Decision ID: c393f1d0-6a54-437c-a3a8-04c309330656
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ (nachfolgend: Versicherter) war Geschäftsführer und einziges Mitglied des
Verwaltungsrats der im Sommer 2018 gegründeten B._ AG (kl. act. 2). Gemäss
Arbeitsvertrag vom 2. Juli 2018 betrug das Gehalt Fr. 7'000.-- brutto pro Monat
zuzüglich 13. Monatslohn. Die wöchentliche Arbeitszeit wurde bei einem Pensum von
100 % auf 42.5 Stunden festgelegt (kl. act. 3). Im November 2018 schloss der
Versicherte als einzelzeichnungsberechtigter Verwaltungsrat der B._ AG mit der AXA
Versicherungen AG (nachfolgend: AXA) unter anderem eine kollektive
Krankentaggeldversicherung mit Beginn der Laufzeit ab 1. September 2018 bis 31.
Dezember 2021 für sich und die Mitarbeitenden ab. Gemäss Police Nr. XXXXXXXX
wurde eine jährliche Vorausprämie (mit jährlicher Abrechnung) von Fr. 3'665.--
vereinbart. Beim Versicherten wurde eine Lohnsumme von jährlich Fr. 85'000.--
versichert (Kategorie 2: Personen mit festem Lohn), bei den übrigen Mitarbeitenden der
effektive Lohn (Kategorie 1: Personal mit effektiven Löhnen; kl. act. 4). Mit Wirkung ab
dem 16. Januar 2020 wurde die B._ AG aufgelöst. Das Konkursverfahren wurde mit
Verfügung vom 22. Januar 2020 mangels Aktiven eingestellt und die Gesellschaft am 4.
Mai 2020 aus dem Handelsregister gelöscht (kl. act. 2).
A.a.
Ab dem 9. Dezember 2019 war dem Versicherten zunächst eine 100%-ige
Arbeitsunfähigkeit, ab dem 3. Juni bis zum 31. August 2020 eine Arbeitsunfähigkeit von
80 %, danach bis 31. August 2020 eine Arbeitsunfähigkeit von 50 %, schliesslich bis
15. Oktober 2020 eine solche von 20 % bescheinigt worden. Gestützt darauf hatte der
Versicherte gegenüber der AXA Taggeldansprüche geltend gemacht, welche diese mit
Schreiben vom 14. Mai 2020 und 22. Juni 2020 abgelehnt hatte (kl. act. 17 f.; vgl.
A.b.
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B.
Das gegen diesen Entscheid vom Kläger ergriffene Rechtsmittel der Beschwerde in
Zivilsachen beurteilte das Bundesgericht mit Urteil vom 28. April 2022 (4A_28/2022). Es
hiess die Beschwerde gut, soweit es darauf eintrat, hob den Entscheid des
Versicherungsgerichts vom 6. Dezember 2021 auf und wies die Sache zu neuer
ergänzend lit. A.d und B.d. im Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St.
Gallen [nachfolgend: Versicherungsgericht] vom 6. Dezember 2021, KV-Z 2020/7;
nachfolgend: KV-Z 2020/7).
Am 6. August 2020 gelangte der Versicherte (nachfolgend: Kläger), vertreten durch
Rechtsanwalt Adrian Koller, Bütschwil, klageweise ans Versicherungsgericht und
beantragte von der AXA (nachfolgend: Beklagte) Krankentaggelder für den Zeitraum
der bescheinigten Arbeitsunfähigkeiten in Höhe von Fr. 45'084.60 (eventualiter Fr.
39'784.40; vgl. ergänzend lit. B in KV-Z 2020/7; act. G 1 und 14 im Verfahren KV-Z
2020/7). Die Beklagte, vertreten durch Rechtsanwalt Roy Levy und Rechtsanwältin
Claudia Marti, Anwaltskanzlei Probst Partner AG, Winterthur, bestritt einen Anspruch
auf Krankentaggelder aus verschiedenen Gründen (act. G 8 und 18 im Verfahren KV-Z
2020/7).
A.c.
Mit Entscheid vom 6. Dezember 2021 (KV-Z 2020/7) hiess das
Versicherungsgericht die Klage teilweise gut und verpflichtete die Beklagte, dem Kläger
Krankentaggelder in der Höhe von Fr. 44'991.45 zu bezahlen. Im Weiteren auferlegte es
der Beklagten die Abklärungskosten von Fr. 275.-- und sprach dem Kläger eine
Parteientschädigung von Fr. 9'311.60 (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) zu.
Das Versicherungsgericht gelangte zum Schluss, dass der Versicherungsfall bzw. die
Arbeitsunfähigkeit während der Versicherungsdeckung bei der Beklagten eingetreten,
zwischen den Parteien eine Summenversicherung abgeschlossen worden sei und die
Arbeitsunfähigkeiten des Klägers hinlänglich ausgewiesen seien. Nachdem sich eine
allfällige Meldepflichtverletzung nicht kausal auf den Schaden ausgewirkt hätte,
bedürfe es keiner abschliessenden Klärung der Frage, ob eine solche überhaupt
vorgelegen habe. Eine Kürzung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen infolge
von Meldepflichtverletzungen, wie es die Allgemeinen Vertragsbedingungen (AVB) in lit.
F 2 vorsehen würden, rechtfertigte sich daher nicht (vgl. E. 3 ff. in in KV-Z 2020/7).
A.d.
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Entscheidung an dieses zurück. Das Bundesgericht erwog, das Versicherungsgericht
habe zu Unrecht die von der Beklagten in den vorinstanzlichen Rechtsschriften
angerufene Verletzung der vertraglichen Meldepflicht nach lit. F 2 AVB, aufgrund einer
von dieser behaupteten mehr als drei Monate dauernden, erheblichen Reduktion des
zeitlichen Arbeitsaufwandes des Klägers, nicht geprüft. Die Leistungskürzung oder -
einstellung könne auch dann eintreten, wenn sich die Meldepflichtverletzung nicht
kausal auf den Schaden ausgewirkt habe. Mangels Sachverhaltsfeststellungen sei es
dem Bundesgericht verwehrt, die angerufene Meldepflichtverletzung zu beurteilen. Der
angefochtene Entscheid sei entsprechend aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz
zurückzuweisen. Diese habe zu prüfen, ob der Kläger bzw. seine Arbeitgeberin als
Versicherungsnehmerin die in lit. F 2 AVB aufgeführte Meldepflicht verletzt habe, und
zu entscheiden, was die Rechtsfolgen der Verletzung seien, wenn die von der
Beklagten in ihren vorinstanzlichen Rechtsschriften behauptete Meldepflichtverletzung
erstellt werden könne. Im Übrigen liefen die Rügen der Beklagten ins Leere.

Erwägungen
1.
Nach der Rückweisung des Bundesgerichts bleibt einzig zu prüfen, ob der Kläger bzw.
seine Arbeitgeberin als Versicherungsnehmerin die in lit. F 2 AVB aufgeführte
Meldepflicht, namentlich die Pflicht, der Beklagten eine mehr als drei Monate
dauernde, erhebliche Reduktion des zeitlichen Arbeitsaufwands des Klägers bei der
B._ AG umgehend anzuzeigen, verletzt hat. Diesfalls bestünde kein Anspruch auf
Krankentaggelder, nachdem sich die Beklagte in den AVB das Recht ausbedungen hat,
im Falle einer Verletzung – auch ohne kausale Auswirkung auf den Schaden
(4A_28/2022, E. 5.3) – die Leistungen (kürzen oder) ganz verweigern zu dürfen.
Nach Art. 8 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB; SR 210) hat, wo es das
Gesetz nicht anders bestimmt, derjenige das Vorhandensein einer behaupteten
Tatsache zu beweisen, der aus ihr Rechte ableitet. Demgemäss hat die Partei, die
einen Anspruch geltend macht, die rechtsbegründenden Tatsachen zu beweisen,
während die Beweislast für die rechtsaufhebenden bzw. rechtsvernichtenden oder
rechtshindernden Tatsachen bei der Partei liegt, die den Untergang des Anspruchs
behauptet oder dessen Entstehung oder Durchsetzbarkeit bestreitet (Urteil des
Bundesgerichts vom 18. März 2015, 4A_592/2015, E. 3; BGE 130 V III 323 E. 3.1). Die
Beweislast für das Vorliegen einer Meldepflichtverletzung obliegt damit der Beklagten.
1.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/7
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Der Kläger verneint, dass er sein Pensum von 100 % während der
Geschäftsführertätigkeit bis zum Eintritt des Versicherungsfalls (9. Dezember 2019)
erheblich reduziert habe. Die Beklagte lässt in ihren Rechtsschriften ausführen, dass
der Kläger während der Monate Juni bis August 2019 – mit Ausnahme von zwei
Wochen Ferien – gemäss dem Arbeitskalender keine Tätigkeiten ausgeführt und seit
September 2019 nur noch rund 30 % gearbeitet habe. Weil er diese Pensumsreduktion
trotz Anzeigepflicht nicht gemeldet habe, bestehe kein Leistungsanspruch.
1.2.
Der von der Beklagten angerufene Kalender 2019 (kl. act. 20) trägt die Überschrift
"Gebiet Arbeit, Aussendienst". Entsprechend sind dort in den Monaten Februar bis
Anfang Juni 2019, danach ab Ende August bis Anfang Dezember 2019 Messen
eingetragen. Es sind keine Anhaltspunkte ersichtlich, Verkaufsbemühungen an diesen
Messen in dieser Zeit in Frage zu stellen, zumal die Standflächen auch zu bezahlen
waren (kl. act. 21 ff.). In der Zwischenzeit (ab 3. Juni bis 27. August 2019) enthält der
Kalender – abgesehen von zwei Wochen Ferien des Klägers – zwar keine Einträge. Dies
lässt sich aber ohne weiteres damit erklären, dass in den Sommermonaten
üblicherweise wenig(er) Messen stattfinden. Gewisse Schwankungen des
Arbeitspensums in dieser Branche (Messevertrieb; vgl. den Handelsregisterauszug [kl.
act. 2]) bzw. ein höherer Arbeitsaufwand während der Hochsaison und ein tieferes
Pensum während der messearmen Monate erscheinen üblich und führen nicht dazu,
dass von einer anzeigepflichtigen Meldung einer erheblichen, und schon gar nicht einer
mehr als drei Monate dauernden, Reduktion des zeitlichen Aufwands auszugehen
wäre. Im Übrigen ist plausibel, dass die Tätigkeit des Klägers als Geschäftsführer nicht
nur aus Messebesuchen und Servicetouren bestanden hat. Aus dem Kalender 2019
lassen sich damit keine Schlüsse ziehen, welche den Standpunkt der Beklagten
hinreichend zu belegen vermöchten. Für diese Beurteilung sprechen weitere Gründe.
Der Kläger bezahlte bis und mit September 2019 Löhne an Angestellte (vgl. den
Kontoauszug; kl. act. 8 S. 54, 56), und die Miete für die Geschäftsräumlichkeiten wurde
bis und mit November 2019 (bei Vorauszahlung im Oktober 2019) entrichtet (kl. act. 8
S. 58). Im Weiteren meldete der Kläger seine Gesellschaft noch am 4. September 2019
für eine Messe im April/Mai 2020 in Luzern an (kl. act. 25). Dies alles deutet darauf hin,
dass das Geschäft bis dahin den üblichen Gang nahm resp. der Kläger im gewohnten
Rahmen seiner Arbeitstätigkeit nachging. Es ist zwar nicht in Abrede zu stellen, dass
die Gesellschaft zu keiner Zeit rentabel war. Das zeigt auch der Kontoauszug über den
gesamten Zeitraum der Existenz der B._ AG (kl. act. 8). Immer wieder musste Geld
vom Kläger und später von der C._ eingeschossen werden (vgl. kl. act. 8 S. 48, 50),
damit die laufenden Verbindlichkeiten gedeckt werden konnten. Allein dieser Umstand
belegt indes keine erhebliche und mehr als drei Monate dauernde Reduktion des
1.3.
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2.
Gestützt auf das Gesagte und im Übrigen in Beachtung des Entscheids des
Versicherungsgerichts vom 6. Dezember 2021 (KV-Z 2020/7) sowie des Urteils des
Bundesgerichts vom 28. April 2022 (4A_28/2022) ist die Beklagte damit zu verpflichten,
dem Kläger Krankentaggelder in Höhe von Fr. 44'991.45 zu bezahlen. In diesem
Umfang ist die Klage gutzuheissen. Bezüglich der Gerichtskosten, der
Abklärungskosten von Fr. 275.-- und der Parteientschädigung in Höhe von Fr. 9'311.60
kann vollumfänglich auf die Ausführungen in KV-Z 2020/7, E. 7, verwiesen werden.