Decision ID: 7a43d60f-354e-4f88-a8de-12a6755b0ddc
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Mord etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 9. Abteilung, vom 27. Juni 2012 (DG120070)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 8. März
2012 (Urk. 22) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
- des Mordes im Sinne von Art. 112 StGB sowie
- des Betrugs im Sinne von Art. 146 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit lebenslänglicher Freiheitsstrafe, wovon
452 Tage durch Untersuchungs- und Sicherheitshaft erstanden sind.
Es wird davon Vormerk genommen, dass sich der Beschuldigte seit dem
2. März 2012 im vorzeitigen Strafvollzug befindet.
3. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
24. Februar 2012 beschlagnahmte und bei der Gerichtskasse unter der
Sachkautions-Nr. ... lagernde Handbeil (Tatwaffe) wird eingezogen und
nach Eintritt der Rechtskraft der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
4. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom
24. Februar 2012 beschlagnahmte und bei der Gerichtskasse unter der
Sachkautions-Nr. ... lagernde Amulett (3 A-5 Blätter) wird nach Eintritt der
Rechtskraft zu den Akten genommen und der Privatklägerin B._ auf
erstes Verlangen herausgegeben.
5. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin
B._ aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatz nach vollumfänglich
schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Feststellung des Umfanges des
Schadenersatzanspruches wird die Privatklägerin B._ auf den Weg des
Zivilprozesses verwiesen.
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6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ CHF 80'000.--
zuzüglich 5 % Zins ab dem 6. Dezember 2010 als Genugtuung zu bezahlen.
Im Mehrbetrag wird das Genugtuungsbegehren abgewiesen.
7. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 7'000.-- ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'860.-- Kosten Kantonspolizei
Fr. 10'000.-- Gebühr Anklagebehörde
Fr. Kanzleikosten
Fr. 25'464.35 Auslagen Untersuchung
Fr. unentgeltliche Rechtsbeiständin (ausstehend)
Fr. 50'093.85 amtliche Verteidigung
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
8. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden auf die Staatskasse genom-
men; vorbehalten bleibt eine Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
Über die Höhe der Kosten der amtlichen Verteidigung wird separat ent-
schieden.
9. Die Kosten der unentgeltlichen Rechtsbeiständin der Privatklägerin 2 wer-
den auf die Staatskasse genommen. Über die Höhe der Kosten wird separat
entschieden.
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Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(HD Urk. 72 S. 1)
1. Es sei Dispositivziffer 2 des vorinstanzlichen Urteils vom 27. Juni 2012
(DG120070-L) aufzuheben, insoweit eine lebenslängliche Freiheitsstra-
fe ausgesprochen worden ist.
2. Der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren zu bestra-
fen, unter Anrechnung der erstandenen Untersuchungs- und Sicher-
heitshaft.
3. Es sei dem Beschuldigten für das vorliegende Verfahren eine Entschä-
digung für die Anwaltskosten in der Höhe von Fr. 8'000.– auszurichten.
4. Die Kosten dieses Verfahrens seien auf die Staatskasse zu nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich:
(HD Urk. 74 S. 1)
Es sei das Urteil der 9. Abteilung des Bezirksgerichts Zürich vom 27. Juni
2012 zu bestätigen und der Beschuldigte sei mit einer lebenslänglichen
Freiheitsstrafe zu bestrafen, unter Anrechnung der erstandenen Untersu-
chungs- und Sicherheitshaft von 452 Tagen – der Beschuldigte befindet sich
seit dem 2. März 2012 im vorzeitigen Strafvollzug.
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Erwägungen:
I. Prozessgeschichte
1. Mit Urteil vom 27. Juni 2012 sprach das Bezirksgericht Zürich,
9. Abteilung, den Beschuldigten schuldig des Mordes und des Betruges und be-
strafte ihn mit lebenslänglicher Freiheitsstrafe (HD Urk. 61).
Gegen dieses Urteil meldete der Beschuldigte am 28. Juni 2012 Berufung
an (HD Urk. 50). Seine Berufungserklärung folgte unter dem 7. September 2012
(HD Urk. 63). Demnach ficht der Beschuldigte einzig die ausgefällte Strafe an,
wobei er eine Freiheitsstrafe von maximal 18 Jahren beantragt. Die Staatsanwalt-
schaft und die Privatklägerschaft ergriffen keine Rechtsmittel. Beweisanträge
wurden von keiner Seite gestellt.
Demnach ist das vorinstanzliche Urteil – vom Strafpunkt abgesehen – unan-
gefochten geblieben. Folglich ist vorab festzustellen, dass es mit Ausnahme von
Dispositiv-Ziffer 2 (Strafe) in Rechtskraft erwachsen ist.
2. Mit Schreiben vom 5. Februar 2013 teilte Rechtsanwältin Dr. X._
mit, dass der Beschuldigte sie mit der Wahrung seiner Interessen betraut habe
(HD Urk. 68/1) und reichte eine entsprechende Vollmacht ein (HD Urk. 68/2),
weshalb der bisherige Verteidiger des Beschuldigten, Rechtsanwalt Mag. iur.
X1._, mit Präsidialverfügung vom 6. Februar 2013 als amtlicher Verteidiger
entlassen wurde (HD Urk. 69).
3. Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung stellten die Parteien die
eingangs erwähnten Anträge. Demnach liess der Beschuldigte in Abänderung
seiner Anträge in der Berufungserklärung beantragen, er sei mit einer Freiheits-
strafe von 10 Jahren zu bestrafen; der Vertreter der Anklagebehörde verlangte ei-
ne Bestrafung des Beschuldigten mit lebenslänglicher Freiheitsstrafe.
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II. Strafzumessung
Die Vorinstanz hat die Strafzumessung sorgfältig und detailliert vorgenom-
men. Sie hat vorweg die allgemeinen Regeln der Strafzumessung und die jüngste
Praxis des Bundesgerichtes dazu richtig und vollständig wiedergegeben, so dass
– um Wiederholungen zu vermeiden – darauf verwiesen werden kann (HD Urk. 61
S. 43-50).
Der Strafrahmen für Mord beträgt lebenslängliche Freiheitsstrafe oder Frei-
heitsstrafe nicht unter 10 Jahren (Art. 112 StGB).
1. Tatkomponente
1.1 Objektive Tatkomponente
Was die konkrete Anwendung der Strafzumessungsregeln in Bezug auf die
Sanktionierung des Beschuldigten angeht, so sind die Erwägungen der Vor-
instanz ebenfalls grundsätzlich überzeugend und nachvollziehbar. Dies gilt vorerst
für die Beurteilung der objektiven Tatkomponente beim begangenen Mord.
Korrekt wurde im angefochtenen Entscheid erwogen, dass das Doppelver-
wertungsverbot zu beachten ist. Umstände, die schon Merkmale des gesetzlichen
Tatbestandes sind, dürfen nicht für die konkrete Strafzumessungsentscheidung
innerhalb des anzuwendenden gesetzlichen Strafrahmens berücksichtigt werden,
weder zulasten noch zugunsten des Täters. Der Richter ist dagegen nicht gehin-
dert zu berücksichtigen, in welchem Ausmass ein qualifizierender oder privilegie-
render Tatbestand gegeben ist (STRATENWERTH, Schweizerisches Strafrecht, All-
gemeiner Teil II, 2. Aufl., Bern 2006, § 6 N 22).
Es ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte mit einem Beil elf Mal auf
den Kopf (rechte Kopfseite und Hinterkopf) und den rückwärtigen Nacken seiner
Ex-Frau eingeschlagen hat. Aufgrund der Verletzungen des Opfers (vgl. HD
Urk. 3.6), die innert weniger Minuten zum Tod geführt haben, müssen die Schläge
mit grosser Wucht ausgeführt worden sein. Schon die Verwendung eines Beils
zur Tötung einer Person zeugt von einer auffälligen Geringschätzung menschli-
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chen Lebens und ebenso von sehr grosser krimineller Energie. Zurecht führten
die Vorrichter diesbezüglich aus, dass die Hemmschwelle, die bei einer derartigen
Ausübung von tödlich wirkender Gewalt gegen einen Menschen zu überwinden
ist, als deutlich höher eingeschätzt werden muss als beispielsweise bei der Ver-
wendung einer Schusswaffe aus grösserer Distanz. Dieser Ansicht kann vollum-
fänglich zugestimmt werden. Der Vorinstanz ist sodann beizupflichten, dass der
eigentliche Gewaltexzess, mit welchem der Beschuldigte sein Opfer, das ihm kör-
perlich unterlegen und auf eine Gehhilfe angewiesen war, in aller Öffentlichkeit
geradezu abschlachtete, als ausserordentlich verwerflich und erschreckend ein-
zustufen ist, zumal der Beschuldigte, selbst als sein Opfer bereits am Boden lag,
nicht von ihm abgelassen hat. Das Verschulden ist daher im Rahmen des zur Ver-
fügung stehenden Strafrahmens im obersten Bereich, nahe am oberen Rand an-
zusiedeln und wiegt sehr schwer bis ausserordentlich schwer. Eine verabscheu-
ungswürdigere Tat auch innerhalb des Spektrums der Mordfälle ist kaum vorstell-
bar, weshalb in objektiver Hinsicht eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren angemes-
sen erscheint.
1.2 Subjektive Tatschwere
Wie die Vorinstanz ebenfalls richtig erkannte, wird die objektive Tatschwere
auch nicht etwa aus subjektiven Verschuldensaspekten relativiert.
Beim Beschuldigten lag zum Tatzeitpunkt aus psychiatrischer Sicht keine
eingeschränkte Einsichts- und Handlungsfähigkeit vor (vgl. HD Urk. 10.4 S. 47 ff.,
59 ff., 63 f.). Daran ändern auch die Vorbringen der Verteidigung, wonach der Be-
schuldigte psychisch angeschlagen gewesen sei und eine "Persönlichkeitsstörung
im weiteren Sinne" aufweise (vgl. HD Urk. 72 S. 14 f.), nichts. Das psychiatrische
Gutachten kommt zum Schluss, dass beim Beschuldigten zum Tatzeitpunkt aus
psychiatrischer Sicht keine Einschränkung der Schuldfähigkeit vorgelegen habe;
diagnostiziert werden eine Anpassungsstörung sowie eine Persönlichkeit mit nar-
zisstischen Zügen, wobei die narzisstischen Persönlichkeitszüge nicht so schwer
ausgeprägt seien, dass sie die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstö-
rung rechtfertigen könnten (HD Urk. 10.4 S. 53 und S. 62). Der Beschuldigte war
demnach voll schuldfähig. Dies ist dem Urteil zugrunde zu legen. Hinsichtlich der
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psychischen Verfassung des Beschuldigten darf gleichwohl nicht ganz ausser
Acht gelassen werden, dass er in der Zeit vor der Tat aufgrund seiner persönli-
chen Situation (Vorenthalten seiner Tochter B._, keine Arbeit, schwierige fi-
nanzielle Lage) einer grossen psychischen Belastung ausgesetzt war. Zu beden-
ken ist aber, dass sich auch etliche andere Personen in ähnlichen Situationen be-
finden und vor allem auch in vergleichbare Sorge- bzw. Besuchsrechtsstreitigkei-
ten verwickelt sind. Von einem "psychischen Notzustand" wie ihn die Verteidigung
geltend macht (vgl. HD Urk. 72 S. 16) kann deswegen nicht gesprochen werden,
weshalb sich zu Gunsten des Beschuldigten aus diesem Umstand nur schwerlich
etwas ableiten lässt.
Vorliegend kann ferner nicht von einer spontanen Tat gesprochen werden,
denn der Beschuldigte hatte sich im Hinblick darauf mit einem Beil ausgerüstet
und dem Opfer nachgestellt. Das Delikt war spätestens im Zeitpunkt, als der Be-
schuldigte nach Hause kam und direkt in den Keller ging, um das Beil zu behän-
digen, was er anlässlich der Berufungsverhandlung nochmals bestätigte (Prot. II
S. 19), geplant und es wurde anschliessend direktvorsätzlich, unerbittlich und
konsequent durchgeführt. Dass der Beschuldigte nicht auf kürzestem Weg von
seinem Wohnort beim C._ nach D._ fahren wollte, sondern eine etwas
weitere Route via E._ und F._ wählte (vgl. Prot. II S. 20), erscheint noch
als möglich; dass er auf dieser Strecke – notabene mit dem Beil im Auto – zufällig
seine Ex-Frau traf, kann ausgeschlossen werden. Eine gewisse Planung der Tat
muss dem Beschuldigten daher unterstellt werden.
Das Motiv war Vergeltung, weil der Beschuldigte seine jüngste Tochter nicht
mehr sehen durfte (HD Urk. 2.1 S. 8; vgl. auch Prot. II S. 22), und Bestrafungs-
lust, wobei er seine persönlichen Vorstellungen und seine eigene Person über
das Leben der Ex-Frau stellte und entschied, dass diese ihr Leben verwirkt habe.
Er sah sich selber in der Rolle des Exekutors. Diese Beweggründe der Tat und
die äusserst brutale Art der Begehung sind als extrem egoistisch und absolut
rücksichtslos zu bewerten. Die subjektive Tatschwere vermag die objektive daher
keineswegs zu relativieren.
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1.3 Fazit Tatschwere
Das Verschulden des Beschuldigten ist somit mit der Staatsanwaltschaft
(vgl. HD Urk. 74 S. 12) sowohl unter dem Aspekt der objektiven wie auch der sub-
jektiven Tatschwere als sehr schwer bis ausserordentlich schwer zu bezeichnen.
Als hypothetische Einsatzstrafe erscheint mithin die längste vom Strafgesetzbuch
vorgesehene Zeitstrafe von 20 Jahren Freiheitsstrafe gerechtfertigt.
2. Täterkomponente
Im nächsten Schritt ist die so ermittelte Einsatzstrafe aufgrund allfälliger we-
sentlicher Täterkomponenten zu relativieren oder zu verschärfen.
Dass aus der Biografie und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldig-
ten keine die Strafe beeinflussenden Umstände abzuleiten sind, hat die Vor-
instanz richtig dargetan. Es kann darauf verwiesen werden (HD Urk. 61 S. 54-56).
Daran vermögen auch die entsprechenden Ausführungen der Verteidigerin zur
Lebensgeschichte und den Lebensumständen des Beschuldigten sowie die ein-
gereichten Erklärungen diverser Personen nichts zu ändern (HD Urk. 72 S. 3 ff.
und S. 16 f.; HD Urk. 73/1-5 sowie 9-10). Betreffend die Erklärungen und Aussa-
gen der Verwandten und Bekannten des Beschuldigten macht die Staatsanwalt-
schaft eine Verletzung des Grundsatzes der Justizförmigkeit des Verfahrens gel-
tend (Prot. II S. 27). Dieser Grundsatz besagt, dass Organe der Strafrechtspflege
in dem in Verfassung und Gesetz geregelten Verfahren und den darin vorgesehe-
nen Formen untersuchen und beurteilen müssen, ob und in welchem Mass die
Strafbarkeit wegen einer Tat besteht. Die Strafbehörden müssen sich an die Re-
geln der Prozessordnung halten, wobei Formstrenge besteht (RIKLIN, Kommentar
StPO, Zürich 2010, N 3 zu Art. 2). Mit der Verteidigung ist aber davon auszuge-
hen, dass man zu Gunsten des Beschuldigten durchaus Beweismittel berücksich-
tigen kann, die zu seinen Lasten nicht berücksichtigt werden könnten (vgl. Prot. II
S. 29). Die Strafzumessung beeinflussen diese durchaus positiven Aussagen
über den Beschuldigten allerdings nicht, denn heute ist in erster Linie die vom Be-
schuldigten am tt.mm.2010 begangene Tat zu beurteilen und nicht seine allge-
meine Lebensführung.
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Zu Recht hat das Bezirksgericht die einschlägige Vorstrafe des Beschuldig-
ten aus dem Jahre 2005 deutlich zu seinen Ungunsten veranschlagt. Es handelt
sich dabei um eine Verurteilung wegen massiver Gewalttätigkeiten und Drohun-
gen, die der Beschuldigte Ende 2003/Anfang 2004 ebenfalls zum Nachteil seiner
damaligen Ehefrau begangen hatte. Er wurde wegen Gefährdung des Lebens
(beidhändiges Würgen des Opfers bis zur Bewusstlosigkeit samt Urinabgang),
Körperverletzung (mehrere Fusstritte und Faustschläge gegen das am Boden lie-
gende Opfer mit der Folge blauer Flecken am ganzen Körper und blutender Nase)
und Drohung (mit einem Küchenmesser und mehrfach verbal) verurteilt und mit
18 Monaten Gefängnis bedingt bestraft (beigezogene Akten des Obergerichts des
Kantons Zürich, Geschäfts-Nr. SB050127, Urteil der II. Strafkammer vom 22. April
2005, Urk. 47). Diese Vorstrafe muss sich von ihrer Schwere und ihrer besonde-
ren Einschlägigkeit her (ähnlich ausgerichtete Vorgehensweise, gleiches Opfer)
deutlich straferhöhend auswirken, zumal sich die damalige Vorgehensweise an
der Grenze zu einem versuchten vorsätzlichen Tötungsdelikt befand und der Be-
schuldigte während mehr als zwei Monaten in Untersuchungshaft war.
Tendenziell anders ist das Nachtatverhalten des Beschuldigten zu berück-
sichtigen: Er hat sich kurz nach der Tat freiwillig der Polizei gestellt und war von
Anfang an (zumindest teilweise) geständig. Mit der Vorinstanz ist dazu allerdings
festzuhalten, dass dieses Stehen zur Tat keine grosse strafsenkende Wirkung
haben kann, da sich die Täterschaft des Beschuldigten angesichts der Tatbege-
hung in aller Öffentlichkeit und aufgrund des persönlichen Bezugs zwischen Opfer
und Täter ohnehin schnell ergeben hätte. Eine Grossfahndung lief denn auch be-
reits (vgl. HD Urk. 16.1). Zudem kann von einem umfassenden Geständnis keine
Rede sein, da sich der Beschuldigte betreffend den genauen Tatablauf und der
Motive letztlich ungeständig zeigte, was auch hinsichtlich des Betrugsvorwurfs gilt
(vgl. HD Urk. 61 S. 11). Dies relativiert die Massgeblichkeit des Geständnisses
ganz erheblich. Immerhin hätte der Beschuldigte theoretisch in sein Heimatland
Serbien flüchten können, wo er, wenn auch nicht zwangsläufig vor Strafe, so doch
vor einer Auslieferung an die Schweiz geschützt gewesen wäre. Nachdem der
Beschuldigte nur gerade seine Kindheit und Jugendzeit in Serbien verbracht hatte
und nunmehr seit 37 Jahren in der Schweiz lebte, und nachdem auch die meisten
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seiner Kinder hier ansässig waren, kam eine solche Flucht für ihn jedoch offenbar
nicht in Frage. Dennoch hat der Umstand, dass sich der Beschuldigte gestellt hat,
zu einer ernsthaften Erleichterung des Verfahrens geführt, was leicht strafmin-
dernd zu veranschlagen ist. Weiter ist von Belang, dass der Umstand, dass sich
der Beschuldigte der schweizerischen Justiz stellte, in keiner Weise auf echter
Reue und Einsicht über das begangene Unrecht basierte. Davon zeugen die Aus-
sagen des Beschuldigten in der Untersuchung. So führte er beispielsweise in der
Einvernahme vom 16. März 2011 – mehr als drei Monate nach der Tat – auf die
Frage, ob das heisse, dass er auch heute finde, dass er damals den richtigen
Entscheid getroffen und dementsprechend richtig gehandelt habe, aus, ja, es ha-
be keine andere Lösung gegeben (HD Urk. 2.5 S. 17). Vor diesem Hintergrund ist
eine ernsthafte Einsicht oder Reue nicht zu erkennen, auch wenn er anlässlich
der heutigen Berufungsverhandlung beteuerte, es tue ihm heute sehr leid (Prot. II
S. 23). Vielmehr erweist sich der Beschuldigte als Überzeugungstäter.
Entgegen der Ansicht der Verteidigung (HD Urk. 72 S. 17) ist keine beson-
dere Strafempfindlichkeit auszumachen. Die Verbüssung einer langjährigen Frei-
heitsstrafe ist für jeden in ein soziales Umfeld eingebetteten Beschuldigten mit ei-
ner gewissen Härte verbunden. Als (strafmindernde) Strafzumessungsfaktoren
fallen die Strafempfindlichkeit und Strafempfänglichkeit nur in Betracht, wenn Ab-
weichungen vom Grundsatz einer einheitlichen Leidempfindlichkeit geboten sind
(Urteil des Bundesgerichts vom 26. März 1996, 6S.703/1995). Dies ist in casu
nicht der Fall; es liegen keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen, keine beson-
deren familiären oder beruflichen Verhältnisse und kein hohes Alter vor (vgl. Urteil
des Bundesgerichts vom 17. April 2007, 6B_14/2007 Erw. 6.4, wonach 59 Jahre
noch kein hohes Alter sind). Damit sind keine besonderen Auswirkungen auf das
Leben des heute 58-jährigen Beschuldigten auszumachen, welche über das ge-
wöhnliche, mit dem Vollzug einer Sanktion zusammenhängende Mass hinausge-
hen würden.
Minimal zugunsten des Beschuldigten wirkt die gute Führung im Strafvollzug
(HD Urk. 73/1). Es ist aber an dieser Stelle anzumerken, dass dies der Normalfall
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sein sollte, weshalb diese Tatsache lediglich in sehr geringem Ausmass strafmin-
dernd zu veranschlagen ist.
Andere strafreduzierende Umstände auf der Täterseite, die ins Gewicht fal-
len würden, sind nicht ersichtlich.
Würdigt man die Täterkomponente und stellt die Strafminderungs- den
Straferhöhungsgründen gegenüber, überwiegt die deutlich straferhöhend zu ver-
anschlagende Vorstrafe gegenüber den bloss leicht bzw. sehr leicht strafmindernd
wirkenden Faktoren (Teilgeständnis, Sich-Stellen, tadellose Führung im Strafvoll-
zug).
3. Gesamtwürdigung
Aufgrund der soeben vorgenommenen Würdigung der gesamten Täterkom-
ponente wäre die hypothetische Einsatzstrafe von 20 Jahren Freiheitsstrafe (noch
weiter) zu erhöhen. Dies ist jedoch nicht möglich, da es sich bei einer Freiheits-
strafe von 20 Jahren um die längste vom Gesetzgeber zur Verfügung gestellte
Zeitstrafe handelt (Art. 40 StGB). Es stellt sich daher die Frage, ob die Vorstrafe
die strafmindernden Umstände in so beachtlichem Umfang überwiegt, dass es
sich rechtfertigt, auf eine lebenslängliche Freiheitsstrafe zu erkennen.
Bei der lebenslänglichen Freiheitsstrafe handelt es sich um die härteste dem
schweizerischen Strafrecht bekannte Strafe, und sie dauert in der Regel, wie es
der Begriff bestimmt, bis zum Ableben des Inhaftierten (Botschaft 1998, 53); aller-
dings ist eine bedingte Entlassung durch die zuständige Behörde (grundsätzlich)
nach frühestens 15 Jahren Freiheitsentzug möglich (Art. 86 Abs. 5 StGB). Die
Staatsanwaltschaft hält dafür, dass, wenn man alle tat- und täterbezogenen Straf-
zumessungsgründe auf die Waagschale lege, kein vernünftiger Zweifel bestehen
könne, dass für den heute zu beurteilenden scheusslichen Mord nur eine lebens-
längliche Freiheitsstrafe angemessen sei. Dass auch noch schwerere Mordtaten
denkbar seien, sei ebenfalls kein Argument gegen die lebenslängliche Freiheits-
strafe. Immer, selbst für die scheusslichsten Mordtaten, sei noch ein schwereres
Verschulden denkbar. Dieser Mord sei eine der schlimmsten Mordtaten der jünge-
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ren Vergangenheit, für welche nur die lebenslängliche Freiheitsstrafe angemes-
sen sei; derartige Mordtaten dürften nicht mit zeitigen Freiheitsstrafen bagatelli-
siert werden (HD Urk. 74 S. 13 f.).
