Decision ID: be98d8fc-6e82-4c0b-af3e-688b724755a0
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass die Beschwerdeführerin am 15. August 2022 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte,
dass am 17. August 2022 durchgeführte Abgleiche mit dem zentralen Visa-
Informationssystem (CS-VIS) und der europäischen Fingerabdruck-Daten-
bank (EURODAC) ergab, dass der Beschwerdeführerin durch die spani-
schen Behörden im Iran am 20. Februar 2022 ein Schengen-Visum, gültig
vom 20. Februar 2022 bis 4. Juni 2022, ausgestellt wurde, und die Be-
schwerdeführerin am 14. März 2022 in Österreich ein Asylgesuch einge-
reicht hatte,
dass das SEM am 9. September 2022 das persönliche Gespräch (nachfol-
gend: Dublin-Gespräch) mit der Beschwerdeführerin gemäss Art. 5 der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kri-
terien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prü-
fung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestellten
Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-
VO), führte,
dass der Beschwerdeführerin im Rahmen des Dublin-Gesprächs das
rechtliche Gehör zur mutmasslichen Zuständigkeit Spaniens zur Durchfüh-
rung ihres Asyl- und Wegweisungsverfahrens und zum beabsichtigten
Nichteintreten auf ihr Asylgesuch sowie zur Wegweisung nach Spanien ge-
währt wurde,
dass das SEM die spanischen Behörden am 12. September 2022 um Wie-
deraufnahme der Beschwerdeführerin ersuchte, wobei die spanischen Be-
hörden das Gesuch am 15. September 2022 ablehnten,
dass sich das SEM daraufhin am 16. September 2022 an die österreichi-
schen Behörden wandte und um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerin
in Österreich ersuchte, und die österreichischen Behörden das Gesuch am
29. September 2022 ablehnten mit Verweis auf die Zuständigkeit Spaniens
zur Durchführung des Asylverfahrens,
dass das SEM die spanischen Behörden am 3. Oktober 2022 im Rahmen
einer Remonstration erneut um Wiederaufnahme der Beschwerdeführerin
ersuchte,
D-4775/2022
Seite 3
dass die spanischen Behörden der Wiederaufnahme am 7. Oktober 2022
zustimmten,
dass das SEM mit Verfügung vom 13. Oktober 2022 – eröffnet am 17. Ok-
tober 2022 – in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31)
auf das Asylgesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach
Spanien anordnete und die Beschwerdeführerin aufforderte, die Schweiz
spätestens am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen,
dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an die
Beschwerdeführerin verfügte,
dass die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom 20. Oktober 2022 (gemein-
sam mit ihrer Tochter B._, geboren am [...], und deren beiden Kin-
dern C._, geboren am [...], und D._, geboren am [...], N [...])
gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde er-
hob und dabei beantragte, die Verfügung des SEM sei aufzuheben und es
sei auf das Asylgesuch einzutreten, eventualiter sei die Verfügung aufzu-
heben und die Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen,
subeventualiter sei das SEM anzuweisen, bei den spanischen Behörden
Zusicherungen im Hinblick auf die Versorgung der Beschwerdeführerin bei
einer Rückkehr nach Spanien einzuholen,
dass sie in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Edition und Zusammenfüh-
rung der beiden Dossiers N (...) (eigenes Dossier) und N (...) (Dossier der
Tochter und deren Kinder), die Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung, die Gewährung einer Nachfrist zur Ergänzung der Beschwerde,
die Gewährung der aufschiebenden Wirkung sowie die superprovisorische
Aussetzung des Wegweisungsvollzugs beantragte,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am
21. Oktober 2022 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3
AsylG),
dass die Instruktionsrichterin den Wegweisungsvollzug am 21. Oktober
2022 mittels superprovisorischer Massnahme per sofort einstweilen aus-
setzte,
D-4775/2022
Seite 4

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
dass die Beschwerdeführerin am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass die Beschwerdeführerin in der Beschwerdeschrift, welche vom ge-
meinsamen Rechtsvertreter sowohl für die Beschwerdeführerin als auch
für deren Tochter B._ und deren Kinder verfasst wurde, beantragt,
dass die beiden Verfahren zusammengeführt werden,
dass diesbezüglich durch das Bundesverwaltungsgericht zwar zwei sepa-
rate Urteile ergehen, die beiden Verfahren jedoch konnex behandelt und
die Urteile zeitgleich und vom selben Spruchgremium koordiniert erlassen
werden (vgl. Urteil D-4770/2022 vom 4. November 2022), womit der Antrag
auf Verfahrensvereinigung abgewiesen wird,
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass diesbezüglich die Dublin-III-VO zur Anwendung kommt,
D-4775/2022
Seite 5
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates ein-
geleitet wird, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt
wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass das Gesuch an einen anderen Mitgliedstaat um Aufnahme so bald
wie möglich, auf jeden Fall aber innerhalb von drei Monaten nach Antrag-
stellung im Sinne von Artikel 20 Absatz 2, gestellt werden soll (Art. 21
Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass vorliegend festzuhalten ist, dass die Beschwerdeführerin ihren ersten
Asylantrag in Österreich gestellt hat, die Zuständigkeit Spaniens aber ge-
mäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO durch Schriftenwechsel des österreichi-
schen Dublin-Office mit den spanischen Behörden am 1. April 2022 festge-
stellt wurde, weil Spanien anerkannte, dass die Beschwerdeführerin mittels
eines von der spanischen Botschaft in E._ erteilten Visums in den
Schengen-Raum einreiste,
dass das SEM sein Gesuch an Spanien vom 12. September 2022 unter
Berufung auf diese Zusage Spaniens an Österreich vom 1. April 2022 als
Wiederaufnahmegesuch gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO
stellte, und ausführte, es handle sich vorliegend nicht um ein Übernahme-
gesuch, sondern um ein Gesuch um Rückübernahme, selbst wenn in Spa-
nien noch kein Asylgesuch gestellt worden sei (vgl. N [...] 1189824-14/5),
dass das Bundesverwaltungsgericht bei dieser Konstellation jedoch davon
ausgeht, dass die Vorinstanz richtigerweise ein Gesuch um Aufnahme
(«take charge») gestützt auf Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO an die spanischen
Behörden hätte richten müssen,
dass die spanischen Behörden in Bezug auf die bestehende Zuständigkeit
auch einem solchen Gesuch um Übernahme nichts hätten entgegensetzen
können, da Art. 20 Abs. 2 Dublin-III-VO sinnvollerweise auch mit Rücksicht
auf das in Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO enthaltene Versteinerungsprinzip nur
so ausgelegt werden kann, dass er – sobald die Zuständigkeit zum Zeit-
punkt der ersten Antragstellung (hier in Österreich) festgestellt wurde –
D-4775/2022
Seite 6
auch weitere Anträge in einem anderen Mitgliedstaat umfasst und damit
die drei-Monats-Frist des Art. 21 Dublin-III-VO auch erst ab der (zweiten)
Asylantragstellung der Beschwerdeführerin (in der Schweiz) ausgelöst
wird, da bisher noch kein Mitgliedstaat das Asylverfahren anhand genom-
men hat,
dass nur diese Interpretation dem Zweck des Dublin-Systems entsprechen
kann, da ansonsten es die gesuchstellende Person in der Hand hätte, nach
erfolgter Überstellung in den für sie ermittelten zuständigen Dublin-Staat
durch Nichtstellen eines Antrags und erneute Ausreise in ein anderes eu-
ropäisches Land den Mechanismus der Zuständigkeitsbestimmung nach
der Dublin-III-Verordnung zu unterlaufen,
dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») die
in Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufge-
führten Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl.
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden sind, und von der Situation zum
Zeitpunkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem
Mitgliedstaat gestellt hat, auszugehen ist (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass der nach dieser Verordnung zuständige Mitgliedstaat verpflichtet ist,
Antragstellende, die in einem anderen Mitgliedstaat einen Antrag gestellt
haben, nach Massgabe der Artikel 21, 22 und 29 Dublin-III-VO aufzuneh-
men (Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-VO),
dass die Erteilung eines Visums durch einen Mitgliedstaat dessen Zustän-
digkeit zur Prüfung eines später in einem anderen Mitgliedstaat gestellten
Asylantrags begründet (vgl. Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass der Beschwerdeführerin am 20. Februar 2022 von der spanischen
Botschaft ein Visum für den Schengen-Raum, gültig vom 20. Februar 2022
bis 4. Juni 2022, ausgestellt wurde,
dass die Beschwerdeführerin ihren Angaben zufolge nach ihrem ersten
Aufenthalt in Spanien im Februar 2022 nach Österreich weitergereist ist
und dort am 14. März 2022 um Asyl ersucht hatte,
dass die spanischen Behörden gegenüber den österreichischen Behörden
die Zuständigkeit für die Durchführung des Asylverfahrens der Beschwer-
deführerin gemäss Art. 12 Abs. 2 Dublin-III-VO erklärten und am 1. April
2022 einer Aufnahme zustimmten (vgl. N [...] 1189824-24/2),
D-4775/2022
Seite 7
dass auch der Umstand, dass das Visum der Beschwerdeführerin inzwi-
schen abgelaufen ist, nichts an der Zuständigkeit Spaniens zu ändern ver-
mag, da gemäss Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO die Zuständigkeit beim das
Visum ausstellenden Staat verbleibt, sofern das Visum, mit dem die an-
tragstellende Person in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats einreisen
konnte, seit weniger als sechs Monaten abgelaufen ist und die antragstel-
lende Person – wie vorliegend – das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten in
dieser Zeit nicht verlassen hat,
dass die spanischen Behörden der (Wieder-)Aufnahme der Beschwerde-
führerin am 7. Oktober 2022 auch gegenüber dem SEM zustimmten,
dass die Beschwerdeführerin nicht bestreitet, ein Visum von der Vertretung
Spaniens in E._ erhalten zu haben, und auch die grundsätzliche
Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates von ihrer Seite unbestritten blieb,
dass sich ferner aus den Akten sowie den Aussagen der Beschwerdefüh-
rerin auch keinerlei Anknüpfungspunkte für die Zuständigkeit eines ande-
ren Staates gestützt auf eines der in Kapitel III (Art. 8-15 Dublin-III-VO)
genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierar-
chie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) ergeben,
dass damit die grundsätzliche Zuständigkeit für die Durchführung des Asyl-
verfahrens der Beschwerdeführerin bei Spanien liegt,
dass jeder Mitgliedstaat abweichend von Art. 3 Abs. 1 beschliessen kann,
einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen gestell-
ten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn er nach den in
dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prüfung zuständig ist
(Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO),
dass dieses sogenannte Selbsteintrittsrecht im Landesrecht durch Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
konkretisiert wird und das SEM das Asylgesuch gemäss dieser Bestim-
mung "aus humanitären Gründen" auch dann behandeln kann, wenn dafür
gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre,
dass der Selbsteintritt zwingend ist, sofern individuelle völkerrechtliche
Überstellungshindernisse vorliegen (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1),
dass die Beschwerdeführerin im Dublin-Gespräch sowie in der Be-
schwerde vorbrachte, die Männer in Spanien seien sehr grob zu ihr, ihrer
http://links.weblaw.ch/BVGE-2015/9
D-4775/2022
Seite 8
Tochter und ihren Enkeln gewesen und würden Frauen hassen; sie hätten
mangels Unterkunft in einem Park übernachten müssen, wo sie belästigt
und ihre Tochter von einem Mann umarmt worden sei, sie hätten Angst
gehabt und nicht einmal etwas zu trinken gehabt, weshalb sie aus Spanien
geflohen seien, zudem würden sie in Spanien durch den Bruder des ver-
storbenen Schwiegersohnes der Beschwerdeführerin bedroht,
dass es entgegen den Ausführungen in der Beschwerde keine wesentli-
chen Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragstellende in Spanien würden systemische
Schwachstellen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 zweiter und dritter Satz Dublin-
III-VO aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigen-
den Behandlung im Sinne des Art. 4 der EU-Grundrechtecharta mit sich
bringen,
dass sich die Beschwerdeführerin bei Bedarf an die spanischen Behörden
wenden und ihre Rechte beziehungsweise Schutz einfordern kann,
dass unter diesen Umständen die Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Satz 2
Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt ist,
dass demzufolge auch der Antrag, das SEM sei anzuweisen, bei den spa-
nischen Behörden Zusicherungen im Hinblick auf eine genügende Versor-
gung der Beschwerdeführerin bei einer Rückkehr nach Spanien einzuho-
len, abgewiesen wird,
dass die Vorinstanz angesichts dieser Ausführungen auch nicht gehalten
war, sich in der angefochtenen Verfügung näher zu den einzelnen Aspek-
ten des Aufnahmeprozedere wie Wartezeiten oder Unterbringung zu äus-
sern, zumal sie darlegte, es gebe keine Hinweise dafür, dass in Spanien
systemische Schwachstellen vorlägen oder sich der Staat nicht an die ihm
obliegenden Pflichten halte, welche er aufgrund der verschiedenen Richt-
linien und der unterzeichneten völkerrechtlichen Konventionen wahrzuneh-
men hat,
dass die Vorinstanz sodann auch die Anwendung des Selbsteintrittsrechts
im Sinne von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO sowie Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu
Recht verneint hat,
dass die Beschwerdeführerin kein konkretes und ernsthaftes Risiko darge-
tan hat, die spanischen Behörden würden in ihrem Fall ihren völkerrechtli-
chen Verpflichtungen nicht nachkommen,
D-4775/2022
Seite 9
dass die Beschwerdeführerin vorbringt, sie leide an psychischen Proble-
men und befinde sich neu in psychiatrischer Behandlung bei einem Fach-
arzt,
dass sie den in den Akten liegenden Arztberichten zufolge unter psychi-
schen Beschwerden sowie verschiedenen körperlichen Beschwerden wie
Gewichtsverlust, Magen-, Rücken-, Knie- und Kopfschmerzen beziehungs-
weise Migräne und Schlafstörungen leidet,
dass die Beschwerdeführerin in diesem Zusammenhang weiter geltend
macht, es lägen noch keine detaillierten Arztberichte vor, weshalb ihr Ge-
sundheitszustand unzureichend abgeklärt sei,
dass aufgrund dieser Vorbringen jedoch von einer Überstellung nicht Ab-
stand genommen werden muss, da kein Grund zur Annahme besteht, dass
der Beschwerdeführerin in Spanien die notwendige medizinische Behand-
lung verweigert werden würde und zudem – wie die Vorinstanz in der an-
gefochtenen Verfügung bereits aufgezeigt hat – die schweizerischen Be-
hörden, die mit dem Vollzug der angefochtenen Verfügung beauftragt sind,
den medizinischen Umständen bei der Bestimmung der konkreten Modali-
täten der Überstellung Rechnung tragen und die spanischen Behörden vor-
gängig in geeigneter Weise über die spezifischen Gegebenheiten informie-
ren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-VO) werden,
dass dem SEM durch die zugewiesene Rechtsvertretung der Beschwerde-
führerin am 5. Oktober 2022 ein ärztlicher Kurzbericht des Bundesasylzent-
rums F._ vom 28. September 2022 zugestellt wurde, welchem das
SEM entnehmen konnte, dass die Beschwerdeführerin an psychischen Be-
lastungen (Posttraumatische Störung) und Schmerzen in Magen, Rücken,
Knie und Kopf leide,
dass das SEM angesichts dieses Berichts und der darin festgehaltenen
Beschwerden nicht davon ausgehen musste, es lägen gesundheitliche Be-
schwerden vor, welche gegen eine Überstellung nach Spanien sprächen
und zwingend ein Zuwarten mit dem Erlass der angefochtenen Verfügung
erforderten,
dass es unter diesen Umständen nicht gehalten war, weitere Behandlungs-
ergebnisse der ärztlichen Behandlung der Beschwerdeführerin abzuwar-
ten, zumal eine weitere Behandlung ohne weiteres auch in Spanien vorge-
nommen werden kann,
D-4775/2022
Seite 10
dass dem SEM bei der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 Ermessen
zukommt (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.) und den Akten angesichts dieser Aus-
führungen entgegen der Vorbringen in der Beschwerde keine Hinweise auf
eine gesetzeswidrige Ermessensausübung (vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. a
AsylG) durch die Vorinstanz zu entnehmen sind,
dass das Bundesverwaltungsgericht sich unter diesen Umständen weiterer
Ausführungen zur Frage eines Selbsteintritts enthält,
dass den Akten entgegen den Vorbringen in der Beschwerde auch keine
Hinweise dafür entnommen werden können, dass die Beschwerdeführerin
nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprechend befragt worden ist,
dass die Beschwerdeführerin in diesem Zusammenhang insbesondere da-
rauf hinzuweisen ist, dass die Asylgründe für die Beurteilung der Zustän-
digkeit für die Durchführung des Asylverfahrens nicht ausschlaggebend
sind, sondern erst im Rahmen des materiellen Asylverfahrens durch den
dafür zuständigen Staat eingehend erhoben werden müssen,
dass nach dem Gesagten weder in dieser Hinsicht noch anderweitig Hin-
weise auf Verfahrensfehler vorliegen, womit das SEM den Sachverhalt kor-
rekt und vollständig erhoben sowie den Grundsatz des rechtlichen Gehörs
gewahrt hat,
dass deshalb der Rückweisungsantrag der Beschwerdeführerin abgewie-
sen wird,
dass somit auch das Gesuch um Gewährung einer Nachfrist zur Ergän-
zung der Beschwerde abgewiesen wird,
dass das SEM demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin nicht eingetreten ist
und in Anwendung von Art. 44 AsylG die Überstellung nach Spanien ange-
ordnet hat (Art. 32 Bst. a AsylV 1),
dass die Beschwerde aus diesen Gründen abzuweisen ist,
dass das Beschwerdeverfahren mit vorliegendem Urteil abgeschlossen ist,
weshalb sich der Antrag auf Gewährung der aufschiebenden Wirkung als
gegenstandslos erweist und der mit superprovisorischer Massnahme vom
21. Oktober 2022 angeordnete Vollzugsstopp dahinfällt,
D-4775/2022
Seite 11
dass das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung abzuweisen ist, da die Begehren – wie sich aus
den vorstehenden Erwägungen ergibt – als aussichtlos zu bezeichnen wa-
ren, weshalb die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG nicht erfüllt
sind,
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 750.– (Art. 1‒
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]) der
Beschwerdeführerin aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG).
(Dispositiv nächste Seite)
D-4775/2022
Seite 12