Decision ID: 22d426e7-2896-4ea2-a2ac-50e7329eaee8
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein afghanischer Staatsangehöriger – suchte am
3. April 2022 in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 8. März 2022 in Bul-
garien und am 28. März 2022 in C._ Asylgesuche eingereicht hatte.
C.
Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 14. April 2022 (Akten der Vorinstanz
[SEM-act.] 16/2) wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zur
Zuständigkeit Bulgariens für die Durchführung des Asyl- und Wegwei-
sungsverfahrens beziehungsweise zur Wegweisung dorthin und zum
Nichteintretensentscheid gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
gewährt. Diesbezüglich äusserte er den Wunsch, nicht in dieses Land aus-
geschafft zu werden. Dort würden ihm zwei Jahre Haft drohen. Er habe
gehört, dass dies jenen drohe, welche dorthin zurückkehrten. Etwa 18 oder
19 Monate Haft. Danach würde man in die Türkei abgeschoben werden. Er
sei für die Zukunft seiner Kinder hierhergekommen. Diese hätten aufgrund
seiner Drogensucht gelitten.
D.
Mit Schreiben vom 14. April 2022 an die Vorinstanz betonte die Rechtsver-
tretung, dass der Beschwerdeführer medizinische Probleme habe. Bereits
beim Dublin-Gespräch sei sein schlechter Gesundheitszustand themati-
siert und seitens der Rechtsvertretung eine Abklärung und Behandlung be-
antragt worden. Der Beschwerdeführer befinde sich in einer sehr schwieri-
gen Lage und leide aufgrund seiner Drogenabhängigkeit nicht nur körper-
lich, sondern auch psychisch. Da er auf eine engmaschige, zeitnahe Be-
treuung angewiesen sei, werde beantragt, von einem möglichen Transfer
in eine andere Unterkunft abzusehen (vgl. SEM-act. 18/1).
E.
Gestützt auf den Eurodac-Treffer ersuchte die Vorinstanz die bulgarischen
Behörden am 25. Mai 2022 um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers
im Sinne von Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festle-
gung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
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in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist (Neufassung), ABl. L 180/31 vom 29.6.2013 (nachfolgend: Dub-
lin-III-VO).
Die bulgarischen Behörden nahmen innerhalb der festgelegten Frist zum
Ersuchen keine Stellung.
F.
Mit Verfügung vom 13. Juni 2022 – eröffnet am 14. Juni 2022 (vgl. Emp-
fangsbestätigung [SEM-act. 33/1]) – trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers
vom 3. April 2022 nicht ein, verfügte die Wegweisung nach Bulgarien, for-
derte ihn – unter Androhung von Zwangsmitteln im Unterlassungsfall – auf,
die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen, beauf-
tragte den Kanton D._ mit dem Vollzug der Wegweisung, händigte
dem Beschwerdeführer die editionspflichtigen Akten gemäss Aktenver-
zeichnis aus und stellte fest, eine allfällige Beschwerde gegen die Verfü-
gung habe keine aufschiebende Wirkung.
G.
Mit Eingabe vom 21. Juni 2022 liess der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, die Verfügung
der Vorinstanz vom 13. Juni 2022 sei aufzuheben. Die Vorinstanz sei an-
zuweisen, auf sein Asylgesuch einzutreten und in der Schweiz ein materi-
elles Asylverfahren durchzuführen. Eventualiter sei die Verfügung zur
rechtsgenüglichen Sachverhaltsabklärung und Neubeurteilung an die Vor-
instanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei diese anzuweisen, bei den
bulgarischen Behörden individuelle Garantien für eine adäquate Unterbrin-
gung und medizinische Behandlung einzuholen. Im Sinne einer vorsorgli-
chen Massnahme sei der vorliegenden Beschwerde die aufschiebende
Wirkung zu erteilen und die Vollzugsbehörde sei unverzüglich anzuweisen,
von einer Überstellung nach Bulgarien abzusehen, bis das Bundesverwal-
tungsgericht über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung entschieden
habe. Es sei die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Ausserdem seien die
Verfahrensakten der Vorinstanz beizuziehen.
H.
Die Instruktionsrichterin setzte am 22. Juni 2022 gestützt auf Art. 56 VwVG
den Vollzug der Überstellung per sofort einstweilen aus.
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I.
Mit Zwischenverfügung vom 24. Juni 2022 gewährte die Instruktionsrichte-
rin der Beschwerde antragsgemäss die aufschiebende Wirkung, lud die
Vorinstanz zur Vernehmlassung ein, hiess das Gesuch um Verzicht auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses gut und teilte mit, dass über das Ge-
such um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung zu einem späte-
ren Zeitpunkt befunden werde.
J.
Mit Eingabe vom 27. Juni 2022 gab die Rechtsvertretung dem Gericht ei-
nen Bericht der E._ vom 24. Mai 2022 zu den Akten.
K.
Am 4. Juli 2022 reichte die Vorinstanz ihre Vernehmlassung ein.
L.
Nach gewährter Fristerstreckung liess der Beschwerdeführer mit Eingabe
vom 25. Juli 2022 replizieren.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde zuständig und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt, hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung und ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
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AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs. 3 und
Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachfolgend
aufgezeigt wird, handelt es sich vorliegend um eine solche Beschwerde,
weshalb das Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG).
3.
3.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.). Das Bundesverwaltungsgericht hebt die ange-
fochtene Verfügung auf und weist die Sache zu neuer Entscheidung an das
SEM zurück, sofern es den Nichteintretensentscheid als unrechtmässig er-
achtet (vgl. BVGE 2011/30 E. 3, 2011/9 E. 5).
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
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zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO).
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte
Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert und
das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung "aus humani-
tären Gründen" auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO
ein anderer Staat zuständig wäre. Stehen völkerrechtliche Vollzugshinder-
nisse einer Überstellung entgegen, ist ein Selbsteintritt zwingend.
5.
5.1 Zur Begründung seiner Verfügung führte das SEM namentlich aus, die
bulgarischen Behörden hätten innerhalb der festgelegten Frist zum Über-
nahmeersuchen des SEM keine Stellung genommen. Somit sei gemäss
dem Dublin-Assoziierungsabkommen und unter Anwendung von Art. 25
Abs. 2 Dublin-III-VO die Zuständigkeit, das weitere Verfahren des Be-
schwerdeführers durchzuführen, am 9. Juni 2022 an Bulgarien übergegan-
gen.
Zu den vom Beschwerdeführer anlässlich des am 14. April 2022 gewährten
rechtlichen Gehörs geltend gemachten Vorbringen sei festzuhalten, dass
Bulgarien gemäss der Dublin-III-VO für die Durchführung des Asyl- und
Wegweisungsverfahrens zuständig sei. Es obliege somit den zuständigen
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Behörden, die Asylgründe des Beschwerdeführers zu prüfen, seinen Auf-
enthaltsstatus zu regeln oder gegebenenfalls eine Wegweisung ins Hei-
matland anzuordnen. Es bestünden keine Hinweise, dass die bulgarischen
Behörden das Asyl- und Wegweisungsverfahren nicht korrekt durchführen
und dem Beschwerdeführer insbesondere keinen effektiven Schutz vor
Rückschiebung (Non-Refoulement-Gebot) gewähren würden.
Bulgarien komme seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es dürfe
davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und schütze die
Rechte, welche sich für Schutzsuchende aus den Verfahrens- und Aufnah-
merichtlinien ergäben. Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts
würden keine wesentlichen Gründe für die Annahme vorliegen, das Asyl-
verfahren und die Aufnahmebedingungen in Bulgarien würden allgemein
für Antragstellende systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Ge-
fahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung mit sich
brächten. Es bestünden – selbst unter Berücksichtigung einer allfällig an-
gespannten Situation in Bulgarien – keine genügend konkreten Hinweise
dafür, dass der Beschwerdeführer in diesem Land nicht Zugang zu einem
rechtsstaatlichen Verfahren im Sinne des Dublin-Systems hätte. In seinem
Referenzurteil F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 komme das Bundesver-
waltungsgericht ebenfalls zum Schluss, dass keine Gründe für die An-
nahme vorliegen würden, in Bulgarien bestünden systemische Mängel in
Bezug auf die Aufnahmebedingungen und das Asylverfahren.
Der vom Beschwerdeführer sinngemäss geäusserte Wunsch nach einem
weiteren Verbleib in der Schweiz habe keinen Einfluss auf die Zuständig-
keit für das Asyl- und Wegweisungsverfahren. Es sei grundsätzlich nicht
Sache der betroffenen Person, den für ihr Asylverfahren zuständigen Staat
selber zu wählen. Die Bestimmung des zuständigen Staates obliege alleine
den beteiligten Dublin-Vertragsstaaten.
Es gebe keine wesentlichen Gründe für die Annahme gemäss Art. 3 Abs. 2
Dublin-III-VO, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Asylsuchende in Bulgarien Schwachstellen aufweisen würden, die eine
Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne
von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta und Art. 3 der Europäischen Men-
schenrechtskonvention (EMRK) mit sich brächten.
Ferner würden auch keine Gründe gemäss Art. 16 Abs. 1 Dublin-III-VO vor-
liegen, die die Schweiz verpflichten würden, das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers zu prüfen.
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Was die beim rechtlichen Gehör geschilderten gesundheitlichen Beein-
trächtigungen anbelange, sei festzuhalten, dass Bulgarien über eine aus-
reichende medizinische Infrastruktur verfüge und gemäss Art. 19 Abs. 1
der Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 26. Juni 2013 (sog. Aufnahmerichtlinie) verpflichtet sei, dem Be-
schwerdeführer die erforderliche medizinische Versorgung, welche zumin-
dest die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von
Krankheiten und schweren psychischen Störungen umfasse, zu gewähren.
Es sei im Rahmen des Dublin-Systems davon auszugehen, dass der zu-
ständige Dublin-Staat angemessene medizinische Versorgungsleistungen
erbringen könne und den Zugang zu notwendiger medizinischer Behand-
lung gewährleiste. Asylsuchende hätten in Bulgarien denselben Anspruch
auf medizinische Versorgung wie bulgarische Staatsangehörige. Die Kos-
ten für die Krankenversicherung würden durch den Staat gedeckt. Es be-
stünden keine Hinweise dafür, dass Bulgarien dem Beschwerdeführer eine
medizinische Behandlung verweigert hätte oder zukünftig verweigern
würde. Bei einer tatsächlichen Verletzung der ihm durch die Aufnahme-
richtlinie zustehenden Rechte sei er auch hier gehalten, sich nötigenfalls
an die bulgarischen Behörden zu wenden, um diese auf dem Rechtsweg
einzufordern.
Gemäss den dem SEM vorliegenden medizinischen Akten und der Mittei-
lung von Medic-Help im Bundesasylzentrum vom 10. Juni 2022 ergebe
sich, dass der Beschwerdeführer umfassend medizinisch abgeklärt worden
sei. Es bestünden keine krankhaften Befunde, welche eine Schwere errei-
chen würden, die bei einer Überstellung des Beschwerdeführers nach Bul-
garien ein reales Risiko für eine ernste, rasche und unwiederbringliche Ver-
schlechterung seines Gesundheitszustands zur Folge hätten, welche zu
intensivem Leiden und einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung
führen würden (vgl. hierzu Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Men-
schenrechte EGMR 41738/10, par. 181 und 182, Paposhvili gegen Belgien
vom 13. Dezember 2016). Ein Vollzug der Wegweisung nach Bulgarien
stelle trotz der geltend gemachten medizinischen Beschwerden keine Ver-
letzung von Art. 3 EMRK dar. Auf das Einholen künftiger psychiatrischer
Arztberichte könne in antizipatorischer Beweiswürdigung verzichtet wer-
den, weil nicht davon auszugehen sei, dass seit der bisherigen Anbindung
an die Psychiatrie eine fachärztliche Beurteilung erfolgen werde, welche zu
einer Änderung der Einschätzungen des SEM führen könnte. Folglich
könne sich der Beschwerdeführer nicht auf die erwähnte Rechtsprechung
berufen. Sollte sich seine Gesundheit bis zur allfälligen Überstellung nach
Bulgarien verschlechtern und er weitere medizinische Untersuchungen für
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notwendig erachten, stehe es ihm jederzeit offen, sich erneut an das Ge-
sundheitspersonal in dem ihm zugewiesenen Bundesasylzentrum oder die
ihn behandelnden Ärzte zu wenden. In der Folge ausgestellte medizinische
Unterlagen könne er via seine Rechtsvertretung dem SEM zukommen las-
sen.
Für das weitere Dublin-Verfahren sei einzig die Reisefähigkeit ausschlag-
gebend. Diese werde erst kurz vor der Überstellung definitiv beurteilt. Zu-
dem trage das SEM dem aktuellen Gesundheitszustand des Beschwerde-
führers bei der Organisation der Überstellung nach Bulgarien Rechnung,
indem es die bulgarischen Behörden im Sinne von Art. 31 und Art. 32 Dub-
lin-III-VO vor der Überstellung über seinen Gesundheitszustand und die
notwendige medizinische Behandlung informiere. Medikamente könnten
ihm in einer angemessenen Menge mitgegeben werden, um die Zeit-
spanne zu überbrücken, bis er in Bulgarien wieder in medizinischer Be-
handlung sei. Zudem würden ihm die in der Schweiz ausgestellten medizi-
nischen Akten ausgehändigt. Ferner sei anzumerken, dass der Ausbruch
des Corona-Virus von vorübergehender Dauer sei und die Prämisse nicht
in Frage stelle, dass die Gesundheitsversorgung in Bulgarien grundsätzlich
gewährleistet sei. Der Vollzug der Wegweisung sei somit trotz geltender
Reiseeinschränkungen grundsätzlich zulässig und zumutbar.
In Würdigung der Akten und der vom Beschwerdeführer geäusserten Um-
stände bestünden keine Gründe, die die Schweiz veranlassen würden, die
Souveränitätsklausel anzuwenden.
Da Bulgarien für das weitere Verfahren zuständig sei und die Schweiz die
Souveränitätsklausel nicht anwende, trete das SEM auf das Asylgesuch
des Beschwerdeführers nicht ein. Er sei deshalb zur Ausreise aus der
Schweiz verpflichtet.
5.2 In der Beschwerde wird zunächst darauf hingewiesen, dass der Be-
schwerdeführer anlässlich der Entscheideröffnung wiederholt habe, er
wolle auf keinen Fall nach Bulgarien zurückkehren. Er habe sich während
24 Tagen in einem geschlossenen Camp aufgehalten, wo ihm unter Andro-
hung einer sechsmonatigen Haft die Fingerabdrücke zwanghaft abgenom-
men worden seien. Über das Asylverfahren sei er von niemandem aufge-
klärt worden, einen Dolmetscher habe es auch nicht gegeben. Aufgebracht
habe er erzählt, dass er während seiner Zeit in Bulgarien ebenfalls an ge-
sundheitlichen Beschwerden gelitten habe, sich aber niemand um ihn oder
andere gekümmert habe. Er sei von Vertretern der bulgarischen Behörden
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geohrfeigt, getreten und dabei gefragt worden, weshalb er gerade diese
Route gewählt habe. Man habe ihm Vorwürfe gemacht, dass er nach Bul-
garien gelangt sei. Im Camp sei er in ein Zimmer gesperrt worden, wo die
Lüftung so schlecht funktioniert habe, dass er davon krank geworden sei.
Es habe kein medizinisches Personal gegeben, welches ihm bei seinen
körperlichen und psychischen Problemen hätte helfen können. Er sei nie
ernst genommen worden und es habe sich für ihn so angefühlt, als ob die
bulgarischen Behörden absichtlich psychischen Druck auf ihn ausüben
würden, damit er sich umbringe. Der Beschwerdeführer habe zu seiner
Rechtsvertretung und auch leise zu sich selbst gesagt, dass er krank sei
und Hilfe brauche, welche er in Bulgarien nicht erhalten würde. Er habe
sehr wirr gesprochen und sich immer wiederholen müssen, was auf seine
sehr angeschlagene Gesundheit hinweise. Er habe die Rechtsvertretung
darüber informiert, dass er sich in psychiatrischer Behandlung befinde.
Hinsichtlich des medizinischen Sachverhalts wird sodann gerügt, dass die
Vorinstanz diesen nur ungenügend abgeklärt habe. Der Beschwerdeführer
leide unter den sowohl psychischen als auch physischen Folgen einer jah-
relangen Drogenabhängigkeit. Gemäss dem medizinischen Datenblatt für
interne Arztbesuche im Bundesasylzentrum leide er zudem unter ausge-
prägten Schlafstörungen und sei sehr ängstlich. Man habe ihm Reme-
ron/Mirtazapin verschrieben und ihn an die (...) verwiesen. In ihrer Verfü-
gung begnüge sich die Vorinstanz mit der pauschalen Ausführung, dass
man sich den gesundheitlichen Problemen des Beschwerdeführers ange-
nommen habe. Im Entscheid werde kaum auf die bereits beim Dublin-Ge-
spräch, im Antrag der Rechtsvertretung auf eine psychiatrische Abklärung
sowie in den Einträgen des besagten medizinischen Datenblatts erwähn-
ten Leiden eingegangen. Die Vorinstanz halte lediglich fest, dass der Ge-
sundheitszustand des Beschwerdeführers umfassend abgeklärt worden
sei.
Es sei von zentraler Wichtigkeit, dass der verfahrensrelevante medizini-
sche Sachverhalt vollständig abgeklärt und dokumentiert werde, da nur so
ein rechtsgenüglicher Entscheid darüber getroffen werden könne, ob der
Beschwerdeführer nach Bulgarien weggewiesen werden dürfe. Die Vorin-
stanz hätte den bereits festgesetzten Termin beim Psychiater vom 14. Juni
2022 abwarten und entsprechende medizinische Berichte verlangen müs-
sen. Dass ein Erstgespräch bei den E._ stattgefunden habe, spre-
che für das Interesse des Beschwerdeführers an einer psychiatrischen Be-
handlung. Ebenso zeige der Folgetermin vom 14. Juni 2022 auf, dass aus
medizinischer Sicht eine entsprechende Behandlung indiziert sei.
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Die Vorinstanz habe im Ersuchen an die bulgarischen Behörden weder die
psychischen Probleme noch die Drogenabhängigkeit des Beschwerdefüh-
rers erwähnt. Aufgrund der jetzigen Aktenlage lasse sich die Behandelbar-
keit der festgestellten psychischen Probleme in Bulgarien nicht zuverlässig
beurteilen, weil der medizinische Sachverhalt unvollständig abgeklärt wor-
den sei und zurzeit noch keine genaue Diagnose vorliege. Deshalb könne
(noch) nicht entschieden werden, ob die Einholung einer entsprechenden
Zusicherung der medizinischen Behandlung bei den bulgarischen Behör-
den notwendig sei. Hinzu komme, dass die bulgarischen Behörden das
Rückübernahmegesuch des SEM unbeantwortet gelassen hätten und so-
mit nicht beurteilt werden könne, in welchen Strukturen der Beschwerde-
führer in Bulgarien untergebracht werden würde und wie sich für ihn die
Aufenthaltsbedingungen – namentlich der Zugang zu medizinisch-psychi-
atrischer Behandlung und Suchtbehandlung –, die zumindest teilweise als
sehr schwierig zu bezeichnen seien (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 E. 6.6), gestalten würden.
In ihrem Entscheid versäume es die Vorinstanz ebenso, sich mit der Lage
in Bulgarien bezüglich des Ende Februar 2022 ausgebrochenen Krieges in
der Ukraine auseinanderzusetzen. Unter Berücksichtigung der grossen
Zahl an Flüchtenden aus der Ukraine müsse davon ausgegangen werden,
dass das bereits mangelhafte Asyl- und Gesundheitssystem Bulgariens zu-
sätzlich belastet werde. In Anbetracht der Rechtsprechung des EGMR und
des Bundesverwaltungsgerichts sei der Sachverhalt auch im Hinblick auf
die Frage, ob eine Überstellung nach Bulgarien den völkerrechtlichen Vor-
gaben im Sinne von Art. 3 EMRK (unter dem Aspekt einer aufgrund des
Gesundheitszustands des Beschwerdeführers spezifischen Verletzlichkeit)
zu genügen vermöge, genügend abzuklären (BVGer-Urteil D-1128/2022
vom 8. April 2022, E. 8.5). Damit setze sich die Vorinstanz in ihrem Ent-
scheid jedoch nirgends auseinander. Der Entscheid sei folglich nicht sorg-
fältig begründet und demnach bereits aus formellen Gründen aufzuheben
und zurückzuweisen.
Was das Asylsystem in Bulgarien betrifft, wird auf verschiedene Quellen
hingewiesen und geltend gemacht, dass sich angesichts dieser Berichter-
stattung die Ausführungen des SEM, wonach im bulgarischen Asyl- und
Aufnahmesystem keine systemischen Mängel vorliegen würden, als un-
richtig erwiesen. Die Berichterstattung decke sich mit den Erlebnissen des
Beschwerdeführers. Es sei folglich glaubhaft, dass er eine menschenun-
würdige Behandlung durch die bulgarischen Behörden erfahren habe, ihm
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eine solche bei einer Wegweisung nach Bulgarien wieder drohen und ihn
kein faires Asylverfahren erwarten würde.
Aus den genannten Gründen sei im Sinne von Art. 17 Dublin-III-VO auf das
Asylgesuch einzutreten oder die Sache zur rechtsgenüglichen Sachver-
haltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
5.3 In ihrer Vernehmlassung führt die Vorinstanz insbesondere aus, sie sei
am 30. Juni 2022 vom behandelnden Arzt der E._ mit der Diagnose
bedient worden, welche eine Anpassungsstörung sowie eine psychische-
und Verhaltensstörung durch multiplen Substanzgebrauch und Konsum
anderer psychotroper Substanzen: ein sog. Abhängigkeitssyndrom fest-
halte. Gemäss den Angaben des Beschwerdeführers sei er seit sechs Mo-
naten abstinent. Die Medikation sei angepasst worden.
Beim medizinischen Datenblatt für interne Arztbesuche im Bundesasyl-
zentrum mit Einträgen vom 26. April 2022 bis 31. Mai 2022 handle es sich
um eine Dokumentation, aus der hervorgehe, dass die Untersuchungen
von Medic-Help im Bundesasylzentrum zusammen mit dem Hausarzt er-
folgt seien. Bei der Antwort vom 30. Juni 2022 auf die interne Anfrage des
SEM an Medic-Help handle es sich um eine von diplomiertem Pflegefach-
personal erstellte Zusammenfassung.
Die psychischen und physischen Leiden des Beschwerdeführers würden
vom SEM weder in Frage gestellt noch bagatellisiert. Doch lasse sich den
aktuellen Berichten der behandelnden Ärzte der E._, des internen
Hausarztes und von Medic-Help entnehmen, dass er nach wie vor unter
keinen gravierenden Problemen leide. Die Behandlung erfolge ambulant
und sei erfolgreich. Somit ergäben sich keine Hinweise darauf, dass eine
Überstellung nach Bulgarien unzulässig oder unzumutbar wäre. Dies habe
bereits zum Zeitpunkt der angefochtenen Verfügung festgestanden. Somit
habe das SEM davon ausgehen dürfen, dass es darauf verzichten könne,
mit dem Entscheid zuzuwarten, bis die Ergebnisse weiterer medizinischer
Abklärungen vorliegen würden. Durch diese antizipierte Beweiswürdigung
sei das rechtliche Gehör des Beschwerdeführers nicht verletzt worden.
Den Akten seien keine Hinweise auf eine gesetzeswidrige Ermessensaus-
übung zu entnehmen.
Abschliessend werde noch einmal darauf verwiesen, dass Bulgarien über
eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfüge. Die Mitgliedstaaten
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seien verpflichtet, den Asylsuchenden die erforderliche medizinische Ver-
sorgung zugänglich zu machen (Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie). Asylsu-
chenden mit besonderen Bedürfnissen sei die erforderliche medizinische
oder sonstige Hilfe (einschliesslich nötigenfalls einer geeigneten psycholo-
gischen Betreuung) zu gewähren (Art. 19 Abs. 2 Aufnahmerichtlinie). Aus
dem Gesagten ergebe sich, dass der medizinische Sachverhalt aus Sicht
des SEM als vollständig erstellt zu erachten sei, der Beschwerdeführer auf-
grund der ambulant durchführbaren Behandlung sowie keiner gravieren-
den Schwere seiner Erkrankungen nicht als vulnerable Person im Sinne
des Referenzurteils F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 zu betrachten sei
und sich somit das Einholen von individuellen Garantien für eine adäquate
Unterbringung und medizinische Behandlung erübrige.
5.4 Replikweise wird im Wesentlichen entgegnet, die Vorinstanz verweise
in der Vernehmlassung bloss pauschal darauf, dass das Asylverfahren und
die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Bulgarien keine systemi-
schen Mängel aufweisen würden und das Land über eine ausreichende
medizinische Infrastruktur verfüge. Damit werde sie den individuellen Um-
ständen des vorliegenden Falles nicht gerecht. Insbesondere werde wei-
terhin gerügt, dass der medizinische Sachverhalt nicht ausreichend abge-
klärt worden sei. Der dem Gericht eingereichte Bericht der erfolgten Erst-
konsultation zeige, dass der Verdacht auf das Vorliegen einer PTSD be-
stehe. Laut telefonischer Auskunft durch den Oberarzt benötige es weitere
Abklärungen, bevor eine entsprechende Diagnose gestellt werden könne.
Die Vorinstanz verkenne die Vulnerabilität des Beschwerdeführers. Seit
dem Dublin-Gespräch vom 14. April 2022 und den eingereichten medizini-
schen Berichten wisse sie von den psychischen Problemen und der
Suchterkrankung, habe es aber unterlassen, dies im Übernahmeersuchen
zu erwähnen.
Die Aussage, wonach nicht von einem systemischen Mangel des bulgari-
schen Asyl- und Aufnahmesystems ausgegangen werden könne, befreie
die Vorinstanz nicht von ihrer Untersuchungspflicht. Ein generelles Prob-
lem für Dublin-Rückkehrende nach Bulgarien stelle der Ausschluss von
staatlichen Leistungen dar. Dieser werde angeordnet, wenn die asylsu-
chende Person untertauche und das Verfahren eingestellt worden sei. In
den meisten Fällen werde die Unterbringung in den Aufnahmezentren ver-
weigert, Ausnahmen bildeten Familien mit Kindern, unbegleitete Kinder
und vulnerable Personen. In der Praxis hätten Asylsuchende zwar Zugang
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zu den verfügbaren Gesundheitsdiensten, seien aber aufgrund des allge-
meinen Verfalls des nationalen Gesundheitssystems, welches unter gros-
sen materiellen und finanziellen Mängeln leide, mit den gleichen Schwie-
rigkeiten konfrontiert wie Staatsangehörige. Es gebe keine besonderen Be-
handlungen von Folteropfern und Personen mit psychischen Problemen.
Die Bedingungen in den Aufnahmezentren seien nach wie vor äusserst
mangelhaft. Es fehle an den grundlegendsten Dienstleistungen und auch
die persönliche Sicherheit sei ernsthaft gefährdet.
Nach dem Gesagten müsse davon ausgegangen werden, dass der Be-
schwerdeführer bei einer Überstellung nach Bulgarien nicht die nötige me-
dizinische Hilfe erhalten werde. Auch sei erneut darauf hinzuweisen, dass
eine Suchtproblematik vorliege. Es sei von der Vorinstanz nicht abgeklärt
worden, ob der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr Zugang zu ent-
sprechenden Hilfeleistungen habe.
Ferner habe weder im Entscheid noch in der Vernehmlassung eine Ausei-
nandersetzung mit dem Ukraine-Krieg und dessen Auswirkungen auf das
Asylsystem Bulgariens stattgefunden.
6.
Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank (Zentralein-
heit Eurodac) ergab, dass der Beschwerdeführer am 8. März 2022 in Bul-
garien und am 28. März 2022 in C._ um Asyl nachgesucht hatte.
Die bulgarischen Behörden liessen das Wiederaufnahmeersuchen des
SEM vom 25. Mai 2022 innert der festgelegten Frist unbeantwortet, womit
sie die Zuständigkeit Bulgariens implizit anerkannten (Art. 25 Abs. 2 Dub-
lin-III-VO). Die grundsätzliche Zuständigkeit Bulgariens zur Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist damit gegeben und wird vom
Beschwerdeführer auch nicht bestritten.
7.
7.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Lage von Asylsuchenden in Bul-
garien im Hinblick auf die Durchführung von Überstellungen im Rahmen
von Dublin-Verfahren in einem länderspezifischen Koordinationsentscheid
(vgl. Urteil des BVGer F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 [als Referenz-
urteil publiziert]) einer einlässlichen Prüfung unterzogen.
7.2 Dabei hat das Gericht unter anderem festgehalten, dass das dortige
Asylverfahren (v.a. Übersetzung, Rechtsverbeiständung, diskriminierende
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Seite 15
Asylpraxis gegenüber Angehörigen bestimmter Staaten) sowie die Auf-
nahme- und Haftbedingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden. Es
gelangte aber zum Schluss, diese Mängel seien nicht systemischer Natur,
weshalb von Überstellungen nach Bulgarien grundsätzlich nicht abzuse-
hen sei. Insbesondere seien korrekte Asylverfahren in Bulgarien nicht sys-
tembedingt unmöglich. Die tiefe Anerkennungsquote von Flüchtlingen ge-
wisser Herkunftsländer rechtfertige es für sich alleine genommen nicht,
keine Überstellungen nach Bulgarien mehr vorzunehmen. Betroffene Per-
sonen könnten gegen einen negativen Asylentscheid ein wirksames
Rechtsmittel einlegen. Zudem seien die Bedingungen in den Aufnahme-
und Haftzentren zwar prekär, könnten aber nicht als unmenschlich oder
entwürdigend qualifiziert werden (vgl. a.a.O., E. 6.6.1 und E. 6.6.7; auch
Urteile des BVGer F-971/2021 vom 10. März 2021 E. 4.2 und E. 4.3.1;
D-818/2021 vom 25. Februar 2021 S. 7–9).
7.3 In Bezug auf Bulgarien wurde angesichts der zahlreichen Probleme,
mit denen besonders verletzliche Asylsuchende in diesem Land konfron-
tiert sind, im erwähnten Referenzurteil festgestellt, dass für Asylsuchende
mit ernsthaften Erkrankungen gegebenenfalls die Einholung einer entspre-
chenden Zusicherung seitens der bulgarischen Behörden eine der Voraus-
setzungen für die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bildet (vgl.
a.a.O., E. 7.4.1 f.).
8.
Aus den Akten ergibt sich folgender medizinischer Sachverhalt:
8.1 Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 14. April 2022 erklärte der Be-
schwerdeführer, er sei körperlich sehr schwach. Er habe in der Heimat
Opium und Tabletten genommen, sei also drogenabhängig gewesen. Psy-
chisch gehe es ihm nicht so gut. Er habe aufgrund seiner Entführung Ge-
dächtnislücken. Sein psychischer Zustand habe sich dadurch verschlech-
tert. Er sei schon vorher belastet gewesen. Einer seiner Cousins habe sich
als Aktivist gegen die Taliban engagiert. Er und dieser Cousin seien von
hinten angeschossen worden, wobei der Cousin verstorben sei. Er habe
sich einmal erhängen wollen, dies aber wegen seiner Kinder nicht getan.
Die beim Gespräch anwesende Rechtsvertretung beantragte eine medizi-
nische Abklärung und psychologische Betreuung (vgl. SEM-act. 16/2).
8.2 Mit Schreiben vom 14. April 2022 teilte die Rechtsvertretung dem SEM
mit, der Beschwerdeführer befinde sich in einer sehr schwierigen Lage und
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leide aufgrund seiner Drogenabhängigkeit nicht nur körperlich, sondern
auch psychisch (vgl. SEM-act. 18/1).
8.3 Dem medizinischen Datenblatt für interne Arztbesuche im Bundes-
asylzentrum (BAZ) (SEM-act. 30/2), welches Einträge vom 26. April 2022,
17. Mai 2022 und 31. Mai 2022 umfasst, ist im Wesentlichen zu entneh-
men, dass der Beschwerdeführer traumatisiert sei und unter ausgeprägten
Schlafstörungen und Albträumen leide. Er sei depressiv verstimmt und
sehr ängstlich. Früher in Afghanistan sei er schwer drogenabhängig gewe-
sen und er konsumiere weiterhin Alkohol und Haschisch.
Gemäss dem Datenblatt liess er sich auch impfen sowie wegen Knie- und
Ohrenschmerzen behandeln.
8.4 Abklärungen des SEM bei der Pflege des BAZ (vgl. Mailkorrespondenz
vom 10. Juni 2022 [SEM-act. 29/2]) ergaben unter anderem, dass der Be-
schwerdeführer am 24. Mai 2022 erstmals den Psychiater aufgesucht habe
und der nächste Termin bei diesem für den 14. Juni 2022 angesetzt sei.
Der Beschwerdeführer benötige aktuell die Medikamente Mirtazapin 30 mg
und Seroquel 25 mg. Er sei das letzte Mal am 26. Mai 2022 wegen Knie-
schmerzen bei der Pflege gewesen und entsprechend behandelt worden.
Ausserdem habe er sich wegen seiner Schlafstörungen, psychischen
Probleme und Ohrenschmerzen ein paar Mal gemeldet.
8.5 Im Bericht der E._ vom 24. Mai 2022, welcher sich auf die glei-
chentags stattgefundene Erstkonsultation bezieht, wurden dem Beschwer-
deführer die Diagnosen Anpassungsstörungen (ICD-10 F43.2) und Psychi-
sche und Verhaltensstörungen durch multiplen Substanzgebrauch und
Konsum anderer psychotroper Substanzen: Abhängigkeitssyndrom (ICD-
10 F19.2) gestellt. Es wird namentlich ausgeführt, dass der Beschwerde-
führer durch das BAZ wegen Substanzabhängigkeit mit Depression zuge-
wiesen worden sei. Das klinische Bild zeige klar eine Abhängigkeitserkran-
kung, eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sei nicht auszu-
schliessen. Die Anpassungsstörung bestehe aufgrund des Migrationshin-
tergrundes, aktuell mit Schlafstörungen und Stimmungsverschlechterung.
Als Procedere wurde festgehalten, dass die bereits begonnene Medikation
mit Remeron 30 mg mit Seroquel 25 mg ergänzt werde. Der nächste Ter-
min finde am 10. Juni 2022 statt.
8.6 Aus den auf Vernehmlassungsstufe getätigten Abklärungen des SEM
bei der Pflege des BAZ (vgl. Mailkorrespondenz vom 30. Juni 2022 [SEM-
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Seite 17
act. 44/2]) resultiert neben den bereits erwähnten Diagnosen Folgendes:
Der Beschwerdeführer habe ausser den Arztvisiten und dem Psychiater
keine weiteren Arztbesuche. Seine Ohren seien nicht extern behandelt
worden. Bei der Arztvisite vom 31. Mai 2022 sei eine Rötung des Trommel-
fells festgestellt worden, der Gehörgang sei jedoch in Ordnung gewesen.
Der Beschwerdeführer habe entsprechende Tropfen bekommen. Er mache
einen gesunden Eindruck. Wegen der Ohren- und Knieschmerzen habe er
sich nicht mehr gemeldet und sich auch bei der Betreuung nie über
Schmerzen beklagt. Sein Gangbild sei normal. Aktuell benötige er als Me-
dikation Remeron 30 mg, Seroquel 25 mg, Seroquel XR retard 50 mg und
in Reserve Temesta 1 mg (bei Unruhe und Suizidalität bis 5 mg Tagesdo-
sis), wobei er die für den Mittag vorgesehene Tablette Seroquel 25 mg nie
abhole und die Reserve noch nie benötigt habe. Für die Arztvisite vom
31. Mai 2022 habe er geholt werden müssen, da er noch geschlafen habe.
In der Psychiatrie habe er angegeben, dass er seit sechs Monaten absti-
nent sei.
8.7 Gemäss den Ausführungen in der Replik sind hinsichtlich des Ver-
dachts auf eine PTBS laut Auskunft durch den Oberarzt der E._ für
eine entsprechende Diagnosestellung weitere Abklärungen notwendig.
9.
9.1 Aufgrund der festgestellten Abhängigkeitserkrankung und des Ver-
dachts auf eine PTBS ist von einer gewissen Vulnerabilität des Beschwer-
deführers auszugehen. Angesichts der derzeitigen Aktenlage lässt sich je-
doch der Gesundheitszustand, insbesondere was die Suchterkrankung an-
belangt, nicht verlässlich einschätzen. Dies vor dem Hintergrund, dass in
der Beschreibung des Gesundheitszustands Widersprüche erkennbar
sind. So wurde beim Beschwerdeführer einerseits ein Abhängigkeitssyn-
drom diagnostiziert und er gab beim Arzt im BAZ an, zeitweise Haschisch
beziehungsweise weiterhin Alkohol und Haschisch zu konsumieren (vgl.
Einträge im medizinischen Datenblatt vom 26. April 2022 und 17. Mai
2022). Andererseits ist er gemäss seinen Aussagen bei den E._ seit
sechs Monaten abstinent und macht aus Sicht der Betreuung, der Floor-
walker und der Pflege im BAZ einen gesunden Eindruck (vgl. SEM-act.
44/2 und 45/2). In Anbetracht der bestehenden Akten lässt sich die Behan-
delbarkeit der festgestellten Suchterkrankung wie auch einer allfälligen
PTBS in Bulgarien nicht zuverlässig beurteilen. Nach dem Gesagten ist der
rechtserhebliche Sachverhalt in medizinischer Hinsicht als unvollständig
abgeklärt zu beurteilen. Damit kann (noch) nicht entschieden werden, ob
hinsichtlich des Beschwerdeführers die Einholung einer entsprechenden
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Seite 18
Zusicherung der medizinischen Behandlung bei den bulgarischen Behör-
den notwendig ist. Da die bulgarischen Behörden das Wiederaufnahmeer-
suchen des SEM unbeantwortet liessen, ist über den Stand seines Asyl-
verfahrens in Bulgarien nichts bekannt. Aus diesem Grund kann nicht be-
urteilt werden, in welchen Strukturen er dort untergebracht würde und wie
sich für ihn die Aufenthaltsbedingungen – namentlich der Zugang zu Hilfe-
leistungen im Zusammenhang mit seiner Suchtproblematik beziehungs-
weise medizinisch-psychiatrischer Behandlung –, die zumindest teilweise
als sehr schwierig zu bezeichnen sind (vgl. Urteil F-7195/2018 E. 6.6), ge-
stalten würden. Diesbezüglich gilt es auf seine Angaben hinzuweisen, wo-
nach er bereits in Bulgarien an gesundheitlichen Beschwerden gelitten
habe, sich aber niemand um ihn gekümmert habe. Es habe kein medizini-
sches Personal gegeben, welches ihm bei seinen physischen und psychi-
schen Problemen hätte helfen können. Die benötigte Hilfe werde er in Bul-
garien nicht erhalten.
9.2 Angesichts der Vorbringen des Beschwerdeführers kann sodann nicht
ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass die Feststellung im Re-
ferenzurteil, die Bedingungen in den Aufnahme- und Haftzentren seien
zwar prekär, könnten aber nicht als unmenschlich oder entwürdigend qua-
lifiziert werden, in seinem Fall zutrifft. Bei der Entscheideröffnung machte
er der Rechtsvertretung gegenüber geltend, dass er sich in Bulgarien wäh-
rend 24 Tagen in einem geschlossenen Camp aufgehalten habe, wo ihm
unter Androhung einer sechsmonatigen Haft die Fingerabdrücke zwang-
haft abgenommen worden seien. Über das Asylverfahren sei er nicht auf-
geklärt worden. Vertreter der bulgarischen Behörden hätten ihn geohrfeigt
und getreten. Man habe ihm Vorwürfe gemacht, dass er nach Bulgarien
gekommen sei. Im Camp sei er krank geworden, weil die Lüftung so
schlecht funktioniert habe. Er sei nie ernst genommen worden und es habe
sich für ihn so angefühlt, als ob die bulgarischen Behörden absichtlich psy-
chischen Druck auf ihn ausüben würden, damit er sich umbringe. Im Rah-
men des Dublin-Gesprächs äusserte er seine Furcht, bei einer Rückkehr
nach Bulgarien für 18 oder 19 Monate beziehungsweise zwei Jahre inhaf-
tiert und anschliessend in die Türkei abgeschoben zu werden. Demgegen-
über vertritt die Vorinstanz die Auffassung, Bulgarien komme seinen völ-
kerrechtlichen Verpflichtungen nach. Es dürfe davon ausgegangen wer-
den, dieser Staat anerkenne und schütze die Rechte, welche sich für
Schutzsuchende aus den Verfahrens- und Aufnahmerichtlinien ergäben.
Es gebe keine Hinweise, dass eine Überstellung nach Bulgarien unzuläs-
sig oder unzumutbar wäre. Dem Referenzurteil ist zu entnehmen, dass in
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Seite 19
den Jahren 2017 und 2018 nur 1.5 % beziehungsweise 6 % der afghani-
schen Staatsangehörigen als schutzberechtigt anerkannt wurden (vgl.
a.a.O., E. 6.6.1 S. 30). Diese Praxis scheint sich in Anbetracht des Länder-
berichts der Asylum Information Database AIDA (Asylum Report Database,
Country Report: Bulgaria, 2020 Update, S. 49) auch in den Jahren 2019
und 2020 nicht grundlegend geändert zu haben. So wurde im Jahr 2019
4 % der afghanischen Asylsuchenden Schutz gewährt, im Jahr 2020 sank
die Schutzquote auf 1 %. Auch bis Ende 2021 wurden die Asylgesuche von
afghanischen Staatsangehörigen, die nach den Ereignissen von August
2021 – Übernahme der Macht durch die Taliban – gestellt wurden, von den
bulgarischen Asylbehörden als unbegründet eingestuft (AIDA, Asylum Re-
port Database, Country Report: Bulgaria, 2021 Update, S. 12). Aufgrund
dessen, dass es sich beim Beschwerdeführer um einen afghanischen
Staatsangehörigen handelt, stellt sich unter Berücksichtigung der vorste-
hend geschilderten Asylpraxis in Bulgarien und seiner Aussagen die Frage,
ob sein Asylgesuch durch die bulgarischen Behörden in einer Weise ge-
prüft würde, die dem Non-Refoulement-Gebot ausreichend Rechnung trägt
(vgl. dazu Urteil des BVGer D-3180/2022 vom 19. September 2022
E. 5.4.2). Da – wie bereits erwähnt – über den Stand seines Asylverfahrens
in Bulgarien nichts bekannt ist, ist auch nicht bekannt, in welche rechtliche
und tatsächliche Situation er zurückkehren würde.
In ihrer Begründung und Einschätzung der Lage in Bulgarien hat es die
Vorinstanz überdies versäumt, Bezug zum Ende Februar 2022 ausgebro-
chenen Krieg in der Ukraine zu nehmen. So stellt sich aufgrund der Rich-
tung Westen strömenden Kriegsflüchtenden nicht nur die Frage einer Über-
lastung des ohnehin schon strapazierten Asylsystems in Bulgarien, son-
dern auch jene der Überlastung des dortigen Gesundheitssystems. Dies
gilt insbesondere betreffend die Möglichkeit von psychologischer oder psy-
chiatrischer Behandlung, zumal auch bei den aus der Ukraine kommenden
Asylsuchenden mit einem hohen Grad an Traumatisierung zu rechnen ist.
In Anbetracht der Rechtsprechung des EGMR und des Bundesverwal-
tungsgerichts ist der Sachverhalt auch im Hinblick auf die Frage ungenü-
gend abgeklärt, ob eine Überstellung des Beschwerdeführers nach Bulga-
rien den völkerrechtlichen Vorgaben im Sinne von Art. 3 EMRK (unter dem
Aspekt einer aufgrund seines Gesundheitszustands spezifischen Verletz-
lichkeit) zu genügen vermag (vgl. Urteil des BVGer D-1128/2022 vom
8. April 2022 E. 8.5).
Schliesslich gilt es auf den aktuellen Bericht der Schweizerischen Flücht-
lingshilfe (SFH) mit der Überschrift Polizeigewalt in Bulgarien und Kroatien:
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Seite 20
Konsequenzen für Dublin-Überstellungen vom 13. September 2022 hinzu-
weisen. Darin führt die SFH im Wesentlichen aus, dass bei der Gewaltan-
wendung durch staatliche Behörden gegenüber Schutzsuchenden in einer
vulnerablen Situation vor dem Hintergrund der Rechtsprechung des EGMR
von einer Verletzung von Art. 3 EMRK ausgegangen werden müsse. Hier-
bei handle es sich um den Verstoss gegen zwingendes Völkerrecht.
Rechtsverstösse an der Grenze könnten nicht unabhängig von der Situa-
tion im Landesinneren betrachtet werden. Gerade aufgrund der systemati-
schen Anwendung von Gewalt, die aufgrund der Beweislage nicht als Fehl-
verhalten Einzelner, sondern als staatlich mindestens geduldete, wenn
nicht sogar gewollte respektive angeordnete Rechtsverletzung einzuord-
nen sei, könne nicht ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass der-
selbe Staat an anderer Stelle rechtmässig agiere. Die Regelvermutung,
dass sich Bulgarien und Kroatien an ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen
hielten, könne deshalb nicht aufrechterhalten werden. Entsprechend seien
Überstellungen unter der Dublin-III-VO in diese Staaten aus Sicht der SFH
grundsätzlich unzulässig und unzumutbar. Sie fordere deshalb, auf Über-
stellungen nach Bulgarien und Kroatien zu verzichten.
9.3 In Anbetracht der gesamten Umstände erweist sich der rechtserhebli-
che Sachverhalt als nicht ausreichend abgeklärt.
10.
10.1 Der Anspruch auf rechtliches Gehör ist formeller Natur, weshalb des-
sen Verletzung grundsätzlich ungeachtet der materiellen Auswirkungen zur
Aufhebung des betreffenden Entscheides führt (vgl. BVGE 2008/47
E. 3.3.4). Vorliegend sieht sich das Bundesverwaltungsgericht nicht veran-
lasst, mittels durch das Gericht vorzunehmender weiterer Sachverhaltsab-
klärungen eine Heilung der Gehörsverletzung vorzunehmen, zumal dem
Beschwerdeführer dadurch eine Instanz verloren ginge und die fehlende
Entscheidreife durch die Beschwerdeinstanz nicht mit vertretbarem Auf-
wand hergestellt werden kann.
10.2 Aufgrund der vorstehenden Ausführungen ist die angefochtene Verfü-
gung aufzuheben und die Sache zur weiteren vollständigen Sachverhalts-
abklärung an das SEM zurückzuweisen. Dabei wird das SEM bei den bul-
garischen Behörden Abklärungen zum Stand des Asylverfahrens des Be-
schwerdeführers zu machen und sich mit seinen Befürchtungen auseinan-
derzusetzen haben, wonach er bei einer Rückkehr nach Bulgarien erneut
eine menschenunwürdige Behandlung erleben, nicht die nötige medizini-
sche Hilfe erhalten, kein faires Asylverfahren durchlaufen, während 18 oder
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Seite 21
19 Monaten beziehungsweise zwei Jahren inhaftiert und anschliessend un-
ter Verletzung des Non-Refoulement-Gebots in die Türkei abgeschoben
würde. Abhängig vom Ergebnis der Abklärungen wird die Vorinstanz –
sollte sie erneut die Fällung eines Nichteintretensentscheids beabsichtigen
– im Weiteren den Gesundheitszustand des Beschwerdeführers einge-
hend zu ermitteln haben, damit sie beurteilen kann, ob sie von den bulga-
rischen Behörden eine Zusicherung, wonach der Beschwerdeführer in Bul-
garien adäquat untergebracht und medizinisch behandelt würde, einzuho-
len hat (vgl. E. 7.3 und E. 9.1). Dies insbesondere auch vor dem Hinter-
grund der aktuellen zusätzlichen Belastung des bulgarischen Asyl- und Ge-
sundheitssystems durch Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine. In Berücksich-
tigung des erwähnten Berichts der SFH wird sich die Vorinstanz zur Zuläs-
sigkeit und Zumutbarkeit einer Überstellung nach Bulgarien zu äussern ha-
ben. Nach rechtsgenüglicher Erstellung des Sachverhalts wird sie in Be-
achtung aller Sachverhaltselemente einen neuen Entscheid zu fällen ha-
ben.
11.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen. Die angefochtene
Verfügung ist in Anwendung von Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG aufzuheben
und die Sache im Sinne der Erwägungen zur vollständigen Sachverhalts-
ermittlung sowie zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen.
12.
12.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschwerdeführer
keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung ist damit gegenstandslos ge-
worden.
12.2 Dem Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung auszurichten,
da es sich vorliegend um eine zugewiesene unentgeltliche Rechtsvertre-
tung im Sinne von Art. 102h AsylG handelt, deren Leistungen vom Bund
nach Massgabe von Art. 102k AsylG entschädigt werden (vgl. auch
Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
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