Decision ID: 25a40351-dc8a-5327-86df-012c7feb36cf
Year: 2005
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ M.T. geboren 1974, ist Staatsangehörige von Bulgarien. Sie reiste am 5. Januar
2001 mit einem Besuchervisum in die Schweiz ein. Am 18. Mai 2001 heiratete sie in
Rorschach den Schweizer Bürger K.O., geboren 1943. Das Ausländeramt erteilte ihr in
der Folge eine Aufenthaltsbewilligung im Rahmen des Familiennachzugs.
Im Oktober 2001 zog M.O. aus der ehelichen Wohnung an der Tellstrasse 14 in
Rorschach aus. Das Migrationsamt des Kantons Zürich erteilte ihr am 21. Mai 2002
eine Arbeitsbewilligung als selbständige Masseuse im Salon Wellness in Zürich. Im Mai
2002 kehrte sie wieder zu ihrem Ehemann zurück.
Am 13. Februar 2003 reichte K.O. eine Scheidungsklage ein.
Am 22. September und am 10. Dezember 2003 ersuchte M.O. um Erteilung einer
Aufenthaltsbewilligung im Kanton Zürich. Diese Begehren wurden vom Migrationsamt
des Kantons Zürich abgelehnt.
Mit Entscheid vom 5. Februar 2004 wies das Kreisgericht Rorschach die
Scheidungsklage von K.O. mangels Nachweis' einer Scheinehe ab.
Mit Verfügung vom 6. August 2004 wies das Ausländeramt das Gesuch von M.O. um
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung ab mit der Begründung, die Ehe bestehe nur
noch formell und ohne Aussicht auf Wiederaufnahme einer ehelichen Gemeinschaft.
Sie werde nur aufrechterhalten, um einen Aufenthalt zu erwirken, weshalb sich die
Berufung auf die Ehe als rechtsmissbräuchlich erweise.
B./ Gegen die Verfügung des Ausländeramts erhob die Gesuchstellerin mit Eingabe
ihres Rechtsvertreters vom 30. August 2004 Rekurs, der vom Justiz- und
Polizeidepartement mit Entscheid vom 6. Juni 2005 abgewiesen wurde. Das Justiz-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und Polizeidepartement hielt fest, es liege eine Scheinehe vor, und im übrigen sei die
Berufung auf die nur formal bestehende Ehe rechtsmissbräuchlich.
C./ Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 27. Juni 2005 erhob M.O. Beschwerde
beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, es sei der Beschwerde die aufschiebende
Wirkung zuzusprechen, es sei der Rekursentscheid vom 6. Juni 2005 aufzuheben und
das Ausländeramt anzuweisen, der Beschwerdeführerin eine
Jahresaufenthaltsbewilligung auszustellen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge.
Zur Begründung wird im wesentlichen geltend gemacht, es liege keine Scheinehe vor.
Auch könne das Verhalten der Beschwerdeführerin nicht als rechtsmissbräuchlich
gewertet werden. Auf die einzelnen Vorbringen wird, soweit wesentlich, in den
nachstehenden Erwägungen eingegangen.
Die Vorinstanz schliesst in ihrer Vernehmlassung vom 14. Juli 2005 unter Hinweis auf
die Erwägungen des angefochtenen Entscheids auf Abweisung der Beschwerde.

Darüber wird in Erwägung gezogen:
1./ Die sachliche Zuständigkeit des Verwaltungsgerichts ist gegeben (Art. 59bis Abs. 1
des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt VRP). Die
Beschwerdeführerin ist zur Ergreifung des Rechtsmittels legitimiert (Art. 64 Abs. 1 in
Verbindung mit Art. 45 Abs. 1 VRP). Die Beschwerdeschrift vom 27. Juni 2005
entspricht zeitlich, formal und inhaltlich den gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 Abs. 1
in Verbindung mit Art. 47 Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
Soweit die Beschwerdeführerin beantragt, der Beschwerde sei die aufschiebende
Wirkung zuzusprechen, kann darauf nicht eingetreten werden. Bei der Verweigerung
von Bewilligungen ist die aufschiebende Wirkung begrifflich nicht möglich (Cavelti/
Vögeli, Die Verfahren vor dem Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen, St. Gallen
2003, Rz. 1105). Nach ständiger Praxis wird aber während eines hängigen
Beschwerdeverfahrens im Zusammenhang mit der Verweigerung einer Bewilligung in
der Regel auf Vollzugsmassnahmen verzichtet.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2./ a) Nach Art. 7 des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der
Ausländer (SR 142.20, abgekürzt ANAG) hat die ausländische Ehegattin eines
Schweizer Bürgers Anspruch auf Erteilung und Verlängerung der
Aufenthaltsbewilligung. Nach einem ordnungsgemässen und ununterbrochenen
Aufenthalt von fünf Jahren hat sie Anspruch auf die Niederlassungsbewilligung. Der
Anspruch erlischt, wenn ein Ausweisungsgrund vorliegt. Kein Anspruch besteht nach
Absatz 2 dieser Vorschrift, wenn die Ehe eingegangen worden ist, um die Vorschriften
über Aufenthalt und Niederlassung von Ausländern und namentlich jene über die
Begrenzung der Zahl der Ausländer zu umgehen. Erfasst wird davon die sogenannte
Scheinehe bzw. Ausländerrechtsehe, bei der die Ehegatten von vornherein keine echte
eheliche Gemeinschaft beabsichtigten (BGE 128 II 151, 127 II 55 mit Hinweisen). Auch
wenn die Ehe nicht bloss zum Schein eingegangen worden ist, heisst dies jedoch nicht
zwingend, dass dem ausländischen Ehepartner der Aufenthalt ungeachtet der weiteren
Entwicklung gestattet werden muss. Zu prüfen ist insbesondere, ob sich die Berufung
auf die Ehe nicht anderweitig als rechtsmissbräuchlich erweist (BGE 128 II 151 mit
Hinweis).
b) Rechtsmissbrauch liegt vor, wenn ein Rechtsinstitut zweckwidrig zur Verwirklichung
von Interessen verwendet wird, die dieses Rechtsinstitut nicht schützen will (BGE 128 II
151, 127 II 56 je mit Hinweisen). Im Zusammenhang mit Art. 7 ANAG ist dies dann der
Fall, wenn der Ausländer sich in einem fremdenpolizeilichen Verfahren auf eine Ehe
beruft, welche nur noch formell und ohne Aussicht auf Aufnahme bzw.
Wiederaufnahme einer ehelichen Gemeinschaft besteht (BGE 128 II 151 mit Hinweis
auf BGE 127 II 56, 123 II 50 f.). Ein Rechtsmissbrauch darf nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht leichthin angenommen werden, namentlich
nicht schon deshalb, weil die Ehegatten nicht mehr zusammenleben oder ein
Eheschutz- oder Scheidungsverfahren eingeleitet worden ist (BGE 128 II 151). Gerade
weil der ausländische Ehegatte nicht der Willkür des schweizerischen ausgeliefert sein
soll, hat der Gesetzgeber darauf verzichtet, die Erteilung der Aufenthaltsbewilligung
vom ehelichen Zusammenleben abhängig zu machen. Erforderlich sind klare Hinweise
darauf, dass die Führung einer Lebensgemeinschaft nicht mehr beabsichtigt und nicht
mehr zu erwarten ist (BGE 128 II 151, 127 II 57). Wie es sich damit verhält, entzieht sich
in der Regel dem direkten Beweis und ist oft nur durch Indizien zu ermitteln (BGE 128 II
152, 127 II 57).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
c) Die Eheleute trennten sich erstmals im Oktober 2001. Die Beschwerdeführerin hielt
am 23. Dezember 2001 schriftlich fest, sie habe ihren Ehemann am 13. Oktober 2001
freiwillig verlassen. Nach eigener Darstellung kehrte die Beschwerdeführerin im Mai
2002 wieder in die eheliche Wohnung zurück. Das Kreisgericht Rorschach nahm im
Entscheid betr. vorsorgliche Massnahmen vom 4. März 2003 Vormerk davon, dass die
Eheleute zum Getrenntleben berechtigt sind. Die eheliche Wohnung wurde dem
Ehemann zur Benützung zugewiesen. Seither leben die Eheleute getrennt. Aufgrund
der wiederholten Begehren der Beschwerdeführerin um Erteilung einer
Aufenthaltsbewilligung im Kanton Zürich und der Scheidungsklage des Ehemannes
kann in objektiver Hinsicht nicht davon ausgegangen werden, dass die eheliche
Gemeinschaft wieder aufgenommen wird. Auch aus den schriftlichen Darlegungen des
Ehemannes ergibt sich, dass dieser nicht mehr gewillt ist, die eheliche Gemeinschaft
wieder aufzunehmen. Die Beschwerdeführerin macht denn auch nicht geltend, sie
selber wolle die eheliche Gemeinschaft wieder aufnehmen. Sie führt in der Beschwerde
nicht näher aus, inwiefern die Feststellung der Vorinstanz, der Ehewille des Ehemannes
sei erloschen, unrichtig ist. Die Gründe für das Scheitern der Ehe bzw. für die
Unmöglichkeit der Wiederannäherung der Ehegatten spielen im übrigen keine Rolle,
soweit mit einer Wiederaufnahme der ehelichen Gemeinschaft offensichtlich nicht mehr
zu rechnen ist (BGE 128 II 154).
Nicht entscheidend ist, dass das Scheidungsbegehren des Ehemannes abgewiesen
wurde. Die Verweigerung der Zustimmung zur Scheidung stellt in zivilrechtlicher
Hinsicht keinen Rechtsmissbrauch dar. In fremdenpolizeilicher Hinsicht kann die
Berufung auf eine formal bestehende Ehe auch dann rechtsmissbräuchlich sein, wenn
in zivilrechtlicher Hinsicht die Voraussetzungen für eine Scheidung (noch) nicht
gegeben sind.
Aufgrund der vorstehenden Erwägungen gelangt das Verwaltungsgericht zum Schluss,
dass die Vorinstanz zu Recht die Berufung der Beschwerdeführerin auf die formal
bestehende Ehe in fremdenpolizeilicher Hinsicht als rechtsmissbräuchlich qualifiziert
hat. Ist die Berufung auf die Ehe als rechtsmissbräuchlich zu qualifizieren, so steht der
Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 7 Abs. 1 ANAG kein Anspruch auf Verlängerung
der Aufenthaltsbewilligung zu (BGE 128 II 154, 127 II 59). Offen bleiben kann, ob
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bereits bei der Eheschliessung eine Scheinehe bestand und die Beschwerdeführerin
lediglich eine Aufenthaltsbewilligung erwirken wollte.
d) Zu prüfen bleibt abschliessend, ob die Behörde das ihr in Art. 4 ANAG eingeräumte
Ermessen pflichtgemäss wahrgenommen hat bzw. ob in der Verweigerung der
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung ein Ermessensmissbrauch zu erblicken ist.
Das Verwaltungsgericht übt lediglich eine Rechtskontrolle aus (Art. 61 Abs. 1 und 2
VRP). Im Streitfall kann somit nur geprüft werden, ob die Verwaltung ihr Ermessen
überschritten oder missbraucht hat und damit rechts-widrig handelte, als sie die
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung verweigerte. Das Verwaltungsgericht hat den
Ermessensspielraum der Verwaltung zu respektieren, wenn diese bei ihrem Entscheid
von sachlichen und vernünftigen Ueberlegungen ausging, die im Einklang mit Sinn und
Zweck des Gesetzes stehen (GVP 1996 Nr. 9 und 1998 Nr. 71).
Nach der Praxis des Ausländeramts wird die Aufenthaltsbewilligung in gewissen Fällen
zwar auch nach der Auflösung der Ehe bzw. der ehelichen Gemeinschaft verlängert. Als
massgebend werden dabei nach den Weisungen des Bundesamts für Migration (Ziff.
