Decision ID: 60f37943-3e75-5b7f-9388-cdeb1097f3b0
Year: 2016
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Am 6. September 1989 bewilligte der Regierungsstatthalter von Thun den Neubau
eines Mehrfamilienhauses mit sechs Wohnungen auf der Parzelle Sigriswil Gbbl.
Nr. C._. Zur Einhaltung des kommunal festgelegten Erstwohnungsanteils verfügte
er ein Zweckentfremdungsverbot, wonach mindestens 50% der Bruttogeschossfläche als
Erstwohnungen ortsansässiger Personen zu nutzen seien. Der Bauherr wurde verpflichtet,
spätestens bei Nutzungsbeginn der ersten Wohnung den geforderten Erstwohnungsanteil
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auszuweisen. Das Grundbuchamt wurde angewiesen, das Zweckentfremdungsverbot auf
dem Stammgrundstück Nr. C._ anzumerken.
Im Jahr 2002 reichten der Beschwerdegegner, der Vater des Beschwerdeführers und
weitere Eigentümer Gesuche um Befreiung ihrer Stockwerkeinheit vom
Zweckentfremdungsverbot nach Erstwohnungsanteilplan (EWAP) ein. Im Bauentscheid
vom 3. März 2002 erwog der Regierungsstatthalter, das nur auf der Stammparzelle
eingetragene Zweckentfremdungsverbot belaste das gesamte Gebäude, mithin alle
Stockwerkeinheiten. Die Löschung des Zweckentfremdungsverbotes auf der
Stammparzelle und die Belastung einzelner Stockwerkeinheiten stelle eine
baubewilligungspflichtige Änderung dar, die eines einstimmigen Antrags aller
Stockwerkeigentümer bedürfe. Es sei nicht an der Baubewilligungsbehörde zu
entscheiden, welche der sechs Wohnungen belastet würden. Mangels einstimmigen
Antrags der Stockwerkeigentümer trat der Regierungsstatthalter nicht auf die
Befreiungsgesuche ein. Gegen diesen Entscheid führte der Beschwerdegegner erfolglos
Beschwerde bei der BVE (BDE vom 29. März 2004, RA Nr. 110/2002/55).
In der Folge wurde bei vier Stockwerkeinheiten ein "Zweckentfremdungsverbot gemäss
Erstwohnungsanteilplan" im Grundbuch angemerkt, unter anderem bei der Wohnung des
Beschwerdeführers (Gbbl. Nr. C._-5) und derjenigen des Beschwerdegegners
(Gbbl. Nr. C._-6). Bei der Stockwerkeinheit Gbbl. Nr. C._-3 bewilligte das
Regierungsstatthalteramt am 2. August 2007 die Befreiung vom
Zweckentfremdungsverbot, bei der Wohnung Gbbl. Nr. C._-1 wurde nie eines
eingetragen.1
2. Der Beschwerdegegner reichte am 5. Februar 2016 (mit Präzisierung vom 16. März
2016) bei der Gemeinde Sigriswil erneut ein Baugesuch ein, in dem er um die Befreiung
seiner Wohnung im Dachgeschoss West (Gbbl. Nr. C._-6) vom
Zweckentfremdungsverbot gemäss EWAP ersuchte. Anstelle von
Zustimmungserklärungen der übrigen Stockwerkeigentümer reichte er die Kaufverträge
ein. Das Bauvorhaben wurde weder publiziert noch den übrigen Stockwerkeigentümern zur
Kenntnis gebracht.
1 Vgl. BDE vom 29. März 2004, Sachverhalt Ziff. 8 (RA Nr. 110/2002/55); Verfügung des Regierungsstatthalteramtes Thun vom 2. August 2007 (Vorakten Register 10)
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3. Mit Verfügung vom 29. März 2016 (kleine Baubewilligung) bewilligte die Gemeinde
Sigriswil das Gesuch wie folgt:
1. "Für das eingangs erwähnte Gesuch um Änderung (Abtausch) des
Zweckentfremdungsverbotes (EWAP) wird dem Gesuchsteller die Bewilligung erteilt.
Die Bewilligung umfasst die Änderung des Zweckentfremdungsverbotes EWAP gemäss
dem Baugesuchsformular 1.0 des Gesuchstellers vom 05. Februar 2016 und den am
16. März 2016 eingereichten Kopien der Kaufverträge, den mit diesem Bauentscheid
bewilligten Grundrissplänen vom 22. Juni 1984 (rev. 09. Februar 1990), sowie dem
gemeindeeigenen Erhebungsblatt vom 18. März 2016 EWAP Nr. 6.
2. Die folgenden Wohnungen unterliegen keinem Zweckentfremdungsverbot
(Erstwohnungsanteil) gemäss Art. 32 GBR:
- 2-Zimmer-Kellergeschosswohnung Ost (Sigriswil-Gbbl. Nr. C._-1)
- 3-Zimmer-Erdgeschosswohnung Ost (Sigriswil-Gbbl. Nr. C._-3)
- 3-Zimmer-Dachgeschosswohnung West (Sigriswil-Gbbl. Nr. C._-6)
3. Es wird festgestellt, dass folgende Wohnungen dem Zweckentfremdungsverbot
(Erstwohnungsanteil) gemäss Art. 32 GBR unterstehen:
- 2-Zimmer-Kellergeschosswohnung Erdgeschoss West (Sigriswil-Gbbl. Nr. C._-2)
- 3-Zimmer-Erdgeschosswohnung West (Sigriswil-Gbbl. Nr. C._-4)
- 3-Zimmer-Dachgeschosswohnung Ost (Sigriswil-Gbbl. Nr. C._-5)
4. Das Grundbuchamt Oberland wird angewiesen, die Anmerkung vom 19. Oktober 1989 035-
/1749/0 "(L) Zweckentfremdungsverbot gemäss EWAP" zu löschen und neu auf der
Stammparzelle Nr. C._ und auf den Stockwerkeinheiten C._-1,
C._-3 und C._-6 das "Zweckentfremdungsverbot gemäss
Erstwohnungsanteilplan" anzumerken. (...)"
5. [Kosten]
Unterzeichnet wurde die Verfügung vom Bauverwalter. Die Verfügung wurde den übrigen
Stockwerkeigentümern, unter anderem des Vaters des Beschwerdeführers, mit normaler
Post eröffnet.
4. Dagegen reichte der Beschwerdeführer am 26. April 2016 Beschwerde bei der Bau-,
Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die Aufhebung
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des Gesamtentscheides vom 29. März 2016. Zur Begründung bringt er insbesondere vor,
die Verfügung hätte ihm eröffnet werden müssen, da er die Stockwerkeinheit Sigriswil
Gbbl. Nr. C._-5 am 22. März 2016 von seinem Vater erworben habe. Werde das
Zweckentfremdungsverbot bei der Stockwerkeinheit des Beschwerdegegners aufgehoben,
hätten er oder andere Stockwerkeigentümer keine Möglichkeit mehr, ihre Wohnungen
davon befreien zu lassen, da die Quote von 50% der Bruttogeschossfläche ausgeschöpft
wäre. Die Befreiung einer Stockwerkeinheit vom Zweckentfremdungsverbot bedürfe der
Zustimmung aller Stockwerkeigentümer. Jedenfalls er habe keine Zustimmung zum
Bauvorhaben abgegeben. Es sei zweifelhaft, ob die Erklärung seines Vaters im
Kaufvertrag von 1990 als Einverständnis qualifiziert werden könne.
5. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, edierte die
Vorakten und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde beantragt mit Eingabe
vom 27. Mai 2016, die Beschwerde sei abzuweisen, soweit darauf eingetreten werden
könne, und die angefochtene Baubewilligung sei zu bestätigen. Der Beschwerdegegner
äusserte sich mit Beschwerdeantwort vom 28. Mai 2016 ohne einen expliziten Antrag zu
stellen.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG3 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
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Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 40 Abs. 2 BauG).
Der Beschwerdeführer ist weder Adressat der Verfügung noch hat er im vorinstanzlichen
Verfahren Einsprache erhoben. Beschwerdebefugt ist jedoch auch, wer von der Verfügung
beschwert wird und vorher keine Gelegenheit hatte, Parteirechte auszuüben (vgl. Art. 12
Abs. 2 VRPG4).5
b) Das Baugesuch des Beschwerdegegners wurde weder veröffentlicht noch den
übrigen Stockwerkeigentümern schriftlich mitgeteilt. Bei Bauvorhaben, die im vereinfachten
Verfahren ohne Veröffentlichung beurteilt werden (kleine Baubewilligung, vgl. Art. 32b
BauG), muss das Gesuch den Nachbarinnen und Nachbarn sowie den privaten
Organisationen mit eingeschriebenem Brief mitgeteilt werden. Die Mitteilung kann
unterbleiben, wenn sie dem Bauvorhaben bereits schriftlich zugestimmt haben (vgl. Art. 27
Abs. 1, 3 und 4 BewD6). Auf eine Publikation oder Mitteilung kann nur verzichtet werden,
wenn Auswirkungen auf die Nachbarschaft oder die Allgemeinheit ausgeschlossen sind.7
Der Beschwerdegegner brachte keine Zustimmungserklärungen der übrigen
Stockwerkeigentümer zum Baugesuch bei, sondern reichte lediglich Auszüge aus den
Kaufverträgen über die Stockwerkeigentumseinheiten Nr. C._-5, C._-4,
C._-3 und C._-1 ein. Diese Verträge datieren jedoch soweit ersichtlich
aus den Jahren 1990 und 1991. Der Beschwerdeführer bzw. sein Vater hatten daher keine
Kenntnis des aktuellen Baugesuchs. Da gemäss Baubewilligung von 1989 im
Wohngebäude mindestens 50% der Bruttogeschossfläche als Erstwohnung genutzt
werden muss, hat die beantragte Aufhebung des Zweckentfremdungsverbots bei einer
Stockwerkeinheit zwangsläufig Auswirkungen auf die Nutzungsmöglichkeiten der übrigen
Stockwerkeinheiten. Eine Mitteilung an die betroffenen Nachbarinnen und Nachbarn hätte
in dieser Konstellation nicht unterbleiben dürfen. Der Vater des Beschwerdeführers bzw.
der Beschwerdeführer (ab 22. März 2016) waren aufgrund dieses Verfahrensfehlers somit
4 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 5 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 12 N. 22 6 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 7 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art.  N. 7
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unverschuldet gehindert, sich rechtzeitig mit Einsprache am Baubewilligungsverfahren zu
beteiligen.
c) Unterbleibt die gebotene Bekanntmachung des Bauvorhabens oder ist die
Publikation in zentralen Punkten unvollständig, läuft die Einsprachefrist nicht. In solchen
Konstellationen sind Nachbarn befugt, innert 30 Tagen nach Kenntnis des massgebenden
Sachverhalts gegen den in Frage stehenden Entscheid nachträglich Beschwerde zu
führen.8
Trotz fehlender Eröffnung reichte der Beschwerdeführer innert der 30-tägigen
Rechtsmittelfrist Beschwerde bei der BVE ein. Er erwarb sein Grundstück am 22. März
2016, mithin vor Erlass der angefochtenen Verfügung, und ist durch die angefochtene
Verfügung beschwert.
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Baugesuch
a) Die Grundeigentümer müssen im Baugesuch angegeben werden und das
Baugesuch unterzeichnen (Art. 10 Abs. 2 und Art. 11 BewD). Bei gemeinschaftlichem
Eigentum ist die Unterschrift oder eine Zustimmungserklärung aller Beteiligten erforderlich.9
Da das Stockwerkeigentum kein Alleineigentum ist, sondern nur eine spezielle
Ausgestaltung des Miteigentums darstellt (vgl. Art. 712a ZGB10), hätten die anderen
Stockwerkeigentümer das Baugesuch des Beschwerdegegners mitunterzeichnen müssen.
Mit dieser Vorschrift soll primär verhindert werden, dass die Baubewilligungsbehörde
Bauvorhaben beurteilt, denen zivilrechtliche Hindernisse entgegenstehen. Die
Mitunterzeichnung des Baugesuchs ist nur dann entbehrlich, wenn der Gesuchsteller ein
eigenes schutzwürdiges Interesse an der Beurteilung seines Gesuchs hat.11
8 Vgl. BGer 1A.33/2007 vom 22. Oktober 2007; BVR 2008 S. 251 E. 4.1; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 41 N. 5; Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum bernischen BauG, Band I, 4. Aufl. 2013, Art. 35-35c N. 11, Art. 38-39 N. 26und Art. 40-41 N. 3 9 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 34 N. 10 10 Schweizerisches Zivilgesetzbuch vom 10. Dezember 1907 (ZGB; SR 201) 11 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 34 N. 10
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Das mit der Baubewilligung von 1989 verfügte Zweckentfremdungsverbot nach EWAP
betrifft und belastet das ganze Gebäude. Im Baubewilligungsverfahren von 1989 wurde
nicht definiert, welche der sechs Wohnungen als Erstwohnung bzw. Zweitwohnung genutzt
werden sollen.12 Gemäss Auszug aus dem GRUDIS13 lastet das Zweckentfremdungsverbot
aktuell auf vier Stockwerkeinheiten, was einer Quote von insgesamt 67,1% entspricht.14
Würde die beantragte Aufhebung des Zweckentfremdungsverbotes bewilligt, würde sich
die Erstwohnungs-Quote auf 50 % reduzieren. Damit wäre die Befreiung anderer
Stockwerkeinheiten ausgeschlossen. Die beantragte Zweckänderung bei der
Stockwerkeinheit Nr. C._-6 wirkt sich somit auf die Nutzung der Liegenschaft aus
und tangiert die Rechte der anderen Stockwerkeigentümer (vgl. Art. 712a Abs. 2 ZGB). In
dieser Konstellation kann nicht auf das Unterschriftserfordernis der mitbetroffenen
Grundeigentümer verzichtet werden.
b) Der Beschwerdegegner beruft sich darauf, der Vater des Beschwerdeführers habe
sich im Kaufvertrag vom 12. Februar 1990 einverstanden erklärt, dass seine Wohnung bei
Wohnsitznahme zu einer Erstwohnung werde und dass die Wohnung des
Beschwerdegegners im Dachgeschoss West das Recht zur Zweitwohnungsnutzung
zugesprochen erhalte. Gleiches macht die Gemeinde geltend. Sie bringt vor, die
vertragliche Regelung sei klar. Mit der inzwischen erfolgten Wohnsitznahme des Vaters
des Beschwerdeführers sei die Bedingung eingetreten und das Recht zur
Zweitwohnungsnutzung auf die Wohnung des Beschwerdegegners übergegangen.
Über privatrechtliche Vereinbarungen wird im Baubewilligungsverfahren grundsätzlich nicht
entschieden. Nach Art. 2 Abs. 1 BauG haben die Baubewilligungsbehörden lediglich zu
prüfen, ob ein Bauvorhaben den bau- und planungsrechtlichen Vorschriften und den nach
anderen Gesetzen im Baubewilligungsverfahren zu prüfenden Vorschriften entspricht. Eine
Ausnahme bilden privatrechtliche Tatbestände, die von der Baugesetzgebung vor-
ausgesetzt oder ausdrücklich als massgebend erklärt werden, wie namentlich bei der
rechtlichen Sicherstellung von Erschliessungsanlagen, die über ein fremdes Grundstück
führen (vgl. Art. 7 BauG i.V.m. Art. 4 Abs. 1 Bst. c BauV15). In solchen Konstellationen kann
12 Vgl. Bauentscheid des Regierungsstatthalters von Thun vom 3. März 2002, E. 2.4 13 Grundstückinformationssystem des Kantons Bern 14 Berechnung der Gemeinde, Vorakten Register 10 15 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1)
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die Baubewilligungsbehörde die erfolgte Sicherstellung vorfrageweise prüfen, was einen
zivilrechtlichen Entscheid jedoch nicht präjudiziert.16 Der vorliegende Fall betrifft keine
solche Frage. Auch das Zustimmungserfordernis der Grundeigentümer gemäss Art. 10
Abs. 2 BewD bezweckt nicht, umstrittene private Rechte, die dem Bauvorhaben
entgegenstehen könnten, im Baubewilligungsverfahren statt im dafür vorgesehenen
Zivilverfahren zu überprüfen.17 Zwischen den damaligen Vertragsparteien war bereits 2002
umstritten, welche Bedeutung der genannten Vertragsklausel zukommt und welche
Stockwerkeinheit von einem Zweckentfremdungsverbot befreit werden soll. Für die Klärung
dieser vertraglichen Ansprüche sind die Parteien auf den zivilrechtlichen Weg verwiesen.
c) Zusammenfassend ergibt sich, dass das Baugesuch aufgrund der fehlenden
Unterschriften der anderen Stockwerkeigentümer bzw. mangels Zustimmungserklärungen
nicht vollständig war. Der Beschwerdegegner hat kein eigenes schutzwürdiges Interesse
an der Beurteilung seines Baugesuchs, das von den anderen Stockwerkeigentümern nicht
unterzeichnet ist. Die Gemeinde hätte somit nicht auf das Baugesuch eintreten dürfen. Die
Beschwerde ist demnach gutzuheissen und der angefochtene Entscheid aufzuheben. Auf
das Baugesuch des Beschwerdegegners kann nicht eingetreten werden.
3. Weitere Mängel
a) Das Dispositiv der angefochtenen Verfügung enthält in Ziffer 2 und 3 Feststellungen
über die zulässige Nutzung der anderen Stockwerkeinheiten. Diese waren nicht Inhalt des
Baugesuchs und die betroffenen Eigentümer nicht am Verfahren beteiligt, weshalb die
Anordnungen über den Verfahrensgegenstand hinausgehen, der geregelt werden konnte.
Zudem sind Feststellungsverfügungen gegenüber Leistungsverfügungen subsidiär und
würden ein Feststellungsinteresse voraussetzen. Soweit in den Ziffern 2 und 3 nur
deklaratorisch die heute bestehenden Anmerkungen im Grundbuch festgehalten werden,
haben Ziffer 2 und 3 keinen Verfügungscharakter. In Ziffer 4 wird das Grundbuchamt
angewiesen, auf den bereits vom Zweckentfremdungsverbot befreiten Stockwerkeinheiten
Gbbl. Nr. C._-1, C._-3 sowie auf der Stockwerkeinheit des bewilligten
Bauvorhabens Gbbl. Nr. C._-6 neu ein Zweckentfremdungsverbot gemäss
16 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 2 N. 4a 17 VGE 2014/176 vom 10. Februar 2015, E. 3.1
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Erstwohnungsanteilsplan anzumerken. Diese Anordnung ist offensichtlich falsch. Bei der
Aufforderung an das Grundbuchamt, auf der Stammparzelle Gbbl. Nr. C._ ein
Zweckentfremdungsverbot anzumerken, handelt es sich um eine bereits beurteilte Sache:
eine solche Anmerkung wurde bereits im Bauentscheid von 1989 verfügt und ist auch
erfolgt. Die Verfügung ist somit in mehrfacher Hinsicht fehlerhaft.
b) Die angefochtene Baubewilligung wurde vom Bauverwalter erteilt und unterzeichnet.
Er stützte sich dabei auf einen Delegationsbeschluss der Baupolizei- und
Planungskommission (BPK) vom 8. Mai 2014. Dieser Beschluss regelt die Delegation von
weiteren Kompetenzen an den Bauverwalter und an die stellvertretende Bauverwalterin.
Die BPK beschloss unter anderem, dass kleine Baubewilligungen gemäss Art. 27 BewD
(sogenannte C-Geschäfte) ohne Kommissionsbeschluss direkt vom Bauverwalter oder
seiner Stellvertreterin behandelt, entschieden und mit Einzelunterschrift bewilligt werden
können. Unterschriftsberechtigt sei, wer in der Sache zuständig sei, eine Ergänzung der
Pflichtenhefte sei vorgesehen. Die Entscheide sollten der BPK im Rahmen der
Kommissionsprotokolle lediglich noch zur Kenntnis gebracht werden. Die Einführung der
Neuregelung erfolgte sogleich. Spätestens Ende 2014 sollte aufgrund der gemachten
Erfahrungen über das weitere Vorgehen entschieden werden.18
In der Gemeinde entscheidet der Gemeinderat oder ein anderes im Gemeindereglement
bezeichnetes Organ über die Baugesuche (Art. 33 Abs. 4 BauG). Nach der
Gemeindeordnung von Sigriswil ist die Baupolizei- und Planungskommission die
ordentliche Baubewilligungsbehörde im Sinne des Baugesetzes und Baureglements (Art.
70 GO19; Art. 63 GBR). Sie ist zuständig für die Erteilung von Baubewilligungen im Rahmen
der Gemeindekompetenz (Anhang II zur GV20). Für Behörden unterschreiben der Präsident
und der Sekretär gemeinsam (Art. 47 GV). Nach Art. 11 GO können selbständige
Entscheidbefugnisse an Personen aus der Verwaltung verliehen werden. Eine solche
Kompetenzdelegation muss in einem Reglement oder einer Verordnung erfolgen. Die
delegierten Befugnisse, Geschäfte oder Geschäftsbereiche müssen im Erlass im Einzelnen
bezeichnet werden (Art. 11 Abs. 1 und 2 GO). Vorliegend findet sich in der
Geschäftsverordnung keine Delegationsbestimmung, dass der Bauverwalter bzw. die
stellvertretende Bauverwalterin über kleine Baubewilligungen entscheiden dürfen. Im
18 Protokollauszug der 8. Sitzung der BPK vom 8. Mai 2014, Vorakten Register 10 19 Einwohnergemeinde Sigriswil, Gemeindeordnung 2012, vom Amt für Gemeinden und Raumordnung genehmigt am 30. Januar 2013 20 Einwohnergemeinde Sigriswil, Geschäftsverordnung 2013 vom 19. November 2012 (GV), online eingesehen unter www.
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Anhang IV der GV ist beim Aufgaben- und Zuständigkeitsbereich der Bauabteilung nur in
allgemeiner Weise das "Baubewilligungswesen" genannt. Der Bauverwalter war demnach
nicht zuständig, über das vorliegende Bauvorhaben zu entscheiden.
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt der Beschwerdegegner. Er hat die
Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf eine
Pauschalgebühr von Fr. 600.– (Art. 103 Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1
GebV21).
b) Der Beschwerdeführer war nicht anwaltlich vertreten. Parteikosten werden keine
gesprochen (Art. 108 Abs. 3 i.V.m. Art. 104 Abs. 1 VRPG).
c) Die Kosten des Baubewilligungsverfahrens von Fr. 597.50 bleiben dem
Beschwerdegegner auferlegt (Art. 51 BewD).