Decision ID: caa155d3-3cdd-4a6c-9dc1-c3d77af4bcc1
Year: 2020
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
B.
Gemäss Austrittsbericht der Klinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des
Bewegungsapparates des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) hatte der Versicherte bei
einem Töffunfall am 16. August 2012 eine Flexionsdistraktionsverletzung Th12/L1, eine
Rippenserienfraktur 4.-9. Rippe links, eine Rippenfraktur rechts Costa 11 und einen
Hämatopneumothorax links erlitten (IV-act. 2). Bei Status nach perkutaner, dorsaler
Instrumentierung Th11-L1 und ventraler Versorgung mit Korporektomie und Recolift
Cage Th12 sowie nach Einlage einer Thoraxdrainage links attestierte das KSSG dem
Versicherten mit Bericht vom 14. Februar 2013 eine 100%-ige Arbeitsfähigkeit bei einer
Bürotätigkeit mit wechselnden Arbeiten ohne körperliche Belastung. Taxifahren mit
kürzeren Strecken und ohne Heben von schweren Gegenständen sei ebenfalls zu
100% möglich (IV-act. 30-7 f.).
C.
A._ (nachfolgend: Versicherter) meldete sich im November 2012 aufgrund
anhaltender Rückenschmerzen zum Bezug von Leistungen der Invalidenversicherung
(IV) an (IV-act. 1).
A.a.
Der Versicherte hatte in Deutschland nach dem Abitur ein Physik-, ein
Psychologie- und ein Philosophiestudium begonnen, indes keines davon
abgeschlossen. Danach hatte er die Ausbildung zum Elektromonteur absolviert. Zuletzt
arbeitete er als Taxifahrer (IV-act. 54-3).
A.b.
Anlässlich eines Gesprächs mit der Eingliederungsverantwortlichen der IV-Stelle
führte der Versicherte am 15. Februar 2013 aus, dass er schon seit vielen Jahren an
C.a.
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psychischen Problemen, vermutlich an Schizophrenie, leide. Zudem sei er spielsüchtig,
weshalb er verschuldet sei (IV-act. 25).
Am 9. März 2013 reichte der Hausarzt des Versicherten, Dr. med. B._,
Allgemeine Medizin FMH, auf Veranlassung der IV-Stelle einen Arztbericht ein. Er
diagnostizierte einen Verdacht auf Schizophrenie sowie einen Status nach
Spondylodese Th11-L1 bei Wirbelfraktur und Rippenserienfraktur links mit
Hämatopneumothorax (IV-act. 30).
C.b.
Am 28. April 2013 reichte Dr. med. C._, Facharzt FMH Psychiatrie/
Psychotherapie, Arzt für Allgemeinmedizin, einen Arztbericht ein. Er diagnostizierte eine
paranoide Schizophrenie, ED 1995 (ICD-10: F20.04), eine Spielsucht (ICD-10: F63.0)
sowie eine Alkoholabhängigkeit (ICD-10: F 10.24; IV-act. 38).
C.c.
Mit Vorbescheid vom 28. Juni 2013 stellte die IV-Stelle dem Versicherten zufolge
uneingeschränkter Leistungsfähigkeit in der bisherigen als auch in adaptierten
Tätigkeiten die Abweisung des Leistungsbegehrens um berufliche Massnahmen und
Rente in Aussicht (IV-act. 46).
C.d.
Mit Bericht vom 2. August 2013 zuhanden der Schweizerischen
Unfallversicherungsanstalt (Suva) bestätigte Dr. C._ die bereits am 28. April 2013
gestellten Diagnosen. Das formale Denken sei weitschweifig und vorbeiirrend, das
inhaltliche Denken mit gelockertem Realitätsbezug und philosophisch-religiös geprägt.
Im Kontakt sei der Versicherte schwer greifbar, vermehrt reizbar und misstrauisch.
Innerlich sei er unruhig und logorrhoisch bei erhaltenem Antrieb. Teils bestehe ein
maniform gesteigerter Affekt. Die aktuelle Medikation bestehe aus Abilify, Mirtazapin
und Seroquel (IV-act. 54).
C.e.
Der Rechtsvertreter des Versicherten, Rechtsanwalt Kurt Gemperli, St. Gallen,
reichte am 5. September 2013 Einwand gegen den Vorbescheid vom 28. Juni 2013 ein
(IV-act. 50).
C.f.
Vom 28. Januar bis 3. Februar 2014 begab sich der Versicherte in stationäre
Behandlung ins Psychiatrische Krisenzentrum D._ Der dortige Oberarzt Dr. med.
E._ diagnostizierte mit Bericht vom 3. Februar 2014 eine paranoide Schizophrenie,
C.g.
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unvollständige Remission (ICD-10: F20.04), sowie pathologisches Spielen (ICD-10:
F63.0). Bei Austritt bestand die Medikation aus Abilify. Der Austritt erfolgte entgegen
fachlicher Empfehlung. Wegen möglicher Einschränkung der Geschäftsfähigkeit mit
drohender Überschuldung sowie völliger Uneinsichtigkeit und fehlenden
Problembewusstseins seitens des Versicherten veranlasste das Zentrum eine
Gefährdungsmeldung an die zuständige KESB (IV-act. 58, 66).
Mit Schreiben vom 7. Februar 2014 widerrief die IV-Stelle den Vorbescheid vom
28. Juni 2013. Es folgten weitere Abklärungen. Insbesondere holte die IV-Stelle
mehrere ärztliche Berichte über frühere Behandlungen ein. Mit Bericht des Klinikums
F._, Klinik für Psychiatrie, Sucht, Psychotherapie und Psychosomatik, vom 20.
Oktober 2008, wo sich der Versicherte vom 9. September bis 15. Oktober 2008 in
stationärer Behandlung befunden hatte, waren eine schizoaffektive Störung,
gegenwärtig depressiv (ICD-10: F25.1), eine Alkoholabhängigkeit (ICD-10: F10.2), eine
Nikotinabhängigkeit (ICD-10: F17.2) sowie ein Verdacht auf pathologisches Glücksspiel
(ICD-10: F63.0) diagnostiziert worden (IV-act. 67-2 ff.). Gemäss Berichten von Dr. med.
G._, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und Dr. med. H._, Arzt für
Nervenheilkunde, aus den Jahren 2010 und 2011, in deren ambulanter Behandlung der
Versicherte gestanden war, war dieser bei seit langem bekannter schizophrener
Psychose mit Residualsymtomatik medikamentös mit Risperdal consta und Risperidon
behandelt worden (IV-act. 68).
C.h.
Dr. B._ verfasste zuhanden der IV-Stelle am 3. Juni 2014 einen weiteren Bericht.
Er diagnostizierte ein pathologisches Spielen (ICD-10: F63.0) im Rahmen der
paranoiden Schizophrenie (in unvollständiger Remission). Es werde eine regelmässige
psychiatrische und medikamentöse Behandlung empfohlen. Bezüglich geeigneter
Tätigkeit sei eine Abklärung unter Berücksichtigung der aus psychiatrischen Gründen
reduzierten Führbarkeit notwendig. Die Arbeitsfähigkeit in adaptierter Tätigkeit werde in
Teilzeit mit reduzierter Leistung auf 50% geschätzt (IV-act. 69).
C.i.
Auch Dr. C._ reichte der IV-Stelle am 10. September 2014 einen weiteren Bericht
ein. Bezüglich Arbeitsfähigkeit, welche aktuell nicht beurteilbar sei, werde eine
stationäre Beobachtung, welche ein Arbeitstraining umfasse, empfohlen (IV-act. 77-1
ff.).
C.j.
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In der Folge veranlasste die IV-Stelle eine Fahreignungsabklärung (IV-act. 87). Mit
Gutachten vom 12. März 2015 kamen med. pract. I._, Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, Dr. med. J._, Facharzt für Rechtsmedizin, Verkehrsmediziner SGRM,
und Dr. med. K._, Facharzt für Rechtsmedizin, zum Schluss, dass die Fahreignung
für die 1. und 2. medizinische Gruppe (Bus und Taxi) aufgrund des Vorliegens einer
chronisch-psychiatrischen Erkrankung (Schizophrenie) nicht befürwortet werden
könne. Bei aktuell fehlenden Hinweisen auf einen Erkrankungsschub und einen
Alkoholüberkonsum könne die Fahreignung für die 3. medizinische Gruppe mit
Auflagen befürwortet werden (IV-act. 91-9).
C.k.
Vom 5. Oktober bis 31. Dezember 2015 veranlasste die IV-Stelle eine berufliche
Abklärung des Versicherten im L._ (IV-act. 102, 107). Das Pensum sollte von Montag
bis Freitag, jeweils für vier Stunden, absolviert werden (IV-act. 105). Mit
Abschlussbericht vom 23. Dezember 2015 vermerkten die verantwortlichen Personen
des L._, dass der Versicherte innerhalb der 50% Präsenz eine Leistung von 60-70%
gezeigt habe, wobei er seine Leistung bei Motivation, Einsatz und Antrieb deutlich
steigern könnte (IV-act. 113-4). Eine Eingliederung in einem adaptierten Tätigkeitsfeld
mit einem Pensum von 50% sollte möglich sein. Es würden Schwierigkeiten im
Bewerbungsprozess bestehen. In diesem Bereich müsste der Versicherte
Unterstützung erhalten (IV-act. 113-5).
C.l.
Vom 26. Januar bis 20. Februar 2016 befand sich der Versicherte in stationärer
Behandlung in der Klinik M._. Im Austrittsbericht vom 3. März 2016 diagnostizierten
die behandelnden Fachleute eine schizoaffektive Störung (ICD-10: F25.9), gegenwärtig
milde affektive Symptomatik bei remittierter psychotischer Symptomatik,
pathologisches Spielen (ICD-10: F63.0) sowie einen Status nach Alkoholabhängigkeit
(ICD-10: F10.2). Die Medikation habe bei Austritt aus Abilify und Perindopril-
Indapamid-Mepha bestanden. Am 20. Februar 2016 habe der Versicherte die Therapie
abrupt abgebrochen. Aus psychiatrischer Sicht sei eine IV-Abklärung gerechtfertigt,
wobei eine Beschäftigung im geschützten Rahmen sinnvoll sei (IV-act. 128).
C.m.
Am 18. März 2016 reichte Dr. med. N._, Fachärztin für Psychiatrie und
Psychotherapie, in deren ambulanter Behandlung der Versicherte seit dem 22. Januar
2015 stand, einen Bericht ein. Sie diagnostizierte eine paranoide Schizophrenie,
C.n.
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D.
unvollständige Remission (ICD-10: F20.04), sowie pathologisches Spielen (ICD-10:
F63.0). Angesichts des chronischen Verlaufs sei die Prognose ungünstig. Bei
psychomotorischer Verlangsamung, kognitiven Defiziten, verschobenem Tag-Nacht-
Rhythmus mit ausgeprägten Schlafstörungen und Auffassungsstörungen sei dem
Versicherten die Tätigkeit als Elektromonteur nicht mehr möglich. Er würde
Schwierigkeiten haben, gefährliche Situationen adäquat einzuschätzen, Arbeit
einzuteilen und komplexere Aufgaben zu verstehen. Ausserdem seien die für den Beruf
des Elektromonteurs erforderliche Flexibilität und Umstellungsfähigkeit sowie die
Entscheidungsfähigkeit deutlich eingeschränkt. Das Belastungsprofil sollte im Rahmen
eines Belastbarkeitstrainings getestet werden. Der Arbeitsversuch sollte mit zwei
Stunden begonnen und auf höchstens 80% gesteigert werden (IV-act. 123).
Mit Mitteilung vom 22. April 2016 verneinte die IV-Stelle einen Anspruch auf
berufliche Massnahmen, weil diese aufgrund der gesundheitlichen Situation nicht
angezeigt seien (IV-act. 132).
C.o.
Am 17. Mai 2016 veranlasste die IV-Stelle eine medizinische Untersuchung
(Psychiatrie und Neuropsychologie) des Versicherten bei der IME – Interdisziplinäre
Medizinische Expertisen (nachfolgend: IME), St. Gallen (IV-act. 134, 138). Das
Gutachten durch Prof. Dr. med. habil. O._, FMH Neurologie, FMH Psychiatrie und
Psychotherapie, SSIPM Interventionelle Schmerztherapie, SGV Vertrauensarzt und SIM
Zertifizierter Medizinischer Gutachter, sowie Dipl. Psych. P._, Klin. Neuropsychologin
(GNP), Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP und Zertifizierte
Neuropsychologische Gutachterin SIM, wurde am 16. August 2016 erstellt (IV-act.
138). Prof. Dr. O._ diagnostizierte pathologisches Spielen (ICD-10: F63.0) und mass
diesem Befund keinen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit zu (IV-act. 138-88). Aktuell liege
aus psychiatrischer Sicht kein Gesundheitsschaden vor. Auf der Grundlage der zur
Verfügung gestellten Unterlagen sei nicht bestimmbar, welche wahnhafte Störung
vorgelegen habe. Es könne einzig aufgrund der aktuellen Untersuchungen
geschlussfolgert werden, dass keine neurokognitive Minussymptomatik beim
Versicherten bestehe, so dass neurokognitive Störungen, wie sie von den Behandlern
(angeblich) beobachtet worden seien, wahrscheinlich nicht hierauf zurückgeführt
D.a.
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werden könnten, da sich eine Minussymptomatik nicht spontan zurückbilde. Somit
könne nicht ausgeschlossen werden, dass entsprechende neurokognitive Defizite, wie
sie von den Behandlern proklamiert worden seien, durch den Konsum von
psychotropen Substanzen oder die neuroleptische Medikation zustande gekommen
seien. Unter Drogen-, Alkohol- und Medikamentenfreiheit würden sich beim
Versicherten keine handicapierenden Fähigkeitsstörungen objektivieren lassen. Daher
sei davon auszugehen, dass seit dem Jahr 2012 auf psychiatrischem Fachgebiet keine
handicapierenden Fähigkeitsstörungen aufgrund psychiatrischer Erkrankungen
vorgelegen hätten, welche die Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten und in
adaptierter Tätigkeit um 20% oder mehr einschränkten. Aus psychiatrischer Sicht sei
eine sofortige berufliche Wiedereingliederung durchführbar (IV-act. 138-89 f.).
Nach Einholung einer Stellungnahme des regionalen ärztlichen Dienstes (RAD; IV-
act. 141) stellte die IV-Stelle dem Versicherten am 8. September 2016 die Abweisung
des Rentenbegehrens in Aussicht (IV-act. 144).
D.b.
Dagegen liess der Versicherte am 13. Oktober 2016 Einwand erheben. Es seien
eine Abklärung des Arbeits-Performancepotentials des Versicherten durchzuführen,
gestützt darauf geeignete Eingliederungsmassnahmen vorzunehmen und zu gegebener
Zeit eine Rente zuzusprechen (IV-act. 145-1). Der Versicherte liess unter anderem ein
Gutachten von Dr. med. Q._, Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie FMH,
Zertifizierter Medizinischer Gutachter SIM, vom 10. Oktober 2016 einreichen. Dr. Q._
führte in seiner Expertise aus, dass die im Gutachten von Prof. Dr. O._ berichtete
Tagesstruktur durch eine praktisch gänzlich fehlende Leistungserbringung auffalle. Bei
der notwendigen Berücksichtigung der prämorbiden mentalen Leistungserbringung im
Rahmen eines Universitätsstudiums sei diese geschilderte Tagesstruktur mit einer
erheblichen Negativsymptomatik vereinbar, wobei der Explorand keinerlei zielgerichtete
Produktivität aufzubringen scheine. Als aktuelle psychopharmakologische Medikation
gebe Prof. Dr. O._ "keine" an, was offenbar nicht den damaligen Gegebenheiten
entsprochen habe, da der Versicherte durch Dr. B._ mit Abilify behandelt worden sei.
Die Konzentration von Aripiprazol sei nicht bestimmt worden. Dass ein ehemaliger
Physikstudent mit anzunehmendem prämorbid überdurchschnittlichen mentalen
Fähigkeiten im Alter von _ Jahren ein knapp durchschnittliches kognitives
Leistungsniveau erreiche, sei auffällig. Dies entspreche einem erheblichen
D.c.
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"Leistungsknick", was für schizophrene Spektrumsstörungen oder bipolar affektive
Störungen typisch sei. In aller Regel entwickle sich die psychische Störung zuerst und
der dysfunktionale Substanzkonsum als Folge. Die Bemerkung von Prof. Dr. O._,
dass frühere Behandler bis zum Jahr 2010 ausschliesslich aufgrund von
anamnestischen Angaben beim Versicherten eine schizophrene Spektrumsstörung
diagnostiziert und auch behandelt hätten und die Diagnose einer Schizophrenie
deswegen nicht nachvollziehbar sei, entbehre der üblichen psychiatrischen
Vorgehensweise bei der kritischen Beurteilung von Vorakten. Prof. Dr. O._ scheine
demnach davon auszugehen, dass eine Vielzahl von Fachärzten den Exploranden nicht
gemäss gängiger psychiatrischer Diagnostik beurteilt und somit während Jahrzehnten
unkritisch Fehldiagnosen ohne eigene Prüfung übernommen hätten (IV-act. 145-12 ff.).
Zusammenfassend kam Dr. Q._ anlässlich der eigenen Untersuchung zum Schluss,
dass diagnostisch eine Erkrankung aus dem schizophrenen Spektrum vorliege. Ob es
sich um eine paranoide Schizophrenie (ICD-10: F20.5) mit Residuum (d. h. ohne im
Vordergrund stehende Positivsymptomatik) oder um eine schizoaffektive Störung
(ICD-10: F25.9) handle, lasse sich schwer beurteilen, sei jedoch für die Beurteilung der
Arbeitsfähigkeit nicht relevant. Die Aktenlage spreche für eine schizoaffektive Störung
aufgrund der dokumentierten maniformen und depressiven Auslenkungen. Gegen eine
bipolar affektive Störung (ICD-10: F31) spreche die Tatsache, dass psychotische
Symptome auch ohne begleitende affektive Auslenkung beschrieben seien. Eine
schizotype Störung (ICD-10: F 21), eine wahnhafte Störung (ICD-10: F22.0) oder eine
Hebephrenie (ICD-10: F20.1) seien aufgrund früher beobachteter maniformer
Symptome ebenfalls eher unwahrscheinlich (IV-act. 145-21).
Am 2. Dezember 2016 äusserte sich Prof. Dr. O._ zum Gutachten von Dr. Q._.
Der Versicherte selbst habe angegeben, aktuell keine Medikamente einzunehmen. Ihre
neuropsychologische Untersuchung (inkl. Symptomvalidierung) habe keine
wesentlichen kognitiven Einschränkungen mit Krankheitswert ergeben. Auf der anderen
Seite stütze Dr. Q._ die Arbeitsfähigkeitsbeurteilung auf subjektive Kriterien. Seiner
Untersuchung mangle es an objektivierbaren Überprüfungen, was ein schwerer Fehler
des Gutachtens von Dr. Q._ sei. Weiter würden keine spezifischen
Fähigkeitsstörungen aufgezählt, die eine mittel- und langfristige Arbeitsunfähigkeit
begründen würden. Die von Dr. Q._ angeführte Negativsymptomatik drücke sich
D.d.
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E.
psychopathologisch vor allem in neuropsychologischen Fähigkeitsstörungen aus,
welche er aber nicht nachzuweisen vermöge. Insgesamt mangle es dem Gutachten von
Dr. Q._ an Objektivität. Er blende völlig eine exogene Genese der angegebenen
Beschwerden des Exploranden aus, obschon er bei seiner Untersuchung auch
Hinweise auf einen Substanzgebrauch beschreibe. Dies sei einseitig und medizinisch
unvollständig; Differentialdiagnosen seien zu untersuchen. Zusammenfassend werde
am eigenen Gutachten unverändert festgehalten. Als weiteres Argument sei
anzuführen, dass die behandelnde Psychiaterin Dr. N._ seine die Arbeitsfähigkeit
betreffenden Aussagen in ihrem Schreiben vom 22. September 2016 (IV-act. 145-5 f.)
nachhaltig stütze und weder handicapierende neuropsychologische Störungen noch
eine Negativsymptomatik beim Exploranden bescheinigen könne (IV-act. 149).
Nach Einholung einer weiteren Stellungnahme des RAD (IV-act. 150) stellte die IV-
Stelle dem Versicherten am 12. Dezember 2016 weiterhin die Abweisung des
Rentenbegehrens in Aussicht (IV-act. 151). Dagegen liess der Versicherte am 20.
Januar 2017 erneut Einwand erheben. Am Antrag gemäss Einwand vom 13. Oktober
2016 werde festgehalten (IV-act. 154-1).
D.e.
Am 21. März 2017 verfügte die IV-Stelle, dass gestützt auf das Gutachten von Prof.
Dr. O._ und Dipl. Psych. P._ kein Anspruch auf eine Rente bestehe (IV-act. 156).
D.f.
Gegen diese Verfügung richtet sich die vorliegend zu beurteilende Beschwerde
vom 8. Mai 2017. Der Rechtsvertreter des Versicherten (nachfolgend:
Beschwerdeführer) beantragte darin, dass die Verfügung vom 21. März 2017
aufzuheben und dem Beschwerdeführer eine Rente zu gewähren sei. Unter Kosten-
und Entschädigungsfolgen und Erstattung der Kosten für das Gutachten von Dr. Q._
von Fr. 1'500.-- (act. G 1).
E.a.
Mit Beschwerdeantwort vom 6. Juli 2017 beantragte die IV-Stelle (nachfolgend:
Beschwerdegegnerin) die Abweisung der Beschwerde (act. G 4).
E.b.
In der Replik vom 12. Dezember 2017 liess der Beschwerdeführer unverändert an
der Beschwerde festhalten (act. G 13). Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf die
Einreichung einer Duplik (act. G 14 f.).
E.c.
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F.
Mit Schreiben vom 4. Oktober 2018 informierte das Versicherungsgericht die
Parteien, dass die Einholung eines psychiatrischen Gerichtsgutachtens (allenfalls
inklusive neuropsychologische Abklärung) bei Dr. med. R._, Facharzt für Psychiatrie
und Psychotherapie FMH, Zertifizierter Medizinischer Gutachter SIM, mangels
spruchreifen Sachverhalts vorgesehen sei, und gewährte ihnen das rechtliche Gehör
(act. G 17). Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers teilte mit Schreiben vom 9.
November 2018 mit, dass auf Ergänzungsfragen verzichtet werde (act. G 20). Die
Beschwerdegegnerin liess sich nicht vernehmen. Mit Schreiben vom 16. November
2018 beauftragte das Gericht Dr. R._ mit der Begutachtung und unterbreitete diesem
einen Fragenkatalog (act. G 21).
F.a.
Im Gutachten vom 30. Dezember 2019 nannte Dr. R._ als Diagnose eine
paranoide Schizophrenie, unvollständige Remission, ICD-10: F20.04 (act. G 27-1 S.
80). In Abhandlung der Indikatoren nach BGE 141 V 281 bzw. 143 V 418 gelangte der
Gutachter zum Schluss, dass der Beschwerdeführer in sämtlichen Tätigkeiten in vollem
Ausmass arbeitsunfähig sei (act. G 27-1 S. 87 f.).
F.b.
Das Gerichtsgutachten wurde den Parteien am 8. Januar 2020 zur Kenntnis und
allfälligen Stellungnahme zugestellt (act. G 28). Der Beschwerdeführer liess am 20.
Januar 2020 mitteilen, dass das überzeugende Gutachten eine vollständige
Arbeitsunfähigkeit spätestens seit 2011 belege. Es werde eine ganze Rente
rückwirkend ab 1. Mai 2013 beantragt. Ferner seien die Kosten für das Privatgutachten
von Dr. Q._ in Höhe von Fr. 1'500.-- zu erstatten. Unter Kosten- und
Entschädigungsfolgen (act. G 31). Die Beschwerdegegnerin hat die Frist für eine
Stellungnahme (act. G 28) unbenützt verstreichen lassen.
F.c.
Am 3. Februar 2020 reichte Dr. R._ die Rechnung für das Gerichtsgutachten in
Höhe von Fr. 10'559.91 ein (act. G 34). Diese wurde den Parteien am selben Tag zur
Kenntnis gebracht (act. G 35). Am 5. Februar 2020 wurde der Beschwerdegegnerin die
Eingabe des Beschwerdeführers vom 20. Januar 2020 zugestellt (act. G 36).
F.d.
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Erwägungen
1.
Zwischen den Parteien umstritten und nachfolgend zu prüfen ist ein Rentenanspruch
des Beschwerdeführers.
2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG; SR
831.20) besteht der Anspruch auf eine ganze Invalidenrente, wenn die versicherte
Person mindestens zu 70%, derjenige auf eine Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens
zu 60% invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50% besteht ein
Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40% ein
Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.1.
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts [ATSG; SR 830.1]). Die Invalidität kann Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 IVG). Erwerbsunfähigkeit
ist der durch Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen
Gesundheit verursachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung
verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in
Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die
Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen
der gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit
liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2
ATSG).
2.2.
Um den Invaliditätsgrad bemessen zu können, ist die Verwaltung und im
Beschwerdefall das Gericht auf Unterlagen angewiesen, die ärztliche und
gegebenenfalls auch andere Fachleute zur Verfügung zu stellen haben. Aufgabe des
Arztes oder der Ärztin ist es, den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung
zu nehmen, in welchem Umfang und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte
Person arbeitsunfähig ist (BGE 125 V 261 E. 4). Im Weiteren sind die ärztlichen
Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der versicherten Person noch zugemutet werden können (BGE 125 V
261 E. 4 mit Hinweisen). Für das gesamte Verwaltungs- und
Verwaltungsgerichtsbeschwerdeverfahren gilt der Grundsatz der freien
2.3.
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3.
Zu prüfen ist im Folgenden, ob das Gerichtsgutachten von Dr. R._ vom 30.
Dezember 2019 eine beweiskräftige Grundlage für die Beurteilung des
Rentenanspruchs bildet.
Beweiswürdigung. Danach haben die Versicherungsträger und das
Sozialversicherungsgericht die Beweise frei, d.h. ohne Bindung an förmliche
Beweisregeln, sowie umfassend und pflichtgemäss zu würdigen. Hinsichtlich des
Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob der Bericht für die streitigen
Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, die geklagten
Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden
ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten
begründet sind (BGE 125 V 352 E. 3a mit Hinweisen).
Bezüglich Gerichtsgutachten hat die Rechtsprechung ausgeführt, das Gericht
weiche „nicht ohne zwingende Gründe“ von den Einschätzungen des medizinischen
Experten ab. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat diesbezüglich
erwogen, der Meinung eines von einem Gericht ernannten Experten komme bei der
Beweiswürdigung vermutungsweise hohes Gewicht zu (BGE 135 V 469 f. E. 4.4 mit
Hinweisen).
2.4.
Die Parteien haben keine Mängel an der gerichtsgutachterlichen Beurteilung
vorgebracht.
3.1.
Bei der Würdigung des Gerichtsgutachtens fällt ins Gewicht, dass es auf
eigenständigen gründlichen Abklärungen beruht und für die streitigen Belange
umfassend ist. Die medizinischen Vorakten wurden ausführlich verwertet und die vom
Beschwerdeführer geklagten Leiden berücksichtigt und gewürdigt. Die darin
vorgenommene Arbeitsfähigkeitsschätzung leuchtet in der Darlegung der
medizinischen Zusammenhänge und in der Beurteilung der medizinischen Situation ein.
Sie beruht auf einer umfassenden Konsistenz-, Plausibilitäts- und Ressourcenprüfung
bzw. auf einer ausführlichen Abhandlung der in BGE 141 V 281 und 143 V 409/418
statuierten Indikatoren (vgl. act. G 27.1 S. 80 ff.) im Sinne von Art. 7 Abs. 2 ATSG. Dr.
R._ hat schlüssig dargelegt, weshalb der Diagnosestellung und Beurteilung durch
den Vorgutachter Prof. Dr. O._ nicht gefolgt werden kann. Es bestehen keine
Anhaltspunkte dafür, dass objektiv wesentliche Tatsachen nicht berücksichtigt worden
wären. Aus medizinischer Sicht ist deshalb gestützt auf das Gerichtsgutachten davon
3.2.
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4.
auszugehen, dass der Beschwerdeführer überwiegend wahrscheinlich spätestens seit
dem Jahr 2011 vollständig arbeitsunfähig ist (act. G 27.1 S. 87 f.).
Ausgehend von einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit in sämtlichen Tätigkeiten
beträgt der Invaliditätsgrad 100%. Unter Berücksichtigung der sechsmonatigen Frist
gemäss Art. 29 Abs. 1 IVG hat der Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Mai 2013
Anspruch auf eine ganze Rente.
3.3.
In Gutheissung der Beschwerde ist die Verfügung vom 21. März 2017 aufzuheben
und dem Beschwerdeführer mit Wirkung ab 1. Mai 2013 eine ganze Rente
zuzusprechen. Zur Festsetzung und Ausrichtung der Rentenleistungen ist die Sache an
die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Nachdem während der Dauer der
Eingliederungsmassnahmen (5. Oktober bis 31. Dezember 2015) bereits Leistungen
erbracht wurden (Taggeld und sonstige Auslagen; IV-act. 107 ff.), wird die
Beschwerdegegnerin die Leistungskoordination in Anwendung der relevanten
Bestimmungen (Art. 43 Abs. 2 und 3 IVG und Art. 20 der Verordnung über die
Invalidenversicherung [IVV; SR 831.201]) vorzunehmen haben.
4.1.
ter
Das Beschwerdeverfahren ist kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.-- bis Fr.
1'000.-- festgelegt (Art. 69 Abs. 1 IVG). Eine Gerichtsgebühr von Fr. 1'000.--
erscheint aufgrund der Einholung eines Gerichtsgutachtens und des damit
verbundenen Zusatzaufwands als angemessen. Dem Ausgang des Verfahrens
entsprechend ist sie vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Der
geleistete Kostenvorschuss von Fr. 600.-- ist dem Beschwerdeführer
zurückzuerstatten.
4.2.
bis
Die Kosten des Gerichtsgutachtens von Fr. 10'559.91 (act. G 34) hat die
Beschwerdegegnerin zu tragen (BGE 143 V 269).
4.3.
Der Beschwerdeführer lässt beantragen, der Beschwerdegegnerin seien die ihm
entstandenen Kosten im Umfang von Fr. 1'500.-- (act. G 1.6) für die Erstellung des
Privatgutachtens durch Dr. Q._ (IV-act. 145-7 ff.) aufzuerlegen. Insbesondere auch
die Beurteilung durch Dr. Q._ führte zu konkreten Indizien (vgl. beispielsweise die
Ausführungen zum "Leistungsknick") gegen die Zuverlässigkeit der IME-Expertise bzw.
dazu, dass jenem Administrativgutachten kein genügender Beweiswert beigemessen
werden konnte und ein Gerichtsgutachten anzuordnen war. Das Parteigutachten war
demnach verwendbar (vgl. dazu Ueli Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Aufl. 2015, Art. 45 N
4.4.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 14/14
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte