Decision ID: 702af99a-ef4f-484d-a1f2-fb552425e6f8
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
A._
,
geboren 1942,
bezog eine Altersrente der
Z._
-
Pensionskasse. Am 2
0.
Oktober 2018
verstarb die Versicherte
.
Mit Schreiben vom 1
4.
November 2018 teilte die
Z._
-Pensionskasse
X._
, geboren 1942, Ehemann von
A._
sel.,
mit, dass er die Wahl
zwischen einer Ehegattenrente von
Fr.
920.-- pro Monat und einer einmaligen
Kapitalleistung
in der Höhe von
Fr.
101'051.
--
habe
(
Urk.
2/3)
.
Am 2
0.
J
anuar 2019 verstarb
X._
.
Mit E-Mail vom 2
2.
Januar 2019
(Urk.
2/5)
stellte
Y._
, Tochter
und Alleinerbin
von
X._
sel. (vgl. Erbschein des Bezirksgerichts Dieti
kon vom 2
6.
April 2019,
Urk.
4)
, bei der
Z._
-Pensionskasse
ein Gesuch um
Auszahlung der
einmaligen Kapital
leis
tung
.
M
it Schreiben vom 3
1.
Januar 2019
teilte die
Z._
-Pensionskasse
Y._
mit, dass
das
Gesuch
nicht
innerhalb der Frist von drei Monaten
seit dem Tod von
A._
sel.
eingereicht worden sei.
Infolgedessen habe
X._
se
l. Anspruch auf eine Ehegattenr
ente der
Z._
-Pen
sions
kasse (
Urk.
11).
Mit Schreiben vom 15.
Februar 2019
ersuch
te
Y._
die
Z._
-Pensionskasse
um nochmalige Prüfung des Gesuchs
(
Urk.
2/6). Mit Schreiben vom
1.
März 2019
beantwortete die
Z._
-Pensionskasse da
s Gesuch ab
schlägig
(
Urk.
2/7).
2.
Am
4.
Juni 2019 erhob
Y._
Klage gegen die
Z._
-Pensionskasse und beantragte, es sei die Beklagte zu verpflichten, ihr
Fr.
101'051.-- zuzüglich Zins zu 5
%
seit dem 2
0.
Januar 2019 zu bezahlen (
Urk.
1 S. 1). Die Beklagte beantragte mit Klageantwort vom
8.
Oktober 2019 die vollumfängliche Abwei
sung der Klage (
Urk.
10
S. 2
). Mit Replik vom 1
1.
November 2019 und Duplik vom
2.
März 2020 hielten die Parteien je an ihren Anträgen fest (
Urk.
14 und
Urk.
19). Am
3.
März 2020 wurde der Kläge
rin die Duplik zugestellt (Urk.
20).
3.
Auf die Vorbringen der Parteien und die eingereichten Akten wird, soweit erforderlich, im Rahmen der nachfolgenden Erwägungen eingegangen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Stirbt eine aktive, invalide oder pensionierte versicherte Person, so hat ihr Ehe
gatte Anspruch auf eine Ehegattenleistung, sofern er für den Unterhalt eines oder mehrerer Kinder aufzukommen oder das 4
5.
Altersjahr zurückgelegt hat (
Art.
35
Abs.
1
des
Vorsorgereglement
s
2012
der Beklagten
). Der Anspruch auf die Ehe
gattenrente beginnt am Ersten des Monats nach dem Todestag der versicherten Person. Sie ist lebenslänglich bis zum Ende des Todesmonats der anspruchs
be
rechtigten Person zahlbar (
Art.
35
Abs.
2
Satz 1 und 2
des
Vorsorgereglement
s
). Anstelle einer Ehegattenrente kann eine Kapitalleistung verlangt werden. Das entsprechende Gesuch muss innert drei Monaten nach dem Tod der versicherten Person eingereicht werden (
Art.
35
Abs.
3
des
Vorsorgereglement
s
).
1.2
Das Gericht kann auf Gesuch einer säumigen Partei eine Nachfrist gewähren, wenn die Partei glaubhaft macht, dass sie kein oder nur ein leichtes Verschulden trifft. Das Gesuch ist innert zehn Tagen seit Wegfall
des Säumnisgrundes ein
zureichen (
Art.
148
Abs.
1 und 2 der Zivilprozessordnung).
Ist die gesuchstellende Person oder ihre Vertretung unverschuldeterweise abge
halten worden, binnen Frist zu handeln, so wird diese
wieder hergestellt
, sofern sie unter Angabe des Grundes innert 30 Tagen nach Wegfall des Hindernisses darum ersucht und die versäumte Rechtshandlung nachholt (
Art.
41 des Bundes
gesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts
).
Dass eine nicht gewahrte Frist unter bestimmten Voraussetzungen wiederher
gestellt werden kann, entspricht einem allgemeinen Grundsatz, weshalb die Frist
wiederherstellung auch zulässig ist, wenn das Gesetz sie nicht vorsieht (
vgl.
BGE 108 V 109
).
Krankheit kann nach der Rechtsprechung ein unverschuldetes Hindernis sein, sofern sie derart ist, dass sie den Rechtsuchenden oder seinen Vertreter davon abhält, innert der Frist zu handeln oder dafür einen Vertreter beizuziehen. Dem
zufolge dauert das Hindernis nur solange an, als der Betroffene wegen seiner körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung weder selbst die Rechtshandlung vornehmen noch einen Dritten beauftragen kann, wobei im zweiten Fall erfor
derlich ist, dass der Betroffene trotz seiner Beeinträchtigung die Notwendigkeit einer Vertretung überhaupt wahrnehmen kann. Sobald es für den Betroffenen objektiv und subjektiv zumutbar wird, entweder
selbst tätig zu werden oder die Interessenwahrung an einen Dritten zu übertragen, hört das Hindernis auf, unverschuldet zu sein (BGE 119 II 86
E. 2
).
2.
2.1
Die Klägerin brachte zur Begründung ihrer Klage vor, dass
es sich bei der Drei
monatsfrist von
Art.
35
Abs.
3 des Vorsorgereglements der Beklagten nicht um eine Verwirkungsfrist, sondern um eine Ordnungsfrist handle. Die geringfügige Verspätung, mit welcher sie den An
spruch auf eine Kapitalleistung
geltend ge
macht habe, sei unbeachtlich.
Die
Verspätung des Gesuchs
sei
durch die beson
deren krankheitsbed
ingten Umstände von
X._
sel.
(
kräftezehrende Behandlungen, Dauermedikation mit
schmerzstillenden Mitteln mit
Beeinträchti
gung der freien Entscheidungsfähigkeit)
bedingt gewesen.
I
m öffentlichen Recht würde dies
ein
en
Grund für eine Wiederherstellung der Frist
darstellen
. Indem die Beklagte,
die bis zum Eingang des Gesuch
s noch keine Anstalten zur Bezah
lung der Rente gemacht habe,
die Ausrichtung der
Kapitalleistung
abgelehnt habe, habe
sie überspitzt formalis
tisch und
rechtsmiss
bräuchlich gehandelt.
Die Klägerin sei legitimiert, das
Wahl- bzw.
Gestaltungsrecht auszuüben, welches ihr Vater nicht mehr ausgeübt habe und welches im Rahmen der Universalsukzession mit der Gesamtheit der Rechte und Pflichten auf
sie
übergegangen sei
(
Urk.
1 S. 4 ff.
und
Urk.
14
S. 3
).
2.2
Die Beklagte machte demgegenüber geltend,
dass
der
Anspruch auf Kapital
leistung
nie entstanden sei.
X._
sel.
habe
k
ein Gesuch um Kapital
leistung gestellt, obwohl er Kennt
nis
von den formalen Anforderungen
(Regelung im Vorsorgereglement und Schreiben vom 1
4.
November 2018)
gehabt habe u
nd das Gesuch selbst oder mit Hilfe seiner Tochter hätte s
tellen können. Ein An
s
pruch
auf Kapitalleistung
habe
daher nicht mittels Universals
ukzession auf die Klägerin über
gehen
können.
Sollte das Gericht
wider Er
warten davon ausgehen, dass die Klägerin als Erbin des
hinterbliebenen
Ehegatten zwischen Kapitalleis
tung und Re
nte wählen könnte, wäre ein ent
sprechendes Gesuch verspätet ein
gegange
n. Nach dem klaren Wortlaut sei
eine Kapitalleistung innert drei Mo
naten
seit
dem Tod
der versicherten Person
zu verlangen. A
nsonsten bestehe Anspruch auf eine Rente (
Urk.
10 Rz. 24; vgl. auch
Urk.
19).
3.
3.1
Mit
Schreiben der Beklagten vom 1
4.
November 2018
wurde
X._
sel.
aufgefordert
, zwecks Abklärung eines allfälligen Anspruchs auf eine Ehe
gatten
leistung seine AHV-Nummer, das Geburtsdatum und eine
persönliche
Zahladresse
mitzuteilen
. Im Weiteren erklärte die Beklagte, dass anstelle einer Ehegattenrente eine Kapitalleistung verlangt werden könne.
Er werde deshalb gebeten,
das
Doppel dieses Schreibens ergänzt an die Beklagte zu retournieren.
Die Detailinformationen seien dem beigelegten Informationsblatt zu entnehmen.
X._
sel.
konnte auf dem Schreiben vom 1
4.
November 2018
anzu
kreuzen, ob er eine Ehegattenrente (
Fr.
920.-- pro Monat) oder
eine einmalige Kapitalleistung
(
Fr.
101'051.--) wünsche. Dies unter Hinweis darauf, dass das Gesuch für eine Kapitalleistung innert drei Monaten nach dem Tod der ver
sicher
ten Person eingereicht werden müsse (
Urk.
2/3). Die
sem Schreiben lag
Art.
35
Abs.
3
des Vorsorgereglements zugrunde (vgl. E. 1.1).
Aufgrund des
klaren
Wortlauts von
Art.
35
Abs.
3 des
Vorsorgereglements, wo
nach das
Gesuch
um Kapitalleistung
innert drei Monaten nach dem Tod der versicherten Person eingereicht werden muss, und des Umstandes, dass eine Vorsorgeeinrichtung
ein
berechtigtes
Interesse daran hat,
innert nützlicher
Frist zu wissen
,
welche Vorsor
geleistung sie auszurichten hat und
ob ein
Ehegatte neu Rentenbez
üger
ist,
ist hier von einer Verwirkungsfrist auszugehen
(vgl. Urteil des Bundesgerichts 9C_196/2018 vom 2
0.
Juli 2018 E. 2.1)
. Dass es sich um eine Ordnungsfrist handeln soll, deren knappes Verpassen keine Folgen zeitigt, ver
mag nicht zu überzeugen.
Bei Ordnungsfristen handelt es sich in der Regel um Fristen, welche die Behörden zu beachten haben. Dass im
Vorsorgereglement
ausdrücklich
erwähnt
sein müsste, dass es sich um eine Verwirkungsfrist handelt
bzw. dass n
ach Ablauf dieser Frist
nur noch eine Rente ausgerichtet wird
(
Urk.
1 S. 4)
, ist unzutreffend.
Der
entsprechende Hinweis auf die Dreimonatsfrist
wurde
im Schreiben vom 1
4.
November 2018
sodann
zwar tatsächlich
in einer etwas kleineren
Schrift
grösse
verfasst
als
der übrige Teil des Schreibens.
Auch die
betreffende Passage ist
jedoch noch gut leserlich und
findet sich
zudem direkt unter dem
Feld, das
an
zukreuzen
ist, wenn die Kapitalleistung
gewünscht wird.
Unter diesen Umständen
konnte dieses Schreiben nach dem Grundsatz von Treu und Glauben nur so verstanden werden
, dass
ein
allfällige
s Gesuch um
Kapi
tal
leistung
zwingend
innert drei Monaten seit dem Tod der
versi
cherten Person einzureichen war.
3.2
Die
mit Schreiben vom 1
4.
November 2018 (
Urk.
2/3) gesetzte Frist,
innert derer
X._
sel. der Beklagten
das Gesuch um K
apitalleistung
hätte ein
reichen müssen
, lief
am
2
1.
Januar 2019
ab
(
drei Monate nach dem Tod von
A._
sel. am 2
0.
Oktober 2019;
d
er 2
0.
Januar 2019 war ein Sonntag, weshalb die Frist am
nächstfolgenden
Werktag ablief
; vgl.
Art.
78 Abs.
1 des Obligationenrechts
).
Da
die Klägerin
das
betreffende
Gesuch
erst mit E-M
ail vom 2
2.
Januar 2019
(
Urk.
2/5)
stellte, hat sie diese Frist
– wenn auch knapp -
nicht gewahrt.
3.3
Aus den
Berichten
des
B._
vom
2
8.
November 2018 (
Urk.
2/4a) und
der
C._
vom 2
9.
November 2018 (
Urk.
2/4b) sowie
der Rechnung des
Pflegezentrums des
D._
vom
5.
Februar 2019 (
Urk.
2/4c)
geht hervor
, dass
X._
sel.
unter einer Krebserkrankung
(Erstdi
a
gnose März 2018)
im Endstadium litt, welcher er am 2
0.
Januar 2019 erlag. Vom
5.
November 2018 bis
zum 2
0.
Januar 2019 war er
durchgehend hospita
lisiert.
Im
an die Beklagte gerichteten
E-Mail vom
2
2.
Januar 2019 erklärte die Klägerin
, dass sie sich auf das Schreiben vom 1
4.
November 2018 beziehe, welches an ihren Vater adressiert gewesen sei. Ihr Vater habe sie damals über dieses Schrei
ben informiert und auch erwähnt, dass er das Gesuch
um
eine einmalige Kapital
leistung stellen wolle (anstelle der Ehegattenrente). Sein
e Wahl für die Kapital
auszahlung
habe er ihr gegenüber damit begründet, dass die
s
für ihn aufgrund des länger
andauernden Krankheitsverlauf
s
(Krebs im Endstadium)
und den da
durch
entstandenen Kosten (unter anderem mehrwöchiger Spitalaufenthalt
und
Pflegeheim mit Intensivpflege) eine grosse Unterstützung und Erleichterung bedeuten würde
. Ihr Vater sei leider am 2
0.
Januar 2019 im Pflegeheim
D._
gestorben. In seinen persönlichen Unterlagen habe sie nun das Schreiben vom 1
4.
November 2018 gefunden und festgestellt, dass ihr Vater das Gesuch noch nicht ausgefüllt und auch noch nicht an die Beklagte retourniert habe
(
Urk.
2/5).
3.4
Aufgrund
dieser
Ausführungen
der Klägerin
im E-Mail vom 2
2.
Januar 2019
ergibt
sich
, dass
X._
sel.
das
Schreiben der Beklagten vom 14.
November 201
8 erhalten, verstanden und
gegenüber
der Klägerin
erklärt
hat
, dass
er sich für die Kapitalleistung
entschieden habe.
Vor diesem Hintergrund
und mit
Blick darauf, dass
X._
sel.
die Klägerin zudem
am 1
8.
Dezember 2018
schriftlich
zur Vertretung im Zusammen
hang mit dem Bezug von Zusatzleistungen zur AHV/IV bei der Gemeinde
E._
ermächtigte
(
Urk.
2/5)
,
muss davon ausgegangen werden
, dass es
ihm
trotz seiner schweren Krankheit
und den Klinik
-
und Heimaufenthalten
auch
möglich und
zumutbar gewesen wäre, di
e Klägerin zu beauftragen
,
bei der Be
klagten
innert der
mit Schreiben vom 1
4.
November 2018
gesetzten
Frist
bis zum 2
1.
Januar 2019
die Kapitalleistung
zu
verlangen. Eine schriftliche Vollmacht wäre zur Fristwahrung im Übrigen nicht erforderlich gewesen.
Die Voraus
set
zung
en für eine
allfällige
Fristwiederherste
llung sind
nicht erfüllt (vgl. E. 1.2).
Das Gesuch der
Klä
gerin
um
Kapitalleistung
hat demnach als verspätet zu gelten.
Inwiefern di
e Beklagte mit der Ablehnung dieses
Gesuchs
überspitzt formalistisch und rechtsmissbräuchlich gehandelt haben soll,
ist
nicht ersichtlich.
3.5
Unter diesen Umständen
erübrigen sich
Ausführungen zur Frage,
ob ein
nicht ausgeübtes
Wahlrecht
betreffend Kapitalleistung
einer Vorsorgeeinrichtung
im Rahmen der Universalsukzession
auf einen Erben übergeht.
Die Klage erweist sich
damit
als unbegründet und ist abzuweisen.