Decision ID: 444fb3ce-1aa9-43bf-bbaf-bfce86d62712
Year: 2019
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der 1972 geborene
X._
war vom
1.
April 1998 bis am 31. August 2008 als Senior Control
Specialist
bei der
Y._
angestellt und im Rahmen dieses Arbeitsverhältnisses bei der Pensionskasse der
Y._
berufsvorsorgeversichert (Urk.
28/1/16). Vom
1.
September 2008 bis 1
9.
März 2010 bezog er -
auf einer Vermittelbarkeit von 100 % basierende –
Taggelder der Arbeitslosenversicherung (
Urk.
28/1/1 und
Urk.
11/7/3).
Während der Dauer der kontrollierten Arbeitslo
sigkeit war er bei der Stiftung Auffangeinrichtung BVG berufsvorsorgeversichert.
Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, bei der sich der Versicherte am 1
0.
März 2011 unter Hinweis auf eine ausgeprägte soziale Phobie mit Depressionen, die im Laufe der Jahre zugenommen hätten, zum Leistungsbe
zug angemeldet hatte (Urk. 15/1), sprach ihm mit Verfügung vom 17. Februar 2012 – unter Hinweis auf die per Dezember 2009 eröffnete Wartezeit – eine ganze Rente mit Wirkung ab
1.
September 2011 zu (Urk. 15/35 und Urk. 15/25/1).
Mit Mitteilung vom 2
3.
Januar 2018 bestätigte sie die Ausrichtung einer ganzen Rente (
Urk.
15/75).
Auf entsprechendes Gesuch des Versicherten hin (Urk.
11/2/1-3
) lehnte die
Stif
tung Auffangeinrichtung BVG
die Ausrichtung von Invalidenleistungen ab (Urk.
2/4
).
2.
Mit Eingabe vom
1
3.
März 2018
erhob der Versicherte Klage gegen die
Stiftung Auffangeinrichtung BVG
mit folgende
m
Rechtsbegehren (Urk. 1 S. 2):
„1.
Es sei die Beklagte zur Ausrichtung der obligatorischen und reglementari
schen Leistungen, insbesondere einer ganzen Invalidenrente, zuzüglich Ver
zugszins ab Klageanhebend rückwirkend ab 01.09.2011, zu verpflichten.
2.
Es sei dem Kläger die unentgeltliche Prozessführung und
Rechtsverbeistän
dung
mit der Unterzeichnenden zu bewilligen.
Unter
Kosten- und Entschädigungsfolge zu L
asten der Beklagten.“
Am 2
4.
April 2018 beantragte die Stiftung Auffangeinrichtung BVG, die Klage sei abzuweisen
(Urk.
10
).
Mit Gerichtsverfügung vom 2
5.
April 2018
(Urk.
12
)
wurden
die Akten der Invalidenversicherung
(
Urk.
15/1-75) sowie der
Unia
Ar
beitslosenkasse (
Urk.
17/1-2)
beigezogen
.
Am
2
8.
Mai 2018 (
Urk.
21) wies das hiesige Gericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtsvertretung wegen fehlender Bedürftigkeit ab. Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels hiel
ten die Parteien an den gestellten Anträgen fest
(Urk.
23 und
Urk.
27
)
. Mit Ver
fügung vom 2
8.
Juni 2018 (
Urk.
24) forderte das hiesige Gericht die Beklagte auf, verschiedene Unterlage
n einzureichen, welche als Urk.
28/1-3 aufgelegt wurden.
Der Kläger nahm dazu am 3
1.
August 2018 Stellung (
Urk.
31). Die von der Be
klagten dazu eingereichte Stellungnahme vom 1
3.
September 2018 (
Urk.
35) wurde d
em Kläger mit Verfügung vom 14.
September 2018 (
Urk.
36) zur Kenntnis gebracht.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach
Art.
24
Abs.
1 des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlasse
nen
-
und Invalidenvorsorge (BVG) hat der Versicherte Anspruch auf eine volle Invalidenrente, wenn er im Sinne der Invalidenversicherung mindestens zu 70 %, auf eine
Dreiviertelsrente
, wenn er mindestens zu 60 %, auf eine halbe Rente, wenn er mindestens zur Hälfte und auf eine
Viertelsrente
, wenn er mindestens zu 40 % invalid ist. Gemäss
Abs.
1 von
Art.
26 BVG gelten für den Beginn des An
spruchs auf Invalidenleistungen sinngemäss die entsprechenden Bestimmungen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (
Art.
29 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG). Die Invalidenleistungen nach BVG werden von derjenigen Vorsorgeeinrichtung geschuldet, welcher die den Anspruch erhe
bende Person bei Eintritt des versicherten Ereignisses angeschlossen war. Im Bereich der obligatorischen beruflichen Vorsorge fällt dieser Zeitpunkt nicht mit dem Eintritt der Invalidität nach IVG, sondern mit dem Eintritt der Arbeitsunfä
higkeit zusammen, deren Ursache zur Invalidität geführt hat (vgl.
Art.
23 BVG). Auf diese Weise wird dem Umstand Rechnung getragen, dass die versicherte Per
son meistens erst nach einer längeren Zeit der Arbeitsunfähigkeit (nach einer Wartezeit von einem Jahr gemäss
Art.
28
Abs.
1
lit
. b IVG in Verbindung mit
Art.
26 BVG) invalid wird. Damit nämlich der durch die zweite Säule bezweckte Schutz zum Tragen kommt, muss das Invaliditätsrisiko auch dann gedeckt sein, wenn es rechtlich gesehen erst nach einer langen Krankheit eintritt, während welcher die Person unter Umständen aus dem Arbeitsverhältnis ausgeschieden ist und daher nicht mehr dem
Obligatorium
unterstanden hat (BGE 123 V 262 E. 1b, 121 V 97 E. 2a, 120 V 112 E. 2b, je mit Hinweisen).
1.2
Die Versicherteneigenschaft muss nur bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit gegeben sein, dagegen nicht notwendigerweise auch im Zeitpunkt des Eintritts oder der Verschlimmerung der Invalidität. Diese wörtliche Auslegung steht in Einklang mit Sinn und Zweck der Bestimmung, nämlich denjenigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Versicherungsschutz angedeihen zu lassen, welche nach einer längeren Krankheit aus dem Arbeitsverhältnis ausscheiden und erst später invalid
werden. Für eine einmal aus
während der Versicherungsdauer aufgetrete
ne
Arbeitsunfähigkeit geschuldete Invalidenleistung bleibt die Vorsorgeeinrich
tung somit leistungspflichtig, selbst wenn sich nach Beendigung des Vorsorge
verhältnisses der Invaliditätsgrad ändert. Entsprechend bildet denn auch der Wegfall der Versicherteneigenschaft kein Erlöschungsgrund (
Art.
26
Abs.
3 BVG e
contrario
; BGE 123 V 262 E. 1a, 118 V 35 E. 5).
1.
3
Die Arbeitsunfähigkeit ist relevant, wenn sie mindestens 20 % beträgt und sich
auf das Arbeitsverhältnis sinnfällig auswirkt oder ausgewirkt hat. Es muss ar
beits
rechtlich in Erscheinung treten, dass die versicherte Person im bisherigen
Beruf an Leistungsvermögen eingebüsst hat, so etwa durch einen Abfall der Leis
tungen mit entsprechender Feststellung oder gar Ermahnung des Arbeitge
bers oder durch gehäufte, gesundheitlich bedingte Arbeitsausfälle. Der Zeitpunkt des
Eintritts der berufsvorsorgerechtlich relevanten Arbeitsunfähigkeit muss mit dem
im Sozialver
sicherungsrecht üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahr
scheinlichkeit grundsätzlich echtzeitlich nachgewiesen sein. Dieser Nach
weis darf nicht durch nachträgliche Annahmen und spekulative Überlegungen ersetzt werden (Urteil des Bundesgerichts 9C_91/2013 vom 17. Juni 2013 E. 4.1.2 mit Hinweisen).
1.4
Aus der engen Verbindung zwischen dem Recht auf eine Rente der Invalidenver
sicherung und demjenigen auf eine Invalidenleistung nach BVG ergibt sich, dass der Invaliditätsbegriff im obligatorischen Bereich der beruflichen Vorsorge und in der Invalidenversicherung grundsätzlich der gleiche ist (BGE 123 V 269 E. 2a, 120 V 106 E. 3c, je mit Hinweisen).
Praxisgemäss sind daher die Vorsorgeeinrichtungen im Bereich der gesetzlichen Mindestvorsorge (
Art.
6 BVG) an die Feststellungen der IV-Organe (Eintritt der invalidisierenden Arbeitsunfähigkeit, Eröffnung der Wartezeit, Festsetzung des Invaliditätsgrades) gebunden, soweit die IV-rechtliche Betrachtung aufgrund einer gesamthaften Prüfung der Akten nicht als offensichtlich unhaltbar erscheint (BGE 126 V 309 E. 1 in
fine
). Diese Konzeption fusst auf der Überlegung, die Organe der (obligatorischen) beruflichen Vorsorge von eigenen aufwändigen Ab
klärungen freizustellen, und gilt nur bezüglich Feststellungen und Beurteilungen der IV-Organe, welche im invalidenversicherungsrechtlichen Verfahren für die Festlegung des Anspruchs auf eine Invalidenrente entscheidend waren (BGE 132 V 1 E. 3.2). So hat beispielsweise eine verspätete Anmeldung zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung rechtsprechungsgemäss die freie Überprüfbarkeit des leistungserheblichen Sachverhaltes durch die Vorsorgeeinrichtung bezie
hungsweise das Berufsvorsorgegericht zur Folge (Urteil des Bundesgerichts 9C_49/2010 vom 2
3.
Februar 2010 E. 2.1).
Diese Bindungswirkung setzt voraus, dass die Vorsorgeeinrichtung (spätestens) ins
Vorbescheidverfahren
(
Art.
73
ter
der
Verordnung ü
ber die Invalidenversiche
rung, IVV
) einbezogen und ihr die Rentenverfügung formgültig eröffnet wurde (Urteil des Bundesgerichts 9C_81/2010 vom 1
6.
Juni 2010 E. 3.1, mit Hinweisen). Dem BVG-Versicherer steht ein selbständiges Beschwerderecht im Verfahren nach IVG zu. Unterbleibt ein solches Einbeziehen der Vorsorgeeinrichtungen, ist die IV-rechtliche Festsetzung des Invaliditätsgrades (grundsätzlich,
masslich
und zeitlich) berufsvorsorgerechtlich nicht verbindlich (BGE 130 V 270 E. 3.1).
Stellt die Vorsorgeeinrichtung auf die invalidenversicherungsrechtliche Betrach
tungsweise ab, muss sich die versicherte Person diese entgegenhalten lassen, so
weit diese für die Festlegung des Anspruchs auf eine Invalidenrente entscheidend war, und zwar ungeachtet dessen, ob der Vorsorgeversicherer im Verfahren der Invalidenversicherung beteiligt war oder nicht. Vorbehalten sind jene Fälle, in denen eine gesamthafte Prüfung der Aktenlage ergibt, dass die Invaliditätsbemes
sung der Invalidenversicherung offensichtlich unhaltbar war (BGE 130 V 270 E. 3.1).
2.
2.1
Der Kläger führte zur Klagebegründung aus,
er habe von September 2008 bis März 2010 Taggelder der Arbeitslosenversicherung bezogen. Seit Ende 2009 stehe er in therapeutischer
Behandlung bei med.
pract
.
Z._
. Dieser habe
im Bericht vom 8. Juni 2011 festgehalten, dass rückblickend seit Dezember 2009 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe. Die Ärztin des Regionalen Ärztlichen Diens
tes (RAD) habe empfohlen, sich auf diesen Bericht zu beziehen. So habe auch die IV-Stelle den Beginn des Wartejahres auf Dezember 2009 festgesetzt. Die Aussage der Beklagten, wonach erst seit
8.
