Decision ID: f43d569f-d722-5187-8ee7-dc6a9e78a4a2
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Der Beschwerdeführer gelangte gemäss eigenen Angaben am 7. August
2015 in die Schweiz und suchte am Tag darauf um Asyl nach.
B.
Er wurde am 20. August 2015 zu seiner Person, zum Reiseweg sowie sum-
marisch zu den Gesuchsgründen befragt (Befragung zur Person [BzP]).
C.
Mit Verfügung vom 18. Januar 2016 trat das SEM in Anwendung von
Art. 31a Abs. 1 Bst. b AsylG (SR 142.31) auf das Asylgesuch des Be-
schwerdeführers nicht ein und verfügte die Wegweisung nach Ungarn so-
wie den Vollzug.
D.
Gegen diesen Entscheid erhob der Beschwerdeführer am 3. Februar 2016
Beschwerde. Im Rahmen des Schriftenwechsels zog das SEM seine Ver-
fügung in Wiedererwägung und trat auf das Asylgesuch ein. Mit Entscheid
des Bundesverwaltungsgericht D-708/2016 vom 15. März 2016 schrieb
das Gericht das Verfahren als durch Wiedererwägung gegenstandslos ge-
worden ab.
E.
Am 24. Juni 2019 wurde der Beschwerdeführer eingehend zu seinen
Fluchtgründen angehört.
Er begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen damit, dass er von Mit-
gliedern einer einflussreichen Familie angegriffen worden sei. Kurz nach
der Versöhnung beider Parteien sei er von den Angreifern verbal bedroht
worden.
F.
Mit Verfügung vom 19. August 2019 (Eröffnung am 21. August 2019) stellte
das SEM fest, dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft nicht
erfülle, lehnte sein Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der
Schweiz sowie den Vollzug an.
G.
Diese Verfügung focht der Beschwerdeführer mit Eingabe seines Rechts-
vertreters vom 18. September 2019 beim Bundesverwaltungsgericht an. Er
D-4796/2019
Seite 3
beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die Feststellung
der Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei
die Flüchtlingseigenschaft festzustellen. Eventualiter sei die Sache zur er-
neuten Entscheidung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Eventualiter sei
die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs festzustellen und eine vor-
läufige Aufnahme anzuordnen.
In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung der unentgeltlichen Pro-
zessführung und amtlichen Rechtsverbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 1
VwVG in Verbindung mit aArt. 110a AsylG ersucht.
H.
Mit Zwischenverfügung vom 3. Oktober 2019 hiess das Bundesverwal-
tungsgericht das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessfüh-
rung und amtlichen Rechtsverbeiständung gut und setzte den rubrizierten
Rechtsvertreter als amtlichen Rechtsbeistand ein.
I.
Mit Vernehmlassung vom 10. Oktober 2019 hielt die Vorinstanz an ihren
bisherigen Ausführungen fest und beantragte die Abweisung der Be-
schwerde. Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 15. Ok-
tober 2019 zur Kenntnisnahme zugestellt.
J.
Am 9. Dezember 2019 reichte der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers
eine Kostennote ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslie-
ferungsersuchens des Staates, vor welchem die beschwerdeführende Per-
son Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). Eine solche
D-4796/2019
Seite 4
Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG liegt nicht vor, weshalb
das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet.
1.2 Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, dem VGG und dem BGG,
soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG).
1.3 Am 1. März 2019 ist eine Teilrevision des AsylG in Kraft getreten
(AS 2016 3101); für das vorliegende Verfahren gilt das bisherige Recht
(vgl. Abs. 1 der Übergangsbestimmungen zur Änderung des AsylG vom
25. September 2015).
1.4 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der Be-
schwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und aArt. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
3.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).
D-4796/2019
Seite 5
4.
4.1 Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch damit, dass er pa-
kistanischer Staatsangehöriger sei und aus B._, Provinz
C._ (Pakistan) stamme, wo er bis zu seiner Ausreise gelebt habe.
Im (...) 2014 habe er mit seinem Pferdewagen Waren transportiert und sei
dabei von Mitgliedern einer reichen und einflussreichen Familie zuerst ver-
bal bedroht und dann tätlich angegriffen worden. Mit Hilfe seiner Verwand-
ten habe er später auf der lokalen Polizeistation Anzeige erstattet. Die Po-
lizei habe anschliessend eine Versöhnung zwischen den Parteien vorge-
schlagen, welche auch zustande gekommen sei. Nach dem Verlassen des
Polizeipostens sei er aber von den Angreifern mit dem Tode bedroht wor-
den. Aus Angst vor weiteren Übergriffen habe er sich zur Ausreise ent-
schlossen.
Als Beweismittel reichte er die angebliche Anzeige bei der Polizei ein.
4.2 Das SEM begründete seine Verfügung damit, dass die Fluchtgründe
nicht glaubhaft seien. In der BzP habe er ausgeführt, der Angriff habe sich
zwei bis drei Tage vor der Ausreise ereignet. In der Anhörung habe er dem-
gegenüber erklärt, dies habe sich zehn Tage vor der Ausreise ereignet.
Ferner habe er in der BzP ausgesagt, die Angreifer hätten der Sippe der
(...) angehört. Auf konkrete Nachfrage habe er dazu keine weiteren Anga-
ben abzugeben vermocht. In der BzP habe er erklärt, bereits am Tatort das
Bewusstsein wiedererlangt zu haben und von einer Person mit einem Pfer-
dewagen nach Hause gebracht worden zu sein. Gemäss Anhörung habe
er erst zuhause das Bewusstsein wiedererlangt und wisse nicht, wie genau
und durch wen er dorthin gebracht worden sei. In der BzP habe er geschil-
dert, er sei von einem Vater und vier Söhnen angegriffen worden, während
er in der Anhörung von insgesamt nur vier Angreifern gesprochen habe. In
der BzP habe er protokollieren lassen, dass er nach der Versöhnung wie-
derum von mehreren Personen bedroht worden sei, während es gemäss
Anhörung nur eine Person gewesen sei.
Die eingereichte Anzeige widerspreche hinsichtlich des Datums des Vor-
falls, des Tatherganges, dem Zeitpunkt, als er wieder das Bewusstsein er-
langt habe, und der damals anwesenden Personen seinen eigenen Vor-
bringen. Die Anzeige liege ferner nur in Kopie vor, weshalb sie leicht mani-
pulierbar sei. Zudem seien solche Dokumente in Pakistan leicht käuflich
erwerbbar, was den Beweiswert weiter mindere. Die Schilderungen zum
Tathergang und den Umständen, wann und wie er anschliessend nach
D-4796/2019
Seite 6
Hause gelangt sei, seien oberflächlich. Konkrete Fragen habe er nicht aus-
führlich beantworten können. Auch die Umstände der Anzeige, deren Inhalt
und die damaligen Gespräche habe er wenig überzeugend wiedergege-
ben.
4.3 In der Beschwerde wurde eingewendet, dass das SEM in der ange-
fochtenen Verfügung das vorgängige Dublin-Verfahren nicht erwähne. Die
Vorinstanz habe sich hinsichtlich des Beschwerdeführers zuerst darauf
konzentriert, die Wegweisung nach Ungarn anzuordnen, trotz des Wis-
sens, dass Ungarn damals grosse Mühe bekundet habe, völkerrechtskon-
forme Asylverfahren anzubieten. Ungarn habe das Übernahmeersuchen
unbeantwortet gelassen, was zur Zuständigkeit Ungarns geführt habe. Das
SEM habe unter Verwendung von Textbausteinen einen Nichteintretens-
entscheid gefällt. Auf Beschwerdeebene habe das SEM seinen Entscheid
dann aber wieder aufgehoben, ohne Gründe für den Gesinnungswandel zu
nennen. Diese Vorgehensweise lasse nur den Schluss zu, der Dublin-Ent-
scheid sei in der Absicht ergangen, dass es dem Beschwerdeführer nicht
gelinge, innert der fünftägigen Beschwerdefrist jemanden zu finden, wel-
cher ihm bei einer Beschwerde helfe. Die Wiedererwägung im Rahmen des
Dublin-Verfahrens stelle ein klares Eingeständnis dar, damals mit falschen
Absichten einen Fehlentscheid gefällt zu haben. Die Tatsache, dass der
Beschwerdeführer nach Wiederaufnahme des Verfahrens mehr als drei
Jahre auf seine Anhörung habe warten müssen, belege das fehlende Inte-
resse des SEM.
