Decision ID: 354ca988-5f4d-4ce1-ac58-9675246b058e
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1962,
war seit April 1999 als Technology Partner
Architect
bei der
Z._
AG angestellt und über diese bei
der
Suva gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert, als er am 1
3.
Februar 2021 beim Velofahren stürzte (
Urk.
8/1 S. 1
Ziff.
1-5,
Urk.
S. 2). Die Suva erbrachte für die Folgen des Ereignisses vom 1
3.
Februar 2021 die gesetzlichen Versi
cherungsleistungen (vgl.
Urk.
8/13-14).
Mit Verfügung vom 1
6.
Juli 2021 (
Urk.
8/56
S. 2 oben
) stellte die Suva ihre Ver
sicherungsleistungen
per 1
5.
Mai 2021 ein.
Der Rechtsvertreter des Versicherte
n
reichte am
1
4.
September 2021 (
Urk.
8/65)
bei der Suva
eine Eingabe ein.
Er
beantragte, es sei ihm die
Einsprachefrist
um 10 Tag
e
zu verlängern. Die Suva
setzte
ihm
mit Schreiben vom 1
5.
September 2021 (
Urk.
8/
66)
Frist zur Begrün
dung der Einsprache
bis zum 2
6.
September 2021
an
.
Der Rechtsvertreter
reichte der Suva am
2
7.
September 2021 (
Urk.
8/67) eine begründete Einsprache
ein
. Mit Entscheid vom 1
4.
Dezember 2021 trat die Suva auf die Einsprache nicht ein (
Urk.
8/76 =
Urk.
2 S. 7 Dispositiv
Ziff.
1).
2.
Der Versicherte erhob am
3
1.
Januar 2022 Beschwerde gegen den
Einspracheent
scheid
vom 1
4.
Dezember 2021 (
Urk.
2) und beantragte, die Verfügung bezie
hungsweise der
Einspracheentscheid
sei
en
aufzuheben
,
und es sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit diese materiell entscheide (
Urk.
1 S. 1
Ziff.
1-2).
Die Suva beantragte mit Beschwerdeantwort vom
1.
März 2022 (
Urk.
7) die Abweisung der Beschwerde. Dies wurde dem Beschwerdeführer am
3.
März 2022 zur Kenntnis gebracht (
Urk.
9).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Gemäss
Art.
52
Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ATSG) kann gegen Verfügungen innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden; davon ausgenommen sind prozess- und verfahrensleitende Verfügungen.
Eine gesetzliche Frist kann nicht erstreckt werden (
Art.
40
Abs.
1 ATSG).
Berechnet sich eine Frist nach Tagen oder Monaten und bedarf sie der Mitteilung an die Parteien, so beginnt sie am Tag nach ihrer Mitteilung zu laufen (
Art.
3
8
Abs.
1 ATSG). Ist der le
tzte Tag der Frist ein Samstag, ein
Sonntag oder ein vom Bundesrecht oder vom kantonalen Recht anerkannter Feiertag, so endet sie am nächstfolgenden We
rktag
(
Art.
38
Abs.
3 Satz 1 ATSG).
Gesetzliche oder behörd
liche Firsten, die nach Tagen oder Mona
ten bestimmt sind, stehen still (
Art.
38
Abs.
4 ATSG):
a.
vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern;
b.
vom 1
5.
Juli bis und mit dem 1
5.
August;
c.
vom 1
8.
D
ezember bis und mit dem
2.
Janu
ar.
1.2
Einsprachen müssen ein Rechtsbegehren und eine Begründung erhalten (
Art.
10
Abs.
1 der Verordnung über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSV). Genügt die Einsprache den Anforderungen nach
Abs.
1 nicht oder fehlt die Unterschrift, so setzt der Versicherer eine angemessene Frist zur Behebung der Mängel an und verbindet damit die Androhung, dass sonst auf die Einsprache nicht eingetreten wird (
Art.
10
Abs.
5 ATSV).
1.3
Ist die gesuchstellende Person oder ihre Vertretung unverschuldeterweise abge
halten worden, binnen Frist zu handeln, so wird diese wiederhergestellt, sofern sie unter Angabe des Grundes innert 30 Tagen nach Wegfall des Hindernisses darum ersucht und die versäumte Rechtshandlung nachholt (
Art.
41 ATSG).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin hielt im angefochtenen Entscheid (
Urk.
2) fest, aus der Eingabe des Beschwerdeführers vom 1
4.
September 2021
lasse sich nicht
der
klar bekundete Wille entnehmen, die Verfügung vom 1
4.
Juli 2021 anzufechten. Folg
lich handle es sich nicht um eine Einsprache. Es sei daher innert der bis zum 1
4.
September 2021 laufenden
Einsprachefrist
keine Einsprache eingereicht worden (S. 4 E. 2.2.2
und 2.3
).
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers wäre
sodann
in der Lage gewesen, innert Frist eine kurze Einsprache einzureichen oder eine Stellvertretung zu organisieren. Die
s
zeige die Eingabe vom 1
4.
September 202
1.
Die
zudem
geltend gemachte Kumulation mit anderen fristgebundenen Geschäften vermöge eine Wiederherstellung der Frist nicht zu begründen. Von einer Wiederherstellung der Frist sei daher abzusehen (S. 5 E. 3.2).
Die Beschwerdegegnerin habe die
Einsprachefrist
i
m
Widerspruch zur klaren gesetzlichen Regelung von
Art.
40
Abs.
1 ATSG erstreckt. Die Unrichtigkeit der
Frist
v
erlängerung hätte der
Rechtsschutzversicherer
–
als rechtskundige
Institu
tion
–
ohne Weiteres erkennen könne
n
. Die
Einsprachefrist
sei zudem schon abgelaufen gewesen, als der Rechtsschutzversicherer die unrichtige Auskunft der Beschwerdegegnerin zur Kenntnis erhalten habe.
Diese
sei daher für das Verpas
sen der Frist nicht kausal gewesen. Der Beschwerdeführer könne deshalb aus dem Grundsatz von Treu und Glauben nichts zu seinen Gunsten ableiten (S. 5 E. 4.2).
2.2
Der Beschwerdeführer brachte vor, er habe die Beschwerdegegnerin am 1
4.
September 2021 um eine Fristerstreckung um 10 Tage ersucht. Mit Schreiben vom 1
5.
September 2021 sei ihm eine Nachfrist bis zum 2
6.
September 2021 gewährt worden. Da der Fristenlauf auf einen Sonntag gefallen sei, sei die Ein
sprache am 2
7.
September 2021 erfolgt (
Urk.
1 S. 2
Ziff.
4). Es sei nicht nachvoll
ziehbar und in höchstem Masse widersprüchlich, wenn die Beschwerdegegnerin
zunächst
eine Nachfrist einräume
und sie sich dann im Nachhinein auf den Standpunkt stelle, dass die Frist bereits am 1
4.
September 2021 abgelaufen sei
. Es sei Sache des Beschwerdeführers kundzutun, dass er mit dem Entscheid der Beschwerdegegnerin nicht einverstanden sei. Dies sei am 1
4.
September 2021 erfolgt, indem er um eine Verlängerung der Frist ersucht habe, um die Einsprache begründen zu können
(S. 3
Ziff.
7).
(
2.3
Streitig und zu prüfen ist,
ob
die
Beschw
erdegegnerin auf die Einsprache des Beschwerdeführers
wegen Ver
spätung
zu Recht
nicht eingetreten ist.
3.
3.1
Mit Verfügung vom 1
6.
Juli 2021
(
Urk.
8/56)
schloss die Beschwerdegegner
in
den Fall
per 1
5.
Mai 2021
ab und stellte die zwischenzeitlich erbrachten Versiche
rungsleist
ungen auf diesen Zeitpunkt
hin
ein (S. 2 oben).
3.2
Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers zeigte der Beschwerdegegnerin
in einem Schreiben vom
4.
August 2021 das V
ertretungsverhältnis an und ersuchte um Akteneinsicht (
Urk.
8/60 S. 1).
3.3
Mit Eingabe vom 1
4.
September 2021 (
Urk.
8/65 S. 1) gelangte der Rechtsver
treter erneut an die Beschwerdegegnerin. Er gab an: «In oben genannter Sache läuft heute die Frist für die Einreichung einer Einsprache ab. Auf Grund einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit des Unterzeichneten und der Kumulation der fristgebundenen Geschäfte, bitten wir Sie, die
Einsprachefrist
um 10 Tage zu
ver
längern.»
3.4
Mit Schreiben vom 1
5.
September 2021 (
Urk.
8/66)
bestätigte die Beschwerde
gegnerin den Erhalt der Einsprache vom 1
4.
September 2021
gegen die Verfü
gung vom 1
6.
Juli 2021
und gewährte
dem Rechtsvertreter
eine Frist bis zum 2
6.
September 2021 zur Begründung der Einsprache.
3.5
Der Rechtsvertreter reichte
der Beschwerdegegnerin am 2
7.
September 2021
und damit innert Frist
eine begründete
Einsprache (
Urk.
8/67/1-2) ein.
4.
4.1
Die Einsprache setzt den
Einsprachewillen
voraus. Dieser Wille manifestiert sich insbesondere durch die Verwendung des Begriffs Einsprache und durch die Erfüllung der
Ein
s
prachevoraussetzungen
(
Kieser
, ATSG-Kommentar,
4.
Aufl.,
2020,
N 38 zu
Art.
52
ATSG
).
Die Elemente des Rechtsbegehrens und der Begründung der Einsprache müssen mit Blick auf die pragmatische, die
Beschreitung
des Rechtsmittelwegs erleich
ternde Ausgestaltung des
Einspracheverfahrens
offen verstanden werden. Fehlt es vollständig an einem oder beiden Elementen, ist jedenfalls eine Nachfrist zur entsprechenden Verbesserung anzusetzen. Es reicht für die Annahme einer Ein
sprache aus, wenn der Wille feststeht, die erlassene Verfügung nicht zu akzeptie
ren; eine ausdrückliche Begründung kann beigefügt werden, doch handelt es sich nicht um eine zwingend zu erfüllende formel
le Anforderung (BGE 115 V 426
).
4.2
Die Frist zur Erhebung einer Einsprache gegen die Verfügung der Beschwerde
gegnerin vom 1
6.
Juli 2021 lief nach
Art.
38
Abs.
4 ATSG am 1
4.
September 2021 ab.
Die in der Eingabe
an die Beschwerdegegnerin
vom 1
4.
September 2021
gewählte Formulierung
lässt zumindest die Möglichkeit eines
Anfechtungswillens erken
nen
.
Für dieses Auslegungsergebnis spricht auch, dass die
betreffende Sachbear
beiterin der
Beschwerdegegnerin den Erhalt einer Einsprache mit Schreiben vom 1
5.
September 2021 denn auch ausdrücklich bestätigte
(
Urk.
8/66).
Der Eingabe fehlt
e
es allerdings
unbestrittenermassen
an einem Rechtsbegehren und einer Begründung.
Als Gründe hierfür werden im betreffenden
Schreiben
eine längere krankheitsbedingte Abwesenheit sowie die Kumulation der fristgebundenen Geschäfte genannt.
Im
Gesuch um eine Fristverlängerung
kann
der Wille,
eine Begründung der Einsprache nachzureichen
,
e
rblickt werden. Fehlt es an den
Ein
sprachevoraussetzungen
ist
–
auch mit Blick auf die Eruierung des
E
ins
pr
a
ch
e
w
illens
–
gege
ben
enfalls eine N
achf
ri
s
t zur V
erb
esserung der Mängel anzusetzen. Wie schon dargelegt
(E. 4.1)
, hat die Nachfrist zur Verbesserung einer mangel
haften
Einspracheschrift
– ausser in Fällen von offensichtlichem Rechtsmiss
brauch – auch dann zu erfolgen, wenn ein
Rechtsbegehren und/oder eine Begrün
dung überhaupt fehlen
(vgl.
auch
Kieser
, a.a.O., N 35 und 38 zu
Art.
52 ATSG)
.
D
er
Beschwerdeführer
wurde denn auch
mit Schreiben vom 1
5.
September 2021
aufgefordert
, seine Einsprache bis spätestens 2
6.
September 2
021 zu begründen, was er in der Folge auch tat.
Nach Gesagtem ging d
ie Beschwerdegegnerin
in einer für den Beschwerdeführer
erkennbaren A
rt
von einem bestehenden
Einsprachewillen
und einer fristgerech
ten Einsprache
aus.
Dass
sie
den Erhalt einer Einsprache
im
Einspracheentscheid
vom 1
4.
Dezember 2021
wieder ausschloss, vermag nicht zu überzeugen.
Zwar liegt zwischen der Aktenedition vom
6.
August 2021 (
Urk.
8/61)
und dem Ablauf der Beschwerdefrist am
1
4.
September 2021
eine geraume Zeit, mit der angeführ
ten längeren krankheitsbedingten Abwesenheit des Rechtsvertreters aber zumin
dest ein
möglicher
Entschuldigungsgrund vor.
Der
Beschwerdeführer
durfte somit auf das Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 1
5.
September 2021 und die ihm bis zum 2
6.
beziehungsweise 2
7.
September 2021 gewährte Frist zur Begründung der Einsprache
vom 1
4.
September 2021
vertrauen.
Das Schreiben
vom 1
4.
September 2021
kann zudem alternativ als Gesuch um Wiederherstellung der ablaufenden Rechtsmittelfrist
nach
Art.
41 ATSG
verstan
den werden. Dafür spricht, dass der Rechtsvertreter in der Eingabe eine
längere
Erkrankung
als Grund für
die
Wiederherstellung der Frist
angab
. Nach der Recht
sprechung wird eine Fristwiederherstellung etwa bei schweren Krankheiten zuge
lassen (
Kieser
,
a.a.O.
N
13 zu
Art.
41 ATSG). Eine K
rankheit kann somit
als Grund für die Gewährung einer Wiederherstellung der Frist
in Frage kommen.
In diesem Sinne kann auch das
Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 1
5.
September 2021
alternativ als Bewilligung des Gesuchs um Wiederherstellung der Rechtsmittel
frist verstanden werden.
4.3
Nach Gesagtem war de
r Rechtsvertreter des Beschwerdeführers nicht gehalten, die ihm gewährte
Frist
anzuzweifeln, auch wenn ihm bekannt sein musste, dass die gesetzliche
Einsprachefrist
von 30 Tagen
nach
Art.
40 Ab. 1 ATSG nicht erstreckt werden kann.
In Gutheissung der Beschwerde ist der
Einspracheentscheid
vom 1
4.
Dezember 2021
daher
aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzu
weisen, da
m
it diese materiell über die Ansprüche des Beschwerdeführers ent
scheide.
Anzumerken bleibt, dass zur Vermeidung von Streitigkeiten vorliegender Art der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers darauf hinzuweisen ist, Einsprachen künf
tig unmissverständlich als solche zu bezeichnen.
5.
Nach § 34 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht (
GSVGer
) hat die obsiegende Partei Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Höhe der gericht
lich festzusetzenden Entschädigung bemisst sich nach der Bedeutung der Streit
sache, der Schwierigkeit des Prozesses und dem Mass des Obsiegens, jedoch ohne Rücksicht auf den Streitwert (§ 34 Abs. 3
GSVGer
). Als weitere Bemessungskrite
rien nennt
§
7
GebV
SVGer
den Zeitaufwand und die Barauslagen.
Der vertretene Beschwerdeführer ist vorliegend mit
Fr.
8
0
0
.-- (inklusive Baraus
lagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.