654) unter anderen die Dauer der Anwesenheit in der Schweiz, insbesondere wenn
Kinder vorhanden sind, die berufliche Situation, die Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage
sowie das Verhalten und der Integrationsgrad betrachtet. Zu berücksichtigen sind
ferner die Umstände, die zur Auflösung der Ehe geführt haben. Nach der ständigen
Praxis des Ausländeramts wird bei einer Dauer der ehelichen Gemeinschaft von fünf
Jahren und mehr in der Regel eine Jahresaufenthaltsbewilligung nicht mehr widerrufen
(ABl 2001, S. 32).
Die eheliche Gemeinschaft zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem Ehemann
dauerte gesamthaft weniger als zwei Jahre. Die Beschwerdeführerin hält sich erst seit
Januar 2001 und damit seit weniger als fünf Jahren in der Schweiz auf. Sie verbrachte
den grössten Teil ihres Lebens im Herkunftsland. Ausserdem blieb die Ehe kinderlos.
Die Beschwerdeführerin ist gemäss den Ausführungen im Rekursverfahren auf
Stellensuche. Somit besteht auch aufgrund der Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage kein
Grund, der eine Verlängerung der Bewilligung nahelegt. Nach einem Aufenthalt von
rund viereinhalb Jahren ist zudem noch nicht von einer weitgehenden Integration
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auszugehen. Zwar trifft es zu, dass die Beschwerdeführerin, soweit ersichtlich, ihren
finanziellen Verpflichtungen stets nachgekommen ist. Dies wird aber grundsätzlich von
jedem Ausländer erwartet, der sich in der Schweiz aufhält. Im übrigen ist es der
Beschwerdeführerin ohne besondere Schwierigkeiten möglich, in ihr Heimatland
zurückzukehren.
Unbegründet ist der Einwand, die Vorinstanz habe die Dauer der Anwesenheit, die
persönlichen Beziehungen zur Schweiz und die berufliche Situation sowie das
Verhalten und den Integrationsgrad nicht berücksichtigt. Die Vorinstanz hat
insbesondere die Dauer der Anwesenheit und die entsprechend wenig vertiefte
Integration in Betracht gezogen. Auch stellte sie fest, dass die Beschwerdeführerin als
Masseuse tätig war. Im Rekursverfahren verfügte die Beschwerdeführerin nicht über
eine Arbeitsstelle. Der Einwand der mangelnden Ueberprüfung der persönlichen
Verhältnisse ist daher unbegründet.
Wie erwähnt, sind beim Entscheid über die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung
insbesondere auch die Umstände zu berücksichtigen, die zur Auflösung der ehelichen
Gemeinschaft geführt haben. Im vorliegenden Fall kann aufgrund der Akten nicht
eindeutig festgestellt werden, weshalb die eheliche Gemeinschaft aufgehoben wurde.
Das Kreisgericht verneinte den Nachweis einer Scheinehe. Es ist aber auch nicht
nachgewiesen, dass die Fortsetzung der ehelichen Gemeinschaft für die
Beschwerdeführerin aufgrund des Verhaltens des Ehemannes unzumutbar war. Im
Umstand, dass die Beschwerdeführerin bereits wenige Monate nach der Heirat der
Prostitution nachging, ist vielmehr ein gewichtiges Indiz zu erblicken, dass sie lediglich
an einer Aufenthaltsbewilligung, nicht aber an einer Lebensgemeinschaft mit ihrem
Ehemann interessiert war. Ob eine Scheinehe vorliegt, kann allerdings offen bleiben.
e) Zusammenfassend ergibt sich aus den vorstehenden Erwägungen, dass in der
Verweigerung der Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführerin
keine Rechtsverletzung bzw. kein Ermessensmissbrauch erblickt werden kann. Folglich
ist die Beschwerde als unbegründet abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
3./ Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/9
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entscheidgebühr von Fr. 2'000.-- ist angemessen (Ziff. 382 Gerichtskostentarif, sGS
941.12). Sie ist mit dem geleisteten Kostenvorschuss in gleicher Höhe zu verrechnen.
Ausseramtliche Kosten sind nicht zu entschädigen (Art. 98bis VRP).