Decision ID: ea3d7a52-f31b-4693-aa4a-3f9dcf2a0fc4
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Beschwerdeführerin,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
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St.Galler Gerichte
Ergänzungsleistung zur AHV
Sachverhalt:
A.
A.a B._, Jahrgang 1967, meldete sich am 11. Februar 2010 bei der AHV-Zweigstelle
A._ erneut zum Bezug von Ergänzungsleistungen (EL) zur Witwenrente der AHV an
(Doss. A EL-act. 7). Mit Verfügung vom 1. April 2010 wies die EL-Durchführungsstelle
der Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen (SVA) den EL-Anspruch ab 1.
Februar 2010 unter Anrechnung eines Verzichtseinkommens in der Höhe von Fr.
17'736.- ab (Doss. A EL-act. 4).
A.b Gegen die Verfügung vom 1. April 2010 erhob die Versicherte am 14. April 2010
Einsprache. Die Einsprache begründete sie im Wesentlichen damit, dass sie als Witwe
mit einem minderjährigen Kind keiner Arbeit nachgehen müsse. Es sei daher nicht
nachvollziehbar, weshalb ihr ein Verzichtseinkommen angerechnet worden sei (Doss.
A EL-act. 2).
A.c Mit Einspracheentscheid vom 11. Juni 2010 wies der Rechtsdienst der SVA die
Einsprache in Vertretung der EL-Durchführungsstelle ab. Die Versicherte habe sich im
Januar 2009 erstmals zum Bezug von EL angemeldet. Damals habe sie bei der
Anmeldung angegeben, dass sie ihre 80%ige Erwerbstätigkeit per Ende 2008
aufgegeben habe. Die EL-Durchführungsstelle habe den EL-Anspruch unter
Anrechnung des zuletzt erzielten Nettojahresverdienstes von Fr. 30'010.- abgelehnt.
Diese Verfügung sei unangefochten in Rechtskraft erwachsen. Auch Witwen mit
minderjährigen Kindern oder einer invaliden Witwe sei ein hypothetisches Einkommen
anzurechnen. Im Einzelfall könne es einer Witwe mit minderjährigen Kindern durchaus
zumutbar und möglich sein, zumindest einer Teilzeitarbeit nachzugehen. Die
Einsprecherin habe ihre Arbeitsstelle mit einem Pensum von 80% bei der C._ per
Ende 2008 gekündigt. Die Kündigung habe sie mit Erziehungsproblemen des damals
15-jährigen Sohns D._ begründet. Es sei jedoch nicht ersichtlich, dass sie alles
Denkbare unternommen habe, um die angeblichen Probleme mit dem Sohn in den Griff
zu bekommen. Ein Jugendlicher im Alter von 15 Jahren benötige zudem keine
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zeitintensive Elternbetreuung mehr. Es sei daher nicht vorstellbar, dass die Versicherte
nicht in der Lage gewesen sein sollte, ihr Teilzeitpensum weiterhin auszuüben, zumal
nach der Aktenlage nicht auszuschliessen sei, dass der Arbeitgeber der Versicherten
für eine befristete Zeit einem reduzierten Pensum zugestimmt hätte. Aus diesen
Gründen könne nicht davon ausgegangen werden, dass es der Versicherten nicht mehr
zumutbar und möglich gewesen sein sollte zu arbeiten. Demnach sei ein
Einkommensverzicht nach Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG anzunehmen. Bei der Höhe des
Verzichtseinkommens sei vom Bruttojahreslohn 2008 in der Höhe von Fr. 33'103.-
auszugehen. Nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge und Berücksichtigung der
Privilegierung ergebe sich ein anrechenbares Nettoeinkommen von Fr. 19'008.- und
somit ein Einnahmenüberschuss von Fr. 2'119.-. Die angefochtene Verfügung sei im
Ergebnis nicht zu beanstanden (G act. 1.1).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die Beschwerde vom 23. Juni 2010.
Die Versicherte beantragt sinngemäss die Aufhebung des Einspracheentscheids und
die Zusprache von EL. Die Erwerbsaufgabe Ende 2008 sei begründet gewesen. Zudem
bemühe sie sich jetzt aktiv um Arbeit und absolviere auch sporadisch temporäre
Einsätze. Die EL-Berechnung habe daher ohne Anrechnung eines hypothetischen
Einkommens zu erfolgen. Zudem habe sie entgegen der Auffassung der
Beschwerdegegnerin bereits ab 2003 EL erhalten. Den Arbeitsversuch im Jahre 2008
habe sie aus familiären und gesundheitlichen Gründen beenden müssen. Der EL-Bezug
von 2003 bis 2008 sei ohne Anrechnung eines hypothetischen Einkommens erfolgt.
Nichtinvaliden Witwen ohne minderjährige Kinder in ihrem Alter würde laut Gesetz ein
hypothetisches Einkommen von Fr. 18'720.- angerechnet. Es entspreche einer
stossenden Rechtsungleichheit und massiven Schlechterstellung, wenn ihr als Witwe
mit einem minderjährigen Kind ein fast doppelt so hohes hypothetisches Einkommen
angerechnet werde. Die Erwerbsaufgabe Ende 2008 sei nicht alleine wegen der
Erziehungssituation ihres Sohnes D._, sondern auch wegen einer allgemeinen
Überforderung und gesundheitlicher Beschwerden erfolgt. So sei sie unter anderem
aufgrund einer Hallux-Operation mehrere Monate arbeitsunfähig gewesen. Sodann
seien die Erziehungsprobleme entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin sehr
wohl angegangen worden. Dass diese bestanden hätten und weiterhin bestehen
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würden, zeige die Errichtung einer Erziehungsbeistandschaft für ihren Sohn, dessen
zweimaliger Aufenthalt in der Time out Schule, zwei Verfahren bei der JUGA sowie die
von der JUGA angeordnete sozialpädagogische Familienbegleitung (G act. 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 1. Juli 2010 bestätigt die Beschwerdegegnerin, dass
die Beschwerdeführerin bereits von Dezember 2003 bis September 2008 EL bezogen
habe. Aufgrund der Aufnahme der Erwerbstätigkeit bei der C._ seien die EL
eingestellt und im Zeitraum Januar 2008 bis September 2008 zu viel bezogene EL in
der Höhe von Fr. 9'216.- zurückgefordert worden. Sodann habe die
Beschwerdeführerin ihre Behauptung, dass sie grundsätzlich mit der Erwerbsarbeit
überfordert gewesen sei, nicht durch Beweismittel belegen können. Aus Sicht der EL-
Durchführungsstelle habe trotz der glaubhaft schwierigen Situation kein zwingender
Grund für die Aufgabe der Erwerbstätigkeit bestanden. Es werde daher am
Einspracheentscheid festgehalten (G act. 3).
B.c Die Beschwerdeführerin verzichtet sinngemäss auf ein Replik (G act. 4, 5).

Erwägungen:
1.
1.1 Strittig und vorliegend zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin nach der Neuanmeldung vom Februar 2010 zu Recht ein
Verzichtseinkommen angerechnet hat. Die restlichen Positionen der EL-Berechnung
sind nicht umstritten.
1.2 Die jährliche EL entspricht dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben die
anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG; Art. 3a Abs. 1 aELG). Die
anerkannten Ausgaben und die anrechenbaren Einnahmen, worin in bestimmtem
Umfang auch das Vermögen einbezogen ist, werden nach den in Art. 10 und 11 ELG
(Art. 3b und 3c aELG) sowie Art. 11 bis 18 der Verordnung über die
Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (ELV; SR 831.301) festgelegten Bestimmungen
ermittelt. Als Einnahmen anzurechnen sind nach Art. 11 Abs. 1 ELG (Art. 3c Abs. 1
aELG) unter anderem Einkünfte, auf die verzichtet worden ist (lit. g). Eine
Verzichtshandlung liegt vor, wenn die versicherte Person ohne rechtliche Verpflichtung
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auf Vermögen verzichtet hat, wenn sie einen Rechtsanspruch auf bestimmte Einkünfte
und Vermögenswerte hat, davon aber faktisch nicht Gebrauch macht bzw. ihre Rechte
nicht durchsetzt oder wenn sie aus von ihr zu verantwortenden Gründen von der
Ausübung einer möglichen und zumutbaren Erwerbstätigkeit absieht (EVGE P 18/02
vom 9. Juli 2002; BGE 121 V 205 Erw. 4a; AHI 2001 S. 133 Erw. 1b).
1.3 Haben nichtinvalide Witwen zwischen dem 41. und dem 50. Altersjahr keine
minderjährigen Kinder (mehr), wird ihnen nach Art. 14b lit. b der Verordnung über
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV;
SR 831.301) als Erwerbseinkommen mindestens der Höchstbetrag für den
Lebensbedarf von Alleinstehenden nach Art. 10 Abs. 1 lit. a Ziff. 1 ELG angerechnet
(2010: Fr. 18'750.-). Hierbei handelt es sich um eine gesetzliche Vermutung, die im
Einzelfall widerlegt werden kann. Sie hat eine Umkehr der objektiven Beweislast zur
Folge. Gelingt es der EL-ansprechenden Witwe nicht, die Unmöglichkeit, eine
zumutbare Tätigkeit auszuüben, zu beweisen, wird ihr das ihrem Alter entsprechende
Pauschaleinkommen gemäss lit. a bis c angerechnet. Im Rahmen von Art. 14b ELV hat
die EL-Durchführungsstelle nicht von sich aus nach Umständen zu forschen, die der
Erzielung des hypothetischen Einkommens entgegenstehen. Bringt die versicherte
Person jedoch vor, sie sei nicht in der Lage, ein entsprechendes Einkommen zu
erzielen, hat die Verwaltung abzuklären, ob die angegebenen Gründe die Vermutung
umzustossen vermögen (m.w.H. Urs Müller, Rechtsprechung des Bundesgerichts zu
den EL, 2. Aufl., Zürich 2006, Rz. 493 und 501).
2.
2.1 Die Beschwerdeführerin machte im Einspracheverfahren geltend, dass sie als
Witwe mit einem minderjährigen Kind gesetzlich nicht verpflichtet sei, einer Arbeit
nachzugehen. Offensichtlich bezieht sie sich dabei sinngemäss auf Art. 14b ELV. Der
Einleitungssatz des Art. 14b ELV nennt nur die nichtinvaliden Witwen ohne
minderjährige Kinder. Daraus könnte der Schluss gezogen werden, dass sich der
Anwendungsbereich des Art. 14b ELV auf diese Versichertenkategorie beschränke, so
dass auf die invaliden Witwen und auf die Witwen mit minderjährigen Kindern direkt
Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG zur Anwendung gelange. Trotz der missverständlichen
Formulierung ist damit aber gemeint, dass invaliden Witwen und Witwen mit
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minderjährigen Kindern kein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen sei. Art.
14b ELV nimmt also die invaliden Witwen und die Witwen mit minderjährigen Kindern
vom Anwendungsbereich des Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG aus. Diesen Witwen kann nur
gestützt auf Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG ein effektives Einkommen angerechnet werden
(Ralph Jöhl, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, in: SBVR XIV, Soziale Sicherheit, Basel
2007, S. 1771, Rz. 195). Diese Auffassung vertritt auch das Bundesamt für
Sozialversicherungen (BSV). In der Rz. 2084.5 zur Wegleitung über die
Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (WEL, Stand 1. Januar 2010) wird explizit
festgehalten, dass Witwen mit minderjährigen Kindern kein hypothetisches
Mindesteinkommen anzurechnen sei. Offensichtlich war es die Absicht des
Verordnungsgebers, für diese Kategorie von Versicherten eine Ausnahmestellung zu
schaffen. Die Beschwerdeführerin durfte somit davon ausgehen, dass ihr trotz der
Aufgabe ihrer 80%igen Tätigkeit kein Verzichtseinkommen angerechnet wird, zumal ihr
während ihres EL-Bezugs in den Jahren 2003 bis 2008 jeweils kein
Verzichtseinkommen angerechnet wurde, obwohl sich ihre beiden Söhne (E._,
Jahrgang 1989 und D._, Jahrgang 1993) bereits damals in einem Alter befanden, in
dem die Aufnahme (zumindest) einer Teilzeitarbeit grundsätzlich zumutbar gewesen
wäre (Doss. B EL act. 6, 10-3, 13-3, 18-3, 19-3). Zusammenfassend ist festzuhalten,
dass der Beschwerdeführerin kein Verzichtseinkommen anzurechnen ist. Die
Beschwerde erweist sich daher als begründet.
2.2 Anzufügen ist, dass folgerichtig bereits die Abweisungsverfügung vom 6. Mai 2009
rechtsfehlerhaft war (Doss. A EL-act. 13). Diese Verfügung erwuchs jedoch
unangefochten in Rechtskraft und ist nicht Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens.
Der Beschwerdeführerin steht es jedoch offen, bei der Beschwerdegegnerin ein
Wiedererwägungsgesuch zu stellen.
2.3 Im Sinne eines obiter dictum ist zu erwähnen, dass es durchaus fraglich ist, ob die
in Art. 14b ELV enthaltene Regelung, die es ausschliessen will bei nichtinvaliden
Witwen mit minderjährigen Kindern den Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG anzuwenden und ein
hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen, nicht gesetzeswidrig ist (vgl. Ralph
Jöhl, a.a.O., S. 1771, Rz. 195). Doch selbst wenn man dieser Auffassung folgen würde,
wäre in vorliegendem Fall (zumindest einstweilen) von der Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens abzusehen, sodass die Frage der
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Gesetzmässigkeit der Verordnungsbestimmung offen gelassen werden kann. Es kann
von der Beschwerdeführerin
– insbesondere auch nach dem Leistungsbezug ohne Anrechnung eines
hypothetischen Einkommens in den Jahren 2003 bis 2008 – nicht erwartet werden,
dass sie eine allfällige Gesetzeswidrigkeit hätte erkennen können. Wenn die
Beschwerdegegnerin nun die Auffassung vertritt, dass auch Witwen mit minderjährigen
Kindern ein hypothetisches Einkommen anzurechnen ist, hätte sie zunächst ein Mahn-
und Bedenkzeitverfahren im Sinn von Art. 21 Abs. 4 Satz 2 ATSG durchführen müssen.
Sodann wären im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes von Art. 43 Abs. 1 Satz
ATSG spätestens im Beschwerdeverfahren, als die Beschwerdeführerin ihre Gründe für
die Aufgabe ihrer Erwerbstätigkeit substantiiert dargelegt hat, weitere Abklärungen
betreffend Zumutbarkeit der Weiterführung bzw. der Erziehungsprobleme vorzunehmen
gewesen. Dazu hätten ohne weiteres der zuständige Beistand bzw. die weiteren mit der
Familie der Beschwerdeführerin befassten Stellen befragt werden können. Ebenfalls
wäre die geltend gemachte gesundheitlich bedingte Arbeitsunfähigkeit zu überprüfen
gewesen.
3.
3.1 Gemäss den oben stehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung
des angefochtenen Einspracheentscheids gutzuheissen. Die Sache ist zur Berechnung
der EL ohne Anrechnung eines Verzichtseinkommens und zur anschliessenden
Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53