Decision ID: 9e5bbe7c-967c-4b10-bd39-d1cc76a5d41a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Gestützt auf den Haftbefehl des Tribunal de Première Instance vom 7. April
2022 ersuchte das Justizministerium des Fürstentums Monaco mit Schrei-
ben vom 26. April 2022 die Schweiz um Auslieferung von A., der sich derzeit
in Untersuchungshaft im Kanton Zürich befindet, zwecks Strafverfolgung we-
gen mehrfachen Einbruchdiebstahls und versuchten Einbruchdiebstahls
(act. 3.1).
B. Am 3. Mai 2022 erliess das BJ gegen A. einen Auslieferungshaftbefehl we-
gen Fluchtgefahr, der ihm am 9. Mai 2022 und seinem Rechtsvertreter am
4. Mai 2022 eröffnet wurde (act. 1.3, 3.4).
C. Anlässlich der beiden Einvernahmen vom 9. Mai 2022 erklärte sich A. sowohl
gegenüber der Kantonspolizei Zürich als auch der Staatsanwaltschaft Zü-
rich-Sihl mit der vereinfachten Auslieferung an das Fürstentum Monaco ein-
verstanden und gab an, einen möglichst raschen Vollzug seiner Auslieferung
zu wünschen (act. 3.5).
D. Gegen den Auslieferungshaftbefehl vom 3. Mai 2022 liess A. am 16. Mai
2022 bei der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts Beschwerde er-
heben. Er beantragt im Hauptbegehren die Aufhebung des Auslieferungs-
haftbefehls und die Entlassung aus der Untersuchungshaft (recte: Ausliefe-
rungshaft), unter Auferlegung einer angemessenen Kaution als Ersatzmass-
nahme. Ferner sei ihm unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren und der
unterzeichnende Rechtsanwalt sei zum unentgeltlichen Rechtsbeistand zu
bestellen (act. 1).
E. Das BJ liess sich zur Beschwerde mit Eingabe vom 18. Mai 2022 verneh-
men. Es beantragt die kostenfällige Abweisung der Beschwerde, soweit da-
rauf einzutreten sei. Zur Begründung bringt das BJ vor, die vom Beschwer-
deführer erhobenen Rügen hätten im ordentlichen Auslieferungsverfahren
erhoben werden sollen, auf welches er jedoch verzichtet habe. Der Be-
schwerdeführer habe seine finanzielle Situation nicht offengelegt und keine
konkrete Sicherheitsleistung angeboten. Überdies werde er angesichts der
bereits bewilligten Auslieferung nach Dahinfallen des kantonalen Hafttitels
höchstens ein paar wenige Tage in Auslieferungshaft verbleiben müssen
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(act. 3). Zur Beschwerdeantwort des BJ liess sich A. innert der ihm ange-
setzten Frist nicht vernehmen.
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den folgenden rechtlichen Erwägungen Bezug genommen.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1.
1.1 Für den Auslieferungsverkehr zwischen der Schweiz und dem Fürstentum
Monaco sind primär das Europäische Auslieferungsübereinkommen vom
13. Dezember 1957 (EAUe; SR 0.353.1), die hierzu ergangenen Zusatzpro-
tokolle vom 17. März 1978 (ZPII EAUe; SR 0.353.12) und vom 10. Novem-
ber 2010 (ZPIII EAUe; SR 0.353.13) sowie der Vertrag vom 13. November
1969 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Bundesre-
publik Deutschland über die Ergänzung des EAUe und die Erleichterung sei-
ner Anwendung (ZV EAUe; SR 0.353.913.61) massgebend.
1.2 Soweit der Staatsvertrag und die Zusatzprotokolle bestimmte Fragen weder
ausdrücklich noch stillschweigend regeln, bzw. das schweizerische Landes-
recht geringere Anforderungen an die Rechtshilfe stellt (sog.
Günstigkeitsprinzip; BGE 142 IV 250 E. 3; 140 IV 123 E. 2; 136 IV 82 E. 3.1;
135 IV 212 E. 2.3; ZIMMERMANN, La coopération judiciaire internationale en
matière pénale, 5. Aufl. 2019, N. 229), sind das Bundesgesetz vom 20. März
1981 über internationale Rechtshilfe in Strafsachen (IRSG; SR 351.1) und
die dazugehörige Verordnung vom 24. Februar 1982 (IRSV; SR 351.11) an-
wendbar. Vorbehalten bleibt die Wahrung der Menschenrechte (BGE 139 II
65 E. 5.4; 135 IV 212 E. 2.3; 123 II 595 E. 7c; TPF 2016 65 E. 1.2; 2008 24
E. 1.1).
1.3 Für das Beschwerdeverfahren gelten zudem die Art. 379-397 StPO sinnge-
mäss (Art. 48 Abs. 2 i.V.m. Art. 47 IRSG) und die Bestimmungen des Bun-
desgesetzes vom 20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (Ver-
waltungsverfahrensgesetz, VwVG; SR 172.021; vgl. Art. 39 Abs. 2 lit. b
i.V.m. Art. 37 Abs. 2 lit. a Ziff. 1 des Bundesgesetzes vom 19. März 2010
über die Organisation des Strafbehörden des Bundes [Strafbehördenorgani-
sationsgesetz, StBOG; SR 173.71]).
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2.
2.1 Die verfolgte Person kann gegen den Auslieferungshaftbefehl des BJ innert
zehn Tagen ab der schriftlichen Eröffnung bei der Beschwerdekammer des
Bundesstrafgerichts Beschwerde führen (Art. 48 Abs. 2 i.V.m. Art. 25 Abs. 1
IRSG, Art. 50 Abs. 1 VwVG, Art. 37 Abs. 2 lit. a Ziff. 1 StBOG).
2.2 Der Auslieferungshaftbefehl wurde dem Rechtsvertreter des Beschwerde-
führers am 4. Mai 2022 bzw. dem Beschwerdeführer am 9. Mai 2022 eröffnet
(act. 1, S. 2; act. 3.4). Als Verfolgter (vgl. Art. 11 Abs. 1 IRSG) ist der Be-
schwerdeführer zur Einreichung der vorliegenden Beschwerde legitimiert.
Auf die frist- und formgerecht erhobene Beschwerde ist einzutreten.
3.
3.1 Der Beschwerdeführer bringt vor, der ersuchende Staat habe keinerlei Infor-
mationen zur Frage eingereicht, ob die ihm zur Last gelegte Straftat mit einer
Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr oder einer schwereren Sanktion
bedroht sei. Die im Ersuchen aufgezählten Einbruchdiebstähle sollen vor
knapp acht Jahren begangen worden sein und könnten zumindest teilweise
verjährt sein. Auch darüber schweige sich der ersuchende Staat aus. Zudem
könne mangels weiterer Informationen nicht ausgeschlossen werden, dass
er an einen dritten Staat weitergeliefert werden könne. Diese Möglichkeiten
hätten die Schweizer Behörden gründlich zu prüfen. Schliesslich sei er unter
Anordnung von Ersatzmassnahmen aus der Haft zu entlassen. Er biete den
Schweizer Behörden einen angemessen erscheinenden Kautionsbetrag an
und werde sich an alle ihm aufzuerlegenden Meldepflichten anstandslos hal-
ten (act. 1).
3.2 Vorliegend angefochten ist der vom Beschwerdegegner wegen Fluchtgefahr
erlassene Auslieferungshaftbefehl vom 3. Mai 2022. Die Vorbringen des Be-
schwerdeführers in Bezug auf die im Ersuchen enthaltenen Informationen
wären im Rahmen des ordentlichen Auslieferungsverfahrens geltend zu ma-
chen, auf dessen Durchführung der Beschwerdeführer jedoch ausdrücklich
verzichtet hat. Daher sind die diesbezüglichen Rügen vorliegend nicht zu
prüfen. Der Vollständigkeit halber angemerkt sei, dass der Beschwerdefüh-
rer auf die Einhaltung des Spezialitätsprinzips nicht verzichtet hat (act. 3.5).
Daher wird der Beschwerdeführer nur für die im Ersuchen erwähnten Straf-
taten an Monaco ausgeliefert. Es sind weder Gründe ersichtlich noch werden
solche vom Beschwerdeführer geltend gemacht, weshalb sich der ersu-
chende Staat nicht an den Spezialitätsgrundsatz halten sollte.
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3.3 Die Verhaftung des Verfolgten während des ganzen Auslieferungsverfah-
rens bildet die Regel (BGE 136 IV 20 E. 2.2 S. 23; 130 II 306 E. 2.2 S. 309).
Eine Aufhebung des Auslieferungshaftbefehls sowie eine Haftentlassung
rechtfertigen sich nur ausnahmsweise und unter strengen Voraussetzungen,
wenn der Verfolgte sich voraussichtlich der Auslieferung nicht entzieht und
die Strafuntersuchung nicht gefährdet (Art. 47 Abs. 1 lit. a IRSG), wenn er
den sogenannten Alibibeweis erbringen und ohne Verzug nachweisen kann,
dass er zur Zeit der Tat nicht am Tatort war (Art. 47 Abs. 1 lit. b IRSG), wenn
er nicht hafterstehungsfähig ist oder andere Gründe vorliegen, welche eine
weniger einschneidende Massnahme rechtfertigen (Art. 47 Abs. 2 IRSG),
oder wenn sich die Auslieferung als offensichtlich unzulässig erweist (Art. 51
Abs. 1 IRSG). Diese Aufzählung ist nicht abschliessend (BGE 130 II 306
E. 2.1; 117 IV 359 E. 2a S. 361; vgl. zum Ganzen u.a. den Entscheid des
Bundesstrafgerichts RH.2021.1 vom 18. Januar 2021 E. 3).
Die ausnahmsweise zu gewährende Haftentlassung ist an strengere Voraus-
setzungen gebunden als der Verzicht auf die gewöhnliche Untersuchungs-
haft in einem Strafverfahren oder die Entlassung aus einer solchen. Diese
Regelung soll es der Schweiz ermöglichen, ihren staatsvertraglichen Auslie-
ferungspflichten nachzukommen (vgl. BGE 130 II 306 E. 2.2 f.; 111 IV 108
E. 2; Entscheid des Bundesstrafgerichts RH.2015.14 vom 9. Juli 2015
E. 4.1). Die Rechtsprechung ist hinsichtlich der Verneinung von Fluchtgefahr
überaus restriktiv und misst der Erfüllung dieser staatsvertraglichen Auslie-
ferungspflichten im Vergleich zu den Interessen des Verfolgten ausseror-
dentlich grosses Gewicht bei (vgl. BGE 130 II 306 E. 2 S. 310 ff. m.w.H.;
Entscheid des Bundesstrafgerichts RH.2015.4 vom 23. Februar 2015 E. 5.2).
Das Bundesgericht bejaht die Fluchtgefahr bei drohenden hohen Freiheits-
strafen in der Regel sogar dann, wenn der Betroffene über eine Niederlas-
sungsbewilligung und familiäre Bindungen in der Schweiz verfügt (BGE 136
IV 20 E. 2.3; Urteil des Bundesgerichts 8G.45/2001 vom 15. August 2001
E. 3a).
3.4 Der Beschwerdeführer ist italienischer und serbischer Staatsangehöriger
(act. 3.5) und eine effektive Bindung zur Schweiz wird von ihm nicht geltend
gemacht. Der Beschwerdeführer ist 39 Jahre alt und bei guter Gesundheit
(act. 3.5). Der Beschwerdeführer wird verdächtigt, mehrere Einbruchdieb-
stähle und einen versuchten Einbruchdiebstahl begangen zu haben. Nach
dem Recht des ersuchenden Staates droht dem Beschwerdeführer hierfür
eine Freiheitsstrafe von bis zu 20 Jahren (act. 3.1). Da der Beschwerdeführer
anlässlich der Einvernahmen vom 9. Mai 2022 der vereinfachten Ausliefe-
rung zugestimmt hat (act. 3.5), hat der Beschwerdegegner gleichentags die
Auslieferungsbewilligung erteilt und dies der ersuchenden Behörde mitgeteilt
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(act. 3.6). Sobald der Beschwerdeführer aus der Untersuchungshaft entlas-
sen wird, droht ihm die zeitnahe Auslieferung nach Monaco. Unter diesen
Umständen ist der Erlass des Auslieferungshaftbefehls wegen Fluchtgefahr
nicht zu beanstanden. Mangels jeglicher Bindung an die Schweiz und an den
ersuchenden Staat ist diese erheblich.
3.5 Mildere Ersatzmassnahmen, die geeignet wären, der erheblichen Fluchtge-
fahr ausreichend zu begegnen, sind nicht ersichtlich. Angesichts der einfa-
chen Möglichkeit, sich ins Ausland abzusetzen, werden Ersatzmassnahmen
wie Abgabe der Reisedokumente, Schriftensperre, Meldepflicht und Electro-
nic Monitoring nach konstanter Rechtsprechung nur in Kombination mit einer
sehr substantiellen Sicherheitsleistung als überhaupt geeignet erachtet,
Fluchtgefahr ausreichend zu bannen (vgl. u.a. Entscheide des Bundesstraf-
gerichts RH.2021.9 vom 17. August 2021 E. 7.4; RH.2021.3 vom 30. April
2021 E. 8.3; RH.2021.1 vom 18. Januar 2021 E. 4.3; RH.2020.10 vom
23. September 2020 E. 4.2; RH.2020.9 vom 11. September 2020 E. 5.2).
Eine solche Sicherheitsleistung bietet der Beschwerdeführer zwar an, ohne
diese jedoch näher zu präzisieren. Die Anordnung von Ersatzmassnahmen
fällt daher bereits aus diesem Grund ausser Betracht.
3.6 Die Beschwerde erweist sich als unbegründet und ist abzuweisen.
4.
4.1 Der Beschwerdeführer ersucht um Gewährung unentgeltlicher Rechtspflege
und -verbeiständung (RP.2022.19, act. 1).
4.2 Die Beschwerdekammer befreit eine Partei, die nicht über die erforderlichen
Mittel verfügt, auf Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern
ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint (Art. 65 Abs. 1 VwVG) und bestellt
dieser einen Anwalt, wenn dies zur Wahrung ihrer Rechte notwendig ist
(Art. 65 Abs. 2 VwVG). Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
sind Prozessbegehren als aussichtslos anzusehen, wenn die Gewinnaus-
sichten beträchtlich geringer erscheinen als die Verlustgefahren. Dagegen
gilt ein Begehren nicht als aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und
Verlustgefahren ungefähr die Waage halten oder jene nur wenig geringer
sind als diese (BGE 142 III 138 E. 5.1 S. 139 f.; 139 III 475 E. 2.2 S. 476).
Da sich die vorliegende Beschwerde als vollumfänglich unbegründet erweist
(supra E. 3.6), muss sie als aussichtslos im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG
bezeichnet werden. Demzufolge ist das Gesuch des Beschwerdeführers um
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unentgeltliche Rechtspflege und –verbeiständung ohne Prüfung seiner finan-
ziellen Verhältnisse, welche er dem Gericht im Übrigen nicht offengelegt hat,
abzuweisen.
4.3 Somit sind die Gerichtskosten dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl.
Art. 63 Abs. 1 VwVG) und die Gerichtsgebühr ist auf Fr. 2'000.-- festzusetzen
(vgl. Art. 63 Abs. 5 VwVG und Art. 73 StBOG sowie Art. 5 und 8 Abs. 3 lit. a
BStKR).
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