Decision ID: 32b63630-64fa-4224-ab4f-7df8a5cfea44
Year: 2016
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_001
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Beklagte könne nicht begründen, weshalb bei gleichem Sachverhalt und
gleich zu beantwortenden Rechtsfragen im Direktschaden eine solche
Zahlung erfolgt sei, im Regress aber bestritten werde, dass die
Haftungsvoraussetzungen erfüllt seien.
8. In der Duplik vom 15. Oktober 2010 bekräftigte der Beklagte, dass er an
der Verjährungseinrede festhalte. Diese Einrede werde ja nicht von der
I._ erhoben, sondern vom Beklagten. In diesem Verfahren trete die
I._ nicht als Partei oder als Vertreterin des Beklagten auf.
Abgesehen davon, wäre die Regressforderung auch dann verjährt, wenn
sich der Beklagte die Verjährungsverzichtserklärungen der I._
anrechnen lassen müsste; denn der Anspruch auf Schadenersatz
verwirke spätestens mit Ablauf von 10 Jahren vom Tag der schädigenden
Handlung (und nicht vom Tage der Anmeldung der Regressansprüche)
an. Am 15. Oktober 2003 (neuer Verjährungsverzicht) sei eine allfällige
Forderung daher schon verjährt gewesen.
9. Die zuständige Kammer des Verwaltungsgerichts (1. Kammer) hat darauf
am 6. September 2011 bezüglich Zuständigkeit, anwendbares
Haftungsrecht und dessen Verfassungsmässigkeit sowie der Verjährung
ein Teilurteil gefällt. Es hat dabei die Zuständigkeit des
Verwaltungsgerichts bejaht. Zudem entschied das Verwaltungsgericht,
dass die Haftungsbestimmung von Art. 5 Abs. 1 des damaligen Gesetzes
über die Verantwortlichkeit der Behörden und Beamten und die Haftung
der öffentlich-rechtlichen Körperschaften vom 29. Oktober 1944 zur
Anwendung gelange (Haftung des Kreises nur bei absichtlicher oder
grobfahrlässiger Verletzung der Dienstpflichten) und dass die durch das
damalige Gesetz getroffene Differenzierung zwischen der Haftung des
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Kantons einerseits und jener der Kreise und Gemeinden anderseits nicht
verfassungswidrig sei. In Bezug auf die Verjährung hat das
Verwaltungsgericht deren Eintritt für die eingeklagte Regressforderung
verneint.
10. In seinem Schreiben vom 7. September 2011 hat der Instruktionsrichter
den Parteien den Inhalt des Teilurteils mitgeteilt sowie die Absicht des
Gerichts, dieses Teilurteil erst zusammen mit dem Urteil in der
Hauptsache schriftlich zu begründen und mitzuteilen. Gleichzeitig wurde
das Beweisverfahren fortgesetzt, indem eine medizinische Expertise für
unumgänglich erklärt und auch die Abnahme der offerierten
Zeugenbeweise angekündigt wurde.
11. Nach zahlreichen Fristerstreckungen und vergeblichen
Einigungsbemühungen für einen gemeinsamen Expertenvorschlag
nahmen die Parteien im Januar 2012 Stellung zum weiteren Fortgang des
Verfahrens und reichten Experten- und Zeugenfragen ein. Die Klägerin
war dabei der Auffassung, dass eine medizinische Expertise nicht
eingeholt werden müsse, weil von einer Anerkennung der
grobfahrlässigen Schadenszufügung durch den Beklagten auszugehen
sei. Diese Anerkennung rühre daher, dass die I._ Versicherung als
Betriebshaftpflichtversicherer des Beklagten bei der Erledigung des
direkten Schadens, also des Personenschadens an E._, mit der
Zahlung von Fr. 214'281.-- die Grobfahrlässigkeit implizit anerkannt habe,
soweit dies eine Haftungsvoraus-setzung darstellte. Die I._
Versicherung habe in dieser Schadens-erledigung nach Massgabe der
dem Versicherungsvertrag zugrunde liegenden Allgemeinen
Vertragsbedingungen (AVB) als Vertreterin des Beklagten gehandelt. Der
Beklagte habe sich daher die Handlungen seines Betriebshaftversicherers
anrechnen zu lassen, weshalb die Grobfahrlässigkeit auch für das
vorliegende Verfahren schon feststehe. Der Sozialversicherer übernehme
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nämlich mit der Subrogation durch Legalzession den Haftpflichtanspruch
des Geschädigten tel quel mit allen Vor- und Nachteilen. Wenn sich der
Beklagte nicht auf die Anerkennung der Grobfahrlässigkeit bei der
Erledigung des Direktschadens behaften lasse, verhalte er sich
widersprüchlich und somit rechtsmissbräuchlich. In der Eingabe vom 22.
März 2012 widerspricht der Beklagte den Darstellungen der Klägerin und
bestreitet insbesondere, dass weder die I._ Versicherung noch das
Spital G._ jemals eine Grobfahrlässigkeit bezüglich der der
vorliegenden Klage zugrunde liegenden Operation anerkannt hätten. Die
Klägerin unterstellt dem Rechtsvertreter des Beklagten in ihrem
Schreiben vom 26. März 2012 wahrheitswidrige Darstellungen in dessen
Duplik in Bezug auf die Entbindung von Dr. F._, des Spitals und des
Beklagten von der ärztlichen Geheimhaltungspflicht.
12. Am 20. Dezember 2012 gelangte der damalige Instruktionsrichter an Prof.
Dr. med. Q._ zwecks Anfrage für einen Gutachterauftrag. Mit
Schreiben vom 7. Januar 2013 sagte der Gutachter zu.
13. Der neue Instruktionsrichter legte mit Schreiben vom 4. Juli 2013 fest,
dass vor dem Erteilen des Gutachterauftrages die medizinischen Akten zu
vervollständigen und gleichzeitig Zeugen- und Expertenfragen
vorzuschlagen seien; nach Einsicht in die ergänzten medizinische Akten
könnten die Zeugenfragen ergänzt werden, bevor dann die
Zeugeneinvernahmen angesetzt würden; nach Durchführung der
Zeugeneinvernahmen könnten die Expertenfragen allenfalls ergänzt
werden. Seien die Expertenfragen einmal bereinigt, würde der
Gutachterauftrag erteilt.
14. Die Vervollständigung der Akten und die Bereinigung von Experten- und
Zeugenfragen dauerten bis Ende 2013. Am 30. Januar 2014 wurden die
beiden Zeugen einvernommen. Die Zeugin E._ brachte zur
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Zeugeneinvernahme zahlreiche Unterlagen mit, welche alsdann zu den
Akten genommen wurden. Der Instruktionsrichter gab der Klägerin mit
Schreiben vom 31. März 2014 Gelegenheit, sich zu den neu eingelegten
Unterlagen zu äussern und im Nachgang zu den Zeugenbefragungen die
Expertenfragen zu ergänzen. Nach Retournierung der Unterlagen erhielt
der Beklagte mit Schreiben vom 11. Juni 2014 Gelegenheit, dasselbe zu
tun.
15. Mit Verfügung vom 20. November 2014 wurde der Gutachterauftrag mit
Fragenkatalog an Prof. Dr. Q._ erteilt. Das Gutachten wurde am 21.
April 2015 erstattet und am Folgetag den Parteien zur Stellungnahme
zugesandt.
16. In ihrer Stellungnahme vom 5. Juni 2015 ortete die Klägerin – ohne
konkrete Zusatz- und/oder Ergänzungsfragen zu stellen – verschiedene
Mängel im Gutachten; so habe der Experte nicht alle Fragen beantwortet,
habe teilweise ausweichend geantwortet und wiesen die Antworten teils
sogar Widersprüche auf. Inhaltlich habe die Expertise zu Tage gefördert,
dass der Operateur die bereits damals zum Standard gehörende und
verpflichtende Augenkontrolle nicht durchgeführt habe, wodurch es zur
Verletzung des Augenmuskels gekommen sei. Diese Verletzung hätte
unter Beachtung der damals verpflichtenden Vorgaben mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit vermieden werden können. Anatomische
Besonderheiten, welche zur Erhöhung des Verletzungsrisikos hätten
führen können, hätten nicht vorgelegen. Weiter konstatiere der Experte,
dass der Operateur die rechte Seite in viel ausgedehnterem Masse
operiert habe, obschon die linke Seite stärker erkrankt war, was eine
grobe Sorgfaltspflichtverletzung impliziere, zumal es bei dieser
ausgedehnten Operation zur Augenverletzung gekommen ist. Sollte das
Gericht nicht von einer groben Pflichtverletzung ausgehen, beantragte die
Klägerin die Einholung eines Obergutachtens.
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17. Der Beklagte sah in seiner Eingabe vom 14. Juli 2015 die wesentlichen
Punkte in der Expertise beantwortet und als Basis ausreichend, gestützt
darauf ein Urteil fällen zu können. Ob der Operateur grobfahrlässig
gehandelt habe, sei eine Rechtsfrage, und somit vom Gericht und nicht
vom Experten zu beantworten. Auf die Einholung eines Obergutachtens
sei zu verzichten.
18. Aufgrund der fehlenden Rechtsgrundlage für die vom Bundesgericht
verlangte 'double instance' für medizinische Staatshaftungsklagen wurde
das vorliegende Verfahren bis Ende Januar 2016 intern sistiert. Es wurde
mit dem Verfassen des Referates wieder aufgenommen; dies auch,
nachdem der klägerische Rechtsvertreter am 7. April 2016 mit Hinweis
auf die Vermeidung einer Prozessverjährung um Fortsetzung des
Verfahrens gebeten hat.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien wird, soweit für die Beurteilung
der Klage erforderlich, im Rahmen der Erwägungen noch eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Mit Klage vom 28. August 2009 erhob die Eidgenössische
Invalidenversicherung (nachfolgend Klägerin) gegen den Kreis A._
(Beklagter) die Regressforderung mit einer Klagesumme von total Fr.
422‘434.-- (bestehend aus bereits geleisteten inkl. bis zum AHV-
Pensionsalter kapitalisierten Invalidenversicherungsleistungen nebst
Verzugszins) aus Staatshaftung für einen Spitalarzt im Nachgang zu einer
missratenen Polysinusitis-Operation. Mit prozessleitendem Teilurteil vom
6. September 2011 entschied das Verwaltungsgericht (1. Kammer)
bereits verbindlich über die Zuständigkeit, das anwendbare Haftungsrecht
und dessen Verfassungsmässigkeit sowie die Verjährungseinrede, wobei
die Begründungen dafür zusammen mit dem Haupturteil in der Sache
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erfolgen sollten. Im Haupturteil vom 23. Juni 2016 gilt es – nebst der
Nachlieferung der ausstehenden Begründungen bezüglich der erwähnten
Verfahrens- und Vorfragen (im Sachverhalt Ziff. 9) – in materieller
Hinsicht namentlich noch das Mass des Verschuldens (Vorwurf:
Grobverschulden bzw. grobe Sorgfaltspflichtverletzung des operierenden
Spitalarztes), die Frage der Widerrechtlichkeit (fehlende/ungenügende
ärztliche Aufklärung vor Operationseingriff), die staatsrechtliche
Haftbarkeit des Beklagten für den entstandenen Schaden
(Schadenszuordnung) und gegebenenfalls die Rechtmässigkeit der Höhe
der geltend gemachten Regressforderung (Schadensberechnung) zu
entscheiden, wobei es sich hier wegen der revidierten Kantonsverfassung
(KV; BR 110.100) bzw. der zugehörigen Anschlussgesetzgebung
betreffend Gebietsreform sowie der damit einhergehenden
Neukonstituierung der Gebietskörperschaften (grundsätzliche
Abschaffung der 39 Kreise; neu 11 Regionen; s. Gesetz über die
Gebietsreform im Kanton Graubünden vom 23. April 2014 [Mantelgesetz;
BR 110. 200]; ab 1. Januar 2016 in Kraft getreten) und den seither
wechselnden Haftungsverantwortlichkeiten in den Gebietskörperschaften
rechtfertigt, auch dazu im Haupturteil vorausschauend kurz Stellung zu
beziehen.
2. a) Laut Art. 108 Abs. 1 Satz 1 KV bestehen die Kreise, welche von
Gemeinden delegierte Aufgaben wahrnehmen, bis zwei Jahre nach
Inkrafttreten der Einteilung des Kantons in Regionen als Körperschaften
des kantonalen öffentlichen Rechts weiter. In der Botschaft zu dieser
Bestimmung (Botschaft 2011-2012 Heft Nr. 18, S. 1999), die vom
Bündner Stimmvolk am 23. September 2012 mit Teilrevision der
Kantonsverfassung vom 23. Juni 2012 deutlich angenommen wurde,
steht geschrieben, dass es sich dabei namentlich um die Kreise A._,
B._ und C._ handelt. Später wurde bemerkt, dass auch der
Kreis D._ noch überkommunale Aufgaben (Feuerwehr) wahrnimmt
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(vgl. dazu RB Protokoll Nr. 7 vom 13. Januar 2015). Für die vier
erwähnten Kreise wechseln die Haftungsverantwortlichkeiten demnach
erst Ende 2017 bzw. zwei Jahre nach Einführung ab 2016. Für das
streitberufene Gericht ist damit klar, dass für die Weiterexistenz des
Beklagten und damit auch für dessen verfahrensrelevanter
Passivlegitimation im Klageverfahren eine genügende Rechtsgrundlage
auf Verfassungsstufe besteht, den Beklagten haftungsrechtlich bis zum
Ablauf dieser Übergangsfrist ins Recht fassen zu können.
b) Zur örtlichen, sachlichen und funktionellen Zuständigkeit des
streitberufenen Verwaltungsgerichts – so wie sie schon im Teilurteil vom
6. September 2011 bejaht wurde – gilt es begründend was folgt
festzuhalten: Das alte Verantwortlichkeitsgesetz vom 29. Oktober 1944
erklärte noch die Zivilgerichte für die Beurteilung von Haftungsansprüchen
gegen öffentlich-rechtliche Körperschaften für zuständig und
spruchbefugt. Dieses Gesetz wurde mit dem Erlass des neuen Gesetzes
über die Staatshaftung (SHG; BR 170.050) vom 5. Dezember 2006
aufgehoben. In Art. 14 Abs. 1 SHG wird dabei das Verwaltungsgericht
des Kantons Graubünden für die Beurteilung von Haftungsansprüchen
gegen Organe des Gemeinwesens und in ihrem Dienste stehenden
Personen für zuständig erklärt. Weiter bestimmt Art. 18 SHG
übergangsrechtlich, dass für die im Zeitpunkt des Inkrafttretens dieses
Gesetzes (per 1. Mai 2007) noch hängigen Verfahren das Klageverfahren
nach bisherigem Recht gelte. Da im vorliegenden Falle in jenem Zeitpunkt
noch keine Klage anhängig war, gilt für das jetzige Klageverfahren somit
klarerweise die Zuständigkeit und (erstinstanzliche) Spruchbefugnis des
Verwaltungsgerichts. Die entsprechende Vorschrift findet sich auch in Art.
63 Abs. 1 lit. c des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR
370.100), wonach das Verwaltungsgericht im Klageverfahren explizit auch
Entschädigungsansprüche aus dem Staatshaftungsgesetz zu entscheiden
hat. Dasselbe muss selbstverständlich auch für Vorfälle gelten, welche
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sich noch unter der Herrschaft des alten Verantwortlichkeitsgesetzes vom
29. Oktober 1944 verwirklicht haben, aber erst nach Inkrafttreten des
Staatshaftungsgesetzes am 1. Mai 2007 mittels Klageeinreichung (hier
konkret per 28. August 2009) bei einer Gerichtsinstanz anhängig gemacht
wurden, weil der ordentliche Rechtsweg damit am besten und
vernünftigsten garantiert werden kann und so auch keine unerwünschte
Parallelität der Gerichtsverfahren entstehen kann.
c) Zum anwendbaren Recht wurde ebenfalls schon im Teilurteil vom 6.
September 2011 rechtsverbindlich festgehalten, dass auf das zur
Diskussion stehende Haftungsereignis aus dem Jahre 1992 (zeitgerecht)
auch noch das damals gültige Verantwortlichkeitsgesetz vom 29. Oktober
1944 Anwendung finden müsse. Die Parteien sind sich grundsätzlich
darin einig, dass sich die materiellen Voraussetzungen für die Haftung
des Kreises anhand der am Tage der fehlerhaften Operation geltenden
Rechtslage zu beurteilen ist. Damals galt aber eben noch das Gesetz
über die Verantwortlichkeit der Behörden und Beamten und die Haftung
der öffentlich-rechtlichen Körperschaften vom 29. Oktober 1944 (vgl.
Beilage 22 der Klägerin [KB act. 22]). In Art. 4 dieses alten
Verantwortlichkeitsgesetzes (VG) war für die Behörden und Beamte des
Kantons, der kantonalen Anstalten und der Bezirke eine normale
Verschuldenshaftung vorgesehen, während Art. 5 Abs. 1 VG für
Behörden und Beamte der Kreise, der Gemeinden und der übrigen
selbständigen öffentlich-rechtlichen Anstalten nur bei absichtlicher oder
grobfahrlässiger Verletzung der Dienstpflichten eine Haftbarkeit vorsah.
Immerhin war in Art. 5 Abs. 2 VG noch die Möglichkeit vorgesehen, dass
die Kreise, Gemeinden usw. die Verantwortlichkeit auf dem Wege der
Gesetzgebung auch auf leichte Fahrlässigkeit ausdehnen könnten. Der
Kreis A._ (Beklagter) hat dies nicht gemacht. Weder die
Spitalordnung vom .... 1920 (vgl. Beilage 3 des Beklagten [BB act. 3])
noch die Verfassung vom .... 1990 (BB act. 1) sahen eine derartige
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Ausdehnung der Haftung vor. Erst im Spitalgesetz ... 1996 (BB act. 4)
des Beklagten erfolgte diese Ausdehnung, also in einem Zeitpunkt nach
der fehlerhaften Operation. Aus diesem Grunde ist das Gericht für den
vorliegenden Fall zur Ansicht gelangt, dass eine Haftung des Beklagten
nur für grobfahrlässiges Verhalten des damals operierenden Spitalarztes
bestanden hat.
Der Klägerin stellt sich dazu auf den Standpunkt, dass die vom alten
Verantwortlichkeitsgesetz getroffene unterschiedliche Haftung im
Vergleich zwischen dem Kanton und der Bezirke einerseits sowie den
Kreisen und Gemeinden anderseits sachlich in keiner Weise begründbar
und damit willkürlich sowie verfassungswidrig sei. Die Klägerin übersieht
dabei, dass es sich hier nicht um eine spezifisch für medizinisches
Personal geltende Haftungsnorm handelte, sondern um eine solche, die
generell für Beamte und Funktionäre der Kreise und der Gemeinden
Geltung hatte. Im Zusammenhang mit dem Erlass des
Verantwortlichkeitsgesetzes von 1944 hatte ursprünglich tatsächlich die
Absicht bestanden, die Haftung auch für Beamte der Kreise und der
Gemeinden auf leichte Fahrlässigkeit auszudehnen. Nachträglich kamen
der Regierung dann aber doch Bedenken bezüglich der Funktionäre der
Kreise und Gemeinden (vgl. PETER SALZGEBER, Die Amtshaftung im
schweizerischen Recht mit besonderer Berücksichtigung des
bündnerischen Verantwortlichkeitsgesetzes vom 29. Oktober 1944, Diss.
Zürich 1979, S. 298 ff.), da so die Gefahr bestehe, dass sich als Folge der
schärferen Haftung gerade pflichtbewusste Gemeinde- und
Kreisbewohner den Gemeinwesen nicht mehr zur Verfügung stellen
würden. Sie könnten möglicherweise befürchten, schon wegen kleineren
Nachlässigkeiten mit dem strengen Gesetz in Konflikt zu geraten. Der
Grosse Rat folgte dann diesen Bedenken und beliess es bezüglich der
Kreise und Gemeinden bei der bisherigen gültigen Regelung (d.h. nur
Haftung für absichtliche oder grobfahrlässige Pflichtverletzungen). Eine
Verletzung von Verfassungsrecht ist bei dieser unterschiedlichen
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Haftungsregelung für den Kanton und die Bezirke einerseits sowie die
Kreise und die Gemeinden anderseits für das Gericht aber nicht
ersichtlich, da diese Unterschiedlichkeit der Regelung sachlich durchaus
nachvollziehbar ist. Daran ändert auch nichts, dass im nachfolgenden
Staatshaftungsgesetz, welches am 1. Mai 2007 in Kraft trat, für alle
Gemeinwesen die gleichen Haftungsvoraussetzungen vorgesehen sind.
d) Bezüglich der Verjährungseinrede des Beklagten vermag sich das
streitberufene Gericht der Argumentation der Klägerin anzuschliessen. Zu
den gleichen Schlüssen ist im Übrigen auch das Berner
Verwaltungsgericht in seinem Urteil 100.2008.23499U vom 30. Juni 2010
i.S. Eidgenössische Invalidenversicherung gegen die Einwohnergemeinde
R._ gelangt.
Die I._ ist Mitglied der Schweizerischen Vereinigung für Haftpflicht-
und Motorfahrzeugversicherer, die 1981/82 mit dem Bundesamt für
Sozialversicherung eine Vereinbarung betreffend Verjährungsverzicht für
Regressansprüche abgeschlossen hat. In Ziff. 2a) dieser Vereinbarung
wurde bestimmt, dass die beteiligten Versicherungsgesellschaften
gegenüber Regressansprüchen nach Art. 48ter ff. AHVG und Art. 51 IVG
für sich und ihre Versicherten auf die Einrede der Verjährung verzichten, sofern der Regressanspruch rechtzeitig schriftlich angemeldet
worden sei (Replik: KB act. 2). Als Beginn der jeweils geltenden
Verjährungsfrist gelte derjenige Tag, an dem die Anmeldung zum
Leistungsbezug bei den zuständigen Organen der AHV oder IV
eingegangen sei. Vorliegend geschah dies am 21. September 1993 (KB
act. 8). Bereits am 15. November 1993 hat die Invalidenversicherung bei
der I._ als Vertreterin des Beklagten die Regressansprüche
angemeldet (KB act. 29), also rechtzeitig und innerhalb der einjährigen
Verjährungsfrist. Damit kam gleichentags, folglich ab dem 15. November
1993, der 10-jährige Verjährungsverzicht zum Tragen. Der
Verjährungsverzicht ist daher im November 2003 abgelaufen. Rechtzeitig
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ist in der Folge die schriftliche Verlängerung des Verjährungsverzichts
erfolgt, zunächst bis am 31. Dezember 2004 und danach lückenlos
jeweils jährlich bis zum 31. August 2009. Dabei hat die I._ auch
diese späteren Verlängerungen jeweils ausdrücklich im Namen der
Versicherten, also des Beklagten erklärt. Damit ist für das Gericht
verfahrensrechtlich hinreicht erstellt, dass die geltend gemachte
Regressforderung – sofern sie materiell tatsächlich Bestand haben sollte
– nicht verjährt ist.
3. a) In materieller Hinsicht müssen für die Anerkennung der Klage aus
Haftpflichtrecht in der Regel die vier folgenden Leistungskriterien erfüllt
sein. Erstens muss ein finanziell genau quantifizierbarer Schaden
entstanden sein; zweitens muss ein Kausalzusammenhang zwischen
dem Schadens-ereignis und dem erlittenen Schaden nachgewiesen
werden können; drittens muss der Eintritt des Schadens auf eine
Widerrechtlichkeit bzw. ärztliche Sorgfaltswidrigkeit des
Schadensverursachers zurückgeführt werden können und viertens muss
den Schädiger immer ein Verschulden (ausser bei Kausalhaftungen)
treffen, wobei je nach gesetzlicher Regelung ein ab-sichtliches oder
zumindest grobfahrlässiges Verschulden des Schädigers verlangt wird,
andernfalls bereits ein leichtes Verschulden zur Haftpflicht der dafür
verantwortlichen Organe, Institutionen oder Einzelpersonen genügen
kann. Im Lichte dieser Kriterien gilt es auch hier zu entscheiden, ob alle
vier Haftungskriterien durch den operierenden Spitalarzt bzw. des für ihn
haftenden Beklagten erfüllt wurden und damit die Klage grundsätzlich
Bestand hat, oder ob dies hier aus irgend einem Grunde gerade nicht der
Fall ist und die Klage deshalb abzuweisen wäre. Unbestritten ist allseits
geblieben, dass ein Schaden in der Grössenordnung von Fr. 422‘434.--
zzgl. Verzugszins (bei AHV-Pensionsalter von 65 Jahren für Frauen „De
lege ferenda“ [ab 1. Januar 2021]) bzw. von Fr. 415‘265.-- zzgl.
Zinstreffnis (bei AHV-Pensionsalter 64 Jahre für Frauen „De lege lata“ bis
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Ende 2020 gültig) entstanden ist und folgerichtig bezüglich
grundsätzlicher Regressberechtigung der Klägerin nicht weiter geprüft
werden muss. Dasselbe gilt bezüglich der Kausalität zwischen der
missratenen Polysinusitis-Operation im Jahre 1992 durch den
operierenden Spitalarzt (Behandlungsfehler) und den seither geklagten
sowie gutachterlich mehrfach bestätigten (dauerhaft verbleibenden)
Gesundheits- und Arbeitsbeeinträchtigungen der damals operierten
Spitalpatientin. Diese zwei Kriterien müssen in der Folge deshalb nicht
mehr erläutert werden, da sie vom Gericht schon (unbestritten und
anerkanntermassen) als erfüllt angesehen werden und auf weitere
Ausführungen dazu folglich verzichtet werden kann.
Klagegegenstand der nachfolgenden Erwägungen bilden aus
haftpflichtrechtlicher Perspektive somit im Besonderen einzig noch die
Kriterien des Verschuldens (Grobfahrlässigkeit) sowie der
Widerrechtlichkeit (Operationseingriff mit/ohne pflichtgemässe Aufklärung
der Patientin durch Operateur). Sodann werden noch die weiter
aufgeworfenen Fragen bezüglich Schadenszuordnung und
Schadenberechnung zu beantworten sein.
b) Gemäss Art. 8 und 9 VG des vorliegend anwendbaren Gesetzes über die
Verantwortlichkeit der Behörden und Beamten und die Haftung der
öffentlich-rechtlichen Körperschaften vom 29. Oktober 1944 (VG; aBR
170.050 – Erlass heute ausser Kraft) gilt eine Verschuldenshaftung (heute
Kausalhaftung) des Staates, wobei für die Gemeinden und die übrigen
Körperschaften eine Beschränkung auf Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit
besteht. Laut Art. 21 VG kommen subsidiär die Bestimmungen von Art. 41
ff. OR zur Anwendung, also die Grundsätze der ausservertraglichen
Haftpflicht (vgl. ANTON K. SCHNYDER/WOLFGANG PORTMANN/MARKUS
MÜLLER-CHEN, Ausservertragliches Haftpflichtrecht, 2. Aufl., Zürich 2013,
5. Kapitel: Verschulden und Verschuldenshaftung, S. 81 ff.; HEINZ REY,
Ausservertragliches Haftpflichtrecht, 4. überarbeitete und ergänzte
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Auflage, Zürich u.a. 2008, § 7 Verschuldenshaftung, S. 187 ff.). Die
Verschuldenshaftung setzt sich danach aus objektiven und subjektiven
Elementen zusammen. In objektiver Hinsicht gilt es, die konkrete
schädigende Handlung mit einem abstrakten Verhaltensmassstab zu
vergleichen. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang der
Gefahrensatz (vgl. HARDY LANDOLT/IRIS HERZOG-ZWITTER,
Arzthaftungsrecht, Zürich/St. Gallen 2015, Verschuldenshaftung versus
Gefährdungshaftung, N 48-50, S. 15 f.) Wer einen Zustand schafft, der
eine andere Person schädigen könnte, ist verpflichtet, die zur Vermeidung
dieses Schadens erforderlichen Massnahmen zu treffen (vgl. BGE 130 III
193 E.2.2, 126 III 113 E.2a/aa, 112 II 138 E.2/3). Nach diesem Grundsatz
handelt eine schädigende Person dann schuldhaft, wenn sie einerseits
einen Gefahrenzustand schafft bzw. aufrecht erhält und andererseits die
gebotenen Schutzmassnahmen nicht ergreift. Verglichen wird die zu
beurteilende Handlung mit derjenigen einer vernünftig und besonnen
handelnden Person. Es findet somit gleichsam eine Objektivierung des
Verschuldens statt, was nach herrschender Lehre aber hinzunehmen ist.
Als subjektives Element setzt das Verschulden zusätzlich Urteilsfähigkeit
bzw. Verschuldens- oder Deliktsfähigkeit voraus. Der Gesetzgeber im
Schweizerischen Obligationenrecht (OR – Ergänzung des
Schweizerischen Zivilgesetzbuches [ZGB; SR. 220 - Fünfter Teil])
unterscheidet zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit. Zudem differenzieren
Lehre und Rechtsprechung zwischen leichtem und schwerem
Verschulden. Den Vorsatz gilt es hier noch vertieft zu betrachten. Handelt
die schädigende Person nicht mit der unter den gegebenen Umständen
erforderlichen Sorgfalt, so handelt sie fahrlässig (BGE 137 III 539 E.5.2,
116 Ia 162 E.2c). Verletzt die schädigende Person durch ihr Verhalten
elementarste Vorsichtsgebote, deren Befolgung sich jeder vernünftigen
Person in der gleichen Situation aufdrängt, so handelt sie grobfahrlässig
(BGE 133 V 511 E.5.1, 121 V 40 E.3b, 119 II 443 E.2a, 115 II 283 E.2a).
Verletzt die schädigende Person die erforderliche Sorgfaltspflicht nur
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geringfügig, so liegt leichte Fahrlässigkeit vor (LANDOLT/HERZOG-ZWITTER,
a.a.O., Verhaltensunrecht/Missachtung von Schutznormen -
Sorgfaltspflichten, N 525-535, S. 171 f. und § 10 Verschulden, N 738-758,
S. 245 ff.; im Besonderen § 11 Die ärztliche Sorgfaltspflichtverletzung, N
759-850, S. 253 ff.). Gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts wiegt
die Fahrlässigkeit mittelschwer, wenn das Verschulden, ohne leicht zu
sein, nicht einen solchen Grad erreicht, dass es die Anwendung von Art.
44 Abs. 2 OR (=Herabsetzungsgrund) ausschliessen würde (BGE 100 II
332 E.3a). Im Lichte dieser Vorgaben gilt es auch hier zu entscheiden.
c) Nach Prüfung aller Fakten und Würdigung der dazu eingegangenen
Gutachten von Prof. Dr. H._ vom 23. August 1994 und PD Dr.
K._, Unispital I._, vom 24. Oktober 1995 (s. im Sachverhalt Ziff.
2) sowie im Besonderen dem Gerichtsgutachten von Prof. Dr. Q._
vom 21. April 2015 (s. dazu im Sachverhalt Ziff. 15-17) ist das
streitberufene Gericht hier zur Überzeugung gelangt, dass im konkreten
Fall eine grobe Fahrlässigkeit bezüglich des Verhaltens des am .... 1992
die Geschädigte operierenden Spitalarztes bejaht werden muss. Bereits
den Ausführungen der Klägerin in ihren Rechtsschriften (s. im
Sachverhalt Ziff. 4 – im Besonderen ad lit. A) Schadenszufügung, C)
Grobfahrlässigkeit, und D) Folgen der Operation) vermag sich das
Verwaltungsgericht weitgehend anzuschliessen. Dort wurde zu Recht
festgehalten, dass ein wiederholtes Stanzen trotz weggefallener Sicht
infolge starker Blutung der Patientin im Operationsgebiet eine Verletzung
elementarster Vorsichtsgebote darstelle. Es gilt dabei noch klarzustellen,
dass der begangene Kunstfehler des operierenden Spitalarztes nicht
darin liegt, dass die papier-/hauchdünne Augenhöhlendecke (lamina
papyracea) durchstossen wurde, sondern darin, dass der Operateur
wiederholt Stanzen in der Augenhöhle ohne Sicht (wegen Blut- und
Gewebematerial) anbrachte und dabei nicht zeitnah auf allfällige
Positionsveränderungen der Augäpfel achtete. Im Operationsbericht vom
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..... 1992 beschreibt der Chirurg bzw. operierende Spitalarzt noch selbst,
dass die Sicht im Operationsgebiet u.a. aufgrund einer Blutung schlecht
gewesen sei, "... sodass jatrogen die lamina papyracea eröffnet wird und
dieser Umstand während einigen Griffen mit der Stanze nicht erkennt
wird“ (KB act.1). Der beigezogene Experte Prof. Dr. Q._ antwortet in
seinem Gutachten vom 21. April 2015 auf die Fragen der Klägerin
diesbezüglich nicht ganz präzise und damit etwas ausweichend (vgl.
insbesondere Antwort auf Frage 14 der Klägerin auf S. 8). Die Antwort auf
Frage 15 der Klägerin lässt sodann aber kaum mehr Zweifel an der
Verletzung elementarster Vorsichtsgebote: Demnach hat der
verantwortliche Chirurg die Operation ohne ersichtlichen Grund erheblich
ausgedehnt und dabei die arteria ehtimoidalis anterior (vgl. Antwort auf
Frage 12 der Klägerin) verletzt, was die ohnehin schwierigen
Sichtverhältnisse noch zusätzlich einschränkte. Auch ohne diese
Komplikation gehörte es gemäss dem genannten Experten bereits 1992
zum Standard, dass bei der Verwendung von sog. Hajek-Stanzen im
Siebbeinbereich auch das Auge während des Stanzvorganges von
aussen betrachtet werden müsse. Dies sei deshalb nötig, da sich das
Auge bei einer Stanzbewegung - mit welcher in der Augenhöhle Gewebe
abgetragen wird - eindeutig bewege (Antwort auf Frage 15 der Klägerin
auf S. 8 des Gutachtens). Wenn nun also der Operateur während einigen
Griffen mit seiner Stanze nicht erkennt, dass er die Augenhöhle eröffnet
hat, so lässt dies keinen anderen Schluss zu, als dass er beim Einsatz
der Hajek-Stanze im Siebbeinbereich das Auge der Patientin von aussen
nicht betrachtet hat, obschon dies gemäss Experte zum Zeitpunkt der
strittigen Operation bereits zum Standard (operatives Allgemeinwissen)
gehörte. Wenn diese Vorkehr (Parallelüberwachung Augenstellung) somit
also schon unter normalen Operationsverhältnissen Standard ist, so wird
sie spätestens bei schwierigen Sichtverhältnissen (Vermeidung „Blindflug“
während OP) wie hier ohne Zweifel zu einem absolut wichtigen und
elementaren Vorsichtsgebot, das haftungs- und verantwortungsrechtlich
- 29 -
zwingend als "Muss"-Kriterium zu werten ist. Das Vorliegen einer groben
Fahrlässigkeit ist daher erstellt, womit sich die von der Klägerin
aufgeworfene Frage erübrigt, ob - wegen der Vertretung des Beklagten
durch die I._ und deren Handhabung des Direktschadens - die
Schwelle der Grobfahrlässigkeit für die Haftung des Beklagten faktisch
auf leichte Fahrlässigkeit (weil Anerkennung des Schadens durch
Betriebshaftpflichtversicherung schon längst erfolgt sei) gesenkt wurde
oder nicht (vgl. dazu im Sachverhalt noch Ziff. 2, Ziff. 5 [Klageantwort]
sowie Ziff. 17 der Beklagten).
4. a) Zur Widerrechtlichkeit gemäss Art. 41 Abs. 1 OR gilt es festzuhalten, dass
dieser die Aufgabe zukommt, die möglichen Tatbestände der Haftung in
einer noch zu konkretisierenden Weise einzuschränken. Würde nämlich
jeder Normverstoss, d.h. die Verletzung aller denkbaren Vorschriften, zu
einer Haftung führen, würde das die Haftbarkeit zu sehr ausdehnen.
Selbst wenn ein Verhalten einen Schaden verursacht und zu diesem im
Verhältnis der Kausalität steht, reicht das noch nicht aus, um eine Haftung
zu bejahen. Vielmehr bedarf es der Widerrechtlichkeit im Sinne eines
qualifizierten Normverstosses (vgl. SCHNYDER/PORTMANN/MÜLLER-CHEN,
a.a.O., 4. Kapitel: Widerrechtlichkeit, N 134 S. 57; REY, a.a.O., § 6
Widerrechtlichkeit, S. 153 ff.). Laut Rechtsprechung des Bundesgerichts
ist die Widerrechtlichkeit objektiv zu verstehen. Danach ist die
Schadenszufügung widerrechtlich, wenn ein absolutes Recht der
geschädigten Person verletzt (Erfolgsunrecht) oder ein
Vermögensschaden durch Verstoss gegen eine einschlägige Schutznorm
(Verhaltensunrecht) bewirkt wird (vgl. LANDOLT/HERZOG-ZWITTER, a.a.O.,
N 501, S. 162 f. mit Hinweis auf die Urteile: BGE 129 IV 322 E.2.2.2, 123
II 577 E.4c, 122 III 176 E.7b, 118 Ib 473 E.2b, 116 Ib 367 E.4b, 115 II 15
E.3a, 113 Ib 420 E.2 und 108 II 305 E.2b). Die Prüfung der
Widerrechtlichkeit hat sich demnach vorliegend sowohl auf den
eigentlichen Operationseingriff als solchen als auch auf die ärztliche
- 30 -
Aufklärungspflicht im Vorfeld der Operation zu beziehen (s.
LANDOLT/HERZOG-ZWITTER, a.a.O., § 12 Informationsfehler,
Aufklärungsgrundsatz N 853 ff., S. 281 ff.; Umfang und Zeitpunkt der
Aufklärung, N 870 und 902).
b) Nachdem die grobe Fahrlässigkeit bereits erstellt ist (vgl. E.3b, hiervor),
kommt der Frage einer ungenügenden oder gar fehlenden fachärztlichen
Aufklärung durch den operierenden Spitalarzt vor dem chirurgischen
Nasen-/Augenhöhleneingriff (Polysinusitis-Operation) vom ..... 1992 keine
entscheidende Bedeutung mehr zu. Grundsätzlich ist das streitberufene
Gericht im konkreten Fall der Ansicht, dass die Aufklärung der
Geschädigten durch den Operateur und Schadensverursacher
beweismässig nicht erstellt ist, zumal die Beweislast bei dieser
Verfahrenskonstellation selbstverständlich bei Letzterem bzw. dem für ihn
haftenden Beklagten liegt. Die rudimentären Notizen in der
Krankengeschichte – wie z.B. der Vermerk vom 15. November 1991:
„Gespräche ad OP“ – sind jedenfalls zu unspezifisch, als dass bereits
gestützt darauf auf eine umfassende Orientierung der Patientin über die
Gefahren und Risiken der betreffenden Operation zugunsten des
operierenden Chirurgen/Spitalarztes geschlossen werden könnte. Nach
Auffassung des Gerichts spielt es dabei keine Rolle, welche
Gepflogenheiten oder Usancen im betreffenden Spital anfangs der 90er
Jahre geherrscht haben. Die Klägerin führte in diesem Zusammenhang zu
Recht aus, dass das Bundesgericht bereits zum Zeitpunkt der
schädigenden Operation hohe Anforderungen an die Aufklärung eines
Arztes/einer Ärztin über die Gesundheitsrisiken eines geplanten Eingriffs
in die körperliche Integrität eines Patientin/einer Patientin gestellt hatte
(so schon BGE 117 Ib 197 E.2a-c vom 28. Mai 1991; also in einem
Zeitpunkt bevor die hier zur Diskussion stehenden Operation vom ... 1992
stattfand; BGE 133 III 121 E.4). Das Bundesgericht macht keinen
Unterschied zwischen Universitäts-, Zentrums- und Regionalspitälern in
- 31 -
Bezug auf den Nachweis der erfolgten Aufklärung und deren Umfang. Es
ist daher Sache des Beweisbelasteten, wie er mit dieser Situation
umgeht. Im vorliegenden Fall haben nun aber weder die
Krankengeschichte noch die Zeugenbefragungen des Operateurs und der
Geschädigten vom 30. Januar 2014 den verlangten Nachweis erbracht,
dass eine Aufklärung über die Risiken der bevorstehenden Operation
stattgefunden hätte und sich der operierende Spitalarzt somit absolut
korrekt verhalten hätte.
c) Selbst wenn aber der betreffende Chirurg und Spitalarzt seine damalige
Spitalpatientin klaglos und nachvollziehbar über die beabsichtigte
Infundibulektomie aufgeklärt hätte, so wäre diese Einwilligung und damit
der Rechtfertigungsgrund für den in Frage stehenden Körpereingriff hier
hinfällig bzw. ohne rechtliche Relevanz, und zwar aus zwei Gründen: Zum
einen deckt die tatsächliche oder hypothetische Einwilligung des
Patienten immer nur den nach den Regeln der ärztlichen Kunst (lege
artis) vorgenommenen Eingriff ab, nicht aber den unsorgfältigen Eingriff
(BGE 123 II 577 E.4d/ee); zum anderen hat der operierenden Spitalarzt
laut Gutachter seine Operation auf der rechten Seite deutlich über eine
Infundibulektomie ausgeführt, indem er seinen Eingriff bis zur
Schädelbasis nach hinten ausführte, und zwar bis in die Keilbeinhöhle,
welche er ebenfalls operativ eröffnete (Antwort auf Frage 15 der Klägerin
bzw. Frage 1 des Beklagten). Zudem konnte der Experte nicht
nachvollziehen, weshalb der operierenden Spitalarzt auf der rechten Seite
der Patientin deutlich ausgedehnter operierte, zumal die linke Seite
eigentlich mehr Erkrankung gezeigt hatte (Antwort auf Frage 16 des
Beklagten). Im Zuge der ausgedehnten Operation kam es dann zu einer
Verletzung der arteria ehtimoidalis anterior und durch den Blutaustritt
wiederum zu erschwerten Sichtverhältnissen. Von einer Einwilligung der
(aufgeklärten) Patientin und somit einem die Widerrechtlichkeit
ausschliessenden Rechtfertigungsgrund für den missratenen Eingriff in
- 32 -
deren körperliche Integrität/Unversehrtheit kann hier deshalb so oder
anders keine Rede sein.
5. Was die Schadenszuordnung und somit die ins Recht gefasste
Schuldnerschaft (hier Beklagter) der eingeklagten Forderung betrifft, so ist
unter den Parteien unbestritten und insbesondere auch unwiderlegt
geblieben, dass eine allfällige Regressforderung den Beklagten bzw. den
Arbeitgeber des operierenden Spitalarztes betrifft. An der
Passivlegitimation des Beklagten besteht für das streitberufene Gericht
deshalb ebenfalls nicht der geringste Zweifel (vgl. E.2a, hiervor). Diese
Rechtsauffassung ist sicherlich richtig, nachdem sich aus dem
Aktendossier ergibt, dass die Klägerin schon am 15. November 1993 bei
der damals zuständigen Betriebs-haftpflichtversicherung, I._, als
legitimierte Vertreterin des Beklagten ihre Regressansprüche angemeldet
hatte (KB act. 29). Der Regress beurteilt sich dabei allerdings noch nach
den inzwischen aufgehobenen Art. 48ter ff. AHVG und Art. 52 IVG.
Erinnert sei hier zudem daran, dass die erwähnte
Betriebshaftpflichtversicherung ebenso Mitglied der Schweizerischen
Vereinigung für Haftpflicht- und Motorfahrzeugversicherer ist, welche
1981/82 mit dem Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) eine
Vereinbarung betreffend Verjährungsverzicht für Regressansprüche
abgeschlossen hat (Replik: KB act.2). In Ziffer 2a) dieser Vereinbarung
wurde ausdrücklich bestimmt, dass die beteiligten
Versicherungsgesellschaften gegenüber Regressansprüchen gemäss Art.
48ter ff. AHVG und Art. 52 IVG für sich und ihre Versicherten auf die
Einrede der Verjährung verzichten, sofern der erhobene
Regressanspruch rechtzeitig schriftlich angemeldet worden sei. Gerade
dies ist hier geschehen, zumal die Klägerin nachweislich bereits 22
Monate nach der missratenen Operation in dieser Beziehung aktiv wurde
und so ein zuverlässiges und einleuchtendes Klagefundament für ihren
Regress legte.
- 33 -
6. a) Im Hinblick auf die Schadensberechnung und demnach die Höhe der vor
Verwaltungsgericht instanziierten Klagesumme gilt es festzuhalten, dass
die Klägerin tatsächlich und allseits unbestritten für die Zeit vom 1. Januar
1993 bis zum 31. August 2009 für die Geschädigte bereits
Rentenleistungen im Umfang von Fr. 296‘548.-- erbrachte. Der
Kapitalwert der ab dem 1. September 2009 bis zum 64. Altersjahr der
Geschädigten auszurichtenden Leistungen, bei Fr. 12‘156.-- pro Jahr,
beträgt somit Fr. 118'717.--. Insgesamt ist die Klagesumme der Klägerin
daher beim derzeit noch geltenden Pensionsalter für Frauen von 64
Jahren auf Fr. 415‘265.-- (Fr. 296‘548.-- + Fr. 118'717.--; s. KB 18) zu
beziffern. Die Schadensberechnung hat dabei nach Massgabe des
Nettolohnes zu erfolgen, obwohl die Arbeitgeberin der Geschädigten am
7. April 2005 im Fragebogen zu Handen der Invalidenversicherung noch
bestätigte, dass die bei ihr beschäftigte Lohnempfängerin (Geschädigte)
als N._ ein Monatssalär von Fr. 4‘850.-- verdienen könnte (KB 10).
Die Klägerin hielt dazu fest, es treffe zwar zu, dass die Arbeitgeberin in
den früheren Fragebögen von 1993 und 1997 das Valideneinkommen
lediglich auf bis zu Fr. 3‘200.-- pro Monat beziffert habe. Selbst wenn man
auf diese tieferen Einkommenszahlen (1993/1997) abstellen wollte, wäre
der entstandene Einkommensausfall mit Fr. 324‘909.-- aber stets noch
höher als die in der gleichen Zeitspanne effektiv ausgerichteten
Versicherungsleistungen von Fr. 296‘548.--. Der Anspruch der Klägerin
sei somit ausgewiesen.
Der Beklagte hält hingegen die Rentenverfügungen vom 23. September
1994 der IV-Stelle des Kantons Graubünden (im Sachverhalt Ziff. 3,
hiervor) für fehlerhaft, allenfalls sogar für nichtig. Die Klägerin habe die
Rente der Patientin (Geschädigten) nicht nach Massgabe des
Einkommensvergleichs bemessen und damit nicht der im Haftpflichtrecht
gebräuchlichen Berechnungsart für Erwerbsschäden entsprochen. So sei
der tatsächlich ausbezahlte Lohn der Patientin viel höher gewesen als der
- 34 -
Lohn, der die IV-Stelle ihrer Berechnung für die Ermittlungen des IV-
Grades zugrunde gelegt habe. Für unrechtmässig ausgerichtete
Versicherungsleistungen bestehe aber kein Regressrecht. Die Klägerin
habe die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit der Patientin mit 50 %
angenommen und sie sei deswegen von einem Invalideneinkommen von
Fr. 1‘550.-- pro Monat ausgegangen. Tatsächlich habe die Patientin
allerdings auch nach der missratenen Operation am ..... 1992 weiterhin
den vollen Lohn von Fr. 3‘100.-- pro Monat bezogen. Die Arbeitgeberin
der Patientin begründete diese Gehaltshöhe damit, dass die Geschädigte
zugleich noch Minderheitsaktionärin derselben Gesellschaft sei.
Korrekterweise hätte die Klägerin bei dieser Konstellation damit aber beim
Invalideneinkommen vom tatsächlich bezogenen Lohn ausgehen müssen,
da für unrechtmässig ausgerichtete IV-Leistung-en überhaupt kein
Regressrecht bestehe.
b) Damit der mit der vorliegenden Klage eingeforderte Regressbetrag in
vollem Umfang zugesprochen werden kann, müssen die von der Klägerin
ausgerichteten Rentenleistungen auch dem haftpflichtrechtlich relevanten
Schaden der Rentenempfängerin entsprechen (BGE 134 III 489 E.4). Wie
die Klägerin dazu korrekt ausführt, ist die sachliche Kongruenz gegeben,
da die Rente der Patientin/Geschädigten ausschliesslich nach Massgabe
des Einkommensvergleichs bemessen wurde, was dem
haftpflichtrechtlich relevanten Erwerbsschaden entspricht. Die
Geschädigte war vor dem schädigenden Ereignis vollzeitig erwerbstätig
und sie wäre es weiterhin geblieben, wie die Zeugenbefragung vom 30.
Januar 2014 gezeigt hat (s. dort Antworten der Zeugin auf Fragen 4 und 6
von Rechtsanwalt Markus Schmid). Weiter ist auch die ereignisbezogene
Kongruenz gegeben, weil die Rentenleistungen der Klägerin aufgrund
desselben Ereignisses ausbezahlt werden, welches auch zu einem
haftpflichtrechtlichen Schaden geführt hat. Dasselbe ist zur persönlichen
Kongruenz zu sagen. Auch diese Kongruenz zwischen Rente und
- 35 -
Haftpflichtanspruch scheint dem Gericht gegeben zu sein, im Besonderen
auch in Bezug auf die Kinderrenten, welche nicht den Kindern zustehen,
sondern den erziehungsberechtigten Personen, an welche sie ausbezahlt
werden (vgl. im Sachverhalt Ziff. 4 - Klage Rz. 76 mit Literaturhinweis).
c) Was das Vorbringen des Beklagten betrifft, die Berechnungen der
Invalidenversicherung zum Invaliditätsgrad und damit zur Rentenhöhe
seien fehlerhaft erfolgt, gilt es auf das Urteil des Bundesgerichts
4C.374/2005 vom 10. Januar 2006 E.4.1 hinzuweisen; darin schloss sich
das Bundesgericht der Auffassung der Eidgenössischen
Invalidenversicherung an, wonach das Sachgericht in einem
Regressprozess zur - vorfrageweisen - Feststellung der
Leistungsansprüche nach dem Invalidenversicherungsgesetz (IVG) nicht
noch einmal denselben Aufwand zu treiben habe, wie die zuständigen
Behörden der Sozialversicherung. Die Voraussetzungen der gesetzlichen
Leistungen im Sinne von Art. 48ter AHVG seien – mit Verweis auf BGE
110 V 176 E.2a – erfüllt, wenn die entsprechenden Leistungen in einer
Verfügung festgelegt wurden, soweit diese weder nichtig noch mit einem
Mangel behaftet sei, der nach der Praxis zur Wiedererwägung führen
könnte. Das Gericht ist dazu im Einklang mit der Klägerin der Auffassung,
dass die Rentenverfügungen vom 23. September 1994 weder nichtig
noch mit einem schwerwiegenden Mangel behaftet sind und ihnen daher
volle Rechtsverbindlichkeit zukommt (vgl. KB act. 11 und 12).
d) Die Klägerin behandelt in ihrer Klage (im Sachverhalt Ziff. 4 – Klage Rz.
69 ff.) umfassend die Sozialkomponente des Lohnes der Patientin/Ge-
schädigten nach der missratenen Operation. Auf Rückfrage der Behörden
wurde dieser Lohn von der Arbeitgeberin noch dokumentarisch belegt. In
ihrem Schreiben vom 11. August 2005 legt dieselbe Arbeitgeberin noch
dar (KB act. 57), dass sie das 50 %-Pensum der Geschädigten zu 100 %
entlöhne, um zu vermeiden, dass die Patientin als Mitinhaberin der Firma
- 36 -
(Minderheitsaktionärin) Ergänzungsleistungen beziehen müsse. Dass
solche Zahlungen bei der Invaliditätsbemessung nicht zu berücksichtigen
sind, hat das Bundesgericht aber bereits mehrfach entschieden (so u.a.
bereits in BGE 104 V 90; bestätigt in den Urteilen des Bundesgerichts
9C_670/2014 vom 13. Mai 2015 E.3.1, 3.3, 4.2 und E.5.1, 5.2 sowie
9C_622/2012 vom 18. März 2013 E.2.2). Die von der Beklagten
behaupteten Mängel bei den Rentenverfügungen sind somit nirgends
ersichtlich.
e) Was die Höhe der Regressforderung angeht, so besteht für das Gericht
keinerlei Zweifel, dass die Berechnungen der Klägerin korrekt ausgefallen
sind, zumal die Beklagte diese auch nie bestritten hat. Nach heutigem
Gesetzes- und Erkenntnisstand wird die Geschädigte mit 64 und nicht
erst mit 65 Jahren das AHV-berechtigende Pensionsalter erlangen,
obwohl die Erhöhung des AHV-Alters voraussichtlich schrittweise schon
ab 2018 eingeführt und dieser Systemwechsel auf den 1. Januar 2021
abgeschlossen und umgesetzt sein soll. Die sich im Parlament
abzeichnende Tendenz für die Erhöhung des AHV-Alters für Frauen auf
65 Jahre ("de lege ferenda") reicht nach Ansicht des Gerichts hier aber
nicht aus, um sich über das aktuell noch geltende AHV-Pensionsalter für
Frauen von 64 Jahren ("de lege lata") hinwegzusetzen (s. KB act. 18).
Laut Beschluss des Ständerates vom September 2015 geht die politische
Entwicklung derzeit dahin, dass auf den 1. Januar 2018 die Einführung
einer entsprechenden Gesetzesrevision angegangen wird und das
Frauenrentenalter ab 1. Januar 2021 neuerdings 65 Jahre betragen sollte.
Eine erste Erhöhung erfolgt auf den 1. Januar 2018 um drei Monate, die
nächsten Schritte erfolgen auf Anfang 2019 (sechs Monate), 2020 (neun
Monate) und 2021 (12 Monate). Die heute 58-jährige Patientin wird im
Jahre 2022 das aktuell gültige AHV-Rentenalter von 64 Jahren erreichen.
Wollte man dazu anderer Meinung sein, würde sich die Klagesumme auf
Fr. 422‘434.-- (Fr. 296‘548.-- plus [künftige Rente kapitalisiert bis 2023]
- 37 -
Fr. 125‘886.--) belaufen. Nach Ansicht des streitberufenen Gericht ist
vorliegend jedoch auf das jetzt gültige AHV-Pensionsalter abzustellen
(vgl. zum Ganzen: Medienmitteilung der Bundesversammlung vom 19.
August 2016 betreffend "AHV und Pensionskassen für die Zukunft
sichern" [https: //www.parlament.ch/press-releases/Pages/mm-sgk-n-
2016-08-19-b.aspx] sowie Abstimmungsunterlagen für den 25. September
2016 betreffend (2. Volksinitiative vom 17. Dezember 2013 "AHV-plus: für
eine starke AHV", BBl 2015 9551,
[https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/me-
dienmitteilungen.msg-id-61671.html]). Die berechtigte und zu schützende
Regressforderung beläuft sich im konkreten Fall somit auf Fr. 415‘265.--
(Fr. 296‘548.-- plus [künftige Rente kapitalisiert bis 2022] Fr. 118'717.--).
f) Der Beklagte macht weiter geltend, dass die I._ der Arbeitgeberin
der Patientin/Geschädigten Lohnvorschusszahlungen bis zum 31. März
1994 zurückerstattet habe (unter Verweis auf KB act. 54); die Klägerin
mache aber Rentenleistungen für die Zeit ab dem 1. Januar 1993 geltend
(so in Klageantwort S. 14, zweiter Absatz). Die Klägerin wendet dagegen
in ihrer Replik (im Sachverhalt Ziff. 7 – Replik Rz. 55) ein, dass die
vermeintlich von der Betriebshaftpflichtversicherung erbrachten
Leistungen nicht quantifiziert würden, sodass nicht geprüft werden könne,
ob solche Leistungen auf den Regressanspruch angerechnet werden
könnten; zumal auch nicht klar sei, ob solche Leistungen durch den
Haftpflichtversicherer bereits im Rahmen der Regelung des
Direktschadens berücksichtigt worden seien. Diese Ausführungen blieben
in der Duplik unerwidert (im Sachverhalt Ziff. 8). Das Gericht erachtet
diese vom Beklagten vorgetragenen rechtshindernden Behauptungen -
gleichermassen wie die Klägerin - als zum Beweisthema des Beklagten
gehörend. Während die Klägerin nachweist, Versicherungsleistungen ab
dem 1. Januar 1993 ausgerichtet zu haben, werden auf Seiten des
Beklagten keine Beweise vorgebracht, wonach ein bestimmter Geldbetrag
- 38 -
effektiv noch an die Regressforderung angerechnet werden sollte. Aus
diesem Grunde taxiert das streitberufene Gericht die erbrachten
Rentenleistungen der Klägerin als beweisrechtlich genügend aus- und
nachgewiesen.
g) Zur Geltendmachung von Verzugszinsen ist zu sagen, dass auf eine
solche Forderung gemäss der bereits eingangs im Zusammenhang mit
der Verjährung erwähnten Vereinbarung (s. E.2d, hiervor) zwischen den
Haftpflichtversicherern und dem Bundesamt für Sozialversicherung (BSV)
jeweils verzichtet wird, sofern der Haftpflichtige angemessene
Akontozahlungen leistet. Da die damalige Betriebshaftpflichtversicherung
keine solchen Akontozahlungen getätigt hat, ist/bleibt es der Klägerin
unbenommen, solche nunmehr doch noch zu verlangen. Diese Zinspflicht
würde natürlich gleichwohl bestehen, selbst wenn die Vertretung des
Beklagten durch die damalige Betriebshaftpflichtversicherung, I._
Versicherungsgesellschaft, vorher durch das Gericht verneint worden
wäre (s. dazu E.5, hiervor). Die Höhe des Verzugszinses von 5 % ist
ebenfalls korrekt, da sie dem nach Art. 73 Abs. 1 OR vorgesehenen
Zinstreffnis für solche Fälle entspricht. Ferner gibt es auch an den
festgelegten Laufzeiten (zuerst vom 1. Januar 1993 bis zum 31. August
2009 [= Fr. 126‘744.--] und danach noch ab dem 1. September 2009)
nichts auszusetzen, zumal diese Zeitfenster zutreffen und sich selbst der
Beklagte nicht dagegen zur Wehr setzte.
7. a) In Anbetracht des Ausgangs dieses Klageverfahren werden die
Gerichtskosten gestützt auf Art. 73 Abs. 1 VRG dem materiell beinahe
vollständig unterliegenden Beklagten auferlegt. Eine Änderung bzw.
kleine Reduktion der Klagesumme um Fr. 7'169.-- (Fr. 422'434.-- minus
Fr. 415'265.--) ist einzig wegen des zu hoch veranschlagten AHV-
Pensionsalters (65 statt recte aktuell 64 Jahre) vorzunehmen, was
ziffernmässig bei einer zinsbereinigten Streitsumme von weit über 1⁄2
- 39 -
Million Franken aber keinen Einfluss auf die Kostenverlegung haben
kann, obwohl im Dispositiv aus genau diesem Grunde konsequenterweise
nur noch auf eine teilweise Gutheissung der Klage erkannt werden kann.
Das erstinstanzliche Gericht erachtet hier ermessensweise eine
Staatsgebühr von Fr. 20‘000.-- für angemessen, weil es sich um eine rein
vermögensrechtliche Angelegenheit mit beträchtlichem Streitwert handelt.
Das Verfahren war zudem komplex und es mussten ein Teilurteil und ein
Haupturteil gefällt werden. Es wurde ein gerichtliches Gutachten (Kosten
Fr. 6‘000.--) eingeholt und zwei Zeugen (Auslagen Fr. 195.--) wurden
einvernommen. Die entstandenen, für die Fallbeurteilung notwendigen
und unverzichtbar verursachten Mehrkosten in Bezug auf das
Gerichtsgutachten vom 21. April 2015 und die Zeugeneinvernahmen vom
30. Januar 2014 sind dabei verfahrensbedingt ebenfalls dem Beklagten -
zusätzlich zur Staatsgebühr - zu überbinden.
b) Laut Art. 78 Abs. 2 VRG wird dem Bund, dem Kanton und den
Gemeinden sowie den mit öffentlich-rechtlichen Aufgaben betrauten
Organisationen in der Regel keine Parteientschädigung zugesprochen,
wenn sie in ihrem amtlichen Wirkungskreis obsiegen. In Lehre und
Rechtsprechung sind Ausnahmen von dieser Grundregel aber denkbar
und anerkannt, so namentlich wenn es um Regressansprüche von
Sozialversicherungsträgern in einem Klageverfahren geht, da sich dieses
dem Zivilprozess entsprechend nach der Verhandlungsmaxime (Art. 55
Abs. 1 der Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO; SR 272]) und der
Dispositionsmaxime (Art. 58 Abs. 1 ZPO) – anstatt der im öffentlichen
Recht sonst üblichen Offizial- und Untersuchungsmaxime – richtet,
weshalb die Folgen der Beweislosigkeit laut Art. 8 des Schweizerischen
Zivilgesetzbuches (ZGB; SR 210) hier derjenige zu tragen hat, der daraus
Rechte und Ansprüche zu seinen Gunsten herleiten möchte. Im Sinne
einer Ausnahme sind deshalb bei Forderungs- und Regressansprüchen
durch Sozialversicherungsträger angemessene Parteientschädigungen
- 40 -
möglich und rechtlich zulässig (MARCEL ALEXANDER NIGGLI/PETER
UEBERSAX/HANS WIPRÄCHTIGER [Hrsg.], THOMAS GEISSER in: Basler
Kommentar [BSK] zum Bundesgerichtsgesetz [BGG], 2. Aufl. Basel 2011,
zu Art. 68 N 21 in fine S. 762-763; sowie noch einmal Urteil des
Bundesgerichts 4C.374/2005 vom 10. Januar 2006 E.5 – wenn auch dort
ohne nähere Begründung).
Ausgangspunkt für die Gewährung einer Parteientschädigung zu Gunsten
der materiell überwiegend obsiegenden Klägerin ist hier ihre anwaltliche
Honorarnote vom 9. Juni 2016, worin eine Entschädigung von insgesamt
Fr. 38‘325.50 (unterteilt in Bemühungen bis Ende 2010 von Fr. 22‘349.05
sowie Bemühungen ab Januar 2011 von Fr. 15‘976.45) geltend gemacht
wurde (gegliedert in: Aufwand bis Ende 2010: 81.5 Arbeitsstunden à Fr.
240.-- [Fr. 19‘560.--] plus Auslagen [Porti/Kopien/Telefonate] Fr. 1‘210.50,
und plus MWST 7.6 % [Fr. 1‘578.55], ergibt Zwischentotal Fr. 22‘349.05;
plus Aufwand ab Januar 2011: 60 Arbeitsstunden à Fr. 240.-- [Fr. 14‘400.-
-] zzgl. Auslagen [Porti/Kopien/Telefonate] Fr. 393.--, MWST 8.0 % [Fr.
1‘183.45], ergibt 2. Zwischentotal Fr. 15‘976.45). An der Höhe und
Zusammensetzung dieser Honorarnote über total Fr. 38‘325.50 gibt es
aus Sicht des Gerichts nichts zu bemängeln oder nach unten zu
korrigieren, zumal die anwaltliche Honorarnote vom 10. Juni 2016 des
Beklagten mit insgesamt Fr. 61‘511.65 noch bedeutend höher ausfiel,
was ebenfalls für den Bestand und die Verhältnismässigkeit der besagten
Honorarnote der Klägerin vom 9. Juni 2016 spricht. In diesem Umfang hat
der unterliegende Beklagte die Klägerin also noch aussergerichtlich zu
entschädigen.
c) Zur Rechtmittelbelehrung sei einzig noch klargestellt, dass das
streitberufene Verwaltungsgericht bei Staatshaftungsfragen neu als erste
Gerichtsinstanz fungiert und gegen dessen Urteil (ab Zustellungsdatum)
innert 30 Tagen die Weiterzugsmöglichkeit an das Kantonsgericht
Graubünden besteht (vgl. Art. 85b VRG als Übergangsbestimmung
- 41 -
betreffend 'doppelter Instanzenzug' im Kanton Graubünden; sowie
Botschaft Heft Nr. 7/2015-2016 S. 373; laut Kantonsamtsblatt vom 4.
Februar 2016 ist Art. 85b VRG rückwirkend per 1. Februar 2016 in Kraft
gesetzt worden).