Decision ID: f1c983d9-95ca-4e58-8c5b-db4c3509dc8a
Year: 2018
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ reichte der IV-Stelle des Kantons St. Gallen am 22. November 2016
(Eingang) einen Kostenvoranschlag vom 5. Oktober 2016 für einen Handrollstuhl sowie
eine dazugehörige ärztliche Verordnung vom 4. November 2016 ein (IV-act. 93 f.). Am
30. November 2016 bat die IV-Stelle das SAHB Hilfsmittelzentrum darum, den
Kostenvoranschlag für eine Neuversorgung mit einem Aktiv-Rollstuhl zu prüfen (IV-act.
101). Die fachtechnische Beurteilung des SAHB Hilfsmittelzentrums erfolgte am 17.
Februar 2017 (IV-act. 109).
A.b Mit Vorbescheid vom 27. Februar 2017 kündigte die IV-Stelle der Versicherten die
Ablehnung des Gesuchs um Kostengutsprache für einen Handrollstuhl an (IV-act. 113).
Dagegen erhob die Versicherte am 13. März 2017 einen Einwand (IV-act. 114). Mit
Verfügung vom 16. Juni 2017 wies die IV-Stelle das Gesuch wie angekündigt ab (IV-
act. 119).
A.c Gemäss einer Telefonnotiz erklärte die Versicherte am 23. Juni 2017 gegenüber
einer IV-Sachbearbeiterin, dass sie mit der ablehnenden Verfügung betreffend den
Handrollstuhl nicht einverstanden sei und bat um die Zustellung der Akten (IV-act. 120).
Am 26. Juni 2017 bat die IV-Stelle die Versicherte darum, den Namen und die Adresse
des behandelnden Arztes zu nennen, damit die Unterlagen diesem zugestellt werden
könnten (IV-act. 121). Am 4. Juli 2017 erklärte die Versicherte gegenüber einer IV-
Sachbearbeiterin telefonisch, dass sie mit diesem Vorgehen einverstanden sei und
nannte den Namen und die Adresse des behandelnden Arztes (IV-act. 122). Noch am
selben Tag stellte die IV-Stelle die Akten dem behandelnden Arzt zu (IV-act. 123).
B.
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B.a Gegen die Verfügung vom 16. Juni 2017 erhob die Versicherte (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) am 29. August 2017 Beschwerde (act. G 1). Sie führte unter
anderem aus, dass sie mit der Ombudsstelle Alter und Behinderung Kontakt
aufgenommen habe. Sie habe die Ombudsstelle darauf aufmerksam gemacht, dass die
Frist für die "Einsprache" am 28. August 2017 ablaufe. Bisher habe sie aber keine
Informationen dazu erhalten, ob die Ombudsfrau etwas unternommen habe. Deshalb
möchte sie auf diesem Wege noch "Einsprache" (gemeint: Beschwerde) erheben. Am
6. September 2017 stellte die Beschwerdeführerin ein Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege (act. G 3).
B.b Am 7. September 2017 forderte das Gericht die IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) auf, die Beschwerdeantwort einzureichen (act. G 5). Es bat die
Beschwerdegegnerin darum, insbesondere zur Frage der Rechtzeitigkeit der
Beschwerde Stellung zu nehmen.
B.c Die Beschwerdegegnerin beantragte am 28. September 2017 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 10). Zur Rechtzeitigkeit der Beschwerde führte sie aus, dass sie
die Beweislast für den Zeitpunkt der Zustellung einer Verfügung trage. Weil die
angefochtene Verfügung nicht eingeschrieben oder per A-Post Plus verschickt worden
sei, könne sie nicht beweisen, wann die Beschwerdeführerin diese genau erhalten
habe. Aktenkundig sei eine telefonische Reaktion der Beschwerdeführerin auf die
Verfügung am 23. Juni 2017. Demnach habe die Beschwerdeführerin die Verfügung
spätestens am 23. Juni 2017 erhalten. Die am 29. August 2017 erhobene Beschwerde
sei somit fristgerecht erfolgt.
B.d In seiner Replik vom 30. Oktober 2017 (act. G 15) führte der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin hinsichtlich der Frage der Rechtzeitigkeit der Beschwerde aus,
dass die Verfügung der Beschwerdeführerin lediglich per B-Post zugestellt worden sei.
Die Beschwerde vom 29. August 2017 sei fristgerecht eingereicht worden, was von der
Beschwerdegegnerin auch nicht bestritten werde.
B.e Am 14. November 2017 bewilligte das Gericht das Gesuch um unentgeltliche
Rechtspflege (Befreiung von den Gerichtskosten und Bewilligung der unentgeltlichen
Rechtsverbeiständung) für das Verfahren vor dem Versicherungsgericht (act. G 16).
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B.f Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (act. G 17 f.).

Erwägungen
1.
1.1 Als Eintretensvoraussetzung ist zu prüfen, ob die Beschwerdefrist eingehalten
worden ist. Die Parteien sind sich einig darüber, dass die Beschwerde rechtzeitig
erhoben worden ist (act. G 10/II./1.; act. G 15 N 1). Gemäss Art. 60 Abs. 1 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG, SR
830.1) ist die Beschwerde innerhalb von 30 Tagen nach der Eröffnung des
Einspracheentscheides oder der Verfügung, gegen welche eine Einsprache
ausgeschlossen ist, einzureichen. Für den Beginn des Fristenlaufs ist somit
entscheidend, wann die angefochtene Verfügung vom 16. Juni 2017 der
Beschwerdeführerin zugestellt worden ist.
1.2 Die Beschwerdegegnerin hat zu Recht darauf hingewiesen, dass sie die Beweislast
für den Zeitpunkt der Zustellung der Verfügung trage. Weil der
Sozialversicherungsprozess von der Untersuchungsmaxime beherrscht wird, kann
damit nur die so genannte objektive Beweislast in dem Sinne, dass im Falle der
Beweislosigkeit der Entscheid zu Ungunsten jener Partei ausfällt, die aus dem
unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte, gemeint sein (vgl. Urteil
des Eidgenössischen Versicherungsgerichts vom 19. August 2002, I 304/02 E. 1.2.1 mit
Hinweis). Die angefochtene Verfügung datiert vom 16. Juni 2017. Während den vom
15. Juli bis und mit dem 15. August dauernden Gerichtsferien stehen gesetzliche oder
behördliche Fristen, die nach Tagen oder Monaten bestimmt sind, still (Art. 38 Abs. 4
ATSG). Die Beschwerdeführerin hat unbestrittenermassen am 29. August 2017
Beschwerde erhoben. Damit kann die Beschwerdeführerin nur dann die
Beschwerdefrist gewahrt haben, wenn sie die angefochtene Verfügung frühestens am
28. Juni 2017 in Empfang genommen hat.
1.3 Weder die Beschwerdeführerin selbst noch ihr Rechtsvertreter haben im
Beschwerdeverfahren Angaben dazu gemacht, wann die Beschwerdeführerin die
angefochtene Verfügung erhalten hat. Gemäss den Angaben der Beschwerdegegnerin
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ist die Verfügung weder eingeschrieben noch per A-Post Plus verschickt worden ist.
Vonseiten der Post liegen somit keine Unterlagen vor, die beweisen würden, wann die
Verfügung der Beschwerdeführerin zugestellt worden ist. Allerdings liegt eine
Telefonnotiz einer IV-Sachbearbeiterin vom 23. Juni 2017 bei den Akten (IV-act. 120).
Aus dieser geht hervor, dass die Beschwerdeführerin mit der ablehnenden Verfügung
bezüglich des Handrollstuhls nicht einverstanden sei und deshalb die Akteneinsicht
wolle. Aus der Telefonnotiz könnte also geschlossen werden, dass die
Beschwerdeführerin spätestens am 23. Juni 2017 im Besitz der Verfügung vom 16.
Juni 2017 gewesen sein müsse. Dies würde bedeuten, dass die Frist am 24. Juni 2017
zu laufen begonnen und am 24. August 2017 (30. Tag der Frist) abgelaufen wäre. Sollte
also auf die Telefonnotiz abgestellt werden, wäre die Beschwerde verspätet erhoben
worden.
1.4 Als Nächstes ist somit der Beweiswert der Telefonnotiz zu prüfen. Gemäss der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung kommt einer Telefonnotiz nur ein eingeschränkter
Beweiswert zu (Urteil des Bundesgerichts vom 8. Juni 2010, 8C_67/2010 E. 6.5). In der
Telefonnotiz vom 23. Juni 2017 steht ausdrücklich, dass die Beschwerdeführerin mit
der ablehnenden Verfügung nicht einverstanden sei. Gemäss dem Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin ist die Verfügung per B-Post zugestellt worden (act. G. 15 N 1). Sie
datiert vom Freitag, 16. Juni 2017. Wäre sie noch am selben Tag per B-Post versandt
worden, hätte sie der Beschwerdeführerin nach dem normalen Betriebsablauf
spätestens am Mittwoch, 21. Juni 2017, zugestellt werden müssen. Natürlich ist es
auch möglich, dass die Verfügung erst am Montag, 19. Juni 2017, verschickt worden
ist. Diesfalls hätte sie der Beschwerdeführerin am Donnerstag, 22. Juni 2017, zugestellt
werden müssen (B-Post privat, www.post.ch/de/privat/versenden/briefe-inland-privat/
b-post-privat, besucht am 18. Mai 2018). In zeitlicher Hinsicht ist es also plausibel,
dass die Beschwerdeführerin die angefochtene Verfügung spätestens am 23. Juni 2017
erhalten und hierauf telefonisch noch am selben Tag ein Akteneinsichtsgesuch gestellt
hat. Ausgeschlossen werden kann, dass sich die Beschwerdeführerin beim Telefonat
vom 23. Juni 2017 nicht auf die Verfügung, sondern auf den (fast vier Monate zuvor
ergangenen) Vorbescheid vom 27. Februar 2017 bezogen hätte. Gegen diesen hatte
die Beschwerdeführerin nämlich ihr Nichteinverständnis bereits mit dem Einwand vom
13. März 2017 kundgetan (IV-act. 114). Für die Richtigkeit der Telefonnotiz vom 23.
Juni 2017 spricht auch, dass die Beschwerdegegnerin mit einem Schreiben vom 26.
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Juni 2017 auf das mündliche Akteneinsichtsgesuch reagiert hat (IV-act. 121). Nachdem
die Beschwerdeführerin am 4. Juli 2017 mündlich ihr Einverständnis damit erklärt hatte,
dass die Akten nicht ihr persönlich, sondern ihrem behandelnden Arzt zuzustellen seien
(IV-act. 122), hat die IV-Stelle die Akten noch am selben Tag verschickt (IV-act. 123).
Hinzu kommt, dass die Beschwerdeführerin selbst in der Beschwerdeschrift vom 29.
August 2017 festgehalten hat (act. G 1), dass die "Frist für Einsprache" (d.h. die
Beschwerdefrist) am 28. August 2017 ablaufe. Einerseits wäre die Beschwerde (vom
29. August 2017) auch zu spät erhoben worden, wenn die Frist erst am 28. August
2017 abgelaufen wäre. Andererseits ist es aber auch gut möglich, dass die
Beschwerdeführerin, die gemäss ihrem Rechtsvertreter rechtsunkundig ist (act. G 13 N
23), die Beschwerdefrist falsch berechnet hat. Der erste Tag des Fristlaufs ist nämlich
auf einen Samstag gefallen. Daher liegt es nahe, dass die Beschwerdeführerin
irrtümlich davon ausgegangen ist, die Frist würde erst am folgenden Montag (26. Juni
2017) zu laufen beginnen; denn im Gegensatz zum Beginn des Fristenlaufs ist es für
das Ende des Fristenlaufs relevant, ob dieser auf einen Samstag oder Sonntag fällt (vgl.
Art. 38 Abs. 3 ATSG). Wäre die Beschwerdeführerin von dieser irrigen Annahme
ausgegangen, wäre der letzte Tag der Frist auf den (von ihr erwähnten) 28. August
2017 gefallen. Somit spricht auch die Angabe der Beschwerdeführerin, dass die Frist
am 28. August 2017 ablaufe, zumindest nicht dagegen, dass ihr die angefochtene
Verfügung spätestens am 23. Juni 2017 zugestellt worden ist. Unter Berücksichtigung
aller Umstände kommt der Telefonnotiz vom 23. Juni 2017 somit ausnahmsweise ein
ausreichender Beweiswert zu: Die Verfügung ist der Beschwerdeführerin mit
überwiegender Wahrscheinlichkeit spätestens am 23. Juni 2017 zugestellt worden. Die
Beschwerdefrist ist also spätestens am 24. August 2017 abgelaufen. Die
Beschwerdeführerin hat erst am 29. August 2017 und somit, entgegen der Meinung der
Parteien, verspätet Beschwerde erhoben. Auf die Beschwerde ist daher nicht
einzutreten.
2.
2.1 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
vorliegend als angemessen. Sie ist der unterliegenden Beschwerdeführerin
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aufzuerlegen. Zufolge unentgeltlicher Rechtspflege ist sie von der Bezahlung zu
befreien.
2.2 Der Staat bezahlt zufolge unentgeltlicher Rechtsverbeiständung die Kosten der
Rechtsvertretung der Beschwerdeführerin. Die Parteientschädigung wird vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art.
61 lit. g ATSG). In der Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor
Versicherungsgericht nach Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr.
12'000.--. Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat keine Honorarnote
eingereicht. Der Aufwand des Rechtsvertreters ist im vorliegenden Fall (insbesondere
im Vergleich zu einem sogenannten Rentenfall) deutlich unterdurchschnittlich gewesen,
da die Anzahl der relevanten Aktenstücke überschaubar gewesen ist, sich keine
komplexen Sachverhalts- und Rechtsfragen gestellt haben und nur die Replik (und
nicht auch die Beschwerdeschrift) hat verfasst werden müssen. Vor diesem
Hintergrund erscheint eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 1'500.-- als
angemessen. Diese ist um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Somit
entschädigt der Staat den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin mit Fr. 1'200.--
(einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).
2.3 Eine Partei, der die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wurde, ist zur
Nachzahlung der Gerichtskosten und zur Rückerstattung der Parteientschädigung
verpflichtet, sobald sie dazu in der Lage ist (Art. 123 der Schweizerischen
Zivilprozessordnung [ZPO, SR 272] i.V.m. Art. 99 Abs. 2 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege [VRP, sGS 951.1]).