Decision ID: 99857de9-ac48-5457-9ee2-09dd17bae2f2
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der 1974 geborene, in seiner Heimat Deutschland wohnhafte A._
(im Folgenden: Versicherter, Explorand oder Beschwerdeführer) arbeitete
in seiner Eigenschaft als Grenzgänger seit dem 5. Mai 2014 bei der
B._ AG in (...) als Chauffeur Kategorie CE; per 31. August 2015
musste er zufolge Kündigung aus dieser Unternehmung austreten. Der
Versicherte war während der Dauer seines Arbeitsverhältnisses bei der
C._ (im Folgenden: C._) gegen die Folgen von Berufs- und
Nichtberufsunfällen versichert, und die ehemalige Arbeitgeberin entrichtete
Beiträge an die schweizerische Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenver-
sicherung (AHV/IV; Akten [im Folgenden: act.] der Invalidenversicherungs-
Stelle für Versicherte im Ausland [im Folgenden: IVSTA, Beschwerdegeg-
nerin oder Vorinstanz) 3 S. 58, act. 7, 9 und 17 S. 142).
B.
Am 2. März 2015 erlitt der Versicherte einen Berufsunfall, wobei er sich
eine schwere Ellbogenprellung rechts zuzog (act. 3 S. 90 und act. 103, S.
198 und 199). In der Folge war er vollständig arbeitsunfähig, und die
C._ richtete die gesetzlichen Versicherungsleistungen aus (act. 3
S. 62, 72 bis 75). Nachdem am 19. Mai 2015 eine Arthrotomie des Ellbo-
gengelenks rechts mit Entfernung mehrerer freier Gelenkkörper durchge-
führt worden war (act. 3 S. 121 bis 125) und der Kreisarzt am 2. Oktober
2015 eine weitere Operation befürwortet hatte (act. 17 S. 74), wurde der
Versicherte am 2. Dezember 2015 in der D._ Klinik (...) untersucht
(act. 17 S. 32). Im Anschluss daran fand am 8. Januar 2016 eine kreisärzt-
liche Untersuchung statt. Anlässlich dieser wurde gemeinsam mit dem Ver-
sicherten festgelegt, bei der Universitätsklinik E._ eine Zweitmei-
nung einzuholen; die empfohlene Implantation einer Ellbogengelenkspro-
these wurde medizinisch als nicht im Vordergrund stehend betrachtet (act.
17 S. 13 bis 17). Daraufhin wurde gemäss Sprechstundenbericht der Uni-
versitätsklinik E._ vom 3. März 2016 die Durchführung einer diag-
nostischen und therapeutischen Infiltration des rechten Ellbogens geplant
(act. 26 S. 31, 32 und 56). Im Sprechstundenbericht vom 5. Juli 2016 führte
Prof. Dr. med. F._ sodann aus, er erachte eine Radiusköpfchen-
Resektion mit grösseren Risiken als möglichem Nutzen verbunden (act. 26
S. 114 und 115). Nachdem ebenfalls am 31. August 2016 eine weitere
kreisärztliche Untersuchung stattgefunden hatte, anlässlich welcher der
medizinische Sachverhalt hinsichtlich des medizinischen Endzustands so-
wie die Notwendigkeit weiterer Massnahmen besprochen worden waren
C-534/2019
Seite 3
(act. 26 S. 132 bis 135), erliess die C._ am 6. September 2016 eine
Verfügung, mit welcher sie dem Versicherten bei einer 5%igen Integritäts-
einbusse eine Integritätsentschädigung in der Höhe von Fr. 6'300.- zu-
sprach; dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft (act. 26 S.
141 bis 143, act. 39 S. 2). Gleichentags teilte die C._ dem Versi-
cherten den Abschluss des Schadenfalls und die Einstellung der Taggeld-
und Heilkostenleistungen per 31. Oktober 2016 mit (act. 26 S. 144 bis 146).
Mit einer weiteren Verfügung vom 29. November 2016 verneinte die
C._ einen Unfallversicherungsrentenanspruch für die Zeit ab 1. No-
vember 2016 (act. 34). Die hiergegen vom Versicherten am 26. Dezember
2016 erhobene Einsprache wies die C._ mit Entscheid vom 6. März
2017 ab (act. 39). Dieser Entscheid wurde – soweit aus den Akten ersicht-
lich - am 15. Mai 2017 angefochten (act. 57); das diesbezügliche Urteil war
im Zeitpunkt des vorliegenden Urteils des Bundesverwaltungsgerichts
nicht aktenkundig.
C.
C.a Mit Datum vom 24. August 2015 meldete sich der Versicherte zum Be-
zug von Leistungen der schweizerischen Invalidenversicherung (IV) an;
das entsprechende Anmeldeformular wurde von der C._ an die IV-
Stelle des Kantons G._ (im Folgenden: IV-Stelle G._) über-
mittelt (act. 1 bis 3). Nach Kenntnisnahme eines Teils der C._-Akten
(act. 3 und 17) und des Fragebogens für Arbeitgebende vom 9. Oktober
2015 (act. 9) teilte die IV-Stelle G._ dem Versicherten am 22. März
2016 mit, aufgrund seines Gesundheitszustandes seien zurzeit keine be-
ruflichen Eingliederungsmassnahmen möglich; vorerst bleibe der medizini-
sche Verlauf abzuwarten (act. 20). Nach nochmaligem Eingang von Doku-
menten der C._ (act. 26) lehnte die IV-Stelle G._ am
11. resp. 21. November 2016 die Übernahme der Kosten für den Ausbil-
dungskurs zum Gefahrengutspezialisten ab (act. 31 und 32). Nachdem der
Versicherte in Deutschland am 20. Dezember 2016 sozialmedizinisch be-
gutachtet worden war (act. 35) und die Dres. med. H._ und
I._ am 19. Juli 2017 berichtet hatten (act. 59), erstellte die IV-Stelle
G._ am 22. September 2017 einen Einkommensvergleich (act. 62).
Gestützt darauf erliess sie gleichentags einen Vorbescheid, mit welchem
sie dem Versicherten bei einem Invaliditätsgrad (im Folgenden auch: IV-
Grad) von 8 % die Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht stellte
(act. 64).
C-534/2019
Seite 4
C.b Hiergegen liess der Versicherte, vertreten durch den Rechtsdienst der
Inclusion Handicap, mit Eingabe vom 18. Oktober 2017 seine Einwendun-
gen vorbringen (act. 67 und 68). Daraufhin befand sich der Versicherte vom
25. Oktober bis 7. November 2017 in stationärer schmerztherapeutischer
Behandlung (act. 70) und anerkannte die Deutsche Rentenversicherung
am 21. November 2017 den Anspruch auf eine vom 1. Juni 2017 bis 31.
Mai 2019 befristete Rente (act. 75). Nachdem der Versicherte mit Eingabe
vom 12. Dezember 2017 unter Beilage von Dokumenten aus Deutschland
eine ergänzende Begründung seiner Einwendungen hatte nachreichen las-
sen (act. 83) und der IV-Stelle G._ weitere medizinische Unterlagen
aus Deutschland übermittelt worden waren (act. 93), wurde der Rechtsver-
tretung des Versicherten am 14. März 2018 mitgeteilt, dass eine polydis-
ziplinäre medizinische Untersuchung nötig sei (act. 95); die Mitteilung über
die medizinischen Fachdisziplinen und die Expertinnen und Experten er-
folgte am 3. April 2018 (act. 98) und die Aufgebote am 18. April, 15. Mai
bzw. 22. Juni 2018 (act. 100 bis 109). In der Folge erstellte die J._
AG, (im Folgenden: J._), am 8. Oktober 2018 das polydisziplinäre
Gutachten (act. 118); die Teilgutachten datieren vom 28. August 2018 (All-
gemeine Innere Medizin; act. 118 S. 43 bis 64), 5. September 2018 (Psy-
chiatrie und Psychotherapie; act. 118 S. 94 bis 122), 10. Oktober 2018
(Rheumatologie; act. 118 S. 65 bis 93) und 18. Oktober 2018 (Neuropsy-
chologie; act. 101 S. 123 bis 141). Nachdem Dr. med. K._, Facharzt
für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, vom Regionalen Ärztli-
chen Dienst (im Folgenden: RAD) am 31. Oktober 2018 die J._-
Expertise gewürdigt (act. 123 S. 4 und 5) und die Rechtsvertretung des
Versicherten am 23. November 2018 eine Stellungnahme abgegeben hatte
(act. 119), erliess die IVSTA – gestützt auf den Beschluss der IV-Stelle
G._ vom 29. November 2018 (act. 126 und 127) – am 12. Dezem-
ber 2018 eine Verfügung, mit welcher dem Versicherten bei einem IV-Grad
von 100 % eine vom 1. März 2016 bis 30. November 2016 (IV-Grad von
8% ab Dezember) befristete ganze IV-Rente zugesprochen wurde (act.
128).
D.
D.a Hiergegen liess der Versicherte beim Bundesverwaltungsgericht mit
Eingabe vom 28. Januar 2019 Beschwerde erheben und beantragen, die
Verfügung vom 12. Dezember 2018 sei teilweise aufzuheben und im An-
schluss an die befristete ganze Rente vom 1. März 2016 bis 30. November
C-534/2019
Seite 5
2016 sei ihm eine unbefristete Rente zuzusprechen. Weiter sei ihm die un-
entgeltliche Prozessführung zu gewähren (act. im Beschwerdeverfahren
[im Folgenden: B-act.] 1).
Zur Begründung wurde zusammengefasst vorgebracht, die Vorinstanz ver-
neine nach vorgenommener Ressourcenprüfung entgegen dem Gutachten
und der Beurteilung des eigenen RAD, welcher sich dem Gutachten an-
schliesse, das Vorliegen einer Arbeitsunfähigkeit. Die entsprechenden Be-
gründungen würden bestritten. Der Beschwerdeführer leide aus psychiat-
rischer Sicht an einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und
psychischen Faktoren und einer rezidivierenden depressiven Störung. Aus
neuropsychologischer Sicht würden leichte bis mittelgradige kognitive De-
fizite attestiert. Sowohl im psychiatrischen wie im neuropsychologischen
Teilgutachten würden Hinweise für Aggravation oder Simulation/Dissimula-
tion ausdrücklich verneint und neuropsychologisch die Validität der Be-
funde attestiert. Das Krankheitsgeschehen aus rheumatologisch/orthopä-
discher Sicht gelte als chronifiziert und therapierefraktär. Von einer erheb-
lichen Besserung könne nicht mehr ausgegangen werden. Entsprechend
seien auch die therapeutischen Massnahmen in Bezug auf den körperli-
chen Gesundheitsschaden, welcher für die somatoforme Schmerzstörung
und den psychischen und neuropsychologischen Gesundheitsschaden ur-
sächlich sei, ausgeschöpft. Was den somatoformen Schmerzteil betreffe,
sei hervorzuheben, dass sich der Beschwerdeführer in diesem Zusammen-
hang im Herbst 2017 in der P._ in Q._ in stationärer Behand-
lung befunden habe und das Schmerzgeschehen als chronisch und nicht
beeinflussbar bezeichnet worden sei. Es sei deshalb fraglich, wieweit diese
Schmerzen überhaupt medikamentös noch reduzierbar seien. Was die an-
tidepressive Medikation betreffe, werde dem Beschwerdeführer eine kon-
sequente regelmässige Einnahme attestiert. Diesbezüglich sei somit von
einer guten Compliance auszugehen. Auch wenn bezüglich der depressi-
ven Komponente eine spezifische antidepressive Therapie empfohlen
werde, sei doch festzuhalten, dass die somatoforme Schmerzstörung nicht
mehr angehbar sei und in Bezug auf depressive Geschehen Medikamente
in den meisten Fällen deutlich effizienter seien als die begleitende Psycho-
therapie. Dass der Beschwerdeführer bislang an keinen Eingliederungs-
massnahmen teilgenommen habe, könne ihm nicht vorgehalten werden.
Solche seien für ihn als früheren Grenzgänger mit Wohnsitz in Deutschland
von Seiten der Vorinstanz nicht zur Diskussion gestanden, und in Deutsch-
land gelte der Beschwerdeführer als voll erwerbsunfähig, was einem An-
spruch auf Eingliederungsmassnahmen ebenfalls entgegenstehe. Ferner
C-534/2019
Seite 6
weise er mit seiner progredienten Ellbogenarthrose und der rezidivieren-
den depressiven Störung zwei Komorbiditäten auf, welche sich zusätzlich
ressourcenmindernd auswirkten und damit die Arbeitsfähigkeit zusätzlich
erheblich beeinträchtigen würden. Mit der Optimierung der psychothera-
peutischen Behandlung könne höchstens die Komorbidität der depressiven
Störung gelindert werden, nicht aber die der Arbeitsunfähigkeit nebst den
körperlichen Befunden hauptsächlich zugrundeliegende chronische
Schmerzstörung. Vor diesem Hintergrund sei deshalb entgegen der Be-
schwerdegegnerin von einem erheblichen funktionellen Schweregrad der
Gesundheitsschädigung auszugehen. Was das Aktivitätsniveau in sämtli-
chen Lebensbereichen betreffe, präsentiere sich der Beschwerdeführer
deutlich eingeschränkt. Entgegen den Behauptungen der Beschwerdegeg-
nerin bestehe ein sozialer Rückzug und ein eingeschränktes Tagesprofil.
Wohl gehe aus dem Gutachten hervor, dass diese Einschränkungen nicht
in allen Bereichen völlig gleichmässig seien. Dies mache die Einschrän-
kungen gemäss Gutachten jedoch nicht irrelevant, vielmehr würden sie in-
terpretiert als Zeichen dafür, dass keine völlig aufgehobene Arbeitsfähigkeit
aus psychiatrischer Sicht vorliege. In diesem Zusammenhang sei festzu-
halten, dass die Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht lediglich 40 %
betrage. Wenn seitens der Beschwerdegegnerin eine Inkonsistenz zwi-
schen dem psychiatrischen und dem neuropsychologischen Gutachten be-
hauptet werde, womit der neuropsychologische Befund in Frage gestellt
werden soll, sei darauf hinzuweisen, dass sowohl das psychiatrische wie
auch das neuropsychologische Teilgutachten je für sich alleine und nicht
erst in der Konsensbeurteilung die Arbeitsunfähigkeit vom 40 % beziffern
würden. Insofern komme diesem Vorbringen nur schon unter diesem Ge-
sichtspunkt keine Relevanz zu. Insgesamt sei vor diesem Hintergrund ganz
klar ab September 2016 weiterhin von einem invalidisierenden Gesund-
heitsschaden auszugehen. Dieser sei ausgehend vom Gutachten auf min-
destens 40 % festzusetzen. Die Beschwerdegegnerin stelle für das Invali-
deneinkommen auf die Lohnstrukturerhebungen (LSE) ab und setze die-
ses für eine körperlich angepasste Tätigkeit auf den Betrag von Fr.
60'347.15 fest. Für ein 60%iges Pensum betrage das Invalideneinkommen
somit Fr. 36'208.-. In diesem Betrag sei ausgehend von den Zahlen der
Beschwerdegegnerin ein Leidensabzug von 10 % berücksichtigt; dieser sei
im Minimum auf 10 % festzusetzen. Aufgrund eines IV-Grades von
44.62 % bestehe ab Dezember 2016 weiterhin Anspruch auf eine Viertels-
rente der IV.
C-534/2019
Seite 7
D.b Mit prozessleitender Verfügung vom 31. Januar 2019 wurde der Be-
schwerdeführer unter Hinweis auf die Säumnisfolgen (Aktenentscheid) auf-
gefordert, innert Frist das dieser Verfügung beigelegte Formular "Gesuch
um unentgeltliche Rechtspflege" ausgefüllt und mit den nötigen Beweismit-
teln versehen beim Bundesverwaltungsgericht einzureichen (B-act. 2; vgl.
auch B-act. 4).
D.c Mit Schreiben vom 16. April 2019 bat das Bundesverwaltungsgericht
die Vorinstanz um Zustellung sämtlicher Akten innert Frist (B-act. 5); diese
gingen am 30. April 2019 ein (B-act. 6).
D.d Mit Zwischenverfügung vom 8. Mai 2019 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch vom 28. Januar 2019 um Gewährung des Rechts auf unent-
geltliche Prozessführung gut und befreite den Beschwerdeführer von der
Bezahlung eines Kostenvorschusses (B-act. 8).
D.e In ihrer Vernehmlassung vom 24. Mai 2019 verwies die Vorinstanz auf
die Stellungnahme der IV-Stelle G._ vom 22. Mai 2019 und bean-
tragte die Abweisung der Beschwerde (B-act. 9).
Die IV-Stelle G._ führte in der besagten Eingabe zusammengefasst
aus, aufgrund der Ressourcenprüfung bestehe insgesamt kein invalidisie-
render Gesundheitsschaden in psychischer Hinsicht. Da die neuropsycho-
logischen Einschränkungen in der klinischen Untersuchung nicht festge-
stellt worden seien und vor allem in psychischer Hinsicht kein invalidisie-
rendes Leiden bestehe, lasse sich das neuropsychologische Untersu-
chungsergebnis nicht mit entsprechenden Diagnosen stützen. Die neu-
ropsychologischen Untersuchungsbefunde könnten daher nicht berück-
sichtigt werden. Zusammengefasst bestünde einzig eine 100%ige Ein-
schränkung der Arbeitsfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit des Versicher-
ten als Chauffeur aufgrund der rheumatologisch festgestellten Ellbogen-
problematik. Gemäss Einkommensvergleich vom 22. September 2017 sei
ein IV-Grad von 8 % ermittelt worden, wobei ein leidensbedingter Abzug
aufgrund des eingeschränkten Belastungsprofils von 10 % vorgenommen
worden sei. Der für einen Rentenanspruch erforderliche IV-Grad von 40 %
werde deshalb ab Dezember 2016 nicht mehr erreicht.
D.f In ihrer Replik vom 27. Juni 2019 liess der Beschwerdeführer an der
Beschwerde und den darin gestellten Anträgen vollumfänglich festhalten
(B-act. 11).
C-534/2019
Seite 8
Zur Begründung liess er zusammengefasst vorbringen, es sei entgegen
der Beschwerdegegnerin in Übereinstimmung mit den Gutachtern und dem
RAD vom Vorliegen einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen
und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41) auszugehen. Dasselbe gelte
auch für die von der Beschwerdegegnerin bestrittene Diagnose einer leich-
ten depressiven Störung. Das soziale Umfeld könne deshalb nicht als un-
terstützende Ressource hinzugezogen werden. Entgegen der Behauptung
der Beschwerdegegnerin bestehe in psychiatrischer Hinsicht durchaus ein
invalidisierendes Leiden, in dessen Gesamtergebnis sich die neuropsycho-
logischen Untersuchungsergebnisse durchaus schlüssig einfügen liessen,
wie dies von den Gutachtern auch gemacht und vom RAD als nachvoll-
ziehbar und schlüssig bestätigt worden sei. Die neuropsychologischen Un-
tersuchungsergebnisse seien deshalb klar zu berücksichtigen. Entgegen
der Beschwerdegegnerin sei in Übereinstimmung mit dem Gutachten und
dem RAD von einer mindestens 40%igen Arbeitsunfähigkeit für eine ange-
passte Tätigkeit auszugehen.
D.g In ihrer Eingabe vom 24. Juli 2019 verwies die Vorinstanz auf die Stel-
lungnahme der IV-Stelle G._ vom 19. Juli 2019, welche einen Ver-
zicht auf eine Duplik beinhaltet, und beantragte weiterhin die Abweisung
der Beschwerde (B-act. 13).
D.h Mit prozessleitender Verfügung vom 29. Juli 2019 wurde der Schriften-
wechsel unter dem Vorbehalt weiterer Instruktionsmassnahmen abge-
schlossen (B-act. 14).
D.i Auf den weiteren Inhalt der Akten sowie der Rechtsschriften und Be-
weismittel der Parteien ist – soweit erforderlich – in den nachfolgenden Er-
wägungen einzugehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht prüft von Amtes wegen und mit freier Kog-
nition, ob die Prozessvoraussetzungen erfüllt sind und ob auf eine Be-
schwerde einzutreten ist (Art. 7 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 20. De-
zember 1968 über das Verwaltungsverfahren [VwVG, SR 172.021]; BVGE
2016/15 E. 1; 2014/4 E. 1.2).
C-534/2019
Seite 9
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG; SR 173.32) in Verbindung mit Art. 33 Bst. d VGG und Art. 69 Abs. 1
Bst. b des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversiche-
rung (IVG; SR 831.20) ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
der vorliegenden Beschwerde zuständig.
1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG).
Gemäss Art. 3 Bst. dbis VwVG bleiben in sozialversicherungsrechtlichen
Verfahren die besonderen Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 6. Ok-
tober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG, SR 830.1) vorbehalten. Gemäss Art. 2 ATSG sind die Bestimmun-
gen dieses Gesetzes auf die bundesgesetzlich geregelten Sozialversiche-
rungen anwendbar, wenn und soweit die einzelnen Sozialversicherungs-
gesetze es vorsehen. Nach Art. 1 IVG sind die Bestimmungen des ATSG
auf die IV anwendbar (Art. 1a - 26bis und Art. 28 - 70 IVG), soweit das IVG
nicht ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht. Nach den allge-
meinen intertemporalrechtlichen Regeln finden diejenigen Verfahrensre-
geln Anwendung, welche im Zeitpunkt der Beschwerdebeurteilung in Kraft
stehen (BGE 130 V 1 E. 3.2).
1.3 Als direkter Adressat ist der Beschwerdeführer von der angefochtenen
Verfügung vom 12. Dezember 2018 (act. 128) berührt und er kann sich auf
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung berufen
(Art. 59 ATSG; Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde (Art. 60 ATSG; Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG)
ist deshalb einzutreten.
1.4 Die örtliche Zuständigkeit der IV-Stelle richtet sich in der Regel nach
dem Wohnsitz des Versicherten im Zeitpunkt der Anmeldung (Art. 55 IVG).
Zuständig zur Entgegennahme und Prüfung der Anmeldungen von Grenz-
gängern ist die IV-Stelle, in deren Tätigkeitsgebiet der Grenzgänger eine
Erwerbstätigkeit ausübt. Dies gilt auch für ehemalige Grenzgänger, sofern
sie bei der Anmeldung ihren ordentlichen Wohnsitz noch in der benachbar-
ten Grenzzone haben und der Gesundheitsschaden auf die Zeit ihrer Tä-
tigkeit als Grenzgänger zurückgeht. Die Verfügungen werden von der IV-
Stelle für Versicherte im Ausland erlassen (Art. 40 Abs. 2 der Verordnung
über die Invalidenversicherung vom 17. Januar 1961 [IVV; SR 831.201]).
Gemäss Art. 40 Abs. 3 IVV bleibt die einmal begründete Zuständigkeit der
IV-Stelle im Verlaufe des Verfahrens erhalten. Frühestens nach einer ge-
C-534/2019
Seite 10
richtlichen Rückweisung der Sache zur weiteren Abklärung und neuer Ver-
fügung an die Verwaltung kann sich ein Wechsel der IV-Stelle rechtfertigen
(Urteil des BGer I 232/03 vom 22. Januar 2004, publiziert in SVR 2005 IV
Nr. 39 S. 145 ff. E. 3.3.1 f.; vgl. auch Urteil des BGer I 190/06 vom 16. Mai
2007 E. 3.2).
1.5 Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1) bildet die
Verfügung vom 12. Dezember 2018, mit welcher die Vorinstanz dem Be-
schwerdeführer eine vom 1. März bis 30. November 2016 befristete ganze
IV-Rente zugesprochen hat. Streitig und zu prüfen ist, ob er im Anschluss
an die Befristung Anspruch auf eine unbefristete IV-Rente im Umfang von
mindestens einer Viertelsrente hat und in diesem Zusammenhang insbe-
sondere, ob die Vorinstanz den Sachverhalt rechtsgenüglich gewürdigt hat.
1.6 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG).
1.7 Das sozialversicherungsrechtliche Verfahren ist vom Untersuchungs-
grundsatz beherrscht (Art. 43 ATSG). Danach hat die Verwaltung und im
Beschwerdeverfahren das Gericht von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des erheblichen Sachverhalts zu sorgen. Dieser
Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet zum einen sein
Korrelat in den Mitwirkungspflichten der Parteien (Art. 28 ff. ATSG; BGE
125 V 195 E. 2 und 122 V 158 E. 1a, je mit Hinweisen). Im Sozialversiche-
rungsprozess hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht
etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen. Die blosse Möglichkeit eines bestimmten
Sachverhalts genügt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat viel-
mehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen möglichen
Geschehensabläufen als die wahrscheinlichste würdigt (BGE 126 V 360
E. 5b und 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
2.
Im Folgenden sind die weiteren, im vorliegenden Verfahren im Wesentli-
chen anwendbaren Normen und Rechtsgrundsätze darzustellen.
2.1 Der Beschwerdeführer ist deutscher Staatsangehöriger und wohnt in
Deutschland. Damit gelangen das Freizügigkeitsabkommen vom 21. Juni
http://links.weblaw.ch/BGE-126-V-353 http://links.weblaw.ch/BGE-125-V-193
C-534/2019
Seite 11
1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und die Regelwerke der Gemeinschaft zur
Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss Anhang II des
FZA, insbesondere die für die Schweiz am 1. April 2012 in Kraft getretenen
Verordnungen (EG) Nr. 883/2004 (SR 0.831.109.268.1) und Nr. 987/2009
(SR 0.831.109.268.11), zur Anwendung. Seit dem 1. Januar 2015 sind
auch die durch die Verordnungen (EU) Nr. 1244/2010, Nr. 465/2012 und
Nr. 1224/2012 erfolgten Änderungen in den Beziehungen zwischen der
Schweiz und den EU-Mitgliedstaaten anwendbar. Das Vorliegen einer an-
spruchserheblichen Invalidität beurteilt sich indes auch im Anwendungsbe-
reich des FZA und der Koordinierungsvorschriften nach schweizerischem
Recht (vgl. BGE 130 V 253 E. 2.4; Urteil des BGer 9C_573/2012 vom
16. Januar 2013 E. 4).
2.2 In zeitlicher Hinsicht sind grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
geblich, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes
Geltung haben (BGE 143 V 446 E. 3.3; 139 V 335 E. 6.2; 138 V 475 E. 3.1).
Deshalb finden die Vorschriften Anwendung, die spätestens beim Erlass
der Verfügung vom 12. Dezember 2018 in Kraft standen; weiter aber auch
solche, die zu jenem Zeitpunkt bereits ausser Kraft getreten waren, die
aber für die Beurteilung allenfalls früher entstandener Leistungsansprüche
von Belang sind.
2.3 Anspruch auf eine Rente der schweizerischen Invalidenversicherung
hat, wer invalid im Sinne des Gesetzes ist (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG) und
beim Eintritt der Invalidität während der gesetzlich vorgesehenen Dauer
Beiträge an die Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
(AHV/IV) geleistet hat, das heisst während mindestens drei Jahren gemäss
Art. 36 Abs. 1 IVG in der seit 1. Januar 2008 geltenden und vorliegend
anwendbaren Fassung. Diese Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt
sein; fehlt eine, so entsteht kein Rentenanspruch, selbst wenn die andere
erfüllt ist. Gemäss dem Auszug aus dem individuellen Konto des Be-
schwerdeführers vom 7. Oktober 2015 (act. 7) ist diese dreijährige Min-
destbeitragsdauer zweifelsfrei erfüllt.
2.4 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG), die Folge
von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein kann (Art. 4 Abs. 1 IVG).
Invalidität ist somit der durch einen Gesundheitsschaden verursachte und
nach zumutbarer Behandlung oder Eingliederung verbleibende länger dau-
ernde (volle oder teilweise) Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt resp. der Möglichkeit,
C-534/2019
Seite 12
sich im bisherigen Aufgabenbereich zu betätigen. Der Invaliditätsbegriff
enthält damit zwei Elemente: ein medizinisches (Gesundheitsschaden mit
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit) und ein wirtschaftliches im weiteren
Sinn (dauerhafte oder länger dauernde Einschränkung der Erwerbsfähig-
keit oder der Tätigkeit im Aufgabenbereich; vgl. zum Ganzen UELI KIESER,
ATSG-Kommentar, 3. Aufl., Zürich/Basel/Genf 2015, Art. 8 Rz. 7). Arbeits-
unfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen
oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teilweise Unfähigkeit, im
bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare Arbeit zu leisten. Bei
langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in einem anderen Beruf
oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6 ATSG). Erwerbsunfähigkeit ist
der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliede-
rung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten
auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7
ATSG).
2.5 Neben den geistigen und körperlichen Gesundheitsschäden können
auch solche psychischer Natur eine Invalidität bewirken (Art. 8 i.V.m. Art. 7
ATSG). Ausgangspunkt der Anspruchsprüfung nach Art. 4 Abs. 1 IVG so-
wie Art. 6 ff. und insbesondere Art. 7 Abs. 2 ATSG ist die medizinische Be-
fundlage. Eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit kann immer nur dann
anspruchserheblich sein, wenn sie Folge einer Gesundheitsbeeinträchti-
gung ist, die fachärztlich einwandfrei diagnostiziert worden ist (BGE 141 V
281 E. 2.1). Mit der Diagnose eines Gesundheitsschadens ist noch nicht
gesagt, dass dieser auch invalidisierenden Charakter hat. Ob dies zutrifft,
beurteilt sich gemäss dem klaren Gesetzeswortlaut nach dem Einfluss, den
der Gesundheitsschaden auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit hat. Ent-
scheidend ist, ob der versicherten Person wegen des geklagten Leidens
nicht mehr zumutbar ist, ganz oder teilweise zu arbeiten. Deshalb gilt eine
objektivierte Zumutbarkeitsprüfung unter ausschliesslicher Berücksichti-
gung von Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung (BGE 142 V 106
E. 4.4). Nicht als Folgen eines psychischen Gesundheitsschadens und da-
mit invalidenversicherungsrechtlich nicht als relevant gelten Einschränkun-
gen der Erwerbsfähigkeit, welche die versicherte Person bei Aufbietung al-
len guten Willens, die verbleibende Leistungsfähigkeit zu verwerten, ab-
wenden könnte; das Mass des Forderbaren wird dabei weitgehend objektiv
bestimmt (BGE 131 V 49 E. 1.2, 130 V 352 E. 2.2.1; SVR 2014 IV Nr. 2
S. 5 E. 3.1). Entscheidend ist, ob und inwiefern es der versicherten Person
trotz ihres Leidens sozialpraktisch zumutbar ist, die Restarbeitsfähigkeit
C-534/2019
Seite 13
auf dem ihr nach ihren Fähigkeiten offenstehenden ausgeglichenen Ar-
beitsmarkt zu verwerten, und ob dies für die Gesellschaft tragbar ist. Dies
ist nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu prüfen (BGE 136 V
279 E. 3.2.1; SVR 2016 IV Nr. 2 S. 5 E. 4.2).
2.6 Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG haben jene Versicherten Anspruch auf eine
Rente, die ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbe-
reich zu betätigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wiederherstellen, erhalten oder verbessern können (Bst. a), und die zu-
sätzlich während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnitt-
lich mindestens 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen sind und auch
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind
(Bst. b und c). Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine
ganze Rente, wenn die versicherte Person mindestens 70 %, derjenige auf
eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem In-
validitätsgrad von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein solcher auf eine
Viertelsrente. Laut Art. 29 Abs. 4 IVG werden Renten, die einem Invalidi-
tätsgrad von weniger als 50 % entsprechen, jedoch nur an Versicherte aus-
gerichtet, die ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG)
in der Schweiz haben, soweit nicht zwischenstaatliche Vereinbarungen
eine abweichende Regelung vorsehen. Eine solche Ausnahme ist vorlie-
gend gegeben (vgl. Art. 7 der Verordnung [EG] Nr. 883/2004). Nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichts (bis Ende Dezember 2006: Eidge-
nössisches Versicherungsgericht [EVG]) stellt diese Regelung nicht eine
blosse Auszahlungsvorschrift, sondern eine besondere Anspruchsvoraus-
setzung dar (BGE 121 V 275 E. 6c).
2.7 Bei rückwirkender Zusprechung einer abgestuften oder befristeten IV-
Rente sind die für die Rentenrevision geltenden Bestimmungen analog an-
zuwenden (BGE 109 V 125 E. 4a; AHI 1998 S. 121 E. 1b; zur Revision von
Invalidenrenten vgl. Art. 17 Abs. 1 ATSG und Art. 88a Abs. 1 IVV in Verbin-
dung mit Art. 88bis Abs. 2 IVV; vgl. auch BGE 130 V 343 E. 3.5.2 und
E. 3.5.4; BGE 141 V 9 E. 2.3 und 5.2; BGE 133 V 108 E. 5.4; SVR 2013 IV
Nr. 44 S. 135 E. 3.1.2).
2.8 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und
im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die Ärzte und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben.
Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu be-
urteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich
C-534/2019
Seite 14
welcher Tätigkeiten die Versicherten arbeitsunfähig sind. Im Weiteren sind
ärztliche Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage,
welche Arbeitsleistungen den Versicherten noch zugemutet werden kön-
nen (BGE 140 V 193 E. 3.2; 132 V 93 E. 4). Sache des (begutachtenden)
Mediziners ist es zunächst, den Gesundheitszustand zu beurteilen und
wenn nötig seine Entwicklung im Laufe der Zeit zu beschreiben, d.h. mit
den Mitteln fachgerechter ärztlicher Untersuchung unter Berücksichtigung
der subjektiven Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt darauf
die Diagnose zu stellen. Hiermit erfüllt der Sachverständige seine genuine
Aufgabe, wofür Verwaltung und Gerichte nicht kompetent sind. Bei der Fol-
genabschätzung der erhobenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen für
die Arbeitsfähigkeit kommt der Arztperson hingegen keine abschliessende
Beurteilungskompetenz zu. Vielmehr nimmt die Arztperson zur Arbeitsun-
fähigkeit Stellung, d.h. sie gibt eine Schätzung ab, welche sie aus ihrer
Sicht so substanziell wie möglich begründet. Schliesslich sind die ärztli-
chen Angaben eine wichtige Grundlage für die juristische Beurteilung der
Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden kön-
nen. Nötigenfalls sind, in Ergänzung der medizinischen Unterlagen, für die
Ermittlung des erwerblich nutzbaren Leistungsvermögens die Fachperso-
nen der beruflichen Integration und Berufsberatung einzuschalten (BGE
140 V 193 E. 3.2). Demgegenüber fällt es nicht in den Aufgabenbereich
des Arztes oder der Ärztin, sich zur Höhe einer allfälligen Rente zu äussern,
da der Begriff der Invalidität nicht nur von medizinischen, sondern auch von
erwerblichen Faktoren bestimmt wird (vgl. Art. 16 ATSG).
Das Prinzip inhaltlich einwandfreier Beweiswürdigung besagt, dass das
Sozialversicherungsgericht alle Beweismittel objektiv zu prüfen hat, unab-
hängig davon, von wem sie stammen, und danach zu entscheiden hat, ob
die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des strittigen
Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf das Gericht bei einander
widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzuge-
ben, warum es auf die eine und nicht auf die andere medizinische These
abstellt (SVR 2010 IV Nr. 58 S. 178 E. 3.1; AHI 2001 S. 113 E. 3a).
Der Beweiswert eines ärztlichen Berichts hängt davon ab, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen
beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizi-
nischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa-
C-534/2019
Seite 15
tion einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind. Ausschlag-
gebend für den Beweiswert ist grundsätzlich somit weder die Herkunft ei-
nes Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten oder in Auftrag
gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten, sondern dessen
Inhalt (BGE 137 V 210 E. 6.2.2; 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a). Unab-
hängig davon, ob es sich um eine nachweisliche organische Pathologie
oder um ein unklares Beschwerdebild handelt, setzt eine Anspruchsbe-
rechtigung stets eine nachvollziehbare ärztliche Beurteilung der Auswir-
kungen des Gesundheitsschadens auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit
voraus. Dabei können – insbesondere unklaren Beschwerdebildern inhä-
rente – Abklärungs- und Beweisschwierigkeiten die Berücksichtigung wei-
terer Lebens- und Aktivitätsbereiche wie etwa Freizeitverhalten oder fami-
liäres Engagement erfordern, um das Ausmass der Einschränkungen zu
plausibilisieren, wobei auch fremdanamnestische Angaben zu berücksich-
tigen sind. Ohne Einbezug solcher Indizien, wie sie im Rahmen der festen
Praxis zu den organisch nicht nachweisbaren unklaren Beschwerdebildern
(BGE 141 V 281 E. 4.4.1) regelmässig zu berücksichtigen sind, ist eine
ärztliche Arbeitsfähigkeitsbeurteilung nicht beweiskräftig (BGE 140 V 290
E. 3.3.2). In den konsistenten Nachweis einer gestörten Aktivität und Par-
tizipation einzubeziehen sind nur funktionelle Ausfälle, die sich aus denje-
nigen Befunden ergeben, welche auch für die Diagnose der Gesundheits-
beeinträchtigung massgebend gewesen sind. Die Einschränkung in den
Alltagsfunktionen, welche begrifflich zu einer lege artis gestellten Diagnose
gehört, wird mit den Anforderungen des Arbeitslebens abgeglichen und an-
hand von Schweregrad- und Konsistenzkriterien in eine allfällige Ein-
schränkung der Arbeitsfähigkeit umgesetzt. Auf diesem Weg können gel-
tend gemachte Funktionseinschränkungen über eine sorgfältige Plausibili-
tätsprüfung bestätigt oder verworfen werden (BGE 141 V 281 E. 2.1.2).
Sofern RAD-Untersuchungsberichte den Anforderungen an ein ärztliches
Gutachten (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352) genügen, auch hinsichtlich der
erforderlichen ärztlichen Qualifikationen, haben sie einen vergleichbaren
Beweiswert wie ein anderes Gutachten (SVR 2009 IV Nr. 53 S. 165
E. 3.3.2). Eine von anderen mit der versicherten Person befassten Ärzten
abweichende Beurteilung vermag die Objektivität des Experten nicht in
Frage zu stellen. Es gehört vielmehr zu den Pflichten eines Gutachters,
sich kritisch mit dem Aktenmaterial auseinanderzusetzen und eine eigen-
ständige Beurteilung abzugeben. Auf welche Einschätzung letztlich abge-
stellt werden kann, ist eine im Verwaltungs- und allenfalls Gerichtsverfah-
ren zu klärende Frage der Beweiswürdigung (BGE 132 V 93 E. 7.2.2).
C-534/2019
Seite 16
3.
Mit Blick auf den – die Verfügung vom 29. November 2016 (act. 34) bestä-
tigenden, offenbar am 15. Mai 2017 angefochtenen (act. 57) – Einsprache-
entscheid der C._ vom 6. März 2017(act. 39), mit welcher bei einem
Invaliditätsgrad von 2.06 % ein Unfallversicherungsrentenanspruch für die
Zeit ab 1. November 2016 verneint wurde, ist in koordinationsrechtlicher
Hinsicht vorab festzuhalten, dass die IV-Stellen und die Unfallversicherer
die Invaliditätsbemessung in jedem Einzelfall selbstständig vorzunehmen
haben. Keinesfalls dürfen sie sich ohne weitere eigene Prüfung mit der
blossen Übernahme des IV-Grads des Unfallversicherers bzw. der IV-Stelle
begnügen (BGE 126 V 288 E. 2d). Die Invaliditätsschätzung der Invaliden-
versicherung entfaltet gegenüber dem Unfallversicherer keine Bindungs-
wirkung (vgl. BGE 131 V 362), was auch in umgekehrter Hinsicht gilt (BGE
133 V 549 E. 6). Aufgrund dieser bundesgerichtlichen Rechtsprechung war
die Vorinstanz beim Erlass der angefochtenen Verfügung vom 12. Dezem-
ber 2018 nicht an die von der C._ vorgenommene Invaliditätsbe-
messung gebunden, zumal die Invalidenversicherung – trotz identischem
Invaliditätsbegriff seit dem In-Kraft-Treten von Art. 8 ATSG – als final kon-
zipierte Versicherung im Gegensatz zur Unfallversicherung, bei welcher
nur die unfallbedingte Invalidität Berücksichtigung findet, nicht zwischen
krankheits- oder unfallbedingter Invalidität unterscheidet (vgl. Urteil des
BGer 9C_7/2008 vom 18. September 2008 E. 5.). Unter diesen Aspekten
lässt sich nicht beanstanden, dass die Vorinstanz dem Beschwerdeführer
mit vorliegend angefochtener Verfügung vom 12. Dezember 2018 bei ei-
nem IV-Grad von 100 % eine vom 1. März 2016 bis 30. November 2016
befristete ganze IV-Rente zugesprochen und einen weiteren Anspruch ab
1. Dezember 2016 verneint hatte (act. 128).
4.
Am 21. November 2017 anerkannte die Deutsche Rentenversicherung den
Anspruch auf eine befristete Rente (vom 1. Juni 2017 bis 31. Mai 2019;
act. 75). Diesbezüglich ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer daraus
für das vorliegende Verfahren nichts zu seinen Gunsten ableiten kann,
denn sein allfälliger schweizerischer Rentenanspruch bestimmt sich alleine
aufgrund der schweizerischen Bestimmungen. Es besteht für die rechtsan-
wendenden Behörden in der Schweiz keine Bindung an die Feststellungen
ausländischer Versicherungsträger, Behörden und Ärzte bezüglich Invali-
ditätsgrad und Anspruchsbeginn (vgl. BGE 130 V 253 E.4 und AHI 1996,
S. 179; vgl. auch ZAK 1989 S. 320 E. 2), und aus dem Ausland stammende
C-534/2019
Seite 17
Beweismittel unterliegen der freien Beweiswürdigung des Gerichts (vgl. Ur-
teil des BVGer C-3377/2016 vom 28. März 2017 E. 4 mit Hinweisen; zum
Grundsatz der freien Beweiswürdigung vgl. BGE 125 V 351 E. 3a).
5.
Als Entscheidbasis im vorliegenden Fall dienten der materiell zuständigen
IV-Stelle G._ nicht nur das polydisziplinäre J._-Gutachten
vom 8. Oktober 2018 bzw. die Teilgutachten vom 28. August 2018 (Allge-
meine Innere Medizin; act. 118 S. 43 bis 64), 5. September 2018 (Psychi-
atrie und Psychotherapie; act. 118 S. 94 bis 122), 10. Oktober 2018 (Rheu-
matologie; act. 118 S. 65 bis 93) und 18. Oktober 2018 (Neuropsychologie;
act. 101 S. 123 bis 141) sowie die Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. med.
K._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, vom
31. Oktober 2018 (act. 123 S. 4 und 5). Vielmehr stützte sie sich insbeson-
dere auch auf die im internen Dokument der IV-Stelle G._ vom 29.
November 2018 und den Rubriken "Rückmeldung FE ifr" und "Stellung-
nahme KB" gemachten Ausführungen vom 1. und 6. November 2018. Ge-
mäss diesen sei die psychische Einschränkung nach durchgeführter Res-
sourcenprüfung nicht relevant resp. könne nicht berücksichtigt werden,
weshalb der Beschwerdeführer in einer leidensangepassten Verwei-
sungstätigkeit voll arbeitsfähig sei (act. 123 S. 7). Im Folgenden sind die
oben erwähnten medizinischen Akten zusammengefasst wiederzugeben
und einer Würdigung zu unterziehen.
5.1
5.1.1 In ihrem Teilgutachten vom 28. August 2018 stellte die Internistin
Dr. med. L._ mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit keine Diagno-
sen. Weiter führte sie aus, auf allgemein-internistischem Fachgebiet fän-
den sich keine konkreten Inkonsistenzen. Hinzuweisen sei allerdings auf
die nicht nachweisbaren Medikamentenspiegel von allen vom Versicherten
angegebenen, regelmässig eingenommenen Schmerzmittel. Ebenso
müsse von einer Medikamentenincompliance für R._ und
S._ ausgegangen werden. Es fänden sich keine Hinweise auf Ag-
gravation oder Simulation. Aus allgemein-internistischer Sicht ergäben sich
sowohl in der bisherigen als auch in einer angepassten Tätigkeit weder
eine Einschränkung der Arbeits- noch der Leistungsfähigkeit noch des zeit-
lichen Arbeitspensums (act. 118 S. 58 ff.).
C-534/2019
Seite 18
5.1.2 Im psychiatrischen Teilgutachten vom 5. September 2018 diagnosti-
zierte med. pract. M._, Facharzt für Psychiatrie und Psychothera-
pie, mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine chronische Schmerzstö-
rung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41) sowie
eine sonstige rezidivierende depressive Störung (Erschöpfungsdepres-
sion; ICD-10: F33.8). Die vom Versicherten beklagte körperliche Sympto-
matik habe die Diagnosekriterien einer Erkrankung aus dem somatoformen
Diagnosespektrum erfüllt. Die hieraus resultierenden Folgen und Ein-
schränkungen bedingten eine Verminderung der Leistungs- und Belas-
tungsfähigkeit des Versicherten, letztlich auch der Arbeitsfähigkeit. Zusätz-
lich habe beim Versicherten am ehesten eine leichte depressive Störung
bestanden. Die depressive Störung möge vor dem Hintergrund der soma-
toformen Störung entstanden sein. Sie sollte am ehesten als eine Erschöp-
fungsdepression, bedingt durch die ständig vorhandenen Schmerzen und
die ständig vorhandene Belastung, aufgefasst werden und erschwere die
Situation des Versicherten, mindere weit seine Arbeitsfähigkeit. Es bleibe
anzumerken, dass depressive Phasen behandelbar seien und prinzipiell
eine gute Prognose hätten, so dass hier allfällige Therapieoptionen zu be-
stehen schienen. Es habe sich beim Versicherten ein doch als wohl eher
unangemessen zu bezeichnender sozialer Rückzug, eine affektive Stö-
rung, ein eingeschränktes Tagesprofil, eine Deutlichkeit der auf psychiatri-
schem Fachgebiet zu stellende Diagnosen und deren Auswirkung, eine
Komorbidität im Sinne einer depressiven Störung, jedoch keine völlige
gleichmässige Einschränkung in allen Bereichen gefunden. So habe nicht
von einer völlig aufgehobenen Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht
ausgegangen werden können. Allfällige Hinweise auf Verdeutlichungsten-
denz, Aggravation, Simulation oder Dissimulation ergäben sich nicht. Es
bleibe zu hoffen, dass bei weiterer Intensivierung der Behandlung zumin-
dest noch eine Besserung erzielbar sein sollte. Aus psychiatrischer Sicht
sei der Versicherte in der Lage, sämtliche seinem körperlichen Belastungs-
profil angepassten Tätigkeiten mit einer integralen Reduktion von 40 % zu
verrichten. Die getroffene Einschränkung bestehe mit Sicherheit zur Zeit
der Erstellung dieses psychiatrischen Gutachtens. Es sollte insbesondere
die bestehende depressive Symptomatik nochmals einer Behandlung zu-
geführt werden. Es könnte etwa die ambulante psychiatrische Behandlung
intensiviert werden, und es sollte an eine ambulante psychotherapeutische
Behandlung gedacht werden. Zusätzlich sollte die bestehende Psycho-
pharmako-Medikation nach der längeren Zeit und vom Versicherten ange-
gebenen Wirkungslosigkeit reflektiert werden und die Umstellung auf ein
anderes Antidepressivum in Betracht gezogen werden. Auch eine nochma-
lige Hospitalisation könnte sich günstig auswirken (act. 118 S. 114 ff.).
C-534/2019
Seite 19
5.1.3 In ihrem rheumatologischen Teilgutachten vom 10. Oktober 2018 di-
agnostizierte Dr. med. N._, Fachärztin für Allgemeine Innere Medi-
zin und Rheumatologie, mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine post-
traumatische Arthrose im Ellbogengelenk rechts. Klinisch und radiologisch
könnten die Beschwerden und auch die Bewegungseinschränkungen
nachvollzogen werden, jedoch erklärten diese Befunde trotzdem nicht das
ausgeprägte Ausmass der Schmerzen, insbesondere nicht die starken
Schmerzen in Ruhe und in der Nacht. Die in der Aktenanamnese aufge-
führten orthopädischen Berichte könnten mit den aktuellen Befunden plau-
sibel nachvollzogen werden. Anzumerken und diskrepant sei aber, dass
sämtliche Medikamentenspiegel sehr tief seien, so dass von einer Medika-
menten-Malcompliance auszugehen sei. Auch der R._spiegel sei
tief gewesen. Der Explorand habe hingegen angegeben, die Medikamente,
insbesondere die analgetischen, regelmässig einzunehmen. Somit sei der
vom Exploranden angegebene starke Leidensdruck bezüglich der Schmer-
zen zu hinterfragen. Die angestammte Tätigkeit als Chauffeur sei aufgrund
der Gesundheitsstörung und den damit verbundenen Funktionseinschrän-
kungen nicht mehr zumutbar. In einer den Funktionseinschränkungen ent-
sprechenden adaptierten Tätigkeit bestehe eine geschätzte Arbeitsfähig-
keit von 100 %. Eine retrospektive Beurteilung einer potenziellen Entwick-
lung einer Verweistätigkeit werde als spekulativ erachtet, weshalb von ei-
ner rückwirkenden Bemessung bezüglich einer Verweistätigkeit abgese-
hen werde. Die konservativen Massnahmen seien zum grössten Teil aus-
geschöpft worden und hätten keine Besserung gebracht. Die analgetische
Therapie könne nicht optimiert werden, da die Einnahme gemäss tiefem
Medikamentenspiegel nicht erfolgt sei. Ob eine Verbesserung mit einer
operativen Massnahme erreicht werden könne, sei aus rheumatologischer
Sicht nicht zu beurteilen (act. 118 S. 79 ff.).
5.1.4 Im neuropsychologischen Teilgutachten vom 18. Oktober 2018 wurde
mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine leichte bis mittelschwere neu-
ropsychologische Störung (ICD-10: F06.7) diagnostiziert und weiter zu-
sammengefasst ausgeführt, im Vordergrund dieser Störung stünden die
Minderleistungen in den Bereichen Aufmerksamkeit/Konzentrationsfähig-
keit und (Arbeits-)Gedächtnis. Diese Befunde seien konsistent mit den ak-
ten- und eigenanamnestischen Angaben zur Alltags- und Berufsfunktiona-
lität sowie auch der medizinischen Befunde. Hinweise einer Symptomver-
deutlichung oder Aggravation ergäben sich keine. Die Validität der neu-
ropsychologischen Befunde sei gegeben. Aus neuropsychologischer Sicht
ergäben sich keine therapeutischen Möglichkeiten zur Verbesserung der
C-534/2019
Seite 20
Arbeitsfähigkeit. Vielmehr müsse es darum gehen, die vorhandenen kog-
nitiven Fähigkeiten und Ressourcen in den angepassten Tätigkeiten opti-
mal zu nutzen. Die Arbeitsfähigkeit im angestammten Beruf als LKW-Fah-
rer sei im ersten Arbeitsmarkt zurzeit nicht mehr gegeben. In einer den
Ressourcen und den Defiziten angepassten Tätigkeit im angestammten
Beruf sowie in jeglicher Verweistätigkeit bestehe aufgrund der neuropsy-
chologischen Befunde (Verhaltensbeobachtung und Testergebnisse) eine
Arbeitsfähigkeit von 60 %. Bei einer Arbeitspräsenz von 80 % könne er
eine Arbeitsleistung von 60 % (bezogen auf ein Vollpensum) erbringen. Die
Reduktion der Arbeitspräsenz sei begründet mit der verminderten Belast-
barkeit bei steigender Aufmerksamkeitsproblematik und dem vermehrten
Erholungsbedarf. Eine angepasste Arbeitssituation bedinge kognitiv einfa-
che und gut strukturierte Tätigkeiten. Darüber hinaus erforderlich seien
eine Selbstbestimmung des Arbeitstaktes wie auch der Pausengestaltung
(act. 118 S. 139 ff.).
5.1.5 In der Konsensbeurteilung vom 8. Oktober 2018 diagnostizierten die
an der polydisziplinären J._-Begutachtung beteiligten Gutachterin-
nen und Gutachter mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit eine posttrau-
matische Arthrose im Ellbogengelenk rechts, eine chronische Schmerzstö-
rung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10: F45.41), eine
sonstige rezidivierende depressive Störung (Erschöpfungsdepression;
ICD-10: F33.8) sowie leichte bis mittelgradige kognitive Defizite. Weiter
führten sie zusammengefasst aus, die Inkongruenz der subjektiven Anga-
ben und der labormässigen Befunde müsse als Inkonsistenz gesehen wer-
den. Es hätten sich keine sicheren Hinweise für eine Aggravation oder Si-
mulation ergeben, auch wenn die genannten Inkonsistenzen dahingehend
interpretiert werden könnten, dass eine Aggravation bei der Schilderung
des Beschwerdeausmasses nicht ausgeschlossen werden könne. Dies, da
der fehlende Nachweis der Schmerzmittel, obwohl der Versicherte eine re-
gelmässige Eingabe angegeben habe, darauf hinweise, dass die
Schmerzsymptomatik nicht derart ausgeprägt zu sein scheine, wie dies der
Explorand angebe. Aus interdisziplinärer Sicht ergebe sich eine Arbeitsun-
fähigkeit in der angestammten Tätigkeit von 100 % und in einer Verweistä-
tigkeit von 40 %. Dabei gelte das seitens des rheumatologischen, des neu-
ropsychologischen und des psychiatrischen Teilgutachtens geäusserte Fä-
higkeitsprofil. Retrospektiv sei eine abschliessende Überprüfung der echt-
zeitlich erhobenen Befunde und der gestützt darauf vorgenommenen Di-
agnosen und Arbeitsfähigkeitseinschätzungen nicht möglich. Es ergebe
sich keine additive Arbeitsunfähigkeit. Im Vordergrund stehe die psychiat-
C-534/2019
Seite 21
rische Begleitbehandlung. Aus internistischer Sicht wäre eine Gewichtsre-
duktion angebracht. Aus rheumatologischer Sicht sei die Schmerzsympto-
matik bereits chronifiziert und therapierefraktär. Eine Aussicht auf Heilung
sei eher unwahrscheinlich. Ob eine operative Massnahme eine Besserung
bewirken würde, sei fraglich (act. 118 S. 9 ff.).
5.1.6 Der RAD-Arzt Dr. med. K._, Facharzt für Orthopädische Chi-
rurgie und Traumatologie, führte am 31. Oktober 2018 aus, das J._-
Gutachten vom 8. Oktober 2018 beantworte die gestellten Fragen, berück-
sichtige die beklagten Beschwerden, sei in Kenntnis und in Auseinander-
setzung mit den Vorakten erstellt worden und sei in der Darlegung der me-
dizinischen Zusammenhänge einleuchtend. Ebenso würden die gezoge-
nen Schlussfolgerungen in nachvollziehbarer Weise hergeleitet. Die Ar-
beitsunfähigkeit in der bisherigen Tätigkeit als Chauffeur betrage 100 %
seit dem 4. März 2015. In einer angepassten Verweistätigkeit gemäss Be-
lastungsprofil bestehe vom 4. März 2015 bis 8. Oktober 2018 eine 100%ige
und ab dem 9. Oktober 2018 eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit. Es sei nicht
davon auszugehen, dass weitere medizinische Massnahmen zu einer re-
levanten Reduktion der Arbeitsunfähigkeit führen würden.
5.2 Das polydisziplinäre J._-Gutachten vom 8. Oktober 2018 ist
zwar umfassend, beruht auf allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt die
geklagten Beschwerden, wurde in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) ab-
gegeben und steht mit dem allgemein-internistischen, psychiatrischen,
rheumatologischen und neuropsychologischen Teilgutachten im Einklang.
Jedoch sind aufgrund der nachfolgenden Erwägungen (vgl. E. 5.4 ff. hier-
nach) die an den vollen Beweiswert eines ärztlichen Gutachtens gestellten
Kriterien noch nicht vollständig erfüllt, da sich hinsichtlich der medizini-
schen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situa-
tion resp. deren Auswirkungen in psychischer Hinsicht insbesondere auf
die Leistungsfähigkeit in einer leidensadaptierten Verweistätigkeit nicht be-
reinigte Unklarheiten ergeben.
5.3
In internistischer und rheumatologisch-orthopädischer Hinsicht ergibt sich
vorab Folgendes:
5.3.1 Fest steht, dass der Beschwerdeführer aus allgemein-internistischen
Gründen gemäss dem schlüssigen Teilgutachten von Dr. med. L._,
Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, vom 28. August 2018 bzw. der
C-534/2019
Seite 22
Konsensbeurteilung vom 8. Oktober 2018 keine gesundheitlichen Beein-
trächtigungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit zu
beklagen hat (act. 118 S. 58 und 62 f.).
5.3.2 Obwohl retrospektive Beurteilungen der Arbeits(un)fähigkeit schwie-
rig sind und deshalb entsprechende Begutachtungen erhöhten Ansprüchen
genügen müssen (vgl. Urteil des BVGer C-3577/2018 vom 4. Februar 2020
E. 5.3 mit Hinweis auf C-8902/2010 vom 14. März 2013 E. 5.2.1 mit Hin-
weisen), ist weiter erstellt, dass der Beschwerdeführer bereits aus rein
rheumatologischer Sicht zufolge der von der Internistin und Rheumatologin
Dr. med. N._ im rheumatologischen Teilgutachten vom 10. Oktober
2018 diagnostizierten posttraumatischen Arthrose im Ellbogengelenk
rechts in der angestammten Tätigkeit als Chauffeur seit dem Unfallereignis
vom 2. März 2015 (vgl. Bst. B. hiervor) über keine nennenswerte Arbeits-
fähigkeit mehr verfügt. Diese Einschätzung wurde im Übrigen auch anläss-
lich der Konsensbeurteilung der beteiligten Expertinnen und Experten
(act. 118 S. 11) sowie in der Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. med.
K._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie, vom
31. Oktober 2018 (act. 123 S. 5) nicht in Frage gestellt. In einer leidensan-
gepassten Verweisungstätigkeit wäre in rheumatologischer Hinsicht unter
Berücksichtigung des von Dr. med. N._ beschriebenen Zumutbar-
keitsprofils jedoch noch eine volle Leistungsfähigkeit vorhanden (act. 118
S. 83 und 84).
5.4
In psychiatrischer Hinsicht ist weiter was folgt festzustellen:
5.4.1 Med. pract. M._, Facharzt für Psychiatrie und Psychothera-
pie, diagnostizierte in ihrem psychiatrischen Teilgutachten vom 5. Septem-
ber 2018 mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nebst einer sonstigen re-
zidivierenden depressiven Störung (Erschöpfungsdepression; ICD-10:
F33.8) eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen
Faktoren (ICD-10: F45.41). Letztere Erkrankung ist unter die ICD-klassifi-
zierten somatoformen Störungen (ICD-10: F45.-) zu subsumieren, sodass
die von der Rechtsprechung im Bereich der somatoformen Schmerzstö-
rungen entwickelten Grundsätze bei der Würdigung des invalidisierenden
Charakters der chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychi-
schen Faktoren (ICD-10: F45.41) anzuwenden sind (vgl. BGE 132 V 65
E. 4). Die bundesgerichtliche Rechtsprechung betreffend somatoforme
Schmerzstörungen und ähnliche ätiologisch-pathogenetisch unklare synd-
romale Leidenszustände (vgl. hierzu Urteil des BGer 8C_689/2014 vom
C-534/2019
Seite 23
19. Januar 2015 E. 2.1 mit Hinweisen auf BGE 136 V 279 E. 3, 130 V 352
E. 2.2.2 und 2.2.3, 132 V 65, 131 V 49 und 130 V 396; BGE 139 V 547
E. 9; BGE 137 V 64 E. 4.1) hat durch BGE 141 V 281 eine Praxisänderung
erfahren.
5.4.1.1 Geht es um psychische Erkrankungen wie eine anhaltende soma-
toforme Schmerzstörung, ein damit vergleichbares psychosomatisches
Leiden (vgl. BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3) oder depressive Störungen (BGE 143
V 409 und 418), so sind für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit systemati-
sierte Indikatoren (Beweisthemen und Indizien) beachtlich, die es – unter
Berücksichtigung von leistungshindernden äusseren Belastungsfaktoren
wie auch von Kompensationspotentialen (Ressourcen) – erlauben, das tat-
sächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281
E. 2, E. 3.4 bis 3.6 und E. 4.1; vgl. nachfolgend auch E. 5.2.3.3).
5.4.1.2 Die oben erwähnte gesundheitliche Beeinträchtigung des Be-
schwerdeführers in Form der chronischen Schmerzstörung mit somati-
schen und psychischen Faktoren fällt zweifelsfrei unter die bundesgericht-
liche Rechtsprechung gemäss BGE 141 V 281. Der Sinn dieses – die
Schmerzrechtsprechung gemäss BGE 130 V 352 ablösenden – Urteils liegt
darin, die Festlegung der Arbeitsunfähigkeit (Art. 6 ATSG) als Gegenstand
eines (strukturierten) Beweisverfahrens unter Heranziehung der rechtlich
formulierten Beweisthemen (im Urteil "Komplexe", "Indikatoren" genannt;
BGE 141 V 281 E. 4.1.2 und 4.1.3) und nicht mehr als qualifizierender Wer-
tungsentscheid gemäss der früheren Überwindbarkeitsvermutung zu ver-
stehen (BGE 141 V 281 E. 3.6). Das Urteil verlangt aber einen Beweis auf
objektiver Beurteilungsgrundlage, weil nur ein solcher den Anforderungen
des Art. 7 Abs. 2 ATSG zu genügen vermag (BGE 141 V 281 E. 3.7.1). Das
heisst, dass allein die ärztliche Arbeitsunfähigkeitsschätzung diesen Be-
weis nicht erbringen kann, weil sie vom Ermessen des psychiatrischen
Sachverständigen abhängt (fehlende Reliabilität in der ärztlichen Folgen-
abschätzung; vgl. BGE 141 V 281 E. 5.1 und 5.2). Vielmehr kann nach
BGE 141 V 281 der Beweis für eine langdauernde und erhebliche gesund-
heitsbedingte Arbeitsunfähigkeit, also funktionelle Einschränkungen und/
oder Verlust psychischer Ressourcen, nur dann als geleistet betrachtet
werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen, im Rahmen
einer umfassenden Betrachtung (allseitige Beweiswürdigung), ein stimmi-
ges Gesamtbild für die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeichnet (vgl.
BGE 141 V 281 E. 4.4.1). Fehlt es daran, ist der Beweis nicht geleistet und
nicht zu erbringen, was sich nach den Regeln über die materielle Beweis-
http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=it&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2020&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F140-V-8%3Ait&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page8 http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=it&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2020&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-V-409%3Ait&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page409 http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=it&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2020&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F143-V-409%3Ait&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page409 http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=it&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&from_year=1954&to_year=2020&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollection_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank=0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F141-V-281%3Ait&number_of_ranks=0&azaclir=clir#page281
C-534/2019
Seite 24
last (Verteilung der Folgen der Beweislosigkeit) zulasten der rentenanspre-
chenden Person auswirkt, welche aus dem unbewiesen gebliebenen Sach-
verhalt ein Recht (den Anspruch auf Invalidenrente) ableiten wollte (BGE
141 V 281 E. 6 in fine).
5.4.1.3 Aus BGE 141 V 281 ergibt sich insbesondere, dass eine freie ärzt-
liche Arbeits(un)fähigkeitsschätzung "nach bestem Wissen und Gewissen"
als solche den rechtlich geforderten Beweis überwiegender Wahrschein-
lichkeit für das Bestehen funktioneller Einbussen und/oder verminderter
Ressourcen in aller Regel nicht zu erbringen vermag, weil sie weitgehend
vom Ermessen des medizinisch-psychiatrischen Sachverständigen ab-
hängt; dieses kann vom Rechtsanwender nicht zuverlässig nachvollzogen
und überprüft werden. Die medizinische Einschätzung der Arbeitsfähigkeit
bleibt aber eine wichtige Grundlage für die anschliessende juristische Be-
urteilung der Frage, welche Arbeitsleistung der versicherten Person noch
zumutbar ist (BGE 140 V 193 E. 3.2 S. 195). Daher haben sich medizini-
sche Sachverständige und rechtsanwendende Stellen bei ihrer Einschät-
zung und Beurteilung des Leistungsvermögens an den normativen Vorga-
ben zu orientieren, wie sie BGE 141 V 281 als Bindeglied zwischen Be-
weisverfahren und Rechtsanwendung, d.h. als gemeinsamer Nenner von
Medizin und Recht, formuliert hat. Idealiter gehen die medizinisch-psychi-
atrischen Gutachter gemäss den entsprechend formulierten Fragestellun-
gen vor (BGE 141 V 281 E. 5.2).
5.4.1.4 Dabei gilt: Einerseits trifft die Rechtsanwender die Pflicht, die me-
dizinischen Angaben daraufhin zu prüfen, ob die Ärzte sich an die mass-
gebenden normativen Rahmenbedingungen gehalten haben. Es stellt sich
also aus rechtlicher Sicht die Frage, ob und in welchem Umfang die ärztli-
chen Feststellungen anhand der rechtserheblichen Indikatoren auf eine Ar-
beitsunfähigkeit schliessen lassen, wie sie vom medizinisch-psychiatri-
schen Experten abschliessend eingeschätzt worden ist (BGE 143 V 418
E. 6). Andererseits darf keine davon losgelöste Parallelüberprüfung "nach
besserem juristischen Wissen und Gewissen" stattfinden (BGE 141 V 281
E. 5.2.3; vgl. auch BGE 145 V 361 E. 3.2.2 mit Hinweisen). Vielmehr ist zu
fragen, ob die funktionellen Auswirkungen medizinisch im Lichte der nor-
mativen Vorgaben widerspruchsfrei und schlüssig mit (zumindest) überwie-
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind (BGE 141 V 281 E. 6). Zu
erinnern ist daran, dass nach BGE 141 V 281 der Beweis für eine lang
andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit nur
dann erbracht ist, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im
Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild für
C-534/2019
Seite 25
eine Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) zeigt. Fehlt es
daran, ist der Beweis nicht geleistet und nicht zu erbringen, was sich nach
den Regeln über die (materielle) Beweislast zu Ungunsten der rentenan-
sprechenden Person auswirkt (BGE 143 V 418 E. 6).
5.4.2
5.4.2.1 Obwohl die im psychiatrischen Teilgutachten vom 5. September
2018 von med. pract. M._, Facharzt für Psychiatrie und Psychothe-
rapie, mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit gestellten Diagnosen einer
chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(ICD-10: F45.41) sowie einer sonstigen rezidivierenden depressiven Stö-
rung (Erschöpfungsdepression; ICD-10: F33.8) auch anlässlich der Kon-
sensbeurteilung vom 8. Oktober 2018 Berücksichtigung fanden und die
entsprechende Therapieadhärenz in psychiatrischer Hinsicht weitgehend
gegeben ist (act. 118 S. 109), ging die Vorinstanz unbesehen dieser Tatsa-
chen und entgegen dem RAD-Arzt Dr. med. K._ davon aus, dass
keine IV-relevanten psychiatrischen Diagnosen bestünden resp. der Be-
schwerdeführer von psychiatrischer Seite her genügend Ressourcen habe,
um trotz Einschränkungen einer vollzeitlichen Erwerbstätigkeit nachgehen
zu können resp. er in einer angepassten Verweistätigkeit eine volle Leis-
tungsfähigkeit aufweisen würde (act. 123 S. 6 und 7).
5.4.2.2 Dieser Auffassung ist vorab zu entgegnen, dass es Sache des Me-
diziners oder der Medizinerin ist, den Gesundheitszustand zu beurteilen
und wenn nötig dessen Entwicklung im Laufe der Zeit zu beschreiben, d.h.
mit den Mitteln fachgerechter ärztlicher Untersuchung unter Berücksichti-
gung der subjektiven Beschwerden die Befunde zu erheben und gestützt
darauf die Diagnose zu stellen. Hiermit erfüllt der Sachverständige seine
genuine Aufgabe, wofür Verwaltung und im Streitfall Gericht nicht kompe-
tent sind (BGE 140 V 193 E. 3.2; vgl. auch E. 2.8 hiervor). Insofern obliegt
es in Ermangelung von entsprechenden Sachkenntnissen zwar nicht der
IV-Stelle G._ resp. der Vorinstanz, sich in genereller Hinsicht zu Di-
agnosen, Befunden und zur Arbeitsfähigkeit zu äussern.
5.4.2.3 Jedoch zeigt der Überblick über die aktuelle Rechtsprechung (vgl.
BGE 145 V 361 E. 4.2), dass jede gutachterliche Einschätzung der Arbeits-
unfähigkeit durch den medizinisch-psychiatrischen Sachverständigen der
(freien) Überprüfung durch die rechtsanwendende Verwaltung (im Be-
schwerdefall das Gericht) im Lichte von BGE 141 V 281 – und der seither
ergangenen, das Konzept auf alle psychischen und psychosomatischen
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F140-V-193%3Ade&number_of_ranks=0#page193
C-534/2019
Seite 26
ausweitenden Urteile – unterliegt. Von einer lege artis erfolgten medizini-
schen Schätzung ist nur aus triftigen Gründen abzuweichen. Solche liegen
vor, wenn die medizinisch-psychiatrische Annahme einer Arbeitsunfähig-
keit letztlich, im Ergebnis, unter dem entscheidenden Gesichtswinkel von
Konsistenz und materieller Beweislast der versicherten, rentenanspre-
chenden Person zu wenig gesichert ist und insofern nicht überzeugt. Dabei
ist in Erinnerung zu rufen und es gilt als Leitschnur, dass die ärztliche Be-
urteilung Ermessenszüge aufweist, die auch den Rechtsanwender begren-
zen. Demnach besteht zum einen das rechtsprechungsgemässe Verbot
unzulässiger juristischer Parallelprüfung im Vergleich zur Arbeitsunfähig-
keitsfestlegung durch die Gutachter. Zum anderen räumt BGE 141 V 281
die Befugnis ein, im Rahmen der (freien) Überprüfung durch den Rechts-
anwender von der ärztlichen Folgenabschätzung abzuweichen. Diese bei-
den Argumentationslinien sind wie folgt abzugrenzen: In allen Fällen ist
durch den Versicherungsträger und im Beschwerdefall durch das Gericht
zu prüfen, ob und inwieweit die ärztlichen Experten ihre Arbeitsunfähig-
keitsschätzung unter Beachtung der massgebenden Indikatoren (Beweis-
themen) hinreichend und nachvollziehbar begründet haben. Dazu ist erfor-
derlich, dass die Sachverständigen den Bogen schlagen zum vorausge-
henden medizinisch-psychiatrischen Gutachtensteil (mit Aktenauszug,
Anamnese, Befunden, Diagnosen usw.), d.h. sie haben im Einzelnen Be-
zug zu nehmen auf die in ihre Kompetenz fallenden erhobenen medizi-
nisch-psychiatrischen Ergebnisse fachgerechter klinischer Prüfung und
Exploration. Ärztlicherseits ist also substanziiert darzulegen, aus welchen
medizinisch-psychiatrischen Gründen die erhobenen Befunde das funktio-
nelle Leistungsvermögen und die psychischen Ressourcen in qualitativer,
quantitativer und zeitlicher Hinsicht zu schmälern vermögen (BGE 143 V
418 E. 6). Es genügt nicht, dass der medizinisch-psychiatrische Sachver-
ständige vom diagnostizierten depressiven Geschehen direkt auf eine Ar-
beitsunfähigkeit, welchen Grades auch immer, schliesst; vielmehr hat er
darzutun, dass, inwiefern und inwieweit wegen der von ihm erhobenen Be-
funde (Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Antriebsschwäche, Müdigkeit, Kon-
zentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, verminderte Anpassungsfä-
higkeit usw.) die beruflich-erwerbliche Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist,
und zwar – zu Vergleichs-, Plausibilisierungs- und Kontrollzwecken – unter
Miteinbezug der sonstigen persönlichen, familiären und sozialen Aktivitä-
ten der rentenansprechenden Person. Kommen die Experten dieser Auf-
gabe unter Berücksichtigung der durch BGE 141 V 281 normierten Beweis-
themen überzeugend nach, wird die medizinisch-psychiatrische Folgenab-
schätzung auch aus der juristischen Sicht des Rechtsanwenders – Durch-
führungsstelle oder Gericht – Bestand haben. Andernfalls liegt ein triftiger
C-534/2019
Seite 27
Grund vor, der rechtlich ein Abweichen davon gebietet (so [implizit] bereits
Urteil 9C_611/2018 vom 28. März 2019 E. 4.3.3).
5.4.2.4 Es ist zwar davon auszugehen, dass den Expertinnen und Exper-
ten der J._ im Zeitpunkt der Begutachtung die einschlägigen recht-
lichen Vorgaben bekannt gewesen waren. Fraglich ist jedoch, ob sie an-
hand der – in die Kategorien "funktioneller Schweregrad" (detailliert: Kom-
plex Gesundheitsschädigung, Komplex Persönlichkeit, Komplex Sozialer
Kontext [vgl. BGE 141 V 281]) und "Konsistenz" (detailliert: Gleichmässige
Einschränkung des Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbe-
reichen, Behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener
Leidensdruck [vgl. BGE 141 V 281]) unterteilten – (Standard-) Indikatoren
das vom Beschwerdeführer im Zeitpunkt der Begutachtung tatsächlich
noch erreichbare funktionelle Leistungsvermögen und die Ressourcen in
qualitativer, quantitativer und zeitlicher Hinsicht korrekt eingeschätzt hatten
(vgl. BGE 143 V 418 E. 6).
5.4.2.5 Zwar ergaben sich anlässlich der Begutachtung des Beschwerde-
führers gemäss dem Psychiater und Psychotherapeuten med. pract.
M._ und dem Fachpsychologen für Neuropsychologie FSP, lic. phil.
O._, weder eine Symptomverdeutlichung noch eine Aggravation,
Simulation oder Dissimulation (act. 118 S. 118 und S. 139). Darüber hinaus
fanden auch die Rheumatologin und Internistin Dr. med. N._ sowie
die Internistin Dr. med. L._ keine entsprechenden Hinweise (act.
118 S. 61 und 82). Es ist jedoch erstellt, dass gemäss den Expertinnen und
Experten die Inkongruenz der subjektiven Angaben und der labormässigen
Befunde als Inkonsistenz gesehen werden muss und dahingehend inter-
pretiert werden kann, dass eine Aggravation bei der Schilderung des Be-
schwerdeausmasses nicht ausgeschlossen werden kann. Zudem ist es
möglich, dass die Schmerzsymptomatik mit Blick auf den fehlenden Nach-
weis der Schmerzmittel nicht in dem hohen Ausmass, wie vom Beschwer-
deführer geschildert, vorhanden ist. Zwar fand sich beim Beschwerdefüh-
rer ein "doch als wohl eher unangemessen zu bezeichnender sozialer
Rückzug", ein eingeschränktes Tagesprofil, jedoch keine völlige gleichmäs-
sige Einschränkung in allen vergleichbaren Bereichen (act. 118 S. 115).
Weiter verfügt der Beschwerdeführer in rein psychiatrischer resp. in ge-
samtmedizinischer Hinsicht (act. 118 S. 10 und 109) über Ressourcen in
Form von Kommunikationsfähigkeit, ausserberuflichen Fertigkeiten (Um-
gang mit den Hunden, Haushaltstätigkeiten), einer bedingt erhaltenen, ge-
ordneten Tagesstruktur sowie ein auf die Familie eingeschränktes soziales
Umfeld. Schliesslich stellten die Gutachterinnen und Gutachter anlässlich
C-534/2019
Seite 28
der Konsensbeurteilung auch eine nicht erkennbare Motivation und Hin-
weise auf eine Medikamentenincompliance fest.
5.4.2.6 Diese Ausführungen der Gutachterinnen und Gutachter hinsichtlich
Inkonsistenz, möglicher Aggravation und geschilderter Schmerzen des Be-
schwerdeführers trotz Fehlens des Nachweises entsprechender Schmerz-
mittel geben Anlass, an der von ihnen geschätzten Leistungsunfähigkeit
von 40 % ab 8. Oktober 2018 (Datum der Konsensbeurteilung) in einer lei-
densadaptierten Verweisungstätigkeit zu zweifeln, zumal auch die von
ihnen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit festgestellten Diagnosen und
Befunde in psychischer Hinsicht für sich gesehen noch keine besondere
Schwere der Gesundheitsschädigung nahelegen und der Beschwerdefüh-
rer doch noch über einige Ressourcen verfügt. Mit anderen Worten fehlt es
an einem stimmigen Gesamtbild für die Annahme einer rechtlich relevanten
(psychischen und neurologischen) Funktionseinbusse (BGE 145 V 361 E.
3.2.2 in fine) in einer leidensadaptierten Verweisungstätigkeit und stehen
die ärztlichen Darlegungen mit den normativen Vorgaben nicht überein
(vgl. hierzu BGE 144 V 50 E. 6.1; SVR 2019 IV Nr. 40; Urteile des BGer
8C_635/2018 E. 6.4 und 8C_209/2019 vom 19. August 2019 E. 5.2).
5.4.2.7 Der Umstand, dass der RAD-Arzt Dr. med. K._ das polydis-
ziplinäre Gutachten vom 8. Oktober 2018 am 31. Oktober 2018 als beweis-
tauglich qualifiziert und somit die darin bescheinigte, eingeschränkte Leis-
tungsunfähigkeit als nachvollziehbar taxiert hatte, ändert daran nichts. Für
das Bundesverwaltungsgericht ist nicht rechtsgenüglich erstellt, ob den In-
konsistenzen und Ressourcen insofern Rechnung getragen worden ist, als
der Beschwerdeführer trotz diesen eine um 40 % verminderte Leistungs-
unfähigkeit seit dem 8. Oktober 2018 (Datum der Konsensbeurteilung) auf-
weist. Zu ergänzen ist, dass überhaupt keine versicherte Gesundheits-
schädigung vorliegen würde, wenn die Leistungseinschränkung auf Aggra-
vation oder einer ähnlichen Konstellation (erhebliche Diskrepanz zwischen
den geschilderten Schmerzen und dem gezeigten Verhalten oder der
Anamnese; Angabe von intensiven Schmerzen, deren Charakterisierung
jedoch vage bleibt; keine Inanspruchnahme einer medizinischen Behand-
lung und Therapie; unglaubwürdige Wirkung demonstrativ vorgetragener
Klagen auf den Sachverständigen; Behauptung schwerer Einschränkun-
gen im Alltag bei weitgehend intaktem psychosozialen Umfeld) beruht,
selbst wenn die klassifikatorischen Merkmale einer somatoformen
Schmerzstörung oder eines anderen psychosomatischen Leidens gege-
C-534/2019
Seite 29
ben sind (vgl. BGE 131 V 49; Urteil des BGer 8C_491/2015 vom 24. Sep-
tember 2015 E. 4.2.2 mit Hinweisen auf BGE 141 V 281 E. 2.2, 2.2.2 und
4.2).
5.4.2.8 Zu erwähnen ist schliesslich, dass der im rheumatologischen Teil-
gutachten vom 10. Oktober 2018 erwähnten Therapieresistenz (act. 118
S. 81 oben) als solcher und für sich allein keine entscheidende Bedeutung
beizumessen ist. Praxisgemäss ist die Frage der invalidenversicherungs-
rechtlich relevanten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bei Erkrankungen
aus dem depressiven Formenkreis nicht allein mit Bezug auf das Kriterium
der Behandelbarkeit zu beantworten (BGE 143 V 409 E. 4.4). Hinzu
kommt, dass gemäss dem psychiatrischen Teilgutachten vom 5. Septem-
ber 2018 noch allfällige Therapieoptionen bestehen, so dass die Prognose
noch als verhalten positiv zu betrachten erscheint (act. 118 S. 118). Unter
diesem Aspekt erscheint die Beurteilung des RAD-Arztes Dr. med.
K._, wonach weitere medizinische Massnahmen nicht zu einer re-
levanten Reduktion der Arbeitsunfähigkeit führen würden, nicht stimmig.
5.4.3 Zusammenfassend ist für das Bundesverwaltungsgericht nicht
rechtsgenüglich nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer aufgrund ei-
ner chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Fak-
toren (ICD-10: F45.41) sowie einer sonstigen rezidivierenden depressiven
Störung (Erschöpfungsdepression; ICD-10: F33.8) in einer leidensange-
passten Verweistätigkeit gemäss der von den Expertinnen und Experten
abgegebenen und von Dr. med. K._ übernommenen Beurteilung
und mit Blick auf die mit vorliegend angefochtener Verfügung vom 12. De-
zember 2018 bei einem IV-Grad von 100 % vom 1. März 2016 bis 30. No-
vember 2016 zugesprochene befristete ganze IV-Rente (act. 128; vgl. auch
E. 3. hiervor) für die Zeit ab Dezember 2016 bis und mit 7. Oktober 2018
eine 100%ige Leistungsunfähigkeit aufgewiesen hat und seit dem 8. Okto-
ber 2018 (Datum der Konsensbeurteilung) eine solche von 40 % besteht.
Insofern erweist sich der medizinische Sachverhalt und dessen Auswirkun-
gen auf die Leistungsfähigkeit als nicht vollständig rechtsgenüglich abge-
klärt (vgl. BGE 125 V 353 E. 3b/bb), weshalb nicht auf weitere ergänzende
Abklärungen verzichtet werden kann (vgl. zum Verzicht auf solche resp.
zur antizipierten Beweiswürdigung vgl. BGE 136 I 229 E. 5.3; vgl. auch
BGE 122 V 157 E. 1d; SVR 2005 IV Nr. 8 S. 37 E. 6.2, 2003 AHV Nr. 4 S.
11 E. 4.2.1; vgl. zum Ganzen Urteil des BGer 8C_189/2008 vom 4. Juli
2008 E. 5 mit Hinweisen) und sich das Bundesverwaltungsgericht nicht auf
die Feststellung beschränken darf, die Expertinnen und Experten hätten
sich bei ihrer Einschätzung nach den praxisgemässen Vorgaben gerichtet
C-534/2019
Seite 30
und die gegebenen Umstände hinreichend berücksichtigt (vgl. hierzu Urteil
des BGer 8C_423/2019 vom 7. Februar 2020 E. 6.4). Vielmehr drängt sich
mit Blick auf die von den Expertinnen und Experten geschilderten und la-
bormässig belegten Inkonsistenzen bzw. das anlässlich der Konsensbeur-
teilung beschriebene, mögliche Aggravations- und Simulationsverhalten
des Beschwerdeführers, die Diskrepanzen zwischen den geschilderten
Schmerzen und den objektivierbaren Befunden sowie die fragwürdigen An-
gaben hinsichtlich der eingenommenen Medikamente auf, die Sache an
die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie nach Rücksprache mit den Gut-
achterinnen und Gutachtern, deren Äusserungen in einer schriftlichen Stel-
lungnahme konkret und nicht bloss hypothetisch zu erfolgen haben, die
vorliegenden Unklarheiten auflösen lässt. Nach Würdigung der entspre-
chenden Gutachtensergänzung, -Präzisierung und -klarstellung (vgl.
hierzu BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4 mit Hinweis auf Urteil des BGer 9C_646/
2010 vom 23. Februar 2011 E. 4) hat die Vorinstanz – sofern diese zur
(nachträglichen) vollen Beweiskraft des polydisziplinären J._-Gut-
achtens vom 8. Oktober 2018 führt – zusätzlich eine aktualisierte Verlaufs-
begutachtung seit Oktober 2018 in die Wege zu leiten. Sollte die Vorinstanz
nach sorgfältiger Prüfung der ergänzten und präzisierten J._-Ex-
pertise vom 8. Oktober 2018 jedoch zum Ergebnis gelangen, dass diese
nach wie vor nicht voll beweiskräftig ist, hat sie ein neues polydisziplinäres
Gutachten in Auftrag zu geben.
6.
Mit Blick auf die Ausführungen von med. pract. M._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, in deren psychiatrischen Teilgutachten
vom 5. September 2018, wonach insbesondere die bestehende depressive
Symptomatik nochmals einer Behandlung zugeführt resp. die ambulante
psychiatrische Behandlung intensiviert, die bestehende Psychopharmako-
Medikation reflektiert und die Umstellung auf ein anderes Antidepressivum
in Betracht gezogen werden sollte, hat die Vorinstanz nach neuer Ermitt-
lung des vollständigen und richtigen medizinischen Sachverhalts den Be-
schwerdeführer – sollten Massnahmen in Form einer ambulanten oder sta-
tionären Therapie und/oder medikamentösen Behandlung weiterhin indi-
ziert sein – unter Hinweis auf die Schadenminderungspflicht (vgl. hierzu
Urteil des Bundesgerichtes 9C_242/ 2009 vom 30. April 2009 sowie BGE
113 V 22 E. 4a mit Hinweisen) unverzüglich aufzufordern, sich diesen
Massnahmen bei entsprechender Zumutbarkeit zu unterziehen.
C-534/2019
Seite 31
7.
Weiter ist darauf hinzuweisen, dass nach der Rechtsprechung ganz allge-
mein der Grundsatz gilt, dass eine invalide Person, bevor sie Leistungen
verlangt, alles ihr Zumutbare selber vorzukehren hat, um die Folgen ihrer
Invalidität bestmöglich zu mildern; deshalb besteht kein Rentenanspruch,
wenn sie selbst ohne Eingliederungsmassnahmen zumutbarerweise in der
Lage wäre, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen
(vgl. hierzu BGE 138 I 205 E. 3.2 und 113 V 22 E. 4a; SVR 2007 IV Nr. 1
S. 3 E. 5.1). Berufliche Eingliederungsmassnahmen setzen zwar in gene-
reller Hinsicht insbesondere auch die Erfüllung der versicherungsmässigen
Kriterien und die subjektive und objektive Eingliederungsfähigkeit von ver-
sicherten Personen voraus (vgl. hierzu bspw. Urteil des BGer 8C_667/2015
vom 6. September 2016 E. 4.2 mit Hinweisen). Jedoch erfüllte der im
massgebenden Zeitpunkt des Verfügungserlasses (12. Dezember 2018) in
Deutschland wohnhafte, nicht mehr in der Schweiz erwerbstätige Be-
schwerdeführer die versicherungsmässigen Voraussetzungen für Leistun-
gen der Invalidenversicherung gemäss Art. 1b IVG in Verbindung mit
Art. 1a AHVG nicht. Da die für sämtliche Eingliederungsmassnahmen gel-
tende, in Art. 9 Abs. 1bis IVG statuierte Voraussetzung der Versicherungs-
unterstellung zur Folge hat, dass das Recht auf entsprechende Leistungen
erlischt, sobald die betreffende Person nicht mehr versichert ist, hat der
Beschwerdeführer keinen Anspruch auf berufliche Eingliederungsmass-
nahmen (vgl. BGE 145 V 266 E. 4.2 und 5 mit Hinweisen).
8.
8.1 Nach Vorliegen der entsprechenden medizinischen Abklärungsergeb-
nisse (vgl. E. 5.4.3 hiervor) hat die Vorinstanz schliesslich allfällige (allen-
falls auch befristete) Rentenansprüche des Beschwerdeführers ab Dezem-
ber 2016 (vgl. E. 3. hiervor) mittels eines oder mehrerer Einkommensver-
gleiche zu prüfen und zu verfügen, wobei für die Berechnung der hypothe-
tischen Löhne der frühest mögliche Zeitpunkt des Rentenbeginns (BGE
129 V 222, 128 V 174; SVR 2003 IV Nr. 11 E. 3.1.1) massgeblich ist. Im
vorliegenden Fall wurde das Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 Bst. b IVG
im März 2016 beendet, sodass ein allfälliger Rentenanspruch – auch unter
Berücksichtigung des Anmeldedatums vom 24. August 2012 (vgl. Art. 29
Abs. 1 ATSG) – frühestens ab diesem Zeitpunkt bestehen kann. Die IV-
Stelle G._ hat den Einkommensvergleich dementsprechend für das
Jahr 2016 vorgenommen, und das hypothetische Valideneinkommen in der
Höhe von Fr. 65'390.- jährlich (act. 62) lässt sich mit Blick auf die Angaben
C-534/2019
Seite 32
der Arbeitgeberin vom 9. Oktober 2015 (act. 9) nicht beanstanden und
wurde überdies auch vom Beschwerdeführer nicht bestritten.
8.2 Im Rahmen der Bemessung des hypothetischen Invalideneinkommens
ging die Vorinstanz rechtsprechungsgemäss vom Totalwert der LSE 2014
(zur generellen Anwendbarkeit vgl. BGE 142 V 178), Kompetenzniveau 1,
aus (vgl. hierzu Urteil des BGer 8C_787/2014 vom 5. Februar 2015 E. 6.2
mit Hinweis auf Urteil 8C_386/2013 vom 15. Oktober 2013 E. 6.2 mit Hin-
weisen; SVR 2010 IV Nr. 26 S. 79) und passte den entsprechenden Wert
der Lohnentwicklung von 2014 bis 2016 an. Da die Löhne der LSE 2016
mittlerweile publiziert sind, ist auf diese abzustellen. Der entsprechende
Wert beläuft sich für Männer im privaten Sektor im Jahr 2016 auf monatlich
brutto Fr. 5‘340.- bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden und
inkl. 13. Monatslohn (vgl. www.bfs.admin.ch > Statistiken finden > Arbeit
und Erwerb > Löhne, Erwerbseinkommen und Arbeitskosten > Lohnniveau
– Schweiz > privater und öffentlicher Sektor > monatlicher Bruttolohn nach
Wirtschaftszweigen, Kompetenzniveau und Geschlecht – Privater Sektor >
Download Tabelle > Tabelle TA1_tirage_skill_level; zuletzt besucht am
23. Juli 2020). Unter Umrechnung dieses Einkommens auf die betriebsüb-
liche wöchentliche Arbeitszeit von 41.7 Stunden im Jahr 2016 (BGE 126 V
75 E. 3b bb S. 76; vgl. www.bfs.admin.ch > Statistiken finden > Arbeit und
Erwerb > Erwerbstätigkeit und Arbeitszeit > Arbeitszeit > Normalarbeits-
stunden gemäss der Statistik der betriebsüblichen Arbeitszeit > Betriebs-
übliche Arbeitszeit nach Wirtschaftsabteilungen, > Download Tabelle > Ab-
schnitte A-S [Total]; zuletzt besucht am 23. Juli 2020) resultiert demnach
ein hypothetisches jährliches Invalideneinkommen von Fr. 66'803.-. Unter
Berücksichtigung des unbestritten gebliebenen und nicht zu beanstanden-
den leidensbedingten Abzugs in der Höhe von 10 %, welcher das der Vo-
rinstanz resp. der IV-Stelle G._ zustehende Ermessen weder über-
schreitet noch missbraucht (vgl. hierzu BGE 137 V 71 E. 5.1 und 132 V 393
E. 3.3), ergibt sich – ohne Berücksichtigung einer leidensbedingten Ein-
schränkung der Leistungsfähigkeit – vorab als Basiswert ein hypotheti-
sches Invalideneinkommen von Fr. 60'123.- (zur Rundung vgl. BGE 130 V
121 E. 3.2 und 3.3).
9.
Nach dem vorstehend Dargelegten erweist sich der rechtserhebliche Sach-
verhalt noch nicht vollständig und damit rechtsgenüglich abgeklärt und ge-
würdigt (Art. 43 ff. ATSG sowie Art. 12 VwVG). Eine Rückweisung der Sa-
che in Nachachtung des Untersuchungsgrundsatzes (Art. 43 Abs. 1 ATSG)
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F137-V-71%3Ade&number_of_ranks=0#page71 https://entscheide.weblaw.ch/cache.php?link=BGE-130-V-121 https://entscheide.weblaw.ch/cache.php?link=BGE-130-V-121
C-534/2019
Seite 33
an die Vorinstanz zur weiteren Abklärung ist unter diesen Umständen mög-
lich, da sie in der notwendigen Klarstellung, Präzisierung und Ergänzung
des J._-Gutachtens vom 8. Oktober 2018 begründet liegt (vgl. BGE
137 V 210 E. 4.4.1.4). Die Beschwerde vom 28. Januar 2019 ist demnach
insoweit gutzuheissen, als die angefochtene Verfügung vom 12. Dezember
2018 – soweit mit dieser ein Rentenanspruch über den 30. November 2016
hinaus verneint wird – aufzuheben ist und die Akten im Sinne der Erwä-
gungen an die Vorinstanz zur Durchführung weiterer Abklärungen und an-
schliessendem Erlass einer neuen Verfügung zurückzuweisen sind.
10.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
10.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis und 2
IVG), wobei die Verfahrenskosten gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG in der Re-
gel der unterliegenden Partei auferlegt werden. Mit Zwischenverfügung
vom 8. Mai 2019 (B-act. 8) wurde das Gesuch um Erteilung des Rechts auf
unentgeltliche Rechtspflege gutgeheissen. Da eine Rückweisung praxis-
gemäss als Obsiegen der Beschwerde führenden Partei gilt (BGE 132 V
215 E. 6), sind im vorliegenden Fall dem Beschwerdeführer ungeachtet der
Gutheissung seines Gesuches keine Kosten aufzuerlegen. Der Vorinstanz
werden ebenfalls keine Verfahrenskosten auferlegt (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
10.2 Der obsiegende, vertretene Beschwerdeführer hat gemäss Art. 64
Abs. 1 VwVG in Verbindung mit Art. 7 des Reglements vom 21. Februar
2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungs-
gericht (VGKE, SR 173.320.2) Anspruch auf eine Parteientschädigung zu
Lasten der Vorinstanz. Da seitens der Rechtsvertreterin keine Kostennote
eingereicht wurde, ist die Entschädigung aufgrund der Akten festzusetzen
(14 Abs. 2 Satz 2 VGKE). Unter Berücksichtigung des Verfahrensaus-
gangs, des gebotenen und aktenkundigen Aufwands, des durchgeführten
zweifachen Schriftenwechsels, der Bedeutung der Streitsache und der
Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfahrens sowie in Anbe-
tracht der in vergleichbaren Fällen gesprochenen Entschädigungen ist eine
Parteientschädigung von praxisgemäss Fr. 2'800.– (inkl. Auslagen, ohne
Mehrwertsteuer [vgl. dazu z. B. Urteil des BVGer C-5150/2017 vom 1. Mai
2019 E. 8.2 mit Hinweisen]; Art. 9 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 10 Abs. 2
VGKE) gerechtfertigt.
C-534/2019
Seite 34