Decision ID: a04a92f6-3011-5506-a05b-d6eee9d06e35
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer, ein sri-lankischer Staatsbürger tamilischer Ethnie
und römisch-katholischen Glaubens aus B._ (Distrikt Colombo,
Westprovinz) verliess seinen Heimatstaat gemäss eigenen Angaben am
7. April 2012 legal auf dem Luftweg und flog nach Dubai, wo er in der Folge
in Hotels arbeitete. Mit einem Schengen-Visum gültig vom 15. April 2016
bis am 15. Mai 2016 reiste er am 16. April 2016 via Frankreich in die Türkei.
Am 30. Mai 2015 flog er von C._ nach D._, von wo er am
selben Abend nach Kanada hätte fliegen wollen. Nachdem ihm die Weiter-
reise dorthin nicht mehr möglich gewesen war, stellte er am 31. Mai 2016
ein Asylgesuch.
B.
Am 10. Juni 2016 erhob das SEM im Empfangs- und Verfahrenszentrum
(EVZ) E._ die Personalien des Beschwerdeführers und befragte ihn
zum Reiseweg (verkürzte Befragung zur Person [BzP]). Er reichte seine
Identitätskarte und seinen Geburtsschein im Original ein. Am 24. Juli 2018
wurde er einlässlich zu den Asylgründen angehört.
Zur Begründung seines Asylgesuches führte er aus, sein Vater habe mit
seinem Geschäftspartner namens F._, einen Gemüseladen betrie-
ben. In der Nacht vom 30. auf den 31. Juni 2006 seien Mitglieder des Terror
Investigation Departement (TID) bei ihnen zu Hause erschienen und hätten
seinen Vater mitgenommen. Seitdem habe er seinen Vater nicht mehr ge-
sehen. Am Morgen sei er mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder
zum Polizeiposten in B._ gegangen, um Informationen über den
Verbleib seines Vaters zu erhalten. Er und seine Familienangehörigen
seien zu F._ befragt und fotografiert worden und hätten ein Blatt
unterschreiben müssen. Anschliessend hätten sie sich täglich zwei Wo-
chen lang unterschriftlich melden müssen, danach jeden letzten Sonntag
im Monat. In dieser Zeit hätten sie Nachforschungen zu ihrem Vater ge-
macht, aber keine Informationen erhalten. Da der Laden seines Vaters ge-
schlossen worden sei und er aus Sicherheitsbedenken seine Arbeitsstelle
verloren habe, sei es ihnen finanziell schlecht gegangen. Im Januar 2007
sei die Polizei wieder vorbeigekommen und habe ihn für eine Befragung
mitgenommen. Sie hätten ihn mehrere Tage im «4th Floor» in Colombo
nackt festgehalten. Dort sei er nach angeblichen Waffengeschäften
F._ für die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) befragt, geschla-
gen und sexuell misshandelt worden. Danach sei er ins Hauptgefängnis
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G._ überführt, befragt und misshandelt worden. Er sei auch von den
Mitgefangenen schlecht behandelt und stark sexuell missbraucht worden.
Er habe ein paar Mal versucht, sich umzubringen. Er habe nicht damit ge-
rechnet, dass er aus G._ lebendig rauskommen würde. Seine Mut-
ter habe ein Grundstück an einen Drogenhändler namens H._ ver-
kauft, der gute Kontakte zu sri-lankischen Staatsministern und Anwälten
gehabt habe. Er sei dann gesetzeswidrig am 14. März 2012 von einem
Wärter aus dem Gefängnis von G._ zu einem Polizeiposten ge-
bracht worden. Dort seien ihm seine früheren Kleider retourniert worden
und er sei schliesslich von einem Handlanger von H._ nach
I._ zu seiner Tante gebracht worden, wo er sich einige Tage aufge-
halten habe. Er sei dann im März/April 2012 mit der Hilfe von H._,
der seine Ausreise vorbereitete, nach Dubai geflogen.
C.
Mit tags drauf eröffneter Verfügung vom 22. August 2019 stellte das SEM
fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und
lehnte sein Asylgesuch vom 31. Mai 2016 ab. Gleichzeitig verfügte es die
Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung
an.
D.
Mit Eingabe vom 23. September 2019 liess der Beschwerdeführer durch
seine Rechtsvertreterin gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungs-
gericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei der Entscheid des
SEM vollumfänglich aufzuheben und dem Beschwerdeführer Asyl zu ge-
währen. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit
des Wegweisungsvollzugs festzustellen und die vorläufige Aufnahme an-
zuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde beantragt, es sei dem
Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege unter Beiordnung der
Rechtsvertreterin als amtliche Rechsbeiständin zu gewähren und auf die
Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten.
Mit der Beschwerde wurde eine Fürsorgebestätigung vom 4. September
2019 und eine Kostennote eingereicht.
E.
Mit Verfügung vom 9. Oktober 2019 stellte der zuständige Instruktionsrich-
ter des Bundesverwaltungsgerichts fest, der Beschwerdeführer könne den
Ausgang des Verfahrens in der Schweiz abwarten. Das Gesuch um Ge-
währung der unentgeltlichen Prozessführung und Rechtsverbeiständung
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hiess er gut. Er ordnete die rubrizierte Rechtsvertreterin als amtliche
Rechtsbeiständin bei. Gleichzeitig lud er das SEM zur Einreichung einer
Vernehmlassung ein.
F.
In der Vernehmlassung vom 11. Oktober 2019 hielt das SEM an den Erwä-
gungen in der angefochtenen Verfügung fest und beantragte die Abwei-
sung der Beschwerde. Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer
am 16. Oktober 2019 zur Kenntnisnahme zugestellt.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – so auch vorliegend – endgültig
(Art. 105 AsylG [142.31], Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist die Teilrevision (AS 2016 3101) des Asylgesetzes
in Kraft getreten. Für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m.
Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
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3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.
4.1 Das SEM führte zur Begründung seiner Verfügung im Wesentlichen
aus, der Beschwerdeführer habe sich im Verlauf des Verfahrens über die
Nachfolgeereignisse nach seiner Flucht aus der angeblichen fünfjährigen
Haft im Gefängnis von G._ widersprochen. Bei der BzP habe er
angegeben, er habe sich danach einen Monat bei seiner Tante mütterli-
cherseits aufgehalten (vgl. Akte A5/11 S. 4). Laut seinen Angaben bei der
Anhörung habe er aber bloss vier Tage dort verbracht (vgl. Akte A13/17
S. 13). Als Ausreisedatum aus Sri Lanka habe er bei der BzP den 7. April
2012 angegeben (vgl. Akte A5/11 S. 6). Widersprüchlich dazu habe er bei
der Anhörung von März 2012 gesprochen (vgl. Akte A13/17 S. 4). Davon
ableitend würden erste Zweifel an der Glaubhaftigkeit seines Fluchtdatums
nach seiner fünfjährigen Haft im Gefängnis G._ sowie dem Motiv
seiner Flucht aus Sri Lanka aufkommen. Er habe seine angebliche Haft im
Gefängnis G._ wegen mutmasslicher Unterstützung der LTTE in
Form von Waffenlieferungen wenig genau geschildert. Konkrete ihm dazu
ihm Rahmen der Anhörung gestellte Fragen habe er nur in allgemeiner
Form (Tagesablauf, Beschrieb der Haftbedingungen, vgl. Akte A13/17 S. 9-
11) beantwortet. Der an ihn gerichteten Aufforderung, detailliert zu schil-
dern, wie er diese Haft erlebt habe, sei er mit pauschalen Ausflüchten wie
«ich wäre lieber gestorben, als dort das zu erleben, was ich in diesen vier
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Jahren erlebt habe» ausgewichen. Zudem erstaune, dass er in diesem Zu-
sammenhang von «vier Jahren Haft» spreche. Die von ihm an anderer
Stelle der Anhörung angegebener Haftdauer (Januar 2007 bis März 2012)
ergäbe nämlich fünf Jahre. Auch seine Schilderungen zum angeblichen
Aufenthalt in der Haftanstalt «4th Floor» in Colombo im Januar 2007 sowie
die damals angeblichen erlittenen Misshandlungen seien wenig detailliert
ausgefallen. Die genaue Haftdauer, ob es nun zwei, drei oder vier Tage
gewesen seien, lasse sich seinen Aussagen nicht schlüssig entnehmen.
Die Befragungen und Misshandlungen, welche er dort angeblich erlitten
habe, beschreibe er bloss allgemein (vgl. Akte A13/17 S. 7-9). Konkrete
ihm dazu gestellte Fragen – Schicksal des Geschäftspartners F._,
Information über seinen Befrager, detaillierter Inhalt der Befragungen, Aus-
sehen der Zellen – habe er teils ausweichend teils allgemein beantwortet
(vgl. Akte A13/17 F50-F56, F58-F60). Des Weiteren würden auch seine
Angaben zur Flucht aus dem Gefängnis G._ der Substanz entbeh-
ren. Pauschal habe er angegeben, «ein Drogenhändler namens
H._», der gute Kontakte zu sri-lankischen Ministern und Anwälten
gehabt habe, habe ihm zur Flucht verholfen. Aus seinen Aussagen lasse
sich aber nicht entnehmen, was er genau gemacht habe und mit welchen
Personen er in Kontakt getreten sei, um seine Flucht zu ermöglichen. Auch
den Fluchtweg sowie die weiteren Umstände seiner Flucht beschreibe er
allgemein und vage (vgl. Akte A13/17 F70-75). Zur angeblichen Unter-
schriftspflicht mit der mutmasslichen Festnahme habe er ebenfalls eine
pauschale Schilderung abgegeben. Diese wenig detailliert ausgefallenen
Aussagen würden die Zweifel verstärken an seiner geltend gemachten Haft
im «4th Floor» in Colombo sowie der mehrjährigen Haft im Gefängnis
G._ wegen mutmasslicher Unterstützung der LTTE. Seine Aussa-
gen zur Haft, Flucht sowie seinem Fluchtverhalten würden in mehrfacher
Hinsicht wirklichkeitsfremd erscheinen. Falls die sri-lankischen Behörden
ihn tatsächlich einem LTTE-Umfeld oder der aktiven LTTE-Unterstützung
verdächtigt hätten, wären wohl weitere strafrechtliche Massnahmen gegen
ihn, mitunter eine Anklageerhebung oder Verurteilung, eingeleitet worden.
Derartige Schritte würde er bei seiner Asylbegründung aber nirgends er-
wähnen. Auch habe er überhaupt keine Beweismittel oder andere Unterla-
gen über seine Haft eingereicht. Ein Drogenhändler, der von seiner Mutter
beauftragt worden sein soll, solle nach fünf Jahren Haft seine Flucht aus
dem Gefängnis G._ ermöglicht haben. Falls die Flucht aus besag-
tem Gefängnis aber derart einfach gewesen wäre, sei nicht nachvollzieh-
bar, wieso seine Mutter besagte Person nicht bereits viel früher damit be-
auftragt habe. Auf Vorhalt dieser Ungereimtheit habe er bei der Anhörung
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denn auch keine schlüssige und überzeugende Erklärung zu finden ver-
mocht (vgl. Akte A13/17 S. 15). Seinen Aussagen zufolge habe er ein paar
Tage nach seiner Haft im März/April 2012 Sri Lanka legal im Besitz seines
eigenen Passes, der 2011 oder 2012 ausgestellt worden sei (vgl. Akte
A13/17 S. 3), verlassen, und sei von Colombo nach Dubai geflogen. Sein
Pass wäre somit während seiner angeblichen Haft oder kurz nach dersel-
ben von den sri-lankischen Behörden ausgestellt worden. Wäre er zu die-
sem Zeitpunkt tatsächlich in Haft gewesen oder daraus geflüchtet, hätte er
wohl kaum Kontakt mit den sri-lankischen Behörden aufgenommen und
sich einen auf seinen Namen lautenden sri-lankischen Reisepass ausstel-
len lassen und schliesslich auch erhalten. Zudem habe ein kurz zuvor aus
der Haft entflohene Person nicht den bewachten Grenzübergang am Flug-
hafen in Colombo für die Ausreise benutzt und sich dabei seines eigenen
Reisepasses bedient. Dies passe in keine Weise ins Bild einer wegen mut-
masslicher LTTE-Unterstützung inhaftierten und aus der Haft geflohenen
Person. Es sei nicht nachvollziehbar beziehungsweise glaubhaft, dass die
Erledigung der gesamten Formalitäten für seinen Aufenthalt in Dubai sowie
die Einholung der entsprechenden Bewilligungen in den wenigen Tagen
seit seiner Flucht aus dem Gefängnis möglich gewesen seien. Das SEM
gelange unter Berücksichtigung seines arbeitsbedingten Aufenthalts in
Dubai vielmehr zum Schluss, dass dieser wohl bereits seit längerer Zeit
geplant gewesen sei und das tatsächliche Motiv seiner Ausreise aus Sri
Lanka dargestellt habe. Seinem Fluchtmotiv «Haft und Verfolgung wegen
mutmasslicher unterstellter Unterstützung der LTTE» sei auch in diesem
Lichte betrachtet die Grundlage entzogen. Während seines Aufenthalts in
Dubai habe er offenbar Kontakte mit der dortigen sri-lankischen Botschaft
aufgenommen und sich am 12. Juni 2015 einen neuen Pass ausstellen las-
sen. Letzterer weise eine Gültigkeit bis am 12. Juni 2025 auf. Dies gehe
aus den Unterlagen im Zusammenhang mit dem von ihm bei der französi-
schen Vertretung in Dubai beantragten und anschliessend am 6. März
2016 erhaltenen Schengen-Visum hervor (vgl. Akte A4/1). Seine Kontakt-
aufnahme mit den heimatlichen Behörden am 12. Juni 2015 sowie die glei-
chentags erfolgte Ausstellung seines sri-lankischen Reisepasses zeige
ebenfalls mit Nachdruck auf, dass seine behauptete Verfolgung in Sri
Lanka nicht der Wahrheit entspreche und er in den Augen der sri-lanki-
schen Behörden als unbescholtener Bürger gelte. Seine Vorbringen wür-
den den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht
standhalten, so dass deren Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse.
Seine Zugehörigkeit zur tamilischen Ethnie und die Landesabwesenheit
von sieben Jahren und fünf Monaten würden gemäss herrschender Praxis
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nicht ausreichen, um Verfolgungsmassnahmen bei seiner Rückkehr aus-
zugehen. Er habe für den Zeitpunkt vor seiner Ausreise aus Sri Lanka keine
glaubhafte Verfolgung nachweisen können. Zudem sei ihm 2011/2012 in
Sri Lanka einen Pass ausgestellt worden, womit er im Frühjahr 2012 legal
aus Sri Lanka habe ausreisen können. Am 12. Juni 2015 habe ihm die sri-
lankische Botschaft in Dubai einen neuen Pass ausgestellt. Aufgrund die-
ser Umstände seien in seinem Einzelfall somit keine besonderen Risiko-
faktoren ersichtlich. Daher bestehe kein begründeter Anlass zur Annahme,
dass er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit und in absehbarer Zukunft asylrelevanten Verfolgungsmassnah-
men ausgesetzt sein werde. Seine diesbezüglichen Vorbringen würden
den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG
nicht standhalten.
4.2 In der Beschwerde wird im Wesentlichen geltend gemacht, dass sich
aus beiden Protokollen dieselben Daten für die Ausreise ergäben. In der
BzP habe der Beschwerdeführer als Ausreisedatum aus Sri Lanka den
7. April 2012 angegeben. Das gleiche Datum habe er in der Anhörung auf
die Frage, wann er ins Flugzeug nach Dubai gestiegen sei, wiederholt. Die
ungenaue Angabe in der Anhörung, im März 2012 ausgereist zu sein, sei
als ein Versehen einzuordnen, da er sich später in der Anhörung an das
genaue Datum habe erinnern können. Gleiches gelte für die Schilderung
der Zeiträume nach der Flucht aus dem Gefängnis. In der BzP habe er
davon gesprochen, einen Monat an der Adresse seiner Tante gelebt zu ha-
ben. Dass dies keine exakte Zeitangabe gewesen sei, ergebe sich bereits
daraus, dass dies lediglich als Begründung dafür gesagt worden sei, wa-
rum er die genaue Anschrift nicht gekannt habe, nämlich, weil er nur sehr
kurz, nur «einen Monat» dort gewesen sei. Er sei in der BzP nicht nach den
Zeitspannen, sondern nach seinen Aufenthaltsorten gefragt worden. Erst
in der Anhörung sei der genaue zeitliche Ablauf erfragt worden und dort
habe er unmissverständlich angegeben vier Tage bei seiner Tante in
I._ und danach bis zur Ausreise in J._ gewesen zu sein. Er
habe auf die Frage nach dem Gefängnisalltag mehrere Einzelheiten ge-
schildert, wie er geweckt worden sei, was die anderen Gefangenen ihm
angetan hätten, welche Arbeitseinsätze er gehabt habe, dass er abends
zum Waschen geschickt worden sei und dass er die sexuellen Übergriffe
sogar gemeldet habe, was die Wärter allerdings nicht interessiert habe. Es
bleibe unklar, welche weiteren Informationen die Vorinstanz benötigt hätte,
und er sei in der Anhörung auch gar nicht aufgefordert worden, weitere
Angaben zu machen. Man sei also in der Anhörung mit seinen detaillierten
Angaben offenbar zufrieden gewesen. Insbesondere treffe es nicht zu,
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Seite 9
dass er – wie das SEM behaupte – die Fragen zur Haft nur mit pauschalen
Ausflüchten beantwortet habe. Es sei zum einen durchaus verständlich,
dass er die Frage nach seinen Gefühlen während der Haft nicht umfang-
reich zu beschreiben vermocht habe. Zum anderen sei auch nur einmal
nach den Haftbedingungen gefragt worden. Der Hinweis, er habe von «vier
Jahren Haft» gesprochen, obwohl es fünf gewesen sein sollen, sei unzu-
treffend. Tatsächlich habe die Vorinstanz eine Frage falsch formuliert, in-
dem sie in der Anhörung gefragt habe: «Wie habe Sie diese vier Jahre Haft
erlebt?» Der Beschwerdeführer habe «diese vier Jahre» in seiner Antwort
lediglich aufgegriffen. Vermutlich handle es sich dabei auf beiden Seiten
um ein Versehen, vor allem, weil er immer von den Jahren 2007 bis 2012
für seine Haft gesprochen habe, so dass keine Zweifel an der Haftdauer
aufgekommen seien. Es sei eine unverschämte Vorgehensweise, diese
unglückliche Formulierung in der Befragung zu seinem Nachteil auszule-
gen. Hinsichtlich der Erzählung über den «4. Stock» habe er den Eingangs-
bereich des Gebäudes mit der Security, den Flur und das Zimmer, die Ge-
räusche aus den anderen Zimmern und die wechselnden Personen der
Befrager sowie ihre Fragen dargestellt. Er habe dabei auch nicht auswei-
chend geantwortet. Es bleibe erneut unklar, welche Informationen der Vo-
rinstanz fehlen würden. Gerade die ausführliche Schilderung zu vielen Ein-
zelheiten sprächen dagegen, dass er sich die genauen Umstände vor Ort
nur ausgedacht habe. Soweit die Vorinstanz die angeblich fehlenden An-
gaben zur Flucht beanstande, hätte sie berücksichtigen müssen, dass
nicht er selbst, sondern seine Mutter beziehungsweise H._ die Pla-
nung und Vorbereitung übernommen hätten. Woher hätte er die einzelnen
Schritte und Kontaktpersonen kennen sollen. Das sei für ihn nicht wichtig
gewesen. Indem das SEM meine, die Schilderungen widersprächen der
allgemeinen Erfahrung oder der Logik des Handelns missachte es in kras-
ser Weise die länderspezifischen Gegebenheiten in Sri Lanka, wo kein ge-
ordnetes Staatssystem herrsche. Der Alltag mit den Behörden sei von Kor-
ruption geprägt. Es würden zwar Listen existieren, auf denen Namen von
Tamilen stünden, die der Unterstützung der LTTE verdächtigt würden, und
mit diesen Listen würden beispielsweise einreisende Tamilen an den Flug-
häfen von Beamten des TID kontrolliert. Diese Listen lägen jedoch nicht
überall bei staatlichen Behörden auf, so dass die Beantragung eines Rei-
sepasses nicht daran scheitere, dass der betreffende Name beim TID auf
einer Liste stehe. Wäre der Beschwerdeführer ein entflohener verurteilter
Verbrecher, wäre die Ausstellung eines Reisepasses vermutlich nicht mög-
lich gewesen. Da er jedoch ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis festge-
halten worden sei, hätten die offiziellen Verwaltungsbehörden in Sri Lanka
und auch in der Botschaft in Dubai keine Kenntnis davon. Und selbst wenn
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es entsprechende Einträge über ihn gegeben hätte, wären diese durch ent-
sprechende Korruption sicher absichtlich übersehen worden. Der Um-
stand, dass er 2012 und 2015 Reisepässe auf seinen eigenen Namen hat
ausstellen lassen können, bedeute nicht, dass die geschilderte Verfolgung
nicht stattgefunden habe. Im Gegenteil sei dies ein starkes Indiz für seine
Glaubwürdigkeit: Würde er die Verfolgung nur erfinden, würde er doch nicht
zugeben, mit einem eigenen Pass gereist zu sein. Im Jahr 2007 habe sich
Sri Lanka mitten im Bürgerkrieg befunden. Alle Tamilen seien im Visier der
Polizeibehörden gestanden und diese habe ein besonderes Augenmerk
auf Waffenlieferungen, die für die LTTE durchgeführt worden seien, gehabt.
Es erstaune nicht, dass sein Vater verdächtigt worden sei, an Geschäften
seines Partners beteiligt gewesen zu sein und dass er als Sohn verdächtigt
worden sei, zumindest Kenntnis von den Geschäften zu haben. Es sei nicht
verwunderlich, dass er zu dieser Zeit ohne Anklage und ohne Gerichtsver-
fahren ins Gefängnis verbracht worden sei. Dies sei aufgrund des Preven-
tion of Terrorism Act (PTA) sogar ausdrücklich erlaubt. Der ehemalige UN-
Sonderberichterstatter über Folter Juan E. Méndez halte nach seinem Be-
such in Sri Lanka am 7. Mai 2016 fest, dass Folter bei Untersuchungen
durch das TID zugenommen habe. Dies geschehe in einem Klima der völ-
ligen Straflosigkeit und der PTA, der es erlaube, Menschen ohne Haftbefehl
festzunehmen, lade Polizeibeamte geradezu ein, Folter in ihrer täglichen
Arbeit einzusetzen. Seine Erlebnisse widersprächen also gerade nicht der
allgemeinen Lebenserfahrung, sondern seien in Sri Lanka leider Realität.
Zusammenfassend sei festzuhalten, dass er nicht den Eindruck erweckt
habe, eine erfundene Geschichte von einer Verfolgung oder Inhaftierung
zu erzählen. Er habe flüssig, ohne zu stocken und ohne häufige Nachfra-
gen seine Erlebnisse geschildert. Die Anforderungen von Art. 7 AsylG
seien erfüllt.
Der Beschwerdeführer sei festgenommen, misshandelt und inhaftiert wor-
den, weil vermutet worden sei, dass er Kenntnisse von Verwicklungen sei-
nes Vaters in Waffengeschäfte für die LTTE gehabt habe. Nur durch die
Zahlung von Bestechungsgeldern durch seine Mutter, für die sie Haus und
Grundstück der Familie komplett habe verkaufen müssen, sei er wieder
freigekommen. Er sei dem TID als mutmasslicher Unterstützer der LTTE
aufgefallen. Bis heute sei nicht von einem abnehmenden Verfolgungsinte-
resse des Staates gegenüber Personen mit vermeintlichen oder tatsächli-
chen LTTE-Verbindungen auszugehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er
nah einer allfälligen Rückkehr von den Beamten des Geheimdienstes wie-
der aufgespürt würde, sei daher als sehr hoch einzustufen. Es sei nicht
davon auszugehen, dass er nach seiner Flucht aus der Haft beim TID in
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Vergessenheit geraten sei und sein Name bei der TID und CID weiterhin
bekannt sei beziehungsweise auf einer Liste stehe. Er werde vielleicht nicht
bereits bei der Einreise verhaftet, aber es sei höchstwahrscheinlich, dass
er später bei der noch immer intensiv geführten Nachforschung nach ver-
meintlichen LTTE-Anhängern und ihren Verwandten aufgespürt werde.
Aufgrund der bereits erlebten Verfolgung, der jahrelangen Haft und den
erlebten vielfältigen Misshandlungen, insbesondere den sexuellen Über-
griffen, erscheine die subjektive empfundene Furcht des Beschwerdefüh-
rers als objektiv nachvollziehbar und realistisch. Die Flüchtlingseigenschaft
sei gegeben.
5.
5.1 Nach Prüfung der Akten gelangt das Bundesverwaltungsgericht zum
Schluss, dass es zwar glaubhaft ist, dass der Beschwerdeführer durch die
sri-lankischen Behörden inhaftiert worden ist, aber die Inhaftierung in ei-
nem anderen als vom Beschwerdeführer geltend gemachten Kontext statt-
gefunden haben muss.
Anlässlich der Anhörung beschrieb der Beschwerdeführer von sich aus, um
was für ein Gefängnis es sich in G._ handelte, was für Häftlinge
dort untergebracht waren und dass dort die Zeit verstrichen sei, ohne dass
er gewusst habe, was draussen auf der Welt geschah, dass er misshandelt
worden sei, nicht habe schlafen können und Suizid habe begehen wollen,
und er nicht damit gerechnet habe, jemals lebend aus G._ rauszu-
kommen. Dass ihn die betreffenden Erzählungen auch emotional mitge-
nommen haben, geht aus den Klammerbemerkungen im Protokoll hervor,
wonach der Beschwerdeführer weinte oder mit stockender Stimme sprach
(vgl. Akte A13/17 S. 7). Auf die Frage, wie er diese vier Jahre erlebt habe,
hat er zwar tatsächlich geantwortet, dass er viel lieber gestorben wäre, als
dort das zu erleben, was er in diesen vier Jahren erlebt habe. Das vom
SEM festgestellte Ausweichen, ist jedoch nicht auf ein Nichtwissen des Be-
schwerdeführers zurückzuführen, denn er hat die Frage eigentlich anders
zu beantworten versucht, aber nachher den Satz abgebrochen (vgl. Akte
A13/17 F62). Das Ausweichen beziehungsweise das Abbrechen des Sat-
zes lässt eher vermuten, dass es ihn Überwindung gekostet hätte, Details
preiszugeben. Als er nach dem Gefängnisalltag befragt wurde, beschrieb
er den Tagesablauf sowie spontan auch für das Asylgesuch unwesentliche
Details, wie dass sein Frühstück von Mitgefangenen bereits aufgegessen
worden sei, oder dass man nach dem Arbeitseinsatz habe Schlange ste-
hen müssen, um zu duschen. Die Schilderung solcher Einzelheiten wäre
für eine Person, die eine konstruierte Geschichte vorträgt, eher atypisch.
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Seite 12
Auch die Haft im «4th Floor» hat er nicht oberflächlich geschildert. Er be-
schrieb das Gebäude, die Räume, die Befrager und die Möbel. Insbeson-
dere die Erwähnung des Geruchs den er wahrnahm und die Geräusche,
die er hörte, sind durchaus Indizien, die für die Glaubhaftigkeit einer Inhaf-
tierung sprechen. Das SEM wirft dem Beschwerdeführer vor, er habe die
Befragungen und Misshandlungen nur allgemein geschildert, fragte jedoch
kein einziges Mal, wie eine einzelne Befragung abgelaufen ist oder warum
er damals gedacht habe, sie würden ihn dort umbringen oder welche Be-
fragung er als besonders schlimm empfunden habe und warum. Der Be-
schwerdeführer erweckt nicht den Eindruck, als hätte er von sich aus über
einzelne Misshandlungen im Detail berichten wollen beziehungsweise kön-
nen. Sein verlegenes Lächeln, welches zweimal während der Anhörung im
Protokoll vermerkt wurde, deutet vielmehr darauf hin, dass es ihm unange-
nehm gewesen sein könnte, Einzelheiten preiszugeben (vgl. Akte A13/17
F62, F67). Jedenfalls kann nicht der Schluss gezogen werden, weil der
Beschwerdeführer die Misshandlungen nicht detailliert geschildert habe,
der Gefängnisaufenthalt sei an sich nicht glaubhaft.
Die vom SEM festgestellten Widersprüche in den Aussagen des Beschwer-
deführers anlässlich der BzP und der Anhörung sind sodann marginal. Da-
bei wurde nicht hinreichend berücksichtigt, dass es sich bei der BzP nur
um eine verkürzte Befragung gehandelt hat. Zu den Asylvorbringen wurde
der Beschwerdeführer gar nicht befragt. Der Beschwerdeführer hielt sich
nach der Flucht aus dem Gefängnis ungefähr noch einen Monat in Sri
Lanka auf, wobei er drei Wochen in J._ in einem Zimmer ver-
brachte. Dass er diesen Aufenthalt im Zimmer nicht als seinen Wohnort
bezeichnete und deshalb anlässlich der BzP für seinen letzten Monat in Sri
Lanka den Wohnort I._, wo seine Mutter und Tante wohnten, angab,
ist nachvollziehbar. Zudem ist das Protokoll hinsichtlich der Ergänzungs-
fragen nicht klar, da es einerseits die Adresse in B._ festhält und
zugleich jene in I._ (vgl. Akte A5/11 Ziff. 2.01). Es ist deshalb nicht
von einem Widerspruch auszugehen, sondern von einer undifferenzierten
Angabe. Bezüglich des Ausreisedatums erwähnte der Beschwerdeführer
anlässlich der BzP den 7. April 2012. Anlässlich der Anhörung gab er ein-
mal März 2012 an (vgl. Akte A13/17 F31). Im Laufe der Anhörung erklärte
er jedoch, dass er im März 2012 von I._ nach Dubai aufgebrochen
sei (vgl. Akte A13/17 F48). Als Abflugdatum erwähnte er auch anlässlich
der Anhörung übereinstimmend mit der BzP den 7. April 2012 (vgl. Akte
A13/17 F83). Zudem handelt es sich um ein Datum, welches im Anhö-
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rungszeitpunkt sechs Jahre zurücklag. Auf den vermeintlichen Wider-
spruch wurde er sodann anlässlich der Anhörung auch nicht angespro-
chen.
Unglaubhaft ist jedoch die freie Schilderung hinsichtlich seines Entkom-
mens aus dem Gefängnis. In vier Sätzen schildert der Beschwerdeführer
substanzlos wie er illegal aus dem Gefängnis habe entkommen können
(vgl. Akte A13/17 S. 7). Es ist realitätsfremd, dass eine Person, die ver-
dächtig wird, Kenntnisse von Waffenlieferungen an die LTTE zu haben,
dermassen reibungslos und ohne Probleme nach fünf Jahren Haft aus ei-
nem Gefängnis in Colombo entkommen kann. Zudem ist – wie das SEM
zu Recht festhält – unrealistisch, dass die sri-lankischen Behörden den Be-
schwerdeführer fünf Jahre ohne jegliches Verfahren und ohne ihm je ein
Dokument ausgehändigt zu haben, festgehalten haben sollen. Merkwürdig
erscheint auch, dass dem Beschwerdeführer bei der Entlassung aus dem
Gefängnis – die illegal durch Bestechung erwirkt worden sein soll – die
Kleider zurückgeben wurden, welche er bei der Festnahme fünf Jahre zu-
vor getragen habe (vgl. Akte A13/17 F77). Zudem ist selbst wenn seine
Mutter krank gewesen sein und finanzielle Probleme gehabt haben sollte
(vgl. Akte A13/17 F18 und S. 6), nicht nachvollziehbar, warum sie erst nach
fünf Jahren die Freilassung ihres Sohnes aus dem Gefängnis hat bewerk-
stelligen können. Gegen die vom Beschwerdeführer angegebene Dauer
der Inhaftierung spricht auch, dass er anlässlich der freien Schilderung der
Asylgründe nur von vier Jahren gesprochen hat (vgl. Akte A13/17 F46) und
dies mit seiner Angabe von 2007 bis 2012 inhaftiert gewesen zu sein, nicht
in Einklang steht. Das SEM hat sodann zu Recht festgestellt, dass der Be-
schwerdeführer kein einziges Beweismittel oder Unterlagen zu seiner Haft
eingereicht hat. Es ist deshalb davon auszugehen, dass der Beschwerde-
führer unter anderen Umständen aus der Haft entlassen worden ist, als den
von ihm geltend gemachten. Auch die legale Ausreise über den Flughafen
von Colombo mit seinem Pass, der während oder kurz nach der Entlassung
ausgestellt worden ist, weist daraufhin, dass im Ausreisezeitpunkt seitens
der Behörden nichts gegen ihn vorgelegen haben kann, ansonsten wäre er
– wie das SEM zu Recht feststellt – kaum auf dem Luftweg aus Sri Lanka
ausgereist.
5.2
5.2.1 Das Bundesverwaltungsgericht hat im Urteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 eine aktuelle Analyse der Situation von Rückkehrenden nach
Sri Lanka vorgenommen (vgl. dort E. 8) und festgestellt, dass aus Europa
D-4895/2019
Seite 14
respektive der Schweiz zurückkehrende tamilische Asylsuchende nicht ge-
nerell einer ernstzunehmenden Gefahr von Verhaftung und Folter ausge-
setzt seien (vgl. a.a.O., E. 8.3). Das Gericht orientiert sich bei der Beurtei-
lung des Risikos von Rückkehrern, Opfer ernsthafter Nachteile in Form von
Verhaftung und Folter zu werden, an verschiedenen Risikofaktoren. Dabei
handelt es sich um das Vorhandensein einer tatsächlichen oder vermeint-
lichen, aktuellen oder vergangenen Verbindung zu den LTTE, Teilnahme
an exilpolitischen regimekritischen Handlungen, und Vorliegen früherer
Verhaftungen durch die sri-lankischen Behörden, üblicherweise im Zusam-
menhang mit einer tatsächlichen oder vermuteten Verbindung zu den LTTE
(sog. stark risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O. E. 8.4.1 - 8.4.3). Einem
gesteigerten Risiko, genau befragt und überprüft zu werden unterliegen
ausserdem Personen, die ohne die erforderlichen Identitätspapiere nach
Sri Lanka einreisen wollen, die zwangsweise nach Sri Lanka zurückgeführt
werden oder die über die Internationale Organisation für Migration (IOM)
nach Sri Lanka zurückkehren, sowie Personen mit gut sichtbaren Narben
(sog. schwach risikobegründende Faktoren, vgl. a.a.O., E. 8.4.4 und
8.4.5). Es ist im Einzelfall abzuwägen, ob die konkret glaubhaft gemachten
Risikofaktoren eine asylrechtlich relevante Gefährdung der betreffenden
Person ergeben. Dabei ist in Betracht zu ziehen, dass insbesondere jene
Rückkehrer eine begründete Furcht vor ernsthaften Nachteilen im Sinn von
Art. 3 AsylG haben, denen seitens der sri-lankischen Behörden zuge-
schrieben wird, dass sie bestrebt sind, den tamilischen Separatismus wie-
deraufleben zu lassen (vgl. a.a.O., E. 8.5.1).
5.2.2 Wie sich aus den vorstehenden Erwägungen ergibt, ist zwar nicht un-
glaubhaft, dass der Beschwerdeführer in Sri Lanka einmal inhaftiert gewe-
sen ist. Hingegen sind die vorgebrachten Gründe, die zu seiner Inhaftie-
rung geführt haben sollen ebenso wenig glaubhaft, wie die Umstände sei-
ner Haftentlassung, weshalb davon auszugehen ist, der Beschwerdeführer
sei in einem anderen als von ihm geltend gemachten Kontext inhaftiert wor-
den. Der aus einem (...) stammende Beschwerdeführer gab zudem an,
weder er selbst noch seine Familie hätten Verbindungen zu den LTTE ge-
habt (vgl. Akte A13/17 F53 f.). Es ist deshalb nicht davon auszugehen,
dass die sri-lankischen Behörden im Beschwerdeführer einen Regimekriti-
ker erblicken, von dem eine Gefahr ausgehen könnte. Es besteht deshalb
kein Anlass zur Annahme, der Beschwerdeführer würde im Falle der Rück-
kehr die Aufmerksamkeit der heimatlichen Behörden in einem flüchtlings-
rechtlich relevanten Mass auf sich ziehen. Auch der Umstand, dass der
Beschwerdeführer von der Schweiz aus nach Sri Lanka zurückkehren wird,
D-4895/2019
Seite 15
führt nach konstanter Praxis für sich allein gesehen nicht zur Zuerkennung
der Flüchtlingseigenschaft.
6.
Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer keine asylrele-
vante Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden nachgewiesen oder
zumindest glaubhaft gemacht hat. Das SEM hat somit die Flüchtlingsei-
genschaft zu Recht verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das Staatssekretariat das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht
ein, so verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet
den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Fa-
milie (Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet
(Art. 44 AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das Staatssekretariat das Anwesenheitsverhältnis
nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme
(Art. 44 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
8.2.1 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83
Abs. 3 AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
D-4895/2019
Seite 16
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu
Art. 3 EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedri-
gender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.2.2 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend da-
rauf hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur
Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem
Beschwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Sri
Lanka ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
8.2.3 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwer-
deführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall
einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Be-
handlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des EGMR sowie jener des
UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete
Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall
einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse
Kammer 37201/06, §§ 124–127 m.w.H.). Dies ist ihm unter Hinweis auf die
Erwägungen zum Asylpunkt nicht gelungen. Auch die allgemeine Men-
schenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Wegweisungsvollzug zum heu-
tigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. Der Vollzug der Wegwei-
sung ist demnach sowohl im Sinn der asyl- als auch der völkerrechtlichen
Bestimmungen zulässig.
8.3
8.3.1 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
D-4895/2019
Seite 17
8.3.2 In Sri Lanka herrscht weder Krieg noch eine Situation allgemeiner
Gewalt. Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung
und den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Bereits mit Urteil
BVGE 2008/2 hat das Bundesverwaltungsgericht festgestellt, dass für sri-
lankische Asylsuchende tamilischer Ethnie, die aus dem Grossraum Co-
lombo oder dessen Umgebung stammen von der Zumutbarkeit des Weg-
weisungsvollzugs in dieses Gebiet auszugehen sei. Mit dem Referenzurteil
E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 hat das Bundesverwaltungsgericht seine
bisherige Rechtsprechung (vgl. BVGE 2011/24) und die gegenwärtige Pra-
xis des SEM bestätigt, wonach der Wegweisungsvollzug in die Ost- und
Nordprovinz zumutbar ist. Im Weiteren hat das Bundesverwaltungsgericht
mit Urteil D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 (als Referenzurteil publiziert)
festgestellt, dass der Wegweisungsvollzug ins Vanni-Gebiet ebenfalls zu-
mutbar ist. An dieser Einschätzung hat sich bis zum heutigen Zeitpunkt
nichts geändert.
8.3.3 Der Beschwerdeführer lebte hauptsächlich in B._ im Distrikt
Colombo (Westprovinz). Ein Vollzug in diese Provinz ist im Lichte der
Rechtsprechung zumutbar. In vorliegendem Fall sprechen sodann keine
individuellen Gründe gegen einen Wegweisungsvollzug. Der Beschwerde-
führer besuchte die Schule bis zum O-Level und studierte in Colombo (...)
(vgl. Akte A13/17 F. 33). Danach arbeitete er in K._ in einem Café
und in Dubai hat er in zwei Hotels während mehreren Jahren gearbeitet.
Der Beschwerdeführer konnte demnach bereits Berufserfahrung sammeln.
Aufgrund seiner schulischen Ausbildung und beruflichen Erfahrungen wird
es ihm möglich sein, sich im Heimatland eine Existenz aufzubauen. Seine
Mutter und sein Bruder leben gemäss seinen Angaben als Flüchtlinge in
Indien. Er verfügt jedoch über eine Tante in I._. Selbst wenn das
Beziehungsnetz des Beschwerdeführers nicht gross ist, ist aufgrund seines
jahrelangen Aufenthalts im Grossraum von Colombo davon auszugehen,
dass er dort noch über Kontaktmöglichkeiten verfügt und aufgrund seiner
Arbeitserfahrung in der Gastronomie und Hotellerie bei einer Rückkehr
nach Sri Lanka nicht in eine existenzbedrohende, ihn konkret gefährdende
Situation geraten wird. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der
Wegweisung nicht als unzumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
D-4895/2019
Seite 18
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch
das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um unentgeltliche Prozessfüh-
rung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG mit Verfügung vom 9. Oktober 2019
gutgeheissen wurde, sind keine Kosten aufzuerlegen.
10.2 Das Gesuch um Bestellung einer amtlichen Rechtsbeiständin im
Sinne von Art. 110a Abs. 1 AsylG wurde mit Verfügung vom 9. Oktober
2019 ebenfalls gutgeheissen und dem Beschwerdeführer Frau MLaw Cora
Dubach, Freiplatzaktion Basel, als amtliche Rechtsbeiständin beigeordnet.
Die notwendigerweise erwachsenen Parteikosten sind deshalb durch das
Bundesverwaltungsgericht zu übernehmen (vgl. Art. 110a Abs. 1 AsylG
i.V.m. Art. 9–14 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR
173.320.2]). Nach Praxis des Gerichts werden amtlich bestellte Rechtsver-
treterinnen ohne Anwaltspatent mit einem Stundensatz von Fr. 100.– bis
150.– entschädigt (vgl. Art. 12 i.V.m. Art. 10 Abs. 2 VGKE). Seitens der
Rechtsvertretung wurde mit der Beschwerde am 23. September 2019 eine
Kostennote eingereicht, worin der zeitliche Aufwand von zwölf Stunden
eine Dossiereröffnungspauschale von Fr. 50.– und Auslagen von Fr. 87.–
aufgeführt sind. Der geltend gemachte zeitliche Aufwand erscheint indes-
sen im Vergleich zu ähnlich gelagerten Fällen als überhöht, und soge-
nannte Dossiereröffnungspauschalen werden praxisgemäss nicht entschä-
digt. Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren
(Art. 9–13 VGKE) ist der Rechtsbeiständin zu Lasten des Bundesverwal-
tungsgerichts deshalb ein Honorar von insgesamt Fr. 1600.– (inkl. Ausla-
gen und Mehrwertsteuerzuschlag i.S.v. Art. 9 Abs. 1 Bst. c VGKE) auszu-
richten.
(Dispositiv nächste Seite)
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