Decision ID: 89eb0970-9366-59ce-8cd9-297c93296a32
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 26. Februar 2021 in der Schweiz um
Asyl nach. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank
Eurodac ergab, dass er am 14. Oktober 2016 in Italien um Asyl nachge-
sucht hatte (elektronische Akten der Vorinstanz, Vorhaben [...] [SEM act. I]
1, 8).
B.
Mit Verfügung vom 21. Juli 2021 trat die Vorinstanz auf das Asylgesuch
nicht ein und wies den Beschwerdeführer nach Italien weg (SEM act. I 36).
Eine dagegen gerichtete Beschwerde wies das Bundesverwaltungsgericht
mit Urteil F-3470/2021 am 9. August 2021 ab.
C.
Am 24. September 2021 gelangte der Beschwerdeführer an die Vorinstanz
und beantragte wiedererwägungsweise die Aufhebung des Nichteintre-
tens- und Wegweisungsentscheids vom 21. Juli 2021 (elektronische Akten
der Vorinstanz, Vorhaben [...] [SEM act. II] 1).
D.
Die Vorinstanz wies das Wiedererwägungsgesuch mit Verfügung vom
30. September 2021 ab. Gleichzeitig stellte sie fest, dass die Verfügung
vom 21. Juli 2021 rechtskräftig und vollstreckbar sei und einer allfälligen
Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme (SEM act. II 2).
E.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 1. November 2021 gelangte der Beschwer-
deführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die Verfü-
gungen des SEM vom 30. September 2021 sei aufzuheben und auf das
Asylgesuch sei einzutreten. Eventualiter sei die Sache zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subeventualiter sei die Vorinstanz an-
zuweisen, individuelle Zusicherungen bezüglich der Gewährleistung medi-
zinischer Behandlungen sowie einer Unterkunft von den italienischen Be-
hörden einzuholen. Ferner ersuchte er um Erteilung der aufschiebenden
Wirkung beziehungsweise um superprovisorische Aussetzung des Weg-
weisungsvollzugs sowie um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege (Akten des
Bundesverwaltungsgerichts [BVGer act. II] 1).
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F.
Am 3. November 2021 ordnete die zuständige Instruktionsrichterin den su-
perprovisorischen Vollzugsstopp an (BVGer act. II 2).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM auf dem Gebiet des Asylrechts unterliegen der
Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht (Art. 105 AsylG
[SR 142.31] i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das AsylG nichts anderes be-
stimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist zur Erhebung der Beschwerde legitimiert
(Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 6 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
2.
2.1 Im Rechtsmittelverfahren betreffend Entscheide auf dem Gebiet des
Asyls kann die Verletzung von Bundesrecht, einschliesslich Missbrauch
und Überschreitung des Ermessens, sowie die unrichtige oder unvollstän-
dige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes gerügt werden
(Art. 106 Abs. 1 AsylG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im Be-
schwerdeverfahren das Bundesrecht von Amtes wegen an. Es ist gemäss
Art. 62 Abs. 4 VwVG nicht an die Begründung der Begehren gebunden und
kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend gemachten Grün-
den gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Sach-
lage zum Zeitpunkt des Entscheids (BGE 139 II 534 E. 5.4.1; BVGE 2014/1
E. 2).
2.2 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
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AsylG), ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summari-
scher Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Das Wiedererwägungsgesuch ist ein formloser Rechtsbehelf, mit welchem
eine betroffene Person die erstinstanzliche Verwaltungsbehörde darum er-
sucht, auf eine formell rechtskräftige Verfügung zurückzukommen und
diese abzuändern oder aufzuheben (HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN, Allgemei-
nes Verwaltungsrecht, 8. Auflage 2020, Rz. 1272 ff). Mit Blick auf die
Rechtssicherheit ist ein Wiedererwägungsgesuch nur dann gutzuheissen,
wenn sich die Verhältnisse seit dem ersten Entscheid wesentlich geändert
haben. Falls die abzuändernde Verfügung unangefochten blieb – oder ein
eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem Prozessentscheid abge-
schlossen wurde – können auch Revisionsgründe einen Anspruch auf Wie-
dererwägung begründen (zum sogenannten «qualifizierten Wiedererwä-
gungsgesuch» vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.). Im Rahmen eines Wie-
dererwägungsverfahrens können ebenfalls Beweismittel geprüft werden,
die erst nach einem materiellen Beschwerdeentscheid des Bundesverwal-
tungsgerichts entstanden sind und daher revisionsrechtlich nicht von Rele-
vanz sein können (vgl. BVGE 2013/22 E. 12.3). Eine Wiedererwägung ist
nicht beliebig zulässig und darf namentlich nicht dazu dienen, blosse Ur-
teilskritik zu üben, die Rechtskraft von Verwaltungs- und Gerichtsentschei-
den immer wieder infrage zu stellen oder die Fristen für die Ergreifung von
Rechtsmitteln zu umgehen.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer macht im Wesentlichen geltend, es hätten sich
nach dem Wegweisungsentscheid rechtserhebliche Tatsachen ereignet,
namentlich seine Einweisung in die Psychiatrie und die diagnostizierten
psychiatrischen Diagnosen «schwere posttraumatische Belastungsstö-
rung, persistierende Suizidgedanken mit konkretem Plan (Selbstverbren-
nung), Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion und eine schwere de-
pressive Episode», welche eine Anpassung der anfänglich fehlerfreien Ver-
fügung erforderlich machen würden. Die Lebensbedingungen sowie die
Gewährleistung der medizinischen Behandlung seien in Italien prekär. Im
vorliegenden Fall sei der Beschwerdeführer aufgrund seiner medizinischen
und psychiatrischen Diagnosen als stark vulnerable Person einzustufen. Er
sei dringend auf medizinische und psychiatrische Hilfe angewiesen, wie es
auch in den ärztlichen Berichten festgestellt worden sei. Er sei in Italien
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nicht in der Lage, die nötige medizinische Versorgung zu erhalten und für
sich selbst zu sorgen (Beschwerde Ziff. 16 ff.)
4.2 Im Nichteintretens- und Wegweisungsverfahren nahm das SEM in sei-
ner Verfügung vom 21. Juli 2021 ausführlich Stellung zur Krankheitsge-
schichte des Beschwerdeführers und verwies in diesem Zusammenhang
auf die jeweiligen ärztlichen Berichte und die darin enthaltenen Befunde.
Dabei wurden – nebst physischen Beschwerden wie Diabetes mellitus,
Bluthochdruck, tränende Augen – folgende psychische Erkrankungen er-
wähnt: mittelgradige depressive Episode, Verdacht auf posttraumatische
Belastungsstörung (PTBS), PTBS und Anpassungsstörungen. Gleichzeitig
wurde unter Hinweis auf einen ärztlichen Bericht vom 1. Juli 2021 vermerkt,
dass sich der Beschwerdeführer vom 24. Juni 2021 bis zum 1. Juli 2021
stationär in der A._ Klinik aufgehalten habe; im Verlauf der integrier-
ten psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung sei eine deutliche
Besserung der psychischen Situation eingetreten und er habe sich von Su-
izidalität distanzieren können (vgl. Verfügung vom 21. Juli 2021 S. 7 f.).
Weiter setzte sich auch das Bundesverwaltungsgericht im Beschwerdever-
fahren mit den vorgebrachten gesundheitlichen physischen und psychi-
schen Beschwerden auseinander, wobei es unter anderem erwähnte, dass
der Beschwerdeführer nach Erhalt des Nichteintretensentscheides angeb-
lich wieder Suizidabsichten geäussert habe. Es erachtete die medizini-
schen Leiden hingegen nicht als ausreichend, um ihn zur Gruppe der be-
sonders verletzlichen Personen zu zählen (Urteil F-3470/2021 E. 6.1 – 6.3).
4.3 Einem im vorliegenden Verfahren zu den Akten gereichten Arztbericht
vom 25. August 2021 ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer auf-
grund suizidaler Äusserungen erneut stationär in die A._ Klinik auf-
genommen wurde. Der Eintritt erfolgte freiwillig. Gemäss einem medizini-
schen Abklärungsbericht vom 27. September 2021 liegen die Hauptdiag-
nosen PTBS und schwere depressive Episode sowie die Nebendiagnosen
Diabetes mellitus Typ 2 (mit Augenkomplikationen) und benigne essentielle
Hypertonie vor (Beschwerdebeilagen 6 und 7). Dem aktuellen Zwischen-
bericht der A._ Klinik vom 1. November 2021 sind nunmehr die
Hauptdiagnosen PTBS und Anpassungsstörung (bei gleichbleibenden Ne-
bendiagnosen) zu entnehmen. Die wiederkehrende und beständige The-
matik der Abschiebung nach Italien, so der Bericht, führe mit dem näher
rückenden Datum immer wieder zur psychischen Dekompensation des Be-
schwerdeführers bis hin zu suizidalen Äusserungen, weshalb ein Behand-
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lungsauftrag bestehe. Aktuell könne er sich von akuter Suizidalität distan-
zieren. Nachts könne er durchschlafen und sei mit der aktuellen Medikation
nebenwirkungsarm gut eingestellt (Beschwerdebeilage 8).
4.4 Der Beschwerdeführer kann aus den im vorliegenden Verfahren einge-
reichten medizinischen Akten nichts ableiten. Bereits im Dublin-Verfahren
setzte sich sowohl die Vorinstanz wie auch das Bundesverwaltungsgericht
mit seinen gesundheitlichen Beschwerden sowie seinen Suizidabsichten
auseinander und würdigte diese rechtsgenüglich (E. 4.2). Das Gericht
stellte dabei unter Hinweis auf die Rechtsprechung des Bundesverwal-
tungsgerichts unter anderem fest, Suizidalität stelle kein Vollzugshindernis
dar (Urteil F-3470/2021 E. 6.3). Davon kann auch im Hinblick auf den er-
neuten stationären Eintritt in die A._ Klinik wegen Suizidabsichten
nicht abgewichen werden. Wie den ärztlichen Berichten zu entnehmen ist,
stehen seine Suizidabsichten im Zusammenhang mit dem Erhalt des Nicht-
eintretensentscheids beziehungsweise der Wegweisung nach Italien (vgl.
bspw. Beschwerdebeilagen 7 S. 2 in fine und 8 S. 1). Hinsichtlich der Ge-
fahr einer Selbstgefährdung bei einer Überstellung ist der wegweisende
Staat gemäss Praxis des EGMR hingegen nicht verpflichtet, vom Vollzug
der Wegweisung Abstand zu nehmen. In diesem Sinne vermag die Über-
stellung nicht gegen Art. 3 EMRK zu verstossen, wenn der wegweisende
Staat Massnahmen ergreift, um die Umsetzung einer entsprechenden Su-
iziddrohung zu verhindern (vgl. Urteil des BVGer F-3511/2019 vom 15. Ja-
nuar 2020 E. 7.2.3 m.H.). Es obliegt somit – wie auch das SEM ausführte
– den mit der Überstellung betrauten Behörden, im Rahmen der Vorberei-
tung und in Zusammenarbeit mit den (ärztlichen) Betreuungspersonen die
notwendigen Vorkehren zu treffen, um die Realisierung der Drohung zu
verhindern und die italienischen Behörden adäquat über den Gesundheits-
zustand des Beschwerdeführers zu informieren (vgl. Art. 31 f. Dublin-III-
VO).
4.5 Im Hinblick auf die gesundheitlichen Beschwerden des Beschwerde-
führers und in Kenntnis seiner psychischen Probleme (welche im Zusam-
menhang mit den aktuellen Beschwerden stehen) wurde zudem bereits im
Dublin-Verfahren dargelegt, dass Italien grundsätzlich über eine ausrei-
chende medizinische Infrastruktur verfügt und die medikamentöse wie
auch die psychiatrische Behandlung in Italien adäquat weitergeführt wer-
den können. Eine Verletzung von Art. 3 EMRK wie auch das Vorliegen hu-
manitärer Gründe wurden verneint. Darauf kann weiterhin verwiesen wer-
den (vgl. Urteil F-3470/2021 E. 6.3). Dem SEM kann somit nicht vorgewor-
fen werden, es habe im vorliegenden Verfahren nicht näher abgeklärt, ob
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in Bezug auf den Beschwerdeführer die benötigte medizinische Hilfeleis-
tung erbracht werden könne (Beschwerde Ziff. 25).
4.6 Die erneute stationäre Behandlung beziehungsweise der Gesundheits-
zustand des Beschwerdeführers im Allgemeinen stellen damit keine neuen
Tatsachen oder eine wesentliche Änderung der Verhältnisse dar, die den
ursprünglichen Entscheid infrage stellen würden. Es erübrigt sich somit,
auf das Subeventualbegehren (Einholung spezifischer Zusicherungen) ein-
zugehen, zumal bereits im Urteil F-3470/2021 ausgeführt wurde, es be-
dürfe keiner individuellen Zusicherungen der italienischen Behörden be-
züglich medizinischer Versorgung (E. 6.3 ebenda).
4.7 Schliesslich können auch die vom Beschwerdeführer dargelegten be-
lastenden Erlebnisse anlässlich des Aufenthalts in Italien den ursprüngli-
chen Nichteintretensentscheid nicht infrage stellen. Diese wurden bereits
im Dublin-Verfahren vorgebracht und entsprechend gewürdigt (Verfügung
des SEM vom S. 4 ff., Urteil F-3470/2021 Sachverhalt Bst. A, E. 5.1-5.3).
4.8 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es vorliegend keinen Grund
dafür gibt, den Entscheid des SEM vom 21. Juli 2021 in Wiedererwägung
zu ziehen.
5.
Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene
Verfügung im Lichte von Art. 106 AsylG nicht zu beanstanden ist. Die Be-
schwerde ist demzufolge abzuweisen und die angefochtene Verfügung
vom 30. September 2021 sowie der Nichteintretens- und Wegweisungs-
entscheid vom 21. Juli 2021 sind zu bestätigen. Mit dem vorliegenden Urteil
fällt der am 3. November 2021 angeordnete Vollzugsstopp dahin. Das Ge-
such um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos gewor-
den.
6.
6.1 Die gestellten Rechtsbegehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb
das Gesuch um unentgeltliche Prozessführung ungeachtet einer allfälligen
prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
6.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.-
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festzusetzen (Art. 1-3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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