Decision ID: 0f5be548-3577-46f6-b75a-0611c0d4e154
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1981 geborene
X._
brach die Lehre zum Fahrrad/Töff-Mechaniker im dritten Lehrjahr ab.
Während dieser Zeit konsumierte er Drogen
(
Urk.
13/2/5
,
Urk.
13/11/3
). Nachdem er vom
1.
April 2006 bis
2
9.
Februar 2012 zu 100
%
und – nach einer gesundheitsbedingten
Pensumsreduktion
- vom
1.
März bis
3
1.
Dezember 2012
zu 80
%
für die
Y._
GmbH als Farb
mischer und Lagermitarbeiter tätig
gewesen
war
(
Urk.
13/1
,
Urk.
13/2/5,
Urk.
13/11/2
), meldete er sich am 3
0.
April 2013 unter Hinweis auf eine psychi
sche Erkrankung, die seit
1.
Januar 2013 belegt sei, bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (
Urk.
13/2/7-9). Die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle,
führte
daraufhin
mit dem Versicherten ein Standort
gespräch durch
(
Urk.
13/11
)
. Da ihr trotz Aufforderung kein Arztbericht
einer behandelnden Arztperson eingereicht wurde
(
Urk.
13/12-17)
, verneinte sie
nach
durchgeführtem
Vorbescheidverfahren
(
Urk.
13/18
,
Urk.
13/20-26)
mit Verfü
gung vom
1
5.
April 2014 (
Urk.
13/27)
das Bestehen eines Leistungsanspruchs. Auf die dagegen erhobene Beschwerde trat das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich mit
Beschluss
vom
2
7.
Juni 2014
im Prozess IV.2014.00503
nicht ein, weil
der Versicherte die formellen Mängel seiner Beschwerde nicht innert Frist nachgebessert hatte
(
Urk.
13/29
).
1.2
Nachdem sich der Versicherte
am 2
1.
Mai 2015 wegen einer Angststörung und einer Depression erneut
zum Leistungsbezug
angemeldet hatte (
Urk.
13/36; vgl. auch
Urk.
13/46-49),
holte
die IV-Stelle
das
psychiatrische
Gutachten von
Dr.
med.
Z._
vom 2
3.
August 2016
ein
(
Urk.
13/70
; vgl. auch
Urk.
13/52,
Urk.
13/60-62
,
Urk.
13/66
)
und
verpflichtete
den Versicherten
gestützt darauf
, eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung aufzunehmen (
Urk.
13/71/
1)
.
Nach einem
erneuten
Standortgespräch
a
m
1
1.
Januar 2018
(
Urk.
13/85,
Urk.
13/111/4-6) übernahm die IV-Stelle
die Kosten für ein Belast
barkeitstraining vom 1
2.
Februar bis 1
1.
Mai 2018
(
Urk.
13/
89)
mit dem Ziel, eine Präsenzzeit am Arbeitsplatz von vier Stunden zu erreichen (
Urk.
13/92),
und sprach dem Ver
sicherten für die Dauer der Massnahme
mit Verfügung vom 1
3.
Februar 2018
Taggelder z
u (
Urk.
13/93
)
.
Mangels vollständiger Zielerreichung (
Urk.
13/100) wurde das Belastbarkeitstraining um zwei Monate verlängert (
Urk.
13/101
,
Urk.
13/103,
Urk.
13/105
)
.
Am 1
2.
Juli 2018 schloss die IV-Stelle die Eingliede
rungsmassnahmen ab
, da sie zur Einschätzung gelangt war
, eine Weiterführung von Integrationsmassnahmen mit einer Steigerung der Präsenzzeit sei aus gesund
heitlichen Gründen nicht möglich (
Urk.
13/110; vgl. auch
Urk.
13/111/10-11,
Urk.
13/112).
In der Folge holte sie
die
neuropsychologische
Expertise
von
Dr.
phil
.
A._
vom 1
6.
Januar 2020 (
Urk.
13/154) sowie das psychiat
rische Gutachten von
Dr.
med.
B._
vom 1
3.
März 2020 (
Urk.
13/155)
samt
interdisziplinärer Mitbeurteilung der neuropsychologischen Befunde (
Urk.
13/156)
ein
. Nachdem sie das Dossier dem Regionalen Ärztlichen Dienst
(RAD)
zur versicherungsmedizinischen Würdigung vorgelegt (
Urk.
13/158/8-9)
und
eine Ressourcenprüfung vorgenommen hatte (
Urk.
13/158/10,
Urk.
13/159),
verneinte
sie -
nach Durchführung d
es
Vorbe
scheidverfahrens
(
Urk.
13/160
)
-
mit Verfügung vom
3.
Juni 2020
da
s Bestehen eines Rentenanspruchs (
Urk.
2).
2.
Dagegen erhob de
r Versicherte, vertreten durch Rechtsanwältin Stéphanie Baur
, mit Eingabe vom
3.
Juli 2020
Beschwerde und beantragte
die Zusprechung einer ganzen Invalidenrente. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Bewilligung der unentgeltlichen Prozessführung und Bestellung einer unentgeltlichen Rechtsver
treterin in der Person von Rechtsanwältin Stéphanie Baur
(
Urk.
1 S. 2
). Nachträg
lich reichte er zudem den Bericht vom 1
2.
August 2020 von med.
pract
.
C._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ein (
Urk.
6-7).
Mit Beschwerdeant
wort vom 1
0.
September 2020 beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde (
Urk.
12).
Mit Verfügung vom 2
2.
September 2020 gewährte das Gericht dem Beschwerde
führer die unentgeltliche Prozessführung und bestellte ihm
Rechtsanwältin Stéphanie Baur
als unentgeltliche Rechtsvertreterin (
Urk.
14).
In der Replik vom 2
8.
Oktober 2020 hielt der Beschwerdeführer an seinen Anträgen fest (
Urk.
15). Die IV-Stelle verzichtete auf eine Duplik (
Urk.
18), was dem Beschwerdeführer am
7.
Dezember 2020 mitgeteilt wurde (
Urk.
19).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil des Sozialversicherung
srechts [
ATSG
]
)
. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht
kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurtei
lung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Mit BGE 143 V 418 entschied das Bundesgericht, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem struk
turierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen sind (E. 6 und 7, Änderung der Rechtsprechung; vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2 speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere Depressionen).
Das strukturierte Beweisverfahren definiert systematisierte Indikatoren, die es
–
unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einer
seits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits
–
erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1; vgl. statt vieler: Urteil des Bundesgerichts 9C_590/2017 vom 15.
Februar 2018 E. 5.1). Die Anerkennung eines rentenbegründenden Inva
liditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizi
nisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwie
gender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE 144 V 50 E. 4.3).
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409,
141
V
281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
1.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1
des
Bundesgesetz
es
über die Invalidenversicherung (IVG)
Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.4
Bei erwerbstätigen Versicherten ist der Invaliditätsgrad gemäss Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG aufgrund eines Einkommensvergleichs zu bestimmen. Dazu wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei aus
geglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (sog. Invalideneinkommen), in Bezie
hung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie
nicht in
valid geworden wäre (sog.
Valideneinkommen
). Der Einkommensver
gleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt und einander gegen
übergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der Invaliditäts
grad bestimmen lässt (sog. allgemeine Methode des Einkommensvergleichs; BGE 130 V 343 E. 3.4.2, 128 V 29 E. 1).
2.
2.1
Die IV-Stelle begründete die Verneinung eines Rentenanspruchs in der angefoch
tenen Verfügung vom
3.
Juli 2020 und in der Beschwerdeantwort vom 1
0.
Sep
tember 2020 damit, gestützt auf das neuropsychologisch-psychiatrische Gutach
ten vom 1
3.
März 2020 sei davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer
in
der bisherigen und in
sämtlichen anderen
l
eidensangepassten Tätigkeit
en
zu 3
0
%
arbeits
un
fähig sei (
Urk.
2,
Urk.
1
2.
S. 1
-2
).
Auf die
interdisziplinäre
Beurteilung
im
Gutachte
n
vom 1
3.
März 2020, dass
er
wegen
seiner
neuropsychologischen Defizite und der Angststörung in
allen
Tätigkeiten zu 50
%
arbeitsunfähig sei, könne nicht abgestellt werden.
In der Expertise
würden
nämlich keine Gründe
dargetan
, die eine – rechtsprechungsgemäss in der Regel nicht zulässige - Addi
tion der 30%igen Arbeitsunfähigkeit aus neuropsychologischer Sicht und der 20
30%igen Arbeitsunfähigkeit wegen der Ängste rechtfertigen würden. Recht
spre
chungsgemäss decke der Umfang der grössten Teileinschränkung normaler
weise auch die weiteren Entlastungserfordernisse ab.
Auch eine Prüfung der Stan
dar
dindikatoren im Rahmen des strukturierten Beweisverfahrens führe zum Ergebnis, dass eine Einschränkung in diesem Umfang aus rechtlicher Sicht gerade noch vertretbar sei. Die anlässlich der psychiatrischen Begutachtung erhobenen objek
tiven Befunde deuteten auf einen lediglich geringen Schweregrad des psychischen Leidens hin. Gleiches gelte für die Tatsache, dass der Beschwerde
führer nur unregelmässig eine Therapie wahrnehme und die Behandlungsopti
onen nicht ausschöpfe. Zudem seien bei den Freizeitaktivitäten keinerlei Ein
schränkungen ersichtlich
, was auf Ressourcen schliessen lasse.
D
ie Angaben des Beschwerde
führers
seien ferner
teilweise von unklarer Validität gewesen.
Diesen Tatsachen sei in der psychiatrischen Expertise insoweit Rechnung getragen worden, dass dem Beschwerdeführer lediglich eine leichte Einschränkung der Arbeits
fähigkeit von 20-30
%
attestiert worden sei (
Urk.
12 S. 2
)
.
Diese Arbeits
fähigkeit gelte mangels Hinweisen auf eine Veränderung für den gesamten anspruchs
relevanten Zeitraum
(
Urk.
12
S. 3)
.
Zuletzt sei der Beschwerdeführer
einer Hilfsarbeit als Lagerist nachgegangen. Die Einschränkung von 30
%
ent
spreche dem Invalidi
tätsgrad
(
Urk.
2
)
.
2.2
Der Beschwerdeführer wendet dagegen ein,
im neuropsychologi
schen/psychiatri
schen Gutachten sei klar fest
g
ehalten worden, dass er auch bezüglich sehr einfacher Tätigkeiten zu 50
%
arbeitsunfähig sei. Dass die IV-Stelle hiervon abweiche, sei nicht nachvollziehbar, zumal er motiviert an Wie
dereingliederungs
massnahmen der Invalidenversicherung teilgenommen habe und in diesem geschützten Rahmen nur eine Arbeitsleistung von drei bis vier Stunden pro Tag erreicht habe. Der Gesamtverlauf der beruflichen Integrations
massnahme zeige auf, dass eine Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt völlig utopisch sei und die von den Gutachtern attestierte 50%ige Restarbeits
fähigkeit zu hoch sei (
Urk.
1
S. 4-5
,
Urk.
15 S. 5 f.
).
Im Bericht der Tagesklinik für Psychotherapie und Sozialtherapie vom 2
1.
November 2017 werde ihm eine 100%ige Arbeitsunfähig
keit im ersten Arbeitsmarkt bescheinigt (
Urk.
1 S. 8). Zu beachten sei auch, dass der erste psychiatrische Gutachter
Dr.
Z._
ihn in der bisherigen Tätigkeit als vollständig arbeitsunfähig eingeschätzt
habe und im neuen Gutachten davon ausgegangen werde, dass die bisherige Tätigkeit bereits optimal leidensangepasst gewesen sei (
Urk.
1 S. 9)
.
D
er RAD
habe sodann
festge
halten, dass auf das Gutachten abgestellt werden könne
(
Urk.
1 S. 6)
.
Das Vorge
hen der IV-Stelle, abweichend von der gutachterlichen Beurteilung nur eine 30%ige Arbeitsun
fähig
keit anzuerkennen, beruhe auf einer klar fehlerhaften Anwendung der
Indi
katoren
rechtsprechung
, welche dem Rechtsanwender diese Befugnis nicht ein
räume (
Urk.
1 S. 7,
Urk.
15 S. 3 f.). Entgegen der Ansicht der IV-Stelle ergebe sich aus dem psychiatrischen Gutachten ohne Weiteres, dass er an funktionell schweren psychischen Einschränkungen leide (
Urk.
15 S. 4-5).
Auch
treffe es nicht zu, dass er die psychiatrische Therap
ie nur unregelmässig
wahrnehme
. Dass er nicht
an den bei ihm vorliegenden Diagnosen, den Tester
gebnissen und allfälligen Behandlungsoptionen interessiert sei, sei der
Autismus
spektrums
störung
geschuldet (
Urk.
15 S. 6 f.). Unzutreffend sei, dass er im Frei
zeitb
ereich nicht eingeschränkt sei
(
Urk.
1 S. 10,
Urk.
15 S. 8). Auch seine Angst vor Menschen
mengen mit Panikattacken sei mit einer Arb
eitstätigkeit schwer ver
ein
bar
(
Urk.
15 S. 9).
Die angefochtene Verfügung sei auch deshalb fehlerhaft, weil die RAD-Ärztin
Dr.
med.
D._
es als erwiesen erachtet habe, dass vom 1
3.
Oktober 2014 bis 1
2.
März 2020 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden habe. Richtigerweise hätte ihm nur schon aus diesem Grund eine befristete ganze Rente zugesprochen werden müssen (
Urk.
1 S. 6).
Ihm stehe gestützt auf das Gutachten mindestens eine halbe Rente zu. Da er aber
wegen
seiner starken Einschränkungen auf dem ersten Arbeitsmarkt niemals eine Stelle finden werde und die Wiedereingliederungsmassnahmen gezeigt hätten,
dass er den Anforderungen des freien
Arbeitsmarktes nicht standhalte, sei ihm
eine ganze Rente zuzusprechen
(
Urk.
1 S. 13).
Bei der Bemessung des Invaliden
einkommens sei
für den Fall, dass ihm keine ganze Rente zugesprochen werde,
der maximal mögliche leidensbedingte Abz
ug von 25
%
zu berücksichtigen
(
Urk.
1 S. 14-16).
3.
3.1
Laut
Bericht
vom 2
1.
August 2015
von med.
pract
.
C._
, Facharzt für Psy
chiatrie und Psychotherapie und ärztlicher Leiter der Tagesklinik für Psychothe
rapie
E._
, wurde der Beschwerdeführer
in der Zeit vom
1
3.
Oktober 2014 bis 2
0.
Juli 2015
in der Klinik
an zwei halben Tagen pro Woche behandelt und danach von
ihm
ambulant weiterbe
treut
.
I
n anamnestischer Hinsicht
hielt
d
er
Psychiater
fest
, der Beschwerdeführer
habe
von 1998 bis 2002 Cannabis,
Cocain
und Ecstasy konsumiert.
V
on 2008 bis 2012
habe er
in einer Firma, die Druck
farben her
ge
stellt
hab
e,
g
e
arbeite
t
.
Seine
Mutter
sei
2012
gestorben, worunter er sehr
gelitten
habe
. Sein psychischer Zustand habe sich zunehmend verschlechtert
, und
er
habe
sich
mit dem
steigenden
Leistungsdruck am Arbeitsplatz überfordert gefühlt
. Deshalb
habe er schliesslich selber gekündigt (
Urk.
13/45/1).
Seither sei er vom Sozialamt
abhängig. Im Jahr 2012 habe er
unter
depressiven Stimmungen
und
einer Panikstörung bei
der
Ben
ü
tzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen gelitten. Deswegen habe er psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen. Unter medikamentöser Behandlung
sei es zu einer sehr langsamen Besserung gekommen.
Aktuell sei er emotional verschlossen und sensibel, in der Grundstimmung deprimiert, zeitweise bestünden Angstzustände. Im Verhalten erscheine er unreif, unstetig und weise eine Fluchttendenz auf. Er fühle sich den Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes nicht gewachsen, zeige aber Motivation für ein Arbeitstraining im geschützten Rahmen.
Wegen einer unreif-haltlosen Persönlichkeit (ICD-10
:
F60.8) und depressiver Episoden mit Angstzuständen,
zur Zeit
mittelschweren Ausmasses (ICD-10: F33.10)
,
sei er seit dem 1
3.
Oktober 2014
zu
100
%
a
rbeitsunfähig im bisherigen Beruf.
Er habe zeitlebens nicht die psy
chischen Ressourcen aufbauen können, um in der Arbeitswelt zu bestehen beziehungsweise durchzuhalten.
Deshalb
benötige er
Eingliede
rungsmassnahmen im Sinne eines Aufbau- und B
elastungstrainings im geschützten Rahmen (
Urk.
13/45/2).
3.2
Im Auftrag der IV-Stelle begutachtete
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neurologie, den Beschwerdeführer psychiatrisch.
Der Beschwerdeführer gab ihm an, die Beschwerden hätten während der letzten Tätigkeit etwa 2012 angefangen. Zu der Zeit habe er etwa 12-15 Stunden pro Tag gearbeitet und am Arbeitsplatz viel Stress gehabt. Auch am Wochenende habe er gearbeitet. Der Chef sei nicht gross auf seine Hinweise, dass es ihm zu viel sei, eingegangen. Dass die Mutter krank geworden sei, sei «der letzte Tropfen auf dem heissen Stein» gewesen (
Urk.
13/70/15). Der Expertise vom 2
3.
August 2016 sind die Diagnosen einer Persönlichkeitsstörung mit unreifen, haltlosen Zügen (ICD-10: F60.8)
sowie ein
es
Status nach rezidivierenden depressiven Episoden mit Angstzuständen, zum Teil mittelschweren Ausmasses (ICD-10: F33.10), gegen
wärtig remittiert (ICD-10: F33.4
), zu entnehmen (
Urk.
13/70/25).
Dr.
Z._
führte dazu aus, die Persönlichkeitsstörung weise beim Beschwerdeführer objektiv betrach
tet eine mittelgradige Ausprägung auf (
Urk.
13/70/29). Die Diagnose einer depressiven Episode lasse sich hingegen aufgrund der gegenwärtigen Situation nicht stellen; der Gesundheitszustand habe sich insofern im Vergleich zu den Vorbefunden verbessert (
Urk.
13/
70/31).
In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit, bezogen auf den letzten Arbeitgeber, sei wegen der Konfliktsituationen und der Belastung eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen.
Krankheitsbedingt seien seine Fähigkeiten zur
Anpassung an Regeln und Routinen sowie Planung und Strukturierung von Aufgaben, die Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, die Fähigkeit zur Anwendung fachlicher Kompetenzen, die Durchhalte
- und
Selbst
behauptungsfähigkeit, die Kontaktfähigkeit zu Dritten und die Gruppenfähigkeit zumindest leicht- bis mittelgradig eingeschränkt
(
Urk.
13/70/32-
33)
.
In den all
täglichen Aktivitäten weise der Beschwerdeführer kein reduziertes Aktivitäts
niveau auf (
Urk.
13/70/27).
Leidensangepasste, k
lar strukturierte Tätigkeiten
bei einem konfliktarmen Arbeitgeber mit der Möglichkeit, sich zurückzuziehen, wären ihm
ab dem Begutachtungstermin
zu 100
%
zumutbar.
Eine rückwirkende Beurteilung der Arbeitsfähigkeit in einer leidensangepassten Tätigkeit sei auf
grund der Aktenlage nicht möglich.
Wegen der Abwesenheit vom Arbeitsmarkt seit 2013 und der drohenden erneuten psychischen Dekompensation werde eine stufenweise Wiedereingliederung mit anfänglich zwei Stunden
Arbeitszeit pro Tag im Rahmen einer Belastungserprobung empfohlen
. Therapeutisch werde empfohlen, den
nötigen
strikten Verzicht auf den Konsum illegaler Drogen und
von Alkohol durch regelmässige Drogenscreenings zu kontrollieren
(
Urk.
13/70/
33
-34).
3.3
Im Verlaufsbericht vom 2
1.
November 2017
hielt der behandelnde Psychiater med.
pract
.
C._
fest, der Gesundheitszustand des Beschwerdeführers sei stationär
(
Urk.
13/82/1)
. Die mehrmaligen Labortests der Hausärztin im Zeitraum vom
3.
März bis 1
0.
Juli 2017 hätten keine Hinweise für Drogen- oder Alkohol
konsum ergeben
(vgl.
Urk.
13/78/6,
Urk.
13/80/2-10)
. Seit August 2016 erfolge eine ambulante delegierte Psychotherapie durch eine Psychologin in der Tages
klinik im 14täglichen Rhythmus. Die medikamentöse Behandlung werde fort
geführt. Eine deutliche Besserung
sei bezüglich der Verlässlichkeit sowie dem Einhalten von Terminen und Abmachungen eingetreten, zudem sei der Beschwer
deführer in der Einzeltherapie zugänglicher.
Nun
solle
im Rahmen eines Aufbau- und Belastungstrainings in einem angepassten Arbeitsumfeld mit einer anfäng
lichen Präsenzzeit von mindestens zwei Stunden pro Tag
das
Ziel
angestrebt werden
, ein Arbeitspensum von 50
%
zu erreichen (
Urk.
13/
82/2).
3.4
Vom 1
2.
Februar bis 1
1.
Mai 2018 absolvierte der Beschwerdeführer ein von der IV-Stelle
finanziertes
, externes
Belastbarkeitstraining (
Urk.
13/89) mit dem Ziel, eine Präsenzzeit am Arbeitsplatz von vier St
unden zu erreichen (
Urk.
13/92)
. Mangels vollständiger Zielerreichung
, wobei der zuständigen Eingliederungs
fachperson nicht ganz klar war, ob sich der Beschwerdeführer in der damaligen Situation einfach bequem eingerichtet hatte
(
Urk.
13/99/1,
Urk.
13/100
/3
)
,
wurde das Belastbarkeitstraining um zwei Monate
bis zum 1
1.
Juli 2018
verlängert (
Urk.
13/101
,
Urk.
13/105
). Dem Abschlussbericht vom
8.
Juli
2018 ist zu ent
nehmen,
dass das Ziel einer stabilen Präsenz von vier Stunden ab dem zweiten Monat erreicht wurde.
