Decision ID: 3e3db8ca-f9bc-450c-af3f-2ae019a30819
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1967 geborene
X._
meldete sich am
31. Oktober 2019
(Eingangs
datum) unter Hinweis auf eine
Depression und eine posttraumatische Belastungs
störung
bei der Sozialversicherungsan
stalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungs
bezug an (
Urk.
7/1
). Die IV-Stelle tätigte daraufhin beruflich-erwerb
liche sowie medizinische Abklärungen und beauftragte Dr. med.
Y._
, Facharzt
FMH für Psychiatrie und Psychotherapie,
mit der Begutachtung der
Ver
sicherten (Gutachten vom
3. September 2020 [
Urk.
7/16
]).
Am 11. November 2020 wurde ihr mittels Vorbescheid die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht gestellt (
Urk.
7/19) und gleichzeitig eine Schadenminderungspflicht zur Intensivierung der medikamentösen Behandlung
zwecks
Verbesserung des Gesundheitszustandes auferlegt, mit der Androhung, dass im Unterlassungsfall unter Umständen auf ein zukünftiges Leistungsgesuch nicht eingetreten werde (
Urk.
7/18). Nach erhobenem Einwand (
Urk.
7/20, 7/24)
verneinte die IV-Stelle mit Verfügung vom
2. Juni 2021
einen
Anspruch auf IV-Leistungen
(
Urk.
2 =
Urk.
7/27
)
.
2.
Dagegen erhob die Versicherte mit Eingabe vom 2. Juli 2021 Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich und beantragte, es sei ihr mindestens eine
Dreiviertelsrente
zuzusprechen (
Urk.
1 S. 2). Mit Beschwer
de
antwort vom 9. September 2021 beantragte die Beschwerdegegnerin die Ab
weisung der Be
schwerde (
Urk.
6), was der Beschwerde
führerin mit Verfügung vom 14. September 2021 angezeigt wurde (
Urk.
8).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Am 1. Januar 2022 sind die geänderten Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG), der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSV), des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) sowie der Verordnung über die Invaliden
versicherung (IVV) in Kraft getreten.
In zeitlicher Hinsicht sind
vorbehältlich besonderer übergangsrechtlicher Regelungen
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend, die bei Erfüllung des rechtlich zu ordnenden oder zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 146 V 364 E. 7.1, 144 V 210 E. 4.3.1, je mit Hinweisen). Da ferner das Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung beziehungsweise des streitigen
Einspracheentscheids
eingetretenen Sachverhalt abstellt (BGE 144 V 210 E. 4.3.1, 132 V 215 E. 3.1.1, je mit Hinweisen), sind vorliegend die bis 31. Dezember 2021 gültig gewesenen Rechtsvorschriften anwendbar, die nach
folgend auch in dieser Fassung zitiert werden.
1.
2
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
ATSG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Fol
gen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbs
unfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.
3
1.
3
.1
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1
IVG
sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose voraus (vgl. BGE
145 V 215 E. 5.1, 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E.
2.1, 130 V 396
E. 5.3 und E.
6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krank
heit
ist jedoch nicht ohne W
eiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Einzelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zumutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE
145 V 215 E. 5.3.2,
1
43 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E.
3.7, 13
9 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c; vgl. Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.
3
.2
Gemäss BGE 143 V 418 sind grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankungen, nach BGE 143 V 409 namentlich auch leichte bis mittelschwere Depressionen, für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einem strukturierten Beweisverfahren nach Massgabe von BGE 141 V 281 zu unterziehen (Änderung der Rechtsprechung). Speziell mit Bezug auf leichte bis mittelschwere depressive Störungen hielt das Bundesgericht in BGE 143 V 409 – ebenfalls im Sinne einer Praxisänderung – fest, dass eine invalidenversicherungsrechtlich relevante psychische Gesundheits
schädigung nicht mehr allein mit dem Argument der fehlenden Therapiere
sistenz auszuschliessen sei (E.
