Decision ID: ea453a8e-cca1-4317-ad0d-72ad28151e7f
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ bezog seit Jahren Ergänzungsleistungen zu einer halben Rente der
Invalidenversicherung (vgl. EL-act. 356 und EL-act. 370–4). Bei der EL-
Anspruchsberechnung rechnete die EL-Durchführungsstelle ab dem 1. Juli 2007
jeweils ein hypothetisches Erwerbseinkommen an, da die EL-Bezügerin nicht hatte
nachweisen können, dass sie unverschuldet arbeitslos gewesen war; der Betrag des
hypothetischen Erwerbseinkommens entsprach – in Anwendung des Art. 14a ELV – der
Pauschale für den allgemeinen Lebensbedarf (vgl. EL-act. 301, 303 und 317). Die EL-
Bezügerin reichte in der Folge weiterhin laufend Nachweise für Stellenbemühungen ein,
die von der EL-Durchführungsstelle aber stets als nicht ausreichend für den Nachweis
einer unverschuldeten Arbeitslosigkeit qualifiziert wurden (vgl. EL-act. 296, 293, 288,
274 f., 271, 267, 258, 253, 251, 247 f., 242 f., 236 ff., 230 ff., 226 ff., 224, 219 ff., 215,
210 f., 208, 206, 198 ff., 186 ff., 181 ff., 177 f., 174, 168, 139 ff., 135, 123 ff.).
A.a.
Die EL-Durchführungsstelle passte im Oktober 2013 ihre Anforderungen an den
Nachweis einer unverschuldeten Arbeitslosigkeit an, das heisst sie verlangte weniger
Stellenbemühungsnachweise pro Monat. Da die EL-Bezügerin die neuen
Anforderungen in den Monaten Oktober, November und Dezember 2013 erfüllt hatte,
entschied die EL-Durchführungsstelle im Januar 2014, rückwirkend ab Oktober 2013
kein hypothetisches Erwerbseinkommen mehr anzurechnen (EL-act. 111). Mit einer
Verfügung vom 30. Januar 2014 erhöhte die EL-Durchführungsstelle die laufende
Ergänzungsleistung rückwirkend per 1. Oktober 2013 (EL-act. 107). Die EL-Bezügerin
reichte in der Folge weiterhin laufend Nachweise für erfolglose Stellenbemühungen ein
(vgl. EL-act. 106, 103, 90 ff., 83 ff., 68 ff.). Im August 2015 teilte die EL-
Durchführungsstelle der EL-Bezügerin mit (EL-act. 67), die
Stellenbemühungsnachweise reichten nicht aus, um die Vermutung zu widerlegen,
dass die EL-Bezügerin unverschuldet arbeitslos sei. Die EL-Bezügerin hätte sich
monatlich mindestens um acht Arbeitsstellen bemühen müssen, wobei
Blindbewerbungen per Telefon, persönlicher Vorsprache, E-Mail oder Kurzbrief genügt
A.b.
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hätten. Die EL-Bezügerin reichte in der Folge weitere Nachweise ein (EL-act. 64, 56, 48
ff., 46 und 40 ff.). Ein Sachbearbeiter der EL-Durchführungsstelle notierte im März 2016
(EL-act. 39), die EL-Bezügerin habe sich in den vergangenen Monaten durchschnittlich
um 14 Stellen pro Monat beworben. Qualitativ bestehe noch ein deutliches
Verbesserungspotential, aber die Bewerbungsunterlagen könnten insgesamt als „eher
knapp genügend“ qualifiziert werden. Folglich sei vorerst auch weiterhin kein
hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen. Der EL-Bezügerin seien aber
konkrete Verbesserungsvorschläge zu machen. Am 9. März 2016 teilte die EL-
Durchführungsstelle der EL-Bezügerin mit (EL-act. 37), dass sie vorerst kein
hypothetisches Erwerbseinkommen anrechnen werde. Die EL-Bezügerin habe sich
jedoch weiterhin um Arbeitsstellen zu bemühen. Sie solle sich vermehrt auf Stellen in
Betrieben ihres angestammten Kulturkreises bewerben. Aus
sozialversicherungsrechtlicher Sicht wäre auch eine Erwerbstätigkeit in einem sehr
bescheidenen Pensum akzeptabel.
Im März 2017 forderte die EL-Durchführungsstelle die EL-Bezügerin auf, die
Stellenbemühungen ab März 2016 einzureichen (vgl. EL-act. 33). Ende März 2017
reichte die EL-Bezügerin entsprechende Nachweise ein (EL-act. 31 f.). Mit einem
Schreiben vom 7. Juli 2017 hielt die EL-Durchführungsstelle die EL-Bezügerin zur
Beantwortung der folgenden Fragen an: „Erachten Sie sich als arbeitsfähig? Wenn ja,
für welches Pensum? Wenn ja, für welche Berufe oder Tätigkeiten? Weshalb haben Sie
sich nicht für Stellen in Ihrem Kulturkreis beworben? Wären Sie gewillt, allenfalls mit
Hilfe der IV-Stelle eine Stelle zu finden?“ (EL-act. 30). Die EL-Bezügerin antwortete im
Juli 2017 (EL-act. 29–1 f.), ihr Gesundheitszustand habe sich verschlechtert, weshalb
sie sich nicht arbeitsfähig fühle. Sie habe sich überall beworben. In letzter Zeit habe sie
sich mehrheitlich in B._schen C._-Läden beworben. Sie sei nicht gewillt, mithilfe
der IV-Stelle eine Arbeitsstelle zu finden. Ihrer Antwort legte sie diverse medizinische
Berichte bei: Die Klinik für Rheumatologie des Kantonsspitals St. Gallen hatte am 21.
März 2017 nach einer stationären Behandlung in der Zeit vom 21. Februar 2017 bis
zum 14. März 2017 berichtet (EL-act. 29–3 ff.), die EL-Bezügerin leide an einem
komplexen Riss des Meniscus medialis und an einer Gonarthrose links, an einem
myofascialen cervico-thoracalen Syndrom, an einer Lumbago, an einer somatoformen
Schmerzstörung und an einer Adipositas Grad III; das Adipositaszentrum des
A.c.
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Kantonsspitals St. Gallen hatte in einem Bericht vom 6. April 2017 zusätzlich auf eine
prädiabetische Stoffwechsellage hingewiesen (EL-act. 29–9 ff.). Die Klinik für
orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates des Spitals
D._ hatte am 13. April 2017 über eine aktivierte, medial betonte Gonarthrose links mit
einer Bursitis anserina berichtet (EL-act. 29–13 f.). Die Klinik für Innere Medizin des
Spitals D._ hatte nach einer stationären Behandlung in der Zeit vom 1. Februar 2017
bis zum 7. Februar 2017 am 9. Februar 2017 angegeben (EL-act. 29–15 ff.), die EL-
Bezügerin sei vom Hausarzt zugewiesen worden, weil sie an linksseitigen,
immobilisierenden Beinschmerzen gelitten habe; nach einer Infiltration des linken Knies
habe sich eine deutliche Besserung gezeigt. Bei der Entlassung habe man der EL-
Bezügerin und dem Hausarzt empfohlen, eine rheumatologische Konsultation in die
Wege zu leiten. Am 1. Juli 2017 hatte die EL-Bezügerin die Klinik für Innere Medizin des
Spitals D._ notfallmässig wegen einer Präsynkope mit Hyperventilation aufgesucht
(EL-act. 29–26 ff.). Am 31. August 2017 notierte Dr. med. E._ vom IV-internen
regionalen ärztlichen Dienst (RAD; EL-act. 28), die EL-Bezügerin leide hauptsächlich an
einer Gonarthrose links und an einer morbiden Adipositas. Bezüglich der Gonarthrose
sei ein konservatives Vorgehen empfohlen worden. Die Gonarthrose sei nicht weit
fortgeschritten. Betreffend das Schmerzsyndrom des Bewegungsapparates fehle es an
einem somatischen Korrelat, weshalb sich die Schmerzstörung nicht einschränkend auf
die Arbeitsfähigkeit der EL-Bezügerin auswirken könne. Zusammenfassend seien der
EL-Bezügerin adaptierte Tätigkeiten mit einer leichten Wechselbelastung und ohne
längere Gehstrecken uneingeschränkt zumutbar. Mit einer Verfügung vom 26.
September 2017 setzte die EL-Durchführungsstelle die laufende Ergänzungsleistung
mit Wirkung ab dem 1. Dezember 2017 herab (EL-act. 25). Zur Begründung führte sie
aus, da sich die EL-Bezügerin als arbeitsunfähig erachte und da sie nicht gewillt sei,
mit Hilfe der IV-Stelle eine Arbeitsstelle zu finden, seien ihre Stellenbemühungen als
nicht ausreichend ernsthaft zu qualifizieren. Folglich sei ein hypothetisches
Erwerbseinkommen anzurechnen, das betraglich der allgemeinen
Lebensbedarfspauschale entspreche.
Am 20. Oktober 2017 erhob die EL-Bezügerin eine Einsprache gegen die
Verfügung vom 26. September 2017 (EL-act. 23). Sie beantragte sinngemäss die
Weiterausrichtung einer ohne die Berücksichtigung eines hypothetischen
A.d.
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B.
Erwerbseinkommens berechneten Ergänzungsleistung. Zur Begründung führte sie an,
sie bemühe sich schon seit Jahren um eine geeignete Arbeitsstelle, habe bislang aber
immer nur Absagen erhalten, was sehr frustrierend für sie sei. Anscheinend gebe es
einfach keine geeignete Arbeitsstelle. Es stimme nicht, dass sie sich nicht arbeitsfähig
fühle. Sie finde bloss keine leichte, wechselbelastende Tätigkeit. Aktuell bewerbe sie
sich um eine Arbeitsstelle in einem geschützten Rahmen, wodurch sie wieder eine
Perspektive und Hoffnung finden wolle. Eine Stiftung bestätigte am 7. November 2017,
dass die EL-Bezügerin an einem Beschäftigungsprogramm in einer Tagesstätte
teilnehme (EL-act. 20). Mit einem Entscheid vom 5. Mai 2018 wies die EL-
Durchführungsstelle die Einsprache ab (EL-act. 7). Zur Begründung führte sie aus, da
die EL-Bezügerin nur an einem Beschäftigungsprogramm einer Tagesstätte teilnehme,
sei die im Art. 14a Abs. 3 lit. b ELV enthaltene Ausnahme von der Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens (Arbeitstätigkeit in einem geschützten Rahmen)
nicht erfüllt. Mit der Erfolglosigkeit der Stellenbemühungen in der Vergangenheit lasse
sich angesichts der Fluktuationen auf dem Arbeitsmarkt nicht beweisen, dass eine
Stellensuche auch in der Zukunft erfolglos sein werde. Die Stellenbemühungen der EL-
Bezügerin seien qualitativ ungenügend gewesen. Da diese zudem angegeben habe,
dass sie nicht gewillt sei, mithilfe der IV-Stelle eine Arbeitsstelle zu suchen, seien ihre
Stellenbemühungen als nicht ausreichend ernsthaft zu qualifizieren, weshalb ein
hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen sei.
Am 3. Mai 2018 erhob die EL-Bezügerin (nachfolgend: die Beschwerdeführerin)
eine Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom 5. April 2018 (act. G 1). Sie
beantragte sinngemäss die Weiterausrichtung einer ohne die Berücksichtigung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens berechneten Ergänzungsleistung. Zur
Begründung führte sie an, sie bemühe sich schon seit Jahren um eine geeignete
Arbeitsstelle, habe bislang aber immer nur Absagen erhalten, was sehr frustrierend für
sie sei. Anscheinend gebe es einfach keine geeignete Arbeitsstelle. Es stimme nicht,
dass sie sich nicht arbeitsfähig fühle. Sie finde bloss keine leichte, wechselbelastende
Tätigkeit. In der Zwischenzeit habe sie sich in eine Tagesstruktur einbinden lassen und
um eine Arbeitsstelle in einem Pensum von 50 Prozent in einem geschützten Rahmen
beworben.
B.a.
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Erwägungen
1.
Da es sich beim Einspracheverfahren, das mit dem angefochtenen Entscheid vom 5.
April 2018 abgeschlossen worden ist, um ein Rechtsmittelverfahren gehandelt hat,
hätte der Gegenstand des Einspracheverfahrens zwingend jenem des
vorangegangenen Verwaltungsverfahren entsprechen müssen. In zeitlicher Hinsicht
hätte vor diesem Hintergrund gemäss der ständigen Praxis der Beschwerdegegnerin
und des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen nur der Sachverhalt bis zur
Eröffnung der angefochtenen Verfügung massgebend sein dürfen (vgl. etwa den
Entscheid EL 2017/35 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 24. August 2018, E.
2.5, mit Hinweisen). Die Beschwerdegegnerin hat vorliegend aber entgegen ihrer
ständigen Praxis ganz ausnahmsweise eine Sachverhaltsentwicklung nach der
Eröffnung der Verfügung vom 26. September 2017 berücksichtigt, nämlich die
Teilnahme der Beschwerdeführerin an einem Beschäftigungsprogramm in einer
Tagesstätte. Dieses Abweichen von der ständigen Praxis muss als eine unzulässige
Ungleichbehandlung qualifiziert werden, weshalb sich der Gegenstand dieses
Beschwerdeverfahrens vorliegend nicht (wie gewöhnlich) an jenem des
Einspracheverfahrens orientieren kann, sondern jenem des vorangegangenen
Verwaltungsverfahrens entsprechen muss. Auf die Sachverhaltsveränderung nach dem
26. September 2017 muss in einem neuen Verwaltungsverfahren reagiert werden. In
diesem Beschwerdeverfahren ist ausschliesslich zu prüfen, ob es rechtmässig
gewesen ist, die laufende Ergänzungsleistung revisionsweise (Art. 17 Abs. 2 ATSG),
infolge der Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens per 1. Dezember
2017, herabzusetzen.
Die EL-Durchführungsstelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) beantragte
am 18. Mai 2018 unter Hinweis auf die Erwägungen im angefochtenen
Einspracheentscheid die Abweisung der Beschwerde (act. G 3).
B.b.
Am 24. September 2019 teilte die Beschwerdegegnerin dem Versicherungsgericht
mit (act. G 5), dass die Beschwerdeführerin seit dem 1. September 2019 mit einem
Pensum von 50 Prozent in einer geschützten Werkstätte arbeite. Deshalb sei die
laufende Ergänzungsleistung mit einer Verfügung vom 18. September 2019 (act. G 5.1)
revisionsweise ohne ein hypothetisches Erwerbseinkommen neu berechnet und
entsprechend erhöht worden.
B.c.
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2.
Da die Ergänzungsleistungen die Deckung des tatsächlichen Finanzbedarfs eines
EL-Bezügers bezwecken, ergibt sich ihr Betrag in aller Regel aus einer
Gegenüberstellung der tatsächlichen Ausgaben (soweit sie im Art. 10 ELG anerkannt
sind) und der tatsächlichen Einnahmen. Der Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG erlaubt es
allerdings, im Einzelfall von diesem Grundsatz abzuweichen und Einnahmen
anzurechnen, die der EL-Bezüger real gar nicht erzielt. Damit soll eine Verletzung der
ergänzungsleistungsrechtlichen Schadenminderungspflicht sanktioniert werden, die
darin besteht, den eigenen finanziellen Bedarf soweit möglich aus eigenen Mitteln und
Kräften zu bestreiten. Im vorliegenden Fall besteht die ergänzungsleistungsrechtliche
Schadenminderungspflicht der Beschwerdeführerin darin, einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen und ein entsprechendes Erwerbseinkommen zu erzielen, um den
„Schaden“ (die nicht durch eigene Einnahmen gedeckten Ausgaben) zu mindern oder
sogar ganz zu verhindern. Die Beschwerdeführerin hat diese
Schadenminderungspflicht während der gesamten Dauer des
Ergänzungsleistungsbezuges nicht erfüllt, denn sie hat im gesamten Zeitraum kein
Erwerbseinkommen erzielt. Allerdings kann ihr die Erfüllung dieser
Schadenminderungspflicht objektiv unmöglich oder unzumutbar gewesen sein, sodass
kein hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werden darf.
Rechtsprechungsgemäss werden die Möglichkeit und die Zumutbarkeit der Erfüllung
der Erzielung eines Erwerbseinkommens zwar vermutet, aber diese Vermutung kann
durch den Nachweis einer ernsthaften, aber erfolglosen Stellensuche umgestossen
werden.
2.1.
Das Versicherungsgericht kann ebenso wenig wie die Beschwerdegegnerin im
vorangegangenen Verwaltungs- und Einspracheverfahren frei prüfen, ob der
Beschwerdeführerin ein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen ist, denn das
Gericht und die Beschwerdegegnerin sind an die früheren, formell rechtskräftigen
Verfügungen gebunden. Vorliegend ist deshalb nur zu prüfen, ob sich der für die
Beantwortung der Frage nach der Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens relevante Sachverhalt seit Oktober 2013 so verändert hat, dass
der Beschwerdeführerin (wieder, wie bereits in der Zeit bis September 2013) ein
hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet werden müsste. In Bezug auf die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin, in Bezug auf allfällige Betreuungspflichten, die
sie hätte erfüllen müssen, und in Bezug auf die Anzahl und Qualität der
Stellenbemühungen hat sich in der Zeit zwischen Oktober 2013 und September 2017
nichts Wesentliches verändert. In objektiver Hinsicht ist also keine
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
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Sachverhaltsveränderung eingetreten, die eine Herabsetzung der laufenden
Ergänzungsleistung hätte rechtfertigen können.
Zu prüfen bleibt, ob in subjektiver Hinsicht eine Sachverhaltsveränderung
eingetreten ist, die zu einer Herabsetzung der laufenden Ergänzungsleistung hätte
führen müssen. Die Beschwerdegegnerin hat offenbar angenommen, dass eine solche
„subjektive“ Sachverhaltsveränderung eingetreten sei, weil die Beschwerdeführerin auf
die entsprechenden Fragen der Beschwerdegegnerin angegeben hatte, dass sie sich
nicht arbeitsfähig fühle und dass sie keine Hilfe von der IV-Stelle bei der Stellensuche
annehmen wolle. Dabei hat die Beschwerdegegnerin aber übersehen, dass sie
diesbezüglich gar keinen Vergleich mit dem („subjektiven“) Sachverhalt im Oktober
2013 hat vornehmen können, weil sie den Arbeits- respektive Eingliederungswillen der
Beschwerdeführerin in der Zeit vor Juli 2017 gar nie geprüft hatte. Die
Beschwerdegegnerin hat folglich gar nicht wissen können, ob die Beschwerdeführerin
im Oktober 2013 mehr, im gleichen Umfang oder weniger arbeitswillig gewesen war.
Bei genauer Betrachtung hat nur eine Auswechslung des massgebenden Rechts (in der
Form einer Änderung der Verwaltungspraxis) stattgefunden: Vor Juli 2017 hatte die
Beschwerdegegnerin ausschliesslich die Anzahl und die (formale) Qualität der
Bewerbungen der Beschwerdeführerin geprüft. Als die Anzahl der Bewerbungen noch
zu tief gewesen war (bis September 2013), hatte sie ein hypothetisches
Erwerbseinkommen angerechnet; nachdem die Beschwerdeführerin die Anzahl der
Bewerbungen erhöht hatte, hatte sie kein hypothetisches Erwerbseinkommen mehr
angerechnet. Die Beschwerdegegnerin hat in all den Jahren weder danach gefragt, ob
die Beschwerdeführerin auch tatsächlich arbeitswillig gewesen ist, noch hat sie
Anstrengungen unternommen, die Beschwerdeführerin effektiv wieder ins Arbeitsleben
einzugliedern. Sie hat die Beschwerdeführerin nicht angehalten, sich um eine
professionelle Hilfe bei der Stellensuche zu bemühen, die ihr von der IV-Stelle, vom
regionalen Arbeitsvermittlungszentrum oder von der Sozialhilfebehörde (im Rahmen
einer persönlichen Sozialhilfe) hätte gewährt werden können. Die Beschwerdegegnerin
hat nie die Frage aufgeworfen, weshalb die Beschwerdeführerin in all den Jahren und
nach all den Bewerbungsbemühungen nicht ein einziges Mal auch nur zu einem
Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Sie hat sich ganz offensichtlich gar nicht für
echte Fortschritte bei der Stellensuche (Einladungen zu Vorstellungsgesprächen,
Probearbeit oder Anstellung), sondern nur für die Anzahl der Bewerbungsschreiben
beziehungsweise -telefonate interessiert. Im Juli 2017 hat die Beschwerdegegnerin
dann aber unvermittelt eine neue Praxis angewendet: Sie hat nicht mehr nur nach der
Anzahl der Bewerbungsschreiben respektive -telefonate gefragt, sondern sie hat sich
nun neu auch dafür interessiert, ob die Beschwerdeführerin überhaupt arbeitswillig sei.
2.3.
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Gestützt auf die neuen, erstmaligen Angaben der Beschwerdeführerin zur „subjektiven“
Seite hat sie dann den seit Oktober 2013 unverändert gebliebenen Sachverhalt anders
gewürdigt. Nur diese neue Würdigung kann die revisionsweise Herabsetzung der
laufenden Ergänzungsleistung erklären. Eine anderslautende Beurteilung eines
unverändert gebliebenen Sachverhaltes darf aber nicht zu einer Revision im Sinne des
Art. 17 ATSG führen (vgl. Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 17 N 26, mit
Hinweisen). Folglich liegt hier kein Revisionsgrund im Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG
vor, der eine Herabsetzung der laufenden Ergänzungsleistung hätte rechtfertigen
können. Grundsätzlich erfordert allerdings auch eine Praxisänderung eine Anpassung
einer rechtskräftigen Dauerleistungszusprache (nicht an eine nachträgliche
Sachverhaltsveränderung, sondern) an eine nachträgliche Rechtsänderung, auch wenn
das Verwaltungsverfahrensrecht des Bundesgesetzes über den allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG) und des Bundesgesetzes über das
Verwaltungsverfahren (VwVG) keine ausdrückliche gesetzliche Grundlage für dieses
Korrekturinstrument enthalten. Aufgrund des in der Rechtsprechung und im Schrifttum
(vgl. etwa Ulrich Meyer-Blaser, Die Abänderung formell rechtskräftiger
Verwaltungsverfügungen in der Sozialversicherung, in: ZBl 1994, S. 337 ff., S. 350,
unter Verweis auf BGE 108 V 119 E. 5) anerkannten zwingend notwendigen
Regelungsbedarfs liegt eine ausfüllungsbedürftige Gesetzeslücke im massgebenden
bundesrechtlichen Verwaltungsverfahrensrecht vor, die durch das Korrekturinstrument
der Anpassung an eine nachträglich geänderte Rechtslage zu füllen ist. Wenn die
Verfügung vom 26. September 2017 – und damit der angefochtene
Einspracheentscheid – als Anpassung an eine nachträglich geänderte Rechtslage
interpretiert werden könnten, wären sie also grundsätzlich rechtmässig. Ob eine solche
Interpretation möglich ist, kann offen bleiben, denn die Herabsetzung der laufenden
Ergänzungsleistung per 1. Dezember 2017 würde zu einer unzulässigen
Ungleichbehandlung der Beschwerdeführerin gegenüber allen anderen Bezügern einer
Ergänzungsleistung führen, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden. Die
Beschwerdegegnerin hat nämlich nicht belegt, ja nicht einmal behauptet, sie habe
damals ihre Praxis generell geändert, indem sie neu in allen Fällen sorgfältig geprüft
habe und auch weiterhin prüfe, ob eine EL-beziehende Person nicht nur in genügender
Zahl brauchbare Bewerbungen versende und/oder in genügender Zahl telefonische
Bewerbungen vornehme, sondern tatsächlich eine Arbeitsstelle finden wolle. Eine
Praxisänderung, die nur auf einen von vielen Fällen Anwendung findet, kann
offensichtlich keine Praxisänderung im Sinne des Korrekturinstruments der Anpassung
an eine nachträglich veränderte Rechtslage sein. Zusammenfassend erweist sich die
angefochtene (Korrektur-) Verfügung, unabhängig von ihrer Natur als Revision im Sinne
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3.
In Gutheissung der Beschwerde ist der angefochtene Einspracheentscheid folglich
ersatzlos aufzuheben. Das bedeutet, dass die Beschwerdeführerin über den 30.
November 2017 hinaus einen unveränderten Anspruch auf die bisherige (ohne ein
hypothetisches Erwerbseinkommen berechnete) Ergänzungsleistung gehabt hat.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).