Decision ID: 65f2625f-aa07-4787-839f-565fde5407dc
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Peter Sutter, Haus Eden, Paradiesweg 2,
Postfach, 9410 Heiden,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rente
Sachverhalt:
A.
A.a A._ meldete sich am 9. November 2007 bei der Liechtensteinische
Invalidenversicherung zum Bezug von Leistungen an (IV-act. 13). Sie hatte seit 1996
bei der Firma B._ gearbeitet (Arbeitgeberbescheinigung, IV-act. 20-2). Die
Versicherte war vom 27. Februar bis 17. März 2007 in der Klinik Valens untergebracht
gewesen. Die Klinik stellte in ihrem Austrittsbericht folgende Diagnosen: Chronisches
zervikobrachiales Syndrom, chronisches rezidivierendes lumbospondylogenes
Syndrom; Depression. Bis zum 31. März 2007 habe eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
bestanden, anschliessend 50 % Arbeitsfähigkeit mit sukzessiver, dem Verlauf
angepasster Steigerung durch die Hausärztin (IV-act. 24). Vom 18. bis 23. April 2007
war die Versicherte im Spital C._ hospitalisiert gewesen. Der Bericht vom 4. Mai 2007
nennt die Befunde akuter Hörsturz rechts und St. n. Diskusprolaps HWS (IV-act.
22-11ff.). Dr. D._, FMH Innere Medizin, führte in ihrem Arztbericht vom 23. November
2007 folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit auf: chronisches
therapieresistentes Zervikobrachialsyndrom; chronisch rezidivierendes
lumbospondylogenes Syndrom; depressive Erkrankung. Als Diagnosen ohne
Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit werden genannt: Osteopenie, low turn over; HRT
seit dem 43. Lebensjahr; gastrooesophagialer Reflux bei Hiatushernie (Gastroskopie
1999); chronischer Tinnitus seit Dezember 2005, St. n. akutem Hörsturz rechts im Mai
2007; Sklerose Aorta abdominalis; St. n. langjährigem Nikotinabusus;
Cholezystolithiasis asymptomatisch; St.n. Innenmeniskusoperation Knie rechts 2007;
Tonsillektomie, Appendektomie. Der Versicherten sei die bisherige Tätigkeit noch
maximal 4 h Stunden pro Tag zumutbar (IV-act. 4-1ff.). Dr. med. E._, Fachärztin für
Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, erwähnte in ihrem Bericht vom 3. Dezember 2007
als Diagnose mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit den Verdacht auf eine
Fibromyalgie. Unter den Diagnosen ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit sind
aufgeführt: Status nach Hörsturz rechts mit kompensiertem Tinnitus links und
rezidivierend rechts; Laryngitis gastrica. Vom 17. April bis 5. Mai 2007 habe eine
100%ige Arbeitsunfähigkeit bestanden, vom 7. bis 11. Mai 2007 eine solche von 50 %
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
(IV-act. 22-1ff.). Dr. F._, FMH Psychiatrie/Psychotherapie, stellte am 9. Januar 2008
folgende Diagnosen: Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige
depressive Episode. Für die zuletzt ausgeübte Tätigkeit sei vom 19. Februar bis 31.
März 2007 eine Arbeitsunfähigkeit von 100 % gegeben gewesen. Seit 1. April 2007
bestehe bis auf weiteres eine Arbeitsunfähigkeit von 50 % (IV-act. 5-1ff.). Das Spital
C._ nannte am 13. März 2008 folgende Diagnosen: Chronische Zervikalgie bei
mehrsegmentaler Osteochondrose; chronisches Lumbovertebralsyndrom; PHS bds.
bei Verkalkung der Infraspinatussehne; Kiefergelenkschmerzen bds.; St.n. Hörsturz
rechts April 2007; berufliche Belastungsfaktoren vorhanden (IV-act. 37-10). Dr. med.
G._, Radiologie FMH, hielt in seiner Beurteilung vom 8. August 2008 als Diagnosen
fest: Hochgradige multisegmentäre Chondrosen HWK5/6 sowie HWK6/7 mit
Schwerpunkt HWK5/6; in beiden Segmenten erhebliche flachbogige breitflächige
dorsale Discusprotrusion mit begleitender Spondylophytose, aber noch normaler Weite
des Spinalkanals und ohne wesentliche Beeinträchtigung der Neuroforamina; in den
gleichen Segmenten mässige Spondylarthrose; intaktes Myelon (IV-act. 37-34f.).
A.b Mit Verfügung vom 13. Oktober 2008 sprach die IV-Stelle der Versicherten eine
halbe Rente ab 1. März 2008 zu (IV-act. 6). Am 22. Oktober 2008 meldete die
Versicherte sich auch bei der IV-Stelle des Kantons St.Gallen zum Leistungsbezug an
(IV-act. 1).
A.c Dr. med. H._, FMH Rheumatologie, erwähnte in ihrem Bericht vom 26.
November 2008 als Diagnose eine Osteopenie (Low turn over). Unter den "übrigen"
Diagnosen sind aufgeführt: Chronisches Cervicothoracalsyndrom; chronisches
Vertebralsyndrom; PHS beidseits (IV-act. 37-4). Dr. med. I._, Leitender Arzt
Radiologie am Spital J._, kam am 10. Februar 2009 zu folgender Beurteilung: 1. Ein
relevanter Bandscheibenvorfall könne ausgeschlossen werden; es liege lediglich im
Fach LWK4/5 ein minimer auf eine generalisierte Bandscheibenprotusion
aufgepfropfter mediolateraler Bandscheibenvorfall links vor mit allenfalls geringfügiger
Einengung des Recessus. 2. Spondylochondrosen LWK4/5 und LWK5/S1 (IV-act.
48-6).
A.d Im Verlaufsbericht vom 17. April 2009 erklärte Dr. D._, es sei eine
Verschlechterung des Gesundheitszustands eingetreten. Eine andere Diagnose werde
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
nicht gestellt. Die Prognose sei als eher ungünstig einzuschätzen. Es sei nicht
abzusehen, dass die zunehmende Schmerzaggravierung sich aufhalten lasse (IV-act.
48-3). Dr. F._ berichtete am 2. Juni 2009 ebenfalls von einer Verschlechterung des
Gesundheitszustands. Die Diagnose habe nicht geändert. Die bisherige wie auch
andere Tätigkeiten seien der Versicherten nicht mehr zumutbar (IV-act. 51-3). Die IV-
Stelle verfügte am 15. Juni 2009 die Erhöhung der halben auf eine ganze Rente ab 1.
Mai 2009 (IV-act. 59).
A.e Nach einer weiteren rheumatologischen Untersuchung durch Dr. K._, Facharzt
FMH Rheumatologie und Innere Medizin, berichtete dieser am 30. September 2009,
klinisch hätten sich keine Hinweise für eine lumboradikuläre oder cervikoradikuläre
Reiz- oder Ausfallsymptomatik ergeben. Es hätte sich eine mittelgradige
Funktionsstörung der HWS und der LWS gefunden. Die rechtsseitigen Beschwerden
seien am ehesten als spondylogen respektive myogen im Rahmen eines
lumbospondylogenen Schmerzsyndroms zu beurteilen. Eine Einschätzung zur
Arbeitsfähigkeit gab der Arzt nicht ab (IV-act. 73-2).
A.f Die IV-Stelle veranlasste am 28. Oktober 2009 gemäss einer Empfehlung des
Regionalen ärztlichen Dienstes (in der Folge: RAD) eine interdisziplinäre Abklärung
durch die MEDAS. Am 11. Januar 2010 fand eine rheumatologische Untersuchung
durch Dr. med. L._, Innere Medizin/Rheumatologie FMH, und am 13. Januar 2010
eine psychiatrische Untersuchung durch Dr. med. M._, Psychiatrie und
Psychotherapie FMH, statt. Das Gutachten vom 13. April 2010 gelangt zum Ergebnis,
sowohl in der angestammten Berufstätigkeit als kaufmännische Angestellte wie auch in
anderen körperlich leichten, wechselbelastenden Tätigkeiten ohne Heben/ Tragen von
Lasten über 10 - 12.5 kg, des weiteren ohne längere Arbeiten in extendierter HWS-
Stellung, insbesondere bei gleichzeitiger Lateralflexion/Rotation, ohne Lärmexposition
und ohne spezielle Anforderungen an die Stress- und Frustrationstoleranz, die
emotionale Belastbarkeit oder die Konzentrationsfähigkeit bestehe eine
Arbeitsunfähigkeit der Versicherten von schätzungsweise 50 % (seit 19. Februar 2007).
Die Prognose sei als nur vorsichtig günstig einzustufen (IV-act. 84-27). Der RAD
erklärte am 20. April 2010, das Gutachten sei als umfassend, konsistent und
widerspruchsfrei zu bezeichnen. Eine konsensuelle Beurteilung werde ersichtlich und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Schlussfolgerungen bezüglich der IV-relevanten Fragen könnten plausibel
nachvollzogen werden (IV-act. 85).
A.g Am 2. Mai 2010 stellte die Versicherte der IV-Stelle ein Schreiben zu. Darin zeigt
sie auf, wie sich ihre Krankengeschichte zwischenzeitlich entwickelt habe (IV-act. 87).
A.h Mit Vorbescheid vom 11. August 2010 stellte die IV-Stelle der Versicherten die
Ausrichtung einer halben Rente ab 1. Februar 2008 in Aussicht. Die Abklärungen hätten
ergeben, dass sowohl in ihrer bisherigen wie auch in einer leidensangepassten
Tätigkeit eine 50%ige Arbeitsfähigkeit gegeben sei (IV-act. 96).
A.i Dagegen erhob die Versicherte, vertreten durch die N._ AG, am 10. September
2010 Einwand. Dabei machte sie geltend, der Vorbescheid sei insoweit anzupassen,
als ihr ab dem 1. Mai 2009 eine ganze Rente zu gewähren sei. Es seien weitere
umfassende Abklärungen vorzunehmen und alsdann neu zu entscheiden. Als
Begründung führte sie an, der Sachverhalt sei unrichtig bzw. unvollständig abgeklärt
worden, weshalb die daraus abgeleiteten Rechtsfolgen fehlerhaft seien (IV-act. 97). In
einer Ergänzung zum Einwand führte die Versicherte am 24. September 2010 aus, es
sei unverständlich, weshalb von der IV-Stelle die Verschlechterung ihres
Gesundheitszustands nicht berücksichtigt bzw. nicht eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit
anerkannt werde. Dr. D._ habe dargelegt, dass sich die Konzentrations- und
Leistungsfähigkeit aufgrund der bestehenden Schmerzen und der antidepressiven
Therapie vermindert habe. Es sei anzunehmen, dass sich der psychische
Gesundheitszustand aufgrund des verschlechterten Allgemeinzustands verschlechtert
habe. Gleichzeitig seien weitere Beschwerden hinzugekommen. Dr. F._ habe erklärt,
dass mit der Zunahme der rheumatologischen Beschwerden seit Januar 2009 eine
Verschlechterung auf der psychischen Ebene einhergegangen sei. Das MEDAS-
Gutachten gehe überhaupt nicht auf die neuen Beschwerden ein. Der Schwerpunkt des
Gutachtens beziehe sich auf die psychiatrische Abklärung des Gesundheitszustands.
Dr. O._ setze sich zwar mit den Einschätzungen des behandelnden Psychiaters
auseinander. Hingegen finde sich im Gutachten keine Auseinandersetzung mit dem
Arztbericht der behandelnden Hausärztin. Der Vorbescheid sei ohne Berücksichtigung
der neuen Beschwerden bzw. ohne Einholung von weiteren ärztlichen Berichten erfolgt.
Insbesondere habe es die IV-Stelle unterlassen, einen Arztbericht der Rheumatologin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. med. H._ einzuholen. Auch die Einholung weiterer ärztlicher Berichte von der
Augenklinik habe sie - trotz Aufforderung der MEDAS - unterlassen. Insgesamt sei klar,
dass weitere Abklärungen erforderlich seien, um den Gesundheitszustand ab 1. März
2009 beurteilen zu können (IV-act. 99).
A.j Am 28. Oktober 2010 nahm der RAD zu den Vorbringen der Versicherten in deren
Einwand Stellung. Er erklärte, der Vorwurf, die Verschlechterung des
Gesundheitszustands sei nicht berücksichtigt worden, sei nicht haltbar, hätten doch
gerade die von der Versicherten erwähnten Berichte als Anlass dazu gedient, ein
polydisziplinäres Gutachten einzuholen. Ebenso unzutreffend sei die Behauptung, die
"neuen" Beschwerden der Versicherten seien nicht berücksichtigt worden. Aus dem
Aufbau des Gutachtens ergebe sich klar, dass der Aktenauszug als integraler
Bestandteil der Anamnese zu betrachten sei und somit alle geklagten Beschwerden
und Symptome in profunder Kenntnis der Vorakten berücksichtigt worden seien. Auch
in ihrer Beurteilung brächten die Gutachter zum Ausdruck, dass ihnen daran gelegen
sei, möglichst alle Gesundheitsschäden in die Beurteilung miteinzubeziehen. Hier gelte
es zu bemerken, dass es in der Natur der bei der Versicherten diagnostizierten
undifferenzierten Somatisierungsstörung liege, dass - wie das Schreiben der
Versicherten vom 2. Mai 2010 zeige - immer wieder neue Beschwerden geklagt
würden, deren vertiefte Abklärung schier unmöglich sei. Ausserdem habe die MEDAS
die IV-Stelle nicht zur Einholung eines ärztlichen Berichts aufgefordert, sondern nur
eine entsprechende Empfehlung abgegeben. Im Ergebnis seien die Vorbringen im
Einwand der Versicherten somit unbegründet (IV-act. 101).
A.k Am 1. November 2010 stellte die Versicherte der MEDAS ein Schreiben zu, worin
sie darlegte, die im Gutachten erörterte Vorgeschichte entspreche zum Teil nicht den
Tatsachen. Sie listete all die betreffenden Stellen auf (IV-act. 106). Die MEDAS
antwortete der Versicherten mit Schreiben vom 10. November 2010, wie sie selbst zu
Recht feststelle, seien die Abweichungen ohne Einfluss für die Gesamtbeurteilung (IV-
act. 110).
A.l Am 16. Dezember 2010 verfügte die IV-Stelle im Sinn des Vorbescheids (IV-act.
117).
B.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegende Beschwerde der durch
Rechtsanwalt Peter Sutter vertretenen Versicherten vom 27. Januar 2011. Unter
Kosten- und Entschädigungsfolgen beantragt sie, es sei die angefochtene Verfügung
aufzuheben; es sei ihr ab 1. Februar 2008 eine halbe und ab 1. Mai 2009 eine ganze
Rente zuzusprechen; eventualiter sei die Angelegenheit zur Vornahme weiterer
Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Zur Begründung führt die
Beschwerdeführerin zunächst aus, die Akten seien von der Beschwerdegegnerin
unsystematisch geführt worden. Die MEDAS habe dazu geschrieben, das Gutachten
stütze sich auf gebündelte, nicht nummerierte, chaotisch gegliederte Akten der IV-
Stelle St. Gallen, mitgeliefert auf pdf-Daten CD. Die Akten hätten somit nicht auf ihre
Vollständigkeit hin überprüft werden können. Indem die MEDAS den Auftrag gleichwohl
angenommen hätte, würde ihr Gutachten an Beweiswert verlieren, so dass nicht darauf
abgestellt werden könne. Die Gutachter hätten den Auftrag "sklavisch" angenommen
und sich somit als nicht mehr unabhängig erwiesen. Aus inhaltlicher Sicht könne
entgegen der Auffassung des RAD nicht gesagt werden, die Schlussfolgerungen des
Gutachtens seien plausibel. Für den Adressaten sei nicht ansatzweise ersichtlich, wie
die Arbeitsfähigkeit von 50 % bestimmt worden sei. Es sei zu vermuten, dass die
Gutachter die Arbeitsfähigkeitsschätzung nicht anhand der konkreten Einschränkung,
sondern unkorrekterweise medizinisch theoretisch vorgenommen hätten. Am
psychiatrischen Gutachten sei mangelhaft, dass - wie im Schreiben vom 1. November
2010 dargelegt - die Anamnese mit Fehlern gespickt sei. Entgegen der Ansicht der
Gutachter seien diese Umstimmigkeiten in ihrer Gesamtheit für das Ergebnis der
Beurteilung relevant. Sodann falle auf, dass der gesamthaft ermittelte
Arbeitsunfähigkeitsgrad demjenigen im psychiatrischen Konsiliargutachten entspreche.
Es werde indes nicht klar begründet, weshalb die somatischen Beschwerden
überhaupt keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hätten. Es wäre auch wünschenswert
gewesen, hätten sich die Gutachter ausreichender mit den abweichenden
Einschätzungen der behandelnden Ärzte auseinandergesetzt. Ein wesentliches Manko
des Gutachtens liege ausserdem im Umstand, dass nicht alle geklagten Beschwerden
berücksichtigt worden seien. Es sei diesbezüglich auf die Vorbringen im
Vorbescheidverfahren zu verweisen. Es wirke sich fatal aus, dass die unsystematisch
geführten Akten von den Gutachtern zur Anamnese erhoben worden seien. Zudem
habe die Beschwerdegegnerin eine unzulässige antizipierte Beweiswürdigung
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorgenommen, indem sie auf das Einholen eines Berichts der augenärztlichen Klinik
verzichtet habe mit dem Argument, das Augenleiden sei ohne Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit. Weiter habe die Beschwerdeführerin mit ihrem Schreiben vom 2. Mai
2010 auf neue Leiden hingewiesen, welche aufgrund der Chronologie nicht hätten ins
Gutachten einfliessen können. Die Verwaltung habe diese Beschwerden gestützt auf
eine Stellungnahme des RAD einfach ignoriert, was gesetzeswidrig sei. Es sei nicht
nachvollziehbar, weshalb die neu geklagten Beschwerden keiner weiteren Abklärungen
zugänglich sein sollten. Schliesslich sei zu beachten, dass die Beschwerdegegnerin
sich aufgrund internationaler Vereinbarungen an der Beurteilung der IV-Stelle zu
orientieren habe, welche eine ganze Rente gesprochen habe (act. G 1).
B.b In ihrer Beschwerdeantwort vom 18. März 2011 beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Zur Begründung führt sie aus,
es bestünden keine Hinweise, dass bei der MEDAS-Begutachtung relevantes
medizinisches Aktenmaterial nicht zur Verfügung gestanden hätte oder solches von
den Experten nicht berücksichtigt worden wäre. Auch die von der Beschwerdeführerin
im Schreiben vom 1. November 2010 geäusserte Kritik an einzelnen Passagen des
Gutachtens sei nicht geeignet, Zweifel am gutachterlichen Abklärungsergebnis zu
wecken, zumal auch die Gutachter in einer Stellungnahme vom 10. November 2010
festgehalten hätten, die Abweichungen seien ohne Einfluss auf die Gesamtbeurteilung.
Es gehe zudem nicht an, die Unabhängigkeit der MEDAS in Frage zu stellen. Sodann
lege das Gutachten plausibel dar, weshalb aus somatischer Sicht eine Einschränkung
der Arbeitsfähigkeit über das durch den psychiatrischen Gutachter attestierte Ausmass
von 50 % nicht gegeben sei. Aus psychiatrischer Sicht sei gemäss den plausibel
begründeten Feststellungen des begutachtenden Psychiaters davon auszugehen, dass
mit der diagnostizierten depressiven Störung mittleren Ausmasses ein invalidisierender
psychischer Gesundheitsschaden vorliege, der sich in einer 50%igen Einschränkung
der zumutbaren Arbeitsfähigkeit auswirke. Ein Gutachter müsse sich nicht eingehend
bzw. umfassend mit den Hintergründen einer abweichenden Einschätzung
auseinanderzusetzen. Ohnehin stimmten die Beobachtungen des behandelnden
Psychiaters und des Gutachters diagnostisch überein. Es sei hingegen nicht
nachvollziehbar, dass der behandelnde Psychiater der Beschwerdeführerin am 2. Juni
2009 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit attestiert habe, obwohl er zuvor bei gleicher
Diagnose noch von einer 50%igen Arbeitsfähigkeit ausgegangen sei. Die Gutachter
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
hätten überzeugend dargelegt, es sei aus rein medizinischer Sicht nicht plausibel, dass
die Arbeitsunfähigkeit deutlich höher ausfallen solle als vorher; der behandelnde
Psychiater habe auch psychosoziale Belastungsfaktoren (u.a. Wegfall der
Taggeldzahlungen) miteinbezogen. Das Gutachten überzeuge in allen Belangen und
erfülle die von der Rechtsprechung definierten Kriterien für eine beweiskräftige
medizinische Entscheidungsgrundlage. Die Liechtensteinische Invalidenversicherung
habe keine Kenntnis von dem Gutachten gehabt, sondern einzig auf die Beurteilung der
behandelnden Ärzte abgestellt. Es bestehe somit ein triftiger Grund für einen von der
Liechtensteinischen IV-Stelle abweichenden Rentenentscheid (act. G 4).
B.c In der Replik vom 2. Mai 2011 legt die Beschwerdeführerin zunächst in Bezug auf
die Würdigung medizinischer Akten dar, die behandelnden Ärzte könnten ihre Patienten
aufgrund langjähriger Betreuungszeit oftmals besser einschätzen als ein Gutachter, der
sich auf eine Momentaufnahme beschränken müsse. Zudem stehe die MEDAS
gleichermassen in einer auftragsrechtlichen Vertrauensstellung zur
Invalidenversicherung wie der Hausarzt zu seinem Patienten. Es werde sodann daran
festgehalten, dass aufgrund der nicht systematisch geführten Akten der Beweiswert
des Gutachtens eingeschränkt sei. Es sei darauf hinzuweisen, dass die MEDAS die
Röntgenbilder der Beschwerdeführerin nicht habe finden können. Diese hätten im
Spital J._ neu angefertigt werden müssen. Bezüglich der zahlreichen unrichtigen
Feststellungen im Gutachten berufe sich die Beschwerdegegnerin auf die Aussage der
Gutachter, wonach die Abweichungen ohne Einfluss auf die Gesamtbeurteilung seien.
Eine andere Antwort sei von den Gutachtern indes auch gar nicht zu erwarten
gewesen, da diese nicht ihre eigene Begutachtung in Frage stellen würden. Aus dem
Gutachten sei weiter in keiner Weise ersichtlich, weshalb der Beschwerdeführerin die
Aufwendung der zumutbaren Willensanstrengung, die Schmerzen zu überwinden,
möglich sei und weshalb die Arbeitsfähigkeit gerade 50 % betrage. Die
Beschwerdegegnerin suggeriere, die vom behandelnden Psychiater erwähnten
zusätzlichen Belastungsfaktoren seien auf den Wegfall der Taggeldzahlungen zu
reduzieren. Dem sei beileibe nicht so. Es seien auch nicht primär soziale, sondern
gesundheitliche Belastungen, die zu einer Erschwerung der Situation geführt hätten
(erfolglose Nerveninfiltrationen und Kieferbehandlungen, Darmprobleme,
eingeschränkte Sehfähigkeit, Schwindelanfälle etc.). Im Übrigen sei zu beachten, dass
die Beschwerdegegnerin die Invalidenversicherung im August 2010 mit dem MEDAS-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Gutachten dokumentiert habe. Die Invalidenversicherung habe in Kenntnis des
Gutachtens am 14. Februar 2011 die ganze Rente bestätigt (act. G 6).
B.d Mit Duplik vom 6. Mai 2011 erklärte die Beschwerdegegnerin, sie halte an ihren
Ausführungen in der Beschwerdeantwort und an ihrem Antrag vollumfänglich fest (act.
G 8).

Erwägungen:
1.
1.1 Zwischen den Parteien ist der Rentenanspruch der Beschwerdeführerin streitig.
1.2
1.2.1 Die Beschwerdeführerin ist Schweizer Staatsangehörige mit Wohnsitz in
der Schweiz. Zuletzt hat sie in Fürstentum Liechtenstein gearbeitet. Es liegt damit ein
internationaler Sachverhalt vor. Am 1. Juni 2002 ist das Abkommen zwischen der
Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten einerseits und der
schweizerischen Eidgenossenschaft andererseits über die Freizügigkeit (APF; SR
0.142.112.681) in Kraft getreten. Im Verhältnis Schweiz - Fürstentum Liechtenstein sind
die auf den gleichen Zeitpunkt in Kraft getretenen Anpassungen des Abkommens zur
Errichtung der Europäischen Freihandelszone (EFTA-Abkommen; SR 0.632.31)
anwendbar, welche inhaltlich grundsätzlich mit dem APF übereinstimmen (vgl. Ueli
Kieser, Das Personenfreizügigkeitsabkommen und die Arbeitslosenversicherung, in:
AJP 2003, S. 283; KSBIL Rz 9002). Zwischen der schweizerischen Eidgenossenschaft
und dem Fürstentum Liechtenstein besteht sodann seit 1989 ein bilaterales Abkommen
über soziale Sicherheit (SR 0.831.109.514.1). Dieses Abkommen ist nur noch insoweit
anwendbar, als das EFTA-Abkommen den Sachbereich nicht selbst regelt (vgl. Art. 18
des EFTA-Abkommens, e contrario).
1.2.2 Nach Art. 21 des EFTA-Abkommens regeln die Mitgliedstaaten die
Koordinierung der Systeme der sozialen Sicherheit gemäss Anlage 2 zu Anhang K und
durch das Protokoll zu Anhang K über die Freizügigkeit zwischen Liechtenstein und der
Schweiz, um unter anderem zu garantieren: die Bestimmung der anzuwendenden
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsvorschriften (lit. b) und die Zahlung der Leistungen an Personen, die ihren
Wohnsitz im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten haben (lit. d). Gemäss Art. 1 zu Anlage 2
zu Anhang K des EFTA-Abkommens sind die Mitgliedstaaten übereingekommen,
untereinander das APF anzuwenden. Anwendbar ist damit insbesondere auch im
Verhältnis Schweiz - Liechtenstein die Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 (vgl. Art. 3 zu
Anlage 2 zu Anhang K). Zielsetzung der Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 ist es
insbesondere zu verhindern, dass Wandererwerbstätige durch die
grenzüberschreitende Aktivität sozialversicherungsrechtliche Nachteile erleiden (Edgar
Imhof, Eine Anleitung zum Gebrauch des Personenfreizügigkeitsabkommens, in:
Aktuelles im Sozialversicherungsrecht, Hrsg. Hans-Jakob Mosimann, Zürich 2001, S.
28). Damit soll insbesondere das Recht auf Freizügigkeit gewährleistet werden (E.
Imhof, a.a.O., S. 27). Anzumerken ist, dass die Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 per 1.
April 2012 durch die Verordnung (EG) 883/2004 und die Durchführungsverordnung (EG)
Nr. 487/2009 ersetzt wurde. Da jedoch das Recht im Zeitpunkt des Verfügungserlasses
gilt, ist die Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 vorliegend nach wie vor anwendbar.
1.2.3 In formeller Hinsicht ist Art. 44 Abs. 2 der Verordnung (EWG) Nr. 1408/71
zu beachten: Beantragt eine wandererwerbstätige Person in ihrem Wohnsitzstaat oder
allenfalls im letzten Versicherungsstaat die Ausrichtung einer Invalidenrente, so hat der
zuständige Träger dieses Staates den Antrag zugleich an die zuständigen Behörden
aller übrigen Staaten weiterzuleiten, in denen die Antrag stellende Person
Versicherungszeiten zurückgelegt hat, und das Verfahren gilt auch dort als eröffnet.
Unterlässt der zuständige Träger die vorgeschriebene Weiterleitung des Antrags, so
darf hieraus der versicherten Person kein Nachteil entstehen (E. Imhof, a.a.O., S. 88).
Daraus folgt, dass vorliegend der Zeitpunkt der Anmeldung zum Leistungsbezug im
Fürstentum Liechtenstein, d.h. der 9. November 2007, auch für die schweizerischen IV-
Leistungen als massgebendes Anmeldedatum gilt. In materieller Hinsicht ist auf Art. 40
Abs. 4 der Verordnung (EWG) Nr. 1408/71 hinzuweisen: Gemäss dieser Bestimmung ist
eine vom Träger eines Mitgliedstaats getroffene Entscheidung über die Invalidität eines
Antragstellers auch für die Träger jedes anderen in Betracht kommenden Mitgliedstaats
verbindlich, sofern die in den Rechtsvorschriften dieser Staaten festgelegten Tat
bestandsmerkmale der Invalidität in Anhang V als übereinstimmend anerkannt sind. Die
Voraussetzung einer übereinstimmenden Anerkennung von Tatbestandsmerkmalen der
Invalidität im Anhang V durch die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein ist vor
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
liegend nicht gegeben. Daraus folgt e contrario, dass eine Bindung der kantonalen IV-
Stelle an die Beurteilung der Liechtensteinischen IV-Stelle entgegen den Ausführungen
der Beschwerdeführerin gerade nicht besteht. Der zuständige Träger jedes
Versicherungsstaates stellt vielmehr die Arbeitsunfähigkeit nach seinen eigenen
landesrechtlichen Vorschriften fest (vgl. E. Imhof, a.a.O., S. 95). Für die Berechnung
und Ausrichtung von schweizerischen IV-Renten kommt auch bei euronationalen
Sachverhalten ausschliesslich schweizerisches Recht zur Anwendung (E. Imhof, a.a.O.,
S. 91).
1.3 Am 1. Januar 2008 sind mit der 5. IVG-Revision verschiedene Änderungen des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) in Kraft getreten. Weil
in zeitlicher Hinsicht grundsätzlich diejenigen Rechtssätze massgebend sind, die bei
der Erfüllung des zu Rechtsfolgen führenden Tatbestandes Geltung haben (BGE 127 V
467 E. 1), und weil bei der Beurteilung ferner auf den bis zum Zeitpunkt des Erlasses
der streitigen Verfügung eingetretenen Sachverhalt abzustellen ist (BGE 121 V 366 E.
1b), sind für den bis 31. Dezember 2007 verwirklichten Sachverhalt die altrechtlichen,
danach die bis 31. Dezember 2011 geltenden materiellen Bestimmungen anzuwenden.
Die am 1. Januar 2012 in Kraft getretene IV-Revision 6A ist für dieses Verfahren nicht
von Bedeutung.
1.4 Nach aArt. 28 Abs. 1 IVG (heute Art. 28 Abs. 2 IVG) besteht der Anspruch auf eine
ganze Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf
eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 50 % besteht ein Anspruch auf eine halbe Rente und
bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % ein Anspruch auf eine Viertelsrente.
Nach aArt. 29 Abs. 1 entsteht der Rentenanspruch frühestens in dem Zeitpunkt, in dem
die versicherte Person mindestens zu 40 % bleibend erwerbsunfähig geworden ist (lit.
a) oder während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich
mindestens zu 40 % arbeitsunfähig gewesen war (lit. b). Nach der ab 1. Januar 2008
geltenden Regelung entsteht ein Anspruch nur noch nach der zweiten Variante (Art. 28
Abs. 1 IVG). Zusätzlich muss eine Karenzzeit von sechs Monaten seit Anmeldung
bestanden werden (Art. 29 Abs. 1 IVG).
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
2.1 Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Das Gericht hat den Sachverhalt von
Amtes wegen festzustellen und demnach zu prüfen, ob die vorliegenden Beweismittel
eine zuverlässige Beurteilung des strittigen Leistungsanspruches gestatten. Die
Rechtsprechung hat es mit dem Grundsatz der freien Beweiswürdigung als vereinbar
erachtet, in Bezug auf bestimmte Formen medizinischer Berichte und Gutachten
Richtlinien für die Beweiswürdigung aufzustellen (BGE 125 V 351 E. 3b). Das im
Rahmen des Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten,
die aufgrund eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in
die Akten Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen
Ergebnissen gelangen, besitzt bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft, solange
nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertise sprechen (BGE 125 V
351 E. 3b/bb). Insbesondere ist zu beachten, dass es die unterschiedliche Natur von
Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach-)Arztes einerseits und
Begutachtungsauftrag des amtlich bestellten fachmedizinischen Experten (BGE 124 I
175 E. 4) nicht zulässt, ein Administrativ- oder Gerichtsgutachten stets in Frage zu
stellen und zum Anlass weiterer Abklärungen zu nehmen, wenn die behandelnden
Ärzte zu anderslautenden Einschätzungen gelangen. Vorbehalten bleiben Fälle, in
denen sich eine abweichende Beurteilung aufdrängt, weil die behandelnden Ärzte
wichtige Aspekte benennen, die im Rahmen der Begutachtung unerkannt oder
ungewürdigt geblieben sind (Urteil des Bundesgerichts vom 25. Mai 2007, I 514/06, E.
2.2.1 mit Hinweisen).
2.2 Die Verfügung vom 16. Dezember 2010 basiert in medizinischer Hinsicht auf dem
Gutachten der MEDAS vom 13. April 2010. Darin werden folgende Diagnosen mit
Einschränkung der zumutbaren Arbeitsfähigkeit gestellt: Rezidivierende depressive
Störung, mittelgradige depressive Episode mit beginnender Chronifizierung;
akzentuierte Persönlichkeitszüge mit anankastischen, narzisstischen und histrionischen
Anteilen; chronisch rezidivierendes cervico- und lumbovertebrales Schmerzsyndrom
mit rechtsseitiger lumbospondylogener Komponente und anamnestisch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
cervicocephalen und linksbetonten cervicospondylogenen Ausstrahlungen;
Periarthropathia humeroscapularis calcarea links und AC-Arthrose links. Unter den
Diagnosen ohne wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit sind aufgeführt:
Cataract-Operation rechts 13.8.2009, anamnestisch, Cataract links, postoperativ
persistierende Visusverminderung rechts (in Abklärung); undifferenzierte
Somatisierungsstörung; anamnestisch Myoarthropathie bei Verdacht auf anteriore
Discusluxation links (ED 11/07), MRI Kiefergelenke unauffällig (21.11.2007); Hörsturz
rechts 04/07, kompensierter Tinnitus links und rezidivierend rechts; asymptomatische
Cholecystolithiasis; Osteopenie bei low turnover (Dexa 11/08: T-Score lumbal -1,8 SD);
axiale Hiatusgleithernie (ED 02/06); chronische Darmentleerungsstörung (ODS) bei
grosser vorderer Rektocele und Intussuszeption (Operation geplant); arthroskopische
Glättung des medialen Meniscus rechts 07/01; leichte generalisierte Atherosklerose bei
St.n. Nikotinabusus; St.n. Aethylabusus (sistiert 1994); St.n. Appendektomie und
Tonsillektomie. Insgesamt sei eine deutliche Diskrepanz festgestellt worden zwischen
den geschilderten, subjektiv invalidisierenden Beschwerden und den objektivierbaren
klinischen Pathologien. Sowohl in der angestammten Berufstätigkeit als kaufmännische
Angestellte wie auch in anderen körperlich leichten, wechselbelastenden Tätigkeiten
ohne Heben/Tragen von Lasten über 10-12.5 kg, des weiteren ohne längere Arbeiten in
extendierter HWS-Stellung, insbesondere bei gleichzeitiger Lateralflexion/Rotation,
ohne Lärmexposition und ohne spezielle Anforderungen an die Stress- und
Frustrationstoleranz, die emotionale Belastbarkeit oder die Konzentrationsfähigkeit
bestehe eine Arbeitsunfähigkeit der Versicherten von schätzungsweise 50 % (seit 19.
Februar 2007). Die Prognose sei angesichts der langen Dauer der psychischen
Erkrankungen und der bereits eingetretenen Chronifizierung als nur vorsichtig günstig
einzustufen (IV-act. 84-22ff.).
2.3 Es fragt sich, welcher Beweiswert dem Gutachten zukommt. Die
Beschwerdeführerin rügt in formeller Hinsicht, das Gutachten sei nicht in Kenntnis des
ganzen Sachverhalts basierend auf allen bekannten Unterlagen erstellt worden. Die
MEDAS habe dazu geschrieben, das Gutachten stütze sich auf gebündelte, nicht
nummerierte, chaotisch gegliederte Akten der IV-Stelle St. Gallen, mitgeliefert auf pdf-
Daten-CD. Das Gutachten sei deshalb nicht auf seine Vollständigkeit hin überprüfbar,
und es könne darauf nicht abgestellt werden. Der Umstand, dass die der MEDAS
zugestellten Akten nicht systematisch geordnet waren, ist von der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin nicht bestritten worden. Es bestehen vorliegend indes keine
konkreten Hinweise, dass bei der Begutachtung relevantes medizinisches
Aktenmaterial nicht zur Verfügung gestanden hat oder von den Experten nicht
berücksichtigt worden ist. Dies gilt insbesondere auch für die Röntgenbilder, welche
anscheinend vor der Rückgabe an die Beschwerdeführerin nicht mehr aufgefunden
werden konnten und in der Folge neu angefertigt werden mussten. Es ist aus dem
Gutachten selber ersichtlich, dass sich die Beurteilung der Gutachter auf umfassendes
Röntgenmaterial stützt (Ziff. 2.3; IV-act. 84-17). Im Ergebnis erweist sich die
Behauptung der Beschwerdeführerin, die Begutachtung basiere auf unvollständigen
Akten, somit als unbegründet.
2.4 In materieller Hinsicht stellt die Beschwerdeführerin die Einschätzung der
Gutachter in Frage, wonach bei ihr eine Arbeitsfähigkeit von 50 % gegeben sei. Das
psychiatrische Teilgutachten sei gespickt mit vielen Fehlern, auf welche die
Beschwerdeführerin die Beschwerdegegnerin in ihrem Schreiben vom 1. November
2010 aufmerksam gemacht habe. Aufgrund dieser Fehler handle es sich um eine
falsche Anamnese und das Gutachten verliere deshalb an Beweiswert. Nachdem die
Gutachter von der Beschwerdeführerin mit den betreffenden Abweichungen
konfrontiert worden waren, hatten sie ihr geantwortet, letztere seien ohne Einfluss auf
die Gesamtbeurteilung. Diese Einschätzung erscheint nachvollziehbar, umso mehr, als
auch die Beschwerdeführerin selber in ihrem Schreiben vom 1. November 2010
einräumte, dass die Korrekturen für den Befund grossteils nicht von Relevanz seien
(vgl. IV-act. 106). Die Beschwerdeführerin rügt sodann, es sei unzureichend begründet,
weshalb die somatischen Beschwerden ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit seien.
Zudem fehle es an einer eingehenden Auseinandersetzung mit den Berichten anderer
medizinischer Fachpersonen. Frau Dr. D._ und Dr. F._ hätten in ihren
Verlaufsberichten eine Verschlechterung des Gesundheitszustands bzw. eine 100%ige
Arbeitsunfähigkeit festgestellt, was von der Beschwerdegegnerin nicht berücksichtigt
worden sei. Zudem hätte ein Bericht der Rheumatologin H._ eingeholt werden
müssen. Vorliegend ist nochmals darauf hinzuweisen, dass im Rahmen des
Verwaltungsverfahrens eingeholte Gutachten von externen Spezialärzten, die aufgrund
eingehender Beobachtungen und Untersuchungen sowie nach Einsicht in die Akten
Bericht erstatten und bei der Erörterung der Befunde zu schlüssigen Ergebnissen
gelangen, bei der Beweiswürdigung volle Beweiskraft besitzen, solange nicht konkrete
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Indizien gegen die Zuverlässigkeit der Expertisen sprechen (BGE 125 V 351 E. 3b/bb).
In dieser Hinsicht ist zunächst festzuhalten, dass sich der Vorwurf als unbegründet
erweist, die Gutachter hätten sich nicht mit der geltend gemachten Verschlechterung
des Gesundheitszustands der Beschwerdeführerin auseinandergesetzt. Es wurden
sämtliche im Rahmen der Untersuchung vom 11./13. Januar 2010 erhobenen Befunde
von den Gutachtern bei der Bestimmung der Arbeitsfähigkeit berücksichtigt und
gewürdigt. Was sodann den Umstand betrifft, dass der ermittelte
Arbeitsunfähigkeitsgrad von 50 % demjenigen im psychiatrischen Teilgutachten
entspricht, obwohl auch somatische Beschwerden attestiert wurden, ist festzuhalten,
dass die betreffende Beurteilung der MEDAS ebenfalls nachvollziehbar erscheint. Die
somatischen Beschwerden schränken denn auch insbesondere die Art der der
Beschwerdeführerin noch zumutbaren Tätigkeiten ein (nur noch körperlich leichte,
wechselbelastende Tätigkeiten ohne Heben und Tragen von Lasten über 10 – 12.5 kg
und ohne längere Arbeiten in extendierter HWS-Stellung). Gesamthaft existieren keine
Indizien, welche gegen die Zuverlässigkeit des Gutachtens sprechen. Diesem kommt
im vorliegenden Verfahren somit voller Beweiswert zu.
2.5 Die Beschwerdeführerin hatte mit Schreiben vom 2. Mai 2010 aufgezeigt, wie
sich ihr Gesundheitszustand inzwischen entwickelt habe. Das externe Gutachten
bezieht sich nur auf den Zeitraum bis zur Untersuchung vom 11. / 13. Januar 2010. Es
stellt sich nun die Frage, inwieweit die in diesem Sinn neuen Vorbringen vom 2. Mai
2010 eine Rolle spielen. Mit der Beschwerdeführerin ist jedenfalls darin einig zu gehen,
dass nicht nachvollziehbar ist, weshalb die Beschwerdegegnerin nicht wenigstens die
Akten mit den betreffenden ärztlichen Untersuchungs- und Operationsberichten
vervollständigt hat. Die Beschwerdeführerin schildert in dem erwähnten Schreiben
zunächst, eine am 13. August 2009 durchgeführte Katarakt-Operation sei leider nicht
wie geplant verlaufen. Sie habe seither beim Augenarzt und beim Optiker regelmässig
Termine. Sie hätte auch nach einer kurzfristigen hochdosierten Kortisonbehandlung
einen Kreislaufzusammenbruch erlitten. Sodann sei am 30. November 2009 durch Prof.
Dr. P._ ein korrigierter Visus von RA/LA:0.2/0.6 festgestellt worden. Aufgrund des
schmerzenden Auges (Fremdkörpergefühl), der Unmöglichkeit von normalem Lesen
und auch wegen daher rührender Gleichgewichtsstörungen sei zuletzt am 14. April
2010 eine weitere Untersuchung erfolgt. Gemäss Angaben von Prof. P._ hätten sich
die Werte anscheinend nochmals verschlechtert (rund 20%). Des Weiteren sei aufgrund
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ihrer zunehmenden Entleerungsstörungen im März 2010 im Spital J._ eine
Transstarresektion mit Prolapsresektion durchgeführt worden. Die Operation sei
grundsätzlich gut verlaufen; sie sei derzeit in Nachbehandlung u.a. aufgrund von
Nachblutungen und derzeit nicht einordbaren Unterleibsschmerzen. Im Spital J._
habe sie sich am 6. Mai 2010 auch einem Eingriff am linken Knie unterziehen müssen
aufgrund eines seit einigen Monaten bestehenden Geschwulsts an der linken
Kniescheibe. Schliesslich sei bezüglich ihrer Schmerzen im rechten Hüft-/Beinbereich
eine Fehlstellung diagnostiziert worden, wobei der Ischias-Nerv als Ursache eruiert
worden sei (IV-act. 87). Das Gutachten vom 13. April 2010 äussert sich im
Zusammenhang mit diesen Vorbringen ansatzweise. So sind unter den Diagnosen ohne
wesentliche Einschränkung der Arbeitsfähigkeit aufgeführt: Cataract-Operation rechts
13.8.2009, anamnestisch, Cataract links; postoperativ persistierende
Visusverminderung rechts (in Abklärung); chronische Darmentleerungsstörung (ODS)
bei grosser vorderer Rektocele und Intussuszeption (Operation geplant). Bezüglich der
geltend gemachten massiven Visusabnahme rechts schrieben die Gutachter, die
kursorische binokuläre Visusprüfung habe einen Normalbefund (Nahvisus mit Lesebrille
korrigiert) ergeben. Es sei die Einholung eines aktuellen Arztberichts in der Augenklinik
des Kantonsspitals St. Gallen zu empfehlen (IV-act. 84-22f., 26). Die
Beschwerdegegnerin hatte trotz des Schreibens vom 2. Mai 2010 auf weitere
Abklärungen verzichtet; sie hatte sich dabei auf die Stellungnahme des RAD gestützt,
wonach es in der Natur der bei der Beschwerdeführerin diagnostizierten
undifferenzierten Somatisierungsstörung liege, dass immer wieder neue Beschwerden
geklagt würden, deren vertiefte Abklärung schier unmöglich sei. Die
Beschwerdegegnerin sah auch von der Einholung eines Arztberichts der Augenklinik
ab; dies ebenfalls gestützt auf die Stellungnahme des RAD, gemäss welcher die
Gutachter nur eine entsprechende Empfehlung abgegeben hätten und das Augenleiden
im Gutachten zudem unter den Diagnosen ohne Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit
aufgelistet worden sei (IV-act. 101). Es ist an sich wie erwähnt zutreffend, dass das
Augenleiden der Beschwerdeführerin im Gutachten unter den Diagnosen ohne
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit aufgeführt ist. Immerhin aber ist zu beachten,
dass die Beschwerdeführerin eine nicht wunschgemäss verlaufene Cataract-Operation
bzw. eine fortlaufende Verschlechterung der Sehleistung geltend macht. Unter diesen
Umständen erscheint problematisch, dass die Beschwerdegegnerin von weiteren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Abklärungen abgesehen hat. Dem Gutachten ist zwar keine Aufforderung zur Einholung
eines Arztberichts der Augenklinik zu entnehmen - die MEDAS ist gegenüber der
Beschwerdegegnerin ohnehin nicht weisungsbefugt -, indes kommt der
entsprechenden Empfehlung einiges Gewicht zu, so dass die Beschwerdegegnerin
gute Gründe nachweisen müsste, um sich anders zu entscheiden. Die
Beschwerdegegnerin konnte jedenfalls aufgrund des Gutachtens nicht von vornherein
ausschliessen, dass eine nicht wunschgemäss verlaufene Augenoperation keine
Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit hat. Auch erscheint die Stellungnahme des RAD,
wonach eine vertiefte Abklärung der von der Beschwerdeführerin immer wieder neu
geklagten Beschwerden schier unmöglich sei, wenig differenziert, zumal ja das
Gutachten in Bezug auf das Augenleiden gerade weitere Abklärungen empfahl.
Gesamthaft ist festzustellen, dass die Beschwerdegegnerin aufgrund ihrer
Untersuchungspflicht gehalten gewesen wäre, den von der Beschwerdeführerin am 2.
Mai 2010 vorgetragenen neuen medizinischen Fakten nachzugehen. Es drängt sich
eine neuerliche Prüfung auf. Im Vordergrund steht dabei gemäss diesen Ausführungen
die Untersuchung des Augenleidens. In die Abklärungen ist jedoch ebenfalls
miteinzubeziehen, ob sich auch aufgrund der übrigen im Schreiben vom 2. Mai 2010
genannten Leiden eine Änderung der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit ergibt.
2.6 Zusammenfassend erscheint der Gesundheitszustand der Beschwerdeführerin
bis zum Datum der gutachterlichen Exploration am 11./13. Januar 2010 als genügend
abgeklärt. Für die Zeit danach sind weitere Abklärungen angezeigt. In diesem Sinn ist
die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Sollte sich auch nach den
neuen Abklärungen ergeben, dass eine medizinisch-theoretische Arbeitsfähigkeit an
sich gegeben ist, wird ausserdem zu prüfen sein, inwieweit die Beschwerdeführerin
überhaupt noch in der Lage ist, ihre Restarbeitsfähigkeit zu verwerten. Wie dem
Gutachten zu entnehmen ist, hat die Beschwerdeführerin ihre bisherige Arbeitsstelle
per Ende 2009 verloren. Beim Invalideneinkommen kann daher nicht mehr auf diese
Arbeitsstelle abgestellt werden, sondern dieses wäre gestützt auf LSE festzulegen.
Weiter ist zu beachten, dass die Beschwerdeführerin bereits 63 Jahre alt ist. Es wird
sich die Frage stellen, ob eine zumutbare Tätigkeit nicht nur noch in so eingeschränkter
Form möglich ist, dass sie der allgemeine Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder nur
unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers
ausgeübt werden kann (vgl. dazu ZAK 1989 S. 322 E. 4a).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 19/20
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
3.1 Damit ist die Beschwerde teilweise gutzuheissen und die angefochtene
Verfügung vom 16. Dezember 2010 aufzuheben. Die Sache ist zur ergänzenden
medizinischen Abklärung und Neuverfügung im Sinn der Erwägungen an die
Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Ver
fahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- er
scheint als angemessen. Die Rückweisung zur Neubeurteilung gilt praxisgemäss als
volles Obsiegen (BGE 132 V 215 E. 6.2). Somit unterliegt die Beschwerdegegnerin voll
umfänglich. Sie hat deshalb die gesamte Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- zu bezahlen.
Der von der Beschwerdeführerin geleistete Kostenvorschuss wird zurückerstattet.
3.3 Bei diesem Verfahrensausgang hat die Beschwerdeführerin Anspruch auf eine
Parteientschädigung. Diese ist vom Gericht ermessensweise festzusetzen, wobei
insbesondere der Bedeutung der Streitsache und dem Aufwand Rechnung zu tragen
ist (Art. 61 lit. g ATSG; vgl. auch Art. 98 ff. VRP/SG, sGS 951.1). Der Rechtsvertreter
der Beschwerdeführerin hat auf die Einreichung einer Honorarnote verzichtet.
Vorliegend erscheint - wie in vergleichbaren Fällen üblich - eine Parteientschädigung
von pauschal Fr. 3'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP