Decision ID: 1ca8fced-26fb-412d-91d6-a26ae572dfd1
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich am 15. Mai 2000 wegen seit mehr
als zehn Jahren bestehender, häufig schubweise auftretender ca. zwei bis drei Tage
dauernder Migräne erstmals zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung an
(vgl. IV-act. 1 und 8-5). Mit Verfügung vom 3. Juni 2002 wies die IV-Stelle das
Leistungsbegehren gestützt auf die gutachterlich attestierte Arbeitsfähigkeit von 80 %
ab (IV-act. 37).
A.a.
Am 28. März 2017 meldete die Versicherte sich erneut zum Bezug von Leistungen
bei der IV-Stelle an. Als gesundheitliche Beeinträchtigung gab sie Krämpfe in
verschiedenen Körperteilen, Fibromyalgie und Migräne an. Sie sei in psychiatrischer
Behandlung (IV-act. 51). In der Folge nahm die IV-Stelle Abklärungen vor (vgl. IV-
act. 58 ff.). Gemäss dem von der Z._ AG eingereichten Fragebogen für
Arbeitgebende vom 12. Oktober 2017 war die Beschwerdeführerin vom 1. März 2011
bis 31. Mai 2017 zu 100 % als Mitarbeiterin Produktion angestellt (IV-act. 80).
A.b.
Vom 16. August bis 14. September 2017 befand die Versicherte sich in stationärer
Behandlung in Y._, wo die Behandler eine posttraumatische Belastungsstörung und
eine dissoziative Bewegungsstörung diagnostizierten (vgl. Austrittsbericht
Psychosomatik vom 14. September 2017, IV-act. 95). Vom 26. Juli bis 12. Oktober
2018 fand zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung und depressiven
Symptomatik ein stationärer Aufenthalt in der Klinik B._ statt. Im Rahmen dieser
Behandlung wurde für die Zeit nach dem Austritt psychiatrische Spitex organisiert (vgl.
Austrittsbericht vom 16. November 2018, IV-act. 99, insbesondere IV-act. 99-6). Für
zwei weitere stationäre Behandlungen im Sinne von Timeouts begab sich die
Beschwerdeführerin vom 4. bis 22. Februar und vom 4. bis 21. Juni 2019 in die Klinik
A.c.
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B._ (vgl. IV-act. 103 und 120). Die psychiatrische Spitex besuchte die Versicherte
während einiger Monate jeweils im Abstand von drei Wochen (vgl. IV-act. 110, 113, 118
und 121).
Am 21. Oktober 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit, dass sie eine
polydisziplinäre Begutachtung für erforderlich halte. Mit der Begutachtung wurde das
ABI Ärztliches Begutachtungsinstitut GmbH (ABI) beauftragt (IV-act. 123 und 128).
A.d.
Vom 24. Oktober bis 15. November 2019 befand sich die Versicherte erneut im
Sinne eines geplanten Time-Outs in stationärer Behandlung in der Klinik B._ (IV-
act. 153).
A.e.
Mit Gutachten vom 13. Februar 2020 stellten die ABI-Gutachter folgende
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: chronisches lumbospondylogenes
Schmerzsyndrom rechtsbetont (ICD-10 M54.5), Osteoporose (ICD-10 M81),
rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig leichte Episode ohne somatisches
Syndrom (ICD-10 F33.00), Adipositas permagna, aktuell BMI 38 (ICD-10 E66),
substituierte, präklinische Hypothyreose (ICD-10 E03.9), aktenanamnestisch
chronische Migräne, nicht näher bezeichnet (ICD-10 G43.0). Als Diagnosen ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit nannten die Gutachter insbesondere Dysthymie
(ICD-10 F34.1), Verdacht auf dissoziative Störung, gemischt (ICD-10 F44.7),
chronisches multilokuläres Schmerzsyndrom mit chronischen krampfartigen Myalgien,
somatisch nicht erklärbar (ICD-10 R52.9), und chronische multifaktoriell bedingte
diffuse, ätiologisch nicht eindeutig klassifizierbare Muskelkrämpfe am ganzen Körper
bei St.n. Abklärung im Muskelzentrum am Kantonsspital St. Gallen (nachfolgend:
KSSG) 2017, DD Muskelkrämpfe ev. im Rahmen einer Elektrolytstörung bei
Hypothyreose bei St.n. Thyreoidektomie und St.n. Magenbypass-OP 07/09 (IV-
act. 171-9 ff.). Aufgrund der klar objektivierbaren lumbalen Pathologie bestehe in der
angestammten beruflichen Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 50 % und für körperlich
adaptierte Tätigkeiten eine solche von 75 %. Aufgrund der psychiatrischen Morbidität
bestehe in der angestammten wie in sonstigen Tätigkeiten eine Arbeitsfähigkeit von
80 %. (IV-act. 171-11 f.). Die festgestellten Einschränkungen aus
allgemeininternistischer, rheumatologischer sowie psychiatrischer Sicht würden sich
nicht addieren, sondern ergänzen. Es könnten die gleichen Zeitabschnitte zum
A.f.
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B.
Einlegen vermehrter Pausen verwendet werden (IV-act. 171-13). Aufgrund der
anamnestischen rezidivierenden Stuhlinkontinenz sei der Versicherten während der
Arbeit zu ermöglichen, bei Bedarf eine Toilette aufzusuchen (IV-act. 171-12). Die
maximale Präsenzzeit der Versicherten in einer angepassten Tätigkeit betrage sechs
bis acht Stunden pro Tag. Während dieser Anwesenheitszeit bestehe eine gewisse
Leistungseinschränkung bei vermehrter Müdigkeit und etwas erhöhtem Pausenbedarf.
Insgesamt werde die Arbeits- und Leistungsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit auf
75 % geschätzt. Diese Arbeitsfähigkeit könne über die Zeit gemittelt seit November
2016 angenommen werden (IV-act. 171-12 f.). Aufgrund einer erheblichen subjektiven
Krankheits- und Behinderungsüberzeugung mit deutlichem Rückzugsverhalten könnten
keine spezifischen rehabilitativen Massnahmen als sinnvoll erachtet werden (IV-
act. 171-13).
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (IV-act. 175 ff.) wies die IV-Stelle das
Leistungsbegehren mit Verfügung vom 10. Juli 2020 ab. Der Versicherten sei eine
leidensangepasste Tätigkeit zu 75 % zumutbar. Aus dem Einkommensvergleich ergebe
sich ein Invaliditätsgrad von 24 % (IV-act. 185).
A.g.
Gegen diese Verfügung erhebt die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin),
vertreten durch Rechtsanwalt Kurt Gemperli, am 3. September 2020 Beschwerde. Sie
beantragt, die Verfügung vom 10. Juli 2020 sei aufzuheben und ihr sei eine Rente
zuzusprechen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen (zuzüglich Mehrwertsteuer).
Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus, sie weise ein multiples Beschwerdebild
auf, das nicht hinreichend und ohnehin verfrüht gewürdigt worden sei. Das ABI habe
von der festgestellten lumbalen Pathologie auf eine Arbeitsunfähigkeit von 25 %
geschlossen. Andere Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit würden in der
angefochtenen Verfügung zu Unrecht keine Berücksichtigung mehr finden. Die im ABI-
Gutachten bagatellisierte Stuhlinkontinenz schränke sie erheblich ein. Sie trage
Einlagen und esse vor ausserhäuslichen Aktivitäten nichts mehr, was bei vollschichtiger
Erwerbstätigkeit nicht gehe. Die Toilettengänge seien rückenbelastend, sodass der
rückenbedingte Pausenbedarf damit nicht abgedeckt werde. Die
Arbeitsunterbrechungen würden plötzlich erfolgen, was ihre Einsatzmöglichkeiten
B.a.
