Decision ID: 0618b040-bcf0-4c2d-bebe-8e301bfd7429
Year: 2012
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_004
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

habe sie gemäss Art. 130a StG den massgeblichen Sachverhalt für jede
Steuerperiode neu zu prüfen, weshalb sie auf ihre vorjährige Würdigung haben
zurückkommen können. Sie sei verpflichtet, eine allenfalls im Vorjahr erfolgte
gesetzeswidrige Auslegung in den nachfolgenden Veranlagungen zu
korrigieren. Jedenfalls bestehe kein Rechtsanspruch der Steuerpflichtigen,
weiterhin gesetzeswidrig behandelt zu werden. Die Aufrechnung des
Vermögenssteuerwertes der Liegenschaft um Fr. 190‘000.-- sei somit zu Recht
erfolgt.
4. Im Rahmen einer freigestellten Stellungnahme, welche als Replik
entgegengenommen wurde, bekräftigten die Beschwerdeführer ihre
Auffassungen und Argumente. Die Steuerverwaltung verzichtete auf die
Einreichung einer Duplik.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Anfechtungsobjekt des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet der
Einspracheentscheid vom 1. Mai 2012 respektive die diesem zugrunde liegende
Veranlagungsverfügung der Kantons- und Gemeindesteuer 2010 vom 23. März
2012. Streitig und zu prüfen ist die Frage, ob die von der Steuerverwaltung
vorgenommene Aufrechnung des Vermögenssteuerwertes der Liegenschaft
„...“ in der Höhe von Fr. 190‘000.-- zu Recht erfolgte.
2. Grundsätzlich gilt bei der Vermögenssteuer der Verkehrswert unter
angemessener Berücksichtigung des Ertrages und der Ertragsfähigkeit als
Steuerwert der Grundstücke (Art. 56 Abs. 1 StG). Wohn- und Geschäftshäuser
werden zum Mittel des einfachen Verkehrswertes und des zweifachen
Ertragswertes der letzten drei Jahre bewertet (Art. 56 Abs. 2 StG). Gebäude
von historischer und denkmalpflegerischer Bedeutung, deren Erhaltung von den
Eigentümern gewisse Opfer verlangt, werden dagegen gemäss Art. 56 Abs. 4
StG hauptsächlich zum Ertragswert besteuert. Die für vorliegendes Verfahren
massgebende Bestimmung von Art. 56 Abs. 4 StG ist nachfolgend sachgemäss
auszulegen.
3. a) Bei der Auslegung von Normen des Verwaltungsrechts gelangen die
grammatikalische, die systematische, die historische und die teleologische
Auslegungsmethode zur Anwendung, wobei das Bundesgericht von einem
Methodenpluralismus ausgeht, der keiner Methode einen grundsätzlichen
Vorrang zuerkennt (vgl. BGE 137 V 1 E. 5.1, 135 III 112 E. 3.3.2, 134 II 249 E.
2.3). Es sollen vielmehr all jene Methoden kombiniert werden, die für den
konkreten Fall im Hinblick auf ein vernünftiges und praktikables Ergebnis am
meisten Überzeugungskraft haben. Zu erwähnen ist zudem die
verfassungskonforme Auslegung von Verwaltungsrecht. Diese kommt im
Verwaltungsrecht zum Zug, wenn die anerkannten Auslegungsmethoden zu
unterschiedlichen Deutungen einer Norm führen. In einem solchen Fall ist jenes
Ergebnis zu wählen, welches der Verfassung am besten entspricht (vgl. BGE
131 II 697 E. 4.1; U. Häfelin/G. Müller/F. Uhlmann, Allgemeines
Verwaltungsrecht, 6. Aufl., Zürich/St. Gallen 2010, Rz. 230).
b) Ausgangspunkt von Art. 56 Abs. 4 StG bildeten gemäss Botschaft der
Regierung die Erhaltung von Burgen und Schlössern im Privatbesitz, welche ein
erhebliches Problem darstellten. Deren Erhaltung liege im öffentlichen Interesse
des Kantons Graubünden, weshalb für diese Objekte besondere Bestimmungen
in das Gesetz aufgenommen werden sollten (vgl. Botschaft der Regierung an
den Grossen Rat betreffend Teilrevision des kantonalen Steuergesetzes, Heft
Nr. 7/1998-99, S. 209 f.). Auch im Rahmen der anschliessenden
Grossratsdebatte plädierten die zuständige Regierungsrätin und ein Grossrat
schliesslich dahingehend, dass beim Antrag gemäss Botschaft, mithin einer
Anwendung von Art. 56 Abs. 4 StG einzig auf Burgen und Schlösser, zu bleiben
sei. Eine eigentliche Abstimmung wurde im Grossen Rat indes mangels
Antrages nicht durchgeführt. An sich kann vor diesem Hintergrund wohl davon
ausgegangen werden, dass die Regierung mit der Botschaft wie auch der
Grosse Rat als eigentlicher Gesetzgeber eher Burgen und Schlösser und
dementsprechend wenige Grossanlagen vor Augen hatten und als von Art. 56
Abs. 4 StG erfasst betrachteten.
c) Nun ist aber der Wortlaut von Art. 56 Abs. 4 StG bezüglich Gebäudekategorien
überhaupt nicht in diesem Sinne einschränkend. Vielmehr erfasst er sämtliche
„Gebäude von historischer und denkmalpflegerischer Bedeutung“, was an sich
auch sachlich geboten und korrekt erscheint. Auch vor dem Hintergrund des
allgemeinen Gleichbehandlungsgebotes sowie der verfassungsrechtlichen
Besteuerungsgrundsätze von Art. 127 Abs. 2 und 3 der Bundesverfassung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV; SR 101) und Art. 95 der Verfassung
des Kantons Graubünden (KV; BR 110.100), insbesondere des Grundsatzes
der Allgemeinheit der Besteuerung, welcher die steuerliche Erfassung aller
Personen und Personengruppen nach derselben gesetzlichen Ordnung
verlangt und dementsprechend die willkürliche Privilegierung oder
Diskriminierung einzelner Personen und Personengruppen verbietet, sowie vor
dem Hintergrund des Ziels der Entlastung von Privatpersonen, welche Gebäude
von historischer und denkmalpflegerischer Bedeutung im Privatbesitz halten,
erscheint die Berücksichtigung des Gesetzestextes von Art. 56 Abs. 4 StG in
jeder Hinsicht als geboten. Dementsprechend ist der Gesetzestext der
vorstehend erwähnten Absicht des Gesetzgebers sowie der Regierung
vorzuziehen. Inwieweit daneben die formulierten Voraussetzungen bezüglich
Kosten für die Erhaltung und die entsprechenden gewissen Opfer der
Eigentümer für die Bewertung hauptsächlich zum Ertragswert vorhanden sein
müssen, kann zur Sicherstellung des verfolgten Zweckes (eher grösseren
Anlagen), zur Abwendung von zu grossen Begehrlichkeiten und auch zur
Gleichbehandlung der Gesuchsteller entweder in der
Ausführungsgesetzgebung oder in einer erklärenden Weisung festgehalten
werden. Solche liegen zurzeit indes nicht vor.
4. Für den vorliegenden Fall gilt es festzuhalten, dass es sich bei der zur
Diskussion stehenden Liegenschaft „...“ in ... um ein grösseres Patrizierhaus
von anerkannter historischer und denkmalpflegerischer Bedeutung handelt.
Dies wird im Übrigen auch von der Steuerverwaltung anerkannt. Des Weiteren
haben die Beschwerdeführer für den Unterhalt der Liegenschaft „...“ in den
letzten Jahren einerseits selber über eine Million Franken aufgebracht und
wurden andererseits entsprechend auch von Kanton und Bund mit
sechsstelligen Beiträgen unterstützt. Dementsprechend sind aber im konkreten
Fall die erwähnten Voraussetzungen von Art. 56 Abs. 4 StG - mithin das
Bestehen eines Gebäudes von historischer und denkmalpflegerischer
Bedeutung sowie die Erbringung gewisser Opfer von den Eigentümern - in jeder
Hinsicht als erfüllt zu betrachten. Dies hat die Steuerverwaltung für das
Steuerjahr 2009 im Rahmen des Einspracheverfahrens auch so festgestellt und
entschieden. Diese sachgerechte Sicht der Dinge ist auch für das Jahr 2010 zu
übernehmen.
5. a) Nachdem es sich beim Patrizierhaus „...“ in ... demnach um ein Gebäude von
historischer und denkmalpflegerischer Bedeutung handelt, deren Erhaltung von
den Eigentümern gewisse Opfer verlangt, ist die von der Steuerverwaltung
anlässlich der Veranlagung für die Kantons- und Gemeindesteuer 2010
vorgenommene Aufrechnung des Vermögenssteuerwertes um Fr. 190‘000.--
auf Fr. 441‘000.-- zu Unrecht erfolgt. Folglich ist die Beschwerde gutzuheissen,
der angefochtene Einspracheentscheid vom 1. Mai 2012 samt
Veranlagungsverfügung aufzuheben und die Sache zur Neuveranlagung im
Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
b) Bei diesem Ausgang des Verfahrens gehen die Verfahrenskosten gestützt auf
Art. 73 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100)
zulasten der unterliegenden Vorinstanz. Die obsiegenden Beschwerdeführer
haben keinen Anspruch auf eine aussergerichtliche Entschädigung, da sie nicht
anwaltlich vertreten sind.