Decision ID: afb7a1f2-420b-44aa-9880-f9f07e610d9f
Year: 2008
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
S._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch A._,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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St.Galler Gerichte
Erlass der EL-Rückerstattung
Sachverhalt:
A.
A.a S._, Jahrgang 1953, bezieht seit August 1998 Ergänzungsleistungen (EL) zur
Invalidenrente. Im Rahmen einer im Mai 2002 eingeleiteten periodischen Überprüfung
deklarierte der Versicherte eine Rente aus beruflicher Vorsorge von Fr. 17'151.- pro
Jahr, ohne auch die BVG-Kinderrenten miteinzurechnen (EL-act. 42-3). Die EL-Durch
führungsstelle erhöhte daraufhin die monatliche EL von Fr. 1'290.- auf Fr. 1'801.- ab
Mai 2002 (EL-act. 41-3; 46-3). Bei der nächsten periodischen Überprüfung im Juni
2005 deklarierte der Versicherte die BVG-Renten korrekt (EL-act. 17-3 Ziff. 18),
woraufhin die EL-Durchführungsstelle den Fehler bemerkte und zwischen Mai 2002
und Dezember 2004 zuviel bezahlte EL und Krankheitskosten in der Höhe von
insgesamt Fr. 8'197.- zurückforderte (EL-act. 6 und 7). Die gegen die Rückforderung
gerichtete Einsprache vom 28. November 2005 wies der Rechtsdienst der
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA) mit Einspracheentscheid vom
27. September 2006 ab. Auf das Erlassgesuch, das sie neben der Anfechtung der
Rückforderung aus der Beschwerde herauslas, trat sie nicht ein (RD-act. 27). Die
Beschwerde vom 30. Oktober 2006 gegen den Einspracheentscheid wies das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 4. Mai 2007 ab (EL
2006/44). Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
A.b Rechtsanwalt lic. oec. Hermann Grosser stellte am 27. Juni 2007 in Vertretung
des Versicherten ein Gesuch um Erlass der Rückforderung (RD-act. 13), das er am
20. August 2007 begründete. Er verwies auf die Krankheit des Versicherten sowie auf
die sechste Schwangerschaft von dessen Ehefrau. Der Leistungsbezug sei gutgläubig
erfolgt. Der Versicherte beherrsche die deutsche Sprache nicht umfassend und werde
vor allem von seiner Frau unterstützt. Bereits früher seien dem Ehepaar beim Ausfüllen
von Formularen kleinere Fehler unterlaufen. Die Ausgleichskasse habe sich jedoch
jedes Mal nachsichtig gezeigt und habe u.a. im Jahr 2003 ein Erlassgesuch
gutgeheissen. Die fehlerhaften Angaben seien immer gutgläubig und ohne
irgendwelche Bereicherungs- oder Betrugsabsichten erfolgt. Die Familie verfüge nicht
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über genügend finanzielle Mittel, um die zuviel bezogenen EL und Krankheitskosten
zurückzuerstatten. Zudem müsse damit gerechnet werden, dass die Ehefrau des
Versicherten wegen der Schwangerschaft ihre Erwerbsfähigkeit in absehbarer Zeit
zumindest vorübergehend aufgeben müsse und so zusätzliches Einkommen fehle,
sodass sich die finanzielle Lage noch verschlechtere (RD-act. 8-1 bis 8-3).
A.c Die EL-Durchführungsstelle wies das Erlassgesuch mit Verfügung vom
5. September 2007 ab. Der Versicherte habe bei der Revision 2002 die Kinderrenten
nicht angegeben. Er habe somit seine Meldepflicht verletzt, weshalb ihm der gute
Glaube nicht zugesprochen werden könne (RD-act. 5). Gegen diese Verfügung erhob
die Ehefrau des Versicherten in dessen Vertretung am 5. Oktober 2007 Einsprache.
Beim Ausfüllen des EL-Formulars sei ein Fehler passiert. Sie habe das Blatt mit der
Rentenmitteilung der Pensionskasse nicht umgedreht. Es sei anscheinend beidseitig
bedruckt gewesen. Zwei Kinderrenten seien offenbar auf der Rückseite gestanden. Der
Fehler sei unabsichtlich entstanden (RD-act. 2). Der Rechtsdienst der SVA wies die
Einsprache mit Entscheid vom 12. November 2007 ab. Das EL-Recht stelle hohe
Anforderungen an die Sorgfaltspflicht. Jeder EL-Bezüger habe im Rahmen dieser
Sorgfaltspflicht seinen Teil zur richtigen Verfügung beizutragen, indem er diese nach
Erlass rudimentär überprüfe und allfällige Unstimmigkeiten melde. Dass die
eingesetzten Pensionskasseneinnahmen nicht den tatsächlichen entsprochen hätten,
hätte der Beschwerdeführer selbst oder seine Ehefrau ohne weiteres feststellen können
und melden müssen. Damit könne die Grundvoraussetzung des guten Glaubens nicht
als erfüllt angesehen werden (act. G 1.2.1).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die Beschwerde des Versicherten vom
28. November 2007, die vertretungshalber seine Ehefrau irrtümlich der SVA einreichte.
Diese leitete die Beschwerde zuständigkeitshalber ans Versicherungsgericht weiter
(act. G 1). Sinngemäss beantragt die Ehefrau die Aufhebung des Entscheids. Sie sei
entsetzt, dass die Beschwerdegegnerin denke, sie habe nicht im guten Glauben
gehandelt, also sie hätte betrügen wollen. Wenn dem so wäre, hätte sie die höhere
Schätzung des Hauses nicht gemeldet und wäre nicht berufstätig geblieben. Auch
habe sie nie Reisekosten für die zahlreichen Arztbesuche in Zürich mit dem
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behinderten Sohn beantragt. Da die IV (richtig: EL-Durchführungsstelle) den Fehler
betreffend Kinderrenten hätte bemerken können, hält die Ehefrau des
Beschwerdeführers es für fair, die Kosten hälftig aufzuteilen. Sie wolle nicht, dass die
Kinder auf neue Kleider, Geschenke, Musikunterricht, Ausflüge und Taschengelder
verzichten müssten (act. G 1.1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt mit Schreiben vom 18. Dezember 2007 die

Abweisung der Beschwerde und verweist zur Begründung auf die Erwägungen im
Einspracheentscheid (act. G 3).
Erwägungen:
1.
Streitig und im vorliegenden Verfahren zu beurteilen ist, ob dem Beschwerdeführer die
Rückforderung von Fr. 8'197.- zu erlassen ist. Über Bestand und Höhe der
Rückforderung selbst wurde bereits rechtskräftig entschieden.
2.
2.1 Unrechtmässig bezogene Leistungen sind zurückzuerstatten. Wer die
unrechtmässigen Leistungen aber in gutem Glauben empfangen hat, muss sie nicht
zurückerstatten, wenn eine grosse Härte vorliegt (Art. 25 Abs. 1 ATSG; Art. 4 f. der
Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSV; SR
830.11]). Die Rückerstattung kann nur erlassen werden, wenn die beiden
Voraussetzungen des gutgläubigen Empfangs und der grossen Härte der
Rückerstattung kumulativ erfüllt sind (vgl. etwa Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, Zürich
2003, Rz. 19 zu Art. 25 ATSG). Diese Kriterien sind in einer reichhaltigen
Rechtsprechung konkretisiert worden. Hinsichtlich des guten Glaubens sind die
Voraussetzungen nicht schon mit der Unkenntnis des Rechtsmangels gegeben. Die
Rechtsprechung unterscheidet zwischen dem guten Glauben als fehlendem
Unrechtsbewusstsein und der Frage, ob sich jemand unter den gegebenen Umständen
auf den guten Glauben berufen kann, beziehungsweise ob er bei zumutbarer
Aufmerksamkeit den bestehenden Rechtsmangel hätte erkennen sollen (vgl. AHI 1994,
122; BGE 102 V 245 mit Hinweisen). Der Bezüger unrechtmässiger Leistungen darf sich
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nicht nur keiner böswilligen Absicht, sondern auch keiner groben Nachlässigkeit
schuldig gemacht haben. Der Erlass der Rückforderung ist daher zu verweigern, wenn
der Leistungsbezüger die nach den Umständen gebotene zumutbare Aufmerksamkeit
nicht beachtet oder seine Meldepflicht hinsichtlich Änderungen in den massgebenden
Verhältnissen in grober Weise verletzt hat (BGE 102 V 245 mit Hinweisen). Der
Versicherte, der sich auf den guten Glauben beruft, darf seine Melde- und
Auskunftspflicht somit nicht in grober Weise verletzt haben; eine bloss leichte
Verletzung der Sorgfalts- und Aufmerksamkeitspflicht schliesst hingegen den Begriff
des guten Glaubens nicht aus (BGE 110 V 176; ZAK 1985, 63; I 622/05 vom 14. August
2006, Erw. 3.1). Grobe Fahrlässigkeit liegt vor, wenn jemand das ausser Acht lässt, was
jedem verständigen Menschen in gleicher Lage und unter gleichen Umständen als
beachtlich hätte einleuchten müssen (BGE 110 V 176).
2.2 Die Ehefrau des Beschwerdeführers macht geltend, bei der periodischen
Überprüfung vom Mai 2002 versehentlich nur die BVG-Rente ihres Mannes und nicht
auch die Kinderrenten angegeben zu haben. Die Kinderrenten seien wohl auf der
Rückseite des Rentenausweises aufgeführt gewesen und sie habe das Blatt nicht
umgedreht. Dies ist durchaus glaubhaft. Die Ehefrau reichte im Rahmen der
periodischen Überprüfung 2002 einen "Ausweis für die Steuererklärung" der
Pensionskasse vom 13. Dezember 2001 ein, der nicht näher erläuterte
Rentenleistungen in der Höhe von Fr. 17'151.- ausweist (EL-act. 43-2). Auch in der
Steuererklärung 2001 vom 30. April 2002 deklarierte sie lediglich diesen Betrag (EL-
act. 43-16 Ziff. 3.2). Das Formular, das für die periodische EL-Überprüfung 2002
angewendet wurde, enthält im Gegensatz zum überarbeiteten Formular der
periodischen Überprüfung 2005 nur die Frage nach der persönlichen BVG-Rente sowie
derjenigen für den Ehepartner (EL-act. 42-3 Ziff. 18). Das Formular 2005 wurde um die
explizite Frage nach einer Kinderrente erweitert (EL-act. 17-3 Ziff. 18). Bei dieser
Aktenlage ist ein Versehen bei der Deklaration im Mai 2002 wahrscheinlich. Der Ehefrau
des Beschwerdeführers kann nicht vorgeworfen werden, mit böswilliger Absicht zu
tiefe Pensionskassenleistungen angegeben zu haben. Ihre Darstellung der
versehentlichen falschen Angabe ist nachvollziehbar.
2.3 Die Ehefrau des Beschwerdeführers macht nicht geltend, nicht gewusst zu
haben, dass auch die Kinderrenten zu den anrechenbaren Einnahmen zu rechnen sind.
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Bei der Erstanmeldung zum EL-Bezug deklarierte sie die Kinderrenten (EL-act. 50-3).
Diese wurden denn auch in die Berechnung übernommen, bis sich im Rahmen der
periodischen Überprüfung 2002 für den EL-Anspruch ab 1. Mai 2002 der Fehler
einschlich. Durch den Fehler erhöhten sie die EL per Mai 2002 von Fr. 1'290.- auf
Fr. 1'801.- (EL-act. 46-1, 41-1). Der Beschwerdeführer profitierte also von monatlichen
Mehrleistungen von Fr. 511.-. Dies hätte ihn stutzig werden lassen müssen, zumal sich
die anerkannten Ausgaben durch tiefere Hypothekarzinsen um Fr. 1'612.- reduziert
hatten, das anrechenbare Erwerbseinkommen der Ehefrau hingegen nur um Fr. 1'276.-
gesunken war und die übrigen Ausgaben- und Einnahmenpositionen im Wesentlichen
unverändert geblieben waren. Bei einem Vergleich der Berechnungsblätter hätten der
Beschwerdeführer bzw. dessen Ehefrau rasch erkennen können, dass die namhafte
Veränderung sich nur durch die um Fr. 6'116.- reduzierte Einnahmenposition "Andere
Renten und Pensionen aller Art" erklären liess. Da davon auszugehen ist, dass ihnen
bewusst war, dass sich die Rentenleistungen der Pensionskasse nicht verringert
hatten, hätten sie bei gebotener Sorgfalt den Fehler erkennen und der
Beschwerdegegnerin melden müssen. Das Unterlassen der kritischen Durchsicht der
Verfügung vom 11. Juli 2002 samt des dazugehörigen Berechnungsblatts stellt eine
grobe Nachlässigkeit dar. Bei der gebotenen zumutbaren Aufmerksamkeit wäre der
Fehler zweifellos erkennbar gewesen. Obwohl dem Beschwerdeführer keine
betrügerische Absicht vorgeworfen wird, ist der gute Glaube, wie er gemäss der
obenstehenden Erläuterungen zu verstehen ist, aufgrund der mangelnden
Aufmerksamkeit bei der Durchsicht der Verfügung nicht gegeben. Die Prüfung, ob die
Rückerstattung eine grosse Härte darstellt, erübrigt sich demnach.
2.4 Die Ehefrau des Beschwerdeführers macht sinngemäss geltend, grundsätzlich zu
gutmütig zu sein und etwa auf ihr angeblich zustehende Leistungen, wie Reisekosten
für die Arztbesuche in Zürich mit dem behinderten Sohn, bisher verzichtet zu haben.
Sie hofft deshalb offenbar auf Kulanz betreffend die Erlassfrage. Diese Überlegung
kann nicht durchdringen. Der Anspruch auf Reisekostenersatz ist offenbar nicht
ausgewiesen, sodass eine Verrechnung mit einem Teil der Rückforderung nicht in
Frage kommt. Freilich steht es der Ehefrau des Beschwerdeführers frei, allfällige
Reisekosten bei der Invalidenversicherung geltend zu machen. Nicht zu überzeugen
vermag ferner das Argument, die Beschwerdegegnerin hätte den Fehler erkennen und
somit eine ungerechtfertigte Leistung verhindern können, weshalb die Rückerstattung
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fairerweise hälftig aufzuteilen sei. Die Beschwerdegegnerin hätte die zu hohe
Leistungsausrichtung bei gebührender Sorgfalt zwar tatsächlich verhindern können.
Dies macht den übersetzten Leistungsbezug jedoch nicht weniger unrechtmässig. Die
Rückforderung an sich wurde vom Gericht im rechtskräftigen Verfahren EL 2006/44 als
rechtmässig beurteilt. Da die Gutgläubigkeit im Sinne von Art. 25 Abs. 1 ATSG wie
erläutert verneint werden muss, wäre es rechtswidrig, die Rückforderung trotzdem
(teilweise) zu erlassen. Weder Verwaltung noch Gericht verfügen über das Ermessen,
eine solche Einzelfalllösung anzuwenden. Dies wäre mit den Grundsätzen der
Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit nicht zu vereinbaren.
2.5 Die Beschwerdegegnerin hat im Einspracheentscheid darauf hingewiesen, der
finanziellen Situation des Beschwerdeführers könne durch die Vereinbarung eines
Abzahlungsplans Rechnung getragen werden. Dem Beschwerdeführer steht es frei, der
Beschwerdegegnerin einen Vorschlag zur Tilgung der Schuld in angemessenen Raten
zu unterbreiten oder sich bei der Erstellung eines Abzahlungsplans von der
Beschwerdegegnerin beraten zu lassen.
3.
3.1 Gemäss den obigen Erwägungen ist der Einspracheentscheid der
Beschwerdegegnerin vom 12. November 2007 nicht zu beanstanden und die
Beschwerde abzuweisen.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG