Decision ID: c7796bf3-5f1a-5af5-9f4c-ae28c3141a75
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer verliess seinen Heimatstaat mit seiner Familie (Mut-
ter und Geschwister) gemäss eigenen Angaben im Februar 2016. Am
14. April 2016 reisten sie in die Schweiz ein und suchten gleichentags um
Asyl nach. Am 29. April 2016 wurde der Beschwerdeführer zur Person be-
fragt (BzP). Das vorerst eingeleitete Dublin-Verfahren wurde am 16. Ja-
nuar 2018 beendet. Sodann hörte die Vorinstanz den Beschwerdeführer
am 10. September 2018 sowie am 22. Januar 2019 einlässlich zu seinen
Asylgründen an.
B.
Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer im
Wesentlichen geltend, er stamme aus Kabul, wo er bis zu seiner Ausreise
mit seiner Familie gelebt habe (Mutter und Geschwister, der Vater sei vor
ein paar Jahren verstorben). Er habe die zwölfte Klasse beendet. Danach
habe er eine Abenduniversität besucht und gleichzeitig (ab [...]) als (...)
gearbeitet. Er habe eine Ausbildung zum (...) sowie zum (...) absolviert.
Danach sei er mit weiteren Personen für die Sicherheit seines (...), ein (...)
in Kabul, verantwortlich gewesen. Im (...) 2015 sei er dem nationalen Si-
cherheitsdienst zugewiesen worden. Ab (...) 2015 habe ihn sein (...) wieder
zu sich beordert. Während der Arbeit beim Sicherheitsamt habe er (...) An-
rufe von unbekannten Personen (Taliban-Anhängern) erhalten. Er sei auf-
gefordert worden, mit ihnen – den Taliban – zu kooperieren und ihnen den
Aufenthaltsort des (...) oder eines Familienmitglieds zu nennen. Aus Angst
und auf Anraten seines (...) hin habe er seine SIM-Karte ausgewechselt. In
der Folge seien ihm im (...) 2016 zuhause (...) Briefe mit Stempel der Tali-
ban zugestellt worden. Er sei wiederum zur Zusammenarbeit aufgefordert
und – im Falle der Weigerung – seien er und seine Familie mit dem Tod
bedroht worden. Danach habe er seine Familie zur Sicherheit zu einer ver-
heirateten Schwester und nach (...) Wochen zu seinem (...) gebracht. Wäh-
rend dieser Zeit habe er ihre Ausreise organisiert. Schliesslich hätten sie
Afghanistan im Februar 2016 über Pakistan verlassen und seien durch den
Iran und weitere Länder bis in die Schweiz gereist.
Als Beweismittel reichte der Beschwerdeführer folgende Dokumente zu
den Akten:
- Seine Tazkira
- (...) Drohbriefe vom (...) und (...) 2016 mit Kopien von Fotografien
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Seite 3
- Diverse Schreiben und Bestätigungen bezüglich seiner Tätigkeit und
Berufsausbildung in Afghanistan
- Einen Ausweis des (...), eine provisorische Eintrittskarte des Sicher-
heitsamtes, eine Waffenkarte, eine Wahlkarte, einen (...), einen Stu-
dentenausweis
- Ein Schulzeugnis
- Kopien seiner Bank- und Impfkarten
C.
Mit Verfügung vom 31. Januar 2019 stellte das SEM fest, der Beschwerde-
führer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Wegweisungs-
vollzug an.
D.
Mit Eingabe vom 25. Februar 2019 erhob der Beschwerdeführer gegen
diese Verfügung Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und bean-
tragte, er sei als Flüchtling anzuerkennen und ihm sei Asyl zu gewähren
(evtl. vorläufige Aufnahme aus humanitären Gründen). Ferner sei ihm die
unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung zu gewähren
und auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Sodann
seien die Verfahren seiner Familie zu koordinieren.
Der Beschwerde wurden eine Fürsorgebestätigung vom 11. Februar 2019
und ein Antrag auf Koordination der Asylgesuche und/oder Beizug der Dos-
siers der Familienangehörigen des Beschwerdeführers vom 25. Februar
2019 beigelegt. Ferner reichte der Beschwerdeführer als Beweismittel
mehrere Ausdrucke von Screenshots von Facebook-Einträgen, ein Foto ei-
nes Urteils des Berufungsgerichts in Kabul, einen Zeitungsartikel über ein
Urteil seines (...) – je mit kurzer Übersetzung – und ein Foto der Aufent-
haltsbewilligungen der Familie seines (...) für C._ ein.
E.
Mit Instruktionsverfügung des Bundesverwaltungsgerichts vom 7. März
2019 wurden die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und Rechtsverbeiständung gutgeheissen und auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses verzichtet. Ferner wurde der Beschwerdeführer er-
sucht, innert Frist eine Rechtsvertretung zu bezeichnen und zu bevoll-
mächtigen.
E-1037/2019
Seite 4
F.
Mit Schreiben vom 21. März 2019 zeigte die obgenannte Rechtsvertretung
die Mandatsübernahme im vorliegenden Verfahren an (Vollmacht vom
20. März 2019).
G.
Mit Zwischenverfügung vom 27. März 2019 wurde die Rechtsvertretung
Rechtsanwältin Melanie Aebli, Advokatur 4a, als amtliche Rechtsbeistän-
din beigeordnet.
H.
Mit Instruktionsverfügung vom 24. April 2019 wurde die Vorinstanz zur Ein-
reichung einer Vernehmlassung eingeladen.
I.
Die Vernehmlassung vom 30. April 2019 – ohne weitere Ausführungen sei-
tens der Vorinstanz – wurde dem Beschwerdeführer am 3. Mai 2019 zur
Kenntnis gebracht.
J.
Mit Zwischenverfügung vom 9. Januar 2020 wurde die Vorinstanz erneut
zur Einreichung einer Stellungnahme eingeladen, nachdem diese in den
Verfahren der Familienangehörigen des Beschwerdeführers ebenfalls
Asylentscheide erliess und in diesen Verfahren die vorläufige Aufnahme
wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs anordnete.
K.
In der Stellungnahme vom 24. Januar 2020 hielt die Vorinstanz hinsichtlich
des angeordneten Wegweisungsvollzugs des Beschwerdeführers – unter
Berücksichtigung der vorläufigen Aufnahme seiner Familienangehörigen –
an den bisherigen Erwägungen fest. Diese Stellungnahme wurde dem Be-
schwerdeführer mit Schreiben vom 27. Januar 2020 zur Kenntnisnahme
übermittelt.
L.
Nachdem der Beschwerdeführer bei den zuständigen Behörden ein Ehe-
vorbereitungsgesuch einreichte und das SEM diesen im Dezember 2020
Akteneinsicht gewährt hatte, forderte die Instruktionsrichterin den Be-
schwerdeführer mit Zwischenverfügung vom 18. Mai 2021 unter anderem
auf, das Gericht über den Stand des Ehevorbereitungsverfahrens/der Ehe-
schliessung zu informieren und anzugeben, ob er an seiner Beschwerde
festhalten wolle.
E-1037/2019
Seite 5
M.
Mit Eingabe vom 2. Juni 2021 erklärte der Beschwerdeführer, es sei noch
keine Eheschliessung erfolgt. Nach Abschluss des Ehevorbereitungsver-
fahrens heirate er eine Schweizer Bürgerin. Unabhängig davon beantrage
er, aufgrund seines hohen Gefährdungsprofils und den Drohungen gegen-
über seiner Person als Flüchtling anerkannt respektive wegen Unzumut-
barkeit der Wegweisung vorläufig aufgenommen zu werden – letzteres un-
ter Bezugnahme auf die Stellungnahme des SEM vom 24. Januar 2020.
Dieser Eingabe wurde ein Factsheet Afghanistan der Schweizerischen
Flüchtlingshilfe (SFH) vom April 2021 und eine Kostennote der Rechtsver-
tretung vom 2. Juni 2021 beigefügt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel endgültig (Art. 83
Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG [SR 142.31]). Das Verfahren richtet sich
nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG, soweit das AsylG nichts An-
deres bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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Seite 6
3.
Für die Beurteilung des vorliegenden Verfahrens wurden die Akten der Fa-
milienangehörigen des Beschwerdeführers im Sinne der Eingabe vom
25. Februar 2019 soweit als erforderlich erachtet beigezogen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
Glaubhaftmachung im Sinne von Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Gegen-
satz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus
Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuch-
stellers. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines
Verfolgungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, sub-
stanziierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung
der dargelegten Vorkommnisse. Die wahrheitsgemässe Schilderung einer
tatsächlich erlittenen Verfolgung ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Ori-
ginalität, hinreichende Präzision und innere Übereinstimmung. Unglaub-
haft wird eine Schilderung von Erlebnissen insbesondere bei wechselnden,
widersprüchlichen, gesteigerten oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei
der Beurteilung der Glaubhaftmachung geht es um eine Gesamtbeurtei-
lung aller Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sach-
verhaltes, Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche
Glaubwürdigkeit usw.), die für oder gegen den Gesuchsteller sprechen. Da-
bei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Glaubhaft ist eine
Sachverhaltsdarstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die
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Glaubhaftmachung reicht es demgegenüber nicht aus, wenn der Inhalt der
Vorbringen zwar möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte we-
sentliche und überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachver-
haltsdarstellung sprechen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.
5.1 Die Vorinstanz führte in der angefochtenen Verfügung aus, die geltend
gemachten Vorbringen des Beschwerdeführers seien als unglaubhaft be-
ziehungsweise nicht asylrelevant (Art. 7 und 3 AsylG) zu qualifizieren.
5.1.1 Der Beschwerdeführer sei an der zweiten vertieften Befragung ver-
schiedentlich aufgefordert worden, seine Vorbringen hinsichtlich Kontakt
zu den Taliban noch einmal genau und ausführlich zu schildern, etwa vom
(...) Telefonanruf und seiner Reaktion darauf oder vom Erhalt der Droh-
briefe und den darauffolgenden Geschehnissen (SEM-Akte A40 F69–76,
F77, 81–85, 89–96 und 99–102). Seine Antworten seien jedoch nicht aus-
führlicher und detaillierter ausgefallen, sondern oberflächlich, unpersönlich
und ausweichend. Er habe versucht, Fragen abzuwehren oder unbe-
stimmte Angaben wiederholt. Er habe sich trotz Gelegenheit ausserstande
gezeigt, die angeblichen Erlebnisse substantiierter und lebensnah zu schil-
dern. Zudem seien seine Angaben teilweise widersprüchlich und entgegen
der allgemeinen Handlungslogik ausgefallen. Er habe an der BzP erklärt,
es habe, als er bei seinem (...) gearbeitet habe, öfter Drohanrufe gegeben.
An der Anhörung habe er jedoch gesagt, es habe (...) Anrufe gegeben, die
er noch vor seiner Arbeit für den (...) erhalten habe (SEM-Akten A6 S. 18,
A38 F105, 98 f.). Weiter sei die Reaktion des (...) auf den (...) Anruf der
Taliban, er solle die SIM-Karte wechseln (SEM-Akte A38 F160), angesichts
der Bedrohung unangebracht und befremdlich. Die beschriebene Sachlage
hätte eine zweckmässigere Strategie erfordert. Sodann seien dem (...)
Drohbrief fotokopierte Bilder des Beschwerdeführers beigelegen (SEM-Ak-
ten A6 S. 15, A38 F130 ff.). Die Briefe seien allerdings auf den (...) und (...)
2016 datiert, während auf einem der Bilder das Aufnahmedatum (...) 2016
vermerkt sei. Es stelle sich die Frage, wie dies sein könne. Ferner habe
der Beschwerdeführer angegeben, den Taliban am Telefon erklärt zu ha-
ben, ein normaler Bodyguard ohne engeren Kontakt zu A.B. zu sein, wes-
halb er die Zusammenarbeit abgelehnt habe. Beim (...) Anruf habe er dann
in eine Zusammenarbeit eingewilligt (SEM-Akte A38 F121, 159). Weshalb
sich die Taliban die Mühe hätten machen sollen, ihm diese Bilder zu schi-
cken und ihm, wie er vermute, ihr Wissen in Bezug auf ihn, den Beschwer-
deführer, und den (...) vor Augen zu führen, sei fraglich. Zudem sei davon
auszugehen, dass die Taliban gut organisiert und informiert seien sowie
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strategisch planten. Die dargelegte Überzeugungsarbeit erscheine daher
wirklichkeitsfremd. Auf die Frage, wie die Taliban zu den Fotos gelangt
seien, die den Beschwerdeführer, seinen (...), dessen Kinder und namhafte
Personen der afghanischen Gesellschaft zeigten, habe der Beschwerde-
führer auf Facebook verwiesen (SEM-Akten A6 S. 19, A38 F135). Es könne
nicht nachvollzogen werden, dass ungeachtet aller Sicherheitsgrundsätze
solche Bilder hätten gepostet werden sollen. Zudem wirke der angebliche
Plan der Taliban, gerade den Beschwerdeführer, (...) und (...) des (...) so-
wie Offizier des Sicherheitsamts, zur Zusammenarbeit bei einer Entführung
oder Ermordung dieses (...) anzufragen, äusserst unwahrscheinlich. Dieser
Versuch der Taliban müsse als realitätsfern und deshalb unglaubhaft ein-
geschätzt werden. Insgesamt könne nicht geglaubt werden, dass der Be-
schwerdeführer in Afghanistan tatsächlich von den Taliban kontaktiert und
bedroht worden sei. Es müsse davon ausgegangen werden, dass es sich
um einen konstruierten Sachverhalt handle, woran die eingereichten Briefe
der Taliban, leicht fälschbare Dokumente mit geringem Beweiswert, nichts
zu ändern vermöchten.
5.1.2 Weiter gebe der Beschwerdeführer an, er habe seinen Dienst beim
Sicherheitsamt unerlaubt abgebrochen und sei ausgereist. Desertionen
aus der afghanischen Armee seien jedoch weit verbreitet und in der Praxis
würden Deserteure in der Regel nicht strafrechtlich belangt. Eine straf-
rechtliche Verfolgung wäre aber grundsätzlich legitim. Eine Desertion aus
dem Militär-/Polizeidienst sei somit nicht asylrelevant.
5.2 Hiergegen brachte der Beschwerdeführer hinsichtlich Anerkennung
seiner Flüchtlingseigenschaft und Asylgewährung vor, nachdem seine BzP
sieben Stunden, seine erste Anhörung neun Stunden gedauert und seine
Familienangehörigen ebenfalls alle Antworten gegeben hätten, sei er zu
seiner zweiten Anhörung mit der Angst erschienen, man glaube ihm nicht.
Also habe er sich bemüht, die gleichen Antworten wie bisher zu geben, um
keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Es sei bei den vertieften,
allgemein gehaltenen Fragen teils sehr schwierig gewesen, zu verstehen,
was man von ihm habe wissen wollen. Er hätte stundenlang erzählen kön-
nen, habe jedoch versucht, Antworten zu finden, die für das SEM wichtig
sein könnten. Ausserdem sei er am Tag der zweiten Anhörung krank ge-
wesen und habe gehofft, es würde schnell gehen. Deshalb habe er darauf
hingewiesen, dass man die Antworten schon habe.
Sodann habe er das Missverständnis wegen der Drohanrufe bei seinem
(...) respektive derjenigen an ihn bereits aufgeklärt (SEM-Akten A38 F96 f.,
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99–106, A40 F66 ff.). Seine Erklärungen zur Reaktion seines (...), er solle
die SIM-Karte wechseln, habe das SEM unterschlagen (SEM-Akten A6
S. 16 ff., A38 F160, A40 F83–88). Nach dem Wechsel der SIM-Karte sei
das Thema nicht beendet gewesen. Vielmehr habe der (...) Sicherheits-
massnahmen zu seinem eigenen Schutz ergriffen (höhere Mauer um sein
Haus, weitere Sicherheitskräfte etc.). Weshalb der (...) nicht mehr für ihn,
den Beschwerdeführer, habe tun können, wisse er nicht. Solche Bedrohun-
gen seien in Afghanistan so normal, dass Behörden nicht jeden einfachen
Offizier beschützen könnten, geschweige denn deren ganze Familien. Wei-
ter könne er nicht sagen, weshalb das Datum auf einem der Fotos, das mit
dem Drohbrief gekommen sei, nicht stimmen könne. Möglicherweise sei
das Datum auf dem Gerät, mit dem das Foto gemacht oder kopiert worden
sei, falsch eingestellt gewesen. Die Taliban könnten in der Regel keine eu-
ropäischen Zahlen lesen. Da das Datum aber so nah am richtigen Datum
liege, sei es vermutlich entweder ein Umrechnungsfehler, da ihr Kalender
weniger Tage habe als der europäische Kalender. Oder der Brief sei am
angegebenen Datum geschrieben und das Foto kurz vor der Zustellung,
also nach der Briefdatierung, hinzugefügt worden. Wie er bereits erklärt
habe (SEM-Akten A6 S. 14, 19, A38 F120), seien die Briefe jeweils einige
(mindestens zwei) Tage nach dem auf dem Brief notierten Datum ange-
kommen. Wie viele Tage genau, könne er nicht mehr sagen, da man in
einem solchen Moment nicht auf ein in dieser Situation unwichtiges Datum
achte. Weiter sei er nach dem Wechsel seiner SIM-Karte für die Taliban
nicht mehr erreichbar gewesen. Diese hätten daher davon ausgehen müs-
sen, dass er doch nicht mit ihnen zusammenarbeite. Also sei versucht wor-
den, den Druck gegen ihn mit einem Brief zu erhöhen. Dies habe dazu
geführt, dass seine Wohnung überwacht worden sei (SEM-Akte A38 F117).
Vielleicht hätten die Taliban dies mitgekriegt und deshalb direkt den (...)
Brief geschickt. Oder dieser (...) Brief sei geplant gewesen, um ihm richtig
Angst zu machen, bevor man ihn wieder zur Zusammenarbeit auffordere.
Es sei nachvollziehbar, dass nach dem Wechsel der SIM-Karte versucht
worden sei, ihn auf einem anderen Weg unter Druck zu setzen. Weiter sei
Facebook in Afghanistan wie eine Visitenkarte. Gerade wenn man in einer
exponierten Position arbeite, sei es – zum Beispiel für die Zusammenarbeit
mit anderen Personen – extrem wichtig, Fotos mit einflussreichen Men-
schen oder seinen Bodyguards zu posten (vgl. als Nachweis die der Be-
schwerde beigelegten Screenshots von Facebook-Profilen mit Ausführun-
gen dazu). Es sei für die Taliban sehr einfach, an solche Fotos zu kommen.
Ferner habe er nicht alle Fotos gekannt, die ihm zugeschickt worden seien
(z.B. dasjenige, auf dem er die Garage seines [...] verlasse), weil diese
vermutlich von den Taliban selbst aufgenommen worden seien. Sodann sei
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es in Afghanistan leider öfter der Fall, dass (...) oder (...) ihre Arbeitgeber
/ (...) verraten – aus Angst oder Gier (unter der Nennung zweier Beispiele).
Zum Vorhalt des SEM, die Briefe der Taliban könne er gefälscht haben, sei
festzuhalten, dass dies ein sehr gefährliches Unterfangen gewesen wäre.
Der Besitz solcher Stempel der Taliban werde mit mehrjährigen Haftstrafen
geahndet. Als Mitarbeiter des B._ wäre die Strafe noch höher. Zu-
dem wären es schlechte Fälschungen, wenn dann ein Foto falsch datiert
sei. Weiter sei nicht von Belang, dass das SEM keinen Fall kenne, in dem
ein afghanischer Deserteur aus dem Militär- oder Polizeidienst strafrecht-
lich belangt worden sei. Er sei beim B._ angestellt gewesen. Da
dies (...) sei, werde nichts veröffentlicht, wenn ein Mitarbeiter verhaftet
werde. Ferner werde man im Falle einer Desertion nicht bloss für die Fah-
nenflucht verurteilt, sondern auch dafür, dass man seine Waffe nicht zu-
rückgegeben habe (unter der Beilage eines entsprechenden Urteils). Bei
ihm käme, da er in der Schweiz über seine Arbeit gesprochen habe, Lan-
desverrat / Spionage hinzu, und dass er seine B._-Karten behalten
habe. Aufgrund seines Namens wäre er in jedem afghanischen Gefängnis
gefährdet, da sein (...) (mit dem gleichen Namen) (...) (SEM-Akten A6 S.
17, A38 F141 f.; Nennung eines Zeitungsartikels hierzu). Zudem würden
seine Bürgen, welche Probleme aufgrund seiner Flucht erhalten hätten,
bestimmt dafür sorgen, dass er belangt werde, da sie wegen ihm nie mehr
bürgen könnten. Schliesslich spreche ein weiteres Problem gegen eine
Rückkehr nach Afghanistan. Ihm drohe Gefahr seitens eines (...) und sei-
ner (...), da er die Frauen der Familie ausser Land geschafft und damit die
Familienehre verletzt habe (unter Verweis auf die Dossiers seiner Fami-
lienangehörigen).
5.3 In der weiteren Eingabe erklärte der Beschwerdeführer unter Hinweis
auf den Bericht der SFH «Afghanistan: Gefährdungsprofile» vom 30. Sep-
tember 2020, Regierungsbeamte wie sein (...) und als (...) auch er, seien
weiterhin sehr gefährdet. Vor allem seit der Unterzeichnung des Abkom-
mens mit den USA vom Februar 2020 gehörten afghanische Sicherheits-
kräfte, einschliesslich der Polizei, zu den Hauptanschlagszielen. Davon
wäre er aufgrund seiner Tätigkeiten (...) betroffen. Zudem habe sich die
Position der Taliban wieder verstärkt (vgl. der Eingabe beiliegendes Facts-
heet der SFH). Die hohe Gefährdung seiner Person bestehe weiterhin und
sei aufgrund der Entwicklungen in Afghanistan höchstwahrscheinlich noch
gewachsen, zumal sich auch die Schutzkapazitäten des Staates noch
mehr vermindert hätten.
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Seite 11
6.
6.1 Nach Durchsicht der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass die
Vorbringen des Beschwerdeführers, die zum Entschluss der Ausreise aus
dem Heimatstaat geführt haben, insgesamt als glaubhaft (vgl. oben E. 4.2)
einzustufen sind. Bis auf die geltend gemachte Bedrohung durch die Tali-
ban wurden seine Angaben vom SEM ebenfalls nicht angezweifelt.
6.2 Zunächst ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer an drei einläss-
lichen Befragungen teilgenommen (BzP im April 2016 sowie zwei Anhörun-
gen im September 2018 und Januar 2019) und ausführlich, ohne Brüche,
gravierende Ungereimtheiten oder Widersprüche über seine Asylvorbrin-
gen berichtet hat. Seine Ausführungen zum Studium und seiner Berufsaus-
bildung (u.a. SEM-Akte A40 F11 ff., 20 ff., 38 f.), zur Arbeit (SEM-Akte A40
F41 f., 49 ff.), zu seiner Familie und der Beziehung zu seinem (...) hat er
konstant, regelmässig detailliert und mit persönlicher Färbung vorgetragen.
Entgegen der Ansicht des SEM ist auch hinsichtlich der geltend gemachten
Bedrohungssituation durch die Taliban festzustellen, dass die diesbezügli-
chen Schilderungen mit Details und Empfindungen versehen und ohne
Kontrast zu den anderen Vorbringen ausgefallen sind (vgl. sogleich). Fer-
ner hat der Beschwerdeführer Folgefragen des SEM stets beantwortet und
seine Angaben bereits im vorinstanzlichen Asylverfahren mit zahlreichen
Unterlagen belegt. Seine Erklärung in der Beschwerdeschrift, er habe be-
fürchtet, man glaube ihm nicht, und habe deshalb an der dritten Anhörung
versucht, das zu sagen, was er bereits erwähnt habe, erscheint vorliegend
nicht unplausibel. Auch dass ihm nicht immer klar gewesen sei, welche
Antworten von ihm erwartet worden seien, ist nachvollziehbar und dem
Protokoll an verschiedenen Stellen zu entnehmen (u.a. SEM-Akte A40
F22 f., 26 ff., 95, 105). Hinzu kommt, dass die teils fehlenden Details an
der dritten Anhörung seine zahlreichen Angaben an der BzP und ersten
Anhörung nicht auszublenden vermögen. Sodann hat er jeweils darauf hin-
gewiesen, wenn er keine Antwort auf die ihm gestellten Fragen hat geben
können (z.B. SEM-Akten A6 S. 15, A38 F17, A40 F107).
6.3 Hinsichtlich der als glaubhaft angesehenen Bedrohungssituation im
Heimatland ist Folgendes festzuhalten: Der Beschwerdeführer hat mehr-
fach dargelegt und mit einigen Beweismitteln dokumentiert, dass er seit
(...) 2013 als (...) und in dieser Funktion unter anderem für seinen (...), ein
(...) in Kabul, gearbeitet habe (SEM-Akten A1 – namentlich den (...), die
Eintrittskarte für das Sicherheitsamt oder die Waffenkarte; u.a. A40 F9 f.).
Der (...) habe sich durch (...) unter anderem von Taliban-Anhängern viele
Feinde gemacht (SEM-Akten A6 S. 17, A38 F96). Ab (...) 2015 sei er, der
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Seite 12
Beschwerdeführer, für den nationalen Sicherheitsdienst tätig gewesen. In
der Folge habe ihn sein (...) wieder als (...) Sicherheitsangestellten zu sich
verlegen lassen ([...] 2015, SEM-Akte A38 F166). Noch bevor er zu seinem
(...) zurückgekehrt sei, habe er (...) Anrufe von unbekannten Personen (der
Taliban) erhalten, bei denen er zur Kooperation (die Auslieferung des (...)
oder eines seiner Familienmitglieder) aufgefordert worden sei (SEM-Akten
A38 F94 ff., 101, A40 F66 f.). Die Reaktion auf den ersten Anruf, den Inhalt,
wo er sich befunden habe, wie er in der Folge zum (...) gelangt sei und sich
Gedanken und Sorgen um seine eigene Familie gemacht habe, legte er
anschaulich und umfassend dar (SEM-Akten A38 F99–102, 107, A40
F69 ff.). Auch den (...) Anruf und seine Empfindungen sowie seine und die
vom (...) ergriffenen Sicherheitsmassnahmen schilderte er detailliert (SEM-
Akte A40 F78 ff., 86 f., 90). Nachdem er seine SIM-Karte ausgewechselt
habe, seien rund (...) Wochen später (...) Briefe zu ihm nach Hause ge-
schickt worden. Er erklärte, der erste Brief (mit Logo des Islamischen Emi-
rats, mithin der Taliban) sei ein paar Tage nach dem Datum, welcher auf
dem Brief stehe ([...] 2016), bei ihm angekommen. Der (...) Brief sei vier
oder fünf Tage nach dem (...) Brief zu ihm gelangt (SEM-Akten A6 S. 14 f.,
A38 F115, 120). In den Briefen sei er von den Taliban wiederum zur Ko-
operation (Auslieferung des [...]) aufgefordert und er sowie seine Familie
am Leben bedroht worden. Der Beschwerdeführer gab den Inhalt der
Briefe so gut wie möglich wieder – er selbst könne die geschriebene Spra-
che nicht lesen (SEM-Akten A38 F111, 123–129, A40 F94, F107). Ferner
beschrieb er seine Empfindungen und Ängste in diesem Zusammenhang
und zeigte detailliert auf, wie er die Briefe erhalten, sich an seinen (...) ge-
wandt habe und welche Massnahmen ergriffen worden seien (SEM-Akten
A38 F110–119, A40 F90–94). Nachdem der (...) Brief in den Innenhof ge-
worfen worden sei, obwohl ihr Haus kontrolliert worden sei, habe er seine
Familie aus Angst sofort zu seiner Schwester gebracht und mit der Ausrei-
sevorbereitung begonnen (SEM-Akte A38 F117, 121). Später habe er sie
zum (...) gebracht, dessen Haus sicherer sei, bis sie ausgereist seien
(SEM-Akte A38 F149, A40 F98 ff.). Da er und seine Familie bedroht worden
seien, hätten sie das Land verlassen (SEM-Akten A6 S. 14 ff., A38 F94 f.).
Auch diese Flucht zur Schwester und zum (...) sowie den Entschluss, das
Land endgültig zu verlassen, vermochte der Beschwerdeführer stimmig
und plausibel zu schildern. Er legte schlüssig dar, weshalb es ihm und sei-
ner Familie nicht möglich gewesen sei, länger bei der Familie des (...) zu
bleiben und sie eine Flucht ins Ausland auf sich genommen hätten, obwohl
es ihm, dem Beschwerdeführer, als Angestellter des B._ nicht er-
laubt gewesen wäre, das Land zu verlassen (SEM-Akte A38 F168, F189).
Schliesslich habe auch die Familie des (...), und später auch der (...) selbst,
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Seite 13
aus Afghanistan ausreisen müssen. Diese lebten mittlerweile in C._
(SEM-Akte A38 F51 f., 173 sowie der Beschwerde beigelegte Fotokopien
derer Aufenthaltsbewilligungen für C._).
6.4 Entgegen der Ansicht der Vorinstanz scheint es sodann nicht gänzlich
abwegig, dass gerade der Beschwerdeführer als (...) des (...) für eine Zu-
sammenarbeit kontaktiert wurde. Gemäss seinen Angaben sei eine solche
Vorgehensweise seitens der Taliban keine Seltenheit (SEM-Akte A6 S. 16).
Dasselbe ist für die Massnahmen der Taliban und deren Überzeugungsar-
beit festzustellen, welche vom Beschwerdeführer geschildert wurden. Wie
oben erwähnt, vermochte er schlüssig anzugeben, weshalb und wie die
Taliban versucht hätten, über ihn an seinen (...) zu gelangen, und er sowie
seine Familie im Zuge dessen am Leben bedroht worden seien. Welche
Sicherheitsvorkehrungen seitens des (...) und für ihn, den Beschwerdefüh-
rer, getroffen worden seien (nebst dem Rat zum Wechsel der SIM-Karte),
legte er ebenfalls in nachvollziehbarer Weise dar. Dass die dem (...) Droh-
brief beigefügten Fotografien nach diesem datieren, vermag zwar zu er-
staunen. Die Erklärung des Beschwerdeführers, insbesondere, dass die
Briefe vermutlich erst an einem späteren Datum zugestellt als geschrieben
worden seien, kann aber nicht als unplausibel eingestuft werden.
6.5 Nach dem Gesagten besteht für das Gericht kein Anlass, grundsätzli-
che Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen des Beschwerdeführers
anzubringen. Ferner hat er zahlreiche Original-Beweismittel eingereicht,
die seine Angaben untermauern. Eine umfassende Würdigung dieser Do-
kumente wurde von der Vorinstanz grösstenteils nicht vorgenommen. Auf
eine solche kann nach dem Gesagten, da die Vorbringen des Beschwer-
deführers als überwiegend glaubhaft erachtet werden, jedoch auch seitens
des Gerichts verzichtet werden. Hinsichtlich der (...) Drohbriefe mit Stem-
pel des „Islamischen Emirats Afghanistans“ ist festzuhalten, dass diese,
ohne die Authentizität und Urheberschaft der Dokumente endgültig abzu-
klären, zumindest als weiteres Indiz für die Glaubhaftigkeit der geltend ge-
machten Verfolgung anzusehen sind.
7.
7.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die als glaubhaft zu würdigenden Vor-
bringen des Beschwerdeführers asylrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG
sind.
7.1.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Referenzurteil D-5800/2016
vom 13. Oktober 2017 eine Lagebeurteilung zu Afghanistan vorgenommen
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(das Referenzurteil D-4287/2017 vom 8. Februar 2019 befasst sich mit der
Situation in Mazar-i-Sharif; der zur Publikation als Referenzurteil vorgese-
hene Entscheid D-4705/2016 vom 14. Juni 2021 bezieht sich auf die Situ-
ation in Herat). Zu verzeichnen war und ist eine deutliche Verschlechterung
der Sicherheitslage seit dem letzten Länderurteil des Bundesverwaltungs-
gerichts im Jahr 2011 (BVGE 2011/7) und dem Abzug der International
Security Assistance Force (ISAF) über alle Regionen hinweg. Seit dem
Übergang der Kontrolle von den ISAF-Kampftruppen auf die Afghan Natio-
nal Security Forces (ANSF) hat der Konflikt mehr und mehr den Charakter
eines Bürgerkrieges angenommen, wobei grosse Teile des Staatsgebiets
direkt von Kampfhandlungen betroffen sind. Hinzu kommen terroristische
Anschläge in den von offenen Gefechten weitgehend ausgenommenen ur-
banen Zentren. Im Visier stehen vor allem Grossstädte wie Kabul (vgl. u.a.
Urteil des BVGer E-6543/2020 vom 4. August 2021 E. 7.1.1 m.w.H.). Zu-
dem ist aktuell im ganzen Land, so auch in der Hauptstadt Kabul, die
Machtübernahme durch die Taliban im Gange. Die Veränderungen, die
dadurch auf das Land zukommen werden, lassen sich noch nicht abschät-
zen (vgl. u.a. International Crisis Group, Taliban Rule begins in Afghanis-
tan, 24.08.2021, <https://www.crisisgroup.org/asia/south-asia/afghanis-
tan/taliban-rule-begins-afghanistan>; Afghanistan Analysts Network, The
Taliban leadership converges on Kabul as remnants of the republic reposi-
tion themselves, 19.08.2021, <https://www.afghanistan-analysts.org/en/re-
ports/war-and-peace/the-taleban-leadership-converges-on-kabul-as-the-
remnants-of-the-republic-try-to-reposition-themselves/>, beide abgerufen
am 30. August 2021). Die allgemeine Sicherheitslage namentlich in Kabul
ist derzeit aber als verschärft und unberechenbar einzustufen (vgl. zur ak-
tuellen Lage u.a. Neue Zürcher Zeitung, Machtwechsel in Afghanistan:
CNN meldet neue Raketenangriffe, Uno-Sicherheitszone im Gespräch,
30.08.2021, <https://www.nzz.ch/international/afghanistan-das-neuste-
zur-machtuebernahme-der-taliban-ld.1541939?reduced=true>, abgerufen
am 30. August 2021).
7.1.2 Bei der Beurteilung der Sicherheitslage lassen sich Gruppen von Per-
sonen definieren, die aufgrund ihrer Exponiertheit einem erhöhten Verfol-
gungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu gehören unter anderem Personen, wel-
che der afghanischen Regierung oder der internationalen Gemeinschaft in-
klusive den internationalen Militärkräften nahestehen oder als Unterstützer
derselben wahrgenommen werden sowie westlich orientierte oder der af-
ghanischen Gesellschaftsordnung aus anderen Gründen nicht entspre-
chende Personen. Quellen berichten von gezielten Angriffen auf Mitarbei-
ter der afghanischen Regierung oder internationaler Organisationen und
https://www.crisisgroup.org/asia/south-asia/afghanistan/taliban-rule-begins-afghanistan https://www.crisisgroup.org/asia/south-asia/afghanistan/taliban-rule-begins-afghanistan
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einem erhöhten Risiko dieser Personen, einem Gewaltakt – insbesondere
durch die Hände der Taliban – ausgesetzt zu werden (vgl. Urteil des BVGer
E-2843/2017 vom 3. Mai 2021 E. 7.2.2 m.w.H. auf Urteile des BVGer und
internationale Berichte).
7.1.3 Demnach ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zu einer Per-
sonengruppe gehört, für welche ein erhöhtes Gefährdungsrisiko besteht.
Er hat glaubhaft dargelegt und belegt, dass er mehrere Jahre für die afgha-
nische Regierung respektive seinen (...) als Sicherheitsbeamter tätig und
an der Seite seines (...) auch exponiert war (vgl. eingereichte Fotoausdru-
cke von Facebook). Wegen der beruflichen Tätigkeit für sowie als (...)
wurde er von den Taliban (...) zur Zusammenarbeit gedrängt und bedroht.
Obwohl sein (...) über gute Beziehungen verfügt habe, habe dieser nicht
für den Schutz des Beschwerdeführers und dessen Familie sorgen kön-
nen. Die vom Beschwerdeführer befürchteten Nachteile erfolgten folglich
gezielt gegen ihn als Mitarbeiter der afghanischen Regierung sowie auf-
grund eines politischen und damit asylrechtlich relevanten Motivs. Es ist
davon auszugehen, dass die Taliban mit ihrem damaligen Vorgehen die
Schwächung und Unterminierung der staatlichen Strukturen voranzutrei-
ben versuchten. Sodann ist die Intensität zu bejahen, zumal der Beschwer-
deführer mehrmals dazu aufgefordert worden ist, seinen eigenen (...) aus-
zuliefern und, sollte er nicht kooperieren, er sowie seine Familie mit dem
Tod bedroht worden seien. Diese Gefährdungslage hat schliesslich zur
Ausreise aus Afghanistan geführt. Damit hatte der Beschwerdeführer zum
Zeitpunkt seiner Ausreise eine begründete Furcht vor Verfolgung durch die
Taliban im Sinne von Art. 3 AsylG. Angesichts des Oberwähnten sind die
Befürchtungen seitens der Taliban auch im heutigen Zeitpunkt klarerweise
aktuell. Es ist davon auszugehen, dass dem Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr nach Afghanistan mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und in ab-
sehbarer Zukunft asylrelevante Nachteile drohen würden (vgl. auch Urteil
des BVGer E-4609/2017 vom 25. Oktober 2018 E. 7.3). Die Situation im
Heimatland hat sich seit seiner Ausreise nicht verbessert; im Gegenteil hat
sich die Sicherheitslage in Afghanistan deutlich verschlechtert und es ist zu
vermehrten Anschlägen durch die Taliban und andere islamistische Grup-
pierungen in allen Landesteilen, auch in Kabul, gekommen (vgl. oben so-
wie Urteil E-6543/2020 E. 7.7).
7.2 Nachdem die festgestellte Verfolgungsgefahr (zumindest zum Zeit-
punkt der Ausreise des Beschwerdeführers) nicht von staatlichen Organen,
sondern von Dritten ausging, stellt sich grundsätzlich die weitere Frage, ob
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der Beschwerdeführer an seinem Herkunftsort in der Stadt Kabul mit staat-
lichem Schutz rechnen kann respektive ob ihm allenfalls eine innerstaatli-
che Flucht- respektive Schutzalternative zur Verfügung steht.
7.2.1 Gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts bedingt
die Annahme einer innerstaatlichen Schutzalternative, dass am Zufluchts-
ort eine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur besteht und der
Staat gewillt ist, der in einem anderen Landesteil von Verfolgung betroffe-
nen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. Praxisgemäss sind an
die Effektivität des Schutzes am Zufluchtsort hohe Anforderungen zu stel-
len. Namentlich genügt es nicht, dass der Verfolger am Zufluchtsort nicht
präsent ist, sondern es muss auch die Möglichkeit ausgeschlossen werden
können, dass er seinen Einfluss auf diesen Ort ausdehnen kann (vgl.
BVGE 2011/51 E. 8.5.1 und 8.6; 2013/5 E. 5.4.3).
7.2.2 Wie oben erwähnt, sind die Taliban mittlerweile landesweit aktiv. Sie
haben in den vergangenen Jahren eine Entwicklung hin zu einer gut orga-
nisierten Bewegung durchlaufen, wodurch sie an Einfluss, Macht und
Stärke gewonnen haben. Sie verübten auch mehrere komplexe Angriffe in
Kabul. Die afghanischen Sicherheitskräfte können diese feindlich gesinnte
Konfliktpartei nach deren Machtübernahme nun nicht mehr zurückdrängen
oder kontrollieren. Daraus folgt, dass die afghanischen Sicherheitskräfte
für den Beschwerdeführer (ein Mitarbeiter der afghanischen Regierung) in
Kabul keine funktionierende und effiziente Schutzinfrastruktur zur Verfü-
gung stellen können (vgl. Urteil E-2846/2017 E. 7.5.2 f. mit Verweis auf u.a.
Urteil des BVGer D-1788/2018 vom 3. November 2020 E. 5.2.4 m.w.H.).
Eine Schutzalternative im Sinne der Rechtsprechung besteht offensichtlich
auch in anderen Teilen Afghanistans nicht, zumal die Taliban ihre Aktivitä-
ten aktuell in allen Landesteilen entfalten.
8.
8.1 Aus den vorstehenden Erwägungen ergibt sich somit, dass der Be-
schwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt.
Anhaltspunkte für das Vorliegen von Asylausschlussgründen im Sinne von
Art. 53 AsylG gehen aus den Akten nicht hervor, weshalb dem Beschwer-
deführer Asyl zu gewähren ist (Art. 49 AsylG).
Bei dieser Sachlage erübrigt es sich, auf die weiteren Vorbringen und die
diesbezüglichen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung sowie die
weiteren Ausführungen und Beweismittel in den Eingaben auf Beschwer-
deebene einzugehen.
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8.2 Die Beschwerde ist gutzuheissen. Die Verfügung des SEM vom 31. Ja-
nuar 2019 ist aufzuheben. Der Beschwerdeführer ist als Flüchtling anzuer-
kennen und das SEM anzuweisen, ihm Asyl zu gewähren.
9.
9.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
9.2 Dem vertretenen Beschwerdeführer ist angesichts seines Obsiegens
in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihm
notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
9.3 Die Rechtsvertretung macht in der Kostennote vom 2. Juni 2021 einen
zeitlichen Aufwand von 6.25 Stunden bei einem Stundenansatz von
Fr. 250.– sowie Spesen in der Höhe von Fr. 22.10 geltend. Da der Be-
schwerdeführer seine Beschwerdeeingabe selbst verfasst und seine spä-
ter mandatierte Rechtsvertretung dem Gericht lediglich eine weitere Ein-
gabe eingereicht hat, erscheint die Kostennote nicht angemessen. Der
zeitliche Aufwand ist auf drei Stunden zu kürzen. Die von der Vorinstanz
auszurichtende Parteientschädigung ist demnach auf gerundet Fr. 835.–
(inkl. Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) festzusetzen.
(Dispositiv nächste Seite)
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