Decision ID: c4dc6748-400f-4b50-b609-8ee9196e7c88
Year: 2021
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend Schändung etc. und Widerruf
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Zürich, 4. Abteilung, vom 13. Januar 2020 (DG190195)
- 2 -
Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 8. Juli 2019
(Urk. 20) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 69 S. 54 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig
− der Schändung im Sinne von Art. 191 StGB,
− der mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind im Sinne von Art. 187 Ziff. 1
Abs. 3 StGB,
− des Exhibitionismus im Sinne von Art. 194 Abs. 1 StGB,
− der einfachen Körperverletzung als Ehegatte während der Ehe im Sinne von Art. 123
Ziff. 2 Abs. 4 StGB,
− des Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB,
− des Besitzes von verbotener Pornografie im Sinne von Art. 197 Abs. 4 Var. 2 StGB,
− des Besitzes von verbotener Pornografie im Sinne von Art. 197 Abs. 4 Var. 1 StGB
sowie
− des Besitzes von Gewaltdarstellungen im Sinne von Art. 135 Abs. 1bis StGB.
2. Der bedingte Vollzug bezüglich der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons
Solothurn vom 5. März 2015 ausgefällten Geldstrafe im Umfang von 75 Tagessätzen zu
Fr. 30.– wird widerrufen.
3. Der bedingte Vollzug bezüglich der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/
Unterland, Zweigstelle Flughafen, vom 28. September 2015 ausgefällten Geldstrafe von
30 Tagessätzen zu Fr. 30.– wird widerrufen.
4. Der Beschuldigte wird bestraft mit 32 Monaten Freiheitsstrafe (wovon bis und mit heute 1
Tag durch Haft erstanden ist) sowie unter Einbezug der vorstehend widerrufenen bedingten
Strafen mit einer Geldstrafe von 140 Tagessätzen zu Fr. 20.– als Gesamtstrafe, teilweise als Zusatzstrafe zu der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 13. August 2019 ausgefällten Strafe.
- 3 -
5. Es wird eine vollzugsbegleitende ambulante Behandlung des Beschuldigten im Sinne von
Art. 63 StGB (Behandlung psychischer Störungen) angeordnet.
6. Der Vollzug der Freiheitsstrafe sowie der Geldstrafe wird nicht aufgeschoben.
7. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a StGB für 5 Jahre des Landes verwiesen.
8. Die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem wird ange-
ordnet.
9. Dem Beschuldigten wird jede berufliche und jede organisierte ausserberufliche Tätigkeit, die
einen regelmässigen Kontakt zu Minderjährigen umfasst, für die Dauer von 10 Jahren ver-
boten.
10. Die folgenden, mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 2. August
2018 einzig als Beweismittel beschlagnahmten Gegenstände werden dem Beschuldigten
nach Eintritt der Rechtskraft auf erstes Verlangen hin herausgegeben:
− 2 Jacken der Marke "Clockhouse" (Asservate-Nr. A011'802'178 und A011'802'258);
− 1 Paar Schuhe der Marke "Jack&Jones" (Asservate-Nr. A011'802'327);
− 1 Paar Schuhe der Marke "Nike" (Asservate-Nr. A011'802'203).
Verlangt der Beschuldigte die Gegenstände nicht innert 30 Tagen ab Rechtskraft des Urteils
heraus, werden sie der zuständigen Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
11. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 5. Juli 2019 einzig als
Beweismittel beschlagnahmte Mobiltelefon iPhone 6 (Asservate-Nr. A012'802'914) wird
eingezogen und der Lagerbehörde zur Vernichtung überlassen.
12. Die folgenden, beim Forensischen Institut Zürich (FOR) sichergestellten Spurenträger wer-
den nach Eintritt der Rechtskraft dieses Entscheides vernichtet:
− die Fotografie (Asservate-Nr. A011'030'209);
− die DNA-Spuren Wattetupfer (Asservate-Nr. A011'030'232, A011'031'348, A011'031'359, A011'031'360);
− die Vergleichs-WSA (A011'031'371).
13. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin C._ Fr. 3'000.– als Genugtuung
zu bezahlen.
14. Der Beschuldigte wird verpflichtet, gemäss seiner Anerkennung der Privatklägerin E._
den Betrag von Fr. 296.35 als Schadenersatz zu bezahlen. Im Mehrbetrag wird das Scha-
denersatzbegehren auf den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
- 4 -
15. Der Beschuldigte wird verpflichtet, gemäss seiner Anerkennung der Privatklägerin E._
den Betrag von Fr. 1'000.– als Genugtuung zu bezahlen.
16. Es wird festgestellt, dass der Beschuldigte gegenüber der Privatklägerin D._ aus dem
eingeklagten Ereignis dem Grundsatze nach schadenersatzpflichtig ist. Zur genauen Fest-
stellung des Umfanges des Schadenersatzanspruches wird die Privatklägerin D._ auf
den Weg des Zivilprozesses verwiesen.
17. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin D._ Fr. 2'500.– zuzüglich 5 %
Zins ab 22. November 2017 als Genugtuung zu bezahlen.
18. Fürsprecher B._ wird für die amtliche Verteidigung des Beschuldigten mit Fr. 14'181.95
(inkl. Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
19. Rechtsanwältin MLaw X._ wird für die unentgeltliche Vertretung der Privatklägerin
E._ mit Fr. 4'137.10 (inkl. Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
20. Rechtsanwältin lic. iur. Y._ wird für die unentgeltliche Vertretung der Privatklägerin
D._ mit Fr. 2'568.30 (inkl. Mehrwertsteuer) aus der Gerichtskasse entschädigt.
21. Die Gerichtsgebühr wird festgesetzt auf:
Fr. 5'000.– ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 6'000.– Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 23'617.– Gutachten
Fr. 150.– Auslagen Polizei
Fr. 300.– Auslagen ausserkantonale Untersuchungskosten
Fr. 14'181.95 Entschädigung amtliche Verteidigung
Fr. 2'568.30 Entschädigung unentgeltliche Vertretung Privatklägerin 3
Fr. 4'137.10 Entschädigung unentgeltliche Vertretung Privatklägerin 2
Allfällige weitere Kosten bleiben vorbehalten.
22. Die Kosten der Untersuchung und des gerichtlichen Verfahrens, ausgenommen diejenigen
der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertreterinnen der Privatklägerinnen 2
und 3, werden dem Beschuldigten auferlegt.
23. Die Kosten der amtlichen Verteidigung sowie der unentgeltlichen Vertreterinnen der Privat-
klägerinnen 2 und 3 werden auf die Gerichtskasse genommen; vorbehalten bleibt eine
Nachforderung gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO.
24. (Mitteilungen)
- 5 -
25. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten (Urk. 81):
1. Bezüglich des Vorwurfs des Exhibitionismus im Sinne von Art. 194 Abs. 1
StGB sei das Verfahren einzustellen.
2. Der Beschuldigte sei zu verurteilen zu einer Freiheitsstrafe von 26 Monaten
unter Anrechnung der Polizeihaft.
3. Der Beschuldigte sei nicht des Landes zu verweisen.
4. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin C._ einen Be-
trag von CHF 1'000.00 als Genugtuung zu bezahlen.
5. Der Beschuldigte sei zu verpflichten, der Privatklägerin D._ einen Be-
trag von CHF 1'000.00 zuzüglich Zins von 5 % ab 22. November 2017 als
Genugtuung zu bezahlen.
6. Die Kosten des oberinstanzlichen Verfahrens seien bei Gutheissung der
Berufungsantrag Ziff. 1-5 vom Staat zu tragen.
b) Der Staatsanwaltschaft:
Kein Antrag
c) Der Privatklägerin 2 E._ (Urk. 67; sinngemäss):
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils
c) Der Privatklägerin 3 D._ (Urk. 74; sinngemäss):
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils, insbesondere betreffend
Disp. Ziff. 17
- 6 -

Erwägungen:
I. Prozessgeschichte / Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1 Bezüglich des Verfahrensgangs bis zum vorinstanzlichen Urteil kann auf die
Erwägungen im angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 61 S. 7).
1.2. Der Beschuldigte wurde mit Urteil vom 13. Januar 2020 gemäss dem ein-
gangs im Dispositiv wiedergegebenen Urteil schuldig gesprochen und bestraft
(Urk. 61). Dagegen liess er mit Eingabe vom 21. Januar 2020 fristgerecht Beru-
fung anmelden (Urk. 53). Nach Zustellung des begründeten Urteils (Urk. 61) liess
er am 21. April 2020 fristgerecht die Berufung erklären (Urk. 63). Mit Präsidialver-
fügung vom 23. April 2020 wurde den Privatklägerinnen sowie der Staatsanwalt-
schaft Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erheben oder ein Nichteintreten
auf die Berufung des Beschuldigten zu beantragen. Gleichzeitig wurde den Pri-
vatklägerinnen Frist angesetzt, um zu erklären, ob sie den Antrag auf Mitwirkung
einer Person gleichen Geschlechts insbesondere für eine allfällige Einvernahme
stellen (Urk. 65). Mit Eingabe vom 18. Mai 2020 liess die Vertreterin der Privatklä-
gerin E._ ihren Verzicht auf Anschlussberufung erklären. Sie liess die Abwei-
sung der Berufung beantragen, soweit darauf einzutreten sei und liess die Abwei-
sung des Antrags des Beschuldigten auf Verfahrenseinstellung hinsichtlich des
Tatvorwurfs des Exhibitionismus beantragen (Urk. 67). Ansonsten liess sich nie-
mand vernehmen.
1.3 Am 22. März 2021 wurde auf den 24. Juni 2021 zur Berufungsverhandlung
vorgeladen, zu welcher der Beschuldigte in Begleitung seines amtlichen Vertei-
digers erschienen ist (Prot. II S. 4).
2. Umfang der Berufung
2.1 Der Beschuldigte focht den Schuldspruch wegen Exhibitionismus im Sinne
von Art. 194 Abs. 1 StGB, die Sanktion von 32 Monaten Freiheitsstrafe, die
Landesverweisung sowie die Verpflichtungen zur Leistung von Genugtuungen an
- 7 -
die Privatklägerinnen an. Stattdessen liess er bezüglich des Vorwurfs des Exhibi-
tionismus im Sinne von Art. 194 Abs. 1 StGB die Einstellung des Verfahrens, die
Bestrafung mit einer Freiheitsstrafe von 26 Monaten sowie die Zusprechung von
je Fr. 1'000.– an die Privatklägerinnen C._ und D._ beantragen
(Urk. 63). Davon ist Vormerk zu nehmen, wobei es Folgendes zu präzisieren gilt:
2.2 Die Rechtskraft des angefochtenen Urteils wird im Umfang der Anfechtung
gehemmt (Art. 402 in Verbindung mit Art. 437 StPO). Die Berufung des Beschul-
digten richtet sich unter anderem gegen die Strafzumessung der Vorinstanz. Der
Berufungsantrag bezieht sich konkret auf die ausgesprochene Freiheitsstrafe.
Nicht explizit angefochten wurden der Widerruf des bedingten Vollzugs der mit
Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 5. März 2015 aus-
gefällten Geldstrafe im Umfang von 75 Tagessätzen zu Fr. 30.– und der mit Straf-
befehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland, Zweigstelle Flughafen, vom
28. September 2015 ausgefällten Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu Fr. 30.–.
Auch die teilweise als Zusatzstrafe ausgefällte Geldstrafe, die Anordnung des un-
bedingten Vollzugs von Geld- und Freiheitsstrafe sowie die vollzugsbegleitende
Massnahme wurden nicht explizit angefochten (Urk. 63 S. 2).
2.3 Art. 399 Abs. 4 StPO enthält eine Liste von Urteilspunkten, auf welche der
Berufungskläger seine Berufung beschränken kann. Dazu gehören unter anderen
"die Bemessung der Strafe" (Art. 399 Abs. 4 lit. b StPO). Damit ist mit Ausnahme
der Anordnung von Massnahmen, welche ein selbständiges Anfechtungsobjekt
bilden (Art. 399 Abs. 4 lit. c StPO), die gesamte Festlegung der Sanktion für die
vom Schuldspruch umfassten Delikte gemeint. Hierzu gehören neben der Strafart
und -höhe auch der Entscheid über den bedingten oder teilbedingten Strafvollzug
und die Frage des Widerrufs bzw. diesbezüglicher Ersatzanordnungen. Gemäss
der bundesgerichtlichen Rechtsprechung, die der in der Literatur ganz überwie-
gend vertretenen Auffassung folgt, ist die Aufzählung der Anfechtungsobjekte in
Art. 399 Abs. 4 StPO abschliessend. Eine verbindliche Beschränkung der Beru-
fung auf einzelne Teilaspekte eines dieser Anfechtungsobjekte ist nicht möglich.
Die Berufungsinstanz muss das Verfahren (zumindest formell) so ausweiten, dass
sein Gegenstand den Vorgaben von Art. 399 Abs. 4 StPO entspricht. Dies bedeu-
- 8 -
tet allerdings nur, dass das Berufungsgericht auch diese nicht angefochtenen Tei-
le der Strafzumessung überprüfen und gegebenenfalls ändern kann (vgl. BGer
Urteil 6B_548/2011 vom 14. Mai 2012, E. 3; BGE 144 IV 383, E. 1.1). Deren ein-
gehende Überprüfung kann unterbleiben, soweit sie im Hinblick auf den Entscheid
über die vom Berufungskläger beanstandeten Urteilspunkte nicht unerlässlich ist.
Hinsichtlich der vom Berufungskläger akzeptierten und aus der Sicht des Beru-
fungsgerichts nicht offensichtlich korrekturbedürftigen erstinstanzlichen Anord-
nungen kann dann ohne ausführliche Begründung ein gleichlautender zweitin-
stanzlicher Entscheid ergehen. Vorliegend hemmt die Berufung in diesem Sinne
die Rechtskraft des vorinstanzlichen Urteils nicht nur hinsichtlich des Strafmasses
der Freiheitsstrafe, sondern auch hinsichtlich des Strafmasses der Geldstrafe und
der Frage des bedingten Vollzugs der Strafen und des Widerrufs des bedingten
Vollzugs der mit früheren Strafbefehlen ausgefällten Geldstrafen. Zwar bildet die
Anordnung von Massnahmen einen selbständig anfechtbaren Teil (Art. 399 Abs. 4
lit. c. StPO). Nachdem aber die ambulante Behandlung des Beschuldigten voll-
zugsbegleitend angeordnet wurde und der Vollzug der Freiheitsstrafe als mitange-
fochten gilt, ist auch die Anordnung dieses Teils der Massnahmen – im Gegen-
satz zum Tätigkeitsverbot – untrennbar mit der Sanktion verbunden und damit
mitangefochten. Dasselbe gilt sinngemäss für Dispositiv Ziffer 8 (Ausschreibung
der Landesverweisung im Schengener Informationssystem). Diese ist direkt mit
der Landesverweisung verbunden und gilt deshalb auch als angefochten.
Es bleibt somit festzustellen, dass die Dispositivziffern 1 (Schuldsprüche mit Aus-
nahme der Verurteilung wegen Exhibitionismus im Sinne von Art. 194 Abs. 1
StGB), 9 (Tätigkeitsverbot), 10 - 12 (Verfügungen über beschlagnahmte und
sichergestellte Gegenstände), 14, 15 (Schadenersatz und Genugtuung Privatklä-
gerin E._), 16 (Schadenersatz Privatklägerin D._), 18. - 20. (Entschädi-
gungen Parteivertreter), und 21. - 23. (übrige Kosten- und Entschädigungsfolgen)
in Rechtskraft erwachsen sind. Im Übrigen steht das Urteil unter dem Vorbehalt
des Verschlechterungsverbots (Art. 391 Abs. 2 StPO) zur Disposition.
- 9 -
3. Formelles
Es ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass sich die urteilende Instanz nicht
mit allen Parteistandpunkten einlässlich auseinandersetzen und jedes einzelne
Vorbringen ausdrücklich widerlegen muss (BGE 141 IV 249, E. 1.3.1 mit Hinwei-
sen). Die Berufungsinstanz kann sich somit auf die für ihren Entscheid wesentli-
chen Punkte beschränken.
4. Einstellung des Verfahrens betreffend Exhibitionismus
4.1 Der Beschuldigte beantragt bezüglich des Vorwurfs des Exhibitionismus –
wie bereits vor Vorinstanz (Urk. 40 S. 2) – die Einstellung des Verfahrens, da er
seit dem 18. Dezember 2019 bei den psychiatrischen Diensten Aargau eine
Suchttherapie absolviere. Damit seien die Voraussetzungen für die Verfahrens-
einstellung erfüllt (Urk. 63 S. 3; Urk. 81 S. 2).
4.2 Die Privatklägerin E._ liess die Bestätigung des vorinstanzlichen Ent-
scheides und damit implizit die Abweisung des Antrags auf Verfahrenseinstellung
beantragen. Dies wäre für sie geradezu brüskierend. Zudem sei der Beschuldigte
mittlerweile höchstwahrscheinlich wieder straffällig geworden und die Möglichkeit
zur Einstellung des Verfahrens sei offensichtlich nicht für derart therapieresistente
Wiederholungstäter gedacht. Der Abschluss des Verfahrens sei wichtig für ihre
psychische Gesundheit (Urk. 67).
4.3 Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen, unter denen ein Strafverfahren
wegen Exhibitionismus eingestellt werden kann, zutreffend dargestellt. Es kann
ebenso darauf verwiesen werden wie auf die Erwägungen, welche zum ableh-
nenden Entscheid geführt haben (Urk. 69 S. 8 f.). Ergänzend sei dazu ausgeführt,
dass die Therapie auf die Behandlung des Exhibitionismus ausgerichtet sein
muss. Dies ist vorliegend jedoch gerade nicht der Fall. Die derzeitige Behandlung
steht, wie von der Verteidigung ausgeführt, im Zusammenhang mit der Betäu-
bungsmittelsucht (vgl. oben Ziff. 2). Dies hat auch der Beschuldigte selbst aus-
drücklich so bestätigt (Prot. I. S. 12). Auch wenn der Beschuldigte heute zu Proto-
koll gab, auch in Bezug auf die Aufarbeitung der Sexualdelikte Unterstützung zu
- 10 -
erhalten (Urk. 80 S. 8), ist davon auszugehen, dass die vom Beschuldigten absol-
vierte Therapie in erster Linie auf seine Suchterkrankung und nicht auf die Sexu-
aldelikte ausgerichtet ist. Gutachterlicherseits wird die Beschränkung auf die
Suchttherapie jedoch nicht empfohlen, da sie nicht hinreichend auf den Kern der
deliktrelevanten Problematik, nämlich den Störungskomplex aus Persönlichkeits-
störung, niedriger Intelligenz und Störung der Sexualpräferenz einwirkt (Urk. 17/7
S. 90). Somit gilt es festzuhalten, dass die therapeutische Behandlung des Be-
schuldigten den Anforderungen von Art. 194 Abs. 2 StGB nicht genügt. Damit
fehlt es an der Grundvoraussetzung zur Verfahrenseinstellung.
Abgesehen davon sind aber auch die übrigen Voraussetzungen für eine Einstel-
lung nicht erfüllt. So ist gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung Art. 194
Abs. 2 StGB nicht anwendbar, wenn der Täter nicht nur wegen Exhibitionismus,
sondern zusätzlich wegen anderer Delikte verurteilt wird. Zudem hat der mehrfach
vorbestrafte (vgl. Urk. 71) Beschuldigte trotz früherer Behandlungsversuche er-
neut einschlägig delinquiert. Auch aus diesen Gründen kommt die Verfahrensein-
stellung nicht in Frage (vgl. dazu BGer Urteil 6B_115/2008 vom 4. September
2008, E. 3).
4.4 Da sich im Übrigen der Beschuldigte in diesem Punkt geständig zeigt (Prot. I
S. 21, vgl. auch Urk. 80 S. 11) und sich sowohl die erstinstanzliche Sachverhalts-
erstellung als auch die rechtliche Würdigung in jeder Hinsicht als zutreffend er-
weisen und seitens des Beschuldigten dagegen keine Einwände erhoben wurden,
ist unter Verweis auf die entsprechende Begründung (Urk. 69 S. 9 f.) die erst-
instanzliche Verurteilung zu bestätigen und der Beschuldigte wegen Exhibitionis-
mus im Sinne von Art. 194 Abs. 1 StGB schuldig zu sprechen.
II. Sanktion und Widerruf
1. Urteil Vorinstanz / Parteistandpunkt
1.1 Die Vorinstanz bestrafte den Beschuldigten mit einer unbedingten Freiheits-
strafe von 32 Monaten sowie unter Einbezug der widerrufenen bedingten Strafen
mit einer Geldstrafe von 140 Tagessätzen zu Fr. 20.– als Gesamtstrafe, teilweise
- 11 -
als Zusatzstrafe zur der mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons
Solothurn vom 13. August 2019 ausgefällten Sanktion.
1.2 Obwohl die Berufung die gesamten erstinstanzlichen Anordnungen zur
Sanktion beschlägt, beantragt er konkret einzig die Reduktion der ausgefällten
Freiheitsstrafe von 32 auf 26 Monate (Urk. 63 S. 3, Urk. 81 S. 1).
2. Grundsätze der Strafzumessung
2.1 Die Vorinstanz hat die Grundsätze zum anwendbaren Recht, zur Strafart,
zum Strafrahmen sowie die Strafzumessungsregeln ausführlich und zutreffend
dargelegt, weshalb vollumfänglich darauf verwiesen werden kann (Urk. 61 S. 10 -
14).
Ergänzend gilt es dazu anzuführen, dass die Vorinstanz die Täterkomponenten
bei jedem einzelnen Delikt gesondert berücksichtigt hat, während dem die Vertei-
digung dafür hielt, dass die Täterkomponenten erst nach der Bestimmung der
Gesamtstrafe zu berücksichtigen seien (Urk. 40 S. 3).
2.2.1 Die Fragen der Strafartenwahl bei der Gesamtstrafenbildung und die Be-
rücksichtigung der Täterkomponente werden in Literatur und Rechtsprechung
teilweise kontrovers diskutiert (vgl. zum Ganzen: ACKERMANN/CESAROV, Täter-
komponenten und Strafartenwahl bei der Gesamtstrafenbildung, forumpoenale
6/2020 S. 451 ff.). Mit Bezug auf die Frage, an welcher Stelle die Täterkomponen-
te berücksichtigt werden muss, vertritt das Bundesgericht die Auffassung, bei
mehreren zur Beurteilung stehenden Delikten seien die Täterkomponenten erst im
Rahmen der Gesamtstrafenbildung zu berücksichtigen. Bei der Festsetzung der
Einsatzstrafe seien zunächst alle (objektiven und subjektiven) verschuldensrele-
vanten Umstände zu beachten, in einem weiteren Schritt seien die übrigen Delikte
zu beurteilen und in Anwendung des Asperationsprinzips sei aufzuzeigen, in wel-
chem Ausmass die Einsatzstrafe zu erhöhen sei. Erst nach der Festlegung der
Gesamtstrafe für sämtliche Delikte seien die allgemeinen Täterkomponenten zu
berücksichtigen. Die Täterkomponenten dürften erst nach der Festlegung der
"(hypothetischen) Gesamtstrafe" bzw. des "Tatverschuldens für sämtliche Delikte"
- 12 -
berücksichtigt werden, da es andernfalls zu einer unzulässigen Mehrfachverwer-
tung (sog. Doppelverwertungsverbot) käme. Unklar ist dabei, ob der Begriff all-
gemeine Täterkomponenten anzeigen soll, dass es daneben auch spezielle Tä-
terkomponenten gibt, und wenn ja, welche Täterkomponenten den speziellen und
welche den allgemeinen zuzuordnen sind, sowie in welchem Strafzumessungs-
schritt diese Komponenten zu erörtern sind (BGer Urteile 6B_375/2014 vom 28.
August 2014, E. 2.6 und 6B_466/2013 vom 25. Juli 2013, E. 2.3.2.).
2.2.2 Diese Methode kann in der Praxis jedoch zu stossenden Resultaten führen,
zumal einige Täterkomponenten durchaus Auswirkung auf das Strafmass der
Einzelstrafe und damit auf den – bei der Wahl der Strafart nach Art. 49 StGB
besonders bedeutsamen – Bereich hat, in welchem das Gesetz eine Auswahl
zwischen Geldstrafe (nur bis 180 Tagessätze) und Freiheitsstrafe überhaupt
zulässt. Gewisse Täterkomponenten können untrennbar mit einer Straftat zu-
sammenhängen und sich bei einer Berücksichtigung erst nach der Asperation un-
gewollt auch auf die andere, asperierte Strafe auswirken, was die auszufällende
Strafe u.U. stark verzerren kann (ACKERMANN/CESAROV, Täterkomponenten und
Strafartenwahl bei der Gesamtstrafenbildung, forumpoenale 6/2020 S. 451 ff.,
452). Als nicht minder problematisch erweist sich die einmalige gesamthafte Be-
rücksichtigung der Täterkomponente bei zeitlich auseinanderliegenden Einzelta-
ten. Zu denken ist insbesondere daran, dass zwischen den beiden Tatzeitpunkten
beim Täter erhebliche Änderungen in den persönlichen Verhältnissen eintreten
können. Auch die jeweiligen Nachtatverhalten können sich bei dieser Konstellati-
on erheblich unterscheiden, etwa wenn sich der Täter bei einzelnen Delikten ge-
ständig zeigt und bei anderen nicht.
2.2.3 Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass eine – wie auch immer
geartete – einheitliche Regelung nicht jedem Einzelfall gerecht werden und zu
stossenden Resultaten führen kann. Deshalb sind je nach konkreten Umständen
die Täterkomponenten für jede Einzeltat, gesamthaft oder in einer Kombination
davon zu berücksichtigen.
2.2.4 Vorliegend erstrecken sich die Tatzeitpunkte über einen Zeitraum von mehr
als drei Jahren. Auch wenn dabei das Tatvorgehen teilweise dasselbe war, han-
- 13 -
delt es sich um Einzeltaten, welche in keinem direkten Zusammenhang stehen.
Es ist deshalb angezeigt, die Täterkomponente bei den jeweiligen Einzeltaten zu
berücksichtigen, wie dies die Vorinstanz getan hat. Dabei zu beachten gilt es –
wie die Verteidigung zutreffend eingeworfen hat – jedoch, dass es nicht zu einer
doppelten Berücksichtigung einzelner Faktoren kommt (Urk. 40 S. 3). Dies ist vor-
liegend nicht der Fall.
3. Strafzumessung betreffend Freiheitsstrafen
3.1. Als ebenso zutreffend erweisen sich die Ausführungen der Vorinstanz zur
Festlegung der einzelnen Einsatzstrafen, weshalb ebenfalls vollumfänglich auf die
entsprechenden Ausführungen verwiesen werden kann (Urk. 61 S. 14 - 25). Die
dagegen erhobenen Einwendungen der Verteidigung, nämlich dass einerseits die
asperierten Strafen falsch addiert worden seien und dass die asperierte Strafe für
die einfache Körperverletzung von 7 Monaten überhöht sei (Urk. 81 S. 3 f.), er-
weisen sich als unbegründet.
3.2 Bei näherem Studium der vorinstanzlichen Erwägungen betreffend Addition
der asperierten Strafen zur Einsatzstrafe (Urk. 61 S. 28) erweisen sich diese als
korrekt. Die Vorinstanz ging bei der Addition der asperierten Strafen nicht etwa
von einer Einsatzstrafe für die Schändung in Höhe von 12 Monaten aus, wie es
die Verteidigung verstanden haben will (Urk. 81 S. 3). Vielmehr führte die Vo-
rinstanz aus, die festgesetzte Einsatzstrafe – somit 15 Monate für die Haupttat der
Schändung – sei angesichts der sexuellen Handlung mit Kindern zunächst um 7
Monate zu erhöhen, nachdem hierfür eine hypothetische Einsatzstrafe von 12
Monaten festgesetzt worden war (Urk. 61 S. 28). Ausgehend von der 15-
monatigen Einsatzstrafe für die Schändung, welche nicht asperiert wird, sondern
lediglich als Basis um die asperierten weiteren Strafen erhöht wird, resultiert ent-
sprechend eine Freiheitsstrafe von 32 Monaten. Dies zeigt die folgende tabellari-
sche Übersicht der vorinstanzlichen Strafzumessung:
- 14 -
Mit Freiheitsstrafen belegte Delikte:
Einsatzstrafe in Monaten  Vorinstanz:
Erhöhung durch Asperation in Monaten gemäss Vorinstanz:
Schändung 15 15 (Einsatzstrafe bleibt unverändert)
Mehrfache sexuelle  mit einem Kind
12 7
Diebstahl
4 2
Einfache Körperverletzung
10 7
Pornografie
2 1
Total 43 32
3.3.1 Die Verteidigung hält die von der Vorinstanz für die einfache Körperverlet-
zung festgesetzte Einsatzstrafe von 10 Monaten bzw. eine Asperation um 7 Mo-
nate sowie das Abweichen zu der von ihr beantragten Einsatzstrafe von 6 Mona-
ten bzw. eine Asperation um 4 Monate für nicht nachvollziehbar: Zwar seien die
Verletzungen, welche der Beschuldigte dem Opfer zugefügt habe, leicht, auf
Grund der Gesamtsituation könne jedoch nicht mehr von einem leichten Ver-
schulden ausgegangen werden, zumal er mit direktem Vorsatz gehandelt habe
(Urk. 40 S. 5, Urk. 63 S. 4; Urk. 81 S. 3).
3.3.2 Die Vorinstanz qualifizierte das Verschulden in objektiver Hinsicht als kei-
nesfalls mehr leicht, weil die der geschädigten Ehefrau zugefügten Verletzungen
bereits einen erheblichen Schweregrad aufweisen und eine Spitalbehandlung
erforderlich war. Äusserlich erlitt sie ein Hämatom oberhalb des linken Auges so-
wie eine geschwollene Nase, wie ohne Weiteres auf den von der ausgerückten
Polizeipatrouille angefertigten Fotografien zu erkennen ist (Urk. 5/5). Gemäss
Auskunft des Kantonsspitals Olten erlitt sie zusätzlich einen Nasenbeinbruch so-
wie eine Gehirnerschütterung (Urk. 5/2 S. 3). Dies zeugt von einer erheblichen
Kraftanwendung seitens des Beschuldigten. So führte die Privatklägerin denn
auch aus, dass sie ab seinen Faustschlägen zu Boden gegangen sei (Urk. 5/4).
Es ist allgemein bekannt, dass derart heftige Schläge mit der Faust dazu führen,
dass das Opfer zu Boden geht und dabei die Gefahr des unkontrollierten Auf-
schlagens des Kopfes besteht. Dies wiederum kann zu schwersten Verletzungen
und im Extremfall gar zum Tod führen. Unter diesen Umständen steht die Frage
der Qualifikation als schwere Körperverletzung im Raum, was jedoch wegen des
- 15 -
rechtskräftigen Schuldspruchs nicht weiter zu verfolgen ist. Sodann hat der Be-
schuldigte aus nichtigem Anlass und auf brutale Weise zugeschlagen. In Anbe-
tracht dieser Umstände ist sein objektives Tatverschulden bereits als erheblich
einzustufen. Eine Freiheitsstrafe von 12 Monaten erscheint als angemessen.
3.3.3 Auch die Berücksichtigung der subjektiven Elemente wirkt sich nicht erheb-
lich zu seinen Gunsten aus. Zu seiner Motivlage machte er unterschiedliche An-
gaben. Anfänglich gab er an, dass ihn seine Frau mehrmals geschlagen habe. Als
sie trotz seiner entsprechenden Aufforderungen nicht damit aufgehört habe, habe
er zurück geschlagen (Urk. 5/3 S. 2). Anlässlich der erstinstanzlichen Hauptver-
handlung gab er an, dass sie ihn "gewisse" Dinge gefragt habe, was ihn gestresst
habe, weswegen es Streit gegeben habe und aus welchem Grund er sie geschla-
gen habe (Prot. I S. 23). Weder aus diesen Antworten noch aus dem übrigen Un-
tersuchungsergebnis lässt sich ein klares Motiv herausschälen. Ebenso wenig er-
geben sich jedoch Hinweise auf entlastende Umstände.
Nur unwesentlich zu seinen Gunsten vermag sich die gutachterlich festgestellte
leichte Verminderung der Schuldfähigkeit am 23. Januar 2018 auszuwirken
(Urk. 17/7 S. 75). Wohl schlug er seine Ehefrau auch am Abend des 23. Januar
2018. Aus den Akten geht jedoch nicht hervor, dass diese Ereignisse zu Verletz-
ungen geführt haben. Diese resultieren vielmehr aus dem Vorfall vom 24. Januar
2018, wo beim Beschuldigten keine Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit vor-
lag.
3.3.4 Auch aus den weiteren Täterkomponenten, namentlich den zahlreichen Vor-
strafen und dem Handeln während zweier laufender Probezeiten ergeben sich
keine entlastenden Momente. Wohl zeigte er sich von Anfang an geständig, was
entlastend zu berücksichtigen ist. Hingegen wirkt sich sein Nachtatverhalten nicht
zu seinen Gunsten aus. Nach der Tat wies er seine Schwiegermutter an, sich um
die verletzt am Boden liegende Ehefrau zu kümmern und zog davon, um Freunde
zu besuchen. Dass er schliesslich die Verantwortung für den Streit und letztlich
auch seine gewalttätige Reaktion auf seine Ehefrau abzuschieben versucht, zeugt
von erheblicher Uneinsichtigkeit. Insgesamt erscheint es somit als angemessen,
- 16 -
die hypothetische Einsatzstrafe für die einfache Körperverletzung von 12 Monaten
auf 14 Monate zu erhöhen.
3.3.5 Die vorinstanzlich vorgenommene Asperation mit einem Abzug von 30% er-
weist sich als angemessen (Urk. 61 S. 28). Wohl hält die Verteidigung dagegen,
dass ein "Asperationsfaktor" von 60 % angemessen sei, ohne dies jedoch weiter
zu begründen (Urk. 63 S. 4).
3.3.6 Für die Bemessung des Asperationsfaktors sehen weder das Gesetz noch
die Rechtsprechung griffige Regeln vor. Verglichen mit der Straftatsystematik ist
das Strafzumessungsrecht hierzulande ohnehin unterentwickelt. Eine selbststän-
dige Dogmatik zur Frage, welche Faktoren wie zu berücksichtigen sind und wie
ein festgestelltes Mass von Verschulden in ein Strafmass umzuwerten ist, besteht
weiterhin nicht (CESAROV MARKO, Zur Gesamtstrafenbildung nach der konkreten
Methode, forumpoenale 2/2016 S. 97 ff., 98). Der ratio legis von Art. 49 StGB
entsprechend sind indes die folgenden Grundsätze zu beachten:
3.3.7 Kommen zu schwereren Straftaten leichtere Straftaten hinzu, reicht ein
vergleichsweise geringer Strafzuschlag, um eine schuldangemessene Strafwir-
kung zu erlangen. Auch bei gleich schweren Delikten gilt es mittels Asperation die
Progressionswirkung zu brechen. Mit Blick auf das Verschulden dürften dann die
Zuschläge aber etwas höher sein (ACKERMANN JÜRG-BEAT/EGLI SAMUEL, Die
Strafartschärfung – eine gesetzesgelöste Figur, forumpoenale 3/2015 S. 158 ff.,
161). Entscheidend für die Bemessung des Asperationsfaktors ist zudem, ob das
zu asperierende Delikt ein anderes Rechtsgut betrifft und nicht in einem unmittel-
baren Zusammenhang steht (Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom
21. Juni 2013, SB130058). Im eben erwähnten Entscheid wurde, nachdem kein
Sachzusammenhang bestand und verschiedene Rechtsgüter betroffen waren, die
Freiheitsstrafe von 18 auf 16 Monate reduziert. Demgegenüber sind in der Praxis
Reduktionen um rund einen Drittel bei Delikten mit einem engen Sachzusammen-
hang und denselben verletzten Rechtsgütern üblich (Urteil des Obergerichts des
Kantons Zürich SB190230 vom 28. Februar 2020).
- 17 -
Unter Berücksichtigung dieser Grundsätze und der bestehenden Praxis erscheint
der von der Verteidigung angewendete Asperationsfaktor als zu hoch. Die Kör-
perverletzung wurde nicht im Zuge von weiteren Sexualdelikten begangen. Viel-
mehr handelt es sich um ein örtlich, zeitlich und auch sachlich völlig anders gela-
gertes Delikt. Eine Reduktion auf 12 Monate Freiheitsstrafe ist damit angemes-
sen.
3.4 Unter Berücksichtigung dieser Sanktion resultiert eine Freiheitsstrafe von
37 Monaten. Auf Grund des Verschlechterungsverbots (Art. 391 Abs. 2 StPO) hat
es hinsichtlich der auszufällenden Freiheitsstrafe bei der ausgefällten Sanktion
von 32 Monaten Freiheitsstrafe sein Bewenden. Der Anrechnung von einem Tag,
der im vorliegenden Verfahren bereits durch Haft erstanden ist, auf die heute
auszufällende (Freiheits-)Strafe steht nichts entgegen (Art. 51 StGB).
4. Strafzumessung betreffend Geldstrafen
4.1 Was die Ausfällung der Geldstrafe und die Vorgehensweise bei retrospekti-
ver Konkurrenz (Art. 49 Abs. 2 StGB) anbelangt, kann zwecks Vermeidung unnö-
tiger Wiederholungen vorab auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz
verwiesen werden (Urk. 61 S. 23 ff.). In Abweichung zum vorinstanzlichen Ent-
scheid ist die neu hinzugekommene Verurteilung vom 9. Februar 2021 durch die
Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn zu berücksichtigen. Der Beschuldigte
wurde wegen Diebstahls bzw. geringfügigen Diebstahls zu einer Geldstrafe von
40 Tagessätzen zu Fr. 10.– verurteilt (vgl. Urk. 71). Es ist entsprechend auch die-
se Strafe im Rahmen der retrospektiven Konkurrenz zu berücksichtigen und heute
eine Zusatzstrafe zu dieser auszufällen. Die für das geringfügige Vermögensdelikt
ausgefällte Busse in Höhe von Fr. 50.– kann dabei unberücksichtigt bleiben.
4.2 Nicht zu beanstanden ist die von der Vorinstanz für den Exhibitionismus
gemäss Art. 194 Abs. 1 StGB festgesetzte hypothetische Einsatzstrafe in Höhe
von 80 Tagessätzen (vgl. Urk. 61 S. 25). Bei gleichzeitiger Verurteilung des Be-
schuldigten wegen Exhibitionismus gemäss Art. 194 Abs. 1 StGB, versuchter Nö-
tigung gemäss Art. 181 StGB (Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons
Solothurn vom 13. August 2019; damals ausgefällt: 40 Tagessätze) und Dieb-
- 18 -
stahls gemäss Art. 139 Ziff. 1 StGB (Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kan-
tons Solothurn vom 9. Februar 2021; damals ausgefällt: 40 Tagessätze) wäre in
Anwendung des Asperationsprinzips auf eine Geldstrafe von 115 Tagessätzen
erkannt worden. Von dieser hypothetischen Gesamtstrafe sind die von der
Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn ausgesprochenen Grundstrafen von
zwei mal 40 Tagessätzen, somit 80 Tagessätze, abzuziehen. Entsprechend ist
vorliegend eine Geldstrafe von 35 Tagessätzen als Zusatzstrafe zu den mit Straf-
befehlen der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn vom 13. August 2019 und
9. Februar 2021 ausgefällten Strafen festzusetzen.
4.3 Die aufgrund des Widerrufs nun zu vollziehenden Strafen sind gemäss bun-
desgerichtlicher Rechtsprechung zwecks Vermeidung einer nicht gerechtfertigten
Privilegierung durch eine doppelte Anwendung des Asperationsprinzips, da be-
reits bei der Berücksichtigung der retrospektiven Konkurrenz in Anwendung des
Asperationsprinzips eine Gesamtstrafe festgelegt wurde, zur erwähnten Zusatz-
strafe zu addieren (vgl. BGE 145 IV 1, E. 1.2 in fine; vgl. hierzu auch TEICH-
MANN/CAMPRUBI, in: forumpoenale 3/2020, S. 209 ff., S. 213).
4.4 Unter Berücksichtigung der nun zu vollziehenden Strafen gemäss den
Strafbefehlen der Staatsanwaltschaften des Kantons Solothurn vom 5. März 2015
(75 Tagessätze) und der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland, Zweigstelle
Flughafen vom 19. September 2015 (30 Tagessätze) ist der Beschuldigte dem-
nach mit einer Gesamtstrafe von 140 Tagessätzen zu Fr. 20.– als teilweise Zu-
satzstrafe zu den mit Strafbefehlen der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn
vom 13. August 2019 und 9. Februar 2021 ausgefällten Strafen zu sanktionieren.
III. Vollzug
1. Im vorinstanzlichen Verfahren liess die Verteidigung im Umfange von
14 Monaten den bedingten Strafvollzug unter Ansetzung einer Probezeit von
5 Jahren beantragen (Urk. 40 S. 2). In der Berufungserklärung finden sich hin-
sichtlich der Frage des Vollzugs der Sanktion keine Anträge (Urk. 63). Auch an-
lässlich der heutigen Berufungsverhandlung wurden hierzu keine Ausführungen
gemacht (Urk. 81).
- 19 -
2.1 Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen, unter denen der Vollzug einer
Geld- oder Freiheitsstrafe aufgeschoben werden kann, ausführlich und zutreffend
dargelegt, weshalb vollumfänglich darauf verwiesen werden kann (Urk. 61 S. 31).
2.2 Beim Beschuldigten besteht mit Blick auf zu erwartende zukünftige
Delinquenz eine ausgesprochen schlechte Prognose. Er weist 7 Vorstrafen auf.
Fünf davon sind einschlägig, drei wurden vollumfänglich und eine wurde teilweise
vollzogen. Immer wieder hat er auch während laufenden Probezeiten und Straf-
verfahren delinquiert (Urk. 71). Zwar hat er in der Vergangenheit Therapieversu-
che unternommen. Offensichtlich ohne Erfolg. Wohl befindet er sich auch derzeit
in Behandlung wegen seiner Alkoholsucht. Doch obschon der Beschuldigte erklär-
te, hinsichtlich der Sexualdelikte bzw. der Sexualität seitens der Behörden Unter-
stützung zu erhalten (Urk. 80 S. 8), ist er die zentrale Problematik seiner
psychischen Störungen nicht therapeutisch angegangen. Dies entgegen den
Ausführungen der Verteidigung im erstinstanzlichen Verfahren, welche auf Grund
der Behandelbarkeit der psychischen Störungen des Beschuldigten eine gute
Prognose stellt (Urk. 40 S. 8). Mag sein, dass die Störungen des Beschuldigten
behandelbar sind. Die Behandelbarkeit allein genügt jedoch nicht für eine positive
Prognosestellung. Vielmehr muss eine Therapie auch tatsächlich in Angriff ge-
nommen werden. Da sich der Beschuldigte bislang noch keiner nachhaltigen Be-
handlung unterzogen hat, besteht noch nicht einmal die Hoffnung auf Erfolg, ge-
schweige denn eine ernsthafte Aussicht darauf. Schliesslich geht auch das psy-
chiatrische Gutachten beim Beschuldigten von einer hohen Rückfallgefahr aus
(Urk. 17/7 S. 87 f.). Seine persönlichen Lebensumstände haben sich seit dem
erstinstanzlichen Verfahren zudem nicht zum Besseren verändert. So erklärte der
Beschuldigte im Gegenteil, es sei ihm seit Erlass des erstinstanzlichen Urteils und
der darauf folgenden Ablehnung durch seine Familie sehr schlecht gegangen. Er
habe deswegen vermehrt Alkohol und Drogen konsumiert (Urk. 80 S. 1 ff.).
2.3 In der Summe zeugt es von einer seltenen Uneinsichtigkeit und Gleichgül-
tigkeit des Beschuldigten einerseits und ungünstigen Rahmenbedingungen ande-
rerseits. Es muss somit eine ausgesprochene Schlechtprognose gestellt werden.
Die Voraussetzungen von Art. 43 StGB zum Aufschub des Vollzugs der Sanktion
- 20 -
sind somit nicht erfüllt. Die Freiheitsstrafe von 32 Monaten und die Geldstrafe von
140 Tagessätzen zu Fr. 20.– sind zu vollziehen.
IV. Massnahme
Obwohl der Beschuldigte mit Bezug auf die vorinstanzlich angeordnete
Massnahme keine Berufungsanträge stellt, ist nachfolgend darüber zu befinden,
da diese – wie oben unter E. I.2 ausgeführt – nicht in Rechtskraft erwachsen ist.
Die Vorinstanz hat sich im Rahmen ihrer Erwägungen ausführlich und mit
zutreffender Argumentation mit der Frage der Anordnung einer Massnahme
auseinandergesetzt (Urk. 61 S. 32 ff.). Es kann deshalb vollumfänglich auf die
entsprechenden Erwägungen verwiesen werden. Es wird eine vollzugsbegleiten-
de ambulante Behandlung des Beschuldigten im Sinne von Art. 63 StGB (Be-
handlung psychischer Störungen) angeordnet.
V. Landesverweisung / Ausschreibung SIS
1. Landesverweisung / Härtefallprüfung
1.1 Die Vorinstanz hat mit einlässlicher Begründung und nach sorgfältigem Ab-
wägen der Vorbringen der Verteidigung und der einschlägigen Rechtsprechung
eine Landesverweisung von 5 Jahren ausgesprochen und dabei insbesondere
das Vorliegen eines Härtefalls verneint (Urk. 61 S. 37 ff.). Anlässlich der heutigen
Berufungsverhandlung hielt die Verteidigung an ihren erstinstanzlichen Vorbrin-
gen fest. Ergänzend brachte sie vor, die Argumentation der Vorinstanz überzeuge
nicht, wenn sie davon ausgehe, dass der Kontakt zwischen dem Beschuldigten
und seinen minderjährigen Kindern auch per Video- oder Audiotelefonie aufrecht
erhalten werden könne. Dies könne den direkten Kontakt in keiner Weise erset-
zen. Zudem handle es sich bei Sri Lanka um ein von der Schweiz aus nicht gera-
de einfach zu erreichendes Land in einem völlig anderen Kulturkreis, weshalb ei-
ne Reise den Kindern nicht zugemutet werden könne, nicht zuletzt auch aus fi-
nanziellen Gründen (Urk. 81 S. 4).
- 21 -
1.2 Art. 66a Abs. 1 lit. h StGB sieht für Ausländer, die wegen Schändung im
Sinne von Art. 191 StGB oder sexuellen Handlungen mit Kindern im Sinne von
Art. 187 Ziff. 1 StGB verurteilt werden, unabhängig von der Höhe der Strafe die
obligatorische Landesverweisung für 5-15 Jahre aus der Schweiz vor.
1.3.1 Die obligatorische Landesverweisung wegen einer Katalogtat im Sinne von
Art. 66a Abs. 1 StGB greift grundsätzlich unabhängig von der konkreten Tat-
schwere (BGE 146 IV 105, E. 3.4.1; BGE 144 IV 332, E. 3.1.3; je mit Hinweis).
Für einen ausnahmsweisen Verzicht auf die Landesverweisung gestützt auf Art.
66a Abs. 2 StGB müssen die in dieser Bestimmung erwähnten Voraussetzungen
kumulativ erfüllt sein. Erforderlich ist einerseits, dass die Landesverweisung für
den Ausländer einen schweren persönlichen Härtefall bewirken würde, und ande-
rerseits, dass die öffentlichen Interessen an der Landesverweisung gegenüber
den privaten Interessen des Ausländers am Verbleib in der Schweiz nicht über-
wiegen (BGE 144 IV 332, E. 3.3 mit Hinweisen). Da die Landesverweisung straf-
rechtlicher Natur ist, sind auch strafrechtliche Elemente wie die Aussichten auf
soziale Wiedereingliederung des Täters in die Interessenabwägung miteinzube-
ziehen (BGE 146 IV 105, E. 3.4.2; BGE 144 IV 332, E. 3.3.2; je mit Hinweisen).
Zu berücksichtigen sind namentlich der Grad der (persönlichen und wirtschaftli-
chen) Integration, einschliesslich familiäre Bindungen des Ausländers in der
Schweiz bzw. in der Heimat, Aufenthaltsdauer und Resozialisierungschancen.
Ebenso ist der Rückfallgefahr und wiederholten Delinquenz Rechnung zu tragen.
Dabei darf das Gericht auch vor dem Inkrafttreten von Art. 66a StGB begangene
Straftaten berücksichtigen (BGer Urteil 6B_1070/2018 vom 14. August 2019, E.
6.2.2).
1.3.2 Von einem schweren persönlichen Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2
StGB ist in der Regel bei einem Eingriff von einer gewissen Tragweite in den
Anspruch des Ausländers auf das in Art. 13 BV und Art. 8 EMRK verankerte
Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens auszugehen (BGer Urteil
6B_1070/2018 vom 14. August 2019, E. 6.3.1 mit Hinweisen). Zum durch Art. 8
EMRK geschützten Familienkreis gehört in erster Linie die Kernfamilie, das heisst
die Gemeinschaft der Ehegatten mit ihren minderjährigen Kindern. Der Anspruch
- 22 -
auf Achtung des Familienlebens gilt jedoch nicht absolut. Bei der Prüfung der
Eingriffsvoraussetzungen nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK sind folgende Elemente zu
beachten: (1) die Art und Schwere der begangenen Straftat und ob sie als Ju-
gendlicher oder Erwachsener verübt wurde; (2) die Aufenthaltsdauer des Be-
troffenen im Land; (3) die seit der Tatbegehung vergangene Zeit und das Verhal-
ten des Ausländers während dieser; (4) die sozialen, kulturellen und familiären
Bindungen zum Aufnahmestaat und zum Herkunftsland; (5) der Gesundheitszu-
stand sowie (6) die mit der aufenthaltsbeendenden Massnahme verbundene
Dauer der Fernhaltung. Keines dieser Elemente ist für sich allein ausschlagge-
bend. Erforderlich ist vielmehr eine Würdigung der gesamten Umstände im Ein-
zelfall. Art. 66a StGB ist EMRK-konform auszulegen. Die Interessenabwägung im
Rahmen der Härtefallklausel von Art. 66a Abs. 2 StGB hat sich an der Verhält-
nismässigkeitsprüfung nach Art. 8 Ziff. 2 EMRK zu orientieren (BGE 145 IV 161,
E. 3.4; BGer Urteil 6B_1070/2018 vom 14. August 2019, E. 6.3.3 und 6.3.4; je mit
Hinweisen).
1.3.3 Die Biografie des Beschuldigten stützt sich ausschliesslich auf eigene Anga-
ben, welche er im Zuge des Verfahrens bei verschiedenen Gelegenheiten ge-
macht hat. Mangels anderweitiger Erkenntnisquellen ist darauf abzustützen, zu-
mal keine Hinweise auf Falschaussagen vorliegen.
Demnach ist der Beschuldigte in Sri Lanka geboren und aufgewachsen. Nach
10 Schuljahren hat er die Ausbildung abgebrochen und hernach versucht, beruf-
lich in der Computerbranche Fuss zu fassen, was ihm jedoch nicht gelang. So
liess er sich im Alter von 18 - 24 Jahren – abgesehen von einem kleinen Zusatz-
verdienst durch den Verkauf von selbst gebrannten CD – von seiner Familie aus-
halten. In dieser Zeit war er Teil einer Gruppe von jungen Männern. Mit diesen hat
er – gemäss eigenen Aussagen (Urk. 77 S. 17/7 S. 31) – getrunken, wobei er
schon damals täglich eine halbe Flasche Whiskey trank, um Geld gespielt, Schlä-
gereien angezettelt, Prostituierte besucht und Frauen belästigt hat. Straffällig ge-
worden ist er dabei nicht.
Im Jahre 2006 migrierte er nach London, wo er einerseits viel arbeitete und Geld
zur Unterstützung seiner Familie verdiente, andererseits aber weiterhin viel trank
- 23 -
und spielte. Dort lernte er auch seine Ehefrau kennen und heiratete diese in
Sri Lanka. Im Jahre 2009 zog er mit seiner Familie in die Schweiz zu seinen
Schwiegereltern. Nach 2,5 Jahren regelmässiger Arbeit als Monteur war er
während 1,5 Jahren arbeitslos. In der Folge war er während rund weiteren 2 Jah-
ren auf Temporärbasis als Lagerist tätig.
Anlässlich der Berufungsverhandlung gab der Beschuldigte zu Protokoll, mittler-
weile von seiner Ehefrau und den Kindern getrennt zu leben. Es habe ein
Eheschutzverfahren stattgefunden, gemäss welchem es ihm erlaubt sei, die Kin-
der einmal pro Woche zu sehen bzw. zu kontaktieren. Er schäme sich aber (Urk.
80 S. 7). Ob er das Besuchsrecht tatsächlich regelmässig wahrnimmt, bleibt hier-
bei unklar. Weiter erklärte er, nach dem Erlass des erstinstanzlichen Urteils sei al-
les schlecht geworden. Seine Familie habe keinen Kontakt mehr mit ihm pflegen
wollen und er habe viel mehr konsumiert. Dank den Suchthelfern habe er, nach-
dem er kurzzeitig quasi auf der Strasse gewesen sei, wieder eine Arbeit gefunden
(Urk. 80 S. 2). In den 18 Monaten seit der erstinstanzlichen Urteilseröffnung sei es
ihm aber generell nicht gut gegangen. Er sei psychisch am Boden (Urk. 80 S. 3).
Derzeit arbeite er jeweils vormittags, danach sei er alleine. Hierbei habe man –
wenn man so isoliert leben müsse – keine andere Wahl als zu konsumieren und
in seinem Zimmer oder seiner Wohnung zu bleiben. In den fünf Tagen vor der Be-
rufungsverhandlung habe er sich in einer Entzugsklinik aufgehalten, in welche er
auch wieder zurückkehren wolle (Urk. 80 S. 4).
Im neusten Strafregisterauszug des Beschuldigten ist eine neue Verurteilung vom
9. Februar 2021 eingetragen, da er von der Staatsanwaltschaft des Kantons
Solothurn wegen Diebstahls bzw. geringfügigen Diebstahls zu einer Geldstrafe in
Höhe von 40 Tagessätzen à Fr. 10.– sowie einer Busse in Höhe von Fr. 50.– ver-
urteilt wurde (Urk. 71). Der Beschuldigte besucht derzeit zwar eine Therapie, wo-
bei er gleichzeitig erklärte, er verstehe aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse
oft nicht, was die Therapeuten sagen würden (Urk. 80 S. 5)
1.3.4 Wie der Psychiater in seinem Gutachten festgehalten hat, lebt der Beschul-
digte isoliert (Urk. 17/7 S. 45). Deshalb ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass
er kaum Deutsch spricht. Im Untersuchungsverfahren wie auch in den gerichtli-
- 24 -
chen Verfahren musste der Beschuldigte durchwegs Dolmetscherdienste in An-
spruch nehmen. Seine wenigen sozialen Kontakte beschränkten sich auf solche
innerhalb der tamilischen Diaspora, wobei beispielsweise auch die Mitspieler in
der Cricketmannschaft Angaben des Beschuldigten zufolge nach dem Sport kei-
nen weiteren Kontakt mit ihm pflegen wollen (Urk. 80 S. 5). Einer gewöhnlichen
Erwerbstätigkeit geht er – soweit ersichtlich – seit längerer Zeit nicht nach. Die
von ihm derzeit jeweils vormittags ausgeführte Tätigkeit wurde ihm offenbar via
Suchtberatung vermittelt und scheint keine Stelle des regulären Arbeitsmarkts zu
sein (vgl. Urk. 80 S. 2 und 4). Seine Frau und drei Kinder sind die einzigen we-
sentlichen Binnenbezüge. Auch sie sind tamilische Staatsangehörige, verfügen
aber im Gegensatz zum Beschuldigten über eine C - Niederlassungsbewilligung.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ihm die Schweiz fremd ist.
1.3.5 Auch wenn die familiären Verhältnisse Aspekte aufweisen, welche ein ge-
wisses Interesse am Verbleib in der Schweiz sowie auf Achtung des Familienle-
bens zu begründen vermögen, sind die Eingriffsvoraussetzungen nach Art. 8
Ziff. 2 EMRK in Würdigung der gesamten Umstände nicht erfüllt und es liegt ge-
samthaft kein schwerer persönlicher Härtefall vor. Daran ändert der Umstand
nichts, dass der Beschuldigte Vater dreier Kinder ist. Zwar sind härtefallbegrün-
dende Aspekte bei Dritten zu berücksichtigen, wenn sie sich auf den Beschuldig-
ten auswirken, was etwa bei einem schweren persönlichen Härtefall für Frau und
Kinder zutreffen würde (BGE 145 IV 161 E. 3.3, E. 3.4). Vorliegend leben die Kin-
der bei der Ehefrau des Beschuldigten. Wie oben ausgeführt verfügen sie über
ein vom Beschuldigten unabhängiges Aufenthaltsrecht in der Schweiz. Die Fami-
lie lebt aber auch in der Schweiz nicht zusammen. Dass es unter dem Gesichts-
winkel des Schutzes des Anspruchs auf Familienleben (Art. 13 Abs. 1 BV sowie
Art. 8 Ziff. 1 EMRK) im Übrigen je nach den Umständen ausreichend ist, dass der
Kontakt zur Familie im Rahmen von Kurzaufenthalten, Ferienbesuchen oder über
die modernen Kommunikationsmittel vom fernen Ausland her wahrgenommen
werden kann, entspricht einer gefestigten bundesgerichtlichen Rechtsprechung
(BGE 139 I 315, E. 2.2; BGE 143 I 21, E. 5.3 S. 28; BGer Urteile 2C_221/2019
vom 25. Juli 2019, E. 3.2, 2C_702/2019 vom 19. Dezember 2019, E. 3.5.2 und
2C_253/2015 vom 9. September 2015, E. 3.3.3). Entgegen der Ansicht der Ver-
- 25 -
teidigung (Urk. 81 S. 4) ist diese bereits von der Vorinstanz hervorgehobene Mög-
lichkeit vorliegend, wo der Beschuldigte ohnehin nicht mit der Familie zusammen-
lebt, ebenfalls als zumutbar zu beurteilen. Dies gilt umso mehr als das familiäre
Zusammenleben zudem schon seit Jahren sehr belastet ist und nebst der Polizei
auch die zuständige KESB schon mehrfach wegen häuslicher Gewalt und Ge-
fährdung des Kindswohls durch den Beschuldigten intervenieren musste (Urk.
15). Unabhängig davon steht es der Familie des Beschuldigten frei, ihm in sein
Heimatland zu folgen.
1.3.6 Auch in beruflicher Hinsicht ist der Beschuldigte hierorts nicht integriert: Er
arbeitet seit Jahren nicht mehr auf dem regulären Arbeitsmarkt und ist fürsorge-
abhängig. Auch diesbezüglich wären die die Folgen der Rückkehr in seine Heimat
für ihn nicht besonders hart.
1.3.7 Zudem verfügt der Beschuldigte nach wie vor über beste Beziehungen in
seine Heimat. Seine Eltern und Geschwister leben dort. Er hat diese in der Ver-
gangenheit immer wieder besucht, letztmals im Jahre 2018 für drei Wochen mit
Ehefrau und Kindern. Er ist dort nach wie vor integriert. Die Weiterführung seines
Lebens in seiner Heimat scheint problemlos möglich. Zwar hat er nicht vor, freiwil-
lig nach Hause zu gehen, würde dies aber so akzeptieren, wenn das Gesetz dies
vorsehen würde (Prot. I. S. 18).
1.3.8 Schliesslich gilt es anzumerken, dass auch die allgemeine politische und
wirtschaftliche Lage in Sri Lanka seiner Rückkehr nicht im Wege steht. Vielmehr
haben die Schweiz und die sozialistische Republik Sri Lanka am 6. August 2018
eine Migrationspartnerschaft abgeschlossen, welche auch die Rückübernahme
eigener Staatsangehöriger umfasst. Die höchstrichterliche Rechtsprechung
schliesst Rückführungen nach Sri Lanka ohnehin nicht aus. Selbst ehemalige
LTTE Kämpfer haben gemäss Bericht "Focus Sri Lanka" des SEM vom 15. März
2019 nach ihrer Rückkehr keine Nachteile zu gewärtigen. Das anlässlich der Be-
rufungsverhandlung geäusserte Vorbringen des Beschuldigten, wonach er im Fal-
le einer Rückkehr nach Sri Lanka getötet werden könnte (Urk. 80 S. 10) erscheint
vor diesem Hintergrund als unbegründet. Hinsichtlich seiner geäusserten Befürch-
tungen, seine Familie bzw. sein Umfeld könnte ihm in Sri Lanka etwas antun, ist
- 26 -
im Übrigen zu bemerken, dass der Beschuldigte nicht verpflichtet ist, an seinen
ursprünglichen Wohnort in Sri Lanka zurückzukehren, sondern vielmehr an einem
beliebigen Ort in Sri Lanka bzw. – sofern er eine entsprechende Aufenthaltsbe-
willigung erhält – in einem anderen Staat einen neuen Wohnsitz begründen könn-
te.
1.3.9 Sieht man den Grad des persönlichen Härtefalls, auf eine Kürzestformel
heruntergebrochen, in der Differenz der Summe aller Vorzüge, derer eine Person
durch die Landesverweisung verlustig zu gehen droht, und der Situation, welche
eine Person nach ihrer Rückkehr antreffen wird, so ist diese vorliegend nicht sehr
gross; weder familiär noch beruflich, wirtschaftlich oder sozial. Denn er lebt be-
reits hier ein bescheidenes, einsames Leben am Rande der Gesellschaft.
1.3.10 Mögen die Folgen der Landesverweisung für den Beschuldigten dennoch
hart sein, so ist dies vom Gesetzgeber so gewollt. Mit der am 1. Oktober 2016 in
Kraft gesetzten Gesetzgebung zur strafrechtlichen Landesverweisung wurde die
bisherige ausländerrechtliche Ausschaffungspraxis massiv verschärft (BGE 145
IV 55, E. 4.3). Mit der Umsetzung der Ausschaffungsinitiative nahm der Gesetz-
geber zudem die Folgen für Ehepartner und Kinder in Kauf (BGer Urteil
6B_131/2019 vom 27. September 2019, E. 2.5.5). Dazu bleibt abschliessend fest-
zuhalten, dass Verurteilungen wegen schweren Delikten bei den Angehörigen
meist zu gravierenden Folgen führen. Mehrjährige Freiheitsstrafen reissen Fami-
lien regelmässig auseinander. Aber genauso wie bei der eigentlichen Sanktion,
wo die Auswirkungen auf die familiären Situation nur in Ausnahmefällen im Rah-
men der Überprüfung der Strafempfindlichkeit berücksichtigt werden kann, darf
auch bei der Landesverweisung keine grundsätzliche Privilegierung von Eltern
gegenüber kinderlosen Tätern stattfinden.
1.4 Damit liegt – entgegen der Ansicht der Verteidigung (Urk. 81 S. 4 f.) – kein
schwerer persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB vor, weshalb
die privaten Interessen des Beschuldigten am Verbleib in der Schweiz nicht mit
den öffentlichen Interessen an der Landesverweisung abzuwägen sind.
- 27 -
2. Dauer der Landesverweisung
2.1 Gemäss Art. 66a StGB ist die Landesverweisung für 5 bis 15 Jahre auszu-
sprechen, wobei die Dauer verhältnismässig sein muss.
2.2 Die Vorinstanz erachtete eine Dauer von 5 Jahren als angemessen. Nach-
dem es sich hierbei um das zulässige Mindestmass handelt und eine Verschlech-
terung auf Grund des Verbotes der reformatio in peius (Art. 391 Abs. 2 StPO)
ausgeschlossen ist, erübrigen sich weitere Ausführungen dazu. Die Landesver-
weisung ist für die Dauer von 5 Jahren auszusprechen.
3. SIS-Ausschreibung
3.1 Obwohl von der Staatsanwaltschaft nicht beantragt, hat die Vorinstanz die
Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem ange-
ordnet (Urk. 41 S. 1). Die Verteidigung hat gegen diese Anordnung nicht oppo-
niert. Spricht das Berufungsgericht gegenüber einem Drittstaatsangehörigen eine
Landesverweisung aus, muss es auch über die Ausschreibung der Landesver-
weisung im SIS entscheiden (BGE 146 IV 172, E. 3.3.5 S. 183).
3.2 Das Bundesgericht hat in seinem aktuellen Entscheid vom 10. März 2021
(BGer Urteil 6B_1178/2019 vom 10. März 2021, zur Publikation in der BGE
Sammlung vorgesehen) unter Berücksichtigung der aktuellen kantonalen, eidge-
nössischen und europäischen Rechtsprechung (insbesondere unter Verweis auf
das Urteil des EuGH vom 12. Dezember 2019 C-380/18, E.P., E-
CLI:EU:C:2019:1071) die Voraussetzungen für die Anordnung der SIS Ausschrei-
bung ausführlich und umfassend dargelegt und konkretisiert. Es kann bereits vor-
weg genommen werden, dass die Anforderungen an die Ausschreibung im SIS
mit diesem neuen Leitentscheid gegenüber der bisherigen Praxis erheblich her-
abgesetzt wurden .
3.3 Die in Art. 24 Ziff. 2 lit. a SIS-II-Verordnung genannte Voraussetzung einer
Asusschreibung "Freiheitsstrafe von einem Jahr" kann nicht im Sinne einer effek-
tiven Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr oder einer abstrakten Mindest-
strafandrohung von einem Jahr Freiheitsstrafe verstanden werden. Ersteres wi-
- 28 -
derspricht bereits dem klaren Wortlaut der Bestimmung, der auf die abstrakte
Strafandrohung abstellt ("mit Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr bedroht
ist"). Dass die erwähnte Bestimmung im Sinne einer Mindeststrafandrohung zu
verstehen ist, kann ebenfalls ausgeschlossen werden. Eine solche Regelung
macht wenig Sinn, da damit je nach Ausgestaltung der nationalen Straftatbestän-
de willkürlich schwere Straftaten vom Anwendungsbereich der Bestimmung aus-
geschlossen würden. Weiter ist davon auszugehen, dass der EG-Gesetzgeber für
eine solche Regelung eine klare Formulierung gewählt hätte. Hätte er für die Aus-
schreibung im SIS eine Freiheitsstrafe von einem Jahr oder mehr voraussetzen
wollen, hätte er naheliegenderweise auf die konkrete Strafe abgestellt. Entschei-
dend ist daher vielmehr, ob die Straftat im Höchstmass mit einer Freiheitsstrafe
von einem Jahr oder mehr bedroht ist. Es genügen somit eine oder mehrere Straf-
taten, die einzeln betrachtet oder in ihrer Gesamtheit von einer "gewissen"
Schwere sind, unter Ausschluss von blossen Bagatelldelikten. Entscheidend ist
zudem nicht das Strafmass, sondern in erster Linie die Art und Häufigkeit der
Straftaten, die konkreten Tatumstände sowie das übrige Verhalten der betroffe-
nen Person (zum Ganzen BGer Urteil 6B_1178/2019 vom 10. März 2021, E. 4.6
und 4.8).
3.4 Aus den eben ausgeführten Erwägungen erhellt, dass die Voraussetzungen
vorliegend ohne weiteres erfüllt sind, handelt es sich doch dabei nicht um Baga-
telldelikte, für welche der Beschuldigte zudem mit deutlich mehr als einem Jahr
Freiheitsstrafe zu sanktionieren ist, und hat der Beschuldigte mit seinen Handlun-
gen die öffentliche Sicherheit und Ordnung in einer Vielzahl von Fällen gefährdet.
Die Landesverweisung ist somit im SIS auszuschreiben.
VI. Genugtuung
1. Die Vorinstanz hat die Voraussetzungen, unter denen eine Genugtuung zu
entrichten ist und wie sich deren Höhe berechnet, ausführlich und zutreffend
dargestellt, weshalb darauf verwiesen werden kann (Urk. 61 S. 50).
2.1 Auch die konkrete Bemessung der Genugtuung für die Privatklägerin
C._ ist nicht zu beanstanden. Die dagegen angeführte Kritik der Verteidigung
- 29 -
verfängt nicht. Sie beschränkt sich darauf, auf drei Fallbeispiele in der "Genugtu-
ungspraxis Opferhilfe" zu verweisen, welche vergleichbar mit dem vorliegenden
seien und in denen eine Genugtuungssumme von Fr. 800.– als angemessen
bezeichnet worden sei (Urk. 81 S. 5).
2.2 Dieser Verweis ist indessen nicht angängig. Der besagte Aufsatz behandelt,
entsprechend seinem Untertitel, die Höhe der Genugtuung nach dem revidierten
OHG. Die Strafgerichte bemessen die Genugtuung jedoch ausschliesslich nach
zivilrechtlichen Kriterien, auch wenn sie aufgrund verfahrensrechtlicher Bestim-
mungen des OHG die Genugtuung adhäsionsweise zu beurteilen haben (vgl. da-
zu auch SIDLER, Genugtuung, N 10.16 Fn. 10a; für die Praxis nach Totalrevision
des OHG 2009: BGer Urteil 6B_531/2017 vom 11. Juli 2017, E. 3.4.3). Demge-
genüber richtet sich die Bemessung der Genugtuung im Opferhilfeverfahren in
erster Linie nach der Schwere der Beeinträchtigung. Mit den Bestimmungen zur
Genugtuung im OHG nach der Totalrevision von 2009 fallen aufgrund der
Höchstbeträge die zivilrechtlichen und die opferhilferechtlichen Genugtuungen oft
in unterschiedlicher Höhe aus. In der Tendenz fallen die zivilrechtlichen Genugtu-
ungen allgemein höher aus, als diejenigen nach OHG (GOMM PETER, in: Gomm
Peter/Zehntner Dominik (Hrsg.), Opferhilferecht, 4. Aufl., Bern 2020, Art. 23 N 6).
Abgesehen davon werden im besagten Aufsatz "Genugtuungspraxis Opferhilfe"
die Sachverhalte nur stichwortartig aufgeführt und sind die Beispiele 10 Jahre alt,
weshalb sich ein direkter Vergleich ohnehin verbietet.
2.3 Im Sinne einer allgemeinen Ergänzung zu den Bemessungsgrundlagen der
Genugtuung sei zudem erwähnt, dass Persönlichkeitsverletzungen als Folge
von Sexualdelikten sich in ihrer Auswirkung stark von denjenigen aus sonstigen
schädigenden Handlungen unterscheiden. Sie belasten das Opfer langfristig mehr
als andere schädigende Handlungen. Das Opfer kann sich oftmals nicht vom
Ereignis lösen. Scham und Angst lasten auf der Geschädigten (HÜTTE KLAUS,
Genugtuungsrecht - Grundlagen zur Bestimmung der Genugtuung - Band 1,
Genugtuung als Folge von Tötung oder Sexualdelikten, Zürich/St. Gallen 2013,
S. 57).
3. Genugtuung Privatklägerin C._
- 30 -
3.1 Die Vorinstanz hat nach Abwägung der wesentlichen Faktoren eine Genug-
tuung in der Höhe von Fr. 3'000.– zugesprochen (Urk. 61 S. 51 f.).
3.2 Der Übergriff des Beschuldigten war widerrechtlich und erfolgte schuldhaft.
Zudem war er von einer Art, welche die Persönlichkeitsrechte des Opfers schwer
verletzt hat. Wie schon zum strafrechtlichen Verschulden ausgeführt, war die Vor-
gehensweise hinterhältig und der Schock bei der jungen Privatklägerin dement-
sprechend gross. Gewalttätig war sein Vorgehen zwar nicht. Zudem war es von
kurzer Dauer und es kam auch nicht zur Penetration. Aber er hat sein primäres
Geschlechtsteil benutzt und dabei Körperflüssigkeit auf sie abgesondert (Urk.
1/4/1 S. 2). Eindrücklich hat die Privatklägerin C._ anlässlich der erstinstanz-
lichen Hauptverhandlung geschildert, wie stark sie die Ereignisse mitgenommen
haben und die Tat ihren Zustand verschlechtert und dadurch ihre Lebensqualität
gelitten hat. Sie musste sich in therapeutische Behandlung begeben und konnte
lange nicht mehr Zug fahren oder in den Ausgang gehen. Letztlich sei ihr dadurch
auch ihre Grundsicherheit genommen worden (Prot. S. 28).
3.3 Die Privatklägerin C._ hat damit ihre psychischen Beeinträchtigungen
substantiiert und überzeugend dargetan. Gestützt auf diese Umstände ist die Tat
des Beschuldigten keinesfalls als Bagatelle zu qualifizieren, insbesondere weil es
zu direktem Kontakt zwischen dem Penis des Beschuldigten und dem Gesicht der
Privatklägerin C._ kam. Vielmehr ist die Tat bereits im mittleren Bereich
anzusiedeln, insbesondere wenn die Folgen beim Opfer berücksichtigt werden.
Stellt man diesen Tatbeständen den Unrechtsgehalt der Gewaltdelikte und die
dort ausgerichteten Genugtuungen gegenüber, dann wird nach herrschender Leh-
re ein Basisbetrag von Fr. 3’000.– bis Fr. 5’000.– als angemessen erachtet (HÜT-
TE KLAUS, Genugtuungsrecht - Grundlagen zur Bestimmung der Genugtuung -
Band 1, Genugtuung als Folge von Tötung oder Sexualdelikten, Zürich/St. Gallen
2013, S. 167). Die vorinstanzlich zuerkannte Genugtuung von Fr. 3'000.– ist des-
halb zu bestätigen.
- 31 -
4. Genugtuung Privatklägerin D._
4.1 Die Vorinstanz hat nach Abwägung der wesentlichen Faktoren eine Genug-
tuung in der Höhe von Fr. 2'500.– zugesprochen (Urk. 61 S. 52 f.). Sie liess mit
Eingabe vom 17. Juni 2021 die Bestätigung des erstinstanzlichen Entscheides
beantragen (Urk. 74).
4.2 Der Übergriff des Beschuldigten war widerrechtlich und erfolgte schuldhaft.
Zudem war er von einer Art, welche ihre Persönlichkeitsrechte schwer verletzt
hat. Auch in diesem Fall war seine Vorgehensweise sehr berechnend. Doch ist es
allgemein bekannt, dass es Opfern in diesen Fallkonstellationen nicht möglich ist,
sich einfach vom Tatort zu entfernen, sondern sie vielmehr regelmässig ein eine
Schockstarre verfallen. So auch die Privatklägerin D._. Physische Gewalt hat
der Beschuldigte keine angewendet. Durch die Auswahl eines im Übrigen
menschenleeren Abteils schuf er jedoch eine besonders bedrohliche Situation,
zumal die Privatklägerin D._ zum Tatzeitpunkt weder wissen noch davon
ausgehen konnte, dass der Beschuldigte sie nicht auch körperlich angehen wer-
de. Dies gilt es bei der gerichtlichen ex-post Betrachtung ganz besonders zu be-
rücksichtigen. Zudem war seine Handlung in zeitlicher Hinsicht bereits von einer
gewissen Dauer. Durch die abschliessende sichtbare Ejakulation vor den Augen
des Opfers im Kindesalter wird ein solches Vorgehen ganz besonders abstossend
und der Schock der Betrachterin wird zusätzlich verstärkt.
4.3 Diese Tat führte bei der Privatklägerin D._ zu schwerwiegenden Fol-
gen, welche mehrere teilweise intensive psychiatrische Interventionen erforderten.
Es kann auf die Zusammenfassung in den Ausführungen der Vorinstanz verwie-
sen werden (Urk. 61 S. 53). Wohl gilt es zu berücksichtigen, dass die Folgen auch
deshalb besonders schwer waren, weil sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt
Opfer eines gravierenderen sexuellen Übergriffs wurde. Alleine aber der Um-
stand, dass es ihr in der Folge nicht mehr möglich war, alleine Zug zu fahren,
zeugt davon, dass dieses Ereignis einen wesentlichen Einfluss auf ihre schlechte
psychische Verfassung hatte.
- 32 -
4.4 Die Privatklägerin D._ hat damit ihre psychischen Beeinträchtigungen
substantiiert und überzeugend dargetan. Gestützt auf die gesamten Umstände ist
die Tat des Beschuldigten nicht mehr als Bagatelle zu qualifizieren. Vielmehr ist
auch diese Tat bereits im mittleren Bereich anzusiedeln, insbesondere wenn die
Folgen beim Opfer und dessen Kindesalter berücksichtigt werden. Dementspre-
chend ist die vorinstanzlich zuerkannte Genugtuung von Fr. 2'500.– zu bestäti-
gen.
VII. Kosten- und Entschädigungsfolgen
1. Die zweitinstanzliche Gerichtsgebühr ist auf Fr. 3'000.– zu veranschlagen
(Art. 424 Abs. 1 StPO i.V.m. § 16 Abs. 1 und § 14 GebV OG). Nachdem der
Beschuldigte mit seiner Berufung vollumfänglich unterliegt, sind ihm ausgangs-
gemäss die Kosten des Berufungsverfahrens aufzuerlegen (Art. 428 Abs. 1
StPO). Ausgenommen davon sind die Kosten der amtlichen Verteidigung und der
Vertretung der Privatklägerinnen, welche einstweilen auf die Gerichtskasse zu
nehmen sind. Sie können vom Beschuldigten in einem späteren Zeitpunkt einge-
fordert werden, falls sich seine wirtschaftliche Situation entsprechend verbessern
sollte (Art. 135 Abs. 4 StPO i.V.m. Art. 138 Abs. 1 StPO).
2.1 Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Privatklägerin 2 (E._) macht
eine Entschädigung von insgesamt Fr. 472.70 geltend (Urk. 826.85). Die bean-
tragte Entschädigung ist ausgewiesen und erscheint angemessen, weshalb die
unentgeltliche Rechtsbeiständin in dieser Höhe aus der Gerichtskasse zu ent-
schädigen ist.
2.2 Die unentgeltliche Rechtsvertreterin der Privatklägerin 3 (D._) macht
eine Entschädigung von insgesamt Fr. 472.70 geltend (Urk. 76). Auch diese Aus-
lagen sind ausgewiesen und erscheinen angemessen, weshalb eine Entschädi-
gung in dieser Höhe zuzusprechen ist.
2.3 Der amtliche Verteidiger macht seinerseits eine Entschädigung von
Fr. 7'367.40 geltend, wobei dies auf einem Stundenansatz von Fr. 250.– pro
Stunde berechnet wurde (vgl. Urk. 72). Unter Anwendung des Zürcherischen An-
- 33 -
satzes für amtliche Mandate von Fr. 220.– pro Stunde (vgl. § 3 AnwGebV) ergibt
sich eine Entschädigung in Höhe von Fr. 6'489.–. Aufgrund des geschätzten zu-
sätzlichen Aufwands für das Studium des begründeten Urteils bzw. für eine
Nachbesprechung mit dem Beschuldigten, erscheint eine Entschädigung in Höhe
von gesamthaft Fr. 6'600.– angemessen.