Decision ID: 23a68f6e-e141-5d6c-abdf-2be976491b02
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer, ein sri-lankischer Staatsangehöriger tamili-
scher Ethnie aus B._/C._ (Distrikt Jaffna, Nordprovinz), ver-
liess sein Heimatland eigenen Angaben zufolge am 24. April 2018 mit sei-
nem eigenen Reisepass via den internationalen Flughafen von Colombo
und gelangte am 4. Juni 2018 in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl
nachsuchte.
A.b Das SEM teilte dem Beschwerdeführer am 5. Juni 2018 mit, er werde
in Anwendung von Art. 4 Abs. 3 der (am 29. September 2019 aufgehobe-
nen) Verordnung über die Durchführung von Testphasen zu den Beschleu-
nigungsmassnahmen im Asylbereich vom 4. September 2013 (TestV,
SR 142.318.1) für den Aufenthalt und das Verfahren dem Verfahrenszent-
rum D._ (VZ D._) zugewiesen.
A.c Am 8. Juni 2018 nahm das SEM die Personalien des Beschwerdefüh-
rers auf und befragte ihn zum Reiseweg.
B.
Am 27. August 2018 hörte das SEM den Beschwerdeführer gestützt auf
Art. 16 Abs. 3 TestV ein erstes Mal und am 11. September 2018 auf der
Grundlage von Art. 17 Abs. 2 Bst. b TestV vertieft zu seinen Asylgründen
an. Hinsichtlich seiner persönlichen Verhältnisse machte der Beschwerde-
führer zunächst geltend, er sei Angehöriger der (...) und habe nach Ab-
schluss der Schule damit begonnen, im (...), den seine Familie betreut
habe, zu arbeiten. Da seine Grossmutter mütterlicherseits auf Hilfe im
Haushalt angewiesen gewesen sei, sei er im Oktober/November 2017 zu
ihr nach E._ gezogen, das nur neun bis zehn Kilometer von seinem
bisherigen Wohnort entfernt gelegen sei. In E._ habe auch eine
Cousine von ihm gelebt. Er habe regelmässig Einkäufe für seine Gross-
mutter erledigt und im (...) von C._ gearbeitet.
Hinsichtlich seiner Asylgründe führte er sodann aus, er habe damals immer
in einem Laden der sri-lankischen Armee, der sich am Hafen von
E._ befunden habe, eingekauft. Im Oktober/November 2017 habe
er in diesem Geschäft einen Soldaten namens F._ kennengelernt,
der dort gearbeitet habe. Er habe sich in der Folge zwei bis drei Male in
der Woche mit diesem Soldaten im Geschäft unterhalten. Anfang Februar
2018 habe er sich wiederum in den Hafen begeben, um einzukaufen. An
besagtem Tag sei der Laden jedoch geschlossen gewesen. Er habe sich
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dennoch dazu entschlossen, vor Ort zu bleiben und seine Freizeit zu ge-
niessen, wie er dies bereits in der Vergangenheit öfters getan habe. Zufäl-
ligerweise habe er den Soldaten, der im Geschäft gearbeitet habe, vor dem
Laden angetroffen. Dieser habe ihm angeboten, das Geschäft zu öffnen,
damit er sich eine Cola kaufen könne. Darüber hinaus habe er ihm sogar
offeriert, dass er alle Waren gratis mitnehmen dürfe. Nach der Öffnung des
Ladens habe ihn der Soldat gewaltsam in das Geschäft hineingezerrt, ihn
geschlagen, anschliessend ausgezogen und vergewaltigt. Er habe ihm mit
dem Tode gedroht, falls er irgendjemandem vom Vorgefallenen erzählen
sollte. Danach sei er nach Hause zurückgekehrt und habe den Zwischen-
fall verschwiegen. In den folgenden Tagen sei er im Haus seiner Grossmut-
ter geblieben und habe sich geweigert, weitere Einkäufe für sie zu tätigen.
Erst 20 bis 25 Tage später habe er sich zum Markt in E._ begeben,
um dort Gemüse einzukaufen. Auf dem Markt habe er einen ihm unbekann-
ten Armeeangehörigen erblickt. Es habe sich wahrscheinlich um einen
Späher gehandelt, da er am nächsten Tag auf dem Markt erneut von sei-
nem Peiniger angehalten worden sei. Nachdem er sich geweigert habe, in
dessen Fahrzeug einzusteigen, habe jener ihn abermals mit dem Tod be-
droht. Darüber hinaus habe er in Aussicht gestellt, Filmmaterial der ersten
Vergewaltigung zu veröffentlichen. Schliesslich habe er ihm ein kleines
Päckchen Marihuana gezeigt und angekündigt, ihm Drogenbesitz zu un-
terschieben und diesen zur Anzeige zu bringen, falls er nicht mitkomme.
Deshalb sei er in das Fahrzeug eingestiegen. Der Soldat habe ihn zu einer
Hütte im Hafen gefahren. Dort habe er einen anderen Soldaten angerufen,
der wenig später ebenfalls zur Hütte gekommen sei. Die beiden Armeean-
gehörigen hätten ihn anschliessend brutal vergewaltigt und misshandelt.
Nach der Vergewaltigung habe er den Tätern Geld angeboten, damit man
ihn in Ruhe liesse. Stattdessen hätten die beiden Soldaten seine Mobilte-
lefonnummer notiert und anschliessend den Tatort verlassen. Danach sei
er zu seiner Grossmutter zurückgekehrt, wobei er aufgrund der erlittenen
Vergewaltigung Mühe gehabt habe, zu gehen. Dort habe er seiner Familie
schliesslich über die Vorfälle berichtet. Am Abend desselben Tages habe
sein Peiniger angerufen und 50'000 Rupien von ihm verlangt. Nach diesem
Anruf habe ihn sein Bruder G._ angewiesen, sein Mobiltelefon aus-
zuschalten und ihn gleichzeitig in sein Elternhaus in C._ zurückge-
bracht. In der folgenden Zeit habe er sein Elternhaus kaum verlassen. Am
25. März 2018 habe er indessen in seiner Funktion als (...) wieder an einer
(...), der nur wenige hundert Meter von seinem Elternhaus entfernt sei, teil-
genommen. Auf dem Heimweg habe ihn sein Peiniger erneut aufgegriffen
und in ein Fahrzeug gezerrt. Darin hätten sich insgesamt fünf Armeeange-
hörige in Zivil – unter ihnen auch F._ – befunden, die alle betrunken
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gewesen seien. Man habe ihn zu einem Waldstück gefahren, wo sich alle
fünf Personen an ihm vergangen hätten. Auf der Rückfahrt habe man ihm
befohlen, sich am nächsten Tag wieder im Hafen einzufinden und seine
Cousine mitzubringen. Zuhause habe er seinem Bruder G._ alles
erzählt. Er habe sein Elternhaus nun nicht mehr verlassen. G._
habe ihm berichtet, dass immer wieder Militärfahrzeuge am Wohnhaus vor-
beigefahren, Soldaten vor dem Haus vorbeigegangen seien oder davorge-
standen hätten, ohne dieses indessen zu betreten. Sechs oder sieben Tage
nach der letzten Vergewaltigung habe ihn G._ nach Jaffna ge-
bracht. Von dort aus sei er nach Colombo weitergereist, bis er seine Heimat
schliesslich am 24. April 2018 mit seinem eigenen Reisepass auf dem Luft-
weg verlassen habe.
Im Rahmen des erstinstanzlichen Verfahrens reichte der Beschwerdefüh-
rer zum Beleg seiner Identität Kopien seiner Geburtsurkunde sowie seiner
Identitätskarte ein. Im Weiteren reichte er Kopien der Schweizer Aufent-
haltstitel von zwei Tanten, der Geburtsurkunde seines Bruders G._
sowie dreier Dokumente, welche die frühere Mitgliedschaft dieses Bruders
bei den LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) belegen sollen, zu den
Akten. Schliesslich reichte er zum Beleg seiner früheren Tätigkeit als (...)
drei Fotografien sowie einen Facebook-Auszug ein.
C.
Am 24. September 2018 stellte das SEM den Entscheidentwurf im Sinne
von Art. 17 Abs. 2 Bst. e TestV dem Beschwerdeführer zur Stellungnahme
zu.
D.
Am 25. September 2018 gab der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
eine Stellungnahme ab. Dabei hielt er fest, sein Mandant könne nicht nach-
vollziehen, weshalb ihm die Behörden seine Vorbringen nicht glauben wür-
den. Wegen der Angst, die Misshandlungen könnten in Sri Lanka öffentlich
werden und Schande über seine Familie bringen, habe er erst in der
Schweiz einen Arzt aufgesucht. Da es ihm schwerfalle, über das Gesche-
hene zu sprechen und er die Erinnerungen daran verdrängen wolle, sei er
bis anhin auch nicht zu einem Psychiater gegangen. Entgegen den Erwä-
gungen im Entscheidentwurf habe er seine Fluchtgeschichte durchaus le-
bensnah geschildert. Gemäss der medizinischen Information vom 7. Sep-
tember 2018 sei bei ihm unter anderem eine Analfissur und der Verdacht
auf eine posttraumatische Belastungsstörung konstatiert worden, weshalb
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nicht ausgeschlossen werden könne, dass diese durch eine Vergewalti-
gung verursacht worden sein könnte. Insgesamt sei die Prüfung der Glaub-
haftigkeit seiner Asylvorbringen im Entscheidentwurf einseitig und unsach-
gemäss erfolgt.
E.
Mit – am selben Tag eröffneter – Verfügung vom 26. September 2018
stellte das SEM im Rahmen des beschleunigten Verfahrens fest, der Be-
schwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, lehnte sein Asylge-
such ab, verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Voll-
zug der Wegweisung an.
F.
Der dem Beschwerdeführer zugewiesene Rechtsvertreter teilte dem SEM
daraufhin mit Schreiben vom 26. September 2018 mit, sein Mandat im vor-
liegenden Asylverfahren sei beendet.
G.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer durch seinen
Rechtsvertreter am 8. Oktober 2018 Beschwerde beim Bundesverwal-
tungsgericht. Dabei beantragte er, das Bundesverwaltungsgericht habe
festzustellen, dass sich das Lagebild des SEM vom 16. August 2016 zu Sri
Lanka auf nichtexistierende und nicht bewiesene Quellen stütze. Die an-
gefochtene Verfügung sei deswegen aufzuheben und die Sache an die
Vorinstanz zurückzuweisen (Ziff. 2). Die angefochtene Verfügung sei we-
gen Verletzung des Willkürverbotes (Ziff. 3), eventuell wegen Verletzung
des Anspruchs auf das rechtliche Gehör (Ziff. 4), eventuell wegen Verlet-
zung der Begründungspflicht (Ziff. 5), eventuell zur Feststellung des voll-
ständigen und richtigen rechtserheblichen Sachverhalts (Ziff. 6) aufzuhe-
ben und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.
