Decision ID: 7e73934d-c3fb-50ad-b1b4-c6f8b2778e86
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die kurdischen Beschwerdeführenden reisten am 4. April 2014 mit ei-
nem humanitären Visum legal in die Schweiz ein und stellten am 11. April
2014 einen Antrag auf vorläufige Aufnahme gemäss Bundesgesetz vom
16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer und über die
Integration (Ausländer- und Integrationsgesetz, AIG, SR 142.20), den das
SEM mit Verfügung vom 16. April 2014 guthiess.
A.b Am 27. August 2018 stellten die Beschwerdeführenden 1 und 2 im da-
maligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) F._ für sich und
ihre drei Kinder Asylgesuche. Am 7. September 2018 wurden die Be-
schwerdeführenden 1 bis 4 im Rahmen der Befragung zur Person (BzP)
summarisch befragt. Das SEM hörte sie zudem am 21. November 2018
und am 22. November 2018 vertieft zu ihren Asylgründen an.
A.c Mit Schreiben vom 30. Januar 2020 fragte das SEM die Beschwerde-
führenden 1 und 2 an, ob die Beschwerdeführerin 5, die aufgrund des nun-
mehr erreichten (...). Lebensjahres grundsätzlich individuell zu ihren Asyl-
gründen zu befragen wäre, auf eine Anhörung und damit auf eine eigen-
ständige Prüfung allfälliger Asylgründe verzichten wolle. Mit Erklärung vom
1. Februar 2020 verzichteten die Eltern auf eine Anhörung ihres jüngsten
Kindes.
A.d Die Beschwerdeführenden begründeten ihre Asylgesuche wie folgt:
A.d.a Der Beschwerdeführer 1 sei in G._ wohnhaft und sei seit den
1980er-Jahren Mitglied der Demokratischen Kurdischen Partei Kurdistan-
Syrien (PDPKS) gewesen; er habe an Sitzungen und Konferenzen der Par-
tei teilgenommen, sich an Ausstellungen beteiligt und Flugblätter sowie
Zeitungen an andere Parteimitglieder verteilt. Eine bestimmte Funktion in
der Partei habe er aus Sicherheitsgründen nicht angenommen, und er sei
für die Partei auch nicht öffentlich tätig gewesen. Entsprechend habe es
keine Probleme mit den syrischen Behörden gegeben. Während seines
(...)-Studiums an der Universität H._ sei er von den Behörden vor-
geladen worden, weil er mit Mitgliedern des Kommunistischen Arbeiterver-
bands befreundet gewesen sei; man habe ihn über seine Kontakte zu die-
sen Personen befragt. Auch nach dem Studium sei er deswegen einmal
von den Behörden vorgeladen worden. Zwischen (...) und (...) habe er den
Militärdienst absolviert und sein Studium abgeschlossen. Anschliessend
sei er an zwei verschiedenen Gymnasien in I._ als (...)lehrer tätig
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gewesen und habe nebenbei Privatunterreicht erteilt. Von 2001 bis 2006
habe er in J._ den Lehrerberuf ausgeübt. Nach der Rückkehr nach
Syrien habe er die alten Lehrtätigkeiten an den beiden Gymnasien wieder
aufgenommen.
Nach dem Ausbruch der Unruhen im März 2011 habe er an Demonstratio-
nen teilgenommen. Daraufhin sei er am (...) 2012 von der Schulleitung auf-
gefordert worden, sich beim syrischen Sicherheitsdienst zu melden. Dort
sei er über seine Demonstrationsteilnahmen befragt und es sei ihm vorge-
worfen worden, die Privatschüler zur Teilnahme an solchen Demonstratio-
nen motiviert zu haben. Er habe eine Einwilligungserklärung unterschrei-
ben müssen, die Schüler nicht mehr politisch zu beeinflussen und es sei
ihm mit dem Ausschluss aus der Schule und mit Festnahme gedroht wor-
den. Er habe daraufhin auch selber nicht mehr an Demonstrationen teilge-
nommen.
Im November 2012 hätten die Volksverteidigungseinheiten Yekîneyên Pa-
rastina Gel (YPG) die Kontrolle über die Stadt übernommen, woraufhin die
Partei der Demokratischen Union (Partiya Yekîtiya Demokrat, PYD) regel-
mässig in der Schule versucht habe, Schüler zu rekrutieren. Er sei mit die-
sem Vorgehen der PYD nicht einverstanden gewesen seien und habe des-
wegen befürchtet, von dieser Seite Probleme zu erhalten.
Nach dem Rückzug des Regimes aus G._ habe er ab Dezember
2012 wieder an Demonstrationen teilgenommen. Es habe jedoch überall
Spitzel der syrischen Regierung gegeben, weshalb es zu Verhaftungen von
Schülern gekommen sei. Mitte Februar 2013 sei er vom Schulsekretär auf-
gefordert worden, sich beim politischen Sicherheitsdienst in K._ zu
melden. In diesem Zusammenhang habe er sich an die Drohung eines
Schülers erinnert, ihn wegen Kritisierens des syrischen Regimes zu verra-
ten. Aus diesem Grund habe er sich zur Ausreise entschlossen und sei am
(...). Februar 2013 illegal in die Türkei gereist. Dort habe er erfahren, dass
sich zwei Männer – er vermute, ehemalige Polizisten, die weiterhin für das
Regime in I._ aktiv gewesen seien – einige Tage nach seiner Aus-
reise bei der Ehefrau nach seinem Aufenthaltsort erkundigt hätten. Da er
als Staatsangestellter der Arbeit als Lehrer unerlaubt ferngeblieben sei,
habe er zudem befürchtet, bei einer Rückkehr von den syrischen Behörden
zur Rechenschaft gezogen zu werden und eine Haftstrafe verbüssen zu
müssen.
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A.d.b Die Beschwerdeführerin 2 führte aus, sie habe das Lehrerseminar
abgeschlossen und sei in G._ als Primarlehrerin tätig gewesen. Als
Kurdin habe sie immer wieder Probleme gehabt. Bereits als Schülerin sei
sie benachteiligt worden, weil sie nicht der Baath-Partei beigetreten sei.
Man habe sie auch über ihren Bruder befragt, der sich an den Unruhen im
Jahr 2004 beteiligt habe, indem er in der Schweiz an Protestaktionen teil-
genommen habe. Am (...) 2013 habe sie den Schülern eine Lektion über
die Baath-Partei erteilt und zur Illustration Bilder von Mitgliedern der Partei,
des syrischen Präsidenten und dessen Vaters aufgehängt. Ein Schüler
habe dabei aufgebracht begonnen, diese beiden Politiker zu beschuldigen,
das Leben seiner Familie zerstört zu haben. Sie habe der Schulleiterin
– einem Mitglied der Baath-Partei – die Situation erklären wollen, jedoch
habe diese das Kind attackiert und als Terroristen bezeichnet. Sie (Be-
schwerdeführerin) habe das Kind schützen und zu dessen Beruhigung das
Präsidentenbild entfernen wollen. Dies habe die Schulleiterin verhindern
wollen, und in der folgenden Auseinandersetzung sei das Bild zerrissen
worden. Die Schulleiterin habe deswegen einen Bericht über sie verfasst.
Am Folgetag sei es deswegen erneut zu einem Disput mit der Schulleiterin
gekommen. Sie habe dann bis Ende des Schuljahres (Ende Mai) weiter
unterrichtet und nicht mehr speziell an diesen Vorfall gedacht.
