Decision ID: 5624433f-6417-48ba-a921-f842164a17c0
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt:
1. A._ ist Alleinaktionär und Verwaltungsratspräsident der in B._
ansässigen C._ AG. Diese wiederum ist Eigentümerin der
Grundstücke Nr. D._ und E._, die im Jahr 2009 als Teil des
Areals "F._" von der Landwirtschaftszone in die Wohn- und
Gewerbezone eingezont wurde. Am 30. März 2015 beschloss der
Gemeindevorstand den Erlass einer neuen Planungszone, unter anderem
betreffend eine Neuregelung des besagten Areals. Im Jahr 2016
erarbeitete die Gemeinde B._ eine weitere Ortsplanungsrevision bis
hin zur Mitwirkungsauflage sowie Planungs- und Mitwirkungsbericht. Mit
Stellungnahme vom 12. August 2016 teilte der Beschwerdeführer mit, er
sei mit der Umzonung in die Wohnzone W I nicht einverstanden und es sei
davon abzusehen (Bf-act. 10). Am 23. Februar 2017 wandte sich die
Gemeinde an den Beschwerdeführer, man halte an der Umzonung fest
(Bf-act. 11).
2. Die Traktandenliste sowie der erläuternde Bericht zur
Gemeindeversammlung vom 10. Dezember 2020, von denen A._ am
23. November 2020 Kenntnis genommen habe, führte als Traktandum 2
die Teilrevision Ortsplanung "F._" auf, wozu einleitend Folgendes
festgehalten wurde:
"Der Gemeindevorstand orientiert über die Teilrevision der Ortsplanung F._. Nach der Versammlung wird die Teilrevision publiziert und zur Mitwirkung während 30 Tagen öffentlich aufgelegt. Der Entscheid über die Teilrevision erfolgt per Urnenabstimmung".
Nach Ausführungen zur Ausgangslage sowie den geplanten
Anpassungen mit der Teilrevision wurde abschliessend zum Traktandum
2 unter dem Untertitel "Antrag" der nachfolgende Satz aufgeführt:
"Der Gemeindevorstand beantragt Ihnen, sehr geehrte Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, der Teilrevision Ortsplanung "F._" zu entsprechen und zuhanden der Urnengemeinde zu verabschieden."
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3. Mit Stimmrechtsbeschwerde vom 3. Dezember 2020 gelangte A._
(nachfolgend: Beschwerdeführer) an das Verwaltungsgericht. Er macht
insbesondere die Verletzung des politischen Stimmrechts gemäss Art. 34
Abs. 2 BV und Art. 10 KV sowie die aktuell fehlende
Entscheidungskompetenz der Gemeindeversammlung geltend. Die
behördlichen Informationen seien nicht korrekt, unvollständig und würden
eine freie Willensbildung der Stimmberechtigten verunmöglichen. Die
Ausgangslage sei falsch beschrieben, da es sich bei der C._ AG nicht
um ein "ehemaliges Weinbauunternehmen" handle. So habe sie den
Betrieb nicht etwa aufgegeben und die aktuelle Nutzung sei
zonenkonform. Dass die Grundlage für die Wohn- und Gewerbezone nicht
mehr bestehe und diese nicht mehr nach dem Zweck genutzt werde, sei
falsch. Darüber hinaus beantragte der Beschwerdeführer eine
superprovisorische Massnahme, welche vom Verwaltungsgericht mit
Verfügung vom 7. Dezember 2020 abgewiesen wurde.
4. Dem Protokoll der Gemeindeversammlung vom 10. Dezember 2020 ist zur
Angelegenheit zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer auf die
beantragte superprovisorische Verfügung des Verwaltungsgerichts
(mitgeteilt am 7. Dezember 2020) in Sachen Teilrevision Ortsplanung
"F._" hinwies. Daher dürfe dieses Traktandum an dieser
Gemeindeversammlung nicht behandelt werden. Der Gemeindepräsident
teilte mit, dass der erläuternde Bericht einen Fehler aufweise und dass es
sich nicht um eine Abstimmung, sondern um eine reine Information
handle. Aus dem Stimmrechtsausweis der (geplanten) Fortsetzung der
Gemeindeversammlung am 26. Januar 2021 ging hervor, dass die
Gemeinde das Traktandum um die Bezeichnung "(Information)" sowie mit
folgender Bemerkung ergänzte:
"Berichtigung: Beim Traktandum [neu: 4] "Teilrevision Ortsplanung F._" handelt es sich lediglich um eine Information, es wird an der Gemeindeversammlung kein Beschluss gefasst."
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5. Die Gemeindeversammlung vom 26. Januar 2021 wurde aufgrund der
COVID-19-Situation abgesagt und gestützt auf den befristeten,
notrechtlichen Regierungsbeschluss vom 4. November 2020 eine
Urnenabstimmung am 11. April 2021 durchgeführt. An dieser wurde nicht
über das strittige Traktandum abgestimmt, sondern lediglich angeführt,
dass die Teilrevision F._ bereits fortgeschritten sei und am 5. Februar
2021 zur Mitwirkung öffentlich aufgelegt wurde (Botschaft zur
Urnenabstimmung vom 11. April 2021, S. 2 und 9).
6. Die Vernehmlassung der Gemeinde B._ (nachfolgend
Beschwerdegegnerin oder Gemeinde) vom 12. Januar 2021 hält
demgegenüber fest, dass einerseits das umstrittene Traktandum aus
Zeitgründen gar nicht behandelt wurde. Sodann weist die
Beschwerdegegnerin auf das erste Zitat hin und dass anlässlich der
Gemeindeversammlung lediglich orientiert werden sollte. Eine
Abstimmung habe man gar nie beabsichtigt. Sowohl eine Behandlung des
Traktandums als auch eine Durchführung einer Abstimmung oder ein
allfälliger Beschluss seien nicht geschehen und können folglich vom
Gericht auch nicht für ungültig erklärt werden, mithin sei das
Rechtsschutzinteresse des Beschwerdeführers weggefallen. Ein
Beschluss werde auch an der geplanten Fortsetzung der
Gemeindeversammlung am 26. Januar 2021 nicht gefasst, sondern es
werde anschliessend das Mitwirkungsverfahren durchgeführt.
7. In der Replik vom 25. Januar 2021 verweist der Beschwerdeführer erneut
auf das obengenannte zweite Zitat. Es sei nicht lediglich eine Orientierung,
sondern eine Abstimmung bzw. ein Beschluss geplant gewesen. Gegen
eine reine Orientierung hätte sich der Beschwerdeführer nicht gewehrt.
Für die Fortsetzung der Gemeindeversammlung heisse das Traktandum
neu "Teilrevision Ortsplanung "F._" (Information)" mit der Bemerkung
"Berichtigung". Damit habe die Gemeinde die Stimmrechtsbeschwerde
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anerkannt, zumal aufgrund dieser Änderung bzw. Berichtigung kein
(gültiger) Beschluss über das Traktandum gefasst werde. Infolgedessen
könne die Beschwerde infolge Anerkennung unter Kosten- und
Entschädigungsfolge i.S.v. Art. 20 VRG zulasten der Gemeinde
abgeschrieben werden.
8. Mit Duplik vom 2. Februar 2021 wird demgegenüber entgegengehalten,
der Beschwerdeführer missverstehe den Sinngehalt von Art. 20 Abs. 2 des
Gemeindegesetzes des Kantons Graubünden. Die
Gemeindeversammlung könne über Geschäfte, die gemäss
Gemeindeverfassung der Urnenabstimmung unterliegen, eben gerade
keine bindenden Beschlüsse fassen, sondern diese lediglich beraten und
darüber eine Abstimmungsempfehlung abgeben. Ein rechtsgültiger, nicht
an diese Empfehlung gebundener Beschluss werde einzig durch
Urnenabstimmung gefasst. Somit diene die Behandlung von der
Urnenabstimmung unterliegenden Geschäften in der
Gemeindeversammlung schon von Gesetzes wegen der Orientierung der
Stimmbevölkerung. Diese Vorberatung diene der demokratischen
Mitbestimmung. Die Gemeinde räumte ein, der Wortlaut in der
Traktandenliste sei etwas unglücklich gewählt gewesen. Es habe den
Erläuterungen dennoch entnommen werden können, dass darüber
lediglich informiert werden würde und gemäss Art. 20 Abs. 2 GG eine
Verabschiedung zuhanden der Urnengemeinde vorgesehen gewesen sei.
Dies sei kein Beschluss der Gemeindeversammlung im Rechtssinne. Die
Neuformulierung des Traktandums der Fortsetzung der
Gemeindeversammlung sei keine Berichtigung und keine Anerkennung
der Beschwerde, sondern lediglich eine Präzisierung dessen, was ohnehin
schon für die erste Gemeindeversammlung vorgesehen gewesen sei. Es
mangle dem Beschwerdeführer weiterhin am Rechtsschutzinteresse. Die
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Gemeinde beantragt die Abweisung der Beschwerde, soweit überhaupt
darauf einzutreten sei.
Auf die weiteren Ausführungen in den Rechtsschriften sowie auf die
Verfahrensakten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

II. Das Gericht zieht in Erwägung:
1.1. Gemäss Art. 57 Abs. 1 lit. b des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100) beurteilt das
Verwaltungsgericht als Verfassungsgericht auch Beschwerden gegen
Eingriffe in das Stimmrecht sowie Wahlen und Abstimmungen. Nach Art.
59 lit. a VRG können mit der Beschwerde namentlich Verletzungen von
verfassungsmässigen und politischen Rechten sowie des Grundsatzes
des Vorrangs von übergeordnetem Recht geltend gemacht werden.
Gerügt werden können auch Unregelmässigkeiten bei der Vorbereitung
einer Abstimmung. Bei Beschwerden gegen Eingriffe in das Stimmrecht
sowie Wahlen und Abstimmungen beträgt die Frist gemäss Art. 60 Abs. 2
lit. b VRG zehn Tage seit der Entdeckung des Beschwerdegrundes,
spätestens jedoch nach der amtlichen Bekanntgabe der Ergebnisse einer
Wahl und Abstimmung.
1.2. Der Beschwerdeführer ist im Wahlkreis B._ stimmberechtigt, weshalb
er gemäss Art. 58 Abs. 2 VRG zur Beschwerde gegen Eingriffe in das
Stimmrecht sowie Wahlen und Abstimmungen legitimiert ist. Das aktuelle
und praktische Rechtsschutzinteresse des Beschwerdeführers ist
weiterhin gegeben, da das betroffene Traktandum bislang erst
verschoben, aber noch nicht behandelt wurde und somit immer noch
pendent ist.
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Die Beschwerde wurde zudem frist- und formgerecht eingereicht (Art. 60
Abs. 2 VRG und Art. 38 i.V.m. Art. 62 VRG). Nach Art. 62 i.V.m. Art. 43
Abs. 1 VRG entscheidet das Verwaltungsgericht vorliegend in ordentlicher
Besetzung.
1.3. Anfechtungsobjekt bildet vorliegend das Traktandum 2 "Teilrevision
Ortsplanung F._" bzw. die dazugehörigen Ausführungen im
erläuternden Bericht zur Gemeindeversammlung vom 10. Dezember 2020
als Abstimmungsunterlagen. Gemäss Art. 49 Abs. 3 VRG gelten als vor
Verwaltungsgericht anfechtbare Entscheide auch Rechtsverweigerung
und Rechtsverzögerung sowie Realakte, die in Rechte und Pflichten von
Personen eingreifen (vgl. auch Art. 28 Abs. 4 VRG für die
verwaltungsinterne Rechtspflege). Der Kanton Graubünden hat sich
bezüglich der Anfechtbarkeit von Realakten mithin für ein direktes,
einstufiges System entschieden. Dies im Gegensatz etwa zum Bund oder
dem Kanton Zürich, wo in Bezug auf den Rechtsschutz bei Realakten eine
zweistufige Lösung gewählt wurde (unter gewissen Voraussetzungen
besteht Anspruch auf Erlass einer anfechtbaren Verfügung, welche in
einem zweiten Schritt sodann angefochten werden kann; vgl. etwa Art. 25a
des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren [VwVG; SR 172.021]
oder den weitestgehend identischen Art. 10c des
Verwaltungsrechtspflegegesetzes des Kantons Zürich [VRG ZH; 175.2]).
Indem mit Art. 28 Abs. 4 VRG für das Verwaltungsverfahren bzw. Art. 49
Abs. 3 VRG für das Verwaltungsgerichtsverfahren das Anfechtungsobjekt
auf Realakte ausgedehnt wurde, ist eine unmittelbare Anfechtung von
Realakten möglich, sofern diese in Rechte und Pflichten von Personen
eingreifen (vgl. zu den beiden Systemen GRIFFEL, in: Griffel [Hrsg.],
Kommentar zum Verwaltungsrechtspflegegesetz des Kantons Zürich, 3.
Aufl., Zürich 2014, § 10c Rz. 3 ff.; HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 7. Aufl., Zürich/St. Gallen 2016, Rz. 1425 ff.).
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Dieses Traktandum bzw. die Abstimmungsunterlagen als
Vorbereitungshandlungen im Hinblick auf das betreffende Geschäft stellen
− auch wenn sie nicht als Realakt bezeichnet sind und auch keine