Decision ID: 077ab1e6-521d-5cd9-977c-451ed24705e4
Year: 2021
Language: de
Court: CH_BVGE
Chamber: CH_BVGE_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
A.a Der Beschwerdeführer reichte am (...) Januar 2021 unter dem Fal-
schnamen B._ beim Einwohneramt C._ ein Gesuch um Er-
teilung einer Aufenthaltsbewilligung zur Erwerbstätigkeit ein. Dabei wies er
sich mit einer bulgarischen Identitätskarte sowie einem bulgarischen Rei-
sepass aus. Am (...) Januar 2021 wurde er in D._ von der Grenz-
wache kontrolliert, wobei festgestellt wurde, dass es sich bei den bulgari-
schen Identitätsdokumenten um Fälschungen handelt. In der Folge suchte
er gleichentags – nunmehr unter dem Namen A._, türkischer
Staatsangehöriger – in der Schweiz um Asyl nach und wurde dem Bunde-
sasylzentrum (BAZ) der Region Bern zugewiesen (vgl. zum Ganzen vo-
rinstanzliche Akten [...]-18/4 [nachfolgend act. 18] sowie act. 22).
A.b Anlässlich der Personalienaufnahme vom 13. Januar 2021 (PA) und
der Anhörung vom 10. Februar 2021 machte er im Wesentlichen Folgen-
des geltend:
Er sei kurdischer Ethnie und stamme aus E._, wo er zusammen mit
seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester gelebt habe; seine ältere
Schwester sei bereits verheiratet. Er habe das Gymnasium besucht und
nach dessen Abschluss hauptsächlich als (...) gearbeitet. Diese Tätigkeit
habe er bis Februar 2019 ausgeübt und danach bis circa im Oktober 2020
in der (...) seines Vaters mitgearbeitet. Er und seine Familie hätten nie fi-
nanzielle Probleme gehabt.
Seit seiner Jugendzeit habe er sich politisch engagiert, zunächst in der da-
maligen BDP (Barışve Demokrasi Partisi, dt. Partei des Friedens und der
Demokratie) und später in der HDP (Halkların Demokratik Partisi, dt. De-
mokratische Partei der Völker). Im (...) 2017 habe er im Hinblick auf die
Wahlen Parteiwerbung gemacht und sei während einem Tag festgehalten
worden. Im (...) 2018 habe er an Protesten zugunsten von (...) teilgenom-
men und sei vorübergehend festgehalten worden; ebenso im (...) 2018, als
er sich an einer Demonstration für die Rechte von LGBT-Personen beteiligt
habe und (...) Tage festgehalten worden sei. Ein Jahr später, im (...) 2019,
sei er einmal im Vorfeld einer Demonstration im Parteilokal für einige Stun-
den festgehalten worden, wie auch tags darauf an der Demonstration, wo
er für einen Tag festgehalten worden sei.
Erst ein Jahr später im (...) 2020 sei dann die Polizei beim Geschäft seines
Vaters erschienen und habe mitgeteilt, dass er (Beschwerdeführer) bei der
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Polizei erscheinen müsse, um «Aussagen zu machen». Zu welcher Sache
genau er eine Aussage hätte machen sollen, sei ihm nicht bekannt. Darauf-
hin habe er vorsichtshalber die Adresse gewechselt. Er sei aber die kom-
menden Monate im Land verblieben und habe auch weiterhin im Geschäft
des Vaters mitgearbeitet. Er habe damals vermutet, dass die Behörden ihn
womöglich inhaftieren würden. Er und sein Vater hätten daher beschlos-
sen, dass er lieber ausreisen solle. Am (...) 2020 habe er die Türkei
schliesslich verlassen und sei auf dem Landweg am (...) 2020 in die
Schweiz gereist. Nach seiner Ausreise sei ihm von seinem Vater mitgeteilt
worden, dass Polizisten im (...) 2021 zuhause vorbeigekommen seien und
nach ihm gefragt hätten. Die Polizisten hätten seinem Vater gesagt, dass
angeblich ein Suchbefehl gegen ihn (Beschwerdeführer) bestehe. Er sei
überdies auch auf den sozialen Medien Facebook und Twitter aktiv, wo er
Beiträge mit politischen Inhalten veröffentlicht habe. Diese habe er jedoch
vorsichtshalber wieder gelöscht. Auch Fotos von Demonstrationen habe er
aus Sicherheitsüberlegungen von seinem Computer entfernt.
Der Beschwerdeführer reichte seine türkische Identitätskarte sowie einen
beruflichen Kompetenzausweis zu den Akten.
B.
Am 16. Februar 2021 gab das SEM dem Beschwerdeführer Gelegenheit,
sich zum Entscheidentwurf zu äussern. Die Stellungnahme erfolgte tags
darauf. Darin zeigte sich der Beschwerdeführers mit der beabsichtigten Ab-
lehnung seines Asylgesuchs nicht einverstanden. Er führte weiter aus,
dass er die Türkei nicht freiwillig verlassen habe und dort gesucht werde.
Er bemühe sich zurzeit intensiv darum, den Suchbefehl schnellstmöglich
zu beschaffen und einzureichen.
C.
Mit Strafbefehl des Untersuchungsamts F._ vom (...) Februar 2021
wurde der Beschwerdeführer der Fälschung von Ausweisen und der
rechtswidrigen Einreise schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe
von 60 Tagen, bedingt aufgeschoben bei einer Probezeit von 2 Jahren, so-
wie einer Busse von Fr. 300.– verurteilt.
D.
Mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 18. Februar 2021 verneinte das
SEM die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers und lehnte sein
Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es seine Wegweisung aus der
Schweiz und ordnete den Vollzug an.
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E.
Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 20. März 2021 be-
antragte der Beschwerdeführer die Aufhebung der angefochtenen Verfü-
gung, die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung
von Asyl. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, allenfalls die Unzumutbarkeit,
der Wegweisung festzustellen und ihm die vorläufige Aufnahme zu gewäh-
ren. In prozessualer Hinsicht beantragte er den Verzicht auf die Erhebung
eines Kostenvorschusses.
F.
Die vorinstanzlichen Akten lagen dem Bundesverwaltungsgericht am
23. März 2021 in elektronischer Form vor (vgl. Art. 109 Abs. 1 AsylG).
G.
Mit Eingabe vom 24. März 2021 reichte der Beschwerdeführer eine Fürsor-
gebestätigung ein.

Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung:
1.
1.1 Gemäss Art. 31 VGG beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Be-
schwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 VwVG. Das SEM gehört zu den
Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz des Bundesver-
waltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme im Sinne
von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht ist daher
zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und entschei-
det auf dem Gebiet des Asyls in der Regel – wie auch vorliegend – endgül-
tig (Art. 105 AsylG [SR 142.31]; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG).
1.2 Die Beschwerde ist frist- und formgerecht eingereicht worden. Der
Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist
durch die angefochtene Verfügung besonders berührt und hat ein schutz-
würdiges Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise Änderung. Er ist
daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108
Abs. 1 AsylG; Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Be-
schwerde ist einzutreten.
2.
Die Kognition des Bundesverwaltungsgerichts und die zulässigen Rügen
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richten sich im Asylbereich nach Art. 106 Abs. 1 AsylG, im Bereich des Aus-
länderrechts nach Art. 49 VwVG (vgl. BVGE 2014/26 E. 5).
3.
Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher
Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters beziehungsweise ei-
ner zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Wie nachste-
hend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine solche, weshalb das
Urteil nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG).
Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde auf die Durchführung eines
Schriftenwechsels verzichtet.
4.
4.1 Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund-
sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im
Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali-
tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt sind oder be-
gründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden (Art. 3
Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich die Gefährdung
des Leibes, des Lebens oder der Freiheit sowie Massnahmen, die einen
unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 Abs. 2 AsylG).
4.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen
oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die
Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für ge-
geben hält. Unglaubhaft sind insbesondere Vorbringen, die in wesentlichen
Punkten zu wenig begründet oder in sich widersprüchlich sind, den Tatsa-
chen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte oder verfälschte
Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). Das Bundesverwaltungsge-
richt hat die Anforderungen an das Glaubhaftmachen von Asylvorbringen
in verschiedenen Entscheiden dargelegt und folgt dabei ständiger Praxis.
Darauf kann hier verwiesen werden (vgl. BVGE 2015/3 E. 6.5.1, 2013/11
E. 5.1 und 2010/57 E. 2.3, je m.w.H.).
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5.
5.1 Nach Ansicht der Vorinstanz genügten die Vorbringen des Beschwer-
deführers weder den Anforderungen von Art. 3 AsylG an die flüchtlings-
rechtliche Beachtlichkeit noch denjenigen von Art. 7 AsylG an die Glaub-
haftigkeit. Bei den Kurzfestnahmen in den Jahren 2017 bis 2019 handle es
sich um Eingriffe geringer Dauer und Intensität. Diese hätten sich zudem
eineinhalb bis drei Jahre vor der Ausreise zugetragen und hätten ihn somit
augenscheinlich nicht zur Flucht veranlasst. Auch wenn ihm die Behörden-
vertreter dabei separatistisches Handeln vorgeworfen hätten, stehe den-
noch fest, dass in der Folge nicht weiter gegen ihn vorgegangen sei. Der
türkische Staat schrecke bekanntlich nicht davor zurück, gegen politisch
tätige Personen Untersuchungsmassnahmen einzuleiten, Gerichtsverfah-
ren zu eröffnen und gar langjährige Haftstrafen auszusprechen. Dies sei
bei ihm nicht der Fall. Seine Vorbringen in Bezug auf die Jahre 2017 bis
2019 hielten damit den Anforderungen an die Asylrelevanz gemäss Art. 3
AsylG nicht stand, weshalb auf eine Glaubhaftigkeitsprüfung diesbezüglich
verzichtet werden könne.
Hinsichtlich der geltend gemachten Aktivität in den sozialen Medien habe
er keine Dokumente eingereicht, welche den politischen Inhalt seiner Bei-
träge bestätigen würden. Auch habe er Fotos von Demonstrationen von
seinem Computer von sich aus entfernt. Er habe auch kein Ermittlungsver-
fahren aufgrund seiner Internetaktivitäten geltend gemacht. Es sei daher
nicht davon auszugehen, dass er aufgrund dieser Aktivitäten die Aufmerk-
samkeit der türkischen Behörden erregt hätte und eine begründete Furcht
vor Verfolgung sei zu verneinen.
Im Weiteren sei sein Vorbringen, wonach im (...) 2020 Polizeibeamte im
Geschäft des Vaters vorbeigekommen seien und ihm ausgerichtet hätten,
dass er (Beschwerdeführer) zur Aussage bei der Polizei erscheinen solle,
nicht plausibel und widerspreche den Tatsachen in der Türkei. Eine derar-
tige Aufforderung würde von den Behörden nicht einzig mündlich ausge-
sprochen. Zudem wäre die Polizei früher gegen ihn vorgegangen als erst
ein Jahr nach den Demonstrationsteilnahmen im (...) 2019. Es mute zudem
stereotyp an, dass die Polizisten ausgerechnet dann zum Geschäft des
Vaters gekommen seien, als er gerade nicht dort gewesen sei. Dies weise
auf ein konstruiertes Vorbringen hin. Zusätzlich sei er nach der angeblichen
Aufforderung im (...) 2020 noch bis zum (...) 2020 mehrere Monate im Hei-
matland geblieben und habe keine weiteren Massnahmen mehr geltend
gemacht. Wäre er im (...) 2020 tatsächlich zu einer Befragung aufgeboten
worden, könne davon ausgegangen werden, dass sein Nichterscheinen
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Folgen gehabt hätte. Dass er dennoch weiterhin im Geschäft des Vaters
mitgeholfen habe, deute nicht auf eine bestehende Angst vor Verfolgungs-
massnahmen hin. Er habe offensichtlich auch keine schriftliche Vorladung
bekommen. Seine Angaben, dass ein Suchbefehl existiere, sei als blosse
Annahme zu werten und stelle kein sicheres Element dar. Das Aktenein-
sichtsrecht in der Türkei bestehe grundsätzlich bereits während des Unter-
suchungsverfahrens. Er habe jedoch keine Dokumente eingereicht, welche
ein Untersuchungsverfahren gegen seine Person bestätigen würden.
Sollte ein Geheimhaltungsbeschluss betreffend seine Akten bestehen,
müsste zumindest der diesbezügliche richterliche Beschluss vorhanden
sein. Das völlige Fehlen jeglicher Dokumente weise darauf hin, dass kein
Ermittlungsverfahren gegen ihn hängig sei. Zum Vorbringen, dass nach der
Ausreise erneut nach ihm gefragt worden sei, sei auszuführen, dass er
diese Aussagen von einer abwesenden Drittperson vernommen habe, wo-
mit diese zur Annahme des Bestehens einer Verfolgung nicht herangezo-
gen werden könnten, da eine Überprüfung auf ihren Tatsachengehalt nicht
möglich sei.
Angesichts der Tatsache, dass er vor seinem Asylgesuch unter anderer
Identität und mit gefälschten Identitätsdokumenten ein Gesuch um Ertei-
lung einer Aufenthaltsbewilligung zur Erwerbstätigkeit eingereicht habe,
lege nahe, dass sein ursprünglicher Einreisegrund der Aufnahme einer Er-
werbstätigkeit und nicht der Schutzfindung gedient habe.
5.2 Der Beschwerdeführer hält in seiner Beschwerde an der Glaubhaf-
tigkeit und Asylrelevanz seiner Vorbringen fest. Er stamme aus einer poli-
tisch engagierten Familie, der Vater habe in der Vergangenheit aufgrund
seiner politischen Aktivität schwere Nachteile erlitten. Seither sei die ganze
Familie der türkischen Behörden als «terroristenfreundlich» bekannt. Seit
Beginn seiner politischen Aktivitäten im Jahr 2017 sei er Schikanen, Behel-
ligungen und Beschattungen durch die Polizei ausgesetzt gewesen. Der
psychische Druck auf ihn habe ihm Laufe der Zeit dermassen zugenom-
men, dass es unerträglich geworden sei. Diesbezüglich habe er an der An-
hörung auf frühere psychische Probleme hingewiesen. Es sei im weiteren
eine bekannte Tatsache, dass der türkische Staat die HDP als Arm der PKK
(Partiya Karkerên Kurdistanê, dt. Arbeiterpartei Kurdistans) ansehe und
entsprechend gegen deren Mitglieder und Sympathisanten vorgehe. Die
HDP werde in den letzten Monaten sogar als eine terroristische Organisa-
tion angesehen. Er sei über eine lange Zeit und insbesondere im letzten
Jahr vor seiner Flucht durch die Polizei behelligt, schikaniert, bedroht und
eingeschüchtert worden. Um sich einer Festnahme zu entziehen, habe er
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seine Fotosammlung verbrannt und sogar die Adresse gewechselt. All
diese Umstände hätten bei ihm zu einer derart grossen Angst geführt, dass
ein menschenwürdiges Leben nicht mehr möglich gewesen sei. Dieser un-
erträglichen psychischen Lage im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG habe er
sich nur noch durch die Flucht ins Ausland entziehen können.
Sodann treffe nicht zu, dass es sich bei seinen Angaben hinsichtlich der
polizeilichen Suche nach ihm und der Existenz eines Suchbefehls bloss
um eine simple Annahme handle. Es sei eine Tatsache, dass in manchen
Strafverfahren, insbesondere im Anfangsstadium, ein Geheimhaltungsbe-
schluss bestehe und das Akteneinsichtsrecht sehr eingeschränkt sei. Aus
diesem Grund habe er den Suchbefehl nicht beschaffen können. Die Poli-
zisten hätten seinem Vater gesagt, dass es nicht möglich sei, ihm einen
Suchbefehl auszuhändigen. Wäre er nicht rechtzeitig geflüchtet, wäre er
verhaftet worden. Es sei nicht nachvollziehbar, dass das SEM die diesbe-
züglichen Angaben als ein Konstrukt bezeichne, weil er keine gerichtlichen
Dokumente vorlegen könne. Er sei immer noch daran, diese gerichtlichen
Dokumente zu beschaffen. Es müsse daher davon ausgegangen werden,
dass ein politisches Datenblatt gegen ihn vorliege, was bei der mit der Wie-
dereinreise verbundene Kontrolle ein Verfolgungsrisiko darstelle. Dass be-
reits Polizisten bei seiner Familie erschienen seien, zeuge davon, dass er
tatsächlich gesucht werde. Er sei demnach im Visier der türkischen Behör-
den. Bei einer Rückkehr in die Türkei würde sich seine Befürchtung, staat-
licher Verfolgung ausgesetzt zu sein, verwirklichen.
6.
6.1 Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum
Schluss, dass die Verfügung des SEM zu stützen ist. Es hat mit ausführli-
cher und überzeugender Begründung dargelegt, weshalb die Vorbringen
des Beschwerdeführers weder die Anforderungen von Art. 3 AsylG an die
flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit, noch diejenigen von Art. 7 AsylG an die
Glaubhaftigkeit erfüllen. Der Beschwerdeführer vermag den vorinstanzli-
chen Argumenten mit seiner Beschwerde, welche sich in weiten Teilen in
einfachen Gegenbehauptungen erschöpft, nichts entgegenzuhalten. Zur
Vermeidung von Wiederholungen kann daher mit den nachfolgenden Er-
wägungen auf die zutreffenden Erwägungen der Vorinstanz gemäss ange-
fochtener Verfügung (dort E. II) und obiger Zusammenfassung (vgl. E. 5.1)
verwiesen werden, denen sich das Gericht vollumfänglich anschliesst.
6.2 Eingangs ist mit der Vorinstanz festzustellen, dass der Beschwerdefüh-
rer mit gefälschten bulgarischen Identitätsdokumenten illegal in die
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Schweiz einreiste und dies zunächst augenscheinlich ohne Absicht, hier
überhaupt ein Asylgesuch zu stellen. Dies, zumal er mit ebendiesen ge-
fälschten Dokumenten und unter Angabe eines falschen Namens beim Ein-
wohneramt G._ um Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung zwecks
Erwerbstätigkeit ersuchte. Dieser Umstand weckt bereits erhebliche Zwei-
fel an seiner persönlichen Glaubwürdigkeit und ist bei der Beurteilung sei-
ner Asylvorbringen nachfolgend zu berücksichtigen.
6.3 Hinsichtlich der Asylrelevanz der kurzzeitigen Verhaftungen respektive
Festhaltungen des Beschwerdeführers in den Jahren 2017 bis 2019 äus-
serte er sich in der Beschwerdeeingabe im Wesentlichen dahingehend,
dass er aus einer den Behörden bereits einschlägig bekannten Familie
stamme und die HDP von den türkischen Behörden seit kurzem als terro-
ristische Organisation angesehen werde, weshalb er begründete Furcht
vor asylrelevanter Verfolgung habe und aufgrund der bisherigen Behelli-
gungen einem unerträglichen psychischen Druck im Sinne von Art. 3
Abs. 2 AsylG ausgesetzt gewesen sei. Aus seinen Schilderungen geht je-
doch nicht hervor, dass sein Vater oder seine Familie im Allgemeinen (wei-
terhin) behördlichen Behelligungen ausgesetzt gewesen wären. Er scheint
aufgrund der angeblichen Vorgeschichte seiner Familie deswegen auch
keine konkreten behördlichen weitergehenden Nachteile erfahren zu ha-
ben. Er sei stets nach kurzer Zeit und ohne weiteren Auflagen – abgesehen
von der Warnung, von solchen Tätigkeiten inskünftig abzusehen – freige-
lassen worden (vgl. act. 19, F38, F42, F48, F70 f.). Dies deutet nicht auf
ein besonderes behördliches Interesse an seiner Person hin. Sodann han-
delt es sich bei der HDP – auch wenn jüngst der Druck auf die Partei und
ihre Mitglieder erhöht wurde (vgl. etwa < https://www.dw.com/de/t%C3%
BCrkei-kurdenpartei-hdp-droht-das-aus/a-56710435 >, zuletzt abgerufen
am 24. März 2021) – um eine in der Türkei zum heutigen Zeitpunkt nach
wie vor anerkannte und legale Oppositionspartei, weshalb auch nicht da-
von auszugehen ist, dass an ihm als einfaches HDP-Mitglied per se ein
asylrelevantes behördliches Verfolgungsinteresse besteht. Im Weiteren
mangelt es den geltend gemachten Eingriffen in seine persönliche Freiheit
– wie vom SEM zu Recht festgestellt – sowohl an der erforderlichen Inten-
sität als auch am erforderlichen Kausalzusammenhang mit seiner Flucht,
welche er erst über ein Jahr nach seinem letzten Kontakt mit den Sicher-
heitsbehörden im (...) 2019 angetreten habe. Selbst der Familienanwalt
soll ihm im Jahr 2018 gesagt haben, dass ihm nichts passieren würde (vgl.
act. 19, F88). Das Argument des Beschwerdeführers, die vorgebrachten
Ereignisse hätten in Kombination zu einer Situation des unerträglichen psy-
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chischen Druckes im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG geführt, überzeugt in-
des klar nicht, zumal er – abgesehen von der angeblichen Adressände-
rung, welche er im Übrigen nicht überzeugend erklären konnte (vgl. act. 19,
F79 ff.) – im Geschäft des Vaters weitergearbeitet habe (vgl. act. 19, F53,
F79). Dies notabene, nachdem die Behörden bereits mehrere Male im Ge-
schäft des Vaters erschienen seien, um nach ihm zu suchen (vgl. act. 19,
F49, F76). Es ist nicht nachvollziehbar, dass er sich vor dem Hintergrund
des angeblich erheblichen psychischen Druckes weiter einem derartigen
Risiko ausgesetzt haben soll. Ferner steht dem auch entgegen, dass er
nach der angeblichen polizeilichen Vorsprache im (...) 2020 noch monate-
lang im Land verblieben ist. Dieses Verhalten ist mit seinem Vorbringen
nicht in Einklang zu bringen. Gegen das Vorhandensein einer effektiven
Furcht vor asylrelevanter Verfolgung spricht sodann auch, dass er wie er-
wähnt augenscheinlich gar nicht mit der Absicht in die Schweiz gereist ist,
hier um Asyl nachzusuchen, sondern – wie sein Bruder (ZEMIS-Nr. [...];
vgl. act.9, Ziff. 3.01) – eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung zu erhalten.
Aus den genannten Gründen erfüllen die geltend gemachten Behelligun-
gen die Anforderungen an die flüchtlingsrechtliche Beachtlichkeit nicht.
6.4 Hinsichtlich der Glaubhaftigkeit des geltend gemachten Strafverfah-
rens respektive der behördlichen Suche nach ihm kann ebenfalls vollum-
fänglich auf die Erwägungen des SEM verwiesen werden. Der angebliche
Suchbefehl gegen ihn ist bis heute eine unbelegte Parteibehauptung be-
ziehungsweise eine Spekulation des Beschwerdeführers geblieben. Der
Beschwerdeführer konnte im Rahmen der Anhörung nicht einmal schlüssig
ausführen, in welchem Zusammenhang der Suchbefehl ausgestellt worden
sein sollte und was ihm überhaupt angeblich zur Last gelegt werde. Er
wisse nur, dass man ihn für eine Aussagen zur Polizei bestellt habe (vgl.
act. 19, F 95-96). Mit seinem Hinweis auf Beschwerdeebene, dass im An-
fangsstadium eines Verfahrens ein Geheimhaltungsbeschluss bestehe,
vermag er die Feststellung des SEM, dass er zumindest Einsicht in einen
richterlichen Beschluss betreffend die Geheimhaltung hätte erhalten müs-
sen, nicht auszuräumen. Dies zumal er sogar auf die Hilfe eines heimatli-
chen Rechtsanwalts zurückgreifen könnte (vgl. act. 19, F88). Mit seiner
einfachen Behauptung, er versuche, den angeblichen Suchbefehl zu be-
schaffen, zeigt er zudem nicht auf, welche angeblich intensiven Bemühun-
gen zur Beschaffung desselben er konkret unternommen hat respektive
unternimmt. Es trifft im Übrigen nicht zu, dass das SEM die diesbezügli-
chen Vorbringen alleine aufgrund des Umstandes, dass er keine gerichtli-
chen Dokumente habe vorlegen können, als Konstrukt bezeichnet. Das
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Seite 11
SEM führte stattdessen zu Recht an, dass die beschriebene Vorgehens-
weise der türkischen Behörden vor den bekannten Länderinformationen
nicht nachvollziehbar sei. Hierzu schweigt sich die Beschwerde aus. Die
vorinstanzliche Schlussfolgerung betreffend die Unglaubhaftigkeit seiner
Vorbringen ist demnach zu bestätigen.
Betreffend die angeblichen Aktivitäten des Beschwerdeführers in den sozi-
alen Medien ist ebenfalls den vorinstanzlichen Erwägungen zu folgen, de-
nen sich das Gericht vollumfänglich anschliesst. Weder äusserte sich der
Beschwerdeführer zu dieser Thematik auf Beschwerdeebene noch reichte
er entsprechende Beweismittel zu den Akten.
6.5 Nach dem Gesagten ist es dem Beschwerdeführer nicht gelungen,
asylrelevante Vorfluchtgründe glaubhaft darzutun. Subjektive Nachflucht-
gründe wurden keine geltend gemacht. Das SEM hat demnach seine
Flüchtlingseigenschaft zu Recht verneint und das Asylgesuch folgerichtig
abgelehnt.
7.
Lehnt das SEM das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so verfügt
es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den Vollzug
an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 44
AsylG).
Der Beschwerdeführer verfügt insbesondere weder über eine ausländer-
rechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung
einer solchen. Die Wegweisung wurde demnach ebenfalls zu Recht ange-
ordnet (vgl. BVGE 2013/37 E. 4.4; 2009/50 E. 9, je m.w.H.).
8.
8.1 Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder
nicht möglich, so regelt das SEM das Anwesenheitsverhältnis nach den
gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme (Art. 44 AsylG;
Art. 83 Abs. 1 AIG [SR 142.20]).
Beim Geltendmachen von Wegweisungsvollzugshindernissen gilt gemäss
Praxis des Bundesverwaltungsgerichts der gleiche Beweisstandard wie bei
der Prüfung der Flüchtlingseigenschaft; das heisst, sie sind zu beweisen,
wenn der strikte Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft
zu machen (vgl. BVGE 2011/24 E. 10.2 m.w.H.).
8.2
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8.2.1 Die Vorinstanz befand den Vollzug der Wegweisung für zulässig, zu-
mutbar und möglich. Betreffend die Zulässigkeit des Wegweisungsvollzugs
hielt sie fest, dass die allgemeine Menschenrechtslage in der Türkei kein
Vollzugshindernis darstelle. Aus den Akten ergäben sich auch keine An-
haltspunkte dafür, dass dem Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr in
die Türkei mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine durch Art. 3 EMRK ver-
botene Strafe oder Behandlung drohe. Es sprächen auch keine individuel-
len Faktoren gegen die Zumutbarkeit der Rückkehr, zumal er in E._
über Familienangehörige, einen Bekannten- und Freundeskreis sowie über
eine Freundin verfüge. Aufgrund seiner Arbeitserfahrung könne als gesi-
chert gelten, dass er nach seiner Rückkehr ein seinen Fähigkeiten und Be-
dürfnissen entsprechendes Leben werde führen können.
8.2.2 Dem hielt der Beschwerdeführer entgegen, dass er aufgrund seiner
politischen Aktivitäten im Visier der türkischen Behörden stehe und gefähr-
det sei. Es drohten ihm aufgrund des Vorwurfs der Unterstützung des Ter-
rorismus und Propaganda zugunsten der HDP Folter sowie überlange und
unverhältnismässige Freiheitsstrafen. Es sei eine Tatsache, dass Perso-
nen, welche des Separatismus, Unterstützung des Terrorismus oder Pro-
paganda beschuldigt würden, kein faires Gerichtsverfahren erwarten könn-
ten. Im Falle einer Festnahme drohe ihm eine langjährige Gefängnisstrafe
mit menschenunwürdiger Behandlung in Haft. Bei einer Rückschaffung
wäre er deshalb an Leib, Leben und Freiheit gefährdet, weshalb er vorläu-
fig aufzunehmen sei.
8.3 Der Vollzug der Wegweisung ist vorliegend in Beachtung der massge-
blichen völker- und landesrechtlichen Bestimmungen zulässig (Art. 83 Abs.
3 AuG), da weder das flüchtlingsrechtliche Non-Refoulement-Prinzip tan-
giert ist noch Anhaltspunkte für eine im Heimatstaat drohende menschen-
rechtswidrige Behandlung im Sinne von Art. 25 Abs. 3 BV, von Art. 3 des
Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grau-
same, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe (FoK,
SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK ersichtlich sind. Insbesondere
vermag der Beschwerdeführer kein „real risk“ im Sinne der massgeblichen
Rechtsprechung darzutun, zumal die blosse Möglichkeit einer menschen-
rechtswidrigen Behandlung nicht ausreicht (vgl. Urteil des EGMR Saadi
gegen Italien vom 28. Februar 2008, Grosse Kammer 37201/06, §§ 124 ff.
m.w.H.).
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8.4 Sodann lassen weder die allgemeine Lage in der Türkei noch individu-
elle Gründe auf eine konkrete Gefährdung im Falle einer Rückkehr schlies-
sen. In individueller Hinsicht kann vollumfänglich auf die zutreffenden Er-
wägungen der Vorinstanz verwiesen werden, welchen der Beschwerdefüh-
rer mit seiner Beschwerdeeingabe nichts entgegensetzte.
8.5 Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi-
gen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen Rei-
sedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE
2008/34 E. 12), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu
bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AIG).
8.6 Die Corona-Pandemie steht dem Wegweisungsvollzug ebenfalls nicht
entgegen. Die Anordnung einer vorläufigen Aufnahme setzt voraus, dass
ein Vollzugshindernis nicht nur vorübergehender Natur ist, sondern voraus-
sichtlich eine gewisse Dauer – in der Regel mindestens zwölf Monate –
bestehen bleibt. Ist dies nicht der Fall, so ist dem temporären Hindernis bei
den Vollzugsmodalitäten Rechnung zu tragen (vgl. Entscheidungen und
Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995
Nr. 14 E. 8d und e). Bei der Corona-Pandemie handelt es sich – wenn
überhaupt – um ein bloss temporäres Vollzugshindernis, welchem somit im
Rahmen der Vollzugsmodalitäten durch die kantonalen Behörden Rech-
nung zu tragen ist, indem etwa der Zeitpunkt des Vollzugs der Situation im
Heimatland angepasst wird.
8.7 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu
Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. Eine Anordnung der
vorläufigen Aufnahme fällt somit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1–4 AIG).
9.
Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die angefochtene Verfügung
Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig so-
wie vollständig feststellt (Art. 106 Abs. 1 AsylG) und – soweit diesbezüglich
überprüfbar – angemessen ist. Die Beschwerde ist abzuweisen.
10.
Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind die Kosten dem
Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und auf insgesamt
Fr. 750.– festzusetzen (Art. 1–3 des Reglements vom 21. Februar 2008
über die Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht
E-1263/2021
Seite 14
[VGKE, SR 173.320.2]). Mit vorliegendem Direktentscheid ist der Antrag
auf Kostenvorschussverzicht gegenstandslos geworden.
(Dispositiv nächste Seite)
E-1263/2021
Seite 15