Decision ID: aab8dcd7-b950-48bc-8971-3ff8ec117514
Year: 2010
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
M._,
Rekurrent,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Boris Züst, Bahnhofstrasse 14,
9430 St. Margrethen SG,
gegen
Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons
St. Gallen, Moosbruggstrasse 11, 9001 St. Gallen,
Vorinstanz,
betreffend
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Genugtuung
Sachverhalt:
A.
A.a M._ reichte am 2. Dezember 2006/14. Januar 2007 u.a. gegen A._ eine
Strafanzeige wegen mehrfacher Erpressung ein, begangen in der Zeit vom 25. Oktober
2005 bis 29. November 2006. Die Anzeige begründete er damit, dass er von A._
durch mehrmalige Drohungen zur Zahlung von insgesamt mindestens Fr. 170'000.--
gebracht worden sei. Da A._ im Mai 2008 verstarb, stellte das Untersuchungsamt
das Strafverfahren am 5. Mai 2009 definitiv ein (vgl. act. G 6.4.3). Bezüglich der übrigen
Angeschuldigten erliess es mangels Beweises für eine Straftat gleichentags
Aufhebungsverfügungen (act. G 6.4.4 ff.).
A.b Die Schweizer Armee erklärte M._ mit UC-Entscheid vom 18. April 2008 für
dienstuntauglich (vgl. act. G 6.4.2-2). Im ärztlichen Zeugnis vom 30. April 2008
bestätigte Dr. med. B._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, dass M._ aktuell
wegen psychischen Beschwerden im Sinn von Schlafstörungen und innerer Unruhe in
seiner Behandlung stehe. Er habe den Patienten medikamentös behandeln müssen
und ihm empfohlen, sich in eine psychiatrisch/psychotherapeutische Behandlung zu
begeben (act. G 6.4.2-1).
A.c Am 8. Mai 2009 beantragte M._ beim Sicherheits- und Justizdepartement des
Kantons St. Gallen eine Genugtuung gemäss OHG im Betrag von Fr. 7'500.-- (act.
G 6.4; vgl. zur vorsorglichen Geltendmachung eines noch unbezifferten
Entschädigungs- und Genugtuungsanspruches das Schreiben vom 29. Februar 2008,
act. G 6.1).
A.d Mit Verfügung vom 26. Juni 2009 schrieb das Sicherheits- und Justizdepartement
das vorsorglich erhobene Entschädigungsbegehren ab, da es in der Eingabe vom
8. Mai 2009 nicht mehr erwähnt werde. Das Genugtuungsbegehren wies es ab. Zur
Begründung führte es aus, eine unmittelbare Beeinträchtigung der psychischen
Integrität durch die Straftat sei nicht ausgewiesen. Dass ein adäquater
Kausalzusammenhang zwischen den Schlafstörungen und den erlittenen Erpressungen
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bestehe, wie die Störung verlaufen sei, wie lange die medikamentöse Behandlung
gedauert habe und ob sich M._ einer psychotherapeutischen Behandlung
unterzogen habe, gehe aus dem ärztlichen Zeugnis von Dr. B._ nicht hervor. Der UC-
Entscheid der Armee enthalte keine Begründung. Dass es der Rechtsvertreter bei
diesen beiden medizinischen Unterlagen belassen habe, spreche dafür, dass M._
durch das erpresserische Verhalten von A._ sel. keine beträchtliche oder dauernde
psychische Beeinträchtigung erlitten habe und keine besonderen Umstände wie lange
Arbeitsunfähigkeit bzw. Heilungsdauer, posttraumatische Belastungsstörung,
mehrmonatiger Klinikaufenthalt, ambulante psychotherapeutische Behandlung oder
eine bleibende Schädigung vorlägen. Selbst wenn bei M._ eine erhebliche
unmittelbare Beeinträchtigung der psychischen Integrität ausgewiesen wäre, wäre das
Genugtuungsbegehren abzuweisen. Indem nämlich M._ mit A._ sel. und dessen
Kollegen zwielichtige Geschäfte betrieben (Auftrag für Rache an Garagist, Waffen- und
Drogenkäufe, Uhrenhandel) und mit seinem angeblichen Vermögen geprahlt habe,
habe er sich selbst in eine schwierige Lage gebracht und A._ sel. stark provoziert.
Angesichts dieses Verhaltens wäre es stossend, ihm eine Genugtuung zulasten des
Staates zuzusprechen (act. G 1.1).
B.
B.a Gegen diese Verfügung richtet sich der Rekurs vom 11. Juli 2009. Der Rekurrent
beantragt darin unter Kosten- und Entschädigungsfolge deren Aufhebung und die
Zusprache einer Genugtuung von Fr. 7'500.-- nebst Zins zu 5% seit 29. November
2009 (act. G 1). In der Rekursergänzung vom 17. August 2008 bringt er vor, dass A._
sel. ihm gegenüber eine massive Drohkulisse aufgebaut habe und auch vor gerissenen
Psychospielen nicht zurückgeschreckt sei. So sei er von A._ sel. und seinen
Komplizen wiederholt, unter anderem mit gezogener Waffe, mit dem Tod bedroht
worden. Ausserdem sei er von ihm an anderer Stelle vor die Wahl gestellt worden,
entweder zu bezahlen oder aber vermeintliche Giftpillen zu schlucken. Die Drohungen
von A._ sel. seien über das hinausgegangen, was ein Opfer von "normalen"
Erpressungsversuchen über sich ergehen lassen müsse. Die Erpressungen hätten fast
zweieinhalb Jahre gedauert. Die massiven Drohungen hätten schwere psychische
Traumata hinterlassen. Er müsse deswegen auch heute noch psychologisch betreut
werden. So stehe er in regelmässigen Abständen in psychologischer Behandlung im
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Psychiatrie-Zentrum. Die Ursache der psychischen Traumata liege klar in der
psychischen Gewalt, die von A._ sel. ausgegangen sei. Das weitere Argument der
Vorinstanz, wonach ihm schon darum keine Genugtuung zugesprochen werden
könnte, weil er sich freiwillig mit A._ sel. eingelassen habe, sei rechtsstaatlich
äusserst bedenklich und nicht zu hören (act. G 4).
B.b In der Vernehmlassung vom 3. September 2009 beantragt die Vorinstanz unter
Kostenfolge die Rekursabweisung. Zur Begründung verweist sie auf die Ausführungen
der angefochtenen Verfügung vom 26. Juni 2009 (act. G 6).
B.c In der Eingabe vom 13. November 2009 beantragt der Rekurrent zur Beurteilung
der psychischen und physischen Folgen der Erpressung die Einholung von Berichten
des behandelnden Dr. med. C._, Facharzt FMH für Allgemeinmedizin, und der
behandelnden Psychologin D._ (act. G 14).
B.d Am 4. Januar 2010 entspricht das Versicherungsgericht dem Gesuch um
Bewilligung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung (act. G 20).

Erwägungen:
1.
Am 1. Januar 2009 ist das totalrevidierte Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von
Straftaten (OHG; SR 312.5) in Kraft getreten. Nach den Übergangsbestimmungen von
dessen Art. 48 lit. a gilt das bisherige Recht für Ansprüche auf Entschädigung oder
Genugtuung für Straftaten, die vor Inkrafttreten dieses Gesetzes verübt worden sind.
Weil vorliegend Genugtuungsansprüche für im Zeitraum vom 25. Oktober 2005 bis 29.
November 2006 (act. G 6.4.3) verübte Straftaten im Streit liegen, gelangen die
materiellen Vorschriften des am 1. Januar 2009 in Kraft getretenen totalrevidierten OHG
nicht zur Anwendung. Bei den im Folgenden zitierten Gesetzesbestimmungen handelt
es sich deshalb - soweit nichts anderes vermerkt wird - um die Fassungen, wie sie bis
Ende 2008 in Kraft gewesen sind.
2.
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Zwischen den Parteien ist einzig der opferhilferechtliche Anspruch auf eine
Genugtuung streitig.
2.1 Hilfe nach dem OHG erhält jede Person, die durch eine Straftat in ihrer
körperlichen, sexuellen oder psychischen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden
ist (Opfer), und zwar unabhängig davon, ob der Täter ermittelt worden ist und ob er
sich schuldhaft verhalten hat (Art. 2 Abs. 1 OHG). Die Beeinträchtigung muss von
einem gewissen Gewicht und unmittelbare Folge einer Straftat sein. Dies setzt voraus,
dass der objektive Tatbestand einer Strafnorm erfüllt ist und kein Rechtfertigungsgrund
vorliegt (BGE 125 II 268 E. 4a/aa mit Hinweisen).
2.2 Die Opfer einer in der Schweiz verübten Straftat können im Kanton, in dem die Tat
verübt wurde, eine Genugtuung geltend machen (Art. 11 Abs. 1 Satz 1 OHG). Dem
Opfer kann unabhängig vom Einkommen eine Genugtuung ausgerichtet werden, wenn
es schwer betroffen ist und besondere Umstände es rechtfertigen (Art. 12 Abs. 2 OHG).
Für die Auslegung der Begriffe "schwer betroffen" und "besondere Umstände" können
die von der Rechtsprechung und Doktrin herausgearbeiteten Grundsätze über den
zivilrechtlichen Genugtuungsanspruch nach Art. 47 des Schweizerischen
Obligationenrechts (OR; SR 220) analog herangezogen werden. Gleiches gilt für den
Ausschluss oder die Herabsetzung einer Genugtuungssumme. Dass Art. 12 Abs. 2
OHG als "Kann-Vorschrift" ausgestaltet ist, hat nur insofern Bedeutung, als den
Behörden bei der grundsätzlichen Zusprechung einer Genugtuung und bei deren
Bemessung ein weiter Beurteilungs- und Ermessensspielraum zukommt. Bei Vorliegen
sämtlicher Voraussetzungen besteht jedoch ein Rechtsanspruch auf Zusprechung einer
Genugtuung gemäss OHG gleich wie gemäss Art. 47 OR. Es ist stets von der Schwere
der Betroffenheit des Opfers auszugehen, nicht von derjenigen der Straftat. Nicht jede
Körperverletzung bzw. Beeinträchtigung der psychischen Integrität gibt Anspruch auf
eine Genugtuung; die Verletzung bzw. Beeinträchtigung muss bedeutend sein (vgl.
BVR 2000 Nr. 49 S. 54 mit Hinweis auf BGE 121 II 373 f. und die Literatur).
2.3 Bei der Würdigung der Straftaten unter dem Gesichtspunkt eines
Genugtuungsanspruchs fällt vorliegend ins Gewicht, dass die geltend gemachten
Erpressungsdelikte gemäss Feststellungen im Strafverfahren während der Dauer vom
25. Oktober 2005 bis 29. November 2006 stattfanden (act. G 6.4.3), eine
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fachpsychiatrische Behandlung indessen erst im Sommer 2009 - mithin erst mehr als
21⁄2 Jahre später - ins Feld geführt wird (vgl. Rekursergänzung vom 17. August 2009,
act. G 4, S. 4), was gegen eine schwere psychische Betroffenheit spricht. Der
Rekurrent brachte nicht vor, zuvor in fachpsychiatrischer Behandlung gewesen zu sein.
Es ergeben sich auch keine entsprechenden Anhaltspunkte aus den Akten. Es findet
sich darin lediglich das summarisch begründete ärztliche Zeugnis des behandelnden
Allgemeinmediziners Dr. B._ vom 30. April 2008 (act. G 6.4.2-1) und der nicht
begründete UC-Entscheid vom 18. April 2008 (act. G 6.4.2-3). Im Zeitpunkt der
Erstellung dieser Dokumente lagen die Delikte bereits knapp 11⁄2 Jahre zurück. Dem
ärztlichen Zeugnis von Dr. B._ (M._ stehe "aktuell wegen psychischen
Beschwerden" in seiner Behandlung) kann nicht entnommen werden, dass M._
bereits vor April 2008 wegen psychischer Beschwerden behandelt wurde. Die von ihm
als psychische Beschwerden genannten Schlafstörungen und innere Unruhe deuten
zudem nicht auf eine "schwere Betroffenheit" hin. Es wurde denn auch keine
psychische Krankheit diagnostiziert (vgl. act G 6.4.2-1). Der UC-Entscheid der
Schweizer Armee ist nicht begründet, weshalb der Rekurrent daraus nichts zu seinen
Gunsten abzuleiten vermag. Auch aus der Konfrontationseinvernahme vom 25. April
2007 zwischen A._ sel. und M._ sind keine Anhaltspunkte ersichtlich, die auf
dessen schwere Betroffenheit im Nachgang zu den geltend gemachten Delikten
schliessen lassen würden. Vielmehr erklärte M._ damals, die einzige wirkliche
Drohung mit einer Waffe sei gewesen, als der E._ dabei gewesen sei. Sonst habe
A._ sel. zwar schon Waffen dabei gehabt, aber er habe ihm damit jeweils nicht
konkret gedroht, sei aber jeweils laut geworden (act. G 6.1.2). Im Licht dieser
Verhältnisse können die Voraussetzungen der schweren Betroffenheit und der
besonderen Umstände nicht als erfüllt betrachtet werden, weshalb kein
opferhilferechtlicher Anspruch auf eine Genugtuung besteht. Führen die von Amtes
wegen vorzunehmenden Abklärungen bei pflichtgemässer Beweiswürdigung zur
Überzeugung, ein bestimmter Sachverhalt sei überwiegend wahrscheinlich und weitere
Beweismassnahmen könnten an diesem feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern,
ist auf die Abnahme weiterer Beweise zu verzichten (antizipierte Beweiswürdigung;
BGE 122 V 162 E. 1d; 122 III 223 f. E. 3c). In diesem Sinn erübrigt es sich, die vom
Rekurrenten beantragten Arztberichte (vgl. act. G 14) einzuholen. Denn es kann
angesichts der erstellten Verhältnisse nicht erwartet werden, dass die beantragten
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Beweise eine schwere Betroffenheit oder besondere Umstände im Sinn von Art. 12
Abs. 2 OHG darzulegen vermöchten, zumal die entsprechenden Berichte in Bezug zu
den Delikten vom 25. Oktober 2005 bis 29. November 2006 nicht zeitnah erfolgen
würden, sondern retrospektiv einen weit zurückliegenden Zeitraum beträfen.
2.4 Ergänzend ist darauf hinzuweisen, dass der Rekurrent nach eigenen Angaben
bereits vor den geltend gemachten Delikten offenbar an Unsicherheit litt (act. G 4, S. 3)
und die eingereichten medizinischen Unterlagen keinen Bezug zu den Straftaten
herstellen, weshalb ein Kausalzusammenhang zwischen den Delikten und der geltend
gemachten psychischen Beeinträchtigung fraglich ist, zumal - wie gerade erwähnt -
zwischen der fachpsychiatrischen Behandlung und der Tatbegehung ein mehrjähriger
Zeitverlauf liegt. Da es aber ohnehin an den Voraussetzungen der schweren
Betroffenheit und der besonderen Umstände im Sinn von Art. 12 Abs. 2 OHG mangelt
(vgl. vorstehende E. 2.3), kann die Kausalitätsfrage offen gelassen werden. Ebenso
kann offen bleiben, ob überhaupt eine für die Bejahung der Opferstellung im
Zusammenhang mit einer Erpressung (Art. 156 des Strafgesetzbuches [StGB;
SR 311.0]) vorausgesetzte "unmittelbare psychische Beeinträchtigung" vorliegt (vgl.
hierzu BGE 120 Ia 162 E. 2d/aa).
3.
3.1 Nach dem Gesagten ist der Rekurs abzuweisen.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 16 Abs. 1 OHG).
3.3 Dem Rekurrenten wurde die unentgeltliche Rechtsverbeiständung am 4. Januar
2010 bewilligt (act. G 20). Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse des Rekurrenten es
gestatten, kann er jedoch zur Nachzahlung der Auslagen für die Vertretung verpflichtet
werden (Art. 288 Abs. 1 ZPO/SG i.V.m. Art. 99 Abs. 2 VRP/SG). Der Staat ist zufolge
unentgeltlicher Rechtsverbeiständung zu verpflichten, für die Kosten der
Rechtsvertretung des Rekurrenten aufzukommen. Die Parteikosten werden vom
Versicherungsgericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der
Streitsache und der Schwierigkeit des Prozesses bemessen. In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar für das Verfahren vor
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Versicherungsgericht pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.-- (vgl. Art. 22 Abs. 1 lit. b
HonO; sGS 963.75). Der Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht, so dass die
Parteientschädigung ermessensweise festzusetzen ist. Mit Blick auf den einfachen
Schriftenwechsel und auf vergleichbare Fälle erscheint eine Entschädigung von
pauschal Fr. 2'000.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als angemessen. Die
Pauschalentschädigung von Fr. 2'000.-- ist sodann zufolge unentgeltlicher
Rechtsverbeiständung um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 AnwG). Somit hat der
Staat den Rechtsvertreter des Rekurrenten pauschal mit Fr. 1'600.-- zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG