Decision ID: cb356ca5-65b3-4506-ac5d-15ef16c29bfc
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 26.11.2012 Art. 43 Abs. 1 ATSG. Abklärungspflicht, Untersuchungsgrundsatz. Die rechtliche Würdigung eines Sachverhalts setzt voraus, dass dieser rechtsgenüglich bzw. zuverlässig erhoben wurde (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 26. November 2012, IV 2010/418).
Entscheid Versicherungsgericht, 26.11.2012
Versicherungsrichter Joachim Huber (Vorsitz), Versicherungsrichterinnen Monika
Gehrer-Hug und Marie Löhrer; Gerichtsschreiber Tobias Bolt
Entscheid vom 26. November 2012
in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Markus Heer, Degersheimerstrasse 6,
Postfach 354, 9230 Flawil,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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IV-Leistungen
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 21. März 2009 aufgrund hohen Blutdrucks, Übergewichts,
Wassereinlagerungen, Gelenkschmerzen, chronischer Kopfschmerzen, Depressionen
und einer seit 1998 bestehenden Gesichtslähmung zum Bezug einer Rente der
Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 7).
A.b Am 12. Mai 2009 erstattete Dr. med. B._, Fachärztin FMH für Psychiatrie und
Psychotherapie, einen Arztbericht. Sie diagnostizierte eine mittelgradige depressive
Episode und eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung, attestierte aber keine
Arbeitsunfähigkeit, da die Versicherte stets Hausfrau gewesen sei und deshalb zur
Quantifizierung der Beeinträchtigungen eine Haushaltsabklärung erforderlich sei (IV-
act. 13).
A.c Am 4. Juni 2009 erstattete Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeine Innere
Medizin, einen Arztbericht. Er diagnostizierte eine depressive Entwicklung, eine
Adipositas sowie chronische rezidivierende Verspannungszustände in der Schulter und
im Nacken mit Cephalea, wobei bezüglich der körperlichen Beschwerden keine klinisch
fassbare Pathologie vorliege, abgesehen von der Adipositas und dem hohen Blutdruck.
Auch Dr. C._ gab unter Hinweis auf die Tätigkeit im Haushalt keine Arbeitsfähigkeits
schätzung ab (IV-act. 15).
A.d Am 11. August 2009 füllte die Versicherte einen Fragebogen zur Abklärung der
Verhältnisse betreffend Erwerbstätigkeit und Haushalt aus. Darin gab sie unter
anderem an, dass sie ohne Behinderung bis zu 80 % erwerbstätig wäre (IV-act. 21).
A.e Am 10. September 2009 erfolgte eine Abklärung im Haushalt der Versicherten. Im
Bericht wurde unter anderem festgehalten, dass die Versicherte angegeben habe, sie
wäre ohne Behinderung zu 50 % erwerbstätig (IV-act. 23–1 ff.). Die Abklärungsbe
auftragte hielt in ihrer Stellungnahme vom 19. Oktober 2009 sodann fest, es sei zum
Vorschein gekommen, dass aufgrund der „anderen Kulturzugehörigkeit“ die Mithilfe der
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Kinder im Haushalt als etwas Selbstverständliches angesehen werde und die Kinder
entsprechend auch in der Pflicht wären, den Haushalt grösstenteils selber zu führen,
wenn die Versicherte gesund wäre. Die Tochter der Versicherten habe denn auch be
stätigt, dass die Versicherte eigentlich alles im Haushalt erledigen könne, aber
aufgrund der vielen im selben Haushalt wohnenden Kinder dies nicht tun müsse (IV-
act. 23–10).
A.f Am 14. Januar 2010 fand ein Assessmentgespräch zwischen einer
Eingliederungsberaterin der IV-Stelle und der Versicherten statt. Im Bericht wurde unter
anderem festgehalten, die Tochter der Versicherten habe angegeben, die Mithilfe der
Kinder im Haushalt sei nicht kulturell bedingt, und sie seien ja alle selbst erwerbstätig
oder in der Schule und froh, wenn sie nicht auch noch den Haushalt erledigen
müssten. Die Versicherte habe angegeben, sich nicht arbeitsfähig zu fühlen, sie habe
auf die Eingliederungsberaterin auch unmotiviert und desinteressiert gewirkt. Die
Versicherte und ihre Tochter hätten zudem angegeben, im Rahmen der Abklärung im
Haushalt bezüglich Arbeitspensum ohne Behinderung einfach einen Prozentsatz
angegeben zu haben (IV-act. 31).
A.g Am 9. März 2010 teilte die IV-Stelle mit, dass die Voraussetzungen für berufliche
Eingliederungsmassnahmen nicht erfüllt seien. Weil sich die Versicherte nicht arbeits
fähig fühle, seien weder die Voraussetzungen für Arbeitsvermittlung noch die realis
tische Vermittelbarkeit gegeben (IV-act. 33).
A.h Am 9. April 2010 ging der IV-Stelle in Beantwortung ihrer Anfrage vom 8. März
2010 ein Schreiben der Versicherten zu, worin sie angab, dass sie ohne Behinderung
zu 50–80 % erwerbstätig wäre (IV-act. 36).
A.i Am 24. Juni 2010 erstattete Dr. B._ einen Verlaufsbericht. Der Gesundheits
zustand sei stationär. Aufgrund des seit vielen Jahren chronifizierten, progredient zu
nehmenden Schmerzsyndroms sei keine Besserung der affektiven Lage eingetreten.
Die depressive Begleitsymptomatik resultiere aus den chronischen Schmerzen. Eine
Beurteilung bezüglich Arbeitsfähigkeit falle schwer, da die Versicherte nie gearbeitet
habe. Die so genannten Foerster’schen Kriterien seien nicht alle erfüllt (IV-act. 40).
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A.j Nachdem Dr. med. D._, Facharzt FMH für Physikalische Medizin und
Rehabilitation, Rheumatologie sowie Allgemeine Innere Medizin, vom IV-internen regio
nalen ärztlichen Dienst (RAD) am 9. Juli 2010 ausgeführt hatte, aufgrund der gängigen
Rechtsprechung sei von 100%iger Arbeitsfähigkeit auszugehen (IV-act. 41), teilte die
IV-Stelle am 20. Juli 2010 mit, dass die Abweisung des Rentengesuchs vorgesehen sei
(IV-act. 45).
A.k Dagegen liess die nun rechtlich vertretene Versicherte am 14. September 2010
Einwand erheben. Sie sei als zu 80 % Erwerbstätige zu qualifizieren; zudem seien die
getätigten medizinischen Abklärungen ungenügend (IV-act. 49).
A.l Am 27. September 2010 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid vom 20. Juli
2010. Die Qualifikation sei nicht zu beanstanden; die getätigten medizinischen Ab
klärungen seien ausreichend (IV-act. 51).
B.
B.a Dagegen richtet sich die am 28. Oktober 2010 erhobene Beschwerde, mit der die
Zusprache mindestens einer halben Rente, eventualiter weitere medizinische Ab
klärungen und subeventualiter die Gewährung beruflicher Massnahmen beantragt
und zur Begründung im Wesentlichen ausgeführt wird, die Beschwerdegegnerin sei
der gesetzlichen Abklärungspflicht nur unvollständig nachgekommen und stütze
sich einseitig auf unvollständige Haushaltsabklärungen, ohne die erwerblichen Ein
schränkungen auch nur im Ansatz mit zu berücksichtigen (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde, soweit darauf
einzutreten sei. In ihrer Beschwerdeantwort vom 13. Dezember 2010 führte sie zur
Begründung aus, die angefochtene Verfügung habe einzig den Rentenanspruch zum
Gegenstand, weshalb auf den Antrag betreffend berufliche Massnahmen nicht einzu
treten sei. Somatische Abklärungen seien nicht notwendig, da zwischen den ent
sprechenden Berichten Übereinstimmung bestehe; in psychiatrischer Hinsicht liege ein
pathogenetisch bzw. ätiologisch unklarer syndromaler Zustand ohne Komorbidität vor,
weshalb diesbezüglich ohne weitere Abklärungen eine Beeinträchtigung der Arbeits
fähigkeit zu verneinen sei; die Qualifikation bzw. die Frage, in welchem Ausmass die
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Beschwerdeführerin als Erwerbstätige zu qualifizieren sei, spiele angesichts dessen
keine entscheidende Rolle (act. G 4).
B.c Mit Replik vom 8. Februar 2011 liess die Beschwerdeführerin an ihren mit Be
schwerde vom 28. Oktober 2010 gestellten Anträgen festhalten. Bezüglich des Antrags
auf berufliche Massnahmen wies sie darauf hin, dass darüber hätte verfügt werden
müssen; eine blosse Mitteilung sei nicht zulässig gewesen (act. G 8).
B.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 10).

Erwägungen:
1.
1.1 Sowohl, was den Grad der gesundheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit bzw. der
gesundheitsbedingten Unfähigkeit, im Haushalt tätig zu sein, als auch, was die Ge
wichtung von Erwerbs- und Aufgabenbereich betrifft, fehlt es an hinreichend zuver
lässigen bzw. genauen Angaben in den Akten. Abgesehen vom RAD-Arzt Dr. D._ hat
sich keiner der befragten Ärzte zur Arbeitsunfähigkeit geäussert, und auch Dr. D._
hat nicht eine eigentliche medizinische Arbeitsfähigkeitsschätzung abgegeben, sondern
in allgemeiner Weise darauf hingewiesen, dass rechtsprechungsgemäss angesichts
des ausgewiesenen Beschwerdebildes wohl von 100%iger Arbeitsfähigkeit
auszugehen sei. Es liegt weder eine medizinisch fundierte Schätzung der
Arbeitsfähigkeit noch eine solche der Fähigkeit, im Aufgabenbereich tätig zu sein, im
Recht. Obwohl die behandelnde Psychiaterin Dr. B._ darauf hingewiesen hat, dass
eine vertiefte Abklärung notwendig sei, um den Arbeitsunfähigkeitsgrad zuverlässig
schätzen zu können, hat die Beschwerdegegnerin keine entsprechenden Abklärungen
getätigt. Bezüglich Aufgabenbereich hat sie auf die Einschätzung der
Abklärungsbeauftragten abgestellt, wonach unter Berücksichtigung der zumutbaren
Schadenminderungspflicht der Familienangehörigen eine relevante Beeinträchtigung zu
verneinen sei. Ihrer Feststellung, die Tochter der Beschwerdeführerin hätte anlässlich
der Abklärung ausgesagt, die Kinder müssten selbst dann weitgehend die anfallenden
Haushaltsarbeiten verrichten, wenn die Beschwerdeführerin gesund wäre, wurde in der
Folge vehement widersprochen (vgl. IV-act. 31). Ob und inwiefern sich dieser
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Widerspruch auf die Arbeitsfähigkeit im Haushalt sowie auf die Zuverlässigkeit des
Abklärungsberichts im Allgemeinen auswirkt, hat die Beschwerdegegnerin nicht
überprüft. Was schliesslich die Gewichtung von Erwerbs- und Aufgabenbereich betrifft,
so lässt sich den Akten ohne Weiteres entnehmen, dass die Beschwerdeführerin mit
der Beantwortung dieser Frage offensichtlich überfordert war. Im Fragebogen gab sie
an, sie wäre bis zu 80 % erwerbstätig, im Rahmen der Haushaltsabklärung angeblich,
sie wäre zu 50 % erwerbstätig, im Rahmen des Assessmentgesprächs vermengte sie
die Qualifikation mit der aktuellen Arbeitsfähigkeit, was offenbar selbst der
Eingliederungsberaterin nicht aufgefallen ist, später gab sie dann an, sie wäre zu 50–
80 % erwerbsfähig. Da im Abklärungsbericht weder die genaue Frage noch die genaue
Antwort protokolliert sind, liegt entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin keine
„Aussage der ersten Stunde“ im Recht. Wenn überhaupt, müsste die Angabe im
Fragebogen zur Haushaltsabklärung als „Aussage der ersten Stunde“ qualifiziert
werden, wobei aber auch diesbezüglich nicht ohne Weiteres davon ausgegangen
werden kann, die Beschwerdeführerin habe die Frage richtig verstanden und korrekt
beantwortet.
1.2 Die Beschwerdegegnerin hat diese Unsicherheiten nicht beseitigt, weil sie davon
ausging, ein Rentenanspruch sei gesamthaft klar nicht ausgewiesen. Sinngemäss ver
trat sie insbesondere in ihrer Beschwerdeantwort diesen Standpunkt. Wenn auch diese
Argumentation teilweise nachvollzogen werden kann, geht sie doch fehl. Die rechtliche
Würdigung setzt einen hinreichend abgeklärten Sachverhalt voraus; die relevanten
Tatsachen müssen erhoben worden sein, denn auf diese stützt sich die rechtliche
Würdigung. Bevor über den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin befunden werden
kann, muss mit hinreichender Sicherheit abgeklärt worden sein, an welchen Gesund
heitsbeeinträchtigungen sie leidet und inwiefern diese sowohl ihre Arbeitsfähigkeit als
auch ihre Fähigkeit, im Haushalt tätig zu sein, beeinträchtigen. Hierfür ist ein medi
zinisches Gutachten in Auftrag zu geben. Diese Abklärungen hat die Beschwerde
gegnerin zu veranlassen, da sie es rechtswidrigerweise unterliess, dieselben vor Erlass
der angefochtenen Verfügung zu tätigen, und es nicht Sache des
Versicherungsgerichts ist, versäumte Abklärungsmassnahmen der IV-Stelle
nachzuholen.
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1.3 Ob sich im Zusammenhang mit der Anspruchsberechtigung der Beschwerde
führerin auch Fragen zum Status und zu beruflichen Massnahmen stellen, wird nach
Vorliegen der medizinischen Abklärungsergebnisse ebenfalls durch die Beschwerde
gegnerin zu beantworten sein. Im Rahmen des hier zu beurteilenden Beschwerde
verfahrens erübrigt es sich jedenfalls, zu entsprechenden Ausführungen Stellung zu
nehmen.
2.
In diesem Sinne ist die angefochtene Verfügung in teilweiser Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben und die Angelegenheit an die Beschwerdegegnerin zur
Durchführung weiterer Abklärungen im Sinne der Erwägungen und anschliessender
Neuverfügung zurückzuweisen. Die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und
angesichts des durchschnittlichen Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichts
kosten hat die Beschwerdegegnerin zu bezahlen, da die Rückweisung zu weiteren Ab
klärungen rechtsprechungsgemäss hinsichtlich Kosten- und Entschädigungsfolgen als
vollständiges Obsiegen der Beschwerde führenden Partei zu qualifizieren ist. Der
Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe
zurückerstattet. Schliesslich hat die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin mit
Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP