Decision ID: 209826c8-104c-40f9-8242-b328e1bdc14c
Year: 2013
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Markus Frei, Rorschacherstrasse 107,
9000 St. Gallen,
gegen
Kantonale Arbeitslosenkasse, Davidstrasse 21, 9001 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
Einstellung in der Anspruchsberechtigung (Arbeitgeberkündigung)
Sachverhalt:
A.
A.a A._ arbeitete seit 1. Juli 2006 als Chauffeur für die B._ AG (act. G 8.4). Im
Antrag vom 21. Dezember 2011 erhob er per 1. Januar 2012 Anspruch auf
Arbeitslosenentschädigung (act. G 8.7). Die B._ AG gab in der
Arbeitgeberbescheinigung vom 22. Dezember 2011 an, sie habe dem Versicherten
wegen Alkohol am Steuer und Ausweisentzugs "fristlos" am 12. Dezember 2011 per
31. Dezember 2011 gekündigt (act. G 8.3).
A.b Die Kantonale Arbeitslosenkasse verfügte am 17. Januar 2012, der Versicherte
werde wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit ab 2. Januar 2012 für 48 Tage in der
Anspruchsberechtigung eingestellt (act. G 8.9). Dagegen erhob der Versicherte am
15. Februar 2012 (Datum Posteingang RAV) Einsprache. Darin brachte er vor, seine
ehemalige Arbeitgeberin habe ihm gesagt, sie könne ihn aufgrund seiner Hand- und
Rückenprobleme solange nicht weiterbeschäftigen, als ihm der Ausweis entzogen sei.
Nachher könne er sich wieder melden. Durch die verfügte Einstellung in der
Anspruchsberechtigung gerate er in eine finanziell prekäre Lage (act. G 8.14).
A.c Die Kantonale Arbeitslosenkasse wies die Einsprache ab. Der Besitz des
Führerausweises sei entscheidende Voraussetzung für die Anstellung als Chauffeur
gewesen. Indem der Versicherte trotz beträchtlichen Alkoholkonsums Auto gefahren
sei, habe er nicht nur den Entzug des Führerausweises, sondern notwendigerweise
auch den Verlust der Arbeitsstelle als Chauffeur in Kauf genommen. Die Einstellhöhe
entspreche dem schweren Verschulden des Versicherten (Einspracheentscheid vom
21. Februar 2012, act. G 8.18).
B.
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B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 21. Februar 2012 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 22. März 2012. Der Beschwerdeführer beantragt darin unter Kosten-
und Entschädigungsfolge dessen Aufhebung. Eventualiter sei die Angelegenheit für
weitere Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Subeventualiter sei
die Einstellung der Anspruchsberechtigung mit Beginn ab 2. Januar 2012 angemessen
auf eine Dauer von höchstens 16 Tagen zu reduzieren. Im Zusammenhang mit dem
laufenden Strafverfahren gebe es noch einige Unklarheiten. Der Sachverhalt sei noch
nicht vollständig erstellt. Folglich gelte nach wie vor die Unschuldsvermutung.
Ungeklärt sei auch, ob die fristlose Kündigung durch die Arbeitgeberin gerechtfertigt
sei oder nicht. Im Übrigen sei eine Einstelldauer von 48 Tagen klar unverhältnismässig.
Er habe einen einwandfreien Leumund, sei Familienvater und durch die Einstelltage
ohnehin stärker betroffen als andere (act. G 1). In der Beschwerdeergänzung vom
11. Mai 2012 weist der Beschwerdeführer darauf hin, dass er ab 1. Mai 2012 seine
ehemalige Tätigkeit als Chauffeur bei der B._ AG wieder habe aufnehmen können. Er
erhalte denselben Monatslohn wie vor dem Ereignis vom Dezember 2011 (act. G 6).
Der Ergänzung beigelegt ist u.a. die Verfügung des Strassenverkehrs- und
Schifffahrtsamts vom 20. April 2012, worin dem Beschwerdeführer der Führerausweis
für drei Monate entzogen wurde (bereits vollzogen im Zeitraum vom 3. Dezember 2011
bis 2. März 2012; act. G 6.11).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 31. Mai 2012,
die Beschwerde sei bis zur rechtskräftigen Erledigung des strafrechtlichen und
arbeitsrechtlichen Verfahrens zu sistieren (act. G 8).
B.c Am 13. Juni 2012 reichte der Beschwerdeführer den Strafbefehl vom 4. Juni 2012
ein, worin er wegen Führens eines Motorfahrzeugs in angetrunkenem Zustand mit einer
qualifizierten Blutalkoholkonzentration und grober Verletzung der Verkehrsregeln zu
einer bedingt aufgeschobenen Geldstrafe und zu einer Busse verurteilt wurde (act.
G 11.1). Ergänzend brachte der Beschwerdeführer am 21. Juni 2012 vor, er habe
bewusst auf eine Anfechtung der am 12. Dezember 2012 erfolgten fristlosen
Kündigung mit Blick auf eine - inzwischen tatsächlich erfolgte - Wiederanstellung
verzichtet. Die Frage, ob die fristlose Kündigung angefochten worden sei oder nicht,
könne nicht zur Bemessung der Einstelltage herangezogen werden. Die
Wiederanstellung spreche im Übrigen gegen ein "schweres Verschulden" (act. G 12).
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B.d Nach Akteneinsicht hielt der Beschwerdeführer in der Replik vom 11. Juli 2012
unverändert an der Beschwerde fest (act. G 14).
B.e Die Beschwerdegegnerin hat auf eine Duplik verzichtet (act. G 16).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin den Beschwerdeführer zu Recht
wegen selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit für 48 Tage in der Anspruchsberechtigung
eingestellt hat.
1.1 Nach Art. 30 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) ist die
versicherte Person in der Anspruchsberechtigung einzustellen, wenn sie durch eigenes
Verschulden arbeitslos ist. Selbstverschuldet ist die Arbeitslosigkeit namentlich dann,
wenn die versicherte Person durch ihr Verhalten, insbesondere wegen Verletzung
arbeitsvertraglicher Pflichten, dem Arbeitgeber Anlass zur Auflösung des
Arbeitsverhältnisses gegeben hat (Art. 44 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die
obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentschädigung [AVIV; SR
837.02]). Zu den arbeitsvertraglichen Verpflichtungen eines Arbeitnehmers gehört es,
die allgemeinen Anordnungen des Arbeitgebers und die ihm erteilten besonderen
Weisungen nach Treu und Glauben zu befolgen (Art. 321d Abs. 2 des Schweizerischen
Obligationenrechts [OR; SR 220]).
1.2 Am 17. Oktober 1991 ist für die Schweiz das Übereinkommen Nr. 168 der
Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) über die Beschäftigungsförderung und den
Schutz gegen Arbeitslosigkeit vom 21. Juni 1988 (nachfolgend Übereinkommen;
SR 0.822.726.8) in Kraft getreten. Gemäss Art. 20 lit. b des Übereinkommens können
Leistungen verweigert, entzogen, zum Ruhen gebracht oder gekürzt werden, wenn die
zuständige Stelle festgestellt hat, dass die betreffende Person vorsätzlich zu ihrer
Entlassung beigetragen hat. Da diese Bestimmung inhaltlich hinreichend bestimmt und
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klar ist, ist sie im Einzelfall direkt anwendbar und geht damit allfällig widersprechendem
Landesrecht vor (BGE 124 V 236 f. E. 3c). Eine Einstellung in der
Anspruchsberechtigung setzt somit voraus, dass die versicherte Person vorsätzlich zu
ihrer Entlassung beigetragen hat (Urteile des Eidgenössischen Versicherungsgerichts
[EVG; ab 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts] vom
26. April 2006, C 6/06, E. 1.1 und C 11/06, E. 1, je mit Hinweisen auf BGE 124 V 236
E. 3b). Im Sozialversicherungsrecht handelt vorsätzlich, wer eine Tat mit Wissen und
Willen begeht, oder mindestens im Sinn des Eventualvorsatzes in Kauf nimmt
(Jacqueline Chopard, Die Einstellung in der Anspruchsberechtigung, Diss. Zürich 1998,
S. 52).
2.
Aus den Akten geht hervor (vgl. zum Kündigungsgrund act. G 8.3 und G 8.7) und es ist
zwischen den Parteien unbestritten, dass der Führerausweisentzug zur Entlassung des
Beschwerdeführers ohne Einhaltung der zweimonatigen Kündigungsfrist geführt hat.
2.1 Folgender Sachverhalt führte zum Führerausweisentzug: Der Beschwerdeführer
fuhr am 3. Dezember 2011, ca. 00.10 Uhr, ungebremst auf ein vor ihm fahrendes Mofa
auf, an dem ein Fahrradanhänger gekoppelt war. Die sich darauf befindlichen beiden
Personen wurden dabei verletzt. Der Beschwerdeführer wies im Zeitpunkt des
Ereignisses eine qualifizierte Blutalkoholkonzentration von mindestens 2.26
Gewichtspromillen auf (act. G 6.11 und G 11.1).
2.2 Der Besitz des Führerausweises war und ist im Fall des Beschwerdeführers
entscheidende Voraussetzung für die Anstellung als Chauffeur bei der B._ AG,
konnten doch die arbeitsvertraglichen Pflichten nur durch die entsprechende
Qualifikation überhaupt erfüllt werden. Indem der Beschwerdeführer am 3. Dezember
2011 trotz beträchtlichen Alkoholkonsums Auto fuhr, nahm er nicht nur den Entzug des
Führerausweises, sondern notwendigerweise auch den Verlust seiner Arbeitsstelle als
Chauffeur in Kauf. Zu Recht wertet die Beschwerdegegnerin dieses Verhalten im
Einklang mit der Rechtsprechung als schweres Verschulden (Urteile des EVG vom
7. November 2001, C 221/01, E. 2c, und vom 29. November 2005, C 215/05, E. 2.3).
Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang überdies, dass der Beschwerdeführer als
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Chauffeur, dem von Berufs wegen eine besonders hohe Sorgfaltspflicht obliegt und
von dem überdurchschnittliche Kenntnisse des Strassenverkehrsrechts verlangt
werden, wissen musste, dass das Führen eines Personenwagens in angetrunkenem
Zustand mit einer qualifizierten Blutalkoholkonzentration ausnahmslos den
Führerausweisentzug nach sich zieht (Art. 55 Abs. 6 des Strassenverkehrsgesetzes
[SVG; SR 741.01] in Verbindung mit Art. 1 Abs. 2 der Verordnung der
Bundesversammlung über Blutalkoholgrenzwerte im Strassenverkehr [SR 741.13] in
Verbindung mit Art. 16c Abs. 1 lit. b SVG). Daran ändert der Umstand nichts, dass das
fehlerhafte Verhalten nicht in die ordentliche Arbeitszeit fiel (Urteil des EVG vom
29. November 2005, C 215/05, E. 2.3.1 mit Hinweisen).
2.3 Ausgehend von einem schweren Verschulden ergibt sich ein Sanktionsrahmen
von 31 bis 60 Einstelltagen (Art. 45 Abs. 3 lit. c AVIV).
2.3.1 Der Beschwerdeführer verfügte bis zum Führerausweisentzug
unbestrittenermassen über einen ungetrübten automobilistischen Leumund, was sich
auch in der angeordneten Mindestentzugsdauer von drei Monaten ausgewirkt hat (act.
G 6.11), weshalb eine Einstellung im oberen Bereich des schweren Verschuldens
ausser Betracht fällt (vgl. Urteil des EVG vom 29. November 2005, C 215/05, E. 2.3.2).
Die per 1. Mai 2012 erfolgte Wiedereinstellung bei der B._ AG kann nicht als
verschuldensmindernd berücksichtigt werden, da für die Bemessung der Einstelldauer
einzig der Grad des Verschuldens eine Rolle spielt, nicht aber die tatsächliche Dauer
der Arbeitslosigkeit (BGE 113 V 154; vgl. auch Chopard, a.a.O., S. 165 f.). Dabei ist zu
bemerken, dass die Wiederanstellung per 1. Mai 2012 wohl vor allem ein
anerkennenswerter Entscheid der Arbeitgeberin ist, dem Beschwerdeführer eine zweite
Chance zu geben. Damit geht einher, dass die B._ AG den Beschwerdeführer zwar
grundsätzlich zu den gleichen Arbeitsbedingungen wieder einstellte, die Parteien aber
doch - primär zugunsten der Arbeitgeberin - eine Probezeit von sechs Monaten
vereinbarten (act. G 8.27). Im Übrigen erfolgte die Wiederanstellung nicht bereits
unmittelbar nach der Rückgabe des Führerausweises (3. März 2012, vgl. act. G 6.11),
sondern erst rund zwei Monate später per 1. Mai 2012. Die vom Beschwerdeführer ins
Feld geführte (finanzielle) Sanktionsempfindlichkeit kann im Licht der Ausführungen von
E. 2.2 im vorliegenden Fall nicht weiter berücksichtigt werden. Ebenso vermögen die
geltend gemachten gesundheitlichen Beeinträchtigungen (vgl. zum Ganzen act. G 14)
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keine Erklärung dafür zu geben, weshalb sie bezüglich des Fehlverhaltens vom
3. Dezember 2011 als schuldmindernder Faktor berücksichtigt werden können.
2.3.2 Weiter fällt in Betracht, dass der Beschwerdeführer durch sein Fehlverhalten
den zulässigen Alkoholgrenzwert - anders als im EVG-Entscheid vom 29. November
2005, C 215/05, wo eine Überschreitung von 0,8 Gewichtspromillen ohne Unfallfolge
zu beurteilen war (E. 2.1) - um über 1,7 Gewichtspromille überschritten und einen Unfall
mit zwei verletzten Personen verursacht hat. Der Beschwerdeführer wurde denn auch
strafrechtlich nicht nur wegen des Fahrens in angetrunkenem Zustand, sondern
zusätzlich wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln verurteilt (act. G 11.1).
Hingegen ist der Umstand, dass der Beschwerdeführer über einen ungetrübten
automobilistischen Leumund verfügte und es sich um ein einmaliges Fehlverhalten
handelte, verschuldensmindernd in die Waagschale zu legen. Unter Berücksichtigung
aller Umstände erscheint eine Einstellung von 42 Tagen als angemessen.
3.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und der
Einspracheentscheid vom 21. Februar 2012 insoweit aufzuheben, als die Einstelldauer
auf 42 Tage reduziert wird. Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR
830.1]). Da der Beschwerdeführer teilweise obsiegt, hat er einen reduzierten Anspruch
auf eine Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen,
wobei insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu
tragen ist. Bei vollständigem Obsiegen wäre eine Parteientschädigung von Fr. 3‘000.--
(inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) angemessen. Wegen des nur teilweisen
Obsiegens entsprechend eines Achtels erscheint eine Parteientschädigung von
Fr. 400.-- als gerechtfertigt. Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer somit
eine Parteientschädigung von Fr. 400.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu
bezahlen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP
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