5.1). Für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sind somit auch bei den leichten bis mittelgradigen depressiven Störungen systematisierte Indikatoren beachtlich, die es – unter Berücksichtigung leistungshindernder äusserer Belastungsfaktoren einerseits und von Kompensationspotentialen (Ressourcen) andererseits – erlauben, das tatsächlich erreichbare Leistungs
vermögen
einzuschätzen (BGE 141 V 281 E. 2, E. 3.4-3.6 und 4.1).
Eine leicht- bis mittelgradige depressive Störung ohne nennenswerte Interferenzen durch psychiatrische Komorbiditäten lässt sich im Allgemeinen nicht als schwere psychische Krankheit definieren. Besteht dazu noch ein bedeutendes therapeutisches Potential, so ist insbesondere auch die Dauer
haftigkeit des Gesundheitsschadens in Frage gestellt.
Diesfalls
müssen gewichtige Gründe vorliegen, damit dennoch auf eine invalidisierende Erkrankung geschlossen werden kann (zur Publikation vorgesehenes Urteil des Bundes
gerichts 8C_280/2021 vom 17. November 2021 E. 6.2.2 mit Hinweis). D
ie Aner
kennung eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitlichen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahrscheinlichkeit nach
gewiesen sind. Fehlt es an diesem Nachweis, hat die materiell beweisbelastete versicherte Person die Folgen der Beweislosigkeit zu trage
n (BGE 141 V 281 E. 6; vgl. BGE
144 V 50 E. 4.3).
1.
3
.3
Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen im Regelfall beachtlichen Standardindikatoren (BGE 143 V 418, 143 V 409, 141 V 281) hat das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.3.1):
-
Kategorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3)
-
Komplex «Gesundheitsschädigung» (E. 4.3.1)
-
Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde (E. 4.3.1.1)
-
Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz (E. 4.3.1.2)
-
Komorbiditäten (E. 4.3.1.3)
-
Komplex «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsdiagnostik, persönliche Res
sourcen, E. 4.3.2)
-
Komplex «Sozialer Kontext» (E. 4.3.3)
-
Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhaltens, E. 4.4)
-
gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus
in allen vergleich
baren Lebensbereichen (E. 4.4.1)
-
behandlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens
druck (E. 4.4.2)
Beweisrechtlich entscheidend ist der verhaltensbezogene Aspekt der Konsistenz (BGE 141 V 281 E. 4.4; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 1
5.
März 2018 E. 7.4).
1.
4
Hinsichtlich des Beweiswertes eines ärztlichen Gutachtens ist entscheidend, ob es für die Beantwortung der gestellten Fragen umfassend ist, auf den erforderlichen all
seitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt und sich mit diesen sowie dem Verhalten der untersuchten Person auseinander setzt, in Kenntnis der und gegebenenfalls in Auseinandersetzung mit den Vor
akten abgegeben worden ist, ob es in der Darlegung der medizinischen Zustände und Zusam
menhänge einleuchtet, ob die Schlussfolgerungen der medizinischen Ex
perten in einer Weise begründet sind, dass die rechts
anwendende Person sie prü
fend nach
vollziehen kann, ob der Experte oder die Expertin nicht auszu
räu
mende Unsi
cherheiten und Unklarheiten, welche die Beantwortung der Fragen er
schweren oder verunmöglichen, gegebenenfalls deutlich macht (BGE 134 V 231 E. 5.1; 125 V 351 E. 3a; 122 V 157 E. 1c).
2.
2
.1
Die Beschwerdegegnerin erwog
,
gestützt auf das von ihr eingeholte Gutachten
leide
die Beschwerdeführerin
an einer
mittelgradigen
depressiven Episode. Eine leichte bis mittelschwere psychische Störung aus dem depressiven Formenkreis gelte jedoch grundsätzlich als therapeutisch behandelbar und führe zu keinem Anspruch auf Leistungen der Invalidenversicherung. Auch wenn eine invalidisierende Wirkung nicht per se ausgeschlossen werden könne, bedinge deren Annahme jedoch, dass eine konsequente Depressionstherapie befolgt werde, deren Scheitern das Leiden als resistent ausweise. Fehle es wie vorliegend daran, sei keine invalidisierende Wirkung der gesundheitlichen Einschränkung anzunehmen. Zudem verfüge die Beschwerdeführerin über eine Vielzahl an Ressourcen, welche bei der Beurteilung ebenfalls zu berücksichtigen seien. Eine posttraumatische Belastungsstörung sei sodann weiterhin nicht ausgewiesen (
Urk.
2).
2.
2
Die
Beschwerdeführer
in
brachte demgegenüber im Wesentlichen vor, dass
die Begründung in der Verfügung vom 2. Juni 2021 anges
ichts des Gutachtens von Dr.
Y._
und de
r
Berichte der
Z._
Gruppenpraxen AG
nicht haltbar sei. Dr.
Y._
habe ein strukturiertes Beweisverfahren mit Konsistenz- und Ressourcenprüfung durchgeführt und sei nachvollziehbar und schlüssig auf eine Restarbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin von 40 % gekommen. Zwar habe er im Rahmen einer Therapieoptimierung ein gewisses Verbesserungspotenzial von 20 % für möglich erachtet. Wie sich aus den Berichten der behandelnden Ärzte
allerdings
ergebe, seien die Empfehlungen des Gutachters inzwischen umge
s
etzt worden,
ohne dass sich eine
Verbesserung der Arbeitsfähigkeit eingestellt habe
. Folglich sei nach wie vor von einer 60%igen Arbeitsunfähigkeit auszugehen und der Beschwerdeführerin eine
Dreiviertelsrente
zuzusprechen
(
Urk.
1).
3.
D
r.
Y._
stellte in seinem
Gutachten
(
Urk.
7/16)
eine mittelgradige depressive Episode
, gegenwärtig
chronifiziert
(ICD-10 F32.1)
,
fest
und
führte
F
olgendes aus:
Gemäss den
Schilderungen
der Beschwerdeführerin habe
sich
deren
Tochter auf
grund eines schweren Paarkonfliktes von ihrem Ehemann getrennt, worauf dieser sie i
m Sommer 2013
im Auto angeschossen und sich anschliessend
selbst
ge
r
ichtet habe
.
Die Tochter habe überlebt.
In der Folge habe
aber
die Familie des Ex-Ehemannes
wiederholt die
Familie der Beschwerdeführerin
bedroht
. Die Beschwerdeführerin habe anfänglich
im Service
weitergearbeitet,
obwohl es ihr schlecht gegangen sei. I
m Jahr 2014
habe sie dann
aber
ihre Anstellung verloren. Nach einer
etwa zweijährigen
Phase der Arbeitslosigkeit habe sie
im Jahr 2016
eine neue Stelle im Service
gefunden, d
iese
dann aber
im Juli 2018 durch Kündigung
auch
wieder
verloren
.
In der Folge sei es zu einer Verstärkung der depressiven Symptomatik gekommen.
Im
Oktober 2018
habe sie schliesslich
eine psychiatrische Behandlung
aufgenommen und sei krankgeschrieben worden.
Die Beschwerdeführerin sei zum Zeitpunkt der Untersuchung deprimiert gewesen. Es habe ein Verlust der Freudfähigkeit bestanden und die Beschwerdeführerin sei müde und erschöpft gewesen. Dementsprechend seien die drei Hauptkriterien
für eine depressive Störung
erfüllt. Weiter habe
die Beschwerdeführerin
über Schla
f
störungen, Insuffizienzgefühle und
passive Todeswünsche berichtet und es hätten Konzentrationsstörungen bestanden, so dass insgesamt etwa sieben Kriterien er
füllt seien, was für das Vorliegen einer mittelgradigen depressiven Episode spreche. Im Bericht der
Z._
Gruppenpraxen AG
vom 22. Januar 2020 sei eine schwere depressive Episode geltend gemacht worden.
Dies sei theoretisch nicht
unplausibel
, i
ndes seien dem Bericht nicht genügend Kriterien zu entnehmen, um diese Diagnose nachzuvollziehen. Soweit bekannt handle es sich um eine einzelne Episode. Weder sei es zu früheren depressiven Phasen gekommen noch sei es bislang seit deren Entstehung zu einer Remission gekommen, so dass
vorliegend
eine einzelne depressive Episode diagnostiziert werde, die mittlerweile chronisch verlaufe. Die Ängste und Panikattacken würden
der Depression subsum
iert.
In den Akten sei weiter eine posttraumatische Belastungsstörung geltend gemacht worden. Um diese Diagnose zu stellen, müsse zunächst ein Ereignis oder Geschehen von aussergewöhnlicher Bedrohung vorliegen (Kriterium A). Eigentlich werde im ICD-10 davon ausgegangen, dass der Betroffene selbst Opfer sei, was hier nicht der Fall sei. Die neuere Forschung gehe davon aus, dass diese Störung nicht nur dann auftrete, wenn man direkt von einem solchen Ereignis betroffen sei, sondern es reiche im Prinzip auch aus, von einer solchen Situation bei nahen Bezugspersonen zu erfahren. Damit liesse sich im vorliegenden Fall dieses Kriterium bejahen. Sodann werde verlangt, dass ein wiederholtes Erleben des Traumas durch sich aufdrängende Erinnerungen, Träume oder Albträume vorliege (Kriterium B). Die Beschwerdeführerin
gebe Albträume mit unspezifischer Gewalt an. Im Bericht der
Z._
Gruppenpraxen AG
würden je
doch In
t
rusionen beschrieben, so dass dieses Kriterium zumindest für den Zeit
punkt der Berich
terstellung als erfüllt be
trachtet werden könne. Sodann werde ein Vermeidungsverhalten verlangt (Kriterium C). Dies mache die Beschwerde
führerin nicht geltend. Ein entsprechendes Verhalten sei auch in der Bericht
erstattung nicht erwähnt. Sodann würden anhaltende Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität und Erregung verlangt (Kriterium D), was durch das Vor
liegen von Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen und einer erhöhten Schreckhaftigkeit erfül
lt wäre. Damit liesse sich die
Diagnose
einer post
traumatischen Belastungsstörung
streng genommen zum Zeitpunkt der Begutachtung eigentlich nicht mehr stellen. Da auch für die Vergangenheit keine entsprechenden Symptome beklagt worden seien, lasse sich diese Diagnose auch nicht für eine frühere Phase bestätigen.
Der Gutachter schätzt
e
die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit auf 60 % ein, wo
bei die bisherige Tätigkeit im Service einer angepassten Tätigkeit
entspreche. Weiter führte Dr.
Y._
aus, dass er eine Intensivierung der pharmakologischen Behandlung empfehle. Zunächst könnte eine Erhöhung der
Fluoxetin
-Dosis er
wogen werden. Als nächster Schritt wäre eine Kombinationsbehandlung zu erwägen, sei es mit Lithium oder beispielsweise mit einem atypischen
Anti
psychotikum
wie
Aripiprazol
oder
Quetiapin
. Unter diesen Massnahmen wäre eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit von etwa 20 % innert sechs Monaten über
wiegend wahrscheinlich.
Die Chance, dass es kurz- bis mittelfristig zu einer voll
ständigen Erholung komme, sei hingegen eher klein.
4.
4.1
Strittig und zu prüfen ist
vorliegend insbesondere
, ob die IV-Stelle von der Beurteilung der im Gutachten vom 3. September 2020 attestierten Arbeits
fähigkeit der Beschwerdeführerin zu Recht abwich und einen Leistungsanspruch verneinte.
4.2
Das Gutachten von Dr.
Y._
(vgl. vorstehend E. 3) beruht auf all
sei
tigen Unter
suchungen, berücksichtigt die geklagten Beschwerden, wurde in Kennt
nis der und in Auseinandersetzung mit den
Vorakten
abgegeben, be
ant
wortet sämtliche Fragen, erscheint in der Darlegung der medizinischen Zu
stände und Zusammen
hänge als einleuchtend und begründet die Schluss
folge
rungen in nach
vollzieh
barer Weise. Folglich erfüllt es die formellen An
forde
rungen an eine be
weis
kräftige Expertise (vgl. vorstehend E. 1.
4
)
.
4.3
Im Rahmen der psychiatrischen Exploration legte Dr.
Y._
zunächst
nachvoll
ziehbar dar,
dass die
drei Hauptkriterien einer depressiven Störung (depressive Stimmung in einem für die Betroffenen deutlich ungewöhnlichen Ausmass über die meiste Zeit des Tages; Verlust des Interesses oder der Freude an normalerweise angenehmen Aktivitäten; verminderte Energie und erhöhte Ermüdbarkeit) im
Untersuchung
szeitpunkt
erfüllt
waren
.
Ebenso waren vier Nebenkriterien (Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme; Verlust des Selbstvertrauens oder des Selbstwertgefühls; Selbstverletzung, suizidale Handlungen oder Gedanken an Suizid; Schlafstörungen jeder Art) erfüllt,
so dass insgesamt etwa sieben Kriterien
gegeben
waren
, was für das
Vorlie
gen einer mittelgradigen
depressiven Störung
spricht.
Dr.
Y._
diagnostizierte vorliegend eine depressive Episode, obwohl länger (mehr als sechs, selten zwölf Monate) dauernde Störungen
grundsätzlich unter ICD-10 F33 (rezidivierende depressive Störung) oder ICD-10 F34 (anhaltende affektive Störung) erfasst
werden
(Urteil 9
C_947/2012 vom 19. Juni 2013 E.
3.2.1).
Diesem
Umstand
kommt allerdings
keine entscheidende Bedeutung zu, da sich eine depressive Episode von einer depressiven Störung hauptsächlich hinsichtlich ihrer Dauer, nicht aber bezüglich der Schwere der Erkrankung, unterscheidet (vgl. Urteil de
s Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 138/06 vom 21. Dezember 2006 E.
4.2
, Urteil des Bundesgerichts 9C_917/2012 vom 14. August 2013 E. 3.2
).
Weiter führt
e Dr.
Y._
überzeugend
aus, dass
die Voraussetzungen für die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht erfüllt sind, da ins
besondere kein Vermeidungsverhalten (Kriterium C) vorliegt
(vgl. auch
Urk.
7/16/20, wonach sich eine
Traumafolgesymptomatik
nicht
objektivieren liess, sowie
Urk.
7/16/12, wo der Gutachter darauf hinwies, dass der Stellenverlust dramatischer und schmerzhafter als der Tötungsversuch zu sein scheine
)
.
Damit
erscheint der Ausschluss
dieser
Diagnose n
achvollziehbar
.
Daran vermögen auch die Berichte der
Z._
Gruppenpraxen AG (insbesondere
Urk.
3/3 und 3/4)
nichts zu ändern, zumal i
nsbesondere die in diesen Berichten beschriebene Angst, das Haus zu verlassen, sich in keiner Art und Weise mit den von
der Beschwerdeführerin
durchgeführte
n Familienaktivitäten
sowie den Ferien im
A._
(vgl. E. 4.4.2)
vereinbaren
lässt
,
wo
gemäss ihren Angaben weiterhin Familienmitglieder durch die Familie des Ex-Eh
e
mannes der Tochter
verfolgt wü
rden
.
In diesem Zusammenhang ist denn auch
auf die Er
fah
rungstatsache hin
zuweisen, dass Haus
ärzt
innen und Hausärzte wie überhaupt behandelnde Arzt
per
sonen bezie
hungsweise Therapiekräfte mitunter im Hinblick auf ihre auftrags
rechtliche Ver
trauens
stellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patientinnen und Patien
ten aus
sagen (BGE 135 V 465 E. 4.5; 125 V 351 E. 3b/cc). Wohl kann die einen längeren Zeitraum abdeckende und umfassende Behandlung oft wertvolle Erkenntnisse zeitigen; doch lässt es die unterschiedliche Natur von Be
handlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Person einerseits und Be
gut
achtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits (BGE 124 I 170 E. 4) nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die be
handelnden Arztpersonen bzw. Therapiekräfte zu anderslautenden Ein
schät
zun
gen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine ab
weichende Be
ur
teilung aufdrängt, weil die anderslautenden Einschätzungen wichtige – und nicht rein subjektiver Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die bei der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Urteil des Bundes
gerichts 8C_677/2014 vom 29. Oktober 2014 E. 7.2 mit Hinweisen, u.a. auf SVR 2008 IV Nr. 15 S. 43 E. 2.2.1 [I 514/06]). Dies trifft vorliegend
offensichtlich
nicht zu.
Entsprechend ist aus psychiatrischer Sicht gestützt auf das Gutachten
von Dr.
Y._
erstellt, dass die
Be
schwerdeführer
in
an einer
mittelgradigen
depressiven
Episode
oder Störung
leidet
.
4.4
4.4.1
Zu prüfen bleibt, ob die im Gutachten attestierte Arbeitsunfähigkeit aus psy
chiatrischer Sicht einer rechtlichen Überprüfung im Lichte der massgeblichen Standardindi
katoren standhält (vgl. E. 1.
3
.3
), wobei gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung von der medizinischen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit abge
wichen werden kann, ohne dass eine beweiskräftige Expertise dadurch ihren Beweiswert verlöre (vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_604/2017 vom 15. März 2018 E. 3.2).
4
.4.2
Die erste Kategorie «funktioneller Schweregrad» umfasst die Komplexe «Gesund
heitsschädigung», «Persönlichkeit» sowie «s
ozialer Kontext»
.
Hinsichtlich der Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
schilderte
Dr.
Y._
, dass
die Beschwerdeführerin im Rahmen der psychopathologischen Be
fund
aufnahme bewusstseinsklar und allseits orientiert gewesen sei. Es hätten
sich im Gespräch
zwar
Konzentrationsstörungen gezeigt, ansonsten
liessen sich
aber klinisch keine wesentlichen kognitiven Defizite feststellen. Das Denken
sei
etwas unzureichend strukturiert
gewesen
. Wesentliche pathologische Phänomene wie
beispielsweise eine Inkohärenz oder
ein starkes Gedankendrängen
hätten
sich jedoch nicht feststellen
lassen
. Das Denken
sei
auch nicht wesentlich verlangsamt, gehemmt oder eingeengt
gewesen
.
Die Beschwerdeführerin sei ängstlich gewesen. Hinweise für das Vorliegen einer klinisch relevanten Zwangssymptomatik hätten sich aber nicht gefunden.
Ebenso verneinte D
r.
Y._
das Vorliegen einer klinisch relevanten Wahnsymptomatik sowie sonstiger Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen. Im Affekt
sei
die
Beschwerdeführerin
deprimiert
gewesen
, die Freudfähigkeit
sei
vermindert
gewesen
und es
hätten
Insuffizienzgefühle
bestanden
. Auch
sei
sie müde und erhöht erschöpft
gewesen
. Der Antrieb
sei
aber unauffällig
gewesen,
ebenso die Psychomotorik
(
Urk.
7/16/13
).
In Bezug auf
den Indikator «Behandlungs- und Eingliederungserfolg»
hielt Dr.
Y._
fest,
dass
die
Beschwerdeführer
in
zweimal pro Monat
in psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung
stehe
.
Einen stationären Klinikaufenthalt habe
sie
bisher verweigert. Zudem
nehme
sie
20 mg
Fluoxetin
ein
(
Urk.
7/16/11)
.
Diesbezüglich hielt Dr.
Y._
fest,
dass diese aktuelle Medikation letztlich nicht sehr intensiv sei und die Beschwerdeführerin auch nicht über Reserve
medikamente zur Behandlung von Angstzuständen oder schweren Schlaf
störungen berichtet habe. Die Depressionsbehandlung sei auch nicht ent
sprechend den üblichen Empfehlungen intensiviert worden. Diese Umstände seien nicht so gut mit einem ausgeprägten, durch schwere Symptome oder Beeinträchtigungen bedingten Leidensdruck zu vereinbaren (
Urk.
7/16/21). Dr.
Y._
empfahl
deshalb
eine Intensivierung der pharmakologischen Behandlung mit zunächst einer Erhöhung der
Fluoxetin
-Dosis und in einem nächsten Schritt
eine
r
Kombinationsbehandlung.
Er ging davon aus,
dass
unter diesen Massnahmen
eine Verbesserung der
Arbeitsfähigkeit
von etwa 20 % innert sechs Monaten
überwiegend wahrscheinl
i
c
h sei (
Urk.
7/16/22
)
. Damit ist festzu
stellen, dass die therapeutischen Optionen bisher nicht ausgeschöpft sind
und nicht von einer
Be
hand
lungs
- oder Ein
gliederungsresis
tenz ausgegangen werden kann
.
Dem stehen auch die
Arztbericht
e
der
Z._
Gruppenpraxen AG vom
25. Januar und 24. Juni 2021 (
Urk.
3/3 und
3/4
) nicht entgegen
,
erwähnen diese
doch nur, dass die Beschwerdeführerin in der Vergangenheit mit
Escitalopram
und anschliessend
Fluoxetin
gut eingestellt gewesen sei, ohne sich zur niedrigen Dosierung zu äussern.
Zudem wurde geschildert, dass a
ktuell
eine Einstellung mit
Sertralin
vorgenommen
werde, ohne aber Angaben zur Dosierung, Dauer und bisherigen Wirkung zu tätigen.
Angesichts der
eher
be
schei
denen Befunde im affektiven Bereich ist insge
samt
sodann
auf eine geringe Aus
prägung der diagnoserelevanten Befunde zu schliessen, was umso mehr gilt, als
auch psycho
soziale
Faktoren
(
fehlende Anstellung, fehlende Berufsausbildung, Alter, beschränkte Deutschkenntnisse, Kündigung der Arbeitsstelle des Ehemannes
[
Urk.
7/16/21]
)
im Raume stehen.
Komorbiditäten bestehen sodann keine.
Dr.
Y._
führte
zum Komplex «Persönlichkeit» die Beeinträchtigungen gemäss
Mini-ICF-APP
aus. Dabei zeigten sich mit Ausnahme der Bereiche «Anpassung an Regeln und Routinen», «Durchhaltefähigkeit» und «Selbstbehauptungs
fähigkeit»
höchstens
leichte oder mittelgradige
Einschränkungen
.
Daneben wurden weder eine Persönlichkeitsstörung noch akzentuierte Persönlichkeitszüge
oder
anderweitige Diagnosen beschrieben
, weshalb v
orliegend
auch keine Wechselwirkungen
zwischen der Depression und anderen Diagnose
n
in Frage kommen
(
Urk.
7/16/14 ff.)
. Folglich
lässt die Prüfung der ersten Kategorie insge
samt nicht den Schluss auf einen erheblichen funktionellen Schweregrad der psychischen Störung zu. Dies gilt umso mehr, als Dr.
Y._
mit Blick auf den «sozialen Kontext
» festhielt, die
Beschwerdeführer
in
wohne zusammen mit ihrem Ehema
nn und zwei Söhnen in einer 4.5-
Zimmer-Wohnung und
verfüge über
gute und haltgebende Beziehungen
zu ihrer Familie
,
von welchen sie unterstützt werde und
mit wel
chen sie sehr gerne etwas zusammen unternehme
, wie Ausflüge, grillieren oder mit anderen zusammen essen.
Auch wenn die Beschwerdeführerin schilderte, sich sehr zurückgezogen zu haben, nimmt sie doch nach wie vor auch Aktivitäten mit Freundinnen wa
h
r, wenn auch nicht mehr im selben Masse wie früher
(
Urk.
7/16/10)
. Auch
erfolgten Reisen in den
A._
(vgl.
Urk.
7/16/20)
.
Vor diesem Hintergrund verfügt
die
Beschwerdeführer
in
, trotz des beschriebenen
Rückzugs
,
über mobilisierende Res
sour
cen
.
4
.4.3
Hinsichtlich der beweisrechtlich relevanten Kategorie
der «Konsi
stenz»
vermochte Dr.
Y._
zwar keine
offensichtlichen
Inkonsistenzen auszumachen. Betrachtet man allerdings die Aktivitäten der Beschwerdeführerin mit
Ausflügen, Grillieren, gemeinsamen Essen mit Drittpersonen und Reisen in den
A._
, selbst wenn diese nicht mehr im selben Ausmass wie früher stattfinden sollen,
so
stehen diese doch in einem gewissen Widerspruch zu den
Ausführungen der Beschwerde
führerin, wonach sie
Angst habe, das Haus zu verlassen,
über keinen Tagesablauf verfüge und
lediglich noch 30 Minuten im Haushalt
helfen könne
(
Urk.
7/16/10).
Jedenfalls zeigen sich die negativen Auswirkungen der Depression
entgegen der Auffassung des psychiatrischen Gutachters (vgl.
Urk.
7/16/20) vor dem Hinter
grund
dieser Aktivitäten offensichtlich
nicht in allen Lebens
bereichen
gleich
mässig
.
Schliesslich ist der
Beschwerde
führer
in
ein gewisser Leidens
druck angesichts der Medikation und der Therapie wohl nicht abzusprechen,
allerdings ist aufgrund der Weigerung,
sich
eine
r
stationäre
n
Therapie
zu unterziehen
und
(bisher)
höhere Dosen an Medikamenten einzunehmen, dieser als eher leicht ein
zustufen. E
in hoher Leidensdruck ist aufgrund der Akt
en jedenfalls nicht aus
gewiesen und es fehlt an gewichtigen Gründen, welche bei mittelgradiger
depressiver
Störung auf eine invalidisierende Erkranku
ng schliessen lassen würden (E.
1.3.2).
4
.4.4
Zusammenfassend ergibt sich aus der Prüfung d
er Standardindikatoren, dass die
Beschwerdeführer
in
bei Ausschöpfen der vorhandenen Ressourcen in der Lage
wäre
,
weiterhin in einem vollen Arbeitspensum tätig zu sein.
Dafür sprechen neben der geringen Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde ins
besondere die
mobilisierenden Ressourcen, die festgestellten Diskrepanzen sowie
der bloss geringe Leidensdruck
bei noch bedeutendem therapeutischen Potential
. Die von Dr.
Y._
atte
stierte Arbeitsunfähigkeit von 6
0 % erscheint vor diesem Hinter
grund
nicht hinreichend und nachvollziehbar begründet
, weshalb die rechtliche Überprüfung im Lichte des struk
turierten Be
weisverfahrens, unter Berücksichtigung
sämtlicher Indikatoren und insbesondere
der Inkonsistenzen im Rahmen des
Aktivitätenniveaus
, ein Ab
weichen von dieser medizinisch-theore
tischen Einschätzung gebietet (vgl. BGE 145 V 361 E. 4.3). Dies führt zum Schluss, dass eine Einschränkung der Leis
tungsfähigkeit aus psychischen Gründen nicht erstellt ist. Die Folgen de
r Beweis
losigkeit hat dabei die
Beschwerde
führer
in
zu tragen (vgl. BGE 141 V 281 E. 6).
4.5
Da die vorhandenen medizinischen Akten eine schlüssige Beur
teilung der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführ
erin
erlauben, sind von medizinischen Weite
rungen keine
entscheidrelevanten
neuen Aufschlüsse zu erwarten
, weshalb davon abgesehen werden kann
(antizipierte Beweiswürdigung, BGE 136 I 229 E. 5.3 mit Hinweisen).
5
.
Nach dem Gesagten ist die IV-Stelle zu Recht von der gutachterlich attestierten Einschätzung der Arbeitsfähigkeit abgewichen
und hat den Leistungsanspruch der
Beschwerdefü
hrerin
zu Recht verneint. Die Beschwerde erweist sich folglich als unbegründet, weshalb sie abzuweisen ist.
6.
Die
Verfahrenskosten sind auf Fr. 7
00.-- festzusetzen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG) und ausgangsgemäss der Beschwerdeführerin aufzuerlegen.