Decision ID: a1f60165-e68a-55ae-8586-ea549c424916
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VWEK
Chamber: SG_VWEK_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.- X besitzt den Führerausweis der Kategorien B und BE sowie der Unterkategorien
D1 und D1E seit dem 8. Dezember 1993 und denjenigen der Kategorie A seit dem
5. August 1999. Am 14. August 2018 wurde er wegen einer leichten Widerhandlung
gegen die Strassenverkehrsvorschriften (Geschwindigkeitsüberschreitung) verwarnt.
B.- Anlässlich einer polizeilichen Einvernahme vom 5. Juni 2019 in einem
Ermittlungsverfahren wegen Betäubungsmitteldelikten gab X unter anderem an, dass er
in der Woche durchschnittlich ein bis zwei Joints und im Monat durchschnittlich drei
bis vier Gramm Kokain konsumiere. Bei ihm sei die Suchtgefahr extrem gross, weshalb
er versuche, sich zurückzuhalten.
C.- Mit Schreiben vom 8. Juli 2019, das am 19. Juli 2019 korrigiert wurde, teilte das
Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons St. Gallen X mit, dass angesichts
des Drogenkonsums und der hohen Suchtgefahr die Durchführung einer
verkehrsmedizinischen Untersuchung beim Institut für Rechtsmedizin am Kantonsspital
St. Gallen (IRM) beabsichtigt sei. Mit Schreiben vom 25. Juli 2019 nahm X dazu
Stellung. Mit Verfügung vom 26. Juli 2019 hielt das Strassenverkehrsamt an der
Durchführung der verkehrsmedizinischen Untersuchung fest und ordnete diese an.
D.- Dagegen erhob X mit Eingabe vom 7. August 2019 Rekurs bei der
Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (VRK). Sinngemäss beantragte
er die Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Auf seine Ausführungen wird, soweit
erforderlich, in den Erwägungen eingegangen. Das Strassenverkehrsamt verzichtete
am 29. August 2019 auf eine Vernehmlassung.

Erwägungen:
1.- Die Eintretensvoraussetzungen sind von Amtes wegen zu prüfen. Die VRK ist zum
Sachentscheid zuständig. Die Befugnis zur Rekurserhebung ist gegeben. Der Rekurs
vom 7. August 2019 ist rechtzeitig eingereicht worden und erfüllt in formeller und
inhaltlicher Hinsicht die gesetzlichen Anforderungen (Art. 41 lit. g , 45, 47 und 48 des bis
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Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege, sGS 951.1, abgekürzt: VRP). Auf den
Rekurs ist einzutreten.
2.- Im Rekurs ist umstritten, ob die Vorinstanz zu Recht an der Fahreignung des
Rekurrenten zweifelte und mit der angefochtenen Verfügung eine verkehrsmedizinische
Untersuchung anordnete.
a) Führerausweise sind zu entziehen, wenn festgestellt wird, dass die gesetzlichen
Voraussetzungen zur Erteilung nicht oder nicht mehr bestehen (Art. 16 Abs. 1 des
Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01, abgekürzt: SVG). Art. 16d SVG regelt den
Führerausweisentzug wegen fehlender Fahreignung. Danach werden der Lernfahr- oder
Führerausweis einer Person unter anderem dann auf unbestimmte Zeit entzogen, wenn
sie an einer Sucht leidet, welche die Fahreignung ausschliesst (Abs. 1 lit. b), wie
beispielsweise Alkohol-, Betäubungs- und Arzneimittelabhängigkeit (vgl. Botschaft zur
Änderung des Strassenverkehrsgesetzes vom 31. März 1999, in: BBl 1999 S. 4462 ff.,
S. 4491). Weil der Sicherungsentzug tief in den Persönlichkeitsbereich des Betroffenen
eingreift, sind in jedem Fall und von Amtes wegen die persönlichen Verhältnisse des
Betroffenen genau abzuklären. Das Ausmass der notwendigen behördlichen
Nachforschungen, namentlich die Frage, ob ein medizinisches Gutachten eingeholt
werden soll, richtet sich nach den Umständen des Einzelfalls und liegt im
pflichtgemässen Ermessen der Entzugsbehörde (Ph. Weissenberger, Kommentar SVG
und OBG, 2. Aufl., Zürich/St. Gallen 2015, Art. 16d N 4).
b) Gemäss Art. 15d Abs. 1 SVG wird eine Person einer Fahreignungsuntersuchung
unterzogen, wenn Zweifel an ihrer Fahreignung bestehen. In einer nicht
abschliessenden Aufzählung nennt Art. 15d Abs. 1 SVG Beispiele von Fällen, in denen
Zweifel an der Fahreignung vorliegen. Dies ist unter anderem der Fall bei Fahren unter
dem Einfluss von Betäubungsmitteln oder bei Mitführen von Betäubungsmitteln, die die
Fahrfähigkeit stark beeinträchtigen oder ein hohes Abhängigkeitspotential aufweisen
(lit. b). Die Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung bei zweifelhafter
Fahreignung ist sodann in Art. 11b Abs. 1 lit. a der Verkehrszulassungsverordnung
(SR 741.51, abgekürzt: VZV) ausdrücklich geregelt. Sie dient der Abklärung, ob die
medizinischen Mindestanforderungen gemäss Art. 7 Abs. 1 VZV erfüllt sind. Die
Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung der Fahreignung setzt konkrete
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Anhaltspunkte dafür voraus, dass der Inhaber des Führerausweises mehr als jede
andere Person der Gefahr ausgesetzt ist, sich in einem Zustand ans Steuer eines
Fahrzeuges zu setzen, der das sichere Führen nicht mehr gewährleistet (BGE 127 II 122
E. 3c, 124 II 559 E. 3d, je mit Hinweisen). Ein verkehrsmedizinisches Gutachten drängt
sich immer dann auf, wenn die konkreten Umstände hinreichend verdichtete Hinweise
darauf liefern, dass die betroffene Person von einer die Fahrfähigkeit
beeinträchtigenden Substanz abhängig sein könnte (Urteil des Bundesgerichts [BGer]
1C_282/2007 vom 13. Februar 2008 E. 2.3). Hingegen wird für die Anordnung einer
verkehrsmedizinischen Untersuchung nicht zwingend vorausgesetzt, dass die
betroffene Person unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln gefahren ist oder
Betäubungsmittel im Fahrzeug mitgeführt hat (BGer 1C_328/2013 vom 18. September
2013 E. 3.2 und 1C_445/2012 vom 26. April 2013 E. 3.2).
c) Drogensucht wird nach der Rechtsprechung bejaht, wenn die Abhängigkeit von der
Droge derart ist, dass der Betroffene mehr als jede andere Person der Gefahr
ausgesetzt ist, sich ans Steuer eines Fahrzeugs in einem – dauernden oder zeitweiligen
– Zustand zu setzen, der das sichere Führen nicht mehr gewährleistet (vgl. BGE 127 II
122 E. 3a mit Hinweisen). Auf eine fehlende Fahreignung darf geschlossen werden,
wenn die Person nicht mehr in der Lage ist, Drogenkonsum und Strassenverkehr
ausreichend zu trennen, oder wenn die nahe liegende Gefahr besteht, dass sie im
akuten Rauschzustand am motorisierten Strassenverkehr teilnimmt (vgl. BGE 129 II 82
E. 4.1). Der Suchtbegriff des Verkehrsrechts deckt sich somit nicht mit dem
medizinischen Begriff der Drogenabhängigkeit. Auch bloss suchtgefährdete Personen,
bei denen aber jedenfalls ein Drogenmissbrauch vorliegt, können demnach vom Führen
eines Motorfahrzeuges ferngehalten werden (vgl. BGer 1C_140/2007 vom 7. Januar
2008 E. 2.1; BGE 129 II 82 E. 4.1; Weissenberger, a.a.O., Art. 16d N 28).
3.- a) Die Vorinstanz begründet die Anordnung der verkehrsmedizinischen
Untersuchung in der angefochtenen Verfügung damit, dass der Rekurrent gestützt auf
den Bericht der Kantonspolizei St. Gallen vom 14. Juni 2019 während der letzten zwei
Jahre durchschnittlich wöchentlich einen bis zwei Joints sowie durchschnittlich
maximal drei bis vier Gramm Kokain im Monat konsumiert habe. Zudem habe er selber
festgehalten, dass bei ihm eine extrem hohe Suchtgefahr bestehe, weshalb er
versuche, sich zurückzuhalten.
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Der Rekurrent wendet dagegen ein, dass er nie unter Einfluss von Drogen gefahren sei
und sowieso seit Ende 2018 keine Drogen mehr einnehme. Es seien auch nie Drogen
bei ihm gefunden worden. Er habe die Angaben gegenüber der Polizei freiwillig
gemacht und sei nicht süchtig gewesen. Zudem sei es für ihn ein sehr grosser
Einschnitt in sein Leben, seine Haare wachsen lassen zu müssen, da er befürchte,
dadurch seine Anstellung zu verlieren.
b) Die Vorinstanz stützt sich auf die Aussagen des Rekurrenten im polizeilichen
Einvernahmeprotokoll vom 5. Juni 2019. Darin gab der Rekurrent an, dass er ab und zu
Marihuana und Kokain konsumiere. Früher habe er Betäubungsmittel, darunter auch
Ecstasy konsumiert. Seit maximal zwei Jahren rauche er Marihuana und schnupfe ab
und zu selten Kokain. Bei ihm sei die Suchtgefahr extrem gross, darum probiere er sich
zurückzuhalten. Durchschnittlich rauche er einen bis zwei Joints in der Woche. Es gebe
Monate, wo er fast zehn Gramm Kokain schnupfe, und Monate mit nur einem Gramm.
Durchschnittlich würde er maximal drei bis vier Gramm Kokain im Monat schnupfen
(act. 9/11, Fragen 53 ff.). Das Einvernahmeprotokoll wurde dem Rekurrenten zur
Durchsicht vorgelegt und von ihm handschriftlich unterzeichnet; er erklärte zudem,
keine Ergänzungen oder Berichtigung anbringen zu wollen (act. 9/14). Vor diesem
Hintergrund erscheint die Behauptung des Rekurrenten anlässlich seines Rekurses, er
nehme seit Ende 2018 keine Drogen mehr zu sich, unglaubwürdig. Damit ist die
Vorinstanz zu Recht davon ausgegangen, dass der Rekurrent durchschnittlich ein- bis
zweimal wöchentlich Cannabis und durchschnittlich drei bis vier Gramm Kokain
monatlich konsumiert.
c) Im Interesse der Verkehrssicherheit setzt die Rechtsprechung den regelmässigen
Konsum von Drogen der Drogenabhängigkeit gleich, sofern dieser seiner Häufigkeit
und Menge nach geeignet ist, die Fahreignung zu beeinträchtigen (BGE 127 II 122
E. 3c). Davon ist nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung bei nur gelegentlichem
Cannabiskonsum, d.h. bei maximal zweimaligem Substanzgebrauch pro Woche
(Empfehlung der schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin [SGRM], in: B.
Liniger, Jahrbuch zum Strassenverkehr 2014, S. 327 ff.) nicht auszugehen, da dieses
Konsumverhalten noch zu keinen verkehrsrelevanten Leistungseinbussen führe (vgl.
BGer 6A.11/2006 vom 13. April 2006 E. 3.3). Werden daneben jedoch weitere Drogen
konsumiert, ist die Situation anders zu beurteilen. Das Bundesgericht wertet einen
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mehrjährigen Mischkonsum als Indiz für einen beträchtlichen Drogenkonsum, von dem
eine erhebliche Verkehrsgefährdung ausgehen könne (BGer 6A.49/2000 vom 28. Juni
2000 E. 3c). Deshalb kann eine Person, die weder in abhängiger noch in
verkehrsrelevant missbräuchlicher Weise Cannabis konsumiert, nicht mehr ohne
verkehrsmedizinische Begutachtung als fahrgeeignet beurteilt werden, wenn sie
zusätzlich Kokain einnimmt (vgl. B. Liniger, Drogen, Medikamente und Fahreignung, in:
Handbuch der verkehrsmedizinischen Begutachtung, 1. Aufl. 2005, S. 37).
Bezüglich des Kokainkonsums wurde nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung
eine fachärztliche Untersuchung in einem Fall als gerechtfertigt bezeichnet, in dem der
Betroffene seit drei Jahren gelegentlich Kokain konsumierte und sich innerhalb eines
Jahres 30 Gramm davon beschaffte. Es wies darauf hin, dass der Konsum von Kokain
rasch zu einer ausgeprägten psychischen Abhängigkeit führen könne; allerdings gebe
es kein gesichertes Wissen in dem Sinne, dass bereits aus dem gelegentlichen
Schnupfen von Kokain zwingend auf eine Abhängigkeit geschlossen werden könne. In
solchen Fällen sei deshalb regelmässig eine verkehrsmedizinische Untersuchung
notwendig (BGer 1C_282/2007 vom 13. Februar 2008 E. 2.3 f.). Die
verkehrsmedizinisch relevante Wirkung des Kokains liegt in erster Linie in der
Enthemmung und der subjektiv empfundenen Leistungssteigerung bei herabgesetzter
Selbstkritik. Dies kann zu erhöhter Risikobereitschaft und einer erhöhten
Aggressionsneigung führen. Ferner wirkt sich ebenso die erhöhte Blendempfindlichkeit
aufgrund der Erweiterung der Pupillen negativ auf die Fahrfähigkeit aus. Aber auch
nach Abklingen des Kokainrausches fallen Erschöpfung und nicht selten
Angstzustände ins Gewicht. Ein erhöhtes Müdigkeitsgefühl mehrere Stunden nach
einem Kokainkonsum wurde ebenso beschrieben (Thiele, Neue Aspekte in der
Fahreignungsbegutachtung beim Drogenkonsum, in: Schaffhauser [Hrsg.], Jahrbuch
zum Strassenverkehrsrecht 2005, Band 34, St. Gallen 2005, S. 112 f.).
d) Der Rekurrent gab anlässlich der polizeilichen Einvernahme an, monatlich
durchschnittlich drei bis vier Gramm Kokain zu konsumieren. Dies ergibt aufs Jahr eine
Menge von über 30 Gramm, weshalb der Kokainkonsum auch im vorliegenden Fall die
Anordnung einer verkehrsmedizinischen Untersuchung rechtfertigt. In dem von der
Expertengruppe Verkehrssicherheit herausgegebenen Leitfaden "Verdachtsgründe
fehlender Fahreignung" für die Administrativ-, Justiz- und Polizeibehörden vom
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26. April 2000 wird bereits beim Nachweis eines einmaligen Kokainkonsums eine
Abklärung verlangt, ohne dass ein Bezug zum Strassenverkehr bestehen müsse.
Bisherige Erfahrungen hätten gezeigt, dass höchstens zehn Prozent der beurteilten
Fahrzeuglenker trotz Heroin- oder Kokainkonsums fahrgeeignet seien (Ziff. II/4.1 des
Leitfadens). Ebenso bildet in der Fachliteratur der Nachweis des Konsums harter
Drogen wie Kokain oder Heroin (auch ausserhalb des Strassenverkehrs) Anlass genug,
die Fahreignung abzuklären, selbst wenn der Betreffende insoweit nie strafrechtlich
verurteilt und gegen ihn aus diesem Grund keine Administrativmassnahme
ausgesprochen wurde (Weissenberger, a.a.O., Art. 15d N 46).
e) Insgesamt ergeben sich aufgrund des vom Rekurrenten angegebenen Konsums von
Kokain und Cannabis Zweifel an seiner Fahreignung, weshalb die Vorinstanz zu Recht
eine verkehrsmedizinische Untersuchung anordnete. Damit rechtfertigt sich die
Abklärung der Fahreignung mittels verkehrsmedizinischer Untersuchung. Inwiefern es
dem Rekurrenten nicht zumutbar sein soll, für die Haaranalyse seine Haare wachsen zu
lassen, ist nicht nachvollziehbar und wird auch nicht substantiiert dargelegt. Die
Begründung des Rekurrenten jedenfalls, wonach er befürchte, seine Anstellung zu
verlieren, wenn er als Glatzenträger seine Haare wachsen lassen müsse, leuchtet
ebenfalls nicht ein. Selbst einem Glatzenträger ist es ohne Weiteres zumutbar, seine
Haare während einer absehbaren Zeitdauer wachsen zu lassen.
4.- Zusammenfassend ergibt sich, dass die Zweifel an der Fahreignung des
Rekurrenten begründet sind, weshalb die Vorinstanz zu Recht eine
verkehrsmedizinische Untersuchung anordnete. Der Rekurs erweist sich als
unbegründet und ist abzuweisen.
5.- Dem Verfahrensausgang entsprechend sind die amtlichen Kosten vom Rekurrenten
zu bezahlen (Art. 95 Abs. 1 VRP). Eine Entscheidgebühr von Fr. 1'200.– erscheint
angemessen (vgl. Art. 7 Ziff. 122 der Gerichtskostenverordnung, sGS 941.12). Der
Kostenvorschuss von Fr. 1'200.– ist damit zu verrechnen.