Decision ID: a4ac542f-9397-482d-b051-7beea6bee26f
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ X.Y. (geb. 1982) reiste am 22. August 2012 illegal in die Schweiz ein. Er gab an, aus
Tunesien zu stammen, und ersuchte um Asyl. Für die Dauer des Asylverfahrens wurde
er dem Kanton St. Gallen zugewiesen. Da er mehrfach untertauchte, schrieb das
Bundesamt für Migration sein Asylgesuch am 20. Februar 2013 ab. Der Beschluss
wurde ihm am 8. April 2013 eröffnet.
B./ Vom 13. April bis 14. Mai 2013 verbüsste X.Y. im Kanton St. Gallen zwei
Ersatzfreiheitsstrafen von zusammen 31 Tagen. Das Migrationsamt ersuchte das
Bundesamt für Migration am 16. April 2013 um Unterstützung beim Vollzug der
Wegweisung, die sie am 3. Mai 2013 verfügte. Die Verfügung wurde X.Y. am 13. Mai
2013 zusammen mit dem Haftbefehl für Ausschaffungshaft eröffnet. Gleichentags
ersuchte das Bundesamt die tunesische Botschaft in Bern um einen Laissez-passer für
X.Y. Am 16. Mai 2013 wurde der Haftbefehl richterlich bestätigt und die
Ausschaffungshaft bis 14. August 2013 genehmigt.
Am 17. Mai 2013 orientierte das Migrationsamt das Bundesamt über die Inhaftierung
und ersuchte darum, alles Notwendige für die Papierbeschaffung zu unternehmen und
über die getroffenen Massnahmen zu informieren. In den Befragungen durch das
Migrationsamt vom 20. Juni und 25. Juli 2013 äusserte X.Y., er werde weder
Reisepapiere beschaffen noch in seine Heimat zurückzukehren. Am 20. Juni 2013
bestritt er – wie bereits am 26. April 2013, als er behauptete, aus dem Irak zu stammen
– seine tunesische Staatsangehörigkeit. Am 25. Juli 2013 bezeichnete er
demgegenüber die Angabe, aus Tunesien zu stammen, als korrekt. Das Migrationsamt
erkundigte sich am 16. Juli 2013 beim Bundesamt nach dem Stand der
Papierbeschaffung. Das Bundesamt teilte am 2. August 2013 mit, die Bearbeitung der
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Anträge durch die tunesischen Behörden dauere normalerweise vier bis sechs Monate.
Da die Fälle in Tunis überprüft würden, bringe eine Mahnung der tunesischen Botschaft
nichts.
Dem Gesuch des Migrationsamts vom 5. August 2013 entsprechend, verlängerte der
Einzelrichter der Verwaltungsrekurskommission (nachfolgend Vorinstanz) die
Ausschaffungshaft am 13. August 2013 um drei Monate, längstens bis 13. November
2013, und entzog einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung.
C./ X.Y. (nachfolgend Beschwerdeführer) erhob durch seinen Rechtsvertreter mit
Eingabe vom 28. August 2013 gegen die Verlängerung der Ausschaffungshaft
Beschwerde beim Verwaltungsgericht mit dem Rechtsbegehren, der angefochtene
Entscheid und die Anordnung der Ausschaffungshaft seien unter Kosten- und
Entschädigungsfolge, allenfalls unter Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung,
aufzuheben und der Beschwerdeführer unverzüglich aus der Haft zu entlassen. Er rügt
eine Verletzung des Beschleunigungsgebots im Wesentlichen mit der Begründung, die
schweizerischen Behörden hätten während dreier Monate die einzige geeignete und
taugliche Massnahme, nämlich die tunesische Botschaft an das Gesuch vom 16. Mai
2013 um Ausstellung eines Laissez-passer zu erinnern bzw. zu mahnen, nicht ergriffen.
Auf die weiteren Ausführungen zur Begründung des Begehrens wird, soweit

erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Das Migrationsamt (nachfolgend Beschwerdegegner) verzichtete am 30. August 2013
auf eine Vernehmlassung. Die Vorinstanz beantragte am 2. September 2013 die
Abweisung der Beschwerde. Sie erachtet es als rechtsmissbräuchlich, wenn der
Beschwerdeführer, der jegliche Mitwirkung verweigere und dadurch das Verfahren
verlängere, eine Verletzung des Beschleunigungsgebots rüge.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
1. (...).
2. Gestützt auf Art. 76 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und
Ausländer (Ausländergesetz; SR 142.20, abgekürzt AuG) kann zur Sicherstellung des
Wegweisungsvollzugs Ausschaffungshaft angeordnet werden, wenn einer der in lit. a
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und b Ziff. 1 bis 6 genannten Haftgründe besteht. Der Beschwerdeführer bestreitet die
Rechtmässigkeit der Anordnung der Ausschaffungshaft nicht. Er bringt angesichts des
Umstandes, dass bis Ende Dezember 2012 acht tunesische Staatsangehörige mit
einem Spezialflug in ihre Heimat zurückgeführt werden konnten (vgl. Bericht des
Bundesrates über Motionen und Postulate der gesetzgebenden Räte im Jahr 2012,
Auszug: Kapitel I, vom 8. März 2013, in: BBl 2013 S. 2813 ff., S. 2820 f.) zu Recht auch
nicht vor, die Haft sei gestützt auf Art. 80 Abs. 6 Ingress und lit. a AuG wegen
Undurchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs zu beenden. Er macht vielmehr
ausschliesslich geltend, die für die Ausschaffung zuständigen Behörden hätten das
Beschleunigungsgebot verletzt.
2.1. Nach Art. 76 Abs. 4 AuG sind die für den Vollzug der Weg- oder Ausweisung
notwendigen Vorkehren umgehend zu treffen. Die Behörden sind nicht gehalten, in
jedem Fall schematisch bestimmte Handlungen vorzunehmen. Umgekehrt müssen die
Vorkehrungen zielgerichtet sein; sie haben darauf ausgelegt zu sein, die Ausschaffung
voranzubringen. Das Beschleunigungsgebot gilt als verletzt, wenn während mehr als
zwei Monaten keinerlei Vorkehren mehr im Hinblick auf die Ausschaffung getroffen
wurden (Untätigkeit der Behörden), ohne dass die Verzögerung in erster Linie auf das
Verhalten ausländischer Behörden oder des Betroffenen selber zurückgeht. Die Frist
von zwei Monaten ist nicht als Freibrief dafür zu verstehen, dass nach Anordnung der
Ausschaffungshaft nichts getan werden müsste oder auf die erfolgversprechendsten
Vorkehrungen verzichtet werden könnte (vgl. BGer 2C_598/2013 vom 22. Juli 2013 E.
2.1).
Bei der Wahl ihres Vorgehens muss den Vollzugsbehörden ein gewisser Spielraum
zugestanden werden. Dies gilt insbesondere hinsichtlich der Kontaktaufnahme zu
ausländischen Stellen; die dabei zu beachtenden Gepflogenheiten sind ihnen am
besten bekannt. Die Tatsache, dass die ausländischen Behörden sich oft mit einer
Antwort Zeit lassen, gebietet, innert nützlicher Frist an sie zu gelangen, da sonst viel
Zeit ungenutzt verstreicht und das Risiko steigt, dass der Betroffene innerhalb der
maximal zulässigen Haftdauer nicht ausgeschafft werden kann. Der Kontakt mit ihnen
ist anschliessend im Rahmen vertretbarer Fristen aufrecht zu erhalten. Im Interesse
einer andauernden erspriesslichen Zusammenarbeit mit dem jeweiligen
Botschaftspersonal soll und darf bei Rückfragen eine gewisse Zurückhaltung geübt
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werden; gerade in dieser Hinsicht kommt der Einschätzung der Vollzugsbehörden
erhebliches Gewicht zu (vgl. BGer 2A.715/2004 vom 23. Dezember 2004 E. 2.3.1 mit
Hinweisen, 2A.502/2002 vom 23. Oktober 2002 E. 2.1, 2A.115/2001 vom 19. März
2002 E. 3d).
Art. 5 Ziff. 1 Ingress und lit. f der Europäischen Konvention zum Schutz der
Menschenrechte und Grundfreiheiten (SR 0.101) lässt bei Personen, gegen die ein
Ausweisungsverfahren im Gange ist, einen rechtmässigen Freiheitsentzug auf die
gesetzlich vorgeschriebene Weise zu. In diesem Rahmen verlangt die
Ausschaffungshaft ein ernsthaft und mit Nachdruck vorangetriebenes hängiges
Wegweisungsverfahren (vgl. BGer 2C_598/2013 vom 22. Juli 2013 E. 2.3). Haben die
schweizerischen Behörden das Beschleunigungsgebot verletzt, ist das Verfahren nicht
mehr "schwebend" im Sinn dieser Bestimmung (vgl. BGE 124 II 49 E. 3a).
2.2. Seit der Einreichung des Gesuchs um Ausstellung eines Laissez-passer am 13.
Mai 2013 und damit seit mehr als vier Monaten ist kein Kontakt der schweizerischen
Behörden zur tunesischen Botschaft mehr aktenkundig. Mit Blick auf die
bundesgerichtliche Rechtsprechung und die nachvollziehbare Begründung durch das
zuständige Bundesamt entspricht der Verzicht auf eine Nachfrage bei der tunesischen
Botschaft den diplomatischen Gepflogenheiten. Die Verzögerung ist deshalb nicht den
schweizerischen Behörden anzulasten. Unter diesen Umständen kann auch offen
bleiben, ob die Befragungen des Beschwerdeführers durch den Beschwerdegegner am
20. Juni und 25. Juli 2013 geeignet waren, als Vorkehren im Sinn von Art. 76 Abs. 4
AuG zu gelten.
Der Beschwerdeführer bringt zu Recht nicht vor, die schweizerischen Behörden seien
gehalten gewesen, andere Massnahmen zur Beschleunigung des Vollzugs der
Wegweisung zu ergreifen. Der Bundesrat und der tunesische Aussenminister haben am
11. Juni 2012 ein Memorandum of Understanding zum Aufbau einer
Migrationspartnerschaft unterzeichnet, das Fragen im Zusammenhang mit der
Rückübernahme und der Reintegration regelt (www.bfm.admin.ch, Themen/
Internationale Zusammenarbeit/Migrationspartnerschaften). Angesichts dieser
Zusammenarbeit bestand kein Anlass, über die schweizerischen Vertretungen in
Tunesien eigene Abklärungen zur Verifikation der Identität des Beschwerdeführers zu
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treffen, welche zudem die Überprüfung der Angaben durch die tunesischen Behörden
nicht ersetzen könnten. Schliesslich steht auch nicht der Vollzug der Wegweisung in
ein anderes Land in Frage, zumal der Beschwerdeführer seine tunesische Herkunft nie
ernsthaft bestritten hat. Aus dem Irak zu stammen, behauptete er einzig in einer
Befragung am 26. April 2013, mithin nachdem die Papierbeschaffung in die Wege
geleitet und er im Hinblick auf den Vollzug der Wegweisung in Ausschaffungshaft
genommen werden sollte. In der Befragung vom 25. Juli 2013 erklärte er wieder
ausdrücklich, seine Angaben zur tunesischen Herkunft und Identität seien korrekt.
2.3. Im übrigen lässt sich den schweizerischen Behörden auch für die Zeit bis zur
Einreichung des Gesuchs um Ausstellung eines Laissez-passer bei der tunesischen
Botschaft am 13. Mai 2013 keine Verletzung des Beschleunigungsgebots vorwerfen.
Der Beschwerdeführer, dessen Aufenthaltsort in der Schweiz den Behörden seit seiner
illegalen Einreise am 22. August 2012 nur zeitweilig bekannt war, befand sich ab 13.
April 2013 im Strafvollzug. Der Beschwerdegegner hat bereits am 16. April 2013 die
zuständige Bundesbehörde um Unterstützung beim Wegweisungsvollzug ersucht.
Damit unterscheidet sich der Sachverhalt wesentlich von dem vom Bundesgericht im
Urteil 2C_589/2013 vom 22. Juli 2013 beurteilten, wo sich der Betroffene im Zeitpunkt
der Einreichung des Gesuchs um Vollzugsunterstützung bereits seit rund einem Monat
in Ausschaffungshaft befunden hatte. Der Beschwerdegegner hat zudem der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung Rechnung getragen, wonach die Pflicht,
Vorbereitungen für den Vollzug der Wegweisung zu treffen, nicht erst mit der
Anordnung der fremdenpolizeilichen Haft beginnt, sondern die Abklärungen mit Blick
auf die Ausschaffung bei klarer fremdenpolizeilicher Ausgangslage bereits eingeleitet
werden müssen, wenn sich der Betroffene noch in Untersuchungshaft oder im
Strafvollzug befindet (vgl. BGE 130 II 488 E. 4.1, 124 II 49 E. 3a).
Am 13. Mai 2013 wurde dem Beschwerdeführer die Wegweisungsverfügung eröffnet
und gleichentags die tunesische Botschaft in der Schweiz um Ausstellung eines
Laissez-passer ersucht. Dass der Beschwerdegegner mit der Eröffnung der
Wegweisung bis zum Abschluss des am 13. April 2013 angetretenen Strafvollzugs
zuwartete, ist angesichts der zahlreichen Straftaten, welche der Beschwerdeführer in
verschiedenen Kantonen beging und der damit verbundenen Unklarheit, ob allenfalls
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weitere Freiheitsstrafen zu vollziehen waren, nicht zu beanstanden. Das Gesuch um
Ausstellung eines Laissez-passer an die tunesische Botschaft setzte voraus, dass der
Beschwerdeführer über kein Anwesenheitsrecht in der Schweiz mehr verfügte. Dies
wurde mit der am 13. Mai 2013 eröffneten Wegweisung festgestellt. Dass die
schweizerischen Behörden mit der Einreichung des Gesuchs bei der tunesischen
Botschaft zuwarteten, ist zudem auf dem Hintergrund der an den Beschwerdeführer
am 26. April 2013 ergangenen Aufforderung, sich selbständig um Reisepapiere zu
bemühen, nachvollziehbar (vgl. dazu auch BGer 2A.115/2002 vom 19. März 2002).
2.4. Zusammenfassend erweist sich der Vorwurf der Verletzung des
Beschleunigungsgebots durch die schweizerischen Behörden als offensichtlich
unbegründet. Die Beschwerde ist dementsprechend abzuweisen.
3. Auf die Erhebung amtlicher Kosten ist zu verzichten (Art. 97 VRP). Die Genehmigung
des Gesuchs des Beschwerdegegners um eine weitere Inhaftierung wird zu einer
Verlängerung der bisherigen Haftdauer von drei Monaten um - längstens - drei Monate
führen. Im Verfahren der Anordnung der Ausschaffungshaft war der Beschwerdeführer
nicht anwaltlich vertreten. Er verfügt bestenfalls über rudimentäre Deutschkenntnisse,
ist rechtsunkundig und – soweit ersichtlich – mittellos. Dementsprechend ist dem
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung trotz
Aussichtslosigkeit der Beschwerde zu entsprechen (vgl. BGE 134 I 92 E. 3.2.2 und
3.2.3; BGer 2C_598/2013 vom 22. Juli 2013 E. 3.3.1) und der Rechtsvertreter mit 800
Franken (inklusive Barauslagen, zuzüglich Mehrwertsteuer) ausseramtlich zu
entschädigen.
Demnach hat das Verwaltungsgericht