Beizupflichten ist der Anklagebehörde dahingehend, dass immer noch ein
schwereres Verschulden denkbar ist. Allerdings erscheint vorliegend eine hypo-
thetische Einsatzstrafe von 20 Jahren Freiheitsstrafe tat- und verschuldensange-
messen, was auch die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer anlässlich der Beru-
fungsverhandlung unter anderem (neben einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe)
für angebracht erachtet (vgl. HD Urk. 74 S. 12). Es müsste also unter Einbezug
aller relevanten Strafzumessungsgründe, das heisst sowohl unter Berücksichti-
gung der Tat- als auch der Täterkomponente, eine Bestrafung mit einer Freiheits-
strafe von klar mehr als 20 Jahren Freiheitsstrafe resultieren. Dies ist nicht der
Fall. Obwohl die straferhöhend zu berücksichtigende Vorstrafe die strafmindern-
den Aspekte (Teilgeständnis, Sich-Stellen, tadellose Führung im Strafvollzug) in
einer Gesamtbetrachtung überwiegt, vermögen diese Umstände die Ansetzung
einer Freiheitsstrafe von deutlich mehr als 20 Jahren, was einer lebenslänglichen
Freiheitsstrafe entsprechen würde, nicht zu rechtfertigen. Daher hat es bei der
höchst möglichen Zeitstrafe von 20 Jahren Freiheitsstrafe zu bleiben.
4. Sozialhilfebetrug
Vorliegend ist weiter zu beachten, dass zusätzlich ein Sozialhilfebetrug im
immerhin, wenn auch unteren fünfstelligen Deliktsbetrag zu sanktionieren ist. Auf
lebenslängliche Freiheitsstrafe darf auf dem Weg der Asperation gemäss Art. 49
Abs. 1 StGB nur erkannt werden, wenn zumindest eine der zusammentreffenden
Strafen bereits auf dieses Strafmass lautet (BGE 132 IV 102 Erw. 9.1). Da vorlie-
gend für den Mord eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren ausgefällt wird, hat es mit
der Freiheitsstrafe von 20 Jahren auch unter Berücksichtigung des zusätzlich
durch den Beschuldigten verwirkten Betrugs sein Bewenden.
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5. Anrechnung der Haft
Die vom Beschuldigten bisher ausgestandene Haft und der vorzeitige Straf-
vollzug von insgesamt 890 Tagen sind an die ausgefällte Strafe anzurechnen
(Art. 51 StGB).
III. Kostenfolge
Der Beschuldigte erreichte im Rahmen des Berufungsverfahrens eine Re-
duktion der von der Vorinstanz ausgefällten lebenslänglichen Freiheitsstrafe auf
eine Zeitstrafe von 20 Jahren Freiheitsstrafe. Gemäss Art. 428 Abs. 2 lit. b StPO
können einer Partei, die einen für sie günstigeren Entscheid erwirkt hat, Verfah-
renskosten auferlegt werden, wenn der angefochtene Entscheid nur unwesentlich
abgeändert wird. Eine Kostenauflage kommt nach dem Sinn dieser Bestimmung
primär dann in Frage, wenn die Rechtsmittelinstanz von dem den Gerichten zu-
stehenden Ermessen anders Gebrauch macht, also beispielsweise die Dauer ei-
ner Sanktion geringfügig herabsetzt (SCHMID, StPO Praxiskommentar, Zürich/
St. Gallen 2009, N 10 zu Art. 428). Beim vorliegenden Entscheid handelt es sich
um einen reinen Ermessensentscheid. In Anwendung von Art. 428 Abs. 2 lit. b
StPO erscheint es trotz der Reduktion der Freiheitsstrafe als gerechtfertigt, die
Kosten dem Beschuldigten aufzuerlegen. Da er eine sehr lange Freiheitsstrafe
abzusitzen hat, ist ihm diese Schuld jedoch zu erlassen (Art. 425 StPO). Die Kos-
ten der amtlichen Verteidigung in zweiter Instanz sind sodann auf die Gerichts-
kasse zu nehmen.