Decision ID: 015761cf-7ede-5299-b83c-175883b5361f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,
dass der Beschwerdeführer am 27. Januar 2021 in der Schweiz um Asyl
nachsuchte (Akten der Vorinstanz [...] / N [...] [SEM-act.] 1),
dass das SEM mit Verfügung vom 1. März 2021 – eröffnet am 2. März 2021
– in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asyl-
gesuch nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz nach Italien anord-
nete und den Beschwerdeführer aufforderte, die Schweiz spätestens am
Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen (SEM-act. 22),
dass es gleichzeitig feststellte, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu, und die Aushändigung
der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis an den Beschwer-
deführer verfügte,
dass der Beschwerdeführer gegen die vorgenannte Verfügung am 9. März
2021 Rechtsmittel einlegte und deren Aufhebung sowie die Rückweisung
der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung beantragte (Akten des
BVGer [BVGer-act.] 1),
dass der Beschwerdeführer ferner ein Gesuch um Erteilung der aufschie-
benden Wirkung sowie um superprovisorische Aussetzung des Vollzugs
bis zum Entscheid über die Erteilung der aufschiebenden Wirkung stellte,
dass der Beschwerdeführer schliesslich um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG (Kostenbefreiung)
und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersuchte,
dass die vorinstanzlichen Akten dem Bundesverwaltungsgericht am
10. März 2021 in elektronischer Form vorlagen (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG),
dass mit superprovisorischer Massnahme vom 10. März 2021 der Vollzug
der Überstellung des Beschwerdeführers nach Italien einstweilen ausge-
setzt wurde (BVGer-act. 2),

und zieht in Erwägung,
dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls – in der Re-
gel und auch vorliegend – endgültig über Beschwerden gegen Verfügun-
gen (Art. 5 VwVG) des SEM entscheidet (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31‒33
VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG),
F-1038/2021
Seite 3
dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt ist, ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung hat und daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 105
AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG),
dass somit auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde einzu-
treten ist (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG),
dass über offensichtlich begründete Beschwerden in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst. e AsylG) und es sich, wie
nachfolgend aufgezeigt wird, um eine solche handelt, weshalb das Urteil
nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG),
dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet wurde,
dass mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige und
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),
dass sich Asylsuchende in Beschwerdeverfahren gegen Überstellungsent-
scheidungen auf die richtige Anwendung sämtlicher objektiver Zuständig-
keitskriterien der Dublin-III-VO berufen können, insbesondere auf Bestim-
mungen, die einen Zuständigkeitsübergang infolge Fristablaufs vorsehen
(vgl. BVGE 2017 VI/9 E. 5 [insb. E. 5.3.2] m.w.H.),
dass auf Asylgesuche in der Regel nicht eingetreten wird, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG),
dass als staatsvertragliche Grundlage die Verordnung (EU) Nr. 604/2013
des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Fest-
legung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der
für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen oder Staatenlosen
in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internationalen Schutz zu-
ständig ist, (nachfolgend: Dublin-III-VO) zur Anwendung gelangt,
F-1038/2021
Seite 4
dass gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO jeder Asylantrag von einem einzi-
gen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird,
dass das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates ein-
geleitet wird, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt
wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO),
dass im Fall eines sogenannten Aufnahmeverfahrens nach Art. 21 und 22
Dublin-III-VO (engl.: take charge) die in Kapitel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO)
genannten Kriterien in der dort aufgeführten Rangfolge (Prinzip der Hierar-
chie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwen-
den sind, und dabei von der Situation in demjenigen Zeitpunkt auszugehen
ist, in dem der Asylsuchende erstmals einen Antrag in einem Mitgliedstaat
gestellt hat (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO),
dass dagegen im Rahmen eines sogenannten Wiederaufnahmeverfahrens
nach Art. 23, 24 und 25 Dublin-III-VO (engl.: take back) grundsätzlich keine
(erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III stattfindet, der zuständige
Mitgliedstaat vielmehr gestützt auf Art. 18 Bst. b bis d beziehungsweise
Art. 20 Abs. 5 Dublin-III-VO zu bestimmen ist (vgl. EuGH [Grosse Kammer]
vom 2. April 2019, H. und R., C-582/17 und C-583/17, EU:C:2019:280,
Rn. 61, 67, 80, 84; BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.),
dass der zuständige Mitgliedstaat gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. a Dublin-III-
VO verpflichtet ist, einen Antragsteller, der in einem anderen Mitgliedstaat
einen Antrag gestellt hat, nach Massgabe der Art. 21, 22 und 29 Dublin-III-
VO aufzunehmen,
dass der zuständige Mitgliedstaat gemäss Art. 18 Abs. 1 Dublin-III-VO fer-
ner verpflichtet ist, einen Antragsteller, der während der Prüfung seines An-
trags (Bst. b) oder nach Rückzug seines Antrags während der Antragsprü-
fung (Bst. c) oder nach Abweisung seines Antrags (Bst. d) in einem ande-
ren Mitgliedstaat einen Antrag gestellt hat oder der sich im Hoheitsgebiet
eines anderen Mitgliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe
der Art. 23, 24, 25 und 29 Dublin-III-VO wieder aufzunehmen,
dass der Beschwerdeführer gemäss Einträgen in der europäischen Fin-
gerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) am 31. Juli 2020 in Italien
bei seiner illegalen Einreise in den Dublin-Raum aufgegriffen wurde und
am 14. Oktober 2020 in Frankreich ein Asylgesuch stellte (SEM-act. 8),
F-1038/2021
Seite 5
dass gemäss Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO derjenige Mitgliedstaat zur
Prüfung eines Antrags auf internationalen Schutz zuständig ist, dessen
Grenze der Antragsteller von einem Drittstaat kommen illegal überschritten
hat, sofern kein höherrangiges Zuständigkeitskriterium des Kapitels III auf
einen anderen Mitgliedstaat verweist,
dass diese Zuständigkeit zwölf Monate nach dem Tag des illegalen Grenz-
übertritts endet,
dass ein höherrangiges Zuständigkeitskriterium des Kapitels III im Falle
des Beschwerdeführers weder geltend gemacht wird noch ersichtlich ist,
weshalb die rechtswidrige Einreise des Beschwerdeführers nach Italien
zunächst einmal die Zuständigkeit dieses Mitgliedstaates begründete,
dass der nachträgliche Übergang der Zuständigkeit von Italien auf einen
anderen Mitgliedstaat – hier Frankreich – kraft besonderer Umstände
möglich ist (z.B. infolge ungenutzten Ablaufs der Frist für ein
Aufnahmegesuch oder explizitem oder implizitem Selbsteintritt auf ein in
Frankreich gestelltes Asylgesuch),
dass das SEM jedoch für die Feststellung eines solchen nachträglichen
Zuständigkeitsübergangs regelmässig zusätzlicher, im Eurodac nicht
enthaltener Informationen bedarf, die ihm der um Aufnahme oder
Wiederaufnahme ersuchte Mitgliedstaat zur Verfügung stellt, wovon das
SEM im Sinne einer Vermutung ausgehen kann,
dass zudem die Dublin-III-VO keine Bestimmung kennt, die verbindlich
vorschreiben würde, in welcher Reihenfolge zur Behandlung eines
Asylgesuchs potentiell zuständige Mitgliedstaaten um Aufnahme oder
Wiederaufnahme zu ersuchen sind,
dass unter diesen Umständen nicht beanstandet werden kann, dass sich
die Vorinstanz mit ihrem Ersuchen in einem ersten Schritt an die
italienischen Behörden wandte (SEM-act. 9), deren zumindest anfängliche
Zuständigkeit sich klar aus Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO ergibt,
dass diese Festellung umso mehr gilt, als der zur Mitwirkung verpflichtete
Beschwerdeführer (vgl. Art. 5 Dublin-III-VO, Art. 13 VwVG) nicht nur keine
näheren Angaben zu seinem Aufenthalt in Frankreich machte, sondern im
Rahmen des Dublin-Gesprächs nach Art. 5 Dublin-III-VO tatsachenwidrig
behauptete, er habe dort kein Asylgesuch gestellt (SEM-act. 17),
F-1038/2021
Seite 6
dass sich das Vorgehen der Vorinstanz jedoch im Einzelnen als rechts-
fehlerhaft erweist,
dass nämlich die Vorinstanz den italienischen Behörden am 29. Januar
2021 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO ein Wiederaufnahme-
gesuch nach Art. 23 Abs. 1 Dublin-III-VO unterbreitete (SEM-act. 9),
dass jedoch der Beschwerdeführer unbestrittenermassen nie ein Asylge-
such in Italien gestellt hatte, eine Konstellation nach Art. 18 Abs. 1 Bst. b -
d Dublin-III-VO, die den Anwendungsbereich der Bestimmungen der
Art. 23 - 25 Dublin-III-VO über das Wiederaufnahmeverfahren geöffnet
hätte, somit von vornherein nicht vorlag,
dass die Vorinstanz vielmehr gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. a in
Verbindung mit Art. 13 Abs. 1 Dublin-III-VO ein Aufnahmegesuch im Sinne
von Art. 21 Abs. 1 Dublin-III-VO hätte stellen müssen,
dass die Vorinstanz demnach auch zu Unrecht davon ausging, die
italienischen Behörden hätten die für das Wiederaufnahmeverfahren
geltende, zweiwöchige Antwortfrist ungenutzt ablaufen lassen, weshalb die
Verantwortung für das Asylgesuch am 13. Februar 2021 auf Italien überge-
gangen sei (vgl. Art. 25 Dublin-III-VO),
dass nämlich die in Art. 22 Abs. 7 Dublin-III-VO geregelte, analoge Frist für
die Beantwortung von Aufnahmeersuchen wesentlich länger bemessen ist
und zwei Monate beziehungweise – bei explizit als dringlich erklärten und
entsprechend begründeten Fällen – einen Monat beträgt,
dass die vorliegend massgebende zweimonatige Frist erst am 29. März
2021 abläuft, weshalb die Vorinstanz zu Unrecht von einer Übernahme der
Zuständigkeit infolge Verfristung ausging, auf das Asylgesuch nicht eintrat
und die Wegweisung des Beschwerdeführers nach Italien verfügte,
dass die Beschwerde somit gutzuheissen, die angefochtene Verfügung
aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen ist,
dass die Vorinstanz vor einem neuen Entscheid in der Sache die Angele-
genheit mit den italienischen Behörden wird klären müssen, denn diese
wurden mit Schreiben vom 1. März 2021 fälschlicherweise darüber in
Kenntnis gesetzt, Italien sei infolge ungenutzt abgelaufener Antwortfrist als
verantwortlicher Mitgliedstaat zu betrachten (SEM-act. 19),
F-1038/2021
Seite 7
dass bei diesem Ausgang des Verfahrens keine Verfahrenskosten zu erhe-
ben sind (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG),
dass damit der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG hinfällig wird,
dass dem Beschwerdeführer keine Parteientschädigung zusteht, da er
durch eine zugewiesene Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG
handelt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG
entschädigt werden (Art. 111ater AsylG).
(Dispositiv nächste Seite)
F-1038/2021
Seite 8