Eventuell sei ihm unter Aufhebung der angefochtenen Verfügung und Fest-
stellung der Flüchtlingseigenschaft Asyl zu gewähren (Ziff. 7). Eventuell sei
die angefochtene Verfügung betreffend die Dispositivziffern 4 und 5 aufzu-
heben und die Unzulässigkeit oder zumindest die Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs festzustellen (Ziff. 8).
In prozessualer Hinsicht wurde beantragt, das Bundesverwaltungsgericht
habe nach dem Eingang der Beschwerde unverzüglich darzulegen, welche
Gerichtspersonen mit deren Behandlung betraut würden. Gleichzeitig habe
das Gericht bekanntzugeben, ob diese zufällig ausgewählt worden seien
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und andernfalls die objektiven Kriterien zu nennen, nach denen die Ge-
richtspersonen ausgewählt worden seien (Ziff. 1).
Mit der Beschwerde wurden diverse Beweismittel und Dokumente (Beila-
gen 1-59), darunter ein umfangreicher, vom Rechtsvertreter des Beschwer-
deführers verfasster Lagebericht ("Sri Lanka-Bericht zur aktuellen Lage;
Stand 18. September 2018") und dazu weitere 403 – auf einer CD-ROM
gespeicherte – Dokumente, eingereicht.
H.
Mit Schreiben vom 15. Oktober 2018 bestätigte das Bundesverwaltungs-
gericht den Eingang der Beschwerde.
I.
Mit Zwischenverfügung vom 30. Oktober 2018 forderte der Instruktions-
richter den Beschwerdeführer auf, bis zum 14. November 2018 einen Kos-
tenvorschuss in Höhe von Fr. 1'500.– einzuzahlen, ansonsten auf die Be-
schwerde nicht eingetreten werde. Weiter teilte er dem Beschwerdeführer
die Zusammensetzung des Spruchkörpers mit. Über die weiteren Verfah-
rensanträge werde gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt befunden.
J.
Mit Eingabe vom 14. November 2018 wies der Rechtsvertreter des Be-
schwerdeführers auf die jüngste Entwicklung der Situation in Sri Lanka hin
und reichte dazu weitere – auf einer CD-Rom gespeicherte – Dokumente
ein (Beilagen 60-102).
K.
Am 14. November 2018 zahlte der Beschwerdeführer den eingeforderten
Kostenvorschuss ein.
L.
Mit Instruktionsverfügung vom 21. November 2018 lud das Bundesverwal-
tungsgericht die Vorinstanz ein, bis zum 6. Dezember 2018 eine Vernehm-
lassung einzureichen.
M.
Am 6. Dezember 2018 liess sich das SEM zur Beschwerde vernehmen.
N.
Mit Verfügung vom 12. Dezember 2018 räumte das Bundesverwaltungs-
gericht dem Beschwerdeführer die Gelegenheit ein, bis zum 27. Dezember
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2018 eine Replik einzureichen. Eine solche wurde in der Folge nicht ein-
gereicht.
O.
Mit Eingabe vom 6. Mai 2020 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerde-
führers eine Stellungnahme ein, worin ausgeführt wurde, aufgrund der Be-
weislage müsse es "als belegt und unbestreitbar gelten", dass es sich beim
Beschwerdeführer um ein Opfer und einen Zeugen massivster sexueller
Übergriffe seitens der sri-lankischen Sicherheitskräfte handle. Im Weiteren
wurden weitere Ausführungen hinsichtlich der Entwicklung der allgemeinen
politischen Lage in Sri Lanka gemacht und vom Rechtsvertreter verfasste
– teils auf CD gespeicherte – Berichte zu Sri Lanka ("Länderbericht Sri
Lanka vom 23. Januar 2020", "Länderupdate Sri Lanka vom 26. Februar
2020" und ein "Zusatzbericht Lagesituation Sri Lanka, Stand vom 10. April
2020"; Beilagen 103-105) eingereicht.
P.
Mit Eingabe vom 20. Mai 2020 reichte der Beschwerdeführer durch seinen
Rechtsvertreter Kopien der Geburtsurkunde seiner Cousine H._, ei-
nes ärztlichen Berichts (Diagnosis Ticket) vom 19. Juni 2009 betreffend die
Behandlung ihrer Verletzungen durch Bomben und Schüsse seitens der
sri-lankischen Armee Ende des sri-lankischen Bürgerkriegs, eines Fotos
ihres Ehemannes I._, worauf dieser als LTTE-Held in Uniform ab-
gebildet sei, zweier Todesurkunden, aus welchen sich ergebe, dass letzte-
rer am 26. Dezember 2008 gemeinsam mit seiner Tochter J._ in-
folge einer Bombardierung ums Leben gekommen sei, der Identitätskarte
seiner (des Beschwerdeführers) Grossmutter sowie eines Fotos, welches
ihn zusammen mit derselben in E._ zeigt, zu den Akten. Ferner
reichte er Kopien zweier Bilder, welche den fraglichen Laden des Militärs
(am Hafen von E._) beziehungsweise die Gegend gegenüber die-
sem Laden zeigen sollen, wo er vor seiner zweiten Vergewaltigung aufge-
griffen worden sei, im Verbund mit einem Googlemaps-Auszug, auf wel-
chem die örtlichen Begebenheiten dargestellt seien, ein. Schliesslich fügte
er seiner Eingabe als Beleg eigener exilpolitischer Aktivitäten Kopien von
zwei Fotos bei, welche ihn in schwarzem T-Shirt zusammen mit Freunden
anlässlich des Heldentages der LTTE am (...) in K._ zeigen (Beila-
gen 106-117).
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Q.
Mit Schreiben vom 23. Juli 2020 wies der Rechtsvertreter des Beschwer-
deführers darauf hin, dass im Heimatdorf (C._) seines Mandanten
eine Person namens L._ von dessen Ehefrau M._ als ver-
misst gemeldet worden sei, nachdem ihr Ehemann am 29. Oktober 2019
einer Vorladung des TID (Terrorist Investigation Department) vom 23. Ok-
tober 2019 Folge geleistet und sich nach Colombo begeben habe. Als Be-
leg reichte er Kopien der Vorladung des TID vom 23. Oktober 2019, eines
entsprechenden Artikels der Zeitung (...) vom 20. Dezember 2019 sowie
der Bestätigung des Office on Missing Persons in Jaffna vom 12. März
2020 bezüglich der Entgegennahme einer diesbezüglichen Vermisstenan-
zeige der Ehefrau des Entführten vom 12. Februar 2020 ein. Der Be-
schwerdeführer habe von besagtem Vorfall erfahren, da er mit dem Sohn
des Entführten studiert und ihn daher auch gekannt habe. Es sei ihm aller-
dings nicht möglich, weitere Auskünfte bei der Familie einzuholen, da diese
mit niemandem über die Entführung sprechen dürfe und bereits Todesdro-
hungen erhalten habe. Dieser Fall zeige klar auf, dass die Behelligungen
im Heimatdorf des Beschwerdeführers weiterhin anhalten würden. Im Wei-
teren wurden unter Hinweis auf einen vom Rechtsvertreter verfassten
"Rapport Ländersituation Sri Lanka 11. April bis 26. Juni 2020" (inkl. auf
CD-Rom gespeicherten Beilagen) weitergehende Ausführungen zur Ent-
wicklung der politischen Situation in Sri Lanka gemacht (Beilagen 118-
121).
R.
Mit Begleitschreiben vom 7. Oktober 2020 wies der Rechtsvertreter darauf
hin, dass sich der Beschwerdeführer seit einiger Zeit in einer psychiatri-
schen/psychotherapeutischen Behandlung befinde, die von Dr. med.
N._, Psychiaterin und Psychotherapeutin in O._, durchge-
führt werde. Es sei am 6. Oktober 2020 bei besagter Psychiaterin ein aus-
führlicher ärztlicher Bericht angefordert worden, da der Beschwerdeführer
nach wie vor unter den körperlichen und psychischen Folgen der in Sri
Lanka erlebten massiven Übergriffen leide. Es werde deshalb darum er-
sucht, dass in vorliegender Sache entweder mit dem Entscheid zugewartet
werde, bis der entsprechende Arztbericht vorliege, oder eine angemessene
Frist zur Einreichung eines solchen angesetzt werde.
S.
Mit Begleitschreiben vom 29. Oktober 2020 wurde der in Aussicht gestell-
ten Arztbericht von Dr. med. N._ vom 15. Oktober 2020 eingereicht.
Ergänzend hielt der Rechtsvertreter fest, es könne davon ausgegangen
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Seite 9
werden, dass der psychisch enorm labile Zustand seines Mandanten durch
die bereits mehrfach geschilderten Erlebnisse in Sri Lanka ausgelöst wor-
den sei. Seine psychische Situation untermaure somit die geschilderten
Gegebenheiten in Sri Lanka im Sinne eines Teilbeweises.
Der nun bewiesene labile Zustand des Beschwerdeführers müsse vor dem
Hintergrund des BVGer-Referenzurteils D-4543/2013 vom 22. November
2017 betrachtet werden. Gemäss diesem Urteil sei "eine erlittene Vorver-
folgung auch nach Wegfall einer zukünftig drohenden Verfolgungsgefahr
weiterhin als asylrechtlich relevant zu betrachten, wenn eine Rückkehr in
den früheren Verfolgerstaat aus zwingenden, auf diese Verfolgung zurück-
gehenden Gründen nicht zumutbar" sei (a.a.O. E. 5.7). Als zwingende
Gründe verstanden würden laut Bundesverwaltungsgericht "traumatisie-
rende Erlebnisse, die es der betroffenen Person angesichts erlebter [...],
schwerwiegender Verfolgungen [...] im Sinne einer Langzeittraumatisie-
rung psychologisch verunmöglichen, ins Heimatland zurückzukehren"
(a.a.O. E. 5.7). Diese Situation bestehe auch im Falle des Beschwerdefüh-
rers.
Abschliessend könne somit festgehalten werden, dass der Gesundheitszu-
stand des Beschwerdeführers enorm labil sei und eine Rückkehr nach Sri
Lanka zu einer Chronifizierung der Symptome und zu einer psychischen
Destabilisierung führen würde. Weiter sei zu beachten, dass keine Behand-
lung in Sri Lanka möglich und dieser auch nicht reisefähig sei.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
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Seite 10
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.3 Am 1. Januar 2019 wurde das Ausländergesetz vom 16. Dezember
2005 (AuG, SR 142.20) teilrevidiert (AS 2018 3171) und in Ausländer- und
Integrationsgesetz (AIG) umbenannt. Die vorliegend anzuwendenden Ge-
setzesartikel (Art. 83 Abs. 1–7 und Art. 84) sind unverändert vom AuG ins
AIG übernommen worden, weshalb das Gericht nachfolgend die neue Ge-
setzesbezeichnung verwendet.
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht (aArt. 108 Abs. 1
AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37
VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist, nachdem der Kos-
tenvorschuss fristgerecht geleistet wurde – unter Vorbehalt der Erwägung
2 (letzter Satz) – einzutreten.
1.5 Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rü-
gen richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des
Ausländerrechts nach Art. 49 VwVG (BVGE 2014/26 E. 5).
2.
Dem in der Beschwerde gestellten Antrag auf Bekanntgabe des Spruch-
körpers hat das Gericht – unter Vorbehalt allfälliger Wechsel bei Abwesen-
heiten – bereits mit Zwischenverfügung vom 30. Oktober 2018 entspro-
chen, auf welche an dieser Stelle zu verweisen ist (vgl. Sachverhalt Bst. I).
Der Spruchkörper wurde am 10. Oktober 2018 durch eine Mitarbeiterin der
Kanzlei der Abteilung IV mit Hilfe eines EDV-basierten Zuteilungssystems
generiert, ohne dass eine Änderung am dergestalt bestimmten Spruchkör-
per vorgenommen wurde. Der Spruchkörper wurde inzwischen insofern
geändert, als die bisherige Drittrichterin Claudia Cotting-Schalch am 2. De-
zember 2021 zufolge ihres Übertritts in die Abteilung VI per 1. April 2021
mittels des EDV-basierten Zuteilungssystems ersetzt werden musste, wo-
bei das System Richter Yannick Felley als Drittrichter generierte. Auf den
Antrag auf Bestätigung der zufälligen Zusammensetzung des Spruchkör-
pers ist im Übrigen nicht einzutreten (vgl. BVGE 2019 VI/6 E. 4).
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Seite 11
3.
3.1 In der Beschwerde vom 8. Oktober 2018 werden verschiedene formelle
Rügen erhoben (Feststellung der Fehlerhaftigkeit des Lagebildes des SEM
vom 16. August 2016, Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör,
des Willkürverbotes und der Begründungspflicht sowie unvollständige und
unrichtige Abklärung des rechtserheblichen Sachverhalts).
3.2 Der Antrag, das Bundesverwaltungsgericht habe festzustellen, dass
sich das Lagebild des SEM vom 16. August 2016 zu Sri Lanka auf nicht-
existierende und nicht bewiesene Quellen stütze (Ziff. 2 sowie Beschwerde
S. 7 ff., Ziff. 4.1), ist unter Hinweis auf die Rechtsprechung abzuweisen
(vgl. zuletzt etwa die Urteile des BVGer D-4794/2017 vom 24. August 2021
E. 4.6, D-2429/2018 vom 30. Juli 2021 E. 3.9, D-2717/2019 vom 23. Juni
2021 E. 3.3, E-4836/2018 vom 30. April 2021 E. 6.7).
3.3
3.3.1 Gemäss Art. 29 VwVG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches
Gehör, welches als Mitwirkungsrecht alle Befugnisse umfasst, die einer
Partei einzuräumen sind, damit sie in einem Verfahren ihren Standpunkt
wirksam zur Geltung bringen kann (vgl. BGE 144 I 11 E. 5.3; BVGE
2009/35 E. 6.4.1). Mit dem Gehörsanspruch korreliert die Pflicht der Be-
hörden, die Vorbringen tatsächlich zu hören, ernsthaft zu prüfen und in ihrer
Entscheidfindung angemessen zu berücksichtigen. Die Begründung muss
so abgefasst sein, dass sie eine sachgerechte Anfechtung ermöglicht.
Nicht erforderlich ist, dass sich die Begründung mit allen Parteistandpunk-
ten einlässlich auseinandersetzt und jedes einzelne Vorbringen ausdrück-
lich widerlegt (vgl. BGE 143 III 65 E. 5.2).
3.3.2 Die unrichtige oder unvollständige Feststellung des rechtserhebli-
chen Sachverhalts in Verletzung der behördlichen Untersuchungspflicht
bildet einen Beschwerdegrund (Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Unrichtig ist
die Sachverhaltsfeststellung dann, wenn der Verfügung ein falscher und
aktenwidriger oder nicht weiter belegbarer Sachverhalt zugrunde gelegt
wurde. Unvollständig ist sie, wenn die Behörde trotz Untersuchungsma-
xime den Sachverhalt nicht von Amtes wegen abgeklärt oder nicht alle für
die Entscheidung wesentlichen Sachumstände berücksichtigt hat (vgl.
dazu CHRISTOPH AUER/ANJA MARTINA BINDER, in: Kommentar zum Bundes-
gesetz über das Verwaltungsverfahren [VwVG], 2. Aufl. 2019, Art. 12
N 16). Der Untersuchungsgrundsatz findet seine Grenze an der Mitwir-
kungspflicht der Asylsuchenden (Art. 8 AsylG; Art. 13 VwVG).
D-5777/2018
Seite 12
3.3.3 Willkür liegt gemäss Lehre und Rechtsprechung nicht schon dann
vor, wenn eine andere Lösung in Betracht zu ziehen oder sogar vorzuzie-
hen wäre, sondern nur dann, wenn ein Entscheid offensichtlich unhaltbar
ist, mit der tatsächlichen Situation in klarem Widerspruch steht, eine Norm
oder einen unumstrittenen Rechtsgrundsatz klar verletzt oder in stossen-
der Weise dem Gerechtigkeitsgedanken zuwiderläuft (vgl. JÖRG PAUL MÜL-
LER/MARKUS SCHÄFER, Grundrechte in der Schweiz, 4. Aufl., 2008, S.11;
BGE 133 I 149 E. 3.1, m.w.H.). Dabei muss rechtsgenüglich dargelegt wer-
den, inwiefern die beanstandete Begründung willkürlich sein soll (vgl.
BGE 116 Ia 426 S. 428, m.w.H.).
3.4 Gerügt wird zunächst unter dem Titel des rechtlichen Gehörs, der Über-
setzer habe anlässlich der Anhörung des Beschwerdeführers am 11. Sep-
tember 2018 teilweise unpräzise übersetzt, was sich darin zeige, dass er
beispielsweise das Visier des Fahrradhelms mit "Brille" beziehungsweise
"Augengläser" übersetzt habe, was erst später vom Sachbearbeiter richtig-
gestellt worden sei (vgl. SEM-act. A24/22 F81 i.V.m. F91). Aus diesen Aus-
führungen werde klar, dass hier massive Mängel bestanden hätten und das
entsprechende Protokoll deshalb unbrauchbar sei. Nehme der zuständige
Sachbearbeiter des SEM auf dieser mangelhaften Grundlage eine Glaub-
haftigkeitsprüfung vor, verletze er damit das rechtliche Gehör des Be-
schwerdeführers. Entsprechend werde im Handbuch des SEM "Asyl und
Rückkehr" in Artikel C7 (heute: C6.2; "Die Anhörung zu den Asylgründen")
unter Kapitel 2.3.3 (heute: 2.2.3; "Die offiziellen Dolmetscherinnen und Dol-
metscher") unter anderem festgehalten: "Die dolmetschende Person spielt
bei der Anhörung eine zentrale Rolle. So stützt sich die Verweigerung eines
Asylgesuchs häufig auf eine unglaubhafte Sachverhaltsdarstellung, die bei
der Anhörung zutage tritt. Eine Argumentation, die auf der fehlenden
Glaubhaftigkeit der Sachverhaltsdarstellung gründet, ist indes nur legitim,
wenn die Übersetzung der Anhörung korrekt war" (vgl. Beschwerde
S. 13 f., Ziff. 4.3).
Diesbezüglich ist festzuhalten, dass der vom Rechtsvertreter erwähnte
(und überdies bereits im Verlaufe der Anhörung [a.a.O. F91] berichtigte)
Übersetzungsfehler für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit der Vorbringen
des Beschwerdeführers keine massgebliche Bedeutung hat und die Ver-
wertbarkeit der weiteren im Protokoll festgehaltenen Aussagen nicht tan-
giert. Der diesbezügliche Kassationsantrag ist folglich abzuweisen.
3.5 In der Beschwerde wird weiter geltend gemacht, das SEM habe den
rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig und unvollständig abgeklärt (vgl.
D-5777/2018
Seite 13
a.a.O. S. 14 ff., Ziff. 4.4). So habe das SEM die medizinischen Informati-
onsblätter falsch und überdies selektiv gewürdigt, und den ärztlichen Be-
richt des (...) in D._ vom 22. August 2018 gar unberücksichtigt ge-
lassen. Insbesondere treffe die aus den beiden medizinischen Informatio-
nen A17 und A21 gezogene Schlussfolgerung des SEM in der angefochte-
nen Verfügung nicht zu, dass die Analfissuren und die Blutungen 'lediglich'
auf die Hämorrhoiden des Beschwerdeführers zurückzuführen seien. Fer-
ner habe das SEM in seiner Verfügung die mehrmals fachärztlich attes-
tierte posttraumatische Belastungsstörung in keiner Weise berücksichtigt,
was eine Verletzung der Begründungspflicht darstelle, zumal die sexuell
erlittene Folter des Beschwerdeführers zu dessen langzeitiger Traumati-
sierung geführt haben dürfte, was auch unter dem Aspekt sogenannter
"zwingender Gründe" zu prüfen wäre. Im Übrigen stimme das Profil des
Beschwerdeführers mit denjenigen überein, die in der am 19. September
2018 publizierten Studie der "International Truth And Justice Projekt" (ITJP)
mit dem Titel "Unsilenced: Male survivors speak of conflict-related sexual
violence in Sri Lanka" untersucht worden seien. Die neue Studie dokumen-
tiere anhand eines Datensatzes von 121 Interviews den Gebrauch von se-
xueller Gewalt an Männern während der Haft. Zusätzlich habe es das SEM
in der angefochtenen Verfügung unterlassen, die geltend gemachten und
mit Beweismitteln unterstrichenen familiären Beziehungen des Beschwer-
deführers zu den LTTE im Hinblick auf eine Bedrohungsgefahr angemes-
sen zu prüfen, womit es diesen Sachverhalt unvollständig abgeklärt habe.
Darüber hinaus habe die Vorinstanz zwar auf das aktuelle Referenzurteil
des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 und die
dort definierten Risikofaktoren hingewiesen, in der Folge aber keine ent-
sprechende Prüfung vorgenommen. Schliesslich habe die Vorinstanz die
aktuelle Situation in Sri Lanka unvollständig und unkorrekt abgeklärt und
sich in verschiedenen für die Beurteilung seiner Flüchtlingseigenschaft
rechtserheblichen Bereichen auf falsche Länderinformationen gestützt. Die
Menschenrechtssituation in Sri Lanka habe sich nicht verbessert und das
vom SEM verwendete Lagebild sei fehlerhaft. Eine Rückschaffung nach Sri
Lanka stelle an und für sich eine asylrelevante Verfolgungssituation dar.
Mit diesen Ausführungen werden die sich aus dem Untersuchungsgrund-
satz ergebende Frage der Feststellung des rechtserheblichen Sachver-
halts mit der Frage der rechtlichen Würdigung der Sache, welche die ma-
terielle Entscheidung über die vorgebrachten Asylgründe betrifft, vermengt.
Alleine der Umstand, dass das SEM seine Einschätzung der Lage in Sri
Lanka auf andere Quellen stützt als vom Beschwerdeführer respektive sei-
D-5777/2018
Seite 14
nem Rechtsvertreter gefordert, spricht nicht für eine ungenügende Sach-
verhaltsfeststellung. Dasselbe gilt, wenn das SEM gestützt auf seine Quel-
len und die vorliegende Aktenlage unter Einschluss der medizinischen Un-
terlagen die Asylvorbringen anders würdigt und die Gefährdung anders ein-
schätzt als vom Beschwerdeführer respektive dessen Rechtsvertreter er-
wartet. Ebenfalls trifft dies auf das Vorbringen zu, das SEM habe die Gefahr
verkannt, welche von einer noch zu erfolgenden Vorsprache beim sri-lan-
kischen Generalkonsulat zwecks Ersatzreisepapierbeschaffung ausgehe.
Die Vorinstanz zeigte sodann nachvollziehbar und hinreichend differenziert
auf, von welchen Überlegungen sie sich leiten liess. So hatte sie entgegen
der Annahme in der Beschwerde keine Veranlassung, die medizinisch at-
testierte posttraumatische Belastungsstörung des Beschwerdeführers im
Zusammenhang mit der Prüfung sogenannter zwingender Gründe näher
zu prüfen, setzt doch die Bejahung zwingender Gründe nebst einer Lang-
zeittraumatisierung auch das Vorliegen der Flüchtlingseigenschaft im Zeit-
punkt der Ausreise voraus (vgl. bspw. Urteil des BVGer D-4543/2013 vom
22. November 2017 E. 5.4–5.7). Eine solche war aus Sicht der Vorinstanz
mangels Glaubhaftigkeit der geltend gemachten drei Vergewaltigungen
durch Militärangehörige indes a priori zu verneinen. Darüber hinaus hat
das SEM hinsichtlich der posttraumatischen Belastungsstörung in seiner
Vernehmlassung darauf hingewiesen, dass diese in der Heimatregion des
Beschwerdeführers im Jaffna Teaching Hospital behandelt werden könne,
weil dort ambulante Psychotherapien angeboten würden. Hinsichtlich des
Vorwurfs in der Beschwerde, das SEM habe sich in Bezug auf die tabui-
sierte aber weitverbreitete Problematik zur sexuellen Gewalt gegen Män-
ner in Sri Lanka auf lückenhafte Länderkenntnisse gestützt beziehungs-
weise die Studie der ITJP vom 19. September 2018 nicht berücksichtigt,
hat die Vorinstanz in ihrer Vernehmlassung vom 6. Dezember 2018 zutref-
fend vermerkt, es werde nicht bestritten, dass es Einzelfälle gebe, bei de-
nen die sri-lankischen Sicherheitsorgane immer noch gezielt sexuelle Ge-
walt gegenüber oppositionell eingestellten Personen einsetzen würden.
Wie in der Beschwerde beziehungsweise in den entsprechenden Doku-
menten in deren Anhang selbst dargelegt werde, würden die sri-lankischen
Sicherheitsorgane jedoch gegenwärtig nicht flächendeckend sexuelle Ge-
walt gegenüber der tamilischen Bevölkerung anwenden. So hätten sich die
Opfer von institutioneller sexueller Gewalt in Haft befunden, oppositionelle
Tätigkeiten ausgeführt oder sich in einem klar oppositionellen Umfeld be-
wegt, was auf den Beschwerdeführer alles nicht zutreffe. Bezüglich des
Vorwurfs in der Beschwerde, das SEM habe weder die vom Beschwerde-
führer geltend gemachten familiären Verbindungen zu den LTTE in Bezug
D-5777/2018
Seite 15
auf eine individuelle Gefährdungssituation noch die übrigen im Referenz-
urteil des Bundesverwaltungsgerichts E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 de-
finierten Risikofaktoren geprüft, ist Folgendes festzuhalten: Das SEM hat
diesbezüglich in seiner Verfügung zu Recht festgehalten, der Beschwerde-
führer habe zwar geltend gemacht, einer seiner Brüder sei im Jahr 2002
von den LTTE zwangsrekrutiert und 2004 wieder freigelassen worden. Er
habe indessen im Zusammenhang mit der Zwangsrekrutierung seines Bru-
ders weder eine persönliche Verfolgung noch eine Verfolgung seiner Fami-
lie geltend gemacht (vgl. SEM-act. A29/12 S. 8, II/4. Abs. 1). Bei dieser
Sachlage ist aufgrund der Aktenlage tatsächlich nicht ersichtlich, weshalb
er bei einer Rückkehr nach Sri Lanka das Augenmerk der sri-lankischen
Behörden erregen beziehungsweise in asylrelevanter Weise verfolgt wer-
den sollte. Soweit der Beschwerdeführer in der Beschwerde erstmals zu-
sätzlich behauptet, seine ältere Cousine und deren Ehemann hätten für die
LTTE gekämpft und Erstere sei deswegen auch in Rehabilitationshaft ge-
wesen (vgl. a.a.O. S. 20, Ziff. 4.4.4, Abs. 2), teilt das Gericht die Einschät-
zung der Vorinstanz in deren Vernehmlassung vom 6. Dezember 2018,
dass es sich hierbei um nachgeschobene und folglich unglaubhafte Vor-
bringen handle. Daran ändern auch die mit der Eingabe vom 20. Mai 2020
eingereichten Dokumente (vgl. Sachverhalt Bst. P) bezüglich der angebli-
chen Cousine H._ des Beschwerdeführers und ihres Ehemannes
nichts, geht doch aus den Unterlagen nicht schlüssig hervor, dass diese
tatsächlich LTTE-Kämpfer gewesen sind und die Cousine des Beschwer-
deführers nach ihrer Spitaleinweisung am 18. Juni 2009 effektiv einem Re-
habilitationsprogramm zugeführt worden ist. Darüber hinaus hat das SEM
in der angefochtenen Verfügung auch weitere Risikofaktoren (wie illegale
Ausreise, Fehlen gültiger Reisepapiere, Durchlaufen eines Asylverfahrens
im Ausland oder behördliche Suche) thematisiert, gleichzeitig aber festge-
halten, diese führten grundsätzlich zu keinen asylrelevanten Verfolgungs-
massnahmen (vgl. a.a.O. S. 7, II/3. Abs. 3).
Nachdem der rechtserhebliche Sachverhalt von der Vorinstanz insgesamt
richtig und vollständig festgestellt wurde, besteht auch keine Veranlassung,
die Akten zur Vervollständigung des rechtserheblichen Sachverhalts an
diese zurückzuweisen, weshalb der entsprechende Antrag abzuweisen ist.
3.6 Im Übrigen wird in der Beschwerde geltend gemacht, die Vorinstanz
habe das Willkürverbot im Sinne von Art. 9 BV verletzt (vgl. a.a.O. S. 12 f.,
Ziff. 4.2). So habe die Vorinstanz bei der Überprüfung der von ihm geltend
gemachten mehrmaligen Vergewaltigung und Entführung mit sexueller Fol-
ter durch Armeeangehörige angemessenes Fingerspitzengefühl, Empathie
D-5777/2018
Seite 16
und vor allem fachliche Kompetenz vermissen lassen, was sich namentlich
in "der Ausserordentlichkeit der hohlen und konstruierten Argumentation
zur Unglaubhaftigkeit seiner Vorbringen" sowie "der bewusst selektiven
und obendrein inkorrekten Interpretation der Beweislage zu seinem Ge-
sundheitszustand" manifestiert habe. Diesbezüglich ist auf die Ausführun-
gen in E. 3.5 zu verweisen. Eine Verletzung des Willkürverbots liegt nicht
vor. Die Frage, ob sich die soeben genannten Aspekte des Sachverhalts in
Bezug auf eine allfällige asylrechtlich relevante Gefährdung des Beschwer-
deführers auswirken, ist bei der materiellen Beurteilung der Asylvorbringen
zu berücksichtigen.
3.7 Die formellen Rügen erweisen sich als unbegründet, weshalb keine
Veranlassung besteht, die Verfügung aufzuheben und die Sache an das
SEM zur Neubeurteilung zurückzuweisen. Die diesbezüglichen Rechtsbe-
gehren sind somit abzuweisen (Rechtsbegehren Ziffn. 2–6).
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als
ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung des Leibes, des Le-
bens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psy-
chischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
4.3 Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anforderungen an das Glaub-
haftmachen der Vorbringen gemäss Art. 7 AsylG in verschiedenen Ent-
scheiden dargelegt und präzisiert. Darauf kann hier verwiesen werden (vgl.
BVGE 2015/3 E. 6.5.1; Urteil des BVGer D-5779/2013 vom 23. Februar
2015 E. 5.6.1 [als Referenzurteil publiziert] m.w.H.).
D-5777/2018
Seite 17
5.
5.1 Das SEM hält fest, der Beschwerdeführer mache geltend, mehrmals
von Armeeangehörigen in Sri Lanka vergewaltigt worden zu sein. Zur Be-
gründung seines ablehnenden Asylentscheides führt es sodann aus, aus
beiden Befragungen ergebe sich zwar ein Gesamtbild seiner Vorbringen,
das aus chronologischer Sicht stimmig sei. So gebe es hinsichtlich des
groben zeitlichen Ablaufes der Ereignisse ab Ende 2017 bis zu seiner Aus-
reise am 24. April 2018 keinerlei relevante Diskrepanzen. Auch habe er die
drei Übergriffe ausführlich, wenn auch nicht besonders substanziiert, ge-
schildert. Bei seinen Aussagen falle jedoch auf, dass er nicht in der Lage
gewesen sei, die Geschehnisse vor und nach den Übergriffen substanziiert
zu beschreiben. Beispielhaft dazu seien seine Angaben über seinen Peini-
ger. Obwohl er diese Person über Monate mehrere Dutzend Male getroffen
habe, sei seine Beschreibung der Person detailarm und stereotyp ausge-
fallen. Weiter sei er aufgefordert worden, zu schildern, wie er den restlichen
Tag nach den Übergriffen und die Zeit dazwischen erlebt habe. Seine dies-
bezüglichen Angaben hätten sich entweder in Wiederholungen erschöpft
oder lebensfremd beziehungsweise pauschal gewirkt. So habe er bei-
spielsweise in Bezug auf den zweiten Übergriff ausgesagt: "Als ich zu-
hause ankam, wollte meine Grossmutter wissen, was los war. Zuerst wei-
gerte ich mich, ihr das zu erzählen. Dann habe ich meiner Grossmutter
stichhaltige Sachen erzählt" (vgl. SEM-act. A19 S. 12 F78). Diese Aussage
habe er in der zweiten Befragung folgendermassen ergänzt: "Meine Gross-
mutter mütterlicherseits hat dann sofort nachhause telefoniert und das mei-
ner Mutter erzählt" (vgl. SEM-act. A24 S. 13 F101). Im Gegensatz zur Be-
schreibung der Übergriffe würden in den zitierten Passagen Aussagen zu
lebensnahen Reaktionen seiner Verwandten komplett fehlen. Vor dem Hin-
tergrund, dass er zweimal vergewaltigt worden sein solle, sei zwar davon
auszugehen, dass eine solche Gesprächssituation für alle Beteiligten emo-
tional schwierig gewesen sei, zumal er zu seiner Grossmutter ein enges
Verhältnis gepflegt haben solle. Es wäre aber zu erwarten gewesen, dass
seine Grossmutter in irgendeiner Weise emotional reagiert und er ihre ent-
sprechenden Reaktionen während den Befragungen erwähnt hätte.
Seine Aussagen in der freien Rede hätten sich auf die gewalttätigen Über-
griffe konzentriert, während die weiteren Umstände ohne Substanz und
Details geschildert worden seien. So betrachtet wirkten seine Vorbringen
insgesamt konstruiert, leblos und darauf ausgerichtet, eine möglichst dra-
matische Geschichte zu präsentieren. Aus diesen Gründen entstünden
erste Zweifel an der Glaubhaftigkeit seiner Gesamtvorbringen.
D-5777/2018
Seite 18
Im Weiteren erscheine es nicht nachvollziehbar, weshalb er zu seiner
Grossmutter nach E._ gezogen sei, die auf Unterstützung angewie-
sen gewesen sei, zumal diese in das Elternhaus des Beschwerdeführers
zu dessen Vater hätte ziehen können, wo sie gemäss den tendenziell kul-
turell bedingten engeren Familienbanden intensiv hätte umsorgt werden
können. Seine Erklärung, er habe seine Grossmutter umsorgen müssen,
sei auch deshalb nicht plausibel, da bereits eine Cousine bei seiner Gross-
mutter gewohnt habe, welche diese Aufgabe hätte übernehmen können.
Aus diesem Grund sei schwer verständlich, dass er nach der ersten Ver-
gewaltigung bei seiner Grossmutter verblieben sei und er weiterhin, anstatt
seiner Cousine, die Einkäufe in E._ übernommen habe. Das gelte
insbesondere, weil er ausgesagt habe, sich nach dem ersten Vorfall dort
auf der Strasse vor uniformierten Polizisten gefürchtet zu haben. Er habe,
auf besagte Ungereimtheit angesprochen, keine schlüssigen Antworten
geben können. Er habe somit nicht nachvollziehbar darzulegen vermocht,
weshalb er zu seiner Grossmutter nach E._ gezogen sei, womit die
Basis für die von ihm geschilderten Ereignisse fehle, was weitere Zweifel
an deren Glaubhaftigkeit wecke.
Ferner sei nicht nachvollziehbar, wie ein einzelner Soldat ihn als jungen
und kräftigen Mann am helllichten Tag in einem belebten Hafengebiet ohne
Waffengewalt einfach in ein Geschäft habe zerren und dort gewaltsam
missbrauchen können. Er habe nicht nachvollziehbar darzulegen ver-
mocht, wie solches passiert sei, weshalb er sich nicht gewehrt habe oder
geflüchtet sei. Unverständlich bleibe ebenfalls, wie es seinem Peiniger ge-
lungen sein sollte, den Missbrauch zu filmen, ohne dass er dies gemerkt
hätte. Es sei vielmehr anzunehmen, dass sein Peiniger bei diesem spon-
tanen Übergriff damit beschäftigt gewesen wäre, ihn in Schach zu halten,
womit sich die Frage stelle, wie er dabei eine Filmkamera oder ein Smart-
phone hätte betätigen können. Auch seine Aussagen zu den weiteren
Übergriffen sei nicht nachvollziehbar. Generell sei davon auszugehen,
dass eine organisierte Gruppe von Soldaten abends oder nachts an einem
wenig frequentierten Ort jeder problemlos und risikoarm einen beliebigen
jungen Mann oder eine junge Frau hätte überwältigen und sexuell miss-
brauchen können. Seine Aussagen würden demgegenüber implizieren,
dass eine grössere Gruppe von Militärangehörigen ihn während mehreren
Monaten überwacht und ihm dabei gezielt aufgelauert hätte. Es sei nicht
klar, weshalb die Soldaten einen solchen Aufwand mit entsprechendem Ei-
genrisiko hätten betreiben sollen, um ihn zu vergewaltigen, wenn sie mit
wesentlich weniger Aufwand andere Personen hätten missbrauchen kön-
nen. Sein Argument, dass die Soldaten Geld von ihm verlangt hätten, greife
D-5777/2018
Seite 19
in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht. So sei nicht klar, weshalb er
wiederholt hätte vergewaltigt werden sollen, um von ihm Geld zu erpres-
sen, zumal er selbst seinen Peinigern Geld angeboten habe.
Schliesslich müsse im Zusammenhang mit den geltend gemachten Verge-
waltigungen sein Gesundheitszustand thematisiert werden. So habe er gel-
tend gemacht, aufgrund der Vergewaltigungen Verletzungen am After erlit-
ten zu haben, weshalb er bis heute immer wieder Blutungen habe. Es er-
scheine indessen schwer verständlich, dass er nach solchen Verletzungen
bis zu seiner Ankunft in der Schweiz keinen Arzt konsultiert haben sollte.
Trotz allfälliger Schamgefühle wäre zu erwarten gewesen, dass er zum
Beispiel in Colombo einen Arzt aufgesucht hätte, um allfällig lebensbedroh-
liche Verletzungen auszuschliessen. Gemäss den Arztberichten aus der
Schweiz leide er lediglich an Hämorrhoiden, die Analfissuren und Blutun-
gen auslösen könnten (vgl. SEM-act. A17 und A21). Entgegen seinen Vor-
bringen bestehe somit kein Zusammenhang zwischen den Blutungen und
seinen Asylvorbringen.
Angesichts all dieser – im Übrigen nicht abschliessend aufgelisteten – Un-
klarheiten und Ungereimtheiten in seinen Aussagen sei es ihm nicht gelun-
gen, die geltend gemachte Verfolgung durch die sri-lankischen Behörden
glaubhaft zu machen.
5.2 In der Beschwerde wird hiergegen eingewendet, die Annahme der
Vorinstanz, wonach nicht plausibel sei, dass er überhaupt zu seiner Gross-
mutter nach E._ gezogen sei, gründe auf der fragwürdigen Prä-
misse, es sei nicht ersichtlich, weshalb diese nicht zum Vater des Be-
schwerdeführers gezogen sei, wo sie aufgrund der kulturell bedingten en-
gen Familienbande intensiv hätte umsorgt werden können. Das bereits
eine Cousine bei ihr gewohnt habe, ändere daran nichts, da eine junge
Frau, welche ausserhalb ihres Elternhauses lebe, zwingend mit einem
männlichen engen Familienmitglied im gleichen Haushalt leben müsse, da
sonst ihre künftigen Chancen auf eine gute Heirat wegen der hypotheti-
schen Gefahr einer Entehrung massiv geschmälert würden. Bereits aus
diesen Überlegungen die Glaubhaftigkeit der drei Vergewaltigungen in
Zweifel zu ziehen, mute billig und konstruiert an. Spekulativ sei auch die
Annahme der Vorinstanz, gegen die Glaubhaftigkeit der Vergewaltigungen
spreche der Umstand, dass der Beschwerdeführer anlässlich seiner Befra-
gungen keinerlei Schilderungen hinsichtlich der emotionalen Reaktionen
seiner Familienangehörigen zu Protokoll gegeben habe, nachdem diese
D-5777/2018
Seite 20
von den Vergewaltigungen erfahren habe. Denn es gebe keinen zwingen-
den Grund zur Annahme, dass er die emotionalen Reaktionen seiner
Grossmutter hätte ausführlich beschreiben sollen. Weiter treffe die Be-
hauptung der Vorinstanz nicht zu, dass er bloss eine stereotype Beschrei-
bung seines Peinigers ("Er war ein hochgewachsener Mann. Seine Haut-
farbe war schwarz und er war rundlich. Er hatte keine Haare auf seinem
Kopf. Er hatte eine Glatze. Ja, er war grösser als ich" [vgl. SEM-act. A24/22
S. 7 F59 f.]) habe abgeben können. Verfehlt sei letztlich auch die Argumen-
tation in der angefochtenen Verfügung, es sei nicht plausibel, dass der Be-
schwerdeführer sich als junger und kräftiger Mann von einem einzelnen
Soldaten ohne Waffengewalt hätte übermannen und vergewaltigen lassen
können. Darüber hinaus habe er nie ausgesagt, während der ersten Ver-
gewaltigung gefilmt worden zu sein, sondern lediglich, dass sein Peiniger
ihm gesagt habe, im Besitz einer entsprechenden Filmaufnahme zu sein,
was auch lediglich eine leere Drohung ohne entsprechende Filmaufnah-
men oder eine allenfalls im Geschäft installierte Videokamera hätte sein
können. Schliesslich sei darauf hinzuweisen, dass das SEM in der ange-
fochtenen Verfügung vorgängig der Thematisierung der angeblichen Un-
glaubhaftigkeitselemente mit Nachdruck festgehalten habe, dass er hin-
sichtlich des groben Ablaufs zeitlichen Ablaufs der Ereignisse ab Ende des
Jahres 2017 bis zu seiner Ausreise am 24. April 2018 kohärente Aussagen
gemacht und die drei Übergriffe ausführlich geschildert habe, was letztlich
gleich zwei für die Glaubhaftigkeit der drei Vergewaltigungen sprechende
Aspekte darstelle (vgl. Beschwerde S. 37 ff., Ziff. 8).
6.
6.1 Einleitend ist festzuhalten, dass die Gesamtdarstellung der Ereignisse
ab Ende des Jahres 2017 bis zur Ausreise des Beschwerdeführers chro-
nologisch konzis und die Schilderungen der drei Vergewaltigungen aus-
führlich ausgefallen sind, was grundsätzlich für die Glaubhaftigkeit der ent-
sprechenden Vorbringen spricht. Nicht überzeugend erweist sich überdies
die vorinstanzliche Argumentation, es sei nicht plausibel, weshalb der Be-
schwerdeführer überhaupt zu seiner Grossmutter nach E._ hätte
ziehen und diese bei Einkäufen hätte unterstützen sollen, da diese sich in
kulturellem Kontext viel eher in den Kreis ihrer Familie nach C._
begeben hätte, um sich dort umsorgen zu lassen. Es bleibt in diesem Zu-
sammenhang zumindest denkbar, dass die Grossmutter, welche nach An-
gaben des Beschwerdeführers lediglich in ihrer Gehfähigkeit eingeschränkt
und insoweit auf Hilfe beim Einkaufen angewiesen war, deswegen keines-
wegs beabsichtigt hat, ihr Haus und ihre Selbständigkeit in E._ auf-
zugeben, zumal sich der Beschwerdeführer und seine Cousine anerboten
D-5777/2018
Seite 21
haben, ihr unterstützend zur Seite zu stehen (vgl. SEM-act. A24/22 S. 6 f.
F51 und F54).
6.2 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Sichtung der Akten zum
Schluss, dass sich die Ausführungen des Beschwerdeführers im Zusam-
menhang mit seiner ersten Vergewaltigung durchaus als realistisch erwei-
sen. So hielt er zunächst fest, er habe, nachdem er zu seiner Grossmutter
nach E._ gezogen sei, im Oktober/November 2017 einen Soldaten
kennengelernt, der am Hafen von E._ für die sri-lankische Armee
einen Laden betrieben habe, wo er regelmässig Einkäufe für seine Gross-
mutter getätigt habe. Dabei habe er den Soldaten etwa drei Mal die Woche
im Verkaufsgeschäft angetroffen, wobei sie sich regelmässig freundlich
miteinander unterhalten hätten. Anfang Februar 2018 habe er sich erneut
zu diesem Geschäft begeben, das allerdings geschlossen gewesen sei.
Der zufällig vor Ort befindliche Soldat habe sich spontan bereit erklärt, für
ihn den Laden zu öffnen, um sich eine Cola nehmen zu können, auf die er
spontan Lust geäussert habe. Zusätzlich habe ihm der Soldat offeriert,
dass er heute alle Nahrungsmittel, die er weiter benötige, gratis mitnehmen
dürfe. Angesichts dieser Ausgangslage erscheint es nicht abwegig, dass
es dem Beschwerdeführer – vom Soldaten plötzlich unvermittelt an der
Hand gepackt und ins Geschäft gezerrt – an der Reaktionsfähigkeit zur
entschiedenen Gegenwehr ermangelte, was es dem Soldaten in der Folge
ermöglichte, sich im Geschäft sexuell an ihm zu vergehen, zumal der Sol-
dat ihm aufgrund seiner Grösse und Statur möglicherweise auch kräfte-
mässig überlegen war (vgl. SEM-act. A19/17 S. 9 F77 und SEM-act.
A24/22 S. 4 ff. F32 bis F50 und S. 8 F66 f.).
6.3 Demgegenüber bestehen aus Sicht des Gerichts gewisse Zweifel an
der Glaubhaftigkeit der beiden späteren Vergewaltigungen des Beschwer-
deführers. Zunächst erscheint es fraglich, dass sich der Beschwerdeführer
ungefähr einen Monat später auf die Drohung desselben Soldaten hin,
kompromittierendes Bildmaterial der früheren Vergewaltigung zu veröffent-
lichen, bereit erklärt hätte, in dessen Fahrzeug einzusteigen, musste er
doch angesichts seiner früheren leidvollen Gewalterfahrung eine weitere
Vergewaltigung befürchten. Überdies hätte ihm bewusst sein müssen,
dass es sich bei der angekündigten Veröffentlichung von Bild- beziehungs-
weise Filmmaterial der ersten Vergewaltigung um eine leere Drohung han-
delte, hätte sich der Soldat doch durch die Veröffentlichung entsprechen-
den Bildmaterials a priori selbst schwer belastet. Hinzu tritt der Umstand,
dass sich die Schilderungen des Beschwerdeführers hinsichtlich der Reak-
tionen seiner Familienangehörigen, nachdem er diese nach der zweiten
D-5777/2018
Seite 22
Vergewaltigung über das ihm Widerfahrene informiert habe, in einer Anei-
nanderreihung äusserlicher Handlungsabläufe erschöpfen ("[...]. Ich habe
nicht alles voll und ausführlich meiner Grossmutter ms geschildert. So wie
ich es hier schildere, habe ich es ihr nicht geschildert, einfach ganz normal.
Meine Grossmutter ms hat dann sofort nachhause telefoniert und das mei-
ner Mutter erzählt. Dann hat mein älterer Bruder mich angerufen. Und dann
habe ich meinem älteren Bruder davon erzählt. Dann ist mein älterer Bru-
der am nächsten Tag zu mir gekommen und hat mich mitgenommen" [vgl.
SEM-act. A24/22 S. 12 F101]), ohne auch nur ansatzweise Anzeichen
emotionaler Betroffenheit seiner Familienangehörigen durchschimmern zu
lassen, was angesichts der Schwere und Tragik des von ihm Erlebten doch
zumindest erstaunt. Schliesslich fällt auf, dass der Beschwerdeführer an-
lässlich der Erstbefragung vom 27. August 2018 (vgl. SEM-act. A19/17)
ohne Weiteres in der Lage war, den Zeitraum aller drei Vergewaltigungen
von Anfang an konzis wiederzugeben (erste Vergewaltigung: Anfang Feb-
ruar 2018 [vgl. a.a.O. F81 f.]; zweite Vergewaltigung: 20 bis 25 Tage nach
dem ersten Vorfall [vgl. a.a.O. F83]; dritte Vergewaltigung: 25. März 2018
[vgl. a.a.O. F84 f.]). Im Gegensatz dazu war der Beschwerdeführer bei der
Anhörung vom 11. September 2018 (vgl. SEM-act. A24/22) zunächst nicht
in der Lage, nähere Angaben hinsichtlich des Zeitraums der zweiten Ver-
gewaltigung zu machen und beschränkte sich stattdessen darauf, diesen
mit der Zeitspanne zwischen Anfang Februar 2018 bis Ende März 2018 zu
umschreiben (vgl. a.a.O. S. 9 F69 bis F71), bevor er dann plötzlich doch
wieder vergleichsweise präzise Angaben zum Zeitpunkt der zweiten Ver-
gewaltigung machen (20, 25 Tage nach der ersten Vergewaltigung bezie-
hungsweise 25 oder 26 Tage vor der dritten Vergewaltigung [vgl. a.a.O.
S. 9 F74 f.]) konnte. Diese unmittelbare Reaktion des Beschwerdeführers
erweckt zumindest den Anschein, dass es sich bei der zeitlichen Situierung
der drei Vergewaltigungen doch nur um auswendig gelernte Daten handeln
könnte.
6.4 Letztlich kann aber die Frage der Glaubhaftigkeit der Anzahl der vom
Beschwerdeführer erlittenen Vergewaltigungen offengelassen werden, da
ihnen kein asylbeachtliches Verfolgungsmotiv zugrunde liegt. So hat der
Beschwerdeführer im Zusammenhang mit seinem im Jahr 2002 von Ange-
hörigen der LTTE zwangsrekrutierten und zwei Jahre später nach Beglei-
chung einer Lösegeldforderung durch die Familie wieder auf freien Fuss
gesetzten älteren Bruder G._ ausdrücklich verneint, jemals behörd-
lich behelligt worden zu sein (vgl. SEM-act. A19/17 S. 16 F102 bis F104
i.V.m. SEM-act. A24/22 S. 2 f. F7 bis F22). Ferner hat er im Rahmen des
vorinstanzlichen Verfahrens ausdrücklich darauf hingewiesen, dass weder
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Seite 23
er persönlich noch weitere Familienmitglieder politisch aktiv gewesen seien
(vgl. SEM-act. A19/17 S. 15 f. F90 f. und F105). Das SEM hat in seiner
Vernehmlassung vom 6. Dezember 2018 zwar darauf hingewiesen, dass
es in Sri Lanka durchaus Opfer von institutioneller sexueller Gewalt in Haft
gebe, die sich oppositionell betätigt oder in einem klar oppositionellen Um-
feld betätigt hätten, im Weiteren aber gleichzeitig zutreffend betont, dass
all diese Merkmale auf den Beschwerdeführer nicht zutreffen würden. In
Einklang mit der Sichtweise des SEM in seiner Vernehmlassung geht auch
das Bundesverwaltungsgericht davon aus, dass seitens Angehöriger der
sri-lankischen Sicherheitsbehörden zwar individuelle sexuelle Übergriffe
begangen, solche aber vom sri-lankischen Staat grundsätzlich nicht akzep-
tiert beziehungsweise strafrechtlich geahndet werden. Im vorliegenden Fall
muss demnach davon ausgegangen werden, dass sich die an der Verge-
waltigung des Beschwerdeführers beteiligten Soldaten gemeinrechtlicher
Delikte schuldig gemacht haben und in diesem Kontext bei entsprechender
Anzeige auch einer strafrechtlichen Beurteilung zugeführt worden wären.
Da der Beschwerdeführer und dessen Familienangehörige indessen nach
eigenem Bekunden keine diesbezügliche Anzeige bei der Polizei einge-
reicht haben (vgl. SEM-act. A19/17 S. 13), können sie sich auch nicht da-
rauf berufen, der sri-lankische Staat sei im vorliegenden Fall untätig geblie-
ben. Zusammenfassend ist somit aufgrund der Aktenlage festzuhalten,
dass sich die an der Vergewaltigung des Beschwerdeführers beteiligten
Soldaten primär zur Befriedigung ihrer sexuellen Triebe und zwecks Er-
pressung von Geld und damit aus kriminellen Motiven am Beschwerdefüh-
rer vergangen haben. Damit knüpft die vorgebrachte Verfolgung nicht in
kausaler Weise an eines der fünf in Art. 3 Abs. 1 AsylG abschliessend auf-
gezählten Motive (Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer be-
stimmten sozialen Gruppe oder politische Anschauungen) an und ist somit
flüchtlingsrechtlich nicht relevant. Bei dieser Sachlage entfällt auch eine
nähere Prüfung sogenannter zwingender Gründe, setzt diese doch, wie
bereits in E. 3.5 vorstehend erwähnt, voraus, dass die betroffene Person
die Flüchtlingseigenschaft im Zeitpunkt der Ausreise aus der Heimat erfüllt.
6.5 Zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer trotz fehlender flüchtlings-
rechtlicher Vorverfolgung bei einer Rückkehr in sein Heimatland ernsthafte
Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden. In der Beschwerde
wird diesbezüglich ausgeführt, der Beschwerdeführer sei ein junger tamili-
scher Mann, der mehrere Familienangehörige habe, die – wie seine Cou-
sine und sein älterer Bruder G._ – LTTE-Verbindungen aufweisen
würden, weshalb er den Hochrisikofaktor vermeintlicher Verbindungen zur
LTTE erfülle. Dieser Risikofaktor sei als stark einzustufen und könne für
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sich allein genommen zu einer asylrelevanten Verfolgung in Sri Lanka füh-
ren (vgl. Beschwerde S. 48 f., Ziff. 9.1.2). Weiter wird in seiner Eingabe
vom 6. Mai 2020 darauf hingewiesen, dass er als ehemaliges Opfer mas-
sivster sexueller Übergriffe seitens der sri-lankischen Sicherheitskräfte
auch Zeuge von Menschenrechtsverletzungen seitens der sri-lankischen
Behörden geworden sei, was ihn der besonderen Gefahr von Folter, Fest-
nahme und/oder Tötung aussetze (vgl. a.a.O. S. 3 Abs. 3 und 4). Ferner
wurden mit Begleitschreiben vom 20. Mai 2020 Kopien der Geburtsur-
kunde seiner Cousine H._, eines ärztlichen Berichts (Diagnosis Ti-
cket) vom 19. Juni 2009 betreffend die Behandlung ihrer Verletzungen
durch Bomben und Schüsse seitens der sri-lankischen Armee Ende des
sri-lankischen Bürgerkriegs, eines Fotos ihres Ehemannes I._, wo-
rauf dieser als LTTE-Held in Uniform abgebildet sei, zweier Todesurkun-
den, aus welchen sich ergebe, dass letzterer am 26. Dezember 2008 ge-
meinsam mit seiner Tochter J._ infolge einer Bombardierung ums
Leben gekommen sei, sowie zwei Fotos eingereicht, die ihn (den Be-
schwerdeführer) in schwarzem T-Shirt zusammen mit Freunden anlässlich
des Heldentages der LTTE vom 27. November 2018 in K._ zeigen.
6.5.1 Das Bundesverwaltungsgericht hält im Referenzurteil E-1866/2015
vom 15. Juli 2016 fest, bestimmte Risikofaktoren (Eintrag in die „Stop-List“,
Verbindung zu den LTTE und exilpolitische Aktivitäten) seien als stark risi-
kobegründend zu qualifizieren, da sie unter den im Entscheid dargelegten
Umständen bereits für sich alleine genommen zur Bejahung einer begrün-
deten Furcht führen könnten. Demgegenüber würden das Fehlen ordentli-
cher Identitätsdokumente, eine zwangsweise respektive durch die IOM be-
gleitete Rückführung sowie gut sichtbare Narben schwach risikobegrün-
dende Faktoren darstellen. Dies bedeute, dass diese in der Regel für sich
alleine genommen keine relevante Furcht vor ernsthaften Nachteilen zu
begründen vermöchten. Jegliche glaubhaft gemachten Risikofaktoren
seien in einer Gesamtschau und in ihrer Wechselwirkung sowie unter Be-
rücksichtigung der konkreten Umstände in einer Einzelfallprüfung zu be-
rücksichtigen, mit dem Ziel, zu erwägen, ob mit beachtlicher Wahrschein-
lichkeit eine flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgung bejaht werden müsse
(vgl. vorgenanntes Referenzurteil E. 8.5.5). Dass sich darüber hinaus auf-
grund der vom Rechtsvertreter in der Beschwerde sowie in den Eingaben
vom 14. November 2018, 6. Mai 2020 und 23. Juli 2020 (vgl. Sachverhalt
Bst. G, J, O und Q) erwähnten und dokumentierten Ereignisse, welche seit
der Ausreise des Beschwerdeführers eingetreten sind, in Sri Lanka das Ri-
siko für tamilische Rückkehrer, im Falle der Rückkehr Menschenrechtsver-
letzungen zu erleiden, generell verschärft hätte, lässt sich entgegen den in
D-5777/2018
Seite 25
den Eingaben prognostizierten Gefährdungsszenarien nicht feststellen.
Die darin dokumentierte Entwicklung verdeutlicht vielmehr, dass die im Re-
ferenzurteil E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 erwähnten Risikofaktoren, die
zu einer asylrechtlich relevanten Gefährdung von nach Sri Lanka zurück-
kehrenden tamilischen Personen führen können, nach wie vor aktuell und
dementsprechend weiterhin zu prüfen sind.
6.5.2 Soweit auf Beschwerdeebene behauptet wird, der Beschwerdeführer
sei bei einer Rückkehr aufgrund seiner familiären LTTE-Verbindungen ge-
fährdet, ist festzuhalten, dass er im Rahmen seiner Anhörung einzig gel-
tend machte, in seiner Familie sei sein älterer Bruder G._ zwischen
2002 und 2004 bei den LTTE gewesen und schliesslich gegen Bezahlung
eines Lösegeldes von der Organisation freigelassen worden. Darüber hin-
aus verneinte er, dass seine Familie irgendeinen Bezug zu den LTTE ge-
habt habe. Gleichzeitig verneinte er ausdrücklich, im Zusammenhang mit
der Vergangenheit des vorerwähnten Bruders bis zur Ausreise aus Sri
Lanka behördliche Probleme gehabt zu haben. Bereits vor diesem Hinter-
grund kommen Zweifel daran auf, dass die angeblichen früheren Aktivitä-
ten einer Cousine und deren Ende Dezember 2008 verstorbenem Ehe-
mann nunmehr unter dem Risikoprofil "familiäre Verbindungen zu den
LTTE" plötzlich das Interesse der sri-lankischen Behörden an seiner Per-
son im Falle einer Rückkehr in seine Heimat wecken könnte. Weiter wurde
er in seinem bisherigen Leben keiner Straftat angeklagt oder verurteilt und
verfügt somit auch nicht über einen Strafregistereintrag. Des Weiteren ist
auch nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer auf einer „Stop-
List“ eingetragen wäre, da er mit seinem eigenen Reisepass aus Sri Lanka
ausreisen konnte (vgl. SEM-act. A19/17 S. 7 f., F65 f. i.V.m. F72 bis F76).
Hinsichtlich der Behauptung, zufolge der vormaligen Vergewaltigungen als
Zeuge von Menschenrechtsverletzungen gefährdet zu sein, bleibt anzu-
merken, dass die entsprechenden Vorfälle nie angezeigt worden sind, wes-
halb nicht davon ausgegangen werden kann, dem Beschwerdeführer droh-
ten in diesem Zusammenhang im Falle der Rückkehr weitere Nachteile.
Alleine aus der tamilischen Ethnie, der mehrjährigen Landesabwesenheit
und der Beschaffung von Ersatzreisepapieren (vgl. BVGE 2017 VI/6
E. 4.3.3) kann er keine Gefährdung ableiten. Unter Würdigung aller Um-
stände ist somit anzunehmen, dass der Beschwerdeführer von der sri-lan-
kischen Regierung nicht zu jener Gruppe gezählt wird, die bestrebt ist, den
tamilischen Separatismus wiederaufleben zu lassen, und so eine Gefahr
für den sri-lankischen Einheitsstaat darstellt. Es ist nicht davon auszuge-
hen, dass ihm persönlich im Falle einer Rückkehr nach Sri Lanka ernst-
hafte Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG drohen würden. Solches ergibt
D-5777/2018
Seite 26
sich auch nicht aus den im vorliegenden Beschwerdeverfahren eingereich-
ten Dokumenten, Berichten und Länderinformationen.
6.6
6.6.1 Subjektive Nachfluchtgründe liegen vor, wenn eine asylsuchende Per-
son erst durch ihre Ausreise aus dem Heimat- oder Herkunftsstaat oder
wegen ihres Verhaltens nach der Ausreise eine Verfolgung im Sinne von
Art. 3 AsylG zu befürchten hat. Personen mit subjektiven Nachfluchtgrün-
den erhalten gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl, werden jedoch als Flüchtlinge
vorläufig aufgenommen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1 und 2009/29 E. 5.1).
6.6.2 Exilpolitische Tätigkeiten des Beschwerdeführers in der Schweiz
werden erstmals in der Eingabe vom 20. Mai 2020 (vgl. Beilagen 116 und
117) geltend gemacht. So habe er am 27. November 2018 am Heldentag
der LTTE in K._ teilgenommen (vgl. a.a.O. S. 3 Abs. 2). Über die
näheren Umstände der Teilnahme wie auch seine konkreten Tätigkeiten
anlässlich der Veranstaltung äusserte er sich nicht. Die beiden Fotos zei-
gen ihn abseits der Veranstaltung einmal allein und einmal in einer Gruppe
posierend und ein Bild des früheren LTTE-Führers Prabhakaran in Händen
haltend. Bei dieser Sachlage ist von einem niedrigschwelligen exilpoliti-
schen Engagement des Beschwerdeführers auszugehen, welches nicht
geeignet ist, auf ihm drohende ernsthafte Nachteile im Sinne von Art. 3
AsylG im Falle der Rückkehr nach Sri Lanka zu schliessen.
6.7 Die im Beschwerdeverfahren eingereichten Beweismittel, vermögen an
der fehlenden Asylrelevanz der Hauptvorbringen des Beschwerdeführers
nichts zu ändern. Dabei handelt es sich grossmehrheitlich um Dokumente,
welche die allgemeine Lage und die politische Situation in Sri Lanka be-
schreiben. Der Beschwerdeführer kann daraus keine individuelle Verfol-
gung ableiten. Das vorgebrachte Urteil des High Court Vavuniya (Verurtei-
lung eines rehabilitierten LTTE-Mitglieds zu lebenslanger Haft wegen
Zwangsrekrutierung einer jungen Frau für die LTTE) ist nicht ansatzweise
mit der Situation des Beschwerdeführers vergleichbar und weist keinen Be-
zug zu ihm auf.
6.8 Zusammenfassend ist demnach festzuhalten, dass die Vorinstanz die
Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers im Ergebnis zu Recht ver-
neint und sein Asylgesuch folgerichtig abgelehnt hat.
D-5777/2018
Seite 27
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt weder über eine ausländerrechtliche
Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol-
chen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44
AsylG; vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Nach Art. 83 Abs. 3 AIG ist der Vollzug nicht zulässig, wenn völker-
rechtliche Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin
oder des Ausländers in den Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat ent-
gegenstehen.
8.2.1 Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllt, ist
– wie von der Vorinstanz zutreffend festgehalten – das flüchtlingsrechtliche
Rückschiebungsverbot von Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli
1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 5
AsylG nicht anwendbar. Die Zulässigkeit des Vollzugs beurteilt sich viel-
mehr nach den allgemeinen verfassungs- und völkerrechtlichen Bestim-
mungen (Art. 25 Abs. 3 BV; Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezem-
ber 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder ernied-
rigende Behandlung oder Strafe [FoK, SR 0.105]; Art. 3 EMRK).
8.2.2 Sodann ergeben sich – übereinstimmend mit der Vorinstanz und ent-
gegen der auf Beschwerdeebene vertretenen Ansicht – weder aus den
Aussagen des Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte da-
für, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit
D-5777/2018
Seite 28
beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK
verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss der Praxis
des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) sowie jener
des UN-Anti-Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine kon-
krete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im
Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen
würde (vgl. Urteil des EGMR Saadi gegen Italien vom 28. Februar 2008,
Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–127, m.w.H.).
Der EGMR hat sich wiederholt mit der Gefährdungssituation von Tamilen
auseinandergesetzt, die aus einem europäischen Land nach Sri Lanka zu-
rückkehren müssen (vgl. EGMR, R.J. gegen Frankreich, Urteil vom
19. September 2013, Beschwerde Nr. 10466/11; T.N. gegen Dänemark,
Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 20594/08; P.K. gegen Däne-
mark, Urteil vom 20. Januar 2011, Beschwerde Nr. 54705/08; N.A. gegen
Grossbritannien, Urteil vom 17. Juli 2008, Beschwerde Nr. 25904/07). Da-
bei unterstreicht der Gerichtshof, dass nicht in genereller Weise davon aus-
zugehen sei, zurückkehrenden Tamilen drohe eine unmenschliche Be-
handlung. Vielmehr müssten im Rahmen der Beurteilung, ob Betroffene
ernsthafte Gründe für die Befürchtung hätten, die Behörden hätten an ihrer
Festnahme und weitergehenden Befragung ein Interesse, verschiedene
Aspekte beziehungsweise persönliche Risikofaktoren in Betracht gezogen
werden (vgl. EGMR, T.N. gegen Dänemark, a.a.O, § 94).
Soweit davon auszugehen ist, dass der Beschwerdeführer in der Vergan-
genheit Opfer mehrerer Vergewaltigungen durch sri-lankische Armeeange-
hörige geworden ist, muss angenommen werden, dass sich entsprechende
Übergriffe auf ihn kaum mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit wiederholen
dürften, zumal diese im Ergebnis auf das Verhalten eines einzelnen Solda-
ten im Raume des (...) von E._ zurückgeführt werden müssen.
Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Sri Lanka lässt den Weg-
weisungsvollzug nicht als unzulässig erscheinen (vgl. dazu BVGE 2011/24
E. 10.4 und das weiterhin einschlägige Referenzurteil E-1866/2015 vom
15. Juli 2016 E. 12.2). Dies gilt auch unter Berücksichtigung der (sicher-
heits-)politischen Ereignisse in den vergangenen Jahren (vgl. statt vieler
Urteil des BVGer D-1211/2021 vom 30. August 2021 E. 9.2.2).
8.2.3
8.2.3.1 Was die gesundheitliche Situation des Beschwerdeführers betrifft,
ergibt sich aus dem ärztlichen Bericht von Dr. med. N._ vom
D-5777/2018
Seite 29
15. Oktober 2020 (vgl. auch Sachverhalt Bst. S), dass bei ihm eine post-
traumatische Belastungsstörung durch Gewalterfahrung (ICD-10: F43.1)
und eine rezidivierende schwere depressive Episode (ICD-10: F33.3) diag-
nostiziert worden sind. Gemäss der Fachärztin leide er an Ein- und Durch-
schlafstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Belastbar-
keitsminderung und Erschöpfung. Weiter habe er Albträume, verspüre
grosse Ängste und auch Panikattacken würden immer wieder auftreten.
Auch Symptome in Form von aufdrängenden Erinnerungen wie etwa Bilder
oder Stimmen (Flashbacks) würden auftreten. Hinsichtlich des Status wird
im ärztlichen Bericht festgehalten, dass er in einem reduzierten Allgemein-
zustand, körperlich schwach und nicht belastbar sei und häufig an Infekti-
onen aufgrund eines sehr schwachen Immunsystems leide. Auf die Fach-
ärztin wirke er schwer depressiv, schwach, ängstlich und unsicher.
Der Beschwerdeführer sei schwer krank und auch dringend behandlungs-
bedürftig. Bei einem Abbruch der derzeit seit dem 2. Juni 2020 durchge-
führten (und momentan wöchentlich stattfindenden) psychiatrisch-psycho-
therapeutischen Behandlung beziehungsweise der Unterlassung der be-
reits begonnenen Behandlung sei mit einer akuten Verschlechterung der
Symptomatik und der Selbstgefährdung zu rechnen. Es sei nicht vorstell-
bar, dass er in Sri Lanka eine solche Art von Behandlung bekommen
könne. Er würde sich mit hoher Wahrscheinlichkeit vorher suizidieren. Auch
seine Reisefähigkeit sei aus Sicht der behandelnden Ärztin nicht gegeben.
8.2.3.2 Eine zwangsweise Rückweisung von Personen mit gesundheitli-
chen Problemen stellt nur ganz ausnahmsweise einen Verstoss gegen
Art. 3 EMRK dar. Die aktenkundigen gesundheitlichen Probleme des Be-
schwerdeführers stellen sich nicht als so schwerwiegend dar, dass eine
Gefahr der Verletzung von Art. 3 EMRK besteht (zu den Anforderungen vgl.
BVGE 2011/9 E. 7 mit Hinweisen auf die damalige Praxis des Europäi-
schen Gerichtshofs für Menschenrechte [EGMR] sowie zur neueren Praxis
des EGMR das Urteil Paposhvili gegen Belgien vom 13. Dezember 2016,
Grosse Kammer 41738/10, §§ 180–193 m.H.).
8.2.4 Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im
Sinne der landes- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.3 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
D-5777/2018
Seite 30
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.3.1 Der bewaffnete Konflikt zwischen der sri-lankischen Regierung und
den LTTE ist im Mai 2009 zu Ende gegangen. Aktuell herrscht in Sri Lanka
weder Krieg noch eine Situation allgemeiner Gewalt; dies gilt auch unter
Berücksichtigung der (sicherheits-)politischen Ereignisse in den vergange-
nen Jahren (vgl. statt vieler Urteil des BVGer D-1211/2021 vom 30. August
2021 E. 9.3.1). Gemäss nach wie vor gültiger Rechtsprechung ist der Weg-
weisungsvollzug in die Ost- und Nordprovinz weiterhin zumutbar, wenn das
Vorliegen der individuellen Zumutbarkeitskriterien (insbesondere Existenz
eines tragfähigen familiären oder sozialen Beziehungsnetzes sowie Aus-
sichten auf eine gesicherte Einkommens- und Wohnsituation) bejaht wer-
den kann (vgl. Referenzurteile E-1866/2015 vom 15. Juli 2016 E. 13.2 und
D-3619/2016 vom 16. Oktober 2017 E. 9.5).
8.3.2 Der Beschwerdeführer lebte zuletzt in B._, C._ (Dis-
trikt Jaffna, Nordprovinz [vgl. SEM-act. A11/7 Ziff. 2.02]). Der Vollzug in die-
ses Gebiet ist im Lichte der Rechtsprechung grundsätzlich zumutbar. Im
vorliegenden Fall sprechen sodann keine individuellen Gründe gegen ei-
nen Wegweisungsvollzug. Der Beschwerdeführer stammt aus einer vermö-
genden (...)familie aus der (...) und hat bis kurz vor seiner Ausreise aus Sri
Lanka gemeinsam mit weiteren Angehörigen den (...) (vgl. SEM-act.
A19/17 S. 3 f. F18 bis F22 i.V.m F28 bis F30). Vor diesem Hintergrund ist
nicht davon auszugehen, dass er existenzielle Schwierigkeiten haben wird.
Mit seiner Mutter und seinen Geschwistern verfügt er in C._ zudem
über ein tragfähiges familiäres Beziehungsnetz und eine gesicherte Wohn-
situation (vgl. SEM-act. A19/17 S. 3 f. F16 i.V.m. F23 f.).
8.3.3
8.3.3.1 Hinsichtlich der posttraumatischen Belastungsstörung des Be-
schwerdeführers ist einleitend darauf hinzuweisen, dass Gründe aus-
schliesslich medizinischer Natur den Wegweisungsvollzug im Allgemeinen
nicht als unzumutbar erscheinen lassen, es sei denn, die erforderliche Be-
handlung sei wesentlich und im Heimatland nicht erhältlich. Sofern die Be-
handlungsmöglichkeiten im Herkunftsland nicht dem medizinischen Stan-
dard in der Schweiz entsprechen, bewirkt dies allein noch nicht die Unzu-
mutbarkeit des Vollzugs. Von einer solchen ist erst dann auszugehen,
wenn eine ungenügende Möglichkeit der Weiterbehandlung voraussicht-
D-5777/2018
Seite 31
lich die drastische und lebensbedrohende Verschlechterung des Gesund-
heitszustands nach sich ziehen würde (vgl. BVGE 2011/50 E. 8.3 und
2009/2 E. 9.3.2).
8.3.3.2 Das Bundesverwaltungsgericht geht aufgrund der vorstehenden
Erwägungen übereinstimmend mit seiner Praxis hinsichtlich der Behandel-
barkeit von psychischen Erkrankungen in Sri Lanka (vgl. beispielsweise
Urteil des BVGer D-640/2019 vom 14. Juli 2021 E. 7.3.2 m.w.H.) davon
aus, dass der Beschwerdeführer in seinem Heimatland die Möglichkeit hat,
eine adäquate medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung zu
erhalten, und dass er bei geeigneter Vorbereitung seiner Rückkehr nicht in
Gefahr geriete, einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Ver-
schlechterung seines Gesundheitszustandes ausgesetzt zu werden. Dies-
bezüglich besteht in Abstimmung mit den kantonalen Behörden und allen-
falls in Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migration
(IOM), den heimatlichen Behörden und der Botschaft die Möglichkeit, Vor-
kehrungen zu treffen, damit eine Weiterführung der Behandlung des Be-
schwerdeführers gewährleistet ist. Die entsprechende Vorbereitung der
Rückkehr des Beschwerdeführers erscheint angesichts der fachärztlich
prognostizierten akuten Verschlechterung seiner Symptomatik sowie der
Gefahr einer Akzentuierung seiner Suizidalität im Falle eines Behandlungs-
unterbruchs dringend indiziert. Angesichts der sehr guten Vermögensver-
hältnisse seiner Familie dürfte auch sichergestellt sein, dass die Fortset-
zung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung solange fort-
gesetzt werden kann, bis sich der psychische Zustand des Beschwerde-
führers auch in seinem Heimatland stabilisieren wird. Im Übrigen steht es
dem Beschwerdeführer im Rahmen der Rückkehr offen, vor der Ausreise
bei der Vorinstanz einen Antrag auf medizinische Rückkehrhilfe zu stellen,
die unter anderem in der Mitgabe von Medikamenten bestehen kann (vgl.
Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG; Art. 75 der Asylverordnung 2 vom 11. August
1999 [AsylV2, SR 142.312]).
8.3.4 Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nicht
als unzumutbar.
8.4 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung seines Heimatlandes die für eine Rückkehr notwendigen
Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch
BVGE 2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als mög-
lich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
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Seite 32
8.5 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Die Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen, soweit auf
diese einzutreten ist.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten infolge der sehr um-
fangreichen Beschwerde mit zahlreichen Beilagen ohne individuellen Be-
zug zum Beschwerdeführer praxisgemäss auf insgesamt Fr. 1'500.– fest-
zusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten
und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,
SR 173.320.2]). Zur Begleichung der Verfahrenskosten ist der am 14. No-
vember 2018 in gleicher Höhe geleistete Kostenvorschuss zu verwenden.
(Dispositiv nächste Seite)
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