Decision ID: 063da805-28cd-5bfc-9432-672ff08946d8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 21. Januar 2016 ersuchte der Gesuchsteller um Asyl in der Schweiz.
Mit Verfügung vom 13. Juni 2017 stellte die Vorinstanz fest, der Gesuch-
steller erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte das Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an.
B.
Mit Urteil E-3954/2017 vom 29. Januar 2018 wies das Bundesverwaltungs-
gericht die vom Gesuchsteller gegen die vorinstanzliche Verfügung erho-
bene Beschwerde ab.
C.
Am 16. August 2018 stellte der Gesuchsteller ein zweites Asylgesuch so-
wie ein Wiedererwägungsgesuch.
D.
Mit Verfügung vom 21. September 2018 wies die Vorinstanz verschiedene
Verfahrensanträge des Gesuchstellers ab, lehnte das Mehrfachgesuch und
das Wiedererwägungsgesuch ab, soweit sie darauf eintrat, trat auf die als
Revisionsgründe erkannten Vorbringen nicht ein, verfügte die Wegweisung
aus der Schweiz, ordnete deren Vollzug an und erhob eine Gebühr von
Fr. 900.–.
E.
Gegen die Verfügung der Vorinstanz erhob der Gesuchsteller am 23. Ok-
tober 2018 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.
F.
Das Bundesverwaltungsgericht eröffnete das Verfahren E-6063/2018 und
setzte mit superprovisorischer Massnahme vom 26. Oktober 2018 den
Vollzug der Wegweisung einstweilen aus.
G.
Am 1. Juli 2020 teilte der Migrationsdienst des Kantons Bern mit, der Ge-
suchsteller sei unbekannten Aufenthalts.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 8. Juli 2020 wurde die Rechtsvertreterin des
Gesuchstellers aufgefordert, bis 22. Juli 2020 seinen gegenwärtigen Auf-
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enthalt bekanntzugeben und eine aktuelle, von ihm persönlich unterzeich-
nete Erklärung einzureichen, aus der sein Interesse an der Fortführung des
Verfahrens hervorgehe.
I.
Mit Schreiben vom 22. Juli 2020 teilte die Rechtsvertreterin des Gesuch-
stellers mit, sein aktueller Aufenthaltsort sei ihr nicht bekannt.
J.
Mit Urteil E-6063/2018 vom 7. August 2020 schrieb das Bundesverwal-
tungsgericht die Beschwerde mit der Begründung ab, infolge unbekannten
Aufenthalts des Gesuchstellers sei praxisgemäss anzunehmen, er sei an
der Weiterführung des Asylverfahrens nicht mehr interessiert und habe
kein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung oder Änderung der ange-
fochtenen Verfügung.
K.
Mit Eingabe vom 1. September 2020 stellte der Gesuchsteller beim Bun-
desverwaltungsgericht ein Gesuch um Wiederaufnahme des Beschwerde-
verfahrens. Zudem ersuchte er darum, den Ausgang des Verfahrens in der
Schweiz abwarten zu dürfen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
[AsylG, SR 142.31] in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbe-
stimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015 gilt für Ver-
fahren, welche nach dem 1. März 2019 eingeleitet wurden das neue Recht.
1.2 Abschreibungsentscheide sind weder der Revision noch der Wiederer-
wägung zugänglich. Die Wiederaufnahme des Beschwerdeverfahrens
stellt ein eigenes Verfahren dar, mithin ein Verfahren sui generis (vgl. Urteil
des BVGer D-747/2019 vom 25. Juli 2019 E. 3, mit Hinweisen auf die bis-
herige Praxis). Als solches ist es vom abgeschriebenen beziehungsweise
dem allenfalls wieder aufzunehmenden Beschwerdeverfahren zu unter-
scheiden. Auf das mit Eingabe vom 1. September 2020 eingeleitete Ver-
fahren um Wiederaufnahme sind deshalb die neuen Bestimmungen des
AsylG anwendbar.
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1.3 Das Verfahren betreffend das Gesuch um Wiederaufnahme des Asyl-
beschwerdeverfahrens richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG, Art. 6
AsylG).
1.4 Als Beschwerdeinstanz auf dem Gebiet des Asylrechts (Art. 31 VGG
i.V.m. Art. 105 AsylG) ist das Bundesverwaltungsgericht auch für die Beur-
teilung von Gesuchen um Wiederaufnahme eines von ihm abgeschlosse-
nen Beschwerdeverfahrens zuständig.
1.5 Der Gesuchsteller ist durch den Abschreibungsentscheid des Bundes-
verwaltungsgerichts vom 7. August 2020 besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist damit zur Einreichung des Gesuchs um Wiederaufnahme des
Beschwerdeverfahrens legitimiert (Art 48 Abs. 1 VwVG).
1.6 Über die Wiederaufnahme abgeschriebener Asylbeschwerdeverfahren
entscheidet das Bundesverwaltungsgericht in der Zusammensetzung mit
drei Richterinnen oder Richtern (Art. 21 Abs. 1 VGG, Art. 23 Abs. 1 Bst. a
VGG und Art. 111 AsylG [e contrario]).
2.
Ein Abschreibungsentscheid kann auf Gesuch hin aufgehoben und das ur-
sprüngliche Beschwerdeverfahren durch das Gericht wieder aufgenom-
men werden, insbesondere wenn das vorangegangene Verfahren infolge
einer auf Willensmängel beruhenden Rückzugserklärung der Partei (vgl.
Urteil des BVGer D-1424/2019 vom 23. Mai. 2019 E. 3.1) oder irrtümlich
als Folge von unzutreffenden Informationen oder von Fehlinterpretationen
als gegenstandslos abgeschrieben wurde (vgl. Urteil des BVGer
D-2608/2016 vom 6. Mai 2016 S. 5).
3.
3.1 Im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht hat sich ein Asylgesuchsteller
während des Verfahrens den Behörden von Bund und Kanton zur Verfü-
gung zu halten und seine Adresse und jede Änderung der nach kantonalem
Recht zuständigen Behörde des Kantons oder der Gemeinde sofort mitzu-
teilen (Art. 8 Abs. 3 AsylG; Art. 13 VwVG).
Nachdem am 1. Juli 2020 die zuständige kantonale Behörde dem Bundes-
verwaltungsgericht mitteilte, der Gesuchsteller sei unbekannten Aufenthal-
tes, wurde seine Rechtsvertreterin aufgefordert, eine aktuelle, vom Ge-
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suchsteller unterzeichnete Erklärung einzureichen, aus welcher ein fortbe-
stehendes Rechtsschutzinteresse am Beschwerdeverfahren sowie dessen
derzeitiger Aufenthaltsort hervorgehe. Dazu war seine Rechtsvertreterin
nicht in der Lage. Indem er sich den Behörden nicht zur Verfügung hielt,
verletzte er seine Mitwirkungspflicht gemäss Art. 8 Abs. 3 AsylG. Aufgrund
dieses Verhaltens durfte das Bundesverwaltungsgericht davon ausgehen,
dass er an der Fortführung des Verfahrens in der Schweiz kein Recht-
schutzinteresse mehr hatte. Das Bundesverwaltungsgericht schrieb mit
Entscheid E-6063/2020 vom 7. August 2020 das Beschwerdeverfahren zu
Recht ab.
3.2 Weiter ist zu prüfen, ob der Gesuchsteller Umstände vorbringen kann,
welche für einen beachtlichen Willensmangel seinerseits sprechen würden
oder ob er andere rechtfertigende Gründe für seine Verfahrensabwesen-
heit aufführen kann, welche eine Wiederaufnahme des Beschwerdeverfah-
rens rechtfertigen könnten.
Der Gesuchsteller begründete sein Gesuch um Wiederaufnahme des Be-
schwerdeverfahrens im Wesentlichen damit, es habe sich um ein Versehen
gehandelt, dass er während des hängigen Beschwerdeverfahrens den Be-
hörden nicht zur Verfügung gestanden habe. Er sei psychisch belastet ge-
wesen, da er Angst vor einer Ausschaffung gehabt habe. Zudem sei er im
Kanton Bern in einem Ausreisezentrum mit täglicher Unterschriftenpflicht
einquartiert gewesen und habe deshalb seine Tochter, welche mit ihrer
Mutter im Kanton Luzern wohne, nie besuchen können. Nach wie vor er-
suche er um Asyl in der Schweiz. Die Gründe für sein Asylgesuch würden
noch immer bestehen. Bei den neusten Wahlen in Sri Lanka vom 5. No-
vember 2020 (recte: 2019) sei die frühere Regierung wieder an die Macht
gekommen, welche die tamilische Bevölkerung nachweislich systematisch
unterdrücke. Es sei für ihn und seine Familie somit nicht möglich ins Hei-
matland zurückzukehren.
Das Bundesverwaltungsgericht setzte im Verfahren E-6063/2018 mit su-
perprovisorischer Massnahme vom 26. Oktober 2018 den Vollzug der
Wegweisung einstweilen aus. Seine Erklärung, er habe Angst vor einer
Ausschaffung gehabt, ist demnach unbegründet und erscheint als blosse
Schutzbehauptung. Sein Hinweis, er habe durch die tägliche Unterschrif-
tenpflicht seine Tochter in Luzern nicht besuchen können, entbindet ihn
nicht von seiner Anwesenheitspflicht in der ihm zugewiesenen Unterkunft.
Somit bestehen keine Gründe, welche für eine Wiederaufnahme des Be-
schwerdeverfahrens sprechen würden. Es erübrigt sich, auf die weiteren
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Vorbringen in seiner Eingabe vom 1. September 2020 einzugehen, da
diese nicht zu einer anderen Beurteilung führen.
3.3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsge-
richt die Beschwerde des Gesuchstellers zu Recht abgeschrieben hat. Er
vermag keine Gründe darzulegen, welche die Wiederaufnahme des Be-
schwerdeverfahrens rechtfertigen könnten. Das Gesuch um Wiederauf-
nahme des Beschwerdeverfahrens ist deshalb abzuweisen. Der Abschrei-
bungsentscheid vom 7. August 2020 bleibt somit bestehen und das Be-
schwerdeverfahren wird nicht wiederaufgenommen.
4.
Mit dem vorliegenden Urteil fällt der am 26. Oktober 2018 verfügte Voll-
zugsstopp dahin.
5.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Gesuchsteller
aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– festzuset-
zen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und
Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2].
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