Decision ID: 42e9b1cc-b4f2-4dee-a468-14d779b545d8
Year: 2013
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend
einfache Körperverletzung etc.
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Pfäffikon, Einzelgericht, vom 3. April 2012 (GG120001)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft See / Oberland vom 4. Januar 2012 ist
diesem Urteil beigeheftet (Urk. 51).
Urteil der Vorinstanz (Urk. 101 S. 44 f.):
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte ist schuldig
- der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB, sowie
- der vorsätzlichen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung mit Art. 37 Abs. 2 SVG und Art. 12 Abs. 2
VRV.
2. Der Beschuldigte wird freigesprochen vom Vorwurf
- der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB,
- der Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB,
- der vorsätzlichen groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90
Ziff. 2 SVG in Verbindung mit Art. 37 Abs. 1 SVG und Art. 12 Abs. 2 VRV,
sowie
- der vorsätzlichen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von
Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung mit Art. 27 SVG und Art. 4a Abs. 1 lit. b und
Abs. 5 VRV.
3. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu Fr. 90.– sowie
mit einer Busse von Fr. 800.–, als Zusatzstrafe zu der mit Strafbefehl vom 20. Juli 2011
ausgefällten Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu Fr. 100.–.
4. Der Vollzug der Geldstrafe wird aufgeschoben und die Probezeit auf 3 Jahre festgesetzt.
Die Busse ist zu bezahlen.
Bezahlt der Beschuldigte die Busse schuldhaft nicht, so tritt an deren Stelle eine Ersatzfrei-
heitsstrafe von 8 Tagen.
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5. Der Privatkläger wird mit seinem Schadenersatz- und Genugtuungsbegehren auf den Weg
des Zivilprozesses verwiesen.
6. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf Fr. 2'400.–. Über die weiteren Kosten wird die
Gerichtskasse Rechnung stellen. Wird auf eine schriftliche Begründung des Urteils
verzichtet, so reduziert sich die Gerichtsgebühr um einen Drittel.
7. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens werden dem Beschuldigten
zu einem Drittel auferlegt, im Übrigen auf die Staatskasse genommen.
8. Der Beschuldigte wird verpflichtet, dem Geschädigten für das gesamte Verfahren eine
Prozessentschädigung von Fr. 500.– zu bezahlen.
9. (Mitteilungen)
10. (Rechtsmittel)."
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 123 S. 1 f. i.V.m. Prot. II S. 21)
1. Ziff. 1 al 1 des angefochtenen Urteils sei aufzuheben und wie folgt neu
zu fassen:
„Der Beschuldigte wird freigesprochen vom Vorwurf der Nötigung im
Sinne von Art. 181 StGB und ist einzig schuldig zu sprechen der einfa-
chen Verkehrsregelverletzung i.S. von Art. 90 Ziff. 1 in Verbindung mit
Art. 37 Abs. 2 SVG und Art. 12 Abs. 2 VRV.“
2. Ziff. 3 und 4 des angefochtenen Urteils seien aufzuheben und wie folgt
neu zu fassen:
„Der Beschuldigte wird bestraft mit einer Busse von Fr. 300.--; im Fall
der Nichtbezahlung der Busse wird er mit einer Ersatzfreiheitsstrafe
von 3 Tagen bestraft.
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Eventualantrag: Für den Fall des Schuldspruchs im Sinne der Nötigung
sei der Beschuldigte mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu
Fr. 90.-- sowie mit einer Busse von Fr. 550.-- zu bestrafen, als Zusatz-
strafe zu der mit Strafbefehl vom 20. Juli 2011 ausgefällten Geldstrafe.
Der Vollzug der Geldstrafe sei aufzuschieben und die Probezeit auf
3 Jahre festzusetzen.
3. Ziff. 7 des angefochtenen Urteils sei aufzuheben und wie folgt neu zu
fassen:
„Unter Auferlegung von 1/6 der Untersuchungs- und vorinstanzlichen
Gerichtskosten und Zusprechung einer reduzierten Prozessentschädi-
gung“.
4. Ziff. 8 des angefochtenen Urteils sei aufzuheben und wie folgt neu zu
fassen:
„Der Beschuldigte wird zu keiner Prozessentschädigung an den
Geschädigten verpflichtet.“
b) Der Staatsanwaltschaft:
Keine Anträge.
c) Des Vertreters der Privatklägerschaft B._:
(Urk. 123 i.V.m. Prot. II S. 23)
Die Berufung des Beschuldigten sei unter Kosten- und Entschädigungs-
folgen abzuweisen.
1. Der Beschuldigte sei der Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB schuldig
zu sprechen;
2. Der Beschuldigte sei der einfachen Körperverletzung im Sinne von
Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB, eventualiter der Tätlichkeiten im Sinne von
Art. 126 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen;
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3. Der Beschuldigte sei der vorsätzlichen groben Verletzung der
Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 2 SVG in Verbindung mit
Art. 37 Abs. 1 SVG und Art. 12 Abs. 2 VRV schuldig zu sprechen;
4. Der Beschuldigte sei der vorsätzlichen einfachen Verletzung der Ver-
kehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung mit Art. 27
SVG und Art. 4a Abs. 1 lit. b und Abs. 5 VRV schuldig zu sprechen;
5. Es sei der Beschuldigte zu verpflichten, dem Privatkläger CHF 974.30
zuzüglich Zins zu 5% seit dem 3. Januar 2010, CHF 2'590.85 zzgl. Zins
zu 5% seit dem 11. Dezember 2012, CHF 802.10 zzgl. Zins zu 5% seit
dem 23. Januar 2012 sowie CHF 2'160 und CHF 2'758.75 Schaden-
ersatz zu bezahlen;
6. Es sei weiter festzustellen, dass der Beschuldigte dem Privatkläger
gegenüber für den ihm zugefügten Schaden dem Grundsatz nach
(inkl. allfälliger zukünftiger Therapiekosten) unter solidarischer Haftung
vollumfänglich schadenersatzpflichtig ist; zur genauen Feststellung des
Umfangs des weiteren Schadenersatzanspruches sei der Privatkläger
auf den Weg des Zivilprozesses zu verweisen;
7. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, dem Privatkläger eine Genug-
tuung von CHF 3'000 zzgl. Zins zu 5% seit 11. April 2009 zu bezahlen;
8. Die Kosten der Untersuchung, des Gerichtsverfahrens sowie der Ver-
tretung der Privatklägerschaft seien dem Beschuldigten aufzuerlegen.

Erwägungen:
1. Verfahrensgang
1.1. Mit vorstehend wiedergegebenem Urteil vom 3. April 2012 (versandt am
7. Februar 2013) wurde der Beschuldigte der Nötigung im Sinne von Art. 181
StGB sowie der vorsätzlichen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne
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von Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung mit Art. 37 Abs. 2 SVG und Art. 12 Abs. 2
VRV schuldig gesprochen und mit einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu
Fr. 90.– sowie mit einer Busse von Fr. 800.– bestraft (als Zusatzstrafe zu der mit
Strafbefehl vom 20. Juli 2011 ausgefällten Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu
Fr. 100.– und einer Busse von Fr. 2'100.–). Der Vollzug der Geldstrafe wurde
aufgeschoben und die Probezeit auf 3 Jahre festgesetzt. Für den Fall der schuld-
haften Nichtbezahlung der Busse wurde eine Ersatzfreiheitsstrafe von 8 Tagen
ausgefällt. Freigesprochen wurde der Beschuldigte vom Vorwurf der einfachen
Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB, der Tätlichkeiten im
Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB, der vorsätzlichen groben Verletzung der
Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 2 SVG in Verbindung mit Art. 37 Abs. 1
SVG und Art. 12 Abs. 2 VRV sowie der vorsätzlichen einfachen Verletzung der
Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung mit Art. 27 SVG
und Art. 4a Abs. 1 lit. b und Abs. 5 VRV. Die Kosten der Untersuchung und des
gerichtlichen Verfahrens wurden dem Beschuldigten zu einem Drittel auferlegt
und im Übrigen auf die Staatskasse genommen.
1.2. Gegen dieses Urteil meldete der Beschuldigte am 12. April 2012 Berufung
an (Urk. 81) und reichte am 28. Februar 2013 die Berufungserklärung ein
(Urk. 104).
Der Vertreter des Privatklägers meldete keine Berufung an (seine Berufungs-
anmeldung bezieht sich nur auf das Urteil gegen den Mitbeschuldigten C._;
Urk. 86), reichte am 27. Februar 2013 dennoch eine Berufungserklärung ein
(Urk. 102). Am 12. April 2013 stellte der Vertreter des Privatklägers ausserdem
ein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege / Rechtsvertretung zur Durchsetzung
der Zivilansprüche (Urk. 114), welches mit Präsidialverfügung vom 14. Mai 2013
abgewiesen wurde (Urk. 117).
Die Staatsanwaltschaft erklärte am 18. März 2013 auf eine Anschlussberufung
sowie auf eine weitere aktive Beteiligung am Verfahren zu verzichten (Urk. 109).
1.3. In der Folge wurde auf den 22. August 2013 zur Berufungsverhandlung
vorgeladen (Urk. 119). Das vorliegende Urteil erging im Anschluss an die
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Berufungsverhandlung und wurde im Dispositiv schriftlich eröffnet, nachdem die
Parteien auf eine mündliche Eröffnung und Erläuterung verzichtet hatten (Prot. II
S. 26).
2. Prozessuales
2.1. Gemäss Art. 399 Abs. 1 StPO ist die Berufung dem erstinstanzlichen
Gericht innert 10 Tagen seit Eröffnung des Urteils schriftlich oder mündlich zu
Protokoll anzumelden. Die Partei, die Berufung angemeldet hat, hat dem
Berufungsgericht innert 20 Tagen seit der Zustellung des begründeten Urteils
eine schriftliche Berufungserklärung einzureichen (Art. 399 Abs. 3 StPO). Erfolgt
– innert Frist – keine derartige Berufungsanmeldung oder -erklärung, tritt das
Berufungsgericht auf die Berufung nicht ein (Art. 403 Abs. 1 und 3 StPO).
Vorliegend liess der Privatkläger rechtzeitig die Berufungserklärung einreichen.
Aus den Akten ergibt sich indes nicht, dass die Berufung beim erstinstanzlichen
Gericht angemeldet wurde. Auf die Berufung des Privatklägers ist daher nicht
einzutreten.
2.2. Anlässlich der Berufungsverhandlung stellte der Rechtsvertreter des
Privatklägers das Gesuch, es sei dem Privatkläger für den Fall, dass auf die
Berufung nicht eingetreten werde, die Frist zur Erhebung der Anschlussberufung
wiederherzustellen (Prot. II S. 19). Zur Begründung führte er aus, aus den Akten
gehe klar hervor, dass der Privatkläger ein Rechtsmittel habe ergreifen wollen.
Ein allfälliges Verschulden seines Vertreters könne ihm nicht angelastet werden.
Hätte das Gericht den Privatkläger zudem darauf hingewiesen, dass die Berufung
nicht angemeldet wurde, hätte er rechtzeitig Anschlussberufung erheben können
(Prot. II S. 14 und 19 f.).
2.2.1. Gemäss Art. 94 Abs. 1 StPO kann eine Partei, die eine Frist versäumt
hat und der daraus ein erheblicher und unersetzlicher Rechtsverlust erwachsen
würde, die Wiederherstellung der Frist verlangen, wenn sie glaubhaft macht, dass
sie an der Säumnis kein Verschulden trifft.
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2.2.2. Dass der Privatkläger die Frist für die Berufungsanmeldung aus eigenem
Verschulden versäumt hat, ist offenkundig und braucht nicht näher erläutert zu
werden. Demgegenüber kann dem Privatkläger unter den vorliegend gegebenen
Umständen nicht angelastet werden, dass er innert Frist keine Anschlussberufung
erhoben hat. Gemäss Art. 403 Abs. 1 StPO entscheidet das Berufungsgericht in
einem schriftlichen Verfahren, ob auf die Berufung einzutreten ist, wenn die Ver-
fahrensleitung oder eine Partei geltend macht, die Anmeldung oder Erklärung der
Berufung sei verspätet oder unzulässig (lit. a). Praxisgemäss wird am Obergericht
bereits bei Eingang der Berufungserklärung einer Partei geprüft, ob die Berufung
in der vorgeschriebenen Frist angemeldet und erklärt worden ist. Hätte das hiesi-
ge Gericht bereits bei Eingang der Berufungserklärung des Privatklägers erkannt,
dass die Voraussetzungen für das Eintreten auf seine Berufung nicht erfüllt sind,
wäre den Parteien innert nützlicher Frist bekannt gegeben worden, dass mangels
Berufungsanmeldung auf die Berufung des Privatklägers nicht eingetreten wird
(Art. 403 Abs. 3 StPO). In einem nächsten Schritt wäre eine Kopie der Berufungs-
erklärung des Beschuldigten den anderen Parteien zugestellt worden, um ihnen
Gelegenheit zur Erhebung einer Anschlussberufung zu geben. Dem Privatkläger
wäre es damit möglich gewesen, die ursprünglich erhobene Berufung als
Anschlussberufung ins Verfahren einzubringen.
Vorliegend ging das hiesige Gericht – wie bereits die Vorinstanz – irrtümlicher-
weise davon aus, dass die Berufung vom Privatkläger angemeldet worden ist.
Dessen Berufungserklärung wurde den übrigen Parteien daher ebenfalls
zugestellt und ihnen Frist angesetzt, um gegebenenfalls Anschlussberufung zu
erheben oder ein Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen (Urk. 107). Auch
im weiteren Verlauf des Verfahrens, so bei der Prüfung der unentgeltlichen Pro-
zessführung (vgl. Urk. 117), wurde so vorgegangen, wie wenn die Berufung des
Privatklägers gültig erhoben worden wäre. Erst anlässlich der Berufungsverhand-
lung wurde der Rechtsvertreter des Privatklägers darauf aufmerksam gemacht,
dass keine Berufungsanmeldung im Recht liegt. Aus dem dargelegten Verhalten
der Strafbehörden durfte der Privatkläger ableiten, dass seine Berufung als form-
und fristgerecht erhoben betrachtet wird. Dies gilt vorliegend umso mehr, als die
Eintretensfrage im parallelen Berufungsverfahren gegen den Mitbeschuldigten
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C._, an welchem sich der Privatkläger ebenfalls beteiligte, offenkundig ge-
prüft wurde – mangels Berufungserklärung wurde auf die Berufung des Mitbe-
schuldigten C._ nicht eingetreten. Der Privatkläger durfte somit trotz fehlen-
der Berufungsanmeldung davon ausgehen, dass er Berufung erhoben hatte,
weshalb es ihm nicht zum Nachteil gereichen darf, dass er innert Frist keine An-
schlussberufung erklärt hat.
2.2.3. Dem Privatkläger ist die Frist zur Erhebung der Anschlussberufung daher
wiederherzustellen. Entsprechend sind die Berufungsanträge der Berufungserklä-
rung des Privatklägers vom 27. Februar 2013 (Urk. 102) als Anschlussberufungs-
anträge entgegenzunehmen.
2.3. Der Privatkläger stellt in der Anschlussberufung unter anderem den Antrag,
der Beschuldigte sei der vorsätzlichen groben Verletzung der Verkehrsregeln im
Sinne von Art. 90 Ziff. 2 SVG in Verbindung mit Art. 37 Abs. 1 SVG und Art. 12
Abs. 2 VRV sowie der vorsätzlichen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln im
Sinne von Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung mit Art. 27 SVG und Art. 4a Abs. 1
lit. b und Abs. 5 VRV schuldig zu sprechen (Urk. 123 S. 1).
Es stellt sich die Frage, ob der Privatkläger in diesen Punkten überhaupt zur
Berufung legitimiert ist.
2.3.1. Gemäss Art. 382 Abs. 1 StPO kann jede Partei, die ein rechtlich geschütz-
tes Interesse an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheides hat, ein
Rechtsmittel ergreifen. Partei ist auch die geschädigte Person, die ausdrücklich
erklärt hat, sich am Strafverfahren als Straf- oder Zivilklägerin zu beteiligen
(Art. 104 Abs. 1 lit. b StPO i.V.m. Art. 118 Abs. 1 StPO). Als geschädigte Person
gilt die Person, die durch die Straftat in ihren Rechten unmittelbar verletzt worden
ist (Art. 115 Abs. 1 StPO). Die Privatklägerschaft kann den Schuldpunkt somit
anfechten, soweit sie Geschädigte zum entsprechenden Tatbestand ist und sich
als Strafklägerin konstituiert hat (BSK StPO-Ziegler, Art. 382 N 4).
2.3.2. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist als Geschädigter anzuse-
hen, wer Träger des Rechtsgutes ist, das durch die fragliche Strafbestimmung vor
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Verletzung oder Gefährdung geschützt werden soll. Im Zusammenhang mit Straf-
normen, die nicht primär Individualrechtsgüter schützen, gelten praxisgemäss nur
diejenigen Personen als Geschädigte, die durch die darin umschriebenen Tatbe-
stände in ihren Rechten beeinträchtigt werden, sofern diese Beeinträchtigung
unmittelbare Folge der tatbestandsmässigen Handlung ist (BGE 129 IV 95, E. 3.1
mit Hinweisen). Die Verkehrsregeln schützen nebst dem allgemeinen Interesse
der Verkehrssicherheit höchstens die körperliche Integrität der Verkehrsteil-
nehmer, nicht aber deren Eigentum bzw. Vermögen. Hat eine Person bei einem
Verkehrsunfall daher ausschliesslich einen materiellen Schaden erlitten, so ist sie
im Sinne von Art. 115 Abs. 1 StPO nicht in ihren Rechten unmittelbar verletzt
(BGE 138 IV 258, E. 4).
2.3.3. Nach der dargelegten Rechtsprechung gilt der Privatkläger in Bezug auf die
dem Beschuldigten in der Anklage zur Last gelegten Verkehrsregelverletzungen
nicht als Geschädigter im Sinne von Art. 115 Abs. 1 StPO. Demzufolge kann er
sich in diesen Punkten nicht als Privatkläger am Strafverfahren beteiligen. Auf die
Anschlussberufung des Privatklägers betreffend vorsätzliche grobe Verletzung
der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 2 SVG in Verbindung mit Art. 37
Abs. 1 SVG und Art. 12 Abs. 2 VRV sowie betreffend vorsätzliche einfache
Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung mit
Art. 27 SVG und Art. 4a Abs. 1 lit. b und Abs. 5 VRV ist daher nicht einzutreten.
3. Umfang der Berufung
Die Berufung des Beschuldigten richtet sich gegen die Dispositivziffern 1 Abs. 1
(Schuldspruch wegen Nötigung), 3, 4, 7 und 8 des vorinstanzlichen Urteils
(Urk. 122 S. 1 f.). Die Anschlussberufung des Privatklägers richtet sich gegen die
Dispositivziffern 2 und 5 des vorinstanzlichen Urteils (Urk. 123 S. 1 f.). Wie bereits
dargelegt, ist auf die Anschlussberufung des Privatklägers nicht einzutreten, so-
weit sich diese auf die vorinstanzlichen Freisprüche von den Vorwürfen der Ver-
kehrsregelverletzung bezieht. Damit sind der vorinstanzliche Schuldspruch wegen
vorsätzlicher einfacher Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 1
SVG in Verbindung mit Art. 37 Abs. 2 SVG und Art. 12 Abs. 2 VRV (Dispositiv-
ziffer 1 Abs. 2) und die vorinstanzlichen Freisprüche von den Vorwürfen der
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vorsätzlichen groben Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 2
SVG in Verbindung mit Art. 37 Abs. 1 SVG und Art. 12 Abs. 2 VRV und der
vorsätzlichen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 1
SVG in Verbindung mit Art. 27 SVG und Art. 4a Abs. 1 lit. b und Abs. 5 VRV
(Dispositivziffer 2) in Rechtskraft erwachsen. Ebenfalls rechtskräftig ist die
vorinstanzliche Kostenfestsetzung (Dispositivziffer 6). Das ist vorab festzustellen.
4. Sachverhalt
4.1. Die Vorinstanz hat die vorliegend noch zu beurteilenden Anklagevorwürfe
korrekt zusammengefasst (Urk. 101 S. 12 und 22). Darauf kann zur Vermeidung
von Wiederholungen verwiesen werden (Art. 82 Abs. 4 StPO).
4.2. Der Beschuldigte anerkennt im Berufungsverfahren den Schuldvorwurf des
verkehrsbehindernden Anhaltens im Sinne von Art. 37 Abs. 2 SVG. Demgegen-
über bestreitet er, dass dieses Verkehrsmanöver zusätzlich als Nötigung im Sinne
von Art. 181 StGB qualifiziert werden kann (Urk. 121 S. 3 f.; Urk. 122 S. 1 ff.). Der
Beschuldigte stellt zudem in Abrede, den Privatkläger körperlich angegriffen zu
haben (Urk. 121 S. 10 f.).
4.3. Anlässlich der Berufungsverhandlung führte der Beschuldigte zusammen-
gefasst aus, er habe das Fahrzeug nach dem ersten Vorfall beim Lichtsignal im
Bereich des D._ bis zum Stillstand abgebremst, da ihn der Privatkläger ge-
blendet habe. Das Fahrzeug habe er normal bzw. möglicherweise leicht schräg
hingestellt. Es sei aber komplett auf der korrekten Spur gestanden. Die Fahrzeu-
ge auf der Gegenfahrbahn hätten passieren können. Es sei niemand blockiert
worden. Er habe damit erreichen wollen, dass der Privatkläger sie überhole.
Dieser habe dafür genug Zeit und Abstand gehabt. Es sei auch genügend
Platz vorhanden gewesen. In der Folge seien er und der Mitbeschuldigte C._
ausgestiegen, weil sie hätten wissen wollen, weshalb der Privatkläger hinter ihnen
angehalten und nicht überholt habe. Er habe mit dem Privatkläger nicht gespro-
chen und sei nur dabei gestanden. Der Beschuldigte bestritt, den Privatkläger bei
diesem zweiten Vorfall mit Faustschlägen, Fusstritten und Kniestössen traktiert zu
haben. Er habe ihn nicht einmal berührt (Urk. 121 S. 3 ff.).
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4.4. Die Aussagen der beteiligten Personen wurden von der Vorinstanz
zutreffend wiedergegeben und korrekt gewürdigt. Grundsätzlich kann daher auf
die diesbezüglichen Ausführungen und Erwägungen im vorinstanzlichen
Entscheid verwiesen werden, welche vollumfänglich zu bestätigen sind (Urk. 101
S. 12 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Die nachfolgenden Ausführungen erfolgen lediglich
zur Verdeutlichung und Präzisierung.
A. Anklagevorwurf der Nötigung
4.5. Der Beschuldigte hat stets anerkannt, sein Fahrzeug auf der Höhe des
D._ bis zum Stillstand abgebremst zu haben (zuletzt Urk. 121 S. 4). Dass es
sich dabei um ein brüsk eingeleitetes Bremsmanöver gehandelt hat, welches für
die Sicherheit des nachfolgenden Privatklägers eine ernstliche Gefahr darstellte,
ist nicht anzunehmen. So gab auch der Privatkläger anlässlich der staatsanwalt-
schaftlichen Einvernahme vom 18. November 2011 an, er habe keine Vollbrem-
sung machen müssen. Nachdem er sein Fahrzeug ebenfalls abgebremst habe,
seien die beiden Fahrzeuge noch ca. zehn Meter voreinander entfernt gewesen
(Urk. 38 S. 8). Das Bremsmanöver des Beschuldigten kam für den Privatkläger
jedoch auf jeden Fall unvermittelt und überraschend, erfolgte es doch ohne er-
kennbaren Grund. Es kann diesbezüglich auf die zutreffenden Ausführungen der
Vorinstanz verwiesen werden (Art. 101 S. 17; Urk. 82 Abs. 4 StPO).
4.6. Wie bereits vor Vorinstanz (Urk. 73 S. 5), gab der Beschuldigte auch
anlässlich der Berufungsverhandlung an, nach dem Bremsmanöver sei sein Fahr-
zeug möglicherweise leicht schräg gestanden. Es sei jedoch noch komplett auf
der eigenen Spur gewesen. Andere Fahrzeuge hätten problemlos vorbeifahren
können (Urk. 121 S. 7 f.). In welcher Position das Fahrzeug des Beschuldigten
nach dem Anhalten genau auf der Fahrbahn stand, braucht an dieser Stelle nicht
näher abgeklärt zu werden. Der Beschuldigte räumte ein, zum Anhalten nicht an
den rechten Rand der Strasse gefahren zu sein, sondern sein Fahrzeug mitten
auf der Fahrspur angehalten zu haben, wobei das Fahrzeug vermutlich leicht
schräg zu stehen kam. Es ist der Vorinstanz darin zu folgen, dass der Beschuldig-
te unter diesen Umständen nicht davon ausgehen konnte, dass der Privatkläger
überholen würde. Es kann diesbezüglich auf die zutreffenden Erwägungen im
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vorinstanzlichen Urteil verwiesen werden (Urk. 101 S. 17 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO).
Insofern ist nicht massgeblich, wie weit die Fahrbahn blockiert wurde bzw. ob für
ein Überholmanöver theoretisch noch genügend Platz vorhanden gewesen wäre.
Entscheidend ist, dass der Beschuldigte dem Privatkläger durch sein unvermittel-
tes Anhalten die ungehinderte Weiterfahrt verunmöglichte.
4.7. Was sodann die Beweggründe des Beschuldigten für das Bremsmanöver
betrifft, ist festzuhalten, dass seine Darstellung, wonach er lediglich angehalten
habe, um den Privatkläger überholen zu lassen (zuletzt Urk. 121 S. 8 f.), nicht zu
überzeugen vermag. Hätte der Beschuldigte den Privatkläger tatsächlich vorbei-
fahren lassen wollen, wäre zu erwarten gewesen, dass er an geeigneter Stelle
den Rechtsblinker gestellt hätte, so weit wie möglich an den rechten Strassenrand
gefahren wäre und die Geschwindigkeit langsam reduziert hätte, so dass der
nachfolgende Verkehr ungefährdet hätte passieren können, wie die Vorinstanz
zutreffend festhielt (Urk. 101 S. 15). Dies gilt umso mehr, als dem Beschuldigten
die Verkehrssicherheit offenbar ein vorrangiges Anliegen ist (Urk. 121 S. 7 und
11), wobei er im Nachhinein indes nicht mehr angeben konnte, ob er während des
Anhaltens geblinkt hat (Urk. 121 S. 13). Wenn der Beschuldigte, wie er selbst
geltend macht, ganz normal anhielt, wäre er zudem ohne Weiteres in der Lage
gewesen, sein Fahrzeug an den Strassenrand zu lenken. Auf jeden Fall bremst
ein Fahrzeuglenker, der den nachfolgenden Verkehr überholen lassen will, sein
Fahrzeug nicht unvermittelt bis zum Stillstand ab und stellt dieses leicht quer zur
Fahrbahn, wodurch dem nachfolgenden Fahrzeug das Überholen noch erschwert
wird.
Dafür, dass der Beschuldigte den Privatkläger nicht zum Überholen, sondern zum
Anhalten bewegen wollte, spricht im Übrigen auch der Umstand, dass sowohl der
Beschuldigte als auch der Mitbeschuldigte C._ nach dem Manöver unverzüg-
lich ausstiegen und die Konfrontation mit dem Privatkläger suchten (Urk. 73 S. 6;
Urk. 121 S. 8). Die vom Beschuldigten in der Berufungsverhandlung vorgebrachte
Darstellung, sie seien lediglich ausgestiegen, um den Privatkläger zu fragen,
weshalb er hinter ihnen angehalten habe (Urk. 121 S. 9), vermag nicht zu über-
zeugen und ist als nachgeschobener Erklärungsversuch zu werten. Nach dem
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Gesagten muss vielmehr angenommen werden, dass sich der Beschuldigte durch
das Verhalten des Privatklägers gestört fühlte und diesen zu Rede stellen wollte.
In diesen Zusammenhang ist weiter festzuhalten, dass die Darstellung des Privat-
klägers, wonach er die Lichthupe nicht betätigt habe und sich auch ansonsten
nichts zu Schulden habe kommen lassen, nicht glaubhaft erscheint. Diesbezüglich
hat die Vorinstanz zutreffend festgehalten, dass der Ablauf der Ereignisse ohne
die tatsächliche Annahme, dass die Vorfälle durch das Lichthupen des Privatklä-
gers ausgelöst wurden, keinen Sinn macht (Urk. 101 S. 11). Hätte sich der Privat-
kläger korrekt bzw. verkehrsregelkonform verhalten, hätte der Beschuldigte
schlichtweg keinen Anlass gehabt, mitten auf der Strasse anzuhalten und ihn zur
Rede zu stellen. Die vom Privatkläger in Bezug auf den Mitbeschuldigten C._
geäusserte Vermutung, dieser sei vielleicht ein Strassenschläger und habe daran
Spass gehabt (Urk. 38 S. 5), wurde von der Vorinstanz zu Recht verworfen
(Urk. 101 S. 11).
4.8. Damit ist vorliegend erstellt, dass der Beschuldigte sein Fahrzeug auf einer
Überlandstrasse nachts unvermittelt bis zum Stillstand abbremste, wobei das
Fahrzeug mitten auf der Fahrspur, mit grosser Wahrscheinlichkeit leicht schräg,
zum Stehen kam. Angesichts des Fahrmanövers des Beschuldigten sowie seines
späteren Verhaltens muss angenommen werden, dass der Beschuldigte sein
Fahrzeug abbremste, um den Privatkläger zu einem Anhalten zu bewegen und
nicht, um diesen überholen zu lassen. Von diesem Sachverhalt ist für die rechtli-
che Würdigung auszugehen.
B. Anklagevorwurf der Körperverletzung / Tätlichkeiten
4.9. In diesem Punkt kann vollumfänglich auf die sorgfältigen, zutreffenden
Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 101 S. 22 ff.; Art. 82 Abs. 4
StPO), denen es an sich nichts beizufügen gibt.
4.10. Der Beschuldigte hat stets bestritten, den Privatkläger beim zweiten
Zusammentreffen auf der Höhe des D._ geschlagen zu haben. Er habe den
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Privatkläger nicht einmal berührt (zuletzt Urk. 121 S. 10 f.). Diese Darstellung der
Ereignisse entspricht den Aussagen des Mitbeschuldigten C._ und den
Schilderungen der Zeuginnen E._ und F._ sowie der von der Polizei als
Auskunftsperson befragten G._. Keine dieser Person gab an, dass der Be-
schuldigte gegenüber dem Privatkläger tätlich geworden ist. Dabei darf zwar nicht
ausser Acht gelassen werden, dass die Beschuldigten im Zeitpunkt des Vorfalls,
welcher Gegenstand der Anklage bildet, in einer freundschaftlichen Beziehung zu
den als Zeugen bzw. Auskunftsperson befragten Personen standen, weshalb die-
se grundsätzlich ein Interesse daran gehabt haben könnten, die Geschehnisse zu
Gunsten der beiden Beschuldigten zu schildern. Daraus kann indes nicht zwang-
läufig geschlossen werden, dass eine Absprache erfolgt sein muss und allfällige
entlastende Aussagen per se falsch sind. Die Vorinstanz hat denn auch einge-
hend und überzeugend dargelegt, dass vorliegend keine Anhaltspunkte dafür be-
stehen, dass die Beteiligten die zu Protokoll gegebene Sachverhaltsdarstellung
vorgängig untereinander abgesprochen haben. Es kann an dieser Stelle auf die
zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden (Urk. 101 S. 29 f.;
Art. 82 Abs. 4 StPO).
4.11. Die Anklage beruht im Wesentlichen auf den Angaben des Privatklägers.
Dessen relevanten Aussagen wurden von der Vorinstanz umfassend dargestellt,
worauf verwiesen kann (Urk. 101 S. 22 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Es ist der Vor-
instanz weiter darin zu folgen, dass die Aussagen des Privatklägers insgesamt
nicht zu überzeugen vermögen. Die Vorinstanz hat diesbezüglich zu Recht auf
den Hang des Privatklägers zur Übertreibung und Dramatisierung hingewiesen
(vgl. Urk. 101 S. 31), was namentlich im Zusammenhang mit den von ihm geltend
gemachten Verletzungen von Bedeutung ist, wie später noch näher ausgeführt
wird. Die Aussagen des Privatklägers sind zudem in sich widersprüchlich. So
sollen gemäss seinen Angaben anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom
16. April 2009 der Beifahrer und der Fahrer des anderen Fahrzeugs ihn mit den
Fäusten am Leibchen gepackt und an der rechten Fahrzeugseite fixiert haben. In
der Folge hätten sowohl der Beifahrer und Fahrer auf ihn eingeschlagen (Urk. 4
S. 3). Wenig später gab der Privatkläger dagegen zu Protokoll, der Fahrer habe
ihn am Kragen angefasst. Geschlagen habe er aber nicht (Urk. 4 S. 4). Gegen-
- 16 -
über der Staatsanwaltschaft gab er wiederum an, er sei von beiden geschlagen
worden (Urk. 38 S. 5 ff.). Dass die Aussagen des Privatklägers ausgerechnet im
für die Erstellung des Anklagesachverhalts entscheidenden Punkt derart wider-
sprüchlich sind, lässt erhebliche Zweifel an ihrer Glaubhaftigkeit aufkommen.
Darauf angesprochen, führte der Privatkläger gegenüber der Staatsanwaltschaft
aus, es sei damals dunkel gewesen und er habe Angst gehabt. Er habe sich
schützen wollen und es deshalb nicht richtig mitbekommen (Urk. 38 S. 8). Wie die
Vorinstanz zu Recht festhält, kontrastiert diese Erklärung in hohen Masse mit
seinen übrigen detailreichen Schilderungen der Ereignisse (Urk. 101 S. 31). Den
Aussagen des Privatklägers zu diesem Punkt lässt sich ebenfalls nicht entneh-
men, dass er sich je unsicher gewesen wäre, ob er nur von einem oder beiden
Fahrzeuginsassen angegriffen wurde. In der Folge kommentierte der Privatkläger
diesen Widerspruch in seinen Aussagen nicht mehr weiter. Als er erneut darauf
angesprochen wurde, stellte er sich auf den Standpunkt, er habe das Protokoll bei
der Polizei gar nicht unterschreiben wollen. Der Polizeibeamte, der ihn damals
einvernommen habe, habe ihn dazu gedrängt (Urk. 38 S. 9). Es bleibt jedoch
unklar, was der Privatkläger daraus ableiten will, machte er doch nicht geltend,
dass seine damaligen Aussagen nicht richtig protokolliert worden sind. Vielmehr
gab er an, er habe das Protokoll einfach nicht unterschreiben wollen (Urk. 38 S. 9
und 11). Dieses ausweichende Aussageverhalten ist nicht glaubhaft.
Zusammenfassend bleibt es bei der Beurteilung der Vorinstanz, dass aufgrund
des insgesamt nicht überzeugenden Aussageverhaltens des Privatklägers Zweifel
an seiner Schilderung der Ereignisse bestehen (Urk. 101 S. 32 f.). Es erscheint
deshalb nicht gerechtfertigt, zur Erstellung des Sachverhalts alleine darauf
abzustellen.
4.12. Entgegen der Auffassung des Rechtsvertreters des Privatklägers (Urk. 123
S. 5 f.) vermögen die bei den Akten liegenden medizinischen Unterlagen über den
Privatkläger die in der Anklage geschilderten körperlichen Übergriffe nicht zu
belegen. Von Bedeutung ist diesbezüglich insbesondere der ambulante Bericht
des Kantonsspitals H._ vom 12. April 2009, welcher am Tag nach dem ein-
geklagten Vorfall erstellt wurde. Darin wird als Diagnose das in der Anklage um-
- 17 -
schriebene Verletzungsbild festgehalten: "Kontusion Knie links, Oberschenkel-
prellung links, Bauchwandprellung, Beckenprellung links" (wobei der Bericht die
Bauchwandprellung im Gegensatz zur Anklage nicht als linksseitig spezifiziert).
Allerdings geht aus diesem Bericht auch hervor, dass sich diese Diagnose
ausschliesslich auf Schmerzangaben des Privatklägers stützte (insbesondere
sog. Druckdolenz). Der Bericht hält namentlich fest, dass keinerlei Prellmarken,
Hämatome, Ergüsse oder sonstige äussere Spuren sichtbar waren. Ebenso wenig
förderten Röntgenaufnahmen bzw. eine Abdomen-Sonographie Hinweise auf
Verletzungen zu Tage. Unmittelbar nach dem Vorfall bestanden somit keine
äusserlichen bzw. – soweit mittels Röntgen und Abdomensonographie unter-
sucht – inneren physischen Verletzungen. Des weiteren vermerkt der Bericht,
dass der Schmerz im Abdomen bereits während des ambulanten Spitalaufenthal-
tes deutlich zurückgegangen sei. Auch habe der Privatkläger erwähnt, früher
schon mehrere Schleudertraumata erlitten zu haben (Urk. 15 = Urk. 43/1). Es ist
der Vorinstanz darin zu folgen, dass die Befunde des Kantonsspitals H._
ausschliesslich das subjektive Empfinden des Privatklägers wiederspiegeln,
weshalb sie nicht als Beweis für die erlittenen Verletzungen herangezogen
werden können.
4.13. Soweit der Privatkläger einen über den Stockeinsatz hinausgehenden
Übergriff behauptet, stellen sich an seiner Sachdarstellung zudem Zweifel ein. In
der Anklage heisst es – gestützt auf die Aussagen des Privatklägers – unter
anderem: "Als der Geschädigte infolge der Schläge mit dem Knie auf den Boden
prallte, schlugen sie ihm zudem mit den Knien in den Rücken." Unstreitig ist, dass
die Auseinandersetzung auf der asphaltierten Fahrbahn stattfand. Wäre der
Privatkläger tatsächlich mit den Knien "auf den Boden geprallt", wäre die Haut im
Kniebereich dadurch zumindest geringfügig geschürft worden. Dies war jedoch
gemäss tags darauf erstelltem Arztbericht, wie erwähnt, nicht der Fall. Aus dem
vorstehend zitierten Satz der Anklageschrift geht weiter hervor, der Beschuldigte
und der Mitbeschuldigte hätten den Privatkläger mit Fäusten und Knien in den
Rücken geschlagen. Demgegenüber erwähnt der vorgenannte ambulante Bericht
aber keinerlei Rückenschmerzen. Wiederum im Widerspruch dazu gibt der Privat-
kläger jedoch in der Einvernahme vom 18. November 2011 (Urk. 38 S. 9 unten),
- 18 -
also rund 2 1⁄2 Jahre nach dem Vorfall, an: "Der Rücken schmerzt auch noch." Der
ambulante Bericht erwähnt überdies auch keine Nackenschmerzen, während die
Anklageschrift immerhin von mehrfachen Schlägen in den Nacken spricht.
4.14. In der vorerwähnten Befragung vom 18. November 2011 wurde der Privat-
kläger ausserdem gefragt, ob er auch gegen den Kopf geschlagen worden sei.
Darauf antwortete er: "Nur gegen den Nacken, nicht gegen den Kopf." Alsdann
wurde er mit einer Aussage konfrontiert, mit der er im Gutachten des I._
(nachfolgend: I._) vom 7. Juni 2010 zitiert wird: einer der Täter habe seinen
"Kopf gehalten und nach links verdreht" (Urk. 38 S. 9 unten unter Hinweis auf Urk.
43/11 S. 10). Mit dieser Aussage konfrontiert antwortete der Privatkläger: "Ja, ich
erinnere mich, dass mir noch gegen den Kopf gedrückt wurde." Streng genom-
men zielte die vorgenannte Frage nur nach Schlägen im Kopfbereich. Wäre es je-
doch tatsächlich zum erwähnten "Verdrehen" gekommen, hätte der Privatkläger
dies aller Wahrscheinlichkeit nach bereits bei der Frage nach Schlägen im Kopf-
bereich spontan erwähnt. Dieses angebliche Verdrehen des Kopfes hat in die An-
klage denn auch keinen Eingang gefunden. Überhaupt taucht dieses Sachver-
haltselement erstmals im erwähnten Gutachten auf, jedenfalls aber nicht in den
zeitlich früheren Einvernahmeprotokollen. Auch diese Ungereimtheit zeigt auf,
dass der Privatkläger die über den Stockeinsatz hinausgehenden Gewalthandlun-
gen in einer Art und Weise uneinheitlich schildert, die sich nicht einfach durch ei-
ne gewaltbedingte selektive Wahrnehmung erklären lassen. Andererseits er-
scheint es nicht als zufällig, dass der Privatkläger gerade im Rahmen des im Auf-
trag der Invalidenversicherung des Kantons Zürich erstellten Gutachtens erstmals
von einem Verdrehen des Kopfes spricht, da ein derartiger Vorfall grundsätzlich
geeignet ist, organisch nicht nachweisbare Schäden (wie etwa ein Schleuder-
trauma) hervorzurufen. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass der Pri-
vatkläger angibt, insgesamt fünf Schleudertraumata erlitten zu haben.
4.15. Schliesslich sei noch darauf hingewiesen, dass sich aus den bei den Akten
liegenden medizinischen Unterlagen über den Privatkläger mehrfach ergibt, dass
dieser eine Tendenz hat, seine Schmerzen zu übertreiben. So heisst es im
Schreiben von Dr. med. J._ vom 9. Februar 2010 (Urk. 43/9) unter dem
- 19 -
Titel "Diagnose" u.a.: "Schmerzsyndrom Kniegelenk links [..] hochgradiger
Verdacht auf Symptomausweitung". Daraus lässt sich jedoch nicht etwa der
Umkehrschluss ziehen, dass der Privatkläger tatsächlich Schmerzen hat, diese
aber nur übertreibt, denn die angeblichen Schmerzen sind organisch nicht nach-
weisbar. Weiter heisst es im erwähnten Schreiben, auch eine im Juli 2009 bezüg-
lich des linken Knies durchgeführte MRI-Abklärung habe keine mit dem Vorfall
zusammenhängenden Veränderungen sichtbar gemacht. Aus rheumatologischer
Sicht seien die bestehenden Beschwerden nicht erklärbar.
4.16. Nach dem Gesagten verbleiben demnach erhebliche und unüberwindbare
Zweifel daran, dass sich der Sachverhalt so zugetragen hat, wie er in der
Anklageschrift geschildert wird. Der Beschuldigte ist deshalb von den Vorwürfen
der einfachen Körperverletzung im Sinne von Art. 123 Ziff. 1 Abs. 1 StGB und der
Tätlichkeiten im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB freizusprechen.
5. Rechtliche Würdigung
5.1. Die Vorinstanz hat das Bremsmanöver des Beschuldigten als Nötigung im
Sinne von Art. 181 StGB sowie als vorsätzliche einfache Verletzung der Verkehrs-
regeln im Sinne von Art. 90 Ziff. 1 SVG in Verbindung mit Art. 37 Abs. 2 SVG und
Art. 12 Abs. 2 VRV qualifiziert (Urk. 101 S. 19 ff.).
5.2. Die von der Vorinstanz vorgenommene rechtliche Würdigung wird von der
Verteidigung bestritten. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass das Bremsmanö-
ver des Beschuldigten lediglich als einfache Verkehrsregelverletzung eingestuft
werden könne. Der Unrechtsgehalt seines Verhaltens sei damit bereits abgegol-
ten. Es habe sich vorliegend nicht um eine länger dauernde Beeinträchtigung der
Willensfreiheit des Privatklägers gehandelt, weshalb die für eine Nötigungs-
handlung vorausgesetzte Intensität nicht erreicht werde (Urk. 122 S. 2 f.)
5.3. Wegen Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB wird bestraft, wer jemanden
durch Gewalt, Androhung ernstlicher Nachteile oder durch andere Beschränkun-
gen seiner Handlungsfreiheit nötigt, etwas zu tun, zu unterlassen oder zu dulden.
Die Tatbestandsvariante der "anderen Beschränkung der Handlungsfreiheit" ist
- 20 -
restriktiv auszulegen. Dieses Zwangsmittel muss, um tatbestandsmässig zu sein,
das üblicherweise geduldete Mass an Beeinflussung in ähnlicher Weise eindeutig
überschreiten, wie es für die ausdrücklich genannten Nötigungsmittel der Gewalt
und der Androhung ernstlicher Nachteile gilt. Es muss ihnen in seiner Intensität
und Wirkung ähnlich sein. Zudem muss die Nötigung unrechtmässig erfolgt sein
(wobei dieses Merkmal Tatbestandsvoraussetzung ist). Eine derartige Unrecht-
mässigkeit liegt vor, wenn das Mittel und der Zweck unerlaubt ist, wenn das Mittel
zum erstrebten Zweck nicht im richtigen Verhältnis steht oder wenn die Ver-
knüpfung zwischen einem an sich zulässigen Mittel und einem erlaubten Zweck
rechtsmissbräuchlich oder sittenwidrig ist (zum Ganzen: BGE 137 IV 326, E. 3.3.1
mit Hinweisen).
Der sog. Schikanestop fällt grundsätzlich unter die Tatbestandsvariante der Nöti-
gung "durch andere Beschränkungen der Handlungsfreiheit". Im einschlägigen
Leitentscheid (BGE 137 IV 326 insb. E. 3.4) qualifizierte das Bundesgericht das
abrupte und ohne verkehrsbedingten Grund erfolgte Abbremsen bis zum Still-
stand als Nötigung. Durch den Zwang zum Anhalten werde die Handlungsfreiheit
des nachfolgenden Fahrzeuglenkers beeinträchtigt. Das Nötigungsmittel, d.h. eine
brüske nicht verkehrsbedingte Vollbremsungen sei unrechtmässig (Art. 37 Abs. 1
SVG und Art. 12 Abs. 2 VRV), ebenso wie der damit verfolgte Zweck, dem
nach-folgenden Lenker eine Lektion zu erteilen.
5.4. Gemäss erstelltem Sachverhalt hat der Beschuldigte sein Fahrzeug mitten
auf der Fahrspur bis zum Stillstand abgebremst, wobei das Bremsmanöver ohne
Notwendigkeit erfolgte. Zwar ist nicht auszuschliessen, dass der Beschuldigte
durch den von hinten herannahenden Privatkläger geblendet wurde. Dies berech-
tigte ihn jedoch nicht zu einem unvermittelten Anhalten mitten auf der Strasse. Es
wäre dem Beschuldigten ohne Weiteres möglich gewesen, auf eine geeignete
Ausweichstelle zu warten. Der Beschuldigte hätte auch verlangsamen, den
Blinker stellen und an den Strassenrand fahren können, um den Privatkläger
überholen zu lassen. Im Übrigen ging es dem Beschuldigten bei seinem Fahr-
manöver wie erwähnt nicht in erster Linie um die Verkehrssicherheit, sondern
vielmehr darum, den Privatkläger für sein Verhalten zur Rede zu stellen. Durch
- 21 -
das abrupte Anhalten des Beschuldigten wurde der Privatkläger dazu veranlasst,
seinerseits anzuhalten. Dass der Privatkläger die Möglichkeit eines Ausweichens
gehabt hätte, vermag den Beschuldigten nicht zu entlasten, wie die Vorinstanz
zutreffend festhielt (Urk. 101 S. 21). Unter den gegebenen Umständen (d.h. bei
ungeklärtem Anhalten des vorderen Fahrzeugs) wäre es auf einer zur Nachtzeit
unbeleuchteten Überlandstrecke äusserst riskant, direkt zu einem Überhol-
manöver anzusetzen; statt dessen ist zunächst einmal hinter dem stillstehenden
Fahrzeug anzuhalten. Es ist der Vorinstanz deshalb darin zu folgen, dass sich der
Privatkläger durch das Verhalten des Beschuldigten verständlicherweise dazu
gezwungen sah, ebenfalls bis zum Stillstand abzubremsen, um eine gefährliche
Situation zu vermeiden (Urk. 101 S. 21 f.).
Nach dem Gesagten wurde der Privatkläger durch das brüske Bremsen des
Beschuldigten gezwungen, abrupt und bis zum Stillstand abzubremsen. Die vom
Beschuldigten geschaffene Zwangssituation war damit von einer solchen Intensi-
tät, dass sie die freie Willensbetätigung des Privatklägers einschränkte (vgl. BGE
137 IV 326, E. 3.4). Das Nötigungsmittel, d.h. das unvermittelte, nicht verkehrs-
bedingte Anhalten, ist als unrechtmässig einzustufen (vgl. Art. 37 Abs. 2 SVG und
Art. 12 Abs. 2VRV), ebenso der damit verfolgte Zweck.
5.5. Die Verteidigung bringt vor, bei einer lediglich kurzfristigen Behinderung
der Fortbewegung werde der Nötigungscharakter in der Regel verneint. Die
zeitliche Intensität der Nötigungshandlung müsse auch bei einem unnötigen
Bremsmanöver verneint werden, da keine länger dauernde Beeinträchtigung
der Willensfreiheit des anderen Fahrzeuglenkers angenommen werden könne
(Urk. 122 S. 3).
Dem kann nicht gefolgt werden. Der Privatkläger wurde durch das unvermittelte
Anhalten des Beschuldigten gezwungen, gegen seinen Willen aus voller Fahrt bis
zum Stillstand abzubremsen. Damit wurde das üblicherweise geduldet Mass der
Beeinflussung eindeutig überschritten. Dies gilt unabhängig von der zeitlichen
Dauer der Einflussnahme (BGE 137 IV 326, E. 3.4). Der vorliegende Fall ist denn
auch nicht vergleichbar mit dem im Verfahren SB100727 beurteilten Sachverhalt.
Dort war darüber zu befinden, ob ein zu knappes Einscheren bzw. ein unnötiges
- 22 -
Bremsmanöver als Nötigung zu qualifizieren ist, was mit dem Hinweis auf die nur
wenige Sekunde dauernde Beeinträchtigung der Willensfreiheit verneint wurde
(vgl. Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich, II. Strafkammer, vom 4. Februar
2011).
5.6. Die Verteidigung wendet sodann ein, es liege ein rechtfertigender Notstand
vor. Der Beschuldigte habe selbst ausgeführt, dass ihn der Sicherheitsaspekt zum
Anhalten veranlasst habe. Er sei nicht ortskundig gewesen und habe nicht
gewusst, dass sich beim D._ Parkplätze befunden hätten. Hätte er dies ge-
wusst, hätte er sicherlich dort angehalten (Urk. 122 S. 3 i.V.m. Prot. II S. 22).
Der von der Verteidigung geltend gemachte Rechtfertigungsgrund des Notstands
im Sinne von Art. 17 StGB setzt voraus, dass eine unmittelbare Gefahr droht,
welche nicht anders abwendbar ist. Diese Voraussetzung ist hier nicht erfüllt.
Wäre es dem – wohl geblendeten – Beschuldigten tatsächlich darum gegangen,
aus Sicherheitsgründen anzuhalten, wäre ihm zuzumuten gewesen, bis zu einer
geeigneten Ausweichstelle zuzuwarten oder sein Fahrzeug nach entsprechender
Zeichengebung zumindest an den Strassenrand zu lenken, um den nachfolgen-
den Fahrzeuglenker überholen zu lassen. Darüber hinaus kann vorliegend ohne-
hin nicht davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte das Bremsmanöver
in erster Linie aus Gründen der Verkehrssicherheit durchgeführt hat.
5.7. Die Verteidigung stellt sich schliesslich auf den Standpunkt, dass sich
der Privatkläger massiv nötigend verhalten habe. Es sei somit zu Gunsten des
Beschuldigten von einer erlaubten Retorsion auszugehen (Urk. 122 S. 3 i.V.m.
Prot. II S. 22).
Die Retorsion ist nur bei bestimmten Straftatbeständen, namentlich bei der Be-
schimpfung (Art. 177 Abs. 3 StGB), möglich. Sie kann nicht allgemein zur Anwen-
dung gebracht werden. Im Weiteren ist festzuhalten, dass ein Delikt grundsätzlich
nicht mit einer ebenfalls unter das Strafrecht fallenden Tat beantwortet werden
darf. Eine strafbare Handlung kann nur bei Vorliegen eines strafrechtlichen Recht-
fertigungsgrunds legitimiert werden. Dass ein solcher hier nicht vorliegt, wurde
bereits dargelegt.
- 23 -
5.8. Das Bundesgericht hat unter Hinweis auf die Verschiedenartigkeit der mit
dem Tatbestand der Nötigung einerseits und den SVG-Normen anderseits
geschützten Rechtsgütern festgehalten, dass zwischen Art. 90 SVG und Art. 181
StGB echte Konkurrenz besteht (BGE 137 IV 326, E. 3.6).
Der Beschuldigte ist somit auch im Berufungsverfahren der Nötigung im Sinne
von Art. 181 StGB schuldig zu sprechen.
6. Strafzumessung
6.1. Die Vorinstanz hat zutreffend darauf hingewiesen, dass der Beschuldigte
die vorliegend zu beurteilenden Delikte vor Erlass des Strafbefehls der Staats-
anwaltschaft See / Oberland vom 20. Juli 2011 begangen hat, weshalb heute eine
Zusatzstrafe zum erwähnten Strafbefehl auszufällen ist (Art. 49 Abs. 2 StGB).
Dabei ist zunächst unter Einbezug der rechtskräftig beurteilten Straftaten eine
hypothetische Gesamtstrafe für alle Straftaten festzulegen, wie wenn diese
gleichzeitig zur Verurteilung gelangt wären, und anschliessend unter Beachtung
der rechtskräftig festgesetzten Strafe die für die neu zu beurteilenden Delikte
auszufällende Zusatzstrafe zu bestimmen (vgl. BGE 132 IV 102, E. 8.3).
6.2. Die Grundsätze der richterlichen Strafzumessung wurden von der
Vorinstanz zutreffend angeführt, worauf zur Vermeidung von Wiederholungen
verwiesen werden kann (Urk. 101 S. 34 ff.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Zu präzisieren
ist die vorinstanzliche Bemessung des konkret anwendbaren Strafrahmens
(Urk. 101 S. 35). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung ist der ordentliche
Strafrahmen nur zu verlassen, wenn aussergewöhnliche Umstände vorliegen und
die für die betreffende Tat angedrohte Strafe im konkreten Fall zu hart erscheint
(BGE 136 IV 55, E. 5.8.). Vorliegend sind keine Gründe ersichtlich, welche ein
Überschreiten des ordentlichen Rahmens von bis zu 3 Jahren Freiheitsstrafe
nahelegen würden.
6.3. Die von der Staatsanwaltschaft See / Oberland mit Strafbefehl vom
20. Juli 2011 für die damals zu beurteilenden Delikte festgesetzte Geldstrafe von
80 Tagessätzen zu Fr. 100.– und Busse von Fr. 2'100.– erscheint dem Verschul-
- 24 -
den des Beschuldigten angemessen (vgl. Beizugsakten der Staatsanwaltschaft
See / Oberland, 2010/5468) und kann übernommen werden. Die mit genanntem
Strafbefehl ausgefällten Strafen sind unter Einbezug der im vorliegenden Straf-
verfahren zu beurteilenden Straftaten zu einer Gesamtstrafe zu erhöhen. Dabei
ist sowohl für die mit Geldstrafe bedrohten Delikte als auch für die mit Busse
bedrohten Delikte eine hypothetische Gesamtstrafe zu bilden.
6.4. Betreffend die Nötigung ist das objektive Tatverschulden als leicht einzu-
stufen. Die Intensität der Nötigung sowie die dadurch entstandene Einwirkung auf
die Handlungsfreiheit des Privatklägers sind im Rahmen der möglichen Schwere-
grade von Nötigungen an der unteren Grenze anzusiedeln. Es kann an dieser
Stelle auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz verwiesen werden
(Urk. 101 S. 36 f.). Bei der subjektiven Tatschwere gilt es zu berücksichtigen,
dass die damalige Situation aufgrund der bereits zuvor erfolgten Konfrontation
zwischen dem Mitbeschuldigten C._ und dem Privatkläger bereits emotional
aufgeladen war, wobei der Privatkläger seinen Teil zur Auseinandersetzung bei-
getragen hatte. Dass der Beschuldigte sich durch den Privatkläger gestört fühlte
und diesen für sein verkehrswidriges Verhalten zur Rede stellen wollte, erscheint
grundsätzlich nachvollziehbar. Das dafür gewählte Vorgehen war jedoch absolut
unangemessen und vermeidbar. Die objektive Tatschwere erfährt durch die
subjektiven Komponenten daher keine nennenswerte Reduktion.
Dem Tatverschulden angemessen erscheint eine Geldstrafe im Bereich von
45 Tagessätzen.
6.5. Vom Beschuldigten ist bekannt, dass er bei K._ AG arbeitet und
Fr. 5800.– brutto, inkl. Kinderzulagen, verdient. Er verfügt über ca. Fr. 20'000.–
Vermögen. Der Beschuldigte hat Hypothekarschulden und Darlehensschulden
von Fr. 87'000.–. Er ist verheiratet und Vater einer Sohnes. Seine Frau geht der-
zeit keiner Erwerbstätigkeit nach (Urk. 111; Urk. 121 S. 1 ff.).
Der Beschuldigte war im Zeitpunkt der Tatbegehung bereits vorbestraft. Mit Straf-
befehl der Staatsanwaltschaft See / Oberland vom 6. März 2007 wurde er wegen
Vergehens gegen das Waffengesetz mit einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu
- 25 -
Fr. 30.–, bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren, sowie mit einer Busse von
Fr. 300.– bestraft (Urk. 106). Der Beschuldigte wurde somit kurz nach Ablauf
der mit besagtem Strafbefehl angesetzten Probezeit erneut straffällig, was straf-
erhöhend zu gewichten ist.
6.6. Der Beschuldigte hat den Anklagevorwurf der Nötigung nicht anerkannt.
Aufgrund seines Aussageverhaltens kann er weder Einsicht noch Reue für sich
reklamieren. Demnach ist das Nachtatverhalten des Beschuldigten nicht strafmin-
dernd zu berücksichtigen.
6.7. Vorliegend rechtfertigt sich eine Strafreduktion infolge mehrfacher
Verletzung des Beschleunigungsgebots. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass das
vorinstanzliche Urteil am 3. April 2012 gefällt und den anwesenden Parteien glei-
chentags mündlich eröffnet wurde, der begründete Entscheid indes erst anfangs
Februar 2013 versandt wurde (Urk. 100). Gemäss Art. 84 Abs. 4 StPO hat das
Gericht den Parteien das vollständige begründete Urteil grundsätzlich innert 60
Tagen, ausnahmsweise 90 Tagen zuzustellen. Diese Frist wurde vorliegend sehr
deutlich überschritten, obwohl das vorliegende Strafverfahren nicht als besonders
schwierig bzw. komplex eingestuft werden kann. Darüber hinaus verstrichen seit
der ersten Befragung des Beschuldigten am 19. Mai 2009 (Urk. 9) bis zum erst-
instanzlichen Urteil fast drei Jahre, wovon alleine das Rekursverfahren zwei Jahre
in Anspruch nahm (vgl. Urk. 28-33). Auch dafür lagen keine sachlichen Gründe
vor. Die dargelegten Verzögerungen und die für eine Tat der vorliegenden Art
insgesamt überlange Verfahrensdauer von mehr als vier Jahren stellen eine
Verletzung des Beschleunigungsgebots dar, was sich in einer klaren Reduktion
der Strafe niederschlagen muss.
6.8. Unter Berücksichtigung des Asperationsprinzips erweist sich für die
Nötigung sowie die abgeurteilten Straftaten eine hypothetische Gesamtstrafe von
110 Tagessätzen Geldstrafe als angemessen. Davon sind die bereits mit Straf-
befehl der Staatsanwaltschaft See / Oberland vom 20. Juli 2011 ausgefällten
80 Tagessätze Geldstrafe abzuziehen. Dementsprechend ist der Beschuldigte
heute mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen als Zusatzstrafe zum erwähnten
Strafbefehl zu bestrafen.
- 26 -
6.9. Die von der Vorinstanz auf Fr. 90.– festgesetzte Tagessatzhöhe trägt den
finanziellen Verhältnissen des Beschuldigten (Urk. 121 S. 2 f.) in angemessener
Weise Rechnung und wurde von der Verteidigung für den Fall eines Schuld-
spruchs anerkannt (Urk. 122 S. 1 i.V.m. Prot. II S. 7). Der Beschuldigte ist daher
mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 90.– zu bestrafen, als Zusatz-
strafe zu der mit Strafbefehl vom 20. Juli 2011 ausgefällten Geldstrafe von
80 Tagessätzen zu Fr. 100.–.
6.10. Bezüglich der einfachen Verletzung des Verkehrsregeln ist zu beachten,
dass es dem Beschuldigten ohne Weiteres möglich gewesen wäre, sich pflicht-
gemäss zu verhalten. Dies gilt selbst unter der Annahme, dass der Beschuldigte
durch den Privatkläger geblendet wurde. Wie bereits mehrfach dargelegt, bestand
auch in diesem Fall kein Grund, das Fahrzeug unvermittelt mitten auf der rechten
Fahrspur, leicht schräg gestellt, anzuhalten. Mit seinem Fahrverhalten hat der
Beschuldigte den hinter ihm fahrenden Privatkläger zumindest abstrakt gefährdet.
Der Beschuldigte zeigte sich im Berufungsverfahren hinsichtlich der Verkehrs-
regelverletzung geständig, was strafmindernd zu berücksichtigen ist. Weiter zu
reduzieren ist die Strafe infolge Verletzung des Beschleunigungsgebots.
In Würdigung der obgenannten Kriterien erweist sich für die im vorliegenden Ver-
fahren zu beurteilende Übertretung und die bereits abgeurteilten Übertretungen
eine hypothetische Gesamtstrafe von Fr. 2'300.– Busse angemessen. Davon ist
die bereits mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft See / Oberland ausgesproche-
ne Busse von Fr. 2'100.– abzuziehen. Dementsprechend ist der Beschuldigte
heute mit einer Busse von Fr. 200.– als Zusatzstrafe zum erwähnten Strafbefehl
zu bestrafen. Die Ersatzfreiheitsstrafe für den Fall der schuldhaften Nichtbezah-
lung der Busse ist praxisgemäss auf zwei Tage festzusetzen.
7. Vollzug
Der Entscheid der Vorinstanz betreffend den Aufschub des Strafvollzuges kann
schon auf Grund des Verschlechterungsverbotes nicht geändert werden. Die von
der Vorinstanz angesetzte Probezeit von drei Jahren erscheint angemessen und
- 27 -
wurde für den Fall eines Schuldspruchs auch von der Verteidigung beantragt
(Urk. 122 S. 1 i.V.m. Prot. II S. 7).
8. Zivilforderungen
Hinsichtlich der Zivilforderungen kann vollumfänglich auf die zutreffenden Aus-
führungen im angefochtenen Entscheid verwiesen werden, welche keinerlei
Ergänzungen bedürfen (Urk. 101 S. 42 f.; Art. 82 Abs. 4 StPO). Der Privatkläger
ist mit seinem Schadenersatz- und Genugtuungsbegehren demnach auf den Weg
des Zivilprozesses zu verweisen.
9. Kosten- und Entschädigungsfolgen
9.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist die erstinstanzliche Kosten- und
Entschädigungsregelung (Dispositivziffern 7 und 8) zu bestätigen.
9.2. Im Berufungsverfahren werden die Kosten nach Obsiegen und Unterliegen
auferlegt. Als unterliegend gilt dabei auch diejenige Partei, auf deren Rechtsmittel
nicht eingetreten wird oder die das Rechtsmittel zurückzieht (Art. 428 Abs. 1
StPO).
Der Beschuldigte erreicht im Berufungsverfahren eine erhebliche Reduktion
der Strafe. Er unterliegt jedoch mit seinem Antrag auf Freispruch vom Vorwurf der
Nötigung.
Auf die Berufung des Privatklägers wird nicht eingetreten. Mit seiner Anschluss-
berufung dringt der Privatkläger lediglich durch, soweit er eine Verurteilung des
Beschuldigten wegen Nötigung beantragt. Im Übrigen unterliegt er mit seinen
Anträgen vollständig. Bei diesem Verfahrensausgang rechtfertigt es sich, die
Kosten des Berufungsverfahrens dem Beschuldigten zu einem Viertel und dem
Privatkläger zu drei Vierteln aufzuerlegen.
9.3. Ausgangsgemäss ist der Privatkläger zu verpflichten, dem Beschuldigten
eine reduzierte Prozessentschädigung auszurichten (vgl. BGE 139 IV 45, E. 1).
Eine Honorarabrechnung wurde seitens der erbetenen Verteidigung nicht einge-
reicht. Damit sind die Kosten der Verteidigung, auch entsprechend ihrem eigenen
- 28 -
Antrag (Prot. II S. 25), nach pflichtgemässen Ermessen festzusetzen. Dem Um-
fang und den Schwierigkeiten des Falles angemessen erscheint eine Entschädi-
gung von Fr. 4'000.–. Der Privatkläger ist daher dem Ausgang des Berufungs-
verfahrens entsprechend, zu verpflichten, dem Beschuldigten für das Berufungs-
verfahren eine reduzierte Prozessentschädigung von Fr. 1'000.– zu bezahlen.