Decision ID: de1acd9c-4ab8-41e9-8cf6-3875cbfd7719
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
grobe Verletzung der Verkehrsregeln
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, Einzelgericht, vom
2. September 2014 (GG140047)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 6. Juni 2014
ist diesem Urteil beigeheftet) (Urk. 17).
Urteil der Vorinstanz:
(Urk. 32)
1. Der Beschuldigte ist schuldig der groben Verkehrsregelverletzung im Sinne
von Art. 90 Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 34 Abs. 4 SVG und Art. 12
Abs. 1 VRV.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu
Fr. 250.–.
3. Die Geldstrafe wird vollzogen.
4. Die Entscheidgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 1'500.– ; die weiteren Auslagen betragen:
Fr. 1'200.– Gebühr für die Strafuntersuchung
Fr. 1'741.50 Auslagen METAS-Gutachten
Fr. 60.– Kosten Kantonspolizei Zürich
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
5. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 53 S. 1)
1. Es sei das vom Einzelgericht des Bezirkes Bülach am 2. September 2014
unter der Geschäftsnummer GG-140047-C/U1 gefällte Urteil aufzuheben,
und es sei der Beschuldigte vom Vorwurf der mehrfachen groben Verletzung
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von Verkehrsregeln im Sinne von Artikel 90 Absatz 2 SVG in Verbindung mit
Artikel 34 Absatz 4 SVG und Artikel 12 Absatz 1 VRV freizusprechen.
2. Eventualiter sei der Beschuldigte der einfachen Verletzung von Verkehrs-
regeln im Sinne von Artikel 90 Absatz 1 SVG in Verbindung mit Artikel 34
Absatz 4 SVG und Artikel 12 Absatz 1 VRV schuldig zu sprechen, dies
unter Reduktion der von der Vorinstanz ausgefällten Strafe.
3. Subeventualiter sei dem Beschuldigten der bedingte Strafvollzug zu ge-
währen, dies unter Ansetzung einer zweijährigen Probezeit.
4. Im Rahmen des Obsiegens seien die Verfahrenskosten auf die Gerichts-
kasse zu nehmen und dem anwaltlich vertretenen Beschuldigten aus dieser
eine angemessene Entschädigung auszurichten.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(schriftlich; Urk. 42)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils

Erwägungen:
1. Prozessgeschichte
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 2. September 2014 wurde der
Beschuldigte der groben Verkehrsregelverletzung schuldig gesprochen. Er wurde
mit einer unbedingten Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 250.-- bestraft. Die
Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens wurden dem
Beschuldigten auferlegt (Urk. 32 S. 19 f.).
1.2. Gegen das dem Beschuldigten am 2. September 2014 mündlich eröffnete
und der Staatsanwaltschaft hernach zugestellte (Prot. I S. 5) Urteil liess der
Beschuldigte seinen (erbetenen) Verteidiger gleichentags mündlich Berufung
anmelden (Prot. I S. 7). Nach Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 31) reichte
der Verteidiger namens des Beschuldigten am 5. Dezember 2014 dem Ober-
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gericht fristgerecht die Berufungserklärung ein (Urk. 35). Mit Präsidialverfügung
vom 9. Dezember 2014 (Urk. 37) wurde die Berufungserklärung in Anwendung
von Art. 400 Abs. 2 und 3 StPO der Staatsanwaltschaft übermittelt, um ge-
gebenenfalls Anschlussberufung zu erheben oder Nichteintreten auf die Berufung
zu beantragen. Gleichzeitig wurde der Beschuldigte aufgefordert, diverse Unter-
lagen betreffend seine finanzielle Leistungsfähigkeit einzureichen (Urk. 37). Am
16. Dezember 2014 beantragte die Staatsanwaltschaft die Bestätigung des vor-
instanzlichen Urteils (Urk. 42). Der Beschuldigte liess am 28. Januar 2015
verschiedene Unterlagen zu seiner finanziellen Situation einreichen (Urk. 49).
1.3. Zur heutigen Berufungsverhandlung sind der Beschuldigte persönlich und
sein Verteidiger erschienen (Prot. II S. 3). Zu Beginn der Berufungsverhandlung
waren weder Vorfragen zu entscheiden noch Beweise abzunehmen (Prot. II
S. 4 f.). Das vorliegende Urteil erging im Anschluss an die Berufungsverhandlung
(Prot. II S. 6 f.).
2. Umfang der Berufung
Der Beschuldigte ficht das erstinstanzliche Urteil in allen Punkten an (Urk. 35,
Urk. 53 S. 1 und Prot. II S. 4).
3. Sachverhalt
3.1. Der Beschuldigte bestreitet nicht, den Personenwagen BMW X3, Kontroll-
schild ZH ..., am 14. Juni 2013, 12:49 Uhr, auf der Überholspur der Autobahn A1
in Fahrtrichtung Bern auf dem Gemeindegebiet Wallisellen gelenkt zu haben und
während einer gewissen Zeitspanne zunächst einem Lieferwagen während ca.
430 m (Abschnitt I) und hernach einem Personenwagen während
ca. 450 m hinterher gefahren zu sein (Abschnitt II). Des Weiteren ist unstrittig,
dass die Sicht zu diesem Zeitpunkt gut und die Fahrbahn trocken war und es sich
bei diesem Autobahnabschnitt um eine stark frequentierte Strasse handelt
(Urk. 24 S. 5). Ebenso anerkennt der Beschuldigte die ihm gemäss Anklagesach-
verhalt vorgeworfenen Durchschnittsgeschwindigkeiten von zunächst 86 km/h
(Abschnitt I) sowie hernach 103 km/h (Abschnitt II) (Urk. 52 S. 6 f.).
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3.2. Hingegen stellt der Beschuldigte in Abrede, den jeweils vorangefahrenen
Fahrzeugen zu nah aufgefahren zu sein (Urk. 9 S. 7 ff.; Urk. 24 S. 5; Urk. 52 S. 5
ff.), was das vorinstanzliche Urteil als reine Schutzbehauptung qualifizierte
(Urk. 32 S. 8 f.). Im Sinne der Vorinstanz ist auf die Unstimmigkeiten in den Aus-
sagen des Beschuldigten hinsichtlich der von ihm genannten Abstände hinzu-
weisen. Nachdem der Beschuldigte anlässlich der ersten polizeilichen Einver-
nahme am 14. Juni 2013 noch von einem Abstand von 10 m ausgegangen war
(Urk. 2 S. 2), hielt er in der staatsanwaltlichen Einvernahme vom 22. Januar 2014
dafür, einen Abstand in der Grössenordnung von ungefähr 40 m eingehalten zu
haben (Urk. 9 S. 7 f.). Wie bereits die Vorinstanz festhielt, relativierte er seine ers-
te Aussage damit, unter Druck gesetzt worden zu sein (Urk. 32 S. 6 und Urk. 9.
S. 6). An der Hauptverhandlung erklärte er, mindestens einen Abstand von 20 m
gehabt zu haben, unter dem Hinweis, dass wenn man auf einer so stark frequen-
tierten Strasse einen Abstand von mehr als 50 m einhalten würde, es immer zwei
Fahrzeuge gäbe, die vorne hineinfahren würden. Gleichzeitig erklärte der
Beschuldigte, im Fahrzeug keinen Massstab mitzuführen, weshalb er den
Abstand nicht genau habe ermessen können (Urk. 24 S. 5). Anlässlich der
Berufungsverhandlung dazu befragt, nannte er hinsichtlich des ersten Sachver-
haltsabschnitts schätzungsweise einen Abstand von 12 m und hinsichtlich des
zweiten einen von 20 m (Urk. 52 S. 6 f.). Erneut wies er darauf hin, bei Abständen
von 40 oder 50 m würden stets andere Fahrzeuglenker in die Lücke fahren, was
sehr gefährlich sei (Urk. 52 S. 9 und 10).
3.3. Das Tatgeschehen wurde durch die Kantonspolizei Zürich per Video-
aufnahme (Nachfahrtachograph SatSpeed) dokumentiert (Urk. 3). Gestützt darauf
wurde ein Gutachten des Eidgenössischen Institutes für Metrologie METAS vom
20. März 2014 erstellt (Urk. 11/5). Dieses diente als Grundlage der vorinstanzli-
chen Sachverhaltserstellung (Urk. 32 S. 8 f.). Der Beschuldigte und die Verteidi-
gung kritisierten das Abstellen auf das Gutachten insofern, als dass es bei der
digitalen Bearbeitung und Auswertung der Einzelbilder zu Messungenauigkeiten
komme und es sich bei den Geschwindigkeitsangaben um Ungefähr-Angaben
handle (Urk. 10 S. 9, 24 S. 6 f. und 25 S. 4 ff.; Urk. 35 S. 2; Urk. 52 S. 8). Die Vor-
instanz erläutert indessen nachvollziehbar, weshalb sie das Gutachten zur
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Erstellung des Sachverhaltes als geeignet erachtet. Insbesondere wurde eine
Plausibilitätsprüfung anhand des optischen Eindrucks aus der Visionierung der
SatSpeed-Videoaufnahme vorgenommen. Darauf kann verwiesen werden
(Urk. 32 S. 7 f.). In Übereinstimmung mit der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
und unter Berücksichtigung der freien richterlichen Beweiswürdigung ist in Fach-
fragen von einer (gerichtlichen) Expertise nur aus triftigen Gründen abzuweichen
(Urteil 6B_534/2008 vom 13.01.2009). Solche Gründe liegen hier – wie dies
bereits die Vorinstanz dargelegt hat – nicht vor. Vielmehr kann der gegen den
Beschuldigten gestützt auf das Gutachten erhobene Vorwurf anhand der
SatSpeed Videoaufzeichnung (Urk. 3) problemlos nachvollzogen werden. Der
Beschuldigte und die Verteidigung bringen denn auch keine spezifischen Rügen
vor, weshalb die Messung nicht hätte korrekt erfolgt sein sollen. Vielmehr stellen
sie sich generell gegen die vorgenommene Auswertungsmethode. Dabei stellt
sich die Verteidigung auf den Standpunkt, dass die Markierung der Punkte zur
Berechnung des Abstandes manuell nach dem Schattenwurf der Fahrzeuge
erfolgte, was zu – teilweise – erheblichen Messungenauigkeiten führe (Urk. 25
S. 4). Dem ist entgegenzuhalten, dass es sich bei der durch den Gutachter vor-
genommenen Bearbeitung um eine anerkannte Beweissicherungs- und Aus-
wertungsmethode handelt. Es kann demnach – wie dies bereits die Vorinstanz
erwogen hat – ohne weiteres auf das Gutachten abgestellt werden. Davon gingen
berufungsweise auch der Beschuldigte und seine Verteidigung aus, indem die im
Gutachten enthaltenen Werte als Grundlage der Abstandsberechnungen dienten
(Urk. 53 S. 4) und der Beschuldigte, zum eingehaltenen Abstand befragt, auf das
Gutachten verwies (Urk. 52 S. 6).
3.4. Es kann demnach als erstellt erachtet werden, dass der Beschuldigte auf
einer Strecke von ca. 430 m mit einem Abstand zum vorausfahrenden Liefer-
wagen von 10 bis 12 m, minimal 8 m, bei einer durchschnittlichen Geschwindig-
keit von 86 km/h ± 3 km/h fuhr (Urk. 3, Urk. 11/5 S. 3-6), sowie den BMW
anschliessend auf einer weiteren Strecke von ca. 450 m mit einem Abstand zum
vorausfahrendenden Personenwagen von 13 bis 14 m, minimal mit 12 m, bei
einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 103 km/h ± 3 km/h lenkte (Urk. 3,
Urk. 11/5 S. 7-10).
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4. Rechtliche Würdigung
4.1. Die Vorinstanz hat die Fahrweise des Beschuldigten im Zusammenhang
mit dem Abstand zu den jeweils vorausfahrenden Fahrzeugen als grobe Verlet-
zung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 2 SVG in Verbindung mit
Art. 34 Abs. 4 SVG gewürdigt.
4.2. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen für die Anwendung von Art. 90
Abs. 2 SVG und Art. 34 Abs. 4 SVG richtig umrissen, so dass zur Vermeidung
von Wiederholungen darauf zu verweisen ist (Urk. 32 S. 9-11).
Der Beschuldigte lässt berufungsweise vorbringen, dass es keinen gesetzlichen
Mindestabstand zweier hintereinanderfahrender Fahrzeuge gebe (Urk. 35 S. 2;
Urk. 53 S. 2). Dem ist zuzustimmen, lässt sich der zur Pönalisierung ausreichen-
de Abstand doch weder direkt aus dem Gesetz noch aus der Verordnung ab-
leiten. Die Errechnung der Grenzwerte beruht auf technischen, personen-,
umwelt-, und situationsbezogenen Daten, deren Eckwerte als Bremsweg- und
Reaktionszeit in Verbindung mit den im Zeitpunkt der Kontrolle bestehenden
Strassen-, Witterungs- und Verkehrsverhältnissen resultieren. Aus dieser Kumula-
tion von konkreten Fakten haben sich in der Praxis Erfahrungswerte für eine mehr
oder weniger objektive Beurteilung ergeben (Giger, Komm. SVG, 8. Auflage,
Art. 34 N 28). Auch wenn bei solchen Erfahrungswerten die Gefahr besteht, dass
sie im Ergebnis zu statistischen Durchschnittsmassstäben mutieren, was im
Einzelfall zu "ungerechten" Lösungen führen kann, ist eine gewisse Schema-
tisierung nicht zuletzt auch zugunsten der Rechtssicherheit geboten.
Praxisgemäss wird bei Einhaltung eines Abstands von einem "halben Tacho" ein
genügender Abstand angenommen und bei Unterschreitung eines Abstands von
einem Sechstel der gefahrenen Geschwindigkeit bzw. von 0.6 Sekunden von
einer groben Verkehrsregelverletzung ausgegangen. Im Zwischenbereich liegt
entsprechend im Regelfall eine einfache Verkehrsregelverletzung vor (vgl. dazu
nur etwa BGE 131 IV 133 E. 3 m.w.H.). Festzuhalten ist, dass diese hilfsweise
heranzuziehenden Faustregeln auf empirischen Werten beruhen und damit nicht
etwa willkürlich festgelegt worden sind (vgl. dazu Jürg Boll, Grobe Verkehrsregel-
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verletzung, Eine eingehende Darstellung der Praxis des Bundesgerichts, Davos
1999, S. 55 ff.).
Zur Bejahung einer groben Verkehrsregelverletzung genügt, dass auf einer
verhältnismässig kurzen Strecke zu nahe aufgefahren wird, wobei es auch das
Verkehrsaufkommen zu berücksichtigen gilt. Eine grobe Verkehrsregelverletzung
wurde unter anderem bejaht bei einem Lenker, der mit ca. 100 km/h während
rund 12 Sekunden einen Abstand von ungefähr 10 m zum vorausfahrenden Fahr-
zeug einhielt (Urteil des Bundesgerichts 1C_356/2009 vom 12. Februar 2010, Zu-
sammenstellung der einschlägigen Praxis bei: Philippe Weissenberger, Kommen-
tar zum Strassenverkehrsgesetz, Bundesgerichtspraxis, 2011, Art. 34 N 55).
Mit der Vorinstanz kann festgehalten werden, dass der Beschuldigte bei einer
durchschnittlichen Geschwindigkeit von 86 km/h (± 3 km/h, Abschnitt I) bzw.
103 km/h (± 3 km/h, Abschnitt II) zum vorausfahrenden Lieferwagen bzw.
Personenwagen einen Abstand zwischen 10 bis 12 m, minimal 8 m (Abschnitt I)
bzw. zwischen 13 bis 14 m, minimal 12 m (Abschnitt II) und damit klar einen un-
genügenden Abstand einhielt (Urk. 32 S. 12). Angesichts dieser Geschwindig-
keiten – zu Gunsten des Beschuldigten ist auf die tieferen Werte von 83 km/h
bzw. 100 km/h abzustellen – wäre gemäss der Regel "halber Tacho" ein Abstand
von 41.5 m bzw. 50 m einzuhalten gewesen. Zum gleichen Ergebnis kommt die
Vorinstanz, wenn sie mit den Durchschnittswerten von 86 km/h und 103 km/h
agiert und eine Unsicherheitsmarge von ± 2 m gewährt (Urk. 32 S. 12). Bei einer
Unterschreitung von 1/6 des km/h-Wertes in Meter ist grundsätzlich von einer
groben Verkehrsregelverletzung auszugehen. Diese Grenze wäre vorliegend
bereits bei 13.8 m (Abschnitt I) bzw. 16.67 m (Abschnitt II) erreicht und wurde
vom Beschuldigten klarerweise unterschritten.
Bei einem Abstand von "1/6 Tacho" ist die Gefahr einer Auffahrkollision im Ver-
hältnis zum vorgeschriebenen Abstand (erlaubtes Risiko) hochgradig erhöht.
Allerdings ist diese absolute Schwelle auf die Konstellation ausgerichtet, dass
zwei Personenwagen bei günstigen Verhältnissen hintereinanderfahren (Boll,
a.a.O., S. 57 f.). In Anwendung der 1/6-Tacho-Regel kann grundsätzlich der Vor-
instanz gefolgt werden, wenn sie ausführt, dass der vom Beschuldigten gewählte
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Abstand das Risiko einer Auffahrkollision selbst bei trockener Fahrbahn, mittlerem
Verkehrsaufkommen, guten Bremsen und einem reaktionsschnellen Lenker als
hochgradig erhöht erachtet werden muss (Urk. 32 S. 13).
Nachfolgend wird in Bezug auf den ersten Sachverhaltsabschnitt im Sinne einer
Plausibilitätsprüfung und mit Blick auf die entsprechende Argumentation der Ver-
teidigung und des Beschuldigten noch ein anderes Berechnungsmodell gewählt,
um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass es sich bei der dem Beschuldigten
zur Last gelegten ersten Sequenz beim vorausfahrenden Fahrzeug um einen
Lieferwagen handelte, der naturgemäss einen längeren Bremsweg hat als ein
Personenwagen. Der Beschuldigte bringt denn auch vor, dass er aufgrund seiner
guten Bremsen und dem viel längeren Bremsweg des vorausfahrenden Liefer-
wagens bei den eingehaltenen Abständen jederzeit hätte bremsen und anhalten
können (Urk. 2 S. 2, Urk. 9 S. 9, Urk. 24 S. 4 f., Urk. 25 S. 4, Urk. 32 S. 9, Urk. 52
S. 5 ff., Urk. 53 S. 3). Ebenso ist zu prüfen, ob weitere Umstände vorliegen,
welche ein Abweichen von der "1/6-Tacho-Faustregel" rechtfertigen. Denn wie die
Verteidigung betont, ist stets der konkrete Einzelfall zu berücksichtigen (Urk. 35
S. 2, Urk. 52 S. 2).
4.3. Die Vorschrift, gegenüber allen Strassenbenützern einen "ausreichenden"
Abstand zu wahren, verpflichtet die Fahrzeugführer, sich bei der Begegnung mit
anderen Verkehrsteilnehmern mit einer gewissen "Sicherheitszone" zu umgeben
(Giger, Komm. SVG, Art. 34 N 19).
Im Rahmen der Berufungserklärung moniert die Verteidigung, die Vorinstanz
habe in ihren Erwägungen dem Umstand, dass sich der Beschuldigte in einer
Kolonne befunden habe, keine Bedeutung beigemessen (Urk. 35 S. 2). Der
Beschuldigte liess bereits anlässlich der erstinstanzlichen Hauptverhandlung und
auch an der Berufungsverhandlung vorbringen, dass es auf dem relevanten Auto-
bahnabschnitt nach der allgemeinen Lebenserfahrung schlichtweg nicht möglich
sei, die Abstandsvorschriften gemäss den sogenannten "Faustregeln" einzu-
halten, da einem ansonsten mehrere Fahrzeuge unmittelbar vor das Fahrzeug
reinfahren würden, was das Unfallrisiko erheblich erhöhe (Urk. 24 S. 5 und 10;
Urk. 52 S. 9 f.).
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Es ist unstrittig, dass es sich bei dem vorliegend relevanten Autobahnabschnitt
grundsätzlich um eine stark frequentierte Strasse handelt (vgl. vorne 3.1). Auch
am 14. Juni 2013 habe ein "Einfädeln in den Kolonnenverkehr" stattgefunden
(Urk. 25 S. 4). Während das erstinstanzliche Urteil im Rahmen der Sachverhalts-
erstellung davon ausgeht, es sei unstreitig, dass am 14. Juni 2013 um 12:49 Uhr
ein mittelmässiges Verkehrsaufkommen herrschte, wie dies auch im Polizeibericht
festgehalten wurde (Urk. 2, Urk. 32 S. 4), geht die Verteidigung von einem Kolon-
nenverkehr aus, wobei sie an der Berufungsverhandlung klarstellte, dass "kein
dichter Kolonnenverkehr" geherrscht habe (Urk. 53 S. 5). Es versteht sich von
selbst, dass bei hoher Verkehrsbelastung naturgemäss geringere Abstände
zwischen den einzelnen Fahrzeugen eingehalten werden, wobei aber gleichzeitig
eine Geschwindigkeitsreduktion erfolgt, unter anderem hervorgerufen durch das
"Einfädeln in den Kolonnenverkehr". In Anbetracht der seitens des Beschuldigten
gefahrenen Minimalgeschwindigkeiten von 83 km/h beziehungsweise 100 km/h
kann davon ausgegangen werden, dass beim konkreten Verkehrsaufkommen der
Verkehr dennoch "flüssig" verlief, was durch die Videoaufzeichnung (Urk. 3) auch
bestätigt wird. Das Verkehrsaufkommen ist damit mit "mittelmässig" durchaus
korrekt umschrieben. Entsprechend der Geschwindigkeit ist auch der Abstand
anzupassen. Anzufügen ist, dass wenn in diesem Geschwindigkeitssegment ein
"Einfädeln" durch überholende Autos erfolgt, es umso mehr angezeigt ist
– nötigenfalls durch Bremsmanöver – für einen ausreichenden Abstand zu
sorgen, so dass noch ein Sicherheitsabstand gewahrt werden kann. Je grösser
der ursprünglich gewählte Abstand ist, desto weniger wirkt sich auch ein wenn
auch nur leichtes Bremsen des vorausfahrenden Fahrzeuges auf den eigenen
Abstand aus. So kann die Gefahr minimiert werden, sich plötzlich mit einem
– wenn auch durch Dritte verursachten – gefährlich kurzen Abstand konfrontiert
zu sehen. Gerade im Kolonnenverkehr ist das Einhalten ausreichender Abstände
unverzichtbar, denn wie nachfolgend aufzuzeigen sein wird, verstärkt sich die
Gefahr eines Auffahrunfalls im Kolonnenverkehr.
4.4. Damit es bei einer Vollbremsung des vorausfahrenden Fahrzeuges nicht
zu einer Kollision kommt, müssen die folgenden Voraussetzungen erfüllt sein:
Bremsweg des vorderen Fahrzeuges plus Abstand der Fahrzeuge minus
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Anhalteweg des hinteren Fahrzeuges grösser 0. Der Bremsweg ist die Strecke,
die ein Fahrzeug von Beginn der Bremsung bis zum Ende der Bremsung zurück-
legt [0.5 * v2/a]. Entscheidend für die Länge des Bremsweges sind die gefahrene
Geschwindigkeit [v in m/s] und die Verzögerung [a in m/s2]. Der Anhalteweg [0.5 *
v2/a + v * t] ist länger und berücksichtigt die Reaktionszeit, welche beim voraus-
fahrenden Fahrzeug ausser Acht gelassen werden kann (vgl. für das Berech-
nungsmodell m.w.H. Manfred Dähler/Erich Peter/René Schaffhauser, in: AJP
1999 S. 947 ff., Ausreichender Abstand beim Hintereinanderfahren, S. 951 f.).
Nachfolgend wird mit mittleren, d.h. durchschnittlichen Verzögerungswerten
gerechnet, welche vom Berühren des Bremspedals bis zum Stillstand resp. der
Kollision wirksam sind. Diese sind leicht kleiner als die Vollbremsverzögerungs-
werte. Die während der Ansprechs- und Schwellzeit reduzierte Bremswirkung ist
somit bereits berücksichtigt. Aufgrund von Verzögerungsmessungen nach
Unfällen durch die Polizei ist bei Personenwagen auf trockener Fahrbahn von
mittleren Verzögerungswerten von 6.5 – 8.5 m/s2 auszugehen. Bei einem Liefer-
wagen hingegen ist bei gleichen Strassenverhältnissen mit Verzögerungswerten
von 5.5 – 7.5 m/s2 zu rechnen (Dähler/Peter/Schaffhauser, a.a.O., S. 951;
Manfred Dähler, Rechtsprechung zu SVG 58–89 und zur Verkehrsopferhilfe /
I.–II., in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2013, N 70).
Es trifft grundsätzlich zu, wenn der Beschuldigte vorbringt bzw. vorbringen lässt,
dass die guten Bremsen seines BMW X3 sowie die – jedenfalls angeblich – "sehr
schlechten" Bremsen des vorausfahrenden Lieferwagens für die Bremswege der
involvierten Fahrzeuge von erheblicher Relevanz sind (Urk. 2 S. 2, Urk. 9 S. 9,
Urk. 24 S. 4 f., Urk. 25 S. 4, Urk. 52 S. 5 f. und 9, Urk. 53 S. 3). Ebenso ist der
Verteidigung zuzustimmen, dass das Gewicht eines Fahrzeuges entscheidende
Auswirkungen auf den Bremsweg zeitigt (Urk. 25 S. 4, Urk. 53 S. 3). Dem ist
allerdings entgegenzuhalten, dass ein Lenker (selbst) innerhalb der gleichen
Fahrzeugkategorie (z.B. Personenwagen) in der Regel nicht zuverlässig
beurteilen kann, welche Verzögerungswerte der vordere Wagen hat, da diese
nicht nur von der fahrzeugspezifischen Bremsanlage abhängen. Selbst bei Fahr-
zeugen des gleichen Typs weist die Verzögerung eine grosse Spannweite auf,
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weil folgende Faktoren eine Rolle spielen: Abnützung der Bremsscheiben und
Bremsbeläge und deren Verschmutzung, Reifentyp, Reifenbreite, Zustand und
Güte der Stossdämpfer, Beladungszustand, etc. sowie insbesondere auch die Art
der Bremsbestätigung. Viele Lenker betätigen in einer Notsituation die Bremse
nicht optimal und erreichen den technisch möglichen Verzögerungswert nicht.
Umgekehrt kann ein im Auto eingebauter sog. elektronischer Bremsassistent
dafür sorgen, dass bei einem abrupten Bremsmanöver die theoretisch mögliche
Maximalverzögerung erreicht werden kann (Boll, a.a.O., S. 57). Gemäss bundes-
gerichtlicher Rechtsprechung darf der hintere Fahrzeuglenker nicht mit einem
mittleren Bremsweg des vorausfahrenden Fahrzeuges rechnen. Er muss, um
sicher zu gehen, in Betracht ziehen, dass das vor ihm fahrende Fahrzeug nur eine
kurze Bremsstrecke zum Anhalten benötigt. Die Bremsstrecke kann nie zum
voraus geschätzt werden, da ihre Länge von verschiedenen Umständen abhängt.
Hinzu kommt, dass das Fahren in einer Kolonne als solches die Gefahr eines
Zusammenstosses erhöht und zwar nicht erst bei dichtem Kolonnenverkehr oder
starkem Verkehr. Bereits bei wenigen voranfahrenden Fahrzeugen ist die Sicht
nach vorne verdeckt oder eingeschränkt, wodurch die zu befahrende Strecke un-
übersichtlich wird. Ferner besteht eine stetige Ungewissheit hinsichtlich der Fahr-
weise der übrigen Führer und der Betriebssicherheit ihrer Fahrzeuge. Gemäss der
älteren Rechtsprechung wird diese erhöhte Gefahr dadurch verschärft, dass wer
in einer aus mehreren Autos bestehenden Kolonne fährt, dauernd dem Risiko
ausgesetzt ist, dass das Fahrzeug, dem er folgt, durch das diesem voranfahrende
unversehens angehalten wird, womit sich dessen Bremsweg massiv verkürzen
kann (BGE 81 IV 302 E. 2). In der Lehre wird die Auffassung vertreten, dass
– soweit keine konkreten Anzeichen für ein Fehlverhalten bestehen – der Hintan-
fahrende nicht damit zu rechnen habe, dass dem Voranfahrenden nicht der
volle Bremsweg zur Verfügung steht, was sich aus dem Vertrauensgrundsatz er-
gebe (Dähler/Peter/Schaffhauser, a.a.O., S. 948). Allerdings darf sich nur auf den
Vertrauensgrundsatz berufen, wer sich selbst korrekt verhält (Giger, SVG Komm.,
Art. 26 SVG, N 4). Jedenfalls muss bei der Wahl des Abstandes in Betracht
gezogen werden, dass der voranfahrende Fahrzeugführer selbst einen Auffahrun-
fall erleiden und dadurch sein Anhalteweg verkürzt werden könnte (René
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Schaffhauser, Grundriss des schweizerischen Strassenverkehrsrecht, Band I,
Bern 2002, N 692). Noch kritischer ist die Situation bei zusätzlich eingeschränk-
tem Sichtfeld, etwa wenn es sich beim vorausfahrenden Fahrzeug um einen
Lieferwagen handelt.
4.5. Gestützt auf diese Erwägungen drängt es sich auf, bei der Berechnung in
Bezug auf den Lieferwagen von einem Verzögerungswert von 7.5 m/s2 auszu-
gehen, insbesondere deshalb, weil es für den Beschuldigten unmöglich war zu
erkennen, ob der Lieferwagen beladen war oder nicht. Dies, obschon der
Beschuldigte aus dem Umstand, dass der Lieferwagen – gemäss seiner Sachdar-
stellung vom Flughafen her kommend – mutmasste, dass dieser voll beladen
gewesen sein musste (Urk. 52 S. 9). Wie gesehen, darf der nachfolgende Lenker
nicht mit einem mittleren – und schon gar nicht mit einem schlechten – Bremsweg
des Vorausfahrenden rechnen. So geht auch die Verteidigung in ihren Ausführun-
gen anlässlich der Hauptverhandlung von einem geschätzten "Leergewicht" des
Lieferwagens aus (Urk. 25 S. 4). Hingegen ist der Einwand des Beschuldigten
betreffend seine Bremsen dahingehend zu berücksichtigen, als dass auch bei ihm
vom maximalen Verzögerungswert von 8.5 m/s2 auszugehen ist, immer unter der
Berücksichtigung, dass es sich vorliegend um eine Plausibilitätsprüfung handelt.
Der reine Bremsweg des vorausfahrenden Lieferwagens, also ohne Berücksichti-
gung der Reaktionszeit, beträgt bei einer gefahrenen Durchschnittsgeschwindig-
keit von 83 km/h – der gleichen wie jene des Beschuldigten – 35.42 m (Abschnitt
I, [0.5 * [23.05 m/s]2 / 7.5 m/s2] = 35.42 m).
Demgegenüber liegt der Anhalteweg des Beschuldigten bei rund 45.08 m
(Abschnitt I, [0.5 * [23.05 m/s]2 / 8.5 m/s2] + [23.05 m/s * 0.6 s] = 45.08 m). Dabei
wird zugunsten des Beschuldigten von einer Reaktionszeit von 0.6 s ausge-
gangen.
Der Beschuldigte bringt dazu aber immer wieder vor, dass er über eine "über-
durchschnittliche Reaktion" verfüge (Urk. 9 S. 9, Urk. 24 S. 9). So wies er bereits
im Rahmen der polizeilichen Befragung auf seine – angebliche – Reaktionszeit
von 0.25 Sekunden hin (Urk. 2 S. 2). Auch an der Berufungsverhandlung erklärte
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er wiederum, sehr fix und als Boxtrainer immer noch schneller als seine Profi-
box-Schüler zu sein, was ihn zur Annahme geführt habe, eine Reaktionszeit von
0.25 Sekunden zu haben (Urk. 52 S. 11). Wie auch die Verteidigung betont, ver-
fügt der Beschuldigte offenbar über eine Lizenz als Boxtrainer und gelte im inter-
nationalen Boxsport als bekannt (Urk. 25 S. 3, Urk. 53 S. 3). Es mag sein, dass
man als Boxer beziehungsweise Boxtrainer in bestimmten Situationen in Bezug
auf bestimmte Handlungsweisen, wie etwa bei Abwehrreaktionen auf einen
Angriff, eine bessere Reaktionsfähigkeit besitzt als ein "ungeschulter Durch-
schnittsmensch". Diese Situation lässt sich aber nicht unbesehen auf den
Strassenverkehr übertragen. Versuche haben ergeben, dass selbst reaktions-
schnelle Personen mit einer Brems-Reaktionszeit von mindestens 0.6 Sekunden
zu rechnen haben (Boll, a.a.O., S. 57). Einer anderen Lehrmeinung zu Folge sei
sogar von einer Reaktionszeit von mindestens 0.8 Sekunden auszugehen. Sie
halten dafür, dass eine weitere Reduktion unrealistisch sei, da gerade Fahrzeug-
lenker mit ungenügendem Abstand einem Dauerstress ausgesetzt seien und
demzufolge kaum mehr über längere Zeit mit optimaler Aufmerksamkeit ihr Fahr-
zeug lenken können. Hinzu kommt, dass im Strassenverkehr die Aufmerksamkeit
auch der Einhaltung anderer Verkehrsregeln (z.B. Beachten der Signale, Markie-
rungen und Weisungen, Art. 27 Abs. 1 SVG) gewidmet werden muss (Dähler/
Peter/Schaffhauser, a.a.O., S. 952; vgl. zur Reaktionszeit auch BGE 115 II 283 E.
1a mit vielen Verweisen). Ebenso muss stets das Verhalten weiterer Verkehrs-
teilnehmer berücksichtigt werden. Auch ein eingeschränktes Sichtfeld kann die
Reaktionszeit verlängern. Auch der Beschuldigte selbst räumt ein, dass im
Strassenverkehr ein grosses Ablenkungspotential herrscht, beispielsweise durch
Telefonieren (Urk. 52 S. 10). Ein Boxer ist einzig auf seinen Gegner und dessen
Angriffe fokussiert. Auch wenn im Rahmen der Würdigung der Gesamtumstände
im Zusammenhang mit der Einzelfallbeurteilung – im Verhältnis zu einem "Durch-
schnittsbürger" – von einer grundsätzlich besseren Reaktionsfähigkeit des
Beschuldigten ausgegangen werden könnte, könnte daraus nicht geschlossen
werden, dass ein Boxer beziehungsweise ein Boxtrainer unter jeden Umständen
auch im Strassenverkehr eine bessere Reaktionsfähigkeit besitzt, die es ihm
erlauben würde, einen geringeren Abstand gegenüber dem vorausfahrenden
- 15 -
Fahrzeug einzuhalten. Diesbezüglich kann auch auf die Erwägungen der Vor-
instanz verwiesen werden (Urk. 32 S. 12). Entgegen den Ausführungen der Ver-
teidigung (Urk. 53 S. 3) ist es demnach keineswegs willkürlich, wenn in Bezug auf
den Beschuldigten nicht von einer Reaktionszeit von 0.25 s ausgegangen wird.
Ausgehend von dem obgenannten Berechnungsmodell ergibt sich, dass es bei
einer Vollbremsung des vorausfahrenden Lieferwagens unter Berücksichtigung
des minimalen Abstandes zwischen den beiden Fahrzeugen zu einer Kollision mit
dem Fahrzeug des Beschuldigten gekommen wäre [35.42 m + 8 m – 45.08 m =
– 1.66 m]. Dabei ist festzuhalten, dass es gemäss Bundesgericht zur Bejahung
einer groben Verkehrsregelverletzung schon ausreicht, wenn auf einer verhält-
nismässig kurzen Strecke zu nah aufgefahren wird (Urteil des Bundesgerichts
1C_356/2009 vom 12. Februar 2010). Ausgehend von einem Abstand von 10 m,
welcher gemäss Gutachten während ca. 18 Sekunden durchschnittlich einge-
halten wurde (Urk. 11/5 S. 6: 0.44 s bei 83 km/h), wäre es zwar mit den vorgängig
gewählten Werten knapp nicht zu einer Kollision gekommen. Es wäre aber nur
gerade ein Abstand von 0.34 m verblieben, dies unter Annahme von Ideal-
bedingungen. Eine Sicherheitsmarge hätte es – praktisch – nicht mehr gegeben.
Nur eine leichte Verzögerung in der Reaktion des Beschuldigten oder eine leicht
verzögerte Reaktion der Bremsanlage hätte auch bei diesem Abstand und sogar
auch bei einem Abstand von 12 m eine Kollision zur Folge gehabt. Ausgehend
von einer Reaktionszeit von 0.8 Sekunden ergibt sich nämlich bei einem Abstand
von 10 m ein Wert nach Vollbremsung von – 4.27 m und bei einem Abstand von
12 m ein Solcher von – 2.27 m. Den durch die Verteidigung vorgenommenen
Abstandsrechnungen kann demnach nicht gefolgt werden. Im Übrigen sind diese
mangels Erläuterung nicht nachvollziehbar (Urk. 25 S. 3, Urk. 53 S. 4).
4.6. Eine grobe Verkehrsregelverletzung im Sinne von Art. 90 Abs. 2 SVG setzt
in objektiver Hinsicht nicht voraus, dass es mit Sicherheit zu einer Auffahrkollision
gekommen wäre, wenn der vorausfahrende Lenker eine Vollbremsung vor-
genommen hätte. Es genügt vielmehr eine erhöhte abstrakte Gefahr einer
Auffahrkollision (Boll, a.a.O., S. 58). Von mindestens einer solchen muss vor-
liegend ausgegangen werden. Der Beschuldigte hielt während 18 Sekunden zum
- 16 -
vorausfahrenden Lieferwagen einen Abstand ein, der es im Falle einer Voll-
bremsung des vorderen Fahrzeugs zeitweise nicht erlaubt hätte, eine Kollision zu
vermeiden, und der im Übrigen derart bemessen war, dass ein Zusammenstoss
nur unter allseitig idealen Umständen hätte vermieden werden können. Hinzu
kommt, dass der Beschuldigte aufgrund des Lieferwagens zudem noch einen ein-
geschränkten Überblick über das doch rege Verkehrsgeschehen hatte.
4.7. Wie bereits festgestellt, unterschritt der Beschuldigte auch hinsichtlich des
zweiten Sachverhaltsabschnitts den Abstand in einer Weise, dass in objektiver
Hinsicht mindestens eine erhöhte abstrakte Gefahr im Sinne von Art. 90 Abs. 2
SVG bejaht werden muss. Dabei gilt – mutatis mutandis – das vorstehend unter
Ziff. 4.4 Erwogene: Nachdem der Beschuldigte während ca. 16 Sekunden einen
durchschnittlichen Abstand von 13 Metern zum ihm vorausfahrenden Personen-
wagen eingehalten hat (Urk. 11/5 S. 10: 0.48 s bei 100 km/h), wäre es ihm im
Falle einer Vollbremsung des vorausfahrenden Personenwagens selbst unter
Idealbedingungen unmöglich gewesen, rechtzeitig zu bremsen. Ausgehend von
einer gefahrenen Durchschnittsgeschwindigkeit beider Fahrzeuge von 100 km/h
resultiert nämlich – selbst ausgehend von einem Maximalabstand von 14 m –
ein Negativwert von – 8.22 m, und dies wiederum unter der Annahme einer Reak-
tionszeit zugunsten des Beschuldigten von 0.6 s (Bremsweg vorausfahrender PW
[0.5 * [27.77 m/s]2 / 8.5 m/s2 = 45.36 m] – Anhalteweg des Beschuldigten
[0.5 * [27.77 m/s]2 / 8.5 m/s2] + [[27.77 m/s * 0.6 s] = 67.58 m] = – 8.22 m).
Bei den vom Beschuldigten während dem zweiten Sachverhaltsabschnitt einge-
haltenen Abständen wäre es demnach bei einer Vollbremsung des vorausfahren-
den Personenwagens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer
Auffahrkollision gekommen.
4.8. In Übereinstimmung mit der Vorinstanz ist aufgrund der Unmittelbarkeit der
beiden aufeinanderfolgenden Abschnitte (Urk. 32 S. 14) und in Anwendung des
Verschlechterungsverbots von einer einfachen Tatbegehung auszugehen.
4.9. Wie von der Vorinstanz zutreffend umrissen, erfordert der Tatbestand von
Art. 90 Abs. 2 SVG subjektiv ein rücksichtsloses oder sonst schwerwiegend
verkehrswidriges Verhalten, d.h. ein schweres Verschulden, bei fahrlässigem
- 17 -
Handeln mindestens grobe Fahrlässigkeit. Die Verteidigung verneint berufungs-
weise ein solches schweres Verschulden und verweist auch auf die Vorbringen im
Rahmen der Hauptverhandlung (Urk. 35 S. 2, Urk. 53 S. 6 f.). Dort führte er aus,
dem Beschuldigten könne nicht nachgewiesen werden, dass er pflichtwidrig nicht
daran gedacht hätte, dass sein Fahrverhalten möglicherweise eine entsprechende
– auch nur abstrakte – Gefahr hätte hervorrufen können (Urk. 25 S. 3).
Zunächst kann auf die Ausführungen des vorinstanzlichen Urteils verwiesen wer-
den (Urk. 32 S. 14). Präzisierend ist anzumerken, dass zugunsten des Beschul-
digten auch hinsichtlich des subjektiven Tatbestandes auf die tieferen Werte von
83 km/h bzw. 100 km/h abzustellen ist und nicht von den maximalen Durch-
schnittsgeschwindigkeiten auszugehen ist. Das Vorbringen der Verteidigung, wo-
nach der Beschuldigte darauf vertraut und gewusst habe (Urk. 25 S. 5, Urk. 53
S. 7), dass er jederzeit hätte bremsen können, vermag die vorinstanzliche
Argumentation nicht entkräften. Insbesondere ist es unzutreffend, wenn der
Beschuldigte vorbringen lässt, aufgrund der sehr guten Kenntnisse der Eigen-
schaften seines Fahrzeuges als auch seines Reaktionsvermögens stets zu
wissen, welchen Abstand er zum unmittelbar vorausfahrenden Objekt einhalten
müsse, um sein Fahrzeug nötigenfalls ohne Kollision zum Stehen zu bringen. Wie
gesehen, war er vorliegend eben gerade nicht in der Lage, einen solchen
genügenden Abstand einzuhalten, und aus seinen Aussagen im Verfahren ergibt
sich, dass er gleichermassen nicht in der Lage ist, einen Abstand auch nur
einigermassen zuverlässig in Metern zu schätzen. Wie bereits ausgeführt, sind
sodann auch nicht nur die Qualität des eigenen Fahrzeuges und die – über-
schätzten – eigenen Fähigkeiten ausschlaggebend. So wird verkannt, dass auch
der Bremsweg des vorausfahrenden Fahrzeuges, das Verkehrsaufkommen und
die Sichtverhältnisse entscheidend sind. Pflichtwidrig ist sodann, einfach auf die
schlechten Bremsen des vorausfahrenden Fahrzeuges zu vertrauen (Urk. 9 S. 6,
Urk. 24 S. 5, Urk. 52 S. 5 f.). Indem der Beschuldigte davon ausgeht, stets alles
absolut im Griff gehabt zu haben (Urk. 24 S. 8, Urk. 52 S. 6 ff.), obwohl er objektiv
durch die von ihm frei gewählten ungenügenden Abstände eine erhöhte abstrakte
Gefahr für einen Auffahrunfall schuf, hat er sich hinsichtlich des Abstandes zum
Lieferwagen zumindest bedenken-, wenn nicht sogar rücksichtslos gegenüber
- 18 -
fremden Rechtsgütern verhalten. Als rücksichtslos muss das Verhalten gelten,
wenn man bedenkt, dass er in der Folge weiterhin einen die "1/6-Tacho-Regel"
weit unterschreitenden Abstand einhielt, obwohl es sich hier um einen voraus-
fahrenden Personenwagen handelte, der offensichtlich einen kürzeren Bremsweg
als ein Lieferwagen aufweist. Die aus zu nahem Aufschliessen resultierenden
Risiken waren dem Beschuldigten durchaus bewusst (Urk. 24 S. 8, Urk. 32 S. 14,
Urk. 52 S. 10). Im Zeitpunkt der Tatbegehung kannte er sowohl die "2–Sekunden-
Regel" als auch die "1/2–Tacho-Regel" (Urk. 9 S. 6). Der Einwand des Beschul-
digten, wonach diese Regel der Lehre vor 40 Jahren entspreche und aufgrund der
technischen Fortschritte an Aktualität eingebüsst habe (Urk. 52 S. 6), ist nicht zu
hören. Zwar mag es zutreffen, dass aufgrund des technischen Fortschritts kürzere
Anhaltewege erzielt werden können. Gleiches gilt dann aber auch für den Brems-
weg des vorausfahrenden Fahrzeugs, erfolgte der technische Fortschritt doch
flächendeckend.
Ebenso wenig schlägt die Argumentation der Verteidigung durch, wenn sie die
vorinstanzliche Auffassung, wonach der Beschuldigte sich jederzeit hätte zurück-
fallen lassen können, um die Abstände dadurch zu vergrössern (Urk. 32 S. 14),
als schlicht unhaltbar bezeichnet und die Fahrweise des Beschuldigten als
logische Konsequenz des vom vorausfahrenden Lenkers gezeigten Verhaltens zu
rechtfertigen versucht (Urk. 53 S. 6). Es ist völlig unerheblich, ob der Lieferwagen
die Überholspur hätte freigeben müssen, wie dies die Verteidigung postuliert
(Urk. 53 S. 4 ff.), kennt doch das Strafrecht keine Verschuldenskompensation.
Vielmehr muss die seitens der Verteidigung geschilderte Intention des Beschul-
digten, wonach dieser mit seinem Fahrverhalten versucht habe, den Lenker des
Lieferwagens zu veranlassen, die Spur zu verlassen, damit er überholen konnte
(Urk. 53 S. 5 und 7), als rücksichtslos eingestuft werden, weist dieses Verhalten
doch geradezu leicht nötigende Züge auf. Dies umso mehr, als der Beschuldigte
diese Fahrweise ganz bewusst, während einer Strecke von 880 m und trotz
Wechsel der vorausfahrenden Fahrzeugen beibehalten hat, zumal der Beschul-
digte selbst vorbringt, sich vom hinterherfahrenden Polizeifahrzeug bedrängt
gefühlt zu haben (Urk. 25 S. 5, Urk. 52 S. 7), obwohl der Abstand zwischen ihm
und dem Polizeifahrzeug offensichtlich mindestens doppelt so gross war als
- 19 -
derjenige zwischen dem Beschuldigten und den diesem vorausfahrenden Fahr-
zeugen. Ergänzend ist anzufügen, dass der Beschuldigte die erhöhte (abstrakte)
Gefahr einer Auffahrkollision ganz ohne Not schuf, erklärte er doch auf Befragen,
nicht speziell in Eile gewesen zu sein (Urk. 9 S. 6, Urk. 52 S. 8).
Der Beschuldigte erfüllt daher auch subjektiv den Tatbestand der groben Ver-
kehrsregelverletzung.
4.10. Demnach ist der Beschuldigte in Bestätigung des vorinstanzlichen Ent-
scheids der groben Verletzung von Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90
Abs. 2 SVG in Verbindung mit Art. 34 Abs. 4 SVG und Art. 12 Abs. 1 VRV
schuldig zu sprechen.
5. Strafzumessung
5.1. Die Vorinstanz hat den Beschuldigten mit einer unbedingten Geldstrafe von
15 Tagessätzen zu Fr. 250.-- bestraft (Urk. 32 S. 19). Nachdem nur der Beschul-
digte ein Rechtsmittel eingelegt hat, verbietet das Verschlechterungsverbot, dass
die im Berufungsverfahren auszusprechende Strafe höher ausfällt als die von der
Vorinstanz ausgesprochene (Art. 391 Abs. 2 StPO).
5.2. Das Bundesgericht hat die Grundsätze der Strafzumessung gemäss
Art. 47 ff. StGB wiederholt dargelegt (BGE 136 IV 55 E. 5.4 und 5.5 mit Hin-
weisen). Darauf kann verwiesen werden.
5.3. Zum objektiven Tatschverschulden hinsichtlich des ersten Sachverhalts-
abschnittes ist – wie vorstehend erwogen – zu berücksichtigen, dass die im
Strassenverkehr grundsätzlich anzuwendende "Faustregel", wonach eine grobe
Verkehrsregelverletzung vorliegt, wenn der Abstand nicht mindestens 1/6 der
Geschwindigkeit misst, nicht unbesehen übernommen werden kann, da diese für
zwei hintereinanderfahrende Personenwagen konzipiert ist. Zwar wäre damit
gemäss der "Faustregel" ohne weiteres von einer deutlichen Unterschreitung der
"absoluten Grenze" auszugehen. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich beim
vorausfahrenden Fahrzeug um einen Lieferwagen handelte, ist gestützt auf die
Berechnungen nur – aber immerhin – noch knapp von einer groben Verkehrs-
- 20 -
regelverletzung auszugehen, dies aber doch über eine Strecke von 430 m. Ver-
schuldenserhöhend wirkt dann aber der Umstand, dass das durch den Liefer-
wagen eingeschränkte Sichtfeld den Überblick über das Verkehrsgeschehen
massgeblich einschränkt, was zu einem grösseren Abstand verpflichtet. Hinsicht-
lich des zweiten Sachverhaltsabschnitts hat der Beschuldigte den hier für die
Annahme einer groben Verkehrsregelverletzung genügenden (in Meter umge-
rechneten) Abstand von 1/6 der Geschwindigkeit (vorliegend also 16.66 m
[100 km/h]) sogar deutlich unterschritten, und dies über etwa eine ähnliche Zeit
wie im ersten Sachverhaltsabschnitt, mindestens aber während 16 Sekunden
(bzw. auf einer Strecke von ca. 450 m, Urk. 11/5 S. 10). Zusammengefasst hat
der Beschuldigte also während einer Strecke von mindestens 880 Metern hinter
zwei verschiedenen Autos einen so geringen Abstand eingehalten, dass mindes-
tens eine erhöhte abstrakte Gefährdung für die an einer allfälligen Kollision
beteiligten Personen bestanden hat. Im Lichte aller denkbaren groben Verkehrs-
regelverletzungen erscheint die objektive Tatschwere dieses Verhaltens freilich
immer noch als eher leicht. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass die Ent-
scheidung, eine Rechtsnorm zu übertreten, umso schwerer wiegt, je leichter sie
hätte beachtet werden können (Boll, a.a.O., S. 20). Der Beschuldigte bringt vor,
dass es aufgrund des "Ein-fädelns" gar nicht möglich gewesen wäre, einen
genügenden Abstand einzuhalten (Urk. 25 S. 4, Urk. 52 S. 8 und 10). Dem kann
nicht gefolgt werden. Aus dem Gutachten und der Aufzeichnung geht hervor, dass
keinerlei Bemühungen in diese Richtung gingen, verminderte der Beschuldigte
seine Geschwindigkeit doch in keiner Weise (Urk. 11/5), auch wenn grund-
sätzliche Bremsbereitschaft vorhanden gewesen sein mag (Urk. 24 S. 6).
Zur subjektiven Tatschwere ist festzuhalten, dass der Beschuldigte direktvor-
sätzlich gehandelt hat. Seine trotz des objektiv klar ungenügenden Abstands
und selbst nach Vorhalt der Videodokumentation fortwährend geäusserte Über-
zeugung, die Sache jederzeit "im Griff" gehabt zu haben, zeugt von einer
ganz erheblichen Bedenkenlosigkeit. Es sind keine die objektive Tatschwere
relativierende Aspekte zu erkennen.
- 21 -
Als Einsatzstrafe für die gesamte Tatschwere erscheint damit eine Geldstrafe von
15 Tagessätzen als angemessen.
5.4. Mit Blick auf die persönlichen Verhältnisse, die sich vorliegend als straf-
zumessungsneutral erweisen, ist auf die Akten zu verweisen (Urk. 9 S. 1 ff.,
Urk. 24 S. 1 ff., Urk. 52 S. 1 ff.).
Der Beschuldigte weist eine Vorstrafe auf. Sie datiert vom 21. Dezember 2010
und erweist sich als einschlägig. Sie erfolgte wegen grober Verletzung der Ver-
kehrsregeln (bedingte Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 1'000.-- bei einer
Probezeit von 2 Jahren und einer Busse von Fr. 3'800.--). Aus dem Umstand,
dass dem Verfahren nicht ein Verstoss gegen Abstandsvorschriften, sondern eine
Geschwindigkeitsüberschreitung zugrunde lag, kann – entgegen der Sichtweise
der Verteidigung (Urk. 53 S. 8) – nichts zugunsten des Beschuldigten abgeleitet
werden. Entscheidend ist vielmehr, dass der Beschuldigte die Verkehrsregeln
bereits in grober Weise verletzt hat. Selbstverständlich ist das Gesamtbild ent-
scheidend und es verhält sich nicht dahingehend, dass man gegen jede denkbare
Norm zunächst einmal verstossen haben müsste, bevor diesbezüglich der auto-
mobilistische Leumund als getrübt gilt. Vorliegend delinquierte der Beschuldigte
bereits ein halbes Jahr nach Ablauf der Probezeit erneut. Der automobilistische
Leumund muss deshalb als getrübt erachtet werden, was eine Straferhöhung
rechtfertigt. Weitere Verfehlungen im Strassenverkehr sind nicht bekannt
(Urk. 5/5).
Der Beschuldigte zeigte sich hinsichtlich des Sachverhaltes als nicht geständig.
Er zeigt keine Reue und Einsicht. Vielmehr stellt er sich auf den Standpunkt,
mit seiner Fahrweise jederzeit alles im Griff gehabt zu haben (Urk. 24 S. 8). Auch
unter diesem Titel rechtfertigt sich somit kein Abzug.
5.5. In Anbetracht der einschlägigen Vorstrafe erscheint die vorinstanzlich aus-
gefällte Strafe von 15 Tagessätzen als moderat. Eine Reduktion der festgesetzten
Anzahl Tagessätze ist jedenfalls sicher nicht angezeigt.
- 22 -
5.6. Der Beschuldigte bezieht aufgrund seines Alters eine AHV-Rente von
monatlich Fr. 2'462.-- (Urk. 51, Urk. 52 S. 2). Er führte aus, Inhaber und Angestell-
ter der Gipser A'._ GmbH zu sein (Urk. 9 S. 2, Urk. 24 S. 2, Urk. 52 S. 2).
Der Beschuldigte machte betreffend seine Einkommenssituation zunächst unter-
schiedliche Angaben. Er bezifferte seinen Jahresnettolohn unter Verweis auf den
Lohnausweis 2013 auf Fr.15'978.-- netto. Sodann gab er an, für ein Verwaltungs-
ratsmandat zusätzlich Fr. 3'000.-- pro Jahr zu erhalten (Urk. 9 S. 3). Den Lohn-
abrechnungen vom Oktober, November und Dezember 2014 ist ein monatliches
Nettoeinkommen von Fr. 1'400.-- zu entnehmen (act. 51/3). Dies deckt sich mit
der von ihm gemachten Aussagen anlässlich der Haupt- sowie Berufungsver-
handlung (Urk. 24 S. 1, Urk. 52 S. 2). Offenbar variiert das Pensum zwischen
30 - 50 % (Urk. 51/1, Urk. 52 S. 2). Aus der Steuererklärung 2013 ergibt sich ein
Jahreseinkommen aus unselbständiger Erwerbstätigkeit von Fr. 20'098.-- und ein
Nebeneinkommen in der Höhe von Fr. 3'375.--. Gemäss Steuererklärung 2013
erzielte er ein zusätzliches Einkommen aus Wertschriftenertrag von jährlich
Fr. 11'508.-- sowie einen Ertrag aus Liegenschaften in Höhe von Fr. 406'605.--,
was ein Total der Einkünfte von Fr. 441'586.-- ergibt. Nach Abzug der Berufsaus-
lagen von Fr. 3'300.--, Hypothekarschulden in Höhe von Fr. 93'069.-- sowie jährli-
chen Versicherungsprämien von Fr. 2'600.-- und Kosten der Verwaltung des
beweglichen Vermögens von Fr. 27.-- ergibt sich ein Zwischenstand von
Fr. 342'590.-- (Urk. 51/2 S. 2 f.). Weiter gibt der Beschuldigte an, seiner Partnerin
freiwillig monatlich Fr. 1'800.-- zu bezahlen. Seiner von ihm getrennten Ehefrau
leiste er aufgrund einer Privatvereinbarung monatliche Unterhaltsleistungen in
Höhe von Fr. 3'500.-- in bar zuzüglich Wohnkosten sowie einen Betrag für weitere
Verwendungen, insgesamt Fr. 7'500.-- (Urk. 9 S. 3, Urk. 24 S. 2, Urk. 51/1,
Urk. 52 S. 3). Unterhaltszahlungen an die Kinder sind keine ausgewiesen
(Urk. 51/2), obwohl er anlässlich der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme noch
angab, jährlich ca. Fr. 3'000.-- bis Fr. 4'000.-- an seine volljährigen und nicht mehr
mit ihm im gleichen Haushalt lebenden Kinder zu bezahlen. Die Vorinstanz ging
von einem monatlichen Nettoeinkommen von Fr. 12'900.-- aus (Urk. 32 S. 17).
Dies deckt sich mit den Angaben aus dem Steuerregisterauszug vom 16. Juli
2013, wonach von einem jährlichen Nettoeinkommen von Fr. 154'900.-- auszu-
- 23 -
gehen sei (Urk. 5/4). Der Steuererklärung 2013 ist gar ein steuerbares Einkom-
men von Fr. 269'390.-- zu entnehmen (Urk. 51/2 S. 3). Für das Jahr 2014 gab der
Beschuldigte auf Befragen an, ein Jahreseinkommen von insgesamt rund
Fr. 130'000.-- erzielt zu haben (Urk. 24 S. 3, Urk. 52 S. 2). Der Beschuldigte ver-
fügt sodann über ein steuerbares Vermögen von rund 3.75 Mio. (Urk. 5/4, Urk. 24
S. 3, Urk. 51/2).
Hinsichtlich der Geldstrafenendsumme und der Anzahl Tagessätze gilt das Ver-
schlechterungsverbot (BSK StGB-Dolge, 3. Auflage, Art. 34 N 99). Gestützt auf
die vorstehenden Erwägungen kann festgehalten werden, dass die von der Vor-
instanz festgesetzte Tagessatzhöhe sicher nicht zu hoch ausgefallen ist. Ent-
sprechend ist von einer Tagessatzhöhe von Fr. 250.-- auszugehen.
5.7. In Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils ist der Beschuldigte somit mit
einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu Fr. 250.-- zu bestrafen.
6. Vollzug
6.1. Der Beschuldigte lässt berufungsweise vorbringen, es sei ihm im Rahmen
des erstinstanzlichen Urteils zu Unrecht die Gewährung des bedingten Vollzugs
verwehrt worden (Urk. 35 S. 2, Urk 53 S. 8).
6.2. Mit der Vorinstanz kann festgehalten werden, dass die objektiven Voraus-
setzungen für die Gewährung des bedingten Strafvollzuges gemäss Art. 42 Abs. 1
StGB erfüllt sind. Ein Anwendungsfall von Art. 42 Abs. 2 StGB liegt nicht vor. Die
Vorinstanz ging allerdings vom Vorliegen einer ungünstigen Prognose im Sinne
von Art. 42 Abs. 1 StGB aus, weshalb sie den Vollzug der Geldstrafe anordnete.
Zur Begründung nannte sie die einschlägige Vorbestrafung sowie die mangelnde
Einsicht des Beschuldigten in das begangene Unrecht der Tat (Urk. 32 S. 18).
6.3. Voraussetzung für einen bedingten Strafvollzug ist die Erwartung künftigen
Wohlverhaltens des Beschuldigten (BSK StGB-Schneider/Garré, a.a.O., Art. 42
N 38). Wie die Vorinstanz zutreffend festhielt, sind im Rahmen der Gesamtwürdi-
gung aller wesentlichen Umstände neben den Tatumständen auch das Vorleben,
der Leumund sowie alle weiteren Tatsachen, die gültige Schlüsse auf den
- 24 -
Charakter des Täters und die Aussichten seiner Bewährung zulassen, in die
Beurteilung miteinzubeziehen (Urk. 32 S. 17).
Bereits mit Strafbefehl vom 21. Dezember 2010 wurde der Beschuldigte wegen
grober Verkehrsregelverletzung mit einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen und
einer Busse bestraft (Urk. 5/6). Wie bereits vorstehend unter Ziff. 5.4 ausgeführt,
erweist sich diese Vorstrafe – entgegen der Sichtweise der Verteidigung (Urk. 53
S. 8) – als einschlägig, auch wenn sie auf einer Geschwindigkeitsüberschreitung
gründet. Die vorliegend zu beurteilende erneute Verfehlung gegen das Strassen-
verkehrsgesetz erfolgte nicht einmal sechs Monate nach Ablauf der zweijährigen
Probezeit. Es kann der Vorinstanz beigepflichtet werden, wenn sie daraus den
Schluss zieht, dass sich der Beschuldigte von der bedingten Geldstrafe offenbar
nicht beeindrucken liess (Urk. 32 S. 18). Die Warnwirkung der bedingten Strafe
hielt den Beschuldigten nachweisbar nicht von einer erneuten Delinquenz ab.
Dies muss bei der Prognosestellung als erheblich ungünstiges Element berück-
sichtigt werden, schliesst aber die Gewährung des bedingten Strafvollzuges nicht
notwendigerweise aus (BSK Schneider/ Garré, a.a.O., Art. 42 N 61). Seit der zu
beurteilenden Tat hat sich der Beschuldigte soweit ersichtlich wohl verhalten
(Urk. 34).
Für das Nichtvorhandensein einer günstigen Prognose spricht die Einsichtslosig-
keit des Täters als Ausdruck der absoluten Überzeugung, im Recht zu sein, und
damit der Unfähigkeit, sich in Frage zu stellen. Alleine die Tatsache, dass sich der
Täter der Strafwürdigkeit seiner Handlungen nicht bewusst geworden ist, deutet
hingegen nicht auf eine ungünstige Prognose hin (BSK Schneider/Garré, a.a.O.,
Art. 42 N 47 und N 73). Dies muss relativierend berücksichtigt werden, wenn die
Vorinstanz gestützt auf die Ausführungen des Beschuldigten – wonach dieser
aufgrund seiner überlegenen Bremstechnik, Reaktionsfähigkeit und Fahrtechnik
davon ausgegangen sei, jederzeit und in jedem Fall rechtzeitig bremsen zu
können – auf einen rücksichtslosen Grundcharakter zumindest im Strassen-
verkehr geschlossen hat. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die eigene
Reaktionsfähigkeit sowie die Bremsqualität und die Beherrschung des eigenen
Fahrzeuges einen erheblichen Einfluss auf den Anhalteweg haben. Zutreffend ist
- 25 -
auch, dass der Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug kleiner sein darf, wenn
es sich beim vorausfahrenden Fahrzeug um einen Lieferwagen und beim eigenen
Fahrzeug um einen Personenwagen handelt. Die Argumentation des Beschuldig-
ten zeugt daher nicht (nur) von Einsichtslosigkeit, sondern ist auch Ausfluss eines
legitimen Interesses des Beschuldigten, seine Vorgehensweise zu plausibilisie-
ren, wenn auch vorliegend festzuhalten ist, dass er die einzelnen Aspekte unzu-
treffend gewichtet hat und der Abstand klarerweise ungenügend war.
Trotz durch Videoaufnahmen und ein Gutachten erstelltem Sachverhalt betonte
der Beschuldigte nun allerdings wiederholt und selbst auf Vorhalt des Videos,
stets genügend Abstand eingehalten zu haben, um jederzeit rechtzeitig bremsen
zu können und alles "absolut im Griff gehabt zu haben (Urk. 24 S. 5 und 7 f.,
Urk. 52 S. 5 ff.). Mit seiner Haltung bringt der Beschuldigte seine Unfähigkeit bzw.
wohl eher seinen demonstrativen Unwillen zum Ausdruck, das eigene Handeln
auch nur im Ansatz zu reflektieren. Nichts anderes als eine solche Verweige-
rungshaltung kann jedenfalls aus seinen Aussagen in der staatsanwaltschaftli-
chen Einvernahme vom 22. Januar 2014 geschlossen werden, als er auf Vorhalt
der SatSpeed Aufzeichnungen behauptete, er habe bei beiden Nachfahrsequen-
zen jeweils einen Abstand von "gegen 40 Metern" bzw. gar "sicher 40 Metern"
eingehalten (Urk. 9 S. 7, 8): Nur schon bei flüchtiger Betrachtung der betreffenden
Bilder ist nämlich offensichtlich, dass niemals ein solcher Abstand vorgelegen
haben konnte. Ebenfalls von wenig Reflexionsfähigkeit zeugt die Antwort des
Beschuldigten in der nächsten Einvernahme auf den Vorhalt des gutachterlichen
Schlusses, dass ein Abstand von lediglich 7 bis 15 % des Tachoabstands fest-
gestellt worden sei: "Ich kann Ihnen nicht beipflichten. Mir wurde von verschiede-
nen Seiten zugetragen, dass ein bestimmter Beamter des Verkehrszuges sich
einen Sport draus macht, dieselbe Strecke immer hin und her zu fahren und
Kontrollen wie diese durchzuführen" (Urk. 9 S. 3). Auch wenn der Beschuldigte in
der vorinstanzlichen Hauptverhandlung – wohl in Anbetracht der erdrückenden
Beweislage – "nur" noch davon spricht, zum Lieferwagen seines Erachtens einen
Abstand von "mindestens 20 Metern" eingehalten zu haben (Urk. 24 S. 5),
bezeugt er durch sein gesamtes Aussageverhalten eine geradezu exemplarisch
mangelnde Einsicht in die Verwerflichkeit seines Handelns, wie dies auch die Vor-
- 26 -
instanz betonte. Auch berufungsweise ändert der Beschuldigte sein Aussage-
verhalten nicht. Zwar geht er nunmehr von einem Abstand von 12 m zum voraus-
fahrenden Lieferwagen aus - und nähert sich damit wiederum seiner Erstaussage
von 10 m. Allerdings erklärt er – wiederum unter Vorhalt des Videos – immer
noch, der festen Überzeugung zu sein, dass er jederzeit rechtzeitig hätte anhalten
können. Überdies habe das vordere Auto etwa den gleichen Abstand eingehalten
wie er (Urk. 52 S. 5 ff.).
6.4. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die einschlägige Vorstrafe mit
der entsprechenden Administrativmassnahme und insbesondere die erneute
Delinquenz einige Monate nach Ablauf der diesbezüglichen Probezeit bei der
Prognosestellung als erheblich ungünstige Faktoren zu gewichten sind. Ferner
spricht die offenkundige Uneinsichtigkeit des Beschuldigten in das begangene
Unrecht seiner Tat für das Nichtvorhandensein einer günstigen Prognose. Dem-
zufolge ist dem Beschuldigten der bedingte Strafvollzug in Bestätigung des vor-
instanzlichen Urteils zu verweigern.
7. Kosten
7.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist das erstinstanzliche Kosten-
dispositiv (Ziffern 4 und 5) zu bestätigen.
7.2. Die Gerichtsgebühr ist praxisgemäss auf Fr. 3'000.-- festzusetzen.
7.3. Im Rechtsmittelverfahren tragen die Parteien die Kosten nach Massgabe
ihres Obsiegens oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Der Beschuldigte
unterliegt mit seinen Berufungsanträgen vollumfänglich. Ausgangsgemäss sind
deshalb die Kosten des Berufungsverfahrens vollumfänglich dem Beschuldigten
aufzuerlegen und es ist ihm keine Parteientschädigung zuzusprechen.
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