Decision ID: e7bcd5f0-b567-47c0-ba2b-6061a5c14f90
Year: 2009
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
P._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. iur. Kreso Glavas, Haus zur alten Dorfbank,
9313 Muolen,
gegen
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
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betreffend
medizinische Massnahmen
Sachverhalt:
A.
A.a Die 1993 geborene P._ erlitt bei einem Autounfall am 8. Februar 2004 schwere
Verletzungen am linken Bein, welche zu zahlreichen Folgeoperationen führten. Am 2.
Mai 2008 wurde sie von ihrer Mutter zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet (IV-act. 1). Als Unfallfolgen erwähnte Dr. med. A._
in seinem Arztbericht vom 26. Juni 2008 eine Fermurtrümmerfraktur links, eine
Olecranonfraktur mit Radius-Köpfchenluxation und knöcherner Absprengung des
Epikondylus radialis humeri links sowie eine Leberkontusion. Es seien mehrere
Operationen und konservative Therapien erfolgt. Die Versicherte benötige Behandlung/
Therapie (IV-act. 8). Im Bericht von Dr. med. B._, Klinik für Orthopädische Chirurgie
des Kantonsspitals St. Gallen, vom 8. April 2008 wurde zur Therapie der lumbalen
Rückenschmerzen ein intensives Rumpfmuskeltraining empfohlen (IV-act. 10-2/3). Am
28. Juli 2008 wurde der IV-Stelle die Verordnung zur Physiotherapie zugestellt. Ziel der
physiotherapeutischen Behandlung sei die Verbesserung der Muskelfunktion (IV-act.
11). Dr. med. C._ führte in seinem Arztbericht vom 16. September 2008 aus, dass
aktuell zunehmende Schmerzen im Bereich der Kniegelenksinnenseite links bestünden.
Diese würden vor allem beim Sport und beim längeren Sitzen auftreten. Als Ziel der
Physiotherapie wurden angegeben: Beschwerdebesserung, Kräftigung, antalgische
und antientzündliche Therapie, Koordination (IV-act. 12-3/3). In seiner Stellungnahme
vom 3. Oktober 2008 beurteilte der regionale ärztliche Dienst (RAD) der IV die
Physiotherapie als Leidensbehandlung, die noch im Zusammenhang mit dem Unfall
und den zahlreichen Operationen stehe, und deshalb nicht als medizinische
Massnahme von der IV zu übernehmen sei (IV-act. 13).
A.b Mit Vorbescheid vom 15. Oktober 2008 stellte die IV-Stelle der Versicherten in
Aussicht, dass das Leistungsbegehren um medizinische Massnahmen abgewiesen
werde. Da es sich um eine Leidensbehandlung handle, könne die Physiotherapie nicht
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übernommen werden (IV-act. 16). Am 21. Oktober 2008 wurde der Versicherten
mitgeteilt, dass sie Anspruch auf Berufsberatung und Abklärung der beruflichen
Eingliederungsmöglichkeiten durch die IV habe (IV-act. 19). Am 27. November 2008
verfügte die IV-Stelle im Sinne des Vorbescheids und wies das Leistungsbegehren ab
(IV-act. 22). Am 6. Januar 2009 ersuchte der Rechtsvertreter der Versicherten gestützt
auf einen Bericht von Dr. B._ vom 16. Dezember 2008 um Wiedererwägung der
Verfügung vom 27. November 2008 (IV-act. 23 und 25). Die IV-Stelle trat auf das
Wiedererwägungsgesuch nicht ein (IV-act. 26).
B.
B.a Gegen die Verfügung vom 27. November 2008 richtet sich die vorliegende
Beschwerde vom 16. Januar 2009 mit dem Antrag, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, die (aktuellen)
medizinischen Behandlungen im Zusammenhang mit dem Autounfall vom 8. Februar
2004, insbesondere die noch anstehenden somatischen und psychischen
Behandlungen nach Massgabe von Art. 12 IVG zu übernehmen. Eventualiter sei eine
medizinische Abklärung über den aktuellen Zustand und die Notwendigkeit der
medizinischen Behandlung nach Massgabe von Art. 12 IVG vorzunehmen. Es wird
insbesondere geltend gemacht, dass nicht mehr von einem labilen medizinischen
Zustand ausgegangen werden könne und deshalb die Beschwerdegegnerin zumindest
für die aktuelle Behandlung im Rahmen von Art. 12 IVG zuständig bleibe. Gemäss dem
Kantonsspital St. Gallen erfüllten selbst die bisher durchgeführten operativen und
konservativen Therapien die Voraussetzungen des Art. 12 IVG. Diese Massnahmen
hätten wesentlich dazu geführt, die Erwerbsfähigkeit dauernd oder wesentlich zu
verbessern oder mindestens vor wesentlichen Beeinträchtigungen der
gesundheitlichen Situation zu bewahren. Der Meinung des mitbehandelnden Arztes Dr.
B._ vom Kantonsspital komme mehr Überzeugungskraft zu als derjenigen des IV-
Arztes in der Stellungnahme des RAD. Bei den jetzigen medizinischen Massnahmen
handle es sich eindeutig um die Steigerung der beruflichen Chancen. Falls notwendig
sei eine Fachexpertise in Auftrag zu geben (act. G 1).
B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt in ihrer Beschwerdeantwort vom 20. April 2009
die Abweisung der Beschwerde. Sie macht insbesondere geltend, dass alle Vorkehren,
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die der kausalen oder symptomatischen Behandlung von Verletzungen dienen, nicht zu
den medizinischen Eingliederungsmassnahmen, sondern zur sogenannten Behandlung
des Leidens an sich gehören würden. Ein enger sachlicher Zusammenhang mit der
Krankheits- oder Unfallbehandlung spreche für das Vorliegen einer Behandlung des
Leidens an sich. Die vorliegende Physiotherapie diene in erster Linie dazu, die kausalen
Verletzungen des Unfalls zu behandeln und es sei schon während der
Unfallbehandlung voraussehbar gewesen, dass eine Therapie notwendig sei (act. G 4).
B.c In der Replik vom 11. Mai 2009 hält die Beschwerdeführerin an ihren Anträgen fest.
Durch die Physiotherapie werde der Beschwerdeführerin die berufliche Eingliederung
ermöglicht bzw. wesentlich verbessert, wie dies vom Kantonsspital bestätigt werde.
Das Kantonsspital bestätige auch, dass der Gesundheitszustand der Versicherten im
gesamten Behandlungszeitraum annähernd stabil bzw. definitiv gewesen sei. Auch sei
vom Kantonsspital als parteiunabhängiger und qualifizierter Stelle bestätigt worden,
dass die Voraussetzungen von Art. 12 IVG erfüllt seien (act. G 8).
B.d Die Beschwerdegegnerin hat auf die Einreichung einer Duplik verzichtet (act. G 10).

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist die Frage, ob die Beschwerdeführerin im Rahmen der
Invalidenversicherung Anspruch auf eine Kostengutsprache für Physiotherapie hat.
2.
2.1 Nach Art. 12 Abs. 1 IVG haben Versicherte bis zum vollendeten 20. Altersjahr
Anspruch auf medizinische Massnahmen, die nicht auf die Behandlung des Leidens an
sich, sondern unmittelbar auf die Eingliederung ins Erwerbsleben oder in den
Aufgabenbereich gerichtet und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit,
sich im Aufgabenbereich zu betätigen, dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor
wesentlicher Beeinträchtigung zu bewahren. Um Behandlung des Leidens an sich geht
es in der Regel bei der Heilung oder Linderung labilen pathologischen Geschehens. Die
Invalidenversicherung übernimmt grundsätzlich nur solche medizinische Vorkehren, die
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unmittelbar auf die Beseitigung oder Korrektur stabiler oder wenigstens relativ
stabilisierter Defektzustände oder Funktionsausfälle hinzielen und welche die
Wesentlichkeit und Beständigkeit des angestrebten Erfolges gemäss Art. 12 Abs. 1 IVG
voraussehen lassen (BGE 120 V 277 E. 3a S. 279 mit Hinweisen; AHI 2000 S. 64 E. 1
[I 181/99]).
Bei minderjährigen Versicherten ist zu beachten, dass diese als invalid gelten, wenn ihr
Gesundheitsschaden künftig wahrscheinlich eine Erwerbsunfähigkeit zur Folge haben
wird (Art. 5 Abs. 2 IVG). Nach der Rechtsprechung können daher medizinische
Vorkehren bei Jugendlichen schon dann überwiegend der beruflichen Eingliederung
dienen und trotz des einstweilen noch labilen Leidenscharakters von der
Invalidenversicherung übernommen werden, wenn ohne diese Vorkehren eine Heilung
mit Defekt oder ein sonst wie stabilisierter Zustand einträte, wodurch die Berufsbildung
oder die Erwerbsfähigkeit oder beide beeinträchtigt würden (BGE 131 V 9 E. 4.2 S. 21).
2.2 Nach Art. 2 Abs. 1 IVV gelten als medizinische Massnahmen im Sinne von Art. 12
IVG namentlich chirurgische, physiotherapeutische und psychotherapeutische
Vorkehren, die eine als Folgezustand eines Geburtsgebrechens, einer Krankheit oder
eines Unfalls eingetretene Beeinträchtigung der Körperbewegung, der
Sinneswahrnehmung oder der Kontaktfähigkeit zu beheben oder zu mildern trachten,
um die Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betätigen,
dauernd und wesentlich zu verbessern oder vor wesentlicher Beeinträchtigung zu
bewahren.
3.
3.1 Die Behandlung von Unfallfolgen gehört grundsätzlich in das Gebiet der
Unfallversicherung. So hält Art. 2 Abs. 4 IVV fest, dass insbesondere die Behandlung
von Verletzungen nicht als medizinische Massnahme im Sinne von Art. 12 IVG gilt.
Hingegen können Defekte, die als Folge von Unfällen entstehen, Anlass zu
Eingliederungsmassnahmen im Sinne von Art. 12 IVG geben, sofern kein enger
sachlicher und zeitlicher Zusammenhang mit der primären Unfallbehandlung besteht
(BGE 114 V 18 Erw. 1b). Für die Leistungspflicht der IV genügt es, dass entweder der
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zeitliche oder der sachliche Zusammenhang mit der primären Unfallbehandlung fehlt
(BGE 101 V 271 Erw. 3).
Vorkehren nach unfallmässigen Frakturen zur Verhinderung oder Behandlung von
Komplikationen, welche die Rückkehr der normalen Bewegungsfunktionen hindern,
sind keine medizinischen Massnahmen, sofern sie noch in engem zeitlichen und
sachlichen Zusammenhang mit der Heilung stehen (ZAK 1970 613).
3.2 Die Versicherte musste sich nach dem Unfall vom 8. Februar 2004 zahlreichen
Operationen am linken Bein unterziehen. In der Anmeldung zum Bezug von IV-
Leistungen vom 2. Mai 2008 wurde erwähnt, dass Ende Mai 2008 die 10. Operation
erfolge (IV-act. 1-5/6 und act. 2). Im Arztbericht von Dr. A._ vom 26. Juni 2008
wurden belastungsabhängige Schmerzen im Bereich des distalen lateralen
Oberschenkels links festgehalten. Im Juni 2008 seien der Patientin die Metalle entfernt
worden (IV-act. 8-2/4). Diese Metallentfernung wurde am 28. Mai 2008 am
Kantonsspital St. Gallen durchgeführt (IV-act. 12-1/3 und act. 21-3/4). Im
Austrittsbericht des Kantonsspitals St. Gallen vom 6. August 2007 wurde eine
progrediente Beschwerdesymptomatik des Rückens und des Kniegelenks infolge
Fehlstellung des linken Knies erwähnt. Am 2. August 2007 musste deshalb eine
Korrekturosteotomie vorgenommen werden (IV-act. 8-3/4). Die Patientin habe unter
physiotherapeutischer Behandlung gut mobilisiert werden können. Zur Verbesserung
des Bewegungsausmasses im Rahmen der Schmerzen wurde weiterhin die
Durchführung von Physiotherapie empfohlen (IV-act. 8-4/4). Am 16. September 2008
berichtete Dr. C._ über zunehmende Schmerzen der Patientin im Bereich der
Kniegelenksinnenseite links. Er ordnete zur Beschwerdebesserung, Kräftigung,
antalgischen und antientzündlichen Therapie sowie für die Koordination Physiotherapie
an (IV-act. 12-2f./3). Im Bericht des Kantonsspitals St. Gallen vom 7. Oktober 2008
über die ambulante Untersuchung (Nachkontrolle) wurde als MRI-Befund eine
hochgradige Patella baja, eine leichte Tendinose am Ursprung der Patellarsehne, eine
fortgeschrittene Chondropathie mit Ulzera und Rissbildung an der Patellarrückseite
sowohl medial als auch lateral, eine fortgeschrittene Chondropathie an der Trochlea
femoris, eine geringe Chondropathie mit Blasenbildung am medialen Femurkondylus
sowie kleine Risse am tibialen Knorpelüberzug am lateralen Kompartiment festgehalten
(IV-act. 21-3/4). Es wurde weiterhin eine konservative Therapie empfohlen. Der
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Patientin wurde ein Physiotherapie-Rezept ausgestellt mit dem Ziel, die
Quadricepsmuskulatur zu dehnen, um dadurch den Retro-Patella-Anpressdruck zu
reduzieren. Eine Proximalisierung der Tuberositas tibiae bei Patella baja sei derzeit bei
noch nicht geschlossenen Epiphysenfugen nicht möglich. Die nächste klinische
Verlaufskontrolle habe in sechs Wochen zu erfolgen.
3.3 Unter den vorliegenden Umständen ist von einem engen sachlichen
Zusammenhang der angeordneten Physiotherapie zur primären Unfallbehandlung
auszugehen. Sie bildet zusammen mit den als Folge der Unfallverletzungen notwendig
gewordenen Operationen einen eigentlichen Behandlungskomplex und dürfte schon
bei den jeweiligen chirurgischen Eingriffen als voraussichtlich notwendige
anschliessende Behandlung erkennbar gewesen sein. Dies ergibt sich auch aus den
Berichten der Klinik für Orthopädische Chirurgie des Kantonsspitals St. Gallen, in
welchen jeweils postoperativ physiotherapeutische Massnahmen angeordnet worden
sind (IV-act. 8-3/4, 10-2/3, 12-3/3, 21-3/4). Die Physiotherapie stellt demnach einen Teil
der Unfallbehandlung dar, ohne sich deutlich von der eigentlichen Behandlung des
primären Leidens abzuheben. Sie ist somit nicht unmittelbar auf die berufliche
Eingliederung gerichtet, sondern gehört vielmehr noch überwiegend zum eigentlichen
Behandlungsplan der Unfallfolgen. Und auch wenn das Unfallereignis bereits einige
Jahre zurückliegt, ist der zeitliche Zusammenhang der angeordneten Therapien mit der
primären Unfallbehandlung nicht unterbrochen worden, nachdem bis Mitte 2008 immer
wieder Operationen durchgeführt werden mussten und konservative Therapien
angeordnet wurden und auch im Arztbericht vom 7. Oktober 2008 die Möglichkeit
weiterer chirurgischer Eingriffe erwähnt wird (IV-act. 21-3/4).
Die Physiotherapie stellt vorliegend nach dem Gesagten eine Behandlung von
Komplikationen dar, welche die Rückkehr der normalen Bewegungsfunktionen nach
dem Unfall hindern; sie steht noch in engem zeitlichen und sachlichen Zusammenhang
mit der Heilung der Unfallfolgen. Unter diesen Umständen ist sie als Behandlung des
Leidens an sich zu betrachten und nicht unmittelbar auf die Eingliederung ins
Erwerbsleben gerichtet. Die Abweisung des Leistungsbegehrens durch die
Beschwerdegegnerin erfolgte daher zu Recht.
4.
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4.1 Nach dem Gesagten ist die Verfügung vom 27. November 2008 nicht zu
beanstanden und die Beschwerde ist abzuweisen.
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis
Fr. 1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 600.--
erscheint als angemessen. Der geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- kommt zur
Anrechnung.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG