Decision ID: 5c6597c6-53e1-4cb3-b2a2-12d1d81d8360
Year: 2008
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_002
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhaltsabklärung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Zur Begründung
wurde im Wesentlichen vorgebracht, dass es sich beim Versicherten um einen
äusserst versierten, gut trainierten und Kampf erfahrenen Athleten (seit 18
Jahren Judoka; DAN-Träger/Judo-Instruktor; ausgebildeter Leiter Jugend &
Sport) handle, dessen Beurteilung bezüglich Wurftechnik grosses Gewicht
und hohe Glaubwürdigkeit beizumessen sei. Bei genauer Befragung des
Unfallhergangs hätte sich ergeben, dass der Werfende damals eine
Sportregelwidrigkeit bei der Ausübung des Wurfes begangen hätte, die innert
Sekundenbruchteilen beim Geworfenen (Versicherter) zur Auskugelung der
rechten Schulter geführt und von diesem trotz korrekter Falltechnik nicht mehr
hätte verhindert werden können. Soweit die Vorinstanz ausschliesslich auf
den Unfallhergang im Hausarztbericht vom Dez. 2007 bzw. im eigenen
Fragebogen vom Januar 2008 abgestellt habe und dabei von „spontanen
Aussagen der ersten Stunde“ mit erhöhter Beweiskraft gesprochen habe,
habe sie offenkundig übersehen, dass zwischen dem Sportunfall im August
2007 und jenen Berichten Ende 07/Anfangs 08 bereits mehrere Monate
verstrichen seien, weshalb jenen Aussagen kein höheres Gewicht als den
kurz darauf im Einsprache- und Beschwerdeverfahren gemachten
Präzisierungen zukommen könnte. Die unsachgemäss angewendete
Wurftechnik (des Werfers) sei vorliegend eindeutig kausal für die
Schulterverletzung des Geworfenen (Versicherter) gewesen, da es sich beim
fraglichen Schulterwurf letztlich um eine programmwidrige und deshalb nicht
vorhersehbare äussere Einwirkung gehandelt habe, welche den Begriff des
Unfalls nach Art. 4 ATSG zweifelsfrei erfüllt habe. Selbst wenn man dazu aber
anderer Meinung wäre, müsste eine Leistungspflicht nach Art. 9 Abs. 2 UVV
(unfallähnliche Körperschädigung) bejaht werden, da konkret eine
Verrenkung des Gelenkes laut lit. b) stattgefunden habe.
3. In der Beschwerdeantwort beantragte die Vorinstanz kostenfällige Abweisung
der Beschwerde und Bestätigung des angefochtenen Entscheides. Den
Einwänden und Vorbringen des Beschwerdeführers hielt sie hauptsächlich
entgegen, dass die ersten schriftlichen und telefonischen Aussagen von Ende
07/Anfangs 08 zum Unfallhergang unmissverständlich und von späteren (rein
versicherungsrechtlichen Überlegungen) völlig frei und somit unverfälscht
gewesen seien. Hiernach hätte sich aber weder etwas Aussergewöhnliches
noch Programmwidriges ereignet, was die Schulterverletzung beim
durchtrainierten und in diesem Kampfsport sehr geübten Versicherten hätte
plausibel erklären können. Bei unkoordinierten Bewegungen könne die
Ungewöhnlichkeit im Sinne des Unfallbegriffs nur dann bejaht werden, falls
der normale Bewegungsablauf durch etwas Besonderes unterbrochen bzw.
gestört würde. Bei Sportaktivitäten sei dies nur der Fall, falls die Übung anders
verliefe als geplant. Wenn sich hingegen nur das der Kampfsportart stets
inhärente Verletzungsrisiko verwirkliche, liege noch kein Unfall im Sinne von
Art. 4 ATSG vor. Dies gelte sogar dann, falls eine Sportübung zwar nicht ideal
verlaufen sei, die Art der Ausübung sich aber immer noch in der Spannbreite
des Üblichen bewegt habe. Im Judo würden Würfe naturgemäss „grob“
angesetzt, weil der Gegner sonst gar nicht umfallen würde. Jeder Kämpfer
müsse darum jederzeit auch mit nicht ideal verlaufenden Würfen/Handgriffen
rechnen. Dass damals nichts Aussergewöhnliches passiert sei, habe der
Beschwerdeführer noch selbst fünf Monate später im Fragebogen vom Januar
2008 bestätigt, indem er dort kurz und bündig die entsprechende Frage noch
verneint habe. Auch im Februar 2008 habe er dies nochmals explizit am
Telefon bestätigt. Hätte er den Judovorfall im August 2007 anders erlebt oder
ausführlicher beschreiben wollen, hätte er schon damals die leere Hinterseite
des Formulars oder sonst ein eigenes Zusatzblatt dafür verwenden können.
Die erst im Einsprache- und Beschwerdeverfahren (neu) vorgebrachten
Sachverhaltsschilderungen seien darum wenig glaubwürdig und kämen der
Realität wohl niemals so nahe wie die ersten Angaben nach dem Vorfall bzw.
vor Einleitung des Rechtsstreites. In Würdigung aller Umstände sei daher mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Wurf damals
korrekt abgelaufen sei. Damit habe es aber eben auch an einem
ungewöhnlichen Ereignis gefehlt, weshalb keine Leistungen aus UVG
erbracht werden könnten. Dass keine Listenverletzung im Sinne von Art. 9
Abs. 2 lit. b UVV vorliege, sei aktenkundig, da blosse „Subluxationen“ das
Kriterium einer Verrenkung (noch) nicht erfüllten. Auch die diagnostizierte
„Verstauchung/Distorsion“ stelle medizinisch keine Verrenkung eines
Gelenkes dar, womit auch von daher keine Leistungspflicht bestanden habe.
4. Ein zweiter Schriftenwechsel (mit Replik vom 27.06.2008 und Duplik vom
11.07.2008) brachte für das Gericht keine wesentlichen neuen
Gesichtspunkte hervor, vertieften und ergänzten die Parteien darin doch
nochmals ihre gegensätzlichen Ausführungen bezüglich des genauen
Sachverhalts in der Judo-Sporthalle am Abend des 21.08.2007 sowie der
rechtlich daraus gezogenen Würdigung des Vorliegens bzw. Verneinens
eines Unfalls im Sinne der höchstrichterlichen Rechtsprechung bei
Sportverletzungen.

Das Gericht zieht in Erwägung:
1. Gemäss der Legaldefinition im Sinne von Art. 4 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) versteht
man unter einem „Unfall“, die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende
Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen
Körper, welche eine Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen
Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. Laut Art. 9 Abs. 2 der
Unfallversicherungsverordnung (UVV; SR 832.202) werden die als
unfallähnliche Körperschädigungen unter lit. a-h abschliessend aufgezählten
Schäden (auch ohne ungewöhnliche äussere Einwirkung)
versicherungsrechtlich den Unfällen gleichgestellt. Vorliegend ist strittig
geblieben, ob die Vorinstanz zu Recht einen ungewöhnlichen äusseren Faktor
im Sinne des Unfallbegriffs nach Art. 4 ATSG bzw. eine Verrenkung von
Gelenken im Sinne von Art. 9 Abs. 2 lit. b verneinte und deshalb die
Gewährung von Versicherungsleistungen aus UVG infolge Sportverletzung
am 21.08.2007 (missglückter Judo-Schulterüberwurf) berechtigterweise
ablehnte.
2. a) Nach der ständigen Lehre und Rechtsprechung des Bundesgerichts kann das
Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors in einer unkoordinierten
Bewegung (RKUV 2000 Nr. U 368 S. 100 E. 2d mit Hinweisen; Maurer,
Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, S. 176 f.) bestehen. Bei
Körperbewegungen gilt der Grundsatz, dass das Erfordernis der äusseren
Einwirkung bloss dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter
Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam
„programmwidrig“ beeinflusst hat. Bei einer derart unkoordinierten Bewegung
ist der ungewöhnliche äussere Faktor zu bejahen; denn der äussere Faktor –
Veränderung zwischen Körper und Aussenwelt – ist wegen der erwähnten
Programmwidrigkeit zugleich ein ungewöhnlicher Faktor (RKUV 1996 Nr. U
253 S. 204 E. 4c, 1994 Nr. U 180 S. 38 E. 2 mit Hinweisen;
Bundesgerichtsurteil [U 322/02] vom 07.10.2003 E. 2.2; ferner: Adrian von
Känel, Unfall am Arbeitsplatz, in: Münch/Geiser [Hrsg.], Handbücher für die
Anwaltspraxis, Bd. V, Schaden/Haftung/Versicherung, Basel 1999, S. 584 f.).
Ohne besonderes Vorkommnis ist bei einer Sportverletzung das Merkmal der
Ungewöhnlichkeit und demnach das Vorliegen eines Unfalls zu verneinen
(vgl. dazu: BGE 130 V 117 ff. mit zahlreichen Beispielen aus der Praxis für die
Bejahung oder Verneinung der versicherungsrelevanten
Programmwidrigkeit). In Erwägung 2.2.6 wurde dabei ein Fall eines
Versicherten geschildert, der „beim Jiu-Jitsu Training eine
Halswirbeldistorsion“ erlitten hatte. Der Versicherte habe ausgesagt, dass er
beim Bodenkampf unter seinen Trainingspartner geraten sei und versucht
habe, diesen nach oben zu drücken, um sich von ihm zu lösen. Durch jene
Bewegung sei ein grosser Druck auf sein Genick entstanden, sodass der Kopf
nach vorne eingenickt sei, was zur Stauchung und Quetschung der HWS
geführt habe. Das Bundesgericht kam dann zum Schluss, dass das vom
Versicherten ausgeübte Genickdrücken nach oben keine unkoordinierte
Bewegung darstelle, weil der äussere Bewegungsablauf hier nicht durch
etwas Programmwidriges gestört worden sei, woraus eine unphysiologische
Beanspruchung einzelner Körperteile hätte resultieren können. Verneint
wurde das Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors ebenso in
Erwägung 2.2.7 bei einer Versicherten, die (nach ihren Aussagen der ersten
Stunde) „ohne besondere Vorkommnisse einen Rückwärtspurzelbaum“
ausführte und sich dabei im Nacken-/Schulterbereich verletzt hatte. Zu den
sog. unfallähnlichen Verletzungen wurde im Bundesgerichtsurteil [U 71, U 72
/07] vom 15.06.2007 E. 6.3.2 explizit festgehalten, dass von Art. 9 Abs. 2 lit.
b UVV nur eigentliche Gelenksverletzungen (Luxationen), nicht jedoch auch
unvollständige Verrenkungen (Subluxationen) oder Distorsionen - welche
durch gewaltsame übermässige Bewegungen (Reissen) zu einer Zerrung der
Bänder der Gelenkskapseln (wie z.B. bei sekundenschnellem Auskugeln und
Wiedereinrenken des Schultergelenks) führten - erfasst würden.
b) Im Lichte dieser Vorgaben ist das Gericht im konkreten Fall zur Überzeugung
gelangt, dass ursächlich vom Sachverhalt bzw. der Schilderung der
Bewegungsabläufe in der Judo-Sporthalle am Abend des 21.08.2007
auszugehen ist, wie sie der Versicherte sowohl seinem Hausarzt im
Dezember 2007 als auch dem Unfallversicherer schriftlich mit Formular von
Mitte Januar 2008 sowie telefonisch nochmals im Februar 2008 geschildert
und bestätigt hatte, wonach der massgebliche Übungswurf ganz normal
abgelaufen und dabei nichts Aussergewöhnliches vorgefallen sei. Diesen
Angaben in den ersten paar Monaten nach dem Ereignis im August 2007 ist
ein höheres Gewicht beizumessen, als der erst später - im Zuge des einzig
noch auf UVG-Leistungen ausgerichteten Einsprache- und
Beschwerdeverfahrens – „präzisierten“ Sachverhalts, wonach der Werfende
damals judotechnisch eine Sportregelwidrigkeit gegenüber dem Geworfenen
(Beschwerdeführer) begangen habe, die dann völlig unerwartet und absolut
unvorhersehbar zur erlittenen Schulterverletzung [Sportunfall] beim
durchtrainierten und Kampf erprobten Beschwerdeführer geführt habe. Die
unsachgemässe Wurfauslösung des Trainingspartners und die erst dadurch
entstandenen (programmwidrigen) Bewegungsabläufe in der Flugphase – mit
unvermeidbarer und unverschuldeter Auskugelung der Schulter rechts trotz
eigener einwandfreier Falltechnik beim Bodenaufprall – sei demnach die
kausale Ursache für seinen Sportunfall gewesen und hätte daher auch als
„Aussergewöhnlich“ im Sinne von Art. 4 ATSG taxiert werden müssen. Jener
modifizierten Sachverhaltsdarstellung kann sich das Gericht nicht
anschliessen, da es dem Beschwerdeführer bereits anlässlich der Ausfüllung
des entsprechenden Formulars über den genauen Unfallhergang im Januar
2008 möglich und zumutbar gewesen wäre, sich bei Vorliegens besonderer
Vorkommnisse im August 2007 nicht nur mit 3 Zeilen zufrieden zu geben
(Auskunft auf Beiblatt). Dies geschah aber - selbst nach telefonischer An-
/Rückfrage im Februar 2008 – bis dahin nicht, weshalb die „neuen Vorbringen“
seither als reine Schutzbehauptungen zu werten sind.
c) Trotz des gesteigerten Unfallrisikos bzw. dem erhöhten Gefahrenpotential „bei
Kampf- und Bewegungssportarten auf körperbetonte Gegenseitigkeit“ kann
hier auch nicht von unfallähnlichen Verletzungen im Sinne von Art. 9 Abs. 2
lit. a-h UVV die Rede sein, die eine Leistungspflicht aus UVG unter jenem
Rechtstitel zu begründen vermocht hätten. Wie im Attest des Hausarztes Dr.
Peng vom 16.12.2007 unwiderlegt festgehalten wurde, erlitt der Versicherte
rund vier Monate zuvor in der Judo-Halle am 21.08.2007 eine
Schulterdistorsion mit Verdacht auf eine Stellung nach Subluxation rechts. Ein
versicherungsrelevanter Pflichtfall nach Art. 9 Abs. 2 lit. b UVV (Verrenkungen
von Gelenken) wurde von der Vorinstanz damit aber ebenfalls zu Recht
verneint, da die geforderte Intensität für die Anerkennung einer
unfallähnlichen Körperschädigung durch die erlittene Schultersubluxation aus
gesundheitlicher Sicht damals klarerweise noch nicht erreicht wurde.
d) Daraus folgt, dass die Vorinstanz zu Recht festhielt, dass der vom
Versicherten zunächst selbst mehrmals geschilderte Sachverhalt nicht
genüge, um das Merkmal der Ungewöhnlichkeit als erfüllt zu betrachten.
Anders wäre zu entscheiden gewesen, falls auf die Schilderung des
Sachverhalts im Einsprache- und Beschwerdeverfahren abgestellt worden
wäre. Hier bleiben in tatsächlicher Hinsicht aber die erwähnten ursprünglichen
Aussagen des Versicherten massgebend, die keineswegs mit den
Gegebenheiten und Abläufen der zur Diskussion stehenden
Verteidigungssportart (Judo) unvereinbar sind und die durchaus wegen des
enormen, aber nicht ungewöhnlichen Krafteinsatzes (inkl. Schnelligkeit der
dafür nötigen Körperdrehung; Überraschungseffekt) die erlittene
Sportverletzung schlüssig erklären. Folglich konnte weder das Bestehen
eines Unfalls (Art. 4 ATSG) noch einer unfallähnlichen Körperschädigung (Art.
9 UVV) bejaht werden.
3. a) Der angefochtene Entscheid vom März 2008 ist demnach rechtens, was zu
seiner Bestätigung und zur Abweisung der Beschwerde führt.
b) Gerichtskosten werden nicht erhoben, da das kantonale
Beschwerdeverfahren nach Art. 61 lit. a ATSG kostenlos ist. Auf die
Zusprechung einer aussergerichtlichen Entschädigung an die Vorinstanz wird
praxisgemäss verzichtet, da sie als Unfallversicherer eindeutig eine öffentlich-
rechtliche Aufgabe wahrnahm, was eine gesonderte Entschädigung zum
vornherein ausschliesst (Umkehrschluss aus Art. 61 lit. g ATSG).