Decision ID: 78045933-89d5-54a4-8dfc-63682cac76e6
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer (geb. 1990, iranischer Staatsangehöriger) gelangte
im März 2011 in die Schweiz und stellte ein Asylgesuch. Im Oktober 2013
heiratete er eine Schweizer Bürgerin und erhielt darauf eine Aufenthaltsbe-
willigung im Kanton Zürich. Nachdem das damalige Bundesamt für Migra-
tion (BFM, heute SEM) dem Beschwerdeführer mitgeteilt hatte, dass für ihn
kaum Aussicht auf Gewährung von Asyl bestehe, und ihm aus prozessöko-
nomischen Gründen den Rückzug des Gesuchs vorgeschlagen hatte, zog
er dieses mit Erklärung vom 12. Dezember 2013 zurück. Hierauf schrieb
das BFM das Asylverfahren mit Beschluss vom 23. Dezember 2013 als
gegenstandslos geworden ab.
B.
Nachdem der Beschwerdeführer und seine damalige Ehefrau sich getrennt
hatten, widerrief die Migrationsbehörde des Kantons Zürich mit Verfügung
vom 12. Juli 2017 die Aufenthaltsbewilligung und wies ihn aus der Schweiz
weg. Gleichzeitig hielt das kantonale Migrationsamt fest, nach Rechtskraft
dieser Verfügung dem SEM zu beantragen, die vorläufige Aufnahme zu
prüfen. In der Folge erwuchs die Verfügung vom 12. Juli 2017 unangefoch-
ten in Rechtskraft. Am 22. August 2017 beantragte das Migrationsamt des
Kantons Zürich beim SEM die Prüfung der vorläufigen Aufnahme des Be-
schwerdeführers in der Schweiz.
C.
Mit Schreiben vom 20. Oktober 2017 teilte das SEM dem Beschwerdefüh-
rer mit, es erwäge, den kantonalen Antrag auf Anordnung der vorläufigen
Aufnahme abzulehnen, und gewährte im dazu das rechtliche Gehör, wovon
der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 20. November 2017 Gebrauch
machte. Dabei führte er aus, sich immer noch vor einer Rückkehr in den
Iran zu fürchten. Er habe bis heute keinen Kontakt zu den iranischen Be-
hörden aufgenommen und seine Ehefrau zudem nicht begleitet, als diese
in den Iran gereist sei und dort seine Eltern besucht habe.
D.
Mit Verfügung vom 18. Dezember 2017 lehnte die Vorinstanz den Antrag
vom 22. August 2017 auf vorläufige Aufnahme ab. Zur Begründung hielt
sie im Wesentlichen fest, aufgrund der pauschal geäusserten Vorbringen
des Beschwerdeführers und mangels Mitwirken zur Frage nach allfälligen
Vollzugshindernissen könne davon ausgegangen werden, dass der Vollzug
der Wegweisung zulässig, zumutbar und möglich sei.
F-429/2018
Seite 3
E.
Mit Rechtsmitteleingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 19. Januar
2018 beantragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der vorinstanzli-
chen Verfügung und die Gutheissung des Antrags vom 22. August 2017
auf vorläufige Aufnahme. Eventualiter sei die Eingabe als Asylgesuch zu
behandeln und die Vorinstanz anzuweisen, den rechtserheblichen Sach-
verhalt vollständig abzuklären. Zur Begründung machte er zur Hauptsache
geltend, er sei im Falle einer Rückkehr in sein Heimatland aufgrund seiner
politischen Aktivitäten im Iran und in der Schweiz gefährdet. Ferner könne
er aufgrund der aktuellen Unruhen im Iran nicht in sein Heimatland zurück-
kehren. Die Vorinstanz habe aufgrund einer Streitigkeit mit der kantonalen
Migrationsbehörde betreffend Durchführung einer Anhörung des Be-
schwerdeführers den rechtserheblichen Sachverhalt nicht abgeklärt, wes-
halb die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletze.
F.
Die Vorinstanz schloss in ihrer Vernehmlassung vom 14. März 2018 auf
Abweisung der Beschwerde und hielt fest, aus den vorhandenen Akten
würden sich keine unmittelbaren und konkreten Hinweise ergeben, dass
dem Wegweisungsvollzug in den Iran völkerrechtliche Verpflichtungen der
Schweiz entgegenstehen würden.
G.
Mit Urteil des Bezirksgerichts Pfäffikon vom 30. Mai 2018 wurde die im Ok-
tober 2013 geschlossene Ehe des Beschwerdeführers geschieden.
H.
Am 9. Januar 2020 heiratete der Beschwerdeführer eine bereits seit einiger
Zeit mit ihm zusammenlebende italienische Staatsangehörige. Gestützt auf
diese Heirat erteilte ihm das Migrationsamt des Kantons Zürich am 29. Ja-
nuar 2020 im Rahmen des Familiennachzugs eine Aufenthaltsbewilligung.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1
Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt Beschwerden gegen Verfügungen
des SEM im Bereich vorläufige Aufnahme (vgl. Art. 31 ff. VGG).
F-429/2018
Seite 4
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anders bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Der Beschwerdeführer ist als Verfügungsadressat zur Beschwerde le-
gitimiert (Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf seine frist- und formgerecht einge-
reichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG), soweit es um
die Erteilung bzw. Verweigerung der vorläufigen Aufnahme geht. Nicht Ge-
genstand der angefochtenen Verfügung und somit auch nicht Streitgegen-
stand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens ist die Prüfung allfälliger
Asylgründe. Über den Eventualantrag des Beschwerdeführers, seine
Rechtsmitteleingabe als Asylgesuch zu behandeln, ist daher von vornhe-
rein nicht zu befinden.
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Streit-
sache endgültig (vgl. Art. 83 Bst. c Ziff. 3 BGG).
2.
2.1 Der Instruktionsrichter oder die Instruktionsrichterin entscheidet als
Einzelrichter beziehungsweise Einzelrichterin über die Abschreibung von
gegenstandslos gewordenen Verfahren (Art. 23 Abs. 1 Bst. a VGG).
2.2 Mit der Erteilung der Aufenthaltsbewilligung ist die im Juli 2017 verfügte
Wegweisung dahingefallen, weshalb sich die Prüfung von Vollzugshinder-
nissen bzw. die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme erübrigt. Mit der
erteilten Aufenthaltsbewilligung ist dem Hauptantrag des Beschwerdefüh-
rers vollumfänglich entsprochen worden, weshalb er kein Rechtsschutzin-
teresse an der Weiterbehandlung des Beschwerdeverfahrens mehr hat.
Gestützt auf Art. 23 Abs. 1 Bst. a VGG ist die Beschwerde daher im einzel-
richterlichen Verfahren als gegenstandslos geworden abzuschreiben.
3.
3.1 Die Verfahrenskosten werden in der Regel jener Partei auferlegt, deren
Verhalten die Gegenstandslosigkeit bewirkt hat (Art. 5 erster Satz des Reg-
lements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Ist das Verfahren
ohne Zutun der Parteien gegenstandslos geworden, so werden die Kosten
aufgrund der Sachlage vor Eintritt des Erledigungsgrundes festgelegt
(Art. 5 zweiter Satz VGKE). Dasselbe gilt für die Parteientschädigung, für
deren Festsetzung Art. 5 VGKE sinngemäss gilt (Art. 15 VGKE).
F-429/2018
Seite 5
3.2 Hat eine Partei durch ihr Verhalten die Gegenstandslosigkeit bewirkt
und handelt es sich dabei nicht um die Vorinstanz (der keine Kosten aufer-
legt werden können, vgl. Art. 63 Abs. 2 VwVG), werden ihr in der Regel die
Verfahrenskosten auferlegt. Massgebend ist das Verhalten, allerdings nicht
als solches, vielmehr ist dieses nach materiellen Kriterien zu bestimmen.
Unerheblich ist damit, wer die formelle Prozessvoraussetzung vorgenom-
men hat (in casu die nicht verfahrensbeteiligte kantonale Migrationsbe-
hörde mit der Erteilung der Aufenthaltsbewilligung), die die Behörde unmit-
telbar zur Abschreibung veranlasst (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER,
Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 4.56
erster Satz). Der Beschwerdeführer hat mit der Heirat einerseits nicht un-
mittelbar die Gegenstandslosigkeit des Verfahrens bewirkt, andererseits
aber lediglich von einem ihm zustehenden Recht Gebrauch gemacht. An-
ders als beispielsweise das Verlassen der Schweiz während eines hängi-
gen Beschwerdeverfahrens stellt dies aber kein Verhalten dar, welches ihm
gemäss Art. 5 erster Satz VGKE zur Last gelegt werden kann. Zweck einer
solchen Regelung ist, jemanden, der in guten Treuen Beschwerde erhoben
hat, nicht im Kostenpunkt dafür zu bestrafen, dass die Beschwerde infolge
nachträglicher Änderung der Umstände abzuschreiben ist, ohne dass ihm
dies anzulasten wäre (vgl. MARCEL MAILLARD, in: Waldmann/Weissenber-
ger [Hrsg.], Praxiskommentar Verwaltungsverfahrensgesetz [VwVG],
2. Aufl. 2016, Art. 63 N. 17 m.H.). Demzufolge führt die Heirat vorliegend
nicht ohne weiteres dazu, dass der Beschwerdeführer nach der Gegen-
standslosigkeit des Verfahrens die Kosten zu tragen hat. Weil auch die Vo-
rinstanz den Grund, der zur Gegenstandslosigkeit führte, nicht zu vertreten
hat, sind die Verfahrens- und Parteikosten im Beschwerdeverfahren grund-
sätzlich nach dem mutmasslichen Prozessausgang aufzuerlegen, was
mindestens summarisch zu begründen ist (vgl. BGE 129 V 113 E. 3.1).
3.3 Aufgrund der Sachlage vor der durch die Erteilung der Aufenthaltsbe-
willigung bewirkten Gegenstandslosigkeit hätte die Beschwerde gegen die
angefochtene Verfügung voraussichtlich gutgeheissen und die Sache an
die Vorinstanz zurückgewiesen werden müssen. Im Vorfeld der Prüfung
der Voraussetzungen für die Anordnung der vorläufigen Aufnahme kam es
zu einer Auseinandersetzung zwischen der Vorinstanz und der kantonalen
Migrationsbehörde betreffend Durchführung einer Anhörung des Be-
schwerdeführers. So stellte das SEM dem Migrationsamt des Kantons Zü-
rich am 26. April 2017 zwecks vollständiger Abklärung des Sachverhalts
betreffend allfälliger Vollzugshindernisse einen detaillierten Fragekatalog
zu. In der Folge führte weder die kantonale Migrationsbehörde noch die
F-429/2018
Seite 6
Vorinstanz eine gestützt auf diesen Fragekatalog mündliche oder schriftli-
che Befragung durch. Das SEM teilte dem Beschwerdeführer vor Erlass
der angefochtenen Verfügung lediglich mit, dass aufgrund der heutigen Er-
kenntnisse der Vollzug der Wegweisung zulässig, zumutbar und möglich
sei, und gewährte im dazu das rechtliche Gehör. Dass dann die Stellung-
nahme des Beschwerdeführers kaum zusätzliche Erkenntnisse in Bezug
auf allfällige Vollzugshindernisse brachte, kann demnach nicht ihm zur Last
gelegt werden. Insbesondere durfte ihm die Vorinstanz nicht einfach eine
Verletzung der Mitwirkungspflicht vorwerfen und daraus auf das Fehlen von
Vollzugshindernissen schliessen. Zwar kam auch der Fachbereich Asyl des
SEM, der im Hinblick auf die Vernehmlassung der Vorinstanz eine Stellung-
nahme verfasste, zum Schluss, es ergäben sich keine konkreten Hinweise
dafür, dass dem Wegweisungsvollzug in den Iran völkerrechtliche Ver-
pflichtungen der Schweiz entgegenstehen würden. Allerdings hielt der
Fachbereich Asyl unmissverständlich fest, dass die Aktenlage nicht voll-
ständig erscheine, zumal die vom Beschwerdeführer pauschal geäusser-
ten Vorbringen nicht näher abgeklärt worden seien. Eine abschliessende
Prüfung sei daher im Ergebnis nicht möglich (vgl. Aktennotiz des Fachbe-
reichs Asyl vom 6. März 2018 Ziff. 6).
3.4 Weil der Beschwerdeführer nach dem Gesagten nicht als unterliegende
Partei anzusehen ist, sind ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.
Als in der Sache obsiegende Partei hat der anwaltlich vertretene Be-
schwerdeführer zudem Anspruch auf eine Parteientschädigung für die ihm
erwachsenen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 und Art. 15
VGKE). Die Parteientschädigung umfasst dabei die Kosten der Vertretung
sowie allfällige weitere Auslagen der Partei im Verfahren (vgl. Art. 8 Abs. 1
VGKE).
Der Beschwerdeführer hat keine Honorarnote eingereicht, weshalb die
Höhe der Parteientschädigung gestützt auf die Akten von Amtes wegen
festzusetzen ist. In Berücksichtigung der Bedeutung der Streitsache, deren
rechtlicher und tatsächlicher Schwierigkeit, der objektiven Notwendigkeit
der Eingaben und Beweismittel sowie der Bandbreite der bislang ausge-
richteten Entschädigungen für vergleichbare Fälle ist dem Beschwerdefüh-
rer nach Massgabe des gebührenrechtlichen Stundensatzes (Art. 10
VGKE) und des pflichtgemässen richterlichen Ermessens eine Parteient-
schädigung im Umfang von Fr. 1'200.- (inkl. Auslagen und MwSt) zuzuspre-
chen.
Dispositiv Seite 7
F-429/2018
Seite 7
Demnach verfügt das Bundesverwaltungsgericht:
1.
Das Beschwerdeverfahren wird als gegenstandslos geworden abgeschrie-
ben.
2.
Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.
3.
Dem Beschwerdeführer wird zulasten der Vorinstanz eine Parteientschädi-
gung von Fr. 1'200.- zugesprochen.
4.
Dieser Entscheid geht an:
– den Beschwerdeführer (Einschreiben)
– die Vorinstanz (Akten Ref-Nr. [...] und N [...] zurück)
– das Migrationsamt des Kantons Zürich (ad ZH [...])
Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber:
Susanne Genner Rudolf Grun
Versand: