Decision ID: c9e6fb13-a16b-54e9-a157-543e6593c3e2
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer suchte am 5. Juni 2017 in der Schweiz um Asyl
nach. Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 9. Juni 2017 (Akten
der Vorinstanz [nachfolgend: SEM-Akten] A6), der ersten Anhörung vom
18. Januar 2018 (SEM-Akten A20) und der ergänzenden Anhörung vom
30. April 2020 (SEM-Akten A26) machte er im Wesentlichen folgendes gel-
tend:
Er sei eritreischer Staatsbürger der Ethnie Tigrinya und stamme aus
B._, Zoba Maekel, wo er die Schule besucht habe. Für die Absol-
vierung der 1(...) Klasse sei er mit der (...) Rekrutierungsrunde nach
C._ gegangen, wo er im Jahr 201(...) die Matura gemacht habe.
Anschliessend sei er in eine Einheit eingeteilt und in D._ stationiert
worden, wo er seine aktuelle Partnerin kennengelernt und mit ihr zusam-
mengelebt habe.
Nachdem er im Jahr 201(...) nach E._ versetzt worden sei, habe er
bis zu seiner Ausreise weder Urlaub erhalten noch Kontakt mit seiner Part-
nerin oder seinen Eltern haben können. Da die Bedingungen schlecht ge-
wesen seien, sei er – nach Verbüssung kleinerer Strafen – im Juli 201(...)
unerlaubt in ein naheliegendes Dorf gegangen und dabei gefasst worden.
Anlässlich der darauffolgenden Bestrafung sei er verletzt worden und habe
ab dann um sein Leben gefürchtet.
An einem Tag im August 201(...) sei er zum Küchendienst eingeteilt gewe-
sen, wobei er die Gelegenheit genutzt habe, gemeinsam mit drei Begleitern
zu fliehen. Knapp drei Tage lang seien sie zu Fuss unterwegs gewesen,
ehe sie im Sudan angekommen und anschliessend über Libyen in die
Schweiz gelangt seien.
A.b Im vorinstanzlichen Verfahren reichte der Beschwerdeführer eine Ko-
pie seiner Identitätskarte, eine Militärbescheinigung, Fotos von ihm, seiner
Partnerin, seinem Vater, seiner Wohnsitzbestätigung und von der Identi-
tätskarte seiner Partnerin zu den Akten.
B.
Mit Verfügung vom 20. Mai 2020, eröffnet am 22. Mai 2020, verneinte die
Vorinstanz die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte
sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte sie seine Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug an.
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C.
Mit Eingabe vom 17. Juni 2020 erhob der Beschwerdeführer beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde. Er beantragte, es sei die angefochtene
Verfügung aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm in
der Schweiz Asyl zu gewähren. Eventualiter sei seine Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen und er sei vorläufig aufzunehmen, subeventualiter sei
der Entscheid aufzuheben und zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz
zurückzuweisen, subsubeventualiter sei die Unzulässigkeit und Unzumut-
barkeit des Vollzugs festzustellen und ihm als Folge davon von Amtes we-
gen die vorläufige Aufnahme zu gewähren.
In prozessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren
und es sei ihm die unterzeichnete Rechtsvertreterin als amtliche Rechts-
beiständin beizuordnen. Im Weiteren seien die Kosten und eine Entschä-
digung zu Lasten der Vorinstanz zu verlegen.
D.
Der Beschwerde wurden die angefochtene Verfügung, eine Vollmacht,
zwei Handzeichnungen des Beschwerdeführers vom Militärlager
E._ und eine Fürsorgeabhängigkeitsbestätigung des F._
vom (...) beigelegt.
E.
E.a Die Instruktionsrichterin bestätigte mit Instruktionsverfügung vom
24. Juni 2020 den Eingang der Beschwerde, wies darauf hin, dass der Be-
schwerdeführer den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten
dürfe, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung gut, verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses, hiess
das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung gut, setzte lic. iur. Isabelle
Müller als amtliche Rechtsbeiständin des Beschwerdeführers ein und lud
die Vorinstanz zur Einreichung einer Vernehmlassung ein.
E.b In der Vernehmlassung vom 1. Juli 2020 hielt die Vorinstanz vollum-
fänglich an ihren Erwägungen fest, woraufhin diese dem Beschwerdefüh-
rer am 2. Juli 2020 zur Kenntnisnahme zugestellt wurde.
F.
In der Folge gingen zahlreiche Verfahrensstandanfragen ein, welche durch
das Gericht teilweise beantwortet wurden und teilweise unter vorgängigem
Hinweis, dass weitere Verfahrensstandanfragen nicht mehr beantwortet
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würden, unbeantwortet zu den Akten genommen wurden. Auf eine detail-
lierte Aufzählung wird mangels prozessrechtlicher Relevanz verzichtet.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Der vorliegend anzuwendende Ge-
setzesartikel (Art. 83) ist unverändert vom AuG ins AIG übernommen wor-
den.
1.5 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
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2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Der Beschwerdeführer beantragt in Ziffer 4, der Entscheid sei aufzuhe-
ben und zur weiteren Abklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen, sollte
das Gericht zum Schluss kommen, dass der Sachverhalt in Bezug auf die
Desertion beziehungsweise illegale Ausreise nicht gehörig erstellt sei (vgl.
auch Ziffer 4.4 der Beschwerdeschrift). Bei einer Verletzung des Untersu-
chungsgrundsatzes handelt es sich um eine formelle Rüge, welche vorab
zu beurteilen ist, da sie gegebenenfalls geeignet ist, eine Kassation der
vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2 Der Untersuchungsgrundsatz gehört zu den allgemeinen Grundsätzen
des Asylverfahrens (vgl. Art. 12 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Demnach stellt
die Behörde den Sachverhalt von Amtes wegen fest und bedient sich nöti-
genfalls der unter Art. 12 Bst. a–e VwVG aufgelisteten Beweismittel. Dieser
Grundsatz gilt indes nicht uneingeschränkt; er findet seine Grenzen an der
Mitwirkungspflicht des Asylsuchenden (vgl. Art. 8 AsylG). Dazu gehört un-
ter anderem, die Identität offenzulegen, vorhandene Identitätspapiere ab-
zugeben und an der Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken.
3.3 Die Rüge der Verletzung der Untersuchungspflicht ist unbegründet. Der
Beschwerdeführer hat bei der ersten Anhörung vom 18. Januar 2018 und
an der ergänzenden Anhörung vom 30. April 2020 die Gelegenheit erhal-
ten, im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht ausführlich zur geltend gemach-
ten Desertion wie auch zur geltend gemachten illegalen Ausreise Stellung
zu nehmen. Dass die Vorinstanz die Akten anders würdigt als der Be-
schwerdeführer, ist sodann nicht eine Frage der Verletzung der Untersu-
chungspflicht, sondern betrifft die materielle Würdigung der Vorbringen.
Nach dem Gesagten ist die Vorinstanz ihrer Pflicht, den rechtserheblichen
Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen (vgl. Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12
VwVG), in rechtsgenüglicher Weise nachgekommen. Der Untersuchungs-
grundsatz wurde folglich nicht verletzt, weswegen eine Rückweisung an
die Vorinstanz ausser Betracht fällt.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
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Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
Keine Flüchtlinge sind Personen, die wegen Wehrdienstverweigerung oder
Desertion ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder begründete Furcht
haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei die Einhaltung
des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge
(FK, SR 0.142.30) vorbehalten bleibt (Art. 3 Abs. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Die Vorinstanz gelangte in der angefochtenen Verfügung zum Schluss,
die Vorbringen des Beschwerdeführers würden den Anforderungen an das
Glaubhaftmachen gemäss Art. 7 AsylG nicht standhalten.
Zur Begründung führte sie aus, der Beschwerdeführer mache geltend, er
sei im Militärdienst bestraft worden und kurze Zeit später desertiert. Die
Desertion habe er trotz ausgiebiger Gelegenheit zur freien Erzählung nur
knapp, oberflächlich und undifferenziert geschildert. Dies werde insbeson-
dere durch einen Vergleich mit der sehr viel substantiierteren Wiedergabe
der Bestrafung deutlich. Der Beschwerdeführer sei bei vielen Fragen im-
mer wieder auf seine Bestrafung zu sprechen gekommen, obwohl er zur
Desertion befragt worden sei. So habe er auch vertieft darlegen können,
wie er sich zur Desertion entschlossen habe. Die detaillierten Schilderun-
gen zur Bestrafung würden aufzeigen, dass er durchaus in der Lage sei,
tatsächlich erlebte Ereignisse substantiiert wiederzugeben. Somit sei denk-
bar, dass er zu einem unbekannten Zeitpunkt im Militärdienst eine solche
Bestrafung erlitten habe; die geltend gemachte Desertion sei dagegen
nicht glaubhaft.
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Die Ausreise und die damit verbundenen Schwierigkeiten habe er nur kurz
und stereotyp wiedergegeben; es entstehe auch hier nicht der Eindruck,
dass er einen tatsächlich erlebten dreitägigen Fussmarsch durch wüsten-
artiges Gebiet wiedergebe. Die illegale Ausreise aus Eritrea sei daher
ebenfalls nicht glaubhaft. Diesbezüglich seien andere Anknüpfungspunkte,
welche ihn in den Augen des eritreischen Regimes als missliebige Person
erscheinen lasse, ebenfalls nicht ersichtlich, womit eine illegale Ausreise
alleine, auch bei unterstellter Glaubhaftigkeit, keine Furcht vor einer zu-
künftigen asylrelevanten Verfolgung begründen könne. Die Vorbringen
seien somit auch nicht asylrelevant.
5.2 Der Beschwerdeführer entgegnet der Vorinstanz in der Beschwerde,
Aussagen über den Aufenthalt in C._ und seiner Stationierungszeit
in D._ und ab 201(...) in E._, namentlich auch die harten
Bestrafungen und menschenunwürdige Behandlung sowie Zwangsarbeit,
seien als glaubhaft zu erachten, da er diese detailliert und lückenlos dar-
gelegt habe.
Was die Desertion aus dem Militärdienst angehe, habe er auch diese in
allen Anhörungen übereinstimmend und widerspruchsfrei dargelegt. Insbe-
sondere habe er den bei ihm entstandenen Leidensdruck in nachvollzieh-
barer Weise beschreiben können und seine Schilderungen, wie er und
seine Kollegen sich aus dem Militärcamp entfernt hätten, würden den Ein-
druck des persönlich Erlebten vermitteln. Zur Dichte der Erzählungen sei
zu sagen, dass diese ebenfalls als hoch bezeichnet werden könne. So
habe er beispielsweise ohne Mühe zu beschreiben vermocht, wie er die
letzten Wochen vor seiner Flucht in E._ verbracht habe. Die Flucht
und der Umstand, dass für diese der Küchendienst der Ausgangspunkt ge-
wesen sei, habe er nachvollziehbar und realitätsnah dargelegt; Seine dies-
bezüglichen Ausführungen würden den Eindruck einer guten Planung und
Ausführung der Flucht erwecken.
Die illegale Ausreise und die damit verbundenen Schwierigkeiten, welche
die Vorinstanz als nur kurz und stereotyp geschildert bezeichne, habe er
tatsächlich nicht sehr ausschweifend beschrieben, jedoch seien aus seiner
Sicht alle relevanten Angaben gemacht worden. Im Übrigen hätte die Vor-
instanz hierzu im Rahmen der Untersuchungspflicht noch weitere Fragen
stellen können.
Der Beschwerdeführer führt hinsichtlich der begründeten Furcht vor künfti-
ger Verfolgung aus, er sei im Falle einer Rückkehr nach Eritrea ernsthaften
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Nachteilen ausgesetzt. Seine Einheit habe nach seiner Desertion offenbar
bei seinem Vater zuhause nach ihm gesucht, wobei man zuerst seinen Va-
ter habe festnehmen wollen, von ihm aber abgelassen habe, als der ehe-
malige Vorgesetzte seines Vaters zu dessen Gunsten interveniert habe.
Zudem erfülle er neben der Furcht vor künftiger Verfolgung bereits auf-
grund seiner illegalen Ausreise (subjektive Nachfluchtgründe) die Flücht-
lingseigenschaft nach Art. 3 AsylG, da nach jüngster Rechtsprechung von
der begründeten Furcht vor einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfol-
gungsgefahr wegen illegaler Ausreise nämlich nach wie vor auch dann
auszugehen sei, wenn zur illegalen Ausreise weitere Faktoren hinzukom-
men würden, welche die asylsuchende Person in den Augen der eritrei-
schen Behörden als missliebige Person erscheinen liesse (unter Verweis
auf das Referenzurteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 5), was vor-
liegend klar der Fall sei.
6.
6.1 Was die Vorfluchtgründe des Beschwerdeführers anbelangt, gelingt es
ihm nicht aufzuzeigen, inwiefern die vorinstanzliche Beweiswürdigung
Bundesrecht verletzen soll. Solches ist auch nicht ersichtlich. Nach Prüfung
der Akten durch das Gericht ist in Übereinstimmung mit der Vorinstanz fest-
zustellen, dass die Vorfluchtgründe den Anforderungen an das Glaubhaft-
machen nicht standzuhalten vermögen, weshalb diesbezüglich vorab auf
die zutreffenden vorinstanzlichen Erwägungen zu verweisen ist.
6.2
6.2.1 Den Vorbringen des Beschwerdeführers, seine Ausführungen seien
widerspruchsfrei, ausreichend substantiiert und plausibel und somit glaub-
haft, ist entgegenzuhalten, dass bei einem tatsächlich erlebten Sachverhalt
erwartet werden darf, dass er diesen mit Realkennzeichen (so insbeson-
dere Detailreichtum der Schilderung, freies assoziatives Erzählen, Interak-
tionsschilderung sowie inhaltliche Besonderheiten) versehen wiederzuge-
ben vermag. Diesbezüglich ist mit der Vorinstanz einherzugehen, dass die
Schilderungen des Beschwerdeführers hinsichtlich seiner Flucht respek-
tive seiner Desertion stets knapp, oberflächlich und undifferenziert ausge-
fallen sind, selbst als er mehrmals gebeten wurde, detaillierte Angaben zu
machen (vgl. z.B. SEM-Akten A26 F71, F73, F74, F76, F77, F79, F80, F86,
F87, F88, F89, F90, F91, F92, F93). Hinsichtlich der erlittenen Bestrafung
ist festzustellen, dass seine Schilderungen durchaus inhaltliche Besonder-
heiten enthalten. Beispielsweise hat er erläutert, wie man ihn in «Otto-Stel-
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lung» gefesselt habe und wie er an den sich am Boden befindenden Stei-
nen verletzt habe (vgl. SEM-Akten A26 F10). Auch die schlechte Behand-
lung durch seinen Vorgesetzten konnte er in freier Rede beschreiben und
mit dem Tod seiner Grossmutter verknüpfen (vgl. SEM-Akten A26 F62). Mit
Ausnahme der Schilderungen betreffend seine Bestrafung und die Details
seines Militärdienstes lassen seine Ausführungen jedoch nicht den Schluss
zu, dass der Beschwerdeführer das Gesagte selber erlebt hat.
Insbesondere ist ein Bruch im Erzählstil zwischen den Ausführungen be-
treffend seine Bestrafung, welche emotions-, persönlichkeitsbezogen und
detailreich wirken und auch Interaktionen enthalten, und denjenigen seiner
Flucht beziehungsweise der Desertion, bei welchen grundsätzliche emoti-
onale Elemente fehlen, zu erkennen. Im Zusammenhang mit seiner Be-
strafung führt er beispielsweise aus:
«Früher hätte ich nie gedacht, dass ich das Land verlassen würde. Dann hatte
ich genug, diese Verletzung war für mich eine Demütigung. Das tut mir immer
noch weh (GS zeigt unter linkes Auge). [...] Es war schlimm für mich. Bis jetzt
habe ich immer noch Mühe; Schmerzen, sehr viel Schmerzen (GS zeigt auf
seinen Nacken), ich kann nicht mal richtig schlafen. Ich habe Alpträume. Ich
sitze hier und erzähle. Wenn man es erzählt ist es leicht, aber wenn man es
erlebt, ist es unbeschreiblich schwierig.» (SEM-Akten A26 F70),
«[...] Der Wächter hat Schüsse in den Himmel gefeuert. Es kamen dann einige
Soldaten und sie fragten mich nicht einmal, was ich vorhatte. Sie haben
begonnen, mich fest zu schlagen. Ich wurde heftig geschlagen. Ich hatte eine
Militärjacke angehabt. Sie haben sie mir von meinem Leib gezogen und haben
mir mit der Jacke meine Ellenbogen nach hinten gefesselt (GS drückt
Ellenbogen nach hinten). Zuerst forderten sie mich auf, meine Schuhe
auszuziehen (GS zeigt auf seine Füsse) und ich wurde auf sehr heissen Sand
flachgelegt. Gefesselt verlangten sie von mir, dass ich mich auf diesem
heissen Sand rolle. [...]» (SEM-Akten A26 F81 Absatz 1),
«[...] Meine Antwort war immer dieselbe, dass ich Kleider und Schuhe kaufen
wollte. Dann schrie er: «Lügner!», und hat mit seinem Fuss meinen Hinterkopf
fest auf den Boden gedrückt. [...]» (SEM-Akten A26 F81 Absatz 2) und
«[...] Leute, die neben mir schliefen, sind geflüchtet. Weil ich den Vorgesetzten
nicht informiert habe, wurde ich bestraft. An dem Tag musste ich ja nicht
Wache schieben und als diese Leute flüchteten, habe ich geschlafen, ich hab’s
nicht mitbekommen. Er hat mir gesagt, es sei mein Fehler. Er forderte mich
auf, mit meinem Overall zu ihm zu kommen. Ich musste mehrere Male
aufstehen und in die Hocke gehen, aufstehen und in die Hocke ... [...]» (SEM-
Akten A26 F82).
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In Zusammenhang mit der geltend gemachten Desertion gab er sich hin-
gegen bedeutend wortkarger, oberflächlicher, emotionsloser und detailär-
mer. Auf die Frage, ob er einen Plan im Kopf gehabt habe, wohin er laufen
müsse, sagte er:
«Wir wussten, dass wir nur Richtung Westen laufen sollten.» (SEM-Akten A20
F64).
Auf die Frage, wie er festgestellt habe, dass er auf der sudanesischen Seite
gewesen sei, antwortete er:
«Unter uns gab es eine Person, die Arabisch sprach. Er hat uns geholfen. Wir
waren nicht in der Lage, die Sprache zu sprechen» (SEM-Akten A20 F68).
Im Weiteren antwortete er auf die Aufforderung, er solle beschreiben, wie
es nach der Flucht von zwei anderen Personen weiterging:
«Danach blieb ich ja auch nicht lang, ich bin im (...). Monat 201(...)
weggegangen.» (SEM-Akten A26 F87).
Auf die Frage, wie er den Entschluss fasste und wie er das (die Flucht)
plante, antwortete er:
«Zuerst bin ich nördlich gegangen, dann westlich Richtung Sudan. Dieses
Gebiet heisst G._. Wir sind nur abends, also in der Nacht gelaufen.
Tagsüber ruhten wir uns aus. (SB unterbricht)» (SEM-Akten A26 F89).
Nach dem Hinweis des Sachbearbeiters, er solle nicht die Ausreise, son-
dern den Entschluss und die Planung der Ausreise beschreiben, führte er
aus:
«Als ich wegging, habe ich Wasser mitgenommen in einer Cola-Flasche
ähnlichen Flasche. In einer Plastiktüte habe ich Injera eingepackt. Am Tag
habe ich das am Fuss eines Baumes versteckt, bevor die Soldaten am Abend
zurückkamen. Als ich am Abend wegging, nahm ich es mit. Ich habe nur das
mitgenommen. Wie ich vorher erzählte, ist diese Gegend wie die Sahara. Die
Möglichkeit besteht, dass man unterwegs stirbt.» (SEM-Akten A26 F91).
Es fällt auf, dass die Ausführungen zur Bestrafung eine Vielzahl von Real-
kennzeichen beinhalten, wie Interaktionen oder Beschreibungen von Sin-
neswahrnehmungen und Gefühle, wogegen in den Ausführungen zur De-
sertion solche Realkennzeichen grossmehrheitlich fehlen. Auch die feh-
lende sprunghafte Schilderungsweise während der freien Rede sowie an-
lässlich der zahlreichen Ergänzungsfragen und die auffallend repetitiven
Antworten ohne eine persönlich gefärbte Note legen den Schluss nahe,
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dass es sich bei den Erzählungen betreffend Desertion um ein Erzählkon-
strukt handelt (vgl. dazu auch SEM-Akten A20 F125 bis 134).
6.2.2 Der Beschwerdeführer wurde vom Sachbearbeiter auch mehrere
Male darauf hingewiesen, es solle die Frage nach dem Entschluss und der
Planung seiner Ausreise detailliert beantworten, was ihm aber bis zuletzt
nicht gelungen ist (SEM-Akten A26 F89 bis F100).
6.2.3 Weitere Zweifel am Wahrheitsgehalt der Schilderungen zur Desertion
ergeben sich durch die Ausweitung des Sachverhalts während der Befra-
gungen. So sprach er erstmals an der ergänzenden Anhörung davon, dass
er bei seiner Bestrafung durch den Vorgesetzten mit dem Tod bedroht wor-
den sei (SEM-Akten A26 F10, F71 und F79). Angesichts der Tragweite ei-
ner solchen Bedrohung wäre zu erwarten gewesen, dass – hätte sich eine
solche Bedrohung denn auch wirklich ereignet – er diese in der ersten An-
hörung oder gar schon anlässlich der BzP bereits erwähnt hätte.
6.3 Gesamthaft betrachtet ist – unter Berücksichtigung der obigen Erwä-
gungen – der Vorinstanz zu folgen, wonach die Vorbringen des Beschwer-
deführers zur Desertion unglaubhaft sind. Obwohl es durchaus im Bereich
des Möglichen liegt, dass der Beschwerdeführer eine Bestrafung, wie die
von ihm beschriebene, in der Vergangenheit tatsächlich erlebt haben
könnte, ist es ihm in Bezug auf die Desertion aus dem Militärdienst nicht
gelungen, diese glaubhaft darzulegen. Im Übrigen ist im Zusammenhang
mit der Dauer des Nationaldienstes insbesondere davon auszugehen,
dass es regelmässig zu Entlassungen aus dem Dienst kommt. Weiter wird
sich bei Männern und Frauen, die erst mit Mitte 20 oder älter aus Eritrea
ausgereist sind, regelmässig die Frage stellen, ob sie den Dienst bereits
geleistet haben, zumal von einer grundsätzlich möglichen Dienstentlas-
sung nach 5 bis 10 Jahren auszugehen ist – wobei der Beschwerdeführer
bei seiner Ausreise aus Eritrea 30 Jahre alt war (vgl. Referenzurteil des
BVGer D-2311/2016 vom 17. August 207 E. 12.5). Die Asylrelevanz ist so-
mit nicht zu prüfen.
6.4
6.4.1 In seiner früheren Rechtsprechung ging das Bundesverwaltungsge-
richt davon aus, dass bei einer illegalen Ausreise aus Eritrea im Falle einer
Rückkehr die Gefahr einer flüchtlingsrechtlich relevanten Bestrafung be-
stehe. Im Urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 (als Referenzurteil pu-
bliziert) kam das Gericht jedoch nach einer eingehenden Lageanalyse zum
Schluss, dass die bisherige Praxis nicht mehr aufrechterhalten werden
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könne und die illegale Ausreise allein zur Begründung der Flüchtlingsei-
genschaft nicht ausreiche. Es bedürfe hierzu vielmehr zusätzlicher An-
knüpfungspunkte, welche eine asylsuchende Person in den Augen des erit-
reischen Regimes als missliebige Person erscheinen liessen und dadurch
zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr führen könnten
(vgl. Urteil des BVGer D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 5.1).
6.4.2 Der Beschwerdeführer konnte vorliegend nicht glaubhaft machen,
dass er aus dem Militärdienst desertiert ist. Zudem bestehen keine konkre-
ten Hinweise darauf, dass in seinem Fall – neben der geltend gemachten
illegalen Ausreise – zusätzliche Anknüpfungspunkte vorliegen, welche ihn
in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen
lassen würden. Folglich ist nicht davon auszugehen, dass er aus diesem
Grund eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung zu befürchten hätte.
Somit erübrigen sich weitere Ausführungen zur Frage der Glaubhaftigkeit
der illegalen Ausreise. Von einer drohenden flüchtlingsrechtlich beachtli-
chen Verfolgung bei einer Rückkehr aufgrund subjektiver Nachflucht-
gründe ist somit nicht auszugehen.
6.5 Zusammenfassend ist demzufolge festzuhalten, dass das SEM zu
Recht die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneinte und
sein Asylgesuch ablehnte.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
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der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land
gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem
Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft,
zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5
Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Da es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich
erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der
in Art. 5 AsylG verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegen-
den Verfahren keine Anwendung finden. Die Zulässigkeit des Vollzuges be-
urteilt sich vielmehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtli-
chen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 FoK, Art. 3 und 4 EMRK).
8.2.3 Vorliegend ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwer-
deführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall
einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtsho-
fes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschus-
ses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nach-
weisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Fol-
ter oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat lässt
den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt ebenfalls nicht als unzu-
lässig erscheinen. Auch eine allfällige Einberufung in den Militärdienst
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spricht für sich alleine nicht gegen die Zulässigkeit des Wegweisungsvoll-
zuges im Sinne von Art. 83 Abs. 3 AIG in Verbindung mit Art. 4 und 3 EMRK
(vgl. BVGE 2018 VI/4 E. 6.1, u.a. Urteil des BVGer E-1853/2019 vom
15. September 2021 E. 8.2.2). Es bleibt darauf hinzuweisen, dass das
Bundesverwaltungsgericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges –
aufgrund des Fehlens eines Rückübernahmeabkommens zwischen der
Schweiz und Eritrea – lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte und die
Zulässigkeit zwangsweiser Rückführungen ausdrücklich offengelassen hat
(vgl. BVGE 2018 VI/4 E. 6.1.7).
8.2.4 Daher ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im Sinne der asyl- als
auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren. Im Falle des Beschwerdeführers erweist sich in-
des der Wegweisungsvollzug unter keinem Gesichtspunkt als unzumutbar.
8.3.2 In BVGE 2018 VI/4 kam das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass eine drohende Einziehung in den Nationaldienst nicht zur
Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs führe (vgl. a.a.O. E. 6.2.3-
6.2.5). Im Sinn der obigen Ausführungen (vgl. E. 6) erübrigt es sich zudem,
auf den Umgang der eritreischen Behörden mit Deserteuren einzugehen,
da der Beschwerdeführer nicht glaubhaft machen konnte, dass er vom Mi-
litärdienst desertiert ist.
8.3.3 Im Referenzurteil D-2311/2016 vom 17. August 2017 ist das Bundes-
verwaltungsgericht nach einer eingehenden Analyse der Ländersituation
(vgl. a.a.O. E. 15 und 16) zum Schluss gelangt, dass angesichts der doku-
mentierten Verbesserungen in der Nahrungsmittel- und Wasserversor-
gung, im Bildungswesen sowie im Gesundheitssystem die bisherige Praxis
(gemäss EMARK 2005 Nr. 12), wonach eine Rückkehr nach Eritrea nur bei
begünstigenden individuellen Umständen zumutbar sei, nicht mehr auf-
rechterhalten werden könne (vgl. a.a.O. E. 17.2). Das Gericht stufte den
Wegweisungsvollzug nach Eritrea daher als grundsätzlich zumutbar ein
(vgl. Urteil des BVGer D-2681/2020 vom 26. August 2021 E. 8.3).
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Angesichts der im Referenzurteil D-2311/2016 erwogenen schwierigen all-
gemeinen – und insbesondere wirtschaftlichen – Lage in Eritrea muss bei
Vorliegen besonderer Umstände aber nach wie vor von einer Existenz-
bedrohung ausgegangen werden. Die Frage der Zumutbarkeit bleibt daher
im Einzelfall zu prüfen (vgl. a.a.O. E. 17.2). Die vorliegend ersichtlichen
Einzelfallumstände sprechen jedoch nicht gegen die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzuges. So handelt es sich beim Beschwerdeführer um ei-
nen heute (...)-jährigen Mann mit zirka (...) Jahren Schulbildung und ab-
geschlossener Matura. Gemäss seinen Angaben sei seine letzte Adresse
in Eritrea B._, Zoba Maekel, gewesen, wo auch seine Eltern noch
leben würden. Ebenfalls hielten sich seine fünf Schwestern und drei Brüder
in Eritrea auf. Auch wenn seine Partnerin gemäss seinen Aussagen in Erit-
rea in Haft genommen worden, aus dieser geflohen sei und sich jetzt im
Sudan aufhalte, ist insgesamt von einem tragfähigen familiären Netzwerk
auszugehen, welches dem Beschwerdeführer bei einer allfälligen Rück-
kehr zur Verfügung stehen würde. Der Beschwerdeführer hat anlässlich
der BzP angegeben, am (...) verletzt zu sein. Aus den Akten geht hervor,
dass er am (...) Juni 2017 im Universitätsspital Basel vorstellig wurde, wel-
che eine (...) nach Sturz am (...) Mai 2017 diagnostizierte und eine kon-
servative Therapie mittels Ruhigstellen im geschlossenen Unterschenkel-
gips mit Mobilisation an Gehstöcken und in harter Sohle für weitere sechs
Wochen verordnete (SEM-Akten A17). Anlässlich der ergänzenden Anhö-
rung am 30. April 2020 antwortete er auf die gesundheitlichen Fragen, es
gehe ihm gut und er habe in den letzten Tagen oder Wochen an keinen
gesundheitlichen Beschwerden gelitten (SEM-Akten A26 F2 und F3).
8.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch
als zumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
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Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Da ihm jedoch mit
Instruktionsverfügung vom 24. Juni 2020 die unentgeltliche Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde und keine massgebli-
chen Veränderungen der finanziellen Verhältnisse aktenkundig sind, sind
keine Verfahrenskosten zu erheben.
10.2 Mit derselben Instruktionsverfügung wurde die Rechtsvertreterin des
Beschwerdeführers als amtliche Rechtsbeiständin gemäss aArt. 110a
Abs. 1 Bst. a und Abs. 3 AsylG i.V.m. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen
zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015 beigeordnet, weshalb
dieser ein entsprechendes Honorar auszurichten ist.
Seitens der Rechtsvertreterin wurde keine Kostennote eingereicht, wes-
halb das Honorar aufgrund der Akten festzulegen ist (Art. 8 ff. VGKE). Ent-
schädigungspflichtig ist nur der notwendige Aufwand, die Aufwendungen
für die zahlreichen Verfahrensstandanfragen werden praxisgemäss nicht
entschädigt. Unter Würdigung der massgebenden Bemessungsfaktoren
(vgl. Instruktionsverfügung vom 24. Juni 2020) ist der amtlichen Rechtsbei-
ständin ein vom Bundesverwaltungsgericht zu leistendes Honorar in der
Höhe von insgesamt Fr. 1’374.– zuzusprechen.
(Dispositiv nächste Seite)
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