Decision ID: f9221920-71d6-5f68-b2db-e8a37263ddb0
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherte) meldete sich unter Hinweis auf eine
Stressfolgenerkrankung am 22. Januar 2015 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen
(nachfolgend: IV-Stelle) für berufliche Massnahmen und Rentenleistungen an (IV-act. 7;
zur Früherfassung aufgrund der Meldung durch die Krankentaggeldversicherung
vgl. IV-act. 1 ff.). Sie war seit 1. Februar 2012 als [...] bei der politischen Gemeinde
B._ angestellt gewesen (seit Dezember 2012 im Pensum von 80 %; vgl. IV-act. 23
S. 2 ff.), jedoch seit dem 19. September 2014 von ihrem Hausarzt Dr. med. C._, FMH
Allg. Medizin, zu 100 % arbeitsunfähig geschrieben worden (IV-act. 1 S. 1, 7 S. 3 und
17 S. 3). Seit November 2014 hatte sie sich zu Dr. med. D._, Facharzt für Psychiatrie
und Psychotherapie FMH, in ambulante Behandlung begeben, wobei sie neben diesem
auch durch lic. phil. E._, Psychologin, betreut worden war (IV-act. 17 S. 3 f.). Vom 8.
Dezember 2014 bis 16. Januar 2015 hatte sich die Versicherte in stationärer,
integrierter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung in der Klinik F._,
befunden. Im Austrittsbericht vom 13. Januar 2015 hatten die behandelnden
Psychologen als psychiatrische Diagnosen eine mittelgradige depressive Episode
sowie die Entwicklung eines Erschöpfungssyndroms mit Bezug auf Schwierigkeiten im
Zusammenhang mit einer komplexen psychosozialen Belastungssituation genannt.
Weiter hatten sie festgehalten, dass die Versicherte die Klinik in deutlich stabilisiertem
psychophysischem Allgemeinzustand verlasse. Um die verbesserte
Affektwahrnehmung sowie die verbesserte Selbstwertregulierung zu vertiefen, sei die
Fortsetzung der ambulanten Psychotherapie empfohlen. Neben diesen Sitzungen sei
das Einhalten einer Tagesstruktur, welche Bewegungsaktivitäten und passive
A.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Entspannungstechniken gleichermassen umfasse, sehr wichtig. Der Versicherten war
im Austrittsbericht bis zum 31. Januar 2014 (recte: 31. Januar 2015) eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit attestiert worden (IV-act. 28).
In einem Bericht zuhanden der IV-Stelle vom 19. Februar 2015 nannten Dr. D._
und lic. phil. E._ als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine depressive
Episode, mittelgradig, mit Entwicklung eines Erschöpfungssyndroms im Rahmen einer
komplexen psychosozialen Belastungssituation. Weiter hielten sie fest, dass die
Versicherte noch zu 100 % arbeitsunfähig sei. Bei einer Klärung der
Arbeitsplatzsituation mit Zuteilung von Aufgaben, welche die Versicherte eher im
Hintergrund ausüben könnte, wäre in absehbarer Zeit ein Einstieg in einem Teilpensum
von zunächst 10-20 % mit einer allmählichen Steigerung denkbar. Aus medizinischer
Sicht sei eine Rückkehr an den aktuellen Arbeitsplatz eher kontraindiziert, da die
Arbeitssituation massgeblich für die Erkrankung ursächlich sei. Allerdings sei davon
auszugehen, dass die Versicherte nach dem Abklingen der depressiven Symptomatik
und einer Klärung der Arbeitssituation eine Arbeit wieder zu 100 % aufnehmen könne
(IV-act. 17 S. 3 f.).
A.b.
In einer Stellungnahme vom 7. April 2015 hielt der regionale ärztliche Dienst (RAD)
fest, dass bei der Versicherten aufgrund der aktuellen medizinischen Aktenlage vom
Vorliegen einer mittelgradigen depressiven Störung im Rahmen eines Burn-Out
Syndroms auszugehen sei. Aktuell erachte der behandelnde Arzt einen beruflichen
Einstieg mit einem Pensum von 10-20 % und eine schrittweise Steigerung als möglich.
Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei diese Einschätzung nicht plausibel bzw. nur
unter Hinzunahme von invaliditätsfremden Faktoren erklärbar. Medizintheoretisch
müsse in der zuletzt ausgeübten sowie in einer adaptierten Tätigkeit von einer
mindestens 50%igen Arbeitsfähigkeit, die schrittweise steigerbar sei, ausgegangen
werden. Es empfehle sich eine berufliche Eingliederung im administrativen Bereich (IV-
act. 24 S. 3).
A.c.
Am 29. April 2015 unterzeichnete die Versicherte einen Eingliederungsplan der IV-
Stelle (IV-act. 33). Am 18. Mai 2015 startete sie ein Arbeitstraining bei der
Durchführungsstelle G._ in einem Pensum von 50 % (IV-act. 60 S. 1 ff.). Mit
Mitteilung vom 10. Juni 2015 erteilte die IV-Stelle der Versicherten Kostengutsprache
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
für ein vom 18. Mai bis 13. November 2015 dauerndes Aufbautraining bei der G._ (IV-
act. 36). Mit Verfügung vom 19. Juni 2015 sprach die IV-Stelle der Versicherten für die
Dauer des Arbeitstrainings IV-Taggelder zu (IV-act. 40). Mit Mitteilung vom 20.
November 2015 hob die IV-Stelle die berufliche Massnahme per 2. November 2015 auf,
da sie erfahren hatte, dass die Versicherte das Aufbautraining aus gesundheitlichen
Gründen per 2. November 2015 abgebrochen hatte (IV-act. 49; zum Abbruch des
Trainings vgl. ferner IV-act. 46). Im Schlussbericht zum Aufbautraining war festgehalten
worden, dass die Versicherte die Ziele an sich erreicht habe, jedoch habe sie die
Vorgaben auf Dauer nicht durchalten können, weil immer wieder Flashbacks ihren
Arbeitswillen durchbrochen hätten. Die Versicherte sei vier Stunden pro Tag an vier
Tagen pro Woche anwesend gewesen. Sie habe das Arbeitstraining wegen
andauernder und sich verschärfender psychischer Problematik nicht weiterführen
können. Sie habe zwar auf einem in der freien Wirtschaft üblichen Niveau gearbeitet.
Seitens der Arbeitgeberin hätten jedoch Vorkehrungen getroffen werden müssen, die in
der freien Wirtschaft zu aufwändig wären. Die Versicherte benötige ein Umfeld, in dem
nichts unbegründet verändert werde. Andernfalls habe sie den Eindruck, dass über sie
verfügt werde. Unklar begründete Abweichungen von einem abgemachten
Arbeitsablauf verkrafte sie nicht. Sie habe oft weinen müssen. Das Weinen sei wohl
Ausdruck ihrer Verzweiflung darüber gewesen, dass es ihr nicht besser gehe und sie
immer wieder das Gefühl gehabt habe, man würde ihr nicht glauben. Dies sei
beispielsweise geschehen, wenn ein Plan geändert worden sei. Die Arbeiten hätten so
gestaltet sein müssen, dass für die Versicherte kein freies Gestalten notwendig
gewesen sei. Die Versicherte habe Angst vor dem Versagen und auch die Befürchtung
gehabt, man könnte das, was sie sage oder produziere, als unglaubwürdig empfinden.
Durch in sich geschlossene Aufgaben habe sie sich einen Arbeitsablauf zurechtlegen
und diesen abarbeiten können. So habe sie den Überblick über das Erledigte gehabt
und habe ihre Arbeit bewerten bzw. sich dadurch auch beweisen können. Für die
Versicherte sei es wichtig, beweisen zu können, dass etwas richtig sei. Dadurch
gewinne sie die Sicherheit, dass man ihr Glauben schenke (IV-act. 60). Mit einer
zweiten am 20. November 2015 erlassenen Mitteilung informierte die IV-Stelle die
Versicherte darüber, dass weitere berufliche Massnahmen aktuell nicht angezeigt
seien, da die Abklärungen der Eingliederungsberaterin ergeben hätten, dass eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Teilnahme an Eingliederungsmassnahmen zurzeit aus gesundheitlichen Gründen nicht
möglich sei (IV-act. 48).
Am 16. Dezember 2015 füllte die Versicherte einen Fragebogen der IV-Stelle zur
Rentenabklärung betreffend Erwerbstätigkeit/Haushalt aus (IV-act. 53).
A.e.
In einem Bericht vom 11. Januar 2016 nannten Dr. D._ und lic. phil. E._ als
Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine rezidivierende depressive
Störung, gegenwärtig unter Medikation leicht bis mittelgradig, ein
Erschöpfungssyndrom sowie als Verdachtsdiagnose eine posttraumatische
Belastungsstörung aufgrund einer Höhenkrankheit mit Nahtoderlebnis auf einer Reise
in H._ im Sommer 2014 auf 4'600 Höhenmetern mit dem Verdacht auf persistierende
Folgen von Höhenhirnödem (HACE) und Höhenlungenödem (HAPE). Als Diagnosen
ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit erwähnten sie Probleme durch negative
Kindheitserlebnisse und sonstige Probleme bei der Erziehung (IV-act. 57 S. 1). Zum
Therapieverlauf hielten sie fest, dass zu Beginn der Behandlung die Überbelastungen
bzw. Schwierigkeiten am Arbeitsplatz im Vordergrund gestanden hätten. Es sei immer
klarer geworden, dass eine Rückkehr an den letzten Arbeitsplatz nicht indiziert sei. Ab
dem 18. Mai 2015 habe die Versicherte im Rahmen einer beruflichen Massnahme der
IV-Stelle bei der G._ in einem Pensum von 50 % gearbeitet. In dieser Zeit habe die
Versicherte zwischen Unterforderung und Überforderung geschwankt. Ihr psychischer
und physischer Zustand sei weiterhin nicht stabil gewesen. Sie habe an
Schlafstörungen, Erschöpfbarkeit, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und
Niedergeschlagenheit gelitten. Eine Steigerung des Pensums habe nicht vorgenommen
werden können. Zwischenzeitlich habe die Versicherte auch die Kündigung ihrer letzten
Arbeitgeberin erhalten. Darüber sei sie einerseits erleichtert gewesen. Andererseits
seien nun Existenzängste hinzugekommen. Eine Messung im September 2015 habe
eine sehr niedrige Parasympatikus-Aktivität (d.h. dass die Erholungsfähigkeit stark
vermindert sei) ergeben. Die G._ sei mit der Arbeitsleistung der Versicherten sehr
zufrieden gewesen, habe jedoch gemerkt, dass sie schnell an ihre Grenzen komme und
sich emotional immer wieder überfordert zeige. Die berufliche Massnahme sei vorzeitig
beendet worden. Ab Januar 2016 werde eine Arbeitsfähigkeit von 20 % und eine
Anmeldung beim regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) angestrebt (IV-act. 57
S. 3 f.). Die psychophysiologische Erholung der Versicherten brauche mehr Zeit als
A.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erwartet. Durch die gezielte Behandlung des traumatischen Erlebnisses erhoffe man
sich eine Besserung der Symptomatik. Längerfristig bestehe eine gute Prognose.
Aktuell sei die bisherige Tätigkeit höchstens in einem Pensum von 20 % zumutbar (IV-
act. 57 S. 7 f.).
Eine cranio-zerebrale Kernspintomographie vom 20. Januar 2016 ergab ein
altersentsprechend normales Kernspintomogramm, insbesondere ohne Nachweis einer
intrakraniellen Raumforderung (IV-act. 62 S. 6).
A.g.
Am 2. Februar 2016 berichtete Dr. med. I._, FMH Innere Medizin, Pneumologie,
psychomotorische Medizin SAPPM, Spital J._, über die aufgrund des
Höhenereignisses und der bestehenden Atembeschwerden durchgeführten
Untersuchungen. Er nannte als Diagnose einen starken Verdacht auf Asthma
bronchiale. Weiter führte er aus, dass das Thoraxbild bei dieser Diagnose
erwartungsgemäss unauffällig gewesen sei. Trotz negativer Familienanamnese sei es
wahrscheinlich, dass die Versicherte an einem unbehandelten Asthma bronchiale leide.
Sie sei im Gebrauch eines Symbicort-Turbohaler instruiert worden. Bei einer
Beschwerdebesserung könne die Dosis reduziert werden. Je nach Verlauf könne nach
ein paar Monaten auch ein Absetzversuch durchgeführt werden. Auf eine
allergologische Abklärung sei vorerst verzichtet worden (IV-act. 62 S. 7 ff.).
A.h.
In einem Bericht vom 20. Februar 2016 nannte Dr. C._ als Diagnosen mit
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit eine Höhenkrankheit und einen Kollaps im K._
über 4000 m, eine posttraumatische Depression und Lebenskrise sowie den Verdacht
auf eine asthmatische Reaktion nach Höhenkrankheit. Weiter führte er aus, dass die
Versicherte einige Tage nach der Höhenkrankheit und der Rückkehr nach Hause an
Kurzatmigkeit, Husten, Schlafstörung, Müdigkeit, Nachtschweiss und zunehmenden
depressiven Symptomen gelitten habe. Körperlich und labormässig habe sich kein
Befund gezeigt. Es habe eine klare depressive Entwicklung stattgefunden. Die
Versicherte habe sich unter der Psychotherapie und der Cortison-Inhalation nun
langsam erholt und sei ab dem 1. Januar 2016 wieder zu 20 % arbeitsfähig. Sie habe
noch immer Konzentrationsschwierigkeiten und ihre Ausdauer bei der Arbeit sei
eingeschränkt. Sie ermüde schnell und müsse sich ausruhen. Die Arbeitsfähigkeit
werde langsam gesteigert (IV-act. 62 S. 1 ff.).
A.i.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Am 11. April 2016 fand bei der Versicherten eine Haushaltsabklärung durch einen
Mitarbeiter der IV-Stelle statt (IV-act. 68). Im Abklärungsbericht hielt die
Abklärungsperson unter anderem fest, dass die Versicherte in ihrer letzten Anstellung
bei der politischen Gemeinde B._ zunächst in einem Pensum von 100 % gearbeitet
habe. Ab dem 1. Dezember 2012 habe sie das Arbeitspensum auf 80 % reduzieren
müssen, da seitens der Arbeitgeberin kein höheres Pensum mehr möglich gewesen sei.
Das Arbeitsverhältnis sei durch die Arbeitgeberin gesundheitsbedingt aufgelöst
worden. Zuvor habe die Versicherte als Sachbearbeiterin für L._ in einem Pensum
von 100 % gearbeitet, wobei sie im Verlauf das Pensum freiwillig auf 80 % zugunsten
eigener Freizeit und zur Erledigung des Haushalts reduziert habe (IV-act. 68 S. 3).
Weiter wurde im Abklärungsbericht festgehalten, die Versicherte habe angegeben,
dass sie ohne gesundheitliche Beeinträchtigung aktuell mindestens im Umfang von 80
bis 100 % einer Erwerbstätigkeit nachgehen würde. Insbesondere aus finanziellen
Gründen würde sie einer Vollerwerbstätigkeit nachgehen. Einerseits im Hinblick auf die
Altersvorsorge und andererseits seien ihr Ehemann und sie auf ein Zweiteinkommen
angewiesen (IV-act. 68 S. 4). Schliesslich ermittelte die Abklärungsperson unter
Berücksichtigung der Mithilfe des Ehemannes der Versicherten im Sinne einer
Schadenminderungspflicht eine Einschränkung im Haushalt von 24.24 % (IV-act. 68
S. 11).
A.j.
Im Zeitraum vom 22. November 2016 bis 5. Januar 2017 wurde die Versicherte im
Auftrag der IV-Stelle durch das BEGAZ-Begutachtungszentrum polydisziplinär
(allgemeininternistisch, neurologisch, pneumologisch, neuropsychologisch und
psychiatrisch) untersucht (IV-act. 78). Die Sachverständigen nannten in ihrem
Gutachten vom 19. Januar 2017 als Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit
eine Migräne ohne Aura, ein Asthma bronchiale, eine minimale neuropsychologische
Funktionsschwäche, eine rezidivierende depressive Störung, zurzeit leichte Episode,
und eine posttraumatische Belastungsstörung (IV-act. 78 S. 61). Weiter hielten sie in
ihrem polydisziplinären Konsens fest, dass der Versicherten die angestammte Tätigkeit
aus neurologischer Sicht nach wie vor zumutbar sei. Infolge der meist moderat
ausgeprägten Migräne könne allenfalls eine Leistungsminderung von 10 % seit August
2014 begründet werden. Bei der Versicherten sei zwar ein Karpaltunnelsyndrom
elektroneurographisch relativ deutlich ausgeprägt, klinisch resultierten daraus bislang
A.k.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
jedoch keine sicheren Defizite. Subjektiv verursache das Karpaltunnelsyndrom vor
allem Nachtbeschwerden. Eine relevante Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit
resultiere aus dem Karpaltunnelsyndrom zurzeit nicht. Zudem sei dieses grundsätzlich
gut behandelbar. Auch aus pneumologischer Sicht sei die Arbeitsfähigkeit weder in der
angestammten noch in einer adaptierten Tätigkeit zeitlich eingeschränkt. Allerdings sei
die Arbeitsfähigkeit in qualitativer Hinsicht dahingehend eingeschränkt, dass
Tätigkeiten mit atemwegsreizenden Stoffen (Stäube, Rauch, Gase, Dämpfe) oder in
andauernder Kälte oder Nässe zu vermeiden seien. Aus neuropsychologischer Sicht
lasse sich für Tätigkeiten auf dem freien Arbeitsmarkt eine geringfügige Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit begründen. Die Versicherte verfüge zwar über die kognitiven
Voraussetzungen für eine reguläre Arbeitsleistung. Äusserer Zeitdruck sei aber
kontraproduktiv, weil die Arbeitsqualität darunter leide. Tätigkeiten, die ein
routinemässiges Arbeiten erlaubten, seien geeigneter als solche, die spontane
Reaktionen erforderten. Die im Bericht der G._ aus praktischer Sicht gemachte
Angabe, wonach die Versicherte auf einem in der freien Wirtschaft üblichen Niveau
arbeiten könne, die Arbeiten aber so aussehen sollten, dass kein freies Gestalten
notwendig sei, liessen sich aus neuropsychologischer Sicht bestätigen. Dagegen lasse
sich ein auf vier Stunden pro Tag bei vier Arbeitstagen pro Woche reduziertes Pensum
aus rein neuropsychologischer Sicht nicht begründen. Aus psychiatrischer Sicht sei
aufgrund der Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung (Intrusionen,
Schreckhaftigkeit, Angespanntheit, Hypervigilanz und Schlafstörungen) sowie der
rezidivierenden depressiven Störung von einer Reduktion der Arbeitsfähigkeit um 40 %
in den angestammten Tätigkeitsbereichen auszugehen. Diese Reduktion zeige sich
auch im Mini-ICF-APP-Rating-Bogen. Dieser habe deutliche Beeinträchtigungen bei
der Planung und Strukturierung von Aufgaben, der Flexibilität und
Umstellungsfähigkeit, der Anwendung fachlicher Kompetenzen sowie der
Durchhaltefähigkeit ergeben. Die Reduktion der Arbeitsfähigkeit um 40 % beziehe sich
auch auf leidensangepasste Tätigkeiten. Solche sollten für die Versicherte die
Möglichkeit beinhalten, sich ihr Arbeitstempo selber einteilen zu können und bei Bedarf
auch kürzere Pausen einzulegen. Im psychiatrischen Fachgutachten hielt der
psychiatrische Sachverständige überdies fest, dass die Versicherte bis zum Jahr 2014
psychiatrisch weitgehend unauffällig gelebt habe. Anfangs 2014 seien
Arbeitsplatzprobleme aufgetreten und Ende Juli 2014 sei eine private Herausforderung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dazugekommen. Unmittelbar danach sei die Versicherte nach H._ gereist, wobei es
zu einer lebensbedrohlichen Situation gekommen sei. Seither seien die diagnostischen
Kriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung erfüllt (IV-act. 78 S. 51 f.). Seit
einem Zusammentreffen der Versicherten mit dem Bergführer der traumatischen
Wandertour im September 2016 hätten sich die Symptome allerdings deutlich
abgeschwächt (IV-act. 78 S. 52). Sie seien aktuell als leicht bis mittelgradig einzustufen
(IV-act. 78 S. 53). Dass sich der psychische Zustand der Versicherten ab September
2016 verbessert habe, zeige sich auch daran, dass diese zwischenzeitlich wieder ein
Arbeitstraining habe aufnehmen können (IV-act. 78 S. 60). Hinsichtlich der
rezidivierenden depressiven Störung sei anzunehmen, dass diese seit mindestens
November 2014 bestehe (IV-act. 78 S. 52). Im polydisziplinären Konsens kamen die
Gutachter sodann zum Schluss, dass aus gesamtmedizinischer Sicht von einer
Reduktion der Arbeitsfähigkeit um 40 % auszugehen sei. Die aus neurologischer und
neuropsychologischer Sicht gemachten Einschränkungen seien bei dieser
gesamtmedizinischen Arbeitsunfähigkeit bereits gebührend berücksichtigt und seien
nicht additiv zu sehen (IV-act. 78 S. 63 ff.). Auf eine entsprechende Rückfrage seitens
der IV-Stelle (vgl. IV-act. 81) ergänzte der psychiatrische Gutachter seine Einschätzung
am 13. März 2017 dahingehend, dass die 40%ige Arbeitsunfähigkeit aus
psychiatrischer Sicht ab September 2016 bestanden habe. Vorher sei eine
Arbeitsunfähigkeit von 60 % gegeben gewesen (IV-act. 83 S. 2). Der RAD hielt am 24.
Juli 2017 fest, dass das polydisziplinäre Gutachten formal und inhaltlich den
Konventionen entspreche, welche man an ein medizinisches Gutachten stellen dürfe
(IV-act. 87).
Mit Vorbescheid vom 25. Juli 2017 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Rentenbegehrens in Aussicht. Zur Begründung führte sie im
Wesentlichen an, die Abklärungen hätten ergeben, dass die Versicherte seit dem 19.
September 2014 in ihrer angestammten Tätigkeit sowie im Haushalt gesundheitlich
eingeschränkt sei. Mit Behinderung sei ihr aus medizinischer Sicht die Ausübung der
angestammten Tätigkeit noch in einem Pensum von 60 % zumutbar. Im
Aufgabenbereich Haushalt sei unter Berücksichtigung der Mithilfe des Ehemannes im
Sinne einer Schadenminderungspflicht eine Einschränkung von 24.24 % angenommen
worden. In der Annahme, die Versicherte wäre im Gesundheitsfall in einem Pensum von
A.l.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
80 % erwerbstätig, resultiere somit ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad von 25
% (IV-act. 89).
Gegen diesen Vorbescheid wandte die Versicherte, vertreten durch Rechtsanwalt
lic. iur. L. Gmünder, St. Gallen, mit Schreiben vom 11. September 2017 ein, dass die
IV-Stelle für die Berechnung des Invaliditätsgrades zu Unrecht die gemischte Methode
angewendet habe, da sie nie im Aufgabenbereich tätig gewesen sei. Seit ihrer
Ausbildung habe sie bis vor wenigen Jahren immer in einem Pensum von 100 %
gearbeitet. Erst im Jahr 2012 habe sie das Pensum aus gesundheitlichen Gründen um
20 % reduzieren müssen. Sie sei kinderlos und habe während mehr als 30 Jahren im
Vollpensum gearbeitet. Als Miteigentümerin eines Hauses sei sie auf das Einkommen
angewiesen, um die Hypothek bezahlen zu können. Ohnehin sei sie aber nicht mehr in
der Lage, die theoretisch zumutbare Arbeitsfähigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt zu
verwerten, wie die beiden Arbeitsversuche gezeigt hätten. Die krankheitsbedingten
Gegebenheiten seien zusammen mit dem Umstand, dass sie _ Jahre vor der
Pensionierung stehe, geeignet, einen durchschnittlichen Arbeitgeber davon abzuhalten,
die mit ihrer Einstellung verbundenen Risiken einzugehen. Ihre Arbeitsfähigkeit sei
somit nicht verwertbar. Zumindest sei bei der Festlegung des Invalidenlohns ein Abzug
in der Höhe von 25 % zu gewähren (IV-act. 94 S. 1 ff.). Die Versicherte reichte einen
Schlussbericht des RAV vom 16. Januar 2017 über ein absolviertes Einsatzprogramm
ein, woraus unter anderem ersichtlich war, dass die Programmleitung die Versicherte
im Januar 2017 gesundheitlich stabiler als im Dezember 2016 erlebt hatte, wobei dann
ein plötzlicher Programmabbruch erfolgt war (IV-act. 94 S. 6 ff.).
A.m.
Am 22. September 2017 verfügte die IV-Stelle die Abweisung des
Rentenbegehrens im Sinne des Vorbescheids (IV-act. 95).
A.n.
Gegen diese Verfügung erhob die durch Rechtsanwalt Gmünder vertretene
Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin) am 26. Oktober 2017 Beschwerde (act.
G 1). Darin beantragte sie, die Verfügung vom 22. September 2017 sei aufzuheben und
ihr sei ab September 2015 mindestens eine Dreiviertelsinvalidenrente auszurichten.
Eventualiter seien weitere medizinische Abklärungen, insbesondere ein neues
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
Vorliegend strittig und zu prüfen ist der Anspruch der Beschwerdeführerin auf eine
Invalidenrente.
2.
Einen Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung haben Versicherte, die ihre
Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern
können, während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 % arbeitsunfähig gewesen sind und nach Ablauf dieses Jahres zu
mindestens 40 % invalid sind (Art. 28 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung [IVG; SR 831.20]). Nach Art. 28 Abs. 2 IVG besteht Anspruch auf
eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70 %, auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50 % besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente. Invalidität ist
medizinisches Gutachten anzuordnen. Alles unter Kosten- und Entschädigungsfolge
(act. G 1 S. 2).
In ihrer Beschwerdeantwort vom 8. Januar 2018 beantragte die IV-Stelle
(nachfolgend: Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde (act. G 4).
B.b.
In ihrer Replik vom 15. März 2018 hielt die Beschwerdeführerin an den in der
Beschwerde gestellten Anträgen fest (act. G 9).
B.c.
Mit Schreiben vom 1. Mai 2018 hielt die Beschwerdegegnerin an ihrem in der
Beschwerdeantwort gestellten Antrag fest und verzichtete auf eine ausführliche Duplik
(act. G 11).
B.d.
Am 16. Mai 2018 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin dem
Versicherungsgericht seine Honorarnote ein (act. G 13 und 13.1).
B.e.
Mit Schreiben vom 28. Januar 2019 teilte Rechtsanwältin J. Husidic, MLaw UZH,
St. Gallen, mit, dass sie neu die Mandatsführung übernommen habe (act. G 15).
B.f.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
gemäss Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die voraussichtlich bleibende oder längere
Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Erwerbsunfähigkeit wird in Art.
7 Abs. 1 ATSG als der durch eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und
Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf
dem in Betracht kommenden ausgeglichen Arbeitsmarkt definiert. Die Invalidität ist bei
im Gesundheitsfall Vollzeiterwerbstätigen durch einen Einkommensvergleich zu
ermitteln. Dabei wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt
der Invalidität und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger
Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener
Arbeitsmarktlage erzielen kann, in Beziehung gesetzt zum Einkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Art. 16 ATSG). Wenn eine versicherte
Person auch ohne die Gesundheitsbeeinträchtigung nicht voll, sondern nur
teilerwerbstätig gewesen wäre, ist der Invaliditätsgrad gemäss der langjährigen Praxis
des Bundesgerichts nicht anhand eines reinen Einkommensvergleichs (vgl. Art. 16
ATSG), sondern anhand der sogenannten gemischten Methode zu berechnen (BGE
141 V 20 f. E. 3.2). Hierbei ist der Anteil der Erwerbstätigkeit und der Anteil der Tätigkeit
im Aufgabenbereich festzulegen und der Invaliditätsgrad in beiden Bereichen zu
bemessen (vgl. Art. 28a Abs. 3 IVG; Art. 27 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]; BGE 141 V 20 f. E. 3.2). Ob eine versicherte
Person als ganztägig oder zeitweilig erwerbstätig oder als nichterwerbstätig
einzustufen ist, ergibt sich gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung aus der
Prüfung, was die Person bei im Übrigen unveränderten Umständen täte, wenn keine
gesundheitliche Beeinträchtigung bestünde (Urteil des Bundesgerichts vom 17. April
2019, 8C_820/2018, E. 3.2). Massgebend sind die Verhältnisse, wie sie sich bis zum
Erlass der Verwaltungsverfügung entwickelt haben, wobei für die hypothetische
Annahme einer im Gesundheitsfall ausgeübten Erwerbstätigkeit der im
Sozialversicherungsrecht übliche Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
erforderlich ist (Urteil des Bundesgerichts vom 11. August 2016, 9C_179/2016, E. 4.2.1
mit Hinweisen).
3.
bis
Zunächst ist demnach zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin vom Zeitpunkt des
potentiellen Rentenbeginns bis zum Zeitpunkt des Verfügungserlasses vom 22.
September 2017 als Valide überwiegend wahrscheinlich vollzeit- oder
teilzeiterwerbstätig gewesen wäre. Je nachdem kommt gemäss der
3.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bundesgerichtlichen Rechtsprechung eine andere Methode der Invaliditätsbemessung
zur Anwendung (vgl. E. 2).
Die Anmeldung der Beschwerdeführerin hinsichtlich beruflicher Massnahmen und
Rentenleistungen ist bei der IV-Stelle am 22. Januar 2015 eingegangen (vgl. IV-act. 7).
Die Anmeldung zur Früherfassung ist bereits im Dezember 2014 erfolgt (IV-act. 1). Ob
für die Bestimmung des Rentenbeginns auf den Zeitpunkt der Früherfassung oder den
Anmeldezeitpunkt abzustellen ist, kann vorliegend offenbleiben, da die
Arbeitsunfähigkeit der Beschwerdeführerin erst am 19. September 2014 eingetreten ist
(vgl. IV-act. 1 S. 1, 7 S. 3 und 17 S. 3), sodass der frühestmögliche Beginn des
Rentenanspruchs unter Berücksichtigung des Wartejahres i.S.v. Art. 28 Abs. 1 IVG
jedenfalls erst auf den 1. September 2015 fällt (Art. 28 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 29 Abs. 3
IVG). Entscheidend für die Wahl der Methode der Invaliditätsbemessung ist demnach,
ob die Beschwerdeführerin im fiktiven "Gesundheitsfall" ab September 2015 bis zum
Verfügungserlass im September 2017 überwiegend wahrscheinlich voll- oder
teilzeiterwerbstätig gewesen wäre.
3.2.
Anlässlich der Haushaltsabklärung vom 11. April 2016 hat die Beschwerdeführerin
angegeben, dass sie ohne gesundheitliche Beeinträchtigung mindestens im Umfang
von 80 bis 100 % einer Erwerbstätigkeit nachgehen würde. Weiter hat sie ausgeführt,
dass sie insbesondere aus finanziellen Gründen eine Vollzeiterwerbstätigkeit ausüben
würde. Einerseits im Hinblick auf die Altersvorsorge und andererseits, weil ihr Ehemann
und sie auf das Zweiteinkommen angewiesen wären (IV-act. 68 S. 4). In
Übereinstimmung dazu hat die Beschwerdeführerin in ihrem Einwand vom 11.
September 2017 gegen den Vorbescheid vom 25. Juli 2017 ebenfalls ausgeführt, dass
sie im Gesundheitsfall in einem Vollpensum arbeiten würde. Als Miteigentümerin eines
Hauses sei sie auf das Einkommen angewiesen, um die Hypothek bezahlen zu können
(IV-act. 94 S. 1 ff.). In ihrer Beschwerdeschrift vom 26. Oktober 2017 hat die
Beschwerdeführerin wiederum festgehalten, dass sie als Gesunde vollzeiterwerbstätig
wäre. Sie bewohne mit ihrem Ehemann eine grosszügige Wohnung und sei auf das
Einkommen angewiesen (act. G 1 S. 11). Dass teilweise von einer Wohnung und
teilweise von einem Haus die Rede ist, ist für die Statusfrage nicht wesentlich. Die
Beschwerdeführerin hat jedenfalls durchgehend ausgesagt, dass sie insbesondere
aufgrund ihrer Wohnsituation im hypothetischen Gesundheitsfall auf eine
Vollzeiterwerbstätigkeit angewiesen wäre. Zudem hat die Beschwerdeführerin sowohl
in ihrem Einwand als auch in der Beschwerde zu Recht darauf hingewiesen, dass sie
die meiste Zeit ihrer Erwerbskarriere in einem Vollzeitpensum tätig gewesen sei
(vgl. act. G 1 S. 11; IV-act. 94 S. 1 f.). Dies spricht dafür, dass sie auch im zur
3.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Festlegung ihres Status entscheidenden Zeitraum bei voller Gesundheit einer
Vollzeiterwerbstätigkeit nachgegangen wäre. Zwar hat die Beschwerdeführerin bei der
politischen Gemeinde B._ zuletzt lediglich in einem Pensum von 80 % gearbeitet,
jedoch hat sie auch diese Stelle ursprünglich in einem Pensum von 100 % angetreten
(vgl. IV-act. 23 S. 2 f.). Aus welchem Grund es zur Reduktion des Arbeitspensums
gekommen ist, hat die Beschwerdegegnerin bei der Arbeitgeberin nicht erfragt; der
Grund geht auch aus der Aktenlage nicht eindeutig hervor. Während die
Beschwerdeführerin gemäss dem Haushaltsabklärungsbericht angegeben hat, dass die
Reduktion erfolgt sei, weil seitens der Arbeitgeberin kein höheres Pensum mehr
möglich gewesen sei (IV-act. 68 S. 3), hat sie sowohl im Einwand als auch in der
Beschwerde darauf hingewiesen, dass es aus gesundheitlichen Gründen zu einer
Reduktion des Pensums gekommen sei. Angesichts der Probleme am Arbeitsplatz, die
sich auf die gesundheitliche Situation der Beschwerdeführerin ausgewirkt haben
(vgl. z.B. IV-act. 17 S. 4, 78 S. 51 f. und 57 S. 3) und die zumindest im Kern wohl seit
Beginn der Anstellung vorhanden gewesen sein dürften, erscheint es durchaus
plausibel, dass die Verringerung des Pensums mindestens teilweise gesundheitlich
bedingt gewesen ist. Dies auch deswegen, weil die Arbeitsunfähigkeit, die gemäss den
ärztlichen Einschätzungen zu grossen Teilen auf eine Überlastungssituation
zurückzuführen ist, sich kaum von einem Tag auf den anderen entwickelt haben wird
(vgl. z.B. IV-act. 57 und 78 S. 51 f.). Dass die Beschwerdeführerin bald nach Antritt der
Stelle in Kenntnis der Arbeitsplatzbedingungen realisiert hat, dass sie mit einem
Arbeitspensum von 100 % überfordert ist, erscheint somit gut möglich. Ebenso
denkbar ist, dass die Arbeitgeberin die Überforderung der Beschwerdeführerin bemerkt
hat und ihr aus diesem Grund eine Reduktion des Pensums nahegelegt hat. Dass die
Arbeitgeberin einzig aus organisatorischen bzw. wirtschaftlichen Gründen relativ kurz
nach der Anstellung der Beschwerdeführerin in einem Vollzeitpensum auf eine
Reduktion des Pensums gedrängt haben sollte, ist eher unwahrscheinlich. Viel eher ist
davon auszugehen, dass gesundheitliche Gründe für die Änderung mitverantwortlich
gewesen sind. Folglich sagt das bei der politischen Gemeinde B._ zuletzt
innegehabte Arbeitspensum im vorliegenden Fall nichts über die Validenkarriere der
Beschwerdeführerin aus. Ebenso wenig aussagekräftig für die Statusfrage ist der
Umstand, dass die Beschwerdeführerin im Laufe ihrer vorletzten Anstellung das
Pensum von 100 % auf 80 % reduziert hatte, selbst wenn sie dies, wie im
Haushaltsabklärungsbericht festgehalten, zu Gunsten eigener Freizeit und der
Erledigung des Haushalts getan haben sollte (vgl. IV-act. 68 S. 3). Zum einen ist mit
Blick auf Aetiologie und Pathogenese der Erkrankung nicht auszuschliessen, dass die
Beschwerdeführerin bereits damals aus gesundheitlichen Gründen an ihre
Belastungsgrenze gekommen sein könnte, sodass sie die Reduktion des Pensums als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.
erforderlich erachtet hat, um den Haushalt führen zu können und genügend
Erholungsphasen zu haben. Selbst wenn bei der damaligen Reduktion des
Arbeitspensums jedoch keine gesundheitlichen Gründe mitgespielt haben sollten, hat
sich die Beschwerdeführerin bei der politischen Gemeinde B._ wieder auf eine
Vollzeitstelle beworben bzw. eine solche angetreten (vgl. IV-act. 23 S. 2 f.). Mit anderen
Worten hat sie sich möglicherweise vorübergehend freiwillig für mehr Freizeit
entschieden, ist dann jedoch wieder zu einem Pensum von 100 % zurückgekehrt.
Zusammenfassend spricht die bisherige Erwerbskarriere der Beschwerdeführerin unter
Berücksichtigung ihrer gesundheitlichen Situation für die Annahme, dass sie im
Gesundheitsfall weiterhin in einem Pensum von 100 % gearbeitet hätte. Auch die
familiäre Situation lässt vermuten, dass die Beschwerdeführerin einer
Vollzeiterwerbstätigkeit nachgegangen wäre. Sie hat keine Kinder, um die sie sich
kümmern muss, und auch sonst liegen keine Anhaltspunkte vor, die gegen die
Ausübung einer Vollzeiterwerbstätigkeit sprechen würden. Dazu kommen noch die
konsistenten Aussagen der Beschwerdeführerin hinsichtlich ihrer Wohnsituation bzw.
finanziellen Situation, die vermuten lassen, dass sie auf ein volles Erwerbseinkommen
angewiesen wäre (vgl. IV-act. 68 S. 4 und 94 S. 2; act. G 1 S. 11). Nach dem Gesagten
ist somit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die
Beschwerdeführerin als Vollzeiterwerbstätige einzustufen ist. Folglich ist die
Bemessung des Invaliditätsgrades anhand der Einkommensvergleichsmethode
vorzunehmen.
Zur Bestimmung des Invaliditätsgrades anhand eines Einkommensvergleichs ist
zunächst zu prüfen, ob der Arbeitsfähigkeitsgrad der Beschwerdeführerin in einer
adaptierten Erwerbstätigkeit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit feststeht.
4.1.
Um den Arbeitsfähigkeitsgrad bestimmen zu können, ist die Verwaltung - und im
Beschwerdefall das Gericht - auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es dabei, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu
Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die
versicherte Person arbeitsfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4; vgl. ferner BGE 115 V 134 E.
2). Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für
die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten bzw. der Anamnese
abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in
4.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen
der Fachperson begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweis).
Die Beschwerdegegnerin ist in der angefochtenen Verfügung gestützt auf das
BEGAZ-Gutachten davon ausgegangen, dass die Beschwerdeführerin sowohl in ihrer
angestammten als auch in einer adaptierten Tätigkeit zu 40 % arbeitsunfähig sei (IV-
act. 95). In ihrer Beschwerdeantwort hat die Beschwerdegegnerin das BEGAZ-
Gutachten zwar in Bezug auf den medizinischen Sachverhalt weiterhin als
nachvollziehbar und schlüssig bezeichnet (vgl. act. G 4 S. 5). Unter Darlegung
verschiedener von der Rechtsprechung entwickelten Standardindikatoren hat sie
jedoch neu den Standpunkt vertreten, dass es am erforderlichen Schweregrad der von
den Gutachtern diagnostizierten gesundheitlichen Störungen fehle, weshalb kein
invalidenversicherungsrechtlich relevanter Gesundheitsschaden und damit auch kein
Rentenanspruch ausgewiesen sei (act. G 4 S. 8). Die Beschwerdeführerin misst dem
BEGAZ-Gutachten keinen Beweiswert zu und erachtet die ihr im Gutachten attestierte
Arbeitsunfähigkeit als zu tief. Die von ihr absolvierten beruflichen Trainings hätten
gezeigt, dass sie selbst im geschützten und eng begleiteten Rahmen nicht einmal
einem Arbeitspensum von 40 % gewachsen sei (act. G 1 S. 8 f.). Die
Beschwerdeführerin ist der Ansicht, dass seitens des psychiatrischen und des
neuropsychologischen Gutachters eine vertiefte Auseinandersetzung mit den
gescheiterten Arbeitseinsätzen notwendig gewesen wäre. Eine solche lasse das
Gutachten aber vermissen. Der psychiatrische Gutachter habe lediglich in der
Alltagbeschreibung erwähnt, dass sie ein Arbeitstraining absolviere, jedoch fänden sich
dazu keine weiteren Angaben. Das Arbeitstraining bei der G._ sei im psychiatrischen
Gutachten gänzlich unerwähnt geblieben. Auch sei im Gutachten zu lesen, dass dem
psychiatrischen Sachverständigen keine nicht-medizinischen Akten vorgelegen hätten.
Insofern stelle sich die Frage, ob der psychiatrische Gutachter den Bericht der G._
überhaupt gelesen habe (act. G 9 S. 3 i.V.m. 1 S. 9). Der neuropsychologische
Gutachter habe den Arbeitsversuch bei der G._ nur am Rande erwähnt (act. G 1
S. 9). Weiter bemängelt die Beschwerdeführerin, dass sich im psychiatrischen
Gutachten falsche Angaben zu ihren Hobbies fänden. Kochen, Freunde einladen,
Wandern und Velofahren habe sie früher gerne gemacht, jedoch habe sie diese
Aktivitäten krankheitsbedingt schon lange aufgegeben, wie sie dies auch anlässlich der
Haushaltsabklärung im April 2016 angegeben habe (act. G 1 und 9 S. 5). Unerwähnt
geblieben seien in der psychiatrischen Beurteilung auch die Tränenausbrüche und
Weinkrämpfe (act. G 1 S. 10 und 9 S. 3). Das Weinen sei gemäss allgemeinem
medizinischen Konsens Ausdruck einer grossen Verzweiflung, welche diagnostisch das
Kriterium einer mindestens mittelgradigen Depression erfülle. Zu diesem Schweregrad
4.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
passten auch die bei ihr bestehenden funktionellen Beeinträchtigungen (act. G 1 S. 10).
Schliesslich beanstandet die Beschwerdeführerin, dass die Gutachter keine
umfassende Indikatorenprüfung nach dem bundesgerichtlichen Schema vorgenommen
hätten, sondern lediglich einzelne Aspekte geprüft hätten. Mangelhaft sei insbesondere
die Prüfung der Kategorie "funktioneller Schweregrad" und "Gesundheitsschädigung"
ausgefallen (act. G 9 S. 6 f.). Unter Berücksichtigung der gescheiterten Arbeitsversuche
und der Arbeitsfähigkeitsschätzung von Dr. D._ sei bei ihr von einer höchstens
20%igen medizinisch-theoretischen Arbeitsfähigkeit auszugehen (act. G 1 S. 10 und 9
S. 7).
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin haben sich der psychiatrische und
der neuropsychologische Gutachter ausreichend mit den vom Bundesgericht
definierten Standardindikatoren auseinandergesetzt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass
die Handhabung des Indikatorenkatalogs den Umständen des Einzelfalls gerecht
werden muss. Es handelt sich nicht um eine "abhakbare Checkliste" (BGE 141 V 297
E. 4.1). Namentlich hat sich der psychiatrische Gutachter entgegen der Behauptung
der Beschwerdeführerin eingehend mit dem Gesundheitsschaden und dessen
Ausprägung befasst. Er hat die Herleitung der Diagnose der posttraumatischen
Belastungsstörung detailliert aufgezeigt und auch die Diagnose der rezidivierenden
depressiven Störung unter Bezugnahme auf die Hamilton Depression Skala
nachvollziehbar erläutert (vgl. IV-act. 78 S. 52). Sodann hat er sich auch mit den
konkreten Auswirkungen bzw. Symptomen der rezidivierenden depressiven Störung
(Antriebsprobleme, erhöhte Ermüdbarkeit, Schlafstörungen, Reduktion des Appetits
und der Libido) sowie der posttraumatischen Belastungsstörung (Intrusionen,
Schreckhaftigkeit, Angespanntheit, Hypervigilenz und Schlafstörungen)
auseinandergesetzt (vgl. IV-act. 78 S. 52 f. und 59 f.). Zudem hat er zur Darlegung der
funktionellen Einschränkungen auf einen Mini-ICF-APP-Rating-Bogen verwiesen,
woraus sich deutliche Beeinträchtigungen bei der Planung und Strukturierung von
Aufgaben, der Flexibilität und Umstellungsfähigkeit, der Anwendung fachlicher
Kompetenzen sowie der Durchhaltefähigkeit ergeben hätten (IV-act. 78 S. 59 f.). Der
psychiatrische Gutachter hat seine Angaben mittels diagnostischer Tests, soweit
möglich, zu objektivieren versucht und deren Ergebnisse nachvollziehbar erläutert.
Hinsichtlich der Arbeitstrainings ist anzumerken, dass er im Rahmen der Schilderung
des Tagesablaufs der Beschwerdeführerin festgehalten hat, diese arbeite in einem vom
RAV vermittelten Arbeitstraining (IV-act. 78 S. 47). Insofern muss er Kenntnis von dem
zuletzt absolvierten Arbeitstraining gehabt haben. Der Schlussbericht dieses
Arbeitsversuchs hat dem Gutachter bei Erstellung seines Teilgutachtens am 5. Januar
2017 allerdings tatsächlich noch nicht vorliegen können, datiert dieser doch vom 16.
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Januar 2017 (act. G 1.4). Inwiefern dieser Schlussbericht für eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung aussagekräftig sein und eine höhere Arbeitsunfähigkeit wie
die gutachterlich attestierte ausweisen könnte, ist jedoch nicht ersichtlich. Insgesamt
hat die Programmleiterin des Einsatzprogramms neben der Erwähnung gewisser
Probleme, die aber nicht als gravierend erscheinen, der Beschwerdeführerin gute
Leistungen attestiert und auch festgehalten, dass sie im Januar 2017 einen stabileren
Eindruck als im Dezember 2016 gemacht habe (act. G 1.4; vgl. insbesondere S. 5).
Schliesslich heisst es im Bericht, der Austritt der Beschwerdeführerin sei erfolgt, ohne
dass diese das Gespräch gesucht habe (act. G 1.4 S. 5). Der Grund für den Abbruch
des Trainings ist dem Bericht somit nicht zu entnehmen. Auch enthält er keine
Einschätzung der Arbeitsfähigkeit oder Angaben, die in krassem Widerspruch zur
Einschätzung der Gutachter stehen würden (vgl. act. G 1.4). Dass der Schlussbericht
über dieses Arbeitstraining des RAV den Sachverständigen im Begutachtungszeitpunkt
nicht vorgelegen hat, spricht dem Gutachten somit nicht seinen Beweiswert ab.
Angesichts des im Begutachtungszeitpunkt noch nicht erstellten Schlussberichts
dieses RAV-Arbeitstrainings ist auch der Vermerk im psychiatrischen Fachgutachten,
wonach keine aktuellen nichtmedizinischen Akten vorliegen würden, nachvollziehbar
(IV-act. 78 S. 56). Aus diesem Vermerk ist aber nicht zu schliessen, dass dem
psychiatrischen Gutachter auch der Bericht der G._ nicht bekannt gewesen ist.
Dieser Bericht hat nämlich nicht die aktuelle Situation der Beschwerdeführerin bei
Begutachtung Anfang 2017, sondern diejenige im Jahr 2015 beschrieben (vgl. IV-
act. 60). Aus dem Gutachten ist vielmehr zu schliessen, dass der Bericht der G._ den
Sachverständigen zur Verfügung gestanden hat (vgl. IV-act. 78 S. 8). Angesichts der
vom psychiatrischen Gutachter angenommenen Verbesserung der
Gesundheitssituation der Beschwerdeführerin ab September 2016 (vgl. IV-act. 78
S. 52, 55 und 60) und aufgrund seiner Kenntnis des neuen, über das RAV organsierten
Arbeitstrainings (vgl. IV-act. 78 S. 47) ist es sodann nachvollziehbar, dass er auf eine
eingehende Auseinandersetzung mit dem Bericht des früheren Arbeitstrainings bei
G._ verzichtet hat. Der neuropsychologische Gutachter hat sich zum Bericht der
G._, wie von der Beschwerdeführerin selber eingeräumt (act. G 1 S. 9), sogar explizit
geäussert, indem er die darin vertretene Ansicht geteilt hat, dass die Arbeiten der
Beschwerdeführerin derart konzipiert sein sollten, dass kein freies Gestalten notwendig
sei. Die im Bericht der G._ enthaltene Einschätzung der Arbeitsfähigkeit hat der
neuropsychologische Gutachter jedoch nicht teilen können (IV-act. 78 S. 42). Er hat
unter ausführlicher Darlegung der Ergebnisse seiner Tests nachvollziehbar aufgezeigt,
dass die erhobenen Befunde lediglich einer minimalen neuropsychologischen
Funktionsschwäche entsprechen würden (IV-act. 78 S. 35 ff.). Dass der
neuropsychologische Gutachter darauf verzichtet hat, die Auswirkungen der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
neuropsychologischen Befunde auf die Arbeitsfähigkeit zu quantifizieren, ist
nachvollziehbar, da er diese im Zusammenhang mit den psychiatrischen Diagnosen
gesehen hat. So hat er in seinem Fachgutachten festgehalten, dass die geringfügigen
neurologischen Defizite im Rahmen der psychiatrischen Diagnosen, insbesondere der
rezidivierenden depressiven Störung, die zu einer leichten Einschränkung in der
Spontanität des Denkens und einer leicht verlangsamten Anpassungsfähigkeit führen
könnten, zu sehen seien (IV-act. 78 S. 41). Jedenfalls sind die in den Berichten über die
Arbeitstrainings geschilderten Einschränkungen von den Gutachtern ohnehin zu
grossen Teilen beschrieben worden, sodass diese ausreichend in die gutachterliche
Beurteilung Eingang gefunden haben. Insgesamt erscheint sowohl das neurologische
als auch das neuropsychologische Fachgutachten sorgfältig erstellt. Die Gutachter
haben sich mit den seitens der Beschwerdeführerin vorgetragenen Leiden
auseinandergesetzt, eine ausführliche Anamnese durchgeführt, zu vorangehenden
ärztlichen Einschätzungen Stellung genommen, ihre Diagnosen und
Arbeitsfähigkeitsschätzungen nicht nur auf klinische Beobachtungen gestützt, sondern
auch mittels Tests zu objektivieren versucht, und im Gutachten nachvollziehbar
dargelegt. Entgegen der Behauptung der Beschwerdeführerin sind auch die
Weinausbrüche im Gutachten nicht unerwähnt geblieben. Vielmehr hat der
psychiatrische Gutachter beispielsweise festgehalten, dass die Beschwerdeführerin
während der Schilderung der Geschehnisse ihres H._-Aufenthaltes von Anfang an
unvermittelt zu weinen begonnen habe und während mehreren Minuten blockiert
gewesen sei (IV-act. 78 S. 44). Auch dem neuropsychologischen Gutachter ist
aufgefallen, dass die Beschwerdeführerin im Affekt leicht labil gewesen sei (IV-act. 78
S. 35). Allerdings kann aus den Weinanfällen entgegen der Ansicht der
Beschwerdeführerin nicht automatisch auf das Vorliegen einer mittelgradigen
Depression geschlossen werden. Es ist gerichtsnotorisch, dass Weinanfälle
unterschiedliche Ursachen haben können und auch uneingeschränkt arbeitsfähige
Menschen zumindest gelegentlich in Tränen ausbrechen können. Die Gutachter haben,
wie bereits erwähnt, ihre Diagnosen schlüssig begründet. Hinsichtlich der im Gutachten
erwähnten Hobbies ist der Beschwerdegegnerin darin zuzustimmen, dass die
Beschwerdeführerin nicht sogleich geltend gemacht hat, diese seien im Gutachten
falsch aufgeführt worden (vgl. act. G 4 S. 4). Entgegen der Behauptung der
Beschwerdeführerin (vgl. act. G 9 S. 3) hat sie in ihrem Einwand gegen den
Vorbescheid die im Gutachten enthaltene Aufzählung der Hobbies nämlich nicht
kritisiert (vgl. IV-act. 94). Aus dem Gutachten geht sodann hervor, dass die
Sachverständigen die Auswirkungen der gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf die
Freizeitaktivitäten durchaus sorgfältig eruiert haben. So hat der psychiatrische
Gutachter beispielsweise festgehalten, dass das Aktivitätsniveau der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführerin seit dem Jahr 2014 deutlich niedriger sei. Sie benötige
Unterstützung bei der Haushaltsführung und habe sowohl ihre sozialen Aktivitäten als
auch ihre Hobbies reduziert (IV-act. 78 S. 59). Auch ist dem Gutachten zu entnehmen,
dass die Beschwerdeführerin schwere Haushaltstätigkeiten nicht mehr verrichten
könne und eine Putzfrau angestellt habe (IV-act. 78 S. 55). Ausserdem hat der
psychiatrische Gutachter explizit festgehalten, dass es der Beschwerdeführerin erst
seit September 2016 wieder möglich sei, an den Wochenenden soziale Kontakte
wahrzunehmen (IV-act. 78 S. 55). Folglich kann aus den anlässlich der
Haushaltsabklärung vom April 2016 gemachten Angaben zu den Freizeitaktivitäten
ohnehin nicht auf diejenigen im Gutachtenzeitpunkt geschlossen werden (vgl. IV-
act. 68). Die vom psychiatrischen Gutachter angenommene Verbesserung der
gesundheitlichen Situation ab September 2016 ist sodann gut nachvollziehbar. Zum
einen geht nämlich aus dem Gutachten hervor, dass sich die Beschwerdeführerin im
September 2016 mit dem Bergführer der H._-Tour getroffen habe, wonach sich die
Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung abgeschwächt hätten (IV-act. 78
S. 52). Zum anderen hat die Beschwerdeführerin gegenüber dem internistischen
Gutachter angegeben, dass sie die Frequenz der Behandlungen bei Dr. D._ im
Herbst 2016 habe reduzieren können (IV-act. 78 S. 12). Sodann hat der psychiatrische
Gutachter zu Recht darauf hingewiesen, dass die Beschwerdeführerin im Herbst 2016
auch wieder ein Arbeitstraining aufgenommen habe (IV-act. 78 S. 60; vgl. dazu IV-
act. 94 S. 4). Schliesslich passen dazu auch die vom psychiatrischen Gutachter
festgehaltenen neuen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung bzw. Kontaktpflege ab
September 2016 (IV-act. 78 S. 55). Zusammenfassend kann somit auf die Einschätzung
des psychiatrischen Gutachters, wonach aus psychiatrischer Sicht ab September 2016
eine 40%ige Einschränkung der Arbeitsfähigkeit und vor September 2016 eine 60%ige
Arbeitsunfähigkeit bestanden habe (vgl. IV-act. 78 S. 59 f. i.V.m. 83 S. 2), abgestellt
werden. Es ist zwar anzunehmen, dass die Arbeitsunfähigkeit mindestens während des
stationären Aufenthaltes in der Klinik F._ und möglicherweise auch noch einige Zeit
darüber hinaus vorübergehend 100 % betragen hat (vgl. IV-act. 28). Sodann ist es aber
plausibel, dass sich der Gesundheitszustand unter der stationären und ambulanten
Therapie gebessert hat und spätestens ab dem potentiellen Rentenbeginn im
September 2015 (vgl. dazu E. 3.2) entsprechend der gutachterlichen Einschätzung nur
noch eine 60%ige Arbeitsunfähigkeit und ab September 2016 eine 40%ige
Arbeitsunfähigkeit vorhanden gewesen ist. Die Schätzung der 40%igen
Arbeitsunfähigkeit ist auch im polydisziplinären Konsens schlüssig bestätigt worden
(vgl. IV-act. 78 S. 63 ff.; vgl. ferner Gutachtensergänzung vom 13. März 2017; IV-
act. 83). Dazu gilt es anzumerken, dass auch die somatischen Gutachten schlüssig
erstellt worden sind (vgl. IV-act. 78) und die Gutachter im polydisziplinären Konsens
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausdrücklich festgehalten haben, dass die seitens des neurologischen und
neuropsychologischen Sachverständigen festgestellten Einschränkungen im Rahmen
der attestierten 40%igen Arbeitsunfähigkeit gebührend berücksichtigt worden seien
(IV-act. 78 S. 66). Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ist zusammenfassend davon
auszugehen, dass die Beschwerdeführerin spätestens ab September 2015 bis August
2016 zu 60 % arbeitsunfähig und ab September 2016 bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der angefochtenen Verfügung noch zu 40 % arbeitsunfähig gewesen ist.
Der von der Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort vorgebrachte
Einwand, wonach es am funktionellen Schweregrad der psychischen Störung fehle und
ein rechtsgenügender Bezug zwischen den gutachterlich gestellten Diagnosen und
deren funktionelle Auswirkungen nicht überwiegend wahrscheinlich ausgewiesen sei
(vgl. act. G 4 S. 8), ist aufgrund der soeben gemachten Ausführungen nicht
nachvollziehbar. Vielmehr haben die Gutachter die Herleitung ihrer Diagnosen
nachvollziehbar begründet und deren funktionelle Auswirkungen schlüssig dargelegt.
Die gutachterliche Einschätzung der Arbeitsfähigkeit erscheint in sich stimmig und ist
unter Berücksichtigung der gesamten medizinischen Aktenlage nachvollziehbar. So hat
auch die Beschwerdegegnerin das Gutachten in Bezug auf den medizinischen
Sachverhalt als nachvollziehbar und schlüssig eingestuft (vgl. act. G 4 S. 5) und in der
angefochtenen Verfügung selber auf die Arbeitsfähigkeitsschätzung der Gutachter
abgestellt (vgl. IV-act. 95). Die von ihr in der Beschwerdeantwort vorgenommene
Indikatorenprüfung überzeugt sodann nicht, da sie auf eine juristische
Parallelüberprüfung des medizinischen Sachverhaltes hinausläuft (vgl. act. G 4 S. 6 ff.).
Das strukturierte Beweisverfahren soll aber gerade keine von den medizinischen
Einschätzungen losgelöste juristische Parallelüberprüfung ermöglichen. Kommt der
Rechtsanwender nach der Beweiswürdigung zum Schluss, ein Gutachten erfülle
sowohl die mit BGE 141 V 281 definierten versicherungsmedizinischen Massstäbe als
auch die allgemeinen rechtlichen Beweisanforderungen, ist es grundsätzlich als
beweiskräftig anzusehen und die darin enthaltene Schätzung der Arbeitsfähigkeit somit
zu übernehmen (Urteil des Bundesgerichts vom 4. Juni 2018, 9C_194/2018, E. 4.1 mit
Hinweisen). Wie bereits dargelegt, haben die Gutachter in ihrer Beurteilung auf
einschlägige Standardindikatoren Bezug genommen. Auch leuchtet ihre
Arbeitsfähigkeitsschätzung in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge ein.
Auf die gutachterliche Einschätzung der Arbeitsfähigkeit ist deshalb abzustellen
(vgl. E. 4.4).
4.5.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
Weiter macht die Beschwerdeführerin geltend, dass sie nicht in der Lage sei, die
ihr theoretisch zumutbare Arbeitsfähigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt zu verwerten.
Die Arbeitsversuche hätten dies gezeigt. Die krankheitsbedingten Gegebenheiten seien
in Kombination mit der Tatsache, dass sie nur noch einige Jahre vor der Pensionierung
stehe, geeignet, einen durchschnittlichen Arbeitgeber davon abzuhalten, sie
einzustellen (act. G 1 S. 12).
5.1.
Für die Invaliditätsbemessung ist nicht massgeblich, ob eine invalide Person unter
den konkreten Arbeitsmarktverhältnissen vermittelt werden kann, sondern einzig, ob
sie die ihr verbliebene Arbeitskraft noch wirtschaftlich nutzen könnte, wenn ein
Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften bestünde
(ausgeglichener Arbeitsmarkt, Art. 16 ATSG). An der Massgeblichkeit des theoretisch
ausgeglichenen Arbeitsmarktes vermag auch der Umstand nichts zu ändern, dass es
für die versicherte Person im Einzelfall schwierig oder gar unmöglich ist, im
tatsächlichen Arbeitsmarkt eine entsprechende Stelle zu finden. Der ausgeglichene
Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen- und
Arbeitsangebote, bei welchen mit einem sozialen Entgegenkommen seitens des
Arbeitgebers gerechnet werden kann. Eine Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit
ist hingegen in denjenigen Fällen anzunehmen, in denen die zumutbare Tätigkeit nur in
so eingeschränkter Form möglich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt
praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines
durchschnittlichen Arbeitgebers möglich wäre und das Finden einer entsprechenden
Stelle daher von vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteil des Bundesgerichts
vom 28. November 2014, 9C_485/2014, E. 2 und 3.3.1 mit Hinweisen).
5.2.
Vorliegend ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführerin im massgebenden
Zeitpunkt (vgl. BGE 138 V 461 f. E. 3.3) auf dem ausgeglichen fiktiven Arbeitsmarkt
Tätigkeiten offen gestanden haben, zumal sich die ihr verbliebene Restarbeitsfähigkeit
auch auf ihren angestammten Tätigkeitsbereich bezieht (vgl. IV-act. 78 S. 65 f.). Gerade
im administrativen Bereich gibt es ein breites Spektrum an möglichen Tätigkeiten (zum
angestammten Tätigkeitsbereich vgl. IV-act. 23 und 78 S. 65 f.). Auch die gescheiterten
Arbeitsversuche vermögen nicht zu belegen, dass die Verwertung der
Restarbeitsfähigkeit ausgeschlossen ist. Der Arbeitsversuch bei der G._ kann schon
deswegen nichts über die Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit aussagen, da sich
der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin seither verändert hat (vgl. IV-act. 60
i.V.m. 78 S. 60). Dem Schlussbericht des über das RAV vermittelten Arbeitsversuchs
kann ebenfalls nicht entnommen werden, dass die Beschwerdeführerin einem
5.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
Arbeitgeber nicht zumutbar bzw. ihre Restarbeitsfähigkeit nicht mehr verwertbar wäre.
Vielmehr werden ihre Leistungen in diesem Bericht sogar grundsätzlich als gut
beurteilt. Die Gründe des Abbruchs des Arbeitsversuchs gehen aus dem Bericht
sodann nicht hervor (vgl. act. G 1.4). Auch die der Beschwerdeführerin im Zeitpunkt
des Feststehens der Zumutbarkeit der Erwerbstätigkeit noch verbliebene
Aktivitätsdauer schliesst die Verwertung der Restarbeitsfähigkeit nicht aus (vgl. dazu
IV-act. 60 S. 6 ff.).
Gestützt auf die ermittelte Arbeitsunfähigkeit sind die erwerblichen Auswirkungen
der gesundheitlichen Einschränkungen zu prüfen. Dabei ist der Invaliditätsgrad anhand
eines Einkommensvergleichs zu bestimmen (vgl. E. 2 i.V.m. 3).
6.1.
Vorliegend ist sowohl hinsichtlich des (hypothetischen) Valideneinkommens als
auch bezüglich des Invalideneinkommens derselbe Tätigkeitsbereich zugrunde zu
legen, da die Beschwerdeführerin sowohl in einer adaptierten als auch in ihrer
angestammten Tätigkeit spätestens ab September 2015 zu 60 % arbeitsunfähig
gewesen und ab September 2016 noch zu 40 % arbeitsunfähig ist (vgl. E. 4.4). Daher
kann ihr Invaliditätsgrad anhand eines sogenannten Prozentvergleichs ermittelt werden.
Dabei entspricht der Invaliditätsgrad dem Grad der Arbeitsunfähigkeit, allenfalls unter
Berücksichtigung eines Abzuges vom Tabellenlohn (vgl. BGE 126 V 75). Ein solcher
Abzug ist vorliegend gerechtfertigt, das es sich bei der verbliebenen Arbeitsfähigkeit
um einen Mittelwert handelt, der dem Umstand keine Rechnung trägt, dass die
Beschwerdeführerin ihre Leistungsfähigkeit nur schwankend und damit schwer planbar
wird erbringen können. Auch wird die Beschwerdeführerin aufgrund ihrer psychischen
Einschränkungen bei höherem Arbeitsvolumen und bei anfallenden Überstunden nicht
gleich belastbar wie andere Arbeitnehmende sein. Auch ist sie in anderen
Tätigkeitsbereichen nicht gleich flexibel einsetzbar. Alle diese Umstände bedeuten für
die Beschwerdeführerin einen Konkurrenznachteil, der bei der Festsetzung des
Invalideneinkommens lohnmindernd zu berücksichtigen ist. Deshalb ist ein
Tabellenlohnabzug von 10 % angezeigt. Folglich resultiert für den Zeitraum September
2015 bis August 2016 bei einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 40 % ein Invaliditätsgrad
von 64 % (= 100 % - 90 % x 40 %) und somit ein Anspruch auf eine Dreiviertelsrente.
Bei einem Arbeitsfähigkeitsgrad von 60 %, wie er ab September 2016 anzunehmen ist,
ergibt sich ein Invaliditätsgrad von 46 % (= 100 % - 90 % x 60 %) und ein Anspruch
auf eine Viertelsrente. Unter Berücksichtigung der Übergangsfrist von Art. 88a IVV ist
der Beschwerdeführerin jedoch noch bis November 2016 eine Dreiviertelsrente
auszurichten. Ab Dezember 2016 besteht noch Anspruch auf eine Viertelsrente.
6.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/25
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
7.