Decision ID: 4cd191bd-371e-5e60-b91f-8d9f589ce019
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 29. Juli 2015 in der Schweiz um Asyl.
Anlässlich der Befragung zur Person vom 4. August 2015 und der Anhö-
rung vom 21. März 2017 führte der Beschwerdeführer im Wesentlichen
aus, er gehöre der Ethnie Afar an und habe die ersten fünf Lebensjahre mit
seiner Familie im Dorf B._ verbracht. Im Jahr 1988 sei seine Familie
nach Äthiopien ausgewandert und im Jahr 1999 nach Eritrea zurückge-
kehrt. Im Jahr 2000 sei die Familie via Dschibuti nach C._, Saudi-
Arabien, ausgereist, weil der Vater Angst gehabt habe, seine Kinder wür-
den in den Militärdienst eingezogen respektive die Familie könnte wegen
seiner Tätigkeit für die Oppositionsbewegung „Red Sea Afar Democratic
Organization“ (RSADO) in Schwierigkeiten geraten. Der Vater sei einer der
Gründer von RSADO in Äthiopien und in C._ gewesen. Der Be-
schwerdeführer sei im Jahr 2007 der RSADO beigetreten. Er habe an eini-
gen Treffen teilgenommen und gelegentlich bei der Organisation von Ver-
anstaltungen mitgeholfen. Im Jahr 2007 habe er geheiratet und im Jahr (...)
sei die Tochter geboren. Der Vater sei im Jahr 2008 gestorben. Ende 2012
hätten ihn die saudi-arabischen Behörden wegen seiner gefälschten Auf-
enthaltsbewilligung verhaftet. Nachdem Angehörige des Afar-Stammes für
seine eritreische Herkunft gebürgt hätten, sei er aus dem Gefängnis ent-
lassen und Anfang 2013 nach Eritrea ausgeschafft worden. Nach circa
sechs Tagen in D._ habe er sich mit Hilfe seines Halbbruders, der
gute Beziehungen zum eritreischen Regime pflege und als Informant mit
diesem zusammenarbeite, eine eritreische Identitätskarte ausstellen las-
sen. Der Halbbruder habe ihm die Identitätskarte aber nicht ausgehändigt.
Circa einen Monat nach seiner Einreise nach Eritrea sei er festgenommen
und vier respektive fünf Tage in einem Gefängnis festgehalten worden. Er
sei verdächtigt worden, Mitglied der RSADO zu sein. Sie hätten ihn zum
Grund seiner Rückkehr und zu den Strukturen der oppositionellen RSADO
befragt sowie zur Zusammenarbeit überreden wollen. Er sei gefoltert wor-
den. Nach einem circa zweimonatigen Spitalaufenthalt hätten sie ihn in ein
Gefängnis ausserhalb respektive innerhalb von D._ überführt. Dort
sei er achteinhalb respektive dreieinhalb Monate gewesen, ohne befragt
worden zu sein. Eines Morgens hätten die Wachen gesagt, er würde in den
Militärdienst eingezogen. Er sei mit weiteren hundert Gefangenen in einen
Transporter gebracht worden. Unterwegs sei ihm und anderen Gefange-
nen die Flucht gelungen. Ende 2013 habe er Eritrea illegal verlassen. Von
Ende 2013 bis März 2015 habe er sich in Dschibuti aufgehalten.
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Der Beschwerdeführer reichte eine Kopie seiner Identitätskarte, ein Schrei-
ben der Eritrean Afar State in Exile vom 13. Dezember 2015 und einen
medizinischen Bericht des Département de médecine, Service des mala-
dies infectieuses, vom 12. Dezember 2016 ein.
B.
Mit Verfügung vom 11. Juli 2017 (eröffnet am 13. Juli 2017) stellte die Vor-
instanz fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte das Asylgesuch ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz,
welche aber wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu Guns-
ten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben wurde.
C.
Mit Schreiben vom 27. Juli 2017 stellte die Vorinstanz dem Beschwerde-
führer auf sein Gesuch hin eine Kopie des Aktenverzeichnisses sowie Ko-
pien der gewünschten Akten zu.
D.
Mit Eingabe vom 14. August 2017 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die Verfügung der Vor-
instanz sei in den Ziffern 1–3 des Dispositivs aufzuheben. Es sei die Flücht-
lingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen. Es sei ihm Asyl zu
gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs
festzustellen. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sei zu verzichten. Es sei dem
Beschwerdeführer in der Person des Unterzeichnenden ein unentgeltlicher
Rechtsbeistand zu bestellen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 15. September 2017 hiess der Instruktions-
richter die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung und amtliche Ver-
beiständung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und gab der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Vernehmlas-
sung.
F.
Mit Schreiben vom 26. September 2017 verzichtete die Vorinstanz auf eine
Vernehmlassung.
G.
Am 18. Oktober 2017 gab der Beschwerdeführer eine Honorarnote zu den
Akten.
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H.
Mit Schreiben vom 7. Juni 2018 reichte der Beschwerdeführer ein Gutach-
ten vom 15. April 2018 zur Situation von Rückkehrern nach Eritrea und eine
aktualisierte Honorarnote ein.
I.
Am 15. April 2019 reichte der Beschwerdeführer zwei Schreiben des Erit-
rean Afar National Congress vom 20. November 2018 und 6. April 2019
sowie vier Fotos einer Demonstrationsteilnahme ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende
Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmun-
gen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
2.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]).
Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung
legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist unter Vorbehalt nachfolgender Erwägung einzutreten
(aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.2 An der Beurteilung des Rechtsbegehrens 4, der Feststellung der Un-
zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs, besteht kein schutzwürdiges Inte-
resse, da die Vorinstanz den Beschwerdeführer wegen Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufgenommen hat und die Vollzugs-
hindernisse alternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). Auf das
Rechtsbegehren 4 ist daher nicht einzutreten.
3.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
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4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, der Beschwerdeführer
habe zum Namen des Gefängnisses, zur Dauer des Gefängnisaufenthalts
und zur Flucht widersprüchliche Angaben gemacht. Seine Aussagen, ins-
besondere zum Spitalaufenthalt, seien vage und vermittelten nicht den Ein-
druck, dass er dies selbst erlebt habe. Die Angaben zur Mitgliedschaft in
der RSADO seien ebenfalls oberflächlich und genügten nicht als Erklärung
für seine angebliche Inhaftierung in Eritrea. Zudem bestünden Zweifel über
seine Identität, da er nicht zufriedenstellend habe erklären können, wes-
halb er nicht seine Identitätskarte im Original eingereicht habe. Es sei ihm
somit nicht gelungen, eine asylrelevante Verfolgung glaubhaft zu machen.
5.2 Der Beschwerdeführer bringt vor, die Begründung der Vorinstanz er-
schöpfe sich in der Aufzählung vermeintlicher Ungereimtheiten. Die Tatsa-
che, dass er gefoltert worden sei, sei nicht gewürdigt worden. Seine Erzäh-
lungen über die politische Tätigkeit des Vaters, den Aufenthalt in Saudi-
Arabien, die Inhaftierung und den Spitalaufenthalt seien von vielen Real-
kennzeichen geprägt. Seine Aussage an der Befragung, er kenne den Na-
men des Gefängnisses nicht, habe sich auf den ersten Gefängnisaufent-
halt und nicht auf den zweiten bezogen. Die Vorinstanz habe nicht begrün-
det, inwiefern seine Aussagen zum Aufenthaltsstatus widersprüchlich
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seien. In Bezug auf die unterschiedlichen Angaben zur Dauer des Gefäng-
nisaufenthaltes habe er mehrfach betont, dass es sich um Circa-Angaben
handle. Sein Vater sei ein bekannter Oppositioneller gewesen, weshalb es
glaubhaft erscheine, dass er dadurch ins Visier des eritreischen Regimes
geraten sei. Im Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 5. Januar
2017 werde festgehalten, dass das eritreische Regime Oppositionsbewe-
gungen wie die RSADO als Terrororganisation einstufe. Folglich sei er als
Mitglied des RSADO von den eritreischen Behörden des Terrorismus ver-
dächtigt und gefoltert worden. Zudem habe er sich durch seine Flucht dem
Militärdienst entzogen. Insgesamt habe er seine Identität, die Vorge-
schichte, die Fluchtgründe und die illegale Ausreise glaubhaft dargelegt.
Bei einer Rückkehr drohe ihm eine erneute Inhaftierung und Misshandlun-
gen.
