Decision ID: eeb4bba9-d9d0-4cf0-bc63-cc8689178d0a
Year: 2017
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_003
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. A._ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) wird seit dem 24. Oktober 2014 vom
Flüchtlingssozialdienst X. (nachfolgend: Vorinstanz) unterstützt. Am 10. August 2016 erteilte
die Vorinstanz dem Verein Sozialinspektion des Kantons Bern den Auftrag, abzuklären, ob die
Beschwerdeführerin erwerbstätig ist oder andere Einnahmen erzielt, die sie bei der Vorinstanz
nicht deklariert hat. Als Hauptindizien für den Verdacht der nicht bekannt gegebenen Erwerbs-
tätigkeit oder anderer nicht deklarierter Einnahmen gab die Vorinstanz insbesondere das Vor-
handensein eines eingelösten Autos auf den Namen der Beschwerdeführerin sowie auffällige
http://www.gef.be.ch/
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 2 von 14
Transaktionen auf deren Konto an. 1 Anlässlich eines Gesprächs am 15. September 2016 legte
die zuständige Sozialarbeiterin der Beschwerdeführerin zwecks Überprüfung ihrer finanziellen
Situation ungefähr 15 Bankvollmachten zur Unterschrift vor. 2 Die Beschwerdeführerin unter-
schrieb die Vollmachten bis zum nächsten Gespräch am 21. September 2016 nicht und brach-
te in diesem Gespräch vor, sie habe diesbezüglich noch Fragen. 3 Am 23. September 2016
fand erneut ein Gespräch zwischen der zuständigen Sozialinspektorin und der Beschwerde-
führerin statt, in dem erstere letzterer die zu unterschreibenden Bankvollmachten übersetzte
und erklärte. 4
2. Da die Beschwerdeführerin auch nach den Ausführungen der Sozialinspektorin nicht
bereit war, die Bankvollmachten zu unterzeichnen, forderte die Vorinstanz die Beschwerde-
führerin mit Weisung vom 28. September 2016 auf, alle Bankvollmachten bis am 5. Oktober
2016 unterschrieben zu retournieren. 5 Mit Mahnung vom 11. Oktober 2016 wurde die Be-
schwerdeführerin unter Fristansetzung bis am 19. Oktober 2016 erneut zur Unterschrift der
Vollmachten aufgefordert. Zugleich wurde ihr die Möglichkeit gegeben, im Unterlassungsfall
eine schriftliche oder mündliche Erklärung abzugeben, weshalb die Bankvollmachten nicht
eingereicht werden können. 6 Am 19. Oktober 2016 teilte die Beschwerdeführerin der zustän-
digen Sozialarbeiterin mit, sie habe alle Bankvollmachten unterschrieben, mit Ausnahme ei-
nes Exemplars, bezüglich dessen sie einen Termin wünsche. 7 In der Gesprächsnotiz vom 26.
Oktober 2016 hielt die zuständige Sozialarbeiterin fest, sie habe der Beschwerdeführerin zwei
Termine angeboten, diese habe aber davon einen nicht wahrnehmen können, sich bezüglich
des zweiten nicht mehr gemeldet und sei schlussendlich auch zu diesem nicht erschienen. 8
3. Mit Verfügung vom 27. Oktober 2016 ordnete die Vorinstanz daraufhin die Kürzung
des Anteils des Grundbedarfs der Beschwerdeführerin ab Budget November 2016 um
15 Prozent (CHF 146.55) für eine Dauer von sechs Monaten und die Nichtgewährung der In-
tegrationszulage von CHF 100.00 an.
4. In der am 20. November 2016 bei der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kan-
tons Bern (GEF) erhobenen Beschwerde beantragt die Beschwerdeführerin sinngemäss die
Aufhebung und Überprüfung der Verfügung der Vorinstanz.
1 vgl. unpaginierte Vorakten, Inspektionsauftrag an den Verein Sozialinspektion vom 10. August 2016
2 vgl. unpaginierte Vorakten, Gesprächsnotiz vom 15. September 2016
3 vgl. unpaginierte Vorakten, Gesprächsnotiz vom 21. September 2016
4 vgl. Verfügung vom 27. Oktober 2016 sowie Beschwerde vom 20. November 2016
5 vgl. unpaginierte Vorakten, Weisung der Vorinstanz vom 28. September 2016
6 vgl. unpaginierte Vorakten, Mahnung betreffend Weisung vom 28. September 2016 der Vorinstanz vom
11. Oktober 2016 7 vgl. unpaginierte Vorakten, Gesprächsnotiz vom 19. Oktober 2016
8 vgl. unpaginierte Vorakten, Gesprächsnotiz vom 26. Oktober 2016
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 3 von 14
5. Mit Verfügung vom 28. November 2016 wurde die Beschwerdeführerin mit Verweis auf
Art. 32 Abs. 2 VRPG 9 aufgefordert, die angefochtene Verfügung der Vorinstanz bis zum
16. Dezember 2016 einzureichen. Dieser Aufforderung kam die Beschwerdeführerin innert der
gesetzten Frist nach.
6. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die GEF leitet, 10
holte die
Vorakten ein und führte den Schriftenwechsel durch. Die Vorinstanz beantragt in ihrer Be-
schwerdevernehmlassung vom 15. Dezember 2016 sinngemäss die Abweisung der Be-
schwerde.
7. Mit Replik vom 14. Januar 2017 beantragt die Beschwerdeführerin erneut sinngemäss
die Aufhebung der Verfügung. Sodann wiederholt sie mit Schreiben vom 20. Februar 2017
und 25. März 2017, weshalb sie die angeordnete Sanktion als unrechtmässig erachtet.
Auf die Rechtsschriften und Akten wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfol-

genden Erwägungen eingegangen.
II. Erwägungen
1. Sachurteilsvoraussetzungen
1.1 Angefochten ist eine Verfügung der Vorinstanz. Diese ist gestützt auf einen Leistungs-
vertrag mit der GEF im Rahmen der ihr übertragenen Kompetenzen verfügungsberechtigt (Art.
46c SHG 11
). Die GEF ist als in der Sache zuständige Direktion für die Beurteilung der Be-
schwerde zuständig (Art. 62 Abs. 1 VRPG).
1.2 Die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der Verfügung ohne Weiteres zur Be-
schwerdeführung befugt (Art. 10 SHG i.V.m. Art. 65 VRPG).
1.3 Auf die gemäss Art. 67 VRPG fristgerecht eingereichte und verbesserte Beschwerde
ist somit einzutreten.
1.4 Die GEF prüft, ob die Vorinstanz von einer unrichtigen oder unvollständigen Feststel-
lung des Sachverhalts ausgegangen ist, ob sie Recht verletzt hat (einschliesslich allfälliger
9 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21)
10 Art. 10 der Verordnung vom 29. November 2000 über die Organisation und die Aufgaben der Gesundheits- und
Fürsorgedirektion (Organisationsverordnung GEF, OrV GEF; BSG 152.221.121) 11
Gesetz vom 11. Juni 2001 über die öffentliche Sozialhilfe (Sozialhilfegesetz, SHG; BSG 860.1)
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 4 von 14
Rechtsfehler bei der Ausübung des Ermessens) und ob die angefochtene Verfügung unan-
gemessen ist (Art. 66 VRPG). Der GEF steht somit volle Kognition zu.
2. Argumentation der Verfahrensbeteiligten
2.1 Die Vorinstanz stellt in ihrer Verfügung vom 27. Oktober 2016 fest, insbesondere we-
gen auffälliger Transaktionen bestehe erheblicher Verdacht, dass die Beschwerdeführerin
über finanzielle Mittel verfüge, die sie nicht offengelegt habe. Aus diesem Grund sei die Be-
schwerdeführerin zur Unterschrift diverser Bankvollmachten aufgefordert worden; infolge der
Weigerung der Beschwerdeführerin, dieser Aufforderung nachzukommen, sei sodann eine
entsprechende Weisung ergangen. Die Vorinstanz bringt weiter vor, die Verwendung von
Bankvollmachten stelle beim Vorliegen konkreter Verdachtsmomente eine übliche Vorge-
hensweise dar. Insbesondere könnten auch Einkommen durch eine illegale Erwerbstätigkeit
generiert werden, sodass keine Sozialversicherungsabzüge geleistet werden müssten; dem-
entsprechend wären auch keine Einzahlungen bei der AHV verbucht. Es bestehe nach wie
vor der Verdacht, dass die Beschwerdeführerin über weitere finanzielle Mittel verfüge, die
nicht deklariert und möglicherweise auf einem anderen Bankkonto deponiert worden seien.
Die Beschwerdeführerin sei zudem nicht zu den im Anschluss an die Mahnung der Vorinstanz
angebotenen Terminen erschienen. Die folgende Einwilligung der Beschwerdeführerin, alle
Bankvollmachten mit Ausnahme jener der UBS zu unterschreiben, genüge nicht, da zwingend
alle Bankvollmachten benötigt würden, damit sich die Vorinstanz ein vollständiges Bild der
finanziellen Situation machen könne. Das Nichteinreichen dieser einen Vollmacht erhärte den
Verdacht der Vorinstanz. Die Nichteinreichung der Bankvollmacht der UBS stelle eine Pflicht-
verletzung im Sinne von Art. 36 Abs. 1 SHG dar. Gestützt auf Art. 28 und 36 SHG sowie Kapi-
tel A.8.3 der SKOS-Richtlinien 12
werde deshalb eine Leistungskürzung im Sinne einer Sankti-
on ausgesprochen:
Gegen die Beschwerdeführerin werde zum ersten Mal eine Sanktion verfügt; dies rechtfertige
eine relativ milde Sanktionierung der Pflichtverletzung, obwohl das Fehlverhalten als grob
eingestuft werde. Eine Teil- oder vollständige Einstellung der Sozialhilfeleistungen wäre zum
aktuellen Zeitpunkt nicht gerechtfertigt, da aufgrund des aktuellen Wissensstandes nicht aus-
geschlossen werden könne, dass die Beschwerdeführerin zumindest teilbedürftig sei. Aus
diesem Grund werde im Moment darauf verzichtet, die Sozialhilfe teilweise oder vollständig
einzustellen.
12 Richtlinien für die Ausgestaltung und Bemessung der Sozialhilfe der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe
(SKOS-Richtlinien)
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 5 von 14
2.2 Die Beschwerdeführerin bringt mit Beschwerde vom 20. November 2016 vor, sie habe
durch intensives Sparen und die Aufnahme eines Kredits ein kleines Auto kaufen können.
Ausserdem habe sie am 1. November 2016 eine neue Stelle antreten können. Die Vorinstanz
gehe wohl davon aus, dass sie einer illegalen Tätigkeit nachgehe und deshalb über mehr
Geld verfüge. Sie sei deshalb aufgefordert worden, etwa 16 Bankvollmachten zu unterschrei-
ben. Dabei hätten die zuständige Sozialarbeiterin und Inspektorin ihr mitgeteilt, sie habe das
Recht, die Unterschrift zu verweigern. Aufgrund ihrer begrenzten Deutschkenntnisse habe sie
um einen Termin zwecks Übersetzung und Erklärung der Vollmachten gebeten. Anlässlich
dieser Besprechung habe die Inspektorin ihr geholfen, die Vollmachten zu verstehen und ihr
erneut gesagt, sie könne die Unterschrift erteilen oder verweigern, aber sie wisse nicht, wel-
che Konsequenzen eine Verweigerung im Verhältnis zur Vorinstanz zur Folge hätte. Die Be-
schwerdeführerin erklärt weiter, sie habe es bevorzugt, die erforderlichen Informationen bei
der UBS selbst einzuholen und diese an die Vorinstanz weiterzuleiten. Sie habe der zuständi-
gen Sozialarbeiterin diesbezüglich am 19. Oktober 2016 eine E-Mail geschickt, diese sei aber
aufgrund der Abwesenheit der Sozialarbeiterin nicht gelesen worden. Die Sozialarbeiterin ha-
be sich erst am 26. Oktober 2016 wieder mit ihr in Verbindung gesetzt, wobei sie sich nicht
auf einen Termin hätten einigen können. Am Tag darauf habe sie bereits die Verfügung der
Vorinstanz erhalten. Nach Ansicht der Beschwerdeführerin müsste die Vorinstanz die Voll-
machten direkt bei der Beschwerdeinstanz oder beim „Bundesamt“ einholen, wenn die Unter-
schrift derselben tatsächlich obligatorisch sein sollte. Die Vorinstanz verstosse gegen schwei-
zerisches Recht, wenn sie die betroffenen Personen zur Unterschrift der Vollmachten ver-
pflichte. Die Beschwerdeführerin hält weiter fest, für sie sei nicht nachvollziehbar, dass sie
unter Verdacht stehe, obwohl sie sich sehr um eine rasche Integration bemüht habe. Ab-
schliessend gibt sie an, eine Kürzung von insgesamt CHF 246.55 auf CHF 877.30 für die
Dauer von sechs Monaten sei für sie sehr einschneidend und das Verlangen der Unterschrift
zur Erlangung von persönlichen Informationen sei rechtswidrig und ärgerlich.
2.3 In ihrer Beschwerdevernehmlassung vom 15. Dezember 2016 befindet die Vorinstanz,
die Beschwerdeführerin bringe in ihrer Beschwerde keine neuen relevanten Gründe vor, so-
dass an der angefochtenen Verfügung vollumfänglich festgehalten werde. Die Vorinstanz führt
anschliessend aus, die Sozialinspektion sei beauftragt worden, weil sich die Beschwerdefüh-
rerin bezüglich des Autobesitzes und Lernfahrausweises in Ungereimtheiten verwickelt habe.
Es habe mehrere Indizien gegeben, welche die Vorinstanz an der finanziellen Situation und
der Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin zweifeln liessen. Die Vorinstanz verweist dabei auf
den Inspektionsauftrag vom 10. August 2016, in dem die Verdachtslage festgehalten ist. Die
Bankenvollmachten der Beschwerdeführerin seien Mitte September 2016 erstmals angefor-
dert worden; danach seien der Beschwerdeführerin mehrere Chancen gegeben worden, diese
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 6 von 14
unterschrieben einzureichen. Leider habe die Beschwerdeführerin diese nicht wahrgenommen
und die letzte Bankenvollmacht der Raiffeisenbank sei erst am 22. November 2016, also mehr
als zwei Monate nach der ersten Aufforderung bei der Vorinstanz eingetroffen. Allgemein sei
die Zusammenarbeit mit der Beschwerdeführerin eher schwierig, da sie oft nur zögerlich Aus-
künfte gebe. Aufgrund des Verhaltens der Beschwerdeführerin hätten die genauen finanziel-
len Verhältnisse nach wie vor nicht abgeklärt werden können. Dies sei aber unabdingbare
Voraussetzung, um den Anspruch auf Sozialhilfe abzuklären. Die Vorinstanz gehe von einer
schweren Pflichtverletzung aus, weshalb als Sanktionsmassnahme eine fünfzehnprozentige
Kürzung des Grundbedarfs und die Nichtgewährung der Integrationszulage für die Dauer von
6 Monaten als verhältnismässig und angemessen eingeschätzt werde.
2.4 In ihrer Replik vom 14. Januar 2017 bringt die Beschwerdeführerin erneut vor, Flücht-
linge seien berechtigt, ein Auto im Wert von bis zu CHF 4‘000.00 mit eigenen Mitteln zu kau-
fen. Dementsprechend hätte sie im Januar 2016 ein Auto im Wert von CHF 2‘000.00 mit ihrem
Ersparten gekauft, um damit unentgeltlich ihre Fahrfähigkeiten zu verbessern. Die Vorinstanz
sei über den Kauf informiert worden. Die Beschwerdeführerin wiederholt zudem, dass sie sich
sehr um die Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse und eine rasche Integration bemüht habe.
2.5 In ihren Schreiben vom 20. Februar 2017 und 25. März 2017 bringt die Beschwerde-
führerin keine neuen Gründe vor und äussert sich hauptsächlich zum Kontakt mit der Vo-
rinstanz in der Zeit nach Erlass der Verfügung.
3. Rechtliche Würdigung
3.1 Wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe
und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind
(Art 12 BV 13
). Jede Person hat bei Notlagen Anspruch auf ein Obdach, auf die für ein men-
schenwürdiges Leben notwendigen Mittel und auf grundlegende medizinische Versorgung
(Art. 29 KV 14
). Diese verfassungsmässigen Ansprüche werden durch die kantonale Gesetzge-
bung konkretisiert; jede bedürftige Person hat Anspruch auf persönliche und wirtschaftliche
Hilfe. Als bedürftig gilt, wer für seinen Lebensunterhalt nicht hinreichend oder nicht rechtzeitig
aus eigenen Mitteln aufkommen kann (Art. 23 Abs. 1 und 2 SHG). Die persönliche Hilfe wird in
Form von Beratung, Betreuung, Vermittlung und Information gewährt (Art. 29 SHG). Die wirt-
schaftliche Hilfe deckt der bedürftigen Person den Grundbedarf für den Lebensunterhalt und
ermöglicht ihr die angemessene Teilnahme am sozialen Leben (Art. 30 Abs. 1 SHG). Die
13 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV; SR 101)
14 Art. 29 der Verfassung des Kantons Bern vom 6. Juni 1993 (KV; BSG 101.1)
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 7 von 14
SKOS-Richtlinien in der Fassung der vierten überarbeiteten Ausgabe vom April 2005 mit den
Ergänzungen 12/05, 12/07, 12/08, 12/10, 12/12, 12/14, 12/15 und 12/16 sind für den Vollzug
der individuellen Sozialhilfe verbindlich, soweit das Sozialhilfegesetz und die Sozialhilfever-
ordnung keine andere Regelung vorsehen (Art. 8 Abs. 1 SHV 15
). Da die Ergänzungen 12/16
erst am 1. Januar 2017 in Kraft getreten sind und weil die angefochtene Verfügung bereits am
27. Oktober 2016 ergangen ist, sind diese Ergänzungen grundsätzlich nicht anwendbar. Im
vorliegend relevanten Kapitel A.8 sind mit den Ergänzungen 12/16 aber keine Änderungen
erfolgt, weshalb sich eine weitergehende Prüfung einer allfällig rückwirkenden Anwendung der
Ergänzungen 12/16 erübrigt.
3.2 Vorab ist festzuhalten, dass im vorliegenden Entscheid einzig darüber befunden wird,
ob die Vorinstanz der Beschwerdeführerin zu Recht den Grundbedarf während sechs Mona-
ten um 15 Prozent kürzen und ihr während dieser Zeit keine Integrationszulage gewähren will.
Dabei ist lediglich das Verhalten der Beschwerdeführerin mit Hinblick auf die ihr vorgelegten
Vollmachten bzw. bezüglich der nachfolgenden Weisung und Mahnung relevant. Die von der
Beschwerdeführerin in ihrer Replik vorgebrachten Argumente betreffend die Rechtmässigkeit
ihres Autokaufs sowie ihrer Integrationsbemühungen sind aufgrund des Gesagten vorliegend
unbeachtlich.
3.3 Zur Prüfung der Anspruchsberechtigung ist die finanzielle Situation der um Sozialhilfe
ersuchenden Person abzuklären: Nach der Untersuchungsmaxime ist der rechtserhebliche
Sachverhalt grundsätzlich von Amtes wegen festzustellen (Art. 18 Abs. 1 VRPG). Die Partei
hat an der Feststellung des Sachverhalts mitzuwirken (Art. 20 Abs. 1 VRPG), wobei die Mit-
wirkungspflicht durch die Aufklärungspflicht der Behörde begrenzt wird. Für das Sozialhilfe-
recht wird die Mitwirkungspflicht in Art. 28 Abs. 1 SHG konkretisiert (vgl. Art. 20 Abs. 3
VRPG): Danach sind Personen, die Sozialhilfe beanspruchen, verpflichtet, dem Sozialdienst
die erforderlichen Auskünfte über ihre persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu ge-
ben und Änderungen der Verhältnisse unaufgefordert und unverzüglich mitzuteilen. Die Aus-
kunftspflicht bezieht sich sowohl auf die Eigenmittel als auch auf Leistungen Dritter, die auf-
grund einer Rechtspflicht oder freiwillig geleistet werden. 16
Nach Art. 28 Abs. 2 SHG sind So-
zialhilfe beziehende Personen zudem verpflichtet, Weisungen des Sozialdienstes zu befolgen,
das zum Vermeiden, Beheben oder Vermindern der Bedürftigkeit Erforderliche selber vorzu-
kehren und eine zumutbare Arbeit anzunehmen oder an einer geeigneten Integrationsmass-
nahme teilzunehmen.
15 Verordnung vom 24. Oktober 2001 über die öffentliche Sozialhilfe (Sozialhilfeverordnung, SHV; BSG 860.111)
16 vgl. VGE 100.2008.23391 vom 16. Dezember 2008 E. 4
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 8 von 14
3.3.1 Bei Pflichtverletzungen kann der Sozialdienst in Anwendung von Art. 36 Abs. 1 SHG
eine Kürzung der wirtschaftlichen Hilfe anordnen. In leichten, begründeten Fällen kann von
einer Kürzung abgesehen werden. 17
Die Leistungskürzung muss dem Fehlverhalten der be-
dürftigen Person angemessen sein und darf den absolut nötigen Existenzbedarf nicht berüh-
ren (Art. 36 Abs. 2 SHG). Unter dem absolut nötigen Existenzbedarf ist das absolute physi-
sche Existenzminimum zu verstehen, welches die zum Leben unerlässlichen Mittel umfasst. 18
Die Kürzung darf nur die fehlbare Person selber treffen (Art. 36 Abs. 2 SHG). Das Verhältnis-
mässigkeitsgebot verlangt zudem, dass bei Pflichtverletzungen die Kürzung vorgängig ange-
droht und in der Regel nur nach erfolgloser Mahnung angeordnet wird. Zudem muss die Auf-
lage zumutbar sein. Schliesslich ist unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismässigkeit erfor-
derlich, dass Leistungskürzungen und -einstellungen zeitlich befristet werden. 19
3.3.2 Eine Pflichtverletzung ist gegeben, wenn die sozialhilfebeziehende Person Weisungen
des Sozialdienstes nicht befolgt, das zum Vermeiden, Beheben oder Vermindern der Bedürf-
tigkeit Erforderliche nicht selber vorkehrt, eine zumutbare Arbeit nicht annimmt oder an einer
geeigneten lntegrationsmassnahme nicht teilnimmt. 20
Das Sozialamt der Gesundheits- und
Fürsorgedirektion des Kantons Bern hatte eine BSIG-Weisung 21
herausgegeben, um bei
Fehlverhalten von Sozialhilfebeziehenden eine einheitliche und konsequente Vollzugspraxis
bezüglich der Konsequenzen sicherzustellen. In dieser BSIG-Weisung wird näher ausgeführt,
was unter einer Pflichtverletzung bzw. einer selbstverschuldeten Bedürftigkeit zu verstehen
ist. 22
Zusätzlich wird festgelegt, wie der Sozialdienst bei der Kürzung von Sozialhilfeleistungen
konkret vorzugehen hat. 23
3.3.3 Von der sanktionsweisen Kürzung von Sozialhilfeleistungen nach Art. 36 SHG zu un-
terscheiden sind Leistungseinstellungen oder -kürzungen, die vorgenommen werden, weil der
massgebliche Sachverhalt trotz seriöser Abklärung des Sozialdienstes wegen ungenügender
Mitwirkung der betroffenen Person nicht mit genügender Klarheit erstellt werden kann. In die-
sen Fällen kann zufolge der allgemeinen Beweislastregel, wonach zu Ungunsten derjenigen
Person zu entscheiden ist, die aus der unbewiesen gebliebenen Tatsache hätte Rechte ablei-
ten können, eine teilweise oder volle Leistungseinstellung gerechtfertigt sein. Diesfalls ist die
Anspruchsberechtigung nach dem SHG – gleich wie der grundrechtliche Anspruch auf Hilfe in
17 vgl. auch SKOS-Richtlinien, A. 8–1 ff.
18 vgl. VGE 100.2009.128 vom 19. November 2009 E. 4.1
19 vgl. Tagblatt des Grossen Rates 2001: Vortrag des Regierungsrats zum SHG, Beilage 16, S. 22;
VGE 100.2009.128 vom 19. November 2009 E. 4.4 20
Art. 28 Abs. 2 lit. a - c SHG e contrario 21
Bernische Systematische Information Gemeinen (BSIG-Weisung) Nr. 8/860.1/6.2 vom 27. Juni 2013 22
vgl. BSIG-Weisung Nr. 8/860.1/6.2 vom 27. Juni 2013, Ziff. 3.1.1 und 3.1.2 23
vgl. BSIG-Weisung Nr. 8/860.1/6.2 vom 27. Juni 2013, Ziff. 3.3.1
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 9 von 14
Notlage – gar nicht berührt, da die wirtschaftliche Notlage nicht erstellt ist und somit beweis-
mässig keine Bedürftigkeit vorliegt. 24
3.4 Ob der Sozialdienst in Fällen, in welchen die unterbleibende Mitwirkung Zweifel am
Umfang der Bedürftigkeit entstehen lässt, eine sanktionsweise Kürzung nach Art. 36 SHG
oder eine teilweise oder vollständige Einstellung der Sozialhilfeleistungen vornimmt, liegt im
Handlungsfreiraum des Sozialdienstes. 25
Die Vorinstanz hat in ihrer Verfügung festgehalten,
dass eine Teil- oder vollständige Einstellung der Sozialhilfeleistungen aktuell nicht gerechtfer-
tigt wäre, weil momentan aufgrund des aktuellen Wissensstands nicht ganz ausgeschlossen
werden könne, dass die Beschwerdeführerin zumindest teilbedürftig sei. Angesichts dieser
Erwägungen kann man sich im vorliegenden Fall durchaus die Frage stellen, ob zumindest
eine Teileinstellung der Sozialhilfeleistungen angebracht gewesen wäre. Dies ist aber, wie
ausgeführt, unbeachtlich, weil die Vorinstanz im Rahmen ihres Handlungsfreiraums eine sank-
tionsweise Kürzung nach Art. 36 SHG verfügt und sich die teilweise oder vollständige Einstel-
lung der Sozialhilfeleistungen nur vorbehalten hat. Somit ist nachfolgend einzig die Recht-
mässigkeit der sanktionsweisen Kürzung nach Art. 36 SHG zu beurteilen.
3.4.1 Der im Inspektionsauftrag an den Verein Sozialinspektion vom 10. August 2016 ge-
schilderte Verdacht, die Beschwerdeführerin verfüge über nicht deklariertes Vermögen oder
Einkommen, erscheint nicht unbegründet. Das Vorgehen der Vorinstanz ist ausserdem
zweckmässig. Mittels der Kontoauszüge der Beschwerdeführerin hätte sich der Verdacht ohne
Weiteres entkräften oder bestätigen lassen. Das Vorbingen der Beschwerdeführerin, sie habe
angeboten, die Informationen bei gewissen Banken selber einzuholen und an die Vorinstanz
weiterzuleiten, geht fehl, da eine vollständige Kenntnis der relevanten Kontoinformationen auf
diese Weise nicht sichergestellt werden kann. Ein milderes, gleich geeignetes Mittel ist daher
nicht ersichtlich. Das öffentliche Interesse an einer vollständigen Abklärung der Bedürftigkeit
der Beschwerdeführerin ist höher zu gewichten als ihr privates Interesse gewisse persönliche
Informationen für sich zu behalten. Die Weisung vom 28. September 2016 war nach dem Ge-
sagten auch zumutbar und somit insgesamt zulässig.
3.4.2 Vorliegend hat die Beschwerdeführerin die Auskunftspflicht nach Art. 28 Abs. 1 SHG
verletzt, indem sie die Unterschrift der ihr vorgelegten Bankvollmachten verweigerte. Des Wei-
teren hat sie eine darauf folgende Weisung missachtet (Art. 28 Abs. 2 SHG). Das Argument
der Beschwerdeführerin, sie habe nicht gewusst, welche Konsequenzen die Verweigerung der
Vollmachterteilung nach sich ziehen würde, vermag nicht zu überzeugen, da die Vorinstanz
24 vgl. VGE 100.2013.272U vom 27. Dezember 2013 E. 2.2; VGE 100.2010.70 vom 16. Februar 2011 E. 3.1;
VGE 100.2009.24 vom 7. Mai 2009 E. 2.3.2 25
vgl. VGE 100.2009.24 vom 7. Mai 2009 E. 4.2.2
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 10 von 14
mit Weisung vom 28. September 2016 und Mahnung vom 11. Oktober 2016 explizit auf die
Möglichkeit der Zurückhaltung oder Einstellung der Sozialhilfe bei weiterer Verweigerung hin-
gewiesen hat. 26
Auch die Behauptung der Beschwerdeführerin, die Vorinstanz hätte die Aus-
künfte selbst einholen können, wenn tatsächlich eine Verpflichtung dazu bestünde, ist unzu-
treffend. Die Voraussetzungen für eine Kürzung der wirtschaftlichen Sozialhilfe sind somit
vorliegend grundsätzlich erfüllt.
3.5 Die Leistungskürzung muss dem Fehlverhalten der bedürftigen Person angemessen
sein und darf den absolut nötigen Existenzbedarf nicht berühren (Art. 36 Abs. 2 SHG). Ge-
mäss den SKOS-Richtlinien kann der Grundbedarf für den Lebensunterhalt (GBL) für die
Dauer von maximal zwölf Monaten um höchstens 30 Prozent gekürzt und können Zulagen für
Leistungen gekürzt bzw. gestrichen werden; weitergehende Kürzungen des Grundbedarfs
bedeuten einen Eingriff in das absolute Existenzminimum und sind deshalb unzulässig. Das
Ausmass des Fehlverhaltens ist bei der Bestimmung des Kürzungsumfangs zu beachten. Die
maximale Kürzung von 30 Prozent des Grundbedarfes für den Lebensunterhalt ist nur bei
wiederholtem oder schwerwiegendem Fehlverhalten zulässig. 27
3.5.1 Vorliegend ordnet die Vorinstanz eine Kürzung des Grundbedarfs um 15 Prozent
(ausmachend CHF 146.55) während sechs Monaten an. Es ist nun zu prüfen, ob die konkrete
Ausgestaltung der Kürzung angemessen ist. Praxisgemäss auferlegt sich die GEF bei der
Angemessenheitskontrolle eine gewisse Zurückhaltung und billigt den vorinstanzlichen Be-
hörden in dieser Hinsicht einen grossen Beurteilungs- und Ermessensspielraum zu, da sie
naturgemäss über eine grössere sachliche Nähe zur Streitsache verfügt. 28
Die BSIG-Weisung des Sozialamts der GEF erhielt in Form einer Tabelle einen Orientierungs-
rahmen zu den Sanktionen an, welche je nach Schweregrad einer Pflichtverletzung zu verfü-
gen sind. 29
Die maximal zulässige Kürzung hat sich aber seit Erlass dieser BSIG-Weisung von
15 auf 30 Prozent erhöht. Die Tabelle ist demnach nicht mehr aktuell.
Die Vorinstanz hat die Kürzung des Grundbedarfs auf einen Umfang von 15 Prozent festge-
setzt und in zeitlicher Hinsicht auf sechs Monate befristet. Damit bewegt sie sich im zulässi-
gen Rahmen. Die Vorinstanz hat festgehalten, dass gegen die Beschwerdeführerin zum ers-
ten Mal eine Sanktion verfügt werde, was eine relativ milde Sanktionierung der Pflichtverlet-
zung rechtfertige, obwohl das Fehlverhalten als grob eingestuft werde.
26 vgl. unpaginierte Vorakten, Weisung vom 28. September 2016 und Mahnung vom 11. Oktober 2016
27 SKOS-Richtlinien, A.6.–3 und A.8–4
28 vgl. Müller, Bernische Verwaltungsrechtspflege, 2. Auflage, Bern 2011, S. 176
29 BSIG-Weisung Nr. 8/860.1/6.2 vom 27. Juni 2013, Ziff. 3.2
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 11 von 14
Dem ist beizupflichten. Die in casu vorhandene Pflichtverletzung ist insgesamt als mittel-
schwer zu qualifizieren. Ins Gewicht fällt auch die fehlende Kooperation der Beschwerdeführe-
rin. Deshalb erscheint unter Berücksichtigung der Schwere der Pflichtverletzung und der
erstmaligen Pflichtverletzung die Höhe der Kürzung angemessen. Die Kürzung des Grundbe-
darfs betrifft richtigerweise nur die fehlbare Person selbst, weshalb die vorgenommene Kür-
zung rechtens ist. Auch das Vorgehen ist nicht zu beanstanden. Der Beschwerdeführerin
wurde das rechtliche Gehör gewährt. Sodann wurde die Kürzung vorgängig angedroht und
zeitlich befristet. Die Beschwerdeführerin wurde zudem gemahnt. Damit hält die Sanktion der
Vorinstanz auch der Verhältnismässigkeitsprüfung stand.
3.5.2 Zusätzlich zur Kürzung des Grundbedarfs der Beschwerdeführerin um 15 Prozent
während sechs Monaten gewährt die Vorinstanz während derselben Zeitdauer die Integrati-
onszulagen nicht mehr.
Die Vorinstanz stützt sich hinsichtlich der Nichtgewährung der Zulage auf die gleichen Stand-
punkte wie bei der Kürzung des Grundbedarfs.
Aus verfassungsrechtlicher Sicht sind Leistungen, die über den absolut nötigen Existenzbe-
darf hinausgehen – dies trifft auf die Integrationszulage zu – einer vollständigen oder teilwei-
sen Kürzung grundsätzlich zugänglich. 30
Liegt der Grund für die Nichtgewährung der Integrati-
onszulagen in einem die Pflichten verletzenden Verhalten, so hat eine Kürzung des Grundbe-
trages gemäss Artikel 36 SHG und Kapitel A.8 der SKOS-Richtlinien zu erfolgen. 31
Im Um-
kehrschluss bewirkt dies, dass bei einer Kürzung des Grundbedarfs infolge einer Pflichtverlet-
zung auch die lntegrationszulagen gestrichen werden können. 32
Hierbei ist auch Art. 36 Abs. 2
SHG zu beachten, wonach die Kürzung dem Fehlverhalten der bedürftigen Person angemes-
sen sein muss, der absolut nötige Existenzbedarf nicht berührt werden und die Kürzung nur
die fehlbare Person selber treffen darf.
Die Streichung von Zulagen für sechs Monate ist nach dem Gesagten zulässig, wenn die Kür-
zung des Grundbedarfs rechtmässig ist. Vorliegend ist, gestützt auf die vorherigen Ausfüh-
rungen, die Kürzung der wirtschaftlichen Hilfe der Beschwerdeführerin im Rahmen von
15 Prozent während sechs Monaten in ihrer Dauer angemessen. Es wird angesichts der mit-
telschweren Pflichtverletzung auch die befristete Streichung der Zulagen durch die Vorinstanz
als angebracht und somit als angemessen erachtet.
30 BVR 2010 S. 129 E. 4.1 und 4.3.2
31 vgl. Vortrag der GEF an den Regierungsrat vom 27. Oktober 2010 zur Revision der Sozialhilfeverordnung
2011, S. 6 f. 32
vgl. BVR 2010 S. 129 E. 4.3.2
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 12 von 14
3.6 Im Ergebnis hat die Vorinstanz somit zu Recht eine Kürzung des Grundbedarfs im Um-
fang von 15 Prozent für sechs Monate verfügt und die Integrationszulagen nicht gewährt. Die
Beschwerde ist aus diesen Gründen unter Vorbehalt der nachfolgenden Erwägung abzuwei-
sen.
4. Aufschiebende Wirkung
Das sozialhilferechtliche Verfahren richtet sich nach den Bestimmungen des VRPG, soweit
das SHG keine abweichenden Bestimmungen enthält (Art. 10 SHG). Mangels spezialgesetzli-
cher Regelung zum Verfahren um Gewährung individueller Sozialhilfe (vgl. Art. 49 ff. SHG)
kommt Beschwerden gegen Verfügungen des Sozialdienstes grundsätzlich aufschiebende
Wirkung zu (Art. 68 Abs. 1 VRPG).
Hat ein Rechtsmittel aufschiebende Wirkung, so werden mit seinem Einlegen die Wirksamkeit
und die Vollziehbarkeit der angeordneten Rechtsfolgen bis zum Entscheid über das Rechts-
mittel gehemmt (sog. Suspensiveffekt). Das streitige Rechtsverhältnis bleibt in der Schwebe.
Die aufschiebende Wirkung dient dem umfassenden Rechtsschutz. Der Grund für den gesetz-
lichen Suspensiveffekt liegt im rechtsstaatlichen Sinn eines ordentlichen Rechtsmittels, die
Rechtmässigkeit von Verfügungen justizmässig zu überprüfen, bevor sie verbindlich werden. 33
Der verfassungsmässige Anspruch auf Rechtsschutz im Sinne von Art. 26 KV ist grundsätz-
lich formeller Natur. Eine Verletzung ist auch dann zu beachten, wenn sie nicht explizit gerügt
wird. Art. 27 Abs. 2 KV verpflichtet alle Instanzen, sich an die Grundrechte zu halten. Eindeu-
tige und erhebliche Verletzungen des Rechtsschutzes sind deshalb von Amtes wegen zu be-
rücksichtigen. 34
Wird also wie vorliegend eine Beschwerde gegen die Kürzungsverfügung eingereicht, kann
während des Beschwerdeverfahrens noch nicht gekürzt werden, es sei denn, der Beschwerde
wurde die aufschiebende Wirkung entzogen (Art. 68 Abs. 2 VRPG). 35
Die Vorinstanz hat in
ihrer Verfügung vom 27. Oktober 2016 einer allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wir-
kung nicht entzogen. Folglich wirkt das vorliegende Beschwerdeverfahren aufschiebend und
33 vgl. Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege im Kanton Bern,
Bern 1997, Art. 68 N.1 f.; BVR 2011 S. 508 E. 2.1; BVR 1992 S. 129 E. 6 34
vgl. Müller, a.a.O., S.67 insbesondere zum Anspruch auf rechtliches Gehör 35
vgl. auch Handbuch Sozialhilfe der Berner Konferenz für Sozialhilfe, Kindes- und Erwachsenschutz (BKSE),
abrufbar unter http://handbuch.bernerkonferenz.ch/stichwoerter/, Stichwort: Kürzungen, Version vom 1. Mai 2016,
Ziffer 5
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 13 von 14
die Verfügung kann bis zur Rechtskraft des vorliegenden Beschwerdeentscheids nicht vollzo-
gen werden.
Aus den Akten 36
und sinngemäss auch aus der Korrespondenz der Beschwerdeführerin geht
hervor, dass die Vorinstanz trotz des hängigen Beschwerdeverfahrens die Verfügung vom
27. Oktober 2016 bereits vollzogen hat.
Der Vollzug der an sich rechtmässigen (vgl. Erw. 3) aber noch nicht rechtskräftigen Verfügung
erfolgte demnach klar rechtswidrig. Die Beschwerdeführerin hatte während des hängigen Be-
schwerdeverfahrens Anspruch auf einen ungekürzten Grundbedarf und auch die Integrations-
zulage musste ihr gewährt werden. Ihr wurden demnach während sechs Monaten jeweils ins-
gesamt CHF 246.55 37
, total ausmachend CHF 1‘479.30, fälschlicherweise abgezogen. Folg-
lich müsste grundsätzlich eine Rückabwicklung geprüft werden.
Aufgrund der Abweisung der Beschwerde würde eine (vorübergehende) Rückzahlung zu ei-
nem unnötigen Leerlauf führen. Ein solches Vorgehen erscheint nicht praktikabel. Deshalb
kann aus prozessökonomischen Gründen vorliegend auf eine Rückabwicklung verzichtet wer-
den.
5. Kosten
5.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens gilt die Beschwerdeführerin als unterliegende
Partei. Allerdings werden im Bereich der Leistungsangebote der individuellen Sozialhilfe vor
den Beschwerdeinstanzen, vorbehältlich mutwilliger oder leichtfertiger Prozessführung, keine
Verfahrenskosten erhoben (Art. 53 SHG). Vorliegend sind daher keine Kosten zu erheben.
5.2 Die unterliegende Partei hat der Gegenpartei die Parteikosten zu ersetzen, sofern
nicht deren prozessuales Verhalten oder die besonderen Umstände eine andere Teilung oder
Wettschlagung gebieten oder die Auflage der Parteikosten ans Gemeinwesen als gerichtfer-
tigt erscheint (Art. 108 Abs. 3 VRPG).
Vorliegend unterliegt die Beschwerdeführerin vollumfänglich. Sie hat somit keinen Anspruch
auf Parteikostenersatz.
36 Vgl. Anhang 3 zum Schreiben der Beschwerdeführerin vom 25. März 2017 (Email von Y._: Rückmeldungen
zum Gespräch vom 20.03.2017) 37
Kürzung Grundbedarf: CHF 146.55 plus Nichtgewährung der Integrationszulage von CHF 100.00
Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern
Seite 14 von 14