Decision ID: df28c6a7-4276-4df9-8391-fd1078981719
Year: 2015
Language: de
Court: CH_BGE
Chamber: CH_BGE_006
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt
ab Seite 134
BGE 141 IV 132 S. 134
A.
Das Kantonsgericht Wallis verurteilte X. am 6. Juni 2014 zweitinstanzlich wegen Sachbeschädigung (Art. 144 i.V.m.
Art. 110 Abs. 3
bis
StGB
) sowie mehrfachen unberechtigten Tragens und Besitzes von Waffen und Waffenzubehör (
Art. 33 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes vom 20. Juni 1997 über Waffen, Waffenzubehör und Munition [Waffengesetz, WG; SR 514.54]
) zu einer bedingten Geldstrafe von 54 Tagessätzen zu Fr. 80.- und einer Busse von Fr. 1'020.-. Es verpflichtete ihn, A. für das erstinstanzliche Verfahren eine Parteientschädigung von Fr. 3'100.- und für das zweitinstanzliche Verfahren eine solche von Fr. 1'000.- zu bezahlen.
BGE 141 IV 132 S. 135
Das Kantonsgericht hält folgende Sachverhalte für erwiesen:
X. nahm in den Jahren 2006 bis 2009 auf dem Vorplatz auf der Westseite seines Stalls unter freiem Himmel und öffentlich zugänglich Hofschlachtungen vor. Am 20. August 2009 schoss er auf den Jagdhund von A. Das Tier musste aufgrund der erlittenen Verletzungen noch gleichentags eingeschläfert werden. X. trug anlässlich der Schlachtungen sowie am 20. August 2009 jeweils ohne Waffentragbewilligung eine Waffe auf öffentlichem Grund. Er besass zudem unberechtigt zwei Schalldämpfer, ein Laserzielgerät und drei Pistolen.
B.
X. beantragt mit Beschwerde in Strafsachen, ihn von den Vorwürfen der Sachbeschädigung sowie des unberechtigten Tragens und Besitzes von Waffen und Waffenzubehör freizusprechen und A. keine Parteientschädigung zuzusprechen. Eventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen.
C.
Das Kantonsgericht reichte eine Stellungnahme ein. Die Staatsanwaltschaft liess sich nicht vernehmen. A. wurde nicht zur Stellungnahme aufgefordert.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut.

Erwägungen
Aus den Erwägungen:
2.
Der Beschwerdeführer wendet sich gegen den Schuldspruch wegen mehrfachen unberechtigten Besitzes von Waffen und Waffenzubehör.
2.1
Die Vorinstanz führt aus, der Beschwerdeführer hätte die Waffen und das Waffenzubehör in seinem Besitz gemäss
Art. 42 Abs. 5 WG
innerhalb von drei Monaten nach Inkrafttreten dieser Bestimmung der für die Erteilung von Ausnahmebewilligungen zuständigen kantonalen Behörde melden müssen. Der Besitzer, der die in
Art. 42 Abs. 5 WG
vorgesehene Frist nicht einhalte, mache sich gemäss der bundesrätlichen Botschaft nach
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
strafbar.
2.2
Der Beschwerdeführer hält dem entgegen, es sei nicht ersichtlich, weshalb der Gesetzgeber in
Art. 34 Abs. 1 lit. i WG
die Verletzung der Meldepflicht von
Art. 42 Abs. 5 WG
unter Strafe stelle, wenn bei unbenutztem Ablauf der Meldefrist der Tatbestand des unberechtigten Besitzes gemäss
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
zur
BGE 141 IV 132 S. 136
Anwendung gelange. Dadurch werde der Tatbestand der Meldepflichtverletzung seines Sinnes entleert. Anders als in
Art. 42 Abs. 1 WG
präzisiere der Gesetzgeber in
Art. 42 Abs. 5 WG
nicht, dass die Berechtigung zum Besitz der Waffe hinfällig werde, falls der Meldepflicht nicht nachgekommen werde.
2.3
Am 12. Dezember 2008 ist das revidierte Waffengesetz in der Fassung des Bundesgesetzes vom 22. Juni 2007 zur Änderung des Waffengesetzes und des Bundesbeschlusses vom 17. Dezember 2004 über die Genehmigung und die Umsetzung der bilateralen Abkommen zwischen der Schweiz und der EU über die Assoziierung an Schengen und Dublin (vgl. AS 2008 447 ff., 2008 5405 f., 2008 5499 ff.) in Kraft getreten. Die zwei Schalldämpfer, das Laserzielgerät und die drei Pistolen wurden anlässlich der Hausdurchsuchung beim Beschwerdeführer vom 15. Oktober 2009 und damit nach Inkrafttreten des neuen Waffengesetzes sichergestellt. Die Vorinstanz prüfte zu Recht, ob der Besitz dieser Gegenstände durch den Beschwerdeführer nach dem im Jahre 2009 geltenden Waffengesetz unrechtmässig war.
2.4
2.4.1
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
stellt seit dem 12. Dezember 2008 nebst dem unrechtmässigen Erwerb auch den unrechtmässigen Besitz von Waffen und Waffenzubehör unter Strafe. Die Tat wird als Vergehen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft (
Art. 33 Abs. 1 WG
). Zum Besitz einer Waffe oder eines Waffenzubehörs ist berechtigt, wer den Gegenstand rechtmässig erworben hat (
Art. 12 WG
).
2.4.2
Wer eine Waffe oder einen wesentlichen Waffenbestandteil erwerben will, benötigt einen Waffenerwerbsschein (
Art. 8 Abs. 1 WG
; sog. bewilligungspflichtige Waffen). Für gewisse, hier nicht zur Diskussion stehende Waffen genügt ein schriftlicher Vertrag (
Art. 10 ff. WG
; sog. privilegierte bzw. meldepflichtige Waffen). Der Erwerb und Besitz von Seriefeuerwaffen sowie Waffen, die einen Gebrauchsgegenstand vortäuschen, sind verboten (
Art. 5 Abs. 1 lit. a und f WG
,
Art. 5 Abs. 2 lit. a und b WG
) und nur mit einer Ausnahmebewilligung zulässig (
Art. 5 Abs. 4 WG
; sog. verbotene Waffen).
2.4.3
Das Waffenbesitzverbot von
Art. 5 Abs. 2 WG
wurde mit der auf den 12. Dezember 2008 in Kraft getretenen Revision des Waffengesetzes neu in das Gesetz aufgenommen (vgl. Botschaft vom 1. Oktober 2004 zur Genehmigung der bilateralen Abkommen zwischen der
BGE 141 IV 132 S. 137
Schweiz und der Europäischen Union, einschliesslich der Erlasse zur Umsetzung der Abkommen [«Bilaterale II»], BBl 2004 5965 ff., 6264 zu Art. 5; Botschaft vom 11. Januar 2006 zur Änderung des Bundesgesetzes über Waffen, Waffenzubehör und Munition, BBl 2006 2713 ff., 2731 zu Art. 5).
Wer die in
Art. 5 Abs. 2 WG
aufgeführten Waffen unter dem neuen Waffenrecht weiterhin besitzen möchte, hat dafür innerhalb von sechs Monaten nach Inkrafttreten des Verbots nach
Art. 5 Abs. 2 WG
ein Gesuch um eine Ausnahmebewilligung im Sinne von
Art. 5 Abs. 4 WG
einzureichen (
Art. 42 Abs. 6 Satz 1 und 3 WG
; BBl 2006 2731 zu Art. 5). Eine Ausnahmebewilligung zum Erwerb nach altem oder geltendem Recht berechtigt zum weiteren Besitz der betreffenden Waffe (BBl 2006 2731 zu Art. 5). Ausgenommen von der Pflicht zur Einreichung eines Gesuchs um eine Ausnahmebewilligung nach
Art. 42 Abs. 6 WG
ist daher, wer bereits eine gültige Ausnahmebewilligung zum Erwerb der Waffe hat (
Art. 42 Abs. 6 Satz 2 WG
). Ist dies nicht der Fall und wird keine Ausnahmebewilligung beantragt oder ein solches Gesuch abgelehnt, so muss der Besitzer die Waffe an eine berechtigte Person veräussern oder zur Aufbewahrung übertragen, ansonsten er wegen unberechtigten Besitzes nach
Art. 33 Abs.1 lit. a WG
belangt werden kann (
Art. 42 Abs. 6 Satz 3 und Abs. 7 WG
; BBl 2006 2731 zu Art. 5).
2.4.4
Auch bezüglich der bewilligungspflichtigen Waffen im Sinne von
Art. 8 WG
gilt, dass der rechtmässige Erwerb nach altem Recht (aArt. 8 f. WG) zum weiteren Besitz unter neuem Recht berechtigt. Gegenteiliges hätte einer ausdrücklichen gesetzlichen Regelung bedurft. Die am 12. Dezember 2008 neu in Kraft getretenen materiellen Anforderungen von
Art. 8 WG
an den Waffenerwerb entfalten daher keine "Rückwirkung", sondern finden ausschliesslich auf Besitzverhältnisse Anwendung, die auf eine Handänderung nach Inkrafttreten der Gesetzesänderungen zurückgehen. Der Besitzstand bleibt daher gewahrt (vgl. BBl 2004 6278 zu Art. 42a).
2.4.5
Der Erwerb von Waffenzubehör ist nach altem und neuem Recht nur mit einer Ausnahmebewilligung zulässig (Art. 5 Abs. 1 lit. g i.V.m.
Art. 5 Abs. 4 WG
; aArt. 5 Abs. 1 lit. e i.V.m. aArt. 5 Abs. 3 lit. a WG). Das Gesetz definiert das Waffenzubehör abschliessend (BBl 2006 2730 zu Art. 4). Darunter fallen Schalldämpfer sowie Laser- und Nachtsichtzielgeräte (
Art. 4 Abs. 2 lit. a und b WG
; aArt. 4 Abs. 2 lit. a und b WG). Seit der Gesetzesänderung vom
BGE 141 IV 132 S. 138
22. Juni 2007 werden als Waffenzubehör zudem auch jene Bestandteile erfasst, mit denen das Waffenzubehör mit wenigen Handgriffen hergestellt werden kann (besonders konstruierte Bestandteile), sowie Granatwerfer, die als Zusatz zu einer Feuerwaffe konstruiert wurden (
Art. 4 Abs. 2 lit. a-c WG
; BBl 2006 2730 zu Art. 5).
2.5
2.5.1
Wer bei Inkrafttreten des revidierten Waffengesetzes am 12. Dezember 2008 bereits im Besitz von Waffen, wesentlichen oder besonders konstruierten Waffenbestandteilen nach
Art. 5 Abs. 2 WG
oder Waffenzubehör nach
Art. 5 Abs. 1 lit. g WG
ist, muss diese gemäss
Art. 42 Abs. 5 WG
innerhalb von drei Monaten den für die Erteilung von Ausnahmebewilligungen zuständigen kantonalen Behörden melden. Wer der Meldepflicht von
Art. 42 Abs. 5 WG
nicht nachkommt, wird mit Busse bestraft (
Art. 34 Abs. 1 lit. i WG
). Die Meldepflichtverletzung wird demnach - anders als der unrechtmässige Besitz von Waffen (vgl.
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
) - als blosse Übertretung geahndet.
2.5.2
Werden die in
Art. 42 Abs. 5-7 WG
vorgesehenen Fristen nicht eingehalten, so werden die Gegenstände gemäss der bundesrätlichen Botschaft nach
Art. 31 WG
wegen unerlaubten Besitzes von Waffen etc. beschlagnahmt. Der Besitzer wird zudem nach
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
bestraft (BBl 2006 2751 zu Art. 42). Eine solche Bestrafung kommt entgegen der Auffassung der Vorinstanz nur in Betracht, wenn die betroffene Person sowohl die dreimonatige Meldefrist von
Art. 42 Abs. 5 WG
als auch die Frist von
Art. 42 Abs. 6 WG
unbenutzt verstreichen liess. Die Verletzung der Meldepflicht von
Art. 42 Abs. 5 WG
wird in
Art. 34 Abs. 1 lit. i WG
ausdrücklich als Übertretung geahndet. Nach
Art. 42 Abs. 6 WG
, der eine Übergangsbestimmung zur Regelung der Besitzverhältnisse enthält (BBl 2006 2751 zu Art. 42), ist ein Gesuch um eine Ausnahmebewilligung zudem nicht erforderlich, wenn der Besitzer eine solche bereits hat. Die Botschaft hält dazu unmissverständlich fest, eine Ausnahmebewilligung zum Erwerb nach altem oder geltendem Recht berechtige zum weiteren Besitz der betreffenden Waffe (BBl 2006 2731 zu Art. 5; oben E. 2.4.3). Der Besitz erfolgt daher nicht ohne Berechtigung, wenn unter altem Recht eine gültige Ausnahmebewilligung zum Erwerb der Waffe erworben und nur die Meldepflicht von
Art. 42 Abs. 5 WG
missachtet wurde. Gleich verhält es sich, wenn vor Inkrafttreten des revidierten Waffengesetzes eine Ausnahmebewilligung für den Erwerb von
BGE 141 IV 132 S. 139
Schalldämpfern, Laser- oder Nachtsichtzielgeräten eingeholt wurde. Die blosse Verletzung der Meldepflicht ist ausschliesslich nach
Art. 34 Abs. 1 lit. i WG
zu ahnden.
2.6
Bezüglich des Vorwurfs des unrechtmässigen Besitzes von Waffen und Waffenzubehör im Sinne von
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
hätte die Vorinstanz nach dem Gesagten prüfen müssen, ob der Beschwerdeführer die Pistolen, die Schalldämpfer und das Laserzielgerät nach den im Erwerbszeitpunkt anwendbaren Bestimmungen rechtmässig erwarb (vgl.
Art. 12 WG
; oben E. 2.4). Der angefochtene Entscheid verletzt Bundesrecht, da die Vorinstanz dies unterliess und den Beschwerdeführer im Sinne von
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
mit der Begründung schuldig sprach, er habe die Meldepflicht von
Art. 42 Abs. 5 WG
nicht beachtet.
2.7
2.7.1
Eine Verletzung der Meldepflicht von
Art. 42 Abs. 5 WG
ist wie dargelegt nach
Art. 34 Abs. 1 lit. i WG
strafbar. Bezüglich der Schalldämpfer und des Laserzielgeräts bejaht die Vorinstanz zu Recht eine Meldepflicht nach Art. 42 Abs. 5 i.V.m. Art. 5 Abs. 1 lit. g und
Art. 4 Abs. 2 lit. a und b WG
.
2.7.2
Der Meldepflicht von
Art. 42 Abs. 5 WG
unterstehen verbotene Waffen im Sinne von
Art. 5 Abs. 2 WG
. Waffen, für deren Besitz keine kantonale Ausnahmebewilligung erforderlich ist, sondern ein Waffenerwerbsschein genügt, werden von der Bestimmung nicht erfasst. Eine Meldepflicht für bewilligungspflichtige Waffen, die vor dem 12. Dezember 2008 erworben wurden und noch in keinem kantonalen Informationssystem über den Erwerb von Feuerwaffen registriert sind, bildet Gegenstand einer derzeit im Parlament noch hängigen Vorlage des Bundesrates vom 13. Dezember 2013 (vgl. Botschaft vom 13. Dezember 2013 zum Bundesgesetz über Verbesserungen beim Informationsaustausch zwischen Behörden im Umgang mit Waffen, BBl 2014 303 ff., 315 ff. zu Ziff. 1.2.2;
Art. 42b Abs. 1 WG
des Entwurfs).
Pistolen fallen grundsätzlich nicht unter
Art. 5 Abs. 2 WG
. Sie können mit einem Waffenerwerbsschein erworben werden (
Art. 8 ff. WG
) und bedürfen keiner kantonalen Ausnahmebewilligung (vgl. Schweizerisches Waffenrecht, Merkblatt des Bundesamtes für Polizei, Stand September 2014; BBl 2014 316). Entsprechend unterliegen sie keiner Meldepflicht im Sinne von
Art. 42 Abs. 5 WG
. Dem angefochtenen Entscheid kann nicht entnommen werden, weshalb bezüglich der
BGE 141 IV 132 S. 140
Pistolen im Besitz des Beschwerdeführers von einer Waffe im Sinne von
Art. 5 Abs. 2 WG
auszugehen ist. Die Vorinstanz legt insbesondere nicht dar, es handle sich dabei um Seriefeuerwaffen (Maschinenpistolen).
2.7.3
Fraglich ist, ob
Art. 34 Abs. 1 lit. i WG
in echter Konkurrenz zu
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
zur Anwendung gelangen kann. Die gleichzeitige Missachtung von
Art. 42 Abs. 5-7 WG
ist nach der Botschaft zum revidierten Waffengesetz nach
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
strafbar (BBl 2006 2751 zu Art. 42; oben E. 2.5.2). Nach den Materialien soll in solchen Fällen folglich kein zusätzlicher Schuldspruch wegen Verletzung der Meldepflicht im Sinne von Art. 34 Abs. 1 lit. i i.V.m.
Art. 42 Abs. 5 WG
erfolgen.
Die Frage braucht jedoch nicht abschliessend beantwortet zu werden, da vorliegend eine Bestrafung wegen Verletzung der Meldepflicht von
Art. 42 Abs. 5 WG
(
Art. 34 Abs. 1 lit. i WG
) zusätzlich zu einer solchen wegen unrechtmässigen Besitzes nach
Art. 33 Abs. 1 lit. a WG
bereits aufgrund des in
Art. 391 Abs. 2 StPO
verankerten Verbots der reformatio in peius nicht in Betracht kommt. Dieses untersagt nach der Rechtsprechung nicht nur eine Verschärfung der Sanktion, sondern auch eine härtere rechtliche Qualifikation der Tat. Letzteres ist der Fall, wenn der neue Straftatbestand eine höhere Strafdrohung vorsieht, sowie bei zusätzlichen Schuldsprüchen (
BGE 139 IV 282