Decision ID: af4e21f4-3eb1-53ce-b3a6-92cc1a397d7b
Year: 2011
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 15.04.2011 Art. 42 Abs. 1 AVIG: Anspruch auf Schlechtwetterentschädigung im Steinbruchgewerbe. Das Vorliegen konkreter Aufträge stellt für die Anspruchsberechtigung keine notwendige Voraussetzung dar, wenn aufgrund der Witterung die Arbeit tatsächlich eingestellt werden musste (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 15. April 2011, AVI 2010/64). Abteilungspräsidentin Lisbeth Mattle Frei, Versicherungsrichter Joachim Huber, Versicherungsrichterin Marie Löhrer; Gerichtsschreiber Marcel Kuhn Entscheid vom 15. April 2011 in Sachen A._, Beschwerdeführerin, gegen Amt für Arbeit, Unterstrasse 22, 9001 St. Gallen, Beschwerdegegner, betreffend Schlechtwetterentschädigung (anrechenbarer Arbeitsausfall) Sachverhalt:
A.
A.a Die A._ reichte am 1. März 2010 eine Meldung über den wetterbedingten
Arbeitsausfall für Februar 2010 betreffend den Steinbruch B._ ein. Aufgrund der Kälte
hätte die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden können, da der Abstieg zum
Abbauschacht und zur Abbausohle vereist gewesen sei. Drei Arbeitnehmer hätten
deshalb für 20 Tage nicht arbeiten können (act. G 9).
A.b Mit Verfügung vom 17. März 2010 erhob das Amt für Arbeit gegen die Auszahlung
von Schlechtwetterentschädigung Einspruch (act. G 6.1/A9). Gegen diese Verfügung
erhob die A._ am 12. April 2010 Einsprache und führte aus, dass der Arbeitsausfall
unmittelbar durch das schlechte Wetter verursacht worden sei und nicht weil die
Nachfrage wegen schlechten Wetters ausgeblieben sei. Im Steinbruch werde stets nur
für das Rohstofflager gearbeitet, auf welches dann zurückgegriffen werden könne. Die
Fortführung der Arbeiten im Steinbruch hätte trotz genügenden Schutzvorkehrungen
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nicht zugemutet werden können. Zudem sei es aus technischen Gründen nicht mehr
möglich gewesen den Stein abzubauen. Der Arbeitsausfall sei ordnungsgemäss
gemeldet worden, wodurch sämtliche Voraussetzungen erfüllt seien (act. G 6.1/A10).
Mit Einspracheentscheid vom 28. Mai 2010 wies das Amt für Arbeit die Einsprache mit
der Begründung ab, dass ein anrechenbarer Arbeitsausfall nur dann anzunehmen sei,
wenn ein Nachfrage- und Umsatzrückgang kausal adäquat durch das schlechte Wetter
entstanden sei. Dies sei vorliegend nicht der Fall, da keine Aufträge vorgelegen hätten,
die aufgrund der schlechten Witterung nicht hätten bedient werden können. Hingegen
seien im Februar 2010 Lageraufstockungen für künftige Auftragseingänge geplant
gewesen. Dieser Arbeitsausfall sei mangels Kundenausfall nicht anrechenbar (act. G
6.1/A11).
B.
B.a Gegen diesen Einspracheentscheid richtet sich die vorliegende Beschwerde vom
21. Juni 2010 mit den Anträgen, der Einspracheentscheid vom 28. Mai 2010 und die
Verfügung vom 17. März 2010 seien aufzuheben und der Beschwerdeführerin sei eine
Schlechtwetterentschädigung im beantragten Umfang zuzusprechen. Entgegen der
Auffassung des Beschwerdegegners sei ein Kundenausfall nicht Voraussetzung für den
Anspruch auf Schlechtwetterentschädigung. Ein Analogieschluss aus der
Kurzarbeitsentschädigung sei falsch, da diese an ein wirtschaftliches und die
Schlechtwetterentschädigung an ein meteorologisches Ereignis anknüpfe. Ein
Steinbruch arbeite nur in äusserst seltenen Fällen direkt auf Kundenwunsch. Im
normalen Arbeitsablauf würden das ganze Jahr über Steine abgebaut, welche dann bei
Auftragseingang entsprechend bearbeitet würden. Ohne diese Vorarbeiten könne ein
Stein in der passenden Ausführung nicht innert nützlicher Frist geliefert werden. Die
betroffenen Arbeitnehmer hätten im Betrieb nicht anderweitig eingesetzt werden
können (act. G 1).
B.b In der Beschwerdeantwort vom 10. September 2010 beantragt der
Beschwerdegegner die Abweisung der Beschwerde und verweist bezüglich einer
Begründung auf den Einspracheentscheid vom 28. Mai 2010 (act. G 6).
B.c Die Beschwerdeführerin hat auf eine weitere Stellungnahme verzichtet (act. G 8).
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Erwägungen:
1.
1.1 Nach Art. 42 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) haben
Arbeitnehmer in Erwerbszweigen, in denen wetterbedingte Arbeitsausfälle üblich sind,
Anspruch auf Schlechtwetterentschädigung, wenn sie für die Versicherung
beitragspflichtig sind oder das Mindestalter für die Beitragspflicht in der AHV noch
nicht erreicht haben (lit. a) und sie einen anrechenbaren Arbeitsausfall erleiden (lit. b).
Anrechenbar ist ein Arbeitsausfall, wenn er ausschliesslich durch das Wetter verursacht
wird und die Fortführung der Arbeiten trotz genügender Schutzvorkehrungen technisch
unmöglich oder wirtschaftlich nicht vertretbar ist oder den Arbeitnehmern nicht
zugemutet werden kann, und wenn er vom Arbeitgeber ordnungsgemäss gemeldet
wird (Art. 43 Abs. 1 AVIG). Der Arbeitsausfall ist u.a. insbesondere dann nicht
anrechenbar, wenn er nur mittelbar auf das Wetter zurückzuführen ist (Kundenausfälle,
Terminverzögerungen; Art. 43a lit. a AVIG).
1.2 Gemäss Art. 65 Abs. 1 lit. a der Verordnung über die obligatorische
Arbeitslosenversicherung und Insolvenzentschädigung (AVIV; SR 837.02) gehört u.a.
das Steinbruchgewerbe zu den Erwerbszweigen, in denen grundsätzlich
Schlechtwetterentschädigung ausgerichtet werden kann.
2.
2.1 Zwischen den Parteien ist grundsätzlich unbestritten, dass aufgrund der schlechten
Witterung die Arbeiten am Steinbruch in der massgebenden Periode eingestellt werden
mussten (vgl. Einspracheentscheid vom 28. Mai 2010 Ziff. 4). Ebenfalls wurde vom
Beschwerdegegner nicht bestritten, dass die Geltendmachung des Anspruchs
grundsätzlich ordnungsgemäss erfolgt ist. Den vorliegenden Akten ist diesbezüglich
nichts Gegenteiliges zu entnehmen, weshalb sich weitere Ausführungen dazu
erübrigen. Zu prüfen gilt es hingegen, ob der entstandene Arbeitsausfall anrechenbar
ist.
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2.2 Der Beschwerdegegner stellt sich im angefochtenen Einspracheentscheid auf den
Standpunkt, dass ein anrechenbarer Arbeitsausfall nur dann anzunehmen sei, wenn ein
Nachfrage- und Umsatzrückgang kausal adäquat durch das schlechte Wetter
entstanden sei, ein konkreter Kundenantrag aufgrund der Witterung somit nicht
durchführbar gewesen sei. Diese vom Beschwerdegegner geltend gemachte
Voraussetzung lässt sich nicht direkt einer in Art. 43a AVIG aufgezählten
Einschränkung für die Anrechenbarkeit des Arbeitsausfalls zuordnen (vgl. bezüglich Art.
43a lit. a AVIG, wonach die Kundenaufträge – im Unterschied zum vorliegend zu
beurteilenden Fall – aufgrund der schlechten Witterung ausbleiben, BGE 124 V 242 f. E.
3b). Die in Art. 43a AVIG genannten Ausschlusstatbestände sind allerdings nicht
abschliessend, sondern nur beispielhaft aufgezählt (Thomas Nussbaumer,
Arbeitslosenversicherung, in: Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Bd. XIV
Soziale Sicherheit, 2. Auflage 2007, Rz 557). In Verordnung und der Verwaltungspraxis
werden bislang keine weiteren, den Tatbeständen des Art. 43a AVIG gleichgelagerten
Ausschlussgründe angeführt (Nussbaumer, a.a.O., Rz 562). Eine extensive Auslegung
von Art. 43a AVIG im Sinn der Ausführungen des Beschwerdegegners erscheint
vorliegend denn auch nicht angezeigt. Die Beschwerdeführerin führte in der
Beschwerde nachvollziehbar aus, dass im Steinbruch grundsätzlich das ganze Jahr
und unabhängig von konkreten Aufträgen Steine abgebaut werden. Diese Darstellung
erscheint plausibel und wurde vom Beschwerdegegner grundsätzlich auch nicht in
Frage gestellt. Würde nun die Ausrichtung einer Schlechtwetterentschädigung im
Steinbruchgewerbe an das Vorhandensein von konkret auszuführenden Aufträgen
geknüpft, wäre beim vorliegenden Arbeitsablauf eine Entschädigung in aller Regel
bereits im Voraus ausgeschlossen. Dies würde allerdings dem Sinn und Zweck der
Schlechtwetterentschädigung und insbesondere auch Art. 65 Abs. 1 lit. a AVIV
widersprechen, welch letztere Bestimmung die Schlechtwetterentschädigung explizit
für den Erwerbszweig Steinbruchgewerbe vorsieht. Unbestritten mussten im vorliegend
zu beurteilenden Fall die Angestellten im Steinbruch ihre Arbeit aufgrund der
schlechten Witterung aussetzen, wodurch der Beschwerdeführerin ein Aufwand in
Höhe der zu entrichtenden Löhne entstand, ohne dass sie dafür eine Gegenleistung
erhielt. Indem sich die Schlechtwetterentschädigung nach dem anrechenbaren
Verdienstausfalls bemisst (vgl. Art. 44 i.V.m. Art. 34 Abs. 1 AVIG), wird der
Beschwerdeführerin der entstandene Schaden zumindest teilweise (80%) ersetzt. Da
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somit nicht ein allfälliger Umsatzrückgang, sondern die Lohnkosten versichert sind,
rechtfertigt es sich nicht, die Ausrichtung einer Schlechtwetterentschädigung an das
Erfordernis eines zur Witterung adäquat kausalen Nachfrage- oder Umsatzrückgangs
zu knüpfen. Entscheidend ist lediglich, dass es aufgrund der schlechten Witterung
unmittelbar zu einem Arbeitsausfall gekommen ist. Der Einspruch gegen die
Ausrichtung von Schlechtwetterentschädigung wurde daher zu Unrecht erhoben.
3.
3.1 Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde unter Aufhebung des
angefechtenen Einspracheentscheids gutzuheissen.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a des Bundesgesetzs über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 39 VRP