Decision ID: 32070069-e3e4-42ab-85fb-7947ea338b02
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 24. Mai 2022 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte (Akten der Vorinstanz [SEM-act.] 1),
dass das SEM mit Verfügung vom 27. Juli 2022 – eröffnet am 28. Juli 2022
– in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach Italien anord-
nete und den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz spätestens am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen,
dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwer-
deführer verfügte,
dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 2. August 2022 gegen diesen
Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erhob und
beantragte, dieser sei aufzuheben und auf sein Asylgesuch sei einzutreten
(Akten des BVGer [Rek-act.] 1),
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am 4. Au-
gust 2022 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG),
dass ebenfalls am 4. August 2022 der Vollzug der Überstellung gestützt
auf Art. 56 VwVG superprovisorisch ausgesetzt wurde (Rek-act. 3),

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
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dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich,
wie nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Ur-
teil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass als staatsvertragliche Grundlage die Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in ei-
nem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig
ist (Dublin-III-VO, ABl. L 180/31 vom 29.6.2013), zur Anwendung gelangt,
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird,
dass das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates ein-
geleitet wird, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt
wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens nach Art. 21 und 22
Dublin-III-VO (engl.: take charge), wie es vorliegend gegeben ist, die in Ka-
pitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführ-
ten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden sind, und dabei von der Situation zum
Zeitpunkt auszugehen ist, in dem Asylsuchende erstmals einen Antrag in
einem Mitgliedstaat gestellt haben (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO),
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dass der Beschwerdeführer gemäss einem Abgleich seiner Fingerabdrü-
cke mit der «Eurodac»-Datenbank (SEM-act. 7) und seinen eigenen Anga-
ben anlässlich des am 31. Mai 2022 durchgeführten Dublin-Gesprächs
(SEM-act. 14) am 30. April 2022 über Italien illegal in das Hoheitsgebiet
der Dublin-Mitgliedstaaten gelangt war,
dass nach Massgabe des Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO mit der illegalen Ein-
reise nach Italien die Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates zur Durchfüh-
rung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens begründet wurde, weil kein
höherrangiges Zuständigkeitskriterium des Kapitels III der Dublin-III-VO
auf einen anderen Mitgliedstaat verweist,
dass zwar dem 37-jährigen Bruder und dessen Familie, bei denen der Be-
schwerdeführer gegenwärtig untergebracht ist (SEM-act. 9), am 6. Juni
2016 in der Schweiz gestützt auf Art. 56 AsylG Asyl gewährt wurde,
dass das gegenüber Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO höherrangige Kriterium
des Art. 9 Dublin-III-VO die Zuständigkeit desjenigen Mitgliedstaates vor-
sieht, in dem ein Familienangehöriger des Antragstellers in seiner Eigen-
schaft als Begünstigter internationalen Schutzes aufenthaltsberechtigt ist,
dass jedoch Art. 9 Dublin-III-VO vorliegend nicht zur Anwendung gelangt,
weil der Begriff des Familienangehörigen gemäss Legaldefinition des Art. 2
Bst. g Dublin-III-VO die Kernfamilie umfasst, das heisst Ehegatten, Lebens-
partner sowie minderjährige Kinder, nicht jedoch Geschwister,
dass die Vorinstanz daher am 24. Mai 2022 zu Recht die italienischen Be-
hörden gestützt auf Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO um Aufnahme des Be-
schwerdeführers ersuchte (SEM-act. 10),
dass die italienischen Behörden das Aufnahmegesuch innert der Frist des
Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO unbeantwortet liessen und damit die Zustän-
digkeit Italiens implizit anerkannten (Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO),
dass die Zuständigkeit Italiens somit gegeben ist und nachfolgend zu prü-
fen bleibt, ob besondere Gründe für eine Übernahme dieser Zuständigkeit
durch die Schweiz vorliegen,
dass es nach der ständigen Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts keine Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Antragstellende in Italien wiesen – trotz punktueller
Schwachstellen – systemische Mängel im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Sätze 2
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und 3 Dublin-III-VO auf (vgl. etwa Referenzurteile des BVGer D-4235/2021
vom 19. April 2022 E. 10.1 und F-6330/2020 vom 18. Oktober 2021 E. 9),
dass daher eine Übernahme der Zuständigkeit gestützt auf die genannte
Bestimmung nicht angezeigt ist,
dass gemäss Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO jeder Mitgliedstaat abwei-
chend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO beschliessen kann, einen bei ihm von
einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten Antrag auf in-
ternationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in dieser Verord-
nung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist (sog. Selbst-
eintrittsrecht),
dass Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) das Selbsteintrittsrecht landesrechtlich konkretisiert und es
ins pflichtgemässe Ermessen der Vorinstanz legt, ein Gesuch aus humani-
tären Gründen auch dann zu behandeln, wenn die Prüfung ergeben hat,
dass ein anderer Staat dafür zuständig ist,
dass indessen auf die Ausübung des Selbsteintrittsrechts ein einklagbarer
Anspruch besteht, wenn die Überstellung der antragstellenden Person in
den an sich zuständigen Mitgliedstaat übergeordnetes Recht, namentlich
eine Norm des Völkerrechts verletzen würde (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.2;
ferner Urteil des BVGer E-2851/2021 vom 28.6.2021 E. 8.4.1; je m.H),
dass Italien Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) ist, und seinen sich daraus ergebenden völkerrechtlichen
Verpflichtungen nachkommt,
dass auch anzunehmen ist, dieser Staat anerkenne und schütze weiterhin
die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäi-
schen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge-
meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna-
tionalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni
2013) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen
für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen
(sog. Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013), ergeben,
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dass zwar die Vermutung, Italien halte seine völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen ein, im Einzelfall widerlegt werden kann, es hierfür aber konkreter und
ernsthafter Hinweise bedarf, die gegebenenfalls vom Betroffenen glaubhaft
darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f), jedoch im vorliegenden Fall
weder geltend gemacht werden noch sich aus den Akten ergeben,
dass der Beschwerdeführer gegen eine Überstellung nach Italien vorbringt,
er habe bei seiner Flucht aus Syrien seine eigene Familie zurücklassen
müssen und hier in der Schweiz bei der Familie seines Bruders Aufnahme
gefunden, die ihm Rückhalt, Unterstützung und Kraft gebe,
dass jedoch trotz allem Verständnis für die Situation des Beschwerdefüh-
rers kein eigentliches Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Bruder erkennbar
ist, weshalb weder Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO noch Art. 8 EMRK einer
Überstellung nach Italien entgegenstehen (vgl. dazu Urteil des BVGer
F-2566/2022 vom 14. Juni 2022),
dass andere Gründe, die der Schweiz Anlass geben würden, von ihrem
Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO Gebrauch zu
machen, weder geltend gemacht werden noch ersichtlich sind, wobei an
dieser Stelle festzuhalten bleibt, dass die Dublin-III-VO den Schutzsuchen-
den kein Recht einräumt, den ihren Antrag prüfenden Staat selber auszu-
wählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3),
dass die Vorinstanz demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1
Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten
ist und in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach Italien an-
geordnet hat,
dass unter diesen Umständen allfällige Vollzugshindernisse gemäss
Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20) nicht mehr zu prüfen sind, da das
Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des Nicht-
eintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist (vgl. BVGE
2015/18 E. 5.2 m.w.H.),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen ist und die Verfü-
gung der Vorinstanz zu bestätigen ist,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.–
(Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2])
dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
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