Decision ID: 8fe7ad09-2c75-4eb3-bd52-5cb09eac3af0
Year: 2022
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

I. Sachverhalt:
1. A._, Jahrgang B._, war zuletzt als Pflegehelferin tätig. Am
27. Februar 2020 meldete A._ einen Anspruch auf
Arbeitslosenversicherungstaggeld im Umfang von 100 % ab demselben
Datum an.
2. In der Folge wurde A._ durch das zuständige regionale
Arbeitsvermittlungszentrum (nachfolgend RAV) in Chur am 12. August
2021 als Kandidatin für eine im Rahmen der Stellenmeldepflicht
gemeldete unbefristete Vollzeitstelle als Reinigungsangestellte bei der
C._ AG in D._ vorgeschlagen. Die C._ AG versuchte am
13. August 2021, A._ telefonisch und per E-Mail zu kontaktieren.
A._ reagierte auf das Mailschreiben und den Telefonanruf nicht.
Infolgedessen kam kein Arbeitsverhältnis zustande.
3. Mit Schreiben vom 19. August 2021 wurde A._ zur Stellungnahme
aufgefordert. Mit Stellungnahme vom 25. August 2021 teilte A._ mit,
dass sie an der Stelle als Reinigungsangestellte bei der C._ AG
absolut nicht interessiert sei. Aufgrund von konfessionellen Gründen sei
die Stellenannahme unzumutbar. Zur Begründung führte sie aus, dass sie
Buddhistin sei und sie in einem tibetischen Zentrum gelebt habe. Mit
Fleisch zu arbeiten sei für sie zutiefst unethisch und abstossend. Zudem
sei die Stellenannahme auch in gesundheitlicher Hinsicht unzumutbar.
Das Stellenangebot sei für sie ein Schock gewesen und sie lehne es ab.
4. Mit Verfügung vom 16. September 2021 wurde A._ vom Amt für
Industrie, Gewerbe und Arbeit Graubünden (nachfolgend KIGA) in diesem
Zusammenhang für 37 Tage in der Anspruchsberechtigung eingestellt.
Begründend wurde ausgeführt, A._ habe durch die
Kontaktverweigerung mit der C._ AG die Stelle faktisch abgelehnt.
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5. Gegen die Verfügung vom 16. September 2021 erhob A._
Einsprache, welche am 14. Oktober 2021 fristgerecht beim KIGA einging.
Sie begründete die fehlende Kontaktnahme betreffend das Stellenangebot
und führte aus, dass sie aus psychischen Gründen nicht in der Lage war,
sich auf die Stelle bei der C._ AG zu melden. Der Umgang mit Teilen
toter Tiere sei ihr aus psychischen Gründen nicht möglich. Das ganze
Umfeld eines solchen Ortes habe enorm schlechte Auswirkungen auf ihre
Psyche. Sie legte ihrer Einsprache ein Arztzeugnis ihres Hausarztes bei,
welches ihre Aussage bescheinige.
6. Mit Entscheid vom 22. Oktober 2021 wies das KIGA die Einsprache ab,
mit der Begründung, dass die in der Stellungnahme beschriebene
Unzumutbarkeit, bei der C._ AG als Reinigungsangestellte infolge
ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung zu arbeiten, nicht nachgewiesen
sei. Zudem sei auch die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft,
die die Arbeit mit Fleisch untersagen würde, nicht thematisiert und auch
nicht belegt worden. Begründend wurde ausserdem angegeben, dass
gemäss Stellenbeschrieb A._ nicht direkt mit Teilen toter Tiere
gearbeitet hätte, vielmehr wäre sie für die Raumpflege (Kantine,
Garderobe, Büro, Treppenhaus etc.), für die Arbeitskleider waschen,
bügeln, flicken sowie die Bedienung der Kantine (Frühstück zubereiten)
zuständig gewesen.
7. Gegen diesen Einspracheentscheid hat A._ (nachfolgend
Beschwerdeführerin) am 22. November 2021 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden erhoben. Beantragt wurde
die Aufhebung des Einspracheentscheids sowie den Verzicht auf die
Einstellung in der Anspruchsberechtigung. Eventualiter wurde die
Reduktion der Anzahl der Tage, während welcher die Beschwerdeführerin
in der Anspruchsberechtigung einzustellen sei, nach Ermessen des
Gerichts verlangt. Kosten- und Entschädigungsfolgen seien dem KIGA
aufzuerlegen. Die Beschwerdeführerin reichte u.a. zwei Arztzeugnisse
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ihres Hausarztes Dr. med. E._, FMH Innere Medizin, vom 6. Oktober
2021 und vom 22. November 2021 ein, wonach im Wesentlichen aufgrund
der psychiatrischen Vorgeschichte und des vorliegenden (aktuellen)
depressiven Syndroms eine Arbeit in einem Schlachtbetrieb kaum
zumutbar resp. kontraindiziert sei und er verwies diesbezüglich auch an
eine weiterführende psychologisch-psychiatrische Betreuung.
8. In der Stellungnahme vom 13. Dezember 2021 verlangte das KIGA
(nachfolgend Beschwerdegegner) die Abweisung der Beschwerde unter
gesetzlicher Kostenfolge. Dabei wiederholte der Beschwerdegegner im
Wesentlichen die Ausführungen des Einspracheentscheids.
9. In der Replik vom 12. Januar 2022 führte die Beschwerdeführerin die
psychischen Beschwerden näher aus. Mit einem Schreiben der
Psychiatrischen Dienste des Kantons Graubünden (nachfolgend PDGR)
vom 20. Dezember 2021 wurde bestätigt, dass die Beschwerdeführerin
seit dem 3. August 2021 in Behandlung sei. Dem Schreiben der PDGR ist
zu entnehmen, dass aus psychiatrisch-psychologischer Sicht die
Arbeitsstelle in der Fleischindustrie für die Beschwerdeführerin zum
jetzigen Zeitpunkt nicht zumutbar sei, da eine Annahme der Stelle zu einer
weiteren psychischen Dekompensation führen würde. Auch die
Unzumutbarkeit der Stellenannahme aus religiösen Gründen wurde von
der Beschwerdeführerin näher ausgeführt. Hinsichtlich der Zugehörigkeit
zu einer religiösen Gemeinschaft, bestätigte die Präsidentin des Vereins
F._ schriftlich, dass die Beschwerdeführerin im Jahr 2010 Zuflucht zu
Buddha genommen habe. Zudem sei sie für den Verein F._ sehr
aktiv. In einem Schreiben vom 10. Januar 2022 wurde vom Verein
F._ bestätigt, dass das Töten von Tieren und deren Verzehr als
negative Tat gelte.
10. Auf eine Duplik verzichtete der Beschwerdegegner am 19. Januar 2022.
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Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in ihren Rechtsschriften sowie
auf die eingereichten Beweismittel wird, soweit erforderlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1.1. Anfechtungsobjekt ist der Einspracheentscheid des Beschwerdegegners
vom 22. Oktober 2021 (beschwerdeführerische Beilage [Bf-act.] 1), womit
er die Einsprache der Beschwerdeführerin gegen die Verfügung vom
16. September 2021 (beschwerdegegnerische Beilage [Bg-act.] 8) abwies
und an der Einstellung in der Anspruchsberechtigung für 37 Tage festhielt.
Gemäss Art. 1 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG;
SR 837.0) i.V.m. Art. 56 Abs. 1 und Art. 57 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) kann
gegen Einspracheentscheide aus dem Bereich der
Arbeitslosenversicherung Beschwerde beim kantonalen
Versicherungsgericht erhoben werden. Nach Art. 100 Abs. 3 AVIG i.V.m.
Art. 128 Abs. 2 der Verordnung über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02)
ist für die Beurteilung von Beschwerden gegen Verfügungen
(Einspracheentscheide) einer kantonalen Amtsstelle das
Verwaltungsgericht desselben Kantons örtlich zuständig. Der
angefochtene Einspracheentscheid wurde vom Amt für Industrie,
Gewerbe und Arbeit Graubünden als kantonale Amtsstelle im Sinne von
Art. 85 AVIG erlassen, sodass die örtliche Zuständigkeit des angerufenen
Gerichts gegeben ist. Die sachliche Zuständigkeit des
Verwaltungsgerichts des Kantons Graubünden ergibt sich aus Art. 57
ATSG i.V.m. Art. 49 Abs. 2 lit. a des kantonalen Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100). Als Adressatin des
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angefochtenen Entscheids ist die Beschwerdeführerin berührt und weist
ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung oder Änderung auf,
weshalb sie zur Beschwerdeerhebung legitimiert ist (vgl. Art. 59 ATSG).
Auf die im Übrigen frist- und formgerecht am 22. November 2021
eingereichte Beschwerde (vgl. Art. 60 und Art. 61 lit. b ATSG) ist demnach
einzutreten.
1.2. Gemäss Art. 43 Abs. 3 lit. a VRG entscheidet das Verwaltungsgericht in
einzelrichterlicher Kompetenz, wenn der Streitwert CHF 5'000.-- nicht
überschreitet und keine Fünferbesetzung vorgeschrieben ist. Der
versicherte Verdienst des Beschwerdeführers beträgt CHF 3'753.-- und
wird im Umfang von 80 % entschädigt (Bg-act. 1). Dies entspricht gemäss
Art. 23 Abs. 1 AVIG und Art. 40a AVIV einem Taggeld von CHF 138.35
(CHF 3'753.-- : 21.7 Tage x 0.8). Mit Verfügung vom 16. September 2021
– bestätigt mit dem angefochtenen Einspracheentscheid vom 22. Oktober
2021 – wurde die Beschwerdeführerin für 37 Tage in der
Anspruchsberechtigung eingestellt. Damit beträgt der Streitwert
CHF 5'118.95 (37 Tage x CHF 138.35). Nachdem sich der Streitwert auf
über CHF 5'000.‐‐ beläuft und für die vorliegende Angelegenheit keine
Fünferbesetzung vorgeschrieben ist (vgl. Art. 43 Abs. 2 VRG), entscheidet
das Verwaltungsgericht in ordentlicher Dreierbesetzung (Art. 43 Abs. 1
VRG).
2. Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin zu Recht in der
Anspruchsberechtigung für 37 Tage eingestellt worden ist, weil sie eine ihr
zugewiesene zumutbare Stelle faktisch abgelehnt haben soll.
2.1. Gemäss Art. 17 Abs. 1 AVIG hat die Versicherte alles Zumutbare zu
unternehmen, um die Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu verkürzen.
Insbesondere ist sie verpflichtet, Arbeit zu suchen, nötigenfalls auch
ausserhalb ihres bisherigen Berufes (Satz 2). Die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung i.S.v. Art. 30 AVIG dient dazu, die in Art. 17 Abs. 1
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AVIG statuierte Schadensminderungspflicht der versicherten Person
durchzusetzen. Sie hat die Funktion einer Haftungsbegrenzung der
Versicherung für Schäden, die die Versicherte hätte vermeiden oder
vermindern können. Als versicherungsrechtliche Sanktion bezweckt sie
die angemessene Mitbeteiligung der versicherten Person am Schaden,
den sie durch ihr Verhalten der Arbeitslosenversicherung in schuldhafter
Weise natürlich und adäquat kausal verursacht hat (vgl. BGE 133 V 89
E.6.1.1).
2.2. Der Grundsatz der Schadensminderungspflicht wird in Art. 17 Abs. 3 AVIG
konkretisiert. Demnach muss die Versicherte eine ihr vermittelte
zumutbare Stelle annehmen. Befolgt sie die Kontrollvorschriften oder
Weisungen der zuständigen Amtsstelle nicht, namentlich indem sie eine
zumutbare Arbeit nicht annimmt, ist sie in der Anspruchsberechtigung
einzustellen (Art. 30 Abs. 1 lit. d AVIG). Davon erfasst ist neben der
Nichtannahme einer von der zuständigen Amtsstelle zugewiesenen
zumutbaren Arbeit auch die Nichtannahme einer selbst gefundenen
zumutbaren Arbeit oder einer durch Dritte vermittelten oder angebotenen
zumutbaren Stelle (Urteil des Bundesgerichts C 17/07 vom 22. Februar
2007 E.2.2). Laut Rechtsprechung ist dieser Einstellungstatbestand auch
dann erfüllt, wenn die Versicherte die Arbeit zwar nicht ausdrücklich
ablehnt, es aber durch ihr Verhalten in Kauf nimmt, dass die Stelle
anderweitig besetzt wird (Urteil des Bundesgerichts 8C_468/2020 vom
27. Oktober 2020 E.5.2). Die arbeitslose Versicherte hat bei den
Verhandlungen mit dem künftigen Arbeitgeber klar und eindeutig die
Bereitschaft zum Vertragsabschluss zu bekunden, um die Beendigung der
Arbeitslosigkeit nicht zu gefährden (BGE 122 V 34 E.3b m.H.; Urteil des
Bundesgerichts 8C_24/2021 vom 10. Juni 2021 E.3.1).
2.3. In beweisrechtlicher Hinsicht müssen die dem Einstellungstatbestand zu
Grunde liegenden Tatsachen mit dem im Sozialversicherungsrecht
üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit erfüllt sein.
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Die blosse Möglichkeit eines bestimmten Sachverhalts genügt den
Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener
Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen
Geschehensabläufen für die wahrscheinlichste hält (vgl. BGE 144 V 427
E.3.2, 125 V 193 E.2).
3. Indem die Beschwerdeführerin auf die E-Mail und auf den Anruf der
C._ AG nicht reagiert hat, hat sie die vom regionalen
Arbeitsvermittlungszentrum (nachfolgend RAV) zugewiesene Stelle als
Reinigungsangestellte bei der C._ AG faktisch abgelehnt, was
unbestritten ist. Die Beschwerdeführerin macht aber geltend, dass ihr die
Annahme der zugewiesenen Stelle aus gesundheitlichen und religiösen
Gründen nicht zumutbar gewesen sei.
3.1. Dem Grundsatz nach hat die Versicherte zur Schadensminderung jede
Arbeit unverzüglich anzunehmen (Art. 16 Abs. 1 AVIG). Gemäss Art. 16
Abs. 2 lit. c AVIG ist eine Arbeit dann unzumutbar und somit von der
Annahmepflicht ausgenommen, wenn sie dem Alter, den persönlichen
Verhältnissen oder dem Gesundheitszustand des Versicherten nicht
angemessen ist. Zu prüfen ist somit, ob die Stellenannahme bei der
C._ AG für die Beschwerdeführerin unzumutbar i.S.v. Art. 16 Abs. 2
lit. c AVIG war.
3.2.1. Die Unzumutbarkeit aus gesundheitlichen Gründen muss nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung durch ein eindeutiges ärztliches
Zeugnis oder allenfalls durch andere geeignete Beweismittel belegt sein
(BGE 124 V 234 E.4b/bb; Urteile des Bundesgerichts 8C_742/2013 vom
27. November 2013 E.4.1, 8C_513/2018 vom 7. November 2018 E.2.2;
Praxis über die Arbeitslosenentschädigung [AVIG-Praxis ALE],
herausgegeben vom Staatssekretariat für Wirtschaft [SECO] Rz. B290).
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3.2.2. Vorliegend hat die Beschwerdeführerin mehrere Arztzeugnisse
eingereicht (Bf-act. 3, 4 und 5). Am 6. Oktober 2021 attestiert Dr. med.
E._, FMH Allgemeine Innere Medizin, dass es in Anbetracht der
psychiatrischen Vorgeschichte der Beschwerdeführerin nachvollziehbar
sei, dass sie es sich nicht vorstellen könne, in einem Schlachtbetrieb zu
arbeiten; aus psychiatrischer Sicht sei dies auch nicht wirklich sinnvoll (Bf-
act. 3). Gemäss Schreiben des Dr. med. E._ vom 22. November 2021
bestätigt der Arzt, dass sie unter anderem unter einem depressiven
Syndrom leide und dass nach seiner Einschätzung eine Arbeit in einem
Schlachtbetrieb kaum zumutbar resp. kontraindiziert sei. Er verwies
diesbezüglich auch an eine weiterführende psychologisch-psychiatrische
Betreuung (Bf-act. 4). In einem Schreiben vom 20. Dezember 2021 (Bf-
act. 5) haben die Psychiatrischen Dienste des Kantons Graubünden
(nachfolgend PDGR) bestätigt, dass die Beschwerdeführerin seit dem
3. August 2021 in Behandlung bei den PDGR ist. Es wird ausgeführt, dass
die Beschwerdeführerin an einer depressiven Symptomatik und
somatoformen Symptomen leide und dass sie seit der Unterbreitung des
Stellenangebots in der C._ AG zusätzlich auch Schlafstörungen mit
Alpträumen über tote Tiere entwickelt habe. Die PDGR geben an, dass
aus psychiatrisch-psychologischer Sicht die Arbeitsstelle in der
Fleischindustrie für die Beschwerdeführerin zum jetzigen Zeitpunkt
(Dezember 2021) nicht zumutbar sei, da es zu weiterer psychischer
Dekompensation gekommen wäre. Selbst wenn die PDGR nur vom
"jetzigen Zeitpunkt" schreiben, ist aufgrund der Tatsache, dass die
Beschwerdeführerin im Moment des Stellenangebots am 13. August 2021
bereits seit dem 3. August 2021 und damit seit mehr als einer Woche in
Behandlung bei den PDGR stand und ihr Gesundheitszustand sich nach
dem Stellenangebot verschlechtert hat, anzunehmen, dass die
Unzumutbarkeit aus gesundheitlichen Gründen bereits im Zeitpunkt des
Stellenangebots bei der C._ AG gegeben war. Zudem wird auch von
Dr. med. E._ bestätigt, dass die Arbeit in den Schlachtbetrieb
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unzumutbar bzw. kontraindiziert sei. Der Beleg der Unzumutbarkeit aus
gesundheitlichen Gründen ist somit mit den drei Arztzeugnissen als
erbracht zu beurteilen (Bf-act. 3, 4 und 5).
3.3.1. Gemäss Art. 16 Abs. 2 lit. c AVIG kann eine Arbeit auch aufgrund von
persönlichen Verhältnissen unzumutbar sein. Unter den Begriff der
persönlichen Verhältnisse fallen Zivilstand, Betreuungspflichten
gegenüber Angehörigen, Wohnverhältnisse (Eigenheim, geographische
Mobilität), konfessionelle Einschränkungen usw. (AVIG-Praxis ALE
Rz. B288). Will die versicherte Person eine Arbeit unter Berufung auf die
Glaubens- und Gewissensfreiheit nach Art. 15 der Bundesverfassung (BV;
SR 101) nicht annehmen, ist das öffentliche Interesse an der Erfüllung der
allgemeinen Schadensminderungspflicht gegen das Interesse der
versicherten Person, ihren Glaubensvorstellungen nachzuleben,
abzuwägen (Entscheid des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
[EVGE] C 145/94 vom 27. September 1996 E.3a [veröffentlicht in: SVR
1997 ALV Nr. 90 S. 276], C 274/04 vom 29. März 2005 E.2.4
[veröffentlicht in: ARV 2006 S. 155]; Urteil des Bundesgerichts
8C_107/2011 vom 25. März 2011 E.3.1).
3.3.2. Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts gehört zur Religionsfreiheit
die Freiheit des Einzelnen, sein Verhalten grundsätzlich nach den Lehren
des Glaubens auszurichten und den Glaubensüberzeugungen gemäss zu
handeln (BGE 134 I 49 E.2.3, 119 Ia 178 E.4c, 119 IV 260 E.b/aa).
Deshalb seien auch Lebensweisen wie z.B. Kleidung, Bauwerke und
Nahrungsmittel, soweit diese unmittelbarer Ausdruck der religiösen
Überzeugung sind, geschützt (BGE 134 I 56 E.4.3; 119 Ia 178 E.4c je
m.w.H; KIENER/KÄLIN/WYTTENBACH, Grundrechte, 3. Aufl.,
Zürich/Bern 2018, § 29 Rz. 46; CAVELTI/KLEY, in:
EHRENZELLER/SCHINDLER/SCHWEIZER/VALLENDER [HRSG.], St. Galler
Kommentar zur Schweizerischen Bundesverfassung, 3. Aufl., Zürich/St.
Gallen 2014, Art. 15 Rz. 10 f.). Das Gericht hat sich notwendigerweise
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auseinanderzusetzen, ob sich die infrage stehende Verhaltensweise auf
den Glauben zurückführen lässt, hingegen ist grosse Zurückhaltung
geboten, wenn es darum geht, eine Glaubenshaltung zu bewerten oder zu
interpretieren oder gar auf ihre theologische Richtigkeit hin zu überprüfen.
So ist es beispielsweise nicht massgebend, ob ein bestimmtes Gebot von
allen, von der Mehrheit oder allenfalls lediglich von einer Minderheit der
Angehörigen einer Religion befolgt wird, vielmehr ist die Bedeutung des
Gebotes bzw. einer religiösen Norm für die betroffene Person relevant
(vgl. BGE 145 I 121 E.4, 135 I 79 E.4.4, 134 I 56 E.4.3, 119 Ia 178 E.4.d).
3.3.3. Das Bundesgericht hat sich mehrmals mit der Frage, ob eine Stelle aus
religiösen Gründen unzumutbar sein kann, auseinandergesetzt (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 9C_301/2008 vom 2. Juli 2008 E.4.3; KUPFER
BUCHER, in: STAUFFER/CARDINAUX [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum AVIG, 5. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2019, S. 124): Im
EVGE C 366/96 vom 2. Juni 1997 (veröffentlicht in: ARV 1998 Nr. 47
S. 276) erkannte das Gericht, die arbeitslosenversicherungsrechtliche
Pflicht, zur Schadensminderung eine vom Arbeitsamt zugewiesene
zumutbare Arbeit anzunehmen, müsse hinter die Religionsfreiheit
zurücktreten, weil die Versicherte bei dieser Arbeit aus Sicherheitsgründen
kein Kopftuch tragen dürfe und ihr bei der zugewiesenen Arbeit keine
andere Wahl bleibe, als entweder einem staatlichen oder einem religiösen
Gebot zuwiderzuhandeln, sodass sich für sie ein erheblicher
Gewissenskonflikt ergäbe. Dabei war auch massgebend, dass die
Versicherte eine Vielzahl anderer Arbeiten hätte ausführen können, ohne
in die erwähnte Konfliktsituation zu geraten. Analog wurde entschieden im
EVGE C 145/94 vom 27. September 1996 (veröffentlicht in: SVR 1997
ALV Nr. 90 S. 276) im Falle einer Brahmanin, der eine Arbeit zugewiesen
worden war, bei der sie in für sie religiös verbotenen Kontakt mit Fleisch
oder Fisch gekommen wäre. Anders wurde im Urteil des Bundesgerichts
8C_107/2011 vom 25. März 2011 entschieden: Hier wollte die Versicherte
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ohne Kopftuch arbeiten, wenn sie 100 % arbeiten hätte können, mit
Kopftuch, wenn die Stelle nur zu 90 % angeboten worden wäre, womit die
angerufene Glaubens- und Gewissensfreiheit und letztlich die religiöse
Motivation unmissverständlich als monetär verhandelbar erklärt worden
sei. Dies lässt das persönliche Bedürfnis, ein Kopftuch zu tragen, hinter
das öffentliche Interesse an der Verhinderung oder Beendigung der
Arbeitslosigkeit treten, womit die Versicherte die angebotene Arbeitsstelle
hätte annehmen müssen. Gemäss EVGE C 274/04 vom 29. März 2005
(veröffentlicht in ARV 2006 S. 155) ist die Zuweisung einer Arbeit in einem
Hotel mit einer gewissen religiösen Prägung einem Atheisten zumutbar;
das allgemein gehaltene Interesse, während der Arbeit nicht mit von ihm
abgelehnten Glaubensansichten konfrontiert zu werden, sei für die
Beurteilung der Zumutbarkeit weniger stark zu gewichten als das mit der
Schadensminderungspflicht korrelierende öffentliche Interesse an der
Durchführung einer amtlich zugewiesenen arbeitsmarktlichen Massnahme
(vgl. dazu Nichtzulassungsentscheid Nr. 32166/05 des Europäischen
Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] G._ gegen Schweiz vom
20. September 2007).
3.3.4. In casu macht die Beschwerdeführerin geltend, dass sie unter Berufung
auf ihre Glaubens- und Gewissensfreiheit gehindert war, die zugewiesene
Arbeit anzunehmen. Die Beschwerdeführerin ist Buddhistin und lebte
mehrere Jahre in einem buddhistischen Zentrum in H._, besuchte
wiederholt aus spirituellen Gründen Indien und Nepal und verbrachte auch
mehrere Monate in einem buddhistischen Kloster in Indien. Dass sie
unbestrittenermassen seit dem Jahr 2010 Buddhistin und im
gemeinnützigen Verein F._ sehr aktiv ist, wird in den Akten (Bf-act 6,
7 und 8) belegt. Mit dem Schreiben vom 10. Januar 2022 (Bf-act. 8) wird
vom Verein F._ bestätigt, dass das Töten von Tieren und deren
Verzehr als negative Tat gilt. Da bei der Prüfung von
Glaubensgrundsätzen grosse Zurückhaltung geboten ist und allgemein
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bekannt ist, dass die Tötung von Tieren nicht mit den Grundsätzen des
Buddhismus in Einklang gebracht werden kann, ist naheliegend, dass die
Arbeit in einem Schlachtbetrieb für die Beschwerdeführerin aus religiösen
Gründen stossend wäre (vgl. https://www.planet-
wissen.de/kultur/religion/buddhismus/kernaussagen-des-buddhismus-
100.html; besucht am 16. August 2022; wonach "in der Regel die Zuflucht
[zu Buddha] mit einer Verpflichtung auf die sogenannten fünf Silas
verknüpft ist. Sie lauten: 1. Kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen
[Hervorhebung durch das Gericht]; 2. Nichtgegebenes nicht zu nehmen;
3. Keine unheilsamen sexuellen Beziehungen zu pflegen und sich im
rechten Umgang mit den Sinnen zu üben; 4. Nicht zu lügen oder unheilsam
zu reden; 5. Das Bewusstsein nicht durch berauschende Mittel zu trüben".
Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCnf_Silas, besucht am
16. August 2022).
3.3.5. Das Kerngeschäft der C._ AG ist die Bearbeitung von Fleisch.
Gemäss Homepage (Homepage der C._ AG; besucht am 16. August
2022) ist die Unternehmung im Bereich der Zerlegung und Zuschnitt von
Frischfleisch sowie im Handel von Importfleisch in der Schweiz tätig.
Selbst wenn nach der Stellenbeschreibung die Beschwerdeführerin nicht
direkt mit Fleisch gearbeitet hätte, wäre ein Kontakt bzw. die Sichtbarkeit
der Geschäftstätigkeit unvermeidbar gewesen, beispielsweise bei der
vorgesehenen Tätigkeit der Raumpflege und der Pflege der
Arbeitskleidung (waschen, bügeln, flicken; siehe Bg-act. 5). Dies hätte in
nachvollziehbarer Weise gegen ihre religiöse Überzeugung verstossen,
was in der Abwägung zwischen dem persönlichen Interesse der
Beschwerdeführerin, ihre religiösen Grundsätze zu leben, und dem
öffentlichen Interesse der Befolgung der Schadensminderungspflicht in
diesem Einzelfall zugunsten der Beschwerdeführerin ausfällt. Der
Beschwerdeführerin können andere Arbeitsmöglichkeiten angeboten
werden, die nicht mit der Arbeit in einem Fleischverarbeitungsbetrieb
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verbunden sind, so dass die Schadensminderungspflicht auf andere
Weise und nicht im Konflikt mit ihren Glaubenssätzen erfüllt werden kann.
4. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerdeführerin aufgrund der
Unzumutbarkeit der angebotenen Tätigkeit bei der C._ AG, die
sowohl aus gesundheitlichen als auch aus konfessionellen bzw. religiösen
Gründen gegeben ist, von der Annahmepflicht ausgenommen war (Art. 16
Abs. 2 lit. c AVIG). Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung ist mithin
zu Unrecht erfolgt. Nach dem Gesagten erweist sich der angefochtene
Einspracheentscheid als unrichtig, was zur Gutheissung der dagegen
erhobenen Beschwerde unter Aufhebung des Einspracheentscheids vom
22. Oktober 2021 und zur Feststellung des Anspruchs der
Beschwerdeführerin auf Arbeitslosenentschädigung für die 37 Einstelltage
führt.
5. Gemäss Art. 61 lit. fbis ATSG ist das kantonale Beschwerdeverfahren vor
dem kantonalen Versicherungsgericht bei Streitigkeiten über Leistungen
kostenpflichtig, wenn dies im jeweiligen Einzelgesetz vorgesehen ist; sieht
das Einzelgesetz keine Kostenpflicht bei solchen Streitigkeiten vor, so
kann das Gericht einer Partei, die sich mutwillig oder leichtsinnig verhält,
Gerichtskosten auferlegen. Da das AVIG keine Kostenpflicht statuiert und
Mutwilligkeit oder Leichtsinn nicht vorliegen, werden keine Kosten
auferlegt.
6. Demgegenüber hat die obsiegende Beschwerdeführerin Anspruch auf
Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom Versicherungsgericht
festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der
Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61
lit. g ATSG). Der beschwerdeführerische Rechtsvertreter machte mit
Eingabe vom 26. Januar 2022 einen Aufwand von insgesamt
CHF 1'295.15 geltend (4.67 Stunden à CHF 250.-- [CHF 1'167.50] zzgl.
Kleinspesenzuschlag [CHF 35.05] und 7.7 % MWST [CHF 92.60]). Eine
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entsprechende Honorarvereinbarung über einen Stundenansatz von
CHF 250.-- liegt im Recht. Da die Beschwerdeschrift vom 22. November
2021 vom Rechtspraktikanten Johannes Frings (mit
Praktikantenbewilligung) verfasst und von ihm allein unterzeichnet wurde
(Bf-act. A und Gerichtsakte A1) ist sein Stundenaufwand mit Datum
22. November 2021 von 2.50 Stunden nicht zu CHF 250.--, sondern zu
75 % davon, d.h. zu CHF 187.50, zu entschädigen (siehe Art. 6 der
Verordnung über die Bemessung des Honorars der Rechtsanwältinnen
und Rechtsanwälte [Honorarverordnung, HV; BR 310.250]; vgl. auch
Urteile des Verwaltungsgerichts [VGU] S 21 108 vom 8. Februar 2022 E.8,
S 20 121 vom 22. Dezember 2020 E.8 und S 20 104 vom 22. Dezember
2020 E.7). Die reduzierte Parteientschädigung beträgt somit
CHF 1'011.25 (CHF 468.75 [Frings] + CHF 542.50 [RA Dupont]) zuzüglich
CHF 30.30 (3 % Kleinspesenzuschlag) und CHF 80.20 (7.7 % MWST).
Das Total beträgt somit CHF 1'121.75. Der Beschwerdegegner ist daher
verpflichtet, die Beschwerdeführerin aussergerichtlich mit CHF 1'121.75
zu entschädigen.