Decision ID: 53193189-96ab-4878-9cae-2d271578c45b
Year: 2021
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_009
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Der Vizepräsident entnimmt den Akten:
1.
Die Gesuchstellerin ist eine Gesellschaft panamaischen Rechts mit Sitz in
Panama City, Panamá (Klagebeilage [KB] 1 im Verfahren HOR.2021.17).
2.
Die Gesuchsgegnerin ist eine schweizerische Aktiengesellschaft mit Sitz in
W. (AG). Sie bezweckt [...] (KB 5 im Verfahren HOR.2021.17).
3.
Mit freiwilliger Stellungnahme vom 5. Oktober 2021 (Postaufgabe gleichen-
tags) im Verfahren HOR.2021.17 stellte die Gesuchstellerin unter anderem
folgende Rechtsbegehren, die in vorliegendem Massnahmeverfahren
HSU.2021.39 zu behandeln sind:
" 4. Unter Androhung einer Ordnungsbusse von bis zu CHF 1'000.00 für jeden Tag der Zuwiderhandlung sowie der Bestrafung der  Organe nach Art. 292 StGB sei der Beklagten mit sofortiger  vorsorglich zu verbieten, über ihre Grundstücke zu verfügen ( diese zu veräussern oder zu verpfänden oder anderweitig zu belasten), insbesondere über folgende Grundstücke im Grundbuch des Grundbuchamts A. in W. mit Parzellen-Nr. [...].
5. Es sei das Grundbuchamt W. anzuweisen, auf sämtlichen  im Eigentum der Beklagten, welche zum Industriepark F. gehören, eine Grundbuchsperre im Grundbuch anzumerken, insbesondere auf folgenden Grundstücken im Grundbuch Grundstücke im Grundbuch des Grundbuchamts A. in W. mit Parzellen-Nr. [...].
6. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beklagten."
4.
Mit Antwort vom 1. November 2021 stellte die Gesuchsgegnerin folgende
Rechtsbegehren:
" 1. Es sei auf das Gesuch nicht einzutreten.
- 3 -
2. Eventualiter sei das Gesuch abzuweisen.
3.
Subeventualiter sei der Gesuchsgegnerin vorsorglich zu verbieten, ihre Grundstücke zu veräussern.
4. Subsubeventualiter sei die (angebliche) Gesuchstellerin zu , eine vorherige Sicherheitsleistung von mindestens CHF 10'000'000.00 durch gerichtliche Hinterlegung auf ein Bankkonto zu leisten.
5. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zulasten von  Christian Brunner, eventualiter zulasten der angeblichen , jedenfalls nicht zulasten der Gesuchsgegnerin."
und folgenden prozessualen Antrag:
" Es seien die Akten der Verfahren vor Handelsgericht Aargau HSU.2021.14, HSU.2017.62, HSU.2017.67, HOR.2017.38, HOR.2017.39 und HOR.2021.17 beizuziehen."
5.
Mit Stellungnahme vom 15. November 2021 stellte die Gesuchstellerin fol-
gende Rechtsbegehren:
" 4. Unter Androhung einer Ordnungsbusse von bis zu CHF 1'000.00 für jeden Tag der Zuwiderhandlung sowie der Bestrafung der  Organe nach Art. 292 StGB sei der Beklagten mit sofortiger  vorsorglich zu verbieten, über ihre Grundstücke zu verfügen ( diese zu veräussern oder zu verpfänden oder anderweitig zu belasten), insbesondere über folgende Grundstücke im Grundbuch des Grundbuchamts A. (i) Parzellen-Nr. [...] in der Gemeinde/ W. sowie (ii) Parzellen-Nr. [...] in der Gemeinde/Grundbuch F.
5. Es sei das Grundbuchamt W. anzuweisen, auf sämtlichen  im Eigentum der Beklagten, welche zur F. AG gehören, eine Grundbuchsperre im Grundbuch anzumerken, insbesondere über  Grundstücke im Grundbuch des Grundbuchamts A. (i) -Nr. [...] in der Gemeinde/Grundbuch W. sowie (ii) Parzellen-Nr. [...] in der Gemeinde/Grundbuch F."
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Der Vizepräsident zieht in Erwägung:
1. Zuständigkeit
Die internationale, die örtliche und die sachliche Zuständigkeit sind gege-
ben. Es kann auf die E. 1 des Entscheids HSU.2021.14 vom 17. Mai 2021
verwiesen werden.
2. Vollmacht
Für das vorliegende Massnahmeverfahren ist glaubhaft dargetan, dass die
Gesuchstellerin durch Rechtsanwalt lic. iur. Christian Brunner vertreten
wird. Es kann auf die E. 2 des Entscheids HSU.2021.14 vom 17. Mai 2021
verwiesen werden.
Dem hält die Gesuchsgegnerin entgegen, die Gesuchstellerin habe mit
Schreiben vom 12. August 2021 an Rechtsanwalt O.B. bestätigt, dass die-
ser der einzige mandatierte Rechtsanwalt der Gesuchstellerin sei, der ihre
Interessen in schweizerischen Verfahren und Angelegenheiten vertreten
würde. Jede andere Vollmacht sei ungültig, unecht und falsch (Antwort
Rz. 11). Damit behauptet die Gesuchsgegnerin nicht, dass die von Rechts-
anwalt lic. iur. Christian Brunner eingereichte Vollmacht (KB 4 im Verfahren
HOR.2021.17) diesem oder dem Handelsgericht gegenüber explizit wider-
rufen worden sei. Es bleibt daher bei der Würdigung gemäss dem Ent-
scheid HSU.2021.14 vom 17. Mai 2021. Eine andere Beurteilung in den
beiden noch rechtshängigen Verfahren HOR.2017.38 und HOR.2021.17
bleibt vorbehalten.
3. Vorsorgliche Massnahmen
3.1. Ausgangslage
Mit superprovisorischer Verfügung vom 25. November 2016 entschied der
Vizepräsident gestützt auf ein Gesuch der vorliegenden Gesuchstellerin,
es sei glaubhaft, dass sie Alleinaktionärin der Gesuchsgegnerin sei
(HSU.2016.101). Mit Entscheid vom 23. Dezember 2016 wurde das Ver-
fahren HSU.2016.101 zufolge Gegenstandslosigkeit abgeschrieben.
Mit Entscheid vom 9. März 2017 im Verfahren HSU.2017.14 erachtete der
Vizepräsident demgegenüber – aufgrund der Präsentation der Originalzer-
tifikate der Inhaberaktien der Gesuchsgegnerin durch den Rechtsvertreter
von K.A. – die Alleinaktionärsstellung von K.A. an der Gesuchsgegnerin für
glaubhaft (Entscheid vom 9. März 2017 E. 2.1.3).
Ausführlicher befasste sich der Vizepräsident mit der Frage, wer Aktionär
der Gesuchsgegnerin ist, im Verfahren HSU.2017.67. Er erwog, es sei nicht
klar, wie die Übertragung der Aktien der Gesuchsgegnerin von den bishe-
rigen Eigentümern bzw. von K.A., P. und G. A., auf die Gesuchstellerin er-
folgt sein soll. Es würden Tatsachenbehauptungen zu einem dem angebli-
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chen Eigentumsübergang zugrundeliegenden Rechtsgeschäft (Grundge-
schäft) fehlen, das den Schluss zuliesse, die Gesuchstellerin sei Eigentü-
merin der Aktien der Gesuchsgegnerin geworden (Entscheid vom 21. Sep-
tember 2017 E. 6.1.3.2).
Im Verfahren HOR.2017.39 äusserte sich das Handelsgericht im Entscheid
vom 21. November 2018 zwar nur eventualiter, aber ausführlich zur Frage,
ob die Gesuchstellerin Eigentümerin der Aktien der Gesuchsgegnerin ge-
worden ist. Es verneinte diese Frage wieder mit der Begründung, der Tat-
sachenvortrag der im Verfahren HOR.2017.39 gegen die Gesuchsgegnerin
klagenden Söhne von K.A., P. und G. A., sei nicht schlüssig. Einerseits
könne das Handelsgericht aufgrund der vorgebrachten Tatsachen nicht
entscheiden, welches Recht zur Anwendung gelange. Anderseits würden
es die behaupteten Tatsachen dem Handelsgericht nicht ermöglichen, eine
Subsumtion vorzunehmen, wonach die Aktien der Gesuchsgegnerin letzt-
lich durch Rechtsgeschäft auf die Gesuchstellerin übertragen worden wä-
ren (vgl. Entscheid vom 21. November 2018 E. 6.4.3). Den beiden Söhnen
von K.A., P. und G. A., wurde im Verfahren HOR.2017.39 insofern zuge-
stimmt, als der Besitz ihres Vaters an den umstrittenen Aktien nunmehr
zweideutig sei. Der Besitz von K.A. wurde sogar für fragwürdig erachtet.
Letztlich konnte die Frage der Eigentumsvermutung nach Art. 930 ZGB
bzw. nach Art. 689a Abs. 2 OR aber offengelassen werden (Entscheid vom
21. November 2018 E. 6.4.4 und 6.5.5).
Im Verfahren HSU.2021.14 hielt es der Vizepräsident aufgrund des herab-
gesetzten Beweismasses und nach einer summarischen Prüfung der Sach-
und Rechtslage für glaubhaft, dass die Gesuchstellerin Aktionärin der Ge-
suchsgegnerin ist, ihre Rechte als Aktionärin durch das Abhalten von Ge-
neralversammlungen ohne ihre Anwesenheit daher verletzt würden und die
Durchführung weiterer solcher Generalversammlungen drohe, womit sie
durch die Verwässerung ihrer Aktionärsposition Nachteile erleide. Gestützt
darauf wurde der Gesuchsgegnerin vorläufig verboten, künftige und ver-
gangene General- und Universalversammlungsbeschlüsse, die ohne Teil-
nahme der Gesuchstellerin gefasst wurden und welche eine Kapitalerhö-
hung oder die Ausgabe neuer Aktien vorsehen, insbesondere auch die ge-
mäss Ziffer 3a ihrer angeblichen Statuten genehmigte Kapitalerhöhung, an-
zuerkennen, durchzuführen und beim Handelsregisteramt anzumelden, so-
wie die Zustimmung zur Übertragung ihrer Aktien zu erteilen und die an-
geblichen neuen Eigentümer im Aktienbuch einzutragen.
Im vorliegenden Verfahren ist über die Frage zu entscheiden, ob die von
der Gesuchstellerin neu beantragten vorsorglichen Massnahmen zu ge-
währen sind. Dafür hat die Gesuchstellerin glaubhaft zu machen, dass ein
ihr zustehender Anspruch verletzt ist oder eine Verletzung zu befürchten ist
(Art. 261 Abs. 1 lit. a ZPO; sog. Hauptsachenprognose bzw. Verfügungs-
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anspruch) und ihr aus der Verletzung ein nicht leicht wieder gutzumachen-
der Nachteil droht (Art. 261 Abs. 1 lit. b ZPO; sog. Nachteilsprognose bzw.
Verfügungsgrund). Ebenfalls vorausgesetzt ist eine zeitliche Dringlichkeit1
sowie die Verhältnismässigkeit der anzuordnenden vorsorglichen Mass-
nahme.2 Glaubhaft gemacht ist eine Behauptung, wenn der Richter von ih-
rer Wahrheit nicht völlig überzeugt ist, sie aber überwiegend für wahr hält,
obwohl nicht alle Zweifel beseitigt sind. Für das Vorhandensein der be-
haupteten Tatsache müssen folglich gewisse Elemente sprechen, auch
wenn das Gericht noch mit der Möglichkeit rechnet, dass sich diese nicht
verwirklicht haben könnten.3
3.2. Nachteilsprognose
3.2.1. Parteibehauptungen
3.2.1.1. Gesuchstellerin
Die Gesuchstellerin behauptet, sie habe erfahren, dass "Berater" und "An-
wälte" von K.A. versuchen würden, die Gesuchsgegnerin, Anteile an ihr und
Aktiven zu veräussern:
1. Der angebliche Verwaltungsratspräsident der Gesuchsgegnerin,
K.A., habe versucht, die Gesuchsgegnerin, Anteile an ihr und ihre
Aktiven zu verkaufen (Gesuch Rz. 47). Durch Verweis auf ihre
Klage im Verfahren HOR.2021.17 führt die Gesuchstellerin erläu-
ternd aus, anscheinend sei bereits mindestens eine Due-Diligence-
Prüfung von der Anwaltskanzlei der Kaufinteressentin U. SA durch-
geführt worden. Nach Angaben des griechischen Anwalts dieser U.
SA könne die Transaktion sehr schnell durchgeführt werden. Es sei
wahrscheinlich, dass K.A. noch mit weiteren Käufern verhandle
(Klage im Verfahren HOR.2021.17 Rz. 194; KB 151 im Verfahren
HOR.2021.17).
2. Weiter habe die D. Group am 19. März 2020 ein Kaufangebot in der
Höhe von EUR 125 Mio. gemacht. Unklar sei, ob sich dieses
Kaufangebot auf die Aktien der Gesuchsgegnerin oder deren
Grundstücke bezogen habe (Gesuch Rz. 47; Gesuchsbeilage [GB]
164 im Verfahren HSU.2021.14).
Damit sei ein drohender Nachteil zumindest glaubhaft gemacht worden
(Gesuch Rz. 48).
1 Vgl. hierzu HUBER, in: Sutter-Somm/Hasenböhler/Leuenberger (Hrsg.), Kommentar zur Schweizeri-
schen Zivilprozessordnung (ZPO), 3. Aufl. 2016, Art. 261 N. 17 ff. und Art. 265 N. 7 ff.; BSK , 3. Aufl. 2017, Art. 261 N. 10 ff. und Art. 265 N. 6 ff.; ZÜRCHER in: Brunner//Schwander (Hrsg.), Schweizerische Zivilprozessordnung, 2. Aufl. 2016, Art. 261 N. 5 ff.
2 Vgl. HUBER (Fn. 1), Art. 261 N. 23; BSK ZPO-SPRECHER (Fn. 1), Art. 261 N. 10 ff.; ZÜRCHER (Fn. 1), Art. 261 N. 33 ff.
3 BGE 130 III 321 E. 3.3; BÜHLER, Beweismass und Beweiswürdigung bei Gerichtsgutachten, in: /Weber, Tagungsband HAVE, Der Haftpflichtprozess, Tücken der gerichtlichen , 2006, S. 43; HUBER (Fn. 1), Art. 261 N. 25.
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3.2.1.2. Gesuchsgegnerin
Die Gesuchsgegnerin bestreitet, dass "Berater" und "Anwälte" von K.A.
versuchen würden, die Gesuchsgegnerin, deren Anteile oder Aktiven zu
veräussern (Antwort Rz. 56). K.A. kenne weder die U. SA noch N.P.. Er
habe auch nie mit diesen zu tun gehabt (Antwort Rz. 57). Vielmehr sei die
besagte E-Mail vom 21. Februar 2021 (KB 151 im Verfahren HOR.2021.17)
entweder an einen der beiden Söhne von K.A. oder an dessen Vormund,
G.S., gesendet worden (Antwort Rz. 59).
Die Behauptung der Gesuchstellerin zu möglichen Veräusserung der
Grundstücke der Gesuchsgegnerin werde durch kein einziges Beweismittel
glaubhaft gemacht. Es handle sich um blosse Befürchtungen, um Spekula-
tionen (Antwort Rz. 58 und 89). Zwar habe die D. (UK) Ltd. Anfang 2020
ihr Interesse kundgetan, den Industriepark zu erwerben. Aus dem blossen
Schreiben vom 19. März 2020 könne jedoch nicht abgeleitet werden, dass
die Gesuchsgegnerin ihre Grundstücke verkaufen wolle (Antwort Rz. 60).
Hätte sie dies tun wollen, wäre es längstens geschehen (Antwort Rz. 61).
Die Gesuchsgegnerin beabsichtige nicht, Grundeigentum zu veräussern
(Antwort Rz. 19, 60 und 91). Ihr Industrieareal solle jedoch weiterentwickelt
und modernisiert werden (Antwort Rz. 20). Damit soll es besser nutzbar
und vermietbar gemacht werden (Antwort Rz. 21). Um die Bedürfnisse der
Mieter zu befriedigen und die Weiterentwicklung des Areals zu sichern,
müsse sie allerdings in der Lage sein, die umstrittenen Grundstücke zu par-
zellieren und zu belasten (Antwort Rz. 23 und 91). Die Verpfändung sei
immanent wichtig, ja überlebenswichtig (Antwort Rz. 35).
Die Nachteilsprognose sei daher zu verneinen (Antwort Rz. 109).
3.2.2. Rechtslage
Neben der Hauptsachenprognose hat die gesuchstellende Partei glaubhaft
zu machen, dass ihr aus der Verletzung eines ihr zustehenden Anspruchs
ein nicht leicht wieder gutzumachender Nachteil droht (Art. 261 Abs. 1 lit. b
ZPO). Zu beantworten sind damit die beiden Fragen, ob Nachteile drohen,
wenn keine vorsorglichen Massnahmen angeordnet werden und, für den
Fall, dass keine vorsorglichen Massnahmen angeordnet werden und der
befürchtete Nachteil daher eintritt, ob diese mit einem anschliessenden
Hauptsacheverfahren leicht wieder gutzumachen sind.4 Nachteile sind jeg-
liche Beeinträchtigungen der gesuchstellenden Partei sowohl tatsächlicher
wie auch rechtlicher Art, materieller als auch immaterieller Natur.5 Auch
bloss faktische Erschwernisse genügen.6 Ferner kann auch die drohende
4 BK ZPO II-GÜNGERICH, 2012, Art. 261 N. 30 ff. 5 HUBER (Fn. 1), Art. 261 N. 20 m.w.N.; BK ZPO II-GÜNGERICH (Fn. 4), Art. 261 N. 34; BSK ZPO-
SPRECHER (Fn. 1), Art. 261 N. 29; ZÜRCHER (Fn. 1), Art. 261 N. 25; STAEHELIN//GROLIMUND, Zivilprozessrecht, 3. Aufl. 2019, § 22 N. 10.
6 BK ZPO II-GÜNGERICH (Fn. 4), Art. 261 N. 34.
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Zahlungsunfähigkeit eines Beklagten im Falle des Unterliegens im Prozess
gegebenenfalls ein solcher Nachteil sein.7 Ausreichend ist bereits die Ge-
fährdung oder Verzögerung der Vollstreckung eines in erster Linie auf Re-
alerfüllung gerichteten Anspruchs. Als Nachteil kommt insbesondere auch
eine Beeinträchtigung in der Ausübung absoluter Rechte in Betracht.8 Der
Nachteil muss ein zukünftiger sein. Bei bereits eingetretenen Nachteilen
können vorsorgliche Massnahmen nur dann Platz haben, wenn eine wei-
tere Benachteiligung droht.9
3.2.3. Würdigung
Vorliegend bringt die Gesuchstellerin im Wesentlichen drei behauptete
Nachteile vor, die drohen sollen: Zum einen soll der Verwaltungsratspräsi-
dent der Gesuchsgegnerin versucht haben, Anteile der Gesuchsgegnerin
zu verkaufen (Gesuch Rz. 47 und Stellungnahme vom 15. November 2021
Rz. 43). Insoweit geht das Gesuch der Gesuchstellerin fehl, da die von ihr
beantragten Massnahmen sich einzig auf ein Verfügungsverbot über die
Grundstücke des Industrieparks der Gesuchsgegnerin beziehen. Die bean-
tragten Massnahmen sind daher untauglich, um einen allfällig drohenden
Verkauf von Anteilen zu verhindern.
Weiter behauptet die Gesuchstellerin, der Verwaltungsratspräsident der
Gesuchsgegnerin habe versucht, Aktiven der Gesuchsgegnerin an die U.
SA zu verkaufen. Als Beweismittel verweist die Gesuchstellerin einzig auf
die KB 151 aus dem Hauptsachenverfahren HOR.2021.17. Dabei handelt
es sich um eine E-Mail von N.P. vom 21. Februar 2021. Die Gesuchsgeg-
nerin bestreitet, irgendetwas mit dieser E-Mail zu tun bzw. diese überhaupt
erhalten zu haben (Antwort Rz. 59). Die Gesuchstellerin hat den Adressa-
ten der besagten E-Mail unkenntlich gemacht. Für das Gericht ist daher
nicht erkennbar, vor welchem Hintergrund und mit welchem Zweck diese
E-Mail geschrieben wurde und an wen sie gerichtet ist. Aus ihr kann daher
nicht glaubhaft abgeleitet werden, dass der Verwaltungsratspräsident der
Gesuchsgegnerin Aktiven derselben verkaufen will, ja überhaupt etwas mit
dieser E-Mail zu tun hat. Es kommt hinzu, dass in besagter E-Mail um ein
Treffen zwischen einem Herrn M.G. mit einem Herrn A. gebeten wird. Wer
dieser Herr A. sein soll, bleibt ebenfalls unklar; um den Verwaltungsrats-
präsidenten der Gesuchsgegnerin handelt es sich jedenfalls nicht. Dass der
Verwaltungsratspräsident der Gesuchsgegnerin versucht haben soll, Akti-
ven der Gesuchsgegnerin zu verkaufen, ist daher nicht glaubhaft dargetan.
Weiter macht die Gesuchstellerin geltend, am 19. März 2020 habe die D.
(UK) Ltd. für den Industriepark ein Kaufangebot in der Höhe von EUR 125
Mio. abgegeben (GB 164 im Verfahren HSU.2021.14). Seit dem Angebot
7 HUBER (Fn. 1), Art. 261 N. 20 m.w.N.; BSK ZPO-SPRECHER (Fn. 1), Art. 261 N. 28b. 8 HUBER (Fn. 1), Art. 261 N. 20 m.w.N.; BSK ZPO-SPRECHER (Fn. 1), Art. 261 N. 28b. 9 HUBER (Fn. 1), Art. 261 N. 21; BK ZPO II-GÜNGERICH (Fn. 4), Art. 261 N. 35; BSK ZPO-SPRECHER
(Fn. 1), Art. 261 N. 28a; STAEHELIN/STAEHELIN/GROLIMUND (Fn. 5), § 22 N. 10.
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der D. (UK) Ltd. sind jedoch bereits über eineinhalb Jahre vergangen, ohne
dass ein Verkauf erfolgte. Wie die Gesuchsgegnerin zu Recht ausführt
(Antwort Rz. 61), hätte ein solcher Verkauf wohl längst stattgefunden, wenn
er geplant gewesen wäre. Allein aus dem besagten Schreiben kann daher
nicht abgeleitet werden, dass die Gesuchsgegnerin den Verkauf ihres In-
dustrieparks plane oder ein solcher drohe. Inwiefern daran eine allfällige
Interessenbindung zwischen K.A., S.A. und A.R. bzw. zwischen der D. (UK)
Ltd., der C. AG, dem G. Fund und der C. Foundation etwas ändern soll (vgl.
Gesuch Rz. 47), erläutert die Gesuchstellerin nicht nachvollziehbar. Ob die
Gesuchsgegnerin ihren Industriepark verkaufen will oder nicht, hängt nicht
davon ab, welche Personen über welche Gesellschaften oder Stiftungen
miteinander bekannt oder geschäftlich verbunden sind. Soweit die Gesuch-
stellerin anschliessend geltend macht, "Berater von [K.A.]" würden planen,
Vermögenswerte der Familie A. zu entziehen, so bleiben diese Ausführun-
gen zu ungenau, als dass sie verständlich wären. Das vorliegende Gesuch
richtet sich gegen die Gesuchsgegnerin und nicht gegen allfällige ehema-
lige Berater von K.A.
Irrelevant ist auch, wie die Gesuchstellerin aus einer Aussage des Rechts-
vertreters der Gesuchsgegnerin im Verfahren HSU.2021.14 (dort Gesuchs-
antwort Rz. 114 f.) abzuleiten versucht, dieser habe den drohenden Ver-
kauf nicht negiert, und damit unverblümt zum Ausdruck gebracht, dass
keine Hemmungen bestünden, die Gesuchsgegnerin auszuhöhlen (Ge-
such Rz. 49). Solches hat der Rechtsvertreter der Gesuchsgegnerin in der
von der Gesuchstellerin zitierten Passage nicht ansatzweise ausgeführt.
Vielmehr streiten sich die Rechtsvertreter der Parteien an besagter Stelle
über rechtliche Fragestellungen (Wer darf über den Verkauf von Grundstü-
cken entscheiden? Haben Aktionäre Anspruch auf Erhalt des Status Quo?).
Die Ausführungen der Gesuchstellerin gehen nur schon deshalb fehl, weil
die Gesuchsgegnerin in Rz. 113 ihrer Antwort im Verfahren HSU.2021.14
explizit ausführte, nicht an einem Verkauf des Logistikzentrums interessiert
zu sein, wie die Gesuchsgegnerin richtig festhält (Antwort Rz. 105).
Richtig ist darüber hinaus zwar, dass die Gesuchsgegnerin in ihrer Antwort
zugesteht, die umstrittenen Grundstücke weiter parzellieren und verpfän-
den zu wollen. Inwiefern dies für die Gesuchstellerin jedoch einen Nachteil
darstellen soll, erläutert diese nicht und ist auch nicht erkennbar. Die Ver-
pfändung erfolgt unstrittig im Rahmen von Hypothekarverträgen mit nam-
haften schweizerischen Bankinstituten. Mit der Verpfändung geht daher ein
Zufluss von liquiden Mitteln einher. Diese würden in konkrete Projekte in-
vestiert, wie die Gesuchsgegnerin im Detail behauptet (Antwort Rz. 22).
Dabei handelt es sich grundsätzlich um eine normale Geschäftsaktivität ei-
ner Immobiliengesellschaft, weshalb kein Nachteil für die Gesuchstellerin
zu erkennen ist. Dass die liquiden Mittel der Gesuchsgegnerin ohne Ge-
genleistung entzogen würden, behauptet die Gesuchstellerin nirgends. So-
weit die Gesuchstellerin die Investitionen bzw. die Projekte in Rz. 41 ihrer
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Stellungnahme vom 15. November 2021 bestreitet, so erfolgt diese Bestrei-
tung von mehreren Dutzend Tatsachenbehauptungen, die sich mindestens
über die Seiten 8–12 der Gesuchsantwort erstrecken, nur in einem kurzen
Satz und damit lediglich pauschal sowie nicht bezogen auf einzelne Tatsa-
chen. Damit kommt die Gesuchstellerin ihrer Bestreitungslast, wonach im
Einzelnen darzulegen ist, welche Tatsachen bestritten werden (vgl. Art. 55
Abs. 1 i.V.m. Art. 219 i.V.m. Art. 222 Abs. 2 ZPO), nicht nach. Dass die Ge-
suchsgegnerin die Investitionen nicht belegen würde, wie die Gesuchstel-
lerin argumentiert, ist daher nicht von Belang, da es sich nicht um umstrit-
tene Tatsachen handelt, über die Beweis abzunehmen wäre (vgl. Art. 150
Abs. 1 ZPO).
Schliesslich streiten sich die Parteien über die Interpretation eines von der
Gesuchsgegnerin bei der D. AG in Auftrag gegebenen Berichts mit dem
Namen "Project F." (GB 163 im Verfahren HSU.2021.14). Zu diesem Re-
port behauptet die Gesuchstellerin, er sei als Verkaufsdokumentation er-
stellt worden (Gesuch Rz. 59). Der Report umfasst indessen eine Untersu-
chung über die Finanzen und Steuern der Gesuchsgegnerin für die Ge-
schäftsjahre 2017, 2018 und das erste Halbjahr 2019 sowie das Budget
2019. Weshalb dieses Dokument zu Verkaufszwecken erstellt worden sein
soll, führt die Gesuchstellerin nicht aus und ist auch nicht ersichtlich. Selbst
wenn es zu Verkaufszwecken erstellt worden wäre, so kann es sich einzig
um den Verkauf der Aktien der Gesuchstellerin handeln, für dessen Verbot
das vorliegende Verfahren aber nicht eingeleitet wurde. Wäre der Verkauf
der Liegenschaften ins Auge gefasst worden, hätte die Gesuchstellerin eine
eingehende Immobilienbewertung und nicht eine Analyse der Finanzen der
Gesellschaft in Auftrag gegeben. Daher ergibt sich auch aus dem Umstand,
wonach der D.-Bericht nur etwas mehr als zwei Wochen vor der E-Mail der
D. (UK) Ltd. vom 19. März 2020 erstellt wurde, nichts zugunsten der Ge-
suchstellerin. Selbst wenn daraus zu schliessen wäre, dass die Gesuchs-
gegnerin Anfang 2020 geplant hätte, ihre Liegenschaften an die D. (UK)
Ltd. zu verkaufen, so hat die Gesuchstellerin keine Tatsachen glaubhaft
gemacht, wonach ein solcher Verkauf oder ein Verkauf an eine andere Per-
son nach wie vor droht.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Gesuchstellerin
nicht glaubhaft darlegen konnte, dass die Gesuchsgegnerin derzeit plane,
ihre Liegenschaften zu verkaufen. Unstrittig ist zwar, dass weitere Verpfän-
dungen erfolgen werden. Diese erfolgen jedoch im Rahmen einer üblichen
Geschäftstätigkeit einer Immobiliengesellschaft, weshalb nicht erkennbar
ist, weshalb es sich um Nachteile i.S.v. von Art. 261 Abs. 1 lit. b ZPO han-
deln soll. Bei diesem Ergebnis ist nicht weiter auf die Hauptsachenprog-
nose, die zeitliche Dringlichkeit und die Verhältnismässigkeit der beantrag-
ten Massnahmen einzugehen und das Gesuch ist abzuweisen.
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4. Kosten
4.1. Verlegung
Das Gericht entscheidet über die Prozesskosten in der Regel im Endent-
scheid (Art. 104 Abs. 1 ZPO). Über Prozesskosten vorsorglicher Massnah-
men kann zusammen mit der Hauptsache entschieden werden (Art. 104
Abs. 3 ZPO). Es entspricht der Praxis des Handelsgerichts des Kantons
Aargau, die Kosten vorsorglicher Massnahmen direkt im Massnahmeent-
scheid zu verlegen.
Die Kosten sind entsprechend dem Verfahrensausgang zu verlegen. Sie
bestehen aus den Gerichtskosten und der Parteientschädigung (Art. 95
Abs. 1 ZPO). Vorliegend wird das Gesuch um Erlass vorsorglicher Mass-
nahmen vollumfänglich abgewiesen, so dass die Kosten der Gesuchstelle-
rin aufzuerlegen sind.
4.2. Gerichtskosten
Die Gerichtskosten bestehen vorliegend einzig aus der Entscheidgebühr
(Art. 95 Abs. 2 lit. b ZPO), welche sich nach § 8 VKD bemisst. Sie wird in
Berücksichtigung des verursachten gerichtlichen Aufwands und angesichts
von Schwierigkeit und Umfang der Streitigkeit auf Fr. 5'000.00 festgesetzt
und mit dem von der Gesuchstellerin geleisteten Kostenvorschuss in glei-
cher Höhe verrechnet (Art. 111 Abs. 1 Satz 1 ZPO).
4.3. Parteientschädigung
Die Parteientschädigung besteht aus den Kosten der berufsmässigen Ver-
tretung der Gesuchsgegnerin (Art. 95 Abs. 3 lit. b ZPO). Bei ihrer Festset-
zung ist vom Streitwert auszugehen (vgl. Art. 105 Abs. 1 ZPO sowie §§ 3 ff.
AnwT). Dieser bemisst sich gemäss Art. 91 Abs. 2 ZPO, da sich die Par-
teien über den Streitwert nicht einig sind. Im Hauptprozess geht der Vize-
präsident von einem vorläufigen Streitwert von Fr. 3'350'000.00 aus. Vor-
liegend geht es um das Verbot, Liegenschaften im Wert von fast Fr. 90 Mio.
(Gesuch Rz. 59) zu verkaufen bzw. zu verpfänden. Ermessensweise und
mangels Behauptung anderer Anhaltspunkte durch die Parteien ist der
Streitwert für das vorliegende Massnahmeverfahren daher auf die Hälfte
des Streitwerts des Hauptsacheverfahrens, d.h. auf Fr. 1'675'000.00, fest-
zusetzen.10
Die Parteientschädigung für die Kosten der berufsmässigen Vertretung be-
misst sich nach der Grundentschädigung gemäss § 3 Abs. 1 lit. a Ziff. 10
AnwT in Höhe von Fr. 60'865.00. Ausgehend von dieser Grundentschädi-
gung resultiert nach Vornahme eines Summarabzugs von 50 % (§ 3 Abs. 2
AnwT) ein Betrag von Fr. 30'432.50. Damit ist insbesondere eine Rechts-
schrift und die Teilnahme an einer behördlichen Verhandlung abgegolten
(vgl. § 6 Abs. 1 AnwT). Nach einem weiteren Abzug von 20 % wegen der
10 Vgl. FREY, Grundsätze der Streitwertbestimmung, 2015, N. 344.
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nicht durchgeführten Verhandlung (§ 6 Abs. 2 AnwT), resultiert ein Betrag
in Höhe von Fr. 24'346.00, sodass die Parteientschädigung inkl. eines pau-
schalen Auslagenersatzes von praxisgemäss 3 % (§ 13 AnwT) auf gerun-
det Fr. 25'076.00 festzusetzen ist. Die Gesuchstellerin hat der Gesuchs-
gegnerin diesen Betrag zu bezahlen (Art. 111 Abs. 2 ZPO).