Decision ID: b8b2a6b5-35f9-49d9-9dd3-0c651b837faa
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) wurde am 11. September 1998 wegen Verdachts
auf ein POS (Psychoorganisches Syndrom, heute Aufmerksamkeitsdefizit-/
Hyperaktivitätsstörung) bei der Invalidenversicherung (IV) zum Leistungsbezug
angemeldet (IV-act. 1). In der Folge wurden ihm medizinische Massnahmen
zugesprochen, insbesondere Psychomotorik-Therapie und Psychotherapie (Verfügung
vom 7. Oktober 1998, IV-act. 5, Mitteilung vom 7. Dezember 1999, IV-act. 7, Mitteilung
vom 20. Januar 2000, IV-act. 9, Verfügung vom 6. November 2000, IV-act. 13, und
Verfügung vom 17. Juni 2003, IV-act. 19).
A.a.
Der gelernte Maurer (IV-act. 24-4) und Strassenbauer (IV-act. 24-1) meldete sich
am 30. Juni 2014 erneut bei der IV an (IV-act. 20), nachdem ihm seit dem 23. Mai 2014
aufgrund einer Diskushernie L4/5 mit Kompression der Nervenwurzel L5 links (Bericht
MRT LWS vom 26. Mai 2014, IV-act. 22) bzw. aufgrund lumbaler bzw. lumboradikulärer
Beschwerden und einer Ischialgie die bisherige Tätigkeit nicht mehr zuzumuten war
(vgl. Bericht Dr. med. B._, Facharzt für Neurochirurgie, vom 7. Juni 2014, IV-
act. 31-3 f., und Arztbericht Dr. C._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, vom
14. Juli 2014, IV-act. 31-2; Bericht MRI LWS vom 28. November 2014, IV-act. 63-14).
A.b.
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Eine vom 26. Oktober 2015 bis 23. Januar 2016 vorgesehene berufliche Abklärung
im D._ (Zusprache Kostenübernahme Mitteilung vom 3. November 2015, IV-act. 49),
musste am 9. Dezember 2015 schmerzbedingt vorzeitig abgebrochen werden
(Schlussbericht D._ vom 8. Januar 2016, IV-act. 58; Schlussbericht Berufsberatung
vom 20. Januar 2016, IV-act. 59; Aufhebung der Mitteilung vom 3. November 2015 mit
Mitteilung vom 21. Januar 2016, IV-act. 62). Dr. B._ berichtete am 19. Dezember
2015 unter anderem über eine akut exazerbierte rezidivierende Lumbago mit
linksseitiger Ischialgie bei Bandscheibendegeneration L4/5 mit
Bandscheibenprotrusion bis -vorfall linksseitig. Der Versicherte habe das
Integrationsprogramm wegen Kreuzschmerzen abbrechen müssen. Diese hätten einen
somatischen Grund, inwieweit sie als somatoforme Schmerzstörung bezeichnet
werden könnten, bleibe für ihn offen (IV-act. 63-6 f.). Dr. C._ hielt im Arztbericht vom
30. Januar 2016 fest, nachdem die Versuche, eine Lehrstelle im Bereich Informatik zu
finden, gescheitert seien, sei der Versicherte zunehmend in eine depressive Phase
gefallen und die Rückenschmerzen seien schlimmer geworden (IV-act. 63-1 ff.).
A.c.
Vom 15. bis 24. Februar 2016 war der Versicherte in stationärer Rehabilitation in
der Klinik Valens. Dort wurden unter anderem ein lumbovertebrales Syndrom
linksbetont und eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, impulsiver Typ (ICD-10
F60.30) bei/mit anamnestisch hyperkinetischer Störung des Sozialverhaltens
(hyperkinetische Störung plus Störung des Sozialverhaltens, ICD-10 F90.1), Problemen
bei der Lebensführung und Gebrauch psychotroper Substanzen und Alkoholgenuss
(ICD-10 Z72.2 und Z72.1) diagnostiziert. Die psychiatrischen Diagnosen wurden
anlässlich eines psychiatrischen Konsils gestellt, nachdem es unter
Schmerzexazerbation zu einem stark fremd- und autoaggressiv gefärbten
Erregungszustand im Rahmen einer anzunehmenden (und vom Patienten auch
bestätigten) massiven emotionalen Instabilität bei anamnestisch ADHS und
anhaltendem Gebrauch psychotroper Substanzen (Cannabis und eventuell auch
Alkohol) gekommen war. Zur Behandlung des trotz Schmerzmedikation und lokaler
Massnahmen verbliebenen Schmerzes im gesamten Thorakolumbalbereich sowie auch
auf Grund des Gebrauches diverser Schmerz- und psychotroper Substanzen im
Privatbereich sei am 18. Februar 2016 mit einer Methadontherapie begonnen worden
A.d.
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(Austrittsbericht vom 8. März 2016, IV-act. 105; Austrittsbericht Psychosomatik vom
2. März 2016, IV-act. 107).
Med. pract. E._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, behandelte den
Versicherten ab 3. März 2016 und diagnostizierte eine emotional instabile
Persönlichkeitsstörung, impulsiver Typ (ICD-10:F60.30) bei/mit anamnestisch
hyperkinetischer Störung des Sozialverhaltens (ICD-10:F90.1) und psychischer
Misshandlung durch massive Entwertung, Verdacht auf körperliche Misshandlungen in
der Kindheit (Arztbericht vom 5. Januar 2017, IV-act. 109). Dr. C._ hielt im Arztbericht
vom 4. November 2016 fest, seit Beginn der gezielten psychiatrischen Therapie im
März 2016 gehe es dem Versicherten deutlich besser. Er habe das Arbeitspensum
deutlich steigern können. Im Verlauf habe sich auch der Zusammenhang der
Rückenbeschwerden mit der psychischen Verfassung deutlich gezeigt. Als Maurer und
Strassenbauer sei der Versicherte weiterhin nicht einsetzbar (IV-act. 89). Die IV-Stelle
sprach dem Versicherten daraufhin Berufsberatung zu (Mitteilung vom 15. Dezember
2016, IV-act. 102). Im Arztbericht vom 5. Januar 2017 hielt med. pract. E._ fest,
aufgrund der Symptomatik und einiger Äusserungen (welche der Versicherte bei
Nachfrage revidiert habe), gehe sie von psychischen und körperlichen Misshandlungen
aus. Im Laufe der Behandlung sei es mit traumatherapeutischen Behandlungen zu einer
erstaunlichen Stabilisierung gekommen und es seien gute Ressourcen zu Tage
gekommen. Der Versicherte habe eine erstaunliche Willenskraft und die emotionalen
Durchbrüche hätten sich reduziert. Aktuell habe er eine Arbeitsmöglichkeit und
mögliche Lehrstelle als Unterhaltspraktiker gefunden, er sehe darin die optimale
Wechselbelastung. Sie gehe davon aus, dass das lumbovertebrale Schmerzsyndrom
durch eine somatoforme Störung überlagert worden sei, welche bisher gut auf
psychotherapeutische Interventionen angesprochen habe. Der Versicherte sei aus ihrer
Sicht umschulungsfähig für eine leidensangepasste Tätigkeit (Unterhaltspraktiker; IV-
act. 109).
A.e.
Im Strategieprotokoll vom 16. Januar 2017 wurde festgehalten, der Versicherte
habe eine Anstellung (präziser wohl: Lehrstelle) in Aussicht für den Sommer 2017 als
Fachmann Betriebsunterhalt EFZ im Altersheim F._. Er sei bereits knapp vier Wochen
schnuppern (volle Stundenzeit) gewesen und habe fast alle Arbeiten erproben und
ausführen können. Er könnte dort bereits im Februar/ März 2017 ein Praktikum
A.f.
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beginnen (IV-act. 111). Mit Mitteilung vom 13. Februar 2017 sprach die IV-Stelle dem
Versicherten die Kostenübernahme für die Arbeitsvorbereitung vom 20. Februar bis
31. Juli 2017 und für die Umschulung zum Fachmann Betriebsunterhalt EFZ bei F._,
vom 1. August 2017 bis 31. Juli 2019 zu (IV-act. 126; Verträge IV-act. 115). Gemäss
Schlussbericht Eingliederung vom 24. Februar 2017 erlitt der Versicherte beim
Abnehmen der Weihnachtsbeleuchtung einen stichartigen Schmerz. Der Praktikums-
und der Lehrvertrag wurden aufgelöst, da eine Rückkehr an den Arbeitsplatz sehr
unwahrscheinlich erschien. Aus Sicht der Berufsberatung waren vorderhand keine
weiteren Ausbildungen/Umschulungen möglich, da der Gesundheitszustand zu instabil
war (IV-act. 129). Mit Mitteilung vom 21. März 2017 hob die IV-Stelle die Mitteilung vom
13. Februar 2017 per 13. März 2017 auf (IV-act. 132).
Bis zum 10. März 2017 war der Versicherte wegen einer Lumbalgie ohne Ischialgie
in der Klinik für Neurochirurgie des KSSG hospitalisiert, wo keine chirurgische
Interventionsmöglichkeit gesehen wurde (vgl. Bericht vom 8. Mai 2017, IV-act. 142).
Vom 23. März bis 12. April 2017 war er in stationärer Behandlung im Zentrum G._.
Dort erzielte er gute Fortschritte in der Stabilisierung der LWS, jedoch gelang es nicht,
die Schmerzen zu verbessern. Bei einer körperlichen Übung ereignete sich ein
Missgeschick mit daraus folgender lumbaler Schmerzexazerbation (Austrittsbericht
Ergotherapie vom 10. April 2017, IV-act. 137-3 ff.; Austrittsbericht vom 5. Mai 2017, IV-
act. 143; Bericht der Klinik für Neurochirurgie des KSSG vom 8. Mai 2017, IV-act. 142).
Seitens der Klinik für Neurochirurgie des KSSG wurde ein chronisches
lumbovertebrales Schmerzsyndrom, Stadium II nach Gerbershagen, mit akut
exazerbierter rezidivierender Lumbago diagnostiziert (Bericht vom 8. Mai 2017, IV-
act. 142) und im Bericht vom 16. Juni 2017 festgehalten, es bestünden weiterhin
Schmerzen der unteren LWS ohne Ausstrahlung in die Beine. Des Weiteren bestehe
seit längerem ein leichtes Kribbelgefühl in der Fusssohle links. Im MRI der LWS vom
1. Mai 2017 zeigten sich keine Hinweise für eine Neurokompression. Ebenso finde sich
kein klinisches Korrelat. Aus neurochirurgischer Sicht ergäben sich keine weiteren
erfolgversprechende therapeutische Möglichkeiten (IV-act. 149).
A.g.
Med. pract. E._ führte im Verlaufsbericht vom 23. Juni 2017 aus, der Verlauf
beim Arbeitseinstieg mit erneuter rascher somatischer Arbeitsunfähigkeit deute leider
darauf hin, dass die unbewussten Ängste des Patienten doch zu stark seien, um sich
A.h.
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im Arbeitsalltag wieder zu behaupten und sich den inneren Ansprüchen und
lnsuffizienzempfindungen zu stellen. Neu berichtete der Versicherte, dass Y._ ihm
schon früh „asiatische Kampfkunstausbildungseinheiten" zugemutet habe. Mangels
kognitiver Ressourcen, die vielschichtige Problematik zu durchschauen und zu
bearbeiten, gehe sie nach dem bisherigen Verlauf nicht von einer
Wiedereingliederungsfähigkeit, sondern von einer auch längerfristig bestehenden
100%igen Arbeitsunfähigkeit aus (IV-act. 151). Der Abklärung in der Klinik für
Neurochirurgie des KSSG folgten Vorstellungen im Schmerzzentrum des KSSG
(Bericht vom 2. August 2018, IV-act. 159-19 ff.) und in der Klinik für Psychosomatik des
KSSG (Berichte vom 28. und 29. September 2017, IV-act. 159-21 ff.).
Im Auftrag der IV-Stelle wurde der Versicherte bidisziplinär begutachtet (Gutachten
vom 11. November 2017; Dr. med. H._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie des Bewegungsapparates; Dr. med. I._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie; Untersuchungen vom 6. Oktober 2017; IV-act. 159). Die Gutachter
holten Berichte des Schmerzzentrums des KSSG vom 2. August 2017 (zitiert IV-
act. 159-19 ff.) und der Klinik für Psychosomatik des KSSG vom 28. September 2017
(zitiert IV-act. 159-21 ff.) und vom 29. September 2017 (zitiert IV-act. 159-22 ff.) ein.
Der orthopädische Gutachter diagnostizierte unter anderem ein chronisches
Panvertebral-Syndrom bei leichtgradigen degenerativen Veränderungen vorwiegend
diskogener Art (IV-act. 159-34, 59). Er befand, die den geltend gemachten
Beschwerden entsprechenden Einschränkungen könnten nicht zur Gänze
nachvollzogen werden (IV-act. 159-37). In der bisherigen Tätigkeit als Strassenbauer
bestehe aufgrund der Notwendigkeit vermehrter Pausen und eines verminderten
Arbeitstempos eine Arbeitsfähigkeit von 80 %. In einer wechselbelastenden, körperlich
mittelschweren bis gelegentlich schweren Arbeit ohne Zwangspositionen der
Wirbelsäule sei der Versicherte voll arbeitsfähig (IV-act. 159-41). Die psychiatrische
Gutachterin diagnostizierte eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung mit
emotional-instabilen, dissozialen und paranoiden Anteilen (ICD-10: F61.0), ein ADHS im
Erwachsenenalter (ICD-10: F90.1), eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung
(ICD-10: F45.4), einen Zustand nach schädlichem Gebrauch von Cannabis und Alkohol
(ICD-10: F10.1, F12.1) sowie Probleme in Bezug auf negative Kindheitserlebnisse
(ICD-10: Z61.3, Z61.7), wobei sich die beiden letztgenannten Störungen nicht auf die
A.i.
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Arbeitsfähigkeit auswirken würden (IV-act. 159-51, 59). Sie legte dar, infolge der
Persönlichkeitsproblematik sei es früh zu Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressivität,
Impulsivität und dissozialem Verhalten gekommen. Aus gutachterlicher Sicht sei die
Zumutbarkeit des Exploranden gegenüber einem Arbeitgeber in der freien Wirtschaft
sehr fraglich (IV-act. 159-53). Die Somatisierungsschmerzen seien als körperliches
Korrelat von Angst, Wut und Aggression zu verstehen, welche im Rahmen des
niedrigen Strukturniveaus der Grundpersönlichkeit aufträten (IV-act. 159-55). Aktuell sei
lediglich eine stundenweise Eingliederung im beschützen Rahmen möglich (IV-
act. 159-56). Sowohl angestammt als auch adaptiert bestehe aus psychiatrischer Sicht
seit 2013 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % in der freien Wirtschaft (IV-act. 159-57,
60).
Der RAD-Arzt Dr. med. J._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, nahm
am 17. November 2017 Stellung, auf das Gutachten sei abzustellen. Aus den
vorliegenden Akten könne eine hohe Konsistenz der bisherigen Angaben des
Versicherten und der medizinischen Beurteilungen entnommen und deshalb die
gutachterliche Einschätzung weitgehend nachvollzogen werden. Es blieben aber
Zweifel an der schwerwiegenden Auswirkung in unterschiedlichen Lebensbereichen
offen, und insbesondere könne die aus den subjektiven Angaben des Versicherten
abgeleitete Schwere des Leidens nicht nachvollzogen werden. Es werde daher eine
vertiefte Überprüfung der Auswirkungen im Alltag angeregt, um die von der
psychiatrischen Sachverständigen beschrieben Argumente durch Drittauskünfte zu
verifizieren (IV-act. 160).
A.j.
Die IV-Stelle wies das Gesuch um berufliche Massnahmen mit Mitteilung vom
24. November 2017 aufgrund des aktuellen Gesundheitszustandes ab (IV-act. 163).
Sodann wurde der Versicherte wegen exzessiver Tagesschläfrigkeit im Zentrum für
Schlafmedizin des KSSG abgeklärt, wo eine ungenügende Schlafhygiene und ein
Schlafmangel festgestellt wurden (Berichte vom 12. März 2018, IV-act. 184, und vom
1. Juni 2018, IV-act. 203). Med. pract. E._ führte am 22. März 2018 aus, der
Versicherte leide an einer komplexen Traumafolgestörung mit emotional instabiler
Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ (ICD-10: F60.30) sowie einer
Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.41). Die Persönlichkeitsstörung führe wiederholt
und in rascher Folge in emotionale Krisenzustände mit impulsivem Verhalten, welches
A.k.
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den Versicherten und seine Umwelt stark beeinträchtige (IV-act. 189; vgl. auch
Zuweisungsbericht vom 14. Juni 2018 an den nachfolgend behandelnden
med. pract. K._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, IV-act. 226-7 ff.).
Dr. C._ hielt im Arztbericht vom 20. April 2018 unter anderem fest, der MRI-Befund
(wohl vom 27. Februar 2018, vgl. IV-act. 253-20 f.) sei gegenüber dem Vorbefund von
2015 unverändert. Kenntnis einer Suchtproblematik oder einer Methadonbehandlung
habe er nicht (IV-act. 197). Ferner wurden Berichte vom Mentalcoach L._ (vom
27. Februar 2018, IV-act. 182) sowie Auskünfte früherer Arbeitgeber (Berichte M._
vom 12. April 2018, IV-act. 191, und der N._ AG vom 24. April 2018, IV-act. 196)
eingeholt.
Die IV-Stelle führte am 29. August 2018 mit dem Versicherten im Beisein seiner
Mutter ein Assessmentgespräch durch (IV-act. 211-1 ff.) und eröffnete ihm mit
Mitteilung vom 26. September 2018, er habe sich bei der MEDAS Bern einer
bidisziplinären Begutachtung durch Dr. med. O._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, und Dr. med. P._, Facharzt für Orthopädische Chirurgie u.
Traumatologie des Bewegungsapparates, zu unterziehen (IV-act. 218). Hiergegen liess
der Versicherte, fortan vertreten durch Rechtsanwältin I. Zürcher, M.A. in Law, durch
Einwand vom 5. Oktober 2018 geltend machen, es sei keine fachärztliche
Stellungnahme zur Notwendigkeit einer weiteren Begutachtung eingeholt worden.
Zudem werde im Internet die Unabhängigkeit der MEDAS Bern in Frage gestellt (IV-
act. 220). Mit Zwischenverfügung vom 30. Oktober 2018 hielt die IV-Stelle an der
Gutachterstelle fest (IV-act. 223). Diese blieb unangefochten.
A.l.
Med. pract. K._ hielt im Arztbericht vom 23. November 2018 fest, er behandle
den Versicherten seit 9. August 2018. Der Versicherte leide unter anderem an einer
emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ (ICD-10: F63.31),
differenzialdiagnoslisch einer intermittierenden explosiblen Störung (ICD-10: F63.9).
Eine Arbeitsfähigkeit werde nach dem Verlauf und dem aktuellen Befund auch künftig
nicht bestehen (IV-act. 226). Am 30. April 2019 lehnte er gegenüber dem Versicherten
nach einem als unzumutbar empfundenem Ausraster die Fortsetzung der Therapie ab
(IV-act. 249).
A.m.
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Gemäss bidisziplinärem Gutachten vom 9. September 2019 (Untersuchungen vom
20. März 2019, IV-act. 252) diagnostizierten der psychiatrische Gutachter Dr. O._ und
der orthopädische Gutachter Dr. P._ als die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigend
Störungen durch multiplen Substanzgebrauch, ein Abhängigkeitssyndrom (ICD-10:
F19.2) und ein chronisches vertebragenes Schmerzsyndrom bei
Bandscheibendegeneration L4/5 links sowie Bandscheibenprotrusion und minimaler
Spondylarthrose. Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit bestünden unter anderem eine
vorwiegend histrionische, narzisstische Persönlichkeit (ICD-10: F60.4), ein ADHS bei
Erwachsenen (ICD-10: F90), eine Fehlhaltung der Wirbelsäule bei einem Rundrücken
und Hohlkreuz mit deutlicher muskulärer Dysbalance sowie folgenlos verheilte
Fingerfrakturen infolge einer Kampfsportausübung sowie eines Aggressionsverhaltens
(IV-act. 252-5, IV-act. 254-15, IV-act. 255-15). Der orthopädische Gutachter hielt fest,
während der Exploration sei es aus einer Nichtigkeit heraus zu einem erheblichen
Wutanfall gekommen wegen einer Angabe in der Vorgeschichte, die mit seiner
Erinnerung nicht übereinstimme. Er habe wütend einen Gehstock in die Ecke geworfen,
sei vegetativ erheblich alteriert, kurzatmig gewesen und habe mehrere Minuten
benötigt, um sich wieder zu beruhigen (IV-act. 255-10). Der psychiatrische Gutachter
protokollierte, der Versicherte habe ihn am Abend kurz nach der orthopädischen
Untersuchung nochmals aufgesucht und ihm in höflichem Ton mitgeteilt, dass er
Amphetamine (Speed) konsumiert habe, um überhaupt zur Begutachtung erscheinen
zu können; es sei für ihn anstrengend gewesen, dafür müsse der Gutachter
Verständnis haben. Dann habe er lächelnd wieder den Raum verlassen (IV-act. 254-11).
Die Gutachter führten aus, das Verhalten des Versicherten im Rahmen der aktuellen
Untersuchung habe zum Teil übertrieben, demonstrativ, nicht authentisch und
aufgesetzt gewirkt. Es sei von einer Aggravation auszugehen.
Versicherungsmedizinisch könne lediglich für die zuletzt ausgeübte angestammte
Tätigkeit eine leichte Minderung des Rendements um maximal 20 % begründet
werden, in besser adaptierter Tätigkeit dürfe aber eine volle Arbeitsfähigkeit erwartet
werden (IV-act. 255-18 f.). Der psychiatrische Gutachter schätzte die Arbeitsfähigkeit
sowohl in der bisherigen als auch - interdisziplinär führend - in einer adaptierten
Tätigkeit auf 80 % (IV-act. 252-7; IV-act. 254-18).
A.n.
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Die IV-Ärztin Dr. med. Q._, Fachärztin für Neurologie, führte in ihrer
Stellungnahme vom 17. Oktober 2019 aus, auf das Gutachten könne aus
versicherungsmedizinischer Sicht abgestellt werden. Eine psychiatrische Betreuung
finde erst seit März 2016 statt. Eine rentenrelevante Arbeitsunfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht seither sei aufgrund der Aggravation und des Suchtleidens nicht
ausgewiesen. Die Berichte der Behandler und das psychiatrische Vorgutachten seien
nicht beweistauglich, da sie auf ungenauer Ausarbeitung und teilweise sogar auf
falsche Tatsachen abstützten (IV-act. 256). Mit Vorbescheid vom 13. November 2019
gewährte die IV-Stelle dem Versicherten das rechtliche Gehör zur vorgesehenen
Abweisung des Leistungsbegehrens (IV-act. 258). Dagegen liess der Versicherte am
16. Dezember 2019 vorsorglich (IV-act. 264) mit Ergänzung vom 24. Januar 2020 (IV-
act. 266) Einwand erheben. Gestützt unter anderem auf eingereichte Berichte des
Zentrums für integrative Medizin des KSSG, Dr. med. R._, vom 31. Dezember 2019
(IV-act. 268-1), von Dr. med. S._, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom
6. Dezember 2019 (IV-act. 267) und von Coach L._ vom 27. November 2019 (IV-
act. 269) wurde im Wesentlichen vorgebracht, es bestehe eine relevante Einschränkung
der psychophysischen Belastbarkeit, die keine Arbeitsfähigkeit ermögliche (IV-
act. 264). Dass er aggraviere, werde bestritten. Weiter liess der Versicherte um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Vorbescheidverfahren ersuchen (IV-act. 266).
In einer weiteren Stellungnahme vom 5. März 2020 kam die IV-Ärztin Dr. Q._ zum
Schluss, zusammenfassend seien die Berichte der behandelnden Ärzte nicht geeignet,
die gutachterliche Einschätzung in Frage zu stellen. Es handle sich um eine andere
Beurteilung eines ähnlichen Sachverhaltes. Die Diskrepanz der Einschätzungen erkläre
sich durch die unterschiedlichen Aufgaben eines Gutachters und eines behandelnden
Arztes (IV-act. 273).
A.o.
Die IV-Stelle verfügte am 30. März 2020 im Sinne des Vorbescheides. Zur
Begründung führte sie aus, insgesamt ergäben sich keine Anhaltspunkte, die ein
Abweichen von der gutachterlichen Beurteilung rechtfertigen würden. Anlässlich der
Begutachtung hätten die Experten eine zweckgerichtete Aggravation mit
bewusstseinsnaher Verstärkung der vorhandenen Symptome festgestellt (IV-act. 275).
A.p.
Der Versicherte liess sich am 17. April 2020 zur unentgeltlichen Rechtspflege im
Verwaltungsverfahren vernehmen und Akten zur Sozialhilfeabhängigkeit (IV-
A.q.
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B.
act. 277-1 f.), zur Anschaffung von Hilfsmitteln (IV-act. 277-3 f.) und zu negativen
Drogenscreenings (IV-act. 277-6 ff.) einreichen.
Mit Beschwerde vom 14. Mai 2020 lässt der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer), weiterhin vertreten durch Rechtsanwältin I. Zürcher, beantragen,
die Verfügung vom 30. März 2020 (betreffend Rente) sei unter Kosten- und
Entschädigungsfolge vollumfänglich aufzuheben und es sei ihm eine ganze IV-Rente ab
dem 1. Juli 2014 auszurichten. Eventualiter sei ein neutrales polydisziplinäres/
interdisziplinäres Gutachten zu erstellen. Weiter sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege
für das vorliegende Verfahren zu bewilligen. Zur Begründung wird im Wesentlichen
ausgeführt, die Annahme einer Aggravierung werde durch die Gutachter nicht
begründet. Obwohl der psychiatrische Gutachter während der orthopädischen
Begutachtung gar nicht dabei gewesen sei, habe er sich der Annahme des
orthopädischen Gutachters angeschlossen. Dies zeige, dass das psychiatrische
Gutachten von Beginn weg darauf abziele, eine Aggravation festzuhalten. Er habe
während der psychiatrischen Untersuchung unter Einfluss von Amphetaminen
gestanden, was der Gutachter nicht bemerkt bzw. diskutiert habe. Nicht
nachvollziehbar sei, dass ausschliesslich infolge „Drogenabhängigkeit" eine
Leistungseinbusse von 20 % bestehen solle, während seine Angaben im Übrigen nicht
glaubwürdig bzw. nicht authentisch sein sollen. Die zur Überprüfung seiner Aussagen
zur Diskussion gestellte Haarprobe hätte der psychiatrische Gutachter selbst in Auftrag
geben können. Er habe zwischenzeitlich den Konsum von Betäubungsmittel schon seit
mehreren Monaten vollumfänglich eingestellt. Der Gutachter halte die Aussagen einzig
für nicht glaubwürdig, weil er sie zurückgenommen habe, da die ursprünglichen
Angaben vorgebracht worden seien, um eine IV-Rente zu erhalten. Dies sei absolut
nicht nachvollziehbar und bezeichnend für die gesamten Schlussfolgerungen im
Gutachten. Wenn er sein Aussageverhalten danach richten würde, eine IV-Rente zu
erhalten, hätte er dieses sicher nicht zu einem späteren Zeitpunkt geändert. Der
psychiatrische Gutachter begründe auch nicht hinreichend, weshalb die Feststellungen
und Diagnosen der Vorgutachterin nicht korrekt sein sollten. Insgesamt stimmten die
Schlussfolgerungen und die attestierte volle Arbeitsunfähigkeit im ersten Gutachten
vom 11. November 2017 mit den bestehenden Akten, der Anamnese und den
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 12/34
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Ausführungen der behandelnden Ärzte überein. Das aktuelle Gutachten der MEDAS
Bern sei zu seiner Vorgeschichte widersprüchlich und nicht nachvollziehbar. Seit
Jahren befinde er sich durchgehend in intensiver ärztlicher und therapeutischer
Behandlung. Ein Leidensdruck sei nachgewiesen. Alle Ärzte, die ihn behandelt hätten,
seien geschlossen von einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit ausgegangen. Die starken
Lumbalgien mit zeitweisen Ausfällen des linken Beines seien aktenkundig, weshalb er
auf Gehhilfen angewiesen sei. Auch in diesem Zusammenhang sei der Vorwurf der
Aggravation unbegründet. Er sei zu 100 % sowohl in der angestammten als auch in
einer den Leiden angepassten Tätigkeit arbeitsunfähig und habe daher Anspruch auf
eine ganze IV-Rente (IV 2020/96, act. G 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 8. Juli 2020 beantragt die Beschwerdegegnerin, die
Beschwerde sei abzuweisen. Zur Begründung legt sie dar, die in der Beschwerde
verlangte Haaranalyse hätte wohl auch keine Klärung bringen können, ob der
Beschwerdeführer den Drogenkonsum im Sinne einer Aggravation überzeichnet
dargestellt habe. Wesentlich sei, dass dieser in der Lage sei, den Cannabis-Konsum zu
sistieren. In Bezug auf eine mögliche Aggravation sei von Bedeutung, dass der
Beschwerdeführer am Tag der Begutachtung "Speed" konsumiert habe. Bis dahin sei
zumindest ein aktueller Konsum von Amphetaminen von den Ärzten nicht beschrieben
worden. Es sei naheliegend, dass der Beschwerdeführer seine angebliche Schwäche
habe betonen wollen und - durch den "Speed"-Konsum unterstützt - die angeblich
nicht kontrollierbare Impulsivität bewusst aggravieren wollte. Nicht stimmig sei zudem
der behauptete Blackout nach seinen Gefühlsausbrüchen, zumal er sich trotz
Erinnerungslücke bei den Gutachtern für seinen Ausraster spontan entschuldigt habe.
Med. pract. E._ habe trotz der erkannten Widersprüche in den Schilderungen des
Beschwerdeführers ihre gesamte Beurteilung und Therapie auf der Hypothese von
psychischen und physischen Misshandlungen aufgebaut. Dennoch sei es der
Beschwerdeführer gewesen, der ihr gegenüber widersprüchliche und damit auch
falsche Angaben gemacht und so den Irrtum begünstigt habe. Es sei gut
nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer seine früheren Angaben zum Elternhaus
und zum Verhalten von Y._ später zurückgenommen habe. Insgesamt sei die
gutachterliche Arbeitsfähigkeitsschätzung trotz der durch das Verhalten des
Beschwerdeführers verursachten Unsicherheiten schlüssig (IV 2020/96, act. G 5).
B.b.
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Am 13. Juli 2020 bewilligt die vorsitzende Richterin dem Beschwerdeführer die
unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und unentgeltliche
Rechtsvertretung) für das Verfahren IV 2020/96; (act. G 6).
B.c.
Mit Replik vom 5. November 2020 lässt der Beschwerdeführer vorbringen, er habe
in Abhängigkeit von den Schmerzen variierend sporadisch Cannabis konsumiert. Daher
sei jegliche Erwägung von Aggravation in diesem Zusammenhang nicht
nachvollziehbar. Alle behandelnden Ärzte hätten neben weiteren Einschränkungen eine
chronifizierte Schmerzstörung festgestellt, welche im MEDAS-Gutachten keine
Berücksichtigung finde. Weshalb der Konsum von Speed am Tag der Begutachtung
eine Aggravation belegen solle, sei nicht nachvollziehbar. Er sei schon früher ohne die
Einnahme von Aufputschmitteln ausgerastet. Alle Behandler und Therapeuten
bestätigten in den aktuellen Berichten, dass sie nie Anzeichen von Aggravation
festgestellt hätten, und gingen von einem massiven Leidensdruck aus. Er habe stets
verneint, geschlagen worden zu sein und nie irgendwie widersprüchliche Angaben
hierzu gemacht. Dr. S._ vertrete ganz klar die Ansicht, dass er in Bezug auf eine
Kindsmisshandlung traumatisiert sei. Die Gutachter hätten eine Einschränkung
festgehalten, weshalb die Beschwerdegegnerin berufliche Massnahmen hätte abklären
müssen. Die langjährige Schmerzproblematik hätte schon mit Blick auf die jahrelang
anhaltende Therapiehäufigkeit im Zentrum der Beurteilung stehen müssen. Dass dem
nicht so sei, widerspreche einem fairen Verfahren. Er sei zu 100 % arbeitsunfähig (IV
2020/96, act. G 12). Mit der Replik lässt der Beschwerdeführer unter anderem einen
Bericht von T._, Suchtberatung U._ vom 13. Oktober 2020 (IV 2020/96,
act. G 12.2), einen Arztbericht von Dr. S._ vom 14. Oktober 2020
(IV 2020/96, act. G 12.1), einen Bericht von Dr. med. Z._, Facharzt für Medizinische
Onkologie und Allgemeine Innere Medizin, Zentrum für Integrative Medizin KSSG, vom
30. September 2020 (IV 2020/96, act. G 12.3), negative Drogenscreenings vom 18. Mai,
16. Juni, 28. Juli, 11. August, 11. September und 26.Oktober 2020 (IV 2020/96, act. G
12.4), einen Bericht von Coach L._ vom 14. August 2020 (IV 2020/96, act. G 12.7)
sowie einen Bericht von Dr. C._ vom 25. August 2020 (IV 2020/96, act. G 12.5) ins
Recht legen.
B.d.
In ihrer Duplik vom 2. Dezember 2020 bringt die Beschwerdegegnerin vor, es
bestünden erhebliche Divergenzen und Widersprüche in den Akten. Wenn der
B.e.
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C.
Beschwerdeführer den Cannabis-Konsum eingestellt habe, sei umso mehr von einer
hohen Arbeitsfähigkeit auszugehen. Im orthopädischen Teilgutachten sei ein
chronifiziertes vertebrogenes Schmerzsyndrom als Diagnose mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit aufgeführt worden. Das Aufputschmittel sei nicht nur geeignet
gewesen, einen Ausraster zu begünstigen, sondern als Symbol für das geltend
gemachte Unvermögen zu interpretieren (IV 2020/96, act. G 14).
Am 2. Februar 2021 lässt der Beschwerdeführer einen Bericht des Zentrums für
Schlafmedizin des KSSG vom 25. Januar 2021 einreichen (IV 2020/96, act. G 16;
act. G 16.1).
B.f.
Mit Verfügung vom 27. November 2020 lehnte die IV-Stelle das in der
ergänzenden Begründung zum Einwand gestellte Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege im Vorbescheidverfahren vom 24. Januar 2020 (IV-act. 266) mangels
sachlicher Gebotenheit, fehlender Notwendigkeit und gegebener Aussichtslosigkeit ab
(IV-act. 296).
C.a.
Mit Beschwerde vom 28. Dezember 2020 lässt der Beschwerdeführer, auch hier
vertreten durch Rechtsanwältin I. Zürcher, beantragen, die Verfügung vom
27. November 2020 (betreffend unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Vorbescheidverfahren) sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge aufzuheben und das
Verfahren sei mit dem Verfahren IV 2020/96 betreffend IV-Rente zu vereinigen. Weiter
sei ihm auch für das vorliegende Beschwerdeverfahren die unentgeltliche Rechtspflege
zu bewilligen. Zur Begründung wird vorgebracht, er sei nicht in der Lage,
Schwachstellen in einer fachärztlichen Expertise zu erkennen oder mit der
Rechtsvertreterin zu kommunizieren; dies erledige seine Mutter für ihn. Die im Recht
liegenden medizinischen Gutachten seien so verfasst, dass ein juristischer Beistand
angezeigt und notwendig sei, um auf die vorhandenen tatsächlichen Widersprüche
hinweisen zu können. Andernfalls wäre der Anspruch auf Gewährung des rechtlichen
Gehörs verletzt. Dies sei auch der Fall, wenn über Gesuche betreffend unentgeltliche
Rechtspflege erst nach Abschluss des eigentlichen IV-Verfahrens entschieden werde
(IV 2020/261, act. G 1).
C.b.
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Auf die Vorbringen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge sowie die
Akten wird, soweit für den Entscheid relevant, in den nachstehenden Erwägungen
eingegangen.
Mit Beschwerdeantwort vom 23. Februar 2021 beantragt die Beschwerdegegnerin
die Abweisung der Beschwerde. Sie weist darauf hin, dass die Mutter des
Beschwerdeführers diesen auch formell und engagiert begleite und vertrete. Somit sei
diese gewillt und in der Lage, sich für den Beschwerdeführer einzusetzen und seine
Interessen gegenüber der IV-Stelle zu vertreten. Der Eingabe der Rechtsvertreterin sei
nichts zu entnehmen, was die Mutter des Beschwerdeführers nicht auch hätte geltend
machen können bzw. die Rechtsvertretern habe sie nur geltend machen können, was
sie von der Mutter des Beschwerdeführers habe in Erfahrung bringen können (IV
2020/261, act. G 3).
C.c.
Die vorsitzende Richterin bewilligt dem Beschwerdeführer am 1. März 2021 die
unentgeltliche Rechtspflege für das Beschwerdeverfahren betreffend unentgeltliche
Rechtsvertretung im Vorbescheidverfahren (IV 2020/261, act. 4).
C.d.
Mit Replik vom 30. April 2021 lässt der Beschwerdeführer geltend machen, das
viel zu späte Verfügen über die unentgeltliche Rechtspflege im Vorbescheidverfahren
verletzte den Anspruch auf ein faires Verfahren. Würde er nicht durch seine Mutter
unterstützt, wäre er allenfalls auf einen Beistand angewiesen, was zeige, wie
eingeschränkt seine Leistungsfähigkeit sei. Ein faktischer Vertreterwechsel habe nicht
stattgefunden, die Mutter sei Ansprechperson bei Fragen betreffend den
Beschwerdeführer, als juristische Laiin sei diese gar nicht in der Lage, ihn im
Vorbescheidverfahren zu vertreten (IV 2020/261, act. G 8).
C.e.
Mit Duplik vom 17. Mai 2021 bringt die Beschwerdegegnerin im Wesentlichen vor,
der Beschwerdeführer habe die unentgeltliche Rechtsverbeiständung erst mit Einwand
vom 24. Januar 2000 - nach dem Standortgespräch vom 29. August 2018 und der
Eingabe vom 16. Dezember 2019 - beantragt. Damit bestehe kein Anhalt dafür, dass
der Verfügungszeitpunkt Einfluss auf die Mandatsführung gehabt habe. Daher sei die
Notwendigkeit der anwaltlichen Vertretung zu verneinen (IV 2020/261, act. G 10).
C.f.
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Erwägungen
1.
Streitgegenstand im Verfahren IV 2020/96 bildet die Frage der Rechtmässigkeit der
Abweisung des Begehrens um Rente (Verfügung vom 30. März 2020). Im Verfahren IV
2020/261 bildet die unentgeltliche Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren
jenes Leistungsverfahrens den Streitgegenstand (Verfügung vom 27. November 2020).
Da die Streitgegenstände eng zusammenhängen und sich dieselben Parteien
gegenüberstehen, rechtfertigt es sich, die Verfahren IV 2020/96 und IV 2020/261 zu
vereinigen.
2.
Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) umschreibt Invalidität als voraussichtlich
bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit.
Erwerbsunfähigkeit ist der durch die gesundheitliche Beeinträchtigung verursachte und
nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende Verlust der
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind
ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen.
Eine Erwerbsunfähigkeit liegt nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
2.1.
Für somatisch unklare Beschwerdebilder (somatoforme Schmerzstörung und
gleichgestellte Diagnosen), psychische Erkrankungen wie namentlich Depressionen
und Abhängigkeitserkrankungen ist der Beweis einer lang andauernden und
erheblichen gesundheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit nach dem strukturierten
Verfahren mittels Indikatoren zu führen (vgl. dazu BGE 145 V 226 E. 6; BGE 143 V 429
E. 7.2; BGE 141 V 294 f., E. 3.5 f. und S. 298, E. 4.2). Mit BGE 145 V 215 hat das
Bundesgericht betreffend Suchterkrankungen entschieden, dass fortan - gleich wie bei
allen anderen psychischen Erkrankungen (vgl. BGE 143 V 409 und 418) - auf der
Grundlage eines strukturierten Beweisverfahrens (Standardindikatorenprüfung) nach
BGE 141 V 281 zu ermitteln ist, ob und gegebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich
diagnostiziertes Abhängigkeitssyndrom im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit der
versicherten Person auswirkt. Dabei kann und muss im Rahmen des strukturierten
Beweisverfahrens insbesondere dem Schweregrad der Abhängigkeit im konkreten
Einzelfall Rechnung getragen werden (BGE 145 V 215 E. 6.3 und E. 7 S. 228; Urteil des
2.2.
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Bundesgerichts vom 17. Februar 2021, 8C_701/2020. E. 4). Der Beweis für eine lang
andauernde und erhebliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit kann nur dann als
geleistet betrachtet werden, wenn die Prüfung der massgeblichen Beweisthemen im
Rahmen einer umfassenden Betrachtung ein stimmiges Gesamtbild einer
Einschränkung in allen Lebensbereichen (Konsistenz) für die Bejahung einer
Arbeitsunfähigkeit zeigt (BGE 143 V 427, E. 6 a. E.).
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person
mindestens zu 70 %, auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 %, auf eine
halbe Rente, wenn sie mindestens zu 50 %, und auf eine Viertelsrente, wenn sie
mindestens zu 40 % invalid ist. Für die Bestimmung des Invaliditätsgrades wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und nach
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum
Erwerbseinkommen, das sie erzielen könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre
(Valideneinkommen, Art. 16 ATSG).
2.3.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 132 V 93 E. 4 mit Hinweisen). Die urteilenden Instanzen
haben die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche Beweisregeln, sowie
umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des Beweiswertes eines
Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist,
auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der
medizinischen Zusammenhänge und der medizinischen Situation einleuchtet und ob
die Schlussfolgerungen der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit
Hinweisen). Rechtsprechungsgemäss ist den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Gutachten von externen Spezialärzten und -ärztinnen, welche aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten
Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die
2.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 18/34
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3.
Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 137 V 227 E. 1.3.4; Urteil des
Bundesgerichts vom 13. Februar 2019, 8C_801/2018, E. 4.3).
Im Sozialversicherungsrecht gelten der Untersuchungsgrundsatz und der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c ATSG). Verwaltung und
Sozialversicherungsgericht haben von sich aus für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen. Rechtserheblich sind alle
Tatsachen, von deren Vorliegen es abhängt, ob über den streitigen Anspruch so oder
anders zu entscheiden ist. In diesem Rahmen haben Verwaltungsbehörden und das
Versicherungsgericht zusätzliche Abklärungen stets dann vorzunehmen oder zu
veranlassen, wenn hierzu aufgrund der Parteivorbringen oder anderer sich aus den
Akten ergebenden Anhaltspunkte hinreichender Anlass besteht (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 4. Aufl., Bern/St. Gallen/Zürich 2020, Art. 61 N 107).
2.5.
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz
nicht etwas Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu fällen (vgl. BGE 126 V 353 E. 5b; BGE 125 V 193 E. 2, je mit
Hinweisen).
2.6.
Zunächst ist zu prüfen, ob die Aktenlage eine genügende Basis zur Beurteilung des
Rentenanspruchs des Beschwerdeführers darstellt und insbesondere, ob bereits nach
Vorliegen des bidisziplinären Gutachtens der Dres. H._ und I._ hätte entschieden
werden können bzw. müssen. In dessen Rahmen gelangte die psychiatrische
Gutachterin zum Schluss, der Beschwerdeführer sei aus psychiatrischer Sicht zu
100 % arbeitsunfähig bzw. sei seine Zumutbarkeit gegenüber einem Arbeitgeber in der
freien Wirtschaft sehr fraglich (IV-act. 159-53). Der RAD-Arzt Dr. J._ führte in seiner
Stellungnahme vom 17. November 2017 aus, auf die ausführliche gutachterliche
Begründung sei abzustellen. Es blieben aber Zweifel an den schwerwiegenden
Auswirkungen in unterschiedlichen Lebensbereichen bestehen; insbesondere die aus
den subjektiven Angaben des Beschwerdeführers abgeleitete Schwere des Leidens
könne nicht nachvollzogen werden. Es werde daher eine vertiefte Überprüfung der
Auswirkungen im Alltag durch Drittauskünfte angeregt, um die von der psychiatrischen
Sachverständigen beschriebenen Argumente zu verifizieren (IV-act. 160). Der RAD-Arzt
erachtete das Gutachten lediglich unter der Bedingung als beweistauglich, dass sich
die den medizinischen Schlussfolgerungen zugrunde liegenden Annahmen bestätigen
lassen würden.
3.1.
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Die nach der ersten Begutachtung erfolgten weiteren Abklärungen ergaben
Folgendes: Im Rahmen der Abklärungen nach Vorliegen des ersten Gutachtens
berichtete M._, er sei während der Lehrzeit des Beschwerdeführers Bauführer
gewesen. Nach ein paar Monaten sei der bis dahin aufgestellte und motivierte
Beschwerdeführer durch plötzliche Zornesausbrüche zum Problem geworden. Er habe
erklärt, dass Y._ ihn dazu gebracht hätte, die ihm verschriebenen Medikamente
abzusetzen. Er erinnere sich an den Beschwerdeführer als tollen, aufgestellten, sehr
kräftigen Mann, der aber bei einem massiven Gewaltausbruch habe zur Gefahr werden
können (E-Mail vom 12. April 2018, IV-act. 191-1). Während der Arbeit bei der N._
AG vom 15. November 2011 bis zum Eintritt der Arbeitsunfähigkeit im Mai 2014 kam es
gemäss V._ nie zu Auffälligkeiten, aggressivem oder unangepasstem Verhalten und
der Beschwerdeführer wurde als Mitarbeiter und Mensch geschätzt (IV-act. 196).
Weiter wurde bekannt, dass der Beschwerdeführer am 26. Februar 2016 im Spital
W._ gegenüber einer Oberärztin ausrastete, was einen Polizeieinsatz zur Folge hatte
(IV-act. 169; Zuweisungsbericht med. pract. E._ an med. pract. K._ vom 14. Juni
2018, IV-act. 226-7 ff.; Journal Kantonspolizei, IV-act. 169-2 f.). Ein weiterer Vorfall
ereignete sich während des Standortgesprächs bei der IV-Stelle am 29. August 2018:
Nachdem der Befragende dem Beschwerdeführer erklärte, bei der somatoformen
Schmerzstörung handle es sich um eine "Flucht in die Krankheit", stellte der
Beschwerdeführer fest, dies bedeute, dass er ein "verdammter Simulant" sei, fiel zu
Boden und schrie während mehrerer Minuten unansprechbar herum, bevor er sich
wieder beruhigen konnte (IV-act. 211-16).
3.2.
Anlässlich des Standortgesprächs vom 29. August 2018 führte der
Beschwerdeführer zum Widerspruch zwischen der eigenen Einschätzung einerseits,
wonach er wegen der körperlichen Schmerzen arbeitsunfähig sei, und der
gutachterlichen Einschätzung andererseits, wonach er aus psychischer Sicht
arbeitsunfähig sei, Folgendes aus: Er sei mittlerweile extrem psychisch angeschlagen.
Er sei schon sein halbes Leben in psychiatrischer Behandlung. Aufgrund des
Kraftverlusts in den Beinen falle er und liege dann während einer halben bis zu drei
Stunden weinend und tobend auf dem Boden, bis er sich an einem Möbelstück
hochziehen könne. Ohne die Schmerzen würde er sofort wieder arbeiten (IV-
act. 211-4 f.). Mit dem Konsum von THC-haltigem Cannabis gelinge es ihm, seine
Aggressivität zu zügeln (IV-act. 211-8 f.). Auf einer Baustelle sei es ein einziges Mal zu
einem aggressiven Durchbruch gekommen, welcher einen Polizeieinsatz notwendig
gemacht habe (IV-act. 211-11). Es habe auch Ausraster auf Baustellen gegeben, bei
denen die Polizei nicht gekommen sei (IV-act. 211-11). Der im Gutachten beschriebene
Vorfall in der Schule habe sich nicht in der fünften Klasse, sondern in der Oberstufe
3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 20/34
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ereignet (IV-act. 211-12). Von Y._ habe er nie körperliche, wohl aber verbale Gewalt
erfahren. Dies hätten er und seine Mutter bei med. pract. E._ erfolglos klarzustellen
versucht (IV-act. 211-12 f.). Unzutreffend war offenbar auch die im Gutachten von
Dr. I._ protokollierte Aussage, er habe wegen Konsums von Cannabis Auflagen des
Strassenverkehrsamtes gehabt (IV-act. 211-9).
Ein impulsiv-aggressiver Durchbruch des Versicherten im Erwachsenenalter wurde
echtzeitlich erstmals am 16. Februar 2016 in der Klinik Valens aktenkundig und führte
dort zu einem psychiatrischen Konsil und zur Diagnose einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ (ICD-10: F90.1; vgl. Austrittsbericht Klink
Valens vom 8. März 2016, IV-act. 105; Bericht psychosomatisches Konsilium Dr. med.
X._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, vom 2. März 2016, IV-act. 107). In
den Berichten von med. pract. E._ vom 5. Januar 2017 (IV-act. 109) und der Klinik für
Psychosomatik des KSSG vom 28. und 29. September 2017 (IV-act. 159.21 ff.) wurden
frühere Ausraster mit impulsiven Reaktionen lediglich eigenanamnestisch festgehalten.
Weder im Assessmentprotokoll vom 1. Oktober 2014 (IV-act. 39), noch im
Schlussbericht vom D._ vom 8. Januar 2016 (IV-act. 58) und auch nicht im
Strategieprotokoll vom 15. Dezember 2016 (IV-act. 101) wurden aggressive emotionale
Durchbrüche erwähnt. Med. pract. E._ bejahte im Arztbericht vom 5. Januar 2017
noch eine Umschulungsfähigkeit (IV-act. 109-4). Zur Auflösung des vorgesehenen
Praktikums- und Ausbildungsverhältnisses als Fachmann Betriebsunterhalt EFZ im
Wohn- und Pflegehaus F._ führte nicht eine Ausfälligkeit des Versicherten, sondern
das Auftreten eines starken Schmerzereignisses im Rücken beim Entfernen der
Weihnachtsbeleuchtung mit anschliessendem Aufenthalt im KSSG und Rehabilitation
im Zentrum G._, wo ein Missgeschick zu einer erneuten Schmerzexazerbation führte
(Schlussbericht Berufsberatung vom 21. März 2017, IV-act. 129; Protokoll
Eingliederung, IV-act. 130-6 f.; Austrittsbericht Zentrum G._ vom 10. April 2017, IV-
act. 137-3 ff.; Bericht Klinik für Neurochirurgie des KSSG vom 8. Mai 2017, IV-
act. 142). Erst danach - mit Verlaufsbericht vom 23. Juni 2017 - änderte
med. pract. E._ ihre Beurteilung dahingehend, dass der Beschwerdeführer nicht die
kognitiven Ressourcen zeige, um die vielschichtige Problematik zu durchschauen und
zu bearbeiten, damit ein Wiedereinstieg in die Arbeitswelt möglich würde, weshalb sie
von einer auch längerfristig bestehenden Arbeitsunfähigkeit von 100 % ausgehe (IV-
act. 151-3). Mit den Gründen für diese nicht ohne Weiteres einsichtige Änderung der
Sichtweise der behandelnden Psychiaterin setzte sich die psychiatrische
Erstbegutachterin nicht auseinander. Zudem wurden im Bericht der Klinik für
Psychosomatik des KSSG vom 29. September 2017 lediglich von Vorfällen bis Anfang
2017 bzw. von "früher" berichtet (IV-act. 159-22 ff.), und weiter gab der
3.4.
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4.
Zu prüfen ist somit die Beweistauglichkeit des Gutachtens der MEDAS Bern vom
9. September 2019. Bestritten werden namentlich die von den Gutachtern bejahte
Aggravation und die attestierte 80%ige Arbeitsfähigkeit in adaptierten Tätigkeiten.
Beschwerdeführer gegenüber der Gutachterin selbst an, aus psychiatrischen Gründen
halte er seine Arbeitsfähigkeit nicht für eingeschränkt (IV-act. 159-45). Aus dem
Gutachten geht nicht hervor, dass die Expertin vertieft geprüft hätte, ob bzw. inwieweit
die Aussagen des Beschwerdeführers hinsichtlich seiner Ausraster zuträfen. Eine dem
strukturierten Beweisverfahren genügende Konsensprüfung ist damit nicht ersichtlich.
Die von RAD-Arzt Dr. J._ angeregte weitere Abklärung bestätigten die Aussagen
sowohl des Beschwerdeführers sowie insbesondere auch jene von med. pract. E._
gesamthaft betrachtet nicht in einem Ausmass, dass mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit von einer ausreichend gegebenen Konsistenz ausgegangen werden
könnte. Im Gegenteil taten sich mit den neuen Erkenntnissen erhebliche Zweifel auf
bzw. wurden konkrete Indizien bekannt, die gegen die Zuverlässigkeit der Expertise
sprachen. Die zweite Begutachtung wurde somit nicht lediglich angeordnet, weil die
Beschwerdegegnerin die im ersten Gutachten ermittelte Arbeitsunfähigkeit nicht für
nachvollziehbar hielt (bzw. ihr diese "nicht passte"). Das zweite Gutachten vom
9. September 2019 ist demnach keine unzulässige second opinion, die aus dem Recht
zu weisen wäre, was explizit so auch nicht geltend gemacht wurde. Ein entsprechender
Einwand wäre zudem ohnehin nicht stichhaltig, denn der Beschwerdeführer hätte
Einwendungen gegen eine neuerliche Begutachtung mittels Beschwerde geltend
machen können, wovon er wie im Sachverhalt (Ai) dargetan abgesehen hat (Urteil des
Bundesgerichts vom 21. Januar 2019, 9C_382/2018, E. 4.1, SVR 2019 IV 68).
3.5.
Der orthopädische Gutachter erwähnte im Befund, aus einer Nichtigkeit heraus sei
es zu einem erheblichen Wutanfall gekommen. Der Beschwerdeführer habe gebrüllt
und über eine Angabe in der Vorgeschichte geschimpft, die nicht mit seiner Erinnerung
übereingestimmt habe. Er habe wütend einen Gehstock in die Ecke geworfen, sei
vegetativ erheblich alteriert, kurzatmig gewesen und habe mehrere Minuten benötigt,
um sich wieder zu beruhigen. Danach habe ein normales Gespräch fortgesetzt werden
können. Er habe wieder gelächelt und sich verhalten, als wäre nichts geschehen. Am
Ende der Untersuchung habe er sich entschuldigt. Im Rahmen der objektiven
Untersuchung hätten sich verschiedentlich eine erhebliche Blockadehaltung und eine
Gegenspannung gezeigt, die eine objektive Beurteilung des Funktionsmasses deutlich
erschwert hätten. Bei Entspannung habe ein wesentlich besseres Funktionsmass der
4.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 22/34
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Lendenwirbelsäule festgestellt werden können, so dass die gezeigten Einschränkungen
nur zu einem Teil nachvollziehbar seien. Eine wesentliche Einschränkung sei nicht
feststellbar. Der Beschwerdeführer habe das Untersuchungszimmer mit einem sehr
flotten Gangbild betreten. Er habe sich auch bei der körperlichen Untersuchung ohne
Gehstützen bewegen können (IV-act. 255-10 ff.). Im MRI LWS 24. September 2019
seien nur minimal degenerative Veränderungen sichtbar, radiologisch zeige der aktuelle
Befund gleichbleibende Veränderungen mit bekannter Diskopathie LWK4/5 ohne eine
signifikante radikuläre Kompression (IV-act. 255-13). Die radiologischen Befunde seien
nicht sehr stark ausgeprägt und seit 2014 im Wesentlichen unverändert mit einer
Diskopathie L4/5 ohne eine signifikante radikuläre Kompression (IV-act. 255-16). Es
lägen keine über die altersgemässe Degeneration hinausgehenden wesentlichen
Veränderungen der Lenden-, Brust- und Halswirbelsäule vor (IV-act. 255-15). Von
neurochirurgischer Seite habe keine eindeutige Wurzelkompression bestätigt werden
können, weshalb bisher lediglich eine konservative Behandlung durchgeführt worden
sei. Im Rahmen der aktuellen Untersuchung hätten sich keine neurologischen
Störungen gezeigt (IV-act. 255-17). Das Verhalten des Beschwerdeführers anlässlich
der Untersuchung habe zum Teil übertrieben, demonstrativ, nicht authentisch und
aufgesetzt gewirkt (IV-act. 252-4). Bei der Untersuchung sei es zu Blockadehaltungen
und Gegenspannungen des Beschwerdeführers gekommen mit besserem
Funktionsmass im Rahmen der manuellen Untersuchung und bei Entspannung (IV-
act. 252-5; IV-act. 255-10 f., 15 f.). Die subjektiv empfundenen erheblichen
Beschwerden sowie die demonstrierte Blockadehaltung und die Selbstlimitierung
könnten anhand des aktuellen radiologischen Befundes in keiner Weise objektiviert
werden (IV-act. 255-13). Es bestehe eine erhebliche Diskrepanz zwischen den
demonstrierten Einschränkungen in der Lendenwirbelsäule und den geschilderten
Beschwerden gegenüber dem objektiv nachweisbaren orthopädischen Befund. Der
erhobene identische Beinumfang spreche gegen ein Schonungsverhalten (IV-
act. 252-7; IV-act. 255-12, 16, 23). Es sei auch nicht nachvollziehbar, dass der
Beschwerdeführer weiterhin Unterarmgehstützen als Vorsichtsmassnahme benütze (IV-
act. 255-14 f.). Trotz beklagter starker Schmerzen erfolge keine Einnahme von
Schmerzmedikamenten (IV-act. 255-16). Anhand des orthopädischen Befundes könne
von einer deutlichen Überbetonung, wenn nicht gar von Aggravation ausgegangen
werden. Weiter falle auch eine vehemente Behauptung von absurden Symptomen auf.
Möglicherweise habe es sich auch beim Wutanfall um eine bewusste Demonstration
des Aggravationsverhaltens gehandelt (IV-act. 252-7, 19 f.; IV-act. 255-16 f.). Es
bestünden aufgrund des orthopädischen Befundes genügend Ressourcen, die
bisherige berufliche Tätigkeit in etwas begrenzter Form weiterzuführen. In einer gut
angepassten Verweistätigkeit ergäben sich anhand des orthopädischen Befundes
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keine Einschränkungen (IV-act. 255-15 ff.). Der Versicherte sei in der Lage,
mittelschwere Tätigkeiten mit Heben und Tragen von Gewichten mit kurzfristigen
Belastungsspitzen von 25 kg in rückenschulgerechter Haltung, im Wechsel zwischen
Gehen, Stehen und Sitzen zu verrichten. Vermieden werden sollten Tätigkeiten mit
Heben und Tragen von Gewichten über 25 kg, ausserhalb des Körperlotes, ständige
Zwangshaltungen, häufige Vibrationen, Kälte- und Nässeexposition, Zugluft sowie
ruckartige Bewegungen (IV-act. 252-6).
Wie bereits der orthopädische Vorgutachter Dr. H._ (IV-act. 159-37 f.) konnte
auch der orthopädische Gutachter Dr. P._ kein organisches Korrelat zu den vom
Beschwerdeführer angegebenen Schmerzen und zur beklagten Beinschwäche
feststellen (vgl. E. 4.1; IV-act. 255-15 f.). Er konnte die dem orthopädischen Fachgebiet
zuzuordnenden Beschwerden nicht konsistent objektivieren. Daraus lässt sich nur auf
das Vorliegen einer Aggravation schliessen, sofern eine Objektivierung auch aus Sicht
anderer medizinischer Fachgebiete, insbesondere der Psychiatrie, nicht möglich ist.
4.2.
4.3.
Der psychiatrische Gutachter hielt im Befund fest, während der Untersuchung sei
der Beschwerdeführer immer wieder aufgestanden, um kurz im Raum umherzugehen.
Es bestehe eine psychomotorische Unruhe mit einem Bewegungsdrang, der
Beschwerdeführer wirke leicht angespannt. Zu keinem Zeitpunkt habe er
niedergedrückt oder depressiv gewirkt, sei höflich geblieben und habe keine
Reizbarkeit gezeigt. Es bestünden keine Auffassungsstörungen, keine
Konzentrationsprobleme, keine relevanten Gedächtnisstörungen, auch wenn der
Beschwerdeführer diese beschreibe (IV-act. 254-12). Das formale Denken sei leicht
beschleunigt, mitunter umständlich und weitschweifig. Beim Beschwerdeführer zeigten
sich deutliche narzisstische Persönlichkeitszüge, die schon in seinem Auftreten und in
seinem Äusseren durchaus erkennbar seien. Im Verhalten wirke er extrovertiert,
eloquent, versuche zu überzeugen. Er vermittle einen selbstbewussten und
durchsetzungsfähigen bis dominanten Eindruck, dabei erscheine er wenig kritikfähig,
zum Teil seien auch histrionische und hypochondrische Tendenzen bei ihm erkennbar.
Der Wille und Antrieb seien reduziert. Realitätsorientierung und Realitätsbezug seien
verschwommen reduziert (IV-act. 254-12). Das Labor testete positiv auf Amphetamine
(+Ecstasy) und Cannabis (THC; IV-act. 254-13). Der Gutachter diagnostizierte eine
vorwiegend histrionische, narzisstische Persönlichkeit (ICD-10: F60.4), ein ADHS bei
Erwachsenen (ICD-10: F90) sowie Störungen durch multiplen Substanzgebrauch,
Abhängigkeitssyndrom (ICD-10: F19; IV-act. 254-15). Die Schilderungen der Anamnese
4.3.1.
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(namentlich in Bezug auf das Verhältnis des Beschwerdeführers zu Y._) und
demzufolge auch die medizinische Beurteilung durch med. pract. E._ seien
unzutreffend. Das Vorgutachten sei nicht beweistauglich, da es sich auf ungenaue und
teilweise gar falsche Angaben stütze (IV-act. 254-14). Aufgrund der vorhandenen
Inkonsistenzen sei auf das Vorliegen einer Aggravation zu schliessen (IV-act. 254-16 f.).
Aus psychiatrischer Sicht bestehe beim Beschwerdeführer aktuell zwar eine
verminderte Anpassung an Regeln und Routinen. Er könne jedoch Termine
verabredungsgemäss wahrnehmen und sich auch in Organisationsabläufe adäquat
einfügen (speziell im häuslichen Bereich und bei der Betreuung der Tochter erkennbar).
Die Planung und Strukturierung von Aufgaben gelinge ihm zuhause gut; die berichtete
Schonung führe er selbst auf somatische Ursachen zurück. Die Flexibilität und
Umstellungsfähigkeit seien zwar erschwert, jedoch im häuslichen Bereich nicht relevant
beeinträchtigt und motivational beeinflussbar. Die Durchhaltefähigkeit in der
Untersuchungssituation sei gut gewesen, dies könne auch in den beruflichen Bereich
übertragen werden. Die Selbstbehauptungsfähigkeit sei überdurchschnittlich. Bei der
Kontaktfähigkeit zu Dritten hätten bei guter Kommunikationsfähigkeit keine Defizite
festgestellt werden können. Die Kontaktpflege sollte besser eingeübt werden, dies
gelte auch für die Gruppenfähigkeit. Spontane Aktivitäten könnten gegenwärtig
durchaus initiiert werden (Freizeit). Für die Selbstpflege und die Verkehrsfähigkeit
bestünden keine Einschränkungen (IV-act. 252-6, 17 f.). Aus psychiatrischer Sicht sei
die Arbeitsfähigkeit aufgrund des fortgesetzten Drogenkonsums aktuell um 20 %
eingeschränkt. Die Sucht erfordere eine Behandlung, die gegenwärtig nicht stattfinde.
Somit könne von keiner dauerhaften Arbeitsunfähigkeit aus diesem Grund
ausgegangen werden. Bei fortgesetztem Drogenkonsum könne eine schwankende
Leistungsfähigkeit im Berufsleben bestehen. Gegenwärtig sei von einer reduzierten
Leistungsfähigkeit von 20 % auszugehen (Arbeitsfähigkeit 80%; IV-act. 254-16, 18).
Im Gegensatz zum Gutachter stellten der Konsiliarpsychiater in der Klinik Valens
(IV-act. 105, 107), med. pract. E._ (Arztbericht vom 5. Januar 2017, IV-act. 109;
Verlaufsbericht vom 23. Juni 2017, IV-act. 151; Berichte vom 22. März 2018, IV-
act. 189, und vom 14. Juni 2018, IV-act. 226-7 ff.), med. pract. K._ (Arztbericht vom
23. November 2018, IV-act. 226) sowie Dr. S._ (Bericht vom 6. Dezember 2019, IV-
act. 267) unter anderem die Diagnose einer emotional instabilen
Persönlichkeitsstörung, impulsiver Typ (ICD-10: F60.30). Die psychiatrische
Vorgutachterin diagnostizierte gar eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung mit
emotional-instabilen, dissozialen und paranoiden Anteilen (ICD-10: F61.0; IV-
act. 159-51). Die behandelnden Fachärzte betonen, dass der Beschwerdeführer nicht
4.3.2.
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über ausreichende Ressourcen für eine adäquate Bewältigungsstrategie verfüge. So
hielt med. pract. E._ im Arztbericht vom 23. Juni 2017 fest, aufgrund des niedrigen
Strukturniveaus, der eingeschränkten kognitiven Erfassungsmöglichkeit und des
eingeschränkten Weltbildes sei es dem Beschwerdeführer nicht anders als durch
somatische Erkrankung möglich, sich den herkunftsfamilienbedingten "Werten" von
Gewalt und Aggression zu entziehen (IV-act. 151). Med. pract. K._ führte im
Arztbericht vom 23. November 2018 aus, dass bei jeder Art von subjektiv erlebter
Belastung eine starke psychische Anspannung entstehe, die sich einerseits im
episodischen Verlust der Impulskontrolle, andererseits in einer Zunahme der
lumbosakralen Schmerzsymptomatik äussere (IV-act. 226). Dr. S._ erörterte am
6. Dezember 2019, auf dem Boden einer Traumatisierung bereits in der Kindheit
verfüge der Beschwerdeführer nur über ein sehr geringes Spektrum emotionaler
selbstwertstabilisierender Bewältigungsstrategien. Auch bestehe weiterhin eine
deutlich erhöhte affektive Labilität, welche sich primär in Form von häufigen Ausrastern
abzeichne. Es bestehe eine relevante Einschränkung der psychophysischen
Belastbarkeit, die keine Arbeitsfähigkeit ermögliche. Sie erlebe den Beschwerdeführer
sehr pflichtbewusst, offen und motiviert. Seit seiner Kindheit unterziehe er sich diversen
Therapien. Sie sei bereits die 13. Therapeutin, so dass von einem Ärztehopping
ausgegangen werden müsse (IV-act. 267). Im Arztbericht vom 14. Oktober 2020 wies
sie darauf hin, der Beschwerdeführer habe bereits in der Kindheit Schwierigkeiten mit
seiner Impulsivität gehabt. Von Y._ und in der Schule habe er Entwertung erfahren.
Nach dem Bandscheibenvorfall sei die Unzufriedenheit mit sich selbst weiter
angestiegen. Es liege eine adäquate Symptomatik einer chronifizierten Schmerzstörung
vor, welcher fehlende emotionsregulierende Copingstrategien vorausgegangen seien
(IV 2020/96, act. G 12.1).
Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung setzt eine deutliche Abweichung von
kulturell erwarteten und akzeptierten Vorgaben voraus, unter anderem im Bereich der
Impulskontrolle. Diese muss stabil, von langer Dauer sein und im späten Kindesalter
oder der Adoleszenz begonnen haben (vgl. H. Dilling / H. J. Freyberger, Taschenführer
zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen, 9. Aufl., Bern 2019, S. 234 f.). Somit
ist schlüssig, dass die Diagnose beim Beschwerdeführer (auch) von der Verlässlichkeit
seiner Angaben abhängt. Der psychiatrische Gutachter äusserte sich zur Konsistenz
dahingehend, die Angaben des Beschwerdeführers zu Aggressivität und Affektlabilität
seien aktuell nicht im geschilderten Umfang nachvollziehbar und glaubhaft. Dass eine
unzureichende Affektkontrolle im geschilderten Umfang bestehe, erscheine eher
zweifelhaft, auch wenn verminderte Frustrationstoleranz und Wutausbrüche vom
4.3.3.
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Beschwerdeführer beschrieben würden. Der Beschwerdeführer habe seine früheren
Angaben zum Elternhaus und zum Verhalten des Y._ wieder zurückgenommen, da
die Auskunft bei seiner Psychiaterin nicht wahrheitsgemäss gemacht worden sei,
offensichtlich um sich Vorteile bei der Bewertung durch die IV zu verschaffen. Auch
aktuell scheine dieses Verhalten zu dominieren. Das Verhalten im Rahmen der aktuellen
Untersuchungen habe speziell im orthopädischen Teil der Begutachtung zum Teil
übertrieben, demonstrativ, nicht authentisch und deutlich aufgesetzt gewirkt. Die
überprotektive Haltung seiner Familienangehörigen würde den Beschwerdeführer darin
eher bestärken. Soziale Anpassungsschwierigkeiten seien in diesem Kontext möglich,
diese hätten sich jedoch in der Vergangenheit kaum auf die Integrationsfähigkeit
ausgewirkt und seien aktuell auch nicht im geschilderten Umfang anzunehmen (IV-
act. 254-15).
Dokumentierte Wutausbrüche erfolgten während der Lehrzeit, anamnestisch
nach dem Absetzen von Ritalin, dann erst wieder zweimal im Februar 2016 in der Klink
Valens und anschliessend im Spital W._ (mit Polizeieinsatz), während des
Standortgesprächs in der IV-Stelle, während der orthopädischen Begutachtung bei der
MEDAS Bern am 20. März 2019 und bei med. pract. K._ offenbar im April 2019 (E-
Mail vom 30. April 2019 an den Beschwerdeführer, worin er diesem mitteilt, er
beendige die Therapie nach einem für alle Anwesenden unzumutbaren Ausraster, IV-
act. 249). Der Zornausbruch bei der orthopädischen Begutachtung erfolgte im
Zusammenhang mit dem Beschwerdeführer vorgehaltenen eigenen Angaben, die nicht
seiner Erinnerungen entsprachen (vgl. bei der orthopädischen Begutachtung, IV-
act. 255-10). Der Vorfall in der IV-Stelle geschah, nachdem der Befragende dem
Beschwerdeführer erklärte, die Beschwerden stünden in Verbindung mit einer "Flucht
in die Krankheit", was der Beschwerdeführer einem Vorwurf der Simulation gleichsetzte
(IV-act. 211-16). Zwar ist in Betracht zu ziehen, dass das Verhalten des
Beschwerdeführers eine Reaktion auf seine unzutreffende Annahme darstellt,
psychisch verursachte Schmerzen seien eingebildet oder simuliert bzw. dass ihm das
Verständnis dafür fehlt, dass psychosomatische Beschwerden durchaus real
vorhanden sein können, wenn sie auch organisch nicht erklärbar sind. Jedoch spricht
die Tatsache, dass der Beschwerdeführer einen beruflichen Abschluss erlangen und
sich jahrelang in entsprechenden Arbeitsverhältnissen bewähren konnte, gegen eine
emotional instabile Persönlichkeitsstörung als Ursache der Entgleisungen, weil diese
definitionsgemäss seit der Jugend oder Adoleszenz bestehen müsste (vgl. E. 4.2.2).
Sodann geschah der Vorfall während der orthopädischen Begutachtung
nachgewiesenermassen nach dem Konsum von Amphetaminen und Cannabis (IV-
4.3.4.
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act. 254-13). Weder im Kontext der beruflichen Abklärung im D._ (Schlussbericht
vom 8. Januar 2016, IV-act. 58) noch mit der stationären Rehabilitation in Valens (wo
bei sonst therapieresistenten Schmerzen "auch aufgrund des Gebrauchs diverser
Schmerz- und psychotroper Substanzen" eine Methadontherapie probiert wurde;
Austrittsbericht vom 8. März 2016, IV-act. 105), nicht mit dem Aufenthalt im Zentrum
G._ (Austrittsbericht vom 10. April 2017, IV-act. 137-3 ff.) und auch nicht durch die
behandelnden Psychiater oder durch die Vorgutachter wurden Auswirkungen eines
Substanzmissbrauchs festgestellt oder eine entsprechende Diagnose gestellt. Der
Beschwerdeführer bestritt im Assessmentgespräch vom 29. August 2018 die im
Gutachten vom 11. November 2017 protokollierte Aussage, er rauche konsequent
Joints ohne THC wegen der Auflagen bezüglich Führerschein (IV-act. 159-46; IV-
act. 211-9), wobei eine Abklärung beim Strassenverkehrsamt ergab, dass er bis dahin
nie irgendwelche Auflagen hatte (Aktennotiz vom 16. April 2018, IV-act. 192). Erst
aufgrund des der angefochtenen Verfügung zugrundeliegenden Gutachtens wurden
solche verfügt, worauf der Beschwerdeführer von Januar bis Oktober 2020 monatlich
negative Laborscreenings nachweisen konnte (act. G 1.1.3; act. G 12.4). Der Konsum
von Amphetaminen und Cannabis ist somit lediglich vor dem Ausraster bei der
orthopädischen Begutachtung nachgewiesen. Eine durch eine
Abhängigkeitsproblematik verursachte massgebliche Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit oder dass die dokumentierten Emotionsausbrüche mit
Substanzkonsum zu assoziieren wären, steht daher nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit fest. Dass die Gutachter die attestierte Arbeitsunfähigkeit von 20 %
dennoch mit den Auswirkungen des Substanzkonsums begründeten, ist von
untergeordneter Bedeutung, da die Arbeitsunfähigkeit in diesem Ausmass vorliegend
nicht rentenbegründend ist und weil der Nachweis durch eine Haarprobe zum
Ausschluss der Aggravation ausdrücklich vorbehalten wurde (IV-act. 254-16).
Als weiterer Anhaltspunkt für eine Aggravation wird vom psychiatrischen
Gutachter angeführt, dass der Beschwerdeführer seine Aussage, er sei von Y._
körperlich misshandelt worden, widerrufen habe. Med. pract. E._ führte im
Arztbericht vom 5. Januar 2017 aus, aufgrund der Symptomatik und einiger
Äusserungen des Beschwerdeführers, welche dieser bei Nachfrage revidiert habe,
gehe sie von psychischen und körperlichen Misshandlungen aus (IV-act. 109). Es ist
demnach nicht festgehalten, dass der Beschwerdeführer explizit angegeben hätte,
Y._ habe ihn geschlagen, und diese Aussage später zurückgenommen hätte. Im
Verlaufsbericht vom 23. Juni 2017 führte sie aus, neu berichte der Beschwerdeführer,
dass Y._ ihm schon früh asiatische Kampfkunst zugemutet hätte (IV-act. 151). Im
4.3.5.
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Überweisungsbericht an med. pract. K._ vom 14. Juni 2018 erwähnte med. pract.
E._ in diesem Zusammenhang denn auch imaginative Bilder beim Beschwerdeführer
mit kindlichen Gewalterfahrungen (IV-act. 226-7 ff.) als Grundlage ihrer Annahme. Eine
bewusste Änderung in seiner Aussage im Hinblick auf eine mögliche Berentung kann
somit aus den Berichten von med. pract. E._ entgegen den Ausführungen der
Beschwerdegegnerin nicht abgeleitet werden.
Zusammenfassend ergibt sich weder hinsichtlich der somatischen noch
hinsichtlich der psychiatrischen Beschwerden ein stimmiges Gesamtbild. Die
Beurteilung durch die behandelnden Ärzte beruht massgeblich auf subjektiven
Angaben des Beschwerdeführers, die sich bei näherer Prüfung als nicht ausreichend
konsistent erweisen. Die beklagten Schmerzen und die Beinschwäche sind
orthopädisch nicht objektivierbar. Emotionale Durchbrüche sind seit dem
Erwachsenenalter des Beschwerdeführers nur vereinzelt und nicht im normalen
Tagesablauf aktenkundig, was gegen eine die Arbeitsfähigkeit dauerhaft
einschränkende Persönlichkeitsstörung spricht. Schliesslich ist zu berücksichtigen,
dass der behandelnde Arzt in einem auftragsrechtlichen Verhältnis zum
Beschwerdeführer steht, das heisst im Zweifelsfall eher zu dessen Gunsten aussagen
wird bzw. die subjektiv vorgetragenen Beschwerden grundsätzlich nicht in Zweifel
ziehen wird (Urteil des Bundesgerichts vom 27. September 2017, 8C_295/2017,
E. 6.4.2, mit weiteren Verweisen; BGE 135 V 470, E. 4.5). Die unterschiedliche Natur
von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und
Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten anderseits
lässt es nicht zu, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu stellen
und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden Ärzte zu
anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen sich
eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte wichtige - und
nicht rein subjektiver ärztlicher Interpretation entspringende - Aspekte benennen, die
im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder ungewürdigt geblieben sind (statt vieler:
Entscheide des Bundesgerichts vom 3. Mai 2021, 8C_164/2021, E. 3.2.1, und vom
17. Februar 2021, 8C_783/2020, E. 5.2, je mit Hinweisen). Dies ist vorliegend nicht der
Fall. Somit ist auf die gutachterliche Einschätzung abzustellen.
4.4.
Bezüglich der Auswirkungen der fraglichen und gemäss dem psychiatrischen
Gutachter (IV-act. 254-16) therapierbaren Sucht ist festzuhalten, dass die angefochtene
Verfügung vom 30. März 2020 erging, nachdem das Bundesgericht mit BGE 145 V 215
vom 11. Juli 2019 diese Leiden dem strukturierten Beweisverfahren unterstellt hatte.
Ob aufgrund des Substanzkonsums von einer 80%igen oder einer 100%igen
4.5.
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5.
Abschliessend bleibt über den Anspruch auf Rechtsverbeiständung im
Vorbescheidverfahren zu befinden.
Arbeitsfähigkeit auszugehen ist, kann indes offen gelassen werden. Der
Beschwerdeführer erzielte zuletzt im Jahr 2014 einen dem Valideneinkommen
entsprechenden Lohn von Fr. 71'240.-- (Angaben der Arbeitgeberin vom 17. Juli 2014,
IV-act. 30). Wird für die Bemessung des Invalideneinkommens vom Tabellenlohn
gemäss Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamtes für Statistik (BFS),
Durchschnittseinkommen Kompetenzniveau 1, 2014, Männer, von Fr. 66'453.--
(Informationsstelle AHV/IV, IV, Ausgabe 2019, Bern 2019, Anhang 2) ausgegangen (eine
Aufrechnung der Vergleichseinkommen auf das Jahr 2015 kann annäherungsweise
unterbleiben), würde bei angenommener 80%iger Arbeitsfähigkeit erst bei Gewährung
eines Tabellenlohnabzuges von 20 % ein rentenbegründender 40%iger Invaliditätsgrad
resultieren. Ein solcher lässt sich vorliegend nicht begründen. Der Beschwerdeführer
hat somit keinen Anspruch auf eine Rente.
Gemäss Art. 29 Abs. 3 der Bundesverfassung der schweizerischen
Eidgenossenschaft (BV; SR 101) hat jede Person, die nicht über die erforderlichen
Mittel verfügt und deren Rechtsbegehren nicht aussichtslos erscheint, Anspruch auf
unentgeltliche Rechtspflege. Falls es zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist, hat sie
ausserdem Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand. Beim Anspruch gemäss
Art. 29 Abs. 3 BV handelt es sich um einen "eigentlichen Pfeiler des
Rechtsstaates" (BGE 132 I 214 E. 8.2). Im Sozialversicherungsverfahren wird der
gesuchstellenden Person ein unentgeltlicher Rechtsbeistand bewilligt, wo die
Verhältnisse es erfordern (Art. 37 Abs. 4 ATSG). Voraussetzungen sind (in Analogie zum
gerichtlichen Verfahren) die finanzielle Bedürftigkeit, die fehlende Aussichtslosigkeit
und die Erforderlichkeit der Vertretung (vgl. BBl 1999 4595). Vorliegend sind die
finanzielle Bedürftigkeit und die fehlende Aussichtslosigkeit ausgewiesen bzw.
unbestritten, und es wurde dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege und
Rechtsverbeiständung für beide Beschwerdeverfahren bewilligt (IV 2020/96, act. G 6;
IV 2020/261, act. G 4). Zu prüfen bleibt somit die Frage der Notwendigkeit der
Rechtsvertretung im Vorbescheidverfahren.
5.1.
Den höheren Anforderungen im Verwaltungsverfahren soll insofern Rechnung
getragen werden, als die Erforderlichkeit der Vertretung eingehend zu prüfen ist. Dabei
wird auf die Schwierigkeit des Falles und auf die Verfahrensphase abgestellt (BBl 1999
4595; vgl. auch BGE 132 V 201; Urteil des Bundesgerichts vom 12. März 2009,
5.2.
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9C_816/2008, E. 4.1). Die Notwendigkeit einer anwaltlichen Vertretung im
Verwaltungsverfahren wird in der bundesgerichtlichen Rechtsprechung namentlich mit
Blick darauf, dass die Versicherungsträger und Durchführungsorgane der einzelnen
Sozialversicherungen den rechtserheblichen Sachverhalt unter Mitwirkung der Parteien
nach den rechtsstaatlichen Grundsätzen der Objektivität, Neutralität und
Gesetzesgebundenheit (BGE 136 V 376) zu ermitteln haben (Art. 43 ATSG), nur
zurückhaltend bejaht. Es müssen sich danach schwierige rechtliche oder tatsächliche
Fragen stellen und eine Interessenwahrung durch Dritte (Verbandsvertreter,
Fürsorgestellen oder andere Fach- und Vertrauensleute sozialer Institutionen) muss
ausser Betracht fallen (BGE 132 V 201 E. 4.1 in fine; vgl. auch Urteil des
Bundesgerichts vom 2. September 2019, 8C_353/2019, E. 3.1; Urteile des
Bundesgerichts vom 26. November 2012, 9C_878/2012, E. 3.6 und vom 22. Februar
2013, 9C_908/2012, E. 2.2, je mit Hinweis darauf, dass die IV-Stellen unter Umständen
auf soziale Einrichtungen hinzuweisen haben, die fachkundige Unterstützung im
Verwaltungsverfahren bieten [würden], und darauf aufmerksam zu machen haben, bei
diesen ein entsprechendes Gesuch zu stellen). Von Bedeutung ist schliesslich auch die
Fähigkeit der versicherten Person, sich im Verfahren zurechtzufinden (Urteil des
Bundesgerichts vom 22. Februar 2013, 9C_908/2012, E. 2.2 mit weiteren Hinweisen).
Die hohe Bedeutung medizinischer Gutachten für sich allein genommen vermag
die Notwendigkeit einer anwaltlichen Vertretung nicht zu begründen (vgl. Urteil des
Bundesgerichts vom 16. Dezember 2013, 9C_692/2013, E. 4.2), sondern es bedarf
weiterer Umstände, welche die Sache als nicht (mehr) einfach und eine anwaltliche
Vertretung als notwendig erscheinen lassen (Urteil des Bundesgerichts vom
22. Februar 2013, 9C_908/2012, E. 5.2 mit Hinweisen). Solche Besonderheiten liegen
beispielsweise vor, wenn das kantonale Gericht die Sache zur umfassenden
medizinischen Abklärung und Veranlassung eines polydisziplinären Gutachtens an die
IV-Stelle zurückweist, ein komplexer Sachverhalt vorlag und die versicherte Person
bereits im damaligen gerichtlichen Verfahren vertreten war (Urteil des Bundesgerichts
vom 16. Dezember 2013, 9C_692/2013, E. 4.2, und vom 14. Dezember 2017,
9C_436/2017, sowie 9C_746/2017, E. 3.6.1).
5.3.
Zur Begründung des Gesuchs um unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Vorbescheidverfahren lässt der Beschwerdeführer im Wesentlichen vorbringen, es
werde ihm unterstellt, die zweite Begutachtung sei wegen von ihm getätigten falschen
Aussagen notwendig geworden. Weder er noch seine Mutter seien in der Lage,
Schwachstellen in einer fachärztlichen Expertise zu erkennen. Die medizinischen
Gutachten, welche im Recht lägen, seien derart verfasst, dass juristischer Beistand
5.4.
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6.
angezeigt und notwendig sei (IV 2020/261, act. G 1). Ferner lässt er vorbringen, die
Beschwerdegegnerin habe den Anspruch Wahrung des rechtlichen Gehörs verletzt, da
erst nach der Verfügung in der Sache über das Gesuch entschieden worden sei (IV
2020/261, act. G 1; IV 2020/261, act. G 8).
Der vorliegende Fall zeichnet sich dadurch aus, dass zwei Gutachten im Recht
liegen, in denen hinsichtlich der Einschätzung der Arbeitsfähigkeit stark abweichende
Beurteilungen getroffen wurden, was hauptsächlich darauf beruht, dass im ersten
Gutachten auf die anamnestischen Angaben des Beschwerdeführers abgestellt wurde,
während im zweiten Gutachten von Aggravation ausgegangen wurde. Gemäss der
Stellungnahme des RAD-Arztes Dr. J._ vom 17. November 2017, war die
(medizinische) Begründung des ersten Gutachtens schlüssig und nachvollziehbar,
jedoch empfahl der RAD-Arzt, zur Verifizierung der Angaben des Beschwerdeführers
Dritteinkünfte einzuholen (IV-act. 160). Zwar hatte der Beschwerdeführer bzw. seine
Mutter mehrfach im Erstgutachten festgehaltene anamnestische Angaben korrigiert.
Dass es sich jedoch nicht mehr um einen Fall mit üblicher Komplexität handelte, zeigt
sich auch daran, dass das zweite Gutachten - wie erwähnt - zu einem ganz anderen
Schluss kam. Somit war der Beizug einer anwaltlichen Vertretung erforderlich und
notwendig.
5.5.
In zeitlicher Hinsicht tritt die Wirkung des (gutgeheissenen) Gesuchs um
unentgeltliche Rechtsverbeiständung grundsätzlich im Zeitpunkt von dessen
Einreichung ein. Sie umfasst die Aufwendungen für die Rechtsschrift, mit welcher das
Gesuch gestellt wurde (BGE 122 I 403 ff.; R. Rhinow, H. Koller, Ch. Kiss, D. Thurnherr,
D. Brühl-Moser, Öffentliches Prozessrecht, 3. Aufl., Basel 2014, Rz. 389). Vorliegend
reichte die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers das Gesuch mit der ergänzenden
Begründung des Einwandes vom 24. Januar 2020 ein (IV-act. 266). Die Entschädigung
deckt somit lediglich den mit dem aktuellen Einwand verbundenen Aufwand ab, nicht
aber denjenigen im Zusammenhang mit dem früher erhobenen Einwand gegen die
vorgesehene Zweitbegutachtung vom 5. Oktober 2018 (IV-act. 220). Aufgrund der
Bewilligung des Gesuchs ab Einreichung ist nicht ersichtlich, inwiefern dem
Beschwerdeführer dadurch ein Nachteil entstanden sein sollte, dass erst mit separater
Verfügung vom 27. November 2020 (IV-act. 296) darüber entschieden wurde. Auch der
- von der unentgeltlichen Rechtspflege im Beschwerdeverfahren gedeckte - Aufwand
für die Anfechtung dieser Verfügung ist vom Zeitpunkt ihres Erlasses unabhängig.
5.6.
Auf Grund der vorstehenden Ausführungen ist die Beschwerde gegen die
Verfügung betreffend Rente vom 30. März 2020 (IV 2020/96) abzuweisen.
6.1.
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Die Beschwerde gegen die Verfügung betreffend unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Verwaltungsverfahren vom 27. November 2020 (IV 2020/261)
ist gutzuheissen, die angefochtene Verfügung ist aufzuheben und dem
Beschwerdeführer ist die unentgeltliche Rechtsverbeiständung im
Verwaltungsverfahren rückwirkend ab dem Einwand vom 16. Dezember 2019 für die
notwendigen Aufwendungen zu bewilligen sowie Rechtsanwältin Zürcher zur
unentgeltlichen Rechtsbeiständin zu ernennen. Die Sache ist zur Festsetzung der Höhe
der Entschädigung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
6.2.
Das Beschwerdeverfahren IV 2020/96 betreffend Rente ist kostenpflichtig. Die
Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im
Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine
Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint in der vorliegend zu beurteilenden
Angelegenheit als angemessen. Der Beschwerdeführer ist im Verfahren unterlegen,
weshalb ihm die Gerichtskosten in der Höhe von Fr. 600.-- aufzuerlegen sind. Zufolge
unentgeltlicher Rechtspflege ist er von der Bezahlung zu befreien.
6.3.
bis
Demgegenüber sind im Beschwerdeverfahren IV 2020/261 betreffend
unentgeltliche Verbeiständung im Verwaltungsverfahren keine Gerichtskosten zu
erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Da es sich vorliegend nicht um eine Streitigkeit betreffend
"IV-Leistungen" handelt, findet die Kostenregelung von Art. 69 Abs. 1 IVG keine
Anwendung (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 12.
Januar 2012, IV 2010/270 E. 6.4).
6.4.
bis
Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung im Verfahren IV
2020/96 die Kosten der Rechtsvertretung des Beschwerdeführers (vgl. IV 2020/96,
act. G 6). Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und
ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b Honorarordnung (HonO; sGS 963.75) pauschal Fr. 1'500.-- bis Fr.
15'000.--. In der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit erscheint eine pauschale
Parteientschädigung von Fr. 4'000.-- angemessen. Diese ist um einen Fünftel zu kürzen
(Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetztes; sGS 963.70). Somit hat der Staat die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers pauschal mit Fr. 3'200.-- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
6.5.
Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur
Nachzahlung verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 der Schweizerischen
6.6.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 33/34
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St.Galler Gerichte