Decision ID: ef545a17-6fe3-5816-8511-2e19b51b370c
Year: 2013
Language: de
Court: BE_VB
Chamber: BE_VB_001
Canton: BE
Region: Espace_Mittelland
Law Area: public_law

I. Sachverhalt
1. Die Beschwerdeführenden reichten am 25. Mai 2013 bei der Gemeinde Muri bei Bern
ein Baugesuch ein für die Installation einer Photovoltaikanlage auf dem Dach ihrer
Liegenschaft auf Parzelle Muri bei Bern Grundbuchblatt Nr. XXXX. Die Parzelle liegt in der
Landhauszone WL. Mit Entscheid vom 9. August 2013 erteilte die Gemeinde Muri den
Bauabschlag.
2. Dagegen reichten die Beschwerdeführenden am 27. August 2013 Beschwerde bei
der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) ein. Sie beantragen die
Aufhebung des Gesamtentscheides vom 9. August 2013 und Erteilung der Baubewilligung.
2
3. Das Rechtsamt, welches die Beschwerdeverfahren für die BVE leitet1, edierte die
Vorakten und führte den Schriftenwechsel durch. Die Gemeinde Muri beantragt die
Abweisung der Beschwerde. Auf die Rechtsschriften wird, soweit für den Entscheid
wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Erwägungen
1. Prozessvoraussetzungen
Bauentscheide können nach Art. 40 BauG2 innert 30 Tagen seit Eröffnung mit
Baubeschwerde bei der BVE angefochten werden. Die BVE ist somit für die Beurteilung
der Beschwerde zuständig. Zur Beschwerde befugt sind die Baugesuchsteller, die
Einsprecher im Rahmen ihrer Einsprachegründe und die zuständige Gemeindebehörde
(Art. 40 Abs. 2 BauG). Die Beschwerdeführenden, deren Baugesuch abgewiesen wurde,
sind durch den vorinstanzlichen Entscheid beschwert und daher zur Beschwerdeführung
legitimiert. Auf die form- und fristgerecht eingereichte Beschwerde ist einzutreten.
2. Bewilligungsfähigkeit
a) Die Beschwerdeführenden planen die Installation einer Photovoltaikanlage auf dem
Dach ihres Einfamilienhauses. Beim Dach handelt es sich um ein Walmdach, das auf der
Süd- und Nordseite eine Lukarne, auf der Ost- und Westseite einen Erker aufweist. Die
Photovoltaikanlage soll aus dreissig Paneelen von je rund 1.60 m auf 1.00 m bestehen. Die
Paneele sollen auf der Süd- und Westseite des Daches in mehreren nicht-symmetrischen
Feldern angebracht werden. Die Anlage würde eine Fläche von insgesamt 48.90 m2
aufweisen.
1 Art. 7 der Verordnung vom 18. Oktober 1995 über die Organisation und die Aufgaben der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (OrV BVE; BSG 152.221.191) 2 Baugesetz vom 9. Juni 1985 (BauG; BSG 721)
3
Die Gemeinde Muri hat dem Vorhaben den Bauabschlag mit der Begründung erteilt, die
gestalterischen Vorgaben von Art. 30 GBR3 seien nicht eingehalten.
Die Beschwerdeführenden rügen, die Gemeinde habe den Bauabschlag ausschliesslich
aus ästhetischen Gründen erteilt. Die Liegenschaft sei nicht denkmalgeschützt und liege
nicht in einer besonders geschützten Zone. Das Dach sei von der Strasse her kaum
einsehbar. Die geplante Anlage decke den Energiebedarf des Haushalts sowie eines
Elektroautos ab und könne daher nicht verkleinert werden.
b) Die geplante Photovoltaikanlage soll aus mehreren asymmetrischen Feldern
bestehen. Sie entspricht damit nicht den Vorgaben der Richtlinien des Amts für
Umweltkoordination und Energie (AUE) für bewilligungsfreie Anlagen4. Es ist unbestritten,
dass die geplante Anlage einer Baubewilligung bedarf (Art. 6 Abs. 1 Bst. f BewD5).
c) Bauten, Anlagen, Reklamen, Anschriften und Bemalungen dürfen Landschaften,
Orts- und Strassenbilder nicht beeinträchtigen (Art. 9 Abs. 1 BauG). Diese Vorschrift stellt
die „ästhetische Generalklausel“ im Sinne eines allgemeinen Beeinträchtigungsverbots dar.
Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn ein Bauvorhaben einen Gegensatz zur bestehenden
Überbauung schafft, der erheblich stört. Die Gemeinden dürfen eigene Ästhetikvorschriften
erlassen, die über die kantonalen Vorschriften hinausgehen können. Derartige Vorschriften
müssen, um selbständige Bedeutung zu erlangen, konkreter gefasst sein als die
Anordnungen des kantonalen Rechts, sie dürfen Letztere nicht bloss allgemein anders
formulieren.6
Das Baureglement der Gemeinde Muri enthält insbesondere folgende Bestimmung zur
Gestaltung von Bauten und Anlagen (Art. 30 Abs. 1 GBR):
„Energiegewinnungsanlagen auf Dachflächen, Fassaden, Balkonen und im Garten sind
gestattet, wenn eine sorgfältige Einpassung (Abmessung, Lage, Material und Farbe) in das
Orts- und Landschaftsbild gewährleistet ist.“
3 Baureglement der Gemeinde Muri vom 1. Oktober 1994 (GBR) 4 Richtlinien für baubewilligungsfreie Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien, Bern 2012 (RRB 992/2012; Richtlinien); www.bve.be.ch/bve/de/index/energie/energie/downloads_publikationen.assetref/ content/dam/documents/BVE/AUE/de/aue_en_richtlinien_erneuerbare_energien_120627_d.PDF 5 Dekret vom 22. März 1994 über das Baubewilligungsverfahren (Baubewilligungsdekret, BewD; BSG 725.1) 6 Aldo Zaugg/Peter Ludwig, Kommentar zum Baugesetz des Kantons Bern, 3. Auflage, Band I, Bern 2007, Art.°9/10 N. 4 und 13; BVR 2009 S. 328 E. 5.2 mit Hinweisen
http://www.bve.be.ch/bve/de/index/energie/energie/downloads_publikationen.assetref/%20content/dam/ http://www.bve.be.ch/bve/de/index/energie/energie/downloads_publikationen.assetref/%20content/dam/
4
Diese Bestimmung geht weiter als Art. 9 Abs. 1 BauG; ihr kommt daher selbständige
Bedeutung zu.
d) Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien, die eine Baubewilligung benötigen,
sind zu bewilligen, wenn sie den bau- und umweltrechtlichen Vorschriften entsprechen. Wo
verschiedene öffentliche Interessen gegeneinander abzuwägen sind – z.B. Ortsbildschutz
gegen effiziente Energienutzung – ist zu berücksichtigen, dass ein grosses öffentliches
Interesse an der Nutzung von erneuerbaren Energien besteht (Art. 2 KEnG7). Das
Baugesetz sieht zudem neu vor, dass von kommunalen Gestaltungsvorschriften
Ausnahmen gewährt werden können, wenn dies für die effiziente Energienutzung oder für
die aktive oder passive Nutzung der Sonnenenergie erforderlich ist und keine öffentlichen
Interessen beeinträchtigt werden (Art. 26a BauG).8
Die Bestimmungen des kantonalen Energiegesetzes und des Baugesetzes sowie die
Richtlinien des AUE sollen die Realisierung von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer
Energien fördern und erleichtern. Dies bedeutet aber nicht, dass Aspekte des
Ortsbildschutzes völlig vernachlässigbar wären. Entsprechende Normen des Baugesetzes
und des Gemeinderechts sind nach wie vor massgeblich, auch wenn das Standortgebäude
weder als Baudenkmal geschützt ist, noch sich in einer Ortsbildschutzzone befindet. Das
öffentliche Interesse an der Nutzung erneuerbarer Energien ist aber bei einer
Interessenabwägung zu berücksichtigen.
e) Im vorliegenden Fall wurde der Bauabschlag ausschliesslich aus Gründen der
Ästhetik erteilt. Bestehen gegen ein Bauvorhaben Bedenken oder Einwände betreffend die
Beeinträchtigung des Ortsbildes, die nicht offensichtlich unbegründet sind, so konsultiert
die Baubewilligungsbehörde die zuständige kantonale Fachstelle. Wo leistungsfähige
örtliche Fachstellen bestehen, können diese konsultiert werden (Art. 22 Abs. 1 und 2
BewD). Art. 31 Abs. 1 GBR sieht vor, dass die Baukommission zur Beurteilung von
Bauvorhaben, die wichtige Fragen der Gestaltung und Überbauungsordnungen betreffen,
einen Gestaltungsausschuss einsetzen kann. Der Gestaltungsausschuss hat beratende
Funktion und besteht aus einem Mitglied der Baukommission und vier weiteren
ausgewiesenen und unabhängigen Fachleuten, wovon mindestens zwei ausserhalb der
7 Kantonales Energiegesetz vom 15. Mai 2011 (KEnG; BSG 741.1) 8 Richtlinien, S. 11
5
Gemeinde ansässig sein müssen. Der Gestaltungsausschuss gemäss Art. 31 GBR kann
damit als leistungsfähige örtliche Fachstelle i.S.v. Art. 22 Abs. 2 BewD gelten. Während
aber Art. 31 Abs. 1 GBR den Beizug der Kommission ins Ermessen der Baukommission
stellt, ist die Konsultation einer Fachstelle gemäss Art. 22 BewD nicht fakultativ, sondern
bei Vorliegen von nicht offensichtlich unbegründeten Bedenken betreffend das Ortsbild
zwingend vorgeschrieben.
Da im vorliegenden Fall offensichtlich entsprechende Bedenken vorlagen, hätte die
Gemeinde eine kantonale oder kommunale Fachstelle konsultieren müssen. Das
Bauvorhaben wurde aber nur von der Baukommission Muri beurteilt.9 Diese kann nicht als
leistungsfähige örtliche Fachstelle gemäss Art. 22 Abs. 2 BewD gelten. Die Gemeinde hat
es damit unterlassen, eine Fachbehörde wie den kommunalen Gestaltungsausschuss oder
die Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder (OLK) beizuziehen.
f) Eine Verfügung muss nebst weiteren Elementen die Tatsachen, Rechtssätze und
Gründe enthalten, auf die sie sich stützt (Art. 52 Abs. 1 Bst. b VRPG10). Diese
Begründungspflicht der Behörde ist Ausfluss des Anspruchs auf Erteilung des rechtlichen
Gehörs der Verfahrensbeteiligten (Art. 21 ff. VRPG). Umfang und Dichte der Begründung
können indes nicht abstrakt definiert, sondern müssen im Einzelfall festgelegt werden,
wobei der Verfügungsgegenstand, die Verfahrensumstände sowie die Interessen der
Betroffenen zu berücksichtigen sind. Die Begründung muss in jedem Fall so abgefasst
sein, dass die Betroffenen den Entscheid sachgerecht anfechten können. Dies ist nur
möglich, wenn sich sowohl die Betroffenen als auch die Rechtsmittelinstanz über die
Tragweite des Entscheids ein Bild machen können. In diesem Sinne müssen wenigsten
kurz die Überlegungen genannt werden, von denen sich die Behörde hat leiten lassen und
auf die sich ihr Entscheid stützt.11
Das Protokoll der Sitzung der Baukommission vom 3. Juni 2013 enthält lediglich den
Hinweis, dass die geplante Anlage Art. 30 Abs. 1 GBR nicht einhalte. Auch der Entscheid
vom 9. August 2013 enthält keine weitere Begründung, weshalb die Anlage Art. 30 Abs. 1
GBR nicht einhalte bzw. das Ortsbild beeinträchtige. Es finden sich insbesondere keine
9 Vgl. Protokoll vom 3. Juni 2013 10 Gesetz vom 23. Mai 1989 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG; BSG 155.21) 11 Merkli/Aeschlimann/Herzog, Kommentar zum bernischen VRPG, 1997, Art. 52 N. 6
6
Ausführungen betreffend die Sichtbarkeit der beiden Dachflächen vom öffentlichen Raum
aus, die Anordnung der Paneele auf den Dachflächen oder die Gesamtwirkung der Anlage
mit der Standortliegenschaft und deren Umgebung. Der Entscheid vom 9. August 2013 ist
damit nicht ausreichend begründet. Eine sachgerechte Anfechtung des Entscheids, die
sich mit den Gründen für die Verletzung von Art. 30 Abs. 1 GBR auseinandersetzten
könnte, ist nicht möglich.
g) Damit steht fest, dass die Gemeinde es unterlassen hat, das Bauvorhaben einer
Fachstelle zur Konsultation vorzulegen. Zudem hat sie den Bauabschlag nicht ausreichend
begründet. Es ist nicht Sache der BVE als Rechtmittelinstanz, dies im
Beschwerdeverfahren nachzuholen. Der Entscheid wird daher aufgehoben und zur
Neubeurteilung an die Gemeinde zurückgewiesen. Die Beschwerde wird in diesem Sinne
gutgeheissen.
3. Kosten
Bei diesem Ausgang des Verfahrens unterliegt die Gemeinde Muri. Gemeinden als
Vorinstanzen i.S.v. Art. 2 Abs. 1 Bst. b VRPG werden Verfahrenskosten nur dann auferlegt,
wenn sie in ihren Vermögensinteressen betroffen sind (Art. 108 Abs. 2 VRPG). Dies ist
vorliegend nicht der Fall. Es werden daher keine Verfahrenskosten erhoben.
Die Beschwerdeführenden sind nicht anwaltlich vertreten. Sie haben daher keinen
Anspruch auf Parteikosten (Art. 104 Abs. 1 VRPG).