Decision ID: 1e930161-f695-5f63-bd6a-2b2f7089cf9c
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich am 12. Mai 2016 (Eingang IV-Stelle)
zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Zu seinem
erlernten Beruf oder seiner bisherigen Tätigkeit machte er keine Angaben. Seine letzte
Arbeitgeberin gab an, den Versicherten bis zum März 2016 als Gleisbauer beschäftigt
zu haben (IV-act. 8). PD Dr. med. B._, Facharzt für Gastroenterologie und innere
Medizin FMH, notierte im Bericht vom 24. Mai 2016, dass beim Versicherten seit
November 2012 eine chronische Colitis ulcerosa bekannt sei. Aus
gastroenterologischer Sicht sei der Versicherte mittels medikamentöser Behandlung
aktuell beschwerdefrei und voll arbeitsfähig (IV-act. 63, 71). Dr. med. C._, Facharzt
für Orthopädische Chirurgie FMH, gab am 27. Mai 2016 an, der Versicherte leide an
einer Acromioclaviculargelenksarthrose mit einem komplexen regionalen
Schmerzsyndrom (nachfolgend: CRPS) im Stadium I links. In seiner angestammten
Tätigkeit sei der Versicherte seit dem 30. November 2015 zu 100 % arbeitsunfähig;
adaptierte Tätigkeiten seien noch möglich (IV-act. 11). Im Verlaufsbericht vom
30. November 2016 ergänzte Dr. med. C._, beim Versicherten liege nun beidseitig
eine AC-Gelenksarthrose mit CRPS I vor (IV-act. 50). Dr. med. D._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, diagnostizierte beim Versicherten eine
mittelgradige depressive Episode mit somatischen Symptomen (ICD-10: F32.11) seit
November 2016. Aus rein psychiatrischer Sicht schätzte er den Versicherten in
adaptierter Tätigkeit zu 50 % arbeitsunfähig; mit einer Erhöhung der Arbeitsfähigkeit
rechnete er innert ca. zwei bis drei Monaten (Arztbericht vom 3. Januar 2017, IV-act.
55). Diese Diagnose bestätigte er im Verlaufsbericht vom 7. Juni 2017 (IV-act. 81). Die
RAD-Ärztin Dr. med. E._ notierte am 15. Juni 2017, die Arbeitsfähigkeit des
A.a.
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Versicherten könne unter adäquater Behandlung von 50 % auf 80-100 % gesteigert
werden (IV-act. 84).
Vom 14. August bis zum 13. November 2017 nahm der Versicherte an einer
berufspraktischen Abklärung im F._ teil (IV-act. 101). Das unmittelbar danach
gestartete Aufbautraining (IV-act. 112) wurde aufgrund einer Verschlechterung des
psychischen sowie gastroenterologischen Gesundheitszustandes abgebrochen (IV-act.
120 ff.) Anschliessend wurde eine fünfwöchige tagesklinische Begleitung in der Klinik
G._ aufgegleist (IV-act 136). Im Schlussbericht des F._ wurde festgehalten, dass
dem Versicherten keine Vermittelbarkeit im ersten Arbeitsmarkt mehr attestiert werden
könne (IV-act. 132). Mit einem Vorbescheid vom 23. März 2018 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass er keinen Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen habe (IV-
act. 137). Am 25. Mai 2018 verfügte sie gemäss ihrem Vorbescheid (IV-act. 138).
A.b.
Am 14. November 2018 empfahl die RAD-Ärztin Dr. med. E._ eine
polydisziplinäre Begutachtung des Versicherten (IV-act. 151). Im Auftrag der IV-Stelle
erstattete die Ärztliches Begutachtungsinstitut GmbH, Basel, (nachfolgend: ABI) am
2. Mai 2019 ein Gutachten in den Disziplinen Allgemeine Innere Medizin,
Gastroenterologie, Orthopädie und Psychiatrie (IV-act. 159). Im Rahmen der
Begutachtung gab der Versicherte an, keine berufliche Grundausbildung
abgeschlossen zu haben (IV-act. 159-9). Der allgemeininternistische Sachverständige
diagnostizierte ein inkomplettes metabolisches Syndrom. Dieses beinhaltete eine
Adipositas, eine arterielle Hypertonie sowie eine Hyperlipidämie. Insgesamt gab der
allgemeininternistische Sachverständige nur qualitative Einschränkungen der
Arbeitsfähigkeit an (IV-act. 159-30). Der gastroenterologische Sachverständige
bestätigte die Diagnose einer Colitis ulcerosa. Diese sei in der Vergangenheit in Form
von intermittierenden Entzündungsschüben aufgetreten. Klinisch bestehe seit Ende
2018 eine vermehrte Aktivität, die eine Intensivierung der medikamentösen Behandlung
nach sich gezogen habe (IV-act. 129-34). Obwohl der Versicherte in der Vergangenheit
gut auf die Behandlung angesprochen habe, könne sich die Erkrankung auch
unerwartet verschlimmern. Weitere Schübe seien nicht ausgeschlossen, weshalb nicht
von einer eigentlichen Heilung gesprochen werden könne (IV-act. 159-35). Er schätzte
die aktuelle Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit auf 70 %. Die maximal
mögliche Präsenz pro Tag belaufe sich aktuell auf 6-7 Stunden. Während dieser
A.c.
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Anwesenheitszeit bestehe eine Einschränkung der Leistung von 10 % wegen
vermehrter Toilettengänge (IV-act. 159-36). Zudem empfahl er als medizinische
Massnahme eine erneute gastroenterologische Standortbestimmung; allenfalls sei
dann eine Therapieanpassung angezeigt (IV-act. 159-37). Der orthopädische
Sachverständige hielt fest, dass der Versicherte an Nacken-Schulter-Armbeschwerden
leide. Radiologisch sei jedoch keine höhergradige Veränderung erkennbar (IV-act.
159-42). Der früheren Diagnose eines CRPS I könne er nicht folgen (IV-act. 159-44). Für
die angestammte Tätigkeit bestehe keine Arbeitsfähigkeit mehr. In einer angepassten
Tätigkeit mit sehr leichter und wechselnder Belastung betrage die Arbeitsfähigkeit
100 % (IV-act. 159-45). Der psychiatrische Sachverständige diagnostizierte beim
Versicherten eine leichte depressive Episode sowie eine chronische Schmerzstörung
mit somatischen und psychischen Faktoren (IV-act. 159-50). Auffällig sei eine
ausgeprägte Krankheits- und Behinderungsüberzeugung (IV-act. 159-51). Aus
psychiatrischer Sicht bestehe sowohl in der angestammten als auch in einer
adaptierten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 100 % (IV-act. 159-52 f.). Insgesamt
kamen die Sachverständigen zum Schluss, für die angestammte Tätigkeit als
Maschinist/Gleisbauer bestehe spätestens seit dem 30. November 2015 keine
Arbeitsfähigkeit mehr. In einer angepassten Tätigkeit mit einer sehr leichten und
wechselnden Belastung und der Möglichkeit, jederzeit die Tätigkeit zum Aufsuchen
einer Toilette unterbrechen zu können, betrage die Arbeitsfähigkeit aktuell 70 % (IV-act.
159-10). Nach der Ausschöpfung der medikamentösen Massnahmen sei eine
Präsenzzeit von 7-8 Stunden pro Tag möglich, die Arbeits- und Leistungsfähigkeit
betrage dann 85 %. Von einer Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 85 % könne
gemittelt seit November 2015 ausgegangen werden (IV-act. 159-12).
Am 16. Mai 2019 notierte Dr. med. E._ vom RAD, dass auf das Gutachten vom
2. Mai 2019 abgestellt werden könne (IV-act. 160). Mit einem Vorbescheid vom 20. Mai
2019 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie die Abweisung des
Rentenbegehrens vorsehe. Unter Berücksichtigung einer Arbeitsfähigkeit von 85 %
sowie eines Tabellenlohnabzuges von 15 % betrage der Invaliditätsgrad nur 37 % (IV-
act. 163). Dagegen erhob die Rechtsschutzversicherung CAP in Namen des
Versicherten Einwand mit der Begründung, es sei auf die Schätzung der aktuellen
Arbeitsfähigkeit von 70 % und nicht auf die Prognose von 85 % abzustellen. Zudem sei
A.d.
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B.

Erwägungen
1.
ein Tabellenlohnabzug von 25 % zu gewähren (IV-act. 170). Mit einer Verfügung vom
25. Juli 2019 wies die IV-Stelle das Rentenbegehren des Versicherten ab (act. G 1.1).
Dagegen liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer) am 5. September
2019 eine Beschwerde erheben und die Aufhebung der Verfügung vom 25. Juli 2019
sowie die Zusprache einer ganzen Invalidenrente beantragen. Eventualiter sei die
Sache zur Vornahme weiterer Abklärungen an die IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) zurückzuweisen. Zur Begründung liess er ausführen, das
psychiatrische ABI-Teilgutachten sei nicht einschlägig; stattdessen sei auf die
Einschätzung von Dr. med. D._ abzustützen, welcher aus psychiatrischer Sicht die
Arbeitsfähigkeit auf 50 % schätze. Auch die Annahme, dass die gastroenterologischen
medizinischen Massnahmen noch nicht ausgeschöpft seien, werde bestritten.
Stattdessen sei auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung von 70 % abzustellen. Die
verbliebene Arbeitsfähigkeit sei aufgrund der zahlreichen Adaptionskriterien nur sehr
erschwert verwertbar (act. G 1).
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 23. Dezember 2019 die Abweisung der
Beschwerde. Sie machte geltend, das ABI-Gutachten sei beweiskräftig, weshalb darauf
und nicht auf die Einschätzung des behandelnden Psychiaters abzustellen sei. Gründe
für einen Tabellenlohnabzug von 25 % lägen nicht vor (act. G 7).
B.b.
In der Replik vom 21. Januar 2020 liess der Beschwerdeführer an seinen Anträgen
festhalten. Er liess ergänzen, das psychiatrische Teilgutachten setze sich nicht mit der
Arbeitsfähigkeitsschätzung des behandelnden Psychiaters auseinander, was nicht
nachvollziehbar sei (act. G 11). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die
Einreichung einer Duplik (vgl. act. G 13).
B.c.
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern
1.1.
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2.
können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Für die Bemessung der Invalidität wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
Gestützt auf Art. 54 des Gerichtsgesetzes des Kantons St. Gallen (GerG, sGS
941.1) hat das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die Praxis begründet, dass
Versicherte, die während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens zu 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und die nach Ablauf dieses Jahres
weiterhin zu mindestens 40 % arbeitsunfähig sind, grundsätzlich Anspruch auf eine
Rente haben, auch wenn zumutbare medizinische Eingliederungsmassnahmen, welche
die Arbeitsfähigkeit wiederherstellen, erhalten oder verbessern können, nicht
abgeschlossen sind. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Arbeitsfähigkeit von
mindestens 40 % längere Zeit andauert. Die Beschwerdegegnerin ist verpflichtet, diese
im Sinne einer die Parteien bindende (Art. 56 Abs. 2 Satz 2 VRP) Rechtsauffassung
umzusetzen.
1.2.
Demnach ist massgebend, ob der Beschwerdeführer unmittelbar nach dem Ablauf
des Wartejahres weiterhin in einer behinderungsadaptierten Tätigkeit zu mindestens
40% arbeitsunfähig gewesen ist. Ist das der Fall gewesen, hat er – in analoger
Anwendung des Art. 28 Abs. 2 IVG – bei einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 40% bis
49% einen Anspruch auf eine Viertelsrente, bei einem Arbeitsunfähigkeitsgrad von 50%
bis 59% einen Anspruch auf eine halbe Rente und so weiter (vgl. hierzu den Entscheid
des Versicherungsgerichts St. Gallen vom 23. September 2019, IV 2016/328, E. 2.2).
Während im Wartejahr der Arbeitsunfähigkeitsgrad am letzten Arbeitsplatz für den
Rentenanspruch massgebend ist, ist nach Abschluss des Wartejahrs zur Bemessung
des zumutbaren Invalideneinkommens auf die Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten
Tätigkeit abzustellen.
1.3.
Zur Ermittlung der Arbeitsfähigkeit hat die Beschwerdegegnerin ein
polydisziplinäres Gutachten erstellen lassen (IV-act. 159). Im Gutachten der ABI GmbH
2.1.
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ist dem Beschwerdeführer zum Begutachtungszeitpunkt aus gastroenterologischer
Sicht eine 70%ige Arbeitsfähigkeit attestiert worden (IV-act. 159-37). Nach der
Ausschöpfung der medizinischen Massnahmen, also offenbar im Sinne einer Prognose
für die Zeit nach der Begutachtung, ist gemittelt seit November 2015 eine 85%ige
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit angegeben worden (IV-act. 159-12). Aus
psychiatrischer Sicht ist eine 100%ige Arbeitsfähigkeit ermittelt worden (IV-act.
159-53). Die Beschwerdegegnerin stellt sich auf den Standpunkt, das Gutachten der
ABI GmbH sei beweistauglich, und hat die Abweisung des Rentenbegehrens
ausgehend vom prognostizierten Arbeitsfähigkeitsgrad von 85 % verfügt (vgl. act. G
1.1 und 7).
Der Beschwerdeführer bestreitet die Beweiskraft des psychiatrischen
Teilgutachtens. Insbesondere habe sich der psychiatrische ABI-Sachverständige
ungenügend mit den Einschätzungen des behandelnden Psychiaters
auseinandergesetzt (act. G 1, S. 7). Im Ergebnis verlangt der Beschwerdeführer, dass
auf die Einschätzung des behandelnden Psychiaters abgestellt werde, welcher die
Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht auf 50 % geschätzt hat (vgl. act. G 1; IV-act.
55, 80-4 f., 123-2 f., 140). Der Beschwerdeführer kritisiert auch die Einschätzung im
gastroenterologischen Gutachten, laut der die medizinischen Möglichkeiten noch nicht
ausgeschöpft seien und die Arbeitsfähigkeit schliesslich 85 % betragen werde. Der
Beschwerdeführer erhalte weder falsche Medikamente noch falsche Therapien.
Deshalb sei die ermittelte Arbeitsfähigkeit von 85 % nicht nachvollziehbar (act. G 1, S.
10).
2.2.
Der psychiatrische Sachverständige hat beim Beschwerdeführer eine leichte
depressive Diagnose diagnostiziert. Gestützt darauf hat er die Arbeitsfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht auf 100 % geschätzt (IV-act. 154-51 f.). Dies steht für den
Beschwerdeführer im Widerspruch zur Diagnose des behandelnden Psychiaters,
welcher eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert und die Arbeitsfähigkeit
aus psychiatrischer Sicht auf 50 % geschätzt hat. In Bezug auf die Einschätzung des
behandelnden Psychiaters darf und soll das Gericht der Erfahrungstatsache Rechnung
tragen, dass behandelnde Ärzte mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche
Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (BGE
125 V 351 E. 3b/cc; Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG] vom 6.
April 2006, I 803/05, E. 5.5). Widersprechen Berichte behandelnder Ärzte dem von der
Verwaltung bei externen Spezialärzten eingeholten Gutachten, ist die unterschiedliche
Natur von Behandlungsauftrag der therapeutisch tätigen (Fach-)Ärzte einerseits und
Begutachtungsauftrag der amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits zu
2.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/11
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beachten (Urteil des EVG vom 18. April 2006, I 783/05, E. 2.2). Es ist deshalb nicht
zulässig, ein medizinisches Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu
stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden
Ärzte später zu anderslautenden Einschätzungen gelangen oder an vorgängig
geäusserten abweichenden Auffassungen festhalten. Vorbehalten bleiben aber Fälle, in
denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte
wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende – Aspekte
benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben
sind (Urteil des Bundesgerichts vom 20. August 2018, 9C_86/2018, E. 5.4.1 mit
Hinweisen). Vorliegend hat der psychiatrische Sachverständige zur Einschätzung des
behandelnden Arztes Stellung genommen und angemerkt, dass unter genauer
Berücksichtigung der ICD-10 Kriterien lediglich eine leichte depressive Episode
vorliege. Weiter hat er psychosoziale Faktoren benannt, welche allenfalls eine Rolle
spielen könnten, aber er hat sie korrekterweise nicht in die Diagnosestellung
miteinfliessen lassen (IV-act. 154-51). Den Berichten des behandelnden Psychiaters
sind denn auch keine wichtigen Aspekte zu entnehmen, die im Rahmen der
Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben wären. Somit ist die
Einschätzung des psychiatrischen Sachverständigen im ABI-Gutachten überwiegend
wahrscheinlich richtig.
Die aktuelle Schätzung der Arbeitsfähigkeit aus gastroenterologischer Sicht bleibt
unklar. Der Sachverständige schätzt die aktuelle Arbeitsfähigkeit in einer angepassten
Tätigkeit auf 70 %. Diese Tätigkeit solle eine sehr leichte und wechselnde Belastung
und die Möglichkeit, jederzeit die Tätigkeit zum Aufsuchen einer Toilette unterbrechen
zu können, aufweisen (IV-act. 159-36). Die maximale Präsenzzeit beträgt gemäss dem
Sachverständigen 6-7 Stunden. Zudem sei mit einer Einschränkung der Leistung im
Umfang von 10 % wegen Toilettengängen zu rechnen. Nicht erklärt wird, weshalb die
Präsenz auf 6-7 Stunden beschränkt ist, wenn Toilettengänge lediglich eine 10 %ige
Leistungseinschränkung bedeuten. Ausser den Toilettengängen werden nämlich keine
Faktoren benannt, welche in einer Einschränkung der Präsenzzeit resultieren würden.
Die Beschwerdegegnerin wird den gastroenterologischen Sachverständigen bzw. die
ABI GmbH auffordern müssen, diese Unklarheit auszuräumen, d.h. die
Arbeitsfähigkeitsschätzung überzeugend zu begründen.
2.4.
Bei der Anwendung der Praxis des Versicherungsgerichts zur Invalidität während
der laufenden medizinischen Eingliederung (vgl. E. 1.2 f.) muss der Verlauf der
Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Erwerbstätigkeit unmittelbar ab der Erfüllung des
Wartejahres nachgewiesen sein. Es könnte nämlich sein, dass der Beschwerdeführer
2.5.
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3.
einen Anspruch auf eine befristete Rente hat, weil er nach dem Ablauf des Wartejahres
während längerer Zeit, d.h. während wenigstens sechs Monaten in einer adaptierten
Erwerbstätigkeit zu mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen ist. Aus dem
gastroenterologischen Gutachten geht der genaue Verlauf der Arbeitsfähigkeit nach
Ablauf des Wartejahrs, also ab Oktober 2016, nicht hervor. Es wird lediglich darauf
hingewiesen, dass der behandelnde Gastroenterologe in der Vergangenheit nicht
Stellung zu einer allfälligen Arbeitsunfähigkeit genommen habe (IV-act. 159-36). Weiter
wird in der Konsensbesprechung pauschal eine gemittelte Arbeitsfähigkeit von 85 %
seit November 2015 festgehalten. Ob es ab dem Oktober 2016 Phasen gegeben hat, in
denen der Beschwerdeführer längerdauernd, also mehr als sechs Monate in einer
adaptierten Tätigkeit zu über 40 % arbeitsunfähig gewesen ist, geht aus dem
Teilgutachten nicht hervor. Die Angaben zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in
der massgebenden Zeit ab Oktober 2016 genügen im Lichte der obgenannten Praxis
des Versicherungsgerichts nicht zur Ermittlung des zumutbaren Invalideneinkommens
(und damit des Invaliditätsgrades). Um das zumutbare Invalideneinkommen bemessen
zu können, haben die Sachverständigen möglichst präzise Angaben zum - offenbar
schwankenden - Verlauf der Arbeitsfähigkeit seit dem Abschluss des Wartejahres (ab
Oktober 2016) zu machen, idealerweise Monat für Monat. Die Angabe eines gemittelten
Wertes genügt nicht.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die gastroenterologische
Arbeitsfähigkeitsschätzung und damit auch das Ergebnis der Konsensbesprechung
des ABI-Gutachtens die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit belegen. Die Angaben zur Arbeitsfähigkeit sind
unvollständig bezüglich des Verlaufs seit Ablauf des Wartejahres (ab Oktober 2016). Es
ist durch den Sachverständigen zu ergänzen, ob es längere Phasen ab Oktober 2016
gegeben hat, in denen der Beschwerdeführer längerdauernd, also mehr als sechs
Monate, über 40 % arbeitsunfähig in einer adaptierten Tätigkeit gewesen ist.
3.1.
Die blosse Ergänzung eines Gutachtens rechtfertigt nach der aktuellen
bundesgerichtlichen Auffassung eine Rückweisung (BGE 137 V 210 E. 4.4.1.4 S. 264 f.
mit Hinweisen). Die Sache ist deshalb aus Gründen der Verhältnismässigkeit zur
näheren Begründung der Arbeitsfähigkeitsschätzung und zur dazu allenfalls
notwendigen ergänzenden Abklärung gastroenterologischer Natur an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird die notwendige Ergänzung des
gastroenterologischen Teilgutachtens und der Konsensbeurteilung des ABI gemäss
den obenstehenden Erwägungen anfordern.
3.2.
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4.