Decision ID: a735205d-6c6e-48a9-aee6-37e96bb9ef58
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt (Zusammenfassung)
Der vorinstanzliche Entscheid wurde den Parteien am 13. Juli 2020 im Dispositiv,
versehen mit einer Kurzbegründung und dem Hinweis, wonach eine ausführliche
schriftliche Begründung des Entscheids nachgeliefert werde, wenn eine Partei dies
innert 10 Tagen seit der Zustellung verlange, eröffnet. Mit Eingabe vom 24. August
2020 an das Kreisgericht ersuchte der Beklagte um "Ausfertigung eines vollständigen
und begründeten Entscheids". Bereits am 25. August 2020 stellte der Rechtsvertreter
des Beklagten beim Kantonsgericht ein Gesuch um Bewilligung der "unentgeltlichen
Rechtspflege und Rechtsverbeiständung für das Berufungsverfahren [...]". Gleichzeitig
reichte er den (begründeten) vorinstanzlichen Entscheid betreffend unentgeltliche
Rechtspflege vom 2. Juli 2019 (der sich zu den Prozessaussichten nicht äussert), den
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im Dispositiv eröffneten Entscheid in der Sache vom 19. Juni 2020 sowie aktualisierte
Grundlagen zu den finanziellen Verhältnissen des Gesuchstellers ein.

Erwägungen (Auszug)
[...]
III.
1. Eine Partei wird von Vorschüssen, Sicherheitsleistungen und Gerichtskosten
befreit, wenn sie mittellos ist und ihr Rechtsbegehren nicht als aussichtslos erscheint.
Die unentgeltliche Rechtsvertretung setzt zudem voraus, dass zur Wahrung der Rechte
der mittellosen Partei rechtlicher Beistand notwendig ist (Art. 117 f. ZPO). Die
Voraussetzungen der Mittellosigkeit und der Nichtaussichtslosigkeit sind erneut zu
prüfen, auch wenn dem Gesuchsteller vor Vorinstanz die unentgeltliche Rechtspflege
bereits gewährt wurde (Art. 119 Abs. 5 ZPO).
2.a) Als aussichtslos sind nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung Begehren
anzusehen, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich geringer sind als die
Verlustgefahren und die deshalb kaum als ernsthaft bezeichnet werden können.
Dagegen gilt ein Begehren dann nicht als aussichtslos, wenn sich die
Gewinnaussichten und die Verlustgefahren ungefähr die Waage halten oder jene nur
wenig geringer sind als diese. Massgeblicher Gesichtspunkt ist, ob eine Partei, die über
die nötigen Mittel verfügt, sich bei vernünftiger Überlegung zu einem Prozess (bzw. zur
Ergreifung eines Rechtsmittels) entschliessen würde. Eine Partei soll einen Prozess,
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den sie auf eigene Rechnung und Gefahr nicht führen würde, nicht deshalb anstrengen
können, weil er nichts kostet. Dabei ist zur Beurteilung der Erfolgsaussichten im
Rechtsmittelverfahren insbesondere auf den erstinstanzlichen Entscheid einschliesslich
der erstinstanzlichen Akten und die (in der Berufungsschrift) gegen den vor
instanzlichen Entscheid vorgebrachten Einwendungen abzustellen (vgl. BGer
4A_226/2011 E. 3.2; BGer 4A_384/2011 E. 2.2.1; BGer 4A_193/ 2012 E. 2.2; BGer 5A_
897/2012 E. 2.2; BGer 4A_375/2016 E. 3.1; BK-Bühler, Art. 117 ZPO N 271, Art. 119
ZPO N 137a). Ob im Einzelfall genügende Erfolgsaussichten bestehen, beurteilt sich
aufgrund einer vorläufigen und summarischen Prüfung der Prozessaussichten, wobei
die Verhältnisse im Zeitpunkt der Einreichung des Gesuchs massgebend sind (BGE
139 III 475 E. 2.2; BGE 138 III 217 E. 2.2.4).
b) Damit ist der Fokus zur Beurteilung der Prozessaussichten im
Rechtsmittelverfahren ein anderer als vor erster Instanz: Ausgangspunkt sind nicht
mehr in erster Linie die Parteivorbringen vor Vorinstanz. Vielmehr bildet der begründete
Entscheid, der angefochten werden soll, den Ausgangspunkt. Mit diesem muss sich
der vor Vorinstanz unterlegene Gesuchsteller auseinandersetzen, um seine
Prozessaussichten vor zweiter Instanz darzutun. Vor dem Hintergrund des begründeten
vorinstanzlichen Entscheids und der vom Gesuchsteller geltend gemachten Gründe für
intakte Aussichten auf ein Obsiegen vor Rechtsmittelinstanz erfolgt die summarische
Prüfung durch das Gericht. So hält das Bundesgericht fest, dass die Prognose vom
Inhalt des angefochtenen Entscheids sowie davon abhängig sei, in welchen Punkten
sowie mit welchen Rügen und (allenfalls neuen) Tatsachen der Gesuchsteller sich
gegen diesen Entscheid wende und ob die Vorbringen im Rechtsmittel zulässig seien
(BGer 5A_623/2016 E. 2.3; BGer 5A_712/2017 E. 7.1).
3.a) Hier verlangte der Gesuchsteller erst einen Tag vor Einreichung seines Gesuchs
um unentgeltliche Rechtspflege für das Rechtsmittelverfahren die (ausführliche)
Begründung des Entscheids bei der Vorinstanz. Er macht geltend, es müsse bereits mit
Zustellung des begründeten Entscheids für ihn, den Gesuchsteller, und seinen Anwalt
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klar sein, ob die unentgeltliche Rechtspflege für das Berufungsverfahren gewährt
werde. Als Grundlage für die Gesuchstellung lagen ihm lediglich das den Parteien
vorab eröffnete Dispositiv des vorinstanzlichen Entscheids in der Sache sowie eine von
der Vorinstanz mitgelieferte "Kurzbegründung" vor, auf die sich der Gesuchsteller nun
in seiner Eingabe bezieht.
b) Art. 239 ZPO regelt die Eröffnung und Begründung des Entscheids. Nach Art. 239
Abs. 1 ZPO ist es zulässig, einen erstinstanzlichen Entscheid vorerst "ohne schriftliche
Begründung" im Dispositiv zu eröffnen, sei es mündlich an der Hauptverhandlung (lit.
a), sei es durch Zustellung an die Parteien (lit. b). Wenn die schriftliche
Entscheideröffnung im Dispositiv in der Praxis vereinzelt von einer Kurzbegründung in
Briefform oder – wie vorliegend – sogar im Dokument selber begleitet wird, so handelt
es sich dabei nicht um einen abschliessend, vollständig und verbindlich begründeten
Entscheid im Sinne von Art. 239 Abs. 2 ZPO, der die Rechtsmittelfrist auslöst und
Anfechtungsobjekt bildet. In der ZPO ist lediglich eine mündliche Kurzbegründung bei
Eröffnung des Dispositivs anlässlich der Hauptverhandlung ausdrücklich vorgesehen
(Art. 239 Abs. 1 lit. a ZPO). Wie sich eine (so ohnehin nicht vorgesehene) schriftliche
Kurzbegründung von der "ausführlichen schriftlichen Begründung" (so die Vorinstanz
im angefügten Hinweis) unterscheiden soll – quantitativ, qualitativ, im Anspruch auf
Vollständigkeit etc. – ist nicht klar und deren Inhalt, weil im Gesetz nicht vorgesehen,
nicht definiert. Es handelt sich bei einer Kurzbegründung, die in knapper Form die
Argumentationslinie des Gerichts zusammenfasst, daher höchstens um eine
informative, vorläufige, kursorische, jedoch nicht um eine verpflichtende, definitive
Entscheidbegründung im Sinne von Art. 239 Abs. 2 ZPO. Fest steht hier mit der
Entscheideröffnung lediglich das Dispositiv, wonach der Gesuchsteller vor Vorinstanz
unterliegt.
c) Vor diesem Hintergrund ist die (zukünftige) Rechtsmittelinstanz noch nicht in der
Lage, die geforderte erneute Prüfung des Anspruchs auf unentgeltliche Rechtspflege
für das Rechtsmittelverfahren vorzunehmen. Es fehlt zur Zeit der Gesuchseinreichung
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an einer wesentlichen Beurteilungsgrundlage für die Prozessaussichten in einem
allfälligen Berufungsverfahren und damit für die Beurteilung der Nichtaussichtslosigkeit
eines Rechtsmittels im Sinne von Art. 117 lit. b ZPO. Für die Prüfung der Frage, ob der
Gesuchsteller auch in zweiter Instanz von der unentgeltlichen Rechtspflege profitieren
kann, muss zumindest der abschliessend begründete vorinstanzliche Entscheid
vorliegen. Auf diesen muss sich das Gesuch beziehen. Es kann nicht Aufgabe der
zukünftigen Rechtsmittelinstanz sein, namentlich vor Vorliegen des anfechtbaren
begründeten Entscheids der Vorinstanz die vorinstanzlichen Akten beizuziehen und auf
dieser für das Rechtsmittelverfahren nicht entscheidenden Grundlage zu erörtern, wie
und mit welchen Erfolgsaussichten eine vor erster Instanz unterlegene Partei in einem
potentiellen Berufungsverfahren argumentieren könnte. Entgegen der Ansicht des
Gesuchstellers genügt es nicht, sich auf eine unverbindliche Kurzbegründung des
Entscheids, welcher namentlich auch der von der Vorinstanz zugrunde gelegte
Sachverhalt und damit die tatsächliche Grundlage der Streitsache nicht zu entnehmen
sind, abzustützen, um die Prozesschancen einer zukünftigen Berufung glaubhaft
darzutun. Hier steht der letztlich anfechtbare vollständig begründete Entscheid der
Rechtsmittelinstanz noch nicht zur Verfügung. Die Nichtaussichtslosigkeit wäre jedoch
im Zeitpunkt der Gesuchstellung und im Wesentlichen gestützt auf den abschliessend
begründeten angefochtenen Entscheid glaubhaft zu machen, was in diesem Zeitpunkt
dem Gesuchsteller nicht möglich ist. Daher ist das Gesuch zur Zeit abzuweisen.
[...]
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Kantonsgericht, 08.09.2020 Art. 117 lit. b; Art. 119 Abs. 5; Art. 239 Abs. 2 ZPO (SR 272): Im Verfahren um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege muss sich der vor Vorinstanz unterlegene Gesuchsteller mit dem begründeten erstinstanzlichen Entscheid auseinandersetzen, um seine Prozessaussichten vor zweiter Instanz darzutun. Bei einer mit dem Dispositiv eröffneten Kurzbegründung, die in knapper Form die Argumentationslinie des Gerichts zusammenfasst, handelt es sich höchstens um eine informative, vorläufige, kursorische, jedoch nicht um eine verpflichtende, definitive Entscheidbegründung im Sinne von Art. 239 Abs. 2 ZPO. Für die Prüfung der Frage, ob der Gesuchsteller auch in zweiter Instanz von der unentgeltlichen Rechtspflege profitieren kann, muss zumindest der abschliessend begründete vorinstanzliche Entscheid vorliegen (Kantonsgericht, verfahrensleitende Richterin, I. Zivilkammer, 8. September 2020, ZV.2020.156).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
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2021-08-06T02:01:57+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen