Decision ID: 7694a12a-a0a8-5283-bcdb-ff4c965ee657
Year: 2019
Language: de
Court: SG_VG
Chamber: SG_VG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: public_law

Das Verwaltungsgericht stellt fest:
A. Y._ besitzt den Führerausweis der Kategorien B und BE sowie der Unterkategorien
A1, D1 und D1E seit dem 4. September 1990 (act. 11/3/5). Einträge im
Informationssystem über die Verkehrszulassung (IVZ; früher:
Administrativmassnahmen-Register) sind nicht aktenkundig. Am 4. Juli 2018 wurde er
um 12.30 Uhr in A._ als Fahrzeuglenker polizeilich kontrolliert. Da sowohl der
Schweiss- als auch der Speicheltest positiv auf Kokain ausfielen, Y._ kleine Pupillen
aufwies und eine schwache Lichtreaktion zeigte, wurde bei ihm die Entnahme und
Auswertung einer Blut- und Urinprobe angeordnet. Gemäss Gutachten des Instituts für
Rechtsmedizin (IRM) am Kantonsspital St. Gallen ergab die forensisch-toxikologische
Analyse der Blutprobe eine Kokainkonzentration von 16 μg/l (11-21 μg/l) sowie einen
Benzoylecgonin-Gehalt (inaktives Abbauprodukt von Kokain, nachfolgend: BE) von
1'900 μg/l (vgl. act. 11/3/21, 11/21). In der Folge verurteilte die Staatsanwaltschaft Y._
mit Strafbefehl vom 22. August 2018 wegen Fahrens in fahrunfähigem Zustand zu einer
bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je CHF 120 sowie zu einer Busse von
CHF 800. Mit Verfügung vom 27. März 2019 stellte die Staatsanwaltschaft das
Strafverfahren auf Einsprache hin ein (act. 11/21).
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B. Gestützt auf den Polizeirapport eröffnete das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt
des Kantons St. Gallen bereits am 10. August 2018 ein Administrativmassnahmen-
Verfahren zur Abklärung der Fahreignung von Y._ und verbot ihm gleichzeitig das
Führen von Motorfahrzeugen ab sofort bzw. seit 4. Juli 2018 vorsorglich (act. 11/3/25
f.). Gegen die Verfügung vom 14. September 2018, mit welcher eine
verkehrsmedizinische Untersuchung angeordnete wurde (act. 11/2), erhob Y._ Rekurs
bei der Verwaltungsrekurskommission. Nach Vorliegen der Einstellungsverfügung der
Staatsanwaltschaft vom 27. März 2019 widerrief das Strassenverkehrsamt die
Verfügung vom 10. August 2018 (vorsorglicher Führerausweisentzug) und erklärte Y._
per sofort wieder fahrberechtigt; an der Anordnung einer verkehrsmedizinischen
Untersuchung hielt es dagegen fest (act. 11/24). Mit Entscheid vom 27. Juni 2019 wies
die Verwaltungsrekurskommission den Rekurs gegen die Anordnung einer
verkehrsmedizinischen Untersuchung ab (act. 2).
C. Y._ (Beschwerdeführer) erhob gegen den am 4. Juli 2019 zugestellten Entscheid
der Verwaltungsrekurskommission (Vorinstanz) mit Eingabe seines Rechtsvertreters
vom 18. Juli 2019 (act. 1) und Ergänzung vom 17. September 2019 (act. 6) Beschwerde
beim Verwaltungsgericht mit dem Antrag, unter Kosten- und Entschädigungsfolge sei
der angefochtene Entscheid der Vorinstanz vom 27. Juni 2019 aufzuheben. Unter
Verweis auf die Erwägungen des angefochtenen Entscheides beantragte die Vorinstanz
am 20. September 2019 die Abweisung der Beschwerde (act. 10). Das
Strassenverkehrsamt (Beschwerdegegner) verzichtete am 24. September 2019 auf eine
Vernehmlassung (act. 13.2).
Auf die Ausführungen der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid und des
Beschwerdeführers zur Begründung seiner Anträge sowie die Akten wird, soweit
wesentlich, in den Erwägungen eingegangen.

Darüber zieht das Verwaltungsgericht in Erwägung:
1. (...)
2. Bestehen Zweifel an der Fahreignung einer Person, ist eine verkehrsmedizinische
Abklärung anzuordnen (Art. 15d Abs. 1 des Strassenverkehrsgesetzes, SR 741.01,
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SVG; Art. 28a Abs. 1 der Verordnung über die Zulassung von Personen und
Fahrzeugen zum Strassenverkehr, SR 741.51, Verkehrszulassungsverordnung, VZV).
Zweifel bestehen namentlich bei Vorliegen der in der nicht abschliessenden Aufzählung
von Beispielen in Art. 15d Abs. 1 lit. a-e SVG genannten Gegebenheiten. Nach der
bundesgerichtlichen Rechtsprechung sind die Anforderungen an die Anordnung einer
Fahreignungsuntersuchung nicht dieselben wie für den vorsorglichen
Führerausweisentzug, obschon diese beiden Massnahmen häufig zusammen ergehen:
Während für Erstere hinreichende Anhaltspunkte ausreichen, welche die Fahreignung in
Frage stellen, setzt der vorsorgliche Führerausweisentzug voraus, dass ernsthafte
Zweifel an der Fahreignung einer Person bestehen. Die Anordnung einer
verkehrsmedizinischen Untersuchung setzt nicht zwingend voraus, dass der
Fahrzeugführer tatsächlich unter dem Einfluss von Alkohol oder Betäubungsmitteln
gefahren ist (BGer 1C_569/2018 vom 19. März 2019 E. 3.1; 1C_384/2017 vom 7. März
2017 E. 2.2; 1C_13/2017 vom 19. Mai 2017 E. 3.2; 1C_328/2013 vom 18. September
2013 E. 3.2).
3. Die Vorinstanz erachtet im angefochtenen Entscheid die Aufnahme von Kokain als
erstellt und stützt sich dabei in erster Linie auf das forensisch-toxikologische
Gutachten des IRM vom 16. Juli 2018. Danach wurde im Blut des Beschwerdeführers
Kokain (11-21 μg/l) und BE (1'900 μg/l) nachgewiesen. Die toxikologischen Screenings
im Urin ergaben positive Ergebnisse unter anderem für Kokain und Levamisol. Bei
Letzterem handelt es sich um ein typisches Kokainstreckmittel. Gemäss dem
Gutachten beweisen die im Blut nachgewiesenen Substanzen die Aufnahme von
Kokain (act. 11/3/17 ff.).
3.1. Gemäss Art. 2 Abs. 2 lit. c der Verkehrsregelverordnung (SR 741.11, VRV) gilt
Fahrunfähigkeit als erwiesen, wenn im Blut des Fahrzeuglenkers Kokain nachgewiesen
wird. Dieser Nachweis gilt nach Art. 34 lit. c der Verordnung des ASTRA zur
Strassenverkehrskontrollverordnung (SR 741.013.1, VSKV-ASTRA) als erbracht, wenn
die Messwerte im Blut den Grenzwert von 15 μg/L Kokain erreichen oder
überschreiten. Bei diesen Grenzwerten handelt es sich um sogenannte
Bestimmungsgrenzwerte, die unter Berücksichtigung der Eigenheiten des chemisch-
analytischen Messverfahrens festlegen, ab welcher Konzentration eine Substanz in
einer Probe zuverlässig quantitativ bestimmt werden kann. Bestimmungsgrenzwerte
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sind von den sogenannten Nachweisgrenzwerten zu unterscheiden. Diese bezeichnen
die kleinste Konzentration eines Stoffes, die in einer Probe qualitativ noch erfasst
werden kann. Zwischen der Nachweis- und der Bestimmungsgrenze liegt in der Regel
die sogenannte Erfassungsgrenze, ab der eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass
die gesuchte Substanz tatsächlich vorhanden ist. Werden die Grenzwerte gemäss
Art. 34 VSKV-ASTRA unterschritten, kann der Nachweis der betreffenden
Betäubungsmittel im Blut nach dieser Bestimmung nicht als erbracht und damit die
Fahrunfähigkeit nach Art. 2 Abs. 2 VRV nicht als erwiesen gelten. Dass die betreffenden
Betäubungsmittel als nicht konsumiert zu betrachten wären, ergibt sich aus diesen
Bestimmungen hingegen nicht. Diese sind in erster Linie für den Straftatbestand des
Fahrens in fahrunfähigem Zustand gemäss Art. 91 Abs. 2 lit. b SVG von Bedeutung und
regeln den Nachweis des Konsums dieser Betäubungsmittel nicht. Sie schränken die
Sachverhaltsfeststellungen hinsichtlich dieser Frage daher nicht ein. Der Nachweis
eines solchen Konsums setzt somit namentlich nicht voraus, dass die Grenzwerte
gemäss Art. 34 VSKS-ASTRA erreicht werden (BGer 1C_147/2018 vom 5. Oktober
2018 E. 5.2, 5.3 mit weiteren Hinweisen).
3.2. Die Vorbringen des Beschwerdeführers vermögen das pharmakologisch-
toxikologische Gutachten nicht in Frage zu stellen. Die gutachterliche
Schlussfolgerung, wonach der Konsum von Kokain belegt sei, widerspricht wie
dargelegt nicht der Feststellung im Gutachten, wonach die Minimalkonzentration
unterhalb der Grenzwerte von Art. 34 VSKV-ASTRA liegen. Im Übrigen findet anders als
im Straf- und Warnungsentzugsverfahren die Unschuldsvermutung bei sichernden
Massnahmen keine Anwendung, da diese Massnahme nicht wegen eines schuldhaften
Verhaltens des Betroffenen, sondern im Interesse der Verkehrssicherheit erfolgt. Damit
ist – wie bei der Blutalkoholbestimmung – nicht auf den für den Betroffenen
günstigsten minimalen, sondern den ermittelten Wert abzustellen, da dieser nach unten
und nach oben mit der gleichen Messunsicherheit behaftet ist (vgl. BGE 140 II 334 E. 6;
P. Weissenberger, Kommentar SVG und OBG, 2. Aufl. 2015, Art. 15d N 60 SVG). Die
beim Beschwerdeführer gemessene Blutkonzentration von 16 μg/l Kokain liegt folglich
knapp über dem in Art. 34 VSKV-ASTRA festgelegten Grenzwert von 15 μg/l, aufgrund
welchem von der Fahrunfähigkeit des Beschwerdeführers im Zeitpunkt der Kontrolle
ausgegangen werden durfte. Aus dem geschilderten Grund sind auch die
Ausführungen des Beschwerdeführers zur Bindungswirkung der Verwaltungsbehörden
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an die Sachverhaltsfeststellungen der Strafbehörden unbehelflich, weil es sich
vorliegend nicht um einen Warnungsentzug, sondern um ein Verfahren im Interesse der
Verkehrssicherheit handelt. Ob der Beschwerdeführer vorsätzlich Kokain konsumierte
oder nicht, spielt im vorliegenden Verfahren ebenfalls keine Rolle. Im Weiteren wurden
im Blut des Beschwerdeführers ein Wert von 1'900 μg/l Benzoylecgnonin (BE, ein
Abbauprodukt von Kokain) ermittelt. Schliesslich sind auch keine Anhaltspunkte
ersichtlich, dass die für das Gutachten verwendeten Analysen unsorgfältig oder falsch
durchgeführt worden oder die Resultate unrichtig wären. Wenn sich die Vorinstanz auf
den Schluss des IRM, wonach die Analyseergebnisse den Konsum eines
Betäubungsmittels mit Abhängigkeitspotential (Kokain) belegen würden, abstütze, so
erscheint dies aufgrund der Aktenlage ohne weiteres als rechtens und angesichts der
im Blut und Urin nachgewiesenen Substanzen denn auch nicht offenkundig als
unzutreffend. Damit erübrigt sich überdies, eine Gegenexpertise zum vom IRM
untersuchten Material im Sinn von Art. 24 VSKV-ASTRA einzuholen.
3.3. Für die Vorinstanz bestand demnach kein Anlass, vom pharmakologisch-
toxikologischen Gutachten des IRM abzuweichen. An diesem Ergebnis vermag die
Kritik des Beschwerdeführers, wonach im Sachverhalt des angefochtenen Entscheids
offensichtlich der falsche Vorname des Beschwerdeführers aufgeführt sei, nichts zu
ändern.
4. Zusammenfassend erweist sich die Beschwerde als unbegründet und ist
dementsprechend abzuweisen. (...)