Decision ID: 0f953699-a98c-57a3-adb1-bb5c2b2da158
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 4. März 2014 wegen posttraumatischer Belastungsstörung,
chronischer Schmerzsymptomatik (Schultern, Arme, Becken und lumbale Wirbelsäule)
und rechtsbetonten beidseitigen feinschlägigen Handtremors bei der
Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug an (IV-act. 1).
A.a.
Der Versicherte B._er Ethnie war am 3. März 2001 aus C._ kommend in die
Schweiz eingereist, um Asyl zu beantragen (Protokoll Erstbefragung Empfangsstelle
D._ vom 15. März 2001, Fremdakten, act. 3-6). Im Wesentlichen hatte er angegeben,
er sei unter anderem für eine sozialistische Zeitung tätig gewesen und (nach bereits
früheren "Mitnahmen") 1998 festgenommen und während sieben Tagen gefoltert
worden. Die Folter habe in Schlägen, Schlafentzug, Abspritzen mit kaltem und warmem
Druckwasser, Festbinden der Arme auf dem Rücken und daran Aufhängen an einem
erhöhten Balken, Festbinden vor einem Spiegel und Misshandlung auch im intimen
Bereich bestanden (Erstbefragung, Fremdakten, act. 3-4 f.; Asylgesuch vom 3. April
2001, Fremdakten, act. 4-18 ff.). Nach längerem Verfahren hatte das Bundesamt für
Migration am 1. Dezember 2005 die Flüchtlingseigenschaft des Versicherten bejaht und
ihm Asyl gewährt (Fremdakten, act. 9; vgl. auch Entscheid des Bundesamtes für
Flüchtlinge [BFF] vom 29. Januar 2003, Fremdakten, act. 5; Urteil der Schweizerischen
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Asylrekurskommission vom 14. Juli 2003, Fremdakten, act. 6; Entscheid des BFF vom
29. Oktober 2004, Fremdakten, act. 8). Um seine an ernsthaften gesundheitlichen
Problemen leidende Mutter in der Heimat zu besuchen, hatte der Versicherte am
2. Juni 2011 auf seinen Flüchtlingsstatus verzichtet (Fremdakten, act. 10 ff.). Der
Versicherte war zuletzt vom 28. März bis 9. Oktober 2013 über einen Personalverleiher
in der Produktion einer Fensterfabrik erwerbstätig gewesen (Angaben E._ AG vom
9. Mai 2014, IV-act. 20).
Ein Einsatzprogramm musste im April 2014 abgebrochen werden, als bei der
siebenjährigen Tochter des Versicherten ein Gehirntumor diagnostiziert wurde
(vgl. Assessmentprotokoll vom 14. Juli 2014, IV-act. 28; Strategieprotokoll vom 14. Juli
2014, IV-act. 27). Vom 18. Juli bis 17. Oktober 2014 absolvierte der Versicherte über
das RAV ein Einsatzprogramm in einer F._. Dabei wurde von der Programmleitung
festgehalten, die Leistungsfähigkeit sei leicht eingeschränkt, der Versicherte könne
aber eine angepasste Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt ausüben mit einem
Beschäftigungsgrad von 50 % bis 100 % (Verlaufsprotokoll vom 27. November 2015,
IV-act. 67; Schlussbeurteilung vom 6. November 2014, Fremdakten, act. 1). Die IV-
Stelle sprach dem Versicherten mit Mitteilung vom 22. August 2014 Arbeitsvermittlung
zu (IV-act. 34).
A.c.
Dr. med. G._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Ambulatorium für
Kriegs- und Folteropfer des Universitätsspitals Zürich (USZ), hielt im Arztbericht vom
22. September 2014 die Diagnosen einer chronischen posttraumatischen
Belastungsstörung (ICD-10: F43.1), bestehend seit Jahren, und einer
Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2), bestehend seit April 2014, fest. Die Behandlung
erfolge seit 22. April 2013 und beinhalte aktuell zweiwöchentliche Gespräche. Nach
einer weiteren Stabilisierung sei eine traumaspezifische Therapie vorgesehen. Der
Versicherte leide an schweren Ein- und Durchschlafstörungen. Anamnestisch werde er
fast täglich von Bildern früherer Foltererfahrungen überschwemmt, dabei empfinde er
starke Schmerzen. Auslöser seien Gerüche, menschliche Blicke und andere
Situationen. Aktuell bestünden das Gefühl des Kontrollverlusts, eine erhöhte
Schreckhaftigkeit, Hyperarousal, ständige Flashbacks, vermehrte Vergesslichkeit, eine
eingeschränkte Aufmerksamkeit, Konzentration und Motivation. Er habe starke Angst
bei versperrtem Fluchtweg oder wenn sich die Tür im Rücken befinde. Eine gute
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Introspektionsfähigkeit und gute sprachliche Fähigkeiten erleichterten grundsätzlich die
Behandelbarkeit. Prognostisch ungünstig wirkten sich die langjährige Chronifizierung,
die Schwere und Anzahl der Traumatisierungen, die zusätzliche Belastung durch die
Tumorerkrankung der Tochter und weitere soziale Faktoren (sprachliche
Schwierigkeiten, Sozialhilfe) aus. In der bisherigen Tätigkeit bestehe aktuell eine
40 %ige Arbeitsfähigkeit mit einer schwer quantifizierbaren Leistungseinbusse.
Tätigkeiten mit beschränktem Belastungsprofil seien ihm während drei bis vier Stunden
täglich zumutbar (IV-act. 37).
RAD-Ärztin med. pract. H._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
nahm am 4. November 2014 Stellung: Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei es
dem Versicherten möglich, eine Präsenzzeit von vier Stunden am Tag zu erbringen bei
noch möglicher Leistungsminderung. Es sei damit zu rechnen, dass er innerhalb eines
halben oder eines Jahres eine mindestens 50 %ige Arbeitsfähigkeit auf dem ersten
Arbeitsmarkt erreichen werde (IV-act. 39). Die IV-Stelle sprach dem Versicherten ein
vom 11. Mai bis 10. November 2015 dauerndes Aufbautraining in der I._ zu
(Mitteilung vom 27. Mai 2015, IV-act. 46). Im Schlussbericht vom 10. November 2015
wurde festgehalten, mit dem Versicherten sei von einem höchstens zumutbaren
Pensum von 50 % auszugehen. Der Versicherte zeichne sich durch eine hohe
Zuverlässigkeit, ein hohes Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein, ein gutes
Verständnis für Arbeitsabläufe, eine hohe Leistungsbereitschaft, einen guten
Ordnungssinn, eine strukturierte Vorgehensweise und eine gute Feinmotorik aus. Das
Arbeitstempo sei stark schwankend gewesen (60 %- 70 %, absinkend bis 30 %),
abhängig von der jeweiligen Tagesform. Einmalig sei es zu einer direkten Konfrontation
mit einem Mitarbeiter gekommen. Körperliche und psychische Stabilität und
Belastbarkeit seien derzeit nur eingeschränkt gegeben. Sie seien abhängig von
äusseren Faktoren (Triggerung). Aufgrund diverser Leistungsmessungen und der
Beobachtung der Leistungsfähigkeit über einen längeren Zeitraum hinweg werde der
Leistungsgrad bei einem Arbeitspensum von 50 % auf 50 % bis 60 % eingestuft. Es
bestehe eine deutliche Leistungsminderung. Die anvisierte Steigerung der Präsenzzeit
von 4 auf 6-8 Stunden pro Tag an mindestens 5 Tagen pro Woche habe nicht realisiert
werden können. Der Versicherte benötige einen verständnisvollen Arbeitgeber und ein
verständnisvolles Mitarbeiterteam und einen angepassten Arbeitsplatz (übersichtlich,
A.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geräuscharm, ruhig), Achtsamkeit auf Trigger am Arbeitsort, Anpassung des
Arbeitspensums an das Befinden und das Fehlen eines persönlichen Drucks
(Befehlston etc.) und die Möglichkeit zusätzlicher Pausen. Diese Bedingungen im
allgemeinen Arbeitsmarkt vorzufinden, sei wenig realistisch. Insofern seien die Chancen
einer beruflichen Integration gegenwärtig gering (IV-act. 65-9). Die
Eingliederungsverantwortliche schloss daraufhin ihren Fall am 27. November 2015 ab
(IV-act. 67-6 f.).
Dr. G._ bezeichnete im Verlaufsbericht vom 4. Januar 2016 den
Gesundheitszustand als stationär. Es sei davon auszugehen, dass sich der Verlauf
noch ein wenig stabilisieren werde, jedoch sei eine Zunahme der Arbeitsfähigkeit auf
über 50 % eher unwahrscheinlich. Der Versicherte leide an vermehrter
Schreckhaftigkeit, starker Angst, Störungen der Konzentration und Aufmerksamkeit,
Dissoziationen und Flashbacks. Durch die Beschäftigung mit Fluchtmöglichkeiten sei er
häufig abgelenkt. Reiz- und Stresstoleranz, Ausdauer und Belastbarkeit und die
Aufmerksamkeitsspanne seien vermindert. Es bestünden ein erhöhtes Risiko für Fehler/
Unfälle, ein erhöhtes Konfliktpotential und Schwierigkeiten im Umgang mit Teams und
Hierarchien (IV-act. 70).
A.f.
RAD-Ärztin med. pract. H._ nahm am 16. März 2016 Stellung: Im
Abschlussbericht der I._ und im Verlaufsbericht des Ambulatoriums für Kriegs- und
Folteropfer des Universitätsspitals Zürich würden nachvollziehbare
Rahmenbedingungen angegeben, die einem geschützten Arbeitsplatz oder einem
Nischenarbeitsplatz entsprächen. Unter diesen Bedingungen könnte eine
Arbeitsfähigkeit von 50 % angenommen werden. Ob diese Adaptationskriterien auf
dem ersten Arbeitsmarkt realisierbar seien, sei eingliederungsfachlich zu beurteilen (IV-
act. 72).
A.g.
Mit Mitteilung vom 29. März 2016 lehnte die IV-Stelle (weitere) berufliche
Massnahmen ab, da solche zurzeit aufgrund des Gesundheitszustandes nicht möglich
seien (IV-act. 75).
A.h.
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte polydisziplinär begutachtet
(Polydisziplinäre medizinische Abklärungen [PMEDA], Gutachten vom 28. Februar
A.i.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2017; Dr. med. J._, Allgemeine Innere Medizin; Dr. med. K._, Neurologie; Dr. med.
L._, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates;
Mag. rer. nat. M._, Neuropsychologie; Dr. med. N._, Psychiatrie und
Psychotherapie; Untersuchungen 5., 8. und 15. Dezember 2016 sowie 24. Januar 2017;
IV-act. 97). Der psychiatrische Gutachter stellte bzw. bestätigte die Diagnose einer
posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10: F43.1). Aufgrund der berichteten
affektiven und vegetativen Beeinträchtigungen seien eine verminderte Belastbarkeit
und ein erhöhter Pausenbedarf innerhalb der beruflichen Tätigkeit wahrscheinlich, so
dass derzeit eine insgesamt auf circa 70 % herabgesunkene Arbeitsfähigkeit (100 %-
Pensum, 70 % Rendement) schlüssig zu bestätigen sei. Dies gelte für die letzte
Tätigkeit sowie für den gesamten allgemeinen Arbeitsmarkt, da sich die
Beeinträchtigungen in jeder (auch einer angepassten) Tätigkeit zumindest gleichrangig
negativ auswirken müssten. Unter einer traumaspezifischen Therapie sei mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit mit einer weiteren Besserung der Symptomatik und
in der Folge mit einer Steigerung der Arbeitsfähigkeit auf 100 % bis ca. Mitte 2017 zu
rechnen. Die Mitwirkung daran sei dem Versicherten medizinisch gut zumutbar (IV-
act. 97-49, 61, 68 f., 71). Aus Sicht der übrigen Fachrichtungen wurde keine die
Arbeitsfähigkeit einschränkende Gesundheitsbeeinträchtigung diagnostiziert. RAD-Arzt
Dr. med. O._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erachtete das Gutachten
am 10. März 2017 als aus versicherungsmedizinischer Sicht beweistauglich (IV-act. 99).
Mit Vorbescheid vom 5. April 2017 (effektive Zustellung am 26. April 2017, vgl. IV-
act. 107 f.) gewährte die IV-Stelle dem Versicherten das rechtliche Gehör zur
vorgesehenen Abweisung des Leistungsbegehrens (IV-act. 102). Mit Einwand vom
18. Mai 2017 liess der Versicherte geltend machen, die monatelange berufliche
Abklärung in der I._ habe eine höchstens 50 %ige Arbeitsfähigkeit ergeben. Er könne
nicht nachvollziehen, wieso medizinisch theoretisch von einer höheren Arbeitsfähigkeit
ausgegangen werden könne. Sodann stellte er in Aussicht, weitere medizinische
Unterlagen einzureichen (IV-act. 113).
A.j.
Mit begründetem Einwand vom 30. August 2017 reichte der Versicherte den
Abschlussbericht des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer des USZ vom
22. Februar 2016 (IV-act. 121-24 ff.) und einen Bericht von Dr. med. P._, Facharzt für
Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom 23. August 2017 (IV-act. 121-29 ff.) ein.
A.k.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gestützt darauf brachte er vor, die Gutachter hätten sich zuwenig mit der
abweichenden Beurteilung der behandelnden Ärzte und dem Bericht der Eingliederung
bei der I._ auseinandergesetzt. Sie hätten die Diagnose einer chronischen
Schmerzsymptomatik nicht bestätigt, da er während der Untersuchung nicht
schmerzgequält oder anderweitig beeinträchtigt gewirkt habe. Dies greife zu kurz, denn
er verspüre vor allem beim Auftreten von Flashbacks starke Schmerzen, zu denen es
fast täglich komme. Die Einschätzung der Ausprägung der posttraumatischen
Belastungsstörung als moderat weiche von den übrigen Fachärzten ab. Die zur
Begründung angeführte "rege soziale Aktivität" sei nicht zutreffend und
nachvollziehbar. Er sei nicht nur in seiner Arbeitsfähigkeit, sondern auch in seiner
Alltagsgestaltung eingeschränkt. Die Einschätzung des neuropsychologischen
Gutachters sei unzutreffend und nicht nachvollziehbar, denn die testpsychologisch
erhobenen Einschränkungen würden durch die behandelnden Ärzte klar diagnostiziert
und bestätigt. Die neuropsychologischen Testergebnisse seien Ausdruck seiner
posttraumatischen Belastungsstörung und der Einschränkungen bzw. seiner
Persönlichkeitsstruktur. Obwohl er seit mehreren Jahren in psychiatrischer Behandlung
stehe und in regelmässigen Abständen traumaspezifische Therapien durchgeführt
würden, hätten diese nur wenig Erfolg gezeigt. Er habe alles Mögliche und Zumutbare
unternommen, um seine Krankheit zu überwinden. Die beruflichen
Eingliederungsmassnahmen seien gescheitert. Sie hätten lediglich ein mögliches
Arbeitspensum von höchstens 50 % mit einer verminderten Leistungsfähigkeit von
50 % bis 60 %, in einem geschützten Arbeitsumfeld und ohne weitere Steigerung,
ergeben. Zusammenfassend liege eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 75 % vor. Er
habe Anspruch auf mindestens eine Dreiviertelsrente (IV-act. 121-1 ff.). RAD-Arzt
Dr. med. Q._, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, äusserte
dazu am 29. November 2017, neue medizinische Tatsachen im Sinne einer Änderung
des Gesundheitszustandes nach dem Zeitpunkt der Begutachtung würden nicht
bekannt oder geltend gemacht. An der Beurteilung, dass das Gutachten den
versicherungsmedizinischen Anforderungen genüge, ändere sich nichts. Von weiteren
medizinischen Abklärungen sei keine höhere Aussagesicherheit zu erwarten (IV-
act. 123).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Mit Verfügung vom 5. Januar 2018 wies die IV-Stelle das Leistungsbegehren ab.
Eine medizinische Administrativexpertise könne nicht alleine durch die andere Ansicht
eines behandelnden Arztes in Frage gestellt werden, es sei denn, dieser bringe objektiv
feststellbare Gesichtspunkte vor, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt
geblieben und geeignet seien, zu einer abweichenden Beurteilung zu führen. Dies sei
vorliegend nicht der Fall. Es fänden sich keine medizinischen Anhaltspunkte, dass die
attestierte Arbeitsfähigkeit von 70 % nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt umsetzbar sei
(IV-act. 126).
A.l.
Gegen die Verfügung vom 5. Januar 2018 erhebt A._, vertreten durch
Rechtsanwalt M. Rossetti, MLaw, am 7. Februar 2018 Beschwerde. Er beantragt, die
angefochtene Verfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge aufzuheben und
es sei ihm rückwirkend ab 1. September 2014 mindestens eine Dreiviertelsrente
zuzusprechen. Eventualiter sei ein unabhängiges polydisziplinäres medizinisches
Gutachten einzuholen. Die Beschwerdegegnerin setze sich in der angefochtenen
Verfügung nicht mit den im Einwand vom 30. August 2017 geltend gemachten Mängeln
des Gutachtens auseinander. Damit verletze sie die Begründungspflicht und das
rechtliche Gehör. Der angefochtene Entscheid sei bereits aus diesem Grund
aufzuheben. Die Gutachter hätten sich mit den Berichten der ihn seit Längerem
behandelnden Ärzte ungenügend auseinandergesetzt. Ergänzend zum Vorbringen im
Einwand führt er im Wesentlichen aus, der Befund der Gutachter stelle eine
Momentaufnahme dar, die Beurteilung der ihn langjährig behandelnden Ärzte sei
zuverlässiger. Es liege in der Natur somatoformer Schmerzstörungen, dass sie
organisch nicht objektiv nachgewiesen werden könnten. Es sei daher unverständlich,
dass ihnen bei der psychiatrischen Untersuchung keine Beachtung geschenkt worden
sei. Der psychiatrische Gutachter habe sich mit der Herleitung der Diagnose und dem
auslösenden Trauma nicht näher auseinandergesetzt, was zur Beurteilung der
Ausprägung zwingend notwendig gewesen wäre. Eine rege soziale Aktivität sei schon
aufgrund der im Gutachten beschriebenen Einschränkungen ausgeschlossen. Die im
Gutachten enthaltene Aufzählung der Einschränkungen sei nicht vollständig, wie aus
dem Berichten von Dr. P._ vom 23. August 2017 und des Ambulatoriums für Folter-
und Kriegsopfer des USZ vom 22. Februar 2016 hervorgehe. Die langjährige,
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
aktenmässig erstellte Chronifizierung sowie die für die Beurteilung der Ausprägung der
psychischen Erkrankung massgeblichen Gesichtspunkte seien von den Gutachtern bei
der Prognosestellung zu Unrecht ausgeblendet worden. Die Gutachter gingen zudem
fälschlicherweise davon aus, dass bisher keine traumaspezifischen Therapien
durchgeführt worden seien. Insgesamt sei das Gutachten der PMEDA vom 28. Februar
2017 in mehrfacher Hinsicht mangelhaft. Es könne ihm daher insbesondere in Bezug
auf die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nicht gefolgt werden. Die
Behandlungsmöglichkeiten seien vorerst ausgeschöpft. Entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin handle es sich bei der Beurteilung durch die behandelnden Ärzte
nicht nur um eine andere Einschätzung desselben medizinischen Sachverhalts. Die
berufliche Integration sei selbst bei einem Arbeitsversuch in einem geschützten
Arbeitsumfeld gescheitert. Das Gutachten habe diesen für die Beurteilung des
Schweregrades der psychischen Krankheit und der daraus folgenden
Arbeitsunfähigkeit wesentlichen massgeblichen Umstand nicht gewürdigt. Ob die im
Bericht der I._ angeführten Rahmenbedingungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
tatsächlich vorzufinden seien, sei mehr als fraglich. Zusammenfassend liege eine
Arbeitsunfähigkeit von mindestens 75 % vor. Er habe Anspruch auf mindestens eine
Dreiviertelsrente (act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 18. April 2018 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Die angefochtene Verfügung verletze den
Gehörsanspruch nicht. Es werde festgehalten, weshalb dem Gutachten volle
Beweiskraft zuzumessen sei und die eingereichten Arztberichte nichts an dessen
Einschätzung änderten. Sie habe zum wesentlichen Punkt, dass dem Gutachten voller
Beweiswert zuzumessen sei und somit eine Arbeitsfähigkeit von 70 %, steigerbar auf
100 %, bestehe, Stellung genommen. Selbst wenn eine Verletzung der
Begründungspflicht gegeben wäre, wäre diese angesichts der vollen Kognition im
Beschwerdeverfahren geheilt. Im Übrigen wäre die Rückweisung ein unnötiger
formalistischer Leerlauf. Das Gutachten enthalte eine vollständige Anamnese,
berücksichtige die geklagten Beschwerden, leuchte in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge ein und enthalte begründete Schlussfolgerungen.
Dadurch sei es beweiskräftig. Die Berichte der behandelnden Ärzte seien
berücksichtigt, indem sie bei den wesentlichen Vorakten aufgeführt seien. Die
B.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Schmerzen seien bei den geklagten Beschwerden festgehalten worden. In der
polydisziplinären Beurteilung habe eine Auseinandersetzung mit der beklagten
Schmerzsymptomatik stattgefunden, jedoch habe diese weder mit den objektiven
Befunden noch mit dem Verhalten anlässlich der Untersuchung noch mit dem
Aktivitätsniveau erklärt werden können und sei somit in der geltend gemachten
Intensität nicht nachvollziehbar. Im Weiteren gehe aus dem psychiatrischen Gutachten
klar hervor, weshalb der Beschwerdeführer aufgrund der posttraumatischen
Belastungsstörung lediglich moderat eingeschränkt sei. Nebst dem nicht unerheblichen
Aktivitätsniveau seien auch die objektiven Befunde anlässlich der psychiatrischen
Untersuchung nicht eingeschränkt. Zudem sei der Beschwerdeführer nicht mehr in
psychiatrischer Behandlung im USZ. Die Behandlung finde lediglich in
niedrigfrequentem Intervall statt. Auch anlässlich der neuropsychologischen
Untersuchung habe keine kognitive Beeinträchtigung festgestellt werden können. Das
Testprofil habe mehrere Ungereimtheiten gezeigt und das
Beschwerdevalidierungsverfahren habe deutliche Hinweise auf ein verfälschtes
Antwortverhalten erbracht. Auf das Gutachten der PMEDA könne abgestellt werden
und es seien keine weiteren Abklärungen angezeigt. Die Arbeitsfähigkeit sei in erster
Linie medizintheoretisch durch die Ärzte und nicht aufgrund der Ergebnisse einer
beruflichen Abklärung festzulegen (act. G 4).
Der Beschwerdeführer reicht keine Replik ein (act. G 6). Am 9. November 2018
legt er eine Kostennote vor (act. G 7), deren angemessene Kürzung die
Beschwerdegegnerin am 28. November 2018 beantragt (act. G 9).
B.c.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 130 V 396 E. 5.3 und
E. 6, BGE 141 V 289 E. 3.2; Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016,
8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden
objektiviert werden können und sich auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken
(vgl. Urteile des Bundesgerichts vom 30. November 2017, 8C_350/2017, E. 5.4, und
vom 27. März 2015, 8C_673/2014, E. 5.1.1; BGE 143 V 427 E. 6). Für somatisch
unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und gleichgestellte
Diagnosen) sowie psychische Erkrankungen ist der Beweis nach dem strukturierten
Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE 141 V 281 und BGE 143 V 428,
E. 7.1).
1.2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
1.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4 mit Hinweisen). Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen
1.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind
(BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen; BGE 141 V 14 E. 6.3.1). Im Sinne einer Richtlinie
ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Gutachten von externen
Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und
Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der
Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, volle Beweiskraft
zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; BGE 125 V 353 E. 3b/bb).
Im Sozialversicherungsrecht gilt der Untersuchungsgrundsatz. Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (BGE 122 V 158 E. 1a).
Rechtserheblich sind alle Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den
streitigen Anspruch so oder anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben
Verwaltungsbehörden und das Sozialversicherungsgericht zusätzliche Abklärungen
stets dann vorzunehmen oder zu veranlassen, wenn hierzu aufgrund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 117 V 282 E. 4a). Im Sozialversicherungsrecht hat
das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht,
nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V
360 E. 5b; BGE 125 V 195 E. 2, je mit Hinweisen).
1.5.
In verfahrensrechtlicher Hinsicht rügt der Beschwerdeführer eine Verletzung des
rechtlichen Gehörs, da sich die Beschwerdegegnerin in der angefochtenen Verfügung
nicht genügend mit seinem Einwand auseinandergesetzt habe.
2.1.
Der in Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft (BV; SR 101), in Art. 42 ATSG sowie in Art. 49 Abs. 3 ATSG
festgeschriebene Anspruch auf Wahrung des rechtlichen Gehörs bzw. auf eine diesem
genügende Begründung der Verfügung verpflichtet den Versicherungsträger, sich mit
den Vorbringen der Partei inhaltlich auseinanderzusetzen und Gründe anzugeben,
weshalb er allfälligen Einwänden nicht folgt oder diese nicht berücksichtigt. Er ist
gewahrt, wenn die Begründung eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Verwaltung vorgängig mit jedem einzelnen
Parteivorbringen einlässlich befasst hat (vgl. BGE 136 I 188 E. 2.2.1; Urteil des
Bundesgerichts vom 10. Februar 2017, 8C_785/2016, E. 5.2; U. Kieser, Kommentar
ATSG, 3. Aufl., Zürich 2015, Art. 42 Rz. 7, Art. 49 Rz 56). Der Anspruch ist formeller
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Natur. Indes lässt die sozialversicherungsrechtliche Rechtsprechung eine Heilung einer
nicht besonders schwerwiegenden Gehörsverletzung zu, wenn die betroffene Person
die Möglichkeit hat, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern, die sowohl den
Sachverhalt wie auch die Rechtslage frei überprüfen kann (Kieser, a.a.O., Art. 42 Rz 13,
15, mit Hinweisen auf die Rechtsprechung).
In der angefochtenen Verfügung wird ausgeführt, die mit dem Einwand
eingereichten Berichte des Ambulatoriums für Kriegs- und Folteropfer und von Dr.
P._ würden keine objektiven medizinischen Aspekte enthalten, welche den
Gutachtern nicht bekannt gewesen bzw. nicht berücksichtigt worden wären (IV-
act. 126). Eine sachgerechte Anfechtung - indem der Beschwerdeführer geltend macht,
inwiefern die Berichte der behandelnden Ärzte objektivierende Befunde enthielten,
welche die Gutachter unzutreffend erhoben oder beurteilt hätten - war damit möglich.
Eine Verletzung des rechtlichen Gehörs liegt folglich nicht vor.
2.3.
Der Beschwerdeführer schilderte den Gutachtern, seit der erlittenen Folter leide er
an Schmerzen und Verspannungen im Rücken-/Schulter-/Nacken- und
Ellenbogenbereich mehr rechts- als linksbetont und an rechtsseitigen Beschwerden
paravertebral (LWS- und BWS-Bereich). Neu verspüre er beim Treppensteigen
Schmerzen im linken Knie. Ferner trete bei Anspannung ein Zittern der Hände und
Beine auf. Die ständigen Schmerzen lägen gemäss der visuellen Analogskala zur
subjektiven Messung der Schmerzstärke (VAS) bei VAS 5/10, bei besonders starken
Schmerzen bei VAS 7-8 (IV-act. 97-28, 32 f., 38). Die körperliche Belastbarkeit sei
durch die Rückenschmerzen limitiert, beispielsweise beim Heben und Tragen schwerer
Gegenstände (IV-act. 97-38). Er reagiere sehr sensibel auf Umweltreize; diese
bekomme er praktisch ungefiltert mit. Lärm mache ihn aggressiv (Übergang in eine
Abwehrhaltung). Er schlafe schlecht und oberflächlich, insgesamt täglich nur ca. 3 -
3,5, maximal 4 Stunden am Stück (IV-act. 97-29, 33, 46). Er besorge den Haushalt,
habe einen Freundeskreis, lese gerne, gehe spazieren und spiele Fussball mit Kollegen
(IV-act. 97-47). Als er in die Schweiz gekommen sei, sei es ihm anfänglich gut
ergangen. Das fünfjährige Asylverfahren und die Tätigkeit auf einem Friedhof hätten ihn
sehr belastet (IV-act. 97-45). Aktuell gehe es ihm besser, da es seiner erkrankten
Tochter besser gehe. Die Stimmung sei nicht stabil, doch könne er zeitweise Spass
haben und sich freuen, z.B. wenn er mit Kollegen zusammen sei (IV-act. 97-44). Durch
bestimmte Gerüche oder Geräusche oder wenn er Uniformen sehe, würden Ängste,
Verstimmung, aber auch ein Konzentrationsverlust ausgelöst. Er sei dann aufmerksam,
abwehrbereit und dadurch sehr unruhig, nervös und angespannt. Auch bestünden
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
getriggerte Erinnerungen in Form von Bildern an traumatisierende Erlebnisse. Diese
würden ebenfalls durch Gerüche und Geräusche ausgelöst, träten aber nicht täglich
auf. Ein Gefühl innerer Leere oder von Abstumpfung bestehe nicht (IV-act. 97-44 f.).
Aktuell stehe er in ambulanter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung in
dreiwöchigem Intervall. Die Behandlung in der Klinik für Folteropfer sei abgeschlossen.
Medikamente, insbesondere Psychopharmaka, nehme er nicht ein (IV-act. 97-45).
Vorab ist festzuhalten, dass weder die internistische Gutachterin noch der
neurologische noch der orthopädische Experte für die geklagten Schmerzen
objektivierende somatische Befunde erheben konnten (IV-act. 97-31 f., 37, 39 ff.). Die
medizinischen Vorakten beschränken sich auf das psychiatrische Fachgebiet,
weswegen keine abweichende somatische Beurteilung vorliegt. Zudem wirkte der
Versicherte nicht schmerzgequält (internistisches Teilgutachten, IV-act. 97-31),
während der neurologischen Untersuchung fiel auch bei der Schreibprobe kein Tremor
auf (IV-act. 97-37 f.), die spontane Mobilität war frei und ungehindert und die rege
Alltagsaktivität (einschliesslich Fussballspielen) spreche gegen eine namhafte
orthopädische Einschränkung (orthopädisches Teilgutachten, IV-act. 97-44). Der
Beschwerdeführer wurde somatisch klinisch umfassend untersucht, so dass der
Schluss der Gutachter, eine somatische Beeinträchtigung liege nicht vor,
nachvollziehbar erscheint.
3.2.
Aus psychiatrischer Sicht diagnostizierte der Gutachter ausschliesslich eine
posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10: F43.1). Der Versicherte berichte neben
affektiver Irritierbarkeit und assoziierter Unruhe Nervosität und Angespanntheit, vor
allem getriggertes lebhaftes Wiedererleben traumatisierender Situationen, assoziiere
Ängste, Verstimmungszustände und eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit. Es
würden weitere vegetative Beeinträchtigungen im Sinne eines Hyperarousals berichtet.
Zugrundeliegend beschreibe der Versicherte schlüssig Folter- und
Misshandlungserleben während Haftzeiten in seiner Heimat. Im AMDP-konform
erhobenen psychiatrischen Befund bestünden keine namhaften objektiven
Beeinträchtigungen, insbesondere seien Stimmung, Antrieb und affektive
Schwingungsfähigkeit nicht gestört. Ein depressives Syndrom sei somit nicht zu
diagnostizieren. Auch für eine andere psychiatrische Morbidität bestünden keine
Anhaltspunkte (IV-act. 97-49, 60 f., 68, 70). Eine Anpassungsstörung sei angesichts
des psychiatrischen Befundes (fehlende Depressivität) nicht zu diagnostizieren und
auch von der posttraumatischen Belastungsstörung nicht ausreichend abgrenzbar (IV-
act. 97-72). Dem gegenüber hatte Dr. G._ eine Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2)
diagnostiziert, die seit April 2014 bestehe (Arztbericht vom 22. September 2014, IV-
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 30). Diese lässt sich zeitlich mit der Erkrankung der Tochter des
Beschwerdeführers in Verbindung bringen. Nachdem der Beschwerdeführer ausführt,
da es seiner Tochter besser gehe, gehe es auch ihm besser, und da sich im Befund
keine depressive Stimmung mehr zeigte, ist nachvollziehbar, dass der psychiatrische
Gutachter diese Diagnose nicht mehr bestätigte. Nicht diskutiert wurde eine Diagnose,
welche die beklagten, organisch nicht objektivierbaren Schmerzen erfasst, etwa eine
somatoforme Schmerzstörung. Die behandelnden Dr. G._ und Dr. P._ stellten
jedoch ebenfalls keine entsprechende Diagnose, und der Beschwerdeführer berichtet,
die Schmerzen träten vor allem bei Triggerung auf. Es ist somit plausibel, dass die
Schmerzen als Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung zuzuordnen sind,
auch wenn dies im Gutachten nicht explizit dargelegt wird.
3.4.
Die Auswirkungen der posttraumatischen Belastungsstörung sind nach dem
strukturierten Beweisverfahren bzw. den in diesem Zusammenhang massgeblichen
Indikatoren zu beurteilen. Die Gutachter führten dazu aus, angesichts der
Kontextfaktoren/Indikatoren einer regen Aktivität sei die Ausprägung als moderat
anzusehen (IV-act. 97-63). Der psychiatrische Gutachter hielt fest, der Versicherte wirke
psychisch insgesamt beeinträchtigt und nicht wesentlich schmerzgeplagt. Lang- und
Kurzzeitgedächtnis seien intakt, Konzentration und Aufmerksamkeit unauffällig. Eine
Grübelneigung bestehe nicht (IV-act. 97-47 f.). Im AMDP-konform erhobenen
psychiatrischen Befund bestünden keine namhaften objektiven Beeinträchtigungen (IV-
act. 97-49, 60 f., 68, 70). Dem gegenüber hatte Dr. G._ im Verlaufsbericht vom
4. Januar 2016 ausgeführt, der Versicherte leide an vermehrter Schreckhaftigkeit,
Konzentrationsstörungen, Aufmerksamkeitsstörung und häufigen Flashbacks. Zudem
bestehe eine starke Angst und eine häufige Ablenkung durch Beschäftigung mit
Fluchtmöglichkeiten, Dissoziationen und Flashbacks. Die Reiz- und Stresstoleranz, die
Ausdauer, die Belastbarkeit und die Aufmerksamkeitsspanne seien vermindert. Es
bestünden ein erhöhtes Risiko für Fehler/Unfälle, ein erhöhtes Konfliktpotential und
Schwierigkeiten mit Teams und Hierarchien (IV-act. 70). Dr. P._ stufte die
posttraumatische Belastungsstörung als schwer bis mittelgradig ein und bezeichnete
die psychopathologische Beeinträchtigung als schwer (IV-act. 121-30 f.). Der
Beschwerdeführer zeige einen Zustand von vegetativer Übererregtheit mit
Vigilanzsteigerung, einer übermässigen Schreckhaftigkeit und ausgeprägter
Schlafstörung sowie ständiger Schmerzen und körperlicher Missempfindungen. Das
Durchhaltevermögen sei körperlich und psychisch vermindert. Tätigkeiten würden nicht
zu Ende geführt oder es müsste mehr Zeit aufgewendet werden als vorgesehen bzw.
3.4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verfügbar. Der Beschwerdeführer habe grössere Schwierigkeiten, den Tagesablauf
angemessen zeitlich und inhaltlich zu strukturieren. Die Fähigkeit, sich in Bezug auf
wechselnde Anforderungen der Umwelt angemessen zu verhalten, sei aufgrund des
psychopathologischen Befundes eingeschränkt (IV-act. 121-31). Dass die
behandelnden Ärzte einen höheren Schweregrad der (Auswirkungen der)
posttraumatischen Störung attestieren, lässt sich nach dem Gesagten unter anderem
dadurch erklären, dass sie zusätzlich kognitive Einschränkungen und Schmerzen als
einschränkend berücksichtigen. Der neuropsychologische Gutachter konnte indes das
Vorhandensein kognitiver Beeinträchtigungen nicht objektivieren. Er hielt fest, die
testpsychologische Erhebung habe formal unterdurchschnittliche Leistungen bezüglich
der Reaktionsbereitschaft, der geteilten Aufmerksamkeit, dem figural divergenten
Denken und der kurz- und längerfristigen Merkleistung visueller Inhalte ergeben. Im
Testprofil hätten sich mehrere Ungereimtheiten gezeigt (Vergessen von Details nach 10
Sekunden, dann aber Erinnern nach einer halben Stunde, aussergewöhnlich hohe
Fehlerzahl und unübliche Streubreite im Antwortverhalten bei der Testung der geteilten
Aufmerksamkeit, was auf eine nicht ausreichende Leistungsmotivation hinweise,
deutlich erhöhter Variationskoeffizient bei einer einfachen Reaktionsaufgabe). Das
Beschwerdevalidierungsverfahren habe schliesslich ebenfalls deutliche Hinweise auf
ein verfälschendes Antwortverhalten ergeben (IV-act. 97-58, 62). Es sei mit hoher
Wahrscheinlichkeit von einer Antwortverzerrung auszugehen (IV-act. 97-58). Es
bestehe kein Anhaltspunkt für eine kognitive Störung (IV-act. 97-57). Weiter beschrieb
auch der neurologische Gutachter Konzentration, Aufmerksamkeit und Auffassung als
unauffällig; es bestehe keine Ablenkbarkeit durch äussere Reize (IV-act. 97-36). Die
Einschränkungen und deren Ausprägung erscheinen somit durch die Gutachter
adäquat beurteilt.
Ressourcenfördernde oder -beeinträchtigende Persönlichkeitsfaktoren werden in
den Akten nicht festgehalten. Allerdings bestehen aufgrund der posttraumatischen
Belastungsstörung Schwierigkeiten, sich in Bezug auf wechselnde Anforderungen in
der Umwelt angemessen zu verhalten (Bericht von Dr. P._ vom 23. August 2017, IV-
act. 121-31) bzw. ein Konfliktpotential und Schwierigkeiten im Umgang mit Teams und
Hierarchien (Arztbericht Dr. G._ vom 22. September 2014, IV-act. 37). Als
belastender psychosozialer Kontextfaktor erwähnen die Gutachter die Erkrankung der
Tochter des Beschwerdeführers, die allerdings auf die Gesundheitsstörung (aktuell)
keinen namhaften Einfluss habe (IV-act. 97-65).
3.4.2.
Hinsichtlich der Konsistenz ist zunächst auf die bereits dargelegten
Inkonsistenzen der neuropsychologischen Testresultate hinzuweisen (E. 3.4.1). Sodann
3.4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
führte der Beschwerdeführer gegenüber dem neuropsychologischen Gutachter aus, in
der Freizeit besuche er einen Gesellschafts- und Kulturverein, gehe laufen, lese Bücher
und spiele auch Fussball. Besonderes Interesse habe er an Philosophie, Kunst und
Geschichte (IV-act. 97-51). Die Gutachter befinden diese Freizeitaktivitäten als
inkonsistent zum Ausmass der geltend gemachten Beschwerden (IV-act. 97-64), was in
einem gewissen Masse einleuchtet. Zu ergänzen ist, dass eine eigentliche
traumaspezifische Therapie im Sinne einer traumafokussierten Expositionstherapie
aufgrund anderer Probleme (Arbeitsplatz, Erkrankung der Tochter, Probleme mit dem
Nachbarn) noch nicht hatte stattfinden können und sich die bisherige Therapie deshalb
auf die Stabilisierung beschränkte (Abschlussbericht Ambulatorium für Kriegs- und
Folteropfer USZ vom 22. Februar 2016, IV-act. 121-24 ff.; Arztbericht Dr. P._ vom
23. August 2017, IV-act. 121-29 ff.). Dies stützt einerseits die von den Gutachtern
aufgezeigte Möglichkeit einer Steigerung der Arbeitsfähigkeit durch eine weitergehende
Traumatherapie, bedeutet aber andererseits, dass von der noch nicht erfolgten
eigentlichen Traumatherapie nicht auf einen geringeren als den geltend gemachten
Leidensdruck geschlossen werden darf.
3.5.
Der Beschwerdeführer macht sodann geltend, die von den Gutachtern
angenommene Einschränkung sei mit Blick auf die Leistungsbeurteilung durch die I._
nicht nachvollziehbar. Die Gutachter äusserten hierzu, der Schlussbericht des
Aufbautrainings weise aus ihrer Sicht auf eine Diskrepanz zwischen den subjektiv
berichteten Limitationen und den objektiven Beobachtungen der Vorgesetzten hin (IV-
act. 97-65). Die Betreuenden in der I._ bescheinigten dem Beschwerdeführer eine
hohe Zuverlässigkeit, ein hohes Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein, ein gutes
Verständnis für Arbeitsabläufe, eine hohe Leistungsbereitschaft, einen guten
Ordnungssinn, eine strukturierte Vorgehensweise und eine gute Feinmotorik (IV-
act. 65-8). Bei einem zeitlichen Pensum von 50 % schwankte das Arbeitstempo sehr
stark, in Abhängigkeit von der jeweiligen Tagesform (IV-act. 65-8). Es wurde ein
Leistungsgrad von 50 % bis 60 % (bei einem Pensum von 50 %) erreicht (IV-act. 65-9),
was einer Arbeitsfähigkeit von 25 % bis 30 % entsprechen würde.
3.5.1.
Das Bundesgericht erwog zum Verhältnis zwischen medizinischen Beurteilungen
und beruflichen Leistungsabklärungen, letztere basierten in der Regel nicht auf
vertieften medizinischen Untersuchungen, sondern auf berufspraktischen
Beobachtungen, welche in erster Linie die von ihnen erhobene, subjektive
Arbeitsleistung der versicherten Person wiedergäben. Das Aufbautraining habe nicht
3.5.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Leistungsabklärung zum Ziel. Das alleinige Abstellen auf primär arbeitsorientierte
Evaluationen sei deshalb nicht sachgemäss, da die abschliessende Beurteilung der
sich aus einem Gesundheitsschaden ergebenden funktionellen Leistungsfähigkeit in
der Hauptsache den ärztlichen Fachkräften obliege (Urteil vom 16. März 2017,
9C_646/2016, E. 4.2.2). Stehe eine medizinische Einschätzung der Leistungsfähigkeit
jedoch in offensichtlicher und erheblicher Diskrepanz zu einer Leistung, wie sie
während einer ausführlichen beruflichen Abklärung bei einwandfreiem
Arbeitsverhalten/-einsatz der versicherten Person effektiv realisiert wurde und gemäss
Einschätzung der Berufsfachleute objektiv realisierbar ist, vermöge dies ernsthafte
Zweifel an den ärztlichen Annahmen zu begründen und sei das Einholen einer
klärenden medizinischen Stellungnahme grundsätzlich unabdingbar (Urteile vom
20. November 2013, 8C_142/2013, E. 3.5, vom 15. Dezember 2015, 9C_554/2015,
E. 3.4, vom 25. Juni 2014, 8C_362/2014, E. 5.1.2, vom 27. Juni 2018, 8C_48/2018,
E. 4.3.1, und vom 15. Februar 2019, 9C_534/2018, E. 2.2, mit weiteren Verweisen).
Vorliegend sprechen folgende Faktoren für eine höhere Gewichtung der
gutachterlichen Beurteilung: Das Aufbautraining war im Zeitpunkt der Begutachtung
seit mehr als einem Jahr abgeschlossen. Die Zeit, während der es stattfand, war für
den Beschwerdeführer geprägt durch die nachvollziehbar grosse Belastung durch die
Krankheit seiner Tochter, die aber als invaliditätsfremder psychosozialer Faktor
lediglich teilweise, im Rahmen der Ressourcenbeeinträchtigung, auf die
invalidenversicherungsrechtlich massgebliche Arbeitsfähigkeit durchschlagen kann. Die
Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers war während des Aufbautrainings auch
belastet durch eine vierwöchige Erkältung und einen Wohnungswechsel (IV-act. 65-6).
Zudem war das Arbeitstempo in Abhängigkeit von der Tagesform stark schwankend.
Schliesslich schätzte auch die behandelnde Dr. G._ (Verlaufsbericht vom 4. Januar
2016) die Arbeitsfähigkeit mit 50 % höher ein als die Betreuenden der I._. Im
Weiteren ist auch auf die Schlussbeurteilung des Einsatzprogrammes in der F._ vom
6. November 2014 hinzuweisen, welche ebenfalls von einer höheren Leistungsfähigkeit
des Beschwerdeführers ausging (Fremdakten, act. 1). Die Beurteilung aus dem
Arbeitstraining vermag somit die Einschätzung der Gutachter nicht zu entkräften.
Nach dem Gesagten berücksichtigt das Gutachten die geklagten Beschwerden
und die den Gutachtern vorgelegten Akten und ist in der medizinischen Beurteilung
und Einschätzung der Arbeitsfähigkeit nachvollziehbar und schlüssig, so dass ihm
grundsätzlich Beweiswert zukommt. Indes lagen den Gutachtern nicht alle
medizinischen Akten vor. Es handelt sich dabei um den Abschlussbericht des
Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer des USZ vom 22. Februar 2016 (IV-
act. 121-24 ff.) und um den erst nach der Begutachtung erstellten Bericht von Dr. P._
3.6.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
vom 23. August 2017 (IV-act. 121-29 ff.). Diese wurden der Beschwerdegegnerin erst
im Einwandverfahren vorgelegt. RAD-Arzt Dr. Q._ nahm dazu Stellung, die Berichte
würden an der Beweistauglichkeit des Gutachtens nichts ändern, bezog sich dabei
aber vorrangig auf die Frage, ob sich der Gesundheitszustand nach der Begutachtung
geändert habe (IV-act. 123). Zu den funktionellen Einschränkungen zählt Dr. P._
offenbar auch die beklagten Schmerzen, zu denen sich der psychiatrische Gutachter
nicht äussert. Er attestiert die Arbeitsunfähigkeit von 30 % ausschliesslich aufgrund der
berichteten affektiven und vegetativen Beeinträchtigung, was dazu passt, dass sich
anlässlich der Begutachtung keine auf Schmerz hinweisende Befunde erheben liessen
(IV-act. 97-49, 68 f., 71). Somit sind die von Dr. P._ berichteten Schmerzen nicht
objektiviert und daher nicht geeignet, die gutachterliche Einschätzung in Frage zu
stellen. Der psychiatrische Gutachter hielt sodann fest, der Beschwerdeführer
beschreibe schlüssig Folter- und Misshandlungserleben während Haftzeiten in seiner
Heimat (IV-act. 97-43) und bestätigte die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung. Somit ist anzunehmen, dass er Informationen zu den erlittenen
Vorkommnissen erhob, soweit er diese für die Beurteilung der aktuellen Arbeitsfähigkeit
relevant hielt. Mithin ist auf die gutachterlich attestierte Arbeitsfähigkeit von 70 %
abzustellen.
Nicht ohne Weiteres nachvollziehbar ist hingegen die retrospektive Einschätzung
der Gutachter. Sie führen an, in Anbetracht der berichteten Aktivitäten im Alltag könne
die attestierte Arbeitsfähigkeit auch rückblickend angenommen werden (IV-act. 97-72).
Aus der Anamnese geht jedoch nicht hervor, seit wann der Beschwerdeführer die
beschriebenen Alltagsaktivitäten (wieder) ausübt. Vielmehr gab er bei der
psychiatrischen Begutachtung an, dass es ihm zurzeit besser ergehe, da es seiner
Tochter besser gehe (IV-act.97-44). Bis zum Zeitpunkt der gutachterlichen
Untersuchung ist daher mit den behandelnden Ärzten von einer zusätzlichen
Anpassungsstörung und damit von einer 50 %igen Arbeitsfähigkeit auszugehen.
3.7.
Der Beschwerdeführer übte die letzte Erwerbstätigkeit bei R._ über einen
Personalverleih während rund eines halben Jahres (28. März bis 9. Oktober 2013) aus
(Angaben Arbeitgeberin vom 9. Mai 2014, IV-act. 20). Davor war er in verschiedenen
Temporärstellen tätig und bezog Arbeitslosentaggelder (Auszug aus dem individuelle
Konto [IK], IV-act. 7). Somit sind sowohl das Validen- als auch das Invalideneinkommen
nach dem Hilfsarbeitertabellenlohn gemäss Lohnstrukturerhebung (LSE) des
Bundesamtes für Statistik (BFS) zu bestimmen, was auf einen Prozentvergleich
hinausläuft (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 4. Februar 2015, 9C_888/2014, E. 2).
4.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der Beschwerdeführer benötigt im Wesentlichen einen belastungsarmen und
triggerfreien Arbeitsplatz. Dass die Arbeitsfähigkeit aus medizinischer Sicht nicht bzw.
lediglich an einem geschützten Arbeitsplatz verwertbar wäre, erscheint in Anbetracht
der vom Beschwerdeführer beschriebenen Alltagsaktivitäten indes nicht plausibel.
Sodann werden die Beeinträchtigungen als in der Intensität schwankend beschrieben,
was allerdings in quantitativer Hinsicht in der gutachterlichen
Arbeitsfähigkeitsschätzung von 70 % bereits berücksichtigt ist. Insgesamt ist davon
auszugehen, dass die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers verwertbar ist. Dass die
Leistungsfähigkeit nicht konstant ist, rechtfertigt maximal einen Tabellenlohnabzug von
10 %.
Der Beschwerdeführer war ab 3. Februar 2014 arbeitsunfähig geschrieben (vgl.
IV-act. 39). Das Wartejahr gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b ATSG war somit am 3. Februar
2015 abgelaufen. Bei Anmeldung am 4. März 2014 war zu diesem Zeitpunkt auch die
Frist gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG verstrichen, so dass ein allfälliger Rentenanspruch ab
1. Februar 2015 besteht. Die gutachterlichen Untersuchungen erfolgten im Dezember
2016 und Januar 2017.
4.2.
Für die Zeitdauer ab 1. Februar 2015 bestand bei einer Arbeitsunfähigkeit von
50 % und einem Tabellenlohnabzug von 10 % ein Invaliditätsgrad von 55 %. Der
Beschwerdeführer hat somit ab 1. Februar 2015 befristet Anspruch auf eine halbe
Rente.
4.3.
Auf die rückwirkende Zusprache einer abgestuften und/oder befristeten
Invalidenrente sind die für die Rentenrevision geltenden Normen (Art. 17 ATSG i.V.m.
Art. 88a Verordnung über die Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]) analog
anzuwenden (BGE 121 V 264 E. 6b/dd mit Hinweis, BGE 109 V 125 E. 4a). Wird
rückwirkend eine derartige Rente zugesprochen, sind daher einerseits der Moment des
Rentenbeginns und andererseits der in Anwendung der Dreimonatsfrist von Art. 88a
Abs. 1 IVV festzusetzende Zeitpunkt der Rentenherabsetzung oder -aufhebung die
massgebenden zeitlichen Vergleichsgrössen (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 23.
November 2010, 8C_468/2010, E. 2 sowie vom 25. Mai 2010, 8C_834/2009, E. 2 mit
Hinweis). Ist auf Grund eines Gutachtens überwiegend wahrscheinlich, dass sich der
Gesundheitszustand verbessert hat, nicht aber ersichtlich, in welchem Zeitpunkt diese
Besserung stattgefunden hat, so kann es sich jedoch rechtfertigen, die Rente bereits
auf den Zeitpunkt der vorliegend im Dezember 2016 erfolgten Begutachtung hin
herabzusetzen oder aufzuheben (Urteile des Bundesgerichts vom 16. Mai 2019,
9C_687/2018, E. 2, und vom 10. Februar 2012, 8C_670/2011, E. 5.1 mit Hinweisen).
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Somit hat der Beschwerdeführer ab 1. Januar 2017 bei einem Invaliditätsgrad von
37 % (100 % - [0,9 x 70 %]) keinen Rentenanspruch mehr.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen. Der
Beschwerdeführer hat mit Wirkung vom 1. Februar 2015 bis 31. Dezember 2016
befristet Anspruch auf eine halbe Rente. Die Sache ist zur Festsetzung und Ausrichtung
der geschuldeten Leistungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Bei der
Ausrichtung der Rentenleistungen wird die Beschwerdegegnerin zu beachten haben,
dass der Beschwerdeführer während der Dauer vom 11. Mai bis 10. November 2015
IV-Taggeldleistungen bezog (Verfügung vom 12. Juni 2015, IV-act. 50). Dies führt -
unter Vorbehalt von Art. 20 IVV - dazu, dass für die IV-Taggeldperiode keine
Rentenleistungen geschuldet sind bzw. der Rentenanspruch unterbrochen wird (Art. 29
Abs. 2 IVG; U. Meyer/M. Reichmuth, Rechtsprechung des Bundesgerichts zum
Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die Invalidenversicherung [IVG], 3. Aufl.,
Zürich 2014, N 11 f. zu Art. 29, S. 411).
5.1.
ter
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1‘000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. In
Berücksichtigung der verbleibenden Aktivitätsdauer des Beschwerdeführers und der
Tatsache, dass er die Verfügung der Beschwerdegegnerin anfechten musste, um
rechtmässig behandelt zu werden, ist von einem Obsiegen zu einem Drittel
auszugehen. Entsprechend bezahlt die Beschwerdegegnerin die Gerichtsgebühr im
Umfang von Fr. 200.-- und der Beschwerdeführer im Betrag von Fr. 400.--. Der
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist dem Beschwerdeführer im Umfang von
Fr. 400.-- daran anzurechnen und im Umfang von Fr. 200.-- zurückzuerstatten.
5.2.
bis
Die obsiegende beschwerdeführende Partei hat Anspruch auf Ersatz der
Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und
ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat am 9. November 2018 eine Honorarnote
über Fr. 5'516.40 (inklusive pauschale Barauslagen und Mehrwertsteuer) eingereicht. In
durchschnittlich aufwändigen Fällen wird praxisgemäss eine Parteientschädigung von
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte