Decision ID: df0d2c3a-fc9f-46d9-bf5f-378dc18fc125
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend qualifizierte Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Bülach, II. Abteilung, vom 11. Oktober 2011 (DG110051)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 24. August
2011 ist diesem Urteil beigeheftet (Urk. 28).
Urteil der Vorinstanz:
1. Der Beschuldigte ist schuldig der qualifizierten Widerhandlung gegen das
Bundesgesetz über die Betäubungsmittel im Sinne von Art. 19 Ziff. 1 Abs 3
aBetmG in Verbindung mit Art. 19 Ziff. 2 lit. a aBetmG.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit 28 Monaten Freiheitsstrafe, wovon 210
Tage durch Polizeiverhaft, Untersuchungshaft und vorzeitigen Strafantritt bis
und mit heute erstanden sind.
3. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 30. Mai
2011 beschlagnahmte Barschaft von Fr. 249.50 wird eingezogen.
4. Die mit Verfügung der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland vom 30. Mai
2011 beschlagnahmten und bei der Kantonspolizei Zürich unter der Lager-
nummer ... sichergestellten Betäubungsmittel werden eingezogen und der
Kantonspolizei Zürich, ..., zur Vernichtung überlassen.
5. Die Gerichtsgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 2'500.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 1'800.– Gebühr der Strafuntersuchung
Fr. 600.– Auslagen Vorverfahren
Fr. 400.– Kosten der Kantonspolizei
Fr. amtliche Verteidigung (ausstehend)
Fr. Dolmetscherkosten (ausstehend)
Fr.
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Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
6. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem
Beschuldigten auferlegt. Davon ausgenommen sind die Kosten der amtli-
chen Verteidigung, welche einstweilen und unter Vorbehalt von Art. 135
Abs. 4 StPO von der Gerichtskasse übernommen werden.
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 61 S. 1):
1. Der Beschuldigte sei mit 22 Monaten Freiheitsstrafe zu bestrafen, unter
Anrechnung der bereits seit 16. März 2011 erstandenen Haft.
2. Es sei der teilbedingte Strafvollzug zu gewähren, während 11 Monate
zu vollziehen sind und die weiteren 11 Monate unter Ansetzung einer
Probezeit von 2 Jahren aufzuschieben sind.
3. Die Kosten des Verfahrens sowie der amtlichen Verteidigung seien im
Sinne von Art. 428 Abs. 1 StPO auf die Staatskasse zu nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland (Urk. 57):
(schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
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Das Gericht erwägt:
I.
1. Gegen das eingangs im Dispositiv wiedergegebene Urteil des Bezirksge-
richtes Bülach, II. Abteilung, vom 11. Oktober 2011 meldete der Beschuldigte mit
Eingabe vom 13. Oktober 2011 rechtzeitig die Berufung an (Urk. 43). Nach Erhalt
des begründeten Urteils reichte er fristgerecht seine Berufungserklärung im Sinne
von Art. 399 Abs. 3 StPO ein (Urk. 54). Die Staatsanwaltschaft beantragte mit
Schreiben vom 30. Januar 2012, das vorinstanzliche Urteil sei zu bestätigen (Urk.
57). Beweisanträge wurden keine gestellt.
2. Gemäss Art. 402 i.V. mit Art. 437 StPO wird die Rechtskraft des ange-
fochtenen Urteils im Umfang der Anfechtung gehemmt. Nachdem die Urteilsdis-
positivziffern 1 (Schuldspruch), 3 und 4 (Einziehungen) sowie 5 und 6 (Kostendis-
positiv) nicht angefochten worden sind und diesbezüglich keine Anschlussberu-
fungen erhoben wurden, ist mittels Beschluss festzustellen, dass das vorinstanzli-
che Urteil in diesem Umfang in Rechtskraft erwachsen ist.
3. Anlässlich der heutigen Berufungsverhandlung liessen die Parteien die
eingangs erwähnten Anträge stellen.
II.
1. Die Vorinstanz hat den Strafrahmen korrekt abgesteckt und die gesetzli-
chen Zumessungsregeln wie auch die hier massgeblichen belastenden und ent-
lastenden Faktoren, namentlich die in Frage kommenden Strafschärfungs-,
-erhöhungs-, -milderungs- und -minderungsgründe zutreffend dargelegt.
Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, kann vorab auf alle diese Er-
wägungen im angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO;
Urk. 51 S. 5 ff.).
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2. Ausgangspunkt bei der Bemessung des Verschuldens ist die objektive
Tatschwere, d.h. der schuldhaft verursachte Erfolg und die Art und Weise der
Tatbegehung. Ebenso massgeblich ist die subjektive Tatschwere, die sich aus der
Intensität des deliktischen Willens sowie den Beweggründen für die Tat ergibt. Mit
zu berücksichtigen sind schliesslich das Vorleben und die persönlichen Verhält-
nisse des Täters sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Täters (Art. 47
StGB).
Der Drogenmenge und der daraus resultierenden Gefährdung darf damit bei
der Bemessung der Strafe keine vorrangige Rolle zukommen (vgl. etwa BGE 118
IV 342 ff.; 121 IV 206). Es wäre verfehlt, im Sinne eines "Tarifs" überwiegend oder
gar allein auf dieses Kriterium abzustellen. Falsch wäre aber auch die Annahme,
diesem Strafzumessungselement komme eine völlig untergeordnete oder gar kei-
ne Bedeutung zu. Es ist nicht nebensächlich, ob jemand mit zwanzig oder zwei-
hundert Gramm einer gefährlichen Droge handelt.
Zu beachten ist sodann, dass gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung
Präventionszwecke bei der Strafzumessung bis zum Ausgleich des verschuldeten
Unrechts berücksichtigt werden dürfen (BGE 118 IV 342).
3. Was nun den Beschuldigten betrifft, so wiegt das Tatverschulden in objek-
tiver Hinsicht im Rahmen des schweren Falles im Sinne von Art. 19 Ziff. 2 BetmG
nicht unerheblich. Er führte insgesamt 625,4 Gramm Kokain mit dem hohen Rein-
heitsgehalt von 75 % bzw. 73 %, somit insgesamt 465,2 Gramm reines Kokain-
hydrochlorid in die Schweiz ein. Mit dieser Betäubungsmittelmenge, welche bei
weitem über dem kritischen Grenzwert für die Begründung des schweren Falles
liegt - bei Kokain sind es 18 Gramm (BGE 109 IV 143 ff.) - schuf der Beschuldigte
ein grosses Gefährdungspotential für die Gesundheit vieler Menschen. Der Be-
schuldigte ging nach eigenen Angaben selber davon aus, ca. 600 Gramm zu
transportieren (Urk. 2/1 S. 3). Über die Art der Droge wusste der Beschuldigte an-
geblich nicht Bescheid. Nach der Verhaftung sagte er, er glaube, es handle sich
um Kokain (Urk. 2/1 S. 3). In der Hafteinvernahme führte er aus, er sei davon
ausgegangen, dass es sich entweder um Heroin, Kokain oder um Amphetamine
handle (Urk. 2/2 S. 8). Damit nahm er jedenfalls in Kauf, eine grössere Menge ei-
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ner sehr gefährlichen Droge zu transportieren. Allerdings kann dem Beschuldigten
nicht nachgewiesen werden, dass er den genauen Reinheitsgehalt des Kokains
gekannt hat. Ferner hat der Beschuldigte anerkannt, dass er aus finanziellem In-
teresse handelte. Er habe mit dem Geld seine Wohnung renovieren wollen, um
für seinen 12-jährigen Sohn bei der Ausübung des Besuchsrechts normale
Wohnbedingungen zu schaffen (Urk. 2/3 S. 25). Für den Drogentransport seien
ihm 20 bis 30 Euro pro Fingerling in Aussicht gestellt worden. Er habe sich des-
halb ca. 1'000 bis 1'500 Euro erhofft (Urk. 2/1 S. 3). Dabei fällt negativ in Betracht,
dass der Beschuldigte mit Pneuhandel monatlich ca. 500 bis 600 Euro verdiente
(Urk. 2/4 S. 6 f.). Dieses Einkommen erscheint zwar relativ bescheiden und liegt
nach Angaben des Beschuldigten im Berufungsverfahren weit unter dem ... [aus
Staat B._] Durchschnittslohn (vgl. Urk. 60 S. 3). Immerhin aber befand sich
der Beschuldigte nicht in einer eigentlichen Notlage. Das Verschulden des Be-
schuldigten, der selber noch nie Drogen konsumiert hat (Urk. 2/2 S. 9), ist deshalb
auch in subjektiver Hinsicht als nicht unerheblich zu qualifizieren.
Der vom Beschuldigten vorgenommenen Tathandlung selbst kommt inner-
halb einer Drogenorganisation zwar nicht eine besonders herausragende Bedeu-
tung zu, anderseits ist ein Drogentransport als notwendige Aufgabe innerhalb ei-
ner Drogenorganisation auch keineswegs zu bagatellisieren. Angeblich hat sich
der Beschuldigte erst in C._ [Stadt ausserhalb Europas] dazu entschlossen,
Drogen selber zu transportieren. Zunächst sei lediglich vorgesehen gewesen,
dass er den zweiten Drogenkurier, D._, als Hilfsperson begleite (Prot. I S. 6).
Diese Darstellung wirkt wenig glaubhaft, zumal der Beschuldigte nach eigenen
Angaben bereits einige Wochen zuvor von E._ [Stadt in Europa] über
F._ [Stadt in der Schweiz] nach C._ reiste, um von dort aus Drogen zu
transportieren. Dazu sei es dann allerdings nicht gekommen, weil mit der Liefe-
rung etwas nicht geklappt habe (Urk. 2/2 S. 7; 2/3 S. 4 ff.). Wesentlich ist jeden-
falls, dass nicht davon auszugehen ist, dass der Beschuldigte gezwungen wurde,
ebenfalls Drogen zu transportieren. Anlässlich der Berufungsverhandlung machte
der Beschuldigte zwar geltend, dass er zum Drogentransport gezwungen worden
sei (Urk. 60 S.5 f.). Diese neue Argumentation steht aber im Widerspruch zu sei-
nen früheren Aussagen, wonach er dazu nur motiviert bzw. überredet worden sei
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(Urk. 2/2 S. 8; 2/3 S. 19). Es ist deshalb unglaubhaft, dass der Beschuldigte keine
Entscheidungsfreiheit mehr gehabt haben soll, auch wenn ihm nicht widerlegt
werden kann, dass er unter einem gewissen Druck gestanden haben mag. Der
Umstand, dass der Beschuldigte 56 mit Kokain gefüllte Fingerlinge schluckte und
sich damit selber einer erheblichen Gefährdung für sein Leben aussetzte, wirkt
sich leicht strafreduzierend aus.
Der Beschuldigte weist in B._ zahlreiche Vorstrafen auf. Ausländische
Vorstrafen dürfen bei der Strafzumessung mitberücksichtigt werden (Basler
Kommentar, Strafrecht I, 2. Aufl., N 102 zu Art. 47 StGB). Insgesamt enthält der
... [aus dem Staat B._] Strafregisterauszug 19 Einträge, die den Zeitraum
von 1987 bis 2009 erfassen (Urk. 8/2 und 8/3). Lange zurückliegende Vorstrafen
sind, in analoger Anwendung von Art. 369 Abs. 7 StGB, nicht mehr zu berücksich-
tigen. Wann der Beschuldigte die Delikte begangen hat, ergibt sich nicht aus dem
Strafregisterauszug. Dieser ist somit interpretationsbedürftig. Eine Tatsache ist
jedenfalls, dass der Beschuldigte ab dem Jahre 2000 11 Eintragungen erwirkt hat,
und der Beschuldigte hat selbst angegeben, dass er in den letzten zehn Jahren
siebeneinhalb Jahre im Gefängnis verbracht habe (Urk. 37 S. 2; Urk. 60 S. 4), un-
ter anderem offenbar wegen Einbruchdiebstählen, Urkundenfälschung, Raufhan-
del und Strassenverkehrsdelikten (Urk. 8/3 in Verbindung mit Urk. 37 S. 2 f.; bei
der letzten Eintragung aus dem Jahre 2009 handelt es sich um ein Gesamturteil,
das sich auf die früheren Verurteilungen bezieht (vgl. Urk. 60 S. 4). Diese Vorstra-
fen, auch wenn sie nicht einschlägiger Natur sind, und der Umstand, dass der Be-
schuldigte insgesamt mehrjährige Freiheitsstrafen verbüsste, wirken sich deutlich
straferhöhend aus.
Der Beschuldigte war von Anfang an geständig, was sich angesichts der
zum vornherein klaren Beweislage nur ganz marginal strafmindernd auswirkt.
Hinsichtlich der persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten ist auf die zu-
treffenden vorinstanzlichen Erwägungen zu verweisen (Urk. 51 S. 14), welche
vom Beschuldigten anlässlich der Berufungsverhandlung im Wesentlichen bestä-
tigt wurden (Urk. 60 S. 1 ff.)
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Der Umstand, dass der Beschuldigte Vater eines 12-jährigen Sohnes ist,
führt nicht zu einer erhöhten Strafempfindlichkeit. Die Vorinstanz hat sich hiezu
zutreffend geäussert (Urk. 51 S. 14 f.). Darauf kann verwiesen werden.
4. Eine Gesamtwürdigung der wesentlichen Strafzumessungsgründe, auch
unter Berücksichtigung der Generalprävention, soweit dies zulässig ist (BGE 118
IV 342) und ein Vergleich mit ähnlich gelagerten Fällen, welche die Kammer in
den vergangenen Jahren zu beurteilen hatte, führt zum Schluss, dass die von der
Vorinstanz ausgefällte Freiheitsstrafe von 28 Monaten angemessen und deshalb
zu bestätigen ist.
Der Anrechnung von 356 Tagen Haft (Untersuchungshaft und vorzeitiger
Strafvollzug) steht nichts entgegen.
III.
Da die Dauer der heute ausgefällten Strafe mehr als 24 Monate beträgt, ist
die Gewährung des bedingten Vollzugs bereits aus objektiven Gründen ausge-
schlossen (Art. 42 Abs. 1 StGB). In Betracht zu ziehen ist hingegen die Gewäh-
rung eines teilweisen Strafaufschubs auf Bewährung (Art. 43 Abs. 1 StGB).
Grundvoraussetzung für die teilbedingte Strafe im Sinne von Art. 43 StGB ist,
dass eine begründete Aussicht auf Bewährung besteht. Bei der Prognosestellung,
d.h. bei der Einschätzung des Rückfallrisikos, ist ein Gesamtbild der Täterpersön-
lichkeit unerlässlich. In erster Linie ist strafrechtliche Vorbelastung von Relevanz,
namentlich wenn der Täter sogenannte einschlägige Vorstrafen aufweist (BGE
134 IV 1, Erw. 5.3.1; Schwarzenegger, Hug, Jositsch, Strafrecht II, 8. Aufl., S. 130
ff.). Es ist aber zu beachten, dass der Täter durch den (teil)bedingten Strafvollzug
von Verbrechen und Vergehen schlechthin abgehalten wird und nicht nur von
Strafhandlungen von der Art, die zur Beurteilung steht (Basler Kommentar, a.a.O.,
N 41 zu Art. 42 StGB). Ausländische Urteile sind inländischen im Übrigen gleich-
gestellt (Trechsel et. al, Schweizerisches Strafgesetzbuch, N 17 zu Art. 42 StGB).
Angesichts der zahlreichen Vorstrafen und des Umstandes, dass der Be-
schuldigte seit dem Jahre 2000 während siebeneinhalb Jahren im Gefängnis war,
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kann offensichtlich nicht davon ausgegangen werden, dass sich der Beschuldigte
künftig wohlverhalte. Es muss vielmehr von einer klaren Schlechtprognose aus-
gegangen werden, weshalb die Freiheitsstrafe zu vollziehen ist.
IV.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschuldigten die Kosten
des Berufungsverfahrens aufzuerlegen. Die Kosten der amtlichen Verteidigung
sind, unter Vorbehalt von Art. 135 Abs. 4 StPO, auf die Gerichtskasse zu nehmen.