Decision ID: 3631a969-a067-5c39-a990-a98a07390fc7
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer und die von Amtes wegen am Verfahren Beteiligte sind
Miteigentümer der Liegenschaft Rumisberg Grundbuchblatt Nr. C._ an der
D._strasse 10. Mit Schreiben vom 16. April 2018 teilte die Gemeinde Rumisberg
dem Beschwerdeführer mit, sie habe festgestellt, dass sich auf dem Vorplatz der
Liegenschaft D._strasse 10 seit einiger Zeit mehrere abgestellte und nicht
immatrikulierte Fahrzeuge befinden. Sie forderte den Beschwerdeführer auf, bis am
14. Mai 2018 dazu Stellung zu nehmen und drohte weitere Massnahmen an für den Fall,
dass er bis zu diesem Zeitpunkt keine Stellungnahme eingereicht oder die Fahrzeuge
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weggeräumt habe. Am 18. Juli 2018 verfügte sie, die Fahrzeuge seien innert 30 Tagen
vom Grundstück zu entfernen oder in einem gedeckten Unterstand bzw. Raum einzustellen
oder dem Autoabbruchgewerbe zuzuführen. Gleichzeitig drohte sie die Ersatzvornahme an
und auferlegte dem Beschwerdeführer Kosten von Fr. 200.00.
2. Gegen diese Verfügung reichte der Beschwerdeführer am 22. August 2018
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er
beantragt sinngemäss die Aufhebung der Verfügung.
3. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, beteiligte die
Miteigentümerin der Liegenschaft D._strasse 10 von Amtes wegen am Verfahren
und holte die Vorakten sowie eine Stellungnahme bei der Gemeinde ein. Soweit für den
Entscheid wesentlich, wird in den nachfolgenden Erwägungen darauf eingegangen.

II. Erwägungen
1. Prozessvoraussetzungen
Gemäss Art. 49 Abs. 1 BauG2 können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48
BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden.
Es ist vorliegend unbestritten, dass der Beschwerdeführer die Fahrzeuge vor Erlass der
Wiederherstellungsverfügung in einen gedeckten Unterstand verbracht bzw. ein
Wechselschild eingelöst und damit den rechtmässigen Zustand wiederhergestellt hat (vgl.
dazu Ziffer 2 nachfolgend). Die Gemeinde führt in ihrer Stellungnahme aus, die
angefochtene Verfügung könne als gegenstandslos erachtet werden. Gleichzeitig hält sie
an der Richtigkeit ihres Vorgehens und an der verfügten Gebühr von Fr. 200.00 fest. Der
Beschwerdeführer bringt hingegen vor, er sei fristgerecht seinen Pflichten nachgekommen,
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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weshalb die Behörde keine kostenpflichtige Verfügung hätte erlassen sollen. Der
Beschwerdeführer hat ein Rechtsschutzinteresse an der Beurteilung dieser Frage.3 Unter
diesen Umständen liegt keine Gegenstandslosigkeit vor. Auf die fristgerecht eingereichte
Beschwerde ist daher einzutreten.
2. Erlass der Wiederherstellungsverfügung
a) Der Beschwerdeführer bringt vor, er habe von der Möglichkeit zur Stellungnahme bis
zum 14. Mai 2018 nicht Gebrauch gemacht, sondern habe seine Fahrzeuge am 11. Mai
2018 in einem Wagenschopf untergestellt bzw. ein Wechselschild eingelöst. Er sei damit
fristgerecht seinen Pflichten nachgekommen und verstehe nicht, warum die Gemeinde eine
Verfügung erlassen habe.
b) Die Gemeinde führt in ihrer Stellungnahme aus, der Beschwerdeführer habe bis zum
14. Mai 2018 keine Stellungnahme eingereicht. Deshalb habe sie die angefochtene
Verfügung erlassen. Der Beschwerdeführer habe sie nicht über die vorgenommenen
Handlungen informiert.
c) Der Beschwerdeführer bestreitet nicht, dass er im Zeitpunkt des Schreibens der
Gemeinde vom 16. April 2018 Fahrzeuge ohne Kontrollschilder im Freien stehen hatte und
damit gegen Art. 16 Abs. 1 AbfG4 verstiess. Er legt jedoch mit der Beschwerde Belege ins
Recht, wonach er die Fahrzeuge am 11. Mai 2018 untergestellt bzw. ein Wechselschild
eingelöst hat. Es ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer damit den rechtmässigen
Zustand vor Erlass der angefochtenen Verfügung wiederhergestellt hat. Umstritten ist
einzig, ob die Gemeinde trotzdem eine kostenpflichtige Wiederherstellungsverfügung
erlassen durfte, da der Beschwerdeführer die Gemeinde über sein Handeln nicht informiert
hatte.
d) Laut Art. 5 Abs. 3 BV5 handeln staatliche Organe und Private nach Treu und
Glauben. Treuwidrigkeit kann dadurch begründet werden, dass eine Person ihren
verfahrensrechtlichen Mitwirkungs- und Auskunftspflichten in qualifizierter Form nicht
3 Vgl. dazu Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 39 N. 2 4 Gesetz vom 18. Juni 2003 über die Abfälle (Abfallgesetz, AbfG; BSG 822.1) 5 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101)
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nachkommt, indem sie falsche Angaben macht oder die Behörde bewusst in falschem
Glauben lässt und über erhebliche Tatsachen nicht informiert. In Verfahren, welche von
Seiten der Behörden eingeleitet werden, sind die Anforderungen an ein kooperatives
Verhalten der Betroffenen indes herabgesetzt.6
e) Die Gemeinde teilte dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom 16. April 2018 mit:
"Mit diesem Brief geben wir Ihnen die Möglichkeit, bis am 14. Mai 2018 im Rahmen des rechtlichen
Gehörs schriftlich Stellung zu beziehen und uns Ihre Beweggründe sowie allfällige Unterlagen
einzureichen. Sollten Sie bis zu diesem Zeitpunkt keine Stellungnahme einreichen oder die
Fahrzeuge nicht geräumt haben, werden wir gestützt auf die heutigen Kenntnisse die weiteren
Massnahmen im Rahmen des verwaltungsrechtlichen Verfahrens überprüfen bzw. in die Wege
leiten."
Mit diesem Schreiben gab die Gemeinde dem Beschwerdeführer die Möglichkeit sich zu
äussern. Gleichzeitig hielt sie fest, dass sie weitere Massnahmen ergreifen werde, sollte
der Beschwerdeführer bis am 14. Mai 2018 keine Stellungnahme einreichen oder die
Fahrzeuge nicht geräumt haben. Damit liess die Gemeinde dem Beschwerdeführer die
Wahl zwischen einer Stellungnahme und der freiwilligen Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustandes. Indem der Beschwerdeführer innert der gesetzten Frist die
Fahrzeuge einstellte bzw. ein Wechselschild einlöste, hielt er sich an die Anweisungen der
Gemeinde. Aufgrund des Wortlauts des Schreibens hatte der Beschwerdeführer nicht die
Pflicht, zusätzlich die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands zu belegen. Er durfte
davon ausgehen, dass sich die Gemeinde selbst auf den neuesten Kenntnisstand bringen
werde. Ihm kann kein treuwidriges Verhalten vorgeworfen werden.
Die Gemeinde verfügte damit kostenpflichtig die Wiederherstellung des rechtmässigen
Zustandes, obwohl der Beschwerdeführer diesen bereits innert der von der Gemeinde
gesetzten Frist wiederhergestellt hatte und er aufgrund des Schreibens vom 16. April 2018
keine diesbezügliche Informationspflicht hatte. Die Beschwerde ist daher gutzuheissen und
die angefochtene Verfügung wird aufgehoben.
6 Schindler, St. Galler Kommentar zu Art. 5 BV, Rz 56
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3. Verfahrenskosten
a) Die Grundsätze der Kostenverlegung sind in Art. 108 VRPG7 geregelt. Demnach
werden die Verfahrenskosten der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG).
Die Verfahrenskosten werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 600.-- (Art. 103
Abs. 2 VRPG). Der Beschwerdeführer dringt mit seiner Beschwerde durch und gilt daher
als obsiegend. Er hat keine Verfahrenskosten zu tragen. Gemeinden können keine
Verfahrenskosten auferlegt werden (Art. 108 Abs. 2 VRPG i. V. m. Art. 2 Abs. 1 Bst. b
VRPG). Die Verfahrenskosten von Fr. 600.-- trägt demnach der Kanton.
b) Parteikosten sind keine zu sprechen (Art. 104 Abs. 1 VRPG).