5.3 Der Vorinstanz ist zuzustimmen, dass die Angaben des Beschwerde-
führers zahlreiche Widersprüche aufweisen. Anlässlich der Befragung gab
der Beschwerdeführer an, sein Vater und seine Brüder hätten in Saudi-
Arabien über eine Aufenthaltskarte verfügt. Er habe keine Aufenthaltskarte
gehabt (SEM-Akten act. A4 F 1.11). An der Anhörung meinte er, der Vater
und die Brüder hätten wie er nur über gefälschte Aufenthaltskarten verfügt
(act. 14 F 37). An der Befragung führte er aus, sie hätten Eritrea Ende 2013
verlassen, weil der Vater nicht gewollt habe, dass die Söhne in den Militär-
dienst eingezogen würden. Der Vater sei einer der Gründer der RSADO in
C._ gewesen (act. A4 F 2.04, F 7.01). In der Anhörung führte er
erstmals aus, sein Vater habe in Äthiopien ebenfalls zu den Mitbegründern
der RSADO gehört. Nebst dem Militärdienst sei dies ein weiterer Grund für
die Ausreise im Jahr 2013 gewesen (act. A14 F 147). Anlässlich der Befra-
gung gab der Beschwerdeführer an, er sei achteinhalb Monate in einem
Gefängnis ausserhalb von D._ inhaftiert gewesen. Den Namen des
Gefängnisses kenne er nicht (act. A4 F 5.01 und 7.01). Anlässlich der An-
hörung erklärte er hingegen, er sei zuerst in einem kleinen Gefängnis ge-
wesen, wo er befragt und gefoltert worden sei. Nach einem Spitalaufenthalt
hätten sie ihn in ein grosses Gefängnis mit dem Namen "E._" in-
nerhalb von D._ gebracht. Dort sei er dreieinhalb Monate inhaftiert
gewesen, aber nicht gefoltert worden (act. A14 F 160 ff.). Während der An-
hörung widersprach er sich zudem bezüglich der Haftdauer im kleinen Ge-
fängnis; anfangs sprach er von vier, später von fünf Tagen (act. A14 F 108,
150). Seine Erklärung, er habe an der Befragung den Namen des kleinen
Gefängnisses nicht gewusst, überzeugt nicht, da er in der Befragung nur
den Aufenthalt im grossen Gefängnis erwähnt hat. Ebenfalls lässt sich der
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erhebliche Unterschied in den Angaben zur Dauer des Gefängnisaufent-
halts nicht damit erklären, dass es sich lediglich um circa-Angaben handle.
Es darf erwartet werden, dass sich der Beschwerdeführer erinnern kann,
ob der Gefängnisaufenthalt achteinhalb Monate oder lediglich dreieinhalb
Monate gedauert hat, zumal die Inhaftierung im Jahr seiner Ausreise statt-
gefunden haben soll. Anlässlich der Anhörung gab er erstmals an, er sei
nach der Inhaftierung im kleinen Gefängnis zwei Monate im Spital gewe-
sen. Trotz Nachfragens konnte der Beschwerdeführer nicht überzeugend
darlegen, weshalb er so lange im Spital gewesen ist. Er mutmasste, dass
es wegen einem entzündeten Blinddarm gewesen sein könnte, betonte
aber gleichzeitig, dass er es nicht genau wisse und ihm niemand die Diag-
nose mitgeteilt habe (act. A14 F 156 ff.). Es ist nicht nachvollziehbar, dass
er zwei Monate im Spital gelegen ist, ohne den Grund dafür zu kennen.
Seine Erklärung, er sei bewusstlos gewesen, mag vielleicht für die ersten
Stunden zutreffen, aber kaum für zwei Monate. Nebst diesen Widersprü-
chen in zentralen Teilen der Verfolgungsgeschichte kommen weitere Un-
gereimtheiten hinzu. Der Beschwerdeführer gab an, er habe anfangs 2013
problemlos legal nach Eritrea einreisen können. Sie hätten ihm am Flug-
hafen nur etwa drei belanglose Fragen gestellt. Nach der Einreise sei er zu
seinem Halbbruder väterlicherseits gezogen, der ebenfalls Afar sei und mit
dem eritreischen Regime zusammengearbeitet habe. Mit Hilfe des Halb-
bruders habe er innert wenige Tage eine eritreische Identitätskarte erhal-
ten. Es ist schlichtweg nicht nachvollziehbar, dass die eritreischen Behör-
den den Beschwerdeführer anstandslos hätten einreisen lassen und ihm
eine Identitätskarte ausgestellt hätten, nur um ihn dann weniger Tage spä-
ter zu verhaften. Vielmehr wäre zu erwarten gewesen, dass die Behörden
ihn bereits bei der Einreise intensiver befragt und verhaftet hätten, wenn
sie tatsächlich ein Interesse an ihm gehabt hätten. Dass die Behörden ihn
im Visier gehabt haben sollen, erscheint auch aufgrund der Tatsache zwei-
felhaft, dass sein Vater bereits im Jahr 2007 verstorben und die Tätigkeit
des Beschwerdeführers für die RSADO von äusserst geringfügiger Natur
gewesen ist. Ferner ist nicht erklärbar, weshalb der Halbbruder dem Be-
schwerdeführer die Identitätskarte nicht ausgehändigt haben soll (act. A14
F 18). Die Erklärung, seine Beziehung zum Halbbruder sei anfangs sehr
gut gewesen und dann schlechter geworden, weil der Halbbruder nicht ge-
wollt habe, dass er sich mit der RSADO einlasse, überzeugt nicht. Der Be-
schwerdeführer blieb im Monat nach seiner Ankunft in Eritrea hauptsäch-
lich zu Hause und hatte keinerlei Kontakte zur Opposition. Es gab demnach
keinen Grund für die Verschlechterung der Beziehung. Insgesamt sind die
geltend gemachten Vorfälle, die Inhaftierung mit Befragung und Folter so-
wie die anschliessende Flucht auf dem Weg in den Militärdienst, aufgrund
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der Widersprüche und Ungereimtheiten als unglaubhaft einzustufen. Es ist
nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer in Eritrea einer asyl-
relevanten Verfolgung ausgesetzt gewesen ist. Daran ändert auch das
Schreiben der Eritrean Afar State in Exile vom 13. Dezember 2015 nichts.
Das Schreiben hat den Charakter eines Gefälligkeitsschreibens und es
wird grundsätzlich nicht bestritten, dass der Beschwerdeführer der Ethnie
Afar angehört.
5.4 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs-
sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige-
rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei-
nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt
ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven
Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den
Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person
rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen
droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung
unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regel-
mässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird
von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit auf-
gefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht haben, einer
solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im Sinn von
Art. 1A Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen
(vgl. zum Ganzen Entscheidungen und Mitteilungen der ehemaligen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3; bestätigt beispielsweise im Urteil
des BVGer E-1740/2016 vom 9. Februar 2018 E. 5.1).
Das Vorbringen des Beschwerdeführers, er sei auf dem Transport in den
Militärdienst geflüchtet, wurde als unglaubhaft qualifiziert. Folglich gibt es
keinen Hinweis darauf, dass er sich einem Aufgebot zum Militärdienst wi-
dersetzt hat oder aus dem Militärdienst desertiert ist. Es ist somit davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer von den eritreischen Behörden
nicht als Dienstverweigerer angesehen wird.
5.5 Der Beschwerdeführer bringt vor, er nehme regelmässig an Kundge-
bungen und Sitzungen der eritreisch-exilpolitischen Bewegung teil. Am
31. August 2018 habe er in Genf an einer Massendemonstration für die
Rechte des Volks Afar mit geschätzten 2'000–3000 Teilnehmern teilgenom-
men. Zudem sei er zum Repräsentanten des Eritrean Afar National Con-
gress (EANC) in der Schweiz ernannt worden.
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Subjektive Nachfluchtgründe sind dann anzunehmen, wenn eine asylsu-
chende Person erst durch die Flucht aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat
oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne
von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Wesentlich ist, ob die heimatlichen Be-
hörden das Verhalten des Asylsuchenden als staatsfeindlich einstufen und
dieser deswegen bei einer Rückkehr eine Verfolgung befürchten muss.
Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen erhalten zwar kein Asyl, wer-
den jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (Art. 54 AsylG; BVGE
2009/28 E. 7.1).
Der Beschwerdeführer belegt mit den Fotos lediglich eine Demonstrations-
teilnahme während seines viereinhalbjährigen Aufenthaltes in der Schweiz.
Für die angebliche Teilnahme an Sitzungen und weiteren Kundgebungen
reichte er keine Beweismittel ein. Der EANC hat seinen Sitz in Ottawa, Ka-
nada. Weder auf der Internetseite des EANC, noch auf dessen Facebook-
Seite oder sonst im Internet findet sich ein Hinweis auf einen Ableger des
EANC in der Schweiz. Selbst wenn ein solcher Ableger existieren würde,
tritt er offenbar nicht öffentlich in Erscheinung. Der Beschwerdeführer führt
denn auch nicht aus, was seine Aufgaben als Schweizer Repräsentant des
EANC sein sollen, noch wird dies aus den Schreiben des EANC ersichtlich.
Es dürfte sich somit auch bei diesen Belegen um Gefälligkeitsschreiben
handeln. Insgesamt ist von einem derart unterschwelligen exilpolitischen
Engagement auszugehen, dass nicht anzunehmen ist, die eritreischen Be-
hörden hätten davon Kenntnis erhalten. Ein subjektiver Nachfluchtgrund
gemäss Art. 54 AsylG aufgrund des exilpolitischen Engagements ist somit
zu verneinen.
5.6 Das Bundesverwaltungsgericht kam im Referenzurteil D-7898/2015
vom 30. Januar 2017 nach einer eingehenden Lageanalyse zum Schluss,
dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Flücht-
lingseigenschaft führte, nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Es sei
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer
Person einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrele-
vante Verfolgung drohe. Nicht asylrelevant sei auch die Möglichkeit, dass
jemand nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen werde; ob
eine drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von
Art. 3 EMRK und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der
Zulässigkeit bzw. Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Für die Begrün-
dung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen Kontext bedürfe es neben
der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche zu einer
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Verschärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevan-
ten Verfolgungsgefahr führen könnten (E. 5.1 f.).
Die geltend gemachte Haft und die Flucht auf dem Transport in den Militär-
dienst wurden für unglaubhaft befunden (vgl. E. 5.3). Zudem ist nicht davon
auszugehen, dass er von den eritreischen Behörden als Dienstverweigerer
angesehen wird (vgl. E. 5.4). Das exilpolitische Engagement ist derart un-
terschwellig, dass es keinen subjektiven Nachfluchtgrund darstellt
(vgl. E. 5.5). Es liegen somit nebst der angeblichen illegalen Ausreise keine
zusätzlichen Anknüpfungspunkte vor, welche ihn in den Augen des eritrei-
schen Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, bezie-
hungsweise zu einer Schärfung seines Profils und dadurch zu einer flücht-
lingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten. Dem Be-
schwerdeführer ist es somit nicht gelungen, eine relevante Verfolgungsge-
fahr im Sinne von Art. 3 respektive Art. 54 AsylG darzutun. Die Vorinstanz
hat seine Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint.
6.
6.1 Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt sie nicht darauf ein,
so verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über
eine ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch
auf Erteilung einer solchen (vgl. BVGE 2009/50 E. 9). Die Wegweisung
wurde zu Recht angeordnet.
6.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung vom 11. Juli 2017
die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers in der Schweiz angeord-
net. Demnach erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit,
Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
8.
8.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mit Zwischenverfügung vom
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15. September 2017 wurden die Gesuche um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung und Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes
gutgeheissen. Es sind somit keine Verfahrenskosten zu erheben.
8.2 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers reichte eine Honorarnote
in der Höhe von Fr. 4'568.50 (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag)
ein. Aus der Honorarnote ist ersichtlich, dass ein Stundenansatz von
Fr. 300.– verrechnet wurde. Das Bundesverwaltungsgericht geht bei amtli-
cher Vertretung in der Regel von einem Stundenansatz von Fr. 100.– bis
Fr. 150.– für nichtanwaltliche Rechtsvertreter aus (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10
Abs. 2 VGKE). Der Stundenansatz ist entsprechend zu kürzen. Die Be-
weismitteleingabe vom 15. April 2019 ist in der Honorarnote nicht enthal-
ten; der Stundenaufwand ist entsprechend zu erhöhen. Lic. iur. LL.M. Tarig
Hassan ist demnach für seine Bemühungen zu Lasten des Gerichts ein
amtliches Honorar von Fr. 2‘370.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzu-
schlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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