Decision ID: 8756269b-48a7-5fc2-bda7-b0ed0dd8e4ae
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Juni 2016 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 17). Die Klinik für Neurologie der Kliniken B._
berichtete im Juli 2016 (IV-act. 32), die Versicherte habe im April 2016 eine
Subarachnoidalblutung erlitten, die zu einer linksbetonten Tetraparese geführt habe. Es
bestehe der Verdacht auf eine critical illness Polyneuropathie. Die Versicherte werde in
Zukunft nicht mehr arbeitsfähig und auch nicht in der Lage sein, sich selbst zu
versorgen. Die IV-Stelle gab der Versicherten leihweise einen Handrollstuhl ab (IV-act.
40) und sie übernahm die Kosten für eine Fussheber-Orthese links und für
orthopädische Anpassungen an den Schuhen (IV-act. 63 f.). Mit einer Verfügung vom 7.
August 2017 sprach sie der Versicherten mit Wirkung ab dem 1. April 2017 eine ganze
Rente bei einem anhand der sogenannten „gemischten Methode“ berechneten
Invaliditätsgrad von 100 Prozent zu (IV-act. 122). Mit einer Verfügung vom 1.
September 2017 sprach sie der Versicherten – ebenfalls per 1. April 2017 – eine
Entschädigung bei einer Hilflosigkeit mittleren Grades zu (IV-act. 126).
A.a.
Im Oktober 2017 ersuchte die Versicherte unter Hinweis auf eine bereits im
Dezember 2016 eingereichte Anmeldung (vgl. IV-act. 68) erneut um die Zusprache
eines Assistenzbeitrages (IV-act. 128). Am 17. November 2017 führte die IV-Stelle eine
Abklärung in der Wohnung der Versicherten durch. Im Abklärungsbericht notierte die
Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle (IV-act. 146), die Versicherte benötige beim
Zusammenstellen der Kleidung (3 min/d), beim An- und Auskleiden (10 min/d), beim
An- und Ablegen von Hilfsmitteln (3 min/d), bei den Positionswechseln (3 min/d), bei
der Mobilität in der Wohnung (5 min/d), beim Vorbereiten der Nahrungsaufnahme (2
min/d), bei der Körperwäsche (10 min/d), beim Transfer an die und aus der Badewanne
A.b.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beziehungsweise Dusche (1 min/d), bei der periodischen Körperpflege (8 min/d), bei
der Kosmetik (2 min/d), beim Transfer für das Verrichten der Notdurft (2 min/d), beim
Verrichten der Notdurft (1 min/d), beim Säubern (5 min/d), beim An- und Ausziehen (1
min/d), beim Vorbereiten der Medikamente (2 min/d), bei der Decubitusprophylaxe (3
min/d), bei der Planung und Organisation der Assistenz (1 min/d), bei anderen
Verwaltungsarbeiten (2 min/d), beim Zubereiten der Mahlzeiten (20 min/d), bei der
Küchenreinigung (12 min/d), beim Tageskehr (8 min/d), beim Wochenkehr (12 min/d),
bei der Ernährungs- und Einkaufsplanung (1 min/d), beim Einkaufen (10 min/d), bei den
übrigen Besorgungen (4 min/d), bei der Begleitung zu Therapien (5 min/d), beim
Sortieren der Wäsche (4 min/d), beim Zusammenlegen der Wäsche (3 min/d), bei den
Freizeitaktivitäten (10 min/d), bei der Pflege von gesellschaftlichen Kontakten (5 min/d),
bei der Mobilität im Freien (8 min/d), auf Reisen und in den Ferien (5 min/d) sowie für
die Überwachung und Pflege in der Nacht (60 min/d) eine Dritthilfe. Von diesem
Assistenzbedarf zog die Abklärungsbeauftragte insgesamt 25 Minuten pro Tag wegen
eines „Erwachsenen im selben Haushalt“ ab (11 min/d bei der Ernährung, 7 min/d bei
der Wohnungspflege, 5 min/d bei den Besorgungen und 2 min/d bei der Kleiderpflege).
Das ergab total einen Bedarf von 74,3 Stunden pro Monat für die Hilfe am Tag und
einen Bedarf von 30,42 Stunden pro Monat für die Hilfe in der Nacht (IV-act. 147). Nach
dem Abzug des durch den Stundenansatz für eine Assistenzperson dividierten
Gegenwertes der Hilflosenentschädigung (35,71 Stunden pro Monat) resultierte ein
Hilfebedarf von 38,59 Stunden pro Monat (tagsüber). Mit einer Verfügung vom 9.
Februar 2018 sprach die IV-Stelle der Versicherten einen Assistenzbeitrag von
durchschnittlich 2’938.15 Franken pro Monat beziehungsweise von maximal 32’319.65
Franken pro Jahr zu (IV-act. 152). In der Verfügungsbegründung hielt sie unter anderem
fest, sobald ein Erwachsener im selben Haushalt gemeldet sei, könne der
Assistenzbeitrag nur für elf von zwölf Monaten ausgerichtet werden.
Das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hiess eine gegen diese
Verfügung erhobene Beschwerde mit einem Entscheid vom 9. November 2018
teilweise gut (IV 2018/101; vgl. IV-act. 186). Es führte aus, die massgebenden
Gesetzesbestimmungen liessen keinen Abzug vom Assistenzbedarf wegen einer
Mithilfe durch Familienangehörige zu, weshalb sich der von der IV-Stelle
berücksichtigte Abzug von 25 Minuten pro Tag als gesetzwidrig erweise. Der
A.c.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Assistenzbedarf der Versicherten müsse ohne einen täglichen zeitlichen Abzug für die
Mithilfe des Ehemannes berechnet werden. Die Kürzung des jährlichen
Assistenzbeitrages um einen Zwölftel entspreche zwar der Vorgabe des Art. 39g Abs. 2
lit. b IVV, aber jene Verordnungsbestimmung könne sich nicht auf eine ausreichende
gesetzliche Grundlage stützen. Es bestehe auch kein Grund zur Annahme, dass
diesbezüglich eine Gesetzeslücke vorliege. Die Materialen enthielten keinen Hinweis
darauf, dass der Gesetzgeber die Ehegatten der Versicherten hätte generell
verpflichten wollen, einen Zwölftel ihrer Zeit respektive ihre gesamten Ferien für die
Betreuung ihrer assistenzbedürftigen Partner aufzuwenden. Eine Notwendigkeit für eine
derart einschneidende Regelung sei auch nicht ersichtlich. Zudem zeige der
vorliegende Fall exemplarisch, dass eine solche Regelung zu unerwünschten
Ergebnissen führten könnte: Weil der Ehemann der Versicherten seine Ferien nicht
planen könne, weil er sie mehrheitlich „zerstückelt“ respektive tageweise beziehen
müsse und weil er einen Teil seiner Ferien gezwungenermassen während
Auslandsreisen im Ausland verbringen müsse, habe er gar nicht die Möglichkeit, seine
Ehefrau während vier Wochen pro Jahr zu betreuen. Eine Assistenzperson, die mit dem
Lohn für ihre Arbeitsleistung ja auch ihren Lebensunterhalt bestreiten müsse, dürfte
wohl kein Verständnis für spontane Einsatzplanänderungen aufbringen und sich mit
Fug und Recht gegen spontane Absagen wehren. Die Mithilfe des Ehemannes könnte
folglich bestenfalls nur für einen Teil seines gesamten Ferienguthabens effektiv in
Anspruch genommen werden; für die restliche Zeit, in der der Ehemann zwar Ferien
habe, aber seine Ehefrau nicht betreuen könne, müsste die Versicherte die
Assistenzperson aus der eigenen Tasche bezahlen, was nicht dem Willen des Gesetz
gebers entsprechen könne. Hinzu komme, dass es unzumutbar wäre, eine Person dazu
zu zwingen, Jahr für Jahr auf ihre Ferien zu verzichten, um als Assistenzperson zu
arbeiten. Der Art. 39g Abs. 2 lit. b IVV erweise sich zusammenfassend als gesetzwidrig,
weshalb auch die Kürzung des Assistenzbeitrages für die Versicherte um einen Zwölftel
als gesetzwidrig zu qualifizieren sei. Bezüglich des Assistenzbedarfs der Versicherten
bei den Transfers im Zusammenhang mit der Körperpflege, infolge des offenbar
regelmässig vorkommenden Einnässens, bei der Zubereitung der Mahlzeiten und im
Zusammenhang mit den täglichen Gymnastikübungen erweise sich der massgebende
Sachverhalt als ungenügend abgeklärt. Die Sache sei deshalb zur Vervollständigung
der Sachverhaltsermittlung und zur anschliessenden neuen Verfügung ohne eine
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kürzung des Assistenzbedarfs wegen einer Mithilfe des Ehemannes und ohne eine
Kürzung im Sinne des Art. 39g Abs. 2 lit. b IVV an die IV-Stelle zurückzuweisen. Dieser
Entscheid erwuchs unangefochten in formelle Rechtskraft.
Am 20. März 2019 fand eine weitere Abklärung in der Wohnung der Versicherten
statt. Die Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle berichtete (IV-act. 212), der Transfer in
die Dusche gestalte sich trotz einer Duschmatte schwierig: Eine Hilfsperson müsse die
Versicherte mit dem Rollstuhl in den Nasszellenbereich fahren und dann auskleiden,
wobei die Versicherte nicht stehen und nur im Oberbereich eine gewisse Mithilfe
anbieten könne. Sobald die Schuhe und die Fussschiene ausgezogen seien, bestehe
die Gefahr des Wegknickens eines Fusses. Wenn sich die Versicherte aus dem
Rollstuhl aufgerichtet habe, müsse die Hilfsperson auf den linken Fuss drücken, bis die
Spastik dort nachlasse, damit die Versicherte dann ihr Gewicht auf diesen Fuss
verlagern könne. Für den Transfer in die Dusche, in der sich ein Schemel befinde,
könne sich die Versicherte am Rollstuhl abstützen; sie könne auch kurz stehen. Die
Hilfsperson halte sie unter den Armen und helfe ihr beim Einstieg in die Dusche und
beim Absitzen auf den Schemel. Der Ausstieg aus der Dusche gestalte sich ebenso
aufwendig wie der Einstieg. Die Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle hielt fest, dass vor
diesem Hintergrund von einem Hilfebedarf der Stufe 3 (und nicht der Stufe 1, wie
zunächst angenommen) auszugehen sei. Die Versicherte könne auch den Transfer zum
WC nicht allein bewerkstelligen; sie habe das mehrfach erfolglos versucht. Der linke
Fuss knicke trotz der Fussschiene und der Spezialschuhe weg. Eine Hilfsperson müsse
den linken Fuss massieren, bis die Spastik nachlasse. Anschliessend lasse sich der
Fuss drehen, sodass die Versicherte ihn belasten könne. Beim Hinsetzen sei die
Versicherte mangels eines ausreichenden Gleichgewichts auf eine Hilfestellung
angewiesen. Auch beim Herunterziehen der Hose benötige sie Hilfe. Die
Abklärungsbeauftragte notierte, dass anstelle der Stufe 1 die Stufe 3 für den
Hilfebedarf beim Transfer auf die Toilette zu berücksichtigen sei. Bezüglich des
Verrichtens der Notdurft habe die aktuelle Abklärung keine neuen Erkenntnisse
geliefert. Die Versicherte benötige aber mehr Hilfe beim Aus- und Anziehen als
ursprünglich angenommen. Das Auskleiden werde von einer Hilfsperson übernommen.
Auch beim Anziehen müsse eine Hilfsperson behilflich sein. Durch das häufige
Einnässen entstehe ein Zusatzaufwand für den entsprechend häufigeren Wechsel der
A.d.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Kleidung. Die Häufigkeit des Einnässens sei schwer einzuschätzen. Manchmal
geschehe zwei Tage lang nichts, manchmal nässe sich die Versicherte aber auch bis zu
fünf- oder sechsmal pro Tag ein, insbesondere wenn sie erkältet sei, wenn sie eine
Grippe habe oder wenn sie sich in einer Stressituation befinde. Pro Jahr leide die
Versicherte mindestens vier- bis fünfmal an einer Erkältung oder an einer Grippe. Über
einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet nässe sie sich wohl durchschnittlich etwa
einmal pro Tag ein. Wenn sie den Harndrang verspüre, sei es oft schon zu spät, weil
der Transfer vom Rollstuhl auf das WC oft zu lange dauere. Während des Aufstehens
aus dem Rollstuhl komme es dann zu einem ungewollten Wasserabgang. Danach sei
alles nass: der Boden, der Rollstuhl und die Kleider am Unterkörper. Die
Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle hielt fest, gesamthaft müsse ein Hilfebedarf der
Stufe 3 (nicht der Stufe 1) angenommen werden. Bei der Zubereitung von Mahlzeiten
könne die Versicherte kaum behilflich sein. Sie könne nur beim Rüsten von weichem
Gemüse mithelfen, aber sie benötige dafür sehr viel Zeit und sie könne auch nur
wenige Minuten mithelfen. Genau betrachtet helfe sie also gar nicht mit; man lasse sie
nur zu einem therapeutischen Zweck mitarbeiten. Deshalb sei ein Hilfebedarf der Stufe
4 anstelle einen solchen der Stufe 2 ausgewiesen. Bei der Abklärung habe sich die
Abklärungsbeauftragte die in den Alltag der Versicherten eingebundenen
therapeutischen Übungen erklären und teilweise auch vorzeigen lassen. Obwohl
therapeutische Massnahmen eigentlich keinen relevanten Assistenzbedarf darstellten,
könnten die in den Alltag eingebundenen Massnahmen doch als Assistenzbedarf
anerkannt werden. Dafür sei ein Aufwand von zehn Minuten pro Tag zu
berücksichtigen. Die Versicherte machte zum Abklärungsbericht geltend, sie sehe sich
mit monatlichen Kosten von 5’500 Franken konfrontiert. Der Assistenzbeitrag decke
diesen Aufwand nicht, weshalb sie jeweils einen Restbetrag aus der eigenen Tasche
bezahlen müsse. Zusätzlich entstehe noch ein weiterer Aufwand, der bislang durch
Freunde und Nachbarn unentgeltlich abgedeckt werde. Die IV-Stelle werde bei der
neuen Verfügung berücksichtigen müssen, dass das Versicherungsgericht die
Berechnung des Assistenzbeitrages ohne Abzüge für die Mithilfe des Ehemannes
angeordnet habe. Die Abklärungsbeauftragte der IV-Stelle hielt am 3. Mai 2019 fest (IV-
act. 212–7), bei der Berechnung des Assistenzbedarfs müsse ein Fremd-Anteil
ausgeschieden werden: Der Ehemann generiere einen „eigenen“ Aufwand fürs Kochen,
die Wohnungspflege, den Einkauf und die Wäsche, der logischerweise nicht als
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Assistenzbedarf berücksichtigt werden dürfe. Deshalb sei ein Abzug von 25 Minuten
pro Tag vorzunehmen. Dieses Vorgehen sei vom Bundesgericht als rechtmässig
anerkannt worden; es sei auch sinnvoll. Da der Ehemann der Versicherten nicht ständig
oder dauernd von zuhause abwesend sei, sei der jährliche Assistenzbeitrag trotz des
anderslautenden Urteils des Versicherungsgerichtes in Anwendung des Art. 39g Abs. 2
lit. b IVV um einen Zwölftel zu kürzen.
Mit einem Vorbescheid vom 6. Mai 2019 teilte die IV-Stelle der Versicherten mit
(IV-act. 211), dass sie die Zusprache eines Assistenzbeitrages von 3’790.25 Franken
pro Monat respektive von 41’692.75 Franken pro Jahr mit Wirkung ab dem 1. August
2017 vorsehe. Dagegen liess die Versicherte am 13. Mai 2019 einwenden (IV-act. 224),
der von der IV-Stelle berücksichtigte Abzug von 32 Minuten pro Tag wegen eines
„Erwachsenen im selben Haushalt“ sei gemäss dem Entscheid des
Versicherungsgerichtes vom 9. November 2018 gesetzwidrig. Auch die Kürzung des
jährlichen Assistenzbeitrages um einen Zwölftel sei gesetzwidrig. Die IV-Stelle forderte
die Versicherte am 23. Mai 2019 auf, eine Aufstellung des Arbeitgebers betreffend die
Auslandsabwesenheiten und die Ferienbezüge des Ehemannes in den Jahren 2017 und
2018 einzureichen (IV-act. 232). Am 26. Juni 2019 liess die Versicherte die verlangten
Unterlagen einreichen (IV-act. 242). Am 9. Juli 2019 notierte eine Sachbearbeiterin der
IV-Stelle, mit Blick auf die hinreichend belegten Abwesenheiten des Ehemannes von
zuhause sei von einer Kürzung des jährlichen Assistenzbeitrages um einen Zwölftel
abzusehen (IV-act. 243). Mit einer Verfügung vom 10. Juli 2019 sprach die IV-Stelle der
Versicherten mit Wirkung ab dem 1. August 2017 einen Assistenzbeitrag von 3’790.25
Franken pro Monat respektive von 45’483 Franken pro Jahr zu (IV-act. 250).
A.e.
Am 24. Juli 2019 liess die Versicherte (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) eine
Beschwerde gegen die Verfügung vom 10. Juli 2019 erheben (act. G 1). Ihr
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Zusprache eines ungekürzten Assistenzbeitrages beziehungsweise die Rückweisung
der Sache zur Neuberechnung an die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin).
Zur Begründung führte er aus, das Versicherungsgericht habe in seinem Entscheid vom
9. November 2018 festgehalten, dass bei der Berechnung des Assistenzbedarfs kein
B.a.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte

Erwägungen
1.
zeitlicher Abzug wegen eines „Erwachsenen im selben Haushalt“ vorgenommen
werden dürfe. Die Beschwerdegegnerin hätte sich an diese Vorgabe halten müssen.
Der von ihr berücksichtigte Abzug von 32 Minuten pro Tag erweise sich als
rechtswidrig.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 1. Oktober 2019 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, beim Entscheid des
Versicherungsgerichtes vom 9. November 2018 handle es sich um einen
Rückweisungsentscheid. Die vom Versicherungsgericht in den Erwägungen gemachten
Äusserungen hätten keine Bindungswirkung, weil ein Rückweisungsentscheid nie einen
nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirke und weil ein Rückweisungsentscheid
deshalb nicht beschwerdeweise angefochten werden könne. Die Beschwerdegegnerin
sei ohnehin an das Kreisschreiben der Aufsichtsbehörde gebunden.
B.b.
Die Beschwerdeführerin liess am 11. November 2019 an ihren Anträgen festhalten
(act. G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 7 f.).
B.c.
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin reichte am 17. Januar 2020 eine
Kostennote über 3’341.20 Franken ein (act. G 9).
B.d.
Mit der angefochtenen Verfügung vom 10. Juli 2019 hat die Beschwerdegegnerin
der Beschwerdeführerin erstmals einen Assistenzbeitrag zugesprochen. Diese
Verfügung hat aber nicht ein „gewöhnliches“ Verwaltungsverfahren abgeschlossen, das
die Prüfung eines Leistungsbegehrens zum Gegenstand gehabt hat, denn die
Beschwerdegegnerin hatte der Beschwerdeführerin bereits zu einem früheren
Zeitpunkt (am 9. Februar 2018) erstmals einen (tieferen) Assistenzbeitrag
zugesprochen, aber jene Verfügung war vom Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen mit einem Entscheid vom 9. November 2018 aufgehoben worden. Das
Versicherungsgericht hatte die Sache zur Vervollständigung der Sachverhaltsabklärung
an die Beschwerdegegnerin zurückgewiesen. Hätte sich der Entscheidinhalt auf die
Rückweisung zur weiteren Sachverhaltsabklärung beschränkt, würde dem Entscheid
des Versicherungsgerichtes in diesem Beschwerdeverfahren keine weitere Bedeutung
mehr zukommen, da die Beschwerdegegnerin all jene Abklärungen getätigt hat, zu
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
denen sie vom Versicherungsgericht verpflichtet worden war. Die angefochtene
Verfügung vom 10. Juli 2019 könnte in diesem Fall wie eine gewöhnliche Verfügung
nach der erstmaligen Prüfung eines Leistungsbegehrens behandelt werden, was
bedeuten würde, dass die Anspruchsvoraussetzungen umfassend frei zu prüfen wären.
Nun erlaubt es der Art. 56 Abs. 2 VRP dem Versicherungsgericht aber, in einem
Beschwerdeverfahren nach Art. 61 ATSG, das kantonalrechtlich ein Rekursverfahren im
Sinne der Art. 40 ff. VRP ist (vgl. Art. 42 VRP), einen Rückweisungsentscheid mit
Anordnungen zu versehen, an die die Verwaltungsbehörde gebunden ist. Diese
Anordnungen sind ihrem Wesen nach verbindliche Feststellungen, das heisst (im Sinne
des Rechtssyllogismus) verbindliche Subsumtionen einzelner Sachverhaltselemente
unter die entsprechenden Tatbestandselemente. Sofern diese Anordnungen formell
rechtskräftig werden, kann im späteren Verfahren nicht mehr darauf zurückgekommen
werden. Der Verwaltungsbehörde (und auch den Rechtsmittelinstanzen) ist es also
versagt, die von den verbindlichen Anordnungen betroffenen Sachverhaltselemente
erneut unter die entsprechenden Tatbestandselemente zu subsumieren. Das ist auch
der Grund, weshalb das Bundesgericht regelmässig mit der Begründung auf
Beschwerden gegen Rückweisungsentscheide eintritt, diese würden einen nicht wieder
gutzumachenden Nachteil bewirken (vgl. Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG). Würde das
Bundesgericht nämlich auf Beschwerden gegen Rückweisungsentscheide, die
derartige verbindliche Anordnungen enthalten, nicht eintreten, wäre der
Rechtsmittelweg in Bezug auf die entsprechenden Feststellungen verkürzt. Das müsste
an sich auch der Beschwerdegegnerin bewusst sein, da diese ja regelmässig
Rückweisungsentscheide des Versicherungsgerichtes, die verbindliche Anordnungen
respektive Feststellungen enthalten, beim Bundesgericht anficht und da das
Bundesgericht regelmässig auf solche Beschwerden eintritt. Weshalb sie nun in der
vorliegenden Beschwerdeantwort geltend gemacht hat, das Bundesgericht wäre
sicherlich nicht auf den – verbindliche Anordnungen enthaltenden –
Rückweisungsentscheid des Versicherungsgerichtes vom 9. November 2018
eingetreten, ist nicht nachvollziehbar. Aus dem Umstand, dass sie darauf verzichtet
hat, den Rückweisungsentscheid vom 9. November 2018 rechtzeitig anzufechten, kann
die Beschwerdegegnerin selbstverständlich nichts zu ihren Gunsten ableiten.
1.2.
Im Rückweisungsentscheid vom 9. November 2018 fehlt zwar ein expliziter
Verweis auf den Art. 56 Abs. 2 VRP, aber aus der Begründung geht klar hervor, dass
der Rückweisungsentscheid zwei im Sinne des Art. 56 Abs. 2 VRP verbindliche
Anordnungen enthalten hat, nämlich die Nichtanwendung des Art. 39g Abs. 2 lit. b IVV
und die Berechnung des Assistenzbeitrages ohne eine Kürzung wegen einer Mithilfe
1.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.
des Ehemannes: „Dabei wird sie [die Beschwerdegegnerin] weder eine Kürzung des
Assistenzbedarfs wegen einer Mithilfe des Ehemannes noch die Kürzung im Sinne des
Art. 39g Abs. 2 lit. b IVV vornehmen“ (vgl. IV-act. 185–10 bzw. den Entscheid IV
2018/101 vom 9. November 2018, E. 4.1 in fine). Das Bundesgericht hat kürzlich seine
Rechtsprechung, wonach die Erwägungen eines Urteils nur dann an der
Rechtskraftfähigkeit eines Urteils „teilnehmen“ würden, wenn im Dispositiv explizit auf
die Erwägungen verwiesen würde, geändert und festgehalten, dass die Auslegung
eines Dispositivs ohne die Entscheidbegründung gar nicht möglich sei (vgl. dazu auch
Philipp Geertsen, Zur Mündigkeit der Urteilsbegründung von
Rückweisungsentscheiden in der Rechtsprechung, in: SZS 5/2018, S. 505 f.).
Angesichts der diesbezüglich doch etwas schwankenden Bundesgerichtspraxis hat
das Versicherungsgericht im Dispositiv seines Rückweisungsentscheides vom 9.
November 2018 sicherheitshalber dennoch explizit auf die Erwägungen verwiesen,
weshalb den erwähnten Anordnungen die Verbindlichkeit nur mit der Begründung
abgesprochen werden könnte, der Art. 56 Abs. 2 VRP verstosse gegen den Art. 61
ATSG und sei deshalb bundesrechtswidrig. Das liesse sich allerdings wohl kaum
vertreten, weil nicht ersichtlich ist, inwiefern der Art. 56 Abs. 2 VRP gegen den Art. 61
ATSG verstossen sollte und da nach der Auffassung des Bundesgerichtes ja
verbindlichen Anordnungen in Rückweisungsentscheiden generell, also auch
ausserhalb des Anwendungsbereichs des Art. 56 Abs. 2 VRP, eine Rechtskraftfähigkeit
zuerkannt wird. Ansonsten liesse sich das regelmässige Eintreten auf
Rückweisungsentscheide mit verbindlichen Anordnungen an die IV-Stellen nicht
erklären.
Zusammenfassend ist die Beschwerdegegnerin also im mit der angefochtenen
Verfügung abgeschlossenen Verwaltungsverfahren nach der Rückweisung durch das
Versicherungsgericht nicht mehr frei gewesen, über die Anwendung des Art. 39g Abs.
2 lit. b IVV oder über die Berücksichtigung einer Mithilfe des Ehemannes neu zu
entscheiden; sie ist in diesen beiden Punkten an die verbindlichen Anordnungen des
Versicherungsgerichtes gebunden gewesen.
1.4.
Die Beschwerdegegnerin hat den Assistenzbedarf der Beschwerdeführerin
ursprünglich mittels einer Abklärung in der Wohnung der Beschwerdeführerin ermittelt.
Sie hat sich dabei hauptsächlich mit einer Befragung der Beschwerdeführerin begnügt
und sie hat die Antworten in dem von ihrer Aufsichtsbehörde entwickelten
standardisierten Fragebogen („FAKT 2“) verarbeitet. Das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen hat bereits in einem Entscheid vom 8. Mai 2013 (IV 2012/133)
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
festgehalten, dass die Anwendung des „FAKT 2“ die Gefahr einer Verletzung des
Gleichbehandlungsgebotes in sich berge, weil der standardisierte Fragebogen die
Abklärungsperson dazu verleiten könne, dass diese zu sehr vom konkreten Einzelfall
abstrahiere und in der Folge Ungleiches nicht nach Massgabe seiner Ungleichheit
ungleich, sondern gleich behandle (IV 2012/133, E. 2). Im erwähnten Entscheid hatte
das Versicherungsgericht die nur mit einem Computerausdruck des „FAKT 2“
dokumentierte Sachverhaltsabklärung als ungenügend qualifiziert (IV 2012/133, E. 3.3).
Es hatte die Sache zur Vervollständigung der Sachverhaltsabklärung an die IV-Stelle
zurückgewiesen. Nach einer vorbildlich durchgeführten und dokumentierten Abklärung
hatte sich dann ergeben, dass der Assistenzbedarf des Versicherten deutlich höher als
zunächst angenommen gewesen war. Das hat die Befürchtung des
Versicherungsgerichtes bestärkt, dass eine nur mittels „FAKT 2“ dokumentierte
Abklärung in aller Regel wohl nicht geeignet ist, den effektiv massgebenden
Sachverhalt hinreichend zu belegen und dass eine solche Dokumentation tendenziell
dazu führen dürfte, dass ein zu tiefer Assistenzbedarf ermittelt wird. Ursächlich dafür
dürften mehrere Gründe sein: Der standardisierte Fragebogen „FAKT 2“ bietet zwar alle
Möglichkeiten, die für die umfassende und einzelfallgerechte Dokumentation des
ermittelten Assistenzbedarfs benötigt werden, aber sein Aufbau mit einem weitgehend
starren Stufensystem und vorgegebenen Beispielen zu jeder Teilverrichtung im Alltag
einer versicherten Person kann die Abklärungsperson dazu verleiten, dass diese der
versicherten Person zu spezifische Fragen stellen, was zur Folge haben kann, dass die
versicherte Person in der Befragung nicht auf alle massgebenden Aspekte hinweist.
Der Aufbau des „FAKT 2“ kann aber auch dazu verleiten, anstelle der Antwort der
versicherten Person auf eine konkrete Frage eine Würdigung dieser Antwort im Sinne
einer Subsumtion der Angabe der versicherten Person unter das vorgegebene und
anhand von typischen Beispielen illustrierte Stufensystem des „FAKT 2“ festzuhalten.
Mit anderen Worten dürfte der „FAKT 2“ die Gefahr in sich bergen, dass das
Abklärungsergebnis im konkreten Einzelfall durch einen „Röhrenblick“ der
Abklärungsperson verfälscht wird. Das liegt nicht am „FAKT 2“ selbst, der durchaus
geeignet ist, den effektiv massgebenden Sachverhalt ausreichend zu dokumentieren,
sondern an einer falschen, zu schematischen Handhabung des „FAKT 2“. Hatte im
oben erwähnten Fall die Dokumentation der Abklärungsergebnisse mittels „FAKT 2“
lediglich einen Assistenzbedarf von 55 Stunden pro Monat ergeben (vgl. IV 2012/133,
E. 3.1 in fine), ergab die in der Folge durchgeführte sorgfältige Abklärung einen
Assistenzbedarf von 132,89 Stunden pro Monat (vgl. den Entscheid IV 2014/101 des
St. Galler Versicherungsgerichtes vom 19. Januar 2016, Sachverhalt, lit. A.g). Bei dieser
erheblichen Diskrepanz zwischen den beiden Abklärungsergebnissen muss befürchtet
werden, dass eine Befragung der versicherten Person, deren Ergebnis nicht detailliert
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
protokolliert wird, sondern nur mehr oder weniger stark "gefiltert" im „FAKT 2“
verarbeitet wird, in vielen Fällen nicht geeignet ist, den massgebenden Sachverhalt mit
dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu belegen. Das
Bundesgericht hat zwar in seinem Urteil 8C_161/2016 vom 26. August 2016 betreffend
eine von der Aufsichtsbehörde erhobene Beschwerde gegen den Entscheid IV
2014/101 des Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen vom 19. Januar 2016
festgehalten, dass der Sachverhalt sowohl in einem ausführlichen Abklärungsbericht
als auch mittels „FAKT 2“ dokumentiert werden könne (E. 3.1.2), aber angesichts der
erheblichen Diskrepanzen zwischen den Abklärungsergebnissen gerade in jenem Fall
überzeugt diese Auffassung nicht, weil nur eines der beiden Abklärungsergebnisse
richtig sein konnte. Auch der vorliegende Fall zeigt, dass eine ausschliessliche
Dokumentation mittels „FAKT 2“ zumindest tendenziell zu falschen, für die Versicherten
nachteiligen Ergebnissen führen dürfte. Nach einer erneuten Befragung der
Beschwerdeführerin in deren Wohnung, bei der die Antworten der Beschwerdeführerin
ausführlich in einem Abklärungsbericht festgehalten worden sind, hat sich nämlich in
fast allen Punkten ein wesentlich höherer Assistenzbedarf ergeben, der in den
ergänzend abzuklärenden Teilbereichen (bis auf einen) um zwei Stufen höher gewesen
ist. Die standardmässige Anwendung des „FAKT 2“ könnte also zu einer
systematischen Ausrichtung von zu tiefen Assistenzbeiträgen führen. Allerdings ist es
nicht die Sache der Rechtsmittelinstanz, sondern jene der Aufsichtsbehörde,
systematischen Rechtsanwendungsfehlern nachzugehen. Zudem hat das
Versicherungsgericht bislang nur wenige Assistenzbeitragsfälle beurteilt, sodass es nur
über einen sehr eingeschränkten Einblick in die generelle Handhabung dieser Fälle
verfügt. Es wäre zu begrüssen, wenn sich die Aufsichtsbehörde vertieft mit dieser
Problematik befassen würde.
Die Beschwerdeführerin hat das (neue) Abklärungsergebnis weitgehend akzeptiert,
weshalb davon auszugehen ist, dass die Beschwerdegegnerin den massgebenden
Assistenzbedarf grundsätzlich korrekt ermittelt hat. Streitig ist nur der von der
Beschwerdegegnerin vorgenommene Abzug von 32 Minuten pro Tag wegen eines
„Erwachsenen im selben Haushalt“. Das ist zum Vorneherein unzulässig gewesen, weil
das Versicherungsgericht im Entscheid IV 2018/101 vom 9. Februar 2018 verbindlich
angeordnet hatte, dass kein Abzug wegen einer Mithilfe des Ehemannes berücksichtigt
werden dürfe. Diese Anordnung war zwar auf ein Missverständnis zurückzuführen,
denn das Versicherungsgericht hatte angenommen, der Abzug berücksichtige eine
Mithilfe des Ehemannes. Die IV-Stelle hatte damit aber nur verhindern wollen, dass sie
auch Assistenzkosten hätte finanzieren müssen, die nicht der Beschwerdeführerin
selbst, sondern deren Ehemann zugutegekommen wären. Weil der Entscheid IV
2.2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
Die Sache ist folglich in teilweiser Gutheissung der Beschwerde zur Neuberechnung
des Assistenzbeitrages im Sinne der Erwägungen an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen. Dieser Verfahrensausgang gilt praxisgemäss hinsichtlich der Kosten-
und Entschädigungsfolgen als ein vollständiges Obsiegen der Beschwerdeführerin. Die
angesichts des durchschnittlichen Verfahrensaufwandes auf 600 Franken
festzusetzenden Gerichtskosten sind folglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Der Beschwerdeführerin wird der von ihr geleistete Kostenvorschuss von 600 Franken
zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat der Beschwerdeführerin eine
Parteientschädigung auszurichten. Da der bis zum 9. November 2018 angefallene
2018/101 vom 9. Februar 2018 in formelle Rechtskraft erwachsen und damit
verbindlich geworden ist, kann auf diese Frage nicht mehr zurückgekommen werden.
Der Abzug von 32 Minuten pro Tag wegen eines „Erwachsenen im selben Haushalt“
erweist sich damit als rechtswidrig. Die Sache ist somit zur Neuberechnung des
Assistenzbedarfs der Beschwerdeführerin ohne einen Abzug wegen eines
„Erwachsenen im selben Haushalt" an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Im
Sinne eines obiter dictum ist darauf hinzuweisen, dass dieser von der
Beschwerdegegnerin vorgenommene Abzug wohl selbst dann als rechtswidrig
qualifiziert werden müsste, wenn diesbezüglich keine verbindliche gerichtliche
Anordnung vorläge, weil der Ehemann der Beschwerdeführerin ja die meiste Zeit auf
Reisen ist und weil er deshalb wenn überhaupt, dann nur in einem zu
vernachlässigenden, kaum nachweisbaren Ausmass von Assistenzleistungen
profitieren dürfte.
Bezüglich der Frage, ob der Assistenzbedarf elf- oder zwölfmal pro Monat
auszurichten ist, erweist sich die angefochtene Verfügung im Ergebnis als rechtmässig.
Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass es der Beschwerdegegnerin angesichts des
verbindlichen Entscheides IV 2018/101 vom 9. November 2018 nicht mehr
freigestanden hat, diese Frage zu prüfen und eigenständig zu beantworten. Die
Beschwerdegegnerin ist gestützt auf den formell rechtskräftigen und damit
verbindlichen Entscheid IV 2018/101 vom 9. November 2018 zum Vorneherein
verpflichtet gewesen, den monatlichen Assistenzbedarf zwölfmal pro Jahr
auszurichten. Sie wird auf diese Frage auch in Zukunft nicht mehr zurückkommen
können, namentlich auch dann nicht, wenn der Ehemann der Beschwerdeführerin nicht
mehr so häufig im Ausland arbeiten wird oder wenn er das ordentliche
Pensionierungsalter erreicht haben wird.
2.3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
erforderliche Vertretungsaufwand bereits abgegolten worden ist und da nachfolgend
nur ein minimaler zusätzlicher Vertretungsaufwand erforderlich gewesen ist, erweist
sich die eingereichte Honorarnote als deutlich übersetzt. Die Parteientschädigung ist
auf 2’000 Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.