Decision ID: 2b3d491d-4572-4e82-aa88-923f69482f6f
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ meldete sich im Oktober 2006 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 2). Er gab an, er habe eine Berufslehre als Koch
absolviert. Zuletzt habe er als Gruppenleiter des „Mittagstisches“ einer sozialen
Institution gearbeitet, wobei er einen Lohn von 6’400 Franken pro Monat erhalten habe.
Die ehemalige Arbeitgeberin berichtete im Oktober 2006 (IV-act. 7), der Versicherte sei
in einem Pensum von 80 Prozent tätig gewesen und habe einen Lohn von 5’067.20
Franken erhalten. Das Arbeitsverhältnis sei im gegenseitigen Einverständnis aufgelöst
worden, da der Versicherte nicht über genügend Erfahrung und Kenntnisse in der
Rehabilitationsarbeit verfügt habe. Der Allgemeinmediziner Dr. med. B._ gab im März
2007 an (IV-act. 18), seines Erachtens sei der Versicherte uneingeschränkt arbeitsfähig.
An der letzten Arbeitsstelle habe er aus fachlichen Gründen nicht genügt. Da er nun
schon längere Zeit arbeitslos sei, sollte er eine neue Tätigkeit zunächst in einem
Pensum von 50 Prozent aufnehmen, um sich wieder an den Arbeitsprozess gewöhnen
zu können. Der Psychiater Dr. med. C._ berichtete im Juli 2007 (IV-act. 22), der
Versicherte leide an einer Anpassungsstörung und an einer längeren depressiven
Reaktion seit einer im Jahr 2004 erfolgten Ehescheidung sowie an einer seit dem Jahr
2006 bestehenden Dysthymia bei einem Status nach einer schweren depressiven
Episode. In der Zeit vom 29. September 2006 (Behandlungsbeginn) bis zum 31. Januar
2007 sei er vollständig arbeitsunfähig gewesen; seit dem 1. Februar 2007 sei er zu 50
Prozent arbeitsfähig. In einer selbständigen und eigenverantwortlichen Tätigkeit,
beispielsweise nach einer Umschulung in eine qualifizierte Tätigkeit im pädagogischen
Bereich, könne die Belastbarkeit des Versicherten wahrscheinlich gesteigert werden.
Vom 1. August 2008 bis zum 31. Juli 2009 absolvierte der Versicherte eine berufliche
Abklärung im D._ (vgl. IV-act. 37). Laut dem Bericht des Vorgesetzten vom 13. Juli
2009 zeigte der Versicherte während der Abklärung sowohl gute technische
Fertigkeiten als auch die Fähigkeit, Arbeitskollegen fachlich und persönlich
angemessen anzuleiten (IV-act. 61). Angesichts der erfreulichen Ergebnisse der
beruflichen Abklärung erteilte die IV-Stelle dem Versicherten eine Kostengutsprache für
eine einjährige schulische Ausbildung zum technischen Kaufmann mit einem
schulinternen Abschluss (IV-act. 56). Diese Ausbildung schloss der Versicherte gemäss
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einem Bericht vom 14. Oktober 2010 mit einem Notendurchschnitt von etwas mehr als
5,3 ab (IV-act. 66). Ein Berufsberater der IV-Stelle notierte im November 2010, der
Versicherte sei nun in der Lage, ein Einkommen von 12 × 5’000 Franken zu erzielen (IV-
act. 67). Mit einer Mitteilung vom 2. Dezember 2010 verneinte die IV-Stelle einen
Anspruch des Versicherten auf weitere berufliche Massnahmen oder auf eine Rente (IV-
act. 70).
A.b Im Juli 2012 meldete sich der Versicherte erneut zum Leistungsbezug an (IV-act.
76). Am 26. Juli 2012 forderte die IV-Stelle ihn auf, eine relevante
Sachverhaltsveränderung seit dem 2. Dezember 2010 glaubhaft zu machen, wobei sie
für den Fall, dass ihm dies nicht gelingen sollte, ein Nichteintreten auf die
Wiederanmeldung androhte (IV-act. 78). Am 31. August 2012 berichtete die Oberärztin
des Ambulatoriums des psychiatrischen Zentrums E._, Dr. med. F._, der
Versicherte leide an einer rezidivierenden depressiven Störung bei einer gegenwärtig
mittelgradigen Episode mit einem somatischen Anteil, an einer Dysthymia sowie an
einer kombinierten Persönlichkeitsstörung mit paranoiden, schizoiden und Borderline-
Anteilen (IV-act. 85). Im April 2013 berichtete die Tagesklinik des psychiatrischen
Zentrums E._ über eine dreimonatige tagesklinische Behandlung des Versicherten
(IV-act. 91 f.). Die Ärzte empfahlen eine berufliche Anknüpfung an die Fähigkeiten des
Versicherten als gelernter Koch und an die erworbenen Kompetenzen im sozialen
Bereich. Sie attestierten eine Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent und gaben an, diese sei
im Verlauf steigerbar. Mit einer Mitteilung vom 23. Oktober 2013 sprach die IV-Stelle
dem Versicherten eine Arbeitsvermittlung zu (IV-act. 108). Ab dem 22. September 2014
konnte der Versicherte einen dreimonatigen Arbeitsversuch mit einem Pensum von 50
Prozent antreten (vgl. IV-act. 116). Der Arbeitsversuch wurde in der Folge um weitere
drei Monate verlängert (vgl. IV-act. 124). Mit einer Mitteilung vom 18. Mai 2015 wies die
IV-Stelle das Leistungsbegehren des Versicherten um weitere berufliche Massnahmen
ab, obwohl sich nach dem Arbeitsversuch keine Anschlusslösung ergeben hatte (IV-
act. 138). Eine Eingliederungsverantwortliche der IV-Stelle hatte vorab notiert (IV-act.
136), aus medizinischer Sicht sei der Versicherte gemäss der Einschätzung des IV-
internen regionalen ärztlichen Dienstes (RAD) als technischer Kaufmann
uneingeschränkt arbeitsfähig. Der Versicherte habe aber keinen Arbeitsversuch bei der
Stadtverwaltung absolvieren wollen und er habe auch keinen konkreten Grund
genannt, weshalb er nicht mehr als technischer Kaufmann arbeiten wolle.
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A.c Die Allgemeinmedizinerin Dr. med. G._ berichtete im Juli 2015 (IV-act. 142), der
Versicherte leide an einer chronischen Depression, an einem lumbo-spondylogenen
Schmerzsyndrom sowie an einer Hashimoto-Thyreoiditis. Die Rückenschmerzen
schränkten die Belastbarkeit vor allem nach längerem Stehen ein. Aus medizinischer
Sicht sei die bisherige Tätigkeit während etwa 4–5 Stunden pro Tag zumutbar. Für eine
Arbeitsfähigkeitsschätzung müsse das psychiatrische Zentrum angefragt werden. Die
Klinik für Neurochirurgie des Kantonsspitals St. Gallen hatte im April 2014 über eine
regrediente L4-Radiculopathie berichtet (IV-act. 150). Der orthopädische Chirurg Dr.
med. H._ hatte im Januar 2015 mitgeteilt (IV-act. 147), der Versicherte leide
vermutlich an einer Radiculopathie L3 rechts, die konservativ behandelt werde. Der
RAD-Arzt Dr. med. I._ notierte im August 2015 (IV-act. 151), aus somatischer Sicht
bestehe keine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit des Versicherten für leichte,
wechselbelastende Tätigkeiten. Im Oktober 2015 gab er an (IV-act. 152), aus
psychiatrischer Sicht bestehe eine Arbeitsunfähigkeit von 50 Prozent für sämtliche
Tätigkeiten. Eine Sachbearbeiterin der IV-Stelle verglich das Einkommen eines Kochs
mit einem Hilfsarbeiterlohn bei einem Pensum von 50 Prozent; das ergab einen
Invaliditätsgrad von 60,6 Prozent (IV-act. 154). Mit einem Vorbescheid vom 8.
Dezember 2015 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass sie die Zusprache einer
Dreiviertelsrente bei einem Invaliditätsgrad von 61 Prozent ab dem 1. Juni 2013
vorsehe (IV-act. 156). Am 15. Februar 2016 beauftragte sie die Ausgleichskasse mit der
Rentenberechnung (IV-act. 160).
A.d Am 3. April 2016 meldete der Versicherte (IV-act. 161), er habe im Oktober 2015
ein Arbeitsverhältnis angetreten, das ursprünglich per Ende April 2016 befristet
gewesen, nun aber um sechs Monate verlängert worden sei. Das Arbeitspensum
betrage 100 Prozent. Am 8. April 2016 verfügte die IV-Stelle die Zusprache einer
Dreiviertelsrente ab dem 1. Juni 2013 (IV-act. 163). Am 15. April 2016 erliess sie eine
weitere Verfügung (IV-act. 164), mit der sie die Verfügung vom 8. April 2016 widerrief,
die „laufende Leistung per sofort“ einstellte und weitere Abklärungen sowie die
Eröffnung einer allfälligen Rückforderungsverfügung zu einem späteren Zeitpunkt
ankündigte. Mit einem Vorbescheid vom 21. April 2016 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass sie die Abweisung seines Rentenbegehrens mangels eines
rentenbegründenden Invaliditätsgrades vorsehe (IV-act. 167). Dagegen wandte der
Versicherte am 16. Mai 2016 ein (IV-act. 168), er sei während einer längeren Zeit
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erwerbsunfähig gewesen, weshalb er die Zusprache einer befristeten Rente für die Zeit
vom 24. Juli 2012 bis zum 21. September 2014 sowie für die Zeit vom 23. März 2015
bis zum 31. September 2015 beantrage. Am selben Tag erhob der Versicherte beim
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen einen (inhaltlich mit der Eingabe an die IV-
Stelle identischen) „Einspruch“ gegen den Vorbescheid, wobei er dem Gericht in der
Beilage allerdings die Widerrufsverfügung vom 15. April 2016 zugehen liess (IV-act.
170–1 ff.). Das Versicherungsgericht interpretierte diese Eingabe als einen Einwand
gegen den Vorbescheid vom 21. April 2016 und leitete diese zur Bearbeitung an die IV-
Stelle weiter (IV-act. 170–6). Mit einer Verfügung vom 21. Juni 2016 wies die IV-Stelle
das Rentenbegehren des Versicherten ab (IV-act. 171).
B.
B.a Am 3. Juli 2016 erhob der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer) beim
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen einen „Einspruch gegen den Bescheid“
vom 21. Juni 2016, den er als eine Ergänzung zum „Einspruch gegen den Vorbescheid
vom 16. Mai 2016“ verstanden wissen wollte (act. G 1). Er machte geltend, die
Sachverhaltsdarstellung in der angefochtenen Verfügung sei ungenau. Er habe die IV-
Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) lückenlos über seine Erwerbstätigkeit
informiert. Die Begründung der Beschwerdegegnerin, die Wiederaufnahme einer
Erwerbstätigkeit dokumentiere einen verbesserten Gesundheitszustand, sei nicht
nachvollziehbar. Der sachliche Zusammenhang zwischen der Erwerbstätigkeit und der
Verbesserung des Gesundheitszustandes sei nicht ersichtlich. Der Beschwerdeführer
beantragte die Zusprache einer Rente für die Zeit vom 24. Juli 2012 bis zum 21.
September 2014 und für die Zeit vom 23. März 2015 bis zum 31. September 2015.
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragte am 27. September 2016 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 4). Zur Begründung führte sie an, der Beschwerdeführer habe
während des Arbeitsversuchs ein Taggeld erhalten, was die Zusprache einer Rente für
den entsprechenden Zeitraum ausschliesse. Seit November 2014 habe er sich nicht
mehr in einer psychiatrischen Behandlung befunden. Aufgrund seiner guten Leistungen
sei er zwar nicht unmittelbar, aber wenige Monate nach dem Ende des Arbeitsversuchs
befristet in einem Vollpensum angestellt worden, was für eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit spreche. Eine psychische Gesundheitsbeeinträchtigung, die die
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Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers wesentlich einschränken würde, sei nicht
ausgewiesen.
B.c Der Beschwerdeführer hielt am 31. Oktober 2016 an seinem Antrag fest (act. G 6).
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 8).

Erwägungen
1.
Die Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer mit einer Verfügung vom 8. April
2016 eine Dreiviertelsrente (mit Wirkung ab dem 1. Juni 2013) zugesprochen. Mit einer
zweiten Verfügung vom 15. April 2016 hat sie diese erste Verfügung vom 8. April 2016
widerrufen, aber (noch) nicht durch eine neue rechtsgestaltende, das laufende
Verwaltungsverfahren abschliessende Verfügung ersetzt. Der Beschwerdeführer hat
zwar seinem am 16. Mai 2016 beim Versicherungsgericht erhobenen „Einspruch“ die
Verfügung vom 15. April 2016 beigelegt, weshalb der „Einspruch“ als eine (rechtzeitig
erhobene) Beschwerde interpretiert werden könnte. Der „Einspruch“ hat aber mit
keinem Wort Bezug auf die Verfügung vom 15. April 2016 genommen, sondern sich
inhaltlich ausschliesslich gegen den Vorbescheid vom 21. April 2016 gewendet. Das
Versicherungsgericht hat den „Einspruch“ deshalb zu Recht nicht als eine Beschwerde
gegen die Verfügung vom 15. April 2016 interpretiert, was bedeutet, dass jene
Verfügung unangefochten formell rechtskräftig und damit verbindlich geworden ist. Vor
diesem Hintergrund ist nicht näher auf die beiden Verfügungen vom 8. und 15. April
2016 einzugehen. Der Gegenstand dieses Beschwerdeverfahrens wird ausschliesslich
durch die Verfügung vom 21. Juni 2016 definiert.
2.
Das mit der angefochtenen Verfügung vom 21. Juni 2016 abgeschlossene
Verwaltungsverfahren ist durch eine sogenannte Neuanmeldung im Juli 2012 initiiert
worden. Der Art. 29 ATSG sieht zwar keine Einschränkung des jederzeitigen Rechtes
vor, ein Leistungsbegehren geltend zu machen, aber im Bereich der
Invalidenversicherung wird gemäss dem Art. 87 Abs. 3 IVV auf eine Neuanmeldung
nach der Abweisung eines früheren Rentenbegehrens nur eingetreten, wenn die
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versicherte Person eine relevante Sachverhaltsveränderung glaubhaft gemacht hat.
Diese Einschränkung des jederzeitigen Anmelderechtes ist gemäss der ständigen
Praxis des Versicherungsgerichtes gesetzmässig (vgl. etwa den Entscheid IV 2016/268
vom 24. Januar 2018, E. 3.1). Der Beschwerdeführer hat mit einem psychiatrischen
Bericht vom August 2012 glaubhaft gemacht, dass sich sein psychischer
Gesundheitszustand nach der Abweisung seines ersten Rentenbegehrens wesentlich
verschlechtert hatte: Während Dr. C._ im ersten Verfahren lediglich noch eine
Dysthymia (bei einem Status nach einer schweren depressiven Episode) diagnostiziert
hatte, hat Dr. F._ im August 2012 über eine mittelgradige depressive Episode
berichtet. Vor diesem Hintergrund hat angenommen werden müssen, dass sich die
Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers nach der Abweisung des ersten
Rentenbegehrens wesentlich verschlechtert haben könnte. Die Beschwerdegegnerin ist
deshalb zu Recht auf die Neuanmeldung eingetreten.
3.
3.1 Eine versicherte Person, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht durch zumutbare
Eingliederungsmassnahmen wiederherstellen, erhalten oder verbessern kann, die
während eines Jahres ohne einen wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen ist und die nach dem Ablauf dieses
Jahres zu mindestens 40 Prozent invalid ist, hat gemäss dem Art. 28 Abs. 1 IVG einen
Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung. Für die Bemessung der Invalidität
wird das Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach dem Eintritt der
Gesundheitsbeeinträchtigung und nach der Durchführung der medizinischen
Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen durch eine ihr zumutbare
Tätigkeit bei einer ausgeglichenen Arbeitsmarktlage erzielen könnte, in Beziehung zu
jenem Erwerbseinkommen gesetzt, das sie erzielen könnte, wenn sie gesund geblieben
wäre (Art. 28a Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 16 ATSG).
3.2 Der Beschwerdeführer hat nur eine befristete Rente für zwei abgeschlossene
Zeiträume in der Vergangenheit beantragt, nämlich für die Zeit vom 24. Juli 2012
(Anmeldung zum Leistungsbezug) bis zum 21. September 2014 (Beginn eines
Arbeitsversuchs) und vom 23. März 2015 (Ende des Arbeitsversuchs) bis zum 31.
September 2015 (Beginn eines Arbeitsverhältnisses). Bezüglich des ersten Zeitraums
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bis zum Beginn eines Arbeitsversuchs ist zu berücksichtigen, dass gemäss dem Art. 28
Abs. 1 lit. a IVG ein Anspruch auf eine Rente der Invalidenversicherung so lange nicht
entstehen kann, als die Erwerbsfähigkeit der versicherten Person noch mit
Eingliederungsmassnahmen beeinflusst (wieder hergestellt, erhalten oder verbessert)
werden kann. Mit anderen Worten setzt der Rentenanspruch den Abschluss der
medizinischen und der beruflichen Eingliederung voraus. Das deckt sich mit der im Art.
7 ATSG enthaltenen Definition der Erwerbsunfähigkeit, die laut jener Bestimmung erst
vorliegen kann, wenn die Eingliederungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Auch der
Art. 16 ATSG, der die Berechnung des Invaliditätsgrades beschlägt, setzt den
Abschluss der medizinischen und beruflichen Eingliederung voraus. In der Praxis
verwendet man als Schlagwort für den Umstand, dass die Eingliederung
abgeschlossen sein muss, bevor ein Rentenanspruch entstehen kann, den Merksatz
„Eingliederung vor Rente“. Der Gedanke dahinter gilt als ein allgemeiner Grundsatz des
Sozialversicherungsrechts (vgl. etwa UELI KIESER, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015,
Vorbemerkungen N 81 ff., mit Hinweisen). Der Umstand, dass die Beschwerdegegnerin
dem Beschwerdeführer vorliegend eine Kostengutsprache für einen Arbeitsversuch ab
dem 22. September 2014 gewährt hat, zeigt, dass die berufliche Eingliederung am 22.
September 2014 noch nicht abgeschlossen gewesen ist, denn andernfalls wäre der
Arbeitsversuch ja zum Vorneherein eingliederungsirrelevant gewesen. Gemäss dem
Grundsatz „Eingliederung vor Rente“ kann der Beschwerdeführer in der Zeit vor dem
22. September 2014 also keinen Rentenanspruch gehabt haben. Nun treten in der
Praxis aber immer wieder Fälle auf, in denen einer versicherten Person bereits für einen
Zeitraum vor dem Beginn und damit notwendigerweise auch vor dem Abschluss einer
Eingliederungsmassnahme eine befristete Rente zugesprochen wird. Für solche Renten
hat sich der Begriff der „Arbeitsunfähigkeitsrente“ eingebürgert. Das IVG enthält aber
keine Bestimmung, die die Zusprache einer „Arbeitsunfähigkeitsrente“ erlauben würde,
denn das IVG kennt nur die „normale“ Invalidenrente, die jedoch nicht entstehen kann,
solange die Eingliederung noch nicht abgeschlossen ist. Bei genauer Betrachtung ist
die „Arbeitsunfähigkeitsrente“ eine Erfindung, die eine Lücke im Taggeldrecht des IVG
füllen soll: Das IVG kennt nämlich (anders als etwa das UVG) keinen durchgehenden
Taggeldanspruch für die Zeit vom Eintritt einer Gesundheitsbeeinträchtigung bis zur
Entstehung des Rentenanspruchs; ein Taggeld wird in aller Regel nur während der
Dauer einer Eingliederungsmassnahme ausgerichtet. Zwar kennt die IVV ein
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sogenanntes Wartezeittaggeld (Art. 18 IVV; vgl. Art. 22 Abs. 6 IVG), mit dem eine
krankheits- oder unfallbedingte Erwerbseinbusse in der Zeit vor dem Beginn einer
Eingliederungsmassnahme überbrückt werden könnte. Aber das Bundesgericht hat
den Anwendungsbereich des Wartezeittaggeldes konsequent so klein gehalten, dass
der Wartezeittaggeldanspruch praktisch bedeutungslos ist (vgl. ULRICH MEYER/
MARCO REICHMUTH, Die Rechtsprechung des Bundesgerichtes zum IVG, 3. Aufl.
2014, Art. 22 N 18 ff.). Häufig erhalten deshalb Versicherte, die krankheits- oder
unfallbedingt arbeitsunfähig sind, über längere Zeit weder ein Taggeld noch eine Rente
der Invalidenversicherung. Um solche teilweise als stossend empfundene Situationen
zu vermeiden, ist die „Arbeitsunfähigkeitsrente“ erfunden worden. Diese
„Rente“ (eigentlich ein Taggeldersatz) kann sich aber auf keine ausreichende
gesetzliche Grundlage stützen. Zudem will sie eine Lücke füllen, die im Gesetz gar
nicht existiert, weil der Gesetzgeber ganz bewusst kein durchgehendes
Leistungsregime hatte schaffen wollen. Vor diesem Hintergrund kommt die Zusprache
einer Rente für die Zeit vor dem 22. September 2014 vorliegend nicht in Frage. Das
entsprechende Begehren ist abzuweisen.
3.3 Der Beschwerdeführer hat ursprünglich eine Berufslehre zum Koch mit einem
eidgenössischen Fähigkeitszeugnis abgeschlossen. In den Akten finden sich nur
wenige Hinweise darauf, dass die Tätigkeit als Koch nicht ideal leidensadaptiert sein
könnte: Die Rückenschmerzen dürften wohl die für eine Tätigkeit als Koch notwendige
Fähigkeit, lange Zeit stehend zu arbeiten, einschränken. Zudem dürfte sich der
Umstand, dass der Beschwerdeführer nie gerne als Koch gearbeitet hat, gemäss den
Ausführungen von Dr. C._ als eingliederungshindernd auswirken, weil der
Beschwerdeführer angesichts seiner psychischen Gesundheitsbeeinträchtigung darauf
angewiesen ist, eine Tätigkeit auszuüben, die er eigenverantwortlich und selbständig
verrichten kann und die ihn fordert. Die in den Jahren 2008–2010 durchgeführten
beruflichen Massnahmen haben gezeigt, dass der Beschwerdeführer in Tätigkeiten, die
seinen Neigungen und Fähigkeiten besser entsprechen, eine gute Leistung erbringen
kann. Ob es diese Einschränkungen gerechtfertigt haben, eine Umschulung in Angriff
zu nehmen, ist fraglich, aber darauf kann nicht näher eingegangen werden, da die
Verfügung, mit der die Beschwerdegegnerin die Ausbildung zum technischen
Kaufmann mit einem schulinternen Abschluss zugesprochen hat, längst formell
rechtskräftig und damit verbindlich geworden ist. Allerdings kann die Ausbildung zum
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technischen Kaufmann mit einem schulinternen Abschluss selbstverständlich nicht als
mit jener zum Koch mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis gleichwertig
qualifiziert werden. Ein schulinterner Abschluss steht nämlich weit unter einem
eidgenössischen Fähigkeitszeugnis. Zudem ist es gerichtsnotorisch, dass technische
Kaufleute mit einem schulinternen Abschluss vielfach keine Anstellung finden.
Schliesslich sind die vom Berufsberater angegebenen Verdienstaussichten (12 × 5’000
Franken pro Jahr) deutlich tiefer als jener Lohn, den der Beschwerdeführer vor der
ersten Anmeldung zum Leistungsbezug erzielt hatte beziehungsweise als Koch erzielen
könnte (13 × 6’400 Franken). Da der Beschwerdeführer also offensichtlich keine
Umschulung absolviert hat, die als gleichwertig mit dem ursprünglich erlernten Beruf
qualifiziert werden könnte, stellt sich die Frage, ob er allenfalls einen Anspruch auf
weitere berufliche Eingliederungsmassnahmen oder sogar auf eine weitere
Umschulung haben könnte. Wenn die Mitteilung vom 2. Dezember 2010 einen weiteren
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen generell verweigert hätte, dann könnten
weitere berufliche Eingliederungsmassnahmen trotz der an sich ungenügenden
Umschulung zum Vorneherein nicht in Frage kommen, weil jede berufliche
Eingliederungsmassnahme im Widerspruch zur verbindlichen Mitteilung vom 2.
Dezember 2010 stehen würde. Die Beschwerdegegnerin hat jedoch mit ihrem
Verhalten selbst gezeigt, dass ihre Mitteilung vom 2. Dezember 2010 nicht derart weit
interpretiert werden darf, denn sie hat ab September 2015 die Kosten eines
Arbeitsversuchs übernommen und dem Beschwerdeführer ein Taggeld ausbezahlt, das
heisst sie hat einen Anspruch des Beschwerdeführers auf weitere berufliche
Eingliederungsmassnahmen bejaht. Die Mitteilung vom 2. Dezember 2010 kann also
nur so interpretiert werden, dass sie die Umschulung zum technischen Kaufmann
definitiv abgeschlossen hat, was eine Weiterführung jener Ausbildung und
beispielsweise die Erlangung des eidgenössischen Fähigkeitszeugnisses definitiv
ausschliesst. Berufliche Eingliederungsmassnahmen, die sich auf eine andere
Berufskarriere beziehen, stehen dagegen nicht im Widerspruch zur Mitteilung vom 2.
Dezember 2010. Damit erweist sich die Frage, ob die Tätigkeit als Koch ideal
leidensadaptiert ist, nach wie vor als entscheidend. Sollte dies nämlich nicht der Fall
sein, könnte die Erwerbsfähigkeit des Beschwerdeführers wohl mit weiteren
Eingliederungsmassnahmen verbessert werden, was bedeuten würde, dass die erste
Voraussetzung für die Zusprache einer Rente nicht erfüllt wäre (Art. 28 Abs. 1 lit. a IVG).
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Da die Akten die Beantwortung dieser Frage nicht erlauben, erweist sich der
Sachverhalt insofern als ungenügend abgeklärt. Die angefochtene Verfügung ist
folglich in Verletzung der Untersuchungspflicht (Art. 43 Abs. 1 ATSG) ergangen und
muss deshalb als rechtswidrig aufgehoben werden.
3.4 Die Sache ist an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Diese wird zuerst
medizinisch abklären, in welchem Umfang dem Beschwerdeführer die bisherige
Tätigkeit als Koch noch zugemutet werden kann. Sollte die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers als Koch eingeschränkt sein (und hätte dieser folglich ab dem 1.
Oktober 2015 in einem unzumutbar hohen Pensum gearbeitet), wird die
Beschwerdegegnerin eine Arbeitsfähigkeitsschätzung für eine adaptierte Tätigkeit als
technischer Kaufmann einholen. Sollte sich herausstellen, dass der Beschwerdeführer
als technischer Kaufmann in einem rentenauslösenden Ausmass arbeitsunfähig ist,
müsste er wohl erneut umgeschult werden. Für die Beantwortung dieser Fragen wird
die Beschwerdegegnerin nicht nur medizinische, sondern auch berufsberaterische
Abklärungen tätigen, das heisst sie wird einen Berufsberater damit beauftragen,
konkrete Belastungsprofile für die Tätigkeit als Koch, für die Tätigkeit als technischer
Kaufmann und für eine ideal leidensadaptierte Tätigkeit zu erstellen. Anschliessend
wird sie die medizinischen Sachverständigen auffordern, die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers für die konkret umschriebenen Tätigkeiten genau zu ermitteln (vgl.
zu diesem Vorgehen den Entscheid IV 2017/283 des St. Galler Versicherungsgerichtes
vom 24. April 2018, E. 2.1; FRANZ SCHLAURI, Medizinische
Arbeitsfähigkeitsschätzung, in: René Schaffhauser/Franz Schlauri, Rechtsfragen der
Eingliederung Behinderter, 2000, S. 180 f.). Gestützt auf die Ergebnisse dieser weiteren
Abklärungen wird die Beschwerdegegnerin über die allfällige Durchführung von
weiteren beruflichen Massnahmen und/oder über das Rentenbegehren des
Beschwerdeführers ab dem 23. März 2015 entscheiden.
4.
Die Rückweisung einer Sache gilt hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen
als ein vollständiges Obsiegen der beschwerdeführenden Partei. Die Gerichtskosten
von 600 Franken sind folglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen; dem
Beschwerdeführer wird der von ihm geleistete Kostenvorschuss zurückerstattet.
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