Decision ID: e883accc-8e8b-5b8f-a8eb-f153a10f3a9c
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben
zufolge am (...) 2014 in Richtung Sudan. Über Libyen reiste er weiter nach
Italien und gelangte von dort am 15. Februar 2017 im Rahmen des Relo-
cation-Programms in die Schweiz, wo er gleichentags im Empfangs- und
Verfahrenszentrum B._ um Asyl nachsuchte.
A.b Das SEM befragte ihn am 21. Februar 2017 zu seiner Person, seinem
Reiseweg und summarisch zu seinen Gesuchsgründen (Befragung zur
Person [BzP]). Am 21. November 2017 wurde er einlässlich zu seinen Asyl-
gründen angehört.
A.c Anlässlich der Befragungen machte der Beschwerdeführer zu seiner
Identität und seinem persönlichen Hintergrund geltend, er sei eritreischer
Staatsangehöriger tigrinischer Ethnie und stamme aus C._ (Sub-
zoba D._, Zoba E._), wo er am (...) geboren und bis zu sei-
ner Ausreise gelebt habe. Er habe die (...) Klasse abgeschlossen, wobei
er (...) eine Schulklasse habe wiederholen müssen. Danach habe er auf
verschiedenen (...) gearbeitet. Im Jahr 2006 sei er in den Militärdienst nach
F._ eingezogen worden. Dieser Aufforderung sei er jedoch nicht
nachgekommen, weshalb er in der Folge am (...) 2007 von Nationaldienst-
angehörigen abgeführt und nach G._ gebracht worden sei. Dort
habe er während (...) Monaten eine militärische Grundausbildung absol-
viert. In den nachfolgenden Jahren habe er in H._, I._, in
J._ (einem Quartier in K._), auf dem (...) in K._ und
in L._ (ebenfalls einem Stadtquartier in K._) seinen Dienst
geleistet.
Zur Begründung seines Asylgesuchs führte er aus, er sei am (...) 2013 aus
dem Militärdienst desertiert und zunächst zu seinem Vater nach C._
geflüchtet. Eine Woche später sei er von Militärangehörigen seiner Einheit
gesucht worden, wobei er von einem ehemaligen Dienstkollegen telefo-
nisch vorgewarnt worden sei. Er habe sich in der Folge (...) Monate lang
bei seinem älteren Bruder versteckt. Während dieser Zeit sei er weitere
drei bis vier Mal bei seinem Vater zu Hause gesucht worden. Nachdem
seine ehemalige Einheit nach M._ gegangen sei, sei er nicht mehr
aufgesucht worden. Am (...) 2014 habe er deshalb seine langjährige
Freundin religiös heiraten können. Am (...) 2014 habe er seine Familie ver-
lassen und sei mit Hilfe eines Schleppers in den Sudan gereist, wo er sich
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knapp (...) Jahre in N._ aufgehalten habe. Via Libyen sei er mit dem
Boot nach Italien und von dort aus schliesslich in die Schweiz gelangt.
Nach seiner Ausreise sei seine Frau seinetwegen drei Tage inhaftiert und
anschliessend ihrer Rechte beraubt worden. Am (...) sei sein Kind auf die
Welt gekommen. (...) 2017 sei seine Frau mit dem gemeinsamen Kind aus
Eritrea in den Sudan geflohen.
A.d Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerdefüh-
rer seine eritreische Identitätskarte (im Original), seinen Eheschein (im Ori-
ginal), zwei CDs mit Fotos und Videos seiner Hochzeit, eine Kopie des
Impfausweises seines Kindes, den Taufschein seines Kindes (im Original),
eine Kopie der Identitätskarte seiner Ehefrau sowie eine Kursbestätigung
des Verteidigungsministeriums vom (...) 2008 (im Original) zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 12. Dezember 2019 – eröffnet am 14. Dezem-
ber 2019 – stellte das SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flücht-
lingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab, verfügte die Wegwei-
sung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 13. Januar 2020 (Poststempel) erhob der Beschwerde-
führer – handelnd durch seinen Rechtsvertreter – beim Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerde gegen diesen Entscheid. Dabei beantragte er,
die angefochtene Verfügung sei vollumfänglich aufzuheben, es sei seine
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu gewähren. Eventuali-
ter sei die vorläufige Aufnahme in der Schweiz anzuordnen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht ersuchte er um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
und Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistandes in der Person des un-
terzeichnenden Rechtsvertreters.
Der Beschwerde lagen eine Kopie der angefochtenen Verfügung, eine Voll-
macht vom 24. Dezember 2019 (im Original), eine Kopie eines ärztlichen
Berichts an das SEM von Dr. med. O._, (...), vom 17. Dezem-
ber 2019 sowie eine Kopie eines Terminkärtchens des (...) für den 14. Ja-
nuar 2020 bei.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 17. Ja-
nuar 2020 den Eingang der Beschwerde.
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Seite 4
E.
Mit Eingabe vom 4. Februar 2020 liess der Beschwerdeführer dem Gericht
eine Fürsorgebestätigung der (...) vom 3. Februar 2020 nachreichen.
F.
Die Instruktionsrichterin stellte mit Verfügung vom 6. Februar 2020 fest, der
Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz ab-
warten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und ordnete dem Beschwerdeführer Rechtsanwalt MLaw Roman
Schuler als amtlicher Rechtsbeistand bei. Ferner machte sie den Be-
schwerdeführer – unter Bezugnahme auf die gesetzliche Mitwirkungs-
pflicht von Asylsuchenden bei der Ermittlung des Sachverhaltes (Art. 8
Abs. 1 Bst. d AsylG [SR 142.31]) – darauf aufmerksam, allfällige medizini-
sche Vollzugshindernisse laufend und unaufgefordert mit geeigneten ärzt-
lichen Berichten zu belegen.
G.
G.a Mit Zwischenverfügung vom 16. März 2021 wurde die Vorinstanz zur
Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen.
G.b Mit Eingabe vom 25. März 2021 äusserte sich die Vorinstanz zur Be-
schwerdeschrift.
H.
H.a Mit Zwischenverfügung vom 30. März 2021 wurde dem Beschwerde-
führer Gelegenheit gegeben, eine Replik einzureichen.
H.b Mit Eingabe vom 14. April 2021 nahm der Beschwerdeführer zur
vorinstanzlichen Vernehmlassung Stellung.
Mit der Replik wurden eine Kopie eines Arztberichts von Dr. med.
O._, (...), vom 4. Juni 2020 sowie eine Honorarnote ins Recht ge-
legt.
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Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 (AsylG) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt
das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Ände-
rung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
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des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (vgl. Art. 3 Abs. 3 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Unglaubhaft sind insbesondere Vor-
bringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich wi-
dersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf
gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7
Abs. 3 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an
das Glaubhaftmachen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dar-
gelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden
(vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
3.3 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine
Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht subjektive Nach-
fluchtgründe geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch nach
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen
(vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
4.
4.1 In ihrer abweisenden Verfügung kam die Vorinstanz zum Schluss, dass
die Vorbringen des Beschwerdeführers weder den Anforderungen an das
Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG noch denjenigen an die Asylrele-
vanz gemäss Art. 3 AsylG genügen würden, weshalb sie seine Flüchtlings-
eigenschaft nicht anerkannte und das Asylgesuch ablehnte.
Zur Begründung führte sie aus, sie bezweifle nicht, dass er zwischen
(...) 2007 und (...) 2013 Nationaldienst geleistet habe, demgegenüber
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habe er seine Gefährdungslage im Zeitpunkt seiner Ausreise nicht glaub-
haft machen können. So habe er in der BzP ausgesagt, dass er das erste
Mal etwa eine Woche nach seiner Desertion und das letzte Mal eine Woche
vor seiner Ausreise im (...) 2014 in seinem Elternhaus gesucht worden sei,
wobei er von seinem Freund P._ vorgewarnt worden sei. In der An-
hörung habe er demgegenüber behauptet, sein Freund habe Q._
geheissen und nach seiner Hochzeit anfangs (...) 2014 sei er nicht mehr
gesucht worden. Diese Widersprüche in Bezug auf den Namen seines
Freundes und den Zeitpunkt der letzten Suche nach ihm habe er nicht ent-
kräften können. Damit seien seine Aussagen in zentralen Punkten der
Asylbegründung unglaubhaft. Des Weiteren habe er seine Ausreise aus
Eritrea zwar detailliert geschildert, dennoch würden diesbezüglich gewisse
Zweifel bestehen. So habe er in der BzP angegeben, von R._ via
S._ in den Sudan gelangt zu sein, wohingegen er in der Anhörung
ausgesagt habe, von R._ über T._ gereist zu sein. Ausser-
dem habe er in der BzP erklärt, nach der Überquerung der Grenze in den
Sudan zuerst nach U._ gegangen zu sein, dagegen habe er in der
Anhörung den Aufenthalt in U._ nicht mehr erwähnt. Schliesslich
erstaune, dass er während mehrerer Tage mit einer (...) Gruppe zu Fuss
gereist sei, statt sich einzeln in unmittelbare Grenznähe zu begeben und
von dort innerhalb einiger Stunden ins Ausland zu gelangen. Infolgedessen
seien seine Schilderungen der illegalen Ausreise zumindest fragwürdig.
Alsdann sei nicht nachvollziehbar, weshalb seine ehemaligen Vorgesetzten
ihn vier- oder fünfmal beim Vater gesucht haben sollen, ohne je an einem
anderen Ort nach ihm zu fragen, insbesondere da sein Bruder im selben
Dorf gelebt habe. Ferner sei unverständlich, weshalb er nicht schon früher
ausgereist sei, stattdessen geheiratet und danach mehrere Monate bis im
(...) 2014 zu Hause gewohnt habe, obwohl sich in diesem Zeitraum nichts
mehr ereignet habe. Damit sei der Anlass seiner Flucht nicht ersichtlich.
Überdies sei es überraschend, dass – obwohl er in der freien Erzählung
seiner Asylgründe anlässlich der Anhörung die Suche nach ihm gänzlich
unerwähnt gelassen habe – später eine Verfolgung gegenüber seiner Ehe-
frau eingesetzt haben soll. Sodann seien seine Antworten in Bezug auf den
eigentlichen Anlass und Zeitpunkt seiner Desertion am (...) 2013 zurück-
haltend und wenig greifbar ausgefallen.
Soweit der Beschwerdeführer geltend gemacht habe, Eritrea verlassen zu
haben, weil der dortige Militärdienst kein Ende nehme und er mit der herr-
schenden Politik nicht einverstanden sei, würden sich seine Aussagen auf
die allgemeine politische Situation in seinem Heimatland beziehen. Inso-
fern seien die diesbezüglichen Vorbringen nicht asylrelevant. Alsdann sei
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eine asylrelevante (recte: flüchtlingsrechtlich relevante) Verfolgungssitua-
tion – unabhängig von deren Glaubhaftigkeit – auch nicht aufgrund der gel-
tend gemachten illegalen Ausreise anzunehmen, zumal keine zusätzlichen
Faktoren ersichtlich seien, welche ihn in den Augen des eritreischen Re-
gimes als missliebige Person erscheinen liessen.
Hinsichtlich allfälliger Wegweisungsvollzugshindernisse führte die Vorin-
stanz aus, es würden sich aus den Akten keine konkreten Hinweise dafür
ergeben, dass dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr nach Eritrea mit
hinreichender Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK verbotene Strafe
oder Behandlung drohe. Die Prüfung, ob ein tatsächliches und unmittelba-
res Risiko einer Verletzung von Art. 4 EMRK bestehe, sei aufgrund seiner
unglaubhaften Angaben nicht möglich. So könne nicht ausgeschlossen
werden, dass er vom Nationaldienst suspendiert oder daraus entlassen
worden sei oder dass er diesen bereits ordentlich abgeschlossen habe.
Selbst eine glaubhaft gemachte drohende Einberufung in den eritreischen
Nationaldienst stehe der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges nach
Eritrea nicht entgegen. Es könne deswegen nicht von einem tatsächlichen
und unmittelbaren Risiko einer Rekrutierung und gegebenenfalls zukünfti-
gen Verletzung von Art. 4 EMRK ausgegangen werden. Weiter seien we-
der allgemeine noch individuelle Gründe ersichtlich, welche den Wegwei-
sungsvollzug als unzumutbar erscheinen lassen würden, und der Vollzug
sei technisch möglich und praktisch durchführbar.
4.2 In der Rechtsmittelschrift hielt der Beschwerdeführer dem entgegen, er
habe sowohl die Desertion aus dem Nationaldienst als auch die illegale
Ausreise glaubhaft machen können. Bezüglich der angeblichen Widersprü-
che zu den Umständen nach der Desertion führte er aus, er könne sich
nicht mehr erklären, weshalb im BzP-Protokoll festgehalten worden sei,
dass die letzte Suche nach ihm eine Woche vor seiner Ausreise erfolgt sein
soll. Er sei überzeugt, stets ausgesagt zu haben, in den letzten Monaten
vor seiner Ausreise nicht mehr gesucht worden zu sein, was er in der An-
hörung mehrfach wiederholt habe. Weiter habe er bei der BzP die Namen
"P._" und "Q._" vertauscht, was angesichts dessen, dass
die Vorfälle bereits sechs Jahre zurückliegen würden und die Namen sehr
ähnlich seien, äusserst wahrscheinlich sei. Da er in der Anhörung angege-
ben habe, sich nach seiner Desertion knapp eine Woche lang in seinem
Elternhaus aufgehalten zu haben, sei – entgegen der Ansicht des SEM –
kein Widerspruch zu seinen Ausführungen in der BzP erkennbar. Den Vor-
halt, er habe anlässlich der Befragungen zwei verschiedene Reisewege in
den Sudan beschrieben, betreffe den Fluchtweg innerhalb Eritreas und
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Seite 9
nicht den Grenzübertritt, weshalb es für die Frage der Glaubhaftigkeit der
illegalen Ausreise nicht relevant sei, welche innerstaatliche Route er bis zur
Grenze genommen habe. Des Weiteren klinge der von der Vorinstanz be-
hauptete Widerspruch hinsichtlich seines Aufenthaltes in U._ kon-
struiert und hätte bei präziserem Nachfragen anlässlich der BzP ohne wei-
teres vermieden werden können. Bei der Grenzüberquerung habe er sich
an die Anweisungen seines Schleppers gehalten, weshalb kaum relevant
scheine, ob das SEM sich diese Vorgehensweise erklären könne oder
nicht. Jedenfalls sei es keinesfalls ausgeschlossen, dass auch eine kleine
bis mittelgrosse Gruppe unter einem erfahrenen Führer unbemerkt illegal
ins Ausland gelangen könne. Zudem habe er die illegale Ausreise ausführ-
lich und mit persönlichen Erfahrungen geprägt geschildert. Soweit es für
die Vorinstanz nicht einleuchte, weshalb er von seinen ehemaligen Vorge-
setzten nicht auch an anderen Orten gesucht worden sei, könne er sich
dies ebenfalls nicht erklären. Diese Zusammentreffen habe er aufgrund der
Erzählungen seines Vaters lebensnah schildern können. Den einschnei-
denden Schritt, Eritrea zu verlassen, habe er – trotz der konkreten Gefahr
einer Verhaftung – aus Rücksicht auf seine Nächsten erst einige Zeit nach
seiner Desertion gewagt, was stärker für als gegen ihn spreche und aus
menschlicher Sicht nachvollziehbar sei. Der Umstand, dass seine Ehefrau
nach seiner Ausreise verfolgt worden sei, sei wohl darauf zurückzuführen,
dass seine ehemalige Einheit wieder in die nähere Umgebung von
C._ zurückversetzt und damit auch die Suche nach ihm wiederauf-
genommen worden sei. Derartige Sanktionen gegen Angehörige seien weit
verbreitet. Obwohl er seine innere Motivation für die Desertion eher kurz
geschildert habe, erscheine diese im Gesamtkontext seiner Erfahrungen
im Dienst real, stimmig und absolut nachvollziehbar. Bezüglich des ge-
nauen Zeitpunkts seiner Desertion sei er gar nie danach gefragt worden
und habe diesen Aspekt selber auch nicht für besonders wichtig gehalten.
Aus seinen verschiedenen Ausführungen in den Befragungen würde sich
ein stimmiges Gesamtgefüge ergeben. Für die Glaubhaftigkeit spreche fer-
ner, dass er überraschende Umstände geschildert habe, auf welche er
selbst keinen Einfluss gehabt habe und die er möglicherweise nicht voll-
ständig verstanden habe. Mit Blick auf seine sehr kurze schulische Lauf-
bahn sei es sodann höchst unwahrscheinlich, dass er sich derart viele De-
tails eines komplexen Sachverhalts merken und sie lebensnah über die
gesamte Bundesanhörung stimmig wiedergeben könne, wenn es sich da-
bei nicht um selbst Erlebtes handeln würde. Die Vorinstanz habe es ver-
nachlässigt, die Glaubhaftigkeit seiner Aussagen auf Grundlage einer Ge-
samtwürdigung zu beurteilen und die Beweisregeln von Art. 7 AsylG insge-
samt zu restriktiv gehandhabt. Ihm sei der Nachweis gelungen, dass er in
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Seite 10
seinem Heimatland wegen seiner politischen Anschauung, die sich in der
Desertion und anschliessenden Landesflucht manifestiert habe, an Leib
und Leben sowie in seiner Freiheit gefährdet sei.
Seinen Eventualantrag auf vorläufige Aufnahme begründete der Be-
schwerdeführer mit dem Vorhandensein subjektiver Nachfluchtgründe. Er
habe beweisen respektive glaubhaft machen können, dass er illegal aus
Eritrea ausgereist sei. Die anderslautende neuere Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts sei angesichts der Lage in Eritrea nicht nach-
vollziehbar. Hinzu komme, dass bei ihm – entgegen den Ausführungen der
Vorinstanz – weitere Faktoren gegeben seien, die ihn in den Augen des
eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen liessen. So sei er
bereits (...) Jahre im Nationaldienst gefangen gewesen und dadurch den
Behörden und insbesondere seiner Einheit namentlich bekannt sowie in
den Akten vermerkt. Weiter sei nachgewiesen worden, dass er seine De-
sertion glaubhaft geschildert habe und deshalb als missliebige Person gel-
ten dürfte.
Der Beschwerdeführer erachtet schliesslich den Wegweisungsvollzug
nach Eritrea als unzulässig. Da er die Flüchtlingseigenschaft gemäss
Art. 3 AsylG erfülle, stünde eine Wegweisung im Widerspruch zu
Art. 33 FK beziehungsweise Art. 5 AsylG und sei dementsprechend nicht
mit dem Non-Refoulement-Prinzip vereinbar. Weiter führte er – unter Ver-
weis auf verschiedene Berichte – aus, ihm drohe bei einer Rückkehr das
ernsthafte Risiko, bereits am Flughafen willkürlich festgenommen, un-
menschlich behandelt sowie in anschliessenden Verhören gar gefoltert und
danach willkürlich inhaftiert zu werden. Darüber hinaus werde er – als ge-
sunder und sich im militärdienstpflichtigen Alter befindlichen Eritreer, wel-
cher bereits Dienst geleistet habe und den Behörden mithin namentlich be-
kannt sei – bei seiner Rückkehr mit an Sicherheit grenzender Wahrschein-
lichkeit wieder in den eritreischen Pflichtdienst einberufen, womit die Ge-
fahr einer flagranten Verletzung des Verbots der Zwangsarbeit nach Art. 4
Abs. 2 EMRK und des Folterverbots von Art. 3 EMRK bestehe. Schliess-
lich sei der Vollzug der Wegweisung auch als unzumutbar einzuschätzen.
Seine Ehefrau und sein Kind würden ebenso wie sein jüngerer Bruder nicht
mehr in Eritrea leben. Sein Vater sei bereits um die (...) Jahre alt und dürfte
damit kaum mehr in der Lage sein, ihn bei einer allfälligen Wiedereinglie-
derung zu unterstützen. Er selber habe nie einen Beruf erlernt und nie ge-
arbeitet. Seine im Land verbliebenen Geschwister hätten eigene Familien
und mithin ihre eigenen Probleme, so dass er niemanden habe, der ihn
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Seite 11
unterstützen könnte. Alsdann habe er derzeit keinen Kontakt zu seiner Fa-
milie in Eritrea. Daneben würde er sich in einer medizinischen Notlage be-
finden, da er an einer (...) erkrankt und deswegen in Behandlung sei. Die
Wegweisung sei daher zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufzuschie-
ben.
4.3 In ihrer Vernehmlassung hielt die Vorinstanz an den Erwägungen der
angefochtenen Verfügung vollumfänglich fest. Bezüglich des Gesundheits-
zustands des Beschwerdeführers wurde angemerkt, dass der Beschwer-
deschrift nicht zu entnehmen sei, seit wann er an (...) leide und ob er dies-
bezüglich bereits in Eritrea in medizinischer Behandlung gewesen sei.
Dennoch könne gesagt werden, dass das eritreische Gesundheitsministe-
rium verschiedene Kampagnen zur Bekämpfung verbreiteter Krankheiten
gestartet habe. Unter Bezugnahme auf einen Bericht der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe vom 3. Juni 2019 wurde darauf verwiesen, dass eine adä-
quate medizinische Versorgung für seine (...) im Heimatland gewährleistet
sei. Eine (Weiter-) Behandlung erweise sich demnach als möglich und zu-
mutbar, zumal er aus der Zoba E._ stamme und das (...)- oder (...)-
Spital in K._ gut erreichen könne. Es sei ihm überdies unbenom-
men, medizinische Rückkehrhilfe in Anspruch zu nehmen.
4.4 In seiner Replik entgegnete der Beschwerdeführer, die (...)-Therapie
habe in der Zwischenzeit erfolgreich abgeschlossen werden können. Seit-
her befinde er sich aber weiterhin in hausärztlicher Behandlung. Bei einer
Rückschaffung und damit einhergehender mangelhafter medizinischer
Überwachung sei ein Rückfall nicht ausgeschlossen. Auch wenn in Eritrea
ein nationales Programm mit kostenloser Abgabe von (...)-Medikamenten
bestehen sollte, dürfte er, aufgrund seiner familiären Vorbelastung und Vor-
geschichte, kaum effektiven Zugang zu einem solchen haben. Überdies sei
– wie bereits in der Beschwerdeschrift ausgeführt – sein Gesundheitszu-
stand nur einer von zahlreichen Faktoren, welche zur Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges führen würden. Abschliessend wurde festgehalten,
aufgrund des Eingreifens des eritreischen Militärs im November 2020 in
der Tigray-Region und den dort mutmasslich begangenen Verbrechen ge-
gen die Menschlichkeit sei die Gefahr einer erneuten Zwangsrekrutierung
und/oder Bestrafung gestiegen sei.
5.
5.1 Nach eingehender Prüfung der Akten stellt das Bundesverwaltungsge-
richt fest, dass die Einschätzung des SEM, die Vorbringen des Beschwer-
deführers seien weder glaubhaft noch asylrelevant, zu bestätigen ist.
D-235/2020
Seite 12
5.2
5.2.1 Übereinstimmend mit dem SEM kann vorliegend davon ausgegan-
gen werden, dass der Beschwerdeführer in seiner Heimat von (...) 2007
bis (...) 2013 tatsächlich Militärdienst geleistet hat. Seine diesbezüglichen
Ausführungen in den Befragungen, insbesondere die Beschreibung seiner
militärischen Ausbildung in G._, seine nachfolgenden Stationierun-
gen in H._, I._, J._, am (...) und schliesslich in
L._ sowie seine Diensttätigkeiten, sind substantiiert, konsistent und
plausibel (vgl. SEM-Akten A5, Ziff. 1.17.04 sowie A13, F52–58, F67 und
F73–106). Demgegenüber ist festzuhalten, dass die Schilderungen der De-
sertion aus dem Militärdienst und der anschliessenden behördlichen Suche
nach ihm sowie die Ausführungen über seinen Aufenthalt bis zu seiner Aus-
reise nicht glaubhaft ausfielen. Eine zu restriktive Handhabung der Beweis-
regel von Art. 7 AsylG durch die Vorinstanz ist dabei nicht ersichtlich.
5.2.1.1 Der Beschwerdeführer vermochte seine innere Motivation respek-
tive die finalen Beweggründe für seine Desertion sowie die Inkaufnahme
des miteinhergehenden Risikos nicht konkret und nachvollziehbar darzule-
gen. So beantwortete er die entsprechende Frage, wie es dazu gekommen
sei, dass er am (...) 2013 seinen Militärdienst beendet habe, zunächst nur
ausweichend (vgl. SEM-Akte A13, F107). Auf die erneute Nachfrage er-
klärte er dann, die Arbeit sei unerträglich gewesen und er habe sie gehasst.
Er habe die ganze Zeit nur Wache halten müssen. Es habe keine Gelegen-
heit gegeben, einen anderen Beruf zu erlernen oder auszuüben, und des-
halb habe er sich dazu entschieden, nach Hause zu gehen (vgl. SEM-
Akte A13, F108). Wann er den einschneidenden Fluchtentschluss gefasst
hatte, vermochte er ebenfalls nicht überzeugend darzulegen. Hierzu
machte er geltend, die Militärzeit nehme kein Ende und er habe dabei nicht
arbeiten dürfen und weder für seine Familie da sein noch seine Kinder
grossziehen können. Er hätte kein eigenes Leben haben können
(vgl. SEM-Akte A13, F110). Alsdann blieben auch die wesentlichen Um-
stände der Desertion zunächst weitestgehend im Dunkeln. Erst auf wieder-
holte Ergänzungsfragen bezüglich der Geschehnisse vom (...) 2013
brachte er schliesslich vor, er habe seine Einheit in V._ an seinem
freien Tag verlassen, nachdem er seinen Vorgesetzten, W._, um
Erlaubnis gebeten habe, einen Ausflug in die Stadt machen zu dürfen. Mit
dem Bus Nummer (...) sei er dann von der Haltestelle (...) in sein Heimat-
dorf C._ gelangt (vgl. SEM-Akte A13, F112–129). Es stellt sich die
Frage, weshalb er diese Ereignisse nicht von sich aus vorgetragen hat, und
es entsteht der Eindruck, er habe seine Antworten den gestellten Fragen
angepasst. Da der Beschwerdeführer die Desertion aus dem Militärdienst
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Seite 13
als fluchtauslösendes Ereignis schilderte, wäre anzunehmen gewesen,
dass er selbst nach längerer Zeit noch substantiierte Angaben dazu ma-
chen kann. Vor diesem Hintergrund kann nicht geglaubt werden, dass er
aus dem Militärdienst desertiert ist.
5.2.1.2 Des Weiteren bestehen im Zusammenhang mit der Suche nach
dem Beschwerdeführer wegen Fernbleibens vom Militärdienst Ungereimt-
heiten, welche er nicht aufzulösen vermochte. So ist für das Gericht – in
Übereinstimmung mit der Vorinstanz – unverständlich, weshalb seine bei-
den ehemaligen Vorgesetzten ihn lediglich im Haus seines Vaters und nicht
auch bei seinem älteren Bruder, X._, aufgesucht haben sollen, wo
er sich nach der Desertion bis zur Heirat versteckt gehalten habe. Ange-
sichts dessen, dass dieser gemäss Aussagen des Beschwerdeführers (...)
war (vgl. SEM-Akte A13, F33), womit den (Militär-) Behörden dessen Ad-
resse bekannt sein musste, wäre es wohl ein leichtes gewesen, ihn dort
aufzufinden. Stringente Beschwerdeargumente für eine andere Sichtweise
fehlen. Vielmehr lässt der Umstand, wonach er sich bis zu seiner Hochzeit
im (...) 2014 offenbar weitgehend unbehelligt bei seinem Bruder, welcher
ebenfalls in C._ wohnte, aufhielt, nicht auf eine asylrelevante Ge-
zieltheit der Verfolgung schliessen. Alsdann machte er in den Befragungen
zwar übereinstimmend geltend, seine beiden ehemaligen Vorgesetzten,
W._ und Y._, hätten ihn erstmals eine Woche nach seiner
Desertion bei seinem Vater gesucht (vgl. SEM-Akten A5, Ziff. 7.02 und
A13, F114 und F138 f.) und seien anschliessend drei oder vier weitere
Male dort vorbeigekommen, um sich nach seinem Aufenthalt zu erkundi-
gen (vgl. SEM-Akten A5, Ziff. 7.02 und A13, F107, F140 f., F143, F145 und
F178). Demgegenüber vermochte er die einzelnen Erkundigungen der Be-
hörden zeitlich nicht näher einzuordnen, was angesichts deren Wichtigkeit
nicht nachvollziehbar ist. Zudem fielen seine Angaben betreffend den Zeit-
punkt der letzten Durchsuchung widersprüchlich aus. In der BzP machte er
geltend, er sei letztmals eine Woche vor seiner Ausreise aus Eritrea ge-
sucht worden (vgl. SEM-Akte A5, Ziff. 7.02), wohingegen er anlässlich der
Anhörung behauptete, nach seiner Hochzeit nicht mehr von seiner Einheit
gesucht worden zu sein, da diese nach M._ gegangen sei
(vgl. SEM-Akte A13, F143–146, F152 und F154). Als er mit diesen unter-
schiedlichen Angaben konfrontiert wurde, hielt er daran fest, dass er ge-
sucht worden sei, bevor er geheiratet habe (vgl. SEM-Akte A13, F178). In
seiner Rechtsmitteleingabe bringt er vor, er wisse nicht mehr, wie diese
Protokollierung in der BzP zustande gekommen sei. Damit vermag er keine
plausible Erklärung zu seiner Entlastung vorzubringen. Anlässlich der Erst-
befragung erklärte er nämlich zweimal, er verstehe den Dolmetscher
D-235/2020
Seite 14
"molto bene" (vgl. SEM-Akte A5, Bst. h und Ziff. 9.02). Zudem bestätigte er
nach der Rückübersetzung unterschriftlich, das Protokoll sei vollständig
und korrekt und würde seinen Aussagen entsprechen (vgl. ebenda S. 10).
Nach Durchsicht des Protokolls sind ausserdem keine Anhaltspunkte für
Verständigungsschwierigkeiten oder unpräzise oder unvollständige Über-
setzungen festzustellen. Auch wenn dem Protokoll der BzP angesichts des
summarischen Charakters der Befragung nur ein beschränkter Beweiswert
zukommt, dürfen Widersprüche für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit
dann herangezogen werden, wenn klare Aussagen bei der BzP in wesent-
lichen Punkten der Asylbegründung von den späteren Aussagen in der An-
hörung diametral abweichen, oder wenn bestimmte Ereignisse oder Be-
fürchtungen, welche später als zentrale Asylgründe genannt werden, nicht
bereits in der BzP zumindest ansatzweise erwähnt werden (vgl. statt vieler:
Urteil des BVGer D-3114/2018 vom 28. Juni 2019 E. 5.1 m.w.H sowie Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1993 Nr. 3). Folglich muss sich der Beschwerdeführer auf seine
Aussagen an der BzP und daraus allenfalls resultierende Unstimmigkeiten
behaften lassen. Soweit er in der Anhörung vorbrachte, dass die Suche
nach ihm (...) 2014 (vorübergehend) eingestellt worden sei, weil seine Ein-
heit zwecks Ausbildung nach M._ weitergezogen sei (vgl. SEM-
Akte A13, F143–146, F152, F154 und F178), erscheint dies wenig wahr-
scheinlich. Unter diesen Umständen ist im Übrigen sein Verhalten, direkt
nach der Hochzeit vom (...) 2014 wieder an seinen den eritreischen Behör-
den bekannten Wohnsitz bei seinem Vater zurückzukehren und sich dort
bis zu seiner Ausreise aufzuhalten, nicht einleuchtend, wäre doch zu er-
warten gewesen, dass er dort, nach der Rückkehr seiner Einheit, mit einer
Verhaftung hätte rechnen müssen.
5.2.1.3 Darüber hinaus fielen seine Ausführungen, wie er nach seiner De-
sertion im (...) 2013 bis zu seiner Ausreise im (...) 2014 versteckt in
C._ gelebt haben will, ohne festgenommen worden zu sein, nur
sehr vage, allgemein und substanzarm aus. In der BzP führte er aus, er
habe während dieser Zeitspanne nichts gemacht. Da er nicht habe arbeiten
können, sei er zu Hause geblieben. Er habe ohnehin vorsichtig sein müs-
sen, um nicht in eine Razzia zu geraten (vgl. SEM-Akte A5, Ziff. 7.02).
Auch in der Anhörung machte er – trotz mehrmaliger Nachfragen – keine
weitergehenden Angaben (vgl. SEM-Akte A13, F64–66). Damit erwecken
seine Schilderungen nicht den Eindruck einer Person, die tatsächlich in den
Fokus der Behörden geraten ist und sich vor diesen verstecken musste.
Diese Einschätzung wird durch Ungereimtheiten in Bezug auf die geltend
D-235/2020
Seite 15
gemachte Vorwarnung durch seinen Freund bestätigt. Hierzu gab er an-
lässlich der BzP zu Protokoll, sein Freund P._, mit welchem er zu-
sammen den Militärdienst geleistet habe, habe sich kurz vor der letzten
Suche eine Woche vor seiner Ausreise telefonisch mit seinem Vater in Ver-
bindung gesetzt, um ihm mitzuteilten, dass W._ auf dem Weg zu
ihm sei (vgl. SEM-Akte A5, Ziff. 7.02). Dagegen brachte er in der Anhörung
vor, er sei von seinem ehemaligen Kollegen Q._ über die erste
Durchsuchung eine Woche nach seiner Desertion informiert worden, so-
dass er sich rechtzeitig bei seinem Bruder habe verstecken können
(vgl. SEM-Akte A13, F107, F112, F130 und F139). Als er auf diese Wieder-
sprüche angesprochen wurde, wich er den Fragen mehrmals aus, bevor er
schliesslich bestätigte, dass Q._ seinen Vater per Telefon gewarnt
hatte, noch bevor er das erste Mal zu Hause von seiner ehemaligen Einheit
gesucht worden sei. Dagegen sei P._ der Name des Freundes, wel-
cher ihm geholfen habe, einen Schlepper zu finden (vgl. SEM-Akte A13,
F171–178). Obwohl die Namen "P._" und "Q._" ähnlich klin-
gen, wäre zu erwarten gewesen, dass der Beschwerdeführer den Namen
der Person, welche ihn telefonisch vor den Razzien der Militärbehörden
warnte, und denjenigen seines Freundes, welcher ihm den Kontakt zu sei-
nem Schlepper ermöglichte, auseinanderhalten kann. Seine Erklärung in
der Beschwerdeschrift, wonach es sich um eine simple Verwechslung der
Namen gehandelt habe, verfängt nicht.
5.2.1.4 Im Weiteren vermochte der Beschwerdeführer nicht aufzuzeigen,
aus welchen Gründen er als gesuchte Person, welche sich versteckt hielt,
bis im (...) 2014 in Eritrea blieb und nicht bereits schon früher ausgereist
ist. Während der BzP führte er auf die Frage, weshalb er so lange gewartet
habe, bis er schliesslich sein Heimatland verlassen habe, aus, in der An-
fangszeit habe er zunächst noch gehofft, dass er in Ruhe gelassen werde,
anschliessend habe er Zeit benötigt, um den richtigen Schlepper zu finden
(vgl. SEM-Akte A5, Ziff. 7.02). In der Anhörung gab er an, es habe kein be-
stimmtes Ereignis gegeben, welches für ihn den Ausschlag dafür gegeben
habe, das Land im (...) 2014 zu verlassen (vgl. SEM-Akte A13, F70 f.). Die
in der Beschwerdeschrift vorgebrachte Erklärung, wonach er noch etwas
Zeit mit seiner Familie habe verbringen wollen, vermag ebenfalls nicht zu
überzeugen. Bei einer tatsächlichen Verfolgung durch die eritreischen Mi-
litärbehörden wäre zu erwarten gewesen, dass er bereits früher seine Aus-
reise organisiert hätte.
D-235/2020
Seite 16
5.2.1.5 Ferner machte der Beschwerdeführer geltend, die Ereignisse nach
seiner Ausreise aus Eritrea würden für den Wahrheitsgehalt seiner Aussa-
gen sprechen. Anlässlich der Anhörung gab er zu Protokoll, nachdem er
sein Heimatland verlassen habe, habe seine Frau seinetwegen eine Busse
bezahlen müssen und sei für drei Tage inhaftiert worden. Ausserdem sei
sie unter Druck gesetzt worden, indem ihr beispielsweise keine Coupons
für Grundnahrungsmittel mehr ausgestellt worden seien. Wegen dieser
Schwierigkeiten sei sie schliesslich (...) 2017 zusammen mit dem gemein-
samen Kind in den Sudan geflüchtet (vgl. SEM-Akte A13, F18–24). Ange-
sichts dessen, dass die entsprechenden Vorbringen gänzlich unsubstanti-
iert erfolgten (keine Angaben über die Umstände und den Zeitpunkt der
Inhaftierung seiner Ehefrau) und auch nicht plausibel erscheint, dass er
– obwohl er offenbar stets in Kontakt mit seiner Frau stand – erst Jahre
später davon erfahren haben soll, sind die geltend gemachten Schwierig-
keiten seiner Ehefrau mit den eritreischen Behörden als blosse Schutzbe-
hauptungen zu qualifizieren. Aufgrund der Unglaubhaftigkeit der Asyl-
gründe des Beschwerdeführers ist die darauf beruhende Inhaftierung sei-
ner Ehefrau und deren Ausreise aus Eritrea aufgrund behördlicher Prob-
leme wegen ihm ohnehin als unglaubhaft einzustufen.
5.2.2 Nach dem Gesagten können die geltend gemachte Desertion des
Beschwerdeführers aus dem Militärdienst, die anschliessende Suche nach
ihm durch Angehörige des Nationaldienstes sowie seine Aufenthalte bei
seinem Vater und seinem Bruder bis zu seiner Ausreise nicht geglaubt wer-
den. Dementsprechend vermag er aus seinem Vorbringen, aufgrund seiner
Desertion würde er bei einer Rückkehr nach Eritrea umgehend inhaftiert
und unverhältnismässig streng bestraft, wobei eine solche Bestrafung als
politisch motiviert einzustufen sei, nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Es
erscheint wahrscheinlicher, dass er vom Militärdienst suspendiert oder im
Laufe der Jahre ordentlich entlassen worden ist und danach noch einige
Zeit unbehelligt in Eritrea lebte, bevor er im (...) 2014 in den Sudan ging
(vgl. diesbezüglich die Urteile des BVGer E-3837/2019 vom 19. Ja-
nuar 2021 E. 6.2.5, E-31/2017 vom 2. Oktober 2019 E. 7 und E-2730/2017
vom 21. August 2018 E. 5.1). Es ist folglich nicht davon auszugehen, dass
der Beschwerdeführer im Ausreisezeitpunkt von den eritreischen Behörden
gesucht wurde. Daher ist auch nicht anzunehmen, dass er im Zeitraum
nach Verlassen des Militärdienstes bis zu seiner Ausreise einer asylrele-
vanten Verfolgungsgefahr ausgesetzt war. Es liegen somit keine asylrele-
vanten Vorfluchtgründe vor.
D-235/2020
Seite 17
5.3
5.3.1 In seiner früheren Rechtsprechung ging das Bundesverwaltungsge-
richt davon aus, dass bei einer illegalen Ausreise aus Eritrea im Falle einer
Rückkehr die Gefahr einer flüchtlingsrechtlich relevanten Bestrafung be-
stehe. Im Urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil pu-
bliziert) gelangte das Gericht jedoch zum Schluss, dass die bisherige Pra-
xis nicht mehr aufrechterhalten werden könne und die illegale Ausreise al-
lein zur Begründung der Flüchtlingseigenschaft nicht ausreiche. Vielmehr
bedürfe es hierzu zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche einen Be-
schwerdeführer in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige
Person erscheinen liessen und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich rele-
vanten Verfolgungsgefahr führen könnten (vgl. a.a.O. E. 5.1).
5.3.2 Aufgrund dieses Entscheids kann vorliegend – mangels flüchtlings-
rechtlicher Relevanz – auf eine eingehende Glaubhaftigkeitsbeurteilung
bezüglich der geltend gemachten illegalen Ausreise des Beschwerdefüh-
rers verzichtet werden. Selbst bei Annahme einer illegal erfolgten Ausreise
lassen sich den Akten keine konkreten Hinweise auf relevante zusätzliche
Anknüpfungspunkte für eine Schärfung seines Profils entnehmen. Da er
– wie in der vorhergehenden Erwägung dargelegt (vgl. oben E. 5.2) – nicht
glaubhaft machen konnte, dass er aus dem Militärdienst desertiert oder
aus anderen Gründen in den Fokus der eritreischen (Militär-) Behörden ge-
raten ist, sind – neben einer allenfalls illegalen Ausreise – auch keine an-
deren Anknüpfungspunkte ersichtlich, welche ihn in den Augen des Re-
gimes als missliebige Personen erscheinen lassen könnten. Der Be-
schwerdeführer erfüllt damit die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3
AsylG auch unter dem Aspekt subjektiver Nachfluchtgründe nicht.
5.3.3 Soweit in der Beschwerde Kritik an dieser neuen Praxis des Bundes-
verwaltungsgerichts geübt wird, ist diese zur Kenntnis zu nehmen. Die ent-
sprechenden Ausführungen vermögen die gefestigte und koordinierte
Rechtsprechung jedoch nicht in Frage zu stellen (vgl. auch unten
E. 7.2.3.3).
5.4 Als Auslöser für das Verlassen seines Heimatlandes nannte der Be-
schwerdeführer im vorinstanzlichen Verfahren schliesslich auch, dass der
Nationaldienst kein Ende nehme, er keine Freiheiten mehr gehabt habe
und mit der herrschenden Politik nicht einverstanden gewesen sei
(vgl. SEM-Akten A5, Ziff. 7.01 und A13, F69 ff.). Wie die Vorinstanz in der
angefochtenen Verfügung zu Recht festgehalten hat (vgl. dort E. II, Ziff. 3
sowie die Zusammenfassung der entsprechenden Ausführungen in E. 4.1
D-235/2020
Seite 18
des vorliegenden Urteils), stellen Nachteile, welche auf die allgemeinen
politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Lebensbedingungen in einem
Staat zurückzuführen sind, keine asylbeachtliche Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG dar.
5.5 Zusammenfassend ergibt sich, dass sowohl das Vorliegen von Vor-
fluchtgründen im Sinne von Art. 3 AsylG als auch dasjenige von subjekti-
ven Nachfluchtgründen gemäss Art. 54 AsylG zu verneinen ist. Insbeson-
dere ist unter Hinweis auf E. 5.1 des Urteils D-7898/2015 vom 30. Ja-
nuar 2017 (vgl. oben E. 5.3.2) festzuhalten, dass einer nach der Rückkehr
nach Eritrea erfolgenden (Wieder-) Einziehung des Beschwerdeführers in
den Nationaldienst asylrechtlich grundsätzlich keine Bedeutung zukäme,
weil sie nicht aus asylrechtlich relevanten Motiven erfolgen würde. Im Üb-
rigen kann auf diesbezüglich weitergehende Erläuterungen schon deshalb
verzichtet werden, weil es dem Beschwerdeführer ohnehin nicht gelingt,
glaubhaft zu machen, dass ihm im Falle der Rückkehr in sein Heimatland
ein Wiedereinzug in den eritreischen Militärdienst droht (vgl. unten
E. 7.2.3). Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwer-
deführers verneint und das Asylgesuch abgelehnt.
6.
6.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
6.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4 und 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.
7.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän-
der und über die Integration [AIG; SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
D-235/2020
Seite 19
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
7.2
7.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Art. 4 EMRK beinhal-
tet die Verbote der Sklaverei und Leibeigenschaft (Abs. 1) sowie der
Zwangs- oder Pflichtarbeit (Abs. 2 und 3).
7.2.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das
flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 FK und
Art. 5 AsylG im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. Seine
Rückschaffung in den Heimatstaat ist demnach insofern rechtmässig.
7.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer
Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behand-
lung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes
für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06,
§§ 124127 m.w.H.).
D-235/2020
Seite 20
Aufgrund des heutigen Alters des Beschwerdeführers kann ein allfälliger
(erneuter) Einzug in den Nationaldienst bei seiner Rückkehr nicht ausge-
schlossen werden (vgl. zur eritreischen Musterungspraxis auch das Refe-
renzurteil des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 13.2–13.4 [als
Referenzurteil publiziert]). Die Frage kann aber mit Verweis auf die nach-
folgenden Erwägungen offenbleiben.
7.2.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Grundsatzurteil
E-5022/2017 vom 10. Juli 2018 (publiziert als BVGE 2018 VI/4) die Frage
der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei drohender Einziehung in
den eritreischen Nationaldienst unter den Aspekten des Zwangsarbeitsver-
bots (Art. 4 Abs. 2 EMRK), des Folterverbots und der unmenschlichen und
erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK) geklärt. Nach eingehender
Quellenanalyse kam es zum Schluss, die Bedingungen im Nationaldienst
seien grundsätzlich als Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu
qualifizieren; durch die Einziehung in den eritreischen Nationaldienst be-
stünde gleichwohl nicht das ernsthafte Risiko einer schwerwiegenden Ver-
letzung von Art. 4 Abs. 2 EMRK. Zudem sei nicht erstellt, dass die berich-
teten Misshandlungen und sexuellen Übergriffe derart systematisch statt-
fänden, dass jede Nationaldienstleistende und jeder Nationaldienstleis-
tende dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu
erleiden (vgl. BVGE 2018 IV/4 E. 6.1, insbesondere E. 6.1.5). Weiter ver-
neinte es das ernsthafte Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle
einer Einziehung in den eritreischen Nationaldienst (vgl. BVGE 2018 IV/4
E. 6.1.6), da keine hinreichenden Belege dafür existierten, wonach Miss-
handlungen und sexuelle Übergriffe im Nationaldienst derart flächende-
ckend stattfinden würden, dass jede Dienstleistende und jeder Dienstleis-
tende dem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu
erleiden.
7.2.3.2 Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den
vorliegenden Akten ergeben sich – selbst bei einem Einzug in den Natio-
naldienst – Anhaltspunkte für die Annahme, er müsste bei einer freiwilligen
Rückkehr in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine
nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotene Strafe oder Behandlung be-
fürchten. Auch die problematische allgemeine Menschenrechtssituation in
Eritrea lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt praxisge-
mäss nicht als unzulässig erscheinen.
D-235/2020
Seite 21
7.2.3.3 Die Referenzurteile des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017
und E-5022/2017 vom 10. Juli 2018 (publiziert als BVGE 2018 VI/4) basie-
ren auf einer umfassenden Analyse der aktuellen Quellen im jeweiligen Ur-
teilszeitpunkt. Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, ihm drohe für
den Fall einer (freiwilligen) Rückkehr nach Eritrea Folter und unmenschli-
che Behandlung respektive Sklaverei und Zwangsarbeit (vgl. hierzu die
Ausführungen in der Beschwerde, E. II, Ziff. 4.4.2 und Ziff. 4.4.3), stützt er
sich auf Quellen und Rechtsprechung, die älter datieren. Den Ausführun-
gen können keine neuen Erkenntnisse oder Gesichtspunkte entnommen
werden, welche eine neuerliche Praxisänderung gebieten würden (vgl.
auch vorstehend E. 5.3.4).
7.2.4 Weitere Gründe für die Annahme der Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ergeben sich weder aus den Akten noch aus der Beschwer-
deschrift. Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweist
sich nach dem Gesagten – sowohl im Sinne der asyl- als auch der völker-
rechtlichen Bestimmungen – als zulässig.
7.2.5 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungs-
gericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges – aufgrund des Feh-
lens eines Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz und Erit-
rea – lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilt und die Zulässigkeit
zwangsweiser Rückführungen ausdrücklich offenlässt (vgl. BVGE 2018
VI/4 E. 6.1.7).
7.3
7.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
7.3.2 Im bereits zitierten Grundsatzentscheid BVGE 2018 IV/4 kam das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die drohende Einziehung in
den eritreischen Nationaldienst nicht generell zur Feststellung der Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führe (a.a.O., E. 6.2.3–6.2.5). Daran
vermag auch der Verweis des Beschwerdeführers in der Replik auf die ge-
genwärtige Konfliktsituation rund um die äthiopische Provinz Tigray nichts
D-235/2020
Seite 22
zu ändern. Eine allfällige Einziehung des Beschwerdeführers in den Natio-
naldienst bei einer (freiwilligen) Rückkehr nach Eritrea führt damit nicht zur
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
7.3.3 Nach aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg,
Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise ei-
ner generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen
werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in einigen Be-
reichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwie-
rig; die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zu-
gang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist
seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte sind
nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die umfang-
reichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Bevöl-
kerung profitiere. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Lan-
des muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung
ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als
noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle
Faktoren nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom
17. August 2017 E. 16 f.).
7.3.4 Mit der Vorinstanz ist festzustellen, dass sich im Fall des Beschwer-
deführers aus den Akten keine individuellen Gründe ergeben, welche einen
Wegweisungsvollzug nach Eritrea als unzumutbar erscheinen lassen. Er
verfügt unbestrittenermassen über Verwandte in seinem Heimatland (sein
Vater, sein Bruder X._, seine beiden Schwestern Aa._ und
Bb._ sowie Onkel und Tanten [vgl. SEM-Akten A5, Ziff. 3.01 und
A13, F29 und F31–33]). Soweit er vorbrachte zurzeit nicht mehr mit ihnen
in Kontakt zu stehen, ist davon auszugehen, dass er diese Kontakte im
Hinblick auf seine Rückkehr reaktivieren respektive wieder intensivieren
kann. Vor seiner Ausreise lebte er bei seinem Vater, zu welchem er wieder
zurückkehren kann. Somit kann davon ausgegangen werden, dass er bei
seiner Rückkehr – trotz der mehrjährigen Landesabwesenheit – auf ein
tragfähiges familiäres Beziehungsnetz zurückgreifen kann, welches ihn bei
seiner sozialen und wirtschaftlichen Wiedereingliederung unterstützen
kann. Zwar erlernte er keinen Beruf, gemäss eigenen Angaben arbeitete er
nach der Schule aber auf verschiedenen (...) (vgl. SEM-Akte A13, F62).
Diese Tätigkeit kann er wiederaufnehmen. Es ist daher nicht davon auszu-
gehen, dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in eine existenz-
D-235/2020
Seite 23
bedrohende Situation geraten würde. Sodann spricht auch der geltend ge-
machte Gesundheitszustand des Beschwerdeführers nicht gegen die Zu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Bezüglich seiner (...) ergibt sich aus
dem eingereichten Arztbericht vom 4. Juni 2020, dass er die Behandlung
bereits im (...) 2020 erfolgreich abschliessen konnte. Das Bundesverwal-
tungsgericht geht demnach, selbst bei einem Rückfall, nicht davon aus,
dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr in eine lebensbedrohende
Situation geraten würde, weil er nicht die notwendige medizinische Versor-
gung erhalten könnte. Wie die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung festge-
stellt hat, ist davon auszugehen, dass eine adäquate medizinische Versor-
gung von (...) für den Beschwerdeführer in Eritrea gewährleistet ist. Dem
ärztlichen Bericht ist sodann zu entnehmen, dass er als Nebenwirkung des
Medikaments (...) an einer (...) leidet. Zwar brachte er in der Replik vor,
seit Abschluss der (...) weiterhin in hausärztlicher Behandlung zu sein, wei-
tere Angaben hinsichtlich seines aktuellen Gesundheitszustandes machte
der Beschwerdeführer, welcher die entsprechende Substantiierungslast
trägt, jedoch nicht. Jedenfalls ist die von der Rechtsprechung für die Unzu-
mutbarkeit des Vollzugs geforderte hohe Schwelle der gesundheitlichen
Beeinträchtigung aufgrund der Aktenlage nicht erfüllt (vgl. BVGE 2011/9
E. 7, m.H. auf die Praxis des EGMR). Nötigenfalls kann den Bedürfnissen
des Beschwerdeführers ferner durch medizinische Rückkehrhilfe Rech-
nung getragen werden (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d i.V.m. Art. 75 der Asylver-
ordnung 2 vom 11. August 1999 [AsylV 2, SR 142.312]). Diese kann in
Form von Beiträgen zur Durchführung einer medizinischen Behandlung,
durch Mitgabe der benötigten Medikamente oder durch Ausrichtung einer
Pauschale für medizinische Leistungen gewährt werden.
7.3.5 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl allgemein als auch in individueller Hinsicht als zumutbar im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG.
7.4 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung abgewiesener Asylsuchender nach Eritrea zurzeit generell nicht mög-
lich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr steht jedoch praxisge-
mäss der Feststellung der Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs ent-
gegen. Es obliegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen
Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reise-
dokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und BVGE 2008/34
E. 12). Der Vollzug der Wegweisung ist folglich auch als möglich zu be-
zeichnen (Art. 83 Abs. 2 AIG).
D-235/2020
Seite 24
7.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammenhang
mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) grundsätzlich nicht geeignet
ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Bei
der Coronavirus-Pandemie handelt es sich, soweit derzeit feststellbar, al-
lenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt somit den kanto-
nalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl des Zeitpunkts
des Vollzugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen (vgl. statt vieler:
Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.).
7.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Vorinstanz den Wegwei-
sungsvollzug zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet hat.
Die Anordnung der vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht
(Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem
Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem mit Zwi-
schenverfügung vom 6. Februar 2020 das Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutge-
heissen worden ist und weiterhin von der Bedürftigkeit des Beschwerde-
führers auszugehen ist, sind ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
9.2 Nachdem der rubrizierte Rechtsvertreter des Beschwerdeführers mit
derselben Verfügung als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet worden ist,
ist er für seinen Aufwand unbesehen des Ausgangs des Verfahrens zu ent-
schädigen, soweit dieser sachlich notwendig war (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 8
Abs. 2 VGKE). Der Rechtsvertreter hat mit Eingabe vom 14. April 2021
eine Honorarnote eingereicht, mit welcher er Kosten von insgesamt
Fr. 3'678.30 geltend macht, ausgehend von einem zeitlichen Aufwand von
11.35 Stunden zu einem Stundenansatz von Fr. 300.– sowie Spesen in der
Höhe von Fr. 10.30 und einem Mehrwertsteuerzuschlag von Fr. 263.–. Der
zeitliche Aufwand erscheint angemessen. Der Stundensatz liegt im Rah-
men des amtlichen Mandats praxisgemäss bei Fr. 220.– (vgl. Art. 12 i.V.m.
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Art. 10 Abs. 2 VGKE). Bei den Auslagen ist das mit fehlerhaftem Ansatz
(0.00 anstatt 5.30) berücksichtigte Porto für die Eingabe der Replik noch
nicht enthalten, weshalb die Spesenkosten entsprechend zu erhöhen sind.
Dem unentgeltlichen Rechtsbeistand ist deshalb durch das Bundesverwal-
tungsgericht ein amtliches Honorar von (gerundet) Fr. 2'706.– (inklusive
Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE)
auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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