Decision ID: c4481711-ca6e-5f52-97c9-3ecba9f36bcb
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 24. März 2012 stellte der nach eigenen Angaben aus B._ stam-
mende Beschwerdeführer ein erstes Asylgesuch in der Schweiz, wobei er
keine Identitätsdokumente zu den Akten reichte. Auf dieses Gesuch trat
das damalige Bundesamt für Migration (BFM) mit Verfügung vom 28. No-
vember 2013 in Anwendung von aArt. 32 Abs. 2 Bst. b AsylG (SR 142.31)
wegen Täuschung über die Identität nicht ein. Es verfügte die Wegweisung
aus der Schweiz und den Wegweisungsvollzug.
Zur Begründung führte die Vorinstanz im Wesentlichen aus, in Auswertung
des Lingua-Gespräches sei der Sachverständige in seiner Analyse zum
Schluss gelangt, dass die Sozialisation des Beschwerdeführers definitiv
nicht in B._ erfolgt sei.
Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.
B.a Am 23. September 2014 reichte der Beschwerdeführer beim BFM eine
als "zweites Asylgesuch/Gesuch um Wiedererwägung" bezeichnete Ein-
gabe ein. Darin verwies er auf seine bis anhin verschwiegene Homosexu-
alität. In seinem Heimatland B._ drohten ihm eine lange Gefängnis-
strafe und gravierende Menschenrechtsverletzungen.
B.b Mit Verfügung vom 10. November 2014 lehnte das BFM das zweite
Asylgesuch mit der Begründung ab, es sei bereits im ersten Asylverfahren
festgestellt worden, dass der Beschwerdeführer nicht aus B._
stamme. Er habe in seinem weiteren Asylgesuch keine Argumente vorge-
bracht oder Dokumente eingereicht, welche diese Feststellung in Frage
stellen könnten. Vor diesem Hintergrund vermöge die geltend gemachte
Homosexualität in Bezug auf B._ keine Furcht vor zukünftiger asyl-
relevanter Verfolgung zu begründen. Das BFM habe nach wie vor von der
Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Vollzugs auszugehen.
B.c Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer am 11. Dezem-
ber 2014 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, welche mit Urteil
(...) vom [Datum] abgewiesen wurde.
C.
C.a Mit einer als "Wiedererwägungsgesuch betreffend Feststellung Unzu-
lässigkeit, evtl. Unzumutbarkeit Wegweisungsvollzug" betitelter Eingabe
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vom 6. Oktober 2015 gelangte der Beschwerdeführer erneut an die Vor-
instanz. Zur Begründung machte er geltend, aufgrund der Aktenlage stehe
fest, dass er entweder aus B._, C._ oder D._
stamme. Ebenso sei erstellt, dass er homosexuell sei. Der Wegweisungs-
vollzug sei in jedes der vom SEM als möglich erachteten Herkunftsländer
als unzulässig oder unzumutbar zu erkennen.
C.b Das SEM trat auf das Wiederwägungsgesuch mit Verfügung vom
15. Oktober 2015 nicht ein
C.c Das Bundesverwaltungsgericht wies die gegen die vorinstanzliche Ver-
fügung erhobene Beschwerde mit Urteil (...) vom [Datum] ab. Es hielt fest,
der Beschwerdeführer verkenne, dass seinen Vorbringen über die angeb-
liche Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges be-
zogen auf eine Auswahl von angeblich drei möglichen westafrikanischen
Herkunftsstaaten keine Relevanz zukommen könne, da bei offenkundiger
Verheimlichung der tatsächlichen Herkunft ohne weiteres von der Zuläs-
sigkeit und Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges auszugehen sei.
D.
D.a Am 20. Februar 2017 reichte der Beschwerdeführer beim SEM ein
"neues Asylgesuch" ein, in welchem er geltend machte, es werde mit dem
vorliegenden Gesuch nunmehr der Beweis für seine Nationalität und Iden-
tität erbracht, und zwar Dank der Abklärungen einer ihm wohlgesinnten
Person (E._ [nachfolgend: [....]). In zahlreichen Gesprächen mit
dem Rechtsvertreter und E._ sei versucht worden, vieles aus seiner
Erinnerung zu Ereignissen und Personen im Heimatland hervorzuholen. Er
habe sich an einen hilfsbereiten ehemaligen Nachbarn erinnert und mit die-
sem schliesslich wieder Kontakt aufnehmen können. Der ehemalige Nach-
bar habe, auch mit seiner Mutter, Reisen in B._ unternommenen
und E._ im Januar 2016 verschiedene Beweismittel zugestellt.
D.b Mit Schreiben vom 9. November 2017 teilte das SEM dem Beschwer-
deführer unter Einräumung einer Frist zur Stellungnahme mit, entgegen
den Ausführungen in der Eingabe vom 20. Februar 2017 handle es sich bei
dieser nicht um ein neues Asylgesuch, sondern vielmehr um ein qualifizier-
tes Wiedererwägungsgesuch in Bezug auf die Verfügung vom 28. Novem-
ber 2013. In der Eingabe werde nämlich sinngemäss geltend gemacht, die
unangefochten gebliebene Verfügung sei fehlerhaft, weil die (...) Staatsan-
gehörigkeit des Beschwerdeführers nunmehr mit neuen Beweismitteln be-
legt werden könne. Auch stelle sich die Frage, weshalb die Beweismittel,
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die bereits im Jahr 2016 bekannt gewesen sein müssten, beim SEM erst
mit der Eingabe vom 20. Februar 2017 eingereicht worden seien.
D.c Als Beilage zur Stellungnahme des Rechtsvertreters vom 30. Novem-
ber 2017 wurde ein von E._ verfasstes, als "Gutachten" bezeichne-
tes Dokument, datierend vom 8. November 2017, eingereicht ("Gutachten
zur Herkunft von A._", nachfolgend: Gutachten). E._ habe
vor Ort Recherchen getätigt und Beweismittel zusammengetragen. Damit
könne nun die Herkunft des Beschwerdeführers aus B._ zweifels-
frei belegt und die Fehlerhaftigkeit des Lingua-Gutachtens bestätigt wer-
den.
D.d Mit Schreiben vom 20. Juni 2018 und 4. Juli 2018 gewährte das SEM
dem Beschwerdeführer das rechtliche Gehör zu einem Schreiben der Sek-
tion Lingua vom 22. Mai 2018 (Würdigung des "Gutachten zur Herkunft von
A._" von E._).
D.e Der Beschwerdeführer nahm mit Schreiben vom 16. Juli 2018 Stellung
und reichte gleichzeitig eine Stellungnahme von E._ vom 13. Juli
2018 ein.
E.
Mit Verfügung vom 14. Dezember 2018 – eröffnet am 27. Dezember 2018
– trat das SEM auf den Antrag, ein Obergutachten in Auftrag zu geben,
nicht ein und wies die Anträge auf Durchführung einer DNA-Analyse und
auf Zeugeneinvernahme ab. Das Wiedererwägungsgesuch wurde eben-
falls abgewiesen und die Verfügungen vom 28. November 2013 und
10. November 2014 für rechtskräftig und vollstreckbar erklärt. Zudem er-
hob das SEM eine Verfahrensgebühr und stellte fest, einer Beschwerde
komme keine aufschiebende Wirkung zu.
Insgesamt kam die Vorinstanz zum Schluss, die Ausführungen und Be-
weismittel des Beschwerdeführers seien nicht geeignet, den Entscheid des
SEM vom 28. November 2013 umzustossen. Basierend darauf ergebe
sich, dass auch hinsichtlich des Verfolgungsvorbringens der Homosexuali-
tät kein wiedererwägungsrechtlich relevanter Sachverhalt vorliege.
Für die weitergehende Begründung der vorinstanzlichen Verfügung wird
auf die Akten und die nachfolgenden Ausführungen verwiesen.
F.
Mit Eingabe vom 27. Dezember 2018 reichte der Beschwerdeführer beim
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Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte unter ande-
rem, im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei festzustellen, dass der
vorliegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zukomme. Eventu-
aliter sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und es sei der Vollzug der
Wegweisung unverzüglich zu sistieren. Es wurde eine ausführliche Be-
schwerdebegründung sowie eine allfällige Korrektur der Beschwerdean-
träge innerhalb der noch laufenden Beschwerdefrist angekündigt.
G.
Das Gericht setzte den Vollzug der Wegweisung am 28. Dezember 2018
gestützt auf Art. 56 VwVG per sofort einstweilen aus.
H.
Mit (ergänzender) Beschwerde vom 24. Januar 2019 beantragte der Be-
schwerdeführer, das Gericht habe nach Eingang der Beschwerde umge-
hend darzulegen, welche Gerichtspersonen mit der Behandlung der Sache
betraut seien und ob die Gerichtspersonen zufällig ausgewählt worden
seien, gegebenenfalls seien die objektiven Kriterien für die Auswahl be-
kannt zu geben. Es sei festzustellen, dass die Verfügung des SEM auf-
grund einer willkürlichen und gesetzeswidrigen Rechtsanwendung nichtig
und deshalb aufzuheben sei. Die Verfügung sei wegen der Verletzung des
Willkürverbotes aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. Eventuell sei die Verfügung wegen der Verletzung des Anspruchs auf
rechtliches Gehör aufzuheben unter Rückweisung der Sache an die Vor-
instanz. Eventuell sei die Verfügung wegen der Verletzung der Begrün-
dungspflicht beziehungsweise der unvollständigen und unrichtigen Abklä-
rung des Sachverhaltes aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen. Eventuell sei die Verfügung aufzuheben, die Flüchtlingsei-
genschaft festzustellen und dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren.
Eventualiter sei nach Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung die Unzu-
lässigkeit eventualiter die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges
festzustellen. Im Sinne einer vorsorglichen Massnahme sei festzustellen,
dass der vorliegenden Beschwerde die aufschiebende Wirkung zukomme.
Eventualiter sei der Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen
und der Vollzug der Wegweisung unverzüglich zu sistieren.
Für den Fall, dass das Gericht materiell entscheide, stellte der Beschwer-
deführer diverse Beweisanträge (vgl. Beschwerde S. 22).
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Als Beweismittel (aufgelistet auf S. 36 der Beschwerde) reichte der Be-
schwerdeführer verschiedene Gerichtsurteile, Presse- und Menschen-
rechtsberichte sowie Fotos des Beschwerdeführers aus der Schweiz und
eine Kopie einer Wahlregisterkarte ein, die vom Onkel des Beschwerde-
führers stamme.
Auf die Begründung der Beschwerdeanträge und die eingereichten Be-
weismittel wird – soweit entscheidwesentlich – in den nachfolgenden Er-
wägungen eingegangen.
I.
Mit Eingabe vom 12. Februar 2020 bekräftige der Rechtsvertreter das in
der Beschwerde erhobene Vorbringen, wonach der mit der Sache befasste
Sachbearbeiter des SEM befangen gewesen sei und gegen diesen ein
Ausstandsgrund vorliege.
J.
Der Beschwerdeführer orientierte das Bundesverwaltungsgericht mit Ein-
gabe vom 19. Februar 2020, dass er trotz des bestehenden Vollzugsstopps
einer Delegation der (...) Behörden zugeführt werden solle. Es dränge sich
eine unverzügliche Kassation der angefochtenen Verfügung auf.
K.
Mit Schreiben vom 19. März 2020 teilte der Beschwerdeführer mit, die (...)
Delegation habe es abgelehnt, ihn als Staatsbürger anzuerkennen. Auf-
grund verschiedener fragwürdiger Umstände dränge sich der Verdacht auf,
es sei dem SEM nur darum gegangen, den erbrachten Beweis seiner Her-
kunft in Frage zu stellen.
L.
Mit Eingabe vom 4. Mai 2020 verlangte der Beschwerdeführer Einsicht in
diverse Aktenstücke der Vollzugsakten, welche ihm vom SEM mit Verfü-
gung vom 2. April 2020 verweigert worden sei. Überdies beantragte der
Beschwerdeführer, es sei ihm die unentgeltliche Prozessführung zu bewil-
ligen und sein Rechtsvertreter als unentgeltlicher Rechtsbeistand zu be-
stellen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
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1.
1.1 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
vom 26. Juni 1998 in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das
bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung
des AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Nachdem gemäss Lehre und Praxis Wie-
dererwägungsentscheide grundsätzlich wie die ursprüngliche Verfügung
auf dem ordentlichen Rechtsmittelweg weitergezogen werden können, ist
das Bundesverwaltungsgericht für die Beurteilung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig. Es entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel
– so auch vorliegend – endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1
BGG).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Antrag auf Bekanntgabe des Spruchkörpers ist mit diesem Urteil
gegenstandslos geworden.
3.2 Auf den Antrag auf Bestätigung der zufälligen Auswahl der Gerichts-
personen und anderenfalls um Bekanntgabe der objektiven Kriterien, nach
denen sie ausgewählt wurden, ist nicht einzutreten (vgl. Urteil des BVGer
D-1388/2018 vom 20. Juni 2019 E. 2.2).
3.3 Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf die Durch-
führung eines Schriftenwechsels verzichtet.
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4.
4.1 Das Wiedererwägungsverfahren ist im Asylrecht spezialgesetzlich ge-
regelt (vgl. Art. 111b ff. AsylG). Ein entsprechendes Gesuch ist dem SEM
innert 30 Tagen nach Entdeckung des Wiedererwägungsgrundes schrift-
lich und begründet einzureichen; im Übrigen richtet sich das Verfahren
nach den revisionsrechtlichen Bestimmungen von Art. 66-68 VwVG
(Art. 111b Abs. 1 AsylG).
4.2 In seiner praktisch relevantesten Form bezweckt das Wiedererwä-
gungsgesuch die Änderung einer ursprünglich fehlerfreien Verfügung an
eine nachträglich eingetretene erhebliche Veränderung der Sachlage (vgl.
BVGE 2014/39 E. 4.5 m.w.H.). Falls die abzuändernde Verfügung unange-
fochten blieb – oder ein eingeleitetes Beschwerdeverfahren mit einem
blossen Prozessentscheid abgeschlossen wurde – können auch Revisi-
onsgründe einen Anspruch auf Wiedererwägung begründen, dies im Rah-
men eines sogenannten qualifizierten Wiedererwägungsgesuchs
(vgl. BVGE 2013/22 E. 5.4 m.w.H.).
4.3 Der Beschwerdeführer erachtet die Qualifikation seiner Eingabe vom
20. Februar 2017 als Wiedererwägungsgesuch als falsch. Zwar beinhalte
das Asylgesuch vom 20. Februar 2017 auch Unterlagen, Informationen und
Beweismittel, welche allenfalls früher hätten beigebracht werden können.
Da aber auch klar Gründe und Beweismittel vorlägen, welche zwingend
eine Behandlung als Asylgesuch notwendig machten, sei ein solches ein-
gereicht worden.
4.4 Die Vorinstanz ging in ihrem Entscheid zu Recht davon aus, dass es
sich bei der Eingabe vom 20. Februar 2017 um ein qualifiziertes Wiederer-
wägungsgesuch handelte. Der Beschwerdeführer machte darin vorrangig
geltend, er könne nun mit neuen Abklärungen in B._ und entspre-
chenden Beweismitteln den Nachweis für seine Nationalität und Identität
erbringen und damit belegen, dass die entsprechenden Erwägungen im
(unangefochten gebliebenen) Entscheid vom 28. November 2013 falsch
seien. Damit bringt er neue Tatsachen beziehungsweise Beweismittel vor,
die vorbestehende, zu seinem Nachteil unbewiesen gebliebene Tatsachen
betreffen. Diese waren vom SEM (vgl. auch BVGE 2013/22) als qualifizier-
tes Wiedererwägungsgesuch zu behandeln.
Im Übrigen ist anzufügen, dass der Beschwerdeführer zur geltend gemach-
ten Homosexualität keine neuen Sachverhalte vorgebracht hat. Dass die
http://links.weblaw.ch/BVGE-2013/22
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Seite 9
Thematik der Homosexualität allenfalls erneut aufzugreifen wäre, wenn die
Herkunft beziehungsweise Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers
feststehen würde, ändert daran nichts.
5.
5.1 Das SEM begründete seinen Entscheid im Wesentlichen wie folgt:
5.1.1 Zunächst wies es darauf hin, dass die allgemeinen Hintergrundinfor-
mationen zu B._, die Ausführungen zur geltend gemachten Her-
kunftsregion des Beschwerdeführers, zur M._ Secondary School
mit den zitierten Quellen und den in diesem Zusammenhang eingereichten
Beweismitteln, nicht geeignet seien, die geltend gemachte Herkunft aus
B._ beziehungsweise die (...) Staatsangehörigkeit glaubhaft zu ma-
chen. Zudem gebe es gewisse Widersprüche zu den Herkunftsangaben im
ersten Asylverfahren. Amtliche Dokumente aus B._ seien ange-
sichts der im Land weit verbreiteten Korruption und der leichten Erhältlich-
keit nur von eingeschränktem Beweiswert. Auch die eingereichte Behand-
lungskarte der (...)klinik vermöge weder die Sozialisation in B._
noch die (...) Staatsangehörigkeit zu belegen. Ebenso wenig seien die Be-
stätigungsschreiben des Chairman des Distriktes F._ und des
Oberhäuptlings des Stammfürstentums ("..."), wonach der Beschwerdefüh-
rer in B._ gelebt habe, geeignet, die Schlussfolgerungen der Verfü-
gung vom 28. November 2013 umzustossen. Das Gleiche gelte für die Be-
stätigung des Oberhäuptlings des Stammfürstentums bezüglich der Mutter.
Die eingereichten Fotos von Gebäuden in den verschiedenen Orten in
B._, die Fotos der Mutter, deren Behandlungskarte des "G._
Hospitals" sowie der (...) des Beschwerdeführers von 2014 seien ebenfalls
nicht geeignet, die geltend gemachte Herkunft und Staatsangehörigkeit zu
belegen. Der Antrag, eine DNA-Analyse mit Proben der Mutter und des
Beschwerdeführers durchzuführen, sei abzuweisen, da der Beschwerde-
führer und seine Familienmitglieder keine Identitätspapiere eingereicht hät-
ten und eine DNA-Analyse somit keinen Erkenntnisgewinn hinsichtlich ei-
ner (...) Sozialisierung und Staatsbürgerschaft bringen würde. Bezüglich
des als Gutachten bezeichneten Schreibens samt Beweismitteln von
E._ sei auf das Schreiben der Sektion Lingua vom 22. Mai 2018 zu
verweisen. Darin werde Bezug genommen auf die Kapitel 1-3 des Schrei-
bens von E._ und festgehalten, dass und weshalb das als "Gutach-
ten" bezeichnete Schreiben sowohl aus formellen wie auch inhaltlichen
Gründen nicht geeignet sei, die Lingua-Analyse in Frage zu stellen. So-
dann sei anzumerken, dass es sich dabei um die schriftliche Auskunft einer
unabhängigen Drittperson (und nicht eines SEM-Mitarbeiters), vorliegend
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Seite 10
des Experten H._, handle, und dessen Lebenslauf und Qualifikation
dem Beschwerdeführer bereits mehrfach zugestellt worden seien. Die Sek-
tion habe sich zu verschiedenen Punkten des Schreibens von E._
nicht äussern können, da diese (z.B. Beurteilung von eingereichten Be-
weismitteln) nicht zu ihrem Fachbereich gehörten. Grundlage für die Ver-
fügung vom 28. November 2013 sei nur das Gutachten von H._ ge-
wesen, nicht die Aktennotiz von I._. Letzterer sei nicht vom SEM im
Entscheidprozess zugezogen worden, sondern von der Abteilung Rück-
kehr des Direktionsbereiches Internationale Zusammenarbeit im SEM zur
Vollzugsvorbereitung. Dessen Aktennotiz basiere im Übrigen auf dem In-
terview von Oktober 2013, es sei 2016 kein X._[Sprache]-Interview
durchgeführt worden. Die Kritik des Beschwerdeführers betreffe im We-
sentlichen die festgestellte fehlende Kompetenz in der Sprache J._
und das fehlende kulturelle und landeskundliche Wissen über B._.
Die fehlenden Kenntnisse des J._ [Sprache] entsprächen nicht der
soziolinguistischen Realität in B._ und sei aussergewöhnlich, umso
mehr, als die Geschwister gemäss E._ über eine diesbezügliche
Kompetenz verfügen würden. Bezüglich der festgestellten eklatanten Wis-
senslücken über kulturelle und landeskundliche Aspekte sei festzuhalten,
dass die entsprechenden Fragen im Interview jeweils der Bildung und So-
zialisierung der befragten Person angepasst würden. Da der Beschwerde-
führer im Übrigen angegeben habe, immer in M._ gelebt zu haben,
könnte von einem Aufwachsen in städtischen Verhältnissen ausgegangen
werden. Insgesamt seien die Einwände gegen das Lingua-Gutachten vom
4. November 2013, soweit sie sich auf die Ausführungen von E._
stützten, nicht geeignet, die getroffenen Feststellungen und die Verfügung
vom 28. November 2013 umzustossen. Zusätzlich sei darauf hinzuweisen,
dass die (...) Behörden den Beschwerdeführer im Rahmen einer Identifi-
zierungsmission nicht als (...) Staatsangehörigen anerkannt hätten.
5.1.2 Soweit der Beschwerdeführer mit den Schreiben von E._ von
November 2017 und Juli 2018 geltend mache, er könne nunmehr mit dem
"Stammblatt" des Office of the Chief Registrar Births and Deaths in
K._ und der verspäteten Geburtsurkunde seine Geburt in
B._ beweisen, sei dem entgegenzuhalten, dass diese beiden Be-
weismittel für diesen Nachweis nicht geeignet seien. Der Beschwerdefüh-
rer habe bereits im früheren Verfahren zwei Geburtsurkunden eingereicht,
bei denen es Ungereimtheiten gegeben habe. Zudem sei vom Bundesver-
waltungsgericht im Urteil (...) festgehalten worden, dass Geburtsurkunden
in B._ nicht fälschungssicher seien und die Dokumente käuflich er-
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worben werden könnten. Bei dem als "Stammblatt" bezeichneten Doku-
ment fehlten verschiedene vorgeschriebene und als wesentlich zu bezeich-
nende Eintragungen. Auch falle auf, dass als derjenige, der die Geburt ge-
meldet habe und eine eidesstattliche Erklärung abgegeben habe, der
Nachbar eingetragen sei, was zum einen Angaben im früheren Verfahren
zur Beschaffung der Geburtsurkunde widerspreche und zum anderen nicht
der gesetzlich vorgeschriebenen Vorgehensweise der Registrierung von
Geburten entspreche. Auch die "Certified True Copy" der "Delayed"-Ge-
burtsurkunde weise Ungereimtheiten auf und es dürften auch bezüglich
des Erwerbs des Dokumentes nicht die gesetzlich vorhergesehenen Vo-
raussetzungen zum Erhalt einer solchen beglaubigten Kopie eingehalten
worden sein.
5.1.3 Der schriftlichen Bestätigung des "(...)" komme kein Beweiswert zu,
ebenso wenig den Videosequenzen, mit denen vom "(...) Officer" des
F._ Distriktes die Herkunft des Beschwerdeführers bestätigt werden
solle. Auch die Fotos und Videosequenzen von Familienangehörigen und
Eindrücke aus B._ seien wegen möglicher Absprachen der Aussa-
gen und aufgrund der Tatsache, dass keine Identitätsnachweise der Fami-
lienmitglieder vorlägen, nicht geeignet, die Lingua-Ergebnisse und den
Entscheid des SEM vom 28. November 2013 zu widerlegen. Die weiteren
Fotos mit Eindrücken aus den vermeintlichen Herkunftsorten des Be-
schwerdeführers und zur (...)klinik in L._ vermöchten die Sozialisie-
rung in B._ ebenfalls nicht zu belegen.
5.1.4 Zum Antrag des Beschwerdeführers, E._ sei als Zeuge einzu-
vernehmen, hielt die Vorinstanz fest, dazu bestehe keine Veranlassung,
zumal er sich bereits mehrfach ausführlich habe äussern können. Nicht
einzutreten sei auf den Antrag auf Einholung eines Obergutachtens, da der
diesbezüglich angerufene Gesetzesartikel (Art. 60 Abs. 2 Bundeszivilpro-
zessordnung [BZP; SR 273]) im vorliegenden Verfahren keine Anwendung
finde.
5.1.5 Insgesamt seien die Ausführungen und Beweismittel des Beschwer-
deführers nicht geeignet, den Entscheid des SEM vom November 2013
umzustossen. Basierend darauf ergebe sich, dass auch hinsichtlich der
Verfolgungsvorbringen wegen Homosexualität kein wiedererwägungs-
rechtlich relevanter Sachverhalt vorliege, zumal diesbezüglich nichts
Neues vorgebracht werde.
5.2
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Seite 12
5.2.1 Der Beschwerdeführer seinerseits führte zunächst aus, die Verfü-
gung des SEM sei für nichtig zu erklären, da das SEM in seiner Verfügung
fälschlicherweise in Bezug auf den Antrag auf Einholung eines Obergut-
achtens argumentiert habe, Art. 60 BZP sei für das erstinstanzliche Verfah-
ren nicht anwendbar.
5.2.2 Das SEM habe zudem das Willkürverbot verletzt, da es sich katego-
risch geweigert habe, die Beweismittel in angemessener und korrekter
Weise zu würdigen. Stattdessen habe es sich ausschliesslich auf die an-
geblich unfehlbare Lingua-Analyse gestützt. Die willkürliche Beweiswürdi-
gung zeige sich darin, dass sich das SEM dem Beweiswert sämtlicher Do-
kumente aus B._ kategorisch verweigere, auf rechtswidrige und
rechtsmissbräuchliche Weise den Antrag auf ein Obergutachten ablehne,
mit nicht stichhaltiger Begründung den DNA-Test verweigere und absur-
derweise insinuiere, der Beschwerdeführer habe mit Hilfe von E._
die Beweiserbringung aufwändig inszeniert.
5.2.3 Das SEM habe den Antrag auf ein Obergutachten willkürlich abge-
lehnt. Entgegen den Ausführungen des SEM könne Art. 60 Abs. 2 BZP
nach Art. 19 VwVG im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens angeru-
fen werden. Es müsse gefolgert werden, dass der zuständige Sachbear-
beiter bewusst und wider besseren Wissens diese Begründung abgegeben
habe, was klar rechtsmissbräuchlich sei.
5.2.4 Das SEM habe seine Begründungpflicht verletzt, indem es einem
allfälligen DNA-Test der Mutter des Beschwerdeführers jeglichen Erkennt-
nisgewinn abgesprochen habe. Dass die Bestätigung der Mutter-Sohn Be-
ziehung keinen Rückschluss auf die (...) Staatsangehörigkeit zulasse,
stelle eine fragwürdigen Begründung dar. Es sei ausführlich dokumentiert
worden, dass die Mutter, wie auch die anderen Familienangehörigen, (...)
Staatsangehörige aus der Region um M._ seien. Die Auffassung
des SEM lasse auf eine unvollständige Sachverhaltsabklärung und Be-
gründungspflichtverletzung schliessen. Auch werfe die unvorhergesehene
Wendung, dass die Entnahme der DNA-Probe der Mutter plötzlich nach
unerklärlichem Meinungswechsel nicht mehr in K._, sondern in der
N._ stattfinden müsse, Fragen auf. Damit werde die Beweiserbrin-
gung praktisch verunmöglicht. Es müsse zu einer Kommunikation zwi-
schen dem SEM und dem EDA gekommen sein, wobei allfällige Akten der
Rechtsvertretung nicht vorlägen. Es werde daher beantragt abzuklären, ob
eine Kommunikation stattgefunden habe und diese Kommunikation sei
vollumfänglich offenzulegen. Es werde nochmals der Antrag gestellt, dass
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Seite 13
eine DNA-Probe der Mutter im Beisein eines Mitarbeiters der Botschaft ent-
nommen und diese mit der bereits vorhandenen DNA-Probe der Mutter so-
wie mit einer neuen DNA-Probe des Beschwerdeführers verglichen werde.
5.2.5 Indem das SEM nicht auf die asylrelevante Bedrohung eingegangen
sei, die dem Beschwerdeführer aufgrund seiner Homosexualität in
B._ drohe, verschliesse es sich einer sorgfältigen Risikoüberprü-
fung. Ebenso sei die aktuelle Situation in B._ mit der Diskriminie-
rung und Bedrohung Homosexueller zu berücksichtigen. Es wäre für den
Beschwerdeführer unmöglich, bei einer Rückkehr nach B._ die in
der Schweiz frei gelebte Homosexualität zu verstecken. In B._
müsste er aber um Leib und Leben fürchten und könne nicht auf den
Schutz des Staates zählen. Seine Homosexualität ergebe sich aus den be-
reits erbrachten Beweisen, die in den Akten enthalten seien.
5.2.6 Das SEM habe eine unvollständige und unkorrekte Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhaltes im Zusammenhang mit dem Sprachprofil
des Beschwerdeführers sowie zu dessen soziokulturellem und ökonomi-
schen Hintergrund vorgenommen. Das Sprachprofil des Beschwerdefüh-
rers („X._[Sprache], Englisch, kein J._[Sprache]“) werde als
ein Hauptkriterium gegen die Herkunft aus B._ angeführt. Dies sei
ungenau und falsch, da nicht zwischen aktiven und passiven Sprachkennt-
nissen unterschieden worden sei, der Beschwerdeführer aber über passive
Sprachkenntnisse verfüge. Auch sei das SEM nicht auf die Ausführungen
im Asylgesuch vom 20. Februar 2017 unter dem Punkt „Sprache und Eth-
nizität“ zu den ethnischen Gruppen im F._-Distrikt und den dort ge-
sprochenen Sprachen mit Englisch als offizieller Sprache eingegangen.
Den dortigen lokalen, kontextuellen Umständen habe das SEM ebenfalls
keine Beachtung geschenkt. Ebenso wenig habe es die Ausführungen im
Schreiben vom 16. Juli 2018 und im Gutachten von E._ vom 13.
Juli 2018 berücksichtigt. Im Gutachten sei ausgeführt worden, dass nach
neuestem Wissenstand der Bevölkerungsanteil, der kein J._ spre-
che, wesentlich tiefer liege, als vor einigen Jahren angegeben. Somit sei
auch das Argument des SEM, es sei äusserst ungewöhnlich, dass der Be-
schwerdeführer aus B._ kein J._ [Sprache] spreche, nicht
stichhaltig. Zudem sei das SEM nicht auf die Expertenkonsultationen (Be-
ratung durch einheimische Akademiker) von E._ vor Ort eingegan-
gen.
Überdies sei beim Beschwerdeführer angesichts seiner Lebensumstände
der Druck, sich gute J._ [Sprache]-Kenntnisse anzueignen, eher
D-7372/2018
Seite 14
gering gewesen. Auch stimme die Argumentation des SEM nicht, dass der
aus M._ stammende Beschwerdeführer auch deshalb J._
[Sprache] sprechen müsse, da M._ eine Stadt sei und J._
[Sprache] vor allem in Städten gesprochen werde. Man könne nicht be-
haupten, dass in M._ städtische Verhältnisse herrschten. Insge-
samt überzeuge somit das Argument des SEM nicht, dass aufgrund der
mangelnden J._ [Sprache]-Kenntnisse des Beschwerdeführers
eine Hauptsozialisation in B._ ausgeschlossen werden könne.
5.2.7 Ungenau und falsch sei das Argument, dass der Beschwerdeführer
angesichts seiner Englischkenntnisse, die er wegen seiner fehlenden
Schulbildung nicht haben dürfte, nicht aus B._ kommen könne. Es
sei nicht aussergewöhnlich, dass er sich solche ausserhalb der Schule an-
geeignet habe. Die nach Ansicht des Lingua-Experten festgestellten Züge
des (...) Englisch seien mit den auf der Flucht erworbenen Kenntnissen und
dem mehrjährigen Einfluss eines (...) Wohnpartners zu erklären. Auch sei
nach wie vor die Qualität der Gutachten und Stellungnahmen der Lingua-
Mitarbeiter fraglich, da die Frage offenbleibe, ob die Experten lokale Kennt-
nisse des F._ Distrikt hätten, welche zur korrekten Einschätzung ei-
nes Dialektes in B._ notwendig seien.
5.2.8 Entgegen der Lingua-Anaylse und der Auffassung des SEM seien die
Angaben des Beschwerdeführers mit seinen Lebensumständen vereinbar.
Er habe kaum Zugang zu Geld gehabt, die Familie habe von der Subsis-
tenzlandwirtschaft gelebt und er habe keine Schule besucht. Daher habe
er keine Preise auf dem Markt nennen können und grosse Wissenslücken
im Bereich Politik, kulturelles Leben und Geographie. Aber er kenne die
typischen Speisen seiner Region und habe hinsichtlich des Bürgerkriegs
das typische oberflächliche Wissen eines ländlichen Einwohners ohne
Schulbildung.
5.2.9 Unberücksichtigt geblieben sei der Einfluss der Homosexualität des
Beschwerdeführers, die ihn dazu veranlasst habe, seine sozialen Interak-
tionen gering zu halten, weshalb er wegen eingeschränkter Teilnahme am
gesellschaftlichen und kulturellen Leben über weniger Wissen in Themen
wie Politik und Sport verfüge.
5.2.10 Insgesamt verliere die Lingua-Analyse angesichts der aufgeführten
Argumente an Argumentationskraft. Vielmehr zeige sich, dass der Be-
schwerdeführer aufgrund seiner individuellen und lokalen Verhältnisum-
D-7372/2018
Seite 15
stände aus B._ stamme. Das SEM habe somit aufgrund einer teil-
weise ungenauen sowie fehlerhaften Lingua-Analyse den Sachverhalt un-
vollständig und fehlerhaft abgeklärt. Angesichts der Notwendigkeit weiterer
Sachverhaltsabklärungen sei eine Kassation zwingend.
5.2.11 Unter dem Titel "Rechtserheblicher Sachverhalt und Beweisthema"
verweist der Beschwerdeführer zunächst auf seine Homosexualität als in-
tegraler Bestandteil seiner Identität und seines Bewusstseins sowie seine
Integrationsbemühungen in der Schweiz. Sodann kritisiert er, die von ihm
eingereichten zahlreichen Beweismittel seien von der Vorinstanz äusserst
mangelhaft und selektiv gewürdigt und die angegebenen Zeugen wie Fa-
milienangehörige oder Experten seien nicht kontaktiert worden. Dies werfe
Fragen auf und stelle einen Hinweis auf Befangenheit und Voreingenom-
menheit dar, hätte das SEM doch die Beweismittel würdigen müssen. Die
Argumentation des SEM, wonach kategorisch die Authentizität sämtlicher
eingereichter Dokumente aus B._ angezweifelt werde, da die dorti-
gen Behörden als hochkorrupt gelten würden, sei nicht zulässig. Es sei
höchst problematisch, wenn ein Asylsuchender durch seine Herkunft auto-
matisch unter den Generalverdacht falle, sämtliche beigebrachten amtli-
chen Beweismittel seien gefälscht. Angesichts der Voreingenommenheit
des zuständigen Sachbearbeiters des SEM sei naheliegend, dass er den
vorliegend eingereichten amtlichen Dokumenten den Beweiswert abge-
sprochen habe. Statt die Beweismittel kategorisch als gefälscht abzutun,
hätte das SEM vielmehr die Kontaktangaben zu Amtsinhabern nutzen sol-
len, um die Authentizität der Dokumente zu überprüfen. Das SEM habe zu
Unrecht den Beweiswert der eingereichten Geburtsurkunde sowie des
Stammblattes verneint und den eingereichten Fotos und Videos von Fami-
lienangehörigen des Beschwerdeführers den Beweiswert mit der fragwür-
digen Begründung abgesprochen, dass sich die Beweismittel leicht herstel-
len liessen. Dabei würden diese Dokumente belegen, dass die Familie des
Beschwerdeführers auch heute noch in der Heimatregion des Beschwer-
deführers lebe. Als neues Beweismittel werde auch die Wahlregistrierungs-
karte des Onkels mütterlicherseits eingereicht, die klar dessen (...) Staats-
bürgerschaft belege. Den Beweiswert der Behandlungskarte des (...)spitals
in L._ sowie die Authentizität des Dokumentes habe das SEM un-
begründet in Frage gestellt und damit auch die Begründungspflicht verletzt.
Der vom SEM erhobene Vorwurf, der Beschwerdeführer beziehungsweise
E._ habe eine Reihe von Beweismitteln und Aussagen der Famili-
enmitglieder komplett inszeniert, sei absurd.
D-7372/2018
Seite 16
Auch sei die Begründung des SEM in Bezug auf die Unglaubhaftigkeit ver-
schiedener Sachverhaltselemente nicht nachvollziehbar und sogar falsch.
So sei der Verweis auf die (...) Delegation, die den Beschwerdeführer nicht
als Staatsangehörigen B._ anerkannt habe, wenig hilfreich, zumal
zu dem Zeitpunkt die (...) Geburtsurkunde noch nicht vorgelegen habe, die
zu einem positiven Resultat geführt hätte. Überdies habe der Beschwerde-
führer keine widersprüchlichen Ortsangaben zu seinem Heimatort ge-
macht.
5.2.12 Der Beschwerdeführer sei angesichts seiner Homosexualität in
B._ akut bedroht und an seinem Heimatort speziell durch die Feind-
schaft des Ehemannes der ehemaligen Freundin in Gefahr, weshalb er
asylrelevant verfolgt und als Flüchtling anzuerkennen sei. Überdies sei der
Wegweisungsvollzug unzulässig und unzumutbar.
6.
6.1 In der Beschwerde sowie der Eingabe vom 4. Mai 2020 verschiedene
formelle Rügen erhoben. Diese sind vorab zu prüfen.
6.2 Der Beschwerdeführer sieht eine gesetzeswidrige Rechtsanwendung
darin, dass das SEM auf den Antrag, es sei ein Obergutachten einzuholen,
mit der Begründung nicht eingetreten sei, Art. 60 BzP finde im erstinstanz-
lichen Verfahren keine Anwendung. Dieser extreme Formmangel führe zur
Nichtigkeit.
Dem Beschwerdeführer ist zuzustimmen, dass nicht ersichtlich ist, weshalb
Art. 60 BZP auf das erstinstanzliche Verfahren keine Anwendung finden
könnte, zumal Art. 19 VwVG gerade ausdrücklich auf dessen sinngemässe
Anwendung verweist. Indessen führt diese unzutreffende Annahme des
SEM nicht zur Nichtigkeit der angefochtenen Verfügung. Eine solche ist nur
sehr zurückhaltend anzunehmen (vgl. PIERRE TSCHANNEN/ULRICH ZIM-
MERLI/MARKUS MÜLLER, Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 31
Rz. 14 ff.; MARKUS MÜLLER, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar
zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019,
Rz. 26 zu Art. 5 m.w.H.). Die von Lehre und Rechtsprechung statuierten
Voraussetzungen für die Annahme der Nichtigkeit sind vorliegend nicht er-
füllt. Ob die Vorinstanz zur vollständigen und richtigen Abklärung des Sach-
verhalts ein Obergutachten hätte einholen müssen, wird nachfolgend zu
prüfen sein.
D-7372/2018
Seite 17
6.3 Gemäss Art. 26 ff. VwVG ist den Parteien grundsätzlich Einsicht in die
Akten zu gewähren ist, wobei sich das Einsichtsrecht auf Eingaben von
Parteien und Vernehmlassungen von Behörden, sämtliche als Beweismit-
tel dienenden Aktenstücke sowie auf die Niederschriften eröffneter Verfü-
gungen bezieht (Art. 26 Abs. 1 VwVG), womit unter Art. 26 VwVG sämtliche
Aktenstücke fallen, welche grundsätzlich geeignet sind, in einem konkreten
Verfahren als Beweismittel zu dienen. Die Einsicht in verwaltungsinterne
Akten, d.h. behördlichen Unterlagen, welche ausschliesslich für den Eigen-
gebrauch bestimmt sind, für die Behandlung eines Falles kein Beweischa-
rakter zukommt und lediglich Hilfsmittel bei der Entscheidfindung darstel-
len, kann ohne jegliche Begründung verweigert werden (vgl. Entscheidun-
gen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 1994 Nr. 1 E. 3a S. 8).
Die Durchsicht der vorinstanzlichen Vollzugsakten ergibt, dass die Akten-
stücke A26, A27, A29 und A31 vom SEM zutreffend als verwaltungsinterne
Akten qualifiziert wurden, welche nicht geeignet waren, den Entscheid zu
beeinflussen. Die diesbezügliche Verweigerung der Akteneinsicht ist ent-
sprechend nicht zu beanstanden. Sodann wurde dem Beschwerdeführer
gemäss dem von ihm mit Eingabe vom 4. Mai 2020 eingereichten Akten-
verzeichnis Einsicht in sämtliche weiteren Aktenstücke gewährt, weshalb
die Anträge auf weitergehende Einsichtsgewährung und Fristansetzung
zur Beschwerdeergänzung abzuweisen sind.
6.4 Sodann ist auf den Einwand des Beschwerdeführers, der an der Verfü-
gung mitwirkenden Fachspezialisten O._ sei voreingenommen und
befangen, einzugehen.
6.4.1 Der Anspruch auf unbefangene Entscheidträger der Verwaltung
ergibt sich aus Art. 29 Abs. 1 BV (vgl. Urteile des BVGer D-35/2019 vom
11. März 2019 E. 8.2; D-5754/2018 vom 29. November 2018 E. 4.2, je
m.w.H.). Demnach hat jede Person in Verfahren vor Gerichts- und Verwal-
tungsinstanzen Anspruch auf gleiche und gerechte Behandlung sowie auf
Beurteilung innert angemessener Frist. Art. 29 Abs. 1 BV wird durch Art. 10
Abs. 1 VwVG konkretisiert, welcher die Gründe für den Ausstand von Per-
sonen benennt, die eine Verfügung zu treffen oder vorzubereiten haben
(vgl. STEPHAN BREITENMOSER/MARION SPORI FEDAIL in: Bernhard Wald-
mann/Philippe Weissenberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl.
2016, Art. 10, N 17), wobei vorliegend Art. 10 Abs. 1 Bst. d VwVG in Frage
kommen könnte.
D-7372/2018
Seite 18
6.4.2 Mit den Ausstandsregeln soll die objektive Beurteilung durch eine un-
parteiische und unvoreingenommene Behörde gewährleistet werden. Die
Ausstandsvorschriften sind sowohl auf Personen anwendbar, welche einen
Entscheid alleine oder zusammen mit anderen zu fällen haben, als auch
auf Personen, welche an einem Entscheid in irgendeiner Form mitwirken
und auf den Ausgang des Verfahrens Einfluss nehmen können, sei es be-
ratend oder instruierend (vgl. BENJAMIN SCHINDLER, Die Befangenheit der
Verwaltung, 2002, S. 74; RETO FELLER/PANDORA KUNZ-NOTTER, in:
Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], a.a.O., N. 5 zu Art. 10 VwVG). Für die An-
nahme von Zweifeln an der Unparteilichkeit genügen nach gefestigter bun-
desgerichtlicher Rechtsprechung Umstände, welche objektiv geeignet
sind, den Anschein einer Voreingenommenheit oder einer Gefährdung der
Unparteilichkeit aufkommen zu lassen. Das Misstrauen in die Unparteilich-
keit muss objektiv und durch vernünftige Gründe gerechtfertigt sein (vgl.
BGE 127 I 196 E. 2b, BGE 119 V 456 E. 5b; SCHINDLER, a.a.O., S. 91 f.).
Eine tatsächliche Befangenheit wird laut bundesgerichtlicher Rechtspre-
chung für den Ausstand nicht verlangt. Es genügt, wenn Umstände vorlie-
gen, die bei objektiver Betrachtung den Anschein der Befangenheit zu be-
gründen vermögen (vgl. Urteil des BGer 1B_234/2007 vom 31. Januar
2008 E. 4.3, m.w.H.; Urteil des BVGer B-4632/2010 vom 21. April 2011
E. 3.2).
6.4.3 Entgegen der Darstellung des Beschwerdeführers auf Beschwerde-
ebene besteht kein Anlass für die Annahme des Anscheins der Befangen-
heit oder Voreingenommenheit des Sachbearbeiters des SEM. Weder der
unzutreffende Hinweis, Art. 60 BZP sei nicht anwendbar, noch der Um-
stand, dass er aus der Sicht des Rechtsvertreters falsche rechtliche
Schlüsse gezogen habe, lassen auf eine Befangenheit schliessen. Für das
vom Rechtsvertreter geäusserte Misstrauen in die Unparteilichkeit von
O._ bestehen keine genügenden Anhaltspunkte.
6.5 Zu den weiteren formellen Rügen (Verletzungen des Willkürverbots,
Verletzung des rechtlichen Gehörs [inklusive Begründungspflicht] sowie
die unrichtige und unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts) ist das Folgende festzuhalten:
6.5.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welcher als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 135 II 286 E. 5.1; BVGE
2009/35 E. 6.4.1 mit Hinweisen). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die
D-7372/2018
Seite 19
Pflicht der Behörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prü-
fen und in ihrer Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Nicht
erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunkten ein-
lässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrücklich wi-
derlegt (vgl. BGE 136 I 184 E. 2.2.1).
Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht bildet
einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist die
Sachverhaltsfeststellung, wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidri-
ger Sachverhalt zugrunde gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt wor-
den sind; unvollständig ist sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswe-
sentlichen Sachumstände berücksichtigt werden (vgl. KÖLZ/HÄNER/BERT-
SCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3.
Aufl., 2013, Rz. 1043).
Willkür liegt nach der Lehre und Rechtsprechung nicht bereits dann vor,
wenn eine andere Lösung in Betracht zu ziehen oder sogar vorzuziehen
wäre, sondern nur, wenn ein Entscheid offensichtlich unhaltbar ist, mit der
tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch steht, eine Norm oder einen
unumstrittenen Rechtsgrundsatz klar verletzt oder in stossender Weise
dem Gerechtigkeitsgedanken zuwiderläuft, wobei die angeblich willkürliche
Begründung rechtsgenügend dargelegt werden muss.
6.5.2 Eine Verletzung des Willkürverbotes sieht der Beschwerdeführer da-
rin, dass sich das SEM kategorisch geweigert habe, die Beweismittel in
angemessener und korrekter Weise zu würdigen, sich nur auf seine Lin-
gua-Analyse gestützt habe, dass der Beweiswert sämtlicher Dokumente
aus B._ kategorisch verneint und der Antrag auf ein Obergutachten
abgelehnt worden sei. Mit nicht stichhaltiger Begründung sei der Erkennt-
nisgewinn verneint worden, den ein DNA-Test bringen würde, und das SEM
habe absurderweise behauptet, der Beschwerdeführer würde mit Hilfe von
E._ die Beweiserbringung inszenieren.
Entgegen der Darstellung des Beschwerdeführers liegt keine Verletzung
des Willkürverbotes vor. Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfü-
gung ausführlich begründet, weshalb sie weitere Abklärungen als nicht not-
wendig und auch angesichts seiner neuen Vorbringen und Beweismittel die
behauptete Herkunft des Beschwerdeführers nach wie vor als nicht glaub-
haft erachtet. Dass der Beschwerdeführer diese Ansicht nicht teilt, bedeu-
tet noch keine Verletzung des Willkürverbotes.
D-7372/2018
Seite 20
6.5.3 Als Verletzung der Begründungspflicht bemängelt der Beschwerde-
führer, die Vorinstanz habe einerseits die Durchführung eines DNA-Tests
mit fragwürdiger Begründung abgelehnt. Anderseits habe sie die Bedro-
hungslage aufgrund seiner Homosexualität nicht berücksichtigt.
Eine Verletzung der Begründungspflicht ist zu verneinen (vgl. BVGE
2011/23 E. 5.4.1; 2008/47 E. 3.2). Das SEM hat in der angefochtenen Ver-
fügung nachvollziehbar und im Einzelnen hinreichend differenziert aufge-
zeigt, von welchen Überlegungen es sich leiten liess. Es hat sich mit sämt-
lichen wesentlichen Vorbringen des Beschwerdeführers auseinanderge-
setzt. Der blosse Umstand, dass der Beschwerdeführer die Auffassung des
SEM nicht teilt, stellt keine Verletzung der Begründungspflicht dar, sondern
beschlägt eine materielle Frage. Der Vollständigkeit halber bleibt anzumer-
ken, dass sich aus den Akten keinerlei Anhaltspunkt für die vom Beschwer-
deführer vermutete Kommunikation zwischen dem EDA und dem SEM hin-
sichtlich des Ortes für eine DNA-Probenentnahme ergeben. Vielmehr zeigt
die von ihm eingereichte Email-Korrespondenz (Beweismittel 23 der Ein-
gabe vom 20. Februar 2017) keinerlei Hinweis, dass das SEM überhaupt
involviert gewesen wäre.
6.5.4 Zudem wird in der Beschwerde behauptet, das SEM habe den Sach-
verhalt falsch und unvollständig festgestellt, da es das Sprachprofil des Be-
schwerdeführers im Zusammenhang mit der Lingua-Analyse ungenau und
falsch wiedergegeben habe, ebenso die individuellen Umstände im Zu-
sammenhang mit dem Sprachprofil. Auch werde ein grosser Teil der Aus-
führungen des Beschwerdeführers in den Eingaben vom 30. November
2017 und 16. Juli 2018 sowie von E._ in dessen Schreiben vom
SEM ignoriert. Wie bereits vorstehend erwähnt, ist auch die Kritik des Be-
schwerdeführers, das SEM habe zu Unrecht kein Obergutachten eingeholt,
unter dem Aspekt der unvollständigen Sachverhaltsabklärung zu prüfen.
6.5.4.1 Der Beschwerdeführer verkennt, dass eine Notwendigkeit für das
Einholen eines Obergutachtens schon deshalb nicht gegeben ist, weil es
sich bei den Lingua-Analysen gemäss konstanter Rechtsprechung des
Bundesverwaltungsgerichts nicht um Sachverständigengutachten im
Sinne von Art. 12 Bst. e VwVG handelt, sondern um schriftliche Auskünfte
von Drittpersonen im Sinne von Art. 12 Bst. c VwVG (vgl. BVGE 2015/10
E. 5.1 m.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asyl-
rekurskommission [EMARK] 1998 Nr. 34). Umso weniger stellt der von
E._ verfasste Bericht ein Gutachten im Rechtssinn dar. Überdies ist
nicht ersichtlich, dass und weshalb E._ die fachliche Qualifikation,
D-7372/2018
Seite 21
Objektivität und Neutralität eines Lingua-Experten zuzusprechen wäre (vgl.
EMARK 1998 Nr. 34). Dem Bericht von E._ fehlt insbesondere eine
Sprachanlayse, mithin die Beachtung phonologischer, intonatorischer,
morphologischer, syntaktischer, lexikalischer und phraseologischer Merk-
male (vgl. a.a.O. E. 4b). Beim Bericht von E._ handelt es sich viel-
mehr um die Wiedergabe seiner eigenen Erlebnisse und Erkenntnisse, mit-
hin ebenfalls um eine schriftliche Auskunft. Sowohl die Lingua-Analyse als
auch der Bericht von E._ unterstehen der freien Beweiswürdigung.
Für die Einholung eines Obergutachtens bestand und besteht indessen
kein Anlass. Weder liegt eine unvollständige Sachverhaltserstellung vor,
noch ist im vorliegenden Beschwerdeverfahren das Einholen eines Ober-
gutachtens angezeigt. Der entsprechende Antrag ist abzuweisen.
6.5.4.2 Die weiteren Ausführungen in der Beschwerde unter dem Titel der
unvollständigen und unrichtigen Sachverhaltsfeststellung richten sich im
Kern nicht gegen die Sachverhaltsfeststellung der Vorinstanz, sondern ge-
gen die ihr zugrundeliegende Beweiswürdigung und die rechtliche Würdi-
gung der Vorbringen. Diese Aspekte sind indessen nachfolgend in materi-
eller Hinsicht zu beurteilen.
7.
Anzumerken ist der Vollständigkeit halber, dass grundsätzliche Einwen-
dungen gegen die Lingua-Analyse vom 4. November 2013, welche nicht
auf neuen Beweismitteln beruhen, in einem Rechtsmittelverfahren gegen
die vorinstanzliche Verfügung vom 28. November 2013 vorzutragen gewe-
sen wären. Da jene Verfügung indessen unangefochten in Rechtskraft er-
wuchs, können solche nicht auf dem Weg eines Folgeverfahrens nachge-
holt werden.
8.
8.1 Der Beschwerdeführer kritisiert, dass sich das SEM auf die fehlenden
Sprachkenntnisse des Beschwerdeführers in der Sprache J._ be-
rufe, was ein Indiz gegen die Herkunft aus B._ sei, dies aber unge-
nau sei, da der Beschwerdeführer über passive Sprachkenntnisse in
J._ verfüge. Soweit sich der Beschwerdeführer für seine Behaup-
tung, er verfüge über gute passive Sprachkenntnisse des J._, auf
sein Schreiben vom 19. November 2013 abstützt, ist er damit zufolge ver-
späteten Vorbringens nicht zu hören (vgl. E. 7). Nur am Rande bleibt zu
erwähnen, dass dies nichts an der Tatsache ändert, dass er der Sprache
D-7372/2018
Seite 22
J._ im aktiven Sprachgebrauch nicht mächtig ist, obwohl es die do-
minante Sprache der Region, insbesondere der jungen Bevölkerung ist
(vgl. angefochtene Verfügung S. 11).
Die Kritik, das SEM habe sich nicht mit den lokalen Umständen und den
von E._ angeführten neuen Erkenntnissen zum prozentualen Anteil
der Bevölkerung, die kein J._ spreche, auseinandergesetzt bezie-
hungsweise verkenne diese, schlägt fehl, da das SEM diese Umstände und
die diskutierten Quellen als unerheblich eingestuft hat angesichts dessen,
dass es nicht der soziolinguistischen Realität entspreche, dass der Be-
schwerdeführer kein J._ spreche und die Argumente in der Be-
schwerde keine nachvollziehbare Begründung lieferten (vgl. angefochtene
Verfügung S. 11). Dieser Auffassung ist zuzustimmen.
Auch die Kritik an der Qualität der Würdigung der Sektion Lingua vom
22. Mai 2019 (vgl. act. D18/10) und an den dem Beschwerdeführer offen-
gelegten Qualifikationen der Lingua-Experten H._ und I._
überzeugt nicht. Es gibt keinen Anlass, an der Neutralität und Objektivität
der involvierten Lingua-Experten zu zweifeln, deren Auftrag die Überprü-
fung des typischen Sprachrepertoires der gesuchstellenden Person und
der Landeskenntnisse ist. Es bestand somit auch keine Veranlassung, die
vom Beschwerdeführer beziehungswies E._ in der Stellungnahme
vom 16. Juli 2018 beziehungsweise 13. Juli 2018 aufgeführten Fachexper-
ten zu konsultieren.
8.2 Soweit der Beschwerdeführer erklärt, dass der Einfluss der Homose-
xualität ihn zu einer eingeschränkten Teilnahme am sozialen Leben geführt
habe, mithin sein landeskulturelles Wissen aus diesem Grund geringer
ausgefallen sei, hätte er diesen Einwand gegen die Verfügung vom 28. No-
vember 2013 vortragen müssen. Allerdings überzeugt der Einwand ange-
sichts seines jungen Alters im Zeitpunkt der Ausreise auch inhaltlich nicht.
8.3 Grundsätzliche Zweifel an der persönlichen Glaubwürdigkeit des Be-
schwerdeführers ruft seine Behauptung in der Eingabe vom 20. Februar
2017 hervor, er habe sich an einen Nachbarn der Familie namens
P._ (nachfolgend: [....]) erinnern können, der heute in K._
lebe, und mit diesem schliesslich Kontakt aufnehmen können, um die Be-
weismittel für das (neue) Gesuch zusammenzutragen. So habe P._
schliesslich verschiedene Beweismittel im Januar 2016 an E._ ge-
sandt, wie beispielsweise die Bestätigungsschreiben des Chairman und
des Oberhäuptlings (sowie weitere Beweismittel, Beilagen 1-8 der Eingabe
D-7372/2018
Seite 23
vom 20. Februar 2017, vgl. act. D7, D8). Später habe dieser Nachbar noch
Beweismittel per Mail gesandt sowie ein verschlossenes Couvert mit einer
DNA-Probe der Mutter des Beschwerdeführers per Post (Beilagen 8-20 der
Eingabe vom 20. Februar 2017 per Mail, Beilage 22, vgl. act. D7, D8).
Beim Vergleich des Namens sowie der Schrift des Absenders, ersichtlich
auf den Couverts der Beilagen 1 und 22 (Beweismittel der Eingabe vom
20. Februar 2017, vgl. act. D7, D8) an E._ fällt auf, dass es sich bei
P._ nicht wie behauptet um einen wiederentdeckten Kontakt des
Beschwerdeführers handelt, sondern dass dieser bereits im Beschwerde-
verfahren (...) vom Beschwerdeführer betreffend Beschaffung von Beweis-
mitteln kontaktiert worden war. Damals reichte der Beschwerdeführer über
P._ zum einen eine Farb-Kopie einer Geburtsurkunde ein, die er
über seinen ehemaligen Nachbarn aus K._ per Mail erhalten habe
(vgl. Verfahren (...), Beschwerdedossier, Schreiben des Beschwerdefüh-
rers vom 3. Februar 2015, act. 8), zum anderen wenig später eine davon
abweichende "Original-Geburtsurkunde" ("Delayed BC/2009"), die er
ebenfalls von diesem Nachbarn erhalten habe (vgl. Verfahren (...) Schrei-
ben des Beschwerdeführers vom 16. April 2015, act. 9, mit Zustellum-
schlag). Auf dem Couvert des Aktenstückes 9 ist der gleiche Name,
P._, in der gleichen Schrift ersichtlich wie auf den Couverts der Bei-
lagen 1 und 22 der Eingabe vom 20. Februar 2017 des jetzigen Verfahrens
(vgl. act. D7, D8). Dieser Nachbar hatte bereits in dem Verfahren (...) mit
den voneinander abweichenden Geburtsurkunden Unstimmigkeiten her-
vorrufende Beweismittel eingereicht. Im Urteil (...) vom [Datum] E. 4.3
wurde festgehalten, es müsse sich bei der eingereichten Geburtsurkunde
um eine Fälschung beziehungsweise um eine auf Bestellung und nach den
Angaben des Beschwerdeführers ausgestellte Geburtsurkunde handeln.
Diese Umstände stellen nicht nur die persönliche Glaubwürdigkeit des Be-
schwerdeführers, sondern auch den Beweiswert der jetzt durch den Nach-
barn eingereichten Beweismittel in Frage.
8.4 Dem SEM ist sodann beizupflichten, dass die Angaben des Beschwer-
deführers zu seinem Herkunftsort widersprüchlich sind und die Widersprü-
che vom Beschwerdeführer nicht überzeugend erklärt werden können.
8.4.1 So hatte er im ersten Asylverfahren in der Befragung zur Person vom
4. April 2012 behauptet, er komme aus Q._, was irgendwo in
B._ sei, wo er sein gesamtes Leben bis zur Ausreise verbracht habe
(vgl. act. A4, S. 3).
D-7372/2018
Seite 24
Im Schreiben vom 19. November 2013, in welchem er im Rahmen des
rechtlichen Gehörs zur Lingua Analyse Stellung nimmt, behauptete er hin-
gegen, er stamme aus dem Ort R._, der bei S._ liege (vgl.
act. A28, S. 1).
Gemäss den eingereichten Geburtsurkunden ist der Geburtsort des Be-
schwerdeführers einmal "R_ L._ (...) Distrikt" (vgl. (...), act,
8, eingereichte Kopie), dann "M._ Town, F._ District" (vgl.
(...), act. 9). "M._ Town, F._ District" ist auch in der Geburts-
urkunde, die als "Certified True Copy" im jetzigen Verfahren eingereicht
wurde, sowie im "Stammdatenblatt" als Geburtsort eingetragen (vgl. Gut-
achten Beweis 10, sowie Foto 83 des beiliegenden USB-Sticks). Ebenso
ist in den Bestätigungsschreiben des "Chairman" des Distriktes F._
und des Oberhäuptlings des Stammfürstentums ("...") (vgl. Beilagen 3 und
4 des Gesuchs vom 20. Februar 2017, act. D7 und D8) als Geburtsort des
Beschwerdeführers M._ eingetragen. Dort habe sich dieser bis No-
vember 2011 aufgehalten. In der Eingabe vom 20. Februar 2017 wird dar-
gelegt, der Herkunftsort des Beschwerdeführers sei zwar M._, auch
T._ ausgesprochen. Den grössten Teil seiner Kindheit und Jugend
habe er aber in dem einige Kilometer entfernten und sehr kleinen Dorf
U._ verbracht (vgl. act. D7, S. 8, 9). Hingegen wurde in der Be-
schwerdeschrift vom 24. Januar 2019 dargelegt, er komme aus
M._, was eine andere Schreibweise für die Ortsangabe Q._
sei. Diesen Ort habe der Beschwerdeführer bereits im ersten Asylgesuch
als Geburtsort angegeben. Allerdings habe die Familie eigentlich in
V._ gelebt, einem kleinen an M._ angrenzenden Dorf. In
V._ habe die Familie ein Haus gehabt. Zudem habe die Familie eine
Hütte in U._ gehabt. In U._ habe sich der Beschwerdeführer
mehrere Tage und Woche am Stück aufgehalten, um seiner Tätigkeit als
(...) nachzugehen (vgl. Beschwerde vom 24. Januar 2019, S. 32).
8.4.2 Somit sind die Angaben zum Herkunftsort, in dem der Beschwerde-
führer aufgewachsen und gelebt haben soll, insgesamt widersprüchlich,
werden doch neben "M._/Q._" auch "R._, bei
S._", "U._" und schliesslich "V._" genannt.
8.5 Die Behauptungen des Beschwerdeführers, er könne nun mittels des
Geburtsregistereintrages, als "Stammblatt" bezeichnet, und mittels des
verspäteten Geburtszertifikates "Certified True Copy Delayed/BC/2014"
seine Herkunft beziehungsweise Geburt in B._ nachweisen, über-
zeugen nicht.
D-7372/2018
Seite 25
8.5.1 Grundsätzlich kann eine Geburtsurkunde mangels gesicherter indivi-
dualisierter Angaben nur unterstützende Aussagekraft hinsichtlich der
Identitätsfeststellung haben. Besonderes Gewicht kommt insofern den
Aussagen des Beschwerdeführers zu, mit denen er bei fehlenden Identi-
tätsnachweisen seine Identität allenfalls glaubhaft machen kann. Nur Aus-
weispapiere wie Pass oder Identitätskarte gelten als hinreichend zur Fest-
stellung der Identität und der Staatsangehörigkeit, wobei absolute Sicher-
heit nur bei einem etablierten Personenstandswesen im Herkunftsland so-
wie der Möglichkeit, dort Informationen einzuholen, besteht. Eine Geburts-
urkunde stellt keinen Identitätsausweis beziehungsweise kein Identitätspa-
pier im Sinne von Art. 1a Bst. c der Asylverordnung 1 (AsylV 1, SR 142.311)
dar.
8.5.2 Es ist mit dem SEM darauf hinzuweisen, dass in B._ selbst
amtliche Dokumente wie Geburtskunden problemlos käuflich erworben
werden können, was den Beweiswert der eingereichten Dokumente min-
dert. So hat auch E._ als nicht mit dem Beschwerdeführer ver-
wandte Person die "Certified True Copy Delayed/BC/2014" gegen Zahlung
einer Gebühr erhalten können, wie er in seinem Gutachten ausführte und
belegte (vgl. S. 16 des Gutachtens). In den obigen Ausführungen wurde im
Übrigen bereits auf die im Beschwerdeverfahren (...) festgestellten Unge-
reimtheiten im Zusammenhang mit den eingereichten Geburtsurkunden
hingewiesen (vgl. damaliges Urteil E. 4.3).
Das SEM hat des Weiteren zutreffend auf verschiedene Auffälligkeiten des
als Foto eingereichten "Stammblattes" hingewiesen. Die Kritik in der Be-
schwerde (vgl. S. 27), dass das SEM zur Prüfung der Authentizitär nicht
den als Kontaktperson angegebenen "Deputy Chief Registrar of Birth and
Death Records" kontaktiert habe, schlägt bereits wegen der leichten Er-
hältlichkeit amtlicher Dokumente in B._ und der nicht zu leugnen-
den Korruption fehl. Dies gilt ebenso hinsichtlich des Vorwurfes der fehlen-
den Kontaktaufnahme bezüglich anderer amtlicher Dokumente, da Gefäl-
ligkeitsabsprachen nicht ausgeschlossen werden können. Das SEM wies
sodann zu Recht darauf hin, dass es merkwürdig erscheint, dass der Nach-
bar (P._) als nicht verwandte Person einen solchen Eintrag im Ge-
burtsregister habe veranlassen können. Zudem hat nach den Angaben des
Beschwerdeverfahrens (...) im zweiten Asylverfahren damals der Vater des
Beschwerdeführers die eingereichte Original-Geburtsurkunde "Delayed
BC/2009" beschafft, nicht der Nachbar, über den nur der Kontakt zur Fami-
lie hergestellt worden und der Versand erfolgt sein soll (vgl. (...), Schreiben
des Beschwerdeführers vom 16. April 2015, act. 9). Die "Delayed
D-7372/2018
Seite 26
BC/2009", angeblich vom Vater beschafft, wies das Ausstellungsdatum (...)
auf, das gleiche Datum, das auch auf dem "Stammblatt" als Datum der
Registrierung der Geburt eingetragen ist. Abgesehen vom sonderbaren
Umstand, dass die Geburtsregistrierung durch den Nachbarn und nicht
durch den Vater erfolgt sein soll, fällt auch auf, dass diese Registrierung
(...) Jahre nach der Geburt vorgenommen worden sein soll; der zeitliche
Zusammenhang mit dem damaligen Beschwerdeverfahren ist offensicht-
lich. Es fragt sich in diesem Zusammenhang, warum der Beschwerdeführer
nicht bereits im damaligen Beschwerdeverfahren ein Foto dieses "Stamm-
blattes" eingereicht hat. In der Beschwerde wird nun sogar behauptet, ne-
ben dem Nachbarn sei auch die Mutter des Beschwerdeführers bei der
Geburtsregistrierung am (...) und für die Abgabe des Affidavits anwesend
gewesen (vgl. Beschwerdeschrift vom 24. Januar 2019, S. 28). Dies er-
staunt insofern, da im damaligen Beschwerdeverfahren die am gleichen
Datum ausgestellte Geburtsurkunde vom Vater beschafft worden sein soll
(siehe oben), also weder vom Nachbarn, der diese nur verschickt hatte,
noch von der Mutter. Eine Anwesenheit der Mutter wurde im Zusammen-
hang mit den beschafften Geburtsnachweisen im damaligen Beschwerde-
verfahren nicht erwähnt (vgl. Beschwerdedossier (...), Eingabe vom 16. Ap-
ril 2015, act. 9).
Ebenso weist das SEM zu Recht darauf hin, dass es nicht der rechtmässi-
gen Vorgehensweise der nachträglichen Registrierung von Geburten ent-
sprechen dürfte, dass eine solche Registrierung durch die eidesstattliche
Erklärung eines Nachbarn erfolgt sein soll. Vielmehr dürfe eine später als
ein Jahr nach der Geburt vorgenommene Registrierung "only on an order
made by the Chief Registrar after verifying the correctness of the birth or
death and on payment of the prescribed fee" erfolgen. (vgl. The Births and
Deaths Registration Act 1983, Art. 18 Abs. 2,
https://data.unicef.org/wp.../(...)_birthreg_1983_en.pdf, zuletzt konsultiert
am 16. September 2020).
Insgesamt bezweifelt auch das Gericht, wie bereits das SEM in seiner Ver-
fügung, dass das "Stammblatt" auf rechtmässigem Weg erstellt wurde,
weshalb es nicht geeignet ist, die Geburt des Beschwerdeführers in
B._ glaubhaft zu machen.
8.6 Auch dem im vorliegenden Verfahren eingereichten Geburtszertifikat,
der "Certified True Copy Delayed/BC/2014" (vgl. act. D17 Nr. 1, Beweismit-
tel 10), hat das SEM zu Recht den Beweiswert abgesprochen, wobei sich
das SEM – entgegen den Behauptungen in der Beschwerde – sowohl mit
D-7372/2018
Seite 27
der Geburtsurkunde als auch dem "Stammblatt" auseinandergesetzt hat
(vgl. act. D28, S. 12, 13). Auf eine Kontaktaufnahme mit "Deputy Chief Re-
gistrar of Birth and Death Records" durfte das SEM aus den bereits vorste-
hend dargelegten Gründen verzichten.
Da bereits dem "Stammblatt" der Beweiswert abgesprochen wurde und die
"Certified True Copy Delayed/BC/2014" auf der Geburtsregistrierung vom
gleichen Tag (...) beruht, zumal auf dem Dokument der Geburtsurkunde
unten links auf die Seite 95 der Geburtsregistrierung verwiesen wird (vgl.
act. D17 Nr. 1, Beweismittel 10) und auch das "Stammblatt" auf der rechten
Seite, oben, die Seitennummer 95 verzeichnet ist (vgl. Foto 83 des USB-
Sticks, act. D17 Nr. 1), ist auch beim eingereichten Geburtszertifikat bereits
aus diesem Grund der Beweiswert fraglich.
Hinzu kommt, dass bereits im Beschwerdeverfahren (...) ein Geburtszerti-
fikat eingereicht worden war, bei dem es sich nach den Angaben des Be-
schwerdeführers um eine echte Originalurkunde gehandelt habe, und zwar
die nachträglich zugestellte Original-Geburtsurkunde "Delayed BC/2009"
(vgl. Beschwerdedossier (...), Eingabe vom 16. April 2015, act. 9). Auf die
neu eingereichte Geburtsurkunde trifft auch zu, was im Beschwerdeverfah-
ren (...) zur Geburtsurkunde (der "Delayed/BC/2009") gesagt wurde, näm-
lich dass es sich "um eine Urkunde handelt, die dem Beschwerdeführer auf
Bestellung und nach seinen Angaben ausgestellt wurde", weshalb sie als
Herkunftsnachweis nicht geeignet sei (vgl. Urteil (...) vom [Datum] E. 4.3).
Schliesslich hat E._ in seiner Eingabe selbst ausgeführt, er habe
die vorliegende Geburtsurkunde gegen Zahlung erwerben können (vgl.
Gutachten S. 16 zum Beweismittel 10).
Hinzuzufügen ist, dass auch gegen eine erst im (...) ausgestellt Geburts-
urkunde sowie Geburtsregistrierung spricht, dass der Beschwerdeführer in
der Erstbefragung ausgesagt hatte, er habe mit (...) Jahren eine Identitäts-
karte besessen (vgl. act. A4, S. 6). Demnach müsste ausgehend vom Ge-
burtsdatum (...) im Jahr 2009/2010 eigentlich eine Geburtsregistrierung
vom Beschwerdeführer vorgelegen haben, nicht erst im (...), wie im
"Stammblatt" eingetragen. So ist vorgesehen, dass «in order to obtain a
national identity card, applicants must be six years or older and provide one
of the following: a birth certificate, a B._ passport, a voter identifica-
tion card, or a naturalization certificate» (Canada: Immigration and Refu-
gee Board of Canada, B._: Birth certificates and national identity
cards, including requirements and procedures, appearance and security
D-7372/2018
Seite 28
features; document issued to replace a missing birth certificate; circum-
stances in which a Certified True Copy BC/)) is issued; prevalence of fraud-
ulent copies of these documents; whether the government has ever sus-
pended the issuance of birth certificates or other identity documents, 19.
Oktober 2015, abrufbar unter
https://www.refworld.org/docid/56af14734.html, zuletzt konsultiert am
16. September 2020).
Die neu eingereichte Geburtsurkunde ist demnach nicht geeignet, die Her-
kunft des Beschwerdeführers aus B._ beziehungsweise dessen (...)
Staatsangehörigkeit nachzuweisen beziehungsweise glaubhaft zu ma-
chen.
8.7 Auch die anderen eingereichten Dokumente, die dem Nachweis der
Herkunft des Beschwerdeführers dienen sollen, sind nicht geeignet, seine
Herkunft beziehungsweise Sozialisation in B._ glaubhaft zu ma-
chen.
8.7.1 Soweit in der Beschwerde kritisiert wird, dass SEM dürfe nicht kate-
gorisch die Authentizität der (amtlichen) Dokumente anzweifeln, sondern
müsse die Kontaktangaben zu Amtsinhabern nutzen, um die Echtheit der
Dokumente zu prüfen, ist dem zu widersprechen und auf die obigen Erwä-
gungen zu verweisen.
Das SEM hat sich beispielsweise in seiner Verfügung ausführlich mit den
eingereichten Bestätigungsschreiben des "Chairman" des Distriktes
F._ und des Oberhäuptlings des Stammfürstentums ("...") (3 und 4-
Beilagen der Eingabe vom 20. Februar 2017) auseinandergesetzt (vgl. act.
D28, S. 6). Hierbei hat es zu Recht auf Unstimmigkeiten hingewiesen, näm-
lich den in den Schreiben aufgeführten Herkunftstort M._ statt
U_ (wie im Gesuch vom 20. Februar 2017), wobei in der Be-
schwerde, wie bereits vorstehend erwähnt, als eigentlicher Herkunftsort
neben U_ noch V_ genannt wurde. Auch widerspricht der in
den Beweismitteln 3 und 4 aufgeführte Ausreisezeitpunkt November 2011
dem Ausreisezeitpunkt Februar 2012, den der Beschwerdeführer bei der
Asylgesuchstellung am 24. März 2012 genannt hatte (vgl. act. A4, S. 9).
Zudem ist unklar, wieso der Beschwerdeführer dem "Chairman" oder dem
"Oberhäuptling" in dem grossen Distrikt persönlich bekannt sein sollte und
sie eigene Kenntnisse über den Ausreisezeitpunkt haben sollten. Auch mit
D-7372/2018
Seite 29
dem Stammdatenblatt und der Geburtsurkunde hat sich das SEM einge-
hend befasst (vgl. act. D28, S S. 12, 13) und nicht kategorisch, wie behaup-
tet, die Authentizität abgelehnt (vgl. vorstehende Ausführungen).
8.8 Die mit der Beschwerde eingereichte Kopie einer "Voter ID Registration
Card" des (vermeintlichen) Onkels des Beschwerdeführers (Beweismittel
24 der Beschwerdeschrift vom 24. Januar 2019) vermag, abgesehen da-
von, dass sie nur als Kopie eingereicht wurde, ebenfalls keinen Beweiswert
zu entfalten, mangelt es doch bereits an Identitätsnachweisen des Be-
schwerdeführers und des Onkels.
8.9 Dass die eingereichten Fotos von Personen, Örtlichkeiten und Einrich-
tungen, Videos und Angaben von Kontaktpersonen sowie die Behand-
lungskarte der Mutter und der (...) des Beschwerdeführers keine geeigne-
ten Beweismittel zum Identitätsnachweis darstellen, hat das SEM in der
Verfügung begründet (vgl. act. D28, S. 6, 14), wobei auf diese zutreffenden
Erwägungen zu verweisen ist. Hinsichtlich der Behandlungskarte der
(...)klinik hat das SEM zu Recht betont, es sei bereits stossend, dass ein
Spital einer Drittperson Originalakten einer anderen Person ausgehändigt
haben solle (vgl. act. D28, S. 6). Zudem hat das SEM, ebenso wie die Sek-
tion Lingua in ihrer Stellungnahme vom 22. Mai 2018 (vgl. act. D18, S. 5),
mehrfach zu Recht betont, dass die Abklärungen und demnach auch Be-
schaffung der Beweismittel durch E._ bereits insofern mit Fragezei-
chen behaftet sind, da er als eine wohlgesinnte Person mit der Einstellung
nach B._ gereist und seine Abklärungen vorgenommen habe, um
dem Beschwerdeführer zu helfen. Es liege demnach keine Objektivität und
Neutralität vor. Wie oben aufgeführt, ist auch die Rolle des helfenden Nach-
barn P._ angesichts dessen, dass über ihn bereits unechte Beweis-
mittel im zweiten Asylverfahren eingereicht wurden (siehe oben), unklar.
Auch wenn in der Beschwerde der Vorwurf der Absurdität erhoben wird
hinsichtlich dessen (vgl. S. 29 der Beschwerde vom 24. Januar 2019), dass
das SEM die Möglichkeit anführt, die Videosequenzen mit Kontaktperso-
nen, wie dem "(...) Officer", oder die Aufnahmen der Familienmitglieder mit
den Dialogen könnten vorgängig abgesprochen worden sein (vgl. act. D28,
S. 13), so ist dieser Umstand möglicher Gefälligkeitshandlungen nicht von
der Hand zu weisen.
Ein familiäres Netz kann mit den Fotos und Videos ohnehin nicht nachge-
wiesen werden, mangelt es doch sowohl beim Beschwerdeführer als auch
bei den vermeintlichen Familienmitgliedern an den entscheidenden Identi-
tätsnachweisen.
D-7372/2018
Seite 30
8.10 Soweit der Beschwerdeführer behauptet, die Ablehnung des Be-
schwerdeführers durch die (...) Delegation Ende Juli 2014 sei nicht hilf-
reich, da die Geburtsurkunde zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgelegen
habe, ist auf die Ausführungen im Urteil (...) hinzuweisen, wonach die Echt-
heit der in diesem Verfahren eingereichten Geburtsurkunde bezweifelt
wurde. Die leichte Erhältlichkeit amtlicher Dokumente in B._ und
die somit bereits fragliche Aussagekraft eben dieser dürfte im Übrigen auch
einer Delegation des Landes bekannt sein. Die Ablehnung durch die Dele-
gation aus B._ beruhte im Übrigen nicht auf fehlenden Identitäts-
nachweisen, sondern auf dem persönlichen Eindruck während des Inter-
views, insbesondere die Sprache und den Inhalt des Gesprächs betreffend
(vgl. act. V11/1).
8.11 Die Kritik des Beschwerdeführers am Lingua-Gutachten unter Ver-
weis auf die Eingaben von E._, insbesondere dessen Gutachten,
konnte nicht überzeugen, wobei vollumfänglich auf die Verfügung des SEM
zu verweisen ist (vgl. act. D28, S. 10, 11).
8.11.1 Der Beschwerdeführer konnte die im Lingua-Gutachten von Novem-
ber 2013 getroffene Feststellung, dass das Sprachprofil des Beschwerde-
führers, wonach dieser Englisch spreche, aber kein J._, der lingu-
istischen Situation in B._ widerspreche, da dort J._ norma-
lerweise vor Englisch erlernt werde und Englisch nur in Verbindung mit
Schulbildung, wobei der Beschwerdeführer aber angegeben habe, nie zur
Schule gegangen zu sein, nicht entkräften.
Die Behauptung in der Beschwerde, der Beschwerdeführer besitze Passiv-
kenntnisse in J._ (vgl. E. 8.1 sowie S. 15 der Beschwerde), erklärt
seine mangelnden Aktiv-Sprachkenntnisse nicht. Mit dem SEM ist es als
unerheblich anzusehen, wie hoch der genaue prozentuale Anteil der
J._-sprechenden Bevölkerung ist, ob es 85 Prozent der Bevölke-
rung sind oder weniger, da der überwiegende Teil der Bevölkerung dieser
Sprache mächtig ist und es sich insbesondere um die dominante Sprache
der jüngeren Generation handelt (vgl. Würdigung der Sektion 22. Mai 2018,
act. D18, S. 3, 4). Das SEM weist auch zu Recht auf die Anmerkungen der
Sektion Lingua hin, dass die (angeblichen) Familienmitglieder anscheinend
J._ sprechen (vgl. S. 11 der angefochtenen Verfügung).
8.11.2 Die vorhandenen Englisch-Kenntnisse vermag der Beschwerdefüh-
rer im Zusammenhang mit seiner Sozialisation ebenfalls nicht zu erklären.
D-7372/2018
Seite 31
Die (verspätet vorgebrachte) Behauptung, die Englischkenntnisse beruh-
ten auch auf dem mehrjährigen Einfluss des (...) Englisch eines Wohnpart-
ners in der Schweiz (vgl. Beschwerdeschrift vom 24. Januar 2019, S. 18),
können bereits deshalb nicht überzeugen, da das Interview bereits im Ok-
tober 2013 stattfand und nicht erst Jahre nach der Einreise in die Schweiz.
Da das Englische in B._ die Funktion einer Bildungs- und Verwal-
tungssprache hat (Würdigung der Sektion Lingua vom 22. Mai 2018, vgl.
act. D18, S. 2), der Beschwerdeführer aber seinen Angaben gemäss "land-
wirtschaftlich, und zwar ganz im Sinne der Subsistenzwirtschaft" lebte (vgl.
S. 16 der Beschwerde vom 24. Januar 2019), "oft allein war" und "wenig
soziale Kontakte" hatte (S. 16 der Beschwerde vom 24. Januar 2019), wo-
bei er gemäss den Angaben im rechtlichen Gehör (vgl. act. A28) nie zur
Schule ging, können demnach die Englischkenntnisse nicht erklärt werden.
Nur der "Genuss des Radiohörens" (vgl. S. 18 der Beschwerde) vermag
die Englischkenntnisse nicht zu begründen, zumal sich das nicht mit dem
bemühten "Stereotyp der hinsichtlich der kognitiven Fähigkeiten be-
schränkten (...) Landbevölkerung" (vgl. Würdigung der Sektion Lingua vom
22. Mai 2018, act. D18, S. 8), das E._ in seiner Argumentation ver-
wendete (vgl. Gutachten S. 11, act. D17 Nr. 1), vereinbaren lässt. Auch die
Behauptung, der Beschwerdeführer habe seine Englischkenntnisse auch
dadurch erworben, dass er wie sein Onkel W._ mit den eigenen (...)
Handel getrieben habe und hierbei Englisch gelernt habe (vgl. Gutachten
S. 7, act. D17 Nr. 1), passt nicht dazu, dass der Beschwerdeführer wenig
soziale Kontakte gehabt haben will, immer auf der Farm und nie auf dem
Markt gewesen sei und gar kein Geld besessen habe (vgl. Stellungnahme
des Beschwerdeführers zur Lingua-Analyse im Rahmen des rechtlichen
Gehörs vom 19. November 2013, act. A28, S. 1).
8.11.3 Hinsichtlich der Kritik von E._ in seiner Stellungnahme von
Juli 2018 (vgl. act. D17 Nr. 5 S. 10), dass das zweite Gespräch zur
X._[Sprache]-Analyse erst Jahre nach der Flucht durchgeführt wor-
den sei, ist nochmals zu betonen, dass die vom Experten I._ ange-
fertigte Aktennotiz zu den X._[Sprache]-Kenntnissen des Be-
schwerdeführers nicht auf einem im Jahr 2016 durchgeführten Interview
beruhte, sondern auf der Aufnahme des Interviews vom 24. Oktober 2013.
Auch die im Lingua-Gutachten vom 4. November 2013 festgestellten feh-
lenden landes-kulturellen Kenntnisse von seiner geltend gemachten Her-
kunftsregion konnte der Beschwerdeführer nach wie vor nicht überzeugend
erklären. Im Rahmen des Lingua-Interviews wird nicht ein Spezial-Wissen
geprüft, vielmehr werden die Themen den Angaben des Probanden, mithin
D-7372/2018
Seite 32
dem Wissen und den Gegebenheiten der befragten Person angepasst (vgl.
act. D18 S. 2), so im Falle des Beschwerdeführers bei den Fragen zu Es-
sen, Fussball, Geographie etc. (vgl. act. D28, S. 11). Die Nennung einer
typischen Speise oder einer Person des kulturellen oder sportlichen Le-
bens konnte beispielsweise vom Beschwerdeführer erwartet werden (vgl.
Gewährung des rechtlichen Gehörs 12. November 2013, vgl. act. A25,
S. 2). Nicht Gegenstand einer Lingua-Analyse sind hingegen die Würdi-
gung von Beweismitteln wie Geburtsurkunden oder medizinischen Be-
handlungskarten, weshalb sich auch die Würdigung der Sektion Lingua
vom 22. Mai 2018 nicht auf alle Punkte des "Gutachtens" von E._
bezieht (vgl. act. D18, S. 1), sondern nur auf solche, die sie sprachlichen
Fähigkeiten und landeskundlich-kulturellen Kenntnisse betreffen.
8.12 Soweit Sachverhaltsergänzungen zur Integration und Entdeckung der
Homosexualität als integralen Bestandteil der Identität geltend gemacht
und diesbezügliche Beweismittel der Beschwerde Nachweise zur erfolgrei-
chen Integration beigebracht werden (siehe insbesondere Beilagen 19-22
der Beschwerde vom 24. Januar 2019), ist darauf hinzuweisen, dass diese
Punkte nicht Gegenstand des qualifizierten Wiedererwägungsgesuches
sind, in dem es um die ursprüngliche Fehlerhaftigkeit der Verfügung in Be-
zug auf die Herkunft, den Identitätsnachweis des Beschwerdeführers geht,
nicht um möglichen Gründe, die dem Wegweisungsvollzug entgegenste-
hen. Im Übrigen gilt weiterhin, wie schon in der unangefochten gebliebenen
Verfügung von November 2013, dass mangels gesicherter Angaben über
den Herkunftsstaat keine Prüfung des Vorliegens allfälliger Vollzugshinder-
nisse vorgenommen werden kann, der Vollzug der Wegweisung in das ver-
heimlichte Herkunftsland somit als zulässig, zumutbar und möglich zu er-
achten ist.
8.13 Die vom Beschwerdeführer gestellten Beweisanträge sind aus den
folgenden Gründen abzuweisen:
8.13.1 Der Antrag bezüglich der Einholung eines Obergutachtens wurde
bereits abgewiesen (vgl. E. 6.4.4.1). Es besteht auch keine Veranlassung,
einen neuen Lingua-Sachverständigen das damalige Interview beurteilen
zu lassen, da seitens des Gerichts – trotz der vorgetragenen Kritik – kein
Anlass für Zweifel an der Neutralität und oder Objektivität der Lingua-Ana-
lyse beziehungsweise den damit befassten Personen besteht. Ebenso wird
der Antrag auf Einholung einer DNA-Analyse mangels Vorliegens entspre-
chender Identitätsnachweise der vermeintlichen Mutter sowie des Be-
schwerdeführers abgewiesen (siehe oben). Es erschliesst sich angesichts
D-7372/2018
Seite 33
seiner umfassenden Eingaben nicht, wieso E._ als Zeuge vernom-
men werden sollte, neue Erkenntnisse sind nicht zu erwarten, weshalb der
Antrag ebenfalls abgewiesen wird.
8.13.2 Auch der Antrag auf Anhörung des Beschwerdeführers zu seiner
Homosexualität wird abgewiesen. Grundsätzlich wird ein Wiedererwä-
gungsgesuch im Aktenverfahren ohnehin ohne erneute Anhörung der ge-
suchstellenden Person entschieden (vgl. BVGE 2014/39 E. 4.3). Vorlie-
gend erübrigte sich eine Anhörung des Beschwerdeführers zu seiner Ho-
mosexualität auch deshalb, da angesichts seiner nach wie vor unbekann-
ten Herkunft die Homosexualität nicht von Relevanz sein kann, weil Voll-
zugshindernisse bezüglich hypothetischer Herkunftsländer nicht abzuklä-
ren sind (vgl. bereits Urteile des Bundesverwaltungsgerichtes (...) vom [Da-
tum]).
8.13.3 Der Antrag auf Akteneinsicht in die gesamten Akten des SEM, auch
bezüglich einer möglichen Kommunikation zwischen SEM und EDA wegen
des DNA-Abgleichs, wird abgewiesen. Dem Beschwerdeführer bezie-
hungsweisen dem seit dem 25. August 2015 bevollmächtigten Rechtsver-
treter wurde nämlich bereits mit Verfügung vom 27. August 2015 umfas-
send Akteneinsicht in die Akten des ersten und zweiten Asylverfahrens ge-
währt (vgl. act. B15), auch in bereits bekannte und unwesentliche Akten.
Dies war für ihn Anlass, am 6. Oktober 2015 ein Wiedererwägungsgesuch
zu stellen, in dem er festhielt, ihm sei Akteneinsicht gewährt worden (vgl.
act. C1, S. 1). Es besteht also kein Anlass, ihm erneut Akteneinsicht zu
gewähren.
9.
Zusammenfassend hat die Vorinstanz in ihrer angefochtenen Verfügung
vom 15. Januar 2018 eingehend und zutreffend dargelegt, wieso sie zum
Schluss gelangte, es lägen keine Gründe vor, welche die Rechtskraft der
Entscheide in den vorgelagerten Verfahren beseitigen könnten, weshalb
auch der Wegweisungsvollzug weiterhin als zulässig, zumutbar und mög-
lich zu erachten ist. Es ist dem Beschwerdeführer nicht gelungen, mit dem
eingereichten ausserordentlichen Rechtsmittel eine andere Beurteilung
herbeizuführen. Es erübrigt sich, auf den weiteren Inhalt der Eingaben des
Beschwerdeführers und die eingereichten Beweismittel noch näher einzu-
gehen, da sie zu keinem anderen Ergebnis zu führen vermögen.
D-7372/2018
Seite 34
10.
Mit dem vorliegenden Entscheid ist das Gesuch um Gewährung der auf-
schiebenden Wirkung gegenstandslos. Der am 28. Dezember 2018 ange-
ordnete Vollzugsstopp fällt mit diesem Urteil dahin.
11.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig sowie
vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit da-
rauf einzutreten ist.
12.
12.1
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde-
führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das mit Eingabe vom 4. Mai
2020 gestellte Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung
im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG ist gutzuheissen, folglich sind keine Ver-
fahrenskosten aufzuerlegen.
12.2 Mit Eingabe vom 4. Mai 2020 ersuchte der Beschwerdeführer um Bei-
ordnung des rubrizierten Rechtsvertreters als unentgeltlicher Rechtsbei-
stand.
Dazu ist festzustellen, dass im Rahmen von Wiedererwägungsverfahren
unter den in Art. 65 Abs. 1 VwVG umschriebenen Voraussetzungen eine
unentgeltliche Rechtsbeiständin oder ein unentgeltlicher Rechtsbeistand
bestellt wird, wenn es zur Wahrung der Rechte der Partei notwendig ist
(aArt. 110a Abs. 2 AsylG i.V.m. 65 Abs. 2 VwVG). Ausschlaggebend ist da-
bei das Kriterium, ob die Beschwerde führende Partei zur Wahrung ihrer
Rechte notwendigerweise der professionellen juristischen Hilfe eines An-
waltes bedarf (vgl. dazu BGE 128 I 225 E. 2.5.2 S. 232 f.; 122 I 49 E. 2c
S. 51 ff.; 120 Ia 43 E. 2a S. 44 ff.). In Verfahren, welche – wie das vorlie-
gende – vom Untersuchungsgrundsatz beherrscht sind, sind strenge Mas-
sstäbe an die Gewährung der unentgeltlichen Verbeiständung anzusetzen
(vgl. EMARK 2000 Nr. 6 sowie BGE 122 I 8 E. 2c S. 10). Im asylrechtlichen
Beschwerdeverfahren sind besondere Rechtskenntnisse zur wirksamen
Beschwerdeführung im Regelfall nicht unbedingt erforderlich. Aus diesen
Gründen wird die unentgeltliche Verbeiständung im Sinne von Art. 65
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Abs. 2 VwVG praxisgemäss nur in den besonderen Fällen gewährt, in wel-
chen in rechtlicher oder tatsächlicher Hinsicht erhöhte Schwierigkeiten be-
stehen.
Das vorliegende Verfahren erscheint weder in tatsächlicher noch in recht-
licher Hinsicht besonders komplex, weshalb das Gesuch um unentgeltliche
Rechtsverbeiständung im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG abzuweisen ist.
(Dispositiv nächste Seite)
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