Decision ID: 8f4679c8-f986-52c7-9906-1e3186485495
Year: 2013
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rückerstattung von Taggeldleistungen (Zwischenverdienst)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 16. Februar 2011 zur Arbeitsvermittlung beim RAV an (act.
G 3.1/3). In der Folge arbeitete er unter anderem in den Kontrollperioden Juli und
August 2011 bei der B._ GmbH im Zwischenverdienst. Aus der Lohnabrechnung für
den Juli 2011 sowie der Bescheinigung über Zwischenverdienst ging hervor, dass der
Versicherte in dieser Kontrollperiode einen Zwischenverdienst von Fr. 1'964.15 (inkl.
Ferienentschädigung) erzielt hatte (act. G 3.1/46). Die Arbeitslosenkasse St. Gallen
rechnete für die genannte Kontrollperiode einen Zwischenverdienst von Fr. 1'813.10 an
(exkl. Ferienentschädigung [Fr. 1'964.15 : 108,33 x 100]) und zahlte eine Entschädigung
von Fr. 1'321.-- aus (Abrechnung vom 11. August 2011 [act. G 3.1/47]).
A.b Mit Einzelrichterentscheid des Kreisgerichts St. Gallen vom 2. November 2011
wurde dem Versicherten u.a. für den Monat Juli 2011 ein Lohn von Fr. 2'673.20 (brutto)
zugesprochen (act. G 3.1/63). In der Folge korrigierte die Arbeitslosenkasse die
Abrechnung für diese Kontrollperiode und rechnete nun mit einem Zwischenverdienst
von Fr. 2'467.65 (exkl. Ferienentschädigung [Fr. 2'673.20 : 108,33 x 100]). Dies ergab
eine Rückforderung von Fr. 475.40, die sie mit Verfügung vom 16. Januar 2012 beim
Versicherten geltend machte (act. G 3.1/71 und 77). Die dagegen erhobene Einsprache
vom 19. Januar 2012, mit welcher der Versicherte im Wesentlichen geltend machte, die
Arbeitgeberin habe die offene Lohnforderung noch immer nicht beglichen und eine
weitere Verfolgung des Anspruchs sei zu aufwändig, wies die Kasse mit Entscheid vom
7. Februar 2012 ab (act. G 3.1/80 f.).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen diesen Entscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom 23. Februar
2012 (Datum Poststempel) mit dem sinngemässen Antrag auf Aufhebung der
Rückforderungsverfügung. Der Beschwerdeführer habe von der B._ GmbH bis jetzt
kein Geld erhalten. Für die Weiterführung der Betreibung der Arbeitgeberin wären
weitere Vorschüsse von Fr. 2'500.-- angefallen, wofür das Geld fehle. Er habe deshalb
von einer weiteren Verfolgung seiner Ansprüche abgesehen (act. G 1).
B.b Mit Beschwerdeantwort vom 2. April 2012 beantragt die Verwaltung Abweisung
der Beschwerde, da auf den von der Arbeitgeberin zu zahlenden Betrag abzustellen
sei. Dies selbst dann, wenn sie effektiv noch nicht gezahlt habe (act. G 3).
B.c Mit Replik vom 11. Mai 2012 (Postaufgabe: 16. Mai 2012) macht der
Beschwerdeführer nochmals geltend, dass er die für die Konkursbetreibung
notwendigen Fr. 2'500.-- nicht aufbringen könne und ihm - da er nunmehr eine feste
Arbeitsstelle habe - auch die Zeit fehlen würde, um die Gerichtstermine in St. Gallen
wahrnehmen zu können (act. G 5). Die Beschwerdegegnerin verzichtet auf eine Duplik
(act. G 7).

Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 95 Abs. 1 AVIG in Verbindung mit Art. 25 Abs. 1 des Bundesgesetzes
über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) sind
unrechtmässig bezogene Leistungen zurückzuerstatten. Eine Leistung in der Sozialver
sicherung ist nach ständiger bundesgerichtlicher Rechtsprechung nur
zurückzuerstatten, wenn in verfahrensrechtlicher Hinsicht entweder die für die
(prozessuale) Revision oder die für die Wiedererwägung erforderlichen
Voraussetzungen erfüllt sind. Diese Voraussetzungen sind in Art. 53 Abs. 1 und 2 ATSG
umschrieben. Gemäss Art. 53 Abs. 1 ATSG müssen formell rechtskräftige Verfügungen
und Einspracheentscheide in Revision gezogen werden, wenn die versicherte Person
oder der Versicherungsträger nach deren Erlass erhebliche neue Tatsachen entdeckt
oder Beweismittel auffindet, deren Beibringung zuvor nicht möglich war. Nach Art. 53
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abs. 2 ATSG kann der Versicherungsträger auf formell rechtskräftige Verfügungen oder
Einspracheentscheide zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn
ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Den formell rechtskräftigen
Verfügungen gleichgestellt sind auch die im formlosen Verfahren ergangenen
Entscheide, soweit sie eine mit dem Ablauf der Beschwerdefrist bei formellen
Verfügungen vergleichbare Rechtsbeständigkeit erreicht haben (Ueli Kieser, ATSG-
Kommentar, 2. Auflage, Art. 53 N 28b). Taggeldabrechnungen der
Arbeitslosenversicherung, die – wie im vorliegenden Fall – nicht in die Form einer
formellen Verfügung gekleidet werden, weisen materiell Verfügungscharakter auf (Urteil
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts [EVG; seit dem 1. Januar 2007:
Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] C 7/02 vom 14. Juli 2003, BGE 125 V
476 E. 1; 122 V 368 E. 2 mit Hinweisen). Sind formell oder formlos zugesprochene
Leistungen noch nicht rechtskräftig geworden, kann die Verwaltung innert 30 Tagen
darauf zurückkommen, ohne dass - wie dies im Falle des Zurückkommens auf
rechtskräftige Verfügungen der Fall ist - die Voraussetzungen für eine Wiedererwägung
oder Revision erfüllt sein müssen. Die Frist von 30 Tagen läuft ab Erlass der zu
berichtigenden Verfügung oder ab Leistungsausrichtung (vgl. Kreisschreiben über
Rückforderung, Verrechnung, Erlass und Inkasso [KS-RVEI], April 2008, Rz A2 ff.). Zu
einem späteren Zeitpunkt bedarf demnach das Zurückkommen auf eine faktische
Verfügung, z.B. auf eine Taggeldabrechnung, eines Rückkommenstitels in Form einer
Wiedererwägung oder einer prozessualen Revision (BGE 129 V 110).
1.2 Vorliegend erfolgte die Ausrichtung der fraglichen Taggeldleistungen mit
Abrechnung vom 11. August 2011. Nachdem die Beschwerdegegnerin ihre
Rückforderung gegenüber dem Beschwerdeführer erst mit Verfügung vom 16. Januar
2012 geltend machte, braucht sie dafür einen Rückkommenstitel.
2.
2.1 Vorliegend ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer im Juli 2011 bei der B._
GmbH einen Zwischenverdienst von Fr. 2'673.20 bzw. Fr. 2'467.65 (exkl.
Ferienentschädigung) erzielt hat (vgl. Entscheid des Kreisgerichts St. Gallen [act.
G 3.63]). Mithin ist grundsätzlich dieser Betrag bei der Berechnung der
Taggeldentschädigung zu berücksichtigen. Daraus resultiert unbestrittenermassen eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entschädigung von Fr. 724.50 (netto [act. G 3.1/71]). Nachdem dem Beschwerdeführer
mit Abrechnung vom 11. August 2011 (via Sozialamt Z._ und Bankverbindung C._
[vgl. act. G 3.1/14 und 74]) der Betrag von Fr. 1'199.90 (netto) ausgerichtet wurde,
ergibt sich eine Differenz von Fr. 475.40 (act. G 3.1/47 und 71).
2.2 Der Beschwerdeführer bringt dagegen vor, es sei ihm aus finanziellen und zeit
lichen Gründen nicht möglich gewesen, die gerichtlich festgestellten Ansprüche
gegenüber der Arbeitgeberin durchzusetzen. Mit der Beschwerdegegnerin ist jedoch
festzustellen, dass der Zwischenverdienst in der vom Kreisgericht St. Gallen
festgestellten Höhe zu berücksichtigen ist. Dass der Beschwerdeführer im Konkurs der
Arbeitgeberin offenbar zu Schaden gekommen ist, kann im vorliegenden Verfahren
nicht berücksichtigt werden. Vielmehr wäre ein solcher Lohnausfall für bereits
geleistete Arbeit Gegenstand eines Verfahrens um Insolvenzentschädigung gewesen.
Der Beschwerdeführer wurde mit Schreiben der Beschwerdegegnerin vom 9.
Dezember 2011 denn auch über diese Möglichkeit orientiert. Er wurde sodann darauf
hingewiesen, dass er das Konkursverfahren bis zum Antrag auf Konkurseröffnung
vorantreiben müsse (act. G 3.1/68). Auch für die Erhältlichmachung von
Insolvenzentschädigung darf die betroffene Person nicht einfach zuwarten, sondern
muss vor und während des Konkurs- oder Pfändungsverfahrens alles unternehmen, um
ihre Ansprüche gegenüber dem Arbeitgeber zu wahren (Art. 55 Abs. 1 AVIG). Darunter
fällt rechtsprechungsgemäss das Stellen eines Konkursbegehrens (vgl. etwa Urteil
8C_441/2007 vom 7. April 2008 E. 3.1). Die Möglichkeit eines Gesuchs auf
Insolvenzentschädigung besteht mittlerweile nicht mehr, da die Frist gemäss Art. 53
Abs. 1 AVIG (60 Tage seit Publikation der Konkurseröffnung) längst abgelaufen ist.
Nach dem Gesagten erweist sich der Taggeldbezug in der ursprünglichen Höhe als
unrechtmässig, weshalb die Beschwerdegegnerin zu Recht die Rückzahlung verlangte.
Die Rückforderungshöhe ist korrekt und wird zu Recht nicht bestritten.
2.3 Im Weiteren ist festzustellen, dass das Erfordernis eines Rückkommenstitels
erfüllt ist. So stellte die Beschwerdegegnerin bei der ursprünglichen (formlosen)
Leistungszusprache auf die Angaben der Arbeitgeberin ab. Diese gab in ihrer
Bescheinigung über Zwischenverdienst an, der Beschwerdeführer habe im Juli 2011
einen Lohn von Fr. 1'964.15 erzielt. Dieser Betrag stimmt auch mit der
Lohnabrechnung für Juli 2011 überein. Diese Angaben gingen am 8. August 2011 bei
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/6
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Kasse ein (act. G 3.1/46). Die Beschwerdegegnerin hatte zu diesem Zeitpunkt
keinen Anlass, an diesen Angaben zu zweifeln und erstellte in der Folge am 11. August
2011 die Taggeldabrechnung (act. G 3.1/47). Mit dem Entscheid des Kreisgerichts vom
2. November 2011 (Eingang Kasse: 7. November 2011) ergab sich bezüglich des Juli
2011-Lohns eine neue Tatsache, indem mit diesem Urteil dem Beschwerdeführer ein
höherer Lohn zugesprochen wurde. Mithin liegt ein Revisionsgrund vor, weshalb die
Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 16. Januar 2012 auf die Abrechnung vom 11.
August 2011 zurückkommen durfte und musste.
3.
3.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Der Beschwerdeführer ist
indessen darauf hinzuweisen, dass die Möglichkeit besteht, ein Erlassgesuch zu stellen
(Art. 25 Abs. 1 ATSG). Demnach hat Leistungen nicht zurückzuerstatten, wer diese in
gutem Glauben empfangen hat und wenn die Rückerstattung eine grosse Härte
bedeuten würde. Das Gesuch ist innert 30 Tagen ab Rechtskraft dieses Urteils bei der
Arbeitslosenkasse St. Gallen zu stellen (Art. 4 Abs. 4 ATSV).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP