Decision ID: b4ece9b3-485f-5317-b2a3-7c085b80fa99
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin, eine syrische Staatsangehörige kurdischer Eth-
nie aus B._ (C._ Provinz), suchte am 18. Juli 2017 in der
Schweiz um Asyl nach.
B.
Anlässlich der Summarbefragung (BzP) vom 27. Juli 2017 führte die Be-
schwerdeführerin im Wesentlichen aus, ihr Mobiltelefon sei in Syrien we-
gen der Übermittlung von Nachrichten mit politischen Inhalten einmal blo-
ckiert worden. Sie habe indes nie politische Inhalte über ihr Mobiltelefon
verschickt, deswegen auch nie Probleme gehabt und Syrien allein auf-
grund der Kampfhandlungen in ihrem Wohngebiet beziehungsweise we-
gen der hohen Mietpreise in Damaskus verlassen. In der Türkei habe sie
via Internet ihren zukünftigen Ehemann D._ kennengelernt, der in
der Folge ihrer Weiterreise in die Schweiz finanziert habe.
C.
In der Anhörung vom 29. März 2019 machte die Beschwerdeführerin gel-
tend, dass sie in Syrien mit ihrem Mobiltelefon Kriegsszenen gefilmt und
diese Filme an ein Mitglied der YPG (Yekîneyên Parastina Gel) weiterge-
schickt habe. Wegen der Übermittlung von Nachrichten mit politischen In-
halten sei ihr Mobiltelefon in der Folge blockiert worden und sie befürchte,
deswegen registriert und wegen «etwas Politischem» festgenommen zu
werden. Aus Angst habe sie sich deshalb Anfang 2014 ausser Landes be-
geben und sei in die Türkei gereist. Von der Türkei aus sei sie durch ihren
Vater ohne ihr Wissen mit dem in der Schweiz lebenden Mann D._
verheiratet worden. Weil es in ihrer Ehe mit D._ in der Schweiz zu
Schwierigkeiten gekommen sei, habe sie sich von ihm getrennt, worauf sie
seitens ihrer syrischen Familie beschimpft und bedroht worden sei.
D.
Mit Verfügung vom 13. März 2020 stellte das SEM fest, die Beschwerde-
führerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte ihr Asylgesuch ab,
verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete aufgrund der Un-
zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an.
Diese Verfügung wurde dem durch die Beschwerdeführerin am 7. Februar
2018 mandatierten Rechtsvertreter (vgl. act. B1/16) zugestellt. Gemäss
Auszug aus dem Track & Trace (Einschreiben [...]) meldete die Post die
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Sendung dem Rechtsvertreter am 16. März 2020 zur Abholung (Abho-
lungseinladung). Da der Rechtsvertreter die Sendung nicht abholte, wurde
sie von der Post am 26. März 2020 mit dem Vermerk «Nicht abgeholt» an
das SEM retourniert (Eingangsstempel: 30. März 2020). Der erste erfolg-
lose Zustellungsversuch der Verfügung vom 13. März 2020 fällt somit auf
den 16. März 2020, weshalb die Verfügung gemäss der Zustellfiktion von
Art. 20 Abs. 2bis VwVG am 23. März 2020 als eröffnet gilt.
Am 2. April 2020 stellte das SEM der Beschwerdeführerin die Verfügung
vom 13. März 2020 (in Kopie) per A-Post zu.
E.
Mit Eingabe vom 16. April 2020 reichte die Beschwerdeführerin beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde ein und beantragte, die angefochtene
Verfügung sei aufzuheben und ihr Asyl zu gewähren. Eventualiter sei ihre
Flüchtlingseigenschaft festzustellen und sie vorläufig aufzunehmen. In pro-
zessualer Hinsicht sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und
auf die Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Im Weiteren sei
das Beschwerdeverfahren in deutscher Sprache zu führen.
Der Beschwerde legte die Beschwerdeführerin Unterlagen zu ihrer finanzi-
ellen Situation (Lohnabrechnung Februar 2020) bei.
F.
Mit Schreiben vom 17. April 2020 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht
den Eingang der Beschwerde.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes vom
26. Juni 1998 (AsylG; SR 142.31) in Kraft getreten. Für das vorliegende
Verfahren gilt das bisherige Recht (vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmun-
gen zur Änderung des AsylG vom 25. September 2015).
2.
Gemäss Art. 31 VGG ist das Bundesverwaltungsgericht zur Beurteilung
von Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG zuständig und
entscheidet auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend
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– endgültig (Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG; Art. 105 AsylG). Die Beschwerde-
führerin ist als Verfügungsadressatin zur Beschwerdeführung legitimiert
(Art. 48 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
– vorbehältlich der E. 3.3 – einzutreten (aArt. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52
Abs. 1 VwVG). Das Urteil wird antragsgemäss in deutscher Sprache ver-
fasst. Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG ist auf einen Schriftenwechsel zu
verzichten.
3.
3.1 Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung
in Asylsachen auf Verletzung von Bundesrecht sowie unrichtige oder un-
vollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts hin (Art. 106
Abs. 1 AsylG).
3.2 Der Wegweisungsvollzug bildet nicht Gegenstand der Beschwerde,
nachdem die Vorinstanz die vorläufige Aufnahme angeordnet hat.
3.3 Während die Beschwerdeführerin berechtigt ist, die Feststellung ihrer
Flüchtlingseigenschaft zu beantragen, ist sie betreffend den Antrag auf Ge-
währung der vorläufigen Aufnahme nicht beschwert, da sie dieselbe mit der
angefochtenen Verfügung bereits erhalten hat und deren Anspruchsvo-
raussetzungen (Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit, Unmöglichkeit des Weg-
weisungsvollzuges) alternativer Natur sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). In-
soweit ist daher auf die Beschwerde nicht einzutreten.
