Decision ID: 3bcc35b1-ae10-4551-96d9-4505ddf97284
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ bezieht neben einer ganzen IV-Rente seit mehreren Jahren
Ergänzungsleistungen (siehe z.B. EL-act. 30). Am 6. November 2015 reichte er am
Schalter der EL-Durchführungsstelle des Kantons St. Gallen ein Duplikat einer
Zahnarztrechnung vom 16. Juni 2014 (EL-act. 23) betreffend eine Behandlung vom 31.
März 2014 über den Betrag von Fr. 221.65 ein (EL-act. 24). Er machte geltend, dass er
diese Rechnung „schon lange“ bei der AHV-Zweigstelle B._ abgegeben habe. Auf
mündliche Anfrage hin teilte eine Sachbearbeiterin der AHV-Zweigstelle mit, dass keine
entsprechende Rechnung abgegeben worden sei (Aktennotiz, EL-act. 24).
A.b Mit Verfügung vom 10. November 2015 (EL-act. 22) eröffnete die EL-
Durchführungsstelle dem Versicherten, dass sie die Kosten der Zahnarztrechnung vom
16. Juni 2014 über den Betrag von Fr. 221.65 nicht übernehme, da Krankheits- und
Behinderungskosten nur vergütet würden, wenn sie innert 15 Monaten seit
Rechnungsstellung geltend gemacht würden. Dagegen wendete der Versicherte am 12.
November 2015 ein (EL-act. 19), dass ihm die Rechnung vom 16. Juni 2014 anlässlich
der jährlichen Zahnkontrolle vom 5. November 2015 ausgehändigt worden sei. Er
reiche die zu bearbeitenden Rechnungen immer sofort ein. Dass die Rechnung nun
verjährt sei, sei nicht seine Schuld. Am 16. November 2015 informierte die EL-
Durchführungsstelle den Versicherten darüber, dass sie an der Verfügung vom 10.
November 2015 festhalte (EL-act. 17). Am 23. November 2015 teilte sie dem
Versicherten mit, dass sie sein Schreiben (vom 12. November 2015) als Einsprache
gegen die Verfügung vom 10. November 2015 behandle (EL-act. 12). Die ihm
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eingeräumte Frist zur Ergänzung der Einsprache liess der Versicherte unbenutzt
verstreichen.
A.c Am 4. Februar 2016 (EL-act. 1) wies die EL-Durchführungsstelle die Einsprache ab.
Zur Begründung führte sie aus, es sei nicht aktenkundig, dass der Versicherte die
Rechnung vor dem 6. November 2015 bei der EL-Durchführungsstelle oder der AHV-
Zweigstelle B._ eingereicht habe. Da der Versicherte den geltend gemachten
Sachverhalt nicht beweisen könne, trage er die Folgen der Beweislosigkeit. Die
Rechnung sei am 16. Juni 2014 gestellt worden. Ab diesem Datum habe die 15-
monatige Verwirkungsfrist zu laufen begonnen. Am 16. September 2015 sei die Frist
abgelaufen. Die geltend gemachten Kosten der zahnärztlichen Behandlung seien daher
infolge Verwirkung zu Recht nicht vergütet worden.
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) am 5. Februar 2016 Beschwerde (act. G 1). Er machte geltend,
dass er die (Original-)Zahnarztrechnung vom 16. Juni 2014 kurz nach deren Zustellung
per Post an die EL-Durchführungsstelle weitergeleitet habe. Er habe nicht gewusst,
dass diese Rechnung noch offen sei; er sei auch nie daran erinnert worden. Die
Rechnung sei ihm erst wieder anlässlich eines Zahnarztbesuchs vom 5. November
2015 (als Duplikat) in die Hand gedrückt worden. Er sei damals völlig durcheinander
gewesen und gleich zur EL-Durchführungsstelle gefahren, um die Rechnung persönlich
einzureichen. Leider sei es ihm nicht möglich, zu beweisen, dass er die
(Original-)Rechnung fristgerecht eingereicht habe, weil er Briefe nie eingeschrieben
verschicke. Da er weder Drogen- noch Alkoholprobleme habe, müsste aber jedem klar
sein, dass er eine Zahnarztrechnung, die ihm vergütet werde, niemals einfach nicht
einreichen würde. Er bezahle die Wohnungsmiete und alle anderen anfallenden
Rechnungen stets pünktlich.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 29. Februar 2016 die Abweisung der

Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung verwies sie auf die Erwägungen im
Einspracheentscheid.
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B.c Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Einsicht in die Akten des
Verwaltungsverfahrens (act. G 4).
Erwägungen
1.
1.1 Strittig ist vorliegend, ob der Beschwerdeführer Anspruch auf Vergütung der am
16. Juni 2014 in Rechnung gestellten Zahnarztkosten in der Höhe von Fr. 221.65 hat.
1.2 Gemäss Art. 14 Abs. 1 lit. a des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG, SR 831.30) vergüten die
Kantone den Bezügerinnen und Bezügern einer jährlichen Ergänzungsleistung
ausgewiesene, im laufenden Jahr entstandene Kosten für zahnärztliche Behandlungen.
Die Zahnarztkosten werden allerdings nur vergütet, wenn die Vergütung innert 15
Monaten nach Rechnungsstellung geltend gemacht wird (lit. a) und die Kosten in einem
Zeitabschnitt entstanden sind, während dem die antragsstellende Person die
Voraussetzungen nach den Art. 4 bis 6 ELG erfüllte (lit. b des Art. 15 ELG). Bei der 15-
monatigen Frist handelt es sich um eine Verwirkungsfrist, das heisst der Anspruch auf
die Vergütung der Zahnarztkosten geht nach dem unbenützten Ablauf dieser Frist
unter. Das Wort „Rechnungsstellung“ muss weit ausgelegt werden, da eine EL-
beziehende Person, die eine ihr ausgestellte Rechnung nie erhalten hat, objektiv gar
nicht in der Lage ist, die Frist von 15 Monaten einzuhalten. Relevant kann also nur der
Zeitpunkt sein, in dem die Rechnung bei der EL-beziehenden Person eingetroffen ist
(vgl. Ulrich Meyer [Hrsg.], Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht Bd. XIV Soziale
Sicherheit, RALPH JÖHL/PATRICIA USINGER-EGGER, Ergänzungsleistungen zur AHV/
IV, S. 1683 ff., Rz. 240).
1.3 Dem Beschwerdeführer ist anlässlich eines Zahnarztbesuchs ein Duplikat einer
Rechnung vom 16. Juni 2014 ausgehändigt worden. Der Beschwerdeführer hat geltend
gemacht, dass er die Originalrechnung vom 16. Juni 2014 „schon lange“ bzw. „kurz
nach deren Zustellung“ der AHV-Zweigstelle B._ (EL-act. 24) resp. direkt der
Beschwerdegegnerin (act. G 1) per Post zugestellt habe. Die Originalrechnung liegt
allerdings nicht bei den von der Beschwerdegegnerin eingereichten Akten des
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Verwaltungsverfahrens (siehe EL-act. 1-103). Die Abklärungen der
Beschwerdegegnerin haben ergeben, dass sich die Originalrechnung auch nicht bei
der AHV-Zweigstelle B._ befindet. Die 15-monatige Frist wird im Zeitpunkt ausgelöst,
in dem die Rechnung erstmals beim Beschwerdeführer eingetroffen ist. Mit der Frage,
ob dem Beschwerdeführer die Originalrechnung vom 16. Juni 2014 überhaupt
zugestellt worden ist, hat sich die Beschwerdegegnerin gar nicht auseinandergesetzt.
Auf den ersten Blick mag dies nachvollziehbar sein, da der Beschwerdeführer
behauptet hat, er habe die Originalrechnung erhalten. Bei näherer Betrachtung der
Akten wird jedoch ersichtlich, dass sich der Beschwerdeführer nicht daran erinnern
kann, ob er die Originalrechnung je erhalten hat; er ist schlicht nicht auf die Idee
gekommen, dass der Fehler dort liegen könnte. Dass die Originalrechnung vom 16.
Juni 2014 dem Beschwerdeführer gar nie zugestellt worden ist, kann aus den
folgenden Gründen zumindest nicht ausgeschlossen werden: Zwischen der
Rechnungsstellung (16. Juni 2014) und dem letzten Zahnarztbesuch vom 5. November
2015, anlässlich dessen dem Beschwerdeführer das Duplikat der Rechnung vom 16.
Juni 2014 ausgehändigt worden ist, liegen fast 17 Monate. Der Beschwerdeführer hätte
die Originalrechnung innerhalb von 30 Tagen bezahlen müssen (EL-act. 23). In der
Regel werden Personen, die mit der Bezahlung einer Rechnung in Verzug sind,
zunächst an die Zahlung erinnert, dann gemahnt und in der Folge betrieben. Der
Beschwerdeführer hat geltend gemacht, er sei nie daran erinnert worden, dass die
Rechnung noch offen sei. Auch sonst sind in den Akten keine Hinweise dafür
ersichtlich, dass Inkassobemühungen erfolgt wären. Aus diesem Grund bestehen doch
Zweifel daran, dass dem Beschwerdeführer die Originalrechnung vom 16. Juni 2014
überhaupt zugestellt worden ist. Indem die Beschwerdegegnerin weitere
diesbezügliche Abklärungen, insbesondere eine Rückfrage an den Zahnarzt,
unterlassen hat, hat sie den ihr obliegenden Untersuchungsgrundsatz nach Art. 43 Abs.
1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts
(ATSG, SR 830.1) verletzt. Die Beschwerdegegnerin wird diese Abklärungen nachholen
müssen. Namentlich wird sie den Zahnarzt des Beschwerdeführers dazu befragen
müssen, ob die Originalrechnung vom 16. Juni 2014 an den Beschwerdeführer
verschickt worden ist und wenn ja, wann sie verschickt worden ist und warum er (der
Zahnarzt) in der Folge keine Inkassobemühungen getätigt hat.
2.
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2.1 Die Beschwerde ist demnach dahingehend gutzuheissen, dass der angefochtene
Einspracheentscheid aufzuheben und die Sache zur weiteren Abklärung und zur
anschliessenden Neuverfügung im Sinne der obigen Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist.
2.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).