Decision ID: ca84e982-ae22-5d20-84aa-2a0843ac4e17
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Sozialamt der Stadt St. Gallen, Brühlgasse 1, 9004 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
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Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente; berufliche Massnahmen
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 26. September 2008 wegen Ulcera Venosa an beiden
Unterschenkeln mit beidseitiger chronisch venöser Insuffizienz sowie tiefer
postphlebitischer Veränderungen und beidseitiger Insuffizienz der Vena saphena
magna zum Bezug einer Rente der Invalidenversicherung bei der IV-Stelle des Kantons
St. Gallen an (IV-act. 2-1 ff.).
A.b Im Bericht der Stiftung Hilfe für Drogenabhängige / MSH2 St. Gallen vom 29.
Oktober 2008 zuhanden der IV-Stelle führte Dr. med. B._ aus, dass beim seit Juni
2008 bei der MSH2 in Behandlung stehenden Versicherten eine Polytoxikomanie mit
St. nach Heroinkonsum und Methadonsubstitution seit 2001 bestehen würde. Der
Versicherte spritze regelmässig Kokain jeweils in die Unterschenkel beider Beine, dies
seit ca. sechs Jahren. Seit drei Jahren bestünden bilaterale Ulcera der Unterschenkel,
welche initial in den paravasalen Kokain-Injektionsbereichen entstanden und seither
grössenprogredient seien. Es sei, besonders am Abend, zu Symptomen mit
Beinschwellungen sowie Schmerzen gekommen. Zudem bestehe beim Versicherten
seit 2000 eine chronische Hepatitis C und ein Zustand nach Hepatitis A, ein Status
nach Polyradikulitis sowie ein Status nach Schädelbruch 1980. Wegen langjähriger
Polytoxikomanie und ausgeprägten Unterschenkel-Ulcera mit verschiedenen
Beschwerden und gleichzeitig schlechter Compliance im Bezug auf Therapie und
Verhalten sei es dem Versicherten nicht möglich, irgendeine Arbeit auszuüben. Die
Ärztin hielt berufliche Massnahmen nicht, dafür eine ergänzende medizinische
Abklärung für angezeigt. Im Beiblatt zum Arztbericht attestierte Dr. B._ eine
verminderte Leistungsfähigkeit von 80-100 % (IV-act. 16-4 ff.).
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A.c Am 29. Dezember 2008 retournierten die beiden Ärzte des Kantonsspitals
St. Gallen Dr. med. C._, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, und Dr. med. D._,
Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, der IV-Stelle den durch Dr. D._ ausgefüllten
Fragebogen vom 23. Dezember 2008 und erstatteten zudem einen kurzen Arztbericht
(IV-act. 21-1 ff.). Im Fragebogen nannte Dr. D._ als Diagnose mit Auswirkungen auf
die Arbeitsfähigkeit Ulcerationen beider Unterschenkel bei postthrombotischem
Syndrom und bei Kokaininjektionen sowie Polytoxikomanie. Ohne Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit sei eine positive HCV-Serologie. Die chronische Ulcera sowie
rezidivierende Schwellung beider Unterschenkel und Füsse könnten nur mit
ausreichender Patienten-Compliance erfolgreich abheilen. Der Arzt attestierte eine 100
%ige Arbeitsfähigkeit in einer wechselbelastenden Tätigkeit. Im begleitenden
Arztbericht hielten Dr. C._ und Dr. D._ eine chronisch-venöse Insuffizienz aufgrund
eines postthrombotischen Zustandes fest. Dieser Sachverhalt werde deutlich erschwert
durch die rezidivierenden Kokaininjektionen. Bei entsprechender medizinischer
Betreuung und Sistieren der Kokaininjektion sei eine Besserung bis Abheilung der
Ulcera prinzipiell zu erwarten. Der Versicherte habe sich im Kantonsspital St. Gallen
einer einmaligen ambulanten Untersuchung mit konkreter Fragestellung bezüglich einer
Spalthauttransplantation und Deckung der Ulcera unterzogen. Insgesamt ergebe sich
daraus kein umfassendes Bild der Leistungsfähigkeit des Versicherten. Insbesondere
könne keine Aussage zur Konzentrationsfähigkeit oder ähnlicher Leistungsfähigkeit des
Versicherten gemacht werden. Rein sitzende und stehende Tätigkeiten seien bei
passender Bestrumpfung zwar möglich, sollten aber doch zumindest mit kurz
gehenden Phasen unterbrochen sein. Dem Fragebogen und Arztbericht wurde eine
Kopie des Untersuchungsberichts von Dr. D._, Dr. C._ und Dr. med. E._,
Assistenzarzt, vom 14. Januar 2008, welcher auf dem angiologischen Untersuch vom
8. Januar 2008 fusst, beigelegt. In diesem Bericht wird im Wesentlichen ausgeführt,
dass die Ursache der Ulcera am wahrscheinlichsten in den rezidivierenden paravasalen
Kokaininjektionen mit nachfolgenden Phlebitiden und Weichteilveränderungen
begründet sei. Als problematisch im Rahmen einer möglichen Spalthauttransplantation
wurde die wahrscheinlich schlechte Compliance des Versicherten bei fortgesetzten
Kokaininjektionen gesehen.
A.d Am 9. Februar 2009 erstattete Dr. med. F._, Facharzt für Dermatologie und
Venerologie, einen Arztbericht. Als Ursache der Arbeitsunfähigkeit gibt er "Krankheit"
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an. Er diagnostizierte Ulcera crurum seit 2003, postthrombotisches Syndrom untere
Extremität, rechts mehr als links, Polytoxikomanie seit 1986, positive Hepatitis-C-Virus-
Serologie seit 2005. Es bestünden offene Wunden der Unterschenkel sowie ein
gestörter venöser Abfluss aus den Beinen. Durch konsequente Kompressionstherapie
und phasengerechte Wundbehandlung könnte eine Besserung, wünschenswerterweise
sogar eine Abheilung, erreicht werden. Dr. F._ attestierte eine 50 %ige
Arbeitsfähigkeit ab sofort, bezüglich der Beinulcera attestierte er jedoch eine 100 %ige
Arbeitsunfähigkeit. Der Versicherte solle jegliche Tätigkeiten mit langem Stehen und
Sitzen sowie sog. "Schmutztätigkeiten" meiden. Bezüglich des Substanzmissbrauchs
müsse eine Bewertung durch Kollegen der Psychiatrie vorgenommen werden.
Diesbezüglich sah er Einschränkungen beim Konzentrationsvermögen,
Auffassungsvermögen, bei der Anpassungsfähigkeit und Belastbarkeit. Zudem würden
sich die Einschränkungen, bedingt durch die Ulcera, durch medizinische Massnahmen
nicht vermindern lassen (IV-act. 23–1 ff).
A.e In einer internen Stellungnahme vom 24. Februar 2009 führte Dr. med. G._,
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, vom IV-internen regionalen ärztlichen
Dienst (RAD) aus, aus rein somatischer Sicht sei eine Eingliederungsfähigkeit von mind.
50 % für körperlich leichte wechselbelastende Tätigkeiten gegeben. Es gebe Hinweise
auf Konzentrationsstörungen, gestörtes Auffassungsvermögen und eingeschränkte
Belastbarkeit. Aus versicherungsmedizinischer Sicht sei der Gesundheitszustand -
insbesondere von psychiatrischer Seite - noch nicht ausreichend abgeklärt. Es würden
sich im Weiteren Hinweise auf eventuelle sekundäre Folgeschäden infolge der
Drogenabhängigkeit ergeben. Zur Klärung der verwertbaren Rest-Arbeitsfähigkeit sei
eine ausreichende Abstinenz von Suchtmitteln nötig, um eine drogenbeeinflusste
Arbeitsunfähigkeit ausschliessen zu können. Der Versicherte sei daher im Rahmen
seiner allgemeinen Schadenminderungspflicht zu verpflichten, eine sechsmonatige
Kontrolle bei Drogenabstinenz nachzuweisen (IV-act. 24-1). Dementsprechend forderte
die IV-Stelle den Versicherten am 4. März 2009 auf, den Nachweis einer mindestens
sechsmonatig andauernden Drogenabstinenz zu erbringen. Dies sei ihm zumutbar.
Dafür müsse er sich in zweiwöchentlichen Abständen Drogenurinuntersuchungen
unter-ziehen, bis spätestens 23. März 2009 die Namen der zuständigen Fachperson für
die Durchführung der Laborkontrollen bekanntgeben und die Resultate der
Laborkontrollen der Verwaltung regelmässig und unaufgefordert zukommen lassen (IV-
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act. 25-1 f.). Innert Frist teilte der Versicherte der IV-Stelle mit, dass die Laborkontrollen
durch H._ bei der MSH2 St. Gallen vorgenommen würden (IV-act. 26–1 f.). Die
Zustellung der Laborwerte wurde in der Folge viermal durch die IV-Stelle abgemahnt
(IV-act. 27, 28, 29 und 30); das dritte Mal durch ein Schreiben "Mahn- und
Bedenkzeitverfahren" vom 14. Juli 2009, welches dem Versicherten androhte, die
Erhebungen würden eingestellt und auf sein Gesuch würde nicht eingetreten, falls er
nicht bis spätestens 31. Juli 2009 schriftlich seine Bereitschaft zur künftigen
Auflagenerfüllung bestätige (IV-act. 29-1 f.).
A.f Aufgrund der erfolglosen Abmahnungen verweigerte die IV-Stelle mit Verfügung
vom 2. September 2009 die "Kostengutsprache für berufliche Massnahmen und die
Zusprache einer Invalidenrente" (IV-act. 32-1 f.).
B.
B.a Gegen diese leistungsverweigernde Verfügung richtet sich die Beschwerde vom
28. September 2009. Der Beschwerdeführer beantragt darin deren Aufhebung und die
Zusprache einer ganzen Invalidenrente. Die unter dem Begriff Schadenminderungs-
und Mitwirkungspflicht verfügten Auflagen seien aufzuheben. Eventuell sei über den
Gesundheitszustand des Beschwerdeführers ein ärztliches Gutachten zu erstellen. Für
das Gerichtsverfahren sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, alles unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen. Zur Begründung führt er im Wesentlichen aus, es
sei ihm aus gesundheitlichen Gründen, aufgrund seiner Drogensucht und seiner
starken Schmerzen trotz guten Willens schlicht und einfach nicht möglich gewesen, die
von der Beschwerdegegnerin angeordnete sechsmonatige Drogenabstinenz mit
Nachweis einer zweiwöchig durchgeführten Drogenurinuntersuchung zu ertragen bzw.
die Auflagen einzuhalten. Da er der Beschwerdegegnerin die verlangten Auskünfte
erteilt und den Fragebogen wahrheitsgetreu ausgefüllt und zurückgeschickt habe, habe
er keine Auskunftspflicht verletzt. Die Verfügung sei schon deshalb aufzuheben, weil
die Verweigerung der Leistung gestützt auf Art. 7 Abs. 2 Bst. g IVG (gemeint wohl: Art.
7b Abs. 2 Bst. d IVG) bei der vorliegenden Ausgangslage nicht möglich sei. Er sei ein
langjähriger Konsument von harten Drogen, als krankhaft süchtig zu betrachten und vor
allem aufgrund seiner starken Venenprobleme und der offenen Beine zur Zeit
überhaupt nicht arbeitsfähig. Zudem sei nicht die Drogensucht der Grund für die
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Arbeitsunfähigkeit, sondern seine relevanten gesundheitlichen Probleme an den
Beinen, die es ihm verunmöglichen würden, einer Arbeit nachzugehen. Zur
Untermauerung der Argumentation reicht der Beschwerdeführer einen ärztlichen
Bericht und ein Arztzeugnis von Dr. med. I._ der MSH2 St. Gallen sowie drei
Arztzeugnisse von Dr. med. J._ und Dr. B._ der MSH2 St. Gallen ein. Zudem macht
der Beschwerdeführer geltend, gesundheitliche Probleme könnten auch ohne den von
der Beschwerdegegnerin diktierten und von dieser nicht bezahlten Ad-hoc-Entzug
beurteilt werden (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 11. November
2009 die Beschwerdeabweisung. Zur Begründung führt sie im Wesentlichen aus,
entgegen der Ansicht des Beschwerdeführers liege in einer adaptierten Tätigkeit eine
Arbeitsfähigkeit von 50 % vor. Zudem würden die gesundheitlichen Probleme des
Beschwerdeführers im Beinbereich in einem direkten Zusammenhang zur Drogensucht
stehen. Es gebe keinen medizinisch einleuchtenden Grund, weshalb der
Beschwerdeführer nicht in der Lage sein sollte, die verlangten Auflagen zu erfüllen. Die
Beschwerdegegnerin wiederholt die Auffassung des RAD, wonach nur mit Erfüllung der
Auflagen der psychische Gesundheitszustand und die daraus resultierende
Arbeitsunfähigkeit überhaupt abgeklärt werden könnten. Die Auflagen im Sinne von Art.
43 Abs. 2 ATSG seien daher zur Recht auferlegt worden. Durch die Nichteinhaltung der
Auflage der sechsmonatigen Drogenabstinenz verunmögliche der Beschwerdeführer
bis heute, dass die Beschwerdegegnerin seine Arbeitsunfähigkeit unter
Ausklammerung der Drogensucht bestimmen könne. Die Sanktion gemäss Art. 43 Abs.
3 ATSG sei demnach, auf das Leistungsgesuch nicht einzutreten. In der angefochtenen
Verfügung sei somit zu Unrecht eine materielle Gesuchsabweisung vorgenommen
worden; die Sanktion des Nichteintretens wäre angebracht gewesen. Die angefochtene
Verfügung sei jedoch im Ergebnis richtig, weil der Beschwerdeführer zurzeit keinen
Anspruch auf eine IV-Rente oder berufliche Massnahmen habe. Es könne auch offen
bleiben, ob er gegen Art. 7b Abs. 2 lit. d IVG verstossen habe (act. G 5).
B.c Der zuständige Abteilungspräsident bewilligte am 13. November 2009 das
Gesuch um unentgeltliche Prozessführung (Befreiung von den Gerichtskosten und
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung, act. G 7).
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B.d In der Replik vom 3. Dezember 2009 hält der Beschwerdeführer an seinen
Anträgen fest. Er führt im Wesentlichen aus, seine gravierenden gesundheitlichen
Probleme seien eindeutig Folgen der Drogensucht und könnten auch ohne den von der
Beschwerdegegnerin diktierten Ad-hoc-Entzug beurteilt und der für die Gewährung
einer IV-Rente relevante Invaliditätsgrad festgelegt werden. Daran ändere auch nichts,
wenn die Beschwerdegegnerin die Verfügung vom 2. September 2009 von einer
materiellen Abweisung in ein Nichteintreten umwandeln würde. Er werde aufgrund
seiner körperlichen und seelischen Verfassung nie mehr in der Lage sein, die
Massnahmen der SVA zu erfüllen, einer geregelten Arbeit nachzugehen oder sein
Leben selber in die Hand zu nehmen. Daher sei er auf die Gewährung einer IV-Rente
angewiesen (act. G 8).
B.e Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet (act. G
10).

Erwägungen:
1.
1.1 Die verfügte Leistungsverweigerung beruht auf der Sanktionierung einer
behaupteten Verletzung der Mitwirkungspflicht des Beschwerdeführers. Gemäss dem
Dispositiv der angefochtenen Verfügung hat die Beschwerdegegnerin das
Leistungsgesuch (den Anspruch auf berufliche Massnahmen und Rentenleistungen)
des Beschwerdeführers abgewiesen. Sie hat in der Begründung auf Art. 43 Abs. 3 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) und Art. 7b Abs. 2 lit. d des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung
(IVG; SR 831.20) verwiesen.
1.2 Kommen die versicherte Person oder andere Personen, die Leistungen
beanspruchen, den Auskunfts- oder Mitwirkungspflichten in unentschuldbarer Weise
nicht nach, so kann der Versicherungsträger aufgrund der Akten verfügen oder die
Erhebungen einstellen und Nichteintreten beschliessen. Er muss diese Personen vorher
schriftlich mahnen und auf die Rechtsfolgen hinweisen; ihnen ist eine angemessene
Bedenkzeit einzuräumen (Art. 43 Abs. 3 ATSG). Wann ein Nichteintretensentscheid und
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wann ein materieller Entscheid aufgrund der vorhandenen Akten zu fällen ist, hängt
nach der Rechtsprechung von den Umständen des Einzelfalles ab. Lässt sich
beispielsweise der Sachverhalt ohne Schwierigkeiten und ohne besonderen Aufwand
abklären, auch wenn der Gesuchsteller die Mitwirkung verweigert oder unterlässt, so
wird die Verwaltung die betreffenden Erhebungen zu tätigen und anschliessend
materiell zu entscheiden haben. In Grenz- und Zweifelsfällen ist die für den
Gesuchsteller günstigere Variante zu wählen (BGE 108 V 229 = ZAK 1983, 543). Ist die
versicherte Person den Pflichten nach Art. 7 IVG (Schadenminderungspflicht und
Pflicht zur Mitwirkung an zumutbaren Massnahmen) oder nach Art. 43 Abs. 2 ATSG
(Pflicht, sich ärztlichen oder fachlichen Untersuchungen zu unterziehen, soweit sie
notwendig und zumutbar sind) nicht nachgekommen, können die Leistungen nach
Art. 21 Abs. 4 ATSG gekürzt oder verweigert werden, und zwar gemäss Art. 7b Abs. 2
IVG in Abweichung von Art. 21 Abs. 4 ATSG ohne Mahn- und Bedenkzeitverfahren,
wenn (unter anderem) die Person der IV-Stelle die Auskünfte nicht erteilt, welche diese
zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben benötigt.
1.3 Die Verfügung ist ohne materielle Würdigung der vorhandenen Akten ergangen
(IV-act. 32-1 f.). Im Mahnschreiben vom 14. Juli 2009 wurde dem Beschwerdeführer
überdies für den Fall, dass er den Anordnungen nicht nachkomme, die Einstellung der
Erhebungen und Nichteintreten auf sein Leistungsgesuch angedroht (IV-act. 29-1 f.).
Aufgrund des aktenbelegten Sachverhaltes kann die angefochtene Verfügung - wie die
Beschwerdegegnerin in der Beschwerdeantwort selbst einräumt - nur als
Nichteintreten, nicht aber als materielle Abweisung des Leistungsgesuches interpretiert
werden.
2.
2.1 Die Auflage, eine mindestens sechsmonatige andauernde Drogenabstinenz
einzuhalten (nachzuweisen durch vierzehntägliche Drogenurinuntersuchungen und
vierteljährliche Blutuntersuchungen) sollte, wie der RAD-Stellungnahme vom 24.
Februar 2009 zu entnehmen ist (IV-act. 24-1), im Hinblick auf eine gutachterliche
Abklärung der Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers (psychiatrisch, aber auch in
Bezug auf sekundäre Folgeschäden der Drogenabhängigkeit) erfolgen; eine
drogenbeeinflusste Arbeitsfähigkeit hätte dabei ausgeschlossen werden sollen. Es
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kann sich dabei mithin nur um eine Auflage im Rahmen der Mitwirkungspflicht während
der Phase der Sachverhalts- und Anspruchsabklärung handeln (Art. 43 Abs. 2 und 3
ATSG). Eine Schadenminderungspflicht im Sinne von Art. 21 Abs. 4 ATSG würde erst
nach feststehendem Leistungsanspruch im Zusammenhang mit Massnahmen zur
Eingliederung und Verbesserung der Erwerbsfähigkeit in Frage stehen.
2.2 Die Begutachtung sollte im Hinblick auf die Feststellung der Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers erfolgen. Nach Art. 8 Abs. 1 ATSG gilt als Invalidität die
voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit. Diese wird gemäss Art. 7 Abs. 1 ATSG verstanden als der durch
die Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung oder Eingliederung verbleibende ganze
oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt. Die Invalidität kann nach Art. 4 Abs. 1 IVG Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein. Drogensucht als solche begründet noch
keine Invalidität im Sinne des Gesetzes. Denn die Diagnose einer Drogensucht oder -
abhängigkeit lässt nicht schon darauf schliessen, dass der versicherten Person eine
Drogenabstinenz nicht mehr möglich wäre; ebenso wenig ist Drogenabhängigkeit
notwendigerweise mit Arbeits- oder Erwerbsunfähigkeit verbunden (vgl. Entscheid des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S G. vom 22. Juni 2001, I 454/99; SVR 2001
IV Nr. 3 S. 7 E. 4b). Hat sie allerdings eine Krankheit oder einen Unfall bewirkt, in deren
Folge ein körperlicher oder geistiger Gesundheitsschaden eingetreten ist, oder aber ist
sie selber Folge eines körperlichen oder geistigen Gesundheitsschadens, welchem
Krankheitswert zukommt (BGE 99 V 28 E. 2; AHI 2002 S. 29 f. E. 1 und 2, AHI 2001 S.
228 f. E. 2 und S. 229 f. E. 4), so wird eine solche Sucht im Rahmen der
Invalidenversicherung bedeutsam (vgl. etwa den Entscheid des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen i/S H. vom 8. September 2008, IV 2007/76 E. 2.1). Ob die Sucht
ursächlich für eine andere Gesundheitsschädigung war oder erst in Folge einer solchen
auftrat, ist demnach nicht von Belang. Erforderlich ist stets lediglich, dass auch ein
anderer Gesundheitsschaden vorliegt, der mit der Sucht in Zusammenhang steht. Ist
dies erfüllt, so geht es nicht etwa darum, den auf die Sucht entfallenden Anteil der
Arbeitsunfähigkeit abzuspalten und als nicht invalidisierend zu bezeichnen. Vielmehr ist
bei Bejahung eines solchen Zusammenhangs mit einer anderen Erkrankung auch die
Sucht vollumfänglich zu berücksichtigen (vgl. Urteil des Versicherungsgerichts des
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Kantons St. Gallen i/S W. vom 25. Juni 2009, IV 2008/307 E. 2.1). Diesfalls ist auf den
gesamten, unter Mitberücksichtigung der Folgen der Suchtmittelabhängigkeit
bestehenden Arbeits- bzw. Erwerbsunfähigkeitsgrad abzustellen (vgl. etwa die
Entscheide des Eidgenössischen Versicherungsgerichts i/S E. vom 9. Juli 2002,
I 257/01, und i/S O. vom 8. August 2006, I 169/06, Entscheid des Bundesgerichts i/S B.
vom 30. Mai 2011, 8C_951/2010 E. 4.1).
2.3 Zunächst ist vorfrageweise zu prüfen, ob dem Beschwerdeführer eine
rechtmässige Mitwirkungspflicht abverlangt worden ist (vgl. SVR 1998 UV Nr. 1).
Vorausgesetzt ist hierfür, dass die geplante Begutachtung angezeigt war, dass sie eine
vorgängige sechsmonatige Abstinenz erforderte und dass diese dem
Beschwerdeführer zumutbar war. Nach Art. 43 Abs. 3 ATSG liegt eine Verletzung der
Mitwirkungspflicht ausserdem nur dann vor, wenn sie in unentschuldbarer Weise
erfolgt ist. Dies ist dann der Fall, wenn kein Rechtfertigungsgrund erkennbar ist oder
sich das Verhalten der versicherten Person als völlig unverständlich erweist
(Bundesgerichtsentscheid vom 3. November 2009, 8C_528/09; vgl. Urteil vom 30.
Januar 2007, I 166/06 E. 5.1) bzw. wenn ein Rechtfertigungsgrund nicht einmal
ansatzweise erkennbar ist oder das Verhalten schlechthin unverständlich ist (vgl. Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 2. A. 2009, Rz 51 zu Art. 43).
3.
3.1 Dr. B._ von der MSH2 St. Gallen attestierte dem Beschwerdeführer im Bericht
vom 29. Oktober 2008 wegen der chronischen Ulcera beider Unterschenkel und der
langjährigen, seit 1986 bestehenden Polytoxikomanie eine um 80-100 % verminderte
Leistungsfähigkeit. Wegen der schlechten Compliance (der Beschwerdeführer spritze
weiterhin regelmässig Kokain in die Unterschenkel) stellte sie eine schlechte Prognose
und hielt eine ergänzende medizinische Abklärung für angezeigt (IV-act. 16-1 ff.).
Dr. D._ vom Departement Innere Medizin/Angiologie am Kantonsspital St. Gallen
hingegen schätzte die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers in einer
wechselbelasteten Tätigkeit auf 100 %, allerdings unter der Voraussetzung, dass die
Ulcera abheilen würden und eine ausreichende Kompression der Unterschenkel
gewährleistet wäre (IV-act. 21-1 ff.). Im begleitenden Bericht vom 29. Dezember 2008
wurde indessen einschränkend bemerkt, die Besserung bis Abheilung der Ulcera
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würde bedingen, dass die Kokaininjektionen sistiert würden. Aufgrund einer nur
einmaligen Untersuchung bezüglich der Frage einer Spalthauttransplantation habe sich
kein umfassendes Bild der Leistungsfähigkeit des Beschwerdeführers ergeben.
Insbesondere könne keine Aussage zur Konzentrationsfähigkeit oder ähnlichen
Leistungsfähigkeiten des Beschwerdeführers gemacht werden (IV-act. 21-5). Die
Einschätzung durch Dr. F._ vom Departement Innere Medizin/Angiologie am
Kantonsspital St. Gallen im Bericht vom 9. Februar 2009 schliesslich war
widersprüchlich, da er einerseits die Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit im
Umfang von 50 % für zumutbar hielt, dies andererseits wegen der Beinulcera jedoch
gleichzeitig verneinte. Hinsichtlich des Substanzmissbrauchs empfahl Dr. F._ die
Bewertung durch einen Psychiater (IV-act. 23-2). Aufgrund dieser Arztberichte hielt der
RAD zu Recht die Arbeitsfähigkeit aus psychiatrischer Sicht noch nicht für ausreichend
abgeklärt. Die geplante Begutachtung war bzw. ist daher angezeigt.
3.2 Aufgrund der vorhandenen Arztberichte ist zu vermuten, dass der
Beschwerdeführer wegen einer psychischen Beeinträchtigung seinen Drogenkonsum,
der ja massgebliche Ursache für die somatisch bedingte Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit bildet, nicht einstellen kann. Dies wird auch durch ein Mailschreiben
der MSH2 vom 1. Juli 2009 an das Sozialamt St. Gallen bestätigt. Aus diesem geht
hervor, dass die Tests, denen der Beschwerdeführer sich in Nachachtung der Auflage
unterzogen hatte, nie negativ ge-wesen seien und die Auflage der IV-Stelle als nicht
realistisch zu erachten sei (act. G 1.1.5). Der RAD selbst hat psychische sekundäre
Folgeschäden infolge der Drogenabhängigkeit nicht ausgeschlossen. Ist aber ein
Kausalzusammenhang zwischen der Drogenabhängigkeit und einem
krankheitswertigem psychischen Gesundheitsschaden wahrscheinlich, so ist die
Anordnung und das Verlangen des Nachweises einer mehrmonatigen Drogenabstinenz
bereits im Abklärungsverfahren unter dem Titel Mitwirkungspflicht im Hinblick auf die
materielle Leistungsprüfung (und ausserhalb der eigentlichen
Schadenminderungspflicht) nicht zielführend (vgl. Entscheid des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen vom 13. Mai 2009 [IV 2009/20], E. 3.3; und vom 25. Juni 2009
[IV 2008/307], E. 2.3). Unter den vorliegenden Umständen wäre es auch als nicht
zumutbar, als nicht verhältnismässig und damit als nicht zulässig zu betrachten, eine
medizinische Begutachtung von einer vorgängig nachgewiesenen Drogenabstinenz
abhängig zu machen.
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4.
Die Sanktionierung (Einstellung der Sachverhaltsabklärung und Leistungsprüfung) war
demnach unzulässig und die Verfügung ist somit aufzuheben. Die Beschwerdegegnerin
hat das Verfahren ohne die Erfüllung der Obliegenheit weiterzuführen. Sie wird über die
Arbeitsfähigkeit (und Eingliederungsfähigkeit) des Beschwerdeführers unter
Berücksichtigung aller Gesundheitsschäden (einschliesslich der Sucht) zu befinden
haben, was sie bis anhin nicht getan hat. Aufgrund der bei den Akten liegenden
ärztlichen Beurteilungen erscheinen ergänzende (insbesondere psychiatrische,
allenfalls auch internistische) Abklärungen angezeigt. Es bleibt der
Beschwerdegegnerin überlassen, darüber zu entscheiden, ob weitere Abklärungen
auch im Hinblick auf Wiedereingliederungsmöglichkeiten vorzunehmen sind. Ob dem
Beschwerdeführer für die allfällige Durchführung von Eingliederungsmassnahmen unter
dem Titel der Schadenminderungspflicht nach Art. 21 Abs. 4 ATSG eine kontrollierte
Drogenabstinenz zugemutet werden kann, müssen die medizinischen Begutachter
beurteilen. Schliesslich wird die Beschwerdegegnerin - ungeachtet allfällig verfügter
Schadenminderungsauflagen und Eingliederungsmassnahmen, die nur für die Zukunft
wirksam sein könnten - je nach Ergebnis der weiteren Abklärungen über einen
vorübergehenden Rentenanspruch zu befinden haben.
5.
5.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung der
angefochtenen Verfügung vom 2. September 2009 teilweise gutzuheissen. Die Sache
ist zur Weiterführung des Verwaltungsverfahrens im Sinne der Erwägungen und zu
entsprechender neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
5.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.- erscheint
als angemessen. Die Beschwerdegegnerin unterliegt, sodass ihr die gesamte
Gerichtsgebühr aufzuerlegen ist. Da der Beschwerdeführer obsiegt (vgl. unten), wird
die erfolgte Bewilligung des Gesuchs um unentgeltliche Prozessführung (Befreiung von
bis
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den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung)
hinfällig.
Bei diesem Verfahrensausgang ist praxisgemäss von einem vollen Obsiegen
auszugehen (vgl. etwa ZAK 1987 S. 266 E. 5a), weshalb der Beschwerdeführer
grundsätzlich einen Anspruch auf eine Parteientschädigung hat. Jedoch ist
diesbezüglich folgendes auszuführen: Der Beschwerdeführer wird durch das Sozialamt
der Stadt St. Gallen, handelnd durch eine Rechtsanwältin in ihrer Funktion als Leiterin
des Rechtsdienstes, vertreten. In der Vergangenheit hat das Versicherungsgericht des
Kantons St. Gallen einer beschwerdeführenden Person, die durch einen im
Angestelltenverhältnis des Sozialamtes der Stadt St. Gallen stehenden Rechtsanwalt
oder eine Rechtsanwältin vertreten war, bei Obsiegen eine Parteientschädigung nach
der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten (sGS 963.75)
zugesprochen. Aufgrund gesetzlicher Änderungen des St. Gallischen Anwaltsgesetzes
(AnwG; sGS 963.70) im Zug der Einführung der am 1. Januar 2011 in Kraft getretenen
eidgenössischen Zivilprozessordnung (ZPO; SR 272) kann jedoch an dieser Praxis
nicht mehr festgehalten werden, wie nachfolgend aufzuzeigen ist: Nach Art. 10 Abs. 1
AnwG ist die berufsmässige Vertretung vor Gericht dem in einem kantonalen
Anwaltsregister eingetragenen Rechtsanwalt vorbehalten. Berufsmässig ist die
Tätigkeit mit der Bereitschaft, von unbestimmt vielen Personen Aufträge zu
übernehmen; die Berufsmässigkeit wird vermutet, wenn ein Entgelt verlangt oder
entgegengenommen wird (Art. 10 Abs. 2 AnwG). Gestützt auf Art. 8 Abs. 1 lit. d des
Bundesgesetzes über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte (SR 935.61) setzt
die Eintragung in einem kantonalen Anwaltsregister voraus, dass der Anwaltsberuf
unabhängig ausgeübt werden kann. Rechtsanwältinnen und -anwälte, die in einem
Anstellungsverhältnis sind, können sich in einem Anwaltsregister nur eintragen lassen,
wenn die Personen, bei denen sie angestellt sind, ebenfalls in einem kantonalen
Register eingetragen sind. Diese Voraussetzungen erfüllt die Rechtsanwältin des
Sozialamtes der Stadt St. Gallen als Vertretung des Beschwerdeführers nicht. Im
Übrigen ist auch keine Ausnahme gemäss Art. 12 AnwG gegeben, da die
Rechtsanwältin nicht als Vertreterin von Selbsthilfe- und gemeinnützigen
Organisationen auftritt. Es kann daher keine Parteientschädigung zugesprochen
werden.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
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St.Galler Gerichte
Demgemäss hat das Versicherungsgericht im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39
VRP