Decision ID: 71e4529a-d3a8-4af9-bd43-de6dd92f15ea
Year: 2001
Language: de
Court: CH_BGer
Chamber: CH_BGer_005
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: civil_law

hat sich ergeben:
A.- Der 1920 geborene P.S._ und die 1963 geborene
A.L._ heirateten nach wenigen Monaten Bekanntschaft am
6. Dezember 1995 in Z._. Nach erfolgloser Versöhnung
reichte P.S._ am 18. Mai 1999 gegen A.S._ beim
Richter des Bezirkes X._ Klage ein, mit der er nebst
der Scheidung um Zuspruch einer Rente und um Genugtuung er-
suchte. A.S._ beantragte die kostenpflichtige Abwei-
sung der Klage. Nach der Durchführung einer Vorverhandlung
wurde den Parteien mit Rücksicht auf das neue Scheidungsrecht
(Art. 7b Abs. 2 SchlTZGB) an der Beweisverhandlung vom 6. Ja-
nuar 2000 Gelegenheit geboten, neue Rechtsbegehren zu stel-
len. In der Folge ersuchte P.S._ um Scheidung der Ehe
nach Art. 115 ZGB und um Zuspruch einer vom Richter festzu-
setzenden Rente.
Mit Urteil vom 4. Mai 2000 schied der Bezirksrichter
von X._ die Ehe nach Art. 115 ZGB, wies das Unter-
haltsbegehren des Klägers ab, auferlegte die Gerichtskosten
zu 1/5 dem Kläger und zu 4/5 der Beklagten und verpflichtete
Letztere zur Bezahlung einer reduzierten Parteientschädigung
an den Kläger.
B.- Die von der Beklagten erhobene Berufung wies das
Kantonsgericht Wallis mit Urteil vom 17. Januar 2001 ab. Es
begründete die ausgesprochene Scheidung hauptsächlich damit,
der Kläger sei die Ehe aus Liebe eingegangen und es könne ihm
nach Art. 115 ZGB nicht zugemutet werden, in einer Ehe zu
verharren, welche die Beklagte bloss zum Schein eingegangen
sei.
C.- Die Beklagte beantragt mit Berufung, das Urteil des
Kantonsgerichts vom 17. Januar 2001 sei aufzuheben und die
Scheidung nicht auszusprechen.
Eine Berufungsantwort ist nicht eingeholt worden.
Das Kantonsgericht hat keine Gegenbemerkungen angebracht.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
1.- Geht sowohl aus der Begründung der Berufungsschrift
als auch aus dem materiellen Antrag im Ergebnis klar hervor,
dass die Beklagte um Abweisung der Scheidungsklage ersucht,
steht dem Eintreten auf die grundsätzlich zulässige Berufung
(Art. 44 a.A. OG) auch unter dem Gesichtswinkel von Art. 55
Abs. 1 lit. b OG betrachtet nichts entgegen (Poudret/Sandoz-
Monod, Commentaire de la loi fédérale d'organisation judi-
ciaire, Bd. II, Bern 1990, N 1.4.1, 1.4.1.1 und 1.4.1.3 f. zu
Art. 55 OG; Messmer/Imboden, Die eidgenössischen Rechtsmittel
in Zivilsachen, Rz 113 S. 152).
2.- Das Kantonsgericht leitet aus der Entstehungsge-
schichte der (kurzen) Bekanntschaft und den Briefen, die der
Kläger der Beklagten in der zweiten Jahreshälfte 1995 ge-
schrieben hat, her, dieser sei die Ehe mit der Beklagten
schon nach bloss zwei kurzen Treffen eingegangen, weil er die
Beklagte vor den Nachteilen habe bewahren wollen, die ihr aus
dem kurz bevorstehenden Ablauf der Aufenthaltsbewilligung in
der Schweiz entstanden wären. Gleichzeitig habe er aber immer
erklärt, dass er eine Familie gründen wolle und ein Kind
wünsche. Der Kläger sei der Beklagten bezüglich des Heirats-
termines entgegengekommen in der von der Beklagten geschürten
Hoffnung, diese werde mit ihm dann auch zusammenleben und ein
Kind zeugen. Die Beklagte habe zugegeben, dass sie möglichst
schnell einen Schweizer heiraten wollte und an Stelle des
Klägers auch einen anderen genommen hätte. Nach der Heirat
sei die Beklagte zunächst am ursprünglichen Wohnort geblieben
und erst im Frühjahr 1996 zum Kläger gezogen; sie habe in
Y._ ein Geschäft geführt. Ab Juli 1998 habe sie sich
nur wenige Tage in X._ aufgehalten; am 16. Juli 1998
sei sie nach Wien gegangen, um ihre zwar kranke, aber entge-
gen ihren Aussagen nicht pflegebedürftige Mutter zu betreuen.
Danach habe sie sich nur vom 31. August bis zum 3. September,
vom 21. Oktober bis zum 1. November und vom 14. bis zum 16.
Dezember 1998 in X._ aufgehalten. Während des folgen-
den Jahres habe sie nicht mehr Tage in X._ verbracht.
Nach der vom Beklagten erstellten Liste sei die Klägerin
durchschnittlich einmal im Monat zu Hause gewesen; sie habe
jeweils ihr Haushaltsgeld von monatlich Fr. 2'500.-- abge-
holt. Ab dem Juli 1998 habe sie die Wohngemeinschaft aufge-
geben und ihr eigenes Leben geführt. Der Kläger habe nicht
mehr gewusst, was geschehe; eine Lebensgemeinschaft habe von
Anfang an nicht bestanden. Auch die Geschwister des Klägers
seien im Verlauf der Zeit zur Einsicht gelangt, dieser sei
von der Beklagten nur aus fremdenpolizeilichen Gründen und
wegen des Geldes geheiratet worden. Das Kantonsgericht ge-
langt zum Schluss, der Kläger habe die Beklagte aus Liebe
geheiratet und sei von deren Zuneigung anfänglich überzeugt
gewesen. Dem Kläger könne die Weiterführung der Ehe nicht
zugemutet werden, nachdem er habe erkennen müssen, dass er
von der aus dem Balkan stammenden Beklagten nicht aus Zu-
neigung geheiratet worden sei. Angesichts seines hohen Alters
sei dem Kläger das Abwarten der Vierjahresfrist nach Art. 114
ZGB auch aus unterhalts- und erbrechtlichen Gründen unzumut-
bar, zumal die Beklagte nun behaupte, aus der ehelichen Woh-
nung nicht ausgezogen zu sein und somit ein zweiter Rechts-
streit über den Beginn der Vierjahresfrist nicht vermieden
werden könne.
a) Das Bundesgericht hat in zwei Urteilen zum An-
wendungsbereich des gegenüber Art. 114 ZGB subsidiären Schei-
dungsanspruches von Art. 115 ZGB Stellung bezogen. Ob ein
schwerwiegender Grund im Sinne dieser Bestimmung gegeben ist
oder ob dem klagenden Gatten das Abwarten der Vierjahresfrist
nach Art. 114 ZGB zugemutet werden kann, beurteilt der Rich-
ter nach Recht und Billigkeit (Art. 4 ZGB; BGE 127 III 342
E. 3 S. 345 ff.; 126 III 404 E. 4 S. 407 ff.). Mit dem neusten Urteil (BGE 127 III 129 E. 3 S. 132 ff.)hat das Bundesgericht weiter erkannt, dass der auf Scheidung klagende Gatte allein mit der Begründung, er sei die Ehe zum Schein eingegangen, keine Unzumutbarkeit im Sinne von Art. 115 ZGB begründen kann und Art. 114 ZGB beachten muss (Geschäftsnummer 5C.1/2001).
Soweit die Beklagte in allgemeiner Hinsicht geltend
macht, Art. 115 ZGB dürfe nicht mit aArt. 142 ZGB verglichen
werden, und die schwerwiegenden Gründe müssten gemäss Art. 4
ZGB konkretisiert werden, weichen ihre Standpunkte nicht von
denjenigen des Bundesgerichts im zuerst zitierten Urteil
(BGE 127 III 129 E. 3a und 3b S. 132 ff.) und
der Argumentation im angefochtenen Entscheid ab. Wenn sie
weiter geltend macht, Art. 115 ZGB sei restriktiv anzuwenden,
verkennt sie, dass das Bundesgericht im zuerst genannten Ur-
teil (a.a.O. E. 3b) von der mit BGE 126 III 404 vorgezeich-
neten Begrenzung des Anwendungsbereichs von Art. 115 ZGB
etwas abgerückt ist (dazu Rechtsprechungsberichte von
B. Schnyder, ZBJV 137/2001, S. 397 und von R. Weber, AJP 2001
S. 469 f.).
b) Mit Urteil vom 7. August 2000 hat das Kantonsge-
richt St. Gallen erwogen, ein Unzumutbarkeitsgrund im Sinne
von Art. 115 ZGB könne bei missbräuchlicher Eheschliessung
vorliegen, wenn der klagende Partner "die wirklichen Heirats-
gründe" des Beklagten nicht kannte (ZBJV 137/2001 S. 81 ff.
E. b a.E. S. 82). Diesen Grundsatz auf eine bloss von einer
Partei zum Schein eingegangene Ehe übertragend wird in der
Literatur ausgeführt, denkbar sei die "Scheidung wegen Unzu-
mutbarkeit für denjenigen Ehegatten, der eine eheliche Ge-
meinschaft eingehen wollte und nach der Heirat feststellen
muss, dass der andere Ehegatte nie einen Ehewillen hatte und
die Ehe nur einging, um sich fremdenpolizeiliche Vorteile zu
verschaffen" (D. Steck, Die Scheidungsklagen [nArt. 114 - 117
ZGB], in: Das neue Scheidungsrecht, S. 37 Ziff. 3; ähnlich
auch R. Rhiner, Die Scheidungsvoraussetzungen nach revidier-
tem Schweizerischem Scheidungsrecht [Art. 111 - 116 ZGB],
Diss. Zürich 2001, S. 320 bei Fn. 1296).
Konkret rügt die Beklagte, die in Lehre und Recht-
sprechung erwähnten Beispiele für eine Scheidung wegen Un-
zumutbarkeit des Fortbestehens der Ehe (dazu BGE 126 III 404
E. 4h S. 410, drei Urteile des Obergerichts des Kantons Zü-
rich, publiziert in SJZ 96/2000 S. 345 ff. Nrn. 22 bis 24
und A. Rumo-Jungo, Rechtsprechungsbericht, recht 19/2001
S. 83 f.), setzten mehr voraus als die vom Kläger erlebte
Beeinträchtigung. Es liege auf der Hand, dass eine Mutter die
Scheidung nach Art. 115 ZGB verlangen könne, wenn ihr Gatte
die Kinder misshandelt habe; das Gleiche gelte für eine Gat-
tin, die Opfer von Gewalttätigkeiten ihres Gatten geworden
sei. Sie aber habe sich nicht unmoralisch verhalten und den
Kläger offensichtlich nicht hinreichend geschädigt. Das Kan-
tonsgericht habe dem Kläger bloss helfen wollen, möglichst
schnell einen Schlussstrich unter seine missratene Lebens-
planung zu ziehen. Das lasse sich mit Art. 115 ZGB nicht ver-
einbaren; insoweit sei diese Bestimmung durch den angefochte-
nen Entscheid verletzt worden.
Nach den für das Bundesgericht verbindlichen Fest-
stellungen des Kantonsgerichts (Art. 63 Abs. 2 OG) hat die
Beklagte den Kläger im Glauben gelassen, auch sie wolle
(wenn auch nicht sofort) eine Lebensgemeinschaft eingehen,
dies aber von allem Anfang an nicht gewollt und in erster
Linie ausländerrechtliche und sekundär finanzielle Vorteile
angestrebt. Da weiter feststeht, dass der Kläger eine Ehe im
Sinne einer echten Lebens- und Schicksalsgemeinschaft ein-
gehen wollte, ist er insoweit von der Beklagten getäuscht,
bzw. hintergangen worden, weshalb das Kantonsgericht die
Scheidung nicht bundesrechtswidrig ausgesprochen hat.
3.- Bleibt die Berufung nach dem Dargelegten erfolglos,
wird die unterliegende Beklagte kostenpflichtig (Art. 156
Abs. 1 OG); eine Parteientschädigung schuldet sie jedoch
nicht, weil keine Berufungsantwort eingeholt worden ist und
dem Kläger somit auch keine Kosten entstanden sind (Art. 159
Abs. 2 OG).