Decision ID: 044aeae2-6f10-4bfb-9668-81d957b997be
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ wurde am 27. März 2015 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen zur
Früherfassung angemeldet (IV-act. 1). Im Meldeformular war vermerkt, dass der
Versicherte an einer angeborenen spastischen Paraparese und an einem myofaszialen
Schmerzsyndrom leide und seit seiner Geburt zu 70 % arbeitsunfähig sei. Dr. med.
B._, Fachärztin für Neurologie, hatte Dr. med. C._, Physikalische Medizin und
Rehabilitation, am 9. Oktober 2014 berichtet (IV-act. 2-1/4 f.), dass der Versicherte seit
der Kindheit eingeschränkt mobil sei. Bis zu seinem 10. Lebensjahr habe er im Rollstuhl
gesessen; erst dann habe er das Laufen an zwei Unterarmgehstöcken gelernt. Bei den
klinischen Untersuchungen am 6. und 9. Oktober 2014 habe sich eine angeborene oder
frühkindlich entwickelte spastische Paraparese der Beine gefunden.
Differentialdiagnostisch komme eine spontane Mutation der spastischen Paraplegie 2
oder eine Variante der hereditären spastischen Spinalparalyse in Betracht. Diese
entwickle sich jedoch in der Regel erst im Erwachsenenalter oder gehe als komplexe
Form mit Begleitsymptomen wie einer geistigen Retardierung oder einer anderen
Organbeteiligung einher. Es seien jedoch auch einige Genmutationen mit einer reinen
spastischen Spinalparalyse mit einer isolierten spastischen Paraparese beschrieben. In
einem ärztlichen Attest vom 10. Oktober 2014 hatte Dr. C._ angegeben (IV-act. 2-2
f.), dass der Versicherte seit der Geburt an einer Schwäche der Beine leide, die ihn am
Laufen hindere. Zudem bestünden seit Jahren zunehmende Schmerzen im Nacken, im
unteren Rücken und in den gesamten Beinen lateral betont. Als Diagnosen gab Dr.
C._ eine angeborene spastische Paraparese und ein myofasziales Schmerzsyndrom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bei muskulärer Dysbalance, massiven muskulären Verkürzungen und einer Inaktivitäts-
Atrophie an. Der Versicherte könne nur mit zwei Unterarmstützen stehen oder laufen. In
einer Tätigkeit im Sitzen ohne Zwangshaltungen (leichte Sortierarbeiten) bestehe eine
Arbeitsfähigkeit von maximal 30 %.
A.b Am 10. April 2015 forderte die IV-Stelle den Versicherten auf, das
Anmeldeformular auszufüllen und ihr einschliesslich der Beilagen bis am 24. April 2015
unterschrieben zuzustellen (IV-act. 4). Am 28. April 2015 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass der Fall abgeschlossen werde, da das Anmeldeformular bis
heute nicht eingegangen sei (IV-act. 5). Am 4. Mai 2015 informierte ein Behörden- und
Gerichtsdolmetscher die zuständige IV-Sachbearbeiterin per E-Mail, dass ihm der
Versicherte seine Unterlagen zum Ausfüllen der IV-Anmeldung abgegeben habe. Die
Unterlagen seien liegen geblieben, da er in den Ferien gewesen sei. Der Dolmetscher
bat darum, dem Versicherten noch einmal eine kurze Frist für die Anmeldung
einzuräumen (IV-act. 7). Der E-Mail war eine Kopie des Ausweises für vorläufig
aufgenommene Ausländer des Versicherten angehängt (IV-act. 8).
A.c Das am 5. Mai 2015 unterzeichnete Anmeldeformular ging am 6. Mai 2015 bei der
IV-Stelle ein (IV-act. 6). Der Versicherte gab darin an, dass er am 20. Januar 2010 von
D._ in die Schweiz eingereist sei. Er habe in der Schweiz Asyl beantragt und sei
vorläufig aufgenommen worden. Seit seiner Geburt sei er zu 70 % arbeitsunfähig
("Geburtsfehler"). Wegen seiner Behinderung habe er nie eine Schule besucht und
keinen Beruf erlernt.
A.d RAD-Ärztin Dr. med. E._ notierte am 20. Mai 2015 (IV-act. 12), dass der
Gesundheitsschaden, d.h. die angeborene oder frühkindlich entwickelte spastische
Parese der Beine, bereits bei der Geburt eingetreten sei. Für vorwiegend sitzende,
wechselbelastende Tätigkeiten ohne Anforderungen an Schulwissen (Analphabet)
bestehe ab sofort eine Arbeitsfähigkeit von 30 %; diese sei provisorisch steigerbar. Es
sei ein Bericht bei der Hausärztin Dr. med. F._ einzuholen. Auf telefonische
Rückfrage der zuständigen IV-Sachbearbeiterin hin bestätigte der RAD noch einmal,
dass der Gesundheitsschaden seit der Geburt bestehe (IV-act. 17-3). Der Versicherte
werde die Arbeitsfähigkeit wahrscheinlich nicht wirklich über 30 % steigern können,
und wenn, dann sicher nicht über 50 %.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.e Dr. C._ berichtete der IV-Stelle am 26. Mai 2015 (IV-act. 15), dass der
Versicherte wegen einer spastischen Paraparese und eines Lumbovertebralsyndroms
dauerhaft zu 100 % arbeitsunfähig sei. Eine leichte Tätigkeit im Sitzen könnte er ein bis
zwei Stunden pro Tag ausüben. Die Prognose bei chronischen Schmerzen aufgrund
eines Geburtsgebrechens sei ungünstig.
A.f Auf Anfrage hin teilte das Migrationsamt des Kantons St. Gallen der IV-Stelle am 3.
Juni 2015 per E-Mail mit (IV-act. 16), dass der Versicherte am 20. Januar 2010 in die
Schweiz eingereist und am 30. November 2012 die vorläufige Aufnahme erhalten habe.
Der Versicherte habe also keinen Flüchtlingsstatus.
A.g Am 26. Juni 2015 stellte die IV-Stelle dem Versicherten in Aussicht, dass seine
Gesuche um berufliche Eingliederungsmassnahmen und eine Rente abgewiesen
würden (IV-act. 21). Zur Begründung hielt sie fest, dass ein in der Schweiz wohnhafter
Angehöriger eines Staates, mit dem die Schweiz kein Sozialversicherungsabkommen
habe, Anspruch auf eine ordentliche Invalidenrente habe, wenn er bei Eintritt des
Versicherungsfalles während mindestens drei vollen Jahren Beiträge entrichtet habe, in
der Schweiz während drei Jahren mit dem erwerbstätigen Ehegatten gelebt habe, der
mindestens den doppelten Mindestbetrag bezahlt habe, oder drei Jahre Erziehungs-
oder Betreuungsgutschriften aufweise. Die Schweiz habe mit D._ kein
Sozialversicherungsabkommen abgeschlossen. Der Grund für die Arbeitsunfähigkeit
des Versicherten sei eine angeborene oder frühkindlich entwickelte spastische Parese
der Beine. Der Versicherte habe demzufolge bereits im Zeitpunkt der Einreise in die
Schweiz am 20. Januar 2010 an einer relevanten und rententangierenden
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit gelitten. Die versicherungsmässigen
Voraussetzungen für Rentenleistungen und berufliche Eingliederungsmassnahmen der
Invalidenversicherung seien daher nicht erfüllt. Dagegen wendete der Versicherte am 2.
September 2015 ein (IV-act. 22), dass in vielen ihm bekannten Fällen Gesuche um
berufliche Eingliederungsmassnahmen von Staatsangehörigen aus D._ gutgeheissen
worden seien, obwohl die Gesuchsteller wie er bereits mit einer relevanten und
rententangierenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in die Schweiz eingereist seien.
Es gehe für ihn um einen existentiellen Anspruch. Nur wer über die nötigen Mittel
verfüge, könne aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
A.h Mit Verfügung vom 17. September 2015 (IV-act. 23) wies die IV-Stelle die Gesuche
um berufliche Eingliederungsmassnahmen und um eine Rente wie angekündigt ab.
Zum Einwand hielt sie fest, dass verschiedene Punkte der erforderlichen
Anspruchsvoraussetzungen auch bei gleicher Staatsangehörigkeit zu unterschiedlichen
Entscheiden führen könnten. Das Gesetz unterscheide zwischen anerkannten
Flüchtlingen und nicht anerkannten Flüchtlingen. Weiter spiele das Alter sowie das
Ausmass der Einschränkung der Arbeitsfähigkeit bei der Einreise in die Schweiz eine
Rolle.
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) am
17. Oktober 2015 Beschwerde erheben (act. G 1). Er beantragte die Aufhebung der
Verfügung und die Gutheissung der Beschwerde. Zur Begründung machte er
ergänzend zu den Einwänden im Vorbescheidverfahren geltend, dass die Situation für
ihn wegen seiner Behinderung in D._ sehr schwierig gewesen sei. Da ihm die Ärzte in
D._ praktisch nicht hätten helfen können, seien seine Fähigkeiten unterentwickelt
geblieben. Auch in der Schweiz habe er es nicht einfach und seine beruflichen
Aussichten seien schlecht. Er wäre für jede berufliche Eingliederungsmassnahme
bereit. Es sei für ihn nicht vorstellbar, dass er sein ganzes Leben so verbringen müsse.
Er habe keine Schuld daran, dass er mit einer Behinderung geboren worden sei und
nicht habe behandelt und geheilt werden können.
B.b Am 30. November 2015 stellte der Beschwerdeführer ein Gesuch um
unentgeltliche Rechtspflege (act. G 6).
B.c Die IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragte am 10. Dezember
2015 die Abweisung der Beschwerde (act. G 7). Zur Begründung hielt sie fest, dass der
Bundesbeschluss über die Rechtsstellung der Flüchtlinge auf den Beschwerdeführer
nicht anwendbar sei. Ein ausländischer Staatangehöriger habe Anspruch auf
Leistungen der IV, solange er seinen Wohnsitz und den gewöhnlichen Aufenthalt in der
Schweiz habe und sofern er beim Eintritt der Invalidität während mindestens eines
vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der
Schweiz aufgehalten habe. Es sei unstrittig, dass der Beschwerdeführer seit seiner
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Geburt an einer spastischen Paraparese leide und seine Arbeitsfähigkeit aufgrund
dieses Leidens in einer angepassten Tätigkeit lediglich 30 % betrage. Der
Versicherungsfall sei in Bezug auf eine IV-Rente und auf die beruflichen
Eingliederungsmassnahmen daher bei der Einreise in die Schweiz bereits eingetreten
gewesen. Der Beschwerdeführer habe also nicht während mindestens eines vollen
Jahres vor dem Eintritt des Versicherungsfalles Beiträge geleistet und er habe sich vor
dem Eintritt des Versicherungsfalles auch nicht während zehn Jahren in der Schweiz
aufgehalten. Die versicherungsmässigen Voraussetzungen seien daher nicht erfüllt. Der
Beschwerdeführer habe auch keinen Anspruch auf eine ausserordentliche Rente. Die
sinngemässe Berufung des Beschwerdeführers auf den Grundsatz der
Gleichbehandlung im Unrecht schlage nicht durch. Ein solcher Anspruch sei nur
gegeben, wenn eine Behörde in einer grossen Anzahl von Fällen gesetzwidrige
Leistungen zugesprochen habe und es zudem ablehne, zukünftig von der
gesetzwidrigen Praxis abzuweichen. Der Beschwerdeführer habe keine konkreten Fälle
aufgeführt. Zudem würde eine nachgewiesene gesetzwidrige Praxis ohnehin (sofort)
aufgegeben.
B.d Das Gericht bewilligte am 15. Dezember 2015 das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten) für das Verfahren vor dem
Versicherungsgericht.
B.e Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (vgl. act. G 9 f.).

Erwägungen
1.
1.1 Mit der angefochtenen Verfügung vom 17. September 2015 hat die
Beschwerdegegnerin einen Anspruch des Beschwerdeführers auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen sowie auf eine Invalidenrente verneint. Strittig ist
demnach, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf derartige IV-Leistungen hat.
1.2 Gemäss Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG, SR
831.20) haben schweizerische und ausländische Staatsangehörige sowie Staatenlose −
unter Vorbehalt von Art. 39 − Anspruch auf Leistungen gemäss den nachstehenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bestimmungen. Ausländische Staatsangehörige sind, vorbehältlich Art. 9 Abs. 3 IVG,
nur anspruchsberechtigt, solange sie ihren Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthalt in
der Schweiz haben und sofern sie bei Eintritt der Invalidität während mindestens eines
vollen Jahres Beiträge geleistet oder sich ununterbrochen während zehn Jahren in der
Schweiz aufgehalten haben (Art. 6 Abs. 2 IVG). Art. 36 Abs. 1 IVG legt fest, dass der
Anspruch auf eine ordentliche Rente besteht, wenn bei Eintritt der Invalidität während
mindestens drei Jahren Beiträge geleistet wurden.
1.3 Die Invalidität gilt als eingetreten, sobald sie die für die Begründung des Anspruchs
auf die jeweilige Leistung erforderliche Art und Schwere erreicht hat (Art. 4 Abs. 2 IVG).
Das IVG beruht auf dem System des leistungsspezifischen Versicherungsfalles: Es ist
für jede in Betracht fallende Massnahme im Sinne von Art. 4 Abs. 2 IVG zu prüfen,
wann die Invalidität die für die Begründung des Anspruchs auf die jeweilige Leistung
erforderliche Art und Schwere erreicht hat (Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar
2007, I 659/06 E. 4).
2.
2.1 Zwischen der Schweiz und D._ besteht kein Sozialversicherungsabkommen. Da
der Beschwerdeführer lediglich den Status eines vorläufig aufgenommenen Ausländers
hat, ist der Bundesbeschluss über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und Staatenlosen
in der Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (FlüB, SR 831.131.11) auf ihn
nicht anwendbar. Sollte die leistungsspezifische Invalidität also bereits vor der
erstmaligen Einreise in die Schweiz eingetreten sein, hätte der Beschwerdeführer
gemäss Art. 6 Abs. 2 IVG keinen Anspruch auf IV-Leistungen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 16. Mai 2008, 8C_808/2007 E. 5).
2.2 Eine Invalidität als Voraussetzung für den Anspruch auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen besteht bei versicherten Personen, die wegen eines
drohenden oder bereits eingetretenen körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheitsschadens infolge Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall im Hinblick auf
die erstmalige berufliche Ausbildung oder die Umschulung auf eine neue
Erwerbstätigkeit der Berufsberatung bedürfen, für die erstmalige berufliche Ausbildung
im Vergleich zu Nichtbehinderten wesentliche Mehrkosten hinnehmen müssen, in ihrer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bisherigen Erwerbstätigkeit oder im bisherigen Aufgabenbereich eingeschränkt sind
und einer Umschulung bedürfen, der Arbeitsvermittlung bedürfen oder für die
Aufnahme oder für den Ausbau einer selbständigen Erwerbstätigkeit eine Kapitalhilfe
benötigen (Art. 15 ff. IVG, vgl. Rz. 1003 des Kreisschreibens über die
Eingliederungsmassnahmen beruflicher Art, KSBE). Da der Beschwerdeführer nicht
über eine Berufsausbildung verfügt und da er bisher nie einer Erwerbstätigkeit
nachgegangen ist, käme als berufliche Eingliederungsmassnahme nur eine erstmalige
berufliche Ausbildung (Art. 16 IVG) in Frage. Der Eintritt des Versicherungsfalles
"erstmalige berufliche Ausbildung" bedingt unter anderem, dass die versicherte Person
berufsbildungsfähig ist, d.h. dass sie − bezogen auf das schweizerische
Bildungssystem − die obligatorische Schulzeit (Primarstufe und Sekundarstufe I)
absolviert hat. Der Beschwerdeführer hat nie eine Schule besucht. Er verfügt also nicht
über die schulischen Voraussetzungen, um eine erstmalige berufliche Ausbildung zu
absolvieren. Der Versicherungsfall "erstmalige berufliche Ausbildung" kann somit im
Zeitpunkt der Einreise des Beschwerdeführers in die Schweiz wegen der fehlenden
Berufsbildungsfähigkeit noch nicht eingetreten gewesen sein. Da der
Beschwerdeführer nicht über die für eine erstmalige berufliche Ausbildung erforderliche
Schulbildung verfügt und er im Rahmen einer erstmaligen beruflichen Ausbildung auch
nicht den Anspruch hätte, nach dem Erlernen der deutschen Sprache die genannte
schulische Ausbildung nachzuholen, ist der Versicherungsfall "erstmalige berufliche
Ausbildung" im Verfügungszeitpunkt noch nicht eingetreten gewesen. Daher hat die
Beschwerdegegnerin im Ergebnis zu Recht einen Anspruch des Beschwerdeführers auf
eine erstmalige berufliche Ausbildung respektive auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen verneint.
2.3 Ein Anspruch auf eine Invalidenrente entsteht frühestens, wenn die versicherte
Person während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens zu 40 % arbeitsunfähig gewesen und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % bleibend oder für längere Zeit erwerbsunfähig gewesen ist (Art. 28
Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 7 f. des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 2. Mai
2016, 9C_592/2015 E. 3.2). Der Beschwerdeführer leidet an einer angeborenen oder
frühkindlich entwickelten spastischen Paraparese der Beine und an einem
Lumbovertebralsyndrom respektive an einem myofaszialen Schmerzsyndrom bei einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
muskulären Dysbalance, massiven muskulären Verkürzungen und einer Inaktivitäts-
Atrophie (IV-act. 2 und 15). Er kann sich lediglich mit Unterarmstützen fortbewegen.
Gemäss eigenen Angaben hat er bis zu seinem 10. Altersjahr im Rollstuhl gesessen (IV-
act. 2-1). Dr. C._ hat die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers im Oktober 2014 für
sitzende Tätigkeiten (leichte Sortierarbeiten) auf maximal 30 % geschätzt (IV-act. 2-2).
Im Meldeformular zur Früherfassung sowie im Anmeldeformular hat der
Beschwerdeführer angegeben, dass er "seit der Geburt" zu 70 % arbeitsunfähig sei (IV-
act. 1-1 und 6-3). Da der Beschwerdeführer bereits seit seiner Geburt (oder zumindest
seit frühester Kindheit) an einer spastischen Paraparese der Beine leidet, ist mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass bereits im Zeitpunkt der
Einreise in die Schweiz im Januar 2010 eine wesentliche Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit von mindestens 40 % bestanden hat. Nachdem der Versicherungsfall
"Rente" bereits vor der Einreise in die Schweiz eingetreten ist, kann der
Beschwerdeführer die erforderliche Beitragszeit von drei Jahren nicht erfüllt haben. Die
versicherungsmässigen Voraussetzungen für eine ordentliche Rente sind somit nicht
erfüllt.
2.4 Anspruch auf eine ausserordentliche Invalidenrente haben Schweizer Bürger (Art.
39 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 42 Abs. 1 AHVG) sowie Ausländer, Flüchtlinge und
Staatenlose, denen dieses Recht durch staatsvertragliche Vereinbarung oder den FlüB
ausdrücklich eingeräumt worden ist (Rz. 7101 der Wegleitung über die Renten in der
Eidgenössischen Alters-, Hinterlassenen und Invalidenversicherung, RWL). Da
zwischen D._ und der Schweiz kein Sozialversicherungsabkommen besteht und da
der Beschwerdeführer in der Schweiz nicht als Flüchtling anerkannt, sondern lediglich
vorläufig aufgenommen worden ist, hat er keinen Anspruch auf eine ausserordentliche
IV-Rente. Der Beschwerdeführer hätte aber auch keinen Anspruch auf eine Rente,
wenn vorläufig Aufgenommene einen Anspruch auf eine ausserordentliche Rente
begründen könnten: Die in Art. 42 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG) statuierte Voraussetzung der vollständigen
Versicherungsdauer ist nämlich nur erfüllt, wenn eine Person vom 1. Januar nach
Vollendung des 20. Altersjahres bis zum Eintritt des Versicherungsfalls lückenlos
obligatorisch oder freiwillig versichert gewesen ist (Rz. 7003 RWL). Diese
Anspruchsvoraussetzung wäre erfüllt, wenn die Einreise in die Schweiz vor dem 1.
Januar nach Vollendung des 20. Altersjahres erfolgt wäre (Rz. 7007 RWL). Der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer ist bei der Einreise in die Schweiz im Januar 2010 jedoch bereits 23
Jahre und acht Monate alt gewesen. Der Beschwerdeführer erfüllt daher weder die
versicherungsmässigen noch die übrigen Voraussetzungen für die Zusprache einer
ausserordentlichen IV-Rente.
2.5 Der Beschwerdeführer hat geltend gemacht, dass ihm viele Fälle bekannt seien, in
denen Staatsangehörigen aus D._ IV-Leistungen zugesprochen worden seien,
obwohl diese bereits bei der Einreise invalid gewesen seien. Die Beschwerdegegnerin
hat in der angefochtenen Verfügung zu Recht darauf hingewiesen, dass sich die
Anspruchsvoraussetzungen für IV-Leistungen je nach ausländerrechtlichem Status,
dem Alter sowie dem Ausmass der Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit bei der
Einreise in die Schweiz unterschieden. Die dem Beschwerdeführer bekannten Fälle
sind also möglicherweise anders gelagert und die Leistungszusprachen daher
rechtmässig gewesen. Selbst wenn davon auszugehen wäre, dass die erwähnten
Staatsangehörigen aus D._ gesetzeswidrig IV-Leistungen erhalten hätten, würde dies
nicht bedeuten, dass der Beschwerdeführer deshalb auch einen Leistungsanspruch
hätte. Eine sog. "Gleichbehandlung im Unrecht" würde nämlich voraussetzen, dass die
Verwaltung (d.h. vorliegend die Beschwerdegegnerin) eine gesetzwidrige Praxis pflöge,
d.h. dass es sich nicht um wenige Einzelfälle gehandelt hätte, und dass die Verwaltung
auch in Zukunft an dieser Praxis festhielte (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 19. Mai
2008, 9C_808/2007 E. 4; vgl. BGE 126 V 390 E. 6a). Das Gericht hat keine Kenntnis
von einer derartigen gesetzwidrigen Praxis. Zudem hat die Beschwerdegegnerin in der
Beschwerdeantwort erklärt, dass sie eine derartige Praxis, sollte sie überhaupt
existieren, aufgeben würde (act. G 7 S. 3).
2.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer weder einen
Anspruch auf berufliche Eingliederungsmassnahmen noch auf eine Invalidenrente hat.
Die Beschwerde ist demnach abzuweisen.
3.
3.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Sie ist dem
unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege
ist er von der Bezahlung der Gerichtsgebühr zu befreien.
3.2 Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur
Nachzahlung der Gerichtskosten verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123
der Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO, SR 272] i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des
Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP, sGS 951.1]).