Decision ID: 6f5c0ca3-3eb6-5efe-928b-a3476ad8b464
Year: 2019
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Der Beschwerdeführer reichte für das bestehende Einfamilienhaus auf der Parzelle
Hermrigen Grundbuchblatt Nr. C._ am 27. Juni 2018 ein Baugesuch ein für
folgendes Vorhaben: «Teil-Balkonverglasung West- und Nordseite mit Ganzglas-
Faltwand». Zusammen mit dem Baugesuch reichte er ein Ausnahmegesuch ein für die
Unterschreitung des Abstands zum benachbarten D._bach sowie für das Bauen
ausserhalb der Baulinien.
2. Die Gemeinde Hermrigen teilte dem Beschwerdeführer mit Schreiben vom 1. Oktober
2018 mit, die vorgesehene Balkonverglasung sei voraussichtlich nicht bewilligungsfähig.
Sie gab dem Beschwerdeführer Gelegenheit zur Stellungnahme sowie zum Rückzug des
Baugesuchs oder zur Abänderung des Projekts.
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3. Mit Schreiben vom 22. Oktober 2018 teilte die Projektverfasserin im Auftrag des
Beschwerdeführers mit, an der Baueingabe werde festgehalten. Die Gemeinde werde
gebeten, die Unterlagen noch einmal anzusehen und den Entscheid zu überprüfen.
4. Die Gemeinde erteilte dem Vorhaben daraufhin am 14. Januar 2019 den
Bauabschlag, ohne das Baugesuch vorher veröffentlicht zu haben. Gegen den
Bauabschlag reichte der Beschwerdeführer am 14. Februar 2019 Beschwerde bei der Bau-
, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Er beantragt die Aufhebung
des Bauentscheids vom 14. Januar 2019 und die Rückweisung der Sache an die
Vorinstanz zur Weiterführung des Baubewilligungsverfahrens und zur Erteilung der
Baubewilligung.
5. Das Rechtsamt, das die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, führte den
Schriftenwechsel durch und holte die Vorakten ein. Die Gemeinde Hermrigen beantragt in
der Vernehmlassung vom 21. März 2019 die Abweisung der Beschwerde. Anschliessend
holte das Rechtsamt die Baubewilligungsakten des Einfamilienhauses ein. Zudem zog es
die vollständigen Planungsunterlagen zur Überbauungsordnung «E._»
(ursprünglich «F._») sowie die Unterlagen zur Teilrevision «Ortsplanung
Naturgefahren und Gewässerraum» bei. Schliesslich gab es den Beteiligten Gelegenheit,
Schlussbemerkungen einzureichen. Von dieser Möglichkeit machte der Beschwerdeführer
mit Eingabe vom 3. Juni 2019 Gebrauch.
Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid wesentlich, in den nachfolgenden
Erwägungen eingegangen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (Organisationsverordnung BVE, OrV BVE; BSG 152.221.191)
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II. Erwägungen
1. Eintretensvoraussetzungen
a) Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig.
b) Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchstellerinnen, die Baugesuchsteller, die
Einsprecherinnen, die Einsprecher und die zuständige Gemeindebehörde (Art. 40
Abs. 2 BauG). Der Beschwerdeführer, dessen Baugesuch abgewiesen wurde, ist durch
den vorinstanzlichen Entscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung legitimiert.
Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Überbauungsordnung (ÜO) «E._», Ausgangslage
a) Die betroffene Liegenschaft des Beschwerdeführers befindet sich im Perimeter der
ÜO «E._». Die ÜO beinhaltet einen Überbauungsplan und
Überbauungsvorschriften (ÜV). Im Gebiet der ÜO «E._» befinden sich fünf mit
Baulinien begrenzte Sektoren. Diese Sektoren bestimmen die mit Hauptbauten
überbaubaren Flächen (Art. 7 ÜV). Die Baulinien legen somit die Grenze fest, bis an
welche gebaut werden darf (vgl. Art. 8 Abs. 1 ÜV). Innerhalb der Sektoren 1 bis 4 sind
mittels Gestaltungsbaulinien Baufelder ausgeschieden. Diese bestimmen die Lage, die
minimalen Gebäudeabstände sowie die maximalen Gebäudelängen und -breiten der
Hauptbauten (Art. 10 Abs. 1 und 2 ÜV).
b) Die bestehende Liegenschaft des Beschwerdeführers wurde mit Entscheid der
Gemeinde Hermrigen vom 3. März 2016 bewilligt. Sie befindet sich im Sektor 3.1 der ÜO.
Das Wohnhaus liegt in der Ecke Nord-West des Sektors. Die Nord- und Westfassade des
Wohnhauses verlaufen damit entlang der Baulinien. Der betroffene Balkon wurde
zusammen mit dem Wohnhaus errichtet und ist bereits bestehend. Er verläuft über die
2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721.0)
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gesamte Südseite des Hauses und ist insgesamt rund 12 m lang. Im östlichen und
westlichen Teil ist der Balkon breiter. Die beiden breiten Balkonenden im Westen und
Osten sind durch einen schmaleren Mittelteil miteinander verbunden.
c) Die Hausfassade weist bei der Ecke Süd-West einen Rücksprung auf. Der Beginn
der Westfassade des Hauses ist daher gegenüber dem Ende der langen Seite der
Südfassade rückversetzt. In diesem westlichen Teil ragt der Balkon unbestritten rund 1.4 m
über die Westfassade und damit über die Baulinie hinaus. Er verläuft über Eck und
schliesst nach ca. 4 m an den Beginn der rückversetzten Westfassade an. In diesem
breiteren Westbereich ist der Balkon zudem überdeckt.
d) Die Glasfaltwand soll im beschriebenen Westbereich des Balkons erstellt werden.
Das vom Vorhaben betroffene, breite Westende des Balkons ist somit überdacht und
verläuft über den Rücksprung der Süd-West-Fassade des Hauses. Der Teil, der
ausserhalb der Baulinie liegt, ist nördlich und südlich rund 1.4 m breit und westlich ca. 4 m
lang. Der Beschwerdeführer plant, die ausklappbare Glasfaltwand entlang der Nord- und
Westseite dieses Balkonteils anzubringen.
3. Überbauungsordnung (ÜO) «E._», «offener» Balkon
a) Die Vorinstanz ist der Ansicht, die ÜV würden nur «offene» vorspringende Bauteile
ausserhalb des Baufelds zulassen. Der Balkon müsse daher offen sein, damit er über die
Baulinie ragen dürfe. Weder im Gesetz noch in der Rechtsprechung oder im Baureglement
Hermrigen werde definiert, wann ein Balkon «offen» sei. Die Gemeinde lege den Begriff
des «offenen Balkons» restriktiv aus und komme im Rahmen des ihr zustehenden
Ermessensspielraums zum Schluss, dass ein offener Balkon nur dann vorliege, wenn er
auf keiner Seite eine Verglasung aufweise. Das umstrittene Vorhaben führe somit dazu,
dass der betroffene Balkon nicht mehr «offen» sei und nicht mehr über die Bauline ragen
dürfte.
b) Der Beschwerdeführer bringt demgegenüber vor, unter offenen Bauteilen seien
solche zu verstehen, die wenigstens nach einer Seite hin offen sind. Die umstrittene
Glasfaltwand solle nur entlang der Nord- und Westseite des Balkons installiert werden. Im
Süden und Osten bleibe der Balkon seitlich und auch gegen oben hin offen. Der Balkon sei
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daher auch mit der umstrittenen Glasfaltwand nach wie vor offen. Selbst wenn der Balkon
aber nicht mehr als «offen» qualifiziert werden könnte, sei das Vorhaben zulässig. Die ÜV
würden nämlich entgegen der Auffassung der Gemeinde nicht nur offene, sondern auch
geschlossene Balkone ausserhalb der Baufelder zulassen. Dies ergebe sich einerseits aus
einem Vergleich der massgebenden Norm der ÜV mit Art. 26 des Baureglements
Hermrigen3. Andererseits würden die ÜV auch Windfänge ausserhalb des Baufelds
erlauben. Ein Windfang sei ebenfalls ein geschlossener Bauteil.
c) Die massgebenden ÜV halten zu den Baulinien Folgendes fest: «Art. 7 Sektoren 1 - 5, a) Bedeutung
Die mit Baulinien begrenzten Sektoren 1 - 5 bestimmen die mit Hauptbauten überbaubaren
Flächen.»
«Art. 8 Sektoren 1 - 5, b) Baulinien 1 Die Baulinien legen die Grenze fest, bis an welche gebaut werden darf. 2 Einzelne vorspringende Bauteile, wie Vordächer, Windfänge, offene Balkone bis zu einer Tiefe von
maximal 2 m können über die Baulinie hinaus ragen, sofern gegenüber der Grundstücksgrenze ein
Abstand von wenigstens 2.50 m gewahrt bleibt.»
«Art. 10 Einzelüberbauung, a) Baufelder 1 Innerhalb der Sektoren 1 - 4 grenzen Gestaltungsbaulinien Baufelder ab. 2 Die Baufelder bestimmen die Lage, die minimalen Gebäudeabstände sowie die maximalen
Gebäudelängen und -breiten der Hauptbauten. 3 Für vorspringende Bauteile gilt Art. 7 Abs. 2 [recte: Art. 8 Abs. 2] analog.»
Art. 26 GBR, auf den sich der Beschwerdeführer bezieht, lautet wie folgt: «Art. 26 Anlagen und Bauten im Grenzabstand 1 Vorspringende offene Bauteile wie Vordächer, Vortreppen, Balkone jeder Art dürfen höchstens
1,5 m in den Grenzabstand hineinragen, wenn die von ihnen bedeckte Fassadenfläche weniger als
50 % pro Fassade ausmacht. 2 [...]»
d) Gemäss Art. 26 Abs. 1 GBR stellen Balkone jeder Art vorspringende offene Bauteile
dar. Der Begriff «offen» bezieht sich hier auf die (vorspringenden) Bauteile und nicht auf
die Balkone. Die Art der Balkone unterliegt keinen Einschränkungen («Balkone jeder Art»).
3 Baureglement der Gemeinde Hermrigen von 1992, genehmigt durch die kantonale Baudirektion am 28. Oktober 1993 (GBR)
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Demgegenüber bezieht sich der Begriff «offen» bei Art. 8 Abs. 2 ÜV ausdrücklich auf die
Balkone: Art. 8 Abs. 2 ÜV spricht zunächst von «einzelnen» vorspringenden Bauteilen und
konkretisiert im zweiten Satzteil, dass damit neben Vordächern und Windfängen auch
«offene Balkone» gemeint sind. Müssten die von Art. 8 Abs. 2 ÜV erfassten Balkone nicht
offen sein, hätte die Konkretisierung «offen» weggelassen oder die Formulierung des GBR
(«Balkone jeder Art») übernommen werden können. Es sind keine Gründe ersichtlich,
entgegen diesem eindeutigen Wortlaut davon auszugehen, dass auch geschlossene
Balkone von Art. 8 Abs. 2 ÜV mitumfasst sind. Es muss daher auch nicht abschliessend
geklärt werden, ob «einzelne vorspringende Bauteile» gemäss Art. 8 Abs. 2 ÜV in jedem
Fall offen sein müssen oder auch geschlossen sein können und ob ein Windfang als offen
oder geschlossen gilt. So oder anders dürfen gemäss den ÜV nur offene Balkone über die
Baulinie bzw. das Baufeld hinaus ragen.
e) Der Beschwerdeführer macht geltend, es sei der gesamte Balkon massgebend für
die Beurteilung, ob ein «offener» Balkon vorliege.
Wie dargelegt, befindet sich der betroffene Balkon an der Südfassade des
Einfamilienhauses. Er ist insgesamt rund 12 m lang. An der Gebäudecke Süd-West weist
die Haus-fassade einen Rücksprung auf. Nur gerade das in diesem Bereich über Eck
verlaufende Balkonende ragt über die Baulinie hinaus. Der ganz überwiegende restliche
Teil des Balkons befindet sich an der Südfassade innerhalb der Baulinie. Art. 8 Abs. 2 ÜV
regelt die Verhältnisse ausserhalb von Baulinien. Für die Frage, was ausserhalb der
Baulinie zulässig ist, sind daher nur die Bauteile ausserhalb der Baulinie zu beachten.
Andernfalls müsste eine allfällige Glasfaltwand am Ostende des vorliegenden Balkons
ebenfalls nach Art. 8 Abs. 2 ÜV beurteilt werden, obwohl sich ein solches Vorhaben
komplett innerhalb des Baufelds befinden würde. Die vom Beschwerdeführer verlangte
Gesamtbetrachtung des Balkons würde zudem dazu führen, dass die Masse des gesamten
Balkons berücksichtigt werden müssten. Art. 8 Abs. 2 ÜV schreibt eine Balkontiefe von
nicht mehr als 2 m vor. Der die Baulinie überragende Balkonteil weist eine Tiefe von rund
1.4 m auf. Die Tiefe des Gesamtbalkons von ca. 12 m würde die Vorgabe jedoch bei
weitem überschreiten. Die Gemeinde hat eine solche Gesamtbetrachtung bei der
ursprünglichen Bewilligung des Einfamilienhauses vom 3. März 2016 zu Recht nicht
vorgenommen und den westlichen Balkon(teil) schliesslich als mit Art. 8 Abs. 2 ÜV
vereinbar bzw. bewilligungsfähig betrachtet. Entsprechend ist auch im vorliegenden Fall
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nur die Situation ausserhalb der Baulinie massgebend für die Frage, ob der umstrittene
Balkon(teil) als «offen» gilt.
f) Art. 8 Abs. 2 ÜV lässt sich nicht explizit entnehmen, wann ein Balkon als «offen» gilt.
Die Norm ist damit auszulegen. Zur Anwendung gelangen die üblichen Methoden der
Gesetzesauslegung.4 Für die Frage, ob die Auslegung der Gemeinde haltbar ist, ist weiter
von Bedeutung, wie die Gemeinde die zur Diskussion stehende Gemeindevorschrift bisher
in der Praxis verstanden und gehandhabt hat.5 Da es um die Auslegung einer kommunalen
Vorschrift (ÜO) geht, ist zudem die Gemeindeautonomie zu beachten. Es ist vorab Sache
der Gemeinde, zu bestimmen, wie sie eine kommunale Vorschrift verstanden haben will.
Wird die Anwendung einer solchen Bestimmung Gegenstand eines
Beschwerdeverfahrens, haben die kantonalen Rechtsmittelinstanzen zu prüfen, ob die von
der Gemeinde geltend gemachte Auslegung rechtlich haltbar ist. Sie sind nicht befugt, die
kommunale Auslegung der Norm durch ihr eigenes Verständnis zu ersetzen, wenn die
Rechtsauffassung der Gemeinde betreffend den Inhalt, den Sinn und die Tragweite der
interessierenden Vorschrift rechtlich vertretbar erscheint.6
g) Die Gemeinde vertritt die Auffassung, ein offener Balkon sei nur ein Balkon, der keine
Seitenwände oder Verglasung aufweist. Nach Ansicht des Beschwerdeführers sind
dagegen unter offenen Bauteilen und damit unter offenen Balkonen solche zu verstehen,
die wenigstens nach einer Seite hin offen sind. Wie bereits die Vorinstanz zu Recht
festgehalten hat, bezieht sich die vom Beschwerdeführer hierzu zitierte Literatur auf die
zivilrechtlichen Abstandsbestimmungen des EG ZGB.7 Die in diesem Zusammenhang
verwendete Umschreibung kann nicht als allgemein gültige Definition des Begriffs «offen»
verwendet werden. So hielt auch das Verwaltungsgericht des Kantons Bern zum
mittlerweile aufgehobenen Art. 93 aBauV8 fest, «offen» könne ohne weitere Verdeutlichung
sowohl einseitig als auch mehrseitig offen bedeuten.9 Will die Vorinstanz vorliegend nur
solche Balkone als «offen» im Sinn von Art. 8 Abs. 2 ÜV qualifizieren, die auf keiner Seite
4 BGE 140 II 289 E. 3.2; Häfelin/Müller/Uhlmann, Allgemeines Verwaltungsrecht, 7. Aufl. 2016, N 177 ff. 5 BVR 2010 S. 113 E. 4.4, m.w.H. 6 BGer 1C_484/2016 vom 28. Juni 2017 E. 2.1.2; BVR 2007 S. 58 E. 4.3, m.w.H.; Häfelin/Müller/Uhlmann, a.a.O. N 1902 ff. 7 Gesetz vom 28. Mai 1911 betreffend die Einführung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (EG ZGB; BSG 211.1) 8 Bauverordnung vom 6. März 1985 (BauV; BSG 721.1) 9 So auch VGE 2015/121 vom 16. März 2016 E. 2.3
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eine Verglasung aufweisen, ist dies vor dem Hintergrund der Gemeindeautonomie nicht zu
beanstanden.
h) Art. 8 Abs. 2 ÜV enthält eine beispielhafte Aufzählung mit Bauteilen, welche die
Baulinien unter gewissen Voraussetzungen überschreiten dürfen. Dazu gehören neben
den offenen Balkonen auch Vordächer und Windfänge. Weder Vordächer noch Windfänge
stellen eigentliche Nutzflächen dar oder dienen dem längeren Aufenthalt von Menschen.
Balkone weisen demgegenüber eine vergleichsweise grössere Nutzungsmöglichkeit auf.
Während dies bereits auf offene Balkone zutreffen kann, lassen sich insbesondere
geschlossene Balkone wesentlich intensiver nutzen und können dem dauerhaften
Abstellen von Gartenmöbeln, Gerätschaften usw. oder dem längeren Verweilen von
Personen dienen. Solche Balkone sind nicht mehr vergleichbar mit Vordächern und
Windfängen. Sie sollen sich daher innerhalb der Baulinien befinden. Mit der Glasfaltwand
soll die rund 4 m lange Westseite und ca. 1.4 m breite Nordseite des massgebenden
Balkonteils abgedeckt werden können. Der Balkonteil ist zudem überdacht. Der
Beschwerdeführer führt aus, die Glasfaltwand soll als Wind- und Wetterschutz dienen und
würde bei schlechter Witterung aufgeklappt werden. Der Bereich ausserhalb der Baulinie
würde somit zu einer weitgehend wetterfesten Balkonnische ausserhalb der Baulinie
aufgewertet werden. Ein solcher Balkon(teil) ist nicht mehr vergleichbar mit einem blossen
Vordach oder einem Windfang. Es ist daher auch bei dieser systematischen Betrachtung
nicht zu beanstanden, dass die Gemeinde zum Schluss kommt, das Vorhaben
widerspreche Art. 8 Abs. 2 ÜV. Der von ihr erteilte Bauabschlag erweist sich als rechtlich
haltbar.
i) Dieses Ergebnis steht auch nicht im Widerspruch zur bisherigen Praxis der
Gemeinde: Die Vorinstanz weist im angefochtenen Entscheid vom 14. Januar 2019 explizit
darauf hin, dass mit dem vorliegenden Balkon kein Präjudiz geschaffen werden soll. Aus
den Akten ergeben sich denn auch keine Hinweise, dass die Gemeinde bisher
vergleichbare Balkone im Perimeter der ÜO «E._» ausserhalb von Baulinien
bewilligt hätte. Dies wird vom Beschwerdeführer auch nicht geltend gemacht.
4. Ausnahme zum Überschreiten der Baulinie
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a) Der Beschwerdeführer reichte im Baubewilligungsverfahren ein Ausnahmegesuch ein
für die Erstellung einer Sitzplatzverglasung ausserhalb des Baufelds. Zur Begründung
machte er geltend, der Sitzplatz mit Überdachung sei bereits bestehend. Die
Sitzplatzverglasung trete optisch nicht in Erscheinung, führe zu keiner Veränderung des
Erscheinungsbilds und der Grösse des gesamten Baukörpers. Der Ausnahmebewilligung
stünden weder öffentliche noch private Interessen entgegen.
Die Vorinstanz führt im angefochtenen Entscheid demgegenüber aus, die geltend
gemachten Ausnahmegründe würden sich nicht von anderen, gleichgearteten
Bauvorhaben abheben.
b) Die ÜV enthalten keine Bestimmungen zu Ausnahmen. Gemäss Art. 3 Abs. 2 ÜV gilt
in solchen Fällen die baurechtliche Grundordnung ersatzweise. Für die Erteilung von
Ausnahmen verweist Art. 6 GBR auf das übergeordnete Recht. Demnach gelangt
Art. 26 BauG zur Anwendung. Laut Art. 26 BauG können Ausnahmen von einzelnen
Bauvorschriften bewilligt werden, wenn besondere Verhältnisse es rechtfertigen und wenn
keine öffentlichen Interessen beeinträchtigt werden. Ausnahmen dürfen überdies keine
wesentlichen nachbarlichen Interessen verletzen, es sei denn, die Beeinträchtigung könne
durch Entschädigung vollwertig ausgeglichen werden. Diese Voraussetzungen müssen
kumulativ erfüllt sein. Eine Ausnahmebewilligung soll die gesetzliche Regelung, die im
Interesse der Rechtssicherheit sowie der Rechtsgleichheit die tatsächlichen Verhältnisse
generalisierend erfasst, einzelfallgerecht verfeinern. Dabei geht es um die Behebung einer
unverhältnismässigen Härte oder offensichtlichen Unzweckmässigkeit, d.h. einer mit dem
Erlass der Vorschrift nicht beabsichtigten Wirkung. Ausnahmegründe müssen mit den
Besonderheiten des Baugrundstücks oder des Bauvorhabens zusammenhängen; mit
anderen Worten müssen im konkreten Einzelfall spezielle, vom Normalfall abweichende
Umstände vorliegen. Rein finanzielle Interessen, der Wunsch nach einer Ideallösung oder
intensives Ausnützungsstreben rechtfertigen keine Ausnahmebewilligung.10 Sodann ist
vorliegend zu beachten, dass bei der Gewährung von Ausnahmen besondere
Zurückhaltung geboten ist, wenn von den Vorschriften einer Überbauungsordnung
10 Vgl. zum Ganzen Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 4. Aufl., Band I, Bern 2013, Art. 26-27 N. 4 ff., m.w.H.; BVR 1977 S. 21 E. 2.2.2
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abgewichen werden soll, stellen diese Sondervorschriften doch schon so eine detailliertere,
auf die speziellen Verhältnisse abgestimmte baurechtliche Ordnung dar.11
c) Mit der Glasfaltwand beabsichtigt der Beschwerdeführer einen besseren Wind- und
Wetterschutz für seinen Balkon. Das Vorhaben kommt damit dem Wunsch nach einer
Ideallösung gleich. Die bequemere Balkonnutzung ist kein besonderer Einzelfall im Sinne
des Gesetzes und vermag keinen wichtigen Grund für eine Ausnahmebewilligung
darzustellen. Ebenfalls unerheblich ist, dass der Balkon bereits besteht. Im Gegenteil liegt
in der Benützung des Balkons wie bis anhin, also ohne Glasfaltwand, keine
unverhältnismässige Härte. Es ist daher auch unerheblich, ob die Glasfaltwand optisch in
Erscheinung treten würde oder nicht. Die Vorinstanz hat das Vorliegen von
Ausnahmegründen zu Recht verneint. Selbst der Beschwerdeführer macht in seiner
Beschwerde nicht mehr geltend, es würden besondere Verhältnisse für eine allfällige
Ausnahme vorliegen.
5. Gewässerraum / Gewässerabstand
a) Der Balkon befindet sich auf der Westseite in der Nähe des D._bachs. Die
Vorinstanz führt in der Stellungnahme vom 19. März 2019 aus, das geplante Vorhaben
verletze den Gewässerabstand.
b) aArt. 18 des Baureglements der Gemeinde Hermrigen bestimmte unter der
Marginalie «Bauabstand von Gewässern», dass der Bauabstand von stehenden oder
fliessenden Oberflächengewässern 10 m beträgt. Mit der Teilrevision «Ortsplanung
Naturgefahren und Gewässerraum» wurde die Bestimmung revidiert. Neu lautet die
Marginalie «Gewässerraum». Gemäss Abs. 2 der revidierten Norm wird der Gewässerraum
für Fliessgewässer im Zonenplan Naturgefahren und Gewässerraum festgelegt. Die
Teilrevision wurde vom Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) mit Verfügung vom
8. Oktober 2018 genehmigt.
c) Nach dem neuen Zonenplan Naturgefahren und Gewässerraum befindet sich der
Balkon ausserhalb des Gewässerraums. Indem die Vorinstanz dennoch die Einhaltung des
11 Zaugg/Ludwig, Band I, a.a.O., Art. 26-27 N. 4, mit Verweis auf VGE 21198/21200 vom 18. Dezember 2003, E. 3.4.3.
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Gewässerabstands verlangt, scheint sie von der Anwendung des aArt. 18 GBR
auszugehen. Demgegenüber macht der Beschwerdeführer in den Schlussbemerkungen
vom 3. Juni 2019 geltend, das neue Recht sei massgebend.
d) Ob Art. 18 GBR in der Version vor oder nach der Teilrevision anwendbar ist, kann
offen bleiben. Wie sich aus den vorstehenden Ausführungen ergibt, erfüllt das Vorhaben
unabhängig von einem allfällig zu beachtenden Gewässerabstand die Voraussetzung für
eine Bewilligungserteilung nicht.
6. Zusammenfassung und Kosten
a) Zusammenfassend ist das Vorhaben nicht bewilligungsfähig. Die Vorinstanz durfte
das Vorhaben ohne Bekanntmachung abweisen (Art. 24 Abs. 2 BewD12). Die Beschwerde
vom 14. Februar 2019 ist daher abzuweisen. Bei diesem Ausgang des Verfahrens
unterliegt der Beschwerdeführer. Er hat die Verfahrenskosten zu tragen (Art. 108
Abs. 1 VRPG13). Diese werden bestimmt auf eine Pauschalgebühr von Fr. 1'200.– (Art. 103
Abs. 2 VRPG in Verbindung mit Art. 19 Abs. 1 GebV14).
b) Parteikosten werden keine gesprochen (Art. 104 Abs. 1 und 4 VRPG).