Decision ID: 1d94cc79-6b09-4640-9a50-259a6ec4367a
Year: 2004
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Die Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen, Untersuchungsamt , führt eine Strafuntersuchung gegen D._ und E._ wegen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz im Sinne des schweren Falles, konkret wegen Handels von Kokain in grösserem Umfang. Aufgrund eines Zufallsfunds aus einer Telefonüberwachung in dieser  entstand der Verdacht, das Kokain sei von C._ geliefert , weshalb der Untersuchungsrichter beim Anklagekammerpräsidenten des Kantons St. Gallen die für die Verwendung solcher Zufallsfunde  Genehmigung nach Art. 9 BüPF einholte (gemäss Angabe der Staatsanwaltschaft St. Gallen in BK act. 1). Nachdem E._ anfänglich C._ nicht gekannt haben wollte (Einvernahme 19. Juli 2004, BK act. 1.1), belastete er diesen ab Anfangs August 2004 als seinen . E._ gab an, von C._ zwischen anfangs 2003 und Sommer 2004 rund 1,35 kg Kokain übernommen zu haben. Nach Darstellung von E._ erfolgten die ersten drei Übernahmen von noch geringeren  in Zürich, die späteren sieben Lieferungen im Umfang von mindestens jeweils 100 g im Kanton St. Gallen.
B. Auf Ersuchen des sanktgallischen Untersuchungsrichters erhob die Kan-
tonspolizei Zürich die vom Flughafen Zürich-Kloten ausgehenden  von C._, wobei festgestellt wurde, dass dieser über einige Zeit hinweg relativ regelmässig monatlich ein Mal nach Brasilien geflogen war.
C. Die Behörden des Kantons St. Gallen setzten sich bereits am 20. Juli 2004
mit der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich zur Bestimmung des  in Verbindung. Nach einem längeren Schriftenwechsel lehnten die Behörden des Kantons Zürich ihre Zuständigkeit zur Führung der  gegen C._ ab, der Kanton St. Gallen beharrte auf . Die Gerichtsstandsverhandlungen zwischen den beiden Kantonen führten zu keinem Ergebnis.
D. Der Kanton St. Gallen wandte sich in der Folge mit Eingabe vom 7. Okto-
ber 2004 an die „Anklagekammer des Schweizerischen “ und beantragte, der Kanton Zürich sei berechtigt und verpflichtet zu erklären, das Strafverfahren gegen C._ wegen qualifizierter  gegen das BetmG zu führen (BK act. 1). Der Kanton Zürich  am 22. Oktober 2004 die Abweisung dieses Gesuchs. Es sei der
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Kanton St. Gallen berechtigt und verpflichtet zu erklären, das fragliche Strafverfahren zu führen und weiterzuführen (BK act. 4). Die  des Kantons St. Gallen, Untersuchungsamt Altstätten, wurde davon am 27. Oktober 2004 in Kenntnis gesetzt (BK act. 5).

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. Die Zuständigkeit der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zum Entscheid in Verfahren betreffend Gerichtsstandsstreitigkeiten ergibt sich aus Art. 28 Abs. 1 lit. g SGG bzw. Art. 351 StGB.
Das Verfahren richtet sich sachgemäss nach den Artt. 214 - 219 BStP.
2. Die Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen und diejenige des Kantons
Zürich sind nach ihrer kantonsinternen Zuständigkeitsordnung berechtigt, bei interkantonalen Gerichtstandskonflikten den Kanton nach aussen zu vertreten (SCHWERI/BÄNZIGER, Interkantonale Gerichtsstandsbestimmung in Strafsachen, 2. Aufl., Bern 2004, S. 213 ff., Anhang II).
2.1 Für die Verfolgung und Beurteilung einer strafbaren Handlung sind die Be-
hörden des Ortes zuständig, wo die strafbare Handlung ausgeführt wurde (Art. 346 Abs. 1 Satz 1 StGB). Wird jemand wegen mehrerer, an  Orten verübter strafbarer Handlungen verfolgt, so sind die Behörden des Ortes, wo die mit der schwersten Strafe bedrohte Tat verübt worden ist, auch für die Verfolgung und die Beurteilung der anderen Taten  (Art. 350 Ziff. 1 Abs. 1 StGB). Ist die strafbare Handlung an mehreren Orten ausgeführt worden, oder ist der Erfolg an mehreren Orten , so sind gemäss Art. 346 Abs. 2 StGB die Behörden des Ortes , wo die Untersuchung zuerst angehoben wurde (forum praeventionis).
Im vorliegenden Fall ist unbestritten, dass (im Sinne eines Tatverdachts) in
den beiden Kantonen St. Gallen und Zürich Straftaten der gleichen  begangen worden sind. Massgeblich ist deshalb grundsätzlich das forum praeventionis.
Der Gesuchsteller macht primär geltend, im Kanton St. Gallen sei bislang
gar keine materielle Strafuntersuchung gegen C._ eingeleitet . Vielmehr seien nur Ermittlungen gegen ihn im Zusammenhang mit dem bereits hängigen Strafverfahren gegen D._ und E._ er-
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folgt. Auch die Verfügung des sanktgallischen Untersuchungsrichters an die Kantonspolizei Zürich bezüglich der Flugbewegungen von C._ habe nur der Klärung des Gerichtsstands gedient. Der Gesuchsgegner lehnt diese Rechtsauffassung unter Hinweis auf die Rechtsprechung ab.
2.2 Zur Frage, wann und wodurch die Untersuchung im Sinne des Art. 346
Abs. 2 StGB angehoben ist, besteht eine reichhaltige und eindeutige Rechtsprechung. Ob eine Untersuchung als angehoben zu gelten hat,  sich zwar zunächst nach kantonalem Recht. Weil aber die  der bundesgerichtlichen Gerichtsstandsbestimmungen eine  sein muss, kann nicht auf die von Kanton zu Kanton bestehenden  in der Organisation und dem Verfahren der Strafverfolgung Rücksicht genommen werden. Die Wendung „Anhebung der “ bezieht sich deshalb nicht nur auf das eigentliche  im technischen Sinne, sondern auch auf das diesem in der Regel vorhergehende polizeiliche Ermittlungsverfahren. Allgemein gilt eine  dann als angehoben und ein Täter dann als verfolgt, wenn eine Straf-, Untersuchungs- oder Polizeibehörde durch die Vornahme von  oder in anderer Weise zu erkennen gegeben hat, dass sie  (einen bekannten oder noch unbekannten Täter) einer strafbaren Handlung verdächtigt, oder wenn eine solche Handlung wenigstens zum Gegenstand einer Strafanzeige oder eines Strafantrags gemacht worden ist (SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., S. 46 N 140 f., unter Verweis auf die ). Unter anderem eröffnet sogar ein polizeiliches  an einen andern Kanton eine Untersuchung im Sinne des Art. 346 Abs. 2 StGB, vorausgesetzt, ein Deliktsort befindet sich im ersuchenden Kanton (vgl. SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., S. 48 f. N 148, mit Verweis auf die Rechtsprechung).
Vorliegend ist die Untersuchung gegen C._ im obgenannten Sinne
durch das Ersuchen des sanktgallischen Untersuchungsrichters vom 27. Juli 2004 an die Kantonspolizei Zürich zur Erhebung der  eröffnet worden. Selbst wenn man diesem Schritt nur einen  Charakter zubilligen wollte, muss jedenfalls das Gesuch des Untersuchungsrichters an den sanktgallischen  um Genehmigung der Verwendung der Zufallsfunde (auch im Sinne des sanktgallischen Prozessrechts) als Untersuchungseröffnung qualifiziert werden.
Ordentlicher Gerichtsstand für die Verfolgung der C._ vorgeworfenen
Widerhandlung gegen das BetmG im Sinne des schweren Falles ist  der Kanton St. Gallen.
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3. 3.1 Der Gesuchsteller macht weiter geltend, es dränge sich ein Abweichen
vom gesetzlichen Gerichtsstand aus Gründen der Zweckmässigkeit,  sowie Prozessökonomie gestützt auf Art. 262 bzw. 263 BStP auf. Aufgrund der Flugbewegungen sei zu vermuten, dass C._ über den Flughafen Kloten in grossem Umfang Kokain eingeführt habe. C._ operiere von seinem Wohnsitz in Z._/ZH aus. Es sei , der Verkauf über E._ sei nur eines seiner „“. Der Gesuchsgegner relativiert die Anzahl Flüge (8 statt 12), weist darauf hin, dass bei einer der Einreisen trotz Kontrolle nichts gefunden worden sei, gibt zu bedenken, dass die Flüge auch anders zu erklären  als mit Kokainimport, da es sich bei C._ um einen gebürtigen  handle, erwägt, dass in einem Fall C._ selbst eine  in der Schweiz gesucht habe, und gibt schliesslich eine andere Erklärungsmöglichkeit für die Deckung der relativ beträchtlichen  von C._.
3.2 Nach der Praxis darf vom gesetzlichen Gerichtsstand nur ausnahmsweise
abgewichen werden, wenn triftige Gründe es gebieten. Die Überlegungen, die den gesetzlichen Gerichtsstand als unzweckmässig erscheinen lassen, müssen sich gebieterisch aufdrängen (SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., S. 148 N 435, mit Verweis auf die aktuelle Rechtsprechung des Bundesgerichts).
Der Umstand, dass C._ seinen Lebensmittelpunkt im Kanton Zürich hat, ist klarerweise kein wichtiger Grund für ein Abweichen vom  Gerichtsstand. Der Wohnsitz begründet im Strafverfahren keinen  für die Bestimmung des Gerichtsstands.
Vor allem aber macht der Gesuchsteller ein Schwergewicht der deliktischen Tätigkeit von C._ im Kanton Zürich geltend. Nach der bisherigen Rechtsprechung der Anklagekammer des Bundesgerichts war bei der  des Schwergewichts der deliktischen Tätigkeit nicht einfach eine rein arithmetische Gegebenüberstellung der Anzahl Verfehlungen , sondern es waren auch andere Kriterien zu berücksichtigen (SCHWERI/BÄNZIGER, a.a.O., S. 154 f. N 458). Solche andere Kriterien, wie etwa Delikts- oder Schadensbeträge, könnten im vorliegenden Fall  im Hinblick auf die Quantitäten gehandelten Kokains eine Rolle . Nach der bisherigen Rechtsprechung wurde die Grenze für ein Schwergewicht deliktischer Tätigkeit bei rund zwei Dritteln einer grösseren Anzahl von vergleichbaren Straftaten bejaht, während bei einem Drittel re-
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gelmässig noch nicht von einem hinreichenden Schwergewicht für ein  vom gesetzlichen Gerichtsstand auszugehen sei (BG 129 IV 202, 203 E. 2, mit Verweis auf die Praxis). Ein solches Schwergewicht kann für den Kanton Zürich im vorliegenden Fall vor allem im heutigen Zeitpunkt klar nicht ausgemacht werden. Hinsichtlich der Lieferungen von C._ an E._ macht dies auch der Gesuchsteller selbst nicht geltend. Was der Gesuchsteller sonst aber vorbringt, sind Vermutungen, die hinsichtlich einer möglicherweise erweiterten Handelstätigkeit des C._ keinen  Hintergrund im Sinne eines zwingenden Hinweises auf einen Tatort  haben. Genauso wie im Falle E._ ist es für mögliche weitere Verkäufe ohne weiteres denkbar, dass C._ diese auch in anderen Kantonen getätigt hat. Die Vermutung, der Kanton Zürich bilde hinsichtlich einer möglichen Handelstätigkeit des C._ einen eindeutigen , ist deshalb spekulativ. Hinsichtlich möglicher Importe im  mit den Flugbewegungen nach Brasilien fehlen zur Zeit ebenfalls jegliche konkrete Hinweise. Die Voraussetzung für ein Abweichen vom  Gerichtsstand sind daher nicht gegeben.
Von der gesetzlichen Gerichtsstandsordnung ist deshalb nicht . Entsprechend ist das Gesuch abzuweisen, und es ist der  berechtigt und verpflichtet zu erklären, das Strafverfahren  C._ zu führen.
4. Es werden keine Kosten erhoben.
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