Decision ID: 832f4cbd-3729-4b45-8887-7fe2b8edfc14
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Die deutsche Staatsangehörige
X._
, geboren
1988, zog am 1
1.
September
2015 in die
Gemeinde Y._
(vgl.
Urk.
6/1
/1
). Am
2
2.
September
2015 ersuchte
die Gemeinde
die Gesundheitsdirektion des Kan
tons Zürich
(nachfolgend: Gesundheitsdirektion)
um
Prüfung der Be
frei
ung von der Krankenversicherungspflicht (
Urk.
6/1/2). Die
Gesundheits
direk
tion
wies das Gesuch mit Verfügung vom 2
3.
September
2015 ab (
Urk.
6/2). Dagegen erhob
X._
am 2
9.
Oktober
2015 Einsprache (
Urk.
6/3), welche die Gesundheitsdirektion mit
Einspracheentscheid
vom 2
7.
November 2015 abwies (
Urk.
6/5 =
Urk.
2).
2.
Gegen den
Einspracheentscheid
vom 2
7.
November 2015 (
Urk.
2) erhob
X._
am
6.
Januar 2016 Beschwerde mit dem Antrag auf Be
freiung vom
Versicherungsobligatorium
(
Urk.
1/1-2). Mit
Beschwerdeant
wort
vom 1
0.
Februar 2016 (
Urk.
5) beantragte die Beschwerdegegnerin die
Ab
weisung der Beschwerde, was der Beschwerdeführerin am 1
6.
Februar 2016
mitgeteilt wurde (
Urk.
7).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Die Beschwerdeführerin ist
deutsche
Staatsangehörige mit Wohnadresse in de
r Schweiz. Es liegt damit ein internationaler Sachver
halt vor. Der Streit betrifft eine sozialversicherungsrechtliche Frage. Zu prü
fen ist deshalb zu
nächst, ob
ein Sachverhalt vorliegt, der vom
Personenfrei
zügigkeitsab
kommen
(Ab
kommen
vom 21. Juni 1999 zwischen der Schwei
zerischen Eidgenossenschaft einerseits und der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten andererseits über die Freizügigkeit, FZA) erfasst ist.
1.2
Art. 8 FZA verweist für die Koordinierung der Systeme der sozialen Sicher
heit auf den Anhang II, der
gemäss
Art. 15 FZA wie auch die übrigen An
hänge und Protokolle zum FZA dessen Bestandteil darstellt. Auf den 1. Mai
2010 wurden in den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) die Ver
ordnung (EWG) 1408/71 zur Anwendung der Systeme der sozialen Si
cher
heit auf Arbeitnehmer und Selbständige sowie deren Familienangehö
rige, die inner
halb der Gemeinschaft zu- und abwandern (nachfolgend: VO 1408/71)
und die Verordnung (EWG) Nr. 574/72 des Rates vom 21. März 1972 über die Durchführung der VO 1408/71 durch die Verordnung (EG) Nr. 883/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koordi
nie
rung der Systeme der sozialen Sicherheit (nachfolgend: VO 883/2004) und die (Durchführungs-)Verordnung (EG) Nr. 987/2009 des Euro
päischen Parla
ments und des Rates vom 16. September 2009 zur Festlegung der Modali
täten für die Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 883/2004 über die Koor
dinierung der Systeme der sozialen Sicherheit (nachfolgend: VO 987/2009) ersetzt.
1.3
Die beiden genannten gemeinschaftlichen Verordnungen sind für die Schweiz
durch den Beschluss Nr. 1/2012 des Gemischten Ausschusses vom 31. März 2012 zur Ersetzung des Anhangs II des Abkommens über die Koor
dinierung der Systeme der sozialen Sicherheit per 1. April 2012 in Kraft ge
treten (AS 2012 2345; vgl. Urteil des Bundesgerichts 8C_455/2011 vom 4. Mai 2012 E. 2.1) und in zeitlicher Hinsicht auf den vorliegenden Fall an
wendbar, da der zu beurteilende Sachverhalt nach dem 1. April 2012 begon
nen hat.
In persönlicher Hinsicht sind das FZA beziehungsweise die darin als anwend
bar erklärte VO 883/2004 anwendbar, da die Beschwerdeführerin Staatsan
gehörige
der Bundesrepublik Deutschland und
damit Staatsangehörige eines Mitgliedstaates ist, für welche die Rechtsvorschriften eines oder mehrerer Mitgliedstaaten gelten (Art. 1 FZA, Art. 2 Abs. 1 VO 883/2004).
In sachlicher Hinsicht sind das FZA und die VO 883/2004 ebenfalls anwend
bar, da Leistungen bei Krankheit im Sinne von Art. 3 Abs. 1
lit
. a der VO 883/2004 zur Diskussion stehen.
1.4
Gestützt auf das FZA beziehungsweise die Verordnungen ist das anwendbare Landesrecht festzulegen.
Der Titel II der VO 883/2004 umfasst unter der Überschrift „Bestimmung der
anzuwendenden Rechtsvorschriften“
die
Art. 11-16.
Gemäss
Art. 11 Abs. 1 V
O 883/2004 unterliegen Personen, für die diese Verordnung gilt, den Rechts
vorschriften nur eines Mitgliedstaates. Vorbehaltlich der in den Art. 12-16 VO 883/2004 geregelten Konstellationen, welche auf die Be
schwerdeführerin im Zeitpunkt des
Einspr
acheentscheides
im November 2015
nicht zutreffen
,
bestimmt sich das anwendbare Recht nach Art. 11 Abs. 3
lit
. a-e VO 883/2004. Da auf die Beschwerdeführerin
auch
keine der in den Art. 11 Abs. 3
lit
. a-d VO 883/2004 geregelten Konstellationen zutrifft, gelangt die Auffangregelung in Art. 11 Abs. 3
lit
. e zur Anwendung. Diese Norm be
stimmt, dass jede Person, die nicht unter die Buchstaben a bis d fällt, den Rechtsvorschriften des Wohnmitgliedstaates unterliegt.
In Art. 1
lit
. j der VO 883/2004 wird der Begriff des Wohnortes als Ort des gewöhnlichen Aufenthaltes einer Person definiert, wogegen nach Art. 1
lit
. k VO 883/2004 unter dem Begriff des Aufenthaltes der vorübergehende Auf
enthalt zu verstehen ist.
1.
5
Die Beschwerdeführerin hielt sich im hier
massgeblichen
Zeitpunkt
vorüber
gehend
in der Schweiz auf
und hat eine bis zum 3
0.
April 2016
befristete
Kurzaufenthaltsbewil
ligung erhalten (vgl.
Urk.
6/8/4
).
Damit st
eht fest, dass
sich ihr Aufenthalts
ort im Sinne
von Art. 1
lit
. k
VO 883/2004 in der Schweiz
befindet, und aufgrund der Regelung in Art. 11 Abs. 3
lit
. e VO 883/2004 die Rechtsvorschriften der Schweiz auf die strittige Frage anzu
wenden sind.
2.
2.
1.
Art. 3 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) schreibt
vor, dass sich jede Person mit Wohnsitz in der Schweiz innert drei Monaten nach der
Wohnsitznahme
oder der Geburt in der Schweiz für Kran
kenpflege versichern oder von ihrem gesetzlichen Vertreter beziehungsweise ihrer ge
setzlichen Vertreterin versichern lassen muss, wobei sie
gemäss
Art. 4 Abs. 1 KVG unter den Versicherern nach Art. 11 KVG (Krankenkassen nach
lit
. a
oder private Versicherungseinrichtungen mit entsprechender Bewilli
gung na
ch
lit
. b) frei wählen kann.
Auch
Personen mit einer Aufenthaltsbe
willigung von mehr als drei Monaten nach Art. 32 und 33 des Bundesgeset
zes über die Ausländerinnen und Ausländer (
AuG
) oder einer
Kurzaufent
halts
- oder Auf
enthaltsbewilligung von mehr als drei Monaten nach dem FZA oder dem
EFTA-Übereinkommen unterstehen dem schweizerischen
Kranken
versiche
rungs
obligatorium
(Art. 1 Abs. 2
lit
. a und f der Verordnung über die Kran
ken
versicherung, KVV).
Art. 3 Abs. 2 KVG ermächtigt den Bundesrat, Ausnahmen von der Versiche
rungspflicht vorzusehen. In Art. 2 Abs. 1 KVV und in Art. 6 Abs. 1 KVV hat
er gestützt darauf die Personenkategorien aufgezählt, die von vornherein vo
m
Versicherungsobligatorium
ausgenommen sind. Es handelt sich um die akti
ven
und pensionierten Bundesbediensteten, die der Militärversicherung unter
stellt sind (Art. 2 Abs. 1
lit
. a KVV), um Personen, die sich
ausschliess
lich
zur ärztlichen Behandlung oder zur Kur in der Schweiz aufhalten (Art. 2 Abs. 1
lit
. b KVV), und um gewisse Personen mit Vorrechten nach internati
onalem
Recht (Art. 6 Abs. 1 KVV).
Ausserdem
sind in Art. 2 Abs. 1
lit
. c-g KVV insbesondere diejenigen Personenkategorien aufgezählt, die aufgrund der oben zitierten Kollisionsnormen des Freizügigkeitsabkommens gar nicht den
schweizerischen Rechtsvorschriften unterstehen. Sodann ist in Art. 2 Abs. 2-8
KVV die Möglichkeit für verschiedene Personenkategorien geregelt, auf Ge
such hin vom
Versicherungsobligatorium
befreit zu werden.
2.2.
Gemäss
Art. 2 Abs. 2 KVV werden Personen auf Gesuch hin von der Ver
siche
rungspflicht ausgenommen, wenn sie nach dem Recht eines Staates, mit dem keine Regelung über die Abgrenzung der Versicherungspflicht be
steht, obligatorisch krankenversichert sind, sofern der Einbezug in die schwei
ze
rische Versicherung für sie eine Doppelbelastung bedeuten würde und sofern sie für Behandlungen in der Schweiz über einen gleichwertigen Versiche
rungsschutz verfügen.
Nach der Rechtsprechung sieht die Bestimmung von Art. 2 Abs. 2 KVV nur die Befreiung jener Personen vom
Obligatorium
vor, die im Ausland über
eine obligatorische Krankenversicherung verfügen, nicht jedoch derjenigen, die
im Ausland über eine nicht-obligatorische, freiwillige Krankenversiche
rung verfügen (BGE 13
2
V 310 E. 8.5.1, BGE 1
2
9 V 164 E. 3.1; RKUV
2
000 Nr. KV 10
2
S.
2
1 E. 4d und S.
22
E. 4e).
Gleichwertiger Versicherungsschutz im Sinne von Art. 2 Abs. 2 KVV besteht, sofern die versicherte Person während der ganzen Geltungsdauer der Befrei
ung über eine gleichwertige Versicherungsdeckung für die Behandlungen in der Schweiz verfügt. Der gleichwertige Versicherungsschutz bezieht sich auf das schweizerische Gesetz. Die ausländische Versicherung muss mindestens die Kosten nach dem KVG übernehmen. Es dürfen beispielsweise bei der aus
ländischen Krankenversicherung keine Limitierungen wie maximale Kos
ten pro Tag oder maximale Versicherungsdeckung bestehen, da das KVG keine solchen Limitierungen kennt. Zudem müssen sämtliche Leistungen nach KVG auch von der ausländischen Versicherung übernommen werden (Urteil des Bundesgerichts 9C_313/
2
010 vom 5. November
2
010 E. 4.3; BGE 134 V 34 E. 5).
2.3
Gemäss
Art.
2
Abs.
7 Satz 1 KVV können Personen, die über eine Aufent
haltsbewilligung für Personen ohne Erwerbstätigkeit nach dem
Freizügig
keitsabkommen
oder dem EFTA-Abkommen verfügen, auf Gesuch hin von der Ver
sicherungspflicht befreit werden, sofern sie während der gesamten Gel
tungs
dauer der Befreiung für Behandlungen in der Schweiz über einen gleich
wertigen Versicherungsschutz verfügen.
2.
4
Art. 6 Abs. 1 KVG auferlegt den Kantonen, für die Einhaltung der Versiche
rungspflicht zu sorgen. Dabei sind Personen, die ihrer Versicherungspflicht nicht rechtzeitig nachkommen, nach Art. 6 Abs. 2 KVG durch die vom Kan
ton bezeichnete Behörde einem Versicherer zuzuweisen.
Gemäss
§ 3 Abs. 1 des Einführungsgesetzes zum KVG (EG KVG) obliegt es den Gemeinden, für die Einhaltung der Versicherungspflicht von Personen zu sorgen, die nach
Massgabe
der Bestimmungen über die Krankenversicherung versicherungspflichtig sind, und nach § 4 EG KVG teilt die Gemeinde Perso
nen, die ihrer Pflicht, sich zu versichern, nicht nachkommen, einem Versi
che
rer zu.
3.
3.1
Die Beschwerdeführerin verfügt über eine Kurzaufenthaltsbewilligung v
on mehr als drei Monaten und fällt deshalb unter das
Versicherungsobligato
rium
(vgl. vorstehend E.
2.1).
Sie übt keine Erwerbstätigkeit aus (vgl.
Urk.
6/1
/2
).
In Frage kommt
deshalb
der Befreiungsgrund von
Art.
2
Abs.
7 KVV.
3.2
Die Abklärungen der Beschwerdegegnerin ergaben, dass die ausländische Krankenversicherung der Beschwerdeführerin Maximalbeträge für Behand
l
ungen vorsieht (vgl.
Urk.
6/7). Dies wird von der Beschwerdeführerin nicht bestritten. Damit besteht keine Gleichwertigkeit des Versicherungsschutzes; das schweizerische Recht kennt keine solche Limitierung (vgl. vorstehend E.
2.2). Unerheblich ist dabei, ob die Beschwerdeführerin
, wie sie geltend macht (
Urk.
1/1-2),
zwischendurch
kurzzeitig in Europa auf Reisen ist: So lange sich ihr grundsätzlicher Aufenthaltsort in der Schweiz befindet - und davon ist aufgrund ihrer Kurzaufenthaltsbewilligung auszugehen -
ändert
dies
nichts an ihrer Versicherungspflicht
in der Schweiz
.
4.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Beschwerdeführerin nicht von der Versicherungspflicht befreit werden kann.
Der angefochtene Entscheid ist rechtens. Dies führt zur Abweisung der Be
schwerde.