Decision ID: 60c5008a-5a86-50da-ae23-90df26d3d9eb
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Der A._ (nachfolgend: Versicherter) war bei der B._ AG als
Produktionsmitarbeiter angestellt und dadurch bei der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt (Suva) obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und
Nichtberufsunfällen versichert, als er am 13. Oktober 2019 als Lenker eines
Personenwagens in einen Auffahrunfall verwickelt wurde (Suva-act. 1).
A.a.
Die Erstbehandlung fand am Unfalltag in der Zentralen Notfallaufnahme des
Kantonsspitals St. Gallen (nachfolgend: KSSG) durch Dr. med. C._, Hausärztlicher
Notfalldienst, statt, die ein HWS (= Halswirbelsäule) -Beschleunigungstrauma
diagnostizierte und dem Versicherten vom 14. bis 16. Oktober 2019 eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit attestierte. Im gleichentags erstellten Untersuchungsbericht wurde
festgehalten, dass der Schmerz im linken Bein störend sei (Suva-act. 24-4). Am 14.
Oktober 2019 stellte sich der Versicherte wegen Parästhesien im Bereich des linken
Fusses in der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates des KSSG vor. Die untersuchenden Ärzte Dr. med. D._,
Oberarzt i.V., und Dr. med. E._, Assistenzärztin, diagnostizierten nach einer
klinischen Untersuchung Parästhesien Fuss links nach Verkehrsunfall mit
kraniozervikalem Beschleunigungstrauma am 13. Oktober 2019 und verzichteten auf
eine bildgebende Diagnostik (Suva-act. 24-2 f.). Ab 16. Oktober 2019 stand der
Versicherte bei seinem Hausarzt Dr. med. F._, Facharzt für Allgemeinmedizin FMH, in
Behandlung, der ihm ein ärztliches Zeugnis für eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit ab 13.
Oktober 2019 ausstellte (Suva-act. 2). Am 18. Oktober 2019 wurde beim Versicherten
A.b.
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auf Zuweisung seines Hausarztes mit der Indikation "13.10.2019 Auffahrunfall mit
leichter HWS-Distorsion und nun auch klar posttraumatisch anamnestisch und klinisch
LRS S1 links! Im konventionellen Röntgen keine ossären Verletzungen" eine MRI-
Untersuchung der LWS (= Lendenwirbelsäule) durch Dr. med. G._, Radiologie
Nordost, Y._, durchgeführt, in welcher sich weder Deck- oder Grundplatteneinbrüche
noch ein Knochenmarködem zeigten. Zur Darstellung gelangten jedoch im Segment
LWK 4/5 und LWK 5/SWK 1 eine leichte zirkuläre Bandscheibenprotrusion bis in die
Foramina hineinreichend, vor allem unter Belastung mit einer möglichen Kompression
der Wurzeln L5 bzw. S1 beidseits recessal, und im Segment LWK 4/5 eine mediale
gering rechtsbetonte Bandscheibenprotrusion sowie links intraforaminal eine Migration
von Bandscheibengewebe nach kranial, vor allem unter Belastung ebenfalls mit einer
möglichen Kompression der Wurzel L4 links intra- bis extraforaminal (Suva-act. 7). Am
21. Oktober 2019 stellte Dr. F._ dem Versicherten eine Physiotherapieverordnung für
die Diagnose eines posttraumatischen LRS (= Lumboradikuläres Syndrom) S1 links
nach Auffahrunfall vom 13. Oktober 2019 aus (Suva-act. 12). Ab 5. November 2019
bescheinigte er ihm wieder eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (Suva-act. 11-2).
Mit Schreiben vom 13. November 2019 anerkannte die Suva ihre Leistungspflicht
für das Unfallereignis vom 13. Oktober 2019 und sicherte dem Versicherten die
Ausrichtung der gesetzlichen Versicherungsleistungen (Heilbehandlung und Taggeld)
zu (Suva-act. 10).
A.c.
Am 20. November 2019 konsultierte der Versicherte Dr. med. H._,
Neurochirurgie FMH. Aufgrund der vom Versicherten geklagten Beschwerden und der
untersuchbaren Defizite ging Dr. H._ von einer Radikulopathie L4 links aus. Das
Korrelat für die Radikulopathie fand er laut Bericht vom 21. November 2019 in der
foraminalen Teilokklusion durch den hier liegenden Bandscheibensequester (Suva-act.
27). Am 26. November 2019 nahm er beim Versicherten eine BV-gestützte
periradikuläre Infiltration der Nervenwurzel L4 links vor (Suva-act. 26).
A.d.
Am 15. Januar 2020 liess der Versicherte der Suva durch seine Arbeitgeberin
einen "Rückfall" zum Unfall vom 13. Oktober 2019 melden (Suva-act. 17). Wegen einer
akuten Exazerbation der lumboradikulären Schmerzen, neu mit Fussheber- und -
senkerparese, war der Versicherte vom 2. bis 3. Januar 2020 in der Klinik für
A.e.
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Neurochirurgie des KSSG hospitalisiert gewesen. Während eine am 2. Januar 2020 in
der Netzwerk Radiologie, Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin (nachfolgend:
Netzwerk Radiologie), durch Dr. med. I._, Oberarzt, durchgeführte
Röntgenuntersuchung der LWS eine intakte ossäre Struktur und Konfiguration der LWS
ohne Fraktur gezeigt hatte (Suva-act. 29), war in der am 3. Januar 2020 durch Dr. med.
J._, Oberarzt, in der Netzwerk Radiologie vorgenommenen MRI-Untersuchung der
Wirbelsäule BWK11 bis SWK3 unter anderem eine Diskusprotrusion mit Riss im Anulus
fibrosus, eine beginnende Sequestration links LWK 4-5 mit Einengung von L5 rezessal
beidseits, links mehr als rechts, sowie eine ödematös veränderte Wurzel links gesichert
worden (Suva-act. 28), worauf eine Göttinger-Infusion (Diazepam, Dexamethason,
Metamizol) durchgeführt worden war. Die behandelnden Ärzte der Klinik für
Neurochirurgie des KSSG hatten dem Versicherten sodann vom 2. bis 12. Januar 2020
eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit und anschliessend während vier Wochen die
Unzumutbarkeit des Tragens von Lasten über 10 kg bescheinigt (Suva-act. 24-5 ff.).
Ausserdem war dem Versicherten am 3. Januar 2020 eine Physiotherapieverordnung
für die Behandlung einer breitbasigen Diskusprotrusion L4/5 linksbetont ausgestellt
worden (Suva-act. 16-2).
Am 7. Februar 2020 legte die Suva den ihr am 15. Januar 2020 angezeigten
Schadenfall ihrem Kreisarzt Dr. med. K._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie, zur Beurteilung vor. Gestützt auf die kreisärztliche Verneinung eines
überwiegend wahrscheinlich kausalen Zusammenhangs zwischen den erneuten
Beschwerden und dem Auffahrunfall (Suva-act. 37-2), verneinte die Suva gegenüber
dem Versicherten mit Schreiben vom selben Tag ihre Leistungspflicht (Suva-act. 35).
A.f.
Mit Eingabe vom 23. Juni 2020 liess der Versicherte, vertreten durch seine
Rechtsschutzversicherung, die Aufhebung der formlosen Leistungsablehnung der Suva
vom 7. Februar 2020, die Anerkennung der erneuten Beschwerden am Hals und an der
Wirbelsäule als Unfallfolgen sowie die rückwirkende Ausrichtung der gesetzlichen
Sozialversicherungsleistungen ab 13. Oktober 2019 bzw. 2. Januar 2020 und
eventualiter weitere Abklärungen beantragen (Suva-act. 40-1 ff.). Zusammen mit der
Eingabe wurde ein Bericht von Dr. H._ vom 18. Juni 2020 eingereicht (Suva-act.
40-5).
A.g.
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B.
C.
Nach Einholung einer weiteren kreisärztlichen Beurteilung durch Dr. med. L._,
Facharzt Orthopädische Chirurgie, vom 24. Juni 2020, der eine Unfallkausalität der
Bandscheibenveränderungen ebenfalls verneinte und von einer Aktivierung einer
vorbestehenden unfallunabhängigen Verschleisserkrankung der LWS ausging,
bezüglich welcher von einem Eintritt des Status quo sine acht Wochen nach dem Unfall
bzw. spätestens Ende des Jahres 2019 auszugehen sei (Suva-act. 41), eröffnete die
Suva dem Versicherten mit Verfügung vom 25. Juni 2020 die Verneinung ihrer
Leistungspflicht für die erneut gemeldeten Beschwerden (Suva-act. 42-2 f.).
A.h.
Gegen die Verfügung vom 25. Juni 2020 liess der Versicherte mit Eingabe vom 28.
Juli 2020 durch seine Rechtsschutzversicherung Einsprache erheben (Suva-act. 48).
B.a.
Nach Einholung einer ausführlichen kreisärztlichen Beurteilung von Dr. L._
(Suva-act. 52) wies die Suva die Einsprache mit Einspracheentscheid vom 9.
November 2020 ab (Suva-act. 55).
B.b.
Gegen den Einspracheentscheid erhob der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) mit nicht unterzeichneter Eingabe vom 9. Dezember 2020
Beschwerde mit folgenden Rechtsbegehren: 1. Der Einspracheentscheid der Suva
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) vom 9. November 2020 sei aufzuheben. 2. Es sei
die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerdeführer die gesetzlichen
UVG-Leistungen ab 13. Oktober 2019 bzw. 2. Januar 2020 rückwirkend auszurichten.
3. Es sei eine Begutachtung der Rückenbeschwerden des Beschwerdeführers
durchzuführen. 4. Eventualiter sei die Streitsache zur Ergänzung des Sachverhalts
(Gutachten) und zur Neuverfügung im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen
zulasten der Beschwerdegegnerin (act. G 1).
C.a.
Mit Schreiben vom 4. Januar 2021 forderte das Versicherungsgericht den
Beschwerdeführer auf, die Beschwerdeeingabe handschriftlich zu unterzeichnen (act.
G 2). Am 7. Januar 2021 ging beim Versicherungsgericht die unterzeichnete Eingabe
ein (act. G 3).
C.b.
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Erwägungen
1.
Mit Beschwerdeantwort vom 8. Februar 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde (act. G 5).
C.c.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf die Einreichung einer Replik (act. G 6 f.).C.d.
Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
832.20) werden Leistungen der Unfallversicherung bei Berufsunfällen,
Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten gewährt, soweit das Gesetz nichts anderes
bestimmt. Anspruchsvoraussetzung für jegliche Leistungen der Unfallversicherung
bildet die Unfallkausalität. Eine Leistungspflicht besteht demnach nur für
Gesundheitsschäden, die natürlich- und adäquat-kausal mit einem versicherten
Unfallereignis zusammenhängen (BGE 129 V 181 f. E. 3.1 f.; André Nabold, N 48 ff. zu
Art. 6, in: Marc Hürzeler/Ueli Kieser [Hrsg.], Bundesgesetz über die Unfallversicherung,
Kommentar zum schweizerischen Sozialversicherungsrecht [nachfolgend zitiert: KOSS
UVG]; Irene Hofer, N 63 ff. zu Art. 6, in: Ghislaine Frésard-Fellay/Susanne Leuzinger/
Kurt Pärli [Hrsg.], Unfallversicherungsgesetz, Basler Kommentar, 2019 [nachfolgend
zitiert: BSK UVG]; Alexandra Rumo-Jungo/André Pierre Holzer, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, in: Erwin Murer/Hans-Ulrich Stauffer [Hrsg.], Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, 4. Aufl. 2012, S. 53 ff.). Für die
Beantwortung der Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im
Bereich der Medizin ist das Gericht regelmässig auf Angaben ärztlicher Experten und
Expertinnen angewiesen. Die Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist
demgegenüber eine Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis
entwickelten Regeln zu beurteilen ist (KOSS UVG-Nabold, N 53 zu Art. 6; BSK UVG-
Hofer, N 66 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55, 88). Die Adäquanz spielt im
Bereich organisch objektiv ausgewiesener Unfallfolgen indessen praktisch keine Rolle,
da sich hier die adäquate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE 134 V
111 f. E. 2).
1.1.
Hat der Unfallversicherer seine Leistungspflicht einmal anerkannt, so entfällt seine
Leistungspflicht erst dann, wenn der Unfall nicht mehr die natürliche und adäquate
Ursache des Gesundheitsschadens darstellt, wenn also letzterer nur noch und
ausschliesslich auf unfallfremden Ursachen beruht. Ebenso wie der
leistungsbegründende natürliche Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder
kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit
1.2.
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dem im Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sein; die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs
bzw. Dahinfallens genügt für die Begründung eines Leistungsanspruchs bzw. die
Einstellung von bisher erbrachten Versicherungsleistungen nicht (Thomas Locher/
Thomas Gächter, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. 2014, § 70 N 58 f.).
Dahingefallen ist die kausale Bedeutung, wenn entweder der Gesundheitszustand, wie
er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo ante) oder aber derjenige
Zustand, wie er sich nach dem schicksalsmässigen Verlauf einer Vorerkrankung auch
ohne Unfall früher oder später eingestellt hätte (Status quo sine), erreicht ist (KOSS
UVG-Nabold, N 54 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 71 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer,
a.a.O., S. 54; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 E. 3b mit Hinweisen). Im Rahmen der zu
prüfenden Frage, ob die Leistungspflicht dahingefallen ist, genügt es für die Bejahung
des Kausalzusammenhangs, wenn der Unfall für die fragliche gesundheitliche Störung
immer noch eine Teilursache darstellt (vgl. Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG] vom 18. Februar 2003, U 287, E. 4.4).
Gemäss Art. 11 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR 832.202)
werden Versicherungsleistungen auch für Rückfälle gewährt, wobei ein Rückfall einen
besonderen revisionsrechtlichen Tatbestand im Sinn von Art. 22 UVG darstellt (vgl.
BGE 118 V 293; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 326). Bei einem Rückfall handelt es sich um
das Wiederaufflackern einer vermeintlich geheilten Krankheit bzw. vermeintlich
geheilter Unfallfolgen, so dass es zu ärztlicher Behandlung, möglicherweise sogar zu
einer weiteren Arbeitsunfähigkeit kommt. Da der Rückfall begrifflich an ein bestehendes
Unfallereignis anschliesst, kann er eine Leistungspflicht des damals haftbaren
Unfallversicherers nur dann auslösen, wenn zwischen den erneut vorgebrachten
Beschwerden und der seinerzeit beim versicherten Unfall erlittenen
Gesundheitsschädigung ein natürlicher und adäquater Kausalzusammenhang besteht
(BGE 118 V 296 f. E. 2c).
1.3.
Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach hat die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht von Amtes wegen für
die richtige und vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen.
Dieser Grundsatz gilt indessen nicht uneingeschränkt; er findet sein Korrelat in den
Mitwirkungspflichten der Parteien (BGE 125 V 195 E. 2, 122 V 158 E. 1a mit Hinweisen;
vgl. BGE 130 I 183 E. 3.2). Der Untersuchungsgrundsatz schliesst eine Beweislast im
Sinn der Beweisführungslast begriffsnotwendig aus. Im Sozialversicherungsprozess
tragen mithin die Parteien die Beweislast nur insofern, als im Fall der Beweislosigkeit
der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem unbewiesen gebliebenen
1.4.
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2.
Sachverhalt Rechte ableiten wollte. Beim Nachweis des Dahinfallens jeder kausalen
Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens handelt es sich
um eine leistungsaufhebende Tatfrage. Die entsprechende Beweislast liegt hier -
anders als bei der Frage, ob im Grundfall oder auch bei Rückfällen ein (erneuter)
leistungsbegründender natürlicher Kausalzusammenhang gegeben ist - nicht bei der
versicherten Person, sondern beim Unfallversicherer (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 E. 2
mit Hinweisen, 1994 Nr. U 206 S. 328 E. 3b mit Hinweisen; Rumo-Jungo/ Holzer,
a.a.O., S. 4, 79).
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Danach haben die
urteilenden Instanzen die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln
sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig
davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden, ob die
verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs
gestatten. Bezüglich Beweiswert eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
der medizinischen Fachperson begründet und nachvollziehbar sind (BGE 125 V 352 E.
3a mit Hinweisen). Berichte und Gutachten, welche die Versicherungen während des
Administrativverfahrens von ihren eigenen Ärzten und Ärztinnen einholen, können
beweistauglich sein. An deren Beweiswürdigung sind indes strenge Anforderungen zu
stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der
versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen, so sind ergänzende Abklärungen
vorzunehmen (BGE 135 V 470 f. E. 4.4 mit Hinweis; bestätigt in Urteil des
Bundesgerichts vom 23. November 2012, 8C_592/2012, E. 5.3). Der Umstand, dass Dr.
L._ insbesondere seine Beurteilung vom 10. August 2020 (Suva-act. 52) aufgrund der
Akten abgegeben und den Beschwerdeführer nicht selbst untersucht hat, steht ihrem
Beweiswert nicht entgegen (Urteil des Bundesgerichts vom 11. Januar 2007, U 224/06,
E. 3.5 mit Hinweisen).
1.5.
Unbestritten ist, dass die Beschwerdegegnerin ursprünglich eine Leistungspflicht
im Zusammenhang mit dem Unfallereignis vom 13. Oktober 2019 mit anschliessenden
Parästhesien im linken Fuss bzw. Schmerzen im linken Bein (Suva-act. 6-2 f., 24-4)
2.1.
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anerkannt und Leistungen für Heilbehandlung sowie Taggelder erbracht hat (Suva-act.
10). Ab dem 5. November 2019 war der Beschwerdeführer wieder zu 100 %
arbeitsfähig (Suva-act. 11-2). Am 20. und 26. November 2019 befand sich der
Beschwerdeführer wegen einer linksseitigen Reizung L4 und einer Iliopsoasparese bei
foraminal liegendem Bandscheibenvorfall L4/5 links bei Dr. H._ in Behandlung (Suva-
act. 26 f.). Eine Arbeitsunfähigkeit ist nicht aktenkundig. Ebenfalls nicht aktenkundig ist,
ob die Beschwerdegegnerin die Heilbehandlung übernommen hat. Am 15. Januar 2020
liess der Beschwerdeführer durch seine Arbeitgeberin eine Behandlung im KSSG sowie
eine Arbeitsunfähigkeit ab dem 2. Januar 2020 als Rückfall zum Unfallereignis vom 13.
Oktober 2019 melden (Suva-act. 17). Er war wegen einer akuten Exazerbation
lumboradikulärer Schmerzen S5 und S1 links mit neu Fussheber- und -senkerparese
unklarer Genese vom 2. bis 3. Januar 2020 in der Klinik für Neurochirurgie des KSSG
hospitalisiert und danach erneut arbeitsunfähig gewesen. Laut Anamnese im
Austrittsbericht der behandelnden Ärzte der Klinik für Neurochirurgie des KSSG vom 8.
Januar 2020 hatte die im November 2019 durchgeführte Infiltration zu einer Beruhigung
der Situation, wenn auch nicht zu einer Schmerzlinderung geführt (Suva-act. 25).
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet der
Einspracheentscheid vom 9. November 2020 (Suva-act. 55), worin die
Beschwerdegegnerin - wie nachfolgend auch in der Beschwerdeantwort vom 8.
Februar 2021 (act. G 5) - gestützt auf die Beurteilungen von Dr. L._ vom 24. Juni und
10. August 2020 (Suva-act. 41, 52) ein Erreichen des Status quo sine spätestens Ende
2019 festhielt und eine Leistungspflicht für die ab Januar 2020 beklagten Beschwerden
verneinte. Sie zitierte im Einspracheentscheid aus der ärztlichen Beurteilung von Dr.
L._ vom 10. August 2020. Danach stünden alle über Ende 2019 hinaus beklagten
Beschwerden der LWS überwiegend wahrscheinlich nicht mit dem Unfallereignis vom
13. Oktober 2019 in Zusammenhang, sondern seien ausschliesslich
unfallunabhängigen Faktoren wie der verschleissbedingten LWS-Erkrankung
geschuldet (Suva-act. 52-8). Der Beschwerdeführer stellt sich in der Beschwerde vom
9. Dezember 2020 auf den Standpunkt, dass die Beschwerdegegnerin die Beweislast
für das überwiegend wahrscheinliche Dahinfallen der Unfallkausalität bezüglich der
Rückenproblematik trage (act. G 1). Dass die Beschwerdegegnerin einen weiteren
Leistungsanspruch des Beschwerdeführers unter dem Aspekt eines möglicherweise
fortdauernden Grundfalls prüfte, erscheint angesichts der vorangehenden
Ausführungen sowie des in Erwägung 2.1 dargelegten Sachverhalts naheliegend. So
liesse es insbesondere dessen zeitlicher Ablauf, wonach zwischen den einzelnen
ärztlichen Behandlungen und Arbeitsunfähigkeiten nur wenige Wochen bis Monate
vergangen sind, nicht rechtfertigen, von einem Rückfall auszugehen (vgl. dazu BGE 134
2.2.
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3.
Streitig und zu prüfen ist also, ob die Beschwerdegegnerin für Heilbehandlungen und
Arbeitsunfähigkeiten ab Januar 2020 zu Recht mangels Unfallkausalität keine
Leistungen mehr erbracht hat. In Bezug auf die Frage einer weiteren Leistungspflicht
der Beschwerdegegnerin stehen allfällige unfallkausale Gesundheitsschäden im
Bereich der HWS (siehe nachfolgende Erwägung 4) und der LWS (siehe nachfolgende
Erwägungen 5 ff.) zur Diskussion.
4.
V 145). Die Beschwerdegegnerin hält denn auch dieser Betrachtungsweise in der
Beschwerdeantwort vom 8. Februar 2021 nichts entgegen, sondern argumentiert
übereinstimmend, dass für die Beendigung der Leistungspflicht allein entscheidend sei,
ob die unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens dahingefallen seien (act.
G 5, Ziff. 5.6). Die alleinige Meldung eines Rückfalls (Suva-act. 17) und die Verwendung
des Rückfallbegriffs durch Dr. L._ (Suva-act. 52-8) vermögen an dieser Auffassung
nichts zu ändern. Wie es sich letztlich mit der Beweislastverteilung bzw. der Frage, ob
im vorliegenden Fall von einem Rückfall oder einem fortdauernden Grundfall
auszugehen ist, verhält, kann jedoch im Hinblick auf die nachfolgenden Erwägungen
ohnehin offenbleiben. Denn die Frage, wer die Folgen einer allfälligen Beweislosigkeit
zu tragen hat, stellt sich erst, wenn es sich als tatsächlich unmöglich erweist, in
Ausübung des Untersuchungsgrundsatzes aufgrund einer Beweiswürdigung einen
Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit für sich hat, der
Wirklichkeit zu entsprechen (Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 4), was vorliegend - wie
dies nachfolgend zu zeigen ist - nicht zutrifft. Im Übrigen ist im konkreten Fall
entscheidend, dass der Beschwerdeführer offensichtlich Versicherungsleistungen erst
(wieder) ab Beginn der Hospitalisation in der Klinik für Neurochirurgie des KSSG und
der Arbeitsunfähigkeit vom 2. Januar 2020 geltend macht.
Anlässlich der Erstbehandlung vom 13. Oktober 2019 diagnostizierte Dr. C._
beim Beschwerdeführer ein HWS-Beschleunigungstrauma (Suva-act. 24-4) und damit
eine schleudertraumaähnliche Verletzung (vgl. dazu Urteil des EVG vom 17. August
2004, U 243/03; BGE 117 V 369 E. 7b; SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 E. 2; RKUV 2000 Nr.
U 395 S. 316 E. 3). Nach den Ergebnissen der medizinischen Forschung ist bekannt,
dass bei Schleudertraumen sowie äquivalenten Verletzungen auch ohne nachweisbare
pathologische bzw. organische Befunde noch Jahre nach dem Unfall funktionelle
Ausfälle verschiedenster Art auftreten können. Der Umstand, dass die für ein
Schleudertrauma oder eine äquivalente Verletzung typischen Beschwerden nicht mit
4.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/23
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entsprechenden Untersuchungsmethoden (Röntgen, Computertomogramm, EEG)
objektivierbar sind, rechtfertigt für sich allein nicht, die diesbezüglichen Beschwerden
in Abrede zu stellen (BGE 117 V 363 f. E. 5d/aa). Ist jedoch ein Schleudertrauma oder
eine äquivalente Verletzung diagnostiziert und liegt ein für diese Verletzung typisches
Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen,
Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit,
Visusstörungen, Reizbarkeit, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung usw. vor,
so ist der natürliche Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und der danach
eingetretenen Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit in der Regel anzunehmen (vgl. BGE 134
V 116 f. E. 6.2, 119 V 337 f. E. 1, 117 V 360 f. E. 4b). Nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichts (Urteile vom 29. Mai 2012, 8C_849/2011, E. 5.2, 30. Januar 2007, U
215/05, und 15. März 2007, U 258/06) muss bei einer HWS-Verletzung das typische
Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden nicht in seiner umfassenden
Ausprägung innerhalb von 24 bis höchstens 72 Stunden nach dem Unfall auftreten.
Vielmehr genügt es, wenn sich in diesem Zeitraum Beschwerden in der Halsregion oder
an der HWS manifestieren. Die anderen im Rahmen eines Schleudertraumas oder einer
äquivalenten Verletzung typischerweise auftretenden Beschwerden müssen sich
jedoch immerhin in einem Zeitraum manifestieren, der es erlaubt, vom Vorhandensein
eines natürlichen Kausalzusammenhangs auszugehen.
Für die Anwendung der "Schleudertrauma-Praxis" wird ferner vorausgesetzt, dass
in einer ersten Phase nach dem Unfall dessen Hergang sowie die auftretenden
Beschwerden möglichst genau und verifizierbar dokumentiert werden. Insbesondere
der erstbehandelnde Arzt ist gehalten, die versicherte Person genau abzuklären und
nach ihrem gesundheitlichen Vorzustand zu befragen. Nebst den weiteren der
Diagnosestellung zugrunde gelegten Überlegungen ist auch der Verlauf der
Beschwerden ab dem Unfallzeitpunkt genau zu beschreiben, wozu sich der vom
Schweizerischen Versicherungsverband empfohlene "Dokumentationsbogen für
Erstkonsultation nach kraniozervikalem Beschleunigungstrauma" eignet (vgl. BGE 134
V 123 E. 9.2).
4.2.
Wie bereits erwähnt, diagnostizierte Dr. C._ beim Beschwerdeführer anlässlich
der Erstbehandlung am Unfalltag ein HWS-Beschleunigungstrauma (Suva-act. 24-4).
Ein Dokumentationsbogen für Erstkonsultation nach kraniozervikalem
Beschleunigungstrauma ist nicht aktenkundig. Als Befund erhob Dr. C._ im
Untersuchungsbericht einzig einen störenden Schmerz im linken Bein. Typische
Beschwerden für eine schleudertraumaähnliche Verletzung sind keine vermerkt (Suva-
act. 24-4). Am 14. Oktober 2019 stellte sich der Beschwerdeführer wegen Parästhesien
4.3.
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im Bereich des linken Fusses seit dem Unfall am 13. Oktober 2019 in der Klinik für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates des KSSG vor
(Suva-act. 24-2). Im entsprechenden Notfallbericht wurde anamnestisch geschrieben,
dass ein kraniozervikales Beschleunigungstrauma festgestellt worden sei, eine ossäre
Läsion aber habe ausgeschlossen werden können. Die behandelnden Ärzte Dr. D._
und Dr. E._ untersuchten klinisch die Wirbelsäule, erhoben jedoch vollkommen
unauffällige Befunde. Als Diagnose stellten sie Parästhesien Fuss links nach
Verkehrsunfall mit kraniozervikalem Beschleunigungstrauma am 13. Oktober 2019.
Auch einen Tag nach dem Unfall liegt mithin kein Hinweis auf ein
schleudertraumatypisches Beschwerdebild (vgl. Erwägung 4.1) vor. Im weiteren Verlauf
wurde die Diagnose einer leichten HWS-Distorsion als Indikation für eine MRI-
Untersuchung genannt, jedoch für eine solche der LWS (Suva-act. 7). Eine
radiologische Untersuchung der HWS stand zwar bei der Erstbehandlung - als
Procedere bei Persistenz der Beschwerden - noch im Raum, darauf wurde aber
gemäss den Akten offensichtlich nicht zurückgegriffen und eine solche war demnach
medizinisch auch nicht nötig gewesen (vgl. Suva-act. 24-4). Am 21. Oktober 2019
stellte Dr. F._ eine Physiotherapieverordnung mit der Diagnose eines
posttraumatischen LRS S1 links nach Auffahrunfall vom 13. Oktober 2019 aus (Suva-
act. 12). Der Auffahrunfall wurde mithin nur im Sinne eines Sachverhalts, der bereits
stattgefunden hat, genannt. Im Konsultationsbericht vom 21. November 2019 erwähnte
Dr. H._ zwar in der Anamnese nachfolgend an den Verkehrsunfall vom 13. Oktober
2019 aufgetretene Nackenschmerzen ("Nuchalgie"), doch hatten diese offensichtlich im
Zeitpunkt der entsprechenden Untersuchung vom 20. November 2019 nicht mehr zur
Diskussion gestanden. Eine Untersuchung der HWS sowie diesbezügliche Befunde
sind im Bericht nicht beschrieben und auch in der Beurteilung sowie beim Procedere
blieb die HWS unerwähnt (Suva-act. 27). Übereinstimmend hielt Dr. H._ in seinem
Bericht vom 18. Juni 2020 fest, der Beschwerdeführer habe anlässlich der Konsultation
vom 20. November 2019 berichtet, im Anschluss an den Verkehrsunfall vom 13.
Oktober 2019 unter intensiven Nackenschmerzen gelitten zu haben und nach
Abklingen der Nackenschmerzen über eine Persistenz einer zuvor untergeordneten
Beinsymptomatik linksseitig (act. G 1.3). Schliesslich enthält auch der Austrittsbericht
der behandelnden Ärzte der Klinik für Neurochirurgie des KSSG vom 8. Januar 2020
betreffend die Hospitalisation vom 2. bis 3. Januar 2020 (Suva-act. 25), abgesehen von
der initial gestellten Diagnose des kraniozervikalen Beschleunigungstraumas am 13.
Oktober 2019, keinen Hinweis auf eine HWS-Problematik. Der Eintritt in das KSSG
erfolgte bei akuter Exazerbation der bekannten lumboradikulären Schmerzen S1 links
mit neu Fussheber- und -senkerparese unklarer Genese. HWS-Beschwerden, eine
Untersuchung der HWS mit entsprechenden Befunden, eine neue Diagnose und
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5.
geplante Therapie im Zusammenhang mit der HWS werden im Bericht weiterhin nicht
genannt. Dem beim Klinikeintritt am 2. Januar 2020 geklagten Beschwerdebild
entsprechend wurde die Wirbelsäule nur von BWK11 bis SWK3 untersucht. Vor diesem
Hintergrund überzeugt die Feststellung des Beschwerdeführers in der Beschwerde
vom 9. Dezember 2020 nicht, dem obgenannten Austrittsbericht könne entnommen
werden, dass die Behandlung erneut aufgrund des HWS-Beschleunigungstraumas
erfolgt sei, welches er beim Auffahrunfall vom 13. Oktober 2019 erlitten habe (act. G 1,
Ziff. 10 S. 5).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zwar beim Unfall
vom 13. Oktober 2019 offensichtlich ein HWS-Beschleunigungstrauma erlitten hat, in
den medizinischen Akten jedoch kein dafür typisches und vor allem vielfältiges
Beschwerdebild dokumentiert ist. Innerhalb der Latenzzeit von 72 Stunden sind
lediglich Nackenschmerzen aktenkundig. Auch die nachfolgenden
Untersuchungsergebnisse und durchgeführten Behandlungen enthalten keine
Hinweise, welche über die (nur) initiale Diagnose eines kraniozervikalen
Beschleunigungstraumas am 13. Oktober 2019 hinausgehen würden. Selbst wenn also
für die Zeit direkt nach dem Unfall von einer schleudertraumaähnlichen Verletzung
ausgegangen wird, kann angesichts des Gesagten nicht mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit eine solche Verletzung mit Langzeitfolgen auch
noch im Januar 2020 angenommen werden. In dem Sinne hält auch Kreisarzt Dr. L._
in seiner Beurteilung vom 10. August 2020 (Suva-act. 52) überzeugend fest, dass es
durch das Unfallereignis vom 13. Oktober 2019 überwiegend wahrscheinlich zu einer
unkomplizierten Beschleunigungsverletzung der HWS Grad I bis II der Quebec Task
Force (QTF)-Klassifikation gekommen sei und die Unfallfolgen der kraniozervikalen
Beschleunigungsverletzung gemäss dem zeitlichen Verlauf spätestens zum Ende des
Jahres 2019 nach Ablauf von zehn Wochen folgenlos abgeheilt seien, da Symptome
der HWS nur im Erstbehandlungsbericht erwähnt würden.
4.4.
In Bezug auf die LWS ist zunächst streitig und zu prüfen, ob sich der
Beschwerdeführer, wie von seinem Rechtsvertreter in der Beschwerde vom 9.
Dezember 2020 sinngemäss geltend gemacht, beim Unfall vom 13. Oktober 2019 einen
strukturellen Gesundheitsschaden zugezogen hat (act. G 1, Ziff. 9 S. 4 f.; Ziff. 10 S. 5).
5.1.
Für die Annahme unfallkausaler somatischer Restfolgen werden grundsätzlich eine
unfallkausale strukturelle Läsion bzw. eine schlecht verheilte strukturelle Läsion als
objektivierbares Korrelat verlangt. Objektivierbar sind Ergebnisse, die reproduzierbar
5.2.
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und von der Person des Untersuchenden und den Angaben des Patienten bzw. der
Patientin unabhängig sind. Folglich kann von objektiv ausgewiesenen organisch-
strukturellen Unfallfolgen dann gesprochen werden, wenn die erhobenen Befunde mit -
wissenschaftlich anerkannten - apparativen/bildgebenden Abklärungen (wie Röntgen,
MRI, CT, Arthroskopie) bestätigt werden (vgl. BGE 134 V 232 E. 5.1 mit Hinweisen;
Urteil des Bundesgerichts vom 28. Oktober 2009, 8C_216/2009, E. 2 mit Hinweisen).
Ein massgebender Ausgangspunkt für die Beurteilung traumatischer Folgeschäden
bzw. der Ursächlichkeit einer Gesundheitsschädigung bildet der gesundheitliche
Zustand einer versicherten Person vor dem Unfall. Ist es durch letzteren zu keinen
neuen strukturellen Schäden gekommen, trifft er aber auf einen vorgeschädigten
Körper, kommt eine unfallkausale Gesundheitsschädigung höchstens als
vorübergehende oder richtungsgebende Verschlimmerung eines Vorzustandes in
Betracht. Eine richtungsgebende Verschlimmerung liegt nach der Rechtsprechung vor,
wenn medizinischerseits feststeht, dass weder der Status quo ante noch der Status
quo sine je wieder erreicht werden können (KOSS UVG-Nabold, N 54 zu Art. 6; BSK
UVG-Hofer, N 71 zu Art. 6; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O, S. 54 mit Hinweis; Urteil des
Bundesgerichts vom 1. April 2015, 8C_484/2014, E. 2.1). Von einer vorübergehenden
unfallbedingten Verschlimmerung eines Vorzustandes wird dann gesprochen, wenn
Unfallfolgen bzw. deren Anteil an einer Gesundheitsschädigung im Rahmen des
posttraumatischen Verlaufs nie konkret beschrieben bzw. radiologisch als strukturelle
Verletzung der Gelenke oder Knochen sichtbar gemacht werden können. In solchen
Fällen wird bei einem geeigneten bzw. adäquaten Ereignis in einer ersten Phase davon
ausgegangen, dass dieses eine schädigende Wirkung auf den Körper habe. Die
aufgetretenen bzw. ausgelösten Beeinträchtigungen werden, obwohl sie
möglicherweise weiterbestehen, nach einer gewissen Zeit gestützt auf medizinische
Erfahrung aber nicht mehr dem Unfall angelastet. Die Unfallversicherung übernimmt in
diesen Fällen nur den durch das Unfallereignis ausgelösten Beschwerdeschub, d.h. sie
hat bis zum Erreichen des Status quo sine oder ante Leistungen für das unmittelbar im
Zusammenhang mit dem Unfall stehende Schmerzsyndrom zu erbringen. Als Beispiel
dafür gelten insbesondere auch Kontusions- und Distorsionsfolgen (vgl. Urteile des
Bundesgerichts vom 26. Februar 2013, 8C_423/2012, E. 5.3, 9. Januar 2012,
8C_601/2011, E. 3.2, und 24. Juni 2008, 8C_326/2008, E. 3.2 und 4; vgl. auch KOSS
UVG-Nabold, N 57 zu Art. 6; BSK UVG-Hofer, N 72 zu Art. 6; Rumo-Jungo, a.a.O., S.
55 f.). Bei einer Kontusion und Distorsion handelt es sich um eine Weichteilverletzung,
die insbesondere anhand klinischer Befunde - wie Hämatome, Schwellungen,
Schürfungen, Prellmarken, Druckdolenzen, Bewegungseinschränkungen,
Muskelverhärtungen - objektiviert werden (vgl. dazu Alfred M. Debrunner, Orthopädie,
5.3.
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6.
Orthopädische Chirurgie, 4. Aufl. 2002, S. 412, 1097; Roche Lexikon, Medizin, 5. Aufl.
2003, S. 357, 441; Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 420). Die
Unfallversicherung übernimmt die Leistungen bis zur Heilung dieser spezifischen
Kontusions- und Distorsionsfolgen und/oder - wie oben erwähnt - für den durch ein
Unfallereignis ausgelösten Beschwerdeschub.
6.1.
Als unfallkausaler struktureller Gesundheitsschaden, der für die ab Januar 2020
geklagten und ärztlich behandelten Beschwerden ursächlich ist, steht die in den MRI-
Untersuchungen vom 18. Oktober 2019 und 3. Januar 2020 zur Darstellung gelangte
Bandscheibenprotrusion LWK 4/5 mit Riss im Anulus fibrosus und beginnender
Sequestration zur Diskussion (Suva-act. 7, 28, vgl. auch Suva-act. 26, 27-2; im
Sachverhalt A.b und A.e). Die Beschwerdegegnerin verneint jedoch deren
Unfallkausalität insbesondere gestützt auf die Beurteilung von Kreisarzt Dr. L._ vom
10. August 2020 (Suva-act. 55) und sieht in ihr eine degenerative Veränderung.
6.1.1.
Die Bandscheibenprotrusion L4/5, der Anulus fibrosus-Riss sowie die
Sequestration können hinsichtlich ihrer Verursachung nicht losgelöst voneinander
betrachtet werden. In der medizinischen Literatur wird eine Bandscheiben- bzw.
Diskusprotrusion als Vorwölbung des Anulus fibrosus beschrieben, welcher die
Schwachstelle der Bandscheibe darstellt (Pschyrembel, a.a.O., S. 210; Debrunner,
a.a.O., S. 879; Roche Lexikon, a.a.O., S. 182; Leitlinie der Orthopädie, Hrsg. von der
Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie und dem
Berufsverband der Ärzte für Orthopädie, 2. erweiterte Aufl. 2002, S. 5 f.). Erst im
Rahmen einer Ausdehnung des Gesundheitsschadens brechen Lücken im Anulus
fibrosus auf, durch welche Material aus dem Gallertkern herausgepresst wird und
Diskushernien bildet (Debrunner, a.a.O., S. 879). Der Bandscheibensequester ist
sodann der durch den Anulus fibrosus Riss herausgerutschte Bandscheibenteil (Roche
Lexikon, a.a.O., S. 182; Pschyrembel, a.a.O., S. 210). Ob es sich um eine
Diskusprotrusion oder eine -hernie handelt, ist letztlich also eine Frage, in welchem
Stadium sich der Gesundheitsschaden befindet bzw. ob der Anulus fibrosus bereits
eingerissen ist oder nicht. Wie gesagt, müssen daher die beim Beschwerdeführer
diagnostizierte Diskusprotrusion, der Riss des Anulus fibrosus sowie der Sequester
(vgl. Suva-act. 7, 28) als zusammengehörende Befunde betrachtet werden, welche
entweder degenerativ oder traumatisch bedingt sind.
6.1.2.
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Im Bereich des Unfallversicherungsrechts entspricht es einer medizinischen
Erfahrungstatsache, dass praktisch alle Diskushernien und Diskusprotrusionen
degenerativ entstehen. Ein Unfall im Rechtssinne (Art. 4 ATSG) kann nur
ausnahmsweise als eigentliche Ursache in Betracht fallen. Eine gesunde Bandscheibe
ist - wie auch Kreisarzt Dr. L._ in seiner Beurteilung vom 10. August 2020 (Suva-act.
52) unter Hinweis auf die medizinische Literatur darlegt - derart widerstandsfähig, dass
unter Gewalteinwirkung eher die Wirbelknochen brechen, als dass die Bandscheibe
verletzt würde. Im medizinischen Versuch konnte die isolierte Verletzung einer
Bandscheibe durch einen Unfall lediglich bei rein axialer Belastung der Wirbelsäule,
nicht aber bei Rotations-, Hyperextensions- oder Hyperflexionsbewegungen
herbeigeführt werden (Urteil des EVG vom 3. Oktober 2005, U 163/05, E. 3.1, mit
Hinweis auf Günter G. Mollowitz [Hrsg.], Der Unfallmann, 1993, S. 164 ff.; vgl. auch
Debrunner, a.a.O., S. 878 ff.; Pschyrembel, a.a.O., S. 210; Roche Lexikon, a.a.O., S
182; Leitlinie der Orthopädie, a.a.O., S. 5). Voraussetzung für die Annahme einer
traumatischen Diskushernie bzw. Diskusprotrusion ist somit, dass der Unfall
hinsichtlich seines Mechanismus geeignet war, eine Schädigung der Bandscheibe
herbeizuführen, und insbesondere auch von besonderer Schwere war. Die Symptome
der Diskushernie (vertebrales oder radikuläres Syndrom) müssen zudem unverzüglich
und mit sofortiger Arbeitsunfähigkeit auftreten (RKUV 2000 Nr. U 379 S. 193, E. 2a mit
Hinweisen; Urteil des EVG vom 3. Oktober 2005, U 163/05, E. 3; Rumo-Jungo/Holzer,
a.a.O., S. 55 f.). Das Gleiche gilt grundsätzlich für eine richtungsgebende
Verschlimmerung eines degenerativen Vorzustandes, wenn und soweit also durch den
Unfall eine Diskushernie oder Diskusprotrusion früher bzw. beschleunigt zur
Entwicklung gebracht wurde. Eine solche ist ausserdem grundsätzlich nur dann
bewiesen, wenn die Radioskopie ein plötzliches Zusammensinken der Wirbel nach
einem Trauma aufzeigt. Eine allfällige richtungsgebende Verschlimmerung muss
radiologisch ausgewiesen sein und sich von der altersüblichen Progression abheben
(RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 f. E. 3a mit Hinweisen; Urteil des EVG vom 25. November
2004, U 107/04, E.4.1; Rumo-Jungo/Holzer, a.a.O., S. 55 f.).
6.1.3.
Im vorliegenden Fall können die in Erwägung 6.1.3 dargelegten Voraussetzungen
für eine unfallbedingte Diskusprotrusion bzw. richtungsgebende Verschlimmerung einer
vorbestehenden Diskusprotrusion nicht als erfüllt betrachtet werden.
6.2.
Der Auffahrunfall vom 13. Oktober 2019 lässt zunächst nicht den
vorausgesetzten axialen Unfallmechanismus erkennen (vgl. Erwägung 6.1.3).
Überhaupt ist eine besonders schwere Krafteinwirkung auf die Wirbelsäule, die
geeignet gewesen wäre, eine Diskusprotrusion zu verursachen, im vorliegenden Fall
6.2.1.
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nicht denkbar. Die LWS des Beschwerdeführers war durch den Autositz gut gestützt
und das Hochrutschen des Körpers an der Rückenlehne wird grundsätzlich durch den
Dreipunktgurt gebremst. Eine Verletzung wäre höchstens bei einem Bruch der
Rückenlehne, also bei einem sehr massiven Auffahrunfall, denkbar gewesen (vgl. dazu
Hans U. Debrunner/ Erich W. Ramseier, Die Begutachtung von Rückenschäden in der
schweizerischen sozialen Unfallversicherung, 1990, S. 54). In der von Kreisarzt Dr.
L._ angeführten medizinischen Literatur wird ausserdem einleuchtend festgehalten,
dass eine traumatische Schädigung der Bandscheibe komplexe Verletzungsmuster
hinterlasse und vor dem Auftreten eines traumatisch bedingten Bandscheibenvorfalls
Frakturen der Wirbelkörper zu erkennen seien (Suva-act. 52-7). Solche konnten im
vorliegenden Fall radiologisch nicht nachgewiesen werden (Suva-act. 29). Dr. L._
ergänzt ausserdem, es erscheine nicht vorstellbar, dass eine Gewalteinwirkung zu einer
isolierten Verletzung einer Bandscheibe oder Instabilität eines Bandscheibensegments
führen könne, ohne "Kollateralschäden" zu hinterlassen. Unfallbedingte
Bandscheibenvorfälle oder instabile Bandscheibensegmente müssten in den
kernspintomographischen Dokumenten immer Zeichen einer frischen Verletzung, wie
eine Blutergussbildung infolge von Gewebezerreissungen oder Flüssigkeitskollektionen
im Halteapparat und in der angrenzenden Muskulatur des betroffenen
Bandscheibensegments, aufweisen. Derartige Veränderungen der umgebenden
Haltestrukturen seien - wie Dr. L._ festhält - auf den bildgebenden Dokumenten der
Kernspintomographie der LWS vom 18. Oktober 2019 nicht zu erkennen (Suva-act.
52-8, 7-2).
Die Voraussetzung einer unmittelbar auftretenden Arbeitsunfähigkeit ist sodann
zwar erfüllt (vgl. Erwägung 6.1.3). Anlässlich der Erstbehandlung am Unfalltag
diagnostizierte Dr. C._ ein HWS-Beschleunigungstrauma und attestierte dem
Beschwerdeführer vom 14. bis 16. Oktober 2019 (der Unfalltag war ein Sonntag) eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit (Suva-act. 24-4). Im Folgenden bescheinigte auch Dr.
F._ am 13. November 2019 rückwirkend ab dem Unfalldatum eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit bis zum 22. Oktober 2019 (Suva-act. 11-2). Nicht erfüllt ist hingegen
die Voraussetzung einer unverzüglich nach dem Unfall aufgetretenen
Diskusherniensymptomatik. Die Beschwerden des Beschwerdeführers haben sich bei
der Erstbehandlung am Unfalltag auf einen nicht näher bestimmten Schmerz im linken
Bein beschränkt. Eine LWS-spezifische Diagnose wurde durch Dr. C._ nicht gestellt
(Suva-act. 24-4). Die Vorstellung des Beschwerdeführers am Unfallfolgetag in der Klinik
für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates des KSSG
erfolgte wegen seit dem Unfall bestehenden Parästhesien im Bereich des linken Fusses
6.2.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/23
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(Suva-act. 24-2). Die behandelnden Ärzte diagnostizierten im Notfallbericht vom 23.
Oktober 2019 aufgrund der erhobenen Befunde - keine Klopf- oder Druckdolenzen,
beidseitig negatives Lasègue-Zeichen, Kraft der Kennmuskulatur und Sensibilität
sämtlicher Dermatome gesamthaft unauffällig, flüssiges unauffälliges Gangbild -
ausschliesslich Parästhesien im Fuss links, stellten fest, dass sich der
Beschwerdeführer neurologisch vollkommen unauffällig präsentiert habe und
verzichteten auf eine bildgebende Diagnostik (Suva-act. 24-2). Eine Diagnose mit
Hinweis auf die spezifischen Symptome einer Diskushernie bzw. auf neurologische
Ausfallerscheinungen im Rahmen eines radikulären Syndroms wurde also auch am
Unfallfolgetag nicht gestellt. Kreisarzt Dr. L._ zieht in seiner Beurteilung vom 10.
August 2020 den überzeugenden Schluss, dass der vollkommen unauffällige
neurologische Befund eine Kompression radikulärer Strukturen wie den Nervenwurzeln
L5 oder S1 beidseits ausschliesse (Suva-act. 52-6). Die am 21. Oktober 2019 durch Dr.
F._ aufgrund eines posttraumatischen LRS verordnete Physiotherapie (Suva-act. 12)
vermag sodann zumindest keine unverzügliche radikuläre Beschwerdesymptomatik
nachzuweisen. Auch Dr. H._ schrieb in seinem Sprechstundenbericht vom 21.
November 2019 lediglich in der Anamnese von einer "nur fast" unmittelbar
aufgetretenen Beinsymptomatik, welche er selbst nicht näher bestimmte (Suva-act.
27).
Hinzuweisen ist schliesslich auf die Gesamtsituation der LWS des
Beschwerdeführers. Laut Untersuchungsbericht von Dr. J._ über die MRI-
Untersuchung der Wirbelsäule (BWK11 – SWK3) vom 3. Januar 2020 zeigten sich dem
Radiologen auf verschiedenen Bandscheibenetagen der LWS degenerative
Veränderungen, insbesondere auch auf derjenigen von LWK 4-5 (Suva-act. 28). Dieses
Untersuchungsergebnis zeigt das Bild einer umfassenden degenerativen Situation, in
welche sich auch die Diskusprotrusion mit Anulus fibrosus Riss und beginnender
Sequestration links LWK 4-5 einfügt und deren Herauslösung und Betrachtung als
unabhängiger traumatisch bedingter Gesundheitsschaden ohne konkreten Grund kein
nachvollziehbares Ergebnis darstellen würde.
6.3.
Der Umstand, dass der Beschwerdeführer angeblich vor dem Unfall vollständig
gesund gewesen sei, beruht auf dem für den Nachweis einer unfallkausalen
Schädigung nicht massgebenden Grundsatz "post hoc ergo propter hoc". Die rein
zeitliche Abfolge beinhaltet keine Aussage zur Kausalität, denn der zeitliche Aspekt
besitzt keine wissenschaftlich genügende Erklärungskraft. Andernfalls würde man sich
mit dem blossen Anschein des Beweises bzw. mit der blossen Möglichkeit begnügen
und davon ausgehen, dass eine gesundheitliche Schädigung schon dann durch den
6.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 19/23
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7.
Unfall verursacht sei, wenn sie nach diesem auftrat (Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 4.
Aufl. 2020, N 69 zu Art. 4 ATSG; Alfred Maurer, Schweizerisches
Unfallversicherungsrecht, 2. Aufl. 1989, S. 460 N 1205; SVR 2009 UV Nr. 13
[8C_590/2007], S. 52 E. 7.2.4 mit weiteren Hinweisen; BGE 119 V 340 E. 2b/bb). Eine
Beschwerdefreiheit vor dem Unfallereignis schliesst eine Vorerkrankung nicht aus, da
eine auf die Wirbelsäule wirkende Kraft ohne Weiteres auch eine bisher stumme,
vorbestehende Wirbelsäulenerkrankung symptomatisch machen kann, wobei es sich
aber meistens nur um eine vorübergehende Verschlimmerung handelt (Debrunner/
Ramseier, a.a.O., S. 5).
Nach dem Gesagten steht mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer durch den Unfall vom 13. Oktober
2019 weder eine klar ausgewiesene neue bleibende Gesundheitsschädigung noch eine
richtungsgebende Verschlimmerung des degenerativen Vorzustandes erlitten hat. Die
Aussage von Dr. H._ im Versicherungsbericht vom 18. Juni 2020 (Suva-act. 40-5),
das frei luxierte Bandscheibenfragment mit Kontakt zur Nervenwurzel L4 links wäre mit
dem Traumaereignis sehr wohl in Einklang zu bringen, vermag an dieser Beurteilung
nichts zu ändern. Seine Feststellung blieb ohne Begründung und wurde von ihm bereits
selbst relativiert, indem er anfügte, dass weder die Bildgebung noch die klinische
Untersuchung für die Unfallkausalität den zwingenden Beweis bieten könnten.
Unfallfolgen werden von der Beschwerdegegnerin unbestrittenermassen anerkannt,
jedoch eben zutreffenderweise nur im Rahmen einer vorübergehenden
Verschlimmerung (vgl. dazu nachfolgende Erwägung 7). In diesem Sinne ist die weitere
Aussage von Dr. H._ bezüglich der unmittelbar nach dem Unfall aufgetretenen
Beschwerden genügend berücksichtigt. Das Alter des Beschwerdeführers spricht
ebenfalls nicht ohne Weiteres gegen das Vorliegen von degenerativen
Wirbelsäulenveränderungen, da solche altersunabhängig vorkommen können (vgl. dazu
Debrunner, a.a.O., S. 880).
6.5.
Wie bereits erwähnt (vgl. Erwägung 5.3), kann ein Vorzustand durch einen Unfall
ausgelöst oder vorübergehend verschlimmert werden. So geht auch Kreisarzt Dr. L._
in seiner Beurteilung vom 10. August 2020 davon aus, dass die sich in zeitlichem
Zusammenhang bzw. in zeitlicher Koinzidenz mit dem Unfall wiederfindenden und
beklagten Beschwerden bezüglich des linken Beins mit Schmerzen und Parästhesien
(Missempfindungen) überwiegend wahrscheinlich als Unfallfolgen im Sinne einer
vorübergehenden Aktivierung einer vorbestehenden Verschleisserkrankung anzusehen
seien (Suva-act. 52-6; zur Dauer einer diesbezüglichen Leistungspflicht des
7.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/23
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Unfallversicherers vgl. Erwägung 5.3). Nachfolgend ist mithin zu prüfen, ob der durch
den Unfall vom 13. Oktober 2019 ausgelöste Beschwerdeschub im Sinne einer
vorübergehenden Aktivierung der Diskusprotrusion L4/5 im Januar 2020 (etwas mehr
als zehn Wochen nach dem Unfall) weiter andauerte oder ob sich der Status quo sine -
wie von Dr. L._ basierend auf dem Reintegrationsleitfaden Unfall des
Schweizerischen Versicherungsverbandes beurteilt (vgl. Suva-act. 52-9) - maximal acht
bis zehn Wochen nach dem Unfall, spätestens Ende des Jahres 2019, eingestellt hat
und eine Leistungspflicht des Unfallversicherers verneint werden kann.
Es entspricht einer medizinischen Erfahrungstatsache, dass im Allgemeinen
Prellungen, Verstauchungen oder Zerrungen der Wirbelsäule ohne strukturelle Läsionen
in der Regel nach sechs bis neun Monaten, spätestens aber nach einem Jahr, abheilen
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 16. Dezember 2020, 8C_552/2020, E. 3.2, 3.
September 2020, 8C_319/2020, 8C_346/2020, E. 6.6, und 26. August 2019,
8C_408/2019, E. 3.3; vgl. dazu auch BSK UVG-Hofer, N 72 zu Art. 6; KOSS UVG-
Nabold, N 57 zu Art. 6). Insofern geht eine vorübergehende Verschlimmerung eines
Vorzustands im Bereich der Wirbelsäule im Regelfall mit einer stetigen Besserung des
unfallkausalen Beschwerdeanteils einher. Eine Ausnahme von der Regel ist
grundsätzlich nicht ausgeschlossen, doch muss sie sich eben als solche präsentieren.
Insofern sind die Besonderheiten des Einzelfalls zu berücksichtigen.
7.2.
Dr. L._ befindet sich mit der von ihm angenommenen Heilungsdauer ausserhalb
des vom Bundesgericht für den Regelfall festgelegten Zeitrahmens von sechs bis neun
Monaten und geht offensichtlich von einem Ausnahmefall aus. Wie die nachfolgenden
Erwägungen zeigen, sind den Akten Anhaltspunkte für einen solchen im Sinne einer
kürzeren Heilungsdauer zu entnehmen.
7.3.
Im Bericht über die Erstbehandlung vom 13. Oktober 2019 durch Dr. C._ wird
die LWS als vom Unfall betroffener Körperteil gar nicht genannt (Suva-act. 24-4). Am
14. Oktober 2019 wurde zwar in der Klinik für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates des KSSG die gesamte Wirbelsäule
untersucht, doch zeigten sich sämtliche Befunde unauffällig (Suva-act. 24-2 f.).
Typische Befunde, welche auf eine Kontusion oder Distorsion mit einer namhaften
Krafteinwirkung auf die LWS hindeuten würden (vgl. Erwägung 5.3), konnten nicht
festgestellt werden. Kontusionen und Distorsionen ohne strukturelle Läsionen werden
zwar oft auch nur gestützt auf einen subjektiv geschilderten Unfallmechanismus
gestellt. Der Umstand, dass im Rahmen der beiden obgenannten Behandlungen bzw.
Untersuchungen jedoch keine entsprechenden Befunde erhoben und Diagnosen
7.3.1.
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gestellt wurden, ist als klarer Hinweis darauf zu werten, dass im vorliegenden Fall
höchstens von einer (sehr) leichten Kontusion oder Distorsion mit einer jedenfalls stark
verkürzten Heilungsdauer auszugehen ist.
Die von Dr. L._ festgelegte Heilungsdauer überzeugt sodann insbesondere
auch mit Blick auf den zeitlichen Ablauf. Am 21. Oktober 2019 stellte Dr. F._ dem
Beschwerdeführer bei der Diagnose eines posttraumatischen LRS eine
Physiotherapieverordnung für neun Behandlungen aus (Suva-act. 12). Einen Monat
später, am 20. November 2019, wurde der Beschwerdeführer bei Dr. H._ vorstellig
(Suva-act. 27), der anamnestisch festhielt, dass die Schmerzen im gesamten linken
Bein in zunehmende Sensibilitätsstörungen übergegangen seien. Die verordnete
Physiotherapie und die antiphlogistischen Medikamente hätten zwischenzeitlich zu
keiner Besserung der Symptome geführt. In der klinischen Untersuchung erhob Dr.
H._ als Befunde eine Iliopsoasparese M4 links, einen positiven umgekehrten Lasègue
linksseitig, valleix'sche Druckpunkte gluteal linksseitig positiv und eine Reduktion der
PSR-Antwort linksseitig und diagnostizierte eine linksseitige radikuläre Reizung L4
sowie eine Iliopsoasparese bei foraminal liegendem Bandscheibenvorfall L4/5 links.
Beurteilend hielt er fest, dass die vom Beschwerdeführer geklagten Beschwerden
sowie die untersuchbaren Defizite einer Radikulopathie L4 links entsprechen würden,
deren Korrelat in der foraminalen Teilokklusion durch den hierliegenden kleinen
Bandscheibensequester zu finden sei (Suva-act. 27). Dieser ist jedoch, wie in
Erwägung 6 dargelegt, unfallfremd. Dr. H._ empfahl dem Beschwerdeführer eine
periradikuläre Infiltration, welche am 26. November 2019 durchgeführt wurde (Suva-
act. 26). Bei akuter Exazerbation der lumboradikulären Schmerzen wurde der
Beschwerdeführer am 2. Januar 2020 in die Klinik für Neurochirurgie des KSSG
aufgenommen. Laut Anamnese im Austrittsbericht vom 8. Januar 2020 gab er an, dass
die Infiltration - wenn auch nicht zu einer Schmerzlinderung - doch zu einer Beruhigung
der Situation geführt habe (Suva-act. 25-3). Aufgrund des Gesagten ist insgesamt vor
der Hospitalisation - zumindest in Bezug auf die unfallbedingte Aktivierung bei
möglicher leichter Kontusion oder Distorsion - von einer eingetretenen Verbesserung
auszugehen. Dabei ist zu ergänzen, dass beim Beschwerdeführer trotz dessen
rückenbelastender Berufstätigkeit als Produktionsmitarbeiter seit dem 5. November
2019 keine Arbeitsunfähigkeit mehr bestanden hatte (Suva-act. 11-2). Zudem sind
insbesondere zwischen der Infiltration vom 26. November 2019 und dem Klinikeintritt
am 2. Januar 2020 keine ärztlichen Behandlungen mehr aktenkundig. Dr. H._ hatte
im ambulanten Interventionsbericht zur Infiltration vom 26. November 2019
festgehalten, dass bei ausbleibender anhaltenden Besserung und/oder einer weiteren
7.3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/23
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist der Einspracheentscheid vom 9. November
2020 nicht zu beanstanden und die dagegen erhobene Beschwerde abzuweisen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (aArt. 61 lit. a ATSG in der bis 31. Dezember
2020 gültigen, für das vorliegende Verfahren gemäss Art. 83 ATSG noch anwendbaren
Fassung). Ausgangsgemäss hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine
Parteientschädigung.