Dem SEM sei zwar zugute zu halten, dass die Anhörung gut durchgeführt
worden sei; wenn auch viel zu spät. Nur gerade zwei Monate nach der
Anhörung habe eine andere Person als diejenige, welche die Anhörung
durchgeführt habe, die angefochtene Verfügung erlassen. Dieser Hand-
wechsel sei unnötig und stelle einen groben Verfahrensfehler dar. Es sei
stossend, dass das SEM sich nicht zur Asylrelevanz geäussert, sondern
nur die Glaubhaftigkeit des Beschwerdeführers negativ beurteilt habe. Un-
ter Berücksichtigung, dass die angefochtene Verfügung nicht nur das Da-
tum der BzP verheimliche, sondern das gesamte Dublin-Verfahren weg-
lasse, sei die Begründung als dreist zu bezeichnen. Es scheine so, als
habe sie sich nicht richtig getraut, einen Menschen, den sie nie zu Gesicht
bekommen habe, bei voller Transparenz der Sachlage als Lügner darzu-
stellen. Wäre die Anhörung selbst und in zeitlicher Nähe zur BzP durchge-
führt worden, wären die Erwägungen des SEM allenfalls überzeugender
und nachvollziehbar gewesen. In zeitlicher Hinsicht bleibe völlig unklar,
weshalb zwischen dem Aufhebungsentscheid des SEM vom 18. Januar
D-4796/2019
Seite 7
2016 und der Anhörung eine 3,5-jährige verfahrensschrittlose Zeit klaffe.
Das SEM habe für seinen Entscheid 1'472 Tage gebraucht. Es würde wohl
wie üblich die hohe Geschäftslast als Ausrede ins Spiel bringen. Bei vorlie-
gender Verfahrensdauer und dem nicht sehr komplexen Sachverhalt wäre
dieser Rechtfertigungsversuch aber wenig überzeugend.
Die Bearbeitung des Asylgesuchs dürfe wohl nicht mehr als seriös bezeich-
net werden. Dem SEM habe es nicht nur an der nötigen Sorgfalt, dem nö-
tigen Interesse und Professionalität gefehlt, sondern auch am nötigen Res-
pekt gegenüber dem Schutzsuchenden.
Es sei bekannt, dass Personen im Asylverfahren nicht integriert, sondern
bestenfalls beschäftigt würden und beinahe rechtlos in der Schweiz leben
würden. Auch dies dürfe vergessen werden, wenn man es mit einem Asyl-
entscheid zu tun habe, der über vier Jahre gedauert habe.
Die Glaubhaftigkeitsanalyse des SEM umfasse lediglich eine A4-Seite und
sei daher knapp und rudimentär ausgefallen. Das SEM argumentiere mit
Widersprüchlichkeiten und ziehe dazu die BzP heran, welche sie der An-
hörung gegenüberstelle. Praxisgemäss komme den Aussagen anlässlich
der BzP nur ein beschränkter Beweiswert zu und sie dürften nur zurückhal-
tend zum Vergleich herangezogen werden. Da mit der Zeit auch Erinne-
rungslücken entstehen würden, müsse die Dauer zwischen BzP und Anhö-
rung berücksichtigt werden und Ungereimtheiten würden sich durchaus
auch mit dem Zeitablauf erklären lassen. Gemäss Rechtsprechung dürften
Widersprüchlichkeiten zwischen der BzP und der Anhörung nur herange-
zogen werden, wenn klare Aussagen diametral abweichen würden. Vorlie-
gend aus den Ungereimtheiten etwas zu Ungunsten des Beschwerdefüh-
rers ableiten zu wollen, widerspreche dieser Praxis. Diametrale Abwei-
chungen müssten vom SEM bezeichnet und erläutert werden. Ferner hät-
ten die vier Jahre zwischen BzP und Anhörung berücksichtigt werden müs-
sen. Stattdessen habe das SEM aber versucht, diesen Zeitablauf zu ver-
heimlichen. Zu berücksichtigen sei ferner, dass die asylrelevanten Ereig-
nisse Jahre zurückliegen würden und Erinnerungen daher getrübt seien.
