Decision ID: 360cf73b-31e2-5d69-aafa-a6761ce10211
Year: 2018
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdegegnerin 1 und der Beschwerdegegner 2 reichten am 29. Mai 2017
bei der Gemeinde Ipsach ein Baugesuch ein für die provisorische Erweiterung des Vor-
dachs mit Zelten (befristet bis 31. Mai 2020) und das Aufstellen von Zelten zu Lager-
zwecken auf Parzelle Ipsach Grundbuchblatt Nr. E._. Die Parzelle liegt in der
RA Nr. 110/2017/142 2
Überbauungsordnung (ÜO) «Seezone» und gemäss Uferschutzplan SFG im Sektor WG
(Wohnen/Gewerbe). Gegen das Bauvorhaben erhob die Beschwerdeführerin Einsprache.
Mit Entscheid vom 12. Oktober 2017 erteilte die Gemeinde Ipsach die Baubewilligung.
2. Dagegen reichte die Beschwerdeführerin am 8. November 2017 Beschwerde bei der
Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragt
sinngemäss die Aufhebung des Bauentscheids vom 12. Oktober 2017. Sie macht geltend,
dass das Vorhaben mangelhaft profiliert sei und die baupolizeilichen Vorschriften (Grenz-
bzw. Gebäudeabstand, Grünflächen) nicht einhalte. Zudem beantragt sie eine
"Überprüfung der Grünfläche, Anpflanzungen, Anzahl Pferdestallungen (...) bezüglich des
Areals Grundstück Nr. E._ in der Seezone". Ferner habe die Gemeinde
verschiedene offene Fragen nicht abgehandelt. Diese betreffen gemäss Einsprache und
weiteren Schreiben an die Gemeinde insbesondere den Brandschutz (Verwendung nicht
brennbarer Materialien) und die Einpassung der Zelte in die Landschaft.
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Gemeinde verzichtet gemäss
Eingabe vom 23. November 2017 auf die Einreichung einer Stellungnahme und verweist
auf ihr Schreiben vom 13. September 2017 und den Bauentscheid vom 12. Oktober 2017.
Die relevanten Einsprachepunkte seien abgehandelt worden. Die Beschwerdegegnerin 1
und der Beschwerdegegner 2 beantragen in ihrer Stellungnahme vom 13. Dezember 2017
die Abweisung der Beschwerde. Sie weisen unter anderem darauf hin, dass die
Beschwerdeführerin Bauten bemängle, die nicht Bestandteil des vorliegenden Verfahrens
seien. Zudem mache sie privatrechtliche Aspekte geltend, die ebenfalls nicht zu hören
seien. Die Beschwerdeführerin lege überdies nicht rechtsgenüglich dar, inwiefern sie den
Bauentscheid als falsch erachte.
4. Auf die Rechtsschriften und die Vorakten wird, soweit für den Entscheid wesentlich,
in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191)
RA Nr. 110/2017/142 3

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die
Baugesuchsteller, die Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige
Gemeindebehörde (Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführerin, deren Einsprache
abgewiesen wurde, ist durch den vorinstanzlichen Gesamtentscheid beschwert und daher
zur Beschwerdeführung legitimiert.
b) Parteiangaben müssen einen Antrag, die Angabe von Tatsachen und Beweismitteln,
eine Begründung sowie eine Unterschrift enthalten (Art. 32 Abs. 2 VRPG3). Praxisgemäss
werden an die Begründung von Laienbeschwerden keine hohen Anforderungen gestellt.4
Die Beschwerde enthält zwar keinen ausdrücklichen Antrag. Aus der Eingabe kann jedoch
geschlossen werden, dass die Beschwerdeführerin die Aufhebung des Bauentscheids
beantragt und dass sie sinngemäss geltend macht, dass das Vorhaben die
baupolizeilichen Vorschriften und die Vorgaben der ÜO «Seezone»5 nicht einhält. Damit
entspricht die Beschwerde entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin 1 und des
Beschwerdegegners 2 den Anforderungen an die Begründungspflicht. Die BVE tritt daher
grundsätzlich auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ein.
c) Die Beschwerde ist aber nur im Rahmen des Streitgegenstands zulässig. Dieser wird
durch den Gegenstand des angefochtenen Entscheids und durch die Parteibegehren
bestimmt, wobei der angefochtene Entscheid den möglichen Streitgegenstand begrenzt.6
Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens ist einzig die Frage, ob die
Baubewilligung für die provisorische Erweiterung des Vordachs mit Zelten und das
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721) 3 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 4 BVR 1997 S. 97 E. 4e; Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 32 N. 11 und 13 5 Vgl. ÜO «Seezone» und Uferschutzplan gemäss SFG: Überbauungsplan und Überbauungsvorschriften vom November 1992, genehmigt durch die kantonale Baudirektion am 8. Dezember 1993 6 BGE 133 II 181 E. 3.3
RA Nr. 110/2017/142 4
Aufstellen von Zelten zu Lagerzwecken zu Recht erteilt worden ist oder nicht. Auf die
darüber hinaus gehenden sinngemässen Anträge und Ausführungen in der Beschwerde
betreffend die bestehenden und bewilligten Pferdestallungen und die Reithalle, ist daher
nicht einzutreten.
2. Profilierung
a) Die Beschwerdeführerin macht in ihrer Beschwerde geltend, das Bauvorhaben sei
mangelhaft profiliert worden. Insbesondere gehe die Höhe der Lagerzelte nicht aus den
Profilen hervor.
b) Die Beschwerdegegnerin 1 und der Beschwerdegegner 2 führen in ihrer
Beschwerdeantwort vom 13. Dezember 2017 aus, dass die Profilierung im Sinne von
Art. 16 Abs. 1 BewD7 erfolgt sei. Die Umrisse seien anhand der korrekt abgesteckten
Profile klar und "selbst für Laien erkennbar". Insbesondere sei die Gesamthöhe der
geplanten Zelte unmissverständlich ersichtlich. Bezeichnenderweise sei die Profilierung
weder im Einspracheverfahren von der Beschwerdeführerin gerügt, noch von der
Baubewilligungsbehörde ex officio beanstandet worden. Die Rüge der Beschwerdeführerin
sei unbegründet. Die Gemeinde äussert sich zu dieser Frage nicht.
c) Entgegen der Ansicht der Beschwerdegegnerin 1 und dem Beschwerdegegner 2
können gemäss der neuen Fassung von Art. 40 Abs. 2 BauG (in Kraft seit dem 1. April
2017) grundsätzlich auch im Beschwerdeverfahren noch neue Rügen vorgebracht werden.
Gemäss dieser Bestimmung entfällt die frühere Einschränkung auf Rügen, die bereits in
der Einsprache erhoben worden sind.8
Mit der Profilierung sollen die äusseren Umrisse der geplanten Bauten und Anlagen im
Gelände abgesteckt und kenntlich gemacht werden. Es brauchen nicht sämtliche baulichen
Einzelheiten ersichtlich zu sein. Es geht nur darum, die für das Erscheinungsbild
wesentlichen Abmessungen im Gelände aufzuzeigen.9 Nach Art. 16 Abs. 1 BewD ist unter
7 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 8 Vgl. VGE 2016/191 vom 16. August 2017, E. 1.2.1 (frz.) 9 VGE 2015/348 vom 24. Juni 2016, E. 2.2, mit weiteren Hinweisen. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 34 N. 20
RA Nr. 110/2017/142 5
anderem die Höhe von oberkant Erdgeschoss mit einer Querlatte zu markieren. Konkretere
Vorgaben enthält das Dekret dazu nicht. Wer indessen seine Verfahrensrechte ausüben
konnte, kann aus einer (allenfalls) mangelhaften Profilierung keine Rechte ableiten.10 Es
muss daher vorliegend nicht geprüft werden, ob die Höhenprofilierung der Zelte Art. 16
Abs. 1 BewD entspricht. Die Beschwerdeführerin konnte am vorinstanzlichen Verfahren
teilnehmen und sachgerecht Beschwerde führen. Selbst aus einer allenfalls mangelhaften
Profilierung ist der Beschwerdeführerin somit kein Nachteil entstanden, was sie auch nicht
geltend macht. Die Beschwerdeführerin kann somit aus der Rüge der mangelhaften
Profilierung nichts zu ihren Gunsten ableiten.
