Decision ID: 4000c6f5-cf35-516f-a17b-e8317be48cca
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die 1961 geborene
X._
war seit 2006
selbständigerwerbend
e
Hunde
tagesbetreuerin (
Urk.
11
/8)
. Gemäss Mutationsmeldung des Regionalen Arbeits
vermittlungszentrums (RAV)
Z._
vom
5.
Januar 2021
meldete sie sich
am
1
3.
Ju
li 2020 zur Arbeitsvermittlung an (
Urk.
11/1)
;
am 2
0.
Januar 2021
(Eingangsdatum)
beantragte
X._
Arbe
itslosenentschädigung ab dem 1.
Oktober 2020 (
Urk.
11/8)
. Zeitgleich
reichte sie fünf Arbeitsunfähigkeits
zeugnisse
infolge Krankheit resp. Unfall für die Zeiträume
vom 2
9.
Juli bis 2
8.
August 2020,
1.
bis 3
1.
Oktober 2020
,
1.
bis 30. N
ovember 2020 sowie
7.
Dezember 2020 bis 3
1.
Januar 2021
ein (
Urk.
11/3-6).
Mit Kassenverfügung vom
23.
Januar 2021 verneinte die
Unia
Arbeitslosenkasse einen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigun
g und begründete dies damit, die
Versicherte habe die Mindestbeitragszeit nicht erfüllt und sei von der Erfüllung de
rselben nicht befreit (Urk. 11/9). Die da
gegen von
X._
am 23.
Februar 202
1
(Eingangs
datum)
erhobene Einsprache (Urk. 11/12
) wies die
Unia
Arbeitslosenkass
e mit Einspracheentscheid vom 1. März
2021 (Urk. 2) ab.
2.
Dagegen erhob
X._
am
3.
April 2021 (Datum Poststempel) Beschwerde und beantragte
sinngemäss, sie sei
in Anwendung
von
Art. 14
Abs.
2
des Bun
desgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung
und die Insol
ven
zentschädigung (
Arbeitslosenversicherungsgesetz,
AVIG
)
von der Beitrags
pflicht zu befreien und es sei
en ihr Taggelder der Arbeitslosenversicherung
auszurichten
(
Urk.
1). Mit Beschwerdeantwort vom
3.
Juni
2021 schloss die Beschwer
de
gegnerin auf Abweisung der Beschwerde (
Urk.
10), was der Beschwer
deführerin am 1
0.
Juni
2021 zur
Kenntnis gebracht wurde (
Urk.
13
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Eine der gesetzlichen Voraussetzungen für den Anspruch auf Arbeitslosen
entschädigung besteht darin, dass die versicherte Person die Beitragszeit erfüllt hat oder von der Beitragspflicht befreit ist (Art. 8 Abs. 1 lit. e
AVIG
).
1.2
Nach
Art.
9
Abs.
1
AVIG
gelten - soweit das Gesetz nichts
anderes
vorsieht - für den Leistungsbezug und für die Beitragszeit zweijährige Rahmenfristen. Die Rahmenfrist für den Leistungsbezug beginnt mit dem ersten Tag, für den sämtliche Anspruchsvoraussetzungen erfüllt sind (
Art.
9
Abs.
2 AVIG), und die
Rah
menfrist für die Beitragszeit beginnt zwei Jahre vor diesem Tag (
Art.
9
Abs.
3 AVIG).
Die Beitragszeit hat erfüllt, wer innerhalb der dafür vorgesehenen Rahmenfrist für die Beitragszeit (Art. 9 Abs. 3 AVIG) während mindestens zwölf Monaten eine beitragspflichtige Beschäftigung ausgeübt hat (Art. 13 Abs. 1 AVIG). Die Rah
menfrist für die Beitragszeit beginnt zwei Jahre vor dem Tag, an welchem die versicherte Person sämtliche Anspruchsvoraussetzungen erfüllt (Art. 9 Abs. 3 in Ver
bindung mit Abs. 2 AVIG).
1.3
Von der Erfüllung der Beitragszeit befreit sind gemäss
Art.
14
Abs.
1 AVIG Personen, die innerhalb der Rahmenfrist (
Art.
9
Abs.
3) während insgesamt mehr als zwölf Monaten nicht in einem Arbeitsverhältnis standen und die Beitragszeit nicht erfüllen konnten wegen:
a.
einer Schulausbildung, einer Umschulung, einer Aus- und Weiterbildung, sofern sie während mindestens zehn Jahren in der Schweiz Wohnsitz hatten (seit dem
1.
Januar 2017 gültige Fassung);
b.
Krankheit (
Art.
3 ATSG), Unfall (
Art.
4 ATSG) oder Mutterschaft (
Art.
5 ATSG), sofern sie während dieser Zeit Wohnsitz in der Schweiz hatten;
c.
eines Aufenthaltes in einer schweizerischen Haft- oder Arbeitserziehungs
anstalt oder in einer ähnlichen schweizerischen Einrichtung.
Nach dem klaren Wortlaut von
Art.
14
Abs.
1 AVIG muss die versicherte Person durch einen der in dieser Bestimmung genannten Gründe an der Ausübung einer beitragspflichtigen Beschäftigung gehindert worden sein. Zwischen dem Befrei
ungsgrund und der Nichterfüllung der Beitragszeit muss ein Kausalzusammen
hang bestehen. Dabei muss das Hindernis während mehr als zwölf Monaten bestanden haben. Da eine Teilzeitbeschäftigung mit Bezug auf die Erfüllung der Beitragszeit einer Vollzeitbeschäftigung gleichgestellt ist (
Art.
11
Abs.
4 Satz 1 AVIV), liegt die erforderliche Kausalität zudem nur vor, wenn es der versicherten Person aus einem der in
Art.
14
Abs.
1 lit. a bis c AVIG genannten Gründe auch nicht möglich und zumutbar war, ein Teilzeitarbeitsverhältnis einzugehen (BGE 139 V 37 E. 5.1 mit Hinweisen).
Ebenfalls von der Erfüllung der Beitragszeit befreit sind Personen, die wegen Trennung oder Scheidung der Ehe, wegen Invalidität (
Art.
8 ATSG) oder Todes des Ehegatten oder aus ähnlichen Gründen oder wegen Wegfalls einer Invaliden
rente gezwungen sind, eine unselbständige Erwerbstätigkeit aufzunehmen oder zu erweitern. Diese Regel gilt nur dann, wenn das betreffende Ereignis nicht mehr
als ein Jahr zurückliegt und die betroffene Person beim Eintritt dieses Ereignisses ihren Wohnsitz in der Schweiz hatte (
Art.
14
Abs.
2 AVIG).
2.
2.1
Im angefochtenen Entscheid erwog die Beschwerdegegnerin,
der Versicherungs
schutz der Arbeitslosenversicherung setze eine AHV-beitragspflichtige unselb
ständige Erwerbstätigkeit voraus;
bei Aufgabe einer selbständigen Erwerbstä
tigkeit bestehe kein Versicherungsschutz durch die Arbeitslosenversicherung.
Ent
sprechend könnten Befreiungsgründe auch nur von Personen geltend gemacht werden, die an der Ausübung einer Arbeitnehmertätigkeit verhindert gewesen seien;
bei
Selbständigerwerbenden
fehle es an dieser
K
ausalität
(
Urk.
1).
2.2
Die Beschwerde
führerin hielt dafür, sie sei in Anwendung von
Art.
14
Abs.
2 AVIG von der Beitragspflicht zu befreien, da sie «aus ähnlichen Gründen» gezwungen gewesen sei, ihre selbständige Erwerbstätigkeit aufzugeben und sich um eine unselbständige Erwerbstätigkeit zu bemühen. Beim «ähnlichen Grund» handle es sich
um
einen vom Gesetzgeber bewusst offen formulierten
unbe
stimm
ten
Rechtsbegriff, welcher unter systematischen und teleologischen Gesichts
punkten auszulegen sei. Aufgrund der aktuellen Lage sowie unzähligen
Covid
-Erlassen des Bundesrates sei die Beschwerdeführerin unverschuldet in eine Schief
lage geraten. Sie habe 13 Jahre als
selbständigerwerbende
H
undebetreuerin
ein Unternehmen geführt
und Menschen aus dem tertiären Bereich eine Anstel
lung oder gar Ausbildung ermöglicht. Aufgrund des ersten
Lockdowns
hätten ihre
Kunden keinen Bedarf mehr gehabt, ihre Hunde fremdbetreuen zu lassen. Dies habe zu einer Umsatzeinbusse von gut 90
%
geführt. Ausserdem habe die Beschwerdeführerin ihre Mitarbeiter zu 100
%
aus der eigenen Tasche entschädigt in der Hoffnung,
für ihre Mitarbeiter Kurzarbeitsentschädigung zu erhalten. Leider sei dies abgelehnt worden, weil sie die äussert knappe Anmeldefrist von drei Tagen verpasst habe. Auch in den Sommermonaten habe die Beschwerde
führerin wirtschaftlich nicht genesen können, weil ihre Kunden – nicht zuletzt auf Weisung des BAG und des Bundesrates – nicht in Urlaub hätten verreisen können und weitgehend im Homeoffice gearbeitet hätten. Es sei absehbar gewe
sen, dass die Beschwerdeführerin – über kurz oder lang – ihre Firma habe aufge
ben müssen. So sei ihr keine andere Wahl geblieben, als alle Mitarbeiter per 3
1.
O
ktober 2020 zu entlassen, die Firma per Ende 2020 aufzulösen und sich u
m
eine unselbständige Anstellung zu bemühen. Mithin gelte der wirtschaftliche Ruin – herbeigeführt durch die Weisungen des Bundesrates - als «ähnlicher
Grund» im Sinne von
Art.
14
Abs.
2 AVIG. Die Weisungen stünden ganz klar in einem kausalen Zusammenhang mit ihrer wirtschaftlichen Zwangslage und der Notwendigkeit, eine unselbständige Arbeit aufzunehmen (
Urk.
1).
3.
3.1
Unter den Parteien besteht Einigkeit darüber, dass die Beschwerdeführerin die Beitragszeit nicht erfüllt.
Als
dann ergibt sich au
fgrund der vorhandenen
Akten und
beschwerdeweisen Ausführungen
, dass die Beschwerdeführerin nicht wieder oder erstmals ins Erwerbsleben eintreten, sondern von einer - nicht versicherten
- selbstständigen Erwerbstätigkeit (
Art.
2
Abs.
1 lit. a
AVIG
e
contrario
) in eine
unselbstständige wechseln will.
Bei Aufgabe der selbstständigen Erwerbstätigkeit besteht kein Versicherungsschutz, es sei denn, aus einer früheren Arbeitnehmer
tätigkeit werde die Beitragszeit in der Rahmenfrist noch erfüllt
– was
vorliegend weder ersichtlich ist noch geltend gemacht wird
.
Die Arbeitnehmereigenschaft, welche Grundvoraussetzung dafür ist, dass eine Person Versicherungsschutz
geniesst
, kann nicht dadurch hergestellt werden, dass eine Person im Nachhinein für diejenige Zeit, während welcher
sie
eine selbständige Tätigkeit ausgeübt
hat
, als von der Erfüllung der Beitragszeit befreit erklärt wird. Die Befreiungstat
bestände können die fehlende Versicherteneigenschaft nicht schaffen. Sie über
nehmen vielmehr die Funktion der Beitragszeit als Anspruchsvoraussetzung. Die fehlende Versicherteneigenschaft infolge Ausübung einer selbständigen Tätigkeit in der Zeit vor Anrufung eines Befreiungsgrundes nach Art. 14
AVIG
schliesst
im vorliegenden Fall
die Berufung auf diese Ausnahmeregelung
somit
aus
(
vgl.
Urteil des Bundesgerichts C 14/04 vom 31. März 2006 E. 3.2 mit Hinweisen)
.
Daran ändern auch die
beschwerdeweisen
Ausführungen zum wirtschaftlichen R
uin, der „durch die Weisungen des Bundesrates“ herbeigeführt worden sei,
nichts
. Insbe
sondere ist
betreffend
Art.
14
Abs.
2 AVIG hervorzuheben, dass
d
ie Besc
hwerde
führerin vor der Anmeldung beim RAV
einer Erwerbstätigkeit nachgegangen war und von einer selbstständigen zu einer unselbstständigen Tätigke
it wechseln
will. Damit nimmt sie weder eine solche erstmals oder wieder auf, noch dehnt sie diese aus. Da die Beschwerdeführerin
selbstständigerwerbend
war, stellt sich die Frage der Beitragsbefreiung für eine Arbeitslosigkeit somit nicht
.
Davon abgesehen
konnten
Selbständigerwerbende
,
die
aufgrund der
bundesrätlichen
Massnahmen
zur Bekämpfung des
Coronavirus
einen
Erwerb
sausfall erlitten haben,
obwohl sie nicht zur
Schliessung
des Betriebs verpflichtet oder direkt vom Veranstaltungs
verbot betroffen waren
(sog. H
ärtefä
ll
e
)
–
so
wie beschwerdeweise
sinngemäss
geltend gemacht
-,
gestützt
auf die
Verordnung über Massnahmen bei Erwerb
sausfall im Zusamme
nhang mit dem
Coronavirus
(
Covid
-19-Verordnung Erwerb
sausfall)
einen
(
allfälligen
)
Anspruch auf eine
Corona-Erwerbsersatzentschä
digung
geltend machen
.
Die Covid-19-Verordnung Erwerbsausfall wurde eigens für solche Fallkonstellationen geschaffen;
das Arbeitslosen
versicherungs
gesetz
ist
hierfür nicht einschlägig.
Daran ändert freilich auch der abschlägige Gerichts
entscheid
im Verfahren
EE.2020.00013
vom
5.
Dezember 2020, worin das hiesige Gericht einen
Anspruch der Beschwerdeführerin auf
Corona-Erwerbsersatz
ver
neint hat, nichts.
3.2
Zusammenfasend
erfüllt die Beschwerdeführerin weder
das Erfordernis einer beitragspflicht
ig
en Beschäftigung von 12 Monaten innerhalb der Rahmenfrist (Art. 13 Abs. 1 AVIG)
noch kann sie sich
auf ei
nen Befreiungsgrund
nach
Art.
14
AVIG
berufen
.
Damit
hat die Besch
werdegegnerin einen Anspruch der Beschwer
deführerin
auf Arbeitslosen
entschädigung
zu Recht verneint.
Dies führt zur Abweisung der Beschwerde.