Decision ID: 39e89527-95d7-49e4-abc7-ccd7033cd00b
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Volker Pribnow, Stadtturmstrasse 10, Postfach
1644, 5401 Baden,
gegen
Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG, Postfach, 8085 Zürich,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Versicherungsleistungen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Sachverhalt:
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) war bei der B._, tätig (vgl. UV-act. Z19) und dadurch
bei der Zürich Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend: Zürich) unfallversichert, als sie
am 17. Januar 2002 als Beifahrerin in einem Personenwagen, auf den ein anderes Auto
von hinten auffuhr, verletzt wurde (UV-act. Z1). Im Bericht des Spitals L._ vom 24.
Januar 2002 wurde ein HWS-Distorsionstrauma und eine BWS/LWS-Distorsion
diagnostiziert (UV-act. ZM1/1). Die Zürich anerkannte ihre Leistungspflicht. Die
Arbeitgeberin kündigte das Arbeitsverhältnis mit der Versicherten auf Ende Februar
2003 (UV-act. Z53). Nach Durchführung von medizinischen Behandlungen und
Abklärungen bzw. Begutachtungen eröffnete die Zürich dem Rechtsvertreter der
Versicherten, Rechtsanwalt Dr. iur. V. Pribnow, Baden, mit Verfügung vom 14. Mai
2007 die Leistungseinstellung auf den 31. Mai 2007. Zur Begründung hielt sie fest,
dass die gesundheitlichen Beschwerden der Versicherten nicht mehr natürlich und
adäquat kausal auf den Unfall vom 17. Januar 2002 zurückzuführen seien (UV-act.
Z263). Die gegen diese Verfügung erhobene Einsprache (UV-act. Z264, Z271) wies die
Zürich, nachdem sie weitere Abklärungen getätigt hatte, mit Einspracheentscheid vom
12. August 2011 ab (UV-act. Z303).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob Rechtsanwalt Dr. Pribnow mit Eingabe
vom 14. September 2011 Beschwerde mit den Anträgen, der Entscheid sei aufzuheben
und es seien der Beschwerdeführerin über den 31. Mai 2007 hinaus die gesetzlichen
Leistungen zu erbringen. Ihr sei die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren. Zur
Begründung legte der Rechtsvertreter unter anderem dar, die Beschwerdeführerin leide
unter dem typischen Beschwerdebild nach durchgemachtem cranio-cervikalem
Beschleunigungstrauma, welches in einem natürlichen Kausalzusammenhang zum
Unfall vom 17. Januar 2002 zu sehen sei, was die (ausländischen) Gutachter übersehen
hätten bzw. ihnen nicht habe bekannt sein können. Eine psychische Mitbeteiligung
habe nie im Vordergrund gestanden und sei namentlich nicht schon nach kurzer Zeit
allein verantwortlich für die Beschwerden und die Einschränkung der Leistungsfähigkeit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gewesen. Die Aufnahmen von Privatdetektiven seien höchst selektiv und würden
lediglich einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der Beobachteten wiedergeben.
Wenn die Beschwerdeführerin zwischenzeitlich in der Lage sei, sich in der
Öffentlichkeit zu bewegen, tue sie dies in Momenten, in denen sie nicht von den
typischen Beschwerden nach cranio-cervikalem Beschleunigungstrauma geplagt sei.
Tatsächlich stelle sich die Sachlage heute nicht anders dar als im Jahr 2005. Weiterhin
leide die Beschwerdeführerin unter dem typischen Beschwerdebild. Der natürliche
Kausalzusammenhang sei auch adäquat, wobei die Beurteilung der Adäquanz nicht
nach den Regeln für psychische Störungen, sondern nach denjenigen für ein
durchgemachtes Schleudertrauma vorzunehmen sei. Die Adäquanz-Kriterien seien
auffallend und in gehäufter Weise erfüllt, weswegen die Leistungspflicht der
Beschwerdegegnerin fortbestehe. Da die Prüfung des adäquaten
Kausalzusammenhangs erst möglich sei, wenn der medizinische Endzustand erreicht
sei, seien mit der Beschwerdegegnerin die Rentenansprüche der Beschwerdeführerin
per 1. Juni 2007 zu bestimmen, wobei auf das interdisziplinäre medizinische Gutachten
des C._ (UV-act. ZM56) abzustellen sei. Bei der Bestimmung der
Integritätsentschädigung sei darauf zu achten, dass die Beschwerdegegnerin bereits
eine Akontozahlung von Fr. 10'000.-- ausgerichtet habe, um die Beschwerdeführerin in
Sicherheit zu wiegen (UV-act. Z251) und das Überwachungsverfahren nicht zu
gefährden.
B.b Am 30. September 2011 bewilligte der zuständige Abteilungspräsident das
Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung für das vorliegende Verfahren (act. G
4).
B.c In der Beschwerdeantwort vom 30. November 2011 beantragte die
Beschwerdegegnerin vollumfängliche Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung
verwies sie auf die Darlegungen im angefochtenen Entscheid. Sie führte unter anderem
zusätzlich aus, die Beschwerdeführerin habe in den letzten Jahren vorwiegend mit
anderen Problemen, mitunter ihrer Brustkrebserkrankung, zu kämpfen gehabt (UV-act.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ZM71 S. 9). Gemäss den Gutachtern des C._ sei unter Miteinbezug des Verhaltens
der Beschwerdeführerin in unbeobachteten Situationen aus neurologisch-
psychiatrischer Sicht ein Kausalzusammenhang nicht feststellbar (UV-act. ZM71 S. 26).
Nebst der mangelnden natürlichen Kausalität müsse auch das Vorliegen eines
adäquaten Kausalzusammenhangs klar verneint werden. Aufgrund des fehlenden
typischen bunten Beschwerdebilds sei die Adäquanzprüfung nach den Kriterien
gemäss BGE 115 V 140 vorzunehmen. Selbst wenn die Adäquanzprüfung nach den in
BGE 134 V 109 aufgestellten Kriterien zu erfolgen hätte, wäre der adäquate
Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und den geklagten Beschwerden
nicht gegeben. Aus diesem Grund bestehe auch kein Anspruch auf
Integritätsentschädigung; der Beschwerdeführerin hätte dementsprechend auch keine
Akontozahlung ausgerichtet werden müssen.
B.d Mit Replik vom 12. Januar 2012 (act. G 9) und Duplik vom 27. Januar 2012 (act. G
11) bestätigten die Parteien ihre Anträge und Ausführungen.

Erwägungen:
1.
Streitig ist, ob die Leistungen, welche von der Beschwerdegegnerin im Anschluss an
das Unfallereignis vom 17. Januar 2002 ausgerichtet wurden, auf den 31. Mai 2007
eingestellt werden durften oder nicht. Gemäss ständiger Praxis des Bundesgerichts
(bis 31. Dezember 2006: Eidgenössisches Versicherungsgericht, EVG) kann ein nach
einem versicherten Unfall aufgetretenes Leiden nur dann als dessen Folge betrachtet
werden, wenn und soweit es sicher oder doch zumindest überwiegend wahrscheinlich
von jenem Unfall herrührt (natürliche Kausalität; BGE 115 V 133 sowie 117 V 359 und
134 V 109). Die blosse Möglichkeit eines Zusammenhangs genügt für die Begründung
des Leistungsanspruchs nicht (BGE 129 V 181 E. 3.1; BGE 119 V 338 E. 1 und 118 V
289 E. 1b je mit Hinweisen). Der Unfallversicherer haftet sodann nur für jene Folgen, die
mit dem Unfall adäquat-kausal zusammenhängen (SVR 2000 UV Nr. 14 S. 45).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Während es Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist, den natürlichen
Kausalzusammenhang zu beurteilen, obliegt es dem Gericht, die Fragen nach dem
adäquaten Kausalzusammenhang zu beurteilen (BGE 123 III 110 E. 3a). Im Bereich klar
ausgewiesener organischer Unfallfolgen im Sinn von nachweisbaren strukturellen
Veränderungen (ein organisches Substrat konnte mit Bild gebenden
Untersuchungsmethoden [Röntgen, Computertomogramm, EEG] nachgewiesen
werden) spielt die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen
Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine
Rolle. Sie ist bei ausgewiesener natürlicher Kausalität ohne weiteres zu bejahen (BGE
127 V 103 E. 5b/bb, 123 V 102 E. 3b, 118 V 291 E. 3a, 117 V 365 E. 5d/bb mit
Hinweisen). Sind dagegen die Unfallfolgen organisch nicht (hinreichend) fassbar, ist
eine eigenständige Adäquanzbeurteilung durchzuführen, bei welcher wie folgt zu
differenzieren ist: Hat die versicherte Person beim Unfall kein Schleudertrauma bzw.
keine schleudertraumaähnliche Verletzung erlitten, gelangt die Rechtsprechung
gemäss BGE 115 V 140 E. 6c/aa zur Anwendung. Ergeben die Abklärungen indessen
das Vorliegen einer Schleudertraumaverletzung, muss geprüft werden, ob die zum
typischen Beschwerdebild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen
zwar teilweise vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den
Hintergrund treten. Trifft dies zu, sind für die Adäquanzbeurteilung ebenfalls die in BGE
115 V 140 E. 6c/aa für Unfälle mit psychischen Unfallfolgen aufgestellten Grundsätze
massgebend (BGE 123 V 99 E. 2a). Andernfalls erfolgt die Beurteilung der Adäquanz
gemäss den in BGE 117 V 359 festgelegten und in BGE 134 V 109 präzisierten
Kriterien. Die Anwendung der Rechtsprechung zum adäquaten Kausalzusammenhang
bei Schleudertraumen der HWS setzt voraus, dass die psychischen Beschwerden aus
dem Unfall hervorgehen und zusammen mit den organischen Beschwerden, die
ebenfalls auf das Unfallereignis zurückzuführen sind, ein komplexes Gesamtbild
ergeben (RKUV 2000 Nr. U 397 S. 328 E. 3b).
2.
2.1 Die nach dem Unfall vom 17. Januar 2002 erstellten Röntgenbilder der BWS/LWS
sowie der HWS ergaben keine Anhaltspunkte für frische ossäre Läsionen. Ein MRI der
HWS und ein CT des Schädels zeigten keine pathologischen Befunde (UV-act. ZM1, 2,
8). Dr. med. D._, Psychiatrie und Psychotherapie FMH, diagnostizierte im Bericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vom 17. Mai 2002 ein "Shaken sense of Self Syndrom". Der Arzt hielt fest, die
psychische Dimension sei in der Lage, sowohl die Schmerzen als auch die kognitive
Symptomatik zu verstärken (UV-act. 9/2). Der Neuropsychologe Dr. phil. E._,
vermerkte im Bericht vom 22. Juli 2002 das Bestehen von leichten
neuropsychologischen Funktionsstörungen (unter anderem reduzierte Konzentration
und Aufmerksamkeit; UV-act. 11/3). In der Zeit vom 19. Januar bis 26. September 2002
gelang der Beschwerdeführerin eine erhebliche Gewichtsreduktion, welche zuvor
ärztlich verordnet worden war (UV-act. ZM25). Vom 30. Januar bis 13. März 2003 hielt
sich die Beschwerdeführerin wegen persistierenden zervikozephalen Beschwerden,
einem Thorako-Lumbovertebralsyndrom, neuropsychologischen Funktionsstörungen
sowie einer Anpassungsstörung stationär zur Rehabilitation in der Rehaklinik F._ auf
(UV-act. 15, 21). Der Psychiater Dr. D._ hielt im Bericht vom 8. Juli 2003 unter
anderem fest, der Verlauf sei durch kurzfristige Absagen der Sitzungen durch die
Beschwerdeführerin, einem längeren ferienbedingten Therapieunterbruch und durch
äussere Ereignisse (Kündigung des Arbeitsplatzes auf Januar 2003, drei Todesfälle in
der Familie innert kürzerer Zeit) erschwert worden (UV-act. ZM26). Prof. Dr. med. Z._,
FMH Neurologie, berichtete am 6. November 2003 von einer äusserst auffallenden
Entwicklung nach einer geringgradigen Heckkollision ohne Kopftrauma und intial wenig
Beschwerden bei einer auch sonst auffälligen Persönlichkeit. Das entsprechende
Trauma sei nicht adäquat für die aufgetretenen Beschwerden. Es handle sich mit
Sicherheit um funktionelle Störungen (UV-act. ZM30). Dr. med. G._, Facharzt für
Innere Medizin FMH, teilte im Bericht vom 26. November 2003 mit, zwischenzeitlich
habe sich an der Situation grundsätzlich nichts verbessert. Es handle sich um einen im
Vordergrund stehenden Schmerzzustand, wobei besonders die Kopfschmerzen
leistungslimitierend seien (UV-act. ZM32).
2.2 Vom 15. Januar bis 19. Februar 2004 hielt sich die Beschwerdeführerin in der
Rehaklinik H._ auf (UV-act. ZM34). Dr. D._ berichtete am 6. April 2004, es müsse
bei der Beschwerdeführerin von einer Persönlichkeitsstruktur mit narzisstischen und
histrionischen Anteilen ausgegangen werden, welche nach dem Unfall mit grosser
Wahrscheinlichkeit einen Beitrag zur Ausgestaltung und Intensität der Unfallfolgen
geleistet hätten. Es bestehe eine komplexe interdisziplinäre Problematik. Die Frage der
Arbeitsfähigkeit sei entsprechend interdisziplinär zu beurteilen (UV-act. ZM39, 41).
Dr. D._ führte im Bericht vom 12. November 2004 unter anderem aus, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin beschäftige sich aktuell mit dem Aufbau einer eigenen Firma, was
ihr Selbstwertgefühl positiv beeinflusse (UV-act. ZM51). Eine neurologisch-
psychiatrische und neuropsychologische Begutachtung im C._ ergab gemäss
Gutachten vom 6. Mai 2005 die Diagnosen eines chronifizierten
Beschleunigungstraumas der HWS mit ausgeprägten funktionellen Beeinträchtigungen
der HWS und ausgeprägter Schmerzsymptomatik in Nacken und Kopf, ein chronisches
Kopfschmerzsyndrom nach HWS-Beschleunigungstrauma und eine
Anpassungsstörung mit Somatisierungstendenz infolge mangelnder Verarbeitung des
Unfalls und seiner Folgen bei primär histronischer Persönlichkeit. Die
Beschwerdeführerin sei (in der früheren Tätigkeit) derzeit zu 100% arbeitsunfähig. Sie
sei grundsätzlich in der Lage, einfache kaufmännische Tätigkeiten halbtags (50%) zu
verrichten. Hohe Anforderungen an die Konzentration und Tätigkeiten mit Stress
auslösendem Publikumsverkehr seien zu vermeiden. Am günstigsten sei ein
Arbeitsplatz mit gleichmässiger Belastung und viel Routine. Die histrionisch-
dissoziative Persönlichkeitsstruktur wirke als unfallfremde Ursache mit. Sie habe die
Verarbeitung der Unfallfolgen deutlich erschwert, wenn nicht bisher gar verhindert.
Anderseits sei davon auszugehen, dass ohne das Unfallereignis sich das jetzt
vorliegende Krankheitsbild nicht entwickelt hätte. Insofern sei es aus psychiatrischer
Sicht als mittelbare Unfallfolge aufzufassen. Die Beschwerdeführerin stelle einen sehr
hohen Anspruch an sich selbst. Sie werde die beschriebene einfache kaufmännische
Tätigkeit schwerlich ausüben wollen. Es empfehle sich deshalb eine Nachuntersuchung
in einem Jahr, um den weiteren Heilverlauf aus neurologisch-psychiatrischer Sicht zu
verfolgen. Auf ein orthopädisches Gutachten sei verzichtet worden, da es bei der
Beschwerdeführerin zu keinerlei organischer Schädigung im Bereich der HWS oder der
LWS gekommen sei und die jetzt bestehende Beschwerdesymptomatik sich
ausschliesslich auf das neurologisch-psychiatrische Fachgebiet beschränke. Die
Beschwerdeführerin sei rein bezüglich der Unfallfolgen in ihrer körperlichen oder
geistigen Integrität dauernd zu 30% (in Anlehnung an die UVG-Skala der
Integritätsentschädigung) eingeschränkt (UV-act. ZM56). Die behandelnde
Psychotherapeutin I._, hielt im Bericht vom 16. Juli 2005 fest, die
Beschwerdeführerin beschäftige sich zu 10-20% mit ihrer eigenen Firma; dies sei sehr
bedeutsam zur Stärkung des Selbstkonzeptes. Es sei von einem chronifizierten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zustandsbild auszugehen. Bei Exazerbationen der psychoreaktiven Dimension sei mit
einer weiteren Verschlechterung zu rechnen (UV-act. ZM59).
2.3 Die Beschwerdeführerin wurde im Januar und September 2006 im Auftrag der
Beschwerdegegnerin überwacht (UV-act. Überwachung). Die Psychotherapeutin I._
vermerkte am 5. Juni 2006, dass die Psychotherapie sich präventiv auf eine
weitergehende depressive Entwicklung auswirke, was mithelfe, eine weitere
Verschlechterung zu vermeiden (UV-act. ZM63). Dr. med. J._, FMH Orthopädische
Chirurgie, berichtete am 27. Februar 2007 nach Sichtung der Überwachungs-
Unterlagen unter anderem, die Aufzeichnungen würden eine Person zeigen, bei der aus
orthopädischer Sicht in keiner Weise auch nur im Ansatz ein zervikogenes
Schmerzsyndrom ausgemacht werden könne, da sie sich absolut adäquat verhalte. Sie
könne problemlos ins Auto ein- und aussteigen, rückwärtsfahren und dabei den Kopf
problemlos drehen, in beide Richtungen. Sie könne auch problemlos grosse
Einkaufstaschen hinten einladen und diese zum Haus tragen (zwei Taschen
zusammen). Im Gartenrestaurant trage sie bei Sonnenschein trotz angeblicher
Lichtempfindlichkeit keine Sonnenbrille. Sie sitze normal, schaue umher und drehe den
Kopf auf beide Seiten. Sie kämme sich mit den Händen die Haare, werfe den Kopf
nach hinten. All dies wäre bei einem zervikalen Schmerzsyndrom nicht möglich. Das
von der Beschwerdeführerin geschilderte typische Beschwerdebild könne durch die
Observation nicht bestätigt werden (UV-act. ZM68). Dr. med. K._, FMH Psychiatrie
und Psychotherapie, führte in der Aktenbeurteilung vom 7. Juli 2007 aus, es sei von
einem Versicherungsfall unklarer Kausalität auszugehen. Es lägen kaum objektivierbare
Befunde vor, die als unfallkausal angesehen werden könnten. Unfallfremde Faktoren
seien vor allem jene, die mit der akzentuierten Persönlichkeit der Beschwerdeführerin in
Zusammenhang stünden. Es fänden sich viele Ungereimtheiten und Diskrepanzen.
Angesichts der Resultate der Video-Überwachung würden sich viele Angaben der
Beschwerdeführerin relativieren (UV-act. ZM70). Im Verlaufsgutachten des C._
zuhanden der Invalidenversicherung vom 23. August 2010 wurde unter anderem
festgehalten, aus neurologisch-psychiatrischer Sicht sei ein Zusammenhang zwischen
den jetzt beklagten Beschwerden und dem HWS-Beschleunigungstrauma nicht
feststellbar. Psychiatrischerseits sei eine bewusstseinsnahe Begehrenshaltung bei der
Beschwerdeführerin nicht von der Hand zu weisen, die gemeinsam mit der
prätraumatischen histrionischen Persönlichkeit diese ungewöhnliche Darstellung der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerden, die sich zunehmend ausbreiten würden, bewirke. Die bei der
neuropsychologischen Untersuchung festgestellten Aufmerksamkeitsfunktionen hätten
sich im Vergleich zur letzten Untersuchung leicht verschlechtert. Eine derartige
Veränderung sei ebenfalls ungewöhnlich, spreche gleichfalls für eine bewusstseinsnahe
Begehrenshaltung und stehe nicht im Einklang mit den Beobachtungen während der
Untersuchung. Insofern seien die Ergebnisse dieser Untersuchung als nicht
unfallbedingt einzuschätzen. Auf der psychisch-geistigen Ebene sei die
Beschwerdeführerin unfallunabhängig erheblich beeinträchtigt. Auf der körperlichen
Ebene sei sie durch ihre Adipositas in ihrer Leistung gemindert. Unfallbedingt
bestünden keine Störungen mehr mit Auswirkung auf die bisherige Tätigkeit.
Unfallunabhängig sei eine Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess wenig
wahrscheinlich. Rehabilitationsmassnahmen seien aufgrund der psychiatrischen
Entwicklung nicht sehr Erfolg versprechend. Die vorgetragenen Schmerzsymptome
stünden in Zusammenhang mit der histrionischen Persönlichkeitsstörung und
bewusstseinsnahen Begehrenshaltung. Die therapeutischen Möglichkeiten seien
ausgeschöpft. Die Beschwerdeführerin habe sich als therapieresistent in allen
Bereichen gezeigt (UV-act. ZM71).
3.
3.1 Eine manuelle ärztliche Untersuchung der Versicherten Person fördert klinische
Ergebnisse zu Tage. Der hinreichende Nachweis für ein klar fassbares organisches
Korrelat für die im Zusammenhang mit einer Distorsion der HWS oder einer
äquivalenten Verletzung geklagten Beschwerden bzw. die Organizität des
Beschwerdebilds vermag damit allerdings nicht erbracht zu werden (Entscheid des
Bundesgerichts vom 6. Februar 2007, U 479/05, E.5.4 mit Hinweis auf Entscheid des
Eidgenössischen Versicherungsgericht vom 6. November 2006, U 444/05, E.5.2). Von
organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen kann praxisgemäss erst dann
gesprochen werden, wenn die erhobenen Befunde mit apparativen/bildgebenden
Abklärungen bestätigt werden (vgl. BGE 134 V 109 E. 9, 117 V 359 E. 5d/aa; SVR 2007
UV Nr. 25 S. 81 E. 5.4 mit Hinweisen [U 479/05]). Diese Untersuchungsmethoden
müssen zudem wissenschaftlich anerkannt sein (BGE 134 V 231 E. 5.1 mit Hinweisen).
Beispielsweise sind ein Thoracic-outlet-Syndrom (TOS), myofasziale und tendinotische
bzw. myotendinotische Befunde für sich allein nicht als organisch hinreichend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nachweisbare Unfallfolgen zu betrachten. Auch Verhärtungen und Verspannungen der
Muskulatur, Druckdolenzen im Nacken sowie Einschränkungen der HWS-Beweglichkeit
können für sich allein nicht als klar ausgewiesenes organisches Substrat der
Beschwerden qualifiziert werden. Gleiches gilt für Nackenverspannungen bei
Streckhaltung der HWS mit Retrohaltung (Urteil des Bundesgerichts vom 17. Oktober
2008, 8C_124/2008, mit vielen Hinweisen sowie vom 7. Februar 2008, U13/07, E. 3.2
und 3.3).
Ist ein Schleudertrauma oder eine äquivalente Verletzung der HWS diagnostiziert und
liegt - wie dies konkret der Fall ist (UV-act. ZM1, ZM2, ZM8) - kein fassbarer
organischer (unfallbedingter) Befund an der HWS im erwähnten Sinn vor, muss für die
Bejahung der natürlichen Kausalität ein typisches Beschwerdebild mit einer Häufung
von Beschwerden wie diffuse Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und
Gedächtnisstörungen, Übelkeit, rasche Ermüdbarkeit und Visusstörungen, Reizbarkeit,
Affektlabilität, Depression, Wesensveränderung usw. vorliegen (BGE 117 V 359 E. 4b;
vgl. auch BGE 117 V 369 E. 3e; Bestätigung in BGE 134 V 109 E. 9). Dieses
Beschwerdebild mit einer Häufung von Beschwerden muss jedoch nicht in seiner
umfassenden Ausprägung innerhalb von 24 bis höchstens 72 Stunden nach dem Unfall
auftreten. Vielmehr genügt es, wenn sich in diesem Zeitraum Beschwerden in der
Halsregion oder an der HWS manifestieren (Urteile des Bundesgerichts vom 30. Januar
2007, U 215/05, und vom 15. März 2007, U 258/06; RKUV 2000 Nr. 359 S. 29 E. 5e). Im
Weiteren muss nach der Rechtsprechung (vgl. z.B. Urteil des EVG vom 4. November
2005, U 312/05) nicht der gesamte Beschwerdekatalog vorliegen, um von einer
Unfallkausalität ausgehen zu können.
3.2 In den Berichten des Spitals L._ vom 17. und 24. Januar 2002 wurden
Beschwerden im Bereich der HWS mit Ausstrahlung in die ganze Wirbelsäule,
zunehmende Kopfschmerzen frontal bzw. rezidivierende Migräneschübe, rasche
Ermüdung mit Auftreten von Doppelbildern, Konzentrationsstörungen und
kurzdauernde Sensibilitätsstörungen in den Fingern festgehalten (UV-act. ZM1/1). Eine
Schädelkontusion, Bewusstlosigkeit, Erbrechen, retrograde Amnesie und
neurologische Ausfälle wurden verneint (UV-act. ZM2). Auch in dem vom B._ am 28.
April 2002 ausgefüllten Zusatzfragebogen bei HWS-Verletzungen wurden ein
Kopfanprall, Schwindel, Benommenheit, Bewusstlosigkeit sowie Übelkeit/Erbrechen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verneint (UV-act. ZM8). Angesichts der geschilderten Aktenlage scheint das Auftreten
eines typischen (natürlich unfallkausalen) Beschwerdebilds mit einer gewissen Häufung
von Beschwerden in der Zeit nach dem Unfall gegeben gewesen zu sein, zumal auch
die bereits am 17. Mai 2002 von Psychiater Dr. D._ bestätigten psychischen
Probleme (UV-act. ZM9/1) und die neuropsychologischen Funktionsstörungen
(reduzierte Konzentration, Aufmerksamkeit; UV-act. ZM11/3) als Teile des typischen
Beschwerdebilds in Betracht fallen. Sodann findet sich das gemischt psychisch/
physisch bedingte Beschwerdebild auch in späteren medizinischen Berichten bestätigt
(UV-act. ZM21, ZM34, ZM39, ZM56 S. 37ff). Entsprechend anerkannte denn auch die
Beschwerdegegnerin einen Leistungsanspruch der Beschwerdeführerin bis zum 31.
Mai 2007. Die Frage, wie lange dieses Beschwerdebild nach dem Unfall gegeben war
bzw. ob es auch im streitigen Einstellungszeitpunkt noch vorlag, braucht, wie sich
nachstehend ergeben wird, nicht untersucht zu werden.
3.3 Die Leistungspflicht des Unfallversicherers entfällt erst, wenn das Dahinfallen jeder
kausalen Bedeutung von unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist. Da es sich
dabei um eine anspruchsaufhebende Tatfrage handelt, liegt die Beweislast - anders als
bei der Frage, ob ein leistungsbegründender natürlicher Kausalzusammenhang
gegeben ist - nicht bei der versicherten Person, sondern beim Unfallversicherer (RKUV
2000 Nr. U 363 S. 46 E. 2 mit Hinweisen). Dabei muss nicht etwa der Beweis für
unfallfremde Ursachen erbracht werden. Welche Ursachen ein nach wie vor geklagtes
Leiden hat, ist unerheblich. Denn es ist nicht so, dass der Unfallversicherer bei einmal
bejahter Unfallkausalität so lange haftet, als er unfallfremde Ursachen nicht mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit nachzuweisen vermag. Entscheidend ist allein, ob
unfallbedingte Ursachen eines Gesundheitsschadens ihre kausale Bedeutung verloren
haben, also dahin gefallen sind (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 329 E. 3b). Ebenso wenig
geht es darum, vom Unfallversicherer den negativen Beweis zu verlangen, dass kein
Gesundheitsschaden mehr vorliegt oder dass die versicherte Person nun bei voller
Gesundheit sei (Urteile des EVG vom 18. Dezember 2003, U 258/02, vom 25. Oktober
2002, U 143/02, und vom 31. August 2001, U 285/00).
3.3.1 Im Nachgang zum streitigen Unfall wurde auch eine LWS-Distorsion
diagnostiziert (UV-act. ZM1/1). Mit Blick auf den Unfallmechanismus eines
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auffahrunfalls und die dabei sich ergebenden Krafteinwirkungen auf den Körper
erscheint eine LWS-Beteiligung insofern nicht sehr naheliegend, als die
Lendenwirbelsäule in aller Regel durch die Sitzlehne geschützt ist und diese beim
Unfall unbestrittenermassen auch nicht beschädigt wurde. Selbst wenn von einer
Unfalleinwirkung auf die LWS auszugehen wäre, müsste gemäss der einschlägigen
Literatur (Bär/Kiener, Prellung, Verstauchung oder Zerrung der Wirbelsäule,
Medizinische Mitteilungen Nr. 67 der Suva, S. 45ff) nach einem Unfall mit fehlenden
strukturellen Schädigungen der Wirbelsäule eine vorübergehende Verschlimmerung
von lumbalen Beschwerden nach spätestens einem Jahr als abgeschlossen betrachtet
werden. Dies lässt auch die Beschwerdeführerin nicht in Abrede stellen.
3.3.2 Gestützt auf die in E. 2 dargelegten medizinischen Akten kann die Frage, ob
es sich bei den auch nach dem streitigen Einstellungszeitpunkt (31. Mai 2007)
bestehenden Gesundheitsstörungen an der HWS noch um eine natürliche (Teil-)Folge
des versicherten Unfalls handelte, nicht mit letzter Klarheit beantwortet werden.
Immerhin ist festzuhalten, dass die Gutachter des C._ die Diagnose einer
bewusstseinsnahen Begehrenshaltung im Gutachten vom 23. August 2010
unmissverständlich als unfallfremd bezeichneten. Dies insbesondere mit der
Begründung, dass die bei der neuropsychologischen Untersuchung festgestellte
Verschlechterung der Aufmerksamkeitsfunktionen ungewöhnlich sei und überdies nicht
im Einklang mit den Beobachtungen während der Erhebung der Anamnese und der
neurologisch-psychiatrischen Untersuchung stehe (UV-act. ZM71 S. 27). Nach Lage
der medizinischen Akten ergab sich in den Jahren von 2005 bis 2010 keine
massgebende gesundheitlich/psychische Veränderung, so dass die gutachterliche
Einschätzung von 2010 bereits im Zeitpunkt der Leistungseinstellung (31. Mai 2007)
Gültigkeit gehabt haben dürfte. Eine abschliessende Klärung des natürlichen
Zusammenhangs einschliesslich Prüfung des Einwandes der Beschwerdeführerin,
wonach die Beurteilung des C._ von 2010 (Verneinung der Unfallkausalität) nicht zu
überzeugen vermöge (act. G 1 S. 7), erübrigt sich jedoch, weil - wie nachstehend (E.
4.2) zu zeigen sein wird - es an der Adäquanz des Kausalzusammenhangs fehlt.
Nachdem bei der Beschwerdeführerin sich bereits relativ rasch nach dem Unfall
behandlungsbedürftige psychische Probleme zeigten (UV-act. ZM9/2), ging Dr. D._
noch am 6. April 2004 von einer komplexen interdisziplinären Problematik (UV-act.
ZM39, ZM41) und damit implizit von einem gemischt psychisch/physischen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdebild aus. Die Frage, ob bei der Beschwerdeführerin eine Dominanz
psychischer Probleme (vgl. BGE 123 V 98 E. 2a) bestand, kann jedoch ebenfalls offen
bleiben. Denn selbst wenn diese Frage zu verneinen und die Adäquanz nach Massgabe
der in BGE 117 V 359 E. 6 entwickelten und in BGE 134 V 109 E. 10 präzisierten
Kriterien (mit Verzicht auf eine Differenzierung zwischen psychischen und physischen
Komponenten) beurteilt würde, wäre sie - wie sich im folgenden ergeben wird - zu
verneinen.
4.
4.1 Dr. D._ berichtete am 12. November 2004, die Psychotherapie sei nach wie vor
indiziert mit dem Hauptziel, eine Verschlechterung zu vermeiden, die berufliche
Rehabilitation zu unterstützen und die Restarbeitsfähigkeit zu erhalten (UV-act. ZM51).
Die Gutachter des C._ kamen am 6. Mai 2005 zum Schluss, eine Fortsetzung der
psychotherapeutischen Behandlung erscheine noch notwendig. Ebenfalls seien die
Schmerzbehandlungen und die Physiotherapie fortzusetzen, um eine weitere
Verschlimmerung zu verhindern (UV-act. ZM56). Auch die Psychotherapeutin I._
bestätigte am 5. Juni 2005, dass die Behandlung im Wesentlichen der Verhinderung
einer weiteren Verschlechterung diene (UV-act. ZM63). Die späteren medizinischen
Berichte (vgl. UV-act. ZM68, ZM70, ZM71) ergaben hinsichtlich der Notwendigkeit der
Behandlung von Unfallfolgen kein anderes Bild bzw. eine ausdrückliche Verneinung der
Unfallkausalität der weiteren Behandlungen.
Gestützt auf diese Aktenlage ist überwiegend wahrscheinlich davon auszugehen, dass
jedenfalls per Ende Mai 2007 keine unfallbedingte Behandlungsbedürftigkeit mit der
Aussicht auf eine namhafte Verbesserung des Gesundheitszustands und der
Arbeitsfähigkeit mehr vorlag und die durchgeführten Behandlungsmassnahmen (bei
unsicherem Behandlungserfolg) lediglich der Schmerzlinderung und Aufrechterhaltung
des erreichten Zustands dienten. Der Abschluss des Falls durch den Unfallversicherer
im Sinn von Art. 19 Abs. 1 UVG bedingt lediglich, dass von weiteren medizinischen
Massnahmen keine namhafte Besserung des Gesundheitszustands mehr erwartet
werden kann, nicht aber, dass eine ärztliche Behandlung nicht länger erforderlich ist
(vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 4. November 2008, 8C_467/2008, E. 5.2.2.2.). Es
genügt für eine weiterdauernde Übernahme der Behandlungskosten nicht, dass eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Therapie lediglich eine unbedeutende Besserung erhoffen lässt oder dass für eine
namhafte Besserung nur eine weit entfernte Möglichkeit besteht (A. Maurer,
Unfallversicherungsrecht, 2. A., Bern 1989, 274). Für die Bejahung eines medizinischen
Endzustands wird keine vollständige Schmerzfreiheit vorausgesetzt (vgl. Rumo-Jungo,
Bundesgesetz über die Unfallversicherung, 3. A., S. 145). Die Beschwerdegegnerin
nahm somit zu Recht den Fallabschluss im Sinn von Art. 19 Abs. 1 UVG - als
Voraussetzung für die Adäquanzprüfung (BGE 134 V 109) - auf den 31. Mai 2007 an.
4.2 Bei der in Frage stehenden Auffahrkollision (UV-act. Z1) ist - bei einer mit einer
Bandbreite von 8.8 bis 13.7 km/h angegebenen kollisionsbedingten
Geschwindigkeitsänderung des Fahrzeugs der Beschwerdeführerin (Unfallanalyse vom
1. Februar 2005; zitiert aus der Verfügung 14. Mai 2007, UV-act. Z263 S. 21) - von
einem mittelschweren Ereignis im Grenzbereich zu den leichten Unfällen auszugehen
(RKUV 2005 Nr. U 549 S. 236). Aus dem Umstand, dass es sich um eine primäre
Heckkollision mit anschliessender Frontalkollision handelt, ergibt sich keine andere
Würdigung (vgl. Urteil des Bundesgerichts vom 1. April 2009, 8C_304/2008, E. 5.1). Die
Adäquanz des Kausalzusammenhangs ist somit zu bejahen, wenn ein einzelnes der in
die Beurteilung einzubeziehenden Kriterien in besonders ausgeprägter Weise vorliegt
oder die zu berücksichtigenden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise gegeben
sind (BGE 117 V 359 E. 6b).
4.2.1 Von besonders dramatischen Begleitumständen oder einer besonderen
Eindrücklichkeit des Unfalls kann nicht gesprochen werden. Sodann vermag die
Diagnose eines HWS-Distorsionstraumas die Schwere oder besondere Art der
Verletzung für sich allein nicht zu begründen. Es bedarf hierzu einer besonderen
Schwere der für das Schleudertrauma typischen Beschwerden oder besonderer
Umstände, welche das Beschwerdebild beeinflussen können. Diese können
beispielsweise in einer beim Unfall eingenommenen Körperhaltung und den dadurch
bewirkten Komplikationen bestehen. Solche Umstände sind hier nicht gegeben. Einzig
die Tatsache, dass das Fahrzeug der Beschwerdeführerin nach der Heckkollision in
das vordere Fahrzeug geschoben wurde (vgl. act. G 1 S. 8), vermag keine besonderen
Umstände zu begründen, zumal auch die Gutachter des C._ in Würdigung dieser
Gegebenheiten zum Schluss kamen, dass es sich um eine typische Beschleunigungs-
und Verzögerungsverletzung der HWS gehandelt habe (vgl. UV-act. ZM56 S. 37). Es
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
liegt auch keine besondere Schwere der für das Schleudertrauma typischen
Beschwerden vor (vgl. BGE 134 V 109 E. 10.2.2 mit Hinweisen). Dies umso weniger, als
die Gutachter des C._ im Jahr 2005 vermerkten, dass ein Teil der erlebten
Leistungsminderung und ein grosser Teil der beklagten Schmerzen sicherlich nicht
direkt als Unfallfolge aufzufassen seien, sondern eher der Anpassungstörung mit
Somatisierungstendenz zuzordnen seien. Diese nach dem Unfall eingetretene
psychiatrische Entwicklung sei durch die schon unfallunabhängig bestehenden
histrionisch-dissoziativen Persönlichkeitsanteile der Beschwerdeführerin begünstigt
worden (UV-act. ZM56 S. 38).
4.2.2 Zum Kriterium der fortgesetzt spezifischen, belastenden ärztlichen
Behandlung (vgl. BGE 134 V 109 E. 10.2.3) ist festzuhalten, dass die
Beschwerdeführerin seit dem Unfall in ambulanter und stationärer (vgl. UV-act. ZM15,
ZM21, ZM34) Behandlung stand, ohne dass damit eine länger andauernde Besserung
eingetreten wäre. Dabei handelte es sich sowohl um physio- als auch
psychotherapeutische und medikamentöse Massnahmen (vgl. UV-act. ZM56 S. 4-20,
ZM71 S. 3-11). In Anbetracht der Aktenlage lässt sich eine fortgesetzt spezifische, die
Beschwerdeführerin belastende ärztliche Behandlung nicht ohne Weiteres in Abrede
stellen, zumal bei diesem Kriterium gemäss Urteil des Bundesgerichts vom 13. Juni
2008 i/S S. (8C_331/2007), E. 4.2.3, auch alternativ- oder komplementärmedizinische
Massnahmen zu berücksichtigen sind.
4.2.3 Adäquanzrelevant können im Weiteren in der Zeit zwischen dem Unfall und
dem Fallabschluss nach Art. 19 Abs. 1 UVG ohne wesentlichen Unterbruch bestehende
erhebliche Beschwerden sein. Die Erheblichkeit beurteilt sich nach den glaubhaften
Schmerzen und nach der Beeinträchtigung, welche die verunfallte Person durch die
Beschwerden im Lebensalltag erfährt (BGE 134 V 109 E. 10.2.4). Die
Beschwerdeführerin erklärte gegenüber den Gutachtern des C._ im Jahr 2005 unter
anderem, beim morgendlichen Aufwachen träten Kopfschmerzen auf. Die Schmerzen
würden von dem dritten Halswirbelkörper aufsteigen. Es poche und klopfe und
hämmere, brenne und zöge bis in das rechte Auge. Die Beschwerden seien abhängig
von der Belastung des Tages oder auch wenn helles Licht oder ungeschickte
Bewegungen aufträten. Die Schmerzstärke sei morgens bei 6 nach schlechten
Träumen. Hilfreich seien Mittel der chinesischen Medizin. Die Kopfschmerzen seien
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ständig vorhanden. Auch bestehe Schlaflosigkeit (UV-act. ZM56 S. 27f). Dazu ist zum
einen festzuhalten, dass ein klar fassbares organisch/somatisches Korrelat des
Kopfschmerzes nicht ausgewiesen ist (vgl. dazu auch Urteil des Bundesgerichts vom
25. Juli 2007, U 328/06, E. 7.2). Zum anderen stellte Dr. J._ die
Schmerzschilderungen im Bericht vom 27. Februar 2007 mit Hinweis auf die
Ergebnisse der Observierung in Frage (UV-act. ZM68), und Dr. K._ wies am 7. Juli
2007 auf Ungereimtheiten und Diskrepanzen hin, welche die Angaben der
Beschwerdeführerin relativieren würden (UV-act. ZM70). Im späteren Gutachten von
2010 sprachen die Gutachter des C._ mit Bezug auf die Beschwerdedarstellung von
einer bewusstseinsnahen Begehrenshaltung (UV-act. ZM71). Bei der geschilderten
Aktenlage können im Zeitraum bis Mai 2007 dauerhafte und erhebliche Beschwerden
nur mit unsicherer (nicht überwiegend wahrscheinlicher) Unfallkausalität angenommen
werden, zumal auch hier die unfallunabhängig bestehenden histrionisch-dissoziativen
Persönlichkeitsanteile der Beschwerdeführerin zu berücksichtigen sind (UV-act. ZM56
S. 38). Im Weiteren zeigen die Ergebnisse der Observation - auch wenn diese für sich
allein als Momentaufnahmen nicht generell aussagekräftig bzw. beweisbildend sind -
immerhin, dass nicht von ununterbrochenen (erheblichen) Beschwerden ausgegangen
werden kann; dies umso weniger, als die Überwachung während eines (langen)
Zeitraums von acht Monaten an verschiedenen Tagen erfolgte (UV-act. Überwachung).
Damit lässt sich dieses Kriterium nicht bejahen.
4.2.4 Sodann können ein schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche
Komplikationen nicht schon dann angenommen werden, wenn eine Vielzahl von
verschiedenen Therapien zu keinem Heilungserfolg führt. Ein schwieriger
Heilungsverlauf lässt sich aus dem in E. 2 geschilderten medizinischen Sachverhalt
nicht herleiten, zumal die unfallfremden Aspekte (vgl. unter anderem UV-act. ZM59 S.
38-40) auszuklammern sind. Auch kann von einer ärztlichen Fehlbehandlung, welche
die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, nicht gesprochen werden. Der Umstand,
dass die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführerin nach Vorliegen des Gutachtens
des C._ von 2005 im Jahr 2006 überwachen liess (vgl. act. G 1 S: 9), vermag keine
ärztliche Fehlbehandlung im erwähnten Sinn zu belegen. Wenn die Beschwerdeführerin
festhalten lässt, dass das Vorgehen der Beschwerdegegnerin nach der Überwachung
(Gespräch vom 8. Dezember 2006 [UV-act. Z252] und anschliessende Verfügung vom
14. Mai 2007 mit Hinweis auf das Observationsmaterial) eine massive Verunsicherung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hervorgerufen habe, welche die Unfallfolgen verstärke und perpetuiere (act. G 1 S. 9f),
so ist auch hier festzuhalten, dass dies offensichtlich keine ärztliche Fehlbehandlung
darstellt und auch nicht sinngemäss als solche behandelt werden kann.
4.2.5 Was schliesslich das Kriterium der Arbeitsfähigkeit anbelangt, ist gemäss
BGE 134 V 109 E. 10.2.7 dem Umstand Rechnung zu tragen, dass bei leichten bis
mittelschweren Schleudertraumata der HWS und ähnlichen Verletzungen ein längerer
oder gar dauernder Ausstieg aus dem Arbeitsprozess vom medizinischen Standpunkt
aus als eher ungewöhnlich erscheint. Nicht die Dauer der Arbeitsunfähigkeit ist daher
massgebend, sondern eine erhebliche Arbeitsunfähigkeit als solche, die zu überwinden
die versicherte Person ernsthafte Anstrengungen unternimmt. Konkret muss ihr Wille
erkennbar sein, sich durch aktive Mitwirkung so rasch wie möglich wieder in den
Arbeitsprozess einzugliedern. Solche Anstrengungen können sich insbesondere in
ernsthaften Arbeitsversuchen trotz allfälliger persönlicher Unannehmlichkeiten
manifestieren. Sodann können Bemühungen um alternative, der gesundheitlichen
Einschränkung besser Rechnung tragende Tätigkeiten ins Gewicht fallen. Nur wer in
der Zeit bis zum Fallabschluss nach Art. 19 Abs. 1 UVG in erheblichem Masse
arbeitsunfähig ist und solche Anstrengungen auszuweisen vermag, kann das Kriterium
erfüllen (BGE 134 V 109 E. 10.2.7). - Nach dem Unfall vom 17. Januar 2002 wurde
ärztlicherseits während rund zwei Jahren eine volle Arbeitsunfähigkeit bescheinigt (UV-
act. ZM12, ZM16, ZM29). Die Ärzte der Rehaklinik H._ erachteten im Austrittsbericht
vom 24. März 2004 eine Arbeitsleistung von 20-30% als möglich (UV-act. ZM34 S. 3).
Die Gutachter des C._ hielten im Gutachten vom 6. Mai 2005 die Verrichtung einer
einfachen kaufmännischen Tätigkeit (mit gleichmässiger Belastung und viel Routine) zu
50% als zumutbar, wobei die Beschwerdeführerin eine solche Tätigkeit nur schwerlich
werde ausüben wollen (UV-act. ZM56 S. 42f). Dr. G._ bescheinigte demgegenüber
weiterhin eine volle Arbeitsunfähigkeit (UV-act. ZM64). Im Gutachten von 2010 gingen
die Gutachter des C._ von einer unfallunabhängig bestehenden erheblichen
Beeinträchtigung auf der psychisch-geistigen Ebene aus. Auf der körperlichen Ebene
sei sie durch die Adipositas in der Leistung gemindert. Unter Berücksichtigung des
bisherigen Verlaufs und der psychiatrischen Auffälligkeiten sei unfallunabhängig eine
Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess wenig wahrscheinlich (UV-act. ZM56 S.
28f). Den medizinischen Akten lässt sich - wie bereits erwähnt - in den Jahren von 2005
bis 2010 keine gesundheitliche Veränderung/Verbesserung entnehmen, so dass die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gutachterliche Einschätzung von 2010 bereits im Zeitpunkt der Leistungseinstellung
(31. Mai 2007) Gültigkeit gehabt haben dürfte. Eine erhebliche, durch den Auffahrunfall
vom 17. Januar 2002 bedingte (unfallkausale) Arbeitsunfähigkeit lässt sich unter diesen
Umständen im Einstellungszeitpunkt nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
bejahen. Dieses Kriterium ist somit als nicht erfüllt anzusehen, auch wenn sich die
Beschwerdeführerin zureichend bemühte, ins Erwerbsleben zurückzukehren (vgl. act. G
1 S. 10f).
4.2.6 Unter diesen Umständen kann lediglich das Kriterium der fortgesetzt
spezifischen, die Beschwerdeführerin belastenden Therapien als erfüllt angesehen
werden, womit dem Unfall vom 17. Januar 2002 keine adäquanzrechtlich
massgebende Bedeutung für die über den 31. Mai 2007 hinaus andauernden
Beschwerden zukommt. Nach der Rechtsprechung ist bei mittelschweren Unfällen im
engeren Sinn die Erfüllung von mindestens drei und bei solchen im Grenzbereich zu
den leichten Ereignissen von mindestens vier Adäquanzkriterien verlangt (SVR-UV 2010
Nr. 25, 100, E. 4.5 mit Hinweisen). Eine Einstellung der Leistungen auf den 31. Mai
2007 erscheint demgemäss ausgewiesen. Bei fehlendem bzw. weggefallenem
adäquatem Unfallkausalzusammenhang steht ein Anspruch auf Rente und
Integritätsentschädigung nicht weiter zur Diskussion. Der Umstand, dass die
Beschwerdegegnerin bereits eine Akontozahlung (Integritätsentschädigung) von Fr.
10'000.-- ausrichtete (UV-act. Z251), vermag keinen definitiven Leistungsanspruch zu
begründen.
5.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen. Gerichtskosten
sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Aufgrund der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung hat der Rechtsbeistand der Beschwerdeführerin Anspruch auf
Entschädigung durch den Staat. Ausgehend von einer praxisgemässen Entschädigung
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) bei vollem Obsiegen von pauschal
Fr. 4'000.-- und der Kürzung um einen Fünftel bei unentgeltlicher
Rechtsverbeiständung (Art. 31 Abs. 3 AnwG; sGS 963.70) ist der Rechtsbeistand mit
Fr. 3'200.-- zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/19
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP
entschieden
1. Die Beschwerde wird abgewiesen.
2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.
3. Der Staat entschädigt den Rechtsbeistand der Beschwerdeführerin mit Fr.
3'200.--.
Publikationsplattform St.Galler Gerichte Entscheid Versicherungsgericht, 26.09.2012 Art. 6 UVG. Unfallkausalität von gesundheitlichen Beschwerden nach Schleudertrauma der HWS. Leistungseinstellung fünf Jahre nach dem Unfall (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 26. September 2012, UV 2011/73).
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte
Publikationsplattform St.Galler Gerichte