Decision ID: 0116cb3f-6b83-53f7-bc61-adc246080e3f
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Jürg Jakob, Rosenbergstrasse 42b,
9000 St. Gallen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Hilfsmittel (Hörgeräte)
Sachverhalt:
A.
Der als Polizeibeamter im Aussendienst tätige A._ ersuchte - unter Hinweis auf eine
seit Juni bzw. Juli 2009 aufgefallene Schwerhörigkeit - die Sozialversicherungsanstalt
des Kantons St. Gallen, IV-Stelle, mit Anmeldung vom 26. Oktober 2009 um eine
erstmalige Versorgung mit Hörgeräten und beruflichem Zubehör (IV-act. 1, 2).
B.
Sowohl eine ärztliche Erstexpertise des Dr. med. B._, Spezialarzt FMH für Hals-,
Nasen-, Ohrenkrankheiten, Hals- und Gesichtschirurgie, vom 2. November 2009 (IV-
act. 7) als auch eine ärztliche Folgeexpertise des Dr. med. C._, Otorhinolaryngologie
FMH, vom 4. Dezember 2009 (IV-act. 11) ergaben, dass eine beidseitige
Hörgeräteversorgung gemäss Indikationsstufe 2 angezeigt sei. Der Versicherte
verzichtete gemäss "Bestätigung der Übernahme von Mehrkosten" vom 29. Dezember
2009 auf ein Probetragen der bestmöglichen zuzahlungsfreien Variante der
Hörgeräteversorgung. Denn er benötige eine bessere Versorgung und sei bereit, die
Mehrkosten von Fr. 4 ́666.20 zu übernehmen, sofern die Invalidenversicherung nicht
dafür aufkomme (IV-act. 13/2). Die Kosten für das von ihm ausgewählte Hörsystem
beliefen sich laut beigelegten Rechnungen 7100611/ 7100612 auf Fr. 8 ́270.80 (IV-
act. 13/1 und 16/2). Im Anpassbericht vom 29. Dezember 2009 hielt die
Hörgeräteakustikerin der Amplifon AG fest, sie hätten zwei Geräte aus der
Indikationsstufe 3 getestet, mit denen die Verständlichkeit in geräuschvoller Umgebung
vom Versicherten als nicht befriedigend empfunden worden sei. Der Versicherte habe
sich aufgrund der positiven Versuchsergebnisse für zwei vollautomatische HdO-Geräte
(Phonak Audéo IX Yes, Serie-Nr. 0943H06XY rechts, und Phonak Audéo IX Yes, Serie-
Nr. 0943H06XY links) sowie für ein Zubehörgerät für den Einsatz des Funkmikrofons
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
entschieden (IV-act. 13/3). Die Kosten für diesen Ohreinsatz beliefen sich laut
beigelegter Rechnung 7100613 auf Fr. 150.65 (IV-act. 16/3). Laut "Schlussbericht
betreffend Hörgeräteabgabe" des Dr. B._ vom 13. Januar 2010 bestanden die vom
Versicherten gewählten Hörgeräte mit sämtlichen auswertbaren Punkten die
Schlussexpertise (IV-act. 14).
C.
Nachdem die IV-Stelle am 21. Januar 2010 Kostengutsprache für zwei Hörgeräte
Phonak Audéo IX Yes gemäss Indikationsstufe 2 im Betrag von insgesamt Fr. 3 ́604.60
erteilte (IV-act. 15), verlangte der Versicherte am 11. Februar 2010 eine
beschwerdefähige Verfügung. Dabei machte er unter anderem geltend, die Kosten für
beide Hörgeräte in der Höhe von Fr. 9 ́330.65 (inklusive Ohreinsatz rechts) und die
Batterie Pauschale nach altem Tarif 2006 (Fr. 90.-- pro Hörgerät, gesamthaft Fr. 180.--
pro Jahr) seien aufgrund der erhöhten beruflichen Anforderungen an die
Kommunikation und das Hörverständnis von der Invalidenversicherung zu übernehmen
(IV-act. 16). Mit Verfügung vom 18. Februar 2010 hielt die IV-Stelle an der Abgabe von
Hörgeräten der Indikationsstufe 2 im Betrag von Fr. 3 ́604.60 fest. Sie verwies darauf,
dass nach den medizinischen Unterlagen der Hörverlust nur eine Versorgung der
Indikationsstufe 2 rechtfertige. Der Versicherte habe auf eine vergleichende
Hörgeräteanpassung und Erprobung nach der Empfehlung der ärztlichen Expertisen
verzichtet und sich bereit erklärt, die Mehrkosten zu übernehmen. Da keine
vergleichende Anpassung stattgefunden habe, sei der IV-Stelle auch die Ohrschale
nicht verrechnet worden. Die Batterien könnten gemäss Weisung des Bundesamtes für
Sozialversicherungen erstmals 12 Monate ab Mitteilung (21. Januar 2011) in Rechnung
gestellt werden (IV-act. 17).
D.
D.a Gegen diese Verfügung richtet sich die Beschwerde vom 22. März 2010. Der
Rechtsvertreter des Beschwerdeführers beantragt darin – unter Kostenfolge – deren
Aufhebung. Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, die gesamten Kosten für zwei
Hörgeräte Phonak Audéo IX Yes gemäss Indikationsstufe 4 im Betrag von Fr. 8 ́270.80
zu bezahlen. Sodann seien dem Beschwerdeführer die Kosten für den Ohreinsatz/IO-
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schale rechts, angepasster Halterungsring zu Funkmikrophonstöpsel, im Betrag von
Fr. 150.65 zu erstatten. Zur Begründung wird im Wesentlichen ausgeführt, innerhalb
des unbestrittenen Anspruchs auf eine Hörgeräteversorgung gemäss Indikationsstufe 2
und ebenfalls der nachfolgenden Indikationsstufe 3 habe kein geeignetes Gerät
gefunden werden können, das den professionellen Anforderungen an die Tätigkeit
eines Polizisten im Aussendienst gerecht werde. Das überpreisliche Hörgerät Phonak
Audéo IX Yes der Indikationsstufe 4 zeige sich sowohl audiometrisch als auch im
Hinblick auf die berufliche Tätigkeit als die einzig taugliche Versorgungsvariante. Der
Vorgesetzte habe angesichts des erheblichen Gefährdungspotentials klar zum
Ausdruck gebracht, dass die Weiterbeschäftigung des Beschwerdeführers im Dienst
bei der Polizei ernsthaft geprüft werden müsse. Die Akustikerin habe erklärt, dass
einzig High-Tech-Hörgeräte der Indikationsstufe 4 die komplexen beruflichen
Anforderungen zu erfüllen vermöchten und dass die zusätzliche Halterung am
Kopfhörer (Ohrstück) aufgrund mehrerer Tests die einzig taugliche Variante für die
Anbindung des Funkgeräts bilde. Im Nachhinein habe sich auch der medizinische
Fachexperte Dr. B._ den Ausführungen der Akustikerin angeschlossen. Zum Beweis
reicht der Rechtsvertreter Berichte der Akustikerin und Bestätigungen des Arbeitgebers
und von Dr. B._ ein (act. G 1 mit Beilagen 1-14).
D.b In der Stellungnahme Fachbereich vom 10. Mai 2010 hält die Sachbearbeiterin
der SVA St. Gallen fest, die zwei ermittelnden Ohrenärzte hätten eine leichte bis
mittelgradige Hörstörung bestätigt und seien zum Schluss gekommen, dass eine
komplexe Versorgung aus der Indikationsstufe 2 genügen müsse. Nach den
audiologischen Komponenten sei nur die Indikationsstufe 1 ausgewiesen. Diese habe
nur unter Berücksichtigung der beruflichen Komponenten auf die nächste Stufe 2
erhöht werden können. Indikationsstufe 3 sei deutlich nicht ausgewiesen, weil keine
schwere Hörstörung vorliege. Die Abgabe von Hörgeräten habe verordnungsgemäss
nach Tarifvereinbarung zu erfolgen. Es gebe aus medizinischer Sicht keine
Anhaltspunkte, wonach dieses Verfahren fehlerhaft oder ungenügend sein solle. Das
Argument, der Beschwerdeführer habe ein Gerät aus der 3. Stufe anprobiert und
dieses genüge nicht, rechtfertige nicht, jedes Gerät aus der Stufe 2 zum Vornherein als
ungenügend zu klassifizieren, zumal es innerhalb dieser Stufe eine Vielzahl an Geräten
mit unterschiedlichen Anpassungsmöglichkeiten gebe. Die Abgabe von Hörgeräten
habe nach den Feststellungen von Fachleuten und nicht nach Angaben des
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arbeitgebers zu erfolgen. Es sei nicht einsichtig, weshalb Dr. B._ nach seiner
ursprünglichen Feststellung einer bloss leichten Hörstörung nun für ein Gerät aus der
Stufe 4 plädiere, ohne die Unzulänglichkeit eines Gerätes aus der 2. Stufe aufzuzeigen.
Was die beanspruchte Halterung betreffe, sei festzustellen, dass diese deutlich weniger
als Fr. 400.-- koste und deshalb nicht über die IV abgerechnet werden könne (IV-
act. 24f.).
D.c Mit Beschwerdeantwort vom 25. Mai 2010 beantragt die Beschwerdegegnerin die
Abweisung der Beschwerde und verweist auf die Stellungnahme Fachbereich vom
10. Mai 2010 als Teil der Begründung. Des Weiteren führt sie im Wesentlichen aus, die
versicherte Person müsse namhafte Gründe vorbringen, dass die tarifarische Hörge
räteversorgung ausnahmsweise – aufgrund eines gesteigerten
Eingliederungsbedürfnisses – nicht genüge. Das Vorbringen eines bloss gesteigerten
Hörkomforts reiche nicht. Die in der Beschwerde geltend gemachten Argumente der
akustisch stark wechselnden Umgebung, der wichtigen Gespräche mit Personen sowie
des Sprachverständnisses unter Nebengeräuschen seien bei den Expertisen der
Ohrenärzte mit der Maximalpunktzahl bereits berücksichtigt worden (act. G 4).
D.d Mit Replik vom 30. Juli 2010 hält der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers an
seinen Begehren fest. Er bringt zudem im Wesentlichen vor, die Schwerhörigkeit könne
gemäss dem Indikationensystem nicht aus rein audiologischen Kriterien beurteilt
werden. Doch erreiche die Hörstörung selbst nach dieser isolierten Sicht ein
erhebliches Ergebnis (29 von insgesamt 50 möglichen Punkten) in der Zweitexpertise.
Dass ein Gerät der Indikationsstufe 2 den komplexen Anforderungen des beruflichen
Umfeldes nicht gerecht werden könne, hätten der Facharzt und die Akustikerin belegt.
Der Vorgesetzte des Beschwerdeführers schreibe mit seinen Angaben keineswegs der
IV die Art der Hörgeräteabgabe vor, sondern definiere einzig das gesteigerte
Eingliederungsbedürfnis im Rahmen der beruflichen Tätigkeit. Es gehe nicht um einen
gesteigerten Hörkomfort. Vielmehr handle es sich darum, dass der Beschwerdeführer
als Voraussetzung für die Teamarbeit und die Sicherheit der Beteiligten auf Befehle von
Vorgesetzten und Absprachen mit Teampartnern unverzüglich korrekt reagieren könne.
Der Rechtsvertreter kritisiert insbesondere, dass die Beschwerdegegnerin entgegen
der Feststellungen der Experten von einer leichten Hörstörung ausgehe und sich auf
Rechtsprechung beziehe, deren Sachverhalt mit dem zu beurteilenden Fall nicht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
deckungsgleich sei. Zudem analysiert er berufsbezogen die technischen Vorzüge des
gewählten Hörsystems der Indikationsstufe 4 (act. G 9).
D.e Die Beschwerdegegnerin verzichtet am 18. August 2010 auf eine Duplik (act.
G 11).
E.
E.a Das Versicherungsgericht beschliesst am 16. April 2012, eine ergänzende
Abklärung bei der Amplifon AG der Lieferantin für Hörgeräte, vorzunehmen. Die
Akustikerin wird mit Schreiben vom 18. April 2012 ersucht, einerseits in einer Übersicht
die Unterschiede zwischen den vom Versicherten gewählten Hörgeräten der
Indikationsstufe 4 und den Hörgeräten der Indikationsstufe 3 darzustellen, und
andererseits die Frage zu beantworten, wieweit die Fachperson beim Test von
Hörgeräten auf die subjektive Rückmeldung des Betroffenen angewiesen ist (act. G 14).
E.b Der Filialleiter der Lieferantin für Hörgeräte stellt mit Eingabe vom 1. Mai 2012 in
der angeforderten Übersicht die Unterschiede zwischen den Hörgeräten der
Indikationsstufen 3 und 4 dar (act. G 16). Zudem gibt er am 6. Mai 2012 an, die
Fachperson sei beim Test der Hörgeräte unerlässlich auf die subjektiven Aussagen des
Kunden angewiesen, da es nicht möglich sei, dessen Arbeitsalltag im Fachgeschäft zu
simulieren (act. G 17).
E.c Die Parteien haben mit Schreiben vom 8. Mai 2012 Gelegenheit erhalten, zu den
Angaben der Lieferantin für Hörgeräte Stellung zu nehmen (act. G 18).
E.d Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers macht mit Schreiben vom 21. Mai
2012 geltend, aus dem ergänzenden Bericht der Lieferantin für Hörgeräte und im Lichte
der objektiven Anforderungen der Arbeitstätigkeit des Beschwerdeführers liessen sich
die Mängel der Geräte der Indikationsstufe 3 in eindrücklicher Art und Weise erkennen.
Da die IV-Gesetzgebung stärker auf Eingliederung setze, könne nicht zielführend sein,
dass der Beschwerdeführer wegen der Nichtübernahme der Kosten für eine etwas
teurere Hörgeräteversorgung die Anstellung bei der Polizei verliere und sich bei der
Invalidenversicherung einer wesentlichen kostenintensiveren Wiedereingliederungs-
bzw. Umschulungsmassnahme unterziehen müsse (act. G 19).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
E.e Auf die weiteren Begründungen in den einzelnen Rechtschriften sowie den Inhalt
der weiteren Akten wird, soweit entscheidrelevant, in den nachfolgenden Erwägungen
eingegangen.

Erwägungen:
1.
Zum anwendbaren Recht ist anzumerken, dass in zeitlicher Hinsicht diejenigen
Rechtssätze massgebend sind, die bei der Verwirklichung des zu Rechtsfolgen
führenden Sachverhalts und bis zum Erlass der angefochtenen Verfügung galten (BGE
132 V 215 E. 3.1.1). Der hier zu beurteilende Sachverhalt entwickelte sich bis zum
Erlass der Verfügung vom 18. Februar 2010 (IV-act. 17). Vorliegend sind somit die auf
den 1. Januar 2008 in Kraft getretenen Rechtsänderungen (5. IV-Revision) anwendbar.
2.
Laut Art. 8 Abs. 1 lit. a und Abs. 3 lit. d des Bundesgesetzes über die
Invalidenversicherung (IVG; SR 831.20) hat die invalide oder von einer Invalidität
unmittelbar bedrohte versicherte Person Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen,
unter anderem auf die Abgabe von Hilfsmitteln, soweit diese notwendig, geeignet und
angemessen sind, um die Erwerbsfähigkeit wieder herzustellen, zu erhalten oder zu
verbessern. Nach Massgabe von Art. 21 IVG und Art. 14 der Verordnung über die
Invalidenversicherung (IVV; SR 831.201) hat die versicherte Person im Rahmen einer in
der "Verordnung über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die
Invalidenversicherung" (HVI; SR 831.232.51) aufgestellten Liste Anspruch auf jene
Hilfsmittel, deren sie für die Ausübung der Erwerbstätigkeit, zur Erhaltung oder
Verbesserung der Erwerbsfähigkeit, für die Schulung, die Aus- und Weiterbildung oder
zum Zwecke der funktionellen Angewöhnung bedarf. Gemäss Ziff. 5.07 HVI-Anhang
sind Hörgeräte bei Schwerhörigkeit abzugeben, sofern das Hörvermögen durch ein
solches Gerät namhaft verbessert wird und die versicherte Person sich wesentlich
besser mit der Umwelt verständigen kann.
3.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Es steht fest und ist unbestritten, dass der Beschwerdeführer eine beidseitige Hörge
räteversorgung benötigt. In der Unterzeichnung des Formulars "Bestätigung der
Übernahme der Mehrkosten" kann offensichtlich kein Verzicht auf einen allfälligen
gesetzlichen Anspruch auf hochwertige Hörgeräteversorgung gesehen werden (IV-
act. 13/2). Strittig und zu prüfen ist, ob die Beschwerdegegnerin zu Recht den
Anspruch des Beschwerdeführers auf den Betrag von Fr. 3 ́604.60 beschränken durfte.
3.1 Die Vergütung eines Hilfsmittels erfolgt nach Massgabe der vom Bundesrat bzw.
Bundesamt für Sozialversicherungen mit den Abgabestellen für Hilfsmittel
abgeschlossenen Tarifverträge (vgl. Art. 27 Abs. 1 IVG und Art. 24 Abs. 2 IVV). Nach
dem vorliegend anwendbaren Hörgeräte-Tarifvertrag vom 1. Juli 2006 beruht die
Tarifgestaltung auf einem Indikationenmodell. Die Frage, ob ein Anspruch auf Abgabe
eines Hörgerätes besteht, ist nach der medizinischen Indikation zu beantworten. Der
Expertenarzt teilt aufgrund klar festgelegter audiometrischer Kriterien (mit maximal 50
Punkten gewichtet) sowie des sozial-emotionalen Handicaps und der beruflichen
Kommunikationsanforderungen (je mit maximal 25 Punkten gewichtet) die versicherte
Person in eine von drei möglichen Indikationsstufen ein. Aus dieser Indikationsstufe
ergibt sich der Umfang der Kostenübernahme durch die Invalidenversicherung. Hat die
Beeinträchtigung des Hörvermögens einer versicherten Person die jeweilige
Indikationsstufe erreicht, besteht ein Anspruch auf eine einfache Versorgung (25 bis 49
Punkte), eine komplexere Versorgung (50 bis 75 Punkte) oder eine sehr komplexe
Versorgung (mehr als 75 Punkte).
3.1.1 Bei der Indikationsstufe 2 beträgt die Preislimite für eine binaurale
Versorgung insgesamt Fr. 3'350.-- (variabler Maximalpreis für das Hörgerät: Fr. 1650.--
+ fixe Pauschale für die Dienstleistung: Fr. 1'700.-- [Anhang 1, Ziff. 4.2, des
Tarifvertrages]). Vorliegend beauftragte die Beschwerdegegnerin am 9. Dezember 2009
die Lieferantin für Hörgeräte Amplifon AG mit der vergleichenden Hörgeräteanpassung
und Erprobung einer binauralen Versorgung gemäss Indikationsstufe 2 bis zum
Maximalbetrag von Fr. 3'604.60 (IV-act. 12). Dies berücksichtigt die Erhöhung der
Kosten aufgrund der Mehrwertsteuer in der Höhe von Fr. 254.60 (7.6%).
3.1.2 Dass der Beschwerdeführer von den Expertenärzten in die Indikationsstufe
2 eingereiht wurde, beruht unter anderem auf einer audiometrisch fassbaren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hörstörung, die von Dr. B._ mit 22 Punkten und von Dr. C._ mit 29 Punkten
gewichtet wurde (IV-act. 7/2 und 11/2). Nachdem im Indikationenmodell die
audiologischen Kriterien mit maximal 50 Punkten gewichtet sind, kann diese
Hörstörung entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin nicht mehr als bloss
leichte bezeichnet werden. Dr. C._ hielt denn auch in der Zweitexpertise explizit fest,
es handle sich um eine mittelgradige symmetrische Innenohrschwerhörigkeit (IV-act.
11/2). Nicht von Belang ist die Tatsache, dass diese Gewichtung einzig und allein für
eine Indikationsstufe 1 reichen würde, weil dies nach rein audiometrischen Kriterien der
Regelfall ist. Denn eine komplexere Versorgung kommt erst ab 50 Punkten in Betracht
und audiologisch gesehen sind wie erwähnt maximal 50 Punkte zu erreichen. Eine
Hörstörung muss sich auf das soziale Leben und die berufliche Tätigkeit negativ
auswirken, damit eine höhere Indikationsstufe erreicht wird. Dr. B._ hielt als Grund
für die Hörgeräteversorgung fest, dass der Beschwerdeführer beruflich sehr viel zu
kommunizieren habe, was ihm sehr schwerfalle, weil er öfters nachfragen müsse (IV-
act. 7/2). Dr. C._ empfahl eine binaurale Versorgung wegen der Probleme mit dem
Richtungshören und dem Verstehen bei Hintergrundgeräuschen (IV-act. 11/2).
Insgesamt beträgt die Gewichtung nach der ärztlichen Erstmeinung 52 Punkte
(audiologische Kriterien 22, sozial-emotionales Handicap 11, beruflichen
Kommunikationsanforderungen 19) und nach der ärztlichen Zweitmeinung 59 Punkte
(audiologische Kriterien 29, sozial-emotionales Handicap 10, berufliche
Kommunikationsanforderungen 20).
3.1.3 Auf die Ergebnisse der ärztlichen Expertisen des Dr. B._ und des Dr.
C._ ist grundsätzlich abzustellen, da zum einen die Beurteilung der audiologischen
Kriterien Sache der medizinischen Experten ist und das Gericht nur davon abweicht,
wenn die Berichtserstattung nicht vollständig, nachvollziehbar und schlüssig ist. Zum
andern erscheint die vorgenommene Gewichtung der sozialen und beruflichen
Kriterien, obwohl zwangsläufig auf den subjektiven Angaben des Beschwerdeführers
beruhend, als sachgemäss. Was nicht ganz klar ist, ist allerdings, weshalb die Werte
der audiometrischen Kriterien 7 Punkte auseinander gehen. Welcher Expertise der
Vorzug zu geben ist, kann dennoch hier offen bleiben. Denn die Punktzahlen in beiden
Expertisen führen tarifvertraglich zu einer Hörgeräteversorgung der Indikationsstufe 2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.2 Der Beschwerdeführer fordert allerdings eine über die tarifarisch vorgesehene
Preislimite hinausgehende Hörgeräteversorgung gemäss Indikationsstufe 4 im Betrag
von Fr. 8 ́270.80 (act. G 1). Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung ist
anzunehmen, dass in der Regel eine den tarifvertraglichen Ansätzen entsprechende
Leistungszuerkennung die Eingliederungsbedürfnisse erfüllt. Vorbehalten bleibt jedoch
im konkreten Enzellfall die gerichtliche Prüfung, ob die tarifarische
Hörgeräteversorgung ausnahmsweise, aufgrund eines gesteigerten
Eingliederungsbedürfnisses, nicht genügt. Ein solches kann sich ergeben sowohl aus
dem speziellen Gesundheitszustand, wenn sich die Hörstörung als besonders
schwerwiegend oder die Hörsituation als sehr komplex darstellt, als auch mit Blick auf
den Tätigkeitsbereich, wenn die Arbeitssituation eine komplexe und wechselnde
Geräuschkulisse oder besondere berufliche Anforderungen aufweist, welche erhöhte
Anforderungen an die Kommunikation und das Hörverständnis der Versicherten stellen.
Nur für solche Fälle ist ein ausnahmsweises Abweichen vom Tarifvertrag angebracht
(vgl. BGE 130 V 174f. E. 4.3.4). Es ist darauf hinzuweisen, dass vom BSV festgesetzte,
an sich zulässige Preislimiten (im Verhältnis Leistungserbringer - Versicherung) den
sozialversicherungsrechtlichen Leistungsanspruch (im Verhältnis versicherte Person -
Versicherung) nicht rechtswirksam zu beschränken vermögen (vgl. BGE 123 V 18, BGE
114 V 90, ZAK 1992 S. 208, Urteil I 347/97 vom 30. April 1998). Dass der Tarifvertrag
keine Indikationsstufe 4 vorsieht, steht daher einer weitergehenden Kostengutsprache
nicht entgegen.
3.3 Es stellt sich demnach hier die Frage, ob aufgrund eines gesteigerten
Eingliederungsbedürfnisses vom Tarifvertrag abgewichen werden darf. Je geringer die
audiologisch fassbare Hörstörung ist, desto weniger kann von einer schwerwiegenden
und ausserordentlichen Hörstörung ausgegangen werden (vgl. auch SVR 2005 IV Nr. 5
S. 17, Urteil I 547/03 vom 17. Mai 2004). Im zu beurteilenden Fall liegt wie gesagt eine
audiometrisch fassbare, aber keine ausserordentliche Hörstörung vor, welche jede für
den Alltag erforderliche Verständigungsmöglichkeit praktisch zunichte machen würde.
3.4 Das gesteigerte Eingliederungsbedürfnis ergibt sich allerdings nach der
Auffassung des Rechtsanwalts des Beschwerdeführers aus den erhöhten
Anforderungen, welche die Tätigkeit als Polizist im Aussendienst an dessen
Hörvermögen stellt. Insbesondere beim Personenschutz, Objektschutz und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ordnungsdienst ergäben sich für Leib und
Leben der beteiligten Polizisten, aber vor allem auch für Kollegen und beteiligte
Zivilpersonen erheblich gefährliche Situationen. Deshalb werde der Polizist im
Zweierteam oder in Gruppen eingesetzt. Dabei seien - neben einem raschen
situationsangepassten Verhalten mittels Absprachen vor Ort - vor allem klare
Befehlsstrukturen und Befehlsketten erforderlich. Das am Einsatz beteiligte
Teammitglied müsse in einer Stresssituation imstande sein, sich genauestens an
Befehlen und Absprachen der anderen zu orientieren und diese auch minutiös zu
befolgen. Erschwerend komme dazu, dass sich die Tätigkeit des Beschwerdeführers
meist an Einsatzorten mit starken Neben-, Hintergrund- und Störgeräuschen abspiele.
Die Kommunikation im Polizistenteam müsse bezüglich Klarheit und Verständlichkeit
unter schwierigsten Bedingungen einwandfrei funktionieren. Unabdingbar seien
insbesondere die Verständlichkeit über Funkverkehr sowie die gleichzeitige
Kommunikation über Funkgerät und Telefon. Daher werde ein Hörgerät benötigt, das
optimal auf die jeweilige konkrete Situation programmiert werden könne (act. G 1).
3.5 Auf die beruflichen Anforderungen bezieht sich Oberleutnant D._, Leiter der
Sicherheitsabteilung Gemeindepolizei, Polizeichef, im der Beschwerde beigelegten
Schreiben vom 17. März 2010 wie folgt:
3.5.1 Der Beschwerdeführer sei seit 1. März 2009 als Polizist in E._ angestellt.
In diesem beruflichen Umfeld sei er täglich sehr komplexen und rasch wechselnden
Situationen ausgesetzt, insbesondere bei kritischen Einsätzen im Ausrückdienst
(Eigenschutz, Drittschutz von Zivilpersonen und Mitarbeitenden). Dabei müsse sich der
Beschwerdeführer - wegen des erheblichen Gefährdungspotentials bei Anhaltungen,
Verhaftungen, Personenkontrollen, Interventionen, Einbruchsalarmen, Geiselnahmen,
Raubüberfällen, Brandalarmen, Veranstaltungen, Verkehrskontrollen etc. - zuverlässig,
problemlos und ohne Risiko für sich selbst mit den Teammitgliedern und mit
Zivilpersonen verständigen können. Die vielschichtige Tätigkeit als Polizist finde an
Einsatzorten mit meist schwierigen Geräuschkulissen, insbesondere starken Neben-,
Nachhall- und Störungsgeräuschen, wie stark befahrenen Verkehrsachsen,
Einkaufszentren, Bahnhöfen, Schulanlagen, Freizeitzentren, Stadions, Fabrikhallen und
in sonstigen Menschenansammlungen, statt. Um die Arbeit zuverlässig erfüllen zu
können, müsse die Kommunikation auch unter ständig rasch wechselnden und
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 12/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
anspruchsvollen Geräuschkulissen und schwierigsten Bedingungen einwandfrei
funktionieren. Zu diesem Zweck sei ein Polizist auch auf die 100% funktionierende
Koppelung der Hörgeräte mit den verschiedensten Kommunikationsmitteln wie Funk,
Telefon etc. zwingend angewiesen. Um bei den erhöhten
Kommunikationsanforderungen bezüglich Erreichbarkeit über Funk, Telefon sowie
innerhalb des Teams im Aussen- und Einsatzzentraldienst einen reibungslosen und
fehlerfreien Ablauf zu gewährleisten und sicherzustellen, benötige er eine optimale
Hörgeräteversorgung. Die bestmögliche Hörgeräteversorgung sei allein aus
Sicherheitsgründen unverzichtbar. Sollte eine solche Hörgeräteversorgung nicht
gewährleistet sein, müsste ernsthaft geprüft werden, ob der Dienst bei der Polizei
weiterhin ausgeübt werden dürfe bzw. könne (IV-act. 24/36).
3.5.2 In substantiierter Weise hat der Vorgesetzte des Beschwerdeführers
dargetan, weshalb sich die audiometrisch festgestellte mittelschwere Beeinträchtigung
des Hörvermögens bei der Berufsausübung erheblich nachteilig auswirkt. Es handelt
sich dabei zwar nicht um eine fachlich kompetente Aussage über die technischen
Eigenschaften des Hörgerätes, sondern über das berufliche Anforderungsprofil eines
Polizisten im Aussendienst. Im Gegensatz zur Auffassung der Beschwerdegegnerin
kann bei dieser Sachlage nicht von einem bloss subjektiven Bedürfnis nach Hörkomfort
gesprochen werden. Sicherheitsgründe im öffentlichen Interesse stehen im
Vordergrund.
3.6 Eine fachlich kompetente Beurteilung über die technischen Eigenschaften der in
Frage kommenden Hörgeräte kann von der Amplifon AG als Lieferantin erwartet
werden.
3.6.1 Die technische "Notwendigkeit einer Hörgeräteversorgung über der
indizierten Stufe 2 im beruflichen Alltag" begründete die Akustikerin der Lieferantin mit
einer der Beschwerde beigelegten "Bestätigung" vom 2. März 2010 zuhanden des
Beschwerdeführers wie folgt: Dieser sei in seinem beruflichem Umfeld sehr komplexen
und rasch wechselnden akustischen Situationen ausgesetzt. Als Polizist im
Aussendienst müsse er mit seinen Kollegen problemlos kommunizieren und alles
einwandfrei verstehen können. Geräte aus der indizierten Stufen 2 seien technisch
nicht in der Lage, diese komplexen Anforderungen zu erfüllen. Daher benötige er
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 13/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Geräte, die eine optimale und schnelle Anpassung an die sich ständig wechselnden
Situationen in geräuschvoller Umgebung gewährleisteten. Diese sei nur bei High-Tech-
Geräten möglich. Selbst ein Test mit Geräten aus der Stufe 3 sei unbefriedigend
ausgefallen. Zudem seien alle möglichen Varianten für die Anbindung an das Funkgerät
getestet worden. Mit einer zusätzlichen Halterung am Kopfhörer des Funkgerätes
neben den Hörgeräten habe dies am besten funktioniert (IV-act. 24/35).
3.6.2 In einer der Beschwerde beigelegten Übersicht vom 12. März 2010 legte
die Akustikerin die Unterschiede zwischen den gewählten und den verordneten
Hörgeräten dar. Hörgeräte der Stufe 4 kennzeichneten sich durch Anpassung der
Frequenzen an den Hörverlust über 20 Kanäle, Störgeräuschunterdrückung über 20
Kanäle hinweg, VoiceZoom für Spracherkennung und Herausfilterung über 20 Kanäle,
SoundFlow für Erkennung und automatische Anpassung vier verschiedener
Hörsituationen, EchoBlock-System zur Filterung der zeitverschobenen Eingangssignale
und entsprechendes Zubehör für Anbindung an externe Geräte via Bluetooth oder
Funk. Demgegenüber stünden die Hörgeräte der Stufe 2 mit Anpassung der
Frequenzen an den Hörverlust über 4 Kanäle, manueller Anpassung per
Programmknopf an die verschiedenen Hörsituationen, einfacher
Störgeräuschunterdrückung über 4 Kanäle hinweg, einfacher Spracherkennung über 4
Kanäle hinweg und keiner Möglichkeit zur Anbindung an externe Geräte via Bluetooth.
Damit sei ersichtlich, dass Hörgeräte der Indikationsstufe 2 verschiedene Probleme im
beruflichen Alltag des Beschwerdeführers nicht bewältigen könnten, weil sie nicht
genug selbständig agieren könnten. Der Beschwerdeführer sei auf ein System
angewiesen, welches keine zusätzliche Aufmerksamkeit von ihm während der
Arbeitseinsätze benötige (IV-act. 24/38).
3.6.3 Die versicherte Person hat in der Regel nur Anspruch auf die dem
jeweiligen Eingliederungszweck angemessenen, notwendigen Massnahmen, nicht aber
auf die nach den gegebenen Umständen bestmöglichen Vorkehren. Denn das Gesetz
will die Eingliederung soweit sicherstellen, als diese im Einzelfall notwendig, aber auch
genügend ist (BGE 132 V 225 E. 4.3.1; BGE 131 V 19 E. 3.6.1; vgl. Art. 21 Abs. 3 IVG
und Art. 2 Abs. 4 HVI). Aus der Berichterstattung der Hörgeräteakustikerin vom
29. Dezember 2009 (IV-act. 13/3), 2. März 2010 (IV-act. 24/35) und 12. März 2010 (IV-
act. 24/38) geht zwar hervor, dass die besondere berufliche Situation bzw. das damit
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verbundene spezifische Eingliederungsbedürfnis des Beschwerdeführers ein besseres
Hörgerät als dasjenige der verordneten Indikationsstufe 2 verlange. Aufgrund dieser
Eingaben ist aber nicht ganz klar, ob ein Hörgerät der Indikationsstufe 3 die beruflichen
Anforderungen erfüllen würde.
3.6.4 Der vom Gericht angeforderte Vergleich vom Mai 2012 zeigt, dass
Hörsysteme der Indikationsstufe 3 sich durch Anpassung der Frequenzen an den
Hörverlust über 10 Kanäle, exakte Richtmikrofone, aber keine automatische
Richtungserkennung, kein VoiceZoom, keine Impulsschallunterdrückung, weniger
exakte Rückkopplungsunterdrückung, weniger automatische Situationen und kein
Flexcontrol kennzeichneten. Demgegenüber stehen die Hörgeräte der Stufe 4 mit
Anpassung der Frequenzen an den Hörverlust über 20 Kanäle, viel exakteren
Richtmikrofonen, wesentlich genauerer Fokussierung, VoiceZoom, Spracherkennung in
20 Kanäle, Wireless Ear-to-Ear Technologie, Frequenzkompression, Hallunterdrückung,
Impulsschallunterdrückung, bester Rückkopplungsunterdrückung, automatischer
Situationserkennung und Flexcontrol. Gestützt auf diese Unterschiede kommt der
Filialleiter der Lieferantin für Hörgeräte zum Schluss, dass Hörsysteme der
Indikationsstufe 3, weil sie nicht genug selbständig agieren und zusätzliche
Aufmerksamkeit des Benutzers benötigen würden, verschiedene Situationen im
Arbeitsalltag des Beschwerdeführers nicht bewältigen könnten (act. G 16). Aus der
Eingabe des Filialleiters vom 6. Mai 2012 ergibt sich, dass die berufliche Eignung von
Hörgeräten sich nicht technisch testen bzw. messen lässt. Die Fachperson sei auf die
Angaben des Benutzers angewiesen (vgl. act. G 17).
3.7 In einer der Beschwerde beigelegten Stellungnahme zuhanden des
Rechtvertreters des Beschwerdeführers vom 20. März 2010 hält Dr. B._ als
Begründung für die Verwendung von Hörgeräten der Indikationsstufe 4 fest: Diese
Geräte würden sich automatisch dem Umgebungslärm anpassen. Bei ihnen seien
verschiedene Programmierungen möglich, welche den wechselnden Lärmsituationen
während der Berufsausübung gerecht würden. Diese Geräte würden Geräusche und
Töne mit hohen Frequenzen verstärken, während sie gleichzeitig die tiefen Frequenzen
unterdrückten. Mit ihnen sei der Beschwerdeführer imstande, seine beiden Hände
während seiner beruflichen Tätigkeit frei zu halten. Aus diesen Gründen könne er, der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 15/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Arzt, den Antrag des Beschwerdeführers nur unterstützen, müsste er doch andernfalls
mit einer Kündigung rechnen (IV-act. 24/39).
3.8 Sinn und Zweck der Versorgung mit Hilfsmitteln gemäss Art. 8 IVG ist unter
anderem die Erwerbsfähigkeit zu erhalten. Vorliegend fällt ins Gewicht, dass die
Schwerhörigkeit ca. im Juni oder Juli 2009 in erster Linie am Arbeitsplatz aufgefallen
war (IV-act. 1/5; vgl. Beschwerde S. 2). Der Vorgesetzte bestätigt ausdrücklich eine
konkrete Gefährdung des Arbeitsplatzes, welchen der Beschwerdeführer erst seit
1. März 2009 inne hatte (IV-act. 24/36). Die Hörbehinderung wirkt sich nach
Feststellungen der Expertenärzten als sozial-emotionales Handicap wegen
"Schwierigkeiten mit der Verständigung bei Nebengeräuschen" (4 von 5 möglichen
Punkten) und als relevantes Defizit bei der beruflichen Kommunikation in Bezug auf
"akustisch stark wechselnde Umgebung" (5 von 5 möglichen Punkten), "Kunden/
Mitarbeitergespräche" (5 von 5 möglichen Punkten) und "Sprachverständnis unter
Nebengeräuschen" (5 von 5 möglichen Punkten) aus. Die berufsbezogene
Beeinträchtigung des Hörvermögens erreicht 19 bzw. 20 von 25 möglichen Punkten
(IV-act. 7/4; vgl. IV-act. 11). Wenn die beruflichen Kommunikationsanforderungen im
strukturierten Interview für Expertise 1 (IV-act. 7/4) mit dem Anforderungsprofil für
einen Polizisten im Aussendienst (IV-act. 24/36) verglichen werden, drängt sich die
Schlussfolgerung auf, dass die nach Tarifvertrag standardisierten Kriterien die
Kommunikationsanforderungen im konkret zu beurteilenden Beruf nicht genügend zu
gewichten vermögen.
3.8.1 Unter technischen Gesichtspunkten erklärt die Akustikerin überzeugend,
dass die Hörgeräte der Indikationsstufe 4 über vielfältige und automatische
Anpassungsmöglichkeiten verfügen, welche für die Tätigkeit des Beschwerdeführers
erforderlich sind. Sie begnügt sich nicht damit, das heute hörgerätetechnologisch
Erzielbare zu bezeichnen (IV-act. 24/38), sondern argumentiert berufsbezogen über die
Notwendigkeit der gewählten Hörgeräte und des Zubehörs (IV-act. 24/35). Der Einwand
in der Stellungnahme Fachbereich der Beschwerdegegnerin, wonach auch bei den
Hörgeräten der Indikationsstufe 2 vielfältige Anpassungsmöglichkeiten bestünden, ist
hingegen nicht mit konkreten technischen Angaben untermauert (IV-act. 24f.).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 16/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.8.2 Die nachträgliche Stellungnahme des Expertenarztes Dr. B._ bekräftigt
zudem vor dem Hintergrund des beruflichen Anforderungsprofils die Richtigkeit der
Einschätzungen der Akustikerin (IV-act. 24/39). Es trifft nicht zu, dass er bei der
Erstexpertise von einer leichten Hörstörung ausgegangen wäre. Beide Expertisen (Dr.
B._ und Dr. C._) gehen von einer aus audiologischer Sicht relevanten
Hörverminderung (mit 22 bzw. 29 von 50 Punkten) aus (IV-act. 7/3 und 11/1). Deshalb
widerspricht sich der Expertenarzt Dr. B._ nicht, wenn er sich im Nachhinein
aufgrund des nachgewiesenen gesteigerten Eingliederungsbedürfnisses für eine
Überschreitung der tarifvertraglich vereinbarten Kostenlimite äussert.
3.8.3 Mit der Berichtergänzung des Filialleiters der Lieferantin ist nachgewiesen,
dass die Hörgerätsysteme der Indikationsstufe 3 eine immer noch erhebliche
Aufmerksamkeit des Benützers benötigen, weshalb sie sich als untauglich für die
gefährlichen Arbeitseinsätze eines Polizisten im Aussendienst erweisen (act. G 15). Es
ist nicht zu beanstanden, dass sich die Lieferantin auf die subjektiven Angaben des
Beschwerdeführers stützen muss (vgl. act. G 16). Mit den Expertisen von Medizinern
verhält es sich nichts anders, wenn diese das sozial-emotionale Handicap und die
beruflichen Kommunikationsanforderungen bewerten.
3.8.4 Aufgrund des gesteigerten Eingliederungsbedürfnisses erscheint plausibel
und nachvollziehbar, dass die hohen Anforderungen an die berufliche Stellung des
Beschwerdeführers eine Hörgeräteversorgung der Indikationsstufe 4 erforderlich
machen.
3.9 Der Beschwerdeführer stellt zusätzlich den Antrag auf Erstattung der Kosten für
den Ohreinsatz/IO-Schale rechts in der Höhe von Fr. 150.65 (inklusiv 7.6%
Mehrwertsteuer, IV-act. 16/3). Was das Zubehör betrifft, sind die Ohrpassstücke bei
der Geräteabgabe im Preis der Dienstleistung grundsätzlich enthalten (Anhang 1, Ziff.
1.2, des Tarifvertrages). Allerdings erstreckt sich nach Art. 2 Abs. 3 HVI der Anspruch
auf Hilfsmittel auch auf das invaliditätsbedingt notwendige Zubehör und die
invaliditätsbedingten Anpassungen. Ein Ohrpassstück kann denn - gemäss Anhang 1,
Ziff. 1.2, des Tarifvertrages - auch als besondere Dienstleistung mit Fr. 140.-- vergütet
werden. Deshalb kommt Ziffer 13.01 HVI, wonach Hilfsmittel, deren
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 17/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Anschaffungskosten den Betrag von Fr. 400.-- nicht übersteigen, zulasten der
versicherten Person gehen, auch im Rahmen des Tarifvertrages nicht zur Anwendung.
4.
4.1 Im Sinne der vorstehenden Ausführungen ist die angefochtene Verfügung vom
18. Februar 2010 in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben. Die
Beschwerdegegnerin hat dem Beschwerdeführer die Kosten der binauralen
Hörgeräteversorgung mit zwei Hörgeräten Phonak Audéo IX Yes gemäss
Indikationsstufe 4 im Betrag von Fr. 8 ́270.80 sowie diejenige für den Ohreinsatz/IO-
Schale rechts im Betrag von Fr. 150.65 (inkl. MwSt) zu bezahlen.
4.2 Gemäss Art. 69 Abs. 1bis IVG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um
die Bewilligung oder die Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung vor
dem kantonalen Versicherungsgericht kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1’000.-- festgelegt. Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.-- erscheint in der vorliegend
zu beurteilenden Angelegenheit als angemessen. Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in
Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu tragen, dessen Begehren ganz oder
teilweise abgewiesen werden. Die Beschwerdegegnerin unterliegt. Ihr ist deshalb die
gesamte Gerichtsgebühr aufzuerlegen. Der Kostenvorschuss ist dem
Beschwerdeführer zurückzuerstatten.
4.3 Die obsiegende beschwerdeführerende Partei hat bei diesem Verfahrensausgang
einen Anspruch auf eine Parteientschädigung. Die Parteientschädigung bemisst sich
gemäss Art. 61 lit. g ATSG nach der Bedeutung der Streitsache und der Schwierigkeit
des Prozesses. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat in der Replik eine
Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 3'500.-- zuzüglich Mehrwertsteuer, insgesamt
somit Fr. 3'766.-- (gestützt auf Art. 22. Abs. 1 lit. b. HonO) beantragt. Mit Rücksicht auf
das durchgeführte Beweisverfahren bei einem im Übrigen durchschnittlichen Fall
rechtfertigt es sich eine Parteientschädigung auf pauschal Fr. 4'000.-- (inklusive
Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzusetzen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 18/18
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte