Decision ID: c76aaae3-cbef-57ca-8b5e-6aaae0c5f322
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin reichte am 28. August 2014 bei der Stadt Burgdorf ein
Baugesuch ein für die Sanierung und Ergänzung der Mietwohnungen sowie die
Umnutzung von Gastgewerbe- zu Ladenlokalitäten im Erdgeschoss des bestehenden
Gebäudes auf der Parzelle Burgdorf Grundbuchblatt Nr. E._. Die Parzelle liegt in
der Mischzone Altstadt. Gegen das Bauvorhaben erhob der Beschwerdeführer Einsprache.
Mit Entscheid vom 1. Dezember 2014 verneinte die Stadt Burgdorf die
Einsprachelegitimation des Beschwerdeführers und erteilte die Baubewilligung.
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2. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 30. Dezember 2014 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt
sinngemäss die Aufhebung des Gesamtentscheides vom 1. Dezember 2014 und die
Neubeurteilung des Baugesuchs unter Einbezug der in seiner Einsprache vorgebrachten
Rügen. Er macht insbesondere geltend, dass die Vorinstanz seine Einsprachebefugnis zu
Unrecht verneint habe, die Ausnahme für das Überschreiten der maximalen Länge der
Dachausbauten zu Unrecht erteilt worden sei, die Ausfahrt der vorgesehenen Garage nicht
den massgebenden Normen entspreche und die Vorinstanz nicht auf seine Rüge
betreffend der Zone mit Planungspflicht eingegangen sei.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftwechsel durch und holte die Vorakten bei der Vorinstanz ein. Die
Beschwerdegegnerin und die Vorinstanz beantragen, die Beschwerde sei abzuweisen
soweit überhaupt darauf eingetreten werden könne. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für
den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Angefochten ist ein Gesamtentscheid nach Art. 9 KoG2. Laut Art. 11 Abs. 1 KoG kann
er – unabhängig von den geltend gemachten Einwänden – nur mit dem Rechtsmittel
angefochten werden, das für das Leitverfahren massgeblich ist. Das Leitverfahren ist im
vorliegenden Fall das Baubewilligungsverfahren (Art. 5 Abs. 1 KoG). Bauentscheide
können nach Art. 40 Abs. 1 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Baubeschwerde bei
der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit zur Beurteilung der Beschwerde gegen
den Gesamtentscheid zuständig.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die Einsprecher im Rahmen ihrer
Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 10 KoG in Verbindung mit
Art. 40 Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer, der im vorinstanzlichen Verfahren eine
Einsprache erhoben hat und dessen Einsprachelegitimation von der Vorinstanz verneint
wurde, ist, soweit es um seine Legitimation im vorinstanzlichen Verfahren geht, zur
Beschwerde befugt. Auf die Beschwerde wird eingetreten.
2. Streitgegenstand
Anfechtungsobjekt ist der Entscheid der Baubewilligungsbehörde der Stadt Burgdorf vom
1. Dezember 2014. Im angefochtenen Entscheid ist die Stadt Burgdorf nicht auf die
Einsprache des Beschwerdeführers eingetreten. Somit ist im Beschwerdeverfahren in
erster Linie die Frage der Einsprachelegitimation Streitgegenstand. Wird der
Nichteintretensentscheid der Stadt Burgdorf bestätigt, so ist der Beschwerdeführer nicht
beschwerdebefugt und auf seine weiteren Rügen ist nicht einzutreten. Erweist sich, dass
der Nichteintretensentscheid aufzuheben ist, sind auch die weiteren Rügen des
Beschwerdeführers zu prüfen.
3. Einsprachelegitimation
a) Die Vorinstanz ist auf die Einsprache des Beschwerdeführers nicht eingetreten mit
der Begründung, es sei aus der Einsprache nicht ersichtlich, inwiefern er durch das
Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sei. Der
Beschwerdeführer rügt dies und macht geltend, die Vorinstanz gehe zu Unrecht von einer
fehlenden Einsprachebefugnis aus.
b) Zur Einsprache befugt sind Personen, die durch das Bauvorhaben unmittelbar in
eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind (Art. 35 Abs. 2 Bst. a BauG). Nach
Lehre und Rechtsprechung ist dies der Fall, wenn eine Person durch ein Bauvorhaben in
höherem Mass als die Allgemeinheit betroffen ist und zum Streitgegenstand eine
besondere Beziehungsnähe hat. Die Betroffenheit kann rechtlicher oder auch nur
tatsächlicher Natur sein. Sie muss aber hinreichend sein, das heisst eine bestimmte
Intensität erreichen, so dass von der Abwendung eines materiellen oder ideellen Nachteils
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gesprochen werden kann. Der Nachteil muss dabei bei einer objektivierten
Betrachtungsweise als solcher empfunden werden; eine besondere subjektive
Empfindlichkeit der betroffenen Person verdient keinen Rechtsschutz. Diese
Anforderungen grenzen die Beschwerden betroffener Drittpersonen von der unzulässigen
Popularbeschwerde ab.4
c) Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts muss die besondere Beziehungsnähe
zum Streitgegenstand bei Bauprojekten insbesondere in räumlicher Hinsicht gegeben sein.
In einer besonders nahen Beziehung zur Streitsache stehen naturgemäss die Nachbarn
des Baugrundstücks. Unter Nachbarn versteht die Verwaltungs- und Gerichtspraxis vorab
die Eigentümer von Nachbargrundstücken sowie Personen, die an solchen Grundstücken
dinglich berechtigt sind. Der Kreis der betroffenen Nachbarschaft kann nicht allgemein
festgelegt werden, sondern muss im Einzelfall nach den konkreten Verhältnissen bestimmt
werden. Die Einsprache- und Beschwerdebefugnis des Nachbarn ist in der Regel zu
bejahen, wenn dessen Liegenschaft unmittelbar an das Baugrundstück angrenzt oder
allenfalls nur durch einen Verkehrsträger davon getrennt wird. Es wird also zwar darauf
verzichtet, auf bestimmte feste Werte abzustellen, nach der bundesgerichtlichen Praxis
sind aber Nachbarn bis im Abstand von etwa 100 Metern in der Regel zu Beschwerden
gegen Bauvorhaben legitimiert. Für Rügen ästhetischer Natur wird vom Einsprecher zudem
ein direkter Sichtkontakt zur Anlage verlangt. Gehen von einem Bauvorhaben starke
Emissionen aus, kann die Nachbarschaft auch deutlich weiter reichen, nämlich so weit wie
die allfälligen nachteiligen Auswirkungen des Vorhabens.5 Ob die für die
Einsprachelegitimation geforderte besondere Betroffenheit gegeben ist, beurteilt sich nach
den Rechtsbehauptungen der opponierenden Person.6
d) Der Beschwerdeführer wohnt an der D._ Gasse 6 in Burgdorf, in einer
Luftlinien-Distanz von rund 320 m vom Bauvorhaben an der F._ Gasse 23/25
entfernt. Ein Grundstück in der Nähe der Bauparzelle besitzt er gemäss Grundstückdaten-
Informationssystem GRUDIS nicht. Zwischen dem Wohnhaus des Beschwerdeführers und
dem Baugrundstück befinden sich mehrere Strassen und Häuserreihen, weshalb der
4 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N 16 mit Hinweisen auf die Rechtsprechung; BGE 133 II 249 E.1.3.1 5 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 35-35c N. 17 f. 6 BGE 136 II 281, E.2.3, BGE 133 II 249 E 1.1; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 35-35c N. 16a mit Hinweisen auf die Rechtsprechung
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Beschwerdeführer keine Sicht auf das Bauvorhaben hat. Er hat deshalb keinen räumlichen
Bezug zur Bauparzelle und ist auch nicht von Immissionen betroffen; beides wird von ihm
auch nicht geltend gemacht. Der Beschwerdeführer weist zur Begründung seiner
angeblichen Betroffenheit in seiner Einsprache einzig darauf hin, dass er in einem früheren
Baubewilligungsverfahren für die damaligen Grundeigentümer ein Baugesuch für einen
Umbau der Liegenschaft F._ Gasse 23/25 eingereicht habe. Eine frühere Tätigkeit
als Projektverfasser reicht allerdings nicht aus, um eine besonders nahe Beziehung zur
Streitsache zu schaffen und die Einsprachelegitimation zu begründen. Dazu erforderlich
wäre, dass der Beschwerdeführer durch das Bauvorhaben unmittelbar in eigenen
schutzwürdigen Interessen betroffen wäre und die Ausführung des Bauvorhabens ihm
persönlich einen tatsächlichen Nachteil verursachen würde. Dies ist vorliegend nicht der
Fall.
e) Die Stadt Burgdorf ist somit zu Recht auf die Einsprache des Beschwerdeführers
nicht eingetreten. Seine Beschwerde gegen den Entscheid der Stadt Burgdorf vom 1.
Dezember 2014 wird – soweit das Nichteintreten betreffend – abgewiesen. Auf die übrigen
Rügen des Beschwerdeführers in Bezug auf die erteilte Baubewilligung wird nicht
eingetreten.
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG7). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 600.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV8).
b) Der Beschwerdeführer hat zudem der Beschwerdegegnerin die Parteikosten zu
ersetzen (Art. 108 Abs. 3 VRPG). Die Parteikosten umfassen den durch die berufsmässige
Parteivertretung anfallenden Aufwand (Art. 104 Abs. 1 VRPG). Nach Art. 11 Abs. 1 PKV9
7 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 8 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21) 9 Verordnung vom 17. Mai 2006 über die Bemessung des Parteikostenersatzes (Parteikostenverordnung; PKV; BSG 168.811)
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beträgt das Honorar in verwaltungsrechtlichen Beschwerdeverfahren Fr. 400.00 bis
Fr. 11'800.00 pro Instanz. Innerhalb des Rahmentarifs bemisst sich der Parteikostenersatz
nach dem in der Sache gebotenen Zeitaufwand sowie der Bedeutung der Streitsache und
der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 41 Abs. 3 KAG10). Der Anwalt der
Beschwerdegegnerin macht ein Honorar von Fr. 2'190.00, Auslagen von Fr. 61.00 und
Mehrwertsteuern von Fr. 179.85, total ausmachend Fr. 2'430.85 geltend. Das Honorar
entspricht einer Ausschöpfung des Gebührenrahmens von nur knapp 16 Prozent und gibt
zu keinen Bemerkungen Anlass. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die
Beschwerdegegnerin mehrwertsteuerpflichtig ist11 und somit die von ihrem Rechtsvertreter
auf sie überwälzte Mehrwertsteuer in ihrer eigenen Mehrwertsteuerabrechnung als
Vorsteuer abziehen kann. Ihr fällt daher betreffend Mehrwertsteuer kein Aufwand an und
eine Abgeltung der Mehrwertsteuer käme einer mit Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1
VRPG unvereinbaren Überentschädigung gleich. Nach neuer Praxis des
Verwaltungsgerichts ist deshalb die in der Kostennote des Rechtsvertreters der
Beschwerdegegnerin aufgeführte Mehrwertsteuer bei der Bestimmung des
Parteikostenersatzes nicht zu berücksichtigen.12 Der Beschwerdeführer hat somit der
Beschwerdegegnerin eine Parteikostenentschädigung von Fr. 2'251.00 zu bezahlen.