Decision ID: 5a4c7e79-2aaa-5e5a-81e8-af5857341ddd
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Am 28. Februar 2017 reichte die zb Zentralbahn AG (zb) beim Bundesamt
für Verkehr (BAV) ein Plangenehmigungsgesuch für den Doppelspuraus-
bau Hergiswil, 1. Etappe: Schlüssel-Matt Linie 470, km 6.770-km 7.600,
ein. Der Doppelspurausbau dient der Taktverdichtung, der Fahrzeitverkür-
zung sowie der Fahrplanstabilisierung.
Das Projekt sieht vor, die Eisenbahnstrecke zwischen Hergiswil Schlüssel
und Hergiswil Matt von Ein- auf Doppelspur auszubauen. Die Linienfüh-
rung soll begradigt werden. Die bestehende Gleisanlage wird abgebrochen
und es wird durchgehend ein neuer Unter- und Oberbau inkl. Gleisentwäs-
serung, Gleis und Weichen erstellt. Entlang des Eisenbahntrassees sind
abschnittsweise Lärmschutzwände geplant. Die Gesamtkosten des Pro-
jekts belaufen sich auf geschätzte Fr. 35'500'000.-.
B.
Das BAV führte in der Folge ein ordentliches eisenbahnrechtliches Plange-
nehmigungsverfahren durch. Während der öffentlichen Planauflage gingen
mehrere Einsprachen ein. Zu den Einsprechenden zählten unter anderem
A._ und B._, Eigentümer des an der Bahnlinie angrenzen-
den Grundstückes (...).
C.
Mit Verfügung vom 29. Juni 2018 erteilte das BAV der zb die nachgesuchte
Plangenehmigung mit Auflagen. Die Einsprache von A._ und
B._ hiess es im Sinne der Erwägungen mit Auflagen teilweise gut.
Im Übrigen wies es die Einsprache ab, soweit es darauf eintrat und sie
nicht als gegenstandslos abschrieb.
D.
D.a Gegen diese Plangenehmigungsverfügung erheben A._ und
B._ (nachfolgend: Beschwerdeführende) mit Eingabe vom 3. Sep-
tember 2018 gemeinsam Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht mit
folgenden Rechtsbegehren (Verfahren A-5000/2018):
"1. Die Beschwerde sei gutzuheissen.
2. Die Plangenehmigungsverfügung des Bundesamtes für Verkehr BAV
vom 29. Juni 2018 betreffend den Doppelspurausbau Hergiswil,
1. Etappe: Schlüssel-Matt, sei aufzuheben.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 3
3. Eventuell sei die Plangenehmigungsverfügung des Bundesamtes für
Verkehr BAV vom 29. Juni 2018 betreffend den Doppelspurausbau
Hergiswil, 1. Etappe: Schlüssel-Matt, im Sinne der Ausführungen des
Bundesverwaltungsgerichts zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zu-
rückzuweisen."
In ihrer Begründung rügen die Beschwerdeführenden im Wesentlichen Ver-
letzungen von Bundesrecht im Bereich des Lärmschutzes, des Schutzes
vor nichtionisierender Strahlung sowie des Gewässerschutzes.
E.
E.a Das BAV (nachfolgend: Vorinstanz) hält in der Vernehmlassung vom
2. Oktober 2018 an der angefochtenen Plangenehmigungsverfügung fest
und schliesst auf Abweisung der Beschwerde vom 3. September 2018, so-
weit darauf einzutreten sei.
E.b Die zb (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) beantragt in der Be-
schwerdeantwort vom 3. Oktober 2018, es sei die Beschwerde vom 3. Sep-
tember 2018 abzuweisen, sofern darauf einzutreten sei. Der Beschwerde
sei zudem die aufschiebende Wirkung zu entziehen.
E.c In der Replik vom 16. November 2018 halten die Beschwerdeführen-
den an ihren Rechtsbegehren fest. Ergänzend beantragen sie, das Gesuch
der Beschwerdegegnerin um Entzug der aufschiebenden Wirkung sei ab-
zuweisen.
E.d Mit Zwischenverfügung vom 26. November 2018 wird das Gesuch der
Beschwerdegegnerin vom 3. Oktober 2018 um Entzug der aufschiebenden
Wirkung gutgeheissen.
E.e Die Vorinstanz verzichtet mit Eingabe vom 20. Dezember 2018 auf die
Einreichung einer weiteren Vernehmlassung.
E.f Die Beschwerdegegnerin bleibt in der Duplik vom 7. Januar 2019 bei
ihrem Antrag auf Abweisung der Beschwerde vom 3. September 2018, so-
fern darauf einzutreten sei.
E.g Am 15. Februar 2019 reicht das Bundesamt für Umwelt (BAFU) einen
Fachbericht ein.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 4
E.h Mit Eingaben vom 4. März, 12. März und 5. April 2019 nehmen die Vor-
instanz, die Beschwerdegegnerin und die Beschwerdeführenden je Stel-
lung zum Fachbericht des BAFU.
E.i Mit Stellungnahme vom 18. April und 7. Mai 2019 äussern sich die Be-
schwerdegegnerin und die Vorinstanz nochmals zu einzelnen Streitpunk-
ten.
E.j Das BAFU reicht am 28. Mai 2019 einen ergänzenden Fachbericht ein.
E.k In den Schlussbemerkungen vom 1. Juli 2019 halten die Beschwerde-
führenden an ihrer Beschwerde fest.
F.
Am 7. Mai 2019 erlässt die Vorinstanz eine Wiedererwägungsverfügung
zur Plangenehmigung vom 29. Juni 2018. Sie erteilt im Sinne der Erwä-
gungen eine Ausnahmebewilligung nach Ziff. 55 Abs. 2 Anhang 1 der Ver-
ordnung vom 23. Dezember 1999 über den Schutz vor nichtionisierender
Strahlung [NISV, SR 814.710]).
G.
G.a Am 14. Juni 2019 erheben die Beschwerdeführenden beim Bundes-
verwaltungsgericht Beschwerde gegen die Wiedererwägungsverfügung
der Vorinstanz vom 7. Mai 2019. Sie beantragen, ihre Beschwerde sei gut-
zuheissen und die angefochtene Wiedererwägungsverfügung sei aufzuhe-
ben. Eventualiter sei die Sache im Sinne der Ausführungen des Bundes-
verwaltungsgerichts zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen. Das Bundesverwaltungsgericht nimmt die neue Beschwerde unter der
Verfahrensnummer A-2996/2019 an Hand.
G.b Die Vorinstanz lässt sich am 16. Juli 2019 zur Beschwerde vom
14. Juni 2019 vernehmen.
G.c In der Beschwerdeantwort vom 15. Juli resp. 12. August 2019 nimmt
die Beschwerdegegnerin zur Beschwerde vom 14. Juni 2019 Stellung.
G.d Das BAFU reicht am 2. September 2019 einen Fachbericht ein.
G.e In einer Stellungnahme vom 13. September 2019 schliesst sich die
Vorinstanz im Wesentlichen der Einschätzung des BAFU vom 2. Septem-
ber 2019 an.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 5
G.f Die Beschwerdeführenden reichen am 16. September 2019 Schluss-
bemerkungen ein.
H.
Auf die weiteren Vorbringen der Parteien und die sich bei den Akten be-
findlichen Schriftstücke wird, soweit entscheidrelevant, in den nachfolgen-
den Erwägungen eingegangen.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Aus prozessökonomischen Gründen können einzelne, rechtlich oder
sachlich zusammenhängende Verfahren vereinigt werden (MOSER/
BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bundesverwaltungsgericht,
2. Aufl. 2013, Rz. 3.17 mit Hinweisen).
Die Verfahren A-5000/2018 und A-2996/2019 hängen inhaltlich eng zusam-
men. Es rechtfertigt sich daher aus prozessökonomischen Gründen, die
beiden Verfahren unter der erstgenannten Verfahrensnummer zu vereini-
gen.
1.2 Das Bundesverwaltungsgericht beurteilt gemäss Art. 31 des Verwal-
tungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 (VGG, SR 173.32) Beschwerden
gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom
20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021), sofern keine Ausnahme nach
Art. 32 VGG gegeben ist und eine Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG
entschieden hat.
Bei der angefochtenen Plangenehmigung vom 29. Juni 2018 wie auch bei
der angefochtenen Wiedererwägungsverfügung vom 7. Mai 2019 handelt
es sich um Verfügungen im Sinne von Art. 5 VwVG, die von einer Vor-
instanz im Sinne von Art. 33 Bst. d VGG erlassen wurden. Da keine Aus-
nahme gemäss Art. 32 VGG vorliegt, ist das Bundesverwaltungsgericht zur
Beurteilung der Beschwerden zuständig. Das Verfahren vor dem Bundes-
verwaltungsgericht richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts
anderes bestimmt (Art. 37 VGG).
1.3 Zur Beschwerde ist berechtigt, wer vor der Vorinstanz am Verfahren
teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 6
ist und ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Änderung
hat (Art. 48 Abs. 1 VwVG).
Der Beschwerdeführenden sind Eigentümer der Parzelle (...), welche di-
rekt an die streitbetroffene Bahnlinie grenzt. Sie sind als Anwohner von
dem Bauprojekt unmittelbar betroffen, haben als Einsprechende am vo-
rinstanzlichen Verfahren teilgenommen (vgl. dazu Art. 18f des Eisenbahn-
gesetzes vom 20. Dezember 1957 [EBG SR 742.101]) und sind mit ihren
Anliegen weder in der Plangenehmigung vom 29. Juni 2018 noch in der
Wiedererwägungsverfügung vom 7. Mai 2019 vollständig durchgedrungen.
Sie sind daher zur Beschwerde berechtigt.
1.4 Die Beschwerdeschrift hat insbesondere die Begehren und deren Be-
gründung mit Angabe der Beweismittel zu enthalten (Art. 52 Abs. 1 VwVG).
Die Anforderungen an die Formulierung eines Rechtsbegehrens sind im
Allgemeinen nicht sehr hoch. Aus der Beschwerde muss im Sinne einer
Mindestanforderung insgesamt klar und deutlich hervorgehen, was die be-
schwerdeführende Partei verlangt und in welchen Punkten sie die ange-
fochtene Verfügung beanstandet. Die Beschwerdeinstanz muss erkennen
können, in welche Richtung die angefochtene Verfügung zu überprüfen ist
(vgl. BGE 102 Ib 365 E. 6; Urteil des BVGer A-4929/2017 vom 31. Januar
2018 E. 1.3.2; SEETHALER/PORTMANN in: Waldmann/Weissenberger
[Hrsg.], Praxiskommentar VwVG, 2. Aufl. 2016, Art. 52 Rz. 45 ff. [nachfol-
gend: Praxiskommentar]; je mit Hinweisen).
Unter Einbezug der Beschwerdebegründung geht aus beiden Beschwer-
den hinreichend klar hervor, dass die Beschwerdeführenden zusätzliche
Massnahmen betreffend Lärmschutz, Schutz vor nichtionisierender Strah-
lung sowie Gewässerschutz einfordern. Entgegen der Ansicht der Be-
schwerdegegnerin genügen die Beschwerden damit den Formvorschriften
von Art. 52 Abs. 1 VwVG.
1.5
1.5.1 Der Streitgegenstand des Beschwerdeverfahrens bestimmt sich
nach dem durch die vorinstanzliche Verfügung geregelten Rechtsverhält-
nis, soweit es angefochten wird. Der Streitgegenstand kann sich im Laufe
des Beschwerdeverfahrens verengen, darf hingegen nicht erweitert oder
qualitativ verändert werden (vgl. BVGE 2016/13 E. 1.3.4, 2009/37 E. 1.3.1;
JÉRÔME CANDRIAN, Introduction à la procedure administrativ fédérale,
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 7
2013, Rz. 182, MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, Prozessieren vor dem Bun-
desverwaltungsgericht, 2. Aufl. 2013, Rz. 2.8 und 2.208). Richtet sich die
Beschwerde gegen eine im eisenbahnrechtlichen Plangenehmigungsver-
fahren nach Bundesrecht ergangene Plangenehmigungsverfügung, gilt die
Besonderheit, dass die beschwerdeführende Partei nicht über die im Rah-
men des Einspracheverfahrens gestellten Begehren hinausgehen oder
diese qualitativ verändern darf. Sämtliche Begehren bzw. Einwände gegen
das Auflageprojekt müssen zumindest sinngemäss bereits innerhalb der
Auflagefrist im Einspracheverfahren erhoben werden und können im Be-
schwerdeverfahren nicht mehr nachgetragen werden. So ist gewährleistet,
dass im Interesse der Konzentration der Entscheidverfahren alle Einwände
gesamthaft geprüft werden und in den Plangenehmigungsentscheid ein-
fliessen können (Art. 18f Abs. 1 und 2 EBG; vgl. BGE 133 II 30 E. 2.1 ff.;
Urteil des BVGer A-5292/2017 vom 10. April 2019 E. 1.2.1; je mit Hinwei-
sen). Im Beschwerdeverfahren vor Bundesverwaltungsgericht ist zu be-
achten, dass sämtliche Begehren und Eventualbegehren bereits in der Be-
schwerdeschrift selber vorzubringen sind. Erst in der Replik (oder später)
gestellte (neue) Begehren sind unzulässig (vgl. BGE 136 II 173 E. 5; BVGE
2010/12 E. 1.2.1; Urteil de BVGer A-5242/2018 vom 9. März 2020 E. 3.4;
KÖLZ/HÄNER/BERTSCHI, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechts-
pflege des Bundes, 3. Aufl. 2013, Rz. 147, MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER,
a.a.O., Rz. 2.215; je mit Hinweisen).
Wird ein Nichteintretensentscheid angefochten, prüft das Bundesverwal-
tungsgericht nur die Rechtsfrage, ob die Vorinstanz zu Recht nicht einge-
treten ist (vgl. MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 2.8 und 2.164).
Dabei ist die Bezeichnung im Dispositiv allein nicht massgebend, da dieses
im Sinne der Erwägungen zu verstehen ist (Urteil des BVGer A-4918/2011
vom 4. Juni 2012 E. 1.3 mit Hinweisen).
1.5.2 In der Beschwerde vom 3. September 2018 fordern die Beschwerde-
führenden, wie bereits in ihrer Einsprache vom 3. Mai 2017, verstärkte
Massnahmen zum Schutz vor Lärm sowie zum Schutz vor nichtionisieren-
der Strahlung. Ferner beantragen sie gewässerschutzrechtliche Verbesse-
rungen. Der Doppelspurausbau selbst sowie die angepasste Linienführung
ist in der Beschwerde vom 3. September 2018 hingegen unangefochten
geblieben. Äusserungen dazu finden sich weder in den Rechtsbegehren
noch in der Begründung der Beschwerdeschrift. In der Replik vom
16. November 2018 bringen die Beschwerdeführenden neu vor, die sog.
Fahrplanvariante V3B zeige, dass der geplante Fahrplanausbau auch
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 8
ohne Doppelspurausbau realisierbar sei. Auf die Begradigung der Linien-
führung könne verzichtet werden, sollte wie beantragt die Durchfahrtsge-
schwindigkeit von 70 auf 30 km/h gesenkt werden. Soweit die Beschwer-
deführenden damit den Doppelspurausbau an sich sowie die geänderte
Linienführung in Frage stellen wollen, gehen diese Rügen über die Be-
schwerde vom 3. September 2018 hinaus. Darauf ist nicht einzutreten.
In der angefochtenen Plangenehmigung ist die Vorinstanz auf die Einspra-
che nicht eingetreten, soweit die Beschwerdeführenden zusätzliche Ent-
wässerungsmassnahmen beantragt haben. In der Begründung verweist
die Vorinstanz zunächst auf die gewässerschutzrechtlichen Erwägungen.
Daneben hält sie fest, dass der verlangte Anschluss an die Kanalisation
nicht Gegenstand des Verfahrens bilde. Es sei auch nicht Aufgabe der Be-
schwerdegegnerin, eine entsprechende Wasserauffangrille zu erstellen.
Mit den im Projekt vorgesehenen Massnahmen sowie den angeordneten
Auflagen werde dem Schutz der Gewässer gebührend Rechnung getragen
(Plangenehmigung vom 29. Juni 2018, E. 5.3.3, Einsprachepunkt 17). Aus
diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Vorinstanz gesamthaft eine ma-
terielle Beurteilung des Einsprachepunkts vorgenommen und sich nicht auf
eine formelle Prüfung beschränkt hat. Diesbezüglicher Streitgegenstand im
Beschwerdeverfahren ist daher nicht ein Nichteintretensentscheid, son-
dern die Frage, ob die Vorinstanz zu Recht davon ausging, weitere Ent-
wässerungsmassnahmen seien gewässerschutzrechtlich nicht gefordert.
1.6
1.6.1 Mit Einreichung der Beschwerde geht die Zuständigkeit in der Sache
grundsätzlich auf die Beschwerdeinstanz über (Prinzip des Devolutiv-
effekts, Art. 54 VwVG). Davon macht Art. 58 Abs. 1 VwVG insofern eine
Ausnahme, als die Vorinstanz die angefochtene Verfügung in Wiedererwä-
gung ziehen und neu verfügen kann, sofern die Anpassung nicht zu Un-
gunsten der beschwerdeführenden Partei ausfällt (sog. reformatio in peius;
vgl. zum Ganzen ANDREA PFLEIDERER, Praxiskommentar, Art. 58 Rz. 36 ff.
mit Hinweisen).
1.6.2 Die Vorinstanz erliess am 7. Mai 2019 eine Wiedererwägungsverfü-
gung gestützt auf Art. 58 Abs. 1 VwVG. In prozessualer Hinsicht stellt sie
den Antrag, entsprechend dem Grundsatz des Devolutiveffekts sei im Be-
schwerdeverfahren vor Bundesverwaltungsgericht über die Wiedererwä-
gungsverfügung zu befinden, da sich diese zu Ungunsten der Beschwer-
deführenden auswirke.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 9
Vorliegend haben die Beschwerdeführenden sowohl gegen die Plangeneh-
migung vom 29. Juni 2018 als auch gegen die Wiedererwägungsverfügung
vom 7. Mai 2019 Beschwerde eingereicht. Wie es sich mit der Devolutiv-
effekt in Bezug auf die Wiedererwägungsverfügung verhält und ob es sich
hier tatsächlich um eine reformatio in peius handelt, braucht nicht ab-
schliessend geklärt zu werden. Denn – wie in E. 17.4 zu sehen sein wird –
ist die angefochtene Wiedererwägungsverfügung vom 7. Mai 2019 aus ma-
teriellen Gründen ohnehin aufzuheben.
1.7 Auf die im Übrigen fristgerecht eingereichten Beschwerden (vgl. Art. 50
Abs. 1 VwVG) ist somit – vorbehältlich den vorstehenden Ausführungen –
einzutreten.
Kognition
2.
Das Bundesverwaltungsgericht überprüft die angefochtene Verfügung auf
Rechtsverletzungen – einschliesslich unrichtiger oder unvollständiger Fest-
stellung des rechtserheblichen Sachverhalts und Rechtsfehler bei der Aus-
übung des Ermessens – sowie auf Angemessenheit hin (vgl. Art. 49
VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht auferlegt sich allerdings eine ge-
wisse Zurückhaltung, wenn technische Fragen zu beurteilen sind oder die
Vorinstanz gestützt auf eigene besondere Fachkompetenz oder die ihr vom
Gesetzgeber beigegebenen Fachbehörden entschieden hat. Vorausset-
zung für diese Zurückhaltung ist indes, dass im konkreten Fall keine An-
haltspunkte für eine unrichtige oder unvollständige Sachverhaltsfeststel-
lung vorliegen und davon ausgegangen werden kann, die Vorinstanz habe
die für den Entscheid wesentlichen Gesichtspunkte geprüft und die erfor-
derlichen Abklärungen sorgfältig und umfassend vorgenommen (BGE 142
II 451 E. 4.5.1; BVGE 2016/13 E. 2; Urteil des BVGer A-702/2017 vom
26. März 2019 E. 2.1; CANDRIAN, a.a.O., Rz. 191, MOSER/BEUSCH/KNEU-
BÜHLER, a.a.O., Rz. 2.149 ff.; je mit Hinweisen).
Rechtliches Gehör
3.
3.1 In formeller Hinsicht rügen die Beschwerdeführenden, die Vorinstanz
habe sich im Plangenehmigungsentscheid nicht ausreichend mit den be-
antragten betrieblichen Lärmschutzmassnahmen befasst. Die Vor-
instanz habe damit die Begründungspflicht missachtet und den Anspruch
auf rechtliches Gehör verletzt.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 10
3.2 Die Parteien haben im Verwaltungsverfahren und im verwaltungsge-
richtlichen Verfahren Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 2 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April
1999 [BV, SR 101] und Art. 29 ff. VwVG). Dazu gehört, dass die Behörde
ihren Entscheid zu begründen hat (Art. 35 Abs. 1 VwVG). Die Begründung
einer Verfügung hat im Allgemeinen den rechtserheblichen Sachverhalt
und die anwendbaren Rechtsnormen zu enthalten und sodann die rechtli-
che Würdigung (Subsumtion) des Sachverhalts unter die anwendbaren
Rechtsnormen aufzuzeigen. Die Behörde ist nicht verpflichtet, sich mit je-
der tatsächlichen Behauptung und jedem rechtlichen Einwand ausdrück-
lich auseinanderzusetzen. Sie darf sich auf die für den Entscheid wesent-
lichen Überlegungen beschränken. Die Vorinstanz hat sich jedoch insge-
samt mit den verschiedenen rechtlich relevanten Gesichtspunkten ausei-
nanderzusetzen und darzutun, aus welchen Gründen sie den Vorbringen
einer Partei folgt oder sie diese ablehnt. Die Begründung muss – im Sinne
einer Minimalanforderung – so abgefasst sein, dass sich der Betroffene
über deren Tragweite Rechenschaft geben und sie sachgerecht anfechten
kann. Welchen Anforderungen eine Begründung hinsichtlich Dichte und
Qualität zu genügen hat, ist im Einzelfall anhand der konkreten Umstände
und der Interessen der Betroffenen zu bestimmen (vgl. BGE 142 II 324
E. 3.6,137 II 266 E. 3.2; Urteil des BVGer A-1251/2012 vom 15. Januar
2014 E. 6.2; KNEUBÜHLER/PEDRETTI, in: Auer/Müller/Schindler [Hrsg.],
Kommentar VwVG, 2. Aufl. 2019, Art. 35 Rz. 7 ff. [nachfolgend: Kommentar
VwVG]; je mit Hinweisen).
3.3 Die Beschwerdeführenden forderten in der vorinstanzlichen Einspra-
che vom 3. Mai 2017 weitergehende Massnahmen zur vorsorglichen Be-
grenzung des Eisenbahnlärms. Konkret verlangten sie, im Bereich ihrer
Liegenschaft sei die Durchfahrtsgeschwindigkeit von 70 auf 30 km/h zu re-
duzieren sowie ein Kreuzungsverbot zu erlassen. In den Erwägungen weist
die Vorinstanz vorab auf ihre bisherigen Ausführungen in der Plangeneh-
migung. Ergänzend führt sie aus, der Neubau der Doppelspur habe gerade
die Angebotsverdichtung und einen stabilen und verbesserten Fahrplan-
ausbau zum Ziel. Ein Kreuzungsverbot und eine Geschwindigkeitslimitie-
rung an der besagten Stelle würde diesem zuwiderlaufen. Das Projekt
trage dem umweltrechtlichen Vorsorgeprinzip gebührend Rechnung (Plan-
genehmigung vom 29. Juni 2018 E. 5.3.3, Einsprachepunkt 15). Diese vor-
instanzlichen Erwägungen sind zwar eher knapp gehalten, erfüllen aber die
aufgeführten Anforderungen an eine genügende Begründung. Aus dem
Gesamtzusammenhang der Erwägungen war für die Beschwerdeführen-
den ersichtlich, von welche Überlegungen die Vorinstanz sich leiten liess
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 11
und aus welchen Gründen weitergehende Lärmschutzmassnahmen abge-
lehnt wurden. Die Beschwerdeführenden waren sich, wie sich an den Vor-
bringen in der Beschwerde zeigt, über die Tragweite des angefochtenen
Entscheides im Klaren und ohne Weiteres imstande, diesen sachgerecht
anzufechten. Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör ist so-
mit zu verneinen.
Beweisanträge
4.
4.1 Der Beschwerdeführenden stellen in den Rechtsschriften verschiedene
Beweisanträge. Sie beantragen, es seien Expertisen zu Fragen des Lärm-
schutzes sowie des Schutzes vor nichtionisierender Strahlung einzuholen.
Zudem seien die Forschungsergebnisse der SiRENE-Studie zu edieren.
Ausserdem beantragen sie im Sinne einer Beweisofferte die Durchführung
eines Augenscheins.
4.2 Die Behörde stellt den rechtserheblichen Sachverhalt, unter Vorbehalt
der Mitwirkungspflicht der Parteien (Art. 13 und 52 VwVG), von Amtes we-
gen fest und bedient sich nötigenfalls verschiedener Beweismittel (Art. 12
VwVG). Eine Behörde hat die ihr angebotenen Beweise nur dann abzu-
nehmen, wenn diese zur Abklärung des Sachverhalts tauglich erscheinen
(Art. 33 Abs. 1 VwVG). Angebotene Beweise müssen dagegen nicht abge-
nommen werden, wenn sie entweder eine rechtlich nicht erhebliche Frage
betreffen oder wenn sie von vorneherein am festgestellten Ergebnis nichts
zu ändern vermögen (sog. antizipierte Beweiswürdigung; BGE 136 I 229
E. 5.3, 134 I 140 E. 5.3; Urteil des BVGer A-5278/2018 vom 29. Januar
2019 E. 3.1; JÉRÔME CANDRIAN, a.a.O., Rz. 61, MOSER/BEUSCH/KNEUBÜH-
LER, a.a.O., Rz. 3.144; je mit Hinweisen).
4.3 In den beiden Beschwerdeverfahren wurde ein mehrfacher Schriften-
wechsel unter Einbezug des BAFU als umweltrechtliche Fachbehörde
durchgeführt. Wie sich nachfolgend zeigen wird, gehen die rechtlich erheb-
lichen Tatsachen nun mit genügender Klarheit aus den Akten hervor. Es
kann daher davon ausgegangen werden, dass weitere Beweiserhebungen
an der rechtlichen Überzeugung nichts ändern würden. Die gestellten Be-
weisanträge sind deshalb in antizipierter Beweiswürdigung abzuweisen.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 12
Rechtsgrundlagen
5.
Mit einer Plangenehmigung nach Art. 18 ff. EBG wird die Erstellung oder
Änderung von Bauten und Anlagen bewilligt, die ganz oder überwiegend
dem Bau und Betrieb einer Eisenbahn dienen (Eisenbahnanlagen; Art. 18
Abs. 1 EBG). Art. 17 Abs. 1 EBG bestimmt, dass Eisenbahnanlagen nach
den Anforderungen des Verkehrs, des Umweltschutzes und gemäss dem
Stande der Technik zu erstellen sind. Bei der Plangenehmigung sind nach
Art. 2 und 3 der Eisenbahnverordnung vom 23. November 1983 (EBV, SR
742.141.1) die technischen Anforderungen an einen sicheren Bahnbetrieb
und eine sachgerechte Instandhaltung der Anlagen, aber auch die Belange
der Raumplanung, des Umweltschutzes und des Natur- und Heimatschut-
zes einzubeziehen (vgl. Urteil des BGer 1C_152/2017 vom 28. August
2018 E. 4.1; Urteil des BVGer A-5160/2014 vom 14. Juli 2015 E. 2.1; BEAT
INDERGAND, Das eisenbahnrechtliche Plangenehmigungsverfahren, in: Ju-
ristische Festschrift zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels, 2016, S. 35).
Die Beschwerdeführenden bestreiten mit umweltrechtlichen Einwänden
die Rechtmässigkeit der Plangenehmigung. Ihre Rügen betreffen – wie be-
reits vorne erwähnt – den Lärmschutz (nachfolgend E. 6 ff.), den Schutz
vor nichtionisierender Strahlung (nachfolgend E. 14 ff.) sowie den Gewäs-
serschutz (nachfolgend E. 20 ff.).
Lärmschutzrechtliche Qualifikation des Ausbauprojekts
6.
6.1 In lärmschutzrechtlicher Hinsicht rügen die Beschwerdeführenden, die
Vorinstanz habe das Ausbauprojekt als wesentliche Änderung einer Anlage
im Sinne von Art. 8 Abs. 3 der Lärmschutz-Verordnung vom 15. Dezember
1986 (LSV, SR 814.41) qualifiziert. Diese Betrachtungsweise sei rechts-
widrig und willkürlich. Das Projekt stelle eine Neuanlage dar, werde doch
der bestehende Teil der Anlage komplett erneuert und in geänderter Form
mit angepasster Linienführung und Infrastrukturbauten neu errichtet. Nebst
einer Verschiebung des Trassees erfolge dessen Höherlegung um
ca. 1.50 m. Ferner werde ein Haus abgebrochen. Das Projekt gehe mit ei-
ner Kapazitätssteigerung von 14 % einher, was zu einer massiven Lärm-
zunahme führe. Als neue Anlage seien nicht nur die Immissionsgrenzwerte,
sondern die strengeren Planungswerte einzuhalten. Da diese bei ihrer Lie-
genschaft überschritten würden, erweise sich das Projekt als rechtswidrig.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 13
6.2 Die Vorinstanz geht von einer wesentlichen Änderung einer Anlage im
lärmschutzrechtlichen Sinne aus, weshalb die Immissionsgrenzwerte und
nicht die von den Beschwerdeführenden verlangten Planungswerte mass-
gebend seien.
6.3 Die Beschwerdegegnerin stützt die Auffassung der Vorinstanz, dass es
sich lärmschutzrechtlich um eine wesentliche Änderung der Anlage handle.
Die neue Doppelspur verlaufe im bisherigen Korridor. Das abzubrechende
Gebäude, welches sie frühzeitig freihändig erworben habe, beeinflusse
den Korridor nicht. Es fänden demzufolge die Immissionsgrenzwerte und
nicht die Planungswerte Anwendung. Die Beurteilung entspreche auch
dem Urteil des Bundesgerichts 1C_104/2017 (Entscheid Walchwil Zuger-
see Ost) vom 25. Juni 2018. Das Bundesgericht qualifiziere den dortigen
Doppelspurausbau als wesentliche Änderung, obwohl jenes Projekt auch
nach einer Anpassung der Gleisgeometrie und der Fahrleitungen verlangt
habe.
6.4 Das BAFU stuft in seinem Fachbericht das Projekt als wesentliche Än-
derung einer Anlage ein. In seiner Begründung legt es dar, das Projekt um-
fasse den Doppelspurausbau eines bestehenden Linienabschnitts auf ei-
ner Länge von ca. 600 m. Zudem werde die Linienführung gestreckt, indem
das bestehende Trassee auf einer Länge von ca. 350 m verschoben werde,
wobei die Achsenverschiebung maximal ca. 16.5 m betrage. Das Ziel des
Projekts sei eine Fahrplanstabilisierung mit Taktverdichtung, was bis 2030
zu einer Verkehrszunahme von ca. 14 % führe. Auf gewissen Teilstrecken
des auszubauenden Abschnitts werde die Geschwindigkeit der Züge er-
höht. Die maximale projektbedingte Zunahme der Lärmimmissionen an
Gebäuden mit lärmempfindlichen Räumen in der Umgebung betrage
5.0 dB(A). Im Mittel würden die Stockwerke der Gebäude, bei denen eine
projektbedingte Zunahme der Lärmimmissionen eintrete, mit zusätzlichen
2 dB(A) belastet. Infolge der Linienverschiebung gebe es auch Gebäude,
deren Entfernung zum Trassee künftig grösser sein werde, wobei eine
maximale Lärmabnahme von 7.5 dB(A) zu erwarten sei. Die angegebenen
Werte bezögen sich auf den Beurteilungspegel Lr gemäss Anhang 4 LSV
ohne Berücksichtigung allfälliger Lärmschutzmassnahmen. Angesichts der
bedeutenden baulichen Massnahmen und der Intensivierung des Betriebs
sei von einer wesentlichen Änderung der Anlage nach Art. 8 Abs. 2 und 3
LSV und nicht nur von einer unwesentlichen Änderung auszugehen.
Gleichzeitig bleibe aber die Linienführung bis auf kleine Abweichungen in-
folge der streckenweise Begradigung bestehen. Auch die Funktion der
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 14
Linie – Personenverkehr ohne Güterverkehr – bleibe trotz Doppelspuraus-
bau erhalten. Die Anlage werde somit aus Sicht des Lärmschutzes in kon-
struktiver und funktionaler Beziehung nicht so weit verändert, dass die An-
lage wie eine Neuanlage nach Art. 7 LSV zu behandeln wäre (sog. über-
gewichtige Änderung). Diese Beurteilung entspreche der Praxis des BAFU
in vergleichbaren Fällen.
7.
7.1 Das Umweltschutzgesetz vom 7. Oktober 1983 (USG, SR 814.01) be-
zweckt den Schutz der Menschen, Tiere und Pflanzen gegen schädliche
und lästige Einwirkungen (Art. 1 Abs. 1 USG). Zu solchen Einwirkungen
gehören unter anderem Lärmimmissionen, die durch den Bau und Betrieb
von Anlagen erzeugt werden (Art. 7 Abs. 1 USG). Das USG unterscheidet
neue, geänderte und bestehende, ortsfeste Anlagen. Neue Anlagen dürfen
nur errichtet werden, wenn die durch diese Anlagen allein erzeugten Lärm-
immissionen, vorbehältlich Erleichterungen, die Planungswerte in der Um-
gebung nicht überschreiten (Art. 25 USG). Für Altanlagen sieht Art. 18
Abs. 1 USG vor, dass sanierungsbedürftige Anlagen nur umgebaut oder
erweitert werden dürfen, wenn sie gleichzeitig saniert werden. Art. 8 LSV
konkretisiert Art. 18 USG und unterscheidet dabei wesentliche und unwe-
sentliche Änderungen: Unwesentliche Änderungen oder Erweiterungen lö-
sen keine Sanierungspflicht für die bestehenden Anlageteile aus (vgl. Art. 8
Abs. 1 LSV). Die Lärmimmissionen wesentlich geänderter oder erweiterter
Anlagen müssen die Immissionsgrenzwerte einhalten (vgl. Art. 8 Abs. 2
LSV). Als wesentliche Änderungen gelten nach Art. 8 Abs. 3 LSV Umbau-
ten, Erweiterungen und vom Inhaber der Anlage verursachte Änderungen
des Betriebs, wenn zu erwarten ist, dass die Anlage selbst oder die Mehr-
beanspruchung bestehender Verkehrsanlagen wahrnehmbar stärkere Lär-
mimmissionen erzeugen (Satz 1). Der Wiederaufbau von Anlagen gilt in
jedem Fall als wesentliche Änderung (Satz 2). Nach bundesgerichtlicher
Rechtsprechung kann eine Änderung auch aufgrund anderer Kriterien, wie
der Umfang der baulichen Massnahmen und die Kosten, als wesentlich
eingestuft werden (BGE 141 II 483 E. 4.6; vgl. zum Ganzen Urteil des BGer
1C_104/2017 vom 25. Juni 2018 E. 6.3 f.; ALIG/SCHÄRMELI, Die Beurteilung
geänderter Altanlagen aus lärmschutzrechtlicher Sicht, Umweltrecht in der
Praxis [URP] 2019/3, S. 195 ff., ROBERT WOLF in: Vereinigung für Umwelt-
recht/Keller [Hrsg.], Kommentar zum Umweltschutzgesetz, 2. Aufl. 2004,
Stand 2000, Art. 25 Rz. 47 [nachfolgend: Kommentar USG]).
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 15
Die wesentliche Änderung einer Anlage ist gemäss Rechtsprechung von
einer neubauähnlichen Erweiterung abzugrenzen, die lärmschutzrechtlich
wie ein Neuanlage behandelt wird (sog. übergewichtige Erweiterung). Die
von einer solchen Anlage allein erzeugten Lärmimmissionen dürfen die
Planungswerte nicht überschreiten (Art. 7 Abs. 1 Bst. b LSV). Erleichterun-
gen kann die Vollzugsbehörde gewähren (Art. 7 Abs. 2 LSV). Eine neubau-
ähnliche Erweiterung liegt nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung dann
vor, wenn eine bestehende Anlage in konstruktiver oder funktionaler Bezie-
hung so weit verändert wird, dass der weiterbestehende Teil der Anlage
von geringerer Bedeutung erscheint als der erneuerte Teil. Gleiches gilt bei
einer vollständigen Zweckänderung nach Art. 2 Abs. 2 LSV. Für die Abgren-
zung sind vor allem ökologische Kriterien, im speziellen des Lärmschutzes,
und generell die dem Gesetz zugrundliegenden Zielsetzungen der Vor-
sorge massgeblich (vgl. BGE 141 II 483 E. 3.3.3, 123 II 325 E. 4c/aa, 116
Ib 435 E. 5d/bb; Urteil des BGer 1C_104/2017 vom 25. Juni 2018 E. 6.4,
ALIG/SCHÄRMELI, a.a.O., S. 199 f., WOLF, Kommentar USG, Art. 25 Rz. 47).
7.2 Die angefochtene Plangenehmigung betrifft die Änderung einer Altan-
lage. Zwischen den Parteien ist strittig geblieben, ob es sich um eine we-
sentliche Änderung handelt und die Immissionsgrenzwerte gelten (so die
Beschwerdegegnerin, die Vorinstanz und das BAFU) oder um eine neu-
bauähnliche Erweiterung, womit die strengeren Planungswerte zu beach-
ten wären (so die Beschwerdeführenden). Gemäss Umweltbericht genügt
die projektierte Lärmschutzwand, um die Immissionsgrenzwerte bei der
Liegenschaft der Beschwerdeführenden einzuhalten.
Das vorliegende Projekt beinhaltet – wie erwähnt – eine Reihe an bauli-
chen Massnahmen, die dem Ausbau der Strecke auf Doppelspur, aber
auch dem Substanzerhalt und der Verbesserung der Lärmsituation dienen.
Die Gesamtkosten belaufen sich auf geschätzte Fr. 35'500'000.-. Wie das
BAFU in seinem Fachbericht zutreffend dargelegt hat, bleibt die Funktion
der Anlage trotz des Ausbaus gleich. Die Bahnlinie dient nach wie vor
hauptsächlich dem regionalen und überregionalen Personenverkehr. Mit
dem Doppelspurausbau ist eine Kapazitätssteigerung von 14 % verbun-
den. Nach dem Umweltbericht ist bei einer Liegenschaft (...) eine Lärmzu-
nahme um 5.0 dB(A) zu erwarten. Bei den übrigen Liegenschaften liegen
die Werte teils deutlich tiefer. Die Lärmzunahme infolge der Kapazitätsstei-
gerung erreicht damit – in Berücksichtigung der vorliegenden Gegebenhei-
ten – noch nicht ein Mass, das auf eine neubauähnliche Erneuerung
schliessen lässt. Der Doppelspurausbau bedeutet, dass die Anlage gradu-
ell ausgebaut wird. Die übrigen baulichen Massnahmen sind von der Art
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 16
und vom Umfang her eher mit umfassenden Unterhalts- und Lärmsanie-
rungsarbeiten, denn mit der Errichtung einer eigentlichen Neuanlage ver-
gleichbar. Soweit die Beschwerdeführenden sich auf die geänderte Linien-
führung berufen, gilt es die konkreten Verhältnisse zu berücksichtigen. Der
heutige kurvige Abschnitt zwischen Hergiswil Schlüssel und Hergiswil Matt
erfährt eine Begradigung der Linienführung. Die Verschiebung fällt hierbei
jedoch vergleichsweise gering aus. Eine ganz neue Linienführung liegt hier
nicht vor. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass infolge des Doppel-
spurausbaus eine Liegenschaft abgebrochen werden muss. Gemäss dem
technischen Bericht bleibt das Eisenbahntrassee in der Höhe praktisch un-
verändert. Doch selbst wenn das Trassee um 1.5 m höher zu liegen käme,
wie von den Beschwerdeführenden behauptet, wäre eine solche bauliche
Änderung nicht derart weitreichend, um von einer neubauähnlichen Erneu-
erung auszugehen. Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung kann daher we-
der in funktionaler noch in konstruktiver Beziehung davon gesprochen wer-
den, dass der weiterbestehende Teil der Anlage von geringerer Bedeutung
erscheine als der erneuerte Teil. Die Vorinstanz ist somit zu Recht von einer
wesentlichen Änderung und nicht von einer neubauähnlichen Erneuerung
der Anlage ausgegangen. Die strengeren Planungswerte kommen daher
nicht zur Anwendung. Diese Beurteilung entspricht auch der jüngsten bun-
desgerichtlichen Rechtsprechung betreffend Doppelspurausbau Goldach-
Rorschach Stadt und betreffend Doppelspurausbau Walchwil Zugersee
Ost (Urteile des BGer 1C_315/2017 vom 4. September 2018 E. 3.1 und
1C_104/2017 vom 25. Juni 2018 E. 6; vgl. in diesem Sinne auch BGE 141
II 483 E. 2 ff.; Urteil des BVGer A-1251/2012 vom 15. Januar 2014 E. 21).
Lärmschutzmassnahmen zur vorsorglichen Emissionsbegrenzung
8.
8.1 Ein weiterer lärmschutzrechtlicher Kritikpunkt betrifft die vorsorgliche
Emissionsbegrenzung. Die Beschwerdeführenden machen geltend, zum
Schutz vor Eisenbahnlärm sei die Durchfahrtsgeschwindigkeit von 70 auf
30 km/h zu limitieren und es sei ein Kreuzungsverbot im Bereich ihres
Grundstückes festzulegen. Es sei nicht ersichtlich, weshalb die beantrag-
ten Massnahmen, mit denen eine deutliche Lärmreduktion erreicht werden
könnte, den Zielen einer Angebotsverdichtung bzw. Fahrplanstabilität ent-
gegenstünden. Der Sachverhalt sei diesbezüglich nicht hinreichend abge-
klärt. Die Berechnungen der Beschwerdegegnerin zur Fahrzeitverlänge-
rung seien unzutreffend. Ihr Begehren beschlage nicht den gesamten Stre-
ckenabschnitt von 723 m, sondern allein den Bereich ihrer Liegenschaft.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 17
Zudem müssten die Züge bei der Haltestelle Matt sowie bei der engen
Kurve, welche nur mit 30 km/h befahren werden könnte, ohnehin abbrem-
sen. Gemäss der Fahrplanvariante V3B könne die Haltestelle Matt sogar
nur mit einem Gleis und tieferem Durchfahrtstempo im Viertelstundentakt
bedient werden.
8.2 Die Vorinstanz ist der Ansicht, dass das vorliegende Projekt dem Vor-
sorgeprinzip gebührend Rechnung trage. Eine Geschwindigkeitslimitie-
rung und ein Kreuzungsverbot an der besagten Stelle seien abzulehnen,
da diese Massnahmen den Zielen des Doppelspurausbaus zuwiderlaufen
würden. Der Neubau der Doppelspur habe gerade die Angebotsverdich-
tung und einen stabilen und verbesserten Fahrplanausbau zum Ziel.
8.3 Die Beschwerdegegnerin gibt zu bedenken, dass die von den Be-
schwerdeführenden geforderte Geschwindigkeitsbegrenzung zu einer
Fahrzeitverlängerung von 50 Sekunden je Zug führe, dies unter Berück-
sichtigung des Wegs für das Abbremsen und Beschleunigen (723 m bei
8.33 m/s statt 19.44 m/s). Die Fahrzeitverlängerung sei grösser als die Re-
servezeithaltung und bei bis zu 16 Zügen in der Stunde könne die Verzö-
gerung nicht mehr ausgeglichen werden. Darüber hinaus ergäben sich
Kreuzungskonflikte in Hergiswil und Matt. Durch die Fahrzeitverlängerung
würden verschiedene Zug- und Busanschlüsse in der Region wegfallen.
Ausserdem sei es auch aus energetischen Gründen abzulehnen, wenn
Züge im Bereich der Liegenschaft der Beschwerdeführenden abbremsen
und kurz danach wieder beschleunigen müssten. Entgegen der Ansicht der
Beschwerdeführenden hätten die Abklärungen ergeben, dass die Fahr-
planvariante V3B keine gleichwertige Alternative zum Doppelspurausbau
bilde. Diese Variante lasse ein systematischer Viertelstundentakt nicht zu
und wäre mit der geforderten Geschwindigkeitsreduktion ohnehin nicht
mehr umsetzbar. Ferner sei anzumerken, dass die von den Beschwerde-
führenden erwähnte sog. Steinibachkurve zwischen km 7.600 und 7.800
wegen des geringen Radius mit 50 km/h und nicht nur mit 30 km/h befahren
werde. Für das ebenfalls beantragte Kreuzungsverbot gelte, dass infolge-
dessen die mit dem Doppelspurausbau angestrebte Flexibilität im Betrieb
wieder dahinfallen würde. Die geforderten betrieblichen Massnahmen hät-
ten somit insgesamt negative Auswirkungen auf das Fahrplanangebot, die
Fahrplanstabilität und die Kundenzufriedenheit. Zu erwarten sei, dass die
Streckenkapazität sich um 50 % reduziere. Die gewünschte Einführung des
Viertelstundentaktes für die Haltestelle Matt wäre unter diesen Umständen
nicht mehr realisierbar. Es sei daher von beiden Massnahmen dringend
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 18
abzusehen. Dies umso mehr, als es den Beschwerdeführenden nicht ge-
lungen sei, deren Wirksamkeit zu belegen.
8.4 Das BAFU erachtet das umweltrechtlichen Vorsorgeprinzip vorliegend
als gewahrt. Es führt in seinem Fachbericht hierzu aus, die beantragte Ge-
schwindigkeitsreduktion auf 30 km/h bewirke bei der Liegenschaft der Be-
schwerdeführenden eine zusätzliche Abnahme der Lärmimmissionen von
ca. 4.7 dB(A). Das ebenfalls beantragte Kreuzungsverbot wirke sich auf die
Beurteilung des Lärms gemäss den Vorgaben von Anhang 4 LSV nicht aus,
da dieser auf der Basis eines Mittelwerts der gesamten jährlichen Durch-
fahrten ermittelt werde. Die Lärmbelastung werde nur insoweit beeinflusst,
als die Kreuzung von zwei Zügen den Momentanpegel im Zeitpunkt der
Durchfahrt erhöhe. Aus technischer Sicht seien beide Massnahmen mög-
lich. Der Zweck des Doppelspurausbaus bestehe aber gerade darin, Kreu-
zungen in flexibler Weise zu ermöglichen. Die Beschwerdegegnerin habe
nachvollziehbar dargelegt, dass der Bahnbetrieb verzögert und die Fahr-
planstabilität gefährdet werde, wenn die Züge bei der Liegenschaft der Be-
schwerdeführenden auf eine erheblich tiefere Geschwindigkeit abbremsen
müssten und die dortige Kreuzungsmöglichkeit entfalle. Diese Interessen
seien bei der Verhältnismässigkeitsprüfung zu berücksichtigen. Die ge-
nauen Auswirkungen auf die Fahrplanstabilität könne das BAFU nicht ab-
schliessend beurteilen.
9.
9.1 Nach dem Vorsorgeprinzip sind Emissionen unabhängig von der be-
stehenden Umweltbelastung so weit zu begrenzen, als dies technisch und
betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar ist (vgl. Art. 7 Abs. 1 Bst. a
und Art. 8 Abs. 1 LSV, Art. 11 Abs. 2 USG). Massnahmen der Vorsorge sind
sowohl dann zu treffen, wenn die Schädlichkeits- oder Lästigkeitsgrenze
(Immissionsgrenzwerte) noch nicht erreicht ist, als auch dann, wenn diese
erreicht oder bereits überschritten ist. Die materielle Tragweite des Vorsor-
geprinzips wird dabei durch das Verhältnismässigkeitsprinzip beschränkt
(Art. 5 Abs. 2 BV). Erforderlich ist eine Abwägung der im Einzelfall für und
wider eine Massnahme sprechenden Interessen. Der Vorsorgegedanke ist
in diese Abwägung einzubeziehen (vgl. zum Ganzen Urteil des BGer
1C_315/2017 vom 4. September 2018 E. 3.4; Urteile des BVGer
A-1625/2018 vom 4. Januar 2019 E. 4.3, A-1251/2012 vom 15. Januar
2014 E. 24.2 und A-1985/2006 vom 14. Februar 2008 E. 21.7.2; URSULA
MARTI, Das Vorsorgeprinzip im Umweltrecht, 2011, S. 174 ff., GRIF-
FEL/RAUSCH, Kommentar zum USG, Ergänzungsband zur 2. Aufl., 2011,
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 19
Art. 11 Rz. 11 ff. [nachfolgend: Ergänzungsband Kommentar USG]; je mit
Hinweisen).
9.2 Als betriebliche Massnahmen der umweltrechtlichen Vorsorge beantra-
gen die Beschwerdeführenden, es sei zum Schutz vor Eisenbahnlärm die
Durchfahrtsgeschwindigkeit von 70 auf 30 km/h zu limitieren sowie ein
Kreuzungsverbot im Bereich ihrer Liegenschaft zu erlassen. Diese Begeh-
ren wurden von der Vorinstanz unter Verweis auf den Zweck des Doppel-
spurausbaus verworfen.
Nach Angabe des BAFU würde die beantragte Geschwindigkeitsreduktion
auf 30 km/h die Lärmsituation bei der Liegenschaft der Beschwerdeführen-
den um zusätzliche 4.9 dB(A) verbessern. Mit einem Kreuzungsverbot
liesse sich sodann gemäss BAFU der Momentanpegel im Zeitpunkt der
Zugdurchfahrt reduzieren. Ein Rückgang der Lärmemissionen und -immis-
sionen liegt sowohl im privaten Interesse der Betroffenen als auch im öf-
fentlichen Interesse, zumindest soweit dadurch keine Verlagerung der
Lärmbelastung zu verzeichnen ist.
Den lärmschutzrechtlichen Interessen steht das öffentliche Interesse an ei-
nem gut funktionierenden Eisenbahnsystem gegenüber. Der Doppel-
spurausbau dient der Taktverdichtung, der Verkürzung der Fahrzeiten so-
wie der Fahrplanstabilisierung. Es ist mit dem BAFU und der Vorinstanz
einig zu gehen, dass der Sinn und Zweck des Ausbauprojekts geradezu in
Frage gestellt wäre, sollte bei der Liegenschaft der Beschwerdeführenden
eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h sowie ein Kreuzungsver-
bot einzuhalten sein. Gemäss den überzeugenden Ausführungen der Be-
schwerdegegnerin bestehen keine genügenden Reserven, um den Zeit-
resp. Flexibilitätsverlust, der mit den beantragten Massnahmen verbunden
wäre, aufzufangen. Ausserdem entstünden, wie von der Beschwerdegeg-
nerin im Einzelnen aufgezeigt, nicht nur neue Kreuzungskonflikte, sondern
es könnten auch verschiedene Bus- und Zuganschlüsse in der Region
nicht mehr angeboten werden. Im Rahmen einer Gesamtbetrachtung sind
diese doch sehr weitreichenden betrieblichen Nachteile höher zu gewich-
ten, als das von den Beschwerdeführenden geltend gemachte Interesse,
dass über die Einhaltung der Immissionsgrenzwerte hinaus zusätzliche be-
triebliche Lärmschutzmassnahmen im Sinne des Vorsorgeprinzips ergrif-
fen werden.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 20
Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführenden ist es ohne Weiteres ein-
sichtig, dass bei einem derart eng getakteten System wie dem schweizeri-
schen Eisenbahnnetz selbst örtlich eng beschränkte betriebliche Massnah-
men die Kapazitäten einer ganzen Strecke deutlich einschränken und sich
so unmittelbar negativ auf den Fahrplan auswirken können. Dies ist vorlie-
gend der Fall und findet ihre Bestätigung auch in den von der Beschwer-
degegnerin eingereichten Untersuchungen zum Angebotskonzept. Diese
zeigen auf, dass im Fahrplan insgesamt wenig Spielraum vorhanden ist.
So wäre auch die von Beschwerdeführenden angeführte Fahrplanvariante
V3B nur mit einem 10/20 Minutentakt statt eines Viertelstundentaktes um-
setzbar.
Die von den Beschwerdeführenden im Sinne des Vorsorgeprinzips ange-
strebten betrieblichen Lärmschutzmassnahmen sind somit als unverhält-
nismässig zu erachten, weshalb darauf zu verzichten ist. Die Beschwerde
erweist sich in diesem Punkt als unbegründet.
Vorfrageweise Überprüfung der Belastungsgrenzwerte für Eisen-
bahnlärm
10.
10.1 Ferner fordern die Beschwerdeführenden eine vorfrageweise Über-
prüfung der Belastungsgrenzwerte für Eisenbahnlärm gemäss LSV ein. Es
sei gerichtsnotorisch bekannt, dass gegenwärtig die Belastungsgrenzwerte
der LSV im Rahmen eines Forschungsvorhabens wissenschaftlich über-
prüft würden. Die zur Edition beantragten Forschungsergebnisse würden
belegen, dass die angewandten Belastungsgrenzwerte der LSV gesetzes-
und verfassungswidrig seien. Das gelte insbesondere für den sog. Schie-
nenbonus, welcher das Gleichheitsgebot verletze und im Widerspruch zum
aktuellen Stand der Technik stehe. Eine Privilegierung des Bahnlärms ge-
genüber anderen Lärmarten sei nicht angezeigt. Bezeichnenderweise sei
in Deutschland der entsprechende Schienenbonus denn auch abgeschafft
worden. In diesem Sinne sei zudem zu beurteilen, dass bei der Lärmermitt-
lung allein auf den energieäquivalenten Dauerschallpegel Leq abgestellt
werde und die Lärmspitzen, die zu vermehrten Aufwachreaktionen führten,
nicht berücksichtigt würden. Identisch verhalte es sich mit den Verkehrs-
zahlen, die der Lärmberechnung zugrunde lägen und bei denen auf Mittel-
statt auf Maximalwerte abgestellt werde. Darauf hinzuweisen sei, dass das
von der Beschwerdegegnerin zitierte Urteil des Bundesgerichts
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 21
1C_104/2017 vom 25. Juni 2018 nahezu zwei Jahre zurückliege. Zwi-
schenzeitlich lägen gesicherte Forschungsergebnisse zur Überprüfung der
Belastungsgrenzwerte vor. Des Weiteren rügen die Beschwerdeführenden,
es sei bei der konkreten Lärmberechnung unberücksichtigt geblieben, dass
das Angebot auf der Brünigstrecke saisonal um drei Zugpaare pro Tag aus-
gebaut werde.
10.2 Die Vorinstanz hält in der Vernehmlassung an der angefochtenen
Plangenehmigung vom 29. Juni 2018 fest.
10.3 Die Beschwerdegegnerin bestreitet die Vorbringen der Beschwerde-
führenden. In ihrer Begründung verweist sie im Wesentlichen auf die bun-
desgerichtliche Rechtsprechung zur vorfrageweisen Überprüfung der Be-
lastungsgrenzwerte für Eisenbahnlärm (Urteil des BGer 1C_104/2017 vom
25. Juni 2018 E. 7). Ferner entgegnet sie, die drei Saisonzüge auf der
Brünigstrecke seien in der Lärmberechnung sehr wohl enthalten. Sie seien
im Angebotskonzept 2035 vorgesehen, welches dem Angebotskonzept
2030 entspreche. Die Lärmberechnung im Umweltbericht sei auf der
Grundlage des Angebotskonzepts 2030 erfolgt.
10.4 Das BAFU legt in seinem Fachbericht dar, bekanntermassen würden
die in der LSV festgelegten Belastungsgrenzwerte gegenwärtig überprüft.
Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds und vom BAFU ge-
förderten Forschungsprojekts SiRENE würden die für die Beurteilung der
Wirkung von Lärm auf den Menschen notwendigen Grundlagen aktuali-
siert. In diesen Arbeiten seien sämtliche Verkehrsträger (Strasse, Schiene,
Luftverkehr) eingeschlossen. Die Arbeiten würden sich auch mit dem stö-
rungsgerechten Lärmindikator, wie Mittelungspegel oder Maximalpegel,
sowie mit der Angemessenheit des Schienenbonus befassen. Das umfang-
reiche Datenmaterial der SiRENE-Studie werde derzeit ausgewertet. Nach
Vorliegen des Schlussberichts der Eidgenössischen Kommission für Lärm-
bekämpfung (EKLB) werde der Bundesrat über eine allfällige Verordnungs-
revision entscheiden. Bis dahin sei nach Erachten des BAFU auf die gel-
tenden Verordnungsbestimmungen in Anhang 4 LSV abzustellen.
11.
11.1 Das Bundesverwaltungsgericht ist berechtigt, Verordnungen des Bun-
desrats vorfrageweise auf ihre Gesetz- und Verfassungsmässigkeit hin zu
überprüfen. Bei unselbständigen Verordnungen, die sich wie die LSV auf
eine gesetzliche Delegation stützen, prüft es, ob sich der Bundesrat an die
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 22
Grenzen der ihm im Gesetz eingeräumten Befugnisse gehalten hat. Soweit
das Gesetz den Bundesrat nicht ermächtigt, von der Verfassung abzuwei-
chen, befindet das Gericht auch über die Verfassungsmässigkeit der un-
selbständigen Verordnung. Wird dem Bundesrat durch die gesetzliche De-
legation ein sehr weiter Ermessensspielraum für die Regelung auf Verord-
nungsstufe eingeräumt, ist dieser Spielraum nach Art. 190 BV für das Bun-
desverwaltungsgericht verbindlich (vgl. BGE 139 II 460 E. 2.3, 136 II 337
E. 5.1; Urteile des BVGer A-6015/2015 vom 10. Januar 2017 E. 9.1 und
A-1251/2012 vom 15. Januar 2014 E. 23.2; TSCHANNEN/ZIMMERLI/MÜLLER,
Allgemeines Verwaltungsrecht, 4. Aufl. 2014, § 19 Rz. 39 f.; je mit Hinwei-
sen).
11.2 Der Bundesrat hat gestützt auf Art. 13 Abs. 1 USG Belastungsgrenz-
werte für Eisenbahnlärm in Anhang 4 LSV festgelegt (Planungs-, Immissi-
onsgrenz- und Alarmwerte; Art. 2 Abs. 5 LSV). Die Immissionsgrenzwerte
für Lärm und Erschütterungen sind so festzulegen, dass nach dem Stand
der Wissenschaft oder der Erfahrung Immissionen unterhalb dieser Werte
die Bevölkerung in ihrem Wohlbefinden nicht erheblich stören (Art. 15
USG). Wie der Zusammenhang mit Art. 13 Abs. 1 USG zeigt, umfassen
Störungen des Wohlbefindens sowohl gesundheitliche Beeinträchtigungen
im engeren medizinischen Sinn als auch Belästigungen. Grosse Bedeu-
tung kommt insbesondere der Vermeidung von Schlafstörungen bzw. dem
Schutz vor Aufwachreaktionen zu. Insgesamt steht dem Bundesrat bei der
Festlegung der Immissionsgrenzwerte ein nicht unerheblicher Ermessens-
spielraum zu (vgl. zum Ganzen BGE 137 II 58 E. 5.3.5; Urteile des BVGer
A-6015/2015 vom 10. Januar 2017 E. 9.4.1 und A-1251/2012 vom 15. Ja-
nuar 2014 E. 23.3; ZÄCH/WOLF, Kommentar USG, Art. 15 Rz. 17; je mit
Hinweisen).
11.3 Die Rechtsprechung hat sich bereits verschiedentlich mit der vorfra-
geweisen Überprüfung der Belastungsgrenzwerte für Eisenbahnlärm be-
fasst:
Die Pegelkorrektur K1 (Schienenbonus) gemäss Ziff. 33 Abs. 1 Anhang 4
LSV berücksichtigt Lästigkeitsunterschiede zwischen Schienen- und Stras-
senverkehrslärm bei gleicher akustischer Belastung. Die bisherige Recht-
sprechung des Bundesgerichts erklärt den Schienenbonus als mit dem
Bundesrecht vereinbar. Die Regelung hält grundsätzlich vor dem Gleich-
behandlungsgebot stand (vgl. Urteile des BGer 1C_104/2017 vom 25. Juni
2018 E. 7.3 und 7.6, 1C_375/2009 vom 10. Mai 2010 E. 6.2 und
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 23
1A.116/2006 vom 8. November 2006 E. 6.3). Das Bundesgericht weist da-
rauf hin, dass es hinsichtlich des Schienenbonus nicht unbestritten ist, ob
der Lärm des Schienenverkehrs von der Bevölkerung auch noch bei hohen
Zugfrequenzen als weniger belästigend empfunden wird als Strassenver-
kehr und ob die Pegelkorrektur K1 auch bei stark frequentierten Strecken
wissenschaftlich gerechtfertigt ist. In Deutschland wurde der Schienenbo-
nus inzwischen abgeschafft. Nach der Rechtsprechung liegt es jedoch in
der politischen Verantwortung von Bundesrat und Verwaltung, bei divergie-
renden wissenschaftlichen Erkenntnissen die konkret anwendbaren
Grenzwerte – und auch eine allenfalls zu berücksichtigende Pegelkorrektur
– festzusetzen (vgl. Urteil des BGer 1C_104/2017 vom 25. Juni 2018 E 7.6
mit Hinweisen).
Weiter schützt das Bundesgericht dem Prinzip nach die Umrechnung des
Lärms von Eisenbahnverkehr in einen Dauerschall- bzw. Mittelungspegel
(sog. Lärmverdünnung). Bei dem über den ganzen Tag verteilten Eisen-
bahnlärm verhält es sich zudem anders als bei dem in BGE 137 II 58
E. 5.3.5 beurteilten Flughafenbetrieb, wo sich der Fluglärm teilweise auf
eine kurze Zeitspanne während morgendlichen und abendlichen Randzei-
ten konzentriert. Es lassen sich aus diesem Entscheid keine Ergänzung
der Vorgaben zu den Mittelungspegeln für Eisenbahnlärm ableiten (Urteil
des BGer 1C_104/2017 vom 25. Juni 2018 E. 7.3 und 7.7 mit Hinweisen).
Der vom BAFU und der EKLB eingeleiteten Überprüfung der Belastungs-
grenzwerte für Verkehrslärm ist gemäss bundesgerichtlichen Rechtspre-
chung nicht vorzugreifen, zumal es mit Blick auf die Rechtsgleichheit ge-
boten erscheint, den Lärm aller Verkehrsträger (Strasse, Schiene, Luftver-
kehr), soweit vergleichbar, nach einheitlichen Grundsätzen zu beurteilen
(vgl. Urteile des BGer 1C_104/2017 vom 25. Juni 2018 E. 7.4,
1C_547/2017 vom 16. Mai 2018 E. 6.2.1 und 1C_6/2017 vom 25. Oktober
2017 E. 4.4). In diesem Zusammenhang wird vom Bundesgericht allerdings
kritisch angemerkt, dass die Vorarbeiten zur Überprüfung der Lärmgrenz-
werte schon seit geraumer Zeit im Gange sind. Angesichts der Aktualität
der angesprochenen Fragen ist die zeitliche Verzögerung, die bei der Über-
prüfung der Lärmgrenzwerte zu verzeichnen ist, unbefriedigend. Es kann
erwartet werden, dass das BAFU die Auswertung der wissenschaftlichen
Grundlagen, wie der schweizerischen SiRENE-Studie, zügig vorantreibt
und gestützt darauf den zuständigen politischen Behörden allfällige Anpas-
sungen der LSV ohne weitere Verzögerungen unterbreitet (Urteil des BGer
1C_104/2017 vom 25. Juni 2018 E. 7.4 mit Hinweisen).
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 24
11.4 Da gemäss den vorstehenden Erwägungen die Immissionsgrenz-
werte für Eisenbahnlärm beim vorliegenden Vorhaben massgebend sind,
kann nur die Regelung in der LSV zu diesen Grenzwerten zur Diskussion
gestellt werden. Die Beschwerdeführenden wenden sich diesbezüglich ge-
gen den Schienenbonus sowie gegen die Verwendung von Mittelwerten
statt Maximalwerten für die Bestimmung des Lärmpegels und der Ver-
kehrszahlen.
Die vorstehenden Ausführungen der Rechtsprechung gelten auch für den
vorliegenden Anwendungsfall, soweit es um die Auswertung der SiRENE-
Studie und die Neubeurteilung der wissenschaftlichen Grundlagen für die
Grenzwertfestlegung in der LSV geht. Von den Beschwerdeführenden wird
zwar zu Recht eingewendet, dass der Entscheid des Bundesgerichts
1C_104/2017 vom 25. Juni 2018, der sich eingehend mit der Überprüfung
der Grenzwerte für Eisenbahnlärm befasst, nun schon fast zwei Jahre zu-
rückliegt. Zwischenzeitlich hat sich jedoch nichts ergeben hat, was an je-
nen Erwägungen etwas ändern würde. Namentlich ist der vom BAFU ge-
nannte Schlussbericht der EKLB, soweit ersichtlich, weiterhin ausstehend.
Die bundesgerichtliche Rechtsprechung ist daher nach wie vor aktuell. Die
Begehren der Beschwerdeführenden zur Überprüfung der Belastungs-
grenzwerte für Eisenbahnlärm erweisen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt
als unbegründet.
12.
Schliesslich erachten die Beschwerdeführenden die konkrete Lärmberech-
nung als unvollständig, da nicht berücksichtigt sei, dass das Angebot auf
der Brünigstrecke saisonal um drei Zugpaare pro Tag ausgebaut werde.
Was die konkrete Lärmberechnung betrifft, so sind nach Angaben der Be-
schwerdegegnerin die drei Saisonzüge im Angebotskonzept 2035 vorge-
sehen, welches identisch mit dem Angebotskonzept 2030 sei. Die Ausfüh-
rungen der Beschwerdegegnerin sind im Laufe des weiteren Schriften-
wechsels unbestritten geblieben. Der vorliegende Umweltbericht stellt für
die Lärmberechnung auf das Angebotskonzept 2030 ab. In Berücksichti-
gung der Akten und der Parteivorbringen ergeben sich somit keine Anhalts-
punkte, dass die vorliegende Lärmberechnung hinsichtlich der Saisonzüge
auf der Brünigstrecke fehlerhaft sein könnte.
13.
Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass die Beschwerdeführen-
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 25
den mit ihren lärmschutzrechtlichen Rügen nicht durchdringen. Die Be-
schwerde vom 3. September 2018 erweist sich insoweit als unbegründet
und ist abzuweisen.
Nichtionisierende Strahlung (NIS)
14.
14.1 Mit Blick auf den Schutz vor nichtionisierender Strahlung wird in der
Beschwerde vom 3. September 2018 gerügt, dass in der angefochtenen
Plangenehmigung das Projekt abschnittsweise als Änderung einer alten
Anlage (270 m) und als neue Anlage (insgesamt 330 m) im Sinne der NISV
qualifiziert werde. Dies erweise sich als willkürlich und könne sich auf keine
gesetzliche Grundlage stützen. Es liege insgesamt eine Neuanlage vor,
besonders da die gesamten Fahrleitungen aufgrund der geänderten Lini-
enführung neu erstellt würden. Der Anlagegrenzwert sei daher bei ihrem
Grundstück zwingend einzuhalten.
14.2 Die Vorinstanz verweist in der Vernehmlassung vom 2. Oktober 2018
auf die Erwägungen der angefochtenen Plangenehmigung. Demnach sehe
das Projekt als Massnahmen im Bereich NIS vor, jedes Gleis mit zwei
Rückleiterseilen (insgesamt vier Rückleiterseile) auszurüsten. Als weitere
Massnahme würden die Leiter optimal angeordnet. Einzig beim Grund-
stück der Beschwerdeführenden werde der Anlagegrenzwert von 1 μT
(Mikrotesla) um 0.1 μT knapp überschritten. Da jedoch an diesem Ort mit
empfindlicher Nutzung (OMEN Nr. 7) gegenüber dem Ausgangszustand
eine Verbesserung zu verzeichnen sei, indem sich der Anlagewert von 1.2
auf 1.1 μT reduziere, seien die Anforderungen gemäss Ziff. 57 Abs. 1 Bst. a
Anhang 1 NISV eingehalten. Beim vorliegenden Projekt werde der Tras-
seeverlauf in gewissen Abschnitten an einen neuen Standort verlegt, so
dass die Strecke abschnittsweise als Änderung einer alten Anlage und teils
als neue Anlage im Sinne der NISV zu beurteilen sei. Da der Streckenab-
schnitt beim OMEN Nr. 7 nicht verlegt werde, finde Ziff. 57 Abs. 1 Bst. a
Anhang 1 NISV (Änderung alter Anlagen) und nicht Ziff. 55 Abs. 1 Anhang 1
NISV (Neue Anlagen) Anwendung.
14.3 Die Beschwerdegegnerin bestätigt in der Beschwerdeantwort vom
3. Oktober 2018 die Ausführungen in der Plangenehmigung. Zum Schutz
vor nichtionisierender Strahlung sei vorgesehen, jedes Gleis mit zwei
Rückleiterseilen (insgesamt vier Rückleiterseile) auszurüsten. Dies führe
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 26
dazu, dass bei der Liegenschaft der Beschwerdeführenden eine Verbesse-
rung gegenüber der aktuellen Situation geschaffen werde. Da das Trassee
im dortigen Bereich nicht wesentlich verschoben werde, handle es sich um
eine geänderte Anlage und nicht um eine Neuanlage im Sinne der NISV.
14.4 Das BAFU weist in seinem Fachbericht vom 15. Februar 2019 auf das
zwischenzeitlich ergangene Urteil des Bundesgerichts 1C_315/2017 vom
4. September 2018 hin. Nach dieser Rechtsprechung müsse vorliegend die
Bestimmung für Neuanlagen gemäss Ziff. 55 Anhang 1 NISV angewendet
werden. Der Anlagegrenzwert sei einzuhalten, wobei Erleichterungen nicht
ausgeschlossen seien. Die Magnetfeldbelastung am OMEN Nr. 7 nehme
aufgrund der zusätzlichen Rückleiterseile von 1.2 auf 1.1 μT ab. Der Anla-
gegrenzwert von 1 μT bleibe damit überschritten. Die Voraussetzungen für
die Erteilung einer Ausnahmebewilligung dürften nach Erachten des BAFU
erfüllt sein, da die Beschwerdegegnerin alle verhältnismässigen Massnah-
men zur Reduktion der Magnetfeldbelastung getroffen habe.
15.
Am 7. Mai 2019 hat die Vorinstanz eine Wiedererwägungsverfügung zur
Plangenehmigung vom 29. Juni 2018 erlassen und im Sinne der Erwägun-
gen beim OMEN Nr. 7 eine Ausnahmebewilligung nach Ziff. 55 Abs. 2 An-
hang 1 NISV erteilt. Zur materiellen Begründung verweist die Vorinstanz
insbesondere auf die zwischenzeitlich ergangene Rechtsprechung des
Bundesgerichts 1C_315/2017 vom 4. September 2018 E. 5.5 sowie auf
den vorgenannten Fachbericht des BAFU vom 15. Februar 2019.
16.
16.1 Am 14. Juni 2019 haben die Beschwerdeführenden auch die Wieder-
erwägungsverfügung der Vorinstanz vom 7. Mai 2019 angefochten. Neben
formellen Rügen bringen sie in ihrer Begründung im Wesentlichen vor, die
Voraussetzungen für die Erteilung einer Ausnahmebewilligung gemäss
Ziff. 55 Abs. 2 Anhang 1 NISV seien nicht erfüllt.
16.2 In der Beschwerdeantwort vom 12. August 2019 legt die Beschwer-
degegnerin dar, die neuen Berechnungen der beigezogenen Firma ENOT-
RAC vom 7. August 2019 hätten gezeigt, dass am OMEN Nr. 7 eine Ab-
nahme der magnetischen Flussdichte auf einen Wert von 0.9 μT erreicht
werden könnte; dies mittels einer Querschnittsvergrösserung der Rücklei-
ter und einer Optimierung der Leiterlagen. Mit diesen neuen Massnahmen
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 27
könnte der Anlagegrenzwert von 1 μT eingehalten werden. Die geschätz-
ten Mehrkosten inkl. Umplanung würden sich auf ca. Fr. 10'000.- bis
Fr. 15'000.- belaufen. Negative Auswirkungen auf den Betrieb seien damit
nicht verbunden.
16.3 Das BAFU erachtet es in seinem Fachbericht vom 2. September 2019
als schlüssig, dass mit den von der Beschwerdegegnerin nun vorgeschla-
genen Massnahmen der Anlagegrenzwert am OMEN Nr. 7 eingehalten
werden könnte. Der Vergleich mit den übrigen Projektunterlagen zeige,
dass auch keine negativen Auswirkungen auf andere OMEN zu erwarten
seien. Die Kosten würden sich nur geringfügig erhöhen. Die vorgeschlage-
nen Massnahmen seien nach Erachten des BAFU umzusetzen. Damit er-
fülle das Projekt die Anforderungen der NISV ohne Ausnahme. Das BAFU
revidiere daher seine Beurteilung vom 15. Februar 2019.
16.4 In der Vernehmlassung vom 13. September 2019 schliesst sich die
Vorinstanz der geänderten Beurteilung des BAFU im Wesentlichen an.
16.5 In den Schlussbemerkungen 16. September 2019 befürworten auch
die Beschwerdeführenden die von der Beschwerdegegnerin neu einge-
brachten Massnahmen zur Einhaltung des Anlagegrenzwertes am OMEN
Nr. 7.
17.
17.1 Zu den vom Umweltschutzgesetz erfassten Einwirkungen gehören
auch die nichtionisierenden Strahlen (Art. 7 Abs. 1 USG). Für mit Wechsel-
strom betriebene Eisenbahnen sind die Bestimmungen gemäss Ziff. 5 An-
hang 1 NISV anwendbar. Der massgebliche Anlagegrenzwert für den über
24 Stunden gemittelten Effektivwert der magnetischen Flussdichte beträgt
1 μT (Ziff. 54 Anhang 1 NISV). Neue Anlagen müssen an OMEN den Anla-
gegrenzwert einhalten (Ziff. 55 Abs. 1 Anhang 1 NISV). Nach Ziff. 55 Abs. 2
Anhang 1 NISV bewilligt die Behörde Ausnahmen, wenn der Inhaber der
Anlage nachweist, dass die Anlage mit einem Rückleiter möglichst nahe
bei den Hinleitern ausgerüstet ist, welche die grössten Ströme führen
(Bst. a) und alle anderen Massnahmen zur Begrenzung der magnetischen
Flussdichte, wie die Errichtung an einem anderen Standort oder Abschir-
mungen, getroffen werden, die technisch und betrieblich möglich und wirt-
schaftlich tragbar sind (Bst. b). Überschreitet eine alte Anlage an OMEN
den Anlagegrenzwert, so ist die Anlage mit einem Rückleiter auszurüsten
(Ziff. 56 Anhang 1 NISV). Für die Änderung einer Altanlage genügt es nach
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 28
Ziff. 57 Abs. 1 Anhang 1 NISV, wenn die magnetische Flussdichte an
OMEN, bei denen vor der Änderung der Anlagegrenzwert überschritten
war, nicht zunimmt (Bst. a), und der Anlagegrenzwert an den anderen
OMEN nicht überschritten wird (Bst. b). Ziff. 57 Abs. 2 Anhang 1 NISV er-
öffnet wiederum die Möglichkeit von Ausnahmebewilligungen nach den Vo-
raussetzungen von Ziff. 55 Abs. 2 Anhang 1 NISV.
17.2 Im Urteil 1C_315/2017 vom 4. September 2018 betreffend Doppel-
spurausbau Goldach-Rorschach Stadt hält das Bundesgericht fest, dass
dieses Projekt eine wesentliche Änderung im Sinne von Art. 18 USG bildet,
die eine Sanierungspflicht auslöst. Ziel der Sanierung ist es, möglichst die
für Neuanlagen geltenden Umweltschutzbestimmungen einzuhalten. Dazu
gehört die vorsorgliche Emissionsbegrenzung gemäss Art. 11 Abs. 2 USG,
d.h. die Einhaltung der Anlagegrenzwerte von Anhang 1 NISV. Es verhält
sich hier analog wie beim Urteil des Bundesgerichts 1C_172/2011 vom
15. November 2011 betreffend Änderung bzw. Ersatz einer Hochspan-
nungsleitung. Nach dessen E. 3.7.3 darf sich die Behörde in einem solchen
Fall nicht mit einem Verschlechterungsverbot begnügen. Art. 9 NISV i.V.m.
Ziff. 52 Anhang 1 NISV ist daher nicht als Vorbehalt gegenüber der Sanie-
rungspflicht gemäss Art. 18 USG bei einer wesentlichen Änderung der An-
lage zu verstehen. Vielmehr ist in einem solchen Fall grundsätzlich die für
Neuanlagen erlassene Ziff. 55 Anhang 1 NISV anwendbar. Danach ist die
Einhaltung des Anlagegrenzwerts vorgeschrieben, Erleichterungen sind
aber nicht ausgeschlossen (vgl. zum Ganzen Urteil des BGer 1C_315/2017
vom 4. September 2018 E. 5.5 mit Hinweisen).
17.3 Wie eingangs erwähnt, sieht die angefochtene Plangenehmigung
vom 29. Juni 2018 vor, dass zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung
jedes Gleis mit zwei Rückleiterseilen (insgesamt vier Rückleiterseile) aus-
gerüstet wird. Als weitere Massnahme werden die Leiter optimal angeord-
net. Auf diese Weise wird die Magnetfeldbelastung bei der Liegenschaft
der Beschwerdeführenden (OMEN Nr. 7) von 1.2 auf 1.1 μT gesenkt. Der
Anlagegrenzwert von 1.0 μT bleibt aber weiterhin überschritten.
Nach Erlass der angefochtenen Plangenehmigung vom 29. Juni 2018
erging das vorgenannte Urteil des Bundesgerichts 1C_315/2017 vom
4. September 2018. Die Verfahrensbeteiligten sind sich zu Recht darin ei-
nig, dass diese Rechtsprechung für den vorliegenden Fall unmittelbar ein-
schlägig ist. Die Einhaltung des Verschlechterungsverbots nach Ziff. 57
Abs. 1 NISV (Änderung alter Anlagen) genügt demgemäss nicht. Vielmehr
ist grundsätzlich der Anlagegrenzwert am OMEN Nr. 7 in Anwendung von
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 29
Ziff. 55 Abs. 1 Anhang 1 NISV (Neue Anlagen) einzuhalten. Die angefoch-
tene Plangenehmigung erweist sich insofern als bundesrechtswidrig. Ent-
sprechend zog die Vorinstanz am 7. Mai 2019 die angefochtene Plange-
nehmigung teilweise in Wiedererwägung: Da der Anlagegrenzwert beim O-
men Nr. 7 gemäss Planvorlage überschritten wird, erteilte sie dort eine Aus-
nahmebewilligung nach Ziff. 55 Abs. 2 Anhang 1 NISV. Die Beschwerde-
führenden bestreiten jedoch, dass die Voraussetzungen hierfür gegeben
sind.
17.4 Im Anschluss an die vorinstanzliche Wiedererwägungsverfügung liess
die Beschwerdegegnerin die Sachlage durch eine externe Firma nochmals
prüfen. Deren Abklärungen ergaben, dass der Anlagegrenzwert beim
OMEN Nr. 7 mit einer Querschnittsvergrösserung der Rückleiter sowie mit
einer Optimierung der Leiterlagen doch eingehalten werden könnte. Diese
Massnahmen könnten ohne betriebliche Nachteile und mit verhältnismäs-
sig geringen zusätzlichen Kosten umgesetzt werden. Der neu eingebrachte
Vorschlag zur Begrenzung der magnetischen Flussdichte wurde im Rah-
men des vorliegenden Beschwerdeverfahrens von sämtlichen Verfahrens-
beteiligten grundsätzlich begrüsst, soweit der derzeitige Planungsstand
eine Beurteilung erlaubt. Nach Einschätzung des BAFU sind auch keine
nachteiligen Auswirkungen auf andere OMEN zu erwarten.
Unter diesen Umständen sind die Voraussetzungen für die erteilte Ausnah-
mebewilligung nach Ziff. 55 Abs. 2 Anhang 1 NISV nicht gegeben. Die Wie-
dererwägungsverfügung vom 7. Mai 2019 erweist sich deshalb ebenfalls
als bundesrechtswidrig und ist aufzuheben.
17.5 Ergeben sich während des Verfahrens wesentliche Änderungen ge-
genüber dem ursprünglichen Projekt, so ist das geänderte Projekt den Be-
troffenen erneut zur Stellungnahme zu unterbreiten oder gegebenenfalls
öffentlich aufzulegen (Art. 5 Abs. 1 der Verordnung vom 2. Februar 2000
über das Plangenehmigungsverfahren für Eisenbahnanlagen [VPVE, SR
742.142.1]).
Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet nach Art. 61 Abs. 1 VwVG in
der Sache selbst oder weist diese ausnahmsweise mit verbindlichen Wei-
sungen an die Vorinstanz zurück (vgl. CAMPRUBI, Kommentar VwVG,
Art. 61 Rz. 7 ff., MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 3.193 ff., je mit
Hinweisen). Da die von der Beschwerdegegnerin eingebrachte Projektän-
derung noch nicht ausgearbeitet ist und das Bundesverwaltungsgericht
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 30
nicht oberste Planungsbehörde ist, kommt vorliegend einzig ein kassatori-
scher Entscheid in Betracht. Die Angelegenheit ist somit im Sinne der Er-
wägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen, damit sie eine Projektände-
rung durch die Beschwerdegegnerin erarbeiten lässt und hierfür ein (ver-
einfachtes) Plangenehmigungsverfahren durchführt.
18.
Bei diesem Ergebnis sind die weiteren Rügen der Beschwerdeführenden
im Zusammenhang mit der NISV nicht mehr zu prüfen. Es kann daher of-
fenbleiben, ob die Beschwerdegegnerin ein ausdrückliches Gesuch um Er-
teilung einer Ausnahmebewilligung bei der Vorinstanz hätte stellen müs-
sen. Ebenfalls offenbleiben kann, ob im Rahmen der Wiedererwägungs-
verfügung vom 7. Mai 2019 der Anspruch der Beschwerdeführenden auf
rechtliches Gehör verletzt wurde.
19.
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass die Beschwerde vom
3. September 2018 in diesem Punkt gutzuheissen und die Angelegenheit
zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzu-
weisen ist. Die angefochtene Plangenehmigung vom 29. Juni 2018 ist in
diesem Umfange aufzuheben.
Die angefochtene Wiedererwägungsverfügung vom 7. Mai 2019 wird in
Gutheissung der Beschwerde vom 14. Juni 2019 ebenfalls aufgehoben.
Gewässerschutz
20.
20.1 Ferner beantragen die Beschwerdeführenden in ihrer Beschwerde
vom 3. September 2018, es sei eine Wasserauffangrille mit dazugehöriger
Ableitung zu errichten, um ihre Liegenschaft von dem abfliessenden Ober-
flächenwasser des höher gelegenen Eisenbahntrassees zu schützen. Das
Oberflächenwasser könne am fraglichen Ort nicht versickern.
20.2 Die Vorinstanz vertritt in der angefochtenen Plangenehmigung vom
29. Juni 2018 und in der Vernehmlassung vom 2. Oktober 2018 die Ansicht,
dass das vorliegende Projekt dem Gewässerschutz gebührend Rechnung
trage.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 31
20.3 Die Beschwerdegegnerin betont in der Beschwerdeantwort vom
3. Oktober 2018, dass zur Entwässerung des Gleisbereichs eine Sickerlei-
tung vorgesehen sei, welche das anfallende Oberflächenwasser ableite.
Die Entwässerungsfrage sei damit ausreichend gelöst.
20.4 In der Replik vom 16. November 2018 erklären die Beschwerdefüh-
renden, die Beschwerdegegnerin habe die von ihnen aufgeworfene The-
matik nicht erkannt. Sie erläutern, Gegenstand ihrer Beschwerde bilde das
zwischen der Lärmschutzwand und der Hausfassade anfallende Oberflä-
chenwasser. Das Wasser werde aufgrund des breiten Sockels der Lärm-
schutzwand und mangels Versickerungsmöglichkeit zu ihrer Hausfassade
hin abgeleitet. Folglich sei das Oberflächenwasser mittels Auffangrille zu
fassen und einem Vorfluter zuzuleiten.
20.5 Die Beschwerdegegnerin hält in der Duplik vom 7. Januar 2019 an
ihrem Standpunkt fest.
20.6 Das BAFU führt in seinem Fachbericht vom 15. Februar 2019 aus, es
sei nicht zu erwarten, dass das Oberflächenwasser von der Gleisfläche zur
Liegenschaft der Beschwerdeführenden abfliesse. Entgegen der Auffas-
sung der Beschwerdeführenden versickere das Abwasser nicht vor Ort, da
sämtliches Meteorwasser gefasst und via zwei kleine Bäche (Schluchen-
bach und Feldbach) in den Vierwaldstättersee eingeleitet werde.
21.
21.1 Mit Eingabe vom 18. April 2019 teilt die Beschwerdegegnerin mit, hin-
sichtlich der Entwässerungsfrage sei es zwischenzeitlich gelungen, eine
für beide Seite akzeptable Lösung zu finden. Mit einem Abkippen des Fun-
daments der Lärmschutzwand könne dem Anliegen der Beschwerdefüh-
renden Rechnung getragen werden.
21.2 In der Vernehmlassung vom 7. Mai 2019 erklärt die Vorinstanz, die
von Beschwerdegegnerin eingebrachte Massnahme dürfte genehmi-
gungsfähig sein. Vorauszusetzen sei, dass es sich hierbei um eine Anpas-
sung des Fundamentquerschnittes handle. Die Standsicherheit des Fun-
daments sowie der darauf gesetzten Lärmschutzwand müsse gewährleis-
tet sein. Sie beantrage, die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, ein
Gesuch um Genehmigung der Projektänderung bei der Vorinstanz einzu-
reichen.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 32
21.3 Das BAFU erhebt in seinem Fachbericht vom 28. Mai 2019 keine Ein-
wände gegenüber der von Beschwerdegegnerin eingebrachten techni-
schen Lösung.
21.4 Die Beschwerdeführenden begrüssen in ihre Stellungnahme vom
1. Juli 2019 den Lösungsvorschlag der Beschwerdegegnerin ebenfalls.
22.
22.1 Das Gewässerschutzgesetz vom 24. Januar 1991 (GSchG,
SR 814.20) bezweckt, die Gewässer vor nachteiligen Einwirkungen zu
schützen (Art. 1 GSchG). Gemäss den allgemeinen gewässerschutzrecht-
lichen Sorgfaltspflichten müssen nachteilige Einwirkungen auf Gewässer
vermieden werden (Art. 3 GSchG). Stoffe, die Wasser verunreinigen kön-
nen, dürfen nicht mittelbar oder unmittelbar in ein Gewässer eingebracht
oder versickert werden (Art. 6 Abs. 1 GSchG). Verschmutztes Abwasser
muss vielmehr behandelt werden (Behandlungsgebot) und darf nur mit Be-
willigung der zuständigen Behörde in ein Gewässer eingeleitet oder versi-
ckert werden (vgl. Art. 7 Abs. 1 GSchG). Nicht verschmutztes Abwasser
hingegen ist im Interesse des quantitativen Gewässerschutzes nach den
Anordnungen der zuständigen Behörde versickern zu lassen (Versicke-
rungsgebot). Erlauben dies die örtlichen Verhältnisse nicht, so kann es mit
entsprechender Bewilligung in ein oberirdisches Gewässer eingeleitet wer-
den. Dabei sind nach Möglichkeit Rückhaltemassnahmen zu treffen, damit
das Wasser bei grossem Anfall gleichmässig abfliessen kann (Art. 7 Abs. 2
GSchG; vgl. zum Ganzen BGE 134 II 142 nicht publ. E. 2.2 f., 121 II 378
E. 16c; HETTICH PETER, in: Hettich/Jansen/Norer [Hrsg.], Kommentar zum
Gewässerschutzgesetz und zum Wasserbaugesetz, 2016, Art. 7 GSchG,
Rz. 9 ff.; je mit Hinweisen).
22.2 In gewässerschutzrechtlicher Hinsicht rügen die Beschwerdeführen-
den – wie erwähnt – die projektierten Entwässerungsmassnahmen als un-
genügend. Konkret machen sie in der Beschwerde vom 3. September 2018
geltend, zum Schutz ihrer Liegenschaft sei eine Wasserauffangrille mit da-
zugehöriger Ableitung zu erstellen.
Wie sich gezeigt hat, wurde im Plangenehmigungsverfahren nur geprüft,
ob die projektierten Entwässerungsmassnahmen im Gleisbereich die Vor-
gaben von Art. 7 GSchG erfüllen. Hingegen wurde nicht umfassend abge-
klärt, wie es sich mit der Entwässerung im Bereich der Lärmschutzwand
verhält, welche ebenfalls Teil der Planvorlage bildet. Trotz Einsprache der
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 33
Beschwerdeführenden ist die Entwässerungssituation bei dem vom Gleis
abgewandten Bereich der Lärmschutzwand unberücksichtigt geblieben.
Vorliegend bestehen konkrete Anhaltspunkte, dass diese infolge des pro-
jektierten Fundaments der Lärmschutzwand und bei den örtlichen Gege-
benheiten den Vorgaben von Art. 7 GSchG nicht entspricht. Die Be-
schwerde erweist sich insoweit als begründet. Im Laufe des Schriftenwech-
sels hat die Beschwerdegegnerin eine neue Lösung für die hier strittige
Entwässerungsfrage präsentiert. Der Vorschlag beinhaltet ein Abkippen
des Fundaments der Lärmschutzwand, damit das zwischen der Lärm-
schutzwand und der Liegenschaft anfallende Oberflächenwasser versi-
ckern kann. Diese Massnahme wurde von allen Verfahrensbeteiligten als
grundsätzlich umsetzbar erachtet, soweit der Planungsstand eine Beurtei-
lung zulässt.
22.3 Die von der Beschwerdegegnerin neu eingebrachte Entwässerungs-
lösung gilt es somit im Rahmen einer Projektänderung näher zu prüfen. Ein
reformatorischer Entscheid kommt beim derzeitigen Planungsstand nicht
in Frage (vgl. vorstehend E. 17.5). Die Angelegenheit ist daher auch dies-
bezüglich im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen,
damit sie eine Projektänderung durch die Beschwerdegegnerin erarbeiten
lässt und hierfür ein (vereinfachtes) Plangenehmigungsverfahren durch-
führt.
23.
Zusammenfassend ergibt sich, dass die Beschwerde vom 3. September
2018 auch in diesem Punkt gutzuheissen und die Angelegenheit zur Neu-
beurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuweisen
ist. Die angefochtene Plangenehmigung vom 29. Juni 2018 ist in diesem
Umfange aufzuheben.
Ausgang des Beschwerdeverfahrens
24.
Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass in lärmschutzrechtlichen Hin-
sicht die Vorinstanz zu Recht von einer wesentlichen Änderung der Anlage
ausgegangen ist, womit die Immissionsgrenzwerte und nicht die beschwer-
deweise geltend gemachten Planungswerte massgebend sind. Soweit die
Beschwerdeführenden gestützt auf das Vorsorgeprinzip zusätzliche be-
triebliche Massnahmen zur Lärmbegrenzung einfordern, erweisen sich
diese als unverhältnismässig. Ferner ist zum jetzigen Zeitpunkt der Kritik
der Beschwerdeführenden an den Belastungsgrenzwerte der LSV nicht zu
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 34
folgen. In dem Umfang ist die angefochtene Plangenehmigung vom
29. Juni 2018 zu bestätigen und die Beschwerde vom 3. September 2018
abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.
Im Übrigen sind die Beschwerden vom 3. September 2018 und 14. Juni
2019 gutzuheissen. Die Beschwerdegegnerin hat während laufendem Be-
schwerdeverfahrens neue Lösungsvorschläge zur Einhaltung des Anlage-
grenzwerts nach NISV sowie zur Entwässerungsfrage präsentiert. Die An-
gelegenheit ist im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückzuwei-
sen, damit sie diese beiden Projektänderungen durch die Beschwerdegeg-
nerin erarbeiten lässt und hierfür ein (vereinfachtes) Plangenehmigungs-
verfahren durchführt. Die angefochtene Plangenehmigung vom 29. Juni
2018 ist somit teilweise aufzuheben. Die angefochtene Wiedererwägungs-
verfügung vom 7. Mai 2019 ist vollständig aufzuheben, da die Vorausset-
zungen für die Erteilung einer Ausnahmebewilligung nach Ziff. 55 Abs. 2
Anhang 1 NISV nicht erfüllt sind.
Kosten und Entschädigung
25.
25.1 Es bleibt, über die Kosten- und Entschädigungsfolgen für die vorlie-
genden Beschwerdeverfahren zu befinden.
25.2 Die Verfahrenskosten werden in der Regel der unterliegenden Partei
auferlegt; unterliegt diese nur teilweise, so werden die Verfahrenskosten
ermässigt (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG). Vorinstanzen werden keine Verfah-
renskosten auferlegt (vgl. Art. 63 Abs. 2 VwVG). In Anwendung von Art. 1 ff.
des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigun-
gen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2) setzt das
Bundesverwaltungsgericht die Kosten für die zu vereinigenden Beschwer-
deverfahren auf insgesamt Fr. 3'000.- fest. Diese sind, da ausschliesslich
planungsrechtliche Rügen erhoben wurden, den Beschwerdeführenden
und der Beschwerdegegnerin nach den Bestimmungen des VwVG sowie
der VGKE wie folgt zur Bezahlung aufzuerlegen:
Die Beschwerdeführenden dringen mit ihren Beschwerden vom 3. Septem-
ber 2018 und vom 14. Juni 2019 im Wesentlichen durch, was die Rechts-
begehren zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung sowie zum Gewäs-
serschutz betreffen. Demgegenüber erweisen sich ihre lärmschutzrechtli-
chen Rechtsbegehren in der Beschwerde vom 3. September 2018 als un-
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 35
begründet. Des Weiteren unterliegen die Beschwerdeführenden in der Zwi-
schenverfügung vom 26. November 2018. Die Beschwerdeführenden und
die Beschwerdegegnerin sind daher je zur Hälfte als obsiegend und zur
Hälfte als unterliegend zu betrachten.
Nach dem Gesagten haben die Beschwerdeführenden die Hälfte der Ver-
fahrenskosten von Fr. 3'000.-, ausmachend Fr. 1'500.-, zu tragen. Dieser
Betrag ist dem geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 2'000.- zu entnehmen.
Der Restbetrag von Fr. 500.- ist nach Eintritt der Rechtskraft des vorliegen-
den Urteils zurückzuerstatten. Der Beschwerdegegnerin sind die Verfah-
renskosten ebenfalls im Umfang von Fr. 1'500.- aufzuerlegen.
25.3 Der obsiegenden Partei ist von Amtes wegen oder auf Begehren eine
Parteientschädigung zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG). Obsiegt die
Partei nur teilweise, so ist die Parteientschädigung entsprechend zu kürzen
(Art. 7 Abs. 2 VGKE). Die Parteientschädigung umfasst die Kosten der Ver-
tretung sowie allfällige weitere Auslagen der Partei (Art. 8 Abs. 1 VGKE).
Da die Beschwerdeführenden keine Kostennote eingereicht haben, ist die
Entschädigung aufgrund der Akten festzusetzen (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE).
Die volle Parteientschädigung wird für beide Verfahren auf Fr. 8'000.- ver-
anschlagt. Angesichts dessen, dass die Beschwerdeführenden lediglich
zur Hälfte obsiegen, ist ihnen somit eine reduzierte Parteientschädigung
von Fr. 4'000.- zuzusprechen. Diese ist der Beschwerdegegnerin als in
gleichem Mass unterliegende Gegenpartei aufzuerlegen (vgl. Art. 64 Abs. 2
und Abs. 3 VwVG). Der Beschwerdegegnerin ihrerseits sind keine Kosten
für eine Vertretung entstanden, weshalb ihr keine Parteientschädigung zu-
steht.
A-5000/2018, A-2996/2019
Seite 36