Decision ID: 3e478cb8-4697-56b9-a551-cbbfde6f6a20
Year: 2021
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
Am 2. April 2020 (Datum des Poststempels) meldete die damalige B._ (heute:
A._) beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (nachfolgend: AWA) für den Standort D._
für 83 Mitarbeitende und für den Standort E._ für 117 Mitarbeitende Kurzarbeit im
Umfang von 60 % ab 3. April 2020 bis voraussichtlich 30. Juni 2020 an. Als Grund für
die Einführung von Kurzarbeit gab sie eingebrochene Umsätze aufgrund der Covid-19
Pandemie an (act. G3.1/A1 und A2).
A.a.
Mit zwei Verfügungen vom 3. Juni 2020 legte das AWA betreffend beide Standorte
Einspruch gegen die Auszahlung von Kurzarbeit ein (act. G3.1/A3 und A4). Gegen
beide Verfügungen erhob die A._ am 18. Juni 2020 Einsprache (act. G3.1/A5). Als
Beilage zu diesen Einsprachen reichte sie die am 11./20. Dezember 2019 zwischen
dem Kanton St. Gallen, vertreten durch das Amt für Soziales, und ihr abgeschlossene
Leistungsvereinbarung 2020 zu den Akten (G3.1/A5 Beilage 3). Am 9. Juli 2020 reichte
die A._ Arbeitsverträge nach um zu belegen, dass eine unmittelbare Kündigung
sowohl von Betreuenden als auch von Betreuten möglich sei (act. G3.1/A7).
A.b.
Mit Anträgen vom 24./27. Juli 2020 ersuchte die A._ die zuständige
Arbeitslosenkasse (ALK) um Abrechnung der Kurzarbeitsentschädigung für die beiden
Standorte (act. G3.3/41 ff. und G3.2/108 ff.).
A.c.
Mittels erneuten Voranmeldungen vom 25. August 2020 (Datum des Poststempels)
teilte die A._ dem AWA eine Verlängerung der voraussichtlichen Dauer der Kurzarbeit
bis 31. Dezember 2020 für beide Standorte mit und meldete am Standort E._
zusätzliche 11 Betroffene, insgesamt 128 (act. G3.1/A8 und A9).
A.d.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Mit zwei Verfügungen vom 9. September 2020 erhob das AWA wiederum
Einspruch gegen die Auszahlung von Kurzarbeit betreffend beide Standorte (act. G3.1/
A10 und A11).
A.e.
Die ALK verfügte am 10. September 2020, dass für die Monate April und Mai 2020
keine Kurzarbeitsentschädigung ausgerichtet werden könne, da keine Bewilligung
vorhanden sei (act. G3.3/22 ff. und G3.2/106 ff.).
A.f.
Mit Antrag vom 24./25. September 2020 ersuchte die A._ bei der ALK für den
Standort E._ für den Monat Juni 2020 um Ausrichtung von Kurzarbeitsentschädigung
(act. G3.2/53 ff.).
A.g.
Gegen die beiden Verfügungen des AWA vom 9. September 2020 erhob die A._,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. H.-P. Oeri, Schwizer Rechtsanwälte AG, Gossau,
am 28. September 2020 je eine Einsprache (act. G3.1/A13 und A14).
A.h.
Am 2. Oktober 2020 informierte das AWA die A._ darüber, dass das
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gegen die Verfügung vom 9. September 2020
betreffend den Standort D._ Einsprache erhoben habe (act. G3.1/A15).
A.i.
Im Rahmen des Einspracheverfahrens tätigte das AWA Abklärungen beim Amt für
Soziales. Dieses informierte das AWA darüber, dass bei Abwesenheiten von Menschen
mit Behinderung in der ersten Corona-Welle von März bis Juni 2020 die
Leistungsabgeltungen ohne Einschränkung entrichtet worden seien (act. G3.1/A16).
Am 9. November 2020 gewährte das AWA Rechtsanwalt Dr. Oeri das rechtliche Gehör
(act. G3.1/A17), wovon Rechtsanwalt Dr. Oeri am 7. Dezember 2020 Gebrauch machte
(act. G3.1/A18). Gleichzeitig reichte er die Jahresrechnungen der A._ von
2017-2019/2020, Zahlen zum Schwankungsfonds und Auszüge betreffend die von den
Mitarbeitenden geleisteten Arbeitsstunden von April bis August 2020 zu den Akten (act.
G3.1/A19 bis 21).
A.j.
Am 23./25. November 2020 ersuchte die A._ bei der ALK betreffend den
Standort E._ für den Monat August 2020 um Ausrichtung von
Kurarbeitsentschädigung (act. G3.2/37 ff.) und am 21./24. Dezember 2020 für den
Monat September 2020 (act. G3.2/29 ff.).
A.k.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Mit Entscheid vom 19. Januar 2021 wies das AWA die Einsprachen vom 3. Juni
2020 betreffend beide Standorte und vom 9. September 2020 betreffend den Standort
E._ ab. Zur Begründung führte es aus, es sei zu prüfen, ob sich in den am Markt
operierenden Werkstätten D._ und E._ ein unmittelbares und konkretes
Kündigungsrisiko realisiert habe oder ob die eingetretenen Verluste im Wesentlichen
durch die Mittel aus der öffentlichen Hand abgedeckt würden. Aus der beigelegten
Ergebnisentwicklung bis Ende September 2020 sei ein Gewinnzuwachs von rund 18 %
im Vergleich zu den Vorjahren dokumentiert, wenn auch der Ertrag aus dem
Werkstattbereich der Abteilung E._ im Vergleich zu den Vorjahren eingebrochen sei.
Da aber die Aufwände entsprechend tiefer ausgefallen seien, bewege sich auch für
diese Betriebsabteilung der Ertrag im Schnitt der Vorjahre. Bei dieser Sachlage sei
nicht erstellt, weshalb sich ein Verlust mit Kündigungsrisiko realisiert haben soll. Das
Kapital im Schwankungsfonds sei sodann grundsätzlich zum Ausgleich des in Erfüllung
der Leistungsvereinbarung erzielten Betriebsergebnisses zu verwenden. Erst wenn
über den Schwankungsfonds kein Ausgleich geschaffen werden könne und ein
Rückgriff auf das Vereinsvermögen notwendig würde, wäre eine Gleichstellung mit
Arbeitgebern des Privatrechts angezeigt. Es werde belegt, dass rund Fr. 460'000.-- im
Schwankungsfonds an zweckgebundenem Verrechnungsguthaben liege (act. G3.1/
A22).
A.l.
Am 14./15. Januar 2021 ersuchte die A._ bei der ALK betreffend den Standort
E._ um Kurzarbeitsentschädigung für Oktober und November 2020 (act. G3.2/18 ff.
und 10 ff.).
A.m.
Gegen den Einspracheentscheid des AWA vom 19. Januar 2021 erhebt die A._,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Oeri, am 5. Februar 2021 Beschwerde. Sie beantragt
unter Kosten- und Entschädigungsfolge, den angefochtenen Entscheid aufzuheben
und die Voranmeldung zur Kurzarbeitsentschädigung der beiden Betriebsstandorte
D._ und E._ ab 3. April 2020 zu genehmigen. Während sich Schule,
Tagesbetreuung und Wohnheim primär aus sozialversicherungsrechtlichen und
staatlichen Quellen finanzierten, würden die Werkstätten am freien Markt auftreten und
sich überwiegend durch den Verkauf von Waren und Dienstleistungen im Wettbewerb
B.a.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Rechtsanwalt Dr. Oeri bemängelt zu Recht, dass das Einspracheverfahren gegen die
Verfügung vom 9. September 2020 betreffend den Standort D._ zu keinem expliziten
aktenkundigen Abschluss geführt worden ist (act. G1 Ziff. III/10). Wie er jedoch selber
einräumt, musste beim Standort D._ in den von dieser Verfügung betroffenen
Monaten kein Arbeitsausfall gemeldet werden. Folglich ist davon auszugehen, dass der
Beschwerdegegner die Einsprache vom 28. September 2020 betreffend den Standort
D._ stillschweigend infolge Gegenstandslosigkeit abgeschrieben hat und eine
Kurzarbeitsentschädigung im Rahmen der Verlängerung der Voranmeldung betreffend
den Standort D._ vorliegend nicht Verfahrensgegenstand bildet.
zu anderen Anbietern finanzieren. In diesen Abteilungen gleiche die öffentliche Hand
nur den behinderungsbedingten Mehraufwand aus. Sowohl Betreuer wie auch
Behinderte seien von einem Kündigungsrisiko betroffen. Bei der Widerlegung der vom
Beschwerdegegner anerkannten Gefahr eines Arbeitsplatzabbaus mittels konkreter
Finanzinformationen seien diesem entscheidende Fehler unterlaufen. Die vom
Beschwerdegegner erwogene Steigerung des Gewinns von rund 18 % ergebe sich
jedenfalls nicht aus der eingereichten Aufwand-/Ertragsrechnung. Es sei nicht
auszuschliessen, dass die Vorinstanz die Vorzeichen falsch interpretiert habe. In Tat
und Wahrheit ergebe sich aus der eingereichten Rechnung, dass sich der reine am Ort
der Werkstätten erwirtschaftete Betriebserfolg in den ersten neun Monaten 2020
gegenüber neun Monaten des Vorjahres um über 40 % reduziert habe, unter
Berücksichtigung von Umlagen sogar um 62 %. Der Schwankungsfonds befinde sich
nicht wie vom Beschwerdegegner angenommen mit Fr. 460'000.-- im Plus, sondern Fr.
78'673.-- im Minus. Der Schwankungsfonds fungiere darüber hinaus nur als
Schwankungsreserve und diene eben nicht der Äufnung von Überschüssen. Die
Beschwerdeführerin habe weder Gewinn erwirtschaftet noch bestehe ein
zweckgebundenes Finanzpolster (act. G1).
Mit Beschwerdeantwort vom 18. Februar 2021 beantragt der Beschwerdegegner
die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung verweist er auf die angefochtenen
Verfügungen und den angefochtenen Einspracheentscheid (act. G3).
B.b.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
Vorliegend umstritten und nachfolgend zu prüfen ist, ob der gemäss
Voranmeldung der Beschwerdeführerin vom 2. April 2020 betreffend die Standorte
D._ und E._ und vom 25. August 2020 betreffend den Standort E._ geltend
gemachte Arbeitsausfall im Rahmen von Kurzarbeit entschädigungsberechtigt ist.
2.1.
Arbeitnehmende, deren normale Arbeitszeit verkürzt oder deren Arbeit ganz
eingestellt ist, haben Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung, wenn sie für die
Versicherung beitragspflichtig sind oder das Mindestalter für die Beitragspflicht in der
AHV noch nicht erreicht haben (lit. a), der Arbeitsausfall anrechenbar ist (lit. b), das
Arbeitsverhältnis nicht gekündigt ist (lit. c) und der Arbeitsausfall voraussichtlich
vorübergehend ist und erwartet werden darf, dass durch Kurzarbeit ihre Arbeitsplätze
erhalten werden können (lit. d; Art. 31 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIG; SR
837.0]). Diese Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein (Urteil des
Bundesgerichts vom 5. November 2007, C 264/06, E.2).
2.2.
Ein Arbeitsausfall ist unter anderem anrechenbar, wenn er auf wirtschaftliche
Gründe zurückzuführen und unvermeidbar ist (Art. 32 Abs. 1 lit. a AVIG). Ebenso
anrechenbar sind Arbeitsausfälle, die auf behördliche Massnahmen oder andere nicht
vom Arbeitgeber zu vertretende Umstände zurückzuführen sind, wenn der Arbeitgeber
sie nicht durch geeignete, wirtschaftlich tragbare Massnahmen vermeiden oder keinen
Dritten für den Schaden haftbar machen kann (Art. 32 Abs. 3 AVIG i.V.m. Art. 51 Abs. 1
der Verordnung über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung [AVIV; SR 837.02]).
2.3.
Das (unmittelbare) Arbeitsplatzrisiko besteht grundsätzlich nur bei Unternehmen,
welche die Erbringung ihrer Dienstleistungen ausschliesslich mit den damit erzielten
Einkünften oder Geldern von Privaten finanzieren. Erbringer von öffentlichen Leistungen
tragen im Gegensatz zu privaten Unternehmern in der Regel kein Betriebs- bzw.
Konkursrisiko, weil sie die ihnen vom Gesetz übertragenen Aufgaben unabhängig von
der wirtschaftlichen Lage wahrzunehmen haben (Leistungsaufträge). Allfällige
finanzielle Engpässe, Mehraufwendungen oder gar Verluste aus deren Betriebstätigkeit
werden aus öffentlichen Mitteln gedeckt. In diesen Fällen droht daher prinzipiell kein
unmittelbarer Arbeitsplatzverlust, womit die Anspruchsvoraussetzungen für
Kurzarbeitsentschädigung in der Regel nicht gegeben sind. Diese Überlegungen gelten
sowohl für öffentlich-rechtliche Arbeitgeber an sich wie auch für privatisierte Bereiche,
die im Auftrag einer Gemeinde gestützt auf eine Vereinbarung Dienstleistungen
2.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
erbringen. Die Gewährung von Kurzarbeitsentschädigung für die Mitarbeitenden von
Erbringern einer öffentlichen Leistung ist nur dann zulässig, wenn die betroffenen
Arbeitnehmenden einem unmittelbaren und konkreten Kündigungsrisiko ausgesetzt
sind. Dies kann auch nur einen Teilbereich eines Leistungserbringers betreffen. Ein
unmittelbares, konkretes Arbeitsplatzabbaurisiko besteht, sofern im Falle eines
Nachfragerückgangs resp. einer angeordneten Angebotsreduktion seitens des
Auftraggebers keine Garantie/Zusicherung für die vollständige Deckung der
Betriebskosten besteht und die betroffenen Betriebe zwecks Senkung der
Betriebskosten die Möglichkeit haben, Arbeitnehmende unmittelbar zu entlassen. Diese
beiden Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein (vgl. Weisung des Seco vom 1.
Juni 2020, Weisung 2020/08 S. 6 ff.; AVIG-Praxis KAE, D36 und D37).
Ob der Arbeitsausfall voraussichtlich vorübergehend ist und der Arbeitsplatz durch
Kurzarbeit erhalten werden kann, kann im Zeitpunkt der Voranmeldung in der Regel nur
prognostisch anhand von Vermutungen geprüft werden. Nach der Rechtsprechung ist
davon auszugehen, dass ein Arbeitsausfall wahrscheinlich vorübergehend sein wird
und die Arbeitsplätze durch die Einführung von Kurzarbeit erhalten werden können,
solange nicht konkrete Anhaltspunkte die gegenteilige Schlussfolgerung zulassen (BGE
121 V 373 E.2a mit Hinweis). Die Anspruchsvoraussetzung des voraussichtlich
vorübergehenden Arbeitsausfalles und der Eignung von Kurzarbeit zur Erhaltung der
Arbeitsplätze gemäss Art. 31 Abs. 1 lit. d AVIG beurteilt sich prospektiv vom Zeitpunkt
der Voranmeldung aus und aufgrund der tatsächlichen Verhältnisse, wie sie beim
Erlass des Einspracheentscheids bestanden haben (BGE 121 V 373 f. E.2a mit
Hinweis).
2.5.
Der Zweck der Kurzarbeitsentschädigung besteht darin, einerseits den
Versicherten einen angemessenen Ersatz für Erwerbsausfälle wegen Kurzarbeit zu
garantieren und Ganzarbeitslosigkeit, d.h. Kündigung und Entlassung zu verhindern.
Anderseits dient die Kurzarbeitsentschädigung der Erhaltung von Arbeitsplätzen im
Interesse sowohl der Arbeitnehmenden als auch der Arbeitgeber, indem die
Möglichkeit der Erhaltung eines "intakten Produktionsapparates" über die Zeit der
Kurzarbeit hinweg geboten wird (BGE 121 V 375 E. 3a mit Hinweis).
2.6.
Der Beschwerdegegner verneinte hinsichtlich der Voraussetzungen für einen
Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung namentlich den Umstand, dass ein
unmittelbares und konkretes Kündigungsrisiko bestanden habe (vgl. act. G1.2). Zu
Recht stellte er den Umstand, dass die vom Bundesrat zur Bekämpfung der Covid-19-
3.1.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Pandemie beschlossenen Massnahmen zu einem anrechenbaren Arbeitsausfall und
damit zu einem Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung führen können (vgl.
insbesondere Verordnung 2 über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus vom
13. März 2020 [COVID-19-Verordnung 2; SR 818.101.24; AS 2020 783] sowie
COVID-19-Verordnung Arbeitslosenversicherung [SR 837.033, AS 2020 877]), nicht in
Frage. Zu prüfen gilt es im Folgenden, ob die Arbeitsplätze in den Werkstätten der
Beschwerdeführerin ab April 2020 von einem Stellenabbau bedroht waren und durch
Kurzarbeitsentschädigung hätten erhalten werden können. Dies ist wie in E. 2.5
ausgeführt prospektiv vom Zeitpunkt der Voranmeldung (April 2020) aus und aufgrund
der tatsächlichen Verhältnisse, wie sie beim Erlass des Einspracheentscheids (19.
Januar 2021) bestanden haben, zu beurteilen. Zu fragen ist danach, ob und inwiefern
allfällige finanzielle Engpässe, Mehraufwendungen oder Verluste aufgrund der
Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus aus öffentlichen Mitteln gedeckt sind
(vgl. hierzu den vom Beschwerdegegner angeführten Entscheid des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts [EVG; seit dem 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des
Bundesgerichts] vom 9. Januar 1997 in der ARV 1996/1997 S. 123). Ein Anspruch auf
Kurzarbeitsentschädigung würde entfallen, wenn es an einem unmittelbaren und
konkreten Kündigungsrisiko fehlen würde.
Laut Eintrag im Handelsregister beschafft sich die Beschwerdeführerin
(eingetragen als Verein) ihre Mittel durch Mitgliederbeiträge von Fr. 50.-- / Fr. 200.--,
gesetzliche Beiträge von Bund, Kanton und Gemeinden, gesetzliche Beiträge von
Eltern, Kostenbeiträge für Dienstleistungen an erwachsenen Menschen mit
Behinderung, Miete und Kostgelder von Bewohnern und Bewohnerinnen, Erträge aus
den Werkstätten, freiwillige Beiträge privater und öffentlicher Fürsorgeeinrichtungen
sowie Legate, Spenden und anderen Zuwendungen. Und sie bezweckt, Kinder und
Jugendliche, die dem Unterricht in der Volksschule nicht zu folgen mögen, so weit wie
möglich zu fördern und ihnen dabei den Verbleib in der Familie zu ermöglichen, sie
erfüllt einen Bildungs- und Erziehungsauftrag nach geltendem Recht; dem Schulalter
entwachsene Menschen mit Behinderung weiter zu fördern und auszubilden, damit sie
ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise selber verdienen können; Menschen mit
Behinderung, welche nicht fähig sind, in der freien Wirtschaft zu arbeiten, Arbeits- und
Verdienstmöglichkeiten zu bieten; die Ausbildung und Umschulung von Menschen mit
Behinderung; die Sicherstellung der Betreuung und Beschäftigung von Menschen mit
Behinderung, die nicht in der Lage sind, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen;
erwachsenen Menschen mit Behinderung Wohnmöglichkeiten zu bieten, die
therapeutische Behandlung von Behinderungen (vgl. Internet-Auszug aus dem
Handelsregister betreffend A._, abgerufen am 26. Mai 2021). Im Rahmen der
3.2.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorliegend zu beurteilenden Werkstätten der Beschwerdeführerin steht somit der
Zweck, Menschen mit Behinderung zu fördern, auszubilden, diese zu betreuen und zu
beschäftigen sowie ihnen ausserhalb der freien Wirtschaft Arbeits- und
Verdienstmöglichkeiten zu bieten, ganz im Vordergrund (vgl. in diesem Zusammenhang
das Bundesgesetz über die Institutionen zur Förderung der Eingliederung von invaliden
Personen [SR 831.26]).
Um ihren Zweck erfüllen zu können, erhält die Beschwerdeführerin unter anderem
in Ausführung von Art. 16 des Gesetzes über die soziale Sicherung und Integration von
Menschen mit Behinderung (sGS 381.4; BehG) Leistungen vom Kanton St. Gallen im
Rahmen der jährlich abgeschlossenen Leistungsvereinbarung. Diese sieht Pauschalen
vor, welche der Kanton pro leistungsnutzende Person ausrichtet bis zum maximalen
Leistungsumfang (act. G3.1/A5 Beilage 3). Gemäss Auskunft des Amtes für Soziales,
Departement des Innern des Kantons St. Gallens, wurden die Leistungsabgeltungen in
der ausserordentlichen Phase aufgrund der Covid-19-Pandemie gleichwohl entrichtet
(act. G3.1/A16). Dies geht denn auch aus dem "Lagebericht zum Geschäftsjahr 2020"
der Beschwerdeführerin hervor (Jahresbericht 2020, S. 32, abrufbar unter https://www.
(...).ch/ueber-uns/jahresberichte.html, abgerufen am 26. Mai 2021), gemäss welchem
das ganze Jahr 2020 eine volle Belegung der Mitarbeiter-Arbeitsplätze habe
ausgewiesen werden können und die volle Entschädigung vom Kanton erhalten
worden sei. Zeitweise seien sie sogar überbelegt gewesen. Folglich hat sich das
geltend gemachte Kündigungsrisiko nicht verwirklicht. Vielmehr ist dem Lagebericht
zum Geschäftsjahr 2020 zu entnehmen, dass die (wohl durchschnittliche)
Mitarbeitendenanzahl von Menschen mit Beeinträchtigung in den Werkstätten im Jahr
2020 mit 234 Mitarbeitenden höher war als im Jahr 2019 mit 219 Mitarbeitenden und
das Personal in beiden Jahren 42 Personen umfasste (S. 32 des Jahresberichts 2020,
a.a.O.). Die Entwicklung der Anzahl Mitarbeitenden mit Beeinträchtigung wird sodann
nicht aufgrund der Covid-19-Pandemie als nicht absehbar beschrieben, sondern weil
es in den letzten Jahren immer schwieriger geworden sei, starke mitarbeitende
Rentenbezüger zu finden, und einige langjährige Mitarbeitende in den nächsten ein bis
zwei Jahren in Pension gingen (Jahresbericht 2020, a.a.O., S. 33). Dies zeigt deutlich,
dass die Beschwerdeführerin entsprechend ihrem sozialen Zweck Mitarbeitende mit
Beeinträchtigung nicht aus wirtschaftlichen Gründen wegen eines vorübergehenden
Auftragsmangels entlassen würde. Damit übereinstimmend ergibt sich aus den der ALK
eingereichten Unterlagen, dass die Beschwerdeführerin trotz fehlender
Arbeitsauslastung sowohl bei den Betreuenden (vgl. z.B. die im Juni 2020 neu
aufgeführte F._, act. G3.2 S. 56 und 59) als auch bei den Betreuten (vgl. z.B. den ab
August 2020 neu aufgeführten G._, act. G 3.2 S. 40 und 43) Stellen neu besetzte. Im
3.3.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Jahresbericht 2020 sind bezüglich der (behinderten) Mitarbeitenden in den Werkstätten
26 Austritte und 27 Eintritte verzeichnet (Jahresbericht 2020, a.a.O., S. 12). Ein
Kündigungsrisiko aufgrund der tieferen Auslastung bestand somit offensichtlich nicht,
vielmehr wurden sämtliche freiwerdenden Stellen wiederbesetzt. Auch dies zeigt, dass
für die Beschwerdeführerin nicht wirtschaftliche Faktoren, sondern ihre soziale
Zielsetzung sowie die Einhaltung der Leistungsvereinbarung mit dem Kanton zentral
sind.
Aus der Erfolgsrechnung betreffend die Werkstätte in E._ ist ersichtlich, dass
dieser Standort höhere Erträge aus Dienstleistung, Handel und Produktion erzielt als er
durch die inner- und ausserkantonale Leistungsabgeltung einnimmt (2018: Fr.
4'444'365.71 resp. Fr. 3'109'531.29; 2019: Fr. 4'675395.62 resp. Fr. 3'362'118.16;
Sept. 2020: Fr. 3'023'813.10 resp. Fr. 2'558'856.12). Und tatsächlich ging der
Beschwerdegegner von falschen Zahlen aus, als er eine Gewinnsteigerung von 18 %
annahm (vgl. act. G1.4, Ergebnisentwicklung 2017 bis 30. September 2020). Wie
jedoch der Beschwerdegegner zu Recht anführt, waren im Jahr 2020 nicht nur der
Ertrag aus Dienstleistung, Handel und Produktion tiefer, sondern auch die Ausgaben
(vgl. "4 Sachaufwand" in der Erfolgsrechnung; act. G3.1/A20). Darüber hinaus erzielten
die Werkstätten auch in den Vorjahren erhebliche Verluste (vgl. act. G1.4,
Ergebnisentwicklung 2017 bis 30. September 2020; davon abweichend werden in der
Erfolgsrechnung in act. G3.1/A20 folgende Verluste nach Umlagen ausgewiesen: 2017:
Fr. 665'578.34; 2018: Fr. 638'481.12; 2019: Fr. 479'876.06), was wiederum den
vorrangigen Stellenwert des sozialen Zwecks der Beschwerdeführerin aufzeigt. Dem
Jahresbericht 2020 ist sodann auch keine Auswirkung des Umsatzrückgangs in den
Werkstätten des Jahres 2020 im Umfang von 25 % auf die Leistungsvereinbarung 2021
bzw. die künftige Anzahl Arbeitsplätze zu entnehmen (vgl. Jahresbericht 2020, a.a.O.,
S. 33 und S. 5). Insgesamt ist daher nicht davon auszugehen, dass die Auszahlung von
Kurzarbeitsentschädigung an die Beschwerdeführerin dem Erhalt von Arbeitsplätzen
gedient hätte, sondern einzig der Reduktion des von der Beschwerdeführerin im Jahr
2020 im Bereich der Werkstätten erlittenen Verlustes (vgl. Jahresbericht 2020, a.a.O.,
S. 5). Dieser Verlust konnte jedoch gemäss Jahresbericht über den Schwankungsfonds
ausgeglichen werden (vgl. Jahresbericht 2020, a.a.O., S. 5; zum Schwankungsfonds
vgl. Art. 21 BehG). Damit erscheint nicht überwiegend wahrscheinlich, dass bei den
betreuten oder betreuenden Mitarbeitenden der Werkstätten der Beschwerdeführerin
wegen des vorübergehenden Arbeitsausfalles bzw. Umsatzeinbruches das Risiko eines
Arbeitsplatzverlustes bestanden hat.
3.4.
© Kanton St.Gallen 2022 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.