Decision ID: a250c090-9c11-468f-b9e5-ee6b45c7461e
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. X.Y. (geb. 1955 als K.Y.; weiblich seit 13. Mai 2013) ist geschieden, wohnt in Q., hat
zwei Söhne (A., geb. 1987, und B., geb. 1990) und eine Tochter (C., geb. 1994). Im
Steuerjahr 2013 arbeitete sie in einem Teilzeitpensum; ausserdem erhielt sie eine IV-
Rente sowie eine Rente aus der beruflichen Vorsorge. Des Weiteren wurden im
gleichen Jahr IV-Zusatzrenten für die zwei jüngeren Kinder für vorausgegangene Jahre
in der Höhe von insgesamt CHF 32‘223 zuzüglich Zins direkt an die ehemalige Ehefrau
von X.Y. ausbezahlt. Sodann floss ebenfalls im gleichen Jahr eine Kinderrente der
beruflichen Vorsorge der Steuerpflichtigen in der Höhe von CHF 6‘672 an B.
B. Die Steuerbehörde veranlagte X.Y. für die Kantons- und Gemeindesteuern 2013 mit
einem steuerbaren Einkommen von CHF 79‘200 (satzbestimmend CHF 68‘600), ohne
steuerbares Vermögen, und für die direkte Bundessteuer 2013 mit einem steuerbaren
Einkommen von CHF 79‘000 (satzbestimmend CHF 68‘400). Mit Entscheiden vom
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
27. August 2015 wies das kantonale Steueramt die gegen die Veranlagungen
erhobenen Einsprachen ab. Dagegen erhob X.Y. Rekurs und Beschwerde bei der
Verwaltungsrekurskommission, welche mit Entscheid vom 19. April 2016 den Rekurs
guthiess, den Einspracheentscheid vom 27. August 2015 aufhob und die
Angelegenheit zur weiteren Abklärung des Sachverhalts und zur neuen Entscheidung
an das kantonale Steueramt zurückwies (Ziffer 1 des Rechtsspruchs). Die Beschwerde
wurde dagegen abgewiesen (Ziffer 2 des Rechtsspruchs).
C. Das kantonale Steueramt (Beschwerdeführer) erhob gegen den Entscheid der
Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) vom 13. April 2016 mit Eingabe vom
24. Mai 2016 und Ergänzung vom 27. Juni 2016 Beschwerde beim Verwaltungsgericht
mit dem Rechtsbegehren, Dispositiv Ziffer 1 des angefochtenen Entscheids sei
aufzuheben und der Einspracheentscheid vom 27. August 2015 betreffend Kantons-
und Gemeindesteuern 2013 zu bestätigen (act. 1). Mit Vernehmlassung vom 29. Juni
2016 schloss die Vorinstanz auf Abweisung der Beschwerde und verwies zur

Begründung auf die Erwägungen im angefochtenen Entscheid (act. 8). Am 23. August
2016 nahm X.Y. (Beschwerdegegnerin) Stellung zum Verfahren und beantragte
sinngemäss die Abweisung der Beschwerde (act. 12).
Auf die weiteren Ausführungen der Verfahrensbeteiligten und die Akten wird, soweit
wesentlichen, in den Erwägungen eingegangen.
Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...).
2.
2.1. Gemäss Art. 35 Abs. 1 StG sind alle Einkünfte aus der Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung, aus Einrichtungen der beruflichen Vorsorge und aus
anerkannten Formen der gebundenen Selbstvorsorge, mit Einschluss der
Kapitalabfindungen und Rückzahlungen von Einlagen, Prämien und Beiträgen
steuerbar. IV-Renten müssen von denjenigen Personen deklariert werden, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unmittelbar berechtigt sind. Deshalb muss der IV-Rentenbezüger, der auch auf eine
Zusatz-Kinderrente Anrecht hat, diese selbst deklarieren, auch wenn er sie für ein
erwachsenes Kind erhält oder die Bezüge dem Kind überlässt (Richner/Frei/Kaufmann/
Meuter, Handkommentar zum DBG, 3. Aufl. 2016, N 28 zu Art. 22 DBG, welcher mit
Art. 35 Abs. 1 StG übereinstimmt; vgl. auch BGer 2C_164/2007 vom 17. Oktober 2007
E. 2.3 und 2.5 mit Hinweis auf 2A.536/2001 vom 29. Mai 2002 E. 3.1).
2.2. Die Vorinstanz hat in Anwendung der genannten Gesetzesbestimmung erkannt,
der Beschwerdeführer habe der Beschwerdegegnerin als Stammrentnerin die IV-
Zusatzrenten sowie die Kinderrenten der beruflichen Vorsorge gemäss Art. 35 Abs. 1
StG zu Recht als Einkommen aufgerechnet. Weiter könne der Beschwerdegegnerin für
die als Einkommen angerechneten Kinderrenten kein Abzug gewährt werden. Es kann
daher auf die entsprechenden Erwägungen im angefochtenen Entscheid (act. 2 E. 3
und 4) verwiesen werden. Die Vorinstanz hob den Einspracheentscheid vom 27. August
2015 betreffend Kantons- und Gemeindesteuern 2013 jedoch wegen Verletzung des
Grundsatzes der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auf und
wies die Angelegenheit zur weiteren Abklärung des Sachverhalts und zur neuen
Entscheidung an die Beschwerdeführerin zurück.
Der Beschwerdeführer bringt dagegen vor, die vorgenommene Besteuerung halte den
verfassungsmässigen Grundsätzen und namentlich dem Leistungsfähigkeitsprinzip
stand. Zwischen den Verfahrensbeteiligten ist folglich einzig strittig, ob der Eingriff in
die finanziellen Verhältnisse der Beschwerdegegnerin im Steuerjahr 2013 noch mit dem
Grundsatz der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit vereinbar
beziehungsweise in welchem Zeitpunkt und Verfahren dieser Aspekt zu
berücksichtigen ist.
Die Beschwerdegegnerin macht im Wesentlichen geltend, das Gesetz sei ungerecht.
Es treibe IV-Rentner, welche bereits wenig Geld hätten, in die grosse Armut und unter
das Existenzminimum. Sie müsse Steuern für Geld bezahlen, das sie nie gesehen habe,
und zwar zu einem sehr hohen Steuersatz. Die Ex-Frau, welche keine IV-Rente beziehe,
erhalte die Kinderrenten und die entsprechenden Nachzahlungen.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.3. Nach Art. 190 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft
(SR 101, BV) sind Bundesgesetze und Völkerrecht für das Bundesgericht und die
anderen rechtsanwendenden Behörden – und damit auch für kantonale Gerichte (vgl.
Hangartner/Looser, in: Vallender/Wiederkehr [Hrsg.], Die schweizerische
Bundesverfassung, St. Galler Kommentar, 3. Aufl. 2014, N 13 zu Art. 190 BV) –
massgebend. Damit kann Bundesgesetzen weder im Rahmen der abstrakten noch der
konkreten Normenkontrolle die Anwendung versagt werden. Zwar handelt es sich
dabei um ein Anwendungsgebot und kein Prüfungsverbot, und es kann sich
rechtfertigen, vorfrageweise die Verfassungswidrigkeit eines Bundesgesetzes zu
prüfen. Wird eine solche festgestellt, muss das Gesetz aber angewandt werden, und
das Gericht kann lediglich gegebenenfalls den Gesetzgeber einladen, die fragliche
Bestimmung zu ändern (vgl. Urteil des Bundesgerichts [BGer] 2C_245/2010 vom
25. Januar 2011 E. 2.3).
2.4. Gemäss Art. 127 Abs. 2 BV ist unter anderem der Grundsatz der Besteuerung
nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu beachten, soweit es die Art der Steuer
zulässt. Dieser Grundsatz gebietet, dass die Steuerpflichtigen nach Massgabe der
ihnen zustehenden Mittel gleichmässig belastet werden und sich die Steuerbelastung
nach den den Steuerpflichtigen zur Verfügung stehenden Wirtschaftsgütern und den
persönlichen Verhältnissen richten muss (vgl. Vallender/Wiederkehr, Die
schweizerische Bundesverfassung, St. Galler Kommentar, 3. Aufl. 2014, N 23 zu
Art. 127 BV). Dem Leistungsfähigkeitsprinzip lässt sich unmittelbar entnehmen, dass
Personen und Personengruppen gleicher Einkommensschicht gleich viel Steuern zu
bezahlen haben (sog. horizontale Steuergerechtigkeit). Personen mit verschieden
hohen Einkommen sind unterschiedlich zu belasten (BGer 2C_1145 und 1146/2013
vom 20. September 2014 E. 5.2). Aus demokratischer Sicht obliegt es dem
Steuergesetzgeber (Art. 127 Abs. 1 BV), das Steuersystem zu gestalten, bei
Wertkonflikten zu entscheiden und Besteuerungsgrundsätze so zu konkretisieren, dass
das Abgaberecht die Kriterien der Klarheit, Berechenbarkeit und Sicherheit erfüllt.
Unter diesem Blickwinkel ist der vertikale Vergleich – das heisst der Vergleich zwischen
Steuerpflichtigen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit – schwieriger
als der horizontale Vergleich. Dennoch verlangt das Prinzip der Besteuerung nach der
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auch im horizontalen Verhältnis keine absolut
gleiche Besteuerung, da auch hier die Vergleichbarkeit beschränkt ist. Bei der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Überprüfung muss sich das Gericht daher eine gewisse Zurückhaltung auferlegen, da
es sonst Gefahr läuft, neue Ungleichheiten zu schaffen, wenn es im Hinblick auf zwei
Kategorien von Steuerpflichtigen Gleichheit erzielen will. Das Gericht darf nicht
leichtfertig von den vom Gesetzgeber erlassenen gesetzlichen Vorschriften abweichen
(BGE 140 II 157 E. 7.3, in: Pra 2014 Nr. 84).
2.5. Die Vorinstanz sieht den Grundsatz der Besteuerung nach der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit als verletzt mit der Begründung, die Beschwerdegegnerin habe im
Steuerjahr 2013 insgesamt ein Einkommen von CHF 62‘800 (Beträge jeweils gerundet)
erzielt; die Kinderrenten seien ihr effektiv nicht zur Verfügung gestanden. Zudem habe
sie im Jahr 2013 total CHF 15‘000 Unterhaltsbeiträge an die geschiedene Ehefrau
bezahlt. Damit habe sie noch über einen Betrag von CHF 47‘800 zur eigenen
Verwendung verfügt. Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte
Steuerbelastung entspreche einem Anteil von 30 Prozent. Die Existenzsicherung der
Beschwerdegegnerin mit den ihr verbleibenden Einkünften von CHF 32‘800 (nach
Abzug der Steuern) wäre damit gefährdet. Die ausserordentlich hohe Steuerbelastung
im Jahr 2013 sei im Wesentlichen auf die Nachzahlungen der IV-Kinderrenten für
vorausgehende Jahre zurückzuführen, weshalb es sich um eine einmalige Situation
handeln dürfte. Dennoch stelle sich die Frage, ob der Eingriff in die finanziellen
Verhältnisse der Beschwerdegegnerin noch mit dem Grundsatz der Besteuerung nach
der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit vereinbar sei und ob die Beschwerdegegnerin
überhaupt in der Lage sei, die Steuern für das Jahr 2013 zu bezahlen.
2.5.1. Gemäss Art. 129 Abs. 1 BV legt der Bund Grundsätze fest über die
Harmonisierung der direkten Steuern von Bund, Kantonen und Gemeinden; er
berücksichtigt die Harmonisierungsbestrebungen der Kantone. Die Harmonisierung
erstreckt sich auf Steuerpflicht, Gegenstand und zeitliche Bemessung der Steuern,
Verfahrensrecht und Steuerstrafrecht. Von der Harmonisierung ausgenommen bleiben
insbesondere die Steuertarife, Steuersätze und Steuerfreibeträge (Art. 129 Abs. 2 BV).
Aufgrund der zwingenden Vorgaben des Bundesrechts – konkret aus den Regelungen
des Bundesgesetzes über die Harmonisierung der direkten Steuern der Kantone und
Gemeinden (SR 642.14, Steuerharmonisierungsgesetzes, StHG) – ergibt sich, dass
Leistungen aus Vorsorgeeinrichtungen, worunter auch Invalidenrenten aus der ersten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(IVG) und der zweiten Säule (BVG) fallen, grundsätzlich vollumfänglich steuerbar sind
(Art. 7 Abs. 1 StHG). Der in Art. 7 Abs. 4 StHG enthaltene Katalog der steuerfreien
Einkünfte ist abschliessend und wurde vom Kanton St. Gallen entsprechend in Art. 37
StG übernommen. Harmonisierungsrechtlich wäre es den kantonalen Gesetzgebern
daher untersagt, weitere Einkünfte als nicht steuerbar zu erklären (BGer 2C_245/2010
vom 25. Januar 2011 E. 2.5.1). Da sich diese Bestimmungen aus einem Bundesgesetz
ergeben, hat sie das Verwaltungsgericht gestützt auf Art. 190 BV anzuwenden. Unter
dem Aspekt der Besteuerung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit ist es zweifellos
richtig, dass die Versicherungsleistungen nicht von der Besteuerung ausgenommen
sind. Im Übrigen hat das Bundesgericht, soweit ersichtlich, dieses System in seiner
bisherigen Rechtsprechung nie in Frage gestellt (vgl. BGer 2C_164/2007 vom
17. Oktober 2007; 2A.536/2001 vom 29. Mai 2002).
2.5.2. Soweit die Vorinstanz im angefochtenen Entscheid ausführt, der
Beschwerdegegnerin hätten die Kinderrenten effektiv nicht zur Verfügung gestanden,
ist folgendes festzuhalten: Gemäss Art. 9 Abs. 1 StHG werden von den gesamten
steuerbaren Einkünften die zu ihrer Erzielung notwendigen Aufwendungen und die
allgemeinen Abzüge abgerechnet. Die allgemeinen Abzüge sind in Art. 9 Abs. 2 StHG
abschliessend geregelt. Der Empfänger einer IV-Rente, welcher ein Anrecht auf eine
Kinderrente hat, muss diese Rente ebenfalls deklarieren, selbst wenn er sie für ein
volljähriges Kind erhält, und zwar auch dann, wenn die Kinderrente direkt dem Kind
ausbezahlt wird (vgl. BGer 2C_164/2007 vom 17. Oktober 2007 E. 2.3 und 2.5). Solche
Direktzahlungen an die Kinder stellen keine Gewinnungskosten im Sinne von Art. 9
Abs. 1 StHG dar und fallen zudem nicht unter die abschliessend geregelten Abzüge
nach Art. 9 Abs. 2 StHG. Sie können daher – wie von der Vorinstanz zu Recht
festgestellt – nicht unter diesem Titel berücksichtigt werden. Es kann auf die
zutreffenden Ausführungen der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid verwiesen
werden (vgl. act. 2 E. 3 und 4). Die Bestimmungen des kantonalen Steuergesetzes,
welche die zulässigen Abzüge regeln, halten sich an die vom
Steuerharmonisierungsgesetz vorgegebene Regelung. Daraus ergibt sich die
harmonisierungsrechtlich zwingende Vorgabe, dass der Steuerberechnung der
Gesamtbetrag der Leistungen der Sozialversicherungen zugrunde gelegt werden muss.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.6. Dem kantonalen Gesetzgeber steht in der Konkretisierung der Steuertarife,
Steuersätze und Steuerfreibeträge eine erhebliche Freiheit zu. Bei der Ausgestaltung
eines Steuersystems sind politische Wertungen erforderlich, unterschiedliche sozial-
und finanzpolitische Ansichten möglich und zulässig. Ein genereller, einheitlich
festgelegter Abzug für das Existenzminimum könnte seinerseits ebenfalls mit dem
Grundsatz der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit in Konflikt
treten. So könnte in manchen Fällen, zum Beispiel bei Steuerpflichtigen mit stark
schwankendem Einkommen, mit grossem Vermögen und relativ geringem Einkommen
oder mit erheblichen steuerfreien Vermögenszugängen (etwa aus Vermögensgewinnen
auf Privatvermögen) eine solche Befreiung dazu führen, dass Einkommensbestandteile
steuerbefreit würden, obwohl wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gegeben wäre.
Verfassungsrechtlich kann einzig verlangt werden, dass niemand durch eine staatliche
Abgabeforderung effektiv in seinem Recht auf Existenzsicherung verletzt wird. Es ist
dem Gesetzgeber überlassen, auf welche Weise er dieser Vorgabe genügen will. Er
kann dies generell durch die Festlegung des Steuertarifs oder von Steuerfreibeträgen
und Abzügen erreichen, oder im Einzelfall mittels Gewährung von Steuererlass in Fällen
von Bedürftigkeit. Schliesslich wird in der Regel die Sicherung des
existenznotwendigen Bedarfs bereits durch das Betreibungsrecht erfüllt, denn auch für
staatliche Steuerforderungen gilt die Pfändungsbeschränkung gemäss Art. 93 SchKG.
Wenn der Steuerpflichtige die veranlagte Steuer infolge Bedürftigkeit nicht bezahlt und
deswegen vom Staat betrieben wird, schützt ihn das Betreibungsrecht davor, dass
zugunsten der staatlichen Steuerforderung in seinen Notbedarf eingegriffen wird. Damit
ist dem Verfassungsrecht Genüge getan, indem der Pflichtige im Ergebnis die
Steuerforderung nicht begleichen muss, soweit er dadurch diejenigen Mittel angreifen
müsste, die zur Existenzsicherung unabdingbar sind (vgl. BGE 122 I 101 E. 3). Das
Bundesgericht führte im zitierten Bundesgerichtsentscheid zusammenfassend aus, das
st. gallische System mit dem Zusammenspiel von ganz oder teilweise steuerfreien
Einkünften, Abzügen und Freibeträgen erlaube, eine Besteuerung nach den im
Einzelfall gegebenen wirtschaftlichen Verhältnissen vorzunehmen, was
verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden sei. Dass andere gesetzliche Lösungen
auch denkbar wären, mache die vom st. gallischen Gesetzgeber getroffene Regelung
nicht verfassungswidrig, solange im Einzelfall im Ergebnis nicht in den
existenznotwendigen Bedarf eingegriffen werde (vgl. BGE 122 I 101 E. 3).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gemäss Art. 224 Abs. 1 StG kann Steuerpflichtigen, die in Not geraten sind oder für
welche die Bezahlung der Steuern, der Zinsen, der Bussen oder der Kosten eine
grosse Härte bedeutet, der geschuldete Betrag gestundet oder teilweise erlassen
werden. Schliesslich sieht Art. 93 SchKG vor, dass die zur Bestreitung des
Lebensunterhalts unumgänglich notwendigen Einkommensbestandteile nicht
gepfändet werden können. Sollte demnach ein Anspruch auf Steuerbefreiung im
Umfang des Existenzminimums nicht bereits im Steuerveranlagungs-, Bezugs- oder
Erlassverfahren angenommen werden, stünde der Beschwerdegegnerin die Möglichkeit
offen, sich im Betreibungsverfahren gegen den Eingriff ins Existenzminimum zu
wehren. Dass diese verschiedenen Rechtsbehelfe für die Beschwerdegegnerin aus
Sicht eines juristischen Laien allenfalls schwer verständlich erscheinen, ist durchaus
nachvollziehbar; dieser Umstand lässt jedoch nicht zu, dass das Gericht „Gnade vor
Recht“ walten lassen kann.
2.7. Zusammenfassend ergibt sich, dass Ziffer 1 des angefochtenen Entscheids der
Verwaltungsrekurskommission aufzuheben und der Einspracheentscheid betreffend
Kantons- und Gemeindesteuern 2013 zu bestätigen ist.
In ihrer Stellungnahme vom 23. August 2016 führte die Beschwerdegegnerin aus, sie
sei unsicher, ob sie ein Erlassgesuch starten müsse. Weiter weist sie darauf hin, am
25. Januar und 19. April 2016 ein Stundungsgesuch gestellt zu haben (vgl. act. 12 S. 6
letzter Absatz). Aufgrund des hängigen Beschwerdeverfahrens war es dem
Beschwerdeführer nicht möglich, die entsprechenden Gesuche – das mit der
Stellungnahme vom 23. August 2016 eingereichte Formular ist als Erlassgesuch
entgegenzunehmen – zu behandeln. Der Beschwerdeführer wird sich nunmehr (nach
Eintritt der Rechtskraft) unverzüglich mit der Behandlung der Erlass- und
Stundungsgesuche auseinandersetzen müssen.
3. Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten des
Beschwerdeverfahrens der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen (Art. 95 Abs. 1 VRP).
Eine Entscheidgebühr für das Beschwerdeverfahren von CHF 1‘000 erscheint
angemessen (Art. 7 Abs. 1 Ingress und Ziff. 222 der Gerichtskostenverordnung, sGS
941.12). Auf die Erhebung der Kosten ist indes aufgrund der speziellen Umstände des
Falles zu verzichten (Art. 97 VRP).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bei Gutheissung eines Rechtsmittels ist zugleich von Amtes wegen über die amtlichen
Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens zu entscheiden. In der Regel erfolgt die
entsprechende Kostenverlegung in Bezug auf die Beteiligten und deren Anteile analog
dem Rechtsmittelentscheid (R. Hirt, Die Regelung der Kosten nach st. gallischem
Verwaltungsrechtspflegegesetz, Diss. St. Gallen 2004, S. 103). Die amtlichen Kosten
für das Rekursverfahren vor der Vorinstanz von CHF 600 sind somit ebenfalls
vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Auf die Erhebung der Kosten ist
zu verzichten (Art. 97 VRP).