Decision ID: f16dc25c-2dc1-434c-8d3f-9d159447a34a
Year: 2022
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Gesuchsteller ersuchte am 28. September 2015 in der Schweiz um
Asyl. Dabei machte er als Kernelement eine im Jahr 2015 eingesetzte Ver-
folgung durch das CID (Criminal Investigation Department) geltend, wel-
ches ihn beschuldige, von 2009 bis 2012 als (...) Mitglieder der LTTE (Libe-
ration Tigers of Tamil Eelam) aus einem geschlossenen Flüchtlingscamp
gebracht und freigelassen zu haben. Diese Fluchthilfen habe er aus huma-
nitären Gründen tatsächlich geleistet.
Mit Verfügung vom 22. Mai 2018 lehnte das SEM das Asylgesuch mangels
flüchtlingsrechtlicher Beachtlichkeit im Sinne von Art. 3 AsylG (SR 142.31)
ab, unter gleichzeitiger Anordnung der Wegweisung aus der Schweiz und
des Vollzugs der Wegweisung.
Eine gegen sämtliche Dispositivziffern dieser Verfügung erhobene Be-
schwerde vom 19. Juni 2018 wies das Bundesverwaltungsgericht mit Urteil
E-3569/2018 vom 6. Dezember 2021 vollumfänglich ab. In seinen ausführ-
lichen Erwägungen bestätigte das Gericht unter Würdigung der zahlreich
vorgelegten Beweismittel im Wesentlichen die vorinstanzlich erkannte feh-
lende flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit der Asylvorbringen. Im Rahmen
einer nach Gewährung des rechtlichen Gehörs vorgenommenen Motiver-
weiterung qualifizierte es insbesondere die geltend gemachten Fluchthilfen
zusätzlich als unglaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG.
B.
Mit Eingabe vom 3. Mai 2022 reichte der Gesuchsteller ein Revisionsge-
such beim Bundesverwaltungsgericht ein. Darin beantragt er unter Anru-
fung von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG und Abstützung auf neue Beweismittel
die revisionsweise Aufhebung des Urteils E-3569/2018 vom 6. Dezember
2021 und die Neubeurteilung der Beschwerde vom 19. Juni 2018 im Sinne
der dortigen Rechtsbegehren. In prozessualer Hinsicht beantragt er die An-
ordnung einer vollzugshemmenden vorsorglichen Massnahme sowie die
Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung.
In der Begründung macht der Gesuchsteller das Vorliegen neuer erhebli-
cher Beweismittel geltend, die er im ordentlichen Asylverfahren nicht habe
beibringen können, denn von deren Existenz habe er erst Anfang März
2022 Kenntnis erhalten, nachdem er im Nachgang zum in Revision zu zie-
henden Urteil vom 6. Dezember 2021 erfahren hätte, dass sich zwei von
seinen Fluchthilfen begünstigte Personen in der Schweiz befänden und
E-2072/2022
Seite 3
Asyl erhalten hätten. Bei den Beweismitteln handle es sich um das schrift-
liche Asylgesuch (vom [...] 2013) und ein darüber gefälltes Urteil des (...)
Asylgerichts vom (...) 2014 betreffend C._, eine (undatierte) schrift-
liche Erklärung von D._ angeblich vom (...) März 2022 und deren
Asylanhörungsprotokoll (des SEM) vom (...) 2015, ein (...) Asylgerichtsur-
teil vom (...) 2012 betreffend E._ sowie eine schriftliche Erklärung
von F._ vom (...) März 2022 und dessen Asylanhörungsprotokoll
(des SEM) vom (...) 2017. Bei diesen erwähnten Personen handle es sich
um solche, denen die Flucht aus Camps gelungen sei beziehungsweise
denen er – der Gesuchsteller – Fluchthilfe geleistet habe. Diese Beweis-
mittel seien geeignet, die im ordentlichen Beschwerdeverfahren noch als
unglaubhaft erkannte Verfolgung durch das CID wegen seiner Fluchthilfen
zugunsten von LTTE-Angehörigen nunmehr zu beweisen und mithin zu ei-
nem anderen Urteil zu führen. In diesem Zusammenhang beanstandet der
Gesuchsteller ferner, dass ihm im Asylverfahren nicht die Möglichkeit ein-
geräumt worden sei, die Asylgründe vollständig zu schildern und insbeson-
dere über alle Fluchthilfen zu berichten; diesbezüglich seien auch überset-
zungsbedingte Missverständnisse aufgetreten. Es seien tatsächlich insge-
samt neun begünstigte Personen gewesen und die meisten davon hätten
Asyl erhalten. Mit der nunmehr erstellten Glaubhaftigkeit seiner Fluchthil-
fen habe er Anspruch auf Aufhebung des angefochtenen Urteils, auf Prü-
fung der Asylrelevanz der betreffenden Vorbringen sowie auf Gutheissung
seiner damaligen Beschwerdebegehren.
C.
Am 5. Mai 2022 ordnete die Instruktionsrichterin mangels (zum damaligen
Zeitpunkt) vollständigen Aktenbesitzes als superprovisorische Massnahme
einen einstweiligen Vollzugsstopp an.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet gemäss Art. 105 AsylG auf
dem Gebiet des Asyls in der Regel endgültig über Beschwerden gegen
Verfügungen des SEM (vgl. zur Ausnahme Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Es
ist ausserdem zuständig für die Revision von Urteilen, die es in seiner
Funktion als Beschwerdeinstanz gefällt hat (vgl. BVGE 2007/21 E. 2.1).
1.2 Gemäss Art. 45 VGG gelten für die Revision von Urteilen des Bundes-
verwaltungsgerichts die Art. 121–128 BGG sinngemäss. Nach Art. 47 VGG
E-2072/2022
Seite 4
findet auf Inhalt, Form und Ergänzung des Revisionsgesuches Art. 67
Abs. 3 VwVG Anwendung.
1.3 Das Revisionsgesuch ist ein ausserordentliches Rechtsmittel, das sich
gegen einen rechtskräftigen Beschwerdeentscheid richtet. Wird das Ge-
such gutgeheissen, beseitigt dies die Rechtkraft des angefochtenen Ur-
teils, und die bereits entschiedene Streitsache ist neu zu beurteilen (vgl.
MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungs-
gericht, 2. Aufl. 2013, S. 303 Rz. 5.36).
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht auf Gesuch hin seine Urteile aus
den in Art. 121–123 BGG aufgeführten Gründen in Revision (Art. 45 VGG).
Nicht als Revisionsgründe gelten Gründe, welche die Partei, die um Revi-
sion nachsucht, bereits im ordentlichen Beschwerdeverfahren hätte gel-
tend machen können (Art. 125 BGG, sinngemäss Art. 46 VGG).
1.5 Im Revisionsgesuch ist insbesondere der angerufene Revisionsgrund
anzugeben und die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens darzutun; zu-
dem sind die Begehren für den Fall eines neuen Beschwerdeentscheides
zu stellen (vgl. Art. 47 VGG i.V.m. Art. 67 Abs. 3 VwVG).
2.
2.1 Der Gesuchsteller ruft Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG als Revisionsgrund
an und legt hierzu behauptungsgemäss neue Beweismittel vor. Zudem
nennt er die Begehren im Hinblick auf ein neues Beschwerdeurteil. Auf das
Revisionsgesuch wäre daher insoweit einzutreten.
2.2 Bei den zwei als Beweismittel vorgelegten schriftlichen Erklärungen
vom (...) März 2022 handelt es sich um nach dem Urteil E-3569/2018 vom
6. Dezember 2021 entstandene Beweismittel, die somit gemäss der in
BVGE 2013/22 (dort insb. E. 12.3 und E. 13.1) publizierten Grundsatzpra-
xis nicht revisionstauglich sind. Diese Grundsatzpraxis stützt den Wortlaut
von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG, wonach Beweismittel, die erst nach dem
Beschwerdeentscheid entstanden sind, nicht im Rahmen eines Revisions-
verfahrens vor dem Bundesgericht beziehungsweise vor dem Bundesver-
waltungsgericht geltend gemacht werden können. Das vorliegende Revisi-
onsgesuch erweist sich daher insoweit als offensichtlich unzulässig und es
ist darauf nicht einzutreten.
2.3 Betreffend die anderen Beweismittel ist vorab die Einhaltung der
90-tägigen Revisionsfrist gemäss Art. 124 Abs. 1 Bst. d BGG zu prüfen.
Der Gesuchsteller begründet die Einhaltung der Frist damit, dass er von
E-2072/2022
Seite 5
der Existenz der neuen Beweismittel erst «Anfang März 2022» Kenntnis
erhalten habe. Es erscheint indessen äusserst zweifelhaft, ob mit dieser
blossen Behauptung die Rechtzeitigkeit des Revisionsbegehrens im Sinne
von Art. 124 BGG rechtsgenüglich dargetan ist (vgl. E. 1.5 oben). Weder
nennt er eine genaue Angabe über den Entdeckungszeitpunkt noch be-
schreibt er die Umstände dieser Entdeckung oder legt Beweismittel hierzu
vor. Die Frage der Fristwahrung kann letztlich aber offen bleiben, weil sich
das Nichteintreten auf das Revisionsgesuch auch aufgrund der nachfol-
genden Erwägungen ergibt.
2.4 Nach Auffassung des Gerichts hätte der Gesuchsteller die behaup-
tungsgemäss neuen Beweismittel, soweit sie nicht schon in E. 2.2 oben
beurteilt wurden, unter Beachtung der ihm obliegenden und im ordentli-
chen Verfahren bereits hinlänglich zur Kenntnis gebrachten Mitwirkungs-
pflicht (vgl. Art. 8 AsylG) bei Anwendung der zumutbaren Sorgfalt dem Bun-
desverwaltungsgericht deutlich früher, insbesondere noch vor Ergehen des
vorliegend revisionsweise angefochtenen Urteils vom 6. Dezember 2021
zur Kenntnis bringen können, sollen und müssen (vgl. Art. 125 BGG). Dass
es einer gemäss Art. 123 BGG um Revision ersuchenden Partei nicht mög-
lich war, Tatsachen und Beweise bereits im früheren Verfahren beizubrin-
gen, ist denn auch nur mit Zurückhaltung anzunehmen; der Revisions-
grund der unechten Noven dient namentlich nicht dazu, bisherige Unter-
lassungen in der Beweisführung wiedergutzumachen (vgl. ELISABETH
ESCHER, in: Niggli/Uebersax/Wiprächtiger [Hrsg.], Bundesgerichtsgesetz,
2018, N 8 zu Art. 123 BGG). Ausgeschlossen sind demnach Umstände,
welche die gesuchstellende Person bei pflichtgemässer Sorgfalt hätte ken-
nen können (vgl. zum Ganzen MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O.,
N 5.47 ff.), zumal es den Prozessparteien obliegt, rechtzeitig und prozess-
konform zur Klärung des Sachverhalts entsprechend ihrer Beweispflicht
beizutragen (vgl. NIKLAUS OBERHOLZER, in: Seiler/von Werdt/Güngerich/
Oberholzer, Stämpflis Handkommentar SHK, Bundesgerichtsgesetz
[BGG], 2. Aufl. 2015, N 8 ff. zu Art. 123 BGG). Die Beweismittel stammen
vorliegend aus den Jahren 2012 bis 2017 und sind somit zwischen fünf und
zehn Jahren alt. Der Gesuchsteller legt keine Gründe dar, weshalb ent-
sprechende Beschaffungsbemühungen nicht bereits im ordentlichen Ver-
fahren hätten möglich sein sollen. Die Tatsache des Ergehens eines das
ordentliche Verfahren rechtskräftig abschliessenden und abschlägig aus-
fallenden Urteils des Bundesverwaltungsgerichts kann jedenfalls keine
Entschuldbarkeit für das Versäumnis begründen (vgl. Revisionsgesuch
S. 4, 4. Abschnitt). Dass der Gesuchsteller angeblich erst und ausgerech-
net nach Ergehen des Urteils vom 6. Dezember 2021 erfahren habe, dass
E-2072/2022
Seite 6
sich zwei von seinen Fluchthilfen begünstigte Personen in der Schweiz be-
fänden und Asyl erhalten hätten, stellt eine reine und unbewiesen blei-
bende Behauptung dar, die zudem angesichts der erwähnten zeitlichen Di-
mensionen auch nicht glaubhaft erscheint. Bezeichnenderweise nennt er
die zeitlichen und sachlichen Umstände dieser Kenntnisnahme von der An-
wesenheit der zwei Personen in der Schweiz nicht. Ebenso wenig wird er-
klärt, weshalb er sich nicht bereits im ordentlichen Verfahren um Informati-
onen über das Schicksal, den Aufenthalt und Kontaktmöglichkeiten der von
seinen angeblichen Fluchthilfen begünstigten Personen hätte bemühen
können, wenn diese ihm als potenzielle Beweismittellieferanten hätten die-
nen können. Die Kontaktherstellung angeblich nach Ergehen des ange-
fochtenen Urteils bleibt denn auch gänzlich im Dunkeln. Der Gesuchsteller
kommt daher auch in diesem Zusammenhang seiner Pflicht zur Darlegung
der Rechtzeitigkeit seines Revisionsgesuchs nicht nach und die betreffen-
den Beweismittel gelten somit als verspätet eingereicht (vgl. hierzu auch
das am 14. März 2022 ergangene Urteil E-737/2022 E. 3.3).
Aus dem zur Publikation vorgesehenen Grundsatzurteil des Bundesver-
waltungsgerichts E-4607/2019 vom 16. November 2021 ergibt sich die
Kernaussage, dass Gründe, die – wie vorliegend – bereits im ordentlichen
Verfahren hätten geltend gemacht werden können, nicht als Revisions-
gründe gelten; entsprechende Revisionsgründe sind vorbehältlich einer
schlüssig nachgewiesenen drohenden völkerrechtswidrigen Behandlung
unzulässig, womit auf das Revisionsgesuch nicht einzutreten ist (a.a.O.
E. 6.–9.1). Schlüssige Anhaltspunkte für das allfällige Vorliegen offensicht-
licher völkerrechtlicher Wegweisungsvollzugshindernisse (vgl. BVGE
2013/22 E. 9.3 u.H.a. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizeri-
schen Asylrekurskommission EMARK 1995/9 E. 7) sind dem Revisionsge-
such nach dem bisher Gesagten und unter ergänzendem Hinweis auf die
nachfolgenden Erwägungen denn auch keine zu entnehmen. Die Denkbar-
keit bloss möglicher völkerrechtlicher Wegweisungsvollzugshindernisse
(vgl. Revisionsgesuch S. 4 unten) genügt nicht.
2.5 Nach dem Erwogenen erübrigen sich grundsätzlich Erörterungen zu
Beweistauglichkeit und –wert der neuen Beweismittel und zu deren Recht-
serheblichkeit. Immerhin ist in diesem Zusammenhang dennoch festzuhal-
ten, dass den vorgelegten und mittels farblicher Markierungen präzisierten
Protokollen und Asylentscheidungen der Name des Gesuchstellers als
Fluchthelfer nicht entnommen und auch anderweitig ein Konnex zu ihm
nicht hergestellt werden kann. Ferner ist ein Potenzial für eine zu revidie-
E-2072/2022
Seite 7
rende Beurteilung der im angefochtenen Urteil erwogenen Unglaubhaf-
tigkeit der Fluchthilfen auch nicht aus anderen Gründen zu erkennen. Im
Übrigen werden – unbesehen der Glaubhaftigkeitsfrage – die weiteren Er-
kenntnisse des Gerichts betreffend die Asylirrelevanz der Vorbringen im
Revisionsgesuch gar nicht thematisiert.
2.6 Der Gesuchsteller ist in allgemeiner Hinsicht schliesslich darauf auf-
merksam zu machen, dass ausserordentliche Verfahrensschritte nicht
dazu dienen dürfen, blosse apellatorische Urteilskritik zu üben, die Rechts-
kraft von Verwaltungs- und Gerichtsentscheiden immer wieder infrage zu
stellen, Fristen für die Ergreifung von Rechtsmitteln zu umgehen oder pro-
zessuale Versäumnisse (z.B. das Geltendmachen von Mängeln und über-
setzungsbedingten Missverständnissen in der Anhörung) nachzuholen.
3.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Voraussetzungen zum Ein-
treten auf das Revisionsgesuch (mitsamt den prozessualen Begehren) vor-
liegend nicht erfüllt sind und dieses als unzulässig zu qualifizieren ist, wes-
halb darauf nicht einzutreten ist. Gemäss dem erwähnten Grundsatzurteil
E-4607/2019 (dort E. 11.2–11.3) erfolgt dieser Entscheid vorliegend in der
Besetzung mit drei Richterinnen.
Der am 5. Mai 2022 superprovisorisch angeordnete Vollzugsstopp fällt mit
dem vorliegenden Urteil dahin.
4.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten von Fr. 1'500.– dem
Gesuchsteller aufzuerlegen (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 VwVG;
Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Ent-
schädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).
(Dispositiv nächste Seite)
E-2072/2022
Seite 8