Decision ID: 93448d58-0c31-45f5-a7f2-6c578928535a
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Januar 2019 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe eine Berufslehre zum
Polymechaniker mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis absolviert und bis März
2018 als Polymechaniker gearbeitet. Im Februar 2019 berichtete das Psychiatrie-
Zentrum B._ (IV-act. 12), der Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven
Störung mit einer gegenwärtig mittelgradigen Episode, an einem Asperger-Syndrom
sowie an Problemen bei der Lebensbewältigung bei akzentuierten
Persönlichkeitszügen. Seit August 2018 sei er vollständig arbeitsunfähig. Im
Vordergrund stehe eine Angst vor Bewertungen in Leistungssituationen mit einer damit
einhergehenden grossen Verunsicherung im zwischenmenschlichen Kontakt. Der
Versicherte tue sich schwer mit der Integration in bestehende Arbeitsgruppen und in
neue berufliche Umgebungen. Er zeige ein starkes Bedürfnis nach Struktur und
Konstanz in seinem Alltag und er leide an einem ausgeprägten Selbstwertdefizit und
Angst vor Kritik und Entwertung. In einem Verlaufsbericht vom 7. Mai 2019 hielten die
behandelnden Ärzte fest, ab Mai 2019 könne dem Versicherten eine Arbeitsfähigkeit
von 60 Prozent zugemutet werden (IV-act. 17). Im Juli 2019 einigten sich die IV-Stelle,
der Versicherte und eine Durchführungsstelle auf eine dreimonatige berufliche
Abklärung (IV-act. 22). Mit einer Mitteilung vom 9. Juli 2019 erteilte die IV-Stelle eine
entsprechende Kostengutsprache (IV-act. 26). Mit einer Verfügung vom 11. Juli 2019
sprach die IV-Stelle dem Versicherten für die Dauer der Massnahme ein Taggeld zu (IV-
act. 29).
A.a.
Im Oktober 2019 notierte eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle (IV-act. 36), die
berufliche Abklärung müsse abgebrochen werden, da der Versicherte vor einem Monat
letztmals erschienen und der Massnahme seither unentschuldigt ferngeblieben sei.
Auch zum Standortgespräch sei er unentschuldigt nicht erschienen. Weder die
Durchführungsstelle noch die IV-Stelle könne ihn telefonisch erreichen. Mit einer
Mitteilung vom 14. Oktober 2019 brach die IV-Stelle die berufliche Massnahme per
A.b.
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sofort ab (IV-act. 37). Am selben Tag forderte die IV-Stelle den Versicherten auf (IV-act.
38), seine Mitwirkungspflicht zu erfüllen. Sie hielt ihn an, bis spätestens am 31. Oktober
2019 seine Bereitschaft zur Fortsetzung der beruflichen Eingliederung zu erklären und
anzugeben, weshalb er nicht mehr zur beruflichen Abklärung erschienen sei. Die
Durchführungsstelle hielt in ihrem Schlussbericht fest (IV-act. 39), dass sie keine
Angaben machen könne, weil der Versicherte von Beginn weg häufig nicht erschienen
sei und man ihn deshalb kaum beim Arbeiten habe beobachten können. Er habe oft
Mühe gehabt, sich abzumelden. Wenn er verschlafen habe, habe er sich jeweils erst
am späten Nachmittag gemeldet. Einen Zusammenhang mit dem „Gamen“ habe er
abgestritten. Der Versicherte teilte der Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle in
der Folge mit, dass er sich nicht arbeits- und eingliederungsfähig fühle; er werde sich
wohl in eine tagesklinische Behandlung begeben (vgl. IV-act. 41). Im März 2020
berichtete das Psychiatrie-Zentrum B._ (IV-act. 46), der Versicherte habe angegeben,
dass er durch die berufliche Abklärung in einen „Teufelskreis“ eines schlechten
Gewissens, einer Selbstverausgabung und einer Überforderung geraten sei. Er habe
bereits im April 2019 geahnt, dass er die Massnahme nicht überstehen werde. Die
Ärzte hielten fest, der Versicherte habe sich am 19. November 2019 erneut in die
tagesklinische Behandlung begeben. Eine stationäre Behandlung habe er abgelehnt.
Aufgrund von unentschuldigten Absenzen sei die tagesklinische Behandlung am 17.
Dezember 2019 vorzeitig abgebrochen worden. Die in der Folge angebotenen Termine
zur Besprechung des weiteren Prozederes habe der Versicherte nicht wahrgenommen.
Am 11. Dezember 2020 berichtete das Psychiatrie-Zentrum B._ (IV-act. 49), der
Versicherte habe sich vom 31. August 2020 bis zum 11. November 2020 erneut in einer
tagesklinischen Behandlung befunden. Diese Behandlung habe wegen diverser
Absenzen vorzeitig abgebrochen werden müssen. Die während der Behandlung
beobachtete eingeschränkte Affektivität, das teilweise seltsame Verhalten und der
verminderte soziale Bezug hätten den Verdacht geweckt, dass der Versicherte neben
dem Asperger Syndrom allenfalls auch an einer schizotypen Störung leiden könnte.
Dem Versicherten könne lediglich eine Tätigkeit in einem geschützten Rahmen mit
einem Pensum von 50 Prozent zugemutet werden. Im Januar 2021 empfahl Dr. med.
C._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) eine psychiatrische und
neuropsychologische Begutachtung (IV-act. 50).
A.c.
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Im Auftrag der IV-Stelle erstattete der Psychiater Dr. med. D._ am 11. Mai 2021
ein fachärztliches Gutachten (IV-act. 62–1 ff.). Er hielt fest, im Rahmen der
Untersuchung hätten sich keine Beeinträchtigungen der Bewusstseinsklarheit und
Bewusstseinshelligkeit gezeigt. Der Versicherte sei zu allen Qualitäten orientiert
gewesen. Er habe die Aufmerksamkeit und die Konzentration für die Dauer des
Gesprächs durchgehend aufrechterhalten können. Die Auffassung sei ungestört
gewesen. Das Langzeitgedächtnis habe sich als unauffällig erwiesen, es hätten sich
aber leichte Merkfähigkeitsstörungen gezeigt. Der Versicherte habe angegeben, dass
er aktuell kaum unter Beschwerden leide. Das Ausdrucksverhalten sei bei der
Schilderung der Beschwerden nicht verändert gewesen. Der formale Gedankengang
sei unauffällig gewesen. Hinweise auf Zwangsgedanken oder zwanghafte Handlungen
hätten nicht vorgelegen. Inhaltliche Denkstörungen hätten sich nicht gezeigt.
Wahnwahrnehmungen oder ein systematisches wahnhaftes Denken hätten nicht
festgestellt werden können. Sinnestäuschungen hätten nicht vorgelegen. Die
Grundstimmung sei euthym gewesen. Die affektive Modulationsfähigkeit sei diskret
eingeschränkt gewesen. Der Antrieb, die Mimik und die Gestik seien unauffällig
gewesen. Zusammenfassend hätten sich im Rahmen der Untersuchung keinerlei
Hinweise für das Vorliegen einer organischen, einschliesslich einer symptomatischen
psychischen Störung, einer Störung durch psychotrope Substanzen, einer
Schizophrenie, einer schizotypen oder einer wahnhaften Störung finden lassen.
Gemäss den Berichten der behandelnden Ärzte habe der Versicherte in der
Vergangenheit über das vorübergehende Auftreten von attenuierten psychotischen
Symptomen im Sinne eines Eigenbeziehungserlebens berichtet, das entweder unter die
depressive Symptomatik zu subsumieren sei oder aber auf ein erhöhtes Psychoserisiko
hinweise. Derzeit liege aber keine depressive Symptomatik vor. Der Versicherte habe
auch nicht über ein Eigenbeziehungserleben berichtet. Die Schilderungen in der
Vergangenheit rechtfertigten keine Diagnose. Die Kriterien für die Diagnose einer
schizotypen Störung seien sehr streng. Die Anforderungen seien beim Versicherten
nicht erfüllt. Die behandelnden Ärzte hätten keine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.
Eine solche liege auch nicht vor. Die Diagnose eines Asperger Syndroms lasse sich
nicht nachvollziehen. In der aktuellen Untersuchung hätten sich jedenfalls keine
entsprechenden Symptome feststellen lassen. Auch bei der consiliarischen
neuropsychologischen Testung, in der dieser Frage nochmals gezielt nachgegangen
A.d.
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worden sei, habe sich keine Autismusstörung objektivieren lassen. Die Resultate der
neuropsychologischen Testung seien insgesamt unauffällig ausgefallen. Aus
psychiatrischer Sicht lasse sich keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit begründen.
Der neuropsychologische Sachverständige Dr. phil. E._ hatte in seiner
Consiliarbeurteilung zuhanden von Dr. D._ am 15. April 2021 festgehalten (IV-act. 62–
65), im Bereich der Aufmerksamkeit und Konzentration habe der Versicherte teilweise
unterdurchschnittliche Leistungen erbracht. Die übrigen Leistungen seien
durchschnittlich gewesen. Der IQ liege bei 103. Hinweise auf eine Aggravation oder
Simulation hätten nicht erhoben werden können. In einem Fragebogen, in dem mit
einem Asperger Syndrom assoziierte Verhaltensweisen erfragt würden, habe der
Versicherte einen durchschnittlichen Wert erzielt, was klar gegen das Vorliegen einer
entsprechenden Störung spreche. Bei der Affektdekodierung hätten sich im Test keine
Defizite gezeigt, die bei einem Asperger Syndrom üblicherweise zu erwarten wären. Der
RAD-Arzt Dr. C._ qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act. 63).
Mit einem Vorbescheid vom 17. Juni 2021 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit
(IV-act. 66), dass sie die Abweisung seiner Begehren um berufliche Eingliederungs
massnahmen und um eine Rente der Invalidenversicherung vorsehe. Zur Begründung
führte sie an, spätestens seit dem 1. Januar 2019 leide der Versicherte nicht mehr an
einer Gesundheitsbeeinträchtigung, die seine Arbeitsfähigkeit einschränken würde.
Dagegen wandte der Versicherte am 20. Juli 2021 ein (IV-act. 70–1), das Gutachten
von Dr. D._ sei nach Ansicht seiner behandelnden Psychiaterin Dr. med. F._ nicht
umfassend. Die Persönlichkeitsdiagnose sei unvollständig, was wohl darauf
zurückzuführen sei, dass der Versicherte unauffällig wirke. Der Eingabe lag eine
Stellungnahme von Dr. F._ vom 16. Juli 2021 bei (IV-act. 70–2 f.). Diese hatte geltend
gemacht, die Hauptlast des Versicherten bestehe in seinen Schwierigkeiten, sich auf
soziale oder berufliche Gruppen einzulassen und eine soziale Interaktion angemessen
zu gestalten und auszuhalten. Ihrer Ansicht nach seien die Kriterien einer schizoiden
Persönlichkeitsstörung erfüllt. Wohl weil diese Diagnose in den bisherigen Akten noch
nicht erwähnt worden sei und weil der Versicherte auf den ersten Blick durchaus
unauffällig wirken könne, sei die vertiefte Persönlichkeitsanalyse bei der Begutachtung
verpasst worden. Dieses Versäumnis müsse nachgeholt werden. Der RAD-Arzt Dr.
A.e.
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B.
C._ empfahl, Dr. D._ die Gelegenheit zur Stellungnahme zu den Vorbringen von Dr.
F._ zu geben (IV-act. 71).
Am 16. August 2021 ersuchte die Procap um eine Akteneinsicht; dem Schreiben
lag eine vom Versicherten unterzeichnete Vollmacht zur Vertretung gegenüber der
Invalidenversicherung bei (IV-act. 73).
A.f.
Am 24. August 2021 nahm Dr. D._ Stellung zu den Vorbringen von Dr. F._ (IV-
act. 76). Er hielt fest, die Schwierigkeiten des Versicherten im sozialen Bereich seien
bei der Untersuchung bekannt gewesen und deshalb im Gutachten auch ausführlich
diskutiert worden. Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung ergebe sich nicht aus
testpsychologischen Untersuchungen, sondern aus dem klinischen Bild. Eine formale
Persönlichkeitsdiagnostik könne allenfalls gewisse Hinweise liefern, aber die
Diskussion sei ja bereits erfolgt. Die berufliche Anamnese des Versicherten schliesse
zwar gewisse (eher diskrete) Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich nicht
aus, sie spreche aber ganz sicher nicht dafür, dass eine Persönlichkeitsstörung sich
anhaltend und gravierend auf die Arbeitsfähigkeit auswirken würde. Dagegen spreche
auch der Umstand, dass der Versicherte „den Durchdiener“ gemacht und diese Zeit als
die schönste Zeit seines Lebens bezeichnet habe. Der RAD-Arzt Dr. C._ qualifizierte
diese Ausführungen als überzeugend (IV-act. 77).
A.g.
Mit einer direkt an den Versicherten adressierten Verfügung vom 30. September
2021 wies die IV-Stelle die Begehren um berufliche Eingliederungsmassnahmen und
eine Rente ab (IV-act. 78). Am 21. Oktober 2021 ersuchte die Vertreterin des
Versicherten um Akteneinsicht (IV-act. 80). Am 29. Oktober 2021 widerrief die IV-Stelle
ihre Verfügung vom 30. September 2021 mit der Begründung, diese sei rechtsfehlerhaft
eröffnet worden; sie werde eine neue Verfügung erlassen, die sie der Vertreterin des
Versicherten zustellen werde (IV-act. 82). Gleichentags erliess sie eine neue Verfügung,
die an die Procap adressiert und ansonsten mit jener vom 30. September 2021
identisch war (IV-act. 83).
A.h.
Am 29. Oktober 2021 erhob der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Verfügung „vom 30. September 2021, eingegangen am 6.
B.a.
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Erwägungen
1.
Oktober 2021“ (act. G 1). Er beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und die neuerliche Prüfung seines Begehrens um berufliche
Eingliederungsmassnahmen und um eine Rente. Zur Begründung führte er aus, das
Gutachten von Dr. D._ sei oberflächlich. Unter anderem habe er sich nicht mit der
Frage nach den Angstzuständen und Panikattacken des Beschwerdeführers –
beispielsweise bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln – befasst. In seiner
Stellungnahme zu den Vorbringen von Dr. F._ habe er darauf hingewiesen, dass
Eingliederungsmassnahmen durchaus sinnvoll sein dürften. Diesem Aspekt habe die
IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) keine Rechnung getragen.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 28. Januar 2022 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 7). Zur Begründung führte sie an, Dr. D._ habe sich sorgfältig mit
den Angaben des Beschwerdeführers, mit den klinischen Befunden und mit den
Vorakten befasst. Gegenüber Dr. D._ habe der Beschwerdeführer angegeben, dass
Zugfahren für ihn kein allzu grosses Problem sei. Schwerer tue er sich mit Busfahren,
aber auch das lasse sich aushalten; es koste ihn einfach Überwindung. Die Problematik
könne also nicht so gravierend sein. Der Beschwerdeführer sei weder invalid noch von
einer Invalidität bedroht.
B.b.
Am 1. Februar 2022 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche
Rechtspflege bewilligt (act. G 8).
B.c.
Der Sinn und Zweck dieses Beschwerdeverfahrens muss sich von Gesetzes
wegen darauf beschränken, die mit der Beschwerde vom 29. Oktober 2021
angefochtene Verfügung vom 30. September 2021 auf deren Rechtmässigkeit zu
überprüfen. Diese Verfügung ist allerdings von der Beschwerdegegnerin am 29.
Oktober 2021 widerrufen und durch eine inhaltlich identische, sich aber nicht direkt an
den Beschwerdeführer, sondern an dessen (damalige) Vertreterin richtende Verfügung
ersetzt worden. Gemäss dem Art. 53 Abs. 3 ATSG kann ein Sozialversicherungsträger
eine bereits eröffnete, aber noch nicht in formelle Rechtskraft erwachsene Verfügung
widerrufen. Selbst wenn bereits eine Beschwerde erhoben worden ist, kann die
Verfügung noch widerrufen werden. Erst wenn der Sozialversicherungsträger
1.1.
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gegenüber der Rechtsmittelinstanz Stellung zur Beschwerde genommen hat, verliert er
die Möglichkeit, die Verfügung zu widerrufen. Anders als bei einer sogenannt
prozessualen Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) oder bei einer Wiedererwägung (Art. 53
Abs. 2 ATSG), die auf die Korrektur einer bereits formell rechtskräftigen Verfügung
abzielen, sieht die gesetzliche Regelung für den Widerruf (Art. 53 Abs. 3 ATSG) keine
besonderen Voraussetzungen vor, die dafür erfüllt sein müssten. Vom Wortlaut des Art.
53 Abs. 3 ATSG her besteht folglich kein Zweifel daran, dass es zulässig gewesen ist,
die bereits eröffnete Verfügung vom 30. September 2021 zu widerrufen, um am 29.
Oktober 2021 eine inhaltlich identische Verfügung mit lediglich einer anderen
Adressierung zu erlassen. Auch wenn der Wortlaut des Art. 53 Abs. 3 ATSG klar und
eindeutig ist, muss anhand einer historischen, systematischen und teleologischen
Interpretation geprüft werden, ob diese Gesetzesbestimmung tatsächlich ein derart
unbeschränktes Widerrufsrecht zugunsten der Sozialversicherungsträger enthält.
Der Art. 53 Abs. 3 ATSG entspricht inhaltlich dem Art. 58 Abs. 1 VwVG, der für das
allgemeine Verwaltungsverfahren vorsieht, dass eine Vorinstanz eine angefochtene
Verfügung bis zu ihrer Vernehmlassung in Wiedererwägung ziehen kann. Weder der
Bericht der Kommission des Ständerates zur parlamentarischen Initiative „Allgemeiner
Teil Sozialversicherung“ vom 27. September 1990 noch die vertiefte Stellungnahme
des Bundesrates vom 17. August 1994 oder der Bericht der Kommission des
Nationalrates für soziale Sicherheit und Gesundheit vom 26. März 1999 enthalten
Ausführungen zum Inhalt des Art. 53 Abs. 3 ATSG. In den parlamentarischen
Beratungen hat die Bestimmung keinerlei Anlass zur Diskussion gegeben (Amtl. Bull.
NR 1999 1247; Amtl. Bull. SR 2000 183). Der Wille des historischen Gesetzgebers hat
sich bei der Einführung des ATSG also offenkundig darauf beschränkt, die Regelung
des Art. 58 Abs. 1 VwVG für das Sozialversicherungsverfahren zu übernehmen. Folglich
erfordert die historische Interpretation des Art. 53 Abs. 3 ATSG eine historische
Interpretation des Art. 58 Abs. 1 VwVG. Der Botschaft des Bundesrates zum VwVG
vom 24. September 1965 lässt sich dazu entnehmen: „Artikel 53 [Entwurf; entspricht
Art. 58 VwVG] über die Wiedererwägung der angefochtenen Verfügung durch die
Vorinstanz schwächt den sogenannten Devolutiveffekt der Beschwerde nach Artikel 49,
das heisst die ausschliessliche Zuständigkeit der Beschwerdeinstanz, in der hängigen
Beschwerdesache zu verfügen, ab und nähert damit die Beschwerde zunächst einer
Einsprache an“ (BBl 1965 II 1371). Die beiden Räte haben den Entwurf kommentarlos
angenommen (Amtl. Bull. NR 1966 643; Amtl. Bull. SR 1967 184). Nach dem Willen des
historischen Gesetzgebers soll der Art. 58 VwVG also offensichtlich der
Verfahrensökonomie dienen: Stellt die Vorinstanz nach einer Beschwerdeerhebung
fest, dass die angefochtene Verfügung korrigiert werden muss, kann sie – ähnlich wie
1.2.
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eine Einspracheinstanz – die angefochtene Verfügung aufheben und das
Verwaltungsverfahren fortsetzen, ohne dass sie zuerst den Rechtsmittelentscheid
abwarten müsste. Hätte sie nicht die Möglichkeit des Widerrufs, bliebe ihr nämlich
nichts anderes übrig, als die Aufhebung der angefochtenen Verfügung zu beantragen
und dann den Entscheid der Beschwerdeinstanz abzuwarten. Erst wenn die
Beschwerdeinstanz ihrem Antrag gefolgt wäre, könnte sie das Verwaltungsverfahren
fortsetzen. Dadurch würde sich das Verfahren insgesamt in die Länge ziehen. Zugleich
sähe sich die Beschwerdeinstanz gezwungen, ein Beschwerdeverfahren fortzuführen
und abzuschliessen, das seinen Sinn zumindest teilweise bereits eingebüsst hätte. Zur
Förderung der Verfahrensökonomie hat der historische Gesetzgeber also ganz bewusst
eine Einschränkung des Devolutiveffekts in Kauf genommen. Der Widerruf führt
gemäss dem Art. 58 Abs. 3 VwVG allerdings nicht in jedem Fall zu einer Abschreibung
des Beschwerdeverfahrens, denn laut dieser Bestimmung muss die
Beschwerdeinstanz das Beschwerdeverfahren fortsetzen, soweit dieses nicht durch die
Widerrufsverfügung gegenstandslos geworden ist. Das versteht sich eigentlich von
selbst, denn wenn einem Beschwerdeverfahren ein Streitgegenstand nicht vollständig
entzogen wird, dann wird es nicht komplett gegenstandslos, weshalb es – nun auf den
verbleibenden Streitgegenstand beschränkt – weitergeführt werden muss. Der Art. 58
Abs. 3 VwVG enthält somit keine inhaltliche Beschränkung des Widerrufsrechtes; er
regelt nur die Folgen eines Widerrufs, der nicht den gesamten Streitgegenstand betrifft.
Zusammenfassend ergibt sich also auch aus der historischen Interpretation keine
inhaltliche Beschränkung des Widerrufsrechtes.
In systematischer Hinsicht stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem
Art. 53 Abs. 3 ATSG und dem Art. 61 lit. d ATSG. Gegen einen Widerruf kann sich die
versicherte Person nämlich (gemäss dem Wortlaut und dem Willen des historischen
Gesetzgebers) nicht vorgängig wehren, was bedeutet, dass sie einen Widerruf einer
angefochtenen Verfügung nicht verhindern kann, während sie bei einer dasselbe
Ergebnis zeitigenden reformatio in peius durch das Gericht gemäss dem Art. 61 lit. d
ATSG die Möglichkeit hätte, die angefochtene Verfügung mittels eines
Beschwerderückzuges sofort formell rechtskräftig und damit verbindlich werden zu
lassen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob das Widerrufsrecht gemäss
dem Art. 53 Abs. 3 ATSG auf jene Fälle beschränkt werden muss, in denen der
Widerruf zu einer Besserstellung der versicherten Person oder zumindest nicht zu einer
Schlechterstellung führt. Tatsächlich hat das Bundesgericht entsprechende Kriterien
kreiert: Es hat festgehalten, dass eine pendente lite erlassene Verfügung den Streit nur
soweit beende, als sie dem Begehren der beschwerdeführenden Partei entspreche;
soweit in der neuen Verfügung Streitfragen ungelöst blieben, bestehe der Streit über
1.3.
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die nicht erfüllten Begehren weiter, weshalb die Beschwerdeinstanz insofern auf die
Sache eintreten müsse (BGE 107 V 250; BGE 113 V 237). Was keiner Gutheissung der
Beschwerdebegehren entspreche, sei nichts weiter als ein Antrag an das Gericht (BGE
103 V 107 E. 2a S. 109 mit zahlreichen Hinweisen). Diese Rechtsprechung überzeugt
nicht, denn sie setzt voraus, dass die verfahrensrechtliche Natur einer Rechtshandlung
der Verwaltung (Verfügung oder Antrag an das Gericht) vom Ergebnis dieser
Rechtshandlung (positive oder negative Auswirkungen für die versicherte Person)
abhängig gemacht werden könne – ein Gedanke, der dem allgemeinen
Verwaltungsverfahrensrecht und dem Sozialversicherungsverfahrensrecht völlig fremd
ist. Eine bestimmte Rechtshandlung kann nur entweder eine Verfügung oder aber keine
Verfügung sein; welche materiellen Auswirkungen sie im konkreten Einzelfall zeitigt, ist
dabei völlig unerheblich. Zudem scheint die bundesgerichtliche Rechtsprechung auch
auf einem Missverständnis bezüglich des Art. 58 Abs. 3 VwVG zu beruhen, der sich
allein auf den (allenfalls verbleibenden) Streitgegenstand des Beschwerdeverfahrens
und nicht etwa auf das materielle Ergebnis bezieht. Wenn beispielsweise eine
Verfügung einer Unfallversicherung angefochten wird, mit der diese der versicherten
Person eine Invalidenrente und eine Integritätsentschädigung zugesprochen hatte,
dann kann die Unfallversicherung ihre Verfügung nicht nur integral, sondern auch nur
betreffend die Invalidenrente oder die Integritätsentschädigung widerrufen. Ein solcher
„Teil-Widerruf“ darf selbstverständlich nicht zur Abschreibung des gesamten
Beschwerdeverfahrens führen, weil dadurch der nicht widerrufene andere Teil der
Verfügung sofort formell rechtskräftig werden würde. Widerruft die Unfallversicherung
also beispielsweise ihre Verfügung betreffend die Integritätsentschädigung, muss das
Beschwerdeverfahren – nun auf die Invalidenrente beschränkt – fortgesetzt werden.
Keine Rolle spielt es dabei, ob die Unfallversicherung beabsichtigt, der versicherten
Person eine höhere, eine tiefere oder gar keine Integritätsentschädigung zuzusprechen
oder ob sie gar erst noch weitere Abklärungen bezüglich des Integritätsschadens
tätigen will. Jedenfalls kann sich die verfahrensrechtliche Zulässigkeit eines Widerrufs
nicht daran messen, welches materielle Ergebnis er zeitigt. Ein Widerruf kann folglich
nur generell zulässig oder aber generell unzulässig (respektive ein blosser Antrag an
das Gericht) sein. Die Annahme einer generellen Unzulässigkeit scheidet aber ohne
weiteres aus, denn sie hätte zur Folge, dass der Art. 53 Abs. 3 ATSG als (vom
Inkrafttreten an) toter Buchstabe qualifiziert werden müsste, was keinesfalls die
Intention des Gesetzgebers gewesen sein kann. Der Widerruf muss also aus
systematischer Sicht generell zulässig sein.
Der Sinn und Zweck des Widerrufs beschränkt sich auf eine Förderung der
Verfahrensökonomie, denn es ist kein anderer Vorteil ersichtlich, den ein Widerruf
1.4.
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gegenüber einem ordentlichen Abschluss eines bereits hängigen
Rechtsmittelverfahrens haben könnte. Die Verfahrensökonomie ist zwar an sich kein
besonders schützenswertes Interesse, aber der historische Gesetzgeber hat es
immerhin als gerechtfertigt erachtet, den Devolutiveffekt im Interesse der
Verfahrensökonomie „abzuschwächen“ (vgl. BBl 1965 II 1371). Das Bundesgericht
orientiert sich offenbar an dieser Formulierung des historischen Gesetzgebers, denn es
nimmt an, dass der Devolutiveffekt unmittelbar bei der Eröffnung des
Beschwerdeverfahrens eintrete, dass aber der Verwaltung noch ein geringer
hoheitlicher Handlungsspielraum verbleibe, denn sie dürfe noch gewisse einfachere
Abklärungen tätigen oder eben ihre Verfügung widerrufen, soweit der Widerruf zu einer
Besserstellung der versicherten Person führe (vgl. etwa BGE 127 V 228). Der
verfahrensökonomische Vorteil des Widerrufs besteht aber darin, dass die Verwaltung,
wenn sie eine eigene Verfügung nachträglich als rechtswidrig (egal, ob zugunsten oder
zuungunsten des Versicherten) erkannt hat, ohne den Ausgang des
Beschwerdeverfahrens abwarten zu müssen, gleich selbst tätig werden, das
Verwaltungsverfahren fortsetzen und schliesslich eine nun rechtmässige Verfügung
erlassen kann. Dieser verfahrensökonomische Nutzen besteht unabhängig vom
materiellen Ergebnis; er hat also nichts damit zu tun, ob die versicherte Person nach
einem Widerruf besser oder schlechter gestellt wird. Eine Einschränkung des
Widerrufsrechtes in Abhängigkeit vom zu erwartenden materiellen Ergebnis wäre also
sinnwidrig. Das Widerrufsrecht muss aus teleologischer Sicht uneingeschränkt gelten,
denn nur so kann es überall dort, wo ein verfahrensökonomischer Vorteil im Raum
steht, auch tatsächlich einen verfahrensökonomischen Vorteil verschaffen. Genau
betrachtet wird der Devolutiveffekt also durch das Widerrufsrecht der Verwaltung nicht
abgeschwächt, sondern vielmehr aufgeschoben: Die Verwaltung behält die absolute
Verfahrenshoheit, bis sie ihre Beschwerdeantwort erstattet hat. Erst dann tritt der
Devolutiveffekt ein, der dazu führt, dass jede nun erlassene Verfügung der Verwaltung
in der Streitsache als nichtig qualifiziert werden muss. Auch aus teleologischer Sicht
kommt also eine inhaltliche Einschränkung der Widerrufsmöglichkeit nicht in Frage.
Zusammenfassend liefern die grammatikalische, die historische, die systematische
und die teleologische Interpretation des Art. 53 Abs. 3 ATSG übereinstimmend ein
eindeutiges Ergebnis: Bis zur Einreichung der Beschwerdeantwort hat die verfügende
Behörde das Recht, die angefochtene Verfügung zu widerrufen. Der Widerruf muss in
Verfügungsform eröffnet werden (vgl. Art. 58 Abs. 2 VwVG), was bedeutet, dass er
anfechtbar ist. Zwar enthält das Gesetz keine inhaltlichen Kriterien, anhand derer die
Rechtmässigkeit eines Widerrufs geprüft werden könnte, aber das bedeutet nicht, dass
die Verwaltung ihre Verfügungen nach schrankenlosem Ermessen widerrufen dürfte.
1.5.
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Ein Widerruf muss sich zumindest auf einen sachlichen, nachvollziehbaren Grund
stützen können. Ein solcher Grund hat hier vorgelegen, denn nachdem die
Rechtsvertretung durch die Procap angezeigt worden war, hätte die Verfügung an
diese und nicht an den Beschwerdeführer eröffnet werden müssen. Die Verfügung vom
30. September 2021 ist also mangelhaft eröffnet worden. Diese Rechtswidrigkeit hat
nur durch eine erneute Eröffnung an die Procap mit einer neuen, „vollständigen“
Rechtsmittelfrist korrigiert werden können. Das Vorgehen der Beschwerdegegnerin,
ihre Verfügung vom 30. September 2021 zu widerrufen und am 29. Oktober 2021 durch
eine inhaltlich identische, nun aber der Rechtsvertreterin eröffnete Verfügung zu
ersetzen, ist damit als rechtmässig zu qualifizieren.
Die Beschwerde vom 29. Oktober 2021 kann nicht als sich gegen die Verfügung
vom 29. Oktober 2021 richtend qualifiziert werden, wie die Beschwerdegegnerin zur
„Rettung“ des Beschwerdeführers vorgeschlagen hat. Erstens richtet sich die
Beschwerde ausdrücklich und eindeutig gegen die am 6. Oktober 2021 zugestellte, am
30. September 2021 eröffnete Verfügung; zweitens kann der Beschwerdeführer
respektive dessen damalige Rechtsvertreterin die Verfügung vom 29. Oktober 2021
allerfrühestens am 30. Oktober 2021 erhalten und folglich nicht vor dem 30. Oktober
2021 eine Beschwerde gegen jene Verfügung erhoben haben. Das bedeutet, dass
sowohl die Widerrufs- als auch die neue materielle Verfügung vom 29. Oktober 2021
unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsen und damit verbindlich geworden
sind, weshalb die Verfügung vom 30. September 2021 als „definitiv“ widerrufen
qualifiziert werden muss. Die Beschwerde vom 29. Oktober 2021 richtet sich damit
gegen eine nicht mehr existente Verfügung; die Beschwerdegegnerin hat dem
Beschwerdeverfahren den Gegenstand entzogen, weshalb es nur noch als
gegenstandslos geworden abgeschrieben werden kann.
1.6.
Bleibt zu prüfen, ob eine Möglichkeit besteht, den Beschwerdeführer mit
vertrauensschutzrechtlichen Überlegungen zu „retten“. Für den Beschwerdeführer als
juristischen Laien ist nicht erkennbar gewesen, dass die am 30. September 2021
eröffnete Verfügung durch die Widerrufsverfügung vom 29. Oktober 2021 integral
ersetzt worden ist, denn er hat ja nach wie vor ein „juristisches Dokument“ mit einer