Decision ID: ca680806-5512-4292-8aea-3e8d2e454382
Year: 2014
Language: de
Court: SG_VGN
Chamber: SG_VGN_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Urteil Verwaltungsgericht, 11.03.2014 Verfahrensrecht / Sonntagsarbeit im M-Express Rapperswil, Art. 56 Abs. 2 und Art. 18 VRP.Die Angelegenheit wird zur Behandlung des Gesuchs um Anordnung vorsorglicher Massnahmen, zur weiteren Abklärung des Sachverhalts im Sinn der bundesgerichtlichen Erwägungen und zu neuer Entscheidung an das Amt für Wirtschaft zurückgewiesen (Verwaltungsgericht, B 2014/32).
Urteil vom 11. März 2014
Anwesend: Präsident lic. iur. B. Eugster; Verwaltungsrichter lic. iur. A. Linder,
Dr. B. Heer, lic. iur. A. Rufener, Dr. S. Bietenharder-Künzle; Gerichtsschreiberin lic. iur.
R. Haltinner-Schillig
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In Sachen
Genossenschaft Migros Zürich, Pfingstweidstrasse 101, 8005 Zürich,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Ueli Sommer, Walder Wyss AG, Seefeldstrasse 123,
Postfach 1236, 8034 Zürich,
gegen
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen, Abteilung III, Unterstrasse 28,
9001 St. Gallen,
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Vorinstanz,
und
Gewerkschaft UNIA, Weltpoststrasse 20, 3000 Bern 15,
Beschwerdegegnerin,
vertreten durch Rechtsanwalt Arthur Andermatt, Teufener Strasse 8, 9001 St. Gallen,
sowie
Amt für Wirtschaft und Arbeit, Davidstrasse 35, 9001 St. Gallen,
Beschwerdebeteiligte,
betreffend
Sonntagsarbeit im M-Express Rapperswil
hat das Verwaltungsgericht festgestellt:
A./ Die Genossenschaft Migros Zürich betreibt an der Unteren Bahnhofstrasse 19 in
Rapperswil ein Detailhandelsgeschäft als M-Express-Filiale (in der Folge: M-Express)
mit einer Grundfläche von 387 m und einem Sortiment von rund 4'800 Artikeln. 15
Angestellte teilen sich in fünf bis sieben 100-Prozent-Stellen.
Der M-Express ist seit dem Jahr 1997 an Sonntagen jeweils von 11.00 Uhr bis 17.00
Uhr geöffnet, ohne dass die Behörden dagegen eingeschritten wären.
B./ Am 14. Dezember 2010 verwarnte das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons
St. Gallen (in der Folge: Amt für Wirtschaft und Arbeit) die Betreiberin des M-Express
wegen Verletzung des Verbots der Sonntagsarbeit.
C./ Am 22. Februar 2011 stellte die Genossenschaft Migros Zürich, vertreten durch
Rechtsanwalt Ueli Sommer und/oder Fürsprecher Daniel Zimmerli, Zürich, beim Amt für
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Wirtschaft und Arbeit das Gesuch, es sei festzustellen, dass im M-Express während
des ganzen Jahres bewilligungsfrei Sonntagsarbeit verrichtet werden dürfe (Ziff. 1). Für
den Fall, dass dem Antrag nicht entsprochen werde, stellte die Genossenschaft Migros
Zürich das Gesuch, es sei ihr zu gestatten, in den Geschäftslokalen bis mindestens
31. Dezember 2011 Sonntagsarbeit verrichten zu lassen (Ziff. 2). Weiter beantragte sie,
es sei ihr für die Dauer des Verfahrens einstweilen zu gestatten, bewilligungsfrei
Sonntagsarbeit verrichten zu lassen (Ziff. 3).
Am 24. März 2011 verfügte das Amt für Wirtschaft und Arbeit was folgt: Es wird
festgestellt, dass es sich beim M-Express, Untere Bahnhofstrasse 19, Rapperswil-
Jona, nicht um einen Betrieb für Reisende gemäss Art. 26 der Verordnung 2 zum
Arbeitsgesetz (SR 822.112, abgekürzt ArGV 2) handelt (Ziff. 1). Es wird festgestellt,
dass es sich dabei um einen Betrieb in einem Fremdenverkehrsgebiet gemäss Art. 25
ArGV 2 handelt. Der Genossenschaft Migros Zürich wird gestattet, im M-Express
während der Saison Sonntagsarbeit verrichten zu lassen. Für die Saison ist der
Sommerfahrplan der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft massgebend. Im Jahr 2011
dauert die Saison vom 3. April bis 23. Oktober 2011 (Ziff. 2). Antrag 2 wird abgewiesen
(Ziff. 3).
D./ Am 20. April 2011 erhob die Genossenschaft Migros Zürich durch ihre
Rechtsvertreter gegen die Verfügung des Amtes für Wirtschaft und Arbeit vom 24. März
2011 Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission.
Am 21. April 2011 erhob die Gewerkschaft UNIA, Bern, vertreten durch Rechtsanwalt
Arthur Andermatt, St. Gallen, Rekurs bei der Verwaltungsrekurskommission und stellte
das Rechtsbegehren, Ziff. 2 der Verfügung des Amtes für Wirtschaft und Arbeit vom
24. März 2011 sei aufzuheben.
Am 10. Oktober 2011 vereinigte der zuständige Abteilungspräsident der
Verwaltungsrekurskommission die beiden Verfahren und gestattete der
Genossenschaft Migros Zürich, im M-Express bis zum Abschluss der Rekursverfahren
bewilligungsfrei Sonntagsarbeit verrichten zu lassen.
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Am 16. Dezember 2011 wies die Verwaltungsrekurskommission, Abteilung III, den
Rekurs der Genossenschaft Migros Zürich ab (Ziff. 1) und hiess den Rekurs der
Gewerkschaft UNIA gut. Ziff. 2 der angefochtenen Verfügung vom 24. März 2011
wurde aufgehoben (Ziff. 2). Es wurde angeordnet, die Genossenschaft Migros Zürich
habe die Hälfte der amtlichen Kosten von Fr. 3'600.-- unter Verrechnung mit dem
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.-- zu bezahlen und die andere Hälfte der amtlichen
Kosten trage der Staat (Ziff. 3). Sodann wurde der Staat (Volkswirtschaftsdepartement)
verpflichtet, die Gewerkschaft UNIA mit Fr. 4'000.-- ausseramtlich zu entschädigen
(Ziff. 5).
E./ Am 16. Januar 2012 erhob die Genossenschaft Migros Zürich durch ihre
Rechtsvertreter gegen den Entscheid der Verwaltungsrekurskommission, Abteilung III,
Beschwerde beim Verwaltungsgericht.
Am 16. April 2012 nahm die Gewerkschaft UNIA Stellung und stellte das Begehren, der
Beschwerde sei keine Folge zu geben.
Am 12. März 2013 (B 2012/16) entschied das Verwaltungsgericht was folgt:
1. Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen.
Der Entscheid der Verwaltungsrekurskommission, Abteilung III, vom 16. Dezember
2011 wird aufgehoben.
Es wird festgestellt, dass es sich beim M-Express, Untere Bahnhofstrasse 19,
Rapperswil, um einen Betrieb in einem Fremdenverkehrsgebiet im Sinn von Art. 25
ArGV 2 handelt.
Der Genossenschaft Migros Zürich wird gestattet, während der Saison im M-Express
bewilligungsfrei Sonntagsarbeit verrichten zu lassen. Die Saison bestimmt sich nach
dem Sommerfahrplan der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft.
Im Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen, soweit darauf eingetreten werden kann.
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2. Die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens von Fr. 5'000.-- werden der
Beschwerdeführerin zu einem Drittel und der Beschwerdegegnerin zu zwei Dritteln
auferlegt. Der Anteil der Beschwerdeführerin beträgt Fr. 1'667.--, der Anteil der
Beschwerdegegnerin Fr. 3'333.--. Der Anteil der Beschwerdeführerin wird mit dem
Kostenvorschuss von Fr. 5'000.-- verrechnet. Fr. 3'333.-- werden ihr zurückerstattet.
3. Die amtlichen Kosten des Rekursverfahrens von Fr. 3'600.-- werden der
Beschwerdeführerin zu einem Drittel und der Beschwerdegegnerin zu zwei Dritteln
auferlegt. Der Anteil der Beschwerdeführerin beträgt Fr. 1'200.--, der Anteil der
Beschwerdegegnerin Fr. 2'400. .
4. Die Beschwerdegegnerin hat die Beschwerdeführerin für das Beschwerde- und das
Rekursverfahren mit Fr. 2'235.-- (inkl. Barauslagen, ohne Mehrwertsteuer) zu
entschädigen.
F./ Mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten (2C_379/2013)
beantragte die Genossenschaft Migros Zürich durch ihre Rechtsvertreter am 26. April
2013 vor Bundesgericht, das Urteil des Verwaltungsgerichts vom 12. März 2013 sei
insoweit aufzuheben, als die bewilligungsfreie Sonntagsarbeit auf die Saison
beschränkt und diese nach dem Sommerfahrplan der Zürichsee
Schifffahrtsgesellschaft bestimmt werde. Sodann sei festzustellen, dass im M-Express
Sonntagsarbeit während des ganzen Jahres bewilligungsfrei zulässig sei, eventuell sei
die Saison auf die Dauer des ganzen Jahres festzulegen, subeventuell sei die Sache
zur Festlegung der Dauer der Saison an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten (2C_419/2013) beantragte
die Gewerkschaft UNIA durch ihren Rechtsvertreter am 7. Mai 2013 vor Bundesgericht,
das Urteil des Verwaltungsgerichts vom 12. März 2013 sei aufzuheben, der Entscheid
der Verwaltungsrekurskommission, Abteilung III, vom 16. Dezember 2011 sei zu
bestätigen und damit sei das Feststellungsbegehren der Genossenschaft Migros Zürich
betreffend die bewilligungsfreie Sonntagsarbeit im M-Express abzuweisen.
Am 19. August 2013 wies der Abteilungspräsident das Gesuch der Genossenschaft
Migros Zürich um vorsorgliche Massnahmen im Verfahren 2C_379/2013 ab. Die
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Genossenschaft Migros Zürich hatte beantragt, es sei ihr während der Dauer des
Verfahrens zu gestatten, auch während der Wintersaison Sonntagsarbeit verrichten
lassen zu dürfen.
Am 10. Februar 2014 entschied das Bundesgericht was folgt:
1. Die Verfahren 2C_379/2013 und 2C_419/2013 werden vereinigt.
2. Die Beschwerde der Genossenschaft Migros Zürich (2C_379/2013) wird
abgewiesen.
3. Die Beschwerde der Gewerkschaft UNIA (2C_419/2013) wird gutgeheissen, der

angefochtene Entscheid aufgehoben und die Sache im Sinne der Erwägungen zu neuer
Entscheidung an die Vorinstanz zurückgewiesen.
4. Die Gerichtskosten von Fr. 8'000.-- werden der Genossenschaft Migros Zürich
auferlegt.
5. Die Genossenschaft Migros Zürich hat die Gewerkschaft UNIA für das
bundesgerichtliche Verfahren mit Fr. 8'000.-- zu entschädigen.
6. Dieses Urteil wird den Verfahrensbeteiligten, dem Verwaltungsgericht des Kantons
St. Gallen und dem Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und
Forschung schriftlich mitgeteilt.
G./ Am 6. März 2014 stellte die Genossenschaft Migros Zürich beim
Verwaltungsgericht folgenden Antrag um Anordnung vorsorglicher Massnahmen:
Der Genossenschaft Migros Zürich sei einstweilen zu gestatten, während des
Sommerfahrplans (6. April 2014 bis 19. Oktober 2014) der Zürichsee
Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) in den Geschäftslokalen des Migros-Supermarktes "M-
Express Rapperswil-Bahnhof" (Untere Bahnhofstrasse 19, 8640 Rapperswil SG)
bewilligungsfrei Sonntagsarbeit verrichten zu lassen.
Darüber wird in Erwägung gezogen:
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1. Praxisgemäss erkennt das Verwaltungsgericht auf Rückweisung, wenn aufgrund
eines bundesgerichtlichen Rückweisungsentscheids umfangreiche zusätzliche
Sachverhaltsabklärungen zu treffen sind (Cavelti/Vögeli, Verwaltungsgerichtsbarkeit im
Kanton St. Gallen, 2. Aufl., Rz. 1029 mit Hinweisen). Demzufolge ist die Angelegenheit
gestützt auf Art. 64 in Verbindung mit Art. 56 Abs. 2 und Art. 18 des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (sGS 951.1, abgekürzt VRP) an das Amt für Wirtschaft und
Arbeit zurückzuweisen. Dieses wird vorab über das Gesuch um Anordnung
vorsorglicher Massnahmen zu entscheiden haben. Sodann wird das Amt für Wirtschaft
und Arbeit den Sachverhalt im Sinn der bundesgerichtlichen Erwägungen unter
Mitwirkung insbesondere der Genossenschaft Migros Zürich weiter zu ermitteln und
anschliessend über die Angelegenheit neu zu befinden haben.
2. Bei dieser Sachlage sind die Kosten der bisherigen Verfahren vor den kantonalen
Instanzen neu zu verlegen.
2.1. Nach Art. 95 Abs. 1 VRP hat in Streitigkeiten jener Beteiligte die Kosten zu tragen,
dessen Begehren ganz oder teilweise abgewiesen werden. Aufgrund dieser
Bestimmung sind die amtlichen Kosten des Beschwerdeverfahrens (Fr. 5'000.--) und
des Rekursverfahrens (Fr. 3'600.--) der Beschwerdeführerin aufzuerlegen. Die
amtlichen Kosten, welche die Beschwerdeführerin mit ihren Kostenvorschüssen bereits
beglichen hat (Fr. 1'667.-- für das Beschwerde- und Fr. 1'200.-- für das
Rekursverfahren), werden angerechnet. Somit hat die Beschwerdeführerin für das
Beschwerdeverfahren noch Fr. 3'333.-- und für das Rekursverfahren noch Fr. 2'400.--
zu bezahlen.
2.2. Art.98 Abs. 1 VRP bestimmt, dass im Beschwerdeverfahren vor
Verwaltungsgericht Anspruch auf Ersatz der ausseramtlichen Kosten besteht. Im
Rekursverfahren werden nach Art. 98 Abs. 2 VRP ausseramtliche Kosten entschädigt,
soweit sie aufgrund der Sach- oder Rechtslage notwendig und angemessen
erscheinen.
Die Beschwerdegegnerin hat sowohl im Beschwerde- als auch im Rekursverfahren
Anspruch auf eine ausseramtliche Entschädigung. Ihr Rechtsvertreter hat keine
Kostennoten eingereicht, weshalb diese nach Ermessen festzusetzen ist (Art. 6 und Art.
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19 der Honorarordnung für Rechtsanwälte und Rechtsagenten, sGS 963.75, abgekürzt
HonO). Ein Betrag von Fr. 7'000.-- (inklusive Barauslagen) für das Beschwerde- und
das Rekursverfahren erscheint angemessen (Art. 22 Abs. 1 lit. b HonO). Weil die
Beschwerdegegnerin mehrwertsteuerpflichtig ist, kann sie die der Honorarrechnung
ihres Anwalts belastete Mehrwertsteuer als Vorsteuer in Abzug bringen. Daher muss
die Mehrwertsteuer bei der Bemessung der ausseramtlichen Entschädigung nicht
zusätzlich berücksichtigt werden (R. Hirt, Die Regelung der Kosten nach st. gallischem
Verwaltungsrechtspflegegesetz, Diss. St. Gallen 2004, S. 194).