Ein Arbeitsplatzwechsel im Hinblick auf ein Aufbautrai
ning scheiterte aber. Bereits die Besichtigungen der in Frage kommenden Betriebe
hätten
zu sichtlichem Stress mit Schweissausbrüchen und Angstzuständen
geführt
. Ein Schnuppertag in einem Brockenhaus am 2
6.
Jun
i 2018 mu
sste nach zwei Stunden abgebrochen werden, weil es dem Beschwerdeführer psychisch
über
haupt
nicht
mehr gut g
egangen sei
: Er
sei
äusserlich wie zu Stein erstarrt
und
sei
auf die Frage der Betreuungsperson, wie es ihm gehe, in Tränen aus
ge
brochen
und
habe
nur noch «raus»
gewollt
.
Dabei
habe
offenbar auch
eine Rolle
gespielt
, dass
er mit dem öffentlichen Verkehr angereist
sei
und die für ihn bereits damit verbundene psychische Belastung zur Überforderung
ge
führt
hab
e.
In Absprache mit
seiner
Therapeutin gelangte die Eingliederungsfachperson deshalb zur Beurteilung, dass eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt nicht möglich sei, da die Gefahr einer nachhaltigen Dekompensation bestehe. Ziel sei es nun, mit Unterstützung des Sozialamts die Aufrechterhaltung der Tagesstruktur im Rahmen eines geschützten Arbeitsplatzes zu erreichen und in diesem Rahmen die bisher erzielten Erfolge zu sichern (
Urk.
13/112/2-
3).
Die Kommunikation der IV-Eingliederungsberatung mit der externen
Eingliede
rungsfachperson ergab, dass diese einen Zusammenhang zwischen der geringen Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers und der Tatsache, dass seine Lebens
partnerin eine Invalidenrente bezog und nicht eingliederungsfähig war
(vgl. auch
Urk.
13/70/26)
, als möglich erachtete.
D
ie
behandelnde Therapeutin
hatte ihr
angegeben, dass sie eine weitere Steigerung der beruflichen Belastung nach dem
gescheiterten Arbeitsversuch im Brockenhaus
als unmöglich erachte (
Urk.
13/111/10)
. Am 1
2.
Juli 2018 schloss die IV-Stelle die Eingliederungsmass
nahmen ab, da sie zur Einschätzung gelangt war, eine Weiterführung von Integ
rationsmassnahmen mit einer Steigerung der Präsenzzeit sei aus gesundheitlichen Grü
nden nicht möglich (
Urk.
13/110
).
3.5
3.5.1
Im Auftrag der IV-Stelle
erstellte
Dr.
phil.
A._
gestützt auf Testun
tersuchungen vom 2
9.
Oktober und
6.
November 2019 ein neuropsychologisches Gutachten (
Urk.
13/154/1-2).
Dr.
A._
diagnostizierte eine leichte bis
mittelschwere neuropsychologische Funkt
i
onsstörung mit im Vordergrund stehenden
attentionalen
, exekutiven und mnestischen Minderleistungen
(
Urk.
13/154/14)
.
Hinweise für eine ungenügende Leistungsbereitschaft während de
r
Tests bestanden nicht (
Urk.
13/154/13-14).
Die
vom Beschwerdeführer ange
ge
bene rasche Reizüberflutung könne
anhand
der Testbefunde
und der beschrie
benen, seit der Kindheit bestehenden deutlichen Introvertiertheit
nachvollzogen und erklärt werden. Es sei davon auszugehen, dass die sich in der aktuellen ruhigen und ablenkungsarmen, gut
strukturierten Untersuchungs
atmosphäre mani
festierenden kognitiven Einschränkungen unter Ablenkung, Zeitdruck und Mehr
fachbelastung
sowie Stress noch intensivierten, wodurch es zu einer zunehmen
den Ermüdbarkeit kommen könne (
Urk.
13/154/14-15).
In der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als Farbmischer und Lagerarbeiter sei aus rein th
eoretisch-neuropsycho
logischer S
icht von einer 30%igen Einschränkung der Leistungs
fähigkeit auszu
gehen.
Eine allfällige weitere Einschränkung der Leistungsfähig
keit aufgrund der in den Akten erwähnten psychiatrischen Problematik, welche im Vordergrund stehe, müsse von ärztlicher Seite beurteilt und bei der Festsetzung der realisier
baren Arbeitsfähigkeit mitberücksichtigt werden
(
Urk.
13/154/17)
. Eine optimal angepasste Tätigkeit müsste eine ablenkungsarme, ruhige und gut strukturierte Arbeitsatmosphäre aufweisen ohne Mehrfachbe
lastung, Zeit- und Termindruck sowie ohne zu viele Sozialkontakte. Die erho
benen verminderten Lern- und Neu
gedächtnisleistungen sprächen für eine Tätigkeit, in welcher bereits vorhandenes Fachwissen genutzt werden könne (
Urk.
13/154/17-18).
3.5.2
Das von
Dr.
med.
B._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
, zu
Handen
der IV-Stelle erstell
t
e psychiatrische
G
utachten
vom 1
3.
März 2020 basiert auf der gutachterlichen Untersuchung vom 1
1.
Januar 2020 (
Urk.
13/154/3).
Der Expertise
sind als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkei
t
ein
Aspergersyndrom
(ICD-10: F84.5) und eine Agoraphobie und Panikstörung (ICD-10: F40.01) zu
entnehmen
; nicht auf die Arbeitsfähigkeit wirke sich eine gegenwärtig remittierte rezidivierende depressive Störung (ICD-10: F33.4) aus (
Urk.
13/155/22-23).
In anamnestischer Hinsicht hielt
Dr.
B._
fest, der Beschwerdeführer sei laut den
Vorakten
und eigenen Angaben bereits früh in der Kindheit durch ein zurück
gezogenes, einzelgängerisches Verhal
ten aufgefallen.
Mit 17 Jahren habe er begon
nen, verschiedene Drogen zu konsumieren, was unter anderem zum Ab
bruch seiner Lehre als Fahrradmechaniker geführt habe.
Nach zweieinhalb Jahren A
rbeitslosigkeit habe er eine Stelle im Verkauf gefunden, die er nach zwei Jahre
n verlor
en habe. Danach sei er abermals während zwei Jah
ren arbeitslos gewesen.
Damals habe er es geschafft, von den Drogen wegzukommen.
Im Jahr 2004, mit 23 Jahren, habe er die Stelle als Lagerist gefunden. Diese habe ihm zugesagt, da es sich um eine repetitive Tätigkeit gehandelt habe. Nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 2012, zu der er ein sehr enges Verhältnis gehabt habe, sei es ihm schlechter gegangen. Er habe ihm, dem Gutachter, angegeben,
dass er danach habe krankgeschrieben werden müssen und es in diesem Rahmen schliess
lich zur Kündigung gekommen sei.
Andernorts in den Akten werde hin
gegen erwähnt, die Kündigung sei auf eigenen Wunsch erfolgt, weil er sich eine andere Tätigkeit habe suchen wollen; der Versuch, in
einem anderen Betrieb Fuss zu f
assen, sei ihm jedoch nicht
gelu
ngen. Im April 2013 sei die IV-Anmeldung erfolgt (
Urk.
13/155/24-25).
Der Beschwerdeführer gab dem Gutachter an
, Angst vor Menschenmengen
sowie vor belebten Orten wie Bahnhöfen und Restaurants zu haben
(
Urk.
13/155/14).
Es komme alle 2-3 Wochen zu Panikattacken und er habe Angst, dass deren Frequenz zunehme. Zudem habe er Schwierigkeiten in der Interaktion und einen speziellen Bezug zu anderen Menschen. Er habe ausgeprägte Interessen und eine Tendenz zu repetitiven Verhaltensweisen
. Ferner bestünden sensorische Empfind
lichkeiten und Stimmungsschwankungen (
Urk.
13/155/14).
Dr.
B._
erhob wenig
e
pathologische Befunde
.
Im Vordergrund stand eine reduzierte Mimik und Gestik, welche den Beschwerdeführer kalt und distanziert erscheinen liess
en
(
Urk.
13/155/18-21,
Urk.
13/155/23-24)
.
Es sei davon auszugehen, dass die
Autis
musspektrumstörung
zu gewissen Beeinträchtigungen der Kommunika
tionsfähigkeit, einer gewissen Rigidität und damit verbundenen Einschränkungen der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit führe
. Die Agoraphobie schränke primär die Mobilität ein. Sekundär komme es bei beiden Störungen aufgrund des Ener
gieverbrauchs zur Kompensation von Symptomen zu Einschränkungen der Durch
haltefähigkeit (
Urk.
13/155/21,
Urk.
13/155/29). Sowohl die
Autismus
spektrumstörung
als auch die Agoraphobie mit Panikattacken liessen sich psy
chotherapeutisch und medikamentös behandeln. Bei der Befragung habe sich herausgestellt, dass der Beschwerdeführer schon seit einiger Zeit nicht mehr in die seit längerem installierte Psychotherapie gegangen sei
und keine Medika
mente einnehme
(
Urk.
13/155/26;
vgl. auch
Urk.
13/155/17)
. Hinsichtlich Kon
sistenz und Plausibilität falle auf, dass der Beschwerdeführer verschiedentlich diver
gierende Angaben zu wichtigen Punkten in der Anamnese gemacht habe, beispielsweise betreffend den Beginn der Erkrankung und die letzte Kündigung. Zudem fänden sich in den Akten Informationen, welche die geltend gemachten Einschränkungen etwas relativierten, beispielsweise über eine Fahrt mit dem öffent
lichen Verkehr zu einem Mountainbike-Treffen und die Teilnahme an der
Streetparade
. Deshalb seien die Angaben des Beschwerdeführers teilweise von unklarer Validität und müssten mit Vorsicht beurteilt werden
(
Urk.
13/155/26; vgl. auch
Urk.
13/70/11,
Urk.
13/99/1,
Urk.
13/155/5)
.
In seiner Würdigung der Fähigkeiten, Ressourcen und Belastungen legte
Dr.
B._
dar, der Abbruch der Lehre und die längeren Arbeitslosigkeitsphasen bis 2012 wiesen auf mögliche Defizite der beruflichen Leistungsfähigkeit hin. Die Angaben des Beschwerdeführers deuteten
zudem
auf andauernde Defizite der sozialen Funktionsfähigkeit hin.
Deren Ausmass werde dadurch relativiert, dass es ihm trotzdem gelungen sei, Freundschaften und Partnerschaften aufzubauen, und sein Kommunikationsverhalten letztlich recht unauffällig sei.
Sein
Hinweis, der Drogenkonsum habe sich positiv auf seine Kommunikationsfähigkeit ausge
wirkt, weise trotzdem auf einen gewissen Leidensdruck hin. Ein entsprechender Leidensdruck werde auch durch den Umstand verdeutlicht, dass der Beschwerde
führer schon seit längerem immer wieder therapeutische Kontakte habe. Gegen einen schweren Leidensdruck spreche, dass er immer wieder während längerer Zeit keine
Therapie absolviert
habe und sich weder für seine Diagnosen noch für therapeutische Optionen zu interessieren
scheine
.
Hinsichtlich der Agoraphobie falle auf, dass keine antidepressive Therapie bestehe, welche die Ängste mildern könn
t
e, und der Beschwerdeführer nach Ausweis der Akten in seiner Mobilität nicht so stark eingeschränkt zu sein scheine, wie er teilweise geltend gemacht habe. Auch dies spreche dagegen, dass aktuell ein erheblicher Leidensdruck bestehe.
Als Ressourcen zu nennen seien die trotz des diagnostizierten Autismus recht gute Kommunikationsfähigkeit, die guten intellektuellen Ressourcen mit einer Veranlagung für technisch-praktische Tätigkeiten und die schon länger währende Partnerschaft sowie gute Freundschaften. Auch die Tatsache, dass er den Drogenkonsum ohne fremde Hilfe habe sistieren können, spreche für das Vorliegen gewisser psychischer Ressourcen.
Gleichzeitig bestünden verschiedene krankheitsfremde Faktoren, die einen negativen Einfluss auf eine Wiedereinglie
derung haben könnten.
Der fehlende Ausbildungsabschluss, das Fehlen einer Anste
llung und die bestehenden Schuld
en könnten sich negativ auf die
Einglie
derungsmotivation
auswirken. Zudem sprächen die Erwerbsbiographie mit dem Abbruch der Lehre und mehreren Arbeitslosigkeitsphasen, die bisherigen subop
timalen therapeutischen Bemühungen und der Umstand, dass der Beschwerde
führer seit dem Abbruch der Eingliederungsmassnahmen nicht versucht habe, sich zumindest in einem Teilpensum einzugliedern, für das Vorliegen einer moti
vationalen Problematik mit einer gewissen Selbstlimitierung und Passivität. Es entstehe der Eindruck, dass der Beschwerdeführer wenig Perspektiven für die Zukunft habe. In der Gesamtschau ergebe sich trotz gewisser Unsicherheiten bezüglich Details ein relativ konsistentes Bild
(
Urk.
13/155/26-28
)
.
Hinsichtlich der rezidivierenden
d
epressiven Störung sei davon auszugehen, dass sie in Krankheitsphasen zu einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit geführt habe (
Urk.
13/155/27).
Unklar bleibe, wann genau es im Zusammenhang mit der Kün
digung und dem Tod der Mutter im Jahr 2012 zu einer Depression gekommen sei. Im Bericht der Behandler vom August 2015 werde die Depression nicht nachvoll
ziehbar beschrieben. In der anschliessenden Begutachtung durch
Dr.
Z._
habe sich keine Depression mehr feststellen lassen. Trotz des Umstands, dass die
Autis
musspektrumstörung
damals nicht erkannt worden sei, sei nicht davon aus
zu
gehen, dass damals erhebliche Einschränkungen bestanden hätten.
Ängste würden im besagten Bericht vom August 2015 beschrieben; eine eigentliche Angststörung sei aber weder dort noch im Vorgutachten diagnostiziert worden, weshalb darauf zurückzuführende Einschränkungen erst ab dem Zeitpunkt der gutachterlichen Untersuchung anzunehmen seien
(
Urk.
13/155/28-29)
.
Es sei davon auszugehen, dass die auf den Autismus zurückzuführenden Einschrän
kungen
im zeitlichen Verlauf einigermassen stabil gewesen seien. Eine Einschrän
kung der Arbeitsfähigkeit sei beispielsweise bei erhöhten Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit etwa in Verhandlungs- und Führungsfunktionen
zu erwarten
. In angepassten Tätigkeiten sei aber, wie die langjährigen Anstellungen des Beschwerdeführers zeigten, kaum von
Leistungsdefiziten
auszugehen. Sodann sei nun auch von
einer verminderten Leistungsfähigkeit
wegen der Angststörung auszugehen.
Mit einer optimalen Unterstützung, nötigenfalls durch den Einsatz sedierender Medikamente, lasse sich die Einschränkung der Mobilität in einer ange
passten Tätigkeit weitgehend kompensieren. Es sei jedoch davon auszuge
hen, dass die Ängste und sporadisch auftretenden Panikattacken energieraubend seien. Daraus folge eine leichte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit von 20-30
%
(
Urk.
13/155/29-30).
3.5.3
Gestützt auf Konsensbesprechungen vom 1
8.
Februar und 1
3.
März 2020
erstell
ten
die beiden Gutachter
Dr
. A._
und
Dr.
B._
die
interdisziplinäre Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
vom 1
3.
März 2020 (
Urk.
13/156/1)
.
Sie hielten fest, es lasse sich nicht klar beurteilen, s
eit wann die festgestellten leichten bis mittelschweren neuropsychologischen Defizite bestünden
und was deren genaue Ursache sei
. Die Angststörung könne die Defizite nicht gut erklären. In der Literatur würden verschiedene neuropsychologische Defizite bei
Autismusspekt
rum
störungen
beschrieben, so dass diese Störung die
vorhandenen Defizite erklären könnte. Allerdings bliebe dann unklar, wie es dem Beschwerdeführer gelungen sei, jahrelang trotz dieser Leistungsdefizite berufstätig zu sein, auch in einer einfachen Tätigkeit. Letzteres spreche eher für neu aufgetretene Defizite, möglicherweise entstanden nach einem Fahrradsturz im Jahr 201
1.
Unklar sei, inwiefern hier weiterführende Abklärungen wie eine Bildgebung oder eine neu
rologische Abklärung sinnvoll wären. In
der Gesamtschau sei von erheblichen Einschränkungen der beruflichen Leistungsfähigkeit bedingt durch die neuropsy
chologischen Defizite, die
Autismusspektrumstörung
und die Angststörung aus
zugehen.
In einer sehr einfachen Tätigkeit wie der zuletzt ausgeübten
Arbeit als Lagerist komme es vor allem aufgrund der neuropsychologischen Defizite und der Angststörung zu einer
Arbeitsunfähigkeit von 50
%
. Auch in anderen Tätig
keiten im ersten Arbeitsmarkt bestehe eine entsprechende Einschränkung. Da die Angststörung erst im Rahmen der aktuellen Begutachtung diagnostiziert worden sei und unklar bleibe, seit wann die neuropsychologischen Defizite bestünden, gelte die attestierte Arbeitsunfähigkeit ab Dezember 2019
(
Urk.
13/156/2-3)
. Eine gezielte Behandlung der Angststörung mit einem Antidepressivum könnte mög
licherweise eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit von 10-20
%
bewirken. Da die vorliegende Angststörung häufig chronisch-rezidivierend verlaufe und schwer zu therapieren sei, könne sie sich aber auch als therapieresistent erweisen. Da der Beschwerdeführer aktuell keine Medikamente einnehme und eher unregelmässig in die Therapie gehe, sei n
icht von einer ausreichenden psychiatrisch-psychothe
rapeutischen Therapie auszugehen.
Eine Aggravation habe nicht vorgelegen, hin
gegen hätten selbstlimitierende Tendenzen
bestanden
. Diese Persönlichkeitsfak
toren seien bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ausgeklammert worden. Ein Wegfall der bestehenden psychosozialen Faktoren, beispielsweise der psychisch erkrankten Lebensgefährtin, würde mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht zu einer wesentlichen Zustandsbesserung führen.
Die
a
ufgeführten Einschrän
kun
gen wirkten sich gleichermassen im privaten wie im beruflichen Alltag aus (
Urk.
13/156/3-4).
3.6
Med.
pract
.
C._
hielt in einer ärztlichen Bescheinigung vom 1
2.
August 2020 fest, der Beschwerdeführer sei seit dem 1
3.
Oktober 2014
im ersten Arbeits
markt zu 100
%
arbeitsunfähig.
Die von der IV-Stelle organisierte Wiedereinglie
derungsmassnahme habe wegen einer psychischen Dekompensation beendet werden müssen. Die Anforderungen - wie das verlangte Arbeitspensum
und die erwartete Anpassung an ein anderes Arbeitsumfeld (
Brocki
oder Schreinerei) mit anderen Mitarbeitenden und Vorgesetzen - seien zu hoch gewesen. Dadurch werde ersichtlich, dass dem Beschwerdeführer momentan maximal eine 50%ige Tätigkeit in einem angepassten, geschützten Bereich zumutbar sei.
Eine Wie
der
eingliederung müsste in einem ersten Schritt im geschützten Arbeitsmarkt erfol
gen, wo sich der Beschwerdeführer über eine längere Zeit angew
öhnen und zurecht
finden
könnte (
Urk.
7).
4.
Zwar wurde bereits mit Verfügung vom
1
5.
April 2014 (
Urk.
13/27), welche in Rechtskraft erwachsen ist,
das Bestehen eines Rentenanspruchs verneint. Vorlie
gend ist aber nicht wie bei einer
eigentlichen
Neuanmeldung
zu verfahren
und zu prüfen, ob seit der letzten rechtskräftigen Rentenablehnung eine erhebliche Sach
verhaltsänderung eingetreten ist. Die Rentenverneinung vom
1
5.
April 2014
b
asierte nämlich nicht auf einer umfassenden materiellen Prüfung des Renten
anspruchs
, da
der
Beschwerdeführer der IV-Stelle
damals
die Einholung von Arzt
berichten verunmöglicht und damit seine Mitwirkung bei der Sachverhaltsab
klärung
im Sinne von
Art.
28
Abs.
2 ATSG
verweigert
hatte (
Urk.
13/12-17,
Urk.
13/18,
Urk.
13/20-26
)
.
Wird die verweigerte Mitwirkung in einem
späteren Zeitpunkt erbracht, kann sich die
gestützt auf
Art.
43
Abs.
3 ATSG
festgelegte Sanktion – hier der Erlass der rentenverneinenden Verfügung gestützt auf die damals vorhandenen Akten – nur auf diejenige Zeitspanne beziehen, während der die Mitwirkung verweigert wurde (
Kieser
, ATSG-Kommentar,
4.
Auflage, Zürich 2020,
Art.
43
Rz
103 mit Hinweis).
Der strittige Rentenanspruch ist somit ohne Bindung an die frühere Beurteilung zu prüfen.
5.
5.1
Entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers
lässt sich aus dem
psychiatrisch-neuropsychologischen Gutachten vom 1
3.
März 2020
problemlos nachvollziehen
, weshalb die Gutachter nicht
gestützt
auf das Ergebnis
des Belastbarkeitstrainings
von einer
100%ige
n
Arbeitsunfähigkeit im freien Arbeitsmarkt
ausgingen
.
Aufgrund
eine
r
eingehende
n
Analyse der vorhandenen biografischen und anam
nes
tischen Informationen zeigte der psychiatrische Gutach
ter
Dr.
B._
Inkon
sis
tenzen auf, die mit
schweren
psychischen Beeinträchtigungen
, die zu einer
voll
stän
digen
Arbeitsunfähi
gkeit
führen, nicht vereinbar sind.
Zu nennen sind insbesondere
die längerdauernden Phasen in der Vergangenheit, als der Beschwer
de
führer keine Psychotherapie in Anspruch nahm,
der Umstand, dass er sich offenbar
weder für seine Diagnosen noch für therapeutische Optionen
inte
ressierte und trotz der geklagten Agoraphobie
keine antidepressive
Medikation einnahm, und die Reise mit dem Zug an ein Bike-Treffen beziehungsweise die Teilnahme an der
Streetparade
, welche nicht für das Bestehen eines schweren Leidensdrucks sprechen.
Zudem
gingen die Gutachter
davon aus, dass die frühe
ren längeren Phasen von Arbeitslosigkeit und der Abbruch der Lehre auch auf motivationale Probleme zurückzuführen sind, und dass sich der Beschwerde
führer auch in der aktuellen Lebensphase selbst
limitier
t (
Urk.
13/155/5,
Urk.
13/155/27-28
,
Urk.
13/156/3-4
)
.
Auf der anderen Seite verfügt
er ausweis
lich der neuropsychologischen Test
ergebnisse
über gute intellektuelle Ressourcen, eine recht gute Kommunikationsfähigkeit
,
eine sta
bile Beziehung zu seiner Lebens
partnerin
und
er hat
mindestens einen guten Freund
(
Urk.
13/155/28)
.
Ferner hat er vielfältige Interessen und Hobbys (etwa Fernsehen, Videospiele, Mountain
bike fahren, Kochen, Zeichnen und Malen) und einen relativ
aktiven
Tagesablauf (
Urk.
13/155/16-17).
Die damit durchscheinenden persönlichen
Ressour
cen sind mit einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit schwer zu verein
baren.
Zu beachten ist sodann, dass auch bei den
Eingliederungsfachleuten
der
Verdacht
aufgekommen war, der Beschwerdeführer habe sich in der damaligen Situation bequem eingerichtet und der Umstand
, dass
seine Lebenspartnerin eine
Inva
lidenrente erhalte, limitiere seine
Eingliederungsmotivation (
Urk.
13/99/1,
Urk.
13/100/3,
Urk.
13/111/10
).
Letzten Endes basierte
die
Beurteilung
im Abschluss
bericht
des Belastbarkeitstrainings
vom
8.
Juli 2018, dass momentan keine Arbeit auf dem freien Arbeitsmarkt möglich sei,
auf der
Einschätzung der
behandelnden Psychot
herapeuten
(
Urk.
13/112/3).
Diese
diskutierten
in den Berichten vom
2
1.
August 2015 (
Urk.
13/45), 2
1.
November 2017 (
Urk.
13/82) und 1
2.
August 2020 (
Urk.
7)
mögliches
inkonsistentes und selbstlimitierendes Verhalten des Beschwerdeführers
sowie invaliditätsfremde Faktoren
nicht. Zudem war
ihre
Diagnose
einer Depression im Bericht vom 2
1.
August 2015
für den psy
chiatrischen Gutachter
Dr.
B._
nicht nachvollziehbar
(
Urk.
13/155/29)
.
Die
im
Bericht
der Behandler
vom 1
2.
August 2020
geltend gemachte Eingliederungs
motivation des Beschwerdeführers in einer geschützten Tätigkeit
(
Urk.
7 S. 2)
wird
sodann
dur
ch den Umstand
relativiert
,
dass
er nach Beendigung der Einglie
derungsmassnahmen die Tätigkeit
an einem
geschützten Arbeitsplatz offenbar trotz Unterstützung der Eingliederungsberater und des Sozialamtes nicht weiter
führt
e (
Urk.
13/111/10-11,
Urk.
13/155/16-17).
B
ei den behandelnden Thera
peu
ten
ist
auch die Erfahrungstatsache, dass
diese mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Pati
entinnen und Patienten aussagen (BGE 135 V 465 E. 4.5, 125 V 351 E. 3b/cc), zu berücksichtigen
. Deshalb
ist ihre anderslautende Schätzung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit nicht geeignet, den Beweiswert des psychiatrisch-neuropsycho
logischen Gutachtens zu erschüttern.
Soweit der Beschwerdeführer vorbringt,
der erste psychiatrische Gutachter
Dr.
Z._
habe
ihn
am 2
3.
August 2016
in der bisherigen Tätigkeit als vollständig arbeitsunfähig eingeschätzt
(
Urk.
1 S. 9), lässt sich daraus ebenfalls nichts zu
seinen
Gunsten ableiten.
Dr.
Z._
berücksichtigte nämlich bei dieser
Einschät
zung
, dass es am letzten Arbeitsplatz Konflikte gab, und mutete dem Beschwer
deführer deshalb keine Rückkehr in dieses konkrete Arbeitsverhältnis zu
(
Urk.
13/70/15,
Urk.
13/70/32). Andererseits hielt er fest, medizinisch-theoretisch bestehe eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
in einer leidensangepassten Täti
gkeit
, wozu auch Tätigkeiten mit ähnlichem Belastungsprofil wie zuletzt gehörten, so lange das Arbeitsverhältnis konfliktarm sei (
Urk.
13/70/33). Mithin war die Beur
teilung von
Dr.
Z._
letztlich sogar noch optimistischer als diejenige des psychi
atrischen Gutachters
Dr.
B._
.
5.2
Allerdings kann auch nicht
ohne Weiteres
auf die gutachterlich
von
Dr.
B._
und
Dr.
A._
attestierte Arbeitsunfähigkeit
von 50
%
in angepassten Tätigkeiten
(
Urk.
13/156/2-3)
abgestellt werden.
Aus de
r i
nterdisziplinären Gesamt
beurteilung der Gutachter vom
1
3.
März 2020
geht hervor
, dass sie die Ursache
der von
Dr.
A._
erhobenen leichten bis mittelschweren neu
ropsychologischen Funktionsstörung nicht klären konnten.
Dr.
B._
schloss einen Zusammenhang mit der Angststörung aus und erachtete auch einen wesent
lichen Einfluss der
Autismusspektrumstörung
auf die
Defizite
als wenig wahrscheinlich, da ansonsten davon auszugehen wäre, dass der Beschwerde
füh
rer in der Vergangenheit nicht so lange
hätte
arbeiten können.
Deshalb hielt er es für möglich, dass die
Funktionsstörungen
auf einen Fahrradsturz im Jahr 2011 zurückgehen
,
und wies darauf hin, eine neurologische Abklärung mit Bild
gebung könne hier allenfalls weitere Erkenntnisse liefern
(
Urk.
13/156/2).
Die
u
nklare Genese der neuropsychologischen Defizite ist angesichts des erheblichen Gewichts der von
Dr.
A._
deshalb bescheinigten 30%igen beruflichen Leistungseinbusse an der gesamthaften Arbeitsunfähigkeit
von 50
%
(bei einer psychiatrisch attestierten 20-30%igen Arbeitsunfähigkeit wegen der
Angst- und
Aspergers
ymptomatik
)
problematisch
. Denn neuropsychologische Testresultate allein reichen nicht aus
, um Diagnosen zu stellen und die Arbeitsunfähigkeit zu beurteilen. Die entsprechenden Untersuchungsergebnisse sind im Rahmen einer gesamthaften Beweiswürdigung nur insoweit bedeutsam, als sie überprüf- und nachvollziehbar sind und sich in die anderen (interdisziplinären) Abklärungs
er
gebnisse schlüssig einfügen (Urteile des Bundesgerichts
8C_261/2009 vom
7.
Au
gust 2009 E. 5.2 und I 542/05 vom 1
7.
November 2006 E. 4.1 mit weiteren Hinweisen).
Dies lässt sich aufgrund der gegenwärtigen Aktenlage nicht beurtei
len, da
die von
Dr.
B._
erwähnten neurologischen und bildgebenden
Abklä
rungen zur Eruierung allfälliger somatischer, hirnorganischer Ursachen der
neu
ro
psychologischen
Störung
bisher unterblieben
sind
.
5.3
Der IV-Stelle ist grundsätzlich beizupflichten, dass
Dr.
B._
und
Dr.
A._
in ihrer interdisziplinären Beurteilung vom 1
3.
März 2020 die 30%ige Arbeits
unfähigkeit aus neuropsychologischer Sicht und die 20-30%ige Arbeits
unfähigkeit wegen der Ängste und der
Aspergersymptomatik
fast vollumfänglich kumuliert haben, indem sie von einer gesamthaften Arbeitsunfähigkeit von 50
%
ausgegangen sind (
Urk.
13/156/2-3). Auch trifft es zu, dass nach der Rechtspre
chung häufig kein Anlass besteht, unter verschiedenen medizinischen Titeln aus
gewiesene Teilarbeitsunfähigkeiten zu kumulieren, da der Umfang der grössten Teil
einschränkung auch die weiteren Entlastungserfordernisse abdeckt (Urteil des
Bundesgerichts 8C_483/2020 vom 2
6.
Oktober 2020 E. 4.1 mit Hinweisen). Der interdisziplinären Beurteilung vom 1
3.
März 2020 ist nicht zu entnehmen, weshalb und inwiefern die neuropsychologische und psychiatrische Teilarbeits
unfähigkeit kumuliert wurden und ob daneben auch eine
gegenseitige
Überla
gerung - denkbar wäre im Übrigen auch eine gegenseitige Verstärkung - der von den einzelnen Schäden ausgehenden
Funktionseinbussen
berücksichtigt wurde (vgl.
Urk.
13/156/2-3)
. Ob sich die einzelnen aus mehreren Behinderungen resul
tierenden Einschränkungsgrade summieren und in welchem Masse, betrifft eine spezifisch medizinische Problematik und Einschätzung, von der grundsätzlich nicht abzurücken ist. Deshalb durfte die IV-Stelle nicht von der Gesamtbeur
tei
lung der Arbeitsfähigkeit abweichen, ohne den Gutachtern Ergänzungsfragen zu stellen (Urteil des Bundesgerichts 9C_461/2019 vom 2
2.
November 2019 E. 4.1-3).
Ferner scheint die RAD-Ärztin
Dr.
med.
D._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
einem Irrtum unterlegen zu sein, hielt sie in ihrer Stellung
nahme
vom 1
7.
März 2020
doch
aktenwidrig fest, im psychiatrisch-neu
ro
psy
chologischen Gutachten vom
1
3.
März 2020
sei dem Beschwerdeführer eine 30%ige (und nicht eine 50%ige) Arbeitsunfähigkeit in leidensangepassten Tätig
keiten attestiert worden (
Urk.
13/158/8-9)
.
5.4
Die IV-Stelle, an welche die Sache zurückzuweisen ist, wird
den Beschwerde
führer zunächst noch fachärztlich-neurologisch und falls nötig auch bildgebend abklären lassen.
Hernach wird sie – falls
möglich und
sinnvoll erneut durch
Dr.
B._
und
Dr.
A._
oder im Rahmen einer neuen polydiszipli
nären Beurteilung – aus interdisziplinärer Sicht
nochmals abklären
lassen, ob
die
von
Dr.
A._
festgestellte leichte bis mittelschwere
neuropsycholo
gische Funktionsstörung und die deshalb bescheinigte 30%ige Leistungsein
schrän
kung durch einen körperlichen oder psychischen Gesundheitsschaden oder eine multifaktorielle Genese (worunter auch
Drogenabusus
beziehungsweise dessen Konsequenzen fallen können, vgl. das Urteil des Bundesgerichts
I 720/03 vom 1
6.
März 2004
E. 2.3.2) nachvollziehbar und schlüssig erklärt
werden können.
Dabei wird auch zu berücksichtigen sein, dass
sich
der Beschwerdeführer gemäss Angaben in der interdisziplinären Gesamtbeurteilung vom 1
3.
März 2020
soweit bekannt keiner wesentlichen neuropsychologischen Beeinträchtigungen bewusst war (
Urk.
13/158/2).
Auf
Basis der neuen Erkenntnisse
werden die beauf
tragten Gutachter
in einem nächsten Schritt die Arbeitsfähigkeit unter Berück
sichtigung sämtlicher Gesundheitsstörungen zu beurteilen
haben
.
Dabei
werden
sie
dazu Stellung zu nehmen haben, wie sich die jeweiligen Teileinschrän
kungen aus psychiatrisch
er und gegebenenfalls neurologischer Sicht zueinander verhal
ten
und
wie hoch die Gesamtarbeitsunfähigkeit im angestammten Bereich und in leidensangepassten Tätigkeiten ist.
Sodann wird die IV-Stelle soweit nötig auch näher abzuklären haben, ab wann der Beschwerdeführer
aus ärztlicher Sicht
in welchem Ausmass in seiner Arbeits
fähigkeit eingeschränkt ist.
Die von der RAD-
Psychiaterin
Dr.
D._
in ihrer Stellungnahme vom
1
7.
März 2020
getroffene Feststellung, der Beschwerdeführer sei
in der angestammten und in einer angepassten Tätigkeit vom 1
3.
Oktober 2014
bis zum 1
2.
März 2020 zu 100
%
arbeitsunfähig gewesen (
Urk.
13/158/8-9)
, ist ohne weitere Begründung unter Bezugnahme auf die medizinischen Akten nicht nachvollziehbar.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.
6.
6.1
Ausgangsgemäss gehen die Verfahrenskosten von
Fr.
9
00.-- zulasten der unter
liegenden IV-Stelle (
Art.
69
Abs.
1
bis
IVG).
6
.2
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rück
weisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57 E. 2.2).
Nach § 34 Abs. 1
des Gesetzes über das Sozi
alversiche
rungs
gericht (
GSVGer
) hat die obsiegende Beschwerde führende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens bemessen (§ 34 Abs. 3
GSVGer
).
Zwar
hat
die IV-Stelle in ihrer Vernehmlassung vom 1
0.
September 2020 einge
hend zur Beschwerde Stellung
genommen
und die angefochtene Verfügung aus
führlicher
begründet
(
Urk.
12; vgl. auch
Urk.
2). Dennoch erscheint der von der unentgeltlichen Rechtsvertreterin mit ihren Honorarnoten vom
3
1.
August und 1
5.
Dezember 2020
geltend gemachte Zeitaufwand von
vier Stunden für die Durch
sicht der IV-Akten,
sieben Stunden für das Verfassen der Beschwerdeschrift
(
Urk.
9-10) und
sechs Stunden für die Replik
(
Urk.
20)
unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses
sowie
des in ver
gleichbaren Fällen anerkannten Vertret
ung
saufwands als überhöht.
I
m Übrigen enthält
die Replik
teilweise
repetitive Ausführungen (
vgl.
etwa
Urk.
15 S. 2 und 3
)
.
Für
das Aktenstudium und für das Verfassen der Beschwerdeschrift kann je ein Aufwand von drei Stunden
und für die Replik ein solcher von zwei Stunden anerkannt werden. Unter Berücksichtigung der übrigen
Positionen der
Honorar
noten resultiert ein
zu entschädigender
Zeitaufwand von
insgesamt
13,25 Stunden. Beim gerichtsüblichen Stundenansatz von
Fr.
220.
--
ergibt sich
unter Berücksichtigung der geltend gemachten Barauslagen von
Fr.
67.30 (
Fr.
24.80 +
Fr.
42.50) und der Mehrwertsteuer von 7,7
%
eine Parteientschädigung von
Fr.
3'212.--.