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einschränke. So sei sie etwa für Telefondienst nicht geeignet. Am meisten würden sie
ihre chronischen, seit Jahren bestehenden, zunehmenden generalisierten
Muskelkrämpfe und Verspannungen am ganzen Körper stören. Diese hätten den
Hausarzt veranlasst, die Beschwerdeführerin zu fachärztlichen Untersuchungen an
einen Neurologen, einen Viszeralchirurgen und einen Endokrinologen zu überweisen.
Der internistisch-rheumatologische Gutachter habe "immer wieder plötzlich auftretende
krampfartige Beschwerden" bestätigt, aber angefügt, sie könnten somatisch nicht
erklärt werden, und die Muskelkrämpfe unter den Diagnosen ohne Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit aufgeführt. Wie die Zuweisungen des Hausarztes zeigten, sei hier
aber kein Rheumatologe gefragt. Das Muskelzentrum des KSSG habe festgehalten,
nach einer Magenbandoperation hätten nicht wenige Patienten Muskelkrämpfe. Es
habe weitere Abklärungen empfohlen. Entgegen der Beschwerdegegnerin seien die
erwähnten Berichte kein Beleg für fehlende somatische Ursachen. Die psychiatrische
Gutachterin bagatellisiere das Leiden und habe die Beschwerdeführerin nicht ernst
genommen. Keine Berücksichtigung habe gefunden, dass aufgrund des
rezidivierenden Krankheitsgeschehens beim Vorliegen einer chronischen, episodisch
verlaufenden affektiven Störung wiederholte Phasen mit höherer Arbeitsunfähigkeit
möglich seien. Der Bericht der Klinik B._ werde in diesem Zusammenhang nicht
korrekt gewürdigt. Die berichtenden Ärztinnen würden in Kenntnis des
Krankheitsverlaufs und der bestehenden Symptomatik nicht davon ausgehen, dass sie
eine auf dem ersten Arbeitsmarkt verwertbare Arbeitsfähigkeit erreichen werde. Im ABI-
Gutachten fehle die unverzichtbare Betrachtung im Längsschnitt. Das ergebe sich
schon daraus, dass laut ABI die festgestellte Arbeitsfähigkeit von 75 % in adaptierter
Tätigkeit seit November 2016 anzunehmen sei. Die Aktenlage sei eindeutig anders. Das
Valideneinkommen sei auf den Durchschnitt der Jahre 2015 und 2016, ergebend
Fr. 55'612.--, anzusetzen (act. G1).
Mit Beschwerdeantwort vom 18. November 2020 beantragt die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde. Sie vertritt die
Ansicht, das ABI-Gutachten sei beweiskräftig. Die Beschwerden im Zusammenhang
mit der Stuhlinkontinenz und den Krämpfen seien hinreichend gewürdigt worden. Die
Gutachter hätten weitere Abklärungen nicht als nötig erachtet. Allein aufgrund der
durch den Hausarzt eingeleiteten Abklärungen könne nicht darauf geschlossen werden,
B.b.
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dass der Gesundheitszustand bisher unzureichend abgeklärt worden sei. Im ABI-
Gutachten werde sodann auch der Verlauf diskutiert, wobei die angegebene
Arbeitsfähigkeit von 75 % in angepasster Tätigkeit seit November 2016 attestiert
werde. Im Gutachten werde festgestellt, dass sich die festgestellten Einschränkungen
der einzelnen Fachdisziplinen nicht addieren würden. Mit der Reduktion des Pensums
um 25 % werde der gesamte Pausenbedarf, betreffend Rückenbeschwerden wie auch
Toilettengang, berücksichtigt. Da die Arbeitsunfähigkeit im November 2016 eingetreten
sei, könne dieses Jahr nicht mehr zur Berechnung des Valideneinkommens
herangezogen werden. Aufgrund der Einkommensschwankungen erscheine es
angemessen, für das Valideneinkommen auf den Durchschnittslohn der Jahre 2014
und 2015 gemäss IK-Auszug vom 20. April 2017 abzustellen und auf das Jahr 2017
aufzuindexieren. Dies ergebe ein Einkommen von gerundet Fr. 56'411.-- als
Validenbasis. Für das Invalideneinkommen sei ein Tabellenlohn heranzuziehen und, da
der Beschwerdeführerin nurmehr leichte Tätigkeiten ohne Rotationsbewegungen des
Oberkörpers zumutbar seien und eine Toilette in der Nähe sein müsse, ein Abzug von
10 % angemessen. Der Invaliditätsgrad betrage demnach 34 % (act. G4).
Mit Replik vom 6. April 2021 führt die Beschwerdeführerin aus, die erhoffte
Besserung der Stuhlinkontinenz habe sich nicht eingestellt. Sie verlasse das Haus nur
selten und nicht für lange, deshalb komme sie, wie sie dem Gutachter gesagt habe,
zurecht. Die Berücksichtigung von Toilettengängen beim Tabellenlohnabzug genüge
nicht. Weil sie von einem Moment auf den anderen auf die Toilette müsse, sei sie für
etwelche Tätigkeiten nicht einsetzbar. Laut einem Bericht von Prof. Dr. med C._,
Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie, vom
29. Dezember 2020, der auf einen relativ langen Zeitraum zurückgeblickt habe, seien
rezidivierende Krämpfe nach malabsorptiven bariatrischen Operationen ein bekanntes
Phänomen, wenn auch laborchemisch oder durch neurologische Evaluation kaum
fassbar. Am 17. Januar 2021 sei es bei der Beschwerdeführerin zu einer von der
Kardiologie am KSSG "erstmalig" genannten Synkope gekommen, welche in den
Zusammenhang der bekannten seit Jahren auftretenden blitzartigen Krämpfe in
verschiedenen Körperpartien gestellt worden sei. Der Aufenthalt in der Klinik D._ vom
17. August bis 19. September 2020 habe wie schon frühere stationäre Aufenthalte eine
gewisse Besserung des Gesundheitszustands bewirkt, mittlerweile sei aber auch
B.c.
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bekannt, dass diese Besserungen jeweils nicht von Dauer seien. Es werde denn auch
eine andauernde Arbeitsunfähigkeit bescheinigt. Dies decke sich mit der Beurteilung
der Klinik B._ und belege, dass das Krankheitsbild der Beschwerdeführerin nicht mit
einer Momentaufnahme anlässlich einer einmaligen gutachterlichen Exploration erfasst
werden könne. Angesichts der Herabsetzungen, welche die Beschwerdeführerin durch
die ABI-Gutachter zu Unrecht erfahren habe, sei darauf hinzuweisen, dass sie bei den
stationären Behandlungen stets motiviert mitmache. Ein erneuter stationärer Aufenthalt
in D._ sei per 5. April 2021 geplant. Keinen Niederschlag in der Beschwerdeantwort
finde, dass auch nach dem ABI-Gutachten ein Krankheitsgeschehen mit wiederholten
Phasen höherer Arbeitsunfähigkeit vorliege, was im Gutachten bei der
Arbeitsfähigkeitsbeurteilung unberücksichtigt geblieben sei. Bei einem chronischen,
episodisch verlaufenden Krankheitsgeschehen nehme die Rechtsprechung mitunter
eine anhaltende Invalidität an, selbst wenn die versicherte Person über längere Zeit
100 % arbeite. Wollte man diese Aspekte lediglich beim Tabellenlohnabzug
berücksichtigen, so müsste jener erheblich höher angesetzt werden. Der Anspruch auf
eine Viertelsrente ergebe sich schon bei einem Tabellenlohnabzug von etwas über
15 % und sei somit bei Weitem ausgewiesen (act. G12).
Mit Duplik vom 21. April 2021 führte die Beschwerdegegnerin aus, gemäss RAD-
Stellungnahme vom 15. April 2021 könne erst ab dem Eintritt in die Klinik D._ am
17. August 2020 und somit erst nach Verfügungserlass von einer relevanten
Verschlechterung des Gesundheitszustands ausgegangen werden (act. G14).
B.d.
Mit Triplik vom 27. Mai 2021 führt die Beschwerdeführerin aus, es sei stossend,
dass die Beschwerdegegnerin eine medizinische Verschlechterung mit einer
Arbeitsunfähigkeit von 100 % erst zum Zeitpunkt des Eintritts in die Klinik D._ am 17.
August 2020 annehme. Der Eintritt in die Klinik D._ sei schon früher geplant
gewesen, habe sich wegen den Auswirkungen der COVID-19-Epidemie aber verzögert.
Die definitive Einweisung sei im Anschluss an eine Konsultation vom 19. Juni 2020
durch Dr. E._ erfolgt. Damit sei erstellt, dass der ab dem 17. August 2020 in der
Klinik D._ festgestellte Gesundheitszustand bereits im Zeitpunkt der angefochtenen
Verfügung vom 10. Juli 2020 bestanden habe. Ihr psychischer Gesundheitszustand sei
schon vor dieser stationären Behandlung im Sommer 2020 erheblich limitierend
gewesen. Mit dem zur Diskussion stehenden Bericht werde lediglich aufgezeigt, dass
B.e.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/23
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Erwägungen
1.
die Beeinträchtigung leider dauerhaft sei. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
reicht eine Kostennote über Fr. 4'970.40 (inkl. Auslagen und MwSt) ein (act. G20).
Am 26. Mai 2021 bestätigt das Versicherungsgericht den Erhalt der Triplik und
stellt das Doppel der Beschwerdegegnerin zur Kenntnisnahme zu (act. G21).
B.f.
Am 1. Januar 2022 sind mit der Revision zur Weiterentwicklung der
Invalidenversicherung verschiedene Änderungen des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil in zeitlicher Hinsicht
grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei der Erfüllung des zu
Rechtsfolgen führenden Tatbestands Geltung haben, und weil ferner das
Sozialversicherungsgericht bei der Beurteilung eines Falles grundsätzlich auf den bis
zum Zeitpunkt des Erlasses der streitigen Verfügung (hier: 10. Juli 2020) eingetretenen
Sachverhalt abstellt, sind im vorliegenden Fall die bis zum 31. Dezember 2021 gültig
gewesenen materiellen Bestimmungen anwendbar (vgl. BGE 132 V 215 E. 3.1.1 mit
Hinweisen). Nachfolgend werden sie in dieser Fassung zitiert.
1.1.
Anspruch auf eine Invalidenrente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG Versicherte, die
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht
durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder
verbessern können (lit. a), während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch
durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind (lit. b) und nach Ablauf
dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid sind (lit. c). Als Invalidität gilt laut Art. 8
Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht
überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2.
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Ein invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden setzt eine auf
objektivierten Beschwerden beruhende fachärztlich gestellte Diagnose nach einem
wissenschaftlich anerkannten Klassifikationssystem voraus (BGE 141 V 281 E. 3.2;
Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2016, 8C_1/2016, E. 4.3). Erforderlich ist
zudem, dass die geltend gemachten Beschwerden objektiviert werden können und sich
auf die Arbeits- bzw. Erwerbsfähigkeit auswirken (vgl. BGE 143 V 418 E. 6). Für
somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und
gleichgestellte Diagnosen) und psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen
und Abhängigkeitserkrankungen ist der Beweis nach dem strukturierten Verfahren
mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE 143 V 418 E. 7.2; BGE 141 V 281 E. 3.5
und E. 4.2). Der Beweis für eine lang andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte
Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der
massgeblichen Beweisthemen im Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein
stimmiges Gesamtbild einer Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für
die Bejahung einer Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143 V 418, E. 6 a.E.).
1.3.
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn
die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn
sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 %
besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von
mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
1.4.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4).
1.5.
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Das Gericht hat seinen
Entscheid, sofern das Gesetz nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b;
BGE 125 V 193 E. 2, je mit Hinweisen).
1.6.
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in
1.7.
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2.
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit Hinweisen).
Auf ein im Verfahren nach Art. 44 ATSG eingeholtes Gutachten ist
rechtsprechungsgemäss abzustellen, wenn nicht konkrete Indizien gegen die
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 210 E. 1.3.4 und 135 V 466 E. 4.4;
Urteile des Bundesgerichts vom 15. Juli 2020, 8C_335/2020, E. 4.1, und vom
13. Februar 2019, 8C_801/2018, E. 4.3). Gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung entspricht es einer Erfahrungstatsache, dass behandelnde
Arztpersonen mitunter im Hinblick auf ihre auftragsrechtliche Vertrauensstellung im
Zweifelsfall eher zu Gunsten ihrer Patienten aussagen (vgl. Urteil des Bundesgerichts
vom 22. Februar 2021, 9C_683/2020, E. 5.1.2 mit Hinweisen). Dabei handelt es sich um
eine Richtlinie, die als solche mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61
lit. c ATSG) vereinbar ist. Die unterschiedliche Natur von Behandlungsauftrag des
therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und Begutachtungsauftrag des amtlich
bestellten fachmedizinischen Experten anderseits lässt es nicht zu, ein Administrativ-
oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen
zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen
gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich eine abweichende Beurteilung
aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige – und nicht rein subjektiver ärztlicher
Interpretation entspringende – Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung
unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (Entscheid des Bundesgerichts vom
20. Dezember 2021, 8C_491/2021, E. 4.1 mit Hinweisen). Zudem ist auch dem
Umstand, dass die ärztliche Beurteilung von der Natur der Sache her unausweichlich
Ermessenszüge trägt, Rechnung zu tragen (Entscheid des Bundesgerichts vom
23. Januar 2019, 9C_804/2018, E. 2.2 mit Hinweisen).
1.8.
Die Beschwerdeführerin hat sich am 28. März 2017 erneut zum Bezug von
Leistungen der Invalidenversicherung angemeldet. Die Beschwerdegegnerin ist auf das
neue Gesuch eingetreten, weshalb auf die entsprechenden Voraussetzungen von
Art. 87 Abs. 2 IVV nicht näher einzugehen ist. In ihrer Anmeldung hat die
Beschwerdeführerin angegeben, sie sei seit dem 3. November 2016 arbeitsunfähig (IV-
act. 51).
2.1.
Im Zeitraum zwischen dem 19. September 2002 und dem 15. November 2016
wurde kein Arztbericht zuhanden der Beschwerdegegnerin ausgestellt (vgl. für eine
Übersicht IV-act. 171-17 und für den Arztbericht vom 16. November 2016 IV-act. 73-6
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/23
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3.
ff.). Auch in den eingereichten einfachen Arztzeugnissen des damaligen Hausarztes
wird der Beschwerdeführerin erst ab dem 3. November 2016 eine Arbeitsunfähigkeit
bescheinigt (vgl. IV-act. 54-8). Von rheumatologischer Seite bestand zu jenem
Zeitpunkt keine Einschätzung zur Arbeitsfähigkeit (vgl. IV-act. 71). Die psychiatrische
Behandlung bei Dr. med. F._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, wurde
per 13. Dezember 2016 aufgenommen und die Psychiaterin hielt auch erst per diesem
Datum eine Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin in ihrer angestammten Tätigkeit
fest (vgl. IV-act. 73).
Gestützt auf diese Aktenlage wird im ABI-Gutachten nachvollziehbar festgehalten,
dass über die Zeit gemittelt seit November 2016 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % in
der angestammten Tätigkeit besteht (vgl. IV-act. 171-12). Das Wartejahr gemäss Art. 28
Abs. 1 lit. c IVG war somit per 3. November 2017 erfüllt. Nachdem zu diesem Zeitpunkt
die sechsmonatige Karenzfrist ab Anmeldung gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG bereits
abgelaufen war, könnte ein allfälliger Rentenanspruch frühestens ab 1. November 2017
entstanden sein. Dementsprechend ist für die vorliegende Angelegenheit von
Bedeutung und zu prüfen, ob und in welchem Umfang die Beschwerdeführerin ab dem
1. November 2017 auch in einer adaptierten Tätigkeit arbeitsunfähig war.
2.3.
Während die Beschwerdegegnerin für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit das
polydisziplinäre ABI-Gutachten vom 13. Februar 2020 heranzieht, macht die
Beschwerdeführerin geltend, auf dieses Gutachten könne nicht abgestellt werden.
Nachfolgend wird deshalb geprüft, ob dem Gutachten Beweiswert zukommt.
3.1.
3.2.
Die Beschwerdeführerin bringt gegen das ABI-Gutachten vor, in somatischer
Hinsicht sei lediglich die lumbale Pathologie mit einer Reduktion der Arbeitsfähigkeit
um 25 % berücksichtigt worden. Andere Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit hätten
in der angefochtenen Verfügung zu Unrecht keine Berücksichtigung gefunden (act. G1,
S. 3).
3.2.1.
Der internistisch-rheumatologische Gutachter hielt fest, der klinische allgemein
internistische Status habe keine fassbaren relevanten Pathologien ergeben bis auf die
erhebliche Adipositas und die konsekutiv zu postulierende deutliche allgemeine
kardiovaskuläre sowie muskuloskelettale Dekonditionierung der Beschwerdeführerin.
Das Ausmass der von der Beschwerdeführerin beklagten Einschränkung auch nur für
3.2.2.
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einfache Alltagstätigkeiten könne nicht adäquat nachvollzogen werden (IV-act. 171-32
und 171-41). Dabei berücksichtigte er auch die von der Beschwerdeführerin
geschilderten Muskelkrämpfe und die angegebene Stuhlinkontinenz (vgl. IV-act. 171-27
f.). Er führte nebst der internistischen auch eine gründliche rheumatologische
Untersuchung durch und erläuterte die Ergebnisse (vgl. insbesondere IV-act. 171-37
ff.). Er legte dar, es bestehe eine deutliche Osteoporose. In Bezug auf die beklagten
lumboglutealen Beschwerden rechts bestehe durchaus ein somatischer Kern mit einer
im Verlauf der letzten Jahre progredienten Pathologie im lumbosakralen Übergang. Die
gesamten weiteren Beschwerden, insbesondere die plötzlich auftretenden und nota
bene auch während der Untersuchung aufgetretenen krampfartigen Beschwerden,
könnten somatisch in dieser Art und Weise nicht erklärt werden. Bei im Vordergrund
stehender chronischer multilokulärer Schmerzproblematik sei von einer wesentlichen
funktionellen Überlagerung im Rahmen der psychiatrischen Grunderkrankung
auszugehen (IV-act. 171-41 f.). Der internistisch-rheumatologisch Gutachter zeigte
sodann nachvollziehbar auf, inwiefern sich aus den gesundheitlichen Defiziten
quantitative oder nur qualitative Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit ergeben würden.
Er schätzte die Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit im internistischen
Teilbereich auf 80 % und im rheumatologischen Teilbereich auf 75 % ein (vgl. zum
Zumutbarkeitsprofil und zur Arbeitsfähigkeitsschätzung IV-act. 171-33 und 171-43).
Die psychiatrische Gutachterin nahm ebenfalls eine ausführliche Untersuchung
der Beschwerdeführerin vor (vgl. IV-act. 171-46 ff. und 171-50). Sie legte differenziert
die Herleitung ihrer Diagnosen dar. So hielt sie etwa fest, die Diagnose einer
rezidivierenden depressiven Störung sei zu bestätigen. Gegenwärtig bestehe ein
leichtes depressives Zustandsbild. Die Beschwerdeführerin gehe einer regelmässigen
Tagesstruktur nach, führe den Haushalt, koche, pflege soziale Kontakte und fahre Auto.
Zudem sei im Sinne einer Double Depression eine Dysthymie anzunehmen. Bei
offenbarem Fehlen einer somatischen Ursache seien die beklagten Krämpfe am
ehesten als dissoziative Störung einzuordnen. Die in den Vorakten erwähnte
posttraumatische Belastungsstörung könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht
bestätigt werden, da die Diagnosekriterien der ICD-10 hierfür nicht vorliegen würden.
Vielmehr sei das gemäss Beschwerdeführerin "ständige Denken an Ereignisse in ihrer
Lebensgeschichte" im Rahmen der Dystymie einzuordnen, bei welcher u.a. "Grübeln
über die Vergangenheit" auftrete. Eine externe Tagesstruktur, wie sie ein
Klinikaufenthalt, jedoch auch eine Arbeitstätigkeit mit sich bringe, könne zu einer
Verbesserung bzw. Stabilisierung des Zustandsbildes führen. Möglich sei aufgrund der
eingeschränkten Belastbarkeit und des erhöhten Pausenbedarfs bei chronischer,
3.2.3.
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episodisch verlaufender affektiver Störung eine Präsenz von acht Stunden mit einer
Leistungserwartung, die 80 % entspreche (vgl. IV-act. 171-50 f. und 171-53 f.).
In der Konsensbeurteilung hielten die Gutachter fest, die festgestellten
Einschränkungen aus allgemeininternistischer, rheumatologischer und psychiatrischer
Sicht würden sich nicht addieren, sondern ergänzen. Es könnten die gleichen
Zeitabschnitte zum Einlegen vermehrter Pausen verwendet werden (IV-act. 171-13).
Diese Einschätzung ist angesichts der sorgfältig für jede Fachdisziplin
herausgearbeiteten Arbeitsfähigkeit und Adaptionskriterien nachvollziehbar und
einleuchtend.
3.2.4.
Die Beschwerdeführerin nimmt im Beschwerdeverfahren auf den folgenden Satz
aus dem ABI-Gutachten Bezug: "Gesamthaft gesehen besteht aufgrund der klar
objektivierbaren lumbalen Pathologie in der angestammten beruflichen Tätigkeit eine
Arbeits- und Leistungsfähigkeit von 50 % und für körperlich adaptierte Tätigkeiten eine
solche von 75 %" (IV-act. 171-11). Mit dieser Formulierung haben die Gutachter erklärt,
weshalb in der angestammten Tätigkeit gegenüber einer adaptierten Tätigkeit eine
höhere Arbeitsunfähigkeit vorliegt. Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit der
Beschwerdeführerin war nicht genügend wechselbelastend, sodass gemäss der
gutachterlichen Einschätzung aufgrund der Rückenproblematik der
Beschwerdeführerin nurmehr eine tiefere Arbeitsfähigkeit zumutbar war.
3.2.5.
Insgesamt ergibt sich aus den gutachterlichen Ausführungen, dass entgegen der
Ansicht der Beschwerdeführerin nicht nur die lumbale Pathologie bei der Festsetzung
der Arbeitsfähigkeitsschätzung berücksichtigt worden ist, sondern alle von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Beschwerden (siehe hierzu auch E. 3.3 und
3.4 nachfolgend) Berücksichtigung fanden.
3.2.6.
3.3.
Die Beschwerdeführerin macht weiter geltend, ihre Stuhlinkontinenz sei im
Rahmen der Begutachtung bagatellisiert worden (act. G1, S. 3). Hierzu ist festzuhalten,
dass die Beschwerdeführerin beide Gutachter ausführlich über die geltend gemachte
Stuhlinkontinenz informiert hat (vgl. IV-act. 171-27 f. und 171-48). Beide Gutachter
waren sich dieser Problematik bei ihrer Beurteilung demnach bewusst. Sie
berücksichtigten diese Beschwerden denn auch im Rahmen der Kriterien für eine
adaptierte Erwerbstätigkeit (vgl. IV-act. 171-12).
3.3.1.
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Dass die Beschwerdeführerin die Stuhlinkontinenz als belastend und sehr
störend erlebt (vgl. IV-act. 171-53 und act. G12), ist nachvollziehbar. Indes
verunmöglicht diese gesundheitliche Problematik eine Erwerbstätigkeit nicht. Dem
Verlaufsbericht der G._ vom 29. Oktober 2019 (IV-act. 141-2) wie auch dem Bericht
des Interdisziplinären Beckenbodenzentrums des KSSG vom 9. Juni 2020 (act. G1.3,
S. 2) ist zu entnehmen, dass die Verdauungsprobleme und Stuhlinkontinenz bei
flüssiger Stuhlkonsistenz und chronischem Durchfall seit der Magenbypass-Operation
2009 bestehen. Dennoch war die Beschwerdeführerin nach 2009 noch über Jahre
hinweg in der Lage, ihrer vollschichtigen Berufstätigkeit nachzugehen (vgl. IV-
act. 82-1), was gegen eine Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit spricht. Dem Bericht
des Beckenbodenzentrums ist weiter zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin im
häuslichen Umfeld meist rechtzeitig die Toilette erreicht (act. G1.3, S. 2). Dies sollte
auch an einem Arbeitsplatz möglich sein, vorausgesetzt, die Arbeit kann bei Bedarf
jederzeit unterbrochen werden. Schliesslich wird im Bericht des Beckenbodenzentrums
festgehalten, die Beschwerdeführerin habe sich mit der Situation so arrangiert, dass sie
jeweils bei ausserhäuslichen Aktivitäten ein bis zwei Stunden vorher nichts mehr esse,
womit sie mit Einlagen gut durchkomme. Eine Proximalisierung des distalen
Magenbypasses, mit welcher die Beschwerden betreffend Stuhlinkontinenz allenfalls
gelindert werden könnten, habe die Beschwerdeführerin abgelehnt, da sie nicht wieder
Gewicht zunehmen wolle und die Stuhlinkontinenz und chronische Diarrhoe
unterdessen einigermassen im Griff habe (act. G1.3, S. 3). Es ist daher zu erwarten,
dass die Beschwerdeführerin – allenfalls unter Einbezug von Hilfsmitteln wie
Inkontinenzeinlagen, Mitführen von Ersatzunterwäsche und Planung ihrer Mahlzeiten –
bei offenbar kleinen Stuhlentleerungen (vgl. hierzu act. G12.1) und ohnehin reduzierter
täglicher Arbeitszeit (sechs bis acht Stunden) trotz der gesundheitlichen Problematik im
Zusammenhang mit dem Stuhlgang in der Lage ist, einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen.
3.3.2.
Sodann ist darauf hinzuweisen, dass zumindest zum Zeitpunkt der Begutachtung
nicht alle medizinischen und therapeutischen Möglichkeiten betreffend
Stuhlinkontinenz ausgeschöpft waren. Seitens des Beckenbodenzentrums wurden im
Bericht vom 9. Juni 2020 eine Beckenbodenphysiotherapie und ein Stuhlregulans
sowie Bedarfsmedikation empfohlen (vgl. act. G1.3, S. 5; vgl. auch Austrittsbericht der
Klinik B._ vom 16. November 2018, wonach bei anhaltenden Durchfällen Bioflorin
eingesetzt worden sei, welches nach Besserung wieder habe abgesetzt werden
können, IV-act. 99-4).
3.3.3.
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Soweit die Beschwerdeführerin geltend macht, die Toilettengänge seien
rückenbelastend, sodass dafür nicht die gleichen Zeiträume verwendet werden
könnten wie für die rückenbedingten Pausen (vgl. act. G1, S. 3), kann ihr nicht gefolgt
werden. Die ABI-Gutachter haben die vermehrten Toilettengänge in ihrer Einschätzung
der Arbeitsfähigkeit, namentlich der möglichen Anwesenheitszeit und des Rendements,
in Kenntnis der Rückenproblematik bereits berücksichtigt. Eine weitergehende
Berücksichtigung durch mehr bzw. längere Pausen lässt sich deshalb nicht
rechtfertigen.
3.3.4.
3.4.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, am meisten würden sie ihre chronischen,
seit sieben Jahren bestehenden, zunehmenden generalisierten Muskelkrämpfe und
Verspannungen am ganzen Körper stören. Diese würden von den ABI-Gutachtern zu
wenig besprochen und bagatellisiert (act. G1, S. 3 f.).
3.4.1.
Wiederum ist festzuhalten, dass beide ABI-Gutachter über die von der
Beschwerdeführerin geltend gemachten Krämpfe informiert waren. Der internistisch-
rheumatologische Gutachter hielt, wie bereits erwähnt, fest, die plötzlich auftretenden,
auch während der Untersuchung aufgetretenen krampfartigen Beschwerden könnten
somatisch in dieser Art und Weise nicht erklärt werden. Bei im Vordergrund stehender
chronischer multilokulären Schmerzproblematik sei von einer wesentlichen
funktionellen Überlagerung im Rahmen der psychiatrischen Grunderkrankung
auszugehen (IV-act. 171-41 f.). Der ABI-Gutachter konnte demnach anlässlich der
persönlichen Untersuchung die krampfartigen Beschwerden beobachten und kam in
Kenntnis der Vorakten und unter Einbezug seiner Untersuchungsergebnisse zum
Schluss, dass die Krämpfe sich internistisch-rheumatologisch im geltend gemachten
Umfang nicht erklären liessen.
3.4.2.
Die psychiatrische Gutachterin hielt fest, aufgrund der Schilderungen in den
Akten und der Angaben der Beschwerdeführerin seien beim offenbaren Fehlen einer
somatischen Ursache die beklagten Krämpfe am ehesten als dissoziative Störung
einzuordnen (IV-act. 171-51). Dies ist nicht zu beanstanden und steht im Einklang mit
diversen im Recht liegenden Behandlerberichten. Zu erwähnen sind in diesem
Zusammenhang namentlich die Berichte von Dr. med. H._, Rheumatologie und
manuelle Medizin SAMM, vom 30. Januar 2017 und 29. September 2017 (IV-act. 62
und 71) und des Muskelzentrums vom 30. Mai 2017 (IV-act. 75-9 ff.) sowie der G._
vom 29. Oktober 2019 (IV-act. 141). Dr. H._ hielt eine ausgeprägte
Verkrampfungstendenz der gesamten Muskulatur fest. Eine neurologische Beurteilung
3.4.3.
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Ende 2016 sei weitgehend ohne Befund geblieben, speziell ohne Hinweis auf eine
neuromuskuläre Grunderkrankung (IV-act. 62-1 und 71-3). Im Bericht des
Muskelzentrums wurde unter anderem festgehalten, die Muskelkrämpfe würden seit
der Magenbypass-Operation bestehen. Gegenwärtig würden sie 20 bis 30 Mal pro Tag
mit einer sehr hohen Schmerzintensität (VAS 7-8/10) auftreten. Die Beschwerdeführerin
habe berichtet, dass sie vor drei Jahren wegen eines Krampfs beim Schwimmen im
Meer beinahe ertrunken sei (IV-act. 75-9 f.). Im Bericht der G._ vom 29. Oktober 2019
ist von vermutlich dissoziativ-konversiven Krämpfen und Bewegungsstörungen bzw.
V.a. auf Konversionssymptome die Rede (IV-act. 141-2 und 141-3), was mit der
Einschätzung der psychiatrischen Gutachterin vergleichbar ist.
Trotz der seit ca. 2009 auftretenden Krämpfe, die gemäss den Angaben der
Beschwerdeführerin seit spätestens 2014 auch immer wieder zu Vorkommnissen (z.B.
Krampf beim Schwimmen / Sturzereignisse, beispielsweise im September 2016 oder
August 2018) führten, arbeitete die Beschwerdeführerin aktenkundig bis Ende
September 2016 (letzter effektiv geleisteter Arbeitstag, vgl. IV-act. 80-2) in einem
Vollzeitpensum. Dass sich die Muskelkrämpfe seither bzw. seit dem Bericht des
Muskelzentrums vom 30. Mai 2017 weiter verschlimmert hätten, wie die
Beschwerdeführerin in der Beschwerdeschrift geltend macht (act. G1, S. 3 f.), kann den
Akten nicht entnommen werden. Dies ist auch nicht überwiegend wahrscheinlich,
zumal zu erwarten gewesen wäre, dass die von der Beschwerdeführerin angegebene
Häufigkeit (20 bis 30 Mal pro Tag) wie auch das Schmerzerleben der
Beschwerdeführerin (VAS 7-8/10) andernfalls in den Berichten über die stationären
Aufenthalte der Beschwerdeführerin mehr Beachtung gefunden und sich in weiteren
fachspezifischen Untersuchungen und Behandlungen niedergeschlagen hätte.
3.4.4.
Zwar wurde seitens des Muskelzentrums erwähnt, dass die Krämpfe allenfalls
durch eine Elektrolyt-Störung und/oder eine Hypothyreose verursacht werden könnten
und dass nicht wenige Patienten nach einer Magenbandoperation an Krämpfen leiden
würden. Klinisch-neurologisch und elektrophysiologisch ergaben sich jedoch keine
Hinweise für eine Ursache der Muskelkrämpfe (IV-act. 75-10). Demnach konnte auch
das Muskelzentrum keine somatische Ursache für die Krämpfe feststellen bzw.
bestätigen. Im Juni 2017 sistierte es die unternommenen Therapieversuche, nachdem
die Beschwerdeführerin eine Behandlung mit Cannabinoiden vorderhand – bis zum
Abschluss anderweitiger gesundheitlicher Abklärungen – ablehnte (vgl. IV-act. 75-2 und
75-8). Weitere neurologische Abklärungen waren folglich nicht erforderlich, da von
ihnen kein Erkenntnisgewinn zu erwarten war.
3.4.5.
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Gemäss dem Bericht der Y._ vom 14. September 2017 hatte die
Beschwerdeführerin im Rahmen der stationären Behandlung angegeben, sie glaube
längst, ihre Krämpfe seien mehrheitlich psychischen Ursprungs. Sie würden vor allem
dann auftreten, wenn sie sich unter Druck fühle, "wie ein Vulkan, der nicht ausbrechen
dürfe/könne". Ein während des stationären Aufenthalts stattgefundenes neurologisches
Konsilium habe die Beschwerdeführerin eher dysfunktional erlebt. Sie habe geäussert,
man habe wohl ein weiteres Mal versucht, eine organische Ursache ihrer Beschwerden
zu finden. Dies sei nicht gelungen, mehrheitlich passe es ihr auch so, sie habe die
Psychogenese zumindest eines Grossteils ihres Beschwerdebildes längst akzeptieren
müssen (IV-act. 95-2 und 95-4). Die Beschwerdeführerin ging somit auch selbst
zumindest zeitweise davon aus, dass die krampfartigen Beschwerden hauptsächlich
psychisch bedingt seien.
3.4.6.
Auch die Klinik B._ hielt in ihrem Austrittsbericht vom 16. November 2018 fest,
da die Beschwerdeführerin unter häufigen muskulären Verkrampfungen gelitten habe,
welche auch deutlich sichtbar gewesen und mehrmals stündlich aufgetreten seien und
diagnostische Abklärungen keine körperlich begründbare Ursache ergeben hätten,
werde eine sonstige somatoforme Störung diagnostiziert. Eine Somatisierung scheine
bei der Beschwerdeführerin bereits seit der Kindheit zu bestehen. Die Krämpfe würden
die Beschwerdeführerin im Alltag stark beeinträchtigen und zu Stürzen, Verletzungen
oder Zerbrechen von Gegenständen führen (vgl. IV-act. 99-4 ff.).
3.4.7.
Auch die während dem laufenden Beschwerdeverfahren vorgenommenen
Abklärungen – welche für das vorliegende Verfahren von Vornherein nur insofern
relevant sein können, als sie Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand der
Beschwerdeführerin bis zum Verfügungserlass ermöglichen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 26. Februar 2021, 9C_361/2020, E. 3.3) – ergaben keine
somatische Ursache für die krampfartigen Beschwerden der Beschwerdeführerin.
Nichts anderes lässt sich aus den Ausführungen von Prof. C._ ableiten, wonach die
rezidivierenden Krämpfe nach malabsorptiven bariatrischen Operationen ein bekanntes
Phänomen seien, deren Ursache letztlich nicht klar sei (vgl. act. G12 und act. G12.3).
3.4.8.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Muskelkrämpfe sich trotz diverser
Abklärungen und Untersuchungen in verschiedenen medizinischen Fachdisziplinen
nicht haben objektivieren lassen. Die Beschwerdeführerin war trotz der seit 2009
auftretenden und gemäss ihren Angaben zunehmenden Krämpfe bis September 2016
weiterhin in einem 100%-Pensum erwerbstätig. Medizinische Gründe, weshalb seit
September 2016 eine Verschlimmerung der Krämpfe hätte auftreten sollen, werden von
3.4.9.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/23
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den Behandlern nicht dargelegt. Eine Zunahme der Beschwerden seit September 2016
ist angesichts der Angaben der Beschwerdeführerin gegenüber dem Muskelzentrum
über die Häufigkeit und Intensität der Krämpfe auch nicht überwiegend wahrscheinlich.
Die geltend gemachte Gefahr von sekundären Verletzungen (also Folge von Stürzen
u.ä.) besteht schon seit mindestens 2014, war den Gutachtern bekannt (vgl. IV-
act. 171-28) und konnte damit in deren Beurteilung miteinfliessen. Dementsprechend
hat auch der von der Beschwerdeführerin im Beschwerdeverfahren eingereichte
Bericht der Klinik für Kardiologie vom 10. März 2021 (act. G12.4) keinen Einfluss auf
den Beweiswert des ABI-Gutachtens. Denn in diesem Bericht wird lediglich die
Schilderung der Beschwerdeführerin, aufgrund der Krämpfe komme es mehrmals
jährlich zu Stürzen, wiedergegeben. Weder wird eine Ursache für die Krämpfe
aufgezeigt noch eine (sonstige) kardiologische Diagnose gestellt.
Die ABI-Gutachter berücksichtigten die krampfartigen Beschwerden unter den
Diagnosen (Verdacht auf dissoziative Störung, chronisches multilokuläres
Schmerzsyndrom mit chronischen krampfartigen Myalgien, chronische multifaktoriell
bedingte diffuse, ätiologisch nicht eindeutig klassifizierbare Muskelkrämpfe am ganzen
Körper, DD Muskelkrämpfe ev. im Rahmen einer Elektrolytstörung bei Hypothyreose
bei St.n. Thyreoidektomie und St.n. Magenbypass-OP 07/09), kamen aber zum
Ergebnis, dass diese die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in einer adaptierten
Tätigkeit nicht relevant beeinträchtigen (vgl. IV-act. 171-10 f. und 171-51). Diese
Einschätzung ist nach dem Gesagten überzeugend, sodass darauf abgestellt werden
kann.
3.4.10.
3.5.
Die Beschwerdeführerin kritisiert, obwohl im ABI-Gutachten festgestellt werde,
dass aufgrund des rezidivierenden Krankheitsgeschehens beim Vorliegen einer
chronischen, episodisch verlaufenden affektiven Störung wiederholte Phasen mit
höherer Arbeitsunfähigkeit möglich seien (vgl. IV-act. 171-54), habe die
Beschwerdegegnerin dies nicht berücksichtigt. Im ABI-Gutachten fehle die
unverzichtbare Betrachtung im Längsschnitt.
3.5.1.
Tatsächlich wäre wünschenswert gewesen, dass die psychiatrische Gutachterin
sich detaillierter zum zeitlichen Verlauf der Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin
aufgrund der rezidivierenden depressiven Störung geäussert hätte. Im Gutachten wird
indes formuliert, die Arbeitsfähigkeit von 75 % in einer adaptierten Tätigkeit könne über
die Zeit gemittelt seit November 2016 angenommen werden (IV-act. 171-12 f.).
Während die Beschwerdeführerin aus dieser Formulierung nur eine tiefere
3.5.2.
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Arbeitsfähigkeit für gewisse Zeitabschnitte vor der Begutachtung ableitet, ergibt sich
im Umkehrschluss, dass auch Zeitabschnitte mit höherer Arbeitsfähigkeit aus rein
psychiatrischer Sicht bestanden haben. Zudem ist aus der Aussage der Gutachterin zu
schliessen, dass sie offensichtlich nicht von längeren Phasen mit einer tieferen
Arbeitsfähigkeit ausging.
Für die Zeitdauer von stationären Behandlungen wird in der Regel von einer
vollen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen. Da die Beschwerdeführerin im Jahr 2017
einmal für rund einen Monat, im Jahr 2018 für nicht ganz drei Monate und im Jahr 2019
dreimal für jeweils drei Wochen in stationärer Behandlung war, ist für diese Zeiträume
eine vollständige Arbeitsunfähigkeit anzunehmen. Eine Verschlechterung der
Erwerbsfähigkeit ist jedoch erst zu berücksichtigen, sobald sie ohne wesentliche
Unterbrechung drei Monate gedauert hat (vgl. Art. 88a Abs. 2 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]). Da keine stationäre Behandlung drei Monate
oder länger angedauert hat, ist nicht zu beanstanden, dass die Beschwerdegegnerin
keine befristete Rente in Betracht gezogen hat.
3.5.3.
Nach dem Gesagten drängt sich eine abweichende Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin im Längsschnitt nicht auf. Die von der
Beschwerdeführerin angeführte Rechtsprechung (Entscheid des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen vom 3. März 2021, IV 2020/160) ist nicht einschlägig, weil es in
jenem Fall um eine an Schizophrenie erkrankte Person ging, welche nach ihrem Zuzug
in die Schweiz nie eine stabile Arbeitsfähigkeit erreicht hatte, sodass die
versicherungsmässigen Voraussetzungen für die Zusprache einer Invalidenrente
fehlten. Auch in den von der Beschwerdeführerin herangezogenen
Bundesgerichtsentscheiden ging es um eine bereits vor dem Zuzug in die Schweiz
bestehende Gesundheitsschädigung.
3.5.4.
Soweit die Beschwerdeführerin vorbringt, ihre Behandler würden ihr eine
weitergehende Arbeitsunfähigkeit attestieren als die ABI-Gutachter, ist darauf
hinzuweisen, dass das ABI-Gutachten gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung nicht bereits deshalb in Frage gestellt werden kann, weil die
behandelnden Ärzte zu einer anderen Einschätzung gelangt sind als die Gutachter (vgl.
E. 1.8 vorstehend). Zur Einschätzung des behandelnden Neurochirurgen Dr. I._ (IV-
act. 168) nahm der rheumatologische Gutachter ausdrücklich Stellung (vgl. IV-
act. 171-42). Zudem ist zu erwähnen, dass die Beschwerdeführerin ihre
gesundheitliche Verfassung und ihre Leistungsfähigkeit generell deutlich zu negativ
3.5.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/23
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einschätzt (vgl. hierzu etwa IV-act. 120-2, 168-3, 171-30 f. und 171-41 sowie
act. G12.7, S. 6).
Entgegen der Meinung der Beschwerdeführerin erfolgte die Begutachtung sodann
nicht verfrüht. Wie sich aus den voranstehenden Darlegungen ergibt, bestehen die
gesundheitlichen Einschränkungen der Beschwerdeführerin, namentlich die Krämpfe
und die Stuhlinkontinenz, aber auch die depressive Störung, schon seit vielen Jahren.
Weitere Abklärungen oder ein weiteres Zuwarten vor der Begutachtung waren somit
auch rückblickend nicht geboten.
3.6.
Die Beschwerdeführerin beanstandet, dass die Beschwerdegegnerin eine
Verschlechterung mit einer Arbeitsunfähigkeit von 100 % erst zum Zeitpunkt des
Eintritts in die Klinik D._ am 17. August 2020 anerkennt (vgl. act. G20). Die
vollständige Arbeitsunfähigkeit ist indes durch die stationäre Behandlung bedingt und
kann nicht auf die Zeiträume vor oder nach dem Klinikaufenthalt übertragen werden.
Der von der Beschwerdeführerin erst mit der Triplik vom 27. Mai 2021 eingereichte
Bericht der Klinik für Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie des KSSG vom 8. Juli
2020 stützt sich massgeblich auf die subjektiven Beschwerdeschilderungen der
Beschwerdeführerin (vgl. act. G20.1, S. 1 f.). Die Berichte früherer Behandler,
namentlich die Austrittsberichte der Klinik B._, lagen den Fachpersonen der Klinik für
Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie offenbar nicht vor. Der Fokus dieses Berichts
lag auf der chronischen Schmerzstörung und dem Behandlungsangebot der
Psychosomatik. Die gestellte Diagnose der rezidivierenden Depression wurde hingegen
nicht hergeleitet, ja unter den Titeln "Beurteilung" und "Procedere" nicht einmal
erwähnt (act. G20.1, S. 2). Es fällt auf, dass die Beschwerdeführerin kein Timeout mehr
in der Klinik B._ wünschte, nachdem dort die depressive Störung anlässlich ihrer
letzten Aufenthalte als remittiert eingestuft worden war, sondern sich neu für einen
Aufenthalt in der Klinik D._ interessierte. Auch das spricht dafür, dass in der Klinik für
Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie nicht die depressive Störung, sondern die
somatoforme Schmerzstörung im Vordergrund der Untersuchung stand. Eine
Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustands lässt sich aus dem Bericht
vom 8. Juli 2020 daher nicht ableiten.
3.7.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die ABI-Gutachter die
Beschwerdeführerin persönlich untersuchten und nebst den Vorakten auch die letzten
Laborauswertungen und weitere eingereichte Akten (vgl. IV-act. 171-16 ff. und 171-57
ff.) berücksichtigten. Sie gingen auf die geklagten Beschwerden ein. Das Gutachten ist
umfassend und die gestellten Diagnosen sowie die Einschätzungen zur Arbeitsfähigkeit
sind einleuchtend und nachvollziehbar begründet. Die Vorbringen der
3.8.
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4.
Beschwerdeführerin und die von ihr eingereichten zusätzlichen Arztberichte vermögen
nach dem Gesagten keine ernstlichen Zweifel an den Ergebnissen der Begutachtung
zu wecken. Somit ist das Gutachten beweiskräftig, sodass darauf abgestellt werden
kann. Die Beschwerdeführerin ist folglich in einer adaptierten Tätigkeit bei einer leicht
reduzierten Leistungsfähigkeit während einer täglichen Arbeitszeit von sechs bis acht
Stunden zu 75 % arbeitsfähig.
Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird grundsätzlich das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen; Art. 16 ATSG i.V.m. Art. 28a Abs. 1 IVG). Für den
Einkommensvergleich sind die Verhältnisse im Zeitpunkt des Beginns des
Rentenanspruchs massgebend, wobei Validen- und Invalideneinkommen auf
zeitidentischer Grundlage zu erheben und allfällige rentenwirksame Änderungen der
Vergleichseinkommen bis zum Verfügungserlass zu berücksichtigen sind (BGE 129 V
222 E. 4.1 f. mit Hinweisen).
4.1.
Vorliegend ist nicht mehr streitig, dass für das Valideneinkommen das auf das Jahr
2017 aufindexierte Durchschnittseinkommen der Jahre 2014 und 2015 gemäss IK-
Auszug (IV-act. 59) von Fr. 56'411.-- heranzuziehen ist (vgl. zur Berechnung act. G4).
4.2.
Ebenso ist unbestritten, dass als Grundlage für das Invalideneinkommen die
Tabelle TA1 2017, total alle Wirtschaftszweige, Kompetenzniveau 1, Frauen, der vom
Bundesamt für Statistik periodisch herausgegebenen Schweizerischen
Lohnstrukturerhebung (LSE) dienen soll. Gemäss dieser Tabelle beträgt der Jahreslohn
für ein Vollzeitpensum Fr. 54'783.-- (siehe Anhang 2 der von der Informationsstelle
AHV/IV herausgegebenen IV-Textausgabe, Ausgabe 2022, S. 278, basierend auf der
Schweizerischen Lohnstrukturerhebung LSE des Bundesamtes für Statistik). Bei einem
Pensum von 75 % beträgt der Jahreslohn entsprechend Fr. 41'087.--. Zwischen den
Parteien streitig ist die Höhe des von diesem Tabellenlohn zu machenden Abzugs.
4.3.
Mit dem Tabellenlohnabzug ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich
beeinträchtigte Personen im Vergleich zu voll leistungsfähigen und entsprechend
einsetzbaren arbeitnehmenden Personen lohnmässig benachteiligt sind und deshalb
mit unterdurchschnittlichen Lohnansätzen rechnen müssen. In BGE 126 V 75 hat das
4.4.
https://swisslex.westlaw.com/search/Document.asp?DocService=DocLink&D=BGEx126xVx75_82&AnchorTarget=BGEx126xVx75
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Bundesgericht festgestellt, dass es von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen des konkreten Einzelfalls (leidensbedingte Einschränkung, Alter,
Dienstjahre, Nationalität, Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad) abhängt, ob
und in welchem Ausmass Tabellenlöhne herabzusetzen sind. Bereits in der Beurteilung
der medizinischen Arbeitsfähigkeit enthaltene gesundheitliche Einschränkungen dürfen
nicht zusätzlich in die Bemessung des leidensbedingten Abzugs einfliessen und so zu
einer doppelten Anrechnung desselben Gesichtspunkts führen. Der Einfluss sämtlicher
Merkmale auf das Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen. Der Abzug ist auf höchstens 25 % begrenzt (Urteil des
Bundesgerichts vom 20. April 2018, 9C_833/2017, E. 2.2; BGE 134 V 327 E. 5.2).
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin führt die geltend gemachte
Stuhlinkontinenz nicht zu einer Unverwertbarkeit ihrer Arbeitsfähigkeit. Sie ist aber
insofern zu berücksichtigen, als ihr gewisse Tätigkeiten – wie der von ihr genannte
Telefondienst – nicht mehr möglich sind. Auf dem hypothetisch ausgeglichenen
Arbeitsmarkt stehen ihr dennoch eine Vielzahl von möglichen Arbeitsstellen offen. Zu
denken ist etwa an Tätigkeiten wie einfache Sortier-, Kontroll- und
Konfektionierungsarbeiten, Montage von Kleinteilen oder Verpackung verschiedener
Produkte, welche wechselbelastend ausgeführt, jederzeit kurz unterbrochen werden
können und für den Fall einer plötzlichen Verkrampfung kein erhöhtes Verletzungsrisiko
beinhalten. Der von der Beschwerdegegnerin im Beschwerdeverfahren zugestandene
Tabellenlohnabzug von 10 % erscheint gestützt auf die vorliegenden Adaptionskriterien
angemessen. Mit Blick auf die strenge bundesgerichtliche Rechtsprechung und darauf,
dass die gesundheitlichen Einschränkungen der Beschwerdeführerin bereits im
Rahmen der ABI-Begutachtung weitgehend berücksichtigt wurden, rechtfertigt sich ein
darüber hinausgehender Tabellenlohnabzug hingegen nicht. Unter Berücksichtigung
des Tabellenlohnabzugs beträgt das Invalideneinkommen demnach Fr. 36'978.--
(Fr. 41'087.-- x 0.9).
4.5.
Der Invaliditätsgrad der Beschwerdeführerin beträgt somit 34 % (100 % -
[Fr. 36'978.-- / Fr. 56'411.-- x 100]). Die Beschwerdegegnerin hat also einen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin zu Recht verneint. Die vorliegende
Beschwerde ist folglich abzuweisen.
4.6.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint in der vorliegenden Angelegenheit angemessen. Da die Beschwerdeführerin
vollumfänglich unterliegt, ist die Gerichtsgebühr ihr aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 des
4.7.
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/23
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