Decision ID: a8c530e7-4ce2-530d-8fe0-d2ad00993ff0
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin suchte am 14. Juli 2020 in der Schweiz um Asyl
nach. Sie wurde dem Bundesasylzentrum (BAZ) B._ zugewiesen.
Am 20. Juli 2020 nahm das SEM die Personalien der Beschwerdeführerin
auf und am 21. Juli 2020 mandatierte die Beschwerdeführerin die ihr zuge-
wiesene Rechtsvertretung mit der Wahrung ihrer Interessen im Asylverfah-
ren.
B.
Mit Eingabe vom 24. Juli 2020 ersuchte die Beschwerdeführerin durch ihre
Rechtsvertreterin Meret Adam im Hinblick auf die Durchführung eines Dub-
lin-Gesprächs – unter Verweis auf ein in Griechenland durch die Organisa-
tion (...) ausgestelltes Dokument ([...] vom [...] 2020) – um Befragung
durch eine Person gleichen Geschlechts.
Anlässlich des Dublin-Gesprächs vom 27. Juli 2020 bestätigte die Be-
schwerdeführerin auf Vorhalt des Ergebnisses eines Abgleichs mit der Fin-
gerabdruck-Datenbank Eurodac (Einreise in Griechenland am [...] 2019)
den besagten Aufenthalt in Griechenland. Am 10. Juli 2020 habe sie Grie-
chenland verlassen und sei in die Schweiz gereist.
C.
Mit Eingabe vom 30. Juli 2020 beantragte die Beschwerdeführerin für das
gesamte Asylverfahren die Durchführung von Befragungen in einem Frau-
enteam; sie sei sowohl im Heimatland als auch in Griechenland Opfer von
sexueller Gewalt geworden.
D.
Am 16. Oktober 2020 hörte das SEM die Beschwerdeführerin im Beisein
ihrer Rechtsvertreterin in einem Frauenteam zu ihren Asylgründen an (Be-
ginn um 8:45 Uhr). Sie brachte im Wesentlichen vor, sie sei Staatsangehö-
rige der Demokratischen Republik Kongo und habe in C._ gelebt.
Sie sei lesbisch und habe die letzten zwei Jahre mit ihrer Freundin
D._ zusammengewohnt. Sie seien nicht als Paar akzeptiert, son-
dern ständig kritisiert und beschimpft worden. Am (...) 2019 seien Männer
nachts bei ihnen zu Hause eingedrungen und hätten sie und D._
vergewaltigt. Sie hätten deswegen die Polizei aufgesucht. Diese habe je-
doch gesagt, nichts für sie tun zu können. Am (...) 2019 seien sie und
D._ von unbekannten Personen, die eine Vereinigung für die
Rechte von Homosexuellen hätten gründen wollen, besucht worden. Sie
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hätten über Projektideen gesprochen und Telefonnummern ausgetauscht.
Tags darauf seien sie und D._ von Soldaten zu Hause abgeholt und
zur Polizeistation gebracht worden. Dort seien sie zu ihrer Homosexualität
befragt und mit der Begründung, sie würden die Jugend verderben, inhaf-
tiert worden. In der Haft sei sie vergewaltigt worden. Nach fünf Tagen habe
D._ ihren Onkel anrufen können und nachdem er Geld bezahlt
habe, seien sie am (...) 2019 freigelassen worden. Am (...) 2019 hätten sie
und D._ mit vom Onkel von D._ beschafften (...) Visa die
Demokratische Republik Kongo verlassen. Sie seien über die E._
in die F._ und von dort nach Griechenland gelangt. Als sie in Grie-
chenland krank geworden sei, habe D._ sich von ihr distanziert und
seither nichts mehr von sich hören lassen. Im Flüchtlingscamp in Griechen-
land sei sie Opfer sexueller Gewalt geworden.
Gegen Mittag informierte die Befragerin die Beschwerdeführerin, dass die
Anhörung infolge Zeitmangels abgebrochen werden müsse; sie werde zu
einem späteren Zeitpunkt zu einer weiteren Befragung zu ihren Asylgrün-
den eingeladen (vgl. vorinstanzliche Akte 1069710/47 S. 15 F100).
E.
Am 19. Oktober 2020 verwies das SEM das Asylgesuch, das weiterer Ab-
klärungen bedürfe, in das erweiterte Verfahren gemäss Art. 26d AsylG
(SR 142.31), und es teilte die Beschwerdeführerin mittels separater Verfü-
gung vom 20. Oktober 2020 dem Kanton G._ zu (Art. 27 AsylG).
F.
Mit Vollmacht vom 20. Oktober 2020 mandatierte die Beschwerdeführerin
die bisherige Rechtsvertreterin auch mit ihrer Rechtsvertretung im Rahmen
des erweiterten Asylverfahrens.
G.
Am 12. November 2020 lud das SEM die Beschwerdeführerin und ihre
Rechtsvertreterin zu einer weiteren Anhörung zu den Asylgründen auf den
18. Dezember 2020 um 8:30 Uhr vor.
Am 18. Dezember 2020 teilte das (...) dem SEM per E-Mail von 8:12 Uhr
mit, dass die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin erkrankt sei, wes-
halb sie die Anhörung absagen müsse.
Das SEM führte in der Folge die Anhörung der Beschwerdeführerin ohne
Beisein der Rechtsvertreterin Meret Adam durch. Nebst weiterer Ausfüh-
rungen zu den am (...) 2019 und in der Haft vom (...) 2019 bis (...) 2019
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erlittenen Vergewaltigungen brachte die Beschwerdeführerin vor, im Alter
von (...) Jahren von ihrem (...) sexuell missbraucht worden zu sein (vgl.
A63).
H.
Mit Schreiben vom 24. Dezember 2020 protestierte das (...) beim SEM ge-
gen die Durchführung der Anhörung der Beschwerdeführerin vom 18. De-
zember 2020 in Abwesenheit der Rechtsvertreterin. Die Rechtsvertretung
beantragte Einsicht in das Befragungsprotokoll, eine Begründung für die
Durchführung ohne Rechtsvertretung und die Wiederholung der Befragung
in ihrem Beisein.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 6. Januar 2021 wies das SEM den Antrag um
Wiederholung der Anhörung ab. Gleichzeitig gewährte es der Rechtsver-
tretung Einsicht in das Anhörungsprotokoll vom 18. Dezember 2020 und
setzte ihr Frist bis zum 12. Januar 2021 zur Einreichung von Anmerkungen
oder Ergänzungen zum Protokoll.
J.
Mit Eingabe vom 12. Januar 2021 monierte die Rechtsvertretung, es könne
nicht von einem rechtswirksamen Verzicht der Beschwerdeführerin auf An-
wesenheit ihrer Rechtsvertreterin bei der Anhörung vom 18. Dezember
2020 ausgegangen werden. Die Anhörung sei daher nicht verwertbar und
es werde um Durchführung einer weiteren Befragung der Beschwerdefüh-
rerin in Anwesenheit der Rechtsvertreterin ersucht. Es sei der Rechtsver-
treterin noch nicht möglich, weitere Anmerkungen zum Anhörungsprotokoll
vorzubringen, da sie ihre Klientin aufgrund ihrer krankheitsbedingten Ab-
wesenheit und der Unterbringung der Beschwerdeführerin im Kanton noch
nicht persönlich habe treffen können. Sie behalte sich eine ergänzende
Eingabe vor, sobald das Gespräch habe stattfinden können.
K.
Mit Verfügung vom 15. Januar 2021 – gleichentags eröffnet – stellte das
SEM fest, dass die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht er-
fülle. Es lehnte das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug an. Zudem verfügte es die Aus-
händigung der editionspflichtigen Akten an die Beschwerdeführerin.
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Zur Begründung führte es im Wesentlichen an, die Asylvorbringen der Be-
schwerdeführerin vermöchten weder den Anforderungen an die Glaubhaf-
tigkeit gemäss Art. 7 AsylG noch jenen an die Flüchtlingseigenschaft ge-
mäss Art. 3 AsylG zu genügen. Der Vollzug der Wegweisung sei als durch-
führbar zu erachten.
Für die detaillierten Ausführungen der Vorinstanz wird auf die angefoch-
tene Verfügung verwiesen.
L.
Mit Eingabe vom 15. Februar 2021 erhob die Beschwerdeführerin durch
ihre Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Sie
ersuchte um Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung und um Rückwei-
sung der Sache zur Neubeurteilung an das SEM, eventualiter um Feststel-
lung der Flüchtlingseigenschaft und um Gewährung des Asyls und sube-
ventualiter um Anordnung der vorläufigen Aufnahme. In verfahrensrechtli-
cher Hinsicht ersuchte sie zudem um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und Rechtsverbeiständung sowie um Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses.
Auf die Beschwerdebegründung wird – soweit für den Entscheid wesentlich
– in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
M.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte am 16. Februar 2021 den Ein-
gang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
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Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung; sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und 108
Abs. 2 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich begründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher Zu-
ständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise einer
zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachstehend
aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb der Be-
schwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2
AsylG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die
Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
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Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Beschwerdeführerin beantragte zur Hauptsache, die vorinstanzli-
che Verfügung sei aufzuheben und die Sache zur erneuten Beurteilung an
das SEM zurückzuweisen.
5.2 Der in Art. 29 Abs. 2 BV garantierte und in den Art. 26 - 33 VwVG kon-
kretisierte Grundsatz des rechtlichen Gehörs umfasst alle Befugnisse, die
einer Partei einzuräumen sind, damit sie ihren Standpunkt wirksam zur
Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE 2009/35 E. 6.4.1).
Dazu gehört insbesondere das Recht des Betroffenen, sich zur Sache zu
äussern. Der Anspruch auf rechtliches Gehör dient einerseits der Sachauf-
klärung und stellt andererseits ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungs-
recht der Partei dar. Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen des vom Entscheid in seiner Rechtsstellung Be-
troffenen tatsächlich zu hören, sorgfältig und ernsthaft zu prüfen und in der
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen (Art. 32 Abs. 1 VwVG).
Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen des
Verwaltungs- respektive Asylverfahrens (Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG).
Demnach hat die Behörde von Amtes wegen für die richtige und vollstän-
dige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen, die für das
Verfahren notwendigen Unterlagen zu beschaffen, die rechtlich relevanten
Umstände abzuklären und ordnungsgemäss darüber Beweis zu führen.
Unvollständig ist die Sachverhaltsfeststellung, wenn nicht alle für den Ent-
scheid rechtsrelevanten Sachumstände berücksichtigt wurden, unrichtig,
wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde
gelegt wird, etwa weil die Rechtserheblichkeit einer Tatsache zu Unrecht
verneint wird, so dass diese nicht zum Gegenstand eines Beweisverfah-
rens gemacht wird, oder weil Beweise falsch gewürdigt worden sind.
5.3 Die Beschwerdeführerin rügte die Durchführung der Anhörung vom
18. Dezember 2020 trotz krankheitsbedingter Abwesenheit ihrer Rechts-
vertreterin; dadurch habe der Sachverhalt nicht umfassend erstellt werden
können und ihr rechtliches Gehör sei verletzt worden.
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5.3.1 Das SEM stellte sich in seinem Entscheid vom 15. Januar 2021 auf
den Standpunkt, die Anhörung vom 18. Dezember 2020 sei mit dem Ein-
verständnis der Beschwerdeführerin ohne Rechtsvertretung durchgeführt
worden. Es verwies auf seine Ausführungen in der Zwischenverfügung
vom 6. Januar 2021. Demnach könne nicht abschliessend beurteilt wer-
den, ob es der Rechtsvertreterin unmöglich gewesen sei, für einen Ersatz
zu sorgen. Da mit der Vollmacht vom 20. Oktober 2020 neben der erkrank-
ten Rechtsvertreterin dreizehn weitere Personen mandatiert worden seien,
dürften Möglichkeiten für einen Ersatz offen gestanden haben. Dafür spre-
che auch, dass schliesslich eine Stellvertretung an einem Teil der Anhörung
habe teilnehmen können. Ob es unmöglich gewesen sei, für Ersatz wäh-
rend der ganzen Anhörung zu sorgen, könne offengelassen werden, da
Asylsuchende für das gesamte Asylverfahren auf eine Rechtsvertretung
verzichten könnten (Art. 102h Abs. 1 AsyIG), womit auch nur für einzelne
Verfahrenshandlungen auf die Teilnahme einer Rechtsvertretung verzichtet
werden könne. Die Beschwerdeführerin habe rechtswirksam auf die Anwe-
senheit ihrer Rechtsvertretung bei der besagten Anhörung verzichtet. Ihr
sei eingangs der Anhörung erklärt worden, dass es ihr Entscheid sei, ob
sie die Anhörung trotz Fehlens der Rechtsvertretung durchführen möchte,
und dass die Rechtsvertretung Einsicht in das Protokoll erhalten werde und
Anmerkungen werde anbringen können. Die Beschwerdeführerin habe da-
raufhin bejaht, die Befragung durchführen zu wollen. Zum Schluss sei sie
erneut gefragt worden, ob sie trotz Abwesenheit der Rechtsvertretung alles
für das Asylgesuch Wesentliche habe erzählen können, was sie wiederum
bejaht habe. Es bestehe kein Grund zur Annahme, die Beschwerdeführerin
sei sich der Tragweite dieser Fragen nicht bewusst gewesen respektive ihr
wäre nicht gewahr gewesen, dass sie diese auch hätte verneinen können.
5.3.2 Die Beschwerdeführerin entgegnete in der Rechtsmitteleingabe, es
könne nicht von einem rechtswirksamen Verzicht ihrerseits auf die Teil-
nahme ihrer Rechtsvertreterin bei der Anhörung vom 18. Dezember 2020
gesprochen werden. Sie habe mit der Vollmachtausstellung vom 20. Okto-
ber 2020 klar zum Ausdruck gebracht, dass sie auch im erweiterten Ver-
fahren in sämtlichen Verfahrensschritten durch ihre Rechtsvertreterin ver-
treten sein wolle. In der Nacht vor der Anhörung sei ihre Rechtsvertreterin
erkrankt. Dies sei dem SEM vorgängig zur Anhörung mitgeteilt und es sei
um Verschiebung der Anhörung ersucht worden. Das SEM wisse, dass es
organisatorisch kaum je möglich sei, Ersatz für eine kurzfristig ausgefallene
Rechtsvertretung zu finden. Das (...) habe denn auch ausdrücklich auf die
Unmöglichkeit eines Ersatzes hingewiesen. Neun Rechtsvertreter seien
damals in anderen Verfahrenshandlungen und die übrigen anwesenden
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Rechtsvertreter für die Eröffnung angekündigter Dublin-Entscheide und für
Gespräche in beschleunigten Verfahren eingeteilt gewesen. Es sei dem
(...) daher nicht möglich gewesen, einen Ersatz zu stellen. Dass eine Mit-
arbeiterin während eines Teils der Anhörung teilgenommen habe, ändere
daran nichts. Diese habe nicht durchgängig anwesend sein können und sie
mangels Kenntnis des Falls nicht unterstützen oder Ergänzungsfragen
stellen können. Sie habe einzig protokollieren lassen können, dass das (...)
mit der Durchführung der Anhörung trotz krankheitsbedingter Abwesenheit
der Rechtsvertreterin nicht einverstanden sei. Das SEM habe nicht beach-
tet, dass die Beschwerdeführerin als Opfer von sexueller Gewalt und von
Diskriminierung aus Gründen der sexuellen Orientierung eine verletzliche
Person sei und auf Unterstützung einer ihr bekannten und vertrauten
Rechtsvertretung angewiesen sei. Ihre Rechtsvertreterin habe sie seit Be-
ginn des Asylverfahrens begleitet, Gespräche mit ihr und ihren Bezugsper-
sonen geführt und sie auf die Anhörungssituation vorbereitet. Dieses Ver-
trauensverhältnis sei von der Vorinstanz nicht anerkannt worden. Das SEM
sei offenbar der Ansicht, dass die Rechtsvertretung kurzfristig und beliebig
ausgetauscht werden könne. Aufgrund ihrer Fallkonstellation sei dies je-
doch nicht zumutbar. Zudem handle es sich bei dem betreffenden Verfah-
rensschritt um den wichtigsten und für eine verletzliche Person auch an-
spruchsvollsten im gesamten Verfahren. Ein rechtswirksamer Verzicht auf
die Teilnahme ihrer Rechtsvertreterin bei der Anhörung könnte zudem nur
angenommen werden, wenn sie über die Konsequenzen des Verzichts auf-
geklärt worden wäre und ihr allfällige Alternativen aufgezeigt worden wä-
ren. Dies sei nicht der Fall. Ihr sei zu Beginn der Anhörung mitgeteilt wor-
den, dass ihre Rechtsvertreterin krankheitsbedingt abwesend sei, und im
gleichen Satz sei sie gefragt worden, ob sie trotzdem mit der Durchführung
der Anhörung einverstanden sei. Eine vorgängige Aufklärung über die Kon-
sequenzen, namentlich dass die Rechtsvertretung nicht unterstützend mit-
wirken, keine Ergänzungsfragen stellen und nicht intervenieren könne,
habe nicht stattgefunden. Auch sei ihr nicht erklärt worden, dass die Anhö-
rung ohne Weiteres verschoben werden könne und dies auf den Ausgang
des Asylverfahrens keinen Einfluss haben würde. Diese Information wäre
für ihre Entscheidfindung elementar gewesen. Ihre Antwort bringe klar zum
Ausdruck, dass sie die Frage und die Konsequenzen der Abwesenheit ihrer
Rechtsvertreterin nicht habe einordnen können und unsicher gewesen sei,
habe sie doch gefragt, ob es nicht schlecht sei, wenn man das Interview
ohne Rechtsvertretung durchführe. Ihre Frage sei nicht beantwortet wor-
den, sondern es sei ihr lediglich gesagt worden, dass es ihr Entscheid sei.
Sie sei dadurch innert weniger Sekunden in der Situation gestanden, einen
Entscheid treffen zu müssen. Sie habe eingewilligt, weil sie den Eindruck
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gehabt habe, sie dürfe die Frage nicht verneinen. Von einer ausreichenden
Aufklärung und damit einem rechtswirksamen Verzicht könne indes nicht
gesprochen werden. Schliesslich sei der Rechtsvertretung – entgegen der
Ankündigung in der Anhörung – auch keine Gelegenheit gegeben worden,
sich nachträglich zur Anhörung zu äussern. Ihre Rechtsvertreterin sei bis
zum 11. Januar 2021 krankgeschrieben gewesen und habe dem SEM mit
Schreiben vom 12. Januar 2021 mitgeteilt, dass noch kein Klientenge-
spräch habe stattfinden können. Ohne die angekündigte ergänzende Ein-
gabe abzuwarten, habe das SEM drei Tage später über das Asylgesuch
entschieden. Im nach dem Entscheid erfolgten Gespräch habe sie gegen-
über ihrer Rechtsvertreterin kIar geäussert, dass sie bei der Anhörung stark
verunsichert gewesen sei. Sie habe das Gefühl gehabt, dass das Nichter-
scheinen der Rechtsvertreterin für sie Nachteile habe, und sie hätte sich
Unterstützung gewünscht. Sie habe Angst gehabt, sich falsch entschieden
zu haben, und sei deshalb unkonzentriert gewesen und es habe Missver-
ständnisse gegeben. Sie habe auch gesagt, dass sie sich unwohl fühle und
Schwindelgefühle habe, darauf sei aber nicht Rücksicht genommen wor-
den. Da die Anhörung vom 18. Dezember 2020 nicht ohne Rechtsvertre-
tung hätte durchgeführt werden dürfen, hätte sich das SEM auch nicht auf
den darin erhobenen Sachverhalt abstützen dürfen. Zumindest hätte es
eine ergänzende Anhörung durchführen müssen. Da es dies unterlassen
habe, sei der Sachverhalt als nicht vollständig erstellt zu erachten.
5.3.3 Vorliegend ergibt eine Überprüfung der Akten, dass die Beschwerde-
führerin zu Recht eine Verletzung des rechtlichen Gehörs rügt. Die Bestim-
mungen von Art. 102f - 102k AsylG beziehen sich in erster Linie auf das
beschleunigte Asylverfahren. Vorliegend geht es um die Beurteilung einer
Anhörung, die im erweiterten Verfahren nach der Zuweisung der Be-
schwerdeführerin in den Kanton durchgeführt wurde. Gemäss Art. 102l
Abs. 1 AsylG können sich Asylsuchende nach Zuweisung auf den Kanton
bei entscheidrelevanten Schritten im erstinstanzlichen Verfahren, insbe-
sondere wenn eine zusätzliche Anhörung zu den Asylgründen durchgeführt
wird, kostenlos an eine Rechtsberatungsstelle oder an die zugewiesene
Rechtsvertretung wenden. Die Beschwerdeführerin hat die rubrizierte
Rechtsvertreterin am 20. Oktober 2020 mit ihrer Rechtsvertretung im Rah-
men des erweiterten Asylverfahrens mandatiert (vgl. A57) und damit zum
Ausdruck gebracht, dass sie bei Verfahrenshandlungen, wie der am Ende
der Anhörung vom 16. Oktober 2020 angekündigten Durchführung einer
zusätzlichen Anhörung zu ihren Asylgründen, vertreten sein will. Den Akten
lässt sich entnehmen, dass das (...) das SEM am 18. Dezember 2020 um
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8:12 Uhr per E-Mail über die krankheitsbedingte Absage der Rechtsvertre-
terin für die auf 8:30 Uhr angesetzte Anhörung informiert hat. Es handelt
sich somit um eine entschuldigte Absenz der Rechtsvertreterin. Um
8:36 Uhr teilte das SEM dem (...) per E-Mail mit, dass die Anhörung bei
Einverständnis der Beschwerdeführerin ohne die Rechtsvertreterin durch-
geführt werde; es stehe dem (...) frei, eine Stellvertreterin für Frau Adam
zu ernennen. Bereits vier Minuten später – um 8:40 Uhr – begann das SEM
mit der Anhörung der Beschwerdeführerin (vgl. A63 S. 1). Das (...) protes-
tierte dagegen per E-Mail von 8:46 Uhr und erklärte, dass es angesichts
starker Auslastung so kurzfristig keine Stellvertretung organisieren könne.
Dass es dem (...) nicht möglich war, innerhalb dieser wenigen Minuten eine
Stellvertretung für die kurzfristig verhinderte Rechtsvertreterin zu organi-
sieren, ist nachvollziehbar, zumal der Personenkreis, der für eine Stellver-
tretung überhaupt hätte in Frage kommen können, aufgrund der Fallkons-
tellation (geschlechtsspezifische Verfolgung und daher Anhörung in einem
Frauenteam) von vornherein erheblich eingeschränkt war. Der Umstand,
dass eine (...)-Mitarbeiterin eineinhalb Stunden nach Beginn zur Anhörung
stiess und dieser zeitweilig beiwohnte, vermag nicht zur Annahme zu füh-
ren, die Beschwerdeführerin wäre an der Anhörung rechtsgenüglich vertre-
ten gewesen. Die (...)-Mitarbeiterin gab denn auch zu Protokoll, dass sie
der Befragung nur kurzzeitig beisitzen und die fallführende Rechtsvertrete-
rin nicht ersetzen könne (vgl. A63 S. 12 F87). Das Anhörungsprotokoll trägt
dementsprechend auch keine Unterschrift einer Rechtsvertretung (vgl. A63
S. 21). Zwar können Asylsuchende durchaus auf die Teilnahme der
Rechtsvertretung an einzelnen Verfahrenshandlungen verzichten, jedoch
kann ein solcher Verzicht auf Rechtsvertretung nur dann rechtswirksam
angenommen werden, wenn die betroffene Person vorgängig über die
Konsequenzen ihres Verzichts informiert wurde und ihr allfällige Alternati-
ven bekannt sind, sie sich mithin der Tragweite ihres Verzichts bewusst ist,
und den Verzicht im Wissen darum ausdrücklich erklärt. So ist es beispiels-
weise denkbar, dass eine asylsuchende Person und ihre Rechtsvertretung
in einem vorberatenden Gespräch zur Auffassung gelangen, dass die An-
wesenheit der Rechtsvertretung an einer Verfahrenshandlung wie einem
Dublin-Gespräch nicht notwendig sei, und die Rechtsvertretung dies dem
SEM entsprechend vorgängig mitteilt. Vorliegend kann indes nicht von ei-
nem eindeutigen Einverständnis der Beschwerdeführerin zur Durchführung
der Anhörung vom 18. Dezember 2020 ohne Beisein ihrer Rechtsvertrete-
rin respektive von einem rechtswirksamen Verzicht auf die Anwesenheit
ihrer Rechtsvertreterin ausgegangen werden.
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Die Beschwerdeführerin hat zu Beginn der Anhörung, als sie von der Be-
fragerin über die krankheitsbedingte Abwesenheit der Rechtsvertreterin in-
formiert und gefragt wurde, ob es für sie in Ordnung sei, die Befragung
ohne die Rechtsvertreterin durchzuführen, nicht ihr Einverständnis erklärt,
sondern klare Zweifel bekundet (vgl. A63 S. 1 F1: "Ist es nicht schlecht,
wenn man ohne Rechtsvertretung das Interview durchführt?"). Daraufhin
wurde ihr von der Befragerin nur beschieden, dass es ihre Entscheidung
sei, ob sie die Anhörung durchführen möchte oder nicht (vgl. A63 S. 1 F2).
Aus den Akten ergeben sich keine Anhaltspunkte für die Annahme, dass
die Beschwerdeführerin auf ein solches Szenario vorbereitet gewesen
wäre. Ihr Einwand in der Rechtsmitteleingabe, dass sie mit der Situation
respektive der ihr von der Befragerin auferlegten Entscheidung, die sie in-
nert Sekundenfrist habe treffen müssen, überfordert gewesen sei, ist be-
gründet. Sie hat erst zu Beginn der Anhörung von der Verhinderung der
Rechtsvertreterin erfahren und keine Möglichkeit gehabt, sich vor dem von
ihr verlangten Entscheid über die Durchführung der Anhörung beraten zu
lassen. Zumindest wäre ihr im Hinblick auf die Einschätzung der Tragweite
eines Verzichts auf die Anwesenheit ihrer Rechtsvertreterin eine kurze Be-
sprechung mit dem (...) zu ermöglichen gewesen. Ihre unter Zeitdruck er-
folgte Zusage zur Durchführung der Anhörung (vgl. A63 S. 1 F2) kann da-
mit unter den konkreten Umständen nicht als rechtswirksamer Verzicht auf
die Anwesenheit ihrer Rechtsvertreterin bei der Anhörung vom 18. Dezem-
ber 2020 angesehen werden. Die Anhörung hätte daher nicht durchgeführt
werden dürfen. Darüber hinaus hat das SEM der Rechtsvertretung das An-
hörungsprotokoll erst auf ihr Verlangen vom 24. Dezember 2020 hin am
6. Januar 2021 zugestellt. Auf das (sinngemässe) Gesuch vom 12. Januar
2021 um Fristerstreckung zur Einreichung von ergänzenden Ausführungen
zum Anhörungsprotokoll hat das SEM gar nicht reagiert respektive die an-
gekündigte ergänzende Eingabe nicht abgewartet, sondern drei Tage spä-
ter über das Asylgesuch entschieden.
Das SEM hat somit den rechtserheblichen Sachverhalt unvollständig fest-
gestellt und damit seine Untersuchungspflicht respektive das rechtliche
Gehör der Beschwerdeführerin verletzt. Angesichts der formellen Natur
des Anspruchs auf rechtliches Gehör ist es unerheblich, ob die Missach-
tung des Vertretungsrechts der Beschwerdeführerin auch Einfluss auf das
Ergebnis hatte. Das SEM ist daher aufzufordern, die notwendigen Verfah-
renshandlungen nachzuholen und das Asylgesuch neu zu beurteilen.
5.4 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
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Seite 13
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung ist
insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festgestellt werden müs-
sen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzuführen ist (vgl. BVGE
2012/21 E. 5.1 m.w.H.). Im vorliegenden Fall ist unter Verweis auf die vor-
stehenden Erwägungen eine Kassation angezeigt.
6.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die Auf-
hebung der vorinstanzlichen Verfügung und die Rückweisung der Sache
beantragt wird. Die Verfügung vom 15. Januar 2021 ist aufzuheben und die
Sache zur vollständigen Sachverhaltsfeststellung und Neubeurteilung im
Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Angesichts des Verfahrensausgangs erübrigt es sich, auf die weiteren Be-
schwerdevorbringen näher einzugehen.
7.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Die Gesuche der Beschwerdeführerin um Gewäh-
rung der unentgeltlichen Prozessführung und um Verzicht auf die Erhe-
bung eines Kostenvorschusses werden damit gegenstandslos.
8.
Der vertretenen Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens in An-
wendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die ihr
im Zusammenhang mit dem Beschwerdeverfahren notwendigerweise er-
wachsenen Parteikosten zuzusprechen, womit auch der Antrag auf Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung gegenstandslos wird.
Seitens der Rechtsvertretung wurde keine Kostennote eingereicht, wes-
halb die notwendigen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind
(Art. 14 Abs. 2 in fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden
Bemessungsfaktoren (Art. 9–13 VGKE) ist der Beschwerdeführerin zulas-
ten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1900.– zu-
zusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-657/2021
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