Decision ID: 38f1f049-b5f2-4960-9a0c-f4773bf509a3
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend vorsätzliche Tötung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, I. Abteilung, vom 27. Februar 2019 (DG180070)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 9. Novem-
ber 2018 (Urk. 19/01) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der vorsätzlichen Tötung im Sinne von
Art. 111 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 11 Jahren Freiheitsstrafe, wovon
499 Tage durch Haft erstanden sind.
3. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a StGB für 10 Jahre des Landes
verwiesen.
4. Es wird die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informati-
onssystem angeordnet.
5. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 9. No-
vember 2018 beschlagnahmten
− Kochmesser, Marke Jamie Oliver (A010'873'286) − Brotmesser, Marke Kuhn Rikon (A010'873'344) − Filetiermesser, Marke Kuhn Rikon (A010'873'515) − Allzweckmesser, Marke Kuhn Rikon (A010'873'526) − Rüstmesser, Marke Kuhn Rikon (A010'873'537)
werden eingezogen und der Bezirksgerichtskasse zur Vernichtung überlas-
sen.
6. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich vom 9. No-
vember 2018 beschlagnahmten
− PC HP Pavilion, grau (A010'872'512) − PC HP Pavilion, schwarz (A010'872'523) − iPad schwarz (A010'872'545) − iPad weiss (A010'872'589)
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− Notebook HP Pavilion, grau (A010'872'590)
werden der Privatklägerschaft nach Eintritt der Rechtskraft des Urteiles her-
ausgegeben.
7. a) Der Beschuldigte wird verpflichtet, den Privatklägern 2, 3 und 4 eine
Genugtuung von je Fr. 40'000.– zuzüglich Zins zu 5% seit dem 17. Okto-
ber 2017 zu bezahlen.
b) Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin 1 eine Genugtu-
ung von Fr. 25'000.– zuzüglich Zins zu 5% seit dem 17. Oktober 2017 zu
bezahlen.
8. Es wird vorgemerkt, dass der Beschuldigte seine Schadenersatzpflicht
gegenüber der Privatklägerschaft aus dem eingeklagten Ereignis dem
Grundsatz nach anerkannt hat. Zur genauen Feststellung des Umfangs des
Schadenersatzanspruchs wird die Privatklägerschaft mit ihren
Zivilansprüchen auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
9. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 5'000.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 3'000.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 44'712.70 Auslagen (Gutachten)
Fr. 1'209.60 Auslagen (Legalinspektion)
Fr. 4'981.65 Obduktion
Fr. 3'255.30 Auslagen
Fr. 3'166.– Auslagen Polizei
Fr. 64.– Entschädigung Zeuge
Fr. 487.55 Entschädigung Dolmetscher (Vorverfahren)
Fr. 600.– Entschädigung Dolmetscherin (Hauptverhandlung)
Fr. 23'955.30 amtl. Verteidigungskosten (inkl. MWSt.)
Fr. 14'015.50 unentgeltliche Vertretung der Privatklägerschaft (inkl. MWSt.)
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
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10. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt; davon ausgenommen sind die Kosten der
amtlichen Verteidigung, welche einstweilen und unter dem Vorbehalt von
Art. 135 Abs. 4 StPO von der Gerichtskasse übernommen werden, sowie die
Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft, welche von
der Gerichtskasse übernommen werden.
11. [Mitteilungen]
12. [Rechtsmittel]
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 83)
1. Es sei festzustellen, dass der Beschuldigte den Tod seiner Ehefrau im
Zustand völliger Schuldunfähigkeit verursacht hat.
2. Der Beschuldigte sei von Schuld und Strafe freizusprechen.
3. Der Beschuldigte sei eventualiter wegen Totschlags im Sinne von
Art. 113 StGB schuldig zu sprechen.
4. Der Beschuldigte sei zu bestrafen mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren,
wovon höchstens 18 Monate zu vollziehen seien, unter Aufschub des
Rests der Freiheitsstrafe bei Anordnung einer Probezeit von 2 Jahren
und unter der Anordnung der Weisungen für die Probezeit, sich während
derselben in einer geeigneten Einrichtung im Sinne eines betreuten
Wohnens aufzuhalten und sich ärztlich behandeln zu lassen.
5. Für den Fall eines Schuldspruchs im Sinne der Anklage sei der Be-
schuldigte milde zu bestrafen.
6. Für unrechtmässig erstandene Haft sei dem Beschuldigten eine Ent-
schädigung in der Höhe von Fr. 150.– pro Tag zuzusprechen.
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7. Jedenfalls sei die bis heute erstandene Haft an eine vollziehbare Frei-
heitsstrafe anzurechnen.
8. Von der Anordnung einer obligatorischen Landesverweisung sei wegen
Vorliegens eines Härtefalles abzusehen.
9. Für den Fall der Feststellung der vollständigen Schuldunfähigkeit des
Beschuldigten seien die Privatkläger mit ihren sämtlichen Forderungen
auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen.
10. Für den Fall der Feststellung der Schuldfähigkeit des Beschuldigten sei
von der Anerkennung der Haftung für den erlittenen Schaden der Privat-
klägerschaft dem Grundsatze nach Vormerk zu nehmen, für die Festset-
zung der Höhe des Schadenersatzes sei diese auf den Weg des Zivil-
prozesses zu verweisen und die vorinstanzlich festgesetzten Genugtu-
ungssummen zu bestätigen.
11. Die Kosten der Untersuchung und des Verfahrens seien auf die Staats-
kasse zu nehmen.
12. Für den Fall einer Kostenauflage auf den Beschuldigten seien diese we-
gen offensichtlicher Uneinbringlichkeit sogleich abzuschreiben.
13. Die Verteidigung sei im Umfang des belegten Aufwandes zuzüglich des-
jenigen für die heutige Verhandlung und Auslagen und 7,7% Mehrwert-
steuer aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
14. Die Kosten für die Entschädigung der amtlichen Verteidigung im Beru-
fungsverfahren seien definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen.
15. Die Anträge der Staatsanwaltschaft seien abzuweisen.
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b) Der Vertreterin der Staatsanwaltschaft I:
(Urk. 82)
1. Dispositivziffer 2 des Urteils des Bezirksgerichts Bülach vom 27. Februar
2019 sei aufzuheben und der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe
von 15 Jahren zu bestrafen.
2. Dispositivziffer 3 sei aufzuheben und der Beschuldigte sei im Sinne von
Art. 66a StGB für 15 Jahre des Landes zu verweisen.
3. Im Übrigen sei das Urteil des Bezirksgerichtes Bülach zu bestätigen.
_

Erwägungen:
I. Verfahrensgang und Gegenstand der Berufung
1. Mit Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, I. Abteilung, vom 27. Februar 2019
wurde der Beschuldigte der vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB
schuldig gesprochen. Dafür wurde er mit einer Freiheitsstrafe von 11 Jahren be-
straft (unter Anrechnung von 499 Tagen Haft). Zudem verwies die Vorinstanz den
Beschuldigten für 10 Jahre des Landes. Die Vorinstanz nahm sodann Vormerk
davon, dass der Beschuldigte seine Schadenersatzpflicht gegenüber der Privat-
klägerschaft aus dem der Anklageschrift zugrundeliegenden Ereignis dem Grund-
satz nach anerkannt hat. Für die Bemessung der Schadenersatzpflicht wurde die
Privatklägerschaft auf den Zivilweg verwiesen. Ferner verpflichtete die Vorinstanz
den Beschuldigten, den Privatklägern 2, 3 und 4 je Fr. 40'000.– und der Privatklä-
gerin 1 Fr. 25'000.– als Genugtuung, je zuzüglich Zins zu 5% seit dem 17. Okto-
ber 2017 zu bezahlen. Ausgangsgemäss wurden die Kosten der Untersuchung
und des gerichtlichen Verfahrens dem Beschuldigten auferlegt (Urk. 46 S. 44 f.).
2. Gegen das mündlich eröffnete Urteil (Prot. I S. 35) liessen die Staatsan-
waltschaft I des Kantons Zürich (nachfolgend: Staatsanwaltschaft) mit Eingabe
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vom 6. März 2019 und der Beschuldigte mit Eingabe vom 8. März 2019 rechtzeitig
Berufung anmelden (Urk. 39; Urk. 40, Art. 399 Abs. 1 StPO). Das begründete Ur-
teil wurde den Parteien am 6. Mai 2019 zugestellt (Urk. 45). Die Berufungserklä-
rungen der Staatsanwaltschaft (Urk. 47) und des Beschuldigten (Urk. 48) erfolg-
ten rechtzeitig am 15. bzw. am 24. Mai 2019. Die Staatsanwaltschaft beantragte,
der Beschuldigte sei mit einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren zu bestrafen und fer-
ner für 15 Jahre des Landes zu verweisen (Urk. 47 S. 3). Betreffend die Anträge
des Beschuldigten sei vorab auf die eingangs festgehaltenen Berufungsanträge
verwiesen (hievor S. 5 f.). Im Wesentlichen beantragte die amtliche Verteidigung,
es sei festzustellen, dass der Beschuldigte die ihm vorgeworfene Tötung seiner
Ehefrau im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen habe. Der Beschuldigte sei
von Schuld und Strafe freizusprechen. Im Falle eines Schuldspruches sei der Be-
schuldigte mit einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren zu bestrafen, wovon höchstens
18 Monate zu vollziehen seien, unter Aufschub des Strafrests bei Anordnung ei-
ner Probezeit von 2 Jahren und der Anordnung der Weisung, sich während der
Probezeit in einer geeigneten Einrichtung im Sinne des betreuten Wohnens auf-
zuhalten. Ferner sei von einer Landesverweisung abzusehen (Urk. 48 S. 2). Im
Falle der Feststellung der Schuldfähigkeit sei von der Anerkennung der Schaden-
ersatzpflicht des Beschuldigten gegenüber der Privatklägerschaft sowie der Leis-
tung einer Genugtuung an diese Vormerk zu nehmen, zur Festsetzung der Höhe
der Zivilforderungen sei die Privatklägerschaft auf den Zivilweg zu verweisen
(Urk. 48 S. 2). Im Weiteren stellte der amtliche Verteidiger den Beweisantrag, es
sei der psychiatrische Gutachter, Prof. Dr. med. F._, Facharzt FMH für Psy-
chiatrie und Psychotherapie, Zert. Forensischer Psychiater SGFP, aufzufordern,
das schriftlich erstattete Gutachten vom 15. Mai 2017 (Urk. 13/33, in der Folge
Gutachten F._) anlässlich der Berufungsverhandlung insbesondere in Bezug
auf die Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit zu erläutern (Urk. 48 S. 3). Die Pri-
vatklägerschaft verzichtete innert angesetzter Frist auf Anschlussberufung (Urk.
53).
3. Mit Beschluss vom 21. August 2019 wurde der psychiatrische Gutachter
darum ersucht, im Sinne einer Ergänzung und Verdeutlichung des Gutachtens
vom 15. Mai 2017 zu den von der Verteidigung im Rahmen des Antrages auf Be-
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weisergänzung formulierten Fragen (Urk. 48 S. 3) Stellung zu nehmen (Urk. 57).
Am 27. September 2019 erstattete der psychiatrische Gutachter das Ergänzungs-
gutachten (Urk. 60), welches den Parteien mit Schreiben vom 1. Oktober 2019
zugestellt wurde (Urk. 61). Im Vorfeld der Berufungsverhandlung stellte der amtli-
che Verteidiger des Beschuldigten mit Eingabe vom 6. Mai 2020 den Beweisan-
trag, es seien bei der Justizvollzugsanstalt Pöschwies der Führungsbericht und
das Besuchsjournal betreffend den Beschuldigten sowie Berichte zum Gesund-
heitszustand des Beschuldigten einzuholen (Urk. 67 S. 2). In der Folge wurde die
Justizvollzugsanstalt Pöschwies darum ersucht, dem Gericht die vorgenannten
Berichte einzureichen (Urk. 70). Die von der Justizvollzugsanstalt Pöschwies ein-
gereichten und hierorts postalisch am 11. Mai 2020 eingegangenen Unterlagen
(Urk. 72-77) wurden der amtlichen Verteidigung und der Staatsanwaltschaft her-
nach elektronisch zugestellt (Urk. 78). Gleichentags stellte der amtliche Verteidi-
ger weitere Beweisanträge und reichte diverse Unterlagen per E-Mail ein
(Urk. 79), welche der Staatsanwaltschaft zugestellt und vom amtlichen Verteidiger
zusätzlich an der Berufungsverhandlung eingereicht wurden (Urk. 80; Urk. 80a
und Urk. 81/1-8). Zur mündlichen Berufungsverhandlung vom 12. Mai 2020 er-
schienen der Beschuldigte in Begleitung seines amtlichen Verteidigers, Rechts-
anwalt lic. iur. Y._, und Staatsanwältin lic. iur. Corinne Kauf als Vertreterin
der Anklagebehörde (Prot. II S. 5). Der Beschuldigte liess unter anderem den Be-
weisantrag stellen, es seien bei den zuständigen Ärzten aktuelle Gesundheitsbe-
richte den Beschuldigten betreffend einzuholen (Urk. 80 S. 1). Diesem Antrag
wurde stattgegeben und die zuständigen Universitätskliniken mit Beschluss vom
12. Mai 2020 darum ersucht, die aktuellen Kontrolluntersuchungs- bzw. Ambulato-
riumsberichte dem Gericht bis am 2. Juni 2020 einzureichen (Urk. 84). Am 26.
Mai und 2. Juni 2020 gingen die Berichte hierorts ein (Urk. 86/1-2, 87/1-2 und
Urk. 88). Sie wurden den Parteien mit Präsidialverfügung vom 3. Juni 2020 zur
freigestellten Stellungnahme zugestellt (Urk. 89). Die Staatsanwaltschaft liess sich
mit Eingabe vom 4. Juni 2020 vernehmen (Urk. 91). Diese Eingabe wurde der
Verteidigung zur Vernehmlassung übermittelt (Urk. 92). Die Stellungnahme der
Verteidigung zum Beweisergebnis und zur Vernehmlassung der Staatsanwalt-
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schaft datiert vom 14. Juni 2020 und ging am 16. Juni 2020 ein (Urk. 94). Das
Verfahren erweist sich als spruchreif.
4. Gemäss Art. 402 StPO hat die Berufung im Umfang der Anfechtung auf-
schiebende Wirkung und wird die Rechtskraft des angefochtenen Urteils dement-
sprechend gehemmt. Indem der Beschuldigte im vorliegenden Verfahren bean-
tragt, er sei von Schuld und Strafe freizusprechen, ist das vorinstanzliche Urteil in
sämtlichen Punkten, bis auf die Dispositivziffern 5 und 6 (Beschlagnahmungen)
sowie Dispositivziffer 9 (Kostenaufstellung) angefochten (vgl. auch Urk. 48 S. 2).
Somit ist das vorinstanzliche Urteil in Bezug auf die Dispositivziffern 5, 6 und 9 in
Rechtskraft erwachsen (Art. 402 StPO), was vorab mittels Beschluss festzustellen
ist.
II. Sachverhalt
1. Anklagevorwurf
Gemäss der Anklageschrift sei es am 17. Oktober 2017 zwischen dem Beschul-
digten und dessen Ehefrau G._ am gemeinsamen Wohnort in H._ zu
einem Streit gekommen. Dabei habe der Beschuldigte ein Messer mit einer Klin-
genlänge von ca. 20 cm zur Hand genommen. Mit diesem habe er mehrfach auf
seine Ehefrau eingestochen. Dadurch habe das Opfer unter anderem Verletzun-
gen am linken Oberarm, der rechten Schulter und an der Wange erlitten. Ferner
habe der Beschuldigte mit dem Messer in den linken Brustbereich des Opfers ge-
stochen, wobei das Messer horizontal in den Körper des Opfers eingeführt wor-
den sei. Die Klinge habe eine klaffende Schnittverletzung mit einer Länge von ca.
8 cm und einer Breite von ca. 1.5 cm verursacht und habe die 4. und 5. Rippe bis
zum Zwerchfell durchtrennt. Weiter habe die Klinge den Herzbeutel sowie beide
Herzkammern und den linken Herzvorhof geöffnet. Durch das Öffnen des Her-
zens habe das Opfer einen hohen Blutverlust erlitten, weshalb es kurze Zeit spä-
ter zufolge einer inneren Verblutung verstorben sei. Der Beschuldigte habe ge-
wusst, dass es zum Tod des Opfers führen könne, wenn er diesem mit einem
Messer in die linke Brustseite steche. Er habe zudem den Tod des Opfers herbei-
führen wollen, indem er mit dem Messer in den Brustbereich des Opfers einge-
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stochen habe. Dadurch habe sich der Beschuldigte der vorsätzlichen Tötung nach
Art. 111 StGB schuldig gemacht.
2. Sachverhaltserstellung
2.1. In Bezug auf den objektiven Sachverhalt ist festzuhalten, dass der Be-
schuldigte anerkannte, für den Tod seiner Ehefrau verantwortlich zu sein
(Urk. 02/03 S. 7). Gemäss seinen Aussagen sei es aufgrund der Obduktion wahr-
scheinlich, dass er die Ehefrau erstochen habe. Er anerkenne auch die Aussagen
seiner Kinder, dass er seine Ehefrau getötet habe; er könne niemanden beschul-
digen (Urk. 02/03 S. 7). Anlässlich der Schlusseinvernahme anerkannte der Be-
schuldigte den objektiven Anklagesachverhalt (Urk. 02/04 S. 3) und erklärte auf
Ergänzungsfrage des amtlichen Verteidigers, die Tat begangen zu haben
(Urk. 02/04 S. 10). Auch an der Hauptverhandlung anerkannte der Beschuldigte
den Anklagevorwurf in objektiver Hinsicht (Prot. I S. 18). An der heutigen Beru-
fungsverhandlung hielt er ebenfalls daran fest, seine Ehefrau erstochen zu haben
(Prot. II S. 20). Dieses Geständnis deckt sich auch mit dem übrigen Beweiser-
gebnis (Urk. 08/03; Urk. 05/04; Urk. 03/059). Der objektive Sachverhalt gilt somit
als erstellt und ist dem Urteil zugrunde zu legen.
2.2. In subjektiver Hinsicht wird dem Beschuldigten direkter Vorsatz vorgewor-
fen (vgl. hievor Ziffer II.1). In der Schlusseinvernahme erklärte der Beschuldigte
wiederum auf Ergänzungsfrage seines Verteidigers, ob es richtig sei, dass er den
Tod des Opfers mit dem Messerstich habe herbeiführen wollen, dass er das nicht
gewollt habe. Es stimme gar nicht, dass er vorsätzlich gehandelt habe (Urk. 02/04
S. 10). Der Beschuldigte bestreitet damit den subjektiven Sachverhalt. Auf diesen
ist – wie die Vorinstanz bereits zu Recht erwog (Urk. 46 S. 15) – im Rahmen der
rechtlichen Würdigung näher einzugehen (vgl. hienach Ziffer III.1.2 ff.). Zumal in
Bezug auf die Beurteilung einer allfälligen Verminderung der Schuldfähigkeit ge-
mäss Feststellung des Gutachters von Bedeutung ist, ob der Beschuldigte vor der
Tat vom Opfer tätlich angegriffen worden ist (Urk. 60 S. 5 ff.), ist nachfolgend im
Rahmen der Sachverhaltserstellung nunmehr einzig auf die der Tat vorausgehen-
de Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und dem Opfer einzugehen.
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2.3. Betreffend den Ablauf und die Intensität der Auseinandersetzung zwischen
dem Beschuldigten und dem Opfer ist auf die Aussagen des Privatklägers 3 ab-
zustellen, welcher diese Auseinandersetzung und die darauf folgende Tat beo-
bachtete (Urk. 03/05 S. 2). Die Aussagen der Privatklägerin 4 sowie des Privat-
klägers 2 vermögen über den genauen Ablauf der Auseinandersetzung keinen
Aufschluss zu liefern, zumal sowohl die Privatklägerin 4 als auch der Privatklä-
ger 2 angaben, zum Zeitpunkt des Vorfalls in ihren Zimmern bzw. im oberen
Stock gewesen zu sein (Urk. 03/03 S. 2; Urk. 03/08 S. 2; Urk. 03/19 S. 3, S. 5;
S. 6). Der Beweiswürdigung der Vorinstanz ist in Bezug auf die Auseinanderset-
zung zwischen Täter und Opfer vollumfänglich zu folgen (Urk. 46 S. 13 ff.). Sie
zeigt schlüssig und nachvollziehbar auf, dass die Aussagen des Privatklägers 3
als glaubhaft zu werten sind. Wie bereits die Vorinstanz richtig feststellte, sagte
der Privatkläger 3 in der ersten Einvernahme aus, der Beschuldigte und das Opfer
hätten sich gegenseitig geschlagen, wobei der Vater angefangen habe. Sie hätten
auch Gegenstände verwendet, die gerade herumgelegen seien. Der Vater habe
mit Brot geschmissen (Urk. 03/05 S. 3). Weiter gab er auf entsprechende Nach-
frage an, das Opfer habe den Beschuldigten geschlagen, als dieser ins Esszim-
mer habe gehen wollen. Daraufhin habe der Beschuldigte das Opfer mit einem
blauen Plastikdeckel im Brustbereich geschlagen. Das Opfer seinerseits habe den
Beschuldigten ein paar Mal geschlagen, wobei sich die Schläge gegen den Rü-
cken, die Schultern und den Bauch gerichtet hätten (Urk. 03/05 S. 4 f.). In der
zweiten Einvernahme führte der Privatkläger 3 aus, dass der Beschuldigte und
das Opfer sich gestritten hätten, als er vom Spielen nach Hause zurückgekehrt
sei. Der Hintergrund des Streites seien finanzielle Angelegenheiten zwischen sei-
nem Onkel und dem Beschuldigten gewesen. Die Auseinandersetzung habe da-
mit begonnen, dass sich das Opfer und der Beschuldigte "schlägelten". Der Vater
habe die Mutter geschlagen und sie ihn (Urk. 03/21 S. 1 f.). Das Opfer habe den
Beschuldigten mit der Hand irgendwie an die rechte Schulter geklopft und gegen
das Gesäss des Beschuldigten gekickt. Beide hätten sich gegenseitig geschlagen
(Urk. 03/21 S. 3). Somit schilderte der Privatkläger 3 zwei Mal ohne Widersprüche
und realitätsnah, dass es – bevor der Beschuldigte das Opfer mit dem Messer
niederstach – zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldig-
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ten und dem Opfer gekommen war, wobei sich beide gegenseitig geschlagen ha-
ben. Ferner stellte der Privatkläger 3 hinsichtlich der vorliegend massgeblichen
der Tat vorausgehenden Auseinandersetzung lebensnahe Zusammenhänge her,
indem er beispielsweise schilderte, die Eltern würden nach solchen Streitereien
jeweils für ein paar Tage nicht im selben Zimmer schlafen und nicht mehr mitei-
nander reden. Das sei seit seiner Geburt so (Urk. 03/05 S. 5). Im Weiteren lassen
sich die Aussagen, dass es vor der Tat zu einer tätlichen Auseinandersetzung ge-
kommen sei, stimmig in die angespannte eheliche Beziehung zwischen dem Be-
schuldigten und dem Opfer einbetten. So gab der Privatkläger 3 auch an, die Po-
lizei sei schon zwei Mal wegen eines Streits bei ihnen zu Hause erschienen
(Urk. 03/05 S. 5). Sie (der Beschuldigte und das Opfer) hätten schon öfters Streit
gehabt (Urk. 03/21 S. 2). Dass sie sich geschlagen hätten, sei vielleicht schon vier
oder fünf Mal im Jahr vorgekommen und er habe gedacht, dass sich die Situation
beruhige (Urk. 03/21 S. 3). Auch die übrigen Privatkläger gaben an, dass es öfters
zu Streitigkeiten und auch Tätlichkeiten gegenüber dem Opfer gekommen sei
(Urk. 03/03 S. 5; Urk. 03/08 S. 2, S. 3, S. 4; Urk.03/19 S. 10; Urk. 03/20 S. 7). So
führte insbesondere die Privatklägerin 4 aus, dass sich das Opfer gegen die
Schläge des Beschuldigten zur Wehr setze, indem sie ihn mit den Füssen trete,
wobei der Beschuldigte dann noch aggressiver werde. Wenn das Opfer sich ver-
teidige, dann halte er das Opfer und schlage es mit der flachen Hand, oder sie
würden sich gegenseitig schubsen, wenn der Beschuldigte ihr zu Nahe komme
(Urk. 03/08 S. 4). Auch habe sich der Beschuldigte schon dahingehend geäus-
sert, das Opfer in Stücke zu schneiden. Wenn sie sich streiten würden, drohe der
Beschuldigte dem Opfer. Unter anderem sage er dann, er bringe sie um. Letzt-
mals habe er das vor einigen Jahren gesagt, wobei sie gedacht habe, er meine
das nicht ernst (Urk. 03/08 S. 5). Vor dem Hintergrund, dass es zwischen dem
Beschuldigten und dem Opfer hin und wieder zu tätlichen Auseinandersetzungen
gekommen ist, erscheint es zusätzlich zu den glaubhaften Aussagen des Privat-
klägers 3 als plausibel, dass es auch vor der Tat, welcher ein heftiger Streit vo-
ranging, zu Handgreiflichkeiten gekommen ist. Die Aussagen des Privatklägers 3
werden weiter dadurch gestützt, dass auch der Privatkläger 2, als er nach Hause
gekommen ist, festgestellt habe, dass der Beschuldigte anlässlich des Streits kurz
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davor gewesen sei, gewalttätig zu werden (Urk. 03/03 S. 2). Diese Schilderung
lässt zumindest nicht unplausibel erscheinen, dass es vor der Tat zu gegenseiti-
gen Handgreiflichkeiten gekommen ist. Der Glaubhaftigkeit der Aussagen des
Privatklägers 3 vermag auch nicht Abbruch zu tun, dass mit der Fotodokumentati-
on des Messers, aus welchen Bildern hervorgeht, dass der Tatwaffe noch gewis-
se Blutspuren und Geweberückstände anhafteten (Urk. 8/06 S. 32f. und 52), nicht
vereinbar ist, der Beschuldigte – so meinte der Privatkläger 3 beobachtet zu ha-
ben – habe das Messer nach der Tat abgewaschen (Urk. 03/05 S. 3; Urk. 03/21
S. 5). Betreffend das Kerngeschehen und die der Tat vorausgehende Auseinan-
dersetzung sind die Aussagen des Privatklägers 3 widerspruchsfrei und konsis-
tent.
2.4. Ferner geht aus den Akten hervor, dass der Beschuldigte der Polizistin
Haus gegenüber nach der Tat gesagt habe, die Ehefrau habe ihn auf den Kopf
geschlagen, und zwar genau an der Stelle, an welcher sein Tumor gewesen sei;
sie habe einfach nicht aufgehört, ihn zu schlagen (Urk. 03/17 S. 3). Auch die amt-
liche Verteidigung führte anlässlich der Berufungsverhandlung aus, es seien
Schläge des Opfers gegen den Kopf des Beschuldigten erfolgt. Dies gerade dort,
wo dem Beschuldigten das Implantat habe eingesetzt werden müssen, d.h. einer
besonders empfindlichen Stelle, an welcher er sich von einer Verletzung gefürch-
tet habe (Urk. 83 S. 16). Wie hievor unter Ziffer II.2.2. dargelegt, sagte der Privat-
kläger 3 aus, dass sich die Eltern vor der Tat gegenseitig geschlagen hätten
(Urk. 03/05 S. 3, S. 4). Die Mutter habe den Vater ein paar Mal geschlagen, beim
Rücken, bei den Schultern und in den Bauch (Urk. 03/03 S. 5). Ferner habe die
Mutter irgendwie gegen die rechte Schulter geklopft und in das Gesäss des Va-
ters gekickt (Urk. 03/21 S. 3). Es seien Gegenstände verwendet worden, die ge-
rade herumgelegen seien, so beispielsweise Teetassen und ein Deckel. Sodann
habe der Vater die Mutter mit Füssen getreten, damit diese zusammensacke und
er die Chance habe, zuzustechen (Urk. 03/05 S. 3). Es fällt auf, dass der Privat-
kläger 3 ziemlich detaillierte Aussagen betreffend die tätliche Auseinandersetzung
machte, jedoch gerade nicht beobachtet hatte, dass das Opfer den Beschuldigten
gegen den Kopf geschlagen hatte. Hätten sich diese Schläge tatsächlich so er-
eignet, wie das der Beschuldigte gegenüber der Polizistin Haus darlegte, so darf
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aufgrund der insgesamt glaubhaften und lebensnahen Schilderungen des Privat-
klägers 3 davon ausgegangen werden, dass er die Schläge gegen den Kopf
ebenfalls gesehen und diese auf entsprechende Nachfrage auch erwähnt hätte,
wenn sich diese so ereignet hätten, wie dies der Beschuldigte unmittelbar nach
der Tat aussagte. Im Weiteren ist an dieser Stelle betreffend die Heftigkeit der tät-
lichen Auseinandersetzung und die angeblich erfolgten Schläge gegen den Kopf
des Beschuldigten festzuhalten, dass gemäss gutachterlicher Einschätzung eine
schwere Verminderung der Schuldfähigkeit des Beschuldigten dann in Betracht
falle, wenn das Opfer den Beschuldigten kurz vor der Tat provoziert bzw. sogar
geschlagen habe (Urk. 13/33 S. 111). Insofern kann im Hinblick auf die zu prüfen-
de Verminderung der Schuldfähigkeit in tatsächlicher Hinsicht offen bleiben, wel-
cher Art und Heftigkeit die Schläge waren bzw. ob der Beschuldigte durch die
Schläge des Opfers am Kopf getroffen wurde. Massgeblich ist einzig, dass es vor
der Tat zu einer wechselseitigen tätlichen Auseinandersetzung gekommen ist.
Der amtliche Verteidiger wendet weiter ein, es sei nicht genügend erstellt, dass es
ohne die Schläge gegen den Kopf auch zur Tat gekommen wäre (Urk. 83 S. 17).
Darauf ist an dieser Stelle nicht näher einzugehen, zumal im Rahmen der rechtli-
chen Würdigung zu klären bleibt, ob ein besonderer Erregungszustand und eine
daraus resultierende heftige Gemütsbewegung des Beschuldigten Anlass für das
Delikt bildete.
2.5. Anlässlich der Berufungsverhandlung führte die Staatsanwältin sodann
aus, es sei gestützt auf die Aussagen des Privatklägers 3 erstellt, dass der Be-
schuldigte das Messer nach der Tat im Spülbecken abgewaschen habe (Urk. 82
S. 4 und S. 5), was für die Strafzumessung hinsichtlich der Bewertung des
Nachtatverhaltens von Relevanz sei. Wie vorstehend dargelegt, hafteten der Tat-
waffe noch gewisse Blutspuren und Geweberückstände an (Urk. 8/06 S. 32 f. und
52), was eher dagegen spricht, dass der Beschuldigte das Messer abgespült hat.
Nicht auszuschliessen ist hingegen, dass der Beschuldigte das Messer infolge der
ausserordentlichen Stresssituation womöglich nur wenig gründlich abgewaschen
hat. Jedenfalls lässt sich zuungunsten des Beschuldigten nicht erstellen, dass er
dies – sollte er das Messer tatsächlich abgewaschen haben – mit dem Motiv ge-
macht hat, Spuren zu vernichten, zumal unter Zugrundelegung dieser Annahme
- 16 -
nicht davon auszugehen ist, dass der Beschuldigte das Messer in der Küche zu-
rückgelassen hätte bzw. nicht zumindest versucht hätte, dieses gänzlich von den
Blut- und Fettanhaftungen zu befreien.
2.6. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der in der Anklage geschilderte
objektive Sachverhalt als nachgewiesen gilt und der nachfolgenden rechtlichen
Würdigung zugrunde zu legen ist. Ferner gilt als erstellt, dass es zwischen dem
Beschuldigten und dem Opfer vor der Tat zu einer wechselseitigen tätlichen
Auseinandersetzung gekommen ist. Auf den subjektiven Sachverhalt wird im
Rahmen der rechtlichen Würdigung einzugehen sein.
III. Rechtliche Würdigung
1. Vorsätzliche Tötung nach Art. 111 StGB
1.1. Die Vorinstanz erwog, dass vorliegend der Grundtatbestand der vorsätzli-
chen Tötung nach Art. 111 StGB sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hin-
sicht erfüllt ist (Urk. 46 S. 19 ff.). Auf die entsprechenden Ausführungen betreffend
den objektiven Tatbestand kann zur Vermeidung von Wiederholungen vollum-
fänglich verwiesen werden (Urk. 46 S. 19; Art. 82 Abs. 4 StPO).
1.2. Betreffend den subjektiven Tatbestand erwog die Vorinstanz, der Beschul-
digte habe direktvorsätzlich gehandelt. Sie stellte insbesondere auf den vom Pri-
vatkläger 3 geschilderten Tatablauf ab. Gemäss dessen Schilderungen – so fass-
te die Vorinstanz diese zusammen –, sei der Beschuldigte dem Opfer mit einem
Deckel in der Hand in die Küche gefolgt, habe dort ein Messer aus der Schublade
genommen und sei auf das Opfer losgegangen. Er habe mehrmals versucht, das
Opfer zu treffen, habe dieses aber nur ein oder zwei Mal getroffen. Zudem, so der
Privatkläger 3 weiter, habe das Vorgehen des Beschuldigten geplant gewirkt; es
habe so ausgesehen, als hätte der Beschuldigte das Opfer aus den Augenwinkeln
beobachtet und gewartet, bis es in die Küche gehe. Der Deckel in der Hand habe
ihm als Vorwand gedient, dem Opfer in die Küche zu folgen und er habe wohl so
getan, als würde er den Deckel versorgen wollen und habe dann das Messer aus
der Schublade genommen. Ferner habe der Privatkläger 3 gesagt, es habe so
- 17 -
ausgesehen, als wolle der Beschuldigte das Opfer treffen; er habe das Opfer ge-
halten, damit er habe zustechen können (Urk. 46 S. 20). Die Vorinstanz schloss
aufgrund dieser Aussagen auf ein zielgerichtetes Vorgehen des Beschuldigten.
Dass der Beschuldigte zielgerichtet vorgegangen sei, ergebe sich auch aus dem
Spurenbild. Die Tiefe der Wunde und die Schäden an den Rippen bezeugten die
Intensität, mit der die Stichbewegung durchgeführt worden sei. Auch weise das
Opfer Stichwunden am Arm und im Gesicht auf, was darauf hindeute, dass der
Beschuldigte das Ziel verfehlt habe und die Messerattacke erst dann gestoppt
habe, als das Opfer zu Boden ging. Daraus müsse gefolgert werden, dass er das
Opfer habe töten wollen (Urk. 46 S. 20 f.). Hinzu komme, dass der Beschuldigte
nach der Tat davon ausgegangen sei, dass seine Handlungen zum Tod des Op-
fers geführt hätten, zumal er sich entsprechend gegenüber den am Tatort einge-
troffenen Personen geäussert habe (Urk. 46 S. 21).
1.3. Für den Fall, dass keine direkten Beweise vorliegen, ist nach der Recht-
sprechung auch ein indirekter Beweis zulässig. Beim Indizienbeweis wird aus be-
stimmten Tatsachen, die nicht unmittelbar rechtserheblich, aber bewiesen sind
(Anzeichen, Hilfstatsachen), auf die zu beweisende, unmittelbar rechtserhebliche
Tatsache geschlossen (Urteil des Bundesgerichtes 6B_678/2013 vom 3. Februar
2014 E. 3.3. mit Hinweisen). Der Indizienbeweis ist dem direkten Beweis gleich-
wertig. Indizien sind sogar unentbehrlich zur Aufdeckung innerer Tatsachen wie
des Vorsatzes. Es ist zulässig, aus der Gesamtheit der verschiedenen Indizien,
welche je für sich allein betrachtet nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf
eine bestimmte Tatsache oder Täterschaft hindeuten und insofern Zweifel offen
lassen, auf den vollen rechtsgenügenden Beweis von Tat oder Täter zu schlies-
sen (Urteil des Bundesgerichtes 6B_605/2016 vom 15. September 2016 E. 2.8.
mit Hinweisen auf Kommentierung und Rechtsprechung).
1.4. Vorliegend ist somit insbesondere aufgrund der vom Privatkläger 3 ge-
schilderten Vorgehensweise des Beschuldigten auf dessen Willensrichtung zu
schliessen. Die feststellenden Äusserungen des Beschuldigten nach der Tat, dass
das Opfer tot sei, vermögen dagegen nicht hinreichend über innere Tatsachen –
auch nicht als ein zusätzliches Indiz – Aufschluss zu geben. Diese Aussagen sind
- 18 -
einzig Schilderungen des äusseren Handlungsablaufes und wurden zudem in ei-
ner für den Beschuldigten enormen Stresssituation geäussert. Diese können auch
damit erklärt werden, dass der Beschuldigte aufgrund der Tatsache, dass das Op-
fer regungslos und blutend am Boden lag, davon ausging, dass er das Opfer um-
gebracht habe. Daraus, dass der Beschuldigte aussagte, das Opfer getötet zu
haben, kann auch vor dem Hintergrund der Schilderungen des Privatklägers 3
und aufgrund der Stichverletzungen nicht gefolgert werden, dass der Beschuldigte
den Tod des Opfers willentlich herbeiführen wollte. Es ist zwar zutreffend, wenn
die Vorinstanz erwog, dass das vom Privatkläger 3 geschilderte Tatvorgehen da-
für spreche, dass der Beschuldigte zielgerichtet vorgegangen sei. Diese Auffas-
sung wird auch vom psychiatrischen Gutachter im Gutachten vom 15. Mai 2017
gestützt. Der psychiatrische Gutachter umschrieb die Vorgehensweise des Be-
schuldigten als zielgerichtete Annäherung an das Opfer (Urk. 13/33 S. 107). Hin-
gegen dürfen den Aussagen des Privatklägers 3, das Vorgehen des Beschuldig-
ten habe geplant gewirkt, in der Beurteilung, ob der Beschuldigte direktvorsätzlich
mit Bezug auf die Herbeiführung des Todes gehandelt hat, kein ausschlaggeben-
des Gewicht beigemessen werden: So sagte der Privatkläger 3 anlässlich der Be-
fragung am Tag nach der Tat aus, er wisse nicht sicher, ob es sein (des Vaters)
Plan gewesen sei, es habe aber so ausgesehen, als ob er einen Grund gewollt
habe, um der Mutter in die Küche zu folgen; dort habe er den Deckel deponiert
und das Messer aus der Schublade herausgenommen (Urk. 03/06 1h 26 Min.).
Dabei handelt es sich in Bezug auf die Willensrichtung des Beschuldigten jedoch
um Mutmassungen, die wiederum der Vorstellung und der Wahrnehmung sowie
der Interpretation des Privatklägers 3 entspringen, auch wenn dessen Schilderun-
gen des Tatablaufs selbst – wie vorstehend erwogen – nicht in Zweifel zu ziehen
sind.
Wie nachstehend im Rahmen der Schuldfähigkeit eingehender darzulegen sein
wird (hienach Ziffer III.3.2), attestierte der psychiatrische Gutachter dem Beschul-
digten eine (gegenüber dem Durchschnitt der Bevölkerung) deutlich einge-
schränkte Belastbarkeit und Frustrationstoleranz (Urk. 13/33 S. 105, 108, 109),
was einer psychopathologischen Disposition der Persönlichkeit im Sinne einer or-
ganischen Persönlichkeitsveränderung entspreche (Urk. 13/33 S. 106). Die Fä-
- 19 -
higkeit des Beschuldigten, mit Konflikten sachgerecht und konstruktiv umzuge-
hen, sei deutlich eingeschränkt. Das Steuerungsvermögen bzw. die Stresstole-
ranz sei seit dem Jahr 2005 und auch zeitlich überdauernd vermindert (Urk. 13/33
S. 103). Ferner legte der Gutachter dar, dass der Beschuldigte bereits aufgrund
vergeblicher Anrufversuche an seinen Sohn in einer angespannten Verfassung
gewesen sei, welche sich zusätzlich durch den Konflikt mit der Ehefrau akzentu-
iert habe könnte (Urk. 13/33 S. 105). Aufgrund der hirnorganisch bedingten ein-
geschränkten Stressresilienz des Beschuldigten und der verbalen und tätlichen
Auseinandersetzung, welche dem Tötungsdelikt voranging, darf vorliegend nicht
ausgeschlossen werden, dass er mit der Messerattacke in erster Linie dem eska-
lierenden Konflikt ein Ende bereiten bzw. einfach seine Ruhe haben wollte. In die-
ser Situation ist den abnormen Elementen in der Persönlichkeit des Beschuldigten
Rechnung tragend zu dessen Gunsten darauf zu schliessen, dass der Beschul-
digte den Tod seiner Ehefrau durch sein Handeln zwar klarerweise in Kauf nahm,
diesen jedoch nicht direktvorsätzlich herbeiführen wollte. Vorliegend ist von einer
eventualvorsätzlich begangenen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB auszugehen.
2. Totschlag im Sinne von Art. 113 StGB
2.1. Wie bereits vor Vorinstanz (Urk. 35 S. 16) vertritt der amtliche Verteidiger
auch im Berufungsverfahren den Standpunkt, der Beschuldigte sei für den Fall,
dass von dessen Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt ausgegangen werde, des Tot-
schlages und nicht der vorsätzlichen Tötung schuldig zu sprechen (Urk. 83 S. 7
ff.).
2.2. Der privilegierende Tatbestand des Totschlags nach Art. 113 StGB kommt
zur Anwendung, wenn der Täter in einer nach den Umständen entschuldbaren
Gemütsbewegung oder unter grosser seelischer Belastung gehandelt hat. Dabei
privilegiert Art. 113 StGB nicht nur den Täter, der sich in einer akuten Konflikt-
situation befindet und sich in einer einfühlbaren, heftigen Gemütsbewegung wie
beispielsweise Jähzorn, Wut, Eifersucht, Verzweiflung oder Angst dazu hinreissen
lässt, einen anderen Menschen zu töten. Die genannte Bestimmung berücksich-
tigt auch andere Situationen, in denen die zu einer Tötung führende Gemütslage
in vergleichbarer Weise als entschuldbar angesehen werden kann. Erfasst wer-
- 20 -
den chronische seelische Zustände, ein psychischer Druck, der während eines
langen Zeitraums kontinuierlich anwächst und zu einem langen Leidensprozess
bis zur völligen Verzweiflung führt. Mit der Privilegierung wird der Tatsache Rech-
nung getragen, dass der Täter auf Grund seines emotionalen Erregungszustands
im Moment der Tötungshandlung nur noch beschränkt in der Lage war, sein Ver-
halten zu kontrollieren. Die heftige Gemütsbewegung und die grosse seelische
Belastung müssen entschuldbar sein. Nach der bundesgerichtlichen Rechtspre-
chung setzt der Begriff der Entschuldbarkeit voraus, dass die heftige Gemütsbe-
wegung oder die grosse seelische Belastung bei objektiver Betrachtung nach den
sie auslösenden Umständen gerechtfertigt und die Tötung dadurch bei der Beur-
teilung nach ethischen Gesichtspunkten in einem wesentlich milderen Licht er-
scheint. Es muss angenommen werden können, auch eine andere, anständig ge-
sinnte Person wäre in der betreffenden Situation leicht in einen solchen Affekt ge-
raten. Abnorme Elemente in der Persönlichkeit des Täters, wie besondere Erreg-
barkeit, krankhafte Eifersucht oder übertriebenes Ehrgefühl, vermögen die Ge-
mütsbewegung nicht zu entschuldigen. Sie stellen allenfalls bei der Strafzumes-
sung zu berücksichtigende Faktoren dar. Hat der Täter die Konfliktsituation, wel-
che die Gemütsbewegung bzw. die seelische Belastung auslöste, selbst ver-
schuldet oder doch vorwiegend durch eigenes Verhalten schuldhaft herbeigeführt,
so ist der Affekt nicht entschuldbar (Urteil des Bundesgerichtes 6B_1149/2015
vom 29. Juli 2016 E. 3.1. mit zahlreichen weiteren Verweisen).
2.3. In Bezug auf die heftige Gemütsbewegung erwog die Vorinstanz, dass der
Streit zwischen dem Beschuldigten und dem Opfer nicht die erforderliche quanti-
tative Stärke für eine heftige Gemütsbewegung gehabt habe. Die Eheleute hätten
sich schon oft in ähnlicher Weise gestritten. Ferner sei die gutachterlich festge-
stellte Persönlichkeitsveränderung mitursächlich für die Heftigkeit und allenfalls
gar den Streit gewesen, wobei abnorme Elemente in der Persönlichkeit des Tä-
ters bei der Bemessung der Tatschuld zu berücksichtigen seien (Urk. 46 S. 23).
Hinsichtlich des Geschehens vor der tödlichen Messerattacke gab der Beschul-
digte im Wesentlichen an, dass es um das Bringen des Abendessens gegangen
sei und das Opfer angefangen habe, ihn anzuschreien und er dann die Kontrolle
verloren habe (Urk. 02/01 S. 3; Prot. I S. 21.). Konkret habe er Backformen aus
- 21 -
Keramik auf den Tisch gestellt, danach sei das Opfer aus unbekannten Gründen
laut geworden. Die Kontrolle habe er wegen der Tabletten und der Befehle verlo-
ren (Urk. 02/01 S. 4). Er habe dem Opfer schon 100 Mal gesagt, es solle ihn in
der Zeit zwischen 16.00 Uhr bis 18.00 Uhr in Ruhe lassen; in dieser Zeit könne er
nichts machen (Urk. 02/01 S. 4). Wenn er die Tabletten einnehme, brauche er ei-
ne bis eineinhalb Stunden Ruhe. Niemand solle ihn stören (Urk. 02/02 S. 3).
Im Hinblick auf ein zu prüfendes allfälliges Handeln aus einer heftigen Gemüts-
bewegung wird nachfolgend kurz auf die einschlägigen Passagen des psychiatri-
schen Gutachtens von Prof. Dr. med. F._ vom 15. Mai 2017 eingegangen:
Der psychiatrische Gutachter legte zwar dar, dass es Hinweise für eine Affekttat
gebe. So zeige die Vorgeschichte häuslicher Gewalt (zwischen dem Beschuldig-
ten und dem Opfer), dass Gewalt durchaus eine Handlungsoption gewesen sei,
was wiederum bei einem gesunden Menschen gegen ein Affektdelikt spreche. Im
Fall des Beschuldigten sei das Handeln jedoch Ausdruck seiner Erkrankung, wel-
che mit einer eingeschränkten Belastbarkeit einhergehe und eine affektive Aus-
lenkbarkeit sowie eine Aggressivität in Krisensituationen bedinge (Urk. 13/33 S.
105). Ferner legten gemäss psychiatrischem Gutachter die Äusserungen des Be-
schuldigten eine vor der Tat bestehende Affektspannung nahe, welche im Falle
einer auch geringgradigen oder gar nicht beabsichtigten Provokation in Richtung
eines Erregungszustandes eskalieren könne (Urk. 113/33 S. 106). Auch das
Nachtatverhalten sei typisch für ein Affektdelikt, weil es durch eine affektive Er-
schütterung im Sinne einer Rat- bzw. Hilflosigkeit charakterisiert sei (Urk. 13/33 S.
107). Entscheidend ist hingegen, dass der psychiatrische Gutachter festhält, dass
die vorliegende Konstellation zwar derjenigen von Affektdelikten ähnlich sei. Al-
lerdings bestehe im Fall des Beschuldigten der grundlegende Unterschied zu den
für Affektdelikte im engeren Sinn typischen Erregungszuständen ansonsten psy-
chisch unbeeinträchtigter Personen darin, dass die beim Beschuldigten beste-
hende hirnorganische Beeinträchtigung eine gegenüber dem Durchschnitt der
Bevölkerung deutlich erhöhte Vulnerabilität für solche Entgleisungen bedinge
(Urk. 13/33 S. 103). Die Vorgehensweise des Beschuldigten, welche gemäss
Gutachter Ausdruck seiner Erkrankung sei (Urk. 13/33 S. 105), kann folglich nicht
zum Anlass genommen werden, von einem Handeln des Beschuldigten aus einer
- 22 -
heftigen Gemütsbewegung auszugehen. Die hirnorganisch bedingte psychische
Beeinträchtigung des Beschuldigten ist, sofern sie auch unter der nachfolgend zu
prüfenden Variante der grossen seelischen Belastung unbeachtlich bleiben kann
(vgl. hienach Ziffer II.2.4), einzig bei der Prüfung der Schuldfähigkeit bzw. der
Tatschuld zu berücksichtigen (vgl. auch BSK StGB I-SCHWARZENEGGER, Art. 113
N 133). Die Erkrankung des Beschuldigten ungeachtet bestand vorliegend auch
keine Situation, die geeignet war, eine rechtsrelevante heftige Gefühlsregung her-
vorzurufen, welche ihrerseits die Fähigkeit des Beschuldigten zur Selbstbeherr-
schung beeinträchtigt hätte. Dies ergibt sich zum einen daraus, dass zwischen
den Eheleuten bereits des Öftern Streitigkeiten entbrannt sind, welche in ihrer In-
tensität mit der dem Tötungsdelikt vorangehenden Auseinandersetzung ver-
gleichbar waren (vgl. Ziffer II.2.2.). So sagte auch der Privatkläger 3 aus, der Va-
ter sei vor der Tat so gewesen wie immer. Er streite immer so (Urk. 03/05 S. 3;
Urk. 03/21 S. 2). Es sei 'x' Male vorgekommen, dass sich die Mutter und der Vater
gegenseitig geschlagen hätten. Es sei einfach noch nie ein Messer im Spiel ge-
wesen (Urk. 03/05 S. 3; vgl. auch Urk. 03/21 S. 3). Die der Tat vorangehenden
tätlichen Übergriffe vermögen somit noch keinen Anlass dazu bieten, beim Be-
schuldigten von einem Handeln aus heftiger Gemütsbewegung auszugehen. Zum
anderen gab der Beschuldigte auf die Frage, was das Opfer geschrien habe, an,
dies nicht zu wissen; er habe dem Geschrienen 'nicht so' Beachtung geschenkt.
Vor der Tat habe eigentlich eine normale Situation geherrscht (Urk. 02/04 S. 9).
Für den Tatzeitpunkt kann somit nicht auf eine rechtsrelevante heftige Gemüts-
bewegung geschlossen werden. Aus diesem Grund geht auch der Einwand der
amtlichen Verteidigung fehl, der Beschuldigte könnte sich aufgrund seiner psy-
chisch und physischen Einschränkungen nie des gegenüber der vorsätzlichen Tö-
tung privilegierten Tatbestandes des Totschlages schuldig machen, sofern vorer-
wähnte Einschränkungen gesamthaft seiner Krankheit bzw. Persönlichkeitsstö-
rung zugeschrieben würden (Urk. 83 S. 19). Dass der Privatkläger 3 aussagte,
der Beschuldigte sei während des Streits, am Anfang, ganz normal gewesen,
dann sei es aber irgendwie etwas zu schlimm geworden, der Vater habe sich
dann verändert, in dem Moment sei er nicht ganz normal gewesen, vermag nichts
daran zu ändern, dass nicht von einer rechtsrelevanten Gemütsbewegung auszu-
- 23 -
gehen ist (Urk. 03/21 S. 3). Dass es – wie der Privatkläger 3 aussagte – zu
schlimm geworden sei, muss vor dem Hintergrund des Tathergangs darauf zu-
rückzuführen sein, dass der Beschuldigte ein Messer zur Hand genommen hat
und auf das Opfer einstach, was offensichtlich trotz vieler Streitigkeiten noch nie
vorgekommen ist, weshalb auch durchaus darauf geschlossen werden kann, dass
der Privatkläger 3 aus diesem Grund schilderte, der Vater sei nicht ganz normal
gewesen. Diese Schlussfolgerung wird ferner dadurch gestützt, dass der Privat-
kläger 3 auf erneute Nachfrage antwortete, das mit dem Messer sei nicht normal
gewesen, das sei nie vorgekommen (Urk. 03/21 S. 3). Selbst wenn der Tat Pro-
vokationen in Form von Tätlichkeiten gegenüber dem Beschuldigten vorausgin-
gen, und davon ausgegangen werden sollte, diese durch Tätlichkeiten verursach-
ten Provokationen hätten beim Beschuldigten zu einer heftigen Gemütsbewegung
geführt, kann nicht auf deren Entschuldbarkeit geschlossen werden. Dies hat ins-
besondere deshalb zu gelten, weil der Beschuldigte nicht grundlos vom Opfer an-
gegangen wurde, sondern es sich um eine wechselseitige verbale und tätliche
Auseinandersetzung handelte. Wie nachstehend darzulegen sein wird
(vgl. hiernach Ziffer III.2.4.13.) ist vorliegend nicht von einer Konstellation auszu-
gehen, in welcher der Beschuldigte vom Opfer unterdrückt oder ohne Anlass ge-
schlagen oder bedroht bzw. grundsätzlich in seinem physischen oder psychischen
Wohlbefinden beeinträchtigt oder gestört wurde, und eine allfällige heftige Ge-
mütsbewegung in der vorliegenden Situation als entschuldbar gelten müsste. In-
sofern ist vorliegend auch nicht näher darauf einzugehen, dass gemäss dem Vor-
bringen der amtlichen Verteidigung nicht genügend zweifelsfrei erstellt sei, dass
es ohne den Schlag gegen den Kopf des Beschuldigten auch zur Tat gekommen
wäre (Urk. 83 S. 17).
2.4. Die Vorinstanz verneinte weiter, dass eine grosse seelische Belastung ge-
geben sei. Die Verteidigung stellte zur Begründung der grossen seelischen Belas-
tung des Beschuldigten einerseits darauf ab, dass die Familie seit der Aufhebung
der IV-Rente mit Existenzproblemen gekämpft habe. Anderseits habe es Span-
nungen zwischen der Familie des Beschuldigten und der Familie des Opfers ge-
geben sowie hinsichtlich des Bezugs von Sozialhilfe auch mit den zuständigen
Gemeindeorganen (Urk. 35 S. 16). Weiter hindere die auf die Behandlung des
- 24 -
Hirntumors zurückzuführende Persönlichkeitsveränderung den Beschuldigten da-
ran, in Streitsituationen adäquat zu reagieren. Auch habe sich die Phase der be-
sonderen Reizbarkeit, welche mit der zeitlich nicht exakt feststellbaren Medika-
menteneinnahme zusammenhänge, zeitlich nach hinten verschoben. Die Ehe sei
durch gegenseitige Schuldzuweisungen betreffend die schwierige familiäre Situa-
tion belastet gewesen. Sodann habe der Beschuldigte sich als Belastung für die
Familie empfunden und habe Angst vor weiteren epileptischen Anfällen gehabt,
weshalb er sich in psychologische Behandlung begeben habe (Urk. 35 S. 17).
Nach einem für den Beschuldigten anstrengenden Besuch von Verwandten, mit
denen ohnehin eine Streitigkeit wegen eines offenen Darlehens bestanden habe,
sowie nach dem Ausbruch des Streits, während dem der Beschuldigte wahr-
scheinlich vom Opfer auf den Kopf geschlagen worden sei, sei es schliesslich zu
starken Gemütsbewegungen auf beiden Seiten gekommen, welche ihrerseits zur
verhängnisvollen Tat beigetragen hätten (Urk. 35 S. 18).
2.4.1. Die Vorinstanz erwog, dass sich die Familie und der Beschuldigte seit län-
gerer Zeit in einer belastenden Situation befunden hätten. Jedoch sei auch die
beschwerliche Lebensgeschichte des Beschuldigten von seiner Persönlichkeits-
veränderung geprägt, welche lediglich bei der Bemessung der Tatschuld zu be-
rücksichtigen sei. Folglich habe auch keine grosse seelische Belastung beim Be-
schuldigten bestanden (Urk. 46 S. 23).
2.4.2. Wie die Vorinstanz im Rahmen der Prüfung des Tatbestandes des Tot-
schlages nach Art. 113 StGB richtig ausführte, bleiben persönliche Abnormitäten
des Täters bei der Prüfung, ob ein vernünftiger Mensch aus den gleichen sozialen
Verhältnissen wie der Täter unter den gleichen Bedingungen ebenfalls leicht in
einen Seelenzustand versetzt würde, unbeachtlich (Urk. 46 S. 23; BSK StGB I-
SCHWARZENEGGER, Art. 113 N 18). Eine Abnormität des Täters sowie krankhafte
Veranlagungen und Persönlichkeitsstörungen sind bei der Bemessung der kon-
kreten Tatschuld nach Art. 19 StGB zu berücksichtigen (BSK I-SCHWARZENEGGER,
Art. 113 N 11). Die Prüfung, ob beim Beschuldigten tatzeitaktuell von einer gros-
sen seelischen Belastung auszugehen ist, kann jedoch nicht einzig auf die krank-
heitsbedingte Persönlichkeitsveränderung beschränkt werden. Die grosse seeli-
- 25 -
sche Belastung zielt auf einen chronischen seelischen Zustand, einen psychi-
schen Druck, der während eines langen Zeitraums kontinuierlich heranwächst und
zu einem langen Leidensprozess führt, bis der Täter völlig verzweifelt ist und kei-
nen anderen Ausweg mehr sieht als die Tötung (BSK StGB I-SCHWARZENEGGER,
Art. 113 N 15). Es greift damit zu kurz, betreffend die Beurteilung, ob der Be-
schuldigte einer grossen seelischen Belastung ausgesetzt war, einzig auf die Per-
sönlichkeitsveränderung aufgrund der neurologischen Erkrankung abzustellen.
Neben der Lebensweise des Beschuldigten, die hauptsächlich durch seine
Krankheit geprägt ist, müssen nachfolgend unter anderem, das familiäre Zusam-
menleben und die eheliche Beziehung beleuchtet werden.
2.4.3. Hinsichtlich der Krankheitsgeschichte des Beschuldigten ist an dieser Stel-
le zusammenfassend und unter Bezugnahme auf das psychiatrische Gutachten
von Prof. Dr. med. F._ vom 15. Mai 2017 (Urk. 13/13) festzuhalten, dass
beim Beschuldigten im Jahr 2005 ein Meningeom diagnostiziert wurde (Urk. 13/33
S. 93). In der Folge musste sich der Beschuldigte mehreren Operationen unter-
ziehen. Im Zuge der ärztlichen Behandlung wurde beim Beschuldigten ferner ein
Krampfleiden in Form einer Epilepsie festgestellt, welches sich auch in einer An-
fallssymptomatik äusserte (Urk. 13/33 S. 94). Gemäss gutachterlicher Einschät-
zung sei die Hirnschädigung unter anderem geeignet, die Selbstkontrolle zu be-
einträchtigen. Betreffend die Anfallssymptomatik hielt der Gutachter fest, dass der
Beschuldigte ein Anfallsmuster entwickelt habe, bei dem es zu motorischen Zu-
ckungen oder Tonuserhöhungen komme und er die Kontrolle über seine rechte
Körperhälfte verliere (Urk. 13/ 33 S. 95). Das Anfallsmuster sei auf die hirnorgani-
sche Schädigung zurückzuführen und sei als Folgeerkrankung des im Jahr 2005
diagnostizierten Meningeoms einzuordnen (Urk. 13/33 S. 96). Ferner gehe ge-
mäss Gutachter F._ aus dem zusätzlich eingeholten neurologisch-
epileptischen Gutachten von Dr. med. I._ vom 8. Mai 2018 hervor, dass der
Beschuldigte seit dem Jahr 2005 an den Folgen seines Hirntumors leide
(Urk. 13/33 S. 96). In Bezug auf die Epilepsie legte der Gutachter im neurolo-
gisch-epileptischen Gutachten dar, dass der Beschuldigte unter einer Anpas-
sungsstörung mit ausgeprägter Anfallsangst leide (Urk. 13/33, Anlage II S. 27).
Der Beschuldigte habe trotz eher wenigen Anfällen und Anfällen mit erhaltenem
- 26 -
Bewusstsein eine ausgeprägte Anfallsangst, die Auswirkungen auf die Möglichkeit
bzw. Einschränkungen für die Familie gehabt habe. So habe seine Frau z.B. nicht
auswärtig arbeiten gehen können, da er auf einer dauernden Betreuung bestan-
den habe. Dies wäre aus epileptologischer Sicht im Hinblick auf seinen Krank-
heitsverlauf und den vorherrschenden Anfallstyp nicht nötig gewesen (Urk. 13/33,
Anlage II S. 30). Hinsichtlich der epileptischen Anfälle, deren Vermeidung und der
Einnahmezeiten der anfallspräventiven Medikamente sei der Beschuldigte in sei-
nen Feststellungen sehr rigide und dadurch eingeschränkt (Urk. 13/33, Anlage II
S. 29).
2.4.4. Gemäss Gutachter F._ verschränkten sich in einer komplexen Ge-
mengelage organische Faktoren, welche zu Anfällen führten, mit Ängsten vor wei-
teren Anfällen und einer sorgenvollen Selbstbeobachtung sowie organisch be-
dingte Störungen der Denkflexibilität, die es dem Beschuldigten schwer gemacht
hätten, Abstand von diesen Ängsten zu gewinnen (Urk. 13/33 S. 97). Dass der
Beschuldigte die Schwere der Beschwerden aggravierend darstelle, liege haupt-
sächlich darin, im häuslichen Bereich verharren zu können und dort geschont zu
werden, mit der Perspektive, vor weiteren Anfällen geschützt zu sein (Urk. 13/33
S. 98).
2.4.5. Gutachter F._ hält in Bezug auf die problematische Krankheitsverar-
beitung des Beschuldigten weiter fest, dass diese das familiäre Zusammenleben
belastet habe. Durch sein Verhalten habe der Beschuldigte seiner Ehefrau keine
ausserhäusliche Tätigkeit mehr gestattet. Der Beschuldigte sei nicht in der Lage
gewesen, seine Haltung gegenüber seiner Erkrankung und deren Auswirkungen
auf die Partnerschaft kritisch zu reflektieren (Urk. 13/33 S. 98). Sein Umgang mit
der Erkrankung sei von Beginn an ein depressiv-rückzügig vermeidender gewe-
sen und von seinen Bemühungen geprägt gewesen, weitere Anfälle durch Ruhe
und Meidung von Anforderungen bzw. Stress zu vermeiden. Es sei eine Konstel-
lation entstanden, in der der Beschuldigte einerseits innerhalb der Familie zu be-
stimmten Tageszeiten Ruhe und Schonung gefordert habe (Urk. 13/33 S. 98), an-
dererseits aber darum bemüht gewesen sei, nicht alleine gelassen zu werden, um
- 27 -
Familienangehörige im Falle eines Krampfanfalles um Hilfe rufen zu lassen (Urk.
13/33 S. 99).
2.4.6. Gemäss gutachterlicher Einschätzung stellten Störungsbilder, wie sie beim
Beschuldigten vorhanden sind, für jede betroffene Familie einen erheblichen psy-
chosozialen Stressfaktor dar. Dass tatsächlich auch von einer angespannten fa-
miliären Situation auszugehen ist, ergibt sich unter anderem aus den Aussagen
der Privatkläger. Dass es zwischen dem Opfer und dem Beschuldigten immer
wieder zu tätlichen Auseinandersetzungen kam, wurde bereits hievor unter Ziffer
II.2.2. dargelegt.
Der Privatkläger 2 gab anlässlich der ersten polizeilichen Einvernahme an, es ha-
be öfters Streit gegeben. Meistens sei es ums Geld gegangen oder um den Bru-
der der Mutter. Auch habe seine Mutter erwähnt, sich scheiden lassen zu wollen,
jedoch habe sie das der Kinder wegen nicht getan. Seit der Vater krankheitshal-
ber seit dem Jahr 2005 nicht mehr arbeiten könne, beschäftige er sich oft mit dem
IPad. Ansonsten mache er nicht viel. Die Mutter mache den Haushalt (Urk. 03/03
S. 5).
Auch der Privatkläger 3 bestätigte, dass seine Eltern immer wieder Streitigkeiten
gehabt hätten, bei denen es um Geld gegangen sei (Urk. 03/05 S. 2). In der Ver-
gangenheit hätten sich die Eltern ca. sechs Mal pro Monat gestritten und einmal
sei es zu Schlägen gekommen. Meistens sei es um Geld gegangen. Der Vater
habe gegenüber den Kindern auch komische Sachen behauptet, beispielsweise,
dass ihm die Mutter Geld geklaut habe (Urk. 03/05 S. 3). Der Vater sei auch ag-
gressiv (Urk. 03/05). Die Mutter sei hilfsbereit; sie habe einen guten Willen. Sie
sei immer die positive Seite der Eltern gewesen; der Vater der negative Teil
(Urk. 03/05 S. 4). Der Vater habe auch schon gesagt, er würde sie alle gerne köp-
fen oder zerfetzen und er habe auch schon zur Mutter gesagt, er werde die Mutter
erstechen (Urk. 03/04 S. 4).
Auch die Privatklägerin 4 gab an, dass sich der Vater in der Vergangenheit dahin-
gehend geäussert habe, er werde die Mutter zerhacken. Die Mutter sei immer für
sie da gewesen und sei morgens wegen der Kinder aufgestanden. Das habe auch
- 28 -
der Vater für sich in Anspruch genommen, aber das stimme nicht (Urk. 03/08
S. 3). Wegen der epileptischen Anfälle müssten die Kinder den Vater immer be-
aufsichtigen und man dürfe ihn nicht alleine zuhause lassen. Auch diesbezüglich
habe er eine verzerrte Wahrnehmung, denn er behaupte, er beschütze die Kinder
und nicht umgekehrt (Urk. 03/08 S. 4). Ebenfalls bestätigte die Privatklägerin 4,
dass sich die Mutter habe trennen wollen, dies aber wegen der Kinder nicht ge-
macht habe. Sie habe einmal monatlich einen Streit zwischen den Eltern erlebt
(Urk. 03/08 S. 4). Der Vater schlage die Kinder nicht gerne, jedoch schlage er die
Mutter (Urk. 03/08 S. 4).
Die Privatklägerin 1 führte aus, ihre Mutter sei eine freundliche Person gewesen.
Sie sei immer am Arbeiten, sei viel im Haushalt beschäftigt und auch sehr hilfsbe-
reit gewesen (Urk. 03/14 S. 5, S. 6; Urk. 03/14 S. 5). Der Vater sei manchmal
auch freundlich gewesen. Dies habe sich aber auch ändern können, wenn er sie
beleidigt habe (Urk. 03/14 S. 5). Der Vater sei ziemlich reizbar gewesen, wenn
man ihn nicht in Ruhe gelassen habe (Urk. 03/14 S. 5). Die Eltern hätten sich
schon ziemlich oft gestritten, es sei um Geld oder die Familie gegangen
(Urk. 03/14 S. 7). Es sei sicher einmal pro Woche zum Streit gekommen; es sei
auch vorgekommen, dass es zwei Wochen keinen Streit gegeben habe
(Urk. 03/14 S. 8; Urk. 03/20 S. 6). Meistens seien es nur verbale Auseinanderset-
zungen gewesen, es sei aber auch vorgekommen, dass der Vater die Mutter ge-
schlagen habe (Urk. 03/14 S. 8; Urk. 03/20 S. 7). Die Mutter sei nur handgreiflich
geworden, um sich zu verteidigen, jedoch nie von sich aus (Urk. 03/14 S. 8). Vom
Vater seien auch Handgreiflichkeiten gegenüber den Kindern ausgegangen, wenn
sie sich nicht richtig verhalten hätten. Am ehesten hätte das B._ (der Privat-
kläger 2) erlebt, da er älter sei. Gegenüber den jüngeren Geschwistern sei das
weniger der Fall gewesen (Urk. 03/14 S. 8). Ihr habe er nur einmal eine Ohrfeige
gegeben (Urk. 03/20 S. 5). Auch sie bestätigte, dass der Vater der Mutter einmal
mit dem Tod gedroht habe, auch wenn es nicht so ein ernster Ton gewesen sei
(Urk. 03/14 S. 8; Urk. 03/20 S. 11). Im Haushalt habe er auch Aufgaben über-
nommen, insbesondere habe er den Geschirrspüler eingeräumt und manchmal,
wenn die Mutter keine Zeit gehabt habe, habe er etwas Einfaches gekocht
(Urk. 03/20 S. 10). Die Mutter habe aber gewollt, dass er mehr machen solle
- 29 -
(Urk. 03/20 S. 15). Der Vater habe sich als Familienoberhaupt verstanden, jedoch
habe ihm die Mutter aufzeigen wollen, dass das nicht immer gehe; er habe zeigen
wollen, dass er der Herr im Haus sei. Die IV-Rente sei irgendwann eingestellt
worden, weil man einen Agenten angeheuert habe. Dieser habe den Vater foto-
grafiert, wie er etwas getragen habe. Danach habe es Streit wegen des Geldes
gegeben. Der Vater habe der Mutter die Schuld für die Einstellung der IV-Rente
gegeben. Er habe zu ihr gesagt, dass sie ihn das nicht hätte tragen lassen dürfen.
Er habe ihr die Schuld dafür gegeben (Urk. 03/20 S. 14).
2.4.7. Ferner ist aktenkundig, dass es im Jahr 2011 und 2012 zu – teilweise auch
tätlichen – Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten gekommen ist
(Urk. 17/2 1203-1216). Ebenfalls äusserte sich der Beschuldigte dahingehend, im
Jahr 2012 ein Scheidungsbegehren gestellt zu haben. Er habe sich scheiden las-
sen wollen, weil sie jedes Jahr die Polizei angerufen habe (Urk. 02/02 S. 8). Zu-
dem wurde im Jahr 2012 ein Rayon- und Kontaktverbot gegen den Beschuldigten
ausgesprochen (Urk. 17/2 1208).
2.4.8. Im Weiteren wurde die familiäre Situation auch von Aussenstehenden als
angespannt bezeichnet. So äusserte sich beispielsweise der Gemeinderat, Herr
J._, dahingehend, dass das Ehepaar kein gutes Einvernehmen gehabt habe.
Die Ehefrau habe gegenüber den Gemeindebehörden auch wiederholt angege-
ben, dass sie sich trennen wolle (Urk. 03/02 S. 2). Der Grund dafür sei gewesen,
dass er (der Beschuldigte) sich nicht um die Familie kümmere und eher eine Be-
lastung sei (Urk. 03/02 S. 4). Die Familie sei vom Sozialamt abhängig und habe
monatlich Fr. 5’000.– bis Fr. 6’000.– erhalten. Die Miet- und Gesundheitskosten
seien zusätzlich von der Gemeinde getragen worden (Urk. 03/02 S. 3). Das Geld
sei an die Frau überwiesen worden, da er (der Beschuldigte) das Geld einfach
‚verbraten‘ habe (Urk.03/02 S. 2).
2.4.9. Sodann ergibt sich weiter aus den Akten, dass die Familie in angespannten
finanziellen Verhältnissen lebte. Dem Beschuldigten wurde ab dem Jahr 2006 bei
einem Invaliditätsgrad von 100% eine ganze IV-Rente und ab 1. September 2007
eine Hilflosenentschädigung zugesprochen (Urk. 17/02 1057; Urk. 17/2 1078;
1081), wobei die Auszahlung sowohl der IV-Rente als auch der Hilflosenentschä-
- 30 -
digung im Jahr 2014 sistiert wurde (Urk. 17/02 1141-1146). Mit Verfügung vom
15. März 2017 wurde dem Beschuldigten zudem eröffnet, dass die Ausrichtung
der IV-Rente rückwirkend per 1. September 2011 infolge Verletzung der Melde-
pflicht aufgehoben und er verpflichtet werde, die zu Unrecht bezogenen Leistun-
gen zurückzuerstatten (Urk. 17/02 1350-1353). Gegen diese Verfügung liess der
Beschuldigte Beschwerde beim Sozialversicherungsgericht einlegen (Urk. 17/02
1344). Ferner wurde die Ausrichtung der Hilflosenentschädigung mit Verfügung
vom 23. Mai 2017 aufgehoben und der Beschuldigte ebenfalls zu einer Rückfor-
derung bezogener Leistungen verpflichtet (Urk. 17/02 1357). Auch gegen diesen
Entscheid wurde ein Rechtsmittel ergriffen (Urk. 17/02 1366). Die Beschwerden
des Beschuldigten wurden vom Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich
nur teilweise gutgeheissen. In Abänderung der Verfügungen vom 15. März 2017
und vom 23. Mai 2017 wurden die IV-Rente und die Hilflosenentschädigung rück-
wirkend per 1. August 2013 aufgehoben (Urk. 81/5 S. 20, S. 21).
2.4.10. Gesamthaft stellt der Gutachter die familiäre Situation der Familie im Vor-
feld des Delikts als ausgesprochen problembelastet dar. Er begründete dies im
Kern damit, dass der Beschuldigte krankheitsbedingt nicht mehr seiner Erwerbs-
tätigkeit habe nachgehen können. Seine Krankheit sei für die gesamte Familie zu
einer Herausforderung geworden, zumal er auf eingespielten Routinen, insbeson-
dere bestimmten Ruhezeiten beharrt habe. Andererseits habe er nicht alleine sein
wollen. Insgesamt sei die Familie durch die Krankheit an die Grenzen der Belast-
barkeit gekommen (Urk. 13/33 S. 100). Zusätzlich habe der Beschuldigte infolge
der Erkrankung eine Aussenseiterrolle in der Familie eingenommen; Einbussen
der Kommunikationsfähigkeit, insbesondere eine Umstellerschwernis und eine
eingeschränkte Stresstoleranz seien bis heute feststellbar. Letztlich ergebe sich
eine komplexe Gemengelage zwischen der neurologischen Grunderkrankung,
dem Umgang des Beschuldigten und seiner Familie mit dieser Störung, nachfol-
genden familiären Schwierigkeiten und auch finanziellen Problemen. Diese Kons-
tellation habe letztlich ihren Niederschlag im Delikt gefunden (Urk. 13/33 S. 101).
2.4.11. Der Gutachter F._ legte in seinem Gutachten nachvollziehbar,
schlüssig und sorgfältig begründet dar, weshalb aufgrund der Krankheitsgeschich-
- 31 -
te des Beschuldigten, dessen Umgang mit der Krankheit und unter anderem auch
aufgrund finanzieller Aspekte im Vorfeld der Tat von einem belasteten familiären
Zusammenleben auszugehen sei. Es bestehen keinerlei Anhaltspunkte dafür, von
dieser gutachterlichen Einschätzung abzuweichen. Wie vorstehend aufgezeigt,
wurde auch von den Privatklägern sowie von einem Aussenstehenden eine ange-
spannte familiäre Situation beschrieben.
Zweifellos war der Beschuldigte aufgrund seiner Krankheit in einer schwierigen
und auch sehr belastenden Situation, zumal er krankheitshalber nicht mehr arbei-
ten konnte und er zusätzlich von Ängsten geplagt wurde, weitere epileptische An-
fälle zu erleiden, weshalb er auch vorzugsweise zuhause bleiben und nicht mehr
alleine das Haus verlassen wollte. Eine solche Situation ist gerade für eine Per-
son wie den Beschuldigten, der sich gemäss Aussagen der Privatklägerin 1 als
Familienoberhaupt verstanden habe und diese Rolle auch weiterhin habe
ausüben wollen, nur sehr schwer zu ertragen. Neben der angespannten gesund-
heitlichen und familiären Situation, kamen die juristischen Streitigkeiten in Bezug
auf seine Invalidenrente und die Hilflosenentschädigung hinzu, was für den Be-
schuldigten und die Familie eine zusätzliche Belastung darstellte.
2.4.12. Die Entschuldbarkeit betreffend die grosse seelische Belastung kann sich
wegen eines vorwerfbaren Verhaltens des Opfers gegenüber dem Täter, aber
auch wegen des Verhaltens eines Dritten oder wegen äusserer Umstände oder
wegen einer vom Opfer und Täter gleichermassen zu verantwortenden Konfliktsi-
tuation ergeben (BGE 108 IV 99 E. 3c). Jedoch darf der Täter aber nicht ganz
oder überwiegend für die Konfliktsituation verantwortlich sein, die zur grossen
seelischen Belastung führte (BGE 118 IV 233E. 2b).
Die Verantwortung für die belastete familiäre Situation und die damit zusammen-
hängende auch belastende bzw. beengende psychische Verfassung des Be-
schuldigten kann nicht massgeblich bzw. ursächlich dem Verhalten des Opfers
zugeschrieben werden. Insbesondere dass die Ehefrau den Beschuldigten nicht
hinreichend unterstützt bzw. sich nicht hinreichend um die Familie gekümmert
hätte, findet gerade in den glaubhaften Aussagen der Privatkläger keine Stütze.
Die Mutter wird von der Privatklägerin 1 als hilfsbereit und tüchtig beschrieben; sie
- 32 -
sei immer am Arbeiten und im Haushalt tätig gewesen. Auch habe sie wegen der
Kinder von einer Trennung vom Beschuldigten abgesehen, was darauf schliessen
lässt, dass sich vor allem die Mutter um familiäre Verpflichtungen kümmerte und
den familiären Zusammenhalt in den Vordergrund stellte. Es kann somit in keins-
ter Weise von einem vernachlässigenden oder gar ausbeuterischen Verhalten des
Opfers gegenüber dem Beschuldigten ausgegangen werden, welches die Situati-
on des Beschuldigten verschlimmert hätte. Ferner lässt sich nicht erstellen, dass
die vom Gutachter beschriebene Aussenseiterrolle des Beschuldigten in der Fa-
milie auf ein ausgrenzendes Verhalten des Opfers zurückzuführen ist. Viel mehr
erscheint es gestützt auf die gutachterlichen Ausführungen als plausibel, dass die
vom Beschuldigten eingenommene Aussenseiterrolle auf dessen problematischen
Umgang mit seiner Erkrankung zurückzuführen ist. So forderte er von seinen Fa-
milienmitgliedern – aufgrund seiner Fixierung auf die Medikamenteneinnahme zu
einem ganz bestimmten Zeitpunkt – gewisse Ruhephasen (Urk. 13/33 S. 98) und
reagierte einerseits äussert gereizt, wenn man ihn in einer solchen Ruhephase
um ein Anliegen bat und verweigerte andererseits seine Unterstützung
(Urk. 03/14 S. 5). Auch schien gemäss gutachterlicher Einschätzung der Alltag
des Beschuldigten vorwiegend darauf ausgerichtet gewesen zu sein, Routinen
einzuhalten und Belastungen zu vermeiden (Urk. 13/33 S. 101). Ferner sei dem
Konfliktpotential innerhalb der Familie gemäss Gutachten dadurch Vorschub ge-
leistet worden, dass der Beschuldigte dazu tendiere, eigene Themensetzungen
vorzunehmen und die Interessen seines Gegenübers nicht adäquat wahrnehmen
zu können (Urk. 13/33 S. 101). Vor diesem Hintergrund lässt sich nachvollziehbar
darlegen, dass der Beschuldigte nicht durch ein aktives Verhalten des Opfers in
die von ihm eingenommene Rolle in der Familie gedrängt worden ist, sondern
diese massgeblich auf den Umgang mit seiner Krankheit zurückzuführen ist.
2.4.13. Weiter ist in Bezug auf die ehelichen Konflikte aufgrund der Aussagen der
Privatkläger nicht davon auszugehen, dass das Opfer jeweils ohne Anlass hand-
greiflich gegenüber dem Beschuldigten geworden ist, sondern viel eher, dass sie
sich gegen seine tätlichen Übergriffe verteidigt hat. Ferner geht aus den Aussa-
gen der Privatkläger hervor, dass es der Beschuldigte war, der dem Opfer früher
in der ehelichen Beziehung bereits einmal mit dem Tod gedroht habe. Somit ist
- 33 -
vorliegend nicht von einer Konstellation auszugehen, in welcher der Beschuldigte,
welcher gesundheitlich stark eingeschränkt war, zusätzlich von seiner Ehefrau tät-
lich angegriffen bzw. bedroht worden ist und dadurch belastet worden wäre. Vom
Opfer ging für den Beschuldigten in physischer Hinsicht keinerlei Gefahrenpoten-
tial aus. Zumal die Privatklägerin 1 aussagte, die Mutter sei mit der Rollenvertei-
lung im Haushalt nicht einverstanden und sie sei der Auffassung gewesen, dass
der Beschuldigte mehr hätte machen können, ist zwar nicht unplausibel, dass es
auch deswegen zu Streitigkeiten bzw. Spannungen zwischen dem Ehepaar ge-
kommen ist (vgl. Urk. 13/33 S. 99), was den Beschuldigten psychisch belastet ha-
ben könnte, da er ohnehin der Meinung war, man hätte ihn noch mehr entlasten
müssen (Urk. 02/04 S. 8) und seine Stressresistenz auch gemäss gutachterlicher
Einschätzung eingeschränkt war (Urk. 13/33 S. 98, S. 101). Jedoch begründet die
von der Privatklägerin 1 kolportierte Haltung der Ehefrau, der Beschuldigte hätte
mehr machen müssen, vor dem Hintergrund der von sämtlichen Privatklägern
konsistent geschilderten Einschätzung der familiären Situation, keinen Anlass,
anzunehmen, die Ehefrau hätte den Beschuldigten psychisch unter Druck gesetzt.
Es ist vorliegend somit nicht von einer Konstellation auszugehen, bei welcher sich
der Beschuldigte dadurch entlasten könnte, weil dem Opfer im Vorfeld der Tat ein
verpöntes Verhalten, wie beispielsweise Gewaltanwendungen oder das Ausüben
psychischen Drucks angelastet werden könnte. Solches oder auch nur Ähnliches
von vergleichbarer Schwere wird dem Opfer selbst vom Beschuldigten nicht vor-
geworden.
2.4.14. Gemäss herrschender Praxis spricht gegen die Entschuldbarkeit einer
grossen seelischen Belastung, wenn der Täter die mehrfach angebotene Hilfe
Dritter ablehnt (BSK StGB I-SCHWARZENEGGER, Art. 113 N 21). Zwar hat der Be-
schuldigte psychologische Unterstützung in Anspruch genommen (Urk. 03/03
S. 6), es wäre jedoch weiter am Beschuldigten gelegen, seine Lebensverhältnisse
seinen Defiziten entsprechend anzupassen, um das konfliktbefrachtete Zusam-
menleben zu entschärfen. So stellte denn auch der psychiatrische Gutachter beim
Beschuldigten eine Verweigerung suffizienter Behandlungsmassnahmen fest
(Urk. 13/33 S. 91). Gemäss psychiatrischem Gutachter wäre dafür Sorge zu tra-
gen, dass der Beschuldigte in einem betreuten Wohnumfeld unterkomme, das
- 34 -
seine infolge der hirnorganischen Beeinträchtigung bestehenden Eigenheiten
adäquat einzuordnen wisse und damit angemessen umgehen könne. Auf diese
Weise könne das Risiko weiterer aggressiver Durchbrüche auch ohne therapeuti-
sche Interventionen deutlich reduziert werden (Urk. 13/33 S. 109). Selbst wenn
nicht ohne Weiteres – gerade aufgrund der hirnorganischen und den dadurch
verursachten physischen und psychischen Folgeerkrankungen – verlangt werden
darf, dass der Beschuldigte den nicht sachgerechten Umgang mit seiner Krank-
heit aus eigener Initiative hätte erkennen müssen, so wäre es zumindest an ihm
gelegen, eine Verbesserung seiner Lebensweise durch Hilfe Dritter anzustreben.
2.4.15. Zusammenfassend befand sich der Beschuldigte durchaus in einer schwe-
ren und langandauernden Konfliktsituation, welche sich am Tattag durch eine
Auseinandersetzung des Ehepaars zusätzlich akzentuierte. Die Konfliktsituation
ist jedoch nicht einfach und ausschliesslich auf ein vernachlässigendes bzw. ab-
wertendes Gebaren des Opfers zurückzuführen. Offensichtlich wollte der Be-
schuldigte einerseits in Ruhe gelassen werden und andererseits im Kreise seiner
Familie in Zurückgezogenheit leben, um im Falle eines epileptischen Anfalles un-
terstützt werden zu können. Mit dieser Ambivalenz vermochte der Beschuldigte
offenbar nicht richtig umzugehen. Die konkret zu beurteilende Situation hätte je-
doch nicht bei jedem vernünftigen Menschen mit vergleichbarer Herkunft, Erzie-
hung und Lebensführung eine derart grosse seelische Belastung hervorgerufen,
dass daraus der Drang zur Vernichtung des Lebens der Ehefrau resultieren konn-
te. Der Beschuldigte hätte durchaus realistische Alternativen gehabt, etwas an
seiner und der familiären Situation zu ändern. So hätte er beispielsweise neben
der von ihm aufgesuchten psychiatrischen Unterstützung darum bemüht sein
können, die Etablierung einer auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Betreuungs-
situation initiieren zu lassen und hätte zu diesem Zweck öffentliche Institutionen
um Unterstützung ersuchen können. Dies hätte das familiäre Zusammenleben
entlasten sowie die damit zusammenhängende anhaltende – und insbesondere
für den Beschuldigten belastende – Stresssituation abschwächen können. Vorlie-
gend kann somit weder von einer vom Opfer noch von einer von Täter und Opfer
gleichermassen zu verantwortenden Konfliktsituation ausgegangen werden.
Durch seine passive Verhaltensweise hat der Beschuldigte hauptsächlich zu der
- 35 -
für ihn fraglos sehr belastenden Situation beigetragen. Unter diesen Umständen
ist der Zustand der grossen seelischen Belastung, in der sich der Beschuldigte
zum Tatzeitpunkt befand, nicht entschuldbar.
2.4.16. Betreffend die inkriminierte vorsätzlich begangene Tötung des Opfers
durch den Beschuldigten liegt zusammengefasst auch keine entschuldbare gros-
se seelische Belastung vor, womit auch keine privilegierenden Umstände gemäss
Art. 113 StGB gegeben sind.
3. Schuldfähigkeit
3.1. War der Täter zur Zeit der Tat nicht fähig, das Unrecht seiner Tat einzuse-
hen, oder gemäss dieser Einsicht zu handeln, so ist er nicht strafbar (Art. 19 Abs.
1 StGB). War der Täter zur Zeit der Tat nur teilweise fähig, das Unrecht seiner Tat
einzusehen oder gemäss dieser Einsicht zu handeln, so mildert das Gericht die
Strafe (Art. 19 Abs. 2 StGB).
3.2. Das Gutachten F._ äussert sich auftragsgemäss auch zur Frage, ob
der Beschuldigte zur Tatzeit überhaupt nicht oder nur teilweise fähig war, das Un-
recht seiner Tat einzusehen oder gemäss dieser Einsicht zu handeln (Urk. 13/33
S. 105 ff.). Vorab ist festzuhalten, dass der Gutachter beim Beschuldigten in psy-
chiatrischer Hinsicht einerseits eine organische Persönlichkeitsstörung bzw. eine
Persönlichkeitsveränderung nach neurologischer Erkrankung (Diagnose eines
Meningeoms) diagnostizierte (Urk. 13/33 S. 91, S. 101). Wie vorstehend unter Zif-
fer III.2.4.3. dargelegt, erlitt der Beschuldigte nach der Meningeomenentfernung
einen epileptischen Anfall (Urk. 13/33 Anlage II S. 27). Das Anfallsmuster sei auf
die hirnorganische Schädigung zurückzuführen und sei als Folgeerkrankung des
im Jahr 2005 entdeckten Meningeoms und der dadurch bedingten überdauernden
Organdefekte einzuordnen (Urk. 13/33 S. 96). Anderseits sei es gemäss psychiat-
rischer Einschätzung zu einer ängstlich-depressiven Reaktion auf die Erkrankung
insbesondere hinsichtlich der Möglichkeit weiterer Anfälle gekommen (Urk. 13/33
S. 102). Der Beschuldigte habe vor dem Hintergrund der neurologischen Grun-
derkrankung und insbesondere der Anfallsereignisse eine sogenannte Anpas-
sungsstörung entwickelt (Urk. 13/33 S. 98, S. 102), d.h. ein vorwiegend durch
- 36 -
ängstliches Vermeidungsverhalten gekennzeichneter Umgang mit dem Krank-
heitssymptom (Urk. 13/33 S. 98). Der Beschuldigte weise gegenüber einem
durchschnittlichen, in einer konfliktbehafteten Partnerschaft lebenden Mann eine
deutlich eingeschränkte Fähigkeit auf, mit Konflikten sachgerecht und konstruktiv
umzugehen. Seine Belastbarkeit sei reduziert, das Steuerungsvermögen bzw.
seine Stresstoleranz sei ebenfalls seit dem Jahr 2005 und auch zeitlich überdau-
ernd vermindert. Der Grund dafür liege in der reduzierten geistigen Flexibilität so-
wie der eingeschränkten Informationsverarbeitung und einer Tendenz, bei Belas-
tungen in Unruhe zu gelangen bzw. der Angst vor erneuten Anfällen (Urk. 13/33
S. 103). Sodann hält der Gutachter in Bezug auf die Schuldfähigkeit konkret fest,
dass die Frustrationstoleranz des Beschuldigten eingeschränkt und seine Belast-
barkeit gegenüber dem Durchschnitt der Bevölkerung deutlich reduziert sei, was
einer 'psychopathologischen Disposition der Persönlichkeit' des Beschuldigten im
Sinne der organischen Persönlichkeitsveränderung entspreche. Die hirnorgani-
sche Beeinträchtigung des Beschuldigten könne aus psychiatrischer Sicht eine
zumindest mittelgradige Verminderung der Schuldfähigkeit rechtfertigen
(Urk. 13/33 S. 106). Im Weiteren hätte eine eskalationsbegünstigende Wirkung
von einer provozierenden und aggressiven Haltung der Ehefrau im Konflikt aus-
gehen können. Ein Schlag gegen den Kopf, wie ein solcher vom Beschuldigten
nach der Tat gegenüber der Polizistin erwähnt worden sei, könne als eine Hand-
lung angesehen werden, welche das ohnehin deutlich reduzierte Hemmungsver-
mögen noch einmal deutlicher beeinträchtigt haben könnte (Urk. 13/33 S. 106).
Gemäss Schilderungen des Privatklägers 3 habe der Beschuldigte in der Küche
ein Messer behändigt und habe dann die Ehefrau attackiert. Ein solcher Hand-
lungsablauf mit einer zielgerichteten Annäherung an das Opfer sei nicht als
'abrupter, elementarer Tatablauf ohne Sicherungstendenzen' zu charakterisieren.
Dies spreche gegen eine schwere Schuldminderung und eindeutig gegen eine
Aufhebung des Steuerungsvermögens (Urk. 13/33 S. 107). Gesamthaft sei ge-
mäss gutachterlicher Einschätzung bei einer aufgrund der eingeschränkten Be-
lastbarkeit und Frustrationstoleranz des Beschuldigten und damit verbundenen
Hemmungsverlusten im Konfliktfall von einer mittelgradig eingeschränkten
Schuldminderung (recte: Schuldfähigkeit) auszugehen. Bei einer Provokation
- 37 -
durch die Ehefrau bzw. eine initiale Gewaltanwendung durch die Ehefrau, auch
wenn diese durch nicht fest gefühlte Schläge, wie beispielsweise einen Schlag auf
den Kopf des Beschuldigten, umgesetzt worden wäre, komme eine schwere Min-
derung der Schuldfähigkeit in Betracht (Urk. 13/33 S. 108). Diese Ausführungen
fasste der Gutachter im Rahmen der konkreten Beantwortung der Frage betref-
fend eine allfällige Verminderung der Schuldfähigkeit dahingehend zusammen,
dass eine schwere Minderung der Schuldfähigkeit in Betracht falle, wenn von der
Konstellation ausgegangen werde, dass die Ehefrau den Beschuldigten kurz vor
der Tat provoziert bzw. sogar geschlagen habe (Urk. 13/33 S. 111). Eine Aufhe-
bung der Schuldfähigkeit sei angesichts der Handlungsschritte mit aktiver Annä-
herung an die Ehefrau durch Verlassen des Wohnzimmers, das Aufsuchen der
Küche und das dortige Herausnehmen der Tatwaffe aus einer Schublade und die
erst darauf folgende Attacke unwahrscheinlich (Urk. 13/33 S. 108).
3.3. Betreffend die Schuldfähigkeit erwog die Vorinstanz, dass an den Beschul-
digten nicht die normal-psychologischen Anforderungen zur Konfliktlösung gestellt
werden könnten und es folglich als nachvollziehbar erscheine, die Steuerungsfä-
higkeit als mittelgradig eingeschränkt zu qualifizieren. Es sei zwar erstellt, dass
der Tat gegenseitige Tätlichkeiten bzw. Provokationen vorausgegangen seien.
Hingegen könne nicht von einer einseitigen, initialen Provokation oder Gewaltan-
wendung des Opfers ausgegangen werden. Die Vorinstanz erachtete somit ge-
stützt auf das psychiatrische Gutachten die Schuldfähigkeit des Beschuldigten als
mittelgradig eingeschränkt (Urk. 46 S. 25).
3.4. Die amtliche Verteidigung stellte mit der Berufungserklärung den Beweis-
antrag, es sei der psychiatrische Gutachter u.a. betreffend die Eventualvariante
im psychiatrischen Gutachten, wonach eine schwere Verminderung der Schuldfä-
higkeit in Betracht gezogen werde könne, sofern der Tat gegenseitige Tätlichkei-
ten bzw. Provokationen vorausgegangen sind, aufzufordern, aufgrund der im erst-
instanzlichen Urteil gemachten Feststellungen seine Ausführungen erläuternd
Stellung zu nehmen (Urk. 48 S. 3). Nachdem diesem Beweisantrag stattgegeben
wurde (Urk. 57 und Urk. 58), erstattete der psychiatrische Gutachter das Ergän-
zungsgutachten vom 27. September 2019 (Urk. 60). Darin wies der Gutachter da-
- 38 -
raufhin, dass sich die Vorinstanz in Bezug auf die Ausführung im Gutachten, dass
bei einer initialen Gewaltanwendung durch die Ehefrau eine schwere Verminde-
rung der Schuldfähigkeit in Betracht falle, einer zu engen Definition des Begriffes
initial bedient habe. Der Gutachter habe mit der Formulierung einer initialen Ge-
waltanwendung durch die Ehefrau nicht zum Ausdruck bringen wollen, dass
massgeblich sei, wer der Initiator des Konflikts bzw. der Provokationen oder der
Tätlichkeiten gewesen sei. Vielmehr habe er damit die Ereignisse erfassen wol-
len, welche der Tat vorausgegangen seien. Aus psychiatrischer Sicht gehe es
weniger um die Initiierung des Streites, sondern um dessen Heftigkeit. Der Gut-
achter vertritt nach wie vor die Auffassung, dass eine tätliche Auseinandersetzung
mit Aggressionshandlungen der Ehefrau dazu geführt haben könnten, dass das
ohnehin reduzierte Hemmungsvermögen des Beschuldigten nochmals beein-
trächtigt worden sei. Insofern wäre das Werfen von Gegenständen bzw. der Aus-
tausch von Schlägen, wie er in Ziffer 4.1.3. des vorinstanzlichen Urteils beschrie-
ben worden sei, aus psychiatrischer Sicht geeignet, eine schwere Schuldminde-
rung zu begründen. Allerdings spreche die Schilderung des Tatgeschehens durch
den Privatkläger 3, wonach der Beschuldigte ohne Provokation die Küche aufge-
sucht habe, dort ein Messer ergriffen und damit auf die Ehefrau eingestochen ha-
be, gegen einen sehr engen Zusammenhang zwischen einer Provokation und der
Tat und somit gegen eine schwere Verminderung der Schuldfähigkeit (Urk. 60
S. 7). Zusammenfassend hielt der Gutachter fest, dass die im vorinstanzlichen Ur-
teil als erstellt geltenden körperlichen Übergriffe vor der Tat eher für eine schwere
als für eine mittelgradige Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit sprechen würden
(Urk. 60 S. 8).
3.5. Wie vorstehend unter Ziffer II.2.3. ausgeführt, ist es zwischen dem Be-
schuldigten und dem Opfer vor der Tat zu einer wechselseitigen tätlichen Ausei-
nandersetzung gekommen. Der Gutachter legte nachvollziehbar dar, dass sich
bereits aufgrund der hirnorganischen Beeinträchtigung des Beschuldigten eine
zumindest mittelgradige Verminderung der Schuldfähigkeit rechtfertigen könne
(Urk. 13/33 S. 106). Ferner begründete er stringent, dass eine tätliche Auseinan-
dersetzung mit Aggressionshandlungen der Ehefrau dazu geführt haben könne,
dass das ohnehin reduzierte Hemmungsvermögen des Beschuldigten zusätzlich
- 39 -
beeinträchtigt worden sei. Es bestehen keinerlei Anhaltspunkte, um vorliegend
vom Gutachten abzuweichen. Im Vordergrund steht dabei, dass der Gutachter
den Standpunkt vertritt, dass eine schwere Minderung der Schuldfähigkeit in Be-
tracht fällt, wenn die Ehefrau den Beschuldigten geschlagen haben soll
(Urk. 13/33 S. 111; Urk. 60 S. 8) und insbesondere unerheblich ist, wer die tätli-
che Auseinandersetzung initiiert hat (Urk. 60 S. 7). Da eine gegenseitige tätliche
Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und dem Opfer erstellt ist, ist
im Weiteren ohne Belang, dass die gemäss Gutachter zielgerichtete Annäherung
des Beschuldigten an das Opfer gegen eine schwere Verminderung der Schuld-
fähigkeit sprechen könnte, weil kein Zusammenhang zwischen einer Provokation
und dem Delikt bestehe. Ebenfalls besteht kein Anlass dazu, von der Feststellung
des Gutachters, eine gänzliche Aufhebung der Schuldfähigkeit sei aufgrund des
Tatablaufs unwahrscheinlich (Urk. 13/33 S. 108), abzuweichen. Die Begründung,
dass das zielgerichtete Vorgehen des Beschuldigten gegen eine Annahme einer
Schuldunfähigkeit spricht, erscheint nachvollziehbar und ist nicht in Zweifel zu
ziehen. Zusammenfassend ist infolge der erstellten gegenseitigen Tätlichkeiten,
welche der Tat vorausgegangen sind, gestützt auf das Gutachten zu Gunsten des
Beschuldigten von einer schweren Verminderung der Schuldfähigkeit auszuge-
hen. Dies ist bei der Strafzumessung im Sinne von Art. 19 Abs. 2 StGB strafredu-
zierend zu berücksichtigen.
4. Resultat
Vorliegend sind im Weiteren keine Rechtfertigungsgründe ersichtlich. Der Be-
schuldigte ist der vorsätzlichen Tötung nach Art. 111 StGB schuldig zu sprechen.
IV. Sanktion
1. Anwendbares Recht
Der Beschuldigte hat die heute zu beurteilende Tat vor dem Inkrafttreten der seit
1. Januar 2018 geltenden neuen Bestimmungen des Allgemeinen Teils des Straf-
gesetzbuches (Änderung des Sanktionenrechts; AS 2016 1249) begangen. Das
neue Recht ist daher auf diese nur anzuwenden, sofern es für den Beschuldigten
im konkreten Fall zu einem günstigeren Ergebnis führt (Art. 2 Abs. 2 StGB). So-
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wohl die alte als auch die neue Fassung von Art. 111 StGB sehen eine Freiheits-
strafe nicht unter 5 Jahren vor. Im Weiteren beträgt auch die Höchststrafe nach
neuem Recht 20 Jahre Freiheitsstrafe bzw. dauert diese, dort wo es das Gesetz
ausdrücklich bestimmt, lebenslänglich. Da das neue Recht sich nicht als milder
erweist, kommt vorliegend das alte Sanktionenrecht zur Anwendung.
2. Strafrahmen / Ausgangslage
2.1. Betreffend die allgemeinen theoretischen Grundsätze der richterlichen
Strafzumessung wird zur Vermeidung von Wiederholungen auf die entsprechen-
den Erwägungen der Vorinstanz verwiesen (Urk. 46 S. 26 f.).
2.2. Der ordentliche Strafrahmen bemisst sich von 5 Jahren bis 20 Jahren Frei-
heitsstrafe (Art. 111 StGB; Art. 40 StGB). Der Beschuldigte weist gemäss fach-
ärztlicher Beurteilung in der vorliegend zu beurteilenden Situation eine tatzeitak-
tuelle schwere Verminderung der Schuldfähigkeit auf (Urk. 11/13 S.108; Urk. 60
S. 8). Dadurch öffnet sich – theoretisch – der konkret anwendbare Strafrahmen
nach unten und wird auch eine mildere Strafart zulässig (Art. 19 Abs. 2 StGB;
Art. 48a StGB). Der Strafmilderungsgrund ist jedoch auch in concreto (wie dies
gemäss konstanter Praxis grundsätzlich zu erfolgen hat, BGE 136 IV 55 E. 5.8)
innerhalb des ordentlichen Strafrahmens zu berücksichtigen.
2.3. Die Vorinstanz bemass die Strafe auf 11 Jahre (Urk. 46 S. 43). Der Be-
schuldigte beantragte im Falle eines anklagegemässen Schuldspruchs eine milde
Bestrafung (Urk. 48 S. 2, Urk. 83 S. 2). Die appellierende Anklagebehörde ver-
langt eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren (Urk. 82 S. 1).
3. Strafzumessung im konkreten Fall
3.1. Zur Tatkomponente und dort zur objektiven Tatschwere ist Folgendes fest-
zuhalten: Der Beschuldigte vernichtete das Leben und somit das höchste Rechts-
gut des Opfers. Die Tatausführung zeugt von einer grossen Brutalität, zumal der
Beschuldigte mehrfach mit einem Messer von ca. 20 cm Klingenlänge auf das
Opfer einstach und diesem verschiedene Verletzungen beibrachte. Aus der verur-
sachten Stichverletzung am Herzen ergibt sich sodann, dass der Beschuldigte mit
- 41 -
grosser Wucht in den Brustbereich des Opfers eingestochen hat, worauf dieses
zu Boden sank und wenig später verstarb. Dass der Beschuldigte vor seinem
jüngsten Sohn auf die Ehefrau und Mutter einstach, zeugt von grosser Rücksicht-
losigkeit und hatte gravierende Auswirkungen auch auf die ebenfalls zuhause an-
wesenden Geschwister, die nach der Tat verzweifelt versuchten, das Leben des
Opfers zu retten. Der Beschuldigte offenbarte, wenn auch in einer hochspezifi-
schen Täter-Opfer-Konstellation, eine erschreckend hohe kriminelle Energie. Die
objektive Tatschwere wiegt schwer bis sehr schwer und würde – wenn allein aus-
schlaggebend – zu einer hypothetischen Einsatzstrafe im oberen Drittel des Straf-
rahmens (zwischen 15 und 20 Jahren), nämlich von rund 16 Jahre Freiheitsstrafe
führen.
3.2. Betreffend die subjektive Tatschwere fällt zu Gunsten des Beschuldigten
ins Gewicht, dass dessen Schuldfähigkeit tatzeitaktuell schwer vermindert war.
Dies wirkt sich erheblich verschuldensmindernd aus. Der Beschuldigte handelte –
soweit erstellt – im Weiteren eventualvorsätzlich, was ebenfalls leicht strafmin-
dernd zu berücksichtigen ist. Auch wenn aus den Aussagen der Privatkläger her-
vorgeht, dass der Beschuldigte bereits einmal damit gedroht hatte, das Opfer um-
zubringen, ist vorliegend nicht von einer vorgängigen Planung von langer Hand
auszugehen. Der Beschuldigte delinquierte vielmehr spontan und impulsiv bzw.
war ob des wiederholt aufflammenden Streites mit dem Opfer offenbar stark ener-
viert. Allerdings befand er sich in einem bereits seit längerem bestehenden und
sich akzentuierenden Konfliktzustand, einerseits was das getrübte familiäre Ver-
hältnis anbelangt und andererseits was die eheliche Beziehung betraf. Dem Be-
schuldigten ist in einem geringen Umfang erleichternd anzurechnen, dass er –
wenn auch nicht ohne eigenes Verschulden – krankheitsbedingt in seiner Familie
eine Aussenseiterrolle einnahm. Dies rechtfertigt sich, da die Zurückgezogenheit
bzw. Isoliertheit des Beschuldigten im familiären Kontext – selbst wenn diese wie
vorstehend erwogen nicht ohne eigenes Verschulden des Beschuldigten herbei-
geführt wurde – auch als mitursächlich für die angespannte familiäre Situation und
die zerrüttete eheliche Beziehung anzusehen ist. Daraus entstanden immer wie-
der Streitigkeiten, wie jene, welche der Tat vorausging. Dass der Beschuldigte in
Konfliktsituationen infolge verminderter Stresstoleranz schnell überfordert sein
- 42 -
kann und nicht über die gleiche Stressresilienz wie ein gesunder Mensch verfügt,
gilt bereits als im Rahmen der ihm attestierten schweren Verminderung der
Schuldfähigkeit zu Gunsten des Beschuldigten mitberücksichtigt. Damit zusam-
menhängend ist hingegen zu beachten, dass jemand, der in einer solchen Kon-
fliktsituation mit einem derartigen Gewaltausbruch reagiert, zwar egoistisch han-
delt und sein Empfinden über das Leben anderer setzt. Jedoch handelte der Be-
schuldigte nach dem Dargelegten nicht berechnend, beispielsweise weil er ein fi-
nanzielles Motiv verfolgt hätte.
Die subjektive Tatschwere wiegt im Vergleich mit der objektiven Tatschwere er-
heblich leichter, was insgesamt zu einem keinesfalls mehr leichten bis mittleren
Verschulden führt. Daraus resultiert nach der Beurteilung der Tatkomponente eine
hypothetische Einsatzstrafe von 7 1⁄2 Jahren.
3.3. Zur Täterkomponente: Die Vorinstanz hat die persönlichen Verhältnisse
des Beschuldigten korrekt zusammengefasst (Urk. 46 S. 30 f.). In der Berufungs-
verhandlung sind zudem keine strafzumessungsrelevanten Faktoren vorgebracht
worden (Prot. II. S. 9 ff.). Die persönlichen Verhältnisse wirken sich strafzumes-
sungsneutral aus. Ebenso neutral wirkt sich die Vorstrafenlosigkeit des Beschul-
digten (Urk. 50) aus. Betreffend das Nachtatverhalten gilt es zu berücksichtigen,
dass der Beschuldigte im Verlauf der Untersuchung zumindest den äusseren
Sachverhalt anerkannt hat. Jedoch bestritt er den subjektiven Sachverhalt auch
noch anlässlich der Schlusseinvernahme (Urk. 02/04 S. 10). Da der Sachverhalt
vorliegend aufgrund der klaren Aussagen des Privatklägers 3 erstellt werden
konnte, ist dieses Geständnis nur wenig verschuldensmindernd. Desweitern zeu-
gen die Aussagen des Beschuldigten davon, dass ihn die Tat schwer belastet und
er unter dieser leidet. So gab er an, dass es ihm schwer falle und er traurig sei,
dass so etwas passiert sei. Er habe seine Kinder und seine Frau verloren; das sei
seine grösste Strafe (Urk. 02/02 S. 7). Letzteres wiederholte er zudem an der
Hauptverhandlung (Prot. I S. 26). Weiter könne er gar nicht mehr daran denken,
dass sie nicht mehr da sei (Urk. 02/04 S. 7). Aus dem Aussageverhalten ist zu
Gunsten des Beschuldigten auf dessen echte Reue zu schliessen. Richtig ist
zwar, dass der Beschuldigte nach der Tat passiv blieb und dem Opfer nicht half.
- 43 -
Jedoch kann diese Verhaltensweise gemäss gutachterlicher Einschätzung auf die
Erschütterung des Beschuldigten über die begangene Tat zurückgeführt werden.
Das Nachtatverhalten sei denn auch durch dessen Rat- bzw. Hilfslosigkeit charak-
terisiert (Urk. 13/33 S. 107), weshalb aufgrund seiner passiven Verhaltensweise
nicht auf die fehlende Reue geschlossen werden kann. Hingegen ist der Gesund-
heitszustand des Beschuldigten unter dem Titel einer besonderen Strafempfind-
lichkeit nicht strafmindernd zu berücksichtigen. Der Beschuldigte gab an, dass
sein Zustand im Strafvollzug 'normal' sei. Somit bestehen gemäss eigenen Anga-
ben des Beschuldigten trotz gesundheitlichen Schwierigkeiten – so erlitt er vor
ungefähr drei Monaten vor der Berufungsverhandlung zum letzten Mal einen epi-
leptischen Anfall (Prot. II S. 16) – keine Belastungen in aussergewöhnlichem
Masse, welche über die mit dem Strafvollzug verbundenen Einschränkungen hin-
ausgehen. Insofern ist nicht von einer besonderen Strafempfindlichkeit auszuge-
hen. Die Täterkomponente führt zu einer leichten Strafminderung im Umfang von
6 Monaten.
3.4. Die Beurteilung der Täterkomponente führt aus den angeführten, verschul-
densmindernden Gründen zu einer Reduktion der nach der Beurteilung der Tat-
komponente bemessenen hypothetischen Einsatzstrafe. Insgesamt erweist sich
eine Bestrafung mit 7 Jahren Freiheitsstrafe als angemessen.
3.5. Der Anrechnung der seit dem Tattag erstandenen 1032 Tage Haft (Urk. 12/09; Urk. 12/23) sowie vorzeitigen Strafvollzug (Urk. 12/23) steht nichts
entgegen. Die Freiheitsstrafe ist zu vollziehen (Art. 42 Abs. 1 StGB).
V. Landesverweisung und Ausschreibung
1. Landesverweisung
1.1. Die Vorinstanz hat die rechtlichen Grundlagen zur Landesverweisung kor-
rekt dargetan (Urk. 46 S. 33 ff.). Auf ihre zutreffenden Erwägungen zur Anwend-
barkeit und Härtefallprüfung kann vorab verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
Der Beschuldigte ist Staatsangehöriger von K._ mit einer Niederlassungsbe-
willigung B für die Schweiz (Prot. II S. 10). Er hat sich der vorsätzlichen Tötung
- 44 -
(Art. 111 StGB) schuldig gemacht, eines gravierenden Deliktes, das eine Katalog-
tat im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB darstellt, weshalb obligatorisch eine
Landesverweisung auszusprechen ist. Von dieser Massnahme darf nur aus-
nahmsweise abgesehen werden, wenn sie für den Ausländer einen schweren
persönlichen Härtefall bewirken würde und das öffentliche Interesse an der Lan-
desverweisung gegenüber dem privaten Interesse des Ausländers am Verbleibe
in der Schweiz nicht überwiegen. Die Härtefallklausel ist restriktiv anzuwenden
(Urteil des Bundesgerichtes 6B_423/2019 vom 17. März 2020 E. 2.1.2; BGE 144
IV 332 E. 3.3.1 ff.). Es ist bei der Härtefallprüfung nicht schematisch ab einer ge-
wissen Aufenthaltsdauer eine Verwurzelung in der Schweiz anzunehmen (Urteile
des Bundesgerichtes 6B_690/2019 vom 4. Dezember 2019 E. 3.4.4 und
6B_2/2019 vom 27. September 2019 E. 7.2.1). Vielmehr ist anhand der massge-
blichen Integrationskriterien eine Einzelfallprüfung vorzunehmen (Urteile des
Bundesgerichtes 6B_378/2018 vom 22. Mai 2019 E. 2.2 und 6B_627/2018 vom
22. März 2019 E. 1.3.5).
1.2. Im vorliegenden Fall beruft sich die Verteidigung vor allem auf wirtschaftli-
che, familiäre und medizinische Gründe, welche bewirkten, dass sich der Be-
schuldigte insgesamt in einer Lage befinde, die einen Härtefall im Rahmen der
obligatorischen Landesverweisung darstelle (Urk. 83 S. 33 f. ).
Im Rahmen des Plädoyers anlässlich der Berufungsverhandlung argumentierte
die Verteidigung dahingehend, der Beschuldigte sei im Jahr 1999 vom Krieg
traumatisiert in die Schweiz geflüchtet. Die Integration sei zunächst gut gelungen,
die Familie habe eine humanitäre Aufenthaltsbewilligung erhalten. Nach der Tu-
morerkrankung (gutartiger Hirntumor) im Jahre 2005 habe der Beschuldigte eine
100% IV-Rente sowie Hilflosenentschädigung erhalten, welche mit Urteilen vom
Juni 2018 rückwirkend mit Wirkung ab 1. August 2013 wieder aufgehoben worden
seien. Nach der Haftentlassung könnte allenfalls ein neuer Antrag auf Zuspre-
chung einer IV-Rente gestellt werden, aber nicht von K._ aus. Im Gefängnis
flechte der Beschuldigte heute einarmig Körbe, dies befähige ihn sicher nicht zu
einer Existenzgrundlage in K._. Er werde im Alter über eine extrem geringe
AHV-Rente verfügen. Der Beschuldigte leide gemäss Gutachten F._ nebst
- 45 -
der schweren Epilepsie an einer schweren hirnorganischen Persönlichkeitsstö-
rung- bzw. Veränderung sowie einer ausgeprägten Anpassungsstörung. Zudem
sei es zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes gekommen, vor über
einem Jahr sei bei einer MRI-Untersuchung ein wachsendes neues Geschwür ge-
funden worden. Der psychische und physische Zustand des Beschuldigten sei
himmeltraurig. Schon die ausgezeichnete medizinische Versorgung in der
Schweiz stosse an ihre Grenzen. Der Beschuldigte sei dringend auf fachärztliche
Betreuung und medikamentöse Einstellung seiner schwierig zu kontrollierenden
Epilepsie angewiesen. In K._ sei das Gesundheitswesen stark unterfinanziert
und rückständig und die Ärzte schlecht ausgebildet. Der Gutachter empfehle so-
dann zur Risikominderung weiterer aggressiver Durchbrüche eine engmaschige
Versorgung im Sinne eines betreuten Wohnens. Der Beschuldigte sei zwar in
K._ aufgewachsen, kenne aber dort niemanden. Seine Geschwister leben
über ganz Europa verteilt; die in der Schweiz wohnhaften Brüder besuchten ihn
regelmässig und auch seine Kinder leben in der Schweiz. Art. 8 EMRK sei tan-
giert. Die Kinder lehnten die Anordnung einer Landesverweisung explizit ab und
seien darauf angewiesen, sich weiter mit dem Geschehenen und mit dem Vater
als einzigem Elternteil auseinandersetzen zu können. Ferner sei es nach Ansicht
der Verteidigung für ihre Entwicklung belastend, wenn sie sich auch noch Sorgen
um das Leben ihres Vaters in K._ machen müssten. Somit könne die Lan-
desverweisung letztlich auch nicht dem öffentlichen Interesse der Schweiz ent-
sprechen. Zusammengefasst hielt der Verteidiger fest, bei Anordnung einer Lan-
desverweisung werde der Beschuldigte in eine persönliche, finanzielle und ge-
sundheitliche Not geraten, was letztlich psychisch derart belastend wäre, dass er
an Leib und Leben gefährdet wäre (Urk. 83 S. 32 ff.).
Nach Eingang der mit Beschluss vom 12. Mai 2020 angeforderten weiteren Be-
richte der Klinik für Neurologie und der Klinik für Neurochirurgie am Universitäts-
spital Zürich über die letzten Konsultationen vom 4. Juli 2019 und vom 28. Januar
2020 führte die Verteidigung weiter in der Stellungnahme vom 14. Juni 2020 aus,
die Risiken für die Gesundheit und das Leben des Beschuldigten seien derart
gross, dass zudem im Sinne von Art. 3 EMRK die Landesverweisung zum Vorn-
herein unzulässig sei, da deren Vollzug nicht in Frage komme. Die Verteidigung
- 46 -
hielt an ihrem Antrag auf Einholung eines aktuellen Arztberichtes der behandeln-
den Ärzte am Universitätsspital Zürich fest. Dieser solle sich unter anderem zu
den Fragen äussern, auf welche Möglichkeiten einer Akutmedizinischen Notfallin-
tervention der Beschuldigte angewiesen sei und was die Abwesenheit dieser
Möglichkeit der Notfallintervention und einer nach hiesigem Standard gewährleis-
teten medizinischen Betreuung für eine Gefahr für die Gesundheit evtl. das Leben
des Beschuldigten bedeuten würde (Urk. 94 S. 2 mit Verweis auf Urk. 80 S. 1 f.).
1.3. Gemäss der neueren Rechtsprechung des Bundesgerichtes sind mögliche
Vollzugshindernisse im Sinne von Art. 66d StGB bereits bei der Anordnung der
Landesverweisung durch das Strafgericht zu berücksichtigen. Das mit der Anord-
nung einer Landesverweisung befasste Gericht müsse – so das Bundesgericht –
bereits prüfen, ob die Landesverweisung unter den konkreten Umständen ver-
hältnismässig sei. Insbesondere sei zu berücksichtigen, dass zwischen Anord-
nung und Vollzug der Landesverweisung eine relativ lange Zeit vergehen könne
und sich die Umstände, die einer Landesverweisung entgegen stünden – im zu
beurteilenden Fall der Gesundheitszustand des Ausländers – ändern könnten.
Wenn das Strafgericht aufgrund seiner Prüfung zum Schluss gelange, dass ein
stabiler Zustand bestehe, der sich nicht bessern werde, müsse es auf die Lan-
desverweisung verzichten, falls sie sich als unverhältnismässig im Sinne von Art.
66a Abs. 2 StGB erweise. Umgekehrt könne die Landesverweisung verhältnis-
mässig erscheinen, wenn der dieser entgegenstehende Zustand vorübergehender
Natur oder – mit Blick auf die erörterten medizinischen Gründe – eine genügende
Behandlung gewährleistet sei (Urteil des Bundesgerichtes 6B_423/2019 vom 17.
März 2020 mit Verweisen).
Aufgrund der Auskünfte des Beschuldigten anlässlich der Berufungsverhandlung
sowie anhand der vorliegenden ärztlichen Berichte lässt sich die aktuelle gesund-
heitliche Situation des Beschuldigten und die derzeit notwendige Behandlung ge-
nügend einschätzen. Die Einholung weiterer Berichte ist nicht notwendig.
1.4. Wie nachfolgend aufgezeigt wird, liegt kein schwerer persönlicher Härtefall
vor:
- 47 -
a) Der Beschuldigte wurde im Jahr 1967 in L._ in K._ geboren und ver-
brachte die ersten sechs Jahre von 1967 bis 1973 dort. Danach besuchte er im
M._ während acht Jahren die Grundschule und für vier Jahre die Mittelschu-
le. In den Jahren 1988 bis 1992 absolvierte der Beschuldigte die Militärakademie
in N._. Danach war er Leutnant und stieg auf bis zum Hauptmann erster
Klasse in der Infanterie. Nach Ausbruch des Kosovo-Krieges wurde er ab 1998
zur Grenzsicherung im M._ stationiert und dort verletzt, als sein Standort
durch einen Minenwerferschuss getroffen wurde (Prot. II S. 9 ff.). Der Beschuldig-
te hatte in O._ geheiratet und das Ehepaar bekam 1996 ein Kind, welches
die ersten Lebensjahre im ehemaligen Jugoslawien aufwuchs. Der Beschuldigte
reiste mit seiner Ehefrau und seiner ältesten Tochter A._ im Jahr 1999 in die
Schweiz ein und beantragte Asyl. Das Asylgesuch wurde abgelehnt, jedoch er-
hielt der Beschuldigte eine Bewilligung F (vorläufige Aufnahme). Er lebte fortan
mit seiner Familie in H._ ZH und ging zunächst einer Erwerbstätigkeit nach
(Prot. I S. 9 f. und Prot. II S. 12). Auch wenn seine drei weiteren Kinder (B._
geboren 2001, D._ geboren 2003 und C._ geboren 2005) in der
Schweiz zur Welt kamen und der Beschuldigte in den Jahren 2003 bis 2005 in ei-
ner Bäckerei gearbeitet hatte, kann nicht von einer hiesigen Verwurzelung des
Beschuldigten ausgegangen werden. Er ist trotz seines langen Aufenthalts in der
Schweiz weiterhin auf einen Dolmetscher angewiesen und seine Brüder scheinen
die einzigen Bezugspersonen zu sein, die hier in der Schweiz regelmässig Kon-
takt zu ihm pflegen (vgl. Führungsbericht und Besuchsjournal Justizvollzugsan-
stalt Pöschwies Urk. 72 und 73); dies mag zwar teilweise auf seine Krankheit zu-
rückzuführen sein, zeigt jedoch, dass der Beschuldigte hier in der Schweiz wenig
integriert ist. Eine Wiedereingliederung in K._ dürfte zwar für den Beschuldig-
ten mit einiger Anstrengung verbunden sein, zumal er dort über kein Beziehungs-
netz verfügt. Zweifellos wäre auch ein Einstieg in das Wirtschafts- und Berufsle-
ben in K._ mit Hindernissen verbunden. Gemäss dem Führungsbericht der
Strafanstalt Pöschwies vom 11. Mai 2020 war der Beschuldigte längere Zeit auf-
grund körperlicher Beschwerden 50% arbeitsunfähig, zur Zeit könne er wieder
Vollzeit arbeiten; er stelle Geflechte für Stühle her und obwohl er nur einhändig
flechte, scheine dies seine Arbeitsqualität nicht einzuschränken (Urk. 72 S. 2). Da
- 48 -
der Beschuldigte hier in der Schweiz nur wenige Jahre erwerbstätig war und seit
dem Jahr 2005 keine feste Anstellung mehr hatte sowie aufgrund der krankheits-
bedingten Einschränkungen bei der Ausübung einer Erwerbstätigkeit damit zu
rechnen ist, dass er auch hier nach der Entlassung aus dem Gefängnis nicht ohne
weiteres sofort eine bezahlte Stelle finden wird (Prot. I S. 13), kann auch in beruf-
licher Hinsicht nicht von einer schlechteren Ausgangslage als in der Schweiz aus-
gegangen werden. Zumindest verfügt der Beschuldigte über die sprachlichen Fer-
tigkeiten, sich um wirtschaftliche Hilfe zu kümmern und kann dabei sicherlich auch
auf die Unterstützung durch seine Geschwister, die regelmässig Kontakt zu ihm
pflegen, zählen. Diese werden ihm auch bei der Suche einer geeigneten Wohn-
möglichkeit in K._ behilflich sein können, da sie die dort gesprochene Spra-
che beherrschen.
b) Es muss sodann beachtet werden, dass der Beschuldigte in der Schweiz ne-
ben einer volljährigen Tochter zwei minderjährige Kinder und einen Sohn im Alter
von 19 Jahren hat. Die vier Kinder, geboren 1996, 2001, 2003, 2005, sind mittler-
weile alle Bürger von H._ ZH und in der Schweiz integriert. Die älteste Toch-
ter wohnt selbständig und die weiteren drei Geschwister leben in einer Pflegefa-
milie, wo sie nach den sinngemässen Angaben des Beschuldigten sehr gut auf-
gehoben sind und gefördert werden (Prot. II S. 28). An der Hauptverhandlung gab
der Beschuldigte an, seit eineinhalb Jahren keinen Kontakt mehr zu den Kindern
gehabt zu haben (Prot. I S. 26). In der Berufungsverhandlung führte er dazu aus,
dass es mittlerweile zu brieflichen Kontakten gekommen sei (Prot. II S. 19 f.).
Die Privatkläger liessen vor Vorinstanz durch ihren Vertreter mit Eingabe vom
25. Februar 2019 vorbringen, die Kinder des Beschuldigten äusserten überein-
stimmend den Wunsch, dass von einem Landesverweis ihres Vaters abgesehen
werden möge. Ihren Wunsch begründeten sie hauptsächlich damit, dass die drin-
gend benötigte medizinische Versorgung ihres Vaters im Falle einer Ausreise
nach O._ bzw. in den M._ nicht mehr gewährleistet wäre. Überdies ha-
be ihr Vater dort keine sozialen Kontakte mehr, da sämtliche Verwandten und Be-
kannten ihre Heimat seit langem verlassen hätten oder verstorben seien. Somit
wäre er im Falle einer Landesverweisung gänzlich auf sich alleine gestellt, mut-
- 49 -
masslich ohne die notwendige medizinische Unterstützung zu erhalten bezie-
hungsweise diese gegebenenfalls zu beanspruchen. Unter diesen Umständen sei
die Vorstellung, dass ihr Vater, welcher krankheitsbedingt völlig unselbständig sei,
des Landes verwiesen werden könnte, für die Privatkläger äusserst belastend
(Urk. 32 S. 2).
Zum von Art. 8 EMRK geschützten Personenkreis gehört in erster Linie die Kern-
familie, d.h. die Gemeinschaft der Eltern und der minderjährigen Kinder. In den
Schutzbereich von Art. 8 EMRK fallen aber auch andere familiäre Verhältnisse,
sofern eine genügend nahe, echte und tatsächlich gelebte Beziehung besteht.
Hinweise auf solche Beziehungen sind das Zusammenleben in einem gemeinsa-
men Haushalt, eine finanzielle Abhängigkeit, speziell enge familiäre Bande, re-
gelmässige Kontakte oder die Übernahme von Verantwortung für eine andere
Person (BGE 144 II 12 m.w.H.). Aus der Befragung der Privatkläger im Rahmen
der Untersuchung geht hervor, dass sich früher die Mutter hauptsächlich um die
Erziehung der Kinder und deren Wohlergehen kümmerte (Urk. 03/08 S. 3 und
03/14 S. 3). Ferner ist unklar, wie sich das Verhältnis zwischen den Kindern und
ihrem Vater in Zukunft entwickeln wird. Anzeichen dafür, dass in Frage käme, ein
familiäres Zusammenleben wiederaufzunehmen, bestehen derzeit keine. Unter
diesen Umständen kann auch in Bezug auf die familiäre Situation nicht von einem
schweren persönlichen Härtefall für den Beschuldigten ausgegangen werden.
Brieflichen und telefonischen Kontakt kann der Beschuldigte mit den Kindern auf
jeden Fall auch von seinem Heimatland aus pflegen. An dieser Einschätzung
vermag auch nichts zu ändern, dass der Beschuldigte anlässlich der Hauptver-
handlung angab, dass drei seiner Brüder und eine Schwester in der Schweiz le-
ben würden (Prot. I S. 18). Eine Schwester wohnt offenbar im M._, mithin in
einem Nachbarland von K._ (Prot. II S. 10), weitere Verwandte leben nicht
mehr dort oder in der Nähe von seinem Heimatland K._. Die Kontaktpflege
und auch eine Unterstützung in der Organisation des Alltages und der Unterbrin-
gung durch die Geschwister aus dem (zum Teil nahe gelegenen) Ausland er-
scheinen jedenfalls realistisch und zumutbar.
- 50 -
c) Der Umstand, dass die Schweiz über ein sehr gut funktionierendes Gesund-
heitssystem verfügt, bietet in der Regel keinen Grund dafür, dass kranke Straftä-
ter wie der Beschuldigte generell nicht ausgeschafft werden. Eine Landesverwei-
sung ist für einen Betroffenen immer mit Nachteilen verbunden, namentlich dem
Verlust eines Zugangs zum schweizerischen Gesundheitssystem sowie den hie-
sigen Institutionen und der hiesigen Rechtssicherheit.
Die gesundheitliche Situation des Beschuldigten ergibt sich aus seiner Befragung
anlässlich der Berufungsverhandlung einerseits und aus den eingereichten und
beigezogenen medizinischen Unterlagen andererseits. Der Beschuldigte gab in
der Befragung zur Person zu seiner gesundheitlichen Situation an, er habe seit
dem vor Vorinstanz erwähnten letzten epileptischen Anfall weitere Anfälle gehabt,
den letzten ungefähr vor drei Monaten. Zur aktuellen ärztlichen Betreuung befragt,
führte der Beschuldigte aus, dass das Universitätsspital das für ihn verantwortli-
che Spital sei und welche Medikamente er einnehmen muss; mit dieser Medikati-
on sei sein Zustand einigermassen stabil (Prot. II S. 16 f.). Der Beschuldigte be-
findet sich aktuell nicht in psychiatrischer oder psychologischer Behandlung; von
der Möglichkeit, einen Psychologen zu sehen, macht er keinen Gebrauch. Er
müsse gegenwärtig – wie schon in den letzten Jahren – einmal jährlich zur neuro-
logischen und zur neurochirurgischen Klinik zu Kontrolluntersuchungen gehen;
früher seien die Kontrollen häufiger gewesen (Prot. II S. 18 f.).
Den verschiedenen ärztlichen Berichten der Klinik für Neurologie (Urk. 75 = 87/2
und 87/1 vom 29. Januar 2019 und Urk. 86/1-2 vom 28. Januar 2020) lässt sich
entnehmen, dass der Beschuldigte jedes Jahr dorthin zur Kontrolluntersuchung
gebracht wird; dies erfolgt – wohl aufgrund der Zuführung durch die Polizei mit
Hand- und Fussschellen – offenbar jeweils im Rollstuhl. Der Beschuldigte berich-
tete bei der Jahreskontrolle vom 28. Januar 2020 über eine leichte Zunahme der
Anfälle von ca. 2 (2018) auf 4-5 pro Jahr (2019), die aber anscheinend nie zu Be-
wusstlosigkeit führen. Bei der Kontrolle vom 29. Januar 2019 hatte er von einer
Reduktion der Anfälle von 3-4 auf 2 seit der letzten Kontrolle berichtet; somit be-
wegten sich die Anfallszahlen in den Jahren 2017 bis 2019 zwischen 3-4 über 2
bis 4-5 pro Jahr. Der Beschuldigte lehnte eine Umstellung auf ein anderes Medi-
- 51 -
kament bei beiden Kontrollen ab. Die am 29. Januar 2019 und am 28. Januar
2020 durchgeführten Elektroencephalographien (EEG) waren im Vergleich zum
Vor-EEG vom 20. April 2016 im Wesentlichen unverändert. Die nächste Kontrolle
solle gemäss Bericht vom 28. Januar 2020 wieder in einem Jahr mit EEG erfol-
gen. Den Berichten der Klinik für Neurochirurgie (Urk. 77 vom 12. Januar 2019
und Urk. 88 vom 4. Juli 2019) lässt sich zusammengefasst entnehmen, dass sich
beim Beschuldigten ein klinisch stabiler Verlauf ohne neue fokal-neurologische
Defizite zeigte. Die erstmals im Juli 2009 erfasste kleinknotige Kontrastmittelan-
reicherung frontal rechts unmittelbar angrenzend an die ehemalige Kraniotomie,
verdächtig auf kleines Meningeom-Rezidiv, zeigte sich im langfristigen Verlauf
leicht grössenprogredient, im kurzfristigen Verlauf ist dieses jedoch bildmorpholo-
gisch stabil. Die nächste Kontrolle im Ambulatorium der Neurochirurgie wurde
aufgrund des klinisch weiterhin stabilen Verlaufs nach einem Jahr auf den 2. Juli
2020 vorgesehen.
Zur Zeit zeigt sich somit der gesundheitliche Zustand des Beschuldigten bei re-
gelmässiger Medikamenteneinnahme als stabil. In den weiteren Kontrollen bis zur
Entlassung aus dem Strafvollzug in den Kliniken für Neurologie und Neurochirur-
gie kann der Verlauf weiter beobachtet werden; der Beschuldigte hat in dieser Zeit
auch die Möglichkeit, mit den Spezialisten am Universitätsspital Zürich nochmals
die von diesen empfohlene Umstellung der Medikation zu prüfen.
Die medizinische Versorgung in K._ ist offensichtlich nicht auf dem gleich
hohen Niveau, wie diejenige in der Schweiz, da die medizinische Versorgung
ausserhalb der grösseren Städte nicht überall gewährleistet und der Standard der
Krankenhäuser oft sehr bescheiden sei (vgl. dazu die Reisehinweise für K._
des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten EDA zu
finden unter www.eda.admin.ch). Für K._ Staatsbürger ist jedoch ein staatli-
ches Gesundheitssystem vorhanden. Eine medizinische Grundversorgung wird
durch ausgewählte Ärztinnen und Ärzte sichergestellt. Diese können die Patienten
an Spezialisten verweisen, wenn eine besondere Behandlung nötig ist. Personen,
die bei der Arbeitsagentur angemeldet sind oder in einem Angestelltenverhältnis
stehen oder beeinträchtigt sind, erhalten kostenlose Behandlung (vgl. dazu
- 52 -
Checkliste für freiwillige Rückkehrer im Länderinformationsblatt K._ 2019 des
Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge der Bundesrepublik Deutschland,
https://files.returningfromgermany.de/files/CFS_2019_K._DE.pdf). Es kann
nicht davon ausgegangen werden, die medizinische Versorgung in K._ wäre
derart unterentwickelt, dass eine angemessene Behandlung des Beschuldigten
und die Fortführung der Einnahme der anfallspräventiven Medikamente nicht ge-
währleistet wären. Die verbleibende Zeit bis zur Entlassung aus dem Strafvollzug
kann vom Beschuldigten genutzt werden, um mit Hilfe seiner Geschwister oder
des Sozialdienstes im Strafvollzug und in Absprache mit den Kliniken für Neurolo-
gie und Neurochirurgie des Universitätsspitals Zürich die weiteren medizinischen
Betreuungsmöglichkeiten in K._ abzuklären und zu organisieren.
1.5. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine Weiterführung der Medikation
sowie die Aufrechterhaltung einer ausreichenden ärztlichen Betreuung auch in
K._ möglich sein dürfte. Auch der Verlust sozialer Kontakte bzw. der Um-
stand, zu deren Pflege auf moderne Kommunikationsmittel zurückgreifen zu müs-
sen, vermag noch keinen schweren Härtefall zu begründen. Demgegenüber ist zu
berücksichtigen, dass der Beschuldigte ganz massiv gegen das hiesige Gesetz
verstiess und aus nichtigem Anlass einen Menschen tötete. Auch unter diesem
Aspekt erscheint es in einer Abwägung der persönlichen und öffentlichen Interes-
sen nicht als gerechtfertigt, von einer Landesverweisung abzusehen.
Der Beschuldigte ist deshalb in Anwendung von Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB des
Landes zu verweisen. In Anbetracht der Brutalität der ausgeführten Tat einerseits
sowie angesichts des keinesfalls mehr leichten bis mittleren Verschuldens und
des gemäss Gutachten F._ beim Beschuldigten bestehenden eher geringen
Risikos schwerer Straftaten (Urk. 13/33 S. 111) andererseits, wäre an sich eine
Dauer der Landesverweisung im Bereich von rund 10 Jahren gerechtfertigt. Zu-
mal jedoch vorliegend eher knapp nicht von einem schweren persönlichen Härte-
fall auszugehen ist, erscheint es indessen angemessen, die Dauer der Landes-
verweisung auf 8 Jahre festzusetzen.
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2. Ausschreibung im Schengener-Informationssystem (SIS)
Auch an dieser Stelle kann erneut auf die rechtlichen Ausführungen sowie die zu-
treffende Würdigung der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 46 S. 37; Art. 82
Abs. 4 StPO). Die Voraussetzungen zum Eintrag in das SIS sind erfüllt, zumal
unbestritten ist, dass der Beschuldigte einem sogenannten Drittstaat angehört, da
K._ kein Mitgliedstaat des Schengen-Übereinkommens ist und die Schwere
der Tat einen Eintrag im SIS ohne Weiteres rechtfertigt (Art. 24 Abs. 2 SIS-II-VO).
VI. Zivilansprüche
1. Schadenersatz
1.1. Die Vorinstanz stellte fest, dass der Beschuldigte gegenüber den Privatklä-
gern aus dem eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig
sei. Zur genauen Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches wur-
de der Privatkläger auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen (Urk. 46 S. 40).
1.2. Die grundsätzliche Schadenersatzpflicht ist eine logische Konsequenz der
Verurteilung des Beschuldigten und wurde ferner vom Beschuldigten auch aner-
kannt. Die Höhe des Schadenersatzes wurde noch nicht beziffert. Folglich ist
festzustellen, dass der Beschuldigte gegenüber den Privatklägern aus dem ein-
geklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen
Feststellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches sind die Privatkläger
auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen (Art. 126 Abs. 2 lit. b StPO).
2. Genugtuung
2.1. Die Vorinstanz verpflichtete den Beschuldigten, der Privatklägerin 1
Fr. 25'000.– und den Privatklägern 2, 3 und 4 Fr. 40'000.– als Genugtuung zu be-
zahlen, je zuzüglich 5 % Zins ab 17. Oktober 2017 (Urk. 46 S. 44).
2.2. Der amtliche Verteidiger beantragte wie schon vor Vorinstanz, es sei von der
Anerkennung des Beschuldigten zur Bezahlung einer Genugtuung an die Privat-
kläger Vormerk zu nehmen. Ferner sei die Privatklägerschaft betreffend die Fest-
setzung der Höhe der Genugtuung auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen
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respektive für den Fall der Feststellung der Schuldfähigkeit seien die vorinstanz-
lich zugesprochenen Genugtuungssummen zu bestätigen (Urk. 35 S. 2; Urk. 83
S 2).
2.3. Die Vorinstanz führte die rechtlichen Grundlagen zur Ausrichtung einer Ge-
nugtuung korrekt auf und setzte den erlittenen Verlust der Mutter, die damit ver-
bundene Unbill der Privatkläger sowie die Auswirkungen des Verlusts der Mutter
auf ihr weiteres Wohlbefinden in ein angemessenes Verhältnis zum zugesproche-
nen Genugtuungsbetrag. Auf ihre zutreffenden Erwägungen kann vorab grund-
sätzlich verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO). Zwar muss nun vorliegend von
einer schweren Verminderung der Schuldfähigkeit des Beschuldigten ausgegan-
gen werden. Indessen fällt stark ins Gewicht, dass die Privatkläger mit der Mutter
ihre engste Bezugsperson, die sich seit der Erkrankung des Vaters im Jahre 2005
fast ausschliesslich um alle familiären Belange kümmern musste, verloren.
Gleichzeitig bewirkte die Täterschaft des Beschuldigten, dass diese auch keinen
Kontakt mehr zu ihrem Vater pflegen und fortan ohne Eltern aufwachsen mussten
und müssen. Besonders erschütternd ist sodann, dass die minderjährigen Kinder
am Tatort anwesend waren und im Anschluss an die Tat verzweifelt um die Ret-
tung des Lebens ihrer Mutter gekämpft hatten bis die Sanität eintraf. Insofern ist
es absolut angemessen, die Genugtuungen bei den von der Vorinstanz festge-
setzten Beträgen zu belassen. Im übrigen wurde – wie schon erwähnt – die Höhe
der von der Vorinstanz zugesprochenen Genugtuungen für den Fall der Bejahung
der Schuldfähigkeit nicht angefochten (Urk. 83 S. 3).
2.4. Der Beschuldigte ist entsprechend zu verpflichten, der Privatklägerin 1
Fr. 25'000.– und den Privatklägern 2, 3 und 4 Fr. 40'000.– je zuzüglich 5 % Zins
ab dem 17. Oktober 2017 als Genugtuung zu bezahlen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Fällt die Rechtsmittel-
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instanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie darin auch über die von der
Vorinstanz getroffene Kostenregelung (Art. 428 Abs. 3 StPO).
2. Infolge Bestätigung des vorinstanzlichen Schuldspruchs erweist sich die
vollumfängliche Kostenauflage gemäss Dispositivziffer 10 des vorinstanzlichen
Urteils als angemessen. Diese ist zu bestätigen (Art. 426 StPO).
3.1. Die Staatsanwaltschaft unterliegt im Berufungsverfahren mit ihren Anträgen
vollumfänglich. Der Beschuldigte erreicht aufgrund einer milderen Beurteilung
seines Verschuldens eine Reduktion des Strafmasses. Im übrigen unterliegt er mit
seinen Anträgen. Die Kosten des obergerichtlichen Verfahrens sind demnach zu
drei Vierteln dem Beschuldigten aufzuerlegen und zu einem Viertel auf die Ge-
richtskasse zu nehmen (Art. 428 Abs. 1 StPO). Aufgrund der Mittellosigkeit des
Beschuldigten und der Tatsache, dass dieser das Land verlassen muss, rechtfer-
tigt es sich, den Kostenanteil des Beschuldigten sofort definitiv abzuschreiben.
3.2. Die Gerichtsgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 5'000.– anzuset-
zen. Für das Berufungsverfahren macht der amtliche Verteidiger, Rechtsanwalt
lic. iur. Y._, Aufwendungen von Fr. 9'618.05 geltend (inkl. Barauslagen und
MwSt.; Urk. 81/8), wobei darin die Aufwendungen für die Berufungsverhandlung
und die angefallenen Aufwendungen im Zusammenhang mit der Eingabe vom
15. Juni 2020 (Stellungnahme zum Beweisergebnis und zur Vernehmlassung der
Staatsanwaltschaft; Urk 94) sowie weitere Aufwendungen (Urteilsstudium, Be-
sprechung mit dem Beschuldigten) nicht enthalten sind. Die geltend gemachten
Aufwendungen erweisen sich angesichts des Aktenumfangs und der Komplexität
des Falles als angemessen. Der amtliche Verteidiger ist insgesamt mit
Fr. 13'409.10 (inkl. MwSt.), gerundet Fr. 13‘500.–, aus der Gerichtskasse zu ent-
schädigen.