Decision ID: 71d63f39-7695-5a5e-b546-54576d028a5b
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin (geb. [...], Volksrepublik China) ersuchte am
31. August 2012 in der Schweiz um Asyl. Sie gab an, chinesische Staats-
angehörige tibetischer Ethnie mit letztem Wohnsitz in B._, Bezirk
C._, Präfektur D._, Tibet, zu sein. Am 20. März 2015 wies
das SEM das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug – unter Ausschluss des Vollzugs
in die Volksrepublik China – an. Die dagegen erhobene Beschwerde hiess
das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil E-2554/2015 von 31. Juli 2015
gut, hob die angefochtene Verfügung auf und wies die Sache zur korrekten
Sachverhaltsfeststellung und zu neuem Entscheid an die Vorinstanz zu-
rück. Am 4. Februar 2016 wies das SEM das Asylgesuch erneut ab und
ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Wegweisungsvollzug
– unter Ausschluss des Vollzugs in die Volksrepublik China – an. In der
Begründung wurde ausgeführt, die Sozialisierung der Beschwerdeführerin
habe sehr wahrscheinlich nicht in Tibet, sondern in einer exiltibetischen
Gemeinschaft ausserhalb der Volksrepublik China stattgefunden. Aufgrund
der Verletzung der Mitwirkungspflicht durch unwahre Identitätsangaben sei
vermutungsweise davon auszugehen, dass keine Wegweisungsvollzugs-
hindernisse vorlägen. Eine dagegen erhobene Beschwerde wies das Bun-
desverwaltungsgericht mit Urteil E-1506/2016 vom 6. Oktober 2017 rechts-
kräftig ab.
B.
Mit Verfügung vom 30. August 2018 stellte das Kantonsgericht E._
im Rahmen eines Verfahrens betreffend Feststellung der Personalien fest,
die Beschwerdeführerin sei Staatsangehörige der Volksrepublik China.
C.
Am (...) wurde F._, Sohn der Beschwerdeführerin und ihres Part-
ners G._ (N [...]), geboren. Der Partner war am 12. Dezember 2014
als Flüchtling vorläufig in der Schweiz aufgenommen worden. Der Sohn
verfügt ebenfalls über eine vorläufige Aufnahme.
D.
Am 7. Februar 2019 ersuchte das Migrationsamt des Kantons E._
das SEM um Zustimmung zur Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung nach
Art. 14 Abs. 2 AsylG, verbunden mit Bedingungen bezüglich Integration
und Beschaffung von Reisedokumenten. Das SEM gab unter anderem mit
Blick auf diese Bedingungen am 27. März 2019 respektive 12. April 2019
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seine Zustimmung zur Erteilung der Aufenthaltsbewilligung für die Dauer
von einem Jahr. Mit Verfügung vom 26. April 2019 auferlegte das Migrati-
onsamt des Kantons E._ der Beschwerdeführerin im Zusammen-
hang mit der Erteilung der Aufenthaltsbewilligung die Bedingungen, sie
müsse sich um eine Arbeitsstelle bemühen, die Sprach- beziehungsweise
Integrationskurse gemäss Integrationsvereinbarung besuchen sowie bis
zum 31. Dezember 2019 ein heimatliches Reisepapier, ein Ersatzpapier o-
der einen Nachweis über die Schriftenlosigkeit vorweisen. Zugleich wurde
sie darauf aufmerksam gemacht, dass eine Verlängerung der Aufenthalts-
bewilligung verweigert werden könne, wenn sie die Bedingungen nicht er-
fülle.
E.
Am 10. Januar 2020 schlossen die Beschwerdeführerin und G._
die Ehe.
F.
Am 25. Februar 2020 unterbreitete das Migrationsamt des Kantons
E._ dem SEM (nachfolgend: Vorinstanz) die Verlängerung der Auf-
enthaltsbewilligung der Beschwerdeführerin zur Zustimmung.
G.
Am 7. April 2020 gewährte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin das
rechtliche Gehör zur allfälligen Verweigerung der Zustimmung zur Verlän-
gerung der Aufenthaltsbewilligung. Mit Schreiben vom 8. Mai 2020 und
17. Juli 2020 nahm die Beschwerdeführerin Stellung.
H.
Mit Verfügung vom 20. August 2020 verweigerte die Vorinstanz die Zustim-
mung zur Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführe-
rin.
I.
Am 15. September 2020 stellte die Vorinstanz der Beschwerdeführerin an-
tragsgemäss die Akten des ausländerrechtlichen Verfahrens in Form von
Kopien aus dem elektronischen Archiv zu.
J.
Am 21. September 2020 erhob die Beschwerdeführerin beim Bundesver-
waltungsgericht Beschwerde. Sie beantragte, es sei festzustellen, dass die
Verfügung der Vorinstanz vom 20. August 2020 nichtig sei und die Vor-
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instanz sei anzuweisen, eine Verfügung zu eröffnen, welche den Formvor-
schriften entspreche. Eventualiter sei die Verfügung der Vorinstanz aufzu-
heben und die Sache sei zur korrekten Abklärung und Beurteilung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung
aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, ihre Aufenthaltsbewilligung B
zu verlängern. Eventualiter sei die angefochtene Verfügung aufzuheben
und es sei festzustellen, dass ihre Wegweisung nicht vorgenommen wer-
den könne, eventuell sei die Unzulässigkeit und Unzumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs festzustellen und die Vorinstanz sei anzuweisen, sie in
der Schweiz vorläufig aufzunehmen.
Ferner beantragte sie, es seien der Spruchkörper, dessen Auswahlverfah-
ren sowie die objektiven Kriterien für einen allfälligen Eingriff in die Auswahl
des Spruchkörpers bekanntzugeben. Dazu sei ihr Einsicht in die Datei der
Software des Bundesverwaltungsgerichts zu gewähren, mit welcher diese
Auswahl kreiert worden sei, und es sei offenzulegen, wer diese Auswahl
getroffen habe. Zudem sei ihr vollständige Einsicht in die gesamten Akten
der Vorinstanz, die im Zusammenhang mit der Erteilung der Aufenthaltsbe-
willigung aus humanitären Gründen angelegt worden seien, zu gewähren.
Nach Gewährung der vollständigen Akteneinsicht sei ihr eine angemes-
sene Frist zur Einreichung einer Beschwerdeergänzung anzusetzen.
K.
Mit Schreiben vom 19. Oktober 2020 teilte die Vorinstanz mit, dem Ehe-
mann und dem Sohn der Beschwerdeführerin sei eine Aufenthaltsbewilli-
gung nach Art. 84 Abs. 5 AIG erteilt worden.
L.
Mit Zwischenverfügung vom 4. November 2020 gab die damals zuständige
Instruktionsrichterin der Beschwerdeführerin die Zusammensetzung des
Spruchkörpers bekannt.
M.
Am 2. Dezember 2020 reichte die Beschwerdeführerin eine Beschwerde-
ergänzung ein.
N.
Am (...) wurde H._, Tochter der Beschwerdeführerin und ihres Ehe-
manns, geboren. Sie verfügt über eine Aufenthaltsbewilligung B.
O.
Mit Zwischenverfügung vom 16. Dezember 2020 teilte die neu zuständige
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Instruktionsrichterin der Beschwerdeführerin die neue Zusammensetzung
des Spruchkörpers mit.
P.
Am 7. Januar 2021 reichte die Vorinstanz eine Vernehmlassung ein.
Q.
Mit Replik vom 11. Februar 2021 nahm die Beschwerdeführerin zur Ver-
nehmlassung Stellung.
R.
Mit Schreiben vom 26. Februar 2021 stellte die Beschwerdeführerin einen
Antrag auf Zeugenbefragung.
S.
Am 23. Oktober 2021 wurde aufgrund krankheitsbedingter Abwesenheit
der Spruchkörper insoweit neu bestimmt und Regula Schenker Senn als
Zweitrichterin eingesetzt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Verfügungen des SEM, welche die Verweigerung der Zustimmung zur
Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung und die Anordnung der Wegwei-
sung zum Gegenstand haben, unterliegen der Beschwerde an das Bun-
desverwaltungsgericht (Art. 112 Abs. 1 AIG i.V.m. Art. 31 ff. VGG).
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Die Beschwerdeführerin ist zur Beschwerde legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist unter
Vorbehalt der Erwägung 1.4 einzutreten (Art. 50 Abs. 1 VwVG; Art. 52
Abs. 1 VwVG).
1.4 Die Anträge auf Mitteilung betreffend die Bildung des Spruchkörpers
und auf Gewährung der Einsicht in die Datei der Software des Bundesver-
waltungsgerichts bzw. auf Offenlegung der Verantwortlichen für die Aus-
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wahl des Spruchkörpers betreffen nicht das vorliegende Verfahren, son-
dern die Gerichtsverwaltung im Allgemeinen. Die Beschwerdeführerin hat
kein schützenswertes Interesse an der Behandlung dieser Anträge, wes-
halb darauf nicht einzutreten ist (vgl. auch Teilurteil des BVGer
D-1549/2017 vom 2. Mai 2018 E. 4.3; Urteil des BVGer D-1587/2020 vom
17. Mai 2021 E. 2.1).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – soweit nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Unter Bundesrecht ist auch das direkt anwendbare
Völkerrecht zu verstehen (vgl. ZIBUNG/HOFSTETTER, in: Waldmann/Weis-
senberger [Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 49 N. 7).
Das Bundesverwaltungsgericht ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Be-
gründung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch
aus anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abwei-
sen. Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheids (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
3.1 Gemäss Art. 40 AIG sind die Kantone für die Erteilung und Verlänge-
rung von Bewilligungen zuständig. Vorbehalten bleibt unter anderem die
Zuständigkeit des Bundes für das Zustimmungsverfahren (Art. 99 AIG
i.V.m. Art. 85 der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Auf-
enthalt und Erwerbstätigkeit [VZAE, SR 142.201]). Das SEM ist zuständig
für die Zustimmung zur Erteilung und Erneuerung der Kurzaufenthalts- und
Aufenthaltsbewilligung, zur Erteilung der Niederlassungsbewilligung sowie
zu den Vorentscheiden der kantonalen Arbeitsmarktbehörden (Art. 85
Abs. 1 VZAE). Das EJPD legt in einer Verordnung fest, in welchen Fällen
die Kurzaufenthalts-, Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung sowie
die Vorentscheide der kantonalen Arbeitsmarktbehörden dem Zustim-
mungsverfahren unterliegen (Art. 85 Abs. 2 VZAE). Gestützt auf diese De-
legationsnorm erliess das EJPD die Verordnung vom 13. August 2015 über
die dem Zustimmungsverfahren unterliegenden ausländerrechtlichen Be-
willigungen und Vorentscheide (Zustimmungsverordnung; SR 142.201.1).
Die kantonale Migrationsbehörde kann dem SEM für die Überprüfung der
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bundesrechtlichen Voraussetzungen einen kantonalen Entscheid zur Zu-
stimmung unterbreiten (Art. 85 Abs. 3 VZAE).
Der Beschwerdeführerin wurde eine Aufenthaltsbewilligung wegen eines
schwerwiegenden persönlichen Härtefalls erteilt (Art. 14 Abs. 2 AsylG
i.V.m. Art. 31 VZAE). Die Aufenthaltsbewilligung nach Art. 14 Abs. 2 AsylG
kann nach den ausländerrechtlichen Bestimmungen verlängert werden
(Art. 14 Abs. 6 AsylG). Gemäss Art. 5 Bst. d der Zustimmungsverordnung
unterliegt die Erteilung, nicht aber die Verlängerung einer solchen Bewilli-
gung der Zustimmung des SEM, weshalb diese in einem Fall wie dem vor-
liegenden nicht zwingend notwendig ist (vgl. den klaren Wortlaut von Art. 5
Bst. b der Zustimmungsverordnung bzw. die Verwendung der Begriffe «Er-
teilung» und «Verlängerung» in den Randtiteln zu deren Art. 3 und 4). Das
Zustimmungsverfahren konnte (bzw. musste) indessen gestützt auf Art. 85
Abs. 3 VZAE durchgeführt werden, nachdem die kantonale Behörde ihren
Entscheid, die Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführerin zu verlän-
gern, dem SEM zur Zustimmung unterbreitet hatte (vgl. Sachverhalt Bst.
F.).
3.2 Das SEM kann die Zustimmung verweigern, zeitlich begrenzen oder
mit Bedingungen und Auflagen verbinden (Art. 99 Abs. 2 AIG, Art. 86
Abs. 1 VZAE). Gemäss Art. 86 Abs. 2 Bst. c VZAE verweigert das SEM die
Zustimmung zu einer Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung, wenn Wi-
derrufgründe nach Art. 62 AIG vorliegen (Ziff. 3). Ein Widerrufsgrund liegt
vor, wenn die Ausländerin eine mit der Verfügung verbundene Bedingung
oder eine Integrationsvereinbarung ohne entschuldbaren Grund nicht ein-
hält (Art. 62 Abs. 1 Bst. d und g AIG). Der Entscheid des SEM über die
Erteilung oder Verweigerung seiner Zustimmung ergeht ohne Bindung an
die Beurteilung durch die kantonale Migrationsbehörde.
4.
4.1 Die Vorinstanz begründet ihren Entscheid damit, der Beschwerdefüh-
rerin sei die Aufenthaltsbewilligung im Jahr 2019 nur unter den Bedingun-
gen erteilt worden, dass sie einen Nachweis über die Integration im ersten
Arbeitsmarkt oder Belege über entsprechende Bemühungen erbringe, ihre
Integration vorantreibe und ein heimatliches Reisepapier oder Ersatzpapier
oder einen Nachweis der Schriftenlosigkeit vorlege. Die Beschwerdeführe-
rin habe ein Sprachzertifikat erlangt. Sie habe sich jedoch nicht in den ers-
ten Arbeitsmarkt integriert. Insgesamt sei ihr eine gewisse gesellschaftliche
Integration gelungen, es liege aber keine tiefe Verwurzelung in der Schweiz
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vor. Im Verhältnis zur Aufenthaltsdauer sei somit von einer durchschnittli-
chen bis guten Integration in die hiesige Gesellschaft auszugehen. Bei die-
ser Beurteilung werde der Umstand berücksichtigt, dass sie in der Schweiz
verheiratet sei und ein Kind geboren habe. Diese Familienkonstellation ver-
möge zwar die Integration zu fördern, führe aber nicht für sich allein zu
einem Härtefall. Entscheidend sei vorliegend, dass sie der mehrfachen
Aufforderung des kantonalen Migrationsamtes und des SEM, ihre wahre
Identität, ihre Herkunft und ihren letzten Aufenthaltsort im Ausland offenzu-
legen, nicht nachgekommen sei. Stattdessen halte sie an ihren anlässlich
des Asylverfahrens gemachten Identitätsangaben fest, welche das Bun-
desverwaltungsgericht mit Urteil E-1506/2016 als unglaubhaft eingestuft
habe. Sie habe damit ihrer Mitwirkungspflicht bei der Beschaffung der Rei-
sedokumente verletzt. Die eingereichten Beweismittel würden lediglich ei-
nen Kontakt mit der chinesischen Botschaft belegen, aber nicht, dass sie
sich ernsthaft um die Ausstellung eines Identitätspapiers bemüht habe; zu-
mal Fälle bekannt seien, in denen Personen tibetischer Ethnie selbständig
und ohne Probleme Ersatzreisedokumente von der chinesischen Behörde
erhalten hätten. Die Personenstandsfeststellung des Kantonsgerichts Gla-
rus, in welcher sie als chinesische Staatsbürgerin aufgeführt werde, sei für
das SEM nicht bindend. Die Schriftenlosigkeit der Beschwerdeführerin sei
folglich zu verneinen. Die Voraussetzungen für die Verlängerung der Auf-
enthaltsbewilligung seien somit nicht erfüllt. Im Rahmen des Asylverfah-
rens sei sie rechtskräftig aus der Schweiz weggewiesen und der Vollzug
der Wegweisung als zulässig, zumutbar und möglich erachtet worden. Da-
ran habe sich nichts geändert. Ihr Ehemann sei ebenfalls tibetischer Her-
kunft und ihr Sohn befinde sich noch in einem anpassungsfähigen Alter,
weshalb eine Rückkehr der Familie in ihr Herkunftsland möglich sei.
4.2 Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie habe sich bemüht, die mit der
erteilten Aufenthaltsbewilligung verbundenen Bedingungen zu erfüllen,
weshalb keine Verletzung der Mitwirkungspflicht vorliege. Ihre ernsthaften
Bemühungen, Reisedokumente vom chinesischen Konsulat zu erhalten,
seien belegt. Im Übrigen habe die Vorinstanz festgehalten, sie dürfe nicht
nach China ausgeschafft werden, da sie dort gefährdet sei. Daher würde
sie ohnehin keine chinesischen Ausweispapiere erhalten. Ihre Schriftenlo-
sigkeit sei damit belegt. Sie erfülle die Voraussetzungen für eine Verlänge-
rung der Aufenthaltsbewilligung. Hinsichtlich der Wegweisung und des
Wegweisungsvollzugs sei zudem zu berücksichtigen, dass sich ihre Situa-
tion seit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 6. Oktober 2017
fundamental geändert habe. Sie habe geheiratet. Ihr Ehemann und das
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gemeinsame Kind verfügten als anerkannte Flüchtlinge über ein Aufent-
haltsrecht in der Schweiz. Ihre Rückkehr nach China sei nicht zulässig;
eine Rückkehr in eine exiltibetische Diaspora eines unbekannten Landes
sei nicht zumutbar. Eine Trennung der Familie würde gegen Art. 8 EMRK
verstossen. Der Wegweisungsvollzug sei daher unzulässig und unzumut-
bar.
In der Beschwerdeergänzung führt die Beschwerdeführerin aus, gemäss
einer internen Aktennotiz hielten es die Vorinstanz und das Bundesverwal-
tungsgericht für nicht ausgeschlossen, dass sie die chinesische Staatsan-
gehörigkeit besitze, und gingen davon aus, dass sie mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exilti-
betischen Diaspora sozialisiert worden sei. Folglich bestehe die fast
50 prozentige Wahrscheinlichkeit einer chinesischen Staatsangehörigkeit.
Diese Einschätzung widerspreche dem Urteil E-1506/2016. Der gesamten
Argumentation in der angefochtenen Verfügung werde dadurch die Be-
gründung entzogen. Des Weiteren sei bekannt, dass es bei der Erstellung
von Lingua-Gutachten zu groben Fehlleistungen komme. Mittlerweile hät-
ten ihr Ehemann und ihr Kind die Aufenthaltsbewilligung B erhalten. Die
Ausführungen der Vorinstanz zu einer gemeinsamen Rückkehr seien da-
her nicht haltbar.
4.3 Die Vorinstanz erwidert in der Vernehmlassung, das Bundesverwal-
tungsgericht habe in ähnlichen Konstellationen betreffend Verletzung der
Mitwirkungspflicht bei der Feststellung der Identität und der Herkunft die
Beschwerde nach einer summarischen Prüfung der Akten als aussichtlos
bezeichnet.
4.4 In der Replik gibt die Beschwerdeführerin an, der Inhalt der von der
Vorinstanz aufgeführten Zwischenverfügungen sei ihr nicht bekannt. Eine
Zwischenverfügung betreffe den Fall F-1910/2020, der mit ihrem nicht ver-
gleichbar sei. Die Sachverhalte der genannten Urteile zur Schriftenlosigkeit
seien ebenfalls anders gelagert.
5.
5.1 Am 27. März 2019 beziehungsweise 12. April 2019 hat die Vorinstanz
die Zustimmung zur Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung nach Art. 14
Abs. 2 AsylG an die Beschwerdeführerin gegeben, verbunden mit der Auf-
lage, dass sie die vom Kanton definierten Bedingungen erfülle. Die Ertei-
lung einer Aufenthaltsbewilligung nach Art. 14 Abs. 2 AsylG setzt unter an-
derem voraus, dass die gesuchstellende Person ihre Identität offenlegt
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(Art. 31 Abs. 2 VZAE). Da die Beschwerdeführerin keine Ausweispapiere
besass, hat ihr das Migrationsamt des Kantons E._ mit Verfügung
vom 26. April 2019 die Bedingungen auferlegt, sie müsse sich um eine Ar-
beitsstelle bemühen, die Sprach- beziehungsweise Integrationskurse ge-
mäss Integrationsvereinbarung besuchen sowie bis zum 31. Dezember
2019 ein heimatliches Reisepapier, ein Ersatzpapier oder einen Nachweis
über die Schriftenlosigkeit vorweisen.
5.2 Die Beschwerdeführerin hat ein Sprachzertifikat (Deutsch A2 schrift-
lich, B1 mündlich) erworben und an Integrationskursen teilgenommen. Die
berufliche Eingliederung ist ihr indessen nicht gelungen. Dabei ist jedoch
zu berücksichtigen, dass ihr Ehemann einer Arbeit nachgeht und für den
Unterhalt der Familie aufkommt. Die Beschwerdeführerin ist um den Haus-
halt und die Kindererziehung besorgt. Die Vorgaben der Integrationsver-
einbarungen sind damit erfüllt. Für die fehlende berufliche Integration lie-
gen entschuldbare Gründe vor. Zudem ist sie aufgrund des Einkommens
ihres Ehemanns nicht sozialhilfeabhängig. Hinsichtlich der Beschaffung ei-
nes Reisedokumentes oder des Nachweises der Schriftenlosigkeit ist fest-
zuhalten, dass die Beschwerdeführerin im Asylverfahren ihre Sozialisie-
rung in der Volksrepublik China nicht glaubhaft darlegen konnte. Die Vor-
instanz befand in jenem Verfahren, die Beschwerdeführerin habe ihre Mit-
wirkungspflicht verletzt und ihre wahre Identität verheimlicht. Aufgrund der
fehlenden Identitätspapiere und ihrer Angaben sei mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sie vor ihrer Ankunft in der
Schweiz nicht in der Volksrepublik China, sondern in der exiltibetischen
Diaspora gelebt habe. Eine dagegen erhobene Beschwerde hat das Bun-
desverwaltungsgericht mit Urteil E-1506/2016 vom 6. Oktober 2017 rechts-
kräftig abgewiesen. Die Feststellungen in diesem Urteil sind für das vorlie-
gende Verfahren bindend, zumal sich aus der appellatorischen Kritik der
Beschwerdeführerin keine Hinweise auf eine unrichtige Sachverhaltsfest-
stellung oder Rechtsanwendung ergeben. Entgegen ihrer Ansicht besteht
zwischen obiger Feststellung und der internen Aktennotiz, eine chinesische
Staatsangehörigkeit könne nicht ausgeschlossen werde, sie sei jedoch mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht in der Volksrepublik China, son-
dern in der exiltibetischen Diaspora sozialisiert worden, kein Widerspruch.
Der Besitz der chinesischen Staatsangehörigkeit schliesst nicht aus, dass
sie in der exiltibetischen Diaspora sozialisiert worden ist und in jenem Staat
über Aufenthaltspapiere verfügt oder verfügt hat. Im Übrigen ist die Fest-
stellung des Kantonsgerichts E._, sie sei chinesische Staatsange-
hörige, für das vorliegende Verfahren nicht bindend (vgl. Urteil des BVGer
A-4942/2020 vom 5. Mai 2021 E. 5.3.2). Das Migrationsamt des Kantons
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Seite 11
E._ wies in den Bedingungen ausdrücklich darauf hin, eine Verlän-
gerung der Aufenthaltsbewilligung könne verweigert werden, wenn sie die
Bedingungen nicht erfülle. Dennoch unterliess sie es, ihre wahre Identität
und den Ort ihrer Sozialisierung offenzulegen. Sie bleibt bei ihrer Behaup-
tung, in China sozialisiert worden zu sein. Ihre Bemühungen, von der chi-
nesischen Vertretung in der Schweiz Ausweispapiere zu erhalten, ändern
nichts daran, dass sie der Pflicht zur Beschaffung von Reisedokumenten
nicht nachgekommen ist und genügen auch nicht als Beleg für die Schrif-
tenlosigkeit. Bei der chinesischen Vertretung wiederholte sie lediglich ihre
im Asylverfahren als unglaubhaft eingestuften Herkunftsangaben, ohne
weitere Angaben zu ihrer Identität preiszugeben. Zudem unterliess sie es,
sich bei der Vertretung des Staates, in welchem sie sozialisiert worden ist,
um Reisedokumente zu bemühen. Die Beschwerdeführerin hat demnach
die ihr auferlegten Bedingungen nicht vollständig erfüllt, womit der Wider-
rufsgrund nach Art. 62 Abs. 1 Bst. d AIG gegeben ist. Die gesetzlichen Vo-
raussetzungen für die Zustimmung zur Verlängerung der Aufenthaltsbewil-
ligung nach Art. 14 Abs. 2 AsylG sind nicht erfüllt.
6.
6.1 Das Recht auf Familienleben nach Art. 8 Ziff. 1 EMRK ist berührt, wenn
eine staatliche Entfernungs- oder Fernhaltemassnahme eine nahe, echte
und tatsächlich gelebte familiäre Beziehung einer in der Schweiz gefestigt
anwesenheitsberechtigten Person beeinträchtigt, ohne dass es dieser
ohne Weiteres möglich beziehungsweise zumutbar wäre, ihr Familienleben
andernorts zu pflegen. Der sich hier aufhaltende Familienangehörige muss
nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung über ein gefestigtes Anwe-
senheitsrecht verfügen, was praxisgemäss der Fall ist, wenn er das
Schweizer Bürgerrecht besitzt, ihm die Niederlassungsbewilligung gewährt
wurde oder er über eine Aufenthaltsbewilligung verfügt, die ihrerseits auf
einem gefestigten Rechtsanspruch beruht. Zum geschützten Familienkreis
gehört in erster Linie die Kernfamilie, d.h. die Gemeinschaft der Ehegatten
mit ihren minderjährigen Kindern (BGE 144 I 266 E. 3.3; BGE 144 II 1
E. 6.1). Tangiert eine ausländerrechtliche Entfernungs- oder Fernhalte-
massnahme den Schutzbereich von Art. 8 Ziff. 1 EMRK, ist diese Mass-
nahme nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK rechtfertigungsbedürftig. Dazu ist eine um-
fassende Interessenabwägung vorzunehmen und das Interesse der be-
troffenen Person, im Land zu verbleiben, den entgegenstehenden öffentli-
chen Interessen gegenüberzustellen. Bei dieser Interessenabwägung steht
den nationalen Behörden ein gewisser Beurteilungsspielraum zu (BGE 144
I 266 E. 3.7).
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Seite 12
6.2 Die Beschwerdeführerin und ihr Ehemann haben am 10. Januar 2020
geheiratet. Der Ehemann wurde im Jahr 2014 als Flüchtling anerkannt und
erhielt 2020 eine Aufenthaltsbewilligung. Er verfügt damit über ein gefes-
tigtes Aufenthaltsrecht in der Schweiz (vgl. BVGE 2017 VII/4 E. 6.3 und
6.4). Das Ehepaar hat zwei gemeinsame Kinder (Jg. [...] und [...]), welche
ebenfalls eine Aufenthaltsbewilligung besitzen. Die Familie lebt in einem
gemeinsamen Haushalt; das Ehepaar führt ein intaktes Eheleben. Das
Recht auf Familienleben nach Art. 8 Ziff. 1 EMRK ist somit berührt.
Die Beschwerdeführerin hat im Jahr 2012 ein Asylgesuch in der Schweiz
gestellt. Die Abweisung ihres Asylgesuchs und die Wegweisung wurden
am 6. Oktober 2017 rechtskräftig. Für die Dauer des Asylverfahrens hielt
sie sich legal in der Schweiz auf. Im März 2018 erhielt sie eine Aufenthalts-
bewilligung. Das erworbene Sprachzertifikat (Deutsch A2 schriftlich, B1
mündlich) befähigt sie, sich auf Deutsch zu verständigen. Zudem hat sie
zahlreiche Integrationskurse besucht. Die Vorinstanz geht denn auch von
einer durchschnittlichen bis guten Integration in die hiesige Gesellschaft
aus. Als Hausfrau kümmert sie sich um die Kindererziehung und die Haus-
haltsführung. Der Ehemann hat eine Lehre als Produktionsmechaniker
EFZ abgeschlossen und arbeitet in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis.
Er kann mit seinem Einkommen den Unterhalt der Familie bestreiten, wes-
halb die Familie nicht auf Sozialhilfe angewiesen ist. Seine Integration ist
in beruflich-wirtschaftlicher und wohl auch in sprachlich-sozialer Hin-
sicht als sehr gut einzustufen. Aufgrund seiner unbefristeten Anstellung ist
davon auszugehen, dass er mit seinem Einkommen weiterhin für die Un-
terhaltskosten der Familie aufkommen kann und die Familie die öffentli-
chen Finanzen auch zukünftig nicht belasten wird. Das öffentliche Inte-
resse erschöpft sich somit darin, dass nur Personen eine Aufenthaltsbewil-
ligung erteilt oder verlängert wird, die ihre Identität offengelegt haben. An-
gesichts der guten Integration der Beschwerdeführerin und einer sehr
guten Integration ihres Ehemannes kann dies jedoch nicht genügen, um
die Verweigerung des weiteren Aufenthalts und damit einen Eingriff in
das Recht auf Familienleben (Art. 8 Ziff. 1 EMRK) zu rechtfertigen. Zu-
dem ist es dem Ehemann als anerkanntem Flüchtling, der sich in der
Schweiz eine Existenz aufgebaut hat, nicht zumutbar, das Familienle-
ben im Herkunftsland der Beschwerdeführerin zu pflegen. Das private
Interesse der Beschwerdeführerin daran, dass die Familienmitglieder
nicht getrennt werden, überwiegt das öffentliche Interesse am Nach-
weis ihrer Identität deutlich. Eine Nichtverlängerung der Aufenthaltsbe-
willigung der Beschwerdeführerin würde daher eine Verletzung von
Art. 8 Ziff. 1 EMRK darstellen.
F-4663/2020
Seite 13
7.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht verletzt (vgl. E. 2). Die Beschwerde ist daher gutzuheissen,
soweit darauf einzutreten ist, und die Verfügung vom 20. August 2020 ist
aufzuheben. Die Vorinstanz ist anzuweisen, der Verlängerung der Aufent-
haltsbewilligung der Beschwerdeführerin durch den Kanton E._ zu-
zustimmen. Angesichts dieses Verfahrensausgangs ist auf die formellen
Rügen und den Verfahrensantrag der Beschwerdeführerin nicht weiter ein-
zugehen.
8.
Unpräjudiziell ist darauf hinzuweisen, dass die kantonale Behörde die Ver-
längerung der Aufenthaltsbewilligung der Beschwerdeführerin fortan im
Licht von Art. 44 AIG zu prüfen haben wird, solange deren Ehemann über
eine Aufenthaltsbewilligung verfügt.
9.
9.1 Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzu-
erlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Der einbezahlte Kostenvorschuss ist
der Beschwerdeführerin zurückzuerstatten.
9.2 Der Beschwerdeführerin ist angesichts ihres Obsiegens eine Entschä-
digung für die ihr notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zulasten
der Vorinstanz zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 des
Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen
vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Mangels einer
Honorarnote setzt das Gericht die Parteientschädigung nach pflichtgemäs-
sem Ermessen fest (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Die Höhe der Entschädigung ist
unter Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 8 ff.
VGKE) auf insgesamt Fr. 2'200.– festzulegen.
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F-4663/2020
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