Juni 2011 eine Arbeitsunfähigkeit ärztlich aus
gewiesen und echtzeitlich bestätigt sei, treffe folglich nicht zu. Med.
pract
.
Z._
behandle ihn seit Dezember 2009 und habe ihn seither intensiv beobach
ten können. Seine Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sei folglich sehr wohl eine echtzeitliche medizinische Einschätzung. Die Arbeitsunfähigkeit, welche zur In
validität geführt habe, sei somit während der Versicherungszeit bei der Beklagten eingetreten, weshalb diese leistungspflichtig sei. Die Leistungen seien ab Klagean
hebung zu verzinsen (
Urk.
1 S. 3-5).
Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels hielt der Kläger fest (
Urk.
23
),
d
ie ren
tenrelevante Arbeitsunfähigkeit sei im Dezember 2009 eingetreten. Dass er wäh
rend der gesamten Dauer des Taggeldbezuges voll vermittlungsfähig gewesen sei, zeige lediglich auf, dass er habe arbeiten wollen, ändere aber nichts daran, dass
er gemäss ärztlicher Einschätzung zu diesem Zeitpunkt arbeitsunfähig gewesen sei. Es beständen keine Zweifel an der Rechtmässigkeit der Invalidenrente, erst kürzlich sei sein Anspruch darauf vollständig bestätigt worden (S. 3-6).
2
.2
Die Beklagte begründete die Leistungsverweigerung damit, dass die IV-Stelle den Beginn der Wartefrist auf Dezember 2009 gelegt, dem Kläger aufgrund einer ver
späteten Anmeldung aber erst ab
1.
September 2011 eine Rente zugesprochen habe. Für
sie
bestehe demnach keine Bindungswirkung an die Feststellungen der IV-Organe. Die Verfügung der IV-Stelle sei
ohnehin
lediglich der Pensionskasse
der
Y._
zugestellt worden.
Dr.
med.
A._
, Facharzt Psychiatrie und
Psychothe
rapie, habe mit Arztzeugnis vom 27. Oktober 2008 gegenüber der Arbeitslosen
kasse bestätigt, dass der Kläger ab dem
1.
September 2008 zu 100
%
arbeitsfähig sei. Für die gesamte Dauer des Taggeldbezugs seien fünf Krankheitstage ausge
wiesen, ansonsten sei er voll vermittlungsfähig gewesen. Med.
pract
.
Z._
habe zudem am 2
4.
September 2009 festgehalten, dass der Kläger seit dem 1
0.
September 2009 bei ihm in Behandlung stehe, in einer an seine schwere psy
chische Erkrankung angepassten Tätigkeit aber zu 100
%
arbeitsfähig sei (
Urk.
10 S. 2-5 und S. 11). Es fehle an einer echtzeitlichen Einschätzung der Arbeitsunfä
higkeit für den Zeitraum vom 8. September 2008 bis 2
1.
März 201
0.
Zudem
seien allfällige Rentenansprü
che vom
1.
September 2011 bis 2
9.
Oktober 2012 bereits verjährt (S. 11-12). Überdies stelle sich - aus näher dargelegten Gründen - die Frage, ob dem Kläger die ganze Rente zu Recht zugesprochen worden beziehungs
weise weshalb diese bis heute nicht im Rahmen einer Revision wieder aufgehoben worden sei. Ein psychiatrisches Gutachten fehle vorliegend und sei - sofern die Beklagte überhaupt zuständig sei - einzuholen. Ein allfälliger Verzugszins sei le
diglich in der Höhe des BVG-Zinses geschuldet (S. 13-14).
Im Rahmen des zweiten Schriftenwechsels ergänzte die Beklagte (
Urk.
27), die (abgesehen von fünf Krankheitstagen) volle Vermittlungsfähigkeit des Klägers während der gesamten Dauer des Taggeldbezugs sei als starkes Indiz für eine Arbeitsfähigkeit zu werten. Die IV-Stelle habe im Übrigen für ihren letzten Revi
sionsentscheid keinen aktuellen Arztbericht einholen können, sondern sich einzig und allein auf die Angaben des Klägers gestützt. Dieser gebe an, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benützen, viel Sport zu treiben und täglich zweimal ins Fitness-Center zu gehen. Die IV-Stelle hätte alle Veranlassung gehabt, diese Aussagen einer näheren Prüfung zu unterziehen (S. 5-6).
3.
3.
1
Dr.
A._
vom
B._
, Psychiatrische Poliklinik,
bestätigte
mit Arztzeugnis vom
2
7.
Oktober 2008 gegenüber der Arbeitslosenkasse, dass der Kläger ab
1.
September 2008 und bis auf weiteres zu 100
%
arbeitsfähig sei (
Urk.
28/1/14).
3.2
Med.
pract
.
Z._
stellte in seinem Zeugnis vom 2
4.
September 2009 zu Händen des R
egionalen Arbeitsvermittlungszentrum
s
(RAV)
C._
(
Urk.
28/2) die Diagnose einer sozialen Phobie (ICD-10 F40.1) und führte dazu aus, der Kläger stehe seit dem 1
0.
September 2009 in seiner ambulanten psychotherapeutischen Behandlung. Nach seiner objektiven Einschätzung bestehe eine 100%ige Arbeits
fähigkeit. Zwar leide
d
er
Kläger
an einer schweren psychischen Erkrankung, wel
che mit hohem Vermeidungsverhalten zur psychischen Entlastung verbunden sei, dennoch dürfte es ihm möglich sein, in einem vertrauten Umfeld zu 100
%
zu arbeiten (sowohl im Hinblick auf Leistung und Zeit). Da es sich bei dieser Erkran
kung vor allem um Ängste handle, welche bei sozialer Exposition wie beispiels
weise Vorträge halten oder sich in eine Gruppe integrieren in ihrer Intensität massiv
zunähmen
, scheine die Teilnahme an Kursen, welche in grösseren Grup
pen abgehalten würden, als äusserst belastend und problematisch für den Kläger, da dort sein Angstniveau über längere Zeit auf einem hohen Level unverändert bleibe. Aktuell befinde er sich in ambulanter Behandlung und unter Umständen werde es in baldiger Zeit möglich sein, diese Kurse trotz Ängsten wahrzunehmen. Zwar führe häufig Vermeidungsverhalten zu einer Symptomverstärkung, wieder
holende und längere soziale Expositionen sollten allerdings bei
Sozialphobikern
in einem therapeutischen Setting erfolgen. Es sei weiterhin sinnvoll,
ihn
bei der Arbeitssuche zu unterstützen, trotz den Einbussen welche er durch seine Ängste erlebe. In der Vergangenheit habe er bereits gezeigt, dass er trotz seinem psychi
schen Leiden arbeitsfähig sei (S. 1-2).
3.3
In seinem Bericht vom
8.
Juni 2011 zu Händen der IV-Stelle (
Urk.
15/12) hielt med.
pract
.
Z._
folgende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit fest (S. 1):
-
schwere soziale Phobie (ICD-10 F40.1), seit der Jugendzeit
,
Differentialdiag
nose ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.6)
-
mittelgradige depressive Episode, ohne somatisches Syndrom (ICD-10 F32.10), seit mindestens 2-3 Jahren
-
Verdacht auf schädliche
n
Gebrauch von Alkohol (ICD-10 F10.1), jedoch eher riskanter Umgang mit Alkohol (keine ICD-10-Diagnose)
Dazu führte er aus, der Kläger stehe seit Ende 2009
und
bis auf Weiteres in seiner Behandlung, dies bis Anfang 2011 im wöchentlichen Intervall zu je einer Stunde, anschliessend
zweiwöchentliche Sitzungen zu je einer Stunde.
Zuvor habe keine Behandlung stattgefunden.
Seit Beginn der Pubertät sei es zu einer zunehmenden
Distanzierung zu gleichalt
r
igen
Jugendlichen im Grunde wegen starkem Selbst
zweifel und Unsicherheit und zu einer beginnenden sozialen Isolation gekommen. Nach einem beruflichen Beginn in der Bankenbranche dank Beziehungen des Va
ters sei eine zunehmende Steigerung der psychischen Problematik und
eine
extreme Zunahme von Vermeidungsverhalten als kompensatorische Bewälti
gungsstrategie erfolgt. Es sei zu einem jahrelangen extremen psychischen Leiden unter der ständigen Angepasstheit und passiven Aggressionen gegenüber dem Arbeitgeber und
den
Arbeitskollegen gekommen. Schwierigkeiten aufgrund der Grunderkrankung hätten zur Auflösung des Arbeitsvertrages, zur finanziellen Verschuldung und zu sozialem Rückzug geführt (S. 1 f.). Eine Gruppentherapie sei wegen den schwersten Ängsten derzeit nicht angebracht und schon gar nicht umsetzbar. Zuletzt sei in einem ersten Schritt die ambulante Behandlungsfre
quenz der Therapie erhöht worden. Im Verlauf der bisherigen Therapie hätten sich Erfolge abgezeichnet, welche aber bisher aufgrund der relativ kurzen Behand
lungszeit noch keinen relevanten Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit gehabt hätten (S. 3). Der Kläger habe eine starke Angst vor sozialer Exposition (etwa beim Ein
kaufen, Zugfahren, Spazierengehen, Arbeiten). Neben zweimaligem Besuch pro Tag eines Fitness-Studios, der zweimal pro Woche stattfindenden Psychotherapie und Terminen auf dem Sozialamt habe er keinerlei weitere soziale Terminver
pflichtungen (S. 3). Kurz- und mittelfristig bestehe eine 100%ige Arbeitsunfähig
keit in jeglicher Tätigkeit. Rückblickend müsse davon ausgegangen werden, dass bereits seit mindestens Therapiebeginn (Dezember 2009) eine 100%ige Arbeits
unfähigkeit besteh
e
. Ein beruflicher Reintegrationsversuch via RAV sei aufgrund der Grunderkrankung nicht erfolgreich umsetzbar gewesen (S. 4).
3.
4
Dr.
med.
D._
, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, vom RAD hielt in ihrer Stellungnahme vom 1
1.
Juli 2011 (
Urk.
15/20/3-4) fest, die Angaben von med.
pract
.
Z._
zum Gesundheitsschaden seien nachvollzieh
bar. Es sei demnach derzeit eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in der frei
en Markt
wirtschaft ausgewiesen. E
ine medizinische Neubeurteilung werde nach weiterfüh
render psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung in einem Jahr empfoh
len. Der angegebene Verlauf der prozentualen Arbeitsfähigkeit sei nicht eindeu
tig, da in den Akten auch eine 50%ige Krankschreibung erwähnt sei und zudem gemäss Gespräch des
Klägers
mit einer Sachbearbeiterin der
IV-Stelle
(
Urk.
15/7) im Mai 2010 eine 100%ige Vermittlungsfähigkeit bestanden haben soll.
Am 3
1.
Oktober 2011 ergänzte sie (
Urk.
15/20/4-5), aufgrund der mangelnden Zeugnisse zum Verlauf der Arbeitsfähigkeit werde empfohlen, sich auf den Be
richt von med.
pract
.
Z._
vom
8.
Juni 2011 (E. 3.3
hievor
) zu beziehen. Des
sen
vorübergehende Attestierung einer 50%igen Arbeitsfähigkeit könne wahr
scheinlich im Rahmen eines gescheiterten Wiedereingliederungsversuches ange
sehen werden. Dementsprechend sei seit Therapiebeginn im Dezember 2009 eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit in jeglicher Tätigkeit ausgewiesen. Der Kläger nehme die möglichen Behandlungsoptionen wahr. Unter der fortgesetzten psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung könne in ein bis zwei Jahren mit einer we
sentlichen Verbesserung des Gesundheitsschadens und der Arbeitsfähigkeit ge
rechnet werden.
4.
4.1
Die Invalidenrente wurde dem Kläger aufgrund seiner psychischen Beschwerden zuge
sprochen. Umstritten ist vorliegend, ob die durch die psychische Problematik verursachte Arbeitsunfähigkeit i
n der Zeit, während der
er
bei de
r
Beklagten vor
sorgeversichert war, eintrat
.
4.2
Die IV-Stelle setzte den Beginn des Wartejahres in ihrer Rentenverfügung vom
17. Februar 2012
(Urk. 15/35 und Urk. 15/25/1)
auf
Dezember 2009
fest und rich
tete die
Rentenleis
tungen ab
1.
September 2011 aus. Die Verfügung sowie der die Rentenleistung be
treffende Vorbescheid vom
6.
Dezember 2011 (Urk. 15/22) wur
den der Beklagten
nicht
zugestellt. Diese
ist
damit nicht an die in der Rentenver
fügung getroffenen Feststellungen gebunden
.
Die Frage des Eintritts der
mass
geblichen
Arbeitsunfähigkeit ist
demnach
grundsätzlich
frei zu prüfen
, der Kläger ist dagegen an die Feststellungen der Invalidenversicherung gebunden, soweit sich die Beklagte darauf beruft.
4.3
4.3.1
Der Kläger bezog vom
1.
September 2008 bis 1
9.
März 2010
(Zeitpunkt Aus
schöpfung des Taggeldanspruchs)
Taggelder der Arbeitslosenversicherung (Urk. 28/1/1 und
Urk.
11/7/3). Abgesehen von einer einwöchigen Arbeitsunfähig
keit ab 1
7.
November 2008 aufgrund eines Unfalls (Hexenschuss) war er dabei stets zu 100 % vermittlungsfähig (
Urk.
15/8/2-3 und
Urk.
28/1/99). Der Kläger bestätigte denn auch in den jeweiligen Angaben der versicherten Person für die Monate September 2009 bis März 2010 selbst, abgesehen von diesen sieben Tagen nie arbeitsunfähig gewesen zu sein (
vgl. Urk.
28/1/59
-114
).
In seinem Zeugnis vom 2
4.
September 2009 hielt d
er
behandelnde med.
pract
.
Z._
fest, dass er den Kläger seit dem 1
0.
September 2009 therapiere und dass dieser trotz seiner sozialen Phobie in einem vertrauten Umfeld - und damit auch in der angestamm
ten Tätigkeit - zu 100
%
arbeitsfähig ist (E. 3.2
hievor
).
Echtzeitlich ist
somit
während des vorliegend massgebenden Zeitraums lediglich eine siebentägige und
im vorliegenden Zusammenhang nicht
relevante
Arbeitsunfähigkeit belegt.
Nach
dem gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung bereits b
ei einem Bezug von Taggeldern
der Arbeitslosenversicherung
während einer dreivierteljährigen Pe
riode nicht von einer Arbeitsunfähigkeit ausgegangen werden kann, wenn keine entsprechende echtzeitliche medizinische Aussage vorliegt (vgl. dazu Urteil des Bundesgerichts 9
C_100/2018 vom 2
1.
Juni 2018 E.
4.1.2 mit Hinweisen), hat dies bei einem wie vorliegend doppelt so langen Taggeldbezug ohne echtzeitliche fachärztliche Ar
beits
un
fähigkeitsbescheinigung um
so mehr zu gelten.
4.3.2
Erst
am 1
0.
März 2011 - mithin
knapp
ein Jahr nach Ende des Vorsorgeschutzes
bei der
Beklagte
n
- meldete sich der Kläger erstmals bei der IV-Stelle zum Leis
tungsbezug an. Im von
dieser
daraufhin eingeholten
Bericht
vom
8.
Juni 2011
bescheinigte
med.
pract
.
Z._
erstmals
,
dass beim Kläger mindestens seit Be
handlungsbeginn eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit bestehe
(E. 3.3
hievor
)
.
Als Therapiebeginn nannte er
dabei
Dezember 2009, obwohl er diesbezüglich im Zeugnis vom 24. September 2009
(vorne E. 4.3.1)
noch den 1
0.
September 2009 aufgeführt hatte.
Wesentlich ist, dass dazu
kommt, dass m
ed.
pract
.
Z._
mit keinem Wort begründete
, weshalb er
–
im Gegensatz zu seinem
echtzeitlichen Zeugnis
vom 2
4.
September 2009 -
rückwirkend
von einer
spätestens bei Thera
piebeginn
eingetretenen vollen Arbeitsunfähigkeit ausging.
D
ie schwere soziale Phobie des
Klägers
besteht
offenbar seit der Jugendzeit und
er konnte
mit dieser bis am 31.
August 2008 einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit nachgehen
. Bei feh
lender entsprechender Begründung kann die durch die
Soziop
hobie verursachte Arbeitsunfähigkeit ebenso wahrscheinlich nach wie
auch
während des vorliegend massgebenden Zeitraums eingetreten sein. Dasselbe gilt für die mittelgradige de
pressive Episode, welche offenbar seit
spätestens
Juni 2009 besteht, gemäss dem echtzeitlichen Bericht vom 2
4.
September 2009
von med.
pract
.
Z._
die Ar
beitsfähigkeit des Klägers jedoch dannzumal nicht beeinträchtigt
hat
.
Dass med.
pract
.
Z._
ihn
im Juni 2011 bereits seit rund 1.5 Jahren begleitet hat, ändert nichts daran, dass er eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Klägers beziehungsweise den Eintritt einer berufsvorsorgerechtlich relevanten Arbeitsun
fähigkeit während der Dauer des Vorsorgeschutzes bei der Beklagten nicht schlüs
sig begründet hat.
Hinzu kommt, dass im Laufe des Jahres 2011 die Therapie
des Klägers
offenbar intensiviert wurde und im Zeitpunkt des Berichts vom
8.
Juni 2011 zweimal pro Woche stattfand (E. 3.3
hievor
). Dies spricht für eine Ver
schlechterung des Gesundheitszustandes erst nach Ende des Vor
sorge
schutzes
durch die Beklagte
und damit
gegen
eine berufsvorsorgerechtlich mass
gebliche Arbeitsunfähigkeit
vor
diesem Zeitpunkt.
4.3.3
Nachdem vorliegend
den Einschätzungen der IV-Stelle keine Bindungswirkung zukommt und diese infolge verspäteter Anmeldung keinen Anlass hatte,
einge
hendere
Abklärungen zum
Zeitpunkt des
Beginn
s
der Arbeitsunfähigkeit zu täti
gen, ist auch auf deren Eröffnung
der Wartezeit
per Dezember 2009 nicht weiter einzugehen. Darauf hinzuweisen ist einzig, dass die Zustellung des Vorbescheids und der Verfügung an die
Pensionskasse der
Y._
statt an die Beklagte
(
Urk. 15/2
1 und
Urk. 15/3
8
)
im Widerspruch zu einem Eintritt der Arbeitsunfähigkeit im De
zember 2009 steht.
4.3.4
Von September 2008 bis März 2010 sind zusammenfassend keine fachärztli
chen, echtzeitlichen Bescheinigungen vorhanden, welche auf eine Arbeitsunfä
higkeit aus psychischen Gründen schliessen lassen würden.
Zwar trifft zu, dass es
zum
rechtsgenüglichen
Nachweis einer berufsvorsorgerechtlich relevanten
Einbusse
an funktionellem Leistungsvermögen nicht zwingend einer echtzeitlich attestier
ten Arbeitsunfähigkeit bedarf (vorerwähntes Urteil 9C_100/2018 E. 4.2.2 mit Hin
weisen)
. Vorliegend
kann
aber nach dem Gesagten auch
nach einer
Gesamtbeur
teilung des Beschwerdeverlaufs
nicht
auf eine überwiegend wahrscheinlich wäh
rend der Dauer des Vorsorgeschutzes bei der Beklagten eingetretene und
zur In
validität führende
mindestens 20%ige Arbeitsunfähigkeit
geschlossen werden
.
Ob die
Rentenzusprache
der IV-Stelle beziehungsweise deren
revisionsweise
Bestäti
gung nicht ohnehin
offensichtlich
unhaltbar war, kann bei diesem
Verfahrens
ausgang offenbleiben.
Die Beklagte trifft keine Leistungspflicht und die Klage ist abzuweisen.