Decision ID: a699e54f-8611-56a2-881f-65f5ad2ed49a
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis für Fahrzeuge der Kategorie B seit dem 20. Mai 1975.
Er unterzog sich am 23. Dezember 2019 einer periodischen verkehrsmedizinischen
Kontrolluntersuchung. Der Hausarzt stellte im Bericht zuhanden des Strassenverkehrs-
und Schifffahrtsamt fest, X leide an einer koronaren Herzerkrankung. Zudem bestehe
der Verdacht auf einen erhöhten Alkoholkonsum. Wegen des unklaren Ergebnisses
empfahl der Hausarzt eine Untersuchung bei einem Arzt der Stufe 4. Aufgrund dieser
Mitteilung ordnete das Strassenverkehrsamt mit Zwischenverfügung vom 29. Januar
2020 eine verkehrsmedizinische Untersuchung an.
B.- Am 5. Mai 2020 liess sich X beim Institut für Rechtsmedizin (IRM) am Kantonsspital
St. Gallen verkehrsmedizinisch untersuchen. Der Facharzt für Rechtsmedizin kam im
Gutachten vom 29. Mai 2020 zum Schluss, aus verkehrsmedizinischer Sicht könne die
Fahreignung wegen eines verkehrsrelevanten missbräuchlichen
Alkoholkonsumverhaltens nicht befürwortet werden. Er empfahl eine mindestens
sechsmonatige ärztlich kontrollierte Alkoholabstinenz und die regelmässige
Behandlung der koronaren Herzkrankheit. Gestützt darauf entzog das
Strassenverkehrsamt den Führerausweis am 2. Juni 2020 vorerst vorsorglich ab sofort
und mit Verfügung vom 30. Juni 2020 definitiv auf unbestimmte Zeit (Ziffern 1 und 2
des Rechtsspruchs). Die Wiedererteilung des Führerausweises machte es von der
Einhaltung einer mindestens sechsmonatigen Alkoholabstinenz, regelmässigen
ärztlichen Kontrollen hinsichtlich der koronaren Herzerkrankung und einer
verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchung mit Haaranalyse abhängig (Ziff. 3). Einem
allfälligen Rekurs wurde die aufschiebende Wirkung entzogen (Ziff. 4). Zudem wurde X
zur Bezahlung der Verfahrenskosten von Fr. 400.– verpflichtet (Ziff. 5).
C.- Mit Eingabe vom 13. Juli 2020 erhob X durch seinen Rechtsvertreter Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK). Er beantragte, die
Verfügung des Strassenverkehrsamts vom 30. Juni 2020 sei kostenfällig aufzuheben,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dem Rekurs sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen, eventualiter sei die Verfügung
teilweise aufzuheben und ihm das Führen von Motorfahrzeugen der Kategorien M
(Motorfahrräder) und G (Landwirtschaftsfahrzeuge) zu erlauben, subeventualiter sei die
aufschiebende Wirkung für das Führen von Fahrzeugen der Kategorien M und G zu
gewähren. Am 18. August 2020 reichte X eine Rekursergänzung ein. Das
Strassenverkehrsamt liess sich am 27. August 2020 zum Rekurs vernehmen und
beantragte dessen Abweisung. Am 31. August 2020 wies der Verfahrensleiter das
Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ab (ZV-2020/50). Auf die
Ausführungen der Verfahrensbeteiligten wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sach-
entscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom
13. Juli 2020 ist rechtzeitig eingereicht worden. Er erfüllt zusammen mit der
Rekursergänzung vom 18. August 2020 in formeller und inhaltlicher Hinsicht die
gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP).
2.- Die Vorinstanz begründete ihre Verfügung sehr kurz, weshalb von Amtes wegen zu
prüfen ist, ob der in Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung (SR 101, abgekürzt: BV)
verankerte Anspruch des Rekurrenten auf rechtliches Gehör verletzt wurde. Dieser
umfasst das Recht des Privaten, in einem vor einer Verwaltungs- oder Justizbehörde
geführten Verfahren mit seinen Begehren angehört zu werden, Einblick in die Akten zu
erhalten und zu den für die Entscheidfindung wesentlichen Punkten vorgängig Stellung
nehmen zu können (vgl. G. Steinmann, St. Galler Kommentar, 3. Aufl. 2014, Art. 29 BV
N 49). Daraus ergibt sich namentlich die Pflicht der Behörde, die ein Gutachten zu
würdigen hat, d.h. die Gründe darzulegen, weshalb eine Tatsache oder ein
Tatsachenkomplex oder eine gutachterliche Schlussfolgerung als richtig erachtet wird
oder nicht. Eine Auseinandersetzung in allen Einzelheiten ist nicht notwendig, aber es
muss immerhin dargelegt werden, aus welchen Gründen ein Gutachten – durch
Verständnis in seinen wesentlichen Zügen – als richtig und schlüssig erachtet wird. Die
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"Würdigung" eines Gutachtens durch Leerformeln stellt eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs dar (vgl. Urteil des Bundesgerichts [BGer] 5A_663/2015 vom 7. März 2016
E. 3.1). Letztlich verfügt das Strassenverkehrsamt – und nicht der verkehrsmedizinische
Gutachter – die erforderlichen Administrativmassnahmen.
Die Vorinstanz stützte die Verfügung vom 30. Juni 2020 auf das verkehrsmedizinische
Gutachten vom 29. Mai 2020. Sie erwog, das Gutachten zeige keine offensichtlichen
Mängel, welche die Richtigkeit und Schlüssigkeit in Frage zu stellen vermöchten. Es
erscheine schlüssig und sei nachvollziehbar begründet worden. Es zeigten sich zudem
keine Indizien, welche gegen dessen Zuverlässigkeit sprächen. Aufgrund dieses
Gutachtens stehe fest, dass der Rekurrent zum heutigen Zeitpunkt wegen der
festgestellten und nicht hinreichend überwundenen Alkoholproblematik ein besonderes
Risiko im Strassenverkehr darstelle, wenn er zum Verkehr zugelassen würde. Dies gelte
es nun im Interesse der Verkehrssicherheit zu vermeiden.
Inhaltlich setzte sich die Vorinstanz nicht mit dem Gutachten auseinander. Aus deren
allgemeinen Formulierungen lässt sich nicht erkennen, weshalb sie das Gutachten als
richtig und schlüssig erachtete. Die Vorinstanz machte keinerlei Ausführungen zu den
Erkenntnissen des Gutachters, sondern hielt schriftlich nur die Schlussfolgerung fest,
die ohne inhaltliche Auseinandersetzung mit der Expertise einer Leerformel
gleichkommt und insbesondere nichts darüber aussagt, weshalb das Gutachten
überzeugend und nachvollziehbar ist. Damit verletzte die Vorinstanz den Anspruch des
Rekurrenten auf rechtliches Gehör. Dieser Verfahrensfehler wiegt nicht leicht, zumal die
Wiedererteilung des Führerausweises unter anderem von einer verkehrsmedizinischen
Kontrolluntersuchung abhängig gemacht wurde, was mit erheblichen Kosten
verbunden ist. Auf die Rückweisung der Angelegenheit an die Vorinstanz zu neuer
Verfügung ist jedoch zu verzichten, da die Gehörsverletzung in diesem Rekursverfahren
geheilt werden kann. Das Gericht verfügt über volle Überprüfungsbefugnis (Art. 46
Abs. 1 VRP). Der Umstand, dass die Vorinstanz das rechtliche Gehör des Rekurrenten
verletzte, ist bei der Kostenverlegung zu berücksichtigen.
3.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht einen Sicherungsentzug auf
unbestimmte Zeit verfügt hat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
a) Motorfahrzeugführer müssen über Fahreignung und Fahrkompetenz verfügen (Art. 14
Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG). Über Fahreignung
verfügt, wer das Mindestalter erreicht hat (Art. 14 Abs. 2 lit. a SVG), die erforderliche
körperliche und psychische Leistungsfähigkeit zum sicheren Führen von
Motorfahrzeugen hat (lit. b), frei von einer Sucht ist, die das sichere Führen von
Motorfahrzeugen beeinträchtigt (lit. c), und nach seinem bisherigen Verhalten Gewähr
bietet, als Motorfahrzeugführer die Vorschriften zu beachten und auf die Mitmenschen
Rücksicht zu nehmen (lit. d). Über Fahrkompetenz verfügt, wer die Verkehrsregeln
kennt (Art. 14 Abs. 3 lit. a SVG) und Fahrzeuge der Kategorie, für die der Ausweis gilt,
sicher führen kann (lit. b). Ausweise und Bewilligungen sind zu entziehen, wenn
festgestellt wird, dass die gesetzlichen Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht
mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1, 1. Halbsatz SVG). Wegen fehlender Fahreignung wird
einer Person der Führerausweis auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn ihre körperliche
und geistige Leistungsfähigkeit nicht oder nicht mehr ausreicht, ein Motorfahrzeug
sicher zu führen (Art. 16d Abs. 1 lit. a SVG), sie an einer Sucht leidet, welche die
Fahreignung ausschliesst (lit. b) oder sie auf Grund ihres bisherigen Verhaltens nicht
Gewähr bietet, dass sie künftig beim Führen eines Motorfahrzeugs die Vorschriften
beachten und auf die Mitmenschen Rücksicht nehmen wird (lit. c). Auf eine
Alkoholsucht wird geschlossen, wenn der Betroffene nicht mehr in der Lage ist,
Alkoholkonsum und Strassenverkehr ausreichend zu trennen, oder wenn die nahe
liegende Gefahr besteht, dass er im akuten Rauschzustand am motorisierten
Strassenverkehr teilnimmt. Der Suchtbegriff des Verkehrsrechts deckt sich somit nicht
mit dem medizinischen Begriff der Alkoholabhängigkeit. Auch bloss suchtgefährdete
Personen, bei denen aber jedenfalls ein Alkoholmissbrauch vorliegt, können demnach
vom Führen eines Motorfahrzeugs ferngehalten werden (Ph. Weissenberger,
Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 16d SVG N 28).
b) Gemäss Art. 15d Abs. 1 lit. e SVG wird eine Person einer Fahreignungsuntersuchung
unterzogen, wenn Zweifel an deren Fahreignung bestehen, namentlich bei Meldung
eines Arztes, dass eine Person wegen einer körperlichen oder psychischen Krankheit,
wegen eines Gebrechens oder wegen einer Sucht Motorfahrzeuge nicht sicher führen
kann. Die ärztliche Einschätzung wird in Form eines Gutachtens mitgeteilt. Dieses muss
nachvollziehbar, belegt und begründet sein (Weissenberger, a.a.O., Art. 15d SVG N 9).
Für dessen Beweiswert ist entscheidend, ob es auf umfassenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verkehrsmedizinischen Abklärungen beruht, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben wurde, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten auf
einer schlüssigen, nachvollziehbaren und in sich geschlossenen Begründung beruhen
(BGer 1C_7/2017 vom 10. Mai 2017 E. 3.5 mit Hinweis auf BGE 125 V 351 E. 3a).
Verkehrsmedizinische Untersuchungen dürfen nur unter der Verantwortung von
anerkannten Ärzten durchgeführt werden, wobei die kantonale Behörde Ärzte für
Untersuchungen nach vier Stufen anerkennt. Ärzte der Stufe 4 dürfen alle
verkehrsmedizinischen Untersuchungen und Gutachten zur Fahreignung und
Fahrfähigkeit durchführen (vgl. Art. 5a Abs. 1 und Art. 5a der
Verkehrszulassungsverordnung [SR 741.51, abgekürzt: VZV]).
Wie jedes Beweismittel unterliegen Gutachten der freien richterlichen
Beweiswürdigung. In Sachfragen weicht das Gericht aber nur aus triftigen Gründen von
einer gerichtlichen Expertise ab. Die Beweiswürdigung und die Beantwortung der sich
stellenden Rechtsfragen ist Aufgabe des Gerichts. Dieses hat zu prüfen, ob sich auf
Grund der übrigen Beweismittel und der Vorbringen der Parteien ernsthafte Einwände
gegen die Schlüssigkeit der gutachterlichen Darlegungen aufdrängen. Erscheint ihm
die Schlüssigkeit eines Gutachtens in wesentlichen Punkten zweifelhaft, hat es
nötigenfalls ergänzende Beweise zur Klärung dieser Zweifel zu erheben. Das Abstellen
auf eine nicht schlüssige Expertise oder der Verzicht auf die gebotenen zusätzlichen
Beweiserhebungen kann gegen das aus Art. 9 BV abgeleitete Verbot willkürlicher
Beweiswürdigung verstossen (BGer 1C_101/2015 vom 8. Juli 2015 E. 4.3 mit
Hinweisen auf die Rechtsprechung).
c) Die Vorinstanz stützte die angefochtene Verfügung auf die für den Rekurrenten
belastend ausgefallenen Ergebnisse der verkehrsmedizinischen Untersuchung, wobei
sie auf die Ausführungen des Gutachters nicht weiter einging (vgl. vorne E. 2).
Der Rekurrent machte geltend, der Gutachter habe im Bericht unter anderem
festgestellt, dass die Ergebnisse der hausärztlichen Untersuchung vom 4. März 2020
keine Überschreitung der alkoholrelevanten Blutparameter gezeigt hätten. Selbst die
anlässlich der hausärztlichen Untersuchung vom 23. Dezember 2019 gemessenen
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Werte habe der Gutachter als erhöht oder leicht erhöht bezeichnet. Vollkommen
widersprüchlich dazu erschienen die Ergebnisse der Haaranalyse. Der Gutachter habe
diesen Widerspruch nicht aufgelöst und auf eine weitere Analyse zur Beseitigung dieser
Unklarheit verzichtet. Immerhin sei festgestellt worden, dass sich keine Hinweise auf
eine Alkoholabhängigkeit ergeben hätten. Somit stehe fest, dass das
verkehrsmedizinische Gutachten weder eine gültige Aussage zu einer
Alkoholabhängigkeit noch zu einer anderen medizinischen Krankheit enthalte, weshalb
sich die von der Vorinstanz angeordnete drastische Massnahme nicht rechtfertigen
lasse. Sodann habe der behandelnde Arzt am 8. August 2020 ein ärztliches Zeugnis
ausgestellt, in welchem das Ergebnis vom 4. März 2020 bestätigt worden sei. Gemäss
der klinischen Untersuchung vom 3. August 2020 hätten sich die alkoholspezifischen
Werte vollständig normalisiert. Im Weiteren habe ihm (dem Rekurrenten) der
Gemeindepräsident im Leumundszeugnis vom 29. Juli 2020 ein
verantwortungsbewusstes Handeln bestätigt. Die Vorinstanz habe es unterlassen,
seine Trinkgewohnheiten in einen Zusammenhang mit dem Führen eines Fahrzeugs zu
bringen. Vielmehr sei pauschal und abstrakt davon ausgegangen worden, dass er den
Konsum von Alkohol und das Führen eines Fahrzeugs nicht zu trennen vermöge. Die
Vorinstanz habe nicht gewürdigt, dass die alkoholrelevanten Werte spätestens seit
März 2020 im unauffälligen Bereich lägen. Sie habe keine verhältnismässige
Massnahme angeordnet, sondern den Führerausweis undifferenziert auf unbestimmte
Zeit entzogen und die Wiedererteilung des Führerausweises an rigorose, der Situation
nicht angemessene Bedingungen geknüpft. Insbesondere habe sie auch nicht
berücksichtigt, dass er als Landwirt, der weit abseits des öffentlichen Verkehrs eine
Bergliegenschaft bewirtschafte, durch das Verbot, (auch) landwirtschaftliche oder
leistungsschwächere Fahrzeuge und sogar Motorfahrräder zu lenken, wesentlich härter
getroffen werde als jemand, der in unmittelbarer Nähe zum öffentlichen Verkehr wohne.
d) aa) Die verkehrsmedizinische Untersuchung vom 5. Mai 2020 wurde von einem
Facharzt für Rechtsmedizin unter der Verantwortung des Leiters des Fachbereichs
Verkehrsmedizin am IRM St. Gallen durchgeführt. Letzterer wurde von der Vereinigung
der Strassenverkehrsämter (asa) und der Schweizerischen Gesellschaft für
Rechtsmedizin (SGRM), Sektion Verkehrsmedizin, als Arzt der Stufe 4 gemäss Art. 5a
Abs. 1 lit. d VZV anerkannt (vgl. www.medtraffic.ch). Der Gutachter stützte sich auf die
ihm zur Verfügung gestellten Akten, das Zeugnis des Hausarztes vom 20. März 2020,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den forensisch-toxikologischen Untersuchungsbericht des IRM vom 19. Mai 2020 und
auf die verkehrsmedizinische Untersuchung vom 5. Mai 2020. Letztere umfasste eine
Befragung des Rekurrenten zu seinem Gesundheitszustand, seiner Lebenssituation,
seiner Fahrpraxis und seinem Alkoholkonsumverhalten, eine körperliche Untersuchung
und ein Urinscreening auf gängige Drogen und Arzneimittel. Zur Überprüfung der
kognitiven Leistungsfähigkeit wurden zudem folgende Tests durchgeführt: Mini-Mental-
Status-Test (MMST), Uhren-Test und Trail-Making-Test (TMT). Dabei handelt es sich
um in der Verkehrsmedizin und -psychologie anerkannte testpsychologische
Instrumente (vgl. BGE 144 III 264 E. 5.5; U.P. Mosimann et al.,
Konsensusempfehlungen zur Beurteilung der medizinischen Mindestanforderungen für
Fahreignung bei kognitiver Beeinträchtigung, in: Praxis 2012, 101 [7], S. 460).
Hinsichtlich der kognitiven Leistungsfähigkeit stellte der Gutachter fest, die Ergebnisse
des MMST und des Uhren-Tests hätten auf keine Einschränkungen schliessen lassen.
Hingegen sei der Teil A des TMT auffällig verlaufen, und zwar mit einer deutlichen
Zeitüberschreitung. Bei einer Referenzzeit von 50 Sekunden (+/- 16 Sekunden) habe
der Rekurrent 105 Sekunden benötigt. Der Teil B dieses Tests habe nicht durchgeführt
werden können, weil der Rekurrent das Alphabet nicht beherrsche. Aufgrund dieser
Befunde dränge sich noch keine weitere neuropsychologische Abklärung auf. Jedoch
rechtfertige sich wegen des Verdachts auf verkehrsmedizinisch relevante kognitive
Einschränkungen "bei einer verkehrsmedizinischen Fahreignungs-Neubeurteilung die
Evaluation einer Kontrollfahrt."
Zum Alkoholkonsum führte der Gutachter aus, die am 4. März 2020 vom Hausarzt
gemessenen alkoholrelevanten Blutparameter hätten unauffällige Werte für CDT
(Carbohydrate Deficient Transferrin), GGT (Gamma-Glutamyltransferase), GOT
(Glutamat-Oxala-cetat-Transaminase) und für das MCV (mittleres korpuskuläre
Erythrozytenvolumen) ergeben. Gemäss der hausärztlichen Abklärung seien diese
Werte Mitte Dezember 2019 jedoch erhöht bzw. leicht erhöht gewesen. Der Rekurrent
habe anlässlich der verkehrsmedizinischen Begutachtung von einem täglichen
Alkoholkonsum von ungefähr einem Liter Bier berichtet, der im Vergleich zu früher
jedoch geringer geworden sei. Diese Trinkangaben liessen bereits auf einen
übermässigen Alkoholkonsum schliessen, welcher aus verkehrsmedizinischer Sicht
zumindest als missbräuchlich bezeichnet werden müsse. So werde ein Alkoholkonsum
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bei Männern nur dann als risikoarm bezeichnet, wenn an fünf Tagen pro Woche nicht
mehr als zwei Standardeinheiten (eine Standardeinheit sind entweder 3 dl Bier, 1 dl
Wein oder 2 cl Schnaps) täglich getrunken würden und an zwei Tagen pro Woche ganz
auf Alkohol verzichtet werde. Die im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum
durchgeführte Haaranalyse auf EtG (Ethylglucuronid) habe für den Zeitraum von ca.
November 2019 bis ca. Mai 2020 einen EtG-Wert von über 100 pg/mg ergeben. Ein
Wert von mehr als 30 pg/mg spreche für einen übermässigen Alkoholkonsum im
untersuchten Zeitraum. Somit müsse beim Rekurrenten von einem erheblichen
missbräuchlichen Alkoholkonsum ausgegangen werden, der sogar die angegebene
Trinkmenge zweifelhaft erscheinen lasse und überdies verkehrsrelevant sei.
bb) Der Hausarzt nahm am 8. August 2020 ein weiteres Mal zum Konsumverhalten des
Rekurrenten Stellung. Er habe am 23. Dezember 2019 im Rahmen der
Fahrtauglichkeitsuntersuchung den Verdacht auf einen deutlich erhöhten
Alkoholkonsum geäussert und eine verkehrsmedizinische Abklärung der Stufe 4
veranlasst. Grund dafür seien anamnestische Angaben eines erhöhten Alkoholkonsums
sowie deutlich erhöhte Leberwerte gewesen. Aufgrund dessen habe sich der Rekurrent
zu einer vollständigen Alkoholabstinenz entschlossen. Die im Jahr 2020 erhobenen
Werte bestätigten die Aussagen des Rekurrenten. Die Leberwerte hätten sich
durchgehend normalisiert und seien anlässlich der Untersuchungen vom 4. März,
17. Juni und 3. August 2020 im Normbereich gelegen. Aufgrund der Normalisierung
aller Werte erachte er die Aussage des Rekurrenten, seit Monaten vollständig auf
Alkohol zu verzichten, für korrekt. Zudem hätten sich in der klinischen Untersuchung
vom 3. August 2020 keine direkten Hinweise auf einen fortgesetzten Alkoholkonsum
ergeben. Zu den pathologisch ausgefallenen kognitiven Leistungstests TMT A und B
könne er sich nicht äussern.
e) aa) Die Feststellungen des Gutachters zur kognitiven Leistungsfähigkeit wurden vom
Rekurrenten nicht substanziert bestritten. Sie waren denn auch nicht ausschlaggebend
für die Verneinung der Fahreignung. Vielmehr empfahl der Gutachter, die
Notwendigkeit einer Kontrollfahrt im Rahmen einer späteren verkehrsmedizinischen
Untersuchung zu prüfen. Darauf ist nicht weiter einzugehen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bb) Die wesentlichen Kritikpunkte des Rekurrenten betrafen die aus seiner Sicht
widersprüchlichen Resultate der Blutuntersuchungen und der Haaranalyse. Letztere
wird vom Bundesgericht als geeignetes Mittel sowohl zum Nachweis eines
übermässigen Alkoholkonsums als auch der Einhaltung einer Abstinenzverpflichtung
anerkannt. Biochemische Analyseresultate von Haarproben zum Trinkalkohol-
Stoffwechselprodukt EtG erlauben objektive Rückschlüsse auf den Alkoholkonsum
eines Probanden während einer bestimmten Zeit. Die Haaranalyse gibt direkten
Aufschluss über den Alkoholkonsum. Nach dem Alkoholgenuss wird das Abbauprodukt
EtG im Haar eingelagert und erlaubt über ein grösseres Zeitfenster (als bei einer
Blutuntersuchung) Aussagen über den erfolgten Konsum. Die festgestellte EtG-
Konzentration korreliert mit der aufgenommenen Menge an Trinkalkohol. Aufgrund des
Kopfhaarlängenwachstums von rund einem Zentimeter pro Monat lassen sich
Aussagen über den Alkoholkonsum während der entsprechenden Zeit vor der
Haarentnahme machen. EtG-Werte ab 7 pg/mg, aber unterhalb von 30 pg/mg
sprechen für einen moderaten, darüber liegende Werte (> 30 pg/mg) für einen
übermässigen Alkoholkonsum (vgl. BGer 1C_701/2017 vom 14. Mai 2018 E. 2.3.1 mit
Hinweisen). Im Gegensatz zu den Blutkontrollen, kommt der forensisch-toxikologischen
Haaranalytik Beweiskraft zu. Sie ist deshalb in der Begutachtung von
Suchtmittelproblemen mittlerweile zum Standard geworden (vgl. B. Liniger, Alkohol-,
Drogen- und Medikamenten-Problematik: Verkehrsmedizinische Auflagen im Wandel,
in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2020, S. 197 f.).
cc) Dem Rekurrenten wurde am 5. Mai 2020 eine Haarprobe von 5 cm ab Kopfhaut
genommen. Somit ist aufgrund des gemessenen EtG-Werts von mehr als 100 pg/mg
von einem übermässigen Alkoholkonsum in den fünf Monaten vor der Probenahme
(Anfang Dezember 2019 bis Ende April 2020) auszugehen (vgl. SGRM, Arbeitsgruppe
Haaranalytik, Bestimmung von Ethylglucuronid [EtG] in Haarproben, Version 2017,
S. 8). Wie im Untersuchungsbericht festgehalten sind jedoch Aussagen über die
zeitliche Verteilung der Konsumereignisse oder die Dosen nicht möglich (act. 12/23);
dies ginge dann, wenn die Haare in kleinste Segmente aufgeteilt würden, was
technisch zwar möglich, aber sehr teuer wäre. Ein täglicher sehr hoher Alkoholkonsum
zwischen Ende November 2019 und Ende April 2020 ist daher ebenso denkbar wie ein
noch höherer Alkoholkonsum mit Phasen ohne Alkoholkonsum. Je länger die
abstinenten Phasen jedoch gedauert haben, desto mehr Alkohol muss in der anderen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zeit getrunken worden sein, um den gleichen EtG-Wert zu erreichen wie bei einem
permanenten, hinsichtlich der Menge gleichbleibenden Trinkverhalten. Entgegen den
Ausführungen im Rekurs steht das Ergebnis der Haaranalyse nicht im Widerspruch zu
den vom Hausarzt dokumentierten Laborwerten (act. 8/7), namentlich nicht zu den am
4. März 2020 gemessenen. Diese Werte haben Normalisierungsdauern von einer bis
ungefähr fünf Wochen; einzig die Rückbildung des MCV kann vier bis zwölf Wochen
dauern (vgl. Soyka/Küfner, Alkoholismus – Missbrauch und Abhängigkeit, 6. Aufl. 2008,
S. 294 f.). Folglich kann eine frühzeitige Reduktion des Konsums oder gar eine
vollständige Abstinenz vor dem ärztlichen Untersuch die Leberwerte positiv verändern.
Der Rekurrent scheint dazu in der Lage zu sein; gemäss Gutachten ergaben sich
jedenfalls keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine Alkoholabhängigkeit (act. 12/20).
Die Feststellung des Gutachters, beim Rekurrenten sei von ca. November 2019 bis ca.
Mai 2020" von einem erheblichen, missbräuchlichen Alkoholüberkonsum auszugehen"
erscheint vor diesem Hintergrund plausibel; eine weitere Analyse der Leberwerte
erübrigte sich. Zu prüfen bleibt die gutachterliche Schlussfolgerung, das
missbräuchliche Konsumverhalten sei verkehrsrelevant.
dd) Wer einen Lernfahr-, Führerausweis oder eine Bewilligung zum berufsmässigen
Personentransport erwerben will, muss die medizinischen Mindestanforderungen nach
Anhang 1 der VZV erfüllen (Art. 7 Abs.1 VZV). Gemäss Ziffer 3 dieses Anhangs darf
keine Abhängigkeit von Alkohol, Betäubungsmitteln oder psychotrop wirksamen
Medikamenten vorliegen; ebenso kein verkehrsrelevanter Missbrauch dieser
Substanzen. Mit der Einführung des Begriffs des verkehrsrelevanten Missbrauchs bei
den medizinischen Mindestanforderungen in der VZV einigten sich die Mitglieder der
Sektion Verkehrsmedizin der SGRM im Jahr 2018 auf eine alle Substanzen umfassende
Definition des verkehrsrelevanten Missbrauchs. Danach handelt es sich um ein
Substanzkonsumverhalten, aus dem sich ein erhöhtes Risiko für ein Fahren in nicht
fahrfähigem Zustand herleiten lässt (vgl. Wick/Keller, Alkohol im Strassenverkehr –
Anordnung einer Fahreignungsuntersuchung, in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht
2019, S. 238; SGRM, Sektion Verkehrsmedizin, Fahreignung und Alkohol,
Betäubungsmittel und psychotrop wirksame Medikamente, verkehrsmedizinische
Untersuchung und Beurteilung [nachfolgend: Fahreignung], April 2018, Ziff. 2.6.4.1, im
Internet abrufbar unter: www.sgrm.ch/inhalte/Verkehrsmedizin; siehe auch Leitfaden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fahreignung der Vereinigung der Strassenverkehrsämter [asa], 27. November 2020,
S. 9, im Internet abrufbar unter: www.astra2.admin.ch/media).
Für die Beantwortung der Frage, ob für einen bestimmten Fahrzeuglenker ein erhöhtes
Risiko besteht, sich in einem fahrunfähigen Zustand hinter das Steuer eines
Motorfahrzeugs zu setzen, sind die konkreten Umstände des Einzelfalls massgebend.
Auch wenn dem Ergebnis der Haaranalyse aufgrund der Zuverlässigkeit der Methode
eine erhebliche Bedeutung zukommt und der festgestellte hohe EtG-Wert von mehr als
100 pg/mg nach der Praxis des Bundesgerichts ein schwerwiegendes Indiz für einen
verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauch mit Suchtgefährdung im Sinne von Art. 16d
Abs. 1 lit. b SVG begründet (BGer 1C_128/2020 vom 29. September 2020 E. 2.2 mit
Hinweis auf 1C_243/2010 vom 10. Dezember 2010 E. 2.7), wäre ein Schematismus
unzulässig, beispielsweise ab einem EtG-Wert von 30 pg/mg ohne Berücksichtigung
der übrigen Umstände von einem verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauch auszugehen.
Ein Risiko ist dann erhöht, wenn es überdurchschnittlich ist, das heisst, die
Wahrscheinlichkeit einer Fahrt in einem nicht fahrfähigen Zustand mehr als 50 Prozent
beträgt. Davon geht der verkehrsmedizinische Gutachter offensichtlich aus, und zwar
mit Hinweis auf den gemessenen extrem hohen EtG-Wert in den Haaren und den
anerkannten hohen täglichen Alkoholkonsum von einem Liter Bier. Die Angaben des
Betroffenen sind im Rahmen der Risikoanalyse ebenso zu würdigen wie die Aussagen
zum Gesundheitszustand, zur Lebenssituation und zur Fahrpraxis. Vorliegend
vermögen diese den sehr hohen Wert der EtG-Messung nicht zu erklären (act. 12/19 f.).
Es ist deshalb davon auszugehen, dass der Rekurrent seinen Alkoholkonsum
bagatellisiert. Dies lässt ernsthafte Zweifel aufkommen, ob er in der Lage ist, seinen
Alkoholkonsum realistisch einzuschätzen. Der Hausarzt war sich diesbezüglich auch
nicht sicher. Anders lässt sich nicht erklären, dass er im Bericht vom 23. Dezember
2019 eine Untersuchung beim IRM wegen des Verdachts auf einen verkehrsrelevanten
erhöhten Alkoholkonsum empfahl (act. 12/3); dies, nachdem er Blutwerte festgestellt
hatte, die er in Verbindung mit einem möglicherweise erhöhten Alkoholkonsum
gebracht hatte (act. 12/3) Es trifft zwar zu, dass sich der Rekurrent nicht wegen einer
Trunkenheitsfahrt hat verkehrsmedizinisch untersuchen lassen müssen. Ein
Sicherungsentzug gemäss Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG setzt jedoch nicht eine
schuldhafte Widerhandlung – und damit insbesondere keine Trunkenheitsfahrt – voraus
(BGE 133 II 331 E. 9.1). Dass das Verhältnis zum Alkohol problematisch sein könnte,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
geht schliesslich auch daraus hervor, dass der Rekurrent gemäss eigenen Angaben
seit März 2020 keinen Alkohol mehr getrunken habe, wenn er ein Fahrzeug gelenkt
habe, weil man nie wisse, wann man in eine Polizeikontrolle gerate (act. 12/15). Wenn
er sich angesichts seiner Vorgeschichte zu dieser Verhaltensänderung erst während
des Sicherungsentzugsverfahrens hat durchringen können, ist dies nicht leicht
verständlich, denn gemäss eigener Darstellung habe er den Führerausweis wegen einer
Trunkenheitsfahrt bereits 1987 für drei Monate abgeben müssen (act. 12/15).
Insgesamt lassen diese Umstände auf ein erhöhtes Risiko für ein Fahren in nicht
fahrfähigem Zustand schliessen, weshalb die gutachterliche Schlussfolgerung auf
einen verkehrsrelevanten Alkoholmissbrauch im Ergebnis als schlüssig erscheint. Liegt
ein solcher im Begutachtungszeitpunkt vor, kann die Fahreignung aus
verkehrsmedizinischer (SGRM, Fahreignung, Ziff. 2.6.4.1) und letztlich auch aus
rechtlicher Sicht nicht bejaht werden. Daran ändert auch das positiv lautende
Leumundszeugnis des Gemeindepräsidenten nichts. Es spricht zwar für den
Rekurrenten, vermag aber die Annahme eines verkehrsrelevanten missbräuchlichen
Alkoholkonsums aufgrund der Beweislage nicht zu entkräften.
f) Somit erweist sich der Sicherungsentzug nach Art. 16d Abs. 1 lit. b SVG als
rechtmässig. Die Fahrberechtigungen für Fahrzeuge der Kategorien M und G von
dieser Massnahme auszunehmen, wie im Eventualantrag gefordert wurde, ist nicht
möglich. Zwar wird der Umfang des Ausweisentzugs im Strassenverkehrsgesetz nicht
geregelt. Gemäss der Rechtsprechung umfasst der Sicherungsentzug des
Führerausweises aber grundsätzlich sämtliche Motorfahrzeugkategorien; insbesondere
auch die Spezialkategorien G und M, obwohl diese in Art. 33 Abs. 1 VZV nicht
aufgeführt sind. Andernfalls würde der Zweck des Sicherungsentzugs, andere
Verkehrsteilnehmer vor nicht fahrgeeigneten Fahrzeuglenkern zu schützen, vereitelt.
Einzig aus medizinischen oder gewerbepolizeilichen Gründen können einzelne
Kategorien, in der Regel die Sonderkategorien M und G, von der Massnahme
ausgenommen werden (vgl. C. mizel, Droit et pratique illustrée du retrait du permis de
conduire, Bern 2015, S. 553; H. Giger, OFK-SVG, 8. Aufl. 2014, Art. 16 N 27 f.;
Rütsche/Weber, Theorie und Praxis des Führerausweisentzugs, in: Probst/Werro
[Hrsg.], Strassenverkehrstagung 2012, S. 169, mit Hinweis auf BGE 128 II 173 E. 3a;
R. Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrechts, Band III: Die
Administrativmassnahmen, Bern 1995, S. 142 f.). Solche Gründe liegen hier nicht vor.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sodann erweist sich die Massnahme auch als verhältnismässig. Nach einer
sechsmonatigen Alkoholabstinenz und positiv ausgefallener verkehrsmedizinischer
Kontrolluntersuchung kann der Rekurrent um Wiedererteilung des Führerausweises
ersuchen. Diese Bedingungen für die Wiedererteilung entsprechen gängiger Praxis und
sind angemessen. Falls der Rekurrent die Abstinenz eingehalten hat, dürfte er die
zeitlichen Voraussetzungen für die Wiedererteilung des Führerausweises schon länger
erfüllen. Das Vorbringen des Rekurrenten, wegen des weit abgelegenen Wohnorts sei
er mehr als andere Personen auf ein Fahrzeug angewiesen, ändert an der
Rechtmässigkeit der Verfügung nichts. Ein Sicherungsentzug bezweckt die Fernhaltung
ungeeigneter Fahrzeugführer vom Verkehrsgeschehen, und zwar, bis der Mangel als
beseitigt zu betrachten ist. Bis dahin hat eine allfällige Sanktionsempfindlichkeit keinen
Einfluss auf die Beurteilung der Notwendigkeit des Sicherungsentzugs (BGer 6A.
77/2003 vom 22. März 2004 E. 2.5.2). Der Rekurs ist damit abzuweisen.
4.- Die Massnahme des Sicherungsentzugs soll sicherstellen, dass der Rekurrent zum
Schutz der Sicherheit der übrigen Verkehrsteilnehmer vom Strassenverkehr
ferngehalten wird. Dieser Zweck wäre gefährdet, wenn der Rekurrent während eines
Rechtsmittelverfahrens als Motorfahrzeugführer zum Strassenverkehr zugelassen
würde. Einer allfälligen Beschwerde ist deshalb die gesetzlich vorgesehene
aufschiebende Wirkung zu entziehen (Art. 64 und Art. 51 VRP).
5.- Dem Verfahrensausgang entsprechend wären die amtlichen Kosten dem
Rekurrenten aufzuerlegen, denn er unterliegt im Rekursverfahren (Art. 95 Abs. 1 VRP).
Zufolge Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör durch die Vorinstanz sind sie
indessen vollständig vom Staat zu tragen (vgl. Art. 95 Abs. 2 VRP). Zu berücksichtigen
ist auch, dass die Vorinstanz bereits früher auf die Begründungspflicht hingewiesen
wurde. Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'500.–, worunter die Kosten von Fr. 200.– für die
Zwischenverfügung zur aufschiebenden Wirkung vom 31. August 2020, erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziffn. 111 und 122 der Gerichtskostenverordnung,
sGS 941.12). Der Kostenvorschuss von Fr. 1'500.– ist dem Rekurrenten
zurückzuerstatten.
Aufgrund der präjudizierend wirkenden Verlegung der amtlichen Kosten hat der
Rekurrent Anspruch auf Entschädigung seiner Parteikosten, soweit diese aufgrund der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/15
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechts- und Sachlage als notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2 VRP).
Im Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistands geboten. Die eingereichte
Honorarnote über Fr. 1'527.20 (Honorar Fr. 1'333.30, Barauslagen Fr. 84.70 und
Mehrwertsteuer Fr. 109.20) erscheint angemessen (Art. 22 Abs. 1 lit. b, Art. 28 Abs. 1
und Art. 29 der Honorarordnung, sGS 963.75); entschädigungspflichtig ist der Staat
(Strassenverkehrsamt).