Decision ID: 365e2eb7-cb45-47fb-a4ff-6fbc5a5398dc
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1987 geborene
X._
absolvierte
vom 26. Oktober 2009 bis 19. März 2010
die
Rekrutenschule (Urk. 7/8.1)
. Nachdem er bereits
am 11.
März
2010
wegen
ungerichteten
Schwindels, leichter Übelkeit sowie leichte
r
Gefühls
störungen in beiden Armen den Truppenarzt auf
gesucht hatte
(Urk. 7/
51 S. 2
)
, melde
te
er sich nach dem Dienst a
m
14. Juni 2010 – unter Hinweis auf eine wegen Ohrenschmerzen und Schwindels seit 23. März 2010 bestehende 100%ige Arbeitsunfähigkeit - bei der Militärversicherung an (Urk. 7/8). Diese anerkannte mit Schreiben vom 9. Juli 2010 (Urk. 7/9) ihre Leistungspflicht
für die
gemel
deten Leiden. Nach
dem sie (weitere)
medizinische Abklärungen
getroffen und den Versicherten am 2. Februar 2011 von
med.
pract
.
Y._
, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie
,
hatte
begutachten lassen (Urk. 7/38, Urk. 7/43)
,
teilte
sie
ihm
mit Vorbescheid vom 24. Juni 2011
(Urk. 7/46)
mit, dass
kein Anspruch auf
Leistungen im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheitsstörung (Verdacht auf Schizophrenie) bestehe
; die bis 31. Dezember 2010 an
gefallenen Untersuchungs- und Behandlungskosten würden indes übernommen
.
Nachdem der Versicherte
hiegegen
opponiert hatte (Urk.
7/49.1), verfügte die Mili
tärversicherung am 12. Juli 2011
die Ablehnung der Haftung für die psychische Gesundheitsschädigung vorbehältlich der bis 31. Dezember 2010 ange
fallenen Untersuchungs- und Behandlungskosten (
Urk
7/50). Daran hielt sie
– nach Einholung einer
vom 26. März 2012 datierenden
versicherungs
psychiatrischen
Beurteilung von Dr. med.
Z._
, Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie (Urk. 7/56) - a
uf Einsprache
(Urk. 7/51, Urk. 7/53)
der
avanex
Versicherungen AG (
avanex
)
als Krankenversicherer von
X._
-
am 29. Mai 2012 fest (Urk. 2).
2.
Gegen diesen
Einspracheentscheid
(Urk. 2) erhob die
a
vanex
am 12. Juli 2012 mit folgenden Anträgen Beschwerde (Urk. 1 S. 2):
„1.
Die Beschwerde sei gutzuheissen, und der
Einspracheentscheid
vom 29. Mai 2012 und die Verfügung vom 12. Juli 201
1
seien aufzuheben.
2.
Die Beschwerdegegnerin habe die gesetzlichen MVG-Leistungen zu er
bringen.“
Die Militärversicherung schloss am 17. August 2012 auf Abweisung der Be
schwerde (vgl. Beschwerdeantwort, Urk. 6). Der mit Verfügung vom 22. August 2012 (Urk. 8) zum Prozess beigeladene Versicherte teilte am 8. Oktober 2012 sowohl dem hiesigen Gericht als auch der Militärversicherung mit, dass er wei
terhin an – im Militär ausgelösten – Angstzuständen und Panikattacken leide; der Fall sei daher nochmals zu prüfen (Urk. 12, Urk. 15/6).
In der Folge bean
tragte die Militärversicherung mit Eingabe vom 18. Januar 2013 (Urk. 14), das
Gericht habe die Edition des ausführlichen Austrittsberichtes der
K
linik
A._
von April/Mai 2012 zu veranlassen. Nachdem der Versi
cherte
– auf entsprechende Verfügung vom 1
2.
März 2013 (
Urk.
16) hin –
die Ärzte der
K
linik
A._
gegenüber dem hiesigen Gericht vom Berufsgeheimnis entbunden und einen Arztbericht der
psychiatrischen Klinik B._
vom 12. März 2013 (Urk. 19) eingereicht hatte (Urk. 18), wurde mit Verfügung vom 20. März 2013 (Urk. 20) der Aus
trittsbericht der K
linik
A._
vom 14. Mai 2012 (Urk. 22) einge
holt. Mit Eingabe vom 4. (Urk. 25) beziehungsweise 26. April 2013 (Urk. 26) äusserten sich die
avanex
und die Militärversicherung dazu; der Beigeladene verzichtete auf eine Stellungnahme (Urk. 23, Urk. 24/1).
Auf die Ausführungen der
Verfahrensbeteiligten
und die eingereichten
Unterla
gen ist, soweit für die
Entscheidfindung
erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen einzugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 5 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Militärversicherung (MVG) erstreckt sich die Haftung der Militärversicherung auf jede Gesundheitsschädigung, die während des Dienstes in Erscheinung tritt und gemeldet oder sonst wie festgestellt wird. Die Militärversicherung haftet nicht, wenn sie den Beweis erbringt, dass die Gesundheitsschädigung sicher vordienstlich ist oder sicher nicht während des Dienstes verursacht werden konnte (Art. 5 Abs. 2
lit
. a MVG), und wenn sie zusätzlich den Beweis erbringt, dass die Gesundheitsschädigung sicher während des Dienstes weder verschlimmert noch in ihrem Ablauf beschleunigt worden ist (Art. 5 Abs. 2
lit
. b MVG). Wird der nach
Absatz
2
Buchstabe a geforderte Beweis erbracht, dagegen nicht der
jenige nach Absatz 2 Buchstabe b, so haftet die Militärversicherung für die Verschlimmerung der Gesundheitsschädigung (Art. 5 Abs. 3 MVG).
Wird die Gesundheitsschädigung erst nach Schluss des Dienstes durch einen Arzt, Zahnarzt oder
Chiropraktor
festgestellt und bei der Militärversicherung angemeldet, so haftet die Militärversicherung nur, wenn die Gesundheitsschädigung mit überwiegender Wahrscheinlichkeit während des Dienstes verursacht worden ist. Die Militärversicherung haftet auch insoweit, als eine vordienstliche Gesundheitsschädigung wahrscheinlich durch Einwirkungen während des Dienstes verschlimmert worden ist oder wenn es
sich mit überwiegender Wahr
scheinlichkeit um Spätfolgen oder Rückfälle einer versicherten Gesundheitsschädigung handelt (Art. 6 MVG).
Laut Art. 64 MVG werden die Leistungen angemessen gekürzt, wenn die versi
cherte Gesundheitsschädigung nur teilweise auf Einwirkungen während des Dienstes zurückgeht.
1.2
Die eine Haftung begründende Verschlimmerung kann auslösender Natur sein, indem sie eine latente Gesundheitsschädigung in eine klinisch manifeste Form überführt, oder sie kann eine klinisch manifeste Gesundheitsschädigung un
günstig beeinflussen. Im zweiten Fall kann die vorbestandene Gesundheitsschädigung stationär oder labil (allenfalls auch progredient) gewesen sein. Die Ver
schlimmerung selbst kann vorübergehend oder dauernd sein; sie kann auch richtunggebend sein. Ist die Verschlimmerung dauernd (oder richtunggebend), haftet die Militärversicherung auf unbestimmte Zeit, ist sie lediglich vorüberge
hend, kann die Haftung befristet werden. Voraussetzung für eine zeitliche Be
grenzung der Haftung ist, dass die Verschlimmerung mit Sicherheit behoben ist (vgl. Jürg
Maeschi
, Kommentar zum Bundesgesetz über die Militärversicherung, Bern 2000, N 40 und N 41 zu Art. 5 MVG mit Hinweisen). Die Verschlimmerung gilt als behoben, wenn der "Status quo ante" (Gesundheitszustand, in welchem sich der Versicherte vor dem Dienst befunden hat) oder der "Status quo sine" (Gesundheitszustand, in welchem sich der Versicherte befinden würde, wenn er den Einwirkungen während des Dienstes nicht ausgesetzt gewesen wäre) er
reicht ist (
Maeschi
, a.a.O., N 41 zu Art. 5 MVG mit Hinweisen).
1.3
Die Haftung gemäss Art. 4 und 5 MVG einerseits sowie Art. 6 MVG anderseits unterscheidet sich darin, dass im ersten Fall der adäquate Kausalzusammen
hang zwischen den Einwirkungen während des Dienstes und der Gesundheitsschädigung vermutet wird und nur durch den gegenteiligen Sicherheitsbeweis ausge
schlossen werden kann, während im zweiten Fall das Vorliegen adäquat kausa
ler Folgen von Einwirkungen während des Dienstes erstellt sein muss (BGE 111 V 372 E. 1b, 105 V 229 E. 3a mit Hinweisen).
1.4
Für psychische Leiden mit Krankheitswert haftet die Militärversicherung, wenn
sie
selber die Haftungsvoraussetzungen nach Art. 5 ff. MVG erfüll
en
oder die adäquat kausale Folge einer versicherten Gesundheitsschädigung (Unfall oder Krankheit) sind (
Maeschi
, a.a.O., N 28 zu Art. 4 MVG mit Hinweisen)
.
2.
2.1
Die Militärversicherung begründete die Leistung
sverweigerung
im Wesentlichen
damit,
dass
schon
fraglich sei, ob die psychische Symptomatik
bereits
während des Dienstes
bestanden habe (Urk. 6 S. 3
f.
).
Bei der differentialdiagnostisch festgestellten
schizophrenieformen
psychotischen Störung handle es sich
so
dann
um eine
schubweise auftretende
Krankheit;
die
se sei
weder dienstlich ver
ursacht noch verschlimmert worden.
Selbst wenn man von Gegenteiligem aus
gehe, bestehe eine Haftung nur für den – spätestens bis September 2010 wieder behoben gewesenen – Schub und nicht etwa
für die
in keinem natürlich und adäquat kausal
en Zusammenhang zur RS stehende
Grundproblematik (Urk. 2 S. 6 f
f
.
, Urk. 6 S. 3
).
Sofern die psychischen Beschwerden im Rahmen einer
somatoformen
Schmerzstörung
beziehungsweise von akzentuierten Persönlichkeitszügen
und einer Panikstörung
, wie es die aktuellen Arztberichte naheleg
ten,
zu interpretieren seien,
fehle es
jedenfalls
an
dem
für eine Leistungspflicht erforderlichen
rechtsgenüglichen
Zusammenhang (Urk. 14 S. 1
, Urk. 26 S. 2 ff.
).
2.2
Die
avanex
stellte sich demgegenüber im Wesentlichen – unter Hinweis auf das Gutachten von
med.
pract
.
Y._
vom 28. März 2011 (Urk. 7/38) und die Beur
teilung von
Dr.
Z._
vom 26. März 2012 (Urk. 7/56) -
auf den Standpunkt, die psychische Gesundheitsstörung habe sich während des Dienstes erstmals manifestiert
. Seither habe sich die
Symptomatik
– vor dem Hintergrund der identischen und ohne Unterbruch persistierenden Gesundheitsschädigung –
weiter
entwickelt.
D
ie Militärve
rsicherung
sei daher
weiterhin leistungsp
flichtig dafür
(Urk. 1 S. 9 f., Urk. 25 S. 2)
. Deren Ausführungen betreffend fehlende Adäquanz seien insofern
unbehelflich
, als eine Adäquanzprüfung einen Unfall voraussetze; einen solchen habe der B
eigeladene indes
gar
nicht erlitten (Urk. 1 S. 9 f.).
2.3
Der Beigeladene schliesslich machte geltend, der Angstzustand und die Panikattacken seien im Militär ausgelöst worden; er habe die Symptomatik,
deretwegen
er nach wie vor in Behandlung stehe, damals falsch gedeutet (Urk. 12).
3.
3.1
Die Ärzte des S
pitals
C._
verordnete
n
am 25. Februar 2010
wegen
vestibulärer
Beschwerden
eine Serie Physiotherapie (Urk. 7/2).
Am 9. März 2010 gaben die Ärzte des
S
pitals
C._
an, der Beigeladene
klage
über Gleichgewichts-, Seh- und Gefühlsstörungen sowie mangelnde Kraft in den oberen Extremitäten (Urk. 7/52).
3.2
Der zuständige Truppenarzt hielt am 11. März 2010 fest,
der Beigeladene berichte über seit drei Wochen anhaltenden
ungerichteten
Schwindel, der insbe
sondere beim Drehen des Kopfs auftrete, und mit leichter Übelkeit ohne Erbre
chen einhergehe. Gestürzt sei er dabei noch nie. Während das Gehör unauffällig sei,
komme es
–
vor
allem beim Tragen des Rucksacks - in beiden Armen
zu
leichte
n
Gefühlsstörungen.
Es bestehe
der
Verdacht auf einen benignen paro
xysmalen Lagerungsschwindel (Urk. 7/51 S. 2).
3.3
Die Ärzte des
S
pitals
D._
, Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie, stellten gestützt auf die Ergebnisse ihrer ambulanten Untersu
chung vom 24. März 2010 am 29. April 2010 nachstehende Diagnose (Urk. 7/14.3):
Schwankschwindel
unklarer Ätiologie
aktuell keine Anhaltspunkte für peripher-
vestibuläre
Störung
Der Beigeladene habe angegeben, seit sieben Wochen unter einem
Schwankschwindel
und einem Druckgefühl in den Ohren zu leiden; gelegentlich trete zudem Nausea auf. Der Schwindel sei nicht positionsabhängig und daure den ganzen Tag an.
Überdies könne
sich der Patient
nicht richtig konzentrieren und verspüre einen Druck im Kopf. Die Untersuchungen hätten keinen pathologi
schen Befund ergeben (Urk. 7/14.3).
3.
4
Die am 18. April 2010 notfallmässig konsultierten Ärzte des
S
pitals
D._
, Klinik und Poliklinik für Innere Medizin, stellten am 19. April 2010 fol
gende Diagnosen (Urk. 7/14.2 S. 1):
Rezidivierender Schwindel und Kopfdruck unklarer Ätiologie
Polyglobulie
unklarer Ursache
Die neurologische Untersuchung habe einen normalen Befund ergeben.
3.
5
Med.
p
ract
.
E._
, Facharzt
FMH
für Chirurgie, Akupunktur, TCM (ASA), bescheinigte dem Beigeladenen
ab dem 23. März 2010 eine 100%ige Arbeits
unfähigkeit. Am
25. Juni 2010 schloss er die
Behandlung
ab (Urk. 7/7
; vgl. auch Urk. 7/12
).
3.
6
Am 21. Juli 2010 teilte med.
pract
.
E._
der Militärversicherung telefonisch mit, er sei am Tag zuvor wieder vom Beigeladenen konsultiert worden. Die zwischenzeitlich erfolgten – auch bildgebenden – Untersuchungen hätten keinen Befund ergeben, der den Schwindel erklärte. Eine Diagnose lasse sich nicht stellen. Das vom Beigeladenen
- rückwirkend für den ganzen Mai 2010 -
gewünschte Arbeitsunfähigkeitszeugnis habe er diesem nicht ausgestellt, sei doch die eigentliche Behandlung am 31. Mai 2010 abgeschlossen worden (Urk. 7/10).
In seinem Bericht vom 21. Juli 2010 (Urk. 7/14) hielt med.
pract
.
E._
fest, seit dem 1. Juni 2010 bestehe wieder eine 100%ige Arbeitsfähigkeit. Es sei eine Begutachtung angezeigt.
3.
7
Nachdem sie den Beigeladenen vom 30. März bis 15. Juni 2010 ambulant behan
delt hatten, stellten die Ärzte des
S
pitals
D._
, Klinik und Poliklinik für Innere Medizin, in ihrem Bericht vom 29. Juli 2010 folgende Diagnosen (Urk. 7/24.6):
Rezidivierender Schwindel und Konzentrationsschwäche unklarer Ätio
logie
Differentialdiagnose: im Rahmen von Angst und depressiven Sympto
men, gemischt
Angst und depressive Symptome, gemischt (ICD-10 F41.2), mit/bei
Verdacht auf hypochondrische Entwicklung
Arterielle Hypertonie
am ehesten essentiell, Differentialdiagnose
:
im Rahmen von Angst und depressiven Symptomen, gemischt
Polyglobulie
unklarer Ursache
Verdacht auf
atopisches
Ek
zem; Differentialdiagno
se: andere
Ekzemform
bei
ekzema
tiformer
HV Ellenbeuge rechts
Akne
vulgaris
Grund für die notfallmässige Konsultation sei eine Exazerbation der rezidivie
renden Schwindelsymptomatik und der Konzentrationsschwäche gewesen. Die Ergebnisse der diversen Untersuchungen legten eine psychische Ursache der
Beschwerden im
Sinne einer depressiven Symptomatik beziehungsweise einer Angststörung nahe (Urk
.
7/24.6 f.).
3.
8
Die Ärzte des
S
pitals
D._
, Klinik für Psychiatrie und Psychothera
pie, bei denen der Beigeladene vom 3. Mai bis 15. Juli 2010 in
ambulanter
Behandlung gestanden hatte, stellten in ihrem Abschlussbericht vom 28. September 2010 folgende Diagnosen (Urk. 7/33.1):
Anhaltende
somatoforme
Schmerzstörung, ICD-10 F45.4
Status nach Angst und depressiven Symptomen, gemischt, ICD-10 F41.2
Der Beigeladene leide an Schwindelgefühlen und stichartigen Kopfschmerzen; die körperlichen Untersuchungen hätten einen unauffälligen Befund ergeben. Während weiterhin ein Schon- und Vermeidungsverhalten bestehe, seien die Angst und die depressiven Symptome remittiert. Der Behandlungsabschluss sei aufgrund des Stellenwechsels des Patienten erfolgt; es sei ihm dringend emp
fohlen worden, sich – mit Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie – ambu
lant weiterbehandeln zu lassen.
3.
9
Gestützt auf die Ergebnisse der Untersuchung vom 2. Februar 20
1
1 stellte
med.
pract
.
Y._
in seinem Gutachten vom 28. März 2011 folgende Diagnosen (Urk. 7/38 S. 9):
Verdacht auf eine
schizophrenieforme
psychotische Störung, ICD-10 F20.8
Differentialdiagnose:
schizoaffektive
Störung, ICD-10 F25.0;
z
ur Zeit Sta
tus nach depressiver Episode
Da bis anhin keine
floride
(deutlich erkennbare) psychotische Störung vorgele
gen habe, könne erst eine Verdachtsdiagnose gestellte werden (Urk. 7/38 S. 9). Eine
schizophrenieforme
Störung zeichne sich in der Regel dadurch aus, dass klar sichtbare, eindeutig zuordenbare
Symptome erst im Verlauf der Erkrankung deutlich würden. Insofern stehe die Diagnose nicht im Wiederspruch zur ur
sprünglich festgestellten
somatoformen
Schmerzstörung. Aufgrund der anam
nestischen Angaben und des bisherigen Verlaufs sei davon auszugehen, dass die Symptomatik während der Rekrutenschule erstmals aufgetreten sei (Urk. 7/38 S. 10).
Die psychische Störung s
e
i nicht als Folge der Otalgie und der
Vertigo
zu interpretieren; vielmehr sei davon auszugehen, dass diese körperlichen Symp
tome mit der psychischen Beeinträchtigung zu erklären gewesen seien
(Urk. 7/38 S. 11)
.
3.
10
In Ergänzung zu seiner Expertise vom 28. März 2011 (Urk. 7/38) hielt med.
pract
.
Y._
am 26. April 2011
auf entsprechende Nachfrage der Militärversicherung (Urk. 7/42) fest, die psychische Symptomatik sei - in Form von Körperempfindungsstörungen (Druck im Kopf, Schwindel), damit verbundener Angst, Ratlosigkeit betreffend Erklärung für die Beschwerden, Verlust an Emotionen, kognitiven Störungen, Antriebslosigkeit und Depressivität – praktisch mit Sicherheit
erstmals
i
n der RS
aufgetreten
(Urk. 7/43 S. 1). Ob
auch
die Störung an sich
während des
Dienst
es manifest
geworden sei
, lasse sich erst im weiteren Verlauf sagen. Derzeit stehe noch nicht fest, unter welche Diagnose die Beein
trächtigung zu subsumieren sei (Urk. 7/43 S. 1 f.).
3.1
1
Dr. med.
F._
, Fachärztin FMH für Innere Medizin, Chefärztin Militärversicherung, gelangte in ihrer – auf den Akten beruhenden – Stellungnahme vom 9. Juni 2011 zum Schluss, dass
die aktuelle Symptomatik
nicht mehr im
Zusammenhang mit den im Dienst gemeldeten Beschwerden stehe.
Hinzuweisen sei darauf
, dass sich das Krankheitsbild der Schizophrenie mit ihren Unterformen in der Regel über viele Jahre, manchmal gar Jahrzehnte entwickle. Bei den während der RS aufgetretenen Beschwerden handle es sich höchstens um mög
liche Vorläufersymptome
, die im Zeitverlauf stark von
externen und internen modulierenden Faktoren abhängig seien und mit zunehmender Distanz zum Dienst kleiner würden
, bis sie
schliesslich ganz verschwänden. Die aktuellen Beschwerden seien - zwölf Monate nach der RS – frei von dienstlichen Einflüs
sen (Urk. 7/45 S. 2).
3.1
2
In ihrer gestützt auf die Akten verfassten versicherungsmedizinischen Beurtei
lung vom 26. März 2012 hielt die Psychiaterin Dr.
Z._
fest,
die für die Militärversicherung relevanten medizinischen Fragen seien derzeit nicht klar
beantwortbar
(Urk. 7/56 S. 7). So bleibe die Diagnose weiterhin unklar, und der weitere Verlauf sei unsicher. Es gebe indes wenig Zweifel daran, dass wäh
rend des Militärdienstes –
nach
einigen
(ebenfalls während der RS aufgetrete
nen)
diffusen Vorläufern – Anfang März 2010 eine akute Symptomatik aufge
treten sei, die zuvor in dieser Form nicht bestanden habe.
In der Folgezeit scheine es zunächst eher zu einer Verschlimmerung und damit auch zu einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit gekommen zu sein. Mittlerweile hätten sich die Beschwerden soweit zurückgebildet, dass der Beigeladene wieder in der Lage sei, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Aufgrund der Beschreibun
gen anlässlich der Begutachtung durch med.
pract
.
Y._
könne nicht davon ausgegangen werden, dass die Symptomatik gänzlich abgeklungen sei (Urk. 7/56 S. 6).
3.13
Die Ärzte der
K
linik
A._
, von denen sich der Beigeladene vom 24. März bis 4. Mai 2012 stationär
hatte
behandeln lassen, stellten im Austrittsb
e
richt vom 14. Mai 2012 nachstehende Diagnosen (Urk. 22 S. 1):
Unklare Körpersymptome; Differentialdiagnose: Erstpsychose, ICD-10 F23.8
Differentialdiagnose: anhaltende
somatoforme
Schmerzstörung, ICD
10 F45.40
Panikstörung, ICD-10 F41.0
HADS bei Eintritt: A/D 15/16 von 21 Punkten (zwei Fragen nicht be
antwortet)
Der Beigeladene leide seit einem Depersonalisationserleben im Militär vor rund zweieinhalb Jahren an einer zunehmenden ängstlich-depressiven Symptomatik und in der Folge aufgetretenen zunehmenden körperlichen Beschwerden. Im Laufe des stationären Aufenthalts habe sich die Symptomatik immer weniger gut in die zuvor gestellten Diagnosen einordnen lassen, was eine genauere diagnostische Abklärung erforderlich gemacht habe. Im SKID-Interview habe der Beigeladene die Kriterien einer depressiven Episode mit Panikstörung erfüllt. Subsymptomatisch seien Anzeichen einer psychotischen Störung, einer
somatoformen
Schmerzstörung und einer Hypochondrie nachweisbar gewesen, wobei das Gesamtbild, wenn man die psychotische Störung ausser Acht lasse,
am ehesten auf eine Hypochondrie mit Panikstörung und sekundärer Depression schliessen lasse (Urk. 22 S. 2).
3.14
Nachdem der Beigeladene vom 7. Januar bis
12. März 2013 stationär in der
psychiatrischen Klinik B._
behandelt worden war, stellten die Ärzte im Kurzaustrittsbericht vom 12. März 2013 folgende Diagnosen (Urk. 19 S. 1):
Panikstörung (episodisch paroxysmale Angst), ICD-10 F41.0
Akzentuierung von Persönlichkeitszügen (Verdacht auf
dependent
und
histrionisch
), ICD-10 Z73.1
4.
4.1
Fest steht und unbestritten ist, dass sich der Beigeladene, der vordienstlich k
eine erheblichen Gesundheitsschä
den aufwies, während der RS wegen – mit keinem organischen Korrelat erklärbaren
(vgl. insbesonder
e
Urk. 7/14.
1-3
, Urk. 7/10, Urk. 7/33.1)
- somatischen Beschwerden in ärztliche Behandlung begab
(Urk. 7/2, Urk. 7/51 f.)
.
Aus den
zitierten
ärztlichen Beurteilungen geht sodann übereinstimmend hervor, dass der
Beigeladene
an einer
behandlungsbedürftigen
psychischen Beeinträchtigung leidet, wobei sich die Ärzte betreffend die kon
krete Natur der Störung
(noch)
nicht
definitiv
festlegen konnten
beziehungs
weise uneinig waren.
4.2
Nach Lage der Akten ist die psychische Symptomatik
weder
Folge eines Unfalls
noch
einer militärversicherten Krankheit.
So ist
kein
relevant
er anderweitiger Gesundheitssch
a
den
krankhafter Natur
(vgl.
hiezu
insbesondere Gutachten med.
pract
.
Y._
vom 28. März 2011, Urk. 7/38 S. 11)
und auch kein
augenfälliges Ereignis, das als Auslöser der psychischen Störung i
n Betracht fiele, dokumen
tiert.
D
ass der Militärdienst
an sich
in irgendeiner Weise kausal
gewesen
sei für die psychische Gesundheitsstörung,
ist – auch aufgrund der Ang
aben des
Bei
geladenen
selbst
und der
Beschwerdeführerin
(Urk. 7/53, Urk. 1, Urk. 25)
-
nicht
anzunehmen
. Vielmehr
geht aus
den Akten
hervor
, dass ein Konnex zwischen dem fraglichen Leiden und der RS ausschliesslich insofern besteht, als
der Gesundheitsschaden
während des Dienstes erstmals manifest wurde. So
sass der
Beigeladene
gemäss eigenen Schilderungen
am 9. März 2010 in der Militärunterkunft am Tisch, als es ihm
(plötzlich)
schwindlig
wurde
. Er habe das Gefühl gehabt, seine Hände gingen durch den Tisch hindurch. Er habe sich nicht fit, sondern verträumt gefühlt. Er habe Angst beziehungsweise Panik bekommen und sei dann die Treppe hinau
f
in den oberen Stock gegangen. Es seien ihm komische Gedanken durch den Kopf gegangen, und er habe den Eindruck ge
habt, es drücke jemand auf seinen Kopf. Er habe schon früher
während der RS derartige Beschwerden (Schwindel, Übelkeit, Kopfweh) gehabt,
damals seien diese indes
nur dezent vorhanden gewesen
(Urk. 7/38 S. 7).
Eine dienstliche Einwirkung, die sich ungünstig auf seinen psychischen Gesundheitszustand ausgewirkt hätte, erwähnte der – noch bei seinen Eltern lebende - Beigeladene nie
(vgl.
hiezu
insbesondere Urk. 7/38 S. 7, Urk. 7/16
, Urk. 12
)
. Auch seine Mutter wies, indem sie angab,
ihr Sohn
sei freiwillig und gesund in den Militär
dienst eingerückt und krank wieder zurückgekommen (Urk. 7/36), einzig auf einen zeitlichen
und nicht etwa auf einen ursächlichen
Zusammenhang zwi
schen der RS und der Erkrankung hin.
4.3
Anhaltspunkte für eine dienstliche Ursache der psychischen Symptomatik oder für
eine
dienstliche Verschlimmerung
einer vorbestandenen Gesundheitss
törung
gibt es auch in den medizinischen Akten keine.
So berichtete der Gutachter m
ed.
pract
.
Y._
von einem plötzlichen (mithin spontanen)
Beginn
der Beein
trächtigung
im –
wie es
für die differentialdiagnostisch festgestellte
schizophrenieforme
psychotische Störung
typisch
sei
– jungen Erwachsenenalter (Urk. 7/38 S. 8
und S. 9
).
Die
Erstmanifestation f
alle dabei
zeitlich
in die
Peri
ode, während der der Beigeladene die
RS
absolviert habe
(Urk. 7/38 S. 8 und S. 10
, Urk. 7/43 S. 1
)
.
Eine
dienstliche
Ursache im Sinne eines belastenden Er
eignisses oder einer belastenden Situation
in beziehungsweise aufgrund der RS
zog med.
pract
.
Y._
– anders als einen innerfamiliären schweren emotionalen Konflikt, den er indes verneinte - nicht einmal in Betracht (Urk. 7/38 S. 9).
Schliesslich deuten auch die Berichte
des Hausarztes med.
pract
.
E._
(Urk. 7/10, Urk. 7/14
, Urk. 7/24
), der
Ärzte des
S
pitals
D._
(Urk. 7/14.1-3
, Urk. 7/24.1 ff., Urk. 7/33
)
, der Ärzte der
K
linik
A._
(Urk. 13/2 = Urk. 15/5, Urk. 15/1, Urk. 22), der Ärzte der
psychiatrischen Klinik B._
(Urk. 19),
des Truppenarztes (Urk. 7/51)
sowie
der – ebenfalls noch während des Dienstes konsultierten
-
Ärzte des
S
pitals
C._
(
Urk. 7/2,
Urk. 7/52)
nicht auf
einen
(im Zusammenhang mit dem Militärdienst bestandenen)
psychisch belas
tenden Sachverhalt als Hintergrund der Beschwerden hin.
4.4
Da nach
dem Gesagten
nicht einmal
Indizien für eine dienstliche Verursachung des – während der RS erstmals manifest gewordenen - psychischen Gesundheitsschadens bestehen, ist
die
gesetzliche Vermutung, dass der Gesundheitsschaden, der während des Militärdienstes entstanden ist, auch in einem ursächlichen Zusammenhang zu diesem steht (
Kontemporalitätsprinzip
; vgl. E. 1.1
)
,
widerlegt. Aus dem Umstand, dass die Militärversicherung für die – ursprünglich
(
wie sich erst im Verlauf der weiteren Abklärungen ergab
fälschlicherweise)
einer organischen Ursache zugeordneten – Beschwerden anfangs zu Unrec
ht Leistungen erbrachte, kann d
e
r
Beigeladene nichts zu
seinen
Gunsten ableiten (Urk. 1 S. 8 f.
, Urk. 25 S. 2
)
. Vorliegend
geht es
nämlich
nicht um
die Frage des
Dahinfallen
s
des natürlichen Kausalzusammenhangs
, für die die Militärversicherung beweispflichtig wäre
, sondern
darum, ob
die Haftungsvoraussetzungen
, die – zumindest bei vorübergehenden Leistungen – jederzeit überprüft werden können,
überhaupt je
erfüllt waren
.
4.5
Der
Einspracheentscheid
(Urk. 2)
erweist sich demnach als rechtens, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.