Decision ID: 2225ce89-d185-550f-b795-f2a2f128633c
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 8. März 2016 zum Bezug von Leistungen bei der IV-Stelle
an und gab als Grund eine rechtsseitige Lähmung, Schwindel und rechtsseitige
Kopfschmerzen an (IV-act. 1). Nach Einholung medizinischer Unterlagen und
mehrmaliger Nachfragen beim Hausarzt gab die IV-Stelle eine medizinische
Begutachtung in Auftrag (IV-act. 17 ff. und 33 ff., insbesondere RAD-Stellungnahme
vom 22. November 2016, IV-act. 36). Die Begutachtung erfolgte im April und Mai 2017
durch die ZVMB GmbH, MEDAS, in den Disziplinen Allgemeine Innere Medizin,
Neurologie, Neuropsychologie, Orthopädie, Pneumologie und Psychiatrie (IV-act. 40).
A.a.
Mit Gutachten vom 9. Oktober 2017 stellten die ZVMB-Gutachter folgende
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: leichte Intelligenzminderung mit
kognitiven Defiziten, akzentuiert im Rahmen einer psychischen oder somatischen
Erkrankung, sowie undifferenzierte Somatisierungsstörung. In einer angepassten
Tätigkeit, das heisse in einer kognitiv sehr einfachen, repetitiven, seriellen Arbeit mit
vermindertem Zeitdruck, wenig Entscheidungsspielraum, deutlich verlängerten
Einarbeitungszeiten und vermehrten Pausen, betrage die Arbeitsfähigkeit der
Versicherten mindestens 90%, wobei die maximal 10%ige Minderung sich durch leicht
vermehrten Pausenbedarf begründe (IV-act. 43-24). Die Haushaltstätigkeit sei ideal
adaptiert (IV-act. 43-25).
A.b.
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Mit Stellungnahme vom 11. Oktober 2017 hielt der RAD-Arzt Dr. B._ fest, das
ZVMB-Gutachten entspreche den versicherungsmedizinischen Anforderungen, sodass
darauf abgestellt werden könne (IV-act. 44).
A.c.
Auf Nachfrage der IV-Stelle teilten die Sozialen Dienste C._ am 26. Oktober
2017 mit, wenn die Versicherte keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen hätte,
würde das Sozialamt eine möglichst hohe Erwerbstätigkeit, mithin ein Pensum von
100% von ihr verlangen, da die Kinder schulpflichtig seien und über Mittag betreut
werden könnten (IV-act. 47).
A.d.
Mit Vorbescheid vom 30. Oktober 2017 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung ihres Leistungsgesuchs in Aussicht (IV-act. 49).
A.e.
Dagegen erhob die Versicherte, vertreten durch D._, am 28. November 2017
Einwand. Sie machte geltend, sie habe stets weit unterdurchschnittliche Einkommen
erzielt, auch im Beruf als Coiffeuse, in dem sie eine Anlehre absolviert habe. Im ersten
Arbeitsmarkt habe sie nie wirklich reüssieren können. Wenn sie gesund wäre, würde sie
100% arbeiten, sodass sie als Vollerwerbstätige zu qualifizieren sei (IV-act. 53).
A.f.
Auf diesen Einwand hin veranlasste die IV-Stelle eine berufliche Abklärung (IV-
act. 55 ff.). Im Rahmen dieser Abklärung war die Versicherte bereit, eine Anstellung in
einem 50%-Pensum zu suchen (IV-act. 75-2). Am 6. Juli 2018 hielt die
Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle fest, nach Anfangsschwierigkeiten habe
sich die Versicherte auf den Bewerbungsprozess einlassen können. Bis sie den
Durchblick gehabt habe, sei sie überfordert gewesen und habe sich durch Korrekturen
persönlich angegriffen gefühlt. Im Verlauf der Zeit sei es besser gelaufen. Die
Versicherte könne sich nun selbständig bewerben (IV-act. 75-5). Mit Vorbescheid vom
9. Juli 2018 stellte die IV-Stelle der Versicherten den Abschluss der beruflichen
Massnahmen in Aussicht (IV-act. 77). Mit Verfügung vom 24. September 2018 wies sie
das Gesuch um (weitere) berufliche Massnahmen ab (IV-act. 80).
A.g.
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren (IV-act. 84 ff.) wies die IV-Stelle das
Rentenbegehren der Versicherten mit Verfügung vom 22. März 2019 ab. Zur
Begründung führte sie aus, gemäss ihren Abklärungen würde die Versicherte im
Gesundheitsfall aufgrund ihrer Betreuungspflichten einer 50%-Erwerbstätigkeit
A.h.
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B.
nachgehen. Sie habe bisher überwiegend in einem Teilzeitpensum gearbeitet und sei
Mutter zweier schulpflichtiger Kinder, wobei die Betreuung durch Drittpersonen nach
eigenen Angaben nicht möglich sei. Folglich würden die restlichen 50% in das
Aufgabengebiet der Haushaltsführung entfallen. Deshalb sei die gemischte Methode
anzuwenden. Für angepasste Tätigkeiten würde eine Arbeitsfähigkeit von 90%
bestehen. Die Versicherte habe die Ausbildung zur Coiffeuse erfolgreich abschliessen
können und damit bewiesen, dass keine Geburtsinvalidität vorliege. Im
Aufgabenbereich bestünden keine relevanten Einschränkungen. Es resultiere ein
Invaliditätsgrad von 5% (IV-act. 89).
Gegen diese Verfügung erhebt A._ am 9. Mai 2019 Beschwerde. Sie beantragt,
ihr sei eine Invalidenrente zuzusprechen. Eventualiter sei die Angelegenheit an die
Beschwerdegegnerin zu weiteren Abklärungen zurückzuweisen. Ihr sei die
unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Allfällige Verfahrenskosten seien der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Sie bringt vor, sie habe einen Intelligenzquotienten
von 66. Deshalb sei es ihr nur möglich gewesen, eine Anlehre als Coiffeuse zu
absolvieren. Sie habe lediglich sehr kurze Zeit in diesem Beruf gearbeitet, danach
ebenfalls nur während jeweils sehr kurzen Zeitperioden in diversen Hilfstätigkeiten. Es
sei ihr nicht möglich gewesen, eine Festanstellung aufrechtzuerhalten. Seit 2009 sei sie
gar nicht mehr erwerbstätig. Aufgrund ihrer Intelligenzminderung habe sie keine
gleichwertige Ausbildung wie eine gesunde Person durchlaufen können. Ihre berufliche
Karriere entspreche somit einer Invalidenkarriere, sodass das Valideneinkommen
gemäss der Berechnung für Frühinvalide zu erhöhen sei. Sie sei alleinerziehend und
ihre Kinder seien nur noch teilweise auf ihre Betreuung angewiesen. In der Schule
könnten sie den Mittagstisch besuchen und nach der Schule in den Kinderhort gehen.
Für die Betreuung wäre somit gesorgt und sie wäre finanziell auf ein volles
Arbeitspensum angewiesen. Gemäss dem neuropsychologischen Gutachten würde für
sie nur der geschützte Rahmen in Frage kommen (act. G1).
B.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 3. Juli 2019 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung gibt sie im Wesentlichen an, gemäss
dem Gutachten vom 9. Oktober 2017 bestehe in einer angepassten Tätigkeit eine
B.b.
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Erwägungen
1.
Arbeitsfähigkeit von 90%. Dabei würden die Gutachter von einer Tätigkeit im ersten
Arbeitsmarkt ausgehen. Eine Erhöhung des Valideneinkommens komme nicht in Frage,
da die Beschwerdeführerin eine Ausbildung abgeschlossen habe und kein
Geburtsgebrechen vorliege. Bezüglich Arbeitspensums im Gesundheitsfall sei die
sogenannte Aussage der ersten Stunde in der Regel zuverlässiger.
Am 4. Juli 2019 bewilligt die verfahrensleitende Versicherungsrichterin das Gesuch
um unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten; act. G6).
B.c.
Mit Replik vom 29. August 2019 betont die Beschwerdeführerin, im
Gesundheitsfall würde und müsste sie 100% arbeiten. Das Sozialamt hätte im
Gesundheitsfall bei einer 100%igen Anstellung die volle Kinderbetreuung übernommen.
Zudem sei die Frage eines hypothetischen Pensums als Gesunde schwierig zu
verstehen. Aufgrund ihrer Minderintelligenz sei sie gar nie gesund gewesen. Ihre
Arbeitsbiographie zeige klar auf, dass bei ihr eine Invalidenkarriere bestehe (act. G8).
B.d.
Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik (act. G9 und G10).B.e.
Anspruch auf eine Rente haben gemäss Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über
die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) versicherte Personen, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern
können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40% arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40% invalid sind. Als Invalidität gilt laut Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich
die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
1.1.
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2.
Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist
(Art. 7 Abs. 2 ATSG).
Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die
versicherte Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie
mindestens zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht
ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40%
ein Anspruch auf eine Viertelsrente. Der Rentenanspruch entsteht frühestens nach
Ablauf von sechs Monaten nach Geltendmachung (vgl. Art. 29 Abs. 1 IVG).
1.2.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung (und im
Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen des Experten begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a mit
Hinweisen).
1.3.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit Hin
weisen).
1.4.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, ihre Arbeitsfähigkeit sei auf dem ersten
Arbeitsmarkt nicht verwertbar, sondern höchstens in einem geschützten Rahmen. Sie
verweist in diesem Zusammenhang explizit auf einen Auszug aus dem
neuropsychologischen Gutachten, wo es heisst: "Vergliche man das aktuelle
Leistungsniveau mit einer normalintelligenten Person, dann wäre der Schweregrad
schwerer; man käme bei einer Person, die noch keine Arbeitserfahrung hat, mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit zum Schluss, dass neben den aufgezeigten
Anpassungen in einem sehr wohlwollenden Umfeld, gar ein geschützter Rahmen dem
Leiden angepasst wäre" (IV-act. 43-61).
2.1.
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Diese Ausführungen des neuropsychologischen Gutachters müssen indes in ihrem
Kontext gelesen werden. Betreffend Schweregrad, der bei einer normal intelligenten
Person schwerer wäre, hatte dieser ausgeführt, die objektivierten Defizite
(Akzentuierung kognitiver Einschränkungen im Rahmen einer psychischen /
somatischen Erkrankung), zusammen mit den klinischen Auffälligkeiten, seien vor dem
Hintergrund des stabilen prämorbiden Leistungsniveaus (ICD-10 F70: leichte
Intelligenzminderung, mit kognitiven Defiziten in den Bereichen Aufmerksamkeit,
Gedächtnis, Exekutivfunktionen, Sprache und Rechnen) als leicht einzustufen (IV-
act. 43-60). Mit anderen Worten ist die kognitive Einschränkung vorliegend weitgehend
der Minderintelligenz geschuldet und durch die undifferenzierte Somatisierungsstörung
(Schmerzerleben der Beschwerdeführerin) nur akzentuiert. Würde keine
Minderintelligenz vorliegen, so würden die Testergebnisse auf eine schwerere kognitive
Einschränkung durch die psychischen / somatischen Erkrankungen hindeuten. Da die
Intelligenzminderung indes unstreitig besteht, ist diese Anmerkung des
neuropsychologischen Gutachters rein hypothetisch.
2.2.
Der neuropsychologische Gutachter führte sodann aus, kognitiv sehr einfache,
repetitive Arbeiten, mit vermindertem Zeitdruck und wenig Entscheidungsspielraum
seien der Beschwerdeführerin unter Berücksichtigung von deutlich verlängerten
Einarbeitungszeiten und einem vermehrten Pausenbedarf möglich. Bei einer allfälligen
Umschulung müsse ebenfalls auf deutlich verlängerte Lern- und Einarbeitungszeiten
geachtet werden. Unter solchen idealen Bedingungen sollte ein normales Rendement
bei üblichen Präsenzzeiten möglich sein (IV-act. 43-61). Dieser Aussage kann
entnommen werden, dass der neuropsychologische Gutachter gar von einer vollen,
100%igen Arbeitsfähigkeit in einer ideal adaptierten Tätigkeit ausgeht (normales
Rendement bei üblichen Präsenzzeiten möglich, IV-act. 43-61). Erst im Rahmen der
interdisziplinären medizinischen Beurteilung wurde in der Gesamtschau aller Befunde
von einer leicht tieferen Arbeitsfähigkeit ausgegangen ("mindestens 90% integral" /
"die maximal 10% AF-Minderung begründet sich durch leicht vermehrten
Pausenbedarf", IV-act. 43-24). Ausserdem lässt sich den Feststellungen des
neuropsychologischen Gutachters auch entnehmen, dass er eine Umschulung für
möglich hält, sofern der Beschwerdeführerin verlängerte Lern- und Einarbeitungszeiten
zugestanden würden. Somit war der neuropsychologische Gutachter der Ansicht, die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin sei auf dem ersten Arbeitsmarkt verwertbar,
denn für eine Tätigkeit in einem geschützten Rahmen wird keine Umschulung benötigt.
2.3.
Soweit der neuropsychologische Gutachter schrieb, dass ein sehr wohlwollendes
Umfeld, gar ein geschützter Rahmen dem Leiden angepasst wäre, bezieht er sich auf
2.4.
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3.
den hypothetischen Sachverhalt einer Person ohne Arbeitserfahrung. Vorliegend
verfügt die Beschwerdeführerin jedoch über Arbeitserfahrung. Insofern bleiben diese
Ausführungen des neuropsychologischen Gutachters ohne praktische Relevanz. In der
Konsensbeurteilung wird denn auch explizit von einer angepassten Tätigkeit auf dem
ersten Arbeitsmarkt gesprochen (vgl. etwa IV-act. 43-24).
Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie habe stets weit unterdurchschnittliche
Einkommen erzielt, auch als Coiffeuse. Im ersten Arbeitsmarkt habe sie gar nie wirklich
reüssieren können. Es liege daher eine Frühinvalidität vor.
3.1.
Geburts- und Frühinvalide im Sinn von Art. 26 Abs. 1 der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) sind Versicherte, die seit ihrer Geburt oder
Kindheit einen Gesundheitsschaden aufweisen und deshalb keine zureichenden
beruflichen Kenntnisse erwerben konnten. Darunter fallen all jene Personen, welche
infolge ihrer Invalidität überhaupt keine Berufsausbildung absolvieren können. Ebenso
gehören dazu Versicherte, welche zwar eine Berufsausbildung beginnen und allenfalls
auch abschliessen, zu Beginn der Ausbildung jedoch bereits invalid sind und mit dieser
Ausbildung nicht dieselben Verdienstmöglichkeiten realisieren können wie eine
nichtbehinderte Person mit derselben Ausbildung (Urteile des Bundesgerichts vom
12. September 2019, 8C_291/2019, E. 5.2 und vom 19. Februar 2015, 9C_611/2014, E.
3.2; Kreisschreiben über Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung [KSIH],
Stand: 1. Januar 2018, Rz 3035).
3.2.
Als Erwerb von „zureichenden beruflichen Kenntnissen“ ist die abgeschlossene
Berufsausbildung zu betrachten, sofern sie der versicherten Person praktisch die
gleichen Verdienstmöglichkeiten eröffnet wie Nichtbehinderten mit der gleichen
(ordentlichen) Ausbildung. Dazu gehören auch Anlehren, wenn sie auf einem
besonderen, der Invalidität angepassten Bildungsweg ungefähr die gleichen
Kenntnisse vermitteln wie eine eigentliche Lehre oder ordentliche Ausbildung und den
Versicherten in Bezug auf den späteren Verdienst praktisch die gleichen Möglichkeiten
eröffnen (KSIH, Rz 3037 mit Hinweisen).
3.3.
Intelligenzminderungen werden nach dem Klassifikationssystem ICD-10 in leichte
(Intelligenzquotient [IQ] 69 bis 50), mittelgradige (IQ 49 bis 35), schwere (IQ 34 bis 20)
und schwerste (IQ weniger als 20) Fälle eingeteilt (ICD-10 F.70 bis F.73; vgl. auch
Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 267. Aufl. 2017, S. 881). Nach konstanter
Rechtsprechung wird heute bei einem IQ von 70 und höher ein
invalidenversicherungsrechtlich massgeblicher Gesundheitsschaden verneint.
3.4.
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Demgegenüber kann ein IQ unterhalb dieses Werts zu einer verminderten
Arbeitsfähigkeit führen. Auch diesfalls ist jedoch stets eine objektive Beschreibung der
Auswirkungen der festgestellten Intelligenzminderung der versicherten Person auf ihr
Verhalten, die berufliche Tätigkeit, die normalen Verrichtungen des täglichen Lebens
und das soziale Umfeld erforderlich. Zudem kommt es nicht nur auf die Höhe des IQ
oder die gestellte Diagnose, sondern stets auf die Gesamtheit der gesundheitlichen
Beeinträchtigungen, mithin auf die Auswirkungen einer Erkrankung auf die
Arbeitsfähigkeit an (BGE 136 V 279 E. 3.2.1 und Urteil des Bundesgerichts vom
11. Februar 2019, 8C_608/2018, E. 5.2, je mit Hinweisen).
Auch stellt sich in jedem Einzelfall die Frage, inwiefern sich der Intelligenzmangel
im Zusammenspiel mit weiteren gesundheitsbedingten Einbussen konkret auf die
zumutbarerweise mögliche Leistungserbringung auswirkt. So kann etwa eine
Kombination von Beeinträchtigungen auf somatischer, psychischer und geistiger
Ebene dazu führen, dass eine versicherte Person selbst mit professioneller
Unterstützung keine hinreichenden beruflichen Kenntnisse erwerben und eine
längerdauernde Anstellung halten kann (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 25. Mai
2018, 8C_189/2018, E. 4.2.3). Umgekehrt führt eine leichte Intelligenzminderung, wie
erwähnt, für sich allein nicht zwingend zu einer IV-relevanten Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit. Gemäss ICD-10 können viele Erwachsene mit einer leichten
Intelligenzminderung arbeiten, gute soziale Beziehungen unterhalten und ihren Beitrag
zur Gesellschaft leisten (ICD-10 F70).
3.5.
Vorliegend war die Beschwerdeführerin trotz ihrer Intelligenzminderung in der
Lage, ohne Unterstützung der Invalidenversicherung eine Anlehre als Coiffeuse in der
vorgegebenen Zeit mit einer guten Note abzuschliessen, dies im Alter von 18 Jahren
und damit nicht erkennbar zeitlich verzögert (Abschlussnote 5,0; IV-act. 15). Dies ist
umso beachtlicher, als sie erst im Alter von etwa _ Jahren in die Schweiz gekommen
ist und neben ihrer G._ Schulbildung über keine schweizerische Schulbildung
verfügt. In ihrer Heimat G._ hatte sie, soweit bekannt, keine wesentlichen Probleme
in der Schule. Nach eigenen Angaben ging sie etwas früher von der Schule ab, weil ihr
Vater sie in die Schweiz nachzog. Nachdem sie mit etwa _ Jahren in die Schweiz
gekommen war, musste sie zuerst die deutsche Sprache erlernen, bevor sie die
Anlehre beginnen konnte. Dies gelang ihr im Rahmen eines Deutschkureses, wenn
auch ihr Wortschatz einfach ist und sie im mündlichen Ausdruck einen starken
asiatischen Akzent präsentiert (vgl. IV-act. 43-7, 43-9, 43-54 und 43-59). Die
absolvierte Anlehre ermöglichte der Beschwerdeführerin, als Coiffeuse zu arbeiten, und
eröffnete ihr somit praktisch vergleichbare Verdienstmöglichkeiten wie einer Person,
3.6.
https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/de/php/aza/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_date=&sort=relevance&insertion_date=&top_subcollection_aza=all&query_words=&rank=0&azaclir=aza&highlight_docid=atf%3A%2F%2F136-V-279%3Ade&number_of_ranks=0#page279
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welche eine Lehre in diesem Bereich abgeschlossen hat. Dies spricht gegen das
Vorliegen einer Frühinvalidität. Die von der Beschwerdeführerin geltend gemachten
physischen Gesundheitsbeschwerden bzw. die von den Gutachtern diagnostiziert
undifferenzierte Somatisierungsstörung ist zudem nach der Geburt ihres ersten Kindes
im Jahr 2008 erstmals aufgetreten, sodass diese gesundheitliche Beeinträchtigung
nicht zusammen mit der leichten Intelligenzminderung zu einer Arbeitsunfähigkeit vor
diesem Zeitpunkt führen konnte.
Die Beschwerdeführerin arbeitete bis zum 31. Dezember 1997 als Coiffeuse. Das
Coiffeuse-Diplom datiert vom 26. November 1997 (IV-act. 15 und 29). Demnach
handelt es sich bei dem von ihr erwähnten Einkommen im Beruf als Coiffeuse
weitgehend um Lehrlingslohn, der naturgemäss deutlich tiefer ist als der Lohn einer
ausgebildeten Fachkraft. Folglich kann aufgrund der Akten nicht festgestellt werden, ob
die Beschwerdeführerin als ausgebildete (angelernte) Coiffeuse ein
unterdurchschnittliches Einkommen erzielt hätte (vgl. hierzu auch Auszug aus dem
Individuellen Konto, IV-act. 8). Die Tätigkeit als Coiffeuse gab die Beschwerdeführerin
nicht etwa deshalb auf, weil sie damit überfordert oder ihre Arbeitgeberin nicht mit ihr
zufrieden gewesen wäre, vielmehr gab der Ausbildungsbetrieb das Geschäft auf (vgl.
IV-act. 43-54).
3.7.
Nach dem Verlust ihrer Coiffeuse-Stelle zeigte die Beschwerdeführerin eine –
angesichts der neuropsychologischen Einschätzung bemerkenswerte –
Anpassungsfähigkeit, indem sie in anderen Bereichen temporär arbeitete. Während
sich aus den Akten keinerlei Hinweise darauf ergeben, dass die Beschwerdeführerin in
diesen Tätigkeiten nicht die gewünschte Leistung erbracht hätte, erklären sich die
relativ tiefen Jahreseinkommen namentlich damit, dass es sich um temporäre und
teilzeitliche Anstellungen handelte und die Beschwerdeführerin auch immer wieder
ohne Beschäftigung war (vgl. IV-act. 8 und 29). Bei der E._ AG, wo die
Beschwerdeführerin im Jahr 2006 als Aushilfe im Versand gearbeitet hatte, war man
offenbar zufrieden mit ihren Leistungen und ihrem Verhalten gewesen, denn man hatte
ihr einen Arbeitsvertrag auf Abruf ab 1. Februar 2007 angeboten. Nachdem die
Beschwerdeführerin diesen nicht retournierte, kam es indes nicht zu einer
Weiterbeschäftigung (vgl. IV-act. 10-12).
3.8.
In den Akten findet sich sodann ein positives Arbeitszeugnis der F._, bei welcher
die Beschwerdeführerin im Rahmen eines Einsatzprogramms für erwerbslose Frauen
von August bis Dezember 2007 gearbeitet hatte. Darin heisst es unter anderem: "Dank
ihrem Interesse an der Arbeit und ihrer guten Auffassungsgabe lernte sie viel und
schnell (...). Die ihr übertragenen Arbeiten erledigte sie sehr sorgfältig und genau. Sie
3.9.
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4.
kann im Arbeitsprozess mitdenken. Der Umgang mit Material und Maschinen war sehr
sorgfältig. Gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern war sie stets zuvorkommend und
hilfsbereit. Wir schätzten [sie] als aufgestellte, lernbereite und pünktliche Teilnehmerin,
die auch Verantwortung übernahm. Im Team war sie gut integriert" (IV-act.29-4).
Nach dem Gesagten liegen keine Hinweise auf eine Frühinvalidität vor. Die
Beschwerdeführerin hat im Gegenteil bewiesen, dass sie trotz ihrer
Intelligenzminderung in der Lage war, verschiedenen beruflichen Tätigkeiten
nachzugehen. In den Akten finden sich keine Indizien dafür, dass frühere
Arbeitgeberinnen oder die Arbeitslosenversicherung an der Arbeitsfähigkeit der
Beschwerdeführerin zweifelten. Erst nach der Geburt ihrer Kinder in den Jahren 2008
und 2009 (vgl. act. G4.1) war sie dauerhaft nicht mehr erwerbstätig (vgl. IV-act. 8). Es
ist deshalb nicht von einer Frühinvalidität auszugehen.
3.10.
Gegen eine Frühinvalidität spricht auch das Ergebnis des ZVMB-Gutachtens, in
welchem der Beschwerdeführerin eine Arbeitsfähigkeit von mindestens 90% in einer
adaptierten Tätigkeit attestiert wird (IV-act. 43). Die Beschwerdeführerin selbst macht
geltend, ihr Gesundheitszustand habe sich gegenüber früheren Jahren verschlechtert.
Wird auf diese Behauptung der Beschwerdeführerin abgestellt, kann im Zeitpunkt der
Begutachtung keine höhere Arbeitsfähigkeit vorgelegen haben als in früheren Jahren.
Indem die Beschwerdeführerin eine Frühinvalidität und damit verbunden eine weiter
gehende Arbeitsunfähigkeit geltend macht, bestreitet sie also auch den Beweiswert
des ZVMB-Gutachtens.
4.1.
Dieses erfüllt indes die Beweisanforderungen gemäss der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung (vgl. hierzu E. 1.3 vorstehend). Insbesondere waren den ZVMB-
Gutachtern die Vorakten bekannt und alle Gutachter untersuchten die
Beschwerdeführerin persönlich. Dabei hatte diese Gelegenheit, ihre Beschwerden
ausführlich zu schildern. Die ZVMB-Gutachter hielten insbesondere ausdrücklich fest,
es würden Zeichen der Verdeutlichung bis teilweise Aggravation und eine negative
Antwortverzerrung vorliegen (IV-act. 43-25). So habe die Beschwerdeführerin
massivste Schmerzen auch während der Untersuchung angegeben (vgl. beispielhaft IV-
act. 43-9), aber in der Gesprächsführung keinerlei Schmerzverhalten gezeigt (vgl.
beispielhaft IV-act. 43-15). Die radiologische Diagnostik habe keine signifikante
degenerative Veränderung gezeigt und in der Labordiagnostik hätte kein Wirkspiegel
der von der Beschwerdeführerin angegebenen Medikamente festgestellt werden
können. Zudem merkten die Gutachter an, dass die Beschwerdeführerin keine
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/16
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5.
erkennbaren Anstrengungen hinsichtlich einer aktiven Behandlung der geklagten
Beschwerden unternehme (vgl. IV-act. 43-13 f. und 43-16). Insgesamt ist das ZVMB-
Gutachten für die streitigen Belange umfassend, in der Beurteilung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtend. Die
Schlussfolgerungen der Gutachter sind begründet. Die Beschwerdeführerin bemängelt
das Gutachten auch nicht konkret, insbesondere bringt sie keine Stellungnahmen von
Behandlern bei, welche gegen die Zuverlässigkeit des Gutachtens sprechen würden. In
Übereinstimmung mit dem ZVMB-Gutachten ist deshalb von einer mindestens
90%igen Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit sowohl aktuell wie auch
rückwirkend auszugehen.
Da die Beschwerdeführerin vorbringt, ihre Arbeitsfähigkeit sei auf dem ersten
Arbeitsmarkt nicht verwertbar, ist darauf hinzuweisen, dass für die Verwertung der
(Rest-)Arbeitsfähigkeit der hypothetisch ausgeglichene Arbeitsmarkt massgebend ist
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Nach der Rechtsprechung handelt es sich dabei um einen
theoretischen und abstrakten Begriff, der dazu dient, den Leistungsbereich der
Invalidenversicherung von demjenigen der Arbeitslosenversicherung abzugrenzen. Der
Begriff umschliesst einerseits ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen dem Angebot
von und der Nachfrage nach Stellen; anderseits bezeichnet er einen Arbeitsmarkt, der
von seiner Struktur her einen Fächer verschiedenartiger Stellen offen hält und zwar
sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen
wie auch hinsichtlich des körperlichen Einsatzes. Es kann daher nicht leichthin
angenommen werden, die verbliebene Leistungsfähigkeit sei unverwertbar. Nach
diesen Gesichtspunkten bestimmt sich im Einzelfall, ob die invalide Person die
Möglichkeit hat, ihre restliche Erwerbsfähigkeit zu verwerten, und ob sie ein
rentenausschliessendes Einkommen zu erzielen vermag oder nicht (Urteil des
Bundesgerichts vom 2. Dezember 2020, 8C_416/2020, E. 4; BGE 110 V 273 E. 4b;
ZAK 1991 S. 320 f. E. 3b).
5.1.
Daraus folgt, dass für die Invaliditätsbemessung nicht darauf abzustellen ist, ob
eine invalide Person unter den konkreten Arbeitsmarktverhältnissen vermittelt werden
kann, sondern darauf, ob sie die ihr verbliebene Arbeitskraft noch wirtschaftlich nutzen
könnte, wenn die verfügbaren Arbeitsplätze dem Angebot an Arbeitskräften
entsprechen würden (AHI-Praxis 6/1998 S. 291). Der ausgeglichene Arbeitsmarkt
umfasst auch sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Arbeitsangebote, bei welchen
Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen
können. Von einer Arbeitsgelegenheit kann dann nicht mehr gesprochen werden, wenn
5.2.
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6.
die zumutbare Tätigkeit nur in so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der
ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt, oder sie nur unter nicht
realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre
und das Finden einer entsprechenden Stelle daher von vornherein ausgeschlossen
erscheint (siehe zum Ganzen Urteil des Bundesgerichts vom 24. April 2012,
8C_869/2011, E. 4.3.5 mit Hinweisen).
Die Beschwerdeführerin ist in einer angepassten Tätigkeit zu mindestens 90%
arbeitsfähig und damit in quantitativer Hinsicht nicht wesentlich eingeschränkt. In
qualitativer Hinsicht kann sie kognitiv sehr einfache, repetitive, serielle Arbeit mit
vermindertem Zeitdruck, wenig Entscheidungsspielraum, deutlich verlängerten
Einarbeitungszeiten und vermehrten Pausen bewältigen (IV-act. 43-24). Sie ist damit
nicht derart gravierend eingeschränkt, dass geeignete Stellen auf dem ausgeglichenen
Arbeitsmarkt nicht mehr denkbar wären. Konkret zumutbar wären etwa Hilfsarbeiten im
Montage-, Sortierungs- und Verpackungsbereich oder bei der Kontrolle von Waren in
Produktionsbetrieben. Im Rahmen der beruflichen Massnahmen hatte die
Beschwerdeführerin sich denn auch für Stellen in der Produktion beworben (vgl. IV-
act. 68 ff.). Sie war auch bereits früher im Verpackungsbereich tätig (IV-act. 1-6). Somit
ist die (Rest-)Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin verwertbar.
5.3.
Die Beschwerdeführerin macht geltend, dass sie im Gesundheitsfall aus
finanziellen Gründen vollumfänglich erwerbstätig wäre (act. G1 und G8). Daher dürfe
der Invaliditätsgrad nicht nach der gemischten Methode berechnet werden.
6.1.
Soweit aus den Akten ersichtlich ist, hat die Beschwerdeführerin die Betreuung
und Erziehung ihrer Kinder stets als ihre erste Priorität gewertet. Seit deren Geburt war
sie nicht mehr erwerbstätig, auch nicht in einem kleinen Pensum (vgl. IV-act. 8 und
43-7). Im Rahmen der beruflichen Massnahmen der Invalidenversicherung strebte die
Eingliederungsverantwortliche für die Beschwerdeführerin ein Pensum von 70% an,
während die Beschwerdeführerin selbst aufgrund der Kinderbetreuung lediglich eine
Anstellung im Rahmen von 50% suchen wollte (vgl. IV-act. 75-2). Auch hat die
Beschwerdeführerin ihren Alltag und ihre Aktivitäten weitestgehend auf die Betreuung
ihrer Kinder ausgerichtet. Ihren Tagesablauf schilderte sie so, dass sie für die Kinder
das Frühstück mache, diese für die Schule richte, teilweise in die Schule begleite, dann
für diese koche, mit den Kindern zu Mittag esse, am Nachmittag mit ihnen bastle, auf
den Spielplatz oder zum Schwimmen gehe, mit ihnen das Kinderprogramm im
Fernsehen schaue, ihnen abends vorlese oder sich vorlesen lasse und nachts um etwa
6.2.
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23:00 Uhr nochmals zu den Kindern gehe, um sie zuzudecken. Freizeit kenne sie nicht
und Hobbies habe sie keine (vgl. etwa IV-act. 75-3 und 43-10). Anlässlich der
medizinischen Begutachtung oder auch im Rahmen der beruflichen Massnahmen
sprach die Beschwerdeführerin nicht an, dass sie im Gesundheitsfall aus finanziellen
Gründen mehr als 50% arbeiten würde oder arbeiten wollte. Für ihre Kinder erhält sie
Unterhaltsbeiträge (vgl. act. G4.1, Kostenartenliste der Sozialen Dienste C._).
Für eine volle Erwerbstätigkeit im Gesundheitsfall spricht hingegen, dass die
Beschwerdeführerin als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern auf das Einkommen
angewiesen wäre und auch vom Sozialamt ein solcher Erwerbsgrad grundsätzlich
gefordert würde, da die Kinder schulpflichtig sind und über Mittag betreut werden
könnten (vgl. IV-act. 47). Auch mit Blick auf die spätere Altersvorsorge und die
Minimierung des finanziellen Risikos bei allfälligem Eintritt eines Unfalls, einer
Erkrankung oder einer Invalidität würde eine gesunde Alleinerziehende in der Situation
der Beschwerdeführerin wohl eine hochprozentige oder gar eine Vollzeitanstellung
suchen. Diese Zusammenhänge sind der Beschwerdeführerin aufgrund ihrer leichten
Intelligenzminderung möglicherweise nicht genügend bewusst. Die Koordination einer
Vollzeiterwerbstätigkeit mit einer externen Kinderbetreuung ist organisatorisch
aufwendig. Bei normaler Intelligenz würden der Beschwerdeführerin mehr Ressourcen
zur Verfügung stehen, um Arbeit und Familie miteinander zu vereinbaren, sodass ihr
diese Koordination vermutlich gelingen dürfte. Es ist auch zu beachten, dass die
Betreuungsinfrastruktur auf Stadtgebiet sehr gut organisiert ist und sehr nahe am
Wohnort ein Standort der Tagesbetreuung liegt.
6.3.
Bei einer Arbeitsfähigkeit von mindestens 90% in einer adaptierten Tätigkeit kann
letztlich jedoch offen bleiben, ob die Beschwerdeführerin im Gesundheitsfall
vollumfänglich arbeiten würde oder teilweise im Aufgabenbereich Haushalt und
Kinderbetreuung tätig wäre. Die Einkommenseinbusse wäre selbst im Falle einer
Qualifikation als vollumfänglich Erwerbstätige und unter Berücksichtigung eines
Tabellenlohnabzugs nicht gross genug, um einen rentenbegründenden Invaliditätsgrad
zu erreichen.
6.4.
Der Einkommensvergleich hat in der Regel in der Weise zu erfolgen, dass die
beiden hypothetischen Erwerbseinkommen ziffernmässig möglichst genau ermittelt
und einander gegenübergestellt werden, worauf sich aus der Einkommensdifferenz der
Invaliditätsgrad bestimmen lässt. Insoweit die fraglichen Erwerbseinkommen
ziffernmässig nicht genau ermittelt werden können, sind sie nach Massgabe der im
Einzelfall bekannten Umstände zu schätzen und die so gewonnenen Annäherungswerte
miteinander zu vergleichen. Wird eine Schätzung vorgenommen, so muss diese nicht
6.5.
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7.