Decision ID: a213ebc6-38c7-4adf-906a-3b51710dfe18
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Josef Jacober, Oberer Graben 44, Postfach,
9001 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
betreffend
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich im Dezember 2007 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an: Umschulung auf eine neue Tätigkeit, allenfalls Invalidenrente.
Dabei wurde darauf hingewiesen, dass der Versicherte seit fünf Jahren an
Schulterschmerzen leide und deshalb Arbeiten über der Schulterhöhe nicht verrichten
könne (IV-act. 3). Er hatte sich im September 2004 einer Acromioplastik sowie einer
Acromioclavicular (AC)-Gelenkresektion und am 23. März 2007 einer Schulter
arthroskopie mit Teilresektion des superioren Labrums bei SLAP-Läsion sowie einer
arthroskopischen subacromialen Dekompression unterzogen (IV-act. 31/6 und 10-15).
Vom 3. Mai 2004 bis 31. Dezember 2007 war er als Berufsarbeiter (Gipser) beim B._
angestellt gewesen (IV-act. 8).
A.b Die seit 4. Dezember 2007 behandelnde Dr. med. C._, Fachärztin FMH für
Psychiatrie und Psychotherapie, stellte im Bericht vom Oktober 2008 die Diagnosen
"Angst und depressive Störung gemischt" (ICD-10: F41.2) sowie dissoziative Störung
der Bewegung und der Sinnesempfindungen (ICD-10: F44.7), die sich auf die Arbeits
fähigkeit auswirken würden. Akzentuiert ängstliche Persönlichkeitszüge (ICD-10: Z73.1)
und traumatische Kriegserlebnisse (ICD-10: Z65.5) zeitigten keinen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit. Bei unerwarteter Kündigung sei der Versicherte vom Hausarzt wegen
einer depressiven Entwicklung überwiesen worden; er sei in einer adaptierten Tätigkeit
zu 50% arbeitsfähig mit knapp voller Leistung (IV-act. 30).
A.c Der Hausarzt Dr. med. D._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, berichtete am
27. Oktober 2008, der Versicherte leide seit mehreren Jahren an Schulterschmerzen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rechts, die trotz operativer und konservativer Behandlung persistieren würden.
Nachdem ihm gekündigt worden sei, habe sich ein Angstzustand mit Depression ent
wickelt. Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sei ihm nicht mehr zumutbar; in einer
adaptierten Tätigkeit bestehe eine 50% Arbeitsfähigkeit (IV-act. 31/2 f.).
A.d Die Psychiaterin Dr. C._ bat am 20. April 2009 die Psychiatrischen-Dienste,
Psychiatrie Zentrum E._, Tagesklinik F._, den Versicherten für eine teilstationäre
Behandlung aufzubieten (IV-act. 79/20).
A.e In der Folge berichtete Dr.med. G._, Tagesklinik F._, in einer E-Mail vom
4. Mai 2009 zuhanden der behandelnden Psychiaterin von einem Vorgespräch,
während dessen der Versicherte eine mindestens latent vorhandene, stark
schwankende Suizidalität vorgebracht habe. Aufgrund dessen und der sehr
weinerlichen instabilen Verfassung sei ihm eine stationäre Therapie empfohlen worden
(IV-act. 79/19).
A.f Vom 25. Mai 2009 bis 15. Juli 2009 befand sich der Versicherte in der Klinik H._.
Die Oberärztin Dr. med. I._ nannte im Austrittbericht vom 16. Juli 2009 (IV-
act. 79/21-24) unter anderem die Diagnosen "Angst und depressive Störung
gemischt" (ICD-10: F41.2) und anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10
F45.4). Im Bericht zuhanden der IV-Stelle vom 18. August 2009 führte Dr. I._
folgende Diagnosen an: schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome
(ICD 10: F32.2), posttraumatische Belastungsstörung (ICD.10: F43.1) sowie
degenerative Schulterschmerzen rechts. Von Suizidgedanken habe sich der Versicherte
deutlich und glaubhaft distanzieren können. Es sei unter der stationären
psychiatrischen Behandlung zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes und
einer Zunahme des Wohlbefindens sowie der Leistungsfähigkeit gekommen. Eine
Arbeitsunfähigkeit von 100% in der letzten ausgeübten Tätigkeit bestehe bis
mindestens 20. Juli 2009. Eine Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit sei denkbar,
wobei von einer allmählichen Steigerung der Arbeitsfähigkeit auszugehen sei -
beginnend mit zumindest 30% ab September 2009 (IV-act. 41).
A.g Die Psychiaterin Dr. C._ gab im Verlaufsbericht vom 19. Oktober 2009 an, die
Angstsymptomatik habe sich intensiviert, es zeigten sich ein regressives Verhalten und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zunehmende Gedanken des Lebensüberdrusses (IV-act. 46). Sie beantwortete am
4. Februar 2010 Zusatzfragen der IV-Stelle wie folgt: Eine integrierte psychiatrische
Behandlung finde in monatlichen Abständen statt, die Arbeitsunfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit betrage 100% und die Aufnahme einer adaptierten Tätigkeit
sei lediglich zu 50% angezeigt in einem geschützten Rahmen im Sinne eines
Arbeitsversuchs (IV-act. 52/2).
A.h Im Auftrag der IV-Stelle untersuchte die Ärztliches Begutachtungsinstitut (ABI)
GmbH, Basel, den Versicherten am 14. Juni 2010 polydisziplinär. Im Gutachten vom
12. August 2010 hielten die ABI-Gutachterpersonen fest, als
Gesundheitsbeeinträchtigung habe der Versicherte zunehmende Schmerzen in der
rechten Schulter angegeben, welche ihn bei der Arbeit als Gipser behindert und
allmählich zu Depressionen geführt hätten. Gestützt auf die orthopädische
Untersuchung bestätigten sie die Schulterproblematik rechts mit einem subakromialen
und allenfalls auch subkorakoidalen Rest-Impingement (ICD-10: M75.4) und führten
zudem die Diagnose eines chronischen lumbovertebralen und möglicherweise
intermittierend lumboischialgiformen Schmerzsyndroms (ICD-10: M54.5/M54.4) an. Die
geklagten Beschwerden an der rechten Schulter liessen sich orthopädisch
objektivieren, weshalb für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit als Gipser mit häufigen
Überkopfarbeiten sowie für andere körperlich schwere Tätigkeiten eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit bestehe. Für körperlich leichte bis mittelschwere, wechselbelastende
Tätigkeiten sei der Versicherte aus orthopädischer Sicht zu 100% arbeitsfähig, wobei
Überkopfarbeiten mit den Armen und Zwangshaltungen des Rumpfes zu vermeiden
seien. Bei der psychiatrischen Untersuchung wurde eine mittelgradige depressive
Episode (ICD-10: F32.1) festgestellt. Aufgrund der Klagen über diverse andere
körperliche Beschwerden und der subjektiv eingeschränkten Leistungsfähigkeit wurde
ferner eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F45.4) diagnostiziert. Die
mittelgradige depressive Episode bilde eine psychiatrische Komorbidität, infolge derer
seit Oktober 2008 aus psychiatrischer Sicht eine Einschränkung um 30% für jegliche
Tätigkeit bestehe. Gesamthaft sei die Restarbeitsfähigkeit von 70% in einer adaptierten
Tätigkeit vollschichtig realisierbar (IV-act. 58/18-21).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Mit Vorbescheid vom 4. Januar 2011 kündigte die IV-Stelle dem Versicherten die
vorgesehene Abweisung des Rentenanspruches bei einem Invaliditätsgrad von 33% an
(IV-act. 68).
B.b Dagegen liess der Versicherte am 19. Januar 2011 Einwand erheben (IV-act. 71)
und diesen mit Eingabe vom 31. März 2011 begründen (IV-act. 79/1-13) - dies vor
allem gestützt auf beigelegte Stellungnahmen der behandelnden Psychiaterin Dr. C._
vom 14. März 2011 (IV-act. 79/17 f.) und des Hausarztes Dr. D._ vom 18. März 2011
(IV-act. 79/15).
B.c Die Psychiaterin Dr. C._ hielt mit Stellungnahme vom 14. März 2011 fest,
diagnostisch stimme sie mit Dr. G._, Tagesklinik F._, und Frau Dr. I._ überein.
Die Diagnose "Angst und depressive Störung gemischt" (ICD-10: F41.2) bestehe
aktuell mit "schwerer Ausprägung mit Derealisations- und
Depersonalisationserlebnissen sowie subakuter Suizidalität". Aufgrund der vierjährigen
Therapie gehe sie nicht nur von einer ängstlichen Persönlichkeitsstruktur, sondern von
einer "kombinierten Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen, abhängigen und
zwanghaften Anteilen" (ICD-10: F61.0) aus. Zudem bestünden eine
Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.0) sowie traumatische Kriegserlebnisse (ICD-10:
Z65.5). Anders als im ABI-Gutachten dargelegt, habe sich der Versicherte über die
Jahre hinweg als sehr motiviert für seine Genesung gezeigt; der Misserfolg seiner
Genesung und Arbeitsreintegration sei für ihn unerträglich, stark schambesetzt und
begleitet von intensiven Minderwertigkeitsgefühlen als Mensch und Mann. Die
gutachterliche Feststellung, dass er die Medikamente nicht einnehme, sei sehr
unwahrscheinlich, habe doch auch auf Verlangen des Versicherten die neuroleptische
Medikation nach dem Austritt aus der Klinik H._ wieder aufgenommen werden
müssen. Aufgrund des komplexen psychiatrischen Störungsbilds führe jegliche
Belastung höchstwahrscheinlich zu einer Zunahme der Beschwerden. Die
Selbsteinschätzung einer Arbeitsfähigkeit zu 50% sei aufgrund der komplex-defizitären
Persönlichkeitsstruktur nicht realistisch; denkbar sei eine Arbeitsleistung von 50%
lediglich in stressfreier, geschützter Umgebung - auf dem freien Arbeitsmarkt sei der
Versicherte realistischerweise arbeitsunfähig (IV-act. 79/17 f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.d Der Hausarzt Dr. D._ brachte in der Stellungnahme vom 18. März 2011 vor, das
ABI-Gutachten verharmlose das Leiden des Beschwerdeführers, indem es die
Depression und Angststörung als mittelgradig einstufe. Die Begutachtung sei zudem
pauschal gemacht worden und entspreche nicht der Wahrheit, weil sie eine
gleichmässige Beweglichkeit in der linken und rechten Schulter feststelle und den
Bericht des behandelnden Orthopäden Dr. J._ vom 21. November 2007 (vgl. IV-
act. 31/10 f.) ausser Acht lasse, wonach eine dritte Schulteroperation als ultima ratio in
Erwägung zu ziehen sei. Der Hausarzt schloss sich der Arbeitsfähigkeitsschätzung
durch die behandelnde Psychiaterin an (IV-act. 79/15).
B.e Zur Einwandbegründung vom 31. März 2011 erstattete der psychiatrische ABI-
Gutachter eine Stellungnahme zuhanden der IV-Stelle, versehentlich auf den
12. August 2010 datiert (IV-act. 85), aber am 26. Mai 2011 zugestellt (vgl. IV-act. 87).
Darin wurden die formellen und inhaltlichen Rügen als unzutreffend zurückgewiesen.
Die gesamte Untersuchung habe mehr als eineinhalb Stunden in Anspruch genommen,
wie den umfangreichen Untersuchungsbefunden entnommen werden könne. Bei der
psychiatrischen Untersuchung seien weder eine schwere depressive Störung noch
Hinweise auf Suizidalität festgestellt worden. Der Versicherte sei nie schwer
traumatisiert worden, weshalb die Diagnose einer posttraumatischen
Belastungsstörung nicht gestellt werden könne. Er habe sich während der
Hospitalisation in der Klinik H._ schnell von der depressiven Krise erholt; so sei eine
Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit in Aussicht gestellt worden und habe bereits bei
Austritt eine Arbeitsfähigkeit von 30% bestanden. Wenn er einmal vorübergehend
Suizidgedanken geäussert habe, bedeute dies nicht, dass keine Arbeitsfähigkeit mehr
bestehe. Unter "Angst und depressive Störung, gemischt" (ICD-10 F41.2) werde ein
leichtes psychiatrisches Zustandsbild verstanden, bei dem depressive und ängstliche
Anteile nicht den Schwergrad einer leichten depressiven Störung oder einer
eigentlichen Angststörung erreichen würden. Eine Persönlichkeitsstörung könne nicht
diagnostiziert werden, da der Versicherte während Jahren ohne Schwierigkeiten
beruflich tätig gewesen sei und auch keine Schwierigkeiten in der Familie gehabt habe.
Eine Persönlichkeitsstörung wirke sich hingegen bereits bei Eintritt ins Erwachsenalter
aus und schränke die Arbeitsfähigkeit sowie die privaten Bezüge massiv ein. Die
Diagnose der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung könne bestätigt werden, da
die Klagen über die Schmerzen deutlich im Vordergrund stünden. Die Diagnose einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
posttraumatischen Belastungsstörung könne nicht gestellt werden, weil der
Beschwerdeführer nicht unter Angsträumen leide und sich ihm das im Krieg Erlebte
auch nicht aufdränge (IV-act. 85).
B.f Auf Anfrage der IV-Stelle (IV-act. 86) gab der letzte Arbeitgeber am 7. Juni 2011
die vom Versicherten in der Zeit von 2004 bis 2007 erzielten Bruttojahreseinkommen
(ohne Kinderzulagen und Spesen) an und wies auf die krankheitsbedingten Absenzen
hin. Seinem Schreiben legte er einen Auszug aus dem Gesamtarbeitsvertrag
2009-2012 für das Maler- und Gipsergewerbe bei (IV-act. 88).
C.
Mit Verfügung vom 8. Juli 2011 wies die IV-Stelle den Anspruch auf eine Rente ab. Es
sei an den Schlussfolgerungen des ABI-Gutachtens vom 12. August 2010 und damit an
der attestierten 70%igen Arbeitsfähigkeit festzuhalten. Gestützt darauf ergebe sich
folgender Einkommensvergleich: Bei einem Valideneinkommen von Fr. 64 ́066.-- und
einem Invalideneinkommen Fr. 41 ́983.-- resultiere eine Erwerbseinbusse von
Fr. 22'083.--, die einem nicht rentenbegründenden Invaliditätsgrad von 34%
entspreche (IV-act. 89/4).
D.
D.a Dagegen erhob Rechtsanwältin Marion Sutter für den Versicherten am
12. September 2011 Beschwerde mit den Anträgen, es sei ein neutrales Obergutachten
einzuholen und dem Beschwerdeführer sei nach durchgeführtem Beweisverfahren eine
"volle" Invalidenrente zuzusprechen; eventualiter sei ihm eine halbe Rente
zuzusprechen - alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zum einen stellt die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers den Beweiswert des ABI-Gutachtens vom
12. August 2010 in Abrede, weil dieses mit formellen und inhaltlichen Mängeln behaftet
sei und seine Schlussfolgerungen (Diagnosen und Arbeitsunfähigkeiten) nicht mit
denjenigen der behandelnden Ärzten übereinstimmen würden. Zum anderen
beanstandet sie die Verlässlichkeit der Grundlagen, welche die Beschwerdegegnerin
für die Ermittlung des Valideneinkommens heranzog, sowie den Umstand, dass beim
Invalideneinkommen kein Abzug vom Tabellenlohn vorgenommen wurde. Des Weiteren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bringt sie vor: Selbst wenn auf die Schlussfolgerungen des ABI-Gutachtens abgestellt
und für das Invalideneinkommen vom Tabellenlohn von Fr. 59 ́976.-- ausgegangen
werde, resultiere bei einer 70%igen Arbeitsfähigkeit und einem Tabellenlohnabzug von
25% ein Invalideneinkommen von Fr. 31 ́487.40; so ergebe sich im Vergleich mit einem
Valideneinkommen von Fr. 74 ́280.-- ein Invaliditätsgrad von 57,6% (act. G 1).
D.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 28. November
2011 die Abweisung der Beschwerde. Einerseits betrachtet sie das ABI-Gutachten als
beweiskräftig in medizinischer Hinsicht, kommt aber nun zum Schluss, die darin
geschätzte Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 30% könne im Lichte der zu
anhaltenden somatoformen Schmerzstörungen ergangenen Rechtsprechung nicht
berücksichtigt werden. Andererseits sei der Beschwerdeführer jahrelang als
Hilfsarbeiter in Bau-, Gipser- oder Malergeschäften tätig gewesen und der
krankheitsbedingte Tätigkeitswechsel erfolge ebenfalls im Rahmen der Hilfstätigkeiten,
weshalb sich daraus keine Erwerbseinbusse ergebe (act. G 6).
D.c In der Replik vom 18. Januar 2012 hält die Rechtsvertreterin des Beschwerde
führers unverändert an ihren Anträgen fest. Sie stellt sich unter anderem auf den
Standpunkt, die Beschwerdegegnerin reduziere die vielfältige Gesundheitsproblematik
auf die somatoformen Schmerzstörungen und übersehe, dass die diagnostizierte
depressive Störung eine weitere (eigenständige) Diagnose darstelle. Überdies verkenne
die Beschwerdegegnerin zweierlei: Für den Beschwerdeführer sei es unmöglich, eine
Maler- oder Gipserarbeit zu finden, in der keine Überkopfarbeiten erforderlich seien,
und ihm sei es aufgrund seines Alters und seiner Sprachkenntnisse unzumutbar, sich in
einer gänzlich neuen Arbeitsbranche zu orientieren. Was die Rechtsvertretung des
Beschwerdeführers anbelange, werde diese ab Februar 2012 durch Rechtsanwalt
Josef Jacober übernommen (act. G 8).
D.d Die Beschwerdegegnerin hat von der für eine allfällige Duplik gesetzten Frist
keinen Gebrauch gemacht (act. G 10).
E.
Auf die Ausführungen in den einzelnen Rechtsschriften sowie den Inhalt der weiteren

Akten wird, soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen eingegangen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwägungen:
1.
Mit der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin einen Rentenanspruch
des Beschwerdeführers abgelehnt. Streitig und vorliegend zu prüfen ist daher, ob diese
Abweisung rechtmässig erfolgt ist.
1.1 Anspruch auf eine Invalidenrente hat eine versicherte Person, wenn sie ihre
Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen,
erhalten oder verbessern kann, während einer einjährigen Wartefrist durchschnittlich
mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen ist und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40% invalid ist (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG hat die versicherte
Person Anspruch auf eine ganze IV-Rente, wenn sie mindestens zu 70% invalid ist; bei
einem Invaliditätsgrad von mindestens 60% besteht ein Anspruch auf eine
Dreiviertelsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% Anspruch auf eine
halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% Anspruch auf eine
Viertelsrente. Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit andauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG, SR 830.1]); sie umfasst mit
anderen Worten die erwerblichen Folgen der Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit.
1.2 Die Invalidität setzt daher voraus, dass der Gesundheitsschaden sowie dessen
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit festgestellt worden sind. Dabei sind die
rechtsanwendenden Behörden auf die Einschätzung der medizinischen Lage durch
Fachpersonen angewiesen, welche den Gesundheitszustand beurteilen und dazu
Stellung nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Aufgabe der IV-Stelle und
der Sozialversicherungsgerichte ist es zu würdigen, ob die ärztlichen Aussagen und
Einschätzungen eine zuverlässige Beurteilung des Leistungsanspruchs erlauben. Ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dies der Fall, so ist gestützt auf diese medizinischen Feststellungen und, in der Regel,
anhand eines Einkommensvergleichs (Art. 16 ATSG) der Invaliditätsgrad zu bemessen.
2.
Die Beschwerdegegnerin stellte in medizinischer Hinsicht auf das ABI-Gutachten vom
12. August 2010 ab, wonach beim Beschwerdeführer eine Restarbeitsfähigkeit von
70% bestehe (IV-act. 58/20). Im Folgenden ist zu klären, ob der Sachverhalt auf dieser
medizinischen Grundlage rechtsgenüglich erstellt ist.
2.1 Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers beanstandet in formeller Hinsicht
zweierlei am ABI-Gutachten:
2.1.1 Zum einen sei das Gutachten trotz mangelnder Sprachkenntnisse ohne
Beisein eines Dolmetschers erstellt worden (act. G 1/11). Die Gutachter hätten
vermerkt, der Beschwerdeführer verfüge über sehr gute Deutschkenntnisse (vgl. IV-
act. 58/10); dies stimme aber mit der Feststellung des Eingliederungsverantwortlichen
vom 6. Februar 2008 nicht überein, wonach aufgrund der lückenhaften
Deutschkenntnisse die kognitiven Ressourcen für eine Umschulung nicht vorhanden
seien (vgl. IV-act. 21/10). Dem ist Folgendes entgegenzuhalten: Zwar schätzte der
Beschwerdeführer selber im Fragebogen betreffend Beratung und Unterstützung bei
der Stellensuche seine Deutschkenntnisse als mangelhaft und schriftlich unzureichend
ein, er erachtete jedoch die Verständigung als möglich (IV-act. 22/2). Wie der
psychiatrische ABI-Gutachter in der Stellungnahme zum Einwand festhält, besteht ein
erheblicher Unterschied zwischen der Fähigkeit, sich mündlich zu unterhalten, und den
Sprachkenntnissen, die eine Umschulung voraussetzt. Der Beschwerdeführer lebt seit
1989 in der Schweiz und hat sich bei der psychiatrischen Untersuchung gemäss den
Angaben des psychiatrischen Gutachtens problemlos in der deutschen Sprache
verständigen können (IV-act. 85). Zwar kommt der bestmöglichen sprachlichen
Verständigung zwischen Experte und versicherter Person insbesondere bei der
psychiatrischen Abklärung besonderes Gewicht zu; es besteht jedoch kein
bedingungsloser Anspruch auf Durchführung einer Begutachtung in der Muttersprache
der versicherten Person. Die Frage, ob eine medizinische Abklärung unter Beizug eines
Dolmetschers im Einzelfall geboten ist, hat grundsätzlich der Gutachter im Rahmen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sorgfältiger Auftragserfüllung zu entscheiden. Massgebend ist die Aussagekraft und
damit die beweismässige Verwertbarkeit des Gutachtens als Entscheidungsgrundlage.
Ob unter den konkreten Umständen die sprachliche Verständigung zwischen dem
Gutachter und dem Exploranden hinreichend gelingt, um eine verlässliche
Begutachtung zu gewährleisten, ist eine Frage der Beweiswürdigung: Es fällt ins
Gewicht, ob Schwierigkeiten mit der Verständigung im Laufe der Untersuchung fest
gestellt wurden oder die versicherte Person darlegt, inwiefern sich die angeblichen
Sprachschwierigkeiten auf die Qualität des Gutachtens ausgewirkt hätten (Urteil des
Bundesgerichtes vom 18. April 2011, 8C_913/2010, E. 3.3.1- 3.3.3 mit Hinweisen).
Vorliegend finden sich keine Anhaltpunkte dafür, dass sich Missverständnisse ergeben
hätten, und die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers benennt keine Passagen, bei
denen das Gutachten von seinen Vorbringen abweichen würde.
2.1.2 Zum andern liege der Verdacht nahe, dass die Gutachter lediglich aus den
Vorakten abgeschrieben hätten, weil nach Aussagen des Beschwerdeführers die
gesamte Untersuchung vom 14. Juni 2010 gerade mal eineinhalb Stunden gedauert
habe und die psychiatrische Exploration maximal 15 Minuten (act. G 1/11). Ein
genereller Zeitrahmen für eine Untersuchung lässt sich nicht festlegen. Angaben zur
Dauer einer psychiatrischen Exploration sind nicht nur wünschbar (vgl. Urteil des
Bundesgerichtes vom 14. November 2007, I 1094/06, E. 3.1.1), sondern gemäss seit
1. Juli 2012 verbindlichem IV-Rundschreiben Nr. 313 vom 6. Juni 2012 auch
unerlässlich - dies gestützt auf Ziff. 1.3.3 der "Qualitätsleitlinien für psychiatrische
Gutachten in der Invalidenversicherung" vom Februar 2012 (auf der Homepage der
Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) http://
www.psychiatrie.ch abrufbar und unter der Rubrik „Empfehlungen“ publiziert). Da die
Angabe über den Zeitaufwand vom Beschwerdeführer stammt, lässt sich die
Richtigkeit der gestützt darauf von dessen Rechtsvertreterin gezogenen
Schlussfolgerung nicht eruieren (vgl. Stellungnahme der ABI-Gutachten zum Einwand;
IV-act. 85), weshalb sich unlösbare Beweisschwierigkeiten ergeben (vgl. Andreas
Traub, Schranken der Mitwirkungspflicht der Versicherten bei der Abklärung des
rechtserheblichen medizinischen Sachverhalts: zum Beweiswert psychiatrischer
Gutachten unter dem Aspekt der Untersuchungsdauer, SZS 2008 S. 393 f. mit
Hinweisen). Eine viertelstündige psychiatrische Untersuchung erscheint dem Gericht
kaum genügend. Problematisch ist, dass die ABI (bislang) generell keine Zeitangaben
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
macht. Das führt bei einfacher Bestreitung zu einem Beweisnotstand des
Beschwerdeführers. Wenn der psychiatrische Gutachter die Pflicht zur Angabe der
Untersuchungsdauer verletzt, ist auf die Aussage der versicherte Person abzustellen,
wenn diese sie glaubhaft machen kann. Nun enthält das psychiatrische Teilgutachten
einerseits einige zusätzliche Informationen, die bisher nicht in den Akten vorhanden
waren (vgl. Gutachtenteil 4.1.1.2 Subjektive Angaben"), so dass eine
Untersuchungsdauer von 15 Minuten kaum plausibel erscheint. Anderseits gilt die oben
zitierte Weisung vom BSV erst seit dem 1. Juli 2012. Massgebend bleibt unter diesen
Umständen die Frage, ob die Expertise inhaltlich vollständig und im Ergebnis schlüssig
ist (Urteil des Bundesgerichts vom 27. Mai 2013, 8C_737/2012, E. 3.4 mit Hinweis).
2.1.3 Das ABI-Gutachten kann damit als Entscheidungsgrundlage dienen.
2.2 Das Bundesgericht hat in BGE 125 V 352 E. 3a Anforderungen an die
Beweistauglichkeit von Arztberichten aufgestellt.
2.2.1 Vorliegend haben die ABI-Gutachter den Beschwerdeführer allseitig -
nämlich internistisch, orthopädisch und psychiatrisch - untersucht, die streitigen
Belange umfassend behandelt, die medizinischen Vorakten einbezogen und sich mit
den Auffassungen der behandelnden Medizinalpersonen sowie dem subjektiven Leiden
des Beschwerdeführers auseinander gesetzt. Das ABI-Gutachten ist in formeller
Hinsicht vollständig und die Experten haben ihre Schlussfolgerungen verständlich
begründet. Zweifel an seiner Richtigkeit machen jedoch die Psychiaterin Dr. C._ und
der Hausarzt Dr. D._ mit Eingaben vom 14. März 2011 und vom 18. März 2011
geltend (IV-act. 79/15-19).
2.2.2 Angesichts der Divergenz von medizinischem Behandlungs- und
Abklärungsauftrag kommt es bekanntlich oft vor, dass behandelnde Medizinalpersonen
und Gutachter denselben Sachverhalt anders beurteilen. Dies kann nicht automatisch
zu Beweisweiterungen führen, sofern die Gutachter lege artis vorgegangen sind: Wenn
eine medizinische Administrativ- oder Gerichtsexpertise die Anforderungen an die
Beweistauglichkeit erfüllt, ist darauf abzustellen (Urteile des Bundesgerichtes vom 4.
März 2013, 9C_794/2012, E. 4.2; vom 10. August 2011, 8C_997/2010, E. 3.2; vom
29. September 2009, 9C_661/2009, E. 3.2 und vom 5. März 2009, 8C_694/2008,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E. 5.1), es sei denn, die behandelnden Medizinalpersonen tragen nicht nur
Meinungsverschiedenheiten, sondern objektiv feststellbare Gesichtspunkte vor, die
dem Administrativexperten entgangen sind: Aspekte, die im Rahmen der
psychiatrischen Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben und die geeignet
sind, zu einer abweichenden Beurteilung zu führen (Urteile des Bundesgerichtes vom
28. Januar 2011, 9C_746/2010, E. 3.1; vom 13. März 2006, I 676/05, E 2.4 in fine und
vom 2. August 2006, U 58/06, E. 2.2 in fine). Im Folgenden ist deshalb zu prüfen, ob die
Feststellungen der behandelnden Medizinalpersonen die Beweiskraft des ABI-
Gutachtens zu schmälern vermögen:
2.3 Unbestritten ist, dass die Gesundheitsbeeinträchtigungen aus orthopädischer
Sicht das Spektrum der Verweistätigkeiten einschränken. Inwiefern die Arbeitsfähigkeit
auf dieser Grundlage auch quantitativ vermindert wäre, ist gestützt auf die Kritik des
Hausarztes an das ABI-Gutachten nicht ersichtlich. Vielmehr begründet er die
(quantitative) Arbeitsunfähigkeit anhand der psychiatrischen Beurteilung durch Frau Dr.
C._ (vgl. IV-act. 79/15). Der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers kann nicht
gefolgt werden, soweit sie geltend macht, der Verweis auf adaptierte Tätigkeiten sei
nicht nachvollziehbar, weil leichte Tätigkeiten in der Branche des Beschwerdeführers
nicht existieren würden und eine Umschulung nicht durchführbar sei (act. G 1). Denn
ihm sind Verweistätigkeiten ausserhalb der bisherigen Gipser-Tätigkeit zumutbar und
er braucht für einfache und repetitive Hilfstätigkeiten keine umfassende Umschulung.
2.4 Im Vordergrund steht somit das psychische Leiden. Dieses kann in gleicher Weise
wie körperliche Gesundheitsschäden die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen und eine
Invalidität begründen (vgl. Art. 6 und 7 ATSG). Das Vorliegen eines fachärztlich
ausgewiesenen psychischen Leidens mit Krankheitswert ist aus rechtlicher Sicht wohl
Voraussetzung, nicht aber hinreichende Basis für die Annahme einer invalidisierenden
Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Vielmehr können psychische Beschwerden oder
ihre Folgen als überwindbar gelten, indem der versicherten Person zumutbar sei, allen
guten Willen aufzubringen, um trotz der geklagten Beschwerden einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen (BGE 131 V 50 E. 1.2).
2.5 Aus psychiatrischer Sicht stellt das ABI-Gutachten die Diagnose mittelgradige
depressive Episode (ICD-10: F32.1) sowie anhaltende somatoforme Schmerzstörung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(ICD-10 F45.4) und schätzt die Arbeitsunfähigkeit auf 30%. Die behandelnde
Psychiaterin Dr. C._ nennt die Diagnosen "Angst und depressive Störung gemischt",
"kombinierte Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen, abhängigen und zwanghaften
Anteilen", "Somatisierungsstörung" sowie "traumatische Kriegserlebnisse". Sie geht
dann von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt aus (IV-
act. 79/18). Die Arbeitsunfähigkeit ergibt sich nicht direkt aus einer Diagnose, sondern
aus der störungsbedingten Einschränkung der Funktionen und dem Schweregrad der
Einschränkung (vgl. Leitlinien der Schweizerischen Gesellschaft für
Versicherungspsychiatrie für die Begutachtung psychischer Störungen, in:
Schweizerische Ärztezeitung [SAeZ] 2004; 85, Nr. 20, S. 1051, Ziff. IV/11). Deshalb ist
die Tragweite der anderslautende Diagnosen zu würdigen:
2.5.1 Die Diagnose "Angst und depressive Störung, gemischt" soll gemäss den
diagnostischen Leitlinien der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen
(ICD-10: F41.2) bei gleichzeitigem Bestehen von Angst und Depression Verwendung
finden, jedoch nur, wenn keine der beiden Störungen eindeutig vorherrscht und keine
für sich genommen eine eigenständige Diagnose rechtfertigt. Treten ängstliche und
depressive Symptome in so starker Ausprägung auf, dass sie einzelne Diagnosen
rechtfertigen, sollen beide Diagnosen gestellt und auf diese Kategorie verzichtet
werden (http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-who/kodesuche/onlinefassungen/
htmlamtl 2013/block-f40-f48.htm). Es ist dem ICD-10 zu entnehmen, dass Patienten
mit dieser Kombination verhältnismässig milder Symptome in der Primärversorgung
häufig zu sehen seien; noch viel häufiger fänden sie sich in der Bevölkerung, ohne je in
medizinische oder psychiatrische Behandlung zu gelangen. Der zu dieser Störung
dazugehörige Begriff ist eine leichte oder nicht anhaltende ängstliche Depression (Urteil
des Bundesgerichts vom 8. Juni 2011, 9C_330/2011, E. 3 mit Hinweis). Dass Dr. C._
am 4. Februar 2010 von einer schweren Beeinträchtigung des psychischen
Gesundheitszustandes sprach, steht in Diskrepanz zur Tatsache, dass sie damals
offenbar nur eine monatliche psychiatrische Behandlung als angezeigt betrachtete. Das
ist bei einer geltend gemachten schweren psychischen Erkrankung nicht
nachvollziehbar (IV-act. 52/2).
2.5.2 Der psychiatrische ABI-Gutachter weist darauf hin, dass sich die
Kriegsereignisse dem Beschwerdeführer nicht aufdrängen und von einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Traumatisierung nicht die Rede sein bzw. die Diagnose posttraumatische
Belastungsstörung nicht gestellt werden kann (IV-act. 85). Die behandelnde
Psychiaterin stellt denn auch nicht diese Diagnose, was der Beschwerdeführer offenbar
übersehen hat (vgl. Beschwerde S. 16 f.). Vielmehr diagnostizierte sie "traumatische
Kriegserlebnisse" (ICD-10: Z65.5), welcher Diagnose sie selbst keinen Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit zumass (IV-act. 30).
2.5.3 Ob eine "Somatisierungsstörung" (ICD-10: F45.0), wie von der
behandelnden Psychiaterin diagnostiziert, oder eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung (ICD-10: F45.4) nach der Sicht des ABI-Gutachters vorliegt, ist nicht
massgebend. Von Bedeutung ist gemäss ICD-10, dass diese Diagnosen infrage
kommen, wenn somatische Störungen vorhanden sind und sich nicht in der Art und
dem Ausmass begründen, wie die betroffene Person sie erlebt. Emotionale Konflikte
oder psychosoziale Belastungen gehören zum Krankheitsbild der anhaltenden
somatoformen Schmerzstörung (http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-who/
kodesuche/onlinefassungen/htmlamtl 2013/block-f40-f48.htm). Die Vermutung, dass
diese Diagnose als psychisches Leiden überwindbar ist, kann nach der
höchstrichterlichen Rechtsprechung widerlegt werden, wenn die betroffene Person
unter einer psychischen Begleiterkrankung von erheblicher Schwere, Intensität und
Dauer (sogenannte Komorbidität) leidet oder mit gewisser Intensität und Konstanz
bestimmte qualifizierte Kriterien erfüllt (BGE 136 V 281 E. 3.2.1; BGE 130 V 354 f.
E. 2.2.3). An dieser Stelle ist festzuhalten, dass der Beschwerdegegnerin nicht
beigepflichtet werden kann, wenn sie argumentiert, es liege keine psychische
Komorbidität vor, weil das ABI-Gutachten eine depressive Episode feststelle und diese
Diagnose per Definition nur vorübergehend sei (act. G 6). Entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin hat der psychiatrische Gutachter nicht bloss eine depressive
Episode diagnostiziert, sondern eine rezidivierende depressive Störung mittelgradiger
Ausprägung, wie aus der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht
hervorgeht (IV-act. 58-11). Im Übrigen kann bei einer depressiven Episode, sei sie nun
schwer oder mittelschwer, eine invalidisierende Wirkung nicht a priori von der Hand
gewiesen werden. Erforderlich ist eine fachärztliche Feststellung (Urteil des
Bundesgerichtes vom 8. September 2008, 9C_410/08, E. 3.3.2 mit Hinweis). Im ABI-
Gutachten wird die mittelgradige depressive Episode (ICD-10: F32.1) als psychiatrische
Komorbidität und damit als verselbstständigter Gesundheitsschaden eingestuft (IV-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
act. 58/20). Es handelt sich dabei um eine medizinische Tatfrage, von der nur gestützt
auf eine andere fachärztliche Aussage abgewichen werden kann. Auch die von der
behandelnden Psychiaterin diagnostizierte gemischte ängstlich-depressive Störung
könnte als Komorbidität im Sinne von BGE 130 V 353 f. E. 2.2.3 betrachtet werden
(Urteil des Bundesgerichtes vom 17. November 2010, 9C_760/2010, E. 4). Somit wirkt
sich hier die somatoforme Schmerzstörung aufgrund der psychischen Komorbidität
einschränkend aus.
2.5.4 Ob die gestützt darauf geschätzte Arbeitsfähigkeit von 70% durch eine
Persönlichkeitsstörung stärker eingeschränkt wäre, wäre näher zu prüfen, wenn Dr.
C._ die Diagnose überzeugend begründet hätte. Zunächst ging sie am 23. Oktober
2008 unter anderem von akzentuiert ängstlichen Persönlichkeitszügen (ICD-10: Z73.1)
aus, denen sie keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zumass (IV-act. 30). In der
Stellungnahme vom 14. März 2011 führt sie neu eine kombinierte
Persönlichkeitsstörung mit ängstlichen, abhängigen und zwanghaften
Anteilen" (ICD-10: F61.0) an (IV-act. 79/18). Der ABI-Gutachter hält dagegen, dass eine
Persönlichkeitsstörung nicht diagnostiziert werden könne, weil der Beschwerdeführer
während Jahren ohne Schwierigkeiten beruflich tätig gewesen sei und auch in der
Familie keine Probleme gehabt habe (IV-act. 85). Zwar treten spezifische
Persönlichkeitsstörungen gestützt auf die Kategorie F60 im ICD-10 meist in der
Kindheit oder in der Adoleszenz in Erscheinung und sie bestehen während des
Erwachsenenalters weiter (vgl. Urteil des Bundesgerichtes vom 5. Oktober 2012,
8C_422/2012, E. 3.2.2.1 mit Hinweis auf Fachliteratur). Indessen sind in einzelnen
Fällen auch schon Persönlichkeitsstörungen fachärztlich diagnostiziert worden, die sich
erst im Erwachsenenalter manifestierten, weil es den betroffenen Personen gelang,
Traumatisierungen beiseite zu stellen und lange Zeit aus ihrem Bewusstsein zu
verdrängen (vgl. Entscheide des Versicherungsgerichtes St. Gallen vom 24. April 2013,
IV-2011/214, E. 3.3.2, und vom 21. Juni 2013, IV 2012/183, E. 3.2.3). Dennoch fehlt für
die Diagnoseänderung eine hinreichende Erklärung. Die behandelnde Psychiaterin
begnügt sich damit anzuführen, aufgrund vierjährigen therapeutischen Arbeit mit dem
Beschwerdeführer sei mittlerweile nicht nur von einer ängstlichen
Persönlichkeitsstruktur, sondern von einer kombinierten Persönlichkeitsstörung
auszugehen. Dabei beruft sie sich darauf, dass sie diagnostisch mit Dr. G._,
Tagesklinik F._, und Dr. I._, Klinik H._, übereinstimme. Nach der Aktenlage
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
haben indessen weder Dr. G._ noch Dr. I._ eine Persönlichkeitsstörung
diagnostiziert. Die Tatsache, dass eine Verbesserung nach dem stationären Aufenthalt
in Pfäfers eingetreten ist, thematisiert sie nicht (IV-act. 79/18). Vorliegend steht gemäss
ABI-Gutachten beim Beschwerdeführer eine depressive Symptomatik fest, welche
dieser nach dem Verlust der Arbeitsfähigkeit für Gipserarbeiten bzw. nach dem Verlust
der Arbeitsstelle entwickelt hat. Die behandelnde Psychiaterin hielt im Oktober 2008
fest, der Beschwerdeführer sei ihr wegen einer depressiven Entwicklung nach
unerwarteter Kündigung überwiesen worden; sie begründet mit Schreiben vom
14. März 2011 hingegen nicht, worauf die vorgebrachte kombinierte
Persönlichkeitsstörung zurückzuführen sei. Die allgemeine Berufung auf ihre
Erkenntnisse aus langjähriger Behandlung des Beschwerdeführers bildet nur ein
Autoritätsargument, das keine inhaltliche Auseinandersetzung für die Beurteilung des
Leistungsanspruchs erlaubt.
2.6 Mithin geben die zusätzlichen Diagnosen keinen Anlass zu weiteren Abklärungen.
Es bleibt zu prüfen, ob sich aus den divergierenden Feststellungen in Bezug auf die
Einstellung des Beschwerdeführers betreffend Genesung und Medikamenten-
Compliance relevante Zweifel ergeben:
2.6.1 Die Tatsache, dass der Beschwerdeführer bei der psychiatrische
Behandlung motiviert wirkte und anlässlich der Begutachtung ganz anders erlebt
wurde, deutet nicht darauf, dass der Gutachter eine falsche Feststellung getroffen
hätte. Die Verwaltungs- und Gerichtspraxis zeigt, dass behandelnde Ärzte aufgrund
ihrer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung eine notwendige Empathie für das Anliegen
der Patientinnen und Patienten an den Tag legen müssen, während zum Auftrag eines
neutralen Gutachters gehört, die Angaben der versicherten Person einer
Plausibilitätsprüfung zu unterziehen. Deshalb erstaunt nicht, wenn jemand als Patient
eine Genesung motiviert erwartet, sich aber gleichzeitig weniger engagiert zeigt, wenn
es darum geht, gegenüber einem Gutachter die Gesundheits- bzw.
Arbeitsfähigkeitsbeeinträchtigung glaubhaft zu machen.
2.6.2 Diskutabel ist die Aussage im ABI-Gutachten, wonach der
Beschwerdeführer seine antidepressiven Medikamente nicht einnehmen soll. Das in der
Laboruntersuchung nicht nachgewiesene "Escitalopram" bzw.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
"Desmethylescitalopram" (IV-act. 58/8) ist jedenfalls nicht Bestandteil des
Medikaments "Cymbalta", sondern von "Cipralex". Die behandelnde Psychiaterin hält
zudem fest, der Beschwerdeführer nehme seit Jahren Psychopharmaka ein - vor allem
die neuroleptische Medikation habe unter anderem auf sein Verlangen nach dem
Austritt aus der Klinik H._ wieder aufgenommen werden müssen (IV-act. 79/18). Der
strittige Punkt fällt aber im Ergebnis nicht ins Gewicht: Dass jemand Antidepressiva
kaum oder nur gelegentlich einnimmt, kann je nach dem begleitenden Umständen Indiz
dafür sein, dass er sich subjektiv nicht als besonders depressiv einschätzt, wie der
ABI-Gutachter behauptet (IV-act. 85/2), oder dass ihn die Erkrankung hindert, den
ärztlichen Vorgaben zu folgen. Die Medikamenten-Compliance an sich bildet kein
Symptom und kann nur als zusätzlicher Anhaltpunkt im Einzelfall bewertet werden. Die
Einschätzung des Schweregrades der depressiven Symptomatik stützt sich im ABI-
Gutachten nicht nur auf die Medikamenten-Compliance, sondern auf Umstände, die
auf eine gedrückte Stimmung und auf eine Verminderung des Antriebs und Aktivität
hindeuten (vgl. IV-act. 58/11).
2.7 Das ABI-Gutachten vom 12. August 2010 hat keine relevanten medizinischen
Tatsachen ausser Acht gelassen, weshalb grundsätzlich darauf abzustellen ist. Was
nicht beanstandet wird, ist die gutachterliche falsche Festlegung des Beginns der
Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht: Gestützt auf den Arztbericht von Dr. C._
vom Oktober 2008 geht der psychiatrische Gutachter irrtümlich davon aus, der
Beschwerdeführer befinde sich "seit zwei Jahren" in ambulanter psychiatrischer
Behandlung, weshalb ab Oktober 2008 von einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
von 30% ausgegangen werden könne (IV-act. 58-12). Im genannten Arztbericht wird
indessen festgehalten, dass sich der Beschwerdeführer bereits im Dezember 2007 in
die ambulante psychiatrische Behandlung begeben hatte, nachdem der Hausarzt ihn
wegen der depressiven Entwicklung bei unerwarteter Kündigung an die Psychiaterin
überwiesen hatte (IV-act. 30-2). Im Sinne der gutachterlichen Beurteilung ist damit der
Beginn der psychiatrischen Einschränkung auf den Beginn der Behandlung im
Dezember 2007 festzulegen.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auf dieser medizinischen Grundlage sind des Weiteren die erwerblichen Auswirkungen
der verbliebenen Restarbeitsfähigkeit von 70% in einer adaptierten Tätigkeit zu er
mitteln. Die Bestimmung des Invaliditätsgrads bei Erwerbstätigen erfolgt anhand eines
Einkommensvergleichs: Das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach
Eintritt der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und
allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei
ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), wird zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen), in Beziehung gesetzt (Art. 16 ATSG).
3.1 Die Einkommensermittlung erfolgt in der Regel gestützt auf den letzten vor Eintritt
der Gesundheitsschädigung erzielten Lohn (Urteil des Bundesgerichts vom 16. Mai
2001, I 42/01, mit Hinweisen), weil die bisherige Tätigkeit im Gesundheitsfall meist
weitergeführt worden wäre (Urteil des Bundesgerichts vom 29. August 2002, I 97/00,
E. 1.2). Der Beschwerdeführer übte über die Jahre hinweg bis Dezember 2007 eine
Gipser-Tätigkeit aus. Als Erwerbseinkommen gelten mutmassliche jährliche
Erwerbseinkommen, von denen Beiträge gemäss AHVG erhoben würden (Art. 25
Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung; [IVV SR 831.201]). Der Auszug
aus dem individuellen Konto (IK) ist zu wenig aussagekräftig, weil der
Beschwerdeführer im Jahr 2007 während mehreren Monaten krankheitsbedingt
abwesend war (IV-act. 88) und Taggelder nicht abrechnungspflichtig sind. Überdies ist
der aktenkundige IK-Auszug unvollständig (IV-act. 63). Das Valideneinkommen muss
deshalb anderweitig ermittelt werden. Im Fragebogen für Arbeitgebende vom
16. Januar 2008 geht der letzte Arbeitgeber davon aus, dass der Beschwerdeführer,
wenn gesund, einen Monatslohn von Fr. 5 ́250.-- im Jahr 2007 erzielt hätte (IV-act. 8/3).
Das stimmt auch mit den Angaben gegenüber der kollektiven
Krankentaggeldversicherung überein (act. G 6.2). Auf Nachfrage der
Beschwerdegegnerin erklärte der Arbeitgeber die effektiv niedrigeren Einkommen in
den Jahren 2004 bis 2007 mit verschiedenen krankheitsbedingten Absenzen (IV-act.
88). Diese sind für die Festsetzung des Valideneinkommens unbeachtlich. Daher ist für
2007 auf ein jährliches Valideneinkommen von Fr. 68 ́250.-- abzustellen (Fr. 5 ́250.-- x
13).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Wenn eine versicherte Person keiner zumutbaren Erwerbstätigkeit mehr nachgeht,
ist praxisgemäss auf statistische Tabellenlöhne abzustellen. Der Beschwerdeführer ist
nur noch für körperlich leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeiten zu
70% arbeitsfähig. Er ist damit in der Wahl einer neuen Stelle als Hilfsarbeiter
behinderungsbedingt eingeschränkt, so dass ihm nicht mehr das gesamte Spektrum
an Hilfsarbeiten offen steht. Das bedeutet aber nicht, dass die verbliebene
Restarbeitsfähigkeit nur noch in einer bestimmten Branche verwertet werden kann:
Vielmehr kann er in praktisch allen Branchen leichte bis mittelschwere Hilfsarbeiten
ausführen. Als Ausgangseinkommen zur Ermittlung des zumutbaren
Invalideneinkommens ist demnach auf das durchschnittliche Einkommen gemäss LSE
2007 für Männer, die einfache und repetitive Tätigkeiten ausüben (Anforderungsniveau
4), abzustellen: Fr. 60 ́167.--. Bei einer zumutbaren Arbeitsfähigkeit von 70% resultiert
somit ein Wert von Fr. 42 ́117.-- (Fr. 60 ́167.-- x 0.7).
3.3 Ein Invalideneinkommen, das gestützt auf Tabellenlöhne ermittelt wird, ist nach
Ermessen bis zu 25% zu kürzen, wenn behinderungsbedingte sowie persönliche oder
berufliche Umstände - auch invaliditätsfremde Faktoren - dafür sprechen, dass die
versicherte Person ihre gesundheitlich bedingte Restarbeitsfähigkeit auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unterdurchschnittlichem erwerblichen Erfolg
verwerten könnte (BGE 126 V 79 E. 5b, bestätigt in AHI 2002 S. 62 und BGE 129 V 481
E. 4.2.3 mit Hinweisen). Der Beschwerdeführer erbringt nach gutachterlicher
Einschätzung eine verminderte Arbeitsleistung, was mit einer Reduktion der
Arbeitsfähigkeit um 30% bereits berücksichtigt wurde. Die Schulterproblematik wirkt
sich zwar nicht quantitativ auf die Arbeitsleistung aus, aber führt zu einer aus
betriebswirtschaftlicher Sicht lohnmässig relevanten qualitativen Einschränkung: Der
Beschwerdeführer hat Überkopfarbeiten mit den Armen und Zwangshaltungen des
Rumpfes zu vermeiden; auch kann er nur noch körperlich leichte bis mittelschwere
wechselbelastende Hilfstätigkeiten ausführen. Ferner ist gestützt auf die Vorgeschichte
des Beschwerdeführers damit zu rechnen, dass längere gesundheitsbedingte
Absenzen vorkommen könnten, was wiederum Lohnnachteile mit sich bringt.
Angesichts der erwähnten Umstände erscheint insgesamt ein Tabellenlohnabzug von
10% als angemessen. Daraus resultiert ein Invalideneinkommen von Fr. 37 ́905.--
(Fr. 42 ́117.-- x 0.9).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.4 Wenn ein Valideneinkommen von Fr. 68 ́250.-- mit einem Invalideneinkommen von
Fr. 37 ́905.-- verglichen wird, ergibt sich eine Erwerbseinbusse von Fr. 30 ́345.--, was
einen Invaliditätsgrad von 44.46% ausmacht. Gestützt auf Art. 28 Abs. 2 IVG hat der
Beschwerdeführer Anspruch auf eine Viertelsrente.
3.5 Der Rentenbeginn setzt gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG voraus, dass die
versicherte Person während eines Jahres anhaltend mindestens 40 Prozent
arbeitsunfähig gewesen ist. Als relevante Arbeitsunfähigkeit während der Wartezeit
genügt die durch Gesundheitsschäden bedingte qualitative und/oder quantitative
Einbusse an funktionellem Leistungsvermögen in der bisherigen Tätigkeit (BGE 130 V
99 E. 3.2; BGE 105 V 159 E. 2a; BGE 97 V 231 E. 2). Da der Beschwerdeführer seit
Dezember 2007 in der bisherigen Gipser-Tätigkeit aus somatischer Sicht nicht mehr
arbeitsfähig ist (IV-act. 58/20), kann der Rentenbeginn auf den 1. Dezember 2008
festgelegt werden.
4.
4.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die angefochtene Verfügung vom 8. Juli
2011 in teilweiser Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und die
Beschwerdegegnerin zu verpflichten, dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1.
Dezember 2008 eine Viertelsrente auszurichten. Das Beschwerdeverfahren ist
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom
Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG).
Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint angemessen. Mit Blick auf das Obsiegen
des Beschwerdeführers hat die Beschwerdegegnerin die Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
zu bezahlen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird dem
Beschwerdeführer zurückerstattet.
4.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Aufgrund des Obsiegens im materiellen Punkt
hat der Beschwerdeführer Anspruch auf Parteientschädigung. Ausgehend von einer
"mittleren" Entschädigung bei vollem Obsiegen von Fr. 3'500.-- erscheint die
Zusprechung einer Parteientschädigung in dieser Höhe (einschliesslich Barauslagen
und Mehrwertsteuer) angemessen.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/22
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP