Decision ID: 521d386a-767e-522a-b55e-29e8f4b937fc
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Die am (...) 1966 geborene deutsche Staatsangehörige A._
(nachfolgend: Versicherte oder Beschwerdeführerin), wohnhaft in (...)
(DE), ist gelernte Pharmazeutisch-Technische-Assistentin und arbeitete
gemäss Auszug aus dem Individuellen Konto (IK) von Mai 1998 bis Ende
Dezember 2004, zuletzt als Pharmaassistentin im Spital B._ (Kan-
ton C._) in der Schweiz und entrichtete in dieser Zeit Beiträge an
die schweizerische Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
(AHV/IV). Wegen der Folgen eines Bandscheibenvorfalls meldete sie sich
am 6. September 2005 zum Bezug von IV-Leistungen in Form von berufli-
chen Massnahmen an (Vorakten der IV-Stelle des Kantons C._
[nachfolgend: IV-Stelle], fünf Bundesordner [nachfolgend in römischen
Zahlen I–V]; act. V 1-1 ff.; 5-2). Mit Verfügung vom 30. November 2005,
bestätigt durch Einspracheentscheid vom 9. Oktober 2006, verneinte die
IV-Stelle für Versicherte im Ausland (nachfolgend: IVSTA oder Vorinstanz)
einen Leistungsanspruch der Versicherten mit der Begründung, aufgrund
der ihr vorliegenden Arztberichte könne die Beschwerdeführerin ihre bis-
herige Tätigkeit langfristig wieder aufnehmen und eine für die Gewährung
von Eingliederungsmassnahmen notwendige leistungsspezifische Invalidi-
tät sei nicht gegeben (act. V 15 und 25).
A.b Mit Urteil C-3041/2006 vom 10. Mai 2007 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht eine gegen diesen Einspracheentscheid erhobene Be-
schwerde unter Aufhebung des angefochtenen Entscheids gut und wies
die Streitsache zur Durchführung weiterer Abklärungen und zum Erlass ei-
ner neuen Verfügung an die Vorinstanz zurück (act. V 38-2 ff.). Der darauf-
hin von der IV-Stelle mit der Abklärung beauftragte Dr. med. D._,
Facharzt für Rheumatologie sowie Physikalische Medizin und Rehabilita-
tion, kam mit Gutachten vom 8. Mai 2007 zum Schluss, dass der Versicher-
ten eine maximale Leistungsminderung von 20 % in der angestammten so-
wie einer angepassten alternativen Tätigkeit attestiert werden könne (act.
V 33-1 ff.). Dr. med. E._, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, di-
agnostizierte mit Gutachten vom 2. Oktober 2007 eine psychoneurotische
Persönlichkeit (ICD-10 F 60.8) sowie den Verdacht auf eine beginnende
somatoforme Schmerzstörung (ICD-10 F 45.4) und attestierte der Versi-
cherten eine mindestens seit 2006 bestehende 30%-ige Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit sowohl in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit als auch in
alternativen Verweistätigkeiten (act. V 46-1 ff.). In einem weiteren von der
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IV-Stelle in Auftrag gegebenen psychiatrischen Gutachten, welches am
22. Januar 2009 erstattet wurde, hielt Dr. med. E._ an seiner bishe-
rigen Leistungsbeurteilung fest und attestierte der Versicherten weiterhin
eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit von 30 % (act. V 59-1 ff.).
A.c Mit Verfügung vom 3. Juni 2009 lehnte die Vorinstanz einen Leistungs-
anspruch der Versicherten unter Hinweis auf einen nicht rentenbegründen-
den Invaliditätsgrad von 32 % erneut ab (act. 64 und 65). Die von der Ver-
sicherten dagegen erhobene Beschwerde hiess das Bundesverwaltungs-
gericht mit Urteil C-4503/2009 vom 16. November 2011 in dem Sinne gut,
als dass es die angefochtene Verfügung aufhob und die Sache im Sinne
der Erwägungen an die Vorinstanz zurückwies, mit der Begründung, der
medizinische Sachverhalt sei namentlich in somatischer Hinsicht – man-
gels Aktualität des Gutachtens von Dr. med. D._ respektive auf-
grund von Hinweisen auf eine Verschlechterung des Gesundheitszustan-
des zwischen Mai 2007 und Juni 2009 sowie widersprüchlichen ärztlichen
Leistungsfähigkeitsbeurteilungen – noch nicht genügend abgeklärt. Über-
dies sei zu klären, ob tatsächlich ein Fibromyalgiesyndrom vorliege und ob
ein psychisches Leiden von erheblicher Schwere, Ausprägung und Dauer
bestehe. Ferner habe die Verwaltung nach Vorliegen des interdisziplinären
Gutachtens zu prüfen, ob mit Blick auf das subjektive Empfinden der Be-
schwerdeführerin die Voraussetzungen für berufliche Eingliederungsmass-
nahmen noch gegeben seien. Über den Rentenanspruch könne erst be-
funden werden, wenn dieser durch allenfalls noch vorzunehmende berufli-
che Eingliederungsmassnahmen nicht mehr beeinflusst werden könne
(act. V 74-3 ff.).
B.
B.a Die IV-Stelle leitete in der Folge eine polydisziplinäre (rheumatologi-
sche, internistische, psychiatrische und neurologische) Begutachtung bei
der F._ AG ein, welche ihr Gutachten (act. IV 105) am 18. Juli 2013
erstattete. In ihrer Konsensbeurteilung kamen die Gutachter zum Schluss,
dass die Versicherte sowohl in ihrer angestammten als auch in einer ange-
passten Verweistätigkeit nicht mehr arbeitsfähig sei (act. IV 105-20). Mit
ergänzender Stellungnahme vom 23. Oktober 2013 hielten die Gutachter
der F._ AG an ihrer bisherigen Beurteilung fest (act. IV 111-1 ff.).
B.b Mit Verfügung vom 30. April 2014 ordnete die IVSTA eine psychiatri-
sche Begutachtung bei Dr. med. G._, FMH Psychiatrie und Psycho-
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therapie, an (act. IV 134 1-ff.). Mangels zeitlicher Kapazität dieses Gutach-
ters beauftragte die IV-Stelle am 20. November 2014 Dr. med. H._,
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, mit der Erstellung einer psy-
chiatrischen Expertise (act. IV 135). Dieser kam mit Gutachten vom
10. Juni 2015 zum Schluss (act. IV 139-1 ff.), dass bei der Versicherten
aufgrund einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig leichte
Episode (ICD-10 F 33.0), eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von
30 % zu attestieren sei (act. IV 139-65 ff.).
B.c Gestützt auf eine Stellungnahme von RAD-Ärztin Dr. med. I._
vom 29. Oktober 2015, worin diese der Versicherten eine 50%-ige Ein-
schränkung der Arbeitsfähigkeit attestiert hatte (act. IV 141-2 ff.), stellte die
IV-Stelle der Versicherten mit Vorbescheid vom 23. Dezember 2015 die
Gewährung einer halben Invalidenrente (Invaliditätsgrad: 55 %) ab 1. Sep-
tember 2013 in Aussicht (act. IV 144-1 ff.). Mit Verfügung vom 6. Septem-
ber 2016 verfügte die IVSTA im Sinne des Vorbescheids und sprach der
Versicherten gestützt auf einen Invaliditätsgrad von 55 % eine halbe Inva-
lidenrente ab 1. September 2013 zu (act. IV 151-ff.).
C.
C.a Gegen diese Verfügung erhob die Beschwerdeführerin, vertreten
durch Rechtsanwalt Franz Winklbauer, mit Eingabe vom 7. Oktober 2016
Beschwerde mit den folgenden Anträgen:
«Es sei die Verfügung vom 06.09.2016 aufzuheben und die Beschwerdegeg-
nerin anzuweisen, ab 01.02.2006 eine ordentliche volle (recte: ganze) Invali-
denrente zu zahlen, hilfsweise habe die Beschwerdegegnerin die Renten neu
zu berechnen.
Unter Kosten- und Entschädigungsforderungen zulasten der Beschwerdegeg-
nerin.»
Zur Begründung lässt die Beschwerdeführerin insbesondere vorbringen,
das der Beurteilung zugrundeliegende psychiatrische Gutachten von
Dr. med. H._ sei widersprüchlich und dementsprechend nicht be-
weiskräftig. Insbesondere habe Dr. med. H._ ohne nachvollzieh-
bare Begründung pauschal die von Dr. med. E._ attestierte Arbeits-
unfähigkeit von 30 % übernommen. Dieses Ergebnis habe auch die Vor-
instanz ungeprüft übernommen und hiervon einen pauschalen Zuschlag für
die Opiatabhängigkeit gewährt. Überdies habe die Vorinstanz zu Unrecht
weitere F._-Teilgutachten, wie insbesondere jenes des Rheumato-
logen Dr. med. J._, nicht beachtet. Das psychiatrische Gutachten
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von Dr. med. H._ sei insoweit widersprüchlich, als er einerseits von
einer seit Jahren bestehenden Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von
30 % ausgehe, anderseits aber einräume, dass knapp zwei Jahre zuvor
als Folge einer schweren Depression eine Arbeitsunfähigkeit von 100 %
bestanden habe. Darüber hinaus habe die Vorinstanz auch nicht abgeklärt,
ob sie als Opiatabhängige auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt überhaupt
noch eine Anstellungschance habe. Beim Gutachten von Dr. med.
H._ handle es sich zudem um ein unzulässiges Gegengutachten
und nicht um ein Verlaufsgutachten; ansonsten hätte die Vorinstanz das
Gutachten von Dr. med. K._ mitberücksichtigen müssen, was sie
indes unterlassen habe. Schliesslich habe die Vorinstanz auch die Renten-
berechnung falsch vorgenommen, indem sie gestützt auf ihre Berufs- und
Fachkenntnisse von einem (zu hohen) statistischen Einkommen von
Fr. 64'033.– ausgegangen sei und ihr, trotz der bei einer Verweistätigkeit
zu beachtenden zusätzlichen Einschränkungen, keinen leidensbedingten
Abzug gewährt habe (Akten im Beschwerdeverfahren [BVGer act.] 1).
C.b Der mit Zwischenverfügung vom 14. Oktober 2016 eingeforderte Kos-
tenvorschuss von Fr. 800.– wurde am 27. Oktober 2016 zugunsten der Ge-
richtskasse überwiesen (BVGer act. 2 und 4).
C.c Mit Vernehmlassung vom 22. Dezember 2016 stellte die Vorinstanz
unter Verweis auf die Stellungnahme der IV-Stelle vom 15. Dezember 2016
den Antrag auf Abweisung der Beschwerde und Bestätigung der angefoch-
tenen Verfügung. Zur Begründung führte sie ergänzend aus, der RAD habe
das Gutachten von Dr. med. H._ unter Berücksichtigung der Stan-
dardindikatoren am 29. Oktober 2015 geprüft und sei zum Schluss gekom-
men, dass in Abweichung vom F._-Gutachten ab Juni 2013 von ei-
ner Arbeitsfähigkeit von 50 % auszugehen sei; davor habe seit Jahren eine
30%-ige Arbeitsfähigkeit (recte: Arbeitsunfähigkeit) bestanden. Aufgrund
der nicht auflösbaren Widersprüche im psychiatrischen F._-Teilgut-
achten von Dr. med. K._ sei die Einholung eines psychiatrischen
Zweitgutachtens sachlich gerechtfertigt gewesen. Die vom RAD in Anwen-
dung der Standardindikatoren auf 50 % geschätzte Arbeitsunfähigkeit sei
insgesamt plausibel. Es bestehe zwar ein iatrogenes Suchtleiden. Auf-
grund des bei der Begutachtung erhobenen Blutspiegels sei durch die Opi-
oide aber keine wesentliche Auswirkung auf die kognitiven Fähigkeiten zu
erwarten. Insofern habe die Opioidabhängigkeit nicht eine derart erhebli-
che Auswirkung, dass von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit auszuge-
hen wäre. Mit Blick auf die somatoforme Schmerzstörung und die Depres-
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sion sei eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von 50 % plausibel; aller-
dings würden die Standardindikatoren keine vollständige Arbeitsunfähig-
keit nahelegen. Laut rheumatologischem F._-Teilgutachten sei der
Beschwerdeführerin eine leichte Tätigkeit mit angepasster Arbeitshaltung
und der Möglichkeit zu häufigen Positionswechseln zumutbar. Aufgrund
der bestehenden Einsatzmöglichkeiten als Pharmaassistentin sei der zur
Ermittlung des Invalideneinkommens herangezogene statistische Tabel-
lenlohn (Pos. Gesundheitswesen, Kompetenzniveau 2) nicht zu beanstan-
den (BVGer act. 7 samt Beilage).
C.d Mit Replik ihres Rechtsvertreters vom 31. Januar 2017 hielt die Be-
schwerdeführerin an ihrer bisherigen Begründung fest und führte ergän-
zend aus, der RAD sei nach Prüfung des Gutachtens von Dr. med.
H._ in Anwendung der Standardindikatoren davon ausgegangen,
dass in der Zeit von 2005–2015 (angeblich) eine 70%-ige Arbeitsunfähig-
keit bestanden habe. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die Vorinstanz
nicht auf diese Beurteilung abgestellt habe. Das Invalideneinkommen sei
ohne Bezug zur Realität ermittelt worden; denn es sei eine Tatsache, dass
es für Drogenabhängige keinen allgemeinen Arbeitsmarkt gebe. Zahlreiche
Aussagen von Dr. med. H._ seien zudem nicht objektiv von Dritten
verifizierbar. Es bestünden nur Schlussfolgerungen aufgrund verschiede-
ner Befunde aus dem psychischen Bereich, und ein solches Gutachten sei
nicht schlüssig und damit auch nicht überzeugend. Dieser Auffassung habe
sich im Ergebnis auch der RAD angeschlossen, indem er von der Arbeits-
fähigkeitsbeurteilung abgewichen und die Arbeitsunfähigkeit auf 50 % er-
höht habe. Abschliessend bemerkte er, dass sich allenfalls unter der Lei-
tung des Gerichts eine einvernehmliche Lösung finden lasse (BVGer
act. 10).
C.e Mit Duplik vom 3. März 2017 hielt die Vorinstanz – unter Verweis auf
die Stellungnahme der IV-Stelle vom 1. März 2017 – an ihren bisherigen
Anträgen fest und führte zur Begründung ergänzend aus, die Diskussion
der Standardindikatoren durch den RAD der IV-Stelle hänge nicht mit ei-
nem allfälligen Misstrauen gegenüber dem Gutachter Dr. med. H._
zusammen; sie sei vielmehr durch die in der Zwischenzeit geänderte
Rechtsprechung bedingt (BVGer act. 12 samt Beilage).
C.f Mit Zwischenverfügung vom 30. März 2017 gab der Instruktionsrichter
der Beschwerdeführerin Gelegenheit, sich bis zum 15. Mai 2017 zur Duplik
der Vorinstanz und zur möglichen Einholung eines Gerichtsgutachtens bis
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zum 15. Mai 2017 vernehmen zu lassen. Überdies wies er die Beschwer-
deführerin vorsorglich darauf hin, dass das Ergebnis eines Gerichtsgutach-
tens auch eine Verschlechterung der vorprozessualen Situation zur Folge
haben könnte (BVGer act. 13).
C.g Mit Stellungnahme ihres Rechtsvertreters vom 2. Mai 2017 erklärte
sich die Beschwerdeführerin im Grundsatz mit der Einholung eines Ge-
richtsgutachtens einverstanden. Mit Blick auf die auch für die Gerichtsgut-
achter bestehende Schwierigkeit, sich zur Arbeitsfähigkeit in den vergan-
genen zwölf Jahren verbindlich zu äussern, unterbreitete sie dem Gericht
den Vorschlag, für die Ermittlung des IV-Grades der letzten zwölf Jahre
eine Vergleichslösung anzustreben (BVGer act. 14).
C.h Mit Eingabe vom 18. Mai 2017 teilte die Vorinstanz dem Bundesver-
waltungsgericht unter Verweis auf die beigefügte Eingabe der IV-Stelle
vom 16. Mai 2017 mit, dass sie auf eine Stellungnahme verzichte (BVGer
act. 16 samt Beilage).
C.i Mit unaufgeforderter Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 23. Novem-
ber 2017 reichte die Beschwerdeführerin beim Bundesverwaltungsgericht
ein Gutachten des Instituts L._ vom 19. Oktober 2017 ein, mit dem
Hinweis, dass sie laut Ergebnis dieser Begutachtung nur noch weniger als
3 Stunden täglich erwerbstätig sein könne. Ausgangspunkt für diese Be-
gutachtung sei die Tatsache gewesen, dass die Deutsche Rentenversiche-
rung den Antrag auf Weitergewährung der ihr seit 2006 ausgerichteten
Rente wegen voller Erwerbsminderung abgewiesen habe; dies habe zum
Verfahren vor dem Sozialgericht (...) und dem nunmehr vorgelegten Gut-
achten geführt (BVGer act. 19 samt Beilage).
C.j Mit Zwischenverfügung vom 27. November 2017 ersuchte der Instruk-
tionsrichter die Vorinstanz unter Hinweis auf das Gutachten vom 19. Okto-
ber 2017, in Zusammenarbeit mit dem RAD bis zum 26. Januar 2018 eine
Stellungnahme zum Vorliegen einer mittelschweren Depression und deren
Therapierbarkeit abzugeben (BVGer act. 20).
C.k Mit Eingabe vom 18. Januar 2018 hielt die Vorinstanz unter Verweis
auf die Stellungnahmen der IV-Stelle vom 17. Januar 2018 und des RAD
vom 12. Dezember 2017 an ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde
und Bestätigung der angefochtenen Verfügung fest. Zur Begründung führte
sie ergänzend aus, es könne an der durch den RAD auf 50 % festgelegten
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Einschätzung der Arbeitsfähigkeit festgehalten werden, da in der Vergan-
genheit und auch aktuell keine konsequenten leitlinienorientierten thera-
peutischen Optionen bezüglich der komorbiden Depression in Anspruch
genommen worden seien. Es wäre der Beschwerdeführerin prinzipiell zu-
mutbar gewesen, sich im Rahmen einer psychiatrischen Therapie mit an-
deren Krankheitsfaktoren auseinanderzusetzen. Möglicherweise stünden
hier aber die im aktuellen Gutachten erwähnten anakastischen und rigiden
Persönlichkeitszüge entgegen (BVGer act. 22 samt Beilagen).
C.l Mit Eingabe ihres Rechtsvertreters vom 14. Februar 2018 liess sich die
Beschwerdeführerin zur ergänzenden Vernehmlassung der Vorinstanz
vom 18. Januar 2018 und den damit eingereichten Stellungnahmen der IV-
Stelle und des RAD vernehmen (BVGer act. 25).
C.m Mit Verfügung vom 16. Februar 2018 wurde der Schriftenwechsel un-
ter Vorbehalt weiterer Instruktionsmassnahmen per 26. Februar 2018 ab-
geschlossen (BVGer act. 26).
D.
D.a Mit Verfügung vom 26. April 2018 kündigte der Instruktionsrichter den
Parteien die Einholung eines polydisziplinären (internistischen, rheumato-
logischen, neurologischen, psychiatrischen und orthopädischen) Gerichts-
gutachtens (als Obergutachten) bei der klinischen Abteilung «M._
Begutachtung» des Spitals N._ an (nachfolgend: Gerichtsgutach-
ten). Gleichzeitig erhielten die Parteien Gelegenheit, sich zum beabsichtig-
ten Vorgehen zu äussern und insbesondere allfällige Anträge zur Ergän-
zung des Fragenkatalogs und allfällige Ausstandsgründe gegen die ge-
nannten Sachverständigen geltend zu machen, ansonsten die Begutach-
tung wie vorgesehen in Auftrag gegeben werde (BVGer act. 31).
D.b Mit Stellungnahme vom 9. Mai 2018 formulierte die Vorinstanz diverse
Ergänzungsfragen (BVGer act. 35).
D.c Mit Stellungnahme vom 11. Mai 2018 führte die Beschwerdeführerin
aus, sie habe gegen die polydisziplinäre Begutachtung, die Gutachter-
stelle, die ausgewählten Fachdisziplinen sowie gegen die Fachärztinnen
bzw. Fachärzte keine Einwände. Ergänzend machte sie jedoch im Wesent-
lichen geltend, sie erachte es als problematisch, die widersprüchlichen und
nicht nachvollziehbaren Gutachten von Dr. med. D._ und Dr. med.
E._ in die aktuelle Begutachtung miteinzubeziehen (BVGer act. 36).
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D.d Mit Zwischenverfügung vom 18. Mai 2018 ordnete das Bundesverwal-
tungsgericht die Begutachtung wie angekündigt an, wobei die Ergänzungs-
fragen der Vorinstanz insoweit präzisiert wurden, als dass Bemerkungen
der Vorinstanz zum medizinischen Sachverhalt gestrichen wurden (BVGer
act. 37).
D.e In der Folge holte das Bundesverwaltungsgericht zur Vervollständi-
gung der medizinischen Vorakten das in den Akten fehlende Gutachten von
Dr. med. O._ vom 5. Juli 2016 beim deutschen Sozialversiche-
rungsträger ein und bot den Parteien Gelegenheit zur Stellungnahme
(BVGer act. 40, 45, 46, 48, 49).
D.f Mit Verfügung vom 1. Oktober 2018 teilte der Instruktionsrichter den
Parteien mit, dass die Gutachterstelle M._ eine zusätzliche neu-
ropsychologische Begutachtung für notwendig halte (BVGer act. 42 f.).
Nachdem die Parteien keine Einwände gegen die Erweiterung des Gutach-
tens um die Fachdisziplin Neuropsychologie sowie den vorgesehenen Gut-
achter erhoben, wurde der Gutachtensauftrag mit Zwischenverfügung vom
16. November 2018 entsprechend ergänzt (BVGer act. 47, 49, 50).
D.g Die polydisziplinäre (internistische, rheumatologische, neurologische,
psychiatrische, neuropsychologische und orthopädische) medizinische Be-
gutachtung der Beschwerdeführerin durch die Begutachtungsstelle
M._ erfolgte vom 24. bis 26. sowie am 30. September 2018 und 9.
Januar 2019 (BVGer act. 39, 52). Im Gerichtsgutachten vom 4. Juni 2019
kamen die Gutachter hinsichtlich der Arbeits- und Leistungsfähigkeit zu-
sammenfassend zum Schluss, dass bei der Beschwerdeführerin in der zu-
letzt ausgeübten Tätigkeit in einer Spitalapotheke oder in anderen teilweise
schulterbelastenden Tätigkeiten seit 17. Februar 2005 bis heute keine Ar-
beitsfähigkeit mehr bestehe. Seit dem Zeitpunkt der Krankschreibung im
Februar 2005 bis drei Monate nach der Operation vom 11. April 2005 sei
sodann eine aufgehobene Arbeitsfähigkeit für alle Tätigkeiten plausibel.
Rein aus somatischer Sicht sei für optimal körperlich angepasste Tätigkei-
ten seit der Operation am 11. April 2005 noch eine Einschränkung der Ar-
beitsfähigkeit von 20 % zu verzeichnen. Für eine angepasste Tätigkeit
könne aus heutiger Sicht retrospektiv von einer im Verlauf schwankenden,
ca. 50 %-igen Arbeitsunfähigkeit aus psychiatrischer Sicht ausgegangen
werden, mit Ausnahme der Phasen eines höheren Ausprägungsgrades der
depressiven Störung, wo die Arbeitsfähigkeit stärker eingeschränkt gewe-
sen sein könnte. Eine exaktere Einschätzung des Verlaufs sei nicht mög-
lich. Es könne auch nicht exakt geklärt werden, ab wann das psychiatrische
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Krankheitsbild klar im Vordergrund gestanden habe. Es sei jedoch plausi-
bel, dass dies bereits zum Zeitpunkt der erstmaligen psychiatrischen Ab-
klärung im Oktober 2007 der Fall gewesen sei und die Arbeitsunfähigkeit
seit diesem Zeitpunkt gesamtmedizinisch eingeschränkt gewesen sei.
Heute sei gesamthaft gesehen von einer 50 %igen Arbeitsfähigkeit in an-
gepassten Tätigkeiten aus psychiatrischer Sicht auszugehen (BVGer act.
57, Konsensbeurteilung, S. 16 f.).
D.h Mit Eingabe vom 4. Juli 2019 verwies die Vorinstanz auf die abschlies-
sende Stellungnahme der IV-Stelle vom 1. Juli 2019 bzw. die Beurteilung
des RAD vom 28. Juni 2019 (BVGer act. 59). In ihrer Stellungnahme vom
1. Juli 2019 führte die IV-Stelle aus, das Gerichtsgutachten sei dem RAD
unterbreitet worden. Es bestünden keine Einwände gegen dessen Beweis-
wert. Gemäss dem Gerichtsgutachten bestehe in der angestammten Tä-
tigkeit in einer Spitalapotheke eine vollständige Arbeitsunfähigkeit. Hinge-
gen sei der Beschwerdeführerin eine leidensangepasste Tätigkeit retro-
spektiv zu 50 % zumutbar gewesen. Es bedürfe dementsprechend einer
Anpassung für die Zeit vom Februar 2006 bis Juni 2013. Auf ein diesbe-
zügliches Rechtsbegehren werde indessen verzichtet. Für die Zeit ab Juni
2013 sei bereits von einer Arbeitsfähigkeit von 50 % in einer alternativen
Tätigkeit ausgegangen worden. Als Invalideneinkommen sei der Tabellen-
lohn der LSE, TA1, Pos. Gesundheitswesen und Sozialwesen, Kompetenz-
niveau 2, Frauen, eingesetzt worden. Es könne für die Zeit ab Juni 2013
auch vor dem Hintergrund des Gerichtsgutachtens weiterhin auf diese In-
validitätsbemessung abgestellt werden.
D.i Mit Stellungnahme vom 2. August 2019 führte die Beschwerdeführerin
aus, das Gerichtsgutachten gehe im Grossen und Ganzen in Ordnung
(BVGer act. 62). Aus somatischer und psychischer Sicht sei die Arbeitsfä-
higkeit der Beschwerdeführerin seit 2005 um 50 % schwankend einge-
schränkt gewesen. Dies gelte allerdings nur für eine angepasste Tätigkeit
und keinesfalls für die Tätigkeit als pharmazeutische Mitarbeiterin einer
Spitalapotheke. Die Gutachter gingen zu Recht davon aus, dass bei der
seit 2005 bestehenden teilweisen oder völligen Arbeitsunfähigkeit der Ver-
lauf in den vielen Jahren bis heute nicht mehr eindeutig geklärt werden
könne. Die entscheidende Frage, ob für die Beschwerdeführerin eine Ver-
wertbarkeit der theoretisch möglichen, angepassten Tätigkeit auf einem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch bestehe oder jemals seit 2005 bestan-
den habe, bleibe jedoch offen. Insbesondere müsse die Abhängigkeit von
Drogen, die medizinisch verursacht worden sei, bei der Verwertbarkeit auf
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dem Arbeitsmarkt berücksichtigt werden. Die Vorinstanz berechne das In-
valideneinkommen nicht lediglich aufgrund von einer einfachen Tätigkeit.
Vielmehr gehe sie vom Kompetenzniveau 2 im Gesundheits- und Sozial-
wesen und somit von einer Tätigkeit mit Berufs- und Fachkenntnissen aus.
Dabei werde nicht einmal ein leidensbedingter Abzug in Betracht gezogen.
Diese Einordnung ab 2013 sei wirklichkeitsfremd. Die Beschwerdeführerin
sei der Überzeugung, dass sie mit den im Gerichtsgutachten festgestellten
Einschränkungen und der Opiatabhängigkeit seit 2005 weder auf dem nor-
malen noch dem hypothetischen Arbeitsmarkt eine Chance gehabt habe,
ihre Restarbeitsfähigkeit zu verwerten. Es werde angeregt, dass das Ge-
richt gegebenenfalls eine Stellungnahme des regionalen Arbeitsvermitt-
lungszentrums beim Amt für Wirtschaft und Arbeit in (...) einhole.
D.j Mit Verfügung vom 19. August 2019 wurde der Schriftenwechsel abge-
schlossen (BVGer act. 63).
E.
Auf die weiteren Vorbringen und Beweismittel wird – soweit entscheidwe-
sentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Behandlung der vorliegenden Be-
schwerde zuständig (Art. 31, 32 und 33 Bst. d VGG; Art. 69 Abs. 1 Bst. b
IVG [SR 831.20]) und die Beschwerdeführerin ist als Adressatin der ange-
fochtenen Verfügung durch diese besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung oder Abänderung, weshalb sie zur
Erhebung der Beschwerde legitimiert ist (Art. 59 ATSG [SR 830.1]; vgl.
auch Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Be-
schwerde vom 7. Oktober 2016 ist – nachdem auch der Kostenvorschuss
fristgerecht geleistet worden ist (vgl. BVGer act. 4) – einzutreten (Art. 60
Abs. 1 und 2 ATSG; Art. 52 Abs. 1 VwVG).
2.
Wie in der Zuständigkeitsregelung des Art. 40 Abs. 2 IVV (SR 831.201) vor-
gesehen, hat die kantonale IV-Stelle, in deren Tätigkeitsgebiet die Be-
schwerdeführerin als Grenzgängerin eine Erwerbstätigkeit ausgeübt hat,
das Leistungsbegehren entgegengenommen und geprüft, während die
Vorinstanz die angefochtene Verfügung vom 6. September 2016 erlassen
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hat. Diese Verfügung, mit der die Vorinstanz der Beschwerdeführerin ab
dem 1. September 2013 eine halbe Invalidenrente zugesprochen hat, bil-
det Anfechtungsobjekt und damit Begrenzung des Streitgegenstandes des
vorliegenden Beschwerdeverfahrens (vgl. BGE 131 V 164 E. 2.1). Streitig
und vom Bundesverwaltungsgericht zu prüfen, ist somit der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf eine schweizerische Invalidenrente im Rahmen ei-
ner Erstanmeldung.
3.
3.1 Das Bundesverwaltungsgericht prüft die Verletzung von Bundesrecht
einschliesslich der Überschreitung oder des Missbrauchs des Ermessens,
die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen
Sachverhalts und die Unangemessenheit (Art. 49 VwVG; Kognition, vgl.
BENJAMIN SCHINDLER in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.], Kommentar zum
Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2008, Art. 49 N. 1 ff.).
3.2 Nach der Rechtsprechung stellt das Sozialversicherungsgericht bei der
Beurteilung einer Streitsache in der Regel auf den bis zum Zeitpunkt des
Erlasses der streitigen Verwaltungsverfügung eingetretenen Sachverhalt
ab (BGE 132 V 220 E. 3.1.1; 131 V 242 E. 2.1).
Demnach ist vorliegend grundsätzlich auf den bis zum Zeitpunkt des Erlas-
ses der streitigen Verfügung (hier: 6. September 2016) eingetretenen
Sachverhalt abzustellen. Neue Tatsachen, die sich vor Erlass der streitigen
Verfügung verwirklicht haben, die der Vorinstanz aber nicht bekannt waren
oder von ihr nicht berücksichtigt wurden (unechte Noven), können im Ver-
fahren vor dem Sozialversicherungsgericht vorgebracht werden und sind
zu würdigen. Gleiches gilt auch für neue Beweismittel (ANDRÉ MOSER/MI-
CHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesver-
waltungsgericht, 2. Aufl. 2013, S. 117 Rz. 2.204). Später eingetretene Tat-
sachen (echte Noven), die zu einer Änderung des Sachverhalts geführt ha-
ben, sind grundsätzlich nicht im Rahmen des hängigen, sondern gegebe-
nenfalls im Rahmen eines weiteren Verfahrens zu berücksichtigen (BGE
132 V 215 E. 3.1.1; BGE 121 V 362 E. 1b mit Hinweisen). Immerhin sind
indes Tatsachen, die sich erst später verwirklichen, im hängigen Verfahren
soweit zu berücksichtigen, als sie mit dem Streitgegenstand in engem
Sachzusammenhang stehen und geeignet sind, die Beurteilung im Zeit-
punkt des Erlasses der Verfügung zu beeinflussen (vgl. Urteil des BGer
C_24/2008 vom 27. Mai 2008 E. 2.3.1).
C-6199/2016
Seite 13
4.
Im Folgenden sind vorab die im vorliegenden Verfahren anwendbaren Nor-
men und Rechtsgrundsätze darzustellen.
4.1 Die Beschwerdeführerin ist deutsche Staatsangehörige und wohnt in
Deutschland. Damit gelangen das Freizügigkeitsabkommen vom 21. Juni
1999 (FZA, SR 0.142.112.681) und die Regelwerke der Gemeinschaft zur
Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss Anhang II des
FZA zur Anwendung. Der Anspruch auf Leistungen der schweizerischen
Invalidenversicherung richtet sich indes auch nach dem Inkrafttreten des
FZA nach schweizerischem Recht (BGE 130 V 253 E. 2.4). Die Feststel-
lungen der aus dem Ausland stammenden Beweismittel, wie insbesondere
auch ärztliche Berichte und Gutachten, unterliegen der freien Beweiswür-
digung des Gerichts (vgl. Urteil des Eidgenössischen Versicherungsge-
richts [EVG, ab 1. Januar 2007: Sozialrechtliche Abteilungen des Bundes-
gerichts] vom 11. Dezember 1981 i.S. D; EVG vom 11. Dezember 1981 i.S.
D; zum Grundsatz der freien Beweiswürdigung: BGE 125 V 351 E. 3a).
4.2 Anspruch auf eine Rente der schweizerischen Invalidenversicherung
hat, wer invalid im Sinne des Gesetzes ist (Art. 8 ATSG) und beim Eintritt
der Invalidität während der vom Gesetz vorgesehenen Dauer Beiträge an
die Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV) geleistet
hat, das heisst während mindestens drei Jahren laut Art. 36 Abs. 1 IVG (in
der ab 1. Januar 2008 geltenden Fassung; AS 2007 5129). Diese Bedin-
gungen müssen kumulativ gegeben sein; fehlt eine Voraussetzung, so ent-
steht kein Rentenanspruch, selbst wenn die andere erfüllt ist.
4.3 Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde
ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG). Die Invalidi-
tät kann Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4
Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beeinträchtigung der körper-
lichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zu-
mutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teil-
weise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfä-
higkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar
ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG; der am 1. Januar 2008 in Kraft getretene Abs. 2 hat
den Begriff der Erwerbsunfähigkeit nicht modifiziert, BGE 135 V 215
C-6199/2016
Seite 14
E. 7.3). Arbeitsunfähigkeit ist die durch eine Beeinträchtigung der körperli-
chen, geistigen oder psychischen Gesundheit bedingte, volle oder teil-
weise Unfähigkeit, im bisherigen Beruf oder Aufgabenbereich zumutbare
Arbeit zu leisten. Bei langer Dauer wird auch die zumutbare Tätigkeit in
einem anderen Beruf oder Aufgabenbereich berücksichtigt (Art. 6 ATSG).
4.4
4.4.1 Nach den Vorschriften der 4. IV-Revision entsteht der Rentenan-
spruch frühestens zu dem Zeitpunkt, in dem die versicherte Person min-
destens zu 40 % bleibend erwerbsunfähig (Art. 7 ATSG) geworden ist oder
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich min-
destens zu 40 % arbeitsunfähig (Art. 6 ATSG) gewesen ist (Art. 29 Abs. 1
Bst. a und b IVG in der bis Ende 2007 gültig gewesenen Fassung). Die
Rente wird vom Beginn des Monats an ausgerichtet, in dem der Anspruch
entsteht, jedoch frühestens von jenem Monat an, der auf die Vollendung
des 18. Altersjahres folgt (Art. 29 Abs. 1 Bst. b und Abs. 2 Satz 1 IVG in der
bis Ende 2007 gültig gewesenen Fassung). Meldet sich ein Versicherter
mehr als zwölf Monate nach Entstehen des Anspruchs an, so werden die
Leistungen in Abweichung von Art. 24 Abs. 1 ATSG lediglich für die zwölf
der Anmeldung vorangehenden Monate ausgerichtet (Art. 48 Abs. 2 Satz 1
IVG in der bis Ende 2007 gültig gewesenen Fassung).
Gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG in der ab 1. Januar 2008 geltenden Fassung
haben jene Versicherten Anspruch auf eine Rente, die ihre Erwerbsfähig-
keit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen, nicht durch
zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder
verbessern können (Bst. a), und die zusätzlich während eines Jahres ohne
wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindestens 40 % arbeitsunfähig
(Art. 6 ATSG) gewesen sind und auch nach Ablauf dieses Jahres zu min-
destens 40 % invalid (Art. 8 ATSG) sind (Bst. b und c). Der Rentenanspruch
entsteht nach Art. 29 Abs. 1 IVG (ab 1. Januar 2008 geltenden Fassung)
frühestens 6 Monate nach Geltendmachung des Leistungsanspruchs nach
Art. 29 Abs. 1 ATSG.
4.4.2 Anspruch auf eine ganze Rente besteht gemäss Art. 28 Abs. 1 IVG
(in der von 2004 bis Ende 2007 gültig gewesenen Fassung), wenn die ver-
sicherte Person mindestens 70 %, derjenige auf eine Dreiviertelsrente,
wenn sie mindestens 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von min-
destens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Inva-
liditätsgrad von mindestens 40 % ein solcher auf eine Viertelsrente. Hieran
C-6199/2016
Seite 15
hat die 5. und 6. IV-Revision nichts geändert (Art. 28 Abs. 2 IVG in der ab
2008 geltenden Fassung).
4.4.3 Laut Art. 28 Abs. 1ter IVG in der bis Ende 2007 gültig gewesenen Fas-
sung bzw. Art. 29 Abs. 4 IVG in der ab 1. Januar 2008 geltenden Fassung
werden Renten, die einem Invaliditätsgrad von weniger als 50 % entspre-
chen, jedoch nur an Versicherte ausgerichtet, die ihren Wohnsitz und ge-
wöhnlichen Aufenthalt (Art. 13 ATSG) in der Schweiz haben, soweit nicht
staatsvertragliche Vereinbarungen eine abweichende Regelung vorsehen.
Eine solche Ausnahme gilt seit dem 1. Juni 2002 für die Staatsangehörigen
eines Mitgliedstaates der EU und der Schweiz, sofern sie in einem Mitglied-
staat der EU Wohnsitz haben (BGE 130 V 253 E. 2.3 und 3.1).
4.5
4.5.1 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung
(und im Beschwerdefall das Gericht) auf Unterlagen angewiesen, die ärzt-
liche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen
haben. Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand
zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und be-
züglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im
Weiteren sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Be-
urteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen der versicherten Person
noch zugemutet werden können (BGE 125 V 256 E. 4; 115 V 133 E. 2; AHI-
Praxis 2002 S. 62 E. 4b/cc).
4.5.2 Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist entscheidend, ob
der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Unter-
suchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in
Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurtei-
lung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medi-
zinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Exper-
ten begründet sind. Ausschlaggebend für den Beweiswert ist grundsätzlich
somit weder die Herkunft eines Beweismittels noch die Bezeichnung der
eingereichten oder in Auftrag gegebenen Stellungnahmen als Bericht oder
Gutachten (BGE 125 V 352 E. 3a). Je substanzieller sich eine medizinische
Fachperson äussert, umso höher ist der Beweiswert ihrer Aussage (RU-
DOLF RÜEDI, Das medizinische Gutachten – Erwartungen des Sozialversi-
cherungsrichters an den Arzt, in: Gabriela Riemer-Kafka [Hrsg.], Medizini-
sche Gutachten, Zürich 2005, S. 80). Liegen unterschiedliche, sich wider-
C-6199/2016
Seite 16
sprechende Expertenmeinungen vor, wird diejenige Begutachtung obsie-
gen, die lückenlos dokumentiert ist und durch eine schlüssige Beurteilung
zu überzeugen vermag: kurz, es kommt auf die Qualität an (JACQUES
MEINE, die ärztliche Unfallbegutachtung in der Schweiz – Erfüllt sie die heu-
tigen Qualitätsanforderungen?, in: Swiss Surg 1998; 4: 54).
4.5.3 Die bundesgerichtliche Rechtsprechung erachtet es mit dem Grund-
satz der freien Beweiswürdigung als vereinbar, in Bezug auf bestimmte
Formen medizinischer Berichte und Gutachten Richtlinien für die Beweis-
würdigung aufzustellen (vgl. die ausführliche Zusammenstellung dieser
Richtlinien in BGE 125 V 352 E. 3b mit zahlreichen Hinweisen; vgl. dazu
auch BGE 135 V 469 f. E. 4.4 und 4.5). So weicht das Gericht bei Gerichts-
gutachten nach der Praxis nicht ohne zwingende Gründe von der Einschät-
zung des medizinischen Experten ab, dessen Aufgabe es ist, seine Fach-
kenntnisse der Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stellen, um einen be-
stimmten Sachverhalt medizinisch zu erfassen. Ein Grund zum Abweichen
kann vorliegen, wenn die Gerichtsexpertise widersprüchlich ist oder wenn
ein vom Gericht eingeholtes Obergutachten in überzeugender Weise zu
andern Schlussfolgerungen gelangt. Eine abweichende Beurteilung kann
ferner gerechtfertigt sein, wenn gegensätzliche Meinungsäusserungen an-
derer Fachexperten dem Gericht als triftig genug erscheinen, die Schlüs-
sigkeit des Gerichtsgutachtens in Frage zu stellen, sei es, dass es die
Überprüfung im Rahmen einer Oberexpertise für angezeigt hält, sei es,
dass es ohne Oberexpertise vom Ergebnis des Gerichtsgutachtens abwei-
chende Schlussfolgerungen zieht (BGE 125 V 352 f. E. 3b/aa mit Hinwei-
sen). Im Weiteren ist laut diesen Richtlinien den im Rahmen des Verwal-
tungsverfahrens eingeholten Gutachten externer Spezialärztinnen
und -ärzte, welche aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersu-
chungen sowie nach Einsicht in die Akten Bericht erstatten und bei der Er-
örterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen gelangen, bei der Be-
weiswürdigung volle Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete In-
dizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V 353
E. 3b/bb mit weiteren Hinweisen).
4.6
4.6.1 Gemäss der mit BGE 130 V 352 begründeten und seither stetig wei-
ter entwickelten Rechtsprechung vermochten fachärztlich (psychiatrisch)
diagnostizierte somatoforme Schmerzstörungen und vergleichbare psy-
chosomatische Leiden (BGE 140 V 8 E. 2.2.1.3) in der Regel keine lang
C-6199/2016
Seite 17
dauernde, zu einer Invalidität im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG führende Ar-
beitsunfähigkeit zu bewirken. Vielmehr bestand die Vermutung, dass sol-
che Beschwerdebilder oder ihre Folgen mit einer zumutbaren Willensan-
strengung überwindbar seien und nur bestimmte Umstände, welche die
Schmerzbewältigung intensiv und konstant behindern, den Wiedereinstieg
in den Arbeitsprozess unzumutbar machten, weil die versicherte Person
alsdann nicht über die für den Umgang mit den Schmerzen notwendigen
Ressourcen verfügt. Ob ein solcher Ausnahmefall vorlag, entschied sich im
Einzelfall anhand verschiedener Kriterien (so genannte «Foerster-Krite-
rien», vgl. BGE 130 V 352; 131 V 39 E. 1.2; 139 V 547 E. 3.2.3).
4.6.2 Mit BGE 141 V 281 hat das Bundesgericht die Überwindbarkeitsver-
mutung aufgegeben und das bisherige Regel-/Ausnahme-Modell durch ein
strukturiertes normatives Prüfungsraster ersetzt. In dessen Rahmen wird
im Regelfall anhand von auf den funktionellen Schweregrad bezogenen
Standardindikatoren das tatsächlich erreichbare Leistungsvermögen er-
gebnisoffen und symmetrisch beurteilt, indem gleichermassen den äusse-
ren Belastungsfaktoren wie den vorhandenen Ressourcen Rechnung ge-
tragen wird (BGE 141 V 574 E. 4.2 mit Hinweisen; Urteil des BGer
9C_534/2015 vom 1. März 2016 E. 2.2 mit Hinweisen). Die Anerkennung
eines rentenbegründenden Invaliditätsgrades ist nur zulässig, wenn die
funktionellen Auswirkungen der medizinisch festgestellten gesundheitli-
chen Anspruchsgrundlage im Einzelfall anhand der Standardindikatoren
schlüssig und widerspruchsfrei mit (zumindest) überwiegender Wahr-
scheinlichkeit nachgewiesen sind. Fehlt es daran, hat die Folgen der Be-
weislosigkeit die materiell beweisbelastete versicherte Person zu tragen
(BGE 141 V 281 E. 6; 141 V 547 E. 2; Urteil des BGer 8C_28/2016 vom
15. April 2016 E. 3.2).
4.6.3 Mit BGE 143 V 418 änderte das Bundesgericht seine bisherige Praxis
im Zusammenhang mit Leiden aus dem depressiven Formenkreis insofern
ab, als es erkannte, dass grundsätzlich sämtliche psychischen Erkrankun-
gen ebenfalls einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281
zu unterziehen sind (E. 6 f.). Weiter stellte es klar, dass sich ein Leiden
nicht einfach deshalb als leicht und invalidenversicherungsrechtlich bedeu-
tungslos einstufen lässt, weil diagnostisch kein Bezug zu dessen Schwe-
regrad gefordert ist (E. 5.2). Sodann soll E. 4.3.1.3 von BGE 141 V 281
fortan so verstanden werden, dass Störungen unabhängig von ihrer Diag-
nose bereits dann als rechtlich bedeutsame Komorbidität in Betracht fallen,
wenn ihnen im konkreten Fall ressourcenhemmende Wirkung zukommt
(E. 8.1). Des Weiteren führte es aus, dass die Therapierbarkeit allein keine
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C-6199/2016
Seite 18
abschliessende evidente Aussage über das Gesamtmass der Beeinträch-
tigung und deren Relevanz im invalidenversicherungsrechtlichen Kontext
zu liefern vermag. Folgerichtig entschied das Bundesgericht gleichentags
mit BGE 143 V 409 – ebenfalls im Sinne einer Praxisänderung –, dass die
depressiven Störungen leicht- bis mittelgradiger Natur grundsätzlich eben-
falls einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unter-
ziehen sind (E. 4.5). Dieses bleibt nur dann entbehrlich, wenn im Rahmen
beweiswertiger fachärztlicher Berichte (vgl. BGE 125 V 351) eine Arbeits-
unfähigkeit in nachvollziehbar begründeter Weise verneint wird und allfälli-
gen gegenteiligen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation
oder aus anderen Gründen kein Beweiswert beigemessen werden kann
(BGE 143 V 409 E. 409). Diese geänderte Rechtsprechung ist vorliegend
anwendbar (vgl. statt vieler Urteil des BGer 9C_700/2015 vom 18. Juli 2016
E. 3.2).
4.6.4 Nach der bisherigen Rechtsprechung des Bundesgerichts begrün-
dete die primäre Drogensucht und Medikamentenabhängigkeit für sich al-
lein keine Invalidität im Sinne des Gesetzes. Vielmehr wird sie invaliden-
versicherungsrechtlich erst relevant, wenn sie eine Krankheit oder einen
Unfall bewirkt hat, in deren Folge ein körperlicher, geistiger oder psychi-
scher (vgl. Urteile des EVG I 50/07 vom 23. Oktober 2007 E. 5.1; I 750/04
vom 5. April 2006 E. 1.2 m.H.), die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigender
Gesundheitsschaden eingetreten ist, oder wenn die Abhängigkeit selber
Folge eines körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheitsscha-
dens ist, dem Krankheitswert zukommt (vgl. BGE 124 V 265 E. 3c S. 268).
Dabei ist das ganze für die Sucht massgebende Ursachen- und Folges-
pektrum in eine Gesamtwürdigung einzubeziehen, was impliziert, dass ei-
ner allfälligen Wechselwirkung zwischen Suchtmittelabhängigkeit und psy-
chischer Begleiterkrankung Rechnung zu tragen ist. Mit dem Erfordernis
des Krankheitswerts einer allfälligen verursachenden psychischen Krank-
heit wird verlangt, dass diese die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit ein-
schränkt. Wenn der erforderliche Kausalzusammenhang zwischen Sucht
und krankheitswertigem psychischem Gesundheitsschaden besteht, sind
für die Frage der noch zumutbaren Erwerbstätigkeit die psychischen und
die suchtbedingten Beeinträchtigungen gesamthaft zu berücksichtigen (Ur-
teil des BGer 8C_906/2013 vom 22. Mai 2014 E. 2.2 mit Hinweisen).
4.6.5 Das Bundesgericht kam in seinem aktuellen Entscheid 9C_724/2018
vom 11. Juli 2019 u.a. nach vertiefter Auseinandersetzung mit Erkenntnis-
sen der Medizin zum Ergebnis, dass an der bisherigen Praxis zu primären
Suchtleiden nicht mehr festzuhalten ist. Aus medizinischer Sicht handelt es
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Seite 19
sich bei einer Sucht klar um ein krankheitswertiges Geschehen. Es drängt
sich insofern die gleiche Sichtweise auf wie bei anderen psychischen Stö-
rungen, bei denen im Einzelfall aufgrund objektiver Massstäbe beurteilt
wird, ob die betroffene Person trotz des ärztlich diagnostizierten Leidens
ganz oder teilweise einer (angepassten) Arbeit nachgehen kann. Die
Rechtsprechung ist deshalb dahingehend zu ändern, dass einem fachärzt-
lich einwandfrei diagnostizierten Abhängigkeitssyndrom beziehungsweise
einer Substanzkonsumstörung nicht mehr zum vornherein jegliche IV-
rechtliche Relevanz abgesprochen wird. Es ist wie bei allen anderen psy-
chischen Erkrankungen nach dem strukturierten Beweisverfahren (gemäss
BGE 141 V 281; vgl. auch vorstehende E. 4.6.3) zu ermitteln, ob und ge-
gebenenfalls inwieweit sich ein fachärztlich diagnostiziertes Abhängigkeits-
syndrom im Einzelfall auf die Arbeitsfähigkeit auswirkt.
4.6.6 Die für die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit erwähnten Indikatoren hat
das Bundesgericht wie folgt systematisiert (BGE 141 V 281 E. 4.1.3): Ka-
tegorie «funktioneller Schweregrad» (E. 4.3) mit den Komplexen «Gesund-
heitsschädigung» (E. 4.3.1; Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde
und Symptome; Behandlungs- und Eingliederungserfolg oder -resistenz;
Komorbiditäten), «Persönlichkeit» (Persönlichkeitsentwicklung und -struk-
tur, grundlegende psychische Funktionen [E. 4.3.2]) und «sozialer Kon-
text» (E. 4.3.3) sowie Kategorie «Konsistenz» (Gesichtspunkte des Verhal-
tens [E. 4.4]) mit den Faktoren gleichmässige Einschränkung des Aktivitä-
tenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen (E. 4.4.1) und be-
handlungs- und eingliederungsanamnestisch ausgewiesener Leidens-
druck (E. 4.4.2).
5.
5.1 Strittig und zu prüfen ist die Rechtmässigkeit der angefochtenen Verfü-
gung vom 6. September 2016, womit die Vorinstanz einen Rentenanspruch
ab 1. Februar 2006 verneint, der Beschwerdeführerin jedoch mit Wirkung
ab 1. September 2013 eine halbe Invalidenrente zugesprochen hat (BVGer
act. 1, Beilage).
5.2 Aufgrund von Diskrepanzen zwischen den diversen medizinischen Be-
urteilungen hat das Bundesverwaltungsgericht in Nachachtung der Recht-
sprechung gemäss BGE 137 V 210 E. 4.2 ff. ein Gerichtsgutachten einge-
holt. Die Parteien haben gegen das Gerichtsgutachten vom 4. Juni 2019
C-6199/2016
Seite 20
bzw. dessen Ergebnis keine Einwände erhoben. Somit ist nachfolgend zu-
nächst zu prüfen, ob zwingende Gründe gegen den Beweiswert des Ge-
richtsgutachtens sprechen.
5.3 Die Beschwerdeführerin wurde im Rahmen des vom Bundesverwal-
tungsgericht in Auftrag gegebenen Gerichtsgutachtens am 24. September
2018 von Dr. med. P._, Innere Medizin und Rheumatologie FMH,
zertifizierter medizinischer Gutachter SIM, Vertrauensarzt SGV, am 25.
September 2018 von Dr. med. Q._, fallführende Oberärztin Begut-
achtungsstelle M._, Fachärztin Allgemeine Innere Medizin FMH,
MAS Versicherungsmedizin, Vertrauensärztin SGV, zertifizierte medizini-
sche Gutachterin SIM und Dr. med. R._, Fachärztin Neurologie,
Oberärztin Begutachtungsstelle M._, zertifizierte medizinische Gut-
achterin SIM, Verkehrsmedizinische Vertrauensärztin Stufe 3 SGRM, am
26. September 2018 von Dr. med. S._, Oberärztin Begutachtung
M._, zertifizierte medizinische Gutachterin SIM, Versicherungsme-
dizin, Klinik T._ und am 30. Oktober 2018 von Prof. Dr. med.
U._, Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungs-
apparates FMH, untersucht und begutachtet. Die neuropsychologische Ex-
ploration durch lic. phil. I V._ erfolgte am 9. Januar 2019 (vgl. BVGer
act. 57).
In der Konsensbeurteilung des Gerichtsgutachtens wurden folgende Diag-
nosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit genannt (BVGer act. 57,
Konsensbeurteilung S. 11 ff.):
1. Linksbetontes zerviko-brachiales Schmerzsyndrom mit/bei
– St. n. Nukleotomie C5/6 und Implantation einer Prodisc-C Bandscheibenpro-
these C5/6 (30.05.2005)
– DD klinisch überlagert durch vorwiegend sensibles Karpaltunnelsyndrom
beidseits (ICD-10 G56.0) sowie überlagert durch psychiatrische Komorbidität
– kernspintomographisch auf Höhe HWK5/6 aufgrund der ausgeprägten Me-
tallartefakte nicht beurteilbar, auf Höhe HWK6/7 flache beidseitige laterale
Diskushernie, jeweils bis intraforaminal reichend, rechts mehr als links mit
hier möglicher Beeinträchtigung der entsprechenden Wurzel C7 (MRI der
ganzen Wirbelsäule nativ vom 26.09.2018)
– klinisch persistierend eingeschränkte Beweglichkeit der HWS, ausgeprägte
myotendinotische Verspannungen der paravertebralen Nackenmuskulatur
– pseudoradikuläre Schmerzausstrahlung in den linken Arm bei Ansatztendi-
nose des Musculus pectoralis major linksseitig, DD intermittierende irritative
Radikulopathie C7 links
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Seite 21
– intermittierende irritative Radikulopathie C7 rechtsseitig ebenfalls möglich
– diffuse myotendinotische Verspannungen der paravertebralen Muskulatur
vom zervikalen bis in den lumbalen Bereich
2. Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
(ICD-10 F45.41) mit/bei
– diffusen Schmerzen im Bereich der oberen und der unteren Extremitäten
ohne eindeutiges organisches Korrelat (ICD-10 M79.69) mit/bei
– normal erhaltener Beweglichkeit beider Ellenbogengelenke, beider Handge-
lenke, beider Kniegelenke, Hüftgelenke und Sprunggelenke ohne Hinweise
auf lokale segmentale Dysfunktion
– Diagnose 1, 3, 4, 5, 6
3. Verdacht auf Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60/DD F61)
4. Verdacht auf Opioidabhängigkeit, iatrogen induziert (ICD-10 F11.24)
5. Idiopatische N. trigeminus Neuralgie (Originalcode: 13.1.1.3.2 Idiopathic trige-
minal neuralgia with concomitant continuous pain) nach ICHD-III, DD idiopati-
sche N. trigeminus Neuropathie (13.1.2.5 Idiopathic painful trigeminal neuro-
pathy) nach ICHD-III
6. Mittelschwere neuropsychologische Störung bei Diagnosen 1–5
Ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit konnten demgegenüber folgende Di-
agnosen gestellt werden:
1. Anamnestisch rezidivierende depressive Störung
2. Chronisches thorako-lumbovertebrales Schmerzsyndrom (ICD-10 M54.4,
M54.5) mit/bei
– kernspintomograhisch kleine Diskushernie BWK6/7, BWK8/9 und BWK9/10
mit z.T. Deformation des Myelons ohne Nachweis einer Myelopathie, ohne
klinische Relevanz, keine Auffälligkeiten in der LWS (MRI der BWS und LWS
nativ vom 26.09.2018)
– klinisch diffuse, ausgeprägte myotendinotische Verspannungen der paraver-
tebralen Muskulatur im thorakalen und lumbalen Bereich, keine Hinweise auf
segmentale Dysfunktion der Brust- und Lendenwirbelsäule
– Hinweise auf Schmerzverarbeitungsstörung
3. Beginnende Polyarthrose der Hände (ICD-10 M15.9) mit/bei
– leichtgradiger Bouchard-Knoten der proximalen Interphalangealgelenke,
keine Hinweise auf aktivierte degenerative Veränderungen der Hände, nor-
mal erhaltene Beweglichkeit der Fingergelenke und der Handgelenke beid-
seits
4. Symptomatische Senk- und Spreizfüsse (ICD-10 M21.6) mit/bei
– muskuläre Dysbalance der Wadenmuskulatur im Rahmen einer generalisier-
ten muskulären Dekonditionierung
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Seite 22
(Anmerkung: bei den Diagnosen 5., 6. und 7. gemäss Konsensbeurteilung han-
delt es sich um Wiederholungen der Diagnosen 2., 3. und 4.)
8. Art. Hypertonie
9. Anamnestisch Pflasterallergie
10. Anamnestisch Varikosis
Hinsichtlich der Arbeits- und Leistungsfähigkeit kamen die Gutachter in der
polydisziplinären Zusammenschau zum Schluss, dass bei der Beschwer-
deführerin aufgrund der somatischen Kernbeschwerden eine aufgehobene
Arbeits- und Leistungsfähigkeit für die von ihr zuletzt ausgeübte Tätigkeit
als pharmazeutische Mitarbeiterin einer Spitalapotheke zu attestieren sei.
Dies könne aufgrund der Minderbelastbarkeit im Bereich der HWS und der
oberen Extremitäten begründet werden. Es könne retrospektiv davon aus-
gegangen werden, dass seit der aktenkundig attestierten Arbeitsunfähig-
keit für diese zuletzt ausgeübte Tätigkeit ab 17. Februar 2005 keine Ar-
beitsfähigkeit mehr für diese teileweise schultergürtelbelastende Tätigkeit
vorgelegen habe. Der Zeitpunkt der aufgehobenen Arbeitsfähigkeit korre-
liere dabei mit dem in der Aktenlage dokumentierten Auftreten der zerviko-
brachialen Beschwerden im Rahmen des Bandscheibenvorfalls und dem
Zeitpunkt der damals hausärztlich attestierten Arbeitsunfähigkeit für die da-
malige Tätigkeit in der Spitalapotheke.
Seit dem Zeitpunkt der Krankschreibung im Februar 2005 bis drei Monate
nach der Operation vom 11. April 2005 sei sodann eine aufgehobene Ar-
beitsfähigkeit für alle Tätigkeiten plausibel. Rein aus somatischer Sicht sei
für optimal körperlich angepasste Tätigkeiten ohne repetitiv mittelschwere
bis schwere Hebe-, Trage-, Zug- und Stossbelastungen und ohne Zwangs-
haltungen des Kopfes, Überkopfarbeiten und ohne Tätigkeiten mit Inklina-
tions- und Reklinationsbewegungen des Kopfes und Oberkörpers, ohne
Notwendigkeit Lasten über 10 kg zu heben, zu tragen oder zu bewegen
und ohne Tätigkeiten mit erhöhter Vibrations-, Stoss- oder Starkbelastung
der Hände und ohne Tätigkeiten mit erhöhter Kälteexposition und Zugluft-
belastung seit dem Zeitpunkt 3 Monate nach durchgeführter HWS-Opera-
tion am 11. April 2005 noch eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit von
20 % zu verzeichnen.
Die darüber hinaus bestehende Einschränkung der Arbeitsfähigkeit für op-
timal angepasste Tätigkeiten gemäss oben definiertem Belastungsprofil sei
psychisch und aufgrund der neuropsychologischen Funktionsstörung zu
begründen. Die diesbezügliche Arbeitsunfähigkeit für angepasste Tätigkei-
ten sei im Längsschnitt nur schwer zu rekonstruieren. In der Gesamtschau
C-6199/2016
Seite 23
aller Befunde unter Berücksichtigung der diversen gutachterlichen Vorein-
schätzungen sei davon auszugehen, dass im Längsschnitt die Arbeitsfä-
higkeit der Beschwerdeführerin aus psychiatrischer Sicht um 50 % schwan-
kend eingeschränkt gewesen sei, eine höhergradige Einschränkung der
Arbeitsfähigkeit sei im Rahmen bzw. zum Zeitpunkt schwerer Ausprä-
gungsgrade der dokumentierten depressiven Störung retrospektiv nach-
vollziehbar, dies sei vordokumentiert im Rahmen des F._-Gutach-
tens von 07/2013 (damals schwere depressive Episode) und im Rahmen
der nervenärztlichen Begutachtung durch Dr. med. W._ vom
19. Oktober 2017 (damals mittelschwere depressive Störung). In den übri-
gen Vorbegutachtungen werde von einer 30 %-igen Einschränkung der Ar-
beitsfähigkeit rein psychiatrisch (Dr. med. E._2007/2009), einer Ar-
beitsfähigkeit von drei bis sechs Stunden am Tag (Gutachten Dr. med.
X._ und Dr. med. Y._ 2009/2013) und von einer uneinge-
schränkten Arbeitsfähigkeit (Gutachten Dr. med. O._ 07/2016) aus-
gegangen. Die Gutachter gehen davon aus, dass es sich bezüglich dieser
divergierenden Voreinschätzungen der Arbeitsfähigkeit um Schwankungen
im Verlauf in Bezug auf die schmerzbedingten funktionellen Einschränkun-
gen bei grundsätzlich gut und durchgängig dokumentiertem schwerem
Krankheitsverlauf handle. Aus heutiger Sicht könne retrospektiv von einer
im Verlauf schwankenden, ca. 50 %-igen Arbeitsunfähigkeit aus gesamt-
medizinischer Sicht ausgegangen werden, mit Ausnahme der Phasen ei-
nes höheren Ausprägungsgrades der depressiven Störung, wo die Arbeits-
fähigkeit stärker eingeschränkt gewesen sein könnte. Eine exaktere Ein-
schätzung des Verlaufs sei nicht möglich. Auch könne nicht exakt geklärt
werden, ab wann das psychiatrische Krankheitsbild klar im Vordergrund
gestanden habe, es sei jedoch plausibel, dass dies bereits zum Zeitpunkt
der erstmaligen psychiatrischen Abklärung im 10/2007 der Fall gewesen
sei und die Arbeitsfähigkeit seit diesem Zeitpunkt gesamtmedizinisch ein-
geschränkt gewesen sei. Heute sei gesamthaft gesehen von einer 50 %-
igen Arbeitsfähigkeit in angepassten Tätigkeiten aus psychiatrischer Sicht
auszugehen. Zusätzlich zum somatisch definierten Belastungsprofil sollte
dabei aus psychiatrischer Sicht berücksichtigt werden, dass die Beschwer-
deführerin eine ruhige Tätigkeit ohne Zeitdruck und ohne Kundenkontakt
und ohne starke hierarchische Strukturen und mit klar vorstrukturierten Auf-
gaben benötige (BVGer act. 57, Konsensbeurteilung, S. 15 ff.).
5.4 Das Gerichtsgutachten ist umfassend, beruht auf einer eingehenden
Untersuchung der Beschwerdeführerin, geht einlässlich auf die Beschwer-
den der Versicherten ein und vermittelt ein hinreichendes Bild über deren
C-6199/2016
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Gesundheitszustand. Die bestehenden Funktionsstörungen werden aus-
führlich aufgezeigt und deren Auswirkung auf die Leistungs- und Arbeitsfä-
higkeit dargelegt. Ferner berücksichtigt es auch die übrigen bei den Akten
liegenden medizinischen Berichte. Insbesondre setzt es sich einlässlich mit
den diversen medizinischen Berichten und Vorgutachten auseinander
(BVGer act. 57, Konsensbeurteilung, S. 15 ff.). Dabei wird sowohl zu den
abweichenden Einschätzungen des Schweregrades der diagnostizierten
Pathologien als auch zu den Diskrepanzen in den Einschätzungen der Ar-
beitsfähigkeit Stellung genommen, wobei retrospektiv von einem schwan-
kenden Verlauf mit teilweise höherer Arbeitsfähigkeit ausgegangen wird.
Schliesslich weisen die Gutachter auch auf die Schwierigkeit einer exakten
rückwirkenden Einschätzung des Verlaufs der Arbeitsfähigkeit hin. Den-
noch erscheint die Einschätzung einer vollständig aufgehobenen Arbeits-
fähigkeit in der angestammten Tätigkeit bzw. die retrospektiv (zwar teil-
weise schwankende) und aktuelle Arbeitsfähigkeit von 50 % in einer ange-
passten Tätigkeit nachvollziehbar und sorgfältig begründet. Davon geht
auch RAD-Arzt Dr. med. Z._, Facharzt Psychiatrie und Psychothe-
rapie, Zertifizierter medizinischer Gutachter SIM, Fachspezialist Psychiat-
rie, aus, der sich in seiner Stellungnahme vom 28. Juni 2019 dem Gerichts-
gutachten vollumfänglich anschliesst (BVGer act. 59 Beilage).
5.5 Schliesslich nimmt das Gerichtsgutachten auch zu den Ergänzungsfra-
gen der Vorinstanz im Zusammenhang mit der Therapierbarkeit der Be-
schwerden und zum Opiatgebrauch Stellung (vgl. BVGer act. 57, Konsens-
beurteilung, S. 17 ff.). Die Gutachter kommen zum Schluss, dass zur Be-
handlung der chronifizierten Schmerzstörung grundsätzlich eine Therapie
mit somatischem, psychiatrischem und psychotherapeutischem Ansatz
empfohlen werde und eine solche der Beschwerdeführerin auch zumutbar
gewesen wäre. Eine solche Therapie sei in der Vergangenheit aufgrund
des ausschliesslich somatischen Krankheitskonzeptes der Beschwerde-
führerin nicht eingeleitet worden. Es müsse offenbleiben, ob die Prognose
der psychiatrischen Störung durch die Etablierung einer psychiatrischen
multimodalen Therapie zu verbessern gewesen wäre. Bei zwischenzeitlich
langzeitigem Krankheitsverlauf und bisher ausschliesslich somatischem
Krankheitskonzept müsse davon ausgegangen werden, dass ein psycho-
therapeutischer Zugang zur Störung nur schwer etabliert werden könne
und dass ein solcher Zugang mit einer vorübergehenden Verschlechterung
im Sinne der Dekompensation der Schmerzsymptomatik und der depres-
siven Symptomatik einhergehen könne. Ebenso wenig könne aus heutiger
Sicht beantwortet werden, inwiefern eine leitliniengerechte multimodale
psychiatrische Therapie die Chronifizierung einer Schmerzstörung, die
C-6199/2016
Seite 25
Entwicklung einer Depression und die Entwicklung des Opiatgebrauchs
hätte beeinflussen können. Ein stationärer Entzug oder Teilentzug des
Opiatgebrauchs wäre grundsätzlich zumutbar gewesen und eine Reduk-
tion bzw. Entzug der Opiattherapie auch grundsätzlich zu empfehlen. Es
könne jedoch keine sichere Prognose darüber abgegeben werden, wie
sich das Krankheitsbild im Zuge eines solchen Opiatentzuges entwickelt
hätte. Denkbar sei, dass sich die Schmerzsymptomatik hierunter zumin-
dest vorübergehend deutlich verschlechtert hätte, ebenso erscheine es
möglich, dass im Zuge der im Rahmen eines Opiatentzuges notwendigen
psychotherapeutischen Begleitung eine Destabilisierung des Gesamtzu-
standes hätte eintreten können. Eine genaue Prognose hierzu sei jedoch
nicht möglich. Wie sich aus der ausführlichen Stellungnahme von RAD-
Arzt Dr. med. Z._ vom 12. Januar 2018 ergibt, hat im Fall der Be-
schwerdeführerin weder eine – wie von den Gutachtern beschriebene –
multimodale Therapie noch eine Opioidreduktion stattgefunden. Trotz
Kenntnis dieser beiden Problemkreise wurde auf den Hinweis entspre-
chender medizinischer Massnahmen – gegebenenfalls – unter Schaden-
minderungspflichtauflage verzichtet (vgl. BVGer act. 22, Beilage S. 1 ff.).
Gemäss Einschätzung von RAD-Arzt Dr. med. Z._ seien die Erfolg-
saussichten aller therapeutischen Bemühungen zwar eher als gering, aber
nicht von vornherein als infaust einzuschätzen (vgl. BVGer act. 22, Beilage
S. 1 ff.). Die Gutachter äussern indessen Zweifel, inwiefern der Verlauf der
Beschwerden mit medizinischen Massnahmen in der Vergangenheit zu
verbessern gewesen bzw. zukünftig zu verbessern wären. Die Prognose
hinsichtlich des Erlangens einer höheren Arbeitsfähigkeit durch eine multi-
modale Behandlung der Schmerzstörung und Reduktion des Opiatkon-
sums sei eher als negativ zu betrachten, eher sei mit einer Stabilisierung
und Vermeidung einer weiteren Verschlechterung zu rechnen (vgl. BVGer
act. 57, psychiatrisches Teilgutachten, S. 18). Nach dem Gesagten ist da-
von auszugehen, dass sich der Gesundheitszustand der Beschwerdefüh-
rerin durch medizinische Massnahmen und Therapien nicht wesentlich ver-
bessern lässt.
5.6 Das Gerichtsgutachten hält – soweit anwendbar – auch vor der Indika-
torenrechtsprechung stand (vgl. vorstehende E. 4.6.2 ff.). Zunächst ist fest-
zuhalten, dass keine Ausschlussgründe für die Annahme einer Gesund-
heitsschädigung wie Aggravation oder ähnliche Erscheinungsbilder festge-
stellt werden konnten (vgl. BVGer act. 57, Konsensbeurteilung, S. 15). Bei
den somatischen Untersuchungen hätten sich zwar deutliche Diskrepan-
zen zwischen den geklagten Beschwerden und den objektivierbaren Be-
C-6199/2016
Seite 26
funden gezeigt, was jedoch nicht im Sinn einer Verdeutlichung oder Aggra-
vation gewertet werde, sondern im Rahmen der chronifizierten Schmerz-
störung zu erklären sei. Grundsätzlich könnten die Befunde als konsistent
gewertet werden. Auch in der neuropsychologischen Untersuchung sei das
Antwortverhalten im Beschwerdevalidierungstest sowie die Leistungsbe-
reitschaft unauffällig gewesen, wenn auch die Testbefunde nicht konsistent
waren mit der beschriebenen und beobachteten Alltagsfunktionalität und
dem Verhalten in der Testsituation. Hinweise für bewusste Aggravation hät-
ten sich nicht gefunden, es müsse von einer wahrscheinlich unbewussten
Symptomverdeutlichung ausgegangen werden, die im Rahmen des psy-
chiatrischen Krankheitsbildes zu erklären sei. Hinsichtlich des funktionellen
Schweregrads kommen die Gutachter zum Schluss, dass die Funktionsfä-
higkeit der Beschwerdeführerin schwergradig eingeschränkt sei. Vollstän-
dig eingeschränkt sei sie jedoch nicht (vgl. BVGer act. 57, Konsensbeur-
teilung, S. 14). Es könne davon ausgegangen werden, dass seit Jahren ein
schwer chronifiziertes psychiatrisches Krankheitsbild bestehe, das hin-
sichtlich der Funktionseinschränkung der Beschwerdeführerin (neben den
somatischen Einschränkungen) im Vordergrund stehe und das im Längs-
schnitt zu deutlichen Funktionseinschränkungen führe, die jedoch ver-
schiedene Ausprägungsgrade zeige (vgl. BVGer act. 57, Konsensbeurtei-
lung, S. 11). Zum aktuellen Gutachtenszeitpunkt könne im Vergleich mit
den bisherigen Einschätzungen das Vorliegen einer chronischen Schmerz-
störung mit somatischen und psychischen Faktoren bestätigt werden, was
der Einschätzung einer somatoformen Störung entspreche. Der Verdacht
auf eine dieser Schmerzverarbeitungsstörung zugrundeliegenden Persön-
lichkeitsproblematik könne bestätigt werden (vgl. BVGer act. 57, Konsens-
beurteilung, S. 11 und S. 14). Darüber hinaus würde aktuell eine mittel-
schwere neuropsychologische Störung nachgewiesen, die im Zuge der
chronischen Schmerzstörung, des somatisch nachvollziehbaren Schmerz-
syndroms und bei iatrogenem Opiatgebrauch zu erklären sei (vgl. BVGer
act. 57, Konsensbeurteilung, S. 11). Die Beschwerdeführerin verfüge über
gute intellektuelle Ressourcen und eine gute Strukturiertheit und Differen-
ziertheit, sie habe jedoch aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur, die nach
heutiger Einschätzung die Entwicklung einer chronischen Schmerzstörung
gefördert habe, eingeschränkte Ressourcen (vgl. BVGer act. 57, Konsens-
beurteilung, S. 14). Die Ressourcen würden zusätzlich durch die beste-
hende mittelschwere kognitive Störung und den iatrogen verordneten Opi-
atgebrauch eingeschränkt. Grundsätzlich sei es ungünstig anzusehen,
dass die Beschwerdeführerin ein rein somatisches Krankheitskonzept ver-
folge und eine Abwehr gegenüber psychischen/psychosomatischen Krank-
C-6199/2016
Seite 27
heitskonzepten bestehe. Diese Abwehrhaltung bedinge eine einge-
schränkte Prognose hinsichtlich des voraussichtlichen Erfolges einer psy-
chiatrischen Therapie. Bei langjährigem Krankheitsverlauf und zwischen-
zeitlich schwerer, chronifizierter Störung sei durch die Etablierung von the-
rapeutischen Massnahmen nicht mit schnellen oder durchgreifenden The-
rapieerfolgen zu rechnen. Insbesondere müsse aus psychiatrischer Sicht
mit innerem, krankheitsbedingtem Widerstand gerechnet werden. Auch
hinsichtlich der grundsätzlich zu empfehlenden Reduktion bzw. dem Abset-
zen der mitinteragierenden Opiattherapie müsse mit einer vorübergehen-
den Verschlechterung einerseits der Schmerzsymptomatik, andererseits
mit einer möglichen Demaskierung und Verschlechterung der psychiatri-
schen Symptomatik gerechnet werden. Es sei möglich, dass durch einen
aufdeckenden psychotherapeutischen Zugang und dem damit verbunde-
nen Prozess eine Dekompensation des psychischen Befundes, vor allem
hinsichtlich Verschlechterung der Schmerzsituation und der depressiven
Symptomatik eintritt. Insofern verfüge die Beschwerdeführerin über wenig
Ressourcen für die Verbesserung des schweren Krankheitsbildes (vgl.
BVGer act. 57, Konsensbeurteilung, S. 14 f.). Was sodann den Opiatkon-
sum betrifft, so ist nach dem Gesagten unbestritten, dass dieser mitintera-
gierend ist und reduziert oder eingestellt werden sollte, wobei die Gutach-
ter allfällige daraus resultierende kurz- oder mittelfristige Folgen eher ne-
gativ einschätzen. Es handelt sich beim Opiatkonsum der Beschwerdefüh-
rerin um ein krankheitswertiges Geschehen, zumal vorliegend ein sekun-
därer iatrogener («durch einen Arzt verursacht», vgl. www.pschyrembel.de,
abgerufen am 16.10.2019) Konsum besteht und somit von einer Folge ei-
nes körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheitsschadens aus-
zugehen ist. Solchen sekundären Suchtleiden, konnten bereits vor An-
wendbarkeit der Indikatorenrechtsprechung invalidenversicherungsrechtli-
che Relevanz zukommen.
5.7 Als Zwischenergebnis ist somit festzuhalten, dass keine zwingenden
Gründe ersichtlich sind, die gegen den Beweiswert des Gerichtsgutachtens
sprechen würden. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass die
Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin in ihrer angestammten Tätigkeit
seit dem 17. Februar 2005 vollständig aufgehoben ist. Demgegenüber be-
steht für angepasste Tätigkeiten seit dem Zeitpunkt drei Monate nach der
HWS-Operation am 11. April 2005 eine Arbeitsfähigkeit von 50 %.
C-6199/2016
Seite 28
5.8
5.8.1 Die Beschwerdeführerin schliesst sich den Arbeitsfähigkeitsschät-
zungen des Gerichtsgutachtens im Wesentlichen an. Was die Teilarbeits-
fähigkeit von 50 % in einer angepassten Tätigkeit betrifft, macht sie jedoch
geltend, die Frage, ob die Verwertbarkeit der theoretisch möglichen, ange-
passten Tätigkeit selbst auf einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt noch be-
stehe oder jemals seit 2005 bestanden habe, offen bleibe, zumal die Ab-
hängigkeit von Drogen, die medizinisch verursacht worden sei, bei der Ver-
wertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt berücksichtigt werden müsse. Das Bun-
desgericht habe in letzter Zeit in gewissen Situationen, z.B. bei einer Per-
son kurz vor Erreichen des AHV-Alters, die aus gesundheitlichen Gründen
ihre bisherige Tätigkeit habe aufgeben müssen, anerkannt, dass die Ver-
wertbarkeit einer theoretisch möglichen angepassten Tätigkeit selbst auf
einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht mehr bestehe. Es werde ange-
regt, dass das Gericht gegebenenfalls eine Stellungnahme des regionalen
Arbeitsvermittlungszentrums beim Amt für Wirtschaft und Arbeit in (...) ein-
hole (BVGer act. 1, act. 62).
5.8.2 Hervorzuheben ist, dass nach der Rechtsprechung bei der Berech-
nung des Invalideneinkommens von einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt
(Art. 16 ATSG) auszugehen ist. Dieser ist gekennzeichnet durch ein gewis-
ses Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften
und weist einen Fächer verschiedenster Tätigkeiten auf (BGE 110 V 273
E. 4b). Das gilt sowohl bezüglich der dafür verlangten beruflichen und in-
tellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des körperlichen Ein-
satzes. Dabei ist nicht von realitätsfremden Einsatzmöglichkeiten auszu-
gehen. Es können nur Vorkehren verlangt werden, die unter Berücksichti-
gung der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzel-
falles zumutbar sind (Urteil des BGer 9C_910/2011 vom 30. März 2012
E. 3.1). Je restriktiver das medizinische Anforderungsprofil umschrieben
ist, desto eingehender ist in der Regel die Verwertbarkeit auf dem allge-
meinen Arbeitsmarkt abzuklären und nachzuweisen (Urteil des EVG
U 42/06 vom 23. Oktober 2006 E. 3.2.3 am Ende). Der ausgeglichene Ar-
beitsmarkt umfasst auch sogenannte Nischenarbeitsplätze, also Stellen
und Arbeitsangebote, bei denen Behinderte mit einem sozialen Entgegen-
kommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen können (Urteil des BGer
9C_124/2010 vom 21. September 2010 E. 2.2 mit Hinweis). Von einer Ar-
beitsgelegenheit kann jedoch dann nicht mehr gesprochen werden, wenn
die zumutbare Tätigkeit nur noch in so eingeschränkter Form möglich ist,
dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur
C-6199/2016
Seite 29
unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Ar-
beitgebers möglich wäre und das Finden einer entsprechenden Stelle da-
her von vornherein als ausgeschlossen erscheint (Urteil des BGer
9C_910/2011 vom 30. März 2012 E. 3.2 mit Hinweisen).
5.8.3 Das fortgeschrittene Alter wird, obgleich an sich invaliditätsfremder
Faktor, in der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, welches zusam-
men mit weiteren persönlichen und beruflichen Gegebenheiten dazu füh-
ren kann, dass die einer versicherten Person verbliebene Resterwerbsfä-
higkeit auch in einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt
würde. Der Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene
Leistungsvermögen zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen
Regel bemessen, sondern hängt von den konkreten Umständen ab. Zu
denken ist zunächst an die Art und Beschaffenheit des Gesundheitsscha-
dens und seiner Folgen, angesichts der beschränkten verbleibenden Akti-
vitätsdauer sodann namentlich an den absehbaren Umstellungs- und Ein-
arbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch an die Persönlich-
keitsstruktur, an vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, die Ausbil-
dung, den beruflichen Werdegang oder an die Möglichkeit, Berufserfah-
rung anzuwenden (Urteile des BGer 9C_918/2008 vom 28. Mai 2009
E. 4.2.2 und I 831/05 vom 21. August 2006 E. 4.1.1, je mit Hinweisen). Der
Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leistungs-
vermögen auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, lässt sich
nicht nach einer allgemeinen Regel bemessen, sondern ist durch die Um-
stände des Einzelfalls bedingt. Massgebend können die Art und Beschaf-
fenheit des Gesundheitsschadens und seiner Folgen, der absehbare Um-
stellungs- und Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch
Persönlichkeitsstruktur, vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbil-
dung, beruflicher Werdegang oder Anwendbarkeit von Berufserfahrung
aus dem angestammten Bereich sein (BGE 138 V 457 E. 3.1; Urteile des
BGer 8C_678/2016 vom 1. März 2017 E. 2.1 und 8C_910/2015 vom
19. Mai 2016 E. 4.2.2, in: SVR 2016 IV Nr. 58 S. 190). Somit hängt die
Verwertbarkeit nicht zuletzt davon ab, welcher Zeitraum der versicherten
Person für eine berufliche Tätigkeit und vor allem auch für einen allfälligen
Berufswechsel noch zur Verfügung steht (BGE 138 V 457 E. 3.2). Für den
Zeitpunkt, in welchem die Frage nach der Verwertbarkeit der (Rest-)Ar-
beitsfähigkeit bei vorgerücktem Alter beantwortet wird, ist auf das Festste-
hen der medizinischen Zumutbarkeit einer (Teil-)Erwerbstätigkeit abzustel-
len (BGE 138 V 457 E. 3.3). Dieses ist gegeben, sobald die medizinischen
Unterlagen diesbezüglich eine zuverlässige Sachverhaltsfeststellung er-
lauben (BGE 138 V 457 E. 3.4; Urteile des BGer 8C_678/2016 vom 1. März
https://www.koordination.ch/de/online-handbuch/atsg/erwerbsunfaehigkeit/invaliditaetsfremde-gruende/ https://www.koordination.ch/de/online-handbuch/atsg/erwerbsunfaehigkeit/invaliditaetsfremde-gruende/ https://www.koordination.ch/de/online-handbuch/atsg/invaliditaetsgrad/arbeitsmarkt-im-allgemeinen/#c52694 https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/9c08/9c_918_2008.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/9c08/9c_918_2008.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/i/i_831_05.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/bge/138/138-V-475.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/bge/138/138-V-475.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/8c16/8c_678_2016.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/8c15/8c_910_2015.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/8c15/8c_910_2015.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/bge/138/138-V-475.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/bge/138/138-V-475.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/bge/138/138-V-475.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/8c16/8c_678_2016.pdf
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Seite 30
2017 E. 2.2, 9C_469/2016 vom 22. Dezember 2016 E. 3.2 am Ende und
8C_665/2016 vom 24. November 2016 E. 5.3).
5.8.4 Die Beschwerdeführerin war in dem für die Beurteilung der Verwert-
barkeit der Restarbeitsfähigkeit massgebenden Zeitpunkt (der Fertigstel-
lung des Gerichtsgutachtens am 4. Juni 2019) rund 53 Jahre alt. Bis zum
Erreichen des AHV-Pensionsalters verbleibt ihr somit noch eine beträchtli-
che Aktivitätsdauer von rund 11 Jahren. Insofern kann alleine aufgrund des
Alters der Beschwerdeführerin nicht davon ausgegangen werden, dass sie
ihre Restarbeitsfähigkeit nicht mehr verwerten kann. Des Weiteren unter-
liegen die Anforderungen an zumutbare Tätigkeiten nicht so vielen Ein-
schränkungen, dass eine Anstellung nicht mehr als realistisch erscheint.
Das Anforderungsprofil für angepasste Tätigkeiten aus somatischer Sicht
umfasst Tätigkeiten ohne repetitiv mittelschwere bis schwere Hebe-,
Trage-, Zug- und Stossbelastungen und ohne Zwangshaltungen des Kop-
fes, Überkopfarbeiten und ohne Tätigkeiten mit Inklinations- und Reklinati-
onsbewegungen des Kopfes und Oberkörpers, ohne Notwendigkeit Lasten
über 10 kg zu heben, zu tragen oder zu bewegen und ohne Tätigkeiten mit
erhöhter Vibrations-, Stoss- oder Starkbelastung der Hände und ohne Tä-
tigkeiten mit erhöhter Kälteexposition und Zugluftbelastung (BVGer act. 57,
Konsensbeurteilung, S. 16). Aus psychiatrischer Sicht solle es sich bei der
angepassten Tätigkeit um eine ruhige Tätigkeit, ohne Zeitdruck und ohne
Kundenkontakt sowie ohne starr hierarchische Strukturen handeln. Emp-
fehlenswert sei eine Tätigkeit mit klaren vorstrukturieren Aufgaben (BVGer
act. 57, Psychiatrisches Teilgutachten, S. 17). Die Beschwerdeführerin ver-
fügt über gute intellektuelle Ressourcen und eine gute Strukturiertheit und
Differenziertheit und war während rund 7 Jahren im erlernten Beruf als
pharmazeutisch-technische Assistentin tätig (BVGer act. 57, Konsensbe-
urteilung, S. 6, S. 14). Vorstehendes Belastungsprofil wurde von den Gut-
achtern in Kenntnis des bestehenden Opiatkonsums abgegeben, sodass
davon auszugehen ist, dass die beschriebenen Anforderungen an ange-
passte Tätigkeiten den Opiatkonsum bereits berücksichtigen. Ein IV-recht-
lich relevanter mangelnder Zugang der Beschwerdeführerin zum Arbeits-
markt für eine angepasste Tätigkeit ist unter diesen Voraussetzungen, ent-
gegen der Ansicht der Beschwerdeführerin, zu verneinen. Von der Einho-
lung einer Stellungnahme beim Amt für Wirtschaft und Arbeit kann bei die-
ser Sachlage abgesehen werden.
https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/8c16/8c_678_2016.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/9c16/9c_469_2016.pdf https://www.koordination.ch/fileadmin/files/urteile/8c16/8c_665_2016.pdf
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Seite 31
6.
6.1 Die Beschwerdeführerin bemängelt sodann die Invaliditätsbemessung
gemäss angefochtener Verfügung, an der die Vorinstanz auch nach Vorlie-
gen des Gerichtsgutachtens festhält (BVGer act. 1, Beilage 2; BVGer act.
59, Beilage). Die IV-Stelle meine, die Beschwerdeführerin könne nicht le-
diglich einfache, sondern eine praktische Tätigkeit im Bereich des Gesund-
heitswesens ausüben. Das Invalideneinkommen werde anhand von statis-
tischen Durchschnittslöhnen (sog. LSE-Tabellenlöhne) berechnet. Dabei
werde von einem Kompetenzniveau 2 im Gesundheits- und Sozialwesen
und damit von einer Tätigkeit mit Berufs- und Fachkenntnissen ausgegan-
gen. Ein leidensbedingter Abzug werde nicht in Betracht gezogen. Im Ge-
sundheits- und Sozialwesen könne man Leute ohne Teamgeist, mit
schwergradiger Funktionsstörung überhaupt nicht gebrauchen. Wer fünf
Jahre aus dem Beruf sei, habe kein Kompetenzniveau 2 mehr (BVGer act.
1 und act. 62).
6.2 Zunächst ist festzuhalten, dass die IV-Stelle die Invaliditätsbemessung
in der angefochtenen Verfügung nach der allgemeinen Methode des Ein-
kommensvergleichs vorgenommen hat, obwohl sich aus den Akten ergibt,
dass die Beschwerdeführerin vor Eintritt des Gesundheitsschadens zu
80 % erwerbstätig war (act. V 7-1). Insofern stünde grundsätzlich die Inva-
liditätsbemessung nach der gemischten Methode im Raum. Die Methode
der Invaliditätsbemessung mit einem Einkommensvergleich wurde indes-
sen weder im vorliegenden noch in den beiden vorangegangenen Be-
schwerdeverfahren bemängelt. Hinzu kommt, dass sich in den Akten keine
Hinweise finden, dass die kinderlose Beschwerdeführerin teilerwerbstätig
war, um in einem Aufgabenbereich tätig zu sein. Es ist daher von einer
beschränkten Erwerbstätigkeit ohne zusätzlichen Aufgabenbereich auszu-
gehen (vgl. BGE 131 V 51).
6.3 Gemäss Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG ist die Invalidität grund-
sätzlich durch einen Einkommensvergleich zu ermitteln. Verglichen wird
das ohne Invalidität erzielbare Einkommen (Valideneinkommen) mit dem
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität
und nach Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Ein-
gliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgegli-
chener Arbeitsmarktlage erzielen könnte (Invalideneinkommen). Dabei
sind beide Einkommen hypothetischer Natur. Der im Vergleich resultie-
rende prozentuale Rückgang des Einkommens ergibt den Invaliditätsgrad.
Dieser zeigt mithin an, in welchem Masse die versicherte, gesundheitlich
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Seite 32
dauerhaft beeinträchtigte Person ihre Leistungsfähigkeit nicht mehr wirt-
schaftlich verwerten kann (vgl. BGE 128 V 29 E. 1).
6.4 Das Valideneinkommen wird durch die Frage bestimmt, welches Ein-
kommen die betreffende Person im Gesundheitsfall im Zeitpunkt des frü-
hestmöglichen Rentenbeginns nach dem Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit tatsächlich erzielt hätte. Wäre – wie es der empiri-
schen Erfahrung entspricht – die bisherige Tätigkeit ohne die Gesund-
heitsschädigung weitergeführt worden, kann der zuletzt erzielte Verdienst
als Ausgangspunkt der Berechnung genommen und nötigenfalls der Teu-
erung sowie der realen Einkommensentwicklung angepasst werden (BGE
134 V 322 E. 4.1).
6.5 Für die Bestimmung des Invalideneinkommens ist primär von der be-
ruflich-erwerblichen Situation auszugehen, in welcher die versicherte Per-
son konkret steht. Ist kein effektives Erwerbseinkommen gegeben, na-
mentlich weil die versicherte Person nach Eintritt des Gesundheitsscha-
dens keine oder jedenfalls keine ihr an sich zumutbare neue Erwerbstätig-
keit aufgenommen hat, so können nach der Rechtsprechung statistische
Werte (Tabellenlöhne) beigezogen werden (BGE 129 V 472 E. 4.2.1; Urteil
des BGer 9C_81/2008 vom 19. Juni 2008).
6.6 Wird das Invalideneinkommen auf der Grundlage von statistischen
Durchschnittswerten ermittelt, ist der entsprechende Ausgangswert allen-
falls zu kürzen. Mit dem Tabellenlohnabzug (sogenannter Leidensabzug)
wurde ursprünglich berücksichtigt, dass versicherte Personen, welche in
ihrer letzten Tätigkeit körperliche Schwerarbeit verrichteten und nach Ein-
tritt des Gesundheitsschadens auch für leichtere Arbeiten nurmehr be-
schränkt einsatzfähig sind, in der Regel das entsprechende durchschnitt-
liche Lohnniveau gesunder Hilfsarbeiter nicht erreichen. Der ursprünglich
nur bei Schwerarbeitern zugelassene Abzug entwickelte sich in der Folge
zu einem allgemeinen behinderungsbedingten Abzug, wobei die Recht-
sprechung dem Umstand Rechnung trug, dass auch weitere persönliche
und berufliche Merkmale der versicherten Person wie Alter, Dauer der Be-
triebszugehörigkeit, Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäf-
tigungsgrad Auswirkungen auf die Höhe des Lohnes haben können. Ein
Abzug soll aber nicht automatisch, sondern nur dann erfolgen, wenn im
Einzelfall Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die versicherte Person we-
gen eines oder mehrerer dieser Merkmale ihre gesundheitlich bedingte
(Rest-)Arbeitsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur mit unter-
durchschnittlichem Einkommen verwerten kann. Bei der Bestimmung der
C-6199/2016
Seite 33
Höhe des Abzuges ist der Einfluss aller in Betracht fallenden Merkmale auf
das Invalideneinkommen unter Würdigung der Umstände im Einzelfall ge-
samthaft zu schätzen und insgesamt auf höchstens 25 % des Tabellen-
lohnes zu begrenzen (vgl. zum Ganzen BGE 126 V 75).
6.7 Ausgehend davon, dass bei der Beschwerdeführerin ab Februar 2006
(frühestmöglicher Rentenbeginn nach Art. 29 Abs. 1 Bst. a und b i.V.m. mit
Art. 29 Abs. 2 IVG in der bis Ende 2007 gültig gewesenen Fassung) in einer
angepassten Tätigkeit eine Arbeitsfähigkeit von 70 % und ab Juni 2013
eine solche von 50 % bestanden hatte, hat die Vorinstanz in der angefoch-
tenen Verfügung zwei Einkommensvergleiche vorgenommen. Ab Februar
2006 hat sie das Invalideneinkommen gestützt auf die Tabellenlöhne ge-
mäss der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) des BFS (abruf-
bar unter www.bfs.admin.ch > statistiken > arbeit-erwerb > erhebungen >
lse) LSE 2006, TA1, Gesundheits- und Sozialwesen, Total Frauen, Anfor-
derungsniveau 3, Tätigkeit mit Berufs- und Fachkenntnissen und Umrech-
nung von 40 auf 41.7 Arbeitsstunden auf Fr. 47'944.– festgelegt. Ab Juni
2013 wurde das Invalideneinkommen aufgrund der LSE 2012, TA1, Ge-
sundheits- und Sozialwesen, Total Frauen, Anforderungsniveau 2, Tätigkeit
mit Berufs- und Fachkenntnissen und Umrechnung von 40 auf 41.7 Wo-
chenstunden und Ausgleich der Nominallohnentwicklung bis 2013
(+0.68 %) auf Fr. 32'017.– berechnet. Als angepasste Tätigkeiten kämen
beispielsweise Arbeiten in einer Verkaufsapotheke oder qualifizierte Tätig-
keiten in der chemischen Industrie, Bereich Laborarbeiten oder wissen-
schaftliche Untersuchungen etc. in Frage (BVGer act. 1, Beilage 2).
6.8 Die Annahme, dass die Beschwerdeführerin noch in der Lage sein soll
eine Tätigkeit im Gesundheits- und Sozialwesen im Anforderungsniveau 2
bzw. 3 auszuüben, erscheint aufgrund dem von den Gutachtern (aus so-
matischer und psychiatrischer Sicht) formulierten Anforderungsprofil an
eine angepasste Tätigkeit nicht nachvollziehbar (vgl. zum Anforderungs-
profil vorstehende E. 5.3 und 5.8.4). Neben den vorgenannten expliziten
Ausführungen der Gutachter zu den Anforderungen an eine angepasste
Tätigkeit, finden sich im Gerichtsgutachten sodann noch weitere diesbe-
zügliche relevante Hinweise. Im Gerichtsgutachten wird festgehalten, dass
bei der Beschwerdeführerin Funktionseinschränkungen in verschiedenen
psychischen Funktionsbereichen bestünden, insbesondere sei die Fähig-
keit sich an Regeln und Routinen anzupassen reduziert. Die Fähigkeit Auf-
gaben zu planen und zu strukturieren sei aufgrund der mittelgradig neu-
ropsychologischen Störung reduziert, ebenso die Flexibilitäts- und Umstel-
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lungsfähigkeit und die Anwendung fachlicher Kompetenzen. Die Entschei-
dungs- und Urteilsfähigkeit sei eingeschränkt, die Durchhaltefähigkeit teil-
weise reduziert. Es bestünden Defizite im Bereich der Selbstbehauptungs-
und Durchsetzungsfähigkeit. Die Interaktions-, Kommunikations- und
Gruppenfähigkeit sei eingeschränkt (BVGer act. Konsensbeurteilung,
S. 14). In Würdigung der gesamten Umstände erscheinen die Vorausset-
zungen für die von der Vorinstanz als angepasste Tätigkeiten angenom-
menen Arbeiten in einer Verkaufsapotheke oder qualifizierte Tätigkeiten in
der chemischen Industrie, Bereich Laborarbeiten oder wissenschaftliche
Untersuchungen mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht mehr gege-
ben zu sein. Vielmehr entsprechen die psychiatrisch geforderten Anforde-
rungen an eine angepasste Tätigkeit noch Hilfsarbeiten ohne besondere
Qualifikationen. Aus somatischer Sicht sollte es sich sodann um leichte Tä-
tigkeiten handeln.
6.9 Nach dem Gesagten ist zur Berechnung des Invalideneinkommens in
Anwendung der LSE 2006, TA1, Total, Anforderungsniveau 4, Frauen und
Umrechnung auf eine betriebsübliche Wochenarbeitszeit von 40 auf 41.7
Wochenstunden, von Fr. 48'228.– (12 x Fr. 4’019) bei einem Vollzeitpen-
sum bzw. bei der seit 2005 bestehenden verbleibenden Restarbeitsfähig-
keit von 50 % von Fr. 24'114.– auszugehen. Was sodann der von der Be-
schwerdeführerin geforderte leidensbedingte Abzug betrifft, so ist zu be-
rücksichtigen, dass die leidensbedingten Einschränkungen bereits bei der
Arbeitsfähigkeitseinschätzung berücksichtigt worden sind und daher kein
zusätzlicher Leidensabzug erfolgen kann (vgl. Urteil des BGer
8C_768/2018 vom 12. April 2019 E. 5.2.3). So wurden im Gerichtsgutach-
ten die psychiatrischen und neuropsychologischen Funktionseinschrän-
kungen explizit in der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit einer angepassten
Tätigkeit aufgenommen (vgl. BVGer act. 57, Konsensbeurteilung, S. 16 f.)
Unter diesen Umständen kann auch eine verminderte Belastbarkeit nicht
zu einem Abzug vom Invalideneinkommen führen (Urteile des BGer
9C_182/2019 vom 12. September 2019 E. 4.3, 9C_233/2017 vom 19. De-
zember 2017 E. 3.4). Hinzu kommt, dass die leidensbedingten Einschrän-
kungen sich auf die Bestimmung des anwendbaren Tabellenlohns ausge-
wirkt haben. Wie in vorstehender E. 6.8 dargelegt, erscheinen Tätigkeiten
im Gesundheits- und Sozialwesen im Anforderungsniveau 2 bzw. 3 nicht
mehr zumutbar. Vielmehr kommen als angepasste Tätigkeiten nur noch
Hilfsarbeiten ohne besondere Qualifikationen in Frage, sodass die leidens-
bedingten Einschränkungen auch bei der Festsetzung des Invalidenein-
kommens berücksichtigt worden sind und auch daher ein zusätzlicher lei-
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Seite 35
densbedingter Abzug nicht mehr erfolgen kann (zur unzulässigen doppel-
ten Berücksichtigung: vgl. Urteil des BGer 9C_833/2017 vom 21. Dezem-
ber 2017 E. 4.2).
6.10 Auf Seiten des Valideneinkommens ist die IV-Stelle bei der Invalidi-
tätsbemessung von Fr. 56'373.– im Jahr 2006 (inkl. Nominallohnentwick-
lung bis 2006 von 1.2 %) ausgegangen (BVGer act. 1, Beilage 2; vgl. V act.
7-1 ff.). Bei Gegenüberstellung der beiden Vergleichseinkommen resultiert
somit ein rentenbegrünender Invaliditätsgrad von rund 57 % ([Fr. 56‘373.–
- Fr. 24’114.–] x 100/Fr. 56‘373.–). Es besteht somit rückwirkend ab 1. Feb-
ruar 2006 (frühestmöglicher Rentenbeginn nach Art. 29 Abs. 1 Bst. a und
b i.V.m. mit Art. 29 Abs. 2 IVG in der bis Ende 2007 gültig gewesenen Fas-
sung) Anspruch auf eine halbe Rente der Invalidenversicherung.
7.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das Gerichtsgutachten eine ver-
lässliche Grundlage für die Beurteilung des Rentenanspruchs bildet. Ge-
stützt auf das Gerichtsgutachten ist von einer vollständig aufgehobenen
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit und einer Restarbeitsfähig-
keit von 50 % in einer adaptierten Tätigkeit seit Februar 2005 auszugehen.
Die Invaliditätsbemessung ergibt einen Invaliditätsgrad von rund 57 %, so-
dass mit Wirkung ab 1. Februar 2006 Anspruch auf eine halbe Rente der
Invalidenversicherung besteht. Die nachzuzahlende Rente ist – da die Be-
schwerdeführerin ihren Mitwirkungspflichten nachgekommen ist – nach
den Voraussetzungen von Art. 26 Abs. 2 ATSG gegebenenfalls zu verzin-
sen. Die Beschwerde ist somit teilweise gutzuheissen.
8.
Zu befinden bleibt über die Verfahrenskosten und die Parteientschädigung.
Die Vorinstanz hatte der Beschwerdeführerin mit der angefochtenen Ver-
fügung eine halbe Rente rückwirkend ab 1. September 2013 zugespro-
chen. Im vorliegenden Beschwerdeverfahren wird der Beschwerdeführerin
erstmals eine unbefristete halbe Rente der Invalidenversicherung rückwir-
kend ab 1. Februar 2006 zugesprochen. Ihr Antrag auf eine rückwirkende
ganze Rente wird folglich abgelehnt.
8.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis und 2
IVG), wobei die Verfahrenskosten gemäss Art. 63 Abs. 1 VwVG in der Re-
gel der unterliegenden Partei auferlegt werden. Entsprechend dem Aus-
gang des Verfahrens ist von einem je hälftigen Unterliegen der Parteien
C-6199/2016
Seite 36
auszugehen. Da die nachfolgend angeführte Rechtsprechung zur Partei-
entschädigung bei «Überklagung» in Rentenangelegenheiten auf die Ge-
richtskosten nicht anwendbar ist (vgl. Urteile des BGer 8C_449/2016 vom
2. November 2016 E. 3.2; 9C_94/2010 vom 26. Mai 2010 E. 4.3), sind die
auf Fr. 800.– festzusetzenden Verfahrenskosten der teilweise unterliegen-
den Beschwerdeführerin im Umfang von Fr. 400.– aufzuerlegen. Der ge-
leistete Kostenvorschuss von Fr. 800.– ist zur Bezahlung des Anteils der
Beschwerdeführerin an den Verfahrenskosten zu verwenden. Die Gerichts-
kasse ist anzuweisen, den Differenzbetrag von Fr. 400.– der Beschwerde-
führerin nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegenden Urteils zurückzuer-
statten. Der teilweise unterliegenden Vorinstanz können keine Verfahrens-
kosten auferlegt werden (Art. 63 Abs. 2 VwVG).
8.2 Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG kann die Beschwerdeinstanz der ganz
oder teilweise obsiegenden Partei von Amtes wegen oder auf Begehren
eine Entschädigung für ihr erwachsene notwendige und verhältnismässig
hohe Kosten zusprechen. Wird keine Kostennote eingereicht, ist die Ent-
schädigung aufgrund der Akten festzusetzen (Art. 14 Abs. 2 Satz 2 VGKE).
8.3 In Erwägung 4.2 des Urteils 9C_288/2015 vom 7. Januar 2016 führte
das Bundesgericht aus, für den Fall, dass das Quantitative einer Leistung
streitig sei, rechtfertige eine «Überklagung» eine Reduktion der Parteient-
schädigung nur, wenn das Rechtsbegehren den Prozessaufwand beein-
flusst habe. Bei Streitigkeiten um die Höhe einer Invalidenrente dürfe die
Parteientschädigung daher nicht allein deswegen reduziert werden, weil
der Beschwerde führenden Person nicht die beantragte ganze oder höhere
Rente, sondern eine geringere Teilrente zugesprochen werde. Es bestehe
grundsätzlich kein Anlass zu einer anderen Betrachtungsweise, wenn statt
einer unbefristeten oder länger dauernden Rente ein befristeter Anspruch
oder ein solcher für eine kürzere als die beantragte Dauer zugesprochen
werde. Ebenso wie die Höhe des Anspruches betreffe dessen zeitliche Di-
mension das Quantitativ. Indessen komme die Zusprechung einer vollen
Parteientschädigung bei teilweisem Obsiegen nur in Frage, wenn die Be-
schwerde führende Person im Grundsatz obsiege und lediglich im Massli-
chen (teilweise) unterliege.
8.4 Im vorliegenden Fall geht es um die erstmalige Prüfung eines Renten-
anspruchs. Der Antrag der Beschwerdeführerin auf Gewährung rückwir-
kenden Ausrichtung einer ganzen Rente ab 1. Februar 2006 wird zwar ab-
gelehnt, doch wird ihr – anders als in der angefochtenen Verfügung – auf-
grund der höheren Arbeitsunfähigkeit ab 1. Februar 2006 eine unbefristete
C-6199/2016
Seite 37
halbe Rente für einen um 7 Jahre und 7 Monate längeren Zeitraum zuge-
sprochen. Vor diesem Hintergrund kann nicht gesagt werden, das Rechts-
begehren der Beschwerdeführerin auf Gewährung einer unbefristeten gan-
zen Rente ab September 2006 habe den Prozessaufwand derart beein-
flusst, als dass die «Überklagung» eine Reduktion der Parteientschädi-
gung rechtfertigen würde. In der vorliegenden Konstellation betrifft die zeit-
liche Dimension des Rentenanspruchs das Quantitativ, sodass von einem
Obsiegen im Grundsatz und einem lediglich im Masslichen teilweisen Un-
terliegen (Zusprache einer halben Rente anstelle der beantragten ganzen
Rente) der Beschwerdeführerin auszugehen ist. Die Beschwerdeführerin
hat folglich Anspruch auf eine volle Parteientschädigung (vgl. auch Urteil
des BVGer C-3300/2016 vom 18. März 2019 E. 10.2.1 ff.). Da keine Kos-
tennote eingereicht wurde, ist die Entschädigung aufgrund der Akten fest-
zusetzen (Art. 14 Abs. 2 Satz 2 VGKE). Unter Berücksichtigung des Ver-
fahrensausgangs, des gebotenen und aktenkundigen überdurchschnittli-
chen Aufwands (insbesondere auch im Zusammenhang mit der Einholung
und Prüfung eines umfassenden Gerichtsgutachtens), der Bedeutung der
Streitsache und der Schwierigkeit des vorliegend zu beurteilenden Verfah-
rens ist eine Parteientschädigung von Fr. 3'600.– (inkl. Auslagen) gerecht-
fertigt.
9.
9.1 Zu prüfen bleibt die Verlegung der seitens des Bundesverwaltungsge-
richts bereits bezahlten Kosten für das während des Beschwerdeverfah-
rens eingeholte polydisziplinäre Gerichtsgutachten, die sich auf
Fr. 31‘807.60 belaufen (BVGer act. 45).
9.2 Mit BGE 139 V 496 E. 4.4 hat das Bundesgericht für den Bereich der
Invalidenversicherung Kriterien aufgestellt, die bei der Beurteilung der
Frage zu berücksichtigen sind, ob die Kosten eines Gerichtsgutachtens der
Verwaltung auferlegt werden können. Es erwog, es müsse ein Zusammen-
hang bestehen zwischen dem Untersuchungsmangel seitens der Verwal-
tung und der Notwendigkeit, eine Gerichtsexpertise anzuordnen. Dies sei
namentlich in folgenden Konstellationen der Fall: Wenn ein manifester Wi-
derspruch zwischen den verschiedenen, aktenmässig belegten ärztlichen
Auffassungen bestehe, ohne dass die Verwaltung diesen durch objektiv
begründete Argumente entkräftet habe (BGE 135 V 465 E. 4.4; siehe auch
BGE 139 V 225 E. 4 und Urteil 8C_71/2013 vom 27. Juni 2013 E. 2); wenn
die Verwaltung zur Klärung der medizinischen Situation notwendige As-
pekte unbeantwortet gelassen oder auf eine Expertise abgestellt habe,
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Seite 38
welche die Anforderungen an eine medizinische Beurteilungsgrundlage
nicht erfülle (BGE 125 V 351 E. 3a). Wenn die Verwaltung dagegen den
Untersuchungsgrundsatz respektiert und ihre Auffassung auf objektive
konvergente Grundlagen oder auf die Ergebnisse einer rechtsgenüglichen
Expertise gestützt habe, sei die Überbindung der Kosten des erstinstanzli-
chen Gerichtsgutachtens an sie nicht gerechtfertigt, aus welchen Gründen
dies auch immer erfolge (zum Beispiel aufgrund der Einreichung neuer
Arztberichte oder eines Privatgutachtens).
9.3 Hinsichtlich der Höhe der Kosten eines Gerichtsgutachtens führte das
Bundesgericht in BGE 143 V 269 sodann aus, dass mit Blick auf die feh-
lende gesetzliche Grundlage die bisherige Rechtsprechung insoweit auf-
gegeben werde, als die kantonalen Versicherungsgerichte und das Bun-
desverwaltungsgericht nicht mehr an den Tarif gemäss Anhang 2 der Ver-
einbarung zwischen dem BSV und den MEDAS gebunden seien. Das be-
deute, dass die IV-Stellen im Rahmen der mit BGE 139 V 496 umschriebe-
nen Grundsätze für die gesamten Kosten des Gerichtsgutachtens aufzu-
kommen haben (BGE 143 V 269 E. 7.2). Der vom BSV mit den MEDAS
vereinbarte Tarif könne immerhin als Richtschnur dienen, an der sich die
Beteiligten zu orientieren haben. Darüber hinaus ergehe die Empfehlung,
entweder die erforderliche Gesetzesgrundlage zu schaffen oder aber den
bestehenden Tarif unter repräsentativem Einbezug der erstinstanzlichen
Beschwerdeinstanzen an die Besonderheiten des Gerichtsverfahrens an-
zupassen (BGE 143 V 269 E. 7.3).
9.4 Wie im Sachverhalt dargelegt, wurden seit der im September 2005 er-
folgten Anmeldung zum Leistungsbezog von der IV-Stelle diverse Gutach-
ten angeordnet (vgl. Sachverhalt, vgl. auch Aktenauszug im Gerichtsgut-
achten, BVGer act. 57, Konsensbeurteilung, S. 23 ff.). Des Weiteren lagen
auch diverse ärztliche Berichte aus dem Rentenverfahren in Deutschland
sowie von behandelnden Ärztinnen und Ärzten vor. Im vorangegangenen
Beschwerdeverfahren C-4503/2009 kam das Bundesverwaltungsgericht
mit Urteil vom 16. November 2011 zum Schluss, dass der medizinische
Sachverhalt bis zum damals massgeblichen Zeitpunkt nicht vollständig, wi-
derspruchsfrei und schlüssig beurteilt worden sei (act. I 48-20 f.). Dies
führte in der Folge zu den von der IV-Stelle veranlassten polydisziplinären
Gutachten des F._ vom 18. Juli 2013 und zum psychiatrischen Gut-
achten von Dr. med. H._ vom 10. Juli 2015, wobei die Gutachter
des F._ in ihrer Konsensbeurteilung von einer vollen Arbeitsfähig-
keit sowohl in der bisherigen als auch in einer angepassten Tätigkeit aus-
C-6199/2016
Seite 39
gingen (act. IV 105-20), währenddem Dr. med. H._ aus rein psychi-
atrischer Sicht eine Arbeitsunfähigkeit in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit
von 30 % attestierte (act. IV 139-66). Die Festlegung der Arbeitsfähigkeiten
gemäss der angefochtenen Verfügung erfolgte schliesslich aufgrund der
Stellungnahme von Dr. med. I._ vom 29. Oktober 2015 (act. I
153.28-1 ff.). Diese nahm trotz der widersprüchlichen Gutachten eine Ak-
tenbeurteilung vor und legte die Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten
Tätigkeit auf 50 % fest. Für eine angepasste Tätigkeit wurde zunächst eine
Arbeitsunfähigkeit von 30 % und schliesslich von 50 % angenommen und
somit sowohl vom F._ Gutachten als auch vom Gutachten von Dr.
med. H._ abgewichen. Ein Aktenbericht ist jedoch nur zulässig,
wenn die Akten ein vollständiges Bild über Anamnese, Verlauf und gegen-
wärtigen Status ergeben und diese Daten unbestritten sind; der Untersu-
chungsbefund muss lückenlos vorliegen, damit der Experte imstande ist,
sich aufgrund der vorhandenen Unterlagen ein gesamthaft lückenloses
Bild zu verschaffen (RKUV 1993 Nr. U 167 S. 95 E. 5d; Urteil des BGer
8C_514/2008 vom 31. März 2009 E. 5). Enthalten die Akten für die streiti-
gen Belange keine beweistauglichen Unterlagen, kann eine interne ärztli-
che Stellungnahme keine abschliessende Beurteilungsgrundlage bilden,
sondern nur zu weitergehenden Abklärungen Anlass geben. Mithin hat sich
ein Aktengutachten auf beweiskräftige Arztberichte abzustützen (vgl. Urteil
des BGer 9C_58/2011 vom 25. März 2011 E. 3.3). Dies war vorliegend ge-
rade nicht der Fall. Da die IV-Stelle die bestehenden Widersprüche in den
medizinischen Akten unaufgelöst gelassen hat, erfolgte der Entscheid auf
mangelhafter vorinstanzlicher Untersuchung. Infolgedessen gehören die
Kosten für das vorliegende polydisziplinäre Gutachten nicht zu den Verfah-
renskosten, sondern zu den Abklärungskosten, die grundsätzlich von der
Vorinstanz zu tragen sind.
9.5 Ebenfalls von der Vorinstanz zu tragen sind die Auslagen der Be-
schwerdeführerin im Zusammenhang mit der An- und Rückreise nach (...)
und dem Aufenthalt während den Begutachtungsterminen (Art. 45 Abs. 2
ATSG). Mit Eingabe vom 27. Dezember 2018 (BVGer act. 53) hat die Be-
schwerdeführerin Übernachtungskosten von total Fr. 318.–, Kosten für die
regionalen Verkehrsmittel von Fr. 3.80 und rund Fr. 3.85 (EUR 3.50 umge-
rechnet mit Kurs 1 EUR = Fr. 1.0994) geltend gemacht. Für die An- und
Rückreise hat die Beschwerdeführerin die zurückgelegten Kilometer der
Fahrten mit ihrem PKW aufgelistet. Gemäss Zwischenverfügung vom
18. Mai 2018 werden für Reisespesen jedoch maximal das Flugticket (Eco-
nomy Class) und/oder ein Bahnbillet 2. Klasse übernommen (vgl. BVGer
act. 37). Nach Preisrechner der Deutschen Bahn (www.bahn.de; abgerufen
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am, 21. Oktober 2019) kostet ein Billet vom Wohnort der Beschwerdefüh-
rerin nach (...) und zurück EUR 259.80. Die Beschwerdeführerin musste
für die Begutachtung zwei Mal nach (...) reisen. Die Reisespesen belaufen
sich somit auf Fr. 571.25 (2 x 259.80 x 1.0994). Total ergeben sich Ausla-
gen der Beschwerdeführerin von Fr. 896.90. Dieser Betrag ist von der Vo-
rinstanz auf ein von der Beschwerdeführerin zu benennendes Konto zu
überweisen.