Decision ID: 33c6f6ae-25ba-4a07-8a98-5be6a7167fe3
Year: 2022
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Angriff
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Pfäffikon vom 17. Juni 2021 (DG200008)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See/Oberland vom
11. September 2020 (Urk. 148) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 177 S. 47 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB.
2. Vom Vorwurf des Raufhandels im Sinne von Art. 133 Abs. 1 StGB wird der Be-
schuldigte freigesprochen.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit 13 Monaten Freiheitsstrafe, wovon bis und mit
heute 2 Tage durch Haft erstanden sind.
4. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird nicht aufgeschoben.
5. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte – unter solidarischer Haftung mit dem
Mitbeschuldigten B._ – den Privatklägern 1 und 2 aus dem eingeklagten Er-
eignis dem Grundsatze nach genugtuungspflichtig ist.
Es wird davon Vormerk genommen, dass der Beschuldigte – unter solidarischer
Haftung mit dem Mitbeschuldigten B._ – die Genugtuungsforderung des Pri-
vatkläger 1 im Umfang von Fr. 3'000.– und die Genugtuungsforderung der Privat-
klägerin 2 im Umfang von Fr. 1'500.– anerkennt.
Zur genauen Feststellung des Umfanges des Genugtuungsanspruchs, resp. im die
vorstehende Anerkennung übersteigenden Ausmass, werden die Privatkläger 1 und
2 auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
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6. Die Gerichtsgebühr (Entscheidgebühr) wird festgesetzt auf:
Fr. 1'800.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 2'100.– Gebühr für das Vorverfahren;
Fr. 1'100.55 Auslagen im Vorverfahren;
Fr. 12'000.– Kosten der amtlichen Verteidigung (Pauschalentschädigung,
inkl. Barauslagen und MwSt. sowie inkl. bereits geleisteter Akontozahlung von Fr. 6'628.95).
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
Wird auf eine schriftliche Begründung des Urteils verzichtet, so reduziert sich die
Gerichtsgebühr um einen Drittel.
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens – ausgenommen
diejenigen der amtlichen Verteidigung – werden dem Beschuldigten auferlegt.
8. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden in der Höhe von Fr. 6'628.95
einstweilen auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt eine Nachforde-
rung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden in der Höhe von Fr. 5'371.05 defini-
tiv auf die Gerichtskasse genommen.
9. Der Beschuldigte wird – unter solidarischer Haftung mit dem Mitbeschuldigten
B._ – verpflichtet, für die Untersuchung und das erstinstanzliche Verfahren
vom 24. August 2016 dem Privatkläger 1 Fr. 9'155.40 (inkl. Barauslagen und
MwSt.) und der Privatklägerin 2 Fr. 4'577.70 (inkl. Barauslagen und MwSt.) als Pro-
zessentschädigung zu bezahlen.
Für das weitere erstinstanzliche Verfahren ab dem 25. August 2016 wird den Pri-
vatklägern eine Prozessentschädigung aus der Gerichtskasse zugesprochen. Über
die Höhe dieser Prozessentschädigung wird mit separatem Beschluss entschieden.
10. (Mitteilungen)
11. (Rechtsmittel)"
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Berufungsanträge (Prot. II S. 4 f.)
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 198)
1. Es seien
- Ziffer 1 (Schuldspruch bezüglich des Angriffs);
- Ziffer 3 (Bemessung der Strafe);
- Ziffer 4 (Vollzug der Strafe);
- Ziffern 5 und 9 (Zivilforderungen) und
- Ziffer 7 (Kostenauferlegung)
des vorinstanzlichen Urteils vom 17. Juni 2021 aufzuheben.
2. Das Verfahren gegen A._ betreffend Angriff sei stattdessen einzustel-
len, eventualiter sei er vollumfänglich von Schuld und Strafe freizusprechen.
3. Es sei davon Vormerk zu nehmen, dass der Beschuldigte – unter solidari-
scher Haftung mit B._ – die Genugtuungsforderung des Privatklägers
im Umfange von CHF 3'000.– – und die Genugtuungsforderung der Privat-
klägerin im Umfange von CHF 1'500.– anerkennt. Auf sämtliche darüberhin-
ausgehende Zivilforderungen sei nicht einzutreten.
4. Die Verfahrenskosten gemäss Ziffer 6 des vorinstanzlichen Urteilsdispositivs
seien auf die Staatskasse zu nehmen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 183; schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
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c) Des Rechtsvertreters der Privatkläger:
(Urk. 187 und 196, schriftlich)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte / Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Vermei-
dung unnötiger Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz
im angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 177 S. 4 ff.).
1.2. Der Beschuldigte wurde mit Urteil der Vorinstanz vom 17. Juni 2021 ge-
mäss dem eingangs erwähnten Urteilsdispositiv schuldig gesprochen und be-
straft. Gegen dieses Urteil liess er mit Eingabe vom 24. Juni 2021 fristgerecht Be-
rufung anmelden (Urk. 171) sowie nach Zustellung des begründeten Urteils innert
Frist die Berufungserklärung (Urk. 179) erstatten.
1.3. Mit Verfügung vom 8. November 2021 ging die Berufungserklärung an die
Staatsanwaltschaft und an die Privatkläger. Zugleich wurde diesen Frist ange-
setzt, um zu erklären, ob Anschlussberufung erhoben wird oder um ein Nichtein-
treten auf die Berufung zu beantragen. Zudem wurde den Parteien Frist ange-
setzt, um zu den Beweisanträgen des Beschuldigten Stellung zu nehmen
(Urk. 181). Mit Eingabe vom 16. November 2021 verzichtete die Staatsanwalt-
schaft auf Anschlussberufung und beantragte die Bestätigung des vorinstanzli-
chen Entscheids und die Abweisung der Beweisanträge (Urk. 183). Mit Eingabe
vom 8. Dezember 2021 ging der Verzicht der Privatkläger auf Anschlussberufung
sowie auf Stellungnahme zu den Beweisanträgen hierorts ein (Urk. 187). Mit Ver-
fügung vom 13. Dezember 2021 wurden die Beweisanträge des Beschuldigten
abgewiesen (Urk. 189).
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1.4. Am 2. Mai 2022 fand die Berufungsverhandlung statt (Prot. II S. 4), an
welcher der Beschuldigte mit seinem Verteidiger erschien.
2. Umfang der Berufung
Der Beschuldigte ficht mit seiner Berufung den Schuldspruch bezüglich des
Angriffs (Dispositiv-Ziffer 1), die Bemessung der Strafe (Dispositiv-Ziffer 3), den
Vollzug der Strafe (Dispositiv-Ziffer 4), den Entscheid betreffend die
Zivilforderungen (Dispositiv-Ziffer 5), die Kostenauflage (Dispositiv-Ziffer 7) und
die Prozessentschädigungen an die Privatkläger (Dispositiv-Ziffer 9 Abs. 1) an
(Urk. 179). Demgemäss ist das vorinstanzliche Urteil betreffend den Freispruch
vom Vorwurf des Raufhandels (Dispositiv-Ziffer 2), die Kostenfestsetzung
(Dispositiv-Ziffer 6), Kosten der amtlichen Verteidigung (Dispositiv-Ziffer 8) und
die Prozessentschädigungen an die Privatkläger aus der Gerichtskasse
(Dispositiv-Ziffer 9 Abs. 2) in Rechtskraft erwachsen, was vorab mittels Beschluss
festzustellen ist.
3. Verletzung des Beschleunigungsgebotes
3.1. Der Beschuldigte lässt in der Hauptsache beantragen, dass das Strafver-
fahren infolge massiver Verletzung des Beschleunigungsgebotes von Art. 6 Ziff. 1
EMRK und Art. 5 StPO gestützt auf Art. 319 Abs. 1 lit. d StPO einzustellen sei
(Urk. 167 S. 3 f.; Urk. 179 S. 2 und Urk. 198 S. 5 ff.). Der Beschuldigte müsse nun
während beinahe eines Jahrzehnts mit der Belastung eines Strafverfahrens und
der hieraus resultierenden Ungewissheit über den Ausgang des Verfahrens leben,
was eine andauernde, schwere psychische Belastung für den Beschuldigten
darstelle. Der Sachverhalt sei nicht komplex und hätte schon viel schneller erle-
digt werden können. Der Beschuldigte habe die extreme Verletzung des Be-
schleunigungsgebotes in keiner Weise zu verantworten. Angesichts der fast bei-
spielslos langen Verfahrensdauer nur schon bis zur ersten, rechtlich verwertbaren
Hauptverhandlung vor dem erstinstanzlichen Gericht handle es sich um einen der
seltenen Fälle, bei welchen im Sinne einer "ultima ratio" das Verfahren einzustel-
len sei.
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3.2. Gemäss Art. 5 Abs. 1 StPO nehmen die Strafbehörden die Strafverfahren
unverzüglich an die Hand und bringen sie ohne unbegründete Verzögerung zum
Abschluss. Das Beschleunigungsgebot (vgl. auch Art. 29 Abs. 1 BV und Art. 6
Ziff. 1 EMRK) gilt in sämtlichen Verfahrensstadien und verpflichtet die Straf-
behörden, Verfahren voranzutreiben, um die beschuldigte Person nicht unnötig
über die gegen sie erhobenen Vorwürfe im Ungewissen zu lassen. Ob die Pflicht
zur beförderlichen Behandlung verletzt worden ist, entzieht sich starren Regeln
und hängt von den konkreten Umständen des Einzelfalls ab, die in ihrer Gesamt-
heit zu würdigen sind. Kriterien für die Angemessenheit der Verfahrensdauer sind
etwa die Schwere des Tatvorwurfs, die Komplexität des Sachverhalts, die gebo-
tenen Untersuchungshandlungen, die Schwierigkeit und Dringlichkeit der Sache,
das Verhalten der Behörden und dasjenige der beschuldigten Person sowie die
Zumutbarkeit für diese (BGE 143 IV 373 E. 1.3.1; 130 I 269 E. 3.1; Urteil des
Bundesgerichtes 6B_260/2020 vom 2. Juli 2020 E. 2.3.4). Einer Verletzung des
Beschleunigungsgebots kann mit einer Strafreduktion, einer Strafbefreiung bei
gleichzeitiger Schuldigsprechung oder in extremen Fällen – als ultima ratio – mit
einer Verfahrenseinstellung Rechnung getragen werden. Bei der Frage nach der
sachgerechten Folge ist zu berücksichtigen, wie schwer die beschuldigte Person
durch die Verfahrensverzögerung getroffen wird, wie gravierend die ihr vorgewor-
fenen Taten sind und welche Strafe ausgesprochen werden müsste, wenn das
Beschleunigungsgebot nicht verletzt worden wäre. Rechnung zu tragen ist auch
den Interessen der Geschädigten und der Komplexität des Falls. Schliesslich ist in
Betracht zu ziehen, wer die Verfahrensverzögerung zu vertreten hat (BGE 143 IV
373 E. 1.4.1 mit Hinweisen und Urteil des Bundesgerichts 6B_306/2020 vom 27.
August 2020 E. 2.3.2).
3.3. Im vorliegenden Berufungsverfahren ist der Vorfall an der Bushaltestelle
"C._" in Zürich vom 9. September 2012 zu beurteilen, wonach dem
Beschuldigten vorgeworfen wird, zusammen mit weiteren Personen, namentlich
seinem Bruder B._, D._ und E._ tätlich auf die Geschädigten bzw.
Privatkläger F._ und G._ losgegangen zu sein und zumindest den Pri-
vatkläger F._ mit den Fäusten geschlagen und getreten zu haben. F._
habe sich als Folge der Attacke einen Nasenbeinbruch, eine Stauchung der
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Halswirbelsäule und Prellungen am Schädel und am linken Oberarm zugezogen.
G._ habe eine Verstauchung des linken Fussgelenks und eine leichte Prel-
lung des Hinterkopfs erlitten (vgl. Urk. 148 S. 2).
3.4. Gegen den Beschuldigten wurde deshalb ein Strafverfahren eröffnet und
die beteiligten Personen im Zeitraum von September bis Dezember 2012 befragt
(Urk. 1 und Urk. 9/1-12). Im Herbst 2012 und im Frühjahr 2013 wurden zudem
ärztliche Berichte bzw. medizinische Unterlagen über die Verletzungen des Pri-
vatklägers F._ eingeholt (Urk. 11/5-10). Im Frühjahr 2014 wurden weitere
Einvernahmen durchgeführt (Urk. 9/13-17). Im Sommer 2014 wurden zusätzlich
auch ärztliche Berichte bzw. medizinische Unterlagen über die Verletzungen der
Privatklägerin G._ eingeholt (Urk 11/2+3). Im Juni 2014 kam es zwischen-
zeitlich zu einem neuen Vorfall mit dem Beschuldigten in der H._ Bar in Zü-
rich (Urk. 148 S. 3), was weitere Ermittlungs- und Untersuchungshandlung erfor-
derte, jedoch heute nicht mehr Gegenstand des vorliegenden Berufungs-
verfahrens ist. Nach abgeschlossener Untersuchung erhob die Staatsanwaltschaft
sodann erstmals am 20. Januar 2016 Anklage gegen den Beschuldigten (u.a.)
(Urk. 40). Die auf den 13. Juni 2016 angesetzte Hauptverhandlung musste auf
den 24. August 2016 verschoben werden, da der Mitbeschuldigte des Beschuldig-
ten (Parallelverfahren DG160001) unentschuldigt nicht zur Hauptverhandlung er-
schienen war. Mit Urteil der Vorinstanz vom 30. August 2016 (DG160002) wurde
der Beschuldigte sodann vollumfänglich schuldig gesprochen und zu einer unbe-
dingten Freiheitsstrafe von 13 Monaten verurteilt (Urk. 91). Dagegen liess (u.a.)
der Beschuldigte, alsdann vertreten durch seinen jetzigen Verteidiger, Berufung
anmelden (Urk. 81) und fristgerecht die Berufungserklärung erstatten. Mit Be-
schluss des Obergerichtes, II. Strafkammer, vom 19. Juni 2017 wurde nach
Durchführung der Berufungsverhandlung das Urteil der Vorinstanz vom
30. August 2016 aufgehoben und an die Vorinstanz zurückgewiesen, weil der –
zu 13 Monaten Freiheitsstrafe verurteilte – Beschuldigte im erstinstanzlichen Ver-
fahren nicht gehörig vertreten gewesen sei (Urk. 99 S. 5 f.). Am 20. März 2018
wurde die Hauptverhandlung – in Anwesenheit der notwendigen Verteidigung des
Beschuldigten – durchgeführt und der Beschuldigte gleichentags vollumfänglich
schuldig gesprochen und zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von nunmehr
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12 Monaten verurteilt (Urk. 115). Dagegen liess der Beschuldigte wiederum Beru-
fung anmelden (Urk. 120) und fristgerecht die Berufungserklärung erstatten. Nach
Durchführung der Berufungsverhandlung wurde das Urteil der Vorinstanz vom
30. August 2016 mit Beschluss des Obergerichtes vom 16. April 2019 (Urk. 128)
ebenfalls aufgehoben und die Sache erneut an die Vorinstanz zurückgewiesen,
weil der Beschuldigte bereits im Vorverfahren nicht gehörig verteidigt und die Vo-
rinstanz zudem vorbefasst gewesen sei. Der Vorinstanz wurde dabei freigestellt,
die Sache weiter an die Staatsanwaltschaft zurückzuweisen.
3.5. Die lange Verfahrensdauer lässt sich demnach wie soeben dargelegt damit
erklären, dass im Juni 2017 und im April 2019 jeweils eine Rückweisung durch
das Obergericht an die Vorinstanz wegen Verfahrensmängeln (nicht gehörige
Verteidigung des Beschuldigten und vorbefasste Vorinstanz) erfolgte. Die
Vorinstanz schrieb das Verfahren mit Beschluss vom 22. Juli 2019 am Gericht ab
und wies die Sache an die Staatsanwaltschaft zurück, welche die Untersuchung
erneut an die Hand nahm, unter Wahrung der Teilnahmerechte der notwendigen
Verteidigung des Beschuldigten (weitere) Befragungen durchführte (Urk. 140, 142
und 143) sowie schliesslich am 11. September 2020 eine neue Anklage gegen
den Beschuldigten (mit identischem Wortlaut) u.a. betreffend den Vorfall
Bushaltestelle "C._" erhob (Urk. 148). Diesbezüglich wurde der der
Beschuldigten wie eingangs erwähnt mit Urteil der Vorinstanz vom 17. Juni 2021
des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB schuldig gesprochen und mit einer
unbedingten Freiheitsstrafe von 13 Monaten bestraft (Urk. 177). Das begründete
Urteil der Vorinstanz ging am 22. Oktober 2021 beim Obergericht ein. Nach
Ablauf der gesetzten Fristen betreffend Anschlussberufung und
Beweisergänzungsanträge im Dezember 2021 wurden die Parteien mit Vorladung
vom 10. Februar 2022 auf die heutige Berufungsverhandlung vorgeladen, wobei
die Vorladung dem Beschuldigten zweimal zugestellt werden musste (Urk. 193).
Dieser Zeitraum entspricht dem normalen Fortgang eines Berufungsverfahrens,
weshalb diesbezüglich keine Verletzung des Beschleunigungsgebots zu erkennen
ist.
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3.6. Die Vorinstanz hielt zur Rüge der Verletzung des Beschleunigungsgebotes
fest, dass es sich vorliegend zweifellos um eine lange Verfahrensdauer handle.
Die Verfolgungsverjährung [nach Art. 97 Abs. 1 lit. b StGB 15 Jahre] liege jedoch
bei Weitem noch nicht nahe. Der Beschuldigte sei nicht weiter belastet, als es je-
de in ein Strafverfahren mit ungewissem Ausgang involvierte Person sei. Zudem
habe er sich lediglich zwei Tag ein Haft befunden. Der Beschuldigte sei zudem
Einvernahmen ferngeblieben und sei durch seine etlichen Wohnungswechsel oh-
ne Benachrichtigung nur schwer erreichbar gewesen. Eine besondere Belastung
des Beschuldigten durch die lange Verfahrensdauer sei nicht erkennbar. Der lan-
gen Verfahrensdauer könne im Rahmen der Strafzumessung durch eine entspre-
chende Strafmilderung Rechnung getragen werden (Urk. 177 S. 12 f.).
3.7. Diese Einschätzung der Vorinstanz ist zu teilen: Es liegt eine Verletzung
des Beschleunigungsgebotes vor, insbesondere indem zweimal fehlerhafte
Hauptverhandlungen durchgeführt wurden. Es sind jedoch keine gravierenden
Lücken in den Untersuchungshandlungen zu erkennen. Vielmehr ist die zeitliche
Verzögerung von Juni 2017 (erste Rückweisung durch Obergericht) bis Juni 2021
(letztes Urteil der Vorinstanz) den erfolgten Rückweisungen geschuldet, um
namentlich die gehörige (notwendige) Verteidigung des Beschuldigten sicher-
zustellen. Insbesondere liess der Beschuldigte auch selbst eine Rückweisung des
Verfahrens an die Vorinstanz und die Wiederholung sämtlicher unter Verletzung
von Art. 131 Abs. 3 StPO erhobenen Beweise beantragen (Urk. 128 S. 6). Er
nahm damit auch in Kauf, dass das Verfahren noch geraume Zeit pendent bleiben
würde. Es ist weiter nicht erkennbar und wird auch nicht begründet, dass der
Beschuldigte durch die lange Verfahrensdauer übermässig belastet wurde. Der
Beschuldigte befand sich wegen des zweiten Vorfalls in der H._ Bar für
lediglich zwei Tage in Haft (vgl. Urk. D2/17/1+6). Irgendeine Beeinträchtigung im
Erwerbsleben des Beschuldigten oder seiner Gesundheit ist nicht erkennbar.
Insbesondere stand auch nie etwa eine (strafrechtliche) Landesverweisung des
Beschuldigten im Raum, sodass er um seine Lebensgrundlage hätte fürchten
müssen. Dass der Beschuldigte aufgrund der langen Verfahrensdauer
gesundheitlich angeschlagen sein soll, wird nicht substantiiert dargelegt. Wenn
jemand durch die lange Verfahrensdauer schwer betroffen war, dann die
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Privatkläger, die nebst den erlittenen Verletzungen auch in ihrer Lebensgestaltung
spürbar beeinträchtigt wurden (vgl. auch Urk. 142 S. 9 unten). Der Privatkläger
F._ konnte gemäss ärztlichem Bericht während rund eines Jahr nach dem
Vorfall keine Arbeit mit körperlicher Belastung mehr ausführen und nur im
Innendienst tätig sein (Urk. 11/9). Die Privatklägerin G._ litt an einer
posttraumatischen Belastungsstörung und musste sich in Therapie begeben
(Urk. 166/6). An der Berufungsverhandlung liess der Beschuldigte zudem
vorbringen, die drohende migrationsrechtliche Wegweisung und die Ausschaffung
und damit einhergehende Trennung von seiner Tochter belaste ihn sehr (Urk. 198
S. 6 f.). Dem ist entgegenzuhalten, dass sich der Beschuldigte seit Beginn der
Strafuntersuchung im Klaren sein musste, dass aufgrund seiner Delinquenz eine
migrationsrechtliche Wegweisung erfolgen kann. Dass sich dies nun zeitlich
vergleichsweise spät konkretisiert, ist im vorliegenden Fall neutral zu werten,
zumal dem Beschuldigten im Gegenzug ermöglicht wurde, die prägenden Jahre
mit seiner Tochter in der Schweiz zu verbringen. Die Verfolgungsverjährung
dauert überdies noch rund 5 Jahre. Angesichts des nicht unerheblichen Vorwurfs
des Angriffs im Sinne von Art. 134 StGB und der soeben dargelegten Umstände
ist der Verletzung des Beschleunigungsgebotes vorliegend zwar im Rahmen der
Strafzumessung durch eine deutliche Strafmilderung Rechnung zu tragen; eine
Verfahrenseinstellung als ultima ratio kommt indes nicht in Frage und würde auch
dem öffentlichen Interesse nicht gerecht.
4. Verwertbarkeit der Beweismittel / Beweisanträge
4.1. Wie gesagt erfolgten die beiden Rückweisungen des Obergerichtes an die
Vorinstanz vom Juni 2017 und April 2019 wegen nicht gehöriger (notwendiger)
Verteidigung bzw. im zweiten Fall zusätzlich aufgrund der Vorbefassung des vor-
instanzlichen Gerichts. Entsprechend sind unter Verweis auf die Erwägungen des
Obergerichts im Beschluss vom 16. April 2019 (Urk. 128 S. 12 ff., 19) die im Vor-
verfahren unter Verletzung von Art. 131 Abs. 3 StPO erhobenen Beweise alle-
samt gestützt auf Art. 141 Abs. 1 StPO nicht zu Lasten des Beschuldigten ver-
wertbar. Dasselbe gilt für die anlässlich der Hauptverhandlung vom 20. März 2018
durch das vorbefasste Gericht erhobenen Beweise (in DG170010, Prot. S. 6).
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4.2. Entsprechend sind nur die Befragungen des Beschuldigten vom 29. Mai
2020 (Urk. 140) und anlässlich der Hauptverhandlung vom 17. Juni 2021
(Urk. 163) sowie die Befragungen der Privatkläger vom 10. Juli 2020 (Urk. 142
und 143) belastend verwertbar. Zusätzlich liegen die medizinischen Unterlagen
über die Verletzungen der Privatkläger (Urk. 11/2+3+5-10), der Wahrnehmungs-
bericht des Privatklägers vom 10. September 2012 (Urk. 2), die Fotodokumentati-
on vom 10. September 2012 (Urk. 7) und Bilder der Überwachungskamera des
Linienbusses vom 9. September 2012 (Urk. 10/2) als (relevante) Beweismittel im
Recht. Das Obergericht hat im Beschluss vom 16. April 2019 festgehalten, dass
der Beschuldigte ab Eröffnung der Strafuntersuchung (14. September 2012;
Urk. 24) hätte notwendig verteidigt sein müssen (Urk. 128 S. 18). Das Beweis-
verwertungsverbot gilt demnach (nur) für alle ab dem 14. September 2012 erho-
benen belastenden Beweise. Zum Einwand der Verteidigung der Unverwertbar-
keit des Wahrnehmungsberichtes des Privatklägers vom 10. September 2012
(Urk. 2) gilt überdies festzuhalten, dass es sich dabei um keine strafprozessuale
Einvernahme des Privatklägers bzw. Beweiserhebung mit Teilnahmerechten han-
delt. Vielmehr ist dies eine (blosse) Sachdarstellung des Privatklägers und ist da-
mit uneingeschränkt verwertbar.
4.3. Die Verteidigung stellte in der Berufungserklärung zudem Beweisanträge,
wonach die im Vorverfahren bereits befragten Personen E._, B._ und
I._ erneut einzuvernehmen seien, zumal deren Aussagen mangels gehöriger
Verteidigung nicht verwertbar seien. Die Genannten hätten ausgesagt, dass sie
den Beschuldigten nicht schlagen oder treten gesehen hätten (Urk. 179 S. 2). Mit
Präsidialverfügung der hiesigen Kammer vom 13. Dezember 2021 (Urk. 189)
wurden die Beweisanträge mit der Begründung abgewiesen, dass die im Vorver-
fahren deponierten Aussagen der Genannten zwar nicht zu Lasten, aber zu Guns-
ten des Beschuldigten berücksichtigt werden dürften. Entsprechend bestehe kei-
ne Notwendigkeit für eine erneute Befragung. Anlässlich der Berufungsverhand-
lung wurden keine Beweisanträge mehr gestellt.
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5. Formelles
Im Übrigen ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende In-
stanz nicht mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und jedes
einzelne Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss. Das Berufungsgericht kann
sich auf die für seinen Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte beschränken
(BGE 146 IV 297 E. 2.2.7; 143 III 65 E. 5.2; 141 IV 249 E. 1.3.1; Urteil des
Bundesgerichts 6B_1403/2019 vom 10. Juni 2020 E. 2.5 mit Hinweisen).
II. Schuldpunkt
1. Ausgangslage
Der Beschuldigte verweigerte die Aussage zum Vorwurf, am Übergriff auf die Pri-
vatkläger in der inkriminierten Art beteiligt gewesen zu sein (Urk. 140 und
Urk. 163). Er stellte indes nicht in Frage, dass er zum fraglichen Zeitpunkt im Bus
vor Ort war, indem er an der Hauptverhandlung ausführte, er sei mit seinem Kind
dort gewesen, als er mit Pfefferspray attackiert worden sei (Prot. I. S. 12; vgl.
Urk. 143 S. 4). Die Verteidigung des Beschuldigten bringt zudem vor, dass der
Beschuldigte stets in Abrede gestellt habe, den Privatkläger F._ selber ge-
schlagen und getreten zu haben. Vielmehr habe er sich nach dem Eintreffen des
zweiten Busses und dem Beginn der Schlägerei zusammen mit seiner damals 9-
monatigen Tochter und deren Mutter vom Ort des Geschehens entfernt. E._
(Urk. 9/7), B._ (Urk. 9/8+12+14) und die als "Zeugin" einvernommene
I._ (Urk. 9/9) würden bestätigen, dass sie den Beschuldigten nicht schlagen
oder treten gesehen hätten (Urk. 167, Urk. 198 S. 11 f.).
Es ist deshalb nachfolgend gestützt auf die vorhandenen (verwertbaren) Beweis-
mittel zu prüfen, ob der inkriminierte Sachverhalt erstellt werden kann.
2. Sachverhaltserstellung
2.1. Die Vorinstanz hat die allgemeinen Grundsätze der Sachverhaltserstellung
und der Beweiswürdigung zutreffend wiedergegeben. Darauf kann verwiesen
werden (Urk. 177 S. 13 ff.).
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2.2. Die Vorinstanz hat eine sehr sorgfältige und ausführliche Würdigung der
Beweise vorgenommen. Darauf und insbesondere auf die Wiedergabe des Inhalts
der relevanten Beweismittel kann vorab ebenfalls verwiesen werden (Urk. 178
S. 15 ff.). Die nachfolgende Erwägungen sind daher als rekapitulierend und
teilweise ergänzende Ausführungen zu verstehen.
2.3. Die Verteidigung stellt nicht in Abrede, dass die Privatkläger die
inkriminierten Verletzungen erlitten haben. Vielmehr wird geltend gemacht, dass
der Beschuldigte selbst nicht geschlagen und getreten habe, sondern sich vom
Geschehen entfernt habe (Urk. 167, Urk. 198 S. 11). Wäre der Beschuldigte
anlässlich des Angriffs nicht mehr anwesend gewesen, könnte er die
entstandenen Verletzungen per se auch gar nicht bestreiten, zumal er dann keine
Kenntnisse darüber hätte. Die Verletzungen der Privatkläger sind aber ohnehin
hinreichend, insbesondere durch die medizinischen Unterlagen bzw. Berichte (vgl.
Urk. 11/2+3+6+7+9+10), belegt. Auf der Fotodokumentation der Stadtpolizei
Zürich vom 10. September 2012 sind Hämatome auf der Stirn und im Schläfen-
und Wangenbereich des Privatklägers zu erkennen (Urk. 7). Bei der Privatklägerin
wurde vom Stadtspital Zürich eine Schädelprellung und eine leichtgradige
Verstauchung des linken Sprunggelenks festgestellt. Zudem war die
Privatklägerin fünf Tage arbeitsunfähig (Urk. 11/2 S. 2 und vgl. auch Urk. 11/3).
Beim Privatkläger wurde ein Nasenbeinbruch, ein Kopfanprall mit diversen
oberflächlichen Schürfwunden an der Stirn, eine Oberarmprellung links und eine
Stauchung der Halswirbelsäule durch das Stadtspital Waid und die Chiropraktik
am Schaffhauserplatz festgestellt (Urk. 11/9+10). Zudem war auch der
Privatkläger für fünf Tage arbeitsunfähig und konnte erst ab dem
23. Oktober 2013 wieder normal (d.h. mit körperlicher Belastung) arbeiten (Urk.
11/9).
2.4. Zur Identifikation des Beschuldigten als Täter ist festzuhalten, dass es sich
beim Beschuldigten gestützt auf die Überwachungsbilder aus dem Bus und die
Ausführungen der Privatkläger um den grossen Mann mit dem "Zopf" bzw. langen
Haaren und Tattoos handeln muss (vgl. Urk. 2 S. 2 und Urk. 143 S. 7). Der
Privatkläger schilderte zudem, dass der Beschuldigte im Bus nach hinten zu ihm
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gekommen sei (Urk. 143 S. 6). Aufgrund des Erscheinungsbildes des Beschuldig-
ten an der Berufungsverhandlung konnte sich auch das erkennende Gericht da-
von überzeugen, dass der Täterbeschrieb (grosser Mann mit Zopf bzw. langen
Haaren, Tattoos auf dem Arm) mit dem Beschuldigten übereinstimmt.
2.5. Der Privatkläger (von Beruf Polizist) sagte anlässlich seiner Befragung vom
10. Juli 2020 zunächst aus, den von ihm am 10. September 2012 verfassten
Wahrnehmungsbericht vor der Einvernahme nicht noch einmal gelesen zu haben
(Urk. 142 F/A 10). Alsdann schilderte er von sich aus in freier Rede, was sich am
9. September 2012 um ca. 23.00 Uhr zugetragen habe. So hielt er zusammenge-
fasst fest, dass es zunächst eine Auseinandersetzung im Bus gegeben habe, wo-
bei der Beschuldigte daran beteiligt gewesen sei. Die beiden hätten nicht vonei-
nander abgelassen, weshalb er sich entschieden habe, gezielte Pfefferspraystös-
se auf die beiden Kontrahenten abzugeben. Die beiden hätten dann voneinander
abgelassen. An der nächsten Haltestelle seien dann alle aus dem Bus ausgestie-
gen. Er (der Privatkläger) habe die Polizei gerufen. Der Beschuldigte habe zwi-
schenzeitlich telefoniert und ihm gesagt, dass er seinen Bruder angerufen habe
und er (der Privatkläger) schon sehen werde, was nun passiere. Sie seien dann
etwas weggelaufen den Hang hinauf und hätten diskutiert. Der Begleiter des Be-
schuldigten hätte vor allem diskutiert. Der Beschuldigte sei relativ ruhig gewesen.
Es sei dann der nächste Bus gekommen und dort seien mehrere Personen aus-
gestiegen, die alle aufgebracht gewesen seien, wie ein aufgebrachter Mob. Der
Mob – nicht über 10 Leute – sei auf direktem Weg zum Beschuldigten gegangen.
Einer habe den Beschuldigten dann gefragt "wer was das?" oder "wer hat das
gemacht?". Der Beschuldigte habe auf ihn (den Privatkläger) gezeigt und unmit-
telbar daraufhin – er habe gar nicht mehr reagieren können – habe "er" ihm den
ersten Faustschlag gegen den Kopf gegeben. Der Privatkläger habe die Deckung
hochgenommen, dann habe "er" und auch der Beschuldigte angefangen, auf ihn
einzuschlagen. Er (der Privatkläger) habe gemerkt, dass ziemlich viele Schläge
auf ihn eingeprasselt seien. Der kleine, runde, und auch der Beschuldigte und
sein Begleiter seien an vorderster Front gestanden. Die Privatklägerin habe ihm
irgendwie helfen wollen und sei dazwischen gegangen wie ein Keil, der sie hätte
trennen sollen. Durch das hätten die Schläge etwas nachgelassen und er habe
- 16 -
mit dem Pfefferspray einen Halbkreis gesprüht. Die Privatklägerin sei zu Boden
geworfen worden. Er habe geschaut, ob er irgendwo einen Fluchtweg habe. Ir-
gendwann habe er jemanden zur Seite gestossen und habe dort zur Strasse
durchrennen können. Irgendwer habe ihn dann zu Boden geschlagen, ihm ir-
gendwie die Beine weggekickt oder so. Er sei dann seitlich auf dem Boden mit
Blickrichtung auf die andere Strassenseite gelegen. Er habe gesehen, wie der
Beschuldigte vor ihm gestanden sei. Er habe ihn (den Beschuldigten) klar wahr-
genommen, wie bei einem Elfmeterkick mit dem Fuss habe er ausgeholt und ihn
(den Privatkläger) voll gegen den Kopf getreten. Er (der Beschuldigte) habe auf
seinen Kopf "eingekickt", das sei gezielt gewesen (Urk. 142 S. 4 ff.).
