Decision ID: 753e91f1-952d-462c-8a5b-6ae8de18bd65
Year: 2016
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A.a A._ war seit dem 4. September 2000 in der B._ tätig und dadurch
obligatorisch bei der Allianz Suisse Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend Allianz)
gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunfällen versichert. Als die Versicherte
am 22. September 2013 ihre fast zweijährige Tochter auf dem Arm getragen habe, sei
diese ruckartig und unverhofft nach hinten "gefallen" (habe sich fallen lassen). Dabei
habe sie (die Versicherte) sich an der Schulter verletzt (Unfallmeldung vom 3. Oktober
2013, UV-act. 2, und Frageblatt zum Unfallhergang vom 28. November 2013, UV-act.
10). PD Dr. med. C._, Spezialarzt FMH für Orthopädische Chirurgie und
Traumatologie, diagnostizierte eine symptomatische Tendinosis calcarea des
Supraspinatussehnenansatzes rechts (Bericht vom 16. Oktober 2013, UV-act. 5; zur
MRT Arthrographie des rechten Schultergelenks vom 4. Oktober 2013, die eine 1 cm
grosse grobschollige Verkalkung in Projektion auf die Supraspinatussehne sichtbar
machte, siehe UV-act. 16). Die am 23. September 2013 erstbehandelnde Dr. med.
D._, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin FMH, berichtete am 24. Oktober 2013
bezüglich des Unfallhergangs, die Versicherte habe beim Aufheben des Kinds
unmittelbare Schmerzen in der rechten Schulter verspürt (UV-act. 7).
A.b Mit Schreiben vom 2. Dezember 2013 teilte die Allianz der Versicherten mit, dass
das Ereignis vom 22. September 2013 den Unfallbegriff nicht erfülle. Es liege des
Weiteren keine unfallähnliche Körperschädigung vor. Daher verneine sie eine
Leistungspflicht (UV-act.12). Am 23. Dezember 2013 wandte sich Dr. C._ an die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Allianz und brachte vor, die Versicherte habe zweifelsfrei ein wenigstens unfallähnliches
Ereignis an der rechten Schulter erlitten, als sie ihre sturzbedrohte Tochter mit einer
Ausweichbewegung habe abfangen wollen und dabei die Schulter distorsioniert sei.
Die bei der Versicherten nebenbefundlich identifizierte Tendinosis calcarea der
Supraspinatussehne sei als degenerativer Vorschaden zu interpretieren. Da die
Versicherte jedoch nachweislich von Seiten ihrer rechten Schulter bis zum Ereignis vom
22. September 2013 vollständig beschwerdefrei gewesen sei, müsse das nach dem
Unfall anhaltende Impingement-Syndrom als richtunggebende Verschlechterung eines
degenerativen Vorschadens interpretiert werden (UV-act. 18).
A.c Am 21. Februar 2014 verfügte die Allianz die Abweisung des Leistungsgesuchs
(UV-act. 20; vgl. auch den Bericht von Dr. C._ an Dr. D._ vom 5. März 2014, UV-
act. 25). Dagegen erhob die Versicherte am 25. März 2014 Einsprache (UV-act. 30) und
reichte eine ärztliche Stellungnahme von Dr. C._ vom 17. März 2014 ein, worin sich
dieser zur Unfallkausalität der Schulterbeschwerden äusserte (UV-act. 30.3). Die Allianz
wies die Einsprache am 23. Juli 2014 ab (UV-act. 36).
B.
B.a Gegen den Einspracheentscheid vom 23. Juli 2014 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 12. September 2014. Die Beschwerdeführerin beantragt darin dessen
Aufhebung und die Ausrichtung der gesetzlichen Leistungen; unter Kosten- und
Entschädigungsfolge. Zur Begründung führte sie im Wesentlichen aus, dass sämtliche
Voraussetzungen des Unfallbegriffs erfüllt seien. Insbesondere sei ihr natürlicher
Bewegungsablauf, das Kind auf der rechten Hüfte zu halten und so weiter zu gehen,
durch einen in der Aussenwelt begründeten Faktor, nämlich die unerwartete, nach
hinten gerichtete Bewegung des Kinds zusammen mit seinem für die Belastung einer
Schulter erheblichen Gewicht von 12 kg, unplanmässig gestört worden. Das ruckartige
Aufrichten und die Belastung der Schulter zur Stabilisierung des sich zurückwerfenden
Kinds würden nicht unter die gewöhnliche, im Rahmen des Alltäglichen liegende
Bandbreite des Tragens eines Kinds fallen. Darin liege vielmehr eine programmwidrige
Abweichung des Bewegungsablaufs, die den Rahmen des Üblichen offensichtlich
sprenge (act. G 1).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in der Beschwerdeantwort vom 27. Oktober
2014 die Abweisung der Beschwerde. Sie hält am Standpunkt fest, dass die zur
Erfüllung des Unfallbegriffs kumulativ notwendigen Tatbestandselemente des äusseren
Faktors und der Ungewöhnlichkeit fehlen würden (act. G 8).
B.c In der Replik vom 8. Dezember 2014 hält die Beschwerdeführerin unverändert an
ihrer Beschwerde fest (act. G 13).
B.d Mit Präsidialverfügung vom 10. Dezember 2014 ist dem Gesuch der
Beschwerdeführerin um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege (Befreiung von
den Gerichtskosten und Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung)
entsprochen worden (act. G 14).
B.e Die Beschwerdegegnerin hält ihrerseits in der Duplik vom 9. Januar 2015 an der
beantragten Beschwerdeabweisung fest (act. G 16).

Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Anspruch der
Beschwerdeführerin auf Versicherungsleistungen gegenüber der Beschwerdegegnerin
aus der obligatorischen Unfallversicherung für die Folgen des Ereignisses vom 22.
September 2013.
1.1 Nach Art. 6 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Unfallversicherung (UVG; SR
832.20) werden, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die
Versicherungsleistungen bei Berufsunfällen, Nichtberufsunfällen und Berufskrankheiten
gewährt.
1.2 Als Unfall gilt gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) die plötzliche, nicht beabsichtigte
schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den
menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder
psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.2.1 Nach Lehre und Rechtsprechung kann das für den Unfallbegriff wesentliche
Merkmal des ungewöhnlichen äusseren Faktors in einer unkoordinierten Bewegung
bestehen. Bei Körperbewegungen gilt dabei der Grundsatz, dass das Erfordernis der
äusseren Einwirkung lediglich dann erfüllt ist, wenn ein in der Aussenwelt begründeter
Umstand den natürlichen Ablauf einer Körperbewegung gleichsam "programmwidrig"
beeinflusst hat. Dies trifft beispielsweise dann zu, wenn die versicherte Person stolpert,
ausgleitet oder an einem Gegenstand anstösst, oder wenn sie, um ein Ausgleiten zu
verhindern, eine reflexartige Abwehrhaltung ausführt oder auszuführen versucht. Der
äussere Faktor ist ungewöhnlich, wenn er - nach einem objektiven Massstab - nicht
mehr im Rahmen dessen liegt, was für den jeweiligen Lebensbereich alltäglich und
üblich ist (siehe zum Ganzen Urteil des Bundesgerichts vom 10. April 2014,
8C_783/2013, E. 4.1 mit Hinweis u.a. auf BGE 134 V 76 E. 4.2).
1.2.2 Bei Schädigungen, die sich auf das Körperinnere beschränken und die
erfahrungsgemäss auch als alleinige Folge von Krankheit, insbesondere von
vorbestandenen degenerativen Veränderungen eines Körperteils, innerhalb eines
durchaus normalen Geschehensablaufs auftreten können (z.B. Diskushernien),
unterliegt der Nachweis eines Unfalls insofern strengen Anforderungen, als die
unmittelbare Ursache der Schädigung unter besonders "sinnfälligen" Umständen
gesetzt worden sein muss; denn ein Unfallereignis manifestiert sich in der Regel in
einer äusseren wahrnehmbaren Schädigung, während bei deren Fehlen eine erhöhte
Wahrscheinlichkeit rein krankheitsbedingter Ursachen besteht (Urteil des
Bundesgerichts vom 10. April 2014, 8C_783/2013, E. 4.3 mit Hinweisen).
1.3 Folgende, in Art. 9 Abs. 2 der Verordnung über die Unfallversicherung (UVV; SR
832.202) abschliessend aufgeführte Körperschädigungen sind, sofern sie nicht
eindeutig auf eine Erkrankung oder eine Degeneration zurückzuführen sind, auch ohne
ungewöhnliche äussere Einwirkung Unfällen gleichgestellt: Knochenbrüche;
Verrenkungen der Gelenke; Meniskusrisse; Muskelrisse; Muskelzerrungen;
Sehnenrisse; Bandläsionen und Trommelfellverletzungen.
2.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Hinsichtlich des Hergangs des Ereignisses vom 22. September 2013 enthalten die
Akten verschiedene, miteinander nicht zu vereinbarende Angaben. So hielt die
erstbehandelnde Dr. D._ fest, "beim Kind aufheben unmittelbare Schmerzen i. d. re
Schulter" (Bericht vom 24. Oktober 2013, UV-act. 7). Demgegenüber führten die
Arbeitgeberin und die Beschwerdeführerin aus, die (fast zweijährige) Tochter sei
ruckartig und unverhofft nach hinten "gefallen" (habe sich fallen lassen), als sie von ihr
(der Beschwerdeführerin) auf dem Arm getragen worden sei. Durch das Aufhalten des
Kinds sei ihre Schulter verletzt worden (Meldung vom 3. Oktober 2013, UV-act. 2;
Frageblatt vom 28. November 2013, UV-act. 10; ähnlich Dr. C._ im Bericht vom 16.
Oktober 2013, UV-act. 5; zur ausführlichen Schilderung siehe nachstehende E. 2.1).
Vorliegend kann offen bleiben, von welchem Ereignisablauf mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit auszugehen ist. Denn selbst wenn zugunsten der
Beschwerdeführerin nicht auf die von Dr. D._ gemachten Angaben abgestellt würde,
wären nicht sämtliche für die Anerkennung des Unfallbegriffs erforderlichen
Tatbestandselemente als erfüllt zu betrachten (vgl. nachstehende E. 2.1 ff.).
2.1 Vorab ergibt sich aus den Akten, dass die Beschwerdeführerin im Bereich der
Schulter bereits vor dem Ereignis vom 22. September 2013 an einem degenerativen
Gesundheitsschaden litt (Verkalkung im Bereich des Supraspinatussehnenansatzes;
Bericht von Dr. C._ vom 17. März 2014, UV-act. 30.3). Daher ist bei der Beurteilung
des vorliegenden Ereignisses der Rechtsprechung Rechnung zu tragen, wonach in
Abgrenzung zur Krankheit der äussere Faktor beim Unfall als exogenes Element so
ungewöhnlich sein muss, dass eine endogene Verursachung ausser Betracht fällt
(Urteil des Bundesgerichts vom 26. Mai 2010, 8C_1019/2009, E. 5.1.2 mit Hinweis auf
BGE 134 V 76 f. E. 4.1.1; siehe auch vorstehende E. 1.2.2).
2.2 In der Beschwerde vom 12. September 2014 legte die Beschwerdeführerin den
Ablauf des Ereignisses vom 22. September 2013 wie folgt dar: Sie sei Hausarbeiten
nachgegangen, als sie sich um circa 13:00 Uhr auf Grund des Quengelns ihrer Tochter
dazu veranlasst gesehen habe, ihre am Boden spielende Tochter aufzunehmen und ihr
damit Einhalt zu gebieten. Sie habe ihre Tochter dabei auf die rechte Körperseite
genommen, sodass das etwa 12-13 kg schwere Kind auf ihrem rechten Hüftknochen
geruht sei. Mit ihrer rechten Hand habe sie das Kind in der Steissgegend locker an
seinem Ort gehalten. Als sie sich nach der Aufforderung an das Kind, sich jetzt ruhig zu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
verhalten, habe in Bewegung setzen wollen, habe sich dieses aus Protest ruckartig und
plötzlich nach hinten geworfen. Dabei habe es sich richtiggehend von ihr abgestossen.
Bis sie habe reagieren können, habe das Kind ungefähr die Waagrechte mit Kopf und
Rücken erreicht, sodass sie es aus einer verdrehten und in Rücklage befindlichen
Haltung mit grossem Kraftaufwand ebenso ruckartig wieder habe aufrichten müssen.
Unmittelbar nach dieser Bewegung habe sie einen stechenden Schmerz im rechten
Schultergelenk verspürt, dergestalt, dass sie kaum mehr Kraft im Arm habe
mobilisieren können und das Kind wieder auf den Boden habe abstellen müssen (act.
G 1, Rz 6).
2.3 Der von der Beschwerdeführerin geschilderte Ereignisablauf besteht nach dem
Gesagten in einem mit der rechten oberen Extremität ausgeführten reflexhaften
Nachfassen/Abfangen eines auf dem rechten Arm getragenen, vorübergehend ausser
Kontrolle geratenen bzw. entfliehenden Kleinkindoberkörpers. Die von der
Beschwerdeführerin ausgeführte reflexartige Arm-/Schulterbewegung ist als solche
weder ungewöhnlich noch in besonderer, einem Ausgleiten oder einem Sturz der
versicherten Person vergleichbarer Weise geeignet, zu einer unphysiologischen
Belastung einzelner Muskeln, Muskelgruppen oder Gelenke zu führen. Das Vorliegen
eines ungewöhnlichen äusseren Faktors ist auch nicht bereits deshalb zu bejahen, weil
die Bewegung reflexartig ausgeführt worden ist. In vergleichbaren Fällen hat das
Eidgenössische Versicherungsgericht (EVG; seit 1. Januar 2007: Sozialrechtliche
Abteilungen des Bundesgerichts) das Vorliegen eines ungewöhnlichen äusseren
Faktors verneint, so beim reflexartigen Auffangen eines weggekippten Einkaufwagens
(Urteil vom 21. März 2006, U 222/05, E. 3.2), beim Nachfassen einer abrutschenden
Vakuumstufe von ca. 25 bis 30 kg (Urteil vom 12. April 2000, U 110/99, E. 3), beim
Wiederherstellen des Gleichgewichts durch eine heftige Handbewegung anlässlich des
Transports einer 100 bis 150 kg schweren Türe, beim Heben eines ca. 60 kg
wiegenden Papierstapels und reflexartigen Nachfassen, als dieser in sich
zusammenzufallen drohte, und beim ruckartigen An-sich-nehmen eines von einem
fahrbaren Wagenheber herunterzufallen drohenden Motors mit einem Gewicht von ca.
80 kg (siehe zu diesen Beispielen das Urteil vom 23. Mai 2006, U 144/06, E. 2.2 mit
Hinweisen auf SUVA-Jahresberichte). Auch im Fall einer versicherten Person, die
vorgeschnellt und reflexartig mit einer Armbewegung versucht hatte, einen auf einem
unvermittelt wegzukippen drohenden Transportroller stehenden Oleander in die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Senkrechte zu reissen, hatte das EVG gleich entschieden (Urteil vom 23. Mai 2006, U
144/06, E. 2.2). Ebenso verneinte das Bundesgericht die Ungewöhnlichkeit einer
reflexartigen Bewegung einer versicherten Person, die beim Herausziehen einer sich
ruckartig lösenden Harasse von ca. 25 kg aus einem Regal erforderlich wurde (Urteil
vom 10. April 2014, 8C_783/2013, E. 6.2).
2.4 Den genannten Sachverhalten und dem von der Beschwerdeführerin dargelegten
Ereignis ist sodann gemeinsam, dass der natürliche Ablauf der reflexartigen
Körperbewegung im Rahmen des Nachfassens bzw. Abfangens des Oberkörpers des
Kleinkinds zur Verhinderung von dessen Sturz jeweils nicht durch etwas
Programmwidriges oder Sinnfälliges, wie eigenes Ausgleiten oder Stolpern, oder eines
reflexhaften Abwehrens des eigenen Sturzes beeinträchtigt worden ist. Sie prallte
sodann - im Gegensatz zu den von der Beschwerdeführerin ins Feld geführten
Sachverhalten (Sturz mit einem Motorrad, act. G 1, Rz 23, oder "Bodycheck", act. G
13, Rz 4; zu den diesbezüglich zutreffenden Ausführungen der Beschwerdegegnerin
siehe act. G 8, Rz 7, und G 16, Rz 5) - namentlich weder mit ihrem Oberkörper noch
ihrem Kopf oder den oberen Extremitäten mit einem Objekt zusammen. Vielmehr
vermochte sie offenbar die Nachfassbewegung von Drittobjekten ungestört mit dem
angestrebten Ziel (Verhinderung eines Sturzes des Kleinkinds) zu vollenden. Im Übrigen
ist es beim Tragen eines quengelnden Kleinkinds nicht ungewöhnlich, wenn sich dieses
ruckartig dem disziplinierend eingreifenden Erwachsenen - auch beim Tragen - zu
entziehen versucht mit der Absicht, schnellstmöglich zum Spiel am Boden, von dem es
soeben entgegen dessen Willen entrissen wurde, zurückkehren zu können. Die
Beschwerdeführerin, die als Mutter täglich mit dem Kind zusammen ist und dessen
entwicklungsbedingte Verhaltensweisen unausweichlich miterlebt, musste daher in der
von ihr geschilderten Situation mit einer aktiven Gegenwehr des quengelnden
Kleinkinds rechnen.
2.5 Etwas Ungewöhnliches lässt sich auch nicht im Kraftaufwand erkennen, der für
das Nachfassen/Abfangen des Kleinkinds erforderlich war (gemäss Aussage der
Beschwerdeführerin habe dieses 12 bis 13 kg gewogen, act. G 1, Rz 6). Dies gilt umso
mehr, als das Kleinkind während des gesamten Ablaufs offenbar stets durch seine
Beine um die Hüfte der Beschwerdeführerin mit dieser in Körperkontakt blieb bzw. sich
zumindest nicht mit dem gesamten Körper in einem freien Fall befunden hat. Hinzu
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
kommt, dass die Beschwerdeführerin nach eigenen Angaben das Kleinkind unmittelbar
vor dessen abrupter Abstossbewegung bereits mit ihrer rechten Hand in dessen
Steissgegend gehalten hat. Rechtsprechungsgemäss wird eine den Unfallbegriff
erfüllende Überanstrengung denn auch erst dann bejaht, wenn Lasten von erheblichem
Gewicht zu heben sind (mehr als 100 kg; Urteile des EVG vom 23. Mai 2006, U 144/06,
E. 2.2, und vom 9. Oktober 2003, U 360/02, E. 3.3.3 mit Hinweis; Urteil des
Bundesgerichts vom 23. Oktober 2009, 8C_319/2009, E. 3.3), was auf den vorliegend
zu beurteilenden Fall offensichtlich nicht zutrifft. Von weiteren Abklärungen,
insbesondere den von der Beschwerdeführerin ohne nähere Begründung beantragten
biomechanischen Gutachten (act. G 1, Rz 6), sind keine neuen Erkenntnisse zu
erwarten, weshalb darauf verzichtet wird (antizipierte Beweiswürdigung, vgl. BGE 122 V
157 E. 1d).
2.6 Zusammenfassend ergibt sich, dass das Ereignis vom 22. September 2013 den
Unfallbegriff nicht erfüllt. Wie die Beschwerdegegnerin zutreffend ausgeführt hat (UV-
act. 36, Rz 2.4, act. G 8, Rz 11) und von der Beschwerdeführerin unbestritten geblieben
ist (vgl. act. G 1 und G 13), sind die Voraussetzungen für eine unfallähnliche
Körperschädigung im Sinn von Art. 9 UVV nicht erfüllt. Vor diesem Hintergrund erübrigt
sich die Beurteilung der Kausalität zwischen dem Geschehen vom 22. September 2013
und der von der Beschwerdeführerin geltend gemachten Gesundheitsschädigung.
3.
3.1 Nach dem Gesagten ist die Beschwerde abzuweisen.
3.2 Gerichtskosten sind keine zu erheben (Art. 61 lit. a ATSG).
3.3 Der Beschwerdeführerin ist die unentgeltliche Rechtsverbeiständung am 10.
Dezember 2014 bewilligt worden (act. G 14). Eine Partei, der die unentgeltliche
Rechtspflege gewährt wurde, ist zur Nachzahlung verpflichtet, sobald sie dazu in der
Lage ist (Art. 99 Abs. 2 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP; sGS
951.1] i.V.m. Art. 123 Abs. 1 der Schweizerischen Zivilprozessordnung [ZPO/CH; SR
272]). Die Parteientschädigung wird vom Versicherungsgericht festgesetzt und ohne
Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/10
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Schwierigkeit des Prozesses bemessen (Art. 61 lit. g ATSG). In der
Verwaltungsrechtspflege beträgt das Honorar vor Versicherungsgericht nach Art. 22
Abs. 1 lit. b HonO pauschal Fr. 1'000.-- bis Fr. 12'000.--. Der Rechtsvertreter der
Beschwerdeführerin verzichtete auf das Einreichen einer Kostennote. In der vorliegend
zu beurteilenden Angelegenheit erscheint mit Blick auf die eingeschränkte Streitfrage
(Unfallbegriff) eine pauschale Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- angemessen. Diese
ist um einen Fünftel zu kürzen (Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes [AnwG; sGS
963.70]). Somit entschädigt der Staat den Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
pauschal (BGE 125 V 201) mit Fr. 2'400.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer).