Decision ID: afa1708a-b87f-57f6-9927-ea7970725685
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Gemeinde Hasliberg erteilte der Beschwerdeführerin am 28. November 2012 die
Baubewilligung für den Neubau eines Ferienhauses mit zwei Wohnungen und einem
offenen Autounterstand. Am 28. Juni 2017 erliess die Gemeinde eine
Baueinstellungsverfügung und gewährte der Beschwerdeführerin zugleich das rechtliche
Gehör im Wiederherstellungsverfahren. Sie verfügte unter anderem Folgendes: "Auf den
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beiden Bauparzellen Nrn. D._ und E._, Hasliberg F._, liegend in
der Bauzone gemäss Überbauungsordnung UeO Ferienhauszone G._ dürfen bis
zum Vorliegen einer neuen rechtskräftigen Baubewilligung mit Ausnahme der nachstehend
aufgeführten Wiederherstellungsarbeiten des Geländes, keine weiteren baulichen
Tätigkeiten mehr ausgeführt werden – Baueinstellungsverfügung –." Die Gemeinde bringt
vor, die Geltungsdauer der erteilten Baubewilligung sei abgelaufen.
2. Gegen diese Verfügung reichte die Beschwerdeführerin am 17. Juli 2017
Beschwerde bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Die
Beschwerdeführerin verlangt sinngemäss die Aufhebung der Baueinstellungsverfügung
und eine Verlängerung der Baubewilligung bis November 2017. Sie macht insbesondere
geltend, sie habe bereits mit dem Bau begonnen. Ausserdem habe sie viel Geld in das
Projekt investiert.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Es beteiligte die beiden
Grundeigentümer von Amtes wegen am Verfahren. Diese liessen sich nicht vernehmen.
Die Gemeinde Hasliberg verzichtete mit Stellungnahme vom 24. August 2017 auf eine
Antragstellung. Auf die Rechtsschriften und Vorakten wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Eintreten
Angefochten ist eine Baueinstellungsverfügung gemäss Art. 46 Abs. 1 BauG2. Gemäss
Art. 49 Abs. 1 BauG können baupolizeiliche Verfügungen nach Art. 45 bis 48 BauG innert
30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der BVE angefochten werden. Die
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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Beschwerdeführerin ist als Adressatin durch die angefochtene Verfügung beschwert und
daher zur Beschwerde legitimiert. Auf ihre form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde
wird daher grundsätzlich eingetreten.
2. Anfechtungsobjekt / Streitgegenstand
a) Anfechtungsobjekt im Beschwerdeverfahren ist die Verfügung der Vorinstanz. Der
Streitgegenstand braucht sich nicht mit dem Anfechtungsobjekt zu decken, kann aber auch
nicht über dieses hinausgehen. Innerhalb dieses Rahmens bestimmen die Parteien den
Streitgegenstand. Die Parteien können den Streitgegenstand im Verlaufe des Verfahrens
nicht erweitern, sondern nur einschränken.3
b) Anfechtungsobjekt im vorliegenden Beschwerdeverfahren ist die Verfügung der
Gemeinde Hasliberg vom 28. Juni 2017, mit welcher sie der Beschwerdeführerin mitgeteilt
hat, dass sie den Bau einzustellen habe und ihr zugleich das rechtliche Gehör im
Wiederherstellungsverfahren gewährt. Nicht Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens
ist die Verlängerung der Geltungsdauer der Baubewilligung vom 28. November 2012.
Soweit die Beschwerdeführerin in ihrer Beschwerde eine Verlängerung der Geltungsdauer
dieser Baubewilligung bis November 2017 verlangt, kann daher nicht darauf eingetreten
werden.
c) Wenn die Beschwerdeführerin die Geltungsdauer der Baubewilligung verlängern
lassen will, kann sie bei der Gemeinde ein entsprechendes Gesuch einreichen. Gemäss
Stellungnahme der Gemeinde Hasliberg vom 24. August 2017 wurde bislang kein solches
Gesuch gestellt.
3. Voraussetzungen der Baueinstellung
a) Die zuständige Baupolizeibehörde verfügt die Baueinstellung, wenn ein Bauvorhaben
ohne Baubewilligung oder in Überschreitung einer Baubewilligung ausgeführt wird (Art. 46
Abs. 1 BauG). Nicht ausdrücklich genannte, aber selbstverständliche Voraussetzung für
3 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 6 bis 8
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eine Baueinstellungsverfügung ist zudem, dass das in Ausführung stehende Bauvorhaben
überhaupt der Baubewilligungspflicht unterliegt. Sind diese beiden Voraussetzungen erfüllt,
liegt eine formelle Rechtswidrigkeit vor, die für den Erlass der Baueinstellungsverfügung
genügt. Die materielle Rechtswidrigkeit (sprich die fehlende Bewilligungsfähigkeit) ist für
den Erlass einer Baueinstellungsverfügung nicht Voraussetzung. Die Baupolizeibehörde ist
bei entsprechender Wahrnehmung verpflichtet, die illegale Bautätigkeit zu stoppen; sie
geniesst dabei keinen Beurteilungsspielraum und hat keine Interessenabwägung
vorzunehmen.4 Wie jedes staatliche Handeln muss aber auch die Baueinstellung
verhältnismässig sein (Art. 5 Abs. 2 BV5).
b) Es ist unbestritten, dass der Neubau eines Ferienhauses mit zwei Wohnungen und
einem offenen Autounterstand einer Baubewilligung bedarf. Die entsprechende
Baubewilligung wurde der Beschwerdeführerin am 28. November 2012 erteilt. Fraglich ist
vorliegend, ob das Bauvorhaben noch durch diese Baubewilligung gedeckt ist, da die
Vorinstanz geltend macht, die erteilte Baubewilligung sei erloschen. Eine Baubewilligung
erlischt, wenn innerhalb von drei Jahren seit ihrer rechtskräftigen Erteilung mit der
Ausführung des Bauvorhabens nicht begonnen oder die Ausführung während mehr als
einem Jahr unterbrochen wird. Vorbehalten bleiben Fälle, in denen die Baubewilligung aus
rechtlichen Gründen noch nicht genutzt werden kann (Art. 42 Abs. 2 BauG).
c) Die Beschwerdeführerin bringt vor, sie habe mit den Bauarbeiten begonnen: Nicht
nur das Schnurgerüst sei errichtet worden, sondern es sei auch abhumusiert worden.
Diese Sachverhaltsfeststellungen werden von der Gemeinde Hasliberg nicht bestritten. In
der angefochtenen Verfügung vom 28. Juni 2017 führte sie ihrerseits aus, im Herbst 2015
habe die Beschwerdeführerin geringe Erdverschiebungen vorgenommen und im
Oktober 2015 den Einmessplan Schnurgerüst eingereicht. Unter den Verfahrensbeteiligten
ist somit unbestritten, dass innerhalb von drei Jahren seit der rechtskräftigen Erteilung der
Baubewilligung mit der Bauausführung begonnen wurde. Ob die vorgenommenen Arbeiten
dafür tatsächlich ausgereicht haben, muss mit Blick auf die weiteren Ausführungen nicht
geprüft werden.
d) Vorliegend begründet die Gemeinde das Erlöschen der Baubewilligung mit einer
überjährigen Unterbrechung der Bauausführung: Seit der Schnurgerüstabnahme im
4 Zaugg/Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 46 N. 6 5 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101)
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Jahr 2015 habe keine weitere Bautätigkeit mehr stattgefunden. Die Beschwerdeführerin
widerspricht dieser Darstellung nicht. Sie bringt lediglich vor, die Bauausführung sei
unterbrochen worden, weil keine Käufer für die Wohnungen gefunden worden seien.6 Der
Fristenlauf beginnt jedoch nur dann nicht oder wird nur dann gehemmt, wenn die
Baubewilligung aus rechtlichen Gründen nicht begonnen werden kann und die
Bauherrschaft die zumutbaren Schritte zur Beseitigung der Hinderung unternimmt (Art. 42
Abs. 2 BauG i. V. m. Art. 40 Abs. 2 BewD7). Die Unverkäuflichkeit der Wohnungen ist kein
rechtlicher Grund im Sinne dieser Bestimmungen. Andere solche Gründe macht die
Beschwerdeführerin nicht geltend und solche sind auch nicht erkennbar.
e) Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die begonnene Ausführung des
Bauvorhabens gemäss unbestrittener Angaben während mehr als einem Jahr
unterbrochen worden ist und die erteilte Baubewilligung vom 28. November 2012 damit
erloschen ist. Die formelle Rechtswidrigkeit ist somit gegeben.
f) Neben der formellen Rechtswidrigkeit muss die Baueinstellung auch
verhältnismässig sein, d. h. sie muss zum Schutz der öffentlichen Interessen geeignet und
erforderlich sowie für den Betroffenen zumutbar sein. Es besteht ein gewichtiges
öffentliches Interesse daran, dass baubewilligungspflichtige Bauten nicht ohne
Baubewilligung erstellt werden, zumal hier auch Art. 75b BV über die Zweitwohnungen
betroffen ist. Die verfügte Baueinstellung ist zum Schutz dieses öffentlichen Interesses
geeignet und erforderlich, was von der Beschwerdeführerin nicht bestritten wird.
Sie macht hingegen sinngemäss geltend, die Baueinstellungsverfügung sei für sie nicht
zumutbar. Sie bringt insbesondere vor, sie habe viel Geld in das Projekt investiert. Es liegt
jedoch in der Verantwortung der Beschwerdeführerin, dass sie das Bauvorhaben nicht
innert der gesetzlich vorgegebenen Frist realisiert hat. Zudem steht ihr die Möglichkeit
offen, bei der Gemeinde ein Gesuch um Verlängerung der Geltungsdauer der
Baubewilligung einzureichen. Im Übrigen ist die Beschwerdeführerin durch die
Baueinstellung zurzeit ohnehin nicht beschwert, da sie nicht bauen will, solange sie
keine Käufer für die Wohnungen gefunden hat. Unter diesen Umständen ist die
6 Beschwerde vom 17. Juli 2017; Formular Selbstdeklaration Baukontrolle 2 in den Vorakten der Gemeinde, pag. 21 7 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1)
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Baueinstellung für die Beschwerdeführerin auch zumutbar. Die Beschwerde ist deshalb
abzuweisen und die angefochtene Verfügung vom 28. Juni 2017 zu bestätigen.
4. Kosten
a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Beschwerdeführerin. Sie hat
daher die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 600.-- (Art. 103 Abs. 2 VRPG i. V. m. Art. 19 Abs. 1 GebV8).
Die von Amtes wegen am Verfahren Beteiligten haben keine Anträge gestellt und werden
daher nicht kostenpflichtig.
b) Die Verfahrensbeteiligten waren nicht anwaltlich vertreten. Daher sind keine
Parteikosten im Sinne des Gesetzes entstanden (Art. 104 Abs. 1 und 2 VRPG).