Decision ID: 8c81fab3-40a8-544d-885e-a02f0af2e946
Year: 2016
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ erlitt am 6. März 1998 einen Myokardinfarkt und am 12. Mai 1998 einen
Vorderwandinfarkt (IV-act. 7), weshalb ihm ab dem 1. März 1999 eine ganze IV-Rente
zugesprochen wurde (IV-act. 16). Am 28. Mai 2013 erlitt er einen ischämischen
Hirninfarkt im Mediastromgebiet links (IV-act. 77). Im Austrittsbericht der Klinik B._
vom 23. September 2013 stellten Dr. med. C._, Assistenzarzt, und Dr. med. D._,
Leitender Arzt, fest, dass der Versicherte unter motivierter Teilnahme am
interdisziplinären Therapieprogramm die Selbständigkeit in der Selbsthilfe bzw.
Körperpflege erreicht habe (IV-act. 77-5/8). Am 4. Oktober 2013 hielten Dr. med. E._,
Oberärztin, und med. pract. F._, Assistenzärztin, vom Kantonsspital St. Gallen nach
einer ambulanten Untersuchung fest, dass der Versicherte von einem externen Support
abhängig sei (IV-act. 113). Bezüglich einer möglichen Durchblutungsstörung der Beine
(PAVK) bei nicht ganz klar zuzuordnenden rechtsbetonten Beinschmerzen unter
Belastung bestehe aktuell keine Schmerzsymptomatik. Dr. med. D._, FMH
Neurologie, gab am 29. Oktober 2013 an, dass sich der Gesundheitszustand und
folglich die Diagnose des Versicherten verschlechtert hätten (IV-act. 77-1/8). Nach dem
ischämischen Schlaganfall leide der Versicherte an Aphasie, gesichts- und
armbetontem Halbseitensyndrom rechts und neuropsychologischen
Funktionsstörungen. Obwohl die schlaganfallbedingten Ausfälle, insbesondere unter
fortgeführter ambulanter Therapie, grundsätzlich besserungsfähig seien, sei eine
Genesung nicht zu erreichen. Die Beweglichkeit in den Gelenken sei passiv nicht
eingeschränkt. Es bestehe eine schlaffe Fussheberparese mit Sturzgefährdung beim
Gehen ohne Orthese. Zudem sei der Versicherte in der Sensibilität eingeschränkt. Am
9. Mai 2014 berichtete der Hausarzt Dr. med. G._, Facharzt FMH für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Allgemeinmedizin, der Versicherte habe vor einem Jahr einen Schlaganfall erlitten, leide
noch immer an den beträchtlichen Folgen und benötige nach wie vor diverse
Therapien. Hinzu kämen regelmässige Arztbesuche, bei denen der Versicherte auf das
Tixi Taxi (Fahrdienst für Menschen mit Behinderung) angewiesen sei (IV-act. 89). Am
20. Mai 2014 stellte die Ehefrau ein zweites Gesuch um die Ausrichtung einer
Hilflosenentschädigung, nachdem sie im Oktober 2013 bereits ein solches gestellt
hatte (IV-act. 57, 89). Am 28. Mai 2014 wurde der Versicherte von Dr. med. H._,
Oberärztin, und Dr. med. I._, Assistenzarzt, in der Klinik für Neurologie am
Kantonsspital St.Gallen ambulant untersucht (IV-act. 126). Diese stellten fest, das
Sprechen, die Sprache und teilweise auch das Sprachverständnis seien deutlich
eingeschränkt. Der Versicherte benötige keine externe Hilfe, aber die Ehefrau
unterstütze ihn bei der Medikamenteneinnahme, beim Anziehen, bei der Körperpflege
sowie bei der Mobilität.
A.b Am 19. September 2014 fand eine telefonische Abklärung der Hilflosigkeit mit der
Ehefrau des Versicherten statt (IV-act. 103). Diese gab an, dass sich der
Gesundheitszustand in den letzten Monaten weiter verschlechtert habe. Durch die
Blockaden im Rücken leide der Versicherte vermehrt an starken Schmerzen. Auch
einfache Gespräche könnten nicht mehr geführt werden. Vielfach verstehe man nicht,
was der Versicherte sagen oder haben wolle. Auch in seiner Muttersprache könne er
sich nicht mehr äussern. Die Kommunikation werde immer schwieriger. Beim
Ankleiden/Auskleiden müssten die Kleider gerichtet werden, da er mit der
Kleiderauswahl überfordert sei und auch nicht merke, wenn ein Kleidungsstück dreckig
sei. Mehrheitlich benötige der Versicherte beim An- und Auskleiden die Hilfe seiner
Ehefrau. Des weiteren könne er am Morgen nicht mehr selbständig vom Bett
aufstehen. Die Ehefrau helfe ihm mit Schwung aus dem Bett. Beim Aufstehen von
einem Stuhl benötige er ebenfalls Hilfe, da er zu wenig Kraft habe, sich aufzuziehen.
Beim Zudecken müsse man ihm helfen, da er die rechte Hand nicht mehr benützen
könne und da er in der anderen Hand zu wenig Kraft habe, um die Decke hoch zu
ziehen. Sämtliche Speisen müssten ihm mundgerecht zerkleinert werden. Bei der
Körperpflege benötige der Versicherte mehrheitlich Unterstützung und Anleitung. Ohne
Aufforderung würde er sich nicht mehr regelmässig waschen. Auch beim Rasieren
müsse man ihm helfen. Aufgrund der Sturzgefahr könne der Versicherte den Ein- und
Ausstieg aus der Badewanne nicht mehr selbständig durchführen. Nach dem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verrichten der Notdurft müsse dem Versicherten beim Nachreinigen geholfen werden.
Er trage Windeln, da er zum Teil inkontinent sei. Das Wechseln der Windeln übernehme
die Ehefrau, da er dies von sich aus nicht machen würde. In der Nacht benütze er die
Urinflasche, welche am nächsten Tag von der Ehefrau geleert werde. Mit dem
Gehstock könne sich der Versicherte in der Wohnung bewegen. Alleine könne er keine
weiten Strecken zurücklegen, da er schnell müde werde und überfordert sei. Zudem
könne er keine Stufen (Treppen) mehr bewältigen. Da er in der Gehfähigkeit immer
mehr eingeschränkt sei, werde er wohl bald einen Rollstuhl benötigen. Der Versicherte
brauche eine ständige persönliche Überwachung. Er habe schon öfters vergessen, den
Wasserhahn zuzudrehen, oder er habe den Herd eingestellt und nicht mehr
abgeschaltet. Auch sonst sei der Versicherte pflegebedürftig. Seine Ehefrau richte ihm
die Medikamente und sie kontrolliere die Einnahme. Einmal pro Tag am Abend spritze
die Ehefrau dem Versicherten Insulin. Den entsprechenden Abklärungsbericht
unterzeichnete die Ehefrau des Versicherten am 5. Oktober 2014.
A.c Am 9. Oktober 2014 schlug die Sachbearbeiterin der IV-Stelle intern vor, aufgrund
einer regelmässig notwendigen Dritthilfe bei sämtlichen Lebensverrichtungen eine
Hilflosenentschädigung wegen einer schweren Hilflosigkeit ab 1. Mai 2014
auszurichten (IV-act. 104). Am 29. Oktober 2014 nahm die RAD Ärztin Dr. J._ zur
Frage der regelmässigen und erheblichen Dritthilfe in sämtlichen Verrichtungen aus
versicherungsmedizinischer Sicht Stellung (IV-act. 106). Sie hielt fest, dass bei der
telefonischen Abklärung einige Informationen nicht eingeholt worden seien. Zudem
könne aus versicherungsmedizinischer Sicht der medizinisch begründete Bedarf für
eine regelmässige und erhebliche Hilfestellung bei sämtlichen alltagspraktischen
Verrichtungen anhand der aktuell vorliegenden medizinischen Unterlagen nicht
ausreichend beurteilt werden. Die Angaben wiesen teilweise erhebliche Widersprüche
auf. So sei der Versicherte nach der stationären Neurorehabilitation in der Klinik B._
im September 2013 als selbständig in der Selbsthilfe und Körperpflege und als am
Handstock sicherer Fussgänger innerhalb und ausserhalb des Hauses beschrieben
worden. Auch habe sich die Ehefrau bei verschiedenen Arbeitsstellen ab November
2013 mit dem Hinweis beworben, dass ihr Ehemann IV-Rentner sei und sie deshalb im
Haushalt entlasten könne. Des Weiteren tauche die Angststörung, welche 1999
diagnostiziert worden sei, in den späteren Berichten nicht mehr auf. Dr. G._ sei nicht
um eine detaillierte Auskunft gebeten worden. Die RAD-Ärztin schlug deshalb unter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anderem vor, abzuklären, bei welchen Ärzten und Therapeuten der Versicherte aktuell
in Behandlung sei oder in den letzten zwei Jahren in Behandlung gewesen sei. Alle
behandelnden Ärzte seien um eine detaillierte Stellungnahme zum
Unterstützungsbedarf zu ersuchen. Bei der Familienberatung K._ sei eine Rückfrage
zu machen, ob und in welchem Umfang der Versicherte und seine Familie auf eine
Unterstützung im Alltag und auf eine lebenspraktische Begleitung angewiesen seien
und welche Hilfeleistung er erhalten habe. Daraufhin stellte die IV-Stelle der Ehefrau
des Versicherten am 5. November 2014 telefonisch ergänzende Fragen (IV-act. 120).
Dabei ergab sich, dass der Versicherte mit seiner Familie im Erdgeschoss wohne und
dadurch keine Treppen steigen müsse. Beim Ein- und Ausstieg aus der Badewanne
habe er jedoch Mühe, weshalb ein Badewannenbrett angeschafft worden sei. Für
längere Strecken benötige er einen Rollstuhl. Der Versicherte sei zurzeit in keiner
therapeutischen Behandlung. Für die Physiotherapie sei er nicht zu begeistern.
Anschliessend forderte die IV-Stelle am 7. November 2014 Dr. L._ und Dr. G._ und
die Klinik B._ auf, detailliert zum telefonischen Abklärungsbericht vom 19. September
2014 Stellung zu nehmen (IV-act. 107, 108, 109). Ebenfalls am 7. November 2014
wurde die Jugend- und Familienberatung K._ aufgefordert, anzugeben, ob der
Versicherte und dessen Familie auf eine Unterstützung im Alltag bzw. eine
lebenspraktische Begleitung angewiesen seien und welche Hilfestellungen sie erhielten
(IV-act. 110). Am 27. November 2014 berichtete Dr. G._, der Gesundheitszustand
des Versicherten sei gleich bleibend; die Angaben über die Hilflosigkeit unter Ziffer 4
(gemeint ist wohl die Ziffer 4 der Anmeldung zur Hilflosenentschädigung; IV-act. 57)
könnten bestätigt werden (IV-act. 113). Am 13. Januar 2015 forderte die IV-Stelle Dr.
G._ erneut auf, detailliert zum telefonischen Abklärungsbericht vom 19. September
2014 Stellung zu nehmen (IV-act. 114). Dr. G._ gab am 29. Januar 2015 an, er habe
den Bericht bereits am 27. November 2014 zugestellt. Er bestätigte die von den
Angehörigen angegebenen Einschränkungen mit den entsprechenden Hilfestellungen
(IV-act. 115). Er nahm aber nicht konkret zum Abklärungs¬bericht vom 19. September
2014 Stellung. Am 28. Februar 2015 äusserte sich Dr. G._ nochmals zur Situation
des Versicherten in Bezug auf die Hilflosigkeit (IV-act. 119). Er bestätigte erneut die von
den Angehörigen angegebenen Einschränkungen mit den entsprechenden
Hilfestellungen. Weiter gab er an, der Versicherte leide an den Folgen eines CVI mit
halbseitiger Lähmung rechts. Diese sei armbetont, so dass er zwar mit einem Gehstock
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gehen, seinen rechten Arm jedoch nicht einsetzen könne. Zudem bestehe sowohl eine
motorische als auch eine sensorische Aphasie. Dies mache die Verständigung mit dem
Patienten für Aussenstehende unmöglich. Zu den Angaben über die Hilflosigkeit führte
Dr. G._ an, aufgrund des armbetonten Hemi-Syndroms rechts sei der Versicherte auf
Hilfe beim An- und Auskleiden, beim Waschen, beim Rasieren, sowie beim Duschen
angewiesen. Wegen seiner motorischen Parese müsse ihm das Essen zerkleinert und
eingegeben werden. Auch bei der Reinigung nach dem Stuhlgang benötige er Hilfe.
Ebenfalls in Folge des CVI sei er teilinkontinent, weshalb er tagsüber Windeln trage.
Der Versicherte brauche bei sämtlichen ausserhäuslichen Besuchen eine
Begleitperson, da er sich nicht mehr selbst verständigen könne.
A.d Am 4. März 2015 notierte die IV-Stelle in einer Telefonnotiz, die Physiotherapeutin
M._ habe bestätigt, dass der Versicherte in den alltäglichen Lebensverrichtungen auf
regelmässige Dritthilfe angewiesen sei und mit der rechten Hand nichts mehr halten
könne (IV-act. 121). Ebenfalls am 4. März 2015 führte M._ in ihrem Bericht aus, dass
die Ehefrau des Versicherten mit der Gesamtsituation zu Hause überfordert und auf
Hilfe angewiesen sei (IV-act. 124). Die Schwierigkeit des Versicherten, im Alltag
selbständiger zu sein, bestehe nicht nur aufgrund der Halbseitenlähmung, sondern
auch wegen fehlenden Antriebs und Motivation, wegen der Sprachschwierigkeiten, der
Mentalität, des Charakters, des Zusammenspiels und des Verständnisses für die
Erkrankung sowohl von ihm als auch von seiner Ehefrau. Deshalb kam die
Physiotherapeutin nach einem Jahr regelmässiger Therapie zum Schluss, dass der
Versicherte nicht selbständiger sein könne und auf externe Hilfe in jeglicher
Alltagssituation angewiesen sei. Er könne bis zu einer Stunde mit dem Stock auf
ebenem Gelände spazieren. Für sämtliche Alltagstätigkeiten sei er aber auf die Hilfe
seiner Ehefrau angewiesen (IV-act. 125). In der Therapie habe der Versicherte keine
wesentlichen Fortschritte erzielt. Sein Heimprogramm führe er zu Hause nicht aus. Das
Potential des Versicherten sei als erschöpft anzusehen, weshalb die Therapie beendet
werde. Am 2. April 2015 nahm die RAD-Ärztin Dr. J._ erneut aus
versicherungsmedizinischer Sicht zum Gesundheitszustand des Versicherten Stellung
(IV-act. 128). Sie gab an, ein Unterstützungsbedarf bei der Fortbewegung im Freien
und für die Pflege gesellschaftlicher Kontakte sei ausgewiesen, aber es bestehe kein
regelmässiger und erheblicher Unterstützungsbedarf bei den weiteren alltäglichen
Verrichtungen. In Bezug auf die Fortbewegung stützte sich Dr. J._ auf die Aussage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Physiotherapeutin, dass der Versicherte bis zu einer Stunde auf ebenem Gelände
spazieren könne. Daraus schloss Dr. J._, dass ein Bedarf nach einer regelmässigen
und erheblichen Dritthilfe beim Aufstehen/Absitzen/Abliegen medizinisch nicht
begründet sei. Der Versicherte müsse die alltagspraktischen Verrichtungen wegen der
Plegie der rechten Hand mit der linken oberen Extremität ausführen (funktionelle
Einhändigkeit). Mit entsprechenden Kompensationsstrategien, Hilfsmitteln und bei
Bedarf einem erhöhten Zeitaufwand sei es einer Person mit einer halbseitigen Lähmung
und einer funktionellen Einhändigkeit durchaus möglich und zumutbar, die
alltagspraktischen Verrichtungen ohne regelmässige und erhebliche Fremdhilfe zu
bewältigen. Mit geeigneten Einhänderhilfsmitteln sei es auch möglich, Alltägliches zu
bewältigen. Dies werde von Patienten mit einseitiger kompletter Lähmung nach
Hirnschlag im Rahmen der Rehabilitation in der Ergotherapie in der Regel schnell
erlernt. Aufgrund der Angaben der Physiotherapeutin sei es durchaus möglich, dass
der Versicherte im Alltag infolge fehlenden Antriebs und Motivation sowie aufgrund
seiner Mentalität, seines Charakters und eines fehlenden Verständnisses für die
Erkrankung vermehrt die Hilfe seiner Ehefrau in Anspruch nehme. Bei der
versicherungsmedizinischen Überprüfung von Leistungsansprüchen gegenüber der IV
sei eine umfassende Betreuung eines invaliden Ehemannes durch die Ehefrau in
Familien aus dem südosteuropäischen Raum sehr häufig anzutreffen. Dieses Verhalten
begründe aber keine Leistungspflicht der IV, da es sich dabei mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit um vorwiegend soziokulturell geprägte Gewohnheiten und um eine
innerfamiliäre Rollenverteilung mit verstärkter innerfamiliärer Hilfsbereitschaft und nicht
um gesundheitsbedingte Einschränkungen handle. Medizinisch begründet und
nachvollziehbar sei, dass der Versicherte aufgrund seiner Sprachstörung und seiner
Bewegungseinschränkungen ohne die regelmässige Unterstützung der Familie bzw.
ohne Fremdhilfe relevante Probleme bei einer selbständigen Lebensführung hätte und
einen Haushalt nicht alleine führen könnte. Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei
somit die Notwendigkeit einer lebenspraktischen Begleitung inklusive
Unterstützungsbedarf bei der Fortbewegung im Freien und für die Pflege
gesellschaftlicher Kontakte aus gesundheitlichen Gründen ausgewiesen.
A.e Am 7. April 2015 erliess die IV-Stelle einen Vorbescheid, mit dem sie dem
Versicherten eine Entschädigung aufgrund einer leichten Hilflosigkeit in Aussicht stellte
(IV-act. 130). Der Rechtsvertreter des Versicherten ersuchte am 7. Mai 2015 um
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Akteneinsicht und um die Ansetzung einer neuen Frist zur Stellungnahme zum
Vorbescheid (IV-act. 133). Am 27. Juli 2015 stellte er den Antrag, dem Versicherten sei
eine Entschädigung wegen einer mindestens mittleren Hilflosigkeit zuzusprechen.
Eventualiter seien zunächst weitere Abklärungen zu treffen (IV-act. 141). Der
Rechtsvertreter führte aus, der Versicherte sei nicht in der Lage, bis zu einer Stunde auf
ebenem Gelände zu spazieren. Deshalb habe er sich einen Rollstuhl gekauft. Zudem
fehle es ihm nicht am Willen, in der Physiotherapie Fortschritte zu erzielen, sondern
schlicht am Vermögen. Ihm fehle die körperliche wie auch die psychische Kraft. Es
treffe nicht zu, dass er das Heimprogramm nicht ausführe. Die Physiotherapeutin sei
nie bei ihm zu Hause gewesen, weshalb unbekannt sei, worauf sie ihre Aussage stütze.
Die Ansicht der RAD-Ärztin stütze sich nur auf Vermutungen, denen zu widersprechen
sei. Der Versicherte könne sich nicht einhändig waschen, ankleiden und die Nahrung
zubereiten und diese einnehmen. Die persönliche Hilflosigkeit könne am besten vom
behandelnden Hausarzt beurteilt werden. Im vorliegenden Fall habe dieser dem
Versicherten eine Hilflosigkeit in allen Lebensbereichen zugestanden. Am 17. August
2015 sprach die IV-Stelle dem Versicherten rückwirkend ab dem 1. Mai 2014 eine
Hilflosenentschädigung leichten Grades zu (IV-act. 143). Zur Begründung führte sie
insbesondere aus, wegen der Schadenminderungs- und Mitwirkungspflicht könne
erwartet werden, dass z.B. der Invalidität entsprechende Kleidung getragen werde,
Hilfsmittel angeschafft und zwischen einzelnen Verrichtungen Pausen eingelegt
würden. Dr. G._, der die Hilflosigkeit anders einschätze, sei kein Spezialist auf
diesem Gebiet.
B.
B.a Am 18. September 2015 liess der Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführer)
Beschwerde gegen die Verfügung der IV-Stelle (nachfolgend: Beschwerdegegnerin)
einreichen (act. G 1). Sein Rechtsvertreter führte insbesondere aus, dass die Aussage
der Physiotherapeutin, der Beschwerdeführ könne nicht selbständiger sein und er sei
auf externe Hilfe in jeglicher Alltagssituation angewiesen, entscheidend sei. Beim
Argument der Beschwerdegegnerin, der Hausarzt Dr. G._ sei kein Spezialist, müsse
man sich die Frage stellen, welches Gebiet gemeint sei, denn gerade bei der
Beurteilung einer Hilflosigkeit sei der Hausarzt der Facharzt, da er die individuellen
Verhältnisse des Betroffenen mit Abstand am besten kenne. Die Beschwerdegegnerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe keine sachlichen Gründe dafür angeführt, dass nicht auf die Einschätzung des
Hausarztes abgestellt werden dürfe. Die Argumentationstaktik sei von der
Beschwerdegegnerin mehrfach angepasst worden. So sei dem Austrittsbericht der
Klinik B._ vom 23. September 2013 nicht immer gleich viel Gewicht zugesprochen
worden. Die im Austrittsbericht beschriebenen Fähigkeiten seien unter Teilnahme am
Therapieprogramm erzielt worden, weshalb der Grad der Hilflosigkeit des
Beschwerdeführers, wenn er auf sich allein gestellt sei, danach nicht beurteilt worden
sei.
B.b Am 16. November 2015 reichte die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeantwort
ein (act. G 4). Sie beantragte die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führte
sie aus, dass die RAD-Ärztin Dr. J._ als Neurologin den Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers nach seinem erlittenen Hirninfarkt fachärztlich kompetent
beurteilen könne. Dr. J._ weise zur Recht darauf hin, dass sowohl Dr. G._ als auch
die den Beschwerdeführer behandelnde Physiotherapeutin bei ihrer Beurteilung der
Hilflosigkeit vor allem auf die "dramatischen" Angaben des Beschwerdeführers
abgestellt hätten. Die Hilflosigkeit eines Versicherten sei jedoch aufgrund von
objektivierbaren Funktionsausfällen zu bestimmen. Geltend gemachte Schmerzen bzw.
Einschränkungen dürften nur insofern in die Beurteilung einbezogen werden, als diese
durch entsprechende Befunde hinreichend erklärbar seien. Dr. J._ habe im
Gegensatz zu den genannten Behandlern des Beschwerdeführers die IV-fremden
Faktoren (soziokulturell geprägte Gewohnheiten und innerfamiliäre Rollenverteilung)
richtigerweise bei ihrer Beurteilung ausgeklammert. Dass der Beschwerdeführer nicht
so hilflos sei, wie er vorgebe, ergebe sich bereits aus dem Umstand, dass die Ehefrau
in ihren Bewerbungsschreiben von November 2013 und Mai 2014 angegeben habe,
der Beschwerdeführer könne sie im Haushalt entlasten. Der Beschwerdeführer müsse
im Rahmen der Selbsteingliederungs- und Schadenminderungspflicht alle zumutbaren
Vorkehrungen treffen, um eine Hilflosigkeit im Sinne von Art. 42 Abs. 1 IVG zu
vermeiden. Weitere Abklärungen seien nicht notwendig, weil der Gesundheitszustand
des Beschwerdeführers ausführlich abgeklärt worden sei. Da der Beschwerdeführer
aufgrund seiner passiven Haltung eine Abklärung bei ihm zu Hause nur benutzen
würde, um seine Hilflosigkeit zu demonstrieren, habe sie zu Recht auf eine solche
Abklärung verzichtet.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.c Am 26. Januar 2016 reichte der Rechtsvertreter eine Replik ein (act. G 8). Dabei
hielt er an seinen Anträgen fest. Er führte aus, dass die RAD-Ärztin den
Beschwerdeführer nie persönlich gesehen habe und dass nicht schwergewichtig auf
eine blosse Ferndiagnose abgestellt werden könne. Obwohl der RAD von "inzwischen
eingetroffenen ergänzenden medizinischen Angaben" spreche, sei nicht ersichtlich,
worauf genau Bezug genommen werde, denn es seien nur die Bestätigung des
Berichts des Hausarztes und der Bericht der Physiotherapeutin samt Begleitmail
hinzugekommen. Die zweite RAD-Stellungnahme besitze aus diesem Grund keine
tragfähige objektive Grundlage und erweise sich im Ergebnis als nicht haltbar. Die
Beschwerdegegnerin habe einfach keine mittel- oder schwergradige Hilflosigkeit
anerkennen wollen und benötige dafür aus der hauseigenen "Gutachtensküche" eine
entsprechende abweichende RAD-Stellungnahme. Dramatisierungen, wie sie dem
Beschwerdeführer von der Beschwerdegegnerin vorgeworfen würden, seien nirgends
erkennbar. Zu den Stellenbewerbungen der Ehefrau sei festzuhalten, dass die
Formulierungen nicht von der Ehefrau selber stammten. Vielmehr sei die Ehefrau von
verschiedener Seite unterschiedlich und jeweils ohne Überblick über die gesamten
sozialversicherungsrechtlichen Verhältnisse und Zusammenhänge beraten worden. Die
"vordiktierten" Formulierungen in den Bewerbungsschreiben könnten nicht zulasten
des Beschwerdeführers ausgelegt werden. Der von der Beschwerdegegnerin
vertretenen Auffassung, weitere Abklärungen seien nicht notwendig, könne nicht
gefolgt werden, denn es sei davon auszugehen, dass eine qualifizierte Fachperson ein
bewusst simulierendes Verhalten ohne weiteres erkennen würde. Die
Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik.

Erwägungen
1.
Gemäss Art. 9 ATSG gilt eine Person als hilflos, wenn sie wegen der Beeinträchtigung
der Gesundheit für alltägliche Lebensverrichtungen dauernd der Hilfe Dritter oder der
persönlichen Überwachung bedarf. Die massgebenden alltäglichen
Lebensverrichtungen betreffen laut dem Kreisschreiben über Invalidität und Hilflosigkeit
in der Invalidenversicherung (KSIH) die folgenden sechs Bereiche: Ankleiden/
Auskleiden, Aufstehen/Absitzen/Abliegen, Essen, Körperpflege, Verrichten der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Notdurft, Fortbewegung/Pflege gesellschaftlicher Kontakte (Rz. 8010 KSIH).
Versicherte mit Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz haben
Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung, sofern sie hilflos sind. Es ist zwischen
schwerer, mittelschwerer und leichter Hilflosigkeit zu unterscheiden (Art. 42 Abs. 1 und
2 IVG). Die Bemessung der drei Hilflosigkeitsstufen ist in Art. 37 IVV beschrieben. Die
Hilflosigkeit gilt als schwer, wenn die versicherte Person vollständig hilflos ist. Dies ist
der Fall, wenn sie in allen alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher
Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies der dauernden Pflege oder
persönlichen Überwachung bedarf (Art. 37 Abs. 1 IVV). Wenn die versicherte Person
trotz der Abgabe von Hilfsmitteln in den meisten alltäglichen Lebensverrichtungen
regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (lit. a), in
mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in erheblicher Weise
auf die Hilfe Dritter angewiesen ist und überdies einer dauernden persönlichen
Überwachung bedarf (lit. b); oder in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen
regelmässig in erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter und überdies dauernd auf
lebenspraktische Begleitung im Sinne von Artikel 38 angewiesen ist (lit. c), gilt die
Hilflosigkeit als mittelschwer (Art. 37 Abs. 2 IVV). Eine leichte Hilflosigkeit liegt gemäss
Art. 37 Abs. 3 IVV dann vor, wenn die versicherte Person trotz der Abgabe von
Hilfsmitteln in mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen regelmässig in
erheblicher Weise auf die Hilfe Dritter angewiesen ist (lit. a), einer dauernden
persönlichen Überwachung bedarf (lit. b), einer durch das Gebrechen bedingten
ständigen und besonders aufwendigen Pflege bedarf (lit. c), wegen einer schweren
Sinnesschädigung oder eines schweren körperlichen Gebrechens nur dank
regelmässiger und erheblicher Dienstleistungen Dritter gesellschaftliche Kontakte
pflegen kann (lit. d); oder dauernd auf lebenspraktische Begleitung im Sinne von Artikel
38 angewiesen ist (lit. e).
2.
2.1 Damit die Schwere der Hilflosigkeit festgestellt werden kann, müssen die
gesundheitlichen Einschränkungen und ihre Auswirkungen auf die alltäglichen
Lebensverrichtungen ermittelt werden. Dazu sind medizinische Berichte und
Zumutbarkeitsbeurteilungen erforderlich.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.2 Bei den Akten befinden sich der Austrittsbericht der Klinik B._, Berichte von Dr.
G._, ein Bericht des Kantonsspitals St.Gallen sowie ein Physiotherapiebericht. Der
Austrittsbericht vom 23. September 2013 der Dres. C._ und D._ äussert sich zum
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nach einem zweimonatigen Aufenthalt in
der Klinik B._(IV-act. 77). Die Einschränkungen des Beschwerdeführers werden
anschaulich beschrieben und auch die Einschätzung der Selbständigkeit überzeugt,
denn es wird sowohl erläutert, was der Beschwerdeführer in welchem Ausmass noch
selbständig ausführen kann, als auch, bei welchen Tätigkeiten er Hilfe benötigt. Die im
Bericht enthaltenen Angaben zur gesundheitlichen Verfassung sind also
nachvollziehbar, beziehen sich allerdings nicht konkret auf die Hilflosigkeit, da es auch
nicht die Aufgabe der Ärzte war, die Hilflosigkeit zu beurteilen. Aus dem Bericht geht
deshalb nicht hervor, in welchen alltäglichen Lebensverrichtungen der
Beschwerdeführer eingeschränkt ist, denn die Ärzte haben sich nur punktuell zu den
entsprechenden Auswirkungen der Gesundheitsbeeinträchtigungen geäussert. Für die
genaue Beurteilung der Hilflosigkeit ist der Austrittsbericht deshalb ungenügend, weil
nicht alle sechs alltäglichen Lebensverrichtungen thematisiert worden sind. Trotz einer
entsprechenden Nachfrage der Beschwerdegegnerin hat die Klinik B._keine
ergänzenden Angaben zum Austrittsbericht vom 23. September 2013 mehr gemacht.
Die Ärzte haben dies mit dem Umstand begründet, dass der Beschwerdeführer nach
dem 17. September 2013 nicht mehr dort in Behandlung gewesen sei (vgl. IV-act. 112).
Der Hausarzt Dr. G._ ist der Einzige, der sich konkret mit der Hilflosigkeit
auseinandergesetzt hat. Aufgrund seiner besonderen Rolle als Hausarzt sind seine
Aussagen kritisch zu würdigen, da Hausärzte den Zustand der Patienten
erfahrungsgemäss anders zu beurteilen pflegen als unabhängige medizinische
Sachverständige. Die oftmals langjährige Beziehung zwischen einem Hausarzt und
seinem Patienten, die auf einem Auftragsverhältnis beruht, führt erfahrungsgemäss
sehr oft dazu, dass die Auswirkung der Gesundheitsbeeinträchtigung auf die IV-
rechtlich relevante Fähigkeit (meist die Erwerbsfähigkeit; hier die Fähigkeit, in den
alltäglichen Lebensverrichtungen selbständig zu sein) nicht objektiv eingeschätzt wird.
Die Angaben im Bericht vom 9. Mai 2014 sind äusserst knapp (IV-act. 89-4/4). Ihnen
lässt sich lediglich entnehmen, dass der Beschwerdeführer einen Schlaganfall erlitten
habe, noch immer an beträchtlichen Folgen leide und auf diverse Therapien
angewiesen sei. Dr. G._ hat aber nicht erläutert, wie sich diese "beträchtlichen"
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Folgen auswirken und welche Therapien benötigt werden. Insbesondere hat Dr. G._
nicht dargelegt, inwiefern der Beschwerdeführer in den alltäglichen Lebensbereichen
eingeschränkt ist. Dieser Bericht lässt deshalb keinen ausreichenden Schluss auf die
Hilflosigkeit zu. Im Bericht vom 29. Januar 2015 hat Dr. G._ trotz einer
entsprechenden Aufforderung der Beschwerdegegnerin nicht zum telefonischen
Abklärungsbericht vom 19. September 2014 Stellung genommen (IV-act. 116), sondern
bloss pauschal die Angaben der Ehefrau bestätigt. Dieser pauschalen Bestätigung
kommt mangels einer entsprechenden Begründung kein Beweiswert zu. Auf erneute
Nachfrage der Beschwerdegegnerin hin hat Dr. G._ im Brief vom 28. Februar 2015
die von der Ehefrau angegebenen Einschränkungen erneut bestätigt (IV-act. 119). Er
hat weiter angegeben, die Folgen einer chronisch venösen Insuffizienz führten zu einer
halbseitigen Lähmung rechts, welche armbetont sei, weshalb der Beschwerdeführer
den rechten Arm nicht einsetzen könne. Aus diesem Befund leitet Dr. G._ die von ihm
beschriebene vollkommene Hilfslosigkeit ab. Deshalb sei der Beschwerdeführer
aufgrund des armbetonten Hemissyndroms rechts beim An- und Auskleiden, beim
Waschen, beim Rasieren, sowie beim Duschen, beim Essen und bei der Notdurft auf
Dritthilfe angewiesen. Bei einer motorischen Parese (Einschränkung der aktiven
Bewegung) besteht jedoch nicht zwingend eine völlige Hilfslosigkeit. Aus den
Erläuterungen von Dr. G._ geht nicht hervor, wieso der Beschwerdeführer viele
Verrichtungen nicht auch linkshändig sollte ausführen können. Der Einsatz von
Hilfsmitteln wird nicht besprochen, obwohl es möglich ist, dass sich der
Beschwerdeführer mit der linken Hand elektrisch rasieren oder mit Hilfe einer
Anziehhilfe die Kleider und die Schuhe selbständig anziehen kann. Wenn ein Hilfsmittel
die Selbständigkeit in einer alltäglichen Lebensverrichtung wieder herstellen kann,
besteht keine Hilflosigkeit. In seinen Bericht hat sich Dr. G._ auch nicht detailliert mit
den noch verbleibenden Möglichkeiten und Fähigkeiten des Beschwerdeführers
auseinandergesetzt. Nur eine differenzierte und überzeugende Auseinandersetzung mit
den Auswirkungen der Befunden auf die alltäglichen Lebensverrichtungen hätte die
angegebene komplette Hilflosigkeit belegen können. Die Angaben von Dr. G._
reichen deshalb nicht aus, um ein überzeugendes ganzheitliches Bild zur Hilflosigkeit
des Beschwerdeführers zu liefern. Mit dem Bericht der Klinik B._ hat sich Dr. G._
nicht auseinandergesetzt, obwohl seine medizinischen Aussagen im Widerspruch dazu
stehen. Dieser Widerspruch wird durch seine Angaben nicht aufgelöst, zumal er einen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Wesentlichen unveränderten Gesundheitszustand angegeben hat. Dem Bericht der
Dres. E._ und F._ vom 4. Oktober 2013 lassen sich im Vergleich zum
Austrittsbericht vom 23. September 2013 keine Hinweise zu den sechs alltäglichen
Lebensverrichtungen entnehmen. Er enthält lediglich die Angabe, der
Beschwerdeführer sei von externer Hilfe abhängig. Was darunter zu verstehen ist, wird
nicht näher erläutert. Der Bericht erlaubt deshalb keine Beurteilung bezüglich der
Hilflosigkeit. Der Physiotherapiebericht vom 4. März 2015 äussert sich zwar nicht nur
zur eigentlichen Therapie, sondern auch zur allgemeinen Aktivität und Partizipation des
Beschwerdeführers (IV-act. 125): Gemäss den Angaben der Physiotherapeutin ist
dieser für sämtliche Alltagstätigkeiten auf die Hilfe seiner Ehefrau angewiesen. Es ist
aber nicht ersichtlich, worauf sich diese Aussage stützt, da der Bericht keine
Begründung enthält. Zudem hat die Physiotherapeutin den fehlenden Antrieb und die
fehlende Motivation als Hinderungsgründe für ein kontinuierliches Üben in der Therapie
angeführt. Sie hat es also unterlassen, das Element der zumutbaren
Willensanstrengung in die Beurteilung der Hilflosigkeit einfliessen zu lassen. Im
ergänzenden E-Mail vom 4. März 2015 an die Beschwerdegegnerin hat die
Physiotherapeutin angefügt, dass nicht nur die Halbseitenlähmung dem
Beschwerdeführer Schwierigkeiten im Alltag bereite; vielmehr beeinflussten auch die
Sprachschwierigkeiten, die Mentalität, der Charakter und das Zusammenspiel und
Verständnis für die Erkrankung die Selbständigkeit (IV-act. 124). Die Physiotherapeutin
hat also die rein krankheitsbedingten Einschränkungen nicht von den
invalidenversicherungsrechtlich irrelevanten Einschränkungen motivationaler,
charakterlicher und kultureller Art abgegrenzt. Ihr Bericht erlaubt deshalb die
abschliessende Bemessung der Hilflosigkeit des Beschwerdeführers ebenso wenig wie
die übrigen medizinischen Berichte.
2.3 Hinsichtlich der Aussagen der Ehefrau anlässlich der telefonischen Abklärungen
vom 19. September 2014 und vom 5. November 2014 muss berücksichtigt werden,
dass die Ehefrau nur die ihr täglich demonstrierte Hilflosigkeit ihres Ehemannes hat
schildern können. Für die Beurteilung der mehrheitlich anerkannten Hilflosigkeit ist
jedoch eine objektive, versicherungsmedizinische Zumutbarkeitsbeurteilung bezüglich
der Einschränkungen in den alltäglichen Lebensbereichen notwendig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.4 Gestützt auf die vorliegenden Akten kann also nicht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit bestimmt werden, in welchen
alltäglichen Lebensbereichen der Beschwerdeführer effektiv auf eine regelmässige und
erhebliche Hilfe angewiesen ist. Sowohl die medizinischen Berichte als auch die
Ergebnisse aus den telefonischen Befragungen der Ehefrau sind ungenügend. Die
angefochtene Verfügung beruht deshalb auf einer Sachverhaltsannahme, die nicht mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt ist. Sie erweist sich als
rechtswidrig, da sie in Verletzung der Untersuchungspflicht gemäss Art. 43 Abs. 1
ATSG ergangen ist. Demnach ist sie aufzuheben und die Sache ist an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Von einer Abklärung beim Beschwerdeführer zu
Hause (Befragung an Ort und Stelle, allenfalls Augenschein) kann in Bezug auf die
Einschätzung der Hilfslosigkeit in antizipierender Beweiswürdigung kein relevanter
Erkenntnisgewinn erwartet werden, da offensichtlich auch persönliche und
soziokulturelle Faktoren die gezeigte Hilflosigkeit erheblich beeinflussen. Auch eine
erfahrene Abklärungsperson könnte die gesundheitlichen nicht zuverlässig von den
invalidenversicherungsrechtlich irrelevanten Einflussfaktoren abgrenzen, solange die
medizinische Situation nicht im Detail klar feststeht. Bei der Beurteilung der Hilflosigkeit
liegt grundsätzlich die gleiche Situation vor wie bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
in einem Rentenfall. In beiden Fällen muss anhand von medizinischen Befunden die
Schwere der Einschränkung, hier der Selbständigkeit bei den alltäglichen
Lebensverrichtungen, dort der Fähigkeit zu arbeiten, beurteilt werden. Diese
gesundheitlichen Einschränkungen müssen den Ressourcen des Versicherten
gegenübergestellt werden. Bei der Arbeitsfähigkeitsschätzung wird bestimmt, welche
Arbeitsleistung dem Versicherten trotz der Gesundheitsbeeinträchtigung auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch zumutbar ist. Bei der Einschätzung der Fähigkeit,
die alltäglichen Lebensverrichtungen noch selbständig vornehmen zu können, muss
beurteilt werden, inwiefern die medizinischen Einschränkungen zu einem objektiven
Bedarf nach Hilfe führen. Sowohl der Begriff der Arbeitsfähigkeit als auch die
Selbständigkeit in den sechs alltäglichen Lebensbereichen sind juristische Begriffe, die
anhand der Abklärungsergebnissen der medizinischen Sachverständigen angewandt
werden. Im vorliegenden Fall kann nur ein medizinisches Gutachten die
Hilflosigkeitsschätzung objektivieren. Es bleibt der Beschwerdegegnerin freigestellt,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/17
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nach der vorgenommenen Begutachtung eine Abklärung an Ort und Stelle
vorzunehmen.
3.
3.1 In teilweiser Gutheissung der Beschwerde ist die angefochtene Verfügung vom 19.
August 2015 aufzuheben. Die Sache ist zur Vornahme weiterer Abklärungen und zur
anschliessenden neuen Verfügung im Sinne der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als volles
Obsiegen (BGE 132 V 215 E. 6.2). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin
vollumfänglich. Sie hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu
bezahlen. Dem Beschwerdeführer wird der Kostenvorschuss in Höhe von ebenfalls Fr.
600.- zurückerstattet.
3.3 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art.
22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75) pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Angesicht
der einfachen Aktenlage und der nicht sehr komplexen Rechtsfragen scheint im hier zu
beurteilenden Fall eine Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) angemessen. Im Vergleich zu einem durchschnittlichen Rentenfall ist
vorliegender Sachverhalt weniger kompliziert und umfangreich.