Decision ID: 4e0412cf-b48c-5da6-96b5-fd9df7484b60
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Die Beschwerdeführerin (geb. 1973, brasilianische Staatsangehörige) hei-
ratete Anfang 2002 in (...) einen hier niedergelassenen Landsmann. In der
Folge wurde ihr zum Verbleib beim Ehemann eine Aufenthaltsbewilligung
für den Kanton (...) erteilt, welche zuletzt bis zum 18. Januar 2017 verlän-
gert wurde. Die Ehe wurde am 15. Juni 2005 geschieden. Der am (...) 1998
geborene Sohn der Beschwerdeführerin besitzt das Schweizer Bürger-
recht.
B.
Mit Strafbefehl vom 13. März 2009 auferlegte die Staatsanwaltschaft Zü-
rich-Sihl der Beschwerdeführerin wegen Widerhandlung gegen das Aus-
ländergesetz (Ausländergesetz [AuG], gültig bis 31. Dezember 2018, ab
1. Januar 2019 Ausländer- und Integrationsgesetz [AIG, SR 142.20]) eine
bedingte Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu je Fr. 90.– sowie eine Busse
von Fr. 300.– (Akten des Migrationsamts des Kantons [...] [kant.-act.]
S. 100-103). Das Migrationsamt des Kantons (...) (nachfolgend Migrations-
amt) verwarnte die Beschwerdeführerin deshalb mit Verfügung vom 4. Mai
2009 und stellte ihr für den Fall, dass sie erneut strafrechtlich in Erschei-
nung treten sollte, schwerer wiegende ausländerrechtliche Massnahmen
in Aussicht.
C.
Mit Urteil vom 14. Dezember 2015 bestrafte das Bezirksgericht Zürich die
Beschwerdeführerin wegen Raubs sowie Versuchs hierzu, mehrfachen
Diebstahls und mehrfachen betrügerischen Missbrauchs einer Datenverar-
beitungsanlage mit 24 Monaten Freiheitsstrafe bedingt. Es wurde eine Pro-
bezeit von zwei Jahren angesetzt (vgl. Akten der Vorinstanz [SEM-act.]
S. 35-40).
D.
Das Migrationsamt widerrief daraufhin die Aufenthaltsbewilligung der Be-
schwerdeführerin mit Verfügung vom 26. September 2016. Die dagegen
erhobenen Rechtsmittel blieben erfolglos. So stützten die Rekursabteilung
der Sicherheitsdirektion des Kantons Zürich sowie das Verwaltungsgericht
des Kantons Zürich die Verfügung mit Entscheid vom 6. Januar 2017 res-
pektive Urteil vom 8. März 2017. Auch das am 20. April 2017 gestellte Wie-
dererwägungsgesuch wurde vom Migrationsamt mit Verfügung vom
27. April 2017 abgelehnt.
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E.
Unter Einhaltung der ihr auferlegten Ausreisefrist verliess die Beschwerde-
führerin die Schweiz am 30. April 2017. Am 20. Oktober 2017 heiratete sie
in Brasilien den Beschwerdeführer (geb. 1955, Schweizer Staatsangehöri-
ger).
F.
Mit Verfügung vom 12. Juni 2017 verhängte die Vorinstanz gegenüber der
Beschwerdeführerin gestützt auf Art. 67 Abs. 3 AuG ein siebenjähriges Ein-
reiseverbot, gültig bis 11. Juni 2024. Gleichzeitig wurde die Ausschreibung
zur Einreiseverweigerung im Schengener Informationssystem (SIS II) an-
geordnet (SEM-act. S. 123-125).
G.
Mit Eingabe vom 18. November 2019 liess die Beschwerdeführerin beim
SEM um vorübergehende Suspension des Einreiseverbots vom 12. Juni
2017 für einen Besuchsaufenthalt beim Beschwerdeführer und ihrem vor-
ehelichen Sohn vom 21. Dezember 2019 bis 4. Januar 2020 ersuchen (Ak-
ten des Bundesverwaltungsgerichts [BVGer-act.] 1, Beschwerdebei-
lage 4).
H.
Mit Verfügung vom 10. Dezember 2019 – eröffnet am 11. Dezember 2019
– wies das SEM das Suspensionsgesuch vom 18. November 2019 ab
(BVGer-act. 1, Beschwerdebeilage 3).
I.
Mit Eingabe vom 18. Dezember 2019 liessen die Beschwerdeführenden
gegen die vorinstanzliche Verfügung vom 10. Dezember 2019 beim Bun-
desverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen, es sei die
angefochtene Verfügung aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, vor
Ablauf einer dreijährigen Dauer des Einreiseverbots Suspensionen für den
Besuch des Ehemannes und des vorehelich geborenen Sohnes in der
Schweiz zu bewilligen. Es sei ihnen eine Parteientschädigung zuzuspre-
chen (BVGer-act. 1).
Auf die Begründung der Beschwerde und die damit eingereichten Beweis-
mittel wird – soweit entscheidrelevant – in den Erwägungen eingegangen.
J.
In ihrer Vernehmlassung vom 5. Februar 2020 beantragte die Vorinstanz
die Abweisung der Beschwerde (BVGer-act. 6).
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Seite 4
K.
In der Replik vom 4. März 2020 hielten die Beschwerdeführenden vollum-
fänglich an ihrer Beschwerde vom 18. Dezember 2019 fest (BVGer-act. 8).
Auf die Begründung der Eingabe wird – soweit rechtserheblich – in den
Erwägungen zurückgekommen.
L.
Mit Eingabe vom 18. August 2020 appellierte der Rechtsvertreter an das
Gericht, über die hängige Beschwerde umgehend zu entscheiden und die
mit ihr aufgeworfenen Rechtsfragen verbindlich zu klären. Er ersuchte ein-
dringlich um einen klärenden Entscheid, zumal sich die aufgeworfene
Frage jederzeit und unter gleichen oder ähnlichen Umständen wieder stel-
len werde und an ihrer Beantwortung wegen ihrer grundsätzlichen Bedeu-
tung ein qualifiziertes öffentliches Interesse bestehe (BVGer-act. 12).
M.
Auf den weiteren Akteninhalt wird – soweit entscheidrelevant – in den Er-
wägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde.
1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet
sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts anderes bestimmt (Art. 37
VGG).
1.3 Die Beschwerdeführenden sind zur Beschwerde legitimiert (Art. 48
Abs. 1 VwVG). Auf die frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde ist
einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG).
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Seite 5
1.4 Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet in der vorliegenden Sache
endgültig (Art. 83 Bst. c Ziff. 1 BGG).
2.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht kann die Verletzung
von Bundesrecht einschliesslich Überschreitung oder Missbrauch des Er-
messens, die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserheb-
lichen Sachverhaltes und – soweit nicht eine kantonale Behörde als Be-
schwerdeinstanz verfügt hat – die Unangemessenheit gerügt werden
(Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet das Bundesrecht
von Amtes wegen an. Es ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG an die Begrün-
dung der Begehren nicht gebunden und kann die Beschwerde auch aus
anderen als den geltend gemachten Gründen gutheissen oder abweisen.
Massgebend ist grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Ent-
scheides (vgl. BVGE 2014/1 E. 2 m.H.).
3.
Während der Geltungsdauer eines Einreiseverbots ist der betroffenen aus-
ländischen Person jegliches Betreten des Schweizerischen Staatsgebiets
ohne ausdrückliche Ermächtigung des SEM untersagt (vgl. Art. 5 Abs. 1
Bst. d i.V.m. Art. 67 Abs. 5 AIG). Aus humanitären oder anderen wichtigen
Gründen kann die verfügende Behörde gemäss Art. 67 Abs. 5 Satz 1 AIG
ausnahmsweise ein bestehendes Einreiseverbot vorübergehend aufheben
(sog. Suspension). In diesem Zusammenhang sind namentlich die Gründe,
die zum Erlass des Einreiseverbots geführt haben, sowie der Schutz der
öffentlichen Sicherheit und Ordnung und die Wahrung der inneren oder
äusseren Sicherheit der Schweiz gegenüber den privaten Interessen der
betroffenen Person an einer Aufhebung abzuwägen (Art. 67 Abs. 5 Satz 2
AIG). Je schwerer die Umstände wiegen, die zur Verhängung der Fernhal-
temassnahme geführt haben, desto gewichtiger und augenfälliger müssen
sich die Interessen des Betroffenen an der vorübergehenden Aufhebung
des Einreiseverbots darstellen (vgl. Urteile des BVGer C-3728/2015 vom
22. Oktober 2015 E. 3.1; C-7261/2014 vom 23. September 2015 E. 3). Als
wichtige Gründe für eine Suspension gelten praxisgemäss insbesondere
gerichtliche Vorladungen, der Todesfall eines in der Schweiz lebenden Fa-
milienmitglieds, der Besuch von nahen Familienmitgliedern an hohen Fei-
ertagen oder bei bedeutenden Familienanlässen wie Hochzeit oder Taufe.
Eine erstmalige Suspension aus familiären oder privaten Gründen kann
frühestens drei Jahre nach der Ausreise aus der Schweiz geprüft werden,
sofern nicht besonders wichtige familiäre Gründe (Todesfall, schwere Er-
krankung) vorliegen (vgl. Ziff. 8.10.1.4 der Weisungen und Erläuterungen
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Ausländerbereich des SEM, online abrufbar unter: www.bfm.admin.ch >
Publikationen & Service > Weisungen und Kreisschreiben > I. Ausländer-
bereich > 8. Entfernungs- und Fernhaltemassnahmen, Stand: 1. Novem-
ber 2019, besucht im August 2020; vgl. auch Botschaft zum Bundesgesetz
über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3709
S. 3814).
4.
4.1 Zur Begründung der angefochtenen Verfügung hielt die Vorinstanz fest,
gemäss ständiger Praxis würden Einreiseverbote nur ausnahmsweise und
für eine klar begrenzte Zeit suspendiert, wenn wichtige Gründe es recht-
fertigen würden. In den ersten drei Jahren nach Erlass des Einreiseverbo-
tes würden nach neuer Praxis sodann auch grundsätzlich keine Suspensi-
onen mehr erteilt, sofern nicht besonders wichtige familiäre Gründe (To-
desfall, schwere Erkrankung) vorlägen. Ferner werde selbstverständlich
immer vorausgesetzt, dass die allgemeinen Einreisevoraussetzungen er-
füllt seien und insbesondere nicht von vornherein von einem konkreten Ri-
siko einer Verletzung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung auszugehen
sei. Es bestehe kein Anspruch auf eine derartige Ausnahmeregelung. Das
Interesse, mit dem Ehemann und dem Sohn Weihnachten und Neujahr in
der Schweiz zu verbringen, sei zwar nachvollziehbar, es handle sich dabei
aber nicht um einen besonders wichtigen familiären Grund. Aufgrund des
gezeigten Verhaltens, der an den Tag gelegten grossen kriminellen Energie
und der wiederholten schweren Verstösse gegen wichtige Rechtsgüter
habe die Beschwerdeführerin gezeigt, dass sie nicht gewillt oder fähig sei,
sich an die Rechtsordnung zu halten. Daher könne eine Wiederholungs-
und Rückfallgefahr nicht ausgeschlossen werden und es müsse noch von
einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgegangen wer-
den. Das private Interesse der Beschwerdeführerin habe aufgrund des öf-
fentlichen Interesses an der Fernhaltemassnahme in den Hintergrund zu
treten. Sie habe ihr Wohlverhalten weiterhin im Ausland unter Beweis zu
stellen. Zudem seien keine stichhaltigen Gründe ersichtlich, weshalb sie
über die Feiertage nicht in Ihrem Heimatland Brasilien beziehungsweise
ausserhalb des Schengen-Raumes besucht werden könne.
4.2 Demgegenüber wird in der Beschwerde im Wesentlichen geltend ge-
macht, das Bundesverwaltungsgericht habe im Urteil F-4029/2016 vom
22. März 2017 E. 7.2.2 erwogen, Suspensionsgesuche seien bereits vor
Ablauf einer zweijährigen Frist zu prüfen und eine anfechtbare Verfügung
zu erlassen. Dies vor dem Hintergrund, dass namentlich bei Betroffenen
mit in der Schweiz lebenden Kindern regelmässige Suspendierungen des
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Einreiseverbots aus kinderrechtlicher Sicht und angesichts der besonderen
Akzentuierung familiärer Bindungen und des Kindeswohls in Art. 5 der
Rückführungsrichtlinie (Richtlinie 2008/115/EG) geboten seien und zwar
bereits im ersten Jahr des laufenden Verbots. Das Einreiseverbot verun-
mögliche die Pflege der ehelichen Bindung zwischen den Beschwerdefüh-
renden sowie die Beziehung der Beschwerdeführerin zu ihrem am (...)
1998 geborenen schweizerischen Sohn, wenngleich in seinem Falle auf-
grund der erreichten Volljährigkeit nicht unbedingt das Kindeswohl durch
das Einreiseverbot betroffen sei, so handle es sich auch hierbei um eine
familiäre Bindung, die durch das Verbot beeinträchtigt werde. Mit der
«neuen Praxis» der Vorinstanz, in den ersten drei Jahren nach Erlass des
Einreiseverbotes generell keine Suspensionen mehr zu gewähren, setze
sie sich nicht nur in diametralen Widerspruch zur bundesverwaltungsge-
richtlichen Rechtsprechung, sondern missachte den Verhältnismässig-
keitsgrundsatz, da es ohne Berücksichtigung der besonderen Umstände
pauschal unterstelle, vor Ablauf von drei Jahren bestehe immer ein über-
wiegendes öffentliches Interesse daran, Eheleuten und weiteren Familien-
angehörigen auch einen nur befristeten Besuchsaufenthalt in der Schweiz
zu versagen. Diese pauschale Regelung stelle darüber hinaus einen Er-
messensmissbrauch beziehungsweise eine Ermessensunterschreitung
dar, als sich die Behörde ihrer Pflicht entledige, die Umstände des jeweili-
gen Einzelfalls zu würdigen und damit eine einzelfallgerechte Interessen-
abwägung vorzunehmen. Generell ein überwiegendes Fernhalteinteresse
vor Ablauf von drei Verbotsjahren zu unterstellen, sei daher auch willkür-
lich. Die vorliegend in Frage stehende Suspendierung des Einreiseverbots
für einen zweiwöchigen Besuchsaufenthalt setze naturgemäss eine weit
geringere Relativierung des Fernhalteinteresses voraus, als die gänzliche
Aufhebung des Einreiseverbotes oder gar des Familiennachzugs. Nament-
lich im Lichte der Reneja-Praxis sei nicht ersichtlich, dass eine Tat, die zu
einer zweijährigen bedingten Freiheitsstrafe geführt habe, sieben Jahre
später einen Besuchsaufenthalt von lediglich zwei Wochen beim Ehemann
und beim erwachsenen Sohn der Beschwerdeführerin zu verweigern er-
laube beziehungsweise die verweigerte Suspendierung des Einreiseverbo-
tes zu rechtfertigen vermöchte. Die angefochtene Verfügung erweise sich
als Versuch einer Praxisänderung, die geradezu nach einer richterlichen
Kontrolle rufe. Es sei nicht ersichtlich, wie sich die Praxisänderung sachlich
begründen liesse. Streitgegenstand sei die Frage, ob befristete Besuchs-
aufenthalte in den ersten drei Jahren eines laufenden Einreiseverbots
grundsätzlich verweigert werden könnten.
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4.3 In ihrer Vernehmlassung weist die Vorinstanz namentlich darauf hin,
dass der Sohn der Beschwerdeführerin bereits 21 Jahre alt sei. Dem Wohl
des Kindes komme jedoch nur bis zur Erreichung der Volljährigkeit eine
besondere Bedeutung zu. Was sodann die Pflege der familiären Bindung
betreffe, seien die durch das vorliegende Einreiseverbot zu erleidenden
Nachteile in erster Linie auf den Verlust des Aufenthaltsrechts der Be-
schwerdeführerin zurückzuführen. Eine Pflege der familiären Bindung sei
jedoch über die klassischen und neuen Kommunikationsmittel sowie durch
Besuche ausserhalb des Schengen-Raums möglich. Suspensionen von
Einreiseverboten hätten Ausnahmecharakter und es bestehe kein An-
spruch auf eine derartige Ausnahmeregelung. Gemäss der erwähnten
neuen Praxis würden in den ersten drei Jahren nicht «generell», sondern
«grundsätzlich» keine Suspensionen gewährt. Das bedeute, dass im Ein-
zelfall die Verhältnismässigkeit immer geprüft werde. Das öffentliche Inte-
resse an der Fernhaltung der betroffenen Person sei in den ersten drei
Jahren aber besonders stark zu gewichten, so dass ein privates Interesse
das öffentliche Interesse nur in besonders gelagerten Ausnahmefällen zu
überwiegen vermöge. Unter diesem Aspekt sei im Entscheid vom 10. De-
zember 2019 eine einzelfallgerechte Interessenabwägung vorgenommen
und das Gesuch sei nicht pauschal abgelehnt worden. Inwiefern die Be-
schwerdeführenden aus der Reneja-Praxis etwas zu ihren Gunsten ablei-
ten könnten, sei nicht ersichtlich. So lasse diese Praxis den Schluss zu,
dass eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten grundsätzlich ein schwerwiegen-
des öffentliches Interesse an einer Fernhaltung begründe. Zwar sei die
Straftat, welche zum Widerruf der Aufenthaltsbewilligung und zur Verfü-
gung der Fernhaltemassnahme geführt habe, bereits im Oktober 2012 be-
gangen worden. Angesichts der Schwere der verübten Straftat rechtfertige
es sich jedoch von der Beschwerdeführerin zu verlangen, dass sie ihr
Wohlverhalten über längere Zeit im Ausland unter Beweis stelle. Ergän-
zend sei der Hinweis erlaubt, dass nach heute geltendem Strafrecht die
strafbare Handlung der Beschwerdeführerin zu einer obligatorischen Lan-
desverweisung (Suspension sei hier nicht möglich) zwischen 5 und 15 Jah-
ren geführt hätte. Insgesamt würden deshalb die Suspensionspraxis der
Vorinstanz und der angefochtene Entscheid als verhältnismässig erschei-
nen.
4.4 Replikweise machen die Beschwerdeführenden im Wesentlichen gel-
tend, eine sachliche Rechtfertigung für die neue, rigide Bewilligungspraxis
der Vorinstanz sei auch der Vernehmlassung nicht zu entnehmen. Von Be-
lang sei, dass das Fernhalteinteresse mit zunehmendem Zeitablauf und
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entsprechendem Wohlverhalten kontinuierlich abnehme. Bei entsprechen-
dem Wohlverhalten – in casu während inzwischen mehr als sieben Jahren
– rechtfertige eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten einen Eingriff in das Fa-
milienleben einer Ausländerin, die mit einem Schweizer verheiratet sei, im
Lichte der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht mehr. Fehl gehe
auch die Annahme der Vorinstanz, der Beschwerdeführer könnte jederzeit
und problemlos seine Ehefrau ausserhalb des Schengen-Raums besu-
chen. Zum einen sei er nämlich beruflich eingebunden und könne über
seine Freizeit nicht frei verfügen und zum anderen sei er alleinsorgebe-
rechtigter Vater einer besonders betreuungsbedürftigen Tochter, die eine
Wohnschule besuche und die Wochenenden und Ferien mehrheitlich mit
und bei ihm verbringe. Im Übrigen erlaube es die finanzielle Situation des
Beschwerdeführers nicht, unbeschränkt nach Brasilien zu reisen. Gele-
gentlich mögliche Besuchsaufenthalte in Brasilien vermöchten mithin die
Verweigerung eines Besuchsaufenthalts seiner Ehefrau für zwei Wochen
offensichtlich nicht zu rechtfertigen.
5.
5.1 Zu prüfen ist, ob das Gesuch um Suspension des Einreiseverbots in
rechtskonformer Ausübung des Ermessens abgelehnt wurde und die an-
gefochtene Verfügung angemessen ist. Dabei steht der Grundsatz der Ver-
hältnismässigkeit im Vordergrund, wobei die Umstände, die zur Anordnung
des Einreiseverbots geführt haben und die privaten Interessen der Be-
schwerdeführerin an einem Aufenthalt in der Schweiz gegeneinander ab-
zuwägen sind (vgl. Urteil des BVGer F-617/2016 vom 4. Juli 2016 E. 3.3
m.H.).
5.2 In Fällen, in denen es um den Besuch von Familienangehörigen in der
Schweiz geht, sind – je nach Konstellation – insbesondere auch Ansprüche
nach Art. 13 BV beziehungsweise Art. 8 EMRK zu prüfen (vgl. Urteile des
BVGer F-7081/2016, F-66/2017 vom 5. Oktober 2018 E. 8.2; C-3728/2015
vom 22. Oktober 2015 E. 3.2, je m.H.).
5.3 Die Beschwerdeführerin wurde am 14. Dezember 2015 vom Bezirks-
gericht Zürich wegen Raubs, versuchten Raubs, mehrfachen Diebstahls
sowie mehrfachen betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungs-
anlage zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten verurteilt. Zuvor
wurde sie mit Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl vom 13. März
2009 wegen Widerhandlung gegen das Ausländergesetz zu einer beding-
ten Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu je Fr. 90.– und einer Busse von
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Fr. 300.– verurteilt. Es steht zweifellos fest, dass dieses sanktionierte Fehl-
verhalten als schwerer Verstoss gegen die öffentliche Sicherheit und Ord-
nung im Sinne von Art. 67 Abs. 2 Bst. a erster Halbsatz AIG zu qualifizieren
ist. Im Weiteren ging von der Beschwerdeführerin zum Zeitpunkt des Straf-
urteils vom 14. Dezember 2015 nicht nur eine einfache Gefahr für die öf-
fentliche Sicherheit und Ordnung gemäss Art. 67 Abs. 2 Bst. a zweiter Halb-
satz AIG aus, sondern diese Gefahr wurde als schwerwiegend im Sinne
von Art. 67 Abs. 3 zweiter Satz AIG eingestuft, weshalb die Vorinstanz ein
Einreiseverbot für sieben Jahre verfügt hat. Bestand ein Fehlverhalten in
der Vergangenheit, so wird die Gefahr entsprechender künftiger Störungen
von Gesetzes wegen vermutet (vgl. etwa Urteil des BVGer F-1049/2018
vom 5. Februar 2020 E. 3.3 m.H.). Nach dem Gesagten besteht ein ge-
wichtiges öffentliches Interesse an einer langjährigen Fernhaltung der Be-
schwerdeführerin. Zu diesem Schluss gelangte im Übrigen auch die Re-
kursabteilung der Sicherheitsdirektion des Kantons Zürich in ihrem erst
kürzlich erlassenen Entscheid vom 25. März 2020, indem sie festhielt,
selbst wenn sich die Beschwerdeführerin in Brasilien bis heute soweit er-
sichtlich wohl verhalten habe, sei aufgrund der noch kurzen Dauer der Be-
währung und insbesondere des bis 2024 gültigen Einreisverbots nach wie
vor von einem grossen öffentlichen Fernhalteinteresse auszugehen (vgl.
kant.-act. S. 661).
5.4 Das Einreiseverbot hat vor allem spezialpräventiven Charakter: Wäh-
rend seiner Gültigkeit soll es der Beschwerdeführerin die Möglichkeit neh-
men, ihr strafbares Verhalten in der Schweiz und im Schengen-Raum fort-
zusetzen; danach, bei künftigen Wiedereinreisen, soll es sie von weiteren
Verstössen gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung abhalten. Als ge-
wichtig zu betrachten ist auch das generalpräventiv motivierte Interesse,
die öffentliche Sicherheit und Ordnung durch eine konsequente Massnah-
menpraxis zu schützen (vgl. BVGE 2014/20 E. 8.2 m.H.). Dem Fernhalte-
interesse ist dadurch Rechnung zu tragen, dass Suspensionen aufgrund
ihres Ausnahmecharakters nur für eine kurze und klar begrenzte Zeitdauer
zu gewähren sind, würde die Fernhaltemassnahme sonst doch ihres Sin-
nes entleert (vgl. Urteil des BVGer F-7081/2016, F-66/2017 vom 5. Okto-
ber 2018 E. 8.2 m.H. auf BVGE 2013/4 E. 7.4.3).
In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass Strafrecht und Ausländer-
recht unterschiedliche Ziele verfolgen und unabhängig voneinander anzu-
wenden sind. Während der Straf- und Massnahmenvollzug nebst der Si-
cherheitsfunktion eine resozialisierende beziehungsweise therapeutische
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Seite 11
Zielsetzung hat, steht für die Migrationsbehörden das Interesse der öffent-
lichen Sicherheit und Ordnung im Vordergrund. Bei ihrer Legalprognose
wenden sie einen im Vergleich mit den Straf- und Strafvollzugsbehörden
strengeren Beurteilungsmassstab an (vgl. BGE 137 II 233 E. 5.2.2 m.H.).
Dass das Bezirksgericht Zürich mit Urteil vom 14. Dezember 2015 die Be-
schwerdeführerin nur zu einer bedingten Strafe verurteilt und die Probezeit
nur auf zwei Jahre festgelegt hat, bedeutet von daher nicht, dass die Be-
schwerdeführerin im heutigen Zeitpunkt kein Risiko für die öffentliche Si-
cherheit und Ordnung mehr darstellt.
5.5 Dem öffentlichen Interesse an der Fernhaltung der Beschwerdeführerin
stellen die Beschwerdeführenden das private Interesse an der Pflege ihrer
ehelichen Bindung sowie der Beziehung zwischen der Beschwerdeführerin
und ihrem Sohn gegenüber. Kinderrechtliche Aspekte sowie das nament-
lich in Art. 5 der Rückführungsrichtlinie (Richtlinie 2008/115/EG) verankerte
Kindeswohl sind vorliegend nicht relevant, da der Sohn der Beschwerde-
führerin am (...) 1998 geboren wurde und somit über 18 Jahre alt ist. Damit
ist die in der Beschwerde zitierte Rechtsprechung (Urteil des BVGer
F-4029/2016 vom 22. März 2017) nicht einschlägig. In jenem Urteil behan-
delte das Bundesverwaltungsgericht nämlich eine Beschwerde betreffend
Einreiseverbot, von dem drei minderjährige Kinder des Beschwerdeführers
mitbetroffen waren. Demgegenüber sind im vorliegenden Verfahren keine
minderjährigen Kinder involviert, weshalb der Beziehung der Beschwerde-
führerin zu ihrem volljährigen Sohn in der Interessenabwägung kein mass-
gebliches Gewicht zukommt. Es stellt sich demnach einzig die Frage, ob
die Vorinstanz die Interessen der Beschwerdeführenden bezüglich deren
Familienlebens angemessen berücksichtigt hat.
5.6 In Anbetracht der folgenden Gründe sind die privaten Interessen der
Beschwerdeführenden zu relativieren. Besondere Hervorhebung verlangt
dabei einerseits der Umstand, dass für die Erschwerung der ehelichen
Kontakte die Beschwerdeführerin verantwortlich ist, da sie selbst den Fern-
haltegrund gesetzt hat. Sie musste davon ausgehen, dass ihr Verhalten
weitreichende und langfristige Konsequenzen für sich und ihre Familie
nach sich ziehen würde. Andererseits stehen gegenseitigen Treffen aus-
serhalb des Schengen-Raums und namentlich in Brasilien, woher die Be-
schwerdeführerin stammt, keine Hindernisse entgegen. Kommt dazu, dass
es der Familie zuzumuten ist, den Kontakt mittels Telefon oder via moderne
Kommunikationsmittel (SMS, E-Mail, WhatsApp, Skype, Facebook usw.)
zu pflegen. Durch diese Möglichkeiten ist ein gewisses Mass an Familien-
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Seite 12
leben gewährleistet. Die in der Replik dargelegten Argumente, wonach ge-
legentliche Besuche ausserhalb des Schengen-Raums aus zeitlichen und
finanziellen Gründen des Beschwerdeführers nur schwer möglich seien,
können im Rahmen der Interessenabwägung nur sehr eingeschränkt Be-
rücksichtigung finden. Selbst wenn dem Beschwerdeführer unter den vor-
gebrachten aktuellen Umständen eine Reise nach Brasilien nicht zumutbar
wäre, würde das sicherheitspolizeiliche Fernhalteinteresse die privaten In-
teressen der Beschwerdeführenden an einer Einreise der Beschwerdefüh-
rerin überwiegen. Betreffend die Intensität der familiären Beziehungen zur
Schweiz ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführenden erst seit rund
zwei Jahren und zehn Monaten verheiratet sind und die Ehe kinderlos ge-
blieben ist. Die Beschwerdeführenden haben zudem erst nach der rechts-
kräftig angeordneten Ausreise geheiratet. Entsprechend musste dem Be-
schwerdeführer das unsichere Aufenthaltsrecht der Beschwerdeführerin
vor Eingehen der Ehe bekannt sein.
5.7 Eine wertende Abwägung der sich gegenüberstehenden öffentlichen
und privaten Interessen führt insgesamt zum Schluss, dass die vorliegende
Abweisung des Suspensionsgesuchs eine verhältnismässige und ange-
messene Massnahme zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung
darstellt. Die Vorinstanz hat die Interessen der Beschwerdeführenden be-
züglich deren Familienlebens angemessen berücksichtigt. Das Vorbringen
der Beschwerdeführenden, wonach die Vorinstanz willkürlich gehandelt
habe, weil sie generell ein überwiegendes Fernhalteinteresse vor Ablauf
von drei Verbotsjahren unterstellt habe, geht fehl. Die Vorinstanz weist
zwar auf die erwähnte Praxis hin, jedoch werden in den ersten drei Jahren
nicht «generell», sondern «grundsätzlich» keine Suspensionen gewährt
(vgl. BVGer-act. 6). Anders ausgedrückt, wird trotz starker Gewichtung der
Fernhalteinteressen in den ersten drei Jahren stets die Verhältnismässig-
keit im Einzelfall geprüft beziehungsweise eine einzelfallgerechte Abwä-
gung zwischen den öffentlichen und den privaten Interessen vorgenom-
men. Die Vorinstanz hat das Suspensionsgesuch nicht pauschal, aus-
schliesslich gestützt auf die Dreijahresfrist, abgewiesen. Vielmehr beur-
teilte sie den Einzelfall und kam zum Schluss, dass eine Wiederholungs-
und Rückfallgefahr nicht ausgeschlossen werden könne und das öffentli-
che Interesse an der Fernhaltemassnahme grösser als das private Inte-
resse der Beschwerdeführerin am zweiwöchigen Besuch sei.
6.
Zusammenfassend erweist sich die angefochtene Verfügung im Lichte von
Art. 49 VwVG als rechtmässig. Die Beschwerde ist folglich abzuweisen.
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Seite 13
7.
7.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten den Beschwerde-
führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ff. des Regle-
ments vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen vor
dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Der am 14. Ja-
nuar 2020 entrichtete Kostenvorschuss ist zur Deckung der Verfahrenskos-
ten zu verwenden.
7.2 Aufgrund ihres Unterliegens wird den Beschwerdeführenden keine
Parteientschädigung zugesprochen.
(Dispositiv nächste Seite)
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Seite 14