Decision ID: dc1b417f-1ade-5824-a533-4e13713394a6
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog von Dezember 2012 bis und mit Dezember 2017 eine
Ergänzungsleistung zu einer Rente der Invalidenversicherung. Da er bei der Anmeldung
zum Ergänzungsleistungsbezug im Dezember 2012 angegeben hatte, dass weder er
noch seine Ehefrau ein Erwerbseinkommen erzielten, und da die Voraussetzungen für
die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens des EL-Bezügers oder der
Ehefrau nicht erfüllt waren, hatte die EL-Durchführungsstelle während des gesamten
Zeitraums von Dezember 2012 bis und mit Dezember 2017 bei der
Anspruchsberechnung nie ein Erwerbseinkommen als Einnahme angerechnet. Im
Verlauf des Jahres 2017 wurde die Ehe des EL-Bezügers geschieden. Mit einer
Verfügung vom 27. Dezember 2017 hob die EL-Durchführungsstelle die laufende –
ordentliche, bundesrechtliche und ausserordentliche, kantonalrechtliche –
Ergänzungsleistung revisionsweise rückwirkend auf den Zeitpunkt des Auszugs der
Ehefrau aus der ehelichen Wohnung im Februar 2017 auf, weil die neue
Anspruchsberechnung einen Einnahmenüberschuss ergeben hatte, der den Bezug
einer Ergänzungsleistung ausschloss (act. G 3.1.11). Eine gegen diese Verfügung
gerichtete Einsprache wurde mit einem Entscheid vom 18. September 2018
abgewiesen, der unangefochten in formelle Rechtskraft erwuchs (act. G 3.2.80).
A.a.
Bereits im Juni 2018 hatte sich der ehemalige EL-Bezüger erneut zum Bezug von
Ergänzungsleistungen angemeldet (act. G 3.2.86). Er hatte wiederum angegeben, dass
er kein Erwerbseinkommen erziele. Die dem Anmeldeformular beigelegte
Steuerveranlagungsverfügung für das Jahr 2017 wies allerdings einen Lohn von 8’865
Franken sowie „übrige Einkünfte“ von 1’765 Franken aus (act. G 3.2.89). Abklärungen
der EL-Durchführungsstelle ergaben, dass der EL-Ansprecher in den Jahren 2012 und
2014–2017 als Beistand für das Vormundschaftsamt tätig gewesen war und dafür in
jenen Jahren Lohnzahlungen erhalten hatte (vgl. act. G 3.2.67 ff. und G 3.2.59). Die
A.b.
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zuständige Sachbearbeiterin der EL-Durchführungsstelle notierte (act. G 3.2.58), der
EL-Bezüger habe angegeben, er sei davon ausgegangen, dass er das
Erwerbseinkommen nur hätte angeben müssen, wenn es den Betrag von 16’000
Franken pro Jahr überstiegen hätte. Weiter notierte sie, diese „Ausrede“ überzeuge
„nicht ganz“, weil der EL-Ansprecher im Jahr 2017 ein Erwerbseinkommen von
insgesamt über 20’000 Franken erzielt habe. Jedenfalls müssten die früheren
Verfügungen unter Berücksichtigung der Erwerbseinkünfte wiedererwägungsweise
korrigiert werden. Mit einer Verfügung vom 15. Januar 2019 ersetzte die EL-
Durchführungsstelle die ursprüngliche leistungszusprechende Verfügung vom 15.
Februar 2013 (act. G 3.1.153) sowie die nachfolgenden Verfügungen
wiedererwägungsweise durch eine rückwirkend abgestufte Zusprache einer
bundesrechtlichen monatlichen Ergänzungsleistung von 724 Franken für die Monate
Januar bis und mit August 2013, von 774 Franken für die Monate September und
Oktober 2013, von 1’472 Franken für die Monate November und Dezember 2013 und
von 900 Franken für die Monate Januar und Februar 2014, eine direkt der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung zustehende Prämienpauschale als
sogenannte Minimalgarantie für die Zeit von Januar 2014 bis und mit Dezember 2015
sowie eine kantonalrechtliche monatliche Ergänzungsleistung von 300 Franken für die
Zeit von Dezember 2014 bis und mit April 2015 und von 280 Franken für die Monate
Mai bis und mit Dezember 2015 (act. G 3.2.40). Unter Berücksichtigung der in der
Vergangenheit effektiv ausbezahlten Ergänzungsleistungen resultierte eine
Rückforderung von insgesamt 8’755 Franken, die sich aus einer Rückforderung von
kantonalrechtlichen Ergänzungsleistungen im Betrag von 3’640 Franken (= 13 × 280
Franken, betreffend den Zeitraum von Januar 2016 bis und mit Januar 2017) und aus
einer Rückforderung von dem EL-Bezüger ausbezahlten bundesrechtlichen
Ergänzungsleistungen im Betrag von 5’115 Franken (= 8’755 Franken – 3’640 Franken)
zusammensetzte. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
Die EL-Durchführungsstelle hatte wohl die direkt der obligatorischen Kranken
pflegeversicherung ausbezahlte Prämienpauschale für die beiden Jahre 2016 und 2017
von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung zurückgefordert, da nach der
neuen Berechnung (Verfügung vom 19. Januar 2019) ab Januar 2016 ein
Einnahmenüberschuss bestanden hatte, der die Gewährung der sogenannten
A.c.
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Minimalgarantie ausgeschlossen hatte. Die Krankenpflegeversicherung hatte in der
Folge offenbar vom EL-Bezüger die nun ungedeckten Prämien für die beiden Jahre
2016 und 2017 nachgefordert. Am 8. Mai 2019 beantragte der EL-Bezüger bei der EL-
Durchführungsstelle den Erlass dieser Forderung der obligatorischen
Krankenpflegeversicherung (act. G 3.2.22). Er machte geltend, er habe bei der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung um den Erlass der Prämiennachforderung
ersucht, aber diese habe ihn an die EL-Durchführungsstelle verwiesen. Deshalb
ersuche er nun die EL-Durchführungsstelle um den Erlass der Forderung der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Er habe nicht die Absicht gehabt, falsche
Angaben zu machen oder etwas zu verschweigen. Er habe in den letzten Jahren sehr
schwere Schicksalsschläge verarbeiten müssen, weshalb ihm der notwendige klare
Kopf für die korrekte Erledigung der administrativen Aufgaben gefehlt habe. Mit einer
Verfügung vom 13. Mai 2019 wies die EL-Durchführungsstelle das „Erlassgesuch der
Rückforderung Prämienpauschale Krankenversicherung“ ab (act. G 3.2.21). Zur
Begründung führte sie an, der EL-Bezüger habe mehrfach falsche Angaben gemacht,
indem er behauptet habe, dass er kein Erwerbseinkommen erzielen würde. Das
schliesse einen Erlass der Rückforderung aus.
Am 11. Juni 2019 erhob der EL-Bezüger eine Einsprache gegen die Verfügung
vom 13. Mai 2019 (act. G 3.2.20). Er machte geltend, er sei sich während des Bezugs
der Ergänzungsleistungen keiner Pflichtverletzung bewusst gewesen. Damals habe er
unter einem enormen psychischen Druck gestanden, was ihm die Erfüllung der
administrativen Aufgaben sehr erschwert habe. Er habe die Leistungen gutgläubig
bezogen. Mit einem Entscheid vom 12. Juli 2019 wies die EL-Durchführungsstelle die
Einsprache ab (act. G 3.2.5). Zur Begründung führte sie an, der EL-Bezüger sei
durchaus in der Lage gewesen, sich immer wieder persönlich, telefonisch oder
schriftlich mit der EL-Durchführungsstelle in Verbindung zu setzen, was zeige, dass er
in administrativen Angelegenheiten nicht so hilflos gewesen sei, wie er es in der
Einsprache dargestellt habe. Sowohl im Anmeldeformular, das er im Jahr 2012
eingereicht habe, als auch in jenem, das er im Jahr 2018 eingereicht habe, habe er die
Frage nach einem Erwerbseinkommen wahrheitswidrig verneint. Auch auf den in jeder
Verfügung enthaltenen Hinweis, dass die EL-Durchführungsstelle über
A.d.
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B.

Erwägungen
1.
Dieses Beschwerdeverfahren bezweckt die Überprüfung des angefochtenen
Einspracheentscheides vom 12. Juli 2019 auf dessen Rechtmässigkeit, weshalb sein
Gegenstand jenem des Einspracheverfahrens entsprechen muss. Auch beim
Einspracheverfahren hat es sich um ein („echtes“) Rechtsmittelverfahren gehandelt,
was bedeutet, dass sich sein Zweck auf die Prüfung der Rechtmässigkeit der
Verfügung vom 13. Mai 2019 beschränkt hat und dass der Gegenstand des
Einspracheverfahrens folglich jenem des vorangegangenen Verwaltungsverfahrens
entsprochen hat. Mit ihrer Verfügung vom 13. Mai 2019 hat die Beschwerdegegnerin
ein auf ein Gesuch des Beschwerdeführers vom 8. Mai 2019 hin eröffnetes
Erlassverfahren abgeschlossen. Den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens bildet
damit die Frage, ob der Beschwerdeführer einen Anspruch auf den Erlass jener
Forderung hat, auf die sich sein Erlassgesuch vom 8. Mai 2019 bezogen hat.
2.
Die Besonderheit des vorliegenden Falls besteht darin, dass sich das Erlassgesuch des
Beschwerdeführers vom 8. Mai 2019 nicht etwa auf die am 15. Januar 2019 verfügte
Rückforderung von ihm selbst ausbezahlten ordentlichen, bundesrechtlichen und
ausserordentlichen, kantonalrechtlichen Ergänzungsleistungen über insgesamt 8’755
Franken, sondern auf eine Prämiennachforderung der obligatorischen
Erwerbseinkommen zu informieren sei, habe er nie mit einer entsprechenden Meldung
reagiert. Der Erlass der Rückforderung sei vor diesem Hintergrund ausgeschlossen.
Am 10. August 2019 erhob der EL-Bezüger (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 12. Juli 2019 (act. G 1). Er
beantragte den Erlass der Rückforderung. Zur Begründung führte er aus, er sei in den
vergangenen Jahren mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert gewesen, weshalb
er im Laufe der Zeit den gesamten Überblick „in meinen Sachen“ verloren habe.
B.a.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 27. August 2019 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
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Krankenpflegeversicherung bezogen hat. Die Annahme, die Beschwerdegegnerin sei
zuständig zur Behandlung eines Erlassgesuchs, das sich auf eine Forderung eines
anderen Sozialversicherungsträgers beziehe, ist offensichtlich unhaltbar. Die
Beschwerdegegnerin hat deshalb das sich seinem Wortlaut nach auf die
Prämiennachforderung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung beziehende
Erlassgesuch als ein Begehren interpretiert, das sich auf die Rückforderung jenes Teils
der Ergänzungsleistung, der direkt der Krankenpflegeversicherung ausbezahlt worden
war, bezogen hat. Das zeigt der Betreff der Verfügung vom 13. Mai 2019 klar auf.
Massgebend für diese Interpretation des Erlassgesuchs ist der enge Zusammenhang
zwischen der Prämiennachforderung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung
und dem materiellen EL-Anspruch des Beschwerdeführers gewesen. Dieses Vorgehen
erweist sich als rechtmässig, da die Beschwerdegegnerin nur so dem vom
Beschwerdeführer mit dem Erlassgesuch verfolgten Zweck hat gerecht werden
können.
3.
Der ursprüngliche materielle EL-Anspruch des Beschwerdeführers, der vor der
Eröffnung der Wiedererwägungsverfügung vom 15. Januar 2019 bestanden hat, hat
auch jenen Teil umfasst, welcher der obligatorischen Krankenpflegeversicherung direkt
(dritt-) ausbezahlt worden ist. Die Auszahlung an die Krankenpflegeversicherung ist
also nicht erfolgt, weil diese einen materiellen Anspruch am entsprechenden Teil der
Ergänzungsleistung gehabt hätte. Der Art. 21a ELG hat nur eine Abweichung vom
normalen Vollzug der Leistungsverfügung (Auszahlung an den materiell
leistungsberechtigten Beschwerdeführer) angeordnet: Der entsprechende Teil der
Ergänzungsleistung hat nicht dem Beschwerdeführer, sondern direkt der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung ausbezahlt werden müssen. Diese
Direktauszahlung an die obligatorische Krankenpflegeversicherung hat also nicht den
materiellen Anspruch, sondern nur den Vollzug der damaligen Leistungsverfügung
betroffen. Die wiedererwägungsweise Korrektur des materiellen EL-Anspruchs in der
Verfügung vom 15. Januar 2019 kann also keinen materiellen Leistungsanspruch der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung, sondern nur den materiellen
Leistungsanspruch des Beschwerdeführers betroffen haben. Sie hat dazu geführt, dass
der Beschwerdeführer neu keinen materiellen Anspruch auf Ergänzungsleistungen –
einschliesslich des direkt der obligatorischen Krankenpflegeversicherung ausbezahlten
Anteils – mehr gehabt hat. Die nun gemäss dem Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG
unrechtmässig bezogenen Ergänzungsleistungen haben zurückgefordert werden
müssen. Die Rückforderung hat nicht die materielle Anspruchsebene, sondern nur die
3.1.
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Vollzugsebene betroffen; sie hat die Rückabwicklung der früheren Vollzugshandlung –
also der Auszahlung der Ergänzungsleistungen an den Beschwerdeführer und, im
Umfang der Pauschale für die Krankenversicherungsbeiträge, an die obligatorische
Krankenpflegeversicherung – bezweckt. Folgerichtig hat sich die Rückforderung nicht
nach dem früheren materiellen Anspruch des Beschwerdeführers, sondern nach dem
damaligen Vollzug gerichtet: Die Beschwerdegegnerin hat vom Beschwerdeführer nur
jene Ergänzungsleistungen zurückgefordert, die sie ihm ausbezahlt hatte, während sie
die direkt der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (dritt-) ausbezahlten
Ergänzungsleistungen von dieser und nicht vom Beschwerdeführer zurückgefordert
hat.
Zu beantworten bleibt die Frage, ob der Erlass der Rückerstattung unrechtmässig
bezogener Ergänzungsleistungen auf der materiellen oder auf der Vollzugsebene der
Korrekturverfügung, hier der Wiedererwägungsverfügung vom 15. Januar 2019, ange
siedelt ist. Würde der Erlass einer Rückforderung zu einer Veränderung des materiellen
Rechtsverhältnisses führen, müsste die Erlassfrage zwischen der Beschwerdegegnerin
und dem Beschwerdeführer geklärt werden, weil sich das Erlassbegehren vom 8. Mai
2019 diesfalls auf den materiellen Anspruch des Beschwerdeführers auf eine
Ergänzungsleistung beziehen würde. Der beantragte Erlass hätte also bei dieser
Sichtweise zur Folge, dass der materielle Anspruch des Beschwerdeführers auf einen
Teil der Ergänzungsleistung im Umfang der Pauschale für die
Krankenversicherungsbeiträge, entgegen der formell rechtskräftigen und damit
verbindlichen Wiedererwägungsverfügung vom 15. Januar 2019, vorweg wieder
aufleben würde. Der Erlass einer Rückerstattung im Sinne des Art. 25 Abs. 1 Satz 2
ATSG zielt aber klar nicht auf eine Modifikation des materiellen Rechtsverhältnisses,
sondern, wie der Wortlaut des Art. 25 Abs. 1 Satz 2 ATSG klar zum Ausdruck bringt,
lediglich auf die „Beseitigung“ einer zur Wiedererwägungsverfügung vom 15. Januar
2015 gehörenden Vollzugsanordnung – nämlich der Rückforderung – ab. Der Zweck
des Erlasses besteht nur darin, dass eine grundsätzlich zur Rückerstattung
verpflichtete versicherte Person, Behörde, Sozialversicherung usw. die Rückforderung
doch nicht begleichen muss. Das materielle Rechtsverhältnis bleibt von einem Erlass
der Rückerstattung unberührt, weil sich ein Erlass ausschliesslich auf der
Vollzugsebene abspielt. Daraus folgt, dass nur jene Person, jene Behörde oder jener
Sozialversicherungsträger ein schutzwürdiges Interesse am Erlass einer Rückforderung
haben kann, die bzw. der die zuvor erhaltenen Leistungen eigentlich zurückerstatten
müsste. Das schutzwürdige Interesse an einem Erlass knüpft also nicht am materiellen
Rechtsverhältnis, sondern am effektiven Leistungsbezug respektive an der effektiven
Rückerstattungspflicht an, was sich auch klar aus dem Art. 2 ATSV ergibt, laut dem –
3.2.
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4.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. a ATSG in der bis zum 31.
Dezember 2020 gültigen, gemäss dem Art. 83 ATSG auf dieses Beschwerdeverfahren
anwendbaren Fassung).