Decision ID: c3cc4416-bf7d-5918-bd0d-df33036aaa1b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._ (nachfolgend: der Beschwerdeführer) gelangte am
30. September 2015 illegal in die Schweiz, wo er am darauffolgenden Tag
im Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl nach-
suchte.
A.b Am 5. Oktober 2015 wurde er vom Staatssekretariat für Migration
(SEM) zu seiner Person, seinem Reiseweg und summarisch zu seinen
Asylgründen befragt (Befragung zur Person; BzP). Am 6. Dezember 2017
fand die eingehende Anhörung statt.
Anlässlich der Befragungen machte der Beschwerdeführer zu seinen per-
sönlichen Verhältnissen geltend, er sei syrischer Staatsangehöriger, kurdi-
scher Ethnie und stamme aus C._ (kurdisch; arabisch: D._;
Provinz E._), wo er bis kurz vor seiner Ausreise mit seinen Eltern
und seinen Geschwistern gelebt habe. Er habe die Schule mindestens bis
zur (...) Klasse besucht und anschliessend als (...) auf dem Markt im Stadt-
zentrum von C._ gearbeitet.
Zu seinen Asylgründen brachte er vor, er habe in Syrien vom (...) 2004 bis
am (...) 2006 den ordentlichen Militärdienst absolviert. Im (...) 2013 sei er
in den Reservedienst einberufen worden. Da er bei der Arbeit gewesen sei,
habe sein Vater das Aufgebot für ihn entgegengenommen. Gemäss diesem
Reservisten-Aufgebot hätte er sich am (...) 2013 auf dem Rekrutierungs-
büro in D._ melden müssen. Zwei Tage später sei er zunächst zu
seinem Grossvater nach F._ gefahren und habe sich ungefähr ei-
nen Monat lang dort versteckt. Im (...) 2013 sei er in die Türkei geflüchtet,
nachdem sein Vater seine illegale Ausreise organisiert habe. Von dort aus
sei er am (...) 2019 via Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Un-
garn und Österreich mit dem Zug illegal in die Schweiz gereist.
A.c Als Beweismittel für seine Identität und seine Asylvorbringen reichte
der Beschwerdeführer im Laufe des erstinstanzlichen Verfahrens seine
Identitätskarte (im Original), eine Kopie seines Passes, seinen Führeraus-
weis, sein militärisches Dienstbüchlein sowie ein Aufgebot für den Reser-
vistendienst vom (...) 2013 zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 17. Mai 2019 – eröffnet am 20. Mai 2019 – stellte das
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Seite 3
SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht er-
füllte (Dispositivziffer 1), lehnte sein Asylgesuch ab (Dispositivziffer 2) und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an (Dispositivziffer 3), verfügte
aber wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung die vorläufige
Aufnahme (Dispositivziffern 4–5).
C.
C.a Am 11. Juni 2019 beantragte der Beschwerdeführer durch seinen
Rechtsvertreter Einsicht in die Akten der Vorinstanz.
C.b Mit Schreiben vom 14. Juni 2019 gewährte das SEM dem Beschwer-
deführer Akteneinsicht, verweigerte ihm jedoch die Einsicht in die Akten-
stücke A/3, A/4, A/6, A/9, A/22, A/23 und A/25.
D.
Gegen die vorinstanzliche Verfügung erhob der Beschwerdeführer – han-
delnd durch den rubrizierten Rechtsvertreter – am 19. Juni 2019 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte, die Aufhebung
der angefochtenen Verfügung und die Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz zur vollständigen und richtigen Abklärung und Feststellung des
rechtserheblichen Sachverhalts und zur Neubeurteilung (Rechtsbegeh-
ren 4), eventualiter die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft sowie die
Gewährung von Asyl (Rechtsbegehren 5), subeventualiter die Anerken-
nung der Flüchtlingseigenschaft (Rechtsbegehren 6). In formeller Hinsicht
ersuchte er um Befreiung von der Kostenvorschusspflicht (Rechtsbegeh-
ren 7) und um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im Sinne
von Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren
vom 20. Dezember 1968 ([VwVG; SR 172.021]; Rechtsbegehren 8), even-
tualiter sei eine angemessene Frist zur Bezahlung des Gerichtskostenvor-
schusses anzusetzen (Rechtsbegehren 9). Ferner beantragte er, es sei
ihm vollumfänglich Einsicht in die vom SEM genannten "Quellen" zu ge-
währen (Rechtsbegehren 1), eventualiter sei ihm hierzu das rechtliche Ge-
hör zu gewähren (Rechtsbegehren 2) und anschliessend eine angemes-
sene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzusetzen
(Rechtsbegehren 3).
Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung des SEM,
einen Ausdruck von Google Maps sowie eine Fürsorgebestätigung der (...)
vom 3. Juni 2019 bei. Zudem wurden als Beweismittel verschiedene Inter-
net-Links zu Videos betreffend die politische Situation in Nordsyrien, On-
line-Zeitungsartikel und Länderberichte bezeichnet.
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Seite 4
E.
Mit Zwischenverfügung vom 27. Juni 2019 hielt die damalige Instruktions-
richterin fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses. Demgegenüber wies sie die Gesuche um Akteneinsicht, um
Gewährung des rechtlichen Gehörs sowie um Ansetzung einer Frist zur
Beschwerdeergänzung ab. Des Weiteren wurde die Vorinstanz zur Ver-
nehmlassung eingeladen.
F.
Mit Eingabe vom 1. Juli 2019 liess der Beschwerdeführer eine Kopie der
Aufenthaltsbewilligung seines Bruders, G._, zu den Akten reichen.
G.
Mit Eingabe vom 11. Juli 2019 reichte der Beschwerdeführer eine Kopie
eines Haftbefehls vom (...) 2018 inklusive einer deutschen Übersetzung
ein. Hierzu hielt er fest, dass sich das Original bei seinem Onkel in Syrien
befinde und seine Familie den Haftbefehl über Kontakte in der Militärpoli-
zeiabteilung der Stadt H._ erhalten habe. Das Original werde um-
gehend nach Erhalt nachgereicht.
H.
In seiner Vernehmlassung vom 16. Juli 2019 hielt das SEM im Wesentli-
chen fest, dass die Beschwerdeschrift keine neuen erheblichen Tatsachen
oder Beweismittel enthalte, welche eine Änderung des Standpunktes
rechtfertigen könnten. Im Übrigen verwies es auf die Erwägungen der an-
gefochtenen Verfügung, an welchen es vollumfänglich festhielt.
Der Eingabe lag als Beilage das Dokument (...) bei.
I.
Der Beschwerdeführer replizierte fristgemäss mit Eingabe vom
26. Juli 2019, wobei er an den gestellten Rechtsbegehren und der Begrün-
dung festhielt.
J.
Mit Eingabe vom 5. November 2019 machte der Beschwerdeführer Aus-
führungen über die neusten Entwicklungen in Syrien. Dabei beantragte er
die Gewährung einer Frist zur Aktualisierung des Dossiers, sobald sich die
Lage in Syrien stabilisiert habe.
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Seite 5
Als Beweismittel wurde ein Ausdruck der Karte der Agence France Presse
(AFP) "accord russo-turc sur le nord-est de la Syrie" ins Recht gelegt.
K.
In seinem Schreiben vom 11. Februar 2021 nahm der Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers Bezug auf das Urteil des Gerichtshofs der Europäi-
schen Union (EuGH) C-238/2019 vom 19. November 2020, welches sich
mit der Frage der Flüchtlingseigenschaft von Militärdienstverweigerern aus
Syrien befasse, und hielt fest, es sei offensichtlich, dass diese Rechtspre-
chung auch unmittelbaren Einfluss auf die Praxis des SEM haben müsse,
weshalb es sich aufdränge, diese Eingabe der Vorinstanz zur erneuten Ver-
nehmlassung zukommen zu lassen.
L.
L.a Am 19. Juli 2021 wurde dem Beschwerdeführer von den zuständigen
Behörden des Kantons I._ wegen Vorliegens eines schwerwiegen-
den persönlichen Härtefalles im Sinne von Art. 84 Abs. 5 des Bundesge-
setzes über die Ausländerinnen und Ausländer und über die Integration
vom 16. Dezember 2005 (AIG; SR 142.20) die Aufenthaltsbewilligung B er-
teilt.
L.b In der Folge wurde der Beschwerdeführer mit Zwischenverfügung vom
27. Juli 2021 gefragt, ob er bei dieser Sachlage an seiner Beschwerde fest-
halte oder diese zurückziehen möchte.
L.c Mit Eingabe vom 10. August 2021 liess der Beschwerdeführer mittei-
len, er halte an seiner Beschwerde fest, soweit diese nicht gegenstandslos
geworden sei.
M.
Das vorliegende Verfahren wurde aus organisatorischen Gründen auf die
gemäss Rubrum vorsitzende Richterin umgeteilt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das
SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine
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Seite 6
Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betref-
fende Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesver-
waltungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden
Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser
bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens des Staates, vor welchem die
beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 [AsylG; SR 142.31] und Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesge-
setzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 [BGG; SR 173.110]).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 in
Kraft getreten (AS 2016 3101). In Anwendung der Übergangsbestimmun-
gen gilt für das vorliegende Verfahren das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der
Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom 25. Septem-
ber 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist somit einzutreten.
2.
Nachdem die Behörden des Kantons I._ dem Beschwerdeführer
am 19. Juli 2021 die Aufenthaltsbewilligung B erteilt haben und dieser am
10. August 2021 dem Gericht mitgeteilt hat, an der Beschwerde festzuhal-
ten, soweit diese nicht gegenstandslos geworden ist, bilden nur noch die
Fragen nach der Flüchtlingseigenschaft sowie der Asylgewährung Gegen-
stand des vorliegenden Verfahrens (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen
der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21 E. 11.c;
Urteil des BVGer E-3698/2013 vom 13. April 2016 E. 3).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
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Seite 7
4.
4.1 Auf Beschwerdeebene wurden verschiedene formelle Rügen erhoben,
welche vorab zu prüfen sind, da sie unter Umständen geeignet sein könn-
ten, eine Kassation der erstinstanzlichen Verfügung zu bewirken
(vgl. BVGE 2013/34 E. 4.2). Der Beschwerdeführer rügte zur Hauptsache
eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör sowie des Untersu-
chungsgrundsatzes.
4.2
4.2.1 Gemäss Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) und Art. 29 VwVG ha-
ben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Dieses umfasst insbe-
sondere das Recht des Betroffenen, sich vor Erlass eines solchen Ent-
scheides zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht
in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden
und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder
sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist,
den Entscheid zu beeinflussen. Der Anspruch auf rechtliches Gehör um-
fasst als Mitwirkungsrecht somit alle Befugnisse, die einer Partei einzuräu-
men sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Gel-
tung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1 und 144 I 11 E. 5.3;
BVGE 2009/35 E. 6.4.1 m.H.).
4.2.2 Die Begründungspflicht, als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs, gebie-
tet, dass die betroffene Person den Entscheid gestützt auf die Begründung
sachgerecht anfechten kann und sich sowohl die betroffene Person als
auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheides ein Bild
machen können (vgl. BVGE 2007/30 E. 5.6; LORENZ KNEUBÜHLER/RAMONA
PEDRETTI, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum Bundesge-
setz über das VwVG, 2. Aufl. 2019, N 5 ff. zu Art. 35 VwVG). Dabei kann
sich die verfügende Behörde auf die wesentlichen Gesichtspunkte be-
schränken, sie hat aber zumindest die Überlegungen kurz anzuführen, von
denen sie sich leiten liess und auf welche sie ihren Entscheid stützt
(BVGE 2008/47 E. 3.2).
4.2.3 Aus dem Akteneinsichtsrecht, welches ebenfalls auf dem Anspruch
auf rechtliches Gehör fusst, folgt, dass grundsätzlich sämtliche beweiser-
heblichen Akten den Beteiligten offenzulegen sind, sofern in der sie unmit-
telbar betreffenden Verfügung darauf abgestellt wird (BGE 132 V 387
E. 3.1 f.). Die Wahrnehmung des Akteneinsichts- und Beweisführungs-
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Seite 8
rechts durch die von einer Verfügung betroffene Person setzt die Einhal-
tung der Aktenführungspflicht der Verwaltung voraus, gemäss welcher die
Behörden alles in den Akten festzuhalten haben, was zur Sache gehört und
für den Entscheid wesentlich sein kann (BGE 130 II 473 E. 4.1 m.w.H.).
Der Anspruch auf Akteneinsicht setzt sodann eine geordnete, übersichtli-
che und vollständige Aktenführung (Ablage, Paginierung und Registrierung
der vollständigen Akten im Aktenverzeichnis) voraus (vgl. BVGE 2012/24
E. 3.2 und 2011/37 E. 5.4.1, je m.H.).
4.2.4 Des Weiteren gilt im Asylverfahren – wie in anderen Verwaltungsver-
fahren auch – der Untersuchungsgrundsatz (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12
VwVG). Danach muss die entscheidende Behörde den Sachverhalt von
sich aus abklären. Sie ist verantwortlich für die Beschaffung der für den
Entscheid notwendigen Unterlagen und das Abklären sämtlicher rechtsre-
levanter Tatsachen (vgl. ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER/MARTIN BERTSCHI,
Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. Aufl.
2013, N 142; PATRICK KRAUSKOPF/KATRIN EMMENEGGER/FABIO BABEY, in:
Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwaltungsverfah-
rensgesetz, 2. Aufl. 2016, N 20 ff. zu Art. 12 VwVG). Die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts in Verlet-
zung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet einen Beschwer-
degrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG, Art. 49 Bst. b VwVG). Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und
aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsma-
xime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für
die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl.
dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, N 16 zu
Art. 12 VwVG).
4.3
4.3.1 Zunächst machte der Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz habe
bei der Behandlung der Asylverfahren von syrischen Wehrdienstverweige-
rern und Deserteuren offenbar eine Praxisänderung vorgenommen, wel-
che von der grundsätzlich geltenden Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts abweiche. Das SEM habe es dabei jedoch unterlassen, den
Grundsatzentscheid BVGE 2015/3 im Hinblick auf die konkrete Situation in
Syrien zu würdigen, und behaupte eine Praxisänderung gestützt auf drei
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Seite 9
Urteile neueren Datums. Mit dieser Vorgehensweise habe es die Abklä-
rungspflicht verletzt und sei der Begründungspflicht nicht nachgekommen,
womit der Anspruch auf rechtliches Gehör schwerwiegend verletzt worden
sei.
4.3.2 Vorliegend ist festzustellen, dass in der angefochtenen Verfügung die
wesentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers in Bezug auf seine Asyl-
gründe aufgeführt und bei der Begründung des Entscheides berücksichtigt
worden sind. Das SEM legte dabei in der Begründung seiner Verfügung
nachvollziehbar dar, weshalb es die vom Beschwerdeführer geltend ge-
machte Nicht-Befolgung eines Reservedienst-Aufgebots – selbst bei vo-
rausgesetzter Glaubhaftigkeit – als nicht asylrelevant einstufte, wobei eine
konkrete Würdigung des Einzelfalls vorgenommen wurde. Wie sich aus
den untenstehenden Erwägungen ergibt (vgl. nachfolgend E. 7.3.2), steht
die Ablehnung des Asylgesuchs dabei im Einklang mit der Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts. Es stellt offensichtlich keine Verletzung
der Begründungspflicht dar, wenn eine Behörde in ihrem Entscheid darauf
verzichtet, ihre Praxis in anderen, im zu beurteilenden Fall als nicht gege-
ben erachteten Fallkonstellationen zu diskutieren. Der Umstand, dass der
Beschwerdeführer die Lage in Syrien sowie die Tragweite einer Wehr-
dienstverweigerung respektive einer Desertion von der staatlichen syri-
schen Armee im Hinblick auf die Asylrelevanz anders einschätzt als die
Vorinstanz, stellt keine Verletzung des rechtlichen Gehörs dar. Vielmehr
betrifft dies die rechtliche Würdigung des Sachverhalts, auf die im Rahmen
der materiellen Prüfung einzugehen ist. Soweit die Vorinstanz nicht jedes
Detail der Asylvorbringen aufgeführt und bei der Begründung des Entschei-
des berücksichtigt hat, ist dies ebenso wenig als Verletzung des rechtlichen
Gehörs zu werten. Schliesslich war es dem Beschwerdeführer denn auch
ohne weiteres möglich, die vorinstanzliche Verfügung sachgerecht anzu-
fechten.
4.4
4.4.1 Des Weiteren monierte der Beschwerdeführer, das SEM habe den
Anspruch auf rechtliches Gehör und die Abklärungspflicht schwerwiegend
verletzt, indem es auf eine Quellenanalyse verweise, die ergebe, dass die
syrischen Behörden nicht allen Wehrdienstverweigerern und Deserteuren
eine regierungsfeindliche Haltung unterstellen würden. Vielmehr sei die
Behauptung, die syrischen Behörden würden zum heutigen Zeitpunkt nicht
allen Wehrdienstverweigerern oder Deserteuren eine regierungsfeindliche
Haltung unterstellen, aktenwidrig. Es sei offensichtlich, dass faktisch jeder
militärdienstfähige Mann in Syrien das entsprechende Profil erfülle, um
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Seite 10
vom syrischen Regime als Dienstverweigerer oder Deserteur gezielt asyl-
relevant verfolgt zu werden. Die angefochtene Verfügung müssen deshalb
zwingend aufgehoben und die Sache zur vollständigen und richtigen Ab-
klärung des rechtserheblichen Sachverhalts sowie zur Neubeurteilung an
das SEM überwiesen werden.
4.4.2 Es trifft zwar zu, dass in der angefochtenen Verfügung von einer
Quellenanalyse die Rede ist, wobei lediglich zwei Quellen zitiert wurden.
Dies ändert jedoch nichts am Umstand, dass es keine Verletzung der Ab-
klärungspflicht darstellt, wenn das SEM die Lage in Syrien sowie die Trag-
weite einer Wehrdienstverweigerung im Hinblick auf die Asylrelevanz an-
ders einschätzt als vom Beschwerdeführer erwartet. Vielmehr wird in der
Beschwerde die sich aus dem Untersuchungsgrundsatz ergebende Frage
der Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts mit der Frage der
rechtlichen Würdigung der Sache vermengt, welche die materielle Ent-
scheidung über die vorgebrachten Asylgründe betrifft. Alsdann ist erneut
darauf hinzuweisen, dass die Ablehnung des Asylgesuchs des Beschwer-
deführers mit der geltenden Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts übereinstimmt (vgl. nachfolgend E. 7.3). Die Rüge der Verletzung
des rechtlichen Gehörs ist deshalb auch in diesem Punkt unbegründet.
4.5
4.5.1 Der Beschwerdeführer brachte weiter vor, dass sich das SEM auf
eine "Quellenanalyse" berufe, ohne die entsprechenden Quellen zu nen-
nen. Es sei nicht denkbar, dass sich das SEM lediglich auf die zwei in der
angefochtenen Verfügung erwähnten Quellen gestützt habe. Den Akten sei
jedoch kein einziger Hinweis zu entnehmen, wie das SEM wann, welche
Quellen herbeigezogen und gewürdigt habe.
4.5.2 In der angefochtenen Verfügung verwies das SEM unter Angabe
zweier Internetadressen sowie der Fundstellen in den entsprechenden Do-
kumenten auf zwei öffentliche Berichte, welche beide im Internet abrufbar
sind (vgl. hinsichtlich der monierten Link-Fehlermeldung auch die Ausfüh-
rungen in der Zwischenverfügung vom 27. Juni 2019). Was die Gesuche
des Beschwerdeführers um vollumfängliche Einsicht in die vom SEM ge-
nannten "Quellen" und die diesbezügliche Gewährung des rechtlichen Ge-
hörs sowie das damit verbundene Gesuch um Beschwerdeergänzung res-
pektive um Fristansetzung zur Beschwerdeergänzung nach der Gewäh-
rung der Akteneinsicht anbelangt, ist festzustellen, dass diese Anträge be-
reits im Rahmen des Instruktionsverfahrens behandelt wurden und sich
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Seite 11
weitere Ausführungen dazu erübrigen. Zur Vermeidung von Wiederholun-
gen kann auf die entsprechende Zwischenverfügung vom 27. Juni 2019
verwiesen werden (vgl. Sachverhalt oben, Bst. E). Im Übrigen nahm das
SEM in seiner Vernehmlassung zur in der Beschwerdeschrift kritisierten
Quellenanalyse Stellung und führte hierzu aus, es stütze sich bei der Be-
urteilung der Lage in Syrien auf eine breite Quellenlage ab. So seien ver-
schiedene Publikationen von europäischen Migrationsbehörden, dem Eu-
ropäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO), dem United Na-
tions High Commissioner for Refugees (UNCHR) und anderen Organisati-
onen beigezogen und diverse Medienberichte sowie die Gesetzesdaten-
bank des syrischen Parlaments konsultiert worden. Diesbezüglich verwies
die Vorinstanz ergänzend auf mehrere öffentlich zugängliche Quellen. So-
weit der Beschwerdeführer daraufhin in der Replik rügte, die Quellenanga-
ben seien nachgeschoben, ist festzuhalten, dass für das SEM keine Pflicht
besteht, allgemeine und öffentlich zugängliche Informationsquellen, auf
welche es sich bezog, offenzulegen. Hinsichtlich des Vorhalts, wonach die
zitierten Berichte und Links allesamt weit vor Erlass der angefochtenen
Verfügung datieren würden, womit diese nicht als Grundlage für die vom
SEM plötzlich gemachte Praxisänderung dienen könnten, ist erneut festzu-
halten, dass das SEM lediglich die durch das Bundesverwaltungsgericht
im Grundsatzurteil BVGE 2015/3 festgelegte Praxis angewendet hat
(vgl. nachfolgend E. 7.3). Zudem erhielt der Beschwerdeführer im Rahmen
der Replik Gelegenheit sich mit den Vorbringen der Vorinstanz auseinan-
derzusetzen und sich dazu zu äussern, weshalb weder die behördliche Ab-
klärungspflicht noch das rechtliche Gehör – und insbesondere die Begrün-
dungspflicht – verletzt wurden.
Hinsichtlich der in diesem Zusammenhang in der Replik geltend gemach-
ten Rüge, es sei offensichtlich, dass das in der Vernehmlassung vom SEM
zitierte Dokument (...) nach Erlass der angefochtenen Verfügung ergangen
sei und somit nicht per se als Begründung und Grundlage des
vorinstanzlichen Entscheides gelten könne, ist festzuhalten, dass das SEM
in Bezug auf den vom Beschwerdeführer in der Beschwerde vertretenen
Standpunkt, wonach die syrischen Behörden Wehrdienstverweigerung und
Desertion grundsätzlich als Stellungnahme für die Opposition einstufen
und dementsprechend bestrafen würden, auf seine Ausführungen in der
angefochtenen Verfügung sowie auf die erwähnte, öffentlich zugängliche
und aktuelle Notiz verwies. Daraus geht jedoch nicht hervor, inwiefern sich
der angefochtene Entscheid auf diese Notiz stützen soll. Alleine der Um-
stand, dass das SEM einer anderen Einschätzung der Situation von Mili-
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Seite 12
tärdienstverweigerern und Deserteuren in Syrien folgt, als vom Beschwer-
deführer gefordert, spricht weder für eine ungenügende Sachverhaltsfest-
stellung noch für eine Verletzung der Begründungspflicht oder gar Willkür.
Die Frage, inwiefern sich ein Bericht auf verlässliche und überzeugende
Quellen abstützt, ist schliesslich ebenfalls keine formelle Frage, sondern
gegebenenfalls im Rahmen der materiellen Würdigung der Argumente der
Parteien durch das Gericht zu berücksichtigen. Somit ist keine Verletzung
des Anspruchs auf rechtliches Gehör zu erkennen. Auf die weitere ausführ-
liche Kritik in der Replik ist daher nicht weiter einzugehen.
4.6
4.6.1 In der Beschwerde wurde weiter gerügt, das SEM habe nicht geprüft,
ob dem Beschwerdeführer bei einer Wiedereinreise nach Syrien eine un-
menschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 der Konvention zum Schutze
der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950 (EMRK;
SR 0.101) drohen würde, womit es seine Abklärungspflicht und den An-
spruch auf rechtliches Gehör verletzt habe.
4.6.2 Diese Rüge des Beschwerdeführers betrifft die Frage nach der Zu-
lässigkeit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Art. 83 Abs. 3 AIG). Da im vorlie-
genden Fall jedoch bereits die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
verneint und deswegen die vorläufige Aufnahme des Beschwerdeführers
in der Schweiz verfügt wurde, hat das SEM zu Recht keine Prüfung der
Zulässigkeit des Vollzugs vorgenommen; denn die drei in Art. 83
Abs. 1 AIG genannten Bedingungen (Unzulässigkeit, Unzumutbar oder
Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs) für einen Verzicht auf den Voll-
zug der Wegweisung zugunsten einer vorläufigen Aufnahme sind alterna-
tiver Natur (vgl. hierzu BVGE 2009/51 E. 5.4). Die auf Beschwerdeebene
pauschal erhobene Rüge, dass die Vorinstanz es vorliegend unterlassen
habe, den vom Beschwerdeführer geltend gemachten Sachverhalt unter
dem Aspekt von Art. 3 EMRK zu prüfen, geht daher ins Leere. Auch diese
Rüge der Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör ist unbegründet.
4.7
4.7.1 Der Beschwerdeführer machte ferner eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs und eine schwerwiegende Verletzung der Pflicht zur vollständigen
Sachverhaltsabklärung dadurch geltend, dass das SEM die Asyldossiers
seiner in der Schweiz lebenden Familienmitglieder – insbesondere dasje-
nige seines Bruders G._, welchem in der Schweiz Asyl gewährt
worden sei – nicht beigezogen habe. Dabei wurde auch auf Urteile des
Bundesverwaltungsgerichts hingewiesen, in welchen beschwerdeführende
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Seite 13
Personen ausdrücklich und glaubhaft den Verfolgungszusammenhang mit
den Fällen engerer Familienangehöriger geltend gemacht hätten, die vom
SEM zu Unrecht nicht berücksichtigt oder nicht als glaubhaft oder asylre-
levant betrachtet worden seien. Hätte das SEM die Asyldossiers seiner Ge-
schwister im vorliegenden Fall tatsächlich beigezogen, so hätte es dies
zwingend im Aktenverzeichnis festhalten müssen.
4.7.2 Wenn eine asylsuchende Person ausdrücklich und glaubhaft einen
Zusammenhang zwischen der eigenen und der Verfolgung von als Flücht-
linge anerkannten Familienangehörigen geltend gemacht hat – oder aus
anderen objektiven Gründen – kann sich der Beizug der entsprechenden
Dossiers tatsächlich aufdrängen (vgl. statt vieler Urteil des BVGer E-
4122/2016 vom 16. August 2016 E. 6.2.4). Diese Konstellation trifft vorlie-
gend jedoch nicht zu. Der Beschwerdeführer hat anlässlich seiner Befra-
gungen nie vorgebracht, seine eigenen Asylgründe stünden in einer Ver-
bindung zu einer allfälligen durch seine Familienmitglieder erlebten Verfol-
gung. Vor diesem Hintergrund besteht auch kein hinreichender Anlass zur
Annahme, dies könnte im Falle seiner (ohnehin hypothetischen) Rückkehr
nach Syrien der Fall sein. Angesichts der dem Beschwerdeführer obliegen-
den Pflicht, anzugeben, weshalb er um Asyl nachsucht (Art. 8 Abs. 1
Bst. c AsylG), hatte die Vorinstanz keinen Anlass weitere Abklärungen zu
einem möglichen Verfolgungszusammenhang zwischen dem Beschwerde-
führer und seinen in der Schweiz lebenden Verwandten zu tätigen und de-
ren Akten für das vorliegende Verfahren beizuziehen. Auch aus den Vor-
bringen auf Beschwerdeebene ergeben sich keinerlei entsprechende An-
haltspunkte. Damit geht es in casu – im Unterschied zu den auf Beschwer-
deebene zitierten Urteilen (vgl. hierzu Beschwerde Art. 34, S. 12) – nicht
um ein konkretes Geltendmachen einer Reflexverfolgung, die einen Akten-
beizug von Amtes wegen erforderlich machen würde. Die entsprechenden
Hinweise auf andere Verfahren sind daher unbehelflich. Im Übrigen hat der
Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft in eigener Person darzule-
gen oder zumindest glaubhaft zu machen. Es ist somit nicht ersichtlich,
inwiefern der beantragte Aktenbeizug der Abklärung des fraglichen Sach-
verhalts dienen soll. Nach dem Ausgeführten liegt bezüglich des Nichtbei-
zugs von Dossiers von Verwandten des Beschwerdeführers weder eine
Gehörsverletzung, noch eine Verletzung der Abklärungs- und Begrün-
dungspflicht vor.
D-3100/2019
Seite 14
4.8
4.8.1 Alsdann wurde auf Beschwerdeebene eingewendet, das SEM habe
seine Abklärungspflicht dadurch verletzt, dass die Anhörung erst zwei
Jahre nach Einreichung des Asylgesuchs stattgefunden habe und danach
nochmals eineinhalb Jahre bis zum Asylentscheid vergangen seien. Dabei
handle es sich um eine schwerwiegende Verschleppung des Verfahrens,
welche auch gegen die Grundsätze von Treu und Glauben und eines fairen
Verfahrens verstosse.
4.8.2 Es wäre in der Tat durchaus wünschenswert, wenn die Anhörung
möglichst bald nach der Einreichung des Asylgesuchs stattfinden und auch
der Asylentscheid zeitnah erfolgen würde. Inwiefern sich der zeitliche Ab-
stand zwischen der Einreichung des Asylgesuchs und der Anhörung zu Un-
gunsten des Beschwerdeführers ausgewirkt haben könnte, wird in der Be-
schwerde jedoch nicht weiter ausgeführt. Im Übrigen wäre es dem Be-
schwerdeführer unbenommen gewesen, im Verlauf des erstinstanzlichen
Verfahrens, die Vorinstanz um beförderliche Behandlung seines Asylge-
suchs zu ersuchen, was er jedoch unterlassen hat. Der Vorwurf, das SEM
habe mit seinem Vorgehen die Abklärungspflicht verletzt, ist somit unbe-
gründet. Sodann ist in der Argumentation des SEM, wonach die Ausfüh-
rungen des Beschwerdeführers nicht glaubhaft und nicht konkret begrün-
det seien, kein Verstoss gegen die Grundsätze von Treu und Glauben so-
wie eines fairen Verfahrens zu erblicken. Ob diese Argumentation zutrifft,
wird ohnehin Gegenstand der nachfolgenden materiellen Prüfung der gel-
tend gemachten Asylgründe sein.
4.9
4.9.1 Des Weiteren wurde sinngemäss geltend gemacht, das SEM habe
es unterlassen, den Sachverhalt betreffend den Reservedienst vollständig
abzuklären. Vielmehr habe sich das SEM anlässlich der Anhörung stun-
denlang darauf konzentriert bis zur Frage 102 den Sachverhalt betreffend
den Militärdienst zu erfragen.
4.9.2 Dem Beschwerdeführer ist zwar zuzustimmen, dass er anlässlich der
Anhörung ausführlich zum Militärdienst befragt wurde, im Rahmen der Mit-
wirkungspflicht (Art. 8 AsylG) obliegt es jedoch der beschwerdeführenden
Person darzulegen, aus welchen Gründen sie um Asyl nachsucht. Dabei
können ihr entsprechende Fragestellungen durch den Mitarbeiter oder die
Mitarbeiterin der Vorinstanz helfen, die Asylgründe hinreichend darzule-
gen, wobei es nicht Sache des Befragers beziehungsweise der Befragerin
ist, jede Einzelheit zu erfragen. Vorliegend wurde der Beschwerdeführer
D-3100/2019
Seite 15
konkret zu seinen Ausreisegründen befragt (vgl. SEM-Akte A/16, F58–
F125) und er wurde am Ende der Anhörung zweimal gefragt, ob er alles
hätte sagen können, was für sein Asylgesuch wesentlich sei. Dies bejahte
er ausdrücklich (vgl. SEM-Akte A/16, F126 und F134). Dabei ist er zu be-
haften, weshalb der Vorinstanz diesbezüglich kein Vorwurf gemacht wer-
den kann.
4.10
4.10.1 Sodann machte der Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz habe
darauf verzichtet, die eingereichten Beweismittel einer Dokumentenana-
lyse zu unterziehen, wodurch sie ihrer Abklärungspflicht nicht ausreichend
nachgekommen sei und das rechtliche Gehör verletzt habe.
4.10.2 Das SEM vertrat in der angefochtenen Verfügung die Ansicht, dass
die eingereichten Beweismittel nicht geeignet seien, den vorgebrachten
Sachverhalt zu belegen. Dies wurde damit begründet, dass syrische Doku-
mente – namentlich Reispässe, Militärbüchlein und militärische Aufge-
bote – leicht käuflich erhältlich seien. Auch das Bundesverwaltungsgericht
hat schon verschiedentlich festgestellt, dass in Syrien praktisch jegliche Art
von Dokumenten käuflich erworben werden kann, was den Beweiswert von
syrischen Dokumenten generell als gering erscheinen lässt (vgl. etwa Ur-
teil des BVGer D-149/2014 vom 28. Dezember 2015 E. 6.3.1). Das SEM
hat sich mit den vorgelegten Beweismitteln auseinandergesetzt und diese
im Kontext der Aussagen des Beschwerdeführers gewürdigt. Dieses Vor-
gehen bezüglich syrischer Dokumente ist nicht zu beanstanden und die
Durchführung einer Dokumentenanalyse war somit nicht erforderlich. In
diesem Zusammenhang ist deshalb sowohl eine Verletzung der Abklä-
rungspflicht als auch des Anspruchs auf rechtliches Gehör zu verneinen.
4.11 Nach dem Gesagten erweisen sich sämtliche Rügen der Verletzung
des formellen Rechts als unbegründet. Das Begehren, es sei die angefoch-
tene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Abklärung und Feststellung
des vollständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts sowie zur
Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen (Rechtsbegehren 4), ist
demzufolge abzuweisen. Ebenso besteht keine Veranlassung, dem SEM
– wie in der Beschwerdeschrift beantragt – die Beschwerde mit dem Ver-
weis auf die Möglichkeit einer vernehmlassungsweisen Wiederaufnahme
des Verfahrens im Sinne von Art. 58 Abs. 1 VwVG zukommen zu lassen.
5.
Der Beschwerdeführer rügte ferner eine Verletzung des Grundsatzes von
D-3100/2019
Seite 16
Treu und Glauben und des Willkürverbots. Beim Grundsatz von Treu und
Glauben geht es einerseits um die Frage, wie weit sich Private auf eine im
Widerspruch zum geltenden Recht stehende behördliche Auskunft verlas-
sen können. Andererseits verbietet es dieser Grundsatz, dass die Behör-
den einen einmal in einer Sache eingenommenen Standpunkt ohne sach-
lichen Grund wechseln (vgl. BGE 138 I 49 E. 8.3.1; PIERRE TSCHANNEN/UL-
RICH ZIMMERLI/MARKUS MÜLLER, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl.
2014, § 22 N 1 ff. und 21 f.). Das vorliegend gerügte Verhalten des SEM
liegt offensichtlich nicht im Anwendungsbereich dieses Grundsatzes. So-
dann liegt Willkür nicht schon dann vor, wenn eine andere Lösung in Be-
tracht zu ziehen oder sogar vorzuziehen wäre, sondern nur, wenn ein Ent-
scheid offensichtlich unhaltbar ist, mit der tatsächlichen Situation in klarem
Widerspruch steht, eine Norm oder einen unumstrittenen Rechtsgrundsatz
klar verletzt oder in stossender Weise dem Gerechtigkeitsgedanken zuwi-
derläuft (vgl. BGE 133 I 149 E. 3.1 m.w.H.; vgl. ferner JÖRG PAUL MÜL-
LER/MARKUS SCHEFER, Grundrechte in der Schweiz, 4. Aufl. 2008). Vorlie-
gend führte der Beschwerdeführer weder näher aus noch ist ersichtlich,
dass und inwiefern die Erwägungen des SEM darunter zu subsumieren
wären. Die Rügen, wonach die Vorinstanz das Gebot von Treu und Glau-
ben sowie das Willkürverbot verletzt habe, sind daher als unbegründet zu
qualifizieren (vgl. hierzu D-5806/2019 E. 3.3.5 oder D-2357/2018 E. 5.6).
6.
6.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.2 Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung
oder Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete
Furcht haben solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhal-
tung des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
6.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
D-3100/2019
Seite 17
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungs-
gericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in
verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Da-
rauf kann hier verwiesen werden (vgl. beispielsweise BVGE 2015/3
E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.2 und 2.3, jeweils
m.w.H.).
6.4 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine
Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht sogenannte sub-
jektive Nachfluchtgründe im Sinne von Art. 54 AsylG geltend. Subjektive
Nachfluchtgründe begründen zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von
Art. 3 AsylG, führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss von Asyl,
unabhängig davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich ge-
setzt wurden (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1). Stattdessen werden Personen,
die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen kön-
nen, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen.
7.
7.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers würden weder den Anforderungen
an das Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG, noch denjenigen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG standhalten.
Zur Begründung führte das SEM aus, dass zwar nicht bezweifelt werde,
dass der Beschwerdeführer den regulären Militärdienst absolviert habe,
hingegen würden seine Ausführungen, wonach er 2013 in den Reserve-
dienst aufgeboten worden sei, nicht zu überzeugen vermögen, da er nie
direkten Behördenkontakt gehabt habe und kaum weiterführende Angaben
habe machen können. An dieser Feststellung vermöge auch das einge-
reichte militärische Aufgebot nichts zu ändern. Schliesslich würden Rekru-
tierungsmassnahmen für die syrische Armee im Wirkungsgebiet der kurdi-
schen Truppen als eher unwahrscheinlich erscheinen. Das syrische Re-
gime habe sich gemäss übereinstimmender Quellen im Juli 2012 aus den
kurdischen Gebieten Nordsyriens – mit Ausnahme der Städte al-Hassaka
D-3100/2019
Seite 18
und al-Qamishli – zurückgezogen. Insgesamt sei es dem Beschwerdefüh-
rer somit nicht gelungen, die geltend gemachte Einberufung in den Reser-
vedienst gemäss Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen.
Die Vorinstanz führte ferner aus, eine Wehrdienstverweigerung oder De-
sertion vermöge per se die Flüchtlingseigenschaft nicht zu begründen, son-
dern nur dann, wenn damit eine Verfolgung im Sinne von Art. 3
Abs. 1 AsylG verbunden sei. Eine Quellenanalyse ergebe, dass im syri-
schen Kontext zum heutigen Zeitpunkt nicht allen desertierten Militär-
dienstangehörigen eine regierungsfeindliche Haltung unterstellt werde.
Beim Vorliegen spezifischer politischer Faktoren sei jedoch davon auszu-
gehen, dass die syrischen Behörden eine Wehrdienstverweigerung oder
Desertion als Stellungnahme für die Opposition einstufen und entspre-
chend bestrafen würden. Daraus folge, dass im syrischen Kontext eine Be-
strafung wegen Wehrdienstverweigerung oder Desertion nur dann aus
Gründen im Sinne von Art. 3 AsylG erfolge, wenn zusätzliche einzelfallspe-
zifische Risikofaktoren vorliegen würden. Da im Fall des Beschwerdefüh-
rers keine einzelfallspezifischen Risikofaktoren vorlägen, die ein politi-
sches Profil begründen könnten, würden allfällige Strafmassnahmen in-
folge seiner Desertion keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG darstel-
len. Demzufolge erfülle er die Flüchtlingseigenschaft nicht und sein Asyl-
gesuch sei abzulehnen.
7.2 In der Beschwerdeschrift wurde in materieller Hinsicht eine Verletzung
von Art. 3 und Art. 7 AsylG gerügt. Für den Fall, dass die angefochtene
Verfügung nicht aufgehoben werden sollte, stehe fest, dass der Beschwer-
deführer glaubhaft vorgebracht und auch belegt habe, dass ihm im
(...) 2013 die Rekrutierung in den Reservedienst gedroht habe, wobei er
sich diesem Aufgebot entzogen habe und illegal aus Syrien ausgereist sei.
Er würde aufgrund der blossen Tatsache, in der gegebenen Bürgerkriegs-
situation als Staatsfeind und als potenzieller gegnerischer Kombattant auf-
gefasst zu werden, gezielt asylrelevant verfolgt. Es sei offensichtlich, dass
seine Weigerung, in den Reservedienst einzurücken, als regimefeindliches
und oppositionelles Verhalten betrachtet werde, welches vom syrischen
Regime gezielt asylrelevant verfolgt werde, weshalb er als Flüchtling anzu-
erkennen und ihm Asyl zu gewähren sei. Dies entspreche denn auch der
weiterhin geltenden Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss BVGE 2015/3. Das syrische Regime gehe nach wie vor mit extremer
Härte gegen Militärdienstverweigerer und Deserteure vor und beschuldige
sie, Staatsfeinde und Terroristen zu sein. Dies werde sich auch nicht än-
D-3100/2019
Seite 19
dern, da die Armee angesichts des anhaltenden Konflikts auf jeden einzel-
nen wehrfähigen Mann angewiesen sei. Das SEM gehe denn auch selber
davon aus, dass nach Syrien zurückkehrende Militärdienstverweigerer und
Deserteure verhaftet und misshandelt werden würden, was zahlreiche N-
Dossiers illustrieren würden. Die Behauptung, eine Misshandlung des Be-
schwerdeführers als Militärdienstverweigerer in Syrien erfolge nicht aus
asylrelevanten Gründen, sei nicht nur absurd, sondern ignoriere auch das
willkürliche Vorgehen des syrischen Regimes und widerspreche allgemein-
erhältlichen Informationen.
Weiter würden beim Beschwerdeführer – zusätzlich zu seinem asylrele-
vanten Profil als Reservedienstverweigerer – weitere Gefährdungsele-
mente hinzukommen, welche die Asylrelevanz seiner Verfolgung noch ver-
schärfen würden. Er sei Kurde und werde deshalb von den syrischen Be-
hörden beschuldigt, aus politisch-ethnischen Gründen nicht Militärdienst
leisten zu wollen. Im Falle seiner Rückkehr würde ihm vorgeworfen wer-
den, er wolle nicht in den Dienst einrücken, um bei der zu befürchtenden
Schlussoffensive der syrischen Armee gegen die kurdischen Gebiete
(J._) nicht gegen das eigene Volk kämpfen zu müssen. Auch darin
sei offensichtlich ein asylrelevantes Verfolgungsmotiv zu sehen. Weiter
stamme er aus einer politisch aktiven Familie. So sei sein Bruder
G._ von syrischen Behörden gezielt asylrelevant verfolgt und in der
Schweiz als Flüchtling anerkannt worden. Schliesslich habe er sich im
Jahr 2013 dem Reservedienst entzogen und damit zu einer für das syri-
sche Regime sehr kritischen Zeit, weshalb er als Staatsfeind und Terrorist
gelte.
Sollte dem Beschwerdeführer kein Asyl gewährt werden, sei festzuhalten,
dass er aufgrund seiner illegalen Ausreise aus Syrien und angesichts sei-
nes spezifischen Profils gegen behördliche Ausreisebestimmungen
verstossen habe, weshalb es überwiegend wahrscheinlich erscheine, dass
ihm eine regierungsfeindliche Haltung unterstellt werde. Es sei ihm deshalb
– gemäss Praxis des SEM – die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen.
8.
8.1 Vorab ist festzuhalten, dass weder von der Vorinstanz noch vom Bun-
desverwaltungsgericht bestritten wird, dass der Beschwerdeführer von
2004 bis 2006 seinen obligatorischen Militärdienst geleistet hat. Seine Aus-
führungen fielen diesbezüglich durchwegs konsistent und überzeugend
aus (vgl. SEM-Akte A/16, F59–F100) und zum Nachweis seiner Vorbringen
D-3100/2019
Seite 20
reichte er sein militärisches Dienstbüchlein im Original zu den Akten
(vgl. SEM-Akte A/4).
8.2
8.2.1 Die Vorinstanz erachtete demgegenüber die Einberufung des Be-
schwerdeführers in den Reservedienst durch die syrische Armee – insbe-
sondere in Anbetracht der damaligen politischen Situation im nördlichen
kurdischen Teil Syriens – als nicht glaubhaft. Diesbezüglich ist festzuhal-
ten, dass das SEM zwar zu Recht darauf hingewiesen hat, dass sich die
syrischen Regierungstruppen im Juli 2012 mit wenigen Ausnahmen aus
den kurdischen Gebieten Nordsyriens zurückzogen (vgl. dazu BVGE
2015/3 E. 6.7.5.3 sowie das länderspezifische Referenzurteil E-7028/2014
vom 6. Dezember 2016 E. 10.3.5). Nach Erkenntnissen des Gerichts und
damit entgegen der vorinstanzlichen Argumentation ist es jedoch nicht
gänzlich ausgeschlossen, dass im Wirkungsgebiet der kurdischen Truppen
auch weiterhin Rekrutierungsmassnahmen für die staatliche Armee durch-
geführt wurden (vgl. dazu D-4613/2017 vom 19. März 2019 E. 6.1.1 und E-
4213/2018 vom 22. Januar 2021 E. 6.3.3). Nichtsdestotrotz gelingt es dem
Beschwerdeführer mit der im Original eingereichten Vorladungsmitteilung
vom (...) 2013 nicht, eine Zwangsrekrutierung zum Militärdienst als Reser-
vist darzutun. Dokumente dieser Art können in Syrien in der Tat auch leicht
käuflich erworben werden, weshalb ihr Beweiswert als gering einzustufen
ist. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann hierzu auf die zutreffenden
Ausführungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden
(vgl. dort E. II, Ziff. 1). Nach Durchsicht der deutschen Übersetzungen ist
zudem ergänzend festzustellen, dass es sich beim besagten Schreiben um
ein behördeninternes Dokument handelt, in welchem der Leiter des Poli-
zeipostens in D._ vom Leiter des Rekrutierungsbüros von
D._ aufgefordert wird, dem Beschwerdeführer mitzuteilen, dass er
zwecks Ausbildung als Reservist ins Militär eingezogen werde und sich
deshalb beim Aushebungsbüro melden müsse (vgl. SEM-Akten A/4 und
A/16, F112). Der Beschwerdeführer hat denn auch keine Angaben dazu
gemacht, wie er in den Besitz dieses internen Dokuments gelangt ist.
8.2.2 Die Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Einberufung in den mili-
tärischen Reservistendienst und die damit verbundene Wehrdienstverwei-
gerung kann in casu letztlich offenbleiben, denn gemäss gefestigter Recht-
sprechung stellt eine als glaubhaft eingestufte Wehrdienstverweigerung al-
lein noch keinen flüchtlingsrechtlich relevanten Nachteil dar. Die Pflicht zur
Leistung von Militärdienst ist – ebenso wie allfälligen Sanktionierungen für
D-3100/2019
Seite 21
den Fall einer Missachtung der Dienstpflicht durch eine Wehrdienstverwei-
gerung oder Desertion – praxisgemäss flüchtlingsrechtlich nicht beacht-
lich, solange entsprechende Massnahmen nicht darauf abzielen, einem
Wehrpflichtigen aus einem der in Art. 3 Abs. 1 und 2 AsylG genannten
Gründe ernsthafte Nachteile zuzufügen (vgl. BVGE 2015/3 E. 5; zudem
u.a. Urteil des BVGer D-4482/2018 vom 12. Oktober 2018 E. 5.3). In Be-
zug auf die spezifische Situation in Syrien erwog das Gericht weiter, die
genannten Voraussetzungen seien im Falle eines syrischen Refraktärs er-
füllt, welcher der kurdischen Ethnie angehörte, einer oppositionell aktiven
Familie entstammte und bereits in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit
der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezogen hatte, indem
er sich politisch exponiert hatte (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.7.3; u.a. bestätigt
im Urteil des BVGer E-5457/2018 vom 29. April 2020 E. 9.5.2). Aus den in
der Folge ergangenen publizierten Urteilen des Bundesverwaltungsge-
richts geht hervor, dass bei Wehrdienstverweigerung und Desertion im sy-
rischen Kontext nur dann eine asylrelevante Strafe zu befürchten ist, wenn
zusätzliche exponierende Faktoren gegeben sind, welche darauf schlies-
sen lassen, dass eine Person als Regimegegner angesehen wird und da-
mit aus politischen Gründen eine unverhältnismässige Bestrafung zu ge-
wärtigen hätte. Hingegen droht Wehrdienstverweigerern und Deserteuren,
die nicht zusätzlich politisch exponiert sind, nicht mit genügender Wahr-
scheinlichkeit eine Strafe, welche die Schwelle der Asylrelevanz erreichen
würde (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-822/2019 vom 17. August 2020
E. 6.2; E-2791/2019 vom 22. Juni 2020 E. 6.1; E-2188/2019 vom
30. Juni 2020 E. 5.1, insbesondere E. 5.1.2 und E. 6.2.4 [mittlerweile pu-
bliziert unter BVGE 2020 VI/4]). An dieser Rechtsprechungspraxis vermag
auch das auf Beschwerdeebene erwähnte Urteil des EuGH (C-238/2019
vom 19. November 2020) – ungeachtet der Frage seiner Rechtswirkung
für die Schweiz – nichts zu ändern, zumal auch der EuGH darin zum Er-
gebnis gelangt, dass zwischen der Strafverfolgung oder Bestrafung wegen
Verweigerung des Militärdienstes und zumindest einem der Verfolgungs-
gründe, die einen Anspruch auf die Zuerkennung der Flüchtlingseigen-
schaft begründen können, eine Verknüpfung bestehen muss (vgl. a.a.O.,
Ziff. 61).
8.2.3 Im vorliegenden Fall geht das Bundesverwaltungsgericht in Überein-
stimmung mit der Vorinstanz davon aus, dass keine Konstellation beson-
derer Exponiertheit besteht, welche mit jener im Urteil BVGE 2015/3 ver-
gleichbar wäre. Der Beschwerdeführer vermochte – abgesehen vom dar-
gelegten Aufgebot zum Reservedienst, das er jedoch nicht mit beweiskräf-
D-3100/2019
Seite 22
tigen Dokumenten zu belegen vermochte – keine weiteren einzelfallspezi-
fischen Risikofaktoren aufzuzeigen. Zwar gehört der Beschwerdeführer der
kurdischen Ethnie an, er bestätigte im Rahmen der BzP jedoch ausdrück-
lich, in seinem Heimatland nicht politisch aktiv gewesen zu sein (vgl. SEM-
Akte A/3, Ziff. 7.01). Weiter brachte er nicht vor, in einem anderen Zusam-
menhang persönliche Probleme mit den staatlichen syrischen Behörden
oder Dritten gehabt zu haben (vgl. SEM-Akte A/3, Ziff. 7.01). Auch in der
vertieften Anhörung brachte er nicht vor, in Syrien politisch aktiv gewesen
zu sein. Es liegen damit keine Indizien dafür vor, dass die syrischen Sicher-
heitsbehörden den Beschwerdeführer als Regimegegner identifiziert hät-
ten und er als solcher bei einer Rückkehr nach Syrien eine über die Be-
strafung der Wehrdienstverweigerung hinausgehende Behandlung zu er-
warten hätte. So legte er nicht dar, und es ist aus den Akten auch nicht
ersichtlich, weshalb er derart – oder überhaupt – im Visier der syrischen
Behörden gestanden wäre, dass ihn diese infolge der geltend gemachten
Wehrdienstverweigerung als politischen Oppositionellen gebrandmarkt
hätten.
8.2.4 Hinsichtlich des auf Beschwerdeebene eingebrachten Haftbefehls
des Rekrutierungsamtes D._ vom (...) 2018 ist festzuhalten, dass
an der Echtheit dieses Beweismittels erhebliche Zweifel bestehen. Auf-
grund der grassierenden Korruption sind in Syrien nicht nur Fälschungen
unterschiedlichster Qualität erhältlich, sondern es können gegen Bezah-
lung auch formell echte amtliche Dokumente beschafft werden (vgl. Urteil
des BVGer D-5750/2017 vom 13. Mai 2019 E. 4.3). Daher ist selbst einem
formell echten amtlichen Dokument nur dann eine relevante Beweiskraft
beizumessen, wenn dieses im Kontext eines hinreichend schlüssigen
Sachverhaltsvortrages eingereicht wird. Abgesehen davon, dass das in Ko-
pie eingereichte Beweismittel keine fälschungssicheren Merkmale enthält,
hat der Beschwerdeführer in der Rechtsmitteleingabe nicht plausibel dar-
gelegt, wie er in den Besitz des beigebrachten internen (und nicht für den
zu Rekrutierenden bestimmten) Dokuments gekommen sein soll, sondern
einzig ausgeführt, seine Familie habe den Haftbefehl über Kontakte bei der
Militärpolizeiabteilung erhalten. Des Weiteren lieferte der Beschwerdefüh-
rer keine Erklärung dafür, weshalb er den Haftbefehl erst mit Eingabe vom
11. Juli 2019 beim Gericht einreichte und weder im erstinstanzlichen Ver-
fahren noch in der Beschwerdeschrift erwähnte. Gestützt auf diese Fest-
stellungen kann dem Beschwerdeführer die geltend gemachte behördliche
Suche in seinem Heimatstaat nicht geglaubt werden. Im Übrigen geht aus
dem eingereichten Haftbefehl – selbst bei Wahrunterstellung – lediglich
D-3100/2019
Seite 23
hervor, dass der Beschwerdeführer zwecks Rekrutierung in den Reservis-
tendienst festzunehmen sei, was per se noch keine flüchtlingsrechtlich re-
levante Gefährdung zu bewirken vermag. Es ist demnach nicht von einem
gezielten Verfolgungsinteresse der syrischen Behörden an seiner Person
auszugehen.
8.2.5 Sodann lässt der Hinweis in der Rechtsmittelschrift auf in der
Schweiz lebende Verwandte – insbesondere seinen Bruder G._,
welchem in der Schweiz Asyl gewährt worden ist (N [...]) – nicht auf eine
persönliche Vorbelastung des Beschwerdeführers im genannten Sinne und
damit eine drohende Reflexverfolgung schliessen. Auch die ebenfalls erst-
mals auf Beschwerdeebene vorgebrachte Behauptung, er stamme aus ei-
ner politisch aktiven Familie, vermag eine Furcht vor Verfolgung im heuti-
gen Zeitpunkt nicht objektiv zu begründen. Er machte weder anlässlich der
BzP noch der Anhörung geltend, wegen seinen Familienmitgliedern je
Schwierigkeiten mit den syrischen Behörden gehabt zu haben.
8.2.6 Insgesamt ist daher nicht davon auszugehen, dass er von den syri-
schen Behörden wegen seiner Verweigerung Reservedienst zu leisten im
Falle einer Rückkehr eine politisch motivierte Bestrafung und Behandlung
zu gewärtigen hätte, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgung im
Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommen würde. Das Bundesverwaltungsge-
richt gelangt deshalb zum Schluss, dass die vorinstanzliche Verfügung im
Ergebnis zu bestätigen ist. Die eingereichten Beweismittel und die Ausfüh-
rungen auf Beschwerdeebene führen zu keiner anderen Betrachtungs-
weise.
8.3 Soweit in diesem Zusammenhang auf die erheblich veränderte Lage,
insbesondere seit dem Einmarsch der türkischen Sicherheitskräfte und der
verbündeten islamistischen Milizen in Nordsyrien, verwiesen wird, ist fest-
zustellen, dass nicht davon auszugehen ist, dass sämtliche in Syrien und
insbesondere in Nordsyrien verbliebenen Kurdinnen und Kurden derzeit
eine objektive Furcht vor einer Verfolgung hätten (vgl. Urteil des BVGer D-
6431/2019 vom 16. März 2020 E. 5.2.3; E-937/2017 vom 16. Januar 2020
E. 6.3; D-5367/2019 vom 2. Dezember 2019 E. 6.4). Der allgemeinen, bür-
gerkriegsbedingten Gefährdungslage und der fortbestehenden Volatilität
und Dynamik der Entwicklung in Syrien wurde von der Vorinstanz im Rah-
men des Wegweisungsvollzugs respektive der in diesem Zusammenhang
angeordneten vorläufigen Aufnahme des Beschwerdeführers Rechnung
getragen.
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Seite 24
8.4 Schliesslich führt weder eine illegale Ausreise aus Syrien noch das
Stellen eines Asylgesuchs im Ausland zur Annahme, dass einer syrischen
Person bei einer Rückkehr in ihr Heimatland mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung droht. Zwar ist auf-
grund der illegalen Ausreise und der längeren Landesabwesenheit davon
auszugehen, dass bei einer hypothetischen Wiedereinreise nach Syrien
eine Befragung durch die heimatlichen Behörden stattfindet. Da der Be-
schwerdeführer – wie vorstehend ausgeführt – aber keine Vorverfolgung
erlitten hat und nicht davon auszugehen ist, dass er vor dem Verlassen
Syriens als regimefeindliche Person ins Blickfeld der syrischen Behörden
geraten ist, kann mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen
werden, dass er als staatsgefährdend eingestuft würde. Ferner ist auch
nicht aktenkundig, dass er sich seit seiner Ausreise exilpolitisch betätigt
hätte. Somit ist nicht davon auszugehen, er könnte nach einer (hypotheti-
schen) Rückkehr als regimefeindliche Person ins Blickfeld der syrischen
Behörden geraten (vgl. Urteil des BVGer D-3839/2013 vom 28. Okto-
ber 2015 E. 6.4.3 [als Referenzurteil publiziert]; bestätigt beispielsweise im
Urteil des BVGer E-2791/2019 vom 22. Juni 2020 E. 6.5).
8.5 Angesichts der aufgezeigten Sachlage erübrigt es sich, auf weitere
Ausführungen und Berichte in der Beschwerde einzugehen, da diese nicht
geeignet sind, zu einer anderen rechtlichen Würdigung der Aktenlage zu
führen. Auch die Vorbringen vom 5. November 2019 zur Lage vor Ort in-
klusive Landkarte sind nicht geeignet, am Beweisergebnis etwas zu än-
dern. Mithin ist das Gesuch um Ansetzung einer angemessenen Frist zur
Aktualisierung des Dossiers, sobald sich die Lage in Syrien stabilisiert
habe, abzuweisen. Im Übrigen hätte der Beschwerdeführer hierzu inzwi-
schen genügend Zeit gehabt. Zusammenfassend ist festzustellen, dass der
Beschwerdeführer nichts vorgebracht hat, was geeignet wäre, seine
Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu ma-
chen. Das SEM hat somit zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit sie nicht
gegenstandslos geworden ist.
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10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da indes mit Verfü-
gung vom 27. Juni 2019 das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung gutgeheissen wurde und weiter-
hin von seiner Bedürftigkeit auszugehen ist, sind ihm keine Verfahrenskos-
ten aufzuerlegen.
10.2 Eine Parteientschädigung ist beim vorliegenden Verfahrensausgang
nicht zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 Abs. 1 und 3 VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
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