Am (...). Juni 2013 sei sie nach K._ gegangen, um ihren Lohn abzu-
holen. Dort hätten sie syrische Sicherheitsbehörden mitgenommen und zu
einem Gebäude der politischen Sicherheit gebracht. Man habe ihr das
Handy und die Lohnverfügung abgenommen. Erst während des Verhörs
habe sie realisiert, dass es um den Vorfall in der Schule und um die Ausei-
nandersetzung mit der Schulleiterin – die sie offensichtlich denunziert habe
– gegangen sei. Sie sei zudem nach dem Aufenthaltsort des Ehemannes
befragt worden. Der Befrager habe sie geschlagen und beleidigt. Aus Angst
vor Tötung oder mehrjähriger Haft habe sie alles abgestritten. Beim zwei-
ten Verhör sei der Befrager verständnisvoller gewesen. Er habe die Be-
schwerdeführerin über die Zustände an der Schule reden lassen und ihr
erklärt, sie erhalte eine zweite Chance. Sie habe eine Erklärung unter-
schreiben müssen, gemäss der sie den Anweisungen der Behörden Folge
leisten werde. Zusätzlich sei sie angehalten worden, einen Lehrerkollegen
zu beobachten und über diesen zu berichten. Danach habe man ihr das
Handy zurückgegeben und sie gehen lassen. Die Lohnverfügung sei ein-
behalten worden mit dem Hinweis, ihren Lohn werde sie nach Erhalt des
Berichts über den Lehrerkollegen bekommen. Sie sei nach G._
zurückgekehrt und in der Folge mit den Kindern bei den Schwiegereltern
geblieben. Aus Angst habe sie deren Wohnung kaum verlassen und sei
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auch nicht mehr in ihr Haus zurückgekehrt. Am (...). Juni 2013 habe sie mit
den Kindern Syrien illegal verlassen und sich in die Türkei zu ihrem Mann
begeben.
A.d.c Der Beschwerdeführer 3 gab an, er sei zur Schule gegangen und
habe keine Probleme mit den syrischen Behörden gehabt. Wegen des
Kriegs sei jedoch die Situation unsicher gewesen. In der Schule seien ver-
mummte Leute erschienen und hätten die Schüler aufgefordert, an De-
monstrationen teilzunehmen; ein- oder zweimal sei er dieser Aufforderung
nachgekommen. Sein Vater habe wegen politischer Aktivitäten Probleme
bekommen, die Mutter habe Probleme in der Schule gehabt. Aus diesen
Gründen habe er im Sommer 2013 zusammen mit der Mutter und den Ge-
schwistern Syrien illegal verlassen und sich in die Türkei begeben.
A.d.d Der Beschwerdeführer 4 führte aus, die Eltern hätten Probleme mit
den syrischen Behörden gehabt und seien gesucht worden. Er selber habe
keine Schwierigkeiten mit den Behörden gehabt. Während des Schulunter-
richts seien Kurden erschienen und hätten die Schüler aufgefordert, an De-
monstrationen teilzunehmen; er sei dieser Aufforderung jedoch nicht ge-
folgt. Im Juni 2013 habe er mit der Mutter und den Geschwistern Syrien
illegal verlassen und sei in die Schweiz gereist.
A.e Die Beschwerdeführenden reichten zum Nachweis ihrer Identität ihre
syrischen Reisepässe zu den Akten des SEM. Der Beschwerdeführer 1
reichte eine beglaubigte Kopie des Universitätsabschlusses, einen Lehrer-
ausweis, Kopien von zwei Arbeitszeugnissen aus J._, eine
Bestätigung der PDPKS ausgestellt am 27. September 2018 sowie eine
Kopie seines Militärbüchleins ein. Die Beschwerdeführerin 2 gab die be-
glaubigte Kopie ihres Abschlusses am Lehrerseminar und ein Schulzeug-
nis der Tochter (Beschwerdeführerin 5) zu den Akten.
B.
Mit (am 20. Februar 2020 eröffneter) Verfügung vom 18. Februar 2020 ver-
neinte das SEM die Flüchtlingseigenschaft, lehnte die Asylgesuche der Be-
schwerdeführenden ab und verfügte ihre Wegweisungen aus der Schweiz,
wobei die am 16. April 2014 verfügte vorläufige Aufnahme in der Schweiz
zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs bestätigt wurde.
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C.
C.a Mit Eingabe vom 19. März 2020 liessen die Beschwerdeführenden
beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde einreichen und beantra-
gen, der Entscheid des SEM sei aufzuheben, es sei ihre Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen und ihnen sei Asyl zu gewähren.
C.b In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde die Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kosten-
vorschusses und die Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands bean-
tragt.
D.
D.a Der Instruktionsrichter verfügte am 9. April 2020, die Beschwerdefüh-
renden dürften den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten.
Er hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Weiter
wurde das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung gutgeheissen und
der Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand der Beschwerdeführen-
den eingesetzt. Mit gleicher Verfügung lud der Instruktionsrichter die Vor-
instanz zum Einreichen einer Vernehmlassung ein.
D.b Das SEM reichte am 23. April 2020 seine Vernehmlassung zu den Be-
schwerdeakten, in der es festhielt, die Beschwerdeschrift enthalte keine
neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung
des eigenen Standpunktes rechtfertigen könnten. Es werde daher an den
Erwägungen in der Verfügung vom 18. Februar 2020 festgehalten.
D.c Diese Stellungnahme wurde den Beschwerdeführenden am 28. April
2020 unter Ansetzen einer Frist zu allfälligen Gegenäusserungen (Replik)
zur Kenntnis gebracht.
D.d Die Replik wurde am 13. Mai 2020 fristgerecht eingereicht; die Be-
schwerdeführenden hielten darin an ihren Rechtsbegehren fest. Zum Be-
leg ihrer Gegenäusserungen liessen die Beschwerdeführenden weitere
Unterlagen einreichen.
E.
Am 9. September 2020 teilte der amtliche Rechtsbeistand unter Einrei-
chung entsprechender Beweismittel mit, der Beschwerdeführer 1 habe auf
der von der Internetplattform Zaman al Wasl publizierten Liste von in Sy-
rien gesuchten Personen einen Eintrag über sich gefunden.
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F.
F.a In der Folge führte der Instruktionsrichter einen weiteren Schriften-
wechsel durch und bot der Vorinstanz am 18. September 2020 Gelegen-
heit, eine ergänzende Vernehmlassung zu den Akten zu reichen.
F.b Das SEM reichte am 1. Oktober 2020 seine zweite Stellungnahme zu
den Akten, in welcher es weiterhin an der Verfügung vom 18. Februar 2020
festhielt.
F.c Die ergänzende Vernehmlassung wurde den Beschwerdeführenden
am 9. Oktober 2020 zur Kenntnis gebracht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinn von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinn von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor,
weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
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1.5 Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Die Vorinstanz qualifizierte die Vorbringen der Beschwerdeführenden
als nicht glaubhaft.
4.1.1 Der Beschwerdeführer 1 habe unter anderem angegeben, die syri-
sche Regierung habe sich im November 2012 aus den kurdischen Gebie-
ten zurückgezogen, woraufhin er wieder an Demonstrationen teilgenom-
men habe. Tatsächlich sei dieser Rückzug im Juli 2012 erfolgt. Vor diesem
Hintergrund könne nicht geglaubt werden, er habe sich im Oktober 2012
beim politischen Sicherheitsdienst in I._ gemeldet und sei dort be-
fragt worden. Die angegebene Drohung eines Schülers, derentwegen er
im Februar 2013 erneut vom politischen Sicherheitsdienst vorgeladen sein
wolle, überzeuge ebenfalls nicht. So seien die syrischen Behörden damals
schon seit Monaten nicht mehr in I._ präsent und eine Denunziation
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gar nicht möglich gewesen. Dass der politische Sicherheitsdienst in
K._ von kritischen Äusserungen des Beschwerdeführers gegen die
syrische Regierung erfahren habe solle, wirke konstruiert, und es sei nicht
glaubhaft, dass die Sicherheitskräfte des syrischen Regimes den Be-
schwerdeführer nach K._ vorgeladen haben sollten. Das Vorbrin-
gen, einige Tage nach seiner Ausreise hätten sich zwei Männer bei der
Ehefrau nach seinem Verbleib erkundigt, sei ebenfalls konstruiert und vage
ausgefallen; dass es sich dabei um ehemalige Polizisten des syrischen Re-
gimes gehandelt haben solle, sei eine Vermutung, die insbesondere vor
dem
Hintergrund des besagten Rückzugs des syrischen Regimes im Juli 2012
nicht plausibel sei.
4.1.2 Die Schilderungen der Beschwerdeführerin 2 zum Zwischenfall vom
(...) 2013, zur Mitnahme durch die syrischen Sicherheitsbehörden am
(...). Juni 2013 (als sie ihren Lohn in K._ habe abholen wollen) und
zu den dortigen Befragungen, würden angesichts dessen, dass sich das
syrische Regime seit Juli 2012 nicht mehr in der Region I._ aufge-
halten habe, ebenfalls nicht glaubhaft wirken. Es sei auch nicht nachvoll-
ziehbar, dass sich die Schulleiterin unter der Herrschaft der PYD für die
Ideologie der Baath-Partei eingesetzt haben solle und ihr angeblicher Eifer,
sich im kurdisch dominierten Gebiet für die Baath-Partei einzusetzen und
einen Rapport gegen die Beschwerdeführerin zu verfassen, wirke konstru-
iert. Sodann lasse allein eine Mitgliedschaft bei der Baath-Partei noch
keine Rückschlüsse auf die politische Haltung zu, da eine Anstellung beim
syrischen Staat generell eine Mitgliedschaft in der Baath-Partei vorausge-
setzt habe und somit etliche syrische Staatsangehörige der Partei nur aus
diesem Grund beigetreten seien. Die von ihr genannte Festnahme durch
den politischen Sicherheitsdienst in K._ und die dabei erlebten Ver-
höre könnten daher nicht geglaubt werden. Weiter erscheine nicht plausi-
bel, dass die Beschwerdeführerin sich zum Abholen des Lohnes im Juni
2013 in das von der syrischen Regierung dominierte Gebiet von K._
begeben habe. Diese Verhaltensweise widerspreche der geltend gemach-
ten Gefährdungssituation durch das syrische Regime. Es sei anzufügen,
dass der Beschwerdeführer 1 in diesem Kontext erklärt habe, ab Neujahr
2013 habe niemand mehr gewagt, sich nach K._ zu begeben, um
dort den Lohn als Staatsangestellter abzuholen.
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4.1.3 Aufgrund dieser tatsachenwidrigen, unplausiblen und unsubstanzi-
ierten Angaben seien die Vorbringen bezüglich der geltend gemachten Ver-
folgung durch das syrische Regime nach Juli 2012 nicht glaubhaft. Die Vor-
bringen bezüglich der Verhöre durch den syrischen Sicherheitsdienst seien
zwar ausführlich und würden Realitätskennzeichen aufweisen. Allerdings
hätten beide Beschwerdeführenden geschildert, namentlich wegen Kon-
takten zu Mitgliedern des Kommunistischen Arbeiterverbandes (Beschwer-
deführer 1) respektive wegen eines Bruders (Beschwerdeführerin 2) früher
von den Behörden verhört worden zu sein. Es sei daher anzunehmen, dass
beide solche Situationen zwar damals erlebt, jene Erlebnisse nunmehr ein-
fach in ihre Schilderungen über angebliche Verhöre in den Jahren 2012
und 2013 eingefügt hätten.
4.1.4 Die eingereichten Beweismittel würden zu keinen anderen Schluss-
folgerungen führen. Die Vorbringen würden den Anforderungen an die
Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten, so dass deren Asyl-
relevanz nicht geprüft werden müsse.
4.1.5 Soweit die Beschwerdeführenden Vorladungen während der Studien-
zeit (Beschwerdeführer 1) respektive wegen des Bruders (Beschwerde-
führerin 2) geltend machen würden, hätten diese im Zeitpunkt der Ausreise
bereits mehrere Jahre zurückgelegen und könnten nicht mehr als flucht-
auslösende Ereignisse gewertet werden, zumal nicht geltend gemacht
werde, dass sich aus diesen Vorfällen weitergehende Probleme mit den
Behörden ergeben hätten. Diese Vorbringen seien daher asylrechtlich un-
beachtlich.
4.1.6 Der Beschwerdeführer 1 mache eine aktive Mitgliedschaft bei der
PDPKS geltend, wobei er aber erklärt habe, die syrischen Behörden hätten
um diese Mitgliedschaft gewusst, ihn deswegen jedoch nicht verfolgt, da er
aufgrund seiner niederschwelligen Aktivitäten den syrischen Behörden kei-
nen Grund dazu gegeben habe. Es sei folglich nicht anzunehmen, ihm wür-
den daraus im Fall einer Rückkehr relevante Nachteile erwachsen. Weiter
könne nicht davon ausgegangen werden, der Beschwerdeführer sei wegen
Demonstrationsteilnahmen nach März 2011 vom syrischen Staat als Be-
drohung wahrgenommen worden, zumal er nicht habe glaubhaft machen
können, dass er aufgrund seiner Teilnahmen an Kundgebungen von den
syrischen Behörden behelligt worden sei. Eine Identifizierung als Demonst-
rationsteilnehmer seitens der staatlichen Organe sei folglich nicht anzu-
nehmen. Die geäusserten Befürchtungen im Zusammenhang mit seiner
kritischen Haltung gegenüber den Rekrutierungsversuchen durch die PYD
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an der Schule seien bei objektiver Betrachtungsweise nicht als begründete
Furcht zu beurteilen, da der Beschwerdeführer selber gesagt habe, er habe
keine konkreten Probleme mit den YPG gehabt und den Akten dazu auch
keine Hinweise zu entnehmen seien. Soweit die Beschwerdeführenden 1
und 2 befürchten würden, bei einer Rückkehr wegen des unerlaubten Fern-
bleibens von ihrer Arbeit als Lehrer und Lehrerin zur Rechenschaft gezo-
gen zu werden, seien diese Vorbringen nicht asylrelevant.
4.1.7 Auch die konsultierten Asylakten der in der Schweiz lebenden Fami-
lienangehörigen würden keine Anhaltspunkte für die Annahme liefern, dass
die Beschwerdeführenden in der Heimat eine flüchtlingsrelevante Gefähr-
dung zu befürchten hätten.
4.1.8 Bezüglich der von der Beschwerdeführerin 2 geltend gemachten
Nachteile als Angehörige der kurdischen Volksgruppe sei festzuhalten,
dass die schweizerische Asylpraxis keine gegen diese Personengruppe
gerichtete kollektive Verfolgung anerkenne.
4.1.9 Zu den Vorbringen der Beschwerdeführenden 3 und 4 sei festzuhal-
ten, dass Situationen allgemeiner Gewalt und deren Auswirkungen auf die
Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung keine Verfolgungsmassnah-
men im Sinn von Art. 3 AsylG darstellen würden und somit asylrechtlich
nicht relevant seien.
4.1.10 Insgesamt würden die Vorbringen weder den Anforderungen an die
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG noch denjenigen an die Glaub-
haftigkeit gemäss Art. 7 AsylG standhalten. Die Beschwerdeführenden
würden die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen, so dass ihre Asylgesuche
abzulehnen seien.
5.
5.1 In der Beschwerde wird dargelegt, die Beschwerdeführenden hätten im
April 2014 einen Antrag auf vorläufige Aufnahme gestellt in der Annahme,
ihr Aufenthalt in der Schweiz sei nur vorübergehender Natur, und die Situ-
ation in Syrien werde sich in dem Sinn entwickeln, dass das Regime von
Präsident al-Assad vertrieben werde und sie nach Syrien zurückkehren
könnten. Dies sei nicht geschehen. Aus diesem Grund hätten sie erst im
August 2018 in der Schweiz Asylgesuche gestellt.
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5.2 Die Vorinstanz habe die Glaubhaftigkeit der zentralen Asylvorbringen
der Beschwerdeführenden zu Unrecht verneint:
5.2.1 Das SEM begründe seine diesbezügliche Haltung nahezu aus-
schliesslich damit, die Vorbringen würden nicht mit den tatsächlichen Herr-
schaftsverhältnissen im besagten Zeitraum in der betreffenden Region des
Landes übereinstimmen und müssten deshalb faktisch falsch sein. Es
gehe davon aus, dass sich die syrische Regierung bereits im Juli 2012 aus
den kurdischen Gebieten Nordsyriens – mit Ausnahme der Städte
L._ und K._ – zurückgezogen habe und nicht, wie vom Be-
schwerdeführer 1 genannt, erst im November 2012.
5.2.2 Dem sei zu entgegnen, dass der vollständige Rückzug des syrischen
Regimes nicht bereits im Juli 2012, sondern erst im November 2012 abge-
schlossen gewesen sei und in der Realität das syrische Regime sogar nach
November 2012 einen gewissen Einfluss in der Gegend ausgeübt habe.
Zudem hätten die YPG auch nach November 2012 in vielen Bereichen mit
dem Regime beziehungsweise mit Vertretern des Regimes in der Region
zusammengearbeitet und deren Einflussnahme toleriert. Dies werde durch
verschiedene öffentlich zugängliche Berichte sowie im Internet abrufbare
Berichte der Crisis Group vom 8. Mai 2014, der SWP-Studie vom Mai 2015
und durch zwei Dokumente betreffend einen Lehrerkollegen der Beschwer-
deführenden in G._ bestätigt; das erste Dokument vom 2. Septem-
ber 2014 enthalte die Bestätigung der Versetzung des Lehrers an die
Grundschule in G._; beim zweiten Dokument vom 14. Mai 2015
handle es sich um eine Anstellungsbestätigung, die zum Erhalt der monat-
lichen Lohnauszahlungen nötig sei. Diese Bestätigungen würden jeweils
dem syrischen Amt vorgewiesen, das anschliessend die Lohnauszahlung
vornehme. Beide Dokumente seien von der Syrisch Arabischen Republik,
Bildungsdirektorium in L._ für die Schule in G._ beziehungs-
weise für das Bildungskollegium in G._ ausgestellt worden und wür-
den aufzeigen, dass noch in den Jahren 2014 und 2015 das Schulwesen
auch in G._ von der syrischen Regierung respektive dem syrischen
Bildungsministerium kontrolliert worden sei. Dieses habe die Anstellungen
verfügt und die Lohnauszahlungen kontrolliert. Diese Methode der Lohn-
auszahlung durch die syrischen Behörden, die jeweils eine aktuelle Anstel-
lungsbestätigung erfordert habe, habe den syrischen Behörden ständigen
Kontakt ermöglicht und als Druckmittel gedient. Sodann sei auf dem Schul-
zeugnis der Schule in G._ betreffend den Beschwerdeführer 4 aus
dem Schuljahr 2012/2013 die Fotografie von Baschar
al-Assad angebracht. Auch dies belege, dass das Schulsystem in
G._ weiterhin durch das syrische Regime kontrolliert worden sei.
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Seite 13
5.2.3 Stelle man die vom SEM erwähnten und die in der Beschwerde ge-
nannten Quellen einander gegenüber, sei festzustellen, dass die syrischen
Truppen und Polizeikräfte sich 2012 zwar aus weiten Teilen des nordöstli-
chen Syrien zurückgezogen hätten und das Gebiet mit Ausnahme der
Städte L._ und K._ weitgehend von der YPG übernommen
worden sei. Wann und in welchem Umfang die syrischen Truppen sich voll-
ständig aus der Region zurückgezogen hätten, sei aber nicht klar; in den
Quellen sei von Juli 2012 und von November 2012 die Rede. Erklärbar sei
dies damit, dass entweder der Rückzug zum grossen Teil im Sommer 2012,
der endgültige Abzug der letzten Truppen und Polizeikräfte erst später im
November 2012 erfolgt sei, oder dass zwischen Juli 2012 und November
2012 Truppen oder Polizeikräfte vorübergehend wieder in G._ Fuss
zu fassen versucht hätten. In jedem Fall sei davon auszugehen, dass bis
November 2012 noch syrische Kräfte dort anwesend gewesen seien.
5.2.4 Insgesamt würden die vorgelegten Berichte und Beweismittel die po-
litische Lage im Nordosten Syriens, insbesondere in G._, in der hier
relevanten Periode 2012/2013 in einer Weise untermauern, welche die Vor-
bringen der Beschwerdeführenden 1 und 2 klar als plausibel erscheinen
lassen würden. Damit erweise sich die zentrale Argumentation des SEM,
die Vorbringen der Beschwerdeführenden liessen sich nicht mit den zeit-
lichen Gegebenheiten vereinbaren, als unzutreffend.
5.2.5 Das SEM sehe letztlich lediglich in einem eher unbedeutenden Punkt
einen Aussagewiderspruch und halte dabei fest, es sei nicht plausibel,
dass die Beschwerdeführerin 2 im Juni 2013 zum Erhalt des Lohnes nach
K._ gegangen sei, während sich gemäss Aussage des Beschwer-
deführers 1 ab Neujahr 2012/2013 niemand mehr solches getraut habe.
Der Beschwerdeführer 1 habe jedoch sich und seine Lehrerkollegen ange-
sprochen. Die Beschwerdeführerin 2 ihrerseits habe an der Primarschule
unterrichtet; ob die Lehrer dieses Kollegiums ebenfalls Angst gehabt hät-
ten, ihre Löhne in K._ abzuholen, dazu habe sich der Beschwerde-
führer 1 nicht geäussert. Zudem habe die Beschwerdeführerin 2 den Lohn
im Juni 2013 abholen wollen, mithin mehrere Monate nach der Ausreise
des Ehemanns. Seine Bemerkung, niemand mehr sei in K._ den
Lohn abholen gegangen, habe sich demnach offenkundig nicht auf den
Sommer 2013 bezogen. Durch die zitierten Berichte würden die Aussagen
der Beschwerdeführenden zum System der Lohnauszahlungen durch die
syrischen Behörden jedenfalls bestätigt. Damit liege bei genauer Betrach-
tung selbst in diesem geringfügigen Punkt kein Widerspruch vor. Die Be-
schwerdeführenden hätten in allen Befragungen ausgesprochen konsis-
tent und widerspruchsfrei berichtet.
E-1597/2020
Seite 14
5.2.6 Die Schilderungen der Beschwerdeführenden seien gekennzeichnet
von sehr vielen Details und Realkennzeichen. Dies sei insbesondere den
Anhörungsprotokollen der Beschwerdeführenden 1 und 2 zu entnehmen.
Das SEM anerkenne selber, dass deren Vorbringen bezüglich der Verhöre
durch den syrischen Sicherheitsdienst ausführlich seien und Realitäts-
kennzeichen aufweisen würden. Allerdings gehe das SEM davon aus, dass
die Beschwerdeführenden solche Situationen in einem anderen Kontext
erlebt und Elemente von früheren Verhören in ihre Schilderungen der Ver-
höre 2012 und 2013 übernommen hätten. Diese Schlussfolgerung des
SEM beruhe offensichtlich auf der Annahme, dass alle Aussagen der Be-
schwerdeführenden zu den Verfolgungen 2012 und 2013 tatsachenwidrig
sein müssten, weil sie faktisch nicht der damaligen Situation in den be-
troffenen Gebieten entsprechen würden. Wie ausgeführt, treffe diese An-
nahme nicht zu, weshalb kein Grund für eine solche Unterstellung vorliege.
Die ausführlichen Aussagen der Beschwerdeführenden 1 und 2 würden
deshalb vollständig für deren Glaubhaftigkeit sprechen. Sie hätten nie ver-
sucht, Ereignisse oder Gefährdungen aufzubauschen oder Verfolgungen
zu konstruieren, sondern im Gegenteil offen und pragmatisch auch darüber
berichtet, wo und wann sie keine Probleme gehabt hätten.
5.3
5.3.1 Die Beschwerdeführenden seien vor Verfolgung durch das syrische
Regime geflohen, nachdem sie wegen angeblicher politischer Aktivitäten
vom Regime Nachteile im Sinn von Art. 3 AsylG erlitten hätten. Solche
Nachteile würden ihnen im Fall einer Rückkehr nach Syrien weiterhin
drohen; Schutz davor könnten sie auch in den kurdisch kontrollierten
Gebieten nicht erhalten. Die Gefahr solcher Nachteile durch das syrische
Regime sei seit ihrer Flucht eher noch grösser geworden, da das Regime
al-Assad auf dem Weg sei, seine Position in Syrien umfassend zu stärken.
5.3.2 Sodann werde das bestehende Risikoprofil der Beschwerdeführen-
den dadurch verstärkt, dass der Beschwerdeführer 1 Mitglied der Führung
der schweizerischen Exil-PDPKS sei und beide Beschwerdeführenden
durch ihre Flucht den syrischen Staatsdienst unerlaubt verlassen hätten,
was in Syrien für sich allein bereits Grund für ein Strafverfahren darstelle.
5.3.3 Insgesamt sei die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführen-
den 1 und 2 festzustellen und es sei ihnen in der Schweiz Asyl zu gewäh-
ren.
E-1597/2020
Seite 15
6.
Die Vorinstanz hielt in ihrer Vernehmlassung vom 23. April 2020 unter an-
derem fest, das BVGer habe in seiner Rechtsprechung bezüglich militäri-
scher Rekrutierungen nicht ausgeschlossen, dass nach Juli 2012 weiterhin
Einberufungen im Namen des Rekrutierungsbüros G._ erfolgt und
mit dem Stempel dieses Büros ausgestellt worden sein könnten, indem die
syrischen Behörden die entsprechenden Unterlagen bei ihrem Abzug mit-
genommen und an anderem Ort weiterverwendet hätten. Es sei jedoch
nicht davon auszugehen, dass zum fraglichen Zeitpunkt in G._ für
die Sicherheitskräfte des syrischen Staates noch die Möglichkeit bestan-
den habe, entsprechende Rekrutierungen durch Zwangsmassnahmen tat-
sächlich durchzusetzen. Es sei daher unwahrscheinlich, dass nach Juli
2012 in G._ politische Verfolgungen seitens der Sicherheitskräfte
des syrischen Regimes stattgefunden hätten.
Der Beschwerdeführer 1 mache geltend, er sei in der Schweiz weiterhin für
die Partei PDKPS aktiv und gehöre zur fünfköpfigen Führungsgruppe der
Exil-PDKPS in der Schweiz. Dies untermauere er mit einer Fotografie der
angeblichen Führungsgruppe sowie einer Fotografie des Parteitags vom
(...). September 2019. Weiterführende Angaben zu seinen exilpolitischen
Tätigkeiten mache er jedoch nicht. Die Bilder vermöchten die angebliche
Funktion des Beschwerdeführers innerhalb der Partei damit nicht zu bele-
gen und liessen keine Rückschlüsse auf ein angebliches Gefährdungsprofil
des Beschwerdeführers 1 zu.
7.
In der Replik wird ausgeführt, es müsse eine gewisse Präsenz der
syrischen Sicherheitskräfte bis November 2012 angenommen werden, weil
ansonsten die entsprechenden Medienberichte vom Oktober und Novem-
ber 2012 nicht erklärbar wären. Das SEM halte nur fest, die eingereichten
Berichte würden sich teilweise auf die Städte K._ und L._
beziehen, aus denen sich die syrischen Regierungsbehörden nicht zurück-
gezogen hätten. Das SEM scheine damit immerhin zuzugestehen, dass
sich die Berichte teilweise auch auf andere Gebiete im Nordosten Syriens
beziehen würden, in denen syrische Sicherheitskräfte bis November 2012
verblieben seien. Im Übrigen äussere sich das SEM nicht zu den in der
Beschwerde eingereichten Berichten, die dessen Annahme des vollständi-
gen Abzugs widerlegen würden und die Vorinstanz lege keine weiteren Be-
richte zum Stützen ihrer Ansicht vor. Auf die aktenkundigen Berichte werde
nochmals verwiesen und drei weitere Artikel würden neu eingereicht:
Zu den eingereichten Beweismitteln betreffend die Kontrolle des Schul-
E-1597/2020
Seite 16
wesens in G._ auch nach 2012 mache das SEM geltend, zwar hät-
ten Lehrer im kurdischen Gebiet auch nach Juli 2012 von der syrischen
Regierung ihren Lohn erhalten, dies lasse jedoch nicht auf eine generelle
Einflussnahme des syrischen Regimes in G._ in den Jahren 2014
und 2015 schliessen. Zudem habe das Bundesverwaltungsgericht in zwei
vom SEM zitierten Urteilen festgehalten, dass zwar auch nach Juli 2012
unter Umständen Rekrutierungsversuche durch die syrischen Behörden in
G._ unternommen worden seien, aber zum fraglichen Zeitpunkt
kaum entsprechende Zwangsmassnahmen hätten durchsetzen können.
Damit relativiere das SEM die in seiner Verfügung vertretene Position, ab
Juli 2012 sei die syrische Regierung in G._ nicht mehr präsent und
die geschilderte Denunziation durch einen Schüler im Februar 2013 un-
möglich gewesen. In der Vernehmlassung schränke das SEM diese Ein-
schätzung ein und es halte diesen Punkt nun nur noch für unwahrschein-
lich. Zudem sei in der Beschwerde weder geltend gemacht worden, dass
das syrische Regime nach 2012 eine generelle Einflussnahme in
G._ gehabt habe, noch dass es zu diesem Zeitpunkt dort in der
Lage gewesen sei, Rekrutierungen für die syrische Armee mit Zwangsmas-
snahmen durchzusetzen. Jedoch werde vorgetragen, dass das syrische
Regime bis November 2012 auch in G._ noch in gewissen Berei-
chen eine mit den YPG konkurrierende Kontrolle behalten habe. Nament-
lich sei der Bereich des Unterrichtswesens weiterhin vom syrischen Re-
gime unter anderem von K._ aus kontrolliert worden; zudem hätten
die YPG ab 2012 in vielfacher Weise mit dem syrischen Regime zusam-
mengearbeitet.
Damit seien die Aussagen der Beschwerdeführenden in sich vollständig
glaubhaft und würden mit den Kenntnissen zum damaligen und heutigen
syrischen Kontext korrelieren. Bezüglich des Engagements des Beschwer-
deführers 1 in der Exil-PDPKS würden mit der Replik weitere Dokumente
vorgelegt: Eine schriftliche Bestätigung des Präsidenten der PDPKS
Schweiz vom 2. Mai 2020, dass der Beschwerdeführer 1 Mitglied des Ver-
waltungsrates der PDPKS Schweiz sei, die Fotografie einer von ihm orga-
nisierten PKPDS-Veranstaltung in O._ vom 27. Oktober 2019 und
die Fotografie des Beschwerdeführers 1 mit PKPDS-Kollegen und mit (...)-
Nationalrat P._ bei einer Wahlkampagne für Herrn Q._ am
(...). September 2019. Damit könne der Beschwerdeführer 1 seine Aktivität
für die Exil-PDPKS Schweiz nachweisen. Es werde gar nicht behauptet,
dass diese exilpolitische Aktivität für sich alleine asylrechtlich relevant
wäre. Sie trage aber zum Risikoprofil des Beschwerdeführers 1 ebenso bei
E-1597/2020
Seite 17
wie das unerlaubte Verlassen des syrischen Staatsdiensts durch beide Be-
schwerdeführenden. Zentrale Asylgründe seien jedoch die durch die syri-
schen Sicherheitskräfte erlebten Verfolgungen beider Beschwerdeführen-
den wegen angeblicher regimefeindlicher Aktionen, beziehungsweise die
Gefahr erneuter solcher Verfolgungen im Fall einer Rückkehr nach Syrien.
8.
Im Rahmen des zusätzlichen Schriftenwechsels nahm die Vorinstanz am
1. Oktober 2020 zum nachträglich eingereichten Beweismittel Stellung, ge-
mäss dem der Beschwerdeführer 1 auf dem Internetportal Zaman al Wasl
registriert und mit einem Reiseverbot belegt worden sei. Der Beschwerde-
führer 1 lasse dazu selber ausführen, dass Authentizität und Aktualität der
Daten auf diesem Internetportal nicht mit Bestimmtheit beurteilbar seien.
Da die Vorbringen der Beschwerdeführenden im erstinstanzlichen Verfah-
ren als unglaubhaft erachtet worden seien, vermöge dieses Beweismittel
allein die geltend gemachte Verfolgungssituation nicht zu belegen.
Zu den mit der Replik eingereichten Unterlagen betreffend die exilpoliti-
schen Tätigkeiten sei festzuhalten, dass der Beschwerdeführer 1 nicht dar-
lege, welche Aktivitäten er in der Schweiz als angebliches Mitglied des Ver-
waltungsrates der PDPKS ausgeführt respektive was für Funktionen er bei
der Organisation von Partei-Veranstaltungen gehabt haben wolle. Die ein-
gereichte Fotografie vermöge die angebliche Organisation der Parteiver-
anstaltung nicht zu belegen.
9.
9.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und
folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2012/5 E. 2.2 und 2010/57 E. 2.2 f.; EMARK 2005
Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.; KNEER / SONDEREGGER, Glaubhaftigkeitsprüfung im
Asylverfahren – Ein Überblick über die Rechtsprechung des Bundesver-
waltungs-
gerichts, in: ASYL 2015/2 S. 5).
9.2 Nach Auffassung des Gerichts vermögen die Vorbringen der Be-
schwerdeführenden zu den Geschehnissen vor ihrer Ausreise aus Syrien
diesen Anforderungen insgesamt zu genügen. Die Unglaubhaftigkeitsargu-
mente des SEM werden vom amtlichen Rechtsvertreter insgesamt auf
überzeugende Weise bestritten.
E-1597/2020
Seite 18
9.3
9.3.1 Die Vorinstanz hält dafür, die vom Beschwerdeführer 1 genannten
Behelligungen durch den politischen Sicherheitsdienst seien deswegen
fraglich, weil sich die syrische Regierung bereits im Juli 2012 aus den kur-
dischen Gebieten Nordsyriens – mit Ausnahme der Städte L._ und
K._ – zurückgezogen habe.
9.3.2 Gemäss Erkenntnis des Gerichts ist davon auszugehen, dass sich
die syrische Regierung ab Juli 2012 aus den kurdischen Gebieten Nord-
syriens zurückgezogen hat. Das SEM verweist in der Verfügung auf zwei
Urteile des Bundesverwaltungsgerichts (vgl. Verfügung E. II/1 S. 5; E-
2109/2014 vom 9. Juni 2016, BVGer Urteil D-7469/2016 vom 20. Dezem-
ber 2016). In diesen Entscheiden wird festgehalten, aufgrund des Rück-
zugs des syrischen Regimes müsse als unwahrscheinlich gelten, dass da-
nach weiterhin ein Rekrutierungsbüro des syrischen Regimes (namentlich
in der Region G._ / Provinz L._) existiert habe.
9.3.3 Der Beschwerdeführer 1 hat nicht geltend gemacht, im Zusammen-
hang mit Rekrutierungen vorgeladen worden zu sein. Die Argumentation
des SEM greift auch insofern kurz, als der Abzug des Regimes vom Juli
2012 offenbar nicht mit einer präzisen und endgültigen Zäsur in dem Sinn
verbunden war, dass die zentralstaatlichen syrischen Organe nach einem
bestimmten Stichtag im Juli 2012 in der besagten Region keinerlei Einfluss
mehr gehabt hätten. Entsprechend hat das Bundesverwaltungsgericht be-
reits in seinem Urteil D-5553/2013 vom 18. Februar 2015 (als BVGE
2015/3 publiziert) festgestellt, dass der Distrikt G._, Provinz
L._, "zu einem bedeutenden Teil" von der PYD und deren bewaff-
neten Organisation YPG kontrolliert würden und die Truppen des Regimes
sich dort "in gewissem Ausmass zurückgezogen" hätten (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.7.5.1). Weiter hat das Gericht in verschiedenen Urteilen ausgeführt,
dass es Hinweise auf eine Zusammenarbeit der syrischen Regierung und
der kurdischen Behörden Nordsyriens gebe, wobei diese nicht den militä-
rischen Bereich der Rekrutierung betreffen würden (vgl. etwa Urteil BVGer
D-6926/2017 vom 30. April 2018 E. 6.1.3 und die vom SEM genannten Ur-
teile). Sodann stimmen die Angaben des Beschwerdeführers 1 mit entspre-
chenden Quellen überein, wonach sich die letzten Behörden des Regimes
am 12. November 2012 aus G._ zurückgezogen und die PYD/YPG
die Kontrolle über die Stadt übernommen hätten (vgl. Urteil BVGer
E-395/2015 vom 28. September 2016 E. 6.4 S. 13 f. mit Quellenangaben;
in der zitierten Erwägung dieses Urteil ist ebenfalls die Rede von einem
"schrittweisen Rückzug [...] des Regimes aus der Provinz L._ ").
E-1597/2020
Seite 19
Schliesslich ist davon auszugehen, dass im interessierenden Zeitpunkt die
PYD-Verwaltung vom syrischen Regime unterstützt worden ist und die
Staatsangestellten ihre Löhne weiterhin von diesem erhalten haben; in
G._ sollen syrische Beamte ihre Arbeit aus dem Hintergrund wei-
tergeführt haben (vgl. Schweizerische Flüchtlingshilfe [SFH], Schnell-
recherche vom 5. November 2015 zu Syrien: "Rekrutierung durch die syri-
sche Armee in den von der PYD verwalteten Gebieten").
9.3.4 In diesem Länderkontext können die Schilderungen der Beschwer-
deführenden 1 und 2 nicht als den Fakten widersprechend beurteilt wer-
den.
9.4 Die protokollierten Aussagen der Beschwerdeführenden hinterlassen
einen lebensechten, nachvollziehbaren und konsistenten Eindruck. Dieser
Auffassung war offenbar auch die Vorinstanz, die in ihrer Verfügung fest-
hielt, die Vorbringen bezüglich der Verhöre durch den syrischen Sicher-
heitsdienst seien ausführlich und von Realitätskennzeichen geprägt. Die
Vermutung des SEM, die Beschwerdeführenden seien zu einem früheren
Zeitpunkt solchen Verhören ausgesetzt gewesen und hätten bloss ihre
diesbezüglichen Erfahrungen bei der Schilderung erfundener Verhöre in
den Jahren 2012 und 2013 herangezogen, wirkt gesucht; den Akten sind
nach dem oben Gesagten jedenfalls keine entsprechenden Anhaltspunkte
zu entnehmen.
9.5
9.5.1 Die Vorinstanz erblickt darin einen Widerspruch in den Aussagen der
Beschwerdeführenden, dass der Beschwerdeführer 1 dargelegt habe, ab
Anfang 2013 habe niemand mehr den Gang nach K._ gewagt, um
den Lohn als Staatsangestellter abzuholen, während die Beschwerde-
führerin 2 genau dies getan habe.
9.5.2 Auch diese Interpretation ist aus Sicht des Gerichts nicht zwingend,
nachdem die entsprechende Passage des Befragungsprotokolls des Ehe-
mannes in der Tat den Eindruck erweckt, er spreche von der Einschätzung
der Lage durch das Kollegium seines Gymnasiums (vgl. A14 ad F45:
"Ich bin selber nicht dorthin gegangen, weil der Schulleiter oder zwei an-
dere Lehrer den Lohn für uns dort abgeholt haben. Wir haben alle in einer
Liste neben unserem Namen unterschrieben, damit der Lohn dort ausbe-
zahlt werden konnte. Ab dem Neujahr hat es niemand gewagt, dorthin zu
gehen [...]"). Dass die Lehrerinnen und Lehrer der Primarschule, an wel-
cher die Beschwerdeführerin 2 angestellt war, die Sicherheitslage identisch
E-1597/2020
Seite 20
eingeschätzt hätten – oder die vom Beschwerdeführer 1 geschilderte Ein-
schätzung seines Kollegiums gar von der gesamten kurdischen Lehrer-
schaft dieser Region geteilt worden wäre –, ergibt sich aus den protokol-
lierten Angaben ihres Ehemannes nicht.
9.5.3 Damit lässt diese Aussage nicht darauf schliessen, die – nach der
Ausreise des Mannes zu diesem Zeitpunkt alleinerziehende – Beschwer-
deführerin 2 habe sich zwecks Sicherns des Lebensunterhalts für sich und
die Kinder nicht nach K._ begeben.
9.6 Schliessich hinterlassen auch die Aussagen der beiden Kinder (Be-
schwerdeführende 3 und 4) in ihrer Gesamtheit einen glaubhaften Eindruck
und bestätigen insoweit auch die Angaben der Eltern.
9.7 Nach einer Abwägung der Elemente, welche für oder gegen die Glaub-
haftigkeit der Vorbringen aller befragten Beschwerdeführenden sprechen,
kommt das Gericht zum Schluss, dass die Begründung ihrer Asylgesuche
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit zutreffend und damit als glaubhaft
gemacht zu qualifizieren ist (Art. 7 Abs. 2 AsylG).
10.
10.1 Die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG erfüllt eine asylsu-
chende Person nach Lehre und Rechtsprechung, wenn sie Nachteile von
bestimmter Intensität erlitten hat beziehungsweise mit beachtlicher Wahr-
scheinlichkeit und in absehbarer Zukunft begründeterweise befürchten
muss, welche ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive
durch Organe des Heimatstaates oder durch nicht-staatliche Akteure
zu-gefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.
BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37).
Ausgangspunkt für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Frage
nach der im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder begrün-
deten Furcht vor einer solchen. Die Situation im Zeitpunkt des Asylent-
scheids ist im Rahmen der Prüfung nach der Aktualität der Verfolgungs-
furcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der objektiven Situation im
Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid sind deshalb zugunsten
und zulasten der das Asylgesuch stellenden Person zu berücksichtigen
(vgl. zum Ganzen BVGE 2011/51 E. 6.1, 2011/50 E. 3.1.1 und 3.1.2, je-
weils m.w.H.).
E-1597/2020
Seite 21
Begründete Furcht vor Verfolgung im Sinn von Art. 3 AsylG ist anzuneh-
men, wenn für Dritte nachvollziehbare Gründe (objektives Element) zur
subjektiven Furcht hinzukommen, mit gewisser Wahrscheinlichkeit und in
absehbarer Zukunft Opfer von Verfolgung zu werden Dabei ist auch zu be-
achten, dass bereits erlebte Verfolgungsnachteile als objektive Gründe für
eine erhöhte (subjektive) Furcht gelten können (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.1,
2010/57 E. 2.5 je mit weiteren Hinweisen).
10.2 Nach der vorstehenden Glaubhaftigkeitsbeurteilung ist von folgendem
rechtserheblichen Sachverhalt auszugehen:
10.2.1 Der Beschwerdeführer 1 hatte sich vor seiner Ausreise aus Syrien
während vieler Jahre als Mitglied der PDPKS politisch engagiert. Er wurde
deswegen verschiedentlich vorgeladen und befragt (namentlich zu seinen
Kontakten zu Mitgliedern des Kommunistischen Arbeiterverbands). Bei den
Unruhen im März 2011 nahm er an Demonstrationen teil, bei denen er
behördlicherseits identifiziert wurde. So musste er im Herbst 2012 beim
syrischen Sicherheitsdienst vorsprechen und eine Erklärung unterschrei-
ben, Schüler nicht politisch zu beeinflussen; dabei wurde ihm für den Un-
terlassungsfall der Ausschluss aus der Schule und die Festnahme
angedroht. Zur eigenen Sicherheit verhielt er sich anschliessend vorerst
ruhig, nahm jedoch nach dem Rückzug des Regimes aus G._ seine
politischen Aktivitäten im Dezember 2012 erneut auf und wurde offenbar in
der Folge denunziert. Einer erneuten Vorladung des Sicherheitsdiensts
leistete er keine Folge, sondern verliess das Land umgehend.
10.2.2 Ein Bruder der Beschwerdeführerin 2 nahm nach den Unruhen in
K._ am (...) 2004 an (...) teil; später wurde sie von Sicherheitsbe-
amten in ihrer Schule wegen dieses Bruders verhört. Am 3. Juni 2013
wurde sie von
syrischen Sicherheitskräften mitgenommen und wegen des Vorfalls in ihrer
Schule vom 8. Mai 2013 verhört. Dabei wurde sie auch zu ihrem Ehemann
befragt und geschlagen sowie beleidigt. Bei einem zweiten Verhör musste
sie eine "Gehorsams-Erklärung" unterschreiben und sie wurde zum
Bespitzeln eines Lehrerkollegen aufgefordert; die Aushändigung ihres
Lehrerinnenlohns, den sie eigentlich hatte abholen wollen, wurde vom
Erhalt ihres Berichts über diesen Kollegen abhängig gemacht. Darauf ver-
steckte sich die Beschwerdeführerin und flüchtete in der Folge mit ihren
Kindern aus Syrien.
E-1597/2020
Seite 22
10.3 Die Beschwerdeführenden habe Syrien jeweils unmittelbar nach den
erlittenen Nachteilen verlassen und diese wurden ihnen aus flüchtlings-
rechtlich relevanten Gründen zugefügt. Der asylrechtlichen Intensität der
vor der Ausreise erlittenen Nachteile wäre zwar beim Beschwerdeführer 1
und wohl auch bei der Beschwerdeführerin 2 zu verneinen. Angesichts der
sich zuspitzenden Ereignisse erscheint im länderspezifischen Kontext der
damaligen Zeit allerdings bei beiden Beschwerdeführenden die Annahme
naheliegend, dass sie ihren Heimatstaat gerade noch rechtzeitig – mithin
vor Einsetzen massiver Verfolgungsmassnahmen – verlassen haben.
10.4 Bei der Beurteilung des Vorliegens einer begründeten Furcht vor Ver-
folgung ist in Betracht zu ziehen, dass mehrere Angehörige der ursprüng-
lichen Kernfamilie der Beschwerdeführerin 2 in der Schweiz als Flüchtlinge
anerkannt worden sind. Aus den vom Gericht beigezogenen Akten ihrer
Verwandten – das SEM hatte viele dieser Beizugsdossiers ebenfalls aus-
gewertet (vgl. angefochtene Verfügung S. 4) – ergibt sich folgendes Bild:
10.4.1 Auf ein erstes Asylgesuch ihres Bruders R._ (N [...]) vom
30. September 2003 war von der Vorinstanz am 18. Februar 2004 wegen
Verletzung der Mitwirkungspflichten – der Asylsuchende hatte die Teil-
nahme an der Anhörung zu den Asylgründen wegen des mitwirkenden Dol-
metschers verweigert – nicht eingetreten worden; diese Verfügung wurde
von der vormaligen Schweizerischen Asylrekurskommission mit Urteil vom
26. April 2004 bestätigt. Ein Folge-Asylgesuch vom 21. Januar 2005 war
damit begründet worden, dass der Gesuchsteller am (...) 2004 an (...) teil-
genommen habe und deswegen in ein Strafverfahren verwickelt worden
sei; an diesem nehme (...) als Privatklägerin teil und sie sei deshalb in
Kenntnis der Personalien der Angeschuldigten. Die Vorinstanz anerkannte
mit Verfügung vom 8. September 2005 die originäre Flüchtlingseigenschaft
des Bruders R._, wies sein Asylgesuch (infolge Vorliegens subjek-
tiver Nachfluchtgründe) ab und ordnete seine vorläufige Aufnahme in der
Schweiz als Flüchtling an.
10.4.2 Der Bruder S._ (N [...]) und die Schwester T._
(N [...]) hatten ihre Asylgesuche vom 31. Oktober 2011 damit begründet,
dass sie im Sommer 2011 im Anschluss an eine politische Kundgebung zu
Hause von Agenten des Nachrichtendiensts verhaftet worden seien. Wäh-
rend der mehrtägigen Haft sei der Bruder misshandelt und auch die
Schwester schlecht behandelt worden. Mit Verfügung vom 22. Juni 2012
(T._)
respektive 24. April 2015 (S._) anerkannte die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft der beiden und gewährte ihnen Asyl in der Schweiz.
E-1597/2020
Seite 23
10.4.3 Der Bruder U._ (N [...]) hatte zur Begründung seines am
7. Oktober 2013 gestellten Asylgesuchs ausgeführt, er habe Syrien verlas-
sen, weil wegen des ausstehenden Militärdiensts nach ihm gefahndet wor-
den sei. Die Vorinstanz gewährte ihm mit Verfügung vom 24. Juni 2014
unter Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft Asyl in der Schweiz.
10.4.4 Der Bruder V._ (N [...]) hatte sein Asylgesuch am 30. Mai
2018 gestellt und es einerseits mit Problemen begründet, die er mit den
syrischen Behörden wegen exilpolitischer Aktivitäten seines Bruders
R._ (vgl. oben E. 10.4.1) bekommen habe; so sei er nach den Un-
ruhen von 2004 wegen in der Schweiz ausgeübter Aktivitäten des Bruders
festgenommen und zehn Tage lang festgehalten worden, weil der Sicher-
heitsdienst seinen Vater nicht angetroffen und an dessen Stelle den Sohn
mitgenommen habe. Andererseits hätten später neben seinen Geschwis-
tern S._ und T._ auch seine Ehefrau an Kundgebungen teil-
genommen, denen er jeweils bei der Vorbereitung von Demonstrationen
geholfen habe. Mit Verfügungen vom 25. Juli 2018 anerkannte das SEM
die originäre Flüchtlingseigenschaft der Ehefrau und die von dieser abge-
leitete derivative Flüchtlingseigenschaft von V._ und gewährte den
beiden Ehegatten Asyl respektive Familienasyl.
Bei Durchsicht der Akten der Ehefrau fällt auf, dass diese zu Protokoll gab,
die Polizei habe bei ihrer Schwiegerfamilie – der vormaligen Kernfamilie
der Beschwerdeführerin 2 – nach ihr gesucht (vgl. N [...] A16 ad F18: "[...]
Ungefähr um 21.00 Uhr rief uns mein Schwiegervater an [...]. Meine
Schwiegerfamilie hatte auch ganz schlimme Erfahrungen mit den Behör-
den gemacht. Von Zeit zu Zeit kamen die Behörden zu ihnen, um jemanden
aus meiner Schwiegerfamilie festzunehmen. Die Familie W._ war
den syrischen Behörden bekannt. [...]").
10.4.5 Die Eltern (N [...]) und drei weitere Geschwister der Beschwerde-
führerin 2 (N [...], N [...] und N [...]) wurden in der Schweiz vorläufig auf-
genommen. Gemäss übereinstimmenden Angaben aus mehreren Beizu-
gsdossiers soll sich ihr Bruder X._ in der Türkei aufhalten. Dem-
nach ist kein einziges Mitglied der zwölfköpfigen Ursprungsfamilie der Be-
schwerdeführerin 2 in Syrien verblieben.
10.4.6 Aus diesen Ausführungen ist zu schliessen, dass die ursprüngliche
Kernfamilie der Beschwerdeführerin 2 von den syrischen Behörden als
regimekritisch eingestuft wird. Im Kontext der eigenen Verfolgungssituation
ergibt sich demnach für die Beschwerdeführenden ein – in seiner Höhe
schwer einschätzbares – Risiko einer zukünftigen Reflexverfolgung.
E-1597/2020
Seite 24
10.5 Der Beschwerdeführer 1 bringt auf Beschwerdeebene vor, er habe
auf dem Internetportal Zamal al Wasl einen Eintrag über sich gefunden.
Aus diesem gehe hervor, dass er von der syrischen Regierung mit einem
Reiseverbot belegt worden sei.
10.5.1 Die Vorinstanz führte in ihrer ergänzenden Vernehmlassung vom
1. Oktober 2020 dazu aus, die Authentizität und Aktualität der auf diesem
Internetportal publizierten Daten könnten nicht mit Bestimmtheit beurteilt
werden. Da die Angaben des Beschwerdeführers 1 zu seinen Verfolgungs-
gründen unglaubhaft seien, vermöge dieses Beweismittel allein die Verfol-
gungssituation nicht zu belegen.
10.5.2 Die Beschwerdeführenden weisen in ihrer Eingabe vom 9. Septem-
ber 2020 auf ein Urteil E-1167/2020 vom 20. März 2020 hin, führen in die-
sem Zusammenhang weitere Urteile des Bundesverwaltungsgerichts an
und benennen insbesondere einen Bericht der SFH vom 11. Juni 2019 (Sy-
rien: Fahndungslisten und Zaman al Wasl, < https://www.fluechtlingshilfe.
ch/assets/herkunftslaender/mittlerer-osten-zentralasien/syrien/190611-syr
-zaman.pdf >, abgerufen am 19. November 2021). Sie halten schlussfol-
gernd fest, dass der Beweiswert dieser Datenbank zwar tatsächlich be-
schränkt und allein gestützt auf einen solchen Eintrag kaum eine asylrecht-
lich relevante Verfolgungsgefahr begründbar sei. Jedoch sei das Beweis-
mittel mindestens als Indiz für das Bestehen einer Verfolgungsgefahr ver-
wendbar.
10.5.3 Das Bundesverwaltungsgericht schliesst sich auch hier den Ausfüh-
rungen der Beschwerdeführenden an, zumal das SEM, wie oben festge-
stellt, zu Unrecht von der Unglaubhaftigkeit ihrer Vorbringen ausgegangen
ist. Im Übrigen kann in diesem Zusammenhang auf die Erwägungen im
dem von den Beschwerdeführenden zitierten Urteil E-1167/2020 verwiesen
werden ("Nach Kenntnis des Gerichts haben in der Vergangenheit ver-
schiedene Medien – etwa Kurdwatch, Al Jazeera, der Norddeutschen
Rundfunk oder die Internet-Plattform Zaman al Wasl – mutmassliche [ge-
leakte] Suchlisten syrischer Behörden publiziert, die bis zu 1,5 Millionen
Einträge enthalten sollen. Die Authentizität und Aktualität der Daten lässt
sich nicht mit Bestimmtheit beurteilen, zumal die betreffenden Medien nur
sehr spärlich Informationen über ihre Quellen preisgeben. Die Schweizeri-
sche Flüchtlingshilfe [SFH] schätzt die Daten von Zaman al Wasl als
grundsätzlich zuverlässig ein (vgl. SFH, Syrien: Fahndungslisten und
Zaman al Wasl, 11. Juni 2019 [...])"; vgl. Urteil E-1167/2020 E. 10.3.1).
E-1597/2020
Seite 25
10.6 Die Beschwerdeführenden machen schliesslich geltend, sie hätten als
Staatsangestellte unerlaubt das Land und ihre Arbeitsstelle verlassen. Das
Bundesverwaltungsgericht hat hierzu bereits mehrmals festgestellt, dass
dieses Verhalten nach syrischem Recht strafrechtlich geahndet werden
kann, eine allfällige Bestrafung jedoch für sich allein grundsätzlich nicht zur
Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft zu führen vermag (vgl. etwa
Urteile BVGer D-2188/2020 vom 16. Februar 2021 E. 6.4, E-4075/2018
vom 4. Mai 2020 E. 7.1.2, E-5316/2017 vom 6. Mai 2019 E. 7.4 oder
D-373/2016 vom 22. Januar 2018 E. 6.7).
10.7 Nach einer Würdigung der gesamten Aktenlage geht das Bundesver-
waltungsgericht davon aus, dass die Beschwerdeführenden bei einer
(hypothetischen, angesichts ihrer vorläufigen Aufnahme) Rückkehr nach
Syrien mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit befürchten müssten, in abseh-
barer Zukunft Opfer flüchtlingsrechtlich relevanter Verfolgungsmassnah-
men zu werden. Eine innerstaatliche Flucht- respektive Schutzalternative
würde ihnen nicht zur Verfügung stehen. Sie erfüllen damit die Flüchtlings-
eigenschaft.
10.8 Aus den Akten ergeben sich keine Gründe für die Annahme von Asyl-
ausschlussgründen (insbesondere eine Asylunwürdigkeit gemäss Art. 53
AsylG). Den Beschwerdeführenden ist damit in der Schweiz Asyl zu ge-
währen.
10.9 Bei dieser Sachlage kann die Frage der flüchtlingsrechtlichen Rele-
vanz der exilpolitischen Aktivitäten des Beschwerdeführes 1 offen bleiben.
10.10 Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen, und die an-
gefochtene Verfügung vom 18. Februar 2020 ist aufzuheben.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
11.2 Den amtlich vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres
Obsiegens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädi-
gung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen. Der Anspruch auf Zusprechung eines Honorars als amtlicher Rechts-
beistand im Sinn von Art. 102m AsylG wird damit gegenstandslos.
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11.3 Der amtliche Rechtsbeistand hat keine Kostennote zu den Akten ge-
reicht. Die Höhe der Parteientschädigung ist damit aufgrund der Akten zu
bestimmen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Nach Durchsicht der Beschwerdeakten
ist die Entschädigung auf insgesamt Fr. 3000.– (inkl. geschätzte Auslagen
und Mehrwertsteueranteil) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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