Decision ID: b70cc906-27fd-4642-a12f-22d5483b881b
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1971, war am 4. Oktober 2014 an einem Raufhan
del beteiligt,
anlässlich
welchem er
mit einer Eisenstange am Kopf getroffen wurde und
sich ein
leichtes
Schädel-Hirntrauma
,
e
ine
Rissquetschwunde a
m Kopf frontal
sowie eine
Contusio
am rechten Knie und am
V.
linken Finger
(vgl.
Urk. 7/17/4 = Urk. 13/7) zuzog
. Er sowie die Mitbeteiligten wurden mit
in Rechts
kraft erwachsenem (vgl. Urk. 7/20/15)
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft See / Oberland vom 5. Oktober 2014 unter anderem des Raufhandels im Sinne von Art. 133 Abs. 1 des Schweizerischen Strafgesetzbuches (StGB) schuldig gespro
chen
(Urk. 7/20/14).
1.2
Am 7. September 2016 stellte der Geschädigte bei der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich ein Gesuch um Ausrichtung
von
Entschädigung und Genugtuung für die Folgen der Straftat vom 4. Oktober 2014 (Urk. 7/1 und Urk. 7/1/1). Mit (unbegründeter) Verfügung vom 18. Juli 2017
(Urk. 7/37)
wies
die Kantonale Opferhilfestelle das Gesuch um Ausrichtung eines Vorschusses auf Entschädigung für Erwerbsausfall im Betrag von Fr. 25'000.
ab
(Ziff. II)
, sprach
dem Geschädigten
eine Entschädigung für Erwerbsausfall im Betrag von Fr. 43'635.
(Ziff. III)
sowie eine Genugtuung von Fr. 3'000.
(Urk. IV)
zu und wies das Gesuch um Übernahme der Anwaltskosten ab (
Ziff. V
). Am 24. Juli 2017 verlangte der Geschädigte eine Begründung der Verfügung (Urk. 7/39), worauf die Kantonale Opferhilfestelle eine begründete Verfügung erliess (Urk. 7/40 = Urk. 2).
2.
Gegen die Verfügung vom 18. Juli 2017 (Urk. 2) erhob der Geschädigte am 12. Sep
tember 2017
Beschwerde
mit folgendem Rechtsbegehren (Urk. 1 S. 2):
«
1.
Es sei Ziff. III der angefochtenen Verfügung aufzuheben und die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerdeführer Opfer
hilfeleistungen, namentlich Erwerbsausfallentschädigung, auch über den 30. April 2017 hinaus zu gewähren.
2.
Es sei Ziff. IV der angefochtenen Verfügung aufzuheben und die Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerdeführer eine den Betrag von Fr. 3'000.
übersteigende Genugtuung auszu
rich
ten.
3.
Eventualiter seien die Ziffern I bis IV der angefochtenen Ver
fü
gung aufzuheben und die Beschwerdegegnerin anzuweisen, das Verfahren bis auf Weiteres zu sistieren.
4.
Es sei Ziffer V der angefochtenen Verfügung aufzuheben und die Beschwerdegegnerin anzuweisen, dem Beschwerdeführer für die anwaltliche Vertretung, insbesondere im nicht streitigen sozialver
sicherungsrechtlichen Verfahren, Kostengutsprache zu erteilen.
Unter Kosten- und Entschädigungsfolge zul
asten der Beschwerde
gegnerin.».
Mit Beschwerdeantwort vom 26. Februar 2017 schloss die Kantonale Opferhilfe
stelle auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 6)
. Diese
wurde dem Beschwerdeführer
am 3. Oktober 2017
zugestellt und es wurde
antragsgemäss (vgl. Urk. 1 S. 3) Rechtsanwalt Martin Hablützel
, Zürich,
als unentgeltlicher Rechtsvertreter für das vorliegende Verfahren bestellt (Urk. 8).
Auf Aufforderung des Gerichts vom
29. Januar 2019
hin (Urk. 10) reichte die Suva am 4. Februar 2019 die aktualisierten Unfallakten (Urk. 13/1-359) ein (Urk. 12).
3.
Mit Urteil des heutigen Datums wurde das unfallversicherungsrechtliche
Verfahren betreffend den Beschwerdeführer entschieden (Prozess Nr. UV.2019.00035).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Hilfe nach dem
Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftaten (
OHG
)
erhält jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, sexuellen oder psychi
schen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist (Opfer), und zwar unab
hängig davon, ob der Täter oder die Täterin ermittelt worden ist, ob sie vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt oder ob sie sich schuldhaft verhalten haben (
Art.
1
Abs.
1 und 3 OHG). Dem Opfer werden gemäss
Art.
1
Abs.
2 OHG dessen Ehegatte oder Ehegattin, dessen Kinder und Eltern sowie andere Personen, die ihm in ähnlicher Weise
nahestehen
(Angehörige), gleichgestellt.
1.2
Die Beratungsstellen leisten dem Opfer und seinen Angehörigen nebst Soforthilfe soweit nötig zusätzliche Hilfe, bis sich der gesundheitliche Zustand der betroffe
nen Person stabilisiert hat und bis die übrigen Folgen der Straftat möglichst beseitigt oder ausgeglichen sind (längerfristige Hilfe)
,
und unterstützen sie bei der Wahrnehmung ihrer Rechte (Art. 12 Abs. 1 OHG). Gemäss Art. 14 Abs. 1 Satz 1 OHG umfasst die
Opferhilfe unter anderem die angemessene juristische Hilfe in der Schweiz, die als Folge der Straftat notwendig geworden ist.
1.3
Nach Art. 19 Abs. 1 OHG haben das Opfer und seine Angehörigen Anspruch auf eine Entschädigung für den erlittenen Schaden infolge Beeinträchtigung oder Tod des Opfers.
Der Schaden wird nach Art. 45 (Schadenersatz bei Tötung) und Art. 46 (Schadenersatz bei Körperverletzung) des Obligationenrechts (OR) festgelegt. Vor
behalten bleiben Abs
.
3 und 4 (Art. 19 Abs. 2 OHG).
1.
4
Das Opfer und seine Angehörigen haben Anspruch auf eine Genugtuung, wenn die Schwere der Beeinträchtigung es rechtfertigt; Art. 47 und 49 OR sind sinnge
mäss anwendbar (Art. 22 OHG).
1.
5
Die Entschädigung und die Genugtuung des Opfers können herabgesetzt oder ausgeschlossen werden, wenn das Opfer zur Entstehung oder zur Verschlimme
rung der Beeinträchtigung beigetragen hat (
Art.
27
Abs.
1 OHG). Dasselbe gilt für die Entschädigung und die Genugtuung der Angehörigen, wenn diese oder das Opfer zur Entstehung oder zur Verschlimmerung der Beeinträchtigung beigetra
gen haben (
Art.
27
Abs.
2 OHG).
Gemäss dem Wortlaut von Art.
27 OHG kann jedes, somit selbst leichtes Mitver
schulden des Opfers einen Herabsetzungsgrund bilden. Diese Regelung entspricht grundsätzlich derjenigen des Haftpflichtrechts (vgl. Art.
44
OR
; Charlotte
Schoder
, Opferhilfeleistungen im Lichte des revidierten Bundesgesetzes über die Hilfe an Opfer von Straftaten vom 2
3.
März 2007, in: AJP 2008 S.
1483
1497, S.
1495), weshalb bei der Prüfung der Massgeblichkeit des Verhaltens des Opfers im Sinne von Art.
27 Abs.
1 OHG die Rechtsprechung zum Selbstverschulden im zivilen Haftpflichtrecht zu berücksichtigen ist (Peter
Gomm
, in: Peter
Gomm
/Dominik
Zehntner
, Hrsg., Opferhilfegesetz,
3.
Aufl., Bern 2009, Art.
27 OHG N
4).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin ging in der angefochtenen Verfügung (Urk. 2) davon aus, der adäquate Kausalzusammenhang zwischen der Straftat und
dem Erwerbs
ausfall sei längsten
s
bis Ende April 2017 gegeben gewesen (Ziff. 2.5) und ermittelte für diese Periode einen Erwerbsschaden von Fr. 87'270.15 (Ziff. 2.6), welchen sie zufolge Mitverschuldens
des Beschwerdeführers
auf die Hälfte und somit auf (gerundet) Fr. 43'635.
kürzte (E. 2.7-2.8). Unter Berücksichtigung sämtlicher Umstände und
nach einem Vergleich mit ähnlich gelagerten Fällen aus der Praxis erachtete sie eine Genugtuung im Betrag von Fr. 6'000.
als ange
messen (E. 3.3), welchen Betrag sie zufolge Mitverschuldens auf die Hälfte, mithin auf Fr. 3'000.
,
reduzierte (E. 3.4). Eine anwaltliche Vertretung im nichtstreitigen sozialversicherungsrechtlichen Verfahren erachtete sie als nicht notwendig (E. 4.3).
2.2
Dagegen wandte der Beschwerdeführer ein (Urk. 1), sowohl die Kniebeschwerden als auch die kognitiven und neurologischen Beeinträchtigungen seien auf das Ereignis vom 4. Oktober 2014 zurückzuführen (Ziff. 16). Bezüglich der Kniebe
schwerden sei der Fallabschluss zu früh erfolgt (Ziff. 20) und bezüglich des
Schä
del-Hirntrauma
s sei der adäquate Kausalzusammenhang weiterhin zu bejahen (Ziff. 28). Er befinde sich weiterhin im sozialversicherungsrechtlichen Verfahren mit der Unfallversicherung, welches derzeit nicht streitig sei, weshalb kein Gesuch um unentgeltlichen Rechtsbeistand gestellt werden könne. Jedoch bedürfe er der Beratung bezüglich des weiteren Verfahrensverlaufs und möglicher Leistungsan
sprüche (Ziff. 33).
2.3
Streitig und
zu prüfen sind die Ansprüche des Beschwerdeführers auf
eine
Ent
schädigung
über den 3
0
. April 2017 hinaus
,
eine höhere
Genugtuung sowie auf einen Kostenbeitrag an die anwaltliche Vertretung.
3.
3.1
Die erstbehandelnden Ärzte der
Y._
am
Z._
diagnostizierten im Bericht vom 6. Oktober 2014 (
Urk. 7/17/4 = Urk. 13
/7) ein leichtes
Schädel-Hirntrauma
(
SHT
), eine
Contusio
Knie rechts, eine
Contusio
Finger V links sowie eine Rissquetschwunde am Kopf frontal, versorgt mittel primärem Verschluss mit
Einknopfnaht
. Fremdanamnestisch habe weder eine Bewusstlosigkeit noch ein Krampfgeschehen vorgelegen (S. 1). Das
Computer
tomogramm
(CT) des Schädels zeige keine intrakraniellen
Traumafol
gen
, keine Blutungen und keine Frakturen (vgl. auch Urk.
13
/30). Das Röntgen des rechten Knies und des V. Finger links habe keinen Hinweis auf frische
ossäre
Läsionen oder Fehlstellungen ergeben. Das neurochirurgische Konsilium habe keine Auffälligkeiten gezeigt. Bei der Visite sei der Beschwerdeführer neurolo
gisch unauffällig gewesen, es hätten weder Schwindel, Übelkeit, Erbrechen noch eine Sehstörung vorgelegen (S. 2).
3.2
Die von der Hausärztin (vgl. E. 3.
4
) in Auftrag gegebene Magnetresonanz-Tomo
graphie (MRI) des Schädels transversal, koronar und sagittal vom 4. Oktober 2014 war gemäss Bericht von
Dr.
med.
A._
, Facharzt für Radiologie,
B._
, vom 24. Oktober
2014 (
Urk. 7/17/3 =
Urk.
13
/6) unauf
fällig und ergab keinen Nachweis einer traumatischen Läsion.
3.3
Dr.
med.
C._
, Leitender Arzt, und
Dr.
med. D._
, Assistenzärztin, diagnostizierten im Bericht des
E._
am
Z._
vom 9. Februar 2015 (
Urk. 7/17/13 =
Urk.
13
/42) Folgendes (S. 1):
-
Verdacht auf
Canalolithiasis
des linken
posterioren
Bogengangs
-
anamnestisch: rezidivierende, sekundenlang anhaltende, bewegungs
abhängige Drehschwindelattacken, begleitet von Übelkeit
-
klinisch: bei Dix-
Hallpike
nach rechts Angabe von starkem Schwindel. Die Augen würden zugekniffen, Nystagmus daher nicht beurteilbar. Bei Dix-
Hallpike
nach links Angabe von sehr starkem Schwindel (links > rechts), es zeige sich ein
rotatorischer
geotroper Nystagmus. Beim Auf
richten erneut Angabe von starkem Schwindel.
-
ätiologisch: am ehesten bei Status nach leichtem SHT am 4. Oktober 2014
-
MRI vom 24. Oktober 2014 (
B._
): eigenanam
nestisch unauffälliger Befund
-
leichtes
postcommotionelles
Syndrom
-
bei Status nach SHT am 4. Oktober 2014
-
anamnestisch: leichte kognitive Defizite (Konzentrationsstörung, Ver
gesslichkeit)
-
Migräne ohne Aura
Am ehesten liege eine
Canalolithiasis
des linken
posterioren
Bogengan
g
s vor. Das entsprechende
Epley
-Befreiungsmanöver sei durchgeführt worden
(S. 2)
.
3.4
Dr.
med. F._
, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, diagnosti
zierte im Bericht vom 24. Februar 2015 (
Urk. 17/10 = Urk. 13
/32) persistierende Schwindel nach SHT. Als Befunde gab sie progredienten Schwindel und progre
diente Kopfschmerzen an.
3.5
Dr.
med. G._
, Facharzt für Orthopädische Chirurgie, diagnosti
zierte im Bericht vom 6. März 2015 (
Urk. 7/17/22 =
Urk.
13
/66/2) eine Meniskus
läsion medial rechts sowie eine Ruptur des vorderen Kreuzbandes (VKB) rechts. Klinisch sei die mediale Meniskusläsion aufgefallen, das MRI ergebe die Diagnose (vgl.
auch
Urk. 7/17/25 =
Urk.
13
/72). Er habe dem Beschwerdeführer die mediale Meniskusresektion und die VKB-Plastik vorgeschlagen.
3.6
Am 11. Mai 2015 (
Urk. 7/17/16 =
Urk.
13
/49) diagnostizierten
Dr.
med.
H._
, Oberarzt, und
Dr.
D._
(E. 3.3) anstelle des Verdachts auf
Canalolithiasis
des linken
posterioren
Bogengangs einen benignen paroxysmalen Lagerungs
schwin
del (S. 1). Der Beschwerdeführer berichte, seit der letzten Konsultation sei es zu einer deutlichen
Besserung der Schwindelsymptomatik gekommen (S. 1). Auch die Konzentrationsstörungen hätten sich bereits gebessert, es fielen ihm jedoch weiterhin kognitive Defizite auf. Klinisch hätten in den Lagerungs
manövern kein Schwindel und kein Nystagmus mehr provoziert werden können (S. 2).
Als Dachdecker sollte der Beschwerdeführer erst wieder arbeiten, wenn keine Schwindelattacken mehr aufträten (S. 2).
3.7
Dr.
med.
I._
, Fachärztin für
Oto
-
Rhino
-Laryngologie (
ORL
), Suva, Arbeitsmedizin, gab am 22. Juni 2015 (
Urk. 7/17/17 =
Urk.
13
/52) folgende Beurteilung ab: Die geltend gemachten Beschwerden seien mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf das Unfallereignis vom 4. Oktober 2014 zurückzuführen (S. 1).
Gemäss Verlaufsuntersuchung des
E._
vom 9. Februar (richtig: 11. Mai) 2015
seien aus
neuro
otologischer
Sicht keine strukturellen organischen Läsionen mehr vorhanden. Aus ORL-ärztlicher Sicht sei der Beschwerdeführer zu 100 % arbeitsfähig. So lange jedoch subjektiv Schwindel bestehe, sollten Arbeiten mit Absturzgefahr (auf Gerüsten, Leitern, Podesten und Dächern) und Arbeiten, bei denen Körperteile durch rotierende Maschinenelemente erfasst werden könnten, unterbleiben. Nachdem eine Knieoperation geplant und ein
postcommotionelles
Syndrom bei Status nach
Schädel-Hirntrauma
erwähnt worden sei, empfehle sich, das Dossier zusätzlich den Kollegen der Orthopädie und Neurologie vorzulegen (S
.
2).
3.8
Mit Bericht vom 13. Juli 2015 (
Urk. 7/17/20 =
Urk.
13
/64) stellte
Dr.
F._
(E. 3.4) fest, dass der Schwindel aktuell im Vordergrund stehe. Dieser sei zwar mit Medikamenten besser, trete jedoch unverhofft auf. Bei einem Anfall drehe sich alles und der Beschwerdeführer werde schwach und müsse sich sofort hinlegen. Die Schwindelanfälle kämen sowohl beim Laufen als auch im Liegen vor.
3.9
Am 21. September 2015 wurde durch
Dr.
G._
(vgl. E. 3.
5
) eine subtotale
Meniskektomie
medial rechts sowie eine
VKB
-Plastik (
Quadrizepssehne
) rechts durchgeführt (
Urk. 7/17/31 =
Urk.
13
/88). Der postoperative Verlauf habe sich
afebril
und komplikationslos gestaltet (
Urk. 7/17/32 =
Urk.
13
/90).
3.10
Im Austrittsbericht vom 12. Oktober 2015 stellten PD
Dr.
med.
J._
, Oberärztin, und med.
pract
.
K._
,
L._
(
Urk. 7/17/54 = Urk. 13
/125), folgende Diagnosen (S. 1):
-
Migräne ohne Aura
-
aktuell
Schmerzexazerbation
-
2.10.15 MRI-Schädel: unauffällig
-
benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel
-
am ehesten bei Status nach SHT Oktober 2014, Verlaufskontrolle «Schwindel-Sprechstunde
Z._
»
-
Besserung nach
Epley
-
Schellongtest
:
bland
-
Sonographie Halsgefäss: unauffällig
-
DD im Rahmen Commotio, DD im Rahmen Migräne, DD psycho
so
ma
tisch
-
postcommotionelles
Syndrom bei Sturz am 28. September 2015
-
Status nach SHT am 4. Oktober 2014 bei Fremdgewalt
-
anamnestisch: leichte kognitive Defizite (Konzentrationsstörung, Ver
gesslichkeit)
regredient
-
Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (F43.20)
-
am ehesten nach SHT am 4. Oktober 2014 bei Fremdgewalt
-
Status nach VKB-Ruptur und Meniskuskorbhenkelriss rechts
-
Status nach Operation mit VKB-Plastik am 21. September 2015
-
Verdacht auf
Pethidinallergie
-
Status nach anaphylaktischer Reaktion Grad 1 nach intravenöser
Pethid
ingabe
Die Zuweisung sei notfallmässig aufgrund von Schwindel und Kopfschmerzen erfolgt (S. 1). In der aktuellen Episode habe sich der Beschwerdeführer aufgrund des Schwindels den Kopf im Badezimmer angeschlagen, was zu einer
Aggra
vierung
der Symptomatik geführt habe. Andere
Commotiozeichen
wie Bewusst
losigkeit, Übelkeit oder Erbrechen seien verneint worden. Aufgrund der unge
wohnt hohen Frequenz der Migräneanfälle und der Verstärkung der Schmerzen nach erneutem Trauma sei am 2. Oktober 2015 ein MRI des Schädels gemacht worden, welches unauffällig gewesen sei. Ein
Schellong
sei
bland
gewesen. Laborchemisch seien Blutzucker, TSH und Elektrolyten im Normbereich.
Im
Ruhe-EKG sei ein
normokarder
Sinsusrhytmus
ohne De- oder
Repolarisationsstörung
zu sehen. Eine Sonographie der Halsgefässe habe eine regelrechte Darstellung der Karotiden und der
Arteria
vertebralis im zervikalen Bereich beidseits gezeigt. Eine psychiatrische
Konsil
-Visite habe eine Anpassungsstörung mit längerer depressi
ver Reaktion nach
Schädel-Hirntrauma
bei Fremdgewalt ergeben. Eine stationäre oder medikamentöse Therapie sei aktuell nicht empfohlen worden, hingegen seien die Kontaktdaten der Psychiatrie zur ambulanten Betreuung abgegeben worden. Bei vermehrten Schmerzen am Knie rechts nach Sturz sei am 6. Oktober 2015 eine Röntgenuntersuchung durchgeführt worden, welche eine
ossäre
Läsion habe ausschliessen können (S.
2).
3.11
Vom 1
4.
bis 27. Oktober 2015 weilte der Beschwerdeführer in der
M._
. Im Austrittsbericht vom 12. November 2015 (
Urk. 7/17/56 =
Urk.
13
/129) wurden die
bekannten Diagnosen genannt (S. 1). Bei Eintreffen sei der Beschwerdeführer ängstlich, verunsichert und im Rollstuhl mobil gewesen. Er habe Angst gehabt, das rechte Bein zu belasten und habe immer wieder Episoden mit
Schwankschwindel
angegeben. Die
Schwankschwindelattacken
seien teil
weise so stark ausgeprägt, dass der Beschwerdeführer stocksteif im Rollstuhl oder im Bett gesessen sei und es ihm nicht möglich gewesen sei, an den Therapien teilzunehmen (S. 2).
Im weiteren Verlauf sei es zu mehreren Konfliktsituationen mit den Therapeuten und der Pflege gekommen, worauf der Beschwerdeführer die sofortige Entlassung gewünscht habe. Er habe angegeben, die diversen Medikamente gegen Schwindel und Kopfschmerzen und Schmerzen im rechten Knie täten ihm nicht gut, weshalb er eine weitere Medikamenteneinnahme verweigert habe (S. 2).
3.12
Dr.
G._
(E. 3.
5
) berichtete am 2. März 2016 (
Urk. 7/17/58 =
Urk.
13
/133/1), es sei am 29. Februar 2016 ein Verlaufs-MRI durchgeführt wor
den (vgl. auch
Urk. 7/17/59 =
Urk.
13
/133/2), welches die intakte VKB
Rekon
struktion und den Status nach
Teilmeniskektomie
medial zeige. Es sei festgehalten worden, dass der Beschwerdeführer nun in der Physiotherapie zum Muskelaufbau und zur Flexion/Extension, welche immer noch nicht vollständig vorhanden sei, selbst am meisten beitragen könne.
3.13
Dr.
phil. N._
,
O._
, konstatierte im Untersuchungsbe
richt vom 19./29. März 2016 (
Urk. 7/17/6
7
= Urk. 13
/152/2-52), es sei schwierig, aufgrund einer kurzen Untersuchung eine abschliessende Beurteilung vorzu
nehmen. Es könne nur gesagt werden, dass die neurobiologischen Funktionen im sensorischen Bereich gut funktionierten (unbewusste Wahrnehmung von Objek
ten), jedoch im bewussten Wahrnehmungsbereich/be
wusste kognitive Verarbei
tung keine elektrophysiologischen Impulse gemessen werden könnten. Ob es sich dabei um ein bewusstes oder unbewusstes mangelndes Engagement handle, könne nicht beantwortet werden (S. 3 oben).
3.14
Dr.
G._
(vgl. E. 3.
5
) berichtete am 29. Juni 2016 (
Urk. 7/17/7
0
=
Urk.
13
/163), der Beschwerdeführer leide weiterhin an Schmerzen und Muskel
schwäche. Es bestehe ein Extensionsdefizit von 15°. Die forcierte Extension schmerze. Der Beschwerdeführer sehe sich nicht arbeitsfähig.
Am 22. August 2016 (
Urk. 7/17/72 = Urk. 13
/169) berichtete
Dr.
G._
, es bestünden unveränderte Restbeschwerden am rechten Knie. Der Verlauf sei subjektiv schlecht, objektiv aber zufriedenstellend.
Am 21. November 2016 führte
Dr.
G._
ein
arthroskopisches
Narben-
Débridement
, eine
Notch
-Plastik und eine Entfernung des
Osteosynthesematerials
(
OSME
) Tibia durch (
Urk. 7/17/80-81 =
Urk.
13
/201-202).
Am 1. Februar 2017 berichtete
Dr.
G._
(
Urk. 7/17/86 =
Urk.
13
/218), nach Schraubenentfernung und Narbenlösung sei doch eigentlich ein erfreulicher Verlauf eingetreten. Das rechte Knie werde fast ganz gestreckt. Die gesamte Schmerzhaftigkeit sei deutlich besser geworden.
Am 13. April 2017 teilte
Dr.
G._
mit
(
Urk. 7/17/90 = Urk. 13
/232 S. 3), der Verlauf sei unverändert. Der Beschwerdeführer sei subjektiv nicht ganz zufrieden, objektiv sei es nach
d
er letzten Operation viel besser.
Aus orthopädi
schen Gründen wäre eine Arbeit möglich. Der schwierige Verlauf werde durch das neurologische Grundleiden bestimmt.
Am 8. Mai 2017 berichtete
Dr.
G._
(
Urk. 7/17/95 = Urk. 13
/243), der Beschwerdeführer sei vor gut 10 Tagen die Treppe heruntergefallen und könne seither das Knie nicht mehr richtig beugen.
3.15
Auf Zuweisung von
Dr.
G._
hin (vgl. Urk.
13
/259) wurde der Beschwer
deführer in der
P._
, Kniechirurgie, untersucht.
Dr.
med. Q._
, Oberarzt Orthopädie, stellte im Bericht vom 12. Juli 2017 (Urk.
