Decision ID: d4e375d9-9ba9-54e8-9f6e-7be9d4866733
Year: 2018
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Übersicht
Am 10. September 2014 kam es zwischen A_ und B_ zu einer verbalen
Auseinandersetzung. B_ zeichnete das Gespräch auf ihrem Handy auf. Mit Strafbefehl
vom 16. Juni 2015 wurde B_ wegen unbefugtem Aufnehmen von Gesprächen nach Art.
179ter Strafgesetzbuch schuldig gesprochen und zu einer bedingten Geldstrafe von 15
Tagessätzen zu je CHF 70.00 und einer Geldbusse in Höhe von CHF 400.00 verurteilt.
Gegen A_ erging am gleichen Tag ein Strafbefehl in dem er der Beschimpfung nach
Art. 177 Abs. 1 Strafgesetzbuch (StBG, SR 311.0) schuldig gesprochen und mit einer
unbedingten Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu je CHF 100.00 sowie einer bedingten
Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je CHF 100.00 bestraft wurde. Nachdem beide
Beschuldigten Einsprache gegen den jeweiligen Strafbefehl erhoben hatten, überwies die
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Staatsanwaltschaft diese an den Einzelrichter des Kantonsgerichts. Mit Schreiben vom
22. Dezember 2016 liess A_ beim Vorderrichter den Antrag stellen, es sei im Rahmen
eines prozessleitenden und anfechtbaren Entscheids vorfrageweise darüber zu befinden,
ob die Aufzeichnung der verbalen Auseinandersetzung durch B_ mit rechtsgenügender
Zustimmung seinerseits zustande gekommen sei. Mit Verfügung vom 12. Januar 2017
wies der Vorderrichter den Antrag ab (act. B 2/2/2).
B. Prozessgeschichte
a) Mit Beschwerde ans Obergericht vom 23. Januar 2017 liess A_ die Verfügung der
Vorinstanz vom 12. Januar 2017 anfechten. Der neu eingegangene Fall wurde unter der
Einschreibnummer ERS 2017 3 dem Einzelrichter des Obergerichts zugewiesen.
b) Mit Verfügung vom 27. Januar 2017 wurde die Beschwerde sämtlichen
Verfahrensbeteiligten zugestellt und ihnen Gelegenheit eingeräumt, eine schriftliche
Stellungnahme einzureichen (act. B 2/4). Die Staatsanwaltschaft verzichtete darauf (act. B
2/5). Der Vorderrichter führte in seiner Stellungnahme aus, er beabsichtige, beide
Entscheide im Anschluss an die beiden Verhandlungen zeitgleich zu beraten und zu
eröffnen. Ohne Hauptverhandlung könne nicht über die Frage der Verwertbarkeit der
Aufzeichnung der verbalen Auseinandersetzung befunden werden (act. B 2/6). Die
Beschwerdegegnerin beantragte ihrerseits die Abweisung der Beschwerde, soweit darauf
eingetreten werden könne und die Zusprechung einer Parteientschädigung (act. B 2/7).
c) Am 7. Februar 2017 wurden die schriftlichen Stellungnahmen dem Beschwerdeführer
zugestellt und diesem das Replikrecht eingeräumt (act. B 2/9). Hiervon machte der
Beschwerdeführer mit Eingabe vom 20. Februar 2017 Gebrauch und stellte neu das
Gesuch, der Beschwerde sei die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die ursprünglich
angesetzte Hauptverhandlung vom 27. Februar 2017 vor dem Einzelrichter des
Kantonsgerichts sei erst nach Abschluss des vorliegenden Beschwerdeverfahrens
durchzuführen (act. B 2/11).
d) Am 9. Februar 2017 verfügte der Einzelrichter des Kantonsgerichts die Vereinigung der
beiden Verfahren SE3 16 4 und SE3 16 5 (act. B 2/10).
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e) Das Gesuch um Erteilung der aufschiebenden Wirkung wies der Stellvertreter des
Vorsitzenden am 23. Februar 2017 im vorliegenden Verfahren ab (act. B 2/12) und die
Hauptverhandlung in den beiden vereinigten Verfahren fand wie geplant am 27. Februar
2017 statt. Dabei bestätigte der Einzelrichter des Kantonsgerichts die Verurteilung von
A_ wegen Beschimpfung (Verfahren Nr. SE3 16 4), sprach aber B_ vom Vorwurf des
unbefugten Aufnehmens von Gesprächen (Art. 179ter StGB) frei (Verfahren Nr. SE3 16 5).
Gegen beide Urteile liess A_ Berufung erklären (Verfahren Nrn. O1S 17 6 und O1S 17
8), wobei die Berufungsverhandlungen auf den 3. April 2018 traktandiert wurden.
f) Den Parteien wurde mit Schreiben vom 31. März 2017 Gelegenheit zur Stellungnahme
bezüglich einer allfälligen Gegenstandslosigkeit des vorliegenden Beschwerdeverfahrens
eingeräumt (act. B 2/15). Die Beschwerdegegnerin beantragte mit Schreiben vom
11. April 2017 dessen Abschreibung (act. B 2/16). Der Beschwerdeführer ersuchte um
Sistierung des Verfahrens bis zur rechtskräftigen Erledigung der beim Obergericht
hängigen Berufungsverfahren O1S 2017 6 und O1S 2017 8. Für den Fall, dass das
Obergericht von Gegenstandslosigkeit ausgehe, beantragte er, es seien ihm keine Kosten
aufzuerlegen (act. B 2/19).
g) Mit Verfügung vom 6. Juni 2017 übertrug der Einzelrichter des Obergerichts das
Beschwerdeverfahren zuständigkeitshalber der 2. Abteilung des Obergerichts (act. B
2/20).
h) Bezugnehmend auf die Eingabe des Beschwerdeführers vom 12. Mai 2017 wurde den
Parteien am 29. August 2017 Gelegenheit gegeben, sich zum Sistierungsantrag zu
äussern (act. B 3). Die Beschwerdegegnerin liess auf ihre Eingabe vom 11. April 2017
verweisen und festhalten, dass aus ihrer Sicht nach wie vor kein Anlass für eine
Aussetzung des Verfahrens bestehe (act. B 5).
i) Am 6. Dezember 2017 wurde den Parteien die beabsichtigte Erledigung der Beschwerde
ohne mündliche Verhandlung angezeigt und den Parteivertretern Gelegenheit gegeben,
ihre Kostennoten einzureichen (act. B 7). Diese gingen am 19. bzw. am 29. Dezember
2017 (act. B 10 und B 12) ein.
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Auf die Ausführungen in den vorstehend aufgeführten Eingaben kann verwiesen werden;
soweit für die Beurteilung der Beschwerde erforderlich, ist darauf im Rahmen der
nachfolgenden Erwägungen einzugehen.
C. Beschluss des Obergerichts
Das Obergericht führte seine Beratung am 6. Februar 2018 durch und eröffnete den
Parteien seinen Beschluss anschliessend im Dispositiv (act. B 13).

Erwägungen
I. Formelles
1.1 Bezüglich der im Kanton Appenzell Ausserrhoden ab 1. Januar 2011 für die
Strafrechtspflege zuständigen Behörden nach StPO ist auf Art. 26 des Justizgesetzes
vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) hinzuweisen, wonach das Obergericht
Berufungs- und Beschwerdeinstanz in der allgemeinen Strafrechtspflege ist, unter
Vorbehalt der Befugnisse des Einzelrichters oder der Einzelrichterin. Nach Art. 27 JG ist
der Einzelrichter des Obergerichtes nur Beschwerdeinstanz gegenüber dem Einzelrichter
des Kantonsgerichtes als Zwangsmassnahmengericht. Die Beschwerdeinstanz ist
demnach ein Kollegialgericht im Sinne von Art. 395 StPO, weshalb die Verfahrensleitung
einen Entscheid nur unter den in Art. 395 lit. a oder b StPO genannten Voraussetzungen
treffen kann. Angeknüpft wird mithin an den Gegenstand der Beschwerde und nicht an
jenen des angefochten Entscheids1.
In casu sind die Voraussetzungen für die (ausnahmsweise) Zuständigkeit der
Verfahrensleitung nicht gegeben, da es bei der angefochtenen Verfügung um ein
Vergehen (vgl. Art. 10 Abs. 3 StGB), nämlich eine Beschimpfung nach Art. 177 StPO,
geht.
