Decision ID: dcf9eb9e-11c4-4f88-aaed-18179b68aeab
Year: 2012
Language: de
Court: ZH_SRK
Chamber: ZH_SRK_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: public_law

hat sich ergeben:
A. Der im Januar 1946 geborene A (nachfolgend der Pflichtige) löste sein
Säule 3a-Konto bei der Vorsorgestiftung Sparen 3 der St. Galler Kantonalbank per
1. September 2010 auf und liess sich den Saldo von Fr. 110'856.- zur freien Verfügung
halten. Am 11. November 2010 tätigte er einen Einkauf von Fr. 50'000.- in seine Pen-
sionskasse.
In der Steuererklärung 2010 zogen er und seine Ehefrau B (nachfolgenden
zusammen die Pflichtigen) den Einkauf in die Säule 2 in der Höhe von Fr. 50'000.- vom
Einkommen ab. Das kantonale Steueramt liess den Einkauf im Veranlagungs-
/Einschätzungsentscheid vom 18. Oktober 2011 nicht zum Abzug zu, da es sich um
einen steuerneutralen Transfer innerhalb des Vorsorgekreislaufs gemäss Art. 24 lit. c
des Bundesgesetzes vom 14. Dezember 1990 (DBG) bzw. § 24 lit. c des Steuergeset-
zes vom 8. Juni 1997 (StG) gehandelt habe. Mit gleichentags ergangenen separaten
Entscheiden besteuerte das kantonale Steueramt zudem den überschiessenden Teil
der Kapitalleistung in der Höhe von (gerundet) Fr. 60'800.- separat gemäss Art. 38
DBG bzw. § 37 StG.
B. Die gegen die ordentlichen Einschätzungen erhobenen Einsprachen der
Pflichtigen vom 14. November 2011 wies das kantonale Steueramt am 12. April 2012
ab.
C. Mit Beschwerde bzw. Rekurs vom 20. April 2012 wiederholten die Pflichti-
gen Einspracheantrag und -begründung. Das kantonale Steueramt schloss am 22. Mai
2012 auf Abweisung der Rechtsmittel. Die Eidgenössische Steuerverwaltung liess sich
nicht vernehmen. Mit Verfügung vom 18. Juni 2012 wurden die Pflichtigen aufgefordert,
weitere Unterlangen im Zusammenhang mit der Transaktion einzureichen. Dem kamen
sie am 27. Juni 2012 nach. Das kantonale Steueramt verzichtete am 20. Juli 2012 auf
Stellungnahme.
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Der Einzelrichter zieht in Erwägung:
1. a) Art. 33 Abs. 1 lit. d DBG bzw. § 31 Abs. 1 lit. d StG sehen vor, dass die
gemäss Gesetz, Statut oder Reglement geleisteten Einlagen, Prämien und Beiträge
u.a. an Einrichtungen der beruflichen Vorsorge von den Einkünften abgezogen werden
können. Gestützt auf diese Bestimmungen sind insbesondere Einkäufe von Lohnerhö-
hungen, fehlenden Beitragsjahren und Vorfinanzierungen von Frühpensionierungen bei
der beruflichen Vorsorge (2. Säule) abziehbar (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Hand-
kommentar zum DBG, 2. A., 2009, Art. 33 N 81 DBG und Kommentar zum harmoni-
sierten Zürcher Steuergesetz, 2. A., 2006, § 31 N 79 StG). Diese Bestimmungen voll-
ziehen Art. 81 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen-
und Invalidenvorsorge vom 25. Juni 1982 (BVG), wonach die von den Arbeitnehmern
und Selbstständigerwerbenden nach Gesetz oder reglementarischen Bestimmungen
geleisteten Beiträge an Vorsorgeeinrichtungen bei den direkten Steuern des Bundes,
der Kantone und Gemeinden abziehbar sind.
Der Einkommenssteuer nicht unterworfen sind kraft Art. 24 lit. c DBG bzw.
§ 24 lit. c StG die Kapitalzahlungen, die bei Stellenwechsel vom Arbeitgeber oder von
Einrichtungen der beruflichen Vorsorge ausgerichtet werden, wenn sie der Empfänger
innert Jahresfrist zum Einkauf in eine Einrichtung der beruflichen Vorsorge oder zum
Erwerb einer Freizügigkeitspolice verwendet. Indem Art. 24 lit. c DBG bzw. § 24 lit. c
StG die Steuerfreiheit der Kapitalzahlung bei nachfolgendem Einkauf vorschreiben,
folgt zwingend, dass auch der nachfolgende Einkauf nicht mehr zum Abzug gebracht
werden kann, ansonsten die Transaktion gleich doppelt steuermindernd berücksichtigt
würde. Insofern schliessen Art. 24 lit. c DBG bzw. § 24 lit. c StG die Anwendung von
Art. 33 Abs. 1 lit. d DBG bzw. § 31 Abs. 1 lit. d StG aus.
b) Streitig ist im vorliegenden Fall, ob die Auszahlung einer Kapitalleistung aus
der Säule 3a und ein nachfolgender Einkauf in die berufliche Vorsorge einen steuer-
neutralen Transfer darstellt, oder ob beide Transaktionen unabhängig voneinander
nach den einschlägigen Bestimmungen zu beurteilen sind.
Es bestehen eine Reihe von Anhaltspunkten, welche gegen eine Beurteilung
als steuerneutralen Transfer sprechen:
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aa) Vorab fehlt es am erforderlichen Stellenwechsel. Die in Art. 24 lit. c DBG
bzw. § 24 lit. c StG verwendete Formulierung "Kapitalzahlungen, die bei Stellenwech-
sel vom Arbeitgeber oder von Einrichtungen der beruflichen Vorsorge ausgerichtet
werden" ist zwar sprachlich unklar, indem sie sich auch so lesen lässt, dass ein Stel-
lenwechsel einzig bei Leistungen des Arbeitgebers vorausgesetzt wird. Indessen gilt
das Erfordernis des Stellenwechsels generell, wie sich klar aus dem französischen
Gesetzestext ergibt: "les prestations en capital versées par l’employeur ou une institu-
tion de prévoyance professionnelle lors d’un changement d’emploi". Der Wortlaut der
Bestimmung deckt sich mit deren Zielsetzung, wonach es darum geht, bei einem
Wechsel des Arbeitsplatzes die Freizügigkeit der Vorsorge von Kasse zu Kasse steuer-
lich zu erleichtern (vgl. BGr, 6. März 2001, 2A.50/2000, www.bger.ch; vgl. auch von
Streng/Vuilleumier, Steuerrechtliche Behandlung von Abgangsentschädigungen, IFF
Forum für Steuerrecht, 2003 S. 40). Ein Stellenwechsel liegt vor, wenn die steuerpflich-
tige Person nach der Kapitalzahlung einen neuen Arbeitgeber hat, ferner wenn sie ihre
bisherige unselbstständige Erwerbstätigkeit aufgibt und eine selbstständige Erwerbstä-
tigkeit aufnimmt (oder umgekehrt) oder eine bisherige selbstständige Erwerbstätigkeit
wesentlich ausbaut (Richner/Frei/Kaufmann/Meuter, Art. 24 N 66 DBG und § 24 N 64
StG). Die Bestimmungen kommen nicht zur Anwendung, wenn die steuerpflichtige
Person ihre bisherige Erwerbstätigkeit aufgibt, ohne eine neue Erwerbstätigkeit aufzu-
nehmen.
Der Pflichtige war 2010 als Professor angestellt und ging Ende Januar 2011 in
Pension. Bei Auflösung des Kontos Säule 3a am 1. September 2010 war er 64 Jahre
und acht Monate alt. Damit lag 2010 kein Stellenwechsel vor. Erst recht keinen Stel-
lenwechsel im Sinn der Bestimmung stellt die Pensionierung im Folgejahr dar. Damit
fehlt es bereits an der grundlegenden Voraussetzung für die Anwendung von Art. 24 lit.
c DBG bzw. § 24 lit. c StG.
bb) Damit ist zu prüfen, ob der Einkauf von Versicherungsjahren in der
Säule 2 aus Mitteln der Säule 3a aus anderen Gründen steuerneutral zu erfolgen hat.
Im Recht der beruflichen Vorsorge ist ein solcher Übertrag in Art. 3 Abs. 2 lit. b
der Verordnung über die steuerliche Abzugsberechtigung für Beiträge an anerkannte
Vorsorgeformen vom 13. November 1985 (BVV 3) ausdrücklich vorgesehen. Nach die-
ser Bestimmung ist eine vorzeitige Ausrichtung der Altersleistungen aus der Säule 3a
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zulässig, wenn das Vorsorgeverhältnis aufgelöst wird, weil der Vorsorgenehmer die
ausgerichtete Leistung für den Einkauf in eine steuerbefreite Vorsorgeeinrichtung oder
für eine andere anerkannte Vorsorgeform verwendet. Über die steuerliche Behandlung
eines solchen Vorgangs enthält die BVV 3 indessen keine Vorschriften. Nach der Pra-
xis ist die Transaktion steuerneutral; die Überweisung des Vorsorgeguthabens hat aber
direkt vom Vorsorgeträger der Säule 3a in die Vorsorgeeinrichtung der 2. Säule zu er-
folgen, wobei aber auch der Bezug der Altersleistung mit Verwendung der Auszahlung
zum Einkauf steuerneutral zugelassen wird (Schweizerische Steuerkonferenz, Vorsor-
ge und Steuern, A.8.2.1). Die rechtlichen Grundlagen, auf welche sich die Schweizeri-
sche Steuerkonferenz hierbei stützt, gehen aus ihren Ausführungen aber nicht hervor.
Vorliegend kann offen bleiben, ob die Auffassung der Schweizerischen Steu-
erkonferenz zutrifft, da es sich ohnehin nicht um einen Anwendungsfall von Art. 3 Abs.
2 lit. b BVV 3 handelt. Da der Vorsorgeträger gar keine Auszahlung vornehmen darf,
sofern nicht ein in der BVV 3 vorgesehener Auszahlungsgrund vorliegt, setzt Art. 3
Abs. 2 lit. b BVV 3 voraus, dass eine solche Absicht gegenüber der Vorsorgeeinrich-
tung kundgetan und die Auszahlung damit begründet wird. Vorliegend handelt es sich
aber klarerweise nicht um eine Auflösung des Vorsorgeverhältnisses kraft Art. 3 Abs. 2
lit. b BVV 3, sondern kraft Art. 3 Abs. 1 BVV 3 (Ausrichtung frühestens fünf Jahre vor
Erreichen des ordentlichen Rentenalters). Dies geht unmittelbar aus der Bescheinigung
der Versicherung hervor. Hinzu kommt, dass Art. 3 Abs. 2 BVV 3 generell die "vorzeiti-
ge Ausrichtung der Altersleistung" regelt; hier aber ein Fall gemäss Art. 3 Abs. 1 BVV 3
vorliegt und damit nicht mehr von einer vorzeitigen Ausrichtung gesprochen werden
kann.
cc) Anzufügen ist zudem, dass die Pflichtigen mit einem Wertschriftenvermö-
gen per 31. Dezember 2010 von rund Fr. 300'000.- auch ohne die Kapitalleistung in
der Lage gewesen wären, den Einkauf zu finanzieren. Damit besteht auch kein kausa-
ler Zusammenhang zwischen den beiden Transaktionen in dem Sinn, dass ohne die
Auszahlung aus der Säule 3a der Einkauf gar nicht möglich gewesen wäre.
c) Zusammenfassend ist deshalb festzuhalten, dass die streitigen Transaktio-
nen nicht unter Art. 24 lit. c DBG bzw. § 24 lit. c StG fallen und deshalb der Einkauf
gestützt auf Art. 33 Abs. 1 lit. d DBG bzw. § 31 Abs. 1 lit. d StG von den Einkommens-
steuern abgezogen werden kann.
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2. Der Einkauf erweist sich auch unter Berücksichtigung der rechtlichen Be-
schränkungen als gesetzeskonform. Das Vorliegen einer Vorsorgelücke in der erforder-
lichen Höhe ist belegt. Zudem hat der Pflichtige sein Altersguthaben ab dem 1. Februar
2011 zu 100% als Rente bezogen, so dass die Einkaufsbeschränkungen bei unmittel-
bar nachfolgendem Kapitalbezug nicht zur Anwendung gelangen (Art. 79b Abs. 3 BVG,
in der Fassung vom 3. Oktober 2003, in Kraft seit 1. Januar 2006, sowie BGr, 12. März
2010, 2C_658+659/2009).
3. Beiträge an die berufliche Vorsorge sind im interkantonalen Verhältnis als
Gewinnungskosten zu betrachten und somit objektmässig direkt der betreffenden Ein-
kunftsart zuzurechnen (BGr, 15. Oktober 1996, StE 1998 A 24.42.4 Nr. 1; Philipp Bet-
schart in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Interkantonales Steuerrecht,
2011, § 24 N 13). Der Einkauf von Fr. 50'000.- ist deshalb für die Staats- und Gemein-
desteuern beim steuerbaren Einkommen gleich wie das unselbstständige Erwerbsein-
kommen dem Kanton Zürich zuzuteilen.
4. Gestützt auf diese Erwägungen sind die Beschwerde und der Rekurs gut-
zuheissen. Bei diesem Ausgang sind die Verfahrenskosten der Beschwerdegegnerin
bzw. dem Rekursgegner aufzuerlegen (Art. 144 Abs. 1 DBG und § 151 Abs. 1 StG).