Decision ID: 33928b25-d7d3-436a-aeb7-ee3030f75216
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die dominikanische Staatsangehörige B._ (geb. [...], nachfolgend:
Gesuchstellerin bzw. Eingeladene) beantragte am 1. Februar 2022 bei der
schweizerischen Botschaft in Santo Domingo die Ausstellung eines Schen-
gen-Visums für einen Besuchsaufenthalt vom 14. Februar 2022 bis 15. Mai
2002 bei dem im Kanton Aargau wohnhaften A._ (nachfolgend: Be-
schwerdeführer bzw. Gastgeber; vgl. Akten der Vorinstanz [SEM act.] 2/44-
47). Dieser hatte zuvor ein entsprechendes Einladungsschreiben einge-
reicht (SEM act. 2/43).
B.
Mit Formular-Verfügung vom 8. Februar 2022 lehnte die Botschaft den Vi-
sumsantrag ab, da die vorgelegten Informationen über den Zweck und die
Bedingungen des beabsichtigten Aufenthaltes nicht glaubhaft seien. Zu-
dem erscheine die fristgerechte Wiederausreise der Gesuchstellerin aus
dem Schengen-Raum nicht als hinreichend gesichert (SEM act. 2/10-13).
C.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 22. Februar
2002 Einsprache (SEM act. 1/8). In der Folge liess das SEM durch die kan-
tonale Migrationsbehörde weitere Abklärungen zum Sachverhalt vorneh-
men (SEM act. 6/55-77).
D.
Mit Entscheid vom 11. Mai 2022 wies die Vorinstanz die Einsprache ab. Zur
Begründung führte sie im Wesentlichen aus, weder die allgemeine Lage in
der Dominikanischen Republik noch die persönliche Situation der Gesuch-
stellerin würden Gewähr für eine fristgerechte und anstandslose Wieder-
ausreise in ihr Heimatland bieten (SEM act. 7).
E.
Mit Rechtsmitteleingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 24. Mai
2022 stellte der Beschwerdeführer die Begehren, die vorinstanzliche Ver-
fügung sei aufzuheben und der Gesuchstellerin das beantragte Schengen-
Visum auszustellen (BVGer act. 1).
F.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 20. Juni 2022 auf Ab-
weisung der Beschwerde (BVGer act. 6).
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Mit Schreiben vom 29. Juni 2022 wurde dem Beschwerdeführer ein Doppel
der Vernehmlassung zur Kenntnis gebracht (BVGer act. 7).
G.
Auf den weiteren Akteninhalt wird, soweit rechtserheblich, in den Erwägun-
gen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Von der Vorinstanz erlassene Einspracheentscheide bezüglich Schen-
gen-Visa sind mit Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht anfechtbar
(vgl. Art. 31 ff. VGG i.V.m. Art. 5 VwVG). Das Rechtsmittelverfahren richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am vorangegangenen Einspracheverfahren
teilgenommen und ist als Gastgeber der Gesuchstellerin durch den ange-
fochtenen Entscheid besonders berührt. Obwohl der ursprünglich ange-
strebte Besuchszeitraum inzwischen abgelaufen ist, muss auf ein fortbe-
stehendes Rechtsschutzinteresse geschlossen werden. Dies belegt allein
schon die Einreichung des Rechtsmittels. Der Beschwerdeführer ist daher
zur Erhebung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
im Übrigen frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten
(vgl. Art. 50 und 52 VwVG).
1.3 In der vorliegenden Beschwerdeangelegenheit entscheidet das Bun-
desverwaltungsgericht endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhalts und – sofern nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Beschwerde-
verfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62
Abs. 4 VwVG nicht an die Begründung der Begehren gebunden und kann
die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Gründen
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gutheissen oder abweisen. Massgebend sind grundsätzlich die tatsächli-
chen Verhältnisse zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE 2014/1
E. 2 m.H.).
3.
Auf Beschwerdeebene regte der Beschwerdeführer im Sinne einer Beweis-
offerte an, von zwei Bekannten Bestätigungen einzuholen, wonach es sich
bei der Gesuchstellerin um eine liebevolle Person ohne Auswanderungs-
gedanken handle. Über den fraglichen Beweisantrag wurde bislang nicht
befunden. Bei nicht anfechtbaren Entscheiden bzw. Verfügungen kann der
Entscheid über die Beweisanträge aber ohnehin im Endurteil erfolgen (vgl.
WALDMANN/BICKEL, in: Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 33
N. 38).
3.1 Im Verwaltungsverfahren gilt das Untersuchungsprinzip (Art. 12 ff.
VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). Die Behörden sorgen – unter Vorbehalt der Mit-
wirkungspflichten der Parteien – für die richtige und vollständige Abklärung
des rechtserheblichen Sachverhalts (BGE 132 II 113 E. 3.2). Das Verwal-
tungsrechtspflegeverfahren ist vom Grundsatz der Schriftlichkeit geprägt
(MOSER ET AL., Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl.
2013, Rz. 3.86 S. 183 m.H.) und ein Anspruch auf eine mündliche Anhö-
rung besteht nicht (BGE 134 I 140 E. 5.3). Sodann gilt in der Bundesver-
waltungsrechtspflege der Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 19
VwVG i.V.m. Art. 40 BZP [SR 273]). Die Beweiswürdigung ist insofern frei,
als sie nicht an bestimmte starre Beweisregeln gebunden ist, die dem Ge-
richt genau vorschreiben, wie ein gültiger Beweis zustande komme und
welchen Beweiswert die einzelnen Beweismittel im Verhältnis zueinander
hätten (BGE 130 II 482 E. 3.2 m.H.).
3.2 Von den Parteien angebotene Beweise sind abzunehmen, sofern diese
geeignet sind, den rechtserheblichen Sachverhalt zu erhellen (Art. 33
VwVG). Kommt die Behörde indes zur Überzeugung, die Akten erlaubten
die richtige und vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts oder die behauptete Tatsache sei für die Entscheidung der Streitsa-
che nicht von Bedeutung, kann sie auf die Erhebung weiterer Beweise ver-
zichten, ohne durch diese antizipierte Beweiswürdigung den Anspruch auf
rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV zu verletzen (vgl. zum Ganzen
BGE 141 I 60 E. 3.3 m.H.).
3.3 Vorliegend erschliesst sich der entscheidrelevante Sachverhalt in hin-
reichender Weise aus den Akten. Wie nachfolgend darzulegen sein wird,
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sind in die Prognose über die Absicht der gesuchstellenden Person, den
Schengen-Raum fristgerecht zu verlassen, eine ganze Reihe von Aspekten
miteinzubeziehen. Zusätzliche wesentliche Erkenntnisse wären bei der
Einholung von Bestätigungen der beiden vom Beschwerdeführer angeführ-
ten Personen mithin nicht zu erwarten. Von der angeregten Beweisvorkehr
kann deshalb in antizipierter Beweiswürdigung ohne Verletzung des recht-
lichen Gehörs abgesehen werden (BGE 141 I 60 E. 3.3 m.H.).
4.
Der angefochtenen Verfügung liegt das Gesuch einer dominikanischen
Staatsangehörigen um Erteilung eines Visums zu Besuchszwecken für die
Schweiz zugrunde. Da sich die Gesuchstellerin nicht auf die EU/EFTA-Per-
sonenfreizügigkeitsabkommen berufen kann und die beabsichtigte Aufent-
haltsdauer 90 Tage nicht überschreitet, fällt die vorliegende Streitsache in
den persönlichen und sachlichen Anwendungsbereich der Schengen-As-
soziierungsabkommen, mit denen die Schweiz den Schengen-Besitzstand
und die dazugehörigen gemeinschaftsrechtlichen Rechtsakte übernom-
men hat (BVGE 2014/1 E. 3; 2011/48 E. 3). Das Ausländer- und Integrati-
onsgesetz (AIG, SR 142.20) und dessen Ausführungsbestimmungen ge-
langen nur soweit zur Anwendung, als die Schengen-Assoziierungsabkom-
men keine abweichenden Bestimmungen enthalten (Art. 2 Abs. 4 AIG).
5.
5.1 Drittstaatsangehörige dürfen über die Aussengrenzen des Schengen-
Raums für einen Aufenthalt von höchstens 90 Tagen innerhalb eines Zeit-
raums von 180 Tagen einreisen, wenn sie im Besitz eines Visums sind, falls
ein solches nach Massgabe der Verordnung (EU) 2018/1806 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 14. November 2018 (Aufstellung der
Liste der Drittländer, deren Staatsangehörige beim Überschreiten der Aus-
sengrenzen im Besitz eines Visums sein müssen, sowie der Liste der Dritt-
länder, deren Staatsangehörige von dieser Visumpflicht befreit sind [ABl. L
303/39 vom 28.11.2018; nachfolgend: Verordnung [EU] 2018/1806; in Kraft
seit 15. Februar 2019]) erforderlich ist (Art. 6 Abs. 1 Bst. b der Verordnung
[EG] Nr. 2016/399 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
9. März 2016 über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der
Grenzen durch Personen [Kodifizierter Text] [Schengener Grenzkodex,
SGK, Abl. L 77/1 vom 23.03.2016]; Art. 6 Abs. 1 der Verordnung über die
Einreise und die Visumserteilung vom 15. August 2018 [VEV], in Kraft seit
dem 15. September 2018; vgl. auch Art. 2 Ziff. 6 SGK; Art. 5 Abs. 1 Bst. a
AIG). Als dominikanische Staatsangehörige unterliegt die Gesuchstellerin
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unbestrittenermassen der Visumspflicht (Anhang I der bereits erwähnten
Verordnung Nr. 2018/1806; Art. 8 Abs. 1 VEV).
5.2 Voraussetzung zur Visumserteilung und zur Einreise ist unter anderem,
dass die drittstaatsangehörige Person keine Gefahr für die öffentliche Ord-
nung, die innere Sicherheit, die öffentliche Gesundheit oder die internatio-
nalen Beziehungen eines Mitgliedstaats darstellt (Art. 6 Abs. 1 Bst. e SGK)
und Gewähr für die gesicherte Wiederausreise bietet (Art. 32 Abs. 1 Bst. b
der Verordnung [EG] Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft [Visako-
dex, VK, ABl. L 243/1 vom 15.09.2009]; Art. 5 Abs. 2 AIG; BVGE 2011/48
E. 4.5; 2009/27 E. 5.2). Wenn die betreffende Person nicht bereit ist, das
Hoheitsgebiet des Schengen-Raums fristgerecht wieder zu verlassen, ist
eine Gefahr für die öffentliche Ordnung im Sinne von Art. 6 Abs. 1 Bst. e
SGK anzunehmen (BVGE 2014/1 E. 4.3 m.H.). Die Behörden haben daher
zu prüfen und drittstaatsangehörige Personen zu belegen, dass die Gefahr
einer rechtswidrigen Einwanderung oder einer nicht fristgerechten Aus-
reise nicht besteht respektive dass die gesuchstellende Person für die ge-
sicherte Wiederausreise Gewähr bietet (Art. 14 Abs. 1 Bst. d VK; Art. 21
Abs. 1 VK; BVGE 2014/1 E. 4.4; Art. 5 Abs. 2 AIG; BVGE 2009/27 E. 5.2).
5.3 Das schweizerische Ausländerrecht kennt weder ein allgemeines
Recht auf Einreise noch gewährt es einen besonderen Anspruch auf Ertei-
lung eines Visums. Die Schweiz ist daher – wie andere Staaten auch –
grundsätzlich nicht gehalten, Ausländerinnen und Ausländern die Einreise
zu gestatten. Vorbehältlich völkerrechtlicher Verpflichtungen handelt es
sich dabei um einen autonomen Entscheid (vgl. Botschaft zum Bundesge-
setz über Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002
3774; BGE 135 II 1 E. 1.1 m.H.). Das Schengen-Recht schränkt die natio-
nalstaatlichen Befugnisse insoweit ein, als es einheitliche Voraussetzun-
gen für Einreise und Visum aufstellt und die Mitgliedstaaten verpflichtet, die
Einreise bzw. das Visum zu verweigern, wenn die Voraussetzungen nicht
erfüllt sind. Einen Anspruch auf Einreise bzw. Visumserteilung vermittelt
auch das Schengen-Recht nicht (vgl. BVGE 2014/1 E. 4.1.5).
5.4 Sind sämtliche Voraussetzungen für die Visumserteilung erfüllt, ist das
Schengen-Visum auszustellen. Ist hingegen einer der in Art. 32 Abs. 1 VK
(nicht abschliessend) aufgelisteten Tatbestände gegeben, darf ein einheit-
liches Visum nicht erteilt werden (vgl. Art. 21 Abs. 1 und Abs. 3 VK; Art. 32
Abs. 1 VK; BVGE 2014/1 E. 4.5; 2011/48 E. 4.6; Urteil des BVGer
F-7617/2016 E. 4.1). Das Schengen-Visum ist deshalb unter anderem zu
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verweigern, wenn Zweifel an der von der drittstaatsangehörigen Person
bekundeten Absicht bestehen, das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten vor
Ablauf der Gültigkeit des beantragten Visums wieder zu verlassen (Art. 32
Abs. 1 Bst. b VK; BVGE 2014/1 E. 4.4). Den Behörden kommt bei der Be-
urteilung, ob die Voraussetzungen für die Visumserteilung erfüllt sind, ein
weiter Beurteilungsspielraum zu (BVGE 2014/1 E. 4.1.5 in fine; Urteil des
BVGer F-7617/2016 E. 4.1).
5.5 Sind – abgesehen vom Visum selbst – die Einreisevoraussetzungen
nicht erfüllt, kann in Ausnahmefällen ein Visum mit räumlich beschränkter
Gültigkeit erteilt werden, das nur für das Hoheitsgebiet des betreffenden
Mitgliedstaats gilt. Von dieser Möglichkeit kann ein Mitgliedstaat unter an-
derem Gebrauch machen, wenn er es aus humanitären Gründen, aus sol-
chen des nationalen Interesses oder aufgrund internationaler Verpflichtun-
gen für erforderlich hält (vgl. Art. 3 Abs. 4 VEV; Art. 25 Abs. 1 Bst. a VK;
Art. 6 Abs. 5 Bst. c SGK).
6.
6.1 Aufgrund ihrer Staatszugehörigkeit unterliegt die Gesuchstellerin der
Visumspflicht (vgl. E. 5.1 hiervor). Bei der Prüfung der Einreisevorausset-
zungen nach Art. 6 Abs. 1 SGK ist die Frage der gesicherten Wiederaus-
reise zentral. Eine solche erachtete das SEM aufgrund der allgemeinen
Situation im Heimatland und der persönlichen Verhältnisse der eingelade-
nen Person als nicht genügend gewährleistet.
6.2 In der Regel lassen sich keine gesicherten Feststellungen darüber tref-
fen, ob eine drittstaatsangehörige Person tatsächlich beabsichtigt, vor Ab-
lauf des Visums den Schengen-Raum zu verlassen, weshalb darüber eine
Prognose zu erstellen ist. Hierzu sind alle Umstände des Einzelfalles zu
würdigen. Die Beweisführungslast obliegt dabei der drittstaatsangehörigen
Person (Art. 14 Abs. 1 Bst. d VK; Art. 14 Abs. 3 i.V.m. Anhang II VK; Art. 5
Abs. 1 Bst. c SGK; Art. 5 Abs. 2 AIG; BVGE 2014/1 E. 4.4 und E. 6.1). An-
haltspunkte zur Beurteilung der Gewähr für eine fristgerechte Wiederaus-
reise können sich zunächst aus der allgemeinen Situation im Herkunftsland
der drittstaatsangehörigen Person ergeben. Namentlich bei Einreisegesu-
chen von Personen aus Staaten bzw. Regionen mit politisch, wirtschaftlich
und sozial ungünstigen Verhältnissen rechtfertigt sich eine strenge Praxis,
da die persönliche Interessenlage in solchen Fällen erfahrungsgemäss
häufig nicht mit dem Ziel und Zweck einer zeitlich befristeten Einreisebe-
willigung im Einklang steht (BVGE 2014/1 E. 6.1 m.H.).
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6.3 Die Dominikanische Republik verzeichnete in den letzten Jahren ein
starkes Wirtschaftswachstum und erreichte zwischen 2000 und 2019 mit
durchschnittlich 5,3% jährlich eine der höchsten Raten in Lateinamerika
und der Karibik. Die Covid-19-Pandemie mit den damit verbundenen rest-
riktiven Massnahmen bedeuteten für das Land dann einen herben Rück-
schlag, insbesondere die wichtige Tourismusbranche wurde hart getroffen
(vgl. Urteil des BVGer F-3809/2019 vom 19. Februar 2021 E. 5.3). Die Ein-
kommensverteilung präsentiert sich weiterhin sehr ungleich, da sich das
Wachstum nicht in einer breiten gesamtgesellschaftlichen Wohlstandsent-
wicklung manifestiert. Die Armutsrate ist nach Ausbruch der Pandemie wie-
der gestiegen und liegt gemäss der letzten Datenerhebung der Weltbank
bei rund 24 %. Somit ist immer noch eine breite Bevölkerungsschicht von
vergleichsweise schwierigen wirtschaftlichen Lebensbedingungen betrof-
fen. Der Arbeitsmarkt kennzeichnet sich durch den Mangel an formellen
Arbeitsverhältnissen, eine anhaltende Arbeitslosigkeit sowie niedrige
Löhne. Die schlechten Aussichten auf dem heimischen Arbeitsmarkt sind
mitunter ein Grund für die hohe Auswanderungsrate (vgl. zum Ganzen
Ganzen etwa «www.worldbank.org» > Where We Work > Dominican Re-
public > Overview, Stand: 13. April 2022).
6.4 Vor diesem Hintergrund ist nicht zu beanstanden, dass die Vorinstanz
das Risiko einer nicht fristgerechten Wiederausreise von Besucherinnen
und Besuchern aus der Dominikanischen Republik als grundsätzlich sehr
hoch einschätzt. Allerdings wäre es zu schematisch und nicht haltbar, ge-
nerell und ohne spezifische Anhaltspunkte ausschliesslich aufgrund der all-
gemeinen Lage in der Herkunftsregion auf eine nicht hinreichend gesi-
cherte Wiederausreise zu schliessen. Es gilt vielmehr, über die Situation
im Herkunftsland hinaus, die weiteren Umstände ebenfalls zu würdigen.
Dabei sind in die Prognose über die Absicht einer gesuchstellenden Per-
son, den Schengen-Raum fristgerecht zu verlassen, deren persönliche, fa-
miliäre und berufliche bzw. wirtschaftliche Situation sowie deren Interes-
senlage miteinzubeziehen (BVGE 2014/1 E. 6.3.1). Obliegt einer gesuch-
stellenden Person im Heimatland beispielsweise eine besondere berufli-
che, gesellschaftliche oder familiäre Verantwortung, kann dies die Prog-
nose für eine anstandslose Wiederausreise begünstigen. Umgekehrt muss
bei Personen, die in ihrer Heimat keine besonderen Verpflichtungen haben,
das Risiko eines ausländerrechtlich nicht regelkonformen Verhaltens nach
einer bewilligten Einreise als hoch eingeschätzt werden (BVGE 2014/1
E. 6.3.1 m.H.; 2009/27 E. 8).
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6.5 Bei der Gesuchstellerin handelt es sich um eine 491⁄2 -jährige, verhei-
ratete Mutter einer Tochter im Alter von knapp sechzehn Jahren. Seit rund
vier Jahren lebt sie von ihrem Ehemann getrennt und die Scheidung ist laut
dem vom Gastgeber zu Handen der kantonalen Migrationsbehörde ausge-
füllten Auskunftsbogen am Laufen (SEM act. 6/73-75). Ebenfalls in der Do-
minikanischen Republik wohnen noch zwei Schwestern, ein Bruder und
eine Grossmutter. Als alleinerziehende Mutter eines Kindes dürfte die Ge-
suchstellerin durchaus familiäre Verpflichtungen im Heimatland haben.
Das Zurücklassen minderjähriger Kinder bildet für sich allein aber noch
keine Garantie für eine anstandslose und fristgerechte Wiederausreise
nach einem Besuchsaufenthalt. Die Erfahrung zeigt, dass es in der Regel
vielmehr die individuell herrschenden wirtschaftlichen und sozialen Verhält-
nisse sind, die letztlich über Rückkehr oder Verbleib im Ausland entschei-
den. Dass eine Familie vorübergehend getrennt wird, wird je nach Interes-
senlage in Kauf genommen. Dies umso eher, wenn – wie den Akten ent-
nommen werden kann – die Betreuung des Kindes durch nahe Angehörige
(in casu die ältere Schwester und die Grossmutter) sichergestellt werden
kann und die Möglichkeit besteht, das Kind, für welches die Gesuchstelle-
rin die elterliche Sorge und Obhut innehat, später nachziehen zu können
(vgl. Urteile des BVGer F-3809/2019 E. 6.1, F-4313/2019 vom 14. Februar
2020 E. 5.4 oder F-1520/2019 vom 16. Oktober 2019 E. 8.1). Wie oben
erwähnt, hat sich die eingeladene Person zudem schon vor längerer Zeit
von ihrem Ehemann getrennt. Angesichts des vorgesehenen längeren Be-
suchsaufenthalts der Gesuchstellerin in der Schweiz mit der Ausschöpfung
der Maximaldauer von drei Monaten darf ohnehin davon ausgegangen
werden, die Betreuung der bald sechzehnjährigen Tochter sei auch ohne
die dauerhafte Anwesenheit der Eingeladenen gewährleistet. Die familiä-
ren und persönlichen Verpflichtungen sind daher nicht so beschaffen, dass
sie die Gesuchstellerin in nachhaltiger Weise von einer Emigration abhal-
ten könnten.
6.6 Aufgrund dieser Ausgangslage ist der wirtschaftlichen Situation der Ge-
suchstellerin ein besonderes Augenmerk zu widmen. Soweit aktenkundig,
chauffiert sie im Schulbus Kinder im Kindergartenalter und ist selbständig
erwerbstätig. Zusätzlich erhält sie Alimente für die Tochter. Gemäss Anga-
ben der Schweizer Vertretung in Santo Domingo verfügt sie über geringe
finanzielle Mittel. Allerdings fehlen Unterlagen, die ein regelmässiges Ein-
kommen belegen würden, ebenso wenig finden sich sonstige Nachweise
hinsichtlich ihrer Vermögensverhältnisse. Die für den beantragten neunzig-
tägigen Aufenthalt anfallenden Kosten werden denn auch vollumfänglich
vom Gastgeber getragen, zuzüglich € 1'000.– für den Lohnausfall (SEM
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act. 2/43 und 6/73-75). Vor diesem Hintergrund kann nicht von einer beruf-
lichen Verankerung oder auch nur von vorteilhaften wirtschaftlichen Ver-
hältnissen ausgegangen werden, welche die Gesuchstellerin nachhaltig
von einer Emigration abzuhalten vermöchten.
6.7 Vor dem dargelegten allgemeinen und persönlichen Hintergrund der
Gesuchstellerin durfte die Vorinstanz davon ausgehen, die Wiederausreise
der Eingeladenen sei im Sinne der massgeblichen Bestimmungen nicht
gesichert. An der Richtigkeit dieser Einschätzung ändert auch die Tatsache
nichts, dass der Beschwerdeführer, welcher gemäss den eingereichten Un-
terlagen fraglos über einen guten Leumund verfügt, mit der gegenüber der
kantonalen Migrationsbehörde abgegebenen Verpflichtungserklärung sein
Vertrauen in ein rechtskonformes Verhalten seines Gastes zum Ausdruck
gebracht hat. Bei der Risikobeurteilung ist in erster Linie das mögliche Ver-
halten des Gastes selbst von Bedeutung. Gastgeber können mit rechtlich
verbindlicher Wirkung zwar für gewisse finanzielle Risiken im Zusammen-
hang mit dem Besuchsaufenthalt, nicht aber für ein bestimmtes Tun oder
Unterlassen ihres Gastes einstehen (vgl. in diesem Zusammenhang auch
BVGE 2009/27 E. 9).
6.8 Schliesslich äussert die schweizerische Vertretung vor Ort Zweifel am
angegebenen Aufenthaltszweck bzw. erachtet diesen als unklar. Die Be-
denken rühren daher, dass die eingeladene Person und der Gastgeber sich
erst fünf Monate vor Gesuchseinreichung über WhatsApp kennengelernt
und bislang nie persönlich getroffen haben. Laut Einladungsbrief vom
6. Januar 2022 ist der Beschwerdeführer zurzeit auf einen Rollstuhl ange-
wiesen, weshalb der Gast ihm hilfreich zur Seite stehen könnte. Sie möch-
ten sich näher kennenlernen und eine spätere Heirat sei nicht ausgeschlos-
sen (SEM act. 2/43). Auf dem Auskunftsbogen wiederholte er am 16. März
2022 seinen Wunsch, die Gesuchstellerin besser kennenzulernen und er-
gänzte, dass in ein paar Jahren, wenn die Eingeladene geschieden und
ihre Tochter volljährig sei, eine Heirat in Frage käme (SEM act. 6/73-75).
Gastgeber und Gast verbinden mit dem geplanten Besuchsaufenthalt hier-
zulande den Wunsch, sich gegenseitig besser kennen zu lernen. Zu be-
denken gilt es indes, wie angetönt, dass die ausschliesslich via WhatsApp
und Telefon gepflegten Kontakte noch nicht sehr lange bestehen. Wie
lange eine Bekanntschaft dauern muss, bis einer Visumserteilung keine
Hinderungsgründe mehr entgegenstehen, lässt sich nicht generell beant-
worten, zumal ausländerrechtliche Entscheide auf einer Gesamtbetrach-
tung beruhen. Der durchaus verständliche Wunsch des Beschwerdefüh-
rers nach einer Vertiefung der Bekanntschaft hat im Kontext der kulturellen
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Seite 11
und geografischen Distanz jedoch einstweilen in den Hintergrund zu treten.
In diesem Zusammenhang rechtfertigt es sich, Vorsicht walten zu lassen,
wenn es darum geht, mögliche Entwicklungen in den Vorstellungen der Be-
troffenen über eine kurz- oder mittelfristige Lebensplanung abzuschätzen.
Im Übrigen kann aus den hier zur Anwendung gelangenden ausländer-
rechtlichen Normen keine Verpflichtung des Staates für Massnahmen ab-
geleitet werden, befreundeten oder sich anfreundenden Personen die
Möglichkeit einzuräumen, das Zusammenleben vorweg auf schweizeri-
schem Territorium zu erproben. Sollte zu gegebener Zeit eine Eheschlies-
sung ins Auge gefasst werden, so wäre über die Einreise des Gastes –
nach Abschluss der hierzu erforderlichen zivilstandsamtlichen Vorkehren –
unter einem anderen Aspekt sowie in einem andersartigen Verfahren zu
befinden.
6.9 Mit diesen Ausführungen fehlt es an einer unabdingbaren Vorausset-
zung für die Erteilung eines einheitlichen Visums für den Schengen-Raum.
Gründe für die Ausstellung eines Visums mit räumlich beschränkter Gültig-
keit (vgl. dazu E. 5.5) wurden von den Beteiligten zu Recht nicht geltend
gemacht und solche sind denn auch nicht ersichtlich.
7.
Aus diesen Darlegungen folgt, dass die angefochtene Verfügung im Lichte
von Art. 49 VwVG nicht zu beanstanden ist.
8.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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