Decision ID: c8e5fff0-032f-473f-9386-e24e16b8e431
Year: 2006
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
X._
, geboren 1999, ersuchte die Sozialversicherungsanstalt des Kan
tons Zürich, IV-Stelle, am 12. September 2005 um Kostenübernahme eines wasserfesten Hörgeräts als Hilfsmittel in der Höhe von Fr. 2'901.95 (Urk. 7/26 S. 2, Urk. 7/27). Mit Verfügung vom 30. November 2005 verneinte die IV-Stelle den Anspruch auf ein drittes wasserfestes Hörgerät nebst den mit Verfügung vom 1. November 2002 bereits zugesprochenen zwei Hörgeräten (Urk. 7/4). Die dagegen am 16. Dezember 2005 vom Versicherten erhobene Einsprache (Urk. 7/2) wies die IV-Stelle mit
Einspracheentscheid
vom 25. Januar 2006 ab (Urk. 7/1 = Urk. 2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 25. Januar 2006 (Urk. 2) erhob der Versi
cherte am 25. Februar 2006 Beschwerde mit dem Antrag, es seien die Kosten ei
nes wasserfesten Hörgerätes zu übernehmen (Urk. 1).
Mit Beschwerdeantwort vom 3. April 2006 beantragte die IV-Stelle die Abwei
sung der Beschwerde (Urk. 6). Am 19. April 2006 wurde der Schriftenwechsel geschlossen (Urk. 8).

Der Einzelrichter zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Verwaltung hat die massgebenden Gesetzesbestimmungen über die Abgabe von Hilfsmitteln (Art. 21 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) in Verbindung mit Art. 14 der Verordnung über die Invalidenversicherung (IVV) und Art. 2 Abs. 4 der Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung, HVI) zutreffend dargelegt (Urk. 2 S. 1 f). Darauf kann mit den nachstehenden Ergänzungen verwiesen werden.
1.2
Da der Streitwert Fr. 20’000.-- nicht übersteigt, fällt die Beurteilung der Be
schwerde in die einzelrichterliche Zuständigkeit (§ 11 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht).
1.3
Eine tarifvertraglichen Ansätzen entsprechende Leistungszuerkennung trägt vermutungsweise den invaliditätsbedingten Eingliederungsbedürfnissen im Ein
zelfall
Rechung
und führt in einfacher wie zweckmässiger Weise zum Einglie
derungserfolg. Der Einwand, dass es sich ausnahmsweise gegenteilig verhält, dass also im Einzelfall aus besonderen invaliditätsbedingten Gründen eine die tarifvertraglichen Ansätze übersteigende Hörgeräteversorgung notwendig sei,
bleibt indessen nach geltendem Recht zulässig. Massgebend ist stets das kon
krete Eingliederungsbedürfnis der Versicherten. Deshalb bleibt die gerichtliche Prüfung, ob die tarifarisch vergüteten Höchstpreise dem invaliditätsbedingten Eingliederungsbedürfnis im konkreten Einzelfall Rechnung tragen, vorbehalten. Jedoch trägt die versicherte Person die Beweislast für die von ihr behauptete Ausnahmesituation. Ein solches gesteigertes Eingliederungsbedürfnis, das einer über die tarifarisch vorgesehen
Preislimiten
hinausgehenden Versorgung bedarf, kann sich sowohl aus der speziellen gesundheitlichen Situation wie auch mit Blick auf den Tätigkeitsbereich der versicherten Person ergeben (BGE 130 V 174
Erw
. 4.3.4).
2.
2.1
Strittig ist, ob ein Anspruch auf Kostenübernahme eines zusätzlichen wasserfes
ten Hörgeräts als Hilfsmittel durch die Invalidenversicherung besteht.
2.2
Die Beschwerdegegnerin begründete die Abweisung der Kostenübernahme da
mit, dass dem Beschwerdeführer mit Verfügung vom 1. November 2002 bereits zwei Hörgeräte abgegeben worden seien. Jedes weitere Hörgerät entspräche so
mit einer Doppelversorgung, welche von der Invalidenversicherung nicht zu übernehmen sei, ansonsten gegen den Grundsatz der einfachen und zweckmäs
sigen Ausführung von Hilfsmitteln verstossen werde (Urk. 2 S. 2).
2.3
Der Beschwerdeführer wandte im Wesentlichen ein, dass er den wöchentlich stattfindenden und obligatorischen Schwimmunterricht ohne Hörhilfe nicht besuchen könne, da ihm aufgrund seiner mittel- bis hochgradigen Schwerhörig
keit der notwendige Kontakt zur Umwelt fehle und die von der Beschwerdefüh
rerin bereits zugesprochenen Hörgeräte nicht für den Schwimmunterricht ge
eignet seien (Urk. 1).
3.
3.1
Dr. med. Z._
, Oberärztin am Universitätsspital
A._
, Klinik für Oh
ren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie, nannte in ihrem Bericht vom 9. Oktober 2000 (Urk. 7/22/3) zuhanden von Dr. med.
B._
, Fachärztin FMH für ORL, die Diagnose einer mittel- bis hochgradigen, vorwiegend
sensori
neuralen
Schwerhörigkeit beidseits (Urk. 7/22/3 S. 1).
3.2
In ihrem Bericht vom 11. Januar 2001 (Urk. 7/23/2) diagnostizierte Dr.
B._
eine kongenitale, hereditäre Schwerhörigkeit beidseits mittleren bis schweren Grades
sowie rezidivierende Mittelohrentzündungen und Tubenkatarrhe beid
seits mit Gehörsverschlechterung (Urk. 7/23/2 S. 1). Die hochgradige Schwerhö
rigkeit beidseits werde durch die rezidivierenden Tubenkatarrhe sicher noch verschlechtert.
Eine Punktezahl und Indikationsstufe könne nicht exakt angegeben werden. Es sollten aber die maximalen audiologischen Kriterien (50), das sozial-emotionale Handicap (25) sowie die Sprachentwicklung berücksichtigt werden. Eine opti
male binaurale Hörgeräteversorgung in der Indikationsstufe 3 sei unbedingt erforderlich. Ausserdem liege ein Geburtsgebrechen gemäss Anhang Ziffer 444 der Verordnung über Geburtsgebrechen (
GgV
) vor (Urk. 7/23/2 S. 1).
3.3
Gestützt auf die Untersuchungen des Beschwerdeführers vom 14. Mai und 13. Juni 2002 bestätigte Dr.
Z._
mit Bericht vom 18. Juli 2002 (Urk. 7/19) ihre am 9. Oktober 2000 gestellte Diagnose (Urk. 7/19 S. 1). Sie habe sich aus
serdem von einer guten Anpassung überzeugen können, weshalb sie eine defi
nitive Abgabe der Hörgeräte empfehle (Urk. 7/19 S. 2).
3.4
Dr.
Z._
diagnostizierte in ihrem Bericht vom 10. Juni 2003 (Urk. 7/16) einen Tubenmittelohr-Katarrh beidseits bei Status nach akuter Otitis
media
links sowie eine bekannte, mittel- bis hochgradige, kombinierte Schwerhörigkeit beidseits, hörgeräteversorgt seit Mitte 2002. Der Gesundheitszustand des Be
schwerdeführers sei stationär und wirke sich auf den Schulbesuch aus (Urk. 7/16
lit
. A,
lit
. C). Zudem liege ein Geburtsgebrechen gemäss Anhang Zif
fer 446
GgV
vor (Urk. 7/16
lit
. B).
3.5
C._
von der KIND Hörzentrale
D._
hielt mit Schreiben vom 27. Oktober 2005 (Urk. 7/15) auf die Fragen der Beschwerdegegnerin fest, dass die wasserfesten Hörgeräte nur mit einer einfachen Verstärkertechnik ausges
tattet und daher für viele andere Aspekte der Kinderversorgung nicht erste Wahl seien. Für die Hörmittelversorgung im Sport- und Schwimmunterricht gäbe es keine idealen Lösungen. Oft bleibe nur die Alternative, das Hörgerät in solchen Situationen nicht zu tragen, was bei einem deutlichen Hörverlust die Teilnahme am Schwimmunterricht unmöglich mache (Urk. 7/15).
4.
4.1
Aus den medizinischen Akten geht hervor, dass der Beschwerdeführer an Tuben
mittelohr-Katarrh beidseits bei Status nach akuter Otitis
media
links sowie einer mittel- bis hochgradigen, kombinierten Schwerhörigkeit beidseits leidet (Urk. 7/16, Urk. 7/19, Urk. 7/22/3, Urk. 7/23/2). Unbestritten ist, dass er infolge dieser Gesundheitsbeeinträchtigung auf Hörgeräte gemäss Indikationsstufe 3 angewiesen
ist, die ihm bereits mit Verfügung vom 1. November 2002 leihweise abgegeben wurden (Urk. 7/9).
Seit dem 22. August 2005 besucht der Beschwerdeführer die erste Klasse der Regelschule (Urk. 7/27), in deren Rahmen während einer Stunde pro Woche der obligatorische Schwimmunterricht stattfindet (Urk. 7/2 S. 3). Aufgrund der Ak
ten ist zudem davon auszugehen, dass die im November 2002 zugesprochenen Hörgeräte gemäss Indikationsstufe 3 dem damaligen Eingliederungsbedürfnis des Beschwerdeführers entsprachen, mangels Wasserfestigkeit jedoch nicht für den Schwimmunterricht geeignet sind (Urk. 1, Urk. 3/2).
4.2
Die Beschwerdegegnerin warf während des Verfahrens die Frage auf, wie das Problem der Hörmittelversorgung bei Kindern im Sport beziehungsweise beim Schwimmen zu lösen sei, ging jedoch weder in der Verfügung vom 30. November 2005 (Urk. 7/4) noch im
Einspracheentscheid
vom 25. Januar 2006 (Urk. 2) näher darauf ein. Trotz der Auskunft der KIND Hörzentrale
D._
vom 27. Oktober 2005 (Urk. 7/15), wonach bei einem deutlichen Hörverlust die Teilnahme am Schwimmunterricht ohne Hörgerät unmöglich sei, beschränkte sich die Beschwerdegegnerin in ihren abweisenden Entscheiden auf das Argu
ment der unzulässigen Doppelversorgung, welche dem Grundsatz der einfachen und zweckmässigen Ausführung entgegenstehe (Urk. 2 S. 2, Urk. 7/4 S. 1).
Das Eidgenössische Versicherungsgericht brachte in seinem Leitentscheid BGE 130 V 163 zum Ausdruck, dass tarifvertragliche
Preislimiten
(die vermutungs
weise den invaliditätsbedingten Eingliederungsbedürfnissen Rechnung tragen und in einfacher wie
zweckmässiger
Weise zum Eingliederungserfolg führen)
den sozialversicherungsrechtlichen Leistungsanspruch im Einzelfall nicht zu beschränken vermögen. Vielmehr muss mit Blick auf den
massgebenden
gesetz
lichen Anspruch auf Eingliederung im Einzelfall stets Raum für Ausnahmen aufgrund eines spezifischen, gesteigerten Eingliederungsbedürfnisses sein (vgl. vorstehend
Erw
. 1.3).
Unter Berücksichtigung, dass der wöchentlich stattfindende Schwimmunterricht auch für den an einer mittel- bis hochgradigen Schwerhörigkeit leidenden Be
schwerdeführer nicht freiwillig, sondern vielmehr obligatorisch ist, sowie in Anlehnung an die Rechtsprechung des Eidgenössischen Versicherungsgerichts, wonach gerade bei Kindern im schulischen Umfeld in besonderen Situationen ein gesteigertes Eingliederungsbedürfnis besteht (BGE 130 V 163
Erw
. 4.3.4; vgl. vorstehend
Erw
. 1.3), stellt sich insbesondere die Frage, ob eine solches spezifisches Eingliederungsbedürfnis vorliegt. Der Beschwerdeführer machte in diesem Zusammenhang geltend, dass es ihm wegen seiner mittel- bis hochgra
digen
Schwerhörigkeit ohne Hörgeräte am notwendigen Kontakt mit der Um
welt fehle, weshalb er nicht in der Lage sei, den obligatorischen Schwimmun
terricht zu besuchen (Urk. 1, Urk. 3/2). Mangels entsprechender konkreter Ab
klärungen seitens der Beschwerdegegnerin lässt sich anhand der jetzigen Ak
tenlage nicht abschliessend beurteilen, ob dem Beschwerdeführer aufgrund sei
nes Hörverlusts eine Teilnahme am Schwimmunterricht ohne die zusätzlichen wasserdichten Hörgeräte tatsächlich unmöglich ist und folglich ein gesteigertes Eingliederungsbedürfnis vorliegt, das einer ausnahmsweise über die tarifarisch vorgesehenen
Preislimiten
hinausgehenden Versorgung bedarf. Denn ein Kon
takt mit der Umwelt während des Schwimmunterrichts erscheint nicht unwe
sentlich.
Der Vollständigkeit halber sei bemerkt, dass Art. 21 Abs. 3 IVG, Art. 2 Abs. 4 HVI sowie Ziffer 1014 und Ziffer 5.07.10 des Kreisschreibens über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (KHMI) den Grundsatz der einfachen und zweckmässigen Ausführung erwähnen, das Argument der Be
schwerdegegnerin der unzulässigen Doppelversorgung beim Vorliegen eines gesteigerten Eingliederungsbedürfnisses im Sinne der erwähnten Rechtspre
chung aber nicht Stand hält.
4.3
Nach dem Gesagten erweist sich die Sache somit nicht als spruchreif und ist an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie ergänzende Abklärungen dahin ge
hend treffe, ob es dem Beschwerdeführer tatsächlich nicht möglich wäre, ohne zusätzliche wasserfeste Hörgeräte am obligatorischen Schwimmunterricht teil
zunehmen und dementsprechend ein gesteigertes Eingliederungsbedürfnis vor
läge. Anschliessend wird die Beschwerdegegnerin über den Anspruch auf Kos
tenübernahme eines zusätzlichen wasserfesten Hörgerätes neu zu befinden ha
ben.
In diesem Sinne ist die Beschwerde gutzuheissen.