Decision ID: 40643133-bb0b-4581-a8a3-f178ee97fb81
Year: 2022
Language: de
Court: AG_OG
Chamber: AG_OG_008
Canton: AG
Region: Northwestern_Switzerland
Law Area: 

Das Obergericht entnimmt den Akten:
1.
1.1.
Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten erliess gegen den Beschuldigten
am 2. September 2021 folgenden Strafbefehl:
"Sachverhalt:
Sexuelle Belästigung, Art. 198 StGB Der Beschuldigte hat jemanden tätlich oder in grober Weise durch Worte sexuell belästigt.
Tätlichkeiten, Art. 126 Abs. 1 StGB Der Beschuldigte hat gegen jemanden Tätlichkeiten verübt, die keine Schädigung des Körpers oder der Gesundheit zur Folge hatten.
Begangen: Ort: 5620 Bremgarten AG, [...], [...] Zeit: Mittwoch, 11. November 2020, 11.30 Uhr
Vorgehen: Zur obgenannten Zeit kam es am Wohnort der getrenntlebenden Ehefrau des Beschuldigten (Zivil- und Strafklägerin) in Bremgarten, [...], zu einer zunächst verbalen Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und der Zivil- und Strafklägerin, in deren Verlauf der Beschuldigte die Zivil- und Strafklägerin an den Haaren gerissen hat. Dabei hat es sich um eine erstmalige Tätlichkeit gehandelt, bei welcher die Zivil- und Strafklägerin Kopfschmerzen davon getragen hat. Zudem hat der Beschuldigte die Zivil- und Strafklägerin gegen deren Willen auf den Mund geküsst und sie damit sexuell belästigt.
Zivil- und Strafklägerin: A., [...], 5620 Bremgarten
Strafantrag wurde am 11. November 2020 gestellt.
Dieses Verhalten ist strafbar gemäss:
Den vorerwähnten Gesetzesartikeln sowie Art. 49 Abs. 1 StGB, Art. 106 StGB, Art. 47 StGB
Der Beschuldigte wird verurteilt zu:
1. Einer Busse von CHF 1'000.00 Bei schuldhafter Nichtbezahlung tritt an Stelle der Busse eine Ersatzfreiheitsstrafe
von 10 Tagen.
2. Den Kosten
- Strafbefehlsgebühr CHF 600.00
Rechnungsbetrag CHF 1'600.00
- 3 -
Über Auslagen, die nach Erlass des vorliegenden Strafbefehls eingehen, wird separat verfügt.
3. Es werden keine Parteientschädigungen zugesprochen.
4. Eine allfällige Schadenersatzforderung folgender Zivilpartei wird auf den Zivilweg
verwiesen:
A., 5620 Bremgarten AG, [...]."
1.2.
Auf Einsprache des Beschuldigten hin hielt die Staatsanwaltschaft Muri-
Bremgarten mit Verfügung vom 28. September 2021 am Strafbefehl fest
und überwies die Akten zur Durchführung des Hauptverfahrens an das
Bezirksgericht Bremgarten.
2.
2.1.
Anlässlich der Hauptverhandlung vor dem Präsidium des Bezirksgerichts
Bremgarten vom 17. November 2021 wurden der Beschuldigte und die
Privatklägerin befragt.
2.2.
Gleichentags erkannte der Präsident des Bezirksgerichts Bremgarten:
"1. Der Beschuldigte wird schuldig gesprochen:
- der Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB - der sexuellen Belästigung gemäss Art. 198 Abs. 2 StGB.
2. Der Beschuldigte wird gestützt auf Art. 106 i.V.m. Art. 49 Abs. 1 StGB zu einer Busse von Fr. 800.00 verurteilt.
Wird die Busse schuldhaft nicht bezahlt, so wird eine Ersatzfreiheitsstrafe von 8 Tagen vollzogen.
3. Die Verfahrenskosten bestehen aus:
Anklagegebühr Fr. 700.00 Gerichtsgebühr Fr. 1'300.00 Andere Auslagen Fr. 36.00 Total: Fr. 2'036.00
Dem Beschuldigten werden die Verfahrenskosten auferlegt.
4. Der Beschuldigte trägt seine Kosten selber."
- 4 -
3.
3.1.
Der Beschuldigte meldete gegen das ihm am 30. November 2021 im
Dispositiv zugestellte Urteil vom 17. November 2021 mit Schreiben vom
9. Dezember 2021 Berufung an.
3.2.
Das begründete Urteil vom 17. November 2021 wurde dem Beschuldigten
am 21. Februar 2022 zugestellt. Mit Eingabe vom 9. März 2022 erklärte der
Beschuldigte fristgerecht die Berufung und beantragte das schriftliche
Berufungsverfahren. Der Beschuldigte stellte folgende Anträge:
"1. Das Urteil des Präsidiums des Strafgerichts des Bezirksgerichts Bremgarten vom 17. November 2021 sei vollumfänglich aufzuheben.
2. Der Beschuldigte sei bezüglich den Vorwürfen der Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1 sowie der sexuellen Belästigung gemäss Art. 198 Abs. 2 StGB von Schuld und Strafe freizusprechen.
3. Die Verfahrenskosten seien auf die Staatskasse zu nehmen.
4. Dem Beschuldigten seien die Anwaltskosten des erstinstanzlichen Verfahrens gemäss Kostennote vom 17. November 2021 im Gesamtbetrag von CHF 2'289.80 (inkl. 7,7% MwSt. von CHF 163.70) aus der Staatskasse zu bezahlen."
3.3.
Mit Verfügung vom 10. März 2022 ordnete die Verfahrensleiterin gestützt
auf Art. 406 Abs. 1 lit. c StPO das schriftliche Berufungsverfahren an.
3.4.
Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten verzichtete mit Schreiben vom
17. März 2022 darauf, einen Nichteintretensantrag zu stellen oder
Anschlussberufung zu erklären. Die Privatklägerin liess sich innert Frist
nicht vernehmen.
3.5.
Mit Berufungsbegründung vom 30. März 2022 hielt der Beschuldigte an
seinen bereits am 9. März 2022 gestellten Anträgen fest.
3.6.
Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten beantragte mit Berufungsantwort
vom 14. April 2022 die Abweisung der Berufung, unter Kostenfolgen. Die
Privatklägerin reichte innert Frist keine Berufungsantwort ein.
- 5 -

Das Obergericht zieht in Erwägung:
1.
Gegenstand des erstinstanzlichen Verfahrens bildeten die ausschliesslich
mit Busse bedrohten Vorwürfe der Tätlichkeiten gemäss Art. 126 Abs. 1
StGB sowie der sexuellen Belästigung gemäss Art. 198 StGB. Dabei
handelt es sich um Übertretungen (Art. 103 StGB), weshalb mit Berufung
nur eine fehlerhafte Rechtsanwendung oder die offensichtlich unrichtige
oder auf einer Rechtsverletzung beruhende Feststellung des Sachverhalts
geltend gemacht werden kann. Neue Behauptungen und Beweise können
nicht vorgebracht werden (Art. 398 Abs. 4 StPO).
Neu im Sinne dieser Bestimmung sind Tatsachen und Beweise, die im
erstinstanzlichen Verfahren nicht vorgebracht worden sind (Urteil des
Bundesgerichts 6B_764/2016 vom 24. November 2016 E. 2.3.2 mit Hin-
weis auf das Urteil des Bundesgerichts 6B_362/2012 vom 29. Okto-
ber 2012 E. 8.4.1).
Die Rüge der offensichtlich unrichtigen oder auf Rechtsverletzungen be-
ruhenden Feststellung des Sachverhalts entspricht Art. 97 Abs. 1 BGG
(Urteil des Bundesgerichts 6B_560/2015 vom 17. November 2015 E. 2.1).
Offensichtlich unrichtig ist eine Sachverhaltsfeststellung, wenn sie willkür-
lich ist. Somit prüft das Obergericht den von der Vorinstanz festgestellten
Sachverhalt nur auf Willkür. Dass eine andere Lösung ebenfalls als ver-
tretbar oder gar zutreffender erscheint, genügt für die Annahme von Willkür
nicht (vgl. BGE 139 III 334 E. 3.2.5).
2.
2.1.
Dem Beschuldigten wird zunächst vorgeworfen, die Privatklägerin am
11. November 2020 gegen ihren Willen auf den Mund geküsst und somit
sexuell belästigt zu haben.
2.2.
Die Vorinstanz hat den Beschuldigten gestützt auf seine Aussagen sowie
derjenigen der Privatklägerin der sexuellen Belästigung gemäss Art. 198
StGB schuldig gesprochen, wobei sie die Aussagen der Privatklägerin als
glaubhaft erachtete. Für die Vorinstanz ist erstellt, dass der Beschuldigte
die Privatklägerin auf den Mund geküsst habe (vgl. vorinstanzliches Urteil,
E. A.4.1., S. 7). Der Beschuldigte habe es für nötig erachtet, die
Privatklägerin mit, je nach Aussage, einer Hand oder zwei Händen zu
halten, um ihr den Kuss zu geben. Ebenfalls habe der Beschuldigte die
Privatklägerin überrascht, weil er schnell reagiert habe. Die Privatklägerin
habe aufgrund der räumlichen Situation nicht ausweichen und lediglich
versuchen können, den Kopf abzudrehen. Das Belästigungsmerkmal zeige
sich aus dem Vorgehen des Beschuldigten, nachdem es der Privatklägerin
- 6 -
nicht möglich gewesen sei, sich mit Leichtfertigkeit dem Angriff zu
entziehen. Die innere Haltung des Beschuldigten werde somit durch das
von ihm gewählte Vorgehen widerspiegelt, zumal unbestritten bleibe, dass
er sich mit der Privatklägerin vorher ausgiebig gestritten habe (vgl.
vorinstanzliches Urteil, E. A.4.2.2., S. 7 f.).
2.3.
Der Beschuldigte wendet mit Berufung ein, dass der Kuss keinen
objektiven Bezug zur Sexualität gehabt habe. Die Ehegatten seien 20 Jahre
verheiratet gewesen, wobei aus der Ehe drei Kinder hervorgegangen seien
(vgl. Berufung vom 30. März 2022, S. 6). Der Kuss sei nicht mit sexuellen
Hintergedanken erfolgt, vielmehr aus Verzweiflung. Der Beschuldigte
bestreitet folglich den sexuellen Charakter seiner Handlung und macht
sinngemäss geltend, dass aufgrund der konkreten (Begleit-)Umstände der
inkriminierten Handlung nicht von deren sexuellem Bezug ausgegangen
werden könne.
2.4.
2.4.1.
Die Vorinstanz hat die Aussagen der Privatklägerin und des Beschuldigten,
welche diese in den verschiedenen Einvernahmen gemacht haben, im
Einzelnen dargelegt (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. A.3., S. 5 ff.). Es kann
vorab darauf verwiesen werden. Soweit erforderlich, werden entspre-
chende Ergänzungen vorgenommen.
2.4.2.
Der Beschuldigte anerkennt, die Privatklägerin geküsst zu haben (vgl.
Berufung vom 30. März 2022, S. 4). Sowohl anlässlich seiner Einvernahme
bei der Polizei (vgl. UA act. 12, Frage 16) als auch der Staatsanwaltschaft
(vgl. UA act. 44, Frage 24) und der Vorinstanz (vgl. GA act. 81) war er
diesbezüglich geständig und gab an, dass er die Privatklägerin auf die
Lippen küssen wollte und ihm dies - allerdings nur teilweise - gelang. Er
habe sie mit einer Hand gehalten, dann die Backe und Lippe erwischt, weil
sie es nicht wollte (vgl. GA act. 81) und sich wegdrehte. In tatsächlicher
Hinsicht ist somit vorab erstellt, dass der Beschuldigte die Privatklägerin
auch auf den Mund geküsst hat. Nicht glaubhaft ist gestützt auf die
bisherigen konstanten Aussagen der Privatklägerin und insbesondere auch
des Beschuldigten der (neue) Hinweis in der Berufung (Berufung vom 30.
März 2022, S. 4), dass der Beschuldigte die Privatklägerin nicht auf den
Mund, sondern auf die Wange habe küssen wollen und in diesem
Zusammenhang die Lippen erwischt habe. Weiter steht fest, dass es vor
dem Kuss zu einem Streit zwischen dem Beschuldigten und der
Privatklägerin gekommen war (vgl. UA act. 11, Frage 12; GA act. 67; vgl.
Berufung vom 30. März 2022, S. 6) und der Kuss der Privatklägerin gegen
ihren Willen vom Beschuldigten aufgedrängt worden war (vgl. UA act. 12,
Frage 16; UA act. 13, Frage 17). Die Privatklägerin hatte am Tag des
- 7 -
Vorfalls umgehend Strafantrag gestellt (vgl. UA act. 24) und anlässlich ihrer
Einvernahmen konsistent zum Ausdruck gebracht, dass der Kuss gegen
ihren Willen erfolgt war (vgl. UA act. 43, Frage 18; GA act. 74 f.).
Ob der Beschuldigte die Privatklägerin während des Kusses mit einer oder
zwei Händen gehalten hat (so vorinstanzliches Urteil, E. A.4.3.3., S. 8)
spielt bei dieser Ausgangslage - der Beschuldigte hat der Privatklägerin
gegen ihren Willen einen Kuss auf den Mund gegeben - keine Rolle.
2.4.3.
Folgender Sachverhalt ist demnach erstellt: Der Beschuldigte küsste die
Privatklägerin nach einem Streit gegen ihren Willen u.a. auf den Mund. Der
Kuss erfolgte gegen den Willen der Privatklägerin, weshalb sie versuchte,
sich mit dem Kopf wegzudrehen um dem Kuss zu entgehen, was ihr aber
nicht gelang.
2.5.
2.5.1.
Gemäss Art. 198 Abs. 2 StGB macht sich der sexuellen Belästigung
strafbar, wer jemanden tätlich oder in grober Weise durch Worte sexuell
belästigt. Die Vorinstanz hat die rechtlichen Voraussetzungen des
objektiven Tatbestands der sexuellen Belästigung ausführlich und korrekt
wiedergegeben. Es kann darauf verwiesen werden (vgl. vorinstanzliches
Urteil, E. A.2.2, S. 5).
2.5.2.
Der Beschuldigte hat der Privatklägerin während eines Streits einen Kuss
gegeben, wobei er ihre Lippen erfasste. Der Kuss eines Mannes auf die
Lippen einer Frau stellt in der Regel ohne weiteres eine intime und
sexualbezogene Handlung dar. In Würdigung der vorliegenden Umstände
erreichte die körperliche Annäherung einen Grad der Intensität, der die
Grenze zwischen einer bloss unangenehmen, harmlosen Zudringlichkeit
zur sexuellen Belästigung klar überschritt. Die Privatklägerin drehte beim
Kuss ihren Kopf ab, der Annäherungsversuch war unerwünscht. Der Kuss
auf den Mund erscheint im aufgezeigten Kontext ohne Weiteres als
aufgedrängte körperliche Zudringlichkeit, welche vom Standpunkt eines
objektiven Betrachters klar als sexuelle Handlung zu erkennen ist. Der
Beschuldigte hat durch sein Verhalten den objektiven Tatbestand von Art.
198 Abs. 2 StGB erfüllt.
2.5.3.
Für den subjektiven Tatbestand der sexuellen Belästigung ist zumindest
Eventualvorsatz erforderlich. Der Täter muss dabei mindestens in Kauf
nehmen, dass sich das Opfer belästigt fühlt (BGE 137 IV 263 E. 3.1). Der
Beschuldigte wusste, dass die Privatklägerin keine körperlichen
Annäherungen und schon gar keinen Kuss auf die Lippen wünschte,
- 8 -
dennoch küsste er sie auf den Mund. Der Beschuldigte hat die sexuelle
Belästigung demnach willentlich und wissentlich vorgenommen bzw.
mindestens in Kauf genommen, dass sich die Privatklägerin belästigt fühlt.
Mit der Vorinstanz ist - entgegen den Vorbringen des Beschuldigten -
festzuhalten, dass die Motive des Beschuldigten für den Kuss nicht von
Belang sind (vgl. BGE 125 IV 58 E. 3b m.w.H.). Auch der subjektive
Tatbestand von Art. 198 Abs. 2 StGB ist erfüllt.
3.
3.1.
Dem Beschuldigten wird schliesslich eine Tätlichkeit gemäss Art. 126 Abs.
1 StGB vorgeworfen. Die Vorinstanz hat als erstellt erachtet, dass der
Beschuldigte die Privatklägerin, als er ihr das Handy wegnehmen wollte,
an den Haaren gerissen hat. Damit habe er den objektiven Tatbestand der
Tätlichkeit erfüllt. Der Beschuldigte habe zudem billigend in Kauf
genommen, die Privatklägerin an den Haaren zu ziehen, um an ihr Handy
zu gelangen (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. B.4.2.2.2., S. 12).
Der Beschuldigte macht mit Berufung geltend, dass aufgrund der äusseren
Umstände rund um die Tathandlung nicht von einem Eventualvorsatz des
Beschuldigten ausgegangen werden könne. Es liege bloss eine bewusste
Fahrlässigkeit vor (vgl. Berufung vom 30. März 2022, S. 8), was nicht
strafbar sei.
3.2.
3.2.1.
Hinsichtlich der Aussagen der Privatklägerin und des Beschuldigten kann
auf die korrekte Zusammenfassung im vorinstanzlichen Urteil verwiesen
werden (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. B.3, S. 9 ff.). Soweit erforderlich,
werden diese ergänzt.
3.2.2.
In sachverhaltlicher Hinsicht ist erstellt, dass die Privatklägerin mit ihrem
Mobiltelefon ein Gespräch mit dem Beschuldigten aufgezeichnet hatte. In
der Folge versuchte der Beschuldigte die Privatklägerin dazu zu bewegen,
die Aufnahme zu löschen (vgl. GA act. 68; GA act. 82). Da die
Privatklägerin dies zunächst verweigerte, wollte der Beschuldigte sich ihres
Mobiltelefons bemächtigen, packte sie hierfür im Schulterbereich,
erwischte dabei ihre Haare (vgl. GA act. 77; GA act. 82) und riss sie an den
Haaren (UA act. 13, Frage 18; GA act. 83).
Die Vorinstanz stellte somit willkürfrei fest, dass der Beschuldigte der
Privatklägerin an ihren Haaren gerissen hatte, was von diesem anlässlich
der polizeilichen, der staatsanwaltschaftlichen und der vorinstanzlichen
Einvernahmen auch eingestanden worden war (vgl. UA act. 13, Frage 18;
UA act. 45, Fragen 26 und 27; GA act. 83). Weiter ist aufgrund der
- 9 -
Aussagen unbestritten, dass das primäre Ziel des Beschuldigten darin
bestand, sich des Mobiltelefons der Privatklägerin zu bemächtigen (vgl.
vorinstanzliches Urteil, E. B.4.2.2.2., S. 12; UA act. 13, Frage 18; UA act.
44, Frage 19).
3.3.
3.3.1.
Gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB wird auf Antrag mit Busse bestraft, wer
gegen jemanden Tätlichkeiten verübt, die keine Schädigung des Körpers
oder der Gesundheit zur Folge haben. Indem der Beschuldigte der
Privatklägerin an den Haaren gerissen hat, ist der objektive Tatbestand
einer Tätlichkeit zweifellos erfüllt, was vom Beschuldigten auch nicht
moniert wird. Es ist an dieser Stelle auf die zutreffenden Erwägungen der
Vorinstanz zu verweisen (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. B.4.1., S. 11).
3.3.2.
Im Hinblick auf den subjektiven Tatbestand macht der Beschuldigte
geltend, dass er nicht eventualvorsätzlich, sondern lediglich bewusst
fahrlässig gehandelt habe. Er sei offensichtlich davon ausgegangen, dass
"es schon gut gehe", wenn er nach dem Mobiltelefon greife (vgl. Berufung
vom 30. März 2022, S. 9).
3.3.2.1.
Gemäss Art. 126 Abs. 1 StGB ist in subjektiver Hinsicht Vorsatz gefordert,
wobei wiederum Eventualvorsatz genügt (Art. 12 Abs. 2 StGB). Dabei muss
sich der Vorsatz auf die Tathandlung und den Erfolg beziehen
(ROTH/KESHELAVA, in: Basler Kommentar, StGB/JStG, 2019, Art. 126
N 13). Eventualvorsätzlich handelt, wer die Verwirklichung der Tat für
möglich hält und in Kauf nimmt (Art. 12 Abs. 2 Satz 2 StGB). Der Täter
strebt also den Erfolg nicht an, sondern weiss lediglich, dass dieser
möglicherweise mit der willentlich vollzogenen Handlung verbunden ist.
Eventualvorsatz wird angenommen, wenn sich dem Täter der Erfolg seines
Verhaltens als so wahrscheinlich aufdrängt, dass sein Verhalten
vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolges ausgelegt werden
kann (NIGGLI/MAEDER, in: Basler Kommentar, StGB/JStG, 2019, Art. 12 N
53 m.w.H.). Soweit der Täter nicht geständig ist, muss aus den äusseren
Umständen auf den inneren Willen des Täters geschlossen werden. Zu den
äusseren Umständen, aus denen der Schluss gezogen werden kann, der
Täter habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen, zählen die
Grösse des dem Täter bekannten Risikos der Tatbestandsverwirklichung,
die Schwere der Sorgfaltspflichtverletzung, die Beweggründe des Täters
und die Art der Tathandlung. Je grösser das Risiko ist und je schwerer die
Sorgfaltspflichtverletzung wiegt, desto eher darf gefolgert werden, der Täter
habe die Tatbestandsverwirklichung in Kauf genommen (BGE 134 IV 26
E. 3.2.2; BGE 133 IV 9 E. 4.1; BGE 130 IV 58 E. 8.4; je mit Hinweisen).
https://www.swisslex.ch/doc/aol/5faf2c27-f161-46fc-81ee-1668643f2c87/564c189e-a29d-4671-9de2-ba95ae975807/source/document-link https://www.swisslex.ch/doc/unknown/49a4235b-6917-4c66-adf4-49705784d59c/citeddoc/3dd67d3a-9045-4e7a-9ff5-c7e90a244f43/source/document-link https://www.swisslex.ch/doc/unknown/49a4235b-6917-4c66-adf4-49705784d59c/citeddoc/3dd67d3a-9045-4e7a-9ff5-c7e90a244f43/source/document-link https://www.swisslex.ch/doc/unknown/e3ce7857-b1cc-4c12-bbe6-b946ce32b3ba/citeddoc/80133d92-1e10-4c02-aa83-2952d986e22b/source/document-link https://www.swisslex.ch/doc/unknown/5a1f06ce-1b0a-439e-8621-594e4476db22/citeddoc/76d1e3af-e221-4e8a-837b-26edda458a33/source/document-link
- 10 -
Die Abgrenzung zwischen Eventualvorsatz und bewusster Fahrlässigkeit
kann im Einzelfall schwierig sein. Sowohl der eventualvorsätzlich als auch
der fahrlässig handelnde Täter wissen um die Möglichkeit oder das Risiko
der Tatbestandsverwirklichung. Hinsichtlich der Wissensseite stimmen
somit beide Erscheinungsformen des subjektiven Tatbestandes überein.
Unterschiede bestehen jedoch beim Willensmoment. Der bewusst
fahrlässig handelnde Täter vertraut (aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit)
darauf, dass der von ihm als möglich vorausgesehene Erfolg nicht eintrete,
sich das Risiko der Tatbestandserfüllung mithin nicht verwirkliche.
Demgegenüber nimmt der eventualvorsätzlich handelnde Täter den Eintritt
des als möglich erkannten Erfolgs ernst, rechnet mit ihm und findet sich mit
ihm ab. Wer den Erfolg derart in Kauf nimmt, "will" ihn im Sinne von Art. 12
Abs. 2 StGB. Nicht erforderlich ist, dass der Täter den Erfolg "billigt" (BGE
133 IV 9 E. 4.1; 133 IV 1 E. 4.1; 130 IV 58 E. 8.3).
3.3.2.2.
Nicht zu beanstanden ist zunächst, dass die Vorinstanz das Wissens-
element des Vorsatzes als erfüllt erachtet. Der Beschuldigte kannte die
Frisur der Privatklägerin, wusste und hatte gesehen, dass ihre Haare über
die Schultern reichten (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. B.4.2.2.2., S. 12), und
wusste somit auch um die Verletzungsmöglichkeit, welche seine Handlung
zur Folge haben konnte.
Mit der Vorinstanz (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. B.4.2.2.2., S. 12) ist
weiter festzuhalten, dass das Willenselement des Beschuldigten für die
Annahme des Eventualvorsatzes gegeben ist. Der Beschuldigte musste
damit rechnen, dass er zwecks Erreichung seines Hauptziels - die
Wegnahme des Handys - die Haare der Privatklägerin erwischen und an
diesen reissen würde. Indem sich der Beschuldigte über dieses
naheliegende Risiko hinweggesetzt hat und einzig zwecks Wegnahme des
Mobiltelefons die Privatklägerin an den Schultern gepackt und sie an den
Haaren gerissen hatte, nahm er den Verletzungserfolg bzw. die Beein-
trächtigung der Gesundheit billigend in Kauf. Der Umstand, dass der
Beschuldigte die Verletzung nicht direkt angestrebt oder gewollt haben
dürfte, steht der Annahme eines Eventualvorsatzes nicht entgegen.
Nichts zu seinen Gunsten kann der Beschuldigte daraus ableiten, dass er
gegenüber der Privatklägerin noch nie tätlich geworden sei und daher kein
Eventualvorsatz vorliege (vgl. Berufung vom 30. März 2022, S. 9). Dieser
Umstand ist, selbst wenn er sachverhaltlich erstellt wäre, für die Beurteilung
des subjektiven Tatbestands zum Tatzeitpunkt irrelevant. Das Ausbleiben
von Gewalttätigkeiten gegenüber einer Person während der letzten Jahre
kann schliesslich nicht als Indiz dafür gewertet werden, dass der
Beschuldigte im vorliegenden Fall bloss fahrlässig gehandelt haben soll.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-IV-9%3Ade&number_of_ranks=0#page9 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-IV-9%3Ade&number_of_ranks=0#page9 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F133-IV-1%3Ade&number_of_ranks=0#page1 https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F130-IV-58%3Ade&number_of_ranks=0#page58
- 11 -
3.3.3.
Der Beschuldigte macht in seiner Berufung im Hinblick auf die Tätlichkeiten
schliesslich sinngemäss Provokation und Retorsion geltend (vgl. Berufung
vom 30. März 2022, S. 7).
Die Voraussetzungen für die Annahme einer Retorsion gemäss Art. 177
Abs. 3 StGB sind - wie die Vorinstanz zutreffend ausführt - nicht erfüllt (vgl.
vorinstanzliches Urteil, E. 1, S. 12). Es ist weder ersichtlich noch wird
geltend gemacht, dass die Privatklägerin den Beschuldigten körperlich
angegriffen respektive vor der Tätlichkeit beschimpft haben soll. Das blosse
Verweigern der Herausgabe des (eigenen) Handys begründet weder eine
Retorsion noch stellt dies eine Provokation im Sinne des Gesetzes dar.
Gesamthaft sind die Voraussetzungen einer Strafbefreiung daher nicht
gegeben.
4.
Zusammenfassend hat sich der Beschuldigte der sexuellen Belästigung
i.S.v. Art. 198 Abs. 2 StGB sowie der Tätlichkeiten i.S.v. Art. 126 Abs. 1
StGB schuldig gemacht, womit seine Berufung abzuweisen ist.
5.
Die Ausführungen der Vorinstanz betreffend die Strafzumessung erweisen
sich als durchwegs sachlich zutreffend, weshalb auf diese verwiesen
werden kann (vgl. vorinstanzliches Urteil, E. 2.4., S. 14; vgl. Art. 82 Abs. 4
StPO). Im Übrigen wurde die Strafzumessung seitens des Beschuldigten
im Berufungsverfahren auch nicht beanstandet.
6.
6.1.
Die Parteien tragen die Kosten des Berufungsverfahrens nach Massgabe
ihres Obsiegens und Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte
unterliegt mit seinen Anträgen auf Freisprüche, weshalb ihm die Kosten des
Berufungsverfahrens aufzuerlegen sind.
6.2.
Der Beschuldigte hat ausgangsgemäss die Kosten seiner freigewählten
Verteidigung im Berufungsverfahren selbst zu tragen (Art. 436 Abs. 1 i.V.m.
Art. 429 Abs. 1 StPO e contrario).
7.
Fällt die Berufungsinstanz selber einen neuen Entscheid, so befindet sie
darin auch über die von der Vorinstanz getroffene Kostenregelung.
Da es bei der Verurteilung des Beschuldigten bleibt, drängt sich an den
erstinstanzlich verlegten Kosten- und Entschädigungsfolgen keine Ände-
rung auf.
- 12 -
8.
Tritt das Berufungsgericht, wie vorliegend, auf die Berufung ein, so fällt es
ein neues Urteil, welches das erstinstanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO,
Art. 81 StPO). Das ist auch der Fall, wenn eine Berufung abgewiesen wird
(Urteil des Bundesgerichts 6B_761/2017 vom 17. Januar 2018 E. 4 mit Hin-
weisen; BGE 141 IV 244 E. 1.3.3.3).