Decision ID: 9599257e-c0ed-52f7-8036-13c624f9f835
Year: 2020
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ litt u.a. an einem Asperger-Syndrom (ICD-10 F84.5; IV-act. 6-2 ff.) und
wurde infolgedessen im Mai 2015 bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen für
medizinische Massnahmen angemeldet (IV-act. 1). Am 28. September 2015 erteilte die
IV-Stelle eine Kostengutsprache für die Behandlung des Geburtsgebrechens Ziff. 405
(Autismus-Spektrum-Störungen) für die Zeit vom 22. April 2015 bis 30. April 2020 (IV-
act. 17).
A.a.
Im Februar 2016 wurde der Versicherte zum Bezug einer Hilflosenentschädigung
angemeldet (IV-act. 20). Am 22. Juni 2016 fand eine Abklärung an Ort und Stelle statt
(vgl. den Abklärungsbericht vom 30. August 2016, IV-act. 49). Die Abklärungsperson
kam in ihrer Stellungnahme vom 30. August 2016 zum Schluss, dass aufgrund der
ausgeprägten Verweigerungshaltung die Gefahr einer Verwahrlosung bestehe, weshalb
in den meisten Bereichen eine indirekte Dritthilfe und im Verlauf teilweise eine direkte
Übernahme nötig sei. Diese Dritthilfe könne im Rahmen einer ständigen persönlichen
Überwachung berücksichtigt werden (IV-act. 49-7).
A.b.
Am 2. Mai 2017 notierte der RAD, dass die Überwachungsbedürftigkeit nicht in
allen Lebensbereichen im geltend gemachten Ausmass erforderlich sei. Dem
Versicherten sei es im strukturierten Rahmen der Schule sowie auch bei mehrtägigen
Schulveranstaltungen sehr wohl möglich, ohne besondere Betreuung den geforderten
Tätigkeiten nachzukommen, ohne dass relevante Auffälligkeiten zu verzeichnen wären.
Er sei auch in der Lage, den Schulweg alleine zu bewältigen. Die Asperger-
Symptomatik sei nicht so ausgeprägt, dass von einer andauernden
Überwachungsbedürftigkeit in allen Lebensbereichen gesprochen werden könnte. Die
andauernde Überwachungsbedürftigkeit scheine sich vielmehr auf den häuslichen
A.c.
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Bereich zu konzentrieren. Der Versicherte sei zwar auf eine wohlwollende Begleitung
angewiesen; die Notwendigkeit einer erheblichen und andauernden Begleitung sei
jedoch nicht ausgewiesen (IV-act. 83). Am 3. Mai 2017 stellte die IV-Stelle dem
Versicherten die Abweisung des Begehrens um Ausrichtung einer
Hilflosenentschädigung in Aussicht (IV-act. 85).
Nachdem der Rechtsvertreter des Versicherten Einwand gegen den Vorbescheid
erhoben hatte (IV-act. 89 f.), verfügte die IV-Stelle am 11. Juli 2017 die Abweisung des
Leistungsbegehrens. Zur Begründung hielt sie fest, die Abklärungen hätten ergeben,
dass keine Hilfsbedürftigkeit in einem erheblichen und regelmässigen Ausmass
vorliege, das zu einem Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung berechtigen würde.
Zwischen den Aussagen der Mutter und dem alltäglichen Verhalten des Versicherten
gebe es offensichtliche Diskrepanzen. Daher sei es angemessen gewesen, das
gesamte Umfeld zu befragen. Demnach liege keine invaliditätsbedingte
Überwachungsbedürftigkeit vor. Geschwisterkonstellationen könnten nicht
berücksichtigt werden (IV-act. 91).
A.d.
Ab August 2017 besuchte der Versicherte das Internat des St. Gallischen
Sonderschulheims B._. Im Bericht vom 24. Februar 2018 hielten die zuständigen
Betreuer fest, dass der Versicherte in verschiedenen lebenspraktischen Bereichen
Unterstützung benötige. Auffallend sei seine Wahrnehmung bezüglich Kleider, Wärme
und Kälte. Er verweigere sich häufig, wenn er etwas nicht machen wolle oder es ihm
nicht passe. Vieles mache der Versicherte nicht, wenn niemand da sei und ihn
kontrolliere. Er benötige sowohl in der Schule als auch im lebenspraktischen Lernen
gute und sichere Strukturen, die ihm helfen, den Alltag zu bewältigen (IV-act. 104).
A.e.
Mit Entscheid vom 6. Juli 2018 hiess das Versicherungsgericht des Kantons St.
Gallen die gegen die Verfügung vom 11. Juli 2017 erhobene Beschwerde gut (IV
2017/326, IV-act. 101). Das Gericht sprach dem Versicherten mit Wirkung per 1.
Februar 2015 eine Hilflosenentschädigung wegen einer Hilflosigkeit mittleren Grades zu
und wies die Angelegenheit zur Prüfung des Intensivpflegezuschlags an die IV-Stelle
zurück. Das Gericht hielt fest, dass der Versicherte unbestrittenermassen am Asperger-
Syndrom leide. Die involvierten Fachpersonen hätten übereinstimmend angegeben,
dass das Verhalten des Versichertes in der Schule ein völlig anderes sei als jenes zu
A.f.
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Hause bzw. ausserhalb der Schule (E. 3.2 des Entscheides). Die Annahme der IV-Stelle,
dass die Probleme zu Hause nicht invaliditätsbedingt, sondern auf eine mangelhafte
Erziehung zurückzuführen seien, sei in den Akten durch nichts belegt. Dass die Mutter
mit einem Arbeitspensum von 50%, einem vier-Personen-Haushalt und der Betreuung
von zwei am Asperger-Syndrom leidenden Kindern an ihre Belastungsgrenze komme,
sei nachvollziehbar und lasse nicht auf fehlerhafte Erziehungsmethoden schliessen. Im
Übrigen sei bekannt, dass Verhaltensauffälligkeiten von Kindern, die vom Asperger-
Syndrom betroffen seien, fälschlicherweise oft einer mangelnden Erziehung
zugeschrieben würden, weil diese auf den ersten Blick viel weniger auffielen als Kinder,
die an der klassischen Form des Autismus litten, da sie durchaus an Kontakten
interessiert seien und sich sprachlich in der Regel gut ausdrücken könnten. Die
Verhaltensauffälligkeiten des Versicherten zu Hause könnten somit nicht mit einer
mangelhaften Erziehung begründet werden (E. 3.3 des Entscheids). Das Gericht hielt
weiter fest, dass mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit feststehe,
dass der Versicherte tagsüber aufgrund seiner Wahrnehmungsstörung bzw. dem
mangelhaften Erkennen von Ursache und Wirkung nicht alleine gelassen werden
könne, da das Risiko einer Selbstgefährdung zu gross sei. Die Situation verschärfe sich
zudem dadurch, dass der Versicherte einen um zwei Jahre älteren Bruder habe, der
ebenfalls am Asperger-Syndrom leide. Dass sich die Brüder derart oft stritten bzw.
nicht miteinander umgehen könnten, sei grösstenteils der Asperger-Symptomatik
zuzuschreiben. Die "schwierige Geschwisterkonstellation" sei im Rahmen der
andauernden persönlichen Überwachung zu berücksichtigen. Zusammengefasst sei
festzuhalten, dass der Versicherte mit überwiegender Wahrscheinlichkeit auf eine
andauernde persönliche Überwachung angewiesen sei (E. 3.4 des Entscheides). Das
Gericht kam im Weiteren zum Schluss, dass der Versicherte im Bereich der
Körperpflege und im Bereich der Verrichtung der Notdurft auf Hilfe angewiesen sei. Da
der Versicherte auf eine andauernde persönliche Überwachung angewiesen und in
mindestens zwei alltäglichen Lebensverrichtungen hilflos sei, sei ein Anspruch auf eine
Entschädigung wegen mittlerer Hilflosigkeit ausgewiesen (E. 3.5 ff. des Entscheides).
Zum Intensivpflegezuschlag hielt das Gericht fest, dass die IV-Stelle den zeitlichen
Betreuungsaufwand anlässlich der Abklärung an Ort und Stelle nicht ermittelt habe. Da
sich der Versicherte unter Beobachtung einer fremden Person wahrscheinlich deutlich
anders verhalte, als wenn nur die Eltern anwesend seien, dürfte ein echter Augenschein
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B.
kaum gelingen. Daher werde die erneute Abklärung an Ort und Stelle wohl wieder auf
eine reine Befragung der Eltern, insbesondere der Mutter, hinauslaufen. Vor diesem
Hintergrund erscheine der Beizug einer Fachperson der Autismushilfe bei der
Abklärung an Ort und Stelle als sinnvoll, da diese Person die Angaben der Eltern
plausibilisieren könne (E. 3.9 des Entscheides).
Im Nachgang zum Entscheid des Versicherungsgerichtes fand am 14. November
2018 eine Abklärung vor Ort im Sonderschulheim B._ unter Anwesenheit einer
Bezugsperson der Wohngruppe des Versicherten statt (IV-act. 112). Die zuständige
Abklärungsperson notierte im Abklärungsbericht, dass der Versicherte infolge seines
Asperger-Syndroms in der Schule sowie im lebenspraktischen Lernen gute und sichere
Strukturen benötige, die ihm helfen würden, den Alltag zu bewältigen. Seit dem Eintritt
in das B._ habe der Versicherte wenige Fortschritte im Bereich Selbst- und
Sozialkompetenz machen können. Teilweise verhalte er sich im Schulunterricht und
abends auf der Wohngruppe unterschiedlich. Während des Schulunterrichtes könne er
sich zusammennehmen und abends auf der Wohngruppe komme es zu
Auseinandersetzungen. Wenn er etwas nicht machen wolle, zeige er dies in
verweigerndem Verhalten (IV-act. 112-2). Die Abklärungsperson hielt fest, dass der
Versicherte in keinem der sechs Lebensbereiche regelmässige erheblichen Hilfe
benötige und auch keiner ständigen persönlichen Überwachung bedürfe. Er sei in der
Lage, sich selbständig an- und auszuziehen, er könne selbständig aufstehen bzw.
absitzen und selbständig essen und auch das Besteck benutzen. Der eigenen
Körperhygiene würde er von sich aus zwar nicht immer ausreichend Beachtung
schenken und er sei teilweise darauf hinzuweisen. Ein Hinweis genüge aber und eine
Dritthilfe sei bei der Ausführung nicht anwesend. Beim Haare waschen sei er für eine
gewisse Zeit auf Hilfe angewiesen gewesen, mache dies aber im Moment selbständig.
Der Versicherte bewältige den Toilettengang inklusive Reinigung und Ordnen der
Kleider selbständig. Schliesslich sei der Versicherte auch im Bereich der Fortbewegung
nicht auf Hilfe angewiesen. Bezüglich der Frage nach der persönlichen Überwachung
hielt die Abklärungsperson fest, der Versicherte könne sich eine gewisse Zeit alleine auf
der Wohngruppe wie auch in seinem Zimmer aufhalten. Es liege keine
B.a.
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aussergewöhnliche Selbst- oder Fremdgefährdung vor und der Versicherte benötige
keine ständige Aufsicht (IV-act. 112-4 ff.).
Am 28. November 2018 ordnete die IV-Stelle eine weitere Abklärung vor Ort beim
Versicherten zu Hause an (IV-act. 110). Der Rechtsvertreter des Versicherten hatte sich
auf Anfrage der IV-Stelle damit einverstanden erklärt, dass bei der Abklärung auf die
Anwesenheit einer Person von der Autismus-Hilfe verzichtet werde und stattdessen die
Familienbegleiterin Frau C._ der Abklärung beiwohne (vgl. IV-act. 109).
B.b.
Am 11. Januar 2019 fand die Abklärung vor Ort beim Versicherten zu Hause statt.
Im Abklärungsbericht notierte die zuständige Abklärungsperson, dass der Versicherte
gemäss den Aussagen der Mutter empfänglicher geworden sei, seit er das B._
besuche. Er verhalte sich zu Hause aber anders als im B._, wo er als freundlicher und
hilfsbereiter Junge beschrieben werde. In Situationen, in denen er überfordert sei,
reagiere der Versicherte tendenziell aggressiv oder mit verweigerndem Verhalten (IV-
act. 122-2). Der Versicherte müsse zum Wechseln der Kleider aufgefordert und auf die
der Witterung entsprechende Kleidung hingewiesen werden. Beim Aufstehen müsse
der Versicherte angeleitet und kontrolliert werden. Die Mutter könne am Abend nicht
weggehen. Beim Essen müsse der Versicherte angeleitet werden und es müsse
geschaut werden, dass er sich nicht verbrenne. Er schenke der Körperpflege analog zu
der Aussage des B._ auch zu Hause nicht immer ausreichend Beachtung. Eine
Morgentoilette führe der Versicherte zu Hause nicht durch und auch das Waschen der
Haare verweigere er. Den Toilettengang inklusive Reinigung und Ordnen der Kleider
bewältige er auch zu Hause selbständig. Im Bereich der Fortbewegung sei der zeitliche
Aufwand vor dem Weggehen riesig. Um einen gemeinsamen Ausflug zu machen,
brauche es eine akribische Vorbereitung. Zu Hause werde der Versicherte nicht alleine
gelassen, da er die Ursache und Wirkung einer Handlung nicht einschätzen könne.
Vorfälle mit Selbst- oder Fremdgefährdung habe es keine gegeben (IV-act. 122-6 ff.).
B.c.
Am 27. März 2019 retournierte die Mutter des Versicherten den kombinierten
Abklärungsbericht (B._ und zu Hause) mit zahlreichen Änderungen und
Kommentaren (IV-act. 119 ff.). Sie hielt u.a. ergänzend und korrigierend fest, die
Abklärungsperson habe ihr mitgeteilt, dass die indirekte Hilfe nicht geprüft werde. Die
Fragestellungen seien entsprechend auch ausschliesslich auf körperliche Handicaps
B.d.
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gerichtet gewesen. Alle schwierigen, weniger sichtbaren Bedürfnisse und Situationen
seien von der Abklärungsperson nicht direkt abgefragt worden. Der Versicherte sei
sicher selbst- oder fremdgefährdet. Er könne Ursache und Wirkung nicht
nachvollziehen. Er könne sich in ruhigen oder eingeübten Situationen angemessen
verhalten. In unstrukturierten Situationen sei er schnell überfordert und reagiere mit
herausforderndem Verhalten und mit Verweigerung. Beim Essen sei eine Kontrolle der
Menge der Nahrungsaufnahme dringend angesagt. Bei der Körperpflege würde der
Versicherte ohne Hilfe den Halt und die Sicherheit verlieren und verwahrlosen. Es
brauche einen enormen Zeitaufwand, der bei altersentsprechend entwickelten
Jugendlichen nicht mehr nötig sei (IV-act. 121).
Am 29. März 2019 forderte der Rechtsvertreter des Versicherten die IV-Stelle auf,
die rückwirkende Beurteilung des Intensivpflegezuschlag gemäss dem Entscheid des
Versicherungsgerichtes vorzunehmen. Diese habe nicht stattgefunden und die indirekte
Dritthilfe sei gar nicht abgeklärt worden. Die neue Abklärung habe sich auf die neue
Situation bei den beiden Kindern mit der Unterbringung im Sonderschulheim bezogen.
Eine zeitlich kongruente rückwirkende Beurteilung sei hingegen nicht vorgenommen
worden (IV-act. 117).
B.e.
Die Abklärungsperson hielt in ihrer Stellungnahme vom 4. April 2019 fest, dass sich
die Eltern scheinbar ausgiebig auf das Gespräch vorbereitet hätten. Deshalb sei nicht
ganz von der Hand zu weisen, dass nicht mehr unvoreingenommen Auskunft gegeben
worden sei, insbesondere auch von den Kindern, die oft nicht hätten erklären können,
warum sie zu Hause Hilfe benötigten, wenn es ja auswärts problemlos funktioniere. Die
Mutter habe aussergewöhnlich oft fachliche Ausdrücke wie die indirekte Hilfe benutzt.
Daher könne von einer Auskunft der ersten Stunde nicht mehr die Rede sein. Frau
C._ habe nicht wirklich Auskunft über den Ablauf der Alltagsverrichtungen geben
können. Es fehle zu Hause an Regeln und Strukturen. Eine erzieherische
Aufsichtspflicht und Regelvorgaben könnten aber nicht als indirekter
invaliditätsbedingter Aufwand eingestuft werden. Während zweier Besuche habe sie
sich über das Verhalten der Kinder ein umfassendes Bild machen können. Dabei habe
sie keinen relevanten Hilfebedarf in den Alltagsverrichtungen feststellen können. Die
Hauptproblematik scheine darin zu bestehen, dass zu Hause wenige Regeln und
Normen gelten würden, so dass sich gewisse autistische Auffälligkeiten und
B.f.
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Wahrnehmungsschwierigkeiten der Kinder zu Hause progressiv negativ äusserten. Sie
habe zwei aufgeweckte, neugierige Kinder erlebt, die mit einer entsprechenden
Struktur gut zu führen seien. Die Hinweise darauf, dass schon bei der Geburt der
Kinder erzieherische Zweifel aufgetaucht seien, seien aktenkundig und könnten nicht
einfach übersehen werden. Die Abklärungsperson hielt zusammenfassend fest, eine
invaliditätsbedingte Überwachung sei spätestens zum Zeitpunkt der Abklärung im
B._ nicht (mehr) festzustellen gewesen. Deshalb könne mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit schon für die Zeit davor kaum von einer intensiven
Überwachungsbedürftigkeit ausgegangen werden. Es gebe hierfür schlichtweg keine
verlässlichen Hinweise und Vorfälle. Eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung habe
weder im B._ noch zu Hause überzeugend dargelegt werden können. Deshalb könne
retrospektiv höchstens temporär von einer Überwachungspauschale von zwei Stunden
ausgegangen werden. Auch in den Alltagsverrichtungen könne keine relevante
invaliditätsbedingte Hilfsbedürftigkeit (mehr) festgestellt werden. Mindestens ab dem
Zeitpunkt der Abklärung im B._ vom 14. November 2018 könne keine
invaliditätsbedingte Hilfsbedürftigkeit mehr angerechnet werden. Mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit liege dieser verbesserte Zustand bereits drei Monate vor dem
Abklärungszeitpunkt am 14. November 2018 vor. Bei der Körperpflege sei der von den
Eltern angegebene zeitliche Mehraufwand von 1h 30min bis 2h 30min nicht
überzeugend. Es sei von einem temporären zeitlichen Mehraufwand von ca. 10min am
Tag auszugehen. Dieser Hilfsbedarf könne heute nicht mehr festgestellt werden. Auch
das Haare waschen zu Hause könne eingefordert werden. Bei der Notdurft könne der
angegebene zeitliche Mehraufwand von 10min übernommen werden. Heute könne kein
Hilfsbedarf mehr festgestellt werden. Dies ergebe ein Total von 2h 20min für
Körperpflege, Notdurft und Überwachung. Daraus ergebe sich ein Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung mittleren Grades vom 11. Februar 2015 bis 30. November
2018. Bei einem zeitlichen Mehraufwand von 2h 20min ergebe sich kein Anspruch auf
einen Intensivpflegezuschlag. Die Angaben der Eltern für den zeitlichen Mehraufwand
(An-/Auskleiden 20min, Aufstehen 1h 25min bis 1h 40min, Abliegen 1h 30min, Essen
30min, Körperpflege 1h 30min bis 2h 30min, Notdurft 10min und Fortbewegung 2-3h)
könnten aufgrund des Beschriebs über die Ausführung der Alltagsverrichtungen nicht
nachvollzogen werden. Die indirekte Hilfe setze voraus, dass die Drittperson
regelmässig bei der Ausführung der Verrichtung anwesend sei und beinhalte keine
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allgemeine erzieherische Aufsichtspflicht, die insbesondere bei 7 bis 11-jährigen
altersentsprechend sei. Die Angaben der Eltern für einen Intensivpflegezuschlag seien
völlig unrealistisch und auch nicht stimmig mit den Angaben des B._, welche eine
objektive Einschätzung ermöglichten (IV-act. 122-15 ff.).
Der RAD hielt am 26. April 2019 fest, aufgrund des Berichtes des
Sonderschulheims könne davon ausgegangen werden, dass sich die Situation mit dem
Eintritt und der nachfolgenden Stabilisierung des Versicherten deutlich gebessert habe
und demnach nicht mehr davon ausgegangen werden könne, dass eine mittelschwere
Hilfsbedürftigkeit, wie sie noch im Entscheid des Versicherungsgerichts angenommen
worden sei, weiterhin gegeben sei. Die Angaben der Eltern wichen hiervon jedoch
deutlich ab. Der geltend gemachte krankheitsbedingte zusätzliche Betreuungsaufwand
im häuslichen Bereich erscheine in seinem zeitlichen Ausmass als wenig
nachvollziehbar. Gemäss den elterlichen Aussagen würde sich der zeitliche Aufwand
auf über 10h am Tag addieren, was nicht nachvollzogen werden könne. Der auf etwa
2h 20min bezifferte, zeitlich befristete Mehraufwand erscheine als nachvollziehbar und
plausibel (IV-act. 124).
B.g.
Am 13. Mai 2019 stellte die IV-Stelle dem Versicherte die revisionsweise
Aufhebung der Entschädigung für eine mittelschwere Hilflosigkeit für Minderjährige in
Aussicht. Es bestehe kein relevanter Hilfsbedarf in den alltäglichen
Lebensverrichtungen mehr. Insbesondere könne im Vergleich zu den Feststellungen im
kantonalen Gerichtsentscheid in den Lebensverrichtungen Körperpflege und der
Notdurft keine erhebliche und regelmässige Hilfsbedürftigkeit mehr bejaht werden.
Auch bedürfe der Versicherte unterdessen keiner andauernden persönlichen
Überwachung mehr. Damit habe sich der Gesundheitszustand seit dem
Anspruchsbeginn vom 1. Februar 2015 erheblich verbessert (IV-act. 127).
B.h.
Mit einem weiteren Vorbescheid gleichen Datums teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass er ab dem 1. Februar 2015 Anspruch auf eine
Hilflosenentschädigung wegen mittlerer Hilflosigkeit habe. Der Tagessatz hierfür
betrage Fr. 39.20. Ein Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag bestehe hingegen
nicht, da nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon
B.i.
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auszugehen sei, dass dieser retrospektiv stets deutlich weniger als 4h pro Tag
betragen habe (IV-act. 128).
Dagegen wandte der Versicherte am 13. Juni 2019 bzw. 12. August 2019 ein, dass
die gesamten Abklärungen unter Berücksichtigung der neuen Erfahrungen im B._
gemacht worden seien. Aufgabe der IV-Stelle wäre es aber gewesen, die Abklärung vor
Ort rückwirkend unter Berücksichtigung der Situation, dass die Kinder noch zu Hause
wohnen, vorzunehmen. In der Abklärung sei zudem mehrfach darauf hingewiesen
worden, dass Teile aus der versicherungsgerichtlichen Beurteilung nicht zutreffen
würden. Es würde darauf hingewiesen, dass erzieherische Probleme im Vordergrund
stünden. Dies sei im Urteil des Versicherungsgerichts widerlegt worden. Darüber
hinaus habe die IV-Stelle die rückwirkende Beurteilung nur noch unter der
Berücksichtigung der Betreuungspersonen des B._s gemacht. Diese Personen seien
gar nicht in der Lage, rückwirkend zum Intensivpflegezuschlag Stellung zu nehmen; sie
könnten lediglich die Einschränkungen ab Eintritt ins B._ festhalten; der
diesbezügliche Vorbescheid mit der revisionsweisen Aufhebung der
Hilflosenentschädigung werde akzeptiert. Auch seien die Aussagen von Frau C._
überhaupt nicht gewürdigt worden (IV-act. 134).
B.j.
Am 21. August 2019 sprach die IV-Stelle dem Versicherten ab 1. Februar 2015
eine Hilflosenentschädigung wegen einer mittleren Hilflosigkeit zu. Einen zusätzlichen
Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag verneinte sie. Zur Begründung führte sie an,
dass kein Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag resultiere, weil gestützt auf die
Abklärungen nach dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit davon
auszugehen sei, dass dieser retrospektiv stets deutlich weniger als 4h am Tag betragen
habe. Zu den Einwänden hielt sie fest, dass sie die verbindliche Anordnung des
Gerichtes, den Betreuungsaufwand mittels einer erneuten Abklärung an Ort und Stelle
zu ermitteln, eingehalten habe. Soweit das Gericht erwogen habe, dass der Antrag des
Rechtsvertreters, für die Abklärung sei eine Fachperson der Autismushilfe beizuziehen,
sinnvoll erscheine, sei lediglich als eine nicht verbindliche Empfehlung anzusehen. Im
Übrigen habe der Rechtsvertreter sich mit einem Verzicht auf die Anwesenheit einer
Person von der Autismushilfe einverstanden erklärt. Dieser Verzicht sei nicht zu
beanstanden, da weder das Gesetz noch die Rechtsprechung verlangten, dass die
Abklärung des zusätzlichen Betreuungsbedarfs durch eine Person mit einem
B.k.
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C.
spezifischen Fachwissen bezüglich der zugrundeliegenden Erkrankung durchzuführen
sei. Es genüge, wenn die Abklärungsperson "Kenntnis der örtlichen und räumlichen
Verhältnisse sowie der sich aus den seitens der Mediziner gestellten Diagnosen
ergebenden Beeinträchtigungen und Hilfsbedürftigkeit" habe. Diese Voraussetzungen
habe die Abklärungsperson zweifellos erfüllt. Weiter sei nicht zu beanstanden, dass die
Angaben der Betreuungsperson des B._ im Rahmen der retrospektiven Prüfung der
Anspruchsvoraussetzungen für einen Intensivpflegezuschlag mitberücksichtigt worden
seien. Die Aussagen von Frau C._ seien nicht berücksichtigt worden, da diese
aufgrund ihrer Aufgabe, die in erster Linie die Beratung der Eltern beinhaltet habe,
keine verlässlichen Angaben zum Betreuungsaufwand habe machen können.
Schliesslich sei zulässig, dass die Angaben der Eltern kritisch gewürdigt worden seien
(IV-act. 136). Gleichentags verfügte die IV-Stelle die revisionsweise Aufhebung der
Hilflosenentschädigung gemäss ihrem Vorbescheid (IV-act. 135).
Am 23. September 2019 erhob der Versicherte Beschwerde am
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen. Er beantragte, die Verfügung vom 21.
August 2019 sei teilweise aufzuheben und die Angelegenheit sei zu ergänzenden
Abklärungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die Beschwerde beziehe
sich ausschliesslich auf die rückwirkende Ablehnung der Zusprechung eines
Intensivpflegezuschlags und somit auf den Zeitraum vor dem Eintritt in das
Sonderschulheim B._. Die unbestrittene Ausrichtung der Hilflosenentschädigung
solle in Teilrechtskraft erwachsen. Die Verfügung vom 21. August 2019 über die
Aufhebung der Entschädigung für eine mittelschwere Hilflosigkeit werde ebenfalls
akzeptiert und sei nicht Gegenstand der Beschwerde. Zur Begründung führte der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers an, dass die Beschwerdegegnerin ihre
Abklärungspflicht verletzt habe. Sie habe die Ablehnung des Intensivpflegezuschlags
wieder mit den gleichen, vom Versicherungsgericht bereits abgewiesenen Argumenten
begründet. Die Beschwerdegegnerin habe die Abklärung im B._ mitberücksichtigt,
obwohl die Betreuungspersonen im B._ den Mehraufwand zu Hause retrospektiv gar
nicht einschätzen könne. Die Beschwerdegegnerin habe sich nicht mit der Überprüfung
der invaliditätsbedingten Mehraufwände auseinandergesetzt. Sie gehe ohne
Auseinandersetzung mit den Umschreibungen im Versicherungsgerichtsurteil und trotz
C.a.
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Erwägungen
1.
Anfechtungsgegenstand des vorliegenden Verfahrens ist die Verfügung vom 21. August
2019, mit der die Beschwerdegegnerin dem Beschwerdeführer ab 1. Februar 2015
einen Hilflosenentschädigung zugesprochen und dessen Anspruch auf einen
Intensivpflegezuschlag verneint hat. Dabei hat der Beschwerdeführer lediglich gegen
die Ablehnung des Anspruchs auf einen Intensivpflegezuschlag Beschwerde erhoben.
Der Verfügungsteil über die Zusprache der Hilflosenentschädigung ist folglich in
formelle Rechtskraft erwachsen. Streitgegenstand ist damit lediglich, ob die
Beschwerdegegnerin einen Anspruch des Beschwerdeführers auf einen zusätzlichen
Intensivpflegezuschlag für den Zeitraum der zugesprochenen Hilflosenentschädigung,
also ab dem 1. Februar 2015 bis zur revisionsweisen Aufhebung der
Hilflosenentschädigung, zu Recht verneint hat.
2.
der Kenntnisse über die medizinische Situation bei einem Asperger-Syndrom von
Erziehungsproblemen aus. Zudem sei bei der Abklärung an Ort und Stelle vom 11.
Januar 2019 die indirekte Hilfe nicht überprüft worden, was auch die anwesende
Fachfrau bestätigt habe (act. G 1).
Die Beschwerdegegnerin beantragte die Abweisung der Beschwerde und verwies
zur Begründung auf die Verfügung vom 21. August 2019 (act. G 4).
C.b.
Die Hilflosenentschädigung für Minderjährige, die zusätzlich eine intensive
Betreuung brauchen, wird um einen Intensivpflegezuschlag erhöht. Der monatliche
Intensivflegezuschlag beträgt bei einem invaliditätsbedingten Betreuungsaufwand von
mindestens acht Stunden pro Tag 60%, bei einem solchen von mindestens sechs
Stunden pro Tag 40% und bei einem solchen von mindestens vier Stunden pro Tag
20% des Höchstbetrages der Altersrente nach Art. 34 Abs. 3 und 5 AHVG. Der
Zuschlag berechnet sich pro Tag (Art. 42 Abs. 3 IVG). Eine intensive Betreuung liegt
bei Minderjährigen vor, wenn diese im Tagesdurchschnitt infolge der Beeinträchtigung
der Gesundheit zusätzliche Betreuung von mindestens vier Stunden benötigen (Art. 39
Abs. 1 IVV). Anrechenbar als Betreuung ist der Mehrbedarf an Behandlungs- und
Grundpflege im Vergleich zu nicht behinderten Minderjährigen gleichen Alters. Nicht
anrechenbar ist der Zeitaufwand für ärztlich verordnete medizinische Massnahmen,
2.1.
ter
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St.Galler Gerichte
welche durch medizinische Hilfspersonen vorgenommen werden, sowie für
pädagogisch-therapeutische Massnahmen (Art. 39 Abs. 2 IVV). Bedarf eine
minderjährige Person infolge Beeinträchtigung der Gesundheit zusätzlich einer
andauernden Überwachung, so kann diese als Betreuung von zwei Stunden
angerechnet werden. Eine besonders intensive behinderungsbedingte Überwachung ist
als Betreuung von vier Stunden anrechenbar (Art. 39 Abs. 3 IVV). Gemäss den
bundesrätlichen Erläuterungen zu den Änderungen der IVV vom 21. Mai 2003 (AHI
2003 S. 311, S. 330) entsteht ein Anspruch auf den Intensivpflegezuschlag im Sinne
von Art. 39 Abs. 3 IVV nicht bereits dann, wenn ein Kind bloss während bestimmter
Stunden am Tag pflegerische Unterstützung benötigt. Abgegolten werden soll vielmehr
die für die Eltern extrem belastende Tatsache einer darüberhinausgehenden, rund um
die Uhr notwendigen invaliditätsbedingten Überwachung, sei es aus medizinischen
Gründen (z.B. Gefahr epileptischer Anfälle), sei es infolge einer spezifischen geistigen
Behinderung oder wegen Autismus (vgl. auch Urteil des Eidgenössischen
Versicherungsgerichts vom 19. Dezember 2006, I 684/05 E. 4.4).
Der Beschwerdeführer leidet unbestrittenermassen an einem Asperger-Syndrom.
Das Versicherungsgericht hat ihm am 6. Juli 2018 (IV 2017/326) mit Wirkung per 1.
Februar 2015 eine Hilflosenentschädigung wegen einer Hilflosigkeit mittleren Grades
zugesprochen und die Angelegenheit zur Prüfung des Intensivpflegezuschlags an die
IV-Stelle zurückgewiesen (IV-act. 101). Dabei hat es insbesondere festgehalten, dass
der zeitliche Betreuungsaufwand anlässlich einer erneuten Abklärung an Ort und Stelle
durch eine Befragung der Eltern zu ermitteln sei. Konkret hat das Gericht dargelegt,
dass es als sinnvoll erscheine, für die Abklärung an Ort und Stelle eine Fachperson für
Autismushilfe beizuziehen, da diese Person die Angaben der Eltern plausibilisieren
könne (IV-act. 101-19).
2.2.
Die Beschwerdegegnerin hat im Nachgang zum Entscheid des
Versicherungsgerichts zwei Abklärungen an Ort und Stelle durchgeführt; eine im
Sonderschulheim B._, wo der Beschwerdeführer seit August 2017 unter der Woche
von Sonntagabend bis Freitagnachmittag im Internat wohnt und zur Schule geht, und
eine zu Hause mit den Eltern (bzw. hauptsächlich der Mutter) des Beschwerdeführers
unter Anwesenheit der Familienbegleiterin. Die zuständige Abklärungsperson ist
aufgrund der beiden Abklärungen vor Ort zum Schluss gekommen, dass die Angaben
der Eltern zum zeitlichen Mehraufwand bei der Betreuung nicht nachvollziehbar seien.
Deren Angaben seien vielmehr "völlig unrealistisch" und auch nicht stimmig mit den
Angaben der Betreuungsperson des Beschwerdeführers im Sonderschulheim. Jene
Angaben würden hingegen eine objektive Einschätzung ermöglichen (IV-act. 122-17).
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Die Abklärungsperson hat im Weiteren – wie bereits im Rahmen der Abklärungen zur
Hilflosenentschädigung – auf Anzeichen von fehlenden Strukturen, auf wenige Regeln
und Normen zu Hause sowie auf "erzieherische Zweifel" hingewiesen (IV-act. 122-15).
Auch der RAD hat im Wesentlichen auf die Angaben des Sonderschulheims abgestellt
und ist gestützt darauf davon ausgegangen, dass sich die Situation des
Beschwerdeführers mit dem Eintritt ins Sonderschulheim deutlich gebessert habe, so
dass nicht mehr von einer mittelschweren Hilflosigkeit ausgegangen werden könne.
Der RAD hat festgehalten, dass der von der Abklärungsperson erhobene Mehraufwand
von 2h 20min nachvollziehbar und plausibel sei. Davon würde der von den Eltern
angegebene Mehraufwand von über 10h am Tag deutlich abweichen und könnte nicht
nachvollzogen werden (IV-act. 124-4). Gestützt darauf hat die Beschwerdegegnerin in
der angefochtenen Verfügung erwogen, dass die (unvoreingenommenen) Angaben der
Betreuungsperson des Sonderschulheims deutlich glaubwürdiger erschienen als
diejenigen der Eltern und dass die Berücksichtigung dieser Angaben im Rahmen der
retrospektiven Prüfung der Voraussetzungen für einen Intensivpflegezuschlag nicht zu
beanstanden sei. Die Angaben der Eltern hätten hingegen nicht nachvollzogen werden
können und die Familienbegleiterin habe ebenfalls keine verlässlichen Angaben zu
Betreuungsaufwand machen können, da sie in erster Linie die Eltern beraten habe (IV-
act. 136-2 f.).
Die Beschwerdegegnerin hat in Absprache mit dem Rechtsvertreter des
Beschwerdeführers beide Abklärungen vor Ort ohne den Beizug einer Fachperson der
Autismushilfe durchgeführt (IV-act. 109). Zwar hat das Gericht den Beizug einer
Fachperson nur empfohlen und nicht verbindlich angeordnet (vgl. E. 3.9 des
Entscheides), wie die Beschwerdegegnerin in der Begründung der angefochtenen
Verfügung richtigerweise festgehalten hat. Allerdings ist ein Verzicht des
Rechtsvertreters auf den Beizug einer Autismusfachperson bzw. eine entsprechende
Vereinbarung zwischen der Beschwerdegegnerin und dem Rechtsvertreter mit Blick auf
den im öffentlichen Recht geltenden Untersuchungsgrundsatz, wonach die Verwaltung
und im Beschwerdefall das Gericht von Amtes wegen für die richtige und vollständige
Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts zu sorgen haben, von Vornherein
irrelevant gewesen. Denn mit Blick auf die in E. 2.3 erläuterten Abklärungsergebnisse
wird augenfällig, dass die richtige und vollständige Abklärung des Sachverhalts,
nämlich eine objektive Einschätzung des Betreuungsaufwandes im privaten, familiären
Umfeld, im vorliegenden Fall nur durch den Beizug einer solchen Fachperson hätte
gewährleistet werden können. Der im Rahmen des Intensivpflegezuschlags zu prüfende
Mehraufwand in der Betreuung eines gesundheitlich beeinträchtigten Kindes hängt
bekanntlich von verschiedenen Faktoren ab. So ist der Betreuungsaufwand nicht nur
2.4.
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von der gesundheitlichen Beeinträchtigung des Kindes, sondern beispielsweise auch
von dessen Alter abhängig. Auch die Fähigkeit bzw. Unfähigkeit der Eltern, mit der
Erkrankung des Kindes umzugehen und ihre Elternfunktion in einer der
Gesundheitsbeeinträchtigung angemessenen Weise auszuüben, spielt eine wesentliche
Rolle. Vom Intensivpflegezuschlag wird jedoch nur der krankheitsbedingte zeitliche
Mehraufwand erfasst. Ist ein vermehrter Betreuungsaufwand auf den ("falschen")
Umgang der Eltern mit der gesundheitlichen Beeinträchtigung des Kindes
zurückzuführen, ist dieser Aufwand von den Eltern im Rahmen ihrer
Schadenminderungspflicht selbst zu tragen und kann beim Intensivpflegezuschlag
nicht berücksichtigt werden. Bei der Prüfung eines Anspruchs auf einen
Intensivpflegezuschlag steht folglich im Vordergrund, ob und inwieweit die Erkrankung
des Kindes für den zusätzlichen Betreuungsaufwand ursächlich ist, ob andere,
nichtmedizinische Faktoren eine Rolle spielen und in welchem Verhältnis diese
Faktoren zueinanderstehen. Diese Fragen können in Fällen wie dem vorliegenden, in
denen eine Krankheit mit vielen Facetten vorliegt, nur von einer unabhängigen
medizinischen Fachperson überzeugend beantwortet werden. Die Abklärungspersonen
der IV-Stellen können diese ein besonderes Fachwissen zu der entsprechenden
Krankheit erfordernde Aufgabe nicht allein lösen.
Nach dem Gesagten kann also die Frage, inwieweit der betreuerische
Mehraufwand der Eltern auf das Asperger-Syndrom des Beschwerdeführers
zurückzuführen ist, nur von einer Fachperson für Autismushilfe verlässlich beantwortet
werden. Wie die erneuten Abklärungen der Beschwerdegegnerin eindrücklich gezeigt
haben, kann nur eine unabhängige Fachperson den Überwachungsaufwand und einen
allfälligen Aufwand in der Form der indirekten Hilfe bei den alltäglichen
Lebensverrichtungen objektiv würdigen. Ihre Aufgabe ist es, zu beurteilen, ob der von
den Eltern geltend gemachte Aufwand mit Blick auf die autistische Erkrankung des
Beschwerdeführers überzeugt oder ob (und bejahendenfalls in welchem Ausmass) der
beanspruchte Mehraufwand auf ein "Fehlverhalten" der Eltern zurückzuführen ist. Nur
so kann plausibilisiert werden, welcher Mehraufwand alleine durch die Erkrankung des
Beschwerdeführers bedingt ist. Erst wenn dies mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
feststeht, kann der Anspruch des Beschwerdeführers auf einen Intensivpflegezuschlag
objektiv überzeugend bejaht oder verneint werden. Diese Aufgabe kann von der (nicht
medizinischen) Familienbegleiterin nicht erfüllt werden. Entgegen der Ansicht der
Beschwerdegegnerin sind die Angaben der Betreuer des Sonderschulheims nicht
geeignet, die Aussagen der Eltern zu bestätigen oder zu entkräften, da der
Beschwerdeführer erst im August 2017 in das Sonderschulheim eingetreten ist und
vorliegend der rückwirkende Anspruch auf einen Intensivpflegezuschlag ab dem 1. Juni
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3.
2015 zu prüfen ist. Die Aussagen der Betreuungspersonen geben die aktuelle
Betreuungssituation des Beschwerdeführers seit August 2017 wieder. Daraus können
keine überzeugenden Rückschlüsse auf die Situation zuhause im
anspruchserheblichen Zeitraum ab Juni 2015 gezogen werden, da die
Betreuungssituation noch eine völlig andere gewesen ist. Der Beschwerdeführer war
nämlich zu Beginn des anspruchserheblichen Zeitraums erst 8-jährig und bei Eintritt in
das Sonderschulheim bereits 10-jährig. Die persönliche Entwicklung in dieser Zeit
dürfte einen erheblichen Einfluss auf das Verhalten des Beschwerdeführers gehabt
haben.
Zusammenfassend besteht die einzige Möglichkeit, den Betreuungsbedarf des
Beschwerdeführers für die Zeit vom 1. Juni 2015 bis zur revisionsweisen Aufhebung
der Hilflosenentschädigung mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden
Wahrscheinlichkeit zu belegen, darin, eine unabhängige medizinische Fachperson mit
Erfahrung im Autismusbereich bei Kindern und Jugendlichen beizuziehen. Da ein
weiterer Augenschein zu Hause unter Beizug einer solchen Fachperson für diese
retrospektive Beurteilung aufgrund der inzwischen wohl weiter veränderten Situation
ungeeignet wäre, ist ein medizinisches Aktengutachten einzuholen. Diese Fachperson
wird, falls sie es für nötig befindet, fremdanamnestische Auskünfte (insbesondere der
Familienbegleiterin Frau C._) einholen. Die Sache ist deshalb unter Anwendung von
Art. 56 Abs. 2 VRP erneut an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie zur
Abklärung des Anspruchs auf einen Intensivpflegezuschlag ein Aktengutachten einer
medizinischen Fachperson mit Erfahrung im Autismusbereich bei Kindern und
Jugendlichen einholt.
2.6.
Nach dem Gesagten ist die angefochtene Verfügung in Gutheissung der
Beschwerde aufzuheben und die Sache ist zur weiteren Abklärung im Sinne der
Erwägungen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
3.1.
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint
in der vorliegend zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Dem Ausgang des
Verfahrens entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- wird dem Beschwerdeführer
zurückerstattet.
3.2.
bis
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