Decision ID: 177752fe-78b9-58f6-8e01-744c827e88a1
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin – eritreische Staatsangehörige tigrinischer Ethnie
– verliess gemäss eigenen Angaben ihr Heimatland im Februar 2011 und
reiste nach Äthiopien, wo sie sich bis Oktober 2015 mit ihrem Ehemann
D._ (D._) im Flüchtlingslager E._ aufhielt. Während
ihres Aufenthaltes in Äthiopien gebar die Beschwerdeführerin ihre beiden
– mit D._ gemeinsamen – Töchter B._ und C._. An-
schliessend reiste sie – ohne ihren Ehemann – mit ihren beiden Töchtern
in den Sudan. Über Libyen gelangte sie mit ihren Töchtern auf dem See-
weg im April 2016 nach Italien.
Im Rahmen eines Relocation-Verfahrens, zu welchem die Beschwerdefüh-
rerin ihre Zustimmung gab, reiste sie mit ihren Töchtern am 15. Februar
2017 in die Schweiz ein und stellte für sich und ihre Kinder ein Asylgesuch.
B.
Am 27. Februar 2017 fand die Befragung der Beschwerdeführerin zur Per-
son (BzP) statt (vgl. Akte A5). Dabei ersuchte sie unter anderem um die
Zuteilung in jenen Kanton, wo ihre Cousine F._ lebe (Kanton
G._). Gleichentags wurde ihr das rechtliche Gehör zur Kantonszu-
teilung gewährt. Am 27. Februar 2017 wurden per elektronische Mitteilung
amtsintern (SEM) gesundheitliche Probleme der Beschwerdeführerin und
ihrer Kinder mitgeteilt (vgl. Akte A8).
C.
Mit Verfügung vom 6. März 2017 wurden die Beschwerdeführerinnen dem
Kanton G._ zugewiesen.
D.
Am 19. April 2017 reichte die Beschwerdeführerin folgende Beweismittel
im Original ein (vgl. Akte A16):
- einen religiösen Eheschein («marriage certificate») mit zwei angehef-
teten Passfotos, ausgestellt durch die «Ethiopian H._ Church»;
- zwei in Äthiopien ausgestellte Geburtsurkunden der beiden Töchter
B._ und C._; gemäss diesen Geburtsurkunden sind
beide Töchter eritreische Staatsangehörige und beide wurden in Äthi-
opien geboren;
- zwei Taufurkunden der Töchter, jeweils mit angeheftetem Passfoto,
ausgestellt durch die «Ethiopian H._ Church;
E-5468/2019
Seite 3
- eine Fotokopie der Identitätskarte ihrer Mutter.
E.
Am 15. Mai 2018 wurde die einlässliche Anhörung der Beschwerdeführerin
zu den Asylgründen durchgeführt (vgl. A15).
Zur Begründung ihres Asylgesuches trug die Beschwerdeführerin bei der
BzP und der Anhörung folgenden Sachverhalt vor:
Zu ihrer persönlichen Situation und ihren familiären Verhältnissen gab sie
an, sie sei in I._, Zoba J._, geboren. Ihr Vater sei gestorben,
als sie noch ein Kind gewesen sei. Sie und ihre Schwester seien bei der
Grossmutter in I._ aufgewachsen, nachdem ihre Mutter nach Äthi-
opien gezogen sei. Zu einem späteren Zeitpunkt sei ihre Mutter wieder
nach Eritrea zurückgekehrt, sei aber vor rund vier Jahren gestorben. Bis
zu ihrer Heirat nach Brauch im Jahr 2009 habe die Beschwerdeführerin mit
ihrer Schwester in K._, Asmara gelebt. Nach ihrer Heirat habe sie
sich bis zu ihrer Ausreise im Februar 2011 – bis zur illegalen Ausreise ihres
Ehemannes D._ im Jahr 2010 mit diesem zusammen – in
L._, Zoba J._ aufgehalten und sei dabei zwischen dem
Wohnort ihrer Schwiegereltern und Asmara hin- und hergependelt. Sie
habe zwei volljährige Söhne aus einer früheren Beziehung mit M._
Der ältere Sohn, N._, lebe in Eritrea, der andere Sohn O._
sei nach ihr, etwa im Jahr 2013, aus Eritrea ausgereist. Ihre Eltern hätten
gewollt, dass sie den Mann P._ heirate, und sie gezwungen, mit
diesem zusammenzuleben. Dabei sei sie von P._ vergewaltigt wor-
den. Aus dieser Beziehung stamme ihre im Jahr (...) geborene Tochter
Q._, die bei der Schwester der Beschwerdeführerin in Asmara lebe.
Sie, die Beschwerdeführerin, sei nie zur Schule gegangen und habe ledig-
lich zu Hause etwas schreiben und lesen gelernt. Sie habe als Dienstmäd-
chen und auf den Feldern gearbeitet. Die beiden Töchter, die mit ihr in die
Schweiz geflüchtet seien, habe sie in Äthiopien geboren.
Sie habe den Lebensunterhalt bestritten, indem sie auf der Strasse Ware
verkauft habe. Weil sie als Strassenhändlerin ihre Ware feilgeboten habe,
sei ihr mehrmals ein Bussgeld von jeweils 500 Nakfa auferlegt worden. In
diesem Zusammenhang sei sie mehrmals von den eritreischen Aufsichts-
behörden nach R._ abgeführt und mit einem Stock geschlagen wor-
den; nachdem sie jeweils bezahlt habe, sei sie wieder freigelassen worden.
Wegen der auferlegten Bussengelder habe sie nicht mehr für den Lebens-
unterhalt ihrer Familie aufkommen können.
E-5468/2019
Seite 4
Ihr Ehemann D._ habe «seit der (...) Runde» während insgesamt
18 Jahren in Eritrea Militärdienst geleistet. Im Jahr 2010 habe er Eritrea
illegal verlassen und sei in der Folge von den eritreischen Behörden als
Verräter betrachtet worden. Die Militäreinheiten ihres Ehemannes hätten
diesbezüglich zu Hause vorgesprochen und hätten auch eine Hausdurch-
suchung veranlasst; sie habe erst durch die Soldaten erfahren, dass ihr
Ehemann nach einem Urlaub den Militärdienst verlassen habe und aus
Eritrea ausgereist sei. Wegen der Desertion ihres Mannes sei ihr ein Bus-
sengeld von 50'000 Nakfa (vgl. A5 Ziff. 7.01, 7.02) beziehungsweise von
5'000 Nakfa (vgl. A15 Antworten 105, 138, 139, 150) auferlegt worden. Ge-
mäss den Angaben in der BzP habe die Polizei im Januar 2011 bei ihr vor-
gesprochen und sie aufgefordert, sich bei der Gemeindeverwaltung in Adi
Quala zu melden und die Busse zu zahlen; sie sei dort aber nicht hinge-
gangen, sondern habe stattdessen Eritrea verlassen (vgl. A5 Ziff. 7.01,
7.02). Gemäss den Angaben in der Anhörung habe man sie zur Polizei mit-
genommen, wo sie etwas habe unterschreiben müssen und man ihr die
Busse mitgeteilt habe (vgl. A15 Antwort 105), beziehungsweise sie habe
von der Verwaltung in I._ ein Aufforderungsschreiben erhalten (vgl.
A15 Antworten 132, 188) und habe dann, weil sie nicht lesen und schreiben
könne, bei den Behörden vorgesprochen. Dort sei sie aufgefordert worden,
5'000 Nakfa zu bezahlen, weil ihr Ehemann verschwunden sei; sie sei nicht
in Haft gesteckt worden (vgl. A15 Antwort 143), beziehungsweise sie sei
eine Woche lang bei den Polizeibehörden festgehalten, an den Händen
gefesselt und auf den Rücken geschlagen worden (vgl. A15 Antworten 147
f., 182 f., 189 f.).
Ihr älterer Sohn N._ habe aus gesundheitlichen beziehungsweise
aus finanziellen Gründen während der achten Klasse die Schule verlassen
müssen. Als sie im Januar 2010 respektive im Jahr 2011 bei der Schule
vorgesprochen habe, um die Wiederzulassung des Schulbesuchs ihres
Sohnes zu fordern, sei dieser vor ihren Augen abgeführt und nach Sawa
respektive zum militärischen Ausbildungsort in S._ verbracht wor-
den. Er sei zurzeit in einer unterirdischen Zelle im Gefängnis T._
inhaftiert; den Grund der Haft kenne sie nicht.
Wegen der Schwierigkeiten im Zusammenhang mit ihrem Sohn N._
und ihrem Ehemann D._ habe sie Eritrea verlassen. Ansonsten
habe sie mit den eritreischen Behörden keine weiteren Probleme gehabt.
Mit den Militärbehörden habe sie persönlich keine Probleme gehabt. Sie
habe nie Militärdienst geleistet und sei nie dazu einberufen worden. Wegen
E-5468/2019
Seite 5
ihrer illegalen Ausreise werde sie nun als Verbrecherin betrachtet; eine
Rückkehr nach Eritrea sei unmöglich.
Weil sie wegen der Vorkommnisse in Eritrea verzweifelt gewesen sei, habe
sie ihren gesamten Besitz, insbesondere ein kleines Haus, einem Bekann-
ten übergeben, damit dieser sie bei der Organisation der Ausreise unter-
stütze. Auf ihrer Reise nach Äthiopien sei sie am (...) geschlagen und wie
andere Frauen vergewaltigt und drei Tage lang in der Einöde liegengelas-
sen worden. Ein Soldat habe sie dann aufgefunden und nach U._
geführt; von dort aus sei sie von weiteren Soldaten nach V._ geführt
worden. Die äthiopischen Behörden hätten ihr dabei geholfen, ihren Ehe-
mann im Flüchtlingslager (...) wiederzufinden; bis 2015 habe sie mit ihm in
W._ zusammengelebt. Weil sie die örtlichen Lebensumstände nicht
ausgehalten habe, habe sie mit ihren beiden Töchtern Äthiopien verlassen.
Auf der Reise von Äthiopien über den Sudan und Libyen nach Europa
seien die Beschwerdeführerin und ihre Kinder misshandelt worden; sie und
ihre ältere Tochter würden deshalb an (...)problemen leiden. Die jüngere
Tochter habe als Säugling Wunden erlitten; sie sei deswegen in der
Schweiz in ärztlicher Behandlung gewesen.
Zu den bereits im April 2017 eingereichten Dokumenten gab die Beschwer-
deführerin an, diese seien ihr von ihrem Ehemann, der sich weiterhin im
Flüchtlingslager E._ aufhalte, zugesandt worden.
Im Anschluss an die Anhörung vom 15. Mai 2018 hielt die anwesende Hilfs-
werksvertretung fest, die psychische Verfassung der Beschwerdeführerin
sei schlecht gewesen; sie leide nach Auffassung der Hilfswerksvertretung
unter ihren traumatischen Erfahrungen und habe sehr zerbrechlich gewirkt.
Gegen den Schluss der Anhörung habe die Beschwerdeführerin anteilslos
gewirkt. Aufgrund der vorgetragenen Ereignisse sei eine Traumatisierung
nicht ausgeschlossen. Es werde deshalb angeregt, ein medizinisches und
psychiatrisches Gutachten über die Beschwerdeführerin und ihre Töchter
einzuholen.
F.
Mit Verfügung vom 18. September 2019, den Beschwerdeführerinnen am
21. September 2019 eröffnet, verneinte das SEM das Bestehen ihrer
Flüchtlingseigenschaft, lehnte ihr Asylgesuch ab und verfügte die Wegwei-
sung aus der Schweiz. Weil der Wegweisungsvollzug als unzumutbar be-
funden wurde, wurde die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerinnen
angeordnet.
E-5468/2019
Seite 6
Zur Begründung führte das SEM insbesondere aus, die geschilderten Be-
strafungen mit Bussen im Zusammenhang mit dem Strassenverkauf von
Waren seien nicht asylrelevant. Die Beschwerdeführerin habe selbst ange-
geben, ihre Warenverkäufe seien nicht erlaubt gewesen, weshalb das Vor-
gehen der eritreischen Behörden rechtmässig gewesen sei.
Soweit die Beschwerdeführerin eine illegale Ausreise aus Eritrea vorgetra-
gen habe, sei auf den als Referenzurteil publizierten Entscheid des Bun-
desverwaltungsgerichts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 zu verweisen.
Gemäss dieser Rechtsprechung sei nicht davon auszugehen, dass sich
eritreische Staatsangehörige aufgrund ihrer illegalen Ausreise mit asylbe-
achtlichen Sanktionen ihres Heimatstaates konfrontiert sehen würden. An-
dere Anknüpfungspunkte, welche die Beschwerdeführerin in den Augen
des eritreischen Regimes als missliebige Person erscheinen liessen, seien
nicht ersichtlich. Sie habe selbst betont, ihre illegale Ausreise sei der ei-
gentliche Grund, weshalb sie nicht nach Eritrea zurückkehren könne. Die
geltend gemachte illegale Ausreise vermöge für sich alleine jedoch keine
Furcht vor einer zukünftigen flüchtlingsrelevanten Verfolgung zu begrün-
den.
Bei Familienangehörigen von Deserteuren und Dienstverweigerern könne
es in einigen Fällen tatsächlich zu asylrelevanter Reflexverfolgung kom-
men. Bei der Beschwerdeführerin könne indessen verneint werden, dass
die Massnahmen der eritreischen Behörden eine asylbeachtliche Intensität
aufgewiesen hätten. Sie habe angegeben, dass sie dem Schlepper, der sie
nach Eritrea gebracht habe, genau jene Summe übergeben habe, welche
die heimatliche Verwaltung von ihr einmalig eingefordert habe (5'000
Nakfa). Sie habe dem Schlepper zusätzlich noch ihre materiellen Besitztü-
mer, etwa ihr Haus, überlassen; dies obwohl ihre Kinder, deren Versorgung
die Beschwerdeführerin durch die Zahlung an die Behörden angeblich in
Gefahr gesehen habe, bei ihrer Ausreise in Eritrea geblieben seien. Sie
habe weiter angegeben, mit ihrem Strassenverkauf etwa zehn Prozent des
geforderten Betrags an einem Tag zu verdienen. Somit könne ausge-
schlossen werden, dass sie übermässig gebüsst oder ihr gar die Lebens-
grundlage entzogen worden sei. Ebenfalls gebe es keine Anzeichen dafür,
dass die Behörden die Beschwerdeführerin nochmals aufgesucht hätten
oder aufsuchen würden. Sie habe bei der Anhörung, die über sieben Jahre
nach ihrer Ausreise aus Eritrea durchgeführt worden sei, selbst angege-
ben, dass sie nach der geleisteten Unterschrift von Seiten der Behörden
nichts mehr gehört habe. Die Asylrelevanz dieser Vorbringen sei deshalb
ebenfalls zu verneinen.
E-5468/2019
Seite 7
Es bestünden auch erhebliche Zweifel an der Glaubhaftigkeit des Vorbrin-
gens. So habe die Beschwerdeführerin bei der BzP und ihrer Anhörung
unterschiedliche Bussensummen und sich widersprechende Bezahlter-
mine für die Busse genannt.
Die geschilderten Misshandlungen auf ihrer Reise seien in Äthiopien oder
im Sudan erfolgt. Eine Verfolgung in diesen Drittstaaten schliesse die An-
erkennung als Flüchtling aus. Den einzigen Akt sexueller Gewalt, den sie
während ihrer BzP für die Zeit in Eritrea vorgetragen habe, habe sie an-
dernorts wieder bestritten und habe die Unstimmigkeiten nicht aufklären
können.
G.
Mit Eingabe ihrer Rechtsvertreterin vom 18. Oktober 2019 erhob die Be-
schwerdeführerin für sich und ihre Töchter beim Bundesverwaltungsgericht
Beschwerde und beantragte die Aufhebung der Verfügung des SEM vom
18. September 2019 hinsichtlich der Dispositivziffern 1 bis 3, die Feststel-
lung ihrer Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter
sei die angefochtene Verfügung aufzuheben die Sache zur Feststellung
des vollständigen Sachverhalts und zur Neubeurteilung der Flüchtlingsei-
genschaft und Asylgewährung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
In prozessualer Hinsicht wurde um die Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege inklusive Verbeiständung ersucht.
Zur Begründung wurde ausgeführt, die Beschwerdeführerin habe sich bei
ihrer Anhörung am 15. Mai 2018 bedroht gefühlt und habe nicht sämtliche
ihrer Erlebnisse schildern können. Sie sei etwa im Jahr 2007 neun Monate
lang in einem Gefängnis in X._ inhaftiert worden, nachdem ihr vor-
geworfen worden sei, sie habe versucht, die eritreische Landesgrenze ille-
gal zu passieren. Anschliessend sei sie weitere drei Monate lang in einem
zivilen Gefängnis festgehalten worden. Dank einer Bürgschaft sei sie dann
aus der Haft freigekommen. Es sei der Beschwerdeführerin äusserst
schwergefallen, diese Haftzeit zu datieren; sie habe jedoch der Rechtsver-
treterin angeben können, dass diese chronologisch vor der Hochzeit mit
ihrem heutigen Ehemann erfolgt sei.
Ihr Ehemann sei Soldat gewesen, habe anfangs 2010 einen Urlaub erhal-
ten, sei nach Hause zurückgekehrt und sei nach diesem gemeinsam ver-
brachten Urlaub illegal aus Eritrea ausgereist, ohne dass die Beschwerde-
E-5468/2019
Seite 8
führerin hievon Kenntnis gehabt habe. Sie sei in der Folge von den eritrei-
schen Behörden aufgesucht und zum Verbleib ihres Ehemannes befragt
worden. Da ihr Ehemann nach seiner Desertion als Landesverräter gegol-
ten habe, sei sie aufgefordert worden, eine Busse von 50'000 Nakfa zu
bezahlen. Da sie nicht in der Lage gewesen sei, diese Busse zu bezahlen,
habe sie einen Schuldschein unterzeichnet. Zudem sei sie mit vielen an-
deren Personen eine Woche lang in einem Raum mit Ungeziefer festge-
halten und geschlagen worden. Sie habe einen weiteren Termin bei der
Verwaltung erhalten, den sie jedoch nicht wahrgenommen habe, weil sie
den ausstehenden Betrag nicht habe leisten können und eine erneute In-
haftierung befürchtet habe. Stattdessen sei sie im Februar 2011 illegal aus
Eritrea ausgereist. In der Folge habe sie bis 2015 mit ihrem Ehemann im
Flüchtlingslager E._ in Äthiopien gelebt. In den Jahren 2013 und
2015 habe sie ihre beiden Töchter geboren, die von ihrem Ehemann als
seine Kinder anerkannt worden seien. Als sie im Jahr 2015 Äthiopien ver-
lassen habe, sei ihr Ehemann im genannten Flüchtlingslager zurückgeblie-
ben, weil das Geld nicht für die Reise der gesamten Familie gereicht habe.
Auf der Flucht mit ihren Töchtern habe die Beschwerdeführerin massive
Gewalt und Vergewaltigungen erlitten.
Das SEM habe den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig festgestellt.
Beim Sachverhalt sei die Busse von 50'000 Nakfa wegen des Verschwin-
dens des Ehemannes korrekt aufgeführt worden. Die Vorinstanz habe
dann aber zu Unrecht festgehalten, die Beschwerdeführerin sei eine Wo-
che lang inhaftiert worden, bis sie den geforderten Betrag habe begleichen
können. Tatsächlich sei die Beschwerdeführerin wegen dieser noch aus-
stehenden Busse aus Eritrea ausgereist; sie habe die Busse zu keinem
Zeitpunkt beglichen.
Die protokollierten Aussagen der Beschwerdeführerin seien relativ unstruk-
turiert ausgefallen; diese fehlende Struktur mache es schwierig, ihre Aus-
sagen nachzuvollziehen. Sie habe oft in der direkten Rede gesprochen und
habe Fragen gestellt, die sie dann selbst beantwortet habe. Es liessen sich
klare Emotionen aus ihren Ausführungen entnehmen; diese Punkte stellten
Realkennzeichen dar. Sie würden auf eine extreme psychische Belastung
hindeuten und dafür sprechen, dass die Beschwerdeführerin wahre Bege-
benheiten dargelegt habe. Ihre Schilderungen enthielten viele Erklärungen
und Details, die in einem Lügengebäude nicht zu erwarten wären. Auch die
Hilfswerksvertretung habe in ihrem Kurzbericht auf die psychische Belas-
tung hingewiesen und auf dem Unterschriftenblatt die starken Indizien für
E-5468/2019
Seite 9
eine "emotionale Zersetzung" der Beschwerdeführerin (Beschwerde
Ziff. 4.3) festgehalten.
Die Vorinstanz habe die geltend gemachte Reflexverfolgung als nicht ge-
nügend intensiv erachtet, deren Asylrelevanz verneint und dazu gänzlich
auf den (in der Anhörung genannten) Bussenbetrag von 5'000 Nakfa ab-
gestellt, ohne Hinweis darauf, dass die Beschwerdeführerin bei der BzP
von 50'000 Nakfa gesprochen habe. Eritrea sei für die unverhältnismässi-
gen und unmenschlichen Bestrafungen bekannt. Die von der Beschwerde-
führerin beschriebene einwöchige Haft und die erlittenen Misshandlungen
seien hinreichend intensiv und somit asylbeachtlich. Der Erwägung der Vo-
rinstanz, es könne ausgeschlossen werden, dass die auferlegte Busse
übermässig gewesen sei, könne nicht gefolgt werden. Hätte die Beschwer-
deführerin Eritrea nicht verlassen, hätte sie mit weiteren Behelligungen bis
hin zu Inhaftierungen rechnen müssen. Es liege deshalb eine begründete
Furcht vor, da ihr das Verhalten ihres Ehemannes, welcher im eritreischen
Kontext als Landesverräter gelte, angelastet werde. Es würden zusätzliche
Anknüpfungspunkte im Sinne der Rechtsprechung gemäss Urteil
D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 E. 5.1f. vorliegen: es sei mitzuberück-
sichtigen, dass sie mehrfach – und im Jahr 2007 längerdauernd – in Haft
gewesen sei und seitens der eritreischen Regierung Vorwürfe gegenüber
ihrem Ehemann vorliegen würden. Insbesondere der längere Haftaufent-
halt im Jahr 2007 sei in diesem Zusammenhang relevant.
Der Beschwerdeeingabe wurde unter anderem ein Kurzbericht der bei der
Anhörung anwesenden Hilfswerksvertretung, eine Sozialhilfebestätigung
der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen vom 10. Oktober 2019 sowie
eine aktuelle Aufstellung der von der Rechtsvertreterin konkret getätigten
Aufwendungen beigelegt.
H.
Mit Zwischenverfügungen vom 30. Oktober 2019 und 13. November 2019
hielt die Instruktionsrichterin fest, die Beschwerdeführerinnen könnten den
Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Die Gesuche um Ge-
währung der unentgeltlichen Rechtspflege inklusive Verbeiständung wur-
den gutgeheissen und MLaw Eliane Schmid, Rechtsanwältin, Caritas
Schweiz, wurde den Beschwerdeführerinnen als amtliche Rechtsbeistän-
din beigeordnet.
E-5468/2019
Seite 10
I.
In seiner Vernehmlassung vom 18. Dezember 2019 hielt das SEM an sei-
nen bisherigen Erwägungen fest. Ergänzend wurde ausgeführt, die Aus-
sage in der Beschwerdeschrift, wonach sich die Beschwerdeführerin wäh-
rend der Anhörung bedroht gefühlt habe und deswegen nicht sämtliche ih-
rer Erlebnisse habe schildern können, decke sich nicht mit dem Bericht der
Hilfswerksvertretung, welche der anhörenden SEM-Mitarbeiterin durch-
wegs angemessenes Verhalten und ein grosses Bemühen um das Wohl-
befinden der Beschwerdeführerin attestiert habe. Dieses Vorbringen er-
scheine somit als Schutzbehauptung.
Dass sie angeblich im Jahr 2007 neun Monate lang im Militärgefängnis von
X._ inhaftiert gewesen sei, habe die Beschwerdeführerin weder bei
der BzP noch bei der Anhörung erwähnt. Bei der BzP habe sie vielmehr
explizit angegeben, nebst den bereits erwähnten nie Probleme mit den erit-
reischen Behörden gehabt zu haben und nie festgenommen worden zu
sein. Dies erhärte die Zweifel an er ohne zwingenden Grund erst im späte-
ren Verlauf des Asylverfahrens geltend gemachten Inhaftierung.
Eine detaillierte Auseinandersetzung mit den im Asylentscheid festgehalte-
nen Zweifeln an der Glaubhaftigkeit der Vorbringen habe sich erübrigt, da
das SEM damals zum Schluss gekommen sei, dass die Schilderungen
selbst bei Wahrunterstellung den Anforderungen an Art. 3 AsylG nicht ge-
nügten. Die Passagen in der Anhörung (A15, S. 15f. und 20f.) zu den Um-
ständen der Bussen-Zahlung könnten tatsächlich auf unterschiedliche
Weise gedeutet werden. Deshalb werde die Argumentation im Sinne von
Art. 7 AsylG ausführlicher nachgeholt: Die Beschwerdeführerin habe in der
BzP und der Anhörung von anderen Bussen-Summen (A5, S. 9 und A15,
S. 15) gesprochen und habe einmal einen konkreten Bezahltermin (A5, S.
13) genannt, dessen Existenz jedoch anderorts wieder bestritten (A15, S.
15); diese Unzulänglichkeit habe sie auch auf Rückfrage hin nicht aufzulö-
sen vermocht (A15, S. 16). Dieser Widerspruch, bei dem die Beschwerde-
führerin in der ersten Befragung noch einen konkreten Termin genannt, in
der zweiten aber mehrfach angebe, dass kein solcher existiere, könne
auch nicht mit der psychischen Verfassung der Beschwerdeführerin erklärt
werden.
Die Beschwerdeführerin habe im Weiteren auch zur Festnahme ihres Soh-
nes widersprüchliche Angaben gemacht, indem sie einmal angegeben
habe, dass diese vor ihren Augen geschehen sei, andernorts jedoch aus-
gesagt habe, dass ihr Sohn mitgenommen worden sei, als er unterwegs
E-5468/2019
Seite 11
gewesen sei. Auch dieser Widerspruch habe nicht aufgelöst werden kön-
nen. Die Schilderungen würden in mehreren zentralen Punkten, die sich
nicht auf Daten oder Details beschränken würden, voneinander abwei-
chen. Es könne keine Rede davon sein, dass die Asylgründe bei der BzP
und der Anhörung in gleicher Form dargelegt worden seien, wie dies in der
Beschwerdeschrift festgehalten werde. Zudem seien die Schilderungen bei
beiden Gesprächen mehrheitlich stereotyp ausgefallen und enthielten ins-
gesamt kaum Realkennzeichen, so dass nicht davon ausgegangen werden
könne, dass die Beschwerdeführerin das Erzählte tatsächlich erlebt habe.
Auch unter Berücksichtigung des tiefen Bildungsniveaus stellten die vorge-
brachten Realkennzeichen schwächere Indizien für die Glaubhaftigkeit der
Vorbringen dar, als die vorgenannten Widersprüche für deren Unglaubhaf-
tigkeit. Die vorgetragene Reflexverfolgungssituation müsse deshalb insge-
samt als überwiegend unglaubhaft eingestuft werden.
J.
Mit Replikeingabe vom 22. Januar 2020 liess die Beschwerdeführerin er-
gänzend ausführen, dass der anlässlich der Anhörung anwesenden SEM-
Mitarbeiterin ein angemessenes Verhalten attestiert worden sei; es sei
auch nie Gegenteiliges behauptet worden. Dennoch habe sich die Be-
schwerdeführerin bedroht gefühlt, was vielmehr mit der Situation und den
zahlreichen Fragen und der Tatsache, dass sie aufgrund vieler äusserst
traumatischer Erlebnisse psychische Schwierigkeiten habe, zusammen-
hänge. Sie habe grosse Mühe, über belastende Erlebnisse zu sprechen,
wie aus dem Bericht der Hilfswerksvertretung und dem Anhörungsprotokoll
hervorgehe. In Letzterem sei festgehalten worden, dass sie mehrfach ge-
weint und angeben habe, von nichts zu wissen. Die Hilfswerksvertretung
habe auch festgehalten, dass die Beschwerdeführerin in psychisch
schlechter Verfassung gewesen sei und sehr zerbrechlich gewirkt habe,
weshalb auch angeregt worden sei, ein medizinisches und psychiatrisches
Gutachten einzuholen. Diese Beobachtungen verdeutlichten, dass sich die
Beschwerdeführerin bei der Anhörung nicht umfassend zu äussern ver-
mocht und sich nicht wohl und bedroht gefühlt habe. Es gehe vorliegend
nicht um eine Schutzbehauptung, sondern um eine Erläuterung zur
schwierigen psychischen Verfassung.
Es gebe zahlreiche Hinweise für Erklärungen, weshalb die Beschwerde-
führerin die selbst erlittene Haft nicht geschildert habe. An der Anhörung
seien viele Fragen zum Ehemann und zu ihrem Sohn gestellt worden, die
sie nicht persönlich betroffen hätten. Sie scheine eigene traumatisierende
Erlebnisse nicht zu erwähnen, wenn sie nicht danach gefragt werde. So sei
E-5468/2019
Seite 12
bei Frage 186 der Anhörung explizit festgehalten worden, dass sie anteillos
gewirkt habe. Bei Frage 53 habe sie beispielsweise zunächst nicht ange-
geben, dass eines ihrer Kinder von einem anderen Mann aus einer Verge-
waltigung stamme. In Frage 165 sei ihr gesagt worden, dass sie über den
Vater von Q._ nichts sagen müsse. Hierauf habe sie zu Protokoll
gegeben, dass sie nichts wisse. Aus der Frage 166 gehe zudem hervor,
dass die Befragerin des SEM wohl davon ausgegangen sei, dass weitere
nicht berichtete Ereignisse vorgefallen seien. Schliesslich falle auch die
Antwort 143 auf, wo die Beschwerdeführerin zu Protokoll gab "Sie steckten
mich nicht in Haft. So nach einer Woche bin ich raus."; dies deute darauf
hin, dass die Beschwerdeführerin sogar eine tatsächlich erfolgte Fest-
nahme nicht als "Haft" bezeichnet habe.
Bei der BzP sei es der Beschwerdeführerin gesundheitlich sehr schlecht
gegangen. Sie habe starke (...)schmerzen gehabt und sich grosse Sorgen
um ihre Tochter gemacht. Es sei erklärbar, dass sie diese Befragung
schnell habe abschliessen und nicht über weitere Schwierigkeiten habe
berichten wollen.
Die Beschwerdeführerin könne sich nicht erklären, weshalb die Bussen-
Summe in der Anhörung anders festgehalten worden sei; auch an den ge-
nannten Termin könne sie sich nicht erinnern. Trotz dieser Unstimmigkeiten
wiederhole sich das Erzählmuster und würden die Elemente, die für ihre
persönliche Glaubwürdigkeit sprechen würden, überwiegen.
Es treffe nicht zu, dass Widersprüche bei den zentralen Asylvorbringen vor-
liegen würden: in den freien Redebeiträgen habe die Beschwerdeführerin
dieselben Thematiken erwähnt und es seien darin konkrete Realkennzei-
chen erkennbar. Die Emotionen seien nicht bloss konstruiert, sondern lies-
sen sich deutlich dem Bericht der Hilfswerksvertretung entnehmen.
Die Beschwerdeführerin sei zurzeit in psychiatrischer Behandlung bei Dr.
med. Z._ von der Aa._, Ambulante Psychiatrie und Psycho-
therapie (Aa._), G._. Sobald Unterlagen zur Behandlung
vorliegen würden, würden diese nachgereicht.
K.
Mit Eingabe vom 20. Juli 2020 liess die Beschwerdeführerin einen Bericht
von Dr. med. Z._, Oberärztin, Aa._, (Aa._),
G._, vom 16. Juni 2020 nachreichen. Aus diesem Facharztbericht
geht Folgendes hervor:
E-5468/2019
Seite 13
Die Beschwerdeführerin habe sich erstmalig am 11. Mai 2017 zum Erstge-
spräch bei der Aa._ vorgestellt. Die Anmeldung sei vom Sozial-
dienst Asyl aufgrund eines dissoziativen Zustandes erfolgt. Die Gespräche
mit der Beschwerdeführerin, einer alleinziehenden Mutter von zwei Kin-
dern, seien stets mit einem Dolmetscher durchgeführt worden. Sie habe
zunächst davon berichtet, in Äthiopien in Stresssituationen bei Ärger und
Wut erstmalig «erstarrt» zu sein. Auch im Durchgangzentrum sei ein sol-
cher Zustand einmalig beobachtet worden. Es sei die Diagnose «ICD-10
Z65, Probleme bei sonstigen psychosozialen Umständen» und differential-
diagnostisch «ICD-10 F44, dissoziative Störung» gestellt worden.
In den folgenden Gesprächen habe die Beschwerdeführerin Probleme in
der Unterkunft und bei der Betreuung der Kinder thematisiert. Im Verlauf
der Behandlung sei es gelungen, eine vertraute Beziehung aufzubauen. In
den letzten Gesprächen habe sie über die Bedingungen, unter welchen sie
aufgewachsen sei, zu berichten vermocht. In ihrer frühen Kindheit habe sie
schwere Verlusterlebnisse der Eltern (Tod des Vaters, Weggang der Mut-
ter), Gewalterfahrungen (körperliche und sexuelle Gewalt) und Überforde-
rungserlebnisse erlitten. Diese bildeten die Grundlage der depressiven
Symptomatik, welche sich zum jetzigen Zeitpunkt zeige. Zusätzlich ergebe
sich ein deutlicher Hinweis auf das Vorliegen einer posttraumatischen Be-
lastungsstörung mit Hyperarousal und Flashbacks, nachdem sie im Hei-
matland mehrfach schwerer Gewalt (unterirdische Inhaftierung, mehrfache
Vergewaltigungen und Misshandlungen, Erlebnisse als Zeugin von mehr-
fachen Todesfällen auf der Flucht und als Opfer von Folterung) ausgesetzt
worden sei. Bei vorbestehender prämorbider Persönlichkeit nach frühem
Verlust wichtiger Bezugspersonen hätten sich die Symptome durch die Er-
lebnisse im Verlauf verstärkt. Es sei zu wiederholtem Erleben des Traumas
in Erinnerungen und Träumen, Anhedonie, traumatischen Ausbrüchen von
Angst (mit Ohnmachtsgefühlen) sowie zu Zeichen von Übererregbarkeit
(Schreckhaftigkeit, Geruchsüberempfindlichkeit, Schlaflosigkeit) und
Symptomen einer Depression gekommen. Aufgrund der Schwere der Er-
krankung sei eine engmaschige psychotherapeutische Behandlung drin-
gend indiziert. Eine Unterbringung in Räumlichkeiten, in denen sich die Be-
schwerdeführerin nicht sicher fühle, sei zu vermeiden. Zudem müsse sie
dringend bei der Kinderbetreuung unterstützt werden. Eine Ausweisung
aus den sicheren Bedingungen in der Schweiz sei unbedingt zu unterlas-
sen.
E-5468/2019
Seite 14

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG und das
AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG, Art. 6 AsylG).
1.3 Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurtei-
lung von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig
und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorlie-
gend – endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht. Die Beschwer-
deführerin und ihre Kinder haben am Verfahren vor der Vorinstanz teilge-
nommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und
haben ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise
Änderung. Sie sind daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art.
105 und aArt. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG.
3.
Das SEM hat in seiner Verfügung vom 18. September 2019 die vorläufige
Aufnahme der Beschwerdeführerin und ihrer Töchter infolge Unzumutbar-
keit des Wegweisungsvollzuges angeordnet. Das vorliegende Beschwer-
deverfahren beschränkt sich daher auf die Fragen, ob die Beschwerdefüh-
rerinnen als Flüchtlinge anzuerkennen, ihnen Asyl zu gewähren und die
Wegweisung als solche anzuordnen ist.
4.
In der Rechtsmitteleingabe wird vorgetragen, die Beschwerdeführerin habe
sich während der Anhörung vom 15. Mai 2018 bedroht gefühlt, weshalb sie
nicht sämtliche Erlebnisse habe schildern und nicht alle massgeblichen
Asylvorbringen habe vortragen können. In Ziffer 2.4 der Beschwerde wird
E-5468/2019
Seite 15
neu, das heisst erstmals eine im Jahr 2007 erlittene Inhaftierung im Militär-
gefängnis X._ und anschliessende dreimonatige Festhaltung in ei-
nem zivilen Gefängnis vorgebracht. In Ziffer 3 der Beschwerde wird sinn-
gemäss gerügt, das SEM habe sich bei seiner Entscheidfindung auf einen
unrichtig festgestellten Sachverhalt abgestützt. Diese Rüge ist vorab zu
beurteilen, da sie allenfalls geeignet wäre, eine Kassation der vorinstanzli-
chen Verfügung zu bewirken.
4.1 Was das Gefühl des Bedrohtseins während der Anhörung betrifft, ist
festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin in ihrer Replikeingabe vom
22. Mai 2020 der Befragerin des SEM explizit ein angemessenes Verhalten
attestiert. Auch die Hilfswerksvertretung bestätigte in ihrem ausführlichen
Bericht vom 16. Mai 2018 zur Anhörung, dass sich die Beschwerdeführerin
«den Umständen entsprechend wohl» gefühlt habe, dass die Befragerin
«angemessen» auf die Emotionen der Beschwerdeführerin reagiert, den
Sachverhalt gut aufgeklärt, Pausen passend angesetzt und sich darum be-
müht habe, dass sich die Beschwerdeführerin wohl fühle. Auch die Dolmet-
scherin habe ihre Arbeit kompetent gemacht. Seitens der Beschwerdefüh-
rerin wird somit nicht die Befragungstechnik oder die Befragungsat-
mosphäre während der Anhörung durch das SEM als solche kritisiert. Es
wird vielmehr vorgebracht, das Aussageverhalten der Beschwerdeführerin
sei aufgrund ihrer traumatisierenden Erlebnisse eingeschränkt gewesen;
sie habe aufgrund ihres schlechten psychischen Gesundheitszustandes
nicht alle wesentlichen Asylvorbringen vortragen können.
4.2 Hierzu ist vorweg festzustellen, dass die Beschwerdeführerin sowohl in
der BzP als auch in der einlässlichen Anhörung persönlich belastende Er-
lebnisse vortrug.
4.2.1 So gab sie bei der BzP an, ihr Vater sei während ihrer Kindheit nach
einem Schlangenbiss gestorben; sie und ihre Schwester seien von der
kranken Mutter verlassen worden, worauf sie bei der Grossmutter aufge-
wachsen seien. Sie erwähnte auch den Tod ihrer Mutter. Zudem gab sie
an, ihre Tochter Q._ sei aus einer Vergewaltigung durch den von
den Eltern vorbestimmten Partner, P._, hervorgegangen. Im Weite-
ren gab sie zu Protokoll, die Schwierigkeiten ihres Sohnes N._ in
der Schule hätten ihr «Stress» bereitet (vgl. A5, Ziffern 1.14, 3.01, 7.01 und
7.02).
4.2.2 Auch während der Anhörung vom 15. Mai 2018, die um 9:45 Uhr be-
gann, durch zwei Pausen von 40 respektive 20 Minuten unterbrochen und
E-5468/2019
Seite 16
– nach einer weiteren Pause von 20 Minuten und der Rückübersetzung –
um 16:20 Uhr beendet wurde, war die Beschwerdeführerin offensichtlich in
der Lage, traumatisierende Ereignisse vorzutragen. So gab sie zu Proto-
koll, sie und ihre Schwester seien von ihrer Mutter verlassen worden; die
Mutter sei nach Äthiopien weggezogen und habe ihre beiden Kinder – die
Beschwerdeführerin und ihre Schwester – in Eritrea zurückgelassen; die
Mutter sei dann aber nach Eritrea zurückgekehrt, wo sie bis zu ihrem Tod
gelebt habe (vgl. A15, Antworten 14ff, 18 ff. und 82). Sie schilderte die Miss-
handlungen nach ihrer Ausreise aus Eritrea im Jahre 2011; in Äthiopien sei
sie vergewaltigt und «wie weggeworfen» drei Tage lang in der Einöde «ein-
fach dort liegen» gelassen worden; erst am dritten Tag sei sie von einem
Soldaten aufgefunden und nach U._ verbracht worden, wo sie drei
Nächte geblieben seien; anschliessend seien sie nach V._ ver-
bracht worden (vgl. A15 Antwort 159). Auch bei der Reise im Jahr 2015 von
Äthiopien über den Sudan nach Libyen habe sie Misshandlungen erlebt;
die Kinder seien ebenfalls misshandelt worden (vgl. A15, Antworten 94 und
193).
An dieser Stelle ist der Vollständigkeit halber bereits festzustellen, dass die
Beschwerdeführerin während der Anhörung die bei der BzP geltend vorge-
brachte Vergewaltigung durch den Vater von Q._, die sich in Eritrea
zugetragen haben soll, nicht mehr vortrug. Auf die entsprechende, kon-
krete Nachfrage hin verwies sie bloss auf ihre Verzweiflung und den Um-
stand, dass ihr Kind zum fraglichen Zeitpunkt krank gewesen sei; es könne
schon sein, dass sie «ein paar Dinge nicht richtig verstanden habe» (vgl.
A15, Antwort 164). Auf dieses Aussageverhalten ist in den nachfolgenden
Erwägungen zurückzukommen.
4.2.3 Nach dem Gesagten kann festgestellt werden, dass die Beschwer-
deführerin während ihren beiden Anhörungen in der Lage war, auf belas-
tende Ereignisse und Erlebnisse einzugehen, diese zu schildern und auch
Fragen dazu zu beantworten. Dass sie allen Fragen zu traumatisierenden
Erlebnissen ausgewichen sei, was zu einer unvollständigen Sachverhalts-
erstellung geführt habe, lässt sich aufgrund der Akten nicht bestätigen.
4.3
4.3.1 Die BzP wurde sehr ausführlich durchgeführt, die ihr gestellten Fra-
gen hat die Beschwerdeführerin sehr einlässlich und adäquat beantwortet;
es sind namentlich keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass sie die Fra-
gen nicht verstanden hätte. Die entsprechenden Ausführungen wurden auf
E-5468/2019
Seite 17
den Seiten 8-12 der BzP detailliert und umfassend protokolliert. Es gibt nir-
gends Hinweise auf einen massiv eingeschränkten psychischen Gesund-
heitszustand der Beschwerdeführerin. Auch für die in der späteren Anhö-
rung vorgebrachte Einschränkung im (...)vermögen während der BzP fin-
den sich in den protokollierten Angaben keine Stützen. Dort trug sie einzig
vor, sie habe aufgrund der auf ihrer Reise erlittenen Misshandlungen an
(...)schmerzen gelitten, was ihr Stress und Sorgen bereite («Per il fatto che
mi avevano picchiata tra l'Etiopia e il Sudan ho dolori alle orecchie, mi si
chiudono come se non sentissi nulla, mi viene molto stress e molta ansia
...», vgl. A5 Ziff. 8.02). Ihre jüngere Tochter sei an einer Grippe erkrankt;
die ältere Tochter habe Hautprobleme am Gesicht und Hals (vgl. Ziffer
8.02). Eine eigene, persistierende «Verzweiflungssituation» trug die Be-
schwerdeführerin dabei nicht vor. Es ist in diesem Zusammenhang auch
darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdeführerin nicht direkt nach ihrer
belastenden Reise von Äthiopien nach Europa, sondern im Rahmen einer
Relocation aus Italien in die Schweiz gekommen ist; eine unmittelbare Si-
tuation von kurz vor der BzP-Befragung erlebten Traumatisierungen war
demnach nicht gegeben.
4.3.2 Auch in der Anhörung vom 15. Mai 2018 lassen sich keine konkreten
Hinweise festmachen, die darauf schliessen liessen, dass sich die Be-
schwerdeführerin «bedroht gefühlt» habe oder aufgrund psychischer Ein-
schränkungen nicht in der Lage gewesen sei, ihre Asylgründe vollständig
darzulegen, wie dies in der Rechtsmitteleingabe geltend gemacht wird. Die
Ausführungen der Beschwerdeführerin sind sehr einlässlich, sowohl bei
der freien Schilderung ihrer Ausreise- und Asylgründe (vgl. A15, Antworten
103-105), als auch bei der Beantwortung konkreter Fragen (vgl. beispiels-
weise A15, Antwort 106, 150, 159, 167 und 187-188).
4.3.3 Das Anhörungsprotokoll erweckt nicht den Eindruck, dass es Lücken
bei der Feststellung der Asylvorbringen der Beschwerdeführerin gegeben
hätte oder die Anhörung in einer schwierigen Atmosphäre durchgeführt
worden wäre. Die Beschwerdeführerin hat die bei der Anhörung anwe-
sende Dolmetscherin gut verstanden (vgl. A15, Antwort 3). Sie hat bei der
Beantwortung einiger Fragen zwar emotional reagiert und musste bei-
spielsweise mehrmals weinen. Diese Reaktionen gingen jedoch – soweit
erkennbar – nicht mit einer psychischen Blockade im Aussagevermögen
einher. Es blieben bei der Anhörung auch keine sich offensichtlich aufdrän-
genden Fragen unbeantwortet.
E-5468/2019
Seite 18
4.3.4 Eine Überprüfung beider Befragungsprotokolle ergibt, dass diese
nicht zu beanstanden sind und keine namhaften Hinweise auf ein einge-
schränktes Aussageverhalten der Beschwerdeführerin festzustellen sind.
Weder aus den Ausführungen der Hilfswerksvertretung in ihrem sehr ein-
lässlichen, über dreiseitigen «Kurzbericht» vom 16. Mai 2018 noch aus
dem Facharztbericht vom 16. Juni 2020 (vgl. Sachverhalt oben, Bst. K) ge-
hen konkrete Anhaltspunkte hervor, die darauf schliessen liessen, dass die
Beschwerdeführerin bei der BzP oder der Anhörung nicht aussagefähig ge-
wesen wäre. Bei dieser Sachlage besteht für das Gericht keine Veranlas-
sung, die beiden Protokolle vom 27. Februar 2017 und 15. Mai 2018 bei
der Beurteilung des vorliegenden Asylverfahrens nicht oder nur beschränkt
heranzuziehen. Der Facharztbericht bildet alleine keine genügende Grund-
lage, um davon auszugehen, dass die Protokolle nicht verwendbar und
auswertbar sein sollen. Der Sachverhalt ist als hinreichend erstellt und ge-
klärt einzustufen, weshalb keine Veranlassung besteht, die vorinstanzliche
Verfügung vom 18. September 2019 aufzuheben und die Sache zur neuen
Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
5.
In einem nächsten Schritt sind die Vorbringen der Beschwerdeführerin ma-
teriell auf ihre Glaubhaftigkeit und Asylrelevanz hin zu überprüfen.
5.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken.
Bei der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft ist den frauenspezifischen
Gründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
5.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG). Glaubhaft gemacht
ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Abs. 2). Unglaubhaft
sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig be-
gründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen
E-5468/2019
Seite 19
oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abgestützt
werden (Abs. 3).
Bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit wird eine Gesamtbeurteilung aller
Elemente (Übereinstimmung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes,
Substanziiertheit und Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdig-
keit usw.), die für oder gegen die gesuchstellende Person sprechen, vor-
genommen. Glaubhaftmachen im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet
‒ im Gegensatz zum strikten Beweis ‒ ein reduziertes Beweismass und
lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen
der gesuchstellenden Person. Entscheidend ist, ob die Gründe, die für die
Richtigkeit der gesuchstellerischen Sachverhaltsdarstellung sprechen,
überwiegen oder nicht. Dabei ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustel-
len. Eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftigkeit eines Verfol-
gungsschicksals ist eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substanti-
ierte, im Wesentlichen widerspruchsfreie und konkrete Schilderung der
dargelegten Vorkommnisse. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Erleb-
nissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
oder nachgeschobenen Vorbringen (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11
E. 5.1; 2012/5 E. 2.2; 2010/57 E. 2.3).
5.3 Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise
aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat – etwa durch ein illegales Verlassen
des Landes – eine Gefährdungssituation erst oder zusätzlich geschaffen
worden ist, macht sogenannte subjektive Nachfluchtgründe im Sinne von
Art. 54 AsylG geltend. Subjektive Nachfluchtgründe begründen zwar die
Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss
Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig davon, ob sie miss-
bräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden. Stattdessen werden
Personen, welche subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft
machen können, als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE
2009/28 E. 7.1).
6.
Nach Prüfung der Akten kommt das Gericht zum Schluss, dass die
Vorinstanz die von der Beschwerdeführerin vorgetragenen Fluchtgründe
zu Recht und mit zutreffender Begründung als nicht glaubhaft eingestuft
respektive deren Asylrelevanz verneint hat.
6.1 Zutreffend sind zunächst die vorinstanzlichen Ausführungen in der Ver-
nehmlassung vom 18. Dezember 2019, wonach die Beschwerdeführerin
E-5468/2019
Seite 20
weder bei der BzP noch bei der einlässlichen Anhörung vorgetragen oder
angedeutet hat, dass sie im Jahr 2007 neun Monate lang im Militärgefäng-
nis von X._ respektive anschliessend drei Monate lang in einem
zivilen Gefängnis inhaftiert worden sein soll. Diese Vorbringen wurden erst
in der Rechtsmitteleingabe neu vorgetragen.
Bei der Erstbefragung gab die Beschwerdeführerin explizit an, nebst den
erwähnten habe sie keine anderweitigen Probleme mit den eritreischen Be-
hörden gehabt und sei namentlich nie festgenommen worden («non sono
mai stata arrestata»; vgl. A5, Ziff. 7.02, S. 11). In der Beschwerdeschrift
werden keine weitergehenden, konkretisierenden Erläuterungen zu der
neu geltend gemachten einschneidenden, angeblich insgesamt ein Jahr
dauernden, massiven Freiheitsbeschränkung gemacht. Die nachträglich
vorgetragene Inhaftierung wurde vielmehr bloss in sehr unsubstanziierter
Weise vorgetragen (vgl. Beschwerde Ziff. 2.4 und 6.4), was nicht genügt,
um das Vorbringen als überwiegend wahrscheinlich einzustufen. Die ohne
zwingenden Grund erst in der Rechtsmitteleingabe geltend gemachte In-
haftierung muss als nachgeschoben und somit unglaubhaft eingestuft wer-
den.
6.2 Im Weiteren muss festgestellt werden, dass die Beschwerdeführerin
die in der Anhörung vorgetragene Haft im Zusammenhang mit der illegalen
Ausreise ihres Ehemannes im Rahmen der BzP mit keinem Wort erwähnt
oder angedeutet hatte. Wie bereits festgehalten, verneinte die Beschwer-
deführerin bei der BzP explizit, jemals verhaftet worden zu sein (vgl. A5,
Ziff. 7.02, S. 11). Auch dieses Vorbringen muss daher als nachgeschoben
eingestuft werden. Die von der Vorinstanz zu Recht festgehaltenen Wider-
sprüche in den entsprechenden Angaben in der Anhörung werden sodann
nicht überzeugend aufgelöst.
6.3 Als weiteren Grund für ihre Ausreise aus Eritrea trug die Beschwerde-
führerin die Probleme ihres Sohnes N._ vor. Aus dessen Schwie-
rigkeiten in der Schule und aus dem Umstand, dass er angeblich sofort
dem Militärdienst zugeführt und nach Sawa verbracht worden sein soll, lei-
tete die Beschwerdeführerin allerdings weder für sich selbst noch für ihre
Töchter konkrete asylbeachtliche Nachteile ab. Aus ihren Angaben gehen
keine Hinweise vor, dass sie oder ihre Töchter im Zusammenhang mit der
Militärdienstpflicht des Sohnes (respektive Bruders) N._ persönli-
che, flüchtlingsrelevante Nachteile erlitten oder zu befürchten hätten. Der
Umstand, dass dieser Sohn angeblich zu jung und ohne Vorladung respek-
E-5468/2019
Seite 21
tive ohne formelle Einberufung in den eritreischen Militärdienst habe einrü-
cken müssen, kann vorliegend nicht zur Begründung des Asylgesuches der
Beschwerdeführerin und ihrer Töchter herangezogen werden. Diesen Vor-
bringen muss daher die Asylrelevanz abgesprochen werden.
6.4 Soweit die Beschwerdeführerin eine Reflexverfolgung im Zusammen-
hang mit ihrem Ehemann D._ vorbringt, muss festgestellt werden,
dass die diesbezüglichen Angaben und Schilderungen zu wenig schlüssig,
konkret und substanziiert ausgefallen sind, um eine behördliche Verfol-
gungssituation ihrer Person wegen der Desertion ihres Ehemannes als
überwiegend wahrscheinlich darzutun.
Wie bereits festgestellt, gehen weder aus den einlässlichen Ausführungen
der Hilfswerksvertretung in ihrem gut dreiseitigen «Kurzbericht», noch aus
dem Facharztbericht vom 16. Juni 2020 (vgl. Sachverhalt oben, Bst. K)
konkrete Anhaltspunkte hervor, die darauf schliessen liessen, dass die Be-
schwerdeführerin bei der BzP oder der Anhörung nicht aussagefähig ge-
wesen wäre. Es wären von ihr daher substanziiertere Angaben zu erwarten
gewesen, wenn sie aufgrund der Desertion ihres Mannes für sich eine
flüchtlingsrelevante Verfolgungssituation abzuleiten beabsichtigt hätte. Zu
bestätigen sind auch die Erwägungen der Vorinstanz, dass die Vorbringen
– so etwa die Auferlegung einer Busse wegen des Verschwindens des Ehe-
mannes oder die geltend gemachte Vorladung vor die Behörden, um die
Busse zu begleichen – von ihrer Intensität her nicht genügen, um die Be-
schwerdeführerin in die vom Asylgesetz vorausgesetzte, auswegslose Si-
tuation gebracht zu haben, die sie gezwungen hätte, Eritrea illegal zu ver-
lassen.
6.5 Schliesslich ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin ihre Aus-
reise aus Eritrea und deren Umstände auf nicht plausible Weise geschildert
hat. Den diesbezüglichen Ausführungen des SEM in Ziffer II/3 der Verfü-
gung vom 18. September 2019 muss beigepflichtet werden.
6.5.1 Einerseits trug die Beschwerdeführerin vor, sie habe sich – wegen
der vielen Bussengelder – in einer massiven finanziellen Zwangslage be-
funden, die sie zur Ausreise gezwungen habe. Andererseits gab sie jedoch
an, sie habe einen namhaften Geldbetrag (von 5'000 Nakfa, genau der
Höhe der ihr auferlegten Busse entsprechend; dass die Busse demgegen-
über 50'000 Nakfa betragen habe, machte die Beschwerdeführerin ledig-
lich in der BzP, nicht in der Anhörung geltend; auch in der Beschwerde wird
nun dieser Betrag angeführt, ohne den Widerspruch zu klären) dem
E-5468/2019
Seite 22
Schlepper übergeben, der sie aus Eritrea verbracht habe; dem Schlepper
habe sie ihren ganzen Besitz übergeben (vgl. A15, Antwort 150). In diesem
Zusammenhang bleibt nicht nachvollziehbar, weshalb die Beschwerdefüh-
rerin einerseits die ihr angeblich auferlegte Busse in der Höhe von 5'000
Nakfa nicht zu leisten vermocht habe, andererseits aber einem fremden
Schlepper ihr gesamtes Hab und Gut sowie den Betrag von 5'000 Nakfa
übergeben hätte, um ausreisen zu können.
6.5.2 Sodann liess die Beschwerdeführerin bei ihrer Flucht aus Eritrea ihre
drei Kinder (die beiden Söhne N._ und O._ sowie die Toch-
ter Q._) im Heimatland zurück und reiste nach Äthiopien. Dieses
Verhalten scheint schwer nachvollziehbar, nachdem die Beschwerdeführe-
rin gleichzeitig vortrug, ihre Existenzsorgen und Befürchtungen um das
Wohlergehen ihrer Kinder hätten den ursprünglichen Grund für ihre Aus-
reise aus Eritrea und ihre Weiterreise nach Äthiopien gebildet (vgl. A15,
Antwort 105). Mit ihrer Ausreise aus Eritrea haben sich die Lebensum-
stände ihrer drei in Eritrea verbliebenen Kinder indessen nicht verändert
respektive verbessert; dass das Wohlergehen der Kinder und die finanzi-
ellen Sorgen um die Bestreitung des Lebensunterhaltes der Familie den
Ausreiseentschluss der Beschwerdeführerin ausgelöst hätten, erscheint
daher wenig plausibel. Inwiefern der Ausreiseentschluss der Beschwerde-
führerin auf anderen, nicht genannten Ursachen gründete, bleibt bei der
bestehenden Aktenlage im Dunkeln.
6.5.3 Schliesslich weisen die Schilderungen der Beschwerdeführerin zu ih-
rer Ausreise nach Äthiopien Unstimmigkeiten auf. So trug sie bei der BzP
vor, unmittelbar («appena attraversato il confine») nach ihrem Grenzüber-
tritt sei sie von äthiopischen Militärangehörigen nach U._ gebracht
worden (vgl. A5, Ziff. 5.01). Demgegenüber gab sie bei der Anhörung an,
bei der Ausreise nach Äthiopien sei sie vergewaltigt und drei Tage lang in
der Einöde «dort einfach liegen gelassen» worden; erst am dritten Tag sei
sie von einem Soldaten gefunden und nach U._ gebracht worden
(vgl. A15, Antwort 159). Aufgrund der festgestellten Widersprüche inner-
halb der Angaben kann nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon
ausgegangen werden, dass sich die Ereignisse so abspielten, wie dies von
der Beschwerdeführerin vorgetragen wurde.
6.6 Andere Asylgründe hat die Beschwerdeführerin nicht vorgetragen. Sie
hat insbesondere unmissverständlich zu Protokoll gegeben, dass sie nie in
den eritreischen Militärdienst einberufen worden sei (vgl. A5, Ziff. 7.02,
S. 11).
E-5468/2019
Seite 23
6.7 Zusammenfassend ist festzustellen, dass das SEM mit zutreffender
Begründung die Schlussfolgerung gezogen hat, dass es der Beschwerde-
führerin nicht gelungen ist, ihre Fluchtgründe glaubhaft zu machen respek-
tive deren Asylrelevanz darzutun.
In der Beschwerdeeingabe wird nichts Stichhaltiges vorgetragen und es
wurden keine Beweismittel eingereicht, die an dieser Einschätzung etwas
zu ändern vermöchten.
Der mit der Eingabe vom 20. Juli 2020 eingereichte Facharztbericht der
Aa._, vom 16. Juni 2020 (vgl. Sachverhalt oben, Bst. K.) vermag
am Ausgang des vorliegenden Asylverfahrens ebenfalls für sich alleine
nichts zu ändern. Die Ausführungen im Arztbericht zu den Vorfällen in Erit-
rea im Rahmen der letzten diagnostischen Gespräche mit der Beschwer-
deführerin basieren weitgehend auf deren eigenen Angaben und Schilde-
rungen (schwere Verlusterlebnisse in der Kindheit im Heimatland, Gewalt-
erfahrungen und Überforderungserlebnisse); sie beruhen nicht auf den ei-
genen Beobachtungen der Fachärzteschaft. An den fachärztlich festge-
stellten medizinischen Diagnosen («Probleme bei sonstigen psychosozia-
len Umstanden» sowie «dissoziative Störung») wird seitens des Bundes-
verwaltungsgerichts nicht gezweifelt. Diese Diagnosen vermögen jedoch
nicht den Wahrheitsgehalt der Vorbringen zu belegen oder die von der Be-
schwerdeführerin angegebenen Ursachen der Krankheitsbilder nachzu-
weisen beziehungsweise als überwiegend glaubhaft darzutun.
6.8 Es ist der Beschwerdeführerin zusammenfassend nicht gelungen, eine
im Zeitpunkt ihrer Ausreise aus dem Heimatstaat bestehende asylbeacht-
liche Verfolgungssituation glaubhaft darzutun. Wie bereits festgehalten,
gab sie bei der BzP explizit zu Protokoll, sie sei in Eritrea nie in den Militär-
dienst eingezogen worden (vgl. A5, Ziff. 7.02, S. 11).
Es ist deshalb festzustellen, dass sie im Zeitpunkt ihrer Ausreise keine kon-
kreten Kontakte zu den eritreischen Militärbehörden im Zusammenhang
mit einer Rekrutierung in den National Service im Sinne der Rechtspre-
chung (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen Asylre-
kurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3 E. 4.7 und 4.10) gehabt hat. Es ist
daher auch nicht davon auszugehen, dass sie wegen Regimefeindlichkeit
(Refraktion) ins Visier der eritreischen Behörden geraten ist und eine dies-
bezüglich begründete Furcht vor flüchtlingsrechtlich relevanten Bestrafung
zu bejahen ist.
E-5468/2019
Seite 24
6.9 Im Zusammenhang mit der geltend gemachten illegalen Ausreise aus
Eritrea ist – ohne auf die vom SEM festgestellten und vom Gericht bestä-
tigten Unstimmigkeiten innerhalb der diesbezüglichen Schilderungen noch
weiter einzugehen – auf das Referenzurteil des Bundesverwaltungsge-
richts D-7898/2015 vom 30. Januar 2017 zu verweisen. Das Gericht geht
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass sich eritrei-
sche Staatsangehörige aufgrund einer illegalen Ausreise mit Sanktionen
ihres Heimatstaates konfrontiert sehen, welche bezüglich ihrer Intensität
und der politischen Motivation des Staates ernsthafte Nachteile im Sinne
des Asylgesetzes darstellen (vgl. D-7898/2015, a.a.O. E. 5.1). Nach dieser
Rechtsprechung ist nur dann von einer begründeten Furcht vor intensiven
und flüchtlingsrechtlich begründeten Nachteilen auszugehen, wenn zur il-
legalen Ausreise weitere Faktoren hinzukommen, welche die asylsu-
chende Person in den Augen der eritreischen Behörden als missliebige
Person erscheinen lassen (vgl. zitiertes Referenzurteil, E. 5.1, letzter Ab-
satz). Entsprechende zusätzliche Anknüpfungspunkte im Sinne einer Pro-
filschärfung sind bei der Beschwerdeführerin und ihren Töchtern – im Ge-
gensatz zu den anderslautenden Ausführungen in der Rechtsmittelschrift –
zu verneinen, zumal sich die vorgetragene behördliche Verfolgungslage im
Sinne einer Reflexverfolgung wegen des Ehemannes als nicht überwie-
gend wahrscheinlich erwiesen hat und namentlich die erst auf Beschwer-
deebene geltend gemachte angebliche monatelange Haft im Jahr 2007 als
nicht glaubhaft gemacht eingeschätzt werden muss.
6.10 Nach dem Gesagten hat das SEM zu Recht und mit zutreffender Be-
gründung festgestellt, dass die Beschwerdeführerin und ihre Töchter die
Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllen. Die Abweisung des Asylgesuchs ist
demnach zu Recht erfolgt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Die Beschwerdeführerin und ihre Töchter verfügen weder über eine
ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf
Erteilung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht ange-
ordnet (Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
E-5468/2019
Seite 25
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG).
8.2 Die Vorinstanz ordnete in ihrer Verfügung vom 18. September 2019 die
vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin und ihrer Töchter in der
Schweiz an. Daher erübrigen sich weitere Ausführungen zum Vollzug der
Wegweisung, insbesondere zu allfälligen medizinisch indizierten Wegwei-
sungshindernissen (vgl. zur alternativen Natur der Vollzugshindernisse
BVGE 2011/7 E. 8 m.w.H.).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt und den rechtserheblichen Sachverhalt richtig
sowie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerde ist ab-
zuweisen.
10.
10.1
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten der Beschwer-
deführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Mit Zwischenverfügungen
vom 30. Oktober und 13. November 2019 wurde indessen das Gesuch um
Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege inklusive Verbeiständung
gutgeheissen, weshalb keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind.
10.2 Wie bereits festgehalten, wurde das mit der Beschwerde gestellte Ge-
such um amtliche Verbeiständung vom Gericht im Rahmen des Instrukti-
onsverfahrens am 13. November 2019 gutgeheissen und MLaw Eliane
Schmid, Rechtsanwältin, Caritas Schweiz, wurde als amtliche Rechtsbei-
ständin eingesetzt. Der von der Rechtsvertreterin geleistete Vertretungs-
aufwand ist mithin unter dem Titel des amtlichen Honorars zu entschädi-
gen.
Die Rechtsvertreterin weist einen zeitlichen Aufwand von 6 Std. 10 Min. für
die Einreichung der Beschwerde (vgl. Zusammenstellung Aufwand; Bei-
lage zur Beschwerdeschrift), 2 Std. 50 Min. für die Einreichung der Replik-
schrift (vgl. Replik S. 3) und 30 Min. für die Eingabe vom 20. Juli 2020 aus
(vgl. Eingabe vom 20. Juli 2020 S. 1). Dieser Aufwand von insgesamt 9 Std.
30 Min. erscheint im Verhältnis zu vergleichbaren Verfahren angemessen.
E-5468/2019
Seite 26
Massgebend ist ein Stundenansatz von Fr. 200.- (vgl. Instruktionsverfü-
gung vom 30. Oktober 2019). Ferner sind Auslagen für die insgesamt fünf
Einschreibesendungen ans Gericht aktenkundig (total Fr. 27.50); ein nicht
spezifizierter Pauschalaufwand, wie in der Replikeingabe vom 22. Januar
2020 S. 3 geltend gemacht, wird praxisgemäss nicht vergütet. Eine Mehr-
wertsteuerpflicht wird nicht geltend gemacht.
Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 9–13
VGKE) ist das amtliche Honorar zulasten der Gerichtskasse demnach auf
insgesamt Fr. 1'928.- (inkl. Auslagen) festzusetzen.
(Dispositiv: nächste Seite)
E-5468/2019
Seite 27