Decision ID: bf1aa5c8-18b6-5b9e-a00b-e234e1c0c4fa
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 14. Juni 2012 bei der IV-Stelle zum Leistungsbezug an (IV-
act. 2). Gemäss ihrer Hausärztin Dr. med. B._ litt sie unter rezidivierenden
depressiven Störungen, derzeit mittelgradig, mit somatischem Syndrom (ICD-10,
F33.11), welche aktuell durch ambulante Psychotherapie im psychiatrischen Zentrum
C._ sowie durch Hospitalisation in der Klinik D._ vom 13. Februar bis 9. März 2012
(vgl. IV-act. 13-1) behandelt worden seien, sowie unter Kiefer-, Gesichts- und
Kopfschmerzen, die seit einer Unterkieferoperation in E._ bestünden (IV-act. 12). Im
Bericht vom 30. August 2012 beurteilte Dr. med. F._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, die Versicherte als zu 100%arbeitsunfähig (IV-act. 17).
A.a.
Durch Mitteilung vom 7. Dezember 2012 informierte die IV-Stelle die Versicherte,
dass auf Grund ihres Gesundheitszustands zurzeit keine beruflichen
Eingliederungsmassnahmen möglich seien (IV-act. 22).
A.b.
Vom 10. April bis 15. Mai 2015 war die Versicherte zum zweiten Mal in der Klinik
D._ stationiert. Die behandelnden Ärzte diagnostizierten eine rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(ICD-10: F33.2), eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.40) sowie
Zwangsgedanken und -handlungen, gemischt (ICD-10: F42.2). Die Symptomatik sei
ähnlich wie bei der ersten stationären Behandlung schwer ausgeprägt gewesen, sie
habe sich aber auch auf Grund der nur geringen Deutschkenntnisse der Versicherten
als für therapeutische Interventionen nur schwer zugänglich erwiesen (IV-act. 35).
Im Rahmen der Haushaltsabklärung vom 9. Januar 2014 gab die Versicherte an,
sie würde im Gesundheitsfall einer vollen Erwerbstätigkeit nachgehen. Da die Tochter
bereits erwachsen und die Familie verschuldet sei, stufte die IV-
Abklärungsverantwortliche sie als Vollerwerbstätige ein (IV-act. 45-7f.).
A.d.
Gemäss dem Verlaufsbericht von Dr. F._ vom 17. April 2014 war die Versicherte
auf Grund einer deutlichen Zustandsverschlechterung in den letzten Monaten aus
psychiatrischer Sicht weiterhin zu 100% arbeitsunfähig (IV-act. 51-4).
A.e.
In der Stellungnahme vom 29. Juli 2014 befand Dr. med. G._, Regionaler
Ärztlicher Dienst (RAD), eine rezidivierende depressive vorwiegend schwere bis
mittelschwere Depression sei ausgewiesen. Die anhaltende somatoforme
Schmerzstörung sei bei stattgehabtem kieferorthopädischem Korrektureingriff auf dem
Hintergrund eines somatisch bedingten atypischen Gesichtsschmerzes zu sehen, also
auf einem tatsächlich existierenden somatischen Substrat. Die Schwere der Depression
allein begründe eine Arbeitsunfähigkeit von 100% unbeschadet einer etwaigen
hinzukommenden psychiatrischen Komorbiditätsdiagnose. Ein Gutachten sei nicht
indiziert (IV-act. 55).
A.f.
Seit dem 5. September 2014 war die Versicherte im Psychiatrie-Zentrum H._ in
psychiatrischer Behandlung. Die behandelnden Ärzte attestierten ihr auf Grund der
Schwere der chronifizierten, rezidivierenden depressiven Episode eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit (IV-act. 67).
A.g.
Gestützt auf die IV-interne Stellungnahme der Rentensachbearbeiterin und der
Gruppenleitung wurde eine Begutachtung in Auftrag gegeben, weil die Schwere der
gestellten Diagnose und die allenfalls beeinflussenden psychosozialen Faktoren kritisch
zu hinterfragen seien (IV-act. 72).
A.h.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 10. November 2015 wurde die Versicherte durch Dr. med. I._, Facharzt FMH
für Psychiatrie und Psychotherapie, psychiatrisch begutachtet. Im Gutachten vom
11. Januar 2016 konnte der Gutachter jedoch weder hinsichtlich vorhandener
Diagnosen noch der Höhe der Arbeitsfähigkeit sichere Angaben machen (IV-act. 78).
A.i.
Der RAD verweigerte mit Stellungnahme vom 18. Januar 2016 eine Prüfung des
Gutachtens und verwies zur weiteren Fallbearbeitung an die Sachbearbeitung Rente
(IV-act. 79).
A.j.
Diese schlug in einem internen Dokument vom 20. Januar 2016 vor, das
Rentengesuch abzuweisen, da keine Invalidität ausgewiesen sei und hauptsächlich
invaliditätsfremde Gründe vorliegen würden. Dr. I._ habe viele Ungereimtheiten und
ein Aggravationsverhalten festgestellt. Demgegenüber habe er eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit als nicht ausgewiesen erachtet. Eventuell habe vorübergehend eine
maximal 50%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden, wann genau, habe er jedoch nicht
definieren können (IV-act. 82).
A.k.
Mit Vorbescheid vom 20. Januar 2016 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Rentenabweisung in Aussicht (IV-act. 83).
A.l.
Dagegen liess die Versicherte durch Fürsprecher Ch. A. Egli am 12. Februar 2016
Einwand erheben. Zum Beweis, dass eine neue Begutachtung erforderlich sei, reichte
der Rechtsvertreter einen Bericht der Hausärztin der Versicherten ein, welche jene als
nicht arbeitsfähig erachtete (IV-act. 85).
A.m.
Ebenfalls am 12. Februar 2016 stellte der Rechtsvertreter der Versicherten bei der
IV-Stelle ein Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verfahren gegen die
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA) betreffend Anspruch auf
Invalidenrente ab 5. Februar 2016 (IV-act. 88).
A.n.
Mit Schreiben vom 20. Mai 2016 hielt der Rechtsvertreter an seinem Einwand fest
und ersuchte darum, dass nicht auf das widersprüchliche Gutachten, sondern die
Diagnosen und Beurteilungen der behandelnden Psychiater abzustellen sei (IV-act. 92).
A.o.
Zu den Ausführungen des Rechtsvertreters nahm Gutachter Dr. I._ am 2. Juni
2016 Stellung (IV-act. 94).
A.p.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Mit Verfügung vom 7. Juni 2016 wies die IV-Stelle einen Anspruch auf
Invalidenrente gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 0% ab (IV-act. 95).
A.q.
Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 8. Juli 2016
mit dem Antrag auf deren Aufhebung und auf Zusprache einer ganzen IV-Rente.
Eventualiter seien der Beschwerdeführerin Eingliederungsmassnahmen zuzusprechen,
subeventualiter sei das Verfahren zur neuen Entscheidung im Sinne der Erwägungen an
die Vorinstanz zurückzuweisen. Zudem sei der Beschwerdeführerin rückwirkend auf
den Zeitpunkt des Einreichens des Gesuchs um unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung vom 12. Februar 2016 die unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung zu gewähren; unter Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur
Begründung macht der Rechtsvertreter im Wesentlichen geltend, dass das Gutachten
von Dr. I._ weder nachvollziehbar noch schlüssig sei, es über weite Strecken
Wiederholungen enthalte und die Diagnosen mehrerer Ärzte einzig mit der Behauptung
mangelhafter Mitwirkung in Abrede stelle. Aus diesem Grund sei eine Begutachtung
durch einen unabhängigen vom Gericht bestimmten Gutachter bzw. Obergutachter
vorzunehmen (IV 2016/245: act. G 1).
B.a.
Mit Schreiben vom 19. Juli 2016 teilt das Gericht dem Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin mit, dass für das Verwaltungsverfahren bis zum Verfügungserlass
betreffend unentgeltliche Rechtsverbeiständung bisher kein Anfechtungsobjekt
vorliege. Diesbezüglich habe er die IV-Stelle zur Behandlung des Gesuchs vom 12.
Februar 2016 anzuhalten und nötigenfalls zu einem späteren Zeitpunkt beim Gericht
eine Rechtsverzögerungs- oder Rechtsverweigerungsbeschwerde zu erheben
(IV 2016/245: act. G 2).
B.b.
Mit Beschwerdeantwort vom 29. Juli 2016 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Da der Anfechtungsgegenstand einzig den allfälligen
Rentenanspruch der Beschwerdeführerin beschlage, sei auf den Eventualantrag
bezüglich Eingliederungsmassnahmen nicht einzutreten. Im Übrigen sei die
Beschwerdeführerin subjektiv nicht eingliederungsfähig, weil sie sich für voll
arbeitsunfähig halte. Berufliche Massnahmen würden daher von vornherein keinen Sinn
machen. Weiter begründet die Beschwerdegegnerin ihren Antrag unter Bezugnahme
B.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.
auf das Gutachten von Dr. I._, wonach ein entsprechender Leidensdruck für eine
psychische Erkrankung befundmässig nicht ausgewiesen sei. Auch hätten trotz geltend
gemachter erheblicher Schmerzen im Blutspiegel der Beschwerdeführerin keine
Neuroleptika nachgewiesen werden können. Bei der Beschwerdeführerin würden
jedoch psychosoziale Belastungsfaktoren eine wesentliche Rolle spielen. Solche
würden für sich allein aber zu keiner Invalidität führen (IV 2016/245: act. G 4).
Mit Schreiben von 22. August 2016 reicht der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin Unterlagen betreffend das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Beschwerdeverfahren ein. Im Weiteren weist er darauf hin,
dass die anlässlich der Begutachtung anwesende Übersetzerin Kurdin sei und ihre
Übersetzungen so mangelhaft bzw. katastrophal gewesen seien, dass sie den
Psychiater teilweise die Geduld hätten verlieren lassen (IV 2016/245: act. G 5).
B.d.
Am 23. August 2016 heisst das Versicherungsgericht das Gesuch der
Beschwerdeführerin um unentgeltliche Rechtspflege für das Beschwerdeverfahren mit
Wirkung ab 9. Juni 2016 gut (IV 2016/245: act. G 6).
B.e.
Mit Replik vom 20. September 2016 hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen
fest und macht noch einmal geltend, dass die vorliegende Begutachtung auf Grund der
mangelhaften Übersetzungen nicht beweisbildend sein könne. Wenn der Gutachter ihr
bei den sprachlichen Schwierigkeiten der Übersetzerin - diese habe nicht einmal das
E._-ische Wort für Haselnüsse verstanden - vorwerfe, sie habe mangelhaft
mitgewirkt, so treffe dies wohl nicht auf die Beschwerdeführerin, sondern auf die
Übersetzerin zu. Es werde daher eine nochmalige Begutachtung verlangt, sofern zu
ihrem Nachteil auf das Gutachten von Dr. I._ abgestellt werden sollte (IV 2016/245:
act. G 8).
B.f.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf die Einreichung einer Duplik (IV 2016/245:
act. G 10).
B.g.
Mit Schreiben vom 24. August 2018 informiert das Gericht die Parteien über
seinen Beschluss, ein psychiatrisches Obergutachten bei Dr. med. J._, Psychiatrie
C.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und Psychotherapie, Institut für forensische Psychiatrie IFPP, in Auftrag zu geben
(IV 2016/245: act. G 12). Am 23. Oktober 2018 beauftragt das Gericht Dr. J._ mit der
Begutachtung der Beschwerdeführerin in psychiatrischer Hinsicht (IV 2016/245: act.
G 13). Per 15. Mai 2019 wird die Beschwerdeführerin zur psychiatrischen
Begutachtung eingeladen (IV 2016/245: act. G 14).
Nach mehrmaligem Nachfragen durch das Gericht (IV 2016/245: act. G 14.1 bis
14.4, 15) ersucht es Dr. J._ mit Schreiben vom 29. Oktober 2019 erneut und unter
Androhung einer Ordnungsbusse, ihm das Gutachten bis spätestens Ende November
2019 zuzustellen (IV 2016/245: act. G 16). Ebenfalls mit Schreiben vom 29. Oktober
2019 bittet der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin den Gutachter um Mitteilung,
wann mit dem Gutachten zu rechnen sei (IV 2016/245: act. G 17.1).
C.b.
Nachdem Dr. J._ im Rahmen der erneuten Begutachtung der
Beschwerdeführerin vom 13. November 2019 (IV 2016/245: act. G 18) erfahren hat,
dass die Beschwerdeführerin im September/Oktober 2019 in der Klinik D._
hospitalisiert worden war, ersucht er mit Schreiben vom 14. November 2019 um eine
Verlängerung der Frist zur Gutachtenseinreichung bis Ende Dezember 2019, weil der
eingeforderte Arztbericht der Klinik noch ausstehend sei (IV 2016/245: act. G 19). Diese
Verlängerung wird ihm gewährt (act. G 20).
C.c.
Im Gutachten vom 10. Januar 2020 diagnostiziert Dr. J._ mit Einfluss auf die
Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive Störung (chronifizierter
Krankheitsverlauf), mittelgradige Episode gemäss ICD-10 F33.10, sowie eine
histrionische Persönlichkeitsstörung gemäss ICD-10 F60.4. Als Diagnose ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit bestehe eine chronische Schmerzstörung mit
somatischen und psychischen Faktoren gemäss ICD-10 F45.41. In einer optimal
angepassten Tätigkeit sei über die Jahresarbeitszeit von einer zumutbaren
Arbeitsfähigkeit während 8.5 Stunden täglich mit einer 50%igen Leistungsminderung
auszugehen. Diese Arbeitsfähigkeit bestehe seit September 2011 (IV 2016/245: act.
G 21-59f.).
C.d.
Mit Stellungnahme vom 24. Januar 2020 befindet RAD-Arzt Dr. med. K._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, das Gutachten von Dr. J._ als
überzeugend, weshalb darauf abzustellen sei (IV 2016/245: act. G 27).
C.e.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
D.

Erwägungen
1.
Die Beschwerdeführerin hält mit Stellungnahme vom 10. März 2020 an den
bisherigen Anträgen fest. Sie macht weiter geltend, dass eine Verwertbarkeit ihrer
verbliebenen Arbeitsfähigkeit auf Grund der vorhandenen Krankheitsrisiken nicht mehr
gegeben sei, da kein Arbeitgeber sie einstellen werde. Zudem hätten auch nie
Eingliederungsmassnahmen stattgefunden (IV 2016/245: act. G 28).
C.f.
Am 9. August 2016 verfügte die IV-Stelle eine Ablehnung des Gesuchs um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren mangels sachlicher
Gebotenheit und auf Grund fehlender Notwendigkeit (IV-act. 102).
D.a.
Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 8.
September 2016 mit dem Antrag auf deren Aufhebung und auf Gewährung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung rückwirkend ab Beginn der Vertretung. So habe
die Beschwerdeführerin zu einem Gegengutachten der Verwaltung Stellung nehmen
müssen, welches von einem nicht E._-isch sprechenden Gutachter unter Mithilfe
einer nur mangelhaft E._ - isch sprechenden L._ -ischen Übersetzerin verfasst
worden sei. Dass dabei die Tochter der Beschwerdeführerin, welche zwar Deutsch
spreche, aber als Textilverkäuferin arbeite und täglich einen Arbeitsweg von 1.5
Stunden auf sich nehmen müsse, nicht zur Übernahme der Verfahrensrechte für die
Mutter geeignet sei, sei offensichtlich. Auch müsse sich diese schon um die Pflege der
Mutter kümmern, weshalb sie diese Verantwortung nicht auch noch übernehmen könne
(IV 2016/320: act. G 1).
D.b.
Mit Schreiben vom 3. Oktober 2016 verzichtet die Beschwerdegegnerin auf eine
einlässliche Beschwerdeantwort und beantragt die Beschwerdeabweisung
(IV 2016/320: act. G 3).
D.c.
Streitgegenstand im Verfahren IV 2016/245 bildet die Frage der Rechtmässigkeit
der Abweisung des Begehrens um Leistungen der Invalidenversicherung (Verfügung
vom 7. Juni 2016). Im Verfahren IV 2016/320 bildet die unentgeltliche
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren jenes Leistungsverfahrens den
Streitgegenstand (Verfügung vom 9. August 2016). Da die Streitgegenstände eng
zusammenhängen und sich dieselben Parteien gegenüberstehen, rechtfertigt es sich,
die Verfahren IV 2016/245 und IV 2016/320 zu vereinigen.
Vorliegend ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf Leistungen der
Invalidenversicherung streitig. In formeller Hinsicht ist dabei festzuhalten, dass im
verwaltungsgerichtlichen Beschwerdeverfahren grundsätzlich lediglich
Rechtsverhältnisse zu überprüfen bzw. zu beurteilen sind, zu denen die zuständige
Verwaltungsbehörde vorgängig verbindlich - in Form einer Verfügung - Stellung
genommen hat. Insoweit bestimmt die Verfügung den beschwerdeweise
weiterziehbaren Anfechtungsgegenstand. Umgekehrt fehlt es an einem
Anfechtungsgegenstand und somit an einer Sachurteilsvoraussetzung, wenn und
insoweit keine Verfügung ergangen ist (BGE 131 V 164 E. 2.1). Was das
Eventualbegehren der Beschwerdeführerin um Eingliederungsmassnahmen anbelangt,
so sind berufliche Massnahmen vorliegend nicht Gegenstand der Verfügung vom 7.
Juni 2016 (IV-act. 95). Im Hinblick darauf, dass die Beschwerdeführerin während des
gesamten Abklärungsverfahrens und selbst im Rahmen der Begutachtung durch Dr.
J._ gemäss Gutachten vom 10. Januar 2020 subjektiv überzeugt davon blieb, nicht
mehr berufstätig sein zu können (vgl. IV 2016/245: act. G 21 S. 61), waren sie auch
nicht notwendigerweise Gegenstand der angefochtenen Verfügung. Unter diesen
Umständen ist auf den entsprechenden Beschwerdeantrag nicht einzutreten.
Hinzuweisen ist lediglich darauf, dass die Beschwerdeführerin bei der
Beschwerdegegnerin erneut einen Antrag auf berufliche Massnahmen stellen kann,
sofern sich an ihrer subjektiven Eingliederungsfähigkeit etwas ändern sollte.
1.2.
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Erwerbsunfähigkeit ist der durch
Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte
und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise
Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen
Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
2.1.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG;
SR 831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie wenigstens zu 60%
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
invalid ist, auf eine halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50% invalid ist, und auf eine
Viertelsrente, wenn sie mindestens zu 40% invalid ist. Der Grad der für einen allfälligen
Rentenanspruch massgebenden Invalidität wird gemäss Art. 16 ATSG durch einen
Einkommensvergleich ermittelt, bei dem das Einkommen, das die versicherte Person
nach dem Eintritt der Invalidität und nach der Durchführung der notwendigen und
zumutbaren Eingliederungsmassnahmen bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen
könnte (zumutbares Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt wird zum Einkommen,
das die versicherte Person erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen).
Im Sozialversicherungsprozess gelten die Grundsätze der Untersuchungspflicht
und der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Demgemäss hat der
Versicherungsträger bzw. im Beschwerdefall das Gericht den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen abzuklären, ohne dabei an die Anträge der Parteien
gebunden zu sein. Verwaltungsbehörden und Sozialversicherungsgerichte haben
zusätzliche Abklärungen stets vorzunehmen, wenn hierzu auf Grund der
Parteivorbringen oder anderer sich aus den Akten ergebender Anhaltspunkte
hinreichender Anlass besteht (BGE 110 V 53 E. 4a am Schluss).
2.3.
Der Grundsatz der freien Beweiswürdigung besagt, dass die urteilenden Instanzen
die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln sowie umfassend und
pflichtgemäss zu würdigen und alle Beweismittel unabhängig davon, von wem sie
stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden haben, ob die verfügbaren
Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten
(vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2015, N 52 ff. zu Art.
43). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht
für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch
die beklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese)
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Situation einleuchtet und
ob die Schlussfolgerungen des Experten oder der Expertin begründet sind (BGE 125 V
352 E. 3a). Bei Gerichtsgutachten weicht das Gericht nicht ohne zwingende Gründe
von den Einschätzungen des medizinischen Experten ab. Ein Grund zum Abweichen
kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder, wenn ein vom
Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu anderen
Schlussfolgerungen gelangt (BGE 125 V 351 E. 3b/aa).
2.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Das Gericht kam zum Schluss, dass das Gutachten von Dr. I._ vom 11. Januar
2016 nicht als Grundlage für den Rentenentscheid dienen kann. Es ging im
Wesentlichen davon aus, dass Dr. I._ den Zugang zur Beschwerdeführerin nicht
gefunden hatte und dies mit "mangelnder Mitwirkung" begründete. Insbesondere
zeigte der Gutachter nicht auf, inwiefern die Beschwerdeführerin nicht mitgewirkt hatte.
Auch führte er auf, dass v.a. psychosoziale Faktoren mitspielen würden. Allein diese
würden jedoch eine Depression nicht ausschliessen. Zwar schloss Dr. I._ zum
Zeitpunkt der Beurteilung eine schwere Depression aus, worauf er sich bei dieser
Schlussfolgerung jedoch abstützte, ging nicht aus seiner Begründung hervor. Ebenso
war nicht nachvollziehbar, gestützt auf welche Feststellungen Dr. I._ bei der
Beschwerdeführerin eine Aggravation annahm. Insgesamt ging das Gericht davon aus,
dass der medizinische Sachverhalt nicht vollständig abgeklärt war, weshalb es sich zur
Vornahme eines Gerichtsgutachtens entschied. Zu beurteilen ist somit, ob das
Gerichtsgutachten von Dr. J._ vom 10. Januar 2020 (IV 2016/245: act. G 21) eine
rechtsgenügliche Beurteilung der Beschwerden und der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin erlaubt.
3.1.
Dr. J._ führte hinsichtlich der am 15. Mai und 13. November 2019
stattgefundenen Untersuchungen der Beschwerdeführerin aus, dass anhand der
vorliegenden medizinischen Daten, der eigenen Angaben sowie unter Berücksichtigung
der aktuellen Untersuchungsbefunde ab 2010/2011 von einer
Zustandsverschlechterung im Vergleich zu zuvor ausgegangen werden könne. Ein
genauerer Zeitpunkt, wann es zu dieser Zustandsverschlechterung gekommen sei,
könne aus gutachterlicher Sicht nicht formuliert werden, wobei sicherlich ab Beginn der
psychiatrischen Behandlung am 27. September 2011 von einer relevanten depressiven
Symptomatik auszugehen sei, welche zu einer relevanten Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit geführt habe (act. G 21 S. 50). Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit
aus versicherungspsychiatrischer Sicht müsse nicht nur die Diagnose einer
rezidivierenden depressiven Störung (chronifizierter Krankheitsverlauf), mittelgradige
Episode (ICD-10 F33.10), berücksichtigt werden, sondern auch, dass diese depressive
Störung auf der Basis einer histrionischen Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.4)
entstanden sei. Ob aus somatischer Sicht eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit
vorliege, könne aus psychiatrischer Sicht aktuell nicht beurteilt werden. Die
diagnostizierte chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(ICD-10 F45.41) führe zu keiner relevanten Einschränkung der Arbeitsfähigkeit. Die
dominierenden Krankheitsbilder seien die rezidivierende depressive Störung sowie die
3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
histrionische Persönlichkeitsstörung. Auf Grund des anamnestisch beschriebenen
fluktuierenden Verlaufs und auch der schwankenden Ausprägung der
Krankheitssymptome müsse die Arbeitsfähigkeit bei einer rezidivierenden depressiven
Störung über die Jahresarbeitszeit geschätzt werden. Gestützt auf sämtliche Akten, die
Angaben der Beschwerdeführerin und die Untersuchung werde mehrheitlich von einer
mittelgradigen Ausprägung der depressiven Störung ausgegangen, dies seit ca. Ende
2011. Aus gutachterlicher Sicht sei es durchaus möglich, dass die Beschwerdeführerin
in der Vergangenheit phasenweise an einer leichtgradigen depressiven Symptomatik
oder an einer schwergradigen Ausprägung der depressiven Symptomatik,
insbesondere während der jeweiligen Hospitalisationen, gelitten haben könnte. Bei
einer mittelgradigen depressiven Störung werde aus versicherungsmedizinischer Sicht
in der Regel von einer 40 - 50%igen Einschränkung der Leistungsfähigkeit
ausgegangen. Eine mittelgradige depressive Störung würde nur bei einem
hospitalisationsbedürftigen Ausmass zu einer 100%igen Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit führen. Dabei müsse berücksichtigt werden, dass Personen, welche an
einer mittelgradigen depressiven Episode leiden würden, nur unter erheblichen
Schwierigkeiten soziale, häusliche und berufliche Aktivitäten fortsetzen könnten. Daher
wäre es der Beschwerdeführerin auch bereits früher möglich gewesen, diese
Aktivitäten fortzusetzen, jedoch mit einer Leistungsminderung. Unter Berücksichtigung
der Chronifizierung der depressiven Störung auf der Basis einer histrionischen
Persönlichkeitsstörung werde bei der Beschwerdeführerin über die Jahresarbeitszeit
von einer Einschränkung der Arbeitsfähigkeit in Höhe von 50% seit September 2011
ausgegangen. Medizinisch-theoretisch wäre der Beschwerdeführerin eine
Berufstätigkeit in einer angepassten Tätigkeit aus rein psychiatrischer Sicht während
8.5 Stunden täglich mit einer 50%igen Leistungsminderung zumutbar. Die bisherige
Tätigkeit als Reinigungsangestellte sei grundsätzlich zumutbar, aber nicht als optimal
angepasste Tätigkeit zu sehen. Der Beschwerdeführerin wäre eine Tätigkeit ohne
grosse Eigenverantwortung, ohne hohe Ansprüche an kognitive Funktionen, welche im
kleinen Team durchführbar sei, ohne hohen Publikumsverkehr, ohne Schichtarbeit,
welche ohne unmittelbaren Produktions- bzw. Zeitdruck durchführbar sei, zumutbar.
Dies gelte, wie erwähnt, mit einer 50%igen Leistungsminderung bei einer Präsenzzeit
von 8.5 Stunden täglich an fünf Tagen der Woche, geschätzt über die
Jahresarbeitszeit. Dazu werde selbstverständlich für die Dauer der Hospitalisationen
eine 100%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vorübergehend angenommen (act.
G 21 S. 51).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3.
Hinsichtlich der Beurteilungen durch weitere Ärzte befand Dr. J._ zu den
Arztberichten von Dr. F._, es werde als Diagnose wiederholt eine schwere depressive
Episode im Rahmen einer rezidivierenden depressiven Störung festgehalten. Hingegen
werde in ihren Arztberichten weder die notwendige Ausprägung, noch die Anzahl der
notwendigen Symptome, welche für die Diagnosestellung einer schweren depressiven
Episode nötig wären, beschrieben. Um eine schwere depressive Störung gemäss
ICD-10 diagnostizieren zu können, müssten alle drei der typischen Symptome
vorhanden sein und mindestens vier andere, von denen einige besonders ausgeprägt
sein sollten. Diese Darstellung der Symptomatologie sei den Arztberichten von
Dr. F._ nicht zu entnehmen. Weiter sei aufgefallen, dass sich die Behandlerin zu sehr
auf die subjektiven Angaben der Beschwerdeführerin stütze und weniger auf die
objektivierbaren Befunde, insbesondere habe sie in den Arztberichten die positive
Funktionalität der Beschwerdeführerin kaum berücksichtigt. In den Arztberichten habe
mehrheitlich gestanden, was die Beschwerdeführerin nicht machen könne und welche
pathologischen Befunde mit einem negativen Einfluss auf die psychische Funktionalität
vorlägen. Hingegen seien die Ressourcen und Möglichkeiten der Beschwerdeführerin
kaum beschrieben bzw. bei der Diagnosestellung nicht berücksichtigt worden.
Sicherlich könne die dramatisierende Darstellung der Krankheitssymptome auf Grund
der histrionischen Persönlichkeitsstörung bei der Interpretation der festgestellten
objektivierbaren Befunde zur Überzeugung führen, dass die Krankheitssymptome in
einer schwerwiegenderen Ausprägung vorlägen als in Wirklichkeit. Daher sollte
inskünftig bei der Beschwerdeschilderung der Beschwerdeführerin immer die Diagnose
der histrionischen Persönlichkeitsstörung mitberücksichtigt werden. Auf dieser Basis
könne eine anhaltende 100%ige Arbeitsunfähigkeit, wie sie Dr. F._ attestiert habe,
nicht bestätigt werden (act. G 21 S. 53f.).
3.3.1.
In Bezug auf den Austrittsbericht der Psychiatrischen Klinik D._ vom 13. Juni
2013, worin eine gegenwärtig schwere Episode der rezidivierenden Störung
diagnostiziert worden war, befand Dr. J._, es könne retrospektiv nicht gänzlich
ausgeschlossen werden, dass eine schwergradige Ausprägung einer depressiven
Symptomatik damals vorübergehend vorgelegen habe. Hingegen seien die im Rahmen
des Therapieverlaufs beschriebenen Aktivitäten der Beschwerdeführerin und die in
diesen Arztberichten erwähnte Anzahl und Ausprägung der Symptome mit der
Diagnose einer schwergradigen depressiven Störung nicht zu vereinbaren. Auch die
Tatsache, dass die Beschwerdeführerin auf eine Entlassung gedrängt habe und es aus
ärztlicher Sicht keine Einwände dafür gab, könne als Hinweis gewertet werden, dass
3.3.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zum Zeitpunkt des Austritts eher eine mittelgradige depressive Symptomatik
vorgelegen haben müsse. Die Entlassung einer Person aus der stationären Behandlung
trotz schwergradiger depressiver Symptomatik wäre grundsätzlich aus ärztlich-
medizinischer Sicht kaum verantwortbar. Unabhängig von der Ausprägung werde die
Diagnose einer depressiven Störung nicht angezweifelt. Unter Berücksichtigung des
Beobachtungszeitraums im Rahmen dieser Hospitalisation sei nicht anzunehmen, dass
die Beschwerdeführerin depressive Symptome über einen so langen Zeitraum hätte
simulieren können. Auch unter Berücksichtigung des schulischen Bildungsniveaus
wäre kaum zu erwarten, dass sie über die Symptome einer depressiven Störung derart
genau Bescheid wüsste, dass sie diese im Rahmen der jeweiligen Hospitalisation
derart lebensnah und authentisch hätte darstellen können (act. G 21 S. 54f.). Auch
hinsichtlich des Arztberichts der Psychiatrischen Klinik D._ vom 4. Dezember 2019
über die stationäre Behandlung vom 23. September bis 18. Oktober 2019 (act.
G 21.1.2), worin die behandelnden Ärzte von einer schweren depressiven Episode
ausgingen, äusserte sich der Gutachter mit überzeugender Begründung sehr kritisch
und führte eingehend aus, weshalb auch für die Dauer dieser Hospitalisation von einer
mittelgradig ausgeprägten depressiven Störung auszugehen sei (act. G 21 S. 58f.).
Zum Gutachten von Dr. I._ befand Dr. J._, es falle auf, dass Dr. I._ die von
ihm selbst festgestellten Krankheitssymptome, wie Einschränkungen der affektiven
Modulationsfähigkeit, dass der affektive Rapport schwierig herstellbar gewesen sei, die
Tendenz zur Reizbarkeit, Schuldgefühle und Insuffizienzgefühle, als auch Auffälligkeiten
im formalen Denken, eine ausschweifende Erzählweise oder die Tendenz zum Grübeln
und Gedankenkreisen, festgestellte innere Unruhe und starke Klagsamkeit, bei der
Diagnosestellung nicht berücksichtigt habe. Im Weiteren sei auf Grund der lebhaften
Mimik und Gestik die von der Beschwerdeführerin beschriebene Antriebsminderung
infrage gestellt worden. Sicherlich spreche die vorhandene spontane Motorik gegen
eine erhebliche Antriebsarmut, wobei bei der Beschwerdeführerin eine
Antriebshemmung zu berücksichtigen wäre, welche im Rahmen einer depressiven
Störung häufig zu sehen sei. Patienten mit einer Antriebshemmung fühlten sich im
Grunde genommen nicht als antriebsvermindert und zeigten auch durchaus eine
spontane Motorik, jedoch fühlten sie sich gebremst, weshalb es ihnen schwerfalle,
Alltagsaktivitäten und Handlungen durchzuführen bzw. überhaupt damit anzufangen.
Zudem sei das theatralische Verhalten der Beschwerdeführerin als bewusstseinsnahes
Ausdrucksverhalten interpretiert und im Zusammenhang mit einer aggravierenden
Beschwerdeschilderung gesehen worden. Hingegen sei ein theatralisches Verhalten,
eine Auffälligkeit der Psychomotorik, welche z.B. auf eine Persönlichkeitsproblematik
3.3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hinweise, typisch für eine histrionische Persönlichkeit. Dr. I._ sei davon
ausgegangen, dass die Beschwerdeführerin vage, unklar und widersprüchlich gewesen
sei und auch viele Hinweise auf Aggravation festzustellen gewesen seien, weshalb zur
Ausprägung der depressiven Störung nicht genau Stellung genommen werden könne.
Während eine schwergradige depressive Symptomatik auf dieser Basis
ausgeschlossen worden sei, sei eine leicht- bis mittelgradig depressive Episode jedoch
nicht auszuschliessen gewesen. In einem späteren Abschnitt habe Dr. I._ es aber
doch für möglich gehalten, dass die Beschwerdeführerin in der Vergangenheit an einer
depressiven Episode leichten bis mittleren Grades gelitten haben könnte, was
eigentlich für die Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung sprechen würde.
Wann jedoch eine solche Episode vorgelegen hätte, sei nicht detailliert beschrieben
worden. Dies sei damit begründet worden, dass auf Grund des Ausdruckverhaltens der
Beschwerdeführerin über den Schweregrad der erhobenen Befunde keine
zuverlässigen Aussagen hätten gemacht werden können. Es sei jedoch nicht
beschrieben bzw. diskutiert worden, ob es sich dabei um ein bewusstseinsnahes
Ausdrucksverhalten gehandelt habe oder nicht. Es sei auch festgehalten worden, dass
auf Grund der mangelhaften Mitwirkung sowie vieler Hinweise auf Aggravation und
widersprüchliche Angaben der Beschwerdeführerin die konkrete Beantwortung der
Fragen nicht möglich gewesen sei. Dazu hielt Dr. J._ aus gutachterlicher Sicht fest,
dass die Symptome einer histrionischen Persönlichkeitsstörung hier als
bewusstseinsnahes Ausdrucksverhalten, Aggravation bzw. als mangelhafte Mitwirkung
missinterpretiert worden seien. Dr. I._ habe in seinem Bericht klare
Verhaltensauffälligkeiten beschrieben, was eindeutig für die Diagnose einer
Persönlichkeitsstörung sprechen würde, welche jedoch nicht berücksichtigt worden
seien (act. G 21 S. 55ff.).
RAD-Arzt Dr. K._ stufte das Gutachten von Dr. J._ in seiner Stellungnahme
vom 24. Januar 2020 als überdurchschnittlich gut von der Wertigkeit her ein. Im
Vergleich zum Gutachten von Dr. I._ sei klar festzuhalten, dass aus
versicherungspsychiatrischer Sicht auf das Ober-Gutachten von Dr. J._ abgestellt
werden müsse. Allein schon aus formalen Gründen vermöge das Gutachten von Dr.
J._ signifikant mehr zu überzeugen als dasjenige von Dr. I._. Es sei ihm im
Gegensatz zu Dr. I._ im Rahmen der Gutachtensituation viel besser gelungen, eine
vertrauensvoll-kooperativ-emotionale Beziehung zur Beschwerdeführerin aufzubauen.
Zudem seien die Feststellungen und Schlussfolgerungen von Dr. J._ aus
versicherungspsychiatrischer Sicht absolut plausibel und es könne vollumfänglich
darauf abgestellt werden (act. G 27).
3.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
Im Weiteren wendet auch die Beschwerdeführerin nichts gegen die Schlüssigkeit
des Gutachtens von Dr. J._ ein (vgl. act. G 27, 28). Bei der Würdigung der
gerichtsgutachterlichen Beurteilung fällt ins Gewicht, dass sie auf eigenständigen
Abklärungen beruht und für die streitigen Belange umfassend ist. Die medizinischen
Vorakten wurden verwertet und diskutiert. Abweichungen von den Vorakten wurden
eingehend und nachvollziehbar begründet. Die von der Beschwerdeführerin geklagten
Beschwerden wurden umfassend berücksichtigt und gewürdigt. Damit leuchtet die
Attestierung einer 50%igen Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht in der Darlegung
der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation
ein. Weiter bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche Tatsachen
nicht berücksichtigt worden wären. Folglich ist auf das Gerichtsgutachten von Dr. J._
vom 10. Januar 2020 abzustellen und bei der Beschwerdeführerin seit September 2011
von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten auszugehen.
3.5.
Die Beschwerdeführerin stellt sich auf den Standpunkt, ihre Restarbeitsfähigkeit
sei nicht mehr verwertbar. Als Grund nennt sie sowohl übertriebene Anforderungen an
eine leidensangepasste Tätigkeit sowie ihr fortgeschrittenes Alter und die Tatsache,
dass sie schon seit 2009 keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen sei.
4.1.
Dieser Einwand ist vorliegend jedoch unbehelflich. Zu beachten gilt es zum einen,
dass die Beschwerdeführerin im Zeitpunkt, als ihre medizinisch zumutbare (Teil-)
Arbeitsfähigkeit auf Grund des Gutachtens vom 10. Januar 2020 feststand (vgl. dazu:
BGE 138 V 461 E. 3.3), erst 51 Jahre alt war und ihr damit bis zur ordentlichen
Pensionierung noch eine Dauer von 13 Jahren zur Verfügung steht (vgl.
Zusammenfassung der Rechtsprechung zur Frage der alterbedingt unzumutbaren
Verwertung der Restarbeitsfähigkeit: Urteil des Bundesgerichts vom 20. Februar 2019,
9C_549/2018, E. 3). Des Weiteren war die Beschwerdeführerin nie längerfristig
vollständig arbeitsunfähig bzw. seit je zu 50% arbeitsfähig, weshalb ihre gänzliche
Abwesenheit vom Arbeitsmarkt nicht invaliditätsbedingt gewesen ist. Eine solche
Arbeitsfähigkeit reicht aus, um einer erwerblichen Desintegration entgegenzuwirken
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 16. August 2018, 8C_1/2018, E. 5.2).
4.2.
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist bei der Berechnung des
Invalideneinkommens von einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 16 ATSG)
auszugehen. Dieser ist gekennzeichnet durch ein gewisses Gleichgewicht zwischen
Angebot an und Nachfrage nach Arbeitskräften und weist einen Fächer verschiedenster
Tätigkeiten auf (BGE 110 V 273 E. 4b S. 276). Das gilt sowohl bezüglich der dafür
4.3.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F138-V-457%3Ade&number_of_ranks=0#page457 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F110-V-273%3Ade&number_of_ranks=0#page273
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des
körperlichen Einsatzes. Dabei ist nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten
auszugehen. Es können nur Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichtigung der
gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalls zumutbar sind
(Urteil des Bundesgerichts vom 30. März 2012, 9C_910/2011, E. 3.1). Je restriktiver
das medizinische Anforderungsprofil umschrieben ist, desto eingehender ist in der
Regel die Verwertbarkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt abzuklären und
nachzuweisen (Urteil des Bundesgerichts vom 25. Oktober 2018, 9C_898/2017,
E. 3.3.1). Der ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte
Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei denen Behinderte mit
einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen können (Urteil
des Bundesgerichts vom 23. Oktober 2018, 8C_458/2018, E. 4.2; SVR 2019 IV 22). Von
einer Arbeitsgelegenheit kann jedoch dann nicht mehr gesprochen werden, wenn die
zumutbare Tätigkeit nur noch in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der
ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem
Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden
einer entsprechenden Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteil
des Bundesgerichts vom 6. Juli 2017, 9C_253/2017, E. 2.2.1 mit Hinweis; und vom 26.
Juni 2018, 8C_133/2018, E. 2.2.1). Auf dem massgebenden hypothetischen
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 16 ATSG) werden Hilfsarbeiten prinzipiell
altersunabhängig nachgefragt und erfordern grundsätzlich weder gute Kenntnisse der
deutschen Sprache noch eine Ausbildung (Urteil des Bundesgerichts vom 25. Oktober
2018, 9C_898/2017, E. 3.4).
Die Beschwerdeführerin war vor Eintritt ihrer Arbeitsunfähigkeit als Reinigungskraft
tätig. Laut Dr. J._ wäre diese Tätigkeit zwar weiterhin grundsätzlich zumutbar, jedoch
nicht als optimal angepasste Tätigkeit zu sehen, wohl da diese selbst eingeteilt werden
muss (vgl. act. G 21 S. 51). Als optimal angepasste Tätigkeit definierte er in qualitativer
Hinsicht eine Tätigkeit ohne grosse Eigenverantwortung, ohne hohe Ansprüche an
kognitive Funktionen, welche im kleinen Team durchführbar sei, ohne hohen
Publikumsverkehr, ohne Schichtarbeit, und welche ohne unmittelbaren Produktions-
bzw. Zeitdruck durchführbar sei (act. G 21 S. 59, vgl. auch Erwägung 3.2). Damit
stehen ihr verschiedenste Tätigkeiten offen und sind die Einschränkungen nicht
dermassen stark, dass eine Verwertbarkeit unrealistisch wäre. Einzig weil die
Beschwerdeführerin in der Vergangenheit übermässig im Haushalt durch ihre Tochter
entlastet wurde, die nach der Arbeit noch habe putzen müssen (act. G 21 S. 48),
bedeutet dies nicht, dass sie selber nicht zu 50% arbeitsfähig wäre. Gemäss der
Anmeldung zum IV-Bezug gab die Beschwerdeführerin als ihren erlernten Beruf
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
denjenigen der Schneiderin an (IV-act. 2-4). Somit ist auch davon auszugehen, dass sie
feinmotorische Arbeiten gut erledigen könnte. Insbesondere scheinen ihr Sauberkeit,
Genauigkeit und Ordnung sehr wichtig zu sein (vgl. den Hinweis im Gutachten, dass sie
um die Ordnung in der Wohnung sehr besorgt sei, die Wohnung immer wieder von der
Tochter geputzt werden müsse und sie sich wiederholt die Hände wasche, act. G 21
S. 48, sowie ihr gepflegtes Erscheinungsbild, act. G 21 S 38 und S. 39), was für eine
Montagetätigkeit ohne Zeitdruck oder eine ähnliche Arbeit ideale Eigenschaften sind.
Zudem bestehen in körperlicher Hinsicht keine Einschränkungen. Mit Blick auf die
gesundheitlichen Probleme und Einschränkungen der Beschwerdeführerin ist somit
davon auszugehen, dass es ihr möglich sein sollte, eine Reihe von Tätigkeiten,
allenfalls auch Heimarbeiten, übernehmen zu können.
Ausgehend von der gutachterlich festgestellten Arbeitsunfähigkeit von 50% seit
September 2011 ist der Invaliditätsgrad anhand des Einkommensvergleichs zu
bemessen (vgl. Erwägung 2.2).
5.1.
Die Beschwerdeführerin ist gestützt auf den Abklärungsbericht vom 21. Januar
2014 bezüglich der Verhältnisse an Ort und Stelle (IV-act. 45-8) als Vollerwerbstätige
einzustufen, da sie zuletzt immerhin mit einem Pensum von 80% gearbeitet hat, ihre
Tochter bereits erwachsen ist, sie von ihrem Ehemann getrennt lebt und verschuldet
ist. Folglich wäre eine Vollerwerbstätigkeit bereits auf Grund der finanziellen
Verhältnisse notwendig (IV-act. 45-7f.).
5.2.
Für das Valideneinkommen ist massgebend, was die versicherte Person im
Zeitpunkt des allfälligen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit als Gesunde tatsächlich verdient hätte. Dabei wird in der Regel am
zuletzt erzielten, der Teuerung und der realen Einkommensentwicklung angepassten
Verdienst angeknüpft, da es empirischer Erfahrung entspricht, dass die bisherige
Tätigkeit ohne Gesundheitsschaden fortgesetzt worden wäre (BGE 134 V 322 E. 4.1).
Die Beschwerdeführerin war zuletzt von Januar bis Oktober 2009 für die M._ als
Reinigungskraft im Stundenlohn mit variablem Pensum tätig (IV-act. 2-4, 20-2). Auf
Grund des unregelmässigen Pensums (vgl. IV-act. 18-9ff.) und einer somit
fehlendenden repräsentativen Grundlage ging die Beschwerdegegnerin beim
Valideneinkommen zu Recht vom Durchschnittslohn für Hilfsarbeiterinnen aus. Im Jahr
2012, dem Jahr des frühestmöglichen Rentenbeginns, betrug das durchschnittliche
Jahreseinkommen der Hilfsarbeiterinnen gemäss dem Bundesamt für Statistik [BFS]
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fr. 51'441.-- (vgl. Informationsstelle AHV/IV, Anhang 2 zur Gesetzesausgabe,
Lohnentwicklung). Dieses ist vorliegend anwendbar.
Nachdem Art. 16 ATSG das Invalideneinkommen ebenfalls als hypothetisches
Einkommen beschreibt und die Beschwerdeführerin auch keiner Tätigkeit nachgeht,
rechtfertigt es sich hier ebenfalls, auf den obigen durchschnittlichen
Hilfsarbeiterinnenlohn abzustellen. Da die beiden Vergleichseinkommen somit auf
derselben Grundlage zu berechnen sind, kann ein Prozentvergleich vorgenommen
werden. Diesfalls entspricht der Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit unter
allfälliger Berücksichtigung eines Abzugs vom Tabellenlohn (Urteil des Bundesgerichts
vom 9. März 2007, I 697/05, E. 5.4 mit Hinweis). Nach der Rechtsprechung können die
statistischen Löhne um bis zu 25% gekürzt werden, um dem Umstand Rechnung zu
tragen, dass versicherte Personen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung in der
Regel das durchschnittliche Lohnniveau nicht erreichen (RKUV 1999 Nr. U242 S. 412
E. 4b/bb) bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit
unterdurchschnittlichem erwerblichem Erfolg zu verwerten in der Lage sind. Dabei
handelt es sich um einen allgemeinen behinderungsbedingten Abzug (BGE 126 V 78
E. 5a/bb). Nach der Rechtsprechung hängt die Frage, ob und in welchem Ausmass
Tabellenlöhne herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen
Umständen - auch von invaliditätsfremden Faktoren - des konkreten Einzelfalles ab
(namentlich leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre, Nationalität/
Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad), die nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen sind. Eine schematische Vornahme des Leidensabzuges ist
unzulässig (BGE 126 V 79 E. 5b, bestätigt in AHI 2002 S. 62 und BGE 129 V 481
E. 4.2.3 mit Hinweisen).
5.4.
Wie bereits ausgeführt (vgl. Erwägung 4.4) schränkte Dr. J._ den Kreis der
optimal angepassten Tätigkeiten in qualitativer Hinsicht nicht dermassen ein, dass es
der Beschwerdeführerin unmöglich sein sollte, eine ihren Leiden angepasste Tätigkeit
zu finden (vgl. act. G 21 S. 59). Zudem berücksichtigte er bei der Einschätzung der
quantitativen Arbeitsfähigkeit bereits allfällige Arbeitsausfälle über die Jahresarbeitszeit
bzw. durch eine über einen ganzen Arbeitstag von 8.5 Stunden festgelegte
Leistungsminderung von 50% (vgl. auch, dass selbst die abstrakte Möglichkeit
künftiger schwer kalkulierbarer Abwesenheiten bei Ausübung einer leidensangepassten
Erwerbstätigkeit keinen Abzug vom Tabellenlohn rechtfertigt: Urteil des Bundesgerichts
vom 17. Oktober 2018, 9C_444/2018, E. 3.2). Damit rechtfertigt sich sowohl auf Grund
der Einschränkungen in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht kein Abzug. Des
Weiteren begründet selbst die lange Abwesenheit vom Arbeitsmarkt bei
5.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Verweisungstätigkeiten im Kompetenzniveau 1 (einfache Tätigkeiten körperlicher oder
handwerklicher Art) keinen Abzug vom Tabellenlohn (Urteil des Bundesgerichts vom
17. April 2018, 9C_17/2018, E. 4.3 mit Hinweisen). Folglich resultiert bei Vornahme des
Prozentvergleichs unter Berücksichtigung einer Arbeitsunfähigkeit von 50% ein
Invaliditätsgrad von 50% (100% - 50%). Bei der von Dr. J._ bestätigten
Verschlechterung des Gesundheitszustands ab 2010/2011 ist davon auszugehen, dass
das Wartejahr Anfang/Mitte 2012 abgelaufen ist. Die stationären Aufenthalte mit
einhergehender 100%iger Arbeitsunfähigkeit dauerten jeweils nicht solange, dass ein
höherer Rentenanspruch entstanden wäre. Die adaptierte Arbeitsfähigkeit bestätigte er
seit September 2011. Somit hat die Beschwerdeführerin gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG
sechs Monate nach Geltendmachung ihres Rentenanspruchs, d.h. ab 1. Dezember
2012 Anspruch auf eine halbe Rente.
Schliesslich ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren zu prüfen.
6.1.
Gemäss Art. 29 Abs. 3 der Bundesverfassung (BV; SR 101) hat jede Person, die
nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und deren Rechtsbegehren nicht
aussichtslos erscheint, Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege. Falls es zur Wahrung
ihrer Rechte notwendig ist, hat sie ausserdem Anspruch auf unentgeltlichen
Rechtsbeistand. Beim Anspruch gemäss Art. 29 Abs. 3 BV handelt es sich um einen
"eigentlichen Pfeiler des Rechtsstaates" (BGE 132 I 214 E. 8.2).
6.2.
Der gesuchstellenden Person wird im Sozialversicherungsverfahren ein
unentgeltlicher Rechtsbeistand bewilligt, wo die Verhältnisse es erfordern (Art. 37 Abs.
4 ATSG). Voraussetzungen für die Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung sind (in Analogie zum gerichtlichen Verfahren) die finanzielle
Bedürftigkeit, die fehlende Aussichtslosigkeit und die Erforderlichkeit der Vertretung
(vgl. BBl 1999 4595). Den höheren Anforderungen im Verwaltungsverfahren soll
insofern Rechnung getragen werden, als die Erforderlichkeit der Vertretung eingehend
zu prüfen ist. Dabei wird auf die Schwierigkeit des Falles und auf die Verfahrensphase
abgestellt (BBl 1999 4595; vgl. auch BGE 132 V 201; Urteil des Bundesgerichts vom
12. März 2009, 9C_816/2008, E. 4.1). Die Beschwerdegegnerin wies das Gesuch
mangels sachlicher Gebotenheit und auf Grund fehlender Notwendigkeit ab.
Demgegenüber bejahte sie die Voraussetzung der finanziellen Bedürftigkeit auf Grund
der Sozialhilfeabhängigkeit (IV 2016/320: act. G 1.1).
6.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.
Somit ist zu prüfen, ob eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung im zu beurteilenden
Verwaltungsverfahren auf Grund der Verhältnisse erforderlich war. Unbestritten blieb,
dass die Beschwerdeführerin über keine Rechtskenntnisse verfügt.
Ob eine unentgeltliche Rechtsverbeiständung sachlich notwendig ist, beurteilt sich
nach den konkreten Umständen des Einzelfalls. Die Rechtsnatur des Verfahrens ist
ohne Belang. Grundsätzlich fällt die unentgeltliche Rechtsverbeiständung für jedes
staatliche Verfahren in Betracht, in das die gesuchstellende Person einbezogen wird
oder das zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist (BGE 128 I 227 E. 2.3 mit Hinweisen).
6.4.
Die Notwendigkeit einer anwaltlichen Vertretung im Vorbescheidverfahren wird in
der neueren bundesgerichtlichen Rechtsprechung namentlich mit Blick darauf, dass
die Versicherungsträger und Durchführungsorgane der einzelnen Sozialversicherungen
den rechtserheblichen Sachverhalt unter Mitwirkung der Parteien nach den
rechtsstaatlichen Grundsätzen der Objektivität, Neutralität und Gesetzesgebundenheit
(BGE 136 V 376) zu ermitteln haben (Art. 43 ATSG), nur zurückhaltend bejaht. Es
müssen sich danach schwierige rechtliche oder tatsächliche Fragen stellen, und eine
Interessenwahrung durch Dritte (Verbandsvertreter, Fürsorgestellen oder andere Fach-
und Vertrauensleute sozialer Institutionen) muss ausser Betracht fallen (BGE 132 V 201
E. 4.1 in fine; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts vom 26. November 2012,
9C_878/2012, E. 3.6 und vom 22. Februar 2013, 9C_908/2012, E. 2.2, je mit Hinweis
darauf, dass die IV-Stellen unter Umständen auf soziale Einrichtungen hinzuweisen
haben, die fachkundige Unterstützung im Verwaltungsverfahren bieten [würden], und
darauf aufmerksam zu machen haben, bei diesen ein entsprechendes Gesuch zu
stellen). Insbesondere vermag nach dieser bundesgerichtlichen Rechtsprechung selbst
die hohe Bedeutung medizinischer Gutachten für sich allein genommen die
Notwendigkeit einer anwaltlichen Vertretung nicht zu begründen. Es bedarf vielmehr
weiterer Umstände, welche die Sache als nicht (mehr) einfach und eine anwaltliche
Vertretung als notwendig erscheinen lassen (Urteile des Bundesgerichts vom
16. Dezember 2013, 9C_692/2013, E. 4.2 und vom 22. Februar 2013, 9C_908/2012,
E. 5.2 mit Hinweisen). Von Bedeutung ist auch die Fähigkeit der versicherten Person,
sich im Verfahren zurechtzufinden (Urteil des Bundesgerichts vom 22. Februar 2013,
9C_908/2012, E. 2.2 mit weiteren Hinweisen).
6.5.
Vorliegend war im Zeitpunkt des Vorbescheids aus medizinischer Sicht bereits ein
mehrjähriges Geschehen mit mehreren psychiatrischen Hospitalisationen und der
Diagnose einer rezidivierenden depressiven Störung zu beurteilen. Sodann war der
7.1.
http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&type=highlight_simple_query&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=9C_908%2F2012&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F132-V-200%3Ade&number_of_ranks=0#page200
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
8.
Sachverhalt in medizinischer Hinsicht keineswegs einfach oder klar feststellbar.
Während der RAD noch mit Stellungnahme vom 29. Juli 2014 auf die Vornahme einer
Begutachtung verzichten wollte, da eine volle Arbeitsunfähigkeit ausgewiesen sei (vgl.
IV-act. 55), sah sich der durch die Sachbearbeitung beauftragte Gutachter Dr. I._
nicht in der Lage, sichere Angaben über bestehende Diagnosen oder zur Höhe der
Arbeitsfähigkeit zu machen (IV-act. 78). Demgegenüber gingen die behandelnden
Ärzte, insbesondere während der verschiedenen Hospitalisationen, von einer vollen
Arbeitsunfähigkeit aus. Somit stellten sich rechtliche Fragen insofern, als bereits die in
den Arztberichten der behandelnden Ärzte im Unterschied zum Gutachten von Dr. I._
genannten Diagnosen offensichtliches Potential für eine juristisch anspruchsvolle
Auseinandersetzung darüber bildeten, ob diese eine relevante Arbeitsunfähigkeit
begründeten oder nicht bzw., ob auf das Gutachten von Dr. I._ abgestellt werden
konnte und wenn ja, welche Folgerungen daraus für den Rentenanspruch zu ziehen
waren. Hier war eine differenzierte Betrachtungsweise jedenfalls erforderlich (vgl. auch
Urteil des Versicherungsgerichts vom 12. Januar 2012, IV 2010/363).
Nachdem sich gestützt auf die anwaltlichen Vorbringen sodann im
Beschwerdeverfahren ein weiterer Abklärungsbedarf durch ein Gerichtsgutachten
aufdrängte, ist im Lichte dieser Umstände von einer medizinisch sowie rechtlich
anspruchsvollen Angelegenheit auszugehen, die eine rechtliche Vertretung als
erforderlich erscheinen lässt. Dies, zumal weder die Beschwerdeführerin noch ihre
Tochter über ausgewiesene juristische Kenntnisse verfügen.
7.2.
Damit ist festzuhalten, dass auf Grund der medizinischen und rechtlichen
Würdigung der ärztlichen Berichte besondere tatsächliche und rechtliche
Schwierigkeiten bestanden, welche das Vorbescheidverfahren vom "normalen
Durchschnittsfall" unterschied und eine Rechtsverbeiständung erforderlich machten.
Die Voraussetzungen der Bedürftigkeit, welche bereits in der angefochtenen Verfügung
unbestritten blieb, sowie der fehlenden Aussichtslosigkeit (vgl. dazu: BGE 129 I 135 E.
2.3.1) sind schliesslich ebenfalls zu bejahen. Insgesamt waren deshalb die
Voraussetzungen für die Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren erfüllt und die Beschwerde gegen die abweisende Verfügung
vom 9. August 2016 ist demzufolge gutzuheissen.
7.3.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gegen die Verfügung vom 7. Juni 2016
betreffend Rentenabweisung (IV 2016/245) gutzuheissen und die Verfügung
aufzuheben und der Beschwerdeführerin mit Wirkung ab 1. Dezember 2012 eine halbe
8.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente zuzusprechen. Zur Festsetzung und Ausrichtung der Leistung ist die Sache an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Die Beschwerde gegen die Verfügung betreffend unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren vom 9. August 2016 (IV 2016/320) ist
ebenfalls gutzuheissen. Der Beschwerdeführerin ist die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung für das Verwaltungsverfahren ab 5. Februar 2016 zu bewilligen
und Fürsprecher Ch. A. Egli ist zum unentgeltlichen Vertreter zu ernennen. Zur
Festsetzung und Ausrichtung der Entschädigung ist die Sache an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
8.2.
Das Beschwerdeverfahren IV 2016/245 ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach
dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.--
erscheint in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit mit Einholung eines
Gerichtsgutachtens als angemessen. Ausgangsgemäss hat die Beschwerdegegnerin
die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.-- zu bezahlen.
8.3.
bis
Im Beschwerdeverfahren IV 2016/320 betreffend unentgeltliche Verbeiständung im
Verwaltungsverfahren sind keine Gerichtskosten zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Da es
sich vorliegend nicht um eine Streitigkeit betreffend "IV-Leistungen" handelt, findet die
Kostenregelung von Art. 69 Abs. 1 IVG keine Anwendung (vgl. Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 12. Januar 2012, IV 2010/270, E. 6.4).
8.4.
bis
In Nachachtung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung hat die
Beschwerdegegnerin die für das Gerichtsgutachten angefallenen Kosten von
Fr. 8'008.65 (act. G 21.2) zu tragen (BGE 137 V 265 f. E. 4.4.2).
8.5.
Im Verfahren IV 2016/245 hat die obsiegende beschwerdeführende Partei gemäss
Art. 61 lit. g ATSG Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Die Parteientschädigung wird
vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In
der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach
Art. 22 Abs. 1 lit. b der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (HonO;
sGS 963.75; in der vorliegend anwendbaren, seit 1. Januar 2019 gültigen Fassung,
siehe Art. 30 HonO) pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr. 15'000.--. Im hier zu beurteilenden
Fall erscheint mit Blick auf vergleichbare Fälle mit Einholung eines Gerichtsgutachtens
eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 4'500.-- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer) als angemessen. Die Festlegung einer Entschädigung aus
unentgeltlicher Rechtsverbeiständung erübrigt sich bei diesem Prozessausgang.
8.6.
bis
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte