Decision ID: 3ee8dc6b-359b-484d-9e75-876e9170b260
Year: 2020
Language: de
Court: ZH_OG
Chamber: ZH_OG_002
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: penal_law

betreffend versuchte vorsätzliche Tötung
Berufung gegen ein Urteil des Bezirksgerichtes Winterthur vom 19. September 2019 (DG190034)
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Anklage:
Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 16. Mai 2019
(Urk. 27) ist diesem Urteil beigeheftet.
Urteil der Vorinstanz: (Urk. 58 S. 25 ff.)
"Es wird erkannt:
1. Der Beschuldigte A._ ist schuldig der versuchten vorsätzlichen Tötung im Sin-
ne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB.
2. Der Beschuldigte wird bestraft mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von
6 1⁄2 Jahren, wovon 363 Tage durch Haft und vorzeitigen Strafvollzug erstanden
sind (gerechnet bis und mit 19. September 2019).
3. Es wird eine ambulante Massnahme im Sinne von Art. 63 StGB (Suchtbehandlung)
während des Strafvollzugs angeordnet.
Es wird davon Vormerk genommen, dass die ambulante Massnahme bereits mit
Verfügung des Amts für Justizvollzug vom 11. April 2019 in Vollzug gesetzt worden
ist.
4. Der Beschuldigte wird im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB für 7 Jahre des Lan-
des verwiesen.
5. Die Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem wird
angeordnet.
6. Der Beschuldigte wird verpflichtet, der Privatklägerin B._ Fr. 20'000.– zuzüg-
lich 5 % Zins ab 23. September 2018 als Genugtuung zu bezahlen.
7. Das mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom 15. Mai 2019
(act. 14/1) beschlagnahmte Küchenmesser (Asservate-Nr. A011'872'596) wird ein-
gezogen und dem Forensischen Institut Zürich zur Vernichtung überlassen.
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8. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom
15. Mai 2019 (act. 14/1) beschlagnahmten und beim Forensischen Institut Zürich
befindlichen Gegenstände werden dem Beschuldigten nach Rechtskraft auf aus-
drückliches Begehren herausgegeben:
− 1 Herrenjacke, blau (Asservate-Nr. A011'872'643) − 1 Trainerhose, grau (Asservate-Nr. A011'872'529) − 1 T-Shirt, weiss (Asservate-Nr. A011'872'541)
Wird innert 3 Monaten ab Rechtskraft dieses Entscheides vom Beschuldigten beim
Forensischen Institut Zürich, Zeughausstrasse 11, 8004 Zürich, kein entsprechen-
des Begehren gestellt, werden die Gegenstände dem Forensischen Institut Zürich
zur gutscheinenden Verwendung überlassen.
9. Die folgenden mit Verfügung der Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich vom
15. Mai 2019 (act. 14/1) beschlagnahmten und beim Forensischen Institut Zürich
befindlichen Gegenstände werden der Privatklägerin nach Rechtskraft auf aus-
drückliches Begehren herausgegeben:
− 1 Damenjacke, grün (Asservate-Nr. A011'872'632) − 1 T-Shirt, rosa (Asservate-Nr. A011'873'475) − 1 Bügel-BH, schwarz (Asservate-Nr. A011'873'500).
Wird innert 3 Monaten ab Rechtskraft dieses Entscheides von der Privatklägerin
beim Forensischen Institut Zürich, Zeughausstrasse 11, 8004 Zürich, kein ent-
sprechendes Begehren gestellt, werden die Gegenstände dem Forensischen Insti-
tut Zürich zur gutscheinenden Verwendung überlassen.
10. Die Entscheidgebühr wird angesetzt auf:
Fr. 4'500.00 ; die weiteren Kosten betragen:
Fr. 3'000.00 Gebühr für das Vorverfahren
Fr. 26'968.00 Auslagen
Fr. 980.00 Spurenbericht
Fr. 18'883.50 amtliche Verteidigung (inkl. MWST und Barauslagen)
Fr. 4'638.50 unentgeltliche Rechtsvertretung Privatklägerin
(inkl. MWSt und Barauslagen)
Fr. 58'970.00 Total
Allfällige weitere Auslagen bleiben vorbehalten.
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11. Die Kosten gemäss Dispositiv Ziff. 10 werden dem Beschuldigten auferlegt, diejeni-
gen der amtlichen Verteidigung und der unentgeltlichen Rechtsvertretung der Pri-
vatklägerin indessen einstweilen auf die Gerichtskasse genommen. Eine Nachfor-
derung dieser Kosten gemäss Art. 135 Abs. 4 StPO und Art. 138 Abs. 1 StPO bleibt
vorbehalten.
12. (Mitteilung)
13. (Rechtsmittel)"
Berufungsanträge:
a) Der Verteidigung des Beschuldigten:
(Urk. 89)
1. Der Beschuldigte sei mit 5 Jahren Freiheitsstrafe, wovon bis und mit heute
696 Tage durch Haft und vorzeitigen Strafvollzug erstanden sind, zu bestra-
fen.
2. Der Beschuldigte sei im Sinne von Art. 66a Abs. 1 lit. a StGB für 5 Jahre des
Landes zu verweisen.
3. Es sei keine Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Infor-
mationssystem anzuordnen.
4. Die Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens seien auf CHF 54'990.-- festzu-
setzen und dem Beschuldigten aufzuerlegen, jedoch definitiv auf die Ge-
richtskasse zu nehmen.
5. Die Kosten der amtlichen Verteidigung des vorinstanzlichen Verfahrens sei-
en definitiv auf die Gerichtskasse zu nehmen.
6. Die Kosten des Berufungsverfahrens seien auf die Gerichtskasse zu neh-
men.
7. Die Entschädigung für die amtliche Verteidigung für das Berufungsverfahren
sei gemäss der eingereichten Honorarnote festzusetzen.
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b) Der Staatsanwaltschaft:
(Urk. 73)
Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils mit der Korrektur der Kosten ge-
mäss Schreiben des Bezirksgerichts Winterthur vom 22.10.2019

Erwägungen:
I. Prozessuales
1. Verfahrensgang
1.1. Zum Verfahrensgang bis zum vorinstanzlichen Urteil kann zwecks Ver-
meidung von unnötigen Wiederholungen auf die zutreffenden Erwägungen im
angefochtenen Entscheid verwiesen werden (Urk. 58 S. 5; Art. 82 Abs. 4 StPO).
1.2. Mit Urteil des Bezirksgerichts Winterthur vom 19. September 2019 wurde
der Beschuldigte im Sinne des eingangs wiedergegebenen Urteilsdispositivs
schuldig gesprochen und mit 6 1⁄2 Jahren Freiheitsstrafe bestraft (Urk. 58). Gegen
dieses Urteil meldete die amtliche Verteidigerin mit Schreiben vom 23. September
2019 Berufung an (Urk. 51). Nach Zustellung des begründeten Entscheides liess
der Beschuldigte am 23. Oktober 2019 fristgerecht Berufung erklären (Urk. 63).
1.3. Mit Präsidialverfügung vom 12. November 2019 wurde der Staatsanwalt-
schaft und der Privatklägerin Frist angesetzt, um Anschlussberufung zu erklären
oder begründet Nichteintreten auf die Berufung zu beantragen. Weiter wurde in
der Präsidialverfügung festgehalten, dass eine Abänderung bzw. eine Berichti-
gung eines Urteils mittels Kurzbrief - wie dies die Vorinstanz vornahm - nicht mög-
lich ist, weshalb Dispositiv Ziffer 10 des vorinstanzlichen Urteils als angefochten
angesehen wird (Urk. 67). Die Privatklägerin verzichtete auf Anschlussberufung
(Urk. 69). Mit Schreiben vom 26. November 2019 verzichtete die Staatsanwalt-
schaft ebenfalls auf Anschlussberufung und beantragte die Bestätigung des vo-
rinstanzlichen Urteils mit der Korrektur gemäss Schreiben des Bezirksgerichts
Winterthur vom 22. Oktober 2019 (Urk. 73 und 56=62).
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2. Umfang der Berufung
Der Beschuldigte beantragt mit seiner Berufung eine tiefere Strafe von fünf Jah-
ren Freiheitsentzug, eine Landesverweisung von lediglich 5 Jahren sowie Verzicht
auf Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem.
Ferner seien die Kosten des vorinstanzlichen Verfahrens dem Beschuldigten auf-
zuerlegen, jedoch definitiv auf die Gerichtkasse zu nehmen (Urk. 63). Unange-
fochten und damit in Rechtskraft erwachsen sind daher der Schuldspruch der ver-
suchten vorsätzlichen Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art.
