. Der vorinstanzlichen Verfügung ist zu entnehmen, dass es
nicht als überwiegend wahrscheinlich erscheine, dass der Beschwerdefüh-
rer persönlich denunziert worden sei. Implizit erwähnt sie hiermit, dass er
deshalb keine begründete Furcht vor einer Verfolgung in Syrien durch die
türkischen Behörden habe, weil kein begründeter Anlass zur Annahme be-
stehe, dass sich eine solche mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in abseh-
barer Zukunft verwirklichen werde, weil es keine konkreten Hinweise auf
eine Denunziation seiner Person beim türkischen Geheimdienst gebe. Hin-
reichende Hinweise für eine Denunziation sind weder den Akten noch sei-
nen Aussagen zu entnehmen und gründen auf reinen Vermutungen, wel-
che für die Annahme einer begründeten Furcht vor asylrelevanter Verfol-
gung jedoch nicht ausreichen (vgl. BVGE 2011/50 E. 3.1.1; 2011/51
E. 6.2). Die Ausführungen der Vorinstanz sind nicht zu beanstanden.
Seine Tätowierungen mit der (...) könnten allenfalls zu möglichen Proble-
men mit den syrischen Behörden führen, würden diese ihnen bekannt wer-
den. Indem jedoch nicht davon auszugehen ist, er würde verhaftet werden,
ist nicht ersichtlich, wie die syrischen Behörden davon Kenntnis erhalten
sollten. Eine begründete Furcht vor asylrelevanter Verfolgung aufgrund der
Tätowierungen bei einer allfälligen Rückkehr nach Syrien ist damit nicht
gegeben. Auf die Vorbringen in der Beschwerde, wonach er 2016 nicht nur
aufgrund der allgemeinen Lage, wie von der Vorinstanz festgehalten, aus-
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gereist sei, ist nicht weiter einzugehen, zumal wie oben erwähnt, seine wei-
teren Vorbringen aufgrund der fehlenden begründeten Furcht dem Flücht-
lingsbegriff gemäss Art. 3 AsylG nicht standzuhalten vermögen.
5.5 Die Vorinstanz hält die exilpolitischen Tätigkeiten F._ vorliegend
zu Recht für flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Es erscheint aufgrund der
Qualität der Aktivitäten des Beschwerdeführers nicht überwiegend wahr-
scheinlich, dass er aus der Sicht des syrischen Regimes als potentielle Be-
drohung wahrgenommen wird. Daran ändern auch die Einwände in der Be-
schwerde nichts.
5.6 Schliesslich bleibt festzuhalten, dass die Vorinstanz zu Recht davon
ausging, dass die Zugehörigkeit zur kurdischen Ethnie bei syrischen
Staatsangehörigen für sich alleine nicht genüge, um die Flüchtlingseigen-
schaft zu begründen, weil keine Kollektivverfolgung vorliege. Auch unter
dem Gesichtspunkt der heute veränderten Lage, insbesondere seit dem
Einmarsch der türkischen Sicherheitskräfte und der verbündeten islamisti-
schen Milizen in Nordsyrien, ist nicht anzunehmen, dass sämtliche in Sy-
rien und insbesondere in Nordsyrien verbliebenen Kurdinnen und Kurden
derzeit eine objektiv begründete Furcht vor einer Verfolgung hätten (vgl. E-
209/2020 vom 11. Mai 2021 E. 5.7). Der bürgerkriegsbedingten Gefähr-
dungslage und der fortbestehenden Volatilität und Dynamik der Entwick-
lung in Syrien wurde von der Vorinstanz in Rahmen des Wegweisungsvoll-
zugs respektive der in diesem Zusammenhang angeordneten vorläufigen
Aufnahme der Beschwerdeführenden Rechnung getragen. Die Ausführun-
gen in der Beschwerde vermögen dem nichts entgegenzuwirken.
5.7 Angesichts der aufgezeigten Sachlage erübrigt es sich, auf weitere
Ausführungen in der Beschwerde mit Verweise auf Berichte und Zeitungs-
artikel einzugehen, da diese nicht geeignet sind, zu einer anderen rechtli-
chen Würdigung der Aktenlage zu führen. Es ist dem Beschwerdeführer
nicht gelungen, einen flüchtlingsrechtlich bedeutsamen Sachverhalt darzu-
legen. Die Feststellung der Vorinstanz, der Beschwerdeführer erfülle die
Flüchtlingseigenschaft nicht, ist dementsprechend zu bestätigen. Die Vor-
instanz hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
6.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt die Vorinstanz in der Regel die Wegweisung
aus der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht ein-
tritt. Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
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Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). Die Wegweisung wurde zu Recht
angeordnet.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzu-
weisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1-3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da sein Rechtsbegehren je-
doch nicht von vornherein als aussichtslos betrachtet werden kann und
aufgrund der Aktenlage von einer prozessualen Bedürftigkeit auszugehen
ist, ist das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen. Es sind somit keine Verfahrens-
kosten zu erheben. Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses ist mit vorliegendem Urteil gegenstandslos geworden.
8.2 Demgemäss ist auch das Gesuch um Beiordnung eines amtlichen
Rechtsbeistands gestützt auf Art. 102m Abs. 1 Bst. a AsylG gutzuheissen.
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers reichte eine Honorarnote in
der Höhe von Fr. 1'265.– (inkl. Auslagen) bei einem Stundenansatz von
Fr. 150.– ein. Dieser Betrag erscheint angemessen und ist MLaw Philippe
Stern als amtliches Honorar zu Lasten des Gerichts auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-2006/2021
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