Decision ID: 6547c420-2236-43c6-8591-d7157adb7d64
Year: 2018
Language: de
Court: BE_SRK
Chamber: BE_SRK_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

den Akten entnommen:
A. Mit Verfügung vom 31. Dezember 2016 auferlegte die Gemeinde D._ (nachfolgend Gemeinde) der A._ AG (Rekurrentin) für drei Grundstücke (D._
Gbbl. Nr. 1._, D._ Gbbl. Nr. 2._ und D._ Gbbl.
Nr. 3._) für die Steuerperiode 2016 Liegenschaftssteuern in der Höhe von insgesamt
CHF 9'310.35. Am 14. April 2018 eröffnete die Gemeinde der Rekurrentin erneut eine
Verfügung für die drei Grundstücke für die Steuerperiode 2016, wobei die Liegenschaftssteuern
neu auf insgesamt CHF 17'251.75 festgelegt wurden. In der entsprechenden
Entscheidrechnung wurden die bereits auf Grund der Verfügung vom 31. Dezember 2016
bezahlten Liegenschaftssteuern angerechnet. In der Verfügung vom 14. April 2018 wurde
darauf hingewiesen, dass die Liegenschaftssteuer neu festgesetzt werde, soweit der amtliche
Wert am Stichtag als Folge einer ausserordentlichen Neubewertung nachträglich korrigiert
worden sei.
B. Gegen die Verfügung vom 14. April 2018 hat die Rekurrentin bei der Gemeinde  erhoben und gerügt, dass die Abänderung der rechtskräftigen Verfügung vom
31. Dezember 2016 gegen kantonales Recht verstosse. Mit Einspracheentscheid vom 22. Mai
2018 hat die Gemeinde die Einsprache abgewiesen. Die Gemeinde führte aus, dass infolge
einer ausserordentlichen Neubewertung am 8. Januar 2018 ein neuer amtlicher Wert für das
Grundstück D._ Gbbl. Nr. 2._ (gültig ab der Steuerperiode 2016) festgesetzt
worden und in Rechtskraft erwachsen sei. Folglich sei dieser korrigierte amtliche Wert nun neu
massgebend für die Festsetzung der Liegenschaftssteuern.
C. Dagegen hat die Rekurrentin (vertreten von der C._ AG) am 5. Juni 2018 Rekurs bei der Steuerrekurskommission des Kantons Bern (Steuerrekurskommission) erhoben. Sie
beantragt, dass der Einspracheentscheid vom 2. Mai 2018 aufzuheben sei. Zur Begründung
bringt sie vor, dass die rechtskräftige Verfügung vom 31. Dezember 2016 alleine im Rahmen
einer Berichtigung oder der Nachsteuer nachträglich zu ihren Ungunsten geändert werden
könne. Im vorliegenden Fall seien allerdings weder ein Berichtigungsgrund noch
Nachsteuergründe ersichtlich, weshalb die Verfügung vom 31. Dezember 2016 nicht mehr
geändert werden könne. Auch aus dem subsidiär anwendbaren Gesetz vom 23. Mai 1989 über
die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) ergebe sich nichts anderes.
D. In ihrer Vernehmlassung vom 4. Juli 2018 beantragt die Gemeinde sinngemäss, dass der Rekurs abzuweisen sei. Zur Begründung verweist sie auf ihre Ausführungen im Einsprache-
entscheid vom 22. Mai 2018.
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E. Die Rekurrentin hat darauf verzichtet, zur Vernehmlassung der Gemeinde Stellung zu nehmen.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien wird, soweit entscheidrelevant, in den nachstehenden
Erwägungen eingegangen.

Die Steuerrekurskommission zieht in Erwägung:
1. Einspracheentscheide einer Gemeinde betreffend die Liegenschaftsteuer können bei der Steuerrekurskommission angefochten werden (Art. 262 Abs. 3 i.V.m. Art. 195 ff. des
Steuergesetzes vom 21. Mai 2000 [StG; BSG 661.11]). Die Steuerrekurskommission ist deshalb
sachlich und örtlich zuständig. Die Rekurrentin ist im vorinstanzlichen Verfahren mit ihren
Anträgen nicht durchgedrungen. Sie ist daher beschwert und zur Anfechtung befugt (Art. 195
Abs. 2 StG i.V.m. Art. 86 und 65 VRPG). Auf den form- und fristgerecht eingereichten Rekurs ist
deshalb einzutreten.
Da der Streitwert unter CHF 10'000.-- liegt, fällt der vorliegende Entscheid in die
einzelrichterliche Zuständigkeit (Art. 70 Abs. 4 Bst. c des Gesetzes vom 11. Juni 2009 über die
Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1]).
2. Strittig ist, ob die Gemeinde zu Recht auf Grund der ausserordentlichen Neubewertung rückwirkend höhere Liegenschaftssteuern festgelegt hat.
3. Die Gemeinde führt dazu aus, dass die Liegenschaftssteuer jedenfalls neu festgesetzt werde, soweit der amtliche Wert am Stichtag als Folge einer ausserordentlichen Neubewertung
nachträglich gestützt auf Art. 181 Abs. 1 StG korrigiert werde (Bst. B). Die Gemeinde vertritt
damit sinngemäss den Standpunkt, dass die Verfügung vom 31. Dezember 2016 angepasst
werden musste, um dem Legalitätsprinzip zu entsprechen. Schliesslich hatte sich der amtliche
Wert des Grundstücks, auf dessen Basis die Liegenschaftssteuer erhoben wird (Art. 260 StG
bzw. Art. 4 des Liegenschaftssteuerreglement der Gemeinde D._ vom 17. Dezember
2001 [LST-Reglement], einsehbar unter: <http://www.D._.ch>, Rubriken "Online-
Schalter / Gesetze"), nachträglich erhöht. Die Rekurrentin hält dem entgegen, dass
rechtskräftige Verfügungen (im vorliegenden Fall die Verfügung vom 31.12.2016) nur
ausnahmsweise durch ein ausserordentliches Rechtsmittel nachträglich geändert werden
könnten. Im vorliegenden Zusammenhang sei kein ausserordentliches Rechtsmittel ersichtlich,
mit welchem die rechtskräftige Verfügung vom 31. Dezember 2016 noch hätte abgeändert
werden können (Bst. C). Die Rekurrentin beruft sich damit auf das Prinzip der Rechtssicherheit.
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3.1 Verfügungen müssen in einem gewissen Mass verbindlich sein, um Rechtssicherheit zu gewährleisten. Gegen die Verfügung vom 31. Dezember 2016 wurden keine Rechtsmittel
ergriffen, weshalb sie formell und materiell in Rechtskraft erwachsen und damit grundsätzlich
unabänderlich geworden ist (Markus Reich, Steuerrecht, 2. Aufl., 2012, N. 114 zu § 26). Stimmt
eine rechtskräftige Verfügung nicht mit den materiell rechtlichen Vorschriften überein, geraten
das Legalitätsprinzip und das Prinzip der Rechtssicherheit in ein Spannungsverhältnis. Unter
bestimmten Voraussetzungen verhilft der Gesetzgeber nun dem Legalitätsprinzip zum
Durchbruch, indem er es ermöglicht, auf formell und materiell rechtskräftige Verfügungen
zurückzukommen. Den Zweck, einen Steuerausfall infolge einer Unterbesteuerung zu beheben,
verfolgt dabei grundsätzlich die Nachsteuererhebung (Markus Reich, a.a.O., N. 115 zu § 26).
Demnach bleibt zu prüfen, ob eine gesetzliche Grundlage besteht, nach welcher die Gemeinde
die Verfügung vom 31. Dezember 2016 zu Ungunsten der Rekurrentin noch abändern durfte.
3.2 Bei der Liegenschaftssteuer handelt es sich um eine fakultative Gemeindesteuer (Art. 258 StG). Nach Art. 268 Abs. 2 StG setzen die Gemeinden die Nachsteuern im Bereich der
fakultativen Gemeindesteuern fest. Das einschlägige LST-Reglement der Gemeinde sieht keine
Nachsteuererhebung vor und die Nachsteuervorschriften des StG finden mangels expliziten
Verweises keine Anwendung auf die fakultativen Gemeindesteuern. Ein allfälliges
"Nachsteuerverfahren" richtet sich damit nach den allgemeinen Vorschriften des VRPG (Michel
Iff in: Praxiskommentar zum Berner Steuergesetz, Band 2, Artikel 126 bis 293, 2011, N. 3 zu
Art. 268 StG).
3.3 Nach Art. 56 Abs. 1 Bst. b VRPG kann die Gemeinde ein rechtskräftig erledigtes Verfahren von Amtes wegen wieder aufnehmen, wenn sie nachträglich von erheblichen
Tatsachen erfährt oder entscheidende Beweismittel auffindet, die sie im früheren Verfahren
nicht anrufen konnte, unter Ausschluss derjenigen, die nach der fraglichen Verfügung
entstanden sind. Das Zurückkommen auf ein rechtskräftig erledigtes Verfahren durch die
Gemeinde ist damit lediglich dann möglich, soweit die Gemeinde es im ursprünglichen
Verfahren aus entschuldbaren Gründen unterlassen hat, einen Sachumstand oder ein
Beweismittel abzuklären bzw. einzubringen. Entschuldbare Gründe liegen vor, wenn ein
Sachumstand nicht bekannt war und mit den damals gebotenen Abklärungen auch nicht
bekannt geworden wäre (Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum Gesetz über die
Verwaltungsrechtspflege des Kantons Bern, 1997, N. 12 zu Art. 56 VRPG).
3.3.1 Im vorliegenden Fall ist der neue, von der Steuerverwaltung des Kantons Bern, Abteilung amtliche Bewertung (Steuerverwaltung), am 8. Januar 2018 mit Wirkung ab der
Steuerperiode 2016 festgesetzte amtliche Wert die erhebliche Tatsache i.S.v. Art. 56 Abs. 1
Bst. b VRPG, von welcher die Gemeinde erst nachträglich, d.h. nach Erlass ihrer Verfügung
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vom 31. Dezember 2016 erfahren hat. Diese Tatsache ist dabei nicht erst nach der Verfügung
vom 31. Dezember 2016 entstanden (was eine Wiederaufnahme des Verfahrens nach Art. 56
Abs. 1 Bst. b VRPG ausschliessen würde, vgl. E. 3.3), zumal das auslösende Ereignis für die
ausserordentliche Neubewertung bereits die im Jahr 2016 auf dem Grundstück D._
Gbbl. Nr. 2._ eingetretenen Neubewertungsgründe nach Art. 183 StG waren.
3.3.2 Die Gemeinde ist nicht zuständig für die Vornahme einer ausserordentlichen Neubewertung. Sie hat der dafür zuständigen Steuerverwaltung lediglich gestützt auf Art. 183
Abs. 3 StG Änderungen zu melden, die unter Umständen zu einer ausserordentlichen
Neubewertung führen könnten. Damit ist der Gemeinde das Wissen um den Sachumstand nicht
direkt zuzurechnen, dass auf dem Grundstück D._ Gbbl. Nr. 2._ effektiv
Neubewertungsgründe nach Art. 183 StG eingetreten waren. Der Gemeinde bleibt damit
höchstens vorzuwerfen, mit der Steuerverwaltung (oder der Rekurrentin) den Sachumstand
nicht näher abgeklärt zu haben, ob betreffend das Grundstück
D._ Gbbl. Nr. 2._ tatsächlich Neubewertungsgründe nach Art. 183 StG mit
Wirkung für die Steuerperiode 2016 vorhanden waren. Bei Kenntnis um die eingetretenen
Neubewertungsgründe wäre für die Gemeinde schliesslich verfahrensrechtlich angezeigt
gewesen, das Liegenschaftssteuerverfahren pro 2016 gestützt auf Art. 38 VRPG zu sistieren,
bis der neue (höhere) amtliche Wert pro 2016 definitiv festgestanden wäre. Im Wesentlichen
bleibt im vorliegenden Fall somit abzuklären, ob entschuldbar ist, dass die Gemeinde den
Sachumstand (Vorliegen von ausserordentlichen Neubewertungsgründen betreffend das
Grundstück D._ Gbbl. Nr. 2._ mit Wirkung auf die Steuerperiode 2016) nicht
näher abgeklärt hat und deshalb verpasste, das Verfahren zur Festsetzung der
Liegenschaftssteuern pro 2016 zu sistieren.
3.3.3 Grundsätzlich hat die verfügende Gemeinde nach Art. 18 VRPG den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen (Untersuchungspflicht). Der rechtserhebliche
Sachverhalt ist beweisbedürftig. Eine Tatsache kann dann als bewiesen gelten, wenn die
entscheidende Behörde auf Grund der erhobenen Beweise zur Überzeugung gelangt ist, dass
diese besteht. Absolute Gewissheit ist dabei nicht erforderlich. Es genügt ein so hoher Grad an
Wahrscheinlichkeit, dass keine vernünftigen Zweifel bestehen bleiben
(Merkli/Aeschlimann/Herzog, a.a.O., N. 6 zu Art. 19 VRPG). Nachdem das vorhandene
Beweismaterial gewürdigt und damit der Sachverhalt festgestellt wurde, ist das Recht von
Amtes wegen anzuwenden und die Verfügung zu erlassen. Zu bedenken bleibt, dass die
Untersuchungspflicht im Bereich des Massenverfahrens (wozu nebst der Veranlagung der
direkten Steuern auch die Veranlagung der Liegenschaftssteuern zählt) auch faktische Grenzen
kennt. Die verfügende Behörde ist angesichts des Arbeitsanfalls in Massenverfahren nicht
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verpflichtet, jeder Verästelung des Einzelfalls nachzugehen. Sie ist vielmehr gehalten,
Einzelfallgerechtigkeit und Gesamtvollzug zu optimieren (Peter Locher, Kommentar zum DBG,
Bundesgesetz über die direkte Bundessteuer, III. Teil, 2015, N. 18 zu Einführung zu Art. 122 ff.
DBG).
3.3.4 Für die Festsetzung der Liegenschaftssteuern ist nahezu ausschliesslich der amtliche Wert rechtserheblich (Art. 260 StG bzw. Art. 4 LST-Reglement). Die Liegenschaftssteuer wird
deshalb automatisiert auf Grundlage des Registers der amtlichen Werte erhoben (Michel Iff,
a.a.O., N. 1 zu Art. 262 StG). Gemäss telefonischer Auskunft der Steuerverwaltung umfasst das
Register der amtlichen Werte rund 700'000 Grundstücke und jährlich finden rund 25'000
ausserordentliche Neubewertungen statt. Damit liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund 96,4 %,
dass ein automatisiert im Register abgefragter Wert nicht noch nachträglich auf Grund einer
ausserordentlichen Neubewertung geändert wird. Bei diesen Gegebenheiten wird das nötige
Beweismass (hohe Wahrscheinlichkeit [vgl. E. 3.3.3], dass der im Register eingetragene
amtliche Wert richtig ist) zum Erlass einer Verfügung durch die Gemeinde zweifelsohne bereits
durch die automatisierte Abfrage erreicht. Deshalb ist nicht zu beanstanden, dass es die
Gemeinde mit Blick auf einen effizienten Gesamtvollzug unterlassen hat (E. 3.3.3), mit der
Steuerverwaltung (oder der Rekurrentin) noch näher abzuklären, ob betreffend das Grundstück
D._ Gbbl. Nr. 2._ tatsächlich Neubewertungsgründe nach Art. 183 StG mit
Wirkung für die Steuerperiode 2016 vorhandenen waren. Das gilt umso mehr, da die
Rekurrentin im vorliegenden Einzelfall zumindest theoretisch ebenso auf die (eigentlich
verfahrensrechtlich angezeigte, vgl. E. 3.3.2) Sistierung hätte bestehen können, indem sie
Einsprache gegen die Liegenschaftssteuerverfügung vom 31. Dezember 2016 erhoben hätte.
3.4 Bezogen auf den vorliegenden Fall ist damit entschuldbar (E. 3.3.4), dass die Gemeinde den Sachumstand nicht näher abgeklärt hat, dass auf dem Grundstück D._
Gbbl. Nr. 2._ wegen den im Jahr 2016 eingetretenen Neubewertungsgründen nach
Art. 183 StG eine ausserordentliche Neubewertung stattfand. Deshalb durfte sie gestützt auf
Art. 56 Abs. 1 Bst. b VRPG das Verfahren betreffend die Festsetzung der Liegenschaftssteuern
pro 2016 wieder aufnehmen (E. 3.3) und die Liegenschaftssteuern mit Verfügung vom 14. April
2018 entsprechend dem neuen (höheren) amtlichen Wert pro 2016 festsetzen. Korrekterweise
hat sie schliesslich auch alleine die Differenz gegenüber der Verfügung vom 31. Dezember
2016 in Rechnung gestellt (Bst. A). Dementsprechend ist der Rekurs abzuweisen und der
Einspracheentscheid vom 22. Mai 2018 im Ergebnis zu bestätigen.
4. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wird die Rekurrentin kostenpflichtig. Sie hat die gesamten Verfahrenskosten zu tragen einschliesslich allfälliger Auslagen für Gutachten oder
andere externe Kosten (Art. 200 Abs. 1 StG i.V.m. Art. 1, 2, 53, 58 und 59 des Dekrets vom
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24. März 2010 betreffend die Verfahrenskosten und die Verwaltungsgebühren der
Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [Verfahrenskostendekret, VKD; BSG 161.12]).