Decision ID: dbfda48e-fd18-5c2d-8879-468f346c7023
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein irakischer Staatsangehöriger kurdischer Eth-
nie und muslimischen Glaubens – verliess nach eigenen Angaben sein
Heimatland am 8. August 2015. Im damaligen Empfangs- und Verfahrens-
zentrum (EVZ) des SEM in Vallorbe suchte er am 31. August 2015 um Asyl
nach. Am 14. September 2015 wurde er zu seiner Person, zum Reiseweg
sowie summarisch zu seinen Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Per-
son, BzP). Zu den Asylgründen wurde der Beschwerdeführer am 5. Au-
gust 2016 und 31. Oktober 2018 vom SEM einlässlich angehört.
B.
Anlässlich der BzP machte der Beschwerdeführer geltend, er stamme aus
Zakho (Stadt im Gouvernement Dohuk der Autonomen Region Kurdistan
[ARK], Irak). Zu seinen Asylgründen erklärte er, er sei aus ideologischen
Gründen für die kurdische Sache sowie wegen der Idee Grosskurdistans
(Stadt-) Mitglied der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) geworden. Er habe nie
an Kampfhandlungen teilgenommen, sondern einzig PKK-Männer chauf-
fiert. Sein Pseudonym/Codename sei B._ gewesen. Er habe seit
2011 Kontakt zu dieser Organisation, für welche bereits sein Onkel
C._ (Codename D._) über zwanzig Jahre aktiv gewesen
sei. 2012 sei er zweimal von den Behörden Massoud Barzani beziehungs-
weise vom Geheimdienst Parastin wegen seiner Verbindungen zur Partei
und des Tragens eines Bildes von «Apo» auf seiner Brust verhaftet worden.
Dabei sei er zwei beziehungsweise sieben Tage lang festgehalten und ge-
schlagen worden. 2014 sei er erneut verhaftet und beschuldigt worden, der
PKK Waffen geliefert zu haben. In der Folge habe eine Gerichtsverhand-
lung stattgefunden. Er sei an dem fraglichen Tag des Delikts in der Türkei
gewesen. Sein Vater habe ihn alsdann für 12 Millionen Dinar Kaution frei-
kaufen können. Am 6. August 2015 sei sein Freund E._, welchem
er vier PKK-Männer anvertraut habe, verhaftet worden. Ein Freund seines
Bruders, welcher beim Geheimdienst arbeite, habe ihm zur Flucht geraten,
weil E._ seinen Namen erwähnt habe und die vier PKK-Männer
ebenfalls verhaftet worden seien. Wegen seiner Kenntnisse über die PKK
würde er verfolgt und ein 2012 verhafteter Freund sei verschwunden.
Schliesslich sei er guter Gesundheit, aber er denke oft darüber nach, was
passiert sei und dass er sein Land habe verlassen müssen.
In der Anhörung vom 5. August 2016 ergänzte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen, dass er für die PKK manchmal in die Türkei, West-Kurdistan
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und Syrien gereist sei. Dafür habe er einmal ein Visum für sechs Monate
vom türkischen Konsulat erhalten; die anderen Male habe er seine Visa in
einem privaten Büro für 100 bis 150 Dollar gekauft. Er sei zwei- bis dreimal
wöchentlich für die PKK tätig gewesen. Als er von den Asaish und Parasten
entdeckt worden sei, sei er aufgefordert worden, sie aufzusuchen, was er
zu Beginn freiwillig getan habe. Er sei alsdann oft tagelang oder eine oder
zwei Wochen inhaftiert worden. Sie hätten ihm dabei keine körperliche Ge-
walt angetan, ihn aber beschimpft und ihn dazu aufgefordert, sich von der
PKK zu trennen. Bei späteren Inhaftierungen hätten sie ihn wie angedroht
(einmal mit einer Flasche) vergewaltigt, ihn blutig geschlagen und gefoltert
(Genitalien nass gemacht und sie mit einem Holz geschlagen). Er habe
gewusst, dass sie ihn verschwinden lassen würden, wenn er bei der PKK
bleibe und nochmals verhaftet würde.
Der Beschwerdeführer reichte in der ergänzenden Anhörung vom 31. Ok-
tober 2018 Fotos als Beweismittel ein, welche ihn im Einsatz für die PKK
zeigten. Er führte zusätzlich aus, er sei in H._ während eines Jahres
Vorsitzender der Jugendorganisation PKK gewesen. Über die Ideologie der
PKK könne er nicht viel sagen, ausser dass sie viele Ziele hätten und alle
Menschen gleichbehandelt würden. Sein Anliegen sei gewesen, die Ge-
schichte der Kurden kennenzulernen. Er habe zwar seine Tätigkeit für die
PKK in der Schweiz nicht fortgesetzt, aber die Ideologie und seine Gedan-
ken würde er nie aufgeben. Die Ausreisegründe seines ebenfalls bei der
PKK tätig gewesenen Bruders kenne er nicht genau. Er selbst habe den
Irak verlassen müssen, weil er bei der PKK gewesen sei. Während der
letzten etwa einmonatigen Inhaftierung sei er fast täglich von zwei bis drei
Personen gefoltert worden. Man habe von ihm Informationen über die PKK
(Namen, Ortschaften und Waffenangaben) erhalten wollen; wieviel später
er nach der Freilassung ausgereist sei, wisse er nicht genau.
C.
Mit Verfügung vom 21. Januar 2020 stellte die Vorinstanz fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
such ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz und den Vollzug
an.
D.
Mit Eingabe seiner Rechtsvertreterin vom 24. Februar 2020 erhob der Be-
schwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde.
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Er beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Ge-
währung von Asyl, eventualiter der vorläufigen Aufnahme als Flüchtling,
subeventualiter der vorläufigen Aufnahme infolge Unzulässigkeit oder Un-
zumutbarkeit. Subsubeventualiter sei die Sache zwecks Feststellung des
vollständigen und richtigen Sachverhalts und der Neubeurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Gleichzeitig ersuchte er um die Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung und um amtliche Beiordnung seiner
Rechtsvertreterin sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses.
Der Beschwerde legte er eine Anwaltsvollmacht vom 4. Januar 2020, den
vorinstanzlichen Entscheid vom 21. Januar 2020 sowie mehrere Fotos von
sich im Irak als Beweismittel bei. Mit Schreiben vom 27. Februar 2020
reichte er eine Fürsorgebestätigung vom 20. Februar 2020 ein.
E.
Am 28. Februar 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Ein-
gang der Beschwerde.
F.
Der Beschwerdeführer reichte mit Schreiben vom 9. März 2020 weitere
Beweismittel ein (Fotos von sich bei exilpolitischen Aktivitäten; Schreiben
seiner Lehrpersonen vom 28. Februar 2020).
G.
Mit Eingabe vom 7. April 2020 stellte der Beschwerdeführer dem Bundes-
verwaltungsgericht einen Arztbericht von Dr. med. F._ in Aussicht,
welchen er mit Schreiben vom 2. Juni 2020 zu den Akten gab. Seine Be-
schwerde ergänzte er am 19. Juni 2020 mit einer Eingabe zu seiner ge-
sundheitlichen Verfassung und zur Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen.
H.
Der Instruktionsrichter stellte mit Zwischenverfügung vom 25. September
2020 fest, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten, hiess die Gesuche um Gewährung der unentgeltli-
chen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses sowie der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gut und be-
stellte die rubrizierte Rechtsanwältin zum amtlichen Rechtsbeistand.
Gleichzeitig erhielt die Vorinstanz Gelegenheit zur Vernehmlassung innert
Frist.
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Seite 5
I.
Das SEM hielt in seiner Stellungnahme vom 8. Oktober 2020 im Ergebnis
fest, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen Tatsachen oder Beweis-
mittel, welche eine allfällige Flüchtlingseigenschaft begründen könnten.
J.
Mit Verfügung des Instruktionsrichters vom 12. Oktober 2020 erhielt der
Beschwerdeführer Gelegenheit zur Replik, welche er innert erstreckter
Frist am 18. November 2020 wahrnahm.
K.
Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers reichte am 24. November
2020 eine Honorarnote ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG und entscheidet auf dem
Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer ist als Verfü-
gungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108
Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde zudem das Ausländergesetz vom 16. De-
zember 2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Auslän-
der- und Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwen-
dende Gesetzesartikel (Art. 83 Abs. 1–4) ist unverändert vom AuG ins AIG
übernommen worden.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
3.1
In der Beschwerde werden formelle Rügen erhoben, welche vorab zu be-
urteilen sind, da sie gegebenenfalls geeignet sind, eine Kassation der vo-
rinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Der Beschwerdeführer rügte eine Verletzung der Pflicht zur vollständi-
gen und richtigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes und der
Verletzung des rechtlichen Gehörs. Dazu brachte er vor, sein Aussagever-
halten während der Anhörung habe auf eine Traumatisierung hingewiesen.
Ferner werfe die Art und Weise der Befragung an der Anhörung Fragen auf
und sei teilweise äusserst unsensibel gewesen (Beschwerde, S. 10;
act. 10).
Aus dem Anhörungsprotokoll ergeben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass
sich der Beschwerdeführer wegen seines Gesundheitszustandes nicht frei
und umfassend zu allen seinen Vorbringen hätte äussern können. Es
wurde gemäss den Akten in der ergänzenden Anhörung explizit mit einer
Pause Rücksicht auf sein Befinden genommen (A14/12; ebenfalls Pause
in der ersten Anhörung, A11/8). Zur Art und Weise der Befragung durch das
SEM gehen zudem aus dem Unterschriftenblatt der Hilfswerkvertretung
(HWV), welche zur Beobachtung eines korrekten Verfahrens anwesend ist,
keine Bemerkungen oder Einwände hervor (A14/23; A11/24).
3.3
Weiter wirft der Beschwerdeführer der Vorinstanz vor, die Vornahme wei-
terer Abklärungen zu seinem Gesundheitszustand unterlassen zu haben,
obwohl die HWV auf dem Unterschriftenblatt im Anschluss an die erste An-
hörung eine Abklärung einer Posttraumatischen Belastungsstörung ange-
regt habe (PTBS; A11/24). Alleine der Umstand, dass der Beschwerdefüh-
rer das weitere Vorgehen und damit die Auffassung sowoie Schlussfolge-
rungen der Vorinstanz, dass keine zwingende medizinische Abklärung nö-
tig sei, nicht teilt, stellt keine unvollständige Sachverhaltsfeststellung dar.
Zudem war es dem Beschwerdeführer bereits zu diesem Zeitpunkt unbe-
nommen, im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG) entspre-
chende Belege zu seinem Gesundheitszustand einzureichen, was er als-
dann auf Beschwerdeebene auch gemacht hat (act. 8).
Schliesslich überzeugt das Vorbringen eines «fragwürdigen» Dossierbei-
zugs aufgrund der Bezugnahme auf das Asylverfahren des Bruders
G._ (N [...]) nicht. Entgegen der Auffassung in der Beschwerde hat
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die Vorinstanz das Dossier des Bruders, welcher mit dem Beschwerdefüh-
rer zusammen das Familienunternehmen beziehungsweise ein oder zwei
Telefongeschäfte in Zhako geführt habe (...), aus nachvollziehbaren Grün-
den beigezogen und ihre Erkenntnisse daraus im Asylentscheid entspre-
chend begründet (vgl. dazu statt vieler Urteil des BVGer E-2791/2019 vom
22. Juni 2020 E. 5.2.2).
3.4 Nach dem Gesagten erweisen sich die Rügen als unbegründet und es
besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung aus formellen
Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Der entsprechende Eventualantrag ist abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1 m.w.H.).
5.
5.1 Ihren Entscheid begründete die Vorinstanz im Wesentlichen damit,
dass die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die
Glaubhaftmachung gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten würden und ver-
neinte aus diesem Grund die Flüchtlingseigenschaft.
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Das SEM führte dazu an, dass der Beschwerdeführer, obwohl in der BzP
nach der Schilderung seiner Asylgründe nach weiteren Problemen im Irak
befragt, solche wiederholt verneint habe. Er habe lediglich angefügt, auf-
grund seiner Kenntnisse über Waffendepots und Camps der PKK verfolgt
zu werden. Ohne plausiblen Grund habe er erst in der Anhörung über den
sexuellen Missbrauch berichtet, weshalb dieses Vorbringen als nachge-
schoben und somit unglaubhaft betrachtet werden müsse.
Im Weiteren führte die Vorinstanz an, der Beschwerdeführer habe wider-
sprüchliche Angaben zur Dauer der Haft, während derer der sexuelle Miss-
brauch stattgefunden haben solle, zu deren Datum wie auch zur Anzahl
der darin involvierten Beamten gemacht. In der BzP habe er eine Haftdauer
von drei oder vier Tagen, in der Anhörung eine solche von zwei Wochen
und bei der ergänzenden Anhörung eine von einem Monat angegeben. In
der Anhörung habe er von fünf bis sechs und in der ergänzenden Anhörung
von zwei bis drei involvierten Beamten gesprochen. Der sexuelle Übergriff
habe gemäss seinen Angaben in der Anhörung im elften oder zwölften Mo-
nat 2014, gemäss der ergänzenden Anhörung im Jahr 2015 stattgefunden,
wobei er bei letzterer den Monat nicht mehr gewusst habe. Aus diesen
Gründen sei die Festnahme mit dem Missbrauchsvorfall als konstruiert zu
erachten. Auch betreffend die übrigen Festnahmen würden Widersprüche
bestehen. In der BzP habe er von drei solchen berichtet, während er in der
Anhörung sehr viele beziehungsweise auf Nachfrage zwar keine Anzahl
genannt, aber mindestens zwanzig Festnahmen suggeriert habe. Die In-
haftierung aufgrund des Öcalan-Bildes auf seiner Brust, für welche er ge-
mäss Angaben in der BzP am längsten, nämlich eine Woche, inhaftiert ge-
wesen sei, habe er in den folgenden Anhörungen nicht mehr erwähnt.
Unterschiedliche Darstellungen und damit gewichtige Widersprüche wür-
den sich auch betreffend Ausreisegrund ergeben. In der BzP habe der Be-
schwerdeführer von einem Freund seines Bruders bei der Parastin berich-
tet, welcher ihn am 6. August 2015 über die Verhaftung seines Freundes
und der vier PKK-Personen informiert und gewarnt habe. An der Anhörung
hingegen habe er erklärt, nach dem Transport der PKK-Personen in der
Nähe einer Brücke selbst alarmiert gewesen zu sein, weil er dort Personen
der Sicherheitsbehörden gesehen habe. Seine Familie und insbesondere
sein Bruder hätten ihm berichtet, dass er in derselben Nacht gesucht wor-
den sei. Ein Freund aus den Bergen habe ihn angerufen und gesagt, die
«Freunde» (PKK-Personen) seien nicht angekommen. Deshalb habe er
von der Verhaftung gewusst. Den Freund des Bruders habe er nur in der
BzP, in den Anhörungen jedoch nicht mehr erwähnt.
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Unglaubhaft sei im Weiteren, dass der Beschwerdeführer durch die Behör-
den der ARK verfolgt werde, weil er regelmässig PKK-Personen über die
Grenze transportiert habe, werde doch die Grenzregion vom türkischen Mi-
litär massiv überwacht. Zwar bestünden im Reisepass des Beschwerde-
führers über dreissig Einträge von Januar bis Juli 2015 für Reisen vom Irak
in die Türkei sowie zahlreiche Passtempel für solche Reisen in den Jahren
zuvor. Indessen sei festzuhalten, dass sein in der Schweiz vorläufig aufge-
nommener Bruder, G._, dessen Asylgesuch mit Asylentscheid vom
5. November 2013 abgelehnt worden sei, die vielen Stempel in seinem
Pass mit seiner Tätigkeit im Mobiltelefongeschäft begründet habe.
G._ habe dasselbe Geschäft wie der Beschwerdeführer geführt,
weshalb geschäftliche Reisen auch eine plausible Erklärung für die vielen
Stempel im Reisepass des Beschwerdeführers seien. Ferner sei der Be-
schwerdeführer gemäss Einreisestempel einen Tag nach der angeblichen
illegalen Ausreise legal in die Türkei (Sirnak) eingereist. Die eingereichten
Fotos könnten weder eine Verfolgung im Heimatland noch die Mitglied-
schaft bei der PKK beweisen. Selbst wenn er Mitglied der PKK gewesen
sein sollte, verfüge er als einfacher Fahrer über kein politisches Profil, wel-
ches das Interesse der Behörden wecken würde.
5.2 In der Beschwerde wird dieser Argumentation im Wesentlichen entge-
gengehalten, der Vorwurf der fehlenden Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen
sei haltlos. Selbst wenn die Angaben zur Festnahme betreffend sexuellen
Missbrauch widersprüchlich seien, würden sich auch positive Glaubhaftig-
keitselemente in seinen Aussagen finden (vgl. Beschwerde III., Art. 3, Zif-
fer 18.2 ff.). Er habe sich zunächst geschämt, über die erlittene Vergewal-
tigung zu sprechen. Als Folteropfer dürfe dies nicht als unglaubhafter
Nachschub gewertet werden (vgl. act. 9 und 10, S. 6; act. 17, S. 2). Seine
Darstellungen der Ereignisse vom 6. August 2015 (bis 8. August 2015) in
der BzP und den Anhörungen würden sich ferner nicht gegenseitig aus-
schliessen, sondern ergänzen (vgl. Beschwerde III., Art. 3, Ziffer 18.2 ff.).
Die Schlussfolgerung des SEM, dass die vielen Ein- und Ausreisestempel
in seinem Pass durch Geschäftsreisen begründet seien, erachte er als eine
hypothetische Annahme. Er habe das Visum bei seiner letzten Ausreise
illegal beschafft, indem er den Pass von einem «Büro» gegen Geld habe
abstempeln lassen.
Der Beschwerdeführer bringt zusätzlich vor, er sei bei Dr. F._, Arzt
für Psychiatrie und Psychotherapie, in Behandlung. Betreffend Glaubhaf-
tigkeit seiner Vorbringen verweist er auf den Arztbericht vom 26. Mai 2020
(...).
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Seite 10
6.
6.1 Was die Begründung der Vorinstanz betreffend Glaubhaftigkeit, Flücht-
lingseigenschaft und Abweisung des Asylgesuchs anbelangt, kann zur Ver-
meidung von Wiederholungen kann auf E. 5.1 hiervor verwiesen werden.
Auf die Entgegnungen des Beschwerdeführers ist im Folgenden näher ein-
zugehen.
6.2
6.2.1 Nachdem den vorinstanzlichen Akten bereits zwei unterschiedliche
Schilderungen (vgl. BzP und Anhörungen) betreffend Verhaftung/sexuellen
Übergriff/Folterungen zu entnehmen sind, führt der Beschwerdeführer auf
Beschwerdeebene eine dritte Version an, insbesondere in Bezug auf An-
zahl und Haftdauer. So seien die verschiedenen Anhaltungen, Befragun-
gen und namentlich zwei Verhaftungen durch die Asayish im Jahr 2012,
wovon eine zwei, die andere sieben Tage gedauert habe, für ihn alltäglich
gewesen. Deshalb könne er nicht sagen, wie oft und wann genau sie vor-
gekommen seien (Beschwerde III. Art. 1 Ziffer 9). Es habe nur eine «rich-
tige» Festnahme im Jahr 2014 gegeben. Die Haft habe mehrere Wochen
gedauert und er sei fast täglich auf brutalste Weise gefoltert worden (auf
Colaflasche setzen, Genitalien schlagen). Vor dem Gerichtstermin und der
Freilassung auf Kaution hätten die Peiniger von ihm abgelassen, damit die
Folterspuren nicht mehr allzu offensichtlich gewesen seien. Er räumt hierzu
selbst ein, seine Angaben seien widersprüchlich (...).
6.2.2 Der Erklärungsversuch des Beschwerdeführers, dass sich die bishe-
rigen verschiedenen Versionen ergänzen würden (...), ist unzutreffend,
enthalten diese doch, wie vorstehend ausgeführt, sich klar widerspre-
chende Aussagen. Diesen von der Vorinstanz festgestellten – wie auch den
eigens eingeräumten – Widersprüchen wird somit auf Beschwerdeebene
nichts Substanzielles entgegengehalten.
Der Beschwerdeführer begründet im Weiteren den Nachschub des sexu-
ellen Übergriffes mit der Scham von Folteropfern. Auch wenn ein solches
Schamgefühl durchaus vorliegen und zu einem Nichterwähnen des Folte-
rereignisses führen kann, ist der blosse pauschale Hinweis in der Be-
schwerde auf diese Möglichkeit vor dem Hintergrund der Unglaubhaftigkeit
der geltend gemachten Foltererlebnisse als solche unbehelflich.
6.2.3 Betreffend seine gesundheitliche Situation legte der Beschwerdefüh-
rer einen Arztbericht von Dr. F._ vom 26. Mai 2020 ins Recht (act.
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Seite 11
8). Gemäss diesem leide er unter einer Mischung aus Angst und depressi-
ver Störung (ICD 10 F4.1.2) sowie einer chronisch unverarbeiteten Post-
traumatischen Belastungsstörung (PTBS; ICD-10 F.43.1)), sehr wahr-
scheinlich infolge einer Traumatisierung. Es ist festzuhalten, dass ein Arzt-
bericht eine psychische Störung beziehungsweise eine Traumatisierung
zwar belegen kann, nicht aber deren genaue Ursache (vgl. Urteil des
BVGer E-1728/2020 vom 16. Juni 2021 E. 9.3 m.w.H.). An der fehlenden
Glaubhaftigkeit der Vorbringen vermag der Arztbericht daher nichts zu än-
dern.
6.2.4 Der Beschwerdeführer beanstandet die Annahme des SEM, dass
sich die Ein- und Ausreisestempel in seinem Pass durch Geschäftsreisen
begründen liessen, als reine Hypothese. Das Bundesverwaltungsgericht
erachtet diese Annahme jedoch ebenfalls als nachvollziehbar und plausi-
bel, zumal der Bruder des Beschwerdeführers, welcher im gleichen Ge-
schäft wie er tätig war, die vielen Reisestempel in seinem Pass selber damit
begründete. Die blosse Angabe des Beschwerdeführers, er habe die Rei-
sestempel beziehungsweise Visa in einem «Büro» gekauft, vermag dem-
nach nicht zu überzeugen.
Die Behauptung des Beschwerdeführers, er sei wegen der Personentrans-
porten für die PKK (innerhalb des Grenzgebietes) einer Verfolgung ausge-
setzt, überzeugt ebenfalls nicht. Es ist aufgrund der Aktenlage nicht davon
auszugehen, dass der Beschwerdeführer in seinem Heimatland durch
seine einfache Chauffeurtätigkeit, selbst wenn er Mitglied der PKK gewe-
sen wäre, einschlägig von den heimatlichen Behörden gesucht würde und
im Falle seiner Rückkehr einer erhöhten Verfolgungsgefahr ausgesetzt
wäre. Es ist davon auszugehen, dass er kein erhöhtes politisches Risi-
koprofil aufweist. Auch die eingereichten, undatierten Fotos von sich in jün-
geren Jahren mit Angehörigen der PKK (...) vermögen daran nichts zu än-
dern. Weder lassen die Fotos einen Zusammenhang mit einer exponierten
politischen Aktivität erkennen noch vermögen sie eine einfache Mitglied-
schaft der PKK nachzuweisen.
6.2.5 Weitere Ungereimtheiten ergeben sich in den Angaben des Be-
schwerdeführers zur Ideologie der PKK, von welcher er gemäss eigenen
Angaben voll und ganz überzeugt sei (Beschwerde III. Art. 1. Ziffer 8). In
der BzP gab er an, aus ideologischen Gründen bei der PKK zu sein, wäh-
rend er in der ergänzenden Anhörung alsdann einräumte, nicht viel über
die Ideologie der PKK zu wissen (A14/4 und A14/5). Diese Aussagen sind
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Seite 12
nicht logisch nachvollziehbar. Sie bestätigen vielmehr zusätzlich die Un-
glaubhaftigkeit seiner Vorbringen.
6.3 Somit ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen, eine Verfolgungs-
gefahr im Zeitpunkt der Ausreise geltend zu machen.
6.4
6.4.1 Das geltend gemachte exilpolitische Engagement des Beschwerde-
führers ist unter dem Gesichtspunkt subjektiver Nachfluchtgründe im Sinne
von Art. 54 AsylG zu prüfen. Subjektive Nachfluchtgründe sind anzuneh-
men, wenn eine asylsuchende Person erst durch die Flucht aus dem Hei-
mat- oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise
eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Wesentlich
ist, ob die heimatlichen Behörden das Verhalten des Asylsuchenden als
staatsfeindlich einstufen und dieser deswegen bei einer Rückkehr eine
Verfolgung befürchten muss. Personen mit subjektiven Nachfluchtgründen
erhalten zwar kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge vorläufig aufgenom-
men (Art. 54 AsylG; vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
6.4.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer
habe in der Schweiz die Jugendkommission des kurdischen Kulturvereins
H._ für ein Jahr präsidiert. Nach der Amtsabgabe habe er sich wei-
terhin für die Anliegen der Kurden eingesetzt und beispielsweise an kurdi-
schen Kundgebungen teilgenommen. Zur Stützung dieses Vorbringens
reichte er dem Bundesverwaltungsgericht Fotos aus dem Jahr 2017 ein,
welche ihn bei exilpolitischen Aktivitäten zeigen sollen (...). In den Augen
der türkischen Regierung stelle er eine missliebige Person dar und er habe
begründete Furcht, erneut Opfer von flüchtlingsrechtlich relevanter Verfol-
gung zu werden.
6.4.3 Es darf angenommen werden, dass die Ausübung eines befristeten
Präsidialamtes bei einem lokalen kurdischen Jugendkulturverein sowie die
Mitwirkung und Organisation dazugehöriger Vereinsaktivitäten weder in
der Schweiz noch im Ausland besonders erhöhte Aufmerksamkeit auf sich
ziehen. Es ist nicht davon auszugehen, dass der irakische Staat (ein-
schliesslich der autonomen KRG-Region) – sofern er überhaupt Kenntnis
davon haben sollte – diese Jugendvereinsaktivitäten als staatsfeindlich
einstufen würde und der Beschwerdeführer deswegen bei einer Rückkehr
eine Verfolgung zu befürchten hätte. Es bestehen vorliegend somit keine
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Seite 13
subjektiven Nachfluchtgründe und somit ist die Flüchtlingseigenschaft
auch aus diesem Grund nicht erfüllt.
6.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz die Vorbringen des Beschwer-
deführers in der angefochtenen Verfügung mit ausführlicher und überzeu-
gender Begründung als unglaubhaft qualifiziert, die Flüchtlingseigenschaft
verneint und das Asylgesuch zu Recht abgewiesen. Die Ausführungen auf
Beschwerdeebene führen zu keiner anderen Betrachtungsweise.
7.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4; BVGE 2009/50 E. 9, je m.w.H.). Die Wegweisung
wurde demnach zu Recht angeordnet.
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist – wie
von der Vorinstanz zutreffend festgehalten – das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5
AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich viel-
mehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestim-
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mungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
Weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten er-
geben sich Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in
den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3
EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt
wäre. Gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschen-
rechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses müsste der
Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder
glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder un-
menschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi ge-
gen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127
m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zuläs-
sig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Referenzurteil
E-3737/2015 vom 14. Dezember 2015 (E. 7.4) seine in BVGE 2008/5 publi-
zierte Praxis zur Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in die
kurdischen Provinzen im Nordirak bestätigt (vgl. dazu Urteil des BVGer
E-2384/2018 vom 1. Dezember 2020 E. 10.5.1 m.w.H.). Gestützt auf die
vorgenommene Lageanalyse kam das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass der Wegweisungsvollzug in die kurdischen Provinzen dann
zumutbar ist, wenn die betroffene Person ursprünglich aus der Region
stammt, oder eine längere Zeit dort gelebt hat und über ein soziales Netz
(Familie, Verwandtschaft oder Bekanntenkreis) oder aber über Beziehun-
gen zu den herrschenden Parteien verfügt, wobei bei alleinstehenden
Frauen, Familien mit Kindern, Kranken sowie Betagten grosse Zurückhal-
tung angebracht ist (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5, insb. E. 7.5.1 und 7.5.8).
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Zwar kommt es in der Grenzregion zur Türkei immer wieder zu gewaltsa-
men Auseinandersetzungen. Es ist jedoch nach wie vor davon auszuge-
hen, die Angriffe richteten sich vorab gegen Stellungen der PKK, insbeson-
dere in den Grenzgebieten zu Syrien (Sindjar-Gebirge) und zum Iran (Kan-
dil-Gebirge, wo sich das Hauptquartier der PKK befindet). Dabei wird zwar
auch von Zivilpersonen berichtet, die in grenznahen Dörfern von den türki-
schen Angriffen betroffen worden seien. Es ist aber auch heute nicht davon
auszugehen, dass die in Städten wie Zakho in der Provinz Dohuk lebende
Zivilbevölkerung in den Fokus der Angriffe geraten sei (vgl. Urteil des
BVGer E-5810/2020 vom 18. Januar 2021 E. 7.3.2).
8.3.3 Die allgemeine Lage im Heimatland des aus Zakho stammenden Be-
schwerdeführers stellt damit kein Vollzugshindernis dar. Darüber hinaus
sind auch keine individuellen Gründe ersichtlich, die gegen die Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs sprechen. Der Beschwerdeführer verfügt in
seinem Herkunftsort (weiterhin) über ein grosses Beziehungsnetz (Eltern,
vier Brüder und eine Schwester; vgl. [...]). Es kann davon ausgegangen
werden, dass ihn seine Eltern wieder bei sich wohnen lassen werden und
auch seine Geschwister bei seiner Rückkehr (beispielsweise auch finanzi-
ell) unterstützend wirken. Der Beschwerdeführer ist zwölf Jahre zur Schule
gegangen ist. Er hat bis vor seiner Ausreise zwei Jahre im eigenen Tele-
fongeschäft (z.B. Telefone repariert) und zuvor im Telefongeschäft seines
Bruders gearbeitet (...). Es ist aufgrund zweier eigener Telefongeschäfte
der Familie von einer Rückkehr in eine günstige wirtschaftliche, wie auch
soziale Situation auszugehen. Aus individueller Sicht ist keine existenz-
bedrohende Situation ersichtlich.
8.3.4 Betreffend die psychische Behandlung des Beschwerdeführers ist
sodann auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts hinzuwei-
sen, gemäss der die medizinische Grundversorgung in der KRG-Region
sichergestellt ist und psychische Erkrankungen adäquat behandelbar sind
(vgl. hierzu u. a. die Urteile des BVGer D-6464/2018 vom 26. Februar 2020
E. 10.2.4, D-3492/2019 vom 24. Juli 2019 E. 6.3,). Auch wenn der Behand-
lungsstandard im Nordirak im Vergleich zur Schweiz tiefer ist, ist davon
auszugehen, dass eine allfällige notwendige (Weiter-)Behandlung und nö-
tigenfalls medikamentöse Versorgung des Beschwerdeführers bei einer
Rückkehr in den Nordirak gewährleistet sind. Abschliessend ist auf die
Möglichkeit hinzuweisen, der Vorinstanz bei Bedarf einen Antrag auf Ge-
währung medizinischer Rückkehrhilfe zu stellen (vgl. Art. 93 Abs. 1 Bst. d
AsylG).
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Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.4 Der Beschwerdeführer verfügt über einen abgelaufenen Reisepass. Es
obliegt ihm, sich bei der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für
eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8
Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug
der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Ein mit der Be-
schwerde gestelltes Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozess-
führung wurde jedoch mit Zwischenverfügung vom 25. September 2020
gutgeheissen. Folglich sind keine Verfahrenskosten zu erheben.
10.2 Mit Eingabe vom 24. November 2020 reichte die amtliche Rechtsver-
treterin eine Kostennote basierend auf einem Stundenansatz von
Fr. 220.00 beziehungsweise mit einem Honorar über Fr. 5'310.30 ein (...).
In der Kostennote wird ein zeitlicher Aufwand von insgesamt 23,5 Stunden
geltend gemacht, wobei allein für die elfseitige Beschwerdeschrift acht
Stunden und für die achtseitige Eingabe vom 19. Juni 2020 (inkl. vier Sei-
ten Protokollzitate) sowie für die dreieinhalbseitige Replik je vier Stunden
aufgewendet wurden. Der zeitliche Aufwand in der Kostennote scheint
durchwegs zu hoch. Es rechtfertigt sich vorliegend diesen zu kürzen und
auf rund 14 Stunden festzusetzen.
Das amtliche Honorar ist auf insgesamt Fr. 3'220.30 (einschliesslich der
Auslagen von Fr. 140.30) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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