Decision ID: aa0b52e0-8754-4081-af55-3ad9bb619677
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 4. Juli 2022 um Asyl in der Schweiz
nach. Dabei trug er ein Schreiben des Polizeipräsidiums B._/Italien
über die Ausweisung aus dem nationalen Hoheitsgebiet vom 28. Juni 2022
auf sich.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank Eurodac
ergab, dass er am 27. Juni 2022 illegal in Italien eingereist ist.
C.
Gestützt auf den Eurodac-Abgleich ersuchte die Vorinstanz am 6. Juli 2022
die italienischen Behörden um Übernahme des Beschwerdeführers ge-
mäss Art. 13 Abs. 1 der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien
und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung ei-
nes von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mit-
gliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist
(nachfolgend: Dublin-III-VO).
D.
Anlässlich der Personalienaufnahme vom 8. Juli 2022 und des Dublin-Ge-
sprächs vom 26. Juli 2022 gab er an, die italienischen Behörden hätten ihn
zur Abgabe seiner Fingerabdrücke gezwungen. Er habe ein Schreiben er-
halten, dass er Italien verlassen müsse. Sein Zielland sei von Anfang an
die Schweiz gewesen. Er habe keine gesundheitlichen Beschwerden. Die
Vorinstanz gewährte ihm das rechtliche Gehör zur möglichen Zuständigkeit
Italiens und zur Wegweisung dorthin.
E.
Der zuständige Kanton wurde mit dem Formular "Voranmeldung Spezial-
fall" am 23. August 2022 über eine kleine Wundbehandlung beim Be-
schwerdeführer informiert.
F.
Die italienischen Behörden nahmen innerhalb der festgelegten Frist keine
Stellung zum Übernahmeersuchen.
E-4088/2022
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G.
Mit Verfügung vom 7. September 2022 (eröffnet am 8. September 2022)
trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein,
ordnete dessen Wegweisung nach Italien an und beauftragte den zustän-
digen Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Zudem stellte sie fest, ei-
ner allfälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschie-
bende Wirkung zu.
H.
Am 15. September 2022 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde. Er beantragte sinngemäss, die Verfügung der
Vorinstanz sei aufzuheben. Die Vorinstanz sei anzuweisen, auf sein Asyl-
gesuch einzutreten und es im nationalen Verfahren zu prüfen.
I.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 16. September 2022 setzte die
bisherige Instruktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung des Beschwer-
deführers einstweilen aus.
J.
Aus organisatorischen Gründen im Geschäftsbetrieb des Bundesverwal-
tungsgerichts ist die bisherige Instruktionsrichterin nicht mehr für das vor-
liegende Verfahren zuständig. Der unterzeichnende Richter hat per
19. September 2022 unter der Geschäftsnummer E-4088/2022 den Vorsitz
des Verfahrens übernommen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungs-
gericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zu-
ständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur
Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3
AsylG [SR 142.31] und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
E-4088/2022
Seite 4
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer
Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung dieses Staates
wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag ge-
stellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahme-
verfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zu-
ständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Gan-
zen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Die italienischen Behörden liessen das Übernahmeersuchen der Vor-
instanz innert der in Art. 22 Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbe-
antwortet, womit sie die Zuständigkeit Italiens implizit anerkannten (Art. 22
Abs. 7 Dublin-III-VO). Italien ist folglich zur Wiederaufnahme des Be-
schwerdeführers verpflichtet. Dass in der Ausweisungsverfügung vom
28. Juni 2022 gegen den Beschwerdeführer neben der Ausweisung aus
Italien auch ein dreijähriges Einreiseverbot angeordnet wurde, vermag da-
ran nichts zu ändern; gegen eine Überstellung des Beschwerdeführers aus
der Schweiz nach Italien im Rahmen eines Dublin-Verfahrens würde das
von den italienischen Behörden erlassene Einreiseverbot nicht greifen (vgl.
Urteil des BVGer D-3501/2021 vom 11. August 2021 E. 6.1).
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3.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, es bestehe die Gefahr, dass er
in Italien in eine existenzielle Notlage geraten würde. Es herrsche eine
hohe Arbeitslosigkeit, so habe auch er keine Arbeit dort. Er verfüge über
keine sozialen Kontakte und beherrsche die Sprache nicht. In der Schweiz
habe er bereits einige soziale Kontakte. Zudem sei es in der Schweiz ein-
facher, sich zu integrieren, eine Arbeit zu finden und ein menschenwürdi-
ges Leben zu führen. Zudem hätten ihm die italienischen Behörden ge-
mäss dem eingereichten Dokument einen Landesverweis wegen illegalen
Aufenthalts erteilt, weshalb er während der nächsten drei Jahren nicht
mehr nach Italien einreisen dürfe.
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Seite 6
4.2 Italien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom 10. De-
zember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder er-
niedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Abkommens
vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt seinen entsprechenden völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat
die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäi-
schen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu ge-
meinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des interna-
tionalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom
26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen,
die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben,
anerkennt und schützt. Das italienische Asylverfahren und Aufnahmesys-
tem weisen demnach keine systemischen Mängel auf (Urteil des EGMR
S.M.H. gegen die Niederlande vom 17. Mai 2016, Nr. 5868/13, Ziff. 46; Re-
ferenzurteil des BVGer F-6330/2020 E. 9.1; Referenzurteil des BVGer
E-962/2019 vom 17. Dezember 2019 E. 6.3). Der Beschwerdeführer bringt
nichts vor, das Anlass zu einer anderen Auffassung und zur Änderung der
Rechtsprechung geben könnte. Eine Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-
III-VO ist daher nicht gerechtfertigt.
5.
Beim Beschwerdeführer ist keine rechtserhebliche medizinische Problem-
stellung erkennbar, er wurde in der Schweiz lediglich wegen einer kleinen
Wunde am Fuss behandelt. Er machte keine gesundheitlichen Beschwer-
den geltend. Es ist nicht davon auszugehen, dass er eine weitere medizi-
nische Behandlung benötigt. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass Ita-
lien grundsätzlich über eine ausreichende medizinische Infrastruktur ver-
fügt (Urteile des BVGer D-3857/2022 vom 9. September 2022 E. 8.3.3;
F-3214/2022 vom 1. September 2022 E. 5.6). Der Zugang für asylsu-
chende Personen zum italienischen Gesundheitssystem über die Notver-
sorgung hinaus ist derzeit grundsätzlich gewährleistet, auch wenn es in der
Praxis zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann (Urteil E-962/2019
E. 6.2.7). Es liegen keine Hinweise vor, wonach dem Beschwerdeführer
dort eine adäquate medizinische Behandlung verweigert würde. Folglich
droht keine Verletzung von Art. 3 EMRK, weshalb die Schweiz nicht zum
Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO verpflichtet ist; auch huma-
nitäre Gründe i.S.v. Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 liegen nicht vor.
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6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der am 16. September 2022 angeordnete Vollzugsstopp da-
hin.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwerdefüh-
rer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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