Decision ID: bbcefc64-9078-4a9e-aba3-7a70cba4ec5a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Gemäss eigenen Angaben verliess der Beschwerdeführer seinen Heimat-
staat wenige Monate nach dem Sturz der Regierung Afghanistans und
suchte am 14. April 2022 in der Schweiz um Asyl nach. Der Beschwerde-
führer gab an, er sei 16 Jahre alt, könne sein Geburtsdatum jedoch nicht
nennen.
B.
Die Abklärungen des SEM ergaben, dass gemäss Abgleich mit der euro-
päischen Fingerabdruck-Datenbank (Eurodac) der Beschwerdeführer sich
am 18. November 2021 in Bulgarien aufgehalten hatte, auf diese Weise
illegal in das Hoheitsgebiet der Dublin-Staaten eingereist war und am
8. Dezember 2021 dort sowie am 7. April 2022 in Österreich und am 14.
April 2022 in Deutschland Asylgesuche gestellt hatte.
C.
Die Vorinstanz führte eine Erstbefragung für unbegleitete minderjährige
Asylsuchende (Erstbefragung UMA) am 25. Mai 2022 mit ihm durch. Am
Ende der Befragung kündigte das SEM die Durchführung einer Altersab-
klärung an und begründete dies damit, dass im Gespräch und angesichts
fehlender rechtsgenüglicher Identitätspapiere nicht abschliessend habe
beurteilt werden können, ob er minderjährig sei, und daher sein Geburts-
datum auf den 1. Januar 2004 festgelegt werde.
D.
Das vom SEM in Auftrag gegebene rechtsmedizinische Gutachten des In-
stituts für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen vom 9. Juni 2022
ergab, dass die radiologischen Untersuchungen der Hand, die Wachstums-
fugen der Schlüsselbeine und der dritten Molaren ein durchschnittliches
Alter von 18 – 22 Jahren ergeben hätten. Das Mindestalter betrage 17.6
Jahre. Somit erscheine das angegebene Alter von 16 Jahren und circa vier
Monaten nicht plausibel.
E.
in der Folge wurde dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem
allfälligen Nichteintretensentscheid und der Möglichkeit einer Überstellung
nach Deutschland, Österreich oder Bulgarien gewährt, welche gemäss
Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Ra-
tes vom 26. Juni 2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Be-
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stimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Dritt-
staatsangehörigen oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten An-
trags auf internationalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO),
grundsätzlich für die Behandlung ihres Asylgesuchs zuständig sein könn-
ten. Die grundsätzliche Zuständigkeit eines dieser Mitgliedstaaten wurde
vom Beschwerdeführer in seiner Stellungnahme vom 29. Juni 2022 nicht
bestritten. Jedoch machte dieser geltend, nicht nach Deutschland, Öster-
reich oder Bulgarien zurückkehren zu wollen, da er insbesondere in Bulga-
rien unter schlechten Bedingungen inhaftiert worden sei. Die Haftanstalt
sei unhygienisch und der Umgang seien grob gewesen und es habe an
ausreichender (medizinscher) Versorgung und Betreuung gefehlt.
F.
Am 1. Juli 2022 ersuchte das SEM die bulgarischen Behörden um Rück-
übernahme des Beschwerdeführers. Gleichentags ersuchte das SEM auch
die österreichischen und deutschen Behörden um Rückübernahme des
Beschwerdeführers. Mit Hinweis auf die Zuständigkeit Bulgariens lehnten
die deutschen Behörden am 5. Juli 2022 und die österreichischen Behör-
den am 15. Juli 2022 das Gesuch ab. Die bulgarischen Behörden hiessen
das Gesuch gemäss Art. 18 Abs. 1 Bst. c Dublin-III-VO am 14. Juli 2022
gut und teilten gleichzeitig mit, der Beschwerdeführer sei dort unter dem
Namen «Atamarhel Abdullah» und mit dem Geburtsdatum «13.02.2001»
registriert worden.
G.
Mit Verfügung vom 18. Juli 2022 trat das SEM in Anwendung von Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des
Beschwerdeführers nicht ein und verfügte die Überstellung nach Bulgarien,
welches gemäss Dublin-III-VO für die Behandlung seines Asylgesuches
zuständig sei. Gleichzeitig verfügte das SEM den Vollzug der Wegweisung
nach Bulgarien, stellte fest, einer allfälligen Beschwerde gegen den Ent-
scheid komme keine aufschiebende Wirkung zu und legte das Geburtsda-
tum des Beschwerdeführers im ZEMIS mit Bestreitungsvermerk auf den
1. Januar 2004 fest.
H.
Mit Beschwerde vom 26. Juli 2022 an das Bundesverwaltungsgericht
beantragte der Beschwerdeführer, dass der angefochtene Entscheid auf-
gehoben, auf sein Asylgesuch eingetreten werde und ein materielles Asyl-
verfahren in der Schweiz durchzuführen sei.
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In prozessualer Hinsicht beantragte er, es sei superprovisorisch anzuord-
nen, dass er in einer Einrichtung für unbegleitete Minderjährige unterzu-
bringen, von Vollzugshandlungen abzusehen, seiner Beschwerde die auf-
schiebende Wirkung zu erteilen und ihm die unentgeltliche Rechtspflege
einschliesslich des Verzichts auf einen Kostenvorschuss zu gewähren sei.
Die weiteren Anträge des Beschwerdeführers auf Berichtigung des Ge-
burtsdatums im ZEMIS-Register (Rechtsbegehren 2 und 3) vom 1. Januar
2004 auf den 1. Januar 2006, eventualiter auf den 1. Dezember 2004, wer-
den in einem getrennten Verfahren (D-3258/2022) behandelt.
I.
Am 4. August 2022 ordnete der Instruktionsrichter der Beschwerde einen
Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Gemäss Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsge-
richt zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des Asyls zuständig
und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorliegend – endgültig
(vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist zur Beschwer-
deführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG).
2.
2.1 Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht (einschliesslich
Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die unrichtige oder
unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gerügt
werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
2.2 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf einen
Schriftenwechsel verzichtet.
3.
3.1 Auf Asylgesuche ist in der Regel nicht einzutreten, wenn Asylsuchende
in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des Asyl-
und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). Zur Bestimmung des staatsvertraglich zuständigen
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Staates prüft das SEM die Zuständigkeitskriterien gemäss Dublin-III-VO.
Führt diese Prüfung zur Feststellung, dass ein anderer Mitgliedstaat für die
Prüfung des Asylgesuchs zuständig ist, tritt das SEM, nachdem der betref-
fende Mitgliedstaat einer Überstellung oder Rücküberstellung zugestimmt
hat, auf das Asylgesuch nicht ein (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 6.2).
3.2 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III (Art.
8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird (vgl. auch Art. 7
Abs. 1 Dublin-III-VO). Das Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Mit-
gliedstaates wird eingeleitet, sobald in einem Mitgliedstaat erstmals ein
Asylantrag gestellt wird (Art. 20 Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wie-
deraufnahmeverfahrens (Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich
keine (erneute) Zuständigkeitsprüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr
statt (vgl. zum Ganzen BVGE 2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
3.3 Im Falle von unbegleiteten Minderjährigen ohne familiäre Anknüp-
fungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 4 Dub-
lin-III-VO der Staat zuständig, in welchem der Minderjährige seinen Antrag
gestellt hat (vgl. u.a. Urteile BVGer D-3656/2021 vom 20. August 2021 E.
4.2, F-949/2021 vom 24. März 2021 E. 3.2).
3.4 Erweist es sich als unmöglich, einen Antragsteller in den eigentlich zu-
ständigen Mitgliedstaat zu überstellen, weil es wesentliche Gründe für die
Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für
Antragsteller in jenem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufwei-
sen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behand-
lung im Sinne von Artikel 4 der Charta der Grundrechte der Europäischen
Union (2012/C 326/02, nachfolgend: EU-Grundrechtecharta) mit sich brin-
gen, ist zu prüfen, ob aufgrund dieser Kriterien ein anderer Mitgliedstaat
als zuständig bestimmt werden kann. Kann kein anderer Mitgliedstaat als
zuständig bestimmt werden, wird der die Zuständigkeit prüfende Mitglied-
staat zum zuständigen Mitgliedstaat (Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO).
3.5 Abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO kann jeder Mitgliedstaat
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder
Staatenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch
wenn er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die
Prüfung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses
sogenannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3
der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
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konkretisiert. Gemäss dieser Bestimmung kann das SEM das Asylgesuch
«aus humanitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss
Dublin-III-VO ein anderer Staat zuständig wäre. Liegen individuelle
völkerrechtliche Überstellungshindernisse vor, ist der Selbsteintritt
zwingend (vgl. BVGE 2015/9 E. 8.2.1).
4.
Der Beschwerdeführer wurde über die Route von seinem Herkunftsland in
die Schweiz und der dortigen Verweildauer befragt und er nahm am
29. Juni 2022 zur voraussichtlichen Zuständigkeit Bulgariens, Deutsch-
lands oder Österreichs Stellung. Der rechtskundig vertretene Beschwerde-
führer bringt nicht vor, dass sein Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt,
die Befragung nicht korrekt durchgeführt worden sei oder er seit Beginn
des Verfahrens nicht von einer fachkundigen Person ordnungsgemäß ver-
treten und unterstützt werde.
5.
Die Vorinstanz begründet in ihrem Entscheid, dass sie in Anbetracht aller
Indizien von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers ausgehe. Die foren-
sische Altersabklärung sei ein Indiz für die Volljährigkeit und attestiere,
dass das geltend gemachte Alter nicht stimmen könne. Die von ihm als
Fotographie eingereichte Tazkara sei in Afghanistan leicht käuflich erhält-
lich und leicht fälschbar. Daher komme diesem Dokument nur ein sehr ein-
geschränkter Beweiswert zu. Es gebe keine wesentlichen Gründe für die
Annahme, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Asyl-
suchende in Bulgarien Schwachstellen aufweisen würden, die eine der EU-
Grundrechtecharta oder der EMRK widersprechende Behandlung mit sich
bringen würden. Sodann würden keine Gründe vorliegen, welche die
Schweiz zur Anwendung der Souveränitätsklausel im Sinne von Art. 29a
Abs. 3 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311)
und Art. 17 Abs. 1 Dublin-III-VO veranlassen müssten.
6.
Dem entgegnete der Beschwerdeführer auf Beschwerdeebene, er sei 16
Jahre alt und nicht volljährig. Aufgrund der vorliegenden Indizien, sei im
Zweifelsfall von seiner Minderjährigkeit auszugehen. In Bulgarien sei er in
traumatisierender Weise schlecht behandelt worden. Überdies verweist er
auf zwei Berichte von Bezugspersonen, die aufgrund ihres persönlichen
Eindrucks auf seine Minderjährigkeit schlössen.
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Seite 7
7.
7.1 Ein Abgleich der Fingerabdrücke des Beschwerdeführers mit der
«Eurodac»-Datenbank ergab, dass dieser sich am 18. November 2021 in
Bulgarien aufgehalten hatte, auf diese Weise illegal in das Hoheitsgebiet
der Dublin-Staaten eingereist war, am 8. Dezember 2021 dort ein Asylge-
such gestellt hatte und am 7. April 2022 in Österreich sowie am 14. April
2022 in Deutschland weitere Asylgesuche gestellt hatte. Das SEM er-
suchte deshalb die bulgarischen Behörden am 1. Juli 2022 um Wiederauf-
nahme des Beschwerdeführers. Die bulgarischen Behörden stimmten dem
Gesuch um Übernahme am 14. Juli 2022 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. c
Dublin-III-VO zu.
Die grundsätzliche Zuständigkeit Bulgariens ist somit gegeben. Wie die
nachfolgenden Erwägungen zeigen, sind seine Vorbringen nicht geeignet,
die Zuständigkeit dieses Staates in Frage zu stellen.
7.2
7.2.1 Soweit der Beschwerdeführer geltend macht, aufgrund seiner Min-
derjährigkeit sei von der Zuständigkeit der schweizerischen Asylbehörden
für sein Asylgesuch auszugehen, ist einerseits festzustellen, dass die Be-
weislast für die behauptete Minderjährigkeit grundsätzlich die asylsu-
chende Person trägt (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3 und E. 4.2.3). Im Rahmen
einer Gesamtwürdigung ist eine Abwägung sämtlicher Anhaltspunkte, die
für oder gegen die Richtigkeit der betreffenden Altersangaben sprechen,
vorzunehmen. Wesentlich sind dabei für echt befundene Identitätspapiere
oder eigene Angaben der betroffenen Person (vgl. Urteil des BVGer E-
4931/2014 vom 21. Januar 2015 E. 5.1.1, mit Hinweis auf Entscheidungen
und Mitteilungen der [vormaligen] Asylrekurskommission [EMARK] 2004
Nr. 30). Das Resultat des Altersgutachtens stellt nur ein Element bei der
Beurteilung der Frage der Glaubhaftigkeit einer geltend gemachten Min-
derjährigkeit dar (vgl. BVGE 2019 I/6 E. 6.1 ff.).
7.2.2 Gemäss BVGE 2018 VI/3 sind von den in der Schweiz angewandten
Methoden der medizinischen Altersabklärung nur die Schlüsselbein- res-
pektive Skelettaltersanalyse und die zahnärztliche Untersuchung (nicht je-
doch die Handknochenaltersanalyse und die ärztliche körperliche Untersu-
chung) zum Beweis der Minder- beziehungsweise Volljährigkeit einer Per-
son geeignet. Eine medizinische Altersabklärung stellt ein starkes Indiz für
die Volljährigkeit dar, falls das Mindestalter bei der Schlüsselbein- respek-
tive Skelettaltersanalyse oder der zahnärztlichen Untersuchung über 18
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Seite 8
Jahren liegt und die sich anhand der beiden Analysen ergebenden Alters-
spannen überlappen (vgl. ebenda E. 4.2.1 f.; Urteil des BVGer E-
2642/2022 vom 24. Juni 2022 E. 7.2.2).
7.2.3 Auf der als Fotographie eingereichten Tazkara ist als Geburtsdatum
der 6. Juli im Jahr 1385 (gemäss gregorianischem Kalender 28. September
2006) vermerkt. Auf die Frage, weshalb er im Personalienblatt als Geburts-
datum den 13. März 2006 angegeben habe, machte er geltend, das Blatt
auf Anweisung so ausgefüllt zu haben, er habe nur sein Geburtsjahr nen-
nen wollen, da das Geburtsdatum ihm unbekannt sei. Die Ausführungen
des Beschwerdeführers in der Befragung vom 25. Mai 2022 sind weiter
teilweise widersprüchlich, da er einerseits auf den Eintrag auf seiner
Tazkara verweist und andererseits behauptet, 16 Jahre alt zu sein, was
gemäss den in der Tazkara festgehaltenen Daten nicht möglich ist, wobei
der Beschwerdeführer diesen Widerspruch nicht auflöst.
7.2.4 Dem vom Beschwerdeführer zum Beleg seines Alters eingereichten
Identitätsdokument (Tazkara) kann praxisgemäss nur ein geringer Beweis-
wert beigemessen werden. Eine Tazkara enthält keine Sicherheitsmerk-
male und kann deshalb einfach gefälscht werden. Auch bei Annahme der
Echtheit einer Tazkara müssen die darin enthaltenen zeitlichen Angaben
über das Geburtsdatum nicht dem wirklichen Alter entsprechen, da die An-
gabe auf einer Einschätzung des Alters aufgrund des Aussehens der Per-
son im Zeitpunkt der Ausstellung beruhen kann (vgl. hierzu BVGE 2019 I/6
E. 6.2, bestätigt u.a. im Urteil des BVGer D-2096/2022 vom 20. Mai 2022
E. 8.3.3).
7.2.5 Die Aussagen des Beschwerdeführers anlässlich der Erstbefragung
zu seinem familiären Umfeld und seiner Kindheit in Afghanistan sind vage
ausgefallen. Er konnte auch das ungefähre Alter seiner Verwandten kaum
nennen und seine Aussagen zu prägenden Lebensereignissen (Schulzeit,
Zeitpunkt geltend gemachter Fluchtgründe) zeitlich nur in sehr oberflächli-
cher Weise einordnen (vgl. SEM-Akten 1155525-19/12 Ziffer 1.06, 1.17.04
und 3.01). Insgesamt sind diese Angaben nicht geeignet, das Gericht von
seiner Minderjährigkeit zu überzeugen.
7.2.6 Die forensische Lebensaltersschätzung des Beschwerdeführers
stützt ihr Ergebnis im Gutachten vom 9. Juni 2022 auf eine körperliche
Untersuchung des Beschwerdeführers, die zahnärztliche Altersschätzung,
die radiologische Altersschätzung des Handgelenks sowie der Schlüssel-
beine. Hieraus ergab sich ein durchschnittliches Alter von 18 – 22 Jahren.
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Das Mindestalter betrage 17.6 Jahre, womit das vom Beschwerdeführer
angegebene Alter von 16 Jahren und circa vier Monaten nicht vereinbar
sei.
7.2.7 Nach dem Gesagten lassen sich weder den Akten noch den Aussa-
gen des Beschwerdeführers stichhaltige Rückschlüsse auf sein wahres Al-
ter und insbesondere auf die Frage seiner Minder- oder Volljährigkeit im
Zeitpunkt der Einreichung seines Asylgesuchs in der Schweiz entnehmen.
Demgegenüber stellt das (polydisziplinäre) Altersgutachten vorliegend ein
Indiz für seine Volljährigkeit dar. Dass das vom Beschwerdeführer angege-
bene Geburtsdatum gemäss diesem Altersgutachten nicht richtig sein
kann, ist bei der Glaubhaftigkeitsprüfung der Aussagen des Beschwerde-
führers zu seinem Alter zu berücksichtigen. Die Vorinstanz hat einlässlich
und überzeugend begründet (S. 6 f. der angefochtenen Verfügung) anhand
welcher Faktoren - insbesondere gestützt auf die Untersuchungen zum Al-
tersgutachten und der widersprüchlichen Aussagen des Beschwerdefüh-
rers - sie die Minderjährigkeit des Beschwerdeführers verneint, worauf ver-
wiesen werden kann.
7.2.8 Diese Einschätzung wird weiter dadurch gestützt, dass in Bulgarien
als Geburtsdatum eingetragen wurde, der Beschwerdeführer sei am 13.
März 2001 geboren, obschon er dort angegeben haben will, er sei 16 Jahre
alt. Vor diesem Hintergrund fällt auf, dass der Beschwerdeführer auf dem
Personalienblatt (vgl. SEM-Akten 1155525-1/2) in der Schweiz den
13. März 2006 als Geburtsdatum nannte, womit naheliegt, dass der Be-
schwerdeführer sein tatsächliches Geburtsdatum entgegen seiner Aus-
sage kennt.
7.2.9 Demnach gelangt das Gericht in Übereinstimmung mit der Vorinstanz
zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, die von
ihm geltend gemachte Minderjährigkeit zum Zeitpunkt seiner Gesuchsein-
reichung in der Schweiz glaubhaft zu machen. Das Gericht geht folglich mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit von der Volljährigkeit des Beschwerde-
führers aus. Vor diesem Hintergrund kann die Frage nach seinem genauen
Geburtsdatum im vorliegenden Verfahren offengelassen werden und muss
nicht näher geprüft werden.
7.2.10 Andererseits ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer gemäss
Aktenlage in Bulgarien ein Asylgesuch gestellt hatte. Somit ist gemäss
Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO dieser Staat auch dann zuständig, wenn der Be-
schwerdeführer bei der Gesuchseinreichung noch minderjährig gewesen
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Seite 10
sein sollte. Folglich könnte er aus seiner Minderjährigkeit die Zuständigkeit
der Schweiz nicht ableiten.
7.3
7.3.1 Im Lichte von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO ist zu prüfen, ob es wesent-
liche Gründe für die Annahme gibt, das Asylverfahren und die Aufnahme-
bedingungen für Asylsuchende in Bulgarien würden systemische
Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder
entwürdigenden Behandlung im Sinne des Artikels 4 der EU-Grund-
rechtecharta mit sich bringen würden.
7.3.2 Bulgarien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967 (SR
0.142.301) und kommt seinen diesbezüglichen völkerrechtlichen Verpflich-
tungen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dieser Staat anerkenne
und schütze die Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien
des Europäischen Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni
2013 zu gemeinsamen Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung
des internationalen Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU
vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Per-
sonen, die internationalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) er-
geben. Das Bundesverwaltungsgericht hat sich in seinem Referenzurteil
F‐7195/2018 vom 11. Februar 2020 ausführlich mit dem bulgarischen Asyl-
system und der Situation asylsuchender Personen in diesem Dublin-Mit-
gliedstaat auseinandergesetzt. Es hat festgehalten, dass das dortige Asyl-
verfahren sowie die Aufnahmebedingungen zwar gewisse Mängel aufwei-
sen würden, diese aber nicht systemischer Natur seien, weshalb von Über-
stellungen nach Bulgarien grundsätzlich nicht abzusehen sei. Betroffene
Personen könnten gegen einen negativen Asylentscheid ein wirksames
Rechtsmittel einlegen. Die Bedingungen in den Aufnahme- und Haftzen-
tren könnten nicht als unmenschlich oder entwürdigend qualifiziert werden
(a.a.O. E. 6.6.1 und E. 6.6.7). Das Bundesverwaltungsgericht geht auch
heute noch praxisgemäss nicht von systemischen Mängeln im bulgari-
schen Asylverfahren aus (vgl. etwa Urteile des BVGer F-2956/2022 vom
14. Juli 2022 E. 6.3; D-2725/2022 vom 1. Juli 2022 E. 9.2; E-2756/2022
vom 29. Juni 2022 E. 5.5 je m.w.H.). Unter diesen Umständen ist die An-
wendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO nicht gerechtfertigt.
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Seite 11
7.3.3 Der Beschwerdeführer hat kein konkretes und ernsthaftes Risiko dar-
getan, die bulgarischen Behörden würden sich weigern, ihn wieder aufzu-
nehmen und seinen Antrag auf internationalen Schutz unter Einhaltung der
Regeln der Verfahrensrichtlinie zu prüfen. Den Akten sind denn auch keine
Gründe für die Annahme zu entnehmen, Bulgarien werde in seinem Fall
den Grundsatz des Non-Refoulement missachten und ihn zur Ausreise in
ein Land zwingen, in dem sein Leib, sein Leben oder seine Freiheit aus
einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem er Gefahr
laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden.
Ausserdem hat der Beschwerdeführer nicht dargetan, die ihn bei einer
Rückführung erwartenden Bedingungen in Bulgarien seien derart schlecht,
dass sie zu einer Verletzung von Art. 4 der EU-Grundrechtecharta, Art. 3
EMRK oder Art. 3 FoK führen könnten.
7.3.4 Der Beschwerdeführer hat auch keine konkreten Hinweise für die
Annahme dargetan, Bulgarien würde ihm dauerhaft die ihm gemäss
Aufnahmerichtlinie zustehenden minimalen Lebensbedingungen
vorenthalten. Bei einer allfälligen vorübergehenden Einschränkung ist er
im Übrigen gehalten, sich an die dafür zuständigen Behörden zu wenden
und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem Rechtsweg
einzufordern (vgl. Art. 26 der Aufnahmerichtlinie). Es sind keine konkreten
Anhaltspunkte dafür ersichtlich, der Beschwerdeführer geriete im Falle
einer Überstellung wegen der dortigen Aufenthaltsbedingungen in eine
existenzielle Notlage.
7.3.5 Soweit der Beschwerdeführer vorbringt, in Bulgarien schlecht behan-
delt worden zu sein, bleibt dies ohnehin unbelegt und seine Äusserungen
hierzu vage. Überdies wird sich der Beschwerdeführer nach seiner Über-
stellung in einer anderen Situation als bei seiner ersten Einreise nach Bul-
garien befinden. Sodann ist er, wie eben gesehen, bei einer ungerechten
Behandlung durch eine Behörde gehalten, seinen Schutz rechtlich einzu-
fordern.
7.3.6 Gemäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts verfügt das SEM bei
der Anwendung der Kann-Bestimmung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 über
einen Ermessensspielraum (vgl. BVGE 2015/9 E. 7 f.). Seit der Kognitions-
beschränkung durch die Asylgesetzrevision vom 1. Februar 2014 (Strei-
chung der Angemessenheitskontrolle des Bundesverwaltungsgerichts ge-
mäss aArt. 106 Abs. 1 Bst. c AsylG) überprüft das Gericht den vorinstanz-
lichen Verzicht der Anwendung von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 nicht mehr auf
Angemessenheit hin; das Gericht beschränkt seine Beurteilung nunmehr
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Seite 12
im Wesentlichen darauf, ob das SEM den Sachverhalt diesbezüglich kor-
rekt und vollständig erhoben, allen wesentlichen Umständen Rechnung ge-
tragen und seinen Ermessensspielraum genutzt hat (vgl. Art. 106 Abs. 1
Bst. a und b AsylG).
7.3.7 Das SEM hat in der angefochtenen Verfügung die Äusserungen des
Beschwerdeführers berücksichtigt und seinen persönlichen Umständen
Rechnung getragen (vgl. vorinstanzliche Verfügung S. 5 ff.). Den Akten
sind keine Hinweise auf eine gesetzeswidrige Ermessensausübung (Art.
106 Abs. 1 Bst. a und Bst. b AsylG) durch die Vorinstanz zu entnehmen.
Es hat somit innerhalb seines Ermessensspielraums gehandelt, welcher im
Ergebnis vom Bundesverwaltungsgericht nicht mehr überprüft werden
kann, weshalb es sich weiterer Ausführungen zur Frage eines Selbstein-
tritts enthält.
7.3.8 Nach dem Gesagten besteht kein Grund für eine Anwendung der Er-
messensklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO. Es ist festzuhalten, dass die
Dublin-III-VO den Schutzsuchenden kein Recht einräumt, den ihren Antrag
prüfenden Staat selber auszuwählen (vgl. auch BVGE 2010/45 E. 8.3).
7.4 Somit bleibt Bulgarien der für die Behandlung des Asylgesuchs des
Beschwerdeführers zuständige Mitgliedstaat gemäss Dublin-III-VO. Bulga-
rien ist verpflichtet, das Asylverfahren gemäss Art. 23, 24, 25 und 29 Dub-
lin-III-VO wiederaufzunehmen.
8.
Das SEM ist demnach zu Recht in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b
AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Überstellung nach Bulgarien in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
9.
Da das Fehlen von Überstellungshindernissen bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheides gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG ist, sind
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen (vgl. BVGE 2015/18 E. 5.2
m.w.H.).
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Seite 13
10.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen und die Verfügung
des SEM zu bestätigen.
11.
Mit dem vorliegenden Urteil ist das Beschwerdeverfahren abgeschlossen,
weshalb der Antrag auf Erteilung der aufschiebenden Wirkung und das Ge-
such um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses gegen-
standslos geworden sind. Der mit superprovisorischer Massnahme vom
4. August 2022 angeordnete Vollzugsstopp fällt dahin.
12.
Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung ist ge-
mäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gutzuheissen. Demnach sind keine Verfahrens-
kosten zu erheben.
(Dispositiv nächste Seite)
D-3243/2022
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