Decision ID: 6abfb55d-2dcf-4905-bca8-4c965a63c178
Year: 2005
Language: de
Court: GR_KG
Chamber: GR_KG_005
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: penal_law

hat sich ergeben:
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A. Am 15. Mai 2004, um ca. 07.05 Uhr, ereignete sich auf der Autostrasse 13 in A., Gemeinde B., eine Frontalkollision zwischen dem von I. X. gelenkten Personenwagen der Marke Volvo XC90, Kontrollschilder C., und dem von D. X. gelenkten Personenwagen der Marke Honda Civic CRX, Kontrollschilder F.. Beim Zusammenstoss erlitten D. X. und ihre Beifahrerin G. tödliche Verletzungen.
Gleichentags eröffnete die Staatsanwaltschaft Graubünden eine Strafuntersuchung gegen I. X. wegen fahrlässiger Tötung.
B. Im Bereich der Unfallstelle verläuft die Autostrasse 13 dreispurig. Zwei Spuren führen südwärts (bergwärts), eine Spur nordwärts (talwärts). Die Südspuren sind von der Nordspur durch eine durchgehende doppelte Sicherheitslinie getrennt. Die Autostrasse beschreibt dort eine unübersichtliche Kurve. I. X. fuhr nach Süden, D. X. nach Norden.
Trotz den Ermittlungen des Untersuchungsrichters konnten keine Zeugen gefunden werden, die Aussagen zum Unfallhergang machen konnten. Der Beifahrer von I. X., sein Sohn H. X., konnte keine sachdienlichen Angaben machen, da er zum Unfallzeitpunkt schlief.
In der Einvernahme zur Sache führte der Angeschuldigte aus, er habe kurz vor der Unfallstelle beabsichtigt ein, vor ihm auf der rechten Spur fahrendes Fahrzeug zu überholen. Deshalb habe er seinen Personenwagen an den linken Rand der immer breiter und dann zweispurig werdenden Strasse gelenkt. Er sei mit einer Geschwindigkeit von 70 – 100 km/h gefahren. Plötzlich habe er vor sich aus der Kurve heraus ein Fahrzeug entgegenkommen sehen; dieses sei auf seiner (I. X.) Fahrbahn direkt auf ihn zugefahren. Die Distanz zwischen den beiden Personenwagen habe zu diesem Zeitpunkt schätzungsweise 50 – 75 Meter betragen. Um dem entgegenkommenden Fahrzeug auszuweichen, habe er seinen Personenwagen reflexartig nach links auf die Gegenfahrbahn gelenkt. Irgendwie sei das andere Fahrzeug auch wieder auf die eigene Fahrbahn zurückgekommen. Er habe seinen Personenwagen dann wieder nach rechts lenken wollen. In diesem Moment sei es aber bereits zur Frontalkollision gekommen.
Auf der doppelten Sicherheitslinie hinter dem Volvo XC90 in der Endlage konnten eine Pneudruckspur und vom gebrochenen Flansch der Kardanwelle dieses Fahrzeuges stammendes Fett festgestellt werden. Auf der doppelten
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Sicherheitslinie und in derer unmittelbaren Bereich lagen Trümmerteile beider Fahrzeuge. Zwischen den Personenwagen auf der doppelten Sicherheitslinie war eine Pneudruckspur vom nach der Frontalkollision zurückgeworfenen Honda Civic CRX sichtbar. Aufgrund der Spurenauswertung kam es in der Mitte der beiden Sicherheitslinien zum Zusammenstoss zwischen den Fahrzeugen.
C. Mit Verfügung vom 25. Februar 2005, mitgeteilt am 1. März 2005, stellte die Staatsanwaltschaft die Strafuntersuchung ein. In der Begründung wurde ausgeführt, der genaue Unfallhergang lasse sich nicht eindeutig rekonstruieren. Es sei daher von der nicht widerlegbaren Sachverhaltsdarstellung von I. X. auszugehen. Seine Aussagen erschienen glaubhaft und plausibel; teilweise stimmten sie auch mit dem übrigen Untersuchungsergebnis überein. Namentlich der Umstand, dass sein Fahrzeug sich zum Kollisionszeitpunkt zur Hälfte auf der Gegenfahrbahn befunden habe, decke sich mit seinen Ausführungen. Der Angeschuldigte sei korrekt auf seiner Fahrbahn gefahren und habe versucht, durch ein Ausweichmanöver nach links einen Zusammenstoss mit dem entgegenkommenden Personenwagen zu vermeiden. Zwar hätte die Kollision im Nachhinein gesehen möglicherweise vermieden werden können, wenn er nicht nach links, sondern nach rechts ausgewichen oder auf seiner Fahrbahn verblieben wäre. In Anbetracht der Umstände müsse seine Reaktion aber als richtig und zweckmässig angesehen werden. Sehe sich jemand durch vorschriftwidriges Verhalten eines andern plötzlich in eine gefährliche Lage versetzt, sei sein Handeln entschuldbar, wenn er dabei von verschiedenen möglichen Massnahmen nicht diejenige ergreife, die bei nachträglicher Überlegung als die objektiv zweckmässigste erscheine. Bei dieser Sach- und Beweislage könne dem Angeschuldigten keine Verkehrsregelverletzung und damit kein Verschulden an der Kollision angelastet werden.
D. Mit strafrechtlicher Beschwerde vom 21. März 2005 an die Beschwerdekammer des Kantonsgerichtes von Graubünden stellt E. X., die Tochter der tödlich verunfallten D. X., den Antrag, die Einstellungsverfügung sei unter Kosten- und Entschädigungsfolge zu Lasten des Kantons Graubünden aufzuheben und die Sache zur Ergänzung der Untersuchung an die Staatsanwaltschaft zurückzuweisen. Insbesondere sei eine Rekonstruktion des Unfalles durchzuführen.
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Die Staatsanwaltschaft Graubünden und I. X. beantragen die Abweisung der Beschwerde.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung
1. Gemäss Art. 138 StPO kann gegen die vom Staatsanwalt genehmigten Amtshandlungen von Untersuchungsorganen wegen Rechtswidrigkeit oder Unangemessenheit bei der Beschwerdekammer des Kantonsgerichtes Beschwerde geführt werden. Zur Beschwerdeführung ist berechtigt, wer durch den angefochtenen Entscheid berührt ist und ein schutzwürdiges Interesse an seiner Aufhebung oder Änderung geltend macht. Insbesondere kann sich der Geschädigte gegen Einstellungsverfügungen beschweren (Art. 139 Abs. 1 StPO). Die Beschwerde ist innert 20 Tagen, seit der Betroffene vom angefochtenen Entscheid Kenntnis erhalten hat, schriftlich einzureichen (Art. 139 Abs. 2 StPO). Sie ist kurz zu begründen und soweit der Beschwerdeführer über Beweismittel verfügt, sind diese beizulegen (Art. 20 VVG).
Als mit strafprozessualen Mitwirkungsrechten ausgestatteter Geschädigter wird nach vorherrschender Auffassung anerkannt, wem durch eine straf- und verfolgbare Handlung unmittelbar ein ideeller oder materieller Nachteil zugefügt wurde oder zu erwachsen drohte. Geschädigter im Sinne des Strafprozessrechtes ist damit der tatbeständlich Verletzte, d.h. der Träger des durch die Strafrechtsordnung geschützten Rechtes oder Rechtsgutes, gegen das sich die Straftat ihrem Begriff nach richtete. Berechtigt zur Beschwerdeführung sind nach konstanter Praxis der Beschwerdekammer auch die Erben des Direktgeschädigten (Entscheid vom 31. März 1992 i.S. K., BK 20/92), die Mutter der minderjährigen Verletzten (Entscheid vom 5. April 1978 i.S. R., BK 13/78) und die Angehörigen des tödlich Verunglückten (Entscheid vom 12. November 1979 i.S. M., BK 64/79).
Die Beschwerde richtet sich gegen die vom Staatsanwalt genehmigte Einstellungsverfügung des Untersuchungsrichteramtes Chur vom 25. Februar 2005, mitgeteilt am 1. März 2005. Gerügt wird, dass die gegen I. X. durchgeführte Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung zu Unrecht eingestellt worden sei. Die Beschwerdelegitimation der E. X. ist nach dem Gesagten gegeben, da sie die Tochter der Direktgeschädigten ist. Da auch die übrigen formellen
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Voraussetzungen erfüllt sind (Art. 139 Abs. 2 StPO, 20 VVG), ist auf die Beschwerde einzutreten.
2. Gemäss Art. 82 Abs. 1 StPO erlässt der Untersuchungsrichter eine begründete Einstellungsverfügung, wenn er auf Grund seiner Erhebungen zum Schluss gelangt, dass das Vorliegen eines Straftatbestandes nicht genügend dargetan ist. Voraussetzung der Einstellung einer Strafuntersuchung ist somit, dass für das Vorliegen eines Straftatbestandes ein rechtsgenüglicher Beweis fehlt, dem Angeschuldigten also kein Straftatbestand zur Last gelegt werden kann. Mit dem Resultat der Untersuchung hat sich der Untersuchungsrichter in zweifacher Hinsicht auseinanderzusetzen. Zum einen hat er die erhobenen Beweise zu werten. Nur wenn eine Gesamtwürdigung der Beweise zur nachvollziehbaren Schlussfolgerung führt, dass eine Verurteilung unwahrscheinlich ist, somit ein Freispruch erwartet werden müsste, erscheint die Einstellung gerechtfertigt. Als zweites kumulativ notwendiges Element setzt die Einstellung voraus, dass die Verfügung überhaupt auf einem entscheidungsreifen Beweisergebnis beruht, also keine konkret zu erhebenden Beweismittel mehr erkennbar sind, die das Resultat im gegenteiligen Sinn beeinflussen könnten (Padrutt, Kommentar zur Strafprozessordnung des Kantons Graubünden, 2. Aufl., Chur 1996, Ziff. 3.3 zu Art. 82).
3. Auf Grund der Akten kann die Sachverhaltsdarstellung des I. X. nicht überprüft werden. Nach den Ermittlungen der Kantonspolizei steht einzig fest, dass sich die Frontalkollision zwischen den beiden Personenwagen in der Mitte der doppelten Sicherheitslinie ereignete (act. 3.1, S. 5; 3.4, S. 3). Nicht bewiesen ist dagegen, ob sich die Kollisionsstelle bei der Pneudruckspur oder bei der Fettspur in einer Entfernung von 10 m bzw. 2.5 m hinter dem Fahrzeug I. X. in der Endlage befand (act. 3.2). Bei der Pneudruckspur könnte die Kollisionsstelle allerdings nur unter dem Vorbehalt liegen, dass diese Spur von einem Reifen des Volvo XC90 stammen würde, was gemäss act. 3.4 S. 3 in Verbindung mit act. 3.1 S. 7, offenbar mit den unklaren Worten „nicht unfallrelevant“, nicht mit Sicherheit gesagt werden kann (vgl. auch das von E. X. eingereichte Privatgutachten act. 01.2). Mag nun die Kollisionsstelle bei der Pneudruckspur oder bei der Fettspur liegen, stellt sich bei der Betrachtung der Fotos 2 und 4 (act. 3.3) die entscheidende Frage, ob der Angeschuldigte vor der unübersichtlichen Linkskurve das ihm nach seinen Angaben plötzlich - und zwar nachdem er seinen Personenwagen mit einer Geschwindigkeit von 70 – 100 km/h an den linken Rand der immer breiter und dann zweispurig werdenden Fahrbahn
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herangeführt hatte - auf seinem Fahrstreifen in einem Abstand von etwa 50 – 75 m entgegenkommende Fahrzeug sehen konnte und bis zur Kollisionsstelle zuerst nach links (ganz oder zur Hälfte, wie seine Verteidigerin geltend macht) und dann nach rechts lenken konnte. Auf Grund der Fotos erscheint die Distanz zwischen dem Beginn der Ausweitung der Fahrbahn und der Endlage der Unfallfahrzeuge bei der SOS-Säule als relativ kurz. Dasselbe kann für die nach den Fahrzeugen einsehbare Strecke der Strasse gesagt werden. Von der Kantonspolizei wurde keine massstabsgerechte Skizze erstellt. Es ist daher fraglich, ob der Angeschuldigte in der von ihm geschätzten Entfernung (50 - 75 m) den auf seiner Fahrspur entgegenkommenden Personenwagen wahrnehmen konnte. Sollte ihm dies nicht möglich gewesen sein, läge der Schluss nahe, dass er ohne Veranlassung zumindest teilweise auf der Gegenfahrbahn fuhr und alsdann dem korrekt entgegenkommenden Fahrzeug nach rechts auszuweichen versuchte. In diesem Falle entfiele der von ihm geltend gemachte „Rechtfertigungsgrund“ und es läge unter Vorbehalt allfälliger neuer Erkenntnisse eine Verkehrsregelverletzung vor, die zur fahrlässigen Tötung führte.
Demnach ist festzuhalten, dass sich allein gestützt auf die Aussagen des Angeschuldigten eine Verkehrsregelverletzung nicht ausschliessen lässt. Die Staatsanwaltschaft kommt nicht umhin, zur Klärung der Sichtverhältnisse am Unfallort, eine massstabsgerechte Skizze oder ein verkehrstechnisches Gutachten einzuholen und dann erneut zu entscheiden.
Die Beschwerde ist daher gutzuheissen, die angefochtene Einstellungsverfügung aufzuheben und die Sache im Sinne der Erwägungen an die Staatsanwaltschaft zurückzuweisen.
4. Bei diesem Ausgang gehen die Kosten des Beschwerdeverfahrens zu Lasten des Kantons Graubünden (Art. 160 Abs. 3 StPO). Die durch einen Rechtsanwalt vertretene Beschwerdeführerin hat Anrecht auf eine angemessene ausseramtliche Entschädigung (Art. 160 Abs. 4 StPO).
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