Decision ID: 6ff78033-bd9e-47d7-b38e-7ca1a589bdee
Year: 2016
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
X._
, geboren 1965, arbeitete ab 15. August 1995
in einem Pensum von
80 %
als Betreuerin beim Verein
Y._
in
Z._
und war dadurch bei der Nest Sammelstiftung berufsvorsorgeversichert (Ur
k. 2/2, 2/3). Am 7. Oktober 1995
erlitt sie einen
(
ersten
)
Unfall, der zu einer Teilarbeitsunfähigkeit führte. In der Folge wurde das Arbeitsverhältnis mit dem Verein
Y._
per 25. November 1995 aufgelöst (
vgl.
Urk.
1
S.
3
).
Am 20. Mai 1997, zu welchem Zeitpunkt keine Versicherungsdeckung bei der Nest Sammelstiftung mehr bestand, verunfallte
X._
ein zweites Mal. Dieser Unfall führte zusammen mit dem ersten zu einer vollen Arbeitsunfähig
keit. Mit Verfügung vom 30. April 2003 sprach ihr die IV-Stelle
A._
eine ganze Invalidenrente
mit Wirkung
ab 1. Mai 1998 zu (Urk.
2/7
).
1.2
Unfallversichert war
X._
beim ersten Unfall bei der La Sui
sse, beim zweiten bei der SUVA. Zwischen diesen beiden Versicherern bestand zunächst Uneinigkeit darüber, wer für di
e Unfallfolgen aufzukommen ha
be
. Schliesslich
erbrachte die SUVA gestützt auf Art. 100 Abs. 2
der Verordnung über die Un
fallversicherung (
UVV
)
Leistungen aus beiden Unfallereignissen (Schreiben
vom 1. September 2003, Urk. 2/5
). Sie zahlte Taggelder nach und richtete ab 1. Juni 2004 eine Komplementärrente zur Rente der Invalidenversicherung aus (Urk. 2/4, 2/6).
1.3
D
ie Nest Sammelstiftung
teilte
X._
mit Schreiben vom 19. Oktober 2004
mit, der Beginn des Anspruch
s
auf eine Invalidenrente aus der beruflichen Vorsorge stimme mit jenem des Anspruchs aus der Invalidenversicherung über
ein. Die Invalidenversicherung habe den Beginn der Arbeitsunfähigkeit auf den 20. Mai 1997 festgelegt. Zu diesem Zeitpunkt habe keine Versicherungsdeckung bei der Nest Sammelstiftung mehr bestanden. Aufgrund der vorliegenden Akten sei jedoch davon auszugehen, dass aus dem ersten Unfall vom 7. Oktober 1995 eine Teilarbeitsunfähigkeit
resp.
-erwerbsunfähigkeit resultier
e. Der effektive Invaliditätsgrad als Folge dieses
Unfall
s
sei noch Gegenstand
von Verhandlungen zwischen der SUVA und
der La Suisse. Aus den medizinischen
Akten schliesse sie, die Nest Sammelstiftung, dass der Unfall vom 7. Oktober 1995 etwa einen Drittel der nun vollständigen Invalidität ausmache. Deshalb werde der Invaliditätsgrad provisorisch auf 34 % festgelegt (U
rk. 2/8). Im gleichen Schreiben stellte die Nest Sammelstiftung eine
Überentschä
-
d
igungsberechnung
an. Aufgrund der von ihr festgestellten
Über
entschädigung
hielt sie fest, dass keine Renten aus der beruflichen Vorsorge fällig seien (Urk.
2/8). Daran hielt
ihr Rückversicherer, die
pk:rück
,
mit Schrei
ben vom
24. Oktober 2006 fest (Urk. 2/9).
2.
Mit Eingabe vom 10. Juni 2014 liess
X._
Klage gegen die
Nest
Sammel
stiftung
erheben und beantragen, die Beklagte habe ihr ab 1. Mai 1998 eine BVG-Invalidenrente basierend auf einer Teilkausalität von 34 % Invalidität und somit ab 1. Mai 1998 jährlich mindestens Fr. 5‘659.65 zuzüglich Teue
rungszulagen zuzüglich 5 % Zins seit mittlerem Verfall zu bezahlen (Urk. 1
S. 2).
Die Beklagte schloss in der Klageantwort vom 31. Oktober 2014 auf Abwei
sung der Klage (Urk. 14 S. 2). Mit Verfügung vom 4. November 2014 wurden die
Akten der Eidgenössischen Invalidenversicherung sowie der SUVA beigezo
gen (Urk. 15, 19/1-67, 20/1-159). Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels hielten die Parteien an ihren Anträgen fest (Urk. 25, 32).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Ausgangspunkt
ist die Überentschädigungsberechnung der Beklagten vom
19. Oktober 2004.
Basierend auf dem vom Verein
Y._
gemeldeten Jahreslohn von Fr. 41‘616.-- belief sich die bei der Nest Sammelstiftung versi
cherte jährliche Invalidenrente bei einer vo
llen Invalidität
auf
Fr. 16‘646.--
(
Vorsorgeausweis vom 11. Oktober 2004,
Urk. 2/3). Gemäss Berechnu
ng der Be
klagten
im erwähnten Schreiben
besteht ab 1. Mai 1998 ein Rentenanspruch aus der beruflichen Vorsorge von
jährlich
Fr. 5‘560.40 (34 % einer vollen Invali
denrente von Fr. 16‘646.--).
Die Überentschädigungsberechnung nahm die Be
klagte ab 1. Juni 2004 vor.
Den mutmasslich entgangenen Verdienst bezifferte sie mit Fr. 41‘961.-- (90 % von Fr. 46‘623.--, welcher Betrag dem im Jahr 1995 erzielten Jahreslohn von Fr. 41‘616.-- zuzüglich Teuerungsanpassung ent
sprach).
Als anrechenbare Einkünfte berücksichtigte die Beklagte die von der Invalidenversicherung und von der SUVA ausgerichteten jährlichen Invaliden
renten von Fr. 17‘268.-- resp. Fr. 28‘152.--, was eine Überentschädigung von Fr. 3‘459.--
(Fr. 41‘961.--
./.
[Fr. 17‘268.-- + Fr. 28‘152.--]
)
ergab
. Die
Überent
schädigungsberechnung
für die Dauer vom 1. Mai 1998 bis 31. Mai 2004 blieb noch offen (Urk. 2/8).
1.2
Die Klägerin mach
t im Wesentlichen geltend, im Gesundheitsfall wäre sie zu 100 % als Sozialpädagogin resp. als Betreuerin in einer Kinde
r
tagesstätte er
werbstätig. Die Beklagte habe den mutmasslich entgangenen Verdienst auf
der
Basis des beim Verein
Y._
ausgeübten 80 %-Pensums berechnet. Gehe man richtigerweise von einem 100 %-Pensum aus, ergebe sich ein unge
kürzter Rentenanspruch (Urk. 1 S. 6 ff., Urk. 25 S. 7 ff.).
1.3
Die Beklagte lässt im vorliegenden Verfahren ihre Leistungspflicht grundsätzlich bestrei
ten. Da
die Klägerin
bei Eintritt der 100%igen Arbeitsunfähigkeit nicht mehr bei ihr versichert gewesen sei, bestehe kein Rentenanspruch.
W
eder der sachliche noch der zeitliche
Zusammenhang zwischen der während dem
Vor
sorgeverhältnis
eingetretenen
Arbeitsunfähigkeit und
der späteren
Inva
lidität seien gegeben. Für den Fall, da
ss eine Leistungspflicht bejaht werde
, könne der mutmasslich entgangene Verdienst bei
der
Überentschädigungsberechnung le
diglich auf der Basis
eines Pensums von 80 % bemessen
werden. Dabei sei auf das Einkommen als Kinderbetreuerin abzustellen. Für die Anrechnung eines Einkommens als Sozialpädagogin bestehe keine Grundlage. Überdies
lässt sie Verjährungseinrede erheben (Urk. 14 S. 4 ff., Urk. 32 S. 3 ff.).
2.
2.1
Mit Schreiben vom 19. Oktober 2004 anerkannte die Beklagte ihre
Leistungs
pflicht
(Urk. 2/8). Diese Anerkennung bestätigte sie sodann mit Schreiben vom 24. Oktober 2006 (Urk. 2/9). Soweit die Beklagte nun prozessual diese Anerken
nung bestreiten lässt und damit ihre Leistungspfli
cht verneint, argumentiert
sie
aktenwidrig (Urk. 14 S. 4). Zwar bezeichnete sie im Schreiben vom 19. Oktober 2004 die Festlegung des Invaliditätsgrades auf 34 % als provisorisch (Urk.
2/8). Im Schreiben vom 24. Oktober 2006 hielt sie aber explizit an diesem
Invalidi
tätsgrad
fest (Urk. 2/
9
), so dass die Anerkennung auch in Bezug auf den
Invali
ditätsgrad
gilt. Dass Rentenzahlungen unterblieben, war
einzig
auf die
Über
entschädigung
zurückzuführen.
2.2
A
ufgrund der A
nerkennung
der Leistungspflicht
dem
Grundsatz nach ist
von deren Bestehen
auszugehen.
Zu bemerken ist
, dass die Anerkennung einer Inva
lidität von 34 % mit den medizinischen Akten
übereinstimmt (Urk. 19/29 S. 24
) und somit sachgerecht erscheint. Jedenfalls ist sie
nicht
zweifellos
unrichtig
und daher einer Wiedererwägung nicht zugänglich
.
Da auch die Voraussetzungen für eine Rentenrevision offensichtlich nicht gegeben sind, besteht kein Raum für eine nunmehrige Verneinung des Rentenanspruchs (vgl. BGE 141 V 405
E. 3.6).
Die Beklagte verkennt offenbar, dass u
nter
dem
Versicherungsfall in
Bezug auf Invalidenleistungen der Eintritt der Arbeitsunfähigkeit, deren Ursache zur Invalidität geführt hat (Art. 23 BVG), zu verstehen
ist
(BGE 140 V 213)
. Die Ar
beitsunfähigkei
t muss mindestens 20 % betragen (
Bundesgerichtsurteil 9C_127/2008 vom 11. August 2008 E. 2.3, publiziert in: SVR 2
008 BVG Nr. 34, mit Hinweisen), was vorliegend der Fall is
t. Nicht erforderlich ist mithin
, dass bei Eintrit
t der späteren Invalidität das
Vorsorgeverhältnis noch besteht.
3.
3.1
Unbestritten ist, dass
im Rahmen der Überentschädigungsberechnung bei der Bemessung des mutmasslich entgangenen Verdienstes auf Basis eines 80 %-Pensums als Betreuerin beim Verein
Y._
eine Überentschädigung resultiert. Dies gilt auch für die Zeitspanne vom 1. Mai 1998 bis 31. Mai 2003.
3.2
Strittig ist, ob die Klägerin im Gesundheitsfall zu 100 % als Mitarbeiterin in der Kindertagesstätte oder
gar als
ausgebildete Sozialarbeiterin gearbeitet hätte und deshalb Anspruch auf Rentenzahlungen hat.
3.3
Gemäss Art. 34 Abs. 2
des Bundesgesetzes über
die berufliche Alters-, Hinterlasse
nen- und Invalidenvorsorge
(
BVG
;
in der
bis Ende 2002 gültig ge
wesenen Fassung)
resp. Art. 34a Abs. 2 BVG (in der seit Januar 2003 gültigen Fassung)
in Ver
bindung mit Art. 24 Abs. 1
der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen und Invalidenvorsorge
(
BVV2
)
kann die
Vorsorgeein
richtung
die Hinterlassenen- und Invalidenleistungen kürzen, soweit sie zu
sammen mit anderen anrechenbaren Einkünften 90 % des mutmasslich entgan
genen Verdienstes übersteigen
. Eine entsprechende Regelung findet sich in Art. 23 des
Vorsorgereglements
der Beklagten
(Fassung vom 2. Juli 1
996, Urk. 33/2)
.
B
eim mutmasslich entgangenen Verdienst
handelt es sich
nicht um den in der Vergangenheit liegenden versicherten Verdienst, sondern um jenes hypotheti
sche Ei
nkommen, welches die versicherte Person
ohne Invalidität aktuell erzie
len würde. Für den Beweis dieser hypothetischen Tatsache ist der Grad überwie
gender Wahrscheinlichkeit erforderlich.
Zu berücksichtigen ist auch eine beruf
liche Weiterentwicklung. Dazu ist allerdings erforderlich,
dass konkrete An
haltspunkte dafür bestehen, dass ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ein beruflicher Aufstieg und ein entsprechend höheres Einkommen tatsächlich rea
lisiert worden wären. Blosse Absichtserklärungen genügen nicht. Vielmehr muss die Absicht, beruflich weiterzukommen, bereits durch konkrete Schritte wie Kursbesuche, Aufnahme eines Studiums, Ablegung von Prüfungen usw. kund
getan worden sein (BGE 96 V 29; SVR 2010 UV Nr. 13 S. 51,
Bundesgerichts
urteil
8C_550/2009
vom 12. November 2009
E. 4.1 mit zahlreichen weiteren Hinweisen).
3.4
Im Zeitpunkt des Unfalls vom 7.
Oktober 1995
hatte die Klägerin die Absicht, sich berufsbegleitend zur Sozialpädagogin ausbilden zu lassen. Im 1994 legte sie eine Aufnahmeprüfung
an der
Hochschule für Soziale Arbeit ab. Die
Selekti
onsakten
und -ergebnisse sind nicht mehr erhältlich (Urk. 2/17). Dem Schreiben des Rechtsvertreters der Klägerin an die Beklagte vom 24. Juni 2004 ist jedoch zu entnehmen, dass sie die Aufnahme
prüfung bestanden ha
t
. Da sie jedoch kei
nen geeigneten Ausbildu
ngsplatz gefunden habe, habe die Klägerin
die Ausbil
dung im August 1994 nicht antreten können. Seitens der Schule sei ihr emp
fohlen worden, im Frühjahr 1996 die Prüfung mit der Zusicherung eines geeig
neten Ausbildungsplatzes nochmals z
u wiederholen (Urk. 26/5 S. 3).
Eine ihr zusagende Ausbildungsstelle fand die Klägerin in der Folge aber nicht (Proto
koll Berufsberatung der IV-Stelle
A._
vom 13. November 2014, Urk. 19/0).
Im Zeitpunkt des Unfalls vom 7. Oktober
199
5
erfüllte sie also die Vorausset
zungen für die Zulassung an die
Hochschule für Soziale Arbeit
nicht
.
Es kann
daher
nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit angenommen werden
, sie hätte im Gesundheits
fall eine Ausbildung zur
Sozialpädagogin
bzw. zur Sozial
arbeiterin
durchlaufen und wäre danach auf diesem Beruf tätig gewesen.
3.5
Hinsichtlich des Arbeitspensums
macht die Klägerin geltend,
beim Verein
Y._
habe sie bloss 80 % gearbeitet, weil ein 100 %-Pensum nicht möglich gewesen sei (Urk. 1 S. 6). Da sie früher stets 100 % gearbeitet habe, hätte sie dies auch in Zukunft getan (Urk. 1 S. 6 und 9). Der
beim Verein
Y._
erzielte
Lohn von
Fr. 41‘616.--
sei
daher auf ein 100 %-Pensum hochzurechnen, womit ein Lohn von Fr. 52‘020.-- resultiere, was eine
Überent
schädigung
ausschliesse (Urk. 25 S. 7).
Dass beim Verein
Y._
bloss ein 80
%-Pensum möglich war, wird durch
die
ehemalige K
assiererin
des (inzwischen aufgelösten) Vereins bestätigt (Urk. 2/15). Davon ist somit auszugehen. Ebenso ist richtig, dass die Klägerin
zuvor
100
%-Stellen inne hatte
(Urk. 2/12-14)
. Ihr beruflicher Werdegang zeichnet sich indessen durch häufige Wechsel aus. In der Regel verblieb sie kaum ein Jahr an der
jeweiligen
Arbeitsstelle. Meist war sie als
Haushaltshilfe tätig (Urk. 2/19
, 19/8
). Von 1986 bis 1994 erzielte sie folgende
Jahrese
inkom
men: Fr. 9‘645.-- (1986), Fr. 24‘663.-- (1987), Fr. 40‘358.-- (1988), Fr. 16‘730
.--
(1989), Fr. 3‘208
.--
(1990), Fr. 27‘122.-- (1991), Fr. 33‘811.-- (1992),
Fr. 28‘996.-- (1993) und Fr. 36‘000.-- (1994; Urk. 2/7 S. 3).
Offensichtlich begnügte sich die Klägerin mit bescheidenen Einkommen.
Der Lohn b
eim Verein
Y._
mit
Fr. 41‘616.-- (Urk. 2/2-3)
bewegt sich in dieser Grössenord
nung
bz
w. liegt gar
darüber
. Hätte die Klägerin mehr verdienen wollen, ist nicht
ersichtlich, weshalb sie nicht eine Vollzeitstelle bei einer anderen
Tageskinder
stätte
oder in einem ähnlichen Tätigkeitsbereich
angenommen hatte. D
ass dies nicht möglich
gewesen wäre, ist nicht ausgewiesen.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die Annahme eines höheren mutm
asslich entgangenen Verdienstes
nic
ht rechtfertigen. Auch
ist es entgegen der Ansicht der Klägerin (Urk. 25 S. 10) nicht zulässig,
das Einkommen von
Fr. 40‘358.-- aus dem Jahr 1988
teue
rungsbedingt
auf das Jahr 1998 hochzurechnen, nachdem sie jene Stelle aus
in
validitätsfremden
Gründen aufgegeben und sich danach mit tieferen Einkom
men begnügt hatte.
3.6
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der mutmasslich entgangene Verdienst auf der Basis eines 80 %-Pensums als Mitarbeiterin des Vereins
Y._
zu bemessen ist. Damit resultiert eine Überentschädigung. Dies führt zur
Abweisung der Klage.