Decision ID: a2d90efb-080c-5365-a4f4-af035229165b
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine syrische Staatsangehörige arabischer Eth-
nie aus B._ (C._), suchte am 28. September 2018 in der
Schweiz um Asyl nach. Am 22. Oktober 2018 erfolgte die Befragung zur
Person (BzP) und am 20. August 2019 die vertiefte Anhörung. Dabei
machte sie im Wesentlichen geltend, ihr Vater sei im Jahr 2011 wegen sei-
ner politischen Tätigkeiten von Angehörigen des syrischen Regimes zu
Hause aufgesucht und festgenommen worden. Nach dessen Freilassung
habe das syrische Regime erneut nach ihm gesucht, wobei sie jeweils be-
fürchtet habe, als Geisel genommen zu werden. Im Jahre 2011 habe sie
zudem an zwei Demonstrationen teilgenommen. Nach dem die syrische
Opposition die Kontrolle über C._ übernommen habe, habe sie ein
(...) begonnen und als freiwillige Helferin für den (...) gearbeitet. Als das
syrische Regime 2018 erneut nach C._ zurückgekehrt sei, sei sie
zusammen mit ihrer Familie aus B._ geflohen. Sie gehe davon aus,
dass sie sonst wegen der politischen Tätigkeiten ihres Vaters, ihres Einsat-
zes für den (...) und der Tatsache, dass sie an einer Universität der provi-
sorischen Regierung studiert habe, in den Fokus des syrischen Regimes
geraten wäre.
B.
Mit am 1. April 2020 eröffneter Verfügung vom 27. März 2020 stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und
ordnete aufgrund der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vor-
läufige Aufnahme an.
C.
Mit Eingabe vom 30. April 2020 reichte die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, die angefochtene
Verfügung sei betreffend die Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewäh-
rung aufzuheben, ihre Flüchtlingseigenschaft sei festzustellen und ihr sei
Asyl zu gewähren. Eventualiter sei ihre Flüchtlingseigenschaft festzustel-
len und sie vorläufig aufzunehmen. Subeventualiter sei die Sache zur hin-
reichenden Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts an die Vor-
instanz zurückzuweisen. In prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche
Prozessführung zu bewilligen und auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses zu verzichten. Der Beschwerdeführerin sei in der Person von lic. iur.
Monique Bremi ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen.
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D.
Mit Schreiben vom 1. Mai 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Eingabe vom 3. Juni 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine Fürsor-
gebestätigung vom 5. Mai 2020 und eine Beschwerdeergänzung ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende
Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmun-
gen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
3.
3.1 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung
in Asylsachen auf Verletzung von Bundesrecht sowie unrichtige oder un-
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts hin (Art. 106
Abs. 1 AsylG).
3.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet und ist im
Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung einer zweiten
Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Weiterungen und mit summarischer
Begründung zu behandeln (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.3 Der Wegweisungsvollzug bildet nicht Gegenstand der Beschwerde,
nachdem die Vorinstanz die vorläufige Aufnahme angeordnet hat.
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4.
4.1 Aufgrund der Aktenlage geht das Gericht – in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz – vorliegend davon aus, dass die Vorbringen der Beschwerde-
führerin, unabhängig von der Frage der Glaubhaftigkeit, nicht geeignet
sind, eine asylrelevante Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG darzutun.
4.2 Die Beschwerdeführerin macht geltend, ihr drohe aufgrund der politi-
schen Tätigkeiten ihres Vaters in Syrien eine asylrelevante Reflexverfol-
gung.
4.2.1 Erstrecken sich Verfolgungsmassnahmen neben der primär betroffe-
nen Person auf Familienangehörige und Verwandte, liegt eine Reflexver-
folgung vor. Diese ist flüchtlingsrechtlich relevant, wenn die von der Re-
flexverfolgung betroffene Person ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
Abs. 2 AsylG ausgesetzt ist oder sie die Zufügung solcher Nachteile mit
beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeter-
weise befürchten muss (zum Begriff der Reflexverfolgung BVGE 2007/19
E. 3.3 S. 225, unter Hinweis auf Entscheidungen und Mitteilungen der
Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1994 Nr. 5 E. 3h; vgl.
ausserdem EMARK 1994 Nr. 17).
4.2.2 Aus den Aussagen der Beschwerdeführerin lässt sich keine begrün-
dete Furcht vor Verfolgung aufgrund der politischen Aktivitäten ihres Vaters
herleiten. Auch wenn die von ihr geschilderten Behelligungen (Razzien)
unter Umständen eine subjektive Furcht vor künftiger Verfolgung als nach-
vollziehbar erscheinen lassen, so sind aus objektiver Sicht zum heutigen
Zeitpunkt keine asylbeachtlichen Verfolgungsmassnahmen zu erkennen.
Die Beschwerdeführerin bringt denn auch selbst vor, dass sie den Angehö-
rigen des Regimes nur einmal persönlich begegnet sei und ihre Familie
das Haus vor den angeblichen Razzien jeweils verlassen habe (vgl. act.
26/11, F47/48). Gezielt gegen sie gerichtete Verfolgungshandlungen macht
sie keine geltend. Die Ausführungen der Beschwerdeführerin in der Anhö-
rung beruhen somit auf blossen Mutmassungen, der syrische Staat könnte
ihr etwas antun. Die Beschwerde und die Beschwerdeergänzung erschöp-
fen sich diesbezüglich in weitschweifigen Zitaten und Ausführungen zur all-
gemeinen Situation in Syrien, die keinen konkreten Bezug zur Beschwer-
deführerin aufweisen. Auch aus dem in der Beschwerde (vgl. daselbst,
S. 12) zitierten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D-5293/2017 vermag
die Beschwerdeführerin nichts zu ihren Gunsten abzuleiten, zumal in je-
nem Fall eine wesentlich unterschiedliche Ausgangslage (zweimalige In-
haftierung eines 11-jährigen Kindes) vorliegt. Aus den Akten ergeben sich
http://links.weblaw.ch/BVGE-2007/19 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/5 http://links.weblaw.ch/EMARK-1994/17
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somit keine konkreten Hinweise für die Annahme, dass die Beschwerde-
führerin im heutigen Zeitpunkt wegen der politischen Tätigkeiten ihres Va-
ters persönlich im Visier des syrischen Regimes stehen und ihr eine asyl-
rechtlich relevante Reflexverfolgung drohen würde. Ein Beizug der Asylak-
ten der Eltern der Beschwerdeführerin erweist sich nur dann als massge-
blich, wenn ihr aufgrund der Verfolgung ihrer Eltern asylrelevante Nachteile
erwachsen wären oder zu erwachsen drohten, was jedoch vorliegend auf-
grund ihrer Angaben nicht anzunehmen ist. Bei dieser Sachlage ist der An-
trag in der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 7), es seien die Asyl- sowie die
Verfahrensakten zur Erteilung der humanitären Einreisevisa ihrer Eltern
beizuziehen, mangels Notwendigkeit abzuweisen.
4.3 Ebenfalls ist nicht ersichtlich, dass die von der Beschwerdeführerin be-
schriebene humanitäre Tätigkeit beim (...) eine Verfolgungssituation sei-
tens syrischer Behörden hätten auslösen können. Die Beschwerdeführerin
bringt diesbezüglich vor, sie habe das medizinische Personal unterstützt,
mitunter Lebensmittel verteilt und an Schulen medizinische Grundlagen
vermittelt (vgl. act. 26/11, F20/21). Eine asylrelevante Verfolgung durch die
syrischen Behörden aufgrund dieser Tätigkeiten erscheint unwahrschein-
lich, was auch die Vorinstanz zutreffend erkannt hat. Dasselbe gilt auch für
die behaupteten Teilnahmen an Demonstrationen in Syrien. Auf spezifische
Nachfrage hin relativierte die Beschwerdeführerin diese. So habe sie nur
etwa eine Stunde demonstriert, habe einige Parolen gerufen und sei da-
nach wieder nach Hause zurückgekehrt (vgl. act. 26/11, F24 ff.). Zu Prob-
lemen mit den syrischen Behörden sei es deswegen nicht gekommen (vgl.
act. 26/11, F29). Folglich kann sie sich mit ihren Demonstrationsteilnahmen
nicht exponiert haben, so dass sie kaum als Regimegegnerin registriert
worden sein dürfte. Im Weiteren erscheint es unter einem objektiven Blick-
winkel besehen, auch nicht wirklichkeitsnah, dass der Beschwerdeführerin
allein wegen ihrer Immatrikulation an einer Universität der provisorischen
Regierung in Syrien asylbeachtliche Nachteile drohen sollten. Schliesslich
hat die Vorinstanz zutreffend festgestellt, dass allgemeinen bürgerkriegs-
bedingten Nachteilen keine Asylrelevanz zukommt.
4.4 Der Beschwerdeführerin ist es demnach nicht gelungen, nachzuwei-
sen, dass sie in Syrien aktuell objektiv begründete Furcht vor ernsthaften
Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG haben müsse. Im Übrigen ist,
entgegen der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 18) festzuhalten, dass, indem
die Vorinstanz die öffentlich zugänglichen Quellen nicht explizit erwähnt
hat, sie ihre Begründungspflicht nicht verletzt hat. Auch der blosse Um-
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stand, dass die Beschwerdeführerin die Auffassung und Schlussfolgerun-
gen des SEM nicht teilt, stellt entgegen der Beschwerdeergänzung (vgl.
daselbst, S. 9) keine Verletzung der Begründungspflicht dar (vgl. E. 5.
nachstehend). Für eine Rückweisung der Sache besteht kein Anlass. Es
erübrigt sich, auf weitere Beschwerdevorbringen näher einzugehen, weil
sie am Ergebnis nichts ändern können. Das SEM hat das Asylgesuch zu
Recht abgelehnt.
5.
5.1 Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt sie nicht darauf ein,
so verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Im Lichte dieser Bestimmung hat die Vo-
rinstanz die Wegweisung zu Recht angeordnet.
5.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung vom 27. März 2020
die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz angeord-
net. Demnach erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit,
Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs. Auf das Vorbrin-
gen der Beschwerdeführerin, es sei die Unzulässigkeit des Wegweisungs-
vollzugs festzustellen (vgl. Beschwerde, S. 25 f.), ist folglich aufgrund feh-
lenden schutzwürdigen Interesses nicht einzugehen (vgl. BVGE 2009/51
E. 5.4).
6.
Die Beschwerdeführerin beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG. Aufgrund der vorstehenden
Erwägungen ergibt sich, dass ihre Begehren als von vornherein aussichts-
los zu gelten haben. Damit ist eine der kumulativ zu erfüllenden Vorausset-
zungen nicht gegeben, weshalb dem Gesuch nicht stattzugeben ist. Aus
demselben Grund kann auch dem Gesuch um unentgeltliche Rechtsver-
beiständung nicht stattgegeben werden. Bei diesem Ausgang des Verfah-
rens sind die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Feb-
ruar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwal-
tungsgericht [VGKE], SR 173.320.2) somit der Beschwerdeführerin aufzu-
erlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit dem vorliegenden Urteil ist der Antrag
auf Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegenstandslos
geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
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