3. Überbauungsziffer
a) Gemäss Baugesuch sollen auf Parzelle Ipsach Grundbuchblatt Nr. E._
einerseits drei Zelte als Verbindung zwischen dem Vordach von Gebäude Nr. F._
und dem überdachten Strohlager, befristet bis 31. Mai 2020, errichtet werden. Nach Plan
weisen diese Zelte eine Gesamtfläche von 3 m x 13 m auf, ausmachend 39 m2. Auf der
südwestlichen Parzellenseite bzw. -ecke sind zur Parzelle Grundbuchblatt Nr. G._
der Beschwerdeführerin hin vier weitere Zelte zu Lagerzwecken vorgesehen. Diese weisen
eine Fläche von 10 m x 3 m bzw. von 5 m x 6 m auf, was einer Gesamtfläche von 60 m2
entspricht. Für diese Zelte soll gemäss Entscheid der Vorinstanz eine unbefristete
Baubewilligung erteilt werden. Als Grundmaterialien der Zelte sind Stahl für die
Tragkonstruktion und «Zeltplane» in der Farbe weiss als Aussenbedeckung bzw. Hülle
vorgesehen.11
b) Die Beschwerdeführerin rügt eine Verletzung der baupolizeilichen Bestimmungen
gemäss Baureglement der Gemeinde Ipsach (GBR)12 und der (ÜO) «Seezone». Sie rügt
insbesondere eine Verletzung von Art. 4.12 GBR, der die baupolizeilichen Masse festlegt.
Zudem verlangt sie eine Überprüfung des Vorhabens im Hinblick auf die Grünflächen. Da
weder das GBR noch die ÜO eine Grünflächenziffer enthält, ist davon auszugehen, dass
10 VGE 2015/348 vom 24. Juni 2016, E. 2.2, mit weiteren Hinweisen. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 34 N. 20 11 Vgl. Baugesuch, Formular 1.0 vom 29. Mai 2017, Vorakten, pag. 30 sowie Beschreibung der Zelte gemäss Hersteller, Vorakten, pag. 11 ff. 12 Baureglement der Einwohnergemeinde Ipsach vom 13. August 1993 (genehmigt vom AGR am 22. Juni 1994)
RA Nr. 110/2017/142 6
die Beschwerdeführerin mit ihrer Rüge das Gegenstück zu den Grünflächen13 – nämlich die
Ausnützungs- bzw. Überbauungsziffer – anspricht.
Nach Ansicht der Beschwerdegegnerin 1 und des Beschwerdegegners 2 entsprechen die
Aussenmasse der geplanten Bauten den einschlägigen Bau- und Zonenvorschriften. Die
Rüge betreffend Ausnützungs- und Grünziffer sei zudem zu wenig substantiiert.14
c) Sowohl die Parzelle der Beschwerdeführerin als auch die Bauparzelle liegen im
Wirkungsbereich der Überbauungsordnung (ÜO) «Seezone». Gemäss Art. 1 der
Überbauungsvorschriften (nachfolgend ÜO) gelten diese für das im Überbauungsplan mit
einer entsprechenden Begrenzungslinie gekennzeichnete Gebiet (Art. 1 Abs. 1 ÜO).
Soweit die Überbauungsvorschriften nichts anderes festlegen, gilt das Baureglement der
Gemeinde Ipsach. Die Bauparzelle liegt gemäss dem Überbauungsplan im Sektor WG. Art.
8 ÜO sieht vor, dass der Sektor WG für das Wohnen und mit dem "Wohnen zu
vereinbarende Gewerbe" bestimmt ist. Nicht zugelassen sind "gewerbliche Einrichtungen
der Motorfahrzeugbranche, sowie publikumsintensive Nutzungen mit grösserem
Verkehrsaufkommen". Art. 8 Abs. 2 ÜO enthält für den Sektor WG die folgenden
baupolizeilichen Bestimmungen:
"- Geschosszahl max. 1 (plus Dachausbau oder Attika)
- Gebäudehöhe max. 4.50 m; der höchste Punkt der Dachfläche darf
max. 7.50 m betragen. Für die Messweise gilt das
Baureglement der Gemeinde
- Gebäudelänge max. 25.00 m
- Überbauungsziffer (gemäss Art. 96 BauV): max. 25 %. Anrechenbar ist die
entsprechende Sektorenfläche WG; geschlossene
unbewohnte An- und Nebenbauten werden angerechnet."
d) Der Themenbereich der Überbauungsziffer ist wie ausgeführt in der Beschwerde
angesprochen. Im Übrigen prüft die BVE das Bauvorhaben frei und könnte die Frage der
Einhaltung der Überbauungsziffer von Amtes wegen prüfen (Art. 40 Abs. 3 BauG). 15 Für
die Beurteilung der Vorhaben ergibt sich folgendes Bild: Die Parzelle Ipsach
Grundbuchblatt Nr. E._ weist gemäss Grundstück-Informationssystem (GRUDIS)
13 Vgl. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 13 N. 7 und 9 14 Beschwerdeantwort vom 13. Dezember 2017, Ziff. 7 und Ziff. 9 15 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, a.a.O., Art. 40-41, N. 11 f.
RA Nr. 110/2017/142 7
eine Fläche von 6'602 m2 auf. Dies ergibt gestützt auf Art. 8 Abs. 2 ÜO eine maximale
Überbauungsziffer bzw. überbaute Fläche von 1'650 m2 (25 % von 6'602 m2).
Geschlossene unbewohnte An- und Nebenbauten sind gemäss ÜO an die
Überbauungsziffer anzurechnen. Gemäss Situationsplan vom 21. Juli 201716 und unter
Berücksichtigung der grau markierten Gebäudeflächen ist die Bauparzelle aktuell, d.h.
ohne die geplanten Zelte, zu 1'525 m2 überbaut. Nicht berücksichtigt sind bei dieser
Rechnung aber das gemäss GRUDIS als «Unterstand» bezeichnete und im Nordosten der
Parzelle gelegene Gebäude im Halte von 31 m2 und andererseits der «Strohunterstand» im
Halte von 64 m2, der künftig durch Zelte mit dem Vordach Gebäude Nr. F._
verbunden werden soll. Beide Unterstände sind im Situationsplan gestrichelt ausgewiesen.
Gemäss den Angaben der Beschwerdeführerin wurden die Seiten des Strohunterstands
geschlossen. Laut Beschwerdegnerschaft handelt es sich aber um einen offenen
Unterstand. Mit den geplanten Zelten zu Lagerzwecken (1'525 m2 plus 39 m2 plus 60 m2)
beträgt die Überbauungsziffer neu 1'624 m2 (1'525 m2 plus 39 m2 plus 60 m2). Zählt man
die Flächen der beiden Unterstände dazu, ergibt sich nach Verwirklichung des
Bauvorhabens neu eine überbaute Fläche von 1'729 m2, was den Rahmen der nach Art. 8
Abs. 2 ÜO zulässigen Überbauungsziffer deutlich sprengen würde. Selbst wenn die
befristet bewilligten Zelte nicht berücksichtigt würden, wäre die zulässige
Überbauungsziffer noch überschritten (1'690 m2 anstelle der zulässigen 1'650 m2). Die
Frage der Einhaltung der zulässigen Überbauungsziffer ist somit davon abhängig, ob die
fraglichen Unterstände als geschlossene und unbewohnte An- und Nebenbauten im Sinne
der ÜO zu bezeichnen sind und somit an die überbaute Fläche anzurechnen wären. Die
Vorinstanz hat keine Überprüfung dieser Frage vorgenommen. Die entsprechende Rüge
der Beschwerdeführerin erweist sich somit als begründet.
4. Schutz des Orts- und Landschaftsbildes
a) Die Beschwerdeführerin hat in ihrer Einsprache die fehlende Einpassung der Zelte in
die Landschaft bezüglich Farbe und in der Beschwerde in grundsätzlicher Hinsicht die
fehlende Vereinbarkeit der Zelte mit der ÜO «Seezone» gerügt. Damit ist die Frage der
Vereinbarkeit mit dem Orts- und Landschaftsbild angesprochen. Im Übrigen prüft die BVE
16 Situationsplan vom 21. Juli 2017, Mst. 1:500, Vorakten, pag. 10
RA Nr. 110/2017/142 8
das Bauvorhaben frei und könnte diese Frage von Amtes wegen prüfen (Art. 40 Abs. 3
BauG).
b) Gemäss dem Entscheid der Gemeinde handelt es sich um ein Bauvorhaben mit
geringem Koordinationsaufwand, weshalb auf den Erlass einer verfahrensleitenden
Verfügung und auf das Einholen von Amts- und Fachberichten verzichtet wurde.17
c) Die Parzelle Ipsach Grundbuchblatt Nr. E._ liegt wie ausgeführt im Perimeter
der ÜO «Seezone». Gemäss den Gestaltungsgrundsätzen der ÜO unterstehen alle
Bauvorhaben innerhalb des Planperimeters "einer besonders sorgfältigen Beurteilung in
Bezug auf das Orts- und Landschaftsbild. Bauten und Anlagen sollen sich schonend in die
Uferzone einordnen" (Art. 4 Abs. 1 ÜO). Darüber hinaus enthält Art. 3.1 GBR weitere
Gestaltungsgrundsätze bzw. Ästhetikvorschriften. Dem Entscheid der Gemeinde lässt sich
trotz den Einwänden der Beschwerdeführerin im Einspracheverfahren nicht entnehmen,
inwiefern sich die geplanten, weissen Lagerzelte sowohl bezüglich Material, Machart und
Farbe ästhetisch mit den Vorgaben der ÜO «Seezone» vereinbaren lassen. Während die
befristet bewilligten Zelte eine Grundfläche von 39 m2 aufweisen, nehmen die unbefristet
bewilligten vier Zelte eine Fläche von 60 m2 ein. Ohne die Spitze beträgt die Höhe eines
Zeltes je 2,28 m, bis zur Spitze beim bewilligten Modell «Ascona» 3,910 m.18 Insbesondere
hinsichtlich der unbefristet bewilligten vier Zelte fehlt eine Beurteilung durch die Gemeinde,
ob es im Perimeter der ÜO «Seezone» bau- und planungsrechtlich und bezüglich
Landschaftsbild erwünscht ist, für Zelte unbefristete Baubewilligungen zu erteilen. Gerade
deren Leichtbauweise prädestiniert sie für den befristeten Einsatz als sog. Fahrnisbauten.19
Entgegen der Ansicht der Gemeinde kann eine "besonders sorgfältige Beurteilung" im
Sinne der ÜO auch bei Vorhaben mit geringem Koordinationsaufwand nicht unterbleiben.
d) Demzufolge ist festzuhalten, dass die Baubewilligungsbehörde gestützt auf Art. 4
Abs. 1 ÜO verpflichtet gewesen wäre, eine sorgfältige Beurteilung der geplanten Zelte in
Bezug auf das Landschaftsbild vorzunehmen, was nicht erfolgt ist. Allenfalls wäre es
angebracht gewesen im Sinne von Art. 4 ÜO bzw. Art. 2.2 Abs. 2 Bst. c GBR eine
17 Bauentscheid vom 12. Oktober 2017, Vorakten, pag. 2 ff. 18 Vgl. Produktbeschriebe, Vorakten, pag. 11 (Modell Ascona) 19 Vgl. Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 1b N. 8m
RA Nr. 110/2017/142 9
Fachstelle beizuziehen. Die entsprechende Rüge der Beschwerdeführerin erweist sich
somit ebenfalls als begründet.
5. Rückweisung
a) Nach Art. 72 Abs. 1 VRPG20 entscheidet die Beschwerdeinstanz in der Sache oder
weist die Akten ausnahmsweise mit verbindlichen Anordnungen an die Vorinstanz zurück.
Es müssen besondere Gründe dafür sprechen, dass die Vorinstanz noch einmal zum
Entscheid über das streitige Rechtsverhältnis aufgerufen wird. Mangelnde Entscheidreife
der Angelegenheit kann einen solchen Grund abgeben.21
b) Vorliegend erweist sich die Sache in doppelter Hinsicht als nicht entscheidreif.
Gemäss den summarischen Berechnungen ist unklar, ob die Überbauungsziffer gemäss
Art. 8 ÜO eingehalten ist (vgl. E. 3). Zudem wurde das Bauvorhaben entgegen dem
Wortlaut von Art. 4 Abs. 1 ÜO nicht einer sorgfältigen Beurteilung hinsichtlich Einordnung
in das Landschaftsbild unterzogen. Daher kann nicht überprüft werden, ob die geplanten
Zelte in der «Seezone« bewilligungsfähig sind (vgl. E. 4). Es ist nicht Aufgabe der BVE als
Beschwerdeinstanz, die Überprüfung der baupolizeilichen Masse und die Vereinbarkeit der
Vorhaben mit dem Orts- und Landschaftsbild erstmals vorzunehmen.
c) Da die Baubewilligung aufgehoben und die Sache zur weiteren Abklärung an die Vor-
instanz zurückgewiesen wird, muss auf die weiteren Rügen nicht eingegangen werden. Die
Vorinstanz wird aber insbesondere darauf hingewiesen, dass gemäss Ziffer 3.2.6 der
Brandschutzrichtlinie 14-1522 Membranfassaden und Wetterschutzgewebe bei
landwirtschaftlichen Bauten und Anlagen mindestens aus Baustoffen der RF2 (cr),
gleichbedeutend mit "geringer Brandbeitrag/schwer entflammbar", bestehen müssen. Das
heisst, es ist bei einer allfälligen Erteilung einer Baubewilligung sicherzustellen, dass die zu
verwendenden Materialien bzw. Membrane der Zelte den Brandschutzrichtlinien
entsprechen.
20 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 21 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 72 N. 3 22 https://www.bsvonline.ch/de/vorschriften/
RA Nr. 110/2017/142 10
d) Zusammenfassend ergibt sich, dass die massgebenden Sachverhalte nicht
genügend geklärt sind. Die Beschwerde ist deshalb insoweit gutzuheissen, als dass die
angefochtene Verfügung der Gemeinde aufzuheben und die Sache zur Fortsetzung des
Verfahrens und zum Erlass eines neuen Bauentscheids an die Gemeinde zurückzuweisen
ist.
6. Kosten
a) Die oberinstanzlichen Verfahrenskosten bestehen aus einer Pauschalgebühr
(Art. 103 Abs. 1 VRPG). Für Entscheide in einer Verwaltungsjustizsache wird eine
Pauschalgebühr von Fr. 200.– bis Fr. 4'000.– erhoben (Art. 19 Abs. 1 i.V.m. Art. 4 Abs. 2
GebV23). In Anwendung dieser Bestimmung wird die Pauschale auf Fr. 400.– festgelegt.
Die Verfahrenskosten werden der unterliegenden Partei auferlegt, es sei denn, das
prozessuale Verhalten einer Partei gebiete eine andere Verlegung oder die besonderen
Umstände rechtfertigten, keine Verfahrenskosten zu erheben (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Die
Beschwerdegegnerin 1 und der Beschwerdegegner 2 unterliegen mit ihrem Antrag auf
Abweisung der Beschwerde und gelten demnach als unterliegende Partei. Sie haben somit
die Verfahrenskosten von Fr. 400.– zu tragen. Sie haften solidarisch für den gesamten
Betrag.
b) Die Beschwerdeführerin war nicht anwaltlich vertreten. Die unterliegende
Beschwerdegegnerschaft hat keinen Anspruch auf Parteikostenersatz. Parteikosten
werden somit keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und Art. 108 Abs. 3 VRPG).
c) Über die Kosten des bisherigen Baubewilligungsverfahrens hat die Gemeinde
zusammen mit den Kosten für die Fortsetzung des Baubewilligungsverfahrens im neuen
Bauentscheid zu entscheiden.
23 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21)
RA Nr. 110/2017/142 11