Decision ID: 6f30c137-c64d-4a85-9551-e2b81a5a3a50
Year: 2009
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
B._,
Beschwerdeführerin,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Roland Hochreutener, St. Leonhard-Strasse 20,
Postfach, 9001 St. Gallen,
gegen
Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St.
Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Ergänzungsleistung zur IV (Anpassung); Rückerstattung und Verrechnung
Sachverhalt:
A.
A.a B._ (geb. 1960) ist seit 25. Januar 1990 von ihrem damaligen Ehemann
geschieden. Dieser ist IV-Rentner. Der Versicherten wurde eine Zusatzrente für
Ehegatten sowie die Kinderrenten für die gemeinsame Tochter (geb. 1985) und den
gemeinsamen Sohn (geb. 1986) ausbezahlt. Seit längerem bezog die Versicherte auch
Ergänzungsleistungen (EL) zur IV-Zusatzrente für Ehegatten (EL-act. 77). Im Jahr 2007
erhielt die Versicherte gestützt auf die Verfügung vom 29. Dezember 2006 monatlich EL
in der Höhe von Fr. 1'095.--, davon Fr. 715.-- ordentliche und Fr. 380.--
ausserordentliche EL (EL-act. 35). Im Juni 2007 absolvierte der Sohn erfolgreich die
Matura und rückte ab Oktober 2007 in den obligatorischen Militärdienst zur
Rekrutenschule ein (EL-act. 27 und 32).
A.b Im Oktober 2007 führte die EL-Durchführungsstelle des Kantons St. Gallen eine
periodische Überprüfung der Ergänzungsleistungen durch. Dabei gab die Versicherte
an, sie habe neben ihrem Erwerbseinkommen von Fr. Fr. 69'785.-- eine IV-Rente von
Fr. 5'220.-- sowie zweimal Fr. 6'600.-- als Kinderrente pro Jahr zur Verfügung. Dazu
notierte sich der Sachbearbeiter auf dem Fragebogen, dass die Kinderrente des
Sohnes auf den 7. Juli 2007 wegen Ausbildungsende weggefallen sei (EL-act. 28). Mit
Verfügung vom 5. Dezember 2007 wies die EL-Durchführungsstelle den EL-Anspruch
ab 1. Dezember 2007 ab. Sie gab an, die Neuberechnung ohne Kinderrente für den
Sohn habe zu einem Einnahmenüberschuss geführt. Die rückwirkende Berechnung
werde die Versicherte zu einem späteren Zeitpunkt erhalten (EL-act. 26). Gegen diese
Verfügung erhob die Versicherte am 27. Dezember 2007 Einsprache (EL-act. 24). Am
14. Januar 2008 verfügte die EL-Durchführungsstelle die in Aussicht gestellte
Rückforderung für August bis November 2007 in der Höhe von insgesamt Fr. 3'501.05.
Sie führte aus, aus den ihr zur Verfügung stehenden Unterlagen gehe hervor, dass der
Sohn der Versicherten seit 1. August 2007 keine Kinderrente mehr erhalte. Die EL
werde daher rückwirkend ab diesem Datum neu berechnet. Daraus folge, dass ihre
Einnahmen die Ausgaben überstiegen hätten, weshalb die zuviel ausbezahlte EL
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zurückzufordern seien (EL-act. 23). Auch gegen diese Verfügung erhob die Versicherte
durch ihren Rechtsvertreter am 25. Januar 2008 Einsprache. Sie führte aus, die
Kinderrente werde rückwirkend ausgerichtet werden, wenn sie nachweisen könne,
dass der Sohn im September 2008 mit dem Studium beginne. Sie bitte deshalb um
Sistierung des Verfahrens (EL-act. 21 und 17). Am 21. April 2008 sistierte die EL-
Durchführungsstelle das Einspracheverfahren bis Ende 2008 (EL-act. 15).
A.c Am 10. November 2008 reichte die Versicherte die Immatrikulationsbestätigung
des Sohnes ein (EL-act. 14). Daraufhin wurde die Kinderrente rückwirkend ab August
2007 wieder ausbezahlt (vgl. EL-act. 8 und 9).
A.d Die EL-Durchführungsstelle teilte am 23. Januar 2009 dem
Sozialversicherungsamt des Kantons A._ mit, dass die Versicherte ab November
2007 keinen Anspruch auf EL mehr habe. Zudem sei die IV-Zusatzrente auf den
31. Dezember 2007 eingestellt worden. Die beiden Kinder würden jedoch keinen
eigenen EL-Anspruch begründen. Ab. 1. Januar 2008 müsse der EL-Anspruch der
Kinder deshalb über den Hauptrentner, der im Kanton A._ wohne, berechnet und
ausbezahlt werde. Sie erlaube sich also, den Fall rückwirkend ab 1. Januar 2008 an
das zuständige Amt im Kanton A._ abzutreten. Gleichzeitig werde um Verrechnung
des noch offenen Restbetrags ihrer EL-Rückforderung vom 14. Januar 2008 in der
Höhe von Fr. 324.80 gebeten (EL-act. 9).
A.e Mit Verfügung vom 29. Januar 2009 sprach die EL-Durchführungsstelle der
Versicherten für den Zeitraum von 1. August bis 31. Oktober 2007 eine EL in der Höhe
von Fr. 1'132.-- pro Monat zu. Sie führte aus, die EL sei auf Grund der Einsprache neu
berechnet worden. Fr. 219.75 würden mit der zuviel ausbezahlten Individuellen
Prämienverbilligung August bis Oktober 2007 und Fr. 3'176.25 mit der EL-
Rückforderung vom 14. Januar 2008 verrechnet (EL-act. 5). Gleichentags verfügte die
EL-Durchführungsstelle die Abweisung des EL-Anspruchs der Versicherten mit
Wirkung ab 1. Dezember bis 31. Dezember 2007. Sie fügte als Begründung an, diese
Verfügung ersetze ihre EL-Abweisungsverfügung vom 5. Dezember 2007 (EL-act. 5).
A.f Die am 20. April 2009 dagegen erhobene Einsprache (EL-act. 2 und 4) wies die
EL-Durchführungsstelle mit Entscheid vom 6. Juli 2009 ab. Sie führte dazu aus, die
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Verfügungen vom 29. Januar 2009 ersetzten die Verfügung vom 5. Dezember 2007
sowie die Rückforderungsverfügung vom 14. Januar 2008, weshalb die Einsprachen
gegen die beiden letztgenannten Verfügungen infolge Gegenstandslosigkeit
abzuschreiben seien. Sodann werde festgestellt, dass die Versicherte ab November
2007 keinen EL-Anspruch mehr habe. Schliesslich werden die Einsprachen gegen die
beiden Verfügungen vom 29. Januar 2009 abgewiesen. Betreffend die Verfügung vom
29. Januar 2009 für den Zeitraum August bis Ende Oktober 2007 treffe zwar zu, dass
eine Rückforderung auf Grund der wieder ausgerichteten Kinderrente nicht mehr
gerechtfertigt sei. Allerdings ergebe sich ein neuer Grund für eine Rückforderung, weil
der Sohn der Versicherten wegen seines Militärdienstes ab November 2007 EO-
Entschädigung erhalten habe. Auch bei der Vergleichsberechnung ohne Kind resultiere
ein Einnahmenüberschuss von Fr. 207.--. Demnach seien der Versicherten für
November 2007 zu Unrecht EL in der Höhe von Fr. 1'095.-- ausgerichtet worden. Sie
habe ab November 2007 keinen EL-Anspruch mehr. Weil fälschlicherweise der Mietzins
der Tochter statt der Höchstbetrag des Mietzinses von Fr. 20'000.-- als Ausgabe
eingesetzt worden sei, ergebe sich eine kleine Korrektur für den EL-Anspruch von
August bis Oktober 2007. Dieser betrage neu Fr. 1'132.--, also Fr. 37.-- mehr pro
Monat. Der nachzuzahlende Betrag betrage somit Fr. 111.--. Dem stehe ein
Rückforderungsbetrag von Fr. 1'095.-- gegenüber. Eine EL-Rückforderung könne mit
fälligen EL verrechnet werden, weshalb es nicht notwendig sei, dass sich die
Verrechnung auf eine rechtskräftige Verfügung stütze. Schliesslich liege kein
Anwendungsfall der Regelung gemäss Schreiben des BSV vom 16. November 2007
vor, weil die Versicherte ab November 2007 keinen Anspruch auf EL mehr habe. Der
allfällige Anspruch der Kinder auf EL sei deshalb ab Januar 2008 über den Vater zu
berechnen, weshalb die Fallabtretung rechtmässig sei (EL-act. 82).
B.
B.a Gegen diesen Entscheid lässt die Versicherte am 4. September 2009 Beschwerde
erheben. Sie beantragt die Aufhebung des Einspracheentscheids vom 6. Juli 2009 und
die Rückweisung zur Neuberechnung der EL-Ansprüche an die Beschwerdegegnerin.
Sodann sei festzustellen, dass die Beschwerdegegnerin für die Beurteilung der
Streitsache weiterhin örtlich zuständig sei. Schliesslich sei die unentgeltliche
Rechtsverbeiständung zu gewähren und ihr als Vertreter der unterzeichnende
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Rechtsanwalt zu bestellen. Die Beschwerdeführerin gibt an, weil sie gegen die
Verfügung vom 14. Januar 2008 fristgerecht Einsprache erhoben habe, sei die
Verrechnung allein schon aus formellen Gründen (mangels Rechtskraft der genannten
Verfügung) nicht statthaft. Darüber hinaus fehle es auch in materiell-rechtlicher Hinsicht
an einer Grundlage für die geltend gemachte Verrechnung, nachdem mit der
rückwirkenden Zusprache der IV-Kinderrente der Grund für diese Verrechnung
weggefallen sei. Der errechnete EL-Anspruch für die Zeit vom 1. August bis
31. Oktober 2007 sei daher auszubezahlen. Nach wie vor seien auch die
Voraussetzungen für eine gemeinsame Berechnung im Sinn von Art. 7 Abs. 1 ELV
gegeben, weil keine der im Schreiben des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV)
vom 16. November 2007 genannten Fälle für eine getrennte Berechnung zutreffe.
Sodann wohne der Sohn als Wochenaufenthalter während den Wochenenden und der
Semesterferien nach wie vor bei der Beschwerdeführerin. Gemäss dem BSV seien
deshalb im Sinn von mildernden Massnahmen weiterhin EL auszurichten, wenn
mindestens ein Kind, für welches eine Kinderrente beansprucht werde, im
gemeinsamen Haushalt mit dem geschiedenen Ehegatten lebe. Bestritten werde
weiter, dass die EO-Entschädigung des Sohnes für die Berechnung des EL-Anspruchs
berücksichtigt werden dürfe. Bei der Berechnung des EL-Anspruchs dürften nicht
verschiedene Bemessungsperioden nach Belieben herangezogen und vermischt
werden. Sodann sei das zusätzlich anrechenbare Einkommen von Fr. 19'710.-- nicht
sachgerecht, da mit einer solchen Berechnung die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
falsch beziehungsweise deutlich zu hoch eingestuft werde. Die Angelegenheit sei
deshalb zur Neuberechnung zurückzuweisen. Schliesslich habe die
Beschwerdegegnerin die Weisungen des BSV missachtet, indem sie den vorliegenden
Fall zur Berechnung und Ausrichtung der EL an den Kanton A._ abgetreten habe,
und dies erst noch rückwirkend (G act. 1).

B.b Die Beschwerdegegnerin beantragt unter Verweis auf die Erwägungen im
Einspracheentscheid am 11. September 2009 die Abweisung der Beschwerde (G act.
3).
B.c Die Beschwerdeführerin verzichtet auf eine Replik (G act. 4).
Erwägungen:
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
1.
1.1 Mit Verfügung vom 29. Dezember 2006 hat die Beschwerdegegnerin der
Beschwerdeführerin einen EL-Anspruch von Fr. 1'095.-- pro Monat für das Jahr 2007
zugesprochen. Diese Verfügung ist rechtskräftig geworden. Im Oktober 2007 hat eine
ordentliche Revision stattgefunden. In Rahmen dieses Verfahrens hat die
Beschwerdegegnerin erfahren, dass der Sohn die Mittelschule beendet hatte, weshalb
ihm wegen Ausbildungsende die Kinderrente per Ende Juli 2007 eingestellt worden ist.
Dies stellt eine nachträgliche Änderung des Sachverhaltes dar, die gemäss Art. 17 des
Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR
830.1) zu einer Anpassung der Verfügung vom 29. Dezember 2006 ab 1. August 2007
(Revisionstermin) führen muss. Die EL ist ab August 2007 nun ohne Sohn zu
berechnen, weil dieser nach Art. 8 Abs. 1 der Verordnung über die
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELV; SR
831.301) bei der Berechnung ausser Betracht fällt, diese also nur noch für die
Beschwerdeführerin und deren Tochter gemacht wird. Die neue Berechnung hat zu
einem Einnahmeüberschuss geführt, weshalb der EL-Anspruch der
Beschwerdeführerin dahingefallen ist. Die Beschwerdegegnerin hat nun mit Verfügung
vom 5. Dezember 2007 (EL-act. 26) nicht wie erwartet die EL auf den 31. Juli 2007
eingestellt, sondern auf den 30. November 2007, obwohl zu diesem Zeitpunkt keine
revisionsrelevante Sachverhaltsveränderung eingetreten ist. Die Einstellung auf den
30. November 2007 stellt eine "vorsorgliche Massnahme" während des laufenden
Revisionsverfahrens dar, damit der Schaden an unrechtmässig bezahlter EL bis zum
Abschluss des Verfahrens nicht noch grösser werde. Mit Verfügung vom 14. Januar
2008 hat die Beschwerdegegnerin das Ausmass des Schadens berechnet und EL für
August bis November 2007 in der Höhe von Fr. 3'501.05 zurückgefordert (EL-act. 23).
In dieser Verfügung ist die "definitive" Revision der Verfügung vom 29. Dezember 2006
enthalten (Einstellung der EL ab August 2007). Die Verfügung vom 14. Januar 2008
beseitigt damit auch die Verfügung vom 5. Dezember 2007, weil der Zweck der
"vorsorglichen Massnahme" erfüllt worden ist. Die Beschwerdegegnerin ist allerdings
davon ausgegangen, dass die Verfügung vom 5. Dezember 2007 erst mit der
Verfügung vom 29. Januar 2009 ersetzt worden ist (bezüglich EL-Anspruch ab
Dezember 2007). Ungeachtet der unterschiedlichen Interpretation steht fest, dass die
Einsprache gegen die Verfügung vom 5. Dezember 2007 gegenstandslos geworden ist.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Die Beschwerdegegnerin hat denn auch zu Recht die Einsprache gegen die Verfügung
vom 5. Dezember 2007 in ihrem Einspracheentscheid vom 6. Juli 2009 abgeschrieben.
1.2 Gegen die Verfügung vom 14. Januar 2008 hat die Beschwerdeführerin ebenfalls
Einsprache erhoben. Das Verfahren wurde sistiert. Im November 2008 hat die
Beschwerdeführerin mitgeteilt, dass sich der Sachverhalt erneut geändert habe, weil
die Kinderrente rückwirkend ab August 2007 wieder ausbezahlt werde. Der Sohn habe
nämlich seine Ausbildung auf Universitätsstufe fortgesetzt. Die EL wurde deshalb ab
dem Revisionszeitpunkt vom 1. August 2007 noch einmal neu berechnet. Gestützt
darauf wurden der Beschwerdeführerin mit Verfügung vom 29. Januar 2009 für August
bis Oktober 2007 wiederum monatliche EL in Höhe von Fr. 1'132.-- zugesprochen.
Dies stellt einen Widerruf (während des hängigen Einspracheverfahrens) der noch nicht
rechtskräftigen Verfügung vom 14. Januar 2008 und ein Ersatz dieser Verfügung dar.
Die Beschwerdegegnerin hat somit zu Recht auch die Einsprache gegen die Verfügung
vom 14. Januar 2008 im Einspracheentscheid vom 6. Juli 2009 abgeschrieben.
Anfechtungsgegenstand ist also allein die Verfügung vom 29. Januar 2009 betreffend
die Revision der EL ab 1. August 2007 beziehungsweise der sie ersetzende
Einspracheentscheid vom 6. Juli 2009.
1.3 Nicht einzutreten ist auf das Feststellungsbegehren betreffend örtlicher
Zuständigkeit, weil diesbezüglich keine anfechtbare Verfügung ergangen ist.
2.
Auf den 1. Januar 2008 ist das neue Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur
Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) in Kraft getreten.
Das neue ELG ersetzt dasjenige Gesetz vom 19. März 1965 in der bis 31. Dezember
2007 gültig gewesenen Fassung. In Bezug auf die vorliegend umstrittenen Fragen des
Anspruchs auf EL, der Berechnung und allfälligen Verrechnung von Nachzahlungs- mit
Rückforderungsansprüchen hat sich die Rechtslage materiell jedoch nicht geändert.
3.
3.1 Anspruch auf EL haben getrennte Ehegatten und geschiedene Personen mit
Wohnsitz und gewöhnlichem Aufenthalt in der Schweiz, wenn sie eine Zusatzrente der
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
AHV oder der IV beziehen (Art. 4 Abs. 2 ELG; Art. 1 ELV). Leben die Kinder, die einen
Anspruch auf eine Kinderrente der AHV oder IV begründen, mit einem Elternteil
zusammen, der rentenberechtigt ist oder für den Anspruch auf eine Zusatzrente der
AHV besteht, so wird die EL zusammen mit diesem Elternteil festgelegt (Art. 7 Abs. 1
lit. b ELV). Die jährliche EL entspricht dem Betrag, um den die anerkannten Ausgaben
die anrechenbaren Einnahmen übersteigen (Art. 9 Abs. 1 ELG; Art. 3a Abs. 1 aELG).
Die anerkannten Ausgaben und die anrechenbaren Einnahmen, worin in bestimmtem
Umfang auch das Vermögen einbezogen ist, werden nach den in Art. 10 und 11 ELG
(Art. 3b und 3c aELG) sowie Art. 11 bis 18 ELV festgelegten Bestimmungen ermittelt.
Als Einnahmen anzurechnen sind nach Art. 11 Abs. 1 ELG (Art. 3c Abs. 1 aELG)
insbesondere Einkünfte aus dem Erwerb (lit. a). Nach Art. 9 Abs. 4 ELG (aArt. 3a Abs. 6
ELG) fallen Kinder, deren anrechenbare Einnahmen die anerkannten Ausgaben
übersteigen, für die Berechnung der jährlichen EL ausser Betracht.
3.2 Vorliegend hat die Beschwerdeführerin für den Zeitraum August bis Oktober 2007
einen eigenen EL-Anspruch geltend machen können, weil sie noch eine Zusatzrente zur
IV-Rente ihres geschiedenen Ehegatten bezogen hat. Ihre beiden Kinder haben noch
bei ihr gewohnt und Kinderrente bezogen. Diejenige des Sohnes wurde rückwirkend ab
August 2007 wieder ausgerichtet. Die Kinder sind deshalb in die Berechnung der
jährlichen EL einzubeziehen. Die Tochter wohnt unter der Woche für ihr Studium in
C._. Ihre Mietkosten sind zu berücksichtigen. Insgesamt sind Mietkosten von Fr.
20'000.-- (Höchstbetrag) anzurechnen. Die Berechnung führt somit zu einem EL-
Anspruch von Fr. 1'132.-- pro Monat, wie die Beschwerdegegnerin korrekt ermittelt hat
(vgl. EL-act. 10). Weil der Beschwerdeführerin gestützt auf die Verfügung vom
29. Dezember 2006 lediglich Fr. 1'095.-- an monatlichen EL ausgerichtet worden sind
(EL-act. 35), hat sie für August bis Oktober 2007 insgesamt Fr. 111.-- zu wenig
bekommen. Sie kann allerdings nicht verlangen, dass ihr der gesamte neu berechnete
Betrag von Fr. 3'396.-- (nochmals) ausbezahlt wird, denn sie hat keine EL
zurückerstattet, und die Rückforderungsverfügung ist widerrufen worden. Indessen
besteht damit auch kein Anlass zur Verrechnung einer "Nachzahlung" mit einer
Rückforderung, wie die Verfügung vom 29. Januar 2009 fälschlicherweise festhält. Für
den Zeitraum August bis Oktober 2007 stellt sich kein Verrechnungsproblem, und die
Anordnung der Verrechnung kann gar keine Wirkung entfalten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.3 Strittig ist, ob die Beschwerdeführerin auch ab November 2007 einen Anspruch
auf EL hat. Die Beschwerdeführerin macht geltend, die Erwerbsausfall-Entschädigung
(EO) des Sohnes dürfe bei der Berechnung des EL-Anspruchs nicht berücksichtigt
werden. Einerseits würden damit verschiedene Bemessungsperioden miteinander
vermischt, andererseits würde die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit der
Anrechnung eines zusätzlichen Einkommens von Fr. 19'710.-- zu hoch eingestuft. Der
Sohn der Beschwerdeführerin ist Ende Oktober 2007 in den Militärdienst eingerückt
und hat pro Diensttag Fr. 54.-- an EO-Entschädigung erhalten. Für den Monat
November beträgt die Bruttoentschädigung Fr. 1'620.-- (EL-act. 81). Diese Tatsache
stellt eine erneute Veränderung des Sachverhalts dar, die nachträglich berücksichtigt
werden muss (Art. 17 ATSG). Der zweite Revisionszeitpunkt betrifft deshalb den
Anspruch auf EL ab November 2007. Die Anrechnung von EO-Entschädigung ist weder
im ELG noch in der ELV ausdrücklich geregelt. Die EO-Entschädigung ist - wie das
Wort schon sagt - ein Ersatz dafür, dass während des Militärdienstes keiner
Erwerbstätigkeit nachgegangen und Einkommen erzielt werden kann. Gemäss der
grammatikalischen Auslegung ist die EO-Entschädigung deshalb als
Erwerbs(ersatz)einkommen nach Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG zu betrachten, die in der
Berechnung der EL zu berücksichtigen ist. Dies hat denn auch das BSV in seiner
Wegleitung über die Ergänzungsleistungen zur AHV und IV (WEL) so bestimmt.
Gemäss Rz 2082 WEL sind Leistungen aus der Erwerbsausfallentschädigung als
Erwerbseinkommen anzurechnen (siehe auch Ralph Jöhl, Ergänzungsleistungen zur
AHV/IV, in: Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht, Band XIV; Soziale Sicherheit,
2. Auflage, Rz 169). Die EO-Entschädigung stellt keine öffentliche Leistung mit
ausgesprochenem Fürsorgecharakter dar, weshalb sie nicht unter die
Ausnahmebestimmungen betreffend nicht anrechenbare Einkommen fällt (Art. 11 Abs.
3 lit. c ELG). Um den Anspruch der jährlichen EL zu berechnen (Grundlage für die
monatlich auszurichtenden Leistungen), ist auch die EO-Entschädigung auf ein Jahr
hochzurechnen. Dies ergibt ein Ersatzerwerbseinkommen des Sohnes von Fr. 19'440.--
im Jahr. Wird dies zum Erwerbseinkommen der Beschwerdeführerin hinzugerechnet,
so beträgt das Gesamteinkommen inklusive Renten Fr. 70'029.--. Dem gegenüber
stehen anrechenbare jährliche Ausgaben von insgesamt Fr. 65'680.--, weil hier der
maximale Abzug für Mietkosten vom Fr. 20'000.-- zu berücksichtigen ist. Daraus
resultiert ein Überschuss von Fr. 4'349.--. Wird der Anspruch der Beschwerdeführerin
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
ohne ihren Sohn (aber inklusive Tochter) berechnet, so stehen Ausgaben von Fr.
48'596.-- Einnahmen von Fr. 48'803.-- gegenüber, woraus ein Überschuss von Fr.
207.-- resultiert. Daraus folgt, dass der Sohn für die EL-Berechnung der
Beschwerdeführerin ausser Betracht fällt (Art. 9 Abs. 4 ELG). Die Berücksichtigung der
EO-Entschädigung stellt keine Vermischung von verschiedenen Bemessungsperioden,
sondern eine Anpassung an einen veränderten Sachverhalt nach Art. 17 ATSG und Art.
25 Abs. 1 lit. c ELV dar. Weil die Beschwerdeführerin ab November 2007 einen
Einkommensüberschuss hat, endigt ihr Anspruch auf EL Ende Oktober 2007. Daraus
folgt, dass ihr für November 2007 Fr. 1'095.-- zuviel an EL ausbezahlt worden ist.
3.4 Gemäss Art. 25 Abs. 1 Satz 1 ATSG sind unrechtmässige Leistungen
zurückzuerstatten. Die korrekte Berechnung ergibt, dass der Rückforderungsbetrag
von Fr. 1'095.-- sich um den Betrag von Fr. 111.-- reduziert, weil der
Beschwerdeführerin für die Monate August bis Oktober Fr. 111.-- zuwenig an EL
ausbezahlt worden sind. Diese Beträge dürfen miteinander verrechnet werden (Art. 27
ELV). Im Einspracheentscheid vom 6. Juli 2009 hat die Beschwerdegegnerin die Frage
der Rückforderung zu Recht offen gelassen, denn eine Verfügung ist dazu noch nicht
ergangen. Entsprechend ist auch im Beschwerdeverfahren über eine Rückforderung
nicht zu befinden. Die Einsprache gegen die Verfügung vom 29. Januar 2009 aber hat
die Beschwerdegegnerin im Ergebnis zu Recht abgewiesen.
4.
4.1 Zusammenfassend erweist sich der Einspracheentscheid betreffend die
Abschreibung der Einsprachen gegen die Verfügungen vom 5. Dezember 2007 und
14. Januar 2008 als korrekt. Sodann fällt der EL-Anspruch der Beschwerdeführerin ab
1. November 2007 dahin, wie die Beschwerdegegnerin richtig festgestellt hat.
Schliesslich erweist sich die befristete Leistungszusprache in der (Revisions)-Verfügung
vom 29. Januar 2009 als richtig, und die Beschwerdeführerin hat die Einsprache
dagegen zu Recht abgewiesen. Die Beschwerde gegen den Einspracheentscheid vom
6. Juli 2009 ist daher abzuweisen. Auf den Feststellungsantrag betreffend die örtliche
Zuständigkeit ist mangels Verfügung nicht einzutreten.
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 11/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
4.2 Das Beschwerdeverfahren ist kostenlos (Art. 61 lit. a ATSG). Der unterliegenden
Beschwerdeführerin kann keine Parteientschädigung zulasten der Beschwerdegegnerin
zugesprochen werden (Art. 61 lit. g Satz 1 ATSG). Es ist der Beschwerdeführerin
jedoch die unentgeltliche Rechtsverbeiständung zu bewilligen, weshalb ihr
Rechtsbeistand gegenüber dem Staat einen Anspruch auf Ersatz der
Vertretungskosten hat (Art. 61 lit. f ATSG). Die Entschädigung beläuft sich auf 80% des
Honorars (vgl. Art. 31 Abs. 3 des Anwaltsgesetzes; sGS 963.70). Dieses bemisst sich
nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses (Art. 61
lit. g Satz 2 ATSG). Unter Berücksichtigung dieser Kriterien erweist sich vorliegend eine
Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- (inklusive Barauslagen und Mehrwertsteuer) als
angemessen. Gekürzt um 20% beträgt sie Fr. 2'000.--. Wenn die wirtschaftlichen
Verhältnisse es gestatten, kann die Beschwerdeführerin jedoch zur Nachzahlung der
vom Staat übernommenen Kosten verpflichtet werden (Art. 288 Abs. 1 ZPO/SG i.V.m.
Art. 99 Abs. 2 VRP/SG).
Demgemäss hat das Versicherungsgericht
im Zirkulationsverfahren gemäss Art. 53 GerG