22 Abs. 1 StGB (Dispositiv Ziffer 1), die Anordnung einer ambulanten Massnahme
im Sinne von Art. 63 StGB (Suchtbehandlung) während dem Strafvollzug (Dispo-
sitiv Ziffer 3), die Genugtuung an die Privatklägerin (Dispositiv Ziffer 6), die Ein-
ziehung (Dispositiv Ziffer 7) und die Herausgabe der eingelagerten Gegenstände
(Dispositiv Ziffern 8 und 9). Diese Rechtskraft ist vorab mittels Beschluss festzu-
stellen.
II. Strafzumessung
1. Nach einer verbalen Auseinandersetzung versetzte der Beschuldigte unter
Alkoholeinfluss seiner Ehefrau mit einem langen, scharfen Küchenmesser einen
Stich in den Brustkorb. Die Vorinstanz verurteilte den Beschuldigten wegen ver-
suchter vorsätzlicher Tötung im Sinne von Art. 111 StGB in Verbindung mit Art. 22
Abs. 1 StGB und bestrafte ihn mit einer Freiheitsstrafe von 6 1⁄2 Jahren. Die amtli-
che Verteidigung beantragt im Berufungsverfahren, der Beschuldigte sei mit einer
Freiheitsstrafe von 5 Jahren, unter Anrechnung der erstandenen Haft und des
vorzeitigen Strafvollzuges, zu bestrafen (Urk. 63). Die Staatsanwaltschaft ihrer-
seits beantragt die Bestätigung der vorinstanzlichen Sanktion (Urk. 73).
2. Der ordentliche Strafrahmen bei vorsätzlicher Tötung bemisst sich von
5 Jahren bis 20 Jahre Freiheitsstrafe (Art. 111 StGB; Art. 40 StGB). Da keine
aussergewöhnlichen Umstände vorliegen, besteht kein Anlass, den ordentlichen
Strafrahmen zu verlassen.
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Innerhalb des gegebenen Rahmens misst das Gericht die Strafe nach dem Ver-
schulden des Täters zu. Es berücksichtigt dabei dessen Vorleben und persönliche
Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf sein Leben. Das Verschulden wird
nach der Schwere der Rechtsgutverletzung, der Verwerflichkeit des Handelns und
den Beweggründen und Zielen des Täters sowie danach bestimmt, wie weit er
nach den gesamten Umständen in der Lage war, rechtskonform zu handeln
(Art. 47 Abs. 1 und 2 StGB).
3. Die Vorinstanz hat die objektive Tatschwere hinsichtlich der versuchten Tötung
als erheblich bezeichnet und eine Einsatzstrafe von 12 Jahren festgesetzt. Darin
ist wohl die Reduktion für den Versuch noch nicht enthalten (vgl. Urk. 58 S. 12).
Der Klarheit halber ist hier die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur Strafzu-
messung bei versuchten Delikten in Erinnerung zu rufen. Der Versuch ist als
verschuldensunabhängiges Strafzumessungskriterium zu verstehen. Demnach ist
bei Vorliegen eines versuchten Delikts bei der Bildung der Einsatzstrafe in einem
ersten Schritt die schuldangemessene Strafe für das vollendete Delikt festzule-
gen. Die derart ermittelte hypothetische Strafe ist in der Folge unter Berücksichti-
gung des fakultativen Strafmilderungsgrundes von Art. 22 Abs. 1 StGB zu redu-
zieren (Urteile des Bundesgerichts 6B_865/2009 vom 25. März 2010 E. 1.6.1 und
6B_466/2013 vom 25. Juli 2013 E. 2.3.1).
4. Nach einer verbalen Auseinandersetzung mit der Privatklägerin (seiner Ehe-
frau) ging der Beschuldigte vom Wohnzimmer in die Küche und entnahm aus der
Küchenschublade ein scharfes, spitzes, 25,5 cm langes Küchenmesser mit der
Klingenlänge von 12,5 cm und ging damit zur Privatklägerin ins Wohnzimmer zu-
rück. Dort zog er sie mit der linken Hand an den Haaren und stach mit der rechten
Hand die Klinge des Messers in den linken Brustkorb der Privatklägerin. Die Pri-
vatklägerin erlitt eine ca. 10 cm tiefe Stichverletzung. Dabei brach die 5. Rippe
und der linke Lungenlappen wurde verletzt, was zu einem Hämato-
/Spannungspneumothorax (teilweiser oder kompletter Kollaps der Lunge) führte,
welcher unter ungünstigen Verhältnissen binnen Minuten durch Kompression des
Lungenflügels und des Herzens sowie durch eine Behinderung des venösen
Rückstroms zum Herzen zu einem rasch einsetzenden Herz-Kreislauf-Versagen
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und zum Tode hätte führen können (vgl. Urk. 7/4). Beim Opfer handelt es sich um
seine Ehefrau und die Mutter der beiden gemeinsamen Kinder. Für das Opfer ist
eine solche Verletzung dramatisch und langwierig. Zu beachten ist, dass der Be-
schuldigte einmal und nicht mehrmals zugestochen hat, immerhin aber in unmit-
telbarer Nähe des Herzens. Die objektive Tatschwere ist damit bei Annahme einer
vollendeten Tat noch als knapp mittelschwer zu qualifizieren, so dass angesichts
des vorliegenden ordentlichen Strafrahmens eine Einsatzstrafe im Bereich von ca.
11 Jahren Freiheitsstrafe angemessen erscheint.
5. In subjektiver Hinsicht ist zugunsten des Beschuldigten zu berücksichtigen,
dass er sich offensichtlich durch die Vorwürfe der Geschädigten stark provoziert
fühlte. Aus den Aussagen der beiden Beteiligten geht hervor, dass der Beschul-
digte im Rahmen des vor der Tat geführten Streits mehrfach versuchte, sich der
Situation zu entziehen - allerdings etwas unbeholfen, indem er aus dem Fenster
nach der Polizei rief und bei den Nachbarn klingelte. Schliesslich war ihm ein er-
neutes Verlassen der Wohnung unmöglich, da die Geschädigte die Wohnungstü-
re verschlossen hatte (Urk. 3/1 S. 3, Urk. 3/2 S. 5, Urk. 4/1 S. 3 ff., Urk. 4/2 S. 5).
Dennoch handelte er aus nichtigem Motiv heraus, wenn auch in totaler Überforde-
rung und in einer Dekompensationssituation. Es ist aufgrund dessen davon aus-
zugehen, dass der Beschuldigte die Tat nicht im Voraus geplant hatte, sondern
impulsiv handelte. Hinzu kommt, dass der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt unter
einer akuten Alkoholintoxikation stand. Dem ärztlichen Bericht zur Blutalkoholkon-
zentration des Institutes für Rechtsmedizin ist zu entnehmen, dass die rückge-
rechnete Blutalkoholkonzentration des Beschuldigten zum Tatzeitpunkt zwischen
minimal 1.36 und maximal 2.09 Gewichtspromille betrug (Urk. 11/7 S. 2). Deutlich
verschuldensmindernd ist dem Beschuldigten somit die gutachterlich attestierte
mittelgradig verminderte Schuldfähigkeit anzurechnen. Gemäss psychiatrischem
Gutachten der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich vom 27. März 2019 sei
zwar die Einsichtsfähigkeit in das Unrecht seiner Tat zum Tatzeitpunkt erhalten
gewesen (Urk. 1/11 S. 65), indes sei er aufgrund der akuten Alkoholintoxikation
nicht mehr in der Lage gewesen, sein Verhalten gemäss dieser Einsicht zu steu-
ern und es sei eine forensisch relevante Einschränkung seiner Steuerungsfähig-
keit festzustellen (Urk. 13/11 S. 65).
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Im Übrigen wirkt sich auch der von der Vorinstanz anerkannte Eventualvorsatz
verschuldensmindernd aus, was zu übernehmen ist. Das subjektive Tatverschul-
den vermag die objektive Tatschwere relativ deutlich zu reduzieren, sodass ins-
gesamt noch von einem leichten Tatverschulden auszugehen ist, was eine hypo-
thetische Einsatzstrafe von 9 Jahren rechtfertigt.
6. Für den Versuch eine allzu deutliche Strafminderung vorzunehmen verbietet
sich, da es sich um einen vollendeten Versuch handelte. Dass die Verletzungen
nicht gravierender ausgefallen sind, ist damit primär dem Zufall zu verdanken,
was sich der Beschuldigte nicht positiv anrechnen lassen kann. Insbesondere ist
nicht davon auszugehen, dass er etwa bewusst dosiert zugestochen hätte. Im-
merhin ist aber gleichwohl zu berücksichtigen, dass der tatbestandsmässige Er-
folg nicht eingetreten ist. Dass der Beschuldigte der Geschädigten nach der Tat-
begehung erste Hilfe leistete, ist nachfolgend unter dem Titel Nachtatverhalten zu
berücksichtigen (Ziff. 9).
7. Zum Vorleben und den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten kann
vorab auf das psychiatrische Gutachten vom 27. März 2019 (Urk. 13/11 S. 2 und
11) und auf die persönliche Befragung des Beschuldigten vor Vorinstanz verwie-
sen werden (Prot. I S. 8 ff.). Demnach wurde der Beschuldigte am tt. März 1987 in
... [Ort] in der Mongolei geboren und er ist auch dort aufgewachsen. Seine Eltern
seien Viehzüchter gewesen. Er habe 10 Jahre die Volksschule besucht. Nach der
Schule sei er mit 18 Jahren nach Südkorea gegangen, wo er zuerst in einer Fens-
terfirma und danach auf einer Geflügelfarm gearbeitet habe. Im Alter von 24 Jah-
ren sei er wegen fehlender Aufenthaltsbewilligung in die Mongolei zurückgeschafft
worden, wo er bei seiner Mutter und seiner Schwester gelebt und auf dem Bau als
Elektriker gearbeitet habe. In der Mongolei habe er einen siebenjährigen Sohn,
mit welchem er jedoch keinen Kontakt hat. Seine Ehefrau, ebenfalls aus der Mon-
golei, welche jedoch seit Längerem in der Schweiz lebt, habe er über einen Ver-
wandten und über Facebook kennengelernt. Seit seiner Einreise in die Schweiz
im Oktober 2014 lebe er nun in Winterthur. Im Mai 2015 heiratete er die Privatklä-
gerin. Mit ihr hat er zwei Kinder, C._, geboren am tt.mm.2016 und D._,
geboren am tt.mm.2018. Mit seiner Ehefrau habe er im Reinigungssektor gearbei-
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tet. Seit dem Vorfall vom 22. September 2019 habe er keinen Kontakt mehr zu
seiner Frau und den Kindern gehabt. Auch an der Berufungsverhandlung erklärte
er, gar keinen Kontakt zu seiner Frau, seiner Stieftochter und seinen Töchtern zu
haben (Urk. 88 S. 2). Den persönlichen Verhältnissen des Beschuldigten kann
nichts entnommen werden, was bei der Strafzumessung in massgeblicher Weise
zu beachten wäre.
8. Der Beschuldigte wurde mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/
Unterland vom 29. August 2016 wegen Freiheitsberaubung im Sinne von Art. 183
Ziff. 1 Abs. 1 StGB, Nötigung im Sinne von Art. 181 StGB und des Versuchs dazu
im Sinne von Art. 181 StGB in Verbindung mit Art. 22 Abs. 1 StGB, Sachbeschä-
digung im Sinne von Art. 144 Abs. 1 StGB sowie wegen mehrfachen Tätlichkeiten
im Sinne von Art. 126 Abs. 1 StGB zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je
Fr. 50.–, entsprechend Fr. 6'000.–, verurteilt (Urk. 66). Festzuhalten ist, dass der
Beschuldigte diese Taten ebenfalls gegenüber seiner Ehefrau beging. Diese Vor-
strafe ist straferhöhend zu berücksichtigten. Leicht straferhöhend wirkt sich zu-
dem aus, dass der Beschuldigte kurz nach Ablauf der Probezeit dieser ersten
Verurteilung erneut straffällig wurde.
9. Hinsichtlich der Täterkomponente sind jedoch auch folgende gewichtigen
strafmindernden Faktoren auszumachen: Zunächst ist dem Beschuldigten das
Nachtatverhalten positiv anzurechnen. Wie der Anklage zu entnehmen ist, trat der
Tod der Geschädigten dank der Kompression der Wunde durch den Beschuldig-
ten und der schnellen notärztlichen Behandlung nicht ein. Sein kooperatives Ver-
halten in der Untersuchung ist ebenfalls zu seinen Gunsten zu berücksichtigen.
Hingegen ist sein Geständnis nur leicht strafmindernd zu veranschlagen, da die
Fakten bereits auf dem Tisch lagen. Der Beschuldigte sorgte sich glaubhaft um
die Gesundheit der Privatklägerin und wirkte in der Untersuchung bis zuletzt an
der Berufungsverhandlung auf überzeugende Weise reuig und einsichtig. All die-
sen Faktoren ist durch eine erhebliche Reduktion der Strafe Rechnung zu tragen.
10. Aufgrund aller relevanten Strafzumessungsgründe erscheint in Würdigung al-
ler objektiven und subjektiven Komponenten der begangenen Straftat sowie unter
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Berücksichtigung der versuchten Tatbegehung und der Täterkomponenten eine
Strafe von 5 Jahren Freiheitsstrafe als angemessen.
11. Der Beschuldigte befand sich vom 22. September 2018 bis am 1. April 2019 in
Untersuchungshaft. Seit dem 1. April 2019 befindet er sich im vorzeitigen Straf-
vollzug. Entsprechend sind dem Beschuldigten bis heute 696 Tage erstandene
Untersuchungshaft und vorzeitiger Strafvollzug an die Strafe anzurechnen (Art. 51
StGB).
III. Landesverweisung
1.1. Die Verteidigung beantragt im Berufungsverfahren, der Beschuldigte sei le-
diglich für fünf Jahre des Landes zu verweisen (Urk. 63 S. 3, Urk. 89 S. 8 f.).
1.2. Die Staatsanwaltschaft stellt den Antrag, der Beschuldigte sei in Bestätigung
des vorinstanzlichen Urteils für sieben Jahre des Landes zu verweisen (Urk. 73).
1.3. Die Vorinstanz ist nach zutreffenden Erwägungen sowohl zu den Voraus-
setzungen der Landesverweisung als auch der Anwendung der Bestimmung auf
den vorliegenden Fall zum Ergebnis gelangt, dass der Beschuldigte des Landes
zu verweisen ist. Hierauf kann angesichts der klaren Verhältnisse verwiesen wer-
den. Auch der Beschuldigte selbst wehrt sich im Berufungsverfahren nicht gegen
die Ausfällung einer Landesverweisung.
2.1. Gemäss Art. 66a StGB ist die Landesverweisung für 5 bis 15 Jahre auszu-
sprechen. Diese Bestimmung lässt offen, nach welchen Kriterien ihre Dauer konk-
ret festzulegen ist. Der Botschaft lässt sich dazu lediglich entnehmen, dass die
Dauer im Einzelfall im Ermessen des Gerichts liege, welches sich dabei insbe-
sondere am Verhältnismässigkeitsgrundsatz zu orientieren habe (BBl 2013,
5975 ff, S. 6021).
2.2. In Anwendung des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes sind also auch bei der
Festlegung der Dauer der Landesverweisung die öffentlichen Interessen gegen
jene des Beschuldigten abzuwägen. Es rechtfertigt sich, dazu auf die Höhe der
ausgesprochenen Strafe abzustellen, weil diese als Resultat einer bereits
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vorgenommenen Interessenabwägung das Ausmass des öffentlichen Interesses
(zumindest hinsichtlich der berücksichtigten Umstände) abbildet. Zutreffend ist,
dass der Beschuldigte hier in der Schweiz zwei kleine Kinder hat. Der Beschuldig-
te wird jedoch zunächst seine Freiheitsstrafe zu verbüssen haben. Seit dem Vor-
fall im September 2018 hatte er gemäss seinen eigenen Angaben keinen Kontakt
zu seiner Ehefrau und seinen Kindern (Prot. I S. 16, Urk. 88 S. 2). Eine Entfrem-
dung von den Kindern ist die übliche Folge einer Freiheitsstrafe, insbesondere
wenn wie im vorliegenden Fall ein Gewaltverbrechen gegenüber der Mutter der
Kinder vorliegt. Weitere Umstände, die bei der Interessenabwägung besonders
ins Gewicht fallen würden, liegen in casu nicht vor. Auch wenn das Verschulden
des Beschuldigten im weiten Strafrahmen der vorsätzlichen Tötung noch als leicht
qualifiziert wurde, ist zu berücksichtigen, dass vorliegend die auszusprechende
Freiheitsstrafe 5 Jahren beträgt und es sich bei der Tat um ein massives Gewalt-
delikt handelt. Wenn die Vorinstanz aus diesem Grund eine Dauer von 7 Jahren
festsetzt, so liegt diese nur knapp über dem Mindestmass und in einer Grössen-
ordnung, in welcher sich Landesverweisungen für kleinere Fälle in einzelrichterli-
cher Kompetenz bewegen. In Würdigung dieser Umstände erscheint die von der
Vorinstanz ausgesprochene Landesverweisung für die Dauer von 7 Jahren als
angemessen. Sie ist entsprechend zu bestätigen.
IV. Ausschreibung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem (SIS)
1. Die Verteidigung stellt im Berufungsverfahren den Antrag, auf die Ausschrei-
bung der Landesverweisung im Schengener Informationssystem sei zu verzichten
(Urk. 63 S. 2, Urk. 89 S. 9).
2. Am 1. März 2017 ist die Verordnung über die Einführung der Landesverwei-
sung in Kraft getreten (AS 2017 563). Unter anderem wurde damit Art. 20 der
Verordnung über den nationalen Teil des Schengener Informationssystems (N-
SIS) und das SIRENE-Büro (N-SIS-Verordnung vom 8. März 2013; SR 362.0) ge-
ändert.
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Nach Art. 20 der N-SIS-Verordnung wird die Ausschreibung der Landesverwei-
sung im Schengener-Informationssystem vom urteilenden Gericht angeordnet. Im
Falle der Anordnung einer Landesverweisung hat das Gericht somit auch über de-
ren Ausschreibung im Schengener Informationssystem (SIS) zu entscheiden.
3. Art. 21 und Art. 24 SIS-II-VO (Verordnung [EG] Nr. 1987/2006 des Europäi-
schen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über die Einrichtung,
den Betrieb und die Nutzung des Schengener Informationssystems der zweiten
Generation [SIS II]) regeln die Voraussetzungen einer SIS-Ausschreibung. Eine
Landesverweisung für sog. Drittstaatenangehörige – damit sind Personen ge-
meint, die keinem Mitgliedsstaat des Übereinkommens angehören – ist insbeson-
dere im SIS einzutragen, wenn diese auf einer Verurteilung wegen einer Straftat
beruht, welche mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr bedroht ist
(Art. 24 Abs. 2 lit. a SIS-II-VO), und wenn die betroffene Person über kein Aufent-
haltsrecht in einem anderen Mitgliedsstaat verfügt (vgl. Urteil des Bundesverwal-
tungsgerichts vom 24. September 2015, C-4656/2012 E. 4.4 mit weiterem Hin-
weis).
4. Der Beschuldigte wurde vorliegend rechtskräftig wegen versuchter vorsätzli-
cher Tötung verurteilt. Diese Norm sieht eine Höchststrafe von 20 Jahren vor. Die
Voraussetzungen für einen Eintrag sind vorliegend erfüllt, nachdem die Mongolei
kein Mitgliedsstaat des Schengen-Übereinkommens ist, der Beschuldigte auch in
keinem anderen Mitgliedsstaat über ein Aufenthaltsrecht verfügt und die Landes-
verweisung auf einer Verurteilung wegen einer Straftat beruht, die eine Höchst-
strafe von 20 Jahren aufweist und der Beschuldigte zu einer fünfjährigen Frei-
heitsstrafe verurteilt wird.
5. Die Ausschreibung im SIS hält im Übrigen auch einer Verhältnismässigkeits-
prüfung stand. Vorliegend besteht kein Anlass, die Ausschreibung im SIS nicht
anzuordnen. Der Beschuldigte machte sich eines Gewaltdelikts schuldig. Er stellt
damit nicht nur für die Schweiz, sondern für den gesamten Schengen-Raum eine
Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit dar.
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Nach dem Gesagten ist vorliegend eine Ausschreibung der Landesverweisung im
SIS anzuordnen.
V. Kostenfestsetzung
Mit Kurzbrief vom 22. Oktober 2019 teilte die Vorinstanz der Kammer mit, dass im
Nachgang zur Verhandlung vom 19. September 2019 bemerkt worden sei, dass
die Kosten im Verfahren versehentlich falsch berechnet worden seien. So seien
die Gebühr für das Vorverfahren von Fr. 3'000.-- sowie die Kosten für den
Spurenbericht (Fr. 980.--) einzeln und zugleich in den Auslagen miteinander und
damit doppelt berechnet worden. Die Kosten für die Auslagen würden damit nicht
Fr. 26'968.--, sondern Fr. 22'988.-- betragen, womit das Total der Kosten
Fr. 54'990.--, anstatt Fr. 58'970.-- betragen würde (Urk. 62). Da eine Abänderung
eines Urteils mittels eines Kurzbriefes nicht möglich ist (vgl. Art. 83 StPO), gilt
Dispositiv Ziffer 10 des vorinstanzlichen Urteils ebenfalls als angefochten. Dies
wurde den Parteien bereits mit Präsidialverfügung vom 12. November 2019 ange-
zeigt (Urk. 67). Nach Durchsicht des Kostenblattes vom 16. Mai 2019 ist offen-
sichtlich (Urk. 24), dass die Gebühr für das Vorverfahren im Betrage von
Fr. 3'000.-- und der Spurenbericht im Betrage von Fr. 980.-- sowohl einzeln als
auch zugleich in den Auslagen berechnet wurde (Dispositivziffer 10). Die Kosten
für die Auslagen betragen richtigerweise Fr. 22'988.--, womit das Total der Kosten
Fr. 54'990.-- beträgt. Diesbezüglich ist die vorinstanzliche Kostenfestsetzung zu
korrigieren.
VI. Kostenauflage
1. Wie bereits erwähnt bleibt die erstinstanzliche Kostenauflage an den Beschul-
digten unangefochten. Die Verteidigung beantragt einzig, die Kosten seien defini-
tiv auf die Gerichtskasse zu nehmen. Dem kann nicht gefolgt werden. Praxisge-
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mäss werden die Kosten lediglich einstweilen auf die Gerichtskasse genommen,
könnte es doch sein, dass der Beschuldigte in Zukunft zu Vermögen oder Ein-
kommen gelangt.
2. Die Entscheidgebühr für das Berufungsverfahren ist auf Fr. 2'500.-- zu veran-
schlagen (Art. 424 Abs. 1 StPO in Verbindung mit § 16 Abs. 1 GebV OG und § 14
Abs. 1 lit. b GebV OG).
3. Im Berufungsverfahren werden die Kosten nach Obsiegen und Unterliegen
auferlegt (Art. 428 Abs. 1 Satz 1 StPO). Da der Beschuldigte mit seiner Berufung
mit Bezug auf die Strafhöhe obsiegt, mit seinen Anträgen über die Höhe der Lan-
desverweisung und die Ausschreibung im SIS jedoch nicht durchdringt, rechtfer-
tigt es sich, die Kosten des Berufungsverfahrens, mit Ausnahme der Kosten der
amtlichen Verteidigung, zur Hälfte dem Beschuldigten aufzuerlegen und zur ande-
ren Hälfte auf die Gerichtskasse zu nehmen. Die Kosten der amtlichen Verteidige-
rin des Beschuldigten sind einstweilen auf die Gerichtskasse zu nehmen, unter
Vorbehalt einer Rückzahlung im Umfang der Hälfte, sobald es die wirtschaftlichen
Verhältnisse des Beschuldigten ermöglichen (Art. 135 Abs. 4 StPO).
4. Die amtliche Verteidigerin, Rechtsanwältin lic. iur. X._, reichte im Beru-
fungsverfahren eine Honorarnote über einen Aufwand von Fr. 3'789.30 ins Recht
(Urk. 86). Die geltend gemachten Aufwendungen und die in Rechnung gestellten
Barauslagen sind ausgewiesen. Unter Berücksichtigung des Zeitaufwands im Zu-
sammenhang der Berufungsverhandlung ist die amtliche Verteidigerin mit einem
Honorar von Fr. 4'000.-- (inkl. MwSt.) aus der Gerichtskasse zu entschädigen.
5. Die unentgeltliche Rechtvertreterin der Privatklägerin, Rechtsanwältin lic. iur.
Y._, reichte eine Honorarnote über einen Aufwand von Fr. 457.35 ins Recht
(Urk. 83). Die geltend gemachten Aufwendungen und die in Rechnung gestellten
Barauslagen sind ausgewiesen, weshalb die unentgeltliche Rechtsvertreterin mit
einem Honorar von Fr. 457.35 (inkl. MwSt.) aus der Gerichtskasse zu entschädi-
gen ist.
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