Decision ID: 67b4b670-8272-4fc4-b2da-e7441354a205
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend einfache Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Uster, Einzelgericht in
Strafsachen, vom 2. Dezember 2014 (GG140023)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See/Oberland vom 19. Juni 2014
(Urk. HD 61) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz:
1. Das Verfahren wird in Bezug auf den Vorwurf der Tätlichkeiten gemäss An-
klagesachverhalt Ziffer 1.1 eingestellt.
2. Das Verfahren wird in Bezug auf den Vorwurf der Tätlichkeiten gemäss An-
klagesachverhalt Ziffer 1.3 für den Zeitraum von Ende Oktober 2011 bis
2. Dezember 2011 eingestellt.
3. Der Beschuldigte ist hinsichtlich der übrigen Anklagevorwürfe nicht schuldig
und wird vollumfänglich freigesprochen.
4. Das Schadenersatz- und Genugtuungsbegehren der Privatklägerin wird auf
den Zivilweg verwiesen.
5. Die Entscheidgebühr fällt ausser Ansatz; die übrigen Kosten, insbesondere
die Auslagen des Vorverfahrens, die Gebühr der Strafuntersuchung und die
Gerichtsgebühr des Beschwerdeverfahrens am Obergericht des Kantons
Zürich (Geschäfts-Nr. UE130230), werden auf die Staatskasse genommen.
6. Dem Beschuldigten wird eine Parteientschädigung von Fr. 24'639.55 für an-
waltliche Verteidigung aus der Gerichtskasse zugesprochen.
7. Dem Beschuldigten werden Fr. 300.– als Genugtuung aus der Gerichtskas-
se zugesprochen.
8. Rechtsanwältin Dr.iur. X1._ wird für ihre Bemühungen als
unentgeltliche Rechtsbeiständin der Privatklägerin mit Fr. 9'585.65 aus der
Gerichtskasse entschädigt.
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9. Die Kosten für die unentgeltliche Rechtsverbeiständung der Privatklägerin
werden auf die Gerichtskasse genommen.
Berufungsanträge:
a) Der Vertreterin der Privatklägerschaft:
(Urk. 107 S. 2)
1. Es seien Dispositiv-Ziffern 3, 4, 5, 6 und 7 des Urteils vom 2. Dezem-
ber 2014 aufzuheben, und es seien folgende Anträge gutzuheissen:
a) Der Beschuldigte sei anklagegemäss schuldig zu sprechen und
zu bestrafen.
b) Es sei festzustellen, dass der Beschuldigte gegenüber der Privat-
klägerin dem Grundsatz nach schadenersatzpflichtig ist für Scha-
den (insbesondere Therapiekosten der Privatklägerin, Behand-
lungs- und andere Gesundheitskosten, etc.), der im Zusammen-
hang mit den von ihm begangenen Straftaten steht (Vorfälle ab
dem 03.12.2011 bis zum 16.01.2012, Vorfall Ende Oktober 2011,
Vorfall irgendwann zwischen 15.11. und 25.11.2011 sowie Vorfall
vom 15.01.2012) und der nicht durch die Krankenkasse oder
sonstige Privat- oder Sozialversicherungen übernommen wird.
c) Der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin eine Ge-
nugtuung von CHF 500.00 nebst Zins in der Höhe von 5% seit
dem 03.12.2011 zu bezahlen.
2. Dem Beschuldigten und Berufungsbeklagten seien sämtliche Kosten-
der Untersuchung, des Gerichtsverfahrens und des Berufungsverfah-
rens, insbesondere auch die Kosten der unentgeltlichen Rechtsvertre-
tung der Privatklägerin und Berufungsklägerin, aufzuerlegen.
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3. Es sei für die Aufwendungen der unentgeltlichen Rechtsvertretung der
Privatklägerin und Berufungsklägerin ein Gesamtbetrag von
CHF 1'854.00 (inkl. 8 % MwSt., und erhöht um den heutigen Aufwand)
aus der Gerichtskasse zu entrichten.
b) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 108 S. 2)
1. Es seien die Berufungsanträge der Berufungsklägerin vollumfänglich
abzuweisen und es sei das vorinstanzliche Urteil des Einzelgerichts am
Bezirksgericht Uster vom 2. Dezember 2014 (Geschäfts-Nr.:
GG140023-I) vollumfänglich zu bestätigen.
2. Es seien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens der Berufungsklägerin
aufzuerlegen.
3. Es sei dem Berufungsbeklagten für seine Aufwendungen im zweitin-
stanzlichen Verfahren (ab Eingang Berufungsanmeldung) eine Ent-
schädigung von mindestens Fr. 4'522.70 aus der Gerichtskasse zuzu-
sprechen.
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Erwägungen:
I. Verfahrensgang
1. Am 2. Dezember 2014 fand im vorliegenden Strafverfahren die Hauptver-
handlung vor Bezirksgericht Uster statt (Prot. I S. 5 ff.). Gleichentags fällte das
Bezirksgericht Uster das obgenannte Urteil (Prot. I S. 10 ff.). Das Urteil wurde
mündlich eröffnet sowie im Dispositiv dem Beschuldigten übergeben (Urk. 86) und
der Staatsanwaltschaft zugestellt (Urk. 87). Am 8. Juli 2014 meldete die Privatklä-
gerin beim Bezirksgericht Uster Berufung an (Urk. 88). Das begründete Urteil
(Urk. 93 [=Urk. 95]) wurde von der Privatklägerin bzw. ihrer Vertreterin am 27. Mai
2015 entgegengenommen (Urk. 94).
2. Im Anschluss an die Zustellung des begründeten Urteils reichte die Privat-
klägerin dem Obergericht am 16. Juni 2015 rechtzeitig die Berufungserklärung ein
(Urk. 96). Darin führte sie aus, dass sie das Urteil vollumfänglich anfechte und auf
ihre Anträge sowie die Anträge der Staatsanwaltschaft in der Anklage vom
19. Juni 2014 verweise. Die Einstellung des Verfahrens bezüglich der vor dem
2. Dezember 2011 eingeklagten Tätlichkeiten würden jedoch akzeptiert (Urk. 96).
3. Mit Präsidialverfügung vom 23. Juni 2015 wurde der Beschuldigte und die
Staatsanwaltschaft See/Oberland über die Berufungserklärung in Kenntnis ge-
setzt; ferner wurde ihnen Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erklären bzw.
Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 98). Am 7. Juli 2015 teilte die
Staatsanwaltschaft See/Oberland mit, dass sie auf eine Anschlussberufung ver-
zichte (Urk. 29). Der Beschuldigte äusserte sich nicht.
4. Am 5. August 2015 wurden die Parteien zur Berufungsverhandlung auf den
10. November 2015 vorgeladen (Urk. 32).
5. Anlässlich der Berufungsverhandlung vom 10. November 2015 stellte die
Privatklägerin die oben aufgeführten Anträge (Urk. 107 S. 2).
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II. Prozessuales
1. Gemäss Art. 382 StPO kann jede Partei, die ein rechtlich geschütztes Inte-
resse an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheides hat, ein Rechtsmittel
ergreifen (Abs. 1). Die Privatklägerin kann einen Entscheid hinsichtlich der ausge-
sprochenen Sanktion nicht anfechten (Abs. 2). Dies bedeutet, dass sie im Übrigen
einen Entscheid in allen anderen Punkten anfechten kann, soweit sie in ihren
rechtlich geschützten Interessen betroffen ist (BSK StPO-Ziegler/Keller, 2. Aufla-
ge, Basel 2014, Art. 382 N 4). Die Privatklägerin stellt Zivilansprüche, so dass sie
an einem Schuldspruch ein Interesse hat. Da sich ein Schuldspruch zwangsläufig
auch auf die Kostenfolgen sowie die Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche
des erstinstanzlich freigesprochenen Beschuldigten auswirken würde, ist die Pri-
vatklägerin auch insofern zur Berufung legitimiert.
2. Gemäss Art. 402 in Verbindung mit Art. 437 StPO hat die Berufung im Um-
fang der Anfechtung aufschiebende Wirkung und wird die Rechtskraft des ange-
fochtenen Urteils dementsprechend gehemmt. Nachdem die Dispositivziffern 1
und 2 (Einstellungen) nicht angefochten worden sind (Urk. 96; Urk. 107 S. 2), ist
mittels Beschluss festzustellen, dass das vorinstanzliche Urteil in diesem Umfang
in Rechtskraft erwachsen ist.
3. In Bezug auf die Tätlichkeit gemäss Anklagesachverhalt Ziffer 1.4 bemän-
gelte der Beschuldigte im erstinstanzlichen Verfahren das Fehlen eines Strafan-
trages (Urk. 84 S. 10 Rz. 26). Gemäss Art. 123 Ziff. 2 Abs. 4 StGB wird der Täter
von Amtes wegen verfolgt, wenn er der Ehegatte des Opfers ist und die Tat wäh-
rend der Dauer der Ehe verübt hat. Da der Beschuldigte damals mit der Privatklä-
gerin verheiratet war, ist ein Strafantrag nicht erforderlich.
III. Tatsächliches
Mit ihrer Berufung wendet sich die Privatklägerin gegen den Freispruch des Be-
schuldigten. Da der Beschuldigte nicht geständig ist, muss im Folgenden geprüft
werden, ob der in der Anklageschrift umschriebene Sachverhalt erstellt werden
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kann. Die Vorinstanz hat die Grundsätze der Beweiswürdigung zutreffend darge-
legt. Ebenfalls zutreffend wurde das Prinzip "in dubio pro reo" dargestellt. Darauf
kann verwiesen werden (Urk. 95 S. 7 ff. E. 3.3 bis 3.7).
1. Körperverletzung gemäss Anklagesachverhalt Ziff. 1.2
1.1 Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten unter Anklagesachverhalt
Ziff. 1.2 vor, er habe an einem nicht näher bestimmbaren Tag Ende Oktober 2011
die im Bett liegende und bereits schlafende Privatklägerin mit beiden Händen ge-
würgt, so dass ihr aus Atemnot Tränen in die Augen geschossen seien; durch
dieses Würgen seien rote Flecken am Hals der Privatklägerin entstanden.
1.2 Beim eingeklagten Vorfall waren keine Drittpersonen anwesend. Folglich ist
in erster Linie auf die Aussagen des Beschuldigen und der Privatklägerin abzu-
stellen. Ergänzend wurden diverse Zeugen einvernommen, die jedoch keine ei-
genen Wahrnehmungen machen konnten.
a. Die sich gegenüberstehenden Aussagen des Beschuldigten und der Privat-
klägerin wurden im angefochtenen Urteil zutreffend dargestellt. Auch die Zeugen-
aussagen wurden richtig widergegeben. Darauf kann verwiesen werden (Urk. 95
S. 13 ff. E. 3.10.3 bis 3.10.5).
b. Aufgrund dieser Aussagen führte die Vorinstanz zutreffend aus, dass der
eingeklagte Sachverhalt nicht rechtsgenügend erstellt werden kann.
Entscheidend ist, dass die Darstellung der Privatklägerin entgegen der Auffas-
sung ihrer Rechtsvertreterin (Urk. 107 S. 7) nicht plausibel ist, sie sei nach dem
von ihr behaupteten Würgen durch den Beschuldigten ins Badezimmer geflüchtet
und habe sich trotz ihrer Angst anschliessend wieder ins Bett neben den Be-
schuldigten gelegt. Dies ist nicht nachvollziehbar, wenn sie ausführt, sie sei auf-
grund des angeblichen Würgens und einer früheren Aussage des Beschuldigten
in Angst versetzt worden, wonach es eine Stelle am Hals geben soll, bei der man
durch Zudrücken den Tod herbei führen könne, ohne dass eine Gewalteinwirkung
feststellbar sei.
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Weiter kann nicht nachgewiesen werden, dass anlässlich eines im unmittelbaren
Anschluss an den eingeklagten Vorfall geführten Gesprächs im Beisein von Fami-
lienangehörigen des Beschuldigten (C._ [Vater des Beschuldigten] und
D._ [Mutter des Beschuldigten]) und der Privatklägerin (E._ [Onkel der
Beschuldigten], F._ [Onkel der Beschuldigten] und G._ [Ehemann der
Tante der Beschuldigten]) das Würgen thematisiert wurde, obwohl es naheliegend
gewesen wäre, den Grund der Differenzen der Beteiligten in diesem Kreis zu erör-
tern. Von den genannten Beteiligten dieses Gesprächs führte nämlich einzig der
Zeuge E._ aus, dass anlässlich des Familiengesprächs von Würgen die Re-
de gewesen sei (Urk. 50 S. 4); die weiteren Zeugen konnten dies nicht bestätigen.
Dies gilt insbesondere auch für die Familienangehörigen der Privatklägerin
(F._ und G._).
Sodann ist auch erstaunlich, dass die Privatklägerin gegenüber ihrem Onkel
F._, bei welchem sie sich im Anschluss an den eingeklagten Vorfall und dem
Familiengespräch während drei Tagen aufgehalten hatte, das Würgen nicht er-
wähnte. F._ sagte auf die Frage, ob die Privatklägerin ihm berichtet habe,
dass sie vom Beschuldigten tätlich angegangen und bedroht worden sei: "Nicht
konkret und nicht im Detail. Sie erwähnte aber, er [der Beschuldigte] habe sie ge-
kniffen und ihr den Arm umgedreht" (Urk. 14 S. 4).
Schliesslich vermochte die Privatklägerin auch nicht plausibel zu erklären, wes-
halb sie sich im Anschluss an den von ihr behaupteten Vorfall, bei dem rote Fle-
cken an ihrem Hals entstanden sein sollen, nicht zu einem Arzt begab. Ihre Dar-
stellung, sie habe nur den Hausarzt der Familie des Beschuldigten gehabt, bei
dem auch dessen Schwester H._ gearbeitet habe, ist nicht nachvollziehbar,
weil sie sich im Anschluss an den behaupteten Vorfall drei Tage bei ihrem Onkel
F._ aufgehalten hatte und genügend Zeit gehabt hätte, einen anderen Arzt
ihres Vertrauens zu finden.
1.3 Insgesamt ist davon auszugehen, dass in Bezug auf die Vorwürfe gemäss
Anklagesachverhalt Ziff. 1.2 Aussage gegen Aussage steht, das Verhalten der
Privatklägerin im Anschluss an das angebliche Würgen in verschiedener Hinsicht
nicht nachvollziehbar ist und Dritte keine eigenen Wahrnehmungen in Bezug auf
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den eingeklagten Sachverhalt machen konnten. Daran ändert auch der Umstand
nichts, dass Vertraute der Privatklägerin als Zeugen aussagten, am Familienge-
spräch sei über einen Vorfall mit Würgen gesprochen worden (Zeuge F._)
bzw. die Privatklägerin habe ihnen gegenüber einen Vorfall mit Würgen erwähnt
(I._ [Schwester der Privatklägerin, Urk. 12 S. 5] und J._ [Tante der Pri-
vatklägerin, Urk.13 S. 4]; vgl. Urk. 107 S. 8). Da diese Zeugen keine eigenen
Wahrnehmungen machten, sondern nur "vom Hören sagen" aussagten, kann mit
diesen Aussagen der rechtsgenügende Beweis nicht geführt werden. Der Be-
schuldigte ist bezüglich Anklagesachverhalt Ziff. 1.2 nach dem Grundsatz "in du-
bio pro reo" freizusprechen.
2. Nicht verjährte Tätlichkeiten gemäss Anklagesachverhalt Ziff. 1.3
2.1 Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten unter Anklagesachverhalt
Ziff. 1.3 vor, er habe die Privatklägerin im Anschluss an den Würgevorfall Ende
Oktober 2011 bis zu deren Auszug aus dem gemeinsamen Haushalt am 16. Ja-
nuar 2012 im Schlafzimmer immer wieder an verschiedenen Stellen des Körpers -
u.a. in die Brust - gekniffen, so dass blaue Flecken entstanden seien.
2.2 Auch bei diesen Vorfällen, bei denen der Beschuldigte die Privatklägerin
immer wieder gekniffen und dadurch blaue Flecken verursacht haben soll, waren
keine Drittpersonen anwesend. Folglich ist in erster Linie auf die Aussagen des
Beschuldigten und der Privatklägerin abzustellen. Ergänzend sind verschiedene
Zeugen einvernommen worden, die jedoch keine eigenen Wahrnehmungen ma-
chen konnten.
a. Die sich gegenüberstehenden Aussagen des Beschuldigten und der Privat-
klägerin wurden im angefochtenen Urteil zutreffend widergegeben. Auch die Zeu-
genaussagen wurden zutreffend zusammengefasst. Darauf kann verwiesen wer-
den (Urk. 95 S. 20 ff. E. 3.11.2 bis 3.11.5).
b. Die Vorinstanz führte zutreffend aus, dass aufgrund einer Würdigung aller
Aussagen der eingeklagte Sachverhalt nicht rechtsgenügend erstellt werden
kann.
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Entscheidend ist, dass die Privatklägerin stets festhielt, der Beschuldigte habe sie
nach ihrer Rückkehr vom Aufenthalt bei ihrem Onkel F._ Ende Oktober 2011
nicht mehr geschlagen, sondern sie gekniffen, bis sie blaue Flecken bekommen
habe (HD 2 S. 13 [insbes. zu Frage 68], HD 2 S. 3 [Antwort auf Frage 5]) und S.
13 [Antworten auf Frage 68 ff.]; HD 9 S. 6). Im Gegensatz dazu führte die Zeugin
J._ (Tante der Privatklägerin) aus, sie habe blaue Flecken an ihrem rechten
Arm festgestellt, während die Privatklägerin drei Tage bei deren Onkel F._
gewesen sei (HD 13 S. 5). Ebenfalls in Widerspruch zu den Aussagen der Privat-
klägerin stehen die Depositionen der Zeugen F._ (Onkel der Privatklägerin
[HD 14 S. 4]) und G._ (Ehemann der Tante der Privatklägerin [HD 22 S. 4]), die ausführten, die Privatklägerin habe ihnen während ihres Aufenthalts bei
F._ erzählt, dass der Beschuldigte sie gekniffen habe. Angesichts dieser un-
terschiedlichen Darstellungen lässt sich der von der Staatsanwaltschaft einge-
klagte Sachverhalt nicht erstellen.
Hinzu kommt, dass selbst die Zeugen aus dem Umfeld der Privatklägerin nicht
bestätigen konnten, dass diese vom Beschuldigten gekniffen worden sei, bis es
zu blauen Flecken gekommen sei. Insbesondere die Zeugin I._ (Schwester
der Privatklägerin) führte aus, dass ihr die Privatklägerin gesagt habe, nach ihrem
dreitägigen Aufenthalt bei F._ habe es keine körperliche, sondern nur noch
verbale Gewalt gegeben (Urk. 12 S. 5). Die Zeugin I._ gab auch nie an, sie
habe blaue Flecken mit eigenen Augen gesehen, was erstaunlich ist, weil die Pri-
vatklägerin ihrer Schwester ab September 2011 ihre privaten Probleme anvertrau-
te (Urk. 12 S. 4 "Etwa im September hat sie [die Privatklägerin] selber zu erzählen
begonnen und dabei auch geweint"). Erst als I._ in der Zeugenbefragung
durch die Staatsanwaltschaft darauf aufmerksam gemacht wurde, die Privatkläge-
rin habe geltend gemacht, sie sei regelmässig gekniffen wurden, führte die Zeugin
aus, das habe die Privatklägerin erst später erzählt (Urk. 12 S. 6).
Im ärztlichen Bericht von Dr. med. K._ vom 27. Januar 2012 wird festgehal-
ten, die Privatklägerin sei in den letzten Monaten vom Beschuldigten täglich in
Arme, Oberschenkel und Brust geklemmt worden, wobei anlässlich der Konsulta-
tion am 26. Januar 2012 nur noch zwei Hämatome an der Brust rechts und links
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ersichtlich gewesen seien (vgl. HD 3 Blatt 2). Auch wenn ärztlichen Berichten be-
sonderes Vertrauen entgegen gebracht werden kann, ist es im vorliegenden Fall
aus mehreren Gründen angezeigt, den Bericht mit Vorsicht zu würdigen. Erstens
ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Privatklägerin in Bezug auf die Häufigkeit
der Kniffe gegenüber der Polizei davon sprach, die Übergriffe hätten bis zu ihrem
Auszug alle zwei bis drei Tage stattgefunden (HD 2 S. 13 [Antwort zu Frage 73]),
gegenüber der Ärztin Dr. med. K._ aber von täglichen Vorfällen berichtete
(HD 3 Blatt 2). Zweitens ist zu berücksichtigen, dass die Privatklägerin erst am
26. Januar 2012 - und damit erst 10 Tage nach ihrem Auszug und dem letzten
Kontakt zum Beschuldigten - von Dr. med. K._ untersucht wurde und die
zwei festgestellten Hämatome an der Brust aus zeitlichen Gründen nicht rechts-
genügend auf das Zusammenleben mit dem Beschuldigten zurückgeführt werden
können, zumal die Privatklägerin keine Gründe anzugeben vermochte, weshalb
sie trotz sichtbarer Spuren der behaupteten Misshandlungen mit einer ärztlichen
Untersuchung so lange zuwartete. Und drittens gab die Beschuldigte bei der poli-
zeilichen Befragung vom 9. Februar 2012 wahrheitswidrig an, erst während ihrem
Aufenthalt im Frauenhaus einen Arzt aufgesucht zu haben (HD 2 S. 12 [Antwort
zu Frage 65]), während sie effektiv bereits am 29. Oktober 2011 und am 12. No-
vember 2011 bei Dr. med L._ in Behandlung war und damals keine Zeichen
einer Misshandlung festzustellen waren.
2.3 Insgesamt ist davon auszugehen, dass in Bezug auf die (nicht verjährten
Vorwürfe) gemäss Anklagesachverhalt Ziff. 1.3 (Tätlichkeiten ab dem 3. Dezem-
ber 2011) Aussage gegen Aussage stehen, dass die Darstellung der Privatkläge-
rin in zeitlicher Hinsicht nicht in Einklang steht mit den Depositionen der Zeugen
J._; G._ und F._, dass die von ihr in Vertrauen gezogene Schwes-
ter I._ keine blauen Flecken wahrnahm und dass die von der Beschuldigten
gegenüber ihrer Ärztin abgegebenen Aussagen wesentlich von den im vorliegen-
den Verfahren gemachten Aussagen abweichen. Daher kann der eingeklagte
Sachverhalt nicht rechtsgenügend nachgewiesen werden. Der Beschuldigte ist
auch diesbezüglich nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" freizusprechen.
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3. Einfache Körperverletzung gemäss Anklagesachverhalt Ziff. 1.4
3.1 In der Anklageschrift wird unter Anklagesachverhalt Ziff. 1.4 weiter ausge-
führt, die Privatklägerin sei an einem nicht näher bestimmbaren Tag zwischen
dem 15. und 25. November 2011 im ehelichen Schlafzimmer am ...weg ... in
M._ mit einem Haarglätteisen beschäftigt gewesen und habe den Beschul-
digten aufgefordert, sich nicht zu nähern, weil das Gerät sehr heiss sei. Trotzdem
sei der Beschuldigte an die Privatklägerin herangetreten, habe das Haarglätteisen
aufgenommen und damit gegen ihren rechten Unterarm geschlagen, wodurch die
Privatklägerin Brandverletzungen erlitten habe.
3.2 Auch dieser Vorwurf wird seitens des Beschuldigten bestritten, weshalb der
Sachverhalt zu erstellen ist. Es ist in erster Linie auf die Aussagen des Beschul-
digten und der Privatklägerin abzustellen. Ergänzend sind verschiedene Zeugen
einvernommen worden, die jedoch keine eigenen Wahrnehmungen machen konn-
ten.
a. Die sich gegenüberstehenden Aussagen des Beschuldigten und der Privat-
klägerin wurden im angefochtenen Urteil zutreffend widergegeben. Auch die Zeu-
genaussagen wurden zutreffend zusammengefasst. Darauf kann verwiesen wer-
den (Urk. 95 S. 24 ff. E. 3.12.2 bis 3.12.5).
b. Die Vorinstanz führte zutreffend aus, dass aufgrund einer Würdigung aller
Aussagen der eingeklagte Sachverhalt nicht rechtsgenügend erstellt werden
kann.
Zwar liegt zu diesem Anklagevorwurf ein objektives Beweismittel vor: Die Privat-
klägerin weist am rechten Unterarm eine 3,5 cm lange und 1 cm breite Brandnar-
be auf. Diese befindet sich an der Innenseite des Unterarms und weist klare Kon-
turen auf (HD 3 Blatt 5 und 6). Aus dem Verletzungsbild selbst lässt sich jedoch
nicht schliessen, wie sie entstanden ist.
Der Beschuldigte hat nie bestritten, an der Verbrennung beteiligt gewesen zu
sein. So hat er konstant ausgesagt, der Privatklägerin Locken gemacht zu haben.
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Dabei sei das Gerät aus den Händen gerutscht und an den rechten Unterarm der
Privatklägerin gekommen (HD 4 S. 7 f.; HD 8 S. 4; Prot. II S. 11 f.).
Die Privatklägerin führt diese Verletzung darauf zurück, dass der Beschuldigte sie
mit dem Brenneisen verbrannt habe (HD 2 S. 3). In ihrer polizeilichen Einvernah-
me vom 9. Februar 2012 erklärte sie, er habe das Streckeisen genommen und so
getan, als würde er im Scherz spielen, habe sie dann aber am rechten Arm ver-
brannt (HD 2 S. 3). In der gleichen Einvernahme führte sie aus, der Beschuldigte
habe ihr das Glätteisen auf den Unterarm gedrückt und gesagt: "Ist das denn
warm... heiss?" (HD 2 S. 14 [Antwort zu Frage 84]). In der staatsanwaltschaftli-
chen Einvernahme vom 24. Juli 2012 erklärte die Privatklägerin, der Beschuldigte
sei dazu gekommen, als sie mit dem Haarglätteisen beschäftigt gewesen sei. Sie
habe noch gesagt, er solle nicht näher kommen, da das Gerät sehr heiss sei. Er
habe es aufgenommen und gegen den rechten Unterarm geschlagen. Nachher
habe er gesagt, das habe er nur aus Spass getan (HD 9 S. 7).
Die Aussagen der Privatklägerin sind nicht konstant. So führte bereits die Vor-
instanz aus, dass die prägnante Aussage des Beschuldigten "Ist das denn
warm... heiss?" nur in einer Aussage genannt wurde. Dies soll er gesagt haben,
bevor er das Glätteisen auf ihren Arm gedrückt habe. Bei der Staatsanwaltschaft
gab sie sodann an, er habe sie damit geschlagen und erst danach gesagt, er ha-
be es aus Spass getan. Die Aussagen stimmen somit sowohl in zeitlicher Hinsicht
als auch bezüglich des physischen Vorgehens sowie der gesagten Wortwahl nicht
überein. Nicht überzeugend ist sodann auch der Hinweis auf den Zeugen
N._ (Bruder des Beschuldigten [Urk. 84 S. 10]). Zunächst soll sich dieser in
der Wohnung, hernach im selben Zimmer aufgehalten haben (HD 2 S. 15; HD 9
S. 7). Abgesehen davon, dass sämtliche Familienangehörigen den Beschuldigten
konsequent entlastet haben, ist entscheidend, dass sich der Zeuge N._ gar
nicht an den Vorfall mit dem Haarstreckeisen erinnern konnte (HD 23 S. 2. f.).
3.3 Insgesamt ist davon auszugehen, dass in Bezug auf die Vorwürfe gemäss
Anklagesachverhalt Ziff. 1.4 Aussage gegen Aussage steht, die Privatklägerin
keine konstanten Aussagen zum Vorfall machte und die Erklärung des Beschul-
digten, wie es zur besagten Brandverletzung der Privatklägerin gekommen ist,
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durchaus nachvollziehbar ist. Das Verletzungsbild schliesst das durch den Be-
schuldigten geltend gemachte Unfallgeschehen nicht aus. Es bleiben daher
rechtserhebliche Zweifel, ob sich der eingeklagte Sachverhalt, wie er in der An-
klageschrift Eingang gefunden hat, so zugetragen hat. Der Beschuldigte ist somit
auch diesbezüglich nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" freizusprechen.
4. Drohung gemäss Anklagesachverhalt Ziff. 1.5
4.1 Schliesslich wirft die Staatsanwaltschaft dem Beschuldigten unter Anklage-
sachverhalt Ziff. 1.5 vor, er habe in der elterlichen Wohnung zur Privatklägerin
gesagt, es werde ein Blutvergiessen geben, wenn es mit ihr so weitergehe,
wodurch die Privatklägerin befürchtet habe, der Beschuldigte würde ihr ein Leid
antun.
4.2 Auch dieser Vorwurf wird seitens des Beschuldigten bestritten, weshalb der
Sachverhalt zu erstellen ist. In der Untersuchung wurden die beiden Beteiligten
sowie diverse Zeugen einvernommen (C._ [Vater des Beschuldigten],
D._ [Mutter des Beschuldigten], I._ [Schwester der Privatklägerin]). Die-
se Aussagen werden im angefochtenen Urteil zutreffend wiedergegeben, so dass
darauf verwiesen werden kann (Urk. 95 S. 29 f. E. 3.13.2 bis 3.11.4). Die Vo-
rinstanz führte zutreffend aus, dass aufgrund einer Würdigung aller Aussagen der
eingeklagte Sachverhalt nicht rechtsgenügend erstellt werden kann.
Zunächst ist festzuhalten, dass die Zeuginnen D._ und C._ die Darstel-
lung der Privatklägerin nicht bestätigen konnten, obwohl sie gemäss der Privat-
klägerin bei den Drohungen anwesend gewesen sein sollen; immerhin ist zu die-
sen Zeuginnen zu bemerken, dass die entlastende Wirkung ihrer Aussagen nicht
stark gewichtet werden, da insbesondere die Zeugin D._ (Mutter des Be-
schuldigten) in anderem Zusammenhang alles andere als glaubhaft aussagte.
Hinzu kommt nun aber, dass auch I._ (Schwester der Privatklägerin) die ein-
geklagte Drohung nicht bestätigen konnte. Ihre Aussage, die Privatklägerin habe
ihr erzählt, deren Mann (der Beschuldigte) und Schwiegervater (der Vater des
Beschuldigten) hätten ihr gesagt, ihre Familie könnte getötet werden, wenn sie
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(die Privatklägerin) weiter erzähle, was in der Familie geschehe (HD12 S. 5),
nimmt keinen direkten Bezug auf den eingeklagten Vorfall, der sich am 15. Januar
2012 zugetragen haben soll.
Schliesslich leuchtet entgegen der Auffassung der Rechtsvertreterin der Privat-
klägerin (Urk. 107 S. 11) auch nicht ein, weshalb die Privatklägerin nach der an-
geblichen Drohung zunächst nochmals eine Nacht beim Beschuldigten verbrach-
te, sodann am 16. Januar 2012 ein Gespräch und damit direkten Kontakt mit dem
Beschuldigten zuliess und schliesslich mit einer Anzeigeerstattung bis zum
9. Februar 2012 zuwartete, obschon sie gemäss eigenen Angaben grosse Angst
gehabt habe.
4.3 Aus diesen Gründen ist der Beschuldigte auch in Bezug auf die Vorwürfe
gemäss Anklagesachverhalt Ziff. 1.5 (Drohung vom 15. Januar 2012) nach dem
Grundsatz "in dubio pro reo" freizusprechen.
5. Fazit
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich die Vorwürfe gegen den Beschul-
digten nicht rechtsgenügend erstellen lassen, so dass der Beschuldigte diesbe-
züglich "in dubio pro reo" freizusprechen ist.
IV. Zivilansprüche
1. Die Privatklägerin forderte vor Vorinstanz und auch im Berufungsverfahren
Schadenersatz sowie eine Genugtuung (Urk. 107 S. 2). Die Vorinstanz verwies
sowohl das Schadenersatz- als auch das Genugtuungsbegehren auf den Zivilweg
(Urk. 95 S. 38).
2. Der Beschuldigte wird im Berufungsverfahren "in dubio pro reo" freigespro-
chen. Somit erweist sich der Sachverhalt in zivilrechtlicher Hinsicht nicht als
spruchreif (Art. 126 Abs. 1 lit. b StPO). Demzufolge kann vollumfänglich auf die
zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 95 S. 31 ff.) und
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ist die Privatklägerin auch im Berufungsverfahren mit ihrem Schadenersatz- und
Genugtuungsbegehren auf den Zivilweg zu verweisen.
V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Ausgangsgemäss ist das erstinstanzliche Kosten- und Entschädigungsdis-
positiv (Ziff. 5 bis 8) zu bestätigen.
2. Gestützt auf Art. 428 Abs. 1 StPO sind die Kosten des Berufungsverfah-
rens – mit Ausnahme der unentgeltlichen Vertretung der Privatklägerschaft – der
Privatklägerin aufzuerlegen. Die Kosten der unentgeltlichen Vertretung der Privat-
klägerschaft sind auf die Gerichtskasse zu nehmen, unter Vorbehalt der Rückfor-
derung (Art. 138 Abs. 1 in Verbindung Art. 135 Abs. 4 StPO).
3. Sodann ist die Privatklägerin zu verpflichten, dem Beschuldigten für das Be-
rufungsverfahren eine Entschädigung zu bezahlen (Art. 432 StPO). Entsprechend
seinem Antrag ist diese auf Fr. 4'522.70 festzusetzen (Urk. 109).