Decision ID: e1cec1ea-8d4d-51ff-905f-6204583a3481
Year: 2017
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. Der am XX.XX.1956 geborene A_ meldete sich am 12. Dezember 2015 im Rahmen der
Früherfassung bei der IV-Stelle des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Die IV-Stelle
forderte A_ anlässlich der telefonischen Besprechung vom 17. Dezember 2015 aufgrund
der seit Juni 2015 bestehenden Arbeitsunfähigkeit und des Anscheins, dass die weitere
Beschäftigung im bisherigen Beruf problematisch sei, zur ordentlichen IV-Anmeldung auf.
B. Am 22. Dezember 2015 meldete sich A_ wegen Wirbelsäule, Rücken, Arthrose in Knie
und Fussgelenk bei der IV-Stelle an. Die IV-Stelle klärte in der Folge den medizinischen
und erwerblichen Sachverhalt ab und zog die Akten des Krankenversicherers bei.1 In der
Mitteilung vom 1. April 2016 wurde A_ eröffnet, dass aufgrund seiner subjektiven
Krankheitsüberzeugung zurzeit keine Eingliederungsmassnahmen angezeigt seien.
C. Mit Vorbescheid vom 30. Mai 2016 kündigte die IV-Stelle A_ an, es bestehe kein
Rentenanspruch. Dagegen liess A_ am 30. Juni 2016 Einwand erheben. In der
1 Vgl. act. 7.2/26-1ff/117
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Verfügung vom 15. August 2016 bestätigte die IV-Stelle ihren Entscheid und wies das
Leistungsbegehren von A_ ab.
D. Gegen die Verfügung vom 15. August 2016 liess A_ am 15. September 2016 mit den
eingangs erwähnten Anträgen Beschwerde beim Obergericht des Kantons Appenzell
Ausserrhoden erheben.
E. Die IV-Stelle beantragte mit Vernehmlassung vom 31. Oktober 2016 die Abweisung der
Beschwerde.
F. Innert erstreckter Frist liess A_ am 5. Dezember 2016 die Replik einreichen. Die IV-Stelle
(ab. 1. Januar 2017: Sozialversicherungen Appenzell Ausserrhoden) reichte die Duplik am
12. Dezember 2016 ein.

Erwägungen
1. Formelles
1.1
Gemäss Art. 57 ATSG2 i.V.m. Art. 28 Abs. 1 lit. b JG3 beurteilt das Obergericht als
kantonales Versicherungsgericht Beschwerden aus dem Bereich der Sozialversicherungen.
Die örtliche Zuständigkeit ist gegeben (Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG4).
Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der weiteren Prozessvoraussetzungen
ergibt, dass diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der
Form- und Fristerfordernisse erfüllt sind.5
Auf die Beschwerde ist einzutreten.
1.2
2 Bundesgesetz vom 6. Oktober 2000 über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG,
SR 830.1) 3 Justizgesetz vom 13. September 2010 (JG, bGS 145.31) 4 Bundesgesetz vom 19. Juni 1959 über die Invalidenversicherung (IVG, SR 831.20) 5 Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 59, Art. 60 Abs. 1 und Art. 61 lit. b ATSG sowie Art. 54, Art. 56 und Art. 59
des Gesetzes vom 9. September 2002 über die Verwaltungsrechtspflege (VRPG, bGS 143.1)
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Der Beschwerdeführer rügt in formeller Hinsicht, dass aufgrund des Entscheids des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte vom 18. Oktober 20166 die aufgrund der
Observierung durch einen Privatdetektiv erhobenen Daten und Berichte – insbesondere
auch die neurologische Second Opinion von Dr. med. C_, Facharzt Neurologie, PMEDA
Polydisziplinäre Medizinische Abklärungen, Zürich, vom 10. Februar 20167 – nicht
verwertet werden dürfen.8
Ob zu den Dr. med. C_ zur Verfügung gestellten Aktendokumenten auch der durch die
Krankenversicherung VISANA in Auftrag gegebene Observationsbericht gehört, ergibt sich
nicht aus dem Gutachten.9 In der Second Opinion wird jedenfalls kein (direkter) Bezug auf
den erwähnten Observationsbericht genommen. Jedoch kann die Frage der
Verwendbarkeit der Überwachungsakten im vorliegenden Verfahren offen gelassen
werden, da die Sache ohnehin zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen
werden muss.
2. Materielles
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist der Rentenanspruch des
Beschwerdeführers.
2.1
Nach Art. 8 Abs. 1 ATSG ist Invalidität die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit
dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit. Die Invalidität kann nach Art. 4 Abs. 1
IVG Folge von Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein. Erwerbsunfähigkeit ist der
durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit
verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder
teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden
ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG).
Nach Art. 28 IVG haben versicherte Personen Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie zu
mindestens 70 %, auf eine Dreiviertelrente, wenn sie zu mindestens 60 %, auf eine halbe
Rente, wenn sie zu mindestens 50 %, und auf eine Viertelrente, wenn sie zu mindestens
40 % invalid sind.
6 Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) Vukota-Bojic gegen Schweiz vom
18. Oktober 2016 (61838/10); act. 7.2/23-76ff/111 7 Act. 7.2/26-5ff/117 8 Act. 10/6f 9 Act. 7.2/26-8f/117
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Um das Ausmass der Arbeitsunfähigkeit beurteilen und somit den Invaliditätsgrad
bemessen zu können, ist die Verwaltung und im Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen
angewiesen, die ärztliche und gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu
stellen haben. Aufgabe der Ärztin oder des Arztes ist es, den Gesundheitszustand zu
beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher
Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen
der Person noch zugemutet werden können.10
Für das gesamte Verwaltungs- und Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der
Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Danach haben Versicherungsträger und
Sozialversicherungsgerichte die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Für das
Beschwerdeverfahren bedeutet dies, dass das Sozialversicherungsgericht die Beweismittel
unabhängig davon, von wem sie stammen, objektiv zu prüfen und danach zu entscheiden
hat, ob die verfügbaren Unterlagen eine zuverlässige Beurteilung des streitigen
Rechtsanspruchs gestatten. Insbesondere darf es bei einander widersprechenden
medizinischen Berichten den Prozess nicht erledigen, ohne das gesamte Beweismaterial
zu würdigen und die Gründe anzugeben, warum es auf die eine und nicht die andere
medizinische These abstellt.11 Hinsichtlich des Beweiswerts eines Arztberichts ist
entscheidend, ob der Bericht für die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen
Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der
Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Darlegung der medizinischen
Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die
Schlussfolgerungen der Experten begründet sind.12
2.2
Uneinigkeit herrscht zwischen den Parteien insbesondere über die Frage der
Abklärungspflicht. Während die Vorinstanz in der angefochtenen Verfügung sowie in der
Vernehmlassung die Ansicht vertritt, der Sachverhalt sei ausreichend abgeklärt und
beurteilt worden und es seien daher keine zusätzlichen Abklärungen notwendig, wirft der
Beschwerdeführer der Vorinstanz vor, sie habe lediglich auf die Abklärungen der
Krankenversicherung VISANA abgestellt, keine eigenen Abklärungen getroffen und sich
10 BGE 132 V 99 E. 4 11 BGE 125 V 351 E. 3a 12 BGE 134 V 231 E. 5.1
Seite 6
nicht mit den in den vorhandenen ärztlichen Unterlagen enthaltenen widersprüchlichen
Informationen auseinandergesetzt.
2.2.1
Nach Art. 43 Abs. 1 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begehren, nimmt die
notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein.
Es liegt im Ermessen des Versicherungsträgers, darüber zu befinden, mit welchen Mitteln
die Sachverhaltsabklärung von Amtes wegen zu erfolgen hat. Im Rahmen der
Verfahrensleitung kommt ihm ein grosser Ermessensspielraum bezüglich Notwendigkeit,
Umfang und Zweckmässigkeit von medizinischen Erhebungen zu. Was zu beweisen ist,
ergibt sich aus der Sach- und Rechtslage. Gestützt auf den Untersuchungsgrundsatz ist der
Sachverhalt soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch zumindest mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann.13
2.2.2
Aus den vorhandenen Akten geht im Wesentlichen der folgende Sachverhalt hervor:
Im Röntgenbericht vom 1. Juli 2015 hielt Dr. med. D_, Facharzt Radiologie und
Nuklearmedizin, Spital Heiden, als Befund eine mediale Gonarthrose fest.14
Dr. med. E_, Facharzt FMH Radiologie, Radiologie Nordost, Diagnosezentrum Rheintal,
stellte im Bericht vom 29. Juli 2015 gestützt auf die gleichentags durchgeführte
vertebrospinale Kernspintomographie diverse Befunde fest, so beispielsweise eine
fortgeschrittene Osteochondrose L5/S1 sowie leicht- bis mässiggradige Osteochondrose
auch in den übrigen lumbalen Segmenten L1-L4; mässige Spondylophytenbildungen
lumbal sowie leicht- bis mässiggradige Facetten-Gelenksarthrosen L3/L4 bis L5/S1. Weiter
kleinvolumige mediane Diskusprotrusionen L1/L2 und L2/L3 ohne Beeinträchtigung
neuraler Strukturen; kleinvolumige breitflächige, median/medio-rechtslateral geringgradig
nach kaudal reichende Diskushernie L3/L4, ebenfalls leicht- bis mässiggradige
Spinalkanalstenose L4/L5 und kleinvolumige mediane, geringgradig nach kranial reichende
und im epiduralen Fettgewebe liegende Diskushernie L5/S1.15
Im Arztbericht vom 31. Juli 2015 diagnostizierte Dr. med. F_, Facharzt Neurochirurgie,
Spital Heiden, eine relativ klare Claudicatio spinalis S1 links bei Wirbelkanalstenose LW4/5
und relativ LW3/4 sowie leichter neuroforaminaler Enge L5/S1 links sowie Adipositas. In der
13 Urteil des Bundesgerichts 8C_148/2011 vom 5. Juli 2011 E. 3.2 14 IV-act. 7.2/17-28/28 15 IV-act. 7.2/17-26/28
Seite 7
Beurteilung führte er aus, dass der Beschwerdeführer Spritzenangst habe. Wenn man
konservativ weitermache, brauche er mindestens 4 bis 8 Wochen Zeit. Der
Beschwerdeführer solle Physiotherapie machen und die Medikamente weiternehmen.16
Der behandelnde Hausarzt des Beschwerdeführers, Dr. med. G_, Facharzt FMH
Allgemeine Innere Medizin, Heiden, stellte im detaillierten Arztzeugnis zur Bestätigung der
Arbeitsunfähigkeit folgende Diagnosen: Lumboischalgie links bei mehrsegmentaler
degenerativer Spinalkanalstenose; schweres, wahrscheinlich obstruktives
Schlafapnoesyndrom; medial betonte Gonarthrose links; beginnende Coxarthrosen
beidseits rechts mehr als links; OSG-Arthrosen beidseits; arterielle Hyptertonie sowie
Adipositas. Seit 29. Juni 2015 bis auf weiteres sei er 100% arbeitsunfähig.17
Am 15. Dezember 2015 bestätigte Dr. med. G_ dem Beschwerdeführer, dass er aus
medizinischen Gründen weiterhin zu 100% arbeitsunfähig sei, Wechseltätigkeiten im und
um den eigenen Bauernhof hingegen zumutbar und sinnvoll seien.18
Dr. med. H_, Facharzt Radiologie, hielt in der Beurteilung vom 29. Dezember 2015 über
das MR des linken Rückfusses fest, dass eine fortgeschrittene medial betonte Arhtrose des
OSG sowie fortgeschrittene Arthrose des postero-lateralen talo-kalkanearen Gelenkes
bestehe.19
Im Arztbericht vom 11. Januar 2016 von Dr. med. G_ zuhanden der Vorinstanz
diagnostizierte er mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit im Wesentlichen eine
Polyarthrose, ein Schlafapnoesyndrom, eine Lumboischalgie sowie Fingerpolyarthrosen.
Als Versandmitarbeiter sei er seit 29. Juni 2015 bis auf weiteres zu 100% arbeitsunfähig.20
Dr. J_, Facharzt FMH Rheumatologie, Spital Heiden, diagnostizierte im Bericht vom
20. Januar 2016 eine Polyarthrose, Adipositias sowie eine arterielle Hyptertonie. Bezogen
auf die Polyarthrose leide der Beschwerdeführer an einem Befall der lumbalen Wirbelsäule
und an einem Befall in der Peripherie mit Betonung im Bereich der Kniegelenke und der
OSG.21
16 IV-act. 7.2/17-24/28 17 IV-act. 7.2/23-38/111 18 IV-act. 7.2/23-11/111 19 IV-act. 7.2/17-11/28 20 IV-act. 7.2/17-2ff/28 21 IV-act. 7.2/17-9f/28
Seite 8
Dr. med. D_ hielt im Röntgenbericht vom 28. Januar 2016 den Befund in Bezug auf die
Fingerpolyarthrosen fest.22
In der neurologischen Second Opinion vom 10. Februar 2016 hielt Dr. med. C_ in Bezug
auf die Diagnose fest, dass kein ausreichender Anhalt für eine die Arbeitsfähigkeit
limitierende Läsion am zentralen oder peripheren Nervensystem, der Wirbelsäule sowie der
paravertebralen Strukturen bestehe. Jedoch bestehe eine Adipositas Grad II.23 In der
Beurteilung führte er weiter aus, die Einschätzung von Dr. med. G_ vom 20. November
2015 sei zumindest hinsichtlich der Lumbalgien und spinalen Befunde
versicherungsmedizinisch nicht haltbar. Es bestände keine Diagnose mit Auswirkung auf
die Arbeitsfähigkeit. Die subjektiven Beschwerden seien ohne namhaftes klinisches
Befundkorrelat und somit allenfalls im Kontext des erheblichen Übergewichts und
entsprechender spinaler Überlastung interpretierbar. Zumindest in körperlich leichten bis
mittelschweren, überwiegend sitzend oder wechselbelastend ausgeübten Tätigkeiten sei
eine Arbeitsfähigkeit von 100% gegeben.24
Dr. med. K_, Facharzt Arbeitsmedizin, stellte in der Beurteilung vom 23. März 2016 des
Regionalen Ärztlichen Dienstes (RAD), fest, dass der Beschwerdeführer von Seiten des
Bewegungsapparates für körperlich belastende Arbeiten limitiert sei. Die therapeutischen
Massnahmen seien nicht ausgeschöpft. Die hausärztlich gestützte subjektive vollständige
Invalidität sei nicht nachzuvollziehen. Bereits jetzt sei der Beschwerdeführer auf jeden Fall
in einer leidensadaptierten Tätigkeit zu 100% arbeitsfähig. Eine medizinische Grundlage für
eine Berentung stehe nicht im Raum.25
Ergänzend führte Dr. med. K_ im RAD-Bericht vom 28. Juli 2016 aus, vorliegend stünden
vor allem gesundheitliche Veränderungen am Bewegungsapparat zur Diskussion. Dies
seien klare Krankheitsbilder und daher auch einfach zu beurteilen. Die ärztlichen
Möglichkeiten seien noch lange nicht ausgereizt. Das Gutachten für den
Krankenversicherer stelle nur ein Mosaikstein dar. Zusammenfassend seien durch den
Einwand des Beschwerdeführers keine medizinisch neuen Tatsachen aufgeführt worden.26
2.2.3
Entgegen der Auffassung der Vorinstanz ist die Aktenlage bezüglich des medizinischen
Sachverhalts nicht klar. Dr. med. K_ vom RAD schätzt den Beschwerdeführer in seiner
22 IV-act. 7.2/21 23 IV-act. 7.2/23-31/111 24 IV-act. 7.2/23-32ff/111 25 IV-act. 7.2/27-2/2 26 IV-act. 7.2/34-2/2
Seite 9
Beurteilung von Seiten des Bewegungsapparates für körperlich belastende Arbeiten als
limitiert ein und scheint von der Diagnose einer Polyarthrose auszugehen.27 Damit bestätigt
er grundsätzlich die Befunde des Rheumatologen Dr. med. J_, der Radiologen Dr. med.
D_ und Dr. med. H_ sowie des Hausarztes Dr. med. G_, welche im Wesentlichen
alle eine Form der Arthrose diagnostizierten.28 Der Neurologe Dr. med. C_ hingegen
äusserte sich in seiner second Opinion zu dieser in den Vorakten vorhandenen Diagnose
nicht (direkt). Dieser Umstand wurde auch vom Beschwerdeführer gerügt, welcher
gegenüber dem Krankenversicherer VISANA geltend machte, Dr. med. C_ habe sich
geweigert, die durch Arthrose verursachten Beschwerden an den Hand- und Fussgelenken
entgegenzunehmen, da er Neurologe sei und über solche Beschwerden nichts aussagen
könne.29 Dr. med. C_ führte in seinem Gutachten aus, die hiesige klinisch-neurologische
Untersuchung habe keine Hinweise für das Vorliegen einer Nervenwurzelkompression,
einer spinalen Enge oder für ein namhaftes lumbales Vertebralsyndrom ergeben. Weiter
erklärte er die Einschätzung des Hausarztes zumindest teilweise versicherungsmedizinisch
als nicht haltbar.30 Mit dieser Ansicht widerspricht er auch den – ihm bekannten –
Ausführungen von Dr. med. E_, welcher ebenfalls eine gewisse spinale Enge festgestellt
haben will.31 Aufgrund dieser Beispiele bestehen gewisse Zweifel, ob der medizinische
Sachverhalt ausreichend sowie durch einen Facharzt der vorliegend massgebenden
Fachrichtung abgeklärt wurde. Es drängt sich daher auf, den Beschwerdeführer ergänzend
von einem Arzt oder einer Ärztin aus dem Fachbereich Rheumatologie begutachten zu
lassen.
Erhebliche Widersprüche liegen sodann auch in Bezug auf die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit – soweit diesbezüglich überhaupt eine Einschätzung erfolgte – vor.
Dr. med. J_ als Rheumatologe äusserte sich zur Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers
in seinem Bericht nicht.32 Der behandelnde Hausarzt Dr. med. G_ erachtet für den
Beschwerdeführer selbst eine behinderungsangepasste Tätigkeit als nicht zumutbar und
verneint aufgrund des Krankheitsverlaufs seit Juni 2015 die Arbeitsfähigkeit des
Beschwerdeführers als Angestellter.33 Dr. med. C_ und der RAD-Arzt Dr. med. K_
hingegen erachten den Beschwerdeführer in einer leidensadaptierten Tätigkeit zu 100%
arbeitsfähig.34 Die vorhandenen Einschätzungen, in welchem Umfang und bezüglich
welcher Tätigkeiten der Beschwerdeführer arbeitsunfähig ist, weichen somit diametral
27 IV-act. 7.2/27 28 IV-act. 7.2/17-9f/28; IV-act. 7.2/17-11/28; IV-act. 7.2/17-28/28 und IV-act. 7.2/23-38/111 29 IV-act. 7.2-26-86/117 30 IV-act. 7.2/26-13f/117 31 IV-act. 7./26-8/117; IV-act. 7.2/17-26/28 32 IV-act. 7.2/17-9f/28 33 IV-act. 7.2/17-7/28 34 IV-act. 7.2/23-34/111 und IV-act. 7.2/27-2/2
Seite 10
voneinander ab. Das Gericht muss sich aber bei der Beurteilung der Arbeits(un)fähigkeit
auf Unterlagen, die von ärztlichen und gegebenenfalls auch anderen Fachleuten zur
Verfügung gestellt werden, abstützen können.35 Bleiben jedoch erhebliche Zweifel an
Vollständigkeit und/oder Richtigkeit der bisher getroffenen Tatsachenfeststellung, ist weiter
zu ermitteln, soweit von zusätzlichen Abklärungsmassnahmen noch neue wesentliche
Erkenntnisse zu erwarten sind.36
Aufgrund des nicht umfassend abgeklärten medizinischen Sachverhalts drängt sich im
vorliegenden Fall auf, das Verfahren zur rheumatologischen Begutachtung an die
Vorinstanz zurückzuweisen. Die angefochtene Verfügung der Vorinstanz vom 15. August
2016 ist aufzuheben und die Sache an die Vorinstanz zu weiteren Abklärungen
zurückzuweisen. Die Beschwerde erweist sich somit teilweise als begründet.
3. Kosten und Entschädigung
3.1
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig. Die
Vorinstanz unterliegt im vorliegenden Verfahren, da die Rückweisung der Sache zu
weiterer Abklärung und neuer Verfügung für die Frage der Auferlegung der Gerichtskosten
wie auch der Parteientschädigung praxisgemäss als volles Obsiegen der
beschwerdeführenden Partei gilt.37 Da der Vorinstanz gemäss Art. 22 Abs. 1 VRPG keine
Verfahrenskosten auferlegt werden können, werden keine Kosten erhoben. Die
Gerichtskasse hat demnach dem Beschwerdeführer den geleisteten Kostenvorschuss von
Fr. 800.-- zurückzuerstatten.
3.2
Gemäss Art. 1 Abs. 1 IVG i.V.m. Art. 61 lit. g ATSG hat die obsiegende
beschwerdeführende Person Anspruch auf Ersatz der Parteikosten. Diese werden vom
Versicherungsgericht festgesetzt und ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der
Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses bemessen.
Vorliegend wird die Beschwerde an die Vorinstanz zurückgewiesen, womit der
Beschwerdeführer obsiegt.38 Demnach hat er Anspruch auf eine Entschädigung.
35 Urteil des Bundesgerichts 8C_125/2016 vom 4. November 2016 E. 2.1.1 36 Urteil des Bundesgerichts 8C_434/2007 vom 27. März 2008 E. 4.2 37 BGE 132 V 215 E. 6.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_851/2012 vom 16. April 2013 E. 4; UELI KIESER,
ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, N. 205 zu Art. 61 ATSG 38 E. 3.1
Seite 11
Im Rahmen der in Art. 61 lit. g ATSG genannten Kriterien ist für die Bemessung der
Entschädigung auf die kantonale Verordnung über den Anwaltstarif39 abzustellen. Die
Entschädigung setzt sich zusammen aus einem Honorar und den Barauslagen. Die
Mehrwertsteuer wird als Zuschlag in Rechnung gestellt (Art. 3 AT). In Verfahren vor dem
Obergericht in Verwaltungssachen wird das Honorar pauschal festgelegt (Art. 13 Abs. 1
lit. c AT) und beträgt Fr. 1‘000.-- bis Fr. 10‘000.-- (Art. 16 Abs. 1 AT). In aussergewöhnlich
aufwendigen Verfahren kann das Honorar um die Hälfte erhöht werden (Art. 16 Abs. 2 AT).
Innerhalb des für eine Pauschale gesetzten Rahmens richtet sich das Honorar nach den
besonderen Umständen des Falles. In Betracht fallen namentlich Art und Umfang der
Bemühungen, die Schwierigkeiten des Falles sowie die wirtschaftlichen Verhältnisse der
Beteiligten (Art. 17 AT). Nach der Praxis des Obergerichts wird die mögliche Bandbreite der
Honorare unterteilt in
a) einfache, unterdurchschnittlich aufwändige Fälle, in denen ein Honorar von
Fr. 1‘000.-- bis zu Fr. 4‘000.-- zu sprechen ist;
b) mittlere Fälle, die durchschnittlich schwierige Rechts- und/oder
Sachverhaltsfragen betreffen und einen durchschnittlichen Aufwand benötigten,
in denen ein Honorar in der Grössenordnung von Fr. 4‘000.-- bis Fr. 7‘000.--
angemessen erscheint; und
c) schwierige Fälle sowohl bezüglich Sachverhalts- und/oder Rechtsfragen, in
denen überdurchschnittlich umfangreiche Eingaben notwendig waren und
umfangreiche Akten zu studieren waren, was ein Honorar von Fr. 7‘000.-- bis
Fr. 10‘000.--, bzw. in aussergewöhnlichen Fällen bis zu Fr. 15‘000.-- rechtfertigt.
Der Anwalt des Beschwerdeführers hat keine Kostennote eingereicht hat, weshalb die
Anwaltsentschädigung nach Ermessen festzulegen ist (Art. 4 Abs. 2 AT).40 Dem Aufwand
und den Anforderungen angemessen erscheint ein Honorar aus dem unteren Bereich der
Honorarpauschalen (Fr. 1‘000.-- bis Fr. 4‘000.--) in der Höhe von Fr. 2‘500.--. Hinzu
kommen pauschalisierte Barauslagen von 4 % sowie die Mehrwertsteuer von 8%, was
insgesamt zu einem Honoraranspruch von Fr. 2‘808.-- führt.
39 Verordnung vom 14. März 1995 über den Anwaltstarif (AT, bGS 145.53) 40 Vgl. auch KIESER, a.a.O., N. 207 zu Art. 61 ATSG
Seite 12