Decision ID: 4dfb78ba-d9d8-588e-96f0-3dd15b81ed55
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Otto Egloff, Hauptstrasse 100, 8274 Tägerwilen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente
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Sachverhalt:
A.
A.a A._ wurde im Auftrag der leistungspflichtigen Krankentaggeldversicherung am
17. Februar 2009 von Dr. med. B._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
FMH, begutachtet. Dieser diagnostizierte im Gutachten vom 25. Februar 2009 eine
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode (ICD-10: F33.0). Die
Versicherte sei in ihrer angestammten Pflegetätigkeit momentan 10 bis 20% in ihrer
Leistungsfähigkeit eingeschränkt, wobei keine Nachtarbeit mehr verrichtet werden
sollte (act. G 8.30-17 ff.).
A.b Am 5. Juni 2009 meldete sich die Versicherte zum Bezug von IV-Leistungen an
(act. G 8.1). Am 10. August 2009 wurde sie vom RAD-Arzt Dr. med. C._, Facharzt für
Arbeitsmedizin FMH, untersucht. Im Bericht vom 13. August 2009 diagnostizierte
dieser mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine mittelgradige depressive Episode
(ICD-10: F23.1) sowie eine pseudoradikuläre Lumbalgie (ICD-10: M54.4; act. G 8.19).
Die behandelnde Dr. med. D._, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und-
psychotherapie FMH, stellte im Bericht vom 30. Januar 2010 folgende Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: eine rezidivierende depressive Störung
gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.1), eine latente Suizidalität, ein
Erschöpfungssyndrom, eine Migräne und eine pseudoradikuläre Lumbalgie. Für die
angestammte Tätigkeit als Krankenschwester bescheinigte sie seit 4. April 2008 eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit. Andere Tätigkeiten seien der Versicherten zurzeit nicht
zumutbar (act. G 8.24).
A.c Im Auftrag der IV-Stelle wurde die Versicherte am 23. März 2010 interdisziplinär
von Dr. E._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, und Dr. F._,
Facharzt für Rheumatologie und Innere Medizin FMH, begutachtet. Mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit wurde eine rezidivierende depressive Störung, bekannt seit ungefähr
1998, anhaltend mittelgradig bis schwer seit etwa 2009 (IDC-10: F33.1) diagnostiziert.
Aus rein rheumatologischer Sicht bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.
Psychiatrischerseits wurde der Versicherten ab Juni 2009 eine über 70% liegende
Einschränkung der Restarbeitsfähigkeit bescheinigt (rheumatologisches Teilgutachten
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mit interdisziplinärer Stellungnahme vom 7. April 2010, act. G 8.30, und psychiatrisches
Teilgutachten vom 26. März 2010, act. G 8.31).
A.d Mit Vorbescheid vom 14. Juli 2010 stellte die IV-Stelle der Versicherten in Aussicht,
einen Rentenanspruch zu verneinen, da sie seit 16 Monaten laufende Leistungen der
Arbeitslosenkasse beziehe und dies bei einer 100%igen Vermittelbarkeit (act. G 8.42).
Dagegen erhob die Versicherte am 30. Juli 2010 Einwand und stellte die Einreichung
einer weiteren ärztlichen Einschätzung in Aussicht (nochmalige Beurteilung durch
Dr. B._, act. G 8.45).
A.e Die Versicherte wurde am 17. August 2010 im Auftrag der
Krankentaggeldversicherung erneut durch Dr. B._ untersucht. Im Verlaufsgutachten
vom 29. September 2010 diagnostizierte dieser eine rezidivierende depressive Störung,
aktuell im Ausprägungsgrad einer mittelgradigen depressiven Episode (ICD-10: F33.1),
sowie einen Verdacht auf Missbrauch psychotroper Substanzen,
Abhängigkeitssyndrom von Benzodiazepinen (ICD-10: F13.24). Er bescheinigte der
Versicherten für jegliche Tätigkeit eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit. Seit der
Begutachtung vom 17. Februar 2009 habe eine medizinisch begründete Minderung der
Arbeitsfähigkeit bestanden. Es werde dabei allerdings nicht von einer 100%igen
Arbeitsunfähigkeit, sondern von einer Minderung um 40 bis maximal 50%
ausgegangen (act. G 23).
A.f Am 22. Oktober 2010 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des
Leistungsbegehrens (act. G 8.53).
B.
B.a Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte am 6. November 2010 bei der IV-
Stelle "Einsprache". Diese leitete die Eingabe als Beschwerde zuständigkeitshalber an
das Versicherungsgericht weiter (act. G 1). Da die Eingabe vom 6. November 2010 die
Minimalanforderungen an eine Beschwerde nicht erfüllte, setzte die Verfahrensleitung
der Versicherten mit Schreiben vom 16. November 2010 eine Nachfrist zur
Verbesserung an (act. G 2). Innerhalb dieser Nachfrist liess die Beschwerdeführerin am
22. November 2010, nunmehr durch Rechtsanwalt Otto Egloff vertreten, eine
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begründete Beschwerde einreichen. Darin beantragt sie die Aufhebung der
angefochtenen Verfügung und Zusprache einer "vollen" (wohl ganzen) Rente. Zur
Begründung führt sie u.a. aus, dass der Beschwerdegegnerin zum Zeitpunkt der
Verfügung bekannt gewesen sei, dass sie keine Arbeitslosentaggelder mehr beziehe,
sondern ihr zustehende Leistungen der Krankenversicherung geltend mache (act. G 3).
B.b Am 6. Januar 2011 reicht die Beschwerdeführerin einen Bericht der Klinik G._
vom 17. Dezember 2010 ein, wo sie vom 5. Oktober bis 20. November 2010 stationär
behandelt worden sei (act. G 6). Die dort behandelnden Ärztinnen bescheinigten ihr bis
4. Dezember 2010 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit (act. G 6.1).
B.c Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 17. Januar
2011 die Beschwerdeabweisung. Gestützt auf das bidisziplinäre Gutachten Dr. E._/
Dr. F._ sei davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin lediglich zu 30% in der
Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sei (act. G 8).
B.d In der Replik vom 14. März 2011 hält die Beschwerdeführerin vollumfänglich an
den gestellten Anträgen fest. Ergänzend bringt sie vor, dass die Dres. E._ und F._
eine 70%ige und nicht bloss eine 30%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt hätten (act.
G 14).
B.e In der Duplik vom 28. März 2011 räumt die Beschwerdegegnerin ein, dass im
Gutachten lediglich eine 30%ige Arbeitsfähigkeit ausgewiesen wurde. Allerdings
vermöge diese psychiatrisch festgestellte Restarbeitsfähigkeit nicht zu überzeugen. Die
Beschwerdeführerin leide vor allem unter psychosozialen Faktoren. Eine
schwerwiegende psychische Erkrankung bestehe nicht. Vielmehr sei auf das vom
Krankentaggeldversicherer eingeholte Gutachten vom 25. Februar 2009 abzustellen,
worin der Beschwerdeführerin eine Arbeitsfähigkeit von 80 bis 90% bescheinigt
worden sei (act. G 16).
B.f Am 15. Juni 2011 teilt die Beschwerdeführerin mit, dass sie notfallmässig in einer
Akutpsychiatrie habe hospitalisiert werden müssen (act. G 18; vgl. hierzu auch
Schreiben vom 23. Juni 2011, act. G 19, sowie vom 12. März 2012, act. G 21, je mit
Beilage).
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Erwägungen:
1.
Zwischen den Parteien einzig umstritten ist der Rentenanspruch der
Beschwerdeführerin.
1.1 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
1.2 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4 mit Hinweisen). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und
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ob die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen).
1.3 Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50%
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40% ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.4 Der Sozialversicherungsprozess ist vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht.
Danach haben Gericht und Verwaltung von Amtes wegen für die richtige und
vollständige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (Urteil des
Bundesgerichts vom 1. April 2011, 8C_73/2011, E. 4.1). Wenn der entscheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt wurde, kann das Gericht die Angelegenheit zu
neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen.
2.
Zunächst ist zu prüfen, ob die medizinische Aktenlage eine verlässliche Grundlage für
die Beurteilung des Rentenanspruchs bildet.
2.1 Die Beschwerdegegnerin stellt sich in der Duplik vom 28. März 2011 neu und in
Widerspruch zur bisher vertretenen Auffassung auf den Standpunkt, dass der aufgrund
des psychischen Leidens bescheinigten Restarbeitsfähigkeit keine invalidisierende
Wirkung zukomme (act. G 16).
2.1.1 Vorweg ist zu bemerken, dass das widersprüchliche Verhalten der
Beschwerdegegnerin - die in der Beschwerdeantwort die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung
durch Dr. E._, der eine 30%ige Restarbeitsfähigkeit bescheinigte, ausdrücklich für
nicht rechtsfehlerhaft bezeichnete (act. G 8, S. 3) - ein ungünstiges Licht auf ihre
Entscheidpraxis wirft und mit dem verfassungsmässig garantierten Grundsatz von Treu
und Glauben nicht zu vereinbaren ist (Art. 9 der Bundesverfassung [BV; SR 101]).
2.1.2 Wie dem Gutachten von Dr. E._ zu entnehmen ist, weist die
Beschwerdeführerin eine erheblich belastende Lebensgeschichte auf (schwierige
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Verhältnisse in erster Ehe bei drogenabhängigem, aggressivem Gatten, fünf
Abtreibungen, drogensüchtige Kinder; act. G 8.31-4). Es kann entgegen der Auffassung
der Beschwerdegegnerin nicht die Rede davon sein, dass das Krankheitsbild der
Beschwerdeführerin allein durch psychosoziale Umstände (Kränkung wegen fristloser
Kündigung des letzten Arbeitsverhältnisses, act. G 16) geprägt sei. Solches ergibt sich
auch nicht aus dem Verlaufsgutachten von Dr. B._ vom 29. September 2010 (act.
G 23). Daran ändert nichts, dass sich die Beschwerdeführerin auch - nebst der übrigen
Lebensgeschichte - durch die fristlose Kündigung der letzten Arbeitsstelle zusätzlich
ungerecht behandelt fühlte (act. G 8.31-6). Im Übrigen erscheint es der Sache und dem
Wesen einer finalen Sozialversicherung nicht angemessen, bei einer "recht schweren
Depression" (act. G 8.31-8; zur "gravierenden psychischen Erkrankung" vgl. auch act.
G 23, S. 9) jegliche invalidisierende Wirkung zu verneinen, nur weil allenfalls auch
psychosoziale Belastungsfaktoren bestehen.
2.1.3 Die Behauptung der Beschwerdegegnerin, die depressive Problematik stelle
eine reaktive Begleiterscheinung zur Schmerzstörung dar, ist nicht näher substanziiert
und aktenwidrig, ergeben sich doch aus den medizinischen Akten keine
Zusammenhänge mit einem nicht objektivierbaren syndromalen Schmerzgeschehen.
Dr. B._ führte aus, dass vom Vorliegen einer eigenständigen psychiatrischen
Erkrankung auszugehen sei (act. G 23, S. 14). Die Beschwerdegegnerin setzt sich mit
dieser Argumentation ferner in Widerspruch zum von ihr vertretenen Standpunkt, dass
die Depression durch psychosoziale Umstände geprägt sei (act. G 16). Die
Beschwerdegegnerin verkennt des Weiteren, dass vorliegend nicht ein
"pathogenetisch-ätiologisch unklares syndromales Beschwerdebild" (BGE 136 V 279),
sondern allein ein schweres depressives Leiden zu beurteilen ist, weshalb auch nicht
Kriterien der sogenannten Schmerzrechtsprechung zur Anwendung gelangen.
2.1.4 Mit Blick auf die medizinische Aktenlage nicht verständlich ist das
Vorbringen der Beschwerdegegnerin, die vorliegende depressive Problematik stelle
keinen von depressiven Verstimmungszuständen klar unterscheidbaren
verselbstständigten und pathologischen Gesundheitsschaden dar (act. G 16). Zunächst
ist ihr Rechtsprechungsverweis (Urteil des Bundesgerichts vom 27. November 2009,
8C_591/2009) für den vorliegenden Fall nicht einschlägig, waren doch im genannten
Entscheid primär eine somatoforme Schmerzstörung und die Frage, ob die
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mittelgradige depressive Episode eine psychische Komorbidität darstelle, zu beurteilen.
Im Übrigen besteht vorliegend eine mittelgradige bis schwere depressive Problematik
(act. G 8.31-7), wobei das Gewicht wohl eher auf einem schweren Grad ("recht
schwer", act. G 8.31-8) liegt, was durch die vor Verfügungserlass am 5. Oktober 2010
begonnene stationäre akutpsychiatrische Behandlung bestätigt wird, wo eine schwere
depressive Episode diagnostiziert wurde (Bericht vom 17. Dezember 2010, act. G 6.1).
2.2 Des Weiteren ist zu beurteilen, ob die bis zum Erlass der angefochtenen
Verfügung vom 22. Oktober 2010 eingetretenen Umstände im abweisenden
Leistungsentscheid der Verwaltung berücksichtigt wurden.
2.2.1 Für die richterliche Beurteilung eines Falles sind grundsätzlich die
tatsächlichen Verhältnisse zur Zeit des Erlasses der angefochtenen
Verwaltungsverfügung massgebend (BGE 121 V 366 E. 1b mit Hinweisen). Tatsachen,
die sich erst später verwirklichen, sind jedoch insoweit zu berücksichtigen, als sie mit
dem Streitgegenstand in engem Sachzusammenhang stehen und geeignet sind, die
Beurteilung im Zeitpunkt des Verfügungserlasses zu beeinflussen (BGE 99 V 102 mit
Hinweisen).
2.2.2 Gemäss Bericht der Psychiatrie-Dienste Süd vom 17. Dezember 2010 wurde
die Beschwerdeführerin vom 5. Oktober bis 20. November 2010 stationär behandelt
wegen einer schweren depressiven Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10:
F32.2). Die Beschwerdeführerin wurde bei Eintritt - und damit noch vor Erlass der
angefochtenen Verfügung vom 22. Oktober 2010 - als "vorgealtert", müde und
erschöpft beschrieben. Im Grundaffekt habe sie deprimiert und hoffnungslos gewirkt.
Positive Einzelaffekte hätten nicht ausgelöst werden können. Der Beschwerdeführerin
wurde eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt (act. G 6.1). Dr. B._ beschrieb die
Beschwerdeführerin demgegenüber anlässlich der Befunderhebung vom 17. August
2010 als "im Aussehen" altersentsprechend (act. G 23, S. 8). Ferner habe die
Beschwerdeführerin von vereinzelter Hoffnung gesprochen (act. G 23, S. 9). Während
der gesamten Untersuchung habe eine freundliche Gesprächsatmosphäre geherrscht
(act. G 23, S. 8). Dass die Beschwerdeführerin hoffnungslos, müde oder erschöpft
gewesen sei, stellte Dr. B._ im Rahmen der Befunderhebung (act. G 23, S. 8 f.) nicht
fest. Im Gegensatz zum Bericht vom 17. Dezember 2010 bewertete er die depressive
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Problematik "aktuell" als mittelgradig (act. G 23, S. 9). Angesichts der von den
behandelnden Ärztinnen der Psychiatrie-Dienste Süd noch vor Erlass der
angefochtenen Verfügung vom 22. Oktober 2010 festgestellten verschlechterten
Befunde und der schwerer gewichteten psychiatrischen Problematik, erscheint eine
seit der Begutachtung von Dr. B._ (17. August 2010) eingetretene Verschlechterung
nicht ausgeschlossen. Auch mit Blick auf das Gutachten von Dr. E._ vom 26. März
2010 erscheint eine Verschlechterung möglich. Denn dieser qualifizierte die depressive
Problematik lediglich als anhaltend mittelgradig bis schwer (act. G 8.31-7). Ferner
bescheinigte er der Beschwerdeführerin im Vergleich zu den stationär behandelnden
Ärztinnen der Psychiatrie-Dienste Süd eine Arbeitsfähigkeit von immerhin noch 30%
(act. G 8.31-8). Ins Bild einer weiteren Verschlechterung passt auch, dass Dr. B._ im
Verlaufsgutachten vom 29. September 2010 (act. G 23) an seiner Beurteilung im
Erstgutachten vom 25. Februar 2009 (act. G 8.30) aufgrund eines verschlechterten
Gesundheitszustands nicht mehr festhielt und sich seine "sehr gute Prognose" (act.
G 23, S. 15) in der Folge nicht bestätigte.
2.2.3 Nach dem Gesagten erweist sich der Sachverhalt angesichts der allfälligen
vor Erlass der angefochtenen Verfügung eingetretenen gesundheitlichen
Verschlechterung als abklärungsbedürftig. Die Sache ist daher an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie eine Verlaufsbeurteilung vornehme.
Bezüglich des vor der allfälligen Verschlechterung zurückliegenden Zeitraums besteht
insofern ein zusätzlicher Abklärungsbedarf, als zwei - hinsichtlich der Beweiskraft -
grundsätzlich gleichwertige Gutachten bestehen (Gutachten Dr. E._ vom 26. März
2010, act. G 8.31; Verlaufsgutachten Dr. B._ vom 29. September 2010, act. G 23),
die allerdings bezüglich der Fragen nach der verbliebenen Restarbeitsfähigkeit und der
Diagnose voneinander abweichen (70%ige Arbeitsunfähigkeit gemäss Gutachten
Dr. E._; "aktuell" 40%ige Arbeitsunfähigkeit gemäss Dr. B._). Da die beiden
Gutachter offenbar keine Kenntnis von der jeweils anderen gutachterlichen
Einschätzung hatten, für das Gericht keine der beiden Arbeitsfähigkeitsbeurteilungen
und Diagnosestellungen als schlüssiger erscheint, die Beschwerdegegnerin vom
Verlaufsgutachten von Dr. B._ im Verwaltungsverfahren keine Kenntnis hatte und sie
sich hierzu im Beschwerdeverfahren nicht äusserte, wird sich die mit der
Verlaufsbeurteilung zu betrauende psychiatrische Fachperson auch zu der seit April
2008 bestehenden Arbeitsunfähigkeit (act. G 8.24-8) und des seither eingetretenen
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Verlaufs unter Berücksichtigung der gesamten Aktenlage zu äussern haben. Ebenfalls
wird sie sich mit dem von Dr. B._ erhobenen Verdacht auf Missbrauch psychotroper
Substanzen, Abhängigkeitssyndrom von Benzodiazepinen (ICD-10: F13.24; act. G 23,
S. 9) auseinanderzusetzen haben.
3.
Zu Recht macht die Beschwerdegegnerin im Beschwerdeverfahren nicht mehr geltend,
der Bezug von Arbeitslosentaggeldern stehe einem Rentenanspruch entgegen, ist doch
nicht ersichtlich, inwiefern diese von der an sich vorleistungspflichtigen
Arbeitslosenversicherung erbrachte Leistung die medizinisch ausgewiesene
Arbeitsunfähigkeit ohne weiteres zu entkräften vermöchte bzw. mit einem
Rentenanspruch nicht zu vereinbaren wäre. Ferner legte der RAD-Arzt in der
Stellungnahme vom 15. Juni 2010 dar, dass die Annahme einer Vermittlungsfähigkeit
(medizinisch) nicht nachvollziehbar sei (act. G 8.36). Vor diesem Hintergrund gibt das
Verhalten der Beschwerdegegnerin, die ursprünglich ins Auge gefasste Zusprache
einer ganzen Rente (vgl. Feststellungsblatt vom 25. Juni 2010, act. G 8.37)
dahingehend zu korrigieren, dass der Beschwerdeführerin eine vollständige
Arbeitsfähigkeit für leidensangepasste Tätigkeiten angerechnet wird (vgl. zur Korrektur
die Stellungnahme zum Feststellungsblatt vom 6. Juli 2010, act. G 8.38), Anlass zu
Bedenken. Dies umso mehr, als die Beschwerdegegnerin auf den Beizug der im
arbeitslosenversicherungsrechtlichen Verfahren ergangenen Aktenlage verzichtete und
die Korrektur entgegen der bis dahin aufgelaufenen medizinischen Aktenlage (vgl. etwa
RAD-Stellungnahme vom 15. Juni 2010, act. G 8.36, und Gutachten Dr. E._ vom
26. März 2010, act. G 8.31) erfolgte. Die Annahme des korrigierenden Sachbearbeiters,
aufgrund des gleichzeitigen Bezugs von Arbeitslosentaggeldern sei es überwiegend
wahrscheinlich, dass keine Invalidität vorliege (act. G 8.38), erscheint daher als weder
dargetan noch naheliegend.
4.
4.1 Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung vom 22. Oktober 2010 in
teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und die Sache ist zur weiteren
Abklärung im Sinn der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
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4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als
volles Obsiegen (BGE 132 V 215 E. 6.2). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich. Sie hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu
bezahlen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist der Beschwerdeführerin
zurückzuerstatten.
4.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Im hier
zu beurteilenden Fall erscheint eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'500.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht