Decision ID: 00554bbe-71f5-5c98-a066-5a064988dcbe
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a A._, geboren am (...) 1950 (nachfolgend: Versicherter oder Be-
schwerdeführer) ist Schweizer Staatsangehöriger. Seine erste Ehe wurde
per (...) 2006 geschieden. Er ist seit (...) 2007 in zweiter Ehe mit der thai-
ländischen Staatsangehörigen A._-C._ (geb. 1970) verhei-
ratet. Er war in der Schweiz in (...) angemeldet und verlegte per 31. De-
zember 2012 seinen Wohnsitz nach (...), Thailand. Er bezieht seit 1. Juni
2013 eine um zwei Jahre vorgezogene Altersrente der schweizerischen Al-
ters- und Hinterlassenenversicherung (Akten der Schweizerischen Aus-
gleichskasse [SAK] 1 – 7).
B.
B.a Mit Gesuch vom 26. April 2017 stellte der Versicherte – vertreten durch
Rechtsanwalt Felix Stöckli, Swiss Law Co. Ltd., Thailand – einen Antrag
auf Ausrichtung einer Kinderrente der AHV für seinen am 6. Juni 2016 (Ein-
trag im Adoptionsregister [vgl. SAK 35.29, 35.45]) adoptierten Stiefsohn
D._, geboren am (...) 2005, rückwirkend per 1. Juni 2016
(SAK 34 f.).
B.b Mit Verfügung vom 1. September 2017 wies die Schweizerische Aus-
gleichskasse SAK (nachfolgend auch: Vorinstanz) das Begehren ab. Sie
führte dazu aus, vorliegend handle es sich um eine einfache Adoption ge-
mäss thailändischem Recht. Das Verfahren sei im Jahr 2014 eingeleitet
und im Juni 2016 abgeschlossen worden. Da die Schweiz nur die Voll-
adoption kenne, gelte das Kind D._ nicht als Adoptiv-, sondern als
Pflegekind. Es bestehe kein Anspruch auf Kinderrenten für Pflegekinder,
die erst nach dem Entstehen eines Anspruchs auf Altersrente in Pflege ge-
nommen würden. Der Anspruch auf eine Altersrente sei beim Beschwerde-
führer am 1. Juni 2013 entstanden. Vorliegend belege weder ein Pflegekin-
dervertrag noch ein richterlicher Entscheid, dass das Kind vor dem 1. Juni
2013 in Pflege genommen worden sei (SAK 41).
B.c Mit Eingabe mittels Online-Formular bei der Vorinstanz vom 11. Sep-
tember 2018 bezog der Versicherte sich darauf, dass sein Pflegesohn
D._ von seinen leiblichen Eltern dem Versicherten und seiner Ehe-
frau – seit er 2 Jahre alt sei (d.h. seit 2008) – zur weiteren Obhut und Pflege
übergeben worden sei; dies sei in Thailand am 12. Mai 2014 festgestellt
worden (vgl. SAK 35.5-16). Es gehe auch aus dem Hausregister hervor,
dass D._ seit dem 25. September 2008 in seinem Haushalt lebe
C-875/2019
Seite 3
(vgl. SAK 35.47-54). Es sei daher im Jahr 2008 ein mündlicher Pflegever-
trag zustande gekommen. D._ sei seit diesem Zeitpunkt wie ein
eigenes Kind von seiner Frau und ihm kostenlos versorgt und erzogen wor-
den. Da das Pflegekindverhältnis somit vor Entstehen des Anspruchs auf
eine Altersrente am 1. Juni 2013 entstanden sei, sei ein Kinderrentenan-
spruch entstanden (SAK 43).
Am 25. Oktober 2018 reichte der Versicherte seine Einsprache aufforde-
rungsgemäss nochmals mit eigenhändiger Unterschrift versehen bei der
Vorinstanz ein (SAK 47).
B.d Mit Eingabe vom 3. Dezember 2018 legte der Rechtsvertreter des Ver-
sicherten sämtliche gegenüber der ZAS (Zentrale Ausgleichsstelle) beste-
henden Mandate per sofort nieder (SAK 54.2-3).
B.e Mit «Nichteintretensverfügung» vom 3. Januar 2019 (adressiert an den
früheren Rechtsvertreter des Versicherten) und mit im Wesentlichen gleich-
lautender «Nichteintretensverfügung» vom 23. Januar 2019, adressiert an
den Versicherten, trat die Vorinstanz nicht auf dessen Einsprache vom
11. September 2018 respektive 25. Oktober 2018 ein mit der Begründung,
die Einsprache sei nach Ablauf der 30-tägigen, nicht erstreckbaren Ein-
sprachefrist und damit verspätet erfolgt (SAK 48 f.).
C.
C.a Am 14. Februar 2019 erhob der Beschwerdeführer beim Bundesver-
waltungsgericht «Einsprache» gegen die «Nichteintretensverfügung» der
Vorinstanz und beantragte sinngemäss die Neubeurteilung der Sache (Be-
schwerdeakte [B-act.] 1). Das Bundesverwaltungsgericht nahm die Ein-
gabe als Beschwerde entgegen.
C.b In ihrer Vernehmlassung vom 11. März 2019 beantragte die Vor-
instanz, es sei auf die Beschwerde nicht einzutreten. Sie führte dazu aus,
die Verfügung vom 1. September 2017 sei per Einschreiben an den dama-
ligen Rechtsvertreter des Beschwerdeführers versandt worden. Die Ein-
sprache per Kontaktformular sei erst am 11. September 2018 und damit
über ein Jahr später erfolgt. Der Beschwerdeführer mache nicht geltend,
dass er die Verfügung verspätet erhalten habe. Die Einsprache sei damit
erst nach Ablauf der gesetzlichen Einsprachefrist von 30 Tagen und damit
verspätet erfolgt. Auf die Einsprache sei deshalb zu Recht nicht eingetreten
worden (B-act. 6).
C-875/2019
Seite 4
C.c Da der Beschwerdeführer sich in der Folge nicht mehr vernehmen
liess, schloss der Instruktionsrichter den Schriftenwechsel am 8. Mai 2019
ab (B-act. 8).
D.
Auf die weiteren Vorbringen und Beweismittel wird – soweit entscheidwe-
sentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG in Verbindung mit Art. 33 Bst. d VGG und
Art. 85bis Abs. 1 AHVG (SR 831.10) beurteilt das Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerden von Personen im Ausland gegen Verfügungen der
Schweizerischen Ausgleichskasse. Gemäss Art. 1 Abs. 1 AHVG sind die
Bestimmungen des ATSG (SR 830.1) auf die im ersten Teil geregelte Al-
ters- und Hinterlassenenversicherung anwendbar, soweit das AHVG nicht
ausdrücklich eine Abweichung vom ATSG vorsieht.
1.2 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach
dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (vgl. Art. 37 VGG).
Aufgrund von Art. 3 Bst. dbis VwVG findet das VwVG keine Anwendung auf
das Verfahren in Sozialversicherungsrechtssachen, soweit das ATSG an-
wendbar ist.
1.3 Der Beschwerdeführer hat am vorinstanzlichen Verfahren teilgenom-
men; er ist durch den ihn betreffenden Nichteintretensentscheid berührt
und hat ein schutzwürdiges Interesse an dessen Anfechtung (Art. 59
ATSG).
1.4 Angefochten ist die «Nichteintretensverfügung» (recte: Nichteintretens-
entscheid) auf die Einsprache vom 11. September 2018 (resp. 25. Oktober
2018) vom 23. Januar 2019, welche an den Beschwerdeführer eröffnet
wurde (SAK 49). Die Einsprache (recte: Beschwerde) vom 14. Februar
2019 ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Es ist deshalb darauf
einzutreten (Art. 60 ATSG, Art. 52 VwVG).
C-875/2019
Seite 5
2.
2.1 Der Beschwerdeführer ist Schweizer Staatsbürger und lebt in Thailand.
Da die Schweiz mit Thailand keinen Staatsvertrag über Leistungen der Al-
ters- und Hinterlassenenversicherung abgeschlossen hat, bestimmt sich
die Frage, ob vorliegend ein Anspruch auf Leistungen der schweizerischen
AHV besteht, ausschliesslich aufgrund der schweizerischen Rechtsvor-
schriften (vgl. z. B. Urteil des BVGer C-6920/2016 vom 8. Oktober 2018
E. 4.1).
2.2 Weil in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze mass-
gebend sind, die bei der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbe-
standes Geltung haben, und weil ferner die Gerichte bei der Beurteilung
eines Falles grundsätzlich auf den nach Antrag vom 26. April 2017 bis zum
Zeitpunkt des angefochtenen Verwaltungsaktes, hier des Einspracheent-
scheides (resp. Nichteintretensentscheides) vom 23. Januar 2019, einge-
tretenen Sachverhalt abstellen (BGE 130 V 329; BGE 129 V 4 E. 1.2 mit
Hinweisen), werden im Folgenden die ab 1. Januar 2017 anwendbaren
Bestimmungen zitiert.
3.
Die Vorinstanz ist mit Entscheid vom 23. Januar 2019 nicht auf die Einspra-
che des Beschwerdeführers vom 11. September 2018 (resp. 25. Oktober
2018) eingetreten mit der Begründung, die Einsprache sei verspätet er-
folgt. Im Streit liegt und demnach vom Bundesverwaltungsgericht zu prüfen
ist vorliegend einzig die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht nicht auf die
Einsprache eingetreten ist (BGE 126 II 377 E. 8d; BGE 118 V 311 E. 2).
3.1 Gemäss Art. 52 Abs. 1 ATSG kann gegen Verfügungen innerhalb von
30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben worden. Bei der
Einsprachefrist von Art. 52 Abs. 1 ATSG handelt es sich um eine gesetzli-
che, nicht erstreckbare Frist (vgl. bspw. UELI KIESER, ATSG-Kommentar,
4. Aufl. 2020, Art. 52 Rz. 34 m.H. auf Art. 40 Rz. 2 ff.).
3.2 Die mit der Einsprache vom 11. September 2018 (resp. 25. Oktober
2018) angefochtene Verfügung der SAK ist auf den 1. September 2017
datiert und wurde dem damaligen Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
in Thailand per Einschreiben (Recommandé priority) verschickt (SAK 41).
Es ist unbestritten, dass die Verfügung dem Beschwerdeführer (resp. sei-
nem Rechtsvertreter) eröffnet wurde, zumal der Beschwerdeführer in der
Lage war, sie bei der Vorinstanz anzufechten und in seiner Einsprache da-
rauf Bezug zu nehmen.
C-875/2019
Seite 6
3.3 Der Beschwerdeführer äussert sich weder in der Einsprache noch in
der Beschwerde zur hier entscheidenden Frage, wann ihm (resp. seinem
Rechtsvertreter) die Verfügung vom 1. September 2017 zugestellt worden
sei. Obwohl er mit Rechtsmittelbelehrung in der Verfügung auf die 30-tä-
gige Rechtsmittelfrist hingewiesen worden ist (vgl. SAK 41.2), und im Üb-
rigen der während des Verwaltungsverfahrens mandatierte Rechtsanwalt
um das Bestehen einer Rechtsmittelfrist wissen musste, finden sich weder
Ausführungen in der Einsprache noch in der Beschwerde zur verspäteten
Anfechtung der Verfügung, beispielsweise, weshalb er die Verfügung erst
ein Jahr nach deren Datierung angefochten hat. Wie die Vorinstanz zu
Recht in ihrer Vernehmlassung ausführt, fehlen alternativ Ausführungen
dazu, dass er die Verfügung verspätet erhalten habe.
3.4 Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung liegt ein Fehler bei der
Postzustellung nicht ausserhalb jeder Wahrscheinlichkeit. Eine fehlerhafte
Postzustellung ist allerdings nicht zu vermuten, sondern nur anzunehmen,
wenn sie aufgrund der Umstände plausibel erscheint (Urteil des BGer
4A_10/2016 vom 8. September 2016 E. 2.2.1 [nicht publiziert in BGE 142
III 671]; BGE 142 III 599 E. 2.4.1). Gemäss der üblichen Erfahrung dauert
eine Postzustellung von der Schweiz nach Thailand rund zwei Wochen
(vgl. z.B. SAK 46 f., 54.1). Die in Frage stehende Verfügung vom 1. Sep-
tember 2017 dürfte dem Rechtsvertreter demnach in Berücksichtigung die-
ses Erfahrungswertes im Laufe des Septembers 2017 zugestellt worden
sein. Die Beschwerdefrist von 30 Tagen ist demnach Ende Oktober 2017,
spätestens Anfang November 2017 abgelaufen. Die Einsprache wurde al-
lerdings erst im September 2018 – das heisst weit nach Ablauf der Ein-
sprachefrist – eingereicht, ohne dass irgendwelche nachvollziehbaren
Gründe geltend gemacht oder entsprechende Belege dazu eingereicht
werden, weshalb der Beschwerdeführer seine Einsprache erst zu diesem
Zeitpunkt einreichte.
3.5 Unter diesen Umständen ist mit der Vorinstanz festzuhalten, dass der
Beschwerdeführer seine Einsprache gegen die Verfügung vom 1. Septem-
ber 2017 offensichtlich nach Ablauf der Rechtsmittelfrist und damit verspä-
tet eingereicht hat. Die Verfügung vom 1. September 2017 ist deshalb spä-
testens im November 2017 in formelle Rechtskraft erwachsen, weshalb die
Vorinstanz zu Recht nicht auf die Einsprache vom 11. September 2018
(resp. 25. Oktober 2018) eingetreten ist. Zur Frage der Verspätung der Be-
schwerde hat sich der Beschwerdeführer vor Bundesverwaltungsgericht
nicht geäussert. Die Beschwerde erweist sich somit als offensichtlich un-
begründet und ist deshalb im einzelrichterlichen Verfahren nach Art. 23
C-875/2019
Seite 7
Abs. 2 VGG i.V.m. Art. 85bis Abs. 3 AHVG abzuweisen. Auf die geltend ge-
machten Ansprüche in materieller Hinsicht (Anspruch auf eine Kinderrente
gestützt auf das AHVG) kann bei diesem Ausgang des Verfahrens nicht
eingegangen werden.
4.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und eine allfällige Parteient-
schädigung.
4.1 Das Beschwerdeverfahren ist für die Parteien kostenlos (Art. 85bis
Abs. 2 AHVG), sodass keine Verfahrenskosten zu erheben sind.
4.2 Weder die obsiegende Vorinstanz noch der unterliegende Beschwer-
deführer haben einen Anspruch auf Parteientschädigung (Art. 7 Abs. 1 und
3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädi-
gungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2] und
Art. 64 Abs. 1 VwVG e contrario).
(Dispositiv: siehe nächste Seite)
C-875/2019
Seite 8