Decision ID: c753d538-2a83-5493-a33c-2eda3f03cae5
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin 1 reichte am 7. Mai 2019 im Bundesasylzentrum
in Zürich für sich und ihre beiden minderjährigen Kinder (Beschwerdefüh-
rende 2 und 3) Asylgesuche ein. Ein Abgleich mit dem zentralen Visa-In-
formationssystem (CS-VIS) ergab, dass den Beschwerdeführenden von
Portugal Visa ausgestellt wurden, welche vom 20. November 2018 bis am
13. Januar 2019 gültig waren.
B.
Im Rahmen des Dublin-Gesprächs vom 15. Mai 2019 gewährte das SEM
der Beschwerdeführerin 1 und dem Beschwerdeführer 2 das rechtliche Ge-
hör zur Zuständigkeit Portugals für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens, zu einer allfälligen Rückkehr dorthin sowie zum me-
dizinischen Sachverhalt. Die Beschwerdeführerin 1 machte geltend, sie
und ihre Kinder hätten ihre Heimat am 30. November 2018 verlassen und
seien gleichentags mit portugiesischen Schengenvisa über den Flughafen
Lissabon in den Dublin-Raum eingereist. Am 1. Dezember 2018 seien sie
mit dem Flugzeug nach Genf weitergereist. Die Reise sei von einem
Schlepper organisiert worden, welcher die Pässe nach der Ankunft in Genf
beschlagnahmt habe. Mit einer Rückkehr nach Portugal habe sie keine
Probleme, sofern ihre Sicherheit sowie jene der Kinder dort gewährleistet
sei. Zum medizinischen Sachverhalt gab sie an, dass es ihr – abgesehen
von Blasenschmerzen – gesundheitlich gut gehe. Die Beschwerdeführerin
3 habe in der Unterkunft in Genf unter Magen-Darm-Beschwerden gelitten.
Jetzt gehe es ihr schon besser, sie habe aber noch Schmerzen in den Rip-
pen. Auch der Beschwerdeführer 2 habe zurzeit Magenprobleme. Sonst
gehe es ihm aber gut.
C.
Am 15. Mai 2019 ersuchte das SEM die portugiesischen Behörden um
Übernahme der Beschwerdeführenden gemäss Art. 12 Abs. 4 der Verord-
nung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung
des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehö-
rigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf inter-
nationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
D.
Am 6. Juni 2019 reichten die Beschwerdeführenden durch ihre Rechtsver-
tretung beim SEM zwei Arztberichte der Gynäkologie der D._ AG
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vom 31. Mai und 4. Juni 2019 ein. Danach leide die Beschwerdeführerin 1
an einer zu seltenen Menstruationsblutung, Unterbauchschmerzen und er-
schwerter oder schmerzhafter Blasenentleerung. Ihr seien die Medika-
mente Doxycylin und Metronidazol verschrieben worden. Zudem sei eine
Wiedervorstellung in zwei Wochen vereinbart worden. Im Weiteren seien
der Beschwerdeführer 2 und die Beschwerdeführerin 3 an die Pädiatrie des
E._ zur allgemeinen Untersuchung überwiesen worden.
E.
Am 25. Juni 2019 stimmten die portugiesischen Behörden dem Übernah-
meersuchen des SEM zu.
F.
Mit Verfügung vom 26. Juni 2019 (eröffnet am 27. Juni 2019) trat das SEM
in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf die Asylgesuche der
Beschwerdeführenden nicht ein, verfügte die Überstellung nach Portugal
und forderte sie auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist
zu verlassen. Gleichzeitig beauftragte das SEM den Kanton Zürich mit dem
Vollzug der Wegweisung, händigte den Beschwerdeführenden die editi-
onspflichtigen Akten aus und stellte fest, einer allfälligen Beschwerde ge-
gen den Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu.
G.
Mit Rechtsmitteleingabe vom 4. Juli 2019 wandten sich die Beschwerde-
führenden an das Bundesverwaltungsgericht und beantragten, die
vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur vollständigen
Feststellung des Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen; eventu-
aliter sei die Verfügung aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, auf
das Asylgesuch einzutreten; subeventualiter sei die Vorinstanz anzuwei-
sen, individuelle Zusicherungen bezüglich des Zugangs zu einem Schutz-
programm für Opfer von Menschenhandel und adäquater medizinischer
Versorgung sowie Unterbringung von den portugiesischen Behörden ein-
zuholen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchten sie um Erteilung der
aufschiebenden Wirkung der Beschwerde, Erlass einer vorsorglichen
Massnahme (Vollzugsstopp), Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Dem Rechtsmittel lagen u.a. zwei weitere Arztberichte vom 18. und 26. Juni
2019, eine Bestätigung des E._ (Kinderklinik) vom 2. Juli 2019 und
zwei Bestätigungsschreiben der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmig-
ration (FIZ) vom 3. und 4. Juli 2019 bei.
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H.
Am 5. Juli 2019 setzte die Instruktionsrichterin gestützt auf Art. 56 VwVG
den Vollzug der Überstellung einstweilen aus.
Mit Zwischenverfügung vom 10. Juli 2019 hiess das Bundesverwaltungs-
gericht die Gesuche der Beschwerdeführenden um Erteilung der aufschie-
benden Wirkung der Beschwerde sowie um Gewährung der unentgeltli-
chen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und verzichtete
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
I.
Am 22. Juli 2019 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
J.
Die Beschwerdeführenden replizierten mit Eingabe vom 5. September
2019. Der Eingabe lagen eine Vorladung der Kantonspolizei Zürich vom
15. August 2019, eine Anzeigebestätigung der Kantonspolizei vom 26. Au-
gust 2019 und ein Bericht der FIZ vom 4. September 2019 bei.
K.
Die Vorinstanz duplizierte mit Eingabe vom 24. Dezember 2019 und am
6. Februar 2020 reichten die Beschwerdeführenden eine weitere Stellung-
nahme (Triplik) ein.
L.
Auf den weiteren Akteninhalt (u.a. den Einschätzungsbericht der FIZ vom
24. Oktober 2019 und den Beschluss des Ministère public de la république
et canton de Genève vom 20. November 2019) ist – soweit rechtserheblich
– in den Erwägungen einzugehen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist zuständig für die Beurteilung von
Beschwerden gegen Verfügungen des SEM (Art. 105 AsylG, Art. 31 und 33
Bst. b VGG). Auf dem Gebiet des Asyls entscheidet es in der Regel – und
so auch vorliegend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Be-
schwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die im Übrigen frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten (Art. 108 Abs.
3 AsylG und Art. 52 VwVG).
2.
Mit Beschwerde in Asylsachen kann die Verletzung von Bundesrecht (ein-
schliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die un-
richtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.
3.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung dieses Staates prüft das SEM die
Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO. Führt diese Prüfung zur
Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die Prüfung des Asylge-
suchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betreffende Mitgliedstaat
einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt hat, auf das Asylge-
such nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Fall
eines sogenannten Aufnahmeverfahrens («take charge») sind die in Kapi-
tel III (Art. 8–15 Dublin-III-VO) genannten Kriterien in der dort aufgeführten
Rangfolge (Prinzip der Hierarchie der Zuständigkeitskriterien; vgl. Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO) anzuwenden, und es ist von der Situation im Zeit-
punkt, in dem die betreffende Person erstmals einen Antrag in einem Mit-
gliedstaat gestellt hat, auszugehen (Art. 7 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.3 Besitzt der Antragsteller ein gültiges Visum, so ist der Mitgliedstaat, der
das Visum erteilt hat, für die Prüfung des Antrags auf internationalen
Schutz zuständig (Art. 12 Abs. 2 erster Teilsatz Dublin-III-VO). Besitzt der
Antragsteller ein oder mehrere Visa, die seit weniger als sechs Monate ab-
gelaufen sind, aufgrund deren er in das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats
einreisen konnte, so sind gemäss Art. 12 Abs. 4 Dublin-III-VO die Absätze
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1, 2 und 3 anwendbar, solange er das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten
nicht verlassen hat.
3.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.5 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO; sog. Selbsteintritts-
recht). Diese Bestimmung ist nicht unmittelbar anwendbar, sondern kann
nur in Verbindung mit einer anderen Norm des nationalen oder internatio-
nalen Rechts angerufen werden (vgl. BVGE 2010/45 E. 5).
3.6 Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO wird im schweizerischen Recht durch
Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1,
SR 142.311) umgesetzt und konkretisiert. Wie das Bundesverwaltungsge-
richt in BVGE 2015/9 festhielt, verfügt das SEM bezüglich der Anwendung
der Souveränitätsklausel aus humanitären Gründen gestützt auf Art. 29a
Abs. 3 AsylV 1 über einen Ermessenspielraum, innerhalb dessen es zu
prüfen hat, ob humanitäre Gründe vorliegen, welche einen Selbsteintritt der
Schweiz rechtfertigen. Aufgrund der Kognitionsbeschränkung des Bundes-
verwaltungsgerichts infolge der Aufhebung von Art. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG
muss dieses den genannten Ermessenspielraum respektieren. Indes kann
das Gericht nach wie vor überprüfen, ob das SEM sein Ermessen geset-
zeskonform ausgeübt hat. Dies ist nur dann der Fall, wenn das SEM  bei
von der gesuchstellenden Person geltend gemachten Umständen, die eine
Überstellung aufgrund ihrer individuellen Situation oder der Verhältnisse im
zuständigen Staat problematisch erscheinen lassen  in nachvollziehbarer
Weise prüft, ob es angezeigt ist, die Souveränitätsklausel aus humanitären
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Gründen auszuüben. Dazu muss das SEM in seiner Verfügung wiederge-
ben, aus welchen Gründen es auf einen Selbsteintritt aus humanitären
Gründen verzichtet (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 und 8).
4.
Den Akten ist zu entnehmen, dass Portugal den Beschwerdeführenden
Visa ausstellte, welche vom 30. November 2018 bis am 13. Januar 2019
gültig waren. Das SEM ersuchte deshalb die portugiesischen Behörden am
15. Mai 2019 um Übernahme der Beschwerdeführenden gestützt auf Art.
12 Abs. 4 Dublin-III-VO. Diese stimmten der Übernahme am 25. Juni 2019
zu, womit sie die Zuständigkeit Portugals anerkannten. Die grundsätzliche
Zuständigkeit Portugals ist somit gegeben (vgl. E. 3.3 vorstehend) und wird
von den Beschwerdeführenden nicht bestritten.
5.
5.1 Das SEM hielt in seinem Entscheid zur Begründung fest, es bestehe
kein Grund für die Annahme, dass in Portugal im Asylverfahren oder in den
Aufnahmebedingungen systemische Mängel bestünden, die mit einer
Überstellung nicht vereinbar wären. Zudem verfüge Portugal über eine
ausreichende medizinische Infrastruktur und sei gemäss Art. 19 Abs. 1 der
Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom
26. Juni 2013 (sogenannte Aufnahmerichtlinie) verpflichtet, den Beschwer-
deführenden die erforderliche medizinische Versorgung, welche zumindest
die Notversorgung und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krank-
heiten und schweren psychischen Störungen umfasse, zu gewähren. Eine
Überstellung nach Portugal bedeute keinen Verstoss gegen Art. 3 EMRK.
Folglich bestehe keine Verpflichtung, die Souveränitätsklausel gemäss
Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO anzuwenden.
5.2 Die Beschwerdeführenden machen in der Rechtsmitteleingabe im We-
sentlichen geltend, der Schlepper habe die Beschwerdeführerin 1 unter fal-
schen Versprechungen in die Schweiz gelockt. Hier (in Genf) seien sie über
mehrere Monate in einer Wohnung eingesperrt worden. Dabei habe die
Beschwerdeführerin 1 sexuelle Handlungen vornehmen müssen. In Zürich
seien sie nun in Sicherheit und hätten keine Ahnung, was mit ihnen in Por-
tugal passieren werde. Die Beschwerdeführerin 1 habe bei der Fachstelle
Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) einen Beratungstermin verein-
bart. Zudem habe sie die Absicht, eine Strafanzeige gegen den Schlepper
zu erheben. Dass es ihr erst aufgrund einer neuen Gesprächssituation mit
einer weiblichen Person gelungen sei, von ihren traumatisierenden Erleb-
nissen zu erzählen, sei nachvollziehbar und entspreche einem typischen
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Verhalten von Personen mit solchen Erlebnissen (beim Dublin-Gespräch –
durchgeführt von einer männlichen Person – sei ein männlicher Rechtsver-
treter anwesend gewesen). Gemäss dem von der FIZ durchgeführten ers-
ten Abklärungsgespräch vom 2. Juli 2019 sei die Beschwerdeführerin 1 als
Opfer von Menschenhandel identifiziert worden und sei traumatisiert. Der
dem vorinstanzlichen Entscheid zugrundeliegende Sachverhalt erweise
sich daher als unvollständig erstellt. Die Vorinstanz habe ihrer Pflicht zur
Identifizierung von Opfern von Menschenhandel gemäss Art. 10 des Über-
einkommens zur Bekämpfung des Menschenhandels vom 16. Mai 2005
(sog. Europarats-Übereinkommen, SR 0.311.543, nachfolgend: EKM)
nachzukommen. Die Durchführung eines Beweisverfahrens mit einer Zu-
satzbefragung der Beschwerdeführenden sei notwendig. Auch sei der Be-
richt der FIZ abzuwarten. Ferner sei der medizinische Sachverhalt nicht
erstellt (keine psychiatrische Begutachtung der Beschwerdeführerin 1,
keine Untersuchung der Kinder). Die Gefahr eine Destabilisierung und Re-
traumatisierung (bei einer Überstellung nach Portugal) sei sehr hoch.
5.3 In seiner Vernehmlassung gibt sich das SEM erstaunt darüber, dass
sich die Beschwerdeführerin 1 erst zum Zeitpunkt der Verfügungseröffnung
negativ gegenüber einer Wegweisung nach Portugal geäussert habe. Ei-
nerseits habe sie anlässlich der Gewährung des rechtlichen Gehörs keine
Einwände gegen Portugal vorgebracht. Andererseits liege der angebliche
Tatort (betreffend Menschenhandel/Freiheitsberaubung) in der Schweiz
und nicht in Portugal. In Bezug auf den medizinischen Sachverhalt sei es
gemäss Arztbericht vom 31. Mai 2019 möglicherweise zu einem sexuellen
Missbrauch gekommen. Ebenfalls ersichtlich sei, dass die Beschwerdefüh-
rerin 1 wohl im Juli 2018 schwanger gewesen sei. Im Arztbericht vom
4. Juni 2019, erstellt durch die gleiche Arztpraxis, würden die Schwanger-
schaft und der sexuelle Missbrauch nicht mehr erwähnt, obwohl – im Ge-
gensatz zur ersten Untersuchung – die Verständigung mittels Dolmetscher
gewährleistet gewesen sei. Zum Verfügungszeitpunkt hätten keine Hin-
weise auf eine Traumatisierung oder psychische Beschwerden bei den Be-
schwerdeführenden vorgelegen. Auch seien die ärztlichen Berichte vom
18. und 26. Juni 2019, in welchen der Verdacht auf einen Ovarialtumor
diagnostiziert worden sei, nicht zu den Akten gereicht worden und hätten
somit in der Verfügung vom 26. Juni 2019 nicht gewürdigt werden können.
Aufgrund der vorliegenden medizinischen Akten hätten dem SEM weder
Hinweise auf Menschenhandel noch auf eine Vulnerabilität der Beschwer-
deführenden vorgelegen.
Im Zusammenhang mit den gesundheitlichen Beschwerden geht das SEM
– wie schon im Entscheid vom 26. Juni 2019 – davon aus, dass Portugal
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über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfüge und den Be-
schwerdeführenden die erforderliche medizinische Versorgung gewähren
könne. Bei einer allfälligen Überstellung werde das SEM die portugiesi-
schen Behörden über den Gesundheitszustand und die notwendige medi-
zinische Behandlung der Beschwerdeführenden informieren. Gleichzeitig
werde der zuständige Dublin-Staat in Kenntnis gesetzt, dass es sich bei
der zu überstellenden Beschwerdeführerin 1 um ein potenzielles Opfer von
Menschenhandel handle. Insgesamt sei festzuhalten, dass eine Wegwei-
sung nach Portugal keinen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstelle und keine
Gründe vorliegen würden, welche einen Selbsteintritt der Schweiz im Sinne
von Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO rechtfertige.
5.4 In ihrer Replik führen die Beschwerdeführenden unter Hinweis auf ei-
nen Bericht der FIZ vom 4. September 2019 und den am 22. und 23. Au-
gust 2019 bei der Kantonspolizei Zürich durchgeführten Einvernahmen be-
treffend Menschenhandel insbesondere aus, dass die Beschwerdeführerin
1 unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung leide und auf
eine psychologische Unterstützung dringend angewiesen sei. Aus Erzäh-
lungen gehe klar hervor, dass auch ihre beiden Kinder derselben Gefahr
ausgesetzt gewesen und Zeugen der Ausbeutung ihrer eigenen Mutter ge-
worden seien. Es würden genügend konkrete Anhaltspunkte vorliegen,
dass sie – die Beschwerdeführenden – Opfer von Menschenhandel gewor-
den seien. Mit der Anzeigeerstattung und Anhandnahme des Verfahrens
durch die zuständige Staatsanwaltschaft sei davon auszugehen, dass sich
der Tatort in der Schweiz befinde. Ihre Anwesenheit in der Schweiz sei für
die Weiterführung des Strafverfahrens essenziell. Hinzu komme, dass das
Ausmass der Traumatisierung und ihre psychische Verfassung insgesamt
(noch) nicht geklärt seien.
5.5 In seiner Duplik hält das SEM – auch unter Berücksichtigung des Ein-
schätzungsberichts der FIZ vom 24. Oktober 2019 und der inzwischen er-
folgten Abtretung des Strafverfahrens an die Staatsanwaltschaft des Kan-
tons Genf – daran fest, dass den Beschwerdeführenden bei einer Überstel-
lung nach Portugal keine Gefahr bzw. keine durch Art. 3 EMRK verbotene
Strafe oder Behandlung drohe, zumal gemäss ihren eigenen Angaben als
einziger Tatort betreffend Menschenhandel/Freiheitsberaubung die
Schweiz und nicht Portugal gelte. Bis anhin sei den Akten auch nicht zu
entnehmen, dass die Anwesenheit der Beschwerdeführenden in der
Schweiz für die Weiterführung des Strafverfahrens notwendig sei. Im Übri-
gen habe der Gesetzgeber mit dem revidierten Asylgesetz klar zum Aus-
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druck gebracht, dass das Asylverfahren deutlich zu beschleunigen sei, wo-
bei das SEM im Dublin-Verfahren enge Fristen zu befolgen habe. Eine
langwierige, nachgelagerte Mitwirkung an einem allfälligen Strafverfahren
dürfe daher den Erlass eines Nichteintretensentscheids (NEE Dublin) nicht
hemmen. Ferner würden weder die geltend gemachte posttraumatische
Belastungsstörung der Beschwerdeführerin 1 noch die Diagnosen gemäss
den Arztberichten vom 30. September und 1. Oktober 2019 gegen eine
Überstellung nach Portugal sprechen, weil den Beschwerdeführenden
keine wesentliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes drohe,
welche grosses Leid oder eine wesentliche Verminderung ihrer Lebenser-
wartung zur Folge habe.
5.6 In ihrer Triplik bringen die Beschwerdeführenden unter Hinweis auf das
Europarats-Übereinkommen im Wesentlichen vor, dass die Vertragspar-
teien einem Menschenhandelsopfer einen verlängerbaren Aufenthaltstitel
ausstellen müssten, wenn die zuständige Behörde der Auffassung sei,
dass der Aufenthalt des Opfers für die Zusammenarbeit mit den zuständi-
gen Behörden bei den Ermittlungen oder beim Strafverfahren erforderlich
sei. Auch das Bundesgericht gehe davon aus, dass eine allenfalls erforder-
liche Verfügbarkeit eines asylsuchenden Menschenhandelsopfers für das
Strafverfahren in der Schweiz nur dadurch sichergestellt werden könne,
indem es sich für die Dauer des Strafverfahrens in der Schweiz aufhalte.
Den Migrationsbehörden bleibe kein Raum für eine Abweichung von der
Einschätzung der Strafbehörden, wonach die Anwesenheit zu gewährleis-
ten sei. Das SEM hätte sich bezüglich der Frage der Notwendigkeit der
Anwesenheit in der Schweiz deshalb an die Staatsanwaltschaft Genf wen-
den müssen. Indem sie dies unterlassen habe, habe sie ihre Abklärungs-
pflicht verletzt.
6.
6.1 Gemäss Einschätzungsbericht der FIZ vom 24. Oktober 2019, welcher
auf neun Abklärungs- und Beratungsgesprächen beruht, ist die Beschwer-
deführerin 1 in der Schweiz Opfer von Menschenhandel geworden: Am
30. November 2018 sei sie mit ihren Kindern nach Lissabon geflogen, wo
ein Mann namens F._ sie abgeholt habe. Einen Tag später seien sie
weiter nach Genf geflogen, wobei F._ ihnen bereits beim Abflug alle
Dokumente weggenommen habe. In Genf angekommen – so der Bericht
weiter – seien sie mit dem Auto in die Agglomeration gefahren und in einer
Dreizimmerwohnung eines Mehrfamilienhauses untergebracht und einge-
schlossen worden. Die Beschwerdeführerin 1 habe Essen für ihn und wei-
tere Personen, die zu Besuch gekommen seien, zubereiten müssen. Von
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F._ sei sie aufgefordert worden, mit ihm zu schlafen, wenn sie et-
was zu essen möchte. Dasselbe sei von ihr verlangt worden, um Medika-
mente für ihre Tochter zu bekommen. Ihr sei dann keine andere Möglichkeit
geblieben, als auf diese Forderung einzugehen. Als ihre Tochter einmal
ohnmächtig umgefallen sei, habe F._ entschieden, die Beschwerde-
führerin 1 und die Kinder freizulassen. Sie seien dann mit dem Auto nach
Basel gebracht und in der Nähe des Asylzentrums abgesetzt worden.
6.2 Die Vorinstanz selbst hält die nachträglich dargelegten Schilderungen
betreffend Menschenhandel nicht für unplausibel, erachtet jedoch die phy-
sische Anwesenheit der Beschwerdeführerin 1 in der Schweiz für die Wei-
terführung des Strafverfahrens nicht als notwendig. Falls die Anwesenheit
im Verlaufe des Strafverfahrens dennoch angezeigt sein sollte, bestehe die
Möglichkeit, von Portugal in die Schweiz einzureisen.
7.
7.1 In einem Grundsatzurteil vom 18. Juli 2016 (BVGE 2016/27) gibt das
Bundesverwaltungsgericht einen Überblick über die völkerrechtlichen Ver-
pflichtungen, die sich für die Schweiz bei Vorliegen konkreter Anhalts-
punkte für Menschenhandel aus der Rechtsprechung des Europäischen
Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zu Art. 4 EMRK i.V.m. dem Zu-
satzprotokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschen-
handels, insbesondere des Frauen- und Kinderhandels vom 15. November
zum 2000 zum Übereinkommen der vereinten Nationen gegen die grenz-
überschreitende organisierte Kriminalität (sog. Palermo-Protokoll; SR
0.311.542) und aus dem Europarats-Übereinkommen ergeben.
In solchen Konstellationen trifft die Schweiz eine Untersuchungspflicht,
was bedeutet, dass staatliche Stellen, sobald sie von einem mutmasslichen
Menschenhandelssachverhalt Kenntnis erhalten, von Amtes wegen und
unverzüglich wirksame Ermittlungen einzuleiten haben, sogar ohne dass
dazu eine Anzeige des Opfers erforderlich wäre. Wenn die Behörden von
Umständen wussten oder wissen mussten, die den glaubhaften Verdacht
("credible suspicion") begründen, dass eine Person Opfer von Menschen-
handel ist oder sich in einer realen und unmittelbaren Gefahr ("real and
immediate risk") befindet, dem Menschenhandel beziehungsweise der
Ausbeutung im Sinne des Palermo-Protokolls und des Europarats-Über-
einkommens ausgesetzt zu sein, entsteht im Einzelfall eine Pflicht zur Er-
greifung von Schutzmassnahmen für tatsächliche und potenzielle Opfer
von Menschenhandel. Unterlassen es die Behörden, alle angemessenen,
möglichen und zumutbaren Massnahmen zu ergreifen, um die Gefahr von
der Person abzuwenden, liegt eine Verletzung von Art. 4 EMRK vor (vgl.
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Urteil des EGMR Rantsev gegen Zypern und Russland vom 7. Januar
2000, 25965/04, §§ 286 f., 294-298).
Gemäss Art. 10 EKM hat die Schweiz zudem eine ausdrückliche Identifi-
zierungspflicht gegenüber Betroffenen des Menschenhandels. Ein Identifi-
zierungsverfahren hat unabhängig von einer allfälligen Strafverfolgung der
Täter stattzufinden. Personen, bei denen konkrete Anhaltspunkte für Men-
schenhandel vorliegen, sind die minimalen Unterstützungsmassnahmen
gemäss Art. 12 Abs. 1 und 2 sowie eine Erholungs- und Bedenkzeit von
mindestens 30 Tagen gemäss Art. 13 EKM zu gewähren. Nach Ablauf die-
ses Zeitraums hat jede Vertragspartei dem Opfer gestützt auf Art. 14 Abs.
1 EKM einen verlängerbaren Aufenthaltstitel zu erteilen, wenn die zustän-
dige Behörde der Auffassung ist, dass der Aufenthalt des Opfers aufgrund
seiner persönlichen Situation oder für seine Zusammenarbeit mit den zu-
ständigen Behörden bei den Ermittlungen oder beim Strafverfahren erfor-
derlich ist (vgl. BVGE 2016/27 E. 6.1).
7.2 Auch das Bundesgericht geht im Urteil vom 14. Februar 2019 gestützt
auf Art. 14 Abs. 1 Bst. b EKM, ausgelegt im Lichte von Art. 4 EMRK, davon
aus, dass eine allenfalls erforderliche Verfügbarkeit eines asylsuchenden
Menschenhandelsopfers für das Strafverfahren in der Schweiz nur dadurch
sichergestellt werden kann, dass es sich für die Dauer des Strafverfahrens
in der Schweiz aufhält. Anderslautende Weisungen des SEM sind mit den
Vorgaben aus Art. 14 Abs. 1 Bst. b EKM nicht zu vereinbaren. Der Migrati-
onsbehörde bleibt dabei kein Raum, von der Einschätzung der Strafbehör-
den abzuweichen, wonach die Anwesenheit zu gewährleisten sei (vgl. BGE
145 I 308 E 4.1 f.). In casu liegt seitens der Strafverfolgungsbehörde zwar
nur eine Bestätigung vor, dass die Staatsanwaltschaft Genf örtlich zustän-
dig für die Durchführung des Strafverfahrens sei (vgl. Beschluss des Mi-
nistère public de la république et canton de Genève vom 20. November
2019). Anders als im obgenannten Verfahren des Bundesgerichts hat sich
die Staatsanwaltschaft Genf bis jetzt nicht zur Notwendigkeit der Anwesen-
heit des Opfers geäussert. Auch geht aus dem Beschluss nicht hervor, ob
das Strafverfahren überhaupt anhand genommen worden ist. Entgegen
den Ausführungen der Vorinstanz in ihrer Duplik geht es jedoch nicht an, in
einem solchen Fall die Frage der Notwendigkeit selbst (abschlägig) zu be-
antworten. Da die für das Strafverfahren zuständigen Behörden einzig in
der Lage sind, die Notwendigkeit der Anwesenheit des Opfers für den wei-
teren Verlauf des Verfahrens zuverlässig abzuschätzen, wäre es Sache der
Vorinstanz gewesen, sich diesbezüglich an die Staatsanwaltschaft Genf zu
wenden. Indem sie dies unterlassen hat, hat sie ihre Abklärungspflicht ver-
letzt. Da es sich bei Art. 4 EMRK um eine völkerrechtliche Verpflichtung
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Seite 13
handelt, welche – wie Art. 3 EMRK – auch in einem Dublin-Verfahren zu
berücksichtigen ist, kann sich das SEM im Übrigen nicht mit dem Hinweis
ohne Weiteres auf die gesetzlichen Bestimmungen in Bezug auf die engen
Fristen in einem solchen Verfahren von dieser Verpflichtung befreien.
7.3 Die Vorinstanz ist deshalb anzuweisen, bei der Staatsanwaltschaft
Genf die entsprechenden Abklärungen vorzunehmen. Sollte die Verfügbar-
keit der Beschwerdeführenden für die Durchführung des Strafverfahrens in
der Schweiz sich als notwendig erweisen, wäre sie – die Vorinstanz – ge-
halten, dafür zu sorgen, dass die Beschwerdeführenden eine Kurzaufent-
haltsbewilligung erhalten. Allenfalls ist in Würdigung der konkreten Um-
stände die Anwendung der Souveränitätsklausel zu prüfen.
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit die Aufhe-
bung der angefochtenen Verfügung und Rückweisung der Sache an das
SEM beantragt werden. Die angefochtene Verfügung ist in Anwendung von
Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG aufzuheben, und die Sache ist im Sinne der
Erwägungen zur vollständigen und richtigen Sachverhaltsfeststellung so-
wie zur erneuten Beurteilung und Entscheidung an die Vorinstanz zurück-
zuweisen. Weitere Ausführungen, insbesondere zur Frage, ob aufgrund
der aktuellen gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführenden eine
Überstellung nach Portugal gegen Art. 3 EMRK verstossen würde, erübri-
gen sich somit.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Den vertretenen Beschwerdeführenden ist keine Par-
teientschädigung zuzusprechen, da es sich vorliegend um eine zugewie-
sene unentgeltliche Rechtsvertretung im Sinne von Art. 102h AsylG han-
delt, deren Leistungen vom Bund nach Massgabe von Art. 102k AsylG ent-
schädigt werden (vgl. auch Art. 111ater AsylG).
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F-3409/2019
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