Decision ID: 6f52d501-d88a-5acc-9015-d9643cfbe097
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A._ (Beschwerdeführer), ein syrischer Staatsangehöriger kurdi-
scher Ethnie, ersuchte am 28. Juli 2015 am Flughafen Zürich um Asyl.
B.
Das SEM befragte den Beschwerdeführer am 2. August 2015 im Flughafen
summarisch (Befragung zur Person, BzP) und hörte ihn am 9. Februar
2017 ausführlich zu seinen Asylgründen an.
C.
Mit Verfügung vom 3. Juli 2018 stellte die Vorinstanz fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab
und wies ihn aus der Schweiz weg. Gleichzeitig stellte sie fest, da der Voll-
zug seiner Wegweisung zurzeit nicht zumutbar sei, werde er vorläufig auf-
genommen.
D.
Am 24. Juli 2018 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde gegen die Verfügung der Vorinstanz. Er beantragt, die
Verfügung sei aufzuheben und die Sache der Vorinstanz zur vollständigen
und richtigen Abklärung und Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts und zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Eventualiter sei seine
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und es sei ihm Asyl zu gewähren, sub-
eventualiter sei er als Flüchtling anzuerkennen. In prozessualer Hinsicht
ersuchte er um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und
Befreiung von der Bezahlung der Verfahrenskosten; eventualiter sei ihm
eine angemessene Frist zur Bezahlung des Gerichtskostenvorschusses
anzusetzen.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 30. Juli 2018 verzichtete das Bundesverwal-
tungsgericht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Am 14. August 2018 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein, in
der sie implizit die Abweisung der Beschwerde beantragt.
G.
Am 6. September 2018 reichte der Beschwerdeführer eine Replik ein.
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Seite 3
H.
Am 22. Oktober 2019 machte der Beschwerdeführer unaufgefordert eine
weitere Eingabe.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten (AS
2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl.
Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges In-
teresse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur
Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG
[in der Fassung vom 1. Januar 2018], Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1
VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde im Asylbereich können die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Soweit das Ausländerrecht
anzuwenden ist, kann zudem die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 112 Abs. 1 AIG [SR 142.20] i.V.m. Art. 49 VwVG).
E-4308/2018
Seite 4
3.
3.1 Streitig und zu prüfen ist vorliegend die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers und, gegebenenfalls, die Gewährung von Asyl. Wird kein
Asyl gewährt, ist zudem die Wegweisung zu prüfen.
3.2 Nach Lehre und Rechtsprechung erfüllt eine asylsuchende Person die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG und Art. 1A des Abkom-
mens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR
0.142.30), wenn sie mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in absehbarer
Zukunft mit gutem Grund Nachteile von bestimmter Intensität befürchten
muss, die ihr gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive zugefügt
zu werden drohen und vor denen sie keinen ausreichenden staatlichen
Schutz erwarten kann (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f.; 2008/4 E. 5.2, jeweils
m.w.H.). Die in Art. 3 Abs. 1 AsylG erwähnten fünf Verfolgungsmotive sind
über die sprachlich allenfalls engere Bedeutung ihrer Begrifflichkeit hinaus
so zu verstehen, dass die Verfolgung wegen äusserer oder innerer Merk-
male, die untrennbar mit der Person oder Persönlichkeit des Opfers ver-
bunden sind, erfolgt ist beziehungsweise droht (vgl. BVGE 2014/27 E. 6.3).
Aufgrund der Subsidiarität des flüchtlingsrechtlichen Schutzes setzt die An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die be-
troffene Person in ihrem Heimat- oder Herkunftsstaat keinen ausreichen-
den Schutz finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2; 2008/4 E. 5.2).
Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft ist die Situation
im Zeitpunkt des Entscheides, wobei erlittene Verfolgung oder im Zeitpunkt
der Ausreise bestehende begründete Furcht vor Verfolgung auf andau-
ernde Gefährdung hinweisen kann. Veränderungen der Situation zwischen
Ausreise und Asylentscheid sind zu Gunsten und zu Lasten der asylsu-
chenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2010/57 E. 2; 2010/9
E. 5.2; 2007/31 E. 5.3 f., jeweils m.w.H.).
3.3 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Die Flüchtlingseigenschaft ist glaubhaft
gemacht, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG). Glaubhaftma-
chung bedeutet im Gegensatz zum strikten Beweis ein reduziertes Beweis-
mass und lässt Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbrin-
gen. Eine Behauptung gilt bereits als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht
von ihrer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr
hält, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Demgegenüber reicht es für
die Glaubhaftmachung nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar
möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und
E-4308/2018
Seite 5
überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung
sprechen. Entscheidend ist im Sinne einer Gesamtwürdigung, ob die
Gründe, die für eine Richtigkeit der Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht; dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len (BVGE 2015/3 E. 6.5.1). Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen,
die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüch-
lich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf ge-
fälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3
AsylG).
4.
4.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, die Vorinstanz habe in mehrerer
Hinsicht seinen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Diese Rügen sind
vorab zu behandeln.
4.2 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26–35 VwVG kon-
kretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst das Recht, mit eige-
nen Begehren angehört zu werden, Einblick in die Akten zu erhalten und
zu den für die Entscheidung wesentlichen Punkten Stellung nehmen zu
können. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachauf-
klärung und stellt andererseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs-
recht der Parteien dar. Der Anspruch beinhaltet die Pflicht der Behörden,
die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Betroffenen
sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung zu berück-
sichtigen (Art. 32 Abs. 1 VwVG). Daraus folgt die grundsätzliche Pflicht der
Behörden, sich mit den wesentlichen Vorbringen des Rechtssuchenden zu
befassen und Entscheide zu begründen (Art. 35 Abs. 1 VwVG; vgl. zum
Ganzen: BGE 136 V 351 E. 4.2 m.w.H.).
4.3 Der Beschwerdeführer macht erstens geltend, die Vorinstanz habe die
Begründungspflicht als Teilgehalt des Anspruchs auf rechtliches Gehör ver-
letzt, da sie sich in der angefochtenen Verfügung nicht mit ihrer eigenen
Praxis auseinandergesetzt habe, wonach Personen, die illegal aus Syrien
ausgereist seien und die bereits vor ihrer Flucht über ein spezifisches Profil
verfügt hätten, die Flüchtlingseigenschaft erfüllten.
Die Vorinstanz führt in der Vernehmlassung aus, die alleinige illegale Aus-
reise aus Syrien führe zu keiner begründeten Furcht vor asylrelevanter Ver-
folgung. Dies könne jedoch im Einzelfall der Fall sein, wenn bei einer Per-
son weitere Risikofaktoren vorlägen. Wie in der angefochtenen Verfügung
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Seite 6
ausgeführt, weise der Beschwerdeführer jedoch keine solchen Risikofak-
toren auf.
Da sich die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung zu allfälligen Risi-
kofaktoren des Beschwerdeführers in angemessenem Umfang äusserte,
liegt diesbezüglich keine Verletzung der Begründungspflicht vor.
4.4 Zweitens macht der Beschwerdeführer geltend, die Vorinstanz habe
die eingereichten Beweismittel «praktisch nicht gewürdigt» und damit sei-
nen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt.
Zum Anspruch auf rechtliches Gehör gehören unter anderem die Pflicht der
entscheidenden Behörde zur Berücksichtigung rechtserheblicher Vorbrin-
gen der Parteien (Art. 32 VwVG), die Mitwirkungsrechte der Parteien bei
der Beweiserhebung – zum Beispiel der Anspruch auf Abnahme von taug-
lichen Beweisen (Art. 33 VwVG) und das Recht auf Teilnahme an der Be-
weiserhebung – sowie die Begründungspflicht (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Dass
die Vorinstanz taugliche Beweismittel des Beschwerdeführers nicht abge-
nommen oder im Rahmen der Beweiswürdigung gegen die Begründungs-
pflicht verstossen hätte, kann vorliegend, angesichts der Erwähnung der
eingereichten Beweismittel in der angefochtenen Verfügung und der Dar-
stellung der Überlegungen der Vorinstanz zu deren Beweiswert nicht be-
hauptet werden.
Nicht berührt vom Anspruch auf rechtliches Gehörs ist demgegenüber die
Frage, wie die Beweise von den entscheidenden Behörden und vom Ge-
richt zu würdigen sind, da die Beweise im Bundesverwaltungsverfahren
nach freier Überzeugung zu würdigen sind (Art. 40 des Bundesgesetzes
über den Bundeszivilprozess [BZP, SR 273] i.V.m. Art. 19 VwVG). Die Be-
weiswürdigung stellt einen Aspekt der richtigen Feststellung des rechtser-
heblichen Sachverhalts dar. Die Rüge einer falschen Beweiswürdigung ist
deshalb im Rahmen der Beurteilung, ob der rechtserhebliche Sachverhalt
richtig festgestellt wurde, zu behandeln (vgl. Urteil des BVGer E-3603/2017
vom 16. Januar 2020 E. 3.3.4, m.w.H.).
4.5 Der Beschwerdeführer rügt zudem (in den Art. 11–18 der Beschwerde)
in verschiedener Hinsicht Verletzungen der Abklärungspflicht, und somit
eine unvollständige Feststellung des Sachverhalts, durch die Vorinstanz.
Hierauf ist unten zurückzukommen (vgl. nachstehend E. 6.1.1). Eine Ver-
letzung des rechtlichen Gehörs macht er bezüglich dieser Vorbringen je-
doch nicht geltend und eine solche ist auch nicht ersichtlich.
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Seite 7
4.6 Zusammenfassend ist damit festzuhalten, dass die Vorinstanz nicht ge-
gen den Anspruch des Beschwerdeführers auf rechtliches Gehör verstos-
sen hat.
5.
5.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, er sei in Syrien in einem Dorf in
der Nähe von B._, Provinz al-Hasakah geboren und habe bis un-
gefähr zu seinem (...) Lebensjahr dort gelebt. Danach sei er nach
C._ gegangen, um zu arbeiten; später seien auch seine Eltern nach
C._ gekommen. Er habe zusammen mit seinen Eltern und Ge-
schwistern im Quartier D._ gelebt; zudem habe er im Quartier
E._ gearbeitet und dort auch oft übernachtet (vgl. SEM-Akte A7 Ziff.
2.01; SEM-Akte A26 F29, 48, 55f.). Im Mai 2015 habe er eine Benachrich-
tigung erhalten, dass er in den Militärdienst einrücken müsse. Die Benach-
richtigung habe die Polizei zu seinen Eltern gebracht, als er selber nicht zu
Hause gewesen sei. Sein Vater habe ihn darüber informiert und ihn aufge-
fordert, sofort zu einem Onkel zu gehen und sich dort zu verstecken. Wäh-
rend er sich bei diesem Onkel versteckt gehalten habe, sei mehrmals die
Polizei zu seinen Eltern gekommen und habe nach ihm gesucht. Am 1. Juli
2015 hätten seine Eltern zudem einen Suchbefehl für ihn erhalten. Da habe
es für ihn keine andere Möglichkeit mehr gegeben, als auszureisen. Am
1. Juli 2015 sei er aus Syrien ausgereist. Der Beschwerdeführer reichte im
vorinstanzlichen Verfahren sowohl die Benachrichtigung («Marschbefehl»)
als auch den Suchbefehl ein.
Der Beschwerdeführer macht geltend, er sei verfolgt worden, weil er in den
staatlichen Militärdienst haben einrücken müssen, dies aber nicht getan
habe. Er habe auch nicht für die kurdischen Organisationen kämpfen wol-
len, weshalb er nicht in sein Dorf habe zurückkehren können. Zudem habe
er Angst vor dem sogenannten «Islamischen Staat».
5.2 Die Vorinstanz führt aus, es sei zwar angesichts des Alters des Be-
schwerdeführers nicht ausgeschlossen, dass er bei einem weiteren Ver-
bleib in Syrien militärisch ausgehoben worden wäre. Seinen Ausführungen
sei jedoch nicht zu entnehmen, dass er von der syrischen Armee für dienst-
tauglich erklärt worden sei, da er ausgesagt habe, er sei nicht ausgehoben
worden und habe keinen direkten Kontakt zu einer syrischen Behörde ge-
habt. Seine Militärdienstpflicht sei von den Behörden nicht festgestellt wor-
den. Daran würden auch die zwei eingereichten Beweismittel nichts än-
dern. Diese seien einfach zu fälschen oder käuflich zu erwerben und ver-
möchten die geltend gemachte Militärdiensttauglichkeit nicht zu belegen.
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Seite 8
Allein der Umstand, dass der Beschwerdeführer sich vor einem allfälligen
Einzug in den Militärdienst fürchte, begründe keine asylrelevante Verfol-
gung. Zudem begründeten weder die Angst, von den kurdischen Behörden
zur Wehrdienstpflicht aufgefordert zu werden, noch die Furcht vor dem IS
eine asylrelevante Verfolgung.
6.
6.1 Der Beschwerdeführer macht erstens geltend, er sei bei einer Rück-
kehr nach Syrien in flüchtlingsrechtlich relevanter Weise bedroht, da er
nicht in die syrische Armee eingerückt sei.
6.1.1 Bezüglich Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts ist vorab
festzuhalten, dass entgegen den Rügen des Beschwerdeführers offen-
sichtlich weder die Durchführung der Anhörung eineinhalb Jahre nach Ein-
reichung des Asylgesuchs noch die Dauer der Anhörung – entgegen der
Behauptung des Beschwerdeführers dauerte die Anhörung nicht 5 3⁄4 Stun-
den, sondern nach Abzug der beiden Pausen von 20 und 70 Minuten ef-
fektiv nur nur 4 1⁄4 Stunden, und von einer "überlangen Anhörung" kann
nicht die Rede sein – oder die angeblich falsche Nummerierung der Be-
weismittel eine Verletzung der Abklärungspflicht darstellen, zumal der Be-
schwerdeführer in keiner Weise darlegt, inwiefern sich diese Umstände
konkret auf die Feststellung des Sachverhalts ausgewirkt hätten.
6.1.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangte in BVGE 2015/3 zum
Schluss, dass nach der Einführung von Art. 3 Abs. 3 AsylG seine bisherige
Rechtsprechung in Bezug auf Personen, die ihr Asylgesuch mit einer Wehr-
dienstverweigerung oder Desertion im Heimatstaat begründen, weiterhin
gelte. Gemäss dieser Rechtsprechung vermag eine Wehrdienstverweige-
rung oder Desertion nicht allein, sondern nur dann die Flüchtlingseigen-
schaft zu begründen, wenn damit eine Verfolgung im Sinne von Art. 3
Abs. 1 AsylG verbunden ist, mit anderen Worten die betroffene Person aus
den in dieser Norm genannten Gründen (Rasse, Religion, Nationalität, Zu-
gehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Anschau-
ungen) wegen ihrer Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Behand-
lung zu gewärtigen hat, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2
AsylG gleichkommt (BVGE 2015/3 E. 5.9). Bezüglich der Situation in Sy-
rien hielt das Gericht im gleichen Urteil fest, dass die staatlichen syrischen
Sicherheitskräfte seit dem Ausbruch des Konflikts im März 2011 gegen tat-
sächliche oder vermeintliche Regimegegner mit grösster Brutalität und
Rücksichtslosigkeit vorgehen. Personen, die sich dem Dienst in der staat-
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Seite 9
lichen syrischen Armee entzogen haben  etwa, weil sie sich den Aufstän-
dischen anschliessen wollten oder in der gegebenen Bürgerkriegssituation
als Staatsfeinde und als potentielle gegnerische Kombattanten aufgefasst
werden  sind seit dem Jahr 2011 in grosser Zahl nicht nur von Inhaftie-
rung, sondern auch von Folter und aussergerichtlicher Hinrichtung betrof-
fen (BVGE 2015/3 E. 6.7.2 m.w.H.).
Aus den in der Folge ergangenen nicht publizierten Urteilen des Bundes-
verwaltungsgerichts geht hervor, dass bei Wehrdienstverweigerung im sy-
rischen Kontext nur dann eine asylrelevante Strafe zu befürchten ist, wenn
zusätzliche exponierende Faktoren gegeben sind. Hingegen ist nicht da-
von auszugehen, dass herkömmlichen Wehrdienstverweigerern, das
heisst solchen, die nicht zusätzlich politisch exponiert sind, mit genügender
Wahrscheinlichkeit eine die Schwelle der Asylrelevanz erreichende Strafe
droht (vgl. u.a. Urteile des BVGer E-5262/2018 vom 19. Dezember 2018
E. 6.1 und E-3366/2018 vom 4. Juni 2019 E. 6.3.1).
Die Situation in Syrien ist weiterhin äusserst instabil und ändert sich lau-
fend. Dies gilt trotz des Umstandes, dass das Regime Assads zahlreiche
Gebiete zurückerobern konnte, und angesichts der weiterhin starken Invol-
vierung regionaler und globaler Mächte umso mehr. Es ist nach wie vor
offen, in welcher Weise ethnische, religiöse und/oder politische Zugehörig-
keiten im Rahmen einer zukünftigen Herrschaftsordnung eine Rolle spielen
werden. Dennoch ist es die Aufgabe der Asylbehörden und des Bundes-
verwaltungsgerichts, die Flüchtlingseigenschaft von asylsuchenden Perso-
nen individuell und mit den zum Zeitpunkt der Entscheidung zur Verfügung
stehenden Informationen zu beurteilen. Daran ändert auch die Aktion des
türkischen Militärs in Nordsyrien im Oktober 2019 nichts. Entsprechend ist
das Gesuch der Beschwerdeführenden um Ansetzung einer Frist für eine
zusätzliche Stellungnahme zur aktuellen Lage in Syrien «zu einem geeig-
neten Zeitpunkt» abzuweisen.
6.1.3 Der Beschwerdeführer bringt vor, die syrische Polizei habe bei seinen
Eltern im Mai 2015 einen Marschbefehl und im Juli 2015 einen Suchbefehl
für ihn abgegeben. Mit seiner Ausreise aus Syrien habe er seinen Wehr-
dienst verweigert.
In der Anhörung sagte der Beschwerdeführer jedoch auch aus, er habe
keine direkten Kontakte zu den syrischen Behörden gehabt (SEM-Akte A26
F79 f.), nie ein Aufgebot zu einer militärischen Aushebung bekommen
(SEM-Akte A26 F71), kein Dienstbüchlein erhalten (SEM-Akte A26 F64)
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Seite 10
und er sei nie rekrutiert worden (SEM-Akte A26 F65). Der Beschwerdefüh-
rer machte zudem im vorinstanzlichen Verfahren nicht geltend, jemals ir-
gendwelche Probleme mit den syrischen Behörden gehabt oder sich in ir-
gendeiner Weise politisch betätigt zu haben. In der Beschwerde behauptet
er zwar neu, er stamme aus einer oppositionell aktiven Familie und habe
die Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich ge-
zogen (Beschwerde Ziff. 36). Diese pauschal vorgetragenen Behauptun-
gen werden allerdings in der Beschwerde in keiner Weise substantiiert. Zu-
dem finden sie auch in den Aussagen des Beschwerdeführers im vo-
rinstanzlichen Verfahren keinerlei Stütze. So sagte der Beschwerdeführer
in der Anhörung ausdrücklich aus, er hab sich nie politisch engagiert und
habe nie Kontakt mit der Polizei gehabt (SEM-Akte A26 F102 ff.). Bezüglich
seiner Familie führte er aus, diese sei aufgrund der allgemeinen Situation
in Syrien ausgereist; davon, dass Mitglieder seiner Familie politisch aktiv
gewesen seien, sagte er nichts (SEM-Akte A26 F35). Diese neuen Behaup-
tungen des Beschwerdeführers sind damit nicht glaubhaft. Insgesamt ist
entsprechend festzustellen, dass beim Beschwerdeführer über die be-
hauptete Militärdienstverweigerung hinaus keine zusätzlichen exponieren-
den Faktoren im Sinne der genannten Rechtsprechung gegeben sind.
Da beim Beschwerdeführer keine zusätzlichen exponierenden Faktoren
vorliegen, ist mit Blick auf die oben dargestellte Rechtsprechung – unab-
hängig davon, ob er tatsächlich den Militärdienst verweigert hat oder nicht
– nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, er würde
bei einer Rückkehr nach Syrien durch die staatlichen syrischen Sicher-
heitsbehörden als Regimegegner betrachtet und hätte als solcher eine po-
litisch motivierte Bestrafung im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten.
Unter diesen Umständen kann letztlich offenbleiben, ob der Beschwerde-
führer tatsächlich zu einer Militärdienstleistung aufgeboten wurde oder
nicht. Da das Sachverhaltselement der Militärdienstverweigerung vorlie-
gend entsprechend nicht entscheidrelevant ist, gehen die diesbezüglichen
Rügen des Beschwerdeführers – die Vorinstanz habe seine Beweismittel
nicht richtig gewürdigt, den Sachverhalt nicht rechtsgenügend abgeklärt
und das Willkürverbot gemäss Art. 9 BV verletzt (Beschwerde Ziff. 13-15,
19-21, 23 ff.) – ins Leere.
6.2 Der Beschwerdeführer macht zweitens geltend, er habe Angst davor,
von der YPG (Yekîneyên Parastina Gel; Volksverteidigungseinheiten) re-
krutiert zu werden.
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In dem territorialen Bereich in Nordsyrien, der seit einiger Zeit von der sy-
risch-kurdischen Partei PYD (Partiya Yekitîya Demokrat; Demokratische
Einheitspartei) und deren bewaffneten Organisation YPG kontrolliert wird
(„Demokratische Föderation Nordsyrien“) und zu welchem auch
B._ gehört, besteht seit Juli 2014 eine Dienstpflicht in den lokalen
Selbstverteidigungseinheiten, die grundsätzlich für alle (männlichen) Bür-
ger zwischen achtzehn und dreissig Jahren gilt. Dieser Umstand als sol-
cher ist aus asylrechtlicher Sicht nicht als grundsätzlich problematisch zu
erachten. Es ist davon auszugehen, dass zwar Aufforderungen zur Wahr-
nehmung der Dienstpflicht in den erwähnten Selbstverteidigungseinheiten
ergehen, eine Weigerung jedoch keine asylrelevanten Sanktionen nach
sich zieht (vgl. Referenzurteil des BVGer D-5329/2014 vom 23. Juni 2015
E. 5.3). Auch den Aussagen des Beschwerdeführers im vorinstanzlichen
Verfahren ist nicht zu entnehmen, dass ihm in diesem Zusammenhang
konkrete Verfolgungsmassnahmen gedroht hätten.
6.3 Drittens begründet der Beschwerdeführer sein Asylgesuch damit, er
habe Angst vor dem sogenannten „Islamischen Staat“. Er macht diesbe-
züglich jedoch keine konkrete Gefährdung geltend, sondern verweist ledig-
lich pauschal auf die Grausamkeit dieser Organisation. Da der Beschwer-
deführer keine individuelle, gegen seine Person gerichtete konkrete Verfol-
gung geltend macht, ist nicht von einer asylrechtlich relevanten Gefähr-
dung des Beschwerdeführers durch den sogenannten „Islamischen Staat“
auszugehen.
6.4 Schliesslich führen weder eine illegale Ausreise aus Syrien noch die
blosse Tatsache der Asylgesuchstellung in der Schweiz zur Annahme,
dass einer syrischen Person bei einer Rückkehr in ihr Heimatland mit be-
achtlicher Wahrscheinlichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung
droht. Zwar ist aufgrund der illegalen Ausreise und der längeren Landes-
abwesenheit davon auszugehen, dass bei einer Wiedereinreise nach Sy-
rien eine Befragung durch die heimatlichen Behörden stattfindet. Da der
Beschwerdeführer aber keine Vorverfolgung erlitten hat und nicht davon
auszugehen ist, dass er vor dem Verlassen Syriens als regimefeindliche
Personen ins Blickfeld der syrischen Behörden geraten ist, kann mit hinrei-
chender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass er als staatsge-
fährdend eingestuft würde, weshalb die Furcht vor asylrelevanten Mass-
nahmen im Falle einer Rückkehr nicht begründet ist.
6.5 Nach dem Gesagten bestehen insgesamt keine konkreten Anhalts-
punkte dafür, dass der Beschwerdeführer im Zeitpunkt seiner Ausreise aus
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Seite 12
Syrien einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt war. Gleichzeitig ist
auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer im Falle einer
Wiedereinreise nach Syrien eine asylrelevante Verfolgung zu befürchten
hätte. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
7.
Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt sie darauf nicht ein, so
verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; sie berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen. Die
Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 AsylG; vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, jeweils m.w.H.).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Der Beschwerdeführer ersuchte um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung. Nach Art. 65 Abs. 1 VwVG wird eine Partei, die nicht über
die erforderlichen Mittel verfügt, auf Antrag hin von der Bezahlung der Ver-
fahrenskosten befreit, sofern ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint.
Nach dem Gesagten ergibt sich, dass die Begehren des Beschwerdefüh-
rers nicht als aussichtslos angesehen werden konnten. Aufgrund der Be-
dürftigkeit des Beschwerdeführers ist sein Gesuch um Gewährung der un-
entgeltlichen Prozessführung damit gutzuheissen und auf die Erhebung
von Verfahrenskosten zu verzichten.
9.2 Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen (Art. 64 Abs. 1
VwVG, Art. 7 Abs. 1 und 3 VGKE).
(Dispositiv nächste Seite)
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