Dafür trage einzig das SEM die Verantwortung, da es das Verfahren ver-
schleppt habe. Aus einem Vergleich der BzP mit der Anhörung etwas zu
Ungunsten des Beschwerdeführers abzuleiten, sei unter diesen Umstän-
den unangebracht.
D-4796/2019
Seite 8
Das SEM spreche dem eingereichten Beweisdokument jeglichen Beweis-
wert ab. Vermutlich habe es sich daher nicht bemüht, nachvollziehbar auf-
zuzeigen, inwiefern der Inhalt der Anzeige den Aussagen widerspreche.
Die Argumentation hinsichtlich des Beweiswerts verunmögliche es dem
Beschwerdeführer, seien Vorbringen mit Dokumenten zu untermauern.
Weshalb man ihn an der Anhörung gefragt habe, ob er Dokumente einrei-
chen möchte, sei daher nur bedingt nachvollziehbar. Gleichzeitig hätte man
ihn darüber aufklären müssen, dass amtliche pakistanische Dokumente in
aller Regel keinen Beweiswert hätten.
Den Ausführungen des SEM könne nicht entnommen werde, weshalb es
die Schilderung des Tatherganges für wenig substanziiert erachte. Es
werde lediglich pauschal auf die Seiten 13 bis 14 respektive 16 bis 17 ver-
wiesen. Wiederum werde nicht berücksichtigt, dass die Anhörung erst vier
Jahre nach Einreichung des Asylgesuchs stattgefunden habe. Aus der Ver-
fügung gehe zwar hervor, dass die Vorinstanz dem Beschwerdeführer nicht
glaube, die Begründung dafür sei aber nicht nachvollziehbar.
Das SEM habe den Sachverhalt unvollständig abgeklärt und den Anspruch
auf rechtliches Gehör verletzt, indem es im Entscheid nicht offengelegt
habe, dass die BzP bereits vor über vier Jahren stattgefunden habe. Die-
ses Wissen sei aber essentiell, um sich über den Vorwurf der Ungereimt-
heiten ein Bild machen zu können. Dem Beschwerdeführer würden ober-
flächliche Schilderungen vorgeworfen, ohne dies genauer zu begründen.
Ferner stütze sich die Feststellung der Unglaubhaftigkeit auf die abwei-
chenden Aussagen in der BzP und der Anhörung. Dadurch werde die Be-
gründungspflicht verletzt.
5.
5.1 Der Einwand des Beschwerdeführers, wonach das SEM den Sachver-
halt unzureichend festgestellt habe, da es sich zum Dublin-Verfahren und
dem Umstand, dass die Anhörung erst mehrere Jahre nach der BzP statt-
gefunden habe, ist unbegründet. Unrichtig ist die Sachverhaltsfeststellung,
wenn der Verfügung ein falscher und aktenwidriger Sachverhalt zugrunde
gelegt wird oder Beweise falsch gewürdigt worden sind; unvollständig ist
sie, wenn nicht alle für den Entscheid rechtswesentlichen Sachumstände
berücksichtigt werden (vgl. BVGE 2016/2 E. 4.3). Der Umstand, dass die
Zeitdauer zwischen der BzP und der Anhörung vom SEM nicht als mögli-
che Erklärung für die Widersprüchlichkeiten in den Aussagen gewürdigt
worden ist, stellt keine mangelhafte Sachverhaltsermittlung dar, sondern
beschlägt vielmehr die Frage, ob das SEM die Vorbringen (d.h. den geltend
D-4796/2019
Seite 9
gemachten Sachverhalt) zu Recht für unglaubhaft erachtete. Darauf ist in
der Glaubhaftigkeitsprüfung zurückzukommen.
5.2 Der Zeitablauf zwischen BzP und Anhörung wie der vom SEM vorge-
nommene Handwechsel stellen keine Verletzungen des rechtlichen Ge-
hörs dar (vgl. Urteil des BVGer D-2799/2018 vom 25. Juni 2019 E. 6.2).
5.3 Zu verneinen ist schliesslich auch eine Verletzung der Begründungs-
pflicht. Aus der Begründungspflicht als Teilgehalt des rechtlichen Gehörs,
ergibt sich, dass die Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermögli-
chen soll, den Entscheid sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist,
wenn sich sowohl der Betroffene als auch die Rechtsmittelinstanz über die
Tragweite des Entscheides ein Bild machen können. Die Begründungs-
dichte richtet sich dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfah-
rensumständen und den Interessen des Betroffenen, wobei bei schwerwie-
genden Eingriffen in die rechtlich geschützten Interessen des Betroffenen
– und um solche geht es bei Verfahren betreffend Asyl und Wegweisung –
eine sorgfältige Begründung verlangt wird (vgl. BVGE 2011/37 E. 5.4.1). In
der angefochtenen Verfügung hat das SEM nachvollziehbar und im Einzel-
nen hinreichend differenziert aufgezeigt, von welchen Überlegungen es
sich leiten liess. Ob sich diese Begründung auch als stichhaltig erweist,
beschlägt nicht die Begründungspflicht, sondern die inhaltliche Frage, ob
das SEM die Vorbringen zu Recht für unglaubhaft erachtete.
6.
6.1 In materieller Hinsicht hat das SEM die Fluchtgründe des Beschwerde-
führers zu Recht für unglaubhaft befunden.
6.2 Glaubhaftmachung im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet – im Ge-
gensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt
durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen. Ent-
scheidend ist, ob die Gründe, die für die Richtigkeit der Sachverhaltsdar-
stellung des Beschwerdeführers sprechen, überwiegen oder nicht. Dabei
ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche Voraus-
setzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist eine die
eigenen Erlebnisse betreffende, substanziierte, im Wesentlichen wider-
spruchsfreie und konkrete Schilderung der dargelegten Vorkommnisse.
Die wahrheitsgemässe Schilderung einer tatsächlich erlittenen Verfolgung
ist gekennzeichnet durch Korrektheit, Originalität, hinreichende Präzision
und innere Übereinstimmung. Unglaubhaft wird eine Schilderung von Er-
lebnissen insbesondere bei wechselnden, widersprüchlichen, gesteigerten
D-4796/2019
Seite 10
oder nachgeschobenen Vorbringen. Bei der Beurteilung der Glaubhaftma-
chung geht es um eine Gesamtbeurteilung aller Elemente (Übereinstim-
mung bezüglich des wesentlichen Sachverhaltes, Substanziiertheit und
Plausibilität der Angaben, persönliche Glaubwürdigkeit usw.), die für oder
gegen den Beschwerdeführer sprechen. Glaubhaft ist eine Sachverhalts-
darstellung, wenn die positiven Elemente überwiegen. Für die Glaubhaft-
machung reicht es demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar
möglich ist, aber in Würdigung der gesamten Aspekte wesentliche und
überwiegende Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung
sprechen (vgl. BVGE 2012/5 E. 2.2).
6.3 Das SEM weist zu Recht auf Unstimmigkeiten in den Aussagen des
Beschwerdeführers hin. So widersprach er sich hinsichtlich des Zeitpunkt
des Angriffs (zwei bis drei Tage vor der Ausreise [BzP] / zehn Tage vor der
Ausreise [Anhörung]), der Anzahl Angreifer (Vater und vier Söhne [BzP] /
vier Personen [Anhörung]), dem Zeitpunkt, als er das Bewusstsein wieder-
erlangt habe und wie er nach Hause gelangt sei (bereits am Tatort Be-
wusstsein erlangt, von einer Person Wasser erhalten und mit einem Pfer-
dewagen nach Hause gebracht [BzP] / erst zuhause das Bewusstsein wie-
dererlangt und kein Wissen, wie genau und durch wen er dorthin gebracht
worden sei [Anhörung]) und der Anzahl Personen, welche ihn nach der
Versöhnung bedroht hätten (mehrere Personen [BzP] / eine Person [Anhö-
rung]). Die divergierenden Angaben betreffend wo und wann nach dem An-
griff er das Bewusstsein wiedererlangt habe und wie er nach Hause gelangt
sei (vgl. act. A6 S. 8 und act. A43 F96 und F114 f.) sowie betreffend wer
ihn nach der Versöhnung bedroht habe (vgl. act. A6 S. 8 und act. A43 F96),
sind als wesentlich zu bezeichnen. In Ergänzung zu den Erwägungen des
SEM ist noch auf die unterschiedliche Schilderung des Tatherganges zu
verweisen, wonach gemäss BzP sein Pferdewagen angehalten worden sei,
woraufhin er ausgestiegen und erst dann angegriffen worden sei (vgl. act.
A6 S. 8), während er gemäss Anhörung vom Wagen heruntergerissen wor-
den sei (vgl. act. A43 F96). Die Widersprüchlichkeiten in den Schilderun-
gen lassen sich nicht vollends durch den Einwand entkräften, dass zwi-
schen dem Vorfall und den Befragungen respektive der BzP und der Anhö-
rung mehrere Jahre verstrichen sind, zumal es sich teilweise um frappante
Widersprüche handelt.
Hinsichtlich der Substanz der Schilderungen kann dem SEM jedoch nicht
vollumfänglich gefolgt werden. Vielmehr weist die freie Erzählung des Be-
schwerdeführers in der Anhörung auch Details auf, wie etwa, dass er auf
seinem Wagen gestanden habe, da die Strasse sehr uneben gewesen sei
D-4796/2019
Seite 11
und man deshalb nicht gut habe sitzen können, und dass er – da er ge-
standen sei – in ein Haus habe blicken können, was die dortigen Bewohner
verärgert und schliesslich zum Angriff geführt habe. Zudem enthalten seine
Ausführungen zum Angriff auch direkte Reden. Ein weiteres markantes De-
tail ist darin zu erblicken, dass seine Schwester vom Angriff erfahren habe,
da sie nach dem Duschen die Striemen auf seinem nackten Oberkörper
gesehen habe (vgl. act. A43 F96). Demgegenüber sind die Ausführungen
zur Versöhnung auf dem Polizeiposten blass und ohne markante Details
(vgl. act. A43 F96 und F141 bis F150).
In Ergänzung zu den Erwägungen des SEM ist auf diverse, erst auf Vorhalt
abgegebene Vorbringen in der Anhörung hinzuweisen, welche stark den
Eindruck eines Nachschiebens respektive Zurechtrücken des Sachverhalts
erwecken. So sagte der Beschwerdeführer zuerst aus, dass er die Angrei-
fer nicht gekannt habe, um dann zu ergänzen, dass es sich um Politiker
gehandelt habe (vgl. act. A43 F104 f.). Als er gefragt wurde, woher er das
wisse, erwiderte er, dass nur Personen mit Beziehungen zur Politik so auf-
treten könnten (vgl. A43 F107). Im späteren Verlauf der Anhörung, als er
gefragt wurde, welche Personen auf dem eingereichten Dokument na-
mentlich erwähnt würden, antwortete er, dabei handle es sich um die An-
greifer (vgl. act. A43 F136). Auf die Erkundigung, woher er deren Namen
kenne, erklärte er, der Mann, für welchen er den Transport ausgeführt
habe, habe diese gekannt und ihm die Namen verraten (vgl. act. A43 F137
f.). Auf die ergänzende Nachfrage, wie dieser Mann erkannt habe, dass er
die Angreifer kenne, bemerkte er schliesslich, dass es sich um entfernte
Verwandte von diesem Mann handle, zu welchen er keine gute Beziehung
habe und ihm dieser Mann bereits beim Abladen geraten habe, bei der
Rückfahrt nicht stehend an deren Haus vorbeizufahren, was er dann aber
trotzdem gemacht habe, da er den Rat vergessen habe (vgl. act. A43 F139
bis F141). Diese Antworten wirken stark improvisiert und es erschliesst sich
nur schwer, weshalb er die Personen zuerst als Unbekannte bezeichnete
und erst bei entsprechenden Nachfragen präzisierende Antworten mit we-
nig überzeugenden Erklärungen anbrachte.
Hinsichtlich des eingereichten Dokuments bemerkt das SEM zu Recht,
dass diesem kein grosser Beweiswert beigemessen werden kann. Der Ein-
wand auf Beschwerdeebene, wonach es dem Beschwerdeführer durch die
Argumentation des SEM verunmöglicht werde, seine Vorbringen mit Doku-
menten zu untermauern, geht an der Sache vorbei, zumal die Frage des
Beweiswerts eines Dokuments unabhängig von etwaigen Beweisschwie-
D-4796/2019
Seite 12
rigkeiten der Parteien ist. Das Dokument widerspricht zudem den mündli-
chen Ausführungen des Beschwerdeführers, indem etwa angegeben wird,
die Angreifer hätten sich planmässig zusammengetan und seien dort ge-
sessen, als der Beschwerdeführer mit seinem Wagen die Ortschaft erreicht
habe. Sobald sie ihn erblickt hätten, habe der eine gerufen: "Heute werden
wir D._ erleben lassen, was es heisst, mit jemandem zu diskutieren
im Streitmodus". Daraufhin sei er von einer zweiten Person mit einem
Stock attackiert und an der Schulter getroffen worden. Er sei hingefallen
und weiter traktiert worden. Gemäss Ausführungen in der BzP und Anhö-
rung sei er, aber erst nachdem er seine Waren abgeliefert habe, also auf
dem Rückweg, angegriffen worden (vgl. act. A6 S. 8 und A43 F96). Die
Angreifer seien auch nicht dort gesessen, sondern auf der Strasse gestan-
den (vgl. act. A6 S. 6) respektive durch Felder auf ihn zugekommen (vgl.
act. A43 F96). Gemäss Anhörung sei er auch unter vollkommen anderen
Worten ("Wir haben dich gerufen, warum hast du nicht angehalten?") ge-
stoppt worden (vgl. act. A43 F96) und aus den mündlichen Ausführungen
erschliesst sich nicht, dass ihn die Angreifer namentlich gekannt ge-
schweige denn namentlich angesprochen hätten. Schliesslich sei er ge-
mäss Anhörung auch nicht durch einen Stock an der Schulter getroffen hin-
gefallen, sondern vom Wagen gerissen worden (vgl. act. A43 F96).
6.4 In Würdigung der soeben abgehandelten Elemente sind die Vorbringen
des Beschwerdeführers für nicht glaubhaft zu erachten. So vermögen die
vereinzelten Realkennzeichen in der freien Schilderung, die teils massiven
Widersprüchlichkeiten zwischen den mündlichen Ausführungen und dem
eingereichten Dokument sowie die nachgeschobenen und als Zurechtrü-
cken des Sachverhalts erscheinenden Ausführungen nicht aufzuwiegen.
6.5 Das SEM hat mithin zu Recht die Flüchtlingseigenschaft des Be-
schwerdeführers verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.
7.
7.1 Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so
verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den
Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie
(Art. 44 AsylG).
7.2 Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine auslän-
derrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Ertei-
lung einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht
angeordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
D-4796/2019
Seite 13
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2 Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen
der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des Ausländers in den
Heimat-, Herkunfts- oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3
AIG).
So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land gezwun-
gen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus einem Grund
nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie Gefahr läuft, zur Aus-
reise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl.
ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechts-
stellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).
Gemäss Art. 25 Abs. 3 BV, Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember
1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedri-
gende Behandlung oder Strafe (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3
EMRK darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender
Strafe oder Behandlung unterworfen werden.
8.3 Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf
hin, dass das Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non-Refoulement nur Per-
sonen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Be-
schwerdeführer nicht gelungen ist, eine asylrechtlich erhebliche Gefähr-
dung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5 AsylG
verankerte Grundsatz der Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren
keine Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers in den
Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig.
Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers
noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Aus-
D-4796/2019
Seite 14
schaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit ei-
ner nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK verbotenen Strafe oder Behandlung
ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des Europäischen Gerichtshofes für
Menschenrechte (EGMR) sowie jener des UN-Anti-Folterausschusses
müsste der Beschwerdeführer eine konkrete Gefahr ("real risk") nachwei-
sen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall einer Rückschiebung Folter
oder unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. Urteil des EGMR
Saadi gegen Italien 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124–
127 m.w.H.). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation im Heimatstaat
lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig
erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl
im Sinne der asyl- als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.
8.4 Gemäss Art. 83 Abs. 4 AIG kann der Vollzug für Ausländerinnen und
Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat- oder Herkunftsstaat auf-
grund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und me-
dizinischer Notlage konkret gefährdet sind. Wird eine konkrete Gefährdung
festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AIG – die vorläufige
Aufnahme zu gewähren.
8.5 Das SEM erwog in seiner Verfügung, dass die allgemeine Lage in Pa-
kistan nicht gegen die Zumutbarkeit spreche. Der Beschwerdeführer habe
bis zu seiner Ausreise in der Provinz C._ gelebt und seine Fami-
lienangehörigen (Vater, Geschwister und Verwandte) würden sich weiter-
hin dort aufhalten. Vor seiner Ausreise sei er im Warentransport und als
(...) tätig gewesen. Er sei ledig und habe über mehrere Jahre die Schule
besucht. Es seien daher keine Gründe ersichtlich, wonach er bei einer
Rückkehr in eine existenzielle Notlage geraten könnte.
8.6 In der Beschwerde wurde eigewendet, dass der Beschwerdeführer be-
reits über vier Jahre in der Schweiz wohnhaft sei und ihm daher eine Rein-
tegration bei einer Rückkehr nicht gelingen würde.
8.7 Der Wegweisungsvollzug nach Pakistan ist grundsätzlich zumutbar
(vgl. Urteil des BVGer E-5352/2017 vom 12. Februar 2019 E. 9.3.1 m.w.H.).
In Fällen der grundsätzlichen Zumutbarkeit ist die Unzumutbarkeit des
Wegweisungsvollzugs nur anzunehmen, wenn konkrete, in der Person des
Beschwerdeführers liegende Gegebenheiten eine individuelle Gefährdung
zu begründen vermögen. Solche sind vorliegend nicht ersichtlich und las-
sen sich nicht aus dem blossen Umstand ableiten, dass sich der Beschwer-
deführer bereits über vier Jahre in der Schweiz aufhält.
D-4796/2019
Seite 15
Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als
zumutbar.
8.8 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.9 Die aktuellen Massnahmen im Zusammenhang mit der weltweiten Aus-
breitung der Coronavirus-Krankheit (Covid-19) sind aufgrund ihrer vorüber-
gehenden Natur nicht geeignet, die obigen Schlussfolgerungen in Frage zu
stellen. Würden diese im vorliegenden Fall den Vollzug der Wegweisung
vorübergehend verzögern, so würde dieser zwangsläufig zu einem späte-
ren, angemessenen Zeitpunkt erfolgen (vgl. Entscheide D-1557/2020,
1554/2020 vom 23. April 2020 E. 7.4, E-895/2020 vom 15. April 2020
E. 9.6, D-1707/2020 vom 15. April 2020, E-6856/2017 vom 6. April 2020
E. 9, D-5461/2019 vom 26. März 2020 E. 7 und D-1282/2020 vom 25. März
2020 E. 5.5).
8.10 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
10.1 Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Be-
schwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da ihm jedoch mit
Zwischenverfügung vom 3. Oktober 2019 die unentgeltliche Prozessfüh-
rung gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt wurde, sind keine Kosten zu
erheben.
10.2 Mit Zwischenverfügung vom 3. Oktober 2019 wurde der rubrizierte
Rechtsvertreter als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet. Ihm ist deshalb
ein amtliches Honorar zu entrichten. Der in der Kostennote vom 9. Dezem-
ber 2019 ausgewiesene Zeitaufwand von 9.5 Stunden wie auch die Spe-
sen in der Höhe von Fr. 40.– sind als angemessen zu bezeichnen. Unter
D-4796/2019
Seite 16
Hinweis auf die Zwischenverfügung vom 3. Oktober 2019 ist der Stunden-
ansatz auf Fr. 150.– festzusetzen. Das amtliche Honorar beläuft sich folg-
lich auf insgesamt Fr. 1'465.– (1'425.– [9.5 x 150] plus 40.– [Spesen]). Die
Parteientschädigung umfasst keinen Mehrwertsteuerzuschlag im Sinne
von Art. 9 Abs. 1 Bst. c des Reglements vom 21. Februar 2008 über die
Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht (VGKE,
SR 173.320.2).
(Dispositiv nächste Seite)
D-4796/2019
Seite 17