Decision ID: dc2a4ade-dcb1-5978-8039-ab59a0111685
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich anfangs Mai 1997 unter Hinweis auf einen im November 1995
erlittenen Unfall für eine Umschulung und für eine Rente der Invalidenversicherung an
(IV-act. 2). Ende Mai 1997 meldete sich der Versicherte zusätzlich für eine
Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung an (IV-act. 17). Er machte geltend, er
könne sich die Hosen, die Socken und die Schuhe nicht mehr selber anziehen, er
könne nicht selbständig zu Bett gehen und auch nicht selbständig vom Bett aufstehen,
er könne sich nicht mehr selber waschen, rasieren und duschen, er könne die Notdurft
nicht mehr selbständig verrichten, er sei auf eine regelmässige und erhebliche Dritthilfe
bei der Fortbewegung in der Wohnung und im Freien sowie bei der Pflege von
gesellschaftlichen Kontakten angewiesen und er benötige rund um die Uhr eine
persönliche Überwachung. Im Auftrag der IV-Stelle erstattete die medizinische
Abklärungsstelle (MEDAS) Ostschweiz am 6. Januar 2000 ein polydisziplinäres
Gutachten (IV-act. 33). Die Sachverständigen hielten fest, der Versicherte habe bei der
Arbeit eine schwere Maschine anheben wollen, sei dabei ausgerutscht und mit dem
Rücken gegen eine Säule geprallt. Die Maschine sei auf den rechten Fuss gekippt, was
zu einer Prellung und zu einer oberflächlichen Schürfung am Mittelfuss geführt habe.
Seither bestünden nach Angaben des Versicherten dauernde Schmerzen in der
Kreuzregion und im ganzen rechten Bein bis zum Sprunggelenk. Der Versicherte
bewege sich nur noch an zwei Unterarmstützen fort. Gestützt auf die klinischen und
bildgebenden Befunde seien ein Morbus Sudeck im fortgeschrittenen Stadium mit
einem Befall der Weichteile des distalen Oberschenkels, des Kniegelenks und des
gesamten Unterschenkels rechts mit einer massiven Invalidisierung sowie ein
chronisches lumbo-spondylogenes Syndrom bei massiven degenerativen
Veränderungen L5/S1 zu diagnostizieren. Aus psychiatrischer Sicht leide der
A.a.
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Versicherte an einer anhaltenden depressiven Störung sowie an einer massiven
dissoziativen Störung der Bewegung und der Sinnesempfindung im Bereich der
unteren Extremität. In Anbetracht aller Aspekte sei der Versicherte als vollständig
arbeitsunfähig für jede Art von Tätigkeit zu qualifizieren. Mit einer Verfügung vom 5.
Juni 2000 sprach die IV-Stelle dem Versicherten rückwirkend ab dem 1. November
1996 eine ganze Rente bei einem Invaliditätsgrad von 100 Prozent zu (IV-act. 53). Die
Anmeldung des Versicherten zum Bezug einer Hilflosenentschädigung musste
versehentlich untergegangen sein; die IV-Stelle tätigte diesbezüglich keinerlei
Abklärungen.
Im Oktober 2016 meldete sich der Versicherte erneut zum Bezug einer Hilf
losenentschädigung an (IV-act. 151). Er machte geltend, er könne sich nicht
selbständig an- und auskleiden, er könne nicht selbständig abliegen, er könne sich
nicht selbständig baden oder duschen, er könne die Notdurft nicht selbständig
verrichten, er könne sich nur mit der Hilfe seiner Ehefrau über längere Strecken
fortbewegen, er könne sich nicht selbständig am gesellschaftlichen Leben beteiligen, er
benötige tagsüber und nachts eine dauernde medizinisch-pflegerische Hilfe und er sei
rund um die Uhr auf eine persönliche Überwachung angewiesen. Zudem benötige er
eine lebenspraktische Begleitung. Der Internist Dr. med. B._ gab im Januar 2017 an
(IV-act. 163), die Angaben des Versicherten über dessen Hilflosigkeit stimmten mit den
ärztlichen Feststellungen überein. Ob zur Verhinderung einer Isolation von der
Aussenwelt eine regelmässige Anwesenheit einer Drittperson erforderlich sei, bleibe
allerdings dahingestellt, denn der Versicherte erscheine jedenfalls immer ohne eine
Begleitung in der Arztpraxis. Am 18. Mai 2017 befragte eine Sachbearbeiterin der IV-
Stelle die Schwiegertochter des Versicherten telefonisch zur geltend gemachten
Hilflosigkeit (IV-act. 166). Die Schwiegertochter gab an, der Versicherte werde mit
zunehmendem Alter schwächer und die Schmerzen nähmen zu. Da die ganze Familie
in der gleichen Liegenschaft wohne, könne jemand einspringen, falls die Ehefrau
krankheitsbedingt ausfallen sollte. Der Versicherte sei auf eine regelmässige und erheb
liche Dritthilfe beim An- und Auskleiden der Kleidungsstücke für die unteren
Extremitäten, beim Aufstehen, bei der Körperpflege und bei der Fortbewegung ausser
Haus sowie auf eine medizinisch-pflegerische Hilfe im Zusammenhang mit dem
Diabetes angewiesen.
A.b.
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Am 3. Juli 2017 zeigte der Rechtsanwalt lic. iur. HSG Baumann die Vertretung des
Versicherten gegenüber der IV-Stelle betreffend eine allfällige Hilflosenentschädigung
an (IV-act. 173). Er hatte bereits als Rechtsvertreter des Versicherten betreffend ein
Begehren um Ergänzungsleistungen am 12. Juni 2017 eine Einsprache gegen eine
abweisende Verfügung vom 22. Mai 2017 erhoben (IV-act. 169). Die EL-
Durchführungsstelle hatte der Ehefrau ein hypothetisches Erwerbseinkommen
angerechnet und der Rechtsvertreter hatte in der Einsprache geltend gemacht, die
Ehefrau werde durch die Betreuungspflicht gegenüber ihrem hilflosen Ehemann an der
Ausübung einer Erwerbstätigkeit gehindert (vgl. auch IV-act. 176). Am 22. August 2017
notierte Dr. med. C._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD; IV-act. 181),
objektiv leide der Versicherte nur an einer erheblichen Muskelatrophie am rechten Bein.
Er benutze Gehstöcke und suche mit diesen selbständig und meist ohne Begleitung die
Hausarztpraxis auf. Der Hausarzt habe in einem Telefonat vom 21. August 2017 das
Vorliegen von kognitiven Einschränkungen oder einer schwerwiegenden depressiven
Symptomatik verneint und angegeben, dass der Versicherte seine Medikamente
problemlos selbständig einnehmen könne und dass er auch in den alltäglichen
Lebensverrichtungen weitgehend selbständig sei. Aus RAD-medizinischer Sicht sei
eine Hilfsbedürftigkeit mittleren Grades nicht ausgewiesen.
A.c.
Mit einem Vorbescheid vom 13. September 2017 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit (IV-act. 183), dass sie die Abweisung des Begehrens um eine
Hilflosenentschädigung vorsehe. Zur Begründung führte sie an, die Angaben des
Versicherten zur Art und zum Umfang der Dritthilfe seien nicht plausibel. Aus
medizinischer Sicht liege keine relevante Hilflosigkeit vor. Der Versicherte könne seine
Selbständigkeit mit verschiedenen Hilfsmitteln erhöhen. Dagegen liess der Versicherte
am 16. Oktober 2017 einwenden (IV-act. 187), seine Angaben seien sehr wohl
plausibel. Die Akten belegten den Bedarf nach einer erheblichen und regelmässigen
Dritthilfe bei fast allen alltäglichen Lebensverrichtungen. Hilfsmittel würden daran nichts
ändern. Am 14. November 2017 liess er ergänzend ausführen (IV-act. 188), sowohl die
Angaben im Anmeldeformular als auch die Ausführungen der Schwiegertochter bei der
telefonischen Abklärung seien absolut glaubwürdig. Der Hausarzt Dr. B._ habe die
Angaben ebenfalls als zutreffend bestätigt. Am 12. Juli 2018 wurde der Versicherte von
einer Sachbearbeiterin der IV-Stelle in Anwesenheit der Ehefrau, der Schwiegertochter,
A.d.
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des Rechtsvertreters und der RAD-Ärztin Dr. C._ persönlich zu seinem Hilfebedarf
befragt. Die Sachbearbeiterin hielt in ihrem Abklärungsbericht fest (IV-act. 214–7 ff.),
der Versicherte habe angegeben, dass er seit etwa drei Monaten an einem vermehrten
Schwindel und an Kopfschmerzen leide, weshalb sein Hilfebedarf zugenommen habe
und was auch der Grund dafür sei, dass er das Bett kaum noch verlassen habe. Der
Versicherte habe aber auf keine objektivierbaren Einschränkungen hingewiesen, die
das Anwenden von Kompensationsstrategien beim An- und Auskleiden sowie beim
Anbringen und Ausziehen der Fussheberorthese verunmöglichen würden. Während der
Abklärung habe der Versicherte demonstriert, dass er sich – wenn auch verlangsamt –
von einem regulären Stuhl erheben und alleine aufstehen könne. Beim Abliegen auf die
Untersuchungsliege habe er sich hingelegt. Die Ehefrau habe seine Beine auf die Liege
gehievt. Der Versicherte habe angegeben, dass er dazu wegen der Verletzung am Bein
und wegen der Schmerzen im Rücken nicht mehr in der Lage sei. Die Schwiegertochter
habe bemerkt, dass ein Elektropflegebett die Hilfsbedürftigkeit des Versicherten
massgebend verringern würde. Der vom Versicherten im Zusammenhang mit dem
Essen und Trinken angegebene Hilfebedarf entspreche nicht einem Bedarf nach einer
erheblichen und regelmässigen Dritthilfe, denn der Versicherte benötige nur eine Hilfe
beim Zerkleinern von zähen, groben Speisen. Mangels objektiver Einschränkungen in
den oberen Extremitäten sei nicht einzusehen, weshalb der Versicherte nicht in der
Lage sein sollte, sich die Hände und das Gesicht selbständig zu waschen, sich
selbständig zu rasieren und sich selbständig die Haare zu kämmen. In Bezug auf die
Körperwäsche lägen keine objektiven Einschränkungen vor, die das Anwenden von
Kompensationsstrategien und Hilfsmitteln verunmöglichen würden, weshalb auch
diesbezüglich kein relevanter Hilfebedarf ausgewiesen sei. Die Angabe des
Versicherten, dass er nach dem Verrichten der Notdurft bei der Reinigung und beim
Ordnen der Kleidung auf die Hilfe seiner Ehefrau angewiesen sei, könne nicht mit
objektiven Einschränkungen begründet werden. Im Rahmen der Abklärung habe der
Versicherte zwar verlangsamt, aber sicher mithilfe von Gehstöcken eine Strecke von 50
Metern zurückgelegt. Ein geeigneter Rollator würde dem Versicherten die
Fortbewegung zusätzlich erleichtern. Kognitive Einschränkungen, die die Pflege von
gesellschaftlichen Kontakten erschweren würden, lägen nicht vor. Zur Organisation und
Strukturierung des Alltags, zur Bewältigung von Alltagssituationen und zu
ausserhäuslichen Verrichtungen sei der Versicherte in kognitiver Hinsicht durchaus in
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der Lage. Eine Isolation oder gar Verwahrlosung bestehe nicht. Die Reinigungsarbeiten,
die Wäsche und das Kochen würden seit jeher von der Ehefrau besorgt. Der
Versicherte wäre aber durchaus in der Lage, einen wesentlichen Teil dieser Arbeiten
sitzend oder stehend (nicht gehend) zu verrichten. Die RAD-Ärztin Dr. C._ führte aus
(IV-act. 214–13 f.), der Versicherte habe eine längere Gehstrecke verlangsamt, aber
sicher an zwei Unterarmgehstöcken zurücklegen können. Das Absitzen und das
Aufstehen vom Stuhl sei ihm selbständig möglich gewesen. Kognitive Einschränkungen
hätten nicht festgestellt werden können. In der kursorischen Untersuchung sei eine
erhebliche Muskelatrophie des rechten Beins aufgefallen. Die Beweglichkeit der oberen
Extremitäten sei nicht eingeschränkt gewesen. Das Aufstehen, das Absitzen und das
Abliegen sei dem Versicherten grundsätzlich möglich gewesen. Manuelle Tätigkeiten
seien dem Versicherten allerdings nur im Sitzen zumutbar. Durch das permanente
Umsorgen sei eine körperliche Dekonditionierung eingetreten. Vorbehältlich weiterer
neurologischer Erkenntnisse seien die am ehesten orthostatisch bedingten
Schwindelattacken „ebenfalls hier einzuordnen“. Angesichts des massiven
Analgetikakonsums bestehe der Verdacht auf medikamenteninduzierte
Kopfschmerzen. Der Versicherte machte in einer Stellungnahme vom 26. November
2018 zum Abklärungsbericht geltend (IV-act. 214–15 f.), das selbständige An- und
Auskleiden sei ihm im unteren Körperbereich nicht möglich, auch im oberen
Körperbereich sei er meistens auf eine Dritthilfe angewiesen. Auch beim Aufstehen
benötige er Hilfe. Teilweise müsse er hochgezogen werden. Aufgrund von
Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Schwindelzuständen bei „einer Art
epileptischer Anfälle“ könne er die Mahlzeiten nur noch im Liegen zu sich nehmen,
wobei er auf Hilfe angewiesen sei. Oft leide er an einem Taubheitsgefühl in den
Händen, weshalb ihm beim Essen geholfen werden müsse. Die selbständige
Körperpflege wäre eine Qual für den Versicherten, da er durch das Gehen auf den
Krücken während mehr als 20 Jahren die Kraft in seinen Armen verbraucht habe. Ein
Rollator wäre kein geeignetes Hilfsmittel, da der Versicherte am Rollator auch sein
verletztes Bein belasten müsste. Er könne seinen Tag nicht selbständig strukturieren, er
sei mit Alltagssituationen überfordert, er könne bei der Wohnungspflege nicht
mithelfen, er könne nicht waschen und bügeln und er sei wegen der ständigen
Sturzgefahr auf eine permanente Überwachung angewiesen. Die Klinik für Neurologie
des Kantonsspitals St. Gallen hatte in einem Bericht vom 4. September 2018
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B.
betreffend eine „Schwindelsprechstunde“ am 14. August 2018 festgehalten (IV-act.
209), der Versicherte leide an einem unspezifischen Schwindel. Im neurologischen
Untersuchungsbefund habe kein Hinweis für das Vorliegen einer zentralen oder
peripher vestibulären Genese festgestellt werden können. Aus neurologischer Sicht
ergäben sich keine weiteren therapeutischen Implikationen.
Mit einem jenen vom 13. September 2017 „ersetzenden“ Vorbescheid vom 6.
März 2019 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie nach wie vor die
Abweisung seines Begehrens um eine Hilflosenentschädigung vorsehe (IV-act. 221).
Dagegen liess der Versicherte am 4. April 2019 (IV-act. 225) und am 3. Mai 2019 (IV-
act. 227) einwenden, der behandelnde Hausarzt Dr. B._ habe die Angaben des
Versicherten explizit als zutreffend bezeichnet. In seiner Stellungnahme zum
Abklärungsbericht habe der Versicherte die Ausführungen von Dr. C._ „klar widerlegt
und nachvollziehbar entkräftet“. Sollte die IV-Stelle trotzdem immer noch nicht von der
Hilflosigkeit des Versicherten überzeugt sein, werde sie weitere medizinische
Abklärungen tätigen müssen. Mit einer Verfügung vom 10. Mai 2019 wies die IV-Stelle
das Leistungsbegehren ab (IV-act. 228).
A.e.
Am 5. Juni 2019 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 10. Mai 2019 erheben (act. G 1). Sein Rechts
vertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Zusprache einer
Entschädigung bei einer Hilflosigkeit schweren Grades „ab wann rechtens“,
eventualiter die Zusprache einer Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades
„ab wann rechtens“ und subeventualiter die Rückweisung der Sache an die IV-Stelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) zu weiteren medizinischen Abklärungen. Zur
Begründung führte er aus, die übereinstimmenden Angaben des Beschwerdeführers
und der Schwiegertochter seien vom Hausarzt Dr. B._ als zutreffend bezeichnet und
auch von einer Sachbearbeiterin der Beschwerdegegnerin als überzeugend qualifiziert
worden. Weder der Abklärungsbericht vom 12. Juli 2018 noch die Stellungnahme der
RAD-Ärztin Dr. C._ würden Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser Angaben wecken.
Der Beschwerdeführer habe die Behauptungen „klar widerlegt und nachvollziehbar
entkräftigt“. Er habe aufgezeigt, dass und weshalb er in allen sechs alltäglichen
B.a.
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Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung der angefochtenen Verfügung
vom 10. Mai 2019 auf deren Rechtmässigkeit, weshalb sein Gegenstand jenem des
vorangegangenen Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Dieses scheint die
Prüfung des im Oktober 2016 gestellten Begehrens um eine Hilflosenentschädigung
zum Inhalt gehabt zu haben. Der Beschwerdeführer hat sich allerdings im Oktober
2016 nicht zum ersten Mal zum Bezug einer Hilflosenentschädigung angemeldet.
Bereits Ende Mai 1997 hatte er mittels des dafür vorgesehenen Anmeldeformulars die
Zusprache einer Hilflosenentschädigung beantragt. Jene erste Anmeldung war von der
Beschwerdegegnerin aber aus unerfindlichen Gründen nicht geprüft worden;
dementsprechend hat die Beschwerdegegnerin auch nie über einen allfälligen
Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung ab dem durch die Anmeldung vom Mai 1997
definierten massgebenden Zeitpunkt (Art. 48 Abs. 1 IVG) verfügt. Das bedeutet, dass
die Anmeldung des Beschwerdeführers zum Bezug einer Hilflosenentschädigung von
Ende Mai 1997 im Oktober 2016 immer noch hängig gewesen ist, denn das
Lebensverrichtungen in erheblicher Weise auf regelmässige Hilfe Dritter angewiesen sei
und überdies eine dauernde Überwachung benötige.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 6. September 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 6). Zur Begründung führte sie an, Dr. B._ habe keinerlei
Begründung für seine Bestätigung der Angaben des Beschwerdeführers geliefert und
später habe er im Rahmen eines Telefonats gegenüber der RAD-Ärztin angegeben,
dass der Beschwerdeführer im Alltag weitgehend selbständig sei. Nach einer eigenen
Untersuchung habe die RAD-Ärztin Dr. C._ festgehalten, dass weder
Einschränkungen in Bezug auf die Funktionalität der oberen Extremitäten noch
kognitive Beeinträchtigungen objektivierbar seien. Daraus habe sie die überzeugende
Schlussfolgerung gezogen, dass der Beschwerdeführer im Alltag nicht auf eine
erhebliche und regelmässige Dritthilfe angewiesen sei. Die Vorbringen in der
Beschwerde weckten keine Zweifel an der Überzeugungskraft des
Abklärungsberichtes.
B.b.
Der Beschwerdeführer liess am 8. Juni 2020 an seinen Anträgen festhalten (act. G
21). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 23).
B.c.
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entsprechende Verwaltungsverfahren kann nicht (definitiv) im Sand verlaufen sein, die
Anmeldewirkung kann nicht untergegangen sein und der Umstand, dass der
Beschwerdeführer sich weder nach dem Stand des Verfahrens erkundigt noch in die
Behandlung des Begehrens insistiert hat, kann nicht als ein konkludenter Rückzug der
Anmeldung von 1997 interpretiert werden. Das Bundesgericht hat bereits vor 30 Jahren
im BGE 116 V 273 festgehalten, dass eine Anmeldewirkung nicht untergehen kann und
dass von einem konkludenten Rückzug einer Anmeldung – wenn überhaupt – nur
ausgegangen werden kann, wenn klare Anhaltspunkte vorliegen, die einen eindeutigen
Schluss auf den Rückzugswillen zulassen, was nach der bundesgerichtlichen
Auffassung (vgl. BGE 116 V 273) nicht der Fall ist, wenn ein Versicherter nach der
Anmeldung zum Leistungsbezug nichts unternimmt, obwohl die Verwaltung jahrelang
untätig bleibt. Diese Auffassung hat das Bundesgericht im BGE 121 V 195 explizit
bekräftigt. Als sich der Beschwerdeführer im Oktober 2016 erneut zum Bezug einer
Hilflosenentschädigung angemeldet hat, hat die Beschwerdegegnerin folglich kein
neues Verfahren eröffnen können, da nicht gleichzeitig zwei voneinander unabhängige
Verwaltungsverfahren betreffend ein und denselben Gegenstand rechtshängig sein
können. Die zweite „Anmeldung“ vom Oktober 2016 kann deshalb nur als eine
Erneuerung der noch hängigen Anmeldung vom Mai 1997 interpretiert werden. Das mit
der angefochtenen Verfügung abgeschlossene Verwaltungsverfahren hätte deshalb die
Prüfung der Anmeldung zum Bezug einer Hilflosenentschädigung von Ende Mai 1997
zum Inhalt haben müssen, weshalb im Beschwerdeverfahren zu prüfen ist, ob der
Beschwerdeführer in der Zeit ab Mai 1997 respektive ab dem gemäss dem Art. 48 IVG
massgebenden Zeitpunkt (in der Regel frühestens ein Jahr vor der Anmeldung) einen
Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung gehabt hat.
2.
Der Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung setzt gemäss dem Art. 42 Abs. 1
IVG eine Hilflosigkeit im Sinne des Art. 9 ATSG voraus, wobei gemäss den Art. 37 f. IVV
massgebend ist, ob die versicherte Person bei den alltäglichen Lebensverrichtungen
auf eine erhebliche und regelmässige Dritthilfe angewiesen ist, ob sie eine dauernde
persönliche Überwachung oder eine ständige und besonders aufwendige Pflege
benötigt oder ob sie auf eine lebenspraktische Begleitung angewiesen ist. Der
Anspruch auf eine Entschädigung bei einer Hilflosigkeit leichten Grades setzt gemäss
dem Art. 37 Abs. 3 IVV mindestens einen erheblichen Dritthilfebedarf bei zwei
alltäglichen Lebensverrichtungen (lit. a), eine dauernde persönliche Überwachung (lit.
b), eine durch das Gebrechen bedingte ständige und besonders aufwendige Pflege (lit.
2.1.
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c), einen „Spezialfall“ im Sinne der lit. d oder eine Notwendigkeit einer
lebenspraktischen Begleitung (lit. e) voraus.
Die Beschwerdegegnerin hat sich bei der Sachverhaltsabklärung darauf
beschränkt, den aktuellen Hilfebedarf zu ermitteln, weil sie wohl übersehen hat, dass
sie nicht eine Anmeldung aus dem Jahr 2016, sondern eine solche aus dem Jahr 1997
zu prüfen hatte. Bezüglich des massgebenden Hilfebedarfs des Beschwerdeführers
erweist sich der Sachverhalt deshalb als für die Jahre 1997–2016 insgesamt
ungenügend abgeklärt. Die angefochtene Verfügung ist folglich in Verletzung der
Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ergangen, weshalb sie als rechtswidrig
aufzuheben ist. Die Sache ist zur Sachverhaltsermittlung für die Zeit bis zurück in das
Jahr 1997 respektive – mit Blick auf den Art. 48 Abs. 1 IVG – bis zurück in das Jahr
1996 an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dabei wird die
Beschwerdegegnerin zu beachten haben, dass nicht direkt von den somatischen oder
psychischen Diagnosen auf die Hilflosigkeit respektive auf den relevanten Hilfebedarf
des Beschwerdeführers geschlossen werden darf. Eine relevante Hilflosigkeit muss mit
entsprechenden objektiven klinischen Befunden, also mit objektiv ausgewiesenen
funktionellen Defiziten begründet sein. Angesichts des weit in die Vergangenheit
reichenden massgebenden Zeitraums könnte sich im Zuge der Fortsetzung des
Verwaltungsverfahrens möglicherweise die Frage nach einer allfälligen objektiven
Beweislosigkeit stellen. Eine solche liegt allerdings nur vor, wenn der Sachverhalt auch
bei einer Ausschöpfung aller Möglichkeiten objektiv nicht mehr ermittelt werden kann.
2.2.
In Bezug auf einen allfälligen Bedarf nach einer lebenspraktischen Begleitung ist
auf die Praxis des Versicherungsgerichtes hinzuweisen (vgl. etwa den Entscheid IV
2013/412 vom 16. April 2014, E. 2.2, mit Hinweisen), laut der ein Bedarf nach einer
lebenspraktischen Begleitung vorliegt, wenn eine versicherte Person nicht fähig ist, den
Haushalt alleine zu besorgen. Massgebend ist dabei, wie der klare Wortlaut des Art. 38
Abs. 1 lit. a IVV („... nicht selbständig wohnen kann“) belegt, die Fähigkeit der
versicherten Person, den Haushalt allein zu besorgen. Ob im konkreten Einzelfall eine
Drittperson da ist, welche die versicherte Person effektiv lebenspraktisch begleitet bzw.
dieser den Haushalt besorgt, ist somit irrelevant. Da die lebenspraktische Begleitung
als Voraussetzung für einen Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung erst mit der
vierten IVG-Revision per 1. Januar 2004 eingeführt worden ist, wird sich im Zuge des
Verwaltungsverfahrens allenfalls die Frage stellen, ob der Beschwerdeführer allenfalls
auch für die Zeit vor dem 1. Januar 2004 einen Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung haben kann. Das IVG und die IVV enthalten keine
Übergangsbestimmungen, die es erlauben würden, diese Frage zu beantworten. Die
2.3.
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3.
Die Verfügung vom 10. Mai 2019 ist folglich aufzuheben und die Sache ist zur
Fortsetzung des Verwaltungsverfahrens an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
Dieser Verfahrensausgang gilt praxisgemäss als ein vollständiges Obsiegen des
Beschwerdeführers. Die angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf
600 Franken festzusetzenden Gerichtskosten sind deshalb der Beschwerdegegnerin
aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer wird der von ihm geleistete Kostenvorschuss von
600 Franken zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer eine
Parteientschädigung auszurichten. Der erforderliche Vertretungsaufwand ist als
deutlich unterdurchschnittlich zu qualifizieren, weil der Umfang der massgebenden
Akten gering gewesen ist, womit der Aufwand für das Aktenstudium deshalb deutlich
tiefer als bei einem durchschnittlich aufwendigen IV-Rentenfall gewesen ist. Die
Parteientschädigung ist auf 2’500 Franken (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) festzusetzen.