Decision ID: 0603bde3-1956-4fe2-873e-3262d53f4f8c
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend einfache Körperverletzung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 7. Mai 2014
(DG130077)
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Anklage:
Der Antrag auf Anordnung einer Massnahme für eine schuldunfähige Person der
Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 19. Dezember 2013 ist diesem Ur-
teil beigeheftet (Urk. 36).
Urteil der Vorinstanz:
1. Es wird festgestellt, dass die Beschuldigte den Tatbestand der einfachen
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 i. V. m. Ziff. 2 Abs. 2
und 3 StGB erfüllt hat.
2. Aufgrund der nicht selbst verschuldeten Schuldunfähigkeit wird von einer
Strafe abgesehen.
3. Es wird eine stationäre Massnahme im Sinne von Art. 59 StGB angeordnet.
4. Die mit Verfügungen der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom
28. Juni 2013 (act. 27/2), 6. November 2013 (act. 27/3) und 18. Dezember
2013 (act. 27/9) beschlagnahmten Gegenstände werden der Beschuldigten
nach Rechtskraft des Urteils auf erstes Verlangen herausgegeben. Davon
ausgenommen ist das Duplikat des biometrischen, brasilianischen Reise-
passes Nr. ..., welches nach Rechtskraft des Urteils an das Brasilianische
Konsulat in Zürich übersandt wird.
5. Die Anträge der Privatklägerschaft betreffend Genugtuung und grundsätzli-
cher Schadenersatzpflicht werden abgewiesen.
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6. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz. Die weiteren Kosten betragen:
Fr. 560.– Kosten Kantonspolizei
Fr. 5'000.– Gebühr Anklagebehörde
Fr. 11'525.00 Gutachten/Expertisen
Fr. 6'746.70 Auslagen Untersuchung
Fr. 7'317.– bisherige amtliche Verteidigung (RA Y._)
Fr. 19'420.– aktuelle amtliche Verteidigung (RA Y1._)
Fr. 50'568.70 Total
7. Die Kosten, inklusive diejenigen der amtlichen Verteidigung, werden auf die
Gerichtskasse genommen.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 143)
1. Ziff. 1 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichts Winterthur vom 7. Mai
2014 sei aufzuheben und es sei festzustellen, dass sich die Beschuldigte
der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von Art. 125 Abs. 1 StGB schul-
dig gemacht hat.
2. Ziff. 2 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichts Winterthur vom 7. Mai
2014 sei aufzuheben. Die Beschuldigte sei mit einer bedingten Geldstrafe
von 40 Tagessätzen zu bestrafen unter Anrechnung der bereits erstandenen
Haft.
3. Ziff. 3 des Dispositivs des Urteils des Bezirksgerichts Winterthur vom 7. Mai
2014 sei aufzuheben. Es sei von der Anordnung einer Massnahme abzuse-
hen.
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4. Die Beschuldigte sei für die erlittene Überhaft angemessen zu entschädigen.
5. Unter ausgangsgemässer Kosten- und Entschädigungsfolgen.
b) Der Vertreterin der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland:
(Urk. 119, schriftlich)
Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils.
c) Der Vertreterin des Privatklägers:
(Urk. 138, sinngemäss)
Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils.
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Erwägungen:
I.
1. Mit Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 7. Mai 2014 wurde fest-
gestellt, dass die Beschuldigte A._ den Tatbestand der einfachen Körperver-
letzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 i.V.m. Ziff. 2 Abs. 2 und 3 StGB erfüllt
hat. Aufgrund der nicht selbst verschuldeten Schuldunfähigkeit der Beschuldigten
wurde jedoch keine Strafe ausgefällt, sondern eine stationäre Massnahme im
Sinne von Art. 59 StGB angeordnet. Weiter wurden die Anträge der Privatkläger-
schaft betreffend Genugtuung und grundsätzlicher Schadenersatzpflicht abgewie-
sen (Urk. 94).
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Mit Eingabe vom 19. Mai 2014 meldete der bisherige amtliche Verteidiger
Berufung an (Urk. 78). Das begründete Urteil wurde den Parteien am 19. Sep-
tember 2014 zugestellt (Urk. 85).
Mit Eingabe vom 30. September 2014 reichte der neue amtliche Verteidiger
der Beschuldigten die Berufungserklärung ein (Urk. 100). Die Staatsanwaltschaft
beantragte die Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 119). Mit Eingabe
vom 15. Dezember 2014 verzichtete der Privatkläger auf Antragstellung und Teil-
nahme an der Berufungsverhandlung (Urk. 138).
2. Anlässlich der Berufungsverhandlung liessen die Parteien die eingangs
erwähnten Anträge stellen.
II.
1. Gemäss dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf Anordnung einer
Massnahme für eine schuldunfähige Person wird unter dem Titel der einfachen
Körperverletzung festgehalten, dass die Beschuldigte am 26. Juni 2013, um 08.30
Uhr, in C._ den Privatkläger D._, geb. am tt.mm.2007, mit einer Hand
am Nacken gepackt, ein scharfes, spitziges Messer hervorgezogen und gegen
das Gesicht des Privatklägers geführt haben soll. Dabei habe sie ihn auf der
Oberlippe links auf ungefähr 6 Millimeter in die Haut geschnitten und diese auf
ungefähr 3 Millimeter ganz durchgetrennt (Urk. 36).
2.1. Die Beschuldigte bestritt diesen Vorwurf bzw. liess ihn bestreiten. Sie
machte nach ihrer ersten Hafteinvernahme während der ganzen Untersuchung
Gebrauch von ihrem prozessualen Recht auf Aussageverweigerung und tätigte
auch anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung keine Aussagen.
Noch vor Erhalt des begründeten Urteils reichte die Beschuldigte mit Einga-
be vom 17. September 2014 dem hiesigen Gericht eine Beilage mit der Über-
schrift "Geständnis vom 8. August 2014" ein. Darin führt sie aus, es sei im Januar
2013 das Besuchsrecht ihres Sohnes, E._, geb. tt.mm.2007, eingestellt wor-
den und sie sei von der Migrationsbehörde aus der Schweiz ausgewiesen wor-
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den. Im Mai 2013 sei sie im Zusammenhang mit einem anderen Verfahren in die
Schweiz zurückgekehrt. Sie habe dann den Fehler gemacht, ihren "Sohn auf dem
Weg zum Kindergarten von Fehr (recte wohl "von fern") besucht zu haben bzw.
wieder(ge)sehen zu haben". Beim dritten Mal habe sie ihn weinend von hinten
gehalten, aber es sei nicht ihr Sohn gewesen. Sie habe versucht, ihn zu halten,
aber er habe geschrien, und "ich sah, merkte es ist nicht E._, der mit der
schwarzen Kappe war." Sie habe gedacht, es sei ihr Sohn (Urk. 95).
Einem weiteren Geständnis, als Beilage zu einem nicht weitergeleiteten
Brief vom 12. November 2014 an ihren geschiedenen Ehemann F._ (Urk.
129/1), lässt sich entnehmen, dass sie vermeintlich ihren Sohn von hinten gehal-
ten habe. Als sie ihn zu sich gedreht habe, habe er sich von ihr gelöst und ge-
schrien. Sie habe seinen Arm gehalten. Er habe eine Mütze und einen Rucksack
gehabt. Sie habe gesehen, dass es nicht E._ gewesen sei. Dies habe ca.
drei bis fünf Sekunden gedauert. Sie habe eine Tasche, ein fünf Zentimeter gros-
ses Sackmesser (Marke: Schweizerarmee), ein Spielzeug und die Schachtel ge-
habt. Das kleine Sackmesser habe sie vorher aus der Tasche genommen, um
das Spielzeug aus der Schachtel zu lösen. Sie habe es E._ geben wollen.
Das Kind D._ sei sofort zum Kindergarten gerannt. Sie sei Richtung Bushal-
testelle gelaufen. Sie habe dieses Kind nicht verletzt, wenn ja, dann sei es ein Un-
fall gewesen und nicht absichtlich geschehen. Sie habe die Verletzung auf jeden
Fall nicht bemerkt (Urk. 129/2 Beilage). Anlässlich der Berufungsverhandlung
reichte die Beschuldigte dem hiesigen Gericht ein weiteres Geständnis ein, eben-
falls mit Datum vom 8. August 2014 und demselben Inhalt wie der Brief an
F._ (Urk. 140).
Erst anlässlich der Berufungsverhandlung führte sie aus, zur fraglichen Zeit
in der Nähe des Kindergartens gewesen zu sein. Sie habe schon in den vorheri-
gen Tagen ihren Sohn von Weitem gesehen. Beim Kindergarten wollte sie den
Jungen, von dem sie dachte, er sei ihr Sohn, ansprechen und ihn zu sich umdre-
hen. Nach drei bis fünf Sekunden habe sie gemerkt, dass es nicht ihr Sohn sei.
Sie habe zuvor für ihren Sohn eine Figur eines Comic-Heldens gekauft und habe
diese mittels eines Sackmessers aus der Plastikverpackung lösen wollen. Sie ha-
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be eine Tasche, eine Schachtel, ein Spielzeug und ein Sackmesser in der rechten
Hand gehabt, als sie den Jungen gehalten habe (Prot. II S. 16 f.). Als sie ihren
vermeintlichen Sohn zu sich umdrehen wollte, habe er nicht gewollt und habe sie
weggestossen. Sie habe ihn dann losgelassen. Wie es zur Verletzung gekommen
sei, wisse sie nicht; möglicherweise sei dies geschehen, als sie ihn gedreht habe
(Prot. II S. 19). Auf Nachfrage gab sie an, aus Angst alle Sachen weggeworfen zu
haben, nachdem sie in Zürich einen Anruf von der Polizei erhalten habe und ihr
mitgeteilt worden sei, dass sich ein Kind verletzt habe (Prot. II S. 17 f.).
2.2. Die Vorinstanz erstellte den Sachverhalt gestützt auf die dannzumal
vorliegenden Beweismittel. Für das eigentliche Tatgeschehen stellte sie auf die
Aussagen des Privatklägers D._ ab; die Zeugenaussagen der Kindergärtne-
rinnen G._ und H._ sowie der Anwohnerin I._ erhärteten sodann
die Täterschaft der Beschuldigten. Als weitere Beweismittel liegen noch eine Fo-
todokumentation (Urk. 4) über die Örtlichkeiten des Vorfalls und der Verletzungen
des Privatklägers sowie ein Arztzeugnis zu diesen Verletzungen vor (Urk. 14/3).
Die Vorinstanz gelangte dabei zum Schluss, dass der Sachverhalt gemäss Antrag
der Staatsanwaltschaft erstellt sei (Urk. 94 S. 7 ff.).
2.3. Im vorliegenden Berufungsverfahren ist gemäss den drei schriftlich vor-
liegenden "Geständnissen" sowie den Aussagen der Beschuldigten anlässlich der
Berufungsverhandlung ihre Anwesenheit am Tatort nicht mehr strittig. Von ihr und
dem Privatkläger abweichend dargestellt wird insbesondere die eingesetzte Tat-
waffe und die Art der Begehung der Verletzung. Im Folgenden ist darauf näher
einzugehen.
2.3.1. Vorab ist der Vorinstanz zuzustimmen, wenn sie die erste Hafteinver-
nahme der Beschuldigten für die Sachverhaltserstellung als unverwertbar be-
zeichnet (Urk. 94 S. 8; Art. 82 Abs. 4 StPO). Bereits zu Beginn der Befragung
wünschte die Beschuldigte von sich aus eine "rechtliche Vertretung". Nachdem ihr
eröffnet wurde, dass gegen sie eine Voruntersuchung wegen Freiheitsberaubung
und Entführung eingeleitet worden sei, erklärte sie, dass sie sofort einen Rechts-
beistand wünsche. Auch wenn sie dann trotzdem bereit war, mit der Einvernahme
zu beginnen, so hätte der Staatsanwalt aufgrund ihrer emotionalen Verfassung
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(wiederholtes Weinen) und insbesondere nach erneutem, wiederholten Wunsch
nach einem Verteidiger während der Befragung zur Sache (Urk. 13/1 S. 8, S. 10),
die Befragung abbrechen müssen, da spätestens dann die Bereitschaft zur Ein-
vernahme ohne Verteidiger hinfällig wurde. Der Staatsanwalt selbst hatte offenbar
die Zusicherung gegeben, die Einvernahme zwecks Kontaktaufnahme mit einem
Anwalt jederzeit zu unterbrechen (Urk. 13/1 S. 10; Art. 159 Abs. 3 StPO, SCHMID,
StPO Praxiskommentar, 2. Auflage 2013, Art. 131 N 3); er reagierte indessen erst
nach acht weiteren Fragen zur Sache auf ihren erneut geäusserten Wunsch
(Urk. 13/1 S. 9). Auch nach dem telefonischen Kontakt der Beschuldigten mit dem
Verteidiger RA Y._ (Urk. 13/1 S. 10), wurde die Einvernahme noch über acht
Seiten fortgeführt (Urk. 13/1 S. 10–18). Die diesbezüglichen Einwendungen der
Staatsanwaltschaft (Urk. 70/1 S. 3) wurden von der Vorinstanz – unter Verweis
auf die Erwägungen im Beschluss des Obergerichts des Kantons Zürich vom 5.
Februar 2014 (Urk. 70/6 S. 8 ff.) – zutreffend entkräftet, weshalb darauf verwiesen
werden kann (Urk. 94 S. 8).
2.3.2. Der Verwertbarkeit der Geständnisse vom 8. August 2014, welche an
das hiesige Gericht adressiert waren, steht nichts entgegen (Urk. 95 und
Urk. 140). Was die Verwertbarkeit der "Kopie des Geständnis vom 8. August
2014" angeht (Urk. 129/2 Beilage), welches an den ehemaligen Ehemann der Be-
schuldigten gerichtet war, so ist zu beachten, dass die Beschuldigte zwar einer-
seits bei der Hafteinvernahme durch den Staatsanwalt auf die Briefzensur hinge-
wiesen wurde (Urk. 13/1 S. 16), dass sie aber diesen (nicht weitergeleiteten) Brief
nicht an das Gericht oder die Untersuchungsbehörde richtete. Ihre Ausführungen
anlässlich der Berufungsverhandlung sowie das dritte Geständnis (Urk. 140) de-
cken sich jedoch inhaltlich mit diesem Schreiben, weshalb auch dieses Geständ-
nis in die Beweiswürdigung miteinbezogen werden kann.
2.3.3. Die wesentlichsten Beweismittel sind die Videoaufzeichnung der Aus-
sagen des Privatklägers (Urk. 6 und 7) und die Aussagen der Beschuldigten an-
lässlich der Berufungsverhandlung (Prot. II S. 16 ff.).
Der Privatkläger stand im Zeitpunkt des Vorfalls bzw. der gleichentags er-
folgten Einvernahme wenige Tage vor seinem sechsten Geburtstag. Er wurde un-
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ter Hinweis auf Art. 169 Abs. 1–4 StPO, Art. 180 Abs. 1 StPO und Art 181 StPO
befragt. Der Privatkläger war trotz seines kindlichen Alters durchaus in der Lage,
den Gegenstand der Einvernahme zu erfassen; diesbezüglich ist seine Urteilsfä-
higkeit zu bejahen. In prozessualer Hinsicht steht demnach der Verwertbarkeit der
Aussagen des Privatklägers nichts entgegen. Mit der Vorinstanz ist sodann fest-
zuhalten, dass die Ereignisse vom Privatkläger sehr plastisch und im Ablauf
nachvollziehbar geschildert wurden (Urk. 94 S. 11 ff.): Beim Vorbeigehen packt
ihn die Beschuldigte mit der linken Hand am Nacken, um ihn festzuhalten, wobei
sie gleichzeitig in der rechten Hand ein Messer hält; der Privatkläger versucht mit
seiner rechten Hand den rechten Arm der Beschuldigten wegzudrücken, wobei es
dennoch zu kleinen Stich- bzw. Schnittverletzungen im Mundbereich kommt. Ge-
mäss Privatkläger kam es nur zu einer Bewegung des Messers gegen sein Ge-
sicht. Diese Angabe zeigt, dass er trotz eines für ihn sehr singulären Ereignisses
zurückhaltend aussagt und die Beschuldigte nicht übermässig belastet. Die Schil-
derung des Vorfalls stimmt auch mit dem fotografisch festgehaltenen Verlet-
zungsbild überein (Urk. 4/11–13). Dieses ist vereinbar mit der vom Privatkläger
geschilderten Abwehrbewegung (Halten/Wegstossen des Armes mit der Folge
kleiner Schnittverletzungen Lippe links und linker Backe). Gemäss Arztbericht
(Urk. 14/3) ist die Verletzung mit einem scharfen Gegenstand (Messer, Fingerna-
gel, Schmuckstück etc.) erfolgt. Die Beschuldigte anerkennt, dass die Verletzung
mit einem Sackmesser passiert sei. Der Privatkläger beschreibt das Messer zwar
sehr präzis: ein Küchenmesser, ohne Zacken mit scharfer Spitze und Klinge mit
Metallnieten im Griff. Letzteres ergab sich erst aus der Zeichnung anlässlich der
Videobefragung (Urk. 8 S. 4). Dass es sich um ein Sackmesser gehandelt haben
soll, verneint er. Die Zeichnung des Messers an sich entsprach aber nicht der Be-
schreibung, sondern war deutlich grösser. Die Aussage betreffend die Art des
Messers ist mit einer gewissen Vorsicht zu würdigen, zumal eine schreckensbe-
dingte Überzeichnung der Messergrösse nicht ausgeschlossen werden kann.
Ähnliches zeigt sich bei der Beschreibung der Grösse der Täterin. So verglich er
die Grösse der Beschuldigten mit derjenigen der einvernehmenden Polizistin,
welche 175 cm misst. Er befand zuerst sogar, die Beschuldigte sei grösser als die
Polizistin und korrigierte dann, sie sei etwa gleich gross; die Beschuldigte misst
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jedoch nur ca. 162 cm (Urk. 26/19 Blatt 3). Dies deutet darauf hin, dass dem Pri-
vatkläger in der für ihn sehr belastenden Situation alles viel grösser erschien. Die
Beschuldigte entsorgte das von ihr verwendete Messer noch gleichentags und
dieses wurde nicht aufgefunden; wie gross das Messer effektiv war, kann somit
nicht mehr rekonstruiert werden. Unbestritten ist jedoch, dass die Beschuldigte
ein Messer in der Hand hatte und damit den Privatkläger verletzte. Auch der Um-
stand, dass der Privatkläger nicht gesehen hat, wie das Messer in die Hand der
Beschuldigten kam, spricht nicht gegen den Messereinsatz, sondern zeigt, dass
er sich nicht Mutmassungen hingibt, sondern nur das Beobachtete wiedergibt.
Die Beschuldigte machte anlässlich der Berufungsverhandlung wie auch in
den verschiedenen Geständnissen ebenfalls konkrete Angaben über den Ablauf
des Vorfalls und erwähnte stets, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe.
Detailliert gab sie an, dass es sich beim Spielzeug, welches sie E._ mitbrin-
gen wollte, um eine Figur eines Comic-Helden gehandelt habe. Weiter führte sie
aus, sowohl das Spielzeug als auch das Messer in Zürich weggeworfen zu haben,
da sie nach dem Anruf der Polizei Angst bekommen habe. Die Beschuldigte konn-
te des Weiteren nachvollziehbar darlegen, weshalb sie diese Version erst im Be-
rufungsverfahren vorbrachte; ihr damaliger Anwalt habe ihr geraten, die Aussage
konsequent zu verweigern (Prot. II S. 15; Urk. 129/2 Beilage und 140). Erst mit
dem Anwaltswechsel machte sie nun Aussagen. Aufgrund des Grössenunter-
schieds der Beschuldigten und des Privatklägers erscheint es sodann auch mög-
lich, dass sie das Messer nicht aktiv gegen das Gesicht des Privatklägers geführt
hat, sondern dass sein Gesicht auf Höhe der Hand der Beschuldigten war. Weiter
kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Beschuldigte sowohl die Tasche, die
Schachtel und das Spielzeug als auch das Messer zusammen in der rechten
Hand hielt, wie sie dies geltend machte. Der Privatkläger führte sodann aus, den
Arm der Beschuldigten weggeschoben zu haben; dies indiziert, dass die Beschul-
digte nicht mit grossem Kraftaufwand gehandelt hat. Die Ausführungen der Be-
schuldigten erscheinen insgesamt plausibel.
2.4. Der Beschuldigten kann zusammenfassend nicht nachgewiesen wer-
den, dass sie den Privatkläger vorsätzlich verletzte oder diese Verletzung zumin-
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dest in Kauf genommen hat. Auch ist kein Motiv ersichtlich, weshalb sie einen ihr
fremden Jungen verletzen wollte. Nachdem sie ihren Irrtum bemerkt hatte, liess
sie den Jungen sogleich los; dies wird auch vom Privatkläger bestätigt. Es ver-
bleiben ernsthafte Zweifel, dass sich der Sachverhalt, so wie er dem Antrag der
Staatsanwaltschaft zugrunde liegt, zugetragen hat. Zugunsten der Beschuldigten
ist davon auszugehen, dass es sich bei der Verletzung des Privatklägers um ei-
nen Unfall gehandelt hat. Es ist somit festzustellen, dass die Beschuldigte den
Tatbestand der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 in
Verbindung mit Ziff. 2 Abs. 2 und 3 StGB nicht erfüllt hat. Die fahrlässige Bege-
hung der einfachen Körperverletzung wird jedoch durch das Anklageprinzip nicht
gedeckt, weshalb die Sache zur allfälligen Weiterführung des Verfahrens betref-
fend den Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung im Sinne von Art. 125
Abs. 1 StGB an die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland zurückzuweisen ist.
3. Bei dieser Ausgangslage erscheint eine stationäre Massnahme im Sin-
ne von Art. 59 StGB als unverhältnismässig, weshalb die Beschuldigte aus dem
vorzeitigen Massnahmevollzug zu entlassen und dem Migrationsamt des Kantons
Zürich zuzuführen ist.
III.
Ausgangsgemäss ist die erstinstanzliche Kostenaufstellung (Ziffer 6) zu be-
stätigen. Die Kosten der Untersuchung und des erstinstanzlichen Gerichtsverfah-
rens sind auf die Gerichtskasse zu nehmen.
Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr fällt ausser Ansatz. Die Entschädigung
der amtlichen Verteidigung für das Berufungsverfahren wurde im Dispositiv des
Beschlusses vom 15. Januar 2015 fälschlicherweise auf Fr. 15'000.– festgesetzt
(Urk. 146), was mit Beschluss vom 19. Januar 2015 korrigiert wurde (Urk. 150).
Die Entschädigung für die amtliche Verteidigung für das Berufungsverfahren ist
auf Fr. 16'000.– (inkl. 8 % MwSt) festzusetzen und auf die Gerichtskasse zu neh-
men.
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