Decision ID: 6084edaf-b60a-589e-ae6d-b5fcb75bf533
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 2. August 2015 in der Schweiz um Asyl
nach.
Er wurde per Zufallsprinzip der Testphase des Verfahrenszentrums (VZ)
Zürich zugewiesen, wo das SEM ihn am 4. August 2015 zu seinen Perso-
nalien und zum Reiseweg befragte. Am 12. August 2015 fand ein beraten-
des Vorgespräch statt. Mit Entscheid vom 19. August 2015 wies das SEM
wegen zeitlich ungewissem Ausgang des eingeleiteten Dublin-Verfahrens
den Beschwerdeführer in das Verfahren ausserhalb der Testphasen und
dem Kanton B._ zu. Am 3. Dezember 2015 wurde das Dublin-Ver-
fahren beendet.
B.
Im Rahmen der Anhörung vom 23. Juni 2017 führte der Beschwerdeführer
im Wesentlichen aus, im Jahre 2003 in C._ von den Sicherheitsbe-
hörden festgenommen worden zu sein. Nach vorgängiger Haft sei er da-
nach mit der 17. Rekrutierungsrunde zur militärischen Ausbildung nach
Sawa gebracht worden. Von dort sei er im Mai 2004 entkommen. Am
14. März 2007 sei er in C._ erneut aufgegriffen worden und habe
sich nach zweimonatiger Haft mit der 21. Rekrutierungsrunde nach
D._ begeben müssen. 2008 habe man ihn in die 57. Division nach
E._ eingeteilt, wo er als Fahrer der Vorgesetzten tätig gewesen sei.
Bei dieser Einheit habe er bis zu seiner Ausreise gedient. Nach der Geburt
der gemeinsamen Tochter im Februar 2013 und dem Hochzeitsurlaub sei
er im Juni 2014 zum letzten Mal in seine Einheit zurückgekehrt. Aufgrund
des harten Militärdienstes habe er sich manchmal ohne Erlaubnis nach
Hause begeben und sei dann jeweils verhaftet worden. Im Januar 2013
habe ein Vorgesetzter das Fahrzeug des Beschwerdeführers selbst gefah-
ren und damit einen Unfall verursacht, worauf der Beschwerdeführer, da er
das Fahrzeug unbeaufsichtigt gelassen habe, in Haft gekommen sei. Da-
nach habe er zusammen mit einem Dienstkollegen, der sich in der Kaserne
gut ausgekannt habe, Fluchtpläne geschmiedet und diese schliesslich zu-
sammen mit ihm im August 2014 in die Tat umgesetzt. Während einer Ver-
sammlung der Vorgesetzten hätten sie Passierscheine aus einem Büro ge-
nommen und seien nach Akurdet gefahren. Von dort habe sich der Be-
schwerdeführer in den Sudan begeben und sei über Libyen und Italien
schliesslich in die Schweiz gelangt.
E-88/2019
Seite 3
Zum Nachweis der Identität und zur Stützung der Vorbringen reichte der
Beschwerdeführer mehrere Dokumente ein (u.a. eritreische Identitätskarte
im Original, eritreischer Führerschein, Kopien der Identitätskarten seiner
Eltern, Geburts- und Todesschein seiner Ehefrau, Krankheitsbericht).
C.
Mit Entscheid vom 30. November 2020 stellte das SEM fest, der Beschwer-
deführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab
und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.
D.
Mit Eingabe seines damaligen Rechtsvertreters vom 4. Januar 2019 erhob
der Beschwerdeführer beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung, eventualiter die vorläu-
fige Aufnahme. In prozessualer Hinsicht wurde unter Verzicht auf das Er-
heben eines Kostenvorschusses um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG in Verbindung mit
aArt. 110a Abs. 1 AsylG (SR 142.31) ersucht.
E.
Mit Schreiben vom 9. Januar 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsge-
richt den Eingang der Beschwerde.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 14. Januar 2019 wurden die Gesuche um un-
entgeltliche Prozessführung und um amtliche Rechtsverbeiständung gut-
geheissen und F._, Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende Aar-
gau, dem Beschwerdeführer als Rechtsbeistand beigeordnet. Auf das Er-
heben eines Kostenvorschusses wurde verzichtet.
G.
Mit Eingabe vom 28. Februar 2019 ersuchte F._ um Entlassung aus
dem Amt als amtlicher Rechtsbeistand und um Einsetzung des in der Voll-
macht vom 20. Dezember 2018 aufgeführten MLaw El Uali Emmhammed
Said als amtlichen Rechtsbeistand.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 5. März 2019 wurde antragsgemäss
F._ aus seinem Amt als amtlicher Rechtsbeistand entlassen und
MLaw El Uali Emmhammed Said neu dem Beschwerdeführer als amtlicher
Rechtsbeistand beigeordnet.
E-88/2019
Seite 4

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Der Beschwerdeführer
ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bis-
herige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
E-88/2019
Seite 5
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann hier verwiesen werden (BVGE 2015/3
E. 6.5.1 und 2012/5 E.2.2).
5.
5.1 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung den geltend gemachten
Militärdienst und die damit verbundenen Haftstrafen als nicht asylrelevant
und die weiteren Vorbringen, aus dem Militärdienst desertiert zu sein, als
nicht glaubhaft erachtet.
5.2 Es führte aus, dass es sich den geltend gemachten Gefängnisstrafen
gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers um dienstliche Sanktionen
für ein Fehlverhalten gehandelt habe (u.a. Urlaub ohne Erlaubnis), welche
nicht asylrelevant seien.
Die geltend gemachte Desertion und die illegale Ausreise seien unbe-
stimmt und widersprüchlich geschildert worden. So habe der Beschwerde-
führer auf die Aufforderung, zu erzählen, wie es ihm gelungen sei, den Mi-
litärdienst zu verlassen, lediglich erklärt, warum ihm die Desertion zuvor
nicht gelungen sei. Erst auf Nachfrage habe er überhaupt angefügt, er und
sein Militärkollege aus G._ hätten sich Passierscheine besorgt (vgl.
A41 F227). Auf die Frage, wie die Beschaffung der Passierscheine konkret
erfolgt sei, habe er ausweichend lediglich unterschiedliche Arten von Pas-
sierscheinen beschrieben und sei in der Schilderung des Vorgehens unbe-
stimmt geblieben (vgl. A41 F244-246). Auch habe der Beschwerdeführer
nicht plausibel beschreiben können, was überhaupt der Auslöser für den
Ausreiseentschluss gewesen sei (vgl. A41 F225-F227). Insgesamt können
gestützt auf die Angaben des Beschwerdeführers zu der behaupteten De-
sertion nicht auf ein selber erlebtes Ereignis geschlossen werden. Im Wei-
teren habe der Beschwerdeführer angegeben, den Mann aus G._
(erstmals) auf seiner eigenen Hochzeit getroffen zu haben und sich dort
sogleich mit ihm über die Flucht verständigt zu haben (vgl. A41 F235). Dies
erstaune, da die Hochzeit in sehr kleinem Rahmen stattgefunden habe (vgl.
A41 F83, F136). Auf die Frage, warum dieser – ihm zuvor nicht bekannte
Mann – an seiner Hochzeit überhaupt dabei gewesen sei, sei der Be-
schwerdeführer gar nicht eingegangen. Später habe der Beschwerdeführer
abweichend hiervon angegeben, den Mann aus G._ in seiner Ein-
heit kennengelernt zu haben (vgl. A41 F252-253).
E-88/2019
Seite 6
Schliesslich sei festzuhalten, dass der Bruder des Beschwerdeführers S.
anlässlich seiner BzP am 21. April 2011 angegeben habe, sein Bruder A.
(d.h. der Beschwerdeführer) befinde sich als Flüchtling im Sudan (vgl.
N 556 372 F12). Auf Vorhalt hin habe der Beschwerdeführer keine über-
zeugende Erklärung für die zu seinen Angaben klar divergierende Aus-
sage, im August 2014 desertiert zu sein, abgegeben.
An der Einschätzung der Unglaubhaftigkeit der geltend gemachten Deser-
tion änderten die eingereichten Beweismittel nichts (kein Sachzusammen-
hang zu den Vorbringen, geringe Beweiskraft der eingereichten Geburtsur-
kunden). Auch die Schilderung der illegalen Ausreise sei unbestimmt aus-
gefallen. So sei anhand der Angaben des Beschwerdeführers der Eindruck
entstanden, der Beschwerdeführer erzähle über die allgemeinen Gefahren
für Deserteure, nicht aber über persönlich erlebte Ereignisse (vgl. A41
F255; F256). Es lägen somit auch keine subjektiven Nachtfluchtgründe vor.
6.
In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, die Vorinstanz
habe hinsichtlich der Glaubhaftigkeit der Vorbringen in der angefochtenen
Verfügung nur auf diejenigen Passagen der Anhörung verwiesen, an wel-
chen der Beschwerdeführer angeblich oberflächliche Angaben gemacht
habe, ohne eine umfassende Prüfung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
vorzunehmen. Auch sei darauf hinzuweisen, dass die Desertion des Be-
schwerdeführers im Jahre 2014 stattgefunden habe, der Beschwerdefüh-
rer indessen erst 2017 angehört worden sei, was vermutlich erkläre, dass
der Beschwerdeführer möglicherweise einzelne Details nicht mehr ganz so
präsent habe. Hinzu komme, dass sich die Vorinstanz nicht zur Glaubhaf-
tigkeit der früheren Inhaftierungen geäussert habe. Aufgrund der Inhaftie-
rungen im Militärdienst liege ein weiterer Anknüpfungspunkt vor, welcher
ihn in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person erschei-
nen lasse. Es sei das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe zu bejahen.
7.
7.1 Dienstverweigerung und Desertion werden in Eritrea unverhältnismäs-
sig streng bestraft. Die Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweige-
rung oder Desertion ist dann begründet, wenn die betroffene Person in ei-
nem konkreten Kontakt zu den Militärbehörden stand. Ein solcher Kontakt
ist regelmässig anzunehmen, wenn die betroffene Person im aktiven
Dienst stand und desertierte. Darüber hinaus ist jeglicher Kontakt zu den
Behörden relevant, aus dem erkennbar wird, dass die betroffene Person
rekrutiert werden sollte (z.B. Erhalt eines Marschbefehls). In diesen Fällen
E-88/2019
Seite 7
droht grundsätzlich nicht allein eine Haftstrafe, sondern eine Inhaftierung
unter unmenschlichen Bedingungen und Folter, wobei Deserteure regel-
mässig der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die Desertion wird
von den eritreischen Behörden als Ausdruck der Regimefeindlichkeit auf-
gefasst. Demzufolge sind Personen, die begründete Furcht haben, einer
solchen Bestrafung ausgesetzt zu werden, als Flüchtlinge im Sinne von
Art. 1A Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung
der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 Abs. 1–3 AsylG anzuerkennen
(vgl. zum Ganzen Entscheidungen und Mitteilungen der ehemaligen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3; beispielsweise bestätigt in Urteil
des BVGer E-1740/2016 vom 9. Februar 2018 E. 5.1).
7.2 Die Vorinstanz hat zu Recht die geltend gemachte Desertion und die
nachfolgende illegale Ausreise als nicht glaubhaft erachtet. Der Beschwer-
deführer war nicht in der Lage, die geltend gemachte Desertion wider-
spruchsfrei und substantiiert darzulegen.
So sind seine Angaben in den zentralen Punkten auffallend ausweichend
und unbestimmt ausgefallen. So gab der Beschwerdeführer beispielsweise
erst auf Nachfrage hin überhaupt an, dass er und sein Militärkollege aus
G._ sich angeblich Passierscheine besorgt hätten (vgl. A41 F227).
Auf die Frage, wie die Beschaffung der Passierscheine konkret erfolgt sei
(A41 F238), beschrieb er ausweichend bloss die verschiedenen Arten von
Passierscheinen. Auf die wiederholte Frage, nun genau zu beschreiben
wie es ihm gelingen konnte aus der bewachten Kaserne zu entweichen,
brachte er lapidar vor: «Von der Kaserne rauszugehen ist kein Problem für
mich. Es ist meine Kaserne. Wenn sie nicht da sind, ist es kein Problem.
Ich habe keine anderen Vorgesetzten. Es sind meine Vorgesetzten. Sonst
kann mich niemand aufhalten, weder jung noch alt. Ich habe keine anderen
Vorgesetzten. Sie wissen nichts über mich» (vgl. A41 F 246). Diese Schil-
derung erweist sich nicht nur als unglaubhaft, sondern ist vor dem Hinter-
grund, dass der Beschwerdeführer eigenen Angaben zufolge bereits zuvor
aus dem Dienst entwichen und inhaftiert worden sein soll – und daher si-
cherlich unter Beobachtung gestanden wäre – kaum lebensnah.
Im Weiteren weisen die Angaben des Beschwerdeführers klare Wider-
sprüchlichkeiten auf. So hat der Beschwerdeführer angegeben, den Mann
aus G._ erstmals auf seiner eigenen Hochzeit getroffen zu haben
(vgl. A41 F235). Im späteren Verlauf der Anhörung hat er in Widerspruch
hierzu geltend gemacht, diesen in seiner Einheit kennengelernt zu haben
(vgl. A41 F252-253). Diese beiden voneinander diametral abweichenden
E-88/2019
Seite 8
Angaben lassen sich nicht miteinander in Einklang bringen. Auch auf die
entsprechende Nachfrage hin, weshalb eine Person, die er zuvor gar nicht
gekannt habe, überhaupt zu seiner eigenen (also jener des Beschwerde-
führers) Hochzeit, die bloss im kleinen Kreise gefeiert worden sei soll, ein-
geladen gewesen sei, vermochte der Beschwerdeführer keine nachvoll-
ziehbare Erklärung zu geben (vgl. A41 F254). Weiter ist auch nicht nach-
vollziehbar, weshalb der Beschwerdeführer just am Tag seiner eigenen
Hochzeit sogleich mit einer ihm zuvor nicht bekannten Person die eigene
Ausreise (ohne Frau und Kind) planen sollte. Auch diese Angaben erschei-
nen nicht lebensnah.
Die Sachverhaltsdarstellungen des Beschwerdeführers stehen weiter auch
in offenem Widerspruch zu den Sachangaben, die sein eigener Bruder in
dessen Asylverfahren zu Protokoll gegeben hat. So hat der Bruder des Be-
schwerdeführers H._ anlässlich seiner BzP am 21. April 2011 an-
gegeben, sein Bruder A._ (also der Beschwerdeführer) befinde sich
bereits damals als Flüchtling im Sudan (vgl. N [...] A3 Ziffer 12), was den
Behauptungen des Beschwerdeführers, sich 2011 noch in Eritrea aufge-
halten zu haben und erst drei Jahre später 2014 angeblich desertiert zu
sein, widerspricht. Auf Vorhalt hin konnte der Beschwerdeführer keinerlei
plausible Erklärung für das abweichende Aussageverhalten geben. Seine
simpel gehaltenen Erklärungsversuche erschöpfen sich vielmehr in nichts-
sagenden Allgemeinplätzen («Taten beweisen doch mehr als Worte» [vgl.
A41 F 207]) oder stellen blosse Gegenbehauptungen («ich habe recht, er
hat unrecht» [vgl. A41 F 208]) dar. Auch ist nicht zu erkennen, aus welchen
Gründen der Bruder des Beschwerdeführers anlässlich seiner Anhörung
im Jahr 2011 – also in einem Zeitpunkt in welchem der Beschwerdeführer
noch gar kein Asylgesuch in der Schweiz gestellt hat und eigenen Angaben
zufolge noch in Eritrea gewesen sein soll – unzutreffende Angaben zu Pro-
tokoll gegeben haben sollte. Der Bruder des Beschwerdeführers hätte aus
unzutreffenden Sachangaben zum Verbleib des Beschwerdeführers kei-
nerlei Prozessvorteile für sich ableiten können (Dies entgegen dem Erklä-
rungsversuch des Beschwerdeführers: «Vielleicht hatte er geglaubt, dass
er damit etwas Gutes tut» [vgl. A41 F 210]). Auf diese Ungereimtheiten wird
in der Beschwerde gar nicht erst nicht näher eingegangen. Der Umstand,
dass die zeitlichen Angaben des Beschwerdeführers in einem unüber-
brückbaren Widerspruch zu den Sachangaben seines Bruders stehen und
er keinerlei schlüssige Erklärungen für diese Widersprüche geben konnte,
wiegt schwer. Dies spricht klar dagegen, dass die Asylvorbringen des Be-
schwerdeführer sich in der von ihm geschilderten Weise zugetragen haben
können.
E-88/2019
Seite 9
Die in der Beschwerde erhobene pauschale Rüge, das SEM habe keine
umfassende Prüfung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen vorgenommen,
sondern lediglich auf verschiedene oberflächliche Angaben des Beschwer-
deführers hingewiesen, findet in den Akten keine Stütze und erweist sich
als unbehelflich. Insbesondere sind solche pauschalen Rügen nicht geeig-
net, die Widersprüche und Logikbrüche in den Asylvorbringen des Be-
schwerdeführers zu erklären. Auch der pauschale Hinweis in der Be-
schwerde, wonach die Desertion des Beschwerdeführers im Jahre 2014
stattgefunden habe und der Beschwerdeführer erst 2017 angehört worden
sei, weshalb der Beschwerdeführer möglicherweise einzelne Details nicht
mehr so ganz präsent gehabt habe, vermag das unbestimmte und wider-
spruchsbehaftete Aussageverhalten des Beschwerdeführers nicht zu er-
klären.
Schliesslich ist mit Verweis auf die Erwägungen in der angefochtenen Ver-
fügung, auf die in der Beschwerde gar nicht erst näher eingegangen wird,
angesichts der fehlenden erforderlichen Substantiierung auch von der Un-
glaubhaftigkeit der beschriebenen illegalen Ausreise auszugehen.
7.3 Im Lichte der voranstehenden Erwägungen hat die Vorinstanz die Vor-
bringen des Beschwerdeführers zu Recht als unglaubhaft eingestuft.
Vor diesem Hintergrund ist – entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers
– letztlich nicht auch noch auf die Umstände der angeblichen Verhaftungen
während des Militärdienstes spezifisch einzugehen. Wie voranstehend dar-
gelegt, erweisen sich die Asylvorbringen des Beschwerdeführers insge-
samt in den zentralen Punkten als nicht glaubhaft, so dass sich die behaup-
teten Geschehnisse insgesamt so nicht zugetragen haben können. Weiter
sind in Bezug auf die zeitlichen Umstände der angeblich zuletzt erlittenen
Haft ergänzend festzuhalten, dass sich der Beschwerdeführer den Anga-
ben seines Bruders zufolge zu jenem Zeitpunkt bereits im Sudan aufgehal-
ten hat er und somit damals nicht gleichzeitig in Eritrea in Haft gewesen
sein kann. Aufgrund der festgestellten fehlenden Glaubhaftigkeit der Asyl-
vorbringen kann sich das Geschehen nicht wie vom Beschwerdeführer ge-
schildert zugetragen haben.
7.4 Im Zusammenhang mit der Frage der Asylrelevanz einer illegalen Aus-
reise ist im Sinne einer Klarstellung festzuhalten, dass das Bundesverwal-
tungsgericht bis im Januar 2017 davon ausging, dass eine illegale Ausreise
aus Eritrea als subjektiver Nachfluchtgrund anzusehen war, weil illegal
Ausgereiste bei einer Rückkehr nach Eritrea mit erheblichen Nachteilen im
E-88/2019
Seite 10
Sinne von Art. 3 AsylG rechnen mussten (vgl. Urteil des BVGer D-
3892/2008 vom 6. April 2010 E. 5.3.3). Diese Rechtsprechung ist in der
Folge jedoch aufgegeben worden. Im Referenzurteil D-7898/2015 vom 30.
Januar 2017 kam das Bundesverwaltungsgericht nach einer eingehenden
quellengestützten Lageanalyse (E. 4.6–4.11) zum Schluss, dass die bishe-
rige Praxis, wonach eine illegale Ausreise per se zur Flüchtlingseigenschaft
führte, nicht mehr aufrechterhalten werden könne (E. 5.1). Es sei nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person
einzig aufgrund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrelevante Ver-
folgung drohe (a.a.O.). Nicht asylrelevant sei auch die Möglichkeit, dass
jemand nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen werde; ob
eine drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von
Art. 3 und Art. 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zuläs-
sigkeit bzw. Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs (a.a.O.). Für die Be-
gründung der Flüchtlingseigenschaft im eritreischen Kontext bedürfe es
neben der illegalen Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche zu
einer Verschärfung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich re-
levanten Verfolgungsgefahr führen könnten (E. 5.2).
Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, die geltend gemachte il-
legale Ausreise überhaupt glaubhaft zu machen, bedarf das weitere Vor-
bringen in der Beschwerde, wonach der Beschwerdeführer aufgrund seiner
angeblichen früheren Inhaftierungen in Kombination mit der illegalen Aus-
reise in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person wahr-
genommen werde, nicht näherer Prüfung. Auch in Berücksichtigung der
neueren Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts erfüllt er die
Flüchtlingseigenschaft auch unter diesem Gesichtspunkt nicht.
8.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder nicht darauf eintritt.
Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche Aufent-
haltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen (vgl.
BVGE 2013/37 E. 4.4). Die Wegweisung wurde zu Recht angeordnet.
9.
9.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
E-88/2019
Seite 11
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän-
der und über die Integration [AIG, SR 142.20]).
9.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völkerrecht-
liche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder
des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegen-
stehen. Vorliegend kommt dem Beschwerdeführer keine Flüchtlingseigen-
schaft zu. Das flüchtlingsrechtliche Rückschiebungsverbot von Art. 33
Abs. 1 FK und Art. 5 AsylG ist daher nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des
Vollzugs beurteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und
völkerrechtlichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Überein-
kommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame,
unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR
0.105]; Art. 3 EMRK).
Die Frage der Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs bei anstehender Ein-
ziehung in den eritreischen Nationaldienst ist vom Bundesverwaltungsge-
richt in einem jüngst ergangenen Grundsatzurteil geklärt worden (vgl. Urteil
des BVGer E-5022/2017 vom 10. Juli 2018 [zur Publikation vorgesehen]).
Das Gericht hat die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs im genannten
Urteil sowohl unter dem Gesichtspunkt des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4
Abs. 2 EMRK) als auch unter jenem des Verbots der Folter und der un-
menschlichen und erniedrigenden Behandlung (Art. 3 EMRK) geprüft und
bejaht (vgl. a.a.O., E. 6.1.5.2). Es kann auf die Ausführungen im genannten
Urteil verwiesen werden. Daher vermag selbst eine glaubhaft gemachte
drohende Einberufung in den Militärdienst, wovon aufgrund der unglaub-
haften Angaben des Beschwerdeführers zur geltend gemachten Desertion
und der illegalen Ausreise nicht zwingend auszugehen ist, der Zulässigkeit
des Wegweisungsvollzugs nach Eritrea nicht entgegenzustehen.
9.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf
Grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz über die Aus-
länderinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818).
Die drohende Einziehung in den eritreischen Nationaldienst führt mangels
einer hinreichend konkreten Gefährdung nicht generell zur Feststellung der
E-88/2019
Seite 12
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG (vgl.
Urteil E-5022/2017 E. 6.2).
Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg,
Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise ei-
ner generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen
werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in einigen Be-
reichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwie-
rig. Die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zu-
gang zu Wasser und zur Bildung haben sich jedoch stabilisiert. Der Krieg
ist seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte
sind nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die um-
fangreichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Be-
völkerung profitiert. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Lan-
des muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung
ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als
noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle
Faktoren indessen nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbar-
keit des Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer
D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 16 f.).
Beim Beschwerdeführer handelt es sich um einen jungen, gesunden Mann
mit zahlreichen verwandtschaftlichen Beziehungen (Mutter, Geschwister
und weitere Verwandte), mit welchen er in noch in Kontakt steht (vgl. A41
F 37-41), und der über berufliche Erfahrungen verfügt. Es ist davon auszu-
gehen, dass er bei einer Rückkehr mit Unterstützung seiner Familie eine
gesicherte Wohnsituation und Möglichkeiten zur Wiedereingliederung vor-
finden wird.
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
9.4 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung nach Eritrea generell nicht möglich ist. Die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der Feststellung der Unmöglichkeit
des Wegweisungsvollzugs im Sinne von Art. 83 Abs. 2 AIG entgegen. Es
obliegt daher dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12),
weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist
(Art. 83 Abs. 2 AIG).
E-88/2019
Seite 13
9.5 Schliesslich steht auch die Corona-Pandemie dem Wegweisungsvoll-
zug nicht entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt vo-
raus, dass ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, son-
dern voraussichtlich eine gewisse Dauer bestehen bleibt. Ist dies nicht der
Fall, so ist dem temporären Hindernis bei den Vollzugsmodalitäten Rech-
nung zu tragen (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizeri-
schen Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 14 E. 8d und e).
Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn überhaupt – um ein bloss
temporäres Vollzugshindernis, welchem im Rahmen der Vollzugsmodalitä-
ten durch die kantonalen Behörden Rechnung zu tragen ist, indem etwa
der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im Herkunftsland angepasst wird.
9.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
10.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und auch sonst nicht zu beanstanden ist
(Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist abzuweisen.
11.
11.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Indessen wurde das
mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom
14. Januar 2019 gutgeheissen. Somit sind keine Verfahrenskosten zu er-
heben.
11.2 Mit Zwischenverfügung vom 14. Januar 2019 wurde im Weiteren das
Gesuch um amtliche Verbeiständung gutgeheissen und F._ dem
Beschwerdeführer als Rechtsbeistand beigeordnet. Mit Zwischenverfü-
gung vom 5. März 2019 wurde F._ von seinem Mandat als amtli-
cher Rechtsbeistand entbunden und der in der Vollmacht vom 20. Dezem-
ber 2018 ebenfalls aufgeführte MLaw El Uali Emmhammed als neuer amt-
licher Rechtsbeistand beigeordnet. Diesem ist ein amtliches Honorar für
die notwendigen Aufwendungen im Beschwerdeverfahren auszurichten.
Seitens der Rechtsvertretung wurde keine Kostennote eingereicht. Auf die
Nachforderung einer solchen kann indes verzichtet werden, da der Auf-
wand für den Rechtsvertreter zuverlässig abgeschätzt werden kann
E-88/2019
Seite 14
(Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). In Anwendung der massgeblichen Bemes-
sungsfaktoren (vgl. Art. 8–11 VGKE) ist das Honorar auf Fr. 800.– (inkl.
Auslagen) festzusetzen. Dieser Betrag ist MLaw El Uali Emmhammed als
amtliches Honorar zulasten des Gerichts auszurichten.
(Dispositiv nächste Seite)
E-88/2019
Seite 15