Decision ID: ab128aa1-a7c8-45f9-bf14-5f6d42e5410e
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A.
Am xx.xx.20xx brannte das H.A._ an der C._strasse 10 in B._. Die H.A._ AG war zu
diesem Zeitpunkt die Eigentümerin des Grundstücks. Mit Verfügung vom 15. Mai 2020
anerkannte die Gebäudeversicherung des Kantons St. Gallen (GVA; seit 1. Januar 2021
Gebäudeversicherung St. Gallen, GVSG; nachfolgend: Vorinstanz) einen
Gebäudeschaden von CHF 1'554'100 (Nennwert), zuzüglich Nebenleistungen von
CHF 108'519.20, abzüglich Pflichtselbstbehalt von CHF 200. Ausbezahlt wurde eine
Verkehrswertentschädigung, abzüglich Selbstbehalt und inkl. Zins, von CHF 712'270.
Mit Nachtragsverfügung vom 14. Juli 2020 zur Verfügung über die
Schadenanerkennung vom 15. Mai 2020 anerkannte die Vorinstanz weitere
Nebenleistungen in der Höhe von CHF 55'000. Mit Kaufvertrag vom 18. August 2020
ging das Grundeigentum – während der laufenden Aufräumungs- und Abbrucharbeiten
– auf die D._ AG über. Die Parteien hielten vertraglich fest, dass die Verkäuferin die
Kosten für die vollständige Räumung des Grundstücks trägt. Daraufhin informierte die
Vorinstanz die H.A._ AG am 14. September 2020, dass sie aufgrund des
Eigentümerwechsels den Schadenfall abschliessen und die Kosten für die
Aufräumungs- und Abbrucharbeiten ab dem 18. August 2020 nicht übernehmen werde.
Am 15. November 2020 stellte die am 15. September 2020 umfirmierte A._ AG der
Vorinstanz die Schlussrechnung des Abbruchunternehmens zu. Die Vorinstanz verfügte
schliesslich am 4. Januar 2021 unter Berücksichtigung von bereits entschädigten
Nebenleistungen eine Schlusszahlung in der Höhe von CHF 23'975. Damit zahlte sie
Nebenleistungen in der Höhe von insgesamt CHF 46'389.15 aus. Die
Rechnungsbeträge im Umfang von CHF 117'177.60 für diejenigen Arbeiten, die erst
nach der Handänderung vom 18. August 2020 ausgeführt worden waren, übernahm sie
hingegen nicht.
B.
Gegen diese Verfügung erhob die A._ AG, vertreten durch Rechtsanwältin lic. iur. HSG
Debora Bilgeri, St. Gallen, am 2. Februar 2021 Einsprache und beantragte die
Aufhebung der Verfügung vom 4. Januar 2021 und die Zahlung der vollständigen
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Nebenleistungen im Betrag von zusätzlich CHF 117'177.60 zuzüglich 5% Verzugszins
seit dem 1. Dezember 2020 unter Kosten- und Entschädigungsfolge zuzüglich
Mehrwertsteuer. Sie machte geltend, für die Verweigerung der Vergütung der
Nebenleistungen bestehe keine gesetzliche Grundlage und nur die Entschädigung des
vollen Schadens sei mit dem Gesetz und den anerkannten Grundsätzen der
Sachversicherung sowie der Bundesverfassung vereinbar. Die Vorinstanz wies die
Einsprache mit Entscheid vom 3. März 2021 ab und bestätigte die Auszahlungssumme
gemäss der angefochtenen Verfügung mit der Begründung, mit dem Verkauf des
Grundstücks noch vor der vollständigen Räumung des Schadenplatzes sei das
Versicherungsverhältnis beendet worden. Damit habe der Verkäufer auf seine
Versichertenstellung verzichtet und ab dem Zeitpunkt der Eigentumsübertragung
keinen Leistungsanspruch mehr. Gemäss dem klaren Wortlaut von Art. 37 und Art. 41
des Gesetzes über die Gebäudeversicherung (sGS 873.1; GVG) würden die
Versicherungsleistungen nur an den Versicherten entschädigt. Versicherter sei jeweils
der Gebäudeeigentümer, unabhängig davon, ob es sich um die Hauptleistung
(Gebäudeschaden) oder um die Nebenleistungen (Abbruch- und Aufräumarbeiten)
handle.
C.
Gegen diesen Entscheid erhob die A._ AG mit Eingabe vom 17. März 2021 Rekurs
beim Verwaltungsrat der GVSG und beantragte, der Einspracheentscheid der
Vorinstanz sei aufzuheben und sie sei zu verpflichten, ihr zusätzlich CHF 117'177.60
zuzüglich Verzugszins seit 15. Dezember 2020 zu bezahlen; unter Kosten- und
Entschädigungsfolge zuzüglich Mehrwertsteuer. Sie führte im Wesentlichen aus, da die
Nebenleistungen akzessorisch zur Hauptleistung (Gebäudeschaden) seien, sei bei
deren Vergütung auf den Eigentümer zum Zeitpunkt des Schadens abzustellen. Es
ergebe sich aus der Systematik, dass Art. 37 GVG keine Regelung für Nebenleistungen
enthalte, sondern dass diese erst im 3. Kapitel des Gesetzes über die
Gebäudeversicherung, in Art. 41 GVG, geregelt seien. Der Verwaltungsrat wies den
Rekurs mit Entscheid vom 9. März 2022 ab mit der Begründung, zwar seien die
Nebenleistungen nach Art. 41 GVG unter einem anderen Titel als Art. 37 GVG
aufgeführt und würden zusätzlich zur Versicherungsleistung erbracht. Jedoch seien
sowohl Haupt- als auch Nebenleistungen im selben Kapitel "IV.
Versicherungsleistungen" untergebracht, woraus sich nicht ableiten lasse, dass die
A._ AG trotz Auflösen des Versicherungsverhältnisses infolge Grundstückverkaufs
Versicherte bleibe.
D.
Am 24. März 2022 erhob Rechtsanwältin lic. iur. HSG Debora Bilgeri, als Vertreterin der
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A._ AG (Beschwerdeführerin), Beschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsrats
der GVSG (Vorinstanz). Sie stellte die Rechtsbegehren, der Rekursentscheid vom
9. März 2022 sei aufzuheben und die Vorinstanz zu verpflichten, der
Beschwerdeführerin CHF 117'177.60 zuzüglich 5% Verzugszins seit 15. Dezember
2020 zu bezahlen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge zuzüglich Mehrwertsteuer
zulasten der Vorinstanz.
In der Vernehmlassung vom 25. April 2022 beantragte die Vorinstanz Abweisung der
Beschwerde. Zur Begründung verwies sie auf die Erwägungen im Entscheid vom 9.
März 2022 und äusserte sich ergänzend zur Beschwerde.
Mit Eingabe vom 17. Mai 2022 bestätigte die Beschwerdeführerin ihren Standpunkt.
Die Vorinstanz liess sich mit Schreiben vom 30. Mai 2022 ergänzend zu den bisherigen
Ausführungen vernehmen und äusserte sich zu einzelnen Punkten in der
Stellungnahme der Beschwerdeführerin vom 17. Mai 2022.
Auf die Ausführungen der Beteiligten zur Begründung ihrer Anträge und die Akten wird,
soweit wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1.
Das Verwaltungsgericht ist zum Entscheid in der Sache zuständig (Art. 56 des
Gesetzes über die Gebäudeversicherung, sGS 873.1, GVG, in Verbindung mit Art. 59
Abs. 1 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, VRP). Die
Beschwerdeführerin ist zur Beschwerde berechtigt (Art. 64 in Verbindung mit Art. 45
Abs. 1 VRP). Im Weiteren erfüllt die Beschwerdeeingabe vom 24. März 2022 zeitlich,
formal und inhaltlich die gesetzlichen Anforderungen (Art. 64 in Verbindung mit Art. 47
Abs. 1 und Art. 48 Abs. 1 VRP). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
bis
Einleitend ist in allgemeiner Hinsicht festzuhalten, dass Gegenstand einer Versicherung
immer ein Risiko oder eine Gefahr ist, also ein Ereignis, dessen Eintritt zukünftig
möglich, aber ungewiss ist. Das Risiko bzw. dessen finanzielle Folgen werden von der
versicherten Person auf den Versicherer verlagert (m.w.H. D. Mösch, Ist der
2.1.
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Versicherungsbegriff noch zeitgemäss?, in: Fuhrer/Kieser/Weber [Hrsg.], Mehrspuriger
Schadenausgleich, 2022, S. 662). Die versicherte Person hat dem Versicherer eine
Prämie zu entrichten, deren Äquivalent die Leistung des Versicherers bildet (Mösch,
a.a.O., S 672). Versicherungsdeckung besteht in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich dann,
wenn das Versicherungsverhältnis bei Eintritt des Schadenereignisses bestanden hat
(zu verschiedenen Zurechnungsvarianten ausführlich R. Schaer, Modernes
Versicherungsrecht, 2007, § 16 Rz. 27 ff.).
Ein Anspruch auf Versicherungsleistungen besteht nach Art. 45 der Verordnung zum
Gesetz über die Gebäudeversicherung (sGS 873.11; VzGVG), wenn ein versichertes
Ereignis vorliegt, ein Gebäudeschaden entstanden ist, der unmittelbar auf das
versicherte Ereignis zurückgeführt werden kann, und die Ereigniseinwirkung nicht
bestimmungsgemäss (im Sinn von Art. 48 VzGVG) war. Die Gebäudeversicherung
vergütet die vom Versicherten nachgewiesenen Kosten der notwendigen Abbruch- und
Aufräumarbeiten, sofern sie unmittelbar durch ein Schadenereignis bedingt sind (Art.
41 Abs. 1 Ziff. 2 GVG, Art. 61 Abs. 2 VzGVG e contrario). Vorliegend ist der Eintritt
eines Versicherungsereignisses (Brand vom xx.xx.20xx) anerkannt. Ebenfalls anerkannt
sind die Hauptleistung sowie die Nebenleistungen bis zum Zeitpunkt des
Eigentümerwechsels. Streitig ist die Entschädigung der Kosten für Nebenleistungen,
die nach dem am 18. August 2020 erfolgten Grundstückverkauf angefallen sind bzw.
erbracht wurden.
2.2.
Die Vorinstanz argumentiert, aus dem klaren Wortlaut von Art. 37 GVG sowie von Art.
41 GVG gehe eindeutig hervor, dass einzig der Versicherte Anspruch sowohl auf die
Hauptleistung als auch auf die Nebenleistungen habe. Versicherter und damit
Anspruchsberechtigter sei der Grundeigentümer im Zeitpunkt des Schadenfalls und
dies nur solange das Versicherungsverhältnis bestehe, also ausschliesslich während
der Eigentumsdauer. Zeitlich darüberhinausgehende Zahlungen würden daher von der
Vorinstanz, trotz vorangehender rechtskräftiger Kostengutsprache, nicht geleistet. Die
Beschwerdeführerin hält dagegen, der Verweis der Vorinstanz auf Art. 37 GVG gehe
fehl. Aus der Gesetzessystematik lasse sich schliessen, dass der im Kapitel 2 des GVG
"Bemessung der Leistungen" untergebrachte Art. 37 GVG ausschliesslich die
Versicherungssumme für den Gebäudeschaden regle. Der Art. 41 GVG sei dagegen im
Kapitel 3 "Nebenleistungen" untergebracht, weshalb diese eben unabhängig von den
Art. 37 und Art. 39 GVG zu beurteilen seien. Art. 41 GVG regle für die
Nebenleistungen ausdrücklich, dass die vom Versicherten nachgewiesenen Abbruch-
2.3.
bis
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und Aufräumungsarbeiten entschädigt würden, sofern sie im Zusammenhang mit
einem Versicherungsfall stehen. Die Regelung enthalte keine Voraussetzung, dass der
Anspruchsberechtigte zum Auszahlungszeitpunkt Grundeigentümer sein müsse.
Bezogen auf ein versichertes Schadenereignis bleibe die versicherte Person auch nach
einer Handänderung "Versicherte". Da auch für die Nebenleistungen der Brand vom
xx.xx.20xx als Schadenereignis gelte, bleibe die Beschwerdeführerin als
Grundeigentümerin zum Zeitpunkt des Versicherungsfalls für die gestützt auf diesen
Versicherungsfall geschuldeten Versicherungsleistungen anspruchsberechtigte
Versicherte und Leistungsempfängerin. Das von der Vorinstanz geforderte
Grundeigentum zum Auszahlungszeitpunkt gehe weder aus dem Gesetz noch aus den
rechtskräftigen Verfügungen hervor. Art. 48 GVG sehe für den Fall ohne
Wiederherstellung des Gebäudes als einzige Voraussetzung für die Auszahlung der
rechtskräftig festgesetzten Versicherungsleistung die Räumung des Schadenplatzes
vor. Eine anderweitige Regelung würde die Verfügungsfreiheit des Eigentümers über
sein Eigentum und damit die Eigentums- und Wirtschaftsfreiheit von Art. 26 und Art. 27
der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (SR 101, BV)
beschränken.
Der Zweck der öffentlich-rechtlichen Gebäudeversicherungen ist die ungeschmälerte
Substanzerhaltung bzw. -wiederherstellung nach einem Schadenfall. Dieser Zweck
muss auch die Leitlinie für die Bemessung der Versicherungswerte bilden (A. Rüegg, in:
Glaus/Honsell [Hrsg.], Gebäudeversicherung, Systematischer Kommentar, Basel 2009,
N 4.2.2). Versicherungen, wie auch die Gebäudeversicherung, nehmen den
Versicherten das Schadenrisiko ab, wofür sie im Gegenzug eine Prämie verrechnen
(ABl 2015 374). Die Vorinstanz versichert aus gesetzlichem Auftrag alle Gebäude im
Kanton. Der Versicherungsschutz besteht ab Baubeginn eines Gebäudes und endet mit
dessen Abbruch (Leitfaden zu Ihrer Gebäudeversicherung, Ausgabe 2016, https://
www.gvsg.ch /fileadmin/downloadcenter/web/versi chern/Leitfaden-zu--Ausgabe-2016.pdf, abgerufen am 14. Juli 2022). Ausschlüsse
aus der Gebäudeversicherung sind lediglich bei ausserordentlichen Gefährdungen des
versicherten Objektes zulässig oder wenn dieses zum Abbruch bestimmt ist, wobei
sich der Ausschluss auf bestimmte Gefahren oder Ereignisse beschränken kann (Art.
10 Abs. 1 und Abs. 1 GVG). Aus anderen, nicht in Art. 10 Abs. 1 und Abs. 1 GVG
genannten Gründen darf kein Ausschluss erfolgen (Art. 10 Abs. 2 GVG). Dies ist Folge
aus dem Obligatorium, das zur Versicherung jedes Gebäudes verpflichtet. Es hat zum
Ziel, die Eigentümer vor den Folgen zu schützen, die mit den Schäden an ihren
Gebäuden verbunden sind (Müller, in: Glaus/Honsell [Hrsg.], a.a.O., N 1.4.2).
2.4.
bis bis
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Liegt ein versichertes Ereignis vor und ist ein Gebäudeschaden entstanden, der sich
unmittelbar darauf zurückführen lässt, hat der Eigentümer oder die Eigentümerin
Anspruch auf Vergütung des entstandenen Schadens (Art. 45 Abs. 1 VzGVG).
Ausgegangen wird primär von der Entschädigung des Neuwertes (U. Glaus, in: Glaus/
Honsell [Hrsg.], a.a.O., N 6.3.1.7), da – dem Zweck der Substanzerhaltung folgend –
Gebäude grundsätzlich wiederaufgebaut werden sollten. Der Art. 37 Abs. 1 GVG regelt
als Ausnahmebestimmung, unter welcher Voraussetzung die Gebäudeversicherung nur
den Verkehrswert anstelle des Neuwertes vergütet. Die Bestimmung ist Ausfluss des
Bereicherungsverbots (Glaus, a.a.O., N 6.3.2.9). Bei einem Wiederaufbau des
Gebäudes entstehen Kosten, die für gewöhnlich den eigentlichen Wert des Gebäudes
übersteigen. Diese Kosten werden von der Gebäudeversicherung vergütet, sofern der
Wiederaufbau des Gebäudes vom Versicherten oder ihm gleichgestellten Personen
zum bisherigen Zweck erfolgt. Bei einem Nichtwiederaufbau entstehen diese
zusätzlichen Kosten nicht. Deshalb wird dann kein Kostenersatz auf Basis des
Neuwertes geleistet, sondern ein Wertersatz des Gebäudes, der auf dem Verkehrswert
beruht. Der Versicherte würde im andern Fall eine Vergütung für Kosten erhalten, die
ihm gar nie entstanden sind. Eine Neuwertentschädigung, im Sinne eines
Kostenersatzes, wäre im Fall des Nichtwiederaufbaus auch wirtschaftlich unsinnig, weil
es dem Eigentümer selbst am wirtschaftlichen Interesse an der Wiederherstellung
gerade des konkreten Gebäudes fehlt (Glaus, a.a.O., N 6.3.1.7).
Der Art. 37 Abs. 1 GVG definiert die Auswirkungen auf den Versicherungsanspruch im
Falle des Nichtwiederaufbaus des Gebäudes innert dreier Jahre und schränkt
gleichzeitig den Personenkreis ein, der auf eine Neuwertentschädigung im Falle des
Wiederaufbaus Anspruch hat (zur grundsätzlichen Kritik am Erfordernis der Identität
des Eigentümers vgl. m.w.H. Glaus, a.a.O., N 6.3.2.22). Nicht hervor geht aus dieser
Bestimmung jedoch, dass – wie die Vorinstanz behauptet – die Nebenleistungen einzig
an diejenige Person erbracht werden dürfen, die zum Zeitpunkt der Auszahlung
Eigentümerin ist. Die Eigentumsverhältnisse haben gemäss dieser Bestimmung
lediglich darauf Einfluss, ob die Hauptleistung in Form des Neu- oder des
Verkehrswertes ausbezahlt wird; es geht in dieser Bestimmung also grundsätzlich um
die Entschädigungshöhe und nicht um den Leistungsanspruch als solchen oder um die
Versicherteneigenschaft. Diese Vorschrift wurde aufgestellt, damit der Versicherte oder
irgendein Dritter aus dem Versicherungsfall nicht unangebrachte Vorteile ziehen kann
(vgl. ABl 1959 1031). Damit sollte also – einzig – dem oben erwähnten
Bereicherungsverbot zum Durchbruch verholfen werden (die versicherte Person soll
durch die Versicherungsleistung keinen wirtschaftlichen Vorteil aus dem
2.5.
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Versicherungsfall ziehen dürfen; vgl. Glaus, a.a.O., N 6.3.1.4). Der Beschwerdeführerin
entstanden nachweislich Kosten für die Abbruch- und Räumungsarbeiten. Eine
entsprechende Entschädigung bringt ihr keine unangebrachten Vorteile, sondern deckt
bloss den ihr entstandenen Schaden. Eine Berücksichtigung des Minderwerts des
Grundstücks im Kaufvertrag aufgrund des nicht geräumten Schadenplatzes, wie es die
Vorinstanz vorschlägt, läuft auf dasselbe hinaus – durch einen tieferen Kaufpreis wäre
der Beschwerdeführerin ein (zu Unrecht ungedeckter) Schaden entstanden. Bei den
Nebenleistungen gemäss Art. 41 Abs. 1 GVG handelt es sich dem Wortlaut nach
ausdrücklich um einen Kostenersatz und nicht um einen Wertersatz, wie dies bei einem
Nichtwiederaufbau mit der Beschränkung der Hauptleistung auf den Verkehrswert
gemäss Art. 37 GVG der Fall ist. Mit Ausnahme von zeitwertversicherten Gebäuden
(vgl. Art. 41 Abs. 1 Ziff. 2 GVG) sind dann jeweils die nachgewiesenen Kosten zu
vergüten. Im Umkehrschluss ist im Übrigen davon auszugehen, dass
verkehrswertversicherte Gebäude davon eben nicht ausgenommen sind.
Würde man dem genauen Wortlaut des Art. 37 GVG – sowie der Argumentation der
Vorinstanz – konsequent folgen, würde dies bedeuten, dass im Falle des
Nichtwiederaufbaus prinzipiell keine weiteren Leistungen als der Verkehrswert an den
Versicherten ausbezahlt würden. Art. 41 Abs. 1 Ziff. 2 GVG bestimmt jedoch explizit,
dass die Gebäudeversicherung die vom Versicherten nachgewiesenen Kosten von
notwendigen Abbruch- und Aufräumungsarbeiten vergütet, sofern sie im
Zusammenhang mit einem Versicherungsfall stehen. Eine ausschliesslich
grammatikalische Auslegung in Bezug auf die Verkehrswertbeschränkung schlüge fehl,
denn sie würde dazu führen, dass Abbruch- und Aufräumungskosten nur im Falle eines
Wiederaufbaus des Gebäudes vergütet würden. Dies würde im Ergebnis Art. 41 GVG
widersprechen, stellt dieser doch als einzige Bedingung für die Vergütung der
nachgewiesenen Kosten den Zusammenhang mit einem Versicherungsfall auf. Die
Interpretation der Vorinstanz überzeugt demnach nicht. Im Übrigen hat die
Gebäudeversicherung selbst Kostengutsprache für die Nebenleistungen in den
Verfügungen vom 15. Mai 2020 und vom 14. Juli 2020 erteilt, und zwar unabhängig von
einem allfälligen Wiederaufbau. Würde sich – wie die Vorinstanz argumentiert – die
Versicherungsleistung bei einem Nichtwiederaufbau ausschliesslich auf den
Verkehrswert beschränken und würden damit keine Nebenleistungen ausbezahlt, hätte
die Vorinstanz konsequenterweise die bereits geleisteten Zahlungen zur
Kostenvergütung der Abbruch- und Aufräumungsarbeiten zurückfordern müssen. Dies
tat sie aber nicht. Daraus lässt sich schliessen, dass sowohl das GVG als auch die
Praxis vorsehen, dass die anfallenden Nebenleistungen, vorliegend die Abbruch- und
2.6.
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Aufräumungskosten, unabhängig davon vergütet werden, ob ein Gebäude
wiederaufgebaut wird oder nicht. Im Unterschied zu einem Wiederaufbau muss eine
Räumung des Schadenplatzes erfolgen, da dies ansonsten eine Wertminderung des
Grundstücks herbeiführt, das Entschädigungsprinzip (vgl. dazu Glaus, a.a.O., 6.3.1.3)
folglich verletzt würde.
Auch bei systematischer Interpretation der gesetzlichen Grundlagen gelangt man nicht
zum Ergebnis der Vorinstanz. Die Aufteilung der Versicherungsleistung in Hauptleistung
und Nebenleistungen erfolgt im Gebäudeversicherungsgesetz selbst. Die Hauptleistung
stellt auf den Schaden am Gebäude ab. Für die Bestimmung des Umfangs der
Hauptleistung werden im Rahmen des gesetzlich geregelten Schätzungsverfahrens der
Neuwert, der Zeitwert, der Verkehrswert und allenfalls der Abbruchwert des Gebäudes
festgelegt (Art. 14 Abs. 1 GVG). Die Nebenleistungen hingegen rühren nicht direkt von
der versicherten Sache her. Sie umfassen die ausgewiesenen, tatsächlichen Kosten
von mittelbaren Schäden und werden zusätzlich zum Gebäudeschaden vergütet (D.
Anthenien, in: Glaus/Honsell [Hrsg.], a.a.O., N 6.3.5.2), sofern sie im Zusammenhang
mit dem Versicherungsfall stehen (Art. 41 Abs. 1 GVG). Darunter fallen die Abbruch-
und Aufräumungskosten. Umstritten ist vorliegend, ob die Bestimmungen von Art. 37
GVG i.V.m. Art. 39 GVG auf die Nebenleistungen anwendbar sind, d.h. ob der
Anspruch auf vollständige Vergütung der nachgewiesenen Kosten nur besteht, solange
derjenige, der ihn geltend macht, bis zum Abschluss der Abbruch- und
Aufräumarbeiten Eigentümer bleibt.
2.7.
bis
Im Gebäudeversicherungsgesetz sind die Abbruch- und Aufräumungskosten
systematisch im zweiten Kapitel und dort im dritten Titel "Nebenleistungen" geregelt.
Da die Nebenleistungen anders bemessen werden als die Hauptleistung, sie
unabhängig von der Hauptleistung sind (jedoch akzessorisch zum Schadenereignis)
und zusätzlich zur dieser vergütet werden, ist die Unterbringung in einem von der
Hauptleistung getrennten Titel auch logisch und sinnvoll.
Die Beschwerdeführerin leitet aus dieser Trennung keine Anwendbarkeit der beiden
Artikel (Art. 37 GVG und Art. 39 GVG) auf die Nebenleistungen ab. Dagegen hält die
Vorinstanz, dass die Bestimmungen über die Haupt- und die Nebenleistungen zwar in
unterschiedlichen Titeln geregelt seien, jedoch seien beide Titel im zweiten Kapitel "IV.
Versicherungsleistungen" des Gebäudeversicherungsgesetzes aufgeführt, weshalb die
Anwendbarkeit gegeben sei.
2.8.
bis
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Da sowohl Haupt- als auch Nebenleistungen Versicherungsleistungen sind, macht es
systematisch Sinn, dass beide Leistungsarten – trotz unterschiedlicher
Bemessungsgrundlage und Auszahlungszeitpunkte – im selben Kapitel "IV.
Versicherungsleistungen" untergebracht sind. Dieses Kapitel wurde in fünf Titel
unterteilt. Es sind dies 1. Voraussetzungen, 2. Bemessung der Leistungen, 3.
Nebenleistungen, 4. Verfahren im Versicherungsfall und 5. Rückgriff und
Rückforderung. Der zweite Titel Bemessung der Leistungen, unter dem die Artikel 37
und 39 GVG aufgeführt sind, könnte zwar auf den ersten Blick vermuten lassen, dass
sich die "Bemessung" auf alle Versicherungsleistungen, also sowohl auf die Haupt- als
auch auf die Nebenleistungen bezieht. Allerdings sind die Nebenleistungen im
nachfolgenden Titel separat aufgeführt, mit der ausdrücklichen Bestimmung in Art. 41
Abs. 1 GVG, nach der die Gebäudeversicherung die vom Versicherten nachgewiesenen
Kosten vergütet, sofern sie im Zusammenhang mit einem Versicherungsfall stehen,
mithin also für die Nebenleistungen eine eigene, unabhängige Bemessungsgrundlage
gegeben ist. Im Übrigen kennt der Kanton St. Gallen für die Höhe der zu
übernehmenden Abbruch- und Räumungskosten (mit Ausnahme von
zeitwertversicherten Gebäuden, Art. 41 Abs. 1 Ziff. 2 GVG) keine Begrenzung.
Nebenleistungen sollen selbst dann voll übernommen werden, wenn sie die
Versicherungssumme übersteigen (ABl 1959 1032). Dies macht die Trennung von
Haupt- und Nebenleistung deutlich und ordnet damit die Artikel 37 und 39 GVG klar
ausschliesslich der Hauptleistung zu. Somit ist der Argumentation der
Beschwerdeführerin zu folgen, wonach die Nebenleistungen unabhängig von der
Hauptleistung im dritten Titel in den Artikeln 40 und 41 GVG geregelt sind und Art. 37
GVG i.V.m. Art. 39 GVG nicht auf die Abbruch- und Aufräumungsarbeiten anwendbar
sind. Darüber hinaus erschliesst sich nicht, mit welcher Begründung die Vorinstanz aus
Art. 37 Abs. 1 GVG Auszahlungsformalitäten für Nebenleistungen ableitet, mithin wer
wann eine bereits zugesprochene Versicherungsleistung ausbezahlt erhält.
bis
bis
bis
Die Auszahlung der Nebenleistungen erfolgte vorliegend etappenweise mit
Fortschreiten der Abbruch- und Aufräumarbeiten und wurde mit der Schlussrechnung
nach Abschluss der Arbeiten definitiv abgerechnet (wobei schliesslich nur die Kosten
bis zum Eigentumswechsel vergütet wurden). Dieses Vorgehen drängt sich auf, da nur
die effektiv anfallenden Kosten vergütet werden. Die zeitliche Differenz zwischen
Schadenereignis und Schlussrechnung beträgt in diesem Fall vom Datum des
Schadenereignisses am xx.xx.20xx bis zur Verfügung über die Schlusszahlung am 4.
Januar 2021 etwas mehr als acht Monate. Die Argumentation der Vorinstanz, die
2.9.
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Vergütung der Abbruch- und Aufräumarbeiten erfolge ausschliesslich an den
Eigentümer im Zeitpunkt der Schlussrechnung und im Falle eines Eigentümerwechsels
würden keine Leistungen mehr vergütet, führt dazu, dass ein Eigentümer sein
Grundstück in diesem Zeitraum nicht veräussern kann, ohne der vom Versicherer dem
Grundsatz nach bereits rechtskräftig zugesprochenen Leistung verlustig zu gehen.
Die Verfügung vom 15. Mai 2020 und der Nachtrag dazu vom 14. Juli 2020 sind in
Rechtskraft erwachsen. Daraus war für die Beschwerdeführerin immerhin klar
ersichtlich, dass auch Nebenleistungen erbracht würden; konkret wurden
Abbrucharbeiten erwähnt. In allgemeiner Weise findet sich im Nachtrag zudem die
Zusicherung, dass die Auszahlung der Versicherungsleistungen "nur an den
Eigentümer zum Zeitpunkt des Schadenereignisses" erfolge (vgl. Rekursakten, act. 1b/
7 unten). Vor diesem Hintergrund erscheint es zumindest treuwidrig, dass die
Vorinstanz sich später auf den Standpunkt stellte, nicht die Eigentumsverhältnisse bei
Eintritt des Schadens (am Branddatum) seien massgebend, sondern jene im Zeitpunkt
der Auszahlung.
2.10.
Zusammenfassend ergibt sich folgendes: Die Tatsache, dass die Beschwerdeführerin
mit dem Verkauf des Grundstücks aus dem Kreis der – ab diesem Zeitpunkt weiterhin –
aktiv Versicherten der Vorinstanz ausgeschieden ist, lässt mangels entsprechender
gesetzlicher Grundlage nicht den Schluss zu, dass ihr nach dem Verkaufsdatum
angefallene Nebenleistungen in Form von Kosten für Abbruch- und Aufräumarbeiten
nicht mehr zu erstatten wären. Das versicherte Schadenereignis, der Hausbrand, trat
zu einem Zeitpunkt auf, an dem die Beschwerdeführerin noch zum
Versichertenkollektiv gezählt hatte, und löste neben dem Hauptanspruch den
akzessorischen Anspruch auf die Nebenleistungen aus. Dass die Leistungen (mit Blick
auf Art. 48 Abs. 1 GVG) erst zur Auszahlung fällig wurden, als die Beschwerdeführerin
bereits aus dem Kreis der Versicherten ausgeschieden war, vermag an diesem
Ergebnis nichts zu ändern. Solche Konstellationen sind im Versicherungsrecht im
Übrigen häufig. Zu denken ist etwa an einen Autoschaden zwei Tage vor Ablauf einer
Vollkasko-Versicherungsdeckung, dessen Reparatur erst im Folgemonat vorgenommen
wird, oder aus der Personenversicherung an die weitere Auszahlung von
Krankentaggeldern oder Leistungen aus beruflicher Vorsorge, nachdem die versicherte
Person das Arbeitsverhältnis, das sie bei Eintritt des versicherten Schadens innehatte,
längst aufgegeben hat und damit aus dem Kreis der aktiv Versicherten ausgeschieden
ist.
2.11.
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3.
Die Beschwerde ist gutzuheissen und der angefochtene Entscheid aufzuheben. Die
Gebäudeversicherung St. Gallen hat der Beschwerdeführerin die ihr entstandenen
Kosten für die Abbruch- und Aufräumungsarbeiten auch nach der Handänderung in der
beschwerdeweise beantragten und mit dem eingereichten Kontokorrent-Auszug (act. 3)
übereinstimmenden Höhe von CHF 117'177.60 zu vergüten. Gemäss Art. 49 Abs. 2
GVG werden Nebenleistungen nicht verzinst, weshalb kein Zins zuzusprechen ist. Da
das Gericht nicht über die Begehren der Beschwerdeführerin hinausgehen darf (vgl.
Art. 63 VRP), ist die Erstattung später noch eingegangener Rechnungen (Rekursakten,
act. 83) in diesem Verfahren nicht anzuordnen.
3.1.
Bei diesem Verfahrensausgang sind die amtlichen Kosten der Vorinstanz aufzuerlegen.
Eine Entscheidgebühr von CHF 3'000 erscheint angemessen. Sie ist der unterliegenden
Vorinstanz aufzuerlegen, die als selbständige öffentlich-rechtliche Anstalt nicht als
Gemeinwesen im Sinn von Art. 95 Abs. 3 VRP gilt (vgl. PK VRP/SG-von Rappard-Hirt,
N 12 zu Art. 95). Der Beschwerdeführerin ist der geleistete Kostenvorschuss von
CHF 3'000 zurückzuerstatten.
3.2.
Entsprechend der Verlegung der amtlichen Kosten hat die Vorinstanz die
Beschwerdeführerin für das Beschwerdeverfahren ausseramtlich zu entschädigen (Art.
98 in Verbindung mit Art. 98 VRP). Ihre Rechtsvertreterin hat keine Kostennote
eingereicht. In der Verwaltungsrechtspflege ist die Honorarpauschale innerhalb des von
Art. 22 Abs. 1 Ingress der Honorarordnung (sGS 963.75, HonO) festgelegten Rahmens
vor Verwaltungsgericht zwischen CHF 1'500 und CHF 15'000 (lit. b) festzulegen.
Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen Umständen,
namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des Falls und
den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten bemessen (Art. 19 HonO sowie Art.
31 Abs. 1 und 2 des Anwaltsgesetzes, sGS 963.70, AnwG). Für das vorliegende
Beschwerdeverfahren erscheint eine Entschädigung von pauschal CHF 2'500 zuzüglich
CHF 100 pauschale Barauslagen angemessen. Bei der Beschwerdeführerin handelt es
sich zwar um eine Aktiengesellschaft. Sie ist jedoch gemäss UID-Register nicht
mehrwertsteuerpflichtig (Internet-Information vom 21. Juli 2022), weshalb sie
entsprechend ihrem Antrag auch Anspruch auf Entschädigung der ihr von der
Rechtsvertreterin in Rechnung gestellten Mehrwertsteuer hat (CHF 200.20
entsprechend 7.7% von CHF 2'600; Art. 29 HonO).
3.3.
bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/13
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St.Galler Gerichte