Decision ID: 5d9b5cd5-1885-49b1-a231-775317fb2e4d
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X erhielt mit Verfügungen der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen
vom 18. Dezember 2014 rückwirkend auf den 1. April 2008 bis 31. Dezember 2014,
inklusiv Nachzahlungen, eine Kinderrente in Höhe von Fr. 49‘143.– sowie eine IV-Rente
in Höhe von Fr. 122‘874.–. Zudem erhielt X einen Verzugszins von Fr. 6‘847.–. Die
Nachzahlung betrug total Fr. 178‘864.–. Am 9. Dezember 2014 stellte das Sozialamt O
einen Verrechnungsantrag für diverse bevorschusste Leistungen für die Zeit vom 1.
April 2008 bis 31. Dezember 2014 in Höhe von Fr. 146‘527.95. Dem
Verrechnungsantrag wurde entsprochen. Das kantonale Steueramt erhob auf den
Rentennachzahlungen Steuern (direkte Bundessteuer, Kantons- und Gemeindesteuer),
wobei die Besteuerung zum Satz einer jährlichen Rente von Fr. 18‘200.–
(satzbestimmendes Einkommen) erfolgte.
Gegen die Veranlagungsverfügung und Schlussrechnung vom 28. April 2015 betreffend
Kantons- und Gemeindesteuer 2014 (steuerbares Einkommen Fr. 146‘100.–, zum Satz
von Fr. 17‘800.–) sowie gegen die Veranlagungsverfügung und Steuerrechnung
betreffend direkte Bundessteuer 2014 erhob X mit Eingabe seines Rechtsvertreters am
15. Mai 2015 Einsprache. Er beantragte, die Veranlagungsverfügungen seien
aufzuheben, soweit ein Betrag von Fr. 51‘571.– (Nachzahlung Unterhaltsbeiträge an die
Tochter; Kinderrente) besteuert worden sei. Am 3. Juli 2015 ergänzte er die Einsprache
mit dem Antrag, die Veranlagungsverfügungen seien aufzuheben, soweit die
Rentennachzahlungen der IV (Kinderrente in Höhe von 51‘571.–; IV-Rente Fr.
122‘874.–) besteuert worden seien.
Im Einspracheentscheid vom 10. Juli 2015 hiess das kantonale Steueramt die
Einsprache von X teilweise gut, indem es den Abzug für die Unterhaltsbeiträge bis zur
Mündigkeit der Tochter gewährte. Im Übrigen hielt es an der Besteuerung der
Rentennachzahlung fest.
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B.- X erhob mit Eingabe seines Rechtsvertreters am 8. September 2015 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, der Einspracheentscheid des
kantonalen Steueramtes vom 10. Juli 2015 betreffend Kantons- und Gemeindesteuern
sei aufzuheben und es sei von der Besteuerung der IV-Rentennachzahlung abzusehen;
unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten des Rekursgegners.
Mit Schreiben vom 21. Oktober 2015 beantragte die Vorinstanz, unter Hinweis auf den
Einspracheentscheid, die Abweisung des Rekurses.
Auf die von den Beteiligten gemachten Ausführungen wird, soweit erforderlich, in den
nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis des
Rekurrenten zur Ergreifung des Rechtsmittels ist gegeben. Der Rekurs vom 8.
September 2015 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 194 Abs. 1 des
Steuergesetzes, sGS 811.1, abgekürzt: StG; Art. 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Zu prüfen ist, ob die Vorinstanz die Rentennachzahlung, die rückwirkend dem
Rekurrenten zugesprochen und mit diversen bevorschussten Leistungen aus der
Sozialhilfe verrechnet wurde, zu Recht als steuerbares Einkommen qualifiziert und
dementsprechend darauf Steuern erhoben hat.
a) Nach Art. 37 lit. e StG sind Unterstützungen aus öffentlichen Mitteln steuerfrei. Nicht
steuerfrei sind demgegenüber Einkünfte aus der Invalidenversicherung (Art. 35 Abs. 1
StG). Bei der Ermittlung des Reineinkommens können unter anderem gemäss Art. 47
lit. b StG Aufwendungen für Schuldentilgungen nicht in Abzug gebracht werden.
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b) Im Einspracheentscheid vom 10. Juli 2015 qualifizierte die Vorinstanz die
Kinderrente bis zur Mündigkeit der Tochter als abzugsfähigen Unterhaltsbeitrag und
korrigierte dementsprechend die Steuerveranlagung (Veranlagungsberechnung vom
10. Juli 2015). Bezüglich der IV-Rente des Rekurrenten führte die Vorinstanz im
Einspracheentscheid aus, dass auf die Rentennachzahlung im Jahre 2014 ein
realisierter Anspruch erwachsen sei, welcher die Steuerpflicht begründe und das
Vermögen um die Nachzahlung erhöht habe. Auf den damals erhaltenen
Unterstützungsleistungen seien in Anwendung von Art. 37 lit. e StG keine Steuern
erhoben worden. Aufgrund der Rückerstattungsverpflichtung sei dem Rekurrenten im
Jahre 2014 zwar kein Vermögen zugeflossen, jedoch habe der Zufluss zur Folge
gehabt, dass steuerbare Renten die steuerfreien Unterstützungsleistungen ersetzt
hätten. Die Rentennachzahlung sei daher zweifelsfrei steuerpflichtig.
Hinsichtlich des Entscheids SGE 2006 Nr. 12, welchen der Rekurrent in seiner
Einsprache vorgebracht hatte und von dessen Anwendbarkeit er in seinem Fall
ausging, führte die Vorinstanz aus, dass dieser im vorliegenden Fall keine Anwendung
finde. Gemäss der Vorinstanz sei die Verwaltungsrekurskommission damals zum
Schluss gelangt, dass ungerechtfertigte Einkünfte aus dem Blickwinkel des
Leistungsfähigkeitsprinzips besteuert werden dürften, sofern keine Rückerstattung
erfolgt sei. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass eine Rückerstattung eine
Besteuerung verbieten würde. Der vorgebrachte Entscheid sei steuersystematisch
logisch, aber sei mit der hier bestehenden Ausgangslage nicht vergleichbar. Die
Gemeinde O habe verschiedene Leistungen bevorschusst, über welche der Rekurrent
frei habe verfügen können. Es habe also ein Vermögenszugang stattgefunden.
c) In seiner Eingabe vom 8. September 2015 hielt der Rekurrent fest, dass die IV-Stelle
den Verrechnungsantrag der Gemeinde O für die erbrachten Sozialhilfeleistungen
vollumfänglich gutgeheissen habe und dass die vier Verfügungen der IV-Stelle
unangefochten in Rechtskraft erwachsen seien. Das Steueramt O habe die
Rentennachzahlung in einer separaten Jahressteuer besteuert. Die dagegen erhobene
Einsprache habe die Vorinstanz teilweise abgewiesen. Dabei habe sich die Vorinstanz
mit dem vorgebrachten Argument, es habe bei ihm kein Reinvermögenszugang
stattgefunden, weshalb keine Besteuerung erfolgen dürfe, nicht auseinandergesetzt.
Vielmehr habe die Vorinstanz argumentiert, dass er, der Rekurrent, über die vom
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Sozialamt O erbrachten Leistungen frei habe verfügen können, weshalb eine
Besteuerung gerechtfertigt sei. Ausgehend von der Reinvermögenszugangstheorie
könne eine Besteuerung der beiden Renten nur erfolgen, wenn eine Leistung
zugeflossen sei. Dies sei bei ihm jedoch nicht der Fall. Es stelle sich im vorliegenden
Fall nicht die Frage, ob er über die vom Sozialamt O zugesprochenen Leistungen frei
habe verfügen können, sondern ob ihm die Leistungen, welche die IV-Stelle verfügt
habe, zugeflossen seien bzw. ob er darüber habe verfügen können. Aus den Akten
gehe hervor, dass ihm keine Leistungen zugeflossen seien. Mangels Leistungszufluss
liege auch kein Reinvermögenszufluss vor, weshalb eine Besteuerung entfalle.
d) Im Entscheid 2C_245/2010 vom 25. Januar 2011 befasste sich das Bundesgericht
mit der Frage, wie zugesprochene und rückwirkend geleistete Invalidenrenten in
steuerrechtlicher Hinsicht zu behandeln sind. Im genannten Fall erhielt der
Beschwerdeführer im Jahre 2006 rückwirkend auf das Jahr 2003 eine Invalidenrente
sowie zwei Kinderrenten zugesprochen. Die beiden Verfügungen führten im Jahre 2006
zu einer Rentennachzahlung von insgesamt Fr. 127‘455.–, welche direkt an die
Sozialbehörde überwiesen wurde, die das für den Beschwerdeführer geführte
Sozialhilfekonto saldierte. Den Überschuss von Fr. 3‘466.55 überwies sie dem
Beschwerdeführer. Für die Staats- und Gemeindesteuer 2006 wurde der
Beschwerdeführer mit einem Einkommen von Fr. 107‘395.– und für die direkte
Bundessteuer 2006 mit Fr. 115‘245.– eingeschätzt. Der Beschwerdeführer erhob gegen
die Veranlagung Einsprache, welche von der Steuerverwaltung abgewiesen wurde. Der
dagegen erhobene Rekurs wurde teilweise gutgeheissen, indem ein Abzug für
Alimente/Unterhaltsbeiträge zugelassen und demzufolge das steuerbare Einkommen
für die Staats- und Gemeindesteuer auf Fr. 97‘870.– und für die direkte Bundessteuer
auf Fr. 105‘720.– festgesetzt wurde. Das Verwaltungsgericht wies die daraufhin
erhobene Beschwerde ab, worauf der Beschwerdeführer mit der Beschwerde in
öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht gelangte, mit den
Anträgen, die von ihm im Jahre 2006 geleisteten Rückzahlungen an die Sozialbehörde
bei den Kantons- und Gemeindesteuern seien vollumfänglich vom Einkommen
abzuziehen und folglich nicht zu besteuern.
Gemäss Bundesgericht habe die Vorinstanz in Anwendung der relevanten
Gesetzesbestimmungen erkannt, dass dem Beschwerdeführer durch den Erwerb des
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festen Rentenanspruchs auf die Invalidenrenten ein steuerbares Einkommen
zugeflossen sei, woran sich nichts ändere, dass ein (grösserer) Teil der Renten direkt
an den Sozialdienst – zur Rückerstattung von vorgeschossenen Sozialhilfebeträgen –
überwiesen worden sei (E. 2.2). Es hielt ferner fest, dass Leistungen aus
Vorsorgeeinrichtungen, worunter auch die Invalidenrente falle, grundsätzlich
vollumfänglich steuerbar seien (Art. 7 Abs. 1 StHG). Der in Art. 7 Abs. 4 StHG
enthaltene Katalog der steuerfreien Einkünfte sei abschliessend. Nach Art. 9 Abs. 1
StHG werden von den gesamten steuerbaren Einkünften die zu ihrer Erzielung
notwendigen Aufwendungen und die allgemeinen Abzüge abgerechnet. Daraus folgerte
das Bundesgericht, dass die von den Auszahlungen der Sozialversicherungen in Abzug
gebrachten Leistungen an die Sozialhilfebehörden keine Gewinnungskosten im Sinne
von Art. 9 Abs. 1 StHG darstellen und daher nicht in Abzug gebracht werden können.
Es gab damit der Vorinstanz Recht, dass es sich bei diesem Abzug um nicht
abziehbare Aufwendungen für die Schuldentilgung handle. Das Bundesgericht
beanstandete die steuerliche Behandlung der Auszahlungen nicht und wies die
Beschwerde ab (Entscheid des Bundesgerichts [BGer] 2C_245/2010 vom 25. Januar
2011).
d) Dem Rekurrenten wurden mit Verfügungen vom 18. Dezember 2014 rückwirkend
eine IV-Rente sowie eine Kinderrente zugesprochen. Die Rentennachzahlungen wurden
mit diversen bevorschussten Leistungen des Sozialamtes O verrechnet.
Im Zeitpunkt, als der Rekurrent die Sozialhilfeleistungen erhalten hat, wurden in
Anwendung von Art. 37 lit. e StG keine Steuern erhoben. Die Ende 2015 rückwirkend
zugesprochenen Renten der Invalidenversicherung stellen Einkünfte aus Vorsorge nach
Art. 35 StG dar. Nach Abs. 1 des genannten Artikels sind alle Einkünfte aus der Alters-,
Hinterlassenen- und Invalidenversicherung [...] steuerbar.
Wer während eines hängigen IV-Verfahrens bis zur Klärung des Rentenanspruchs
Sozialhilfe bezieht, erwirbt keinen Rechtsanspruch, auch die IV-Renten steuerfrei zu
beziehen. Die Steuerfreiheit von Sozialhilfeleistungen gründet wohl darin, dass der
Gesetzgeber davon ausging, es handle sich um vorübergehende Leistungen zur
Überbrückung einer Notlage, welche in der Regel zurückerstattet werden. Die
Steuerfreiheit ist allerdings systemwidrig, wenn Sozialhilfeleistungen dauerhaft an die
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Stelle von Erwerbseinkünften treten. Dahingehend sagt das Bundesgericht, dass es
unter dem Aspekt der Besteuerung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zweifellos
richtig sei, dass die Versicherungsleistungen nicht von der Besteuerung ausgenommen
sind. Systemwidrig sei vielmehr, dass Sozialhilfeleistungen gemäss Art. 7 Abs. 4 lit. f
StHG von der Steuer befreit seien (BGer 2C_245/2010 vom 25. Januar 2011, E. 2.5).
Der Rekurrent ist der Ansicht, dass sein Fall mit demjenigen von SGE 2006 Nr. 12
vergleichbar sei. Ihm sei keine Leistung zugeflossen und daher liege auch kein
Reinvermögenszugang vor, sodass eine Besteuerung entfalle. Dieser Fall betraf die
Rückforderung unrechtmässig bezogener Leistungen, wobei solche grundsätzlich als
steuerbares Einkommen gelten, mit der Ausnahme, dass sie zurückgefordert werden
und eine Rückforderung erfolgsversprechend ist. Vorliegend geht es um rechtmässig
bezogene Leistungen, die von Gesetzes wegen bei Vorliegen geänderter Verhältnisse
zurückgefordert werden können.
In Anwendung der bundesgerichtlicher Rechtsprechung, ist mit dem Erwerb des festen
Rentenanspruchs auf Leistungen der Invalidenversicherung (IV-Rente und Kinderrente)
dem Rekurrenten Vermögen zugeflossen und er konnte darüber verfügen. Dass das
Sozialamt einen Verrechnungsanspruch geltend machte, bedeutet nicht, dass ihm die
Leistung nicht zugeflossen ist. Wer Leistungen empfängt und daraus gesetzliche oder
vertragliche Verpflichtungen erfüllt, kann sich nicht darauf berufen, es seien ihm keine
Vermögenswerte zugeflossen. Wirtschaftlich wurde der Rekurrent durch die
Verrechnung seiner Schulden beim Sozialamt mit den Rentenleistungen von einer
Verpflichtung befreit, was einem Vermögenszugang entspricht. Diese vorgenommene
Schuldentilgung ist sodann bei der Ermittlung des Reineinkommens nicht abziehbar, da
es sich um nicht abziehbare Kosten und Aufwendungen gemäss Art. 47 lit. b StG
handelt. Die Schuldentilgung stellt eine Vermögensumschichtung dar.
Dem Antrag des Rekurrenten, von der Besteuerung der IV-Rentennachzahlung sei
abzusehen, kann nicht gefolgt werden. Die vorgenommene steuerliche Behandlung der
Rentennachzahlung durch die Vorinstanz ist nicht zu beanstanden. Folglich ist der
Rekurs abzuweisen.
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3.- Dem Verfahrensausgang entsprechend gehen die amtlichen Kosten des
Rekursverfahrens zu Lasten des Rekurrenten (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 600.– ist angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der geleistete Kostenvorschuss in gleicher
Höhe ist zu verrechnen.