Decision ID: 76285df6-8b50-5710-9099-6bb7e367a6cd
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Stefan Roos, Belgradstrasse 9, DE-81825 München,
gegen
Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), Fluhmattstrasse 1, Postfach 4358,
6002 Luzern,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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St.Galler Gerichte
Hinterlassenenrente
Sachverhalt:
A.
A.a A._, war seit Dezember 2007 bei der B._, tätig und dadurch bei der Suva,
obligatorisch gegen Unfall versichert. Am 6. November 2010 prallte der Versicherte auf
der Autobahn A96 in Richtung Lindau in einen vor ihm fahrenden Sattelzug und
verunfallte tödlich (act. G 3/1, act. G 3/53).
A.b Mit Verfügung vom 17. Mai 2011 sprach die Schweizerische Ausgleichskasse
C._, von welcher der Versicherte seit dem 18. März 2010 rechtskräftig geschieden
war (vgl. act. G 3/18-10), für den Monat Dezember 2010 eine Witwenrente der AHV von
Fr. 166.00 und ab Januar 2011 von monatlich Fr. 169.00 zu (act. G 3/88).
A.c Mit Verfügung vom 11. Juli 2011 sprach die Suva C._ ab 1. Dezember 2010 eine
mit den AHV-Leistungen koordinierte Hinterlassenenrente von monatlich Fr. 2'073.00
zu (act. G 3/96). Gegen diese Verfügung erhob C._ am 29. Juli 2011 Einsprache und
beantragte die erneute Berechnung und Korrektur der Hinterlassenenrente. Es sei nicht
nachvollziehbar, dass der Rentensatz lediglich 20% betrage. Gemäss E-Mail einer
Sachbearbeiterin der Suva vom 7. April 2011 sei von einem Rentensatz von 40%
auszugehen (act. G 3/99).
A.d Mit Einspracheentscheid vom 20. September 2011 wies die Suva die Einsprache
ab. Gemäss Protokoll der Scheidungsverhandlung vom 18. März 2010 habe sich der
Versicherte verpflichtet, der geschiedenen Ehegattin ab dem 1. April 2010 einen
nachehelichen Ehegattenunterhalt von monatlich EUR 1'500.00 zuzüglich
Krankenvorsorgeunterhalt von EUR 200.00 zu bezahlen. Dies entspreche gemäss
mittlerem Devisenkurs per Rentenbeginn dem Betrag von Fr. 2'239.00. Da die
geschiedene Ehefrau gleichzeitig eine AHV-Rente erhalte, sei die Hinterlassenenrente
als Komplementärrente auszurichten. Bei einem Unterhaltbetrag von Fr. 2'239.00
abzüglich der AHV-Rente von Fr. 166.00 ergebe sich eine Komplementärrente von Fr.
2'073.00. Was die Falschauskunft der Sachbearbeiterin der SUVA betreffe, so gehe
weder aus den Akten hervor, noch sei in der Einsprache geltend gemacht worden, dass
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die Witwe auf dieser Grundlage finanzielle Dispositionen getroffen habe, welche ohne
Nachteil nicht wieder rückgängig gemacht werden könnten. Somit könne sie sich nicht
mit Erfolg auf den Grundsatz von Treu und Glauben berufen (act. G 3/102).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom
12. Oktober 2011. Die Beschwerdeführerin beantragt die Erhöhung der
Hinterlassenenrente auf mindestens Fr. 2'100.00 sowie die Nachzahlung der
Differenzsumme ab Rentenbeginn am 1. Dezember 2010. Zur Begründung wird
angeführt, die Beschwerdeführerin und der Versicherte hätten eine unterhaltsrechtliche
Vereinbarung getroffen, wonach dieser nebst den Unterhaltsverpflichtungen die Kosten
einer privaten Krankenversicherung seiner Tochter von monatlich EUR 243.04
übernehme. Dies sei in der Unterhaltsverhandlung berücksichtigt worden, indem das
Einkommen des Versicherten reduziert worden sei. Andernfalls wäre der
Beschwerdeführerin mehr Unterhalt zugesprochen worden und sie hätte entscheiden
können, wo die Tochter krankenversichert worden wäre. Da der Betrag von
umgerechnet Fr. 320.11 für die private Krankenversicherung der Tochter zum
Unterhaltsbetrag von Fr. 2'239.00 hinzuzurechnen sei, ergebe sich ein grundsätzlicher
Rentenanspruch von Fr. 2'559.11. Abzüglich der AHV-Rente von Fr. 166.00 ergebe sich
ein Betrag von Fr. 2'393.11, womit die Hinterlassenenrente dem Höchstbetrag von Fr.
2'100.00 entspreche. Die Beschwerdeführerin habe diese Berechnungen bis anhin
nicht vorgelegt, da sie aufgrund des E-Mails der Sachbearbeiterin der Suva ohnehin
von einer höheren Rente ausgegangen sei (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 16. November 2011 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Die monatlichen
Krankenversicherungskosten gehörten zum Unterhalt der Tochter, weshalb der Betrag
nicht Teil des gegenüber der geschiedenen Ehegattin geschuldeten Unterhaltsbeitrags
sein könne. Zudem habe sich der Ehemann gemäss dem massgebenden gerichtlichen
Protokoll des Scheidungsprozesses vom 18. März 2010 nicht zur Übernahme der
besagten Krankenversicherungskosten verpflichtet. Die aufgeführten anwaltlichen
Korrespondenzen (act. G 1.5, act. G 1.6) wiesen keine verbindlichen Inhalte auf und die
Erklärung vom 20. Juli 2008 (act. G 1.3) habe die Trennungsphase betroffen und sei mit
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dem Scheidungsprozess gegenstandslos geworden. Darüber hinaus habe das
angerufene Gericht über eine reformatio in peius zu befinden. Da die
Beschwerdeführerin zur Deckung ihrer Lebenshaltungskosten auf eine
versicherungspflichtige Erwerbstätigkeit angewiesen sei und bei einer solchen die
Verpflichtung des geschiedenen Ehemannes zur Zahlung des
Krankenvorsorgeunterhalts gemäss Ziffer 4 des Protokolls vom 18. März 2010
(act. G 3/18-3) entfalle, hätte die Suva die EUR 200.00 monatlich bei der Bemessung
der Hinterlassenenrente nicht mitberücksichtigen dürfen (act. G 3).
B.c Mit Replik vom 30. Dezember 2011 lässt die Beschwerdeführerin an ihrem Antrag
betreffend die Erhöhung der Hinterlassenenrente festhalten. Aus dem Schreiben vom
28. April 2009 gehe klar hervor, dass die besagte aussergerichtliche Vereinbarung über
die Übernahme der Krankenversicherungskosten der Tochter sehr wohl getroffen
worden sei. Diese hätte kostenfrei bei der gesetzlichen Krankenversicherung der
Beschwerdeführerin mitversichert werden können, was der Ehemann jedoch nicht
gewollt habe. Heute sei ein Wechsel nicht möglich. Die Beschwerdegegnerin müsse
zumindest für die unterhaltspflichtigen Nachteile der Beschwerdeführerin aufkommen.
Es werde bestritten, dass ein Grund für eine reformatio in peius vorliege, da ein Wegfall
der Krankenkostenbeiträge nur geprüft werden könne, sofern die Beschwerdeführerin
ein Beschäftigungsverhältnis mit gesetzlicher Sozialversicherungspflicht aufnehme,
was nicht geschehen sei (act. G 5).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet.

Erwägungen:
1.
Streitig und vorliegend zu prüfen ist, in welcher Höhe die Beschwerdeführerin Anspruch
auf eine Hinterlassenenrente hat.
2.
2.1 Stirbt eine versicherte Person an den Folgen eines Unfalls, so hat der überlebende
Ehegatte gemäss Art. 28 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG;
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SR 832.20) Anspruch auf eine Hinterlassenenrente. Der geschiedene Ehegatte ist der
Witwe oder dem Witwer gleichgestellt, sofern der Verunfallte ihm gegenüber zu
Unterhaltsbeiträgen verpflichtet war (Art. 29 Abs. 4 UVG).
2.2 Die Hinterlassenenrente für den geschiedenen Ehegatten entspricht 20 Prozent des
versicherten Verdienstes, höchstens aber dem geschuldeten Unterhaltsbeitrag. Hat
eine Witwe zusätzlich Anspruch auf Renten der AHV oder der IV, so wird ihr eine
Komplementärrente gewährt. Diese entspricht der Differenz zwischen dem
geschuldeten Unterhaltsbeitrag und der Rente der AHV, höchstens aber den
genannten 20% des versicherten Verdienstes (Art. 31 Abs. 2 und Abs. 4 Satz 2 UVG).
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass die Kosten einer privaten
Krankenversicherung für die Tochter an den ihr geschuldeten Unterhaltsbeitrag
anzurechnen seien, da vereinbart worden sei, dass der geschiedene Ehemann diese
Kosten weiterhin übernehme.
3.2 Gemäss Art. 39 UVV muss die Verpflichtung zu Unterhaltsbeiträgen an den
geschiedenen Ehegatten durch ein rechtskräftiges Gerichtsurteil oder eine gerichtlich
genehmigte Scheidungskonvention ausgewiesen sein. Für diese Bestimmung gilt
analog das von der zu Art. 23 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Alters- und
Hinterlassenenversicherung (AHVG; SR 831.10) in der bis 31. Dezember 1996 gültig
gewesenen Fassung ergangenen Rechtsprechung herausgebildete Erfordernis des
eindeutigen Nachweises, dass der Verstorbene rechtlich (und nicht nur moralisch) zu
Unterhaltsbeiträgen verpflichtet war, wobei dieser Nachweis allerdings nicht auf Urteil
und Konvention beschränkt ist (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
[EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom
9. Februar 2001, U 201/00).
3.3 Das Bundesgericht hat wiederholt festgestellt, dass es sich bei Art. 23 Abs. 2
AHVG um eine Ausnahmebestimmung handelt, die nicht extensiv auszulegen ist (BGE
105 V 49 mit Hinweisen). Dies bedeutet indessen nicht, dass sich die
Unterhaltsverpflichtung unmittelbar aus dem Wortlaut des Scheidungsurteils oder der
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Scheidungskonvention ergeben muss. Eine solche Regelung würde zu stossenden
Ergebnissen führen, indem die Abfindung häufig "unter allen Titeln" erfolgt, ohne dass
sich aus dem Urteil oder der Konvention ergibt, was für Ansprüche damit abgegolten
werden. Wenn die einmalige Abfindung mit Bezug auf den Witwenrentenanspruch den
Unterhaltsleistungen in Rentenform gleichgestellt werden soll, muss der Nachweis der
Unterhaltsverpflichtung daher auch auf dem Wege der Auslegung möglich sein.
Dementsprechend muss die Unterhaltsverpflichtung im Sinne von Art. 23 Abs. 2 AHVG
nicht schon aufgrund des Wortlautes des Scheidungsurteils oder der
Scheidungskonvention allein ausgewiesen sein; sie kann sich auch aus anderen
(zusätzlichen) Beweismitteln ergeben, wenn daraus eindeutig hervorgeht, dass mit den
vom Exmann gemäss Scheidungsurteil bzw. -konvention erbrachten Leistungen
Ansprüche der geschiedenen Frau auf Unterhaltsbeiträge gemäss Art. 151 oder 152
ZGB abgegolten wurden (BGE 110 V 246 E. 2b).
3.4 Ob die von den geschiedenen Ehegatten getroffenen Vereinbarungen der
Übernahme der Krankenkosten für die Tochter durch den Ehemann in das
Scheidungsprotokoll eingeflossen sind und damit als Teil der Unterhaltsverpflichtung
zu gelten haben, kann vorliegend jedoch offen bleiben. Wie die Beschwerdegegnerin
richtigerweise ausführt, ist der Betrag von Fr. 320.11 für die private
Krankenversicherung der Tochter nicht Teil des Unterhalts der Beschwerdeführerin,
sondern wäre gegebenenfalls im Rahmen des Kindesunterhalts zu berücksichtigen
gewesen. Dies ist schon daraus ersichtlich, dass es sich bei Krankenpflegeleistungen
um bedarfsorientierte Leistungen handelt und mit der Übernahme solcher Kosten der
Bedarf der Tochter an diesen Leistungen gedeckt wird. Erlischt die Unterhaltspflicht
aufgrund des Alters oder wegen Abschluss der Berufsausbildung des Kindes, so fällt
auch die Übernahme der Krankenpflegekosten dahin und diese würden nicht weiter an
die Beschwerdeführerin ausbezahlt.
3.5 Damit ergibt sich, dass die Krankenversicherungskosten der Tochter nicht an den
Unterhaltsbeitrag der Beschwerdeführerin angerechnet werden können.
4.
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Was die von der Beschwerdeführerin geltend gemachte Falschauskunft der
Sachbearbeiterin der Suva betrifft, es sei von einem Rentensatz von 40% auszugehen,
so kann sich die Beschwerdeführerin vorliegend - wie von der Beschwerdegegnerin
richtigerweise angenommen - schon deshalb nicht auf den Vertrauensschutz berufen,
weil sie keine Dispositionen im Vertrauen auf die Richtigkeit der Auskunft getroffen hat,
die nicht ohne Nachteil rückgängig gemacht werden können. Da somit wenigstens eine
der kumulativ zu erfüllenden Voraussetzungen nicht erfüllt ist, erübrigt sich die Prüfung
der weiteren Voraussetzungen (vgl. zu den weiteren Voraussetzungen BGE 131 V 472
E. 5 mit Hinweisen).
5.
Schliesslich kann dem Antrag der Beschwerdegegnerin, es sei über eine reformatio in
peius zu befinden, nicht gefolgt werden. In der Vereinbarung vom 1. November 2010
zwischen der Beschwerdeführerin und ihrem früheren Ehemann wurde festgehalten,
dass sich die Beschwerdeführerin nur noch um die Erziehung und das schulische
Vorankommen der Tochter kümmern und bis auf Weiteres keine Anstrengungen mehr
unternehmen soll, eine Arbeitsstelle zu finden und anzunehmen (vgl. act. G 3/30).
Sodann ergeben sich aus den Akten keinerlei Hinweise, dass die Beschwerdeführerin
in der Zwischenzeit eine versicherungspflichtige Tätigkeit aufgenommen hat und
dadurch von Berufs wegen krankenversichert ist. Eine Schlechterstellung ist damit
nicht in Betracht zu ziehen.
6.
Im Sinne der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Ausgangsgemäss
hat die Beschwerdeführerin keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP entschieden:
1. Die Beschwerde wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 29.03.2012 Art. 31 Abs. 2 und 4 Satz 2 UVG. Koordination Hinterlassenenrente, Komplementärrente des geschiedenen Ehegattens. Die Übernahme von Krankenversicherungskosten für die Tochter eines tödlich verunfallten Unterhaltspflichtigen sind Teil des Kindesunterhaltes und nicht an den Unterhaltsbeitrag der geschiedenen Ehefrau anzurechnen (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 29. März 2012, UV 2011/83).
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2021-09-19T14:37:49+0200 "9001 St.Gallen" Publikationsplattform Kanton St.Gallen