Decision ID: 9f31fd8f-5e0b-50b1-9361-b0e1543f71fa
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die beiden Beschwerdeführenden kurdischer Ethnie waren zuletzt in
C._ (D._; Provinz: Hasaka) wohnhaft, bevor sie am
17. März 2014 ihr Heimatland verliessen und in die Türkei ausreisten. Von
dort gelangten sie am 14. April 2014 mit einem Visum legal per Flugzeug
in die Schweiz. Mit Verfügung vom 9. Mai 2014 wurde die vorläufige Auf-
nahme der Beschwerdeführenden angeordnet. Am 14. September 2014
stellten sie ihre Asylgesuche. Am 22. September 2014 fanden Befragungen
zur Person (BzP; A1/10 [Beschwerdeführer] und A2/10 [Beschwerdeführe-
rin]) und am 26. Oktober 2017 eine eingehende Anhörung zu ihren Asyl-
gründen statt (A12/11 [Beschwerdeführerin] und A13/16 [Beschwerdefüh-
rer]).
Dabei machten die Beschwerdeführenden insbesondere geltend, sie hät-
ten mehrmalige Zahlungen an militärische Geheimdienste und an die Poli-
zei geleistet, um den Militärdienst ihrer Söhne aufzuschieben und weil
diese an Demonstrationen teilgenommen hätten. Der Beschwerdeführer
habe zudem am (...) März 2014 eine Verpflichtungserklärung unterzeich-
net, wonach seine Kinder nicht mehr an Demonstrationen teilnähmen, an-
sonsten er oder seine Frau mitgenommen würden. Da er kein Geld mehr
gehabt habe und zudem kurz vor der Ausreise den Hinweis erhalten habe,
es stehe eine erneute behördliche Suche bevor, seien sie aus Syrien ge-
flüchtet.
B.
Mit Verfügung vom 12. April 2019 – eröffnet am 17. April 2019 – stellte das
SEM fest, die Beschwerdeführenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft
nicht, und lehnte ihre Asylgesuche ab. Die am 9. Mai 2014 angeordnete
vorläufige Aufnahme bestehe weiterhin.
C.
Mit Eingabe vom 10. Mai 2019 liessen die Beschwerdeführenden dagegen
durch ihren Rechtsvertreter Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht
erheben und beantragen, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben,
ihre Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen und ihnen sei in der Schweiz
Asyl zu gewähren.
In prozessualer Hinsicht beantragten sie die unentgeltliche Prozessfüh-
rung.
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D.
Am 16. Mai 2019 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang
der Beschwerde.
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 21. Mai 2019 hiess die Instruktionsrichterin
das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gut und
verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
F.
Mit Stellungnahme vom 21. November 2019 äusserte sich der Rechtsver-
treter der Beschwerdeführenden insbesondere zur neueren Entwicklungen
der Lage der Kurden in Syrien und hielt an seinen Anträgen fest.
G.
Mit Vernehmlassung vom 17. September 2020 nahm das SEM Stellung.
H.
Mit Replik vom 15. Oktober 2020 äusserten sich die Beschwerdeführen-
den.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
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1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die
Beschwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Das Gericht hat die Verfahrensakten der vier Söhne der Beschwerdefüh-
renden, die in der Schweiz Asyl erhalten haben (N [...], E._; N [...],
F._; N [...], G._; N [...], H._), beigezogen. Ange-
sichts des vorliegenden Verfahrensausgangs kann von einer vorgängigen
Anhörung der Beschwerdeführenden in diesem Zusammenhang abgese-
hen werden (vgl. Art. 30 Abs. 2 Bst. c VwVG).
3.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen Grün-
den ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
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Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründete die angefochtene Verfügung im Wesentlichen
damit, dass aufgrund der Akten der Kinder der Beschwerdeführenden (so-
wie einer Schwester bzw. Schwägerin) keine Anhaltspunkte für die An-
nahme bestünden, dass sie als Eltern in ihrer Heimat eine flüchtlingsrele-
vante Gefährdung zu befürchten hätten. Die von den Beschwerdeführen-
den geltend gemachte Reflexverfolgung der syrischen Behörden wegen ih-
rer vier Söhne F._, G._, E._ und H._ – wel-
che als Flüchtlinge anerkannt worden seien und in der Schweiz Asyl erhal-
ten hätten – sei nicht intensiv im Sinne des Asylgesetzes gewesen. Die
Eltern seien von den Behörden beziehungsweise Sicherheitskräften nie an
Leib und Leben gefährdet oder in ihrer Freiheit beschnitten gewesen, in-
dem sie etwa Haft oder Festnahmen hätten erdulden müssen. Gemäss Ak-
tenlage gebe es auch kein Strafverfahren und keinen Haftbefehl gegen die
Beschwerdeführenden. Da ihnen nie etwas passiert sei, obwohl die Behör-
den insbesondere den Beschwerdeführer viele Male aufgesucht und nach
den Söhnen gefragt hatten, er mehrfach Geld für die Freilassung der
Söhne bezahlt und einmal eine Erklärung, dass er bei nochmaliger Teil-
nahme seiner Söhne an Demonstrationen mitgenommen werde, unter-
zeichnet habe, seien keine objektiven Anhaltspunkte dafür vorhanden,
dass die Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr eine Festnahme oder
Bestrafung durch die Behörden befürchten müssten. Ausserdem spreche
auch das Alter der Beschwerdeführenden sowie die Tatsache, dass die
Provinz Hasaka heute grösstenteils unter der Kontrolle der Kurden stehe,
gegen ernsthafte Nachteile oder überhaupt gegen ein ernsthaftes Inte-
resse an ihnen seitens der syrischen Behörden. Schliesslich entstehe der
Eindruck, dass die Besuche der Beamten primär wegen der Schmiergelder
erfolgt seien. Die Demonstrationsteilnahmen der Söhne oder deren Militär-
dienstverweigerungen seien für die korrupten Beamten bloss Mittel zum
Zweck gewesen, um sich zu bereichern. Die Vorbringen der Beschwerde-
führenden betreffend eine Reflexverfolgung beziehungsweise eine Furcht
vor einer solchen bei einer Rückkehr entfalteten daher keine Asylrelevanz.
Auf Unglaubhaftigkeitselemente werde deshalb nicht weiter eingegangen,
jedoch eine diesbezügliche Geltendmachung vorbehalten. Der Vollständig-
keit halber sei festzuhalten, dass der Militärdienst des Beschwerdeführers
einschliesslich der erlittenen Verletzungen und des Kampfeinsatzes im Ok-
toberkrieg 1973 aus den vorstehend dargelegten Gründen und wegen des
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fehlenden Kausalzusammenhangs zur Ausreise im April 2014 keine Asyl-
relevanz entfalte.
5.2 Dem setzten die Beschwerdeführenden in ihrer Rechtsmitteleingabe
vom 10. Mai 2019 insbesondere entgegen, dass bei ihnen von einer objek-
tiven sowie begründeten Reflexverfolgung auszugehen sei und bei einer
allfälligen Rückkehr eine ernstzunehmende Gefahr der Verhaftung und der
Misshandlung bestehe. Sie verwiesen auf die ähnlich gelagerte Sachlage
im Urteil des BVGer D-1080/2017 vom 19. November 2018, wo die Re-
flexverfolgung einer Mutter bei oppositionellem Profil ihres Sohnes als ge-
geben angesehen worden sei. Unter Verweis auf verschiedene länderspe-
zifische Berichte hielten die Beschwerdeführenden fest, eine Reflexverfol-
gung sei ein vertrautes politisches Instrument und des Weiteren aufgrund
der allgemeinen Lage in Syrien nicht auszuschliessen. Vor diesem Hinter-
grund und angesichts dessen, dass sie als Eltern von Militärdienstverwei-
gerern bereits mehrmals von den syrischen Behörden aufgesucht worden
seien und sich nur durch Korruption aus dieser Lage hätten befreien kön-
nen, sei mit grosser Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sie be-
reits ins Visier der syrischen Sicherheitsbehörden geraten seien. Die Be-
schwerdeführenden hätten ihr Heimatland verlassen, als sie über kein Geld
mehr verfügt hätten. Der Grund für die Besuche sei keineswegs die Kor-
ruption an sich, sondern die Verfolgung der Söhne der Beschwerdeführen-
den gewesen. Durch die Korruption hätten die Behörden lediglich von der
Situation der Beschwerdeführenden profitiert. Wären sie nicht auf die Kor-
ruption eingegangen, wären die Beschwerdeführenden heute sicherlich in
syrischer Gefangenschaft. Regimegegner würden entgegen den spekula-
tiven Feststellungen der Vorinstanz ungeachtet ihres Alters und Ge-
schlechts verfolgt.
5.3 Mit Eingabe vom 21. November 2019 wies der Rechtsvertreter der Be-
schwerdeführenden unter Verweis auf einen Zeitungsartikel der France24
vom 23. Oktober 2019 darauf hin, dass es am 13. Oktober 2019 zu einer
Übereinkunft der Kurden mit dem syrischen Regime gekommen sei.
5.4 Mit Vernehmlassung vom 17. September 2020 hielt die Vorinstanz voll-
umfänglich an ihren Erwägungen in der angefochtenen Verfügung fest. Im
Wesentlichen brachte sie an, sie habe das Vorbringen einer Reflexverfol-
gung bereits im erstinstanzlichen Verfahren gewürdigt und dabei die Ver-
weiserdossiers der Söhne der Beschwerdeführenden konsultiert und mit-
berücksichtigt. Zusätzlich strich sie heraus, dass auch bei einer Reflexver-
folgung die Voraussetzungen der Art. 3 und 7 AsylG erfüllt sein müssten.
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Dies sei vorliegend insbesondere wegen der fehlenden Intensität, einem
nicht vorhandenen Verfolgungsmotiv und fehlenden Hinweisen auf eine be-
gründete Furcht beziehungsweise auf eine Gefährdung in Syrien nicht der
Fall. Darüber hinaus wies die Vorinstanz darauf hin, dass den Beschwer-
deführenden am (...) Oktober 2019 zwei Schweizer Reisepässe für aus-
ländische Personen abgenommen worden seien, welche je einen Einreise-
stempel vom (...) September 2019, ein für 30 Tage gültiges Visum vom
(...) September 2019 sowie einen Ausreisestempel vom (...) Oktober 2019
vom Irak am internationalen Flughafen von Erbil aufwiesen. Es sei allge-
mein bekannt, dass zwischen der irakischen Autonomen Region Kurdistan
und der Provinz Hasaka in Nordsyrien, dem Heimatort der Beschwerdefüh-
renden, ein frequentierter Grenzverkehr herrsche.
5.5 Mit Replik vom 15. Oktober 2020 hielten die Beschwerdeführenden be-
züglich Reflexverfolgung vollumfänglich an ihrem bisherigen Standpunkt
fest. Zur Reise in den Nordirak äusserten sich die Beschwerdeführenden
dahingehend, dass [verwandte Person] der Beschwerdeführerin am
(...) August 2019 verstorben, ihre Überführung via Türkei und Irak nach
Syrien erfolgt und sie am (...) August 2020 (recte: 2019) dort beigesetzt
worden sei. Der Visumantrag der Beschwerdeführenden sei erst nach dem
Ableben [der verwandten Person] erfolgt und sie hätten sich im Irak in der
Gemeinde I._ in der Nähe von J._ aufgehalten, wo die Fa-
milie beider Seiten wohne. Dieser Aufenthalt habe der Vorbereitung und
Durchführung der traditionellen islamischen Trauerfeier im Kreise der dort
wohnhaften Familie gedient. Die Beschwerdeführenden hätten zu keinem
Zeitpunkt ihres Aufenthalts die Grenze überquert beziehungsweise sich
nach Syrien begeben. Da [verwandte Person] der Beschwerdeführerin be-
reits gut zwei Wochen vor ihrem eigenen Aufenthalt im Nordirak beerdigt
worden sei, habe es keinen Grund für die Beschwerdeführenden gegeben,
das grosse Risiko einer erneuten Einreise nach Syrien einzugehen.
6.
Die Vorinstanz behielt sich in der angefochtenen Verfügung zwar vor, Ele-
mente der Unglaubhaftigkeit in einem allfälligen Beschwerdeverfahren vor-
zubringen. Allerdings äusserte sie sich in ihrer Vernehmlassung nicht mehr
zu solchen.
Das Gericht hat keine Veranlassung für Zweifel an den Aussagen der Be-
schwerdeführenden. Sie schilderten ihre Vorbringen in sich stimmig und
widerspruchsfrei; die Beschwerdeführerin war über die Ereignisse in gerin-
gerem Umfang informiert als ihr Ehemann, da ihr aus Rücksicht auf ihre
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Krankheit nicht alles gesagt worden sei (vgl. A12 F23, 25, 31, 35, 43); ihre
Aussagen stimmen aber mit jenen ihres Mannes überein. Auch die Aussa-
gen der in der Schweiz asylberechtigten Söhne bestätigen die Vorbringen
ihrer Eltern (vgl. unten E. 7.3.4). Die Vorbringen der Beschwerdeführenden
hinterlassen einen lebensechten Eindruck und zeichnen sich durch das
Fehlen übertreibender Darstellungen aus; das Gericht erachtet die Vorbrin-
gen als glaubhaft gemacht.
Auch die im Verlauf des Beschwerdeverfahrens dargelegten Erklärungen
zu der Reise der Beschwerdeführenden in den Nordirak, nachdem der
Leichnam [der verwandten Person] der Beschwerdeführerin von der
Schweiz ins Ausland überführt worden war, sind als glaubhaft einzustufen.
Aktenkundig ist der Tod [der verwandten Person] am (...) August 2019, die
Überführung ins Ausland und die Tatsache, dass die Beschwerdeführen-
den am (...) August 2019 dringende Gesuche um Ausstellung von Reise-
papieren ans SEM richteten. Dass die Beerdigung am (...) August 2019
stattgefunden habe, wird zwar nicht belegt, erscheint aber plausibel. Ent-
gegen den Erwägungen in der vorinstanzlichen Vernehmlassung geht das
Gericht nicht davon aus, die Beschwerdeführenden seien damals von
Nordirak nach Syrien gereist.
7.
7.1 Die in Syrien herrschende politische und menschenrechtliche Lage
wurde durch das Bundesverwaltungsgericht in mehreren Leitentscheiden
ausführlich gewürdigt (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.2 sowie Urteil des BVGer D-
5779/2013 vom 25. Februar 2015 [als Referenzurteil publiziert] E. 5.3 und
5.7.2). Es ist durch eine Vielzahl von Berichten belegt, dass die staatlichen
syrischen Sicherheitskräfte seit dem Ausbruch des Konflikts im März 2011
gegen tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner mit grösster Brutali-
tät und Rücksichtslosigkeit vorgehen. Personen, die sich regimekritisch be-
tätigen, sind in grosser Zahl von Verhaftung, Folter und willkürlicher Tötung
betroffen. Mit anderen Worten haben Personen, die durch die staatlichen
syrischen Sicherheitskräfte als Gegner des Regimes identifiziert werden,
eine Behandlung zu erwarten, die einer flüchtlingsrechtlich relevanten Ver-
folgung im Sinne von Art. 3 AsylG gleichkommt. Diese Feststellung hat
auch heute noch Gültigkeit (vgl. Urteil des BVGer E-2631/2019 vom
15.10.2020 E. 5.4 m.w.H.).
Zur Situation von Militärdienstverweigerern hat das Gericht sodann in sei-
nem Grundsatzentscheid BVGE 2015/3 vom 18. Februar 2015 ausgeführt,
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eine Wehrdienstverweigerung oder Desertion vermöge die Flüchtlingsei-
genschaft nicht per se zu begründen, sondern nur dann, wenn damit eine
Verfolgung im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG verbunden sei, mithin die be-
troffene Person aus den in dieser Norm genannten Gründen wegen ihrer
Wehrdienstverweigerung oder Desertion eine Behandlung zu gewärtigen
habe, die ernsthaften Nachteilen gemäss Art. 3 Abs. 2 AsylG gleichkomme
(vgl. E. 5.9). Bezogen auf die spezifische Situation in Syrien erwog das
Gericht weiter, die genannten Voraussetzungen seien im Falle eines syri-
schen Refraktärs erfüllt, welcher der kurdischen Ethnie angehöre, einer op-
positionell aktiven Familie entstamme und bereits in der Vergangenheit die
Aufmerksamkeit der staatlichen syrischen Sicherheitskräfte auf sich gezo-
gen habe (vgl. E. 6.7.3).
7.2 Gemäss den Feststellungen des Bundesverwaltungsgerichts machen
die Beschwerdeführenden weder in ihren Anhörungen noch auf Beschwer-
destufe konkrete, zielgerichtete Verfolgungsmassnahmen durch die syri-
schen Behörden oder durch Dritte aufgrund in ihrer eigenen Person liegen-
den Faktoren geltend, welche die Grundlage für eine begründete Furcht
vor asylrelevanter Verfolgung bieten könnten. Die Beschwerdeführenden
leiten ihre Flüchtlingseigenschaft vielmehr ausschliesslich aus einer Re-
flexverfolgung aufgrund ihrer vier in der Schweiz asylberechtigten Söhne
ab. Bezeichnenderweise stellten die Beschwerdeführenden im Gegensatz
zu ihren Kindern – und obwohl sie bereits am 14. April 2014 in die Schweiz
eingereist waren – ihre Asylgesuche auch erst am 14. September 2014 und
begründeten diese stets mit ihrer Angst vor einer Reflexverfolgung.
7.3
7.3.1 Unter Reflexverfolgung sind behördliche Belästigungen oder Behelli-
gungen von Angehörigen aufgrund des Umstandes zu verstehen, dass die
Behörden einer gesuchten, politisch unbequemen Person nicht habhaft
werden oder schlechthin von deren politischer Exponiertheit auf eine sol-
che auch bei Angehörigen schliessen (vgl. etwa Urteil des BVGer
D-4257/2018 vom 27. Dezember 2019 E. 6.2; BVGE 2010/57 E. 4.1.3). Die
Verfolgung von Angehörigen vermeintlicher oder wirklicher politischer Op-
positioneller durch die syrischen Behörden ist durch diverse Quellen doku-
mentiert und es sind unterschiedliche Motive für eine solche Verfolgung
erkennbar. So werden Angehörige verhaftet und misshandelt, um eine Per-
son für ihre oppositionelle Gesinnung oder ihre Desertion zu bestrafen, um
Informationen über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen, um eine
Person zu zwingen, sich den Behörden zu stellen, um ein Geständnis zu
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erzwingen, um weitere Personen abzuschrecken oder um direkt Angehö-
rige für eine unterstellte oppositionelle Haltung zu bestrafen, die ihnen auf-
grund ihrer Nähe zu vermeintlichen oder wirklichen oppositionellen Perso-
nen zugeschrieben wird. Die Bürgerkriegsparteien (darunter die syrische
Armee und regierungsfreundliche Milizen) setzen dabei die Strategie der
Reflexverfolgung gezielt ein. Könne ein Regimegegner nicht gefunden wer-
den, würden Sicherheitskräfte – auch unter Anwendung von Gewalt – Fa-
milienangehörige, auch Kinder, willkürlich verhaften, in Isolationshaft neh-
men, foltern oder anderweitig misshandeln (vgl. Urteil des BVGer
E-734/2016 vom 14. Januar 2019 E. 7.2 ff. m.w.H.).
7.3.2 Für eine allfällige Reflexverfolgung sind vorliegend die grundsätzli-
chen Voraussetzungen gegeben, da bei allen vier Söhnen der Beschwer-
deführenden aus Sicht der syrischen Behörden ein bestehendes oppositi-
onelles Profil festgestellt wurde und sie als Refraktäre gelten; in der
Schweiz wurden sie als Flüchtlinge anerkannt. Die Vorinstanz verneint al-
lerdings die notwendige Intensität der geltend gemachten Reflexverfol-
gung, da die Beschwerdeführenden nie an Leib und Leben gefährdet ge-
wesen seien.
7.3.3 Entgegen den Feststellungen der Vorinstanz in ihrer Vernehmlas-
sung, es sei kein Verfolgungsmotiv vorhanden, steht aus Sicht des Bun-
desverwaltungsgerichts glaubhaft fest, dass durch die Reflexverfolgung
der Eltern die Söhne der Beschwerdeführenden zum Aufgeben ihrer Akti-
vitäten gezwungen werden sollten. Die Reflexverfolgung der Eltern beruht
auf demselben relevanten (politischen) Verfolgungsmotiv wie die Verfol-
gung der Söhne.
7.3.4 Die Beschwerdeführenden bezogen sich in ihren Vorbringen insbe-
sondere auf ihre vier Söhne, die unterdessen alle in der Schweiz als Flücht-
linge anerkannt worden sind. Den Sohn E._ (beziehungsweise
K._), der an vielen Demonstrationen teilgenommen habe und der
als Erster festgenommen worden sei, hätten sie aus Angst um ihn bereits
früh ins Ausland geschickt (A13 F37, 51, 69; A12 F30). Die beiden Söhne
G._ (beziehungsweise L._) und H._ hätten beide
studiert und daher den Militärdienst zunächst aufschieben können, seien
aber dann auch wegen des Dienstes gesucht worden (A13 F26, 48, 66;
A12 F13). Der Sohn F._ sei für den Militärdienst noch zu jung ge-
wesen; er sei nach einer Demonstration festgenommen und im Gefängnis
schlimm misshandelt und dann auf eine Mülldeponie geworfen worden
(A13 F26, 52, 54, 56; A12 F13, 15, 25). G._ und seine Familie sowie
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F._ seien gemeinsam mit den Beschwerdeführenden ausgereist;
dem Sohn H._ sei eine gleichzeitige Ausreise nicht gelungen; er sei
am Flughafen festgenommen und anschliessend für anderthalb Jahre in-
haftiert worden (A13 F27 f., 62; A12 F30).
Aus den beigezogenen Akten der Söhne ist ersichtlich, dass insbesondere
der Beschwerdeführer als Vater von als oppositionell wahrgenommenen
Söhnen vor der Ausreise eine wichtige – und für die syrischen Behörden
deutlich sichtbare – Rolle für deren Sicherheit gespielt hatte. Ein Sohn der
Beschwerdeführenden, E._, war den Akten zufolge im Mai 2011
festgenommen und gefoltert worden. Seine Freilassung erfolgte seinen An-
gaben zufolge fünf Tage später, da sein Vater viele Leute kenne und ihn
durch Bezahlung von Geld vor den syrischen Behörden habe beschützen
können (act. N [...] A8 S. 4 f., 8 und 12; A21 S. 5, 8, 9 f., 11 f., 15 F85; Urteil
des BVGer D-2201/2014 vom 19. Mai 2015, Sachverhalt E und E. 5.4).
Sohn F._ sei Ende Dezember 2012 wegen Teilnahme an einer De-
monstration verhaftet, mehrere Tage festgehalten, geschlagen und ohn-
mächtig auf einer Mülldeponie "entsorgt" worden. Sein Vater habe ihn aus
dem Spital geholt (act. N [...] A10 F32 und F96). Weil ihn Angehörige der
Yekîneyên Parastina Gel (YPG; der bewaffnete Arm der Partiya Yekitîya
Demokrat [PYD], deutsch: Partei der Demokratischen Union) kurz nach
Spitalaustritt für den Dienst an der Front habe gewinnen wollen, sei
F._ etwa Mitte 2013 auf Wunsch des Vaters ins Dorf in der Nähe
von Onkel und Tanten umgezogen, wo die PKK nicht so aktiv gewesen sei
(act. N [...] A10 S. 3 F21, S. 5 F33; Urteil des BVGer D-8458/2015 vom
9. Februar 2016 Sachverhalt A). Sohn G._ und seine Ehefrau er-
wähnen bei ihren Anhörungen, der Vater beziehungsweise Schwiegervater
habe mit (...) gut verdient und ihnen alles an Unterhalt finanziert (act. N
[...] A16 Q18-Q23, A17 Q80 f.). Sohn H._ habe nicht wie geplant im
April 2014 mit der Familie aus Syrien ausreisen können, da er am (...) No-
vember 2013 am Flughafen M._ festgenommen worden sei. Er sei
anschliessend etwa eineinhalb Jahre in Haft gewesen. Seine Familie, ins-
besondere seine in Syrien wohnhaften Brüder N._ und O._,
hätten mit guten Beziehungen und Geld seine Freiheit erkauft (act. N [...]
A14 F76 und A14 F182).
7.3.5 Zutreffenderweise stellt die Vorinstanz fest, die Beschwerdeführen-
den seien vor ihrer Ausreise zwar viele Male von den Behörden aufgesucht
und nach ihren Söhnen gefragt, aber nie an Leib und Leben gefährdet oder
in ihrer Freiheit beschnitten worden. Sie seien nie in Haft gewesen, nie
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festgenommen worden und gemäss Aktenlage gebe es auch kein Strafver-
fahren und keinen Haftbefehl gegen sie. Aufgrund dieser unbestrittenen,
sich ebenfalls aus den Akten ergebenden Sachverhaltselemente lag der
Schluss der Vorinstanz nahe, bei der geltend gemachten Reflexverfolgung
fehle es an der notwendigen Intensität.
7.3.6 Die Vorinstanz verkennt aber die Situation der Beschwerdeführen-
den, soweit sie keine objektiven Anhaltspunkte für die Befürchtung einer
künftigen Festnahme oder behördlichen Bestrafung bei deren Rückkehr
sehen will. Relevanter Anhaltspunkt für die Annahme einer begründeten
Furcht vor künftiger Verfolgung ist vorliegend insbesondere, dass die syri-
schen Behörden in der Verpflichtungserklärung des Beschwerdeführers
konkrete Folgen androhen und dass diese vom (...) März 2014 datiert. Die
Vorinstanz erwähnt diese Verpflichtungserklärung zwar, hält jedoch so-
gleich im Anschluss fest, den Beschwerdeführenden sei dabei aber nie et-
was passiert. Die Ausreise der Beschwerdeführenden erfolgte jedoch be-
reits am (...) März 2014, das heisst keine (...) Wochen später, nachdem
sie am Tag zuvor von einem Informanten gewarnt worden seien (vgl. A13
F29, 30, 32, 50; A12 F16, 19). Bei dieser Kaskade an Ereignissen in kurzer
zeitlicher Abfolge konnten sich die Beschwerdeführenden nicht mehr da-
rauf verlassen, dass sie sich – wie bis anhin – negativen Konsequenzen
seitens der syrischen Behörden weiterhin durch Geldzahlungen würden
entziehen können. Diese Steigerung des Drucks auf die Beschwerdefüh-
renden durch eine Verpflichtungserklärung passt darüber hinaus nicht zur
von der Vorinstanz angenommenen Hauptmotivation der Korruption der
Beamten. Zudem hielt der Beschwerdeführer in der Anhörung deutlich fest,
dass er kein Geld mehr gehabt habe. Insofern änderte sich die Gefahren-
lage der Beschwerdeführenden grundlegend und eine beachtliche Wahr-
scheinlichkeit sprach dafür, dass sich die Befürchtungen der Beschwerde-
führenden in absehbarer Zeit verwirklichen könnten.
7.4 Damit bestand seit der Verpflichtungserklärung des Beschwerdefüh-
rers und gestützt auf die Warnung durch einen Informanten mit beachtli-
cher Wahrscheinlichkeit die Gefahr einer künftigen Reflexverfolgung.
7.5 Soweit die Vorinstanz im Übrigen generell anbringt, es sei gar nicht
möglich gewesen, dass die Behörden des syrischen Regimes in
C._ in der Provinz Hasaka im Jahr 2013 bis zur Ausreise der Be-
schwerdeführenden derart präsent gewesen seien, ist festzuhalten, dass
der im Jahre 2012 erfolgte Rückzug der syrischen Armee aus Al Hasaka
als Prozess zu verstehen ist. Auch wenn der syrische Staat in gewissen
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Teilen zu diesem Zeitpunkt die Dichte der Militärpräsenz verringert hatte,
blieb demgegenüber der Einfluss der Sicherheitskräfte punktuell bestehen
oder wurde sogar verstärkt (Schnellrecherche der SFH-Länderanalyse
vom 5. November 2015 zu Syrien: Rekrutierung durch die syrische Armee
in den von der PYD verwalteten Gebieten, <https://www.ecoi.net/en/file/lo-
cal/1157754/4765_1468828236_151028-syr-rekrutierung.pdf> u.a. m.H.a.
International Crisis Group, Flight of Icarus? The PYD’s Precarious Rise in
Syria, 08.05.2014, verfügbar auf <https://www.crisisgroup.org/middle-east-
north-africa/eastern-mediterranean/syria/flight-icarus-pyd-s-precarious-
rise-syria>, beide abgerufen am 1. Februar 2021).
7.6 Nach dem Gesagten ist eine begründete Furcht der Beschwerdefüh-
renden vor einer Reflexverfolgung ihrer Söhne wegen im Zeitpunkt ihrer
Ausreise aus Syrien im März 2014 zu bejahen. Nachdem sich die Lage in
Syrien bis heute nicht entscheidend verbessert hat, ist diese Furcht auch
heute weiterhin als aktuell anzuerkennen.
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerdeführenden die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllen. Die Beschwerde
ist daher gutzuheissen und die angefochtene Verfügung aufzuheben. Aus
den Akten ergeben sich keine Hinweise auf allfällige Asylausschlussgründe
im Sinne von Art. 53 AsylG. Das SEM ist demnach anzuweisen, den Be-
schwerdeführenden in der Schweiz Asyl zu gewähren.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG).
10.
Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens in
Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendigen Partei-
kosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in fine
VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist den Beschwerdeführenden zulasten der Vorinstanz
eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1'200.– zuzusprechen.
E-2257/2019
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