Decision ID: dec412f7-dbf6-4b6f-8ead-39eb4f0c9802
Year: 2017
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ (nachfolgend: Versicherter) war als Sachbearbeiter bei der B._ AG tätig
und bei der elipsLife gegen die Folgen von Unfällen versichert, als er am 13. August
2014 als Juniorentrainer beim Fussballtraining einen Unfall erlitt. Der Versicherte wollte
ein vom Wind ins Kippen geratenes Fussballtor aufhalten, bevor es auf die Kinder fiel.
Dabei verdrehte er sich den rechten Arm bzw. die rechte Schulter (act. G 4.1 f.). Die
Erstbehandlung erfolgte am 15. August 2014 durch den Hausarzt Dr. med. C._,
Allgemeine Medizin, der den Versicherten an Dr. med. D._, Oberarzt Chirurgische
Klinik, Fachbereich Orthopädie, Spital E._, überwies (act. G 4.9). Dieser wiederum
wies den Versicherten einer MR-Arthrographie des rechten Schultergelenks zu, welche
am 9. September 2014 in der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin des
Kantonsspitals St. Gallen durchgeführt wurde (act. G 4.8). Gestützt auf das
radiologische Untersuchungsergebnis diagnostizierte Dr. D._ im Bericht vom 3.
Oktober 2014 eine linksseitige partielle transmurale kraniale Rotatorenmanschetten-
Reruptur auf Supraspinatussehne Schulter rechts bei adäquatem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schulterdistorsionstrauma rechts vom 13. August 2014 sowie einen Status 1.5 Jahre
nach arthroskopischer transossärer Suturebridge-Rekonstruktion der kranialen
Rotatorenmanschette (Supraspinatussehne) mit Bizepstenotomie und AC-
Gelenksresektion Schulter rechts vom 21. Februar 2013 und bejahte die
Unfallkausalität der Rotatorenmanschetten-Reruptur (act. G 4.10).
A.b Der Versicherte war am 1. Dezember 2011 mit einem Micro-Scooter gestürzt. Am
2. Dezember 2011 hatte er Dr. C._ aufgesucht, der die Diagnose einer Schulter- und
Thoraxkontusion rechts nach Sturz mit Scooter gestellt hatte. Am 21. Februar 2013
hatte Dr. D._ beim Versicherten arthroskopisch die Diagnosen subtotale
posttraumatische kraniale Rotatorenmanschettenläsion (Supraspinatus) mit
Pulleybeteiligung und glenoi-daler Bizepssehnenläsion (SLAP 2) sowie ACG-
Arthropathie Schulter rechts gestellt und die in A.a erwähnten Eingriffe, zusätzlich einer
subacromialen Dekompression, durchgeführt (act. G 4.4). Der damalige
Unfallversicherer hatte für den Unfall vom 1. Dezember 2011 Heilbehandlungs- sowie
Taggeldleistungen erbracht, seine Versicherungsleistungen jedoch mit Verfügung vom
9. September 2013 per 20. Februar 2013 eingestellt. Dies mit der Begründung, die mit
der Operation vom 21. Februar 2013 behandelten Beschwerden sowie die
anschliessende Arbeitsunfähigkeit seien keine Unfallfolgen, sondern
krankheitsbedingten Ursprungs (vgl. zum Sachverhalt Urteil des Versicherungsgerichts
des Kantons St. Gallen vom 1. April 2015, UV 2014/31, abrufbar unter www.gerichte.
sg.ch, Dienstleistungen, Rechtsprechung, Versicherungsgericht; act. G 6.1).
A.c Am 13. Oktober 2014 führte Dr. D._ beim Versicherten eine arthroskopische
transossäre Suturebridge-Rekonstruktion der Rotatorenmanschette (Supra-, kraniale
Infraspinatus mit Arthrotunneler) Schulter rechts durch (act. G 4.13). Am 15. Oktober
2014 konnte der Versicherte bei oraler Analgesie und gutem Allgemeinzustand nach
Hause entlassen werden (act. G 4.15). Nach einer 100%igen Arbeitsunfähigkeit bis 9.
November 2014 bestand beim Versicherten ab 10. November 2014 wieder eine 50%ige
und ab 12. Januar 2015 eine 100%ige Arbeitsfähigkeit (act. G 4.20). Vier Monate nach
dem Eingriff berichtete Dr. D._ gestützt auf eine Untersuchung vom 18. Februar
2015, dass beim Versicherten noch subacromiale belastungsabhängige
Restbeschwerden, insbesondere mit zunehmender Problematik bei der Arbeit,
bestünden. Am 19. Februar 2015 wurde eine subacromiale Infiltration durchgeführt
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(act. G 4.21), infolge derer Dr. D._ bei seiner Verlaufsuntersuchung vom 25. Februar
2015 einen positiven Effekt mit deutlicher Reduktion des Schmerzes feststellte. Er
empfahl weiterhin die Regredienz der Kapsulitis zu beobachten sowie mit der
Physiotherapie fortzufahren und attestierte dem Versicherten, die seit 18. Februar 2015
um 20% reduzierte Arbeitsfähigkeit dauere an, sicherlich bis April 2015. Er schloss
seine Behandlung unter dem Vorbehalt des Bedarfs einer Wiedervorstellung ab (act. G
4.21 f.). Dr. C._ hatte den Versicherten letztmals im September 2014 gesehen (act. G
4.31). Die elipsLife hatte Heilkosten- und Taggeldleistungen erbracht.
A.d Inzwischen hatte die Verfügung vom 9. September 2013 betreffend den Unfall vom
1. Dezember 2011 mit Leistungseinstellung per 20. Februar 2013 nach einem
bestätigenden bzw. ablehnenden Einspracheentscheid zu einem Beschwerdeverfahren
vor dem Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen geführt. Mit Entscheid vom 1.
April 2015 hiess das Versicherungsgericht die Beschwerde des Versicherten mit dem
Antrag, es seien auch für die Operation vom 21. Februar 2013 sowie die nachfolgende
Heilungsdauer die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlungsleistungen, Taggelder) zu
erbringen, gut. Zur Begründung wurde angeführt, es sei anhand der vorliegenden
medizinischen Akten nicht möglich, mit dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu beurteilen, ob bei der Arthroskopie vom 21. Februar 2013
traumatische Verletzungen oder degenerative Vorzustände behandelt worden seien.
Doch auch wenn bezüglich der Rotatorenmanschetten- sowie Bizepssehnenläsion von
solchen durch den Unfall vom 1. Dezember 2011 ausgelösten Vorzuständen
auszugehen wäre, könnte nicht angenommen werden, dass der Unfall im Zeitpunkt der
Leistungseinstellung für die persistierenden Beschwerden keine Teilursache mehr
dargestellt habe. Die vorhandenen medizinischen Akten liessen also keinen klaren
Entscheid darüber zu, ob das Unfallereignis vom 1. Dezember 2011 per 20. Februar
2013 jede kausale Bedeutung hinsichtlich der am 21. Februar 2013 arthroskopisch
behandelten Rotatorenmanschetten- sowie Bizeps¬sehnenläsion verloren habe. Für
eine Leistungseinstellung genüge eine derartige Beweislage nicht. Nachdem damit
keine zuverlässige medizinische Beurteilungsgrundlage für die Frage des Wegfalls der
Unfallkausalität per 20. Februar 2013 vorliege, sei der Leistungseinstellungsgrund nicht
mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, womit der
Unfallversicherer seine Leistungen zu Unrecht per 20. Februar 2013 eingestellt habe
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 1. April 2015, UV
2014/31; act. G 6.1).
A.e Ab 23. März 2015 hatte beim Versicherten wieder eine 100%ige Arbeitsfähigkeit
bestanden (act. G 4.20, G 4.26). In einem davor zu Handen der elipsLife erstatteten
Bericht vom 13. März 2015 (act. G 4.23) hatte Dr. D._ allerdings seine bereits
anlässlich der Verlaufsuntersuchung vom 25. Februar 2015 gestellte Diagnose
anhaltender Restbeschwerden in der rechten Schulter bei Status nach
arthroskopischer transossärer Suturebridge-Rekonstruktion der Rotatorenmanschette
(Supra-, kraniale Infraspinatus mit Arthrotunneler) Schulter rechts am 13. Oktober 2014
bestätigt (vgl. act. G 4.22). Am 20. Mai 2015 bejahte der beratende Konsiliararzt der
elipsLife eine Kausalität zwischen den Schulterbeschwerden rechts und dem
Unfallereignis vom 13. August 2014. Es habe sich postoperativ eine partielle Frozen
Shoulder entwickelt, welche zurzeit noch physiotherapeutisch behandelt werde. Der
Endzustand sei noch nicht erreicht. Die Behandlung durch Dr. D._ sei offenbar
abgeschlossen worden, obwohl die Situation nicht befriedigend sei, was
unverständlich sei (act. G 4.26).
A.f Am 13. Juli 2015 wurde der Versicherte bei Dr. med. F._, Oberarzt Orthopädie,
Spital E._, vorstellig, wobei er ein seit der Infiltration aufgetretenes Taubheitsgefühl
des gesamten rechten Arms beschrieb (act. G 4.27). Dr. C._ wies ihn Dr. med. G._,
Facharzt für Neurologie FMH, zu, der nach einer neurologischen Untersuchung vom 13.
August 2015 mit Elektromyographie (EMG) und Elektroneurographie (ENG) sowie
gestützt auf MRT-Untersuchungsergebnisse der HWS und des Plexus brachialis vom
6. August 2015 des Röntgeninstituts H._, in I._, eine Chiari I-Malformation sowie
eine 7 cm lange Syringohydromyelie des zervikothorakalen Myelons diagnostizierte
(act. G 4.29).
A.g Am 10. November 2015 nahm die beratende Ärztin der elipsLife, med. pract. J._,
FMH für Physikalische Medizin und Rehabilitation, zum Schadenfall Stellung und stellte
fest, der Versicherte scheine wegen seiner Schulter nicht mehr in ärztlicher Behandlung
zu sein. Demzufolge schienen keine nennenswerten Beschwerden mehr vorzuliegen.
Eine Integritätsentschädigung sei nicht geschuldet (act. G 4.33). Die elipsLife setzte
den Versicherten darüber in Kenntnis, worauf dieser am 19. Dezember 2015 mitteilte,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
dass er zwar wieder zu 100% arbeite, die Schmerzen jedoch nicht vollkommen weg
seien (act. G 4.34). Im Rahmen einer E-Mail-Korrespondenz mit der elipsLife hielt der
Versicherte am 2. Januar 2016 weiter fest, dass seine Schulter zum zweiten Mail
operiert worden sei. Dabei seien ihm die Supraspinatus- und die Infra-spinatussehne
zusammengenäht worden. Gemäss Auskunft seines Physiotherapeuten sei die Schulter
nach einer solchen Operation nur noch zu 90% funktionsfähig (act. G 4.35 ff.).
A.h Die elipsLife beauftragte hierauf med. pract. J._ mit einer Untersuchung des
Versicherten, welche diese am 19. Januar 2016 durchführte. Nachdem med. pract.
J._ den Versicherten ausserdem einer MRT-Arthrographie des rechten
Schultergelenks zugewiesen hatte (MRT-Arthrographie vom 24. Februar 2016; act. G
4.43), erstellte sie am 8. März 2016 ihren Untersuchungsbericht, worin sie einen
Kausalzusammenhang zwischen den Schulterbeschwerden und dem Unfall vom 13.
August 2014 lediglich als möglich, nicht aber als überwiegend wahrscheinlich
bezeichnete (act. G 4.45). Gestützt auf diese medizinische Beurteilung eröffnete die
elipsLife dem Versicherten mit Verfügung vom 16. März 2016 die Einstellung ihrer
Versicherungsleistungen im Zusammenhang mit dem Unfallereignis vom 13. August
2014 per 8. März 2016 (act. G 4.46).
B.
B.a Am 13. April 2016 erhob der Versicherte gegen die Verfügung vom 16. März 2016
Einsprache (act. G 4.52) und reichte dazu einen Sprechstundenbericht von Dr. med.
K._, Leitender Arzt Orthopädie, Spital E._, vom 29. März 2016 über eine
Untersuchung vom 26. März 2016 ein (act. G 4.53).
B.b In einer Stellungnahme vom 27. Mai 2016 verneinte med. pract. J._ die Frage
der elipsLife, ob sich aufgrund des Berichts von Dr. K._ neue Tatsachen ergeben
hätten (act. G 4.54), worauf die elipsLife mit Einspracheentscheid vom 14. Juni 2016
die Einsprache des Versicherten abwies (act. G 4.55).
C.
C.a Gegen diesen Einspracheentscheid erhob der Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführer) mit Eingabe vom 11. Juli 2016 Einspruch (richtig: Beschwerde) und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
beantragte sinngemäss, der Entscheid sei aufzuheben und es seien für die
Schulterschmerzen rechts über das Datum der Leistungseinstellung (8. März 2016)
hinaus die gesetzlichen Leistungen (insbesondere Heilbehandlungsleistungen) zu
erbringen (act. G 1).
C.b In der Beschwerdeantwort vom 16. August 2016 beantragte die elipsLife (nach-
folgend: Beschwerdegegnerin), vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. R. Bachmann,
Luzern, Abweisung der Beschwerde, soweit darauf eingetreten werden könne (act. G
4).
C.c Mit Replik vom 16. September 2016 hielt der Beschwerdeführer an seinem
Beschwerdeantrag fest (act. G 6). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die
Einreichung einer Duplik (act. G 7 f.).
C.d Auf die Begründungen in den einzelnen Rechtsschriften und die Ausführungen in
den medizinischen Akten wird, soweit entscheidnotwendig, in den nachfolgenden

Erwägungen eingegangen.
Erwägungen
1.
Am 1. Januar 2017 sind die revidierten Bestimmungen des Bundesgesetzes über die
Unfallversicherung (UVG; SR 832.20) und der Verordnung über die Unfallversicherung
(UVV; SR 832.202) in Kraft getreten. Gemäss Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zu
Änderung vom 25. September 2015 werden Versicherungsleistungen für Unfälle, die
sich vor deren Inkrafttreten ereignet haben, und für Berufskrankheiten, die vor diesem
Zeitpunkt ausgebrochen sind, nach bisherigem Recht gewährt. Vorliegend finden
daher, nachdem ein Ereignis aus dem Jahr 2014 zur Debatte steht, die bis 31.
Dezember 2016 gültigen Bestimmungen Anwendung.
2.
2.1 Der Beschwerdeführer hat allenfalls am 1. Dezember 2011 und unzweifelhaft am
13. August 2014 Unfälle mit einer Ruptur der Rotatorenmanschette bzw.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Supraspinatussehne der rechten Schulter erlitten und wurde nach beiden Ereignissen
an der Rotatorenmanschette arthroskopisch operiert (act. G 4.4, G 4.13; vgl. auch
Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 1. April 2015, UV
2014/31; act. G 6.1). Während der Beschwerdeführer im Zeitpunkt des Unfalls vom 1.
Dezember 2011 grundsätzlich bei der Visana Versicherungen AG (nachfolgend: Visana)
unfallversichert war, bestand im Zeitpunkt des Unfalls vom 13. August 2014 ein
Versicherungsverhältnis mit der Beschwerdegegnerin.
2.2 Gemäss Art. 77 Abs. 2 UVG erbringt bei Nichtberufsunfällen derjenige Versicherer
die Leistungen, bei dem der Verunfallte zuletzt auch gegen Berufsunfälle versichert
war. Verunfallt der Versicherte während der Heilungsdauer eines oder mehrerer Unfälle,
aber nach der Wiederaufnahme einer versicherten Tätigkeit, erneut und löst der neue
Unfall Anspruch auf Taggeld aus, so erbringt der für den neuen Unfall
leistungspflichtige Versicherer auch die Leistungen für die früheren Unfälle. Die anderen
beteiligten Versicherer vergüten ihm diese Leistungen, ohne Teuerungszulagen, nach
Massgabe der Verursachung; damit ist ihre Leistungspflicht abgegolten (Art. 100 Abs. 2
UVV).
2.3 Der Beschwerdeführer erlitt am 13. August 2014 einen Nichtberufsunfall und hat
offensichtlich bis zu diesem Tag bei seiner Arbeitgeberin, der B._ AG, gearbeitet (vgl.
act. G 4.1 f.). Unabhängig davon, ob vor dem Unfall in Bezug auf die rechte Schulter
noch Heilbehandlungen durchgeführt und von der Visana bezahlt worden waren, wäre
somit angesichts der in Erwägung 2.2 angeführten Bestimmungen die
Beschwerdegegnerin gegenüber dem Beschwerdeführer leistungspflichtig, sofern sich
nachfolgend ergeben sollte, dass über den im angefochtenen Einspracheentscheid
vom 14. Juni 2016 festgelegten Leistungseinstellungszeitpunkt (8. März 2016) hinaus
von einem unfallbedingten Gesundheitsschaden auszugehen ist. Der Frage, in welchem
Ausmass jeder der beiden Unfälle für den Gesundheitsschaden ursächlich ist, kommt
keine Bedeutung zu. Die Beschwerdegegnerin würde leistungspflichtig bleiben,
solange nicht die natürliche Kausalität zu beiden Ereignissen mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit weggefallen wäre; für die Unfallfolgen des Unfalls vom 1. Dezember
2011 mit Rückgriff auf die Visana.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.1 Vorliegend anerkannte die Beschwerdegegnerin ihre Leistungspflicht bezüglich
des Unfalls vom 13. August 2014 und erbrachte entsprechende Heilkosten- und
Taggeld¬leistungen. Streitig und zu prüfen ist, ob sie zu Recht die
Versicherungsleistungen per 8. März 2016 eingestellt hat.
3.2 Die Beschwerdegegnerin legte im angefochtenen Einspracheentscheid die
rechtliche Voraussetzung der für eine Leistungspflicht des Unfallversicherers
erforderlichen natürlichen und adäquaten Kausalität zwischen Unfall und in dessen
Folge aufgetretener Gesundheitsschädigung (Art. 6 Abs. 1 UVG; BGE 129 V 181 E. 3;
ALEXANDRA RUMO-JUNGO/ANDRÉ PIERRE HOLZER, Rechtsprechung des
Bundesgerichts zum Sozialversicherungsrecht, Bundesgesetz über die
Unfallversicherung, 4. Aufl. Zürich/Basel/Genf 2012, S. 53 ff.) zutreffend dar (act. G
4.55, Erwägung 1a, 1b). Darauf kann verwiesen werden. Für die Beantwortung der
Tatfrage nach dem Bestehen natürlicher Kausalzusammenhänge im Bereich der
Medizin ist das Gericht in der Regel auf Angaben ärztlicher Experten angewiesen. Die
Frage nach dem adäquaten Kausalzusammenhang ist demgegenüber eine
Rechtsfrage, die vom Gericht nach den von Doktrin und Praxis entwickelten Regeln zu
beurteilen ist (BGE 129 V 181 E. 3.1, 123 III 110, 112 V 30; PVG 1984 Nr. 82, 174). Im
Bereich klar ausgewiesener Unfallfolgen spielt allerdings die Adäquanz als rechtliche
Eingrenzung der sich aus dem natürlichen Kausalzusammenhang ergebenden Haftung
des Unfallversicherers praktisch keine Rolle. Sie ist bei ausgewiesener Kausalität ohne
weiteres zu bejahen (BGE 127 V 103 E. 5b/bb, 123 V 102 E. 3b, 118 V 291 E. 3a, 117 V
365 E. 5d/bb mit Hinweisen).
3.3 Ist die Unfallkausalität im Grundfall einmal mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
erstellt, so entfällt die Leistungspflicht des Unfallversicherers erst dann, wenn der Unfall
nicht mehr eine natürliche und adäquate Ursache der weiterhin geklagten
Beschwerden darstellt, d.h. wenn die Beschwerden nur noch und ausschliesslich auf
unfallfremden Ursachen beruhen. Ebenso wie der leistungsbegründende natürliche
Kausalzusammenhang muss das Dahinfallen jeder kausalen Bedeutung von
unfallbedingten Ursachen eines Gesundheitsschadens mit dem im
Sozialversicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit
nachgewiesen sein. Die blosse Möglichkeit gänzlich fehlender Auswirkungen des
Unfalls genügt nicht (RUMO-JUNGO/HOLZER, a.a.O., S. 4; THOMAS LOCHER/
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
THOMAS GÄCHTER, Grundriss des Sozialversicherungsrechts, 4. Aufl. Bern 2014, §
70 N. 58).
3.4 Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung (Art. 61 lit. c des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Danach haben
Versicherungsträger und Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne
Bindung an förmliche Beweisregeln sowie umfassend und pflichtgemäss, zu würdigen.
Für das Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht alle
Beweismittel, unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und
danach zu entscheiden hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige
Beurteilung des streitigen Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei
einander widersprechenden medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen,
ohne das gesamte Beweismaterial zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es
auf die eine und nicht auf die andere medizinische These abstellt. Hinsichtlich des
Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die beklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Darlegung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten oder
der Expertin begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich
somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der eingereichten
oder in Auftrag gegebenen Stellungnahme als Bericht oder Gutachten (BGE 134 V 232
E. 5.1, 125 V 352 E. 3a mit Hinweis).
4.
4.1 Im Zeitpunkt der Leistungseinstellung (8. März 2016) litt der Beschwerdeführer in
der rechten Schulter unter Ruheschmerzen ventral (bereits vor dem Unfall vom 13.
August 2014 bestehend) mit belastungsabhängiger Zunahme, unter einer zeitweisen
Schmerzausstrahlung in den Oberarm ventral, einer gegenüber der ersten
Schulteroperation vom 21. Februar 2013 nochmals reduzierten Kraft, einer endphasig
schmerzhaften Abduktion, Aussenrotation und Innenrotation sowie unter Schmerzen
beim Schlafen auf der rechten Seite (act. G 4.45).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Ein natürlicher Kausalzusammenhang zwischen Unfall und gesundheitlichen
Beschwerden hat in der Regel als gegeben zu gelten, wenn sich mittels apparativer
Untersuchungsmethoden (Röntgen, Computertomogramm, MRI, Arthroskopie) ein
unfallkausaler organischer Befund im Sinn eines strukturellen Gesundheitsschadens
erheben lässt (vgl. BGE 134 V 109 E. 9, 117 V 359 E. 5d/aa; Urteil des Bundesgerichts
[bis 31. Dezember 2006 Eidgenössisches Versicherungsgericht, EVG] vom 28. Oktober
2009, 8C_216/2009, E. 2; SVR 2007 UV Nr. 25 S. 81 E. 5.4 mit Hinweisen [U 479/05]).
4.3 Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer beim Unfall vom 13. August 2014
einen strukturellen Gesundheitsschaden in Form einer gelenksseitigen, partiell
transmuralen kranialen Rotatorenmanschettenreruptur erlitten hat (act. G 4.8, G 4.13,
act. G 4.15). Am 13. Oktober 2014 wurde die Rotatorenmanschettenreruptur
athroskopisch mit einer transossären Suturebridge rekonstruiert (act. G 4.13). Eine
Operation hat die Heilung einer Gesundheitsschädigung zum Ziel und führt in der Regel
zu einer Verbesserung der präoperativ im Bereich des operierten Körperteils
vorliegenden Unfallverletzung bzw. den damit zusammenhängenden Beschwerden.
Allerdings kann von Unfallrestfolgen ausgegangen werden, wenn eine traumatische
Läsion operativ nicht vollends behoben werden konnte, eine Operation nicht erfolgreich
oder gar fehlerhaft durchgeführt wurde oder im Bereich der Operationsstelle
Spätfolgen auftreten. Die Unfallrestfolgen müssen jedoch in allen drei Fällen objektiv
nachgewiesen sein.
4.4
4.4.1 Dr. D._ hat gestützt auf seine klinischen Untersuchungsergebnisse vom 18.
Februar 2015 (Zeichen der Kapsulitis bis 80° Abduktion, Aussenrotation (AR) 20°;
Impingement positiv; endgradige Bewegungen schmerzhaft) die Vermutung einer
restlichen subacromialen Bursitis bis Kapsulitis angestellt (act. G 4.21). Anschliessend
an eine von ihm am 19. Februar 2015 durchgeführte subacromiale Infiltration stellte er
anlässlich einer Untersuchung vom 25. Februar 2015 eine Regredienz der Kapsulitis
fest und schloss die Behandlung, unter dem Vorbehalt einer bedarfsweisen
Wiedervorstellung, vorerst ab (act. G 4.22). Am 24. Februar 2016 wurde beim
Beschwerdeführer im Röntgeninstitut H._ ebenfalls bei Vorliegen einer
Impingementsymptomatik der rechten Schulter eine MR-Arthrographie der rechten
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schulter durchgeführt, wobei sich regelrechte postoperative Verhältnisse bezüglich der
reinserierten Supraspinatussehne zeigten, jedoch ein Reizzustand der Bursa
subacromialis sichtbar war (act. G 4.43).
4.4.2 Die Bursitis (= Schleimbeutelentzündung) ist ein eindeutiges, Schmerzen
verursachendes, organisches Substrat, welches sich laut medizinischer Literatur im
Zusammenhang mit einer traumatisch bedingten Rotatorenmanschettenruptur
entwickeln, jedoch auch unabhängig von einer traumatischen Läsion auftreten bzw.
bestehen kann (vgl. PSCHYREMBEL, Klinisches Wörterbuch, 266. Aufl. Berlin 2014, S.
334; ROCHE LEXIKON, Medizin, 5. Aufl. München 2003, S. 280; <http://
www.operation-endoprothetik.de/ schulter/schleimbeutelentzuendung-schulter/>,
abgerufen am 10. Oktober 2017). Die Begriffe Kapsulitis und Impingement sind sodann
eng miteinander verbunden. Es handelt sich dabei um eine schmerzhafte
Funktionseinschränkung der Gelenkbeweglichkeit, womit also - anders als bei der
Bursitis - grundsätzlich nur eine funktionelle, keine pathologisch-anatomische
Diagnose vorliegt. Die durch eine Kapsulitis bzw. ein Impingement begründete
Einschränkung der Beweglichkeit im Bereich des Schultergelenks kann verschiedene
Ursachen haben, insbesondere degenerative Prozesse, aber auch Verletzungen bzw.
gesundheitliche Störungen im Bereich der Rotatorenmanschette, Schleimbeutel,
Knorpel, Knochen. Angesichts des Gesagten kann mithin aus dem Vorliegen einer
Bursitis, einer traumatischen Rotatorenmanschettenruptur sowie einem Impingement
bzw. einer Kapsulitis grundsätzlich eine zusammenhängende, geschlossene
Gesundheitsproblematik abgeleitet werden, die insgesamt als sekundäre Unfallfolge
vorkommen kann (vgl. dazu ALFRED M. DEBRUNNER, Orthopädie, Orthopädische
Chirurgie, 4. Aufl. Bern 2002, S. 725 ff. und 733; PSCHYREMBEL, a.a.O., S. 992 und
1600; ROCHE LEXIKON, a.a.O., S. 915 und 1430). Die Beschwerdegegnerin verneint
jedoch das Vorliegen von unfallkausalen Verletzungsfolgen per 8. März 2016 und stützt
sich dabei auf die Beurteilungen ihrer beratenden Ärztin med. pract. J._ vom 8. März
und 27. Mai 2016 (act. G 4.45, G 4.54).
4.4.3 Med. pract. J._ hat den Beschwerdeführer am 19. Januar 2016 untersucht
und im dazu verfassten Bericht vom 8. März 2016 in Übereinstimmung mit den
radiologischen Feststellungen vom 24. Februar 2016 und den von Dr. D._ am 18.
Februar 2015 klinisch erhobenen Befunden die "aktuelle" Diagnose einer
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Impingementsymptomatik bei chronischer Bursitis subacromialis gestellt und dies - der
konkreten Sachlage entsprechend - bei Status nach zwei Unfällen und zweimaliger
operativer Rekonstruktion der Rotatorenmanschette (vgl. Entscheid des
Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 1. April 2015, UV 2014/31; act. G
6.1; siehe auch act. G 4.1 f., G 4.4, G 4.13). Med. pract. J._ führt weiter aus, dass die
Rotatorenmanschettenfunktion bei der Untersuchung intakt gewesen sei. Zur besseren
diagnostischen Einordnung der Beschwerden sei eine radiologische Reevaluation (vgl.
act. G 4.43) veranlasst worden. MR-tomographisch hätten sich regelrechte
postoperative Verhältnisse bezüglich der reinserierten Supraspinatussehne gezeigt,
welche in Kontinuität erhalten sei. Es bestehe eine Bursitits subacromialis mit
verdickter, teils wohl narbig veränderter Bursa, was die angegebenen Beschwerden
erkläre. Aus ihrer Sicht stünden die angegebenen Beschwerden nicht in einem
überwiegend wahrscheinlich kausalen Zusammenhang zum Unfallereignis vom 13.
August 2014. Sie beurteile den Kausalzusammenhang lediglich als möglich. Diese
Beurteilung stütze sich auf die Überlegungen, dass beim Beschwerdeführer ein
Vorzustand mit ausgedehnter Schulterverletzung bestehe, der Beschwerdeführer nach
dem ersten Unfall vom 1. Dezember 2011 unter anhaltenden Schulterbeschwerden
gelitten habe und es beim zweiten Unfall vom 13. August 2014 zu einer Reruptur der
operierten Supraspinatussehne gekommen sei, welche sich heute in Kontinuität
erhalten darstelle. Versicherungsmedizinisch habe das zweite Ereignis somit zu einer
vorübergehenden Verschlimmerung des Vorzustandes geführt. Der Status quo sine sei
erreicht (act. G 4.45).
4.4.4 Am 26. März 2016 erfolgte eine Untersuchung des Beschwerdeführers durch
Dr. K._. Dieser hielt im Bericht vom 29. März 2016 fest, dass die nochmals studierten
MRI-Bilder vom Februar 2016 im Vergleich zum Vorbild eine unverändert bestehende
Atrophie der Supraspinatussehnenmuskulatur, jedoch Signalalterationen im Bereich
der Sehneninsertionsstelle am T. (Tuberculum) majus mit deutlichen postoperativen
Veränderungen zeigen würden. Zudem sei sowohl auf dem MRI als auch auf dem
Röntgenbild ein stark erhöhter Acromionindex von 0.9 sowie ein Acromion Typ III nach
Bigliani sichtbar. Er denke, dass aufgrund dessen bei Status nach zweimaliger
Schulteroperation weitere Impingementbeschwerden für die aktuellen Schmerzen
verantwortlich seien. Eine Operation mit Befreiung der Sehne durch Acromioplastik
wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit schmerzlindernd (act. G 4.53).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.4.5 Gemäss Stellungnahme von med. pract. J._ vom 27. Mai 2016 lieferte der
Bericht von Dr. K._ keine neuen Erkenntnisse, die Anlass zur Korrektur ihrer
Beurteilung vom 8. März 2016 geben würden. Der Beschwerdeführer leide unter
Impingementbeschwerden, für die Dr. K._ eine Anlageanomalie (Acromion Typ III)
verantwortlich mache. Diese Anlageanomalie sei nicht unfallkausal. Die rekonstruierte
Supraspinatussehne sei intakt. Somit würden sich keine Hinweise auf eine
richtunggebende Verschlimmerung des Vorzustands ergeben (act. G 4.54).
4.5
4.5.1 Bei der Würdigung der ärztlichen Beurteilungen von med. pract. J._ ist zu
berücksichtigen, dass es sich dabei gewissermassen um vertrauensärztliche und somit
versicherungsinterne Stellungnahmen handelt. Soll ein Versicherungsfall ohne
Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, sind an die
Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel
an der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit versicherungsinterner ärztlicher
Feststellungen, sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 135 V 470 E. 4.4 mit
Hinweis; bestätigt in Urteil des Bundesgerichts vom 23. November 2012, 8C_592/2012,
E. 5.3).
4.5.2 Die Feststellung von med. pract. J._, der Beschwerdeführer leide unter
einer Anlageanomalie (vgl. act. G 4.6, G 4.8: Acromion Typ III, ein ausgeprägt nach
lateral abfallendes Akromion bzw. Schulterdach) lässt sich den
Untersuchungsberichten der MR-Arthrographien des rechten Schultergelenks vom 8.
Januar 2013 (act. G 4.6) und 9. September 2014 (act. G 4.8) entnehmen. Damit ist beim
Beschwerdeführer ein unfallfremder Vorzustand ausgewiesen, der von Dr. D._ - wie
von med. pract. J._ verstanden - in einen kausalen Zusammenhang zu den
Impingementbeschwerden des Beschwerdeführers gestellt wird. Dieser medizinische
Zusammenhang erscheint an sich schlüssig und überzeugend. So wird durch das
abfallende Akromion der Subakromialraum verschmälert und die Entstehung bzw.
Erhaltung einer Bursitis begünstigt (vgl. dazu DEBRUNNER, a.a.O., S. 727 f.;
PSCHYREMBEL, a.a.O., S. 1005: Impingement-Syndrom, subakromiales; http://
www.orthozentrum.ch/de/Schulter-EllbogenHand/Rotatorenmanschettenruptur- und
Impingementsyndrom,-https://www.schulthessklinik.ch/de/fachbereiche/medizinische-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zentren/schulterchirurgie-ellbogenchirurgie/fachinformationen/impingement-syndrom/,
beide abgerufen am 10. Oktober 2017). Ebenfalls unbestritten scheint, dass die
arthroskopische Rekonstruktion der vom Beschwerdeführer beim Unfall vom 13.
August 2014 erlittenen Rotatorenmanschettenläsion erfolgreich war bzw. sich
bezüglich der reinserierten Supraspinatussehne regelrechte postoperative Verhältnisse
zeigen (act. G 4.43). Wie die nachfolgenden Erwägungen zeigen, erscheint damit
jedoch für das Gericht das Dahinfallen einer kausalen Bedeutung des Unfalls vom 13.
August 2014 oder allenfalls auch des früheren Unfalls vom 1. Dezember 2011 für die
über den 8. März 2016 fortdauernden Schmerzen noch nicht überwiegend
wahrscheinlich nachgewiesen.
4.5.3 Eine Bursitis wurde erstmals von Dr. D._ anlässlich seiner Untersuchung
vom 18. Februar 2015 als Ursache für die Beschwerden des Beschwerdeführers in
Erwägung gezogen (act. G 4.21). Nach einer zunächst wirksamen Infiltration
subacromial Schulter rechts mit Kenacort/Bupivacain vom 19. Februar 2015 unterbrach
er zwar seine Behandlung, dies jedoch unter dem Vorbehalt des Bedarfs einer
Wiedervorstellung. Die Regredienz der Kapsulitis sei weiter zu beobachten (act. G
4.22). In seinem Bericht vom 13. März 2015 hielt Dr. D._ ebenfalls fest, dass der
Verlauf längerfristig zu beobachten sei. Insbesondere weil es sich um eine Reruptur mit
posttraumatischer Genese handle, sei im weiteren Verlauf auch mit der Möglichkeit
einer nicht heilenden Sehne zu rechnen, sodass längerfristig gegebenenfalls
Folgebeschwerden bleiben könnten (act. G 4.23). In der daraufhin von der
Beschwerdegegnerin bei ihrem beratenden Arzt eingeholten Kausalitätsbeurteilung
vom 20. Mai 2015 ging auch dieser davon aus, dass die anhaltenden Beschwerden mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit durch das Ereignis vom 13. August 2014 verursacht
würden und stellte in Übereinstimmung mit Dr. D._ fest, dass sich postoperativ eine
partielle Frozen Shoulder entwickelt habe, diese noch physiotherapeutisch behandelt
werde und der Endzustand noch nicht erreicht sei. Offenbar habe Dr. D._ die
Behandlung abgeschlossen, obwohl die Situation unbefriedigend gewesen sei, was
nicht verständlich sei (act. G 4.26). Am 24. Februar 2016 wurde schliesslich beim
Beschwerdeführer radiologisch ein Reizzustand der Bursa subacromialis erhoben (act.
G 4.43). Die zuvor von med. pract. J._ am 10. November 2015 gemachte Aussage -
der Beschwerdeführer sei offenbar wegen der rechten Schulter nicht mehr in ärztlicher
Behandlung, weshalb scheinbar keine nennenswerten Beschwerden mehr vorliegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
würden - ist zwar nicht abwegig, doch steht sie insgesamt allein da und ist in
Anbetracht der Kausalitätsbeurteilung des beratenden Arztes der Beschwerdegegnerin
vom 20. Mai 2015 auch zu relativieren (act. 4.33). So waren eine Bursitis, eine
Impingement-Problematik bzw. eine Kapsulitis nicht nur im Zeitpunkt der
Leistungseinstellung, sondern gleichermassen auch im Zeitpunkt, als offenbar noch
ärztlich übereinstimmend von kausalen Unfallfolgen ausgegangen worden war, das
wesentliche Thema. Die Feststellungen, wonach der Zustand der operierten
Supraspinatussehne zufriedenstellend sei, vermögen allein als Argumentation für ein
Dahinfallen der Unfallkausalität nicht zu überzeugen. Tatsächlich ist beim
Beschwerdeführer von einem anlagebedingten, aber eben auch von einem
unfallkausalen Vorzustand auszugehen. Letzterer lässt es - wie von Dr. D._ in seinem
Bericht vom 13. März 2016 angesprochen (act. G 4.23) - als nachvollziehbar
erscheinen, dass eine Supraspinatussehne nach zwei Rupturen bzw. zwei Operationen
medizinisch eine andere, ungünstigere Ausgangslage darstellt als eine gesunde
Supraspinatussehne. Gerade auch med. pract. J._ hält fest, dass der
Beschwerdeführer nach dem ersten Unfall unter anhaltenden Schulterbeschwerden
gelitten habe, womit allenfalls noch Folgen des ersten Unfalls vorgelegen haben
könnten. Der alleinige Umstand, dass sich die operierte Supraspinatussehne heute in
Kontinuität darstellt, schliesst mithin weitere Unfallrestfolgen nicht in jedem Fall aus.
Immerhin stellte Dr. K._ trotz der regelrechten Atrophie der
Supraspinatussehnenmuskulatur auf den MR-Arthropgraphie-Bildern vom 24. Februar
2016 Signalalterationen im Bereich der Sehneninsertionsstelle am T. majus mit
deutlichen postoperativen Veränderungen fest (act. G 4.53). Erklärungen dazu sind
dem Bericht von Dr. K._ nicht zu entnehmen, obwohl solche angesichts der
obgenannten Frage von Interesse wären. Laut medizinischer Literatur können offenbar
nach Rotatorenmanschettenoperationen Operationsnarben zurückbleiben (vgl. dazu
DEBRUNNER, a.a.O., S. 86). Es stellt sich somit die Frage, ob im konkreten Fall
Operationsnarben zu Verdickungen geführt haben könnten, welche das
Zusammenspiel der einzelnen Strukturen des Schultergelenks durch eine Verengung
des Raums unter dem Acromion gestört haben könnten. Erfolgt eine Operation wegen
einer Unfallverletzung, stellt nämlich auch eine allenfalls dadurch entstandene
Operationsnarbe bzw. eine daraus erwachsene weitere gesundheitliche Problematik
(beispielsweise eine Bursitis) eine (sekundäre) Unfallfolge dar. Anzufügen ist
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
schliesslich Folgendes: Im Rahmen der Operation vom 21. Februar 2013 wurden vom
Acromion immerhin 3 mm Knochen reseziert (vgl. act. G 4.4). Damit erscheint das von
med. pract. J._ gegen eine Unfallkausalität vorgebrachte Hauptargument, alleiniger
Grund für die Einengung unter dem Schulterdach sei eine Anlageanomalie zumindest
auch als relativiert.
4.6 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es dem Gericht anhand der vorliegenden
medizinischen Beurteilungen, insbesondere denjenigen von med. pract. J._, nicht
möglich ist, mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit zu beurteilen,
ob es sich bei den anhaltenden Schulterbeschwerden bzw. der Impingement-
Symptomatik mit Bursitis subacromialis um eine zumindest teilweise sekundäre
traumatische Folge der Unfälle vom 1. Dezember 2011 und 13. August 2014 handelt
oder ob die besagte Gesundheitsproblematik des Beschwerdeführers einzig noch auf
seine Anlageanomalie im Bereich des Schulterdachs zurückzuführen ist. Für eine
abschliessende Beurteilung dieser Frage sind weitere medizinische Abklärungen
notwendig, welche die Beschwerdegegnerin - unter Beizug eines externen
Fachspezialisten - durchzuführen haben wird.
5.
5.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
angefochtenen Einspracheentscheids vom 14. Juni 2016 (act. G 4.55) teilweise
gutzuheissen und die Streitsache zu ergänzenden medizinischen Abklärungen im Sinn
der Erwägungen und anschliessend neuer Verfügung an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen.
5.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).