Decision ID: 626e2da4-9da1-5910-8e4e-89068b725999
Year: 2014
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer – ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamilischer
Ethnie – verliess eigenen Angaben zufolge Sri Lanka am 22. Oktober
2009 per Flugzeug via Frankreich und Italien. Von Italien reiste er mit
dem Auto am 27. Oktober 2009 in die Schweiz ein, wo er gleichentags
um Asyl nachsuchte. Am 30. Oktober 2009 wurde er summarisch zu sei-
nen Asylgründen befragt und am 16. November 2009 eingehend ange-
hört. Hinsichtlich der Asylvorbringen des Beschwerdeführers wird auf die
Akten verwiesen.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer seine Iden-
titätskarte und seinen Geburtsschein zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 23. April 2013 – eröffnet am 24. April 2013 – lehnte
das BFM das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
C.
Mit Eingabe vom 24. Mai 2013 reichte der Beschwerdeführer – handelnd
durch seinen Rechtsvertreter – Beschwerde beim Bundesverwaltungsge-
richt ein und beantragte zur Hauptsache die Aufhebung der angefochte-
nen Verfügung, und die Rückweisung der Sache ans BFM, eventualiter
die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl,
subeventualiter die teilweise Aufhebung der angefochtenen Verfügung
und die Feststellung der Unzulässigkeit oder der Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges. In prozessualer Hinsicht ersuchte er um Mittei-
lung des Spruchgremiums sowie um Ansetzung einer Fist zur Einreichung
zusätzlicher Beweismittel.
Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der Beschwerdeführer diverse Fo-
tos von sich, eine Kopie eines Haftbefehls einer anderen sri-lankischen
Person, eine Besuchserlaubnis für dessen Ehefrau und diverse Artikel
und Berichte zur aktuellen Lage in Sri Lanka zu den Akten.
D.
Mit Verfügung vom 11. Juni 2013 stellte die Instruktionsrichterin fest, der
Beschwerdeführer könne den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz
abwarten. Weiter wurde der Beschwerdeführer aufgefordert, innert Frist
einen Kostenvorschuss einzubezahlen (vgl. dazu Art. 63 Abs. 4 des Ver-
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waltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 [VwVG,
SR 172.021]). Gleichzeitig wurde er aufgefordert, die in Aussicht gestell-
ten beziehungsweise die von ihm als notwendig erachteten Beweismittel
innert Frist nachzureichen. Abschliessend wurde dem Beschwerdeführer
die Zusammensetzung des Spruchkörpers bekannt gegeben.
E.
Am 26. Juni 2013 wurde der Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 600.–
fristgerecht einbezahlt.
F.
Mit Eingabe vom 19. Juli 2013 reichte der Beschwerdeführer weitere Be-
weismittel zu den Akten.
G.
In seiner Vernehmlassung vom 29. Juli 2013 nahm das BFM zur Sache
Stellung und beantragte die Abweisung der Beschwerde.
H.
In seiner Replik vom 14. August 2013 (Poststempel) nahm der Be-
schwerdeführer zur Vernehmlassung des BFM Stellung. Dabei ersuchte
er um Beizug eines Dossiers des BFM. Ferner reichte er einen weiteren
Artikel zur Situation der sri-lankischen Rückkehrer zu den Akten.
I.
Das Beschwerdeverfahren des Vaters des Beschwerdeführers war bisher
unter der Verfahrensnummer D-3007/2013 beim Bundesverwaltungsge-
richt hängig und wird mit heutigem Urteil ebenfalls entschieden (vgl. dazu:
Urteil in Sachen D-3007/2013).

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005
(VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das BFM gehört zu den Behörden
nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesverwaltungs-
gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne von
Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher zu-
ständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entscheidet
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auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Ausliefe-
rungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG,
SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom
17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von
Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb das Bundesverwal-
tungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem
BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6
AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der Beschwer-
deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die
angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist daher
zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1
AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzu-
treten.
1.4 Die Beschwerde ist im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit
Zustimmung eines zweiten Richters zu behandeln, weil sie sich im Er-
gebnis als offensichtlich begründet erweist (Art. 111 Bst. e AsylG).
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige
oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und
die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Die Vorinstanz ist in Verfahren, die Staatsangehörige Sri Lankas tami-
lischer Ethnie betreffen, systematisch dazu übergegangen, keine Ausrei-
sefristen mehr zu verhängen und bereits angeordnete Ausreisefristen auf-
zuheben. Faktisch zieht sie damit sämtliche Verfahren (auch solche im
Vollzugsstadium) in Wiedererwägung, und zwar unbesehen der konkreten
Umstände im Einzelfall. Das vorinstanzliche Vorgehen geht auf zwei im
August 2013 bekannt gewordene Vorfälle sri-lankischer Rückkehrer zu-
rück, welche in der Schweiz jeweils erfolglos ein Asylverfahren durchlau-
fen haben und weggewiesen wurden (vgl. Medienmitteilung des BFM
vom 4. September 2013: "Bundesamt hat Rückführungen nach Sri Lanka
vorläufig ausgesetzt"). Die sri-lankischen Behörden hatten die tamilischen
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Rückkehrer bei der Wiedereinreise in Haft genommen. Daraufhin hatte
die Vorinstanz in Aussicht gestellt, die beiden Vorfälle und eine allfällige
Veränderung der allgemeinen Situation und insbesondere die Lage der
Rückkehrenden in Sri Lanka vertieft abzuklären. Hierfür ersuchte sie das
Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR),
die beiden Fälle einer Qualitätsprüfung zu unterziehen sowie anschlies-
send auch die Dossiers jener Personen zu überprüfen, deren Gesuche
rechtskräftig abgelehnt worden sind und die mit der Rückführung nach Sri
Lanka hätten rechnen müssen (vgl. Medienmitteilung des BFM vom
3. Oktober 2013: "Sri Lanka gibt bekannt, warum zwei ehemalige Asylsu-
chende in Haft sind" sowie: Neue Zürcher Zeitung [NZZ] vom 4. Oktober
2013: "UNHCR überprüft Asyldossiers – zwei zurückgeschickte Tamilen
seit Wochen in Haft"). Die Vorinstanz geht damit selbst davon aus, dass
der Sachverhalt, wie er der Verfügung vom 23. April 2013 zugrunde liegt,
offensichtlich nicht vollständig festgestellt ist. Denn es besteht kein Zwei-
fel, dass eine neue Lagebeurteilung vor Ort sich auf die konkrete Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts auswirken kann.
3.2 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindli-
chen Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückwei-
sung an die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsa-
chen festgestellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren
durchzuführen ist. Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann
grundsätzlich zwar auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt
werden, wenn dies im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen an-
gebracht erscheint; sie muss dies aber nicht (vgl. BVGE 2012/21 E. 5).
Vorliegend liegt der Mangel in einer unvollständigen Sachverhaltsfeststel-
lung, wobei die unterbliebenen notwendigen Abklärungen eine relativ
aufwändige und umfangreiche Beweiserhebung darstellen, weshalb sich
eine Kassation der angefochtenen Verfügung rechtfertigt. Im Übrigen
bleibt auf diese Weise der Instanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist,
als das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entscheidet.
3.3 Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen. Die angefochtene Verfü-
gung ist aufzuheben, die Sache ist zur vollständigen Sachverhaltsfeststel-
lung sowie zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen und
die vorinstanzlichen Akten sowie das Beschwerdedossier, welches eben-
falls Prozessstoff des vorinstanzlichen Verfahrens bilden wird, sind dem
BFM zuzustellen. Auf die weiteren Vorbringen in der Rechtsmitteleingabe
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ist aufgrund der vorliegenden Kassation zum heutigen Zeitpunkt nicht nä-
her einzugehen.
4.
4.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der einbezahlte Kostenvorschuss ist zu-
rückzuerstatten.
4.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts des Ausgangs des
Verfahrens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädi-
gung für die ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzuspre-
chen.
4.3 Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat keine Kostennote
eingereicht. Der entstandene Vertretungsaufwand kann jedoch aufgrund
der Akten zuverlässig abgeschätzt werden (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Eine
Vielzahl der insgesamt 82 eingereichten Beweismittel (insbesondere Län-
derberichte) weisen keinen individuellen Bezug zum Beschwerdeführer
auf und haben für das Beschwerdeverfahren nur mittelbare Aussagekraft.
Ferner sind weite Teile der Beschwerdebegründung und zahlreiche Be-
weismittel zur allgemeinen Lage in Sri Lanka in diversen vom mandatier-
ten Rechtsvertreter geführten Beschwerdeverfahren in identischer Weise
eingereicht worden. Im Übrigen ist der Inhalt der Eingaben teilweise re-
dundant. Dem Beschwerdeführer ist zu Lasten des BFM unter Berück-
sichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 9 - 13 VGKE)
und der Entschädigungspraxis in vergleichbaren Fällen eine Parteient-
schädigung für den Aufwand seines Rechtsvertreters von insgesamt
Fr. 2'000.– zuzusprechen.
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