Decision ID: f7542ad0-608c-41d7-a0c0-7b3655705eee
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
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A.- Mit Strafbefehl des Untersuchungsamts St. Gallen vom 9. August 2011 wurde X
wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über die Betäubungsmittel
und die psychotropen Stoffe (SR 821.121, abgekürzt: BetmG) und mehrfachen
Cannabiskonsums zu einer bedingten Geldstrafe von dreissig Tagessätzen zu je
Fr. 80.-- sowie zu einer Busse von Fr. 500.-- bzw. zu einer Ersatzfreiheitsstrafe von
sieben Tagen bei schuldhafter Nichtbezahlung der Busse verurteilt. Es wurde ihr
vorgeworfen, im Sommer 2010 zweimal je 100 Gramm Marihuana gekauft und in
derselben Zeit an eine unbekannte Person insgesamt 105 Gramm Marihuana verkauft
zu haben. Anlässlich einer Hausdurchsuchung vom 30. Mai 2011 wurden bei ihr
insgesamt 58,96 Gramm Marihuana sichergestellt. Sie räumte ein, zwischen 2003 und
30. Mai 2011 Marihuana für den Eigenkonsum gekauft zu haben. In den letzten drei
Jahren habe sie wöchentlich durchschnittlich 5 Gramm Marihuana konsumiert. Der
Strafbefehl erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
B.- Nach Eingang des rechtskräftigen Strafbefehls (13. September 2011) ordnete das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen zufolge Zweifel an der
Fahreignung mit Zwischenverfügung vom 21. Oktober 2011 eine verkehrsmedizinische
Untersuchung an. Dagegen erhob X durch ihren Rechtsvertreter mit Eingabe vom
7. November 2011 und Ergänzung vom 5. Dezember 2011 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission mit dem Antrag, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben, unter Kosten- und Entschädigungsfolge. Am 28. Dezember 2011
beantragte die Vorinstanz die Abweisung des Rekurses.
Auf die Ausführungen der Verfahrensbeteiligten zur Begründung ihrer Anträge wird,

soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.
Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die
Verwaltungsrekurskommission ist zum Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur
Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs vom 7. November 2011 ist rechtzeitig
eingereicht worden. Er erfüllt zusammen mit der Ergänzung vom 5. Dezember 2011 in
formeller und inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, bis
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47 und 48 des Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt:
VRP). Auf den Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekursverfahren ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht an der Fahreignung
der Rekurrentin zweifelte und mit der angefochtenen Zwischenverfügung eine
verkehrsmedizinische Untersuchung anordnete
a) Führerausweise dürfen nicht erteilt werden, wenn der Bewerber an einer die
Fahreignung ausschliessenden Sucht leidet, wie beispielsweise Alkohol-, Betäubungs-
und Arzneimittelabhängigkeit (Art. 14 Abs. 2 lit. c des Strassenverkehrsgesetzes;
SR 741.01, abgekürzt: SVG; vgl. Botschaft zur Änderung des
Strassenverkehrsgesetzes vom 31. März 1999, in: BBl 1999 S. 4462 ff., S. 4491). Soll
ein Ausweis aus diesem Grund verweigert werden, ist nachzuweisen, dass der
Bewerber süchtig ist und dass er sich deswegen regelmässig Alkohol oder andere
Mittel, wie z.B. Drogen in Mengen zuführt, welche die Fahrfähigkeit so weit
herabsetzen, dass eine Gefährdung der Verkehrssicherheit eintreten könnte.
Drogensucht wird nach der Rechtsprechung bejaht, wenn die Abhängigkeit von der
Droge derart ist, dass der Betroffene mehr als jede andere Person der Gefahr
ausgesetzt ist, sich ans Steuer eines Fahrzeugs in einem – dauernden oder zeitweiligen
– Zustand zu setzen, der das sichere Führen nicht mehr gewährleistet. Im Interesse der
Verkehrssicherheit setzt die Rechtsprechung den regelmässigen Konsum von Drogen
der Drogenabhängigkeit gleich, sofern dieser seiner Häufigkeit und Menge nach
geeignet ist, die Fahreignung zu beeinträchtigen (vgl. BGE 127 II 122 E. 3a und c mit
Hinweisen). Auf eine fehlende Fahreignung darf geschlossen werden, wenn die Person
nicht mehr in der Lage ist, Drogenkonsum und Strassenverkehr ausreichend zu
trennen, oder wenn die nahe liegende Gefahr besteht, dass sie im akuten
Rauschzustand am motorisierten Strassenverkehr teilnimmt (vgl. BGE 129 II 82 E. 4.1).
Der Suchtbegriff des Verkehrsrechts deckt sich somit nicht mit dem medizinischen
Begriff der Drogenabhängigkeit. Auch bloss suchtgefährdete Personen, bei denen aber
jedenfalls ein Drogenmissbrauch vorliegt, können demnach vom Führen eines
Motorfahrzeuges ferngehalten werden (vgl. BGE 1C_140/2007 vom 7. Januar 2008,
E. 2.1; BGE 6A.31/2003 vom 4. August 2003, E. 5.1; BGE 129 II 82 E. 4.1;
Weissenberger, Kommentar zum Strassenverkehrsrecht, Zürich/St. Gallen 2011, N 30
zu Art. 16d SVG).
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b) In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass die Einnahme von Cannabis zu
Beeinträchtigungen im Bereich der Wahrnehmung und der Psychomotorik, der
kognitiven und affektiven Funktionen führt, welche die Fahrsicherheit aufheben können.
Dies kann zum Bespiel zu einer Beeinträchtigung der dynamischen Sehschärfe (d.h.
dem Erkennen sich bewegender Objekte), zu einer Verlängerung der Reaktionszeit, zur
Veränderung der Koordinationsfähigkeit oder zur fehlenden Genauigkeit von
automatisierten Bewegungsabläufen führen (vgl. BGE 124 II 559 E. 4a, mit weiteren
Hinweisen). Bei einem andauernden bzw. regelmässigen und gleichzeitig hohem
Cannabiskonsum ist von einer mindestens geringen Bereitschaft und Fähigkeit
auszugehen, zuverlässig zwischen Drogenkonsum und der Teilnahme am
Strassenverkehr zu trennen (Urteil des Bundesgerichts 6A.11/2006 vom 13. April 2006,
E. 3.3).
c) Die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Abklärung der Fahreignung setzt
konkrete Anhaltspunkte dafür voraus, dass der fragliche Inhaber des Führerausweises
mehr als jede andere Person der Gefahr ausgesetzt ist, sich in einem Zustand ans
Steuer eines Fahrzeuges zu setzen, der das sichere Führen nicht mehr gewährleistet
(vgl. BGE 127 II 122 E. 3c; 124 II 559 E. 3d, je mit Hinweisen). Dies kann namentlich der
Fall sein, wenn es sich um einen starken Cannabiskonsumenten handelt und weitere
Indizien auf verkehrsgefährdendes Verhalten hinweisen (Urteil des Bundesgerichts 6A.
65/2002 vom 27. November 2002, E. 5.2). Ein die momentane Fahrfähigkeit
beeinträchtigender Cannabiskonsum kann ebenfalls Anlass bieten, die generelle
Fahreignung des Betroffenen durch ein Fachgutachten näher abklären zu lassen (BGE
128 II 335 E. 4b). Demgegenüber lässt ein regelmässiger, aber kontrollierter und
mässiger Haschischkonsum für sich allein noch nicht den Schluss auf eine fehlende
Fahreignung zu (BGE 124 II 559 E. 4d und e). Nicht bei jedem Cannabiskonsumenten
darf ohne Weiteres eine mangelnde Fahreignung vermutet und eine
verkehrsmedizinische Abklärung angeordnet werden. Mögliche Anzeichen dafür, dass
eine solche Abklärung geboten sei, beschränken sich nicht zum Vornherein auf
Resultate von Messungen des Cannabiswirkstoffgehalts Tetrahydrocannabinol (THC)
im Blut des Lenkers. Vielmehr können sich entsprechende Anhaltspunkte auch aus
dem nachweisbaren bzw. eingestandenen Konsum- und Fahrverhalten des Lenkers
ergeben. Insoweit sind präventive verkehrsmedizinische Abklärungen nicht erst dann
zulässig, wenn mehrere Anzeichen für eine pathologische Sucht bzw. schwere
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Gesundheitsstörungen vorliegen oder wenn es bereits zu einem Verkehrsunfall
gekommen ist (vgl. Art. 14 Abs. 2 lit. c SVG; Urteil des Bundesgerichts 6A.65/2002 vom
27. November 2002, E. 6.2). In der verkehrsmedizinischen Lehre wird im
Zusammenhang mit Cannabiskonsum dann eine verkehrsmedizinische Abklärung der
Fahreignung empfohlen, wenn der Fahrzeuglenker unter Cannabiseinfluss gefahren ist
oder wenn im Blut für den Zeitpunkt des Ereignisses eine THC-Carbonsäure-
Konzentration von 75 μg/l oder mehr nachgewiesen wird (vgl. M. Haag-Dawoud,
Fahreignungsbegutachtung, in: Jahrbuch zum Strassenverkehrsrecht 2009, St. Gallen
2009, S. 33). Gemäss dem Leitfaden "Verdachtsgründe fehlender Fahreignung" der
Expertengruppe Verkehrssicherheit vom 26. April 2000 (in: Jusletter 11. September
2000, Rz 12) soll eine Fahreignungsuntersuchung namentlich bei Personen angeordnet
werden, die nach dem Konsum von Cannabis in fahrunfähigem Zustand im
Strassenverkehr angetroffen werden. Die Fahrunfähigkeit wegen Cannabiskonsums
wird gesetzlich vermutet, wenn im Blut eine THC-Konzentration von 1,5 μg/l
nachgewiesen wird (vgl. Art. 2 Abs. 2 der Verkehrsregelnverordnung [SR 741.11,
abgekürzt: VRV], Art. 34 der Verordnung des Bundesamts für Strassen [ASTRA] zur
Strassenverkehrskontrollverordnung [SR 741.013; abgekürzt: VSKV-ASTRA]). Die
Feststellung des blossen Cannabiskonsums ohne Bezug zum Strassenverkehr soll
dagegen grundsätzlich keine weiteren strassenverkehrsrechtlichen Massnahmen
auslösen. Der Leitfaden als Richtlinie ist für Verwaltungs- und Gerichtsbehörden nicht
verbindlich. Er gibt jedoch Hinweise auf allfällige Verhaltensweisen, die im Hinblick auf
die Fahreignungsprüfung dienlich sein könnten (BGE 1C_140/2007 vom 7. Januar
2008, E. 2.4; BGE 6A.38/2003 vom 12. August 2003, E. 4).
d) Die Rekurrentin wurde vom Untersuchungsamt St. Gallen mit Strafbefehl vom
9. August 2011 wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz
(Art. 19 Ziff. 1 lit. c und d BetmG) sowie mehrfachen Cannabiskonsums (Art. 19a Ziff. 1
BetmG) schuldig gesprochen. Gemäss eigenen Angaben rauchte sie Marihuana in
unterschiedlichen Mengen, wöchentlich durchschnittlich ungefähr 5 Gramm, täglich
0,7 Gramm. Die Vorinstanz geht in der Vernehmlassung davon aus, dass die
Rekurrentin wöchentlich fünf bis zehn Joints rauchte. Das Bundesgericht bezeichnete
den täglichen Konsum von zwei bis drei Joints, was wöchentlich 14 bis 21 Joints
entspricht und damit etwas stärker ist als der im vorliegenden Verfahren zu
beurteilende Konsum, als massiv und erachtete die Anordnung einer
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verkehrsmedizinischen Abklärung der Fahreignung als zulässig. Angesichts des
eingestandenen Haschischkonsums und des Fahrens unter Cannabiseinfluss erweckte
der Fahrzeuglenker in jenem Verfahren die Befürchtung, dass er mehr als jede beliebige
andere Person Gefahr laufen könnte, sich in einem Zustand ans Steuer zu setzen, der
das sichere Lenken eines des Fahrzeugs nicht mehr gewährleistet (Urteil 6A.65/2002
vom 27. November 2002, E. 4 und 6.1). Nebst dem starken Konsum gab es demnach
zusätzliche Indizien, welche auf verkehrsgefährdendes Verhalten hinwiesen.
Die Rekurrentin besitzt unbestrittenermassen noch keinen Führer- oder
Lernfahrausweis. Sie ist im Administrativmassnahmeregister nicht verzeichnet und
wurde im Strassenverkehr noch nie – z.B. auch nicht als Fahrradfahrerin – unter
Cannabiseinfluss angetroffen. Es fehlt somit an einem Bezug zwischen
Cannabiskonsum und Teilnahme am Strassenverkehr. Daran ändern die strafrechtliche
Verurteilung wegen Cannabiskonsums ebenso wenig wie der Umstand, dass die
Rekurrentin – was von ihr in der Rekursergänzung jedoch in Abrede gestellt wurde –
am 13. Oktober 2010 um Erteilung eines Lernfahrausweises ersucht hat, etwas. Hinzu
kommt, dass sie in der Rekursergänzung darauf hinwies, den Cannabiskonsum seit
einigen Monaten eingestellt zu haben. Falls dies zutrifft, haben das Straf- und das
Administrativverfahren zu einer Verhaltensänderung geführt. In den Akten gibt es
zudem keine Hinweise, dass sie nebst Cannabis Alkohol im Übermass oder andere
Drogen konsumiert. Unter den gegebenen Umständen ist nicht davon auszugehen,
dass die Rekurrentin, sofern sie mit der Fahrausbildung beginnt, mehr als jede andere
beliebige Person der Gefahr ausgesetzt ist, sich in einem Zustand ans Steuer eines
Fahrzeugs zu setzen, der das sichere Lenken nicht mehr gewährleistet. Die
Voraussetzungen für eine verkehrsmedizinische Untersuchung sind demnach nicht
gegeben, und die Zwischenverfügung vom 21. Oktober 2011 ist aufzuheben.
3.- Zusammenfassend ist der Rekurs gutzuheissen. Diesem Verfahrensausgang
entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Staat zu tragen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine
Entscheidgebühr von Fr. 1'200.-- erscheint angemessen (Art. 7 Ziff. 122 der
Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Die Finanzverwaltung ist anzuweisen, der
Rekurrentin den Kostenvorschuss von Fr. 1'500.-- zurückzuerstatten.
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Zufolge Obsiegens hat die Rekurrentin zusätzlich Anspruch auf volle Entschädigung
der ausseramtlichen Kosten (Art. 98 VRP und Art. 98 VRP), soweit diese aufgrund
der Rechts- und Sachlage als notwendig und angemessen erscheinen (Art. 98 Abs. 2
VRP). Im Rekursverfahren war der Beizug eines Rechtsbeistandes geboten. Der
Rechtsvertreter hat keine Kostennote eingereicht. Im Verfahren vor der
Verwaltungsrekurskommission wird das Honorar als Pauschale ausgerichtet; der
Rahmen liegt zwischen Fr. 1'000.-- und Fr. 12'000.-- (Art. 22 Abs. 1 lit. b der
Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75; abgekürzt:
HonO). Innerhalb dieses Rahmens wird das Grundhonorar nach den besonderen
Umständen, namentlich nach Art und Umfang der Bemühungen, der Schwierigkeit des
Falles und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Beteiligten, bemessen (Art. 19 HonO).
Umstritten war lediglich die Frage, ob die Anordnung einer verkehrsmedizinischen
Untersuchung zulässig war. Angesichts des bescheidenen Aktenumfangs sowie des
eingeschränkten Prozessthemas erscheint ein Honorar von Fr. 1'300.-- (Barauslagen
und Mehrwertsteuer inbegriffen, Art. 28 Abs. 1 und Art. 29 HonO) als angemessen;
entschädigungspflichtig ist der Staat (Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt).