Decision ID: bffef905-118a-450e-a92f-616503b2be2d
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1964 und zuletzt tätig als Kassiererin, meldete sich am 2
7.
Juli 2017 (Eingangsdatum) unter Hinweis auf psychische Probleme bei der Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zum Leistungsbezug an (
Urk.
9/2).
Die IV-Stelle tätigte erwerbliche Abklärungen und holte den Bericht von
Dr.
med. Y._
, Fach
ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
und
lic
. phil. Z._
, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, v
om 2
2.
November 2017 ein (
Urk.
9/20). Nach durchgeführtem
Vorbescheid
ver
fahren
(Vorbescheid vom
5.
April 2018,
Urk.
9/31; Einwand vom
6.
April 2018,
Urk.
9/32
;
ergänzende
Einwandbegründung
vom 1
6.
April 2018,
Urk.
9/36) wies die IV-Stelle
das Leistungsbegehren mit Verfügung vom 1
9.
Juni 2018 ab (
Urk.
2).
2.
Hiergegen erhob die Versicherte am
4.
Juli 2018 Beschwerde am hiesigen Gericht und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei ihr eine ganze Invalidenrente zuzusprechen. Eventualiter sei eine psychiatrische Begut
ach
tung vorzunehmen. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um unentgeltliche Rechtspflege und Bestellung von Rechtsanwalt Oskar
Gysler
als unentgeltlicher Rechtsvertreter (
Urk.
1).
Mit Beschwerdeantwort vom 3
0.
August 2018 schloss die Beschwerdegegnerin auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
8 unter Beilage ihrer Akten,
Urk.
9/1-45), worüber die Beschwerdeführerin am
3.
September 2018 in Kenntnis gesetzt wurde (
Urk.
10).
Mit Eingabe vom 1
8.
Juli 2019 reichte die Beschwerdeführerin einen weiteren Arztbericht von
Dr.
Y._
vom 1
0.
Juli 2019 ein (
Urk.
11 und
Urk.
12).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
Die Beschwerdegegnerin hielt in der angefochtenen Verfügung dafür, dass seit Mitte März 2017 eine fachärztliche Behandlung des psychischen Leidens statt
finde. Im Arztbericht würden nur wenige gesundheitliche Einschränkungen be
schrie
ben, im Vordergrund stünden diverse p
sychosoziale Belastungsfaktoren
, welche zum Verlust der Arbeitsstelle geführt hätten. Gestützt auf den Arztbericht könne eine Wiedereingliederung stattfinden, falls die belastenden Faktoren weg
fielen. Entsprechend liege kein invalidenversicherungsrechtlich relevantes psy
chi
sches Leiden vor (
Urk.
2).
Die Beschwerdeführerin brachte demgegenüber im Wesentlichen vor,
dass sich mittlerweile ein eigenständiger, invalidisierender Gesundheitsschaden entwickelt habe,
so
dass es keine Rolle mehr spiele, dass psychosoziale oder soziokulturelle Umstände bei der Entstehung der Gesundheitsschädigung eine Rolle gespielt hätten.
Hinzu kämen fehlende Ressourcen, grenzwertige Begabung und eine Per
sönlichkeitsakzentuierung, welche eine Besserung des Gesundheitszustandes ver
hinderten (
Urk.
1).
2.
2.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
über den Allge
meinen Teil
des Sozialversicherungsrechts, ATSG
). Sie kann Folge von Geburts
gebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1
des
Bundesgesetz
es
ü
ber die Invalidenversicherung, IVG
). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgegliche
nen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beein
trächtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.2
2.2.1
Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit können in gleicher Weise wie körperliche Gesundheitsschäden eine Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 8 ATSG bewirken. Rechtsprechungsgemäss ist bei psychi
schen Beeinträchtigungen zu prüfen, ob ein psychischer Gesundheitsschaden mit Krankheitswert besteht, welcher die versicherte Person auch bei Aufbietung allen guten Willens daran hindert, ein rentenausschliessendes Erwerbseinkommen zu erzielen (vgl.
BGE 139 V 547
E. 5,
131 V 49
E. 1.2,
130 V 352
E. 2.2.1; vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_125/2015 vom 1
8.
November 2015 E. 5.4).
Die Annahme eines psychischen Gesundheitsschadens im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG setzt eine psychiatrische, lege
artis
auf
die Vorgaben eines anerkannten Klassifikationssystems abgestützte Diagnose vor
aus
(vgl. BGE 143 V 409 E. 4.5.2, 141 V 281 E. 2.1, 130 V 396 E. 5.3 und E. 6). Eine fachärztlich einwandfrei festgestellte psychische Krankheit ist jedoch nicht ohne weiteres gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Invalidität. In jedem Ein
zelfall muss eine Beeinträchtigung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit unabhängig von der Diagnose und grundsätzlich unbesehen der Ätiologie ausgewiesen und in ihrem Ausmass bestimmt sein. Entscheidend ist die nach einem weitgehend objektivierten Massstab zu beurteilende Frage, ob es der versicherten Person zu
mutbar ist, eine Arbeitsleistung zu erbringen (BGE 143 V 409 E. 4.2.1, 141 V 281 E. 3.7, 139 V 547 E. 5.2, 127 V 294 E. 4c, je mit Hinweisen; vgl.
Art.
7
Abs.
2 ATSG).
2.2.2
Zur Annahme der Invalidität nach
Art.
8 ATSG ist – auch bei psychischen Er
krankungen – in jedem Fall ein medizinisches Substrat unabdingbar, das
(fach-)
ärztlicherseits schlüssig festgestellt wird und nachgewiesenermassen die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Je stärker psychosoziale und soziokulturelle Faktoren wie beispielsweise Sorge um die Familie oder Zu
kunftsängste (etwa ein drohender finanzieller Notstand) im Einzelfall in den Vor
dergrund treten und das Beschwerdebild mitbestimmen, desto ausgeprägter muss eine fachärztlich festgestellte psychische Störung von Krankheitswert vorhanden sein. Das bedeutet, dass das klinische Beschwerdebild nicht einzig in Beein
träch
tigungen, welche von den belastenden soziokulturellen Faktoren herrühren, be
steh
en darf, sondern davon psychiatrisch zu unterscheidende Befunde zu um
fas
sen hat, zum Beispiel eine von depressiven Verstimmungszuständen klar unter
scheidbare andauernde Depression im fachmedizinischen Sinne oder einen damit vergleichbaren psychischen Leidenszustand. Solche von der soziokulturellen Belastungssituation zu unterscheidende und in diesem Sinne verselbständigte psychische Störungen mit Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit sind unabdingbar, damit überhaupt von Invalidität gesprochen werden kann. Wo die begutachtende Person dagegen im Wesentlichen nur Befunde erhebt, welche in den psychosozialen und soziokulturellen Umständen ihre hinreichende Erklä
rung finden, gleichsam in ihnen aufgehen, ist kein invalidisierender psychischer Gesundheitsschaden gegeben (BGE 127 V 294 E. 5a; Urteil des Bundesgerichts 8C_730/2008 vom 23. März 2009 E. 2).
Wenn und soweit psychosoziale und soziokulturelle Faktoren zu einer eigent
lichen Beeinträchtigung der psychischen Integrität führen, indem sie einen ver
selb
ständigten Gesundheitsschaden aufrechterhalten oder den Wirkungsgrad seiner
– unabhängig von den invaliditätsfremden Elementen bestehenden – Folgen ver
schlimmern, können sie sich mittelbar invaliditätsbegründend auswirken (Urteil des Bundesgerichts 9C_537/2011 vom 2
8.
Juni 2012 E. 3.2 mit Hinweisen).
2.3
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betä
tigen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen
wieder herstellen
, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine
Vier
telsrente
, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine
Dreiviertelsrente
und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
3.
Die medizinische Aktenlage stellt sich folgendermassen dar:
3.1
Die Beschwerdeführerin reichte im Rahmen des
Einwandverfahrens
einen Auszug des von
Dr.
med.
A._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, erstellten Gutachtens
vom 20. März 2017
zuhanden der Staatsanwaltschaft ein (
Urk.
9/35).
Dr.
A._
konstatierte
(
Urk.
9/35/4 f.)
, dass sich zusammenfassend aus der neu
ropsychologischen Untersuchung ein Intelligenzniveau ergebe, das unterhalb des Normbereiches liege, aber keine Intelligenzstörung entsprechend der ICD-10-Klassi
fikation darstelle. Bei weitgehend intakten mnestischen Funktionen zeigten sich Beeinträchtigungen für das Arbeitsgedächtnis und für die Aufmerk
samkeits
prozesse. Im klinischen Eindruck sei zudem eine Auffassungserschwerung festzu
stellen. Die Testergebnisse entsprächen weitgehend dem aus der Bildungsanam
nese abgeschätzten (geringen) prämorbiden Erwartungsniveau.
In der hiesigen Untersuchung imponiere durchgängig ein Persönlichkeitsstil, der mit dem klinischen Konzept der
histrionischen
Persönlichkeit zu beschreiben sei. Die
histrionische
Persönlichkeitsstörung sei durch ein tiefgreifendes Muster über
mässiger Emotionalität und Streben nach Aufmerksamkeit charakterisiert. Per
sonen mit dieser Störung zeigten ihre Gefühle überschwänglich, wechselten schnell von Stimmung zu Stimmung, neigten zu spontanem und impulsiven Ver
halten und seien augenblicksverhaftet. Bei einem geringen Selbstwertgefühl be
stehe ein Bedürfnis nach Beachtung, Anerkennung und sozialer Unterstützung. In Belastungssituationen könnten Selbstmitleid und theatralisches sich In-Szene-Setzen vorkommen (
Herpertz
2003).
Von den sechs Kriterien der
histrionischen
Persönlichkeitsstörung nach der ICD-10-
Klassifikation seien folgende als verhaltenswirksam beurteilt worden:
-
Dramatisierung bezüglich der eigenen Person mit theatralischem Auf
treten, Verlangen nach Aufmerksamkeit durch demonstrative Hilflosigkeit und übertriebener Ausdruck von Gefühlen
-
Suggestibilität, leichte Beeinflussbarkeit durch andere Personen, Ereig
nisse oder Umstände
-
Oberflächlicher und schnell wechselnder Ausdruck von Gefühlen
In der
kriterienorientierten
Untersuchung mit dem IPDE nach der ICD-10-Klassifikation seien drei Kriterien der
histrionischen
Persönlichkeitsstörung als verhaltenswirksam beurteilt worden. Die speziellen Voraussetzungen einer
histri
o
nischen
Persönlichkeitsstörung erforderten das Vorhandensein von mindestens vier der sechs Kriterien. Im Fall der Beschwerdeführerin sei diese Voraussetzung nicht erfüllt. Zudem seien überdauernde und bedeutsame Funktionsbeein
träch
tigungen aufgrund der vorhandenen Persönlichkeitsmerkmale in der Biografie nicht ersichtlich.
Aus der Untersuchung hätten sich neben den Merkmalen der
histrionischen
Per
sönlichkeitsstörung auch unsichere, unreife und emotional instabile Persönlich
keitsmerkmale, die handlungswirksam seien, ergeben. Diese Merkmale erfüllten ebenfalls nicht die Voraussetzungen einer spezifischen Persönlichkeitsstörung, wiesen aber auf die Kom
plexität der Persönlichkeitsstr
u
k
tur hin. Diagnostisch sei in
s
gesamt von einer Persönlichkeitsakzentuierung mit
histrionischen
Merkmalen auszugehen.
3.2
Dr.
Y._
und
lic
. phil.
Z._
hielten in ihrem Bericht vom 2
2.
Novem
ber 2017 folgende Diagnosen mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähig
keit fest (
Urk.
9/20):
-
Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1, seit anfangs 2017)
-
Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10 F33.2,
seit dem
jungen Erwachsenenalter)
-
Histrionische
Persönlichkeitsakzentuierung
Die Beschwerdeführerin sei in den Philippen mit neun Geschwistern aufge
wachsen. Sie selber sei das achte Kind. Sie habe dort eine Ausbildung zur Pflege
assistentin und ein Massagediplom gemacht, in dem Beruf gearbeitet und die Mutter gepflegt. Mit 23 Jahren (1988) sei sie auf Drängen einer Schwester, die schon in der Schweiz gelebt habe, in die Schweiz gekommen. Sie habe nur drei Monate bleiben wollen
,
um dann wieder in die Philippinen zurückzukehren. Die Schwester und ihr Mann hätten ihr den Pass weggenommen und sie gezwungen, einen Schweizer zu heiraten. Mit diesem ersten Mann sei sie von 1988-2007 ver
heiratet gewesen und habe zwei Kinder mit ihm (Tochter 27 Jahre, Sohn 23 Jahre). Der erste Mann sei ein gewalttätiger Alkoholiker gewesen, sie habe es erst nach 21 Jahren geschafft, sich von ihm scheiden zu lassen. Sie habe danach ihren zweiten Mann, einen Libanesen, kennengelernt. Bald habe sich dieser Mann sehr religiös verhalten und von ihr gefordert, dass sie die islamischen Rituale streng befolge. Sie habe keine Freunde mehr treffen dürfen und sei wie eine Haussklavin behandelt worden. Auch in dieser Ehe sei es zu Gewalt gekommen. Die Eheleute hätten sich getrennt, die Beschwerdeführerin habe die Scheidung eingereicht.
Wegen eines
Konflikt
s
im Dezember 2016 mit dem Ehemann und seinen Kollegen sei sie von der Polizei 3 Wochen in U-Haft genommen worden. Aktuell sei noch ein Verfahren hängig, es bestehe der Vorwurf, sie habe jemanden angestiftet, ihren Mann zu töten. De
s
wegen habe die Beschwerdeführerin auch ihre Arbeits
stelle verloren, sie habe in der Schweiz im Verkauf und als Kassiererin gearbeitet.
Die Erlebnisse mit der Schwester, den Ehemännern und der U-Haft seien für die Beschwerdeführerin traumatisierend gewesen. Sie habe jeglichen Halt verloren, sei in eine schwere Depression gestürzt und sei seither vom Sozialamt abhängig. Sie habe aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen können und lebe nun in einem Notzimmer.
Sie berichte von depressiven Episoden seit dem Jugendalter. 2006 habe ein Sui
zid
versuch mit Schlaftabletten und
einem
Aufenthalt in der
B._
stattge
funden.
Die Beschwerdeführerin sei seit dem 1
7.
März 2017 bei ihnen in Behandlung. Es hätten eine schwere depressive Episode und Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung vorgelegen. Sie sei schnell g
etriggert gewesen, es habe Überer
r
egung, Angst vor der Polizei und Männern, Panikattacken, Intrusionen in Bezug auf Gefängnisaufenthalt, sozialer Rückzug, viel Weinen und Gedankendrehen sowie Hoffnungslosigkeit bestanden.
Im ärztlichen Befund sei die Beschwerdefüh
r
erin allseits orientiert und der Kon
takt sei gut herstellbar. Bewusstseinsstörungen lägen keine vor. Im Denken sei sie eingeengt auf die aktuelle Situation und die Traumatisierungen, sie sei grübelnd. Im Gespräch sei sie oft gedanklich abwesend, habe Mühe mit der Konzentration und eine Tendenz zu dissoziieren. Zwang oder Wahn seien nicht feststellbar, sie sei aber misstrauisch gegenüber Menschen, vor allem gegenüber Männern. Im Affekt sei sie ratlos, deprimiert, hoffnungslos, aber auch innerlich unruhig und gereizt. Sie sei eher antriebsarm, dazwischen theatralisch. Es bestehe sozialer Rückzug und wiederholt Suizidgedanken, sie sei aber absprachefähig und nicht akut suizidal.
Prognostisch sei festzuhalten, dass im Dezember eine Gerichtsverhandlung statt
finde. Im schlimmsten Fall drohe der Beschwerdeführerin ein Gefängnis
aufent
halt. Solange dieses Verfahren nicht abgeschlossen sei und sie immer wieder mit ihren traumatischen Erlebnissen konfrontiert werde, sei eine Arbeitsintegration nicht vorstellbar und eine Prognose nicht zu stellen. Komme das Verfahren zu einem für die Beschwerdeführerin positiven Abschluss, sei eine Stabilisierung und eine schrittweise Arbeitsintegration denkbar.
Aktuell finde eine Psychotherapie inkl. Traumatherapie mit wöchentlichen bis
14-täglichen Sitzungen
statt
. Ebenso würden Psychopharmaka eingesetzt (
Trittico
,
Quetiapin
).
Die Einschränkungen wirkten sich durch Konzentrationsprobleme, Angstzu
stän
de, Energielosigkeit, Stimmungstiefs und häufiges Weinen auf die Arbeitsfähig
keit aus. Die Beschwerdeführerin sei seit dem 2
0.
März 2017 vollumfänglich arbeits
unfähig.
Falls die traumatisierenden Faktoren wegfielen
,
sei an eine Wiedereingliederung zu denken. Psychotherapie inklusive Medikation zur Begleitung wären sinnvoll.
3.3
Dr.
Y._
und
lic
. phil.
Z._
nahmen am 1
3.
April 2018 erneut Stel
lung zum Zustand der Beschwerdeführerin. Sie konstatierten, dass sich der Zu
stand der Beschwerdeführerin seit dem letzten Bericht an die Beschwerdegegnerin unverändert zeige und durch verschiedene Faktoren aufrechterhalten werde. Zum einen seien die mangelnden Ressourcen aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur (
histrionische
Persönlichkeitsakzentuierung) und die anhaltende Depression, zum andern die ungeklärte strafrechtliche Situation und die drohende Gefängnisstrafe zu nennen. Es gelinge der Beschwerdeführerin nicht, aus eigener Kraft ihre Situa
tion zu verändern.
Wenn die strafrechtliche Situation einmal bereinigt sein werde, sei es denkbar, dass die Beschwerdeführerin wieder eine Teilzeitarbeit suchen und aufnehmen könne. Ob sie je wieder zu 100
%
arbeitsfähig sein werde, sei aktuell nicht zu beur
teilen (
Urk.
9/35
).
3.4
In ihrem Bericht vom 2
2.
Juni 2018 führten
Dr.
Y._
und
lic
. phil.
Z._
aus, es
sei
denkbar
,
dass die Beschwerdeführerin wieder eine Teilzeitarbeit suchen und aufnehmen könne
, wenn die strafrechtliche Situation einmal berei
nigt sein werde
. Das Erreichen einer vollständigen Arbeitsfähigkeit sei aufgrund der schon lange bestehenden Problematik nicht zu erwarten (
Urk.
3/3).
4.
4.1
Vorliegend geht aus den Arztberichten von
Dr.
Y._
und
lic
. phil.
Z._
hervor, dass psychosoziale Faktoren klarerweise im Vordergrund stehen. So legen sie insbesondere dar, dass das noch andauernde Strafverfahren eine
r
Wie
der
aufnahme einer Tätigkeit im
Wege stehe. Hinzu kommen weitere Belastungs
faktoren, so die zweite Ehe mit einem äusserst religiösen und eb
enfalls gewalt
täti
gen Libanesen und
der Untersuchungshaft von drei Wochen - gemäss ihren Angaben aufgrund eines Konflikts mit ihrem zweiten Ehemann und dessen Kolle
gen. Infolgedessen habe sie ihre Arbeitsstelle verloren, lebe von Sozialhilfe und in einem Notzimmer (vgl. E. 3.2).
Daneben hielten
Dr.
Y._
und
lic
. phil.
Z._
nur mässig ausgeprägte
Befunde fest (vgl. E. 3.2): Die Beschwerdeführerin
sei
allseits orientiert und der Kontakt sei gut herstellbar. Bewusstseinsstörungen lägen keine vor. Im Denken sei sie eingeengt auf die aktuelle Situation und die Traumatisierungen, sie sei grübelnd. Im Gespräch sei sie oft gedanklich abwesend, habe Mühe mit der Kon
zentration und eine Tendenz zu dissoziieren. Zwang oder Wahn seien nicht fest
stellbar, sie sei aber misstrauisch gegenüber Menschen, vor allem gegenüber Männern. Im Affekt sei sie ratlos, deprimiert, hoffnungslos, aber auch innerlich unruhig und gereizt. Sie sei eher antriebsarm, dazw
ischen theatralisch. Es bestün
den
sozialer Rückzug und wiederholt Suizidgedanken, sie sei aber absprac
hefähig und nicht akut suizidal.
Das klinische Beschwerdebild ist damit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf die soziokulturellen bzw. psychosozialen Belastungsfaktoren zurückzuführen, da im Wesentlichen Befunde erhoben wurden, welche
in den
belastend
en Umständen eine hinreichende Erklärung finden - eine davon klar unterscheidbare andauernde
Depression
bzw. posttraumatische Belastungsstörung
ist nicht überwiegend wahr
scheinlich erstellt.
4.2
Die Beschwerdeführerin brachte vor, dass die noch bestehende Belastung durch das Strafverfahren nur einen Einfluss auf den Gesundheitszustand habe, weil sie angesichts der grenzwertigen Begabung und der Persönlichkeitsakzentuierung nicht über die notwendigen Ressourcen zur Bewältigung dieser Belastungs
situa
tion verfüge
. Entsprechend leide sie unter einer invalidenversicherungsrechtlich relevanten
psychische
n
Störung von Krankheitswert
(
Urk.
1).
Dr.
A._
schloss
aus der neuropsychologischen Unt
ersuchung ein Intelligenz
ni
veau, welches
u
nterhalb des Normbereiches liegt
,
stellte
aber keine Intelligenz
störung entsprechend
des ICD-10-Kataloges fest (vgl. E. 3.1). Daneben
liegt eine
ärztlicherseits
diagnostizierte Persönlichkeitsakzentuierung vor
(vgl. E. 3)
- eine
solche ist allerdings invalidenversicherungsrechtlich nicht relevant. Hinzu kommt
, dass die Beschwerdeführerin bis anhin trotz ihres unter dem Durchschnitt liegen
den Intelligenzniveaus
als auch ihrer Persönlichkeitsakzentuierung im Erwerbs
leben stand
(vgl. hierzu
Auszug aus dem individuellen Konto,
Urk.
9/7; Arbeitge
berfragebogen vom
5.
Januar 2018,
Urk.
9/26). Zusammenfassend rückt dies
die psychosozialen Umstände
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit wiederum in
den
Vordergrund
und eine davon verselbständigte psychische Störung von Krank
heitswert ist
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
zu verneinen.
4.3
Mit Eingabe vom 18. Juli 2019 reichte die Beschwerdeführerin den Bericht von Dr.
Y._
vom 10. Juli 2019 ein (Urk. 12). Dieser Bericht datiert zwar nach Verfügungserlass (Juni 2018), bezieht sich aber auf die psychiatrisch psycho
the
ra
peutische Behandlung in ihrer Praxis seit 2017.
Darin führt Dr.
Y._
gestützt auf die Diagnosen Posttraumatische Belas
tungsstörung (ICD-10: F43.1) und rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.2) aus, dass derzeit eine eingeschränkte Be
lastbarkeit und in dem Rahmen eine Arbeitsfähigkeit von zirka 50 % vorliege. Die medikamentöse Behandlung mit einem Antidepressivum habe zwar die Schlaf
störungen etwas verbessert, die depressive Symptomatik jedoch nicht zur Remission gebracht. Hierfür wäre eine Klärung der Situation notwendig, da durch die drohende Gefängnisstrafe es der Beschwerdeführerin nicht möglich sei, ihre Zukunft zu planen und wieder eine Arbeit zu finden.
Abgesehen davon, dass die in diesem Bericht aufgeführten objektiven Befunde die aufgelisteten Diagnosen nicht als nachvollziehbar erscheinen lassen, ergibt sich hieraus keine andere Beurteilung. Die zur Arbeitsunfähigkeit beitragenden depressiven Symptome werden - wie sich auch aus diesen Ausführungen von ergibt - massgeblich durch die ungelöste psychosoziale Situation unterhalten.
5.
5.1
Da es im vorliegenden Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von IV-Leistungen geht, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach
dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs
. 1
bis
IVG) und auf Fr.
6
00.-- anzusetzen. Ausgangsgemäss sind sie der Be
schwerdeführerin aufzuerlegen.
5
.2
Der vorliegende Prozess kann nicht als von vornherein aussichtslos bezeichnet werden. Des Weiteren ist die Beschwerdeführerin bedürftig (Urk.
3/5
). Antrags
gemäss (Urk. 1) ist ihr deshalb die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen. Die der Beschwerdeführerin auferlegten Gerichtskosten sind demnach einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Da zudem die anwaltliche Vertretung der Beschwerdeführerin geboten war, ist ihr Rechtsanwalt
Oskar
Gysler
als unentgeltlicher Rechtsvertreter zu bestellen. Eine Honorarnote wurde nicht eingereicht, womit - wie mit Verfügung
3.
September 2018
(Urk.
10
) mitgeteilt - die Entschädigung nach Ermessen festzusetzen ist. Unter Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses ist eine Entschädigung in Höhe von Fr. 1‘800.-- (inklusive Mehrwert
steuer und Barauslagen) angemessen.
Kommt die Beschwerdeführerin künftig in günstige wirtschaftliche Verhältnisse, so kann sie das Gericht zur Nachzahlung der Auslagen für die unentgeltliche Rechts
pflege verpflichten (§ 16 Abs. 4 des Gesetzes über d
as Sozialversiche
rungs
gericht,
GSVGer
).
Das Gericht beschliesst,
In Bewilligung des Gesuchs vom
4.
Juli 2018 wird der Beschwerdeführerin
die unentgeltliche Prozessführung gewährt und Rechtsanw
alt Oskar
Gysler
, Zürich
, als unentgeltliche
r Rechts
vertreter
für das vorliegende Verfahren bestellt,
und erkennt:
1.
Die
Beschwerde
wird abgewiesen.
2.
Die Gerichtskosten von
Fr.
600
.-- werden
der Beschwerdeführerin
auferlegt, zufolge Ge
währung der unentgeltlichen Prozessführung jedoch einstweilen auf die Gerichts
kasse genommen.
Die Beschwerdeführerin wird
auf die Nachzahlungspflicht gemäss § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen.
3.
Der unentgeltliche Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin, Rechtsanwalt Oskar Gysler, Zürich 1,
wird mit
Fr.
1’800
.-- (inkl. Barauslagen und
MWSt
) aus der Gerichtskasse ent
schädigt.
Die Beschwerdeführerin wird
auf die Nachzahlungspflicht gemäss § 16 Abs. 4
GSVGer
hingewiesen.
4.
Zustellung gegen Empfangsschein an:
-
Rechtsanwalt Oskar
Gysler
-
Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
unter Beilage je des Doppels von
Urk.
11 und
Urk.
12
-
Bundesamt für Sozialversicherungen
sowie an:
-
Gerichtskasse
5.