Decision ID: 68e19052-01bc-58b8-8478-a6177d6a7669
Year: 2010
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
K._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Niedermann, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A.a K._, geboren 1965, war als Steward bei der A._ angestellt und dadurch bei
der Suva obligatorisch gegen Unfälle versichert. Am 9. Februar 2002 war er im Bahnhof
im stillstehenden Intercity-Zug am Arbeiten, als ein Regionalzug auf diesen auffuhr. Er
wurde dabei zu Boden geschleudert und schlug mit Kopf und Rücken auf.
Herabfallende Gegenstände, darunter ein Container, verletzten ihn linksseitig an
Ellbogen und Schulter (UV-act. 1 und 3). Auf der Notfallstation des Kantonsspitals
St. Gallen diagnostizierte Assistenzarzt Dr. med. B._ Kontusionen der linken Schulter,
des linken Ellbogens und von Zeige- und Mittelfinger der linken Hand. Ossäre
Verletzungen konnten ausgeschlossen werden (UV-act. 5). Dr. med. C._, Facharzt
FMH für Innere Medizin, der die weitere Behandlung des Versicherten übernahm, fügte
der Diagnoseliste im Bericht vom 4. März 2002 "Wirbelsäulendezelerationstrauma
(HWS und LWS)" bei und nahm als Angabe des Patienten auf, er sei durch den Sturz
bewusstlos geworden und erst im Spital wieder erwacht (UV-act. 2). Laut Unfallschein
war er nach dem Unfall 100%, ab 5. März 2002 50% und ab 2. April 2002 30%
arbeitsunfähig. Ab 1. Mai 2002 konnte er die Arbeit wieder voll aufnehmen (UV-act.
4.1). Die Suva erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Heilungskosten und Taggelder).
A.b Mit Meldung vom 10. Juli 2003 zeigte die D._ (neuer Name für die frühere A._)
der Suva an, dass der Versicherte wegen der Folgen des Unfalls vom 9. Februar 2002
seit 2. Juli 2003 wieder zu 50% arbeitsunfähig sei (UV-act. 6). Dr. C._ gab im Bericht
vom 29. Juli 2003 als Diagnose ein posttraumatisches Cervicalsyndrom an und
attestierte vom 3. bis 11. Juli 2003 volle und ab 12. Juli 2003 50%ige
Arbeitsunfähigkeit (UV-act. 9). Die Röntgenaufnahmen vom 24. Juni 2003 hatten eine
diskrete rechtskonvexe skoliotische Fehlhaltung hochcervical ergeben (UV-act. 7). Ab
9. August 2003 war der Versicherte wieder voll arbeitsfähig (UV-act. 10). Die Suva
erbrachte wiederum die gesetzlichen Leistungen. Dr. C._ berichtete am
10. November 2003 über eine Migräne, die unzweifelhaft als Folge des Unfalls vom
9. Februar 2002 aufgetreten sei (UV-act. 11). E._, praktischer Arzt für Neurologie,
untersuchte den Versicherten am 21. Januar 2004 neurologisch und
elektroencephalographisch und informierte Dr. C._ am 4. Februar 2004 über streng
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rechtsseitige Migräne-Attacken von meist zwei bis drei Tagen Dauer bei einer
durchschnittlichen Frequenz von vier bis sieben pro Monat (UV-act. 15). Zum Unfall
führte er aus, dem Patienten sei ein schwerer Metall-Container auf den Nacken/
Hinterkopf gefallen. Eine Bewusstlosigkeit habe nicht bestanden. Aus neurologischer
Sicht beurteilte med. pract. E._ die Migräne als zweifellos posttraumatisch. Im
Bericht an die Suva vom 20. Februar 2004 erwähnte er einen Status nach Commotio
cerebri / HWS-Distorsion am 9. Februar 2002 und beschrieb die Frequenz der Migräne
mit mehrfach wöchentlich von jeweils mehreren Stunden bis zu einem Tag Dauer (UV-
act. 13). Röntgenaufnahmen der Halswirbelsäule am 23. Januar 2004 hatten leichte
degenerative Veränderungen mit Retrospondylose C4 und leichter Unkarthrose C4,
eine rechtsseitige Einengung des Neuroforamen Th1/2, eine Hypomobilität bei der
Inklination und eine Blockade bei der Reklination gezeigt, wiesen aber keine
Knochenverletzung nach (UV-act. 17). Dr. C._ berichtete am 24. März 2004 über eine
deutliche Rückbildung der Migräne-Beschwerden (UV-act. 17). Als Arbeitsunfähigkeit
gab er 50% vom 14. Februar bis 1. März 2004 an. Dr. med. F._, Facharzt FMH für
Neurologie, Physikalische Medizin und Rehabilitation, kam in der Aktenbeurteilung vom
24. Mai 2005 zum Schluss, dass die als Migräne diagnostizierten Kopfschmerzen
überwiegend wahrscheinlich unfallkausal seien (UV-act. 23). Am 4. November 2005
berichtete Dr. C._ zur Diagnose posttraumatische Migräne (UV-act. 25): "Unter einer
Basistherapie mit Sibelium bedarf der Patient an etwa vier bis acht Tagen pro Monat
einer Anfallsmedikation mit Zomig (Triptan). Unter diesem Regime erfreut er sich eines
recht guten Befindens, doch besteht zur Zeit keine Möglichkeit, die Therapie zu
reduzieren oder gar abzusetzen." Der Hausarzt attestierte volle Arbeitsfähigkeit.
A.c Ab 1. Januar 2006 wurde der Versicherte wieder 50% arbeitsunfähig geschrieben.
Dr. C._ berichtete am 7. Februar 2006 über zwei bis fünf Migräne-Attacken pro
Woche. Kreisarzt Dr. med. G._, Facharzt FMH für Chirurgie, erhob am 30. März 2006
aufgrund des Migräne-Kalenders zehn Attacken pro Monat. Der Versicherte gab an, er
sei im vergangenen Jahr zwar 100% arbeitsfähig geschrieben gewesen, habe aber
wegen Schmerzattacken die Arbeit hin und wieder niederlegen müssen und dadurch
(bei Beschäftigung im Stundenlohn) eine durchschnittliche Lohneinbusse von
Fr. 1'000.-- pro Monat erlitten (UV-act. 35). Aufgrund der Verlaufskontrolle vom
27. April 2006 beurteilte med. pract. E._ die Migräne aus neurologischer Sicht
weiterhin als posttraumatisch, unterstützte die 50%ige Arbeitsunfähigkeit und zeigte
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verschiedene Therapiemöglichkeiten auf (UV-act. 36). Am 4. Oktober 2006 berichtete
Dr. C._ über keine signifikante Rückbildung der Migräne-Anfälle bezüglich Intensität
und Frequenz aufgrund der geänderten Therapie. Er attestierte weiterhin 50%
Arbeitsunfähigkeit (UV-act. 38). Der Versicherte beauftragte am 27. November 2006
Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Niedermann, St. Gallen, mit der Wahrung seiner
Interessen. Mit Zwischenbericht vom 8. Dezember 2006 gab Dr. C._ der Suva
bekannt, der Patient sei zusehends überfordert und laufe Gefahr, in eine depressive
Entwicklung überzugleiten, weshalb sich eine psychiatrische Begleitung aufdränge. Die
Migräne-Anfälle würden eher zunehmen und zu einer Korrektur der Arbeitsfähigkeit
nach unten zwingen. Prozentwerte zur Arbeitsunfähigkeit gab der Hausarzt nicht an
(UV-act. 44). Der Rechtsvertreter des Versicherten bat die Suva am 12. Januar 2007,
die Taggeldansprüche seines Mandanten rückwirkend aufgrund der ausgewiesenen
Erwerbseinbussen zu überprüfen (UV-act. 46). Med. pract. E._ ermittelte im Bericht
vom 7. Februar 2007 eine migränebedingte Arbeitsunfähigkeit von 50% seit Januar
2004 und von 60 bis 70% von November 2006 bis Januar 2007. Die aktuelle
Anfallshäufigkeit gab er mit zehn bis zwölf Attacken pro Monat von vier bis zwölf
Stunden Dauer, in Einzelfällen bis zu drei Tagen durchgehend, an (UV-act. 52).
Dr. C._ bestätigte Berichte seines Patienten über Arbeitsniederlegungen wegen
Migräne-Attacken und rechnete die Angaben der Stundenausfälle auf
Arbeitsunfähigkeiten zwischen 16.7 und 27.75% um (UV-act. 58). Das craniocerebrale
Kernspintomogramm mit Kontrastmittel vom 20. Juni 2007 beurteilte Dr. med. I._,
Facharzt FMH für Radiologie, St. Gallen, als normentsprechend. Eine intracranielle
Raumforderung schloss er sicher aus. Bei fehlenden Anhaltspunkten für
Durchblutungsstörungen oder Hämosiderin-Einlagerungen verneinte er eine
morphologisch fassbare Migräne-Ursache (UV-act. 73).
A.d Am 12. März 2008 gab der Suva-Versicherungsmediziner Dr. med. H._,
Facharzt für Neurologie, eine neurologische Beurteilung aufgrund der Akten ab (UV-act.
97). Er kam zum Schluss, dass der Versicherte beim Unfall vom 9. Februar 2002 mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit weder eine HWS-Beschleunigungsverletzung noch
eine HWS-Distorsion erlitten habe. Gemäss Echtzeitdokumenten sei es zu einer
Kontusion des/der linken Arms/Schulter ("Contact-Verletzung") gekommen. Die
klinischen Hauptkriterien einer leichten traumatischen Hirnverletzung
(Bewusstseinsverlust, posttraumatische Amnesie) seien nicht erfüllt. Kopfschmerzen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
seien beim Versicherten erstmals über ein Jahr und neun Monate nach dem Unfall
dokumentiert und damit klar nicht innerhalb der anerkannten Karenzfrist von sieben
Tagen nach dem Unfallereignis aufgetreten. Die migräneartigen Kopfschmerzen
könnten nicht mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit auf den
Unfall vom 9. Februar 2002 zurückgeführt werden. Eine unfallbedingte strukturelle
Läsion im Bereich der Halswirbelsäule oder des Kopfs habe nicht nachgewiesen
werden können. Nach dem 1. Mai 2002, als Dr. C._ wieder volle Arbeitsfähigkeit
attestierte, hätten keine Unfallfolgen mehr vorgelegen. Die Suva stellte darauf mit
Verfügung vom 19. März 2008 alle Versicherungsleistungen per 31. März 2008 ein (UV-
act. 103). Am 20. März 2008 liess der Versicherte dagegen Einsprache erheben (UV-
act. 106). Die SWICA Gesundheitsorganisation erhob am 8. April 2008 als beteiligte
Krankenversicherung ebenfalls vorsorglich Einsprache, zog diese am 13. Mai 2008
aber wieder zurück (UV-act. 110 und 117). Der Rechtsvertreter des Versicherten
begründete die Einsprache am 13. November 2008 (UV-act. 129). Mit Entscheid vom
26. November 2008 wies die Suva diese ab.
A.e Der Versicherte hatte sich zwischenzeitlich bei der Invalidenversicherung (IV) zum
Leistungsbezug angemeldet (UV-act. 50). Die Suva führte darauf das Meldeverfahren
durch (UV-act. 51).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 26. November 2008 richtet sich die
Beschwerde vom 12. Januar 2009 mit den Anträgen auf dessen Aufhebung und auf
Ausrichtung der Taggeldleistungen bzw. der gesetzlichen Leistungen rückwirkend ab
1. April 2008, unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten der
Beschwerdegegnerin. Mit der Beschwerde wurde auch ein Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung durch den bisherigen Rechtsvertreter gestellt. Zur Begründung
wurde angeführt, die Aktenbeurteilung von Dr. H._ erfülle die Voraussetzungen an
beweiskräftige Arztberichte nicht, da ihm weder der Untersuchungsbericht der
Unfalluntersuchungsstelle für Bahnen und Schiffe (Reg. Nr. 02020901, Unfall vom
9. Februar 2002; nachfolgend als Unfalluntersuchungsbericht bezeichnet) vorgelegen
habe noch die Krankengeschichte von Dr. C._ bekannt gewesen sei. Aus beiden
Unterlagen gehe nämlich hervor, dass der Beschwerdeführer schon unmittelbar nach
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dem Unfall auch über Kopfschmerzen geklagt habe. Aus der Krankengeschichte von
Dr. C._ ergebe sich auch ein buntes Beschwerdebild mit Nacken- und
Kopfbeschwerden, Übelkeit, Visusstörungen etc., weshalb eine HWS-Distorsion oder
ähnliche Verletzung vorliege. Es stehe aufgrund der Akten auch fest, dass der
Beschwerdeführer beim Unfall eine Bewusstlosigkeit erlitten habe, unklar sei lediglich
deren Dauer. Überwiegend wahrscheinlich habe er beim Unfall auch eine Commotio
cerebri erlitten. Insgesamt stehe eine anhaltende posttraumatische Migräne mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit fest.
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 12. Februar 2009 beantragte die Suva die
Abweisung der Beschwerde. Die Adäquanz der Migräne-Beschwerden müsse verneint
werden, nachdem diese nicht auf ein unfallkausales organisches Substrat
zurückgeführt werden könnten. Ihr natürlicher Kausalzusammenhang zum Unfall könne
dabei offengelassen werden, sei aber jedenfalls nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit erstellt.
B.c Mit Replik vom 11. Mai 2009 liess der Beschwerdeführer ausführen, für die
Adäquanzprüfung nach der Psycho-Praxis (gemäss BGE 115 V 133) bestehe kein
Raum, da gemäss Gutachten des Schweizerischen Instituts für Versicherungsmedizin
(SIVM) vom 13. Februar 2009 zuhanden der IV keine psychiatrische Diagnose vorliege.
Vielmehr seien die Voraussetzungen für die Anwendung der Schleudertrauma-Praxis
erfüllt. Auch die natürliche Kausalität sei mit der Diagnose einer posttraumatischen
Migräne und eines intermittierenden leichten Cervicalsyndroms gemäss SIVM-
Gutachten erstellt (act. G 13.1). Er liess auch eine Fotodokumentation des
Arbeitsplatzes einreichen, wonach es praktisch ausgeschlossen sei, dass er den Kopf
beim Sturz aufgrund der heftigen Kollision und der engen Platzverhältnisse nicht an
den metallenen Seitenwänden angeschlagen habe.
B.d Am 18. Mai 2009 entsprach der Gerichtspräsident dem Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung aufgrund der Unterlagen, die am 2. Februar 2009 eingereicht
worden waren (act. G 15 und 4).
B.e Die Suva verzichtete am 28. Mai 2009 auf eine einlässliche Duplik. Sie verneinte
ausdrücklich den Beweis einer posttraumatischen Migräne durch das SIVM-Gutachten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.f Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie die Ausführungen
in den übrigen Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.
1.1 Streitig und zu prüfen ist, ob die Suva ihre Leistungspflicht nach dem 31. März
2008 für die Folgen des Unfalls vom 9. Februar 2002 zu Recht verneint hat. Dabei
stehen einzig Versicherungsleistungen wegen Migräne-Attacken ab April 2008 zur
Diskussion.
1.2 Die Beschwerdegegnerin hat im angefochtenen Einspracheentscheid die
rechtlichen Grundlagen für die Leistungspflicht des Unfallversicherers inklusive
natürlicher und adäquater Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und
dem Gesundheitsschaden sowie zur Beweisregelung zutreffend dargelegt (Erwägung
2). Gleiches gilt für die Ausführungen zum Beweiswert von ärztlichen Berichten
(Erwägung 3.a). Darauf kann verwiesen werden.
2.
Zunächst ist strittig, welche Verletzungen sich der Beschwerdeführer beim Sturz am
9. Februar 2002 zugezogen hatte:
2.1 Im Vordergrund steht die Frage, ab wann er über Kopfschmerzen klagte.
2.1.1 In der internen Unfallanzeige vom 14. Februar 2002 gab der
Beschwerdeführer an, er sei zu Boden geschleudert worden und habe mit Kopf und
Rücken aufgeschlagen. Zahlreiche Gegenstände, inkl. ein Container, seien auf ihn
gefallen und hätten ihn an Ellbogen und Schulter verletzt. Als Verletzungen führte er
Verstauchungen und Prellungen an Wirbelsäule und Ellbogen auf (UV-act. 3). Dr. B._
diagnostizierte bei der Notfallbehandlung vom 9. Februar 2002 Kontusionen von
Schulter, Ellbogen sowie Zeige- und Mittelfinger (UV-act. 5). Dr. C._ stellte am
12. Februar 2002 "Schmerzen im Bereich des linken Processus coracoideus,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
linksscapulär, auf Höhe C7 sowie auf Höhe von LWK 2-5" fest (UV-act. 2,
Krankengeschichte Dr. C._ act. G 1.1). Die unfallnahen ärztlichen Unterlagen
enthalten damit keine Angaben über Kontusionen des Kopfes oder Kopfschmerzen.
Neben den Kontusionen an Schulter, Ellbogen und Hand werden lediglich Schmerzen
im Bereich der Hals- und der lumbalen Wirbelsäule dokumentiert. Diese Angaben
decken sich mit denjenigen des Beschwerdeführers in der internen Unfallanzeige vom
14. Februar 2002 (UV-act. 3). Einzig im Unfalluntersuchungsbericht (UV-act. 129
Beilage 2) wird der Beschwerdeführer als verletzte Person mit Kopf- und
Rückenschmerzen sowie Prellung an der linken Schulter genannt. Aus dem
Unfalluntersuchungsbericht geht jedoch in keiner Weise hervor, woher die Angaben
über die aufgeführten Verletzungen stammen. Die Auslassung der Verletzungen am
Ellbogen und an der Hand zeigt, dass der Unfalluntersuchungsbericht nur ein grobes
Verletzungsbild wiedergab. Die Nennung von Kopfschmerzen im
Unfalluntersuchungsbericht vermag jedenfalls nicht die übereinstimmende Faktenlage
von beiden Arztberichten und der internen Unfallanzeige umzustossen und zu
beweisen, dass der Beschwerdeführer unmittelbar nach dem Unfall an Kopfschmerzen
litt.
2.1.2 Für seinen Bericht vom 27. März 2008 an den Rechtsvertreter, der im
Einspracheverfahren eingereicht wurde, führte med. pract. E._ am 25. März 2008
eine
Untersuchung und Befragung des Beschwerdeführers durch (UV-act. 129 Beilage 1).
Dieser habe dabei angegeben, etwa ein bis zwei Tage nach dem Unfall seien erstmals
die streng rechtsseitigen Kopfschmerzen mit Nausea und Photo-/Phonophobie
aufgetreten. Die erste Konsultation bei Hausarzt Dr. C._ fand am 12. Februar 2002
statt, somit zu einem Zeitpunkt, als diese Migräne-Beschwerden bereits aufgetreten
seien (UV-act. 2, Krankengeschichte Dr. C._ act. G 1.1). Weder Dr. C._ noch zwei
Tage später der Arbeitgeberin gegenüber erwähnte der Beschwerdeführer
Kopfschmerzen oder Migräne-Beschwerden. Gegenüber späteren Schilderungen, die
bewusst oder unbewusst durch nachträgliche Überlegungen beeinflusst sein können,
gelten die ersten Aussagen nach der Rechtsprechung als zuverlässiger und
glaubwürdiger (BGE 121 V 45 E. 2a S. 47 mit Hinweisen). Die nachträglichen Angaben
gegenüber med. pract. E._ vermögen vorliegend die unfallnahen Dokumente somit
nicht zu entkräften.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1.3 Aus den Infiltrationen mit Xyloneural, die Dr. C._ ab 22. Februar 2002 in
der Krankengeschichte dokumentiert (act. G 1.1), lässt sich bezüglich Kopfschmerzen
oder Migräne nichts herleiten. Das Medikament eignet sich laut Fachinformation im
Arzneimittel-Kompendium für Anwendungsverfahren der Neuraltherapie bei
Erkrankungen der Wirbelsäule, Erkrankungen der Extremitäten, Beschwerden im
Kopfbereich und für andere Anwendungen der Neuraltherapie (www.kompendium.ch
→ Präparatname Xyloneural). Dr. C._ gab die detaillierte Indikation für die Infiltration
nicht an und nannte den genauen Ort derselben nicht. Da er zuvor keine anderen
Schmerzlokalisationen als Schulter, cervical und panvertebral genannt hatte und
Xyloneural solche Indikationen abdeckt, ist davon auszugehen, dass er damit diese
Schmerzen behandelte.
2.1.4 In der Krankengeschichte notierte Dr. C._ zum Untersuchungsdatum
19. März 2002 neben Angaben zur Wirksamkeit der bisherigen Behandlung: "Seit 4
Wochen wechselseitige Nackenschmerzen. → Migräne" (act. G 1.1). Wie die
Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort zu Recht bemerkt, stellen
Nackenschmerzen kein typisches Symptom von Migräne dar, und erwähnte der
Hausarzt in der Krankengeschichte keine solchen (Übelkeit, Lichtempfindlichkeit,
Geräuschempfindlichkeit). Dennoch steht fest, dass die Diagnose Migräne in den
Aufzeichnungen des Hausarztes am 19. März 2002 erstmals festgehalten worden war.
Dieser Zeitpunkt liegt 51⁄2 Wochen nach dem Unfall vom 9. Februar 2002 und damit
weit ausserhalb der Karenzfrist von sieben Tagen gemäss der Internationalen
Kopfschmerzgesellschaft (International Headache Society, http://ihs-classification.org/
de/ und UV-act. 97), um von traumatisch bedingten Kopfschmerzen zu sprechen.
Selbst wenn zugunsten des Beschwerdeführers angenommen wird, dass Dr. C._ die
Diagnose Migräne nicht sofort stellte, ist nicht einzusehen, dass er anlässlich der fünf
vorangehenden Konsultationen seit dem Unfall in der Krankengeschichte keinerlei
Hinweise auf solche Gesundheitsbeeinträchtigungen oder auf Kopfschmerzen machte,
wenn solche früher schon geklagt worden sein sollten.
2.1.5 Der Beschwerdeführer lässt gegen den Bericht von Dr. B._ anführen,
anlässlich dieses Grossereignisses mit zahlreichen, zum Teil schwer verletzten Opfern
sei auf der Notfallabteilung des Kantonsspitals St. Gallen wenig Zeit für die
Untersuchung und Dokumentation geblieben. Dem ist entgegenzuhalten, dass der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Notfallarzt auch Druckschmerzen an Zeige- und Mittelfinger dokumentierte, die nicht
spezifisch behandelt werden mussten. Bei dieser Detailgenauigkeit ist es
unwahrscheinlich, dass Dr. B._ Kopfschmerzen und/oder ein Anschlagen des Kopfes
nicht dokumentierte, wenn ihm solches berichtet worden wäre (UV-act. 5).
2.1.6 Wie auch aus der Krankengeschichte hervorgeht, hatte der Hausarzt am
31. Mai 2002 die Unfallbehandlung gegenüber der Beschwerdegegnerin
abgeschlossen, nachdem der Beschwerdeführer seit 1. Mai 2002 wieder voll
arbeitsfähig geschrieben worden war (act. G 1.1 und UV-act. 4.1). Der Eintrag in der
Krankengeschichte unter dem Datum vom 29. Mai 2002 betrifft mit "Sturz bei einer
Notbremse am 17. Mai 2002" ein anderes Unfallereignis, das lumbale Schmerzen
auslöste. Das Zeichen vor "cervicale Cephalea" darf mit "Ø" für "keine" interpretiert
werden. Andernfalls wäre der Behandlungsabschluss widersinnig gewesen. Die
Unfallversicherung erfuhr echtzeitlich erst mit dem Bericht des Hausarztes vom
10. November 2003 von Migräne-Beschwerden (UV-act. 11). Im vorangehenden
Zeugnis vom 29. Juli 2003 hatte Dr. C._ ein posttraumatisches Cervicalsyndrom
diagnostiziert, keinerlei Kopfschmerzen oder Migräne-Beschwerden erwähnt und die
Wiederaufnahme der Behandlung auf den 30. Juni 2003 datiert (UV-act. 9). Diese
Angaben decken sich mit der Krankengeschichte von Dr. C._, die ausser der
einmaligen Erwähnung am 19. März 2002 erst ab Herbst 2003 Hinweise auf Migräne-
Beschwerden enthält (act. G 1.1).
2.1.7 Mit Hinweis auf die engen Platzverhältnisse am Arbeitsplatz
(Fotodokumentation act. G 13.1) lässt der Beschwerdeführer auch geltend machen, es
sei praktisch ausgeschlossen, dass er sich beim Sturz durch die heftige Kollision den
Kopf nicht an den metallenen Seitenwänden angeschlagen habe. Dem ist
entgegenzuhalten, dass der Korridor in der gleichen Richtung läuft, wie der Aufprall
erfolgte, was ein seitliches Anschlagen unwahrscheinlich macht. Auch die Schilderung
des Beschwerdeführers in der internen Unfallanzeige (UV-act. 3: "Ich wurde zu Boden
geschleudert, schlug mit Kopf und Rücken auf.") lässt nur auf ein frontales
Aufschlagen, nicht auf ein seitliches Anschlagen, schliessen. Einem erheblichen An-
oder Aufschlagen steht jedoch entgegen, dass weder Dr. B._ noch Dr. C._
irgendwelche Kontusionsmarken am Kopf feststellten und dass der Beschwerdeführer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
den erstbehandelnden Ärzten gegenüber nicht über Kopfschmerzen klagte (UV-act. 2
und 5, act. G 1.1).
2.1.8 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass unmittelbar nach dem Unfall vom
9. Februar 2002 ärztlicherseits keine Kontusionsmarken am Kopf und keine
Kopfschmerzen oder Migräne-Beschwerden dokumentiert wurden. Letztere wurden in
der Krankengeschichte erstmals am 19. März 2002 erwähnt, der Unfallversicherung
aber erst mit dem Bericht des Hausarztes vom 10. November 2003 zur Kenntnis
gebracht (act. G 1.1 und UV-act. 11).
2.2 Weiter ist umstritten, ob der Beschwerdeführer durch den Sturz am 9. Februar
2002 bewusstlos worden war und ob er eine Commotio cerebri erlitten hatte. Er lässt in
der Beschwerde ausführen, die Angabe von Dr. C._, er sei auch während der Fahrt
ins Spital noch bewusstlos gewesen (UV-act. 2 und act. G 1.1), beruhe auf einem
Missverständnis. Er sei aber auf jeden Fall kurze Zeit bewusstlos gewesen. - Dr. B._
hatte anlässlich der Notfallbehandlung keine diesbezüglichen Angaben gemacht (UV-
act. 5). Med. pract. E._ führte im Bericht vom 4. Februar 2004 an Dr. C._ aus, es
habe keine Bewusstlosigkeit bestanden. Ausgehend von einem Metall-Container, der
dem Patienten auf den Nacken/Hinterkopf gefallen sei, beschrieb er neben einer
posttraumatischen Migräne ohne Aura einen "Status nach Cervicooccipitaltrauma am
9. Dezember 2002", einen unauffälligen Neurostatus und ein Elektroencephalogramm
(EEG) in den Grenzen der Norm ohne Herdbefund oder epileptiforme Aktivität (UV-act.
15). Der Suva berichtete er am 20. Februar 2004 abweichend über einen "Status nach
Commotio cerebri/HWS-Distorsion am 9. Februar 2002" (UV-act. 13). - Es ist sehr wohl
möglich, dass der Beschwerdeführer durch den Sturz für kurze Zeit benommen war
und sich zunächst orientieren musste. Ob diese Benommenheit eine eigentliche
Bewusstlosigkeit war, kann aufgrund der vorhandenen Akten nicht geklärt werden und
muss mangels anderer Klärungsmöglichkeiten offen bleiben. - Die unfallnahen
Dokumente enthalten, ausser der relativierten Angabe von Dr. C._ bezüglich
Bewusstlosigkeit, keine Hinweise auf eine Commotio cerebri. Eine Amnesie wird nicht
berichtet. Med. pract. E._ erklärte echtzeitlich nicht, weshalb seine Beurteilung im
Bericht an die Unfallversicherung vom 20. Februar 2004 gegenüber derjenigen im
Bericht an den Hausarzt vom 4. Februar 2004 (gut zwei Wochen früher) erheblich
anders ausfiel und wie aus "keine Bewusstlosigkeit" eine "Commotio cerebri" wurde.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Eine solche Erklärung geht auch aus seinem Bericht vom 27. März 2008 an den
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers nicht hervor, obwohl er diesen ausdrücklich
wegen Ungenauigkeiten und Widersprüchen verfasste, die Dr. H._ aufgezeigt hatte
(UV-act. 129 Beilage 1 und UV-act. 97). Wie bereits dargelegt (Erwägung 2.1.2) gelten
die zugrunde liegenden späteren Ausführungen des Beschwerdeführers als weniger
glaubhaft als die unfallnahen Angaben. Auch die Gutachter am SIVM erklären nicht,
weshalb sie trotz zugegebenermassen widersprüchlicher Aktenlage den Angaben des
Versicherten folgten und von einer Commotio cerebri ausgingen (Gutachten vom
13. Februar 2009 S. 17 [act. G 13.1]). Nachdem eine Commotio cerebri aufgrund der
unfallnahen Unterlagen eher zu verneinen ist, bestehen umso weniger Anzeichen,
wonach der Beschwerdeführer ein Schädelhirntrauma im Sinn einer schweren
Hirnerschütterung, mindestens im Grenzbereich zwischen Commotio und Contusio
cerebri, erlitt. Eine solche Verletzungsschwere wäre jedoch Voraussetzung für die
Anwendung der sogenannten Schleudertrauma-Praxis unter dem Aspekt eines
Schädelhirntraumas (vgl. BGE 134 V 109 E. 9.1 S. 122 und Urteil des Bundesgerichts
8C_792/2009 vom 1. Februar 2010 E. 6.1 mit weiteren Hinweisen).
2.3 Zu prüfen ist weiter, ob der Beschwerdeführer beim Sturz vom 9. Februar 2002
eine Distorsion oder eine Schleuderverletzung der Halswirbelsäule erlitt.
2.3.1 Während Kopf und Halswirbelsäule eines durch Sicherheitsgurte im Sitz
zurückgehaltenen Autoinsassen bei einem Auffahrunfall Vorwärts- und
Rückwärtsbewegungen erleiden, wurde der Beschwerdeführer durch das Auffahren
des Regionalzugs zu Boden geworfen. Eine Schleuderbewegung im beschriebenen
Sinn ist darin nicht zu erkennen. Dr. C._ notierte am 12. Februar 2002 in der
Krankengeschichte zwar cervikale und panvertebrale Schmerzen. Er zeichnete die
Schmerzpunkte jedoch so ein, wie er den Befund im Zeugnis vom 4. März 2002 an die
Unfallversicherung wiedergab: "Schmerzen im Bereich des linken Processus
coracoideus, linksscapulär, auf Höhe C7 sowie auf Höhe von LWK 2-5" (act. G 1.1, UV-
act. 2). In diesem Zeugnis gab er als Diagnose neben den Kontusionen auch ein
"Wirbelsäulendezelerationstrauma (HWS und LWS)" an, nicht eine Distorsion der
Halswirbelsäule oder ein craniocerebrales Beschleunigungstrauma. Anlässlich der
nächsten Konsultation vermerkte der Hausarzt in der Krankengeschichte: "Schmerzen
lumbal zunehmend. Übriges deutlich gebessert." Ein buntes Beschwerdebild, das für
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Anwendung der sogenannten Schleudertrauma-Praxis Voraussetzung wäre,
präsentierte sich nicht (diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit, Visusstörungen, Reizbarkeit,
Schlafstörungen, Affektlabilität, Depression, Wesensveränderungen usw., vgl. BGE 117
V 359 E. 4b S. 360; SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67 E. 2). Selbst die Nackenschmerzen
wurden als schulterseitige Schmerzen auf Höhe des untersten Nackenwirbels (C7)
präzisiert, womit nicht überwiegend wahrscheinlich ist, dass sich innert der
massgeblichen Latenzzeit von 24 bis höchstens 72 Stunden zumindest
Halswirbelsäulen- oder Nackenbeschwerden manifestierten. Damit fehlen die
wesentlichen Merkmale einer Distorsion oder eine Schleuderverletzung der
Halswirbelsäule nach der einschlägigen Rechtsprechung (SVR 2007 UV Nr. 23 S. 75
E. 5 [U 215/05]; vgl. auch Urteile des Bundesgerichts 8C_792/2009 vom 1. Februar
2010 E. 6.1 und 8C_574/2009 vom 9. Dezember 2009 E. 5.3).
2.3.2 Der Beschwerdeführer lässt geltend machen, er habe bereits unmittelbar
nach dem Unfall an den mit der Migräne verbundenen vielfältigen Beschwerden
(Nacken- und Kopfbeschwerden, Übelkeit, Visusstörungen etc.) gelitten, die mit dem
typischen Beschwerdebild nach Distorsionen der Halswirbelsäule gleichzusetzen seien.
Dr. C._ hielt in der Krankengeschichte (act. G 1.1) keine solchen Beschwerden fest.
Med. pract. E._ berichtete im Zusammenhang mit Migräne-Attacken über Übelkeit
und Phono-/Photophobie (UV-act. 15). Aus den anfallbezogenen Beschwerden, die zu
einer Migräne passen und nur in diesem Zusammenhang rund zwei Jahre nach dem
Unfall erstmals beschrieben wurden, lässt sich jedoch nicht auf ein Beschwerdebild
nach einer Distorsion der Halswirbelsäule schliessen und keinesfalls auf einen solchen
Verletzungsmechanismus.
2.3.3 Entgegen den Ausführungen des Beschwerdeführers und seines
Rechtsvertreters lassen sich dem Unfalluntersuchungsbericht (UV-act. 129 Beilage 2)
keine Anhaltspunkte entnehmen, dass der Aufprall des Regionalzugs geeignet
gewesen sei, eine Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule zu verursachen. Der
Unfalluntersuchungsbericht hält fest, der Regionalzug sei mit ca. 30km/h gefahren und
ca. 40m vor dem Aufprall habe dessen Lokführer eine Schnellbremsung eingeleitet
(Ziffern 1.1 und 3.2). Der Aufprall erfolgte demnach keineswegs ungebremst und die
Aufprallgeschwindigkeit betrug weit weniger als 30km/h. Konkrete Schlüsse auf die
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_574%2F2009&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F117-V-359%3Ade&number_of_ranks=0#page359 http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=8C_574%2F2009&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F117-V-359%3Ade&number_of_ranks=0#page359
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kräfte, die auf den Beschwerdeführer wirkten und auf die Art seiner Verletzungen
ergeben sich aus dem Unfalluntersuchungsbericht nicht. Solche liess auch der
Beschwerdeführer nicht im Einzelnen darstellen.
2.4 Unterschiedlich berichtet wird, von welchem Objekt der Beschwerdeführer beim
Unfall getroffen wurde. In den direkten Angaben in der internen Unfallanzeige wird ein
Container angegeben (UV-act. 3), während Dr. B._ und Dr. C._ von einem (grossen)
Koffer berichten (UV-act. 2 und 5). Angesichts der konkreten Verhältnisse am
Arbeitsplatz ist eher von einem Container auszugehen. Getroffen wurde der
Beschwerdeführer an Schulter und Arm linksseitig, was aus den ärztlich erhobenen
Schmerzpunkten und seinen eigenen Angaben hervorgeht (UV-act. 2 und 5). Die
Schilderung, er sei auf den Nacken/Hinterkopf getroffen worden, taucht erstmals im
Bericht von med. pract. E._ vom 4. Februar 2004, zwei Jahre nach dem Unfall, auf
(UV-act. 15) und lässt sich durch die unfallnahen Berichte nicht stützen.
2.5 Strukturelle Verletzungen fanden sich keine: Die Röntgenuntersuchung vom
Unfalltag am Kantonsspital St. Gallen ergab keine ossären Läsionen (UV-act. 5). Die
Aufnahmen der Halswirbelsäule vom 24. Juni 2003 und vom 23. Januar 2004 zeigten
eine diskrete Fehlhaltung und leichte degenerative Veränderungen, jedoch keine
Knochenverletzung (UV-act. 7 und 17). Mit dem craniocerebralen Kernspintomogramm
vom 20. Juni 2007 konnten keine Abweichungen von der Norm und damit keine
morphologisch fassbare Migräne-Ursache gefunden werden (UV-act. 73).
3.
Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer im Einstellungszeitpunkt an einer
Migräne ohne Aura litt. Nachfolgend gilt es, diese - besonders bezüglich Kausalität - zu
beurteilen:
3.1 Wie ausgeführt (Erwägung 2.1.6) erfuhr die Beschwerdegegnerin echtzeitlich erst
mit dem Bericht des Hausarztes vom 10. November 2003 von Migräne-Beschwerden
(UV-act. 11). Dr. C._ hielt darin fest: "Weiterhin leidet der Patient an einer Migräne,
die unzweifelhaft im Gefolge des 09.02.02 stattgefundenen Unfalls aufgetreten ist. Eine
Therapie mit Inderal 80mg/täglich führte zu keinem durchschlagenden Erfolg."
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Med. pract. E._ nannte im Bericht an den Hausarzt das Unfalldatum unzutreffend mit
dem 9. Dezember 2002 und berichtete: "Seit diesem Zeitpunkt klagt der Patient über
zuvor nie aufgetretene, streng rechtsseitige Migräne-Attacken von meist 2-3 Tagen
Dauer, Frequenz durchschnittlich 4-7/Monat, mit Übelkeit, Phono-/Photophobie und
deutlicher Verstärkung durch körperliche Aktivität." In der Beurteilung hielt er fest:
"Dass die Migräne streng rechtsseitig auftritt und nicht wenigstens gelegentlich auch
auf der anderen Seite, ist als Indiz für eine symptomatische Form zu werten; aus
neurologischer Sicht besteht kein Zweifel, dass es sich um eine posttraumatische
Migräne-Form handelt." (UV-act. 15) - Eine Begründung von Dr. C._ oder med. pract.
E._, weshalb die zeitlich nach dem Unfall aufgetretene Migräne auch durch diesen
verursacht worden sei, findet sich nicht. Selbst im Bericht vom 27. März 2008 (UV-act.
129 Beilage 1) bezog sich der praktische Arzt einzig auf die nochmals neu erfragten
Angaben des Beschwerdeführers, die sich durch die unfallnahen Arztberichte und die
Krankengeschichte von Dr. C._, wie in den vorstehenden Erwägungen 2.1 und 2.2
dargestellt, nicht stützen lassen. Med. pract. E._ liess durch seine Darstellungen
auch den unzutreffenden Eindruck entstehen, die Migräne-Attacken seien seit dem
Unfall in der beschriebenen Häufigkeit aufgetreten, was sich durch die Berichte und die
Krankengeschichte von Dr. C._ und die Tatsache, dass er seinen Patienten erst nach
zwei Jahren neurologisch untersuchen liess, ebenfalls nicht stützen lässt. Das einzige
eigentliche Argument, die Migräne sei nach dem Unfall aufgetreten und auf diesen
zurückzuführen, weil der Beschwerdeführer davor nicht an solchen Beschwerden
gelitten habe, ist nach ständiger Rechtsprechung beweisrechtlich für sich allein nicht
ergiebig ("post hoc ergo propter hoc" vgl. SVR 2009 UV Nr. 13 E. 7.2.4 S. 54 mit
Hinweisen).
3.2 Dr. F._ stützte seine Aktenbeurteilung vom 24. Mai 2005 in erster Linie auf die
Angaben von med. pract. E._ (UV-act. 23). Er ging somit fälschlicherweise von einer
Kopfkontusion und einem nicht zutreffenden zeitlichen Zusammenhang aus. Auf seine
Beurteilung, die Symptomatik sei überwiegend wahrscheinlich unfallkausal, kann daher
nicht abgestellt werden.
3.3 Dr. G._ machte anlässlich der kreisärztlichen Untersuchung vom 30. März 2006
eine Bestandesaufnahme und stützte sich auf die vorhandenen Beurteilungen. Er
veranlasste eine Verlaufsbeurteilung durch med. pract. E._ (UV-act. 35). Dieser
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
berichtete am 5. Mai 2006 über den Verlauf der Migräne, die Wirkung der seither
eingesetzten Medikamente sowie über eine gewisse Besserung, seitdem der Patient
krank geschrieben worden sei. Auch in diesem Bericht führte er die Migräne einzig
nach der Formel "post hoc ergo propter hoc" auf den Unfall zurück (UV-act. 36). Die
Stellungnahmen von med. pract. E._ vom 7. Februar 2007 (UV-act. 52) und von
Dr. C._ vom 5. Februar bzw. 10. März 2007 (UV-act. 57f.) setzen sich mit der
migränebedingten Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers auseinander und
enthalten keine Hinweise zur Kausalität dieser Beschwerden.
3.4 Die neurologische Beurteilung durch Dr. H._ am 12. März 2008 (UV-act. 97)
stützt sich auf das ganze bisherige Aktendossier, wobei der Neurologe auftragsgemäss
den Schwerpunkt auf die medizinischen Akten richtete. Der Unfalluntersuchungsbericht
vom Mai 2002 (UV-act. 129 Beilage 2) und die Krankengeschichte von Dr. C._ (act.
G 1.1) lagen ihm dabei nicht vor, was der Beschwerdeführer rügt. Wie in Erwägung 2
ausgeführt, nannte der Unfalluntersuchungsbericht aus unbekannter Quelle zwar
Kopfschmerzen, doch wird diese Angabe durch kein unfallnahes Dokument gestützt,
insbesondere nicht durch die medizinischen Unterlagen. Dr. H._ durfte davon aus-
gehen, dass Dr. C._ seine Berichte an die Unfallversicherung aufgrund der
Krankengeschichte schrieb und alle relevanten Fakten aufführte. Hätte ihm auch die
Krankengeschichte vorgelegen, hätte er festgestellt, dass unfallnah keine
Kopfschmerzen dokumentiert wurden, am 19. März 2002 ein einmaliger Hinweis auf
eine Migräne verzeichnet war und Migräne-Beschwerden erst wieder ab Ende 2003
berichtet wurden. Dr. H._ verneinte eine überwiegend wahrscheinliche
Unfallkausalität der migräneartigen Kopfschmerzen aufgrund der Kontusion an linkem
Arm bzw. Schulter (Unfallmechanismus), der unfallnahen Dokumente und des
Beschwerdeverlaufs (fehlende Brückensymptomatik, Progredienz der Beschwerden
und Therapieresistenz). Die Kenntnis des einmaligen Hinweises auf eine Migräne in der
Krankengeschichte am 19. März 2002 hätte ihm zwar nicht erlaubt, von einer
erstmaligen Nennung von Kopfschmerzen ein Jahr und neun Monate nach dem Unfall
zu schreiben, die übrigen Grundlagen und Folgerungen seiner Beurteilung hätten aber
genau gleich bleiben können. - Trotz der Kritik des Beschwerdeführers und seines
Rechtsvertreters erfüllt die Aktenbeurteilung von Dr. H._ die Anforderungen gemäss
der Rechtsprechung: Sämtliche Akten, die von der Beschwerdegegnerin bis zu jenem
Zeitpunkt zur Dokumentation zusammengetragen worden waren, inklusive eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schilderung des Unfallhergangs durch den Beschwerdeführer selbst, lagen dem
Neurologen vor. Sie erlaubten ihm, sich ein umfassendes Bild zu machen. Die
Beurteilung von Dr. H._ erscheint als schlüssig, ist nachvollziehbar begründet und in
sich widerspruchsfrei. Es bestehen auch keine Indizien gegen ihre Zuverlässigkeit.
Deshalb darf vorliegend auf die neurologische Beurteilung von Dr. H._ abgestellt
werden.
3.5 Der Beschwerdeführer lässt weiter anführen, laut SIVM-Gutachten vom
13. Februar 2009 lägen als Folge des Unfalls vom 9. Februar 2002 eine
posttraumatische Migräne und ein intermittierendes, leichtes Cervicalsyndrom vor,
womit die natürliche Kausalität bestätigt werde (act. G 13.1). Das SIVM-Gutachten war
von der IV in Auftrag gegeben worden und hatte sich nicht mit Kausalitätsfragen zu
befassen. Die Aktenzusammenfassung des Gutachtens lässt darauf schliessen, dass
den Gutachtern das Arztzeugnis von Dr. C._ vom 29. Juli 2003 nicht zur Verfügung
stand, das die Wiederaufnahme der Behandlung wegen eines posttraumatischen
Cervicalsyndroms dokumentiert und keinerlei Hinweise auf Kopfschmerzen oder
Migräne-Beschwerden enthält (UV-act. 9). Den Gutachtern standen die übrigen
medizinischen Unterlagen der Suva vollständig zur Verfügung. Sie erkannten die
Widersprüchlichkeit der Aktenlage bezüglich Bewusstlosigkeit und Commotio cerebri
und stellten fest, dass die Akten unterschiedliche Angaben bezüglich Erstmanifestation
der Migräne enthalten. Dennoch stützten sie sich sieben Jahre nach dem Unfall ohne
nähere Begründung und ohne Diskussion der Widersprüche auf die Angaben des
Beschwerdeführers. Das SIVM-Gutachten kann daher nicht als nachvollziehbar
begründet und widerspruchsfrei bezeichnet werden. Insbesondere ist damit weder der
natürliche Kausalzusammenhang zwischen den Migräne-Beschwerden und dem Unfall
vom 9. Februar 2002 überwiegend wahrscheinlich erstellt, noch ist dargetan, dass sich
diese Beschwerden - entgegen den unfallnahen Akten - bereits am Unfalltag oder kurz
danach manifestierten.
3.6 Der Beschwerdeführer lässt weiter beantragen, beim SIVM sei ein
Zusatzgutachten in Auftrag zu geben, sollte die Kausalität weiterhin bestritten werden.
Es ist nicht anzunehmen, dass weitere medizinische Abklärungen für die Beurteilung
des vorliegend relevanten Sachverhalts, insbesondere für die Würdigung der
unfallnahen Akten, neue Erkenntnisse bringen. Deshalb kann in antizipierter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beweiswürdigung darauf verzichtet werden (vgl. BGE 134 V 231 E. 5.3 S. 234 und BGE
131 I 153 E. 3 S. 157 je mit Hinweisen).
3.7 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die unfallnahen medizinischen Akten
weder einen Hinweis auf eine Kontusion des Kopfs noch auf Kopfschmerzen enthalten
und diesbezüglich der ebenfalls unfallnahen Schilderung des Beschwerdeführers
entsprechen. Alle Berichte, die die Migräne kausal dem Unfall zuordnen, tun dies allein
aufgrund der unergiebigen Formel "post hoc ergo propter hoc". Sie gehen dabei
weitgehend davon aus, der Beschwerdeführer sei von einem herabfallenden
Gegenstand am Nacken und Hinterkopf getroffen worden, was nicht dem echtzeitlich
erhobenen Ablauf entspricht. Demgegenüber wird einzig von Dr. H._ eine
umfassende Gesamtwürdigung der (medizinischen) Akten vorgenommen und gestützt
darauf die Unfallkausalität der migräneartigen Kopfschmerzen überzeugend als nicht
überwiegend wahrscheinlich dargestellt. In Würdigung der gesamten Aktenlage muss
der natürliche Kausalzusammenhang der Migräne-Beschwerden zum Unfall vom
9. Februar 2002 verneint werden. Der adäquate Kausalzusammenhang ist demnach
nicht mehr zu prüfen. Die Beschwerdegegnerin hat ihre Leistungen somit zu Recht per
31. März 2008 eingestellt und eine weitere Leistungspflicht verneint.
4.
4.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
Gerichtskosten sind gemäss Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) keine zu erheben.
4.2 Der Staat ist zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung zu verpflichten, für die
Kosten der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers aufzukommen. Dabei ist zu
berücksichtigen, dass dem unentgeltlichen Rechtsbeistand lediglich ein um 20%
reduziertes Honorar zusteht (vgl. Art. 31 Abs. 3 des st. gallischen Anwaltsgesetzes,
sGS 963.70). Wenn es die wirtschaftlichen Verhältnisse des Beschwerdeführers
gestatten, kann er zur Nachzahlung der Auslagen für die Vertretung und der vom Staat
entschädigten Parteikosten verpflichtet werden (Art. 288 Abs. 1 des st. gallischen
Zivilprozessgesetzes, systematische Gesetzessammlung des Kantons St. Gallen [sGS]
961.2, i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des st. gallischen Gesetzes über die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/37
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1). Am 21. Januar 2010 reichte der Rechtsvertreter
des Beschwerdeführers eine Honorarnote über Fr. 4'317.25 (inkl. Barauslagen und
Mehrwertsteuer) ein (act. G 18). Der eingereichten Honorarnote kann nicht entsprochen
werden. Die Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (sGs 963.75) sieht
für die Verwaltungsrechtspflege das Pauschalhonorar als Regelfall vor. In
unfallversicherungsrechtlichen Verfahren spricht das Versicherungsgericht regelmässig
eine pauschale Entschädigung zwischen Fr. 3'500.-- und Fr. 4'500.-- zu. In Würdigung
aller Umstände wird die Parteientschädigung auf Fr. 3'200.-- (80% von Fr. 4'000.-- inkl.
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festgelegt.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG