Decision ID: 40d18660-c909-572a-9ac0-7a86510feeef
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juli 2016 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 1). Er gab an, er habe eine Berufslehre zum
Dachdecker abgeschlossen. Zuletzt habe er als Koch gearbeitet. Das Psychiatrie-
Zentrum B._ berichtete am 6. Oktober 2016 (IV-act. 7), der Versicherte leide an einer
rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig leicht- bis mittelgradigen
Episode sowie an psychischen Störungen und Verhaltensstörungen durch
Cannabinoide und Kokain bei einem schädlichen Gebrauch und einer gegenwärtigen
Abstinenz. Insgesamt habe er nur drei Termine wahrgenommen, weshalb eine genaue
diagnostische Einordnung nicht möglich sei. Leider habe er auch die Empfehlungen der
Therapeutin nicht befolgt. Er habe angegeben, dass er gegenwärtig kein Cannabis,
kein Kokain und kein Heroin zu sich nehme, aber eine Laborprobe zur Verifikation
dieser Angaben sei nicht erfolgt. Die Psychiaterin Dr. med. C._ berichtete am 31.
Januar 2017 (IV-act. 15), der Versicherte habe sich in den Jahren 2001 und 2002
dreimal wegen einer Abhängigkeitsproblematik und einer depressiven Symptomatik in
einer stationären psychiatrischen Behandlung befunden. Der Vater des Versicherten sei
ein Alkoholiker gewesen. Der Versicherte sei bereits im Alter von elf Jahren zum ersten
Mal mit Drogen in Kontakt gekommen. Im Alter von zwölf Jahren habe er den ersten
Entzug durchgemacht. Nach der Ausbildung zum Dachdecker habe er eine Weile als
Dachdecker gearbeitet. Später habe er eine Ausbildung zum Koch absolviert und
anschliessend als Servicekraft gearbeitet. In dieser Tätigkeit habe er weiter Drogen-
und Alkoholmissbrauch betrieben. Beide Eltern seien im Jahr 2013 verstorben. Der Tod
der Mutter, die er bis zu deren Tod während vier Jahren gepflegt habe, habe ihn sehr
mitgenommen. Seither erlebe er sich depressiv. Aus psychiatrischer Sicht bestehe ein
depressives Zustandsbild mit kognitiven Einschränkungen und einem körperlichen
A.a.
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Abbau. Die Belastbarkeit und die Konzentrationsfähigkeit seien eingeschränkt. Der
Versicherte weise emotionale Defizite auf. Aktuell arbeite er in einem Pensum von 30–
50 Prozent in einer faktisch geschützten Umgebung.
Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die estimed AG am 25. Mai 2018 ein
polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 50). Die internistische Sachverständige stellte keine
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit. Sie wies darauf hin, dass bei der
Urinprobe Cannabis habe nachgewiesen werden können, obwohl der Versicherte
angegeben habe, seit vier Jahren abstinent zu sein. Die angeblich regelmässig
eingenommenen Medikamente hätten nicht nachgewiesen werden können. Der
orthopädische Sachverständige hielt fest, der Versicherte leide an einer beginnenden
Retropatellararthrose ohne eine funktionelle Einschränkung sowie an einem Status
nach einer Teilentfernung des Innenmeniskushinterhorns rechts. Diese Diagnosen
wirkten sich nicht auf die Arbeitsfähigkeit aus. Die neuropsychologische
Sachverständige führte aus, in der neuropsychologischen Testung hätten sich leichte
bis mittelschwere neuropsychologische Funktionsdefizite mit einer psychomotorischen
Verlangsamung, Störungen beim verbalen Lernen, im verbalen Frischgedächtnis und
bei komplexen Aufmerksamkeitsanforderungen gezeigt. Die psychomentale
Belastbarkeit sei insgesamt um 40 Prozent reduziert, weshalb ein Arbeitsfähigkeitsgrad
von 60 Prozent zu attestieren sei. Der psychiatrische Sachverständige hielt fest, der
Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer gegenwärtig
mittelgradigen Ausprägung sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an
akzentuierten (selbstunsicheren und ängstlich-vermeidenden) Persönlichkeitszügen, an
einer Cannabisabhängigkeit bei einem gegenwärtigen Konsum und an einer
Kokainabhängigkeit mit einer gegenwärtigen Abstinenz. Für jedwede Tätigkeit in der
freien Wirtschaft sei eine Arbeitsunfähigkeit von 70 Prozent zu attestieren. Eine
Tätigkeit in einem geschützten Rahmen sei dem Versicherten zu 50 Prozent zumutbar.
Der IV-interne regionale ärztliche Dienst (RAD) forderte den psychiatrischen
Sachverständigen auf (IV-act. 51 f.), Stellung zur Diskrepanz zwischen seiner
Arbeitsfähigkeitsschätzung und jener der neuropsychologischen Sachverständigen zu
nehmen. Zudem ersuchte er den psychiatrischen Sachverständigen anzugeben,
welche der verschiedenen Arbeitsfähigkeitsschätzungen letztlich massgebend sei,
wobei er darauf hinwies, dass die Notwendigkeit eines geschützten Rahmens einer
A.b.
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vollständigen Arbeitsunfähigkeit in der freien Wirtschaft gleichkomme. Er forderte den
psychiatrischen Sachverständigen auf zu erklären, weshalb seiner Ansicht nach die
Arbeitsfähigkeit des Versicherten unter Ausblendung des Suchtgeschehens nicht höher
wäre, wenn er doch die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit wesentlichen kognitiven
Defizite mehrheitlich auf den Cannabiskonsum zurückführe. Schliesslich ersuchte er die
neuropsychologische Sachverständige um eine Antwort auf die Frage, ob die im
Rahmen der Untersuchung festgestellten Einschränkungen prinzipiell durch den
anhaltenden Konsum von Cannabis erklärbar seien. Nach mehreren Mahnungen
beantwortete der psychiatrische Sachverständige am 28. Januar 2019 die Nachfragen
des RAD wie folgt (IV-act. 59): Gesamthaft sei aufgrund der über die
neuropsychologischen Defizite hinausgehenden Beeinträchtigungen durch die
diagnostizierte depressive Störung und die ungünstig interagierende komorbide
Suchterkrankung vor dem Hintergrund von selbstunsicheren und ängstlich-
vermeidenden Persönlichkeitszügen aus psychiatrischer Sicht eine höhergradige
Arbeitsunfähigkeit als im neuropsychologischen Teilgutachten veranschlagt zu
attestieren. Angesichts der geringen Frustrationstoleranz, der geringen Ausdauer, der
geringen Entscheidungskompetenz, der geringen Flexibilität und Umstellungsfähigkeit,
der Selbstunsicherheit, des sozialen Vermeidungsverhaltens sowie des geringen
Aktivitätsniveaus erscheine nur eine Tätigkeit in einem geschützten Rahmen als
realistisch. Im neuropsychologischen Teilgutachten sei festgehalten worden, dass
neben der affektiven Erkrankung auch die langjährigen und wiederholten
substanztoxischen Einwirkungen auf das zentrale Nervensystem als
ätiopathogenetische Einflussfaktoren in Betracht zu ziehen seien. Aus psychiatrischer
Sicht sei eine klar abgegrenzte ätiopathogenetische Zuordnung der kognitiven Defizite
ebenfalls nicht zuverlässig möglich, weshalb nicht behauptet werden könne, die
Arbeitsfähigkeit des Versicherten wäre unter Ausblendung des Suchtgeschehens
höher. Der RAD-Arzt Dr. med. D._ notierte am 4. März 2019 (IV-act. 61; vgl. auch IV-
act. 60), aus versicherungspsychiatrischer Sicht sei zu bemängeln, dass sich der
psychiatrische Sachverständige nicht eingehend mit dem neuropsychologischen
Teilgutachten auseinander gesetzt habe. Dieser Mangel wiege schwer, weil der
psychiatrische Sachverständige die Arbeitsfähigkeit doch deutlich anders beurteilt
habe als die neuropsychologische Sachverständige. Das neuropsychologische
Teilgutachten enthalte keine Diskussion bezüglich des vom psychiatrischen
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Sachverständigen postulierten wesentlichen Einfluss des Cannabiskonsums auf die
festgestellten kognitiven Defizite, was als ein weiterer Mangel des Gutachtens zu
werten sei. Der psychiatrische Sachverständige habe sich ebenfalls nicht näher mit der
Frage befasst, ob die kognitiven Defizite nun auf das Suchtleiden oder auf eine
depressive Störung zurückzuführen seien. Aus versicherungspsychiatrischer Sicht
seien die festgestellten Defizite „nicht verwertbar“, solange der Verdacht bestehe, dass
sie auf den fortgesetzten Drogenkonsum zurückzuführen seien. Die Aussagen zum
neuropsychologischen Status wären nur valide, wenn der Versicherte im abstinenten
Zustand untersucht worden wäre. Angesichts des fortdauernden Cannabiskonsums sei
auch das Diagnostizieren einer Depression als medizinisch nicht seriös zu qualifizieren.
Die Auswirkungen auf die beschriebenen kognitiven Defizite seien ohne eine Abstinenz
nicht verwertbar. Dazu habe der psychiatrische Sachverständige keine Stellung
genommen. Die neuropsychologische Sachverständige habe die Rückfrage des RAD
gar nicht erst beantwortet. Insgesamt sei das Gutachten der estimed AG nicht
verwertbar. Die IV-Stelle beschloss in der Folge, ein weiteres Gutachten in Auftrag zu
geben (IV-act. 62).
Am 8. November 2019 erstellte die Neurologie Toggenburg AG im Auftrag der IV-
Stelle ein polydisziplinäres Gutachten (IV-act. 82). Die Sachverständigen hielten fest,
der Versicherte leide an einem polyvalenten Abhängigkeitssyndrom mit einer aktuell
führenden Cannabisabhängigkeit und einer leichten bis mittelschweren
neuropsychologischen Störung sowie – ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit – an
einem Status nach einer depressiven Episode im Jahr 2001, an Anzeichen für eine
Aussenmeniskuszerrung links ohne eine funktionelle Beeinträchtigung des Kniegelenks,
an einer Neigung zu Beschwerden im unteren Rückenbereich ohne funktionelle
Beeinträchtigungen sowie an einer Persönlichkeitsakzentuierung. Aus
neuropsychologischer Sicht stünden mittelgradige verbal-mnestische Defizite im
Vordergrund. Der Versicherte leide an einem „Kapazitätsproblem“, das sich bezüglich
der Merkspanne und dem Erlernen von Einzelinformationen zeige, wobei Blockaden
und deutliche Schwankungen in der Lernkurve auf eine zusätzliche psychogene
Überlagerung hindeuteten. Die Symptomvalidierungsverfahren hätten unauffällige
Ergebnisse gezeitigt, weshalb nicht von einer verminderten Anstrengungsbereitschaft
oder von Inkonsistenzen auszugehen sei. Allerdings hätten die Laborergebnisse den
A.c.
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Aussagen des Versicherten, er konsumiere kein Cannabis mehr und er nehme die
verordneten Medikamente regelmässig ein, widersprochen. Die neuropsychologisch
nachgewiesene Leistungsminderung betrage 40 Prozent, weshalb für die angestammte
Tätigkeit ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 60 Prozent zu attestieren sei. Für leichte bis
mässig komplexe Tätigkeiten mit einer klaren Struktur, geringen Anforderungen an die
mündliche Informationsaufnahme und einem geringen bis mässigen
lerntempobezogenen Leistungsdruck sei ein Arbeitsfähigkeitsgrad von 80 Prozent zu
attestieren. Prognostisch sei mit einer Regredienz der Defizite nach sechs bis zehn
Monaten Cannabisabstinenz zu rechnen. In neuropsychologischer Hinsicht seien die
Diagnosestellung und die Arbeitsfähigkeitsschätzung im neuropsychologischen
Teilgutachten der estimed AG angesichts der aktuellen Befunde als überzeugend zu
qualifizieren. Allerdings sei das objektivierte neuropsychologische Störungsmuster mit
einer Antriebsstörung vereinbar, welche sowohl mit der aktenanamnestisch bekannten
Depressionssymptomatik als auch mit einem akuten und chronischen
Cannabiskonsum erklärt werden könne. Es könne nicht mit Sicherheit ausgeschlossen
werden, dass unter Cannabisabstinenz bessere kognitive Leistungen erbracht werden
könnten. Aus psychiatrischer Sicht sei am Vorgutachten der estimed AG zu
bemängeln, dass der psychiatrische Sachverständige ohne eine überzeugende
Begründung eine depressive Störung diagnostiziert habe, obwohl ihm bewusst
gewesen sein müsse, dass die vermeintlich depressive Symptomatik genauso gut
durch den bekannten fortgesetzten Cannabiskonsum hätte verursacht sein können. Die
These des Vorgutachters, die Depression habe zum Cannabiskonsum geführt,
überzeuge nicht, weil der Versicherte bereits im Adoleszenzalter einen
Substanzmissbrauch betrieben habe, der unabhängig vom jeweiligen psychischen
Befinden über Jahrzehnte hinweg weitergeführt worden sei. Gesamthaft betrachtet sei
der fortgesetzte Cannabiskonsum die wahrscheinlichere Ursache für die vermeintlich
depressive Symptomatik als eine depressive Störung. Es handle sich folglich eher um
ein Demotivationssyndrom. Der RAD-Arzt Dr. D._ qualifizierte das Gutachten als
überzeugend (IV-act. 83).
Mit einem Vorbescheid vom 10. Januar 2020 teilte die IV-Stelle dem Versicherten
mit (IV-act. 90), dass sie die Abweisung seines Rentenbegehrens vorsehe. Zur
Begründung führte sie an, da er aus medizinischer Sicht zu 80 Prozent arbeitsfähig sei,
A.d.
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B.
könne er ein Invalideneinkommen erzielen, das 80 Prozent des Valideneinkommens
betrage, weshalb er nicht in einem rentenbegründenden Ausmass invalid sei. Dagegen
liess der Versicherte am 14. Februar 2020 einwenden (IV-act. 98), das Gutachten der
estimed AG sei wesentlich überzeugender begründet als jenes der Neurologie
Toggenburg AG. Angesichts der langjährigen Polytoxikomanie könne nicht davon
ausgegangen werden, dass eine Abstinenz von CBD (das der Versicherte einnehme,
um einen drohenden Rückfall abzuwehren) zu einer Reduktion der neurokognitiven
Einschränkungen führen würde. Mit einer Verfügung vom 24. April 2020 wies die IV-
Stelle das Rentenbegehren des Versicherten ab (IV-act. 100). Bezugnehmend auf die
Einwände des Versicherten führte sie an, das Gutachten der estimed AG überzeuge
weder aus medizinischer noch aus juristischer Sicht. Deshalb habe eine weitere
Begutachtung in Auftrag gegeben werden müssen. Das Gutachten der Neurologie
Toggenburg AG sei überzeugend. Es belege unter anderem auch, dass der Versicherte
nicht nur CBD, sondern auch THC konsumiere.
Am 28. Mai 2020 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 24. April 2020 erheben (act. G 1). Sein
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die
Zusprache einer Invalidenrente und eventualiter die Rückweisung der Sache zu
weiteren Abklärungen an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin). Zur
Begründung führte er aus, angesichts der jahrzehntelangen Drogenabhängigkeit des
Beschwerdeführers erscheine das Gutachten der estimed AG als wesentlich
überzeugender als das Gutachten der Neurologie Toggenburg AG. Zudem habe die
Neurologie Toggenburg AG ihre abweichende Diagnosestellung und ihre abweichende
Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht hinreichend begründet. Das Gutachten enthalte
nämlich keine ausreichend substantiierte Auseinandersetzung mit dem Vorgutachten
der estimed AG.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 23. Juli 2020 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie an, der RAD habe sich intensiv mit
dem Gutachten der estimed AG beschäftigt. In seinen Stellungnahmen vom 4. Juni
2018 und vom 4. März 2019 habe er überzeugend aufgezeigt, weshalb das Gutachten
B.b.
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Erwägungen
1.
Da dieses Beschwerdeverfahren die Überprüfung der angefochtenen Verfügung auf
deren Rechtmässigkeit bezweckt, muss sein Gegenstand jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen, das mit der angefochtenen Verfügung
abgeschlossen worden ist. Das Verwaltungsverfahren hat sich auf die Prüfung des
Rentenbegehrens des Beschwerdeführers vom Juli 2016 beschränkt. Folglich ist auch
in diesem Beschwerdeverfahren zu prüfen, ob der Beschwerdeführer in der Zeit nach
Juli 2016 respektive ab dem 1. Januar 2017 (vgl. Art. 29 Abs. 1 ATSG) einen Anspruch
auf eine Rente der Invalidenversicherung gehabt hat.
2.
keinen ausreichenden Beweiswert habe. Das Gutachten der Neurologie Toggenburg
AG sei dagegen in jeder Hinsicht überzeugend. Der psychiatrische Sachverständige
habe sich entgegen der Behauptung des Beschwerdeführers auch eingehend mit dem
psychiatrischen Teilgutachten der estimed AG auseinandergesetzt.
Am 24. Juli 2020 wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege
bewilligt (act. G 7).
B.c.
Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat laut dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität
wird gemäss dem Art. 28a Abs. 1 IVG in Verbindung mit dem Art. 16 ATSG das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung sowie allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre.
2.1.
Der Beschwerdeführer hat eine Ausbildung zum Dachdecker abgeschlossen. Da er
diesen Beruf nur saisonal ausüben konnte, hat er nach einigen Jahren aufgehört, als
2.2.
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Dachdecker zu arbeiten. Er hat als „Hilfskoch“ und als Servicekraft im Gastgewerbe
gearbeitet. Obwohl er also auch im hypothetischen „Gesundheitsfall“ mehrere Jahre
nicht mehr als Dachdecker erwerbstätig gewesen wäre, hätte er nach einer kurzen
Einarbeitungszeit wieder als Dachdecker arbeiten können, da nicht davon
ausgegangen werden kann, dass er aufgrund eines zwischenzeitlichen technischen
Fortschrittes in der Dachbranche den Anschluss verloren hätte. Die massgebenden
Erwerbsmöglichkeiten des Beschwerdeführers entsprechen folglich jenen eines
ausgebildeten Dachdeckers, weshalb das Valideneinkommen dem statistischen
Zentralwert der Löhne für ausgebildete Dachdecker entsprechen muss. Der
standardisierte Monatslohn für Männer, die praktische Tätigkeiten im Baugewerbe
verrichtet haben (Kompetenzniveau 2), hat sich gemäss den aktuellsten Zahlen der
Schweizer Lohnstrukturerhebung (LSE) im Jahr 2018 auf 5’962 Franken belaufen, was
unter Berücksichtigung einer betriebsüblichen wöchentlichen Arbeitszeit von 41,6
Stunden und der Nominallohnentwicklung in den Jahren 2018–2020 (von 101,2 auf 103
Punkte bei den Löhnen von Männern; Basis 2015) einem Jahreslohn von 75’729
Franken entspricht. Dieser Betrag ist als Valideneinkommen zu berücksichtigen.
Für die Bemessung des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens ist
ausschlaggebend, welche Tätigkeiten dem Beschwerdeführer aus medizinischer Sicht
in welchem Umfang noch zugemutet werden können. Die Beschwerdegegnerin hat zur
Beantwortung dieser Frage ein polydisziplinäres Gutachten bei der estimed AG
eingeholt. Der psychiatrische Sachverständige hat in seinem Teilgutachten eine
praktisch vollständig aufgehobene Arbeitsfähigkeit attestiert, denn er hat festgehalten,
dass der Beschwerdeführer nur noch in einem geschützten Rahmen erwerbstätig sein
könne. Diese Arbeitsfähigkeitsschätzung hat er – auch auf eine Nachfrage der
Beschwerdegegnerin hin – mit den von ihm erhobenen objektiven klinischen Befunde
nicht so erklären können, dass seine Begründung für einen medizinischen Laien
nachvollziehbar und überzeugend wäre. Der RAD hat zudem darauf hingewiesen, dass
aus psychiatrischer Sicht auch die Diagnosestellung nicht überzeuge, weil bei einem
fortgesetzten Cannabiskonsum keine depressive Störung diagnostiziert werden dürfe.
Die depressionstypischen Symptome liessen sich in einem solchen Fall nämlich nicht
mit hinreichender Sicherheit dem Cannabiskonsum oder einer depressiven Störung
zuordnen. Auch der psychiatrische Sachverständige der Neurologie Toggenburg AG
hat darauf hingewiesen, dass die Diagnosestellung im psychiatrischen Teilgutachten
der estimed AG aus diesem Grund nicht lege artis erfolgt sei. Zudem hat er
überzeugend aufgezeigt, dass die Behauptung des psychiatrischen Sachverständigen
der estimed AG, die Depression habe zum Drogenkonsum geführt, aktenwidrig
gewesen ist, da die Akten belegen, dass der Beschwerdeführer bereits im Alter von elf
2.3.
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Jahren mit dem Drogenkonsum begonnen hatte. Insgesamt erweckt das psychiatrische
Teilgutachten der estimed AG (aus der Sicht eines medizinischen Laien) den Eindruck,
dass sich der psychiatrische Sachverständige zu sehr von der (tragischen)
Lebensgeschichte des Beschwerdeführers und von Überlegungen zur Verwertbarkeit
der Arbeitsfähigkeit auf dem – invalidenversicherungsrechtlich irrelevanten – realen
Arbeitsmarkt hat leiten lassen. Das psychiatrische Teilgutachten der Neurologie
Toggenburg AG zeichnet sich dagegen durch eine strikt auf objektiven klinischen
Befunden beruhende Argumentation aus. Obwohl der Beschwerdeführer bei der
Untersuchung (entgegen seiner anderslautenden Behauptung) unter dem Einfluss von
THC gestanden hat, ist der objektive klinische Befund weitgehend unauffällig gewesen.
Der Beschwerdeführer ist in der Lage gewesen, sich zu konzentrieren, die
Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, neue Informationen zu verarbeiten etc. Weder bei
der psychiatrischen Exploration noch bei der neuropsychologischen Testung sind
Einschränkungen objektiviert worden, anhand derer sich eine höhergradige
Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers für ideal
leidensadaptierte Tätigkeiten begründen liesse. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich
eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit durch geringe Anforderungen an die kognitiven
Fähigkeiten auszeichnet und dass ohnehin nur Hilfsarbeiten zur Diskussion stehen. Das
Attest einer Arbeitsfähigkeit von 80 Prozent für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten
vermag daher im Lichte der aktuellen bundesgerichtlichen Praxis (vgl. insbesondere
BGE 145 V 215) zu überzeugen. Auch der RAD hat das Gutachten der Neurologie
Toggenburg AG in einer eingehenden Würdigung als überzeugend qualifiziert. Der
Beschwerdeführer hat keine Argumente vorgebracht, die einen wesentlichen Zweifel an
der Überzeugungskraft des Gutachtens der Neurologie Toggenburg AG wecken
würden. Seine Behauptung, der psychiatrische Sachverständige habe sich nicht mit
dem psychiatrischen Vorgutachten der estimed AG auseinandergesetzt, ist
aktenwidrig, und seine Darstellung, der Beschwerdeführer konsumiere lediglich noch
CBD, ist durch die Ergebnisse der im Auftrag der Neurologie Toggenburg AG erstellten
Laboranalyse widerlegt worden. Zusammenfassend steht mit dem erforderlichen
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass der Beschwerdeführer
für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten zu 80 Prozent arbeitsfähig gewesen ist. Zum
Verlauf der Arbeitsfähigkeit haben die Sachverständigen der Neurologie Toggenburg
AG überzeugend ausgeführt, dass diese Arbeitsfähigkeit retrospektiv ab Mai 2018 zu
attestieren sei, weil diesbezüglich auf das überzeugende neuropsychologische
Teilgutachten der estimed AG abgestellt werden könne, das im Wesentlichen dieselbe
neurokognitive Leistungsfähigkeit wie die aktuelle neuropsychologische Testung
gezeigt habe. Für die Zeit davor sei auf den Bericht über eine psychodiagnostische
Untersuchung durch die Psychiatrie-Dienste Süd vom 6. April 2014 (recte: 2017; vgl.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/12
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3.
Die Beschwerde ist abzuweisen. Die Gerichtskosten von 600 Franken wären an sich
dem unterliegenden Beschwerdeführer aufzuerlegen. Da ihm die unentgeltliche
Prozessführung bewilligt worden ist, ist er von der Pflicht, die Gerichtskosten zu
bezahlen, befreit. Der Staat hat seinem Rechtsvertreter infolge der Bewilligung der
unentgeltlichen Rechtsverbeiständung eine Entschädigung auszurichten, die 80
Prozent des erforderlichen Vertretungsaufwandes abdeckt (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Der
erforderliche Vertretungsaufwand ist als durchschnittlich zu qualifizieren. Die
Versicherungsrichterinnen und Versicherungsrichter haben in einer Plenarsitzung vom
25. Mai 2021 beschlossen, in einem durchschnittlich aufwendigen IV-Rentenfall neu
eine um 500 Franken höhere Parteientschädigung von 4’000 Franken zuzusprechen.
auch IV-act. 82–32) abzustellen, der eine leicht höhere neurokognitive
Funktionsfähigkeit gezeigt habe. Auch diese Angabe überzeugt, weshalb für die Zeit ab
April 2017 von einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 90 Prozent für ideal leidensadaptierte
Tätigkeiten auszugehen ist.
Der Ausgangswert des zumutbarerweise erzielbaren Invalideneinkommens
entspricht dem statistischen Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne. Dieser hat sich im Jahr
2018 auf 5’417 Franken pro Monat belaufen, was unter Berücksichtigung einer
betriebsüblichen Arbeitszeit von 41,7 Stunden pro Woche (über alle Branchen) und der
Nominallohnentwicklung 2018–2020 von 101,5 auf 103,2 Punkte (über alle Branchen;
Basis 2015 = 100 Punkte) einem Jahreslohn von 68’902 Franken entspricht. Dieser
Ausgangswert ist um einen sogenannten Tabellenlohnabzug zu reduzieren, weil der
Beschwerdeführer nicht in der Lage sein wird, seine Arbeitsfähigkeit mit demselben
wirtschaftlichen Erfolg wie ein gesunder, durchschnittlich leistungsfähiger, in einem
Pensum von 80 Prozent respektive 90 Prozent angestellter Arbeitnehmer zu verwerten.
Ein Tabellenlohnabzug von mehr als zehn Prozent ist nicht gerechtfertigt, weil die
betriebswirtschaftlich-ökonomisch bedingten Nachteile nur gering ausgeprägt sind.
Damit resultiert für die Zeit ab April 2017 ein zumutbarerweise erzielbares
Invalideneinkommen von mindestens 55’811 Franken (= 68’902 Franken × 90% × 90%)
und für die Zeit ab Mai 2018 ein solches von mindestens 49’609 Franken (= 68’902
Franken × 90% × 80%). Verglichen mit dem Valideneinkommen von 75’729 Franken
ergibt sich eine maximale Erwerbseinbusse von 19’918 Franken beziehungsweise von
26’120 Franken, was einem maximalen Invaliditätsgrad von 26,3 Prozent respektive
von 34,5 Prozent entspricht. Weder für die Zeit ab April 2017 noch für die Zeit ab Mai
2018 resultiert also ein rentenbegründender Invaliditätsgrad von mindestens 40
Prozent. Damit erweist sich die Abweisung des Rentenbegehrens als rechtmässig.
2.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/12
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Aus Praktikabilitätsgründen soll diese Praxisänderung sofort auf alle hängigen Fälle
Anwendung finden. Da die vorliegende Beschwerde erst nach dem Plenumsbeschluss
vom 25. Mai 2021 beurteilt wird, ist die Entschädigung für die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung auf 80 Prozent von 4’000 Franken, also auf 3’200 Franken,
festzusetzen. Sollten es seine wirtschaftlichen Verhältnisse dereinst gestatten, wird der
Beschwerdeführer zur Nachzahlung der Gerichtskosten und zur Rückerstattung der
Entschädigung für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung verpflichtet werden können
(Art. 99 Abs. 2 VRP i.V.m. Art. 123 ZPO).