1 PATRICK GUIDON, Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, 2011, Rz. 536.
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1.2 Die Beschwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert 10 Tagen
schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO).
Vorliegend hat der Beschwerdeführer die angefochtene Verfügung des Einzelrichters des
Kantonsgerichts am 13. Januar 2017 erhalten (act. B 2/1, S. 2). Mit der Erhebung der
Beschwerde am 23. Januar 2017 (act. B 2/1) wurde die Beschwerdefrist von Art. 396 Abs.
1 StPO gewahrt.
1.3.1 In der Eingabe vom 12. Mai 2017 vertrat A_ die Auffassung, das Beschwerdeverfahren
sei durch die Entscheide des Einzelrichters des Kantonsgerichts nicht gegenstandslos
geworden (act. B 2/19). Bei einer Rückweisung der Sache durch das Obergericht oder
das Bundesgericht an die erste Instanz würde die mit Beschwerde angefochtene
Verfügung vom 12. Januar 2017 gegebenenfalls wieder Prozessthema. Ebenso sei nicht
ausgeschlossen, dass die Vorinstanz angewiesen werde, zuerst über die vom
Beschwerdeführer aufgeworfene Vorfrage der Verwertbarkeit mittels Zwischenverfügung
zu entscheiden. Es sei daher angezeigt, dieses Verfahren bis zur rechtskräftigen
Erledigung der Berufungsverfahren zu sistieren.
1.3.2 Die Beschwerdegegnerin lehnte eine Sistierung ab (act. B 5).
1.3.3 Art. 314 StPO sieht eine vorläufige bzw. einstweilige Einstellung des Vorverfahrens vor
und benennt diese (zur Unterscheidung von der endgültigen Einstellung nach Art. 319 ff.
StPO) Sistierung. Der Staatsanwalt (analog das Gericht nach Art. 329 Abs. 2 und 3 StPO)
kann generell ausgedrückt, eine Untersuchung ausnahmsweise sistieren, d.h.
vorübergehend einstellen, wenn diese zurzeit nicht weitergeführt bzw. abgeschlossen
werden kann. Es sind dies nach Art. 314 Abs. 1 StPO vorab Verfahren, in denen die
Täterschaft oder deren Aufenthaltsort unbekannt ist oder andere Verfahrenshindernisse
bestehen, zum Beispiel wenn der Beschuldigte wegen längerer Auslandabwesenheit oder
Krankheit nicht greifbar ist. Eine Sistierung ist weiter denkbar, wenn der Ausgang der
Untersuchung von einem anderen Verfahren abhängig ist, und es als erforderlich
erscheint, zunächst dessen Ausgang abzuwarten. Zu nennen ist sodann der Fall von Art.
329 Abs. 2 StPO (Sistierung bei Mängeln von Anklage oder Akten). Eine solche Sistierung
erfolgt auch, wenn wegen der gleichen Sache ein ausländisches Strafverfahren hängig ist,
vor dessen Erledigung zum Beispiel mit Blick auf Art. 3 Abs. 3 StGB eine Entscheidung
ausgeschlossen ist. Ferner ist eine Sistierung zulässig, wenn ein Vergleichsverfahren in-
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oder ausserhalb von Art. 316 StPO hängig und es angebracht ist, dessen Ausgang
abzuwarten2.
1.3.4 Wie der Beschwerdeführer zu Recht ausführt, ist nicht auszuschliessen, dass das
Obergericht oder das Bundesgericht die Sache zur Neubeurteilung an den Vorderrichter
zurückweisen. In einem solchen Fall könnte der Einzelrichter des Kantonsgerichts auch
angewiesen werden, zuerst über die vom Beschwerdeführer aufgeworfene Vorfrage der
Verwertbarkeit mittels Zwischenverfügung zu entscheiden. Selbst wenn das Obergericht
oder das Bundesgericht solche Anordnungen träfen, würde dies allerdings keine
Sistierung des Beschwerdeverfahrens rechtfertigen. Das Obergericht oder das
Bundesgericht könnten bei einer Rückweisung zur Neubeurteilung gestützt auf Art. 409
Abs. 2 StPO resp. Art. 107 Abs. 2 Bundesgerichtsgesetz (BGG, SR 173.110) nämlich
bestimmen, welche Verfahrenshandlungen zu wiederholen oder nachzuholen sind3. Dafür
braucht das Beschwerdeverfahren nicht pendent gehalten zu werden und eine Sistierung
ist deshalb entbehrlich.
1.4.1 In der Verfügung vom 12. Januar 2017 hat der Einzelrichter des Kantonsgerichts erwogen
(act. B 2/2/2), über die Frage, ob die Tonaufnahme mit rechtsgenügender Zustimmung
des Beschuldigten zustande gekommen sei, werde das Gericht erst im Rahmen des
Endentscheides befinden. Ein vorgängiger Entscheid über diese Frage wäre
problematisch, weil das Gericht dadurch im parallelen Verfahren (SE3 16 5) als befangen
erscheinen könnte. Auch sprächen prozessökonomische Argumente dafür, über die Frage
der rechtsgenügenden Einwilligung erst mit dem Endentscheid zu befinden.
1.4.2 Nach Auffassung des Beschwerdeführers gilt der Ausschluss der Beschwerdemöglichkeit
bei verfahrensleitenden Anordnungen der erstinstanzlichen Gerichte nicht absolut und
muss unter Berücksichtigung der konkreten Umstände beurteilt werden (act. B 2/1, S. 7).
Gegen materiell-prozessleitende Entscheide, welche einen nicht wiedergutzumachenden
Nachteil bewirken würden oder bei welchen die Beschwerde sofort einen Endentscheid
ermögliche, stünde die Beschwerde offen. Dies werde auch in der Rechtsmittelbelehrung
der Verfügung vom 12. Januar 2017 festgehalten. Vorliegend könne durch die
Beantwortung der Vorfrage direkt ein Endentscheid herbeigeführt werden und ein
weiteres Beweisverfahren wäre nicht mehr nötig (act. B 2/1, S. 8). Ein nicht
2 NIKLAUS SCHMID, Handbuch des schweizerischen Strafprozessrechts, 3. Aufl. 2017, Rz. 1236 f. 3 LUZIUS EUGSTER, Basler Kommentar, StPO, 2. Auf. 2014, N. 3 zu Art. 409 StPO; KARL SPÜHLER, in:
Spühler/Aemisegger/Dolge/Vock [Hrsg.], Praxiskommentar zum Bundesgerichtsgesetz, 2. Aufl. 2013, N. 4 zu Art. 107 BGG.
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wiedergutzumachender Nachteil für den Beschwerdeführer liege darin, dass die
Vorinstanz in dem anderen Verfahren gegen die Privatklägerin (Nr. SE3 16 5) vorher
darüber zu befinden habe, ob eine Einwilligung des Beschwerdeführers vorliege.
Entscheide die Vorinstanz im vorhergehenden Verfahren zuungunsten des
Beschwerdeführers, sei davon auszugehen, dass die Vorinstanz auch im Strafverfahren
gegen den Beschwerdeführer gleich entscheiden werde. In diesem Fall könne eine
allfällige Befangenheit der Vorinstanz nicht von der Hand gewiesen werden. Zudem
kämen dem Beschwerdeführer nicht dieselben Rechte wie der Privatklägerin zu, wenn
nicht vorfrageweise über die Einwilligung entschieden werde. Als Beschuldigter könne er
nämlich erst an der zweiten Hauptverhandlung darlegen, wieso keine Einwilligung
vorliege. Darin liege für den Beschwerdeführer ein nicht wieder gutzumachender Nachteil,
welcher auch nachträglich nicht mehr geheilt werden könne.
1.4.3 Gemäss der Beschwerdegegnerin liegt kein nicht wiedergutzumachender Nachteil vor
(act. B 2/7, S. 1). Von einer Ungleichverteilung der prozessualen
Verteidigungsmöglichkeiten könne keine Rede sein, nachdem der Beschwerdeführer
seine Auffassung bereits in der Eingabe vom 22. Dezember 2016 kundgetan habe (act. B
2/7, S. 1 f.). Zudem gäbe es nebst der angeblichen Einwilligung weitere Gründe,
weswegen das Verfahren gegen die Beschwerdegegnerin einzustellen sei. Die Frage der
in der Aufnahme selbst enthaltenen Einwilligung sei damit nur ein Teil des Ganzen und
könne für sich alleine keineswegs die letztendliche Frage der Verwertbarkeit der
Aufnahme als Beweismittel im Verfahren gegen den Beschwerdeführer wegen
Beschimpfung beantworten. Zusammenfassend könne die Frage der Verwertbarkeit der
Tonbandaufnahme vom 10. September 2014 von der Vorinstanz gerade nicht
abschliessend vorfrageweise vor den Hauptverhandlungen beantwortet werden, weshalb
es auch keinen Sinn mache, nur ein Element, nämlich die Frage, ob der
Beschwerdeführer schon auf der Aufnahme selbst zu dieser eingewilligt habe, oder nicht,
vorfrageweise abzuhandeln (act. B 2/7, S. 2).
1.4.4 Verfahrensleitende Entscheide erstinstanzlicher Gerichte sind nach dem Wortlaut des
Gesetzes nicht mit separater Beschwerde, sondern zusammen mit dem Endentscheid
anzufechten (vgl. dazu Art. 65 Abs. 1 StPO sowie Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO). Dieser
Grundsatz gilt jedenfalls für die formell-prozessleitenden Entscheide. Dabei handelt es
sich um Entscheide, welche den Verfahrensablauf selbst betreffen (z.B. Vorladungen,
ferner Entscheide über Verschiebungsgesuche, etc.). Was die materiell-prozessleitenden
Entscheide anbelangt, d.h. solche, welche die verfahrensrechtliche Stellung der Parteien
unmittelbar tangieren (z.B. die Zulassung einer Person als Partei, die Bewilligung einer
amtlichen Verteidigung, etc.), postuliert die Lehre demgegenüber die
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Beschwerdefähigkeit4. Dies allerdings mit der Einschränkung, dass - analog zu Art. 93
Abs. 1 lit. a BGG - ein nicht wiedergutzumachender Nachteil drohen muss5. Dem ist das
Bundesgericht gefolgt6. Es muss ein konkreter rechtlicher Nachteil drohen, der auch durch
einen für die rechtsuchende Partei günstigen Endentscheid nachträglich nicht mehr
behoben werden kann7. Rein tatsächliche Nachteile (etwa Verfahrensverlängerung oder
Mehrkosten) genügen dagegen nicht8. Die Beschwerde ist deshalb ausgeschlossen bei
Entscheiden betreffend die Nichtentfernung von Dokumenten aus den Akten oder die
Beweisführung9.
1.4.5 Im vorliegenden Fall hat der Einzelrichter des Kantonsgerichts es nicht grundsätzlich
abgelehnt, das Vorliegen einer rechtsgenügenden Zustimmung des Beschwerdeführers
zur Tonaufnahme zu prüfen. Er hat nur den Zeitpunkt auf die Hauptverhandlung
festgesetzt (act. B 2/2/2). Damit griff seine Verfügung vom 12. Januar 2017, in der nur
über den Zeitpunkt der Prüfung der streitigen Frage entschieden worden ist, nicht in die
Rechte des Beschwerdeführers ein, da die angefochtene Verfügung dem Inhalt nach
einem Entscheid über ein Verschiebungsgesuch entspricht. Ein solcher stellt nach
Auffassung des beschliessenden Gerichts keinen materiell-prozessleitenden Entscheid
dar. Dafür sprechen auch die Argumente des Beschwerdeführers, der sich auf die
Prozessökonomie und eine Verbesserung der Prozessvorbereitung beruft. Beide
Begründungen betreffen nämlich tatsächliche und nicht rechtliche Nachteile. Das
Argument der möglichen Voreingenommenheit ist bereits durch die Vereinigung der
beiden Verfahren hinfällig geworden, was auch vom Beschwerdeführer anerkannt wird
(vgl. act. B 2/11, S. 6). Einen rechtlichen Nachteil, wenn der Vorderrichter erst anlässlich
der Hauptverhandlung über das Vorliegen einer rechtsgenügenden Zustimmung befindet,
hat der Beschwerdeführer somit nicht dargelegt und ein solcher ist auch nicht ersichtlich.
In einem kürzlichen Entscheid10 hat das Bundesgericht gegen den Entscheid der
Staatsanwaltschaft, unverwertbare Beweise nicht aus den Akten zu entfernen, die
Beschwerde als zulässig erklärt und ausgeführt, die Beschwerdeinstanz habe sich
4 NIKLAUS SCHMID, Handbuch des schweizerischen Strafprozessrechts, 2. Aufl. 2013, Rz. 1510;
PATRICK GUIDON, Basler Kommentar, StPO, 2. Auf. 2014, N. 13 zu Art. 393 StPO; ANDREAS KELLER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber (Hrsg.), Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 25 ff. zu Art. 393 StPO.
5 NIKLAUS SCHMID, a.a.O., Rz. 1509. 6 Urteil 1B_569/2011 vom 23. Dezember 2011 E. 2. 7 PATRICK GUIDON, Basler Kommentar, 2. Aufl. 2014, N. 13 zu Art. 393 StPO. 8 PATRICK GUIDON, Basler Kommentar, N. 13 zu Art. 393 StPO. 9 PATRICK GUIDON, Basler Kommentar, N. 13 zu Art. 393 StPO; Urteil 1B_678/2012 vom 9. Januar
2013 E. 2 und 3; Urteil 1B_2/2013 vom 5. Juni 2013 E. 1.2. 10 Urteil 1B_266/2017 vom 5. Oktober 2017 E. 2.
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inhaltlich mit der Verwertbarkeit auseinanderzusetzen und könne den Entscheid nicht
einfach dem Sachgericht überlassen.
Dieser Entscheid ändert nach Auffassung des beschliessenden Gerichts am oben
Gesagten jedoch nichts, da
- es vorliegend um einen Entscheid eines erstinstanzlichen Einzelrichters und nicht
der Staatsanwaltschaft geht und damit andere gesetzliche Grundlagen bestehen
(Art. 393 Abs. 1 lit. b und nicht Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO);
- sich der erstinstanzliche Einzelrichter hier lediglich geweigert hat, die Prüfung der
Verwertbarkeit vor der Hauptverhandlung vorzunehmen; es geht also nur um die
zeitliche Dimension, was hier keinen rechtlichen Nachteil bewirkt; nach Art. 331 Abs.
3 und 5 StPO kann die vorgängige Ablehnung von Beweisanträgen durch das
erstinstanzliche Gericht resp. ein abgelehntes Verschiebungsgesuch auch nicht mit
Beschwerde angefochten werden;
- hier das Vorliegen einer rechtsgenügenden Zustimmung des Beschwerdeführers zur
Tonaufnahme offenbar delikat ist und einer differenzierten Betrachtung bedarf,
welche dem Sachrichter vorzubehalten ist.
1.4.6 Nach dem Gesagten ist auf die Beschwerde daher nicht einzutreten.
1.5 Wie oben (E. B lit. e) erwähnt, hat der Einzelrichter des Kantonsgerichts am 27. Februar
2017 in den Verfahren SE3 2016 4 und SE3 2016 5 die Hauptverhandlung durchgeführt
und entschieden. Die Frage, ob das Beschwerdeverfahren dadurch gegenstandslos
geworden ist, braucht angesichts der Unzulässigkeit der Beschwerde an sich nicht
beantwortet zu werden, ist aber wohl zu bejahen. Denn die im Beschwerdeverfahren
strittigen Punkte beschlagen Fragen, welche in den Berufungsverfahren beantwortet
werden können und müssen. Nicht anders wäre es, wenn das Obergericht oder das
Bundesgericht die Sache zur Neubeurteilung an den Einzelrichter des Kantonsgerichts
zurückweisen würden (vgl. oben E. 1.3.4). Einen vorgängigen Entscheid im
Beschwerdeverfahren braucht es dafür nicht; im Gegenteil würde das die
Entscheidbefugnis des Sachrichters unnötig einengen.
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II. Materielles
1. Vorfragen
Wie bereits der Stellvertreter des Vorsitzenden am 23. Februar 2017 ausgeführt hat (act.
B 2/12, S. 4), können Vorfragen erst nach der formellen Eröffnung der Hauptverhandlung
(Art. 339 Abs. 1 StPO) aufgeworfen werden11. Der Vorderrichter hätte den Antrag des
Beschwerdeführers daher gestützt auf diese Bestimmung abweisen können.
Entsprechend wäre auch die Beschwerde abzuweisen gewesen, wenn auf diese hätte
eingetreten werden können.
2. Befangenheit
Wie der Beschwerdeführer in der Replik selbst einräumt (act. B 2/11, S. 6), ist die Frage
einer möglichen Befangenheit des Vorderrichters durch die Vereinigung der beiden
Strafverfahren hinfällig geworden und darauf braucht nicht mehr eingegangen zu werden.
III. Kosten
1. Verfahrenskosten
Art. 428 StPO regelt die Kostentragungspflicht im Rechtsmittelverfahren. Gemäss dessen
Abs. 1 tragen die Parteien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe ihres
Obsiegens und Unterliegens, wobei als unterliegend auch die Partei gilt, auf deren
Rechtsmittel nicht eingetreten wird oder die das Rechtsmittel zurückzieht.
Vorliegend wurde auf die Beschwerde nicht eingetreten und der Beschwerdeführer A_
ist somit vollumfänglich unterlegen. Demnach sind ihm die Verfahrenskosten, bestehend
aus einer Gebühr von CHF 500.00 aufzuerlegen (Art. 29 Abs. 1 lit. b Gebührenordnung,
bGS 233.3).
11 HAURI/VENETZ, Basler Kommentar, StPO, 2. Auf. 2014, N. 1 und 8 zu Art. 339 StPO.
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2. Parteientschädigungen
2.1 Art. 436 Abs. 1 StPO hält fest, dass sich Ansprüche auf Entschädigung und Gegnugtuung
im Rechtsmittelverfahren nach den Art. 429-434 StPO richten. Dazu ist festzuhalten, dass
den Art. 429-434 StPO keine Bestimmung im Sinne von Art. 428 Abs. 1 StPO zu
entnehmen ist, wonach sich der Anspruch auf Entschädigung nach Massgabe des
Obsiegens oder Unterliegens richtet. Das muss jedoch - wie bei der Kostenauflage - auch
bezüglich der Entschädigung gelten12.
Als unterlegene Partei hat der Beschwerdeführer keinen Anspruch auf eine
Entschädigung.
2.2 Die Privatklägerschaft hat gegenüber der beschuldigten Person Anspruch auf
angemessene Entschädigung für notwendige Aufwendungen im Verfahren, wenn sie
obsiegt oder die beschuldigte Person nach Art. 426 Abs. 2 StPO kostenpflichtig ist (Art.
433 Abs. 1 StPO). Die Privatklägerschaft hat ihre Entschädigungsforderung bei der
Strafbehörde zu beantragen, zu beziffern und zu belegen. Kommt sie dieser Pflicht nicht
nach, so tritt die Strafbehörde auf den Antrag nicht ein (Art. 433 Abs. 2 StPO).
Das Obergericht ist auf die Beschwerde nicht eingetreten; das bedeutet, dass die
Privatklägerin im Beschwerdeverfahren obsiegt hat und der Beschwerdeführer
entschädigungspflichtig ist (Art. 436 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 433 StPO).
Die Kostennote des Rechtsvertreters der Privatklägerin beläuft sich auf insgesamt
CHF 1‘600.55 (act. B 10). Darin werden ein Honorar von CHF 1‘452.00 (7.26 Stunden à
CHF 200.00), Barauslagen von CHF 30.00 sowie CHF 118.55 Mehrwertsteuer verlangt.
Der geltend gemachte Aufwand erscheint angemessen (Art. 18 Abs. 1 lit. b und Art. 19
Abs. 1 Anwaltstarif, bGS 145.53): Nebst drei eigenen Schriftsätzen (act. B 2/7, B 2/16 und
B 5) galt es die Eingaben des Beschwerdeführers (act. B 2/1, B 2/11 und B 2/19) sowie
die Verfügungen des beschliessenden Gerichts vom 23. Februar 2017 (act. B 2/12) und
vom 6. Juni 2017 (act. B 2/20) zur Kenntnis zu nehmen und zu verarbeiten. Der
Beschwerdeführer ist daher zu verpflichten, der Beschwerdegegnerin für die Kosten ihrer
Vertretung im Beschwerdeverfahren eine Entschädigung von CHF 1‘600.55 (inkl.
Barauslagen und MWSt) zu bezahlen.
12 PATRICK GUIDON, Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, 2011, Rz. 578;
NIKLAUS SCHMID, Schweizerische Strafprozessordnung, Praxiskommentar, 3. Aufl. 2018, N. 1 zu Art. 436 StPO.
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