13
/263) folgende Diagnose (S. 1):
-
muskuläre
Dekonditionierung
mit/bei
-
Verdacht auf
algodystrophe
Reaktion mit/bei
-
Status nach
arthroskopischer
VKB
-Rekonstruktion (mit
Quadrizeps
sehne
) und subtotaler
Teilmeniskektomie
medialseitig
im September 2015 bei VKB-Ruptur und medialer Korbhenkelläsion mit/bei
-
Status nach
arthroskopischer
Narbendébridement
,
Notch
-Plastik und
Pollerschraubenentfernung
im November 2016
Beim Beschwerdeführer finde sich aktuell eine ausgeprägte
Dekonditionierung
und Schmerzen bei «Belastungen in Ruhe des Kniegelenks» bereits bei kleinen Bewegungsausmassen, so dass letztendlich auch eine
algodystrophe
Reaktion nicht ausgeschlossen werden könne
(S. 2)
.
3.16
Dr.
med.
R._
, stellvertretender Chefarzt Rheumatologie an der
P._
, stellte im Bericht vom 22. August 2017 (Urk.
13
/267) folgende Diagnosen (S. 1):
-
chronifizierte
rechtsseitige Knieschmerzen mit Rehabilitationsdefizit
-
Atrophie
Quadrizepsmuskulatur
-
Vermeidungs- und Schonverhalten
-
Röntgen Juli 2017: beginnende mediale und
patello-femorale
Gonarthrose
-
MRI Mai 2017: im Vergleich zu August 2016 neu breitflächig
Knorpel
delamination
Trochlea
femoris
mit angrenzendem Knochen
marködem, vollständig
regredientes
Knochenmarködem medialer
Femurcondylus
, neu wenig Knochenödem
antero
-medialer
Tibiakopf
rand
-
Status nach
arthroskopischer
VKB
-Rekonstruktion (mit
Quadrizeps
sehne
) und subtotaler
Teilmeniskektomie
medialseitig
im September 2015 bei VKB-Ruptur und medialer Korbhenkelläsion mit/bei
-
Status nach
arthroskopischer
Narbendébridement
,
Notch
-Plastik und
Pollerschraubenentfernung
im November 2016
-
kognitive Verlangsamung, DD: psychiatrisch (posttraumatische Belastungs
störung), medikamentös
-
chronisches
cervicocephales
Syndrom mit Schwindel und Konzentrations
störung nach Kontusion im Sinne eines Übergriffs im Oktober 2014
Obwohl eine grosse Diskrepanz zwischen den geklagten Schmerzen respektive den funktionellen Einschränkungen und de
n
strukturellen Befunde
n
(MRI und Röntgen) bestehe, lasse sich die Diagnose eines CRPS I nicht stellen. Des Weiteren lasse sich auch kein rheumatologisches Grundleiden, insbesondere keine peri
phere Spondylarthritis
,
oder ein Infekt fassen. Eine
Schmerzchronifizierung
im Sinne einer peripheren und zentralen Sensibilisierung stehe im Vordergrund, wel
che begünstigt werden könne durch eine zu vermutende posttraumatische Belastungsstörung, den Migrationshintergrund und die nun schwierigen psycho
sozialen Verhältnisse. Ob zusätzlich ein Medikamentenübergebrauch vorliege, könne nicht beurteilt werden (S. 2 unten f.).
3.17
Vom 2
5.
bis 26. September 2017 weilte der Beschwerdeführer erneut in der
M._
. Laut Austrittsberich
t vom 29. September 2017 (Urk. 13
/288) bestehe aus somatischer Sicht und angesichts der völligen Non-Compliance keine Indikation zu einer Fortführung der stationären Rehabilitation. Nach Mitte
i
lung dieses Sachverhaltes habe der Beschwerdeführer angekündigt, sich aus dem Fenster stürzen zu wollen, wenn man ihm nicht weiterhelfe. Da die Klinik kein Setting zur Überwachung von suizidalen Patienten anbieten könne, sei die not
fallmässige Verlegung des Beschwerdeführers in die
S._
(E. 3.1
8
) zur Krisenin
tervention erfolgt. Mit objektivierbaren Unfallfolgen könne man das Verhalten des Beschwerdeführers nicht erklären (S. 3 unten).
3.18
Laut Berich
t der S._
vom 2. Oktober 2017 (Urk.
13
/294) imponierte der Beschwerdeführer mit einem grossen subjektiven Leidensdruck bei diffusen Schmerzen und veränderlichen Angaben über die belastende Symptomatik. Es bestünden hinsichtlich der All
tagsbewältigung ausgeprägte Befürchtungen. Dabei
wirke der Beschwerde
führer leicht grübelnd und ratlos. Ansonsten zeige er sich formalgedanklich kohärent und schwingungs- und absprachefähig im Kontakt. In den weiteren Gesprächen habe er sich glaubhaft von Suizidgedanken und
absichten
distanziert. Hinweise auf eine schwere depressive Episode oder eine psychotische Symptomatik lägen zurzeit nicht vor (S. 2 oben).
Im Zwischenbericht vom 20. November 2017 (Urk.
13
/298) wurde ausgeführt, der Krankheitsverlauf gestalte sich unklar und teilweise zeigten sich gegensätzliche Einschätzungen. Einerseits seien laut Bericht der
M._
keine
ossären
/
parenchymatösen
Defekte in der Bildgebung erkennbar, was zusammen mit dem teilweise als bizarr beschriebenen Verhalten und der Fluktuation der Symptomatik als Grund für die Annahme der artifiziellen Störung herangezogen werden dürfte. Andererseits seien durch die Untersuchungen des Instituts
O._
pathologische Hirnströme aufgezeigt worden, welche Einflüsse auf Planungen und Exekutivfunktionen hätten. Der Beschwerdeführer werde primär
persönlich durch Freunde und Familienangehörige als lebendig, interessiert und dynamisch beschrieben, im therapeutischen Setting imponiere er fluktuierend in Konzentration und Aufmerksamkeit, vermeidend, schreckhaft und teilweise nicht nachvollziehbar im Handeln (S. 2).
3.19
Kreisärztin
Dr.
med. T._
, Fachärztin für Chirurgie, gab im Bericht vom 3. November 2017 folgende Beurteilung ab (Urk.
13
/289): Bezüglich Schädel seien gemäss CT vom 4. Oktober 2014 und MRI vom 24. Oktober 2014 keine frischen traumatischen strukturellen Läsionen nachweisbar. In somatischer Hin
sicht sei mit überwiegender Wahrscheinlichkeit keine wesentliche Besserung des Gesundheitszustandes mehr zu erwarten. Eine Arbeitsfähigkeit als Dachdecker sollte
wiedergegeben
sein. Es seien keine Unfallfolgen nachweisbar.
3.20
Kreisarzt med.
pract
.
U._
, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, schätzte die medizinische Situation im Bericht vom 1. Dezember 2017 (Urk.
13
/301) dahingehend ein, dass aufgrund der vorliegenden Berichte und auf
grund des Verlaufs, in welchem bis zum Aufenthalt in der
M._
nie von einer psychischen Auffälligkeit, geschweige denn von einer psychischen Störung mit Krankheitswert die Rede gewesen sei, eine Teilkausalität zum Unfall
ereignis als solchem nicht mit dem Grad der überwiegenden Wahr
scheinlichkeit ausgewiesen sei. Zwar seien die Schwindelbeschwerden, gewisse subjektiv kognitive Beschwerden und anhaltende Kopfschmerzen im Bericht des
E._
vom 11. Mai 2015 einem leichten
postcommotionellen
Syndrom zugewiesen worden, allerdings ohne dass dieses näher und im Sinne eines orga
nischen Psychosyndroms
(F07.2) psychiatrisch bestätigt worden sei. Zudem sei in jener Zeit bezüglich der Schwindelsymptomatik und der Kopf
schmerzen von einer deutlichen Aufwärtsbewegung die Rede gewesen (S. 2).
3.2
1
Kreisärztin
Dr.
T._
(E. 3.
19
) ging im Bericht vom 14. Dezember 2017 (Urk. 8/308) davon aus, dass die Tätigkeit als Dachdecker nicht mehr zumutbar sei. Bei der muskulären Atrophie/
Dysbalance
sei nachvollziehbar, dass Ein
schrän
kungen bezüglich Gehen auf schrägem Untergrund und Besteigen von Leitern und Gerüsten bestünden. Eine leichte bis mittelschwere wechselbelastende Tätig
keit, ohne Zwangshaltung für das rechte Kniegelenk, mit gelegentlichem Treppensteigen, nur selten auf unebenem Gelände gehend und selten kauernd oder kniend sei ganztags möglich (S. 1 unten).
Bezüglich Integritätsentschädigung stellte sich
Dr.
T._
am 11. Januar 2018 (Urk. 8/313) auf den Standpunkt, die
Erheblichkeitsgrenze
sei nicht erreicht. Gemäss MRI vom 5. Mai 2017 bestünden leichte Knorpelveränderung
en
ohne mässige Arthrose und gemäss Bericht der
P._
vom 11. Juli 2017 seien die Kniegelenksbeweglichkeit und die Stabilität gut.
4.
4.1
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts legt der dem Unfallversicherungs- und dem Opferhilferecht gemeinsame Zweck der angemessenen kollektiven und solidarischen Unterstützung der von einem Schadensereignis betroffenen Per
so
nen nahe, im Opferhilferecht zur Beurteilung der Adäquanz eines Unfall
er
eignisses (Straftat) bei psychischen Unfallfolgen auf die differenzierte Recht
spre
chung des Bundesgerichts zurückzugreifen, welche durch die Kategorisierung der Unfälle und die Standardisierung der Adäquanzkriterien der staatlichen Leistungs
pflicht vernünftige Grenzen setzt (Urteil des Bundesgerichts 1A.230
/2008 vom 5.
Juni 2007 E.
3.4).
4.2
Zur Beurteilung der Frage, ob ein Unfallereignis bezüglich einer psychischen Gesundheitsstörung ins Gewicht fällt, ist gemäss BGE 115 V 133 E.
6 an das Unfallereignis anzuknüpfen, wobei - ausgehend vom augenfälligen Geschehens
ablauf - von einer Kategorisierung der Unfälle in leichte, mittlere und schwere Unfälle auszugehen ist. Bei leichten Unfällen kann der adäquate Kausal
zu
sammenhang zwischen Unfall und psychischen Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres verneint (BGE 115 V 133 E.
6a), bei schweren Unfällen bejaht werden (BGE 115 V 133
E.
6b). Bei Unfällen aus dem mittleren Bereich lässt sich die Frage nicht aufgrund des Unfalls allein beantworten. Weitere, objektiv erfassbare Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall in Zusammenhang stehen oder als direkte bzw. indirekte Folgen davon erscheinen, sind in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen. Als wichtigste Kriterien sind zu nennen: besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des Unfalls; die Schwere oder besondere Art der erlittenen (somatischen) Ver
letzungen, insbesondere ihre erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlent
wicklungen auszulösen; ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung; körperliche Dauerschmerzen; ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert; schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplika
tionen; Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit (BGE 115 V 133 E.
6c/
aa
).
Der Einbezug sämtlicher objektiver Kriterien in die Gesamtwürdigung ist nicht in jedem Fall erforderlich. Je nach den konkreten Umständen kann für die Beurtei
lung des adäquaten Kausalzusammenhangs neben dem Unfall ein einziges Krite
rium genügen. Dies trifft einerseits dann zu, wenn es sich um einen Unfall han
delt, welcher zu den schwereren Fällen im mittleren Bereich zu zählen ist. Andererseits kann im gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium genügen, wenn es in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist. Kommt keinem Einzelkrite
rium besonderes bzw. ausschlaggebendes Gewicht zu, so müssen mehrere unfallbezogene Kriterien herangezogen werden. Diese Würdigung des Unfalls zusam
men mit den objektiven Kriterien führt zur Bejahung oder Verneinung der A
dä
quanz (BGE 115 V 133 E.
6c/
bb
;
Urteil des Bundesgerichts
U
248/98 vom 31.
Mai 2000 E.
3-5,
publ
.
in
Pra
2001 Nr.
74 S.
430 ff.).
4.3
Eine Besonderheit gilt bezüglich Unfällen mit Schleudertrauma der Halswirbel
säule und äquivalenten Verletzungen. Zur Beurteilung des adäquaten Kausal
zu
sammenhangs zwischen einem Unfall und der infolge eines HWS-Schleuder
traumas auch nach Ablauf einer gewissen Zeit nach dem Unfall weiterbestehen
den Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeit, die nicht auf organisch nach
weisbare Funktionsausfälle zurückzuführen ist, wird zwar ebenfalls nach der Methode von BGE 115 V 133 ff. vorgegangen. Jedoch wird, im Gegensatz zu den bei psychi
schen Fehlentwicklungen relevanten Kriterien gemäss BGE 115 V 133 E.
6c/
aa
, aufgrund des komplexen, sowohl organische wie psychische Kompo
nenten auf
weisenden Beschwerdebildes des HWS-Schleudertraumas (Kopf- und Nacken
schmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnis
störungen, Übel
keit,
Visusstörungen
, Reizbarkeit, Affektlabilität,
Depression, Wesens
verände
rung) auf eine Differenzierung zwischen physischen und psychischen Kompo
nenten ver
zichtet (grundlegend BGE 117 V 359 ff.; für Schädel
-Hirntrauma BGE
117 V 369 ff.).
4.4
Nach ständiger Rechtsprechung ist die Prüfung der Adäquanz in dem Zeitpunkt vorzunehmen, in dem von der Fortsetzung der auf die somatischen Leiden gerichteten ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung des unfallbedingten Gesundheitszustandes mehr erwartet werden kann (BGE 137 V 199 E. 2.1).
Was unter einer namhaften Besserung des Gesundheitszustandes des Versicherten zu verstehen ist, umschreibt das Gesetz nicht näher. Mit Blick darauf, dass die soziale Unfallversicherung auf die erwerbstätigen Personen ausgerichtet ist, bestimmt sich dies gemäss der Rechtsprechung nach Massgabe der zu erwartenden Steige
rung oder Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit, wobei die durch weitere Heil
behandlung zu erwartende Besserung ins Gewicht fallen muss. Unbedeutende Verbesserungen genügen nicht (BGE 134 V 109 E. 4.3 mit Hinweisen).
5.
5.1
Die Beschwerdegegnerin
nahm die Adäquanzprüfung per Ende April 2017 vor und konstatierte, dass der Beschwerdeführer gemäss Bericht von
Dr.
G._
vom 13. April 2017 (E. 3.14) bezogen auf die Knieverletzung die voll
ständige Arbeitsfähigkeit
wiedererlangt
habe.
5.2
Der Beschwerdeführer erlitt anlässlich des Raufhandels unbestrittenermassen eine Knieverletzung, welche zweimal operativ versorgt werden m
usste
. Nach der zwei
ten Operation vo
m
November 2016
(E. 3.14)
-
arthroskopisches
Narben-Débride
m
ent
,
Notch
-Plastik und Entfernung des
Osteosynthesematerials
- berichtete
Dr.
G._
im Februar 2017, nach der Schraubenentfernung und Narben
lösung sei doch eigentlich ein erfreulicher Verlauf eingetreten. Das rechte Knie werde fast ganz gestreckt und die gesamte Schmerzhaftigkeit sei deutlich besser geworden. Am 13. April 2017 berichtete er, der Beschwerdeführer sei subjektiv nicht ganz zufrieden, objektiv sei es nach der letzten Operation viel besser.
Aus orthopädischen G
ründen wäre eine Arbeit möglich, der schwierige Verlauf werde durch das neurologische Grundleiden bestimmt.
In der Folge fanden keine Behandlungen mehr statt, aber auf Wunsch des Beschwerdeführers wurden weitere Untersuchungen in der
P._
vorgenommen. Der
vom Orthopäden (E. 3.15) geäusserte
Verdacht auf eine
algodystrophe
Reak
tion wurde vom Rheumatologen (E. 3.16) nicht erhärtet,
ebenso wenig konnte
dieser
ein
rheum
atologisches Grundleiden eruier
en.
Bei
eine
r
grosse
n
Diskrepanz zwischen den geklagten Schmerzen respektive den funktionellen Einschränkungen und de
n
strukturellen Befunde
n
diagnostizierte
er
chronifizierte
rechtsseitige Knieschmerzen mit Rehabilitationsdefizit.
Ange
sichts der völligen Non-Compliance bestand aus somatischer Sicht keine Indika
tion zur Fortführung der im September 2017 begonnen stationären Rehabilita
tion, weshalb diese nach zwei Tagen abgebrochen wurde (E. 3.17).
5.3
Aus den Arztberichten kann wohl geschlossen werden, dass sich die Kniefunktion mit geeigneten Rehabilitationsmassnahmen noch verbessern liesse, diese aber
an den psychogenen Einschränkungen
des
Beschwerdeführers scheitern. Damit sind die Kniebeschwerden, auch wenn in orthopädischer Hinsicht durchaus noch Ver
besserungspotential vorhanden wäre, im April 2017 keiner Verbesserung mehr zugänglich, weshalb nicht zu beanstanden ist, dass die Beschwerdegegnerin zu diesem Zeitpunkt die Beurteilung der Adäquanz vornahm.
Im Übrigen ist ang
e
sichts der nur geringen objektivierbaren Beeinträchtigungen fraglich, ob durch weitere medizinische Massnahmen eine namhafte Verbe
sse
rung der Situation eingetreten wäre, selbst wenn diese vom Beschwerdeführer toleriert worden wären.
6.
6.1
Nach der Rechtsprechung ist bei der Beurteilung der Adäquanz von organisch nicht (hinreichend) nachweisbaren Unfallfolgeschäden wie folgt zu differen
zieren: Zunächst ist abzuklären, ob die versicherte Person beim Unfall ein Schleu
der
trauma der HWS, eine dem Schleudertrauma äquivalente Verletzung oder ein Schädel-Hirntrauma erlitten hat. Ist dies nicht der Fall, gelangt die Rechtspre
chung gemäss BGE 115 V 133 E. 6c/
aa
(sogenannte Psychorecht
sprechung) zur Anwendung. Ergeben die Abklärungen indessen, dass die versicherte Person eine der soeben erwähnten Verletzungen erlitten hat, muss beurteilt werden, ob die zum typischen Beschwerdebild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträch
tigungen zwar teilweise vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten. Trifft dies zu, sind für die Adäquanzbeurteilung ebenfalls die für Unfälle mit psychischen Folgeschäden aufgestellten Grundsätze (BGE 115 V 133 E. 6c/
aa
) massgebend; andernfalls erfolgt die Beurteilung der Adäquanz gemäss den in BGE 117 V 359 E. 6a und E. 4b festgelegten Kriterien (BGE 123 V 98 E. 2a).
6.2
Eine analoge Anwendung der Schleudertrauma-Praxis rechtfertigt sich gemäss Rechtsprechung nur dann, wenn eine erlittene Hirnerschütterung mindestens im Grenzbereich zwischen einer Commotio und einer
Contusio
cerebri liegt. Leichte Hirnerschütterungen reichen hierfür nicht aus (Urteil des Bundesgerichts 8C_270/2011 E. 2.1).
In den echtzeitlichen Akten nach dem Unfall finden sich keine Hinweise für eine entsprechende Schädigung mindestens im Grenzbereich zu einer
Contusio
cerebri, konnte doch mittels bildgebender Verfahren keine posttraumatische Hirn
schädi
gung objektiviert werden. Auch klinisch imponierte der Beschwerde
führer unauf
fällig und er klagte unmittelbar nach dem Unfall lediglich über Kopf
schmerzen.
Aus den Akten ergeben sich keine Hinweise auf Übelkeit, Brechreiz oder Erbre
chen im Anschluss an den Unfall. Andere zu
m
typischen Beschwerde
bild nach Schädel-Hirntraumen gehörende Symptome, wie rasche Ermüdbarkeit, Schlafstö
rungen, vorübergehende Sprech-, Seh- und Schreibstörungen, depressive Ent
wicklung (vgl. BGE 117 V 382 E. 4b) traten nicht auf.
Die Adäquanz ist folglich
- entgegen der Ansicht der Parteien -
gemäss den in BGE
115 V 133 aufgeführten Kriterien zu prüfen.
6.3
Unbestritten ist, dass es sich beim Schadensereignis um ein Ereignis im mittel
schweren Bereich handelt. Zur Bejahung der adäquaten Kausalität wäre daher erforderlich, dass ein einzelnes unfallbezogenes Kriterium in besonders ausge
prägter Weise erfüllt ist oder dass mehrere der nach der Rechtsprechung massge
benden Kriterien gegeben sind.
6.4
Entgegen den Behauptungen des Beschwerdeführers ist weder das Kriterium eines besonders schwierigen somatischen Heilungsverlaufs noch dasjenige einer unge
wöhnlich langen Dauer der ärztlichen Behandlung somatischer Unfallfolgen gegeben. Zwar
musste der Beschwerdeführer zweimal am Knie operiert werden, der Heilverlauf gestaltete sich indessen auch deshalb als schwierig, weil sich der Beschwerdeführer den therapeutischen Massahmen wiedersetzte. Zudem wurde die Behandlung der Kniebeschwerden erst fast ein Jahr nach dem
Schadens
ereig
nis aufgenommen, da diese anfänglich in den Hintergrund getreten waren. Über
dies sind die geltend gemachten Kniebeschwerden nicht mit objektiven Befunden erklär
bar
und stellen daher kein Adäquanzkriterium dar.
Nicht gefolgt werden kann dem Beschwerdeführer darin, dass es sich beim Schadensereignis um ein besonders eindrückliches gehandelt haben soll,
ist
doch
bei diesem Kriterium
zu beachten
, dass jedem mindestens mittelschweren Unfall eine gewisse Eindrücklichkeit eigen ist, welche noch nicht für eine Bejahung des Kriteriums
ausreichen kann (vgl. Urteil
des Bundesgerichts 8C_39/2008 vom 20.
November 2008 E.
5.2). Bei de
m vom Beschwerdeführer erlittenen Schlag mit einer Eisenstange auf den Kopf
sind keine entsprechenden Umstände gegeben, welche zu einer Bejahung des Kriteriums führen
. Der Beschwerdeführer machte denn solche Umstände auch nicht
substanziiert
geltend.
6.5
Damit sind keine Zusatzkriterien erfüllt, womit der adäquate Kausal
zusammen
hang der geklagten, nicht objektivierbaren Beschwerden zur Straftat vom 4. Oktober 2014 nicht gegeben ist.
7.
Zusammenfassend hat die Beschwerdegegnerin somit zu Recht das Vorliegen eines Erwerbsschadens bis zum 30. April 2017 beschränkt.
8.
8.1
Die Beschwerdegegnerin errechnete ausgehend von einem Nettojahres
ein
kommen von Fr. 62'875.50 einen Verdienstausfall für die Zeit vom 4. Oktober 2014 bis 30. April 2017 von Fr. 161'926.
, welchem sie die gekürzten Unfalltag
gelder für diesen Zeitraum von Fr. 74'655.85 gegenüberstellte
. Sie ermittelte folg
lich
einen Erwerbsschaden von Fr.
87'270.15, welchen sie aufgrund der Beteili
gung an einer tätlichen Auseinandersetzung um 50 % auf Fr. 43'635.
kürzte (Urk. 2 Ziff. 2.6-2.8 S. 6).
8.2
Die Berechnung des Erwerbsschadens
und
dessen Kürzung um 50 % wurde
n
vom Beschwerdeführer nicht bestritten. Der Schaden ist aufgrund der Akten (vgl. Urk. 17/23/1, Urk. 7/24) ausgewiesen und die Kürzung erscheint aufgrund der Umstände, die zum Schadensereignis führten
,
als gerechtfertigt.
9.
9.1
Gestützt auf die Kasuistik und unter Berücksichtigung der Verletzungsfolgen erachtete die Beschwerdegegnerin eine Genugtuung im Betrag von Fr. 6'000.
als angemessen. Diese kürzte
sie
aufgrund des Mitverschuldens des Beschwerdeführers um 50 % auf Fr. 3'000.
(Urk. 2
Ziff.
3 S. 6 ff.).
9
.2
Der Beschwerdeführer legte nicht dar, weshalb ihm eine höhere Genugtuung zugesprochen werden sollte. Die Leistung einer Genugtuung von Fr. 3'000.
erscheint unter Berücksichtigung der gegebenen Umstände als ange
messen.
10.
Nachdem dem Beschwerdeführer sowohl im Verwaltungsverfahren mit der Unfallversicherung als auch im Gerichtsverfahren gegen die Unfallversicherung die unentgeltliche Rechtsvertretung
gewährt worden ist
(vgl. Prozess Nr. UV. 2019.00035)
, kann der Antrag auf anwaltliche Vertretung im sozialver
sicherungsrechtlichen Verfahren mit der Unfallversicherung als gegenstandslos geworden abgeschrieben werden.
11.
Der unentgeltliche Rechtsvertreter hat von der ihm eingeräumten Möglichkeit, eine Honorarnote einzureichen (vgl. Urk. 8 Ziff. 3), keinen Gebrauch gemacht,
weshalb
seine Entschädigung nach § 7 Abs. 2 in Verbindung mit § 8 der Ver
ordnung über die Gebühren, Kosten und Entschädigungen vor dem Sozial
ver
si
cherungsgericht (
GebV
SVGer) nach Ermessen festzulegen ist. Unter Berück
sich
tigung des gerichtsüblichen Stundenansatzes von Fr. 220.
(zuzüglich Mehr
wertsteuer) ist er mit Fr.
2'100.
(inklusive Barauslagen und Mehrwert
steuer) aus der Gerichtskasse zu entschädigen.