Decision ID: 76a4664c-6e1d-5326-b98a-d7c02f2392e9
Year: 2015
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführerin 1 betreibt an der D._ Strasse 18 und 22 in Spiez ein
X._ Fachgeschäft. Das Grundstück, auf dem das Gebäude D._ Strasse
18 steht (Parzelle Spiez Gbbl. Nr. F._), ist im Alleineigentum des
Beschwerdeführers 2. Auf der Parzelle lastet ein zwei Meter breites Wegrecht zugunsten
der Gemeinde Spiez. Dieses verläuft entlang der südlichen Parzellengrenze zur
2
D._ Strasse und dient dem Fussgängerverkehr.1 Zwischen dem Grundstück des
Kantons (Parzelle Spiez Gbbl. Nr. G._) und den Liegenschaften D._
Strasse 8 bis 34 verläuft eine schmale Parzelle, die im Eigentum der Gemeinde ist
(Parzelle Spiez Gbbl. Nr. I._). Darauf befanden sich seit jeher öffentliche
Parkplätze (blaue Zone). Diese wurden im Zusammenhang mit dem Bau der Filiale eines
Discounters auf den benachbarten Liegenschaften (Parzellen Spiez Gbbl. Nrn. J._
und L._) unter anderem vor der Liegenschaft D._ Strasse 18 aufgehoben,
damit die Kantonsstrasse zulasten der Gemeindeparzelle verbreitert werden konnte. Um
ihrer Kundschaft weiterhin das Parkieren direkt vor der Geschäftslokalität zu ermöglichen,
liess die Beschwerdeführerin 1 daraufhin auf dem Grundstück Spiez Gbbl. F._ ein
gelbes Parkfeld markieren. Dieses grenzt direkt an den Fahrbahnrand und tangiert das
Wegrecht.
2. Die Bauverwaltung Spiez wandte sich mit Schreiben vom 11. Dezember 2012 an die
Beschwerdeführerin 1. Sie erklärte, dass die gelbe Markierung des Parkplatzes
bewilligungspflichtig sei, und gab der Beschwerdeführerin 1 Gelegenheit zur
Stellungnahme (rechtliches Gehör) im Hinblick auf die Verfügung der Wiederherstellung
des rechtmässigen Zustandes. In ihrem Antwortschreiben vom 14. Januar 2013 stellten
sich die Beschwerdeführenden 1 und 2 auf den Standpunkt, dass die Markierung des
Parkplatzes, der sich auf dem Privatgrundstück des Beschwerdeführers 2 befinde,
bewilligungsfrei sei. Auf Aufforderung der Bauverwaltung Spiez hin reichten sie jedoch am
30. Januar 2013 ein nachträgliches Baugesuch ein. Projektiert war demnach ein Parkfeld
von 8,95 m Länge und 2,17 m Breite.
3. Mit Schreiben vom 29. Mai 2013 gab die Bauverwaltung Spiez der
Beschwerdeführerin 1 Kenntnis vom Amtsbericht des Tiefbauamts des Kantons Bern,
Oberingenieurkreis I (OIK I) vom 3. April 2013, welcher sich gegen die Bewilligung
aussprach. Der OIK I begründete seinen negativen Amtsbericht damit, dass das Vorhaben
im Bauverbotsstreifen gemäss der Strassengesetzgebung liege und daher eine
Ausnahmebewilligung benötige. Aus Gründen der Verkehrssicherheit sei diese
Ausnahmebewilligung nicht zu erteilen. Das Vorhaben werde aber bewilligungsfähig, wenn
1 Vgl. Dienstbarkeitsvertrag vom 24. Februar 1967, Beschwerdebeilage 6.
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die projektierten Parkfelder vom Fahrbahnrand einen Abstand vom mindestens 35 cm
aufwiesen. Die Bauverwaltung Spiez forderte die Beschwerdeführerin 1 im erwähnten
Schreiben auf, das Bauvorhaben gemäss dem Amtsbericht anzupassen.
4. Mit Datum vom 21. Juni 2013 reichte die Beschwerdeführerin 1 der Bauverwaltung
Spiez aktualisierte Planunterlagen ein. Nach diesen war die Parkplatzbreite auf 1,85 m
reduziert, wodurch ein Abstand vom Fahrbahnrand von ca. 35 cm erreicht wurde. Die
Trottoirbreite reduzierte sich nach dem neuen Projekt von ursprünglich 1,51 cm auf ca.
1,48 cm. Die Bauverwaltung Spiez holte in der Folge beim OIK I sowie bei der Abteilung
Sicherheit der Gemeinde Spiez Amtsberichte zum angepassten Projekt ein. Der OIK I
beantragte in seinem Amtsbericht vom 10. Juli 2013 nunmehr die Erteilung der
Ausnahmebewilligung, da das Vorhaben den anlässlich des Augenscheins vom 26. März
2013 zwischen der Beschwerdeführerin 1 und dem OIK I getroffenen Vereinbarungen
entspreche. Dagegen beantragte die Abteilung Sicherheit der Gemeinde Spiez in ihrem
Amtsbericht vom 29. Juli 2013, der Parkplatz sei nicht zu bewilligen, weil die verbleibende
Durchgangsbreite des Trottoirs ungenügend sei. Mit Verfügung vom 29. November 2013
erteilte die Bauverwaltung Spiez der Beschwerdeführerin 1 den Bauabschlag und verfügte,
dass der Parkplatz bzw. dessen Markierung bis zum 31. Dezember 2013 aufzuheben sei.
Gleichzeitig drohte sie die Ersatzvornahme und eine Busse bei Nichtbefolgung an. Die
Beschwerdeführenden 1 und 2 fochten diese Verfügung bei der Bau-, Verkehrs- und
Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) an. Diese hiess die Beschwerde mit Entscheid
vom 19. Februar 2014 wegen Verletzung des rechtlichen Gehörs gut.
5. Die Bauverwaltung Spiez nahm das Verfahren wieder auf. Mit Verfügung vom 31. Juli
2014 erteilte sie den Beschwerdeführenden erneut den Bauabschlag und verfügte die
Aufhebung des Parkplatzes bzw. der entsprechenden Markierung bis 30. September 2014,
unter Androhung der Ersatzvornahme und einer Busse bei Nichtbefolgung. Gegen diese
Verfügung erhoben die Beschwerdeführenden am 1. September 2014 erneut Beschwerde
bei der BVE.
4
6. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet2, edierte die
Vorakten und führte den Schriftenwechsel durch. Mit Verfügung vom 4. November 2014
ersuchte es zudem die Beschwerdeführenden um Einreichung einer Parkplatzberechnung
und die Gemeinde Spiez um die Angabe, wie viele Parkplätze bisher bewilligt wurden.
Zudem erhielten die Verfahrensbeteiligten Gelegenheit, sich zur Notwendigkeit einer
Sondernutzungskonzession zu äussern, da der Parkplatz auf einem Teil der Parzelle liegt,
der mit einer Dienstbarkeit (Wegrecht für den Fussgängerverkehr zugunsten der
Einwohnergemeinde Spiez) belastet ist. Die Gemeinde Spiez kam der Verfügung mit
Eingabe vom 24. November 2014 nach, die Beschwerdeführenden mit Eingabe vom 5.
Januar 2015. Auf ihre Ausführungen wird, soweit sie für den Entscheid wesentlich sind, in
den Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
a) Bauentscheide und baupolizeiliche Verfügungen können gemäss Art. 40 Abs. 1
BauG3 und Art. 49 Abs. 1 BauG innert 30 Tagen seit Eröffnung mit Beschwerde bei der
BVE angefochten werden. Mit der Beschwerde vom 1. September 2014 wird diese Frist
gewahrt. Die Zuständigkeit der BVE für die Beurteilung der Beschwerde ist gegeben.
b) Die Beschwerdeführenden 1 und 2 sind als Bauherrin respektive Grundeigentümer
Adressaten des Bauabschlags mit Wiederherstellungsverfügung, durch diese beschwert
und somit zur Beschwerdeführung legitimiert. Auf die Beschwerde ist demnach einzutreten.
2. Feststellung des Sachverhalts
a) Unter dem Titel "Sachverhalt / Prozessgeschichte, unrichtige Feststellung des
Sachverhalts" machen die Beschwerdeführenden geltend, die seit der Neuüberbauung der
2 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191). 3 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721).
5
Nachbarparzellen Spiez Gbbl. J._ und K._ bestehende Strassenführung,
mit welcher "plötzlich ohne jegliche Publikation und ohne Verfahren" die Parkierung (blaue
Zone) vor der Liegenschaft D._ Strasse 18, Spiez, aufgehoben wurde, sei
rechtswidrig. Es handelt sich hierbei nicht um eine Sachverhalts- sondern um eine
Rechtsverletzungsrüge. Sie richtet sich nicht gegen die angefochtene Verfügung und geht
damit über den Streitgegenstand des vorliegenden Verfahrens hinaus. Ob der Verlegung
der Kantonsstrasse bzw. der Aufhebung der blauen Zone seinerzeit ein korrektes
Verfahren voranging, kann deshalb vorliegend ebenso wenig geprüft werden wie die Frage,
ob die neue Trottoirführung entlang des Gebäudes D._ Strasse 18 rechtmässig ist.
Auf die Rüge kann nicht eingetreten werden. Daher ist auch der Beweisantrag auf eine
Edition der fraglichen Akten abzuweisen.
b) Die Beschwerdeführenden wollen den Sachverhalt insoweit ergänzt wissen, als die
Beschwerdeführerin 1 die Gemeinde Spiez bereits am 9. November 2012 über die
Errichtung der Parkplätze orientiert habe. Diese Tatsache ist jedoch nicht
entscheidrelevant und kann offen bleiben. Weiter weisen die Beschwerdeführenden darauf
hin, dass zwischen der Einreichung des nachträglichen Baugesuchs vom 30. Januar 2013
und dem Bauabschlag mit Wiederherstellungsverfügung vom 29. November 2013 eine
Besprechung vor Ort stattfand, an welcher Vertreter des OIK I teilnahmen und
Möglichkeiten besprochen wurden, das Baugesuch so abzuändern, dass der OIK I dazu
einen positiven Amtsbericht abgeben könne. Dies habe zum Nachtrag zum Baugesuch
samt überarbeiteten Planbeilagen vom 21. Juni 2013 geführt. Der angefochtene Entscheid
nimmt Bezug auf den Amtsbericht des OIK I vom 10. Juli 2013, aus welchem diese
Tatsachen hervorgehen. Die Vorinstanz hat diese mithin weder übersehen noch ignoriert,
so dass diese Rüge unbegründet ist.
c) Die Beschwerdeführenden befürchten zudem, dass die Mitglieder der
Baukommission der Gemeinde Spiez nicht über den positiven Amtsbericht des OIK I
informiert gewesen seien und die Gemeinde ihren abschlägigen Entscheid in dem Glauben
gefällt habe, der Kanton lehne auch das abgeänderte Bauprojekt ab. Aus den Akten4 ergibt
sich jedoch, dass die Baukommission vom Amtsbericht des OIK I vom 10. Juli 2013
Kenntnis hatte, so dass diese Rüge unbegründet ist.
4 Protokollauszug vom 13.8.2013 der Planungs-, Umwelt- und Baukommission Spiez, pagina 103 der Vorakten der Gemeinde Spiez.
6
d) Die Beschwerdeführenden stellen den Beweisantrag, es sei ein Augenschein
durchzuführen, begründen die Notwendigkeit jedoch nicht näher. Die Parteien haben
Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 21 VRPG5). Dazu gehört das Recht auf Abnahme der
rechtzeitig und formrichtig angebotenen rechtserheblichen Beweismittel. Indessen steht
diese Verfassungsgarantie einer vorweggenommenen Beweiswürdigung nicht entgegen.
Die Behörde kann auf die Abnahme von Beweisen verzichten, wenn sie aufgrund bereits
abgenommener Beweise ihre Überzeugung gebildet hat und ohne Willkür annehmen kann,
diese Überzeugung werde durch weitere Beweiserhebungen nicht geändert.6 Die
entscheidrelevanten Umstände ergeben sich vorliegend mit hinreichender Klarheit aus den
Akten. Von einem Augenschein sind keine entscheidwesentlichen neuen Erkenntnisse zu
erwarten. Aus diesem Grund wird der Beweisantrag abgewiesen.
3. Zuständigkeit für die Erteilung der Ausnahmebewilligung
a) Nach Ansicht der Beschwerdeführenden war die Vorinstanz an die vom OIK I
gewährte Ausnahmebewilligung zur Unterschreitung des Strassenabstandes gegenüber
der Kantonsstrasse gebunden und durfte nicht davon abweichen.
b) Das gelb markierte Parkfeld befindet sich unbestritten im Strassenabstand der
Kantonsstrasse (Bauverbotsstreifen) gemäss Art. 80 Abs. 1 Bst. a SG.7 Das gilt
unabhängig davon, ob die neue oder die alte Strassenführung massgebend ist. Erforderlich
ist daher nicht nur eine Baubewilligung nach Art. 32 ff. BauG,8 sondern auch eine
Ausnahme nach Art. 81 SG. Zuständig für die Erteilung dieser Ausnahme wäre an sich das
kantonale Tiefbauamt (Art. 81 Abs. 1 und Art. 87 SG in Verbindung mit Art. 12 Bst. a OrV
BVE). Da die Gemeinde Spiez eine grosse Gemeinde im Sinne von Art. 33 Abs. 1 BauG
ist, richtet sich die Koordination der beiden Verfahren nach dem Koordinationsgesetz (Art.
2a Abs. 1 BauG und Art. 1 KoG9). Demnach ist im Baubewilligungsverfahren als
Leitverfahren ein Gesamtentscheid zu fällen, welcher die sonst selbständigen Verfügungen
und Entscheide zusammenfasst (Art. 4 Abs. 1, 5 Abs. 1 und 9 Abs. 1 KoG). Die
5 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21). 6 BGE 134 I 140 E. 5.3. 7 Strassengesetz vom 4. Juni 2008 (SG; BSG 732.11). 8 Vgl. dazu VGE 2013.55 vom 10. März 2014 E. 4.1, mit weiteren Hinweisen. 9 Koordinationsgesetz vom 21. März 1994 (KoG; BSG 724.1).
7
Amtsstellen, welche ausserhalb eines koordinierten Verfahrens für die Erteilung einer
Bewilligung zuständig wären, reichen der Leitbehörde einen Amtsbericht mit Anträgen ein
(Art. 6 Abs. 1 Bst. a KoG). Dieser ersetzt die jeweilige Verfügung.10
Die Amtsberichte unterliegen wie die Fachberichte der freien Beweiswürdigung durch die
Leitbehörde. Diese kann davon abweichen, wenn sie die Beurteilung der anderen
Behörden und Fachstellen aufgrund der Interessenabwägung oder aus anderen rechtlichen
Gründen nicht teilt oder wenn sie Widersprüche unter den Amtsberichten feststellt.
Allerdings muss sie in diesem Fall vor dem Entscheid mit den betroffenen Amtsstellen ein
Bereinigungsgespräch führen (Art. 8 Abs. 1 KoG). Ziel des Bereinigungsgesprächs ist es,
gemeinsam eine Lösung zu finden, die den verschiedenen Anliegen im grösstmöglichen
Ausmass Rechnung trägt. Ist eine Einigung nicht möglich, so entscheidet die Leitbehörde.11
c) Dem angefochtenen Entscheid lässt sich zwar entnehmen, dass die Vorinstanz der
Auffassung des OIK I, die Ausnahme nach Art. 81 SG könne ohne Auflagen und
Bedingungen erteilt werden und das Lichtraumprofil von 50 cm könne unterschritten
werden, nicht folgen konnte. Der angefochtene Entscheid lautete jedoch nicht auf
Verweigerung der Ausnahme für die Unterschreitung des Strassenabstands oder auf
Verweigerung der Gesamtbewilligung, sondern auf die Erteilung des Bauabschlags und die
Anordnung der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands. Die Vorinstanz stützte sich
bei ihrem Entscheid hauptsächlich auf die Ausführungen ihrer Abteilung Sicherheit. In die
Begründung flossen insbesondere Überlegungen bezüglich der Sicherheitsaspekte und der
ungenügenden Breite des verbleibenden Trottoirs ein. Die Ausnahme vom gesetzlichen
Strassenabstand vermochte somit den Entscheid über die Bewilligungsfähigkeit des
Parkplatzes nicht abschliessend zu präjudizieren. Als Leitbehörde hätte die Vorinstanz
zudem die fragliche Ausnahmebewilligung bzw. die Gesamtbewilligung verweigern können.
Vorgängig hätte sie allerdings ein Bereinigungsgespräch mit dem OIK I durchführen
müssen. Die Rüge ist somit unbegründet.
10 Heidi Walther Zbinden, Amtsberichte im Baubewilligungsverfahren, in KPG-Bulletin 6/2002 S.163 ff., Ziff. 4.1. 11 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 2a N. 6; Heidi Walther Zbinden, Amtsberichte im Baubewilligungsverfahren, in KPG-Bulletin 6/2002 S.163 ff., Ziff. 4.2; Heidi Walther Zbinden, Kurzkommentar zum Koordinationsgesetz (1. Teil), in KPG-Bulletin 2/1996, S. 22 ff., Heidi Walther Zbinden, Kurzkommentar zum Koordinationsgesetz (2. Teil), in KPG-Bulletin 3/1996, S. 6.
8
4. Ausnahme von Strassenabstand und Lichtraumprofil
a) Der OIK I hat in seinem Amtsbericht vom 10. Juli 2013 die Erteilung der
Ausnahmebewilligung nach Art. 81 SG beantragt, wobei offen blieb, ob eine reguläre
Ausnahme nach Art. 81 Abs. 1 SG oder eine erleichterte Ausnahme für Kleinbauten im
Sinne von Art. 81 Abs. 2 SG gemeint ist. Die Beschwerdeführenden präzisieren in ihrer
Beschwerde, dass eine erleichtere Ausnahme auf Zusehen hin beantragt wird. Da eine
Kleinbaute im Sinne von Art. 28 BauG vorliege, bedürfe es keiner "besonderen
Verhältnisse" gemäss Art. 26 BauG, sondern es genüge der Nachweis eines Interesses
des Bauherrn an der Ausnahme. Die zwei Kundenparkplätze vor dem Ladengeschäft seien
von existenzieller Bedeutung. Andernfalls sei zu befürchten, dass die Kunden in ein
anderes X._ Fachgeschäft fahren würden. Zudem hätten seit jeher vor dem
Ladengeschäft Parkplätze zur Verfügung gestanden. Nachbarliche Interessen seien keine
betroffen. Als öffentliche Interessen stünden die Verkehrssicherheit und die
Durchgangsbreite für den Fussverkehr auf dem Trottoir in Frage. Die
Beschwerdeführenden führen zudem (ohne weitere Substantiierung) an, dass auch an
weiteren Orten in Spiez lediglich 30 cm Abstand zum Fahrbahnrand eingehalten würden;
die Rechtsgleichheit müsse gewahrt bleiben.
b) Zusätzliche Parkplätze können von vornherein nur dann bewilligt werden, wenn die
maximal zulässige Anzahl Abstellplätze für Fahrzeuge gemäss Art. 16 f. BauG und
Art. 49 ff. BauV12 noch nicht ausgeschöpft ist. Da in den Vorakten Angaben zu den
vorhandenen Parkplätzen fehlen, hat die BVE weitere Abklärungen getroffen. Gestützt auf
die Angaben der Beschwerdeführenden kann gemäss geltendem Recht folgende
Bandbreite berechnet werden: Für die Wohnnutzung (total sechs Wohnungen) beträgt die
Bandbreite nach Art. 51 Abs. 2 und 3 BauV drei bis zwölf Abstellplätze. Für die übrige
Nutzung (Geschossflächen von 126 m2 mit Gewerbenutzung im Untergeschoss und von
121 m2 mit Dienstleistungsnutzung im Erdgeschoss) beträgt die Bandbreite gestützt auf
Art. 52 Abs. 1, 2 Bst. c und 3 Bst. b BauV einen bis acht Abstellplätze. Insgesamt beträgt
die Bandbreite somit vier bis zwanzig Abstellplätze. Gemäss Angaben der Vorinstanz ist für
die Parzelle Nr. F._ lediglich die Bewilligung für 6 Garagen aktenkundig (BG
768/1956-69). Für die auf der Gebäudehinterseite angelegten Parkplätze konnten keine
Bewilligungsunterlagen gefunden werden. Auf der Parzelle M._ sind, soweit für
12 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1).
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den vorliegenden Fall relevant, 9 Parkplätze bewilligt (BG 768/2002-70). Ob diese auch
dem Verkaufsladen der Beschwerdeführerin 1 in der Liegenschaft D._ Strasse 22
dienen, lässt sich den Akten nicht abschliessend entnehmen. Nach dem angefochtenen
Entscheid verfügt die Liegenschaft D._ Strasse 18 über drei Parkplätze in der
Garage und zwei überlange Parkplätze hinter dem Haus. Gemäss ihrer
Parkplatzberechnung vom 17. November 2014 verfügen die Beschwerdeführenden über 6
Einzelgaragen mit Vorplatz und keine zusätzlichen, separaten Parkplätze. Gemäss
Besprechungsnotiz vom 10. Dezember 201313 befindet sich hinter dem Haus ein Parkplatz
für zehn bis zwölf Kunden- und Angestelltenfahrzeuge. Die Anzahl der bereits bewilligten
Parkplätze bzw. als Parkplatz genutzten Flächen kann somit zwar nicht zuverlässig
festgestellt werden, es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass das projektierte
Parkfeld, welches Platz für zwei hintereinander parkierte Fahrzeuge bietet, die zulässige
Bandbreite nicht überschreitet.
c) Die Erstellung eines Parkplatzes im Strassenabstand kann auf Zusehen hin bewilligt
werden, wenn die Bauherrschaft ein genügendes Interesse nachweist und weder
öffentliche noch nachbarliche Interessen beeinträchtigt werden (Art. 81 Abs. 2 SG in
Verbindung mit Art. 28 Abs. 1 Bst. a und b BauG). Ein genügendes Interesse an einer
Bewilligung auf Zusehen hin liegt vor, wenn die Einhaltung der Vorschrift zu einer für die
Bauherrschaft unzweckmässigen Lösung führen würde und damit angesichts des
unbedeutenden Vorhabens als übertriebene Strenge erschiene. Kein genügendes
Interesse besteht, wenn die Bauherrschaft ohne wesentlichen Nachteil vorschriftsgemäss
bauen kann.14 Angesichts des Umstandes, dass es in der Nähe des X._
Fachgeschäfts nach wie vor öffentliche Parkplätze hat und zudem auch auf der Rückseite
der Liegenschaften Parkmöglichkeiten für Kunden bestehen, ist fraglich, ob das Parkfeld
vor dem Geschäft geradezu von existenzieller Bedeutung ist. Ein genügendes Interesse an
der Erstellung von Parkplätzen, die einerseits innerhalb der Bandbreite und andererseits
gut sichtbar vor dem Ladengeschäft liegen, kann der Beschwerdeführerin 1 jedoch nicht
abgesprochen werden. Das gilt insbesondere, weil die öffentlichen Parkplätze vor dem
Ladengeschäft ersatzlos aufgehoben wurden. Nachbarliche Interessen, die durch die
Ausnahmeerteilung beeinträchtigt werden könnten, sind weder dargetan noch ersichtlich.
13 Vorakten, pagina 108. 14 Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 28 N. 3.
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d) Umstritten ist, ob einer erleichterten Ausnahme öffentliche Interessen
entgegenstehen. Gemäss übereinstimmender Beurteilung der Vorinstanz und des OIK I
kann das ohne Bewilligung markierte, unmittelbar an den Fahrbahnrand angrenzende
Parkfeld nicht bewilligt werden. Die Beschwerdeführenden haben deshalb gestützt auf eine
Begehung mit Vertretern des OIK I mit Schreiben vom 21. Juni 2013 überarbeitete Pläne
eingereicht. Laut diesen soll das Parkfeld neu einen grösseren Abstand gegenüber dem
Fahrbahnrand einhalten. Gemäss Amtsbericht Strassenbaupolizei des OIK I vom 10. Juli
2013 kann für dieses geänderte Projekt eine Ausnahme für die Unterschreitung des
Strassenabstandes erteilt werden. In seiner Stellungnahme vom 18. September 2014 führt
der OIK I aus, Parkfelder seien grundsätzlich so anzuordnen, dass der Parkierungsverkehr
den Verkehrsfluss des öffentlichen Strassennetzes nicht in unzumutbarer Weise behindere.
Mit der im vorliegenden Fall gewählten Anordnung der Parkplätze werde diesen
Anforderungen Rechnung getragen. Beide Parkplätze seien ohne Manöver auf der
Fahrbahn benutzbar. Die Parkplätze würden den Kunden der Beschwerdeführerin 1 dienen
und keine sehr grosse Frequenz aufweisen. Der Abstand zum Fahrbahnrand betrage 35
cm. Unter Berücksichtigung dieser Faktoren beurteilt der OIK I die Verkehrssicherheit als
gewährleistet. Die BVE hat keine Veranlassung, an der Beurteilung der zuständigen
kantonalen Behörde zu zweifeln. Soweit es um die Verkehrssicherheit auf der
Kantonsstrasse geht, stehen dem Vorhaben der Beschwerdeführenden keine öffentlichen
Interessen entgegen. Die öffentlichen Interessen im Bereich des Fussgängerverkehrs,
welche ebenfalls zu beachten sind, bleiben bei der Beurteilung des OIK I jedoch
ausgeklammert.
e) Gemäss Auffassung der Vorinstanz besteht die Beeinträchtigung öffentlicher
Interessen insbesondere darin, dass das Parkfeld die Benützung des Trottoirs behindert
und den Fussgängerverkehr einschränkt. Sie erwog sinngemäss, die Reduktion der Breite
der Parkplatzmarkierung von 2,17 m auf 1,85 m führe nicht dazu, dass die darauf
parkierten Fahrzeuge entsprechend schmaler würden. Eine Beeinträchtigung des
Fussgängerverkehrs durch parkierte Fahrzeuge sei anhand der zu erwartenden
tatsächlichen Einschränkungen zu beurteilen und nicht anhand der Breite des markierten
Parkfeldes.
Bauten und Anlagen sind so zu erstellen, dass weder Personen noch Sachen gefährdet
werden (Art. 21 Abs. 1 BauG). Unter diesem Aspekt sind die Regeln der Baukunde
einzuhalten sowie Normen und Empfehlungen der Fachverbände auch beim Ausbau eines
11
Fussweges zu beachten (vgl. Art. 57 BauV). Bauten und Anlagen sind zudem nach
Möglichkeit so zu gestalten, dass ihre Benützung auch Behinderten offensteht (Art. 22 Abs.
1 BauG). Insbesondere sind Fuss- und Gehwege nach Möglichkeit rollstuhlgängig zu
gestalten (Art. 88 Abs. 1 BauV). Der Vorplatz zwischen dem Gebäude D._ Strasse
18 und der Strasse D._ Strasse ist circa 3,60 m breit und dient als Trottoir. Wird
das Parkfeld wie geplant markiert, verbleibt für den Fussgängerverkehr eine
Durchgangsbreite von maximal 1,40 m. Berücksichtigt man die Normbreite für
Längsparkfelder von mindestens 1,90 Meter gemäss der VSS15-Norm SN 640 291 a16,
verringert sich die verbleibende Trottoirbreite auf circa 1,35 m. Gemäss der VSS-Norm SN
640 070 muss die Breite der Gehfläche an der engsten Stelle mindestens dem
erforderlichen Lichtraumprofil der massgebenden Verkehrsteilnehmenden entsprechen.17
Unterschieden werden Verkehrsteilnehmende mit einem Standard-Lichtraumprofil von 1 m
Breite und solche mit einem erweiterten Lichtraumprofil von 1,25 m Breite (Personen, die
entweder grosses Reisegepäck bzw. sperrige Ausrüstungen mitführen oder die auf
spezielle Gehhilfen angewiesen sind).18 Da sich auf der anderen Seite der Kantonsstrasse
kein Trottoir befindet, muss die Breite der Gehfläche auf Begegnungsfälle ausgerichtet sein
und daher mindestens 2 m betragen. Gegenüber der Hausmauer ist zudem ein
Umfeldzuschlag von mindestens 20 cm zu berücksichtigen.19 Gemäss der VSS-Norm 640
075 (Fussgängerverkehr, Hindernisfreier Verkehrsraum) beträgt die Mindestbreite von
Gehflächen 1,80 m, damit das Begehen mit Fahrhilfen gewährleistet ist.20 Gemäss
Angaben der Vorinstanz stellt das Trottoir eine wichtige Fussgängerverbindung in Richtung
Dorfzentrum dar. Als solche muss sie auch Personen mit erweitertem Lichtraumprofil
offenstehen, zumal sich in der Nähe ein Krankenheim befindet. Wenn das Parkfeld besetzt
ist, ist dies nicht mehr gewährleistet. Es kann den Fussgängerinnen und Fussgängern nicht
zugemutet werden, in diesem Fall auf die Kantonsstrasse auszuweichen. Der Ausnahme
nach Art. 81 Abs. 2 SG stehen daher öffentliche Interessen entgegen.
f) Das zu beurteilende Projekt basiert auf einem Kompromiss zwischen der
Beschwerdeführerin 1 und dem OIK I. Es beinhaltet eine Unterschreitung des
15 Schweizerischer Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute. 16 Ziff. 11 Tab. 2. 17 Ziff. 17.2. 18 Vgl. dazu VSS-Norm SN 640 070 Ziff. 17.1. 19 Vgl. dazu VSS-Norm SN 640 070 Ziff. 17.2 Tab. 4 S. 12. 20 Vgl. dazu Normativer Anhang Ziff. C 5 5.1.
12
Lichtraumprofils nach Art. 83 Abs. 3 SG, indem die lichte Breite statt mindestens 50 cm nur
35 cm beträgt. Der OIK I war offenkundig bemüht, eine vertretbare Lösung zu finden, die
der Beschwerdeführerin 1 ermöglicht, ein Parkfeld vor ihrem Ladengeschäft zu erstellen.
Aus welchem Grund ist nicht aktenkundig. Aufgrund der Aktennotiz der
Beschwerdeführerin 1 vom 4. April 2013 ist denkbar, dass die Beteiligten der Auffassung
waren, der Dienstbarkeitsvertrag mit der Einwohnergemeinde Spiez vom 27. Februar 1967
berechtige den Beschwerdeführer 2 als heutigen Grundeigentümer, auf dem
Wegrechtsstreifen einen Parkplatz zu erstellen. Dies trifft jedoch nicht zu. Der
Dienstbarkeitsvertrag berechtigt zwar zum uneingeschränkten Fahrzeugverkehr auf dem
Wegrechtsstreifen zum Zweck des Warenumschlags. Daraus ergibt sich jedoch kein
Anspruch auf Markierung eines Kundenparkplatzes. Die Vorinstanz hat zu Recht erkannt,
dass mit dem projektierten Parkplatz nicht nur der Strassenabstand nach Art. 80 SG
unterschritten wird, sondern auch das Lichtraumprofil nach Art. 83 Abs. 3 SG. Im
Gegensatz zur altrechtlichen Vorschrift (Art. 68 Abs. 1 SBG21), welche die Einhaltung des
Lichtraumprofils "in der Regel" vorschrieb, erlaubt der geltende Art. 83 SG keine
Ausnahmen.22 Der OIK I hat denn auch in seinem Amtsbericht vom 10. Juli 2013 lediglich
eine Ausnahme von Art. 81 SG, jedoch nicht von Art. 83 Abs. 3 SG gewährt. Die
beantragte Markierung des Parkplatzes kann auch aus diesem Grund nicht bewilligt
werden.
g) Ein Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht besteht nur ausnahmsweise und
setzt voraus, dass die Behörde in Bezug auf gleichartige Sachverhalte in ständiger Praxis
vom Gesetz abweicht und zudem zu erkennen gibt, auch in Zukunft nicht gesetzeskonform
entscheiden zu wollen. Es dürfen auch keine gewichtigen öffentlichen oder privaten
Interessen die Anwendung der fraglichen Vorschrift gebieten.23 Der Hinweis der
Beschwerdeführenden, dass an anderen Orten in Spiez eine Unterschreitung des
Lichtraumprofils erlaubt worden sei, kann mangels näherer Angaben nicht überprüft
werden. Gemäss Stellungnahme der Vorinstanz handelt es sich dabei um altrechtliche
Anlagen. Nach geltendem Recht könnten für Neubauten und dergleichen keine solchen
Abstände bewilligt werden. Unter Geltung des alten Rechts konnte eine Unterschreitung
des Lichtraumprofils bewilligt werden (vgl. Art. 68 Abs. 1 SBG). Sollte es sich bei den
21 Gesetz vom 2. Februar 1964 über Bau und Unterhalt der Strassen (Strassenbaugesetz, SBG; GS 1964 S. 6 ff.), in Kraft bis 31. Dezember 2008. 22 Vortrag des Regierungsrats zum SG vom 19. September 2007 zu Art. 79; BDE 110/2010/62 E. 3. 23 BGE 139 II 49 E. 7.1 und 136 I 65 E. 5.6; BVR 2013 S. 85 E. 8.1, 2012 S. 74 E. 4.8.1, 2006 S. 496 E. 5.3.
13
Vergleichsfällen um öffentliche Parkplätze handeln, wäre die Rechtslage zudem anders, da
diese Bestandteil der Strasse sind (Art. 1 Abs. 1 Bst. a SV). Vorliegend gibt es keine
substantiierten Hinweise auf eine konstante (gegenwärtige und zukünftige)
gesetzeswidrige Praxis der Vorinstanz oder des OIK I, private Parkplätze im Lichtraumprofil
einer öffentlichen Strasse zu bewilligen. Insofern besteht kein Anspruch der
Beschwerdeführenden auf Gleichbehandlung im Unrecht.
h) Zusammenfassend steht fest, dass eine erleichterte Ausnahme für Kleinbauten im
Sinne von Art. 81 Abs. 2 SG nicht erteilt werden kann, weil überwiegende öffentliche
Interessen entgegenstehen. Zudem verletzt das projektierte Parkfeld nach wie vor das
Lichtraumprofil gemäss Art. 83 Abs. 3 SG. Die Vorinstanz hat daher zu Recht die
Bewilligung verweigert.
5. Sondernutzung
a) Die Rechtsvorgänger des Beschwerdeführers 2 haben der Gemeinde Spiez an der
Parzelle Spiez Gbbl. Nr. F._ ein 2 m breites Wegrecht eingeräumt, welches dem
Fussgängerverkehr dienen soll. Mit der Errichtung der Wegdienstbarkeit zugunsten der
Öffentlichkeit wurde der entsprechende Wegstreifen dem Gemeingebrauch gewidmet (Art.
13 Abs. 3 Bst. b SG) und gilt demnach als öffentliche Strasse (Art. 9 SG). Unter den Begriff
der öffentlichen Strasse fallen nämlich nicht nur dem Fahrzeugverkehr dienende Strassen,
sondern alle dem Gemeingebrauch offenstehenden Strassen, Wege und Plätze, also auch
Gehwege oder Fussgängerpassagen (Art. 4 Abs. 1 SG sowie Art. 1 Abs. 1 Bst. a SV24).
Nach Art. 68 Abs. 1 SG ist jede über den Gemeingebrauch hinausgehende Benutzung
einer öffentlichen Strasse bewilligungspflichtig. Besonders intensive, auf Dauer angelegte
Nutzungsarten gelten nach Art. 70 Abs. 1 SG als Sondernutzung und bedürfen einer
Konzession des zuständigen Gemeinwesens. Auch der private Eigentümer einer
gewidmeten öffentlichen Strasse darf diese nur im Rahmen des schlichten
Gemeingebrauchs benützen. Er hat aufgrund seiner Eigentümerstellung kein "besseres
Recht" auf gesteigerten Gemeingebrauch oder Sondernutzung an seiner eigenen Sache,
sondern auch er muss dafür beim zuständigen Gemeinwesen um eine Bewilligung
24 Strassenverordnung vom 29. Oktober 2008 (SV; BSG 732.111.1).
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ersuchen. Mit der Widmung wurde die Strasse bzw. der Gehweg der Hoheit des
Gemeinwesens unterstellt, wodurch die privaten Nutzungsrechte beschränkt wurden.25
b) Nach dem Dienstbarkeitsvertrag bleibt lediglich das vorübergehende Parkieren zum
Zweck des Warenumschlags vorbehalten. Damit wurde jedoch dem Berechtigten kein
Anspruch auf Zuteilung eines festen Parkplatzes eingeräumt, den er seinen Kunden zur
Verfügung stellen kann. Die Errichtung von Parkplätzen, die nur der Benutzung des
Bauherrn oder eines von ihm bezeichneten Personenkreises offen stehen, stellt nicht
(bloss) einen gesteigerten Gemeingebrauch, sondern eine Sondernutzung dar.26 Dies gilt,
sobald aufgrund des Parkplatzes nicht mehr die gesamte dem Gemeingebrauch
gewidmete Fläche für die bestimmungsgemässe Benutzung durch die Allgemeinheit offen
steht, also auch dann, wenn der Durchgang nur eingeschränkt und nicht vollständig
blockiert wird. Die Beschwerdeführenden behaupten nicht, über eine entsprechende
Sondernutzungskonzession zu verfügen oder darum ersucht zu haben. Dass die
Fussgängerführung heute faktisch nicht mehr vollständig auf dem mit dem Wegrecht
belasteten Streifen erfolgt, entlastet nicht von der Notwendigkeit der
Sondernutzungskonzession, da die Widmung zu öffentlichem Gebrauch weiterhin besteht
und das Parkfeld zum grössten Teil auf dem fraglichen Streifen liegt.
c) Die Beschwerdeführenden haben bisher kein Gesuch um Erteilung einer Sonder-
nutzungskonzession gestellt, obwohl sie im Beschwerdeverfahren Gelegenheit dazu
erhielten. Auch aus diesem Grund muss der Bauabschlag erfolgen. Zudem besteht kein
Anspruch auf Erteilung einer Sondernutzungskonzession; der Entscheid darüber steht im
Ermessen der zuständigen Behörde.27 Die Erteilung der Konzession würde nach Art. 70
Abs. 2 SG insbesondere voraussetzen, dass keine überwiegenden öffentlichen oder
privaten Interessen entgegenstehen. Wie in der vorangehenden Erwägung ausgeführt
wurde, beeinträchtigt das Parkfeld den Fussgängerverkehr und kollidiert daher mit einem
öffentlichen Interesse. Es ist daher zweifelhaft, ob das zuständige Gemeinwesen die für
eine Parkplatznutzung notwendige Sondernutzungskonzession erteilen würde.
6. Wiederherstellung des rechtmässigen Zustands
25 André Werner Moser, Der öffentliche Grund und seine Benützung, Bern 2011, S. 379. 26 Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 6. Aufl. 2010, N. 2430. 27 Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O., N 2598.
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a) Nach Ansicht der Beschwerdeführenden sind die Voraussetzungen einer
Wiederherstellungsverfügung nicht gegeben. Sie hätten sich vor der Markierung der beiden
Kundenparkplätze über die Baubewilligungspflicht erkundigt. Der Beschwerdeführerin 1 sei
mitgeteilt worden, dass die Parkplätze ohne Bewilligung markiert werden könnten. Sie
habe die Parkplätze in berechtigtem Vertrauen auf diese Zusicherung markiert und sei
entsprechend gutgläubig. Hinzu komme, dass zahlreiche Vertreter der Gemeinde gesagt
hätten, der Parkplatz könne bestehen bleiben, wenn der Kanton seine Zustimmung
abgebe. Zudem bestehe kein öffentliches Interesse an der Wiederherstellung. Wenn der
Beschwerdeführerin 1 die Kundenparkplätze entzogen würden, sei ihre Existenz in Frage
gestellt. An Arbeits- und Ausbildungsplätzen bestehe ein erhebliches öffentliches Interesse.
Schliesslich sei die Wiederherstellung unverhältnismässig, da als mildere Massnahme die
Nutzungsart und -dauer der Parkplätze mittels entsprechender Beschriftung eingeschränkt
werden könne und zudem die begehbaren Lichtschächte auf dem Trottoir eingeebnet
werden könnten, um die Behinderung des Fussgängerverkehrs zu mildern.
b) Wird ein Bauvorhaben ohne oder in Überschreitung einer Baubewilligung ausgeführt
und kann es auch nicht nachträglich bewilligt werden, so ist darüber zu entscheiden, ob
und inwieweit der rechtmässige Zustand wiederhergestellt werden muss (Art. 46 BauG).
Die Wiederherstellungsverfügung hat die allgemeinen verfassungs- und
verwaltungsrechtlichen Prinzipien zu berücksichtigen. So kann die Wiederherstellung des
rechtmässigen Zustands unterbleiben, wenn die Abweichung vom Erlaubten nur
unbedeutend ist oder die Wiederherstellung nicht im öffentlichen Interesse liegt, ebenso,
wenn die Bauherrschaft in gutem Glauben angenommen hat, sie sei zur Bauausführung
berechtigt. Auch eine Bauherrschaft, die nicht gutgläubig gehandelt hat, kann sich auf den
Verhältnismässigkeitsgrundsatz berufen. Sie muss aber in Kauf nehmen, dass die
Behörden aus grundsätzlichen Erwägungen, nämlich zum Schutz der Rechtsgleichheit und
der baurechtlichen Ordnung, den Interessen an der Wiederherstellung des gesetzmässigen
Zustandes erhöhtes Gewicht beimessen und den der Bauherrschaft allenfalls
erwachsenden Schaden nicht oder nur in verringertem Masse berücksichtigen.
Wirtschaftliche Interessen können in solchen Fällen kaum je ausschlaggebendes Gewicht
beanspruchen. Andernfalls würde die baurechtliche Ordnung weitgehend in Frage
gestellt.28
28 Vgl. dazu Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9 ff., mit weiteren Hinweisen.
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c) Den Vorakten lässt sich entnehmen, dass sich die Beschwerdeführerin 1 bei nicht
namentlich genannten Juristen erkundigt hat, ob das Markieren eines Parkplatzes
bewilligungspflichtig sei. Es wird jedoch weder geltend gemacht, noch ist aktenkundig,
dass sich die Beschwerdeführenden bei der zuständigen Behörde nach der
Baubewilligungspflicht der geplanten Nutzung erkundigt hätten. Eine
vertrauensbegründende Auskunft der zuständigen Amtsstelle liegt daher nicht vor. Die
Beschwerdeführenden sind deshalb nicht gutgläubig. Auch die geltend gemachte
Zusicherung nicht namentlich erwähnter Gemeindevertreter, der Parkplatz könne bestehen
bleiben, wenn der Kanton zustimme, ist nicht belegt. Selbst wenn sie vorläge, hätte sie
keinen Einfluss auf die Gutgläubigkeit der Beschwerdeführenden. Geschützt wird lediglich
die gutgläubig getätigte Investition und nicht der gute Glaube an sich. Auf die
Wiederherstellung kann deshalb nur verzichtet werden, wenn die Abweichung vom
Erlaubten gering ist oder die Wiederherstellung nicht im öffentlichen Interesse liegt oder
sonstwie unverhältnismässig wäre.29
d) Ein öffentliches Interesse an der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes ist
im Allgemeinen gegeben, da das Interesse an der Einhaltung der baurechtlichen
Bestimmungen und an der konsequenten Verhinderung von Bauten, die der baurechtlichen
Ordnung widersprechen, generell gross ist. Dies ergibt sich auch aus der Überlegung, dass
Baugesuchsteller im Hinblick auf die Anwendung von baurechtlichen Vorschriften gleich zu
behandeln sind und eine unerwünschte Präjudizwirkung vermieden werden muss.30 Im
vorliegenden Fall kommt zum allgemeinen Interesse an der Einhaltung (strassen)bau-
rechtlicher Vorschriften hinzu, dass das fragliche Parkfeld, das bereits markiert ist, sich
direkt am Fahrbahnrand befindet. Ein zu geringer Abstand zwischen Fahrbahnrand und
Längsparkierfeld beinhaltet ein beträchtliches Konfliktpotential: Geöffnete Autotüren ragen
auf die Fahrbahn, wodurch insbesondere Fahrradfahrende gefährdet werden können.
Wollen Autofahrerinnen und Autofahrer ihre parkierten Autos verlassen, stehen sie direkt
auf der Fahrbahn. Das bereits markierte Parkfeld führt sowohl aus Sicht des
Fahrzeugverkehrs (Nichteinhaltung der lichten Breite am Fahrbahnrand) als auch des
Fussgängerverkehrs (Verschmälerung des Trottoirs) zu Einschränkungen und
Behinderungen. Das öffentliche Interesse an der Beseitigung solcher Beeinträchtigungen
des Fahrzeug- und des Fussgängerverkehrs ist gewichtig.
29 Vgl. dazu Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9b, mit weiteren Hinweisen. 30 Vgl. dazu Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9a, mit weiteren Hinweisen.
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e) Gegenstand der Wiederherstellungsverfügung ist nicht der Kompromissvorschlag;
dieser ist noch nicht ausgeführt. Zu entfernen ist die bestehende Markierung, die direkt an
die Fahrbahn angrenzt. Die Wiederherstellungsmassnahme ist verhältnismässig, wenn sie
geeignet ist, um das angestrebte Ziel zu erreichen, wenn sie nicht weiter geht als
erforderlich, und wenn sie für den Belasteten zumutbar ist, d.h. die Belastung für den
Pflichtigen in einem vernünftigen Verhältnis zum verfolgten Ziel steht.31 Diese
Voraussetzungen sind vorliegend ohne weiteres gegeben. Nachdem die
Beschwerdeführenden von ihrem nachträglichen Baugesuch Abstand genommen und eine
Projektänderung für ein zurückversetztes Parkfeld eingereicht haben, müsste die
bestehende Markierung ohnehin entfernt bzw. angepasst werden. Es ist deshalb nicht
einsichtig, inwiefern es unverhältnismässig sein soll, den rechtmässigen Zustand
herzustellen. Die Beseitigung der widerrechtlichen Parkplatzmarkierung ist mit wenig
Aufwand verbunden. Die Möglichkeit des Warenumschlags ist aufgrund des
Dienstbarkeitsvertrages weiterhin gewährleistet. Angesichts der weiteren vorhandenen
Parkplätze – seien es Privatparkplätze auf der Liegenschaft selber oder öffentliche
Parkplätze in naher Umgebung – halten sich die geschäftlichen Nachteile für die
Beschwerdeführerin 1 in Grenzen, insbesondere wenn sie gegen die tangierten
öffentlichen Interessen aufgewogen werden. Die Vorschläge für mildere Massnahmen
(Beschränkung der Parkplatzbelegung, Einebnung der Lichtschächte) sind unbehelflich, da
dem öffentlichen Interesse auch bei deren Befolgung nicht Genüge getan wäre: Für den
Fussgängerverkehr stellt auch eine bloss zeitweise Verengung des Trottoirs bis unter die
Normbreite eine Beeinträchtigung dar, und dies selbst dann, wenn das Vorhandensein von
Lichtschächten gar nicht in Betracht gezogen würde.
f) Die Vorinstanz hat somit zu Recht erkannt, dass die Voraussetzungen einer
Wiederherstellungsverfügung gegeben sind und dass die Parkplatzmarkierung zu
entfernen ist. Da die Wiederherstellungsfrist in der Zwischenzeit abgelaufen ist, muss sie
neu festgesetzt werden. Die von der Vorinstanz angesetzte Frist von gut zwei Monaten ist
nicht umstritten und erscheint als angemessen.
7. Kosten
31 Vgl. dazu Zaugg/Ludwig, a.a.O., Art. 46 N. 9c.
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a) Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegen die Beschwerdeführenden. Sie
haben die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108 Abs. 1 VRPG). Diese werden bestimmt auf
eine Pauschalgebühr von Fr. 800.00 (Art. 103 Abs. 2 VRPG i.V.m. Art. 19 Abs. 1 GebV32).
b) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 108 Abs. 3 i.V.m. 104 Abs. 1, 3 und 4
VRPG).
32 Verordnung vom 22. Februar 1995 über die Gebühren der Kantonsverwaltung (Gebührenverordnung, GebV; BSG 154.21).
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