Decision ID: ca39953a-5e89-571f-8eda-347f2e30d2c7
Year: 2014
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 1946 geborene
X._
e
rlitt während des Militärdienstes
ein Knalltrauma. Nachdem sie ihre Leistungspflicht anfänglich abgelehnt hatte
(vgl. Vorbescheid vom 23. Juni 2004, Urk. 8/56), aner
kannte die
Militärversi
che
rung
mit Verfügung vom 10. Juli 2007 (Urk. 8/125) – in Bestätigung ihres Vor
bescheids vom 22. Februar 2007 (Urk. 8/112) – ihre volle Haftung für eine (als Folge des Knalltraumas auf
getretene
,
schliesslich in einer Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit resultierende) Hochtonschwerhö
rig
keit mit Tinnitus und sprach dem Versicherten mit Wirkung ab 1. April 2007 eine auf einem
Invali
ditätsgrad
von 20 % beruhende unbefristete Rente zu. Da
ran hielt sie auf Ein
sprache (Urk. 8/126) hin am 18. September 2007 fest. Die gegen diesen
Ein
sprache
ent
scheid
(Urk. 8/129) am 15. Oktober 2007 im Prozess Nr. MV.2007.00003 erho
bene
Beschwerde (Urk. 8/130) wies das hiesige Gericht mit Urteil vom 24. November 2009 (Urk. 8/183) ab. Das Bundesgericht wies die ge
gen diesen Entscheid ge
richtete Beschwerde (Urk. 8/184) mit Urteil 8C_28/2010 vom 22. März 2010 (Urk. 8/192) ab.
1.2
Zwischenzeitlich hatte die Militärversicherung
am 5. Februar 2007 Kostengut
sprache für die Beschaffung eines Hörgerät erteilt
(vgl.
hiezu
auch Schreiben vom
16. Januar 2009, Urk. 8/159)
und dem Versicherten in Aussicht gestellt, nach
Anpassung des Hörgeräts und einer gewissen Angewöhnungsphase noch über den
Anspruch auf eine Integritätsschadenrente zu befinden (Urk. 8/108).
Am 16. Mai 2008 anerkannte sie ihre Leistungspflicht für zehn Sitzungen
Tin
nitus
beratung
(Urk. 8/147).
In der Folge sprach sie
dem Versicherten
- in Über
ein
stimmung mit ihrem Vorbescheid vom 30. Juli 2009 (Urk. 8/170) - mit
Ver
fü
gung vom 2. Oktober 2009 (Urk. 8/179)
mit Wirkung ab 1. Juni 2008 für un
be
stimmte Zeit
für eine beidseitige
senso
ri
neurale
Hochtonschwerhörigkeit und einen Tinnitus
auris
eine Integritätsschadenrente von 10 % zu. Daran hielt sie auf Einsprache des Versicherten (Urk. 8/180) hin am 10. Juli 2012 fest (Urk. 2).
2.
Gegen diesen
Einspracheentscheid
(Urk. 2) liess
X._
am 13. September 2012 mit folgenden Anträgen Beschwerde erheben (Urk. 1 S. 2):
„1.
Der
Einspracheentscheid
der Beschwerdegegnerin vom 10. Juli 2012 sei so abzuändern, dass dem Beschwerdeführer eine
Integritätsscha
denrente
zuzusprechen sei, welche sich wie folgt zusammensetzt:
für den Hörverlust 19 %, eventualiter 10 %, und
für den Tinnitus höher als, aber mindestens in der Höhe des
Integri
tätsschadens
für den Hörverlust (19 %), eventualiter 10 %.
2.
Der Beginn der Invaliditätsschadenrente [richtig wohl:
Integritäts
scha
denrente
] sei auf 26. August 2003 (Konsultation im
Spital Y._
), eventualiter auf den 5. Juli 2006 (Gutach
ten von Dr.
Z._
) festzulegen.
Die Integritätsschadenrente sei aufgrund der damals gültigen Ansätze zu berechnen.
Die fälligen
Rentenbetreffnisse
der Integritätsschadenrente seien ge
mäss Art. 26 ATSG zu verzinsen.
3.
Es sei vom Gericht ein wissenschaftliches Gutachten darüber in Auf
trag zu geben, ob die Grundlagen, aufgrund welcher die
Beschwerde
gegnerin
die Integritätseinbusse bemisst, dem heutigen Stand der Wissenschaft entsprechen.
4.
Es sei ein zweiter Schriftenwechsel durchzuführen.
5.
Unter Entschädigungsfolgen (zzgl.
MWSt.
) zu Lasten der
Beschwerde
gegnerin
.“
Die Militärversicherung schloss am 17. Oktober 2012 auf Abweisung der Be
schwerde (vgl. Beschwerdeantwort, Urk. 7).
Replicando
(Urk. 11) und
duplicando
(Urk. 16) hielten die Parteien an ihren Anträgen fest. Mit Beschluss vom 17. Juni
2014 (Urk. 18
) gab das Gericht dem Beschwerdeführer – unter Hinweis auf die Änderung der Rechtsprechung betreffend Leistungspflicht der
Militär
versiche
rung
für einen als Folge eines Unfalls aufgetretenen Tinnitus, dem keine orga
nisch objektivierbare Ursache zu Grunde liegt –
Gelegenheit,
zu einer mög
lichen
reformatio
in
peius
Stellung zu nehmen oder die Beschwerde zurückz
u
ziehen.
Der Beschwerdeführer h
i
e
lt in der Folg
e mit Eingabe vom 17. Juli 2014
an seinen
Anträgen fest (Urk. 21). Die am 29. August 2014 von der
Militärversi
cherung
da
zu
eingereichte Stellungnahme (Urk. 25) wurde ihm am 1. September 201
4 zur
Kenntnis gebracht (Urk. 26
).
Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen ist, soweit für die
Entscheidfindung
erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen ein
zugehen.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Anfechtungsgegenstand bildet der
Einspracheentscheid
vom 10. Juli 2012 be
treffend Integritätsschadenrente
für die Folgen eines 1969 beziehungsweise spä
testens 1972 während des Militärdienstes erlittenen Knalltraumas
(Urk. 2)
. Strittig
sind
einerseits
die Schwere des Integritätsschadens und
andererseits
der Beginn des Anspruchs auf eine Integritätsschadenrente.
Bei der Beurteilung des dies
be
züglichen Leistungsanspruchs
ist zu beachten, dass nach
Art. 109
des
per 1. Janu
ar 1994 in Kraft gesetzten Bundesgesetzes über die Militärversicherung
vom 19. Juni 1992 (MVG)
Versicherungsfälle, die im Zeitpunkt des Inkrafttre
tens
dieses Gesetzes noch
hängig
waren, in jenen Teilen nach dem neuen Recht be
urteilt werden, die nicht anerkannt sind oder über die nicht verfügt wurde.
Das Knalltrauma hat sich zwar
unter der Herrschaft des bis Ende 1993 gelten
den
alten Rechts ereignet. Da über den
daraus resultierenden
Integritätsschaden
inde
s
erst nach dessen Inkrafttreten verfügt wurde, sind ausschliesslich die Art. 48 ff.
MVG, die auch nach Inkrafttreten des Bundesgesetzes über den All
gemeinen Teil
des Sozialversicherungsrechts (ATSG) am 1. Januar 2003 unver
ändert Geltung
haben,
massgebend (vgl. Urteil M 4/04
des damaligen Eidge
nössischen
Versiche
rungsgerichts
vom 2
4.
Januar 2005 E.
1).
1.2
Nach Art. 48 MVG hat der Versicherte Anspruch auf eine
Integritätsschaden
rente
, w
enn er eine dauernde erhebliche
Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Integrität erleidet (Abs. 1). Die Integritätsschadenrente ist von dem
Zeitpunkt an geschuldet, in dem die ärztliche Behandlung abgeschlossen ist oder
von ihrer Fortsetzung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes des Versicherten mehr erwartet werden kann (Abs. 2).
Laut Art. 49
MVG
wird die Schwere des Integritätsschadens in Würdigung aller Um
stände nach billigem Er
mes
sen ermittelt (Abs. 1). Sie wird entsprechend der Schwere des Integritätsschadens in Prozenten des Jahresrentenansatzes gemäss Absatz 4 festgesetzt. Beim vollständigen Verlust einer Lebensfunktion wie des
Ge
hörs oder des Sehvermögens wird in der Regel eine Integritätsschadenrente von 50 Prozent zugesprochen (Abs. 2). Die Zusprechung erfolg
t
auf unbe
stim
mt
e Zeit und wird in der Regel ausgekauft (Abs. 3). Der Bundesrat legt durch Ver
ordnung den für alle Versicherten geltenden Jahresrentenansatz fest. Er geht da
bei vom Ansatz aus, der beim Inkrafttreten dieses Gesetzes gilt, und passt ihn periodisch den veränderten Verhältnissen, namentlich der Preisent
wicklung, an (Abs. 4).
Bei nachträglicher erheblicher Zunahme des Integritätsschadens kann der Versi
cherte laut Art. 50 MVG verlangen, dass ihm eine zusätzliche
Integritätsscha
denrente
zugesprochen wird.
Gemäss Art. 25 der Verordnung über die Militärversicherung (MVV) liegt eine
er
hebliche Beeinträchtigung vor, wenn sie mindestens einem Zwanzigstel des vol
l
ständigen Verlustes einer Lebensfunktion wie des Gehörs oder des Sehver
mö
gens entspricht (Abs. 1). Die Integritätsschadenrenten für Beeinträchtigungen einzelner Lebensfunktionen werden nach der Schwere der Integritätsschäden in Abstufungen von 2,5 Prozent zwischen 2,5 und 50 % des Jahresrentenansatzes
fest
gesetzt (Abs. 2). Liegen mehrere erhebliche Integritätsschäden vor, so wer
de
n die Prozentsätze der einzelnen Integritätsschäden für die Festsetzung der
Inte
gritätsschadenrente
zusammen gezählt. Der Höchstwert für
Integritätsscha
den
renten
beträgt 100 % des Jahresrentenansatzes (Abs. 3).
Nach der vom
damaligen
Eidgenössischen Versicherungsgericht in ständiger Rech
t
sprechung verwendeten Formel wird der Integritätsschaden ermittelt „auf
grund vergleichender Betrachtung des funktionell-anatomischen Zustandes vor und nach Eintritt des versicherten Gesundheitsschadens". Dabei wurde von An
fang an klargestellt, dass nicht die vergleichende medizinisch-theoretische Be
urteilung für die Bemessung des Integritätsschadens entscheidend ist, sondern das Ausmass, in welchem der Versicherte in den Lebensfunktionen und der all
gemeinen Lebensgestaltung eingeschränkt ist. Die Einschränkung kann je nach den Umständen geringfügiger oder schwerwiegender sein als die rein aus medi
zinischer Sicht beurteilte Beeinträchtigung der Integrität (vgl.
Maeschi
, Kom
me
n
tar zum Bundesgesetz über die Militärversicherung vom 19. Juni 1992, Bern 2000
, N 18 zu Art. 49).
1.3
Die Leistungspflicht des Militärversicherers
für einen während des Dienstes er
litte
nen Unfall
setzt einen natürlichen und
adäquaten
Kausalzusammenhang
zwischen dem Unfall und dem eingetretenen Schaden voraus (vgl. Urteil des Bun
desgerichts 8C_1040/2012 vom 15. März 2013 E. 2 mit Hinweisen).
Ursa
chen im Sinne des natürlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umstände, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise beziehungsweise nicht zur gleichen Zeit eingetreten ge
dacht wer
den kann (BGE 129 V 177 E.
3.1, 406 E.
4.3.1, 123 V 45 E.
2b, 119 V 335 E.
1, 118 V 289 E.
1b, je mit Hinweisen).
Als adäquate Ursache eines Erfolges hat ein Ereignis nach der Rechtsprechung dann zu gelten, wenn es nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung an sich geeignet ist, einen Erfolg von der Art des eingetretenen herbeizuführen, der Eintritt dieses Er
folges also durch das Ereig
nis allgemein als begünstigt erscheint (BGE 125 V 456 E.
5a, 123 V 98 E.
3d,
139 E. 3c, 122 V 415 E. 2a, 121 V 45 E. 3a mit Hinweisen; RKUV 1997 Nr. U 272
S. 172 E. 3a).
1.4
1.4.1
Um zu entscheiden, ob zwischen dem Unfall und
einer
Gesundheitsstörung
ein
adäquater
Kausalzusammenhang besteht, sind in der
Militärversicherung
die
selben Grundsätze anzuwenden, die von der Rechtsprechung im
Unfallversiche
rungsbereich
entwickelt worden sind. Im Sozialversicherungsrecht spielt die Adä
quanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen Kausalzu
sam
menhang ergebenden Haftung des Militärversicherers im Bereich klar aus
ge
wie
sener organischer Unfallfolgen praktisch keine Rolle, da sich hier die
adä
quate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt. Anders verhält es sich bei
natürlich unfallkausalen, aber organisch nicht objektiv ausgewiesenen Be
schwer
den. Hier ist bei der Beurteilung der Adäquanz vom augenfälligen
Ge
scheh
ens
ab
lauf
auszugehen, und es sind je nachdem weitere unfallbezogene Kriterien einzubeziehen. Nach der für
psychische
Fehlentwicklungen nach Un
fall erarbei
teten sogenannten Psycho-Praxis werden diese Adäquanzkriterien unter Au
s
schluss
psychischer
Aspekte geprüft
, während nach der bei
Schleu
dertraumen
und äquivalenten Ver
letzungen der HWS sowie
Schädel
-
Hirntrau
men
anwend
baren sogenannten Schleudertrauma-Praxis auf eine Differenzie
rung zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet wird
(vgl. Urteil des Bun
des
gerichts 8C_1040/2012 vom 15. März 2013 E. 2 mit Hinwei
sen).
1.4.2
Bei einem Tinnitus, der sich keiner organisch objektiv ausgewiesenen
Unfall
folge
zuordnen lässt, kann der adäquate Kausalzusammenhang zum
leistungs
aus
lösenden
Ereignis, wie bei anderen organisch nicht ausgewiesenen
Be
schwer
de
bildern
, nicht ohne besondere Prüfung bejaht werden (BGE 138 V 248). In diesen
Fällen kommt demnach - abhängig von den festgestellten Beschwer
den - die
Schleudertraumapraxis
(BGE 134 V 109), welche auch bei
Schädel
hirntraumata
anwendbar ist (BGE 117 V 369), oder die sogenannte
Psychopra
xis
(BGE 115 V 133) zur Anwendung (Urteil
des Bundesge
richts 8C_241/2014
vom
8.
Juli 2014
E. 4.1 mit Hinweisen
).
1.4
.3
Für die Beurteilung der Frage, ob ein Unfall nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung geeignet ist, eine psychische
Ge
sundheitsschädigung
herbeizuführen, ist nach der in BGE 115 V 133 ergange
nen
Rechtsprechung auf eine weite Bandbreite von Versicherten abzustellen. Dazu gehören auch jene Versicherten, die aufgrund ihrer Veranlagung für psy
chische Störungen anfälliger sind und einen Unfall seelisch weniger gut ver
kraften als
Gesunde, somit im Hinblick auf die erlebnismässige Verarbeitung des Unfalles zu
einer Gruppe mit erhöhtem Risiko gehören, weil sie aus
versiche
rungsmässiger
Sicht auf einen Unfall nicht optimal reagieren (BGE 115 V 133 E. 4b).
Für die Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhanges zwischen dem Unfall und psychischen Gesundheitsschädigungen ist im Einzelfall zu verlangen, dass dem Unfall für die Entstehung der Arbeits- beziehungsweise Erwerbsunfähigkeit
eine massgebende Bedeutung zukommt. Dies trifft dann zu, wenn er objektiv eine
gewisse Schwere aufweist oder mit anderen Worten ernsthaft ins Gewicht fällt (vgl. RKUV 1996 Nr. U 264 S.
288 E.
3b; BGE 115 V 133 E.
7 mit Hinwei
sen). Für die Beurteilung dieser Frage ist an das Unfallereignis anzuknüpfen, wobei - ausgehend vom augenfälligen Geschehensablauf - folgende Einteilung vorge
nommen wurde: banale beziehungsweise leichte Unfälle einerseits, schwere Un
fälle anderseits und schliesslich der dazwischen liegende mittlere Bereich (BGE 115 V 133 E. 6; vgl. auch BGE 134 V 109 E. 6.1, 120 V 352
E.
5b/
aa
; SVR 1999 UV Nr. 10 E. 2).
1.4.4
Bei der Einteilung der Unfälle mit psychischen Folgeschäden in leichte, mittel
schwe
re und schwere Unfälle ist nicht das Unfallerlebnis des Betroffenen mass
ge
b
end, sondern das objektiv erfassbare Unfallereignis (vgl. BGE 120 V 352 E.
5b/
aa
, 115 V 133 E. 6; SVR 1999 UV Nr.
10 E. 2; RKUV 2005 Nr. U 549 S. 237,
1995 Nr. U 215 S. 91).
1.4.5
Bei banalen Unfällen wie z.B. bei geringfügigem Anschlagen des Kopfes oder
Übertreten des Fusses und bei leichten Unfällen wie z.B. einem gewöhnlichen Sturz
oder Ausrutschen kann der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Un
fall und psychischen Gesundheitsstörungen in der Regel ohne weiteres ver
neint werden, weil aufgrund der allgemeinen Lebenserfahrung aber auch unter Einbe
zug unfallmedizinischer Erkenntnisse davon ausgegangen werden darf, dass ein solcher Unfall nicht geeignet ist, einen erheblichen Gesundheitsschaden zu verursachen (BGE 120 V 352 E. 5b/
aa
, 115 V 133 E. 6a).
1.4.6
Bei schweren Unfällen ist der adäquate Kausalzusammenhang zwischen Unfall
und psychisch bedingter Erwerbsunfähigkeit in der Regel zu bejahen. Denn nach
dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenser
fahrung sind solche Unfälle geeignet, invalidisierende psychische
Gesundheits
schäden
zu
bewirken (BGE 120 V 352 E. 5b/
aa
, 115 V 133 E. 6b; RKUV 1995 Nr. U 215 S. 90
E. 3b).
1.
4.7
Bei Unfällen aus dem mittleren Bereich lässt sich die Frage, ob zwischen Unfall und Folgen ein adäquater Kausalzusammenhang besteht, nicht aufgrund des Un
falles allein schlüssig beantworten. Es sind daher weitere, objektiv erfassbare
Umstände, welche unmittelbar mit dem Unfall im Zusammenhang stehen oder als
direkte beziehungsweise indirekte Folgen davon erscheinen, in eine
Ge
samt
wür
digung
einzubeziehen. Als wichtigste Kriterien sind zu nennen:
besonders dramatische Begleitumstände oder besondere Eindrücklichkeit des
Un
falls;
die Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere
ihre
erfahrungsgemässe Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszulösen;
ungewöhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung;
körperliche Dauerschmerzen;
ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert;
schwieriger Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen;
Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit (BGE 134 V 109
E. 6.1, 115 V 133 E. 6c/
aa
).
Der Einbezug sämtlicher objektiver Kriterien in die Gesamtwürdigung ist nicht in jedem Fall erforderlich. Je nach den konkreten Umständen kann für die Be
ur
teilung des adäquaten Kausalzusammenhangs ein einziges Kriterium genügen. Dies
trifft einerseits dann zu, wenn es sich um einen Unfall handelt, welcher zu
den schwereren Fällen im mittleren Bereich zu zählen oder sogar als Grenzfall zu
einem schweren Unfall zu qualifizieren ist (vgl. RKUV 1999 Nr. U 346 S.
428, 1999 Nr. U 335 S.
207 ff.; 1999 Nr. U 330 S.
122 ff.; SVR 1996 UV Nr.
58). Anderseits kann im gesamten mittleren Bereich ein einziges Kriterium genügen,
wenn es in besonders ausgeprägter Weise erfüllt ist, wie z.B. eine auffallend lang
e Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit infolge schwierigen
Heilungs
verlaufes
. Kommt keinem Einzelkriterium besonderes be
ziehungsweise aus
schlag
gebendes Gewicht zu, so müssen mehrere
unfallbezo
gene
Kriterien heran
ge
zogen werden. Dies gilt umso mehr, je leichter der Unfall ist. Handelt es sich bei
spielsweise um einen Unfall im mittleren Bereich, der aber dem
Grenz
bereich
zu den leichten Unfällen zuzuordnen ist, müssen die weiteren zu be
rück
sich
ti
genden Kriterien in gehäufter oder auffallender Weise erfüllt sein, damit die
Adäquanz bejaht werden kann. Diese Würdigung des Unfalles zu
sammen mit den
objektiven Kriterien führt zur Bejahung oder Ver
neinung der Adäquanz. Damit entfällt die Notwendigkeit, nach andern Ursachen zu for
schen, die mögli
cher
weise die psychisch bedingte Erwerbsunfähigkeit
mit
be
günstigt
haben könnten
(BGE 115 V 133 E. 6c/
bb
, vgl. auch BGE 120 V 352 E. 5b/
aa
; RKUV 2001 Nr. U 442
S.
544 ff., Nr. U 449 S.
53 ff., 1998 Nr. U 307 S.
448 ff., 1996 Nr. U 256 S.
215 ff.; SVR 1999 UV Nr. 10 E. 2).
2.
2.1
Die Militärversicherung ging im
Einspracheentscheid
vom 10. Juli 2012 (Urk. 2) davon aus, dass der aus dem in der RS erlittenen Knalltrauma resultierende
Gesundheitsschaden einer Integritätseinbusse von insgesamt 10 % entspreche, wo
bei die Hörverminderung (
2,5% für die apparative Hö
r
gerätversorgung und 2,5 % für die abnorme Lärmempfindlichkeit)
und der Tinnitus je als
Integritäts
schaden
von 5 % zu werten seien
(Urk. 2 S. 4 ff.
, Urk. 16 S.
1
)
.
Im Hinblick auf eine rechtsgleiche Behandlung der Versicherten werde bei der
Festsetzung
der
In
tegritätseinbusse
auf für die hauptsächlichsten Schadenfälle aufgestellte Richt
werte abgestellt
(Urk. 8 S. 3
f.). Die Schwere des Integritätsschadens werde – an
ders als
im
Unfallversichersicherungsrecht – nicht egalitär
-abstrakt, son
dern in Würdigung aller Umstände nach billigem Ermessen ermittelt (Urk. 8 S. 4 f
.
).
An
gesichts der Änderung der
diesbezüglichen
Rechtsprechung sei für den Tinnitus,
dem kein organisch objektivierbarer Schaden zu Grunde liege und der in keinem
adäquaten Kausalzusammenhang zum rund vierzig Jahre zuvor erlittenen Knalltrauma stehe, gar keine Integritätsentschädigung geschuldet (Urk. 25).
Der Beginn der Integritätsschadenrente sei zu Recht auf den 1. Juni 2008 festgesetzt worden, da sich der Gesundheitszustand erst dann so weit sta
bilisiert habe, dass eine zuverlässige Prognose betreffend Dauerhaftigkeit und Ausmass der Beein
trächtigung möglich gewesen sei (Urk. 2 S. 7 ff.
, Urk. 8 S. 5 f.
, Urk. 16 S. 2
).
Betreffend die – erstmals im Beschwerdeverfahren bean
tragte – Berechnung der Integritätsschadenrente aufgrund anderer Ansätze und Verzinsung der
Renten
be
treffnisse
nach Art. 26 ATSG
sei
mangels
Anfech
tungsgegenstand
s
und mang
els
sachbezogener Begründung nicht auf die Be
schwerde einzutreten (Urk. 8 S. 6 f.).
2.
2
Der Beschwerdeführer stellte sich d
emgegenüber auf den Standpunkt, die für die Bewertung der Hörschädigung und des Tinnitus verwendeten internen Grund
lagen beziehungsweise Richtlinien seien
– auch wenn nach Lehre und Recht
spre
chung darauf abzustellen sei -
ges
etzes
- und verfassungs
widrig, weil
nur Hörschädigungen ab
40 dB und diese mit zu tiefen Renten entschädigt würden
(Urk. 1 S. 3 f.
, Urk. 11 S. 4
f.
).
Zudem entsprächen sie nicht den neue
re
n wis
sen
schaftlichen Erkenntnissen beziehungsweise seien nie wissenschaftlich halt
bar gewesen
(Urk. 1 S. 5, Urk. 11 S. 4)
; indem die Militärversicherung diese Grund
lagen dennoch anwende, überschreite sie ihr „billiges Ermessen“
. Der
Hör
scha
den
sei schon nach Abschluss der RS nicht mehr behandelbar gewesen und habe
sich im Laufe der Zeit noch verschlimmert; bei der ersten Konsulta
tion der Ärzte
des
Spitals Y._
am 26. August 2003, spätestens aber im Zeitpunkt der Begutachtung durch Dr.
Z._
am 5. Juli 2006
,
sei er im Umfang be
stimmt gewesen.
Spätestens seither bestehe demnach auch An
spruch auf eine
- nach den zu diesem Zeitpunkt gültigen Ansätzen zu berech
nende (Urk. 11 S. 6 f.) -
Integri
täts
schaden
rente.
Was deren Höhe anbetreffe, habe die Mili
tär
versicherung
auf ein
bereits
vierjähriges Audiogramm abgestellt; seit dessen Durchführung hätten der Hörverlust und der Tinnitus indes noch weiter zuge
nommen (Urk. 11 S. 6).
Bei letzterem handle es sich –
entgegen der Recht
sprechung
des Bundesgeric
hts, die sich auf die Fehlinterpretation einer
(veral
te
ten)
medizinisch-wissenschaftlichen Arbeit
stütze – um ein körperliches Lei
den, das
jedenfalls entschädigungspflichtig sei
. Ein adäquater Kausalzusam
menhang zwischen dem Knalltrauma und dem – auf eine organische Schädi
gung des Hörsystems zurückzuführenden – Tinnitus sei daher kein
An
spruchserfordernis
(Urk. 21 S. 5 f
f
.)
.
Schliesslich habe die Militärversicherung, die sich nicht mit den in der Einsprache vorgebrachten Argumenten auseinan
dergesetzt und mit dem Erlass des
Einspracheentscheides
fast drei Jahre zuge
wartet habe, den An
spruch einerseits auf rechtliches Gehör und andererseits auf Beurteilung innert angemessener Frist ve
rletzt (Urk. 1 S. 5
).
Was die
Verzinsung
der Leistungen anbelange,
habe er
den entsprechenden Antrag
bereits in seiner Einsprache gestellt; indem die Militärversicherung sich im angefochtenen Ent
scheid
(Urk. 2) nicht dazu geäussert habe, habe sie ihn sinngemäss abgewiesen. Es liege dem
nach durchaus ein Anfechtungsobjekt vor (Urk. 11 S. 7).
3.
3.1
Die Militärversicherung legte im angefochtenen Entscheid
(Urk. 2)
die Gründe, die zur Festsetzung der
Integritätsschadenrente auf 10 % und deren Beginn
s
auf den 1. Juni 2008
geführt hatten, dar
. Sofern und s
oweit die Beschwerdegegne
rin
damit, dass sie sich nicht
im Detail
zu sämtlichen vo
m
Beschwerdeführer
ein
spracheweise
vorgebrachten Argumenten
(Urk. 8/180)
äusserte (Urk. 1 S.
5
), de
ss
en
Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung [BV]) verletzte, ist Folgendes festzuhalten:
Nach der Rechtsprechung kann eine - nicht besonders schwerwie
gende - Verletzung des rechtlichen Gehörs als geheilt
gelten, wenn die betroffe
ne Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Be
schwer
deinstanz zu
äussern
, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechtslage frei überprüfen kann. Die Hei
lung eines - allfälligen - Mangels soll aber die Aus
nahme bleiben (BGE 127 V 431 E. 3d/
aa
mit Hinweisen). Von der Rückweisung
der Sache an die Ver
waltung zur Gewährung des rechtlichen Gehörs ist im Sinn
e einer Heilung des Mangels selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des rechtlichen Gehörs nach dem Grundsatz der Verfahrensökonomie dann ab
zu
sehen, wenn dieses Vorgehen zu einem formalistischen Leerlauf und damit zu unnötigen Verzöge
rungen führen würde, die mit dem der Anhörung gleichge
stellten Interesse an einer möglichst
beförderlichen
Beurteilung des
Leistungs
an
spruchs
nicht zu ver
einbaren ist (vgl. BGE 116 V 182 E. 3d). Angesichts des Umstands, dass d
er
Beschwerdeführer im Rahmen dieses Verfahrens Gelegen
heit
hatte, sich vor einem Gericht, dem in der streitigen Angelegenheit eine umfas
sen
de Kognition zusteht (Art. 61
lit
. c des Bundesgesetzes über den All
gemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG])
,
zu
äussern
, kann eine allfällige
Ge
hö
rs
verletzung
jedenfalls als geheilt betrachtet werden. Es widerspräche der
Ver
fahrensökonomie
, wenn die Beschwerdegegnerin einen neuen, im Ergebnis gleich
lautenden
Einspracheentscheid
zu erlassen hätte. Von
einer
Rückweisung der Sache an die Verwaltung a
us formellen Gründen ist daher
abzu
sehen.
3.2
Was sodann d
ie
– mit dem Hinweis auf die fast dreijährige Dauer des
Ein
spracheverfahrens
– implizit gerügte
Rechtsverzögerung
anbelangt (Urk. 1 S. 5),
ist die Beschwerde angesichts des am 10. Juli 2012 erlassenen
Einspracheent
scheides
(Urk. 2) diesbezüglich
als
gegenstandslos
geworden
abzuschreiben
.
4
.
4
.1
Nach Lage der Akten
steht fest
(vgl. insbesondere
Urk.
8/83,
Urk. 8/162, Urk. 8/168
)
und ist unbestritten (Urk. 2, Urk. 1), dass der Beschwerdeführer während de
s Militärdienstes
eine
knalltraumatische Hörschädigung
erlitt und
seit einiger Zeit
eine rechtsbetonte
sensorineurale
Hochtonschwerhörigkeit so
wie einen Tinnitus aufweist
(vgl. insbesondere Urk. 8/38 S. 2, Urk. 8/83 S.
2,
Urk. 8/162 und Urk. 8/168)
.
4.2
4.2.1
Betreffend das Ausmass der Hörschädigung und die Natur des Tinnitus geht aus den medizinischen
und weiteren
Akten im Wesentlichen Folgendes hervor:
Die
am 26. August 2003
ambulant konsultierten
Ärzte des
Spitals Y._
, Klinik für Ohren-, Nasen-
,
Hals- und Gesichtschirurgie,
diagnostizierten am 4. März 2004 einen – nicht lokalisierbaren – subjektiven Tinnitus. Dieser sei nach Angaben des Beschwerdeführers im Jahr 1990 aufgetreten. Der ORL-Status
und der TF-Befund seien
bland
. Das Reintonaudiogramm (RTA) habe eine C4-Senke
auf 95 dB rechts ergeben. Es seien weder therapeutische Massnahmen verordnet noch eine Arbeitsunfähigkeit attestiert worden. Weitere Konsultatio
nen seien nicht vorgesehen (Urk. 8/38 S. 2).
4.2.2
In ihrem audiologischen Gutachten vom 5. Juli 2006 (Urk. 8/83) diagnostizier
ten d
ie Ärzte des
Spitals Y._
, Klinik für Ohren-, Nasen-
,
Hals
- und Gesichts
chirurgie, ein akustisches Trauma mit Tinnitus.
Die Untersuchung habe einen unauffälligen morphologischen Ohrbefund, eine rechts betonte
sen
sorineurale
Hochtonschwerhörigkeit mit S
enken oberhalb von 2000
Hz bis 75
dB
(8000
Hz) links und über 85 dB rechts sowie einen – an der Hörschwelle links lokalisierten - breitbandigen Tinnitus um 8000 Hz ergeben (Urk. 8/83 S. 1).
Im standardisierten Tinnitus-Fragebogen nach Goebel und Hiller liege der Score bei
40 von maximal 84
Punkten, mithin Grad 2 (kompensiert) von maxi
mal vier Graden;
in den
Subscores
stehe vor allem die Rubrik „Schlaf“ im Vor
dergrund.
Der Beschwerdeführer weise infolge des vor fast vierzig Jahren erlit
tenen Schiess-Hörschadens eine bleibende Höreinschränkung im Frequenzbe
reich oberhalb 2000 Hz auf. Die – audiometrisch über mehrere Jahrzehnte do
kumen
tierte – Höreinschränkung sei seit 1981 unverändert und habe keine weitere Be
einflussung durch spätere Schallschädigungen erfahren.
Die messbare Zunahme
der Hörschwellen liege im Bereich einer standardisierten
Altersrefe
renz
(ISO7029).
Die Militärversicherung sei zu Recht davon ausgegangen, dass ein einmaliges Hörtrauma keine Entwicklung in Gang setzen könne, wenn nicht weitere
Nach
schäden
einwirkten. Die knalltraumatische Hörschädigung sei zwar tatsächlich nich
t evolutiv, sondern rein additiv, soweit es um den peripheren (
cochleären
)
Schaden gehe. Das eigentliche Problem
seien indes der Tinnitus und die wei
te
ren
Pathologien des Gehörs, die in – erst in der Folge einer Schä
digung der Peri
pherie
, oft Monate bis Jahre später
auftretenden
-
z
entralen
Ver
arbei
tungs
stö
rungen
bestünden
. Der Beschwerdeführer sei nicht
deshalb
von Berufsun
fähig
keit bedroht, weil er das Vogelzwitschern und Grillenzirpen nicht mehr höre,
sondern weil ihm der Tinnitus den Schlaf und damit die Konzentra
tion raube, und
weil er im Stimmengewirr nichts mehr verstehe und dabei rasch ermüde. Er
fah
rungsgemäss könne die zentrale Störung im Hörsystem auch zur
Hyper
a
kusis
, der Unverträglichkeit von Alltagsgeräuschen, führen. Damit seien alle dre
i
zentralen Schadenfolgen des Lärmtraumas, nämlich Tinnitus, akusti
sche
Selek
tion
s
störung
und
Hyperakusis
, erwähnt (Urk. 8/83
S. 2).
Mit traditio
nellen Mess
ung
en des Tinnitus mit audiometrischen Tonvergleichen lasse sich der
Beläs
ti
gungsgrad
feststellen. Es liege in der Natur des Tinnitus, dass dieser subjektiv empfunden werde. Dies ändere indes nichts daran, dass hinter dem subjektiven
Symptom Veränderungen im Hirn stünden, welche mit einem Eis
berg ver
gli
chen
werden könnten, von dem der grösste Teil unsichtbar unter der Wasser
ober
fläche
stehe. Als vorläufige Massnahme werde dem Beschwerdefüh
rer bis Ende August 2006
in der bisherigen Tätigkeit
mit Versetzung an einen Einzel-Arbeits
platz mit geringer Lärmimmission
eine Arbeitsfähigkeit von 80 %
attestiert. Ange
sichts des erforderlichen Berufswech
s
el
s
und der dargelegten Evidenz des
Ge
sund
heitsschadens
sei der Entschädigungsanspruch zu bejahen (Urk. 8/83 S. 3).
4.2.
3
Gestützt auf die erneute audiologische Untersuchung vom 18. Januar 2007 stell
ten die Ärzte des
Spitals Y._
, Klinik für Ohren-, Nasen-
,
Hals- und Gesichtschirurgie
, in ihrer „Expertise zur Hörgerätabgabe“ vom nämlichen
Datum die Diagnose einer
sensorineuralen
Hochtonschwerhörigkeit beidseits nach
Lär
mtrauma mit Tinnitus (Urk. 8/104 S. 1). Nach der
Expertisenanleitung
1999 erreiche der Beschwerdeführer in den audiologischen Kriterien 9 von ma
ximal 50 Punkten, im sozial-emotionalen Handicap 20 von 25 und in den be
ruflichen Kommunikationsanforderungen als Mitarbeiter in der
Qualitätssiche
rung
eines
Pharmaunternehmens 12 von 25 Punkten. Das Punktetotal von 41 berechtige zur
Indikationsstufe 1 von Hörgeräten. Es sei eine möglichst offene Versorgung mit Hochton-Hörgeräten zu empfehlen, die auf die spezielle
Fre
quenzcharakteristik
des Hörausfalls angepasst seien und auch die
Telefonbenüt
zung
ermöglichten.
Falls eine
beidohrige
Versorgung unmöglich sei, sei vor
zugsweise das rechte Ohr
zu versorgen. Es seien auch Versuche mit einem Tin
nitus-
Masker
-Kombigerät indiziert (Urk. 8/104 S. 2).
4.2.
4
Dr. med.
A._
, Fachärztin FMH für Innere Medizin, Leiterin Medizinische
Fach
stelle
Militärversicherung, Chefärztin Militärversicherung, gelangte in ihrer An
fang 2007 gestützt auf die Akten verfassten Stellungnahme (Urk. 8/106 S. 2 ff.)
zum Schluss
,
der Beschwerdeführer habe das Knalltrauma wohl nicht in der
1967
absolvierten RS, sondern 1971 oder 1972 während des Dienstes erlit
ten. Ein Tinni
tus sei bereits früh (1981) ausgewiesen. Die
betreffend den eben
falls doku
men
tierten gewissen Hörverlust in den Jahren
1981
, 1989, 2003, 2006 und 2007
durchgeführten Reintonaudiogramme
zeigten stets eine tiefe
Hoch
tonsenke
, recht
s mehr als links.
Gehe man davon aus, dass sich ein
knalltrau
matisch
ge
setzter Hörverlust im Verlaufe der Jahre nicht verschlechtere, so er
gebe sich ge
stützt auf die in zeitlich engem Abstand zum Trauma durchgeführ
ten
Reinton
au
diogramme
von 1981 und 1989 ein durch das Knalltrauma be
dingter
Hör
verlust
von rund 18 % rechts und von rund 4 % links (schlechtere Werte aus den
Reintonaudiogrammen von 198
1
und 1989).
Für diesen
Hörver
lust
bestehe seitens
der Militärversicherung eine Leistungspflicht. Da der dienst
liche Hörschaden einen (Gross-)Teil des Gesamtschadens ausmache, habe die Militärversicherung für die Hörgerätversorgung aufzukommen. Der
Integritäts
schaden
lasse sich erst nach
Anpassung
der
Hörgeräte und einer gewissen
An
gewöhnungsphase
beur
teilen (Urk. 8/106 S. 3).
4.2.5
Gemäss Hör
geräte-
Anpassungsbericht vom 6. Mai 2008
brachte die
Hörgeräte
versorgung
eine deutliche Verbesserung der Sprachverständlichkeit
und eine Verdeckung des
Tinnitus
(Urk. 8/144 S. 3). Ohne Hörgerät betrage das Sprach
ver
stehen
im
FF
beidohrig
80 %, mit Hörgerät habe sich ein Sprachverstehen FF
binaural
von 95 % gezeigt (Urk. 8/144 S. 2).
4.2.6
Im Schlussbericht betreffend Hörgeräteabgabe vom 24. Juni 2008 (Urk. 8/148) gab Dr. med.
B._
, Facharzt FMH für Ohren-, Nasen-, Halskrankheiten, Hals-
und Gesichtschirurgie, an, die Schlussexpertise sei mit der maximal mög
lichen Punktzahl bestanden
worden
.
4.2.7
Am 26. Juni 2008 gab Dr.
B._
an, der Beschwerdeführer sei mit den Hör
geräten sehr zufrieden. Er trage sie täglich, insbesondere im Rahmen seiner Tätigkeit als Professor an einer technischen Hochschule,
wo er
sich
nun
mit den Studenten viel besser verständigen könne. Er habe auf den
Tinnitusmasker
ver
zichtet, wegen der Hochtonschwerhörigkeit indes Hörgeräte der Stufe 4
(statt
der Stufe 1) benötigt. Aus ohrenärztlicher Sicht erscheine der Hochtonzusatz von
25 Punkten sinnvoll; die Militärversicherung werde daher ersucht, die Fi
nan
zie
rung
der Indikationsstufe 4 zu bewilligen (Urk. 8/148).
4.2.8
Telefonisch gab Dr.
B._
am 20. Oktober 2008 gegenüber dem zuständi
gen Mitarbeiter der Militärversicherung an, der Beschwerdeführer, der beruflich mit Studenten zu tun habe, habe vor allem Probleme mit dem Tinnitus. Wegen des rapiden Hochtonabfalls müsse die von den Ärzten des
Spitals Y._
, Klinik für Ohren-, Nasen-
,
Hals- und Gesichtschirurgie, vorgenommene Punkteberechnung korrigiert werden. Es sei eine erneute Untersuchung mit
Reinton- beziehungsweise Sprachaudiogramm
angezeigt
(Urk. 8/156).
4.2.9
Gestützt auf die Ergebnisse der Untersuchung vom 12. Dezember 2008 hielt Dr.
B._
am 18. Dezember 2008 fest, im Reintonaudiogramm
habe sich
eine Verschlechterung des Gehörs gegenüber der Erstexpertise der Ärzte des
Spitals Y._
, Klinik für Ohren-, Nasen-
,
Hals- und
Gesichtschirur
gie
,
ergeben. Rechts betrage der CPT-AMA nun 35,1 % (Januar 2007: 26,9 %) und links 34,4 % (Januar 2007: 17,2 %). Die Ärzte des
Spitals Y._
hätten
im Januar 2007 25 zusätzliche Punkte für den Hochtonabfall nicht be
rück
sichtigt; insofe
rn habe bereits
zu jenem Zeitpunkt
eine Bere
chtigung für
Hörgeräte der
Indikationsstufe 2 bestanden. Betreffend den damals empfohlenen
Tinnitusmasker
habe der Beschwerdeführer festgestellt, dass ein solcher weniger nütze als ein besseres Hörgerät einer höheren Stufe.
Dies sei durchaus nachvoll
ziehbar,
weise der Tinnitus doch eine höhere Frequenz
auf
als die vom
Tinni
tus
masker
produzierten
relativ tiefe
n
Frequenzen
. Mit den
beiden Hörgeräte
n
der
höchsten Indikationsstufe (Ur
k. 8/157 S. 2)
sei die
Verständigung bei
Umge
bungs
lärm
nun genügend
und
die
Verdeckung des Tinnitus
zufriedenstellend
(Urk. 8/157 S. 1)
4.2.10
In seiner abschliessenden Beurteilung
vom 21. April 2009 (Urk. 8/162) gab Dr.
B._
an, die als Folge des Schiesszwischenfalls eingetretene Gehör
schädigung sei aus medizinischer Sicht soweit als möglich stabilisiert.
Von
me
dizinische
n
Massnahmen
sei kein Behandlungserfolg mehr zu erwarten
. Mit der
binauralen
Anpassung der zu jenem Zeitpunkt besten Hörgeräte
sei das Hör
ver
mögen unvollständig, aber bestmöglich verbessert worden. Mit der
Gehör
schäd
i
gung
gehe ein Hochton-Tinnitus einher, welcher der Gehörschädigung ent
spreche.
Dieser störe bei
Tätigkeiten, für
die eigentlich Ruhe nötig wäre (
so etwa
Studieren, Lesen und Einschlafen beziehungsweise Wiedereinschlafen nach nächt
lichem Aufwachen
), erheblich
. Der Tinnitus lasse sich derzeit nicht medi
zi
nisch oder pharmakologisch behandeln. Bei einer Verschlimmerung der Wahr
nehmung des Tinnitus sei eine erneute Psychotherapie indiziert (Urk. 8/162).
4.2.11
Nachdem sie den Beschwerdeführer am 30. Juni 2009 untersucht hatten, stellten Dr.
A._
und Dr. med.
C._
, Facharzt FMH für Chirurgie, speziell
Allge
meinchirurgie
und Unfallchirurgie, Kreisarzt der SUVA, Militärversicherung, in
ihrer Integritätsschadenbeurteilung vom 8. Juli 2009 folgende Diagnosen (Urk. 8/168
S. 1):
Sensorineurale
Hochtonschwerhörigkeit beidseits
Tinnitus
auris
Aufgrund des Berichts von Dr.
B._
vom 21. April 2009 (Urk. 8/162) sei davon auszugehen, dass sich die Gehörschädigung nicht mehr
optimieren
lasse und das
H
örvermögen durch die
binaurale
Anpassung der Hörgeräte best
mög
lich verbessert worden sei. Insofern seien die Voraussetzungen zur Beurtei
lung des Integritätsschadens nun erfüllt (Urk. 8/168 S. 4).
Angesichts des versi
cherten Hörverlust
s
von 18 % rechts und von 4 % links liege kein im Sinne des MVG erheblicher Hörschaden vor; selbst unte
r Berücksichtigung des gesamten
, mithin auch des nachdienstlich verursachten beziehungsweise hinzugetretenen,
Hör
scha
dens
von 35,1 % rechts und von 34,4 % links werde die
Erheblich
keits
schwelle
nicht erreicht. Aufgrund der apparativen Hörgeräteversorgung und der abnormen Lärmempfindlichkeit resultiere aus der knalltraumatisch be
dingten Hörverminderung eine Integritätseinbusse von 5 % (2,5 % für
die
Not
wendigkeit der Hörgeräteversorgung und 2,5 % für
die
Lärmempfindlichkeit; Urk. 8/168 S. 7). Was den Tinnitus anbelange, werde
zugunsten des Beschwer
deführers ge
stützt auf dessen aktuelle – sich nicht ohne
Weiteres
mit den Aus
führungen der
behandelnden Psychologin vereinbaren lassende
(vgl. Urk. 8/160)
– Angaben vo
n einem sehr schweren Tinnitus ausgegangen. Da dieser einen Integritätsschaden in Höhe von ebenfalls 5 % darstelle, belaufe sich der gesamte Schaden auf 10 % (Urk. 8/168 S. 7 f.).
4.2.12
Nach Kenntnisnahme
des
vom Beschwerdeführer gegen den Vorbescheid vom 30. Juli 2009 betreffend
Zusprache
einer Integritätsschadenrente von 10 % (Urk.
8
/170) erhobenen Einwands (Urk. 8/177) hielt Kreisarzt Dr.
C._
am 22. September 2009 fest, dass an der Beurteilung vom 8. Juli 2009 (Urk. 8/168) festzuhalten sei (Urk. 8/178).
4.3
4.3.1
Hinsichtlich des
Hö
rverlusts
bildet praxisgemäss das Reinton
aud
i
o
gramm die Grundlage für die Ermittlung der Integritätsschadenrichtwerte. Das aussage
kräf
tigere Sprachaudiogramm kann zur Kontrolle beziehungsweise Bestätigung des
Reintonaudiogramms herangezogen werden. Wegen der unterschiedlichen Durch
führung des Sprachaudiogramms in den verschiedenen Sprachregionen ist ein Vergleich jedoch kaum möglich. Das Sprachaudiogramm eignet sich daher nicht als Grundlage für eine rechtsgleiche Integritätsschadenbeurteilung. Auf
grund des Reintonaudiogramms wird der prozentuale Hörverlust aus der soge
nannten AMA-Tabelle berechnet. Der Hörverlust ist die Summe der Wert
e
in den sprach
lich wichtigen Frequenzen von 500, 1000, 2000 und 4000 Hz (vgl.
Maeschi
/
Schmidhauser
, Die Abgeltung von Integritätsschäden in der Militär
versicherung, SZS 2007 S. 196).
4.3.2
Die im Laufe der Zeit durchgeführten Reintonaudiogramme ergaben beim Be
schwerdeführer einen zunehmenden Hörverlust
. Dr.
A._
und Dr.
C._
gelangten mit überzeugender Begründung zum Schluss, dass der durch das ver
sicherte Ereignis bedingte Hörverlust (höchstens) 18 %
rechts
beziehungsweise 4 % links betrage (
Urk
8/168 S. 7).
Inwieweit der Hörschaden von
zuletzt
ins
ge
samt
35,1
% rechts und von 34,4 % links (Urk. 8/
157, U
rk. 8/168 S. 7)
auf das
militärversicherte Ereignis, das sich ursprünglich kaum nennenswert auf das Hör
vermögen ausgewirkt hatte, zurückzuführen ist, kann, wie sich im Folgen
den ergibt,
vorliegend
offen bleiben.
4.3.3
Ein einseitiger Hörverlust von 50 % stellt praxisgemäss einen Integritätsschaden von 2,5 %
dar
. Von einem beidseitigen Hörverlust ist bei der Beurteilung des Integritätsschadens auszugehen, wenn
das bessere Ohr einen versicherten
Hör
verlust
von wenigstens 35 % aufweist. Beim Beschwerdeführer ist aufgrund der
erwähnten Werte lediglich von einem einseitigen Hörverlust auszugehen, wel
cher
unter dem
für einen Anspruch auf eine Integritäts
schadenrente
erforderli
chen Mindestwert
von 50
%
liegt
.
Erreicht der prozentuale Hörverlust den Richtwert von 2,5 % nicht, ist jedoch wegen der ungewöhnlichen Benachteili
gung in der allgemeinen Lebensgestaltung, namentlich auch im persönlichen Umfeld, eine
Hörgeräteversorgung notwendig, besteht in der Regel Anspruch auf eine
Inte
gri
tätsschadenrente
von 2,5 %. Bei abnormer Lärmempfindlichkeit erhöht sich der Integritätsschade
n
-Richtwert in der Regel um eine Stufe, mithin um 2,5 % (SZS 2007 S. 199).
Angesichts der schliesslich im Jahr 2008 erfolgten
Hörgeräte
ver
sorgung
(Urk. 8/144) und der
Hyperakusis
(vgl. etwa Urk. 8/83
S. 2) ist die für den
H
örverlust zugesprochene Integritätsschadenrente von 5 % nicht zu bean
stan
den. Die Vorbringen des Beschwerdeführers
(Urk. 1, Urk. 11)
vermögen an
diesem Ergebnis nichts zu ändern. Dass nicht sämtliche Verlet
zung
en
der kör
perlichen Unversehrtheit entschädig
ungspflichtig sind
,
ergibt sich schon aus
Art. 48 Abs. 1 MVG
, der
ausschliesslich bei „dauernden erheblichen Beeinträch
tigungen“ ein
en
Anspruch auf eine Integritätsschadenrente
vorsieht
.
Dass erst bei Erreichen eines gewissen Schwellenwerts
sozialversicherungs
rechtliche
Leis
tungen ausgerichtet werden, ist im Übrigen systemimmanent und per se weder gesetzes- noch verfassungswidrig
(h
inzuweisen ist in diesem Zu
sammenhang etwa darauf, dass Anspruch auf eine Rente der Invalidenversi
cherung erst ab einem Invaliditätsgrad von 40 % besteht
)
.
Die
militärversiche
rungsrechtliche
Festsetzung des Integritätsschadens nach den dargelegten Grundsätzen und Richtlinien entspricht einer jahrelangen Praxis.
Anlass
, davon abzuwei
ch
en
, be
steht nicht
.
4.4
4.4.1
Was den Tinnitus anbelangt, ist rechtsprechungsgemäss zwischen objektivem und subjektivem
Tinnitus
zu unterscheiden. Der
objektive Tinnitus
bezeichnet
ein Ohrgeräusch, welches aufgrund pathologisch-anatomischer Veränderungen entsteht und grundsätzlich auch für Aussenstehende - allenfalls mit technischen
Hilfsmitteln - hörbar wird. Meist handelt es sich um gefässreiche Missbildun
gen,
Tumore oder um muskulär bedingte Schallgeräusche. Der subjektive
(res
pektive
"nicht objektive"
)
Tinnitus wird einzig durch den Betroffenen gehört und stellt die weitaus häufigste Form dar. Der objektive Tinnitus wird auch
als "
Körper
ge
räusch
" bezeichnet (vgl. BGE 138 V 248 E. 5.7.2 mit Hinweisen). Es besteht keine
medizinisch gesicherte Grun
dlage
, um einen
subjektiven
Tinnitus als körper
li
ches Leiden zu betrachten oder
ihn
(zwingend) einer organischen Ursache zu
zuordnen. Auch lässt sich nicht vom Schweregrad eines Tinnitus auf eine orga
nische Unfallfolge als Ursache schliessen. Das schliesst
indes
nicht aus, dass ein Tinnitus in einer organischen
Unfallfolge begründet sein kann (vgl. BGE 138 V 248 E. 5.10).
4.4.2
Der Tinnitus des Beschwerdeführers beziehungsweise ein
e
diesem Leiden zu
grunde liegende organische Schädigung konnte nicht mit apparati
ven/
bild
ge
ben
den
Abklärungen bestätigt werden (vgl.
dazu
BGE
138
V 248 E. 5.2), und in den Bericht
en der behandelnden und untersuchenden Ärzte
gibt es
keine An
haltspunkte für eine organische Ursache in Form etwa einer
Missbildung
, eines
Tumor
s
oder
einer muskulären
Veränderung
(Urk. 21 S
.
6).
Am fehlenden Nach
weis einer organisch objektivierbaren Grundlage der fraglichen gesund
heit
lichen
Beeinträchtigung vermag auch der
Umstand, dass
nebst dem
Tinnitus
noch
eine Gehörschädigung besteht, nichts zu ändern.
Da d
ie vom Beschwer
deführer ein
gereichten medizinischen Abhandlungen (Urk. 22/1-4
) ebenfalls keinen Anlass
geben, von der vom
Bundesgericht in BGE 138 V 248 begründe
ten und seither wiederholt bestätigten Änderung der Rechtsprechung
zum (sub
jektiven) Tinnitus abzuweichen, hat eine besondere Adäquanzprüfung zu erfol
gen.
4.4.3
Weil der Beschwerdeführer sich beim fraglichen dienstlichen Unfall weder ein
Schleudertrauma der Halswirbelsäule noch ein Schädelhirntrauma zugezogen hat,
ist die Beurteilung der Adäquanz nach der
bei
psychische
n
Fehlentwicklun
gen
zur Anwendung gelangenden
Praxis nach BGE 115 V 133 vorzunehmen.
Zum
–
nach der Erinnerung des Beschwerdeführers
während der RS im Jahr 1968 oder während des WK 1971 oder 1972 – erlittenen, mangels entsprechen
der Meldung
d
amals nicht dokumentierten
Knalltrauma kam es, weil ein ande
rer Soldat bei einer Schiessübung, anlässlich welcher der Beschwerdeführer
Ge
hörschutz
pfro
p
fen
getragen hatte, versehentlich eine „Salve“
abgab
(Urk. 8/34). Dies löste beim Beschwerdeführer für zwei bis vier Tage Ohrenläuten aus.
Auf
grund des ge
schilderten Hergangs und der dabei wirkenden Kräften ist das fragliche Ereignis als leichter Unfall zu qualifizieren
, der nach dem gewöhnli
chen Lauf der Dinge und nach der allgemeinen Lebenserfahrung nicht geeignet war, einen anhalten
den Tinnitus zu bewirken
. Der adäquate Kausalzusammen
hang
zwischen der genannten gesundheitlichen Beeinträchtigung und dem dienstlichen Vorfall wäre im Übrigen selbst
dann zu verneinen, wenn man von einem mittelschwe
ren Unfall im Grenzbereich zu den leichten Geschehnissen ausginge. Aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers war der Unfall nämlich weder von be
sonderer Eindrücklichkeit, noch lagen besondere Begleitumstände vor
. Die – erst Jahre später
und
eher
zufällig festgestellte
(vgl. Urk. 8/41 S. 2)
–
Gehör
schä
di
gung
war nicht derart gravierend, dass das Kriterium der Schwere oder der besonderen Art der erlittenen Verletzung zu bejahen wäre. Für eine ärztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, gibt es keine Anhaltspunkte. Auch von einem schwierigen Heilungsverlauf und erheb
lichen Komplikationen kann nicht gesprochen werden. Der Beschwerde
führer verspürte nach dem Unfall lediglich während rund einer halben Woche „
Ohren
läuten
“,
was ihn nicht zu einer
Arzt
konsultation veranlasste
.
Da
sich
die – erst Jahre nach dem fraglichen Ereignis initiierte - Therapie
in einer
Hörgerä
tever
sorgung
erschöpfte
(Urk. 8/41 S. 4 f.,
Urk. 8/50 S. 3,
Urk. 8/162)
,
liegt auch keine
unge
w
öhnlich lange Dauer der ärztlichen Behandlung vor. Angesichts der
wäh
rend langer Zeit kaum erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigung
(Urk. 8/41
S. 3 f., Urk.
8/50 S. 3 f.)
und der
über 30 Jahre nach dem Unfall erstmals – wohl weniger wegen der Hochtonschwerhörigkeit als aufgrund des (vorliegend nicht relevanten) Tinnitus - attestierten Arbeitsunfähigkeit
(
Urk. 8/50 S. 2 und S. 4,
Urk. 8/83 S. 3)
ist weder
das Kriterium de
s Grads und der Dauer der physisch bedingten Arbeitsunfähigkeit
noch
dasjenige der
Dau
erschmerzen
erfüllt.
4.4.4
Weil
nach dem Gesagten
weder
ein einzelnes Kriterium in besonders ausgepräg
ter Form noch die massgebenden Kriterien in geh
ä
ufter oder besonders auffal
len
der Weise erfüllt sin
d, besteht zwischen dem dienstlichen Knalltrauma – selbst
wenn dieses nicht als leichter, sondern als mittelschwerer Unfall im
Grenz
be
reich
zu den leichten Ereignissen qualifiziert wird – und dem Tinnitus jedenfalls kein
rechtsgenüglicher
Zusammenhang. Ein
Integritätsschadenrenten
anspruch
be
treffend den Tinnitus fällt demnach ausser Betracht.
4.5
4.5.1
Da nach
dem Gesagten die Bemessung de
r
aufgrund de
s Hörverlusts
bestehen
den
Integritätseinbusse mit 5 % nicht zu beanstanden ist und
aus dem
Tinnitus kein
entschädigungspflichtiger Integritätsschaden resultiert
, hat der Beschwer
deführer
Anspruch auf eine Integritätsschadenrente
von 5 %
.
4.5.2
Ü
ber den aus dem Knalltrauma resultierenden Integritätsschaden konnte erst be
funden werden, als die ärztliche Behandlung abgeschlossen war beziehungs
weise
als
feststand, dass weitere medizinische Massnahmen keinen namhaften Erfolg mehr zeitigen würden (vgl. E.
1.2).
Angesichts der Tatsache, dass die ab
schliessen
de Beurteilung durch Dr.
B._
erst am 21. April 2009 erging
(Urk. 8/162) und die Integritätsschadenbeurteilung durch Dr.
A._
und Dr.
C._
am 8. Juli 2009 erfolgt
e
(Urk. 8/168), ist
die
Festsetzung des Be
ginns der Integritätsschadenrente
auf
de
n
1. Juni 2008
(Urk. 2)
jedenfalls auf
k
einen zu späten Zeitpunkt erfolgt (Urk. 1 S. 2)
.
Für die
Ermittlung
des
Renten
betrags
ist demnach der in jenem Jahr gültige Jahresrentenansatz massgebend (Art. 49 Abs. 4 MVG in Verbindung mit Art. 26 Abs. 1 MVV
; Urk. 1 S. 2
).
4.5.3
Nach Art. 9
Abs.
2 MVG
ist – in Abweichung von Art. 26 Abs. 2 ATSG – nur bei einem
trölerischen
oder widerrechtlichen Verhalten der Militärversicherung
ein (Verzugs-)Zins
zu leisten
(Urk. 1 S. 2)
. Für ein solches gibt es in den Akten keine Anhaltspunkt
e.
4.6
Zusammenfassend ergibt sich, dass der Beschwerdeführer ab dem 1. Juni 2008 Anspruch auf eine Integritätsschadenrente von 5 % hat, wobei die
Militärversi
cherung
die nachzuzahlenden
Rentenbetreffnisse
nicht zu verzinsen hat.