Decision ID: 1318f591-3447-514c-9ead-c2d9bb93d976
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer reichte am 24. Juni 2021 ein Asylgesuch in der
Schweiz ein. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank
Eurodac ergab, dass er am 22. Mai 2014 und 5. September 2014 in Italien,
am 5. August 2015 in der Schweiz, am 25. Mai 2016 in Deutschland sowie
am 3. August 2020 in Frankreich um Asyl ersucht hatte. Anlässlich des
Dublin-Gesprächs vom 12. Juli 2021 gab er an, weder in Deutschland noch
in Frankreich oder Italien habe er Unterstützung erhalten. In Italien sei sein
Asylgesuch abgewiesen worden. Er habe seit drei Jahren Magenschmer-
zen und könne seit einer Woche nicht gut schlafen. Die Vorinstanz ge-
währte ihm das rechtliche Gehör zur möglichen Zuständigkeit von Italien,
Frankreich oder Deutschland sowie zur Wegweisung dorthin.
B.
Gestützt auf den Eurodac-Abgleich und die Angaben des Beschwerdefüh-
rers ersuchte die Vorinstanz am 12. Juli 2021 die französischen Behörden
um Übernahme des Beschwerdeführers gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. b der
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO).
Die französischen Behörden hiessen das Übernahmeersuchen am 23. Juli
2021 gut.
C.
Mit Verfügung vom 23. Juli 2021 (eröffnet am 27. Juli 2021) trat die Vor-
instanz auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, ordnete des-
sen Wegweisung nach Frankreich an und beauftragte den zuständigen
Kanton mit dem Vollzug der Wegweisung. Zudem stellte sie fest, einer all-
fälligen Beschwerde gegen den Entscheid komme keine aufschiebende
Wirkung zu.
D.
Mit Eingabe vom 2. August 2021 erhob der Beschwerdeführer beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragt, die angefochtene Verfü-
gung sei aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, ihre Pflicht oder ihr
Recht zum Selbsteintritt auszuüben und sich für vorliegendes Asylverfah-
ren für zuständig zu erklären. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung
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zu kassieren und der Fall an die Vorinstanz zur erneuten Sachverhaltsfest-
stellung und zur erneuten Beurteilung zurückzuweisen. Es sei im Sinne
vorsorglicher Massnahmen die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die
Vollzugsbehörden anzuweisen, von einer Überstellung nach Frankreich
abzusehen, bis das Bundesverwaltungsgericht über die vorliegende Be-
schwerde entschieden habe. Es sei auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses zu verzichten und die unentgeltliche Prozessführung zu gewäh-
ren.
E.
Mit superprovisorischer Massnahme vom 3. August 2021 setzte der In-
struktionsrichter den Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers
einstweilen aus.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.1
Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsge-
richt zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig
und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist als Verfügungs-
adressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die
frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108
Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwer-
deinstanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu
Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1;
2012/4 E. 2.2).
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2.3 Die Beschwerde erweist sich als offensichtlich unbegründet, weshalb
sie im Verfahren einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines
zweiten Richters beziehungsweise einer zweiten Richterin (Art. 111 Bst. e
AsylG) ohne Durchführung eines Schriftenwechsels und mit summarischer
Begründung zu behandeln ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG).
3.
Der Beschwerdeführer beantragt, die Sache sei zur erneuten Sachver-
haltsfeststellung und Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Das Begehren wird nicht weiter begründet, weshalb nicht darauf einzutre-
ten ist.
4.
4.1 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM in der Regel die Weg-
weisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
4.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch
Art. 7 Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständi-
gen Mitgliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals
ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des
Wiederaufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (neue) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
Die französischen Behörden stimmten dem Übernahmeersuchen der Vor-
instanz innert der in Art. 25 Abs. 1 Dublin-III-VO festgelegten Frist zu. Die
Zuständigkeit Frankreichs ist somit grundsätzlich gegeben, was vom Be-
schwerdeführer auch nicht bestritten wird.
4.3 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller an den zunächst als
zuständig bestimmten Mitgliedstaat zu überstellen, da es wesentliche
Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU–Grundrechte-
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charta mit sich bringen, so setzt der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, um festzu-
stellen, ob ein anderer Mitgliedstaat als zuständig bestimmt werden kann.
Kann keine Überstellung gemäss diesem Absatz an einen aufgrund der
Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat oder an den ersten Mit-
gliedstaat, in dem der Antrag gestellt wurde, vorgenommen werden, so wird
der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat
(Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
4.4 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO). Dieses sogenannte Selbst-
eintrittsrecht wird durch Art. 29a Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. Au-
gust 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung
kann das SEM das Asylgesuch aus humanitären Gründen auch dann be-
handeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig
wäre. Liegen individuelle völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist
der Selbsteintritt zwingend (BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
5.
5.1 Der Beschwerdeführer macht geltend, gemäss neusten Lageberichten
hätten Asylsuchende, die im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Frank-
reich rücküberstellt würden, meist keinen Zugang zu einer Unterkunft. Die
Inanspruchnahme der Grundversicherung sei erst nach drei Monaten mög-
lich. Vorher würden nur absolute Notfälle behandelt. Besonders für Perso-
nen mit psychischen Problemen sei eine Behandlung nur unter erschwer-
ten Bedingungen möglich. Nach einer Rückkehr nach Frankreich befände
er sich in einer verheerenderen Situation als zuvor.
5.2 Frankreich ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der FK
sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR 0.142.301)
und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen
nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne und
schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des
Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013
zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des in-
ternationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie, ABl. L 180/96 vom
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29. Juni 2013) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von
Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz bean-
tragen (sog. Aufnahmerichtlinie, ABl. L 180/96 vom 29. Juni 2013) ergeben.
An dieser Einschätzung vermögen die Hinweise in der Beschwerde auf Be-
richte über die allgemeine Situation für Asylsuchende in Frankreich nichts
zu ändern. Folglich weisen das Asylverfahren und das Aufnahmesystem in
Frankreich keine systematischen Mängel auf, welche eine Anwendung von
Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO rechtfertigen würden (Urteile des BVGer
E-2905/2021 vom 29. Juni 2021 E. 5.1; F-2682/2021 vom 23. Juni 2021
E. 7).
6.
6.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, er leide physisch und psychisch seit
Jahren unter der Art und Weise wie er behandelt werde. In Frankreich habe
er auf der Strasse gelebt und keinen Zugang zu medizinischen Einrichtun-
gen gehabt. Bei einer Rückkehr nach Frankreich müsste er höchst wahr-
scheinlich wieder auf der Strasse leben. Er habe starke Bauchschmerzen
und sei auf Medikamente angewiesen. Bei einer Überstellung nach Italien
drohe eine Verletzung von Art. 3 EMRK. Die Schweiz habe daher ihr Recht
auf Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO auszuüben.
6.2 Anlässlich des Dublin-Gesprächs gab der Beschwerdeführer an, er
habe seit drei Jahren Magenschmerzen und schlafe seit einer Woche
schlecht. Gemäss ärztlichem Kurzbericht vom 14. Juli 2021 leidet er an ei-
ner Verdauungsstörung und nimmt dagegen ein Medikament ein. Aus den
Akten ergeben sich keine Hinweise auf eine ernsthafte psychische oder
physische Erkrankung. Sollte der Beschwerdeführer dennoch auf eine Be-
handlung angewiesen sein, so ist darauf hinzuweisen, dass Frankreich
über eine ausreichende medizinische Infrastruktur verfügt und gemäss
Art. 19 Abs. 1 Aufnahmerichtlinie verpflichtet ist, den Antragstellern die er-
forderliche medizinische Versorgung, die zumindest die Notversorgung
und die unbedingt erforderliche Behandlung von Krankheiten und schwe-
ren psychischen Störungen umfasst, zugänglich zu machen. Es liegen
keine Anhaltspunkte vor, wonach dem Beschwerdeführer dort eine adä-
quate medizinische Behandlung verweigert würde. Bei einer Rückweisung
nach Frankreich droht somit keine Verletzung von Art. 3 EMRK, weshalb
die Schweiz nicht zum Selbsteintritt nach Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO ver-
pflichtet ist; auch humanitäre Gründe im Sinne von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1
liegen nicht vor.
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7.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen. Mit dem vorliegen-
den Urteil fällt der am 3. August 2021 angeordnete Vollzugsstopp dahin.
Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung ist gegenstandslos
geworden.
8.
8.1 Die Begehren erweisen sich als aussichtslos, weshalb das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ungeachtet einer allfälli-
gen prozessualen Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
8.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt Fr. 750.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
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