Decision ID: 6a324b8e-97f8-5239-a1a7-e279d8db7744
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer suchte am 7. August 2015 ohne Einreichung von
Identitätsdokumenten in der Schweiz um Asyl nach.
B.
Im Rahmen der Befragung zur Person (BzP) vom 9. August 2015 und der
Anhörung vom 24. August 2015 gab der Beschwerdeführer an, eritreischer
Staatsangehöriger zu sein und im Jahre 2014 unter anderem wegen der
drohenden Einberufung in den Militärdienst Eritrea verlassen zu haben.
C.
Anlässlich der ergänzenden Anhörung zu den Asylgründen vom 13. Juli
2017 widerrief der Beschwerdeführer die angegebenen Identitäts-und Her-
kunftsangaben mit dem Hinweis, sich auf Anraten anderer Asylsuchender
als Eritreer ausgegeben zu haben, um so seine Chancen auf ein Bleibe-
recht in der Schweiz zu erhöhen. In Wirklichkeit sei er äthiopischer Staats-
angehöriger und ethnischer Oromo. Im Alter von vier Jahren sei er zusam-
men mit seinem Vater und seiner Schwiegermutter aufgrund des Krieges
nach Äthiopien zurückgekehrt. Im Jahre 2005 habe er die High School ab-
geschlossen und sei zuerst als Lehrer beim Zivildienst und danach im Sek-
retariat der damaligen OPDO (Demokratische Organisation des Oromovol-
kes) tätig gewesen, wo ihm gekündigt worden sei, nachdem er sich zusam-
men mit anderen Parteikollegen gegen ein Programm zur Enteignung von
Bauern ausgesprochen gehabt habe. Auch sei Anklage gegen ihn erhoben
worden. Im Jahre 2009 habe er sich unterschriftlich dazu verpflichtet, für
sieben Jahre im äthiopischen Militär zu dienen, worauf die Anklage gegen
ihn fallen gelassen worden sei. Nach der militärischen Grundausbildung
sei er zuerst in der Spionageabteilung tätig gewesen und habe neun Sol-
daten befehligt, danach sei er der Logistikabteilung zugeteilt worden. Nach
einem Spitalaufenthalt habe er 2013 nach vier Jahren den ersten Urlaub
erhalten und sei aufgrund der schwierigen Bedingungen im Militär mithilfe
des Dispensschreibens nach B._ ausgereist und anschliessend
über Jemen nach Saudi-Arabien gelangt. Im Jahre 2014 sei er von den
saudi-arabischen Behörden nach Äthiopien zurückgeführt worden.
Schliesslich sei ihm die erneute illegale Ausreise in den Sudan gelungen.
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Seite 3
D.
Zum Nachweis der Identität und zur Stützung der Vorbringen reichte der
Beschwerdeführer Schul- und Ausbildungsdokumente sowie nationale
Ausweise und andere Dokumente von Familienangehörigen in Kopie ein.
E.
Aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers im Rahmen der ergänzen-
den Anhörung wurde ihm Zentralen Migrationssystem (ZEMIS) die
Schreibweise des Namens gemäss den eingereichten Schuldokumenten
angepasst und die Staatsangehörigkeit von «Eritrea» auf «Äthiopien» mu-
tiert.
F.
Mit Verfügung vom 28. Februar 2018 (Eröffnung am 5. März 2018) stellte
das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfülle, lehnte dessen Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an
G.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe seines
Rechtsvertreters vom 22. März 2018 beim Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerde und beantragte die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung,
die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung. Even-
tualiter sei der Beschwerdeführer wegen Unzulässigkeit allenfalls Unzu-
mutbarkeit des Wegweisungsvollzuges in der Schweiz vorläufig aufzuneh-
men, subeventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und die
Sache zur Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen. In prozessualer
Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung inklu-
sive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses sowie um Beiord-
nung des rubrizierten Rechtsvertreters als amtlicher Rechtsbeistand er-
sucht.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 27. März 2018 wurden die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung nach Art. 65 Abs. 1 VwVG
und um unentgeltliche Verbeiständung im Sinne von Art. 110a AsylG (SR
142.31) gutgeheissen und der Rechtsvertreter Ass. iur. Christian Hoffs dem
Beschwerdeführer als Rechtsbeistand beigeordnet.
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I.
In ihrer Vernehmlassung vom 14. November 2018 beantragte die Vo-
rinstanz die Abweisung der Beschwerde.
J.
Mit Replik vom 18. Dezember 2018 rügte die Rechtsvertretung, dass sich
die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung nicht mit der Argumentation in der
Beschwerde auseinandergesetzt habe. Im Übrigen seien die Personalien
im N-Ausweis des Beschwerdeführers, welche nicht mit denjenigen in der
ZEMIS-Datenbank übereinstimmten, noch nicht angepasst worden.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998 (AS
2016 3101) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend –
endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.4 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerdefüh-
rung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte
Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 Abs. 1
VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
3.3 Massgeblicher Zeitpunkt für die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft
ist derjenige des Entscheides über das Asylgesuch. Es ist somit zu prüfen,
ob die Furcht vor einer absehbaren Verfolgung dannzumal (noch) begrün-
det ist; dabei sind Veränderungen der objektiven Situation im Heimatstaat
zwischen Ausreise und Asylentscheid zugunsten und zulasten der asylsu-
chenden Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/12 E. 5.2 S. 154 f.).
4.
4.1 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung die Frage der
Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Desertion trotz gewisser geäusser-
ter Zweifel aufgrund ohnehin fehlender Asylrelevanz nicht abschliessend
beurteilt. Das SEM führte aus, dass eine Bestrafung wegen Verletzung mi-
litärischer Dienstpflicht grundsätzlich keine asylrelevante Verfolgung dar-
stelle. Gemäss dem äthiopischen Strafgesetz (Criminal Code, Proclama-
tion No 414/2004, 9.5. 2005) von 2004 werde Desertion (Art. 288) mit bis
zu fünf Jahren Haft bestraft. Im Ausnahmezustand, welcher in Äthiopien
seit dem 16. Februar 2018 gelte, könne die Bestrafung zwischen fünf und
fünfundzwanzig Jahren variieren oder in gravierenden Fällen auf lebens-
längliche Haft oder Todesstrafe ausgeweitet werden. Im Zeitpunkt der De-
sertion des Beschwerdeführers im Jahre 2013 habe sich Äthiopien nicht im
Ausnahmezustand befunden, weshalb der Beschwerdeführer eine Gefäng-
nisstrafe von bis zu fünf Jahren zu befürchten habe. Anders als in Eritrea
bestünden daher keine Anhaltspunkte dafür, dass in Äthiopien die Deser-
tion des Beschwerdeführers unverhältnismässig bestraft werde. Die weite-
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ren Vorbringen des Beschwerdeführers, wegen seines politischen Engage-
ments gegen ein Programm zur Enteignung von Bauern angeklagt worden
zu sein, seien mangels hinreichenden zeitlichen Zusammenhangs zwi-
schen Verfolgung und Flucht nicht asylrelevant. Zudem seien die Anklagen
gegen den Beschwerdeführer nach Eintritt ins Militär fallen gelassen wor-
den und der Beschwerdeführer habe in der Folge keine weiteren Probleme
mit den Behörden gehabt.
4.2 In der Beschwerde wurde im Wesentlichen geltend gemacht, entgegen
der Auffassung des SEM bestünden Anhaltspunkte dafür, dass der Be-
schwerdeführer aufgrund des herrschenden Ausnahmezustandes als De-
serteur in Äthiopien unverhältnismässig bestraft werde. Es sei davon aus-
zugehen, dass bei einer Rückkehr des Beschwerdeführers die derzeitig
gültigen Gesetze mit drohender jahrelanger Haft oder Todesstrafe zur An-
wendung gelangten, zumal der Beschwerdeführer im Militär eine führende
Funktion innegehabt habe und vor seinem Eintritt in die äthiopische Armee
politisch aktiv gewesen sei. Das SEM habe es unterlassen, die jüngsten
Ereignisse im Zusammenhang mit dem Ausnahmezustand und der ange-
spannten Situation für die Oromo zu würdigen.
5.
5.1 Im aktuellen Referenzurteil zur Lage in Äthiopien D-6630/2018 vom
6. Mai 2019 hielt das Bundesverwaltungsgericht fest, dass sich die Situa-
tion mit Amtsantritt von Abiy Ahmed als erstem Präsidenten des Landes mit
Oromo-Volkszugehörigkeit im April 2018 und den damit einhergehenden
Reformen deutlich verbessert habe (vgl. a.a.O. E. 7.3.).
Dieser Wandel manifestiere sich unter anderem in der Versöhnung mit den
oppositionellen Kräften sowie deren Einbezug in den politischen Prozess,
in der Stärkung der Menschenrechte sowie im geschlossenen Frieden mit
Eritrea. Auch wenn die Protestbewegungen noch nicht vollständig abge-
klungen seien und das Land in den Regionen teilweise nach wie vor unter
ethnischen Konflikten zu leiden habe, sei insgesamt von einer Normalisie-
rung der Situation auszugehen, was durch die Aufhebung des Notstandes
im Juni 2018 bestätigt werde (vgl. a.a.O. E. 7.2 und E. 8.2). Politische Dis-
sidenten, ehemalige Rebellen, Abspaltungsanführer und Journalisten
seien seither nach Äthiopien zurückgekehrt. Tausende politische Gefan-
gene seien seit April 2018 begnadigt und freigelassen worden. Die Verei-
nigungen Ginbot 7, OLF und Ogaden National Liberation Front (ONLF), die
sich für die Anliegen der Oromo einsetzten, seien im Juli 2018 von der Liste
der terroristischen Gruppierungen gestrichen worden (vgl. a.a.O. E. 7).
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Dennoch kommt es nach wie vor zu ethnischen Unruhen in verschiedenen
Regionen Äthiopiens, so auch in Oromia. Es wird teilweise von massiven
Menschenrechtsverletzungen durch äthiopische Sicherheitskräfte berich-
tet. Dabei würden vor allem Unterstützer der Oromo Liberation Army (OLA),
dem bewaffneten Arm der OLF, Opfer von Menschenrechtsverletzungen,
wie zum Beispiel willkürliche Inhaftierungen (vgl. u.a. Amnesty Internatio-
nal, Beyond Law Enforcement: Human Rights Violations by Ethiopian
Security Forces in Amhara and Oromia, 29. Mai 2020, <https://www.amne-
sty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/2020/sicherheitskraefte-vertreiben
-verhaften-und-toeten-menschen>, abgerufen am 16. Juli 2020). Das Bun-
desverwaltungsgericht verkennt folglich nicht, dass die Situation in Äthio-
pien nach dem Amtsantritt von Abiy Ahmed weiterhin von ethnischen Span-
nungen und entsprechenden Unruhen geprägt ist. Dies ist jedoch Ausfluss
des angeschobenen Demokratisierungsprozesses, der in der Tat als fragil
einzuschätzen ist. Ausserdem bezieht sich der zitierte Bericht von Amnesty
International insbesondere auf die Provinz Guji, nicht auf das gesamte
Oromo-Gebiet (vgl. Amnesty International, Beyond Law Enforcement,
a.a.O.).
5.2 Aufgrund der deutlich verbesserten Situation in Äthiopien ist nicht nä-
her zu prüfen, ob das SEM in der angefochtenen Verfügung vom 28. Feb-
ruar 2018 die damalige angespannte Situation in Äthiopien und die damit
verbundenen Schwierigkeiten für den Beschwerdeführer hinreichend be-
rücksichtigt hat. Auch die weitere Frage, ob der Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr, wie vom SEM angenommen, trotz damals bestehendem Aus-
nahmezustand wegen Desertion zu einer verhältnismässigen Strafe von
bis fünf Jahren verurteilt worden wäre, da im Zeitpunkt der Desertion der
Ausnahmezustand noch nicht ausgerufen worden war, bedarf nicht ab-
schliessender Beurteilung.
5.3 Im Ergebnis ist festzuhalten, dass im heutigen Zeitpunkt keine konkre-
ten Anhaltspunkte dafür bestehen, dass der Beschwerdeführer bei einer
Rückkehr wegen Desertion zu einer unverhältnismässigen Strafe verurteilt
würde, weshalb diese praxisgemäss nicht asylrelevant ist. Hinsichtlich der
weiteren Vorbringen des Beschwerdeführers, wegen seines politischen En-
gagements gegen ein Programm zur Enteignung von Bauern angeklagt
worden zu sein, ist darauf hinzuweisen, dass die erhobenen Anklagen ge-
gen ihn nach Eintritt ins Militär fallen gelassen worden sind und er in der
Folge keine weiteren Probleme mit den Behörden gehabt hat. Es besteht
keine begründete Furcht vor künftiger Verfolgung.
https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20 https://www.amnesty.ch/de/laender/afrika/aethiopien/dok/20
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5.4 In Bezug auf die in den Befragungen geltend gemachten allgemeinen
Benachteiligungen der Oromo ist angesichts der obigen Ausführungen
nicht von einer Kollektivverfolgung der Angehörigen der Oromo in Äthio-
pien auszugehen, zumal die Anforderungen an die Feststellung einer Kol-
lektivverfolgung gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts
sehr hoch sind (vgl. BVGE 2013/12 E.6).
6.
Aus diesen Erwägungen folgt, dass die Vorinstanz im Ergebnis zu Recht
die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint und dessen
Asylgesuch abgelehnt hat.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG). Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
7.2 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
7.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz (insb. Art. 5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 FK, Art. 25 Abs. 3 BV,
Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und an-
dere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder
Strafe [FoK, SR 0.105] und Art. 3 EMRK) einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AIG). Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der
Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im
Heimat- oder Herkunftsstaat aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürger-
krieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage konkret gefährdet
sind. Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von
Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Der Vollzug ist
schliesslich nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder
in den Heimat- oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausrei-
sen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 AIG).
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Bei der Geltendmachung von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt ge-
mäss Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard
wie bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu be-
weisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens
glaubhaft zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
Die Vorinstanz wies in ihrer Verfügung zutreffend darauf hin, dass das Prin-
zip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Personen schützt, die
die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer nicht ge-
lungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder
glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der
Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden.
Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Äthiopien ist demnach unter
dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Weder aus den Aussagen des
Beschwerdeführers noch aus den Akten ergeben sich Anhaltspunkte dafür,
dass er für den Fall einer Ausschaffung nach Äthiopien dort mit beachtli-
cher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbote-
nen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis des Eu-
ropäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des
UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete
Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall
einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008,
Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Auch die allgemeine
Menschenrechtssituation in Äthiopien lässt den Wegweisungsvollzug zum
heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem
Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
7.2.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht in konstanter Praxis von der
grundsätzlichen Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in alle Regionen
Äthiopiens aus (vgl. Referenzurteil D-6630/2018 vom 6. Mai 2019 E. 12.2.,
in Bestätigung von BVGE 2011/25 E. 8.3). Den Akten lassen sich auch
keine konkreten Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass der Beschwerde-
führer aus individuellen Gründen wirtschaftlicher, sozialer oder gesundheit-
licher Natur bei einer Rückkehr nach Äthiopien in eine existenzbedrohende
Situation geraten würde. Der junge, alleinstehende Beschwerdeführer ver-
fügt über eine gute Schulbildung, berufliche Erfahrung und zahlreiche Fa-
milienangehörige. Daher erweist sich der Vollzug der Wegweisung sowohl
in genereller als auch in individueller Hinsicht als zumutbar.
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Seite 10
7.2.3 Es obliegt dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen Vertre-
tung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedoku-
mente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG; dazu auch BVGE 2008/34
E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeich-
nen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
7.3 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
8.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
9.
9.1 Da der Antrag auf Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung im
Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Zwischenverfügung vom 27. März 2018
gutgeheissen und aufgrund der Aktenlage auch im jetzigen Zeitpunkt von
der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers auszugehen ist, hat der Be-
schwerdeführer keine Verfahrenskosten zu tragen.
9.2 Dem amtlich bestellten Rechtsvertreter ist ein Honorar auszurichten
(Art. 12 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
Der in der Kostennote vom 22. März 2018 aufgeführte zeitliche Aufwand
von 7.25 Stunden erscheint angemessen und wird durch die nachfolgende
Replik vom 18. Dezember 2018 auf insgesamt 8 Stunden erhöht. Indessen
ist der Stundenansatz von Fr. 200.– zu hoch. Praxisgemäss ist für das Ho-
norar von amtlich bestellten Rechtsbeiständen für Rechtsanwältinnen und
Rechtsanwälte ein Stundenansatz von Fr. 200.– bis 220.– und für nichtan-
waltliche Rechtsvertretungen ein solcher von Fr. 100.– bis 150.– anzuwen-
den. Dem Rechtsvertreter ist somit, von einem Stundenansatz von
Fr. 150.– ausgehend, vom Bundesverwaltungsgericht ein Honorar von
Fr. 1‘296.– (inkl. Auslagen) aus der Gerichtskasse zu entrichten.
(Dispositiv nächste Seite)
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