Decision ID: 17a52bd6-b9f2-4444-a68f-d89f67ddd2fc
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Februar 2020 zum Bezug von Ergänzungsleistungen an (EL-
act. 16). Er gab an, dass er eine Rente der Invalidenversicherung von 855 Franken pro
Monat erhalte, aber: „IV ist in Abklärung“ (EL-act. 16–7). Ein Sachbearbeiter der EL-
Durchführungsstelle notierte, dass eine Beschwerde betreffend die Rentenverfügung
beim Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hängig sei (elektronische Notiz zu
EL-act. 16–7). In einer weiteren elektronischen Notiz hielt ein Sachbearbeiter der EL-
Durchführungsstelle fest, dass dem EL-Ansprecher mit Wirkung ab Januar 2017 eine
ganze und mit Wirkung ab März 2019 eine halbe Rente zugesprochen worden sei;
gegen diese Verfügung habe der EL-Ansprecher aber eine Beschwerde erhoben
(elektronische Notiz zu EL-act. 16–1). Dieses Beschwerdeverfahren war am 14. Februar
2020 unter der Verfahrensnummer IV 2020/41 beim Versicherungsgericht des Kantons
St. Gallen eingeschrieben worden.
A.a.
Mit einer Verfügung vom 4. August 2020 sistierte die EL-Durchführungsstelle das
Verwaltungsverfahren betreffend eine allfällige Ergänzungsleistung zur Invalidenrente
(EL-act. 2). Zur Begründung führte sie aus, in nächster Zeit könne nicht mit einem
rechtskräftigen Abschluss des IV-Rentenverfahrens gerechnet werden. Als Folge davon
sei es nicht möglich, die Frage nach der Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens zu beantworten. Das Verwaltungsverfahren betreffend eine
allfällige Ergänzungsleistung müsse deshalb bis zum rechtskräftigen Abschluss des IV-
Rentenverfahrens sistiert werden. Sobald ein rechtskräftiger Entscheid vorliege, werde
das EL-Verwaltungsverfahren fortgesetzt werden.
A.b.
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B.
Am 28. August 2020 liess der EL-Ansprecher (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Sistierungsverfügung vom 4. August 2020 erheben (act. G
1). Seine Rechtsvertreterin stellte den folgenden Antrag: „Die Verfügung der
Beschwerdegegnerin vom 4. August 2020 sei aufzuheben und die
Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, über die Ergänzungsleistungen materiell zu
verfügen und dem Beschwerdeführer ab dem 1. Januar 2018 jährliche
Ergänzungsleistungen von 616 Franken (inkl. Prämienpauschale), ab dem 1. Januar
2019 jährliche Ergänzungsleistungen von 9’750 Franken (inkl. Prämienpauschale), ab
dem 1. März 2019 jährliche Ergänzungsleistungen von 7’698 Franken (inkl.
Prämienpauschale und ab dem 1. Januar 2020 jährliche Ergänzungsleistungen von
9’241 Franken (inkl. Prämienpauschale) auszurichten“. Zur Begründung führte sie aus,
die Zusprache einer ganzen Rente für die Zeit vom 1. Januar 2017 bis zum 28. Februar
2019 sei nicht strittig; für die Zeit ab dem 1. März 2019 sei nur strittig, ob der
Beschwerdeführer eine halbe oder eine höhere Rente zugute habe. Die IV-Stelle habe
in ihrer Beschwerdeantwort weiterhin am Anspruch auf eine halbe Rente festgehalten,
weshalb eine Korrektur zu Ungunsten des Beschwerdeführers undenkbar sei. Der
Rentenanspruch sei also entgegen der Ansicht der EL-Durchführungsstelle
(nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) nicht ungewiss oder gar völlig offen.
B.a.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 1. Oktober 2020 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 3). Zur Begründung führte sie an, nach der Rechtsprechung des
Versicherungsgerichtes des Kantons St. Gallen sei es sinnvoll, ein EL-Verfahren bis
zum Abschluss des IV-Verfahrens zu sistieren, denn jede Rechtsanwendung im
Sozialversicherungsbereich setze eine vollständige Ermittlung des relevanten
Sachverhaltes voraus. Bei einer vorläufigen Zusprache einer Ergänzungsleistung werde
vorsätzlich eine von Beginn weg falsche Leistungszusprache in Kauf genommen, die
später nicht mehr korrigiert werden könne und die deshalb rechtswidrig sei. Noch
stehe nicht definitiv fest, dass der Beschwerdeführer einen Rentenanspruch habe.
Selbst wenn das EL-Verwaltungsverfahren fortgesetzt würde, könnte nicht umgehend
eine Ergänzungsleistung zugesprochen werden, denn in diesem Fall müsste die
Beschwerdegegnerin selbst weitere Abklärungen zur Erwerbsfähigkeit des
B.b.
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Erwägungen
1.
Beschwerdeführers tätigen, um die Sachverhaltsermittlung abschliessen zu können. Im
Übrigen sei die Ergänzungsleistung kein Mittel zur Überbrückung einer akuten Notlage.
Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Replik (act. G 5).B.c.
Mit der angefochtenen Verfügung ist das Verwaltungsverfahren betreffend einen
allfälligen Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Ergänzungsleistung nicht
abgeschlossen worden, weshalb die angefochtene Verfügung als eine
verfahrensleitende Verfügung zu qualifizieren ist. Gegen verfahrensleitende
Verfügungen kann gemäss dem Art. 52 Abs. 1 ATSG keine Einsprache erhoben
werden. Vielmehr muss laut dem Art. 56 Abs. 1 ATSG gegen solche Verfügungen direkt
eine Beschwerde erhoben werden. Weder das VRP noch der Art. 61 ATSG sehen
besondere Eintretensvoraussetzungen bezüglich einer Beschwerde gegen eine
verfahrensleitende Verfügung vor. Allerdings ist die selbständige Anfechtung einer
verfahrensleitenden Verfügung kantonalrechtlich auf wenige Fälle beschränkt (vgl. Urs
Peter Cavelti/Thomas Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im Kanton St. Gallen, 2. Aufl.
2003, Rz. 564 f.). Diese Regelung wird vom Verwaltungsgericht des Kantons St. Gallen
und vom Schrifttum als unbefriedigend qualifiziert, weshalb lückenfüllend eine
selbständige Anfechtung von verfahrensleitenden Verfügungen in analoger Anwendung
der Art. 45 f. VwVG bejaht wird (vgl. Cavelti/Vögeli, a.a.O., Rz. 566, mit Hinweisen).
Auch das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen tritt gemäss seiner ständigen
Praxis unter den analog anzuwendenden Voraussetzungen der Art. 45 f. VwVG auf
Beschwerden gegen verfahrensleitende Verfügungen ein (vgl. etwa den Entscheid IV
2015/356 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 8. Dezember 2017, E. 1). Die hier
angefochtene verfahrensleitende Sistierungsverfügung vom 4. August 2020 ist
geeignet, einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne des Art. 46 Abs. 1 lit. a
VwVG zu bewirken. Der Beschwerdeführer wird nämlich jedenfalls so lange keine
Ergänzungsleistungen erhalten, bis die Beschwerdegegnerin über seine Anmeldung
entschieden haben wird. Als Folge davon könnte eine Sozialhilfeabhängigkeit des
Beschwerdeführers entstehen oder sogar schon entstanden sein. Darin ist ein Nachteil
zu erblicken, der selbst durch eine spätere rückwirkende Leistungszusprache nicht
wieder gutgemacht werden kann. Der Beschwerdeführer ist nämlich gezwungen, sich
für die Zeit bis zum Abschluss des EL-Verwaltungsverfahrens mit dem
sozialhilferechtlichen statt mit dem in der Regel höheren
1.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/8
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2.
ergänzungsleistungsrechtlichen Existenzminimum zu begnügen. Auch wenn er später
eine entsprechende Nachzahlung erhalten sollte, die diesen Nachteil rein
buchhalterisch ausgleichen würde, würde dies nichts am Umstand ändern, dass er sich
bis dahin finanziell stark hätte einschränken müssen. Die Situation des
Beschwerdeführers stellt sich also ähnlich dar wie bei einem Entzug der
aufschiebenden Wirkung einer Beschwerde, weil er gezwungen ist, für die Dauer des
Verfahrens ohne Ergänzungsleistungen auszukommen. Bei der Beurteilung von
Gesuchen um die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung einer Beschwerde ist
die Vermeidung einer auch nur vorübergehenden Sozialhilfeabhängigkeit gemäss der
konstanten bundesgerichtlichen Auffassung als ein schützenswertes Interesse
anerkannt (vgl. statt vieler das Urteil des Bundesgerichtes 8C_276/2007 vom 20.
November 2007, E. 3, mit zahlreichen Hinweisen). Dies rechtfertigt es, im Risiko einer
allenfalls auch nur vorübergehenden Sozialhilfeabhängigkeit einen nicht wieder
gutzumachenden Nachteil zu erblicken (vgl. zum Ganzen auch den Entscheid EL
2016/12, EL 2016/16 des St. Galler Versicherungsgerichtes vom 13. Dezember 2016,
E. 2). Folglich ist auf die Beschwerde gegen die zu Recht förmlich verfügte Sistierung
des Verwaltungsverfahrens einzutreten.
Den Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens kann nur die Frage nach der
Rechtmässigkeit der Sistierung des Verwaltungsverfahrens bilden. Der
Beschwerdeantrag enthält bei genauer Betrachtung zwei voneinander unabhängige
Anträge, nämlich einerseits den Antrag auf Aufhebung der angefochtenen
Sistierungsverfügung und andererseits den Antrag auf eine urteilsmässige
Verpflichtung der Beschwerdegegnerin, dem Beschwerdeführer eine rückwirkend
abgestufte, betraglich genau bestimmte Ergänzungsleistung für die Zeit ab dem 1.
Januar 2018 auszurichten. Dieser zweite Antrag liegt ausserhalb des Gegenstandes
dieses Beschwerdeverfahrens, weshalb darauf nicht eingetreten werden kann.
1.2.
Nach der offenbar von beiden Parteien vertretenen Ansicht soll die Zulässigkeit der
Verfahrenssistierung offenbar nur deshalb vom hängigen IV-Rentenverfahren
abhängen, weil der Betrag des hypothetischen Erwerbseinkommens nach Art. 14a Abs.
2 ELV vor dem Abschluss des IV-Rentenverfahrens nicht ermittelt werden kann. Diese
Ansicht ist unzutreffend, denn solange das IV-Rentenverfahren nicht abgeschlossen ist,
steht augenscheinlich auch der Betrag einer allfälligen Invalidenrente noch nicht fest,
der bei der Anspruchsberechnung selbstverständlich als Einnahmenposition
berücksichtigt werden müsste. Darüber hinaus haben die Parteien offenbar nicht
bedacht, dass ohne einen definitiven Rentenanspruch noch nicht einmal feststeht, ob
2.1.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/8
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der Beschwerdeführer die persönlichen Anspruchsvoraussetzungen des Art. 4 ELG
überhaupt erfüllt. Der Beschwerdeführer hat geltend gemacht, dass im hängigen IV-
Beschwerdeverfahren nur noch die Frage offen sei, ob ihm ab März 2019 eine höhere
als eine halbe Rente zuzusprechen sei; die Zusprache einer ganzen Rente für die Zeit
vom 1. Januar 2017 bis zum 28. Februar 2019 und die Zusprache (mindestens) einer
halben Rente für die Zeit ab dem 1. März 2019 sei nicht strittig. Diese Auffassung
beruht auf einem falschen Verständnis der Natur des sozialversicherungsrechtlichen
Beschwerdeverfahrens, denn gemäss dem Art. 61 lit. d ATSG ist das
Versicherungsgericht nicht an die Parteianträge gebunden (selbst wenn diese
übereinstimmend sind), denn das Ziel des Beschwerdeverfahrens ist nicht wie im
Zivilverfahren in erster Linie die Schlichtung eines Streites zwischen zwei Parteien,
sondern die objektiv richtige Anwendung des massgebenden materiellen Rechtes.
Dabei gilt eine rückwirkend abgestufte Rentenzusprache als ein einheitliches
Rechtsverhältnis (vgl. etwa BGE 131 V 164). Entgegen der Ansicht des
Beschwerdeführers ist deshalb im hängigen Beschwerdeverfahren IV 2020/41 der
Rentenanspruch als Ganzes strittig, was angesichts der im Art. 61 lit. d ATSG
verankerten Möglichkeit einer reformatio in peius bedeutet, dass im für den
Beschwerdeführer ungünstigsten Fall auch eine vollständige Abweisung seines
Rentenbegehrens resultieren könnte; denkbar ist auch eine Aufhebung der
rentenzusprechenden Verfügung verbunden mit einer Rückweisung der Sache an die
IV-Stelle zur weiteren Sachverhaltsabklärung, die den Rentenanspruch ebenfalls ganz
grundsätzlich in Frage stellen würde. Vor diesem Hintergrund erweist sich der Hinweis
der Beschwerdegegnerin, dass der Rentenanspruch noch „völlig offen“ sei, als
zutreffend. Das bedeutet, dass noch nicht einmal festgestanden hat, ob der
Beschwerdeführer überhaupt die persönlichen Anspruchsvoraussetzungen (Bezug
einer Rente der Invalidenversicherung) erfüllt hat, weshalb es der Beschwerdegegnerin
schon aus diesem Grund nicht möglich gewesen ist, das EL-Verwaltungsverfahren
abzuschliessen.
Auch die vom Beschwerdeführer sinngemäss vertretene Auffassung, die
Beschwerdegegnerin könne die Ergänzungsleistung „vorsorglich“ zusprechen und
später nötigenfalls korrigieren respektive durch eine „definitive“ Verfügung ersetzen,
erweist sich als unzutreffend. Angesichts des Umstandes, dass im Zeitpunkt des
Erlasses der angefochtenen Sistierungsverfügung noch nicht einmal die Frage nach der
Erfüllung der persönlichen Anspruchsvoraussetzungen hat beantwortet werden
können, sind die Voraussetzungen für eine Vorschussleistung nach Art. 19 Abs. 4
ATSG offenkundig nicht erfüllt gewesen. Das ELG kennt keine über den Art. 19 Abs. 4
ATSG hinausgehende Regelung, die die Ausrichtung von „Vorschussleistungen“ (im
2.2.
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3.
Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG). Der unterliegende
Beschwerdeführer hat keinen Anspruch auf eine Parteientschädigung.