Decision ID: 4c6bac90-eb5b-5b60-8495-35edf59a85c8
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer ist gemäss eigenen Angaben ungefähr am 20. Juli
2019 in die Schweiz eingereist, wo er am 14. August 2019 um Asyl nach-
suchte. Er habe eineinhalb bis zwei Monate zuvor den Kosovo verlassen
und über Serbien, Kroatien, Slowenien und Italien in die Schweiz einge-
reist.
B.
Am 20. August 2019 wurde der Beschwerdeführer in Anwesenheit seiner
zugewiesenen Rechtsvertretung im Bundesasylzentrum B._ zu sei-
ner Person und dem Reiseweg befragt.
C.
Am 15. November 2019 wurde der Beschwerdeführer dem Bundesasyl-
zentrum der Region (...) zugewiesen und dorthin transferiert. Gleichentags
beendete die zugewiesene Rechtsvertretung in B._ das Mandats-
verhältnis. Am 22. November 2019 wurde der Beschwerdeführer verhaftet
und ins Kantonsgefängnis C._ transportiert, um dort wegen rechts-
widriger Einreise und rechtswidrigem Aufenthalt eine 120-tägige Freiheits-
strafe zu verbüssen.
D.
Am 17. Januar 2020 fand im Kantonsgefängnis C._ im Beisein sei-
ner gleichentags zugewiesenen neuen Rechtsvertretung eine Befragung
nach Art. 26 Abs. 3 AsylG (SR 142.31) statt, wobei der Beschwerdeführer
die Gelegenheit erhielt, die Gründe für sein Asylgesuch einlässlich darzu-
legen.
Zu seiner Person erklärte der Beschwerdeführer, er sei ein kosovarischer
Staatsangehöriger albanischer Ethnie und islamischen Glaubensbekennt-
nisses aus dem Dorf D._ unweit von E._. Zur Begründung
seines Asylgesuches machte er im Wesentlichen geltend, nachdem im Mai
1999 dreizehn Mitglieder seiner Familie vom serbischen Militär im Rahmen
des Massakers von D._ vor seinen Augen exekutiert worden seien,
sei er ein paar Monate lang als einfacher Soldat in den Reihen der UÇK
(Ushtria Çlirimtare e Kosovës, Befreiungsarmee des Kosovo) tätig gewe-
sen. In den Jahren 2010 und 2011 sei er als Zeuge in Kriegsverbrecher-
prozessen in F._ (insgesamt dreimal im Jahr 2010) und G._
(einmal im Jahr 2011) aufgetreten. Er habe als Augenzeuge im Rahmen
der von Eulex durchgeführten Kriegsverbrecher-Prozesse in den Jahren
D-713/2020
Seite 3
2010 und 2011 in Bezug auf das Massaker von D._ ausgesagt, was
zur Verurteilung von serbischen-jugoslawischen Kriegsverbrechern beige-
tragen habe. Weil er im Jahr 2011 einen Drohanruf erhalten habe und es
Morde gegeben habe, habe er beschlossen, das Land zu verlassen. Er
habe nach dem Verlassen seiner Heimat hauptsächlich als Sans-Papier in
der Schweiz gelebt, von wo aus er seine Tätigkeit als (...) wiederaufge-
nommen habe. Auf diese Art und Weise habe er den Lebensunterhalt sei-
ner im Kosovo lebenden Familie (eine religiös geheiratete Ehefrau und
zwei Kinder) finanziert. Während seines mehrjährigen Aufenthaltes in der
Schweiz sei er immer wieder für zwei bis drei Wochen zu seiner Familie in
den Kosovo gereist. Nachdem er auf Geheiss der Schweizer Behörden am
15. Juni 2018 in seine Heimat habe zurückkehren müssen, habe am
6. September 2018 ein Attentatsversuch auf ihn stattgefunden. Es sei in
der Nähe seines Hauseinganges eine Granate montiert worden. Nach der
Entdeckung der Granate habe er bei der Polizei Anzeige erhoben. Er gehe
davon aus, dass man ihn als Zeuge von Verbrechen liquidieren möchte,
weil er aufgrund seiner Tätigkeit als Soldat bei der UÇK über weitere Ver-
brechen zwischen der UÇK und der FARK (Forcat e Armatosura të Repub-
likës së Kosovës, Streitkräfte der Republik Kosovo) Bescheid wisse, die
von Kosovo-Albanern begangen worden seien. Die Tatsache, dass er wei-
teren Vorladungen von einem Sondergericht in H._, bei denen die
von Kosovo-Albanern begangenen Verbrechen aufgearbeitet würden, nicht
folge – und somit auch keine Aussagen gemacht habe – ändere nichts an
seiner Gefährdung, da es in seiner Heimat genüge, dass eine Person als
Zeuge aufgeboten werde, um diese bereits als «Verräter» abzustempeln
und irgendwann zu bestrafen. Nach diesem Attentatsversuch habe er den
Kosovo verlassen.
Der Beschwerdeführer reichte seinen kosovarischen Reisepass, seine
Identitätskarte, den Untersuchungsbericht der kosovarischen Staatsan-
waltschaft vom 19. Dezember 2018, inklusive polizeilichen Berichten, ei-
nen Zeitungssauschnitt der Zeitung (...)., einen Bericht vom 9. September
2018, einen Zeitungsausschnitt der Zeitung (...). und verschiedene medi-
zinische Berichte ein.
E.
Die Vorinstanz gab dem Rechtsvertreter am 24. Januar 2020 Gelegenheit,
zum Entscheidentwurf Stellung zu nehmen.
D-713/2020
Seite 4
F.
Am 27. Januar 2020 ging beim SEM ein handschriftliches Schreiben des
Beschwerdeführers ein.
G.
Der Rechtsvertreter reichte am 28. Januar 2020 eine Stellungnahme ein,
worin er ausführte, aus welchen Gründen er mit dem Entscheidentwurf
nicht einverstanden sei.
H.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 30. Januar 2020 stellte das
SEM fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht,
und lehnte dessen Asylgesuch vom 14. August 2019 ab. Gleichzeitig ver-
fügte es die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz und
ordnete den Vollzug der Wegweisung an.
I.
Mit Eingabe vom 6. Februar 2020 (Datum Poststempel) erhob der Be-
schwerdeführer durch seinen Rechtsvertreter beim Bundesverwaltungsge-
richt Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei aufzu-
heben und das SEM sei anzuweisen, auf das Asylgesuch des Beschwer-
deführers sei einzutreten. Eventualtier sei die Verfügung in den Dispositiv-
ziffern 3 und 4 aufzuheben und wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungs-
vollzugs die vorläufige Aufnahme anzuordnen. Subeventualiter sei die Sa-
che zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. In verfahrens-
rechtlicher Hinsicht liess er zudem beantragen, es sei ihm die unentgeltli-
che Prozessführung zu gewähren und von der Erhebung eines Kostenvor-
schusses abzusehen.
Mit der Beschwerde wurden ein Gerichtsentscheid des (...) vom (...) 2012,
auf Albanisch übersetzt, eine Vorladung des Gerichtes von F._ vom
(...) 2012, sechs Fotos, verschiedene medizinische Unterlagen und den
Strafbefehl vom (...) 2019 eingereicht.
J.
Am 12. Februar 2020 wurde die Stellungnahme des Rechtsvertreters vom
28. Januar 2020 eingereicht.
K.
In der Vernehmlassung vom 27. Februar 2020 beantragte das SEM die Ab-
weisung der Beschwerde.
D-713/2020
Seite 5
L.
Mit der Replik vom 24. März 2020 wurden ein Brief des Beschwerdeführers
vom 20. Januar 2020 an das SEM, einen Konsultationsbericht der psychi-
atrischen Klinik (...) vom 3. Februar 2020, verschiedene Zeitungsartikel
aus dem Internet, die Schnellrecherche der Schweizerischen Flüchtlings-
hilfe (SFH), Kosovo: Zeuginnenschutz, vom 30. Januar 2020 und eine Aus-
kunft der SFH zur psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung
im Kosovo vom 3. April 2017 eingereicht.
M.
Am 27. März 2020 wurde eine Ergänzung der Replik mit einem Bericht aus
dem Internet des Deutschlandrundfunks vom 28. Februar 2019 einge-
reicht.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – und so auch vorliegend –
endgültig (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Der Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenom-
men, ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein
schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Ände-
rung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105
AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und form-
gerecht (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und
Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Beschwerde ist somit – unter Vorbehalt
nachfolgender Ausführungen – einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
D-713/2020
Seite 6
3.
In der Beschwerde wird beantragt, das SEM sei anzuweisen, auf das Asyl-
gesuch des Beschwerdeführers einzutreten. Das SEM hat in der angefoch-
tenen Verfügung vom 30. Januar 2020 festgestellt, der Beschwerdeführer
erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und hat sein Asylgesuch abgelehnt
(siehe Dispositivziffer 1 und 2). Es ist mithin auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers eingetreten und hat dieses materiell beurteilt. Auf den An-
trag, die Vorinstanz sei anzuweisen, auf das Asylgesuch sei einzutreten,
ist deshalb nicht einzutreten.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
5.
5.1 Das SEM begründet seinen ablehnenden Asylentscheid im Wesentli-
chen damit, es sei nicht nachvollziehbar, dass er nach seinen Zeugenaus-
sagen und der telefonischen Bedrohung und den etlichen Morden im Jahre
2011 nicht schon viel früher ein Asylgesuch eingereicht habe, habe er doch
mehrere Jahre in der Schweiz illegal gelebt. Ausserdem sei sowohl die ju-
goslawische Bundesarmee als auch die serbische Soldateska nach ihrer
Niederlage gegen die NATO-Truppen im Kosovokrieg von 1999 aus seiner
Heimat abgezogen worden, so dass ihm von dieser Seite her keine Gefahr
mehr drohen könne. Diese Tatsache werde auch dadurch unterstrichen, als
er gemäss seinen eigenen Aussagen ja selbst während seiner langen
Jahre in der Schweiz ab dem Jahr 2011 immer wieder für zwei bis drei
D-713/2020
Seite 7
Wochen zu seiner Familie in seine Heimat zurückgekehrt sei. Und selbst
wenn es trotzdem noch im Zusammenhang mit seinen Aussagen gegen
die serbische Soldateska zu einer Bedrohungssituation kommen würde,
könne er sich an den kosovarischen Staat wenden, der sicher schutzfähig
und schutzwillig sei in solchen Angelegenheiten, zumal die Verfolgung ja
seitens von «Serben» kommen würde. Dieses Vorbringen sei deshalb nicht
asylrelevant.
Des Weiteren habe er in seiner Asylbegründung erklärt, dass gegen ihn am
6. September 2018 ein Attentatsversuch verübt worden sei, bei welchem
in der Nähe seiner Haustür eine Granate deponiert worden sei. Zwar habe
er die Frage, wer seiner Meinung nach diese Granate in der Nähe seiner
Haustür deponiert hatte, nicht beantworten können. Aus seinen weiteren
Ausführungen gehe jedoch hervor, dass für ihn ein klarer Zusammenhang
bestehe mit den neuen Prozessen in seiner Heimat, in welchem sich nun
auch Kosovo-Albaner für ihre Verbrechen verantworten zu haben. Als die
Granate in der Nähe seiner Haustür entdeckt worden sei, sei umgehend
die Polizei kontaktiert worden. In der Folge seien sowohl von der Polizei
als auch von der Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen worden.
Auch wenn den Strafverfolgungsbehörden bislang noch kein Durchbruch
gelungen sei, so belege die Tatsache, dass sich sowohl die Polizei als auch
die Staatsanwaltschaft dieses Falles angenommen haben, die Schutzwil-
ligkeit und Schutzfähigkeit des Staates Kosovo. Unabhängig davon sei es
weder nachvollziehbar noch einleuchtend, weshalb er von Kosovo-Alba-
nern, die mutmasslich an Kriegsverbrechen teilgenommen haben, bedroht
oder sogar getötet werden solle, zumal er sich ja standhaft geweigert habe,
den Vorladungen Folge zu leisten und somit auch ganz klar demonstriert
habe, dass er nicht bereit sei, gegen solche Personen auszusagen. Ein-
deutig gegen die von ihm in der vertieften Anhörung vom 17. Januar 2020
geltend gemachte Furcht vor weiteren Repressalien in seiner Heimat spre-
che die Tatsache, dass er zwar bereits kurz nach diesem Attentatsversuch
in die Schweiz gereist sei – also wohl noch vor Ende des Jahres 2018 –
sein Asylgesuch jedoch erst am 14. August 2019 eingereicht habe, als er
sich in Polizeigewahrsam befunden habe wegen Missachtung des Auslän-
der- und Integrationsgesetzes (AIG, SR 142.20) und der Rückflug in seine
Heimat bereits gebucht gewesen sei. Dieses Vorbringen sei somit nicht
asylrelevant. Seine Vorbringen würden den Anforderungen an die Flücht-
lingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht standhalten. Demzufolge erfülle
er die Flüchtlingseigenschaft nicht, so dass das Asylgesuch gemäss Art. 40
AsylG ohne weitere Abklärungen abzulehnen sei.
D-713/2020
Seite 8
In der Stellungnahme des Rechtsvertreters werde beantragt, den «komple-
xen» Fall ins erweiterte Verfahren zuzuweisen. Es seien Gerichtsdossiers
beim SEM nicht auffindbar gewesen, welche der ehemalige Rechtsvertre-
ter in B._ habe ausfindig machen können und die belegen würden,
dass der Beschwerdeführer als Zeuge gegen Kriegsverbrecher in
I._ und J._ ausgesagt habe, wobei diese Dossiers für die
Sachverhaltserstellung zentral seien. Des Weiteren sei moniert worden,
dass die medizinischen Akten unvollständig seien, da die Akten aus der
psychiatrischen Klinik (...), in welcher er in Behandlung gewesen sei, feh-
len würden. Dasselbe gelte für das Gutachten im Kantonalgefängnis
C._, in welchem er begutachtet worden sei oder noch werde. Ins-
besondere habe eine gründliche psychiatrische und psychische Abklärung
bislang noch gar nicht stattfinden können, da er seinen Termin für ein Ab-
klärungsgespräch vom 30. Oktober 2019 beim (...) aufgrund seiner Inhaf-
tierung nicht habe wahrnehmen können, so dass der medizinische Sach-
verhalt ungenügend erstellt worden sei.
Was das Auffinden der von ihm beim Bundesasylzentrum der Region
B._ eingereichten Dokumente anbelange, welche sein Rechtsver-
treter zusammen mit seiner Stellungnahme beim SEM (erneut) eingereicht
habe, so würden diese tatsächlich belegen, dass er als Zeuge sowohl in
F._ als auch in G._ im Rahmen von Kriegsverbrecherpro-
zessen in den Jahren 2010 und 2011 mitgewirkt habe. Jedoch sei seine
diesbezügliche Mitwirkung an den damaligen Kriegsverbrecherprozessen
für sein am 14. August 2019 gestelltes Asylgesuch – wie schon vorstehend
dargelegt – belanglos, zumal es sich bei diesen Kriegsverbrecherprozes-
sen um Prozesse gegen Mitglieder der ehemaligen jugoslawischen Bun-
desarmee, respektive von serbischen Paramilitärs gehandelt habe, wobei
es zu Schuldsprüchen mit langjährigen Freiheitsstrafen gekommen sei.
Schliesslich sei im Zusammenhang mit seinem Asylgesuch vom 14. Au-
gust 2019 anzumerken, dass auffallend sei, dass er ein solches Gesuch
erst zu einem Zeitpunkt gestellt habe, als er zum wiederholten Male wegen
Missachtung des AIG Probleme mit der Schweizer Polizei gehabt habe und
für ihn klar gewesen sei, dass er ein weiteres Mal in seine Heimat rückge-
führt werde. Gemäss seinen eigenen Angaben habe er sich spätestens seit
Ende des Jahres 2018 wieder in der Schweiz befunden, da er nach dem
Attentatsversuch vom 6. September 2018 dorthin gereist sei. Aus den Ak-
ten sei ersichtlich, dass er erstmals anlässlich der polizeilichen Einver-
nahme als beschuldigte Person vom 10. August 2019 erwähnt habe, dass
er ein Asylgesuch in der Schweiz stellen möchten. Am 9. August 2019 sei
D-713/2020
Seite 9
er einer polizeilichen Kontrolle unterzogen worden, wobei die Funktionäre
der Polizei hätten feststellen können, dass gegen ihn eine Einreisesperre
bestanden habe, worauf er festgenommen worden sei. Bereits am 12. Au-
gust 2019 sei von der Staatsanwaltschaft C._ ein Strafbefehl we-
gen Missachtung des AIG erlassen worden. Noch am selben Tag sei im
Rahmen von SwissREPAT ein Flug für ihn nach K._ für den 14. Au-
gust 2019 reserviert worden, welcher infolge seines Asylgesuches habe
storniert werden müssen. Hätte er wirklich in der Schweiz ein Asylgesuch
stellen wollen, weil er sich im Zuge des Attentatsversuches vom 6. Sep-
tember 2018 in seiner Heimat nicht mehr sicher gefühlt hätte, so sei es
schlichtweg nicht nachvollziehbar, weshalb er damit so lange zugewartet
habe, bis dies für ihn die allerletzte Möglichkeit für einen weiteren Aufent-
halt in der Schweiz dargestellt habe.
5.2 In der Beschwerde wird geltend gemacht, der Beschwerdeführer werde
von den ehemaligen UÇK- und FARK-Mitgliedern verfolgt. Als Zeuge ihrer
Verbrechen stelle er eine Bedrohung für sie dar, die beseitigt werden
müsse. Er habe daher den Kosovo in den letzten zehn Jahre verlassen,
um nicht Opfer eines Attentats zu werden. Kurz nachdem er von der
Schweiz in den Kosovo abgeschoben worden sei, hätten Unbekannte ein
Attentatsversuch auf ihn und seine Familie verübt. Dies habe ihn zur Flucht
aus dem Kosovo veranlasst. Nähere Informationen zu seinen Verfolgern,
habe er anlässlich der Anhörung zu den Asylgründen zunächst nicht mittei-
len wollen, da er Angst um die Sicherheit seiner Familie habe. Nach an-
fänglichen Zögern habe er angeboten, Namen und Fälle von Personen der
UÇK und der FARK zu nennen. Es sei ihm aber das rechtliche Gehör nicht
gewährt worden, obwohl die Rechtsvertretung eine zweite Anhörung ver-
langt habe. Das SEM verkenne, dass der Hauptanlass für das Asylgesuch,
der Attentatsversuch vom 6. September 2018 sei und nicht die Verfolgung
durch Serben. Kurz danach sei er geflohen. Dies belege auch der Eurodac-
Hit in Kroatien vom 4. Oktober 2018. Daraufhin sei er von der kroatischen
Polizei nach Serbien zurückgeschickt worden. Er habe es erst etwa Anfang
Juni 2019 geschafft, in den Schengenraum zu reisen und dann später in
die Schweiz einzureisen. Dies gehe auch aus dem Strafbefehl vom (...)
2019 hervor. Am 20. Juli 2019 sei er in die Schweiz eingereist und habe
das Asylgesuch am 14. August 2019 gestellt. Es sei daher nicht nachvoll-
ziehbar, wenn das SEM die Verneinung der Asylrelevanz darin sehe, dass
der Beschwerdeführer früher ein Asylgesuch hätte stellen müssen, damit
das Asylgesuch nicht als ein nachgeschobener Grund für den Aufenthalt in
der Schweiz betrachtet werden könne. Die Intensität und Aktualität der Ver-
folgung sei auch in zeitlicher Hinsicht gegeben. Der kosovarische Staat sei
D-713/2020
Seite 10
nicht schutzfähig. Aus Berichten gehe hervor, dass es wenig Staatsanwälte
gebe und der politische Einfluss in der Justiz stark sei. Seit 2018 würden
die kosovarischen Behörden die Fälle bezüglich Kriegsverbrechen über-
nehmen, EULEX sei nur noch in beratender Funktion tätig. Der politische
Einfluss sei ein anhaltendes Problem für die Justiz, einschliesslich der
Staatsanwaltschaft. Weiter sei es im Kosovo schwierig, die Identität von
Zeugen und Zeuginnen von Kriegsverbrechen zu verbergen. Der Kosovo
sei ein kleines Gebiet, in welchem jeder jeden kenne. Zudem sei der
Schutz der Zeuginnen und Zeugen von Kriegsverbrechen ungenügend und
stelle eine grosse und heikle Herausforderung dar. Sie würden einge-
schüchtert und ihre physische Sicherheit sei nicht gewährleistet. Bei Fällen
von Kriegsverbrechen sei oft der Mangel an Zeuginnen und Zeugen ein
Hindernis. Die Frage des Zeugenschutzes in Kriegsverbrechenfällen sei
einer der Gründe, warum in den Niederlanden die «Kosovo Specialist
Chambers» eingerichtet worden seien, um über mutmassliche Kriegsver-
brechen zu entscheiden, die von Führern der UÇK und anderen zwischen
1998 und 2000 begangen worden seien. Die UN Working Group on En-
forced or Involuntary Disappearances berichte, dass von der UNMIK ge-
sammelte Beweise für Verbrechen gegen Serben und Serbinnen auf dem
Gebiet Kosovos in den letzten Jahren systematisch vernichtet worden
seien, weshalb die UNMIK die Beweise für Verbrechen gegen Serben nicht
an EULEX hätte übergeben werden können. Zudem seien die Hauptzeu-
gen verschiedener Ermittlungen gegen die sogenannten hochrangigen
Verdächtigen für Verbrechen gegen Serbinnen und Serben im Laufe der
Jahre ermordet worden. Aussagen gegen UÇK-Kommandeure würden als
«Verrat» angesehen, was zur Ächtung von Zeuginnen und Zeugen durch
die Gemeinschaft und das soziale Umfeld führe. Dies habe zur Folge, dass
die Menschen sich in den meisten Fällen entweder weigern auszusagen
oder ihre Aussage ändern würden. Es liege für den Beschwerdeführer noch
kein psychologischer Bericht mit der exakten Diagnose und den benötigten
Medikamenten und Behandlungen vor, was erforderlich sei, um fundiert
abklären zu können, ob die benötigten Medikamente und Behandlungen
vor Ort verfügbar seien. Zudem wäre abzuklären, ob Zeuginnen und Zeu-
gen von Kriegsverbrechen Diskriminierungen auch beim Zugang zu Ge-
sundheitsdienstleistungen erfahren. Es genüge nicht, einfach zwei Adres-
sen von psychiatrischen Zentren anzugeben.
5.3 In der Vernehmlassung hielt das SEM fest, dass das Rechtsbegehren,
auf das Asylgesuch sei einzutreten, als gegenstandslos zu qualifizieren sei,
zumal das SEM auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers eingetreten
D-713/2020
Seite 11
sei und nicht etwa einen Nichteintretensentscheid erlassen habe. Inkonse-
quent sei die Argumentationsweise indem dem SEM vorgeworfen werde,
verkannt zu haben, dass der Hauptanlass für das Asylgesuch der Atten-
tatsversuch vom 6. September 2018 gewesen sei und nicht die Verfolgung
durch die Serben, aber andererseits der Beschwerdeführer selbst in erster
Linie mit der Verfolgung durch die Serben argumentiere und hauptsächlich
sich darauf beziehende Beweise ins Recht lege. Es treffe nicht zu, dass
das SEM gewisse Akten nicht in den Entscheid einbezogen habe. Vielmehr
habe das SEM erklärt, dass diese Dokumente «tatsächlich belegen» wür-
den, dass der Beschwerdeführer als Zeuge sowohl in F._ als auch
in G._ im Rahmen von Kriegsverbrecherprozessen in den Jahren
2010 und 2011 mitgewirkt habe, die diesbezügliche Mitwirkung jedoch nicht
asylrelevant sei. Im Zusammenhang mit dem angeblichen Attentatsver-
such vom 6. September 2018 sei kein einziger Beweis vorgelegt worden,
der belegen würde, dass dieser im Zusammenhang mit den Prozessen ge-
gen kosovarische (Kriegs-)Verbrecher stehe. Der Beschwerdeführer habe
ja selbst behauptet, den – angeblichen – weiteren Vorladungen keine Folge
geleistet zu haben. Abgesehen davon, dass der Beschwerdeführer keinen
einzigen Beweis dafür vorgelegt habe, dass er auch Vorladungen im Zu-
sammenhang mit Prozessen gegen albanisch stämmige (Kriegs-)Verbre-
cher erhalten habe, sei es absolut nicht ersichtlich, weshalb er denn von
solchen albanisch stämmigen (Kriegs-)Verbrechern bedroht werden sollte,
zumal er in der Anhörung vom 17. Januar 2020 ganz klar gesagt habe,
dass er keiner solchen Vorladung je Folge geleistet habe und dies auch in
Zukunft nicht tun werde. Zudem widerspreche die Tatsache, dass der Be-
schwerdeführer die Frage seines Rechtsvertreters, ob er Zeuge von Tötun-
gen oder anderen Verbrechen zwischen den zwei militärischen Gruppie-
rungen gewesen sei, verneint habe, ganz klar seinen anderweitigen Be-
hauptungen, dass seine Zeugenaussagen dazu führen könnten, dass sol-
che albanisch stämmigen (Kriegs-)Verbrecher zu einer lebenslangen Haft-
strafe verurteilt werden könnten. Die Ausführungen des Beschwerdefüh-
rers in Bezug auf den Attentatsversuch vom 6. September 2018 und dass
er im Zusammenhang mit der jetzigen Prozesswelle im Kosovo auf irgend-
eine Art und Weise gefährdet sein könnte, seien somit völlig unglaubwür-
dig. Die Tatsache, dass der Beschwerdegegner der (...) Polizei anlässlich
seiner vorübergehenden Festnahme am 9. August 2019 wegen wiederhol-
ten illegalen Aufenthaltes in der Schweiz erklärt habe, dass er in die
Schweiz eingereist sei, um von da aus Handel mit Haushaltgeräten zu be-
treiben, sowie die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft des Kantons
L._ am (...) 2018 einen Strafbefehl gegen den Beschwerdeführer
erlassen habe unter anderem wegen Gebrauchs von falschen kroatischen
D-713/2020
Seite 12
Ausweispapieren zwecks erleichterter Einreise in die Schweiz und dem
dreijährigen Einreiseverbot in die Schweiz und in das Fürstentum Liechten-
stein, weil er sich weit über die Visumsgültigkeit illegal im Schengenraum
aufgehalten habe, wobei sein (schwedisches) Visum verfälscht gewesen
sei, würden den Beschwerdeführer nicht glaubwürdiger machen, zumal er
sich sowohl in Bezug auf das verfälschte schwedische Visum als auch auf
die Manipulationen in seinem aktuellen Reisepass ahnungslos gegeben
habe.
Zudem hätten die kosovarischen Strafverfolgungsbehörden sich dieses
Falles angenommen und eine Strafuntersuchung durchgeführt, respektive
würden sie eine solche noch immer durchführen. Dies sei ein klarer Beleg
dafür, dass der kosovarische Staat auch in diesem Fall schutzwillig und
schutzfähig sei. Und für den Fall, dass der Beschwerdegegner der Ansicht
sein sollte, dass die bereits in diesen Fall involvierte Polizei und Staatsan-
waltschaft ihre Aufgaben nicht in ausreichendem Masse wahrnehmen soll-
ten, so bestünde für ihn noch die Möglichkeit, sich in seiner Heimat an fol-
gende Ombudsstelle zu wenden: http://edrejtajem.org/en/ombudsman-
eng/. Allerdings gelte es jedoch zu beachten, dass es jenseits der reellen
Möglichkeiten der Behörden liege, im Voraus jegliches kriminelles Verhal-
ten von Drittpersonen zu unterbinden. Die Republik Kosovo sei von den
Experten des Schweizerischen Bundesrates zum «Safe Country» erklärt
worden, wobei die Voraussetzung zur Designation zum «Safe Country» die
Einhaltung strenge Kriterien unter anderem auch in Bezug auf die Men-
schenrechte seien. Im Übrigen habe der Beschwerdeführer die Situation
im Kosovo einseitig und ein paar – teilweise schon mehrere Jahre zurück-
liegende – Probleme aufgegriffen und dabei die positiven Entwicklungen
gerade auch in der jüngsten Zeit völlig ausser Acht gelassen, wie zum Bei-
spiel des Aufstiegs der oppositionellen Partei Vetevendosje und der Wahl
von Albin Kurti zum neuen Ministerpräsidenten. Schliesslich mache der Be-
schwerdeführer in Bezug auf den Wegweisungspunkt geltend, dass zuerst
ein «umfassendes» Arztzeugnis abgewartet werden solle und dass das
SEM auch die Frage des Zugangs zu den benötigten Behandlungen und
Medikamenten abklären solle. Es sei irritierenderweise auch ein Arztzeug-
nis vom 20. November 2019 eingereicht worden, dessen Einreichung beim
SEM zuvor versäumt worden sei. In Bezug auf die Medikation halte dieses
Arztzeugnis fest, dass der Beschwerdeführer erklärt habe, dass sein Schlaf
wieder einigermassen gut sei und dass das Medikament Rebalance (Jo-
hanniskraut) in Ordnung wäre. Als Bedarfsmedikation bei Angst- und Un-
ruhe sei ihm Temesta verschrieben worden. Im Arztzeugnis vom 24. Januar
2020 sei dem Arzt aufgefallen, dass der Beschwerdeführer die empfohlene
D-713/2020
Seite 13
Reserve-Medikation bei Angst- und Unruhe bei weitem nicht ausgeschöpft
habe. Im Arztzeugnis vom 31. Januar 2020 wurde festgehalten: «Aktuelle
Medikation: Keine Psychopharmaka, Reserve: Keine.» Da einerseits Jo-
hanniskraut wie auch Temesta problemlos erhältliche und zudem preis-
werte Medikamente seien und andererseits nach neuestem Stand dem Be-
schwerdeführer gar keine weiteren Medikamente verschrieben worden
seien, sei die Medikamenten-Frage somit hinreichend geklärt. Und im Zu-
sammenhang mit allfälligen weiteren Abklärungen in Sachen psychiatrisch-
psychotherapeutischer und intensivierter traumaspezifischer stationärer
Behandlung sei der Beschwerdeführer mit keinem Wort darauf eingegan-
gen, dass er selbst es gewesen sei, der am 30. Oktober 2019 den Termin
des Abklärungsgespräches nicht wahrgenommen habe und die von der
psychiatrischen Klinik (...) organisierte Anschlusslösung nicht befolgt habe.
Im Übrigen gelte es zu beachten, dass es in der Republik Kosovo Instituti-
onen gebe, die bestens eingerichtet seien und auch über reichhaltige Er-
fahrung in der Behandlung von posttraumatischen Behandlungsstörungen
verfügen würden. Zwei Beispiele von solchen Institutionen seien im Asyl-
entscheid angegeben worden. Die Beschwerde enthalte somit keine neuen
erheblichen Tatsachen oder Beweismittel, welche eine Änderung seines
Standpunktes rechtfertigen könnten.
5.4 In der Replik wurde das erste Hauptbegehren der Beschwerde durch
das folgende Begehren korrigiert: «Es sei die Flüchtlingseigenschaft des
Beschwerdeführers anzuerkennen und ihm Asyl zu gewähren.» Im Weite-
ren wird in der Replik und deren Ergänzung im Wesentlichen geltend ge-
macht, das SEM verletze die Begründungspflicht, indem es nicht darlege,
aufgrund welcher Aussagen und Beweise der Beschwerdeführer argumen-
tieren würde, dass er von Serben verfolgt werde. Bereits am Anfang der
Anhörung erkläre der Beschwerdeführer, dass er von verschiedenen Tä-
tern in Gefahr sei und dass er nach dem Anschlagsversuch gezwungen
gewesen sei, das Land zu verlassen. Später habe er als Grund für seine
Flucht aus dem Kosovo im Jahr 2011 wiederum nicht die Serben angege-
ben, sondern die Morde an Zeugen, die sich zu dieser Zeit in Kosovo er-
eignet hätten. Er habe auch erklärt, dass er zu dieser Zeit selbst bedroht
worden sei. Nirgendwo sei somit aus den Aussagen des Beschwerdefüh-
rers im Protokoll ersichtlich, dass er behaupte, explizit von den Serben zu
fliehen. Das SEM habe die Aussagen des Beschwerdeführers nicht korrekt
gewürdigt. Trotz anfänglicher Bedenken habe sich der Beschwerdeführer
dafür ausgesprochen über Personen, die der albanischen Guerilla ange-
hörten, zu sprechen. Dies sei ihm aber nicht gewährt worden. Dies stelle
D-713/2020
Seite 14
eine weitere Verletzung des rechtlichen Gehörs dar, da der Beschwerde-
führer sich über wichtige Sachverhaltselemente nicht habe aussprechen
können. Es sei zudem auf den Antrag der Rechtsvertretung, eine zweite
Anhörung durchzuführen, um dem Beschwerdeführer dazu Gelegenheit
zur Aussprache zu geben, nicht eingetreten worden. Auch nach der Anhö-
rung habe der Beschwerdeführer eine zweite Anhörung verlangt. Dies
werde auch aus dem beigelegten Konsultationsbericht vom 24. Januar
2020 ersichtlich, wo er dem Arzt ein Schreiben vorlege, in dem er Herrn
M._, der als SEM Fachmitarbeiter seine Anhörung geleitet habe,
darum bitte, dass ein erneutes Gespräch, nach Möglichkeit im Beisein ei-
nes Psychiaters stattfinde. Dieses Schreiben sei von der Rechtsvertretung
am 21. Januar 2020 ans SEM weitergeleitet worden. Es sei aber seitens
SEM ignoriert worden. Dem Antrag zu einer weiteren Anhörung habe der
Beschwerdeführer auch eine Sammlung von Berichten von Zeitungen an-
gehängt. Diese seien vom SEM ebenfalls ignoriert worden. Das SEM habe
somit den Sachverhalt unvollständig erstellt. Aus den eingereichten Zei-
tungsberichten werde ersichtlich wie auch die UÇK Zeugen von Kriegsver-
brechen oder allgemein ihre Gegner liquidiere. Insbesondere in der Stadt
E._, der Stadt aus dem der Beschwerdeführer komme, hätten sich
zahlreiche Tötungen nach dem Krieg ereignet. Aus einem Zeitungsbericht
vom 10. Januar 2019 werde ersichtlich, dass es in E._ seit der
Nachkriegszeit 115 Tötungen gegeben habe und die Staatsanwaltschaft
nun mit den Untersuchungen anfangen werde. Damit werde glaubhaft,
dass auch der Beschwerdeführer solche Vorladungen erhalten habe. Die
vom SEM als belanglos erachteten und vom Beschwerdeführer anlässlich
des Asylgesuchs beim SEM eingereichten Akten hätten zum Zeitpunkt der
Anhörung als nicht vorhanden gegolten. Als die Rechtsvertretung die Akten
nach langer Recherche habe ausfindig machen können und sie dem SEM
eingereicht habe und damit seinen Fehler des Abhandenkommens der Ak-
ten wiedergutgemacht habe, seien die Akten wiederum überhaupt nicht ge-
würdigt worden. Aus Sicht der Rechtsvertretung seien die Akten wichtig, da
sie zunächst zur Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers beitragen. Er sei
Zeitzeuge von Kriegsverbrechen zu Zeiten der serbischen Gräueltaten in
seinem Dorf gewesen. Der Beschwerdeführer habe erklärt, dass er sich
danach der UÇK angeschlossen habe. Es sei daher auch plausibel, wenn
er behaupte, dass er auch Zeuge von Verbrechen der UÇK geworden sei.
Darüber habe er in einer zweiten Anhörung berichten wollen. Es sei ihm
aber keine Gelegenheit dazu gegeben worden. Ausserdem wiederspreche
sich das SEM selbst, wenn es behaupte, dass die Zeit, wo die Serben seine
Familie umgebracht hätten, belanglos sei, aber der Fachspezialist von F62
bis F95 über drei Seiten lang Fragen über diese Zeit gestellt habe. Zudem
D-713/2020
Seite 15
sei es für die psychische Krankheit des Beschwerdeführers wichtig zu wis-
sen, woher seine Kriegstraumata herrühren würden. Das SEM begründe
die Unglaubhaftigkeit unter anderem damit, dass er keine Beweise vorle-
gen würde, die den Zusammenhang zwischen dem Attentatsversuch und
den Prozessen gegen kosovarische Kriegsverbrecher herstellen würden.
Der Beschwerdeführer müsse keine Beweise für seine Verfolgung vorle-
gen. Es genüge, wenn er die Voraussetzungen für die Flüchtlingseigen-
schaft glaubhaft mache. Der Beschwerdeführer habe trotzdem durch offi-
zielle Dokumente bewiesen, dass er Zeugenaussagen gegen Kriegsver-
brecher gemacht habe und dass kurz vor seiner letzten Flucht einen Atten-
tatsversuch auf ihn verübt worden sei. Er habe auch erklärt, dass er Kennt-
nisse von Verbrechen der UÇK habe, da er Teil der Befreiungsarmee ge-
wesen sei. Zudem sei in der Beschwerde eine umfassende Analyse der
Sicherheitslage von Zeuginnen von Kriegsverbrechen in Kosovo vorge-
nommen worden, woraus ersichtlich sei, dass deren Schutz ungenügend
sei. In Würdigung all dieser Umstände habe der Beschwerdeführer glaub-
haft gemacht, dass er aufgrund seiner Rolle als Zeuge von Kriegsverbre-
chen, die von beiden Kriegsparteien verübt worden seien, einem erhöhten
Verfolgungsrisiko ausgesetzt sei. Er sei seit zehn Jahren auf der Flucht. Er
habe zwar dabei keinen Antrag auf Asyl gestellt, aber er habe während
dieser Zeit in der Schweiz bis zu seiner Ausschaffung als Sans-Papier ge-
lebt und unter Gefahr seine Familie besucht. Als er ausgeschafft worden
sei, sei ein Attentat, das durch einen Polizeirapport ausführlich dokumen-
tiert sei, auf ihn verübt worden und er sei wieder gezwungen gewesen, zu
fliehen. Dass er dabei für die Einreise Papiere gefälscht haben soll oder
wieder illegal eigereist sei, mache ihn nicht weniger glaubwürdig, denn sein
Leben sei in Gefahr gewesen. Ob die Bedrohung für sein Leben von koso-
varischer oder serbischer Seite ausgehe, habe er auch nicht genau gesagt.
Er gehe aber davon aus, dass sie von Mitgliedern der ehemaligen kosovo-
albanischen Guerilla ausgehe. Mit Sicherheit wisse er nur, dass er seit sei-
nen Zeugenaussagen ständig bedroht und dass ein Attentatsversuch auf
ihn verübt worden sei. Zu den aktuellen Entwicklungen im Kosovo sei je-
doch zu sagen, dass diese Ereignisse keine positive Entwicklung bezüglich
Schutzfähigkeit darstellen würden, solange weiterhin Hashim Thaci als
Präsident des Kosovos fungiere. Dieser sei selbst ein wichtiges Mitglied
der UÇK gewesen und es sei mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszu-
gehen, dass er Untersuchungen gegen die UÇK behindern werde. Aus
dem eingereichten Artikel könne entnommen werden, dass gegen Thaci
schwerwiegende Vorwürfe bezüglich Kriegsverbrechen der UÇK erhoben
werden und dass es im Kosovo kein funktionierendes Zeugenschutzpro-
D-713/2020
Seite 16
gramm gebe. Es bleibe somit zu betonen, dass im Falle des Beschwerde-
führers die Regelvermutung der Bezeichnung des Kosovos als Safe
Country, dass eine asylrelevante staatliche Verfolgung nicht stattfinde und
der Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung gewährleistet sei, auf Grund
konkreter und substantiierter Hinweise widerlegt werden könne. Der Be-
schwerdeführer habe einen Termin am 30. Oktober 2019 in einer anderen
Klinik wahrgenommen, und zwar bei der (...). Im Titel des Kurzberichtes
dieser Klinik sei aufgeführt, dass sie den Beschwerdeführer am 30. Okto-
ber 2019 zur Erstkonsultation gesehen hätten. Es wäre die Aufgabe des
SEM gewesen aufzuklären, warum er ungewöhnlicherweise am selben Tag
zwei Termine in verschiedenen Kliniken gehabt habe, die dazu dienen soll-
ten, eine Anschlusslösung zu finden. Es könne daher dem Beschwerdefüh-
rer nicht vorgeworfen werden, er habe freiwillig Termine nicht wahrgenom-
men. Weiter stehe auf dem Titel des betreffenden Kurzberichts, dass der
Beschwerdeführer eine ambulante Behandlung am oben genannten Da-
tum hätte antreten sollen. Diese habe er in der Folge der Inhaftierung nicht
wahrnehmen können. Trotz des Asylgesuchs sei er wegen Verletzung des
Einreiseverbotes inhaftiert worden. Aus dem Kurzbericht gehe hervor, dass
eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung «dringend» indiziert
sei und bei Bedarf eine intensivierte traumaspezifische Behandlung hätte
durchgeführt werden sollen. Schon beim ersten Gespräch mit dem Be-
schwerdeführer habe somit die Klinik die Dringlichkeit einer intensiven psy-
chologischen Behandlung festgestellt. Stattdessen sei er in Haft gekom-
men. Nach seiner Verbüssung der Freiheitsstrafe sei er am 17. Februar
2020 in Ausschaffungshaft verlegt worden, wo er sich heute noch befinde.
Es sei daher nicht schwer vorstellbar, dass sich sein psychischer Zustand
unter diesen Umständen stark verschlechtert habe. Was die rechtliche Be-
urteilung des medizinischen Sachverhaltes betreffe, seien in der Klinik wei-
tere diagnostische Abklärungen geplant und die Notwendigkeit für eine un-
terstützende Psychopharmakatherapie sei noch zu prüfen gewesen. Diese
Behandlung wäre somit wichtig gewesen, um ein fachmännisches psychi-
atrisches Gutachten zu erstellen. Ohne eine gründliche Untersuchung sei
der Sachverhalt nicht erstellt und SEM habe damit seine Untersuchungs-
pflicht verletzt. Die drei Konsultationen im Gefängnis seien immer durch
den Beschwerdeführer initiiert worden und hätten sich auf die Bekämpfung
von Symptomen wie Schlafstörungen oder Stimmungsaufhellung kon-
zentriert. Daher könne diesen keine Diagnose seiner Krankheit entnom-
men werden und auch sie könnten nicht als Therapien betrachtet werden.
Die drei Konsultationen im Gefängnis würden somit nicht viel zur Erstellung
des medizinischen Sachverhaltes und den benötigten Medikamenten aus-
D-713/2020
Seite 17
sagen. Das SEM schreibe, dass es im Kosovo Institutionen gebe, die bes-
tens dafür eingerichtet seien und reichliche Erfahrung in der Behandlung
von posttraumatischen Behandlungsstörungen verfügen würden. Wo sich
diese befänden, werde aber nicht beantwortet. Die Kliniken, die das SEM
genannt habe, seien http://www.klinikaaura.com/ und die Universitätsklinik
Prishtina. Die erste sei eine private Klinik, die das SEM einfach zufällig er-
googelt habe und deren Preise für den Beschwerdeführer sicher nicht er-
schwinglich seien. Der beigelegten SFH-Bericht hebe unter anderem die
mangelnde Verfügbarkeit einer psychotherapeutischen Behandlung in der
Universitätsklinik in Prishtina aufgrund eines Mangels an entsprechend
ausgebildeten Fachpersonen im Bereich Psychotherapie hervor. Laut dem
(...)-Arztbericht vom 31. Januar 2020 sei eine psychiatrisch psychothera-
peutische Behandlung aber dringend indiziert.
6.
6.1 Das am 1. März 2019 neu in Kraft getretene schweizerische Asylver-
fahrensrecht zielt darauf ab, eine Mehrzahl der Asylverfahren im soge-
nannten beschleunigten Verfahren abzuwickeln. Charakteristisch für die-
ses Verfahren ist die Taktung der Verfahrensschritte: die Abklärung des
rechtserheblichen Sachverhalts, die Gewährung der Parteirechte und die
Abfassung und Eröffnung des erstinstanzlichen Asylentscheids folgen ei-
nem rechtssatzmässig genau vorgegebenen Zeitplan. Die Vorbereitungs-
phase ist gesetzlich in Art. 26 AsylG normiert. Sie dient der Vorinstanz
dazu, erste Abklärungen für den weiteren Verlauf des Asylverfahrens vor-
zunehmen und die weiteren Verfahrensschritte vorzubereiten. Konkret er-
hebt das SEM die Personalien, erstellt Fingerabdrücke und Fotographien.
Es kann weitere biometrische Daten erheben und Altersgutachten erstel-
len, Beweismittel, Reise- und Identitätspapiere überprüfen und herkunfts-
sowie identitätsspezifische Abklärungen treffen (Art. 26 Abs. 2 AsylG). In
die Vorbereitungsphase fällt auch die Feststellung des medizinischen
Sachverhalts (Art. 26a AsylG). Die Dauer der Vorbereitungsphase ist in
Art. 26 Abs. 1 AsylG festgelegt und beträgt im Dublin Verfahren höchstens
10 Tage, in den übrigen Verfahren höchstens 21 Tage.
Nach Abschluss der Vorbereitungsphase folgt das beschleunigte Verfahren
umgehend mit der Anhörung zu den Asylgründen oder der Gewährung des
rechtlichen Gehörs nach Art. 36 AsylG (Art. 26c AsylG). Im beschleunigten
Verfahren werden gemäss Art. 20c AsylV1 insbesondere folgende Verfah-
rensschritte vorgenommen: die Vorbereitung der Anhörung zu den Asyl-
gründen (Bst. a), die Anhörung zu den Asylgründen (Bst. b), die Triage, ob
die Fortführung im beschleunigten Verfahren erfolgt oder der Wechsel in
D-713/2020
Seite 18
das erweiterte (Bst. d), die Redaktion des Entscheidentwurfs (Bst. e), die
Stellungnahme der Rechtsvertretung zum Entwurf des ablehnenden Asyl-
entscheids (Bst. f); die Schlussredaktion und Eröffnung des Entscheids
(Bstn. g/h). Entscheide im beschleunigten Verfahren sind innerhalb von
acht Arbeitstagen nach Abschluss der Vorbereitungsphase zu treffen
(Art. 37 Abs. 2 AsylG). Ein beschleunigtes Verfahren sollte mithin gemäss
der gesetzlichen Konzeption innert maximal 31 (Kalender)Tagen
vorinstanzlich abgeschlossen sein (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsge-
richts E-5624/2019 vom 13. November 2019 E. 5.2.1).
6.2 Vorliegend wurde das Asylgesuch am 14. August 2019 gestellt und mit
Verfügung vom 30. Januar 2020 vorinstanzlich abgeschlossen – mithin
169 Tage nach der Asylgesuchstellung. Damit wurde die gesetzlich vorge-
sehene Zeitspanne von maximal 31 Tagen massiv überschritten. Die Über-
schreitung kann auch nicht mit der Inhaftierung des Beschwerdeführers er-
klärt werden, zumal der Beschwerdeführer erst am 22. November verhaftet
worden ist und demnach zu diesem Zeitpunkt das beschleunigte Verfahren
längst hätte abgeschlossen worden sein sollen. Im Übrigen erschliesst sich
aus den Akten nicht, warum mit der Anhörung bis Mitte Januar 2020 zuge-
wartet worden ist.
6.3 Zudem geht im Zusammenhang mit der Zuweisung der Rechtsvertre-
tung hervor, dass nach dem Transfer in das Bundesasylzentrum (...) am
15. November 2019, erst am Tag der Anhörung am 17. Januar 2020 eine
neue Rechtsvertretung zugewiesen worden ist. Dem Anhörungsprotokoll
ist zu entnehmen, dass der Rechtsvertreter im Zeitpunkt der Anhörung
keine Kenntnis des Sachverhalts hatte. Er stellte deshalb selber viele Fra-
gen, insbesondere auch hinsichtlich der Asylgründe (vgl. Akte 1048869-
29/21 [nachfolgend A29] F81, F104-111, F129 f., F150-153). Der Rechts-
vertreter antwortete dann auch am Ende der Anhörung auf die Frage, ob
es aus seiner Sicht noch Fragen oder Themenbereiche gebe, die noch
nicht angesprochen worden seien und für die Sachverhaltsfeststellung we-
sentlich seien, dass er keine Gelegenheit gehabt habe, die Akten zu stu-
dieren und er noch Zeit brauche, um mit der vorherigen Rechtsvertretung
in Kontakt zu kommen, um den Sachverhalt richtig abzuklären. Er bean-
trage daher, dass es eine zweite Anhörung gebe, um zu beurteilen, ob der
Fall im beschleunigten Verfahren behandelt werden könne. Das SEM er-
achtete jedoch den Sachverhalt als erstellt und lud den Rechtsvertreter zur
Stellungnahme ein. In seiner Stellungnahme vom 28. Januar 2020 schil-
dert der Rechtsvertreter, dass er vom Beschwerdeführer beim SEM einge-
D-713/2020
Seite 19
reichte Beweismittel, welche jedoch beim SEM nicht mehr auffindbar ge-
wesen seien, durch die ehemalige Rechtsvertretung in B._ habe
erhältlich machen können und beantragte, dass der Fall dem erweiterten
Verfahren zugewiesen werde. Angesichts dessen, dass nach der Einrei-
chung des Asylgesuchs und der Personalienaufnahme am 20. August
2019 monatelang mit der Durchführung der Anhörung zugewartet wurde,
schliesslich aber erst am Tag der Anhörung ein Rechtsvertreter zugewie-
sen wurde, der im Zeitpunkt der Anhörung weder den Sachverhalt kannte,
noch die eingereichten Beweismittel hat sichten können, hat das SEM es
dem Rechtsvertreter verunmöglicht, seine Pflicht zur Information und Be-
ratung (Art. 102k Abs. 1 Bst. k AsylG) des Beschwerdeführers wahrzuneh-
men.
6.4 Infolge der fehlenden Beratung und der Unkenntnis des Sachverhalts
fragte der Rechtsvertreter am Ende der Anhörung den Beschwerdeführer,
ob er noch im Zustand sei, weiterzumachen (Die Anhörung endete um
19:13 Uhr) und ob er, wenn er allenfalls zu einem zweiten Interview einge-
laden werden würde, bereit sei, zu Personen der UÇK oder FARK, von
denen er denke, dass sie eine Gefahr für ihn darstellen würden, konkrete
Angaben zu machen. Der Beschwerdeführer, welcher bereits mehrere
Male als Zeuge ausgesagt hat und die Folgen einer Zeugenaussage kennt,
meinte, nur wenn er die Sicherheit habe, dass seine Aussagen nicht nach
aussen gelangen würden, sei er bereit Namen und Fälle anzugeben. Dies
bestätigte er dem SEM sodann auch schriftlich im Schreiben, welches am
27. Januar 2020 beim SEM eingegangen ist. Angesichts dieser fehlenden
Sachverhaltselemente kann nicht abschliessend beurteilt werden, ob be-
reits das blosse Wissen des Beschwerdeführers über Verbrechen ehema-
liger UÇK und FARK Mitglieder, welche heute möglicherweise auch an der
Spitze des Staates agieren, im Zusammenhang mit der Aufnahme der Ar-
beit des Sondergerichts in H._, dazu führt, dass er im Kosovo einer
asylrelevanten Gefährdung ausgesetzt wäre. Insofern ist der Sachverhalt
nicht vollständig festgestellt.
6.5 Schliesslich wurden relevante Beweismittel, die der Beschwerdeführer
während dem erstinstanzlichen Verfahren zu den Akten gereicht hat, erst
nach Einreichung der Beschwerde, am 11. Februar 2020 zu den Akten ge-
nommen.
6.6 Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass durch die massive
zeitliche Überschreitung der gesetzlich vorgesehenen Fristen im beschleu-
D-713/2020
Seite 20
nigten Verfahren, der kurzfristigen Einsetzung eines neuen Rechtsvertre-
ters im Zeitpunkt der Anhörung, der nicht vollständigen Feststellung des
Sachverhalts im Zusammenhang mit dem Wissen des Beschwerdeführers
über allfällige Kriegsverbrechen von UÇK- und FARK-Mitgliedern und des
erst nach Beschwerdeeingang vervollständigten Aktenverzeichnisses mit
Beweismitteln, welche im erstinstanzlichen Verfahren eingereicht worden
sind, das SEM die Verfahrensrechte des Beschwerdeführers in mehrfacher
Weise verletzt hat. Die Frage, inwieweit das SEM ein Asylverfahren über-
haupt noch zulässigerweise im beschleunigten Verfahren gemäss Art. 26c
AsylG abschliessen kann, wenn die 140-tägige Frist (für die Durchführung
der erst- und zweitinstanzlichen Asylverfahren sowie des Vollzugsverfah-
rens) bereits abgelaufen ist, kann unter diesen Umständen offenbleiben.
7.
Gemäss Art. 61 Abs. 1 VwVG entscheidet das Bundesverwaltungsgericht
in der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen
Weisungen an die Vorinstanz zurück. Im vorliegenden Fall ist die Sache an
die Vorinstanz zurückzuweisen, zumal die Erstellung des Sachverhalts
weiterer Abklärungen bedarf und die oben genannten weiteren Untersu-
chungsmassnahmen den Rahmen des Beschwerdeverfahrens sprengen
würden. Dies rechtfertigt sich umso mehr, als vorliegend aufgrund einer
falschen Triage erstinstanzlich ein beschleunigtes Verfahren durchgeführt
wurde, was offensichtlich nicht sachgerecht ist. Dem Beschwerdeführer
bleibt auf diese Weise zudem der Instanzenzug erhalten, was umso wich-
tiger ist, als im Asylverfahren das Bundesverwaltungsgericht letztinstanz-
lich entscheidet (vgl. dazu BVGE 2009/53 E. 7.3, 2008/47 E. 3.3.4,
2008/14 E. 4.1).
8.
Nach dem Gesagten ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit auf diese
einzutreten ist. Die vorinstanzliche Verfügung vom 30. Januar 2020 ist auf-
zuheben und die Sache zur vollständigen und richtigen Sachverhaltsermitt-
lung und Neubeurteilung an das SEM zurückzuweisen.
9.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben (Art. 63
Abs. 1 und 2 VwVG). Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen
Rechtspflege und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses
werden damit gegenstandslos.
(Dispositiv nächste Seite)
D-713/2020
Seite 21