Decision ID: 57748ba4-332c-56f7-9787-8a736150c16c
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ersuchte am 12. Juni 2020 in der Schweiz um Asyl.
Ein Abgleich seiner Fingerabdrücke mit der Eurodac-Datenbank ergab,
dass er am 19. September 2016 in Ungarn, am 19. Januar 2017 in Öster-
reich und am 1. Februar 2017 in Deutschland ein Asylgesuch gestellt hatte.
B.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 24. Juni 2020 das rechtli-
che Gehör zu einem allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglich-
keit zur Überstellung nach Deutschland, dessen Zuständigkeit für die Be-
handlung des Asylgesuchs grundsätzlich in Frage komme. Der Beschwer-
deführer erklärte, er sei im August 2017 in Deutschland Opfer eines Über-
griffes durch drei drogenabhängige Personen geworden, wobei diese ver-
sucht hätten, ihn zu töten. Im November 2017 habe er Deutschland verlas-
sen und sich danach in Belgien und Frankreich aufgehalten. Er sei in die
Schweiz gekommen, um sich Metallteile, welche von der Operation nach
dem Übergriff in Deutschland stammen würden, entfernen zu lassen. So-
bald diese Metallteile entfernt seien, würde er mit finanzieller Unterstützung
in sein Heimatland ausreisen. Nach Deutschland würde er nicht zurück-
kehren, da er Albträume aufgrund der dortigen Erlebnisse habe. In Bezug
auf seinen Gesundheitszustand gab er an, er leide an psychischen Prob-
lemen. Sein linker Unterarm sei geschwollen. Weil sein Kiefer gebrochen
gewesen sei, habe er eine Zahnprothese mit vier Schrauben. Er habe
Probleme wegen des Metalls in seinem Körper und immer noch Schmer-
zen vom Angriff, weshalb er Pregabalin und Schmerzmittel nehmen würde.
Er mache sich Sorgen, dass das Metall eine Infektion auslösen könnte.
C.
Die deutschen Behörden hiessen das Gesuch des SEM vom 26. Juni 2020
um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. d der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
am 1. Juli 2020 gut.
D.
Gemäss Arztbericht vom 1. Juli 2020 (vgl. SEM act. 22/3) wurde beim Be-
schwerdeführer ein Status nach einer Fraktur des linken Unterschenkels,
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einschliesslich des oberen Sprunggelenks und des linken Unterarms diag-
nostiziert. Ebenfalls bestätigt wurde der Verbleib von Fixationen im Unter-
schenkel sowie im Unterarm. Ferner diagnostizierte der Arzt Anpassungs-
störungen sowie psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa oder
Hypnotika (Abhängigkeit von Ritrovil und Pregabalin). Dem Beschwerde-
führer wurden verschiedene Medikamente verschrieben und weitere ärztli-
che Termine (psychiatrisches Konsil am 7. Juli 2020, Folgetermin am
15. Juli 2020 und Zahnarzttermin am 17. Juli 2020) angesetzt.
E.
Mit Verfügung vom 2. Juli 2020 (eröffnet am 3. Juli 2020) trat das SEM auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte dessen Über-
stellung nach Deutschland und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig verfügte es die Aus-
händigung der editionspflichtigen Akten und stellte fest, einer allfälligen Be-
schwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
F.
Mit Beschwerde vom 6. Juli 2020 (Postaufgabe) gelangte der Beschwer-
deführer an das Bundesverwaltungsgericht mit den Anträgen, die ange-
fochtene Verfügung sei aufzuheben und das SEM sei anzuweisen, seine
Pflicht oder sein Recht zum Selbsteintritt auszuüben und sich für das vor-
liegende Asylgesuch als zuständig zu erklären. Im Sinne einer vorsorgli-
chen Massnahme sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Voll-
zugsbehörden anzuweisen, von einer Überstellung nach Deutschland ab-
zusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die vorliegende Be-
schwerde entschieden habe. Ferner ersuchte er um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung.
G.
Am 7. Juli 2020 ordnete die Instruktionsrichterin einen superprovisorischen
Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.2 Die Beschwerde ist zulässig (Art. 105 AsylG; Art. 31 ff. VGG). Die übri-
gen Sachurteilsvoraussetzungen (Legitimation [Art. 48 Abs. 1 VwVG], Frist
[Art. 108 Abs. 3 AsylG] und Form [Art. 52 VwVG] sind offensichtlich erfüllt.
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde erweist sich als offen-
sichtlich unbegründet, weshalb sie im Verfahren einzelrichterlicher Zustän-
digkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schrif-
tenwechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist
(Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art.
8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mit-
gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wie-
deraufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3 Nachdem die deutschen Behörden innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-
III-VO festgelegten Frist dem Wiederaufnahmegesuch des SEM zuge-
stimmt haben, ist die Zuständigkeit gemäss dieser Bestimmung an
Deutschland übergegangen.
4.
Der Beschwerdeführer bringt in seiner Rechtsmitteleingabe vor, als Opfer
eines tätlichen Übergriffes habe er aus Angst Deutschland verlassen. Er
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wolle weder nach Algerien noch nach Deutschland zurückkehren. In Bezug
auf seine medizinischen Gründe verweist er auf die Akten (Arztbericht vom
1. Juli 2020).
4.1 Was die geltend gemachte Angst vor Übergriffen seitens Dritter in
Deutschland anbelangt, so wird diesbezüglich auf die zutreffenden Ausfüh-
rungen der Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung verwiesen, wonach
Deutschland ein Rechtsstaat ist, welcher über eine funktionierende Polizei-
behörde verfügt, die sowohl schutzwillig als auch schutzfähig ist. Sollte sich
der Beschwerdeführer in Deutschland vor weiteren Übergriffen fürchten,
kann er sich an die dafür zuständigen staatlichen Stellen wenden.
4.2 Die Vorinstanz stellt ferner die im Arztbericht festgestellten Diagnosen
(vgl. Ziff. D des Sachverhalts) nicht in Frage, weist jedoch zu Recht darauf
hin, dass diese ausreichend sind, um den Gesundheitszustand des Be-
schwerdeführers bezüglich der Zumutbarkeit und Zulässigkeit einer Weg-
weisung nach Deutschland beurteilen zu können. Einerseits ist durch die
Metallfixierungen nicht von einer akuten Gefährdung auszugehen. Ande-
rerseits ist nicht ersichtlich, weshalb die bereits geplanten Folgeuntersu-
chungen und allfälligen weiteren Behandlungen (inkl. Entfernung der Me-
tallfixierungen) in der Schweiz zu erfolgen haben, zumal der Zugang zu
allen notwendigen medizinischen Untersuchungen und Behandlungen in
Deutschland gewährleistet und dort bereits eine Patientenakte vorhanden
ist. Ein Selbsteintritt aus humanitären Gründen ist bei dieser Sachlage nicht
angezeigt. Die Vorinstanz ist demnach zu Recht gestützt auf Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein-
getreten und hat zu Recht die Überstellung nach Deutschland angeordnet.
4.3 Im Übrigen werden die schweizerischen Behörden, die mit dem Vollzug
der angefochtenen Verfügung beauftragt sind, die deutschen Behörden
vorgängig in geeigneter Weise über die spezifischen medizinischen Um-
stände des Beschwerdeführers informieren (Art. 31 f. Dublin-III-VO).
5.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen, weshalb das Gesuch
um Erteilung der aufschiebenden Wirkung gegenstandslos geworden ist.
6.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ist abzuwei-
sen, da die Begehren – wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt
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– als aussichtslos zu bezeichnen sind. Die Verfahrenskosten sind dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.- festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
[VGKE, SR 173.320.2]).
7.
Dieses Urteil ist endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
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