Diese Aussagen des Privatklägers stimmen betreffend die Vorgeschichte mit dem
Pfefferspray-Einsatz im Bus zur Trennung der beiden Kontrahenten und den an-
schliessenden Übergriff durch den Beschuldigten und seine Begleiter (namentlich
B._ und E._) im Wesentlichen mit seinen Angaben im Wahrnehmungs-
bericht vom 10. September 2012 überein (Urk. 2). Der Privatkläger hielt auch dort
insbesondere fest, dass die Männer, gemäss seiner Erinnerung als Erster
B._, zusammen mit dem Beschuldigten auf ihn eingeschlagen hätten. Die
Schläge gegen seinen Kopf seien von allen Seiten her zu spüren gewesen.
2.6. Die Privatklägerin sagte in der Einvernahme vom 10. Juli 2020 zusammen-
gefasst aus, dass es zuvor im Bus eine Auseinandersetzung zwischen zwei
Männern (dem Beschuldigten und einem anderen Mann) gegeben habe. Der
Privatkläger habe dies gestoppt und Pfefferspray gesprüht. Sie seien dann alle
ausgestiegen und der Kollege vom Beschuldigten, E._, habe zu diskutieren
begonnen und gefragt, weshalb der Privatkläger dies gemacht habe. Der Be-
schuldigte sei ausser sich gewesen und habe es nicht verstehen wollen. Er habe
einen Anruf gemacht. Im nachfolgenden Bus sei die Türe aufgegangen und eine
Horde Männer rausgekommen. Ohne zu fragen seien sie auf sie losgegangen.
Sie hätten den Privatkläger gepackt und zu Boden geworfen, wobei sie (die
Privatklägerin) in diesem Gerangel zu Boden gefallen sei. Dabei habe sie sich
den linken Fuss verstaucht. Der Privatkläger habe sich schützend die Arme vor
dem Kopf gehalten, weil alle auf ihn eingetreten und eingeschlagen hätten. Sie sei
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aufgestanden und habe dem Privatkläger helfen wollen. Der eine, sie habe nicht
gesehen wer, habe ihr einen Schlag auf den Kopf gegeben. Sie sei dann auf den
Boden gefallen. Sie habe gesehen, dass der Beschuldigte auch "gingget" habe.
E._, D._ und der Bruder der Beschuldigten (B._) hätten auch. Sie
seien alle auf ihn losgegangen. Sie habe gesehen, dass der Beschuldigte mit den
Füssen gekickt habe. Ob er (der Beschuldigte) mit den Händen geschlagen habe,
habe sie nicht gesehen (Urk. 143).
2.7. Die Aussagen beider Privatkläger fallen auch rund 8 Jahre nach dem
Vorfall sehr detailreich, ausführlich und lebensnah aus und stimmen im
Kerngeschehen überein. So schilderten beide von sich aus, was sich zunächst im
Bus und später an der Bushaltestelle "C._" abgespielt habe. Ihre
Schilderungen sprechen für tatsächlich Erlebtes. Der Privatkläger räumt ein, dass
er im Bus einen Pfefferspray benutzt habe, um die beiden Streithähne zu trennen
und später, um sich zu verteidigen, nachdem er tätlich angegangen worden sei.
Die Bilder der Überwachungskamera des Busses untermauern die Aussagen der
Privatkläger, wonach es im Bus zu einer Auseinandersetzung zwischen dem
Beschuldigten und einem anderen Mann gekommen sei (vgl. Urk. 10). Alsdann
gaben beide Privatkläger übereinstimmend an, dass der Beschuldigte sozusagen
Verstärkung angefordert habe und der Privatkläger nach deren Eintreffen von
mehreren Personen angegriffen worden sei, wobei es sich bei den Angreifern um
dem Bruder des Beschuldigten, B._, den Beschuldigten selbst und weitere
Personen gehandelt habe. Der Privatkläger sagte klar aus, dass der Beschuldigte
ihn sowohl geschlagen als auch gegen den Kopf getreten habe. Die Privatklägerin
hielt ebenfalls fest, dass sie gesehen habe, wie der Beschuldigten gegen den
Kopf des Privatklägers getreten bzw. gekickt habe, was mit dem Abdruck auf
dessen Stirn korrespondiert (Urk. 7). Dass die Privatklägerin zudem aussagte,
nicht gesehen zu haben, ob der Beschuldigte auch mit den Fäusten auf den
Privatkläger eingeschlagen habe, spricht mit der Vorinstanz (Urk. 177 S. 21 f.) für
den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen, zumal sie den Beschuldigten offensichtlich
nicht übermässig belastet. Der Privatkläger konnte schliesslich auch erkennen,
dass die Privatklägerin zu Boden geworfen worden sei, als sie ihm habe helfen
wollen. Entgegen den Ausführungen der Verteidigung (Urk. 198 S. 12) braucht es
- 18 -
für eine Aussagewürdigung nicht per se zwei Befragungen. Die Aussagen der
Privatkläger fallen insgesamt glaubhaft aus. Darauf ist abzustellen.
2.8. Vom Beschuldigten selbst liegen wie gesagt keine Aussagen zur Sache vor
(vgl. Urk. 140). Entgegen der Auffassung bzw. Behauptung der Verteidigung
(Urk. 167 und Urk. 179 und Urk. 198) entlastet einzig die Mutter des Kindes des
Beschuldigten, I._, den Beschuldigten konkret, indem sie aussagte, der
Beschuldigte habe nicht geschlagen bzw. sei bei der Schlägerei nicht dabei
gewesen (Urk. 9/9 F/A 27, 31 und 59 ff.). Die übrigen von der Verteidigung
angerufenen Personen (E._ [Urk. 9/7] und B._ [Urk. 9/8+12+14])
entlasteten den Beschuldigten nicht. B._ sagte lediglich aus, er habe es nicht
gesehen, dass der Beschuldigte geschlagen habe (Urk. 9/12 F/A 52). E._
sagte sogar einmal aus, der Beschuldigte und andere Kollegen hätten auf den
Privatkläger eingeschlagen (Urk. 9/7 S. 3), obschon diese Aussagen selbstredend
aufgrund des Verwertungsverbots bei der Beweiswürdigung nicht berücksichtigt
werden darf. Die entlastende Aussage der Auskunftsperson (und nicht Zeugin)
I._ ist indes mit gebotener Zurückhaltung zu würdigen, zumal sie zu Beginn
der Befragung angab, sie und der Beschuldigte würden versuchen, wieder eine
Beziehung aufzubauen (Urk. 9/9 F/A 7), weshalb trotz ihrer Verneinung (vgl.
Urk. 9/9 F/A 62) nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie den Beschuldigten
so weit wie möglich aus der Schusslinie halten wollte und ihre Aussagen
zugunsten des Beschuldigten ausgefallen sind. Im Gegensatz dazu ist bei den
Privatklägern mit der Vorinstanz keinerlei Motiv für eine Falschbelastung des
Beschuldigten zu erkennen, den sie zuvor nicht persönlich kannten.
2.9. Nach dem Gesagten ist gestützt auf die glaubhaften Aussagen der Privat-
kläger und ihrer sehr detailreichen, lebensnahen und doch nicht auswendig
gelernt wirkenden Beschreibung des Vorfalls, welcher im Zeitpunkt der
Befragungen nota bene bereits 8 Jahre zurücklag, der Sachverhalt betreffend
Bushaltestelle "C._" anklagegemäss erstellt. Diese korrespondieren ohne
weiteres auch mit den übrigen Akten, so insbesondere das Bildmaterial der
Überwachungskamera. Einzig die Aussage der Auskunftsperson I._ vermag
an diesem Beweisergebnis nichts zu ändern.
- 19 -
3. Rechtliche Würdigung
3.1. Gemäss Art. 134 StGB macht sich unter anderem strafbar, wer sich an
einem Angriff auf einen oder mehrere Menschen beteiligt, der den Tod oder die
Körperverletzung eines Angegriffenen zur Folge hat. Die Vorinstanz bejahte mit
sorgfältiger und zutreffender Begründung die Tatbestandsmässigkeit im Sinne
von Art. 134 StGB (Urk. 177 S. 28 ff.). Auf die vorinstanzliche Begründung kann
vorab vollumfänglich verwiesen werden. Die nachfolgenden Erwägungen sind da-
her lediglich punktuell ergänzend und wiederholend.
3.2. Gemäss erstelltem Sachverhalt kam es 9. September 2012, um cirka
23.20 Uhr, an der Bushaltestelle "C._" in Zürich zu einer tätlichen Gewalt-
einwirkung durch den Beschuldigten und dessen (mutmasslich) drei Begleiter. In
deren Verlauf schlug zunächst der Bruder des Beschuldigten, B._, den Pri-
vatkläger und im Anschluss auch der Beschuldigte und die weiteren Beteiligten.
Der Beschuldigte verpasste dem Privatkläger Faustschläge und trat diesen. Auf-
grund der erlittenen Verletzungen müssen die Schläge und der Tritt mehrheitlich
gegen den Kopf des Privatklägers erfolgt sein, wobei der Privatkläger bei der Aus-
führung des Tritts durch den Beschuldigten bereits am Boden lag. Die Privatklä-
gerin wollte dem Privatkläger helfen und erlitt zunächst eine Verstauchung des
linken Fussgelenks, da sie weggestossen wurde, und später eine leichte Prellung
des Hinterkopfs durch einen Schlag als Folge der Attacke. Dabei handelte es sich
um eine einseitige, von feindlichen Absichten getragene, gewaltsame Einwirkung
auf den Körper der Privatkläger, welche von mindestens zwei Personen ausging
und den objektiven Tatbestand des Angriffs klarerweise erfüllt.
Der Privatkläger gab an, er habe zur Verteidigung Pfefferspray eingesetzt, nach-
dem er von den Genannten angegriffen wurde, indem er "einen Halbkreis" spray-
te. Diese Abwehrreaktion ist nachvollziehbar und stellt ein rein defensives Verhal-
ten dar. Es ist somit davon auszugehen, dass der Privatkläger sich nur passiv
verhielt, d.h. sich lediglich mit dem Pfefferspray verteidigte, um allenfalls die
Flucht ergreifen zu können, was ihm jedoch nicht erfolgreich gelang. Dass es be-
reits zuvor im Bus zu einem Pfeffersprayeinsatz gekommen war, ist irrelevant,
- 20 -
denn dieser war längst abgeschlossen, als die Mittäter im nächsten Bus erschie-
nen und den Beschuldigten angriffen (vgl. auch Urk. 10/2 am Ende).
3.3. Der subjektive Tatbestand verlangt Vorsatz bezüglich der Teilnahme an
einem Angriff, wobei Eventualvorsatz genügt. Er bezieht sich auf alle objektiven
Tatbestandsmerkmale, nicht aber auf die objektive Strafbarkeitsbedingung der
Todes- oder Körperverletzungsfolge (Urteil des Bundesgerichtes 6B_1257/2020
vom 12. April 2021 E. 2.1 m.w.H.).
Dem Beschuldigten war bewusst, dass nicht nur er dem Privatkläger Schläge
bzw. einen Tritt verpasste, sondern auch seine Begleiter dies taten. Somit wusste
der Beschuldigte, dass er zusammen mit seinen Begleitern die Privatkläger an-
griff, und offensichtlich wollte er dies auch. So hatte er zuvor selbst Verstärkung
angefordert und gegenüber dem Privatkläger gesagt, er (der Privatkläger) werde
schon sehen, was nun passiere (vgl. Urk. 142 S. 7 Mitte). Er handelte somit di-
rektvorsätzlich.
Der Privatkläger erlitt einen Nasenbeinbruch, eine Stauchung der Halswirbelsäule
und Prellungen am Schädel und am linken Oberarm. Zudem war er für fünf Tage
arbeitsunfähig und konnte danach über ein Jahr bis zum 22. Oktober 2013 keine
Arbeiten mit körperlicher Belastung mehr verrichten. Die Privatklägerin zog sich
eine Verstauchung am linken Fussgelenk und eine leichte Prellung des Hinter-
kopfs zu. Auch sie war für fünf Tage arbeitsunfähig. Die Verletzungen der Privat-
kläger überschreiten klar das Mass einer blossen Tätlichkeit als körperliche Be-
einträchtigung ohne Krankheitswert. Es liegt daher eine (einfache) Körperverlet-
zung vor, womit auch die objektive Strafbarkeitsbedingung des Angriffs erfüllt ist.
3.4. Nach dem Gesagten ist der Tatbestand des Angriffs im Sinne von Art. 134
StGB erfüllt. Rechtsfertigungs- und Schuldausschlussgründe sind keine ersichtlich
und werden auch nicht geltend gemacht. Anzumerken bleibt, dass auch die
Vorgeschichte im Bus in keine Art und Weise einen solchen Angriff auf die beiden
Privatkläger zu rechtfertigen vermag.
- 21 -
III. Sanktion
1. Allgemeines
1.1. Der Beschuldigte beging das Delikt vor Inkrafttreten der seit 1. Januar 2018
geltenden neuen Bestimmungen des Allgemeinen Teils des Strafgesetzbuches
(Änderungen des Sanktionenrechts; AS 2016 1249). Wie im Rahmen der Straf-
zumessung noch zu zeigen ist, ist vorliegend aufgrund des Verschuldens eine
Freiheitsstrafe auszusprechen. Die Vorinstanz hat daher zu Recht festgehalten,
dass das neue Sanktionsrecht nicht milder ist und das alte Sanktionsrecht zur
Anwendung kommt (vgl. Urk. 177 S. 31 f.). Die Vorinstanz hat sich im Weiteren
korrekt zu den Grundsätzen der Strafzumessung geäussert, insbesondere zur
Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiver Tatschwere sowie zwischen
Tat- und Täterkomponente. Aus diese Ausführungen kann zur Vermeidung un-
nötiger Wiederholungen ebenfalls verwiesen werden (Urk. 177 S. 33 ff.).
1.2. Ergänzend ist festzuhalten, dass der Beschuldigte gemäss Strafregister-
auszug vom 11. April 2022 mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich vom
6. Juni 2013 wegen Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz mit
720 Stunden gemeinnütziger Arbeit und einer Busse von Fr. 500.– sowie mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat vom 15. März 2019 wegen Ver-
übung einer Tat in selbstverschuldeter Unzurechnungsfähigkeit zu einer Geldstra-
fe von 90 Tagessätzen zu Fr. 70.– verurteilt wurde (Urk. 193A). Weitere Vorstra-
fen sind nicht (mehr) eingetragen.
Hat das Gericht Straftaten zu beurteilen, die der Täter vor einer früheren Verurtei-
lung begangen hat, ist eine Zusatzstrafe zur erwähnten früheren Verurteilung
auszusprechen. Dabei ist wie folgt vorzugehen: Zuerst ist die Straftat zu sanktio-
nieren, die vor dem rechtskräftigen früheren Urteil begangen wurde. Kommt die
gleiche Strafart wie im früheren Urteil in Betracht, hat das Gericht eine Zusatzstra-
fe auszufällen (BGE 145 IV 1 E. 1; BGE 142 IV 265 E. 2.3 f.; Urteil des Bundesge-
richts 6B_192/2020 vom 19. August 2020 E. 2.4; MATHYS, a.a.O., N 550 ff.).
- 22 -
Da vorliegend wie bereits erwähnt, eine Freiheitsstrafe auszusprechen, liegt kein
Fall einer retrospektiven Konkurrenz vor und es ist keine Zusatzstrafe auszu-
sprechen.
1.3. Das Gesetz sieht für den Angriff eine Strafandrohung von Freiheitsstrafe
bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe vor. Strafschärfungs- und Strafmilderungs-
gründe führen nur bei aussergewöhnlichen Umständen dazu, die Grenzen des
ordentlichen Strafrahmens zu verlassen und sie nach oben oder unten zu er-
weitern (BGE 136 IV 55 E. 5.8 S. 63 mit Hinweisen), was vorliegend nicht der
Fall ist. Strafschärfungsgründe sind aber straferhöhend und Strafmilderungs-
gründe strafmindernd zu berücksichtigen.
2. Konkrete Strafzumessung
2.1. Tatschwere
2.1.1. Die Vorinstanz erwog bezüglich der objektiven Tatschwere, dass der Be-
schuldigte die physische und damit einhergehend auch die psychische Integrität
des Privatklägers verletzt habe. Der Beschuldigte habe den Privatkläger mit den
Fäusten geschlagen und ihn gegen das Gesicht getreten, wobei insbesondere der
Tritt so heftig gewesen sei, dass ein Schuhsohlenabdruck im Gesicht des
Privatklägers sichtbar gewesen sei. Dass Einschlagen auf eine wehrlose, am
Boden liegenden Person, stelle eine auffallende Gleichgültigkeit gegenüber der
körperlichen Unversehrtheit anderer dar. Die vom Privatkläger erlittenen Ver-
letzungen seien keinesfalls mehr leicht. Der Privatkläger sei für fünf Tage voll-
ständig krankgeschrieben gewesen und leide noch heute unter dem Angriff. Die
Privatklägerin habe sich während drei Jahren in psychologische Behandlung
begeben (Urk. 166/6). Der Beschuldigte sei die treibende Kraft für den Angriff
gewesen und nicht im Stande gewesen, den Konflikt mit dem Privatkläger selber
zu bewältigen. Vielmehr habe er Verstärkung angefordert (Urk. 177 S. 34).
Diesen Erwägungen ist in allen Teilen zuzustimmen. Zwar ist dem Tatbestand des
Angriffs inhärent, dass die physische Integrität des Opfers verletzt wird; in casu
erwies sich der Beschuldigte aber sowohl hinsichtlich Initiative als auch
- 23 -
Beteiligung am Angriff geradezu als treibende Kraft. Die Art und Weise des
Handelns der (mutmasslich) vier Angreifer war von beträchtlicher Aggression
geprägt und erwies sich als brutal. Das Vorgehen ist umso unverständlicher, als
die Privatkläger den Beteiligten erklärten bzw. zu erklären versuchten, weshalb
der Privatkläger zuvor im Bus Pfefferspray eingesetzt hatte. Er wollte den
eskalierenden Streit der Kontrahenten unterbinden, was ihm durch den Einsatz
des Pfeffersprays auch gelungen war. Die Täter und damit auch der Beschuldigte
offenbarten durch ihr Handeln eine nicht unerhebliche kriminelle Energie. Was für
ein deliktischer Erfolg resultieren würde, hing aufgrund der unberechenbaren
Dynamik letztlich vom Zufall ab. Es ist von grossem Glück zu sprechen, dass dem
Privatkläger nicht schlimmere Verletzungen, namentlich im sensiblen Kopfbereich,
zugefügt wurden. Das objektive Tatverschulden wiegt erheblich.
2.1.2. In subjektiver Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass der Beschuldigte ohne
nachvollziehbaren Grund an den Gewalttätigkeiten gegenüber den Privatklägern
teilnahm. Der Beschuldigte war aufgrund des zuvor im Bus getätigten Pfeffer-
sprayeinsatzes des Privatklägers in Rage geraten und wollte sich dafür rächen,
obschon der Privatkläger und die Privatklägerin den Pfeffersprayeinsatz zu erklä-
ren und ihn zu beschwichtigen versuchten. Dies zeugt von einer erheblichen Ge-
waltbereitschaft des Beschuldigten. Das Mitwirken des Beschuldigten an den At-
tacken gegenüber den Privatklägern neben drei weiteren – vom Beschuldigten
dazu geholten – Aggressoren erfolgte offensichtlich mit direktem Vorsatz. Die
subjektive Tatschwere wiegt ebenfalls erheblich.
2.1.3. Als Strafe für die Tatkomponente rechtfertigt sich eine Freiheitsstrafe am
unteren Bereich des mittleren Drittels des Strafrahmens, mithin eine Freiheitsstra-
fe von 20 Monaten, wovon auch bereits die Vorinstanz ausging (Urk. 177 S. 35).
2.2. Täterkomponente
2.2.1. Das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse bis zum angefochtenen
Entscheid sind im vorinstanzlichen Urteil dargelegt. Darauf kann verwiesen wer-
den (Urk. 177 S. 35 ff.). Aktualisierend führte der Beschuldigte an der Berufungs-
verhandlung aus, dass er eine neue Stelle begonnen habe und dort Fr. 32.– brut-
- 24 -
to pro Stunde erhalte. Zudem habe er noch Schulden in der Höhe von
Fr. 20'000.–. An den Wochenenden kümmere er sich um seine Tochter und zahle
für sie monatlich einen Unterhaltsbeitrag von Fr. 700.– (Urk. 197).
Diese Biografie wirkt sich mit der Vorinstanz strafzumessungsneutral aus.
2.2.2. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz dürfen die Verurteilungen aus den
Jahren 2006 und 2009 nicht mehr als Vorstrafen berücksichtigt werden. Aus dem
Strafregister entfernte Urteile dürfen dem Betroffenen gemäss Art. 369 Abs. 7
Satz 2 StGB nicht mehr entgegengehalten werden. Ebenso wenig handelt es sich
bei den Verurteilungen aus dem Jahr 2013 und 2019 um Vorstrafen im techni-
schen Sinn (vgl. Urk. 178), da sich der inkriminierte Angriff bekanntlich bereits im
Jahr 2012 ereignete. Straferhöhend kann somit einzig gewürdigt werden, dass der
Beschuldigte trotz laufendem Strafverfahren im Jahre 2019 erneut delinquierte.
Nachdem er damals mit einem Rüstmesser völlig betrunken an der Streetparade
Sichtbewegungen gegen Passanten machte (vgl. beigez. Akten), legte er auch
dort wieder ein aggressives, gewalttätiges Verhalten vor, obwohl ihm bekannt
war, dass das vorliegende Strafverfahren noch pendent war.
2.2.3. Der Beschuldigte hat Aussagen zur Sache vollumfänglich verweigert
(Urk. 197). Somit kann dem Beschuldigten weder ein Geständnis zugutegehalten
werden noch sind Einsicht und aufrichtige Reue ersichtlich. Das Nachtatverhalten
ist deshalb neutral zu würdigen.
2.2.4. Anhaltspunkte für eine erhöhte Strafempfindlichkeit sind keine
ersichtlich. Das Bundesgericht hat wiederholt festgehalten, dass jedes
Strafverfahren neben dem Schuldspruch und der Sanktion zusätzliche
Belastungen mit sich bringt. Einschränkungen im sozialen und beruflichen Umfeld
sind eine gesetzmässige Folge jeder freiheitsbeschränkenden Sanktion (Urteil
6B_301/2019 vom 17. September 2019 E. 1.4.1 mit Hinweisen).
Aussergewöhnliche Umstände, die das durchschnittliche Mass übersteigen, sind
beim Beschuldigten nicht gegeben. Auch die Betreuung seiner Tochter an den
Wochenenden begründet keine besondere Strafempfindlichkeit.
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2.2.5. Die Täterkomponenten sind somit insgesamt leicht straferhöhend zu wer-
ten.
2.3. Fehlendes Strafbedürfnis
Die Verteidigung beruft sich zudem auf den Strafmilderungsgrund von Art. 48 lit. e
StGB. Das Strafbedürfnis habe sich in Anbetracht der seit der Tat verstrichenen
Zeit deutlich vermindert. Der Beschuldigte habe sich seit dieser Zeit mit einem
einzigen Ausrutscher im Jahre 2019 (Führen eines Mofas in fahrunfähigem Zu-
stand) wohl verhalten (Urk. 198 S. 7 f.).
Diesen Ausführungen der Verteidigung kann nicht gefolgt werden. Angesichts des
doch erheblichen Verschuldens beim Angriff auf die Privatkläger, den resultieren-
den Verletzungen und den zuvor geschilderten Verurteilungen des Beschuldigten
aus den Jahren 2013 und 2019 kann vorliegend nicht von einem fehlenden bzw.
stark verminderten Strafbedürfnis gesprochen werden. Unter diesem Titel ist dem
Beschuldigen demnach keine Strafminderung zu gewähren.
2.4. Verletzung des Beschleunigungsgebotes
Wie eingangs gezeigt, liegt vorliegend aufgrund der langen Verfahrensdauer eine
deutliche Verletzung des Beschleunigungsgebotes vor. Die von der Vorinstanz
vorgenommene Reduktion um rund einen Drittel ist angemessen und zu über-
nehmen. Entsprechend würde wiederum eine Freiheitsstrafe von rund
13 Monaten resultieren. Wie eingangs erwähnt, wurde der Beschuldigte jedoch
von der Vorinstanz mit Urteil vom 20. März 2018 mit einer Freiheitsstrafe von
12 Monaten belegt (Urk. 115). Danach wurde die Sache (nochmals) an die
Vorinstanz zurückgewiesen (Urk. 128). Eine (Anschluss-)Berufung der
Staatsanwaltschaft wurde in keinem Stadium des Verfahrens je erhoben (vgl.
Urk. 128 S. 5); sie focht also explizit auch die Strafe von 12 Monaten nicht an. Die
Vorinstanz erkannte zwar im Hinblick auf die Zivilforderungen zu Recht, dass das
Verbot der Schlechterstellung gemäss Art. 391 Abs. 2 StPO auch im Falle einer
Rückweisung durch das Obergericht an die Vorinstanz gilt (Urk. 177 S. 40 f., vgl.
Urk. 99 S. 6 f.). Hinsichtlich der Strafhöhe wandte sie dieses Prinzip indes nicht
- 26 -
an. Es kann jedoch nicht angehen, dass ein Beschuldigter zu 12 Monaten
Freiheitsstrafe verurteilt wird, was einzig deshalb aufgehoben und
zurückgewiesen wird, weil seine verfassungsmässigen Rechte verletzt wurden, er
danach aber – als einzig Berufung führender – mit einer Strafe von 13 Monaten
zu rechnen hätte. Dies widerspricht Art. 391 Abs. 2 StPO. Aus diesem Grund ist
der Beschuldigte heute wiederum mit eine Freiheitsstrafe von 12 Monaten zu
bestrafen. Zur Strafart ist ergänzend festzuhalten, dass aufgrund des
Verschuldens und dem Umstand, dass sich der Beschuldigte in der
Vergangenheit durch Geldstrafen unbeeindruckt zeigte, einzig die Sanktionierung
mit einer Freiheitsstrafe in Betracht kommt. Die Reduktion der Freiheitsstrafe auf
12 Monate ist im Übrigen wie gezeigt der Verletzung des
Beschleunigungsgebotes und der Beachtung des Verschlechterungsverbotes
geschuldet.
2.5. Anrechnung der Untersuchungshaft
An diese Strafe anzurechnen ist gemäss Art. 51 StGB die – hinsichtlich des
Raufhandels – erstandene Haft von zwei Tagen (vgl. Urk. D2/17/1 und D2/17/6).
2.6. Strafvollzug
2.6.1. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen für die Gewährung des bedingten
Vollzugs zutreffend dargelegt. Darauf kann vorab verwiesen werden (Urk. 177
S. 37 f.).
2.6.2. Entgegen der Auffassung der Vorinstanz verfügt der Beschuldigte jedoch
über keine Vorstrafen im technischen Sinn. Es dürfen nur die im Strafregister-
auszug ersichtlichen Verurteilungen zur Prüfung der Prognose berücksichtigt
werden. Diejenigen, die bereits gelöscht wurden, dürfen demnach dem Be-
schuldigten nicht mehr entgegengehalten werden (Urk. 177 S. 38 f.). Im Straf-
registerauszug vom 28. Oktober 2021 sind noch zwei Verurteilungen ersichtlich:
(1) 06.06.2013 Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat wegen Widerhandlungen gegen
das BetmG, Bestrafung Gemeinnützige Arbeit 720 Stunden und Busse von
500 CHF und (2) 15.03.2019 Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat wegen Verübung
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einer Tat in selbstverschuldeter Unzurechnungsfähigkeit, Bestrafung Geldstrafe
90 Tagessätze zu 70 CHF (Urk. 178). Diese beiden Verurteilungen erwirkte der
Beschuldigte erst nach dem Vorfall vom September 2012. Zum Zeitpunkt im
September 2012 war zudem – soweit ersichtlich – auch kein Strafverfahren
pendent. Nichtsdestotrotz lässt sich daraus ableiten, dass der Beschuldigte nach
dem Vorfall im September 2012 trotz weiterhin laufender Strafuntersuchung
erneut und mehrfach strafrechtlich in Erscheinung trat und deswegen auch
verurteilt wurde. Der Beschuldigte verhielt sich demnach unbeeindruckt durch den
Vorfall im September 2012 und der drohenden empfindlichen Sanktion und
delinquierte ungeniert weiter. Dies insbesondere auch, obwohl er im Verfahren
von 2013 immerhin 92 Tage in Untersuchungshaft verbracht hatte (Urk. 193A).
Entsprechend kann ihm keine vollends günstige Legalprognose gestellt werden.
Um diesen Restbedenken Rechnung zu tragen, ist dem Beschuldigten der
teilbedingte Vollzug zu gewähren. Von Gesetzen wegen kommt dafür nur der
Vollzug von 6 Monaten und der Aufschub von 6 Monaten in Betracht (vgl. Art. 43
Abs. 2 und 3 StGB). Der Vollzug der Freiheitsstrafe ist deshalb im Umfang von
6 Monaten aufzuschieben und die Probezeit auf 3 Jahre festzusetzen. Im Übrigen
(6 Monate) wird die Freiheitsstrafe vollzogen.
IV. Zivilforderungen
1. Grundsätze
1.1. Die Vorinstanz hat die allgemeinen Voraussetzung der Geltendmachung
von Zivilforderungen als Privatkläger im Strafverfahren zutreffend dargelegt. Da-
rauf kann verwiesen werden (Urk. 177 S. 39).
1.2. Beide Privatkläger beantragten vor Vorinstanz eine Genugtuung von
Fr. 10'000.– nebst Zins von 5% seit dem 9. September 2012 (Urk. 165 S. 1). Die
Vorinstanz hielt fest, dass der Beschuldigte – unter solidarischer Haftung mit
dem Mitbeschuldigten B._ – den Privatklägern gegenüber
genugtuungspflichtig sei und Vormerk genommen werde, dass der Beschuldigte
wiederum unter solidarischer Haftung mit dem Mitbeschuldigten B._ die
Genugtuungsforderung des Privatklägers im Umfang von Fr. 3'000.– und
- 28 -
diejenige der Privatklägerin im Umfang von Fr. 1'500.– anerkannt habe (Urk. 163
S. 5 f. und Prot. I S. 7 und Urk. 198 S. 13). Zur genauen Feststellung des
Umfangs des Genugtuungsanspruchs respektive im die vorstehende
Anerkennung übersteigenden Ausmass seien die Privatkläger auf den Weg des
Zivilprozesses zu verweisen (Urk. 177 S. 41 f.).
1.3. Dies ist ohne Weiteres zu übernehmen, zumal die Voraussetzungen einer
Genugtuung nach Art. 49 OR zweifellos gegeben wären. Die Privatkläger haben
keine Berufung erhoben, weshalb das Berufungsgericht an das Verschlechte-
rungsverbot (Art. 391 Abs. 2 Satz 1 StPO) gebunden ist und somit keine höhere
Genugtuungssumme ausgesprochen werden kann.
V. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Untersuchung und erstinstanzliches Verfahren
Bei diesem Verfahrensausgang ist die erstinstanzliche Kosten- und Entschädi-
gungsregelung gemäss Dispositivziffern 7 und 9 Abs. 1 zu bestätigen.
2. Berufungsverfahren
2.1. Der Beschuldigte unterliegt auch im Berufungsverfahren mit seinen Anträ-
gen grösstenteils, weshalb ihm die Gerichtskosten, exklusive diejenigen der amt-
lichen Verteidigung, zu 4/5 aufzuerlegen und zu 1/5 definitiv auf die Gerichtskasse
zu nehmen sind (Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Kosten der amtlichen Verteidigung
werden einstweilen auf die Gerichtskasse genommen. Die Rückzahlungspflicht
des Beschuldigten bleibt im Umfang von 4/5 gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO
vorbehalten.
2.2. Die Gerichtsgebühr ist praxisgemäss auf Fr. 3'000.– festzusetzen.
2.3. Für die amtliche Verteidigung des Beschuldigten im Berufungsverfahren
werden Fr. 3'472.90 geltend gemacht (Urk. 194), wobei für die Berufungsverhand-
lung (inkl. Weg) sowie Besprechungen mit dem Klienten einstweilen 3 Stunden
eingesetzt wurden. Dieser Betrag ist ausgewiesen. Da die Berufungsverhandlung
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insgesamt 2 Stunden dauerte, ist der amtliche Verteidiger ist mit insgesamt
Fr. 3'800.– (inkl. MwSt.) pauschal aus der Gerichtskasse zu entschädigen.