Decision ID: 48d851bc-f147-5bc7-b3a7-bf6e020f4e48
Year: 2016
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. A.1
Der am XX.XX.1966 geborene A_, aus der Türkei stammender und seit 25. Oktober
2000 als Flüchtling in der Schweiz lebender sowie verheirateter Vater von vier 1993, 1995,
1997 und 2004 geborenen Kindern meldete sich am 26. Februar 2014 (IV-act. 2) bei der
Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an.
A.2
Gemäss Bericht der Radiologie AR vom 7. November 2012 (IV-act. 33, 10/18) ergab eine
cranio-cerebrale MRI-Untersuchung nach zwei Episoden mit kurzzeitigem
Zusammensacken und Klonus im rechten Arm keinen krankhaften Befund.
A.3
Neurologin FMH Dr. C_ berichtete am 19. November 2012 (IV-act. 33, 12/18) über eine
EEG-Untersuchung mit normaler Grundaktivität ohne Nachweis eines Herdbefundes oder
epilepsietypischer Potentiale nach rezidivierenden Synkopen.
A.4
Auch Kardiologe FMH Dr. D_ vermochte gemäss Bericht vom 20. November 2012 (IV-
act. 33, 13/18) anlässlich eines Echokardiogramms keine die Synkopen erklärenden
strukturellen oder funktionellen Veränderungen zu erkennen.
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A.5
Mit Austrittsbericht vom 23. November 2012 (IV-act. 33, 14/18) sah das Spital Herisau am
ehesten eine neuro-kardiogene Ursache für die Synkopen.
B. B.1
Gemäss Arbeitgeberbericht von E_ vom 12. März 2014 (IV-act. 13) war der Versicherte
beim F_-Imbiss in St. Gallen von Anfang Oktober 2007 bis zur Betriebsaufgabe Ende
2013 tätig, seit Oktober (recte: November) 2012 wegen gesundheitlicher Beschwerden nur
noch zu 50% eines vollen Pensums von 45h/Wo.
B.2
Mit Schreiben vom 23. April 2014 (IV-act. 15, 2/19) nahm das Arbeitsinspektorat
Ausserrhoden als Kontrollorgan Schwarzarbeit zuhanden der Staatsanwaltschaft
Ausserrhoden Stellung. In Anbetracht des vom Versicherten im F_-Imbiss geleisteten
Arbeitseinsatzes könnten die Arztzeugnisse nicht ernst genommen werden.
B.3
Aus einem E-Mail des Arbeitsinspektorats vom 24. April 2014 (IV-act. 15, 1/19) geht hervor,
dass E_ die Einsprache gegen die Busse von Fr. 5'000.-- zurückgezogen habe, der
anwaltlich vertretene Versicherte gegen die Busse in gleicher Höhe jedoch nicht.
B.4
Mit Verfügung vom 8. Juli 2014 (IV-act. 33, 5/18) stellte die Staatsanwaltschaft
Ausserrhoden das Verfahren gegen den Versicherten ein. Zwar stehe fest, dass dieser ein
Pensum von mindestens 100% erbracht, aber nur ein solches von 50% deklariert und
daneben Sozialhilfe bezogen habe. Doch sei seine Entlöhnung trotz umfangreicher
Abklärungen mangels Dokumentation nicht nachvollziehbar.
C. C.1
Gemäss Bericht der IV-Stelle vom 9. Mai 2014 (IV-act. 17) hätten sich im Assessment
Widersprüche gezeigt, indem sich der Versicherte beispielsweise nur langsam erhoben
habe, ansonsten Ohnmacht drohe, beim Vorführen der synkopal bedingten Stürze jedoch
schnell und ohne Schwindel habe aufstehen können. Er selber sehe sich als nicht
eingliederungsfähig.
C.2
Mit Bericht vom 28. Mai 2014 (IV-act. 19, 2/6) bezeichnete Internist FMH und Hausarzt
Dr. G_ den Versicherten wegen eines chronischen Zervikal- und
Seite 4
Lumbovertebralsyndroms, eines reaktiven depressiven Zustandsbildes und wegen einer
rezidivierenden Synovialitis an der linken Schulter als zu ca. 30-50% arbeitsfähig in einem
Restaurant mit körperlich schweren Tätigkeiten. In einer leichteren Tätigkeit sei eine
Teilarbeitsfähigkeit auf jeden Fall möglich.
C.3
Laut Bericht des Spitals Herisau vom 5. September 2014 (IV-act. 28) habe der Versicherte
vom 20. bis 23. Februar 2014 eine seit ca. zwei Jahren bestehende Inguinalhernie rechts
operativ behandeln lassen.
C.4
Gemäss Aktennotiz des regionalärztlichen Dienstes der Invalidenversicherung (RAD) vom
2. Oktober 2014 (Dr. H_; IV-act. 29) sei dieser in leichten und mittelschweren Tätigkeiten
zu 100% arbeitsfähig. Dagegen bestehe in körperlich sehr belastenden Tätigkeiten wegen
der an Rücken und Schultern geklagten degenerativen Beschwerden eine leichte
Einschränkung.
C.5
Darauf abstützend stellte die IV-Stelle mit Vorbescheid vom 6. Oktober 2014 (IV-act. 30,
2/3) die Abweisung des Leistungsbegehrens in Aussicht.
C.6
Auf den Einwand des Versicherten vom 23. Oktober 2014 (IV-act. 31) und vom
10. November 2014 (IV-act. 33) hin hielt der RAD (Dr. H_) mit Aktennotiz vom
19. November 2014 (IV-act. 34) fest, dass sämtliche somatischen Abklärungen ohne
krankheitswertigen Befund geblieben seien. Eine psychiatrische Behandlung habe der
Versicherte bislang nicht gewünscht.
C.7
Mit Verfügung vom 21. November 2014 (IV-act. 35) wies die IV-Stelle das Begehren um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren ab (IV-act. 35).
Gleichentags verfügte sie ausserdem wie im Vorbescheid angekündigt (IV-act. 36).
D. D.1
Gegen letztere Verfügung liess der Versicherte mit Schreiben vom 9. Januar 2015
Beschwerde mit den eingangs wiedergegebenen Anträgen erheben. Beim in der Türkei
misshandelten Kurden, dessen Bruder als Lastwagenfahrer im August 2013 tödlich
verunfallt sei, bestehe auch ein reaktives depressives Zustandsbild. Angesichts der
Seite 5
widersprüchlichen Angaben von Hausarzt Dr. G_ sei eine polydisziplinäre Abklärung
angezeigt.
D.2
Mit Beschwerdeantwort vom 13. Februar 2015 stellte sich die IV-Stelle auf den Standpunkt,
dass der eingereichte Behandlungsplan der Klinik Teufen nicht auf einen invalidisierenden
Gesundheitsschaden schliessen lasse. Selbst der Hausarzt sei zurückhaltend mit der
Zuerkennung einer Arbeitsunfähigkeit.
D.3
Aus der Replik des Beschwerdeführers vom 10. April 2015 geht hervor, dass er sich nicht
als gänzlich arbeitsunfähig sieht, sondern bei Anfällen von Schwindel Erholungspausen
brauche, welche ihm an einer durchschnittlichen Arbeitsstelle nicht gewährt würden. Derzeit
sei er befristet für die Strafanstalt Gmünden mit Holzauslieferungen mittels Lieferwagen
tätig.
D.4
Nach Eintritt der Rechtskraft des die unentgeltliche Rechtspflege und -verbeiständung
ablehnenden Entscheides vom 26. Februar 2015 ersuchte das Obergericht den
Beschwerdeführer am 26. Mai 2015 um Leistung eines Kostenvorschuss von Fr. 800.--,
welcher in der Folge ratenweise, letztmals Ende Juni 2016, einbezahlt wurde.
D.5
Im Austrittsbericht der Klinik Gais vom 9. Februar 2016 (act. 19) über einen Aufenthalt des
Versicherten vom 7. Dezember 2015 bis 9. Januar 2016 werden folgende Diagnosen
aufgelistet: Posttraumatische Belastungsstörung; rezidivierende depressive Störung,
gegenwärtig mittelgradige Episode; Probleme bei der Lebensführung mit riskantem
Alkoholkonsum; zervikozephales Syndrom; Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2. Im Alter
von zwanzig Jahren sei er in der Heimat im Gefängnis gefoltert worden, und 2012 habe er
seinen Bruder durch einen Verkehrsunfall verloren. Weder sei die Formulierung eines
psychotherapeutischen Behandlungsauftrages noch der Einstieg in einen bewussten
Veränderungsprozess möglich gewesen. Vor dem Eintritt in die Klinik seien die verordneten
Antidepressiva nicht regelmässig eingenommen worden, und eine Optimierung sei an
subjektiven Nebenwirkungen mit Verweigerung der weiteren Einnahme gescheitert. Die
ambulante Psychotherapie mit wöchentlichen Sitzungen wie auch die Behandlung durch
den Hausarzt seien fortzusetzen. Für den Aufbau einer Tagesstruktur komme auch eine
Tagesklinik in Frage (s. auch den Kurzaustrittsbericht vom 7. Januar 2016 [act. 17], wo von
biometrisch stark widersprüchlichen Ergebnissen die Rede ist).
Seite 6
D.6
Der Beschwerdeführer liess dem Obergericht am 30. Juni 2016 noch eine Reihe von
ärztlichen Zeugnissen des medizinischen Zentrums Geissberg für psychosomatische
Rehabilitation zukommen, wonach ab 15. Oktober 2015 bis Ende Juni 2016 praktisch
durchgehend und überwiegend eine vollständige Arbeitsunfähigkeit vorgelegen habe.

Erwägungen
1. Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der Prozessvoraussetzungen ergibt, dass
diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der Form- und
Fristerfordernisse erfüllt sind. Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. Als Invalidität gilt gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung vom
19. Juni 1959 (IVG; SR 831.20) in Verbindung mit Art. 8 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1)
die durch einen körperlichen oder geistigen Gesundheitsschaden als Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall verursachte, voraussichtlich bleibende oder
längere Zeit andauernde Erwerbsunfähigkeit. Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG haben versicherte
Personen Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie mindestens zu 70 Prozent, auf eine
Dreiviertelrente, wenn sie mindestens zu 60 Prozent, auf eine halbe Rente, wenn sie
mindestens zu 50 Prozent und auf eine Viertelrente, wenn sie mindestens zu 40 Prozent
invalid sind.
3. 3.1
Bei der Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit stützen sich die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen, welche von ärztlichen und gegebenenfalls auch
anderen Fachleuten zur Verfügung zu stellen sind (Urteil des Bundesgerichts 9C_285/2009
vom 16. März 2010 Erw. 2.2, 9C_636/2013 vom 25. Februar 2014 Erw. 4.2.1 und 4.2.2,
9C_922/2013 vom 19. Mai 2014 Erw. 3.2.1, 9C_644/2015 vom 3. Mai 2016 Erw. 3.2).
Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige
Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der Person noch
zugemutet werden können (BGE 132 V 93 Erw. 4). Hinsichtlich des Beweiswerts eines
Arztberichts ist entscheidend, ob dieser für die streitigen Belange umfassend ist, auf
allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Seite 7
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen begründet sind (BGE 125 V 351 Erw. 3a, 134 V 231 Erw. 5.1, 137 V
210 Erw. 6.1.2).
3.2
Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholten Berichten von externen
Spezialärzten ist bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht
konkrete Indizien dagegen sprechen. In Bezug auf Berichte von Hausärzten bzw.
behandelnden Ärzten darf und soll der Richter der Erfahrungstatsache Rechnung tragen,
dass deren Angaben mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung in
Zweifelsfällen eher zugunsten ihrer Patienten ausfallen (BGE 125 V 351 Erw. 3, 135 V 465
Erw. 4.5; Urteile des Bundesgerichts 8C_641/2013 vom 23. Dezember 2013 Erw. 5.4,
8C_637/2013 vom 11. März 2014 Erw. 2.2.2), was auch mit der unterschiedlichen Natur
von Behandlungs- und Begutachtungsauftrag zusammenhängen mag (Urteile des
Bundesgerichts 8C_768/2012 vom 24. Januar 2013 Erw. 3, 8C_107/2013 vom
23. April 2013 Erw. 3).
4. 4.1
Vorliegend geht aus den Akten wiederholt und unzweifelhaft hervor, dass für die vom
Beschwerdeführer - dieser meldete sich bei der Invalidenversicherung Ende Februar 2014
an, nachdem er seine Stelle bei dem auf Ende Dezember 2013 geschlossenen F_-
Imbiss verloren hatte - zunächst und in erster Linie geklagten wiederholten synkopalen
Ereignisse keine eigentliche Ursache gefunden werden konnte, so aus den Berichten der
Radiologie AR vom 7. November 2012, von Neurologin Dr. C_ vom 19. November 2012,
von Kardiologe Dr. D_ vom 20. November 2012 und des Spitals Herisau vom 23.
November 2012. Auffällig waren in der Folge hingegen gewisse Inkonsistenzen, die sich
beim Assessment des Versicherten durch die Berufsberatung der IV-Stelle gemäss deren
Bericht vom 9. Mai 2014 zeigten.
4.2
In der Folge benannte Hausarzt und Internist Dr. G_ im Bericht vom 28. Mai 2014
zusätzliche gesundheitliche Beschwerden, relativierte diese allerdings gleich selber, indem
er in eher unpräziser Weise von einer deswegen in einer körperlich schweren Tätigkeit wie
beispielsweise in einem Restaurant bzw. in der Gastronomie - der Beschwerdeführer war
letztmals während einigen Jahren im F_-Imbiss erwerbstätig - zu etwa 30-50%
eingeschränkten Arbeitsfähigkeit sprach, zugleich aber bemerkte, dass in einer leichteren
Tätigkeit eine Teil-Arbeitsfähigkeit - eine solche attestierte er ja schon in einer schweren
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Tätigkeit - auf jeden Fall möglich sein müsse. Im seinem Arztzeugnis vom 18. August 2014
war sodann die Rede von einer 100%igen Arbeitsfähigkeit vom 18. bis 31. August 2014,
doch wurde unten als Grund dieser "Arbeitsfähigkeit" Krankheit angekreuzt, weshalb es
sich nur um eine Arbeitsunfähigkeit handelt konnte. Vor diesem Hintergrund kann den
ungenauen und teilweise widersprüchlichen Angaben des Hausarztes Dr. G_ nur eine
geringe Beweiskraft zuerkannt werden, was selbst der Beschwerdeführer anerkennt, wenn
er die Widersprüchlichkeiten als (einen) Grund für die seines Erachtens notwendige
polydisziplinäre Abklärung anführt. Es erstaunt ferner wenig, dass Dr. H_ vom RAD
diesen mit Aktennotiz vom 2. Oktober 2014 in einer leichten bis mittelschweren Tätigkeit als
zu 100% arbeitsfähig bezeichnete, an welcher Beurteilung der RAD-Arzt auch nach dem
Einwand des Versicherten gegen den Vorbescheid festhielt. Dessen Einschätzung einer
100%igen Arbeitsfähigkeit in einer leichten bis mittelschweren Tätigkeit schliesst sich auch
das Obergericht an.
5. 5.1
In der Folge beschritt der Versicherte den in vergleichbaren Fällen häufigen Weg und liess
sich auf psychische Beschwerden behandeln, wie aus dem Berichten der Klinik Gais über
den etwas mehr als einmonatigen stationären Aufenthalt hervorgeht. Was diese und die
späteren, vom Beschwerdeführer im Verlauf des Beschwerdeverfahren nachgereichten
medizinischen Unterlagen anbelangt, so ist zunächst darauf hinzuweisen, dass bei der
Beurteilung eines Falles auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung
(hier: 21. November 2014) eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist (BGE 131 V 242
Erw. 2.1; Urteile des Bundesgerichts 8C_292/2008 vom 9. April 2009 Erw. 4, 8C_280/2014
vom 30. Januar 2015 Erw. 2). Ausnahmsweise kann das Gericht aber aus
prozessökonomischen Gründen auch die Verhältnisse nach Erlass der Verfügung in die
richterliche Beurteilung miteinbeziehen und zu deren Rechtswirkungen über den
Verfügungszeitpunkt hinaus verbindlich Stellung beziehen, mithin den das Prozessthema
bildenden Streitgegenstand in zeitlicher Hinsicht ausdehnen.
Eine solche Ausdehnung des richterlichen Beurteilungszeitraums ist jedoch - analog zu den
Voraussetzungen einer sachlichen Ausdehnung des Verfahrens auf eine ausserhalb des
durch die Verfügung bestimmten Rechtsverhältnisses liegende spruchreife Frage nur
zulässig, wenn der nach Erlass der Verfügung eingetretene, zu einer neuen rechtlichen
Beurteilung der Streitsache ab jenem Zeitpunkt führende Sachverhalt hinreichend genau
abgeklärt ist, die betreffende Frage mit dem bisherigen Streitgegenstand so eng
zusammenhängt, dass von einer Tatbestandsgesamtheit gesprochen werden kann, und
wenn die Verfahrensrechte der Parteien, insbesondere deren Anspruch auf rechtliches
Gehör, respektiert worden sind, wobei sich in Bezug auf das letztgenannte Erfordernis die
Seite 9
Verwaltung mindestens in Form einer Prozesserklärung geäussert haben muss (Urteil des
Bundesgerichts 9C_540/2015 vom 15. Oktober 2015 Erw. 3.1).
5.2
Die IV-Stelle hat sich zu den nach ihrer vorliegend angefochtenen Verfügung ergangenen
medizinischen Unterlagen nicht mehr geäussert, sodass nicht von einer eigentlichen
Prozesserklärung ausgegangen werden kann und nur der bis zum Zeitpunkt des Ergehens
der erwähnten Verfügung eingetretene Sachverhalt relevant sein kann. Für den Fall, dass
deren Hinweis in der Vernehmlassung zur Beschwerde vom 13. Februar 2015, dass der
schon damals in die Wege geleitete Plan für eine psychosomatische Behandlung nicht auf
das Vorliegen eines invalidisierenden Gesundheitsschadens schliessen lasse, jedoch im
Sinne einer Prozesserklärung zu werten sein sollte, sei noch auf die Beweiskraft der vom
Beschwerdeführer nachgereichten medizinischen Unterlagen eingegangen.
5.2.1
Was den Diagnosenkatalog bzw. die angebliche posttraumatische Belastungsstörung
(PTBS) gemäss Berichten der Klinik Gais anbelangt, so erscheint diese in Anbetracht der
nach Darstellung des Versicherten im Alter von neunzehn Jahren (gemäss
Kurzaustrittsbericht) bzw. zwanzig Jahren (gemäss Austrittsbericht) in der türkischen
Heimat erlittenen Folter und der danach offenbar sehr langen beschwerdefreien Zeit doch
eher als etwas gewagt, zumal auch die von ihm in der Beschwerdeschrift für die (sehr)
lange Latenzzeit zwischen Trauma und Beschwerden angegebene Begründung, diese
seien durch die frühere Erwerbstätigkeit "überdeckt" und erst durch die in den letzten
Jahren aufgetretenen Probleme (wieder) aktiviert worden, nicht zu überzeugen vermag.
Gemäss höchstrichterlicher Rechtsprechung setzt die Diagnose einer PTBS voraus, dass
die entsprechenden Beschwerden mit einer Latenz von wenigen Wochen bis Monaten nach
einem Ereignis mit aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmass
auftreten, das bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (Urteil
des Bundesgerichts 9C_228/2013 vom 26. Juni 2013 Erw. 4.1.2). Prädisponierende
Faktoren können die Schwelle zur Entwicklung dieses Syndroms zwar senken und den
Verlauf erschweren, sind aber weder notwendig noch ausreichend, um dessen Auftreten
erklären zu können (Dilling/Freyberger [Hrsg.], Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation
psychischer Störungen, 6. Auflage 2012, S. 173-175).
5.2.2
Auch in der zum Zeitpunkt der Behandlung in der Klinik Gais aktuellen Ausgabe der ICD-
10-Klassifikation, Version 2016, wurde an dieser Definition und insbesondere an der
Latenzzeit festgehalten. Es mag zutreffen, dass in der Fachliteratur darauf hingewiesen
Seite 10
wird, in gewissen Fällen trete die Symptomatik einer PTBS mit erheblicher, zum Teil
mehrjähriger Verzögerung auf (Freyberger/Kuwert, Posttraumatische Belastungsstörung,
in: Psychotherapeut 2013 [58], S. 270; Hans-Peter Kapfhammer, Anpassungsstörung,
akute und posttraumatische Belastungsstörung, in: Möller/Laux/Kapfhammer [Hrsg.],
Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie, 4. Aufl. 2011, Band 2, S. 608). Dazu ist
festzuhalten, dass eine weniger einschränkende Formulierung des Belastungskriteriums
und damit die Berücksichtigung von Ereignissen, die weder eine aussergewöhnliche
Bedrohung noch eine Katastrophe darstellen, dennoch aber im Erleben einer versicherten
Person eine Traumatisierung auslösen können, therapeutisch Sinn machen mag. Dasselbe
gilt für eine weniger einschränkende Formulierung der zeitlichen Latenz mit
Berücksichtigung von einem erst lange nach den traumatischen Ereignissen beginnenden
Krankheitsverlauf. Doch verlangt die Leistungsberechtigung in der nach wie vor massiv
verschuldeten Invalidenversicherung zwangsläufig eine gewisse Objektivierung, weshalb
solche Konstellationen ausser Betracht zu bleiben haben (BGer a.a.O., Erw. 4.1.3; s. ferner
Urteile des Bundesgerichts 9C_955/2008 vom 8. Mai 2009 Erw. 4.3.1 und 4.3.2,
9C_775/2009 vom 12. Februar 2010 Erw. 4.1, 9C_671/2012 vom 15. November 2012 Erw.
4.3).
5.2.3
Mit Blick auf die zwischen dem behaupteten Trauma und der von der Klinik Gais
anerkannten psychischen Dekompensation liegende lange Zeitspanne von beinahe
dreissig Jahren, während welcher der Beschwerdeführer nicht nur einer (vollzeitlichen)
Erwerbstätigkeit nachging, sondern u.a. auch eine Familie mit vier Kindern gründete,
erscheint die Diagnose einer PTBS vorliegend als unhaltbar. Abgesehen davon ist nicht die
diagnostische Einordnung eines behaupteten Gesundheitsschadens entscheidend,
sondern dessen konkrete Auswirkung auf die Arbeits- und Leistungsfähigkeit des
Versicherten (Urteil des Bundesgerichts 9C_228/2013 vom 26. Juni 2013 Erw. 4.1.4). In
dieser Hinsicht attestierten die Ärzte der Klinik Gais in beiden Berichten zwar eine
vollständige Arbeitsunfähigkeit vom 7. Dezember 2015 bis zum 22. Januar 2016, im
Wesentlichen also für die Zeit des Klinikaufenthalts. Im Kurzaustrittsbericht ersuchten sie
die nachbehandelnden Ärzte aber, eine allfällige Arbeitsunfähigkeit neu zu beurteilen, auf
welche Bemerkung sie im Austrittsbericht überdies verzichteten.
5.2.4
Was die übrigen psychiatrischen Diagnosen der Klinik Gais - die somatischen wurden
bereits als nicht invalidisierend beurteilt (Ziff. 4.2 hiervor), wobei dem Unterschied zwischen
der Diagnose Dr. G_s eines Zervikalsyndroms und jener der Klinik Gais eines
zervikozephalen Syndroms wie auch den Diagnosen einer Adipositas und eines damit in
Seite 11
aller Regel zusammenhängenden Diabetes mellitus vom Erwachsenentyp
invalidenversicherungsrechtlich keine Relevanz zukommen dürfte - anbelangt, so ist die
invalidisierende Wirkung einer mittelgradigen depressiven Störung, wie sie beim
Beschwerdeführer vorzuliegen scheint, zwar nicht schlechthin auszuschliessen, doch
bedingt deren Annahme die vorgängige konsequente Befolgung einer Depressionstherapie
(Urteil des Bundesgerichts 8C_303/2015 vom 8. Oktober 2015 Erw. 4.4). Davon kann
vorliegend keine Rede sein, nachdem der Beschwerdeführer nach Angaben der Klinik Gais
nicht nur vor dem Eintritt die verordneten Antidepressiva nicht regelmässig eingenommen,
sondern auch die weitere Einnahme der von der Klinik selber verordneten Medikation
zufolge subjektiv empfundener Nebenwirkungen verweigert hat. Ausserdem hielt die Klinik
ausdrücklich fest, weder die Formulierung eines psychotherapeutischen
Behandlungsauftrages noch der Einstieg in
einen bewussten Veränderungsprozess sei möglich gewesen.
5.2.5
Was schliesslich die "Diagnose" von Problemen in der Lebensführung mit riskantem
Alkoholkonsum (ICD-10 Z72.1 [recte: Z72.- und Z72.0]) anbelangt, so kommt diesen "Z-
Diagnosen" von vornherein kein Krankheitswert zu (Urteile des Bundesgerichts
8C_810/2013 vom 9. April 2014 Erw. 5.2.2, 9C_645/2015 vom 3. Februar 2016 Erw. 4.1,
8C_237/2016 vom 17. Juni 2016 Erw. 3.2; Gensichen/Linden, Psychische Gesundheit:
Gesundes Leiden - die "Z-Diagnosen", in: Deutsches Ärzteblatt 2013; 110(3): A 70-2).
5.3
Hinsichtlich der Zeugnisse des medizinischen Zentrums Geissberg ist festzuhalten, dass
diese nur einfache und deshalb nicht näher begründete Arztzeugnisse darstellen, denen im
vorliegenden Zusammenhang keine relevante Beweiskraft zukommen kann.
5.4
Nach dem Gesagten wäre selbst nach Einbezug der nach der vorliegend angefochtenen
Verfügung ergangenen medizinischen Unterlagen weiterhin von einer 100%igen
Arbeitsfähigkeit in einer leichten bis mittelschweren Tätigkeit auszugehen.
6. 6.1
Im Hinblick auf die Bemessung der Invalidität, die als ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG) definiert wird, ist die Arbeitsunfähigkeit von der
Erwerbsunfähigkeit zu unterscheiden. Unter letzterer ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Seite 12
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu
verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen
durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in
Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid
geworden wäre (Art. 16 ATSG; BGE 142 V 290 Erw. 4 [= 9C_178/2015 vom 4. Mai 2016]).
6.2
Mangels belastbarer Angaben hinsichtlich des Valideneinkommens des Beschwerdeführers
ist auf einen Tabellenlohn abzustellen. Gemäss der Lohnstrukturerhebung (LSE) 2012 des
Bundesamtes für Statistik betrug der Jahreslohn 2012 von in der Gastronomie auf
Kompetenzniveau 1 tätigen Männern Fr. 44'760.--. Angepasst an die in dieser Branche im
Jahr des frühestmöglichen Rentenbeginns 2014 übliche Arbeitszeit von 42.4
Wochenstunden beläuft sich das Einkommen auf Fr. 47'446.--; eine Anpassung an die
Nominallohnentwicklung bis zu diesem Zeitpunkt kann dagegen unterbleiben, da diese
auch beim Invalideneinkommen vorzunehmen wäre und sich deshalb gewissermassen
herauskürzen würde.
Das Invalideneinkommen 2012 betrug Fr. 62'520.-- (LSE 2012, Totalwert von auf
Kompetenzniveau 1 tätigen Männern) bzw. - nach Anpassung an den Totalwert der 2014
üblichen Arbeitszeit von 41.7 Wochenstunden - Fr. 65'177.--.
6.3
Die Gegenüberstellung dieser beiden Vergleichseinkommen zeigt, dass beim
Beschwerdeführer keine Verdiensteinbusse und deshalb auch keine erwerbswirksame
Invalidität besteht. Die Beschwerde ist deshalb abzuweisen.
7. 7.1
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Vorliegend
erscheint eine Entscheidgebühr von Fr. 800.-- als angemessen, unter Verrechnung mit dem
vom Beschwerdeführer in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss.
7.2
Es ist keine Parteientschädigung auszurichten, da der Beschwerdeführer unterliegt (Art. 61
lit. g ATSG) und da die obsiegende IV-Stelle eine staatliche Einrichtung ist (Ueli Kieser,
ATSG-Kommentar, 3. Auflage, Zürich 2015, Art. 61 N 200).
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