Decision ID: 48042334-93b2-4926-a5e0-79f2967c3100
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reiste am (....) in die Schweiz ein und suchte glei-
chentags um Asyl nach. Auf dem Personalienblatt gab er an, er sei am (....)
geboren worden. Damit bezeichnete er sich als minderjährig.
B.
Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der europäi-
schen Fingerabdruck-Datenbank (Zentraleinheit Eurodac) ergab, dass er
am (....) in Österreich ein Asylgesuch gestellt hatte.
C.
Am 26. Juli 2022 bevollmächtigte der Beschwerdeführer die ihm zugewie-
sene Rechtsvertretung des Bundesasylzentrums (BAZ) der Region (....).
D.
Am 30. August 2022 führte das SEM – im Beisein der Rechtsvertretung
des Beschwerdeführers – eine Erstbefragung (Erstbefragung unbegleiteter
minderjähriger Asylsuchender [EB UMA]) durch. Dabei machte der Be-
schwerdeführer geltend, am (....) geboren worden zu sein. Seine Mutter
habe ihm gesagt, er sei am (....) geboren. Er habe seine Tazkera in Kopie
heute dem SEM eingereicht. Er sei bei deren Ausstellung vor drei Jahren
persönlich dabei und damals vierzehn Jahre alt gewesen. Er habe keine
andere Tazkera und wisse nicht, wie er das Original beschaffen könne. Er
sei ungefähr im Oktober 2021 mithilfe eines Schleppers und finanzieller
Hilfe seines Onkels illegal aus Afghanistan ausgereist und auf dem Land-
weg via Pakistan, Iran, Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich
in die Schweiz eingereist. In medizinischer Hinsicht gab er an, in Bulgarien
schwer verprügelt worden zu sein; seither zittere sein ganzer Körper. Zu-
dem könne er nicht sehr gut schlafen. Jetzt gehe es ihm gesundheitlich gut.
E.
Auf schriftlichen Auftrag des SEM vom 6. September 2022 wurde am (....)
durch das Institut für Rechtsmedizin B._ eine forensische Lebens-
altersschätzung durchgeführt. Im Altersgutachten vom (....) kamen die be-
handelnden Ärzte zum Schluss, der Beschwerdeführer habe mit an Sicher-
heit grenzender Wahrscheinlichkeit das 18. Lebensjahr vollendet und die
Volljährigkeit erreicht. Es könne von einem Mindestalter von 19 Jahren aus-
gegangen werden.
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F.
Am 22. September 2022 ersuchte das SEM die österreichischen Behörden
um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers.
G.
Am 23. September 2022 stimmten die österreichischen Behörden einer
Wiederaufnahme des Beschwerdeführers zu.
H.
Das SEM gewährte dem Beschwerdeführer am 23. September 2022
schriftlich das rechtliche Gehör zur beabsichtigten Anpassung seines Alters
im Zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) mit Geburtsdatum
vom 1. Januar 2003 sowie zur allfälligen Zuständigkeit Österreichs für die
Durchführung des Asyl- und Wegweisungsverfahrens beziehungsweise
zur Wegweisung dorthin und zum Nichteintretensentscheid.
I.
Das SEM änderte das Geburtsdatum des Beschwerdeführers am 5. Okto-
ber 2022 im ZEMIS – mit Bestreitungsvermerk – auf den 1. Januar 2003.
J.
In seiner Stellungnahme vom 6. Oktober 2022 führte der Beschwerdefüh-
rer aus, er wisse zwar wie viele seiner Landsleute sein Geburtsdatum nicht
auf den Tag genau. Es sei aber sowohl seiner Tazkera als auch seinem
Impfausweis, den Aussagen seiner Mutter und auch seinem eigenen Aus-
sageverhalten widerspruchsfrei zu entnehmen, dass er 17 Jahre und fünf
oder sechs Monate alt sei, jedenfalls aber noch nicht volljährig. Zudem
treffe es nicht zu, dass er das Alter seiner Geschwister habe nennen kön-
nen, sein eigenes jedoch nicht. Er habe das Alter der Geschwister in gan-
zen Jahreszahlen genannt und habe sowohl deren als auch sein eigenes
Geburtsdatum nicht genau gekannt. Schliesslich hätten auch die österrei-
chischen Behörden ihn als minderjährig registriert. Sodann dürfe im Zu-
sammenhang mit der Tazkera allein aufgrund des Unvermögens, Identi-
tätsdokumente im Original einzureichen, nicht auf die Unglaubhaftigkeit
des angegebenen Alters geschlossen werden. Er habe an der EB UMA
alles vorgebracht, was er zu seinem Alter wisse. Das Gutachten allein sei
nicht dazu geeignet, das Glaubhaftmachen seines Alters in Frage zu stel-
len. Nach konstanter Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
könne eine Abweichung zwischen dem Knochenalter und dem tatsächli-
chen Alter einer Person von zweieinhalb bis drei Jahren noch als innerhalb
des Normbereichs betrachtet werden. Selbst wenn das zugrundeliegende
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Altersgutachten von der Volljährigkeit ausgehe, könne es in Anbetracht der
möglichen Abweichung vom tatsächlichen Alter vorliegend nicht als einzi-
ger Beweis für die Altersanpassung herangezogen werden. Vorliegend
würden sämtliche seiner Aussagen mit seinen eingereichten Unterlagen
übereinstimmen. Zusammenfassend sei keine Gesamtwürdigung aller Um-
stände vorgenommen, sondern lediglich auf ein ungenaues Altersgutach-
ten Bezug genommen worden.
K.
Mit Verfügung vom 9. November 2022 – eröffnet am 10. November 2022 –
trat das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, stellte
fest, sein Geburtsdatum im ZEMIS laute auf den (....), mit Bestreitungsver-
merk, verfügte die Wegweisung nach Österreich als zuständigen Dublin-
Mitgliedstaat und forderte ihn auf, die Schweiz spätestens am Tag nach
Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig wurde der Kanton
Solothurn mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragt. Zudem verfügte die
Vorinstanz die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss Akten-
verzeichnis an den Beschwerdeführer und hielt fest, einer allfälligen Be-
schwerde komme keine aufschiebende Wirkung zu.
L.
Mit Eingabe vom 17. November 2022 (Datum des Poststempels) erhob der
Beschwerdeführer – handelnd durch seine Rechtsvertretung – beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde und beantragt in materieller Hinsicht,
es seien die Ziffern 1 und 3 bis 7 der Verfügung des SEM vom 9. November
2022 aufzuheben und die Vorinstanz sei anzuweisen, auf sein Asylgesuch
einzutreten, es sei Ziffer 2 der angefochtenen Verfügung aufzuheben und
das im ZEMIS geführte Geburtsdatum vom (...) zu berichtigten und auf den
(...) anzupassen; eventualiter sei die Verfügung der Vorinstanz zur rechts-
genüglichen Begründung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen. In prozessualer Hinsicht beantragt er, es sei im Sinne einer provi-
sorischen Massnahme die Vorinstanz anzuweisen, ihn während des lau-
fenden Beschwerdeverfahrens in der Unterkunft für Minderjährige unterzu-
bringen. Zudem sei im Sinne einer vorsorglichen Massnahme der vorlie-
genden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Voll-
zugsbehörde sei unverzüglich anzuweisen, von einer Überstellung nach
Österreich abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die Ertei-
lung der aufschiebenden Wirkung entschieden habe. Schliesslich sei die
unentgeltliche Prozessführung zu gewähren und insbesondere von der Er-
hebung eines Kostenvorschusses abzusehen.
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Seite 5
Der Beschwerde lagen die Kopie der Vollmacht vom 26. Juli 2022 und die
angefochtene Verfügung des SEM bei.
M.
Am 18. November 2022 setzte der Instruktionsrichter den Vollzug der Über-
stellung des Beschwerdeführers nach Österreich mit superprovisorischer
Massnahme per sofort einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 des Bundesgesetzes über das Bundesverwaltungsge-
richt vom 17. Juni 2005 (VGG; SR 173.32) beurteilt das Bundesverwal-
tungsgericht Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das
SEM gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vo-
rinstanz des Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende
Ausnahme im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwal-
tungsgericht ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so
auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 des Bun-
desgesetzes über das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 [BGG;
SR 173.110]).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 3 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist
somit einzutreten.
2.
Der Beschwerdeführer beantragt die Abänderung des im ZEMIS vermerk-
ten Geburtsdatums (1. Januar 2003) auf den 5. April 2005. Die vorliegende
Beschwerde richtet sich demnach sowohl gegen den Nichteintretensent-
scheid betreffend das Asylgesuch (Dispositivziffern 1 und 3–7 der ange-
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fochtenen Verfügung) als auch gegen die ZEMIS-Eintragung (Dispositivzif-
fer 2 der angefochtenen Verfügung). Über das Begehren auf Änderung des
im ZEMIS vermerkten Geburtsdatums ist nicht im vorliegenden Dublin-Ver-
fahren zu entscheiden, weshalb bezüglich der beantragten Datenänderung
im ZEMIS ein separates Verfahren unter der Geschäftsnummer
E-5384/2022 zu führen ist (vgl. hierzu u.a. Urteil des BVGer D-2765/2021
vom 21. Juni 2021 E. 2). Auf das auch in diesem Zusammenhang gestellte
Rechtsbegehren 5 (aufschiebende Wirkung der Beschwerde) ist demnach
im vorliegenden Dublin-Verfahren nicht weiter einzugehen. Das Beschwer-
deverfahren betreffend Nichteintreten auf das Asylgesuch und Überstel-
lung in einen anderen Dublin-Mitgliedstaat ist angesichts der Dringlichkeit
des Asylverfahrens (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG) vorzuziehen, derweil das
ZEMIS-Beschwerdeverfahren zu einem späteren Zeitpunkt weiterzuführen
sein wird.
3.
Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb sie
im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zwei-
ten Richters (Art. 111 Bst. e AsylG), ohne Durchführung eines Schriften-
wechsels und mit summarischer Begründung, zu behandeln ist (Art. 111a
Abs. 1 und 2 AsylG).
4.
4.1 Mit asylrechtlicher Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
4.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1
und 2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
5.
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wird auf einen Schriftenwechsel ver-
zichtet.
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Seite 7
6.
6.1 Die Vorinstanz begründete die angefochtene Verfügung im Wesentli-
chen wie folgt: Zum einen sei es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
die angegebene Minderjährigkeit mit einem rechtsgenüglichen Identitäts-
dokument zu belegen. Die eingereichten Kopien seiner Tazkera und seines
Impfausweises seien nicht überprüfbar und verfügten deshalb nur über ei-
nen geringen Beweiswert. Weiter habe er keine gehaltvollen Angaben dazu
machen können, woher er sein Alter kenne und wie er davon erfahren
habe. Gemäss eingereichter Tazkera sei er im Jahr 2019 vierzehn Jahre
alt gewesen und auf der Impfkarte stehe, dass er am (....) geboren worden
sei. Sein Alter habe er erst nach Rücksprache mit seiner Mutter erfahren.
Aus diesen Angaben könne kein eindeutiges Alter entnommen werden. Zu-
dem habe er nicht glaubhaft erklären können, woher seine Mutter den gre-
gorianischen Kalender gekannt habe, obwohl diese in Afghanistan lebe
und eine religiöse Schule besucht habe. Zudem erstaune, dass er das un-
gefähre Alter seiner drei Geschwister und seiner Eltern spontan habe an-
geben könne, obschon er scheinbar mindestens bis zur Ausreise selbst
das eigene Alter nicht gekannt habe. Schliesslich sei vorliegend das foren-
sische Gutachten ein starkes Indiz für seine Volljährigkeit. Das Gutachten
sei zum Schluss gekommen, dass er mit an Sicherheit grenzender Wahr-
scheinlichkeit das 18. Lebensjahr vollendet und die Volljährigkeit erreicht
habe. Zum Skelettalter sei festzuhalten, dass der radiologische Befund der
Verknöcherung seines Handskeletts dem Referenzbild eines 19-jährigen
Jungen und die Verknöcherung der Schlüsselbein-Brustbein-Gelenke ei-
nem Mindestalter von 19 Jahren entspreche. Nach den Ergebnissen der
zahnärztlichen Untersuchung sei ein vollständiger Abschluss des Wurzel-
wachstums festgestellt worden, was ab einem Alter von 16 Jahren zur Be-
obachtung komme. Bei den Weisheitszähnen sei das Wurzelwachstum
vollständig abgeschlossen, was einem Mindestalter von 17 Jahren ent-
spreche. Zusammenfassend könne daher im Zeitpunkt der Untersuchung
vom (....) von einem Mindestalter von 19 Jahren ausgegangen werden.
Das von ihm angegebene Lebensalter von 17 Jahren und 5 Monaten sei
mit den erhobenen Befunden nicht zu vereinbaren.
