Decision ID: de2030ef-4b54-5abb-9e1c-4eafec6cc34d
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführenden, syrische Staatsangehörige kurdischer Eth-
nie mit letztem Wohnsitz im Dorf G._ bei H._, verliessen Sy-
rien eigenen Angaben zufolge im (...) und gelangten über I._ nach
J._. Im Rahmen des (...) erteilte das SEM den Beschwerdeführen-
den eine Einreisebewilligung in die Schweiz, wo sie am 27. September
2017 um Asyl ersuchten. A._ (Beschwerdeführer) und seine Ehe-
frau B._ (Beschwerdeführerin) wurden vom SEM am 12. Oktober
2017 zu ihrer Person befragt (BzP) und am 5. September 2018 (Beschwer-
deführer) sowie am 16. Oktober 2018 (Beschwerdeführerin) einlässlich an-
gehört.
A.b Der aus dem Dorf K._ (Bezirk L._/M._; Provinz
N._) stammende Beschwerdeführer führte in der BzP zur Begrün-
dung seines Gesuchs an, er sei bis im Jahr (...) ein Ajnabi gewesen und
habe anschliessend die syrische Staatsangehörigkeit erworben. Seine Hei-
mat habe er wegen des allgemeinen Kriegsgeschehens verlassen. In Sy-
rien habe er weder mit den Behörden noch mit Dritten Probleme gehabt
und sich auch nicht politisch engagiert. Als Ajnabi habe er keinen Militär-
dienst geleistet. Er habe vor der Ausreise unter anderem in einem (Nen-
nung Geschäft) in G._ gearbeitet. Am (...) habe seine Frau zuhause
eine ihn betreffende militärische Vorladung entgegengenommen, gemäss
welcher er zu einem nicht genannten Zeitpunkt hätte zum Kampf einrücken
müssen. Gleichentags sei seine Frau mit den Kindern im (Nennung Ge-
schäft) erschienen und habe ihm die Vorladung, welche durch den Nach-
richtendienst ausgestellt gewesen sei, gezeigt. Da ihn die Behörden jeder-
zeit hätten verhaften können, seien sie sofort aufgebrochen und hätten das
Land verlassen. Ein Militärbüchlein habe er zu jenem Zeitpunkt nicht be-
sessen. Die fehlende Prüfung seiner Tauglichkeit oder eine fehlende mili-
tärische Ausbildung halte die syrischen Behörden nicht davon ab, die Kur-
den an die Front zu schicken. Aus Angst vor einer Mitnahme durch die
O._ sei er nicht im Gebiet von M._ geblieben. Nach seiner
Flucht sei sein (Nennung Verwandter) zwei bis drei Mal verhaftet und je-
weils (Nennung Dauer) von den Behörden festgehalten, zu seinem Ver-
bleib befragt und auch gefoltert worden. Die Vorladung könne er nicht bei-
bringen, da diese auf der Flucht im Meer verloren gegangen sei.
Im Rahmen der Anhörung brachte er ergänzend vor, Angehörige des Ge-
heimdienstes hätten am Morgen des (...) die Fahndungsmitteilung unter
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ihrer Türe durchgeschoben und seien dann ein paar Stunden später res-
pektive am folgenden Tag bei seinem im gleichen Haus wohnhaften (Nen-
nung Verwandter) erschienen und hätten nach ihm gefragt. Seine Frau
habe das Dokument – da sie Analphabetin sei – ihrem Nachbar gezeigt,
der es ihr vorgelesen habe. Daraufhin habe sich seine Frau in grosser Auf-
regung und Angst zu ihm ins (Nennung Geschäft) begeben, wo sie ihn über
den Erhalt des Schriftstücks informiert habe. Er selber habe das Dokument
weder gelesen noch gesehen, da sie sich zuerst hätten retten wollen. We-
nige Minuten später hätten sie das (Nennung Geschäft) verlassen. Sein
(Nennung Verwandter) – der zu diesem Zeitpunkt noch nichts von seiner
Flucht gewusst habe – sei daraufhin von den Behörden (Nennung Anzahl)
aufgesucht und nach seinem Verbleib gefragt worden. Das Haus sei jeweils
durchsucht und sein (Nennung Verwandter) im Rahmen der ersten Durch-
suchung geschlagen worden. Nach dem (...) Besuch sei seinem (Nennung
Verwandter) die Fahndungsmitteilung ausgehändigt und dieser sei darüber
informiert worden, dass er unter Beobachtung stehe und getötet würde,
falls er den Aufenthaltsort seines (Nennung Verwandter) verheimliche.
(Nennung Zeitpunkt) nach ihrer Flucht hätten die Behörden seinem (Nen-
nung Verwandter) eine Fahndungsmitteilung übergeben, die ihn (den Be-
schwerdeführer) als Landesverräter brandmarke. Er wisse nicht, weshalb
auf dem Suchbefehl nicht der richtige Grund für die Suche nach seiner
Person stehe. Sein (Nennung Verwandter) sei in der Folge im (...) in den
P._ gereist, wo er dieses Dokument seiner Schwester übergeben
habe. Seine Schwester habe dann Besuchern aus (Nennung Kontinent)
die Fahndungsmitteilung für ihn mitgegeben.
A.c Die aus Q._ (Provinz N._) stammende Beschwerdefüh-
rerin führte ihrerseits in der BzP an, sie hätten Syrien wegen der allgemei-
nen Kriegslage verlassen und weil ihr Mann für den militärischen Reserve-
dienst aufgeboten worden sei. Sie habe die schriftliche Vorladung, welche
unter der Türe durchgeschoben worden sei, in der Wohnung gefunden. Da
sie Analphabetin sei, wisse sie nicht, was im erwähnten Dokument genau
geschrieben gewesen sei. Die Nachbarn hätten sie jedoch über dessen
Inhalt informiert. Einige ihrer Nachbarn seien früher für den Militärdienst
abgeholt worden. Ihr Mann sei früher Ajnabi gewesen. Die Behörden hätten
ihn absichtlich eingebürgert, um ihn in den Dienst schicken zu können. Sie
sei nach dem Auffinden der Vorladung mit ihren Kindern sofort ins (Nen-
nung Geschäft) zu ihrem Mann gegangen, worauf sie gemeinsam umge-
hend das Land verlassen hätten. Die Vorladung sei Ende (Nennung Zeit-
punkt) gekommen, da sie damals Bustickets von H._ nach
Q._ gekauft hätten, auf welchen das Datum vermerkt gewesen sei.
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Sie sei zwar Analphabetin, aber das Datum sei ihr beim Kauf der Billette im
Reisebüro genannt worden. Es habe weder für ihre eigene Familie noch
für die Familie ihres Mannes Konsequenzen gehabt, dass dieser der Vor-
ladung keine Folge geleistet habe.
Anlässlich der Anhörung ergänzte sie den Sachverhalt dahingehend, dass
ihr Ausreisegrund die an ihren Mann gerichtete Aufforderung, am Krieg teil-
zunehmen, gewesen sei. Nachdem sie beim Putzen etwa um 08:00 Uhr
morgens das fragliche Dokument unter der Tür gefunden und ihr eine ein
paar Häuser entfernt wohnende (...) Nachbarin den Inhalt desselben erklärt
habe, sei sie schockiert gewesen. Sie habe die wichtigsten Sachen in einen
Koffer eingepackt und sei zusammen mit den Kindern zu ihrem Mann ins
(Nennung Geschäft) gegangen. Sie habe sich unterwegs grosse Sorgen
gemacht, dass die Behörden ihn bereits mitgenommen hätten oder ihr je-
mand gefolgt sein könnte, um den Aufenthaltsort ihres Mannes ausfindig
zu machen. Nachdem sie ein paar Minuten im (Nennung Geschäft) mit ih-
rem Mann gesprochen habe, hätten sie sich aus Angst und zum Schutz der
Familie und ihrer Kinder entschieden, von dort wegzugehen. Sie seien zu-
nächst nach L._ aufgebrochen, wo sie sich für einige Stunden bei
der Tante ihres Mannes aufgehalten hätten. Sie hätten jedoch nicht dort
bleiben wollen, weil die Regierung in L._ die Kontrolle habe und
auch die O._ präsent und in die Kriegshandlungen involviert seien.
Anschliessend seien sie in die I._ ausgereist. An der Grenze seien
sie von türkischen Grenzwächtern aufgegriffen und eine Woche lang inhaf-
tiert worden. Anschliessend hätten die Wächter sie in einem anderen Ge-
fängnis während (Nennung Dauer) festgehalten. Nachdem sie ausgereist
seien, hätten sie von der im P._ lebenden (Nennung Verwandte)
erfahren, dass ihr (Nennung Verwandter) von den Behörden aufgesucht
und nach dem Aufenthaltsort ihres Mannes gefragt worden sei. Die Behör-
den seien dabei hart gegen ihren (Nennung Verwandter) vorgegangen.
Ferner seien weder sie noch ihr Mann in Syrien politisch aktiv gewesen.
Auch in der Schweiz übe sie keine solchen Aktivitäten aus; sie wisse jedoch
nicht, ob ihr Mann hierzulande aktiv sei. Die Vorladung und auch weitere
Dokumente seien bei ihren diversen Ausreiseversuchen über das Meer mit
der Zeit nass sowie unleserlich geworden und mit der Zeit verfallen. Als sie
in J._ angekommen seien, seien die Dokumente wegen der Nässe
verklumpt und man habe sie nicht mehr voneinander unterscheiden kön-
nen, weshalb sie sie weggeworfen hätten.
Zum Beleg ihrer Vorbringen und ihrer Identität reichten die Beschwerde-
führenden (Nennung Beweismittel) zu den Akten.
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B.
Das SEM stellte mit Verfügung vom 7. Februar 2020 fest, die Beschwerde-
führenden erfüllten die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihre Asylgesu-
che vom 27. September 2017 ab, verfügte gleichzeitig ihre Wegweisung
aus der Schweiz und ordnete wegen Unzumutbarkeit des Vollzuges der
Wegweisung die vorläufige Aufnahme in der Schweiz an.
C.
Der von den Beschwerdeführenden mandatierte Rechtsvertreter ersuchte
das SEM am 17. Februar 2020 um Einsicht in die Verfahrensakten. Mit
Schreiben vom 20. Februar 2020 gewährte das SEM (teilweise) Einsicht in
die Akten des N Dossiers.
D.
Die Beschwerdeführenden fochten diesen Entscheid mit Beschwerde vom
11. März 2020 beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie beantragten, es sei
die Verfügung des SEM vom 7. Februar 2020 aufzuheben und die Sache
zur vollständigen und richtigen Abklärung und zur Feststellung des rechts-
erheblichen Sachverhalts sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen, eventualiter sei die angefochtene Verfügung unter Feststel-
lung der Flüchtlingseigenschaft und Gewährung von Asyl aufzuheben,
eventualiter seien sie als Flüchtlinge anzuerkennen. In formeller Hinsicht
ersuchten sie um vollumfängliche Einsicht in die Aktenstücke A17/2 und
A20/1 sowie die "Relocation"-Akten und – nach Gewährung der Aktenein-
sicht – um Ansetzung einer angemessenen Frist zur Einreichung einer Be-
schwerdeergänzung. Sodann sei auf die Erhebung eines Kostenvorschus-
ses zu verzichten und sie seien von der Bezahlung der Verfahrenskosten
zu befreien. Eventualiter sei ihnen eine angemessene Frist zur Bezahlung
des Kostenvorschusses anzusetzen.
Der Beschwerde lagen (Nennung Beweismittel) bei.
E.
Mit Instruktionsverfügung vom 17. März 2020 wurden die Gesuche um Er-
lass der Verfahrenskosten und um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses gutgeheissen. Ferner wurde das SEM zur Vernehmlas-
sung im Sinne der Erwägungen bis zum 3. April 2020 eingeladen.
F.
Die Beschwerdeführerin brachte am (...) F._ zur Welt.
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G.
In seiner Vernehmlassung vom 1. April 2020 erachtete das SEM nach eini-
gen ergänzenden Bemerkungen die erhobenen formellen Rügen als unbe-
gründet und hielt an seinen Erwägungen in der angefochtenen Verfügung
vollumfänglich fest.
H.
Die Beschwerdeführenden replizierten mit Eingabe vom 23. April 2020.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision des AsylG vom 26. Juni 1998
(AS 2016 3101; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfah-
ren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur
Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.3 Die Beschwerdeführenden sind als Verfügungsadressaten zur Be-
schwerdeführung legitimiert (Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht
eingereichte Beschwerde ist einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und
Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG (vgl. BVGE 2014/26
E. 5).
3.
3.1 Die Beschwerdeführenden rügen in formeller Hinsicht, das SEM habe
den Anspruch auf Akteneinsicht und auf rechtliches Gehör schwerwiegend
verletzt. Zudem habe es den Sachverhalt nicht richtig respektive unvoll-
ständig festgestellt und Gesetzesbestimmungen, insbesondere die Art. 3
und 7 AsylG, Art. 16 Abs. 2 und 3 Bst. b AsylG sowie die Art. 9 und 70 BV,
verletzt. Diese Rügen sind vorab zu beurteilen, zumal sie allenfalls geeig-
net sind, die Kassation der angefochtenen Verfügung zu bewirken.
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3.2
3.2.1 Die Beschwerdeführenden erblicken zunächst eine Verletzung des
rechtlichen Gehörs darin, dass die Verfügung in französischer Sprache,
mithin in einer ihnen fremden Verfahrenssprache, und nicht in der Sprache
ihres Wohnsitzkantons (Deutsch) ergangen sei. Die Vorinstanz habe sich
zu Unrecht auf die Ausnahmeregelung von aArt. 16 Abs. 3 Bst. b AsylG
berufen. So liege weder eine Ausnahmesituation aufgrund hoher Gesuchs-
zahlen noch ungenügender personeller Ressourcen vor. Es sei offensicht-
lich, dass die (lange) Verfahrensdauer bei sogenannten "Altfällen" aus-
schliesslich auf eine Fehlplanung des SEM zurückzuführen sei.
Vorliegend gelangt aArt. 16 Abs. 2 AsylG – und nicht die mit der jüngsten
Asylgesetzesrevision vorgenommene Neuformulierung von Art. 16 AsylG –
zur Anwendung (vgl. E. 1.1 hievor). Praxisgemäss ist in der Regel dem
Grundsatz Rechnung zu tragen, dass die Verfügung in der Sprache erlas-
sen wird, die am Wohnsitz der asylsuchenden Person Amtssprache ist.
Das Gericht erachtet die Anwendung der Ausnahmeregel insofern als
grundsätzlich legitim, als der Verkürzung der Verfahrensdauer im Asylver-
fahren ein besonders grosses Gewicht beigemessen wird und auch im In-
teresse der Asylsuchenden liegt. Insofern ist der möglichst effiziente Res-
sourceneinsatz entgegen der Beschwerdevorbringen durch aArt. 16 Abs. 3
AsylG abgedeckt, zumal es sich nur um eine vorübergehende Massnahme
handelte. Die vom Gesetzgeber vorgesehenen Ausnahmen sind begrenzt
durch das Recht auf wirksame Beschwerde und einen fairen Prozess
(Art. 29 Abs. 1 BV und Art. 13 EMRK). Eine Verfügung kann ausnahms-
weise in einer anderen Amtssprache ergehen, wenn gleichzeitig im Gegen-
zug geeignete Korrektivmassnahmen getroffen werden, die das Recht auf
eine wirksame Beschwerde und auf einen fairen Prozess gewährleisten.
Sofern die Vorinstanz keine geeigneten Korrektivmassnahmen ergriffen
hat – was sich regelmässig erst auf der Stufe des Beschwerdeverfahrens
herausstellt – kommt die Kassation der angefochtenen Verfügung einzig
aus dem Grund, dass die Regeln betreffend die anzuwendende Verfah-
renssprache verletzt wurden, grundsätzlich dann nicht in Frage, wenn die
beschwerdeführende Person im Beschwerdeverfahren von einem profes-
sionellen Rechtsvertreter vertreten wird. Die Vorinstanz kann in einem sol-
chen Fall aber zur Leistung einer Entschädigung verpflichtet werden für
allfällige nützliche Auslagen, die der unterliegenden Partei entstehen, um
diesen Mangel zu beheben (vgl. Entscheide und Mitteilungen der ARK [E-
MARK 2004 Nr. 29 E. 7 ff.], Urteile des BVGer E-5882/2019 vom 2. März
2020 E. 6 ff., E-3640/2020 vom 29. Januar 2021 E. 4.5 ff.).
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Die Beschwerdeführenden haben ihren Wohnsitz im Kanton (...) und damit
in einem Gebiet, welches der deutschen Amtssprache untersteht. Es wäre
mithin der Erlass einer Verfügung in deutscher Sprache die Regel gewe-
sen. In den auf Französisch gehaltenen Erklärungen zum Erfordernis effi-
zienter und fristgerechter Erledigungen von Asylgesuchen wurde darauf
hingewiesen, dass das Verfügungsdispositiv das Wesentlichste des Ent-
scheids zusammenfasse und der besseren Verständlichkeit halber auf
Deutsch übersetzt worden sei. Rechtsverbindlich sei jedoch nur der Haupt-
text in Französisch. Vom SEM nicht übersetzt wurden jedoch die Begrün-
dung und auch die Rechtsmittelbelehrung. Ob das vom SEM gewählte Vor-
gehen, namentlich die gewählte Korrektivmassnahme generell als ausrei-
chend anzusehen ist, um den in Art. 29a BV und Art. 13 EMRK garantierten
Anspruch auf effektiven Rechtsschutz genügend Rechnung zu tragen,
kann hier offenbleiben. Den Beschwerdeführenden war es offensichtlich
mit Hilfe des von ihnen mandatierten Rechtsvertreters möglich, eine in je-
der Hinsicht rechtsgenügliche Beschwerde einzureichen, die sich mit allen
Aspekten der vorinstanzlichen Verfügung einlässlich auseinandergesetzt
hat. Die Beschwerde wurde auch fristgerecht erhoben. Durch das Vorge-
hen der Vorinstanz wurde in diesem Punkt das rechtliche Gehör nicht ver-
letzt. Auch liegt deswegen für die Beschwerdeführenden noch keine Ein-
schränkung ihres Rechtsschutzes vor.
3.2.2 Weiter rügen die Beschwerdeführenden eine Verletzung des rechtli-
chen Gehörs dadurch, dass das SEM die Einsicht in die Akten A17/2 und
A20/1 verweigert habe. Die Einsicht werde darüber Aufschluss geben, ob
diese als "interne Notizen" vermerkten Aktenstücke die Verweisdossiers ih-
rer in der Schweiz lebenden Geschwister betreffen würden. Das SEM hätte
die entsprechenden Dossiers, zumal diese in ihren BzP erwähnt würden,
beiziehen müssen. Zudem habe das SEM die Pflicht zur korrekten Akten-
führung verletzt, indem es bei den beiden Notizen unbedingt einen Betreff
hätte erwähnen müssen. Mit der Bemerkung "notice intern" habe das SEM
nicht die Akte als solche, sondern in erster Linie deren Paginierungskate-
gorie erfasst. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass die Akteneinsicht unter
Beachtung der Art. 26 ff. VwVG zu gewähren ist. Die Einsicht in die Akten
gemäss Art. 27 Abs. 1 VwVG darf nur verweigert werden, wenn wesentli-
che öffentliche Interessen des Bundes, insbesondere die innere oder
äussere Sicherheit der Eidgenossenschaft (Bst. a), wesentliche private In-
teressen, insbesondere der Gegenpartei (Bst. b), oder das Interesse einer
noch nicht abgeschlossenen amtlichen Untersuchung (Bst. c) die Geheim-
haltung erfordern. Sofern die Einsichtnahme in ein Aktenstück verweigert
wird, darf auf dieses zum Nachteil der Partei nur dann abgestellt werden,
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wenn ihr die Behörde von seinem für die Sache wesentlichen Inhalt Kennt-
nis und ihr ausserdem Gelegenheit gegeben hat, sich zu äussern und Ge-
genbeweismittel zu bezeichnen (Art. 28 VwVG). In interne Akten, die von
der verfügenden Behörde ausschliesslich für den Eigengebrauch bezie-
hungsweise für die interne Entscheidfindung erstellt werden, wie beispiels-
weise Notizen zuhanden einer Drittperson innerhalb der Behörde, Telefon-
notizen, Anträge oder Entscheidentwürfe, ist keine Einsicht zu gewähren
(vgl. BGE 125 II 473 E. 4a S. 474 f. m.w.H., BGE 115 V 303).
Vorab ist das SEM in Bezug auf die Aktenführung daran zu erinnern, dass
die Bezeichnung „Notice interne“ bezüglich der in Frage stehenden Akten-
stücke A17/2 und A20/1 grundsätzlich ungenügend ist, da es sich – wie die
Beschwerdeführenden zu Recht festhalten – bei der Bezeichnung „intern“
um eine für das Akteneinsichtsrecht relevante Qualifikation und nicht um
eine Beschreibung eines Dokuments handelt. Das SEM hat vorliegend, un-
abhängig vom Beschrieb im Aktenverzeichnis, die Akten A17/2 und A20/1
("Notice interne") jedoch zu Recht als nicht dem Akteneinsichtsrecht unter-
liegende interne Akten im Sinne von BGE 115 V 303 paginiert, da es sich
bei diesen in der Tat um behördeninterne Dokumente handelt (A17/2: [...];
A20/2: [...]). Hinsichtlich dieser beiden Aktenstücke kann somit ohne Wei-
teres davon ausgegangen werden, diese seien ausschliesslich für den
Amtsgebrauch respektive zur internen Entscheidfindung bestimmt gewe-
sen, weshalb ihnen diesbezüglich keinerlei Beweischarakter beigemessen
werden kann und das SEM die Edition dieser Akten zu Recht verweigert
hat. Das SEM ist jedoch anzuweisen, die Aktenstücke A17/2 und A20/1 in
aussagekräftiger Weise in das Aktenverzeichnis aufzunehmen.
3.2.3 Weiter monieren die Beschwerdeführenden, aus den Ziffern 5.02 der
jeweiligen BzP (vgl. act. A4 und A5) gehe hervor, dass sie mittels Reloca-
tion in die Schweiz eingereist seien. Es sei offensichtlich, dass sich dies-
bezüglich ausführliche Akten beim SEM befinden müssten. Es sei nicht
nachvollziehbar, weshalb diese weder im Asylverfahren erfasst noch an-
derweitig Einsicht in diese gewährt worden sei. Diesbezüglich liege eine
offensichtliche Verletzung des Anspruchs auf Akteneinsicht vor. Es sei auf
vergleichbare Fälle zu verweisen, in welchen das Bundesverwaltungsge-
richt das SEM angewiesen habe, die Relocation-Akten zu erfassen und
Einsicht in diese zu gewähren (mit Verweis auf das Beschwerdeverfahren
D-3472/2019 vom 17. September 2019 / N 688 991).
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Die Annahme der Beschwerdeführenden, wonach in Bezug auf das «Relo-
cation»-Verfahren Akten erstellt worden sein müssten, erweist sich als zu-
treffend. Richtig ist sodann auch, dass diese Akten keinen Eingang in das
Aktenverzeichnis gefunden haben. In den in Frage stehenden Vorakten
N 693 373 befindet sich eine mit «Relocation» betitelte grüne Aktenmappe
des SEM mit zahlreichen nicht paginierten Dokumenten sowie einem lee-
ren Aktenverzeichnis. Diese Akten wurden den Beschwerdeführenden vom
SEM nicht ediert, obwohl deren Rechtsvertreter mit Schreiben vom
17. Februar 2020 um vollständige Einsicht in die gesamten Asylakten er-
sucht hatte. Vorliegend sind diese in der «Relocation»-Mappe vorhande-
nen Akten – welche denn auch im N-Dossier abgelegt wurden – zweifellos
als Asylakten zu qualifizieren. Daran ändert nichts, dass diese Akten zeit-
lich ausnahmslos vor der formellen Einreichung des Asylgesuchs in der
Schweiz entstanden sind. Das «Relocation»-Verfahren dient nämlich der
vorgängigen Abklärung der Schutzbedürftigkeit der um Umsiedlung ersu-
chenden Personen (vgl. zum Ganzen: Urteil des BVGer D-3472/2019 vom
17. September 2019 E. 4.4). Im Rahmen der während dieses Verfahrens
durchgeführten "Sicherheitsanhörung" werden unter anderem auch die
Gründe für die Flucht aus dem Heimatland erfragt. Vorliegend wurden die
Beschwerdeführenden den Akten zufolge am (...) durch die Asylbehörden
von J._ angehört. Daraufhin fand am (...) in der Schweizer Vertre-
tung in R._ die "Sicherheitsanhörung" statt, worin die Beschwerde-
führenden unter anderem ihre Fluchtgründe darlegten. Gestützt auf ihre
Angaben wurden die Beschwerdeführenden vom SEM offensichtlich als
schutzbedürftig im Sinne des «Relocation»-Programms erachtet. So wurde
ihre Umsiedlung in die Schweiz am (...) bewilligt, worauf sie am (...) legal
in die Schweiz einreisten. Nach dem Gesagten steht fest, dass die Anga-
ben der Beschwerdeführenden im Rahmen des dem eigentlichen Asylver-
fahrens vorgelagerten «Relocation»-Verfahrens zumindest für die Beurtei-
lung der Schutzbedürftigkeit von wesentlicher Bedeutung waren. Ausser-
dem ist den in der «Relocation»-Mappe abgelegten Protokollen der Sicher-
heitsanhörungen zu entnehmen, dass die Beschwerdeführenden erkenn-
bar bereits damals vergleichsweise detaillierte Angaben zu den Gründen
ihrer Flucht aus der Heimat gemacht haben (dort insbesondere Ziffer 4.1
betreffend die Beschwerdeführerin und die Ziffern 1.5 f. und 4.1 hinsichtlich
des Beschwerdeführers). Diese Akten sind daher ohne weiteres als Asylak-
ten zu qualifizieren und das SEM ist im Rahmen der ihm obliegenden Sach-
verhaltsfeststellungs- und Prüfungspflicht verpflichtet, die Akten des «Re-
location»-Verfahrens bei der Beurteilung der Asylgesuche zu berücksichti-
gen und zumindest ansatzweise in den Asylentscheid einfliessen zu las-
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Seite 11
sen. Aus der festgestellten Relevanz der "Relocation"-Akten für das Asyl-
verfahren in der Schweiz ergibt sich sodann ohne weiteres der Anspruch
der Beschwerdeführenden auf Einsicht in diese Akten. Der Hinweis des
SEM in der Vernehmlassung, dass es sich bei der Beurteilung der Glaub-
haftigkeit der Asylvorbringen nicht auf die „Relocation“-Akten abgestützt
habe, weshalb es weder Einsicht in dieselben noch das rechtliche Gehör
zu entsprechenden Ungereimtheiten gewährt habe, vermag zu keiner an-
deren Beurteilung zu führen. Die Einsicht in Akten, die für ein bestimmtes
Verfahren erstellt oder beigezogen wurden, kann nicht mit der Begründung
verweigert werden, sie seien für den Verfahrensausgang ohne Einflusspo-
tenzial, irrelevant oder zu einem anderen Zweck erstellt worden. Ausser-
dem ist darauf hinzuweisen, dass der Beschwerdeführer im Rahmen der
BzP mit einem Widerspruch zu den Aussagen in der «Sicherheitsanhö-
rung» konfrontiert wurde (vgl. A4 S. 9). Wie bereits erwähnt, hat das SEM
den Beschwerdeführenden im vorliegenden Fall die Einsicht in die "Relo-
cation"-Akten ohne Begründung verweigert und damit ihr Recht auf Akten-
einsicht klarerweise verletzt. Zwar unterstehen diverse Dokumente der
"Relocation"-Akten aus verschiedenen Gründen nicht oder jedenfalls nicht
in vollem Umfang der Editionspflicht. Es liegt daher auf der Hand, dass die
Akteneinsicht in einige dieser Dokumente nur eingeschränkt gewährt wer-
den könnte. Derartige Einschränkungen des Akteneinsichtsrechts müssten
aber konkret begründet werden. Zudem ist Art. 27 Abs. 3 VwVG zu beach-
ten, wonach die Einsichtnahme in eigene Eingaben der Partei, ihre als Be-
weismittel eingereichten Urkunden und ihr eröffnete Verfügungen nicht ver-
weigert werden dürfen, die Einsichtnahme in Protokolle über eigene Aus-
sagen der Partei nur bis zum Abschluss der Untersuchung. Die vorliegen-
den "Relocation"-Akten enthalten, wie erwähnt, auch Protokolle mit eige-
nen Aussagen der Beschwerdeführenden, insbesondere auch Aussagen
zu ihren Fluchtgründen. Eine pauschale Einsichtsverweigerung im Rah-
men des vorliegenden Asylverfahrens ist daher offensichtlich nicht zulässig
(vgl. zum Ganzen: Urteil des BVGer E-4491/2017 vom 10. November 2017,
E. 6.2.3.).
3.3 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM den Anspruch der
Beschwerdeführenden auf rechtliches Gehör durch die unterlassene kor-
rekte Erfassung der Akten des «Relocation»-Verfahrens (mit Aktenver-
zeichnis und durchgehender Paginierung), die Nichtberücksichtigung die-
ser Akten im Asylentscheid sowie die ohne Begründung unterlassene Edi-
tion dieser Akten (Verletzung der Aktenführungspflicht, der Prüfungspflicht
und des Akteneinsichtsrechts) mehrfach verletzt hat.
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3.4 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Angesichts des formellen Charakters
des Gehörsanspruchs führt eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches
Gehör grundsätzlich zur Kassation und Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz, unabhängig davon, ob die angefochtene Verfügung bei korrekter
Verfahrensführung im Ergebnis anders ausgefallen wäre. Die Heilung von
Gehörsverletzungen aus prozessökonomischen Gründen ist auf Be-
schwerdeebene nur möglich, wenn das Versäumte nachgeholt wird, die
Beschwerdeführenden dazu Stellung nehmen können, der Beschwer-
deinstanz uneingeschränkte Überprüfungsbefugnis in Bezug auf Tatbe-
stand und Rechtsanwendung zukommt, die festgestellte Verletzung nicht
schwerwiegender Natur ist und die fehlende Entscheidreife durch die Be-
schwerdeinstanz mit vertretbarem Aufwand hergestellt werden kann. Eine
Kassation kann sich unter Umständen sogar dann rechtfertigen, wenn die
genannten Voraussetzungen für eine Heilung erfüllt wären, beispielsweise
dann, wenn die Gehörsverletzung durch die Vorinstanz kein Versehen im
Einzelfall darstellt, sondern Resultat gehäufter unsorgfältiger Verfahrens-
führung ist. Auch eine Häufung von für sich allein weniger gewichtigen Ver-
fahrensfehlern kann dazu führen, dass das Verfahren insgesamt als derart
mangelhaft bezeichnet werden muss, dass eine Heilung im Rechtsmittel-
verfahren ausgeschlossen ist (vgl. dazu BVGE 2015/10 E. 7.1 m.w.H.).
Eine Heilung der festgestellten formellen Rechtsverletzungen auf Be-
schwerdestufe fällt im vorliegenden Fall nicht in Betracht zumal es sich
beim beanstandeten Vorgehen des SEM nicht um einen Einzelfall handelt
(vgl. Urteile des BVGer D-1976/2020 vom 16. Juni 2020 E. 5D-3472/2019
vom 17. September 2019 E. 4.4, E-2891/2019 vom 15. Juli 2019,
D-1879/2019 vom 14. Mai 2019 sowie E-4491/2017 und E-4500/2017 vom
10. November 2017). Ausserdem ginge den Beschwerdeführenden bei ei-
ner Heilung durch das Gericht und einem daraufhin allenfalls ergehenden
abweisenden Entscheid eine Instanz verloren. Aus diesen Gründen er-
scheint im vorliegenden Fall eine Kassation der angefochtenen Verfügung
als gerechtfertigt.
4.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als die an-
gefochtene Verfügung aufzuheben und die Sache zur Behebung der fest-
gestellten Mängel sowie zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzu-
weisen ist. Das SEM ist im Rahmen des wiederaufzunehmenden erstin-
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stanzlichen Verfahrens gehalten, seiner Aktenführungs- und Paginierungs-
pflicht rechtsgenüglich nachzukommen, die "Relocation"-Akten als Teil der
Asylakten zu berücksichtigen und zu würdigen, den Beschwerdeführenden
unter Berücksichtigung allfälliger Geheimhaltungsinteressen i.S.v. Art. 27
VwVG soweit möglich Zugang zu den "Relocation"-Akten zu gewähren und
ihnen in der Folge das Recht zur Stellungnahme einzuräumen. Bei dieser
Sachlage erübrigt es sich, auf den weiteren Inhalt der Beschwerde näher
einzugehen.
5.
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben
(Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).
5.2 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsiegens
im Kassationsantrag in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschä-
digung für die ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzu-
sprechen. Es wurde keine Kostennote eingereicht, weshalb die notwendi-
gen Parteikosten aufgrund der Akten zu bestimmen sind (Art. 14 Abs. 2 in
fine VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfakto-
ren (Art. 9–13 VGKE) ist den Beschwerdeführenden zulasten der Vor-
instanz eine Parteientschädigung von insgesamt Fr. 1600.– (inkl. Auslagen
und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-1453/2020
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