Decision ID: 60e37abb-2988-55fa-b57f-8f2968140039
Year: 2016
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 23. Juli 2015 reichte der Belastingdienst der Niederlande (nachfolgend:
BD) gestützt auf das Abkommen vom 26. Februar 2010 zwischen der
Schweizerischen Eidgenossenschaft und dem Königreich der Niederlande
zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom
Einkommen (SR 0.672.963.61; nachfolgend: DBA-NL) bei der Eidgenössi-
schen Steuerverwaltung (nachfolgend: ESTV) ein Amtshilfegesuch ein.
Das Ersuchen betrifft dem BD namentlich nicht bekannte natürliche Perso-
nen, welche im Zeitraum vom 1. Februar 2013 bis 31. Dezember 2014 In-
haber eines oder mehrerer Konten bei der UBS Switzerland AG (vormals
UBS AG) waren und in diesem Zeitraum bestimmte weitere, im Gesuch
genannte Kriterien erfüllt haben. Der BD verlangt nach dem Amtshilfeersu-
chen in Bezug auf jede dieser Personen Informationen über Vorname(n),
Nachname, Domiziladresse, Geburtsdatum, Bankkontonummer(n) und
Vermögensstand auf den betreffenden Konten per 1. Februar 2013, 1. Ja-
nuar 2014 und 31. Dezember 2014.
B.
Aufgrund des Amtshilfegesuches des BD forderte die ESTV die UBS
Switzerland AG mit Verfügung vom 3. August 2015 dazu auf, alle unter das
Ersuchen fallenden Personen zu identifizieren, der ESTV die vom BD ver-
langten Informationen zu übermitteln und die beschwerdeberechtigten Per-
sonen mit Wohnsitz im Ausland mittels eines der Verfügung beigelegten
Schreibens der ESTV über das Amtshilfeverfahren zu informieren.
Die UBS Switzerland AG reichte der ESTV fristgerecht verschiedene Do-
kumente ein. Nach diesen Unterlagen ist unter anderem A._ eine
unter das Ersuchen des BD fallende Person.
Die UBS Switzerland AG wies sodann gegenüber der ESTV nach, dass sie
das Informationsschreiben dieser Behörde am 17. September 2015 an
A._ versendet hat.
C.
Am 22. September 2015 veröffentlichte die ESTV im Bundesblatt eine Mit-
teilung über das Amtshilfegesuch des BD mit den darin genannten Kriterien
zur Identifikation der unter das Ersuchen fallenden Personen (BBl 2015
6938 f.). In der Mitteilung forderte die ESTV überdies die vom Amtshilfeer-
suchen betroffenen Personen mit Wohnsitz im Ausland auf, eine Zustella-
dresse in der Schweiz anzugeben. Ferner kündigte die ESTV an, eine
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Schlussverfügung gegenüber den betroffenen Personen zu eröffnen, wel-
che nicht schriftlich der Übermittlung der im Amtshilfegesuch verlangten
Informationen an die ersuchende Behörde im Rahmen des sog. verein-
fachten Verfahrens nach Art. 16 des Bundesgesetzes vom 28. September
2012 über die internationale Amtshilfe in Steuersachen (Steueramtshilfe-
gesetz, StAhiG; SR 651.1) zustimmen.
D.
Mit Schreiben vom 8. Oktober 2015 liess A._ der ESTV mitteilen,
dass er durch Rechtsanwalt lic. iur. Michael Barrot vertreten sei. Zugleich
ersuchte er um Akteneinsicht.
E.
Am 22. Oktober 2015 setzte die ESTV A._ (bzw. dessen Rechts-
vertreter) darüber in Kenntnis, welche ihn betreffenden Informationen sie
dem BD zu übermitteln beabsichtige. Ferner gewährte sie Akteneinsicht
und räumte eine Frist zur Stellungnahme ein.
Nach ungenutztem Ablauf der angesetzten Frist liess A._ der ESTV
mit E-Mail vom 19. November 2015 mitteilen, dass er bislang bei den nie-
derländischen Behörden keine Selbstanzeige eingereicht habe.
F.
Am 25. November 2015 erliess die ESTV (nachfolgend auch: Vorinstanz)
eine Schlussverfügung gegenüber A._. Sie kam darin zum Schluss,
dass dem BD betreffend A._ Amtshilfe zu leisten sei (Dispositiv-
Ziff. 1 der Schlussverfügung). Nach Dispositiv-Ziff. 2 der Schlussverfügung
übermittelt die ESTV dem BD folgende Informationen:
«Vorname(n) B._
Nachname A._
Domiziladresse [...], Niederlande
Geburtsdatum [...]
Bankkontonummer [...]
Vermögensstand per 1. Februar 2013 CHF [...]
Vermögensstand per 1. Januar 2014 CHF [...]
Vermögensstand per 31. Dezember 2014 CHF [...]»
Die ESTV hielt in ihrer Schlussverfügung ferner fest, dass sie den BD da-
rauf hinweisen werde, dass die in Dispositiv-Ziff. 2 der Schlussverfügung
genannten Informationen nur im Verfahren gegen A._ für den im
Ersuchen vom 23. Juli 2015 genannten Sachverhalt verwertet werden dür-
fen (Dispositiv-Ziff. 3 Bst. a der Schlussverfügung). Ferner ordnete die
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ESTV an, dass sie den BD darauf hinweisen werde, dass die edierten In-
formationen, wie die aufgrund des niederländischen Rechts beschafften In-
formationen, geheim zu halten seien und nur Personen oder Behörden
(einschliesslich der Gerichte und der Verwaltungsbehörden) zugänglich
gemacht werden dürften, welche mit der Veranlagung, Erhebung, Vollstre-
ckung, Strafverfolgung oder mit der Entscheidung über Rechtsmittel hin-
sichtlich der in Art. 26 DBA-NL genannten Steuern oder mit der Aufsicht
über diese Funktionen befasst seien (Dispositiv-Ziff. 3 Bst. b der Schluss-
verfügung).
G.
Am 24. Dezember 2015 liess A._ (nachfolgend: Beschwerdeführer)
gegen die genannte Schlussverfügung der ESTV Beschwerde beim Bun-
desverwaltungsgericht erheben. Er beantragt, die Schlussverfügung der
Vorinstanz vom 25. November 2015 sei aufzuheben und dem Amtshilfege-
such des BD sei in Bezug auf ihn nicht nachzukommen. Ferner verlangt er
eine Parteientschädigung zuzüglich Mehrwertsteuerzuschlag.
H.
In ihrer Vernehmlassung vom 15. Februar 2016 beantragt die ESTV die
kostenpflichtige Abweisung der Beschwerde.
I.
Mit unaufgefordert eingereichtem Schreiben vom 17. Februar 2016 er-
suchte der Beschwerdeführer sinngemäss um Ansetzung einer Frist zur
Einreichung einer Stellungnahme.
Mit Instruktionsverfügung vom 19. Februar 2016 gewährte das Bundesver-
waltungsgericht dem Beschwerdeführer eine Frist zur Einreichung einer
allfälligen Stellungnahme bis zum 2. März 2016.
J.
Der Beschwerdeführer hält mit Stellungnahme vom 2. März 2016 unter Ein-
reichung verschiedener Beilagen an seinen Beschwerdeanträgen
fest. Diese Stellungnahme wurde in der Folge mitsamt den Beilagen der
Vorinstanz zugestellt.
K.
Mit unaufgefordert eingereichter Stellungnahme vom 11. März 2016 reichte
die Vorinstanz eine Kopie des Urteils des BGer 2C_54/2014 vom 2. Juni
2014 zu den Akten.
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Seite 5
L.
Auf die weiteren Vorbringen der Verfahrensbeteiligten und die eingereich-
ten Akten wird – sofern erforderlich – in den folgenden Erwägungen einge-
gangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Dem vorliegenden Verfahren liegt ein Amtshilfeersuchen des nieder-
ländischen BD gestützt auf das DBA-NL zugrunde. Da das in Frage ste-
hende Amtshilfegesuch am 23. Juli 2015, also nach dem Inkrafttreten des
StAhiG am 1. Februar 2013 eingereicht wurde, richtet sich die Durchfüh-
rung dieses Abkommens nach diesem Gesetz (vgl. Art. 24 StAhiG e contra-
rio). Massgebend ist dabei auch die per 1. August 2014 in Kraft getretene
Änderung des StAhiG vom 21. März 2014 (AS 2014 2309 ff.; vgl. Art. 24a
StAhiG).
Zu beachten ist sodann die Verordnung vom 20. August 2014 über die in-
ternationale Amtshilfe in Steuersachen (Steueramtshilfeverordnung, StA-
hiV; SR 651.11). Diese Verordnung trat rückwirkend auf den 1. August
2014 in Kraft (Art. 4 StAhiV) und hob zugleich die frühere Verordnung vom
16. Januar 2013 über die Amtshilfe bei Gruppenersuchen nach internatio-
nalen Steuerabkommen auf (Art. 3 StAhiV).
Anwendbar ist schliesslich der Bundesbeschluss vom 17. Juni 2011 über
die Genehmigung eines Doppelbesteuerungsabkommens zwischen der
Schweiz und den Niederlanden (SR 672.963.6; nachfolgend: Genehmi-
gungsbeschluss DBA-NL).
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht ist zur Beurteilung von Beschwerden
gegen Schlussverfügungen der ESTV betreffend die Amtshilfe gestützt auf
das DBA-NL zuständig (vgl. Art. 19 Abs. 5 StAhiG in Verbindung mit Art. 31-
33 des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesverwaltungs-
gericht [VGG; SR 173.32]). Das Verfahren vor diesem Gericht richtet sich
dabei nach dem Bundesgesetz vom 20. Dezember 1968 über das Verwal-
tungsverfahren (VwVG; SR 172.021), soweit das VGG nichts anderes be-
stimmt (Art. 37 VGG).
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1.3 Der Beschwerdeführer erfüllt als Verfügungsadressat die Vorausset-
zungen der Beschwerdebefugnis (vgl. Art. 19 Abs. 2 StAhiG in Verbindung
mit Art. 48 Abs. 1 VwVG).
1.4 Da die Beschwerde im Übrigen form- und fristgerecht eingereicht
wurde (vgl. Art. 50 Abs. 1 und Art. 52 Abs. 1 VwVG), ist darauf einzutreten.
2.
2.1
2.1.1 Doppelbesteuerungsabkommen gelten als völkerrechtliche Verträge
im Sinne von Art. 2 Abs. 1 Bst. a des für die Schweiz am 6. Juni 1990 in
Kraft getretenen Wiener Übereinkommens vom 23. Mai 1969 über das
Recht der Verträge (Wiener Übereinkommen, Vertragsrechtskonvention,
VRK; SR 0.111). Sie sind demzufolge – unter Vorbehalt speziellerer Regeln
(BVGE 2010/7 E. 3.6.1, 2010/64 E. 4.2) – gemäss den Auslegungsregeln
der VRK auszulegen. Weil die VRK im Bereich der Auslegungsregeln Völ-
kergewohnheitsrecht kodifiziert hat, können diese Regeln auch von Staa-
ten angewendet werden, welche die VRK nicht ratifiziert haben (Urteile des
BVGer A-4414/2014 vom 8. Dezember 2014 E. 1.4.1, A-4693/2013 vom
25. Juni 2014 E. 4.1, A-4689/2013 vom 25. Juni 2014 E. 4.1, A-1246/2011
vom 23. Juli 2012 E. 3.3, je mit Hinweisen).
2.1.2 Ein in Kraft stehender völkerrechtlicher Vertrag bindet gemäss Art. 26
VRK die Vertragsparteien und ist von ihnen nach Treu und Glauben zu er-
füllen. Dieser Grundsatz gebietet die redliche, von Spitzfindigkeiten und
Winkelzügen freie Auslegung von vertraglichen Bestimmungen. Eine Aus-
legung nach Treu und Glauben beachtet auch das Rechtsmissbrauchsver-
bot einschliesslich des Verbots des venire contra factum proprium (Urteil
des BGer 2C_498/2013 vom 29. April 2014 E. 5.1, mit Hinweisen).
2.1.3 Den Ausgangspunkt der Auslegung eines völkerrechtlichen Vertra-
ges bildet der Wortlaut der vertraglichen Bestimmung (Art. 31 Abs. 1 VRK;
JEAN-MARC SOREL, in: Olivier Corten/Pierre Klein [Hrsg.], Les Conventions
de Vienne sur le droit des traités: Commentaire article par article, 3 Bände,
Brüssel 2006, Art. 31 VRK N. 8 und 29; MARK E. VILLIGER, Commentary on
the 1969 Vienna Convention on the Law of Treaties, Leiden/Boston 2009,
Art. 31 VRK N. 30). Dieser Grundsatz basiert auf der Annahme, dass der
von den beteiligten Staaten anerkannte Wortlaut den nächstliegenden und
zugleich wichtigsten Anhaltspunkt zur Ermittlung des gemeinsamen wah-
ren Verpflichtungswillens bildet (vgl. BGE 97 I 359 E. 3). Der Text der Ver-
tragsbestimmung ist aus sich selbst heraus gemäss seiner gewöhnlichen
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Seite 7
Bedeutung in Übereinstimmung mit ihrem Zusammenhang, dem Ziel und
Zweck des Vertrags und nach Treu und Glauben zu interpretieren, es sei
denn, die Parteien hätten nach Art. 31 Abs. 4 VRK vereinbart, einem Aus-
druck einen besonderen Sinn beizugeben (BVGE 2010/7 E. 3.5.1 und
E. 3.5.3; Urteile des BVGer A-4414/2014 vom 8. Dezember 2014 E. 1.4.4,
A-1735/2011 vom 21. Dezember 2011 E. 2.2.1).
Wurde ein völkerrechtlicher Vertrag in zwei oder mehr Sprachen als au-
thentisch festgelegt, ist nach Art. 33 Abs. 1 VRK der Text in jeder dieser
Sprachen massgebend, sofern nicht der Vertrag vorsieht oder die Parteien
vereinbaren, dass bei Abweichungen ein bestimmter Text vorgehen soll.
Art. 33 Abs. 3 VRK statuiert zudem die Vermutung, dass die Ausdrücke des
Vertrages in jedem authentischen Text dieselbe Bedeutung haben
(vgl. zum Ganzen BVGE 2010/7 E. 3.5.5, mit Hinweisen).
2.1.4 Ergänzende Auslegungsmittel – Vertragsmaterialien und die Um-
stände des Vertragsabschlusses – können nach Art. 32 VRK (lediglich sub-
sidiär) herangezogen werden, um die sich unter Anwendung von Art. 31
VRK (vgl. dazu E. 2.1.3) ergebende Bedeutung zu bestätigen oder die Be-
deutung zu bestimmen, wenn diese Auslegung die Bedeutung mehrdeutig
oder dunkel lässt (Art. 32 Bst. a VRK) oder zu einem offensichtlich sinnwid-
rigen oder unvernünftigen Ergebnis führt (Art. 32 Bst. b VRK; Urteil des
BGer 2C_498/2013 vom 29. April 2014 E. 5.1; Urteile des BVGer
A-4414/2014 vom 8. Dezember 2014 E. 1.4.5, A-4689/2013 vom 25. Juni
2014 E. 4.1; MICHAEL BEUSCH, Die Bedeutung ausländischer Gerichtsent-
scheide für die Auslegung von DBA durch die schweizerische Justiz, in:
Laurence Uttinger et al. [Hrsg.], Dogmatik und Praxis im Steuerrecht –
Festschrift für Markus Reich, 2014, S. 396 ff., S. 401 ff.).
2.2
2.2.1 Bestehen in einem Doppelbesteuerungsabkommen dem OECD-
Musterabkommen (nachfolgend: OECD-Musterabkommen) nachgebildete
Regeln, so ist in der schweizerischen Rechtsprechung und Lehre unbestrit-
ten, dass das OECD-Musterabkommen und seine offizielle Kommentie-
rung (nachfolgend: OECD-Kommentar) bei der Auslegung des Doppelbe-
steuerungsabkommens relevant sind. Das OECD-Musterabkommen und
der OECD-Kommentar lassen sich bei der Auslegung der Doppelbesteue-
rungsabkommen freilich nur als subsidiäres Hilfsmittel verwenden, da es
sich um ergänzende Hilfsmittel im Sinne von Art. 32 VRK handelt
(vgl. BVGE 2011/6 E. 7.3.1, mit Hinweisen; Urteile des BVGer A-3119/2014
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Seite 8
vom 27. Oktober 2014 E. 3.3, A-813/2010 vom 7. September 2011
E. 7.4.2.4; s. ferner auch BEUSCH, a.a.O., S. 401 ff.).
2.2.2 Ob Neuerungen und Änderungen des Kommentars zum OECD-Mus-
terabkommen auch rückwirkend als subsidiäre Auslegungsmittel anwend-
bar sind, ist in der Lehre umstritten. In der Rechtsprechung wurde diesbe-
züglich immerhin festgehalten, dass sich der Richter unter gewissen Um-
ständen auf den Kommentar in einer Version stützen könne, die jünger ist
als der anzuwendende Staatsvertrag, etwa dann, wenn die Änderung des
Kommentars die vorbestehende Regelung nicht ändere, sondern lediglich
präzisiere oder erkläre (vgl. Urteile des BVGer A-4689/2013 vom 25. Juni
2014 sowie A-4693/2013 vom 25. Juni 2014 [je E. 4.2], mit weiteren Hin-
weisen).
3.
3.1 Die Bundesversammlung erlässt nach Art. 163 Abs. 1 der Bundesver-
fassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV;
SR 101) rechtsetzende Bestimmungen in der Form des Bundesgesetzes
oder der Verordnung. Die übrigen Erlasse bzw. Akte der Bundesversamm-
lung ergehen nach Art. 163 Abs. 2 BV in Form des Bundesbeschlusses;
wobei als einfacher Bundesbeschluss ein Bundesbeschluss bezeichnet
wird, welcher dem Referendum nicht untersteht.
Alle wichtigen rechtsetzenden Bestimmungen sind gemäss Art. 164 Abs. 1
Satz 2 BV in der Form eines Gesetzes zu erlassen (materieller Gesetzes-
vorbehalt); dazu gehören insbesondere die grundlegenden Bestimmungen
über die in Art. 164 Abs. 1 Satz 2 BV aufgezählten Materien. Detailregelun-
gen und Ausführungsbestimmungen können hingegen in untergeordneten
Rechtssätzen enthalten sein (vgl. PIERRE TSCHANNEN et al., Allgemeines
Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 19 N. 4; ULRICH HÄFELIN et al., Allgemei-
nes Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, N. 351).
Nach Art. 164 Abs. 2 BV können Rechtsetzungsbefugnisse durch Bundes-
gesetz übertragen werden, soweit dies nicht durch die Bundesverfassung
ausgeschlossen ist.
3.2 Unter Vorbehalt hier nicht interessierender Ausnahmen genehmigt die
Bundesversammlung nach Art. 166 Abs. 2 BV (in Verbindung mit Art. 24
Abs. 2 des Bundesgesetzes vom 13. Dezember 2002 über die Bundesver-
sammlung [Parlamentsgesetz, ParlG; SR 171.10]) die vom Bund abge-
schlossenen völkerrechtlichen Verträge. Die Genehmigung erfolgt gemäss
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Seite 9
Art. 24 Abs. 3 Satz 1 ParlG bei völkerrechtlichen Verträgen, welche dem
Referendum unterliegen, in der Form eines Bundesbeschlusses. Andere
völkerrechtliche Verträge genehmigt die Bundesversammlung in der Form
eines einfachen Bundesbeschlusses (Art. 24 Abs. 3 Satz 2 ParlG).
Untersteht der Genehmigungsbeschluss eines völkerrechtlichen Vertrages
dem obligatorischen Referendum, kann die Bundesversammlung gemäss
Art. 141a Abs. 1 BV (in Kraft seit 1. August 2003) die Verfassungsänderun-
gen, welche der Umsetzung des Vertrages dienen, in den Genehmigungs-
beschluss aufnehmen. Art. 141a Abs. 2 BV (ebenfalls in Kraft seit 1. August
2003) ermächtigt ferner die Bundesversammlung dann, wenn der Geneh-
migungsbeschluss eines völkerrechtlichen Vertrages dem fakultativen Re-
ferendum untersteht, die Gesetzesänderungen, welche der Umsetzung
des Vertrages dienen, in den Genehmigungsbeschluss aufzunehmen.
3.3 Gemäss Art. 190 BV sind Bundesgesetze und Völkerrecht für die
rechtsanwendenden Behörden massgebend (sog. Anwendungsgebot;
vgl. dazu BGE 131 II 217 E. 2.3; Urteil des BVGer A-6362/2014 vom
13. März 2015 E. 2.8).
Art. 190 BV verbietet es den rechtsanwendenden Behörden, einer Norm in
einem Bundesgesetz oder in einem völkerrechtlichen Vertrag wegen Ver-
fassungswidrigkeit die Anwendung zu versagen (vgl. BVGE 2010/40
E. 3.1.1; ULRICH HÄFELIN et al., Schweizerisches Bundesstaatsrecht,
8. Aufl. 2012, N. 2089 f.). Die Regelung von Art. 190 BV stellt nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung in diesem Sinne ein Anwendungsge-
bot und kein Verbot der Überprüfung von Bundesgesetzen sowie Staats-
verträgen auf ihre Verfassungsmässigkeit (Prüfungsverbot) dar (BGE 136
I 65 E. 3.2, 117 Ib 367 E. 2).
Bundesbeschlüsse unterliegen selbst dann nicht dem Anwendungsgebot
von Art. 190 BV, wenn sie referendumspflichtig sind (WALTER KÄLIN,
§ 74 Verfassungsgerichtsbarkeit, in: Daniel Thürer et al. [Hrsg.], Verfas-
sungsrecht der Schweiz, 2001, S. 1167 ff., S. 1170; JUDITH WYTTEN-
BACH/KARL-MARC WYSS, in: Bernhard Waldmann et al. [Hrsg.], Basler Kom-
mentar Bundesverfassung, 2015 [nachfolgend: Kommentar BV], Art. 163
N. 28, mit Hinweisen). Dafür spricht insbesondere der Umstand, dass
Art. 190 BV die Massgeblichkeit von Normen anvisiert, zu welchen Bun-
desbeschlüsse nach Art. 163 Abs. 2 BV definitionsgemäss nicht zählen
(KÄLIN, a.a.O., S. 1170).
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Seite 10
3.4 Weder Art. 190 BV noch Art. 5 Abs. 4 BV, wonach Bund und Kantone
das Völkerrecht beachten, regeln abschliessend die Hierarchie zwischen
den internationalen und innerstaatlichen Normen (vgl. BGE 136 II 241
E. 16.1; GIOVANNI BIAGGINI, BV Kommentar, 2007, Art. 5 N. 30 und Art. 190
N. 4 und 8).
Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung hat das Völkerrecht bei ei-
nem Normenkonflikt prinzipiell Vorrang vor dem Landesrecht (BGE 136 II
241 E. 16.1). Dieser grundsätzliche Vorrang des Völker- bzw. Staatsver-
tragsrechts gilt auch im Verhältnis zu späteren Bundesgesetzen, so dass
im Verhältnis zwischen Völkerrecht und Landesrecht die Regel «lex poste-
rior derogat legi priori» nicht anwendbar ist (BGE 139 I 16 E. 5.1, 138 II
524 E. 5.1; Urteil des BGer 2C_963/2014 vom 24. September 2015 E. 4.1;
ASTRID EPINEY, Kommentar BV, Art. 5 N. 95, mit Rechtsprechungshinwei-
sen).
Besteht indessen ein Widerspruch zwischen einem älteren Staatsvertrag
und einem jüngeren Bundesgesetz, so ist ein Gericht nach der sog. Schu-
bert-Praxis dennoch ausnahmsweise an das Bundesgesetz gebunden,
wenn der Gesetzgeber beim Erlass des Bundesgesetzes bewusst in Kauf
genommen hat, dass das von ihm erlassene Landesrecht dem Völkerrecht
widerspricht (statt aller: BGE 99 Ib 39 E. 3 f.; bestätigt in BGE 111 V 201
E. 2/b; BVGE 2010/40 E. 3.3 [mit zahlreichen Hinweisen]). Eine Kollision
mit dem Staatsvertrag kann von vornherein nur in jenen Fällen im Sinne
dieser Praxis bewusst in Kauf genommen oder beabsichtigt sein, in denen
anlässlich der Beratung des Bundesgesetzes die völkerrechtlichen As-
pekte und Auswirkungen bzw. der mögliche Verstoss gegen Völkerrecht
eingehend thematisiert wurden (BGE 138 II 524 E. 5.3.2).
Ob und inwieweit die Schubert-Praxis nach wie vor gilt (vgl. dazu insbe-
sondere BGE 139 I 16 E. 5.1, 136 II 241 E. 16.1), kann hier – wie im Fol-
genden ersichtlich wird – offen gelassen werden.
4.
4.1
4.1.1 Das am 26. Februar 2010 unterzeichnete DBA-NL trat am 9. Novem-
ber 2011 in Kraft (vgl. Art. 29 Abs. 1 DBA-NL).
Die Amtshilfeklausel des DBA-NL, Art. 26 DBA-NL, und die zugehörige
Ziff. XVI des Protokolls zum DBA-NL sind laut Art. 29 Abs. 2 DBA-NL «an-
wendbar auf Ersuchen, die am oder nach dem Datum des Inkrafttretens
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Seite 11
dieses Abkommens gestellt werden und die Informationen betreffen, die
sich auf einen Zeitraum beziehen, der am oder nach dem auf die Unter-
zeichnung des Abkommens folgenden 1. März beginnt».
Da das vorliegende Amtshilfegesuch vom 23. Juli 2015 nach dem Inkraft-
treten des DBA-NL eingereicht wurde, sind nach der zuletzt genannten Ab-
kommensklausel Art. 26 DBA-NL und Ziff. XVI des Protokolls zum DBA-NL
intertemporalrechtlich anwendbar, soweit das Gesuch Informationen be-
trifft, die sich auf die Zeit ab dem 1. März 2010 beziehen.
Die am 31. Oktober 2011 abgeschlossene und gleichentags in Kraft getre-
tene Verständigungsvereinbarung über die Auslegung von Ziff. XVI Bst. b
des Protokolls zum DBA-NL (nachfolgend: Verständigungsvereinbarung
zum DBA-NL) ist ab ihrem Inkrafttreten anzuwenden (Abs. 4 Verständi-
gungsvereinbarung DBA-NL) und gilt somit grundsätzlich auch im vorlie-
genden Fall (vgl. aber hinten E. 6.3.1.4).
4.1.2 Das DBA-NL und das zugehörige Protokoll wurden in den Sprachen
Französisch, Niederländisch sowie Englisch als authentisch festgelegt, wo-
bei vereinbart wurde, dass bei Abweichungen zwischen den verschiedenen
Sprachfassungen der englische Wortlaut massgebend sein soll (vgl. den
jeweils letzten Absatz des DBA-NL und des Protokolls zum DBA-NL). Diese
Regelung steht im Einklang mit der VRK (vgl. vorn E. 2.1.3 Abs. 2).
4.2 Art. 26 DBA-NL entspricht in seinem Wortlaut weitgehend demjenigen
von Art. 26 OECD-Musterabkommen (vgl. Botschaft zur Genehmigung ei-
nes Doppelbesteuerungsabkommens zwischen der Schweiz und den Nie-
derlanden vom 25. August 2010, BBl 2010, 5787 ff., 5800). Gemäss Art. 26
Abs. 1 Satz 1 DBA-NL tauschen die zuständigen Behörden der beiden Ver-
tragsstaaten unter sich diejenigen Informationen aus, «die zur Durchfüh-
rung dieses Abkommens oder zur Anwendung oder Durchsetzung des in-
nerstaatlichen Rechts betreffend für Rechnung der Vertragsstaaten, ihrer
politischen Unterabteilungen oder lokalen Körperschaften erhobenen Steu-
ern jeder Art und Bezeichnung voraussichtlich erheblich sind, soweit die
diesem Recht entsprechende Besteuerung nicht dem Abkommen wider-
spricht». Dabei ist der Informationsaustausch nicht durch Art. 1 DBA-NL
(persönlicher Geltungsbereich) und Art. 2 DBA-NL (sachlicher Geltungsbe-
reich bzw. unter das Abkommen fallende Steuern) beschränkt (Art. 26
Abs. 1 Satz 2 DBA-NL).
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Seite 12
Art. 26 Abs. 3 DBA-NL enthält bestimmte Beschränkungen der Pflicht zur
Leistung von Amtshilfe. Sodann sieht die Art. 26 Abs. 3 DBA-NL vorge-
hende Vorschrift von Art. 26 Abs. 5 DBA-NL ihrerseits Einschränkungen der
in ersterer Bestimmung vorgesehenen Beschränkungen der Amtshilfever-
pflichtung vor.
5.
Im vorliegenden Fall nennt das Ersuchen des BD vom 23. Juli 2015 keine
Namen von bestimmten Personen, über welche Informationen verlangt
werden. Stattdessen bezieht sich das Gesuch auf eine Gruppe natürlicher
Personen, welche bestimmte Kriterien erfüllen: Diesen Personen ist nach
der Umschreibung im Amtshilfegesuch gemein, dass sie im Zeitraum vom
1. Februar 2013 bis zum 31. Dezember 2014 über mindestens ein Konto
bei der UBS Switzerland AG und gemäss bankinterner Dokumentation
über eine Domiziladresse in der Niederlande verfügten sowie gegenüber
dieser Bank keinen Nachweis über ihre sog. Steuerkonformität erbracht
haben, obschon die Bank ihnen ein Schreiben mit der Ankündigung der
Kündigung der Geschäftsbeziehung bei fehlendem Beleg über die Steuer-
konformität gesandt hat.
Indem der BD die Personen, über welche Informationen verlangt werden,
im Amtshilfegesuch nicht namentlich genannt, sondern mit der erwähnten
Umschreibung zur Identifizierbarkeit dieser Personen ein bei diesen in
identischer Weise aufgetretenes Verhaltensmuster bezeichnet hat, hat er
eine Gruppenanfrage bzw. ein Gruppenersuchen ohne Namensnennung
gestellt (vgl. Art. 3 Bst. c StAhiG, wonach ein Amtshilfeersuchen dann ein
Gruppenersuchen bildet, wenn damit «Informationen über mehrere Perso-
nen verlangt werden, die nach einem identischen Verhaltensmuster vorge-
gangen sind und anhand präziser Angaben identifizierbar sind»; siehe zu
dieser Legaldefinition auch hinten E. 8.2.2).
Im Folgenden ist deshalb vorab zu klären, ob es zulässig ist, dass die
Schweiz bei seitens der Niederlande gestellten Gruppenersuchen ohne
Namensnennung internationale Amtshilfe in Steuersachen leistet.
6.
6.1 Es ist mittels Auslegung zu ermitteln, ob abkommensrechtlich un-
ter dem DBA-NL Gruppenersuchen ohne Namensnennung zulässig sind
oder nicht (vgl. ANDREA OPEL, Neuausrichtung der schweizerischen Ab-
kommenspolitik in Steuersachen, 2015 [nachfolgend: Abkommenspolitik],
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Seite 13
S. 260). Das DBA-NL, das integrierenden Bestandteil des DBA-NL bil-
dende Protokoll zu diesem Abkommen und die zu diesem Protokoll von
den zuständigen Behörden der Vertragsstaaten abgeschlossene Verstän-
digungsvereinbarung zum DBA-NL sprechen nicht ausdrücklich von Grup-
penersuchen oder -anfragen.
Für die Frage, ob das DBA-NL bzw. dessen Amtshilfeklausel (Art. 26 DBA-
NL) Amtshilfe bei Gruppenersuchen der genannten Art zulässt, ist deshalb
massgebend, welche Anforderungen abkommensrechtlich bezüglich der
Identifikation des betroffenen Steuerpflichtigen an ein Amtshilfegesuch zu
stellen sind. Es ist dabei davon auszugehen, dass Amtshilfe aufgrund eines
Gruppenersuchens nach dem Abkommensrecht jedenfalls dann ausge-
schlossen ist, wenn das DBA-NL die Angabe des Namens des betroffenen
Steuerpflichtigen bzw. die Angabe der Namen der betroffenen Steuerpflich-
tigen im Amtshilfegesuch zwingend verlangt (vgl. XAVIER OBERSON, L'ad-
missibilité des demandes dites groupées dans le cadre des CDI conclues
après le 13 mars 2009, ASA 82 [2013/2014] S. 433 ff., S. 444, wonach
Gruppenersuchen nicht zulässig sind, wenn nach dem Abkommen die Na-
men und die Adressen des Steuerpflichtigen sowie des Informationsinha-
bers anzugeben sind).
Im Folgenden sind zunächst die potentiell einschlägigen internationalen
Vorschriften darzustellen (E. 6.2). Danach ist zu prüfen, ob nach dem DBA-
NL die Namen der vom Amtshilfegesuch betroffenen Personen im Ersu-
chen zwingend genannt werden müssen und damit Gruppenersuchen
ohne Namensnennung abkommensrechtlich ausgeschlossen sind
(E. 6.3 f.).
6.2
6.2.1 Art. 26 DBA-NL enthält keine detaillierte Aufzählung der in einem
Amtshilfegesuch erforderlichen Angaben.
6.2.2 Das Protokoll zum DBA-NL sieht dagegen in Ziff. XVI Bst. b vor, dass
die Steuerbehörden des ersuchenden Staates bei der Stellung eines Amts-
hilfegesuches – soweit hier interessierend – folgende Angaben zu liefern
haben:
«(i) die zur Identifikation der in eine Prüfung oder Untersuchung einbezogenen
Person(en) nötigen Informationen, insbesondere bestehend aus dem Na-
men und, sofern verfügbar, der Adresse, der Kontonummer und weiteren
Angaben, welche die Identifikation dieser Person erleichtern, wie Geburts-
datum, Zivilstand oder Steuernummer;
A-8400/2015
Seite 14
[...]
(v) den Namen und, sofern bekannt, die Adresse des mutmasslichen Inha-
bers der verlangten Informationen.»
Gemäss Ziff. XVI Bst. c Satz 2 des Protokolls zum DBA-NL sind Ziff. XVI
Bst. b Unterabsätze (i)-(v) so auszulegen, dass sie einen wirksamen Infor-
mationsaustausch nicht behindern.
6.2.3 Nach Abs. 2 und 3 Verständigungsvereinbarung zum DBA-NL sind
die Anforderungen nach Ziff. XVI Bst. b Unterabsätze (i) und (v) dieses
Protokolls insbesondere mit Blick darauf, dass sie gemäss Ziff. XVI Bst. c
des Protokolls so auszulegen sind, dass sie einen wirksamen Informations-
austausch nicht behindern, so zu verstehen, dass einem Amtshilfegesuch
stattgegeben wird, wenn der ersuchende Staat, vorausgesetzt, es handle
sich nicht um eine «fishing expedition», zusätzlich zu den Angaben im
Sinne von Ziff. XVI Bst. b Unterabsätze (ii)-(iv) des Protokolls zum DBA-NL
«a) die in eine Überprüfung oder Untersuchung einbezogene Person identifi-
ziert, wobei diese Identifikation auch auf andere Weise als durch Angabe
des Namens und der Adresse erfolgen kann; und
b) soweit bekannt, den Namen und die Adresse des mutmasslichen Informa-
tionsinhabers angibt.»
6.3 Nach Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des Protokolls zum DBA-NL sind
bei der Stellung eines Amtshilfebegehrens – wie dargelegt (vgl. vorn
E. 6.2.2) – anzugeben «die zur Identifikation der in eine Prüfung oder Un-
tersuchung einbezogenen Person(en) nötigen Informationen, insbeson-
dere bestehend aus dem Namen und, sofern verfügbar, der Adresse, der
Kontonummer und weiteren Angaben, welche die Identifikation dieser Per-
son erleichtern, wie Geburtsdatum, Zivilstand oder Steuernummer» (in der
französischen Fassung: «des informations suffisantes pour l'identification
de la personne ou des personnes faisant l'objet d'un contrôle ou d'une en-
quête, en particulier le nom et, si disponible, l'adresse, le compte bancaire
et tout autre élément de nature à faciliter l'identification de la personne,
comme la date de naissance, l'état-civil ou le numéro de contribuable»; in
der niederländischen Fassung: «voldoende gegevens om de persoon of
personen op wie de controle of het onderzoek betrekking heeft te identifi-
ceren, in het bijzonder diens naam en, voor zover bekend, adres, reke-
ningnummer en andere gegevens om de identificatie van die persoon of
personen te vergemakkelijken, zoals geboortedatum, burgerlijke staat, fis-
A-8400/2015
Seite 15
caal nummer»; in der englischen Fassung: «information sufficient to iden-
tify the person[s] under examination or investigation, in particular name,
and, to the extent known, address, account number, and other particulars
facilitating that persons identification, such as date of birth, marital status,
tax identification number»). Diese Vorschrift verlangt somit – in allen drei
massgebenden Fassungen in französischer, niederländischer und engli-
scher Sprache übereinstimmend – nach ihrem klaren Wortlaut als inhaltli-
che Anforderung an das Amtshilfegesuch zwingend den Namen der in eine
Überprüfung oder Untersuchung einbezogenen Person(en)
(vgl. zu den verschiedenen Sprachfassungen vorn E. 4.1.2). Bezüglich
des Namens (oder der Namen) fehlt in Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des
Protokolls zum DBA-NL bezeichnenderweise – anders als hinsichtlich der
weiteren für die Identifikation der betroffenen Person(en) erforderlichen An-
gaben – die Einschränkung, dass die entsprechende Angabe (nur) «sofern
verfügbar» (bzw. «si disponible», «voor zover bekend» und «to the extent
known») im Amtshilfegesuch enthalten sein muss.
Allein aus dem Umstand, dass im Protokoll zum DBA-NL an der genannten
Stelle statt ausschliesslich (im Singular) von hinreichenden Angaben zur
Identifikation der betroffenen Person von entsprechenden Angaben zur
Identifikation der in eine Überprüfung oder Untersuchung einbezogenen
Person(en) die Rede ist, lässt sich nicht ableiten, dass das Protokoll zum
DBA-NL entgegen dem unzweideutigen Wortlaut einen Auslegungsspiel-
raum für die Zulassung von Gruppenersuchen ohne Namensnennung be-
lässt (im gleichen Sinne ANDREA OPEL, Fischen in trüben Gewässern –
Rechtsstaatlich fragwürdige Gruppenauskünfte an die Niederlande, Juslet-
ter vom 15. Februar 2016, N. 20 und 36; tendenziell anders jedoch DANIEL
HOLENSTEIN, in: Martin Zweifel et al. [Hrsg.], Kommentar zum Schweizeri-
schen Steuerrecht, Internationales Steuerrecht, 2015 [nachfolgend: HO-
LENSTEIN, Internationales Steuerrecht], Art. 26 N. 197 f. und N. 201).
Nach dem Gesagten erweist sich, dass Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des
Protokolls zum DBA-NL nach seinem klaren Wortlaut Gruppenersuchen
ohne Namensnennung gestützt auf Art. 26 DBA-NL ausschliesst.
6.3.1
6.3.1.1 Es fragt sich indessen, ob das erwähnte, in Ziff. XVI Bst. b Unter-
absatz (i) des Protokolls zum DBA-NL statuierte Erfordernis der Namens-
nennung durch den Umstand relativiert wird, dass diese Bestimmung nach
Ziff. XVI Bst. c Satz 2 des Protokolls zum DBA-NL so auszulegen ist, dass
sie einen wirksamen Informationsaustausch nicht behindert. Diese Frage
A-8400/2015
Seite 16
drängt sich insbesondere deshalb auf, weil in der Doktrin zum Teil die An-
sicht vertreten wird, dass Gruppenanfragen ohne Namensnennung bei al-
len Doppelbesteuerungsabkommen, welchen einen Hinweis auf das Ziel
eines möglichst weit gehenden Informationsaustausches beinhalten, zuzu-
lassen sind (in diesem Sinne CHARLOTTE SCHODER, Praxiskommentar zum
Bundesgesetz über die internationale Amtshilfe in Steuersachen [Steuer-
amtshilfegesetz, StAhiG], 2014, N. 38).
6.3.1.2
6.3.1.2.1 Die hiervor genannte Regelung von Abs. 2 und 3 Verständigungs-
vereinbarung zum DBA-NL (vgl. E. 6.2.3) könnte darauf hindeuten, dass
die zuständigen Behörden beim Abschluss dieser Verständigungsverein-
barung angenommen haben, dass gestützt auf Ziff. XVI Bst. c Satz 2 des
Protokolls zum DBA-NL eine einschränkende Auslegung des Namenser-
fordernisses von Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des Protokolls zum DBA-
NL möglich ist. Davon scheint auch die damals zuständige Bundesrätin
Eveline Widmer-Schlumpf ausgegangen zu sein, hat sie doch anlässlich
der parlamentarischen Beratungen betreffend die Genehmigung des DBA-
NL und den seinerzeit erst geplanten Abschluss der Verständigungsverein-
barung zum DBA-NL Folgendes erklärt (Sitzung des Nationalrates vom
13. April 2011, AmtlBull NR 2011 N. 713):
«Von den vorliegend zu beurteilenden zehn Doppelbesteuerungsabkommen
und Änderungsprotokollen mit einer Amtshilfebestimmung nach Artikel 26 des
Musterabkommens enthalten die Abkommen mit Deutschland, Indien, Ka-
nada, den Niederlanden, Polen und der Türkei bereits eine [...] Auslegungs-
regel [, wonach die Anforderungen an ein Amtshilfegesuch so auszulegen
sind, dass sie einen wirksamen Informationsaustausch nicht behindern]. [...].
Bei den genannten sechs Abkommen wird der Bundesversammlung im Rah-
men des Genehmigungsbeschlusses beantragt, den für den steuerlichen In-
formationsaustausch zuständigen Verwaltungs- und Verwaltungsjustizbehör-
den konkrete Vorgaben für die standardkonforme Auslegung dieser Abkom-
men zu machen. Kann eine 'fishing expedition' ausgeschlossen werden, soll
einem Gesuch entsprochen werden, sofern der ersuchende Staat den Steuer-
pflichtigen identifiziert [...] und Name und Adresse des mutmasslichen Infor-
mationsinhabers angibt, soweit sie ihm bekannt sind.
Damit sichergestellt werden kann, dass die andern Staaten die Auslegungsre-
gel gleich verstehen, müssen wir Verständigungsvereinbarungen mit diesen
Partnerstaaten abschliessen, damit es dann gegenseitig gilt. Stimmen die eid-
genössischen Räte der in diesem Sinn geänderten Amtshilfepolitik zu, kann
damit die Klausel für die sechs Abkommen, die bereits eine solche haben, mit
dem Inkrafttreten bereits Anwendung finden; wir werden dann die entspre-
chenden Verständigungsvereinbarungen noch abschliessen.»
A-8400/2015
Seite 17
6.3.1.2.2 Hintergrund des genannten Votums von Bundesrätin Eveline
Widmer-Schlumpf bildete der Umstand, dass im Rahmen der seitens des
Global Forum on Transparency and Exchange of Information for Tax Pur-
poses durchgeführten «Peer Reviews» festgestellt worden war, dass die
von der Schweiz bislang vorgesehenen abkommensrechtlichen Anforde-
rungen betreffend die Identifikation der Steuerpflichtigen zu restriktiv sind
und möglicherweise ein Hindernis für einen effektiven Informationsaus-
tausch bilden. Der Bundesrat hatte angesichts dieses Befundes am
15. Februar 2011 angekündigt, eine neue Abkommenspolitik zu verfolgen,
wonach künftig die für die Gewährung der Amtshilfe unerlässliche Identifi-
kation des betroffenen Steuerpflichtigen und des Informationsinhabers
auch auf andere Weise als durch die Nennung von Namen und Adresse
zugelassen werden soll (vgl. Medienmitteilung des Eidgenössischen Fi-
nanzdepartementes vom 15. Februar 2011, abrufbar auf www.efd.ad-
min.ch > Dokumentation > Medienmitteilungen [zuletzt eingesehen am
15. März 2016]; siehe dazu auch OBERSON, a.a.O., S. 444). Weil das DBA-
NL aber zu diesem Zeitpunkt bereits unterzeichnet war und es sich in ei-
nem fortgeschrittenen Stadium der parlamentarischen Beratungen befand,
beschloss man, im Genehmigungsbeschluss der Bundesversammlung so-
wie anschliessend in einer Verständigungsvereinbarung der zuständigen
Behörden der beiden Partnerstaaten eine in diese Richtung gehende
«Auslegungsregel» zu verankern (vgl. FRANTISEK J. SAFARIK, Das neue
Doppelbesteuerungsabkommen Schweiz – Niederlande, ASA 79
[2010/2011] S. 937 ff., S. 976 f., mit Hinweisen; zur Frage, ob es sich tat-
sächlich um eine «Auslegungsregel» handelt, siehe hinten E. 6.3.1.4).
Da die Bundesversammlung – soweit hier interessierend – der vom Bun-
desrat vorgeschlagenen, hiervor skizzierten Vorgehensweise zustimmte,
enthält der Genehmigungsbeschluss DBA-NL Bestimmungen zur Identifi-
kation der von der Amtshilfe betroffenen Person, welche ihren Nieder-
schlag in der Verständigungsvereinbarung zum DBA-NL gefunden haben.
So entspricht die Schweiz gemäss Art. 1 Abs. 3 Genehmigungsbeschluss
DBA-NL einem Amtshilfegesuch, «wenn dargelegt ist, dass es sich nicht
um eine 'fishing expedition' handelt, und die Niederlande[n]:
«a) die steuerpflichtige Person identifizieren, wobei diese Identifikation auch
auf andere Weise als durch Angabe des Namens und der Adresse erfol-
gen kann; und
b) den Namen und die Adresse des mutmasslichen Informationsinhabers an-
geben, soweit sie ihnen bekannt sind.»
A-8400/2015
Seite 18
Nach Art. 1 Abs. 4 Genehmigungsbeschluss DBA-NL wird die ESTV zudem
ermächtigt, auf eine gegenseitige Anerkennung «der in [Artikel 1] Absatz 3
[Genehmigungsbeschluss DBA-NL] dargestellten Auslegung hinzuwir-
ken».
Letztere Vorschrift des Genehmigungsbeschlusses DBA-NL könnte als
Hinweis dafür verstanden werden, dass die Bundesversammlung bei der
Genehmigung des DBA-NL davon ausging, dass dieses Abkommen dahin-
gehend ausgelegt werden kann, dass trotz des Namenserfordernisses in
Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des Protokolls zum DBA-NL Gruppenersu-
chen ohne Namensnennung abkommensrechtlich zulässig sind.
6.3.1.3 Eine Auslegung des DBA-NL der hiervor genannten Art, wie sie von
Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf propagiert und ihrer Auffassung
nach im Genehmigungsbeschluss DBA-NL sowie in der Verständigungs-
vereinbarung zum DBA-NL festgehalten wird, steht im Widerspruch zum
klaren Wortlaut von Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des Protokolls zum
DBA-NL. Nach diesem Wortlaut, der im Rahmen einer Auslegung nach
Art. 31 VRK den Ausgangspunkt bilden muss (vgl. E. 2.1.3), ist – wie aus-
geführt – die Nennung des Namens der betroffenen steuerpflichtigen Per-
son im Amtshilfegesuch unabdingbar.
Eine Auslegung des Protokolls zum DBA-NL, nach welcher unter Umstän-
den von diesem Erfordernis der Namensnennung abgesehen werden
kann, würde Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des Protokolls zum DBA-NL
jede Bedeutung entziehen. Damit würde – in den drastisch formulierten
Worten ROBERT WALDBURGERs – diese Protokollbestimmung, «welche die
Identität einer in eine Untersuchung oder Überprüfung einbezogenen Per-
son verlangt, nicht aus-, sondern weggelegt, was offensichtlich unzulässig
ist» (ders., Sind Gruppenersuchen an die Schweiz rechtlich zulässig?,
FStR 2013, S. 117 ff., S. 120). Vom Erfordernis der Namensnennung ab-
zusehen, würde die Grenze des möglichen Wortsinnes von Ziff. XVI Bst. b
Unterabsatz (i) des Protokolls zum DBA-NL überschreiten, was angesichts
des Umstandes, dass der Vertragswortlaut den wichtigsten Anhaltspunkt
zur Ermittlung des gemeinsamen wahren Verpflichtungswillens bildet
(vgl. E. 2.1.3), nicht angeht.
6.3.1.4 Die Verständigungsvereinbarung zum DBA-NL kann nicht herange-
zogen werden, um eine vom klaren Wortlaut von Ziff. XVI Bst. b Unterab-
A-8400/2015
Seite 19
satz (i) des Protokolls zum DBA-NL abweichende Auslegung dieser Be-
stimmung zu begründen oder in Derogation dieses Protokolls Gruppener-
suchen ohne Namensnennung zuzulassen:
Zwar erlaubt Abs. 3 Bst. a Verständigungsvereinbarung zum DBA-NL eine
Identifikation der in eine Überprüfung oder Untersuchung einbezogenen
Person auf andere Weise als durch Angabe des Namens und der Adresse.
Mit Blick darauf, dass nach der Formulierung dieser Bestimmung der Ver-
ständigungsvereinbarung nicht der ersuchte, sondern der ersuchende
Staat die betroffene Person (oder allenfalls die betroffenen Personen) zu
identifizieren hat, ist allerdings zunächst einmal fraglich, ob die Verständi-
gungsvereinbarung abweichend vom Wortlaut von Ziff. XVI Bst. b Unterab-
satz (i) des Protokolls zum DBA-NL Gruppenersuchen ohne Namensnen-
nung überhaupt zulässt (vgl. dazu auch OPEL, Jusletter vom 15. Februar
2016, N. 21, wonach die in Frage stehende Regelung der Verständigungs-
vereinbarung nicht als Verzicht auf den [Gruppenersuchen ausschliessen-
den] Identifizierungsvorbehalt verstanden werden könne, weil damit ledig-
lich andere Identifikationsmittel als der Name wie beispielsweise die An-
gabe der ausländischen Sozialversicherungsnummer zugelassen werden
sollten). Wie es sich damit verhält, kann hier jedoch – wie im Folgenden
aufgezeigt wird – dahingestellt bleiben.
Mit generellen Verständigungsvereinbarungen der vorliegend in Frage ste-
henden Art (vgl. zu den Erscheinungsformen von Verständigungsvereinba-
rungen BVGE 2010/7 E. 3.7.1 f.) kann ein Doppelbesteuerungsabkommen
weder ergänzt noch abgeändert werden; auch dürfen mit solchen Verstän-
digungsvereinbarungen keine im Abkommen nicht vorgesehenen neuen
Rechte oder Pflichten eingeführt werden (BVGE 2010/7 E. 3.7.7 und
E. 3.7.10 f.; relativierend indessen OPEL, Jusletter vom 15. Februar 2016,
N. 21 Fn. 50). Eine generelle Verständigungsvereinbarung kann zwar für
die Abkommensauslegung von Relevanz sein; dies gilt aber nur insofern,
als sie dem Abkommenswortlaut nicht zuwiderläuft (vgl. BVGE 2010/7
E. 3.7.11, mit Hinweis auf das Urteil des deutschen Bundesfinanzhofs I R
111/08 vom 1. September 2009 E. II 2/b/cc und das Urteil des Appellations-
gerichts Gent vom 3. Januar 2002, 1994/FR/154 E. 4 ff.).
Die vorliegende Verständigungsvereinbarung zum DBA-NL bewegt sich,
soweit sie im Widerspruch zum diesbezüglich klaren Wortlaut des Proto-
kolls zum DBA-NL Gruppenersuchen ohne Namensnennung unter be-
stimmten Voraussetzungen zulassen sollte, nach dem Gesagten nicht in
dem durch das Abkommen völkerrechtlich gesetzten Rahmen. Insoweit ist
A-8400/2015
Seite 20
sie folglich nicht nur für die Auslegung des DBA-NL, sondern auch im Üb-
rigen unbeachtlich.
6.3.1.5 Eine Berücksichtigung des hiervor zitierten Protokolls der parla-
mentarischen Beratungen (mit dem erwähnten Votum von Bundesrätin
Eveline Widmer-Schlumpf) und des Genehmigungsbeschlusses DBA-NL
im Rahmen der Auslegung des DBA-NL käme höchstens gestützt auf
Art. 32 VRK in Betracht.
Ob es sich aber bei diesen Dokumenten trotz des Umstandes, dass sie
nach der Vertragsunterzeichnung sowie ohne Beteiligung der Niederlande
erstellt wurden, um ergänzende Auslegungsmittel im Sinne von Art. 32
VRK handelt, kann hier offen bleiben. Denn eine nach Art. 31 VRK vorge-
nommene Auslegung von Art. 26 DBA-NL bzw. von Ziff. XVI Bst. b Unter-
absatz (i) des Protokolls zum DBA-NL ergibt aufgrund des klaren Wortlauts
der letzteren Vorschrift, dass das DBA-NL Amtshilfe bei Gruppenersuchen
ohne Namensnennung ausschliesst. Weil eine solche Abkommensausle-
gung folglich weder eine mehrdeutige oder dunkle Bedeutung (im Sinne
von Art. 32 Bst. a VRK) belässt noch zu einem offensichtlich sinnwidrigen
oder unvernünftigen Ergebnis (im Sinne von Art. 32 Bst. b VRK) führt, lies-
sen sich vorliegend allfällige ergänzende Auslegungsmittel im Sinne von
Art. 32 VRK nur heranziehen, um die sich aus dem Wortlaut von Ziff. XVI
Bst. b Unterabsatz (i) des Protokolls zum DBA-NL ergebende Bedeutung,
wonach Gruppenersuchen ohne Namensnennung abkommensrechtlich
ausgeschlossen sind, zu bestätigen (vgl. vorn E. 2.1.4). Vor diesem Hinter-
grund kommt es von vornherein nicht in Frage, Gruppenersuchen zuzulas-
sen, indem das erwähnte Protokoll der parlamentarischen Beratungen und
der Genehmigungsbeschluss DBA-NL bei der Abkommensauslegung her-
angezogen werden.
6.3.1.6 Aus dem Ausgeführten ergibt sich, dass das in Ziff. XVI Bst. b Un-
terabsatz (i) des Protokolls zum DBA-NL statuierte Erfordernis der Na-
mensnennung selbst unter Berücksichtigung der Verständigungsvereinba-
rung zum DBA-NL, des Genehmigungsbeschlusses DBA-NL und des ge-
nannten Protokolls der parlamentarischen Beratungen nicht durch den Um-
stand relativiert wird, dass diese Bestimmung nach Ziff. XVI Bst. c Satz 2
des Protokolls zum DBA-NL so auszulegen ist, dass sie einen wirksamen
Informationsaustausch nicht behindert. Die bis hierhin berücksichtigten
Gesichtspunkte zwingen stattdessen zum Schluss, dass aufgrund der ers-
A-8400/2015
Seite 21
teren Protokollbestimmung bzw. dem darin enthaltenen Namenserforder-
nis nach dem DBA-NL bei Gruppenanfragen ohne Namensnennung Amts-
hilfe ausgeschlossen ist.
6.3.2 Weil Art. 26 DBA-NL der Amtshilfevorschrift von Art. 26 OECD-Mus-
terabkommen nachgebildet ist (vgl. vorn E. 4.2), fragt sich, ob trotz der vor-
stehenden Ergebnisse mit Blick auf das OECD-Musterabkommen und den
OECD-Kommentar Gruppenersuchen der genannten Art unter dem DBA-
NL zuzulassen sind.
Vorauszuschicken ist diesbezüglich, dass bis Mitte Juli 2012 weder das
OECD-Musterabkommen noch der OECD-Kommentar ausdrückliche Re-
gelungen zur Frage der Zulässigkeit von Gruppenanfragen enthielten
(vgl. OBERSON, a.a.O., S. 442).
Am 17. Juli 2012 hat die OECD indessen ein Update zu Art. 26 OECD-
Musterabkommen und dessen Kommentierung verabschiedet, wel-
ches sich ausdrücklich der Regelung von Gruppenanfragen («group re-
quests») annimmt und diese als grundsätzlich zulässig er-
klärt (vgl. www.oecd.org/ctp/exchange-of-tax-information > Update To Ar-
ticle 26, insbesondere Ziff. 5.2 [zuletzt eingesehen am 15. März
2016]; siehe dazu HOLENSTEIN, Internationales Steuerrecht, Art. 26
N. 186 ff.; OPEL, Abkommenspolitik, S. 257; SCHODER, a.a.O., N. 67).
Vorliegend geht die ESTV davon aus, dass sich das Update der OECD
vom 17. Juli 2012 bei der Auslegung des DBA-NL im Sinne einer «Klarstel-
lung hinsichtlich der Zulässigkeit von Gruppenersuchen» heranziehen lässt
(vgl. E. 3.3 der angefochtenen Schlussverfügung; Vernehmlassung,
S. 2 f.). Demgegenüber stellt sich der Beschwerdeführer auf den Stand-
punkt, dass es sich beim einschlägigen Abschnitt des Updates um eine
Erweiterung des früheren OECD-Standards handelt und er nicht im Sinne
eines dynamischen Verständnisses des OECD-Kommentars bei der Aus-
legung der im Vergleich zum Update älteren Abkommensklausel von
Art. 26 DBA-NL berücksichtigt werden darf (vgl. Beschwerde, N. 20 ff.).
Zwar wird im OECD-Kommentar in der Fassung des erwähnten Updates
der Anschein erweckt, dass die darin aufgenommene Regelung für Grup-
penanfragen eine blosse Klarstellung bildet (OPEL, Abkommenspolitik,
S. 156 und S. 257 f.). In der Doktrin ist freilich umstritten, ob damit der be-
stehende OECD-Amtshilfestandard tatsächlich nur klargestellt oder statt-
dessen im Sinne einer Neuerung auf Gruppenanfragen erweitert wurde (in
A-8400/2015
Seite 22
ersterem Sinne: OBERSON, a.a.O, S. 441 f. und S. 446 f.; in letzterem
Sinne: HOLENSTEIN, Internationales Steuerrecht, Art. 26 N. 189; OPEL, Jus-
letter vom 15. Februar 2016, N. 19 und 37; dies., Abkommenspolitik,
S. 258). Als relevant wird diese Frage für die Auslegung von Amtshilfeklau-
seln betrachtet, welche – wie Art. 26 DBA-NL – auf der Basis des OECD-
Standards vor dem 17. Juli 2012 abgeschlossen wurden (OPEL, Jusletter
vom 15. Februar 2016, N. 15; dies., Abkommenspolitik, S. 258). So vertritt
etwa OPEL die Ansicht, eine «dynamische» Heranziehung des Updates
vom 17. Juli 2012 bei der Auslegung dieser Amtshilfeklauseln sei ausge-
schlossen, weshalb diese Klauseln, soweit sie Gruppenersuchen nicht oh-
nehin mit einem «Einzelfallvorbehalt» ausschliessen würden, nicht für
Amtshilfe bei Gruppenanfragen angerufen werden könnten (dies., Jusletter
vom 15. Februar 2016, N. 37; dies., Abkommenspolitik, S. 261 f.).
Es muss an dieser Stelle allerdings nicht entschieden werden, ob es sich
bei den Ausführungen zu Gruppenersuchen im Update der OECD vom
17. Juli 2012 nur um eine Klarstellung oder um eine Änderung des früheren
OECD-Standards handelt. Ebenso wenig muss im vorliegenden Fall ab-
schliessend geklärt werden, ob dieses Update unter der Annahme, dass
die grundsätzliche Zulässigkeit von Gruppenersuchen nach dem Update
eine Neuerung darstellt, bei älteren, nach dem früheren OECD-Standard
vereinbarten Amtshilfeklauseln im Sinne einer dynamischen Interpretation
als subsidiäres Auslegungsmittel zugunsten der Zulässigkeit von Gruppen-
ersuchen berücksichtigt werden könnte (vgl. zur rückwirkenden Heranzie-
hung von Änderungen des OECD-Kommentars vorn E. 2.2.2). Denn ange-
sichts des klaren Wortlauts von Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des Proto-
kolls zum DBA-NL, der mit dem Namenserfordernis Gruppenersuchen
ohne Namensnennung ausschliesst, geht es in Bezug auf das vor dem
17. Juli 2012 abgeschlossene DBA-NL bzw. dessen Art. 26 von vornherein
nicht an, solche Ersuchen qua Auslegung unter Zuhilfenahme des erwähn-
ten Updates der OECD zuzulassen (vgl. auch WALDBURGER, a.a.O., S. 120
und S. 132):
Es ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass der OECD-Kom-
mentar als ergänzendes Hilfsmittel im Sinne von Art. 32 VRK nur unter den
in dieser Vorschrift statuierten Voraussetzungen für die Abkommensausle-
gung herangezogen werden kann (vgl. E. 2.1.4 und E. 2.2.1). Entspre-
chend dem hiervor Dargelegten (E. 6.3.1.5) lässt sich der OECD-Kommen-
tar deshalb von vornherein nur heranziehen, um den sich aus der Ausle-
gung von Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des Protokolls zum DBA-NL nach
A-8400/2015
Seite 23
dem Wortlaut ergebenden eindeutigen Sinn, dass Gruppenersuchen ohne
Namensnennung ausgeschlossen sind, zu bestätigen.
6.4 Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass nach Art. 26 DBA-NL bzw.
gemäss dem Protokoll zum DBA-NL Amtshilfe bei Gruppenersuchen ohne
Namensnennung nicht zulässig ist.
7.
Es bleibt zu klären, ob aufgrund innerstaatlichen schweizerischen Rechts
steuerliche Amtshilfe bei Gruppenersuchen des Königreiches der Nieder-
lande zu leisten ist. In diesem Kontext stellt sich vorab die Frage, ob und
gegebenenfalls unter welchen Voraussetzungen die Schweiz allein ge-
stützt auf eine innerstaatliche Rechtsgrundlage Amtshilfe aufgrund einer
Gruppenanfrage ohne Namensnennung leisten kann, wenn das anwend-
bare Doppelbesteuerungsabkommen – wie vorliegend das DBA-NL – sol-
ches ausschliesst.
Aus dem vorn in E. 3.4 Dargelegten folgt, dass sich der in einem Doppel-
besteuerungsabkommen vorgesehene Ausschluss von Gruppenanfragen
der hier in Frage stehenden Art wegen des grundsätzlichen Vorranges des
Staatsvertragsrechts prinzipiell nicht durch abweichendes Landesrecht
aushebeln lässt. Der schweizerische Bundesgesetzgeber kann dann,
wenn ein Doppelbesteuerungsabkommen Gruppenersuchen ausschliesst,
Amtshilfe der Schweiz bei solchen Ersuchen des Vertragsstaates nur –
wenn überhaupt – in Beachtung der sog. Schubert-Praxis statuieren, also
unter der Voraussetzung, dass er seine Absicht, gegen das zuvor ergan-
gene Völkerrecht zu verstossen, klar und unmissverständlich kundtut (in
diesem Sinne OPEL, Abkommenspolitik, S. 267; WALDBURGER, a.a.O.,
S. 113 und S. 122 [mit Hinweis auf BGE 136 II 241 E. 6, 136 III 168 E. 3.3.4,
99 Ib 39 E. 4]). Dies gilt namentlich auch dann, wenn Protokollbestimmun-
gen zu Amtshilfevorschriften in den Doppelbesteuerungsabkommen Grup-
penersuchen ausschliessen (vgl. WALDBURGER, a.a.O., S. 122).
Nicht geklärt werden muss hier, ob das landesinterne Recht internationale
Amtshilfe in Steuersachen bei Gruppenanfragen vorsehen kann, wenn da-
für keine völkerrechtliche Grundlage besteht (vgl. dazu HOLENSTEIN, Inter-
nationales Steuerrecht, Art. 26 N. 208; STEFAN OESTERHELT, Steuerrechtli-
che Entwicklungen [insbesondere im Jahr 2012], SZW 2013, S. 85 ff.,
S. 99). Denn das DBA-NL enthält nicht nur keine Rechtsgrundlage für die
Zulassung von Gruppenersuchen der genannten Art, sondern schliesst sol-
che Anfragen – wie ausgeführt (vorn E. 6) – eben gerade aus.
A-8400/2015
Seite 24
8.
Es ist im Folgenden zu untersuchen, ob im innerstaatlichen Recht Vor-
schriften vorhanden sind, aufgrund welcher Gruppenersuchen der Nieder-
lande unter Berücksichtigung des in E. 7 Erwogenen entgegen der Rege-
lung im DBA-NL zuzulassen sind.
8.1 Zunächst fragt sich, ob Art. 1 Abs. 3 Genehmigungsbeschluss DBA-NL
(vgl. E. 6.3.1.2.2) eine hinreichende innerstaatliche Rechtsgrundlage für
Amtshilfe bei Gruppenanfragen des Königreiches der Niederlande der vor-
liegend streitbetroffenen Art bildet. Es würde sich dabei vorab insbeson-
dere die Frage stellen, ob Art. 1 Abs. 3 Genehmigungsbeschluss DBA-NL
nach seinem Wortlaut überhaupt Gruppenanfragen ohne Namensnennung
zulässt, da auch nach der Formulierung dieser Klausel (wie bei Abs. 3
Bst. a Verständigungsvereinbarung zum DBA-NL) der ersuchende und
nicht der ersuchte Staat die betroffene Person (oder allenfalls die betroffe-
nen Personen) zu identifizieren hat (vgl. vorn E. 6.3.1.4). Letztere Frage
muss aber hier – wie im Folgenden ersichtlich wird – nicht beantwortet wer-
den.
8.1.1 Das DBA-NL verbietet – wie dargelegt (E. 6) – Amtshilfe bei Grup-
penersuchen ohne Namensnennung. Diese staatsvertragliche Regelung
kann mit Blick auf den Vorrang des Völkerrechts nicht durch die rein lan-
desinterne Vorschrift von Art. 1 Abs. 3 Genehmigungsbeschluss DBA-NL
ausgehebelt werden (vgl. E. 3.4 und E. 7; die Schubert-Praxis greift hier
von vornherein nicht, da es sich beim Genehmigungsbeschluss DBA-NL
nicht um ein Bundesgesetz, sondern nur um einen dem fakultativen Refe-
rendum unterstellten Bundesbeschluss handelt [vgl. Art. 3 Genehmigungs-
beschluss DBA-NL]). Folglich bildet Art. 1 Abs. 3 Genehmigungsbeschluss
DBA-NL keine Grundlage für Amtshilfe der Schweiz bei ohne Namensnen-
nung gestellten Gruppenanfragen des Königreiches der Niederlande.
8.1.2 Die Rechtmässigkeit einer Zulassung von Gruppenanfragen des Kö-
nigreiches der Niederlande der erwähnten Art auf der Basis von Art. 1
Abs. 3 Genehmigungsbeschluss DBA-NL erscheint im Übrigen aus einem
weiteren Grund als fraglich. Es ist nämlich zweifelhaft, ob diese Vorschrift,
soweit sie Gruppenersuchen ohne Namensnennung zulassen sollte, in den
Genehmigungsbeschluss DBA-NL aufgenommen werden durfte oder ob
dafür nicht vielmehr eine andere Erlassform hätte verwendet werden müs-
sen:
A-8400/2015
Seite 25
Der Genehmigungsbeschluss DBA-NL wurde dem fakultativen Referen-
dum unterstellt (vgl. vorn E. 8.1.1). Selbst wenn angenommen würde, dass
die Genehmigung des DBA-NL durch die Bundesversammlung dem fakul-
tativen Referendum zu unterstellen war und sie damit gemäss den hiervor
(E. 3.1 f.) genannten Vorschriften zu Recht mittels eines Bundesbeschlus-
ses der Bundesversammlung (in Form des Genehmigungsbeschlusses
DBA-NL) erfolgte, steht allein damit noch nicht fest, dass in diesen Bun-
desbeschluss auch Art. 1 Abs. 3 Genehmigungsbeschluss DBA-NL aus in-
haltlicher Sicht aufgenommen werden durfte. Denn sofern letztere Vor-
schrift Gruppenersuchen ohne Namensnennung zulassen sollte, beschlägt
sie nicht die Genehmigung des einschlägigen Staatsvertrages, sondern
statuiert sie entsprechend dem Ausgeführten (vgl. E. 6) unilateral und in
abkommenswidriger Weise eine Regelung für Gruppenersuchen der Nie-
derlande.
Art. 141a BV dürfte wohl keine Grundlage bilden, Art. 1 Abs. 3 Genehmi-
gungsbeschluss DBA-NL in Form eines Bundesbeschlusses zu erlassen:
Zwar erlaubt es Art. 141a BV der Bundesversammlung unter näher festge-
legten Voraussetzungen, Verfassungs- und/oder Gesetzesänderungen,
welche der Umsetzung des völkerrechtlichen Vertrages dienen, in den Ge-
nehmigungsbeschluss aufzunehmen (vgl. zu dieser Vorschrift vorn E. 3.2
Abs. 2). Art. 1 Abs. 3 Genehmigungsbeschluss DBA-NL kann aber, jeden-
falls soweit danach Gruppenersuchen der Niederlande erlaubt werden soll-
ten, kaum als der Umsetzung des DBA-NL dienend qualifiziert werden, da
diese Vorschrift gegebenenfalls – wie ausgeführt – im Widerspruch zu die-
sem völkerrechtlichen Vertrag steht. Es kommt hinzu, dass Art. 1 Abs. 3
Genehmigungsbeschluss DBA-NL keine Verfassungs- oder Gesetzesän-
derung im Sinne einer Änderung der BV oder einer Revision bestehender
Gesetze statuiert.
Wie es sich mit der hier mit Blick auf die Erlassform aufgeworfenen Frage
nach der Verfassungskonformität von Art. 1 Abs. 3 Genehmigungsbe-
schluss DBA-NL letztlich verhält, kann an dieser Stelle freilich dahingestellt
bleiben, weil diese Bestimmung – wie ausgeführt (E. 8.1.1) – ohnehin auf-
grund des Vorranges des DBA-NL für das Bundesverwaltungsgericht un-
beachtlich ist.
8.2
8.2.1 Es fragt sich weiter, ob das StAhiG und die StAhiV eine Grundlage
für eine internationale Amtshilfe beim vorliegenden Gruppenersuchen der
Niederlande bilden.
A-8400/2015
Seite 26
8.2.2 Das StAhiG enthielt in seiner ursprünglichen Fassung keine Vor-
schriften, welche sich ausdrücklich auf Gruppenersuchen bezogen (vgl.
dazu HOLENSTEIN, Internationales Steuerrecht, Art. 26 N. 212; OESTER-
HELT, a.a.O., S. 99). Mit der erwähnten Gesetzesänderung vom 21. März
2014 (vorn E. 1.1) wurden indessen verschiedene Vorschriften zu Grup-
penersuchen ins Gesetz aufgenommen. Insbesondere enthält das Gesetz
nunmehr in Art. 3 Bst. c StAhiG die bereits genannte Definition, wonach
Gruppenersuchen Amtshilfeersuchen sind, «mit welchen Informationen
über mehrere Personen verlangt werden, die nach einem identischen Ver-
haltensmuster vorgegangen sind und anhand präziser Angaben identifi-
zierbar sind». Zu den Vorschriften des StAhiG betreffend Gruppenersu-
chen zählt ferner Art. 6 Abs. 2bis StAhiG, wonach der Bundesrat den erfor-
derlichen Inhalt eines solchen Gesuches bestimmt. Diese Konkretisierung
des Gesetzes hat der Bundesrat mit der StAhiV vorgenommen.
Laut Art. 1 Abs. 1 StAhiV sind Gruppenersuchen zulässig für Informationen
über Sachverhalte, welche die Zeit seit dem 1. Februar 2013 betreffen.
Vorbehalten bleiben abweichende Vorschriften des im Einzelfall anwend-
baren Abkommens (Art. 1 Abs. 2 StAhiV).
Art. 2 Abs. 1 StAhiV enthält eine (hier nicht weiter interessierende) Aufzäh-
lung von Angaben, welche ein Gruppenersuchen enthalten muss.
8.2.3 Sowohl das StAhiG in der vorliegend massgebenden Fassung
(vgl. E. 1.1) als auch die StAhiV enthalten nach dem Gesagten Vorschrif-
ten, welche sich ausdrücklich auf Gruppenersuchen beziehen. Die entspre-
chenden Bestimmungen machen die Zulässigkeit von Gruppenersuchen
nicht explizit vom Bestehen einer diesbezüglichen völkerrechtlichen
Grundlage abhängig. In der Doktrin wird gleichwohl überwiegend davon
ausgegangen, dass das StAhiG und die StAhiV selbst dann nicht als
Grundlage für eine Amtshilfe bei Gruppenersuchen herangezogen werden
können, wenn das einschlägige Doppelbesteuerungsabkommen solche
Ersuchen zwar nicht ausschliesst, aber Raum für deren Zulassung lässt
(vgl. PETER R. ALTENBURGER, Der internationale Informationsaustausch in
Steuersachen, 2015, S. 141; DANIEL HOLENSTEIN, Steueramtshilfe der
Schweiz als wirksames Mittel der grenzüberschreitenden Verfolgung von
Steuerstraftaten?, Journal der Wirtschaftsstrafrechtlichen Vereinigung e.V.,
Ausgabe 01-2015 vom 11. Januar 2015 abrufbar auf www.wi-j.de [zu-
letzt eingesehen am 15. März 2016; nachfolgend: HOLENSTEIN, Steuer-
amtshilfe], Ziff. IV; ders., Internationales Steuerrecht, Art. 26 N. 209; OPEL,
Jusletter vom 15. Februar 2016, N. 23 ff., dies., Abkommenspolitik, S. 267;
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Seite 27
WALDBURGER, a.a.O., S. 123 [zur ursprünglichen Fassung des StAhiG];
a.M. OESTERHELT, a.a.O., S. 99 [zur ursprünglichen Fassung des StAhiG];
SCHODER, a.a.O., N. 15 [ebenfalls zur ursprünglichen Fassung des StA-
hiG]. Nach OBERSON [a.a.O., S. 448] erlaubt das StAhiG Gruppenersuchen
bei denjenigen Abkommen, welche entsprechend der am 15. Februar 2011
vom Bundesrat angekündigten Änderung der Amtshilfepolitik [vgl. dazu
vorn E. 6.3.1.2.2] modifiziert wurden. Zwar geht eine Autorenmeinung in
die Richtung, dass nach Auffassung des Bundesgerichts Gruppenersu-
chen jedenfalls für Steuerperioden ab dem 1. Februar 2013 auch unter
früherer abgeschlossenen Doppelbesteuerungsabkommen prinzipiell
möglich seien [so DIANA OSWALD, Verfahrensrechtliche Aspekte der inter-
nationalen Amtshilfe in Steuersachen, 2015, N. 823]. Der in diesem Zu-
sammenhang genannte BGE 139 II 404 ff. stellt aber auf den spezifischen
Wortlaut der im betreffenden Fall einschlägigen, auf die Verfolgung delikti-
schen Handels ausgerichteten Amtshilfeklausel von Art. 26 des Abkom-
mens vom 2. Oktober 1996 zwischen der Schweizerischen Eidgenossen-
schaft und den Vereinigten Staaten von Amerika zur Vermeidung der Dop-
pelbesteuerung auf dem Gebiete der Steuern vom Einkommen
[SR 0.672.933.61] ab. Deshalb kann aus diesem höchstrichterlichen Urteil
nichts für die Zulassung von Gruppenersuchen der Niederlande abgeleitet
werden [in gleicher Richtung OPEL, Jusletter vom 15. Februar 2016,
N. 33 f.]).
8.2.4 Gegen eine Heranziehung des StAhiG und der StAhiV als eigenstän-
dige Rechtsgrundlagen für Amtshilfe bei Gruppenersuchen wird von einem
Teil der Literatur vorgebracht, beim StAhiG handle es sich um ein Durch-
führungsgesetz (so HOLENSTEIN, Internationales Steuerrecht, Art. 26
N. 209, mit Hinweis; vgl. auch OPEL, Jusletter vom 15. Februar 2016, N. 25;
dies., Abkommenspolitik, S. 267). Bezug genommen wird dabei auf Art. 1
Abs. 1 StAhiG. Danach regelt dieses Gesetz den Vollzug der Amtshilfe
nach Doppelbesteuerungsabkommen und anderen internationalen Abkom-
men, welche einen auf Steuersachen bezogenen Informationsaustausch
vorsehen.
Jedenfalls soweit das anwendbare Doppelbesteuerungsabkommen – wie
vorliegend das DBA-NL mit Ziff. XVI Bst. b Unterabsatz (i) des Protokolls
zum DBA-NL – die Amtshilfe bei Gruppenersuchen ohne Namensnennung
gestützt auf die darin enthaltene Amtshilfeklausel verbietet, beschlagen na-
tionale Vorschriften über entsprechende Ersuchen nicht die Regelung des
Vollzugs der Amtshilfe nach dem entsprechenden Doppelbesteuerungsab-
kommen. Soweit Amtshilfe zugunsten eines Vertragsstaates eines solchen
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Seite 28
Abkommens in Frage steht, ist deshalb nach Art. 1 Abs. 1 StAhiG e contra-
rio davon auszugehen, dass die Vorschriften des StAhiG und der gestützt
darauf erlassenen StAhiV über die Zulässigkeit von Gruppenersuchen
nicht gelten.
Nach dem Gesagten lassen sich das StAhiG und die StAhiV im Verhältnis
zur Niederlande schon mit Blick auf den Ausschluss von Gruppenanfragen
ohne Namensnennung im DBA-NL sowie aufgrund der Umschreibung des
Geltungsbereiches des Gesetzes in Art. 1 Abs. 1 StAhiG nicht für Amtshilfe
in Steuersachen bei Gruppenanfragen der genannten Art heranziehen (mit
Blick auf den in letzterer Vorschrift festgeschriebenen ausführenden Cha-
rakter des StAhiG kann im Übrigen insbesondere nicht der Auffassung von
SCHODER [a.a.O., N. 15] gefolgt werden, wonach dieses Gesetz Amtshilfe
bei Gruppenersuchen auch ohne entsprechende abkommensrechtliche
Grundlage zulasse, weil die in der Rechtshilfe bekannte Günstigkeitsregel
im Sinne des möglichst weitgehenden Austausches von Informationen auf
den Bereich der Amtshilfe zu übertragen sei [OPEL, Jusletter vom 15. Feb-
ruar 2016, N. 26]).
8.2.5 Gegen die Qualifikation des StAhiG als selbständige Grundlage für
internationale Amtshilfe bei Gruppenanfragen wird in der Doktrin zum Teil
auch Art. 1 Abs. 2 StAhiG ins Feld geführt (vgl. HOLENSTEIN, Internationales
Steuerrecht, Art. 26 N. 209 [mit Hinweisen]; OPEL, Jusletter vom 15. Feb-
ruar 2016, N. 25; dies., Abkommenspolitik, S. 267; WALDBURGER, a.a.O.,
S. 122 und S. 132. Nach OBERSON [a.a.O., S. 444] ist Art. 1 Abs. 2 StAhiG
in Bezug auf diejenigen Doppelbesteuerungsabkommen, welche entspre-
chend der im Februar 2011 vom Bundesrat angekündigten Änderung der
Abkommenspolitik angepasst wurden, kein Hindernis für die Zulassung
von Gruppenersuchen). Nach dieser Vorschrift (mit ihrem gleichlautenden
Pendant in Art. 1 Abs. 2 StAhiV [vgl. dazu E. 8.2.2]) bleiben die abweichen-
den Bestimmungen des im Einzelfall anwendbaren Abkommens vorbehal-
ten.
Der erwähnte, im Gesetz und auf Verordnungsstufe statuierte Vorrang des
im Einzelfall anwendbaren Abkommens ist jedenfalls dann zu beachten,
wenn das Abkommen – wie das DBA-NL (vgl. vorn E. 6) – Amtshilfe bei
Gruppenersuchen gestützt auf seine Amtshilfeklausel ausschliesst. Bei ei-
ner solchen Konstellation liegt nämlich, soweit das StAhiG und die StAhiV
Gruppenersuchen zulassen, eine abweichende Vorschrift des im Einzelfall
anwendbaren Abkommens (im Sinne von Art. 1 Abs. 2 StAhiG und Art. 1
Abs. 2 StAhiV) vor.
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Seite 29
Nicht zu folgen ist der in der Literatur (von OESTERHELT [a.a.O., S. 99]) ver-
tretenen Auffassung, wonach das StAhiG als lex posterior gegenüber älte-
ren Staatsverträgen Vorrang habe und die Schweiz deshalb Gruppenan-
fragen selbst hinsichtlich derjenigen älteren Doppelbesteuerungsabkom-
men behandeln könne, die ausdrücklich nur Amtshilfe «im Einzelfall» vor-
sehen. Zum einen regelt Art. 1 Abs. 2 StAhiG das Verhältnis zum einschlä-
gigen Staatsvertragsrecht ausdrücklich im Sinne eines Vorranges des
Staatsvertragsrechts. Zum anderen gelangt die Regel «lex posterior dero-
gat legi priori» im Verhältnis zwischen Staatsvertrags- und Landesrecht oh-
nehin nicht zur Anwendung (vgl. E. 3.4 sowie OPEL, Jusletter vom 15. Feb-
ruar 2016, N. 27; siehe zum Ganzen auch HOLENSTEIN, Steueramtshilfe,
Ziff. IV, wonach es an einer Vorschrift des StAhiG fehle, welche bezüglich
der Gruppenersuchen den Vorrang dieses Gesetzes vor dem entsprechen-
den Abkommen vorsieht).
8.2.6 Zur Begründung der Zulässigkeit von Gruppenanfragen bei Doppel-
besteuerungsabkommen, die keinen Raum für eine Auslegung der abkom-
mensrechtlichen Amtshilfeklausel im Sinne der Zulassung von Gruppener-
suchen lassen, wird zwar auch darauf hingewiesen, dass Bundesrätin Eve-
line Widmer-Schlumpf im Rahmen der Beratungen des StAhiG im Parla-
ment mehrfach erklärt hat, dass mit der im Laufe der parlamentarischen
Beratungen angenommenen Formulierung von Art. 4 Abs. 1 StAhiG, wo-
nach Amtshilfe «ausschliesslich auf Ersuchen» geleistet werde, Gruppen-
anfragen im Sinne der Neukommentierung von Art. 26 OECD-Musterab-
kommen ermöglicht werden sollen (vgl. OESTERHELT, a.a.O., S. 99). Den
entsprechenden Voten von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf lässt
sich freilich nicht entnehmen, dass der Gesetzgeber in Bezug auf Grup-
penersuchen den in Art. 1 Abs. 2 StAhiG statuierten Vorbehalt abweichen-
der abkommensrechtlicher Vorschriften einschränken wollte. Letzteres gilt
umso mehr, als die damalige Finanzministerin am 12. September 2012
während einer Debatte im Nationalrat erklärt hat, dass für die Gewährung
von Amtshilfe bei Gruppenersuchen diejenigen Abkommen angepasst wer-
den müssten, in denen ausdrücklich festgehalten ist, dass Amtshilfe nur
«im Einzelfall» auf Ersuchen gewährt wird (AmtlBull NR 2012, N. 1350 f.;
vgl. dazu HOLENSTEIN, Internationales Steuerrecht, Art. 26 N. 196 und
N. 209).
Auch aus den weiteren Materialien – auch denjenigen zur Änderung
des StAhiG vom 21. März 2014 – ergibt sich nicht, dass der Gesetzgeber
unter eingehender Thematisierung völkerrechtlicher Gesichtspunkte im
Sinne der Schubert-Praxis bewusst einen Entscheid getroffen hat, wonach
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Seite 30
mit der gesetzlichen Regelung der Gruppenersuchen im StAhiG ein «treaty
override» in Abweichung vom DBA-NL statuiert werden soll bzw. in Kauf
genommen wird (vgl. OPEL, Jusletter vom 15. Februar 2016, N. 25; dies.,
Abkommenspolitik, S. 267; WALDBURGER, a.a.O., S. 122).
Die StAhiV bildet im Übrigen für sich allein als blosse Verordnung der Exe-
kutive von vornherein keine Grundlage, um sich über den von den Staats-
vertragsgebern mit dem DBA-NL statuierten Ausschluss von Gruppenan-
fragen ohne Namensnennung hinwegzusetzen (vgl. OPEL, Abkommenspo-
litik, S. 267 f.; zum prinzipiellen Vorrang des Völkerrechts s. vorn E. 3.4).
8.2.7 Aus dem Gesagten ergibt sich, dass das StAhiG und die StAhiV im
Verhältnis zum Königreich der Niederlande ebenfalls nicht als Grundlage
für eine Amtshilfe bei holländischen Gruppenersuchen ohne Namensnen-
nung herangezogen werden können, weil das DBA-NL solche Gruppenan-
fragen ausschliesst.
8.3 Eine weitere innerstaatliche Rechtsgrundlage für die Leistung von in-
ternationaler Amtshilfe in Steuersachen bei Gruppenanfragen der Nieder-
lande der vorliegend streitbetroffenen Art ist nicht ersichtlich.
9.
Es ergibt sich somit, dass es auch unter Berücksichtigung des schweizeri-
schen Landesrechts dabei bleibt, dass die Schweiz bei Gruppenanfragen
des Königreiches der Niederlande, bei welchen die Namen der in die Prü-
fung oder Untersuchung einbezogenen Personen nicht genannt sind, keine
Amtshilfe in Steuersachen leisten darf. Folglich hat die Vorinstanz zu Un-
recht angeordnet, dass dem BD gestützt auf seine Gruppenanfrage vom
23. Juli 2015 Amtshilfe betreffend den Beschwerdeführer zu gewähren ist.
Es erübrigt sich vor diesem Hintergrund, auf die weiteren Vorbringen der
Verfahrensbeteiligten einzugehen.
Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen.
10.
10.1 Bei diesem Verfahrensausgang sind dem obsiegenden Beschwerde-
führer und der Vorinstanz keine Verfahrenskosten aufzuerlegen
(vgl. Art. 63 VwVG). Der im vorliegenden Verfahren geleistete Kostenvor-
schuss von Fr. 4'000.- ist dem Beschwerdeführer nach Eintritt der Rechts-
kraft des vorliegenden Urteils zurückzuerstatten.
A-8400/2015
Seite 31
10.2 Die ESTV hat dem obsiegenden Beschwerdeführer die ihm erwach-
senen notwendigen Kosten zu entschädigen (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG;
Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE; SR 173.320.2]).
Das Bundesverwaltungsgericht trifft den Entscheid über die Parteientschä-
digung von Amtes wegen aufgrund der Kostennote, sofern vorhanden, so-
wie gestützt auf die Akten und in der Regel ohne eingehende Begründung.
Die Parteientschädigung des Beschwerdeführers für die ihm erwachsenen
notwendigen Auslagen ist mangels Kostennote aufgrund der Akten und
nach freiem richterlichem Ermessen praxisgemäss auf insgesamt
Fr. 6'000.- festzusetzen. In diesem Betrag ist die Mehrwertsteuer nicht ent-
halten, weil aufgrund des ausländischen Wohnsitzes des Beschwerdefüh-
rers in Bezug auf die Leistung seiner Rechtsvertreter von einem (steuerbe-
freiten) Dienstleistungsexport auszugehen ist (vgl. Art. 8 Abs. 1 sowie
Art. 18 Abs. 1 des Mehrwertsteuergesetzes vom 12. Juni 2009 [MWSTG;
SR 641.20]; Urteil des BVGer A-1531/2015 vom 26. Juni 2015 E. 4.2).
(Das Dispositiv befindet sich auf der nächsten Seite.)
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Seite 32