Decision ID: 9a52aad8-d561-55cb-975a-91ea73df6e64
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin hat ihren Angaben zufolge zusammen mit ihren
Kindern am 20. Februar 2016 (beziehungsweise gemäss Eintrag im Pass,
S. 15, am 4. Dezember 2015) Syrien verlassen und reiste in den Libanon.
Am 23. Februar 2016 flog sie mit ihren Kindern mit einem Visum von Beirut
über Istanbul nach Zürich. Am 9. März 2016 suchten die Beschwerdefüh-
rerin und ihre Kinder im damaligen Empfangs- und Verfahrenszentrum
(EVZ) in E._ um Asyl nach.
B.
Anlässlich der Befragung zur Person (BzP) vom 31. März 2016 sowie der
Anhörung zu den Asylgründen vom 16. August 2018 trug sie im Wesentli-
chen folgenden Sachverhalt vor:
Sie stamme aus F._ und sei jezidischen Glaubens. Sie habe die
Schule besucht und das (...) im Jahr (...) abgeschlossen. Im Jahr 2004
habe sie geheiratet. In den Jahren (...), (...) und (...) seien ihre Kinder zur
Welt gekommen. Bis zum Jahr 2012 habe sie als (...) in F._ gear-
beitet. Im Oktober 2013 sei die Familie nach G._ / H._
(I._) gezogen. Die Ortschaft sei zunächst unter der Kontrolle der
Regierung gestanden, später sei sie in die Hände der Al-Nusra-Front gera-
ten und man habe die Ortschaft anfangs nicht verlassen können. Im Jahr
2014 habe ihr Mann das Haus verlassen, um Arbeit zu suchen, und sei
nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Sie vermute, er sei entführt worden.
Sie sei alleine mit den Kindern zurückgeblieben und habe keine Nachricht
mehr von ihm gehabt. Nachdem ihr Mann verschwunden sei, sei es zu
Hausdurchsuchungen gekommen. Sie sei dabei unter Druck gesetzt wor-
den, zum Islam zu konvertieren, da sie jezidischen Glaubens sei. Einmal
sei sie zu einem Zentrum der Al-Nusra-Front mitgenommen worden und
man habe von ihr verlangt, von ihrem Glauben abzukommen und Muslimin
zu werden. Sie habe sich geweigert und sei dann von zwei Männern ver-
gewaltigt worden. Bei einer weiteren Kontrolle bei ihnen zu Hause habe ein
Mann ein Messer an den Hals ihres Sohnes gelegt und ihnen erneut ge-
droht.
Im August 2015 sei es in H._ zu Bombardierungen gekommen und
sie sei nach J._ geflohen. Sie habe zunächst in einem grossen
Haus mit anderen Vertriebenen gewohnt, später sei sie zu einer Christin
gezogen. Dort sei sie von einem Imam unter Druck gesetzt worden. Er
habe ihr gesagt, als alleinstehende Frau müsse sie wieder heiraten. Bis zu
E-1574/2019
Seite 3
ihrer Ausreise aus Syrien sei sie in J._ geblieben. Die allgemeine
Lage in Syrien sei schlecht gewesen, es habe Bombardierungen und Ent-
führungen gegeben. Deswegen habe sie um ihr Leben und das ihrer Kinder
gefürchtet. Ihre Schwester, welche sich bereits in der Schweiz befunden
habe, habe über das Rote Kreuz ein humanitäres Visum für sie beantragt.
Erst als sie bereits in der Schweiz gewesen sei, habe sie wieder mit ihrem
Mann Kontakt aufnehmen können. Er sei kurze Zeit später ebenfalls in die
Schweiz gereist. Das gemeinsame Leben in der Schweiz gestalte sich in-
des schwierig und er sei aus dem gemeinsamen Haushalt ausgezogen.
Die Kinder seien nun bei ihr wohnhaft. Die Familie ihres Mannes bezie-
hungsweise sein Bruder drohe nun ihrem Vater, welcher sich noch in Syrien
aufhalte. Auch ihr sei gedroht worden, man werde sie töten, sollte sie nach
Syrien zurückkehren.
Sie reichte ihren Pass, ihren Führerschein und die Pässe ihrer Kinder, so-
wie eine Bestätigung des «Eziden Zentrums Deutschland», ein.
C.
An der Anhörung reichte die Beschwerdeführerin ein Schreiben vom 13.
August 2018 einer weiteren Anwältin, Frau Christina Mühlematter, ein. Da-
raus geht hervor, dass die Anwältin in Sachen Eheschutz die Beschwerde-
führerin vertrete. Der Ehemann habe den ehelichen Haushalt am 25. April
2018 verlassen und die Anwältin werde in den nächsten Tagen ein Ehe-
schutzgesuch beim Gericht einreichen.
D.
Mit Verfügung vom 26. Februar 2019 – eröffnet am 1. März 2019 – wies
das SEM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin und ihrer Kinder ab und
ordnete die Wegweisung an, wobei es den Vollzug der Wegweisung infolge
Unzumutbarkeit zu Gunsten einer vorläufigen Aufnahme der Beschwerde-
führerin und ihrer Kinder aufschob. Die Verfügung begründete es im We-
sentlichen mit der Unglaubhaftigkeit der Vorbringen.
E.
Mit Eingabe vom 1. April 2019 beim Bundesverwaltungsgericht liess die
Beschwerdeführerin durch die rubrizierte Rechtsvertreterin Beschwerde
gegen die Verfügung des SEM vom 26. Februar 2019 erheben und bean-
tragen, die Verfügung des SEM sei aufzuheben, die Flüchtlingseigenschaft
der Beschwerdeführerin sei festzustellen, und ihr sei Asyl zu gewähren. In
verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen
E-1574/2019
Seite 4
Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses und die Beiordnung eines amtlichen Rechtsbeistands beantragt.
In der Beschwerde wurde an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen festgehal-
ten.
Der Beschwerde wurde eine Fürsorgebestätigung beigelegt.
F.
Am 5. April 2019 wurde der Eingang der Beschwerde bestätigt.
G.
Mit Verfügung vom 9. April 2019 hielt die Instruktionsrichterin fest, die Be-
schwerdeführerin und die Kinder könnten den Ausgang des Verfahrens in
der Schweiz abwarten, zumal sie ohnehin bereits über den Status einer
vorläufigen Aufnahme verfügten. Gleichzeitig hiess sie das Gesuch um un-
entgeltliche Prozessführung gut und verzichtete auf die Erhebung eines
Kostenvorschusses. Das Gesuch um amtliche Rechtsverbeiständung
wurde ebenfalls gutgeheissen und Frau MLaw Eliane Gilgen wurde als
amtliche Rechtsbeiständin eingesetzt. Die Vorinstanz wurde eingeladen,
sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen.
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 30. April 2019 hielt die Vorinstanz fest, die
Beschwerde enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen oder Beweismit-
tel, welche eine Änderung ihres Standpunktes rechtfertigen könnten.
I.
Am 6. Mai 2019 wurde der Beschwerdeführerin die Vernehmlassung des
SEM zur Kenntnisnahme zugestellt.
J.
Das erstinstanzliche Verfahren des Ehemannes der Beschwerdeführerin
wurde von der Vorinstanz zwar unter derselben Verfahrensnummer geführt
(N [...]). Das Asylgesuch des Ehemannes wurde indes mit einer separaten
Verfügung behandelt, gegen welche der Ehemann ebenfalls beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde erhob (E-1543/2019). Die erstinstanzli-
chen Verfahrensakten sowie die Beschwerdeakten des Ehemannes wur-
den im vorliegenden Beschwerdeverfahren beigezogen.
E-1574/2019
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht
vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Die Be-
schwerdeführenden haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und haben
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung; sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
und aArt. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf
die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
E-1574/2019
Seite 6
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte in der ablehnenden Verfügung aus, die Beschwerde-
führerin habe angegeben, sie sei in G._ im Dorf H._ einge-
schlossen gewesen. An den dortigen Kontrollposten sei sie aufgefordert
worden, ihren Glauben abzulegen und ein Kopftuch zu tragen. Ausserdem
habe es Hausdurchsuchungen gegeben und sie sei in ein Zentrum mitge-
nommen worden, wo sie vergewaltigt worden sei. Bereits dem freien Be-
richt über ihre Asylgründe fehle es jedoch an jeglicher Tiefe. Sie habe vor-
wiegend die schlechte wirtschaftliche Lage und die fehlende Sicherheit im
Land geschildert. Auf weitere Gründe angesprochen habe sie die schlechte
Lage etwas detaillierter ausgeführt und die Lage mit einem Beispiel veran-
schaulicht. Sie habe auch erwähnt, dass Leute mit dem Glauben der
Zardasht besonders davon betroffen gewesen seien. Erst nach zwei wei-
teren Fragen habe sie verlauten lassen, dass sie persönlich etwas erlebt
habe. Aufgefordert, darüber zu erzählen, habe sie in zahlreichen etwas un-
zusammenhängenden Sätzen sinngemäss angegeben, dass sie nach ei-
ner Hausdurchsuchung in ein Zentrum mitgenommen worden sei. Der An-
führer habe sie aufgefordert, ihren Glauben zu ändern, was sie aber abge-
lehnt habe. Daraufhin sei sie von zwei Männern vergewaltigt worden. Da-
nach sei weiterhin Druck auf sie ausgeübt worden und auch ihr Sohn sei
einmal mit einem Messer bedroht worden. Den freien Bericht habe sie mit
einer allgemein gehaltenen Schilderung der Auseinandersetzung der Dorf-
bewohner mit der Al-Nusra-Front beendet. All diesen Schilderungen fehle
es indes an der erforderlichen Tiefe. Auf die Frage, wie es gewesen sei, in
H._ eingeschlossen zu sein, habe sie lediglich angegeben, sie
habe das Dorf nicht verlassen können, da es Barrikaden gegeben habe.
Diese Antwort vermöge indes in keiner Weise darzulegen, wie die Situation
vor Ort gewesen sei. In Anbetracht ihrer unsicheren und verletzlichen Le-
E-1574/2019
Seite 7
benssituation sowie der Dauer, während welcher sie in H._ einge-
schlossen gewesen sei, wären ausführlichere und substantiiertere Schilde-
rungen zu erwarten gewesen. Sie sei ferner aufgefordert worden, über die
ersten Probleme an einem Kontrollposten zu berichten. Sie habe angege-
ben, dass die Männer ihr gesagt hätten, sie müsse ein Kopftuch tragen.
Danach sei sie auf ein anderes Thema ausgewichen. Auch diese Antwort
sei vage und oberflächlich ausgefallen. Sie habe keine Details geschildert,
welche den Eindruck erweckt hätten, dass sie die Ereignisse tatsächlich
erlebt habe. Auch ihre Schilderungen, wie die Hausdurchsuchungen statt-
gefunden hätten, seien nicht wesentlich substantiierter gewesen. Ihre Aus-
führungen seien allgemein und detailarm geblieben. Schliesslich sei sie
aufgefordert worden, detailliert über den Tag zu berichten, an welchem sie
in das Zentrum mitgenommen worden sei. Einleitend habe sie zu Protokoll
gegeben, dass sie sich in dieser Lebenssituation unsicher gefühlt habe.
Sie habe aber nicht nein sagen können, und habe dem Befehl mitzugehen
Folge geleistet. Die Erzählung in Bezug auf die Fahrt mit dem Auto bis zum
Zentrum sei aber knapp geblieben. Auch der Beschreibung des Zentrums
fehle es an jeglicher Tiefe. Die Ausführungen, wie die Personen vor Ort
vorgegangen seien, seien ebenfalls oberflächlich und stereotyp ausgefal-
len. Ihre Schilderungen in Bezug auf die Ereignisse nach der Vergewalti-
gung seien wiederum nicht erlebnisgeprägt ausgefallen. Hinzukommend
seien ihre Aussagen, wie sich ihr Leben nach dem Vorfall verändert habe,
undifferenziert geblieben. Ihre Aussagen hätten insgesamt nicht zu über-
zeugen vermocht.
Im Verlauf der Anhörung seien zudem Zweifel aufgekommen, ob sie sich
tatsächlich von Oktober 2014 bis zum August 2015 in H._ in
G._ aufgehalten habe. Ihr seien zahlreiche Fragen zu den dortigen
Örtlichkeiten gestellt worden, sie habe jedoch nicht überzeugend darlegen
können, dass sie sich tatsächlich für so lange Zeit in dem Gebiet aufgehal-
ten habe. Sie habe nicht anzugeben vermocht, wo sie sich ein Jahr lang in
H._ aufgehalten habe. Sie habe H._ auch nicht beschreiben
können und habe nicht gewusst, wie die Moschee dort geheissen habe
oder wo sich das Krankenhaus befinde. Sie habe auch keine Strassenna-
men nennen können oder beschreiben können, wo sie einkaufen gegan-
gen sei.
Hinzukommend habe sie widersprüchliche Angaben gemacht. An der BzP
habe sie zunächst angegeben, sie habe nach der Entführung ihres Ehe-
mannes bis zu ihrer Ausreise am 20. Februar 2016 in G._,
E-1574/2019
Seite 8
I._ gelebt. Später habe sie in der BzP angegeben, sie habe im Au-
gust 2015 Doma verlassen und sei zusammen mit einer Christin nach
J._ geflohen. Sie seien bei Verwandten der Christin untergekom-
men. Anlässlich der Anhörung habe sie hingegen ausgesagt, sie habe die
Frau erst in J._ kennen gelernt und sie habe mit ihren Kindern bei
der Frau gewohnt, welche zuvor alleine gewohnt habe. Sie habe den Wi-
derspruch auf Nachfrage nicht zu erklären vermocht. Im Übrigen habe sie
die Probleme mit einem Imam in J._, welcher von ihr verlangt habe,
erneut zu heiraten, sowie ihre Angst, dass ihre Kinder entführt würden, nur
an der BzP, jedoch nicht an der Anhörung angegeben.
Zusammenfassend habe sie nicht glaubhaft machen können, in H._
bei G._ gelebt zu haben. Abgesehen davon würden ihre Vorbringen
in Bezug auf das Leben in einem besetzten Gebiet, die Hausdurchsuchun-
gen und die Mitnahme in das Zentrum konstruiert und stereotyp wirken. Die
widersprüchlichen Angaben würden diese Einschätzung bestätigen, wes-
halb ihre Vorbringen nicht geglaubt werden könnten.
4.2 In der Beschwerde wird moniert, das SEM habe ausser Acht gelassen,
dass sich in ihren Aussagen zahlreiche Realkennzeichen befinden würden.
Als die Beschwerdeführerin über ihre konkreten Probleme mit Mitgliedern
der Al-Nusra-Front habe berichten müssen, habe sie zu weinen begonnen.
Sie habe detailliert und in direkter Rede von den Schikanen bei den Barri-
kaden und davon, was die Mitglieder ihr gesagt hätten, berichtet. Es sei
der Beschwerdeführerin sichtlich schwer gefallen, über ihre Vergewalti-
gung zu sprechen. Sie habe angegeben, dass es für sie schwierig sei, De-
tails zu erzählen, da sie das Erlebte vergessen möchte. Auch habe sie nicht
über die Vergewaltigung sprechen können, sondern habe an denjenigen
Stellen jeweils geschwiegen. Sie sei jedoch sehr bemüht gewesen, die Si-
tuationen vor und nach der Vergewaltigung zu schildern (SEM Akte B10,
F65-F73). Nach diesem Ereignis habe sich ihr Leben insofern verändert,
dass sie sich kaum mehr getraut habe, das Haus zu verlassen und die
Nachbarin wiederholt für sie habe einkaufen gehen müssen. Sie habe auch
angegeben, dass sie sich bei all den Schikanen und traumatischen Ereig-
nissen jeweils grosse Sorgen um ihre Kinder gemacht habe. So sei es auch
die Bedrohung ihres Sohnes gewesen, welche sie zum Kapitulieren ge-
bracht habe. Als ein Mitglied der Al-Nusra-Front dem Sohn ein Messer an
den Hals gelegt und gedroht habe, ihn umzubringen, habe sie eingewilligt
alles zu tun, was man von ihr verlange. Ihr Schilderungen bezüglich der
Verfolgung durch Mitglieder der Al-Nusra-Front seien entgegen der Ansicht
E-1574/2019
Seite 9
der Vorinstanz detailliert, wirklichkeitsnahe und mit etlichen Realkennzei-
chen versehen.
Die Vorwürfe des SEM, wonach ihre Angaben zu ihrem Leben in
H._ nicht nachvollziehbar ausgefallen seien, seien ebenfalls zu-
rückzuweisen. Sie habe berichtet, dass es an allen Strassenecken Kontrol-
len gegeben habe und man Barrikaden habe passieren müssen, um an
den Markt zu gehen. Sie habe sich in H._ jedoch nicht gut ausge-
kannt, da bereits etwa zwei Monate nach ihrem Umzug die Ortschaft unter
die Kontrolle der Al-Nusra-Front gefallen sei und sie sich nicht mehr frei
habe bewegen können. Sie habe auch berichtet, dass es viele Plantagen
und eine Moschee in der Nähe des Hauses gegeben habe. Es sei nach-
vollziehbar, dass sie den Namen der Moschee nicht habe angeben können,
da sie keine Muslimin sei und somit kein Interesse an der Moschee gehabt
habe. Sie habe jedoch die Madrasat benennen können und ausgeführt,
dass es Strassen mit vielen Läden und einen Markt mit Ständen gegeben
habe. Auch habe sie erklärt, dass die Strassen nach den Ladenbesitzern
oder dem Laden selber benannt würden. Es sei auch nachvollziehbar, dass
sie den genauen Standort des Krankenhauses nicht habe angeben kön-
nen. Sie habe gesagt, es befinde sich etwa in der Mitte von G._, sie
könne es aber nicht genauer angeben, da sie nicht oft in G._ gewe-
sen sei. Sie habe zu einer Zeit in H._ gelebt, als dieses unter der
Kontrolle der Al-Nusra-Front gestanden sei. Sie habe über die Schikanen
berichtet und dass sie deswegen nicht oft das Haus verlassen habe. Es sei
nicht ersichtlich, weshalb die Vorinstanz daraus schliesse, dass sie nicht
habe glaubhaft darlegen können, in H._ gelebt zu haben.
Das SEM habe als Widerspruch aufgeführt, dass sie zunächst gesagt
habe, bis zu ihrer Ausreise im Februar 2016 in H._ (G._ /
I._) gelebt zu haben, später hingegen angegeben habe, schon im
August 2015 nach J._ geflohen zu sein. Es sei dem SEM zuzustim-
men, dass sie an der BzP angegeben habe, von Oktober 2013 bis zur Aus-
reise im Februar 2016 in I._ gelebt zu haben. Es sei jedoch einer-
seits festzuhalten, dass J._ ein Vorort von I._ sei. Anderer-
seits habe sie die Antwort auf die Frage nach der letzten offiziellen Adresse
im Heimatstaat gegeben (SEM Akte B4, Ziff. 2.02). In J._ sei sie nie
offiziell gemeldet gewesen, sondern habe bei einer Christin gelebt, was sie
bereits anlässlich der BzP präzisiert (a.a.O., Ziff. 7.01) und an der Anhö-
rung wiederholt habe. Die Beschwerdeführerin habe zudem bereits an der
Anhörung erklärt, sie sei mit der Christin von (und nicht nach) J._
geflohen. Sie habe erklärt, zusammen mit einer Nachbarsfamilie geflohen
E-1574/2019
Seite 10
zu sein. In J._ habe ihr eine Person erzählt, dass eine Bekannte
dort ein Haus gemietet habe. So habe sie die Christin kennengelernt, wel-
che alleine gelebt habe und bei welcher sie schliesslich habe wohnen kön-
nen. Sie könne sich den Widerspruch nur durch ein Missverständnis mit
der dolmetschenden Person an der BzP erklären. Es sei zudem darauf hin-
zuweisen, dass sie die Flucht aus H._ (G._) sehr lebensnah
und mit Realkennzeichen versehen geschildert habe (SEM Akte B10, F17).
In Bezug auf die Probleme mit dem Imam, welche sie nur anlässlich der
BzP, nicht jedoch an der Anhörung genannt habe, sei anzumerken, dass
sie an der Anhörung gesagt habe, es könne sein, dass sie sich noch an
etwas erinnern könne. Aufgrund des Umganges ihres Ehemannes mit ihr
würde sie einiges vergessen. Sie habe zum Schluss wiederholt, sich an
nichts zu erinnern, was sie noch hätte sagen wollen. Zudem sei darauf hin-
zuweisen, dass sie bereits zu Beginn der Anhörung von Problemen und
Schikanen aufgrund ihrer Religion erzählt habe. Es sei allgemein bekannt,
dass die Minderheit der Jeziden verfolgt werde. Für die Beschwerdeführe-
rin seien solche Schikanen (wie diejenigen durch den Imam) Alltag gewe-
sen. Dass sie dieses nicht zentrale Ereignis, welches nicht ausschlagge-
bend für die Ausreise gewesen sei, an der Anhörung nicht mehr genannt
habe, könne ihr somit nicht vorgehalten werden.
Zusammenfassend sei festzustellen, dass die Aussagen der Beschwerde-
führerin detaillierte Schilderungen, ein freies assoziatives Erzählen, lnter-
aktionsschilderungen sowie inhaltliche Besonderheiten aufweisen würden
und zahlreiche Realkennzeichen erkennbar seien. Die Vorinstanz habe in
ihrer Glaubhaftigkeitsprüfung eine stark einseitige Würdigung vorgenom-
men. Elemente, welche für die Glaubhaftigkeit der Beschwerdeführerin
sprechen würden, seien durch die Vorinstanz völlig ausser Acht gelassen
worden. Die Vorbringen seien zudem asylrelevant. Sie sei als Angehörige
einer religiösen Minderheit verfolgt worden, weshalb ihre Flüchtlingseigen-
schaft festzustellen sei.
5.
Zunächst sind die Erwägungen des SEM, die Beschwerdeführerin habe
ihre Vorbringen nicht glaubhaft gemacht, einer Überprüfung zu unterzie-
hen. Wie nachfolgend dargelegt, ist die Glaubhaftigkeitsprüfung des SEM
unausgewogen ausgefallen.
In der ablehnenden Verfügung gelangte das SEM zum Schluss, dass die
Vorbringen der Beschwerdeführerin, insbesondere die Probleme mit Mit-
gliedern der Al-Nusra-Front und die Vergewaltigung sowie ihr Aufenthalt in
E-1574/2019
Seite 11
H._ / G._, nicht glaubhaft seien. Die Begründung des SEM
in der Verfügung überzeugt indes nicht vollständig. Das SEM hat sich
mehrmals darauf beschränkt, die Aussagen der Beschwerdeführerin ledig-
lich wiederzugeben, und die Antworten wurden als vage eingestuft; kon-
kretere Ausführungen, inwiefern es den Schilderungen an der «erforderli-
chen Tiefe» fehle oder weshalb diese stereotyp seien, blieben indes aus.
Eine Abwägung aller Elemente, welche für oder gegen die Glaubhaftigkeit
sprechen würden, wurde nicht vorgenommen (Verfügung des SEM vom
26. Februar 2019 E. II, S.3 Absatz 5 und 6, S.4 Absatz 1). In der Be-
schwerde wurde sodann hierzu zu Recht moniert, dass das SEM diverse
positive Elemente nicht berücksichtigt habe. Sie habe beispielsweise ge-
schildert, wie sie ständig in Sorge um die Kinder gewesen sei und wie die
Situation gewesen sei, als sie nach der Mitnahme ins Zentrum wieder nach
Hause zurückgekehrt sei (Beschwerde E.II, Ziff.3.2, SEM Akte B10, F70-
73). Nach Durchsicht des Anhörungsprotokolls ist der Beschwerdeführerin
beizustimmen, dass durchaus gewisse positiven Elemente erkennbar sind
und ihre Aussagen nicht derart vage und oberflächlich waren, wie es die
Vorinstanz in der Verfügung darstellt. Sie hat durchaus einige Einzelheiten
und auch Gespräche wiedergegeben (a.a.O., F42, F58, F62, F66). Sie gab
ferner wiederholt an, dass sie insbesondere an ihre Kinder gedacht und
sich Sorgen um sie gemacht habe, da sie alleine zu Hause geblieben
seien, als man sie ins Zentrum mitgenommen habe (a.a.O., F69, F70, F98).
Die Beschwerdeführerin hat ebenfalls zu Recht moniert, dass ihr vom SEM
vorgeworfen worden sei, sie habe H._ nicht beschreiben können.
Es habe hierfür indes plausible Gründe gegeben und sie habe dennoch
auch einige Details über die Ortschaft nennen können (Beschwerde E.II,
Ziff. 3.3). Der Beschwerdeführerin ist insofern beizustimmen, dass sie an-
gegeben hat, sie habe sich in H._ nicht frei bewegen können, da
die Ortschaft unter der Kontrolle der Al-Nusra-Front gestanden sei (SEM
Akte B10, F90). Auch ist erklärbar, dass sie den Namen der Moschee nicht
gekannt hat, da sie als Jezidin kein Interesse an der Moschee gehabt habe
(a.a.O., F81). Sie hat zudem den Namen der Schule nennen können
(a.a.O., F82) und auch weitere Umschreibungen des Dorfes gemacht
(a.a.O., F80-F90). Gleichwohl ist nicht von der Hand zu weisen, dass die
Angaben der Beschwerdeführerin stellenweise auch allgemein oder aus-
weichend verblieben sind (vgl. beispielsweise a.a.O., F84, F85, F87). Die
Erwägungen der Vorinstanz, weshalb die Beschwerdeführerin nicht über-
zeugend habe darlegen können, dass sie sich im angegebenen Zeitraum
in H._ aufgehalten habe, überzeugen wiederum nicht vollständig.
Auch die vom SEM aufgeführten Widersprüche sind nicht derart gravie-
E-1574/2019
Seite 12
rend, als dass deswegen auf die Unglaubhaftigkeit der Vorbringen ge-
schlossen werden könnte. So hat die Beschwerdeführerin zutreffend aus-
geführt, dass sie zwar als letzten Wohnort G._ angegeben und ge-
sagt habe, sie sei bis zur Ausreise im Februar 2016 in I._ gewesen
(SEM Akte B4, Ziff. 2.02), hingegen später an der BzP erwähnt habe, sie
sei im August 2015 nach J._ gegangen (a.a.O., Ziff. 7.01). Auch bei
dem Widerspruch, ob sie mit einer Christin nach oder von J._ ge-
flohen sei, handelt es sich nicht um erhebliche Diskrepanzen in den Aus-
sagen. Vorliegend kommt das Gericht zum Schluss, dass die Erwägungen
des SEM den Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht gerecht werden.
Die Glaubhaftigkeitsprüfung des SEM überzeugt nicht vollständig und
diese ist einseitig zu Ungunsten der Beschwerdeführerin ausgefallen.
6.
6.1 Allerdings bleiben auch dem Bundesverwaltungsgericht Zweifel, ob die
Vorbringen der Beschwerdeführerin im Lichte der Aussagen des Eheman-
nes und der Beweismittel, welche dieser in seinem erstinstanzlichen Ver-
fahren eingereicht hat, glaubhaft sind. Der Sachverhalt wurde jedoch dies-
bezüglich nicht hinreichend erstellt, und der Beschwerdeführerin wurde
das rechtliche Gehör nicht korrekt gewährt.
6.2 Der Ehemann der Beschwerdeführerin hat in seinem Verfahren die Be-
schwerdeführerin denunziert und ausgesagt, sie habe falsche Asylgründe
angegeben; auch er selber habe in der BzP unwahre Angaben – nament-
lich zu der angeblichen Entführung im Jahr 2014 – gemacht. Der Ehemann
hat diverse Unterlagen in Bezug auf seine Ehefrau, die Beschwerdeführe-
rin, eingereicht, welche seine Denunziation stützen sollten. Es drängt sich
der Verdacht auf, dass das SEM Zweifel an den Aussagen der Beschwer-
deführerin nicht zuletzt im Lichte der Aussagen des Ehemannes hatte, dies
aber der Begründung seiner Verfügung betreffend die Beschwerdeführerin
nicht zu Grunde legte.
6.3 Das SEM hat sodann die vom Ehemann eingereichten Unterlagen für
das vorliegende Verfahren nicht beigezogen, obwohl sie in Bezug auf die
Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin durchaus relevant
sein könnten und den Sachverhalt erhellen dürften. In den Akten sind die
Unterlagen im Unterdossier N (...)/A betreffend den Ehemann, nicht im Un-
terdossier N (...)/B betreffend die Beschwerdeführerin abgelegt, und das
Aktenstück B19/2 lässt darauf schliessen, dass der Beschwerdeführerin le-
diglich die Unterlagen des Unterdossiers B offengelegt worden sind.
E-1574/2019
Seite 13
Ferner hat es das SEM auch unterlassen, die entsprechenden Beweismit-
tel, welche vorwiegend in arabischer Sprache abgefasst sind, zu überset-
zen. Der Ehemann hat insbesondere einen Versetzungsentscheid der Be-
schwerdeführerin (SEM Akte A24, Beweismittel Nr. 8), drei Arbeitsbestäti-
gungen (a.a.O, Beweismittel Nr. 10) sowie medizinische Unterlagen
(a.a.O., Beweismittel Nr. 13-15) der Ehefrau eingereicht. Die Beweismittel
können vom Gericht nicht gewürdigt werden, da diese einerseits nicht über-
setzt sind und anderseits der Beschwerdeführerin hierzu kein rechtliches
Gehör gewährt wurde. Die Aussagen des Ehemannes sowie die einge-
reichten Unterlagen könnten jedoch Hinweise für die Aufenthaltsorte der
Beschwerdeführerin, nachdem sie gemeinsam mit dem Ehemann
F._ verlassen habe, enthalten. Der Ehemann hat in seinem Verfah-
ren hierzu auch diverse Ausführungen gemacht (vgl. SEM Akten A20, F19-
F24, F37; A25, F3, F5), mit welchen die Beschwerdeführerin nie konfron-
tiert wurde. Da die Vorinstanz bezweifelt hat, dass sich die Ehefrau in
H._ aufgehalten und dort Schwierigkeiten mit der Al-Nusra-Front
gehabt habe, wäre zu erwarten gewesen, dass weitere Sachverhaltsabklä-
rungen vorgenommen und die vorhandenen Unterlagen beigezogen wor-
den wären. Die letztlich nicht überzeugend begründeten Zweifel des SEM
am Aufenthaltsort der Beschwerdeführerin in H._ (vgl. oben E. 5)
dürften denn auch weniger "im Verlauf der Anhörung" der Beschwerdefüh-
rerin aufgetreten sein, wie die angefochtene Verfügung festhält (vgl. Verfü-
gung vom 26. Februar 2019 E. II S. 4), sondern eher aufgrund der Aussa-
gen und Beweisunterlagen des Ehemannes.
Auch weitere Beweismittel, welche für das vorliegende Verfahren von Re-
levanz sein dürften, wurden nicht beigezogen. Der Ehemann der Be-
schwerdeführerin hat beispielsweise Unterlagen von gemeinsamen Hotel-
übernachtungen in Beirut (a.a.O., Beweismittel Nr. 6) sowie diverse Fotos
(a.a.O., Beweismittel Nr. 16-20, 22), welche aufzeigen sollen, dass die Fa-
milie bis zur Ausreise aus Syrien im Dezember 2015 gemeinsam gelebt
habe, eingereicht. Ferner hat die Vorinstanz ausser Acht gelassen, dass
gemäss den Stempeln in den Reisepässen der Beschwerdeführerin und
ihres Ehemannes sie beide am 4. Dezember 2015 in den Libanon einge-
reist sind (vgl. Reisepass der Beschwerdeführerin S. 15; abgelaufener Rei-
sepass des Ehemannes S. 15).
6.4 Der Beschwerdeführerin wurde zu keinem Zeitpunkt Akteneinsicht und
das rechtliche Gehör zu diesen Akten und den Aussagen ihres Ehemannes
gewährt. Einzig zu Beginn ihrer Anhörung wurde ihr eröffnet, dass der Ehe-
mann dem SEM in einem Schreiben mitgeteilt habe, dass alles, was er und
E-1574/2019
Seite 14
seine Frau in der BzP gesagt hätten, nicht der Wahrheit entspreche und
die Familie hauptsächlich wegen des Krieges in Syrien in die Schweiz ge-
reist sei (SEM Akte B10, F6). Eine derart summarische Offenlegung der
widersprechenden Aussagen des Ehemannes genügt als Gewährung des
rechtlichen Gehörs nicht. Zu weiteren Aussagen des Mannes, welche im
Widerspruch zu ihren eigenen Aussagen stehen, beziehungsweise zu den
Beweismitteln, welche der Ehemann in Bezug auf die Beschwerdeführerin
dem SEM eingereicht hat, wurden ihr weder Akteneinsicht noch das recht-
liche Gehör gewährt. Auch wenn das SEM die Aussagen des Mannes und
die Informationen aus den Beweismitteln in der Verfügung nicht namentlich
verwendet hat, muss aufgrund der unausgewogenen Glaubhaftigkeitsprü-
fung vermutet werden, dass die ablehnende Verfügung im Wissen um die
weiteren aus dem Verfahren des Ehemannes gewonnen, aber nicht korrekt
offengelegten Informationen erfolgt ist.
6.5 Jedenfalls kann das Gericht zum heutigen Zeitpunkt die Erwägungen
des SEM zur Glaubhaftigkeit der Vorbringen der Beschwerdeführerin nicht
stützen. Die Elemente, welche nach Ansicht des Gerichts für die Glaubhaf-
tigkeitsprüfung zentral sein dürften, können indes derzeit nicht verwendet
werden, da der Beschwerdeführerin das rechtliche Gehör nicht gewährt
wurde. Die Verfahrensgarantien der Beschwerdeführerin wurden somit im
vorliegenden Verfahren verletzt.
6.6 Hinzukommend erschliesst sich dem Gericht nicht, weshalb im Anhö-
rungsprotokoll der Beschwerdeführerin jeweils protokolliert wurde, sie ge-
höre dem Glauben der Zardasht an (SEM Akte B10, F4, F5, F39, F42, F51,
F58, F95, F110), während sie eine Bestätigung eines Vereins in Deutsch-
land, wonach sie Jezidin sei, eingereicht hat. Auch in der BzP gab sie an,
sie sei Jezidin (SEM Akte B4, Ziff. 1.13). In der Verfügung des SEM wurde
sodann sowohl von einem jezidischen Glauben als auch von einer
«Zardashdi-Religion» der Beschwerdeführerin ausgegangen.
Gemäss dem Gericht verfügbaren Informationen werden Zoroaster auf kur-
disch «Zardasht» genannt (die Anhörung der Beschwerdeführerin fand auf
Kurmanci statt [SEM Akte B10, S.18]); bei der zoroastrische Religion und
dem Jezidentum handelt es sich aber um verschiedene Glaubensrichtun-
gen. Das SEM ist bei der Rückweisung der Sache somit gehalten, die
Frage des Glaubens der Beschwerdeführerin nachvollziehbar darzustellen.
E-1574/2019
Seite 15
6.7 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Verfügung for-
melle Mängel aufweist. Das SEM hat den Sachverhalt nicht hinlänglich er-
stellt und das rechtliche Gehör der Beschwerdeführerin verletzt.
7.
7.1 Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsge-
richt in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Eine Kassation und Rückweisung an
die Vorinstanz ist insbesondere angezeigt, wenn weitere Tatsachen festge-
stellt werden müssen und ein umfassendes Beweisverfahren durchzufüh-
ren ist (vgl. PHILIPPE WEISSENBERGER, ASTRID HIRZEL, Praxiskommentar
Verwaltungsverfahrensgesetz, 2. Aufl. 2016, Art. 61 VwVG, N 16 S.1264).
Die in diesen Fällen fehlende Entscheidungsreife kann grundsätzlich zwar
auch durch die Beschwerdeinstanz selbst hergestellt werden, wenn dies
im Einzelfall aus prozessökonomischen Gründen angebracht erscheint; sie
muss dies aber nicht.
7.2 Das Bundesverwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass die Ent-
scheidreife im vorliegenden Verfahren sich nicht mit geringem Aufwand
herstellen lässt. Namentlich sind Beweisunterlagen zu übersetzen und ist
das rechtliche Gehör zu den vom Ehemann eingereichten Beweisunterla-
gen und zu seinen Aussagen, soweit sie den Angaben der Beschwerdefüh-
rerin widersprechen, zu gewähren. Es ist deshalb angezeigt, die angefoch-
tene Verfügung gestützt auf Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG aufzuheben und
die Sache zwecks Gewährung des rechtlichen Gehörs und vollständiger
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts und zum neuen Entscheid
an das SEM zurückzuweisen. Es entspricht nicht Sinn und Zweck des Be-
schwerdeverfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht und es ist nicht
dessen Aufgabe, von der Vorinstanz unterlassene Verfahrenshandlungen
nachzuholen. Zudem führt eine Verletzung des rechtlichen Gehörs grund-
sätzlich – das heisst ungeachtet der materiellen Auswirkungen – zur Auf-
hebung des ergangenen Entscheides. Im Übrigen bleibt auf diese Weise
der Instanzenzug erhalten, was umso wichtiger ist, als das Bundesverwal-
tungsgericht letztinstanzlich entscheidet (vgl. BVGE 2007/30 E. 8.2 und 8.3
m.w.H). Die Vorinstanz ist anzuweisen, im Sinne der obenstehenden Er-
wägungen der Beschwerdeführerin in geeignetere Weise Akteneinsicht in
die Akten des Ehemannes und das rechtliche Gehör zu den Akten und den
(noch zu übersetzenden) Beweismitteln zu gewähren sowie den Entscheid
hiernach angemessen zu begründen.
E-1574/2019
Seite 16
8.
Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen, soweit die Aufhebung der an-
gefochtenen Verfügung beantragt wird (Rechtsbegehren 1) und die Sache
ist im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Der Antrag um unentgeltliche Prozessführung wird
dadurch nachträglich gegenstandslos.
10.
10.1 Den vertretenen Beschwerdeführenden ist angesichts ihres Obsie-
gens in Anwendung von Art. 64 VwVG und Art. 7 Abs. 1 des Reglements
vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bun-
desverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) eine Entschädigung für die
ihnen notwendigerweise erwachsenen Parteikosten zuzusprechen.
10.2 MLaw Eliane Gilgen reichte mit Eingabe vom 1. April 2019 eine Kos-
tennote zu den Akten. Dabei machte sie einen Aufwand von 10 Stunden
bei einem Stundenansatz von Fr. 180.– (ohne Mehrwertsteuer) sowie Aus-
lagen von pauschal Fr. 50.– geltend. Der verlangte Stundenansatz ist reg-
lementskonform (vgl. Art. 10 VGKE). Die angeführte Auslagenpauschale ist
praxisgemäss nicht zu vergüten; das Gericht erachtet Auslagen in Höhe
von Fr. 20.– als angemessen. Die ausgewiesenen Stunden erscheinen fer-
ner in Hinblick auf den Aufwand des Verfahrens leicht überhöht und die
Kostennote ist entsprechend zu kürzen. Für das Verfassen der 10-seitigen
Beschwerde wird ein Arbeitsaufwand von 5 Stunden als angemessen be-
trachtet und die entsprechend ausgewiesenen Stunden sind zu kürzen.
Der übrige ausgewiesene Arbeitsaufwand erscheint angemessen und das
Gericht erachtet demnach für das Beschwerdeverfahren einen Arbeitsauf-
wand von insgesamt 8 Stunden als angebracht. Den Beschwerdeführen-
den ist zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädigung von insgesamt
Fr. 1573.– (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuerzuschlag) zuzuspre-
chen. Das SEM ist anzuweisen, den Beschwerdeführenden diesen Betrag
zu entrichten.
10.3 Der Anspruch auf amtliches Honorar der als amtliche Rechtsbeistän-
din im Sinne von aArt. 110a Abs. 1 AsylG eingesetzten Rechtsvertreterin
wird damit gegenstandlos.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1574/2019
Seite 17