Decision ID: 94feffa2-0ab2-559d-8d84-007bf39c29e7
Year: 2008
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
K._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Fürsprecher lic. iur. Daniel Küng, Rosenbergstrasse 51, Postfach 1121,
9001 St. Gallen,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Ergänzungsleistung zur IV
Sachverhalt:
A.
Die IV-Stelle sprach K._ am 20. Mai 2005 rückwirkend ab Mai 2002 eine
Invalidenrente zu. Der Invaliditätsgrad des Versicherten betrug von Mai 2002 bis Juni
2003 50%, bis November 2003 100% und ab Dezember 2003 43%. Der
Invaliditätsgrad von 43% beruhte auf einer auf 70% reduzierten Arbeitsfähigkeit in einer
leichten, behinderungsadaptierten Erwerbstätigkeit. Der Versicherte meldete sich am 6.
Juni 2005 zum Bezug einer Ergänzungsleistung an. Im Gesuchsformular verneinte er
die Frage nach einer BVG-Rente. Er gab an, er erhalte ALV-Taggelder von Fr. 2300.-
bis Fr. 2500.- monatlich und eine UV-Rente von Fr. 645.- monatlich. Am 16. Juni 2005
forderte die EL-Durchführungsstelle den Versicherten auf, sich beim RAV als
stellensuchend eintragen zu lassen und dort ein Formular mit verschiedenen Fragen zur
Verwertbarkeit seiner Restarbeitsfähigkeit ausfüllen zu lassen. Am gleichen Tag wies
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sie den Versicherten darauf hin, dass auch seine Ehefrau einer Erwerbstätigkeit
nachgehen könnte. Sie forderte ihn auf, seine Ehefrau zu veranlassen, verschiedene
Fragen zur Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft zu beantworten. Weiter forderte die EL-
Durchführungsstelle den Versicherten auf, eine Bestätigung der Arbeitslosenkasse
betreffend die Dauer und die Höhe der Taggelder, eine Bestätigung der SUVA
betreffend die UV-Rente und ein von der Pensionskasse ausgefülltes Formular
betreffend eine allfällige Rente einzureichen. Die Ehefrau des Versicherten gab am 21.
Juni 2005 an, sie habe keinen Beruf erlernt. Von Juli 2003 bis August 2004 sei sie als
Raumpflegerin mit einem Beschäftigungsgrad von 25% tätig gewesen. Sie habe sich
später mündlich um eine neue Arbeitsstelle beworben. Das individuelle Beitragskonto
(IK) der Ehefrau des Versicherten wies für 2003 einen Lohn von insgesamt Fr. 3910.-
und für 2004 einen solchen von insgesamt Fr. 11'411.- aus. Das RAV berichtete am 24.
Juni 2005, der Versicherte sei seit September 2003 als stellensuchend eingetragen.
Auch mit gutem Willen würde er keine Stelle finden, denn die Arbeitsmarktlage sei sehr
angespannt. Ausländische Hilfsarbeiter mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung
hätten "faktisch NULL Chancen", eine Stelle zu finden. Der Versicherte habe sich um
eine Arbeitsstelle bemüht. Er habe auch an verschiedenen arbeitsmarktlichen
Massnahmen teilgenommen. Am 3. November 2005 wies die Arbeitslosenkasse ein
Gesuch der Ehefrau des Versicherten um Arbeitslosentaggelder ab. Der Grund dafür
war gemäss einer telephonischen Auskunft der Arbeitslosenkasse vom 15. November
2005 das Nichterfüllen der Beitragszeit. Vom RAV erfuhr die EL-Durchführungsstelle
am 18. November 2005 telephonisch, dass die Ehefrau des Versicherten als
stellensuchend eingetragen sei und die Anforderungen bis dahin immer erfüllt habe,
dass die Chancen auf eine Stelle aber sehr schlecht seien. Die SUVA teilte am 28.
November 2005 mit, die UV-Rente habe ab 1. September 2003 Fr. 637.- und ab 1.
Januar 2005 Fr. 645.- monatlich betragen. Bei der Anspruchsberechnung ab Mai 2002
berücksichtigte die EL-Durchführungsstelle ein Nettoerwerbseinkommen (inklusive
Familienzulagen) des Versicherten von Fr. 22'165.- und ALV-Taggelder von Fr.
37'731.-, ab September 2003 ein Erwerbseinkommen von Fr. 3910.- und ALV-
Taggelder von Fr. 39'433.-, ab Januar 2004 ein Erwerbseinkommen von Fr. 10'692.-
und weiterhin ALV-Taggelder von Fr. 39'433.-, ab Januar 2005 kein
Erwerbseinkommen mehr, aber immer noch ALV-Taggelder von Fr. 39'433.-. Die UV-
Rente von Fr. 7644.- fand ab September 2003 Berücksichtigung. Ab Januar 2005 belief
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
sie sich auf Fr. 7740.-. Die rückwirkende Zusprache einer Ergänzungsleistung war auf
mehrere Verfügungsformulare aufgeteilt. Einige dieser Formulare enthielten den
Hinweis an den Versicherten, dass die Leistungen der Pensionskasse noch nicht
bekannt seien. Deshalb gälten die Ergänzungsleistungen in diesem Zusammenhang als
rückerstattungspflichtige Vorschussleistungen. Sobald die Pensionskassenleistungen
bekannt seien, erfolge eine rückwirkende Neuberechnung. Die leistungszusprechende
Verfügung erging am 22. Dezember 2005.
B.
B.a Der Versicherte erhob am 25. Januar 2006 Einsprache gegen diese Verfügung. Er
machte geltend, es würden ihm ALV-Taggelder angerechnet, die er schon lange nicht
mehr erhalte. Am 1. März 2006 führte er ergänzend aus, der Mietzinsabzug entspreche
nicht dem effektiv bezahlten Mietzins und müsse deshalb entsprechend erhöht werden.
Die (mit der Einsprachebegründung eingereichten) Abrechnungen der
Arbeitslosenkasse wiesen einen Gesamtbetrag von lediglich Fr. 17'302.70 aus. Er habe
nur bis Ende August 2005 ALV-Taggelder erhalten. Es sei nicht nachvollziehbar,
weshalb bis August 2005 ein sehr viel höherer Betrag angerechnet und ab September
2005 überhaupt noch ALV-Taggelder angerechnet würden. Von Juli bis Dezember 2004
habe er ALV-Taggelder von insgesamt Fr. 34'635.- erhalten. Deshalb sei die
Anrechnung eines Betrages von Fr. 39'433.- auch hier falsch. Das gelte auch für den
angerechneten Mietzins. Auch für die Zeit von Januar bis Juni 2004 würden wieder zu
hohe ALV-Taggelder angerechnet. Die Ergänzungsleistung für Dezember 2003 sei
ebenfalls entsprechend zu korrigieren. Ab Januar 2006 hätten keine ALV-Taggelder
mehr angerechnet werden dürfen und der Mietzinsabzug sei nach wie vor falsch. Am
29. Mai 2006 reichte der Versicherte zusätzlich Listen seiner Arbeitsbemühungen
zwischen September 2005 und April 2006 ein. Er führte dazu aus, er sei seit dem 1.
September 2005 nicht mehr als stellensuchend beim RAV eingetragen. Trotzdem habe
er sich weiter um eine Arbeitsstelle bemüht. Er habe sich jeweils telephonisch oder
persönlich gemeldet. Schriftlich habe er sich nicht bewerben können, weil er das nie
gelernt habe. Sobald ein Arbeitgeber gehört habe, dass er Rentner sei, sei ihm
abgesagt worden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Am 8. August 2006 hiess die EL-Durchführungsstelle die Einsprache teilweise gut.
Sie begründete dies damit, dass nicht der gesamte Mietzins Berücksichtigung finden
könne, wenn Personen im Haushalt wohnten, die nicht in die EL-Anspruchsberechnung
eingeschlossen seien. Dies erkläre, weshalb nicht immer der gesamte Mietzins von
Fr. 12'000.- Berücksichtigung gefunden habe. Diesbezüglich sei die angefochtene
Verfügung korrekt. Der Versicherte habe von September 2003 bis August 2005 ALV-
Taggelder bezogen. Aufgrund der nachträglich eingereichten Unterlagen seien folgende
Einnahmen aus diesen Taggeldern anzurechnen: Dezember 2003 bis Oktober 2004
Fr. 30'105.-, November und Dezember 2004 Fr. 39'795.-, Januar bis August 2005
Fr. 30'100.-. Ab dem 1. September 2005 trete gestützt auf Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV an
die Stelle des ALV-Taggeldes ein hypothetisches Nettoerwerbseinkommen von
Fr. 23'520.-. Die Ehefrau des Versicherten habe früher als Reinigungsangestellte
gearbeitet. Jetzt gehe sie keiner Erwerbstätigkeit nach. Da sie den Anforderungen des
RAV stets nachgekommen sei und da die Situation auf dem Arbeitsmarkt schwierig sei,
werde vorläufig auf die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens
verzichtet. Man behalte sich jedoch ausdrücklich vor, die Situation in wenigen Monaten
neu zu beurteilen. Die Neuberechnung ab Dezember 2003 ergab eine Nachzahlung von
Fr. 35'522.-. Die Anspruchsberechnung ab Dezember 2003 wies auf der
Einnahmenseite u.a. ein Bruttoerwerbseinkommen von Fr. 3910.-, die UV-Rente von Fr.
7644.- und die ALV-Taggelder von Fr. 30'105.- aus. Ab Januar 2004 veränderte sich
von diesen Einnahmenpositionen nur das Bruttoerwerbseinkommen, das sich nun auf
Fr. 11'411.- belief. Ab November 2004 stieg das ALV-Taggeld auf Fr. 39'795.- an. Ab
Januar 2005 wurde kein Erwerbseinkommen mehr angerechnet. Die ALV-Taggelder
beliefen sich nun auf Fr. 30'100.-. Ab September 2005 fanden keine ALV-Taggelder
mehr Berücksichtigung. An ihre Stelle trat ein hypothetisches Nettoerwerbseinkommen
von Fr. 23'520.-.
C.
Die Pensionskasse teilte der EL-Durchführungsstelle am 22. August 2006 mit, dass sie
dem Versicherten rückwirkend ab September 2003 eine Invalidenrente von Fr. 5087.-
p.a. und drei Kinderrenten von zusammen 3051.- p.a. ausrichten werde. Für zwei
weitere Kinder werde sie von September 2003 bis März 2004 bzw. bis Dezember 2005
Kinderrenten von je Fr. 1017.- p.a. ausrichten. Als Reaktion auf diese
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rentennachzahlung widerrief die EL-Durchführungsstelle am 6. September 2006 den
Einspracheentscheid vom 8. August 2006. Sie kündigte eine neue Verfügung über den
EL-Anspruch an. Diese Verfügung erging am 21. September 2006. Sie ersetzte nicht
nur den Einspracheentscheid vom 8. August 2006, sondern - wiedererwägungsweise -
auch die Verfügung vom 22. Dezember 2005, soweit diese für den EL-Anspruch bis
November 2003 nicht explizit angefochten worden war. Diese Wiedererwägung betraf
allerdings nur die Periode September bis November 2003. Die Neuberechnung ab
September 2003 unterschied sich nur in bezug auf die zusätzliche Einnahmenposition
der PK-Rente von der Anspruchsberechnung, die der Verfügung vom 22. Dezember
2005 (für die Zeit bis November 2003) bzw. dem Einspracheentscheid vom 8. August
2006 (für die Zeit ab Dezember 2003) zugrunde gelegen hatte. Lediglich ab September
2006 kam neu noch die Erhöhung des abzugsfähigen Mietzinses auf den vollen Betrag
von Fr. 12'000.- hinzu. Für die Periode September bis November 2003 hatte die
zusätzliche Ausrichtung einer PK-Rente nur eine Erhöhung des
Einnahmenüberschusses zur Folge. Die Verfügung vom 21. September 2006 enthielt
deshalb eine erneute Abweisung des Leistungsgesuches für diese Periode. Für
Dezember 2003 resultierte ein EL-Anspruch von Fr. 825.- monatlich, obwohl die PK-
Rente als zusätzliche Einnahme hinzukam, denn die EL-Durchführungsstelle
berücksichtigte entsprechend ihren Ausführungen im Einspracheentscheid vom 8.
August 2006 nur noch einen Jahresbetrag der ALV-Taggelder von Fr. 30'105.- statt von
Fr. 39'433.-. Für die Periode Januar bis Oktober 2004 ergab sich trotz der zusätzlichen
Einnahmenposition keine Veränderung, da nach wie vor die sogenannte
Minimalgarantie (EL-Anspruch entspricht mindestens der massgebenden Pauschale für
die Krankenkassenprämien) wirksam war. Der monatliche EL-Anspruch belief sich also
auf Fr. 838.-. Für November und Dezember 2004 hatte die Anrechnung der PK-Rente
einen Einnahmenüberschuss zur Folge. Mit der Verfügung vom 21. September 2006
forderte die EL-Durchführungsstelle deshalb den bereits ausgerichteten Betrag von Fr.
1676.- zurück. Die Anrechnung der PK-Rente als Einnahme hatte für die Periode
Januar bis August 2005 eine Erhöhung der monatlichen Ergänzungsleistung auf
Fr. 1143.- zur Folge, weil gleichzeitig - wie bereits bei der Neuberechnung im
widerrufenen Einspracheentscheid - die ALV-Taggelder mit Fr. 30'100.- statt mit Fr.
39'433.- bemessen wurden. Auch für September bis Dezember 2005 fiel die
monatliche Ergänzungsleistung im Vergleich zur ursprünglichen Anspruchsberechnung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
in der Verfügung vom 22. Dezember 2005 höher aus, weil die anrechenbaren ALV-
Taggelder mit einem tieferen Betrag berücksichtigt wurden. Die monatliche
Ergänzungsleistung betrug in dieser Zeit Fr. 2595.-. Dasselbe galt für die Periode
Januar bis August 2006. Hier belief sich die monatliche Ergänzungsleistung auf Fr.
2469.-. Ab September 2006 kam als zusätzliche Veränderung die Erhöhung des
Mietzinses auf Fr. 12'000.- hinzu. Damit stieg die monatliche Ergänzungsleistung auf
Fr. 2636.-. Die Neuberechnung für die Zeit ab September 2003 wurde in einer
Verfügung vom 21. September 2006 umgesetzt.
D.
D.a Der Versicherte erhob am 20. Oktober 2006 Einsprache gegen die Verfügung vom
21. September 2006. Er machte geltend, er sei 46-jährig, stamme aus Mazedonien und
sei der deutschen Sprache nur wenig mächtig. Während der gesamten Dauer des
Bezuges von ALV-Taggeldern habe er sich laufend bewerben müssen. Trotzdem sei es
ihm nicht gelungen, eine Arbeitsstelle zu finden. Obwohl er seit dem 1. Dezember 2005
nicht mehr als stellensuchend eingetragen sei, habe er sich doch immer wieder für eine
Teilzeitstelle beworben. Deshalb verzichte er nicht auf die Erzielung eines
Erwerbseinkommens. In bezug auf die PK-Rente sei auf das Schreiben der
Pensionskasse vom 15. September 2006 abzustellen, in dem eine jährliche
Invalidenrente von Fr. 3815.40 und jährliche Kinderrenten von Fr. 2288.70 (für drei
Kinder) angegeben worden seien. Im November und Dezember 2004 habe er ALV-
Taggelder von lediglich Fr. 34'635.- und nicht wie angerechnet von Fr. 39'795.-
erhalten. Da nur bis August 2003 Taggelder ausbezahlt worden seien, dürften für
September und Oktober 2003 keine derartigen Einnahmen angerechnet werden. Bei
korrekter Erfassung der PK-Rente gebe es keine Verrechnung mit zuviel ausbezahlten
Ergänzungsleistungen.
D.b Die EL-Durchführungsstelle wies die Einsprache am 12. März 2007 ab. Sie führte
aus, der Versicherte habe die in Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV enthaltene Vermutung, dass
es ihm möglich sei, ein Nettoerwerbseinkommen von Fr. 23'520.- zu verdienen, mit den
eingereichten Unterlagen nicht umzustossen vermocht. Er habe nur handschriftliche
Listen von mündlich angefragten Arbeitgebern eingereicht. Ausserdem habe er sich im
Schnitt nur fünfmal monatlich beworben. Die Bewerbungen seien nie schriftlich erfolgt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
und hätten sich auch nicht auf offene Stellen bezogen. Die Ehefrau des Versicherten
habe 2003 bis 2005 als Reinigungsangestellte gearbeitet. Zur Zeit gehe sie offenbar
keiner Erwerbstätigkeit nach. Da sie den Anforderungen des RAV stets nachgekommen
sei, werde vorläufig auf die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens für
sie verzichtet. Man behalte sich jedoch ausdrücklich vor, die Situation demnächst neu
zu beurteilen. Die auf ein Jahr umgerechneten ALV-Taggelder hätten von Dezember
2003 bis Oktober 2004 Fr. 30'105.-, von November bis Dezember 2004 Fr. 39'795.-
und von Januar bis August 2005 Fr. 30'100.- betragen. Da die Taggelder nicht für das
ganze Jahr ausbezahlt worden seien, habe nicht auf die steuerlichen Bescheinigungen
abgestellt werden können. Die Angaben zur PK-Rente in den Schreiben der
Pensionskasse vom 22. August und vom 15. September 2006 seien identisch. Der
Versicherte habe irrtümlich die vierteljährlichen Renten nur mit 3 statt mit 4 multipliziert.
E.
Der Versicherte erhob am 17. April 2007 Beschwerde gegen diesen
Einspracheentscheid. Er ersuchte um die Einräumung einer Nachfrist für die
Beschwerdebegründung. Am 30. Juni 2007 stellte er ein Sistierungsgesuch. Er
begründete dieses Begehren damit, dass die SUVA ihm rückwirkend ab September
2003 eine höhere Rente (Fr. 1073.- statt Fr. 613.-) zugesprochen habe. Am 6. Juli 2007
machte er geltend, die Rentenerhöhung dürfe erst ab der effektiven Zahlung
angerechnet werden. Die EL-Durchführungsstelle werde aber wohl rückwirkend unter
Berücksichtigung der höheren UV-Rente neu verfügen. In diesem Fall wäre es sinnvoll,
das Beschwerdeverfahren als gegenstandslos abzuschreiben. Für September und
Oktober 2003 habe die EL-Durchführungsstelle ALV-Taggelder von Fr. 39'433.-
angerechnet. Es fehlten aber entsprechende Abrechnungen der Arbeitslosenkasse. Die
Steuerbehörde habe für 2003 nur einen Betrag von Fr. 10'931.- angegeben. Nun gehe
die EL-Durchführungsstelle zwar von Fr. 30'104.80 aus, aber auch das sei nicht belegt.
Die EL-Durchführungsstelle hätte weitere Akten zur Überprüfung einholen müssen. Im
September und Oktober 2003 sei ihm keine PK-Rente ausbezahlt worden. Die
Auszahlung sei nämlich erst im Jahr 2006 erfolgt. Deshalb dürfe die
Anspruchsberechnung keine PK-Rente als Einnahme enthalten. Für November 2003
gelte dasselbe bezüglich ALV-Taggelder und PK-Rente. Für Dezember 2003 seien die
ALV-Taggelder wohl ausgewiesen. Hier dürfe aber ebenfalls keine PK-Rente
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
angerechnet werden. Für Januar bis Oktober 2004 gelte dasselbe wie für Dezember
2003. Zudem müsste von Juli bis Oktober 2004 ein höherer Mietzins angerechnet
werden. Für November und Dezember 2004 hätten nur ALV-Taggelder von Fr. 24'028.-
bzw. Fr. 24'929.- angerechnet werden dürfen. Auch für Januar bis August 2005 dürfe
keine PK-Rente angerechnet werden. Dasselbe gelte für September bis Dezember
2005. Hier sei zudem kein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen. Er habe
sich nämlich während des Bezugs des ALV-Taggeldes vergeblich um Arbeit bemüht.
Seine Anstrengungen seien durch die Organe der Arbeitslosenversicherung nicht
bemängelt worden. Nach der Aussteuerung habe er die Arbeitsbemühungen
fortgesetzt. Da er jahrelang eine körperlich schwere Arbeit ausgeübt habe und nun nur
noch körperlich leichte Tätigkeiten und diese nur teilzeitlich ausführen könne, habe er
realistischerweise keine Chance, eine Stelle zu finden. Damit sei die Vermutung für die
Verwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit umgestossen. Für Januar bis August 2006 gelte
das bereits Ausgeführte, ausser dass sich der Mietzins reduziere. Für September 2006
sei die Auszahlung der rückwirkend zugesprochenen PK-Rente zu berücksichtigen,
womit ein Einnahmenüberschuss resultiere. Ab Oktober 2006 seien die laufende PK-
Rente und das aus der Nachzahlung resultierende Vermögen samt Zins anzurechnen.
F.
Die EL-Durchführungsstelle beantragte am 24. Juli 2007 eine Abänderung der EL-
Verfügungen vom 21. September 2006 und des Einspracheentscheides vom 12. März
2007 anhand ihrer rückwirkenden Neuberechnung unter Berücksichtigung der erhöhten
UV-Rente und damit zum Nachteil des Versicherten. Sie sah keine Notwendigkeit einer
Sistierung des Beschwerdeverfahrens. Die Gerichtsleitung wies die Parteien am 16.
August 2007 darauf hin, dass die Veränderung unter Anrechnung der höheren UV-
Rente wohl nicht Streitgegenstand bilde, so dass nicht von einer reformatio in peius
auszugehen sei. Der Versicherte schlug am 20. August 2007 vor, das
Beschwerdeverfahren als gegenstandslos abzuschreiben. Die EL-Durchführungsstelle
vertrat am 11. September 2007 weiterhin die Auffassung, dass die Berücksichtigung
der rückwirkenden Erhöhung der UV-Rente Bestandteil des Streitgegenstandes des
Beschwerdeverfahrens bilden müsse. Der Versicherte schlug am 4. Oktober 2007 vor,
entweder über die drei strittigen Punkte hypothetisches Erwerbseinkommen, PK-Rente
und ALV-Taggelder zu urteilen und dann die EL-Durchführungsstelle über die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Auswirkung der rückwirkenden Erhöhung der UV-Rente auf die Ergänzungsleistung
verfügen zu lassen oder aber sich darauf zu einigen, dass die EL-Durchführungsstelle
ihm nach einem Beschwerderückzug nicht die formelle Rechtskraft des
Einspracheentscheides vom 12. März 2007 entgegenhalte, sondern unter Einbezug der
erhöhten UV-Rente neu verfüge. Die EL-Durchführungsstelle hielt am 19. Oktober 2007
an der Auffassung fest, dass auch die rückwirkende Anrechnung der erhöhten UV-
Rente zum Streitgegenstand gehöre, weil das Versicherungsgericht sein Urteil sonst
auf einen unrichtigen Sachverhalt stütze. Die Gerichtsleitung wies die Parteien am 23.
Oktober 2007 darauf hin, dass ein Einspracheentscheid nur auf seine Rechtmässigkeit
im Entscheidzeitpunkt überprüft werden könne. Deshalb sei eine denselben Zeitraum
betreffende UV-Rentennachzahlung nicht mitzubeurteilen. Die EL-Durchführungsstelle
könne nach dem Erlass des Urteils über die Folgen der UV-Rentennachzahlung
verfügen. Allerdings bestehe die Möglichkeit, den Streitgegenstand auf die Frage der
Folgen der UV-Rentennachzahlung für den EL-Anspruch auszudehnen. Der Versicherte
erklärte sich am 24. Oktober 2007 mit dieser Ausdehnung einverstanden. Er kündigte
an, er werde in seiner Replik auch zur Frage der Bedeutung der rückwirkenden
Erhöhung der UV-Rente für seinen EL-Anspruch Stellung nehmen.
G.
In seiner Replik vom 9. Februar 2008 führte der Versicherte aus, es gelte das bereits
zur rückwirkenden Ausrichtung einer PK-Rente Ausgeführte. Weder Art. 25 Abs. 2 lit. c
ELV noch Art. 69 ATSG erlaubten die Fiktion einer bereits früher erfolgten Auszahlung
einer effektiv nachbezahlten Rente. Die Rentennachzahlung könne deshalb nur ex nunc
et pro futuro Berücksichtigung finden.
H.
Auch die EL-Durchführungsstelle erklärte sich am 18. Februar 2008 mit der
Ausdehnung des Streitgegenstandes auf die Frage der Bedeutung der rückwirkenden
Erhöhung der UV-Rente einverstanden. Sie hielt an ihrem Abweisungsantrag fest.
I.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Bereits am 23. August 2007 hatte die EL-Durchführungsstelle den Versicherten
aufgefordert, seine Ehefrau zu veranlassen, sich beim RAV zu melden, sich als
stellensuchend einzutragen und das vorbereitete Formular durch das RAV ausfüllen zu
lassen. Das RAV hatte der EL-Durchführungsstelle am 19. September 2007 angegeben,
die Ehefrau des Versicherten habe sich am 10. September 2007 als stellensuchend
gemeldet. Sie wolle nicht Deutsch lernen und habe somit fast keine Chance auf eine
Arbeitsstelle. Sie habe nicht selber nach einer Stelle gesucht, sondern Verwandte und
Bekannte hätten für sie nach Arbeit gesucht. In einer undatierten internen Aktennotiz
hatte die EL-Durchführungsstelle festgehalten, die Arbeitsbemühungen der Ehefrau des
Versicherten reichten nicht aus. Deshalb müsse ein hypothetisches Erwerbseinkommen
angerechnet werden. Die Kinder seien selbständig und könnten zudem im Haushalt
mithelfen. Eine Erwerbstätigkeit mit einem Beschäftigungsgrad von 80% wäre
zumutbar. Im Jahr 2004 habe die Ehefrau des Versicherten bei einem
Beschäftigungsgrad von 25% Fr. 11'411.- verdient. Bei 70% ergäbe das ein
Bruttoeinkommen von Fr. 31'950.-. Davon seien 6,05% für den AHV-Beitrag und 8%
für den BVG-Beitrag abzuziehen. Die Ehefrau des Versicherten hatte am 20. September
2007 angegeben, sei habe keinen Beruf erlernt und sei immer als Hausfrau tätig
gewesen. Sie habe bei Kollegen und Verwandten eine Stelle gesucht. Am 12.
November 2007 hatte die EL-Durchführungsstelle dem Versicherten mitgeteilt,
zumutbar seien seiner Ehefrau mindestens zehn schriftliche Bewerbungen pro Monat.
Ausserdem müsse seine Ehefrau einen Deutschkurs besuchen, um ihre Chancen auf
dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Solange keine erfolglosen Arbeitsbemühungen
vorlägen, sei ein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen. Mit einer Verfügung
vom 15. November 2007 hatte die EL-Durchführungsstelle als Folge der Anrechnung
eines hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau des Versicherten die laufende
Ergänzungsleistung per 1. Dezember 2007 herabgesetzt.
J.
Der Versicherte hatte am 8. Dezember 2007 Einsprache gegen diese Verfügung
erhoben und die Ausrichtung einer Ergänzungsleistung von Fr. 3591.- monatlich
beantragt. Am 14. Januar 2008 hatte er auf eine Einsprachebegründung verzichtet. Die
EL-Durchführungsstelle wies die Einsprache am 19. Februar 2008 ab. Sie führte zur
Begründung aus, es wäre der Ehefrau des Versicherten zumutbar, zu 80% einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Erwerbstätigkeit nachzugehen. Das Durchschnittseinkommen der Hilfsarbeiterinnen
habe 2006 Fr. 50'278.- betragen. Bei einem Beschäftigungsgrad von 80% und unter
Berücksichtigung eines Abzuges von 20% resultiere ein Einkommen von Fr. 32'178.-.
Das in der angefochtenen Verfügung berücksichtigte Einkommen erscheine deshalb als
eher zu tief.
K.
Der Versicherte erhob am 3. April 2008 Beschwerde gegen diesen
Einspracheentscheid. Er beantragte dessen Aufhebung und die Ausrichtung einer
Ergänzungsleistung von Fr. 3591.- monatlich für Dezember 2007 und von Fr. 3610.-
monatlich ab Januar 2008. Er ersuchte ausserdem um die Vereinigung mit dem bereits
hängigen Beschwerdeverfahren EL 23/2007. Zur Begründung führte er in bezug auf
das ihm angerechnete hypothetische Erwerbseinkommen seiner Ehefrau aus, die EL-
Durchführungsstelle habe zwar im Einspracheentscheid vom 12. März 2007 darauf
aufmerksam gemacht, dass sie demnächst die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens prüfen werde. Damit habe die EL-Durchführungsstelle zu
erkennen gegeben, dass sie den damaligen Zustand hinsichtlich des Verhaltens der
Ehefrau akzeptiert habe. Wenn sie nun dieses Verhalten nicht mehr akzeptieren wolle,
hätte dies einen entsprechenden Hinweis vorausgesetzt. Die EL-Durchführungsstelle
hätte mitteilen müssen, was sie in Zukunft von seiner Ehefrau erwarte und was die
Konsequenzen wären, wenn diese Erwartung nicht erfüllt würde. Das habe die EL-
Durchführungsstelle nicht getan. Sie habe vielmehr von seiner Ehefrau verlangt, dass
sie eine Veränderung ihres Verhaltens nachweise, obwohl eben dieses Verhalten vorher
akzeptiert worden sei. Die EL-Durchführungsstelle hätte eine Übergangsfrist von sechs
Monaten einräumen müssen, bevor sie allenfalls ein hypothetisches
Erwerbseinkommen hätte anrechnen dürfen. Stattdessen habe sie sofort ein
hypothetisches Erwerbseinkommen angerechnet und nur auf die Möglichkeit
hingewiesen, dass später wieder eine Neuberechnung ohne dieses hypothetische
Erwerbseinkommen erfolgen könne, wenn die Ehefrau die verlangten (erfolglosen)
Arbeitsbemühungen nachweisen könne. Der Versicherte reichte Belege für eine Reihe
von Bewerbungen seiner Ehefrau in den Monaten Dezember 2007 bis Februar 2008
ein.
L.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die EL-Durchführungsstelle wandte am 14. April 2008 ein, die Ehefrau des Versicherten
habe sich bei Firmen beworben, die gar kein Personal gesucht hätten. Sie habe also
nicht ernsthaft eine Arbeitstelle gesucht, sondern Absagen gesammelt. Deshalb sei die
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens gerechtfertigt.
M.
Der Versicherte machte am 24. Juni 2008 geltend, die EL-Durchführungsstelle habe am
12. November 2007 die Vorlage von zehn Bewerbungen monatlich sowie den Besuch
eines Deutschkurses verlangt. Am 15. November 2007, also drei Tage später, habe sie
eine Änderung der laufenden Ergänzungsleistung als Folge der Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens verfügt. Eine solche Vorgehensweise verdiene
keinen Schutz. Seine Ehefrau habe nicht Absagen gesammelt, sondern sich effektiv
beworben, denn es seien nicht nur Stellen zu vergeben, die gegen aussen als "offen"
bezeichnet würden. Im übrigen scheine die EL-Durchführungsstelle davon auszugehen,
dass eine Verhaltensänderung seiner Ehefrau sowieso und zum vornherein unmöglich
sei.
N.
Die EL-Durchführungsstelle verzichtete am 30. Juni 2008 auf eine Stellungnahme.

Erwägungen:
1.
In den Beschwerdeverfahren EL 2007/23 und EL 2008/8 stehen sich dieselben Parteien
gegenüber. Ausserdem besteht ein Zusammenhang zwischen den beiden Verfahren,
weil die im Verfahren EL 2008/8 strittige Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens der Ehefrau des Versicherten bereits in einer Sachverhaltsphase
zur Diskussion gestanden hat, die Gegenstand des Verfahrens EL 2007/23 bildet. Unter
diesen Umständen ist es aus prozessökonomischen Gründen gerechtfertigt, die beiden
Beschwerdeverfahren in einem Urteil zu erledigen.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer am 22. Dezember 2005
rückwirkend ab Mai 2002 eine Ergänzungsleistung zugesprochen. Diese
Ergänzungsleistung war nicht für den gesamten Nachzahlungszeitraum gleich hoch,
denn sie musste mehreren zwischen Mai 2002 und dem 22. Dezember 2005
eingetretenen leistungserheblichen Sachverhaltsveränderungen Rechnung tragen. Die
Beschwerdegegnerin hat diese rückwirkende abgestufte Zusprache einer
Dauerleistung auf mehrere "Verfügungen" aufgeteilt. Der Beschwerdeführer hat nur
einen Teil dieser "Verfügungen" (Anspruch ab Juli 2003) angefochten. Er hat dann seine
Einsprache betreffend die Zeit von Juli bis November 2003 zurückgezogen.
Dementsprechend hat die Beschwerdegegnerin im Einspracheentscheid vom 8. August
2006 und in der entsprechenden Neuberechnung nur den Anspruch ab Dezember 2003
überprüft. Rechtsprechungsgemäss (vgl. etwa BGE 131 V 164 ff. Erw. 2.3) ist es nicht
zulässig, eine rückwirkende abgestufte Zusprache einer Invalidenrente für die einzelnen
Perioden des Nachzahlungszeitraums getrennt zu verfügen. Begründet wird dies damit,
dass eine Leistungsabstufung im Rahmen einer rückwirkenden Zusprache nicht
ausschliesslich der vorgehenden oder der nachgehenden "Verfügung" zugeordnet
werden könne. Wäre eine Abstufung zeitlich und allenfalls zusätzlich betragsmässig
falsch, wären nämlich sowohl die vorgehende wie die nachgehende "Verfügung"
rechtswidrig. Würde nur eine dieser beiden "Verfügungen" angefochten und dann
korrigiert, entstünde ein unerträglicher Widerspruch zur anderen "Verfügung", weil die
Wirkungsend- und Wirkungsbeginnzeitpunkte in den beiden Verfügungen nicht
übereinstimmen würden. Für die rückwirkende abgestufte Zusprache einer
Ergänzungsleistung gilt dasselbe. Deshalb muss die obgenannte Rechtsprechung auch
auf die rückwirkende abgestufte Zusprache einer Ergänzungsleistung Anwendung
finden.
2.2 Das bedeutet im vorliegenden Fall, dass die Beschwerdegegnerin am 22.
Dezember 2005 nicht mehrere, sondern nur eine einzige Verfügung erlassen hat. Aus
dem oben angeführten Grund war es nicht möglich, diese Verfügung nur für einen Teil
des Nachzahlungszeitraums anzufechten. Der Beschwerdeführer hat also mit seiner
Einsprache vom 25. Januar/1. März 2006 die gesamte Verfügung betreffend den
Anspruch ab Mai 2002 angefochten. Gegenstand des Einspracheentscheids vom 8.
August 2006 hat demnach notwendigerweise der Anspruch ab Mai 2002 gebildet, denn
auch der teilweise Einspracherückzug war nicht möglich. Zwar hat die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin in diesem Einspracheentscheid nur eine Teilperiode der
rückwirkenden Anspruchsberechtigung (ab Dezember 2003) effektiv einer rechtlichen
Würdigung unterzogen. Aber trotzdem regelte der Einspracheentscheid den Anspruch
ab Mai 2002. Die Frage nach dem Streitgegenstand jenes Einspracheverfahrens ist
relevant, weil der - noch nicht rechtskräftige - Entscheid am 6. September 2006 von
der Beschwerdegegnerin widerrufen worden ist. Die Beschwerdegegnerin hat eine ihr
erst nachträglich zur Kenntnis gelangte zusätzliche Einnahmenposition also nicht in die
Beurteilung der Einsprache einbezogen, sondern sie hat das Verwaltungsverfahren zur
Behandlung des ursprünglichen Leistungsgesuchs wieder aufgenommen, um es dann
mit einer Verfügung abzuschliessen. Ob diese Vorgehensweise rechtmässig war, muss
offen bleiben, denn der Widerrufsentscheid vom 6. September 2006 ist unangefochten
in formelle Rechtskraft und damit in Wirksamkeit erwachsen. Da damit die gesamte
Verfügung vom 22. Dezember 2005 als Anfechtungsobjekt der Einsprache aufgehoben
war, hätte das wiederaufgenommene Verwaltungsverfahren mit einer Verfügung
abgeschlossen werden müssen, die den EL-Anspruch des Beschwerdeführers ab Mai
2002 geregelt hätte. Die Beschwerdegegnerin ist aber davon ausgegangen, dass die
"Verfügungen" vom 22. Dezember 2005 betreffend den Anspruch von Mai 2002 bis
November 2003 durch den Einspracherückzug in formelle Rechtskraft erwachsen seien
und deshalb nicht Gegenstand des wiederaufgenommenen Verwaltungsverfahren
bilden könnten. Aufgrund dieses Irrtums hat die Beschwerdegegnerin für Mai 2002 bis
August 2003 nicht verfügt und ausserdem angenommen, sie ziehe die Verfügung vom
22. Dezember 2005 für die Periode September bis November 2003 in Wiedererwägung.
Mit einer Verfügung vom 21. September 2006, die formal wieder auf eine Mehrzahl von
"Verfügungen" aufgeteilt worden ist, hat die Beschwerdegegnerin deshalb
rechtswidrigerweise nicht über den Anspruch ab Mai 2002 verfügt. Dasselbe gilt für
den angefochtenen Einspracheentscheid vom 12. März 2007. Trotzdem bildet
notwendigerweise der gesamte Anspruch ab Mai 2002 Gegenstand des vorliegenden
Beschwerdeverfahrens, auch wenn sowohl eine Verfügung als auch ein
Einspracheentscheid betreffend den Anspruch für Mai 2002 bis August 2003 fehlt. Eine
Ausdehnung des Beschwerdeverfahrens auf diese Periode der möglichen
Anspruchsberechtigung des Beschwerdeführers erscheint aus
verfahrensökonomischen als gerechtfertigt.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Der angefochtene Einspracheentscheid datiert vom 12. März 2007. Erst am 2. Mai
2007 hat die SUVA dem Beschwerdeführer rückwirkend ab September 2003 eine
höhere UV-Rente zugesprochen. Kommt diese Rentenerhöhung - der Auffassung des
Beschwerdeführers gemäss - mit Wirkung ab Juni 2007 als Erhöhung der
Einnahmenposition 'UV-Rente' und als Vermögenszufluss aus der UV-
Rentennachzahlung für September 2003 bis Mai 2007 zur Anrechnung, so handelt es
sich dabei um eine nachträgliche, d.h. erst nach dem Erlass des angefochtenen
Einspracheentscheides eingetretene Sachverhaltsveränderung, die Gegenstand eines
selbständigen Revisionsverfahrens nach Art. 17 Abs. 2 ATSG bildet und deshalb von
der Beschwerdegegnerin sofort, d.h. noch während des hängigen
Beschwerdeverfahrens hätte verfügt werden können, die aber auch nach dem
Abschluss des Beschwerdeverfahrens noch verfügt werden könnte, weil sie eben nicht
Teil des Streitgegenstandes bildet. Ist die rückwirkend erhöhte UV-Rente aber - der
Meinung der Beschwerdegegnerin entsprechend - bereits ab September 2003 in die
Anspruchsberechung einzusetzen, so müsste an sich die Frage beantwortet werden,
ob zu dem den Streitgegenstand des Beschwerdeverfahrens definierenden Sachverhalt
nur die Verfügung der SUVA vom 2. Mai 2007 oder aber die Fiktion der
Rentenerhöhung ab September 2003 gehört. Wäre es nur die Verfügung, so hätte die
Beschwerdegegnerin ebenfalls in einem getrennten Verwaltungsverfahren, d.h.
unabhängig vom Beschwerdeverfahren mit Wirkung ab September 2003 verfügen
können. Wäre es allerdings die Fiktion der Ausrichtung der höheren UV-Rente bereits
ab September 2003, so hätte dies zwingend zur Folge, dass diese Fiktion Teil des
Streitgegenstandes bildete. Nun haben die Parteien des Beschwerdeverfahrens aber
einer Ausdehnung des Streitgegenstandes auf die Konsequenzen der rückwirkenden
UV-Rentenerhöhung auf den EL-Anspruch des Beschwerdeführers zugestimmt. Da der
entsprechende Teil des Sachverhalts liquid ist und da auch ein gewisser
Zusammenhang zwischen dem eigentlichen Streitgegenstand und der
Berücksichtigung der höheren UV-Rente als Vermögenszufluss und als Erhöhung ab
Juni 2007 bestünde, rechtfertigt sich aus prozessökonomischen Gründen eine
Ausdehnung des Streitgegenstandes. Unter diesen Umständen kann offen blieben, ob
die rückwirkende Zusprache einer UV-Rente von vornherein zum Streitgegenstand
gehört oder ob sie erst aufgrund der Sachverhaltsausdehnung beurteilt werden kann.
Das Gericht kann sich deshalb auf die Beantwortung der Frage beschränken, ob die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rückwirkende Zusprache einer höheren UV-Rente ab ihrem Wirkungszeitpunkt
(September 2003) als fiktiv laufende Auszahlung der höheren Rente oder aber als
Vermögenszufluss aus der Nachzahlung für September 2003 bis Mai 2007 und als
höhere Rente jeweils ab Juni 2007 zu berücksichtigen sei.
4.
Gemäss Art. 3c Abs. 1 lit. d ELG (seit dem 1. Januar 2008 Art. 11 Abs. 1 lit. d ELG) sind
Renten, Pensionen und andere wiederkehrende Leistungen als Einnahmen
anzurechnen. Als Grundsatz gilt, wie der Beschwerdeführer an sich zu Recht geltend
macht, dass nur tatsächlich vereinnahmte Einkünfte als Einnahmen anzurechnen sind.
Dieser Grundsatz ist allerdings nicht absolut zu verstehen. Die am häufigsten zur
Anwendung gelangende Ausnahme ist in Art. 3c Abs. 1 lit. g ELG (seit dem 1. Januar
2008 Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG) geregelt: Einkünfte, auf die verzichtet wird, sind als
(sogenannt hypothetische) Einnahmen anzurechnen. Dabei handelt es sich allerdings
nicht um die einzige Ausnahme vom obgenannten Grundsatz. Der Verzichtstatbestand
gemäss Art. 3c Abs. 1 lit. g ELG (seit dem 1. Januar 2008 Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG) soll
verhindern, dass jenen Personen eine Ergänzungsleistung ausgerichtet wird, denen es
möglich und zumutbar wäre, ihren Existenzbedarf aus anderen Quellen als der
Ergänzungsleistung zu decken. Dabei handelt es sich aus EL-rechtlicher Sicht um ein
im weitesten Sinn koordinationsrechtliches Ziel: Die Ergänzungsleistung soll erst in
letzter Linie zur Deckung des Existenzbedarfs beansprucht werden können. Bei
genauer Betrachtung ist der gesamte Art. 3c ELG (seit dem 1. Januar 2008 Art. 11 ELG)
als EL-spezifische Koordinationsnorm zu verstehen (vgl. Ulrich Meyer [Hrsg.],
Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht Bd. XIV Soziale Sicherheit, 2. A., Ralph Jöhl
und Patricia Usinger-Egger, Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, S. 1746 N. 162). Die in
Absatz 1 aufgezählten Arten von Einkünften gehen der Ergänzungsleistung vor und
sind deshalb als Einnahmen anzurechnen, die - wenigen - in Absatz 2 aufgezählten
Arten von Einkünften gehen der Ergänzungsleistung nach und sind deshalb nicht
anzurechnen. Nun enthält Art. 3c (seit dem 1. Januar 2008 Art. 11 ELG) aber eine
koordinationsrechtliche Lücke. Er geht nämlich vom Normalfall aus, in dem die
wiederkehrenden Leistungen laufend, in der Regel monatlich zufliessen. Fallen diese
Einkünfte aber ausnahmsweise nicht laufend, sondern rückwirkend, in der Form einer
Nachzahlung an, so ist Art. 3c Abs. 1 ELG (seit dem 1. Januar 2008 Art. 11 Abs. 1 ELG)
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
- seinem Wortlaut gemäss angewendet - nicht in der Lage, seine
koordinationsrechtliche Funktion zu erfüllen. Dies lässt sich am vorliegenden Fall
zeigen: Würde die rückwirkend zugesprochene UV-Rentenerhöhung EL-rechtlich als
Vermögenszufluss im Juni 2007 und als Erhöhung der UV-Rente erst ab Juni 2007
gewürdigt, wäre der Beschwerdeführer überentschädigt. Ihm stünde nämlich neben der
aus EL-rechtlicher Sicht vorab zur Deckung des Existenzbedarfs bestimmten höheren
UV-Rente auch die Ergänzungsleistung zur Verfügung, die für den
Nachzahlungszeitraum der UV-Rentenerhöhung anhand der früheren, tieferen UV-
Rente ermittelt und laufend ausgerichtet wurde. Bei einer wirtschaftlichen
Betrachtungsweise wäre in diesem Fall eine Vermögensäufnung im Ausmass der UV-
Rentennachzahlung nur möglich, weil zwischen September 2003 und Mai 2007 zu hohe
Ergänzungsleistungen ausgerichtet wurden. Diese Überentschädigung wäre nicht nur
eine stossende Missachtung des Zwecks der Ergänzungsleistung, den Existenzbedarf
zu decken (wozu die Ermöglichung einer Vermögensäufnung sicher nicht gehört),
sondern auch eine vor dem Gleichbehandlungsgrundsatz nicht zu rechtfertigende
Besserstellung jener Personen, die wiederkehrende Einkünfte nicht laufend, sondern
zufälligerweise als Nachzahlung erhalten. Ein Verzicht auf die Anrechnung der
nachbezahlten Einkünfte ab dem in der Vergangenheit liegenden Anspruchsbeginn
dieser Einkünfte erscheint deshalb als rechtsmissbräuchliche Berufung auf den
Wortlaut statt auf den Sinn und Zweck des Art. 3c ELG (seit 1. Januar 2008 Art. 11
ELG). Das bedeutet, dass diese Bestimmung eine ausfüllungsbedürftige Lücke
aufweist. In Analogie zu der in Art. 3c Abs. 1 lit. g ELG (seit 1. Januar 2008 Art. 11 Abs.
1 lit. g ELG) - dem Verzichtstatbestand - vorgesehenen Ausnahme ist lückenfüllend
auch für Fälle wie den vorliegenden vom Grundsatz abzuweichen, dass nur tatsächlich
vereinnahmte Einkünfte als Einnahmen anzurechnen sind. Nachbezahlte Einkünfte sind
rückwirkend ab dem entsprechenden Leistungsbeginn als Einnahmen anzurechnen,
auch wenn sie faktisch erst mit der Ausrichtung der Nachzahlung vereinnahmt worden
sind. Es besteht also eine Fiktion der laufenden Ausrichtung während des
Nachzahlungszeitraums. Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen geht
deshalb in ständiger Rechtsprechung davon aus, dass nachbezahlte Einkünfte
rückwirkend als Einnahmen anzurechnen seien (vgl. etwa das Urteil vom 1. Juni 2006
i.S. M.M., EL 2005/45). Die von der Beschwerdegegnerin im Rahmen der
Beschwerdeantwort vom 24. Juli 2007 angestellte Neuberechnung rückwirkend ab
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
September 2003 unter Berücksichtigung der erhöhten UV-Rente erweist sich deshalb
als grundsätzlich rechtmässig. Die rückwirkende Neuberechnung vom 24. Juli 2007
erweist sich in Bezug auf die Höhe des angerechneten UV-Rentenbetrages als korrekt.
5.
Die Pensionskasse hat dem Beschwerdeführer am 15. September 2006 rückwirkend ab
September 2003 eine Invalidenrente zugesprochen. Sie hat ihm eine entsprechende
Nachzahlung ausgerichtet. Auch hier hat die Beschwerdegegnerin nicht ab Oktober
2006 den Nachzahlungsbetrag (Vermögenszufluss) und neu die vierteljährlich
ausbezahlte PK-Rente als Einnahmen angerechnet, sondern sie hat die Ausrichtung
der PK-Rente ab September 2003 fingiert und dementsprechend eine rückwirkende
Neuberechnung vorgenommen. Es kann auf das oben zur EL-rechtlichen Behandlung
der rückwirkenden UV-Rentenerhöhung Ausgeführte verwiesen werden. Die
Beschwerdegegnerin hat demnach zu Recht eine rückwirkende Neuberechnung ab
September 2003 unter Berücksichtigung fiktiver laufender Einkünfte aus der PK-Rente
vorgenommen. Allerdings hat sie dabei nicht die vollen dem Beschwerdeführer
zustehenden PK-Rentenbeträge berücksichtigt. Zwar belief sich der dem
Beschwerdeführer zustehende, auf ein Jahr umgerechnete Rentenbetrag gemäss der
Aufstellung der Pensionskasse vom 15. September 2006 von September 2003 bis März
2004 auf Fr. 10'173.- (fünf Kinderrenten), von April 2004 bis Dezember 2005 auf Fr.
9156.- (vier Kinderrenten) und ab Januar 2006 auf Fr. 8139.- (drei Kinderrenten). Im
massgebenden Zeitraum waren aber nicht alle Kinder in die Anspruchsberechnung
einbezogen. Die für die unberücksichtigt bleibenden Kinder ausgerichteten
Kinderrenten durften deshalb nicht als Einnahmen angerechnet werden. Deshalb hat
die Beschwerdegegnerin zu Recht nur einen Teil der PK-Rente angerechnet.
6.
Für Dezember 2003 bis August 2005 liegen die monatlichen Abrechnungen der
Arbeitslosenkasse vor. Für Oktober und November 2003 hingegen fehlen solche
Abrechnungen. Den ebenfalls bei den Akten liegenden jährlichen Abrechnungen der
Arbeitslosenkasse zuhanden der Steuerbehörde lassen sich die in diesen beiden
Monaten effektiv ausgerichteten ALV-Taggelder nicht mit der nötigen Sicherheit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 20/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entnehmen. Es fehlt auch jeder Beleg dafür, dass die ALV-Taggeldberechtigung
tatsächlich im Oktober 2003 begonnen hätte. Für Dezember 2003 beliefen sich die
effektiv ausgerichteten ALV-Taggelder auf Fr. 859.60. Allerdings resultierte dieser
Betrag nur aus drei Taggeldern, obwohl im Dezember 2003 an sich 23 Tage hätten
vergütet werden müssen. Die Rückforderung für Dezember 2003 weist zusätzlich 20
sogenannte Einstelltage aus. Eingestellt wurde allerdings nur das Taggeld selbst, nicht
auch die Kinder- und die Ausbildungszulagen. Ohne die Einstellung in der
Anspruchsberechtigung hätte der Beschwerdeführer also 23 ALV-Taggelder erhalten.
Dies hätte einer auf ein Jahr umgerechneten ALV-Taggeldsumme von Fr. 30'614.-
entsprochen. Die Beschwerdegegnerin hat Fr. 30'105.- angerechnet. Sie ist also davon
ausgegangen, dass auch die als Folge der Einstellung in der Anspruchsberechtigung
nicht ausbezahlten ALV-Taggelder als (hypothetische) Einnahmen anzurechnen seien,
weil der Beschwerdeführer durch sein arbeitslosenversicherungsrechtliches
Fehlverhalten im Sinne von Art. 3c Abs. 1 lit. g ELG (seit 1. Januar 2008 Art. 11 Abs. 1
lit. g ELG) auf ALV-Taggelder und damit auf anrechenbare Einnahmen verzichtet habe.
Ob diese Vorgehensweise rechtmässig ist, kann nur beurteilt werden, wenn bekannt
ist, weshalb die Arbeitslosenkasse den Beschwerdeführer in seiner
Anspruchsberechtigung eingestellt hat. Die Beschwerdegegnerin hat dies nicht
abgeklärt. Die vorliegenden Akten erlauben deshalb keine abschliessende Beurteilung
der Einnahmenposition 'ALV-Taggelder' für das Jahr 2003, zumal nicht feststeht, auf
welchen Zeitraum sich eine allfällige Einstellung in der Anspruchsberechtigung
ausgewirkt hat. Für die Periode Januar 2004 bis August 2005 liegen monatliche
Abrechnungen der Arbeitslosenkasse vor, die allerdings teilweise als Rückforderungen
ausgestaltet sind, wobei aber nicht angegeben worden ist, was der Grund für diese
Rückforderungen war. Für Januar 2004 beispielsweise hat die Arbeitslosenkasse dem
Beschwerdeführer sofort Fr. 3378.20 ausbezahlt. Erst am 13. Juli 2005 hat sie davon
Fr. 792.- zurückgefordert. Der effektive Anspruch für Januar 2004 beläuft sich also auf
Fr. 2586.20. Wäre auch hier der Grundsatz anwendbar, dass tatsächlich vereinnahmte
Einkünfte anzurechnen seien, müsste für Januar 2004 der ungekürzte Betrag von
Fr. 3378.20 angerechnet werden. Die Rückforderung von Fr. 792.- fände erst im August
2005 Berücksichtigung und zwar als Reduktion des anrechenbaren Vermögens. Im
Sinne des oben zu diesem Grundsatz und den Ausnahmen Ausgeführten muss auch
hier von der Fiktion der Auszahlung des korrekten Betrages bereits im Januar 2004
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 21/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ausgegangen werden, weil der Beschwerdeführer sonst gegenüber jenen Personen
unzulässigerweise benachteiligt wäre, die laufend den effektiv geschuldeten Betrag an
ALV-Taggeldern erhalten hätten. Dies muss auch für die weiteren monatlichen ALV-
Taggeldbezüge des Beschwerdeführers gelten, bei denen es im Juli 2005 zu einer
Rückforderung gekommen ist. Für 2004 sind dem Beschwerdeführer effektiv ALV-
Taggelder (ohne Sozialversicherungsbeiträge und Unkostenvergütungen) von
insgesamt Fr. 28'619.75 ausbezahlt worden. Was die Ursache der monatlichen
Rückforderungen bzw. des Vorgehens der Arbeitslosenkasse war, die dem
Beschwerdeführer von Oktober 2004 bis Januar 2005 nicht mehr alle Tage vergütet
hat, ist aus den Akten nicht ersichtlich und deshalb noch weiter abzuklären. Die
Beschwerdegegnerin wird nicht nur die Ursache der Einstellung in der ALV-
Anspruchsberechtigung und der im Juli 2005 verfügten teilweisen Rückforderung der
ausbezahlten ALV-Taggelder, sondern auch den jeweiligen Monatsbetrag der
ausgerichteten ALV-Taggelder sowie ein allfälliges weiteres Einkommen des
Beschwerdeführers in der Periode Oktober 2004 bis Januar 2005 abklären müssen.
Demnach kann für die gesamte Dauer der ALV-Taggeldberechtigung des
Beschwerdeführers nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad bestimmt werden, wie
hoch die anrechenbaren Einnahmen gewesen sind. Die Sache ist deshalb zur weiteren
Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
7.
Der Beschwerdeführer hat bis August 2005 ALV-Taggelder bezogen. Er muss sich bis
dahin grundsätzlich ausreichend um eine Arbeitsstelle bemüht haben, denn andernfalls
wäre er im Jahre 2005 durch die Arbeitslosenversicherung in seiner
Anspruchsberechtigung eingestellt worden. Grundsätzlich kann also davon
ausgegangen werden, dass der Beschwerdeführer bis August 2005 keine Arbeitsstelle
gefunden hat, obwohl er sich im Rahmen des Möglichen und Zumutbaren darum
bemüht hat. Damit ist die Vermutung des Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV wohl zumindest für
die Zeit unmittelbar nach dem Ende der ALV-Taggeldberechtigung widerlegt gewesen.
Die Einnahmenposition 'ALV-Taggelder' hätte also nicht nahtlos per 1. September 2005
durch die Einnahmenposition 'hypothetisches Erwerbseinkommen' ersetzt werden
dürfen. Allerdings ist auch das Vorliegen einer nicht überwindbaren Arbeitslosigkeit ein
Dauersachverhalt, der sich im Zeitablauf erheblich verändern kann. Das bedeutet, dass
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 22/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die betreffende Person die Unüberwindbarkeit ihrer Arbeitslosigkeit Monat für Monat
wieder zu belegen hat. Der Beschwerdeführer hätte also ab September 2005 durch
eine Stellensuche im möglichen und zumutbaren Ausmass die Vermutung des Art. 14a
Abs. 2 lit. a ELV immer neu widerlegen müssen. In den Akten befinden sich vom
Beschwerdeführer selbst erstellte Listen seiner Stellenbemühungen in der Zeit von
September 2005 bis April 2006. Der Beschwerdeführer hat sich jeweils fünfmal pro
Woche beworben. Alle diese Bewerbungen sind telephonisch oder durch eine
persönliche Vorsprache erfolgt. Ob es sich um Bewerbungen auf ausgeschriebene
offene Stellen gehandelt hat oder ob der Beschwerdeführer auf gut Glück pro Monat
fünf Unternehmen angesprochen hat, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Da der
Beschwerdeführer ab September 2005 regelmässig fünf Bewerbungen pro Monat
angegeben hat, kann angenommen werden, dass auch das zuständige RAV bis August
2005 nur fünf Bewerbungen monatlich von ihm verlangt hat. Ob sich das RAV mit
telephonischen Bewerbungen oder persönlichen Vorsprachen des Beschwerdeführers
begnügt hat, ist allerdings nicht bekannt. Zum Nachweis der Arbeitslosigkeit, welche
die Vermutung des Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV zu widerlegen vermag, genügt eine solche
Qualität der Bewerbung jedenfalls nicht. Das dürfte auch für die Zahl von fünf
Bewerbungen monatlich gelten, selbst wenn das RAV im vorliegenden Fall diese Zahl
als ausreichend akzeptiert haben sollte. Die Bewerbungen müssen so ausgestaltet
sein, dass sie grösstmögliche Aussicht auf Erfolg haben, d.h. es muss sich um
regelrechte schriftliche Bewerbungen mit allen erforderlichen Beilagen handeln, und sie
müssen sich auf ausgeschriebene Stellen beziehen. Zwar kann auch eine
Blindbewerbung Erfolg haben, aber die Chancen sind auch bei einem Hilfsarbeiter wohl
deutlich geringer als bei einer regelrechten Bewerbung. Ob der Beschwerdeführer es je
gelernt hat, sich schriftlich regelrecht zu bewerben bzw. ob er überhaupt über die
Sprachkenntnisse verfügt, die dazu erforderlich sind, ist irrelevant, denn er muss sich
die dazu notwendige Hilfe holen, beispielsweise indem er sich an die zuständige
Sozialhilfestelle wendet. Demnach dürften die vom Beschwerdeführer aufgelisteten
Bewerbungen zumindest in qualitativer Hinsicht ungenügend gewesen sein. Das wäre
allerdings dann ohne Belang, wenn sich auch das RAV bis August 2005 mit
Bewerbungen unzureichender Qualität und/oder Quantität begnügt hätte. In diesem
Fall könnte dem Beschwerdeführer nämlich nicht vorgeworfen werden, dass er sich ab
September 2005 nicht ausreichend um eine Stelle bemüht habe, um die Vermutung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 23/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
des Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV zu widerlegen. Er hätte dann nämlich nicht damit rechnen
müssen, dass die Beschwerdegegnerin höhere Anforderungen als das RAV stellen
würde. Dazu wäre er erst ab dem Zeitpunkt verpflichtet gewesen, in welchem er
entsprechend informiert worden wäre. Unterschritten die Arbeitsbemühungen in der
Zeit bis August 2005 allerdings die qualitativen und/oder quantitativen Anforderungen
des RAV, so hat der Beschwerdeführer durch die in seinen Listen aufgeführten
Bewerbungen bereits ab September 2005 die Vermutung des Art. 14a Abs. 2 lit. a ELV
nicht zu widerlegen vermocht. Nur in diesem Falle würde sich ein nahtloser Übergang
von der Anrechnung des ALV-Taggeldes zur Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens rechtfertigen. Die Sache ist somit auch zur weiteren Abklärung
der vom RAV gestellten Anforderungen an die Arbeitsbemühungen und gegebenenfalls
zur Abklärung der Qualität und der Zahl der Bewerbungen des Beschwerdeführers in
der Zeit ab September 2005 an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
8.
8.1 Im Rahmen des Verwaltungsverfahrens zur Behandlung des Leistungsgesuchs
vom 6. Juni 2005 prüfte die Beschwerdegegnerin auch einen allfälligen Verzicht der
Ehefrau des Beschwerdeführers auf die Erzielung eines Erwerbseinkommens. Gestützt
nur auf eine telephonische Auskunft des zuständigen RAV, die Ehefrau des
Beschwerdeführers sei als stellensuchend eingetragen und erfülle die Anforderungen,
habe aber kaum Chancen, eine Stelle zu finden, ging die Beschwerdegegnerin davon
aus, dass die Ehefrau des Beschwerdeführers nicht auf die Erzielung eines
Erwerbseinkommens verzichte. Sowohl in der Verfügung vom 21. September 2006 als
auch im Einspracheentscheid vom 12. März 2007 begründete die Beschwerdegegnerin
den Verzicht auf die Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens der
Ehefrau des Beschwerdeführers nur mit dem Hinweis auf diese telephonische Auskunft
des RAV. Die Beschwerdegegnerin bezeichnete diesen Verzicht als vorläufig. Sie
behielt sich vor, die Situation in wenigen Monaten neu zu beurteilen. Am 23. August
2007 eröffnete die Beschwerdegegnerin ein Verwaltungsverfahren, das eben diese
Neubeurteilung beinhalten sollte. Das RAV gab am 19. September 2007 an, die Ehefrau
des Beschwerdeführers habe sich nicht beworben, aber Verwandte und Bekannte
hätten nach Arbeit gesucht. Die Ehefrau des Beschwerdeführers spreche nicht Deutsch
und wolle auch nicht Deutsch lernen, weshalb sie kaum eine Chance auf eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 24/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitsstelle habe. Die Beschwerdegegnerin betrachtete dieses Verhalten der Ehefrau
des Beschwerdeführers als Verzicht auf Erwerbseinkommen. Sie erliess am 15.
November 2007 eine Verfügung, mit der sie die laufende Ergänzungsleistung per 1.
Dezember 2007 entsprechend dem neu angerechneten hypothetischen
Erwerbseinkommen der Ehefrau des Beschwerdeführers herabsetzte. Diese Verfügung
enthielt den Hinweis, dass es sich um eine Neufestsetzung infolge Änderung der
Bemessungsgrundlage handle. Von einer Neufestsetzung infolge Änderung der
Bemessungsgrundlage pflegt die Beschwerdegegnerin dann zu sprechen, wenn sie
eine früher rechtskräftig zugesprochene laufende Ergänzungsleistung gestützt auf Art.
17 Abs. 2 ATSG revidiert. Tatsächlich scheint die Beschwerdegegnerin auch vom
Vorliegen einer revisionsrechtlich erheblichen Sachverhaltsveränderung ausgegangen
zu sein. Sie hat nämlich angenommen, die Ehefrau des Beschwerdeführers habe sich
nicht mehr ausreichend um eine Arbeitsstelle bemüht. Dabei hat sie implizit
vorausgesetzt, dass die Ehefrau des Beschwerdeführers sich in dem Zeitraum, den der
Einspracheentscheid vom 12. März 2007 beschlug, noch quantitativ und qualitativ
ausreichend beworben habe. Allerdings stützte sich der damalige Entscheid der
Beschwerdegegnerin, kein hypothetisches Erwerbseinkommen anzurechnen,
ausschliesslich auf eine telephonische Auskunft des RAV, die Ehefrau des
Beschwerdeführers erfülle die Anforderungen, habe aber kaum eine Chance, eine
Arbeitsstelle zu finden. Die Beschwerdegegnerin unterliess es damals abzuklären,
welche Anforderungen das RAV an die Ehefrau des Beschwerdeführers stellte, wie die
Ehefrau des Beschwerdeführers diese Anforderungen erfüllte und weshalb kaum eine
Chance auf eine Arbeitsstelle bestand. Es ist durchaus möglich, dass die Ehefrau des
Beschwerdeführers schon damals nicht Deutsch lernen und damit ihre Chancen auf
eine Stelle verbessern wollte. Selbst wenn es sich bei den vom RAV vorgegebenen
Anforderungen um eine bestimmte Anzahl von Bewerbungen pro Monat gehandelt
haben sollte, ist fraglich, ob diese Bewerbungen in qualitativer Hinsicht genügten. Da
die Ehefrau des Beschwerdeführers keinen Anspruch auf ALV-Taggelder hatte,
unterstand sie nämlich nicht der strengen Bewerbungspflicht der
Arbeitslosenversicherung. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die
Beschwerdegegnerin den damaligen Entscheid, kein hypothetisches
Erwerbseinkommen der Ehefrau des Beschwerdeführers anzurechnen, auf eine
Sachverhaltsabklärung gestützt hat, die in Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 25/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
unzureichend war, weil sie nicht genügte, um die Frage nach einem allfälligen
Einkommensverzicht mit dem erforderlichen Beweisgrad zu beantworten. Dies
verunmöglicht es, das Vorliegen einer revisionsrechtlich erheblichen
Sachverhaltsveränderung nachzuweisen, denn dies würde voraussetzen, dass der
damalige Sachverhalt, dessen Veränderung zur Diskussion steht, feststünde. Wenn nur
der aktuelle Sachverhalt mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
feststeht (was im übrigen im vorliegenden Fall durchaus fraglich ist), der damalige
Sachverhalt aber nicht so abgeklärt worden ist, dass er mit demselben Beweisgrad
festgestanden hat, kann auch die behauptete nachträgliche Sachverhaltsveränderung
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit feststehen. Grundsätzlich sind also
Dauerleistungen, die unter Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes gestützt auf
unzureichende Sachverhaltserhebungen zugesprochen worden sind, nur dann im Sinne
von Art. 17 ATSG revidierbar, wenn der damalige Sachverhalt nachträglich noch mit
dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ermittelt werden kann, um so
als verlässliche Grundlage des Nachweises einer erheblichen Sachverhaltsveränderung
zu dienen. Die im Wortlaut insbesondere des Art. 17 Abs. 2 ATSG klar zum Ausdruck
gebrachte Grundvoraussetzung jeder Revision, nämlich die effektive nachträgliche
Veränderung des leistungsbegründenden Sachverhalts, lässt es nicht zu, als Basis des
Vergleichs mit dem aktuellen Sachverhalt jene Sachverhaltsannahme heranzuziehen,
auf welche die Verwaltung damals mangels ausreichender Kenntnis des effektiven
Sachverhalts ihre Leistungszusprache gestützt hat. Im vorliegenden Fall kann also nicht
davon ausgegangen werden, dass die bei genauer Betrachtung unbewiesene Annahme
der Beschwerdegegnerin, die Ehefrau des Beschwerdeführers habe sich bis zum Erlass
des Einspracheentscheides am 12. März 2007 ausreichend um eine Arbeitsstelle
bemüht, bei der Prüfung eines Revisionsbedarfs als Vergleichsbasis ausreiche, denn
die damalige Aktenlage war nicht geeignet, um mit dem Beweisgrad der
überwiegenden Wahrscheinlichkeit die Frage nach einem Einnahmenverzicht zu
verneinen. Grundsätzlich muss die Sache deshalb zur weiteren Abklärung des
damaligen - und wohl auch des aktuellen - Sachverhalts an die Beschwerdegegnerin
zurückgewiesen werden, damit sie die Revisionsfrage auf der Grundlage einer
ausreichenden Sachverhaltskenntnis neu beantworte.
8.2 Nun hat sich die Beschwerdegegnerin aber sowohl in der Verfügung vom 21.
September 2006 als auch im Einspracheentscheid vom 12. März 2007 die erneute
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 26/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Prüfung der Frage nach einem allfälligen Einkommensverzicht der Ehefrau des
Beschwerdeführers vorbehalten. Da jede Zusprache einer Dauerleistung von Gesetzes
wegen unter dem Revisionsvorbehalt (Art. 17 ATSG) steht, dürfte die
Beschwerdegegnerin mit ihrem Vorbehalt etwas anderes angestrebt haben, denn den
selbstverständlichen Revisionsvorbehalt hätte sie wohl nicht ausdrücklich erwähnt.
Dieser Vorbehalt ist deshalb so zu interpretieren, dass die Beschwerdegegnerin sich
die Möglichkeit offen halten wollte, auch nach dem Eintritt der formellen Rechtskraft
der Verfügung vom 21. September 2006 bzw. des Einspracheentscheides vom 12.
März 2007 voraussetzungslos nochmals über die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens der Ehefrau des Beschwerdeführers befinden zu können, also
nicht auf eine Revisionsmöglichkeit gemäss Art. 17 Abs. 2 ATSG oder auf eine
Wiedererwägungsmöglichkeit gemäss Art. 53 Abs. 2 ATSG angewiesen zu sein. Im
Ergebnis beabsichtigte die Beschwerdegegnerin mit ihrem Vorbehalt also nichts
anderes als die Ausschaltung der formellen Rechtskraft ihrer Leistungszusprache,
damit sie die laufende Ergänzungsleistung später mittels Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens der Ehefrau des Beschwerdeführers zu einem
beliebigen Zeitpunkt und ohne jede Bindung an ihre Verfügung oder an ihren
Einspracheentscheid verändern konnte. Ob eine derartige einseitige Verhinderung des
Eintritts der formellen Rechtskraft einer Verfügung oder eines Einspracheentscheides
zugunsten der Verwaltung, nicht aber zugunsten des Verfügungsadressaten
verfahrensrechtlich überhaupt möglich ist oder ob sie als nichtig zu betrachten ist, kann
vorliegend offen bleiben, denn der Einspracheentscheid, den die Beschwerdegegnerin
mit einem solchen Vorbehalt hat versehen wollen, ist angefochten worden. Damit ist es
dem Gericht möglich, auch diesen Vorbehalt zu beurteilen. Ein Vorbehalt, der eine
Verfügung/einen Einspracheentscheid trotz unbenützten Ablaufs der Rechtsmittelfrist
einseitig für die Verwaltung nicht formell rechtskräftig werden lässt, missachtet den
eigentlichen Zweck der Verfügung/des Einspracheentscheid. Der Adressat könnte sich
nämlich nicht mehr auf die andauernde Wirksamkeit der/des formell rechtskräftigen
Verfügung/Einspracheentscheides verlassen. Er müsste jederzeit damit rechnen, dass
die ihm zugesprochene Dauerleistung verändert oder eingestellt würde, obwohl sich
der leistungsbegründende Sachverhalt gar nicht geändert hätte. Für ihn gäbe es keine
Sicherheit mehr, die Leistung würde ihm "auf Zusehen hin" ausgerichtet. Ein Vorbehalt,
der solches bewirken soll, ist nicht nur rechtswidrig, sondern nichtig.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 27/27
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
9.
Im Sinne der vorstehenden Ausführungen sind die Einspracheentscheide vom 12. März
2007 und vom 19. Februar 2008 aufzuheben und in beiden Verfahren ist die Sache zur
weiteren Abklärung und zur anschliessenden neuen Verfügung an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Dieser Verfahrensausgang ist praxisgemäss im
Hinblick auf den Anspruch auf eine Parteientschädigung als vollumfängliches Obsiegen
des Beschwerdeführers zu qualifizieren (vgl. etwa ZAK 1987 S. 266 Erw. 5a). Der
Beschwerdeführer hat deshalb einen Anspruch auf ungekürzte Parteientschädigungen.
Diese bemessen sich nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit
des Prozesses (Art. 61 lit. g ATSG). Im Verfahren EL 2007/23 ist der
Vertretungsaufwand des Beschwerdeführers als durchschnittlich zu werten, was
praxisgemäss die Zusprache einer Parteientschädigung von Fr. 3000.- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) rechtfertigt. Im Verfahren EL 2008/8 hat der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers auf seine Bemühungen im ersten Verfahren
aufbauen können. Dadurch hat sich sein Aufwand erheblich vermindert. Dies
rechtfertigt eine Parteientschädigung von Fr. 1500.- (inklusive Barauslagen und
Mehrwertsteuer). Die Beschwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer also mit
insgesamt Fr. 4500.- zu entschädigen. Die Beschwerdeverfahren sind kostenlos,
weshalb keine Gerichtsgebühr erhoben wird.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG