Decision ID: 69b1c76c-12d8-4007-bd7c-7ed910b19b26
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer stellte am 4. April 2022 in der Schweiz ein Asylge-
such. Dabei gab er an, am (...) geboren und damit noch minderjährig zu
sein. Ein Abgleich mit der europäischen Fingerabdruck-Datenbank Euro-
dac ergab, dass er am 6. Oktober 2021 in Bulgarien um Asyl nachgesucht
hatte.
B.
Am 14. April 2022 führte das SEM eine Erstbefragung für unbegleitete min-
derjährige Asylsuchende (EB UMA) durch. Dabei wurden dem Beschwer-
deführer unter anderem Fragen zu seinen persönlichen Verhältnissen, zu
Identitätsdokumenten, zum Reiseweg sowie zum medizinischen Sachver-
halt gestellt.
C.
Das Institut für Rechtsmedizin (...) erstellte am 10. Mai 2022 ein Gutachten
zur Alterseinschätzung, welches auf drei Säulen – körperliche Untersu-
chung, radiologische Untersuchung (Röntgen Hand/Computertomographie
[CT] mediale Anteile der Schlüsselbeine), zahnärztliche Beurteilung – be-
ruht. Dieses kam zum Schluss, dass das Mindestalter des Beschwerdefüh-
rers bei (...) Jahren liege und von einem durchschnittlichen Alter von (...)
bis (...) Jahren auszugehen sei. Das von ihm angegebene Geburtsdatum
könne gemäss der aktuellen wissenschaftlichen Studienlage nicht zutref-
fen.
D.
Mit Schreiben vom 16. Mai 2022 gewährte das SEM dem Beschwerdefüh-
rer das rechtliche Gehör zur Altersabklärung. Zudem wurde ihm das recht-
liche Gehör zur wahrscheinlichen Zuständigkeit Bulgariens für die Durch-
führung seines Asylverfahrens gewährt.
E.
Mit Eingabe seiner zugewiesenen Rechtsvertretung vom 20. Mai 2022
nahm er Stellung zum Altersgutachten und zu einer Überstellung nach Bul-
garien.
F.
F.a Das SEM ersuchte die bulgarischen Behörden mit Schreiben vom
23. Mai 2022 gestützt auf Art. 18 Abs. 1 Bst. b der Verordnung (EU)
Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni
D-3443/2022
Seite 3
2013 zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mit-
gliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen
oder Staatenlosen in einem Mitgliedstaat gestellten Antrags auf internatio-
nalen Schutz zuständig ist (nachfolgend: Dublin-III-VO) um Wiederauf-
nahme des Beschwerdeführers. Die Anfrage blieb unbeantwortet.
F.b Am 8. Juni 2022 teilte das SEM den bulgarischen Behörden mit, dass
es diese aufgrund der Verfristung seit dem 7. Juni 2022 als für die Prüfung
des Asylgesuchs zuständig erachte.
G.
Mit Eingabe vom 14. Juni 2022 reichte die Rechtsvertretung einen rechts-
wissenschaftlichen Artikel betreffend radiologische Altersgutachten zu den
Akten und beantragte Eintreten auf das Asylgesuch und Durchführung des
nationalen Verfahrens.
H.
Das SEM nahm ärztliche Kurzberichte vom 16. und 22. Juni 2022 sowie
vom 1. Juli 2022 zu den Akten. Gemäss Bericht vom 16. Juni 2022 war der
Beschwerdeführer (...) in zahnärztlicher Behandlung, weswegen (...) wur-
den. Gemäss Bericht vom 22. Juni 2022 war er erneut in zahnärztlicher
Behandlung, wobei (...) wurden. Aus dem Bericht vom 1. Juli 2022 geht
eine geplante (...) hervor.
I.
Mit Eingabe vom 27. Juli 2022 reichte die Rechtsvertretung eine Impfkarte
des Beschwerdeführers (eine Seite) in Kopie zu den Akten. Zudem machte
sie eine Verletzung des rechtlichen Gehörs geltend, da das Alter des Be-
schwerdeführers gemäss DDAR-Formular bereits am 17. Mai 2022 und
damit vor dem Eingang der Stellungnahme zum rechtlichen Gehör betref-
fend Anpassung des Geburtsdatums auf den 1. Januar 2003 angepasst
worden sei, und beantragte die Anpassung dessen Geburtsdatums auf den
(...), eventualiter den (...).
J.
Mit am Verfügung vom 29. Juli 2022 – eröffnet am 3. August 2022 – trat
das SEM in Anwendung von Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf
das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht ein, verfügte die Wegwei-
sung nach Bulgarien und forderte ihn auf, die Schweiz am Tag nach Ablauf
der Beschwerdefrist zu verlassen. Zudem wurde der zuständige Kanton mit
D-3443/2022
Seite 4
dem Vollzug der Wegweisung beauftragt, die editionspflichtigen Akten aus-
gehändigt und festgehalten, eine allfällige Beschwerde habe keine auf-
schiebende Wirkung. Schliesslich stellte das SEM fest, das Geburtsdatum
des Beschwerdeführers im Zentralen Migrationsinformationssystem
(ZEMIS) laute auf den (...) (Dispositivziffer 6).
K.
Mit Eingabe vom 10. August 2022 an das Bundesverwaltungsgericht be-
antragte der Beschwerdeführer, die Verfügung vom 29. Juli 2022 sei auf-
zuheben und das SEM anzuweisen, auf das Asylgesuch einzutreten und
ein materielles Asylverfahren durchzuführen. Das SEM sei zudem anzu-
weisen, sein Geburtsdatum im ZEMIS auf den (...), eventualiter auf den
(...) anzupassen. Subeventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die
Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Subsube-
ventualiter sei die Verfügung aufzuheben und die Sache sei zur Einholung
individueller Zusicherungen der bulgarischen Behörden bezüglich des Zu-
gangs zum Asylverfahren sowie angemessener Unterbringung, Ernährung,
Zugang zur medizinischen Grundversorgung und zu einem fairen und dis-
kriminierungsfreien Asylverfahren an die Vorinstanz zurückzuweisen. In
prozessualer Hinsicht beantragte er, es sei der Beschwerde die aufschie-
bende Wirkung zu erteilen, im Sinne einer superprovisorischen Mass-
nahme der Beschwerde seien die Vollzugsbehörden anzuweisen, von ei-
ner Überstellung nach Bulgarien abzusehen. Ferner wurde die Gewährung
der unentgeltlichen Prozessführung inklusive Verzicht auf die Erhebung ei-
nes Kostenvorschusses beantragt.
Auf die Begründung der Rechtsbegehren und die der Beschwerde als Be-
weismittel beigelegten Unterlagen wird – soweit für den Entscheid wesent-
lich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
L.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
11. August 2022 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 3 AsylG).
Gleichentags setzte der Instruktionsrichter mit superprovisorischer Mass-
nahme den Vollzug der Wegweisung einstweilen aus.
D-3443/2022
Seite 5

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 105 AsylG in Verbindung mit Art. 31 VGG ist das Bundes-
verwaltungsgericht zur Beurteilung von Beschwerden auf dem Gebiet des
Asyls zuständig und entscheidet über diese in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (vgl. Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Der Beschwerdeführer ist
als Verfügungsadressat zur Beschwerdeführung legitimiert (Art. 48 Abs. 1
VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist einzu-
treten (Art. 108 Abs. 3 AsylG und Art. 52 Abs. 1 VwVG).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
2.
Die vorliegende Beschwerde richtet sich sowohl gegen den Nichteintreten-
sentscheid betreffend das Asylgesuch als auch gegen die Änderung des
Geburtsdatums des Beschwerdeführers im ZEMIS.
3.
3.1 Im Asylbereich kann mit Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht
(einschliesslich Missbrauch und Überschreiten des Ermessens) sowie die
unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sach-
verhalts gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).
3.2 Bei Beschwerden gegen Nichteintretensentscheide, mit denen es das
SEM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen
(Art. 31a Abs. 1–3 AsylG), ist die Beurteilungskompetenz der Beschwerde-
instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt, ob die Vorinstanz zu Recht
auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE 2017 VI/5 E. 3.1 und
2012/4 E. 2.2, je m.w.H.).
3.3 Hinsichtlich der ZEMIS-Berichtigung entscheidet das Bundesverwal-
tungsgericht grundsätzlich mit uneingeschränkter Kognition. Es überprüft
die angefochtene Verfügung auf Rechtsverletzungen – einschliesslich un-
richtiger oder unvollständiger Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts und Rechtsfehler bei der Ermessensausübung – sowie auf Angemes-
senheit hin (Art. 49 VwVG).
3.4 Da sich die Beschwerdevorbringen sowohl hinsichtlich der Durchfüh-
rung des Asylverfahrens in der Schweiz als auch betreffend die Anfechtung
der ZEMIS-Berichtigung als zum Vornherein unbegründet erweisen, wird
D-3443/2022
Seite 6
vorliegend auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet
(Art. 57 Abs. 1 VwVG und Art. 111a Abs. 1 AsylG).
4.
4.1 Vorab ist zu prüfen, ob das Geburtsdatum des Beschwerdeführers im
ZEMIS zu berichtigen ist.
4.2 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung aus, bereits das
rechtsmedizinische Altersgutachten stelle ein starkes Indiz für die Volljäh-
rigkeit des Beschwerdeführers dar. Zudem sei er anlässlich der EB UMA
nicht in der Lage gewesen, sein Geburtsdatum gemäss seinem heimatli-
chen Kalender zu nennen. Er habe in der Schweiz insgesamt drei unter-
schiedliche Angaben zum Geburtsdatum gemacht und es sei ihm nicht ge-
lungen, dafür eine plausible und substanziierte Erklärung zu geben. Auch
seine Aussagen betreffend das in Bulgarien erfasste Geburtsdatum seien
vage ausgefallen. Seine zahlreichen Angaben gemäss dem gregoriani-
schen Kalender erstaunten, insbesondere vor dem Hintergrund seines
Schulbesuchs von nur drei Jahren und seiner Aussage, gar nicht lesen zu
können. Nicht zuletzt aufgrund seines Erscheinungsbildes bestünden
ebenfalls Zweifel an dem von ihm geltend gemachten Alter. Sein Aussage-
verhalten sei somit nicht geeignet, die Resultate aus dem Altersgutachten
umzustossen. Da es sich bei der in Kopie eingereichten Tazkira und der
Impfkarte nicht um rechtsgenügliche Dokumente handle, vermöge er das
angegebene Alter nicht mit einem geeigneten Identitätsdokument zu bele-
gen. Abgesehen davon sei aufgrund seiner diesbezüglichen Aussagen an
der Echtheit der besagten Dokumente zu zweifeln. Zusammenfassend ver-
möchten die vagen, substanzarmen, unplausiblen und teilweise wider-
sprüchlichen Angaben des Beschwerdeführers anlässlich der EB UMA
dem Anspruch einer logisch nachvollziehbaren, konsistenten und wider-
spruchsfreien Begründung des Alters nicht gerecht zu werden. Er habe
seine angebliche Minderjährigkeit trotz einiger korrekter Angaben, wie etwa
des Altersunterschieds zu seinen Brüdern B._ und C._,
nicht glaubhaft zu begründen vermocht. Deshalb sei er als volljährige Per-
son zu behandeln.
4.3 In der Beschwerdeeingabe wird geltend gemacht, der Beschwerdefüh-
rer habe das angegebene Geburtsdatum (...) respektive Geburtsjahr (...)
nachgewiesen. Dieses sei wahrscheinlicher als das Geburtsdatum (...).
Das vorliegende Altersgutachten erfülle die Anforderungen an die Wissen-
schaftlichkeit eines Gutachtens nicht. Selbst wenn das SEM diesbezüglich
anderer Meinung sei und sich auf das Altersgutachten abstützte, liege das
D-3443/2022
Seite 7
vom Beschwerdeführer angegebene Alter innerhalb der Standard-Abwei-
chung von zweieinhalb bis drei Jahren, weshalb das Mindestalter von (...)
Jahren des Altersgutachtens kein Indiz für die Volljährigkeit des Beschwer-
deführers darstelle und ihm auch nicht als Widerspruch zum angegebenen
Alter entgegengehalten werden könne.
5.
5.1 Die Vorinstanz führt zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben das
ZEMIS, welches der Bearbeitung von Personendaten aus dem Ausländer-
und dem Asylbereich dient (Art. 1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 des Bundesgesetzes
über das Informationssystem für den Ausländer- und den Asylbereich
[BGIAA, SR 142.51]) und in der Verordnung über das Zentrale Migrati-
onsinformationssystem (ZEMIS-Verordnung, SR 142.513) näher geregelt
ist. Nach Art. 19 Abs. 1 ZEMIS-Verordnung richten sich die Rechte der Be-
troffenen, insbesondere deren Auskunfts-, Berichtigungs- und Löschungs-
recht sowie das Recht auf Informationen über die Beschaffung besonders
schützenswerter Personendaten, nach dem Bundesgesetz über den Da-
tenschutz (DSG, SR 235.1) und dem VwVG.
5.2 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu ver-
gewissern (Art. 5 Abs. 1 DSG). Werden Personendaten von Bundesorga-
nen bearbeitet, kann jede betroffene Person insbesondere verlangen, dass
unrichtige Personendaten berichtigt werden (Art. 5 Abs. 2 i.V.m. Art. 25
Abs. 3 Bst. a DSG). Ist die Unrichtigkeit erstellt, besteht ein uneinge-
schränkter Anspruch auf Berichtigung (vgl. statt vieler Urteil des BVGer
A-7615/2016 vom 30. Januar 2018 E. 3.2, m.w.H.).
5.3 Grundsätzlich hat die das Berichtigungsbegehren stellende Person die
Richtigkeit der von ihr verlangten Änderung, die Bundesbehörde im Be-
streitungsfall dagegen die Richtigkeit der von ihr bearbeiteten Personen-
daten zu beweisen (vgl. BVGE 2013/30 E. 4.1). Nach den massgeblichen
Beweisregeln des VwVG gilt eine Tatsache als bewiesen, wenn sie in Wür-
digung sämtlicher Erkenntnisse so wahrscheinlich ist, dass keine vernünf-
tigen Zweifel bleiben; unumstössliche Gewissheit ist dagegen nicht erfor-
derlich.
5.4 Kann bei einer verlangten oder von Amtes wegen beabsichtigten Be-
richtigung weder die Richtigkeit der bisherigen Personendaten noch dieje-
nige der neuen Personendaten bewiesen werden, dürfen grundsätzlich we-
der die einen noch die anderen Daten bearbeitet werden (vgl. Art. 5 Abs. 1
D-3443/2022
Seite 8
DSG). Dies ist jedoch nicht immer möglich, müssen doch bestimmte Per-
sonendaten zur Erfüllung wichtiger öffentlicher Aufgaben notwendiger-
weise bearbeitet werden. Das gilt namentlich auch für im ZEMIS erfasste
Daten. In solchen Fällen überwiegt das öffentliche Interesse an der Bear-
beitung möglicherweise unzutreffender Daten das Interesse an deren Rich-
tigkeit. Unter diesen Umständen sieht Art. 25 Abs. 2 DSG deshalb die An-
bringung eines Vermerks vor, in dem darauf hingewiesen wird, dass die
Richtigkeit der bearbeiteten Personendaten bestritten und/oder nicht gesi-
chert ist. Spricht dabei mehr für die Richtigkeit der neuen Daten, sind die
bisherigen Angaben zunächst zu berichtigen und die neuen Daten an-
schliessend mit einem derartigen Vermerk zu versehen. Ob die vormals
eingetragenen Angaben (als Neben- beziehungsweise Aliasidentität) wei-
terhin abrufbar bleiben sollen oder ganz zu löschen sind, bleibt grundsätz-
lich der Vorinstanz überlassen. Verhält es sich umgekehrt, erscheint also
die Richtigkeit der bisher eingetragenen Daten als wahrscheinlicher oder
zumindest nicht als unwahrscheinlicher, sind diese zu belassen und mit
einem Bestreitungsvermerk zu versehen. Über die Anbringung eines ent-
sprechenden Vermerks ist jeweils von Amtes wegen und unabhängig da-
von zu entscheiden, ob ein entsprechender Antrag gestellt worden ist (vgl.
zum Ganzen Urteil des BVGer A-7588/2015 vom 26. Februar 2016 E. 3.4
m.w.H.).
5.5 Es obliegt somit zunächst grundsätzlich der Vorinstanz zu beweisen,
dass der aktuelle ZEMIS-Eintrag des Geburtsdatums des Beschwerdefüh-
rers (...) korrekt beziehungsweise zumindest wahrscheinlich ist. Der Be-
schwerdeführer wiederum hat nachzuweisen, dass das von ihm geltend
gemachte Geburtsdatum (...) beziehungsweise (...) richtig beziehungs-
weise zumindest wahrscheinlicher ist als die derzeit im ZEMIS erfasste An-
gabe. Gelingt keiner Partei der sichere Nachweis des Geburtsdatums, ist
dasjenige Geburtsdatum im ZEMIS zu belassen oder einzutragen, dessen
Richtigkeit wahrscheinlicher erscheint (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 3.5).
5.6 Ergänzend gilt es darauf hinzuweisen, dass im Asylverfahren das Ge-
burtsdatum von der asylsuchenden Person zumindest glaubhaft zu ma-
chen ist. Glaubhaft ist die Minderjährigkeit dann, wenn für deren Vorhan-
densein gewisse Elemente sprechen, selbst wenn das Gericht noch mit der
Möglichkeit rechnet, dass die gesuchstellende Person bereits volljährig ist
(vgl. BGE 140 III 610 E. 4.1). In einer Gesamtwürdigung müssen die
Gründe, welche für die Minderjährigkeit sprechen, überwiegen (vgl. BVGE
2010/57 E. 2.3). Gelingt es dem Beschwerdeführer nicht, seine Minderjäh-
rigkeit zumindest glaubhaft zu machen, respektive bleiben entsprechende
D-3443/2022
Seite 9
Behauptungen unsubstanziiert, so ist von der Beweislosigkeit und mithin
von einer Volljährigkeit auszugehen (vgl. Urteil des BVGer D-966/2022 vom
11. März 2022 E. 3.6 m.H.).
6.
6.1 Dem Gutachten zur Altersschätzung vom 10. Juni 2022 lässt sich ent-
nehmen, dass die zahnärztliche Beurteilung ein Durchschnittsalter von (...)
bis (...) Jahren ergab. Bei einer männlichen europäischen Population
liesse dies auf ein Mindestalter von (...) Jahren schliessen. Demgegenüber
ergab ein CT der medialen Anteile der Schlüsselbeine gemäss Kellinghaus
et al. (2010) und Schmeling et al. (2014) ein Stadium 3c rechtsseitig/3b
linksseitig, wobei gemäss Rudolf (2018) für die Begutachtung die weiter
entwickelte Seite beizuziehen ist, was gemäss Wittschieber et al. (2014)
einem durchschnittlichen Alter von (...) bis (...) Jahren sowie einem Min-
destalter von 19 Jahren entspricht (vgl. SEM-Akte ...-19/7).
Zum Altersgutachten wird in der Beschwerde zunächst angemerkt, dass
sich dieses auf das rechtsseitige Stadium 3c stütze, gemäss dem linkseiti-
gen Stadium 3b aber nach Wittschieber ein Mindestalter von (...) Jahren
vorliege. Dazu wird auf Tabelle 1 der Beschwerdebeilage 3 (Studienlage
zum zeitlichen Verlauf der Schlüsselbeinossifikation, in: Zeitschrift für
Rechtsmedizin, 2014, Nr. 6, S. 471) verwiesen. Daraus vermag der Be-
schwerdeführer indessen nichts zu seinen Gunsten abzuleiten. Für die Be-
gutachtung ist – wie soeben ausgeführt – die weiter entwickelte Seite bei-
zuziehen. Zudem hat die besagte Tabelle nicht das Mindestalter, sondern
die Spannbreiten zum chronologischen Alter zum Gegenstand. Danach be-
trägt diese gemäss Wittschieber beim Stadium 3b für das männliche Ge-
schlecht 17,6 bis 36,5 Jahre.
Dasselbe gilt bezüglich des Einwandes des Beschwerdeführers, die Ab-
weichung des von ihm angegebenen Alters vom Mindestalter (...) Jahre
liege innerhalb des Normalbereichs gemäss Rechtsprechung, weshalb die-
ses vorliegend kein Indiz für die Volljährigkeit darstelle und ihm nicht als
Widerspruch zu seinem angegeben Alter entgegengehalten werden könne.
Der Beschwerdeführer verkennt, dass sich die besagte Standard-Abwei-
chung einzig auf die Röntgenuntersuchung der Hand bezieht (vgl. Ent-
scheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission
[EMARK] 2001 Nr. 23). Eine als nicht zuverlässig geltende Handknochen-
analyse wurde vorliegend zwar auch durchgeführt, aber von der Vorinstanz
zur Begründung der Einschätzung des Mindestalters nicht herangezogen.
Die Verfügung des SEM stützte sich auf die Schlüsselbeinanalyse und die
D-3443/2022
Seite 10
zahnärztliche Untersuchung. Sodann besteht im Altersgutachten in der zu-
sammenfassen Beurteilung kein Widerspruch zwischen der möglichen Al-
tersspanne von (...) bis (...) Jahren und dem Mindestalter von (...) Jahren,
ist doch das höchste Mindestalter für die Bestimmung des definitiven Min-
destalters massgeblich, wenn sich aus mehreren Untersuchungen ein Min-
destalter ergibt (vgl. SEM-Akte ...-19/7, 1. Methoden und Begriffe).
Des Weiteren wird in der Beschwerde eingewendet, es sei unverständlich,
dass bei einem Altersgutachten eine Variable (Vergleich zur Population des
Herkunftslandes respektive der Ethnie des Beschwerdeführers) festgelegt
werden könne, die nicht überprüfbar sei. Ein solches Vorgehen sei wissen-
schaftlich nicht haltbar. Das Gutachten sei fehlerhaft und könne nicht als
Indiz für seine Volljährigkeit verwendet werden. Die dem Altersgutachten
zugrundeliegende Literatur habe eine Publikationsspanne von mehr als
60 Jahren, und die Aussagekraft der zitierten Studien sei stark vermindert.
Der Beschwerdeführer sei mit Menschen anderer Herkunft verglichen wor-
den, und in Bezug auf seine Ethnie und Nationalität bestünden Lücken in
der aktuellen wissenschaftlichen Studienlage, da es keine Vergleichsstu-
dien zu einer männlichen afghanischen Population gebe. Das vorliegende
Gutachten könne nur als äusserst geringes Indiz für sein wahrscheinlichs-
tes Alter bewertet werden (vgl. Beschwerde S. 7–10, Beschwerdebeilage 4
beziehungsweise Sachverhalt Bst. G.). Auch diese methodologische Kritik
am Gutachten ist nicht geeignet, die besagten Befunde massgeblich in
Frage zu stellen. Dem Beschwerdeführer wurden im Anschluss an die EB
UMA medizinische Zusatzfragen zur Altersabklärung gestellt (vgl. SEM-
Akte 1147048-17/1). Das Gutachten berücksichtigte diese Angaben und
hielt insbesondere fest, dass im Rahmen der körperlichen Untersuchung
keine Hinweise auf das Vorliegen einer entwicklungsbeeinflussenden Er-
krankung beziehungsweise einer manifesten Entwicklungsstörung habe
festgestellt werden könnten, und setzte sich auch mit dem Einfluss der eth-
nischen Zugehörigkeit auseinander (vgl. SEM-Akte ...-19/7, S. 1, 6.1 und
6.4). Damit erweist sich auch die Rüge, die Vorinstanz habe den am
14. Juni 2022 zu den Akten gereichten rechtswissenschaftlichen Artikel be-
treffend radiologische Altersgutachten (vgl. Sachverhalt Bst. G. bezie-
hungsweise Beschwerdebeilage 4) bezüglich des Einflusses der Ethnie
des Beschwerdeführers sowie von Stress auf die körperliche Reife und
Entwicklung in der angefochtenen Verfügung nicht erwähnt, und damit den
Sachverhalt unrichtig beziehungsweise unvollständig erstellt und die Be-
gründungspflicht verletzt, als unbegründet.
D-3443/2022
Seite 11
Wie bereits in der angefochtenen Verfügung ausgeführt wurde, sieht die
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts sowohl die Schlüssel-
bein- respektive Skelettaltersanalyse als auch die zahnärztliche Untersu-
chung als geeignet an, einen Beweis für die Minder- oder Volljährigkeit dar-
zustellen. Dabei wird es als starkes Indiz für die Volljährigkeit eingestuft,
wenn das Mindestalter bei einer der beiden Untersuchungen über 18 Jah-
ren liegt und sich die anhand der beiden Analysen ergebenen Altersspan-
nen überlappen (vgl. BVGE 2018 VI/3 E. 4.2.1 f.). Letzteres ist vorliegend
der Fall, nachdem bei der computertomographischen Untersuchung der
Schlüsselbeine ein Mindestalter von (...) Jahren und ein Durchschnittsalter
von (...) Jahren resultierte, während das Durchschnittsalter der zahnärztli-
chen Untersuchung von (...) bis (...) Jahren in dieser Altersspanne liegt.
Nach dem Gesagten gibt es insbesondere auch keinen Grund, am Ergeb-
nis des Altersgutachtens zu zweifeln, weil die zahnärztliche Untersuchung
es vorliegend nicht erlaubte, eine zuverlässige Aussage über das Mindest-
alter zu machen. Die Ergebnisse des Altersgutachtens sind folglich praxis-
gemäss als starkes Indiz für die Volljährigkeit des Beschwerdeführers ein-
zustufen.
6.2 In der Beschwerde wird weiter ausgeführt, nach der erforderlichen Ge-
samtwürdigung aller Anhaltspunkte seien die widerspruchsfreien, nachvoll-
ziehbaren und rechnerisch plausiblen Angaben des Beschwerdeführers
zum Alter sowie zu sämtlichen an der EB UMA besprochenen Themen als
starkes Indiz für sein angegebenes Geburtsdatum (...) zu würdigen. Die
Vorinstanz stelle sich auf den Standpunkt, das äussere Erscheinungsbild
des Beschwerdeführers spreche nicht für dessen Minderjährigkeit, be-
gründe dies aber nicht weiter. Damit habe sie das Erscheinungsbild als In-
diz falsch gewürdigt und dadurch auch die Begründungspflicht verletzt.
Weiter seien die Tazkirakopie sowie die Impfkarte in Kopie im Zusammen-
hang mit den diesbezüglichen übereinstimmenden Aussagen des Be-
schwerdeführers anlässlich der EB UMA als starkes Indiz für das angege-
bene Geburtsdatum zu werten. Das Nichteinreichen der Dokumente im Ori-
ginal könne ihm nicht angelastet werden.
Die Ausführungen des SEM betreffend die vom Beschwerdeführer ge-
machten Altersangaben beziehungsweise angegebenen Geburtsdaten
sind nicht zu beanstanden. Zwar begründete die Vorinstanz die Zweifel am
geltend gemachten Alter aufgrund des äusseren Erscheinungsbildes des
Beschwerdeführers in der Tat nicht explizit. Aus dem Kontext geht aber
hervor, dass das Erscheinungsbild des Beschwerdeführers ein weiteres In-
diz bildet, welches die zuvor erwähnten vagen, unplausiblen und teilweise
D-3443/2022
Seite 12
widersprüchlichen Altersangaben ergänzt und so die Zweifel an der geltend
gemachten Minderjährigkeit weiter verfestigt (vgl. SEM-Akte ...-19/7, 4.3
[Behaarung]). Insofern geht die diesbezügliche Rüge der falschen Beweis-
würdigung und Verletzung der Begründungspflicht fehl. Sodann würdigte
die Vorinstanz auch das Aussageverhalten des Beschwerdeführers, wobei
es auch die für diesen sprechenden Elemente berücksichtigte. Die Würdi-
gung seiner Aussagen durch das SEM ist nicht zu beanstanden. Damit er-
weist sich die erneute Rüge der falschen Beweiswürdigung und unrichtigen
Erstellung des Sachverhalts als unbegründet.
Dasselbe gilt in Bezug auf die Tazkirakopie und die Kopie der Impfkarte.
Das Bundesverwaltungsgericht misst der afghanischen Tazkira nur einen
reduzierten Beweiswert zu (vgl. BVGE 2019 1/6 E. 6.2). Das SEM konnte
deshalb darauf verzichten, eine Frist zur Einreichung des Originals anzu-
setzen. Sodann zweifelte die Vorinstanz aufgrund der Aussagen in der EB
UMA zu Recht an der Echtheit der am 27. Juli 2022 von der Rechtsvertre-
tung in Kopie eingereichten Impfkarte, aus welcher das Geburtsdatum (...)
(umgerechnet ...) hervorgeht (vgl. Sachverhalt Bst. I.). Unter den gege-
benen Umständen war das SEM auch nicht gehalten, bei den bulgarischen
Behörden weitere Abklärungen zu den Identitätsangaben beziehungs-
weise zum Geburtsdatum, zu welchem der Beschwerdeführer in Bulgarien
registriert wurde, zu tätigen. Entgegen den Ausführungen in der Be-
schwerde hat es damit den Sachverhalt auch in dieser Hinsicht vollständig
beziehungsweise richtig erstellt.
6.3 Die weitere Rüge, das SEM habe die Altersanpassung bereits am
17. Mai 2022 vorgenommen und damit das rechtliche Gehör verletzt (vgl.
Sachverhalt Bst. I.), ist unbegründet. Der Beschwerdeführer verweist dazu
auf die Beschwerdebeilage 8 (S. 2 unten). Bei diesem Beweismittel han-
delt es sich um eine Kopie einer E-Mail-Korrespondenz der Rechtsvertre-
tung vom 23. Mai 2022, an welche ihrerseits eine solche des SEM vom
20. Mai 2022 samt einem vom 17. Mai 2022 datierenden internen DDAR-
Formular angefügt ist. Eine solche Akte findet sich in den Akten nicht. Viel-
mehr datiert das im Aktenverzeichnis des SEM enthaltene DDAR-Formu-
lar, wie die Vorinstanz zutreffend ausführte, vom 20. Mai 2022. Das einge-
reichte Beweismittel deutet zwar darauf hin, dass das Auftragsformular für
die Datenänderung im ZEMIS bereits am 17. Mai 2022 ausgefüllt wurde.
Dies ist jedoch kein hinreichender Beleg dafür, dass die Datenänderung
wie behauptet bereits am 17. Mai 2022 in Auftrag gegeben worden wäre.
Somit erweist sich die Rüge der Verletzung des rechtlichen Gehörs als un-
begründet.
D-3443/2022
Seite 13
6.4 Vor diesem Hintergrund – insbesondere aufgrund des Gutachtens zur
Altersschätzung vom 10. Mai 2022 – gelangt das Gericht im Rahmen einer
Gesamtwürdigung der genannten Umstände in Übereinstimmung mit der
Vorinstanz zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen
ist, die von ihm geltend gemachte Minderjährigkeit zum Zeitpunkt seiner
Gesuchseinreichung in der Schweiz glaubhaft zu machen beziehungs-
weise die im ZEMIS erfassten Angaben zum Geburtsdatum wahrscheinli-
cher sind als das von ihm geltend gemachte Datum. Sein Begehren um
Anpassung des ZEMIS-Eintrags ist daher abzuweisen.
7.
7.1 Im Folgenden ist zu prüfen, ob die Vorinstanz zu Recht nicht auf das
Asylgesuch des Beschwerdeführers eingetreten ist.
7.2 Auf Asylgesuche wird in der Regel nicht eingetreten, wenn Asylsu-
chende in einen Drittstaat ausreisen können, der für die Durchführung des
Asyl- und Wegweisungsverfahrens staatsvertraglich zuständig ist (Art. 31a
Abs. 1 Bst. b AsylG). In diesem Fall verfügt das SEM die Wegweisung aus
der Schweiz und ordnet den Vollzug an (Art. 44 AsylG).
7.3 Gemäss Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO wird jeder Asylantrag von einem
einzigen Mitgliedstaat geprüft, der nach den Kriterien des Kapitels III
(Art. 8–15 Dublin-III-VO) als zuständiger Staat bestimmt wird. Das Verfah-
ren zur Bestimmung des zuständigen Mitgliedstaates wird eingeleitet, so-
bald in einem Mitgliedstaat erstmals ein Asylantrag gestellt wird (Art. 20
Abs. 1 Dublin-III-VO). Im Rahmen des Wiederaufnahmeverfahrens
(Art. 23–25 Dublin-III-VO) findet grundsätzlich keine (neue) Zuständigkeits-
prüfung nach Kapitel III Dublin-III-VO mehr statt (vgl. zum Ganzen BVGE
2017 VI/5 E. 6.2 und 8.2.1).
7.4 Jeder Mitgliedstaat kann abweichend von Art. 3 Abs. 1 Dublin-III-VO
beschliessen, einen bei ihm von einem Drittstaatsangehörigen oder Staa-
tenlosen gestellten Antrag auf internationalen Schutz zu prüfen, auch wenn
er nach den in dieser Verordnung festgelegten Kriterien nicht für die Prü-
fung zuständig ist (Art. 17 Abs. 1 erster Satz Dublin-III-VO). Dieses soge-
nannte Selbsteintrittsrecht wird im Landesrecht durch Art. 29a Abs. 3 der
Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 (AsylV 1, SR 142.311) konkreti-
siert; das SEM kann das Asylgesuch gemäss dieser Bestimmung «aus hu-
manitären Gründen» auch dann behandeln, wenn dafür gemäss Dublin-III-
VO ein anderer Staat zuständig wäre.
D-3443/2022
Seite 14
7.5 Im Falle einer unbegleiteten minderjährigen Person ohne familiäre An-
knüpfungspunkte (zu einem anderen Mitgliedstaat) ist gemäss Art. 8 Abs. 4
Dublin-III-VO der Staat zuständig, in welchem diese einen Antrag auf inter-
nationalen Schutz gestellt hat, wobei von der Situation zum Zeitpunkt der
ersten Antragstellung in einem Mitgliedstaat ausgegangen wird (vgl. Art. 7
Abs. 2 Dublin-III-VO). Als Minderjähriger gilt ein Drittstaatsangehöriger un-
ter achtzehn Jahren (Art. 2 Bst. i Dublin-III-VO; Art. 1a Bst. d AsylV 1). Un-
begleitete Minderjährige sind vom Wiederaufnahmeverfahren ausgenom-
men (vgl. FILZWIESER/SPRUNG, Dublin-III-VO, Wien 2014, Kap. 15 f. zu
Art. 8, m.H.). Vorliegend bestünde deshalb bei Minderjährigkeit des Be-
schwerdeführers eine der grundsätzlichen Wiederaufnahmezuständigkeit
Bulgariens vorrangige Zuständigkeit der Schweiz (vgl. etwa Urteil des
BVGer F-6213/2020 vom 5. Januar 2021 E. 3.4).
8.
8.1 Wie vorstehend (vgl. oben E. 6) ausgeführt ist davon auszugehen,
dass der Beschwerdeführer bereits volljährig ist und das SEM sein Ge-
burtsdatum zu Recht auf den (...) festgesetzt hat. Die Voraussetzungen
für die Annahme einer Zuständigkeit der Schweiz für das Asylverfahren
gestützt auf Art. 8 Abs. 4 Dublin-III-VO sind somit nicht gegeben und das
SEM ist mit einem ordnungsgemässen Wiederaufnahmeersuchen an die
bulgarischen Behörden gelangt (vgl. SEM-Akte ...-24/5). Die bulgari-
schen Behörden liessen das Übernahmeersuchen innert der in Art. 25
Abs. 1 Dublin-III-VO vorgesehenen Frist unbeantwortet, womit sie die Zu-
ständigkeit Bulgariens implizit anerkannten (Art. 25 Abs. 2 Dublin-III-VO;
vgl. SEM-Akte ...-27/1). Entgegen den Ausführungen in der Beschwerde
hat das SEM dabei die bulgarischen Behörden bezüglich des Aufenthalts
des Beschwerdeführers in (...) nicht unvollständig informiert. Vielmehr
teilte die Vorinstanz den bulgarischen Behörden mit, dass der Beschwer-
deführer dazu keine näheren Angaben gemacht und bezüglich des Reise-
wegs keine Beweismittel eingereicht habe (vgl. a.a.O.). Unter diesen Um-
ständen war die Vorinstanz nicht gehalten, diesbezüglich weitere Abklä-
rungen zu treffen. Zudem konnte sie darauf verzichten, die bulgarischen
Behörden über die am 27. Juli 2022 nachgereichte Kopie der Impfkarte
zu informieren, nachdem die Zuständigkeit bereits am 6. Juni 2022 auf
Bulgarien übergegangen war. Damit erweist sich auch die diesbezügliche
Rüge, die Vorinstanz habe den Sachverhalt unrichtig und unvollständig
erstellt, als unbegründet. Vor diesem Hintergrund ist somit die grundsätz-
liche Zuständigkeit Bulgariens für die Durchführung des Asyl- und Weg-
weisungsverfahrens gegeben.
D-3443/2022
Seite 15
8.2 Der Beschwerdeführer brachte im Rahmen der Gewährung des recht-
lichen Gehörs gegen eine Rückkehr nach Bulgarien vor, er sei von den
bulgarischen Beamten mit Gewalt zur Abgabe der Fingerabdrücke ge-
zwungen worden. Aufgrund dieser schlechten Erfahrungen möchte er nicht
nach Bulgarien zurückkehren. Die Umstände im Camp, wo er gewesen sei,
seien zudem katastrophal gewesen. Es sei sehr dreckig gewesen, weswe-
gen viele Leute krank geworden seien. Das Camp sei überfüllt, die Behör-
den überfordert und der Zugang zum Asylverfahren nicht gewährleistet ge-
wesen. Die Rechtsvertretung fügte hinzu, dass sich seit Kriegsausbruch in
der Ukraine die Bedingungen in Bulgarien zusätzlich verschlechtert haben
dürften. Vor dem Hintergrund der persönlichen Erlebnisse und der alters-
bedingten Vulnerabilität sowie des Kriegsausbruchs in der Ukraine bean-
tragte der Beschwerdeführer die Einholung einer vorgängigen, schriftlichen
individuellen Garantieerklärung bei den bulgarischen Behörden betreffend
die adäquate Unterbringung sowie den gesicherten Zugang zum nationa-
len Asylverfahren in Bulgarien (vgl. SEM-Akte ...-22/4).
8.3
8.3.1 Bulgarien ist Signatarstaat der EMRK, des Übereinkommens vom
10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche
oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und des Ab-
kommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK,
SR 0.142.30) sowie des Zusatzprotokolls der FK vom 31. Januar 1967
(SR 0.142.301) und kommt entsprechenden völkerrechtlichen Verpflichtun-
gen nach. Es darf davon ausgegangen werden, dass dieser Staat die
Rechte, die sich für Schutzsuchende aus den Richtlinien des Europäischen
Parlaments und des Rates 2013/32/EU vom 26. Juni 2013 zu gemeinsa-
men Verfahren für die Zuerkennung und Aberkennung des internationalen
Schutzes (sog. Verfahrensrichtlinie) sowie 2013/33/EU vom 26. Juni 2013
zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internati-
onalen Schutz beantragen (sog. Aufnahmerichtlinie) ergeben, anerkennt
und schützt.
8.3.2 In seinem Referenzurteil F-7195/2018 vom 11. Februar 2020 hat sich
das Bundesverwaltungsgericht ausführlich mit dem bulgarischen Asylsys-
tem und der Situation asylsuchender Personen in Bulgarien auseinander-
gesetzt und dabei unter anderem festgehalten, dass das dortige Asylver-
fahren (v.a. Übersetzung, Rechtsverbeiständung, diskriminierende Asyl-
praxis gegenüber Angehörigen bestimmter Staaten) sowie die Aufnahme-
und Haftbedingungen zwar gewisse Mängel aufweisen würden. Es ge-
langte jedoch zum Schluss, dass diese Mängel nicht systemischer Natur
D-3443/2022
Seite 16
seien, weshalb von Überstellungen nach Bulgarien grundsätzlich nicht ab-
zusehen sei. Insbesondere seien korrekte Asylverfahren in Bulgarien nicht
systembedingt unmöglich. Die tiefen Anerkennungen der Flüchtlingseigen-
schaft gegenüber Staatsangehörigen gewisser Länder rechtfertige es für
sich alleine genommen nicht, keine Überstellungen nach Bulgarien mehr
vorzunehmen. Betroffene Personen könnten gegen einen negativen Asyl-
entscheid ein wirksames Rechtsmittel einlegen. Zudem seien die Bedin-
gungen in den Aufnahme- und Haftzentren zwar prekär, könnten jedoch
nicht als unmenschlich oder entwürdigend qualifiziert werden (a.a.O.
E. 6.6.1 und E. 6.6.7; vgl. auch Urteile des BVGer F-971/2021 vom
10. März 2021 E. 4.2 und E. 4.3.1; D-818/2021 vom 25. Februar 2021
S. 7–9). Auch heute geht das Bundesverwaltungsgericht praxisgemäss
nicht von systemischen Mängeln im bulgarischen Asylverfahren aus (vgl.
u.a. Urteile des BVGer F-3083/2022 vom 20. Juli 2022 E.4 m.w.H.;
E-2642/2022 vom 24. Juni 2022 E. 8.2 m.w.H.).
Die Vorinstanz nimmt in ihrer Verfügung Bezug auf besagte Referenzurteil,
das sich eingehend mit der aktuellen Lageentwicklung für Asylsuchende in
Bulgarien auseinandersetzt. Insofern rügt der Beschwerdeführer zu Un-
recht, das SEM stelle sich auf den Standpunkt, dass die Voraussetzungen
von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO vorliegend nicht erfüllt seien, ohne auf die
allgemeinen aktuellen Länderinformationen und offensichtlich vorliegen-
den Diskriminierungen von afghanischen Asylsuchenden im bulgarischen
Asylsystem einzugehen.
An der erwähnten Praxis ändern die Folgen des Krieges in der Ukraine
nichts (vgl. u.a. Urteile des BVGer D-3152/2022 vom 28. Juli 2022 E. 6.4.2
und D-3140/2022 vom 27. Juli 2022 E. 7.1 m.w.H). Schliesslich lässt sich
aus den Ausführungen in der Beschwerde nicht ableiten, dass eine Über-
stellung nach Bulgarien zu einer Kettenabschiebung führen würde, bezie-
hungsweise dass die bulgarischen Behörden im vorliegenden Fall den
Grundsatz des Non-Refoulement missachten und den Beschwerdeführer
zur Ausreise in ein Land zwingen würden, in dem sein Leib, sein Leben
oder seine Freiheit aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet
wäre oder in dem er Gefahr laufen würde, zur Ausreise in ein solches Land
gezwungen zu werden (vgl. das Referenzurteil F-7195/2018 vom 11. Feb-
ruar 2020 E. 6.6.7 und E. 7.2.2).
8.3.3 Vor diesem Hintergrund ist es nicht angezeigt, dass die Schweiz in
Anwendung von Art. 3 Abs. 2 Dublin-III-VO auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers eintritt.
http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3140/2022
D-3443/2022
Seite 17
8.4
8.4.1 Es bleibt zu prüfen, ob die Vorinstanz trotz der grundsätzlichen Zu-
ständigkeit Bulgariens das Selbsteintrittsrecht nach Art. 17 Abs. 1 erster
Satz Dublin-III-VO, konkretisiert in Art. 29a Abs. 3 AsylV 1, hätte ausüben
müssen.
8.4.2 Die Aufnahmebedingungen für Asylsuchende in Bulgarien sind ge-
mäss aktuellem Kenntnisstand teilweise als schwierig anzusehen. Es kann
deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass der Beschwerdeführer dort
keine einfachen Umstände angetroffen hat. Nach seiner Rücküberstellung
wird er indessen nicht als Neuankömmling behandelt, sondern in die Asyl-
strukturen integriert, wo er alle ihm zustehenden Rechte wahrnehmen
kann. Gegebenenfalls wird er sich an die zuständigen bulgarischen Behör-
den zu wenden und die ihm zustehenden Aufnahmebedingungen auf dem
Rechtsweg einzufordern haben (vgl. Art. 26 Aufnahmerichtlinie). Für seine
Befürchtung, die bulgarischen Behörden könnten sein Asylgesuch in der
Zwischenzeit abgelehnt respektive eingestellt haben, weshalb er bei einer
Rückkehr keinen Zugang zu Unterkunft und medizinischer Versorgung
hätte, bestehen keine konkreten Hinweise. Seine Rüge, die Vorinstanz
habe diesbezüglich die bulgarischen Behörden nicht um Auskunft gebeten
und damit den Sachverhalt unvollständig und unrichtig erstellt und die Be-
gründungspflicht verletzt, erweist sich mithin als unbegründet.
8.4.3 In Bezug auf den medizinischen Sachverhalt ist anzumerken, dass
eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitlichen Prob-
lemen nur ausnahmsweise einen Verstoss gegen Art. 3 EMRK darstellt.
Nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschen-
rechte (EGMR) ist dies bei schwerkranken Personen der Fall, welche durch
eine Abschiebung – mangels angemessener medizinischer Behandlung im
Zielstaat – mit einem realen Risiko konfrontiert würden, einer ernsten, ra-
schen und unwiederbringlichen Verschlechterung ihres Gesundheitszu-
standes ausgesetzt zu werden, die zu intensivem Leiden oder einer erheb-
lichen Verkürzung der Lebenserwartung führen würde (vgl. Urteil des
EGMR Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 20126, Grosse Kam-
mer 41738/10, §§ 180-193 m.w.H.). Das Bundesverwaltungsgericht hielt
im erwähnten Referenzurteil F-7195/2018 zur Lage von besonders vul-
nerablen Asylsuchenden fest, dass die detaillierte Prüfung eines jeden Ein-
zelfalls auch das Einholen konkreter und vorgängiger Garantien von den
bulgarischen Behörden umfassen könne (vgl. E. 7.4.1). Beim Beschwerde-
führer handelt es nicht um eine besonders vulnerable Person. Er gab an-
lässlich der EB UMA zu Protokoll, dass es ihm gesundheitlich gut gehe. Er
D-3443/2022
Seite 18
sei wegen Schmerzen im (...)bereich in ärztlicher Behandlung gewesen.
Er habe Medikamente erhalten und es sei ihm danach besser gegangen
(vgl. SEM-Akte ...-15/15, S. 13 8.02). Aus den Akten geht zudem hervor,
dass er in der Schweiz wegen multipler Karies in zahnärztlicher Behand-
lung gewesen war (vgl. Sachverhalt Bst. H.). Unter diesen Umständen er-
übrigt es sich, von den bulgarischen Behörden individuelle Garantien ein-
zuholen. Der entsprechende Subsubeventualantrag ist demzufolge abzu-
weisen. Die medizinischen Probleme des Beschwerdeführers sind nicht als
derart gravierend einzuschätzen, dass er im Falle einer Überstellung nach
Bulgarien mit dem Risiko einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen
Verschlechterung seines Gesundheitszustandes konfrontiert wäre. Ferner
hielt die Vorinstanz zutreffend fest, dass Bulgarien über eine ausreichende
medizinische Infrastruktur verfügt und verpflichtet ist, ihm die erforderliche
medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Es gibt dabei keine kon-
kreten Anhaltspunkte dafür, dass Bulgarien ihm eine allenfalls notwendige
Behandlung verweigern würde.
8.5 Zusammenfassend ist kein ausreichender Grund für eine Anwendung
der Ermessenklauseln von Art. 17 Dublin-III-VO sowie von Art. 29a Abs. 3
AsylV 1 ersichtlich.
9.
Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass das SEM zutreffend gestützt auf
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist. Da
der Beschwerdeführer nicht im Besitz einer gültigen Aufenthalts- oder Nie-
derlassungsbewilligung ist, wurde die Wegweisung nach Bulgarien in An-
wendung von Art. 44 AsylG ebenfalls zu Recht angeordnet (Art. 32 Bst. a
AsylV 1).
10.
Das Fehlen von Überstellungshindernissen ist bereits Voraussetzung des
Nichteintretensentscheids gemäss Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG, weshalb
allfällige Vollzugshindernisse gemäss Art. 83 Abs. 3 und 4 AIG (SR 142.20)
unter diesen Umständen nicht mehr zu prüfen sind (vgl. BVGE 2015/18
E. 5.2 m.w.H.).
11.
Die in der Beschwerde erhobenen formellen Rügen der unrichtigen und
unvollständigen Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes sowie
eine Verletzung der Begründungspflicht und des rechtlichen Gehörs haben
D-3443/2022
Seite 19
sich als unbegründet erwiesen (vgl. oben E. 6 und 8). Deshalb ist das ent-
sprechende Subeventualbegehren auf Aufhebung der angefochtenen Ver-
fügung und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung
abzuweisen.
12.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und angemessen ist. Die
Beschwerde ist daher abzuweisen
13.
Mit dem vorliegenden Urteil werden die Gesuche um Erteilung der auf-
schiebenden Wirkung und Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvor-
schusses gegenstandlos.
14.
14.1 Die Begehren erweisen sich als zum Vornherein aussichtslos, wes-
halb das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung der unent-
geltlichen Prozessführung ungeachtet der geltend gemachten prozessua-
len Bedürftigkeit abzuweisen ist (Art. 65 Abs. 1 VwVG).
14.2 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem Beschwer-
deführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und aufgrund der gemeinsa-
men Behandlung der Anträge betreffend Nichteintreten auf Asylgesuch und
Wegweisung sowie ZEMIS-Datenberichtigung auf insgesamt Fr. 1’000.–
festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
D-3443/2022
Seite 20