Decision ID: e1efe666-feb5-4c04-ac27-f35f28bc8f54
Year: 2018
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._, geboren 2009, leidet an einer Monosomie 1p36 (genetische Störung, IV-act.
12).
A.b Wegen eines Knickhackenfuss bds. (IV-act. 7, 9) übernahm die IV-Stelle mit
Mitteilung vom 21. August 2009 die Kosten für die Behandlung des Geburtsgebrechens
Ziff. 177 (übrige angeborene Defekte und Missbildungen der Extremitäten, sofern
Operation, Apparateversorgung oder Gipsverband notwendig sind) für den Zeitraum
20. April 2009 bis 30. April 2014 (IV-act. 10).
A.c Am 28. Juli 2010 berichtete Dr. med. B._, Oberärztin Kinderorthopädie,
Ostschweizer Kinderspital, der IV-Stelle, dass die Versicherte an einer Hypotonie-
Entwicklungsretardierung leide (IV-act. 22). Mit Vorbescheid vom 24. September 2010
(IV-act. 27) kündigte die IV-Stelle der Versicherten an, die Kosten für die Behandlung
des Geburts¬gebrechens Ziff. 395 (leichte cerebrale Bewegungsstörungen
[Behandlung bis Ende des 2. Lebensjahres]) ab dem 1. Dezember 2010 bis längstens
31. März 2011 (Vollendung des 2. Altersjahres) zu übernehmen. Diese Verfügung
ersetze die Mitteilung vom 21. August 2009. Zur Begründung hielt die IV-Stelle fest,
dass die Voraussetzungen für das Geburtsgebrechen Ziff. 177 nie erfüllt gewesen
seien, da es sich bei einem Knickhackenfuss nicht um eine Systemerkrankung des
Skeletts handle. Dagegen liessen die Eltern der Versicherten mit einem Bericht des
Kinderarztes Dr. med. C._ vom 23. Oktober 2010 einwenden (IV-act. 35), dass sich
bei der Versicherten in den letzten eineinhalb Jahren neurologische Symptome des
Geburtsgebrechens Ziff. 390.1.2 entwickelt hätten (zunehmende ataktische
Bewegungsstörung mit einer Dysdiadochokinese, ausgeprägte Handapraxie). RAD-Arzt
Dr. med. D._ empfahl am 6. Dezember 2010, das Geburtsgebrechen Ziff. 390
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(angeborene cerebrale Lähmungen [spastisch, dyskinetisch, ataktisch]) anzuerkennen
(IV-act. 36). Mit Verfügung vom 17. Dezember 2010 (IV-act. 38) erteilte die IV-Stelle
eine Kostengutsprache für die Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 390 ab 1.
Dezember 2010 längstens bis 31. Dezember 2015. Die Physiotherapie wurde vorerst
für zwei Jahre, längstens bis zum 31. März 2011, gewährt. Die Mitteilung vom 21.
August 2009 wurde per 1. Dezember 2010 aufgehoben.
A.d Dr. med. E._, Leitender Arzt, Ostschweizer Kinderspital, teilte der IV-Stelle am
12. April 2012 mit, dass das Geburtsgebrechen Ziff. 390 nicht diagnostiziert werden
könne (IV-act. 72). RAD-Arzt Dr. med. F._ notierte am 9. Mai 2012 (IV-act. 73), dass
die jetzigen orthopädischen Massnahmen im Rahmen der muskulären Hypotonie
gesehen und nicht dem Geburtsgebrechen Ziff. 390 zugeordnet werden könnten. Mit
Vorbescheid vom 4. Juni 2012 (IV-act. 76) kündigte die IV-Stelle der Versicherten die
Aufhebung der Verfügung vom 17. Dezember 2010 an, da die Voraussetzungen zur
Gewährung von medizinischen Massnahmen zur Behandlung des Geburtsgebrechens
Ziff. 390 nicht erfüllt seien. Dagegen liessen die Eltern der Versicherten am 16. Juli
2012 einen Einwand erheben (IV-act. 92). Mit Verfügung vom 27. September 2012 hob
die IV-Stelle wie angekündigt die Verfügung vom 17. Dezember 2010
(Geburtsgebrechen Ziff. 390) mit Wirkung ab 1. Oktober 2012 auf (IV-act. 97).
A.e Am 24. November 2016 stellte der Vater der Versicherten ein Gesuch um
Kostenübernahme für ein Paar Unterschenkel-Orthesen und ein Paar Orthesenschuhe
(IV-act. 174, 176). Die IV-Stelle teilte ihm am 8. Dezember 2016 mit (IV-act. 178), dass
die Kostenübernahme für die Orthesen und Orthesenschuhe abgelehnt werde, da es
sich beim Knicksenkfuss weder um ein Geburtsgebrechen Ziff. 171 noch um eine
Diagnose aus der Gruppe "Gelenke, Muskeln und Sehnen" handle.
A.f Am 13. Dezember 2016 informierte das Ostschweizer Kinderspital die IV-Stelle,
dass das Geburtsgebrechen Ziff. 390 gemäss Dr. E._ jetzt erfüllt sei (IV-act. 179). Am
9. Januar 2017 (Eingang) erhob der Vater der Versicherten "Einspruch" gegen die
Mitteilung vom 8. Dezember 2016 und machte geltend, dass sich der Verdacht einer
Cerebralparese der unteren Extremitäten mittlerweile bestätigt habe (IV-act. 181). Die
Kosten für die Unterschenkelorthesen und die Spezialschuhe seien gestützt auf das
Geburtsgebrechen Ziff. 390 zu übernehmen.
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A.g Dr. E._ führte in seinem Bericht vom 27. Dezember 2016 aus (IV-act. 182), dass
für die 7 9/12 Jahre alte Versicherte Leistungen wegen einer angeborenen cerebralen
Lähmung (Geburtsgebrechen Ziff. 390) geltend gemacht würden. Die Spastizität
manifestiere sich klinisch durch eine deutliche Tonuserhöhung im Bereich der unteren
Extremitäten, gesteigerte Muskeleigenreflexe und einen Nachweis von Kloni. Die
Babinskizeichen seien nicht sicher positiv. Eine Athetose oder eine Ataxie lägen nicht
vor. Die Symptomatik wirke sich durch eine eingeschränkte Koordination auf die
Alltagsfunktionen aus. Es seien regelmässige Physiotherapie und regelmässige
Kontrollen in der neuropädiatrischen Sprechstunde nötig.
A.h RAD-Arzt Dr. med. G._, Facharzt Kinder- und Jugendmedizin, Schwerpunkt
Neuropädiatrie, notierte am 10. April 2017 (IV-act. 185), dass Dr. E._ nicht angegeben
habe, ob die Kloni erschöpfbar seien. Eindeutige Pyramidenzeichen lägen nicht vor, die
Babinskizeichen seien nicht sicher positiv. Im Bericht vom 12. April 2012 habe Dr.
E._ das Vorliegen einer Cerebralparese noch verneint. Damals sei die Versicherte drei
Jahre alt gewesen. Aktuell solle jetzt im Alter von knapp acht Jahren das
Geburtsgebrechen Ziff. 390 vorliegen. Bei der Cerebralparese handle es sich um eine
angeborene neurologische Störung des Bewegungsapparates, die nicht neu erworben
werde. Diese Störung hätte sich daher bereits im Jahr 2009 (gemeint wohl: 2012), als
die Versicherte dreijährig gewesen sei, zeigen müssen. Die Gangauffälligkeiten seien im
Zusammenhang mit der syndromalen Störung (1p36 Deletionssyndrom) zu sehen. Es
liege kein Geburtsgebrechen vor, gestützt auf das die US-Orthesen mit den
Spezialschuhen übernommen werden könnten. Die Orthesen und Spezialschuhe
könnten jedoch als Hilfsmittel zur Fortbewegung übernommen werden.
A.i Mit Vorbescheid vom 2. Mai 2017 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Abweisung des Leistungsbegehrens betreffend die geltend gemachten angeborenen
cerebralen Lähmungen in Aussicht (IV-act. 187). Am 2. Mai 2017 erteilte die IV-Stelle
eine Kostengutsprache für Unterschenkel-Orthesen und Spezialschuhe (Hilfsmittel, IV-
act. 189). Gegen den Vorbescheid vom 2. Mai 2017 wendete die Mutter der
Versicherten am 7. Juni 2017 ein (IV-act. 190), dass gemäss Dr. E._ eine klare
spastische Cerebralparese mit dem Nachweis einer pyramidalen Symptomatik vorliege.
Dr. E._ berichtete der IV-Stelle am 8. August 2017 (IV-act. 202), dass eine eindeutige
spastische Cerebralparese mit einer Tonuserhöhung und dem Nachweis von Kloni im
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Sinne einer pyramidalen Symptomatik vorliege. Es sei richtig, dass sich die Diagnose
erst im Verlauf klar als spastische Cerebralparese herauskristallisiert habe. Vorher habe
die muskuläre Hypotonie im Vorder¬grund gestanden und die pyramidale Symptomatik
habe sich nicht klar gezeigt. Von neurologischer Seite her seien die Kriterien nach
seinem Ermessen klar erfüllt.
A.j RAD-Arzt Dr. G._ hielt am 21. August 2017 fest (IV-act. 203), Dr. E._ habe
weiterhin nicht angegeben, ob die Kloni erschöpfbar seien oder nicht. Des Weiteren
habe er lediglich eine Tonuserhöhung angegeben; es fehle beispielsweise ein positiver
Babinski, der bei der Annahme einer spastischen Diplegie klar zu erwarten wäre.
Gegen das Vorliegen einer Cerebralparese spreche aber hauptsächlich der Zeitpunkt
der Diagnosestellung im Alter von 7 Jahren und 9 Monaten. Die Versicherte sei zu
diesem Zeitpunkt nicht zum ersten Mal neuropädiatrisch vorgestellt und untersucht
worden, sondern sie sei aufgrund der Gesamtproblematik von früher Kindheit an in
spezialärztlicher und unter anderem auch neuropädiatrischer Kontrolle gewesen. Am
22. August 2017 (IV-act. 204) verfügte die IV-Stelle wie angekündigt die Abweisung des
Leistungsbegehrens (IV-act. 204).
B.
B.a Gegen diese Verfügung liess die Versicherte (nachfolgend: Beschwerdeführerin)
am 22. September 2017 Beschwerde erheben (act. G 1). Ihr Rechtsvertreter beantragte
die Aufhebung der Verfügung und die Zusprache medizinischer Massnahmen. In der
Beschwerdeergänzung vom 31. Oktober 2017 (act. G 3) wies er darauf hin, dass Dr.
E._ die Diagnose einer spastischen Lähmung eindeutig gestellt und detailliert
ausgeführt habe, weshalb sich die Störung nicht bereits im Alter von drei Jahren
eindeutig ergeben habe. Eventualiter beantragte der Rechtsvertreter die Rückweisung
der Angelegenheit zu ergänzenden medizinischen Abklärungen. Dr. E._ hatte dem
Rechtsvertreter am 6. Oktober 2017 berichtet (act. G 3.2), dass sich in den
regelmässigen Kontrollen v.a. schwerpunktmässig die muskuläre Hypotonie gezeigt
habe, sodass er die Diagnose einer Cerebralparese im Sinne des Geburtsgebrechens
Ziff. 390 nicht habe stellen können. Erst in der Untersuchung vom November 2016
hätten die Kriterien für eine spastische Cerebralparese mit einer Tonuserhöhung im
Bereich der unteren Extremitäten und dem Nachweis von Kloni im Sinne einer positiven
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pyramidalen Symptomatik klar gesehen werden können. Es sei richtig, dass die
Diagnose in der Regel bis zum Alter von zwei Jahren gestellt werden könne. Es gebe
aber auch Ausnahmen im sich entwickelnden Gehirn, sodass die definitive Diagnose
einer Cerebralparese manchmal erst im späteren Alter gestellt werden könne. Dr. E._
verwies auf eine Arbeit von Martin Bax et. al. Dr. E._ bemerkte ausserdem, ihm sei
klar, dass seine Begründung insoweit problematisch sei, als die Cerebralparese bei der
IV eine versicherungstechnische Diagnose darstelle und das Kind auch eine genetische
Erkrankung habe.
B.b RAD-Arzt Dr. G._ antwortete am 4. Dezember 2017 auf eine interne Anfrage des
Rechtsdienstes der Beschwerdegegnerin (IV-act. 224), der von Dr. E._ zitierte Artikel
nehme nicht dazu Stellung, ob eine Cerebralparese auch nach dem 2. bis 3. Lebensjahr
auftreten könne. Im Artikel werde ausgeführt, dass die Hypotonie nicht zum Konzept
der Cerebralparese gehöre. Bei der Beantwortung der Frage, ob die
Beschwerdeführerin an einer Cerebralparese leide, sei es hilfreich, sich das
Störungsbild genauer anzuschauen. Die Beschwerdeführerin leide an einem 1p36
Deletionssyndrom. Bei dieser genetischen Störung lägen klinisch mittel- bis
schwergradige psychomotorische Retardierungen, Krampf¬anfälle,
Wachstumsverzögerungen und Dysmorphiezeichen im Vordergrund. Motorisch fänden
sich eine Hypotonie mit einer ausgeprägten motorischen Entwicklungsver¬zögerung
sowie eine mittlere bis schwere mentale Retardierung. Mittlerweile gebe es knapp 90
Publikationen zu diesem Erkrankungsbild in "Pubmed". Bei keiner dieser Arbeiten sei
eine Cerebralparese als Symptom dieses genetischen Störungsbildes beschrieben
worden. Allen gemeinsam sei die Beschreibung der muskulären Hypotonie sowie der
geistigen Behinderung. Das 1p36 Deletionssyndrom gehe also nicht mit einer
Cerebralparese einher.
B.c Die Beschwerdegegnerin beantragte am 8. Dezember 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung verwies sie insbesondere auf die
Stellungnahmen des RAD vom 9. Mai 2012, 10. April 2017, 21. August 2017 und 5.
Dezember 2017.
B.d Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin verzichtete auf eine Replik (act. G 9).

Erwägungen
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1.
Zur Beschwerde ist berechtigt, wer durch die angefochtene Verfügung berührt ist und
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung hat (Art. 59 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR
830.1). Gegenstand der angefochtenen Verfügung ist − wie nachfolgend aufgezeigt
wird − die Frage, ob die Beschwerdeführerin am Geburtsgebrechen Ziff. 390 leidet
oder nicht. Die Beschwerdeführerin ist durch die angefochtene Verfügung also berührt.
Ein schutzwürdiges Interesse liegt vor, wenn die tatsächliche und rechtliche Situation
des oder der Rechtsuchenden durch den Ausgang des Verfahrens beeinflusst werden
kann. Dabei wird verlangt, dass die beschwerdeführende Person durch den
angefochtenen Verwaltungsakt stärker als jedermann betroffen ist und in einer
besonderen, beachtenswerten, nahen Beziehung zur Streitsache steht (BGE 136 V 7 E.
2.1). Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat die Zusprache medizinischer
Massnahmen beantragt. Ursprünglich hat der Vater der Beschwerdeführerin gestützt
auf das Geburtsgebrechen Ziff. 390 die Kostenübernahme für Unterschenkelorthesen
und Spezialschuhe beantragt. Diese Kosten sind bereits am 2. Mai 2017 unter einem
anderen Rechtstitel (Hilfsmittel zur Fortbewegung) von der Beschwerdegegnerin
übernommen worden. Der Rechtsvertreter hat keine (anderen) konkreten medizinischen
Massnahmen geltend gemacht. Sein Rechtsbegehren muss also so verstanden
werden, dass er lediglich die Anerkennung bzw. Feststellung des Geburtsgebrechens
Ziff. 390 beantragt hat. Als Nächstes ist daher zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin im
Sinne von Art. 49 Abs. 2 ATSG ein schutzwürdiges Interesse an der Feststellung, ob
ihre gesundheitliche Beeinträchtigung unter das Geburtsgebrechen Ziff. 390 fällt, hat.
Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass es im Anwendungsbereich des Art. 13 IVG zur
üblichen Verwaltungspraxis gehört, Feststellungsverfügungen zu erlassen. Würde die
angefochtene Verfügung in Rechtskraft erwachsen, stünde (auch für die Zukunft) fest,
dass die Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 13 des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) i.V.m. Ziff. 390 Anhang Verordnung über
Geburtsgebrechen (GgV, SR 831.232.21) keinen Anspruch auf medizinische
Massnahmen der IV hätte. Für den Vergütungsanspruch für allfällige zukünftige
medizinische Massnahmen im Zusammenhang mit den unbestrittenermassen
vorhandenen gesundheitlichen Störungen im Bereich der unteren Extremitäten (z.B.
Physiotherapie und ärztliche Kontrollen, s. IV-act. 182) ist es daher relevant, ob das
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Geburtsgebrechen Ziff. 390 durch die IV anerkannt ist oder nicht. Die
Beschwerdeführerin hat daher ein schutzwürdiges Interesse an der Feststellung, dass
sie an einem Geburtsgebrechen Ziff. 390 leidet. Auf die Beschwerde ist deshalb, soweit
es um die Anerkennung des Geburtsgebrechens Ziff. 390 und nicht um konkrete
medizinische Massnahmen geht, einzutreten.
2.
Bereits mit Verfügung vom 17. Dezember 2010 hatte die Beschwerdegegnerin eine
Kostengutsprache für die Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 390 für den
Zeitraum 1. Dezember 2010 bis längstens 31. Dezember 2015 erteilt. Diese Verfügung
war mit der Verfügung vom 27. September 2012 mit Wirkung ab 1. Oktober 2012
wieder aufgehoben worden. Die Aufhebung der Verfügung vom 17. Dezember 2010
war erfolgt, weil Dr. E._ der IV-Stelle am 12. April 2012 berichtet hatte, dass das
Geburtsgebrechen Ziff. 390 nicht diagnostiziert werden könne. Bei der Verfügung vom
27. September 2012 muss es sich also um eine Wiedererwägungsverfügung im Sinne
von Art. 53 Abs. 2 ATSG mit Wirkung ex nunc gehandelt haben, da sich der
Sachverhalt zwischenzeitlich nicht geändert und somit kein Revisionsgrund im Sinne
von Art. 17 ATSG vorgelegen hatte. Die wiedererwogene Verfügung vom 17. Dezember
2010 ist bis 31. Dezember 2015 befristet gewesen. Daher hat auch die
Wiedererwägungsverfügung vom 27. September 2012 lediglich bis zum 31. Dezember
2015 eine Bindungswirkung gehabt. Das neue Gesuch um die Kosten¬übernahme von
medizinischen Massnahmen gestützt auf das Geburtsgebrechen Ziff. 390 ist im
November 2016 gestellt worden und hat sich lediglich auf die Zukunft bezogen. Der
Wirkungsbereich der Wiedererwägungsverfügung vom 27. September 2012 würde also
durch eine erneute Anerkennung des Geburtsgebrechens Ziff. 390 nicht tangiert, da
diese nur für die Zeit ab der Gesuchseinreichung (November 2016) gelten würde. Daher
ist nachfolgend nicht im Rahmen einer prozessualen Revision (Art. 53 Abs. 1 ATSG) der
Wiedererwägungsverfügung vom 27. September 2012, sondern frei und
uneingeschränkt zu prüfen, ob die Voraussetzungen für die Anerkennung des
Geburtsgebrechens Ziff. 390 erfüllt sind.
3.
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3.1 Nach Art. 13 IVG haben versicherte Personen bis zum vollendeten 20. Altersjahr
Anspruch auf die zur Behandlung von Geburtsgebrechen notwendigen medizinischen
Massnahmen (Abs. 1). Der Bundesrat bezeichnet die Gebrechen, für welche diese
Massnahmen gewährt werden (Abs. 2 Satz 1). Als Geburtsgebrechen im Sinne von Art.
13 IVG gelten Gebrechen, die bei vollendeter Geburt bestehen; die Geburtsgebrechen
sind in der Liste im Anhang der Verordnung über Geburtsgebrechen aufgeführt (Art. 1
GgV). Als medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens
notwendig sind, gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der
medizinischen Wissen¬schaft angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in
einfacher und zweckmässiger Weise anstreben (Art. 2 Abs. 3 GgV). Ziff. 390 der
Geburtsgebrechensliste umschreibt folgendes Geburtsgebrechen: Angeborene
cerebrale (hirnbedingte) Lähmungen (spastisch [krampfhaft], dyskinetisch, ataktisch).
Die Cerebralparesen stellen kein einheitliches Krankheitsbild dar, sondern bilden einen
Symptomenkomplex, der eine Gruppe von statischen Enzephalopathien
zusammenfasst. Diese sind gekennzeichnet durch
- eine neurologisch klar definierbare Störung;
- Spastik;
- Dyskinesie, Ataxie;
- eine Entstehung vor dem Ende der Neonatalperiode;
- das Fehlen einer Progredienz des zugrundeliegenden Prozesses;
- häufig assoziierte zusätzliche Störungen wie Lernbehinderung, geistige Behinderung,
Sehstörungen, Epilepsie.
Als Geburtsgebrechen anzuerkennen sind nur angeborene spastische, ataktische und/
oder dyskinetische Bewegungsstörungen. Die zusätzlich assoziierten Störungen stellen
allein, d.h. ohne die beschriebenen Bewegungsstörungen, kein Geburtsgebrechen im
Sinne einer Cerebralparese dar (vgl. Rz. 390.1 des Kreisschreibens über die
medizinischen Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung, KSME, gültig ab
1. Juni 2018). Zur Diagnose einer spastischen Bewegungsstörung muss eine
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Hyperreflexie vorliegen, ein erhöhter Widerstand der von der Störung betroffenen
Muskeln gegen passive Bewegungen (erhöhter Muskeltonus) sowie pathologische
Reflexe (gesteigerte Muskeleigenreflexe, Babinskizeichen) und abnorme Haltungs- und
Bewegungsmuster (Rz. 390.1.1 KSME). Die muskuläre Hypotonie allein begründet
versicherungsmedizinisch kein Geburtsgebrechen unter Ziff. 390 GgV (Rz. 390.2
KMSE).
3.2 In medizinischer Hinsicht liegen insbesondere die Berichte des leitenden Arztes
des Ostschweizer Kinderspitals, Dr. E._, vom 27. Dezember 2016, 8. August 2017
und 6. Oktober 2017 sowie die Stellungnahmen des RAD-Arztes Dr. G._ vom 10.
April 2017, vom 21. August 2017 und vom 4. Dezember 2017 im Recht. Bei beiden
Ärzten handelt es sich um Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin mit dem
Schwerpunkt Neuropädiatrie. Während der behandelnde Arzt bei der
Beschwerdeführerin eine angeborene Cerebralparese diagnostiziert hat, hat der RAD-
Arzt erklärt, dass eine solche im vorliegenden Fall nicht gestellt werden könne. Die
Fachärzte sind sich einerseits uneinig darüber, welche Voraussetzungen vorliegen
müssen, um eine angeborene Cerebralparese diagnostizieren zu können (z.B. Zeitpunkt
der Diagnosestellung). Andererseits sind sie sich aber auch nicht einig darüber, ob
diese Voraussetzungen bei der Beschwerdeführerin erfüllt sind (z.B. Nachweis
eindeutiger Pyramidenzeichen). Zwar hat der RAD-Arzt relativ ausführlich dargelegt,
weshalb bei der Beschwerdeführerin keine Cerebralparese diagnostiziert werden
könne. Seine Ausführungen sind für einen medizinischen Laien auch nachvollziehbar.
Trotzdem bleiben Zweifel an seiner Einschätzung. Die Zweifel gründen einerseits
darauf, dass unklar geblieben ist, welche Symptome bzw. Voraussetzungen aus rein
medizinischer Sicht zwingend vorliegen bzw. erfüllt sein müssen, um eine angeborene
Cerebralparese diagnostizieren zu können. Andererseits hat der RAD-Arzt die
Beschwerdeführerin nie selber untersucht und sich somit von den körperlichen
Beeinträchtigungen kein eigenes Bild gemacht. Hinzu kommt, dass Dr. E._, welcher
die Beschwerdeführerin seit Jahren betreut, trotz der ihm bekannten Kritik des RAD-
Arztes an der Diagnose einer angeborenen Cerebralparese festgehalten hat.
Angesichts der beiden divergierenden fachärztlichen Einschätzungen ist es zwingend
notwendig, die Frage, ob die Beschwerde¬führerin an einer angeborenen
Cerebralparese im Sinne des Geburtsgebrechens Ziff. 390 leidet oder nicht, durch
einen unabhängigen Facharzt bzw. eine unabhängige Fachärztin beurteilen zu lassen.
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3.3 Demnach ist die angefochtene Verfügung, soweit auf die Beschwerde einzutreten
ist, wegen der Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes nach Art. 43 Abs. 1 ATSG
aufzuheben und die Sache ist zur Klärung der Frage, ob die Beschwerdeführerin an
einer angeborenen Cerebralparese im Sinne des Geburtsgebrechens Ziff. 390 leidet
oder nicht, an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Beschwerdegegnerin wird
mit Vorteil eine medizinische Begutachtung in Auftrag geben.
4.
4.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Praxisgemäss ist die
Rückweisung der Sache zur ergänzenden Abklärung und neuen Beurteilung an die
Verwaltung als volles Obsiegen der Beschwerdeführerin zu werten (BGE 132 V 215 E.
6.2). Dementsprechend ist die Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- vollumfänglich der
Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe
wird der Beschwerdeführerin zurückerstattet.
4.2 Gemäss Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende beschwerdeführende Partei
Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Auch hier gilt, dass eine Rückweisung zur
weiteren Abklärung als volles Obsiegen der beschwerdeführenden Partei zu betrachten
ist. Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das
Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO (sGS 963.75)
pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. In einem durchschnittlichen IV-Fall wird
praxisgemäss eine pauschale Partei¬entschädigung von Fr. 3'500.-- zugesprochen.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat keine Honorarnote eingereicht. Es hat
lediglich ein Schriftenwechsel stattgefunden. Die für das Beschwerdeverfahren
relevanten Akten des Verwaltungsverfahrens sind überschaubar gewesen. Schwierige
Rechtsfragen haben sich keine gestellt. Der Aufwand des Rechtsvertreters ist im
Vergleich zu einem durchschnittlichen IV-Fall daher klar tiefer gewesen. Deshalb
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erscheint eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 2'000.-- (inklusive Barauslagen
und Mehrwertsteuer) als angemessen.