Decision ID: f38ff192-d163-5b61-b17f-c2c84dad6b10
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführenden verliessen Afghanistan gemäss eigenen Anga-
ben am 31. Dezember 2015. Am 25. Januar 2016 reisten sie in die Schweiz
ein und suchten am gleichen Tag um Asyl nach. Im Empfangs- und Verfah-
renszentrum fanden am 3. Februar 2016 die Befragungen zur Person statt
(BzP). Am (...) kam der gemeinsame Sohn C._ zur Welt. Die Vo-
rinstanz hörte die Beschwerdeführenden am 5. April 2018 beziehungs-
weise am 7. Mai 2018 vertieft zu ihren Asylgründen an.
Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er stamme aus
D._, Distrikt E._, Provinz F._, und gehöre der Ethnie
der Hazara an. Er und die Beschwerdeführerin seien sich auf dem gemein-
samen Schulweg nähergekommen. Irgendwann hätten die Leute über sie
gesagt, sie würden ein unzüchtiges Verhältnis führen. Sein Vater habe ihm
deshalb geraten, fortzugehen. Daraufhin habe er der Beschwerdeführerin
mitgeteilt, dass sie das Land verlassen müssten. Diese habe nach kurzer
Rücksprache mit ihrer Mutter eingewilligt und sie seien in den Iran geflüch-
tet. Dort hätten sie sich religiös trauen lassen. Dies habe das Problem zu
Hause jedoch nicht gelöst, weil die Beschwerdeführerin einem anderen
Mann versprochen worden sei und sie in der Heimat mittlerweile als ent-
führt gelte. Die Strafe für eine uneheliche Beziehung sei Auspeitschen oder
Steinigung.
Die Beschwerdeführerin brachte zu ihren Fluchtgründen im Wesentlichen
vor, sie stamme aus D._, Distrikt E._, Provinz F._,
und gehöre der Ethnie der Hazara an. Sie habe den Beschwerdeführer auf
dem Schulweg näher kennengelernt, in der Folge telefonischen Kontakt mit
ihm gepflegt und sich ab und zu mit ihm getroffen. Sie hätten sich ineinan-
der verliebt und die Leute hätten begonnen, über sie zu reden. Es sei ihnen
vorgeworfen worden, sie würden ein unsittliches Verhältnis führen, und ihr
Onkel, ein vormals praktizierender (...), hätte sie bereits einem anderen
Mann versprochen. Dieser Heiratskandidat habe gedroht, sie und jeden
Nebenbuhler zu töten, sollte sie ihn nicht heiraten. Der Beschwerdeführer
habe sie darüber informiert, dass sie in Gefahr seien und das Land verlas-
sen müssten. Sie habe sich mit ihrer Mutter besprochen, welche ihr eben-
falls mitgeteilt habe, dass über sie geredet werde und ihr ihre Zustimmung
zur Ausreise erteilt habe. Am nächsten Tag habe sie sich zusammen mit
dem Beschwerdeführer auf den Weg in den Iran gemacht. Dort habe sie
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einen weiteren Onkel, in dessen zu Hause sie sich religiös hätten trauen
lassen.
Die Beschwerdeführenden gaben die Tazkera des Beschwerdeführers im
Original mit Übersetzung, eine Kopie der Tazkera des Vaters des Be-
schwerdeführers mit Übersetzung sowie zwei Suchmeldungen betreffend
ihre Personen als Beweismittel zu den Akten.
B.
Mit je separaten Verfügungen vom 29. Oktober 2018 stellte die Vorinstanz
fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht,
lehnte ihre Asylgesuche ab und verfügte die Wegweisung aus der Schweiz,
schob den Vollzug jedoch wegen Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläu-
figen Aufnahme auf.
C.
Die Beschwerdeführenden erhoben mit Eingabe vom 30. November 2018
Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Sie beantragen, die ange-
fochtenen Verfügungen seien vollumfänglich aufzuheben und es sei ihnen
unter Anerkennung ihrer Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren. Even-
tualiter seien die Dispositivziffern 1 bis 2 aufzuheben und die Streitsache
zur allfälligen Ergänzung des Sachverhaltes und zur Neubeurteilung des
Gesuchs um Flüchtlingsanerkennung und Asyl an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Subeventualiter sei die Streitsache zwecks Ergänzung des
Sachverhaltes, hinsichtlich von Wegweisungsvollzugshindernissen und
Neubeurteilung, an die Vorinstanz zurückzuweisen. Sodann sei ihnen voll-
umfängliche Einsicht in die Akten zu gewähren, insbesondere in die eige-
nen Beweismittel. Schliesslich sei ihnen die unentgeltliche Rechtspflege zu
gewähren und insbesondere von einer Kostenvorschusspflicht abzusehen,
andernfalls eine angemessene Frist zur Einreichung eines Gerichtskosten-
vorschusses anzusetzen sei.
Mit der Beschwerde gaben die Beschwerdeführenden unter anderem zwei
als "Zusatzblatt Kurzbericht" bezeichnete Schreiben der Hilfswerkvertre-
tung vom 5. April 2018 beziehungsweise vom 8. Mai 2018 als Beweismittel
zu den Akten.
D.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Dezember 2018 wurden die Verfahren
E-6813/2018 und E-6816/2018 durch die Instruktionsrichterin vereinigt. So-
E-6813/2018, E-6816/2018
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dann gewährte sie den Beschwerdeführenden Einsicht in die Verfahrens-
akten A22/1 (Beweismittel-Couvert, Beweismittel 1–4 [SEM-Dossier N 667
240]) und räumte ihnen Gelegenheit zur Stellungnahme innert Frist ein.
Weiter forderte sie die Beschwerdeführenden dazu auf, die fremdsprachi-
gen Beweismittel – soweit dies noch nicht erfolgt war – in eine Amtssprache
zu übersetzen und dem Gericht innert Frist nachzureichen. Schliesslich
verzichtete sie einstweilen auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
E.
Die Beschwerdeführenden gaben mit Schreiben vom 27. Dezember 2018
die Übersetzungen betreffend zwei Suchmeldungen zu den Akten. Im Üb-
rigen äusserten sie sich zur Beweiswürdigung durch die Vorinstanz.
F.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Januar 2019 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut, ver-
zichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und lud die Vorinstanz
dazu ein, innert Frist eine Vernehmlassung einzureichen.
G.
Die Vorinstanz beantragt in der Vernehmlassung vom 23. Januar 2019
sinngemäss die Abweisung der Beschwerde. Im Einzelnen äusserte sie
sich insbesondere zum Aussageverhalten der Beschwerdeführenden.
H.
Am 11. Februar 2019 reichten die Beschwerdeführenden innert angesetz-
ter Frist beim Gericht die Replik ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 105 Asylgesetz [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst. d
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Seite 5
Ziff. 1 BGG). Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten
zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist – mit nachstehendem Vorbehalt
– einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bilden die Flüchtlingseigen-
schaft, der Asylpunkt sowie die verfügte Wegweisung. Der Wegweisungs-
vollzug ist nicht mehr zu prüfen, nachdem die Vorinstanz die Beschwerde-
führenden zufolge Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig
aufgenommen hat. Soweit in der Rechtsmitteleingabe subeventualiter die
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zwecks Ergänzung des Sach-
verhaltes hinsichtlich Wegweisungshindernissen und Neubeurteilung be-
antragt wird (vgl. Ziffer 3 der Rechtsbegehren) ist festzuhalten, dass der
Antrag nicht weiter begründet und ein Rechtschutzinteresse an der Be-
handlung desselben weder dargelegt noch ersichtlich ist, weshalb darauf
nicht einzutreten ist.
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
4.
Die Vorinstanz gelangt in den angefochtenen Verfügungen zum Schluss,
die Vorbringen der Beschwerdeführenden hielten den Anforderungen an
das Glaubhaftmachen ihrer Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 7 AsylG
nicht stand.
Zur Begründung führt die Vorinstanz aus, die Beschwerdeführenden hätten
keine Angaben darüber machen können, wie und wann die Dorfbewohner
sie zusammen gesehen haben sollen. Sodann führe die Beschwerdefüh-
rerin einerseits aus, sie habe die entsprechenden Informationen von ihrer
Mutter, andererseits habe diese aber über keine konkreten Informationen
verfügt. Ferner hätten die Beschwerdeführenden nichts zu dem Mann sa-
gen können, welchem die Beschwerdeführerin von ihrem Onkel zur Ehe
versprochen worden sein soll. Des Weiteren würden die eingereichten Be-
weismittel nur in Kopie vorliegen und bei einem Dokument seien Auffällig-
keiten bezüglich des Ausstellungsortes auszumachen. Da solche Doku-
mente darüber hinaus leicht käuflich erworben werden könnten, seien sie
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Seite 6
nicht geeignet, ihre Fluchtgründe zu untermauern. Im Ergebnis seien ihre
Vorbringen nicht glaubhaft.
5.
In der Rechtsmitteleingabe wird einleitend geltend gemacht, die Vorinstanz
habe das Akteneinsichtsrecht der Beschwerdeführenden verletzt. Auch be-
gründe die Vorinstanz ihren Entscheid nur knapp und nicht mit der gebüh-
renden Sorgfalt. Ferner habe sie den Sachverhalt nicht richtig festgestellt
und ihre Einwendungen seien aktenwidrig. Sodann seien die Ausführungen
der Beschwerdeführenden zu Unrecht als unglaubhaft qualifiziert worden.
Vielmehr würden ihre Aussagen zahlreiche Realkennzeichen enthalten
und dem Kurzbericht der Hilfswerkvertretung könne entnommen werden,
dass ihre Vorbringen aus der Sicht einer unabhängigen Partei als glaubhaft
erscheinen würden. Neben den zahlreichen Realkennzeichen seien ihre
Schilderungen in freier und assoziativer Erzählung mit zahlreichen Details
und inhaltlichen Besonderheiten vorgetragen worden. Gemäss Bericht der
Hilfswerkvertretung seien ihre Erzählweisen sehr genau und glaubwürdig.
Des Weiteren sei nicht berücksichtigt worden, dass der gemeinsame Sohn
in Afghanistan als aussereheliches Kind betrachtet würde und er deshalb
in seiner Existenz gefährdet wäre. Die Verfügung verletze Bundesrecht,
missachte diverse völkerrechtliche Vorgaben und sei nicht angemessen.
6.
In der Vernehmlassung führt die Vorinstanz aus, der Beschwerdeführer
habe bereits zu seinen Personalien und Identitätspapieren unvereinbare
Angaben gemacht. Ferner würden sich die Beschwerdeführenden bei den
Schilderungen ihrer Treffen widersprechen. Die Beschwerdeführerin ma-
che im Zusammenhang mit der Frage, wie sie vom Bekanntwerden ihrer
Beziehung erfahren habe, unterschiedliche Angaben. Des Weiteren wür-
den sich die Beschwerdeführenden unstimmig über ihre Eheschliessung
im Iran und über die geplante Zwangsheirat äussern. Abschliessend sei
darauf hinzuweisen, dass es anlässlich der Anhörung im Zusammenhang
mit einem eingereichten Dokument zu einem Übersetzungsfehler gekom-
men sei, dies an der vorgenommenen Beweismittelwürdigung jedoch
nichts ändere.
7.
Die Beschwerdeführenden machen in ihrer Replik insbesondere geltend,
die in der Vernehmlassung von der Vorinstanz aufgezählten Widersprüche
seien in der angefochtenen Verfügung noch nicht erwähnt worden, was als
Verletzung des Grundsatzes von Treu und Glauben zu qualifizieren sei und
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Seite 7
aufzeige, dass der Sachverhalt nicht sorgfältig ermittelt worden sei. So-
dann sei zum erwähnten Übersetzungsfehler festzuhalten, dass die falsche
Ortsbezeichnung auf dem Dokument einer der Hauptgründe gewesen sei,
weshalb die Vorinstanz die Asylgesuche abgewiesen habe.
8.
Die von den Beschwerdeführenden erhobenen formellen Rügen (unter an-
derem die Verletzung des rechtlichen Gehörs sowie der unrichtigen Sach-
verhaltserstellung) sind vorab zu behandeln, da sie geeignet sein könnten,
eine Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
8.1 Im Zusammenhang mit der Rüge der Verletzung des Akteneinsichts-
rechts wurde bereits in der Zwischenverfügung vom 10. Dezember 2018
festgestellt, dass den Beschwerdeführenden dieses durch die Vorinstanz
gewährt wurde. Im Übrigen kann auf die Erwägungen in der genannten
Zwischenverfügung verwiesen werden.
8.2 Soweit in der Rechtsmitteleingabe unter Verweis auf Art. 12 des Über-
einkommens vom 20. November 1989 über die Rechte des Kindes (nach-
folgend: KRK, SR 0.107) sinngemäss geltend gemacht wird, der am (...)
geborene Sohn der Beschwerdeführenden sei anlässlich der Anhörungen
nicht gehörig vertreten gewesen, ist dem entgegenzuhalten, dass die Rüge
einerseits in keiner Weise substantiiert ist. Andererseits waren die Interes-
sen des Sohnes im Asylverfahren – in Anbetracht seines damaligen Alters
– durch seine Eltern, als dessen gesetzliche Vertreter, ausreichend vertre-
ten. Die Rüge erweist sich als unbegründet.
8.3 Mit den Beschwerdeführenden ist insoweit übereinzugehen, dass die
Entscheidbegründung der Vorinstanz kurz ausgefallen ist. Jedoch kann
dem Entscheid entnommen werden, von welchen Überlegungen sich die
Vorinstanz hat leiten lassen (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2). Insbesondere wird
in der Verfügung ausgeführt, nach Auffassung der Vorinstanz hätten die
Beschwerdeführenden – unter konkretem Bezug auf ihre Aussagen – keine
substantiierten Angaben über die geltend gemachten Beobachtungen ihrer
Treffen und über den Heiratskandidaten machen können. Zudem hätten
sie das Datum ihrer Hochzeit nicht gekannt. Sodann wird im Zusammen-
hang mit dem rechtlichen Gehör zu den vorgehaltenen Widersprüchen
zwar – wie die Beschwerdeführenden zutreffend ausführen – pauschal auf
die Anhörungsprotokolle verwiesen, welchen aber die erwähnten Vorhalte
ohne Weiteres entnommen werden können.
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Die in diesem Zusammenhang erhobenen Rügen der Verletzung des recht-
lichen Gehörs sowie der Verletzung des Anspruchs auf ein faires Verfahren
erweisen sich als unbegründet.
8.4 In der Rechtsmitteleingabe wird sodann unter Verweis auf Art. 3 KRK
sowie das Fakultativprotokoll zum Übereinkommen über die Rechte des
Kindes betreffend ein Mitteilungsverfahren vom 19. Dezember 2011 (sog.
drittes Fakultativprotokoll zur Kindesrechtskonvention, SR 0.107.3; in Kraft
für die Schweiz seit dem 24. Juli 2017) mangelnde Sachverhaltsabklärung
und Verletzung der Begründungspflicht durch die Vorinstanz gerügt.
Wie nachstehend auszuführen sein wird (vgl. E. 10), hatte die Vorinstanz
keinen Grund zur Annahme, die Interessen des – durch seine Eltern als
dessen gesetzliche Vertreter vertretenen – Kindes wären in asylrelevanter
Weise beziehungsweise in konventionsrechtlicher Hinsicht beeinträchtigt.
Eine Verletzung der Abklärungs- und Begründungspflichten ist diesbezüg-
lich zu verneinen.
8.5 Soweit in der Rechtsmitteleingabe in pauschaler Form die Verletzung
der Pflicht zur sorgfältigen Sachverhaltsabklärung gerügt wird, ist festzu-
halten, dass die Rüge nicht weiter begründet wird. Solches kann auch nicht
festgestellt werden, weshalb die Rüge letztendlich nicht verfängt. Das Vor-
bringen, die Vorinstanz habe die Schilderungen der Beschwerdeführenden
zu Unrecht als unglaubhaft qualifiziert, ist als eine Frage der materiellen
Würdigung unter E. 10 zu behandeln.
8.6 In ihrer Replik rügen die Beschwerdeführerenden, die Vorinstanz zähle
in ihrer Vernehmlassung zahlreiche weitere Widersprüche auf, welche in
der angefochtenen Verfügung noch nicht erwähnt worden seien.
Unter dem Aspekt des Anspruchs auf rechtliches Gehör (vgl. Art. 29 Abs. 2
BV sowie Art. 29 VwVG) hat es die Vorinstanz grundsätzlich zu unterlas-
sen, im Rahmen des Schriftenwechsels ihre Entscheidbegründung zu er-
gänzen beziehungsweise die Einschätzung der Unglaubhaftigkeit auf neue
Weise zu begründen. Der von ihr praxisgemäss angebrachte Vorbehalt,
weitere Unstimmigkeiten geltend zu machen, ist verfahrensrechtlich prob-
lematisch.
Im Zusammenhang mit den in der Vernehmlassung aufgezeigten Unstim-
migkeiten betreffend Personalien, Identitätspapiere, Angaben zu den ge-
meinsamen Treffen der Beschwerdeführenden, ihrer Heirat sowie Kennt-
nisnahme der geplanten Zwangsheirat ist darauf hinzuweisen, dass diese
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Vorbringen für die Einschätzung der Glaubhaftigkeit der Fluchtgründe nicht
massgeblich oder gar nicht ins Gewicht fallen (vgl. dazu auch E. 10). Die
in der Stellungnahme festgehaltenen Unstimmigkeiten im Zusammenhang
mit der Mutter wurden bereits in der angefochtenen Verfügung thematisiert
(vgl. SEM-Akten, N 667 659, A21/5 S. 2 und 3). Auch der Themenkreis rund
um den Heiratskandidaten der Beschwerdeführerin wurde durch die Vor-
instanz in der angefochtenen Verfügung behandelt.
Bei dieser Ausgangslage erscheint eine Kassation als nicht gerechtfertigt
beziehungsweise würde sich eine Rückweisung an die Vorinstanz als blos-
ser formalistischer Leerlauf erweisen. Der entsprechende Antrag ist des-
halb abzuweisen.
8.7 Unter Verweis auf die vorstehenden Ausführungen ist zusammenfas-
send festzuhalten, dass sich nach Prüfung der formellen Rügen keine
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz aufdrängt.
9.
9.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
9.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaubhaft-
machen der Vorbringen in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt
dabei ständiger Praxis. Darauf kann verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3
E. 6.5.1 sowie 2012/5 E. 2.2).
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Seite 10
10.
10.1 Die Beschwerdeführenden machen geltend, sie seien als unverheira-
tetes Liebespaar in ihrem Heimatland flüchtlingsrechtlich relevanter Verfol-
gung ausgesetzt. Zudem sei die Beschwerdeführerin bereits einem ande-
ren Mann zur Ehe versprochen worden, weshalb ihre Trauung im Iran sie
nicht vor Verfolgung im Heimatland schützen könne.
Mit der Vorinstanz ist darin übereinzugehen, dass die Vorbringen der Be-
schwerdeführenden in zentralen Punkten wenig konkret sind. Ihren Schil-
derungen kann zum Beispiel nicht entnommen werden, ob nach der an-
geblichen Entdeckung ihrer Beziehung und noch vor ihrer Ausreise tat-
sächlich konkrete Schritte eingeleitet wurden, um die behauptete Sittenver-
letzung zu ahnden. Gemäss ihren Vorbringen kannten die Beschwerdefüh-
renden eine mögliche Gefahr nur vom Hörensagen.
Sodann ist festzuhalten, dass die Aussagen der Beschwerdeführenden an
zahlreichen Stellen unstimmig sind und konstruiert wirken. Namentlich soll
die Mutter der Beschwerdeführerin ihr gerade an dem Tag mitgeteilt haben,
dass in letzter Zeit über die Beschwerdeführenden getuschelt werde, an
welchem der Beschwerdeführer die Beschwerdeführerin über die angebli-
che Gefahr informiert haben soll (vgl. SEM-Akten N 667 659, A19/17 F66
sowie N 667 240, A21/21 F46). Wenn – wie die Beschwerdeführenden gel-
tend machen – der blosse Umstand, dass sie zusammen in der Öffentlich-
keit gesehen wurden, bereits eine tatsächliche und erhebliche Gefahr dar-
stellte, ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Mutter sie nicht sofort über
das Bestehen diesbezüglicher Gerüchte informierte. Sodann fällt auf, dass
von den Beschwerdeführenden aufgeworfene Punkte auch auf konkretes
Nachfragen oft unsubstantiiert bleiben oder gar relativiert werden. Nach-
dem die Beschwerdeführerin vorbrachte, ihre Mutter habe ihr mitgeteilt, sie
habe Gerüchte gehört und es werde viel über sie gesprochen, wurde sie
im Anschluss gefragt, was die Mutter genau gehört habe. Darauf antwor-
tete sie in unbestimmter Weise, die Mutter habe nichts Konkretes gehört,
ihr sei nur das Verhalten der Leute aufgefallen (SEM-Akten N 667 659,
A19/17 F66 und F75 f.). Ein ähnliches Aussageverhalten ist im Zusammen-
hang mit dem Heiratskandidaten, welchem sie angeblich zur Ehefrau ver-
sprochen worden sei und welcher mit ihrem Tod gedroht haben soll, fest-
zustellen. Auf konkrete Nachfragen zu dieser Person wusste die Beschwer-
deführerin nichts Spezifisches auszuführen. Weder kenne sie seinen Na-
men noch wisse sie, wo er lebe. Die Informationen über ihn habe sie von
der Mutter (vgl. SEM-Akten N 667 659, A5/15 Ziff. 7.02 sowie A19/17 F77
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Seite 11
ff.). Sodann erhellt nicht, weshalb der Heiratskandidat gegenüber dem On-
kel mit dem Tode der Beschwerdeführerin gedroht haben soll. Dies würde
allenfalls dann Sinn machen, wenn er vom Beschwerdeführer als Neben-
buhler Kenntnis gehabt hätte. Gemäss Aussage der Beschwerdeführerin
soll der Onkel selber aber erst nach ihrer Ausreise von ihrer Beziehung
erfahren haben (vgl. SEM-Akten 667 659 A19/17 F95). Damit wäre aber
ausgeschlossen, dass der Heiratskandidat von der Beziehung wusste und
sich deshalb mit der entsprechenden Drohung an den Onkel wandte. Auch
erweist sich das Wissen der Beschwerdeführerin über den Heiratskandida-
ten mit Blick auf die Flüchtlingsrelevanz als äusserst selektiv, indem sie
zwar wenig über ihn und seinen Kontakt mit dem Onkel zu berichten weiss,
aber Auskunft darüber geben kann, dass es sich um einen (...) beziehungs-
weise eine Person mit viel Macht handle (vgl. SEM-Akten 667 659, A19/17
F77 ff.) und er nach ihrer Ausreise sehr verärgert gewesen sein soll (vgl.
SEM-Akten 667 659, A19/17 F102).
Dass die Beschwerdeführenden bezüglich Schulzeiten (vgl. SEM-Akten
667 659, A19/17 F122 f.), die Benachrichtigung des Onkels in G._
über ihr Kommen (vgl. SEM-Akten N 667 659, A5/15 Ziff. 1.14 sowie N 667
240, A5/14 Ziff. 1.14) sowie der Anwesenheit von Trauzeugen bei ihrer
Hochzeit (vgl. SEM-Akten N 667 659, A5/15 Ziff. 1.14 sowie N667 240,
A5/14 Ziff. 1.14) jeweils unterschiedliche Angaben machten, vermöchte für
sich genommen die Annahme der Unglaubhaftigkeit der Fluchtvorbringen
nicht zu rechtfertigen. Dies selbst unter Berücksichtigung, dass sie als Er-
klärung für die Abweichungen teilweise in nicht sonderlich überzeugender
Weise auf ihre lange Reise und ihre Verfassung anlässlich der Befragun-
gen verweisen. Aufgrund des bereits Ausgeführten stellen diese Unstim-
migkeiten jedoch zusätzliche Indikatoren dar, welche für die Unglaubhaf-
tigkeit ihrer Vorbringen sprechen. Die teilweise vorhandenen Realkennzei-
chen und Detailbeschreibungen sowie die persönliche Einschätzung der
Hilfswerkvertretung bezüglich der Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Be-
schwerdeführenden (vgl. Beilage 6 und 7 zur Beschwerdeschrift) vermö-
gen diesen Schluss nicht umzustossen. Entgegen der Auffassung in der
Rechtsmitteleingabe handelt es sich bei der Hilfswerkvertretung nicht um
eine Partei, sondern besteht ihre Aufgabe in der Beobachtung eines kor-
rekten Verfahrens (vgl. aArt. 30 AsylG). Der Vollständigkeit halber ist darauf
hinzuweisen, dass sich die Hilfswerkvertretung anlässlich der Anhörungen
zu keinen Anmerkungen veranlasst sah.
Bei dieser Ausgangslage ist die Würdigung der eingereichten Beweismittel
durch die Vorinstanz – auch wenn ihr Argument im Zusammenhang mit
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Seite 12
dem Ausstellungsort eines der Dokumente nicht verfängt – im Ergebnis
nicht zu beanstanden. Aus dem Hinweis, ein Bekannter habe den Be-
schwerdeführer auf die Existenz einer über ihn angelegten Akte wegen
Entführung informiert (vgl. SEM-Akten N 667 240, A21/21 F106 ff.), vermö-
gen die Beschwerdeführenden nichts zu ihren Gunsten abzuleiten.
Da die Beschwerdeführenden die Gründe für ihre Ausreise nicht glaubhaft
darlegen konnten und selber erklären, im Iran religiös vermählt worden zu
sein, besteht keine Veranlassung zur Annahme, das gemeinsame Kind
habe aufgrund des Beziehungsstatus der Eltern im Falle einer Rückkehr
flüchtlingsrechtlich relevante Nachteile zu befürchten.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es den Beschwerdeführenden
nicht gelingt, ihre Fluchtvorbringen glaubhaft zu machen.
10.2 Aufgrund des Ausgeführten ist festzuhalten, dass die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden zu Recht verneint und
ihre Asylgesuche abgelehnt hat.
11.
Gemäss Art. 44 AsylG verfügt das SEM in der Regel die Wegweisung aus
der Schweiz, wenn es das Asylgesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt. Die
Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtliche Auf-
enthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer solchen
(vgl. BVGE 2009/50 E. 9, BVGE 2013/37 E. 4.4.). Die Wegweisung wurde
demnach zu Recht angeordnet.
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtenen Verfügungen
Bundesrecht nicht verletzen, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellen (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüg-
lich überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit
darauf einzutreten ist.
13.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich den
Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihnen mit
Zwischenverfügung vom 10. Januar 2019 die unentgeltliche Prozessfüh-
rung gewährt wurde und den Akten keine Hinweise für Veränderungen ihrer
finanziellen Verhältnisse zu entnehmen sind, sind keine Verfahrenskosten
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zu erheben (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kos-
ten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
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