4.
Entgegen der in der Beschwerde (vgl. daselbst, S. 4) vertretenen Auffas-
sung hat sich das SEM im vorliegenden Fall keine unrichtige Anwendung
der Beweisregel von Art. 7 AsylG vorzuwerfen. Wie in der angefochtenen
Verfügung mit umfassender Begründung zutreffend erläutert wird, halten
die Vorbringen der Beschwerdeführerin in den wesentlichen Punkten den
Anforderungen an das reduzierte Beweismass des Glaubhaftmachens
nicht stand. Namentlich bestätigen sich die von der Vorinstanz in der an-
gefochtenen Verfügung festgestellten Unstimmigkeiten betreffend die von
der Beschwerdeführerin geltend gemachte Befürchtung, wegen der Auf-
nahme und Weiterverbreitung von Videos mit Kriegsszenen an ein YPG-
Mitglied in Syrien asylrelevanter Verfolgung ausgesetzt zu sein. Im Gegen-
satz zu ihren Aussagen in der BzP, dass ihr Mobiltelefon einmal gesperrt
worden sei, sie indes nie politische Inhalte über ihr Mobiltelefon verschickt
habe, deswegen auch nie Probleme gehabt habe und Syrien allein auf-
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grund der Kampfhandlungen in ihrem Wohngebiet beziehungsweise we-
gen der hohen Mietpreise in Damaskus verlassen habe (vgl. act. A4/14, S.
8 f.), liess sie in der Anhörung verlauten, dass sie mit ihrem Mobiltelefon
eigens aufgenommene Videos von Kriegsszenen an ein YPG-Mitglied ver-
schickt habe und deswegen befürchte, registriert und wegen «etwas Poli-
tischem» festgenommen zu werden (vgl. act. A12/16, S. 5 ff.). Gleicher-
massen widersprüchlich äusserte sich die Beschwerdeführerin zu den Um-
ständen ihrer angeblichen Zwangsheirat. In der Anhörung gab sie hierzu
zu Protokoll, sie sei in der Türkei durch ihren Vater ohne ihr Wissen mit
dem in der Schweiz lebenden Mann D._ zwangsverheiratet worden
(vgl. act. A12/16, S. 12), wogegen sie in der BzP im Unterschied hierzu
erklärte, sie habe D._ in der Türkei via Internet persönlich kennen-
gelernt, worauf er ihre Reise in die Schweiz finanziert habe (vgl. act. A4/14,
S. 5 f.). Das Argument der Beschwerdeführerin in der Rechtsmitteleingabe
(vgl. daselbst, S. 5 oben), dass sie wegen entsprechender Beeinflussung
und Ratschlägen ihres Partners D._ unvollständige und teils unrich-
tige Angaben gemacht habe, kann spätestens ab den einleitenden Bemer-
kungen in der BzP (Hinweis auf Mitwirkungs- und Wahrheitspflicht der Be-
schwerdeführerin sowie Verschwiegenheitspflicht der Asylbehörden) nicht
mehr beansprucht werden und vermag die Widersprüche nicht aufzulösen.
Sodann ist mit der Vorinstanz einig zu gehen, dass die Aussagen der Be-
schwerdeführerin zu den angeblichen Drohungen seitens ihrer syrischen
Familie aufgrund ihrer Trennung von D._ in der Schweiz – auch auf
Nachfrage hin – auffällig vage und stereotyp geblieben sind (vgl. act.
A12/16, S. 10 ff.). Mithin vermochte sie nicht glaubhaft zu machen, dass
ihr bei einer Rückkehr in ihren Heimatstaat ein sogenannter Ehrenmord
drohen würde. Zusammenfassend ist festzustellen, dass es der Beschwer-
deführerin nicht gelang, Asylgründe darzutun. Es erübrigt sich, auf weitere
Beschwerdevorbringen näher einzugehen, weil sie am Ergebnis nichts än-
dern können. Für eine Rückweisung der Sache besteht kein Anlass. Das
SEM hat das Asylgesuch zu Recht abgelehnt.
5.
5.1 Lehnt die Vorinstanz das Asylgesuch ab oder tritt sie nicht darauf ein,
so verfügt sie in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an (Art. 44 AsylG). Im Lichte dieser Bestimmung hat die Vor-
instanz die Wegweisung zu Recht angeordnet.
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5.2 Die Vorinstanz hat in der angefochtenen Verfügung vom 13. März 2020
die vorläufige Aufnahme der Beschwerdeführerin in der Schweiz angeord-
net. Demnach erübrigen sich praxisgemäss Ausführungen zur Zulässigkeit,
Zumutbarkeit und Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.
6.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich
der Beschwerdeführerin aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese bean-
tragt indes die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung. Gemäss
Art. 65 Abs. 1 VwVG ist dem Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen
Prozessführung stattzugeben, wenn die Begehren nicht von vornherein als
aussichtslos bezeichnet werden können und die Beschwerdeführerin pro-
zessual bedürftig ist. Die Rechtsbegehren der Beschwerdeführerin waren
nicht von vornherein aussichtslos. Sie reichte eine Lohnabrechnung von
Februar 2020 ein, wonach ihr damaliger monatlicher Nettolohn
Fr. 921.25 betrug. Gemäss Eintrag im Zentralen Migrationsinformations-
system (ZEMIS) geht die Beschwerdeführerin seit August 2020 keiner Er-
werbstätigkeit mehr nach. Es ist bei dieser Aktenlage von ihrer prozessua-
len Bedürftigkeit auszugehen. Auf die Erhebung von Verfahrenskosten ist
somit zu verzichten. Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kos-
tenvorschusses wird mit dem vorliegenden, instruktionslos ergehenden Di-
rektentscheid in der Sache hinfällig.
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