Decision ID: 03a0eb72-0f09-5642-9c50-f1ce36fb6c5f
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die Beschwerdeführerin – eine eritreische Staatsangehörige, der Eth-
nie der (...) zugehörig – reiste am (...) 2017 im Rahmen des Relocation-
Programms von Italien in die Schweiz ein und ersuchte gleichentags im
damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) B._ um Asyl
nach.
A.b Das SEM befragte sie am 20. April 2017 zu ihrer Person, zum Reise-
weg und summarisch zu ihren Gesuchsgründen (Befragung zur Person
[BzP]). Am 24. November 2017 wurde sie einlässlich zu ihren Asylgründen
angehört.
Anlässlich der Befragungen brachte die Beschwerdeführerin vor, sie sei in
C._ (Zoba D._) geboren und habe bis zu ihrer Ausreise zu-
sammen mit ihren Eltern und ihren Geschwistern dort gelebt. Sie habe die
(...) Klasse im Jahr 2013 abgeschlossen und als (...) gearbeitet. Während
der BzP führte sie zur Begründung ihres Asylgesuchs aus, sie sei aus ih-
rem Heimatland geflüchtet, weil sie keinen Militärdienst habe leisten wollen
und in Eritrea keine Rechte habe. In der Anhörung machte sie hierzu gel-
tend, ein Sicherheitsbeamter habe sie immer wieder bedrängt und ihr damit
gedroht, dass er sie nach E._ ins militärische Ausbildungszentrum
schicken werde, falls sie ihn nicht heirate. Im (...) oder im (...) 2014 habe
er sie auf einer (...), bei welcher sie als (...) engagiert worden sei, aufge-
sucht, ihr wahrheitswidrig illegale Arbeit vorgeworfen und zusammen mit
anderen Sicherheitsleuten ihre (...) beschlagnahmt. Diese Aktion habe er
bewusst geplant, um sie einzuschüchtern und zur Heirat zu bewegen. In
der Folge habe sie sich zu Hause bei ihren Eltern versteckt und das Haus
kaum mehr verlassen. Nachdem der Sicherheitsbeamte ihren Vater noch-
mals aufgesucht und sich bei diesem erkundigt habe, ob sie ihn nun hei-
rate, und eine einmonatige Frist angesetzt habe, sei sie, um sich der Heirat
respektive dem Einzug in den Militärdienst zu entziehen, im (...) 2014 nach
F._ geflohen, wo sie sich bei ihrer Fluchthelferin versteckt habe. Am
(...) 2014 sei sie schliesslich im zweiten Anlauf in den Sudan geflüchtet,
wo sie am (...) 2015 G._ in H._ religiös geheiratet habe. Im
(...) 2016 sei sie ohne ihren Ehemann weitergereist und via Ägypten nach
Italien gelangt. Dort habe sie ihren Freund, I._, kennengelernt, mit
welchem sie ein gemeinsames Kind erwartet habe. Im (...) 2017 sei sie
schliesslich in die Schweiz gelangt. Während des Asylverfahrens brach die
Beschwerdeführerin ihre Schwangerschaft ab.
D-5355/2019
Seite 3
A.c Im Laufe des vorinstanzlichen Verfahrens reichte sie zum Nachweis
ihrer Identität Fotokopien der Identitätskarten ihrer Eltern zu den Akten.
B.
Mit am 14. September 2019 eröffneter Verfügung vom 12. Septem-
ber 2019 stellte das SEM fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flücht-
lingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab, verfügte die Wegweisung
aus der Schweiz und beauftragte den zuständigen Kanton mit dem Vollzug
der Wegweisung.
C.
Gegen dies Verfügung erhob die Beschwerdeführerin – handelnd durch die
rubrizierte Rechtsvertretung – mit Eingabe vom 10. Oktober 2019 Be-
schwerde beim Bundesverwaltungsgericht und beantragte dabei, die Auf-
hebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Gewährung von Asyl unter An-
erkennung der Flüchtlingseigenschaft, eventualiter die vorläufige Auf-
nahme und subeventualiter die Rückweisung der Sache an die Vorinstanz
zur Neubeurteilung. In prozessualer Hinsicht ersuchte sie um Aussetzung
des Wegweisungsvollzugs bis zum Entscheid sowie um Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses.
Der Beschwerde lagen als Beilagen eine Vollmacht vom 18. Septem-
ber 2019, eine Substitutionsvollmacht vom 20. August 2019, eine Kopie
der angefochtenen Verfügung, die Protokolle der BzP und der Anhörung
sowie eine Fotokopie der Unterstützungsbestätigung der (...) vom 23. Sep-
tember 2019 bei.
D.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte mit Schreiben vom 15. Okto-
ber 2019 den Eingang der Beschwerde.
E.
Mit Zwischenverfügung vom 20. November 2019 wurde festgehalten, dass
der Beschwerde aufschiebende Wirkung zukomme und die Beschwerde-
führerin den Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten dürfe. Wei-
ter hiess die Instruktionsrichterin das Gesuch um unentgeltliche Prozess-
führung gut und verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.
Gleichzeitig gab sie der Vorinstanz Gelegenheit zur Einreichung einer Ver-
nehmlassung.
D-5355/2019
Seite 4
F.
In ihrer Vernehmlassung vom 27. November 2019 verwies die Vorinstanz
auf die Erwägungen der angefochtenen Verfügung und verzichtete ansons-
ten auf eine Stellungnahme.
Die Vernehmlassung wurde der Beschwerdeführerin am 28. Novem-
ber 2019 zur Kenntnisnahme zugestellt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101; SR 142.31); für das vorliegende Verfahren gilt das bishe-
rige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des
AsylG vom 25. September 2015).
1.2 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.3 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Sie
ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und
aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die
Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
D-5355/2019
Seite 5
3.
3.1 Die Beschwerdeführerin erhob (teilweise sinngemäss) formelle Rügen,
die vorab zu behandeln sind, da deren Gutheissung geeignet wäre, eine
Kassation der vorinstanzlichen Verfügung zu bewirken.
3.2
3.2.1 Die Beschwerdeführerin monierte zunächst, nicht Tigrinya, sondern
Arabisch sei ihre Muttersprache. Da sie den Begriff Muttersprache nicht
richtig verstanden habe, habe sie dies anlässlich der BzP entsprechend
falsch zu Protokoll gegeben. Durch die mangelnden Sprachkenntnisse und
die dadurch verursachte fehlende Präzision könnten denn auch die von der
Vorinstanz angeprangerten Widersprüche aufgelöst werden.
3.2.2 Die Muttersprache der Beschwerdeführerin ist gemäss den Angaben
auf dem Personalienblatt im Empfangs- und Verfahrenszentrum Tigrinya
(vgl. SEM-Akte A/1). Auch während der BzP gab sie zu Protokoll, dass
Tigrinya ihre Muttersprache sei (vgl. SEM-Akte A/7, Ziff. 1.17.01). In der
Anhörung erklärte sie sodann, ihre Eltern hätten sich miteinander auf Ara-
bisch und Tigrinya unterhalten (vgl. SEM-Akte A/39, F51). Damit ist davon
auszugehen, dass Tigrinya – entgegen den Vorbringen auf Beschwerde-
ebene – nicht ihre Zweitsprache ist. Als sie zu Beginn der BzP danach ge-
fragt wurde, ob sie die Dolmetscherin, welche die Befragung auf Tigrinya
übersetzte, verstehe, bestätigte sie dies vorbehaltlos (vgl. SEM-Akten A/7,
Bst. h). Die Frage, ob sie die ihr ausgehändigten Merkblätter gelesen und
verstanden oder auf eine andere Art zur Kenntnis genommen habe, ver-
neinte sie dagegen. In der Folge erklärte sie, sie könne auf Tigrinya weder
schreiben noch lesen, dies könne sie nur auf Arabisch und Englisch. In der
Folge wurden ihr die Merkblätter zusätzlich auch noch auf Arabisch ausge-
händigt, wobei ihr genügend Zeit eingeräumt wurde, diese durchzulesen
(vgl. SEM-Akte A/7, Bst. e). Am Schluss der Erstbefragungen wurde sie
nochmals gefragt, ob sie die Übersetzerinnen verstanden habe, was sie
wiederum bejahte (vgl. SEM-Akten A/7, Ziff. 9.02). Anlässlich der Anhö-
rung wurde sie dann erneut am Anfang danach gefragt, ob sie die Dolmet-
scherin verstehe, was sie ausdrücklich bejahte (vgl. SEM-Akte A/39, F1).
Nach Durchsicht der Befragungsprotokolle ergeben sich ferner keine Hin-
weise auf Verständigungsschwierigkeiten zwischen der Beschwerdeführe-
rin und den Übersetzerinnen. Zwar ist den Protokollen zu entnehmen, dass
vereinzelte Fragen nochmals gestellt wurden (vgl. SEM-Akten A/7,
Ziff. 1.14 sowie 7.02 und A/39, F84). Aus den entsprechenden Protokoll-
stellen geht jedoch hervor, dass sie die Fragen nach deren Wiederholen
entsprechend beantworten konnte. Es ist mithin nicht ersichtlich, dass sie
D-5355/2019
Seite 6
die Fragen wegen Verständigungsschwierigkeiten mit der jeweiligen Dol-
metscherin nicht verstanden hat. Bezeichnenderweise sah sich auch die
während der Anhörung anwesende Hilfswerksvertretung (HWV) nicht zu
Beobachtungen, Anmerkungen oder Einwänden in Bezug auf allfällige
sprachliche Probleme veranlasst (vgl. SEM-Akte A/39, Unterschriftenblatt
der HWV gemäss Art. 30 Abs. 4 AsylG). Schliesslich bestätigte sie nach
den Rückübersetzungen jeweils unterschriftlich, dass die Protokolle der
BzP und der Anhörung vollständig und korrekt seien und ihren Ausführun-
gen entsprechen würden (vgl. SEM-Akten A/7, S. 9 und A/39, S. 17).
3.2.3 Vor diesem Hintergrund vermag die Beschwerdeführerin nicht darzu-
tun, dass die ihr vorgehaltenen Unstimmigkeiten in den Angaben auf
sprachliche Schwierigkeiten zurückzuführen sind. Im Übrigen hat eine asyl-
suchende Person keinen Anspruch, nur in ihrer Muttersprache angehört zu
werden. Es besteht lediglich ein Anspruch darauf, sich in einer Sprache zu
äussern, die von der asylsuchenden Person beherrscht wird. Wird eine
asylsuchende Person nicht in ihrer Muttersprache angehört, ist dies jedoch
im Rahmen der Beweiswürdigung und insbesondere der Glaubhaftigkeits-
prüfung entsprechend zu berücksichtigen (vgl. Urteil des BVGer
D-4509/2017 vom 28. Oktober 2019 E. 2.2). Die Rüge, die Befragung habe
in einer für die Beschwerdeführerin unverständlichen Sprache stattgefun-
den, erweist sich somit als unbegründet. Es besteht damit kein Zweifel an
der Verwertbarkeit der Inhalte der Befragungsprotokolle und das SEM
durfte auf die protokollierten Aussagen abstellen. Die Beschwerdeführerin
muss sich folglich auf ihre Aussagen an der BzP und der Anhörung sowie
daraus allenfalls resultierende Unstimmigkeiten behaften lassen.
3.3
3.3.1 Des Weiteren wurde in der Beschwerde gerügt, dass die Inter-
viewperson in der Bundesanhörung ein Mitarbeiter des SEM gewesen sei.
Angesichts der Tatsache, dass es der Beschwerdeführerin schwergefallen
sei, über ihre Probleme mit dem Sicherheitsbeamten zu sprechen, hätte
ein Wechsel zu einer Befragerin, wodurch die Vertrauensbasis gestärkt
worden wäre, erfolgen sollen.
3.3.2 Gemäss Art. 17 Abs. 2 AsylG in Verbindung mit Art. 6 der Asylver-
ordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1; SR 142.311) wird die asylsu-
chende Person von einer Person gleichen Geschlechts befragt, wenn kon-
krete Hinweise auf geschlechtsspezifische Verfolgung vorliegen. Ge-
schlechtsspezifisch ist die Verfolgung dann, wenn sie in der Form sexueller
Gewalt stattfindet oder die sexuelle Identität des Opfers treffen soll
D-5355/2019
Seite 7
(vgl. hierzu BVGE 2015/42 E. 5.2, unter Hinweis auf Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2003
Nr. 2 E. 5a c). Das Geschlecht soll nach Möglichkeit auch bei der Auswahl
der weiteren anwesenden Personen berücksichtigt werden. Art. 6 AsylV 1
– der bei Frauen und Männern gleichermassen Anwendung findet – ist
eine Ausgestaltung des rechtlichen Gehörs, mithin eine Schutzvorschrift,
deren Zweck es ist, dass asylsuchende Personen ihre Vorbringen ange-
messen vortragen, das heisst, erlittene Übergriffe möglichst frei und unbe-
einträchtigt von Schamgefühlen schildern können. Gleichzeitig dient sie
dazu, die Richtigkeit der Sachverhaltsabklärung zu gewährleisten. Da
diese Schutzvorschrift nicht bloss ein Recht der asylsuchenden Person be-
inhaltet, eine solche Befragung zu verlangen, sondern die Behörde dazu
verpflichtet, in der vorgesehenen Weise vorzugehen, sobald entspre-
chende Hinweise vorliegen, ist sie von Amtes wegen anzuwenden. Ein Ver-
zicht der betroffenen asylsuchenden Person auf die Befragung durch eine
Person gleichen Geschlechts respektive im Rahmen eines gleichge-
schlechtlichen Teams kann nur dann angenommen werden, wenn er aus-
drücklich erklärt wird (vgl. BVGE 2015/42; vgl. in diesem Sinne auch Urteil
des BVGer D-6857/2016 vom 15. Februar 2018 E. 4.1 m.w.H.).
3.3.3 Vorliegend bestanden aufgrund der Vorbringen der Beschwerdefüh-
rerin anlässlich der BzP keine Indizien, welche als „konkrete Hinweise auf
geschlechtsspezifische Verfolgung“ im soeben umschriebenen Sinne zu
beachten gewesen wären. Insofern ist nicht zu beanstanden, dass die
Vorinstanz für die Anhörung kein geschlechtsspezifisches Team organisiert
hatte. Alsdann gaben auch die Angaben der Beschwerdeführerin zu ihren
Erlebnissen anlässlich der Anhörung weder Anlass zu weiteren Abklärun-
gen noch zu einer Anhörung durch ein reines Frauenteam. So finden sich
in ihren Aussagen insbesondere keine konkreten Hinweise auf ge-
schlechtsspezifische Gewalt. Überdies erweckte sie nicht den Eindruck, sie
habe Mühe, über irgendetwas zu sprechen. Lediglich als sie auf ihre Ehe
und ihren Scheidungswunsch angesprochen wurde, wobei sie auf ihre aus-
sereheliche Beziehung zu sprechen kam, äusserte sie den Wunsch nicht
mehr weiter darüber erzählen zu müssen (vgl. SEM-Akte A/39, F 156). Da-
mit liegt keine Verletzung von Art. 17 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 6 AsylV 1 vor.
Der Umstand, dass das SEM keine ergänzende Anhörung durchgeführt
hat, ist demzufolge nicht zu bemängeln.
D-5355/2019
Seite 8
3.4
3.4.1 Die Beschwerdeführerin bringt weiter vor, die Vorinstanz sei ihren
Verpflichtungen im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes nicht nachge-
kommen, indem sie sich inhaltlich nicht genügend substantiiert mit der
Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG auseinandergesetzt habe und
ihre Aussagen im Gesamten als unglaubhaft abgetan habe. Ihre Vorbrin-
gen seien durchaus glaubwürdig und die angeprangerten Widersprüche
könnten in einem persönlichen Gespräch schlüssig aufgeklärt werden res-
pektive hätten mittels einiger weniger Nachfragen bei der Anhörung zu den
Asylgründen oder allenfalls einer weiteren Anhörung abgeklärt werden
können.
3.4.2 Das SEM hat – entgegen der in der Beschwerde vertretenen An-
sicht – die wesentlichen Sachverhaltselemente in der angefochtenen Ver-
fügung erfasst, sich in den Erwägungen hinreichend mit den Aussagen der
Beschwerdeführerin anlässlich der BzP und Anhörung auseinandergesetzt
und nachvollziehbar begründet, weshalb die Vorbringen nicht glaubhaft
seien beziehungsweise sie die Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle. Dabei
durfte sie sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken und
musste namentlich nicht näher auf die Beweismittel eingehen. Vorliegend
ergeben sich keine Hinweise darauf, dass der rechtserhebliche Sachver-
halt nicht genügend erstellt wurde und weitere Abklärungen der Vorinstanz
nötig gewesen wären. Dass das SEM den Sachverhalt nicht im Sinne der
Beschwerdeführerin eingeschätzt hat, ist eine Frage der materiellen Wür-
digung.
3.5 Angesichts dieser Sachlage erweisen sich die erhobenen formellen
Rügen als unbegründet, womit keine Veranlassung besteht, die angefoch-
tene Verfügung aus formellen Gründen aufzuheben und die Sache an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Der entsprechende (Subeventual-) Antrag ist
daher abzuweisen.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
D-5355/2019
Seite 9
unerträglichen psychischen Druck bewirken; den frauenspezifischen
Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungs-
gericht hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen der Vorbringen in
verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis. Da-
rauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 m.w.H.).
4.3 Wer sich darauf beruft, dass durch seine Ausreise aus dem Heimat-
oder Herkunftsstaat oder wegen seines Verhaltens nach der Ausreise eine
Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist, macht subjektive Nach-
fluchtgründe geltend (Art. 54 AsylG). Subjektive Nachfluchtgründe begrün-
den zwar die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen je-
doch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob
sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen
werden Personen, die subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder
glaubhaft machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen
(vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1).
5.
5.1 In ihrer abweisenden Verfügung kam die Vorinstanz zum Schluss, dass
die Vorbringen der Beschwerdeführerin den Anforderungen an die Glaub-
haftmachung gemäss Art. 7 AsylG sowie denjenigen an die Asylrelevanz
gemäss Art. 3 AsylG nicht genügen würden.
Unter dem Aspekt der Glaubhaftigkeit führte sie zur Begründung aus, die
erstmals bei der Bundesanhörung geltend gemachten Nachstellungen des
Sicherheitsbeamten seien sowohl widersprüchlich als auch nachgescho-
ben ausgefallen und daher nicht glaubhaft. Weiter würden ihre Angaben zu
ihrer Wohnsituation vor ihrer Ausreise, dem Zeitpunkt der Flucht in den Su-
dan sowie deren zeitliche Dauer Unstimmigkeiten enthalten. Aufgrund die-
ser Widersprüche und Ungereimtheiten würden erste Zweifel an der be-
haupteten Verfolgung und der illegalen Ausreise aus Eritrea aufkommen.
Ihre wenig detailliert ausgefallenen Aussagen zu den angeblichen Übergrif-
D-5355/2019
Seite 10
fen, denen sie seitens des eritreischen Sicherheitsbeamten ausgesetzt ge-
wesen sei, sowie der Planung, Organisation und Durchführung ihrer illega-
len Ausreise aus Eritrea würden die Zweifel an der Glaubhaftigkeit ihrer
Vorbringen weiter verstärken. Alsdann gehe weder aus ihren Aussagen
noch den Akten hervor, dass sie persönlich ein militärisches Aufgebot er-
halten habe. Auch ein anderer behördlicher Kontakt im Zusammenhang mit
dem Nationaldienst sei nicht aktenkundig oder glaubhaft gemacht worden.
Infolgedessen würden keine substantiierten und glaubhaften Gründe für
eine Einberufung in den Nationaldienst in Eritrea vorliegen. Ferner würden
ihre Darstellungen in mehrerer Hinsicht wirklichkeitsfremd erscheinen. So
wäre einer dem Nationaldienst unterstehenden und Verfolgungsmassnah-
men der eritreischen Behörden ausgesetzten Person die Ausübung ihrer
Erwerbstätigkeit wohl kaum möglich gewesen. Befremdend erscheine
auch, dass sie nie für den Nationaldienst aufgeboten worden sei, obwohl
sie die Schule im Alter von (...) Jahren abgebrochen habe. Unter diesen
Umständen könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie vom National-
dienst suspendiert oder daraus entlassen worden sei oder ihn bereits or-
dentlich abgeschlossen habe. Insgesamt sei davon auszugehen, dass die
geltend gemachten Vorfälle in Eritrea (die Nachstellungen seitens eines
eritreischen Sicherheitsbeamten und dessen Androhung, sie in den Natio-
naldienst zu schicken, sowie die Verfolgung wegen mutmasslich illegal er-
folgter Ausreise) nicht der Wahrheit entsprechen und somit nicht glaubhaft
im Sinne von Art. 7 AsylG seien.
Soweit die Beschwerdeführerin geltend gemacht habe, Eritrea (...) 2014
illegal verlassen zu haben, sei festzuhalten, dass alleine die geltend ge-
machte illegale Ausreise gemäss Koordinationsurteil (publiziert als Refe-
renzurteil) des Bundesverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Ja-
nuar 2017 keine begründete Furcht vor einer zukünftigen asylrelevanten
(recte: flüchtlingsrechtlich relevanten) Verfolgung zu begründen vermöge.
Aufgrund der Ungereimtheiten sei diese ohnehin als unglaubhaft zu erach-
ten. Andere Anknüpfungspunkte, welche sie in den Augen des eritreischen
Regimes als missliebige Person erscheinen lassen könnten, seien nicht
ersichtlich. Namentlich habe sie keine individuelle Verfolgung im Zusam-
menhang mit dem Nationaldienst glaubhaft nachweisen können, obwohl
sie im Ausreisezeitpunkt bereits (...) Jahre alt gewesen sei. Demzufolge
erfülle die Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft nicht, so dass ihr
Asylgesuch abzulehnen sei.
D-5355/2019
Seite 11
Hinsichtlich allfälliger Wegweisungsvollzugshindernisse führte die
Vorinstanz unter anderem aus, es ergäben sich aus den Akten keine An-
haltspunkte, dass der Beschwerdeführerin mit hinreichender Wahrschein-
lichkeit bei der Rückkehr nach Eritrea eine durch Art. 3 EMRK verbotene
Strafe oder Behandlung drohe. Die Prüfung, ob ein tatsächliches und un-
mittelbares Risiko einer Verletzung von Art. 4 EMRK bestehe, sei aufgrund
der unglaubhaften Angaben nicht möglich; es könne deswegen auch nicht
von einer tatsächlichen und unmittelbaren Gefahr einer Einberufung in den
eritreischen Nationaldienst ausgegangen werden. Vielmehr seien aufgrund
der unglaubhaften Angaben viele Möglichkeiten offen, die vom SEM nicht
abschliessend geklärt werden könnten. Allerdings stehe selbst eine glaub-
haft gemachte drohende Einberufung in den Nationaldienst aufgrund der
bundesverwaltungsrechtlichen Rechtsprechung der Zulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs nach Eritrea nicht entgegen. Ausserdem seien weder all-
gemeine noch individuelle Gründe ersichtlich, die den Wegweisungsvoll-
zug als unzumutbar erscheinen liessen.
5.2 Die Beschwerdeführerin entgegnete in ihrer Rechtsmitteleingabe be-
treffend ihre Asylgründe, dass der Ansicht der Vorinstanz, wonach ihre
Schilderungen zu ihrem letzten Wohnort in Eritrea und ihrer Ausreise, ins-
besondere dem genauen Datum und der Reisedauer, widersprüchlich aus-
gefallen seien, nicht gefolgt werden könne. Bei genauerer Betrachtung ih-
rer Aussagen könnten diese angeblichen Unstimmigkeiten ohne Weiteres
mit logischer Auslegung aufgelöst respektive mit fehlender Präzision in-
folge mangelnder Sprachkenntnisse begründet werden. Die von ihr ge-
machten Angaben zu den Ereignissen seien durchwegs kongruent, nach-
vollziehbar und stimmig. Soweit ihr die Vorinstanz sodann vorwerfe, sie
habe in der BzP auf konkrete Nachfrage jegliche individuellen Probleme
mit den eritreischen Behörden bestritten, führte sie aus, sie habe die Frage
so verstanden, als dass nach allfälligen verwaltungstechnischen Proble-
men gefragt worden sei. Da sie sich immer korrekt und konform verhalten
habe, habe sie dies verneint und nicht an ihre Probleme, welche ihr der
Sicherheitsbeamte bereitet habe, gedacht. Auch die Frage, ob sie mit Dritt-
personen in Eritrea Probleme gehabt habe, habe sie verneint, da der Si-
cherheitsbeamte für sie nicht in die Rubrik "Drittpersonen" gehöre. Des
Weiteren könne auch der vorinstanzlichen Argumentation, wonach sie die
Übergriffe durch den Sicherheitsbeamten sowie ihre Ausreise nur knapp
und wenig detailliert vorgetragen habe, nicht gefolgt werden. Das SEM
habe sich darauf beschränkt, ihre Aussagen auf inhaltliche Besonderheiten
zu prüfen und habe keinen Strukturvergleich vorgenommen. Dabei habe
D-5355/2019
Seite 12
sie faktenbasiert und effizient, aber dennoch mit der nötigen Detailgenau-
igkeit über ihre Asylvorbringen sowie Nebensächlichkeiten berichtet, wobei
sich ihre Aussagen qualitativ nicht unterscheiden würden. Indem die
Vorinstanz des Weiteren vorbringe, es sei unverständlich, dass der Sicher-
heitsbeamte sie nicht einfach zu Hause aufgesucht und in den National-
dienst geschickt habe, widerspreche sich diese selber, denn der Sicher-
heitsbeamte habe sie nicht ausliefern, sondern primär heiraten wollen. Als-
dann sei sie ihrer Arbeit gerade deshalb im Geheimen nachgegangen, weil
sie sich vor dem Einzug in den Nationaldienst und den Verfolgungsmass-
nahmen der Behörden gefürchtet habe. Insofern als es für das SEM be-
fremdend sei, dass die Beschwerdeführerin nie in den Nationaldienst ein-
berufen worden sei, führte sie aus, sie habe die neunte Klasse erst im Alter
von (...) Jahren absolviert. Ihr Schülerausweis habe sie dann weiter bis zu
dessen Ablaufdatum im (...) 2014 vor einem Einzug nach E._ ge-
schützt. Anschliessend habe sie in ständiger Angst, bei einer Razzia auf-
gegriffen und dabei in den Militärdienst mitgenommen zu werden, gelebt,
wobei sie das Haus nur noch verschleiert und spät abends verlassen habe.
Die letzten zwei Monate vor ihrer Ausreise im (...) 2015 habe sie sich dann
bei ihrer späteren Fluchthelferin versteckt. Wo die Vorinstanz in dieser Zeit-
periode Raum sehe, in welchem sie den Militärdienst hätte absolvieren
können, sei nicht ersichtlich. Im Übrigen sei der Militärdienst in Eritrea in
der Regel ohnehin unbefristet. In einer Gesamtwürdigung seien ihre Vor-
bringen übereinstimmend und nachvollziehbar dargelegt worden. Sie habe
die ständige Angst davor, bei einer Razzia in den Militärdienst eingezogen
zu werden, nachdem sie die Schule früher abgebrochen habe, sowie die
dort stattfindenden Vorgänge detailliert und glaubhaft geschildert. Weiter
habe sie die Situation mit dem Sicherheitsbeamten, welcher sie vor die
Wahl einer Zwangsheirat oder den Militärdienst gestellt habe, aufschluss-
reich erörtert. Auch habe sie Gegebenheiten, die in Eritrea tatsächlich so
vorkommen und sich deshalb auch bei ihr selbst so ereignet haben dürften,
dargelegt. Demzufolge könne nicht von einer fehlenden Glaubhaftigkeit der
Aussagen gesprochen werden.
Die Dienstverweigerung oder Desertion vom eritreischen Nationaldienst
führe aufgrund der unverhältnismässigen Bestrafung nach der Rechtspre-
chung des Bundesverwaltungsgerichts zur Anerkennung der Flüchtlingsei-
genschaft. Aufgrund ihrer Ausreise und der damit verbundenen Flucht vor
dem Militärdienst habe sich die Beschwerdeführerin gegen das Regime
gewendet, weshalb sie an Leib und Leben gefährdet sei. Ihre Furcht vor
Verfolgung, Folter und Inhaftierung bei einer Rückkehr nach Eritrea sei be-
D-5355/2019
Seite 13
gründet, zumal Eritrea weiterhin als einer der schlimmsten Unrechtsstaa-
ten der Welt gelte. Die anstehenden Sanktionen sowie der Einzug in den
als Zwangsarbeit zu qualifizierenden Nationaldienst verbunden mit der feh-
lenden Rechtsstaatlichkeit und den alltäglichen gewalttätigen Übergriffen
würden eine Gefährdung des Leibes, des Lebens und der Freiheit darstel-
len und eine Ausweisung nach Eritrea stelle demgemäss einen Verstoss
gegen Art. 3 AsylG dar.
Sollte das Gericht an der Glaubhaftigkeit der Aussagen der Beschwerde-
führerin bezüglich der Desertion dennoch zweifeln, sei darauf hinzuweisen,
dass sich das Koordinationsurteil des Bundesverwaltungsgerichts
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 auf einen Bericht des SEM «Focus Erit-
rea» vom 22. Juni 2016 stütze, in welchem darauf hingewiesen werde,
dass keine Rechtssicherheit bestehe und es nicht allen eritreischen Staats-
angehörigen möglich sei, nach Bereinigung ihres Verhältnisses mit dem
Staat nach Eritrea zurückzukehren. Die Situation in Eritrea sei unberechen-
bar und unsicher. Es sei eine absolut willkürliche und übersteigerte Bestra-
fung bei einer Rückkehr nach Eritrea zu erwarten, bei Personen, die noch
keine militärische Ausbildung absolviert hätten. Es seien zu wenig doku-
mentierte Informationen über die Situation nach einer Rückkehr nach Erit-
rea vorhanden, um eine solche vorzuschlagen. Mit sehr grosser Wahr-
scheinlichkeit sei davon auszugehen, dass ihr bei einer Rückkehr nicht nur
umgehend der Einzug in den Nationaldienst, sondern auch eine politisch
motivierte Sanktionierung auf unbestimmte Zeit und ohne rechtsstaatliches
Verfahren drohe. Die schweizerische Asylpraxis sei – auch im Vergleich zu
anderen europäischen Staaten – in Bezug auf Eritrea äusserst restriktiv
und streng, so dass diese Praxis als politisch motiviert erscheine und den
völkerrechtlichen Verpflichtungen der Schweiz widerspreche. Die Be-
schwerdeführerin sei jedenfalls als Flüchtling anzuerkennen und ihr sei
Asyl zu gewähren.
In Bezug auf die Wegweisung wurde ausgeführt, dass eine solche bereits
von vornherein als unzumutbar und unzulässig zu qualifizieren sei. Auf-
grund ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea habe sie sich aus Sicht der erit-
reischen Behörden der Dienstverweigerung schuldig gemacht und werde
somit als Feindin des Regimes betrachtet. Auch wegen ihres Alters würden
ihr bei einer Rückkehr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der
umgehende Einzug in den Nationaldienst sowie Sanktionen drohen, was
entgegen der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts eine Ver-
letzung des Folterverbots nach Art. 3 EMRK und des Verbots der Zwangs-
D-5355/2019
Seite 14
arbeit nach Art. 4 EMRK darstelle. Zudem sei aufgrund der prekären Situ-
ation im Heimatland sowie der drohenden Zwangsrekrutierung und Sank-
tionen, welche allen Rückkehrenden drohten, die Unzumutbarkeit zu beja-
hen. Einer Zwangsrekrutierung werde sie sich nicht entziehen können. Von
einer Reintegration in die heimatliche Gesellschaft oder gar Wirtschaft
könne daher keine Rede sein.
6.
6.1 Nach eingehender Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungs-
gericht – in Übereinstimmung mit dem SEM – zum Schluss, dass es der
Beschwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylbeachtliche Verfolgung im
Sinne von Art. 3 und Art. 7 AsylG glaubhaft zu machen. Die Entgegnungen
in der Beschwerdeeingabe sind nicht geeignet, zu einer anderen Beurtei-
lung zu gelangen. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann vorab voll-
umfänglich auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen
werden (vgl. dort, E. II sowie die Zusammenfassung der entsprechenden
Ausführungen in E. 5.1 des vorliegenden Urteils). In Ergänzung und Präzi-
sierung ist Folgendes festzuhalten:
6.2
6.2.1 Vorab ist anzumerken, dass die Ausführungen der Beschwerdeführe-
rin insgesamt sehr allgemein und unsubstantiiert ausgefallen sind, womit
kein klares Bild der Ereignisse entstand. Die freie Erzählung ihrer Flucht-
gründe beschränkte sich sowohl anlässlich der BzP als auch der Anhörung
lediglich auf wenige Sätze (vgl. SEM-Akten A/7, Ziff. 7.01 und A/39, F53).
Auf Beschwerdeebene wird diesbezüglich vorgebracht, sie habe durchge-
hend faktenbasiert und effizient, aber dennoch mit der nötigen Detailge-
nauigkeit über den Kernbereich der Asylvorbringen aber auch Nebensäch-
lichkeiten berichtet. Die Beschwerdeführerin hat zwar auf jegliche Fragen
kurz und knapp geantwortet, was mithin ihr Antwortstil sein dürfte, dennoch
erwecken ihre Schilderungen, die – entgegen ihren Vorbringen auf Be-
schwerdeebene – kaum Details oder Realitätskennzeichen enthalten, nicht
den Eindruck, als hätte sie von eigenen Erlebnissen berichtet.
6.2.2 Die Beschwerdeführerin vermochte nicht glaubhaft darzulegen, wie
es ihr gelungen sein soll, die ab dem 18. Lebensjahr bestehende National-
dienstpflicht bis zu ihrer Ausreise, welche erst im Alter von (...) Jahren er-
folgt sein soll, zu umgehen, zumal sie geltend machte, es habe wiederholt
Razzien gegeben, um insbesondere Mädchen fürs Militär zu rekrutieren,
und weshalb es nicht möglich gewesen sei, das Haus zu verlassen oder
einer Arbeit nachzugehen, ohne mitgenommen zu werden (vgl. SEM-
D-5355/2019
Seite 15
Akte A/39, F53). In der BzP machte sie hierzu geltend, sie sei nie in den
Militärdienst einberufen worden, weil sie Glück gehabt habe (vgl. SEM-
Akte A/7, Ziff. 1.17.05). Auch auf die entsprechende Nachfrage in der An-
hörung, weshalb sie im Vergleich zu anderen Schülerinnen und Schülern
nach Erreichung der Volljährigkeit nicht bereits vor Abschluss der Schule
in den Militärdienst eingezogen worden sei, gab sie als Erklärung lediglich
zu Protokoll, sie seien nicht mitgenommen worden (vgl. SEM-Akte A/39,
F41). Des Weiteren erscheint es angesichts einer möglichen Rekrutierung
in den Militärdienst oder die Einziehung in den Nationaldienst nicht nach-
vollziehbar, weshalb sie 2013 die heimatlichen Behörden aufsuchte, um
sich eine Identitätskarte ausstellen zu lassen (vgl. SEM-Akte A/7,
Ziff. 4.03). Wie die Vorinstanz richtigerweise feststellte, widerspricht es zu-
dem der allgemeinen Erfahrung und Logik des Handelns, dass die Be-
schwerdeführerin – trotz der drohenden Einziehung in den Nationaldienst –
dennoch als (...) arbeitete. Diesbezüglich machte sie geltend, sie sei, nach-
dem sie die Schule verfrüht beendet habe, bis ihr Schülerausweis schliess-
lich im (...) 2014 abgelaufen sei, abends problemlos ihrer Arbeit als (...)
nachgegangen (vgl. SEM-Akte A/39, F55 f.). Erst nach Ablauf ihres Schü-
lerausweises habe sie ab (...) 2014 nicht mehr arbeiten und das Haus nur
noch verschleiert verlassen können (vgl. SEM-Akte A/39, F84).
6.2.3 In der einlässlichen Anhörung gelingt es der Beschwerdeführerin
dann auch nicht, den von ihr neu vorgebrachten Sachverhalt glaubhaft zu
machen; dieser ist weitestgehend unsubstantiiert ausgefallen und wirkt ins-
gesamt konstruiert. Sie brachte auf entsprechende Nachfragen vor, der Si-
cherheitsbeamte sei ein Nachbar gewesen, welcher sich ab 2013 für sie
interessiert habe. Er habe sie, als sie noch zur Schule gegangen sei, je-
weils abgefangen und immer wieder zu ihr gesagt, dass er sie wolle. Da
sie ihm nicht wirklich viel Aufmerksamkeit geschenkt und auch ihr Vater sie
ihm verweigert habe, habe er angefangen Probleme zu machen. Sie habe
in der Folge nirgends mehr hingehen können, da er draussen auf sie ge-
wartet habe (vgl. SEM-Akte A/39, F74–76). Konkretere Angaben zu diesen
Nachstellungen machte sie nicht. Soweit sie geltend machte, dass der Si-
cherheitsbeamte sie habe heiraten wollen und ihrem Vater gar angedroht
habe, sie ansonsten nach E._ zu schicken (vgl. SEM-Akte A/39,
F64 und F80 f.), wirken ihre Aussagen unpersönlich und weitgehend emo-
tionslos, was angesichts einer angeblich erzwungenen Heirat erstaunt. Als-
dann habe der Sicherheitsmann im (...) oder (...) 2014 zusammen mit an-
deren Sicherheitsbeamten an einer (...), bei welcher sie als (...) engagiert
worden sei, ihr Equipment beschlagnahmt (vgl. SEM-Akte A/39, F64). Wo-
her er gewusst haben soll, an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt die
D-5355/2019
Seite 16
(...) stattfand, konnte sie dabei nicht plausibel erklären (vgl. SEM-
Akte A/39, F65). Auch weshalb er ihre (...)-Ausrüstung nicht bei ihr zu
Hause hätte an sich nehmen können, vermag sie nicht überzeugend zu
begründen (vgl. SEM-Akte A/39, F78 f.). Ferner ist ihr Verhalten nach dem
geltend gemachten Vorfall an der (...) nicht nachvollziehbar. Gemäss eige-
nen Angaben sei sie erst im (...) 2014 nach F._ gegangen, obwohl
sie damit rechnen musste, dass der Sicherheitsbeamte sie als Nachbar
jederzeit bei sich zu Hause problemlos hätte auffinden können.
6.2.4 Ferner machte die Beschwerdeführerin unterschiedliche Angaben zu
den Gründen, welche sie 2014 zu einer Ausreise aus Eritrea veranlasst
haben sollen. So brachte sie die Behelligungen durch den Sicherheitsbe-
amten, welche im Zentrum ihres Asylgesuchs stehen, erstmals im Rahmen
der Anhörung vor. Obwohl sie an der BzP nach ihren Fluchtgründen gefragt
wurde, erwähnte sie diese Vorkommnisse damals nicht ansatzweise. Als
sie an der BzP gefragt wurde, ob sie in Eritrea je Probleme mit den staatli-
chen Behörden hatte, verneinte sie dies zudem ausdrücklich (vgl. SEM-
Akte A/7, Ziff. 7.02). Auch wenn es ihr – wie in der Beschwerde vorge-
bracht – schwergefallen sein sollte, darüber zu berichten, ist dennoch da-
von auszugehen, dass die Aussagen in den Kernpunkten ohne erhebliche
Widersprüche und weitgehend übereinstimmend ausfallen. Selbst in Anbe-
tracht der kurzen Dauer der BzP ist nicht nachvollziehbar, dass sie den
Auslöser ihrer Ausreise und die in der Anhörung als hauptsächliches Prob-
lem genannten Behelligungen mit dem Sicherheitsbeamten und die daraus
ergebenden Konsequenzen mit keinem Wort anführte. Die Erklärungsver-
suche auf Beschwerdeebene, weshalb sie diese Vorfälle mit dem Sicher-
heitsbeamten nicht vorbrachte und Nachfragen betreffend allfällige Prob-
leme mit Behörden oder Dritten verneinte, vermögen die Ungereimtheiten
ebenfalls nicht zu entkräften. Entsprechend sind die erst an der Anhörung
vorgebrachten Fluchtgründe, welche augenscheinlich von ihren Sachver-
haltsangaben in der BzP abweichen und diese nicht bloss konkretisieren,
als nachgeschoben einzustufen.
6.2.5 Des Weiteren sind die Aussagen der Beschwerdeführerin in den Be-
fragungen teilweise widerspruchsbehaftet, wodurch weitere Zweifel an ih-
ren Asylvorbringen aufkommen. So machte sie anlässlich der BzP geltend,
sie sei nach der neunten Klasse nicht mehr weiter zur Schule gegangen,
um nicht nach E._ gehen zu müssen (vgl. SEM-Akte A/7,
Ziff. 1.17.05). Demgegenüber führte sie in der Anhörung als Grund für die
vorzeitige Beendigung der Schule an, dass sie nachher in die Abend-
schule, welche sie selber hätte finanzieren müssen, hätte gehen müssen
D-5355/2019
Seite 17
(vgl. SEM-Akte A/39, F42). Weiter erklärte sie in der Erstbefragung bis am
(...) 2014 bei ihren Eltern in C._ gewohnt zu haben (vgl. SEM-
Akte A/7, Ziff. 2.01 f.), wohingegen sie in der Anhörung vorbrachte, ab
(...) 2014 bis (...) 2014 bei der Verwandten des Schwagers ihrer Schwes-
ter in F._ untergekommen zu sein (vgl. SEM-Akte A/39, F90–93).
Ihre diesbezügliche Argumentation in der Beschwerde, wonach sie in
F._ keinen neuen Wohnort begründet habe und ihren dortigen Auf-
enthalt deshalb nicht angegeben habe, vermag angesichts dessen, dass
sie nicht nur nach ihrem letzten offiziellen Wohnort ("ultimo domicilio uffici-
ale"), sondern auch ihrer letzten Adresse ("ultimo indirizzo") in Eritrea ge-
fragt wurde, nicht zu überzeugen (vgl. SEM-Akte A/7, Ziff. 2.01 und 2.02).
Soweit sie ihren ersten misslungenen Ausreiseversuch in der BzP ver-
schwieg, ist ihr zuzustimmen, dass sie nicht nach der Anzahl ihrer Flucht-
versuche gefragt wurde. Dennoch erstaunt, dass sie weder die geschei-
terte erste Grenzüberquerung noch die Verwandte des Verlobten ihrer jün-
geren Schwester, welche ihr zur Flucht verholfen haben soll, erwähnte. Im
Übrigen fielen ihre Darstellungen zum ersten Ausreiseversuch – entgegen
ihrer in der Beschwerde vertretenen Ansicht – auch anlässlich der Anhö-
rung nur wenig plausibel und weitestgehend unsubstantiiert aus (vgl. SEM-
Akte A/39, F100–F103). Der vom SEM in der angefochtenen Verfügung
festgestellte Widerspruch betreffend das genaue Ausreisedatum ist dage-
gen zu relativieren. Zwar gab sie anlässlich der Anhörung an einer Stelle
zu Protokoll im (...) 2014 ausgereist zu sein (vgl. SEM-Akte A/39, F55).
Demgegenüber machte sie zu Beginn der Befragung auf explizite Nach-
frage geltend, am (...) 2014 ausgereist zu sein (vgl. SEM-Akte A/39, F11)
und erläuterte damit übereinstimmend im weiteren Verlauf wiederholt Erit-
rea im (...) 2014 verlassen zu haben (vgl. SEM-Akte A/39, F70, F86 und
F93). Andererseits bestehen, wie von der Vorinstanz richtigerweise festge-
stellt wurde, weitere Unstimmigkeiten bezüglich der Dauer der Reise von
C._ nach H._, welche sie auf Beschwerdeebene nicht plau-
sibel aufzulösen vermag.
6.2.6 Übereinstimmend ist schliesslich mit der Vorinstanz festzuhalten,
dass die Beschwerdeführerin die Planung, Organisation und Durchführung
ihrer illegal erfolgten Ausreise aus Eritrea nur vage, oberflächlich und ste-
reotyp geschildert hat (vgl. SEM-Akten A/7, Ziff. 5.01 f. und A/39, F99–
116). Zudem ergeben sich aus ihren Aussagen Unstimmigkeiten. So
brachte sie in der BzP vor, sie sei mit zwei Freundinnen in den Sudan ge-
reist (vgl. SEM-Akte A/7, Ziff. 5.01), wohingegen sie in der Anhörung vor-
brachte, die Verwandte des Verlobten ihrer Schwester habe sie aus Eritrea
in den Sudan geführt (vgl. SEM-Akte A/39, F 99). Vor dem Hintergrund,
D-5355/2019
Seite 18
dass es sich bei der Flucht um ein prägendes und einschneidendes Ereig-
nis handelt, hätten von ihr diesbezüglich detaillierte und übereinstimmende
Schilderungen erwartet werden dürfen.
6.2.7 Der Beschwerdeführerin ist es somit zusammenfassend nicht gelun-
gen, eine im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus ihrem Heimatstaat bestehende
asylbeachtliche Verfolgungssituation glaubhaft darzutun. Wie bereits fest-
gehalten, gab sie zu Protokoll, sie sei weder als Schülerin noch nach ihrem
Schulabbruch in den Militärdienst eingezogen oder aufgefordert worden,
ins Militärcamp nach E._ zu gehen (vgl. SEM-Akten A/7, Ziff. 7.02
und A/39, F82 f.). Es ist deshalb festzustellen, dass sie bei ihrer Ausreise
im (...) 2014 keine konkreten Kontakte zu den eritreischen Militärbehörden
im Zusammenhang mit einer Rekrutierung in den National Service im Sinne
der Rechtsprechung (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweize-
rischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3 E. 4.7 und 4.10) ge-
habt hat. Es ist daher auch nicht davon auszugehen, dass sie wegen Re-
gimefeindlichkeit (Refraktion) ins Visier der eritreischen Behörden geraten
ist, weshalb eine diesbezüglich begründete Furcht vor einer flüchtlings-
rechtlich relevanten Bestrafung zu verneinen ist. In der Beschwerdeein-
gabe wird dem nichts Stichhaltiges entgegengehalten und es wurden keine
Beweismittel eingereicht, die an dieser Einschätzung etwas zu ändern ver-
möchten.
6.3
6.3.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin wegen ihrer illegalen
Ausreise aus Eritrea – mithin wegen subjektiver Nachfluchtgründe – bei ei-
ner Rückkehr dorthin befürchten müsste, ernsthaften Nachteilen im Sinne
von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu werden.
6.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht ging bis im Januar 2017 davon aus,
dass eine illegale Ausreise aus Eritrea als subjektiver Nachfluchtgrund an-
zusehen war, weil illegal Ausgereiste bei einer Rückkehr nach Eritrea mit
erheblichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG rechnen mussten
(vgl. Urteil des BVGer D-3892/2008 vom 6. April 2010 E. 5.3.3). Diese
Rechtsprechung ist in der Folge jedoch aufgegeben worden. Im Referenz-
urteil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 kam das Bundesverwaltungsge-
richt nach einer eingehenden quellengestützten Lageanalyse (vgl. a.a.O.,
E. 4.6–4.11) zum Schluss, dass die bisherige Praxis, wonach eine illegale
Ausreise per se zur Flüchtlingseigenschaft führte, nicht mehr aufrecht-
erhalten werden könne (vgl. a.a.O., E. 5.1). Es sei nicht mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass einer Person einzig aufgrund
D-5355/2019
Seite 19
ihrer illegalen Ausreise aus Eritrea eine asylrelevante Verfolgung drohe
(vgl. a.a.O., E. 5.1). Nicht asylrelevant sei auch die Möglichkeit, dass je-
mand nach der Rückkehr in den Nationaldienst eingezogen werde; ob eine
drohende Einziehung in den Nationaldienst unter dem Blickwinkel von
Art. 3 und 4 EMRK relevant sein könnte, betreffe die Frage der Zulässigkeit
bzw. Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Für die Begründung der
Flüchtlingseigenschaft im eritreischen Kontext bedürfe es neben der illega-
len Ausreise zusätzlicher Anknüpfungspunkte, welche zu einer Verschär-
fung des Profils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Ver-
folgungsgefahr führen könnten (vgl. a.a.O., E. 5.2).
6.3.3 Die Frage der Glaubhaftigkeit der von der Beschwerdeführerin gel-
tend gemachten illegalen Ausreise aus Eritrea kann – aufgrund der mit Ur-
teil D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 geänderten Praxis – letztlich offen-
bleiben, womit sich eine nähergehende Auseinandersetzung mit den Vor-
bringen zur illegalen Ausreise erübrigt. Liegen nämlich keine zusätzlichen
Anknüpfungspunkte vor, welche die asylsuchende Person in den Augen
der eritreischen Behörden als missliebige Person erscheinen lassen, ver-
mag die illegale Ausreise per se die Flüchtlingseigenschaft nicht zu begrün-
den. Das Vorliegen solcher Faktoren ist im Falle der Beschwerdeführerin
zu verneinen, wobei zunächst auf die Ausführungen zur Glaubhaftigkeit der
Vorfluchtgründe verwiesen werden kann, wonach sie zum Zeitpunkt ihrer
Ausreise keine bestehende oder drohende asylrechtlich relevante Gefähr-
dung nachweisen oder glaubhaft machen konnte (vgl. die obigen Ausfüh-
rungen in E. 6.2). So gab sie bei der BzP an, in ihrer Heimat bis zur Aus-
reise mit Behörden keine Probleme gehabt zu haben (vgl. SEM-Akte A/7,
Ziff. 7.02). Zudem sind keine Hinweise ersichtlich, wonach ihre Familie in-
folge ihrer Ausreise irgendwelche Probleme gehabt habe. Im Übrigen hal-
ten sich zwar auch zwei Brüder und eine Schwester der Beschwerdeführe-
rin in der Schweiz auf, daraus ergibt sich jedoch kein ernsthaftes Alleinstel-
lungsmerkmal, welches sie von anderen eritreischen Asylsuchenden kon-
kret unterscheiden würde. Die blosse Möglichkeit einer künftigen Rekrutie-
rung für den Nationaldienst, die aufgrund des Alters der Beschwerdeführe-
rin nicht ausgeschlossen werden kann, ist – wie soeben ausgeführt –
flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Sodann sind aus den Akten auch keine
anderen zusätzlichen Anknüpfungspunkte, welche sie in den Augen der
eritreischen Behörden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit als missliebige
Person erscheinen lassen beziehungsweise zu einer Schärfung ihres Pro-
fils und dadurch zu einer flüchtlingsrechtlich relevanten Verfolgungsgefahr
führen könnten, ersichtlich.
D-5355/2019
Seite 20
6.3.4 Soweit in der Beschwerde Kritik an der Praxis des Bundesverwal-
tungsgerichts geübt wird, ist diese zur Kenntnis zu nehmen. Diese Ausfüh-
rungen vermögen die gefestigte und koordinierte Rechtsprechung jedoch
nicht in Frage zu stellen.
6.4 Zusammenfassend ergibt sich, dass sowohl das Vorliegen von Vor-
fluchtgründen im Sinne von Art. 3 AsylG als auch von subjektiven Nach-
fluchtgründen gemäss Art. 54 AsylG zu verneinen ist. Es erübrigt sich, auf
die weiteren Ausführungen in der Beschwerde im Einzelnen einzugehen,
da sie an der vorgenommenen Würdigung des Sachverhalts nichts zu än-
dern vermögen. Das SEM hat zu Recht die Flüchtlingseigenschaft der Be-
schwerdeführerin verneint und ihr Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Ausländerinnen und Auslän-
der und über die Integration [AIG; SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
D-5355/2019
Seite 21
8.2
8.2.1 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG;
vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Art. 4 EMRK beinhal-
tet die Verbote der Sklaverei und Leibeigenschaft (Abs. 1) sowie der
Zwangs- oder Pflichtarbeit (Abs. 2 und 3).
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
raufhin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es der Be-
schwerdeführerin nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das flüchtlingsrecht-
liche Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 FK und Art. 5 AsylG im vor-
liegenden Verfahren keine Anwendung finden. Ihre Rückschaffung in den
Heimatstaat ist demnach rechtmässig. Die Zulässigkeit des Vollzugs beur-
teilt sich im Weiteren nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrecht-
lichen Bestimmungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 FoK; Art. 3 und 4 EMRK).
8.2.3 Aufgrund des heutigen Alters der Beschwerdeführerin kann ein allfäl-
liger Einzug in den Nationaldienst bei ihrer Rückkehr nicht ausgeschlossen
werden (vgl. zur eritreischen Musterungspraxis auch das Referenzurteil
des BVGer D-2311/2016 vom 17. August 2017 E. 13.2–13.4 [als Referenz-
urteil publiziert]). Die Frage kann aber mit Verweis auf die nachfolgenden
Erwägungen offenbleiben.
D-5355/2019
Seite 22
8.2.3.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Grundsatzurteil
BVGE 2018 VI/4 vom 10. Juli 2018 die Frage der Zulässigkeit des Weg-
weisungsvollzugs bei drohender Einziehung in den eritreischen National-
dienst unter den Aspekten des Zwangsarbeitsverbots (Art. 4
Abs. 2 EMRK), des Folterverbots und der unmenschlichen und erniedri-
genden Behandlung (Art. 3 EMRK) geklärt. Nach eingehender Quellen-
analyse kam es zum Schluss, die Bedingungen im Nationaldienst seien
grundsätzlich als Zwangsarbeit im Sinn von Art. 4 Abs. 2 EMRK zu qualifi-
zieren; durch die Einziehung in den eritreischen Nationaldienst bestünde
gleichwohl nicht das ernsthafte Risiko einer schwerwiegenden Verletzung
von Art. 4 Abs. 2 EMRK. Zudem sei nicht erstellt, dass die berichteten
Misshandlungen und sexuellen Übergriffe derart systematisch stattfänden,
dass jede Nationaldienstleistende und jeder Nationaldienstleistende dem
ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden
(vgl. BVGE 2018 IV/4 E. 6.1, insbesondere E. 6.1.5). Weiter verneinte es
das ernsthafte Risiko einer Verletzung von Art. 3 EMRK im Falle einer Ein-
ziehung in den eritreischen Nationaldienst (vgl. BVGE 2018 IV/4 E. 6.1.6),
da keine hinreichenden Belege dafür existierten, wonach Misshandlungen
und sexuelle Übergriffe im Nationaldienst derart flächendeckend stattfin-
den würden, so dass jede Dienstleistende und jeder Dienstleistende dem
ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, selbst solche Übergriffe zu erleiden.
8.2.3.2 Weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin noch aus den
vorliegenden Akten ergeben sich – selbst bei einem Einzug in den Natio-
naldienst – Anhaltspunkte für die Annahme, sie müsste bei einer freiwilli-
gen Rückkehr in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit
eine nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotene Strafe oder Behandlung
befürchten. Auch die problematische allgemeine Menschenrechtssituation
in Eritrea lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt praxisge-
mäss nicht als unzulässig erscheinen.
8.2.4 Weitere Gründe für die Annahme der Unzulässigkeit des Wegwei-
sungsvollzugs ergeben sich weder aus den Akten noch aus der Beschwer-
deschrift. Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers erweist
sich damit – sowohl im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Best-
immungen – als zulässig.
8.2.5 Abschliessend ist darauf hinzuweisen, dass das Bundesverwaltungs-
gericht die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzuges – aufgrund des Feh-
lens eines Rückübernahmeabkommens zwischen der Schweiz und Erit-
rea – lediglich für freiwillige Rückkehrer beurteilte und die Zulässigkeit
D-5355/2019
Seite 23
zwangsweiser Rückführungen ausdrücklich offenliess (vgl. BVGE 2018
VI/4 E. 6.1.7).
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.2 Im bereits zitierten Grundsatzentscheid BVGE 2018 IV/4 kam das
Bundesverwaltungsgericht zum Schluss, dass die drohende Einziehung in
den Nationaldienst nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs
führe (a.a.O., E. 6.2.3–6.2.5). Eine allfällige Einziehung des Beschwerde-
führers in den Nationaldienst bei einer (freiwilligen) Rückkehr nach Eritrea
führt damit nicht zur Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs.
Gemäss aktueller Rechtsprechung kann in Eritrea nicht von einem Krieg,
Bürgerkrieg oder einer Situation allgemeiner Gewalt beziehungsweise ei-
ner generellen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs ausgegangen
werden. In jüngster Zeit haben sich die Lebensbedingungen in einigen Be-
reichen verbessert. Zwar ist die wirtschaftliche Lage nach wie vor schwie-
rig; die medizinische Grundversorgung, die Ernährungssituation, der Zu-
gang zu Wasser und zur Bildung haben sich aber stabilisiert. Der Krieg ist
seit Jahren beendet und ernsthafte ethnische oder religiöse Konflikte sind
nicht zu verzeichnen. Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die umfang-
reichen Zahlungen aus der Diaspora, von denen ein Grossteil der Bevöl-
kerung profitiere. Angesichts der schwierigen allgemeinen Lage des Lan-
des muss jedoch in Einzelfällen nach wie vor von einer Existenzbedrohung
ausgegangen werden, wenn besondere Umstände vorliegen. Anders als
noch unter der früheren Rechtsprechung sind begünstigende individuelle
Faktoren nicht mehr zwingende Voraussetzung für die Zumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs (vgl. Referenzurteil des BVGer D-2311/2016 vom
17. August 2017 E. 16 f.).
8.3.3 Die Vorinstanz führte betreffend Zumutbarkeit des Wegweisungsvoll-
zugs aus, die Beschwerdeführerin sei jung und gesund. Sie habe die
Schule neun Jahre lang besucht und anschliessend als (...) gearbeitet. In
C._, wo sie vor ihrer definitiven Ausreise gelebt habe, würden sich
D-5355/2019
Seite 24
ihre Eltern sowie mehrere ihrer volljährigen Geschwister aufhalten, mit de-
nen sie weiterhin in telefonischem Kontakt stehe. Weiter würden auch meh-
rere Onkel und Tanten dort leben. Die wirtschaftliche Situation ihrer Familie
habe sie als gut bezeichnet. Da die Familie drei Kinder ins Ausland habe
schicken und für deren Reisekosten aufkommen können, sei davon auszu-
gehen, dass ihre Familie über ein für eritreische Verhältnisse überdurch-
schnittliches Einkommen und Vermögen verfüge. Aus den Akten würden
sich demnach keine individuellen Gründe ergeben, welche ihren Wegwei-
sungsvollzug nach Eritrea als unzumutbar erscheinen liessen.
8.3.4 Die Beschwerdeführerin hielt dem entgegen, in Eritrea würden nur
noch ihre Eltern und einer ihrer Brüder leben. Entgegen der Annahme der
Vorinstanz könne sie nicht auf finanzielle Unterstützung hoffen, die Reise-
kosten ihrer Flucht seien denn auch nicht von ihren Eltern, sondern von
ihrer Schwester, welche damals bereits in der Schweiz gelebt habe, über-
nommen worden. Bei einer Rückkehr habe sie keine Möglichkeit die abge-
brochene Schulbildung wiederaufzunehmen, da ab einem gewissen Alter
die kostenpflichtige Abendschule die Schule ersetze und ihr die nötigen
Mittel dazu fehlen würden. Ihre einzige Möglichkeit diese zu finanzieren,
wäre, weiterhin im Geheimen ihrer Tätigkeit als (...) nachzugehen und der
ständigen Angst und dem Risiko der Entdeckung ausgesetzt zu sein. Da
die (...) jedoch jeweils abends stattfinden würden, müsse sie, um die
Abendschule finanzieren zu können, im Unterricht fehlen, was offensicht-
lich widersprüchlich sei. Damit sei sie bei einer Rückkehr nicht in der Lage
ihren Lebensunterhalt und ihre Wohnsituation im Heimatstaat zu sichern.
In persönlicher Hinsicht sei zudem festzuhalten, dass sie eine äusserst
hilfsbereite, freundliche und zuvorkommende Frau sei, die bereits über ein
gutes Netzwerk in der Schweiz verfüge, fleissig Deutsch lerne und auch
sonst sehr darum bemüht sei, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Sie
besuche die (...) Berufsvorbereitungsschule und habe bereits einen Aus-
bildungsplatz als (...) gefunden.
8.3.5 In casu ist übereinstimmend mit der Vorinstanz festzustellen, dass
sich im Fall der Beschwerdeführerin aus den Akten keine individuellen
Gründe ergeben, welche einen Wegweisungsvollzug nach Eritrea als un-
zumutbar erscheinen liessen. Sie verfügt unbestrittenermassen über Ver-
wandte in ihrem Heimatland (Eltern, Bruder sowie Onkel und Tanten). Vor
ihrer Ausreise lebte sie bei ihren Eltern, zu welchen sie wieder zurückkeh-
ren kann. Entsprechend kann die Wohnsituation als gesichert angesehen
werden. Weiter verfügt sie über mehrjährige Arbeitserfahrung als (...). Ihre
Familie ist ihren eigenen Angaben zufolge finanziell gut situiert (vgl. SEM-
D-5355/2019
Seite 25
Akten A/39, F22). Es kann somit davon ausgegangen werden, dass sie bei
ihrer Rückkehr – trotz der mehrjährigen Landesabwesenheit – auf ein trag-
fähiges familiäres Beziehungsnetz zurückgreifen kann, welches sie bei ih-
rer Wiedereingliederung unterstützen kann. Nach dem Gesagten erweist
sich der Vollzug der Wegweisung auch als zumutbar.
Der Vollständigkeit halber ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuwei-
sen, dass die vorgebrachten Integrationsbemühungen der Beschwerdefüh-
rerin in der Schweiz zwar zu begrüssen, bei der Frage der Zumutbarkeit
jedoch nicht massgeblich sind. Die Beurteilung einer Härtefallsituation in-
folge fortgeschrittener Integration im Sinne von Art. 14 Abs. 2 Bst. c AsylG
fällt in die Zuständigkeit der jeweiligen kantonalen Migrationsbehörden
(vgl. BVGE 2009/52 E. 10.3), weshalb nicht näher darauf einzugehen ist.
8.3.6 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung so-
wohl allgemein als auch in individueller Hinsicht als zumutbar im Sinne von
Art. 83 Abs. 4 AIG.
8.4 Zwar ist darauf hinzuweisen, dass derzeit die zwangsweise Rückfüh-
rung abgewiesener Asylsuchender nach Eritrea generell nicht möglich ist.
Die Möglichkeit der freiwilligen Rückkehr steht jedoch praxisgemäss der
Feststellung der Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs entgegen. Es
obliegt daher der Beschwerdeführerin, sich bei der zuständigen Vertretung
des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Reisedokumente zu
beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und BVGE 2008/34 E. 12). Der Voll-
zug der Wegweisung ist folglich auch als möglich zu bezeichnen (Art. 83
Abs. 2 AIG).
8.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass die aktuelle Lage im Zusammenhang
mit der Coronavirus-Pandemie (COVID-19) grundsätzlich nicht geeignet
ist, die Durchführbarkeit des Wegweisungsvollzugs in Frage zu stellen. Bei
der Coronavirus-Pandemie handelt es sich, soweit derzeit feststellbar, al-
lenfalls um ein temporäres Vollzugshindernis. Es obliegt somit den kanto-
nalen Behörden, der Entwicklung der Situation bei der Wahl des Zeitpunkts
des Vollzugs in angemessener Weise Rechnung zu tragen (vgl. statt vieler:
Urteil des BVGer D-139/2020 vom 19. Juni 2020 E. 9.6 m.w.H.).
8.6 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
D-5355/2019
Seite 26
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwerde-
führerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art. 1–3 des Reglements vom
21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundes-
verwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Nachdem mit Zwischenverfü-
gung vom 20. November 2019 das Gesuch um Gewährung der unentgelt-
lichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gutgeheissen
worden ist und weiterhin von ihrer Bedürftigkeit auszugehen ist, sind ihr
keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
(Dispositiv nächste Seite)
D-5355/2019
Seite 27