6.2 Dem hält der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde im Wesentlichen
folgendes entgegen: Die Vorinstanz sei vorliegend gar nicht befugt gewe-
sen, ein medizinisches Altersgutachten einzuholen, da nach erfolgter EB
UMA keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür vorgelegen hätten, dass
das von ihm angegebene Alter nicht korrekt sei. Er habe von Anfang an
konsistente Angaben zu seinem Geburtsdatum gemacht sowie Identitäts-
dokumente eingereicht, die sein Alter und seine Minderjährigkeit bestätigen
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würden. Er sei – wie er mehrmals an der EB UMA betont habe – Analpha-
bet. Die Personalienblätter seien von einer ihm unbekannten Person aus-
gefüllt worden. Entgegen der Vorinstanz habe er anlässlich der EB UMA
Angaben zu seinem Alter machen können und sowohl die Tazkera als auch
den Impfausweis eingereicht, welche seine Minderjährigkeit belegen wür-
den. Es stimme zudem nicht, dass er das Alter seiner Geschwister und
Eltern genau gekannt habe. Diesbezüglich sei gerichtsnotorisch, dass das
Alter und Geburtsdatum in Afghanistan eine untergeordnete Rolle spiele
und wenn überhaupt nur bei Schulantritt zur Sprache komme. Deshalb sei
es nicht aussergewöhnlich, dass er lediglich sein ungefähres Alter und
nicht sein genaues Geburtsdatum habe angeben können. Insgesamt habe
er widerspruchsfrei und in sich stimmig ausgesagt. Ausserdem dürfe allein
aufgrund des Unvermögens, Identitätsdokumente im Original einzu-
reichen, nicht auf die Unglaubhaftigkeit des angegebenen Alters geschlos-
sen werden. Er verfüge aktenkundig über ein sehr niedriges Bildungsni-
veau, weshalb er die Wichtigkeit eines Identitätsdokuments im Original vor
seiner Einreise in die Schweiz nicht erfasst habe. Er sei trotzdem bestrebt,
die Originale der beiden Identitätsdokumente zu beschaffen. Dies sei auf-
grund der Machtübernahme der Taliban bisher nicht gelungen. Schliesslich
sei das Altersgutachten nicht geeignet, die Glaubhaftmachung seines Al-
ters umzustossen und dessen Volljährigkeit zu begründen. Zunächst falle
auf, dass sich das Ergebnis der zahnärztlichen Untersuchung lediglich zum
Durchschnittsalter äussere und weder eine Altersspanne noch das statis-
tisch wahrscheinlichste Alter angegeben werde. Das Ergebnis der zahn-
ärztlichen Untersuchung weise auf ein durchschnittliches Alter von 16 Jah-
ren hin, weshalb das von ihm angegebene Alter wahrscheinlicher als das
im ZEMIS eingetragene sei. Auch wenn die Schlüsselbein- respektive Ske-
lettanalyse zu einem Mindestalter von 19 und einem Durchschnittsalter von
22.9 Jahren komme, könne das Ergebnis des Gutachtens insbesondere
aufgrund der fehlenden Angabe zur Überlappung und mangels weiterfüh-
render medizinischer Erklärungen gemäss der Rechtsprechung des Bun-
desverwaltungsgerichts (BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.1 m.w.H; ebenso BVGE
2019 I/6 E. 6.1 ff.) nicht als starkes Indiz gewertet werden. Vielmehr handle
es sich um ein schwaches Indiz für die Volljährigkeit. Hinzu komme das
konsistente Aussageverhalten sowie die eingereichten Identitätsdoku-
mente, welchen entgegen den Ausführungen der Vorinstanz zumindest ein
Beweiswert zuzusprechen sei. Das Altersgutachten sei ausserdem äus-
serst knapp gehalten.
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Seite 9
7.
7.1 Der Beschwerdeführer rügt in Bezug auf die Altersabklärung eine Ver-
letzung der Begründungspflicht und macht geltend, die Vorinstanz habe in
der angefochtenen Verfügung nicht rechtsgenüglich erklärt, wieso sie das
forensische Gutachten als starkes Indiz für die Volljährigkeit des Beschwer-
deführers heranziehe, da sie sich nicht zu den überlappenden Altersspan-
nen und den divergierenden Einzelergebnissen äussere. Diese formelle
Rüge ist vorab zu prüfen, da sie bei Begründetheit zur Kassation der an-
gefochtenen Verfügung führen kann.
Die Rüge, wonach es die Vorinstanz unterlassen habe, eine separate an-
fechtbare Verfügung zur Altersanpassung im ZEMIS zu erlassen, erübrigt
sich vorliegend, da das ZEMIS-Verfahren wie vorstehend festgehalten (vgl.
E. 2) separat geführt wird.
7.2 Gemäss Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen
Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101) und Art. 29 VwVG ha-
ben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör, welcher als Mitwirkungs-
recht alle Befugnisse umfasst, die einer Partei einzuräumen sind, damit sie
in einem Verfahren ihren Standpunkt wirksam zur Geltung bringen kann
(vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1 und 144 I 11 E. 5.3; BVGE 2009/35 E. 6.4.1
m.H.). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Behörden, die Vor-
bringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer Entscheidfin-
dung angemessen zu berücksichtigen. Nicht erforderlich ist, dass sich die
Begründung mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzt und
jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65
E. 5.2). Aus der Begründungspflicht, als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs,
ergibt sich, dass die betroffene Person den Entscheid gestützt auf die Be-
gründung sachgerecht anfechten kann und sich sowohl die betroffene Per-
son als auch die Rechtsmittelinstanz über die Tragweite des Entscheids
ein Bild machen können (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1 und 2008/47 E. 3.2;
vgl. ferner LORENZ KNEUBÜHLER/RAMONA PEDRETTI, in: Auer/Müller/Schind-
ler [Hrsg.], a.a.O., N 5 ff. zu Art. 35 VwVG).
7.3 Eine Verletzung der Begründungspflicht ist vorliegend zu verneinen.
Die Vorinstanz äussert sich in der angefochtenen Verfügung einlässlich
zum forensischen Altersgutachten, gibt dessen Ergebnisse wieder, stellt
diese in den Kontext der anwendbaren Rechtsprechung des Bundesver-
waltungsgerichts und begründet ihre Schlussfolgerung nachvollziehbar.
Dem Beschwerdeführer war es offensichtlich auch möglich, sich ein Bild
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Seite 10
über die Tragweite des Entscheids zu machen und diesen – wie dessen
Beschwerde zeigt – sachgerecht anzufechten.
7.4 Demgemäss besteht keine Veranlassung, die angefochtene Verfügung
aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. Das entsprechende (Eventual-)Begehren ist abzuweisen.
8.
8.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Diesbezüglich kommt die Dublin-III-VO zur Anwen-
dung.
8.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III als
zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfahren zur Bestimmung des zu-
ständigen Mitgliedstaats wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat
erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rah-
men eines Wiederaufnahmeverfahrens (engl.: take back) findet demge-
genüber grundsätzlich keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapi-
tel III statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1 m.w.H.).
8.3 Gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO ist der zuständige Mitglied-
staat verpflichtet, die antragstellende Person, welche ihren Antrag während
der Antragsprüfung zurückgezogen und in einem anderen Mitgliedstaat ei-
nen Antrag gestellt hat oder die sich im Hoheitsgebiet eines anderen Mit-
gliedstaats ohne Aufenthaltstitel aufhält, nach Massgabe der Artikel 23, 24,
25 und 29 wiederaufzunehmen. Diese Verpflichtung erlischt, wenn der Ge-
suchsteller oder eine andere Person gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c oder d
das Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten während einer Dauer von mindes-
tens drei Monaten verlassen hat, ausser die Person verfüge über einen
durch den zuständigen Mitgliedstaat ausgestellten Aufenthaltstitel (vgl.
Art. 19 Abs. 2 Dublin-III-VO).
8.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Satz 1 Dublin-III-VO).
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Seite 11
8.5 Im Falle einer unbegleiteten minderjährigen Person ohne familiäre An-
knüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8
Abs. 4 Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem jene einen Antrag auf
internationalen Schutz gestellt hat. Als minderjährig gilt ein Drittstaatsan-
gehöriger unter 18 Jahren (Art. 2 Bst. i Dublin-III-VO; Art. 1a Bst. d AsylV1).
Unbegleitete Minderjährige sind vom Wiederaufnahmeverfahren ausge-
nommen (vgl. CHRISTIAN FILZWIESER/ANDREA SPRUNG, Dublin-III-Verord-
nung, Das europäische Asylzuständigkeitssystem, 2014, K15 f. zu Art. 8
Dublin-III-VO, m.w.H.). Vorliegend bestünde deshalb bei Minderjährigkeit
des Beschwerdeführers eine der grundsätzlichen Wiederaufnahmezustän-
digkeit Österreichs vorrangige Zuständigkeit der Schweiz (vgl. statt vieler
Urteile des BVGer F-6213/2020 vom 5. Januar 2021 E. 3.4; F-5625/2020
vom 18. November 2020; F-3255/2020 vom 2. Juli 2020 E. 5.2).
9.
9.1 Zunächst ist zu prüfen, ob die Vorinstanz die dargelegte Minderjährig-
keit des Beschwerdeführers zutreffend verneint hat.
9.2 Die Beweislast für die behauptete Minderjährigkeit trägt grundsätzlich
die asylsuchende Person (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3 und E. 4.2.3). Im Rah-
men einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte,
die für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben spre-
chen, vorzunehmen. Wesentlich sind dabei als für echt befundene Identi-
tätspapiere oder eigene Angaben der betroffenen Person (vgl. Urteil des
BVGer E-4931/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.1.1, mit Hinweis auf Ent-
scheidungen und Mitteilungen der [vormaligen] Asylrekurskommission
[EMARK] 2004 Nr. 30). Das Resultat des Altersgutachtens stellt nur ein
Element bei der Beurteilung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend
gemachten Minderjährigkeit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.).
9.3 Nach Durchsicht der Akten ist der Vorinstanz zunächst darin beizu-
pflichten, dass der Beschwerdeführer anlässlich der EB UMA nicht genü-
gend plausible und stichhaltige Angaben zum behaupteten Alter machen
konnte. Dies betrifft namentlich die Hintergründe zur Kenntnis seines Al-
ters. Er gab an, er wisse nicht, wann er genau geboren worden sei; seine
Mutter, habe ihm gesagt, am 10. Mai 2005 (vgl. SEM-eAkten, 1184244-
13/13, Ziffer 1.06). Die Mutter habe ihm das Geburtsdatum nach dem eu-
ropäischen Kalender genannt, da sie eine religiöse Schule besucht habe
(vgl. SEM-eAkten, 1184244-13/13, Ziffer 4.04). Ausserdem ist mit der Vor-
instanz zu bemerken, dass er das Alter seiner drei Geschwister ohne wei-
teres nennen konnte, obwohl er gemäss eigener Aussage bis zu seiner
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Seite 12
Ausreise offenbar sein eigenes Geburtsdatum nicht gekannt habe (vgl.
SEM-eAkten, 1184244-13/13, Ziffer 1.06 und 3.01).
9.4 Bei den vom Beschwerdeführer im vorinstanzlichen Verfahren zum Be-
weis seines Alters eingereichten Tazkera und Impfausweis handelt es sich
um Kopien, weshalb der Beweiswert von vornherein gering ist. Zudem ent-
hält eine Tazkera keine Sicherheitsmerkmale und kann deshalb einfach ge-
fälscht werden. Selbst bei Annahme der Echtheit der Tazkera besteht nach
der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts die Möglichkeit, dass
die darin enthaltenen zeitlichen Angaben keinen zweifelsfreien Rück-
schluss auf das wirkliche Alter erlauben. Die Geburtsdaten werden je nach
Ausstellungsort unterschiedlich eingetragen und oft basiert die Angabe auf
einer Einschätzung des Alters aufgrund des Aussehens der Person im Zeit-
punkt der Ausstellung (vgl. hierzu BVGE 2019 I/6 E. 6.2, bestätigt u.a. im
Urteil des BVGer D-60/2020 vom 8. Februar 2021 E. 4.3.2). Aus diesem
Grund vermag der Beschwerdeführer aus dem blossen Umstand, dass das
in der Tazkera festgehaltene Alter mit seinen Angaben übereinstimme be-
ziehungsweise für seine Minderjährigkeit spreche, nichts zu seinen Guns-
ten herzuleiten und die Kopie der eingereichten Tazkera – wie auch die
Kopie des Impfausweises – stellen kein wesentliches Indiz für die behaup-
tete Minderjährigkeit zum Zeitpunkt der Stellung des Asylgesuchs in der
Schweiz dar.
9.5 Gemäss dem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts
BVGE 2018 VI/3 sind von den in der Schweiz angewandten Methoden der
medizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein- respektive Skelettal-
tersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht jedoch die Hand-
knochenaltersanalyse und die ärztliche körperliche Untersuchung) zum
Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person geeignet.
Anhand der medizinischen Altersabklärung lässt sich keine Aussage zur
Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Person machen, wenn das
Mindestalter bei der zahnärztlichen Untersuchung und der Schlüsselbein-
respektive Skelettaltersanalyse unter 18 Jahren liegt (vgl. ebenda
E. 4.2.1 f.).
9.5.1 Vorab ist festzustellen, dass die Rüge des Beschwerdeführers, wo-
nach die Vorinstanz aufgrund fehlender Anhaltspunkte gar nicht erst befugt
gewesen sei, ein medizinisches Altersgutachten einzuholen, ins Leere
läuft. Es ist zunächst unbestritten, dass die Vorinstanz zur Erstellung des
rechtserheblichen Sachverhalts auch Beweismittel in Form von medizini-
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Seite 13
schen Abklärungen erhältlich machen kann. Ob für eine solche Beweiser-
hebung als Voraussetzung für deren Zulässigkeit hinreichende Anhalts-
punkte im konkreten Fall vorliegen müssen, kann hier offengelassen wer-
den, da die Vorinstanz – wie vorstehend gezeigt (vgl. E. 9.3) – bereits auf-
grund der teilweise nicht plausiblen Angaben des Beschwerdeführers zu
seinem Alter hinreichend Anlass hatte, ein Altersgutachten einzuholen.
9.5.2 Vorliegend bestehen keine begründeten Anhaltspunkte, welche ge-
eignet sind, die Erkenntnisse des Altersgutachtens des IRM Basel vom
13. September 2022 entscheidrelevant in Zweifel zu ziehen. Im Altersgut-
achten wird zunächst festgehalten, dass die körperliche Untersuchung aus
medizinischer Sicht keine Hinweise auf das Vorliegen einer entwicklungs-
beeinflussenden Erkrankung beziehungsweise einer manifesten Entwick-
lungsstörung ergeben habe. Die zahnärztliche Untersuchung habe einen
vollständigen Abschluss des Wurzelwachstums ergeben, was ab einem Al-
ter von 16 Jahren beobachtet werden könne. Dies könne nur als Mittelwert
und nicht als Minimum gewertet werden. Sodann ergebe die Untersuchung
aufgrund der Weisheitszähne ein Mineralisationsstadium H, was einem
vollständigen Abschluss des Wurzelwachstums entspreche. Es könne da-
her nur noch ein Mindestalter angegeben werden, was hier bei 17 Jahren
liege. Die radiologische Altersschätzung der Brustbein-Schlüsselbein-Ge-
lenke entspreche vorliegend dem Referenzbild eines 19-jährigen Jungen,
wobei hier unter Berücksichtigung der Verknöcherung (Stadium 3c) von ei-
nem minimalen Alter von 19.7 Jahren auszugehen sei. In Zusammenschau
der Befunde könne daher von einem Mindestalter von 19 Jahren ausge-
gangen werden. Das vom Beschwerdeführer angegebene Lebensalter von
17 Jahren und 5 Monaten sei mit den erhobenen Befunden nicht zu ver-
einbaren. Er habe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das 18.
Lebensjahr vollendet und die Volljährigkeit erreicht.
9.5.3 Gestützt auf BVGE 2018 VI/3 ist es ein starkes Indiz für die Volljäh-
rigkeit, wenn das Mindestalter bei der Schlüsselbein- respektive Skelettal-
tersanalyse oder der zahnärztlichen Untersuchung über 18 Jahren liegt
und die sich anhand der beiden Analysen ergebenden Altersspannen über-
lappen (vgl. ebenda E. 4.2.2). Gemäss dem Altersgutachten des IRM Basel
liegt das Mindestalter bei der Schlüsselbeinanalyse über 18 Jahren ([...]
Jahre), bei der zahnärztlichen Untersuchung unter 18 Jahren ([...] Jahre).
Da bei der Mineralisation der Weisheitszähne lediglich ein Mindestalter von
(....) Jahren festgestellt werden konnte und die zahnärztliche Untersu-
chung nur einen Mittelwert von (....) Jahren nannte, ist dem Beschwerde-
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führer zwar zuzustimmen, dass sich die Altersspannen zwar insofern tat-
sächlich nicht überlappen, als dass im Rahmen dieser Untersuchung keine
konkrete Altersspanne genannt wird. Die Ergebnisse stehen aber nicht im
Widerspruch zueinander. Vor dem Hintergrund des eindeutigen Fazits des
Altersgutachtens («mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» Voll-
endung des 18. Lebensjahres) hat die Vorinstanz das Gutachten in Anwen-
dung einer Gesamtwürdigung – namentlich der Aussagen und der einge-
reichten Identitätsdokumente – als ein Indiz gewertet, welches ebenfalls für
die Volljährigkeit des Beschwerdeführers spricht.
9.6 Im Lichte des vorstehend Gesagten ist im Sinne einer Gesamtwürdi-
gung aller Indizien davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer seine
behauptete Minderjährigkeit nicht glaubhaft machen konnte, mithin im Zeit-
punkt der (Asyl-)Antragsstellung in der Schweiz mit überwiegender Wahr-
scheinlichkeit bereits volljährig war.
9.7 Damit fällt Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO als Kriterium zur Bestimmung des
für das Asylverfahren zuständigen Mitgliedstaats ausser Betracht.
10.
10.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der "Eu-
rodac"-Datenbank ergab, dass dieser am (....) in Österreich ein Asylgesuch
eingereicht hatte. Die Vorinstanz ersuchte deshalb die österreichischen
Behörden am 22. September 2022 um Wiederaufnahme des Beschwerde-
führers gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b Dublin-III-VO. Die österreichi-
schen Behörden stimmten diesem Gesuch am 23. September 2022 zu.
10.2 Die grundsätzliche Zuständigkeit Österreichs für die Durchführung
des Asyl- und Wegweisungsverfahrens ist somit gegeben und wurde vom
Beschwerdeführer im Übrigen auch nicht bestritten.
11.
11.1 Weiter ist zu prüfen, ob es im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO
wesentliche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Auf-
nahmebedingungen für Asylsuchende in Österreich würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne von Art. 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
11.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in ständiger Rechtsprechung da-
von aus, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für asyl-
suchende Personen in Österreich keine Schwachstellen im Sinne von Art.
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3 Abs. 2 Sätze 2 und 3 Dublin-III-VO aufweisen, die eine Gefahr einer un-
menschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4
der EU-Grundrechtcharta und Art. 3 EMRK mit sich bringen würden (vgl.
Urteil des BVGer E-522/2022 vom 15. Februar 2022 E. 8 m.w.H.). Zudem
ist Österreich ein funktionierender Rechtsstaat dessen Behörden grund-
sätzlich gewillt und fähig sind, staatlichen Schutz zu gewähren. Im Übrigen
bringt der Beschwerdeführer in seiner Beschwerde auch keine Kritik am
Asylsystem in Österreich vor. Unter diesen Umständen ist die Anwendung
von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
12.
12.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zu-
ständigkeit Österreichs das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster
Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, hätte ausüben
müssen. Zwar kann die Vermutung, Österreich halte seine völkerrechtli-
chen Verpflichtungen ein, im Einzelfall widerlegt werden. Dafür bedarf es
aber konkreter und ernsthafter Hinweise, die gegebenenfalls vom Betroffe-
nen glaubhaft darzutun sind (vgl. BVGE 2010/45 E. 7.4 f.).
12.2 Wie erwähnt macht der Beschwerdeführer nicht geltend, das Asylsys-
tem in Österreich sei in irgendeiner Art mangelhaft und ihm würde dadurch
ein konkretes und ernsthaftes Risiko drohen. Auch macht er in der Be-
schwerde keine Beeinträchtigungen gesundheitlicher Art (physisch oder
psychisch) geltend. In diesem Zusammenhang ist den Akten auch zu ent-
nehmen, dass kein medizinisches Datenblatt über seine Person besteht
und er sich bis zum heutigen Zeitpunkt wegen allfälligen gesundheitlichen
Beschwerden nie beim medizinischen Personal in der Asylunterkunft ge-
meldet hat (vgl. SEM-eAkten, 1184244-35/2).
12.3 Für einen Selbsteintritt der Schweiz gemäss Art. 29a Abs. 3 AsylV1 in
Verbindung mit Art. 17 Dublin-III-VO besteht somit keine Veranlassung.
Der Beschwerdeführer konnte kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
tun, wonach seine Überstellung nach Österreich die Verletzung völker-
rechtlicher Bestimmungen zur Folge hätte. Eine Ermessenunterschreitung
der Vorinstanz liegt ebenfalls nicht vor (vgl. dazu BVGE 2015/9 E. 7 f.).
13.
Das SEM ist im Ergebnis zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da er
nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung
ist, wurde die Überstellung nach Österreich in Anwendung von Art. 44
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AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a AsylV 1). Die ange-
fochtene Verfügung erweist sich als rechtmässig und die Beschwerde ist
abzuweisen.
14.
Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG, weshalb
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen sind (vgl. BVGE 2015/18
E. 5.2 m.w.H.).
15.
Mit dem vorliegenden Urteil ist das Beschwerdeverfahren hinsichtlich des
Nichteintretensentscheids auf das Asylgesuch und der Überstellung in den
zuständigen Dublin-Mitgliedstaat (Dublin-Verfahren) abgeschlossen, wes-
halb der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung nach Art. 107a
Abs. 2 AsylG gegenstandslos wird und der mit superprovisorischer Mass-
nahme vom 18. November 2022 angeordnete Vollzugsstopp dahinfällt.
16.
16.1 Die Behandlung des Gesuchs um Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses gemäss Art. 63 Abs. 4 VwVG erübrigt sich mit dem
vorliegenden abschliessenden Urteil in der Sache.
16.2 Der Beschwerdeführer beantragt die Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 VwVG). Aus den vorstehenden Erwägun-
gen ergibt sich, dass seine Begehren als von vornherein aussichtslos zu
erachten waren. Die Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG sind damit
nicht erfüllt, weshalb das Gesuch abzuweisen ist.
16.3 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE;
SR 173.320.2]).
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