Decision ID: 6ea9ad33-b344-4c4d-9540-356be0f6e83a
Year: 2022
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
Mit Urteil vom 10. September 2021 erkannte das Kantonsgericht Nidwalden, Strafabtei-
lung/Kollegialgericht, was folgt (Wortlaut gemäss der begründeten Fassung):
« 1. Der Beschuldigte wird der Veruntreuung gemäss Art. 138 Ziff. 1 Abs. 2 StGB schuldig gesprochen.
2. Der Beschuldigte wird hierfür in Anwendung von Art. 138 Ziff. 1 Abs. 2 und 3 StGB, Art. 34 StGB, Art. 42
Abs. 1 und 4 StGB, Art. 44 Abs. 1 StGB, Art. 47 StGB, Art. 49 Abs. 2 StGB und Art. 106 StGB mit einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je Fr. 20.00, bedingt vollziehbar bei einer Probezeit von 4 Jahren, .
Wird die Geldstrafe vollzogen, sind 2 Tage Polizeihaft anzurechnen.
3. Der Beschuldigte wird zudem mit einer Busse von Fr. 600.00 bestraft, bei schuldhaftem Nichtbezahlen er-
satzweise zu vollziehen durch eine Freiheitsstrafe von 6 Tagen.
4. Die Zivilklage wird auf den Zivilweg verwiesen.
5. Der Beschuldigte hat dem Privatkläger in solidarischer Haftung mit B._ (vgl. Urteil SE 20 30) für die ange-
messene Ausübung seiner Verfahrensrechte eine Entschädigung wie folgt auszurichten (Art. 433 StPO):
a) für das Ermittlungs- und Untersuchungsverfahren Fr. 9'190.10 (Honorar Fr. 8'165 [2130 Minuten sprich 35.5 Stunden à Fr. 230.00], Auslagen Fr. 351.50 und Mehrwertsteuer Fr. 673.60);
b) für das Verfahren vor Kantonsgericht Fr. 2'311.60 (Honorar Fr. 2'104.15 [505 Minuten sprich 8.42 Stunden à Fr. 250.00], Auslagen Fr. 42.20 und Mehrwertsteuer von 7.7 % auf Fr. 2'146.35 = Fr. 165.25).
Der Privatkläger kann dabei den gesamten Betrag entweder hälftig von den beiden Beschuldigten oder einmalig entweder vom Beschuldigten 1 oder von der Beschuldigten 2 einfordern.
6. Die Verfahrenskosten setzen sich nach Massgabe von Art. 422 StPO sowie Art. 1, Art. 2, Art. 4 Abs. 3, Art. 9
Ziff. 2 und Art. 10 Ziff. 2 PKoG (Prozesskostengesetz, NG 261.2) wie folgt zusammen:
Ermittlungs- und Untersuchungskosten (Gebühren und Auslagen) Fr. 950.00 Gerichtsgebühr (inkl. Auslagen / Überweisungsgebühr) Fr. 4'000.00
Total Verfahrenskosten Fr. 4'950.00
Der Beschuldigte hat die Verfahrenskosten vollumfänglich zu tragen (Art. 426 Abs. 1 StPO).
In der Gerichtsgebühr enthalten sind die Mehrkosten von Fr. 2'000.00 für die von dem Beschuldigten ver-
langte Ausfertigung des begründeten Urteils, die der Beschuldigte gemäss Art. 4 Abs. 3 Satz 3 PKoG zu tragen hat.
Der Beschuldigte hat demnach mit beiliegendem Einzahlungsschein Fr. 5'550.00 (Busse Fr. 600.00 und
Total Verfahrenskosten Fr. 4'950.00) zu bezahlen.
3│24
7. Die Kosten der amtlichen Verteidigung werden von der urteilenden Instanz festgesetzt und vorerst vom Kanton bezahlt (Art. 135 i.V.m. Art. 39 PKoG). Der Beschuldigte ist verpflichtet, sobald es seine  Verhältnisse erlauben, dem Kanton die Entschädigung zurückzubezahlen und dem Verteidiger die Differenz zwischen der amtlichen Entschädigung und dem vollen Honorar zu erstatten (Art. 135 Abs. 4 StPO).
Die Honorarnote des amtlichen Verteidigers des Beschuldigten, Rechtsanwalt lic. iur. Jörg Schenkel, wird im Umfang von Fr. 2'472.10 (Honorar Fr. 2'106.00 [10.8 Stunden à Fr. 195.00], Auslagen Fr. 189.35 und Mehrwertsteuer von 7.7 % auf Fr. 2'295.35 = Fr. 176.75) gerichtlich genehmigt. Danach hat die  Nidwalden Rechtsanwalt lic. iur. Jörg Schenkel, Felchlin Harb Schenkel Rechtsanwälte AG,  216, 8004 Zürich, mit gesamthaft Fr. 2'472.10 zu entschädigen.
8. [Zustellung] »
Das Urteilsdispositiv wurde am 13. September 2021 versandt, woraufhin der Beschuldigte mit
Eingabe vom 15. September 2021 Berufung anmelden liess (amtl. Bel. 1). Die begründete
Fassung des Urteils wurde am 1. März 2022 versandt.
B.
Mit Berufungserklärung vom 18. März 2022 stellte der Beschuldigte die folgenden Anträge
(amtl. Bel. 2):
« 1. Es seien die Ziffern 1, 2, 3, 5, 6 und 7, 1. Absatz (betreffend Kostenauflage), des Urteils vom 10. September 2021 aufzuheben.
2. Es sei der Beschuldigte vom Vorwurf der Veruntreuung gemäss Art. 138 Ziff. 1 Abs. 2 StGB freizusprechen.
3. Es sei der Beschuldigte für die zu Unrecht erstandene Haft vom 27. August 2019, 07:25 Uhr, bis 28. August
2019, 18:00 Uhr, angemessen zu entschädigen.
4. Die Kosten- und Entschädigungsfolgen (zzgl. MwSt.) des erst- und zweitinstanzlichen Verfahrens seien
ausgangsgemäss zu regeln.»
Der Beschuldigte teilte zudem mit, dass er zum jetzigen Zeitpunkt keine Beweisanträge stellt.
C.
Mit prozessleitender Verfügung vom 21. März 2022 wurde die Berufungserklärung des Be-
schuldigten der Staatsanwaltschaft Nidwalden sowie dem Privatkläger zugestellt und ihnen
Gelegenheit gegeben, um innert Frist Nichteintreten und/oder Anschlussberufung zu beantra-
gen (amtl. Bel. 3).
Die Staatsanwaltschaft teilte mit Schreiben vom 22. März 2022 mit, dass sie weder ein Nicht-
eintreten auf die Berufungserklärung des Beschuldigten beantrage noch Anschlussberufung
erkläre (amtl. Bel. 4).
4│24
Der Privatkläger liess sich innert Frist nicht vernehmen.
D.
Mit Schreiben vom 10. Mai 2022 fragte die Prozessleitung die Parteien an, ob sie im Sinne
von Art. 406 Abs. 2 StPO mit der Durchführung eines schriftlichen Verfahrens einverstanden
seien, und ersuchte um Rückmeldung innert Frist, wobei eine ausbleibende Rückmeldung in-
nert Frist als Zustimmung gewertet werde (amtl. Bel. 5).
Mit Schreiben vom 16. Mai 2022 und 23. Mai 2022 teilten die Staatsanwaltschaft Nidwalden
und der Beschuldigte mit, sie seien mit der Durchführung des schriftlichen Verfahrens einver-
standen (amtl. Bel. 6 f.). Der Privatkläger verlangte mit Schreiben vom 24. Mai 2022 eine
mündliche Verhandlung (amtl. Bel. 8).
E.
Mit prozessleitender Verfügung vom 21. Juni 2022 wurden die Parteien zur Berufungsverhand-
lung auf Donnerstag, 29. September 2022, 14:00 Uhr, vorgeladen und den Parteien wurde die
Zusammensetzung des Gerichts mitgeteilt (amtl. Bel. 9). Ihnen wurde überdies mitgeteilt, dass
die Verfahren SA 22 3 und SA 22 2 (B._) gemeinsam verhandelt würden. Der Beschuldigte
und der Privatkläger wurden zum persönlichen Erscheinen verpflichtet, während der Staats-
anwaltschaft das Erscheinen freigestellt wurde. Ihr wurde die Möglichkeit gegeben, innert Frist
schriftlich Anträge zu stellen und eine schriftliche Begründung einzureichen. Schliesslich
wurde den Parteien mitgeteilt, dass an der Hauptverhandlung – vorbehältlich der Befragungen
von Beschuldigtem und Privatkläger – keine neuen Beweise abgenommen würden.
F.
Die Staatsanwaltschaft Nidwalden teilte mit Schreiben vom 12. Juli 2022 mit, sie verzichte auf
eine Teilnahme an der Hauptverhandlung, beantrage die vollumfängliche Abweisung der Be-
rufung und verweise auf die ausführliche Begründung der Vorinstanz (amtl. Bel. 10).
G.
Im Hinblick auf die Berufungsverhandlung wurde betreffend den Beschuldigten von Amtes we-
gen ein aktueller Strafregisterauszug eingeholt (amtl. Bel. 13 f.).
5│24
H.
Mit Eingabe vom 26. September 2022 erneuerte und begründete der Verteidiger des Beschul-
digten seinen Antrag betreffend amtliche Verteidigung (amtl. Bel. 15).
I.
Die Berufungsverhandlung fand am 29. September 2022 statt. Parteiseits anwesend waren
der Beschuldigte mit seinem Verteidiger, B._ als Beschuldigte im Verfahren SA 22 2 und der
Privatkläger mit seinem Anwalt. Die Verhandlung wurde zusätzlich zum schriftlichen Protokoll
akustisch aufgezeichnet. Die digitale Tonaufnahme sowie das schriftliche Verhandlungsproto-
koll (amtl. Bel. 16) liegen den Akten bei.
An der Verhandlung wurden Einvernahmen mit dem Beschuldigten (amtl. Bel. 17), B._ (amtl.
Bel. 18) und dem Privatkläger (amtl. Bel. 19) durchgeführt. Danach plädierten und replizierten
der Verteidiger des Beschuldigten – wobei sich B._ seinen Ausführungen anschloss – und
der Rechtsvertreter des Privatklägers. Schliesslich erhielten der Beschuldigte und B._ die
Gelegenheit für ein Schlusswort, bevor die Verhandlung geschlossen wurde, wobei die Par-
teien auf eine mündlich Urteilseröffnung verzichteten.
J.
Die Strafabteilung des Obergerichts Nidwalden hat die vorliegende Strafsache im Anschluss
an die Berufungsverhandlung vom 29. September 2022 abschliessend beraten und beurteilt.
Auf die Parteivorbringen wird, soweit erforderlich, in den nachstehenden Erwägungen einge-
gangen.

Erwägungen:
1.
1.1
Gegen erstinstanzliche Urteile, mit denen das Verfahren ganz oder teilweise abgeschlossen
wird, ist das Rechtsmittel der Berufung zulässig (Art. 398 Abs. 1 StPO). Berufungsinstanz ge-
gen Urteile des Kantonsgerichts Nidwalden als Einzelgericht ist das Obergericht Nidwalden,
Strafabteilung (Art. 29 Abs. 1 GerG [NG 261.1]), das in Dreierbesetzung entscheidet
6│24
(Art. 22 Abs. 1 Ziff. 2 GerG). Das Obergericht ist somit örtlich und sachlich zuständig für die
Beurteilung der Berufung gegen das Urteil SE 20 31 des Kantonsgerichts Nidwalden, Strafab-
teilung/Einzelgericht, vom 10. September 2021.
1.2
Jede Partei und somit auch die beschuldigte Person (vgl. Art. 104 Abs. 1 lit. a StPO), die ein
rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheids hat, kann
ein Rechtsmittel ergreifen (Art. 382 Abs. 1 StPO). Der Berufungskläger wurde als beschuldigte
Person zu einer Geldstrafe, einer Verbindungsbusse sowie zur Tragung der Verfahrenskosten
verurteilt, womit er ein rechtlich geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung des
Kantonsgerichtsurteils hat und zur Berufung berechtigt ist.
1.3
Die Berufung ist dem erstinstanzlichen Gericht innert 10 Tagen seit Eröffnung des Urteils
schriftlich oder mündlich zu Protokoll anzumelden (Art. 399 Abs. 1 StPO). Das schriftliche Ur-
teilsdispositiv wurde am 13. September 2021 versandt und am 14. September 2021 vom Ver-
teidiger des Beschuldigten entgegengenommen (vi-C-5), woraufhin der Verteidiger mit Ein-
gabe vom 15. September 2021 und somit innert Frist Berufung anmeldete (amtl. Bel. 1). Die
Partei, die Berufung angemeldet hat, hat sodann innert 20 Tagen seit Zustellung des begrün-
deten Urteils dem Berufungsgericht eine schriftliche Berufungserklärung einzureichen
(Art. 399 Abs. 3 StPO). Das schriftlich begründete Urteil wurde am 1. März 2022 versandt und
am 2. März 2022 vom Verteidiger entgegengenommen. Dieser reichte am 18. März 2022 frist-
gerecht die schriftliche Berufungserklärung ein (amtl. Bel. 2). Die Berufung wurde somit form-
und fristgerecht erhoben. Auf die Berufung ist demnach einzutreten.
2.
2.1
Mit der Berufung können Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und Missbrauch
des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung (Art. 398 Abs. 3 lit. a StPO), die
unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts (lit. b) sowie Unangemessenheit
(lit. c) gerügt werden. Mithin verfügt das Berufungsgericht über volle Kognition und kann das
erstinstanzliche Urteil im Rahmen der angefochtenen Punkte umfassend überprüfen
(Art. 398 Abs. 2 StPO; Art. 404 Abs. 1 StPO).
7│24
Im Berufungsverfahren gilt die Dispositionsmaxime. Das Berufungsgericht überprüft das erst-
instanzliche Urteil – von der Ausnahme der Überprüfung zugunsten der beschuldigten Person
zur Verhinderung von gesetzwidrigen oder unbilligen Entscheidungen (Art. 404 Abs. 2 StPO)
abgesehen – nur in den angefochtenen Punkten (Art. 404 Abs. 1 StPO). Allerdings ist es na-
heliegend, dass weitere nicht angefochtene Punkte in die Überprüfung des Urteils einzubezie-
hen sind, wenn eine enge Konnexität mit den angefochtenen Punkten besteht. Entsprechend
gelten bei Anfechtung des Schuldspruchs mit dem Antrag auf Freispruch für den Fall der Gut-
heissung automatisch auch damit zusammenhängende Folgepunkte des Urteils, wie zum Bei-
spiel die Nebenfolgen, vor allem der Zivilpunkt sowie Kosten- und Entschädigungsregelungen,
aber auch Entscheidungen über Einziehungen, als angefochten (Urteil des Bundesgerichts
6B_1299/2018 vom 28. Januar 2019 E. 2.3 m.w.V.).
Primäre Aufgabe des Berufungsgerichts ist es nicht, einzig nach Fehlern des erstinstanzlichen
Gerichtes zu suchen und diese zu beanstanden: Das Berufungsgericht entscheidet vielmehr
in eigener Verantwortung aufgrund seiner freien, aus den Akten, eigener Beweisaufnahmen
und aus der Verhandlung geschöpften Überzeugung. Die Berufung zielt damit auf vollständige
oder teilweise Wiederholung der Überprüfung des Sachverhaltes und eine erneute tatsächli-
che Beurteilung ab. Auch wenn das Berufungsgericht nur die angefochtenen Punkte neu be-
urteilt, fällt es am Ende ein insgesamt neues Urteil. Das Berufungsgericht muss sich somit
nicht zwingend mit der erstinstanzlichen Urteilsbegründung auseinandersetzen, darf sich um-
gekehrt aber auch nicht auf eine Überprüfung der erstinstanzlichen Rechtsanwendung be-
schränken (Art. 408 StPO; BGE 141 IV 244 E. 1.3.3 m.w.V.; Urteil des Bundesgerichts
6B_760/2016 vom 29. Juni 2017 E. 4.4; LUZIUS EUGSTER, in: Basler Kommentar, Strafprozess-
ordnung, 2. Aufl. 2014, N. 1 zu Art. 398 StPO; SVEN ZIMMERLIN, in: Donatsch/Lieber/Sum-
mers/Wohlers [Hrsg.], Kommentar zur StPO, 3. Aufl. 2020, N. 14 zu Art. 398 StPO).
Wird die Berufung auf einzelne Teile des erstinstanzlichen Urteils beschränkt, werden die
nichtangefochtenen Teile des erstinstanzlichen Urteils mit Ablauf der Rechtsmittelfrist rechts-
kräftig. Die wirksame Berufungsbeschränkung bindet das Berufungsgericht an die nichtange-
fochtenen Urteilsteile. Dennoch sind auch sie in das Dispositiv des Berufungsurteils aufzuneh-
men. Es ist darin kenntlich zu machen, welche Urteilspunkte bereits rechtskräftig sind (EUGS-
TER, a.a.O., N. 3 zu Art. 408 StPO).
2.2
Der Beschuldigte hat gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung erhoben und in der Beru-
fungserklärung die Aufhebung der Ziffern 1, 2, 3, 5, 6 und 7, 1. Absatz (betreffend
8│24
Kostenauflage) beantragt (amtl. Bel. 2). Der Privatkläger und die Staatsanwaltschaft haben
keine Anschlussberufung erhoben (amtl. Bel. 4).
Damit ist Ziffer 4 des erstinstanzlichen Urteils, mit der die Zivilklage (wie auch vom Privatkläger
beantragt, vgl. vi-B-4, Plädoyernotizen von RA Bachmann S. 3 f.) in Rechtskraft erwachsen,
was im Dispositiv entsprechend vermerkt wird (vgl. Dispositivziffer 1).
Die übrigen Ziffern des erstinstanzlichen Urteils wurden angefochten respektive gelten bei ei-
ner allfälligen Gutheissung des beantragten Freispruchs als mitangefochten (erstinstanzliche
Kosten- und Entschädigungsregelung, Ziffer 7, 2. Absatz; vgl. auch Art. 428 Abs. 3 i.V.m.
Art. 436 Abs. 1 StPO).
3.
3.1
Der Beschuldigte beantragt einen Freispruch vom Vorwurf der Veruntreuung (amtl. Bel. 2 An-
träge 1 und 2). Er rügt sinngemäss eine falsche Feststellung des Sachverhalts und eine fal-
sche Rechtsanwendung sowie eine Verletzung des Anklagegrundsatzes durch die Vorinstanz
(amtl. Bel. 20).
3.2
Die Staatsanwaltschaft und der Privatkläger beantragen eine Abweisung der Berufung und
eine Bestätigung des vorinstanzlichen Urteils (amtl. Bel. 10 und 23). Sowohl die Staatsanwalt-
schaft wie auch der Privatkläger verweisen zur Begründung auf die Urteilsbegründung der
Vorinstanz.
Während es die Staatsanwaltschaft bei einem allgemeinen Verweis beliess, argumentierte der
Privatkläger in seinem Parteivortrag anlässlich der Berufungsverhandlung (amtl. Bel. 23), wes-
halb die Berufung abzuweisen und das erstinstanzliche Urteil zu bestätigen sei. Die Vorinstanz
habe in überzeugender Weise festgehalten, der Betrag von Fr. 65'000.–, den der Privatkläger
überwiesen habe, sei nicht zur privaten, sondern zur geschäftlichen Verwendung – im Rahmen
des Wassergeräts inklusive Patent – für die D._ AG bestimmt gewesen. Ebenso überzeugend
habe sie festgehalten, mit dem überwiesenen Geld sei auch ein Kaufgeschäft für Aktien der
D._ AG verbunden gewesen. Sie habe in diesem Zusammenhang zutreffend darauf hinge-
wiesen, dass eine Wertveruntreuung keine zivilrechtliche Fremdheit der Vermögenswerte vo-
raussetze, wenn der Treuhänder die Vermögenswerte mit der Verpflichtung empfangen habe,
sie in bestimmter Weise im Interesse des Treugebers zu verwenden. Weil der Privatkläger
9│24
dem Ehepaar A._/B._ das Geld in seinem Interesse übergeben habe, um es geschäftlich
für die D._ AG zu verwenden, seien der Wille und die Vorstellung des Privatklägers der Ver-
wendung des Geldes im eigenen Nutzen durch das Ehepaar A._/B._ entgegengestanden.
Das Ehepaar A._/B._ habe nie die Freiheit gehabt, das Geld für etwas anderes zu verwen-
den und sei verpflichtet gewesen, die Vermögenswerte bis zu ihrer bestimmungsgemässen
Verwendung ständig zur Verfügung zu halten. Der Beschuldigte erfülle deshalb den Tatbe-
stand der Wertveruntreuung in objektiver und subjektiver Hinsicht.
3.3
Zunächst ist zu prüfen, ob die Vorinstanz den Sachverhalt richtig festgestellt hat. Sie hat den
Grundsatz in «in dubio pro reo» und die daraus folgende Beweislastverteilungs- und Beweis-
würdigungsregel korrekt dargelegt, womit auf diese Ausführungen verwiesen werden kann
(vgl. vi-A-1 E. 1.2 – 1.7).
Ergänzend ist hervorzuheben, dass der verfassungsmässige Grundsatz der Unschuldsvermu-
tung («in dubio pro reo», Art. 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Ziff. 2 EMRK) in Art. 10 Abs. 3 StPO
konkretisiert wird. Danach geht das Gericht von der für die beschuldigten Person günstigeren
Sachlage aus, wenn unüberwindliche Zweifel daran bestehen, dass die tatsächlichen Voraus-
setzungen der angeklagten Tat erfüllt sind. Die Unschuldsvermutung verbietet es, bei der
rechtlichen Würdigung eines Straftatbestands von einem belastenden Sachverhalt auszuge-
hen, wenn nach objektiver Würdigung der gesamten Beweise ernsthafte Zweifel bestehen, ob
sich der Sachverhalt tatsächlich so verwirklicht hat, oder wenn eine für die beschuldigte Person
günstigere Tatversion vernünftigerweise nicht ausgeschlossen werden kann (BGE 144 IV 345
E. 2.2.1). Ein Sachverhalt muss nach Überzeugung des Gerichts mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit erstellt sein, damit er der beschuldigten Person zur Last gelegt werden
kann (BGE 144 IV 345 E. 2.2.3.3).
3.4
Im angeklagten Sachverhalt geht die Staatsanwaltschaft zusammengefasst davon aus, der
Beschuldigte habe dem Privatkläger vorgeschlagen, er könnte durch den Erwerb von Aktien
im Zuge einer Kapitalerhöhung Fr. 100'000.– in die D._ AG einbringen und so zu 30 Prozent
Teilinhaber werden. Der Privatkläger habe sich für den vorgeschlagenen Kauf von Aktien der
D._ AG entschieden und B._ zunächst Fr. 20'000.– in bar ausgehändigt und ihr zudem in
drei aufeinanderfolgenden Tranchen insgesamt Fr. 45'000.– auf ihr privates Bankkonto
10│24
überwiesen. Der Beschuldigte und B._ hätten den anvertrauten Betrag von Fr. 65'000.– ver-
einbarungswidrig nicht für die Aktienkapitalerhöhung der D._ AG und den damit verbundenen
Kauf von Aktien durch den Privatkläger verwendet, sondern damit anderweitige, grösstenteils
private Aufwendungen beglichen. Sie hätten im Bewusstsein gehandelt, dass das erhaltene
Bargeld fremd war bzw. das einbezahlte Geld wirtschaftlich nicht ihnen gehöre und ihnen allein
für den Kauf von Aktien der D._ AG durch den Privatkläger anvertraut worden sei. Zudem
hätten sie gewusst, dass die vereinbarungswidrige Verwendung für ihre eigenen Zwecke un-
rechtmässig war und die vertraglichen Ansprüche des Privatklägers vereitelt würden (STA-act.
1.16 ff.).
3.5
Die Vorinstanz sah es als erwiesen an, dass der Privatkläger den Beschuldigten im Zusam-
menhang mit den Geschäftstätigkeiten der D._ AG insgesamt Fr. 65'000.– übergab respek-
tive überwies (vi-A-1 E. 2.1). Weiter stand für die Vorinstanz zweifelsfrei fest, dass dieser Be-
trag nicht zur privaten, sondern zur geschäftlichen Verwendung für die D._ AG bestimmt war
und dass damit ein Aktienkaufgeschäft betreffend die Aktien der D._ AG verbunden war. Von
einem «simplen Kaufgeschäft» könne nicht gesprochen werden, die Zahlungen des Privatklä-
gers seien in einem viel breiteren Kontext gestanden. Die Vorinstanz erachtete für den Tatbe-
stand der Veruntreuung in tatsächlicher Hinsicht als entscheidend, dass die Gelder des Pri-
vatklägers zur geschäftlichen Verwendung für die D._ AG bestimmt waren. Dem Beschuldig-
ten sei die Verwendung der Gelder des Privatklägers nicht freigestanden, sondern sie sei le-
diglich in diesem festgelegten und bestimmten Rahmen zulässig gewesen. Für nebensächlich
erschien ihr hingegen, in welchem Zusammenhang damit das Aktienkaufgeschäft oder eine
Aktienkapitalerhöhung gestanden hätten. Die Vorinstanz erachtete den angeklagten Sachver-
halt, was die Abmachung über die Verwendung der Geldsumme des Privatklägers anbelangt,
soweit er für die Tatbestand der Wertveruntreuung relevant sei, als erstellt (vi-A-1 E. 2.4).
Die Vorinstanz führte weiter aus, auch wenn der Aktienkapitalerhöhung eine Relevanz zuzu-
sprechen wäre, komme man zu keinem anderen Schluss. Das Aktienkapital der D._ AG habe
im Zeitpunkt der Vereinbarung mit dem Privatkläger lediglich Fr. 100'000.– betragen. Entspre-
chend erscheine es nicht nachvollziehbar, weshalb der Privatkläger gegen Bezahlung von Fr.
100'000.– ohne jegliche Unternehmensbewertung lediglich einen Aktienanteil von 10 Prozent
hätte erhalten sollen. Eine solche Vereinbarung entbehre jeglicher Vernunft, und eine entspre-
chende Vereinbarung, die der Beschuldigte vorbringe, sei nicht glaubhaft. Hingegen
11│24
erschienen die Aussagen des Privatklägers zur geplanten Aktienkapitalerhöhung und einer
Beteiligung von 30 Prozent glaubhaft (vi-A-1 E. 2.4).
3.6
3.6.1
Es ist zwischen den Parteien nicht umstritten und beweismässig erstellt, dass der Privatkläger
am 3. Oktober 2012 Fr. 20'000.– an B._ übergeben und ihr zudem am 16. November 2012,
3. Dezember 2012 und 14. Dezember 2012 je Fr. 15'000.– auf ihr privates Bankkonto über-
wiesen hat (STA-act. 2.66; 2.76 – 2.81; 8.1.8 F. 34; 8.2.12 f. F. 64 und 67). Umstritten ist
hingegen, was hinsichtlich dieser Zahlungen vereinbart war.
3.6.2
Der Beschuldigte hat dazu zusammengefasst ausgesagt, es sei vereinbart gewesen, dass der
Privatkläger Fr. 100'000.– bezahle und im Gegenzug 10 Prozent der D._-Aktien erhalte (STA-
act. 8.1.9 F. 47). Die Aktien seien nicht ausgegeben worden, weil er nur Fr. 65'000.– einbezahlt
habe (STA-act. 8.1.9 f. 48). Er (der Beschuldigte) habe dem Privatkläger vorgeschlagen, dass
er sich am gesamten Projekt mit 10 Prozent beteiligen könne (STA-act. 8.1.13 F. 85). Es sei
vereinbart gewesen, dass der Privatkläger 10 Prozent der Aktien der D._ AG kaufe und mit
10 Prozent an jeder Entwicklung des Projekts beteiligt gewesen wäre (STA-act. 8.1.13 F. 86).
Diese Vereinbarung sei in Gesprächen zwischen ihm, B._ und dem Privatkläger getroffen
worden. Ob die Vereinbarung schriftlich getroffen wurde und was darin stünde, wisse er nicht
mehr. Allenfalls habe seine Frau eine schriftliche Vereinbarung aufbewahrt (STA-act. 8.1.13 f.
F. 87 – 89). Auf Vorlage der Quittung für die Barzahlung des Privatklägers vom 3. Oktober
2012 (STA-act. 2.66) gab der Beschuldigte an, dieses Dokument habe der Privatkläger ge-
schrieben, vielleicht hätten sie es auch zusammen gemacht (STA-act. 8.1.14 F. 93). Das mit
der Aktienkapitalerhöhung stimme nicht und mache überhaupt keinen Sinn (STA-act. 8.1.7 F.
34 und 8.1.16 F. 102). Beim Geld des Privatklägers habe es sich auch nicht um ein Darlehen
gehandelt, sondern um eine Teilzahlung zum Aktienkauf (STA-act. 8.1.16 F. 103). Sie hätten
das Geld nicht zurückbezahlt, weil die Abmachung die 10 Prozent bzw. die Fr. 100'000.– ge-
wesen seien (STA-act. 8.1.16 F. 105). Ob das Geld zur Rückzahlung fällig gewesen wäre, sei
eine juristische Frage. Er habe deswegen einen Anwalt, Rechtsanwalt Frey aus Basel, beige-
zogen (STA-act. 8.1.16 F. 106). Nach dessen Beratung hätten sie das Geld dem Privatkläger
12│24
nicht zurückbezahlen müssen, weil eine klare Abmachung für den Aktiendeal von
Fr. 100'000.– bestanden habe (STA-act. 8.1.21 F. 129).
3.6.3
Die Ehefrau des Beschuldigten, B._, hat Aussagen zur Sache durchgehend verweigert (STA-
act. 8.4.3 F. 4; vi-B-4; amtl. Bel. 18 F. 11 f.).
3.6.4
Der Privatkläger hat zur Frage, was hinsichtlich der Zahlungen vereinbart war, zusammenge-
fasst Folgendes zu Protokoll gegeben: Die Eheleute A._/B._ hätten vorgeschlagen, dass
das Patent für ein Gerät, welches Wasser in heilendes Zellwasser umwandle, in die D._ AG
eingebracht werde und er (der Privatkläger) sich im Zuge einer Kapitalerhöhung mit
Fr. 100'000.– zu 30 Prozent als Teilhaber der D._ AG konstituieren könnte (STA-act. 8.2.5 F.
18 und 8.2.6 F. 21). Die Eheleute A._/B._ hätte Kapital für weitere Versuche und Promotion
benötigt (STA-act. 8.2.8 F. 35). Ihm sei gesagt worden, dass das Aktienkapital zur Erhöhung
der Eigenmittel erhöht werde und dass seine geplante Einlage von Fr. 100'000.– dem Anteil
von einem Drittel der Firma und des Patents entsprechen würde (STA-act. 8.2.8 f. F. 37). Er
bejahte, dass er für die geplante Einlage von Fr. 100'000.– Aktien der D._ AG ausgeschüttet
erhalten hätte (STA-act. 8.2.9 F. 38). Die Gründe für die Aktienkapitalerhöhung seien gewe-
sen, dass die Eheleute A._/B._ Kapital benötigt hätten, um weiter agieren und das Patent
vermarkten zu können. Er habe annehmen müssen, dass noch weitere Investoren vorhanden
gewesen seien, da noch Fr. 100'000.– offen gewesen seien (STA-act. 8.2.9 F. 39). Der Be-
schuldigte habe über die Aktienkapitalerhöhung gesprochen (STA-act. 8.2.9 F. 43), dies sei
das erste Mal im Vorfeld der ersten Anzahlung, ungefähr im August/September 2012 der Fall
gewesen (STA-act. 8.2.9 F. 40 f.). Der Beschuldigte habe gesagt, dass dies über den Treu-
händer E._ abgewickelt werde (STA-act. 8.2.9 F. 42). Wie genau dies dann gemacht worden
wäre, wisse er nicht, er habe Vertrauen gehabt, dass dies korrekt gemacht worden wäre (STA-
act. 8.2.9 F. 44). Es sei abgemacht gewesen, dass die Kapitalerhöhung sofort in die Wege
geleitet werde. Weitere Angaben zu einer Generalversammlung seien nicht gemacht worden
(STA-act. 8.2.10 F. 45). Der Privatkläger verneinte, jemals eine öffentliche Urkunde mit be-
glaubigter Statutenänderung vom Ehepaar A._/B._ erhalten zu haben (STA-act. 8.2.10
F. 46). Es sei ein mündlicher Vertrag erstellt worden, bestätigt durch die Quittung am 3. Okto-
ber 2012 mit einer Anzahlung an B._ (STA-act. 8.2.11 F. 55). Er habe Fr. 65'000.– und nicht
13│24
Fr. 100'000.– bezahlt, weil nie eine Rückmeldung zu seinen Anteilen oder der Aktienkapitaler-
höhung gekommen sei. Deshalb habe er keine Zahlungen mehr geleistet (STA-act. 8.2.12
F. 59). Es sei keine Bedingung gewesen, dass erst nach Eingang des ganzen Betrages von
Fr. 100'000.– das Aktienkapital der D._ AG erhöht werde (STA-act. 8.2.12 F. 62). Das Geld
habe er auf das Privatkonto von B._ überwiesen, weil sie die Besitzerin der D._ AG gewesen
sei (STA-act. 8.2.13 F. 67).
In der erstinstanzlichen Hauptverhandlung hat der Privatkläger ergänzt, Bedingung sei gewe-
sen, dass das Geld, das er in Raten zahle, das sei ein Zug um Zug-Geschäft, wie sie das
abgemacht hätten, die Aktien und dementsprechend das Kapital erhöht und das Patent in die
Firma eingebracht werde (vi-A-4, Einvernahmeprotokoll Privatkläger, S. 3). Es sei eine Zug
um Zug-Zahlung vereinbart worden. Man hätte sich jeweils informieren sollen, wie der Status
ist, ob bereits diese Aktien erhöht worden seien, ob dieses Patent eingeführt wurde. Als keine
Informationen mehr gekommen seien, habe er die Zahlung gestoppt. Wenn dementsprechend
alles beieinander gewesen wäre, wenn die Aktien an ihn übergeben wurden und bestätigt
wurde, dass das Patent in der Firma ist, wäre die Restzahlung ausgelöst worden (vi-A-4, Ein-
vernahmeprotokoll Privatkläger, S. 4). Es hätte ein Vertragsentwurf kommen sollen für die Er-
höhung des Aktienkapitals. Es hätte auch ein Vertragsentwurf kommen sollen, welcher bestä-
tigt, dass das Patent wirklich allein für die D._ AG sei, da sei nichts unternommen worden.
Zug um Zug heisse auch, dass wenn man gewisse Sachen erstellt und vorbereitet hat, dann
macht man weitere Zahlungen (vi-A-4, Einvernahmeprotokoll Privatkläger, S. 5).
3.7
Die Aussagen der Beteiligten – sofern sie überhaupt Aussagen gemacht haben – widerspre-
chen sich hinsichtlich der Frage, was im Hinblick auf die Zahlungen des Privatklägers an B._
vereinbart war. Der Beschuldigte behauptet, es sei vereinbart worden, dass der Privatkläger
für Fr. 100'000.– 10 Prozent der Aktien der D._ AG kauft. Der Privatkläger stellt sich hingegen
auf den Standpunkt, es sei vereinbart gewesen, dass er Fr. 100'000.– investiere, worauf eine
Aktienkapitalerhöhung bei der D._ AG durchgeführt werde und er 30 Prozent der Aktien er-
halte. Auf entsprechende Fragen hin haben der Beschuldigte und der Privatkläger die jeweili-
gen Behauptungen des anderen als falsch zurückgewiesen.
Weder die Aussagen des Beschuldigten noch die Aussagen des Privatklägers enthalten offen-
kundige Lügensignale. Eine vertiefte Analyse auf Glaubhaftigkeitsmerkmale und Lügensignale
gestaltet sich jedoch schwierig, nachdem sich die Aussagen der Beteiligten nicht durch
14│24
besonderen Detailreichtum auszeichnen und mehrheitlich nicht eine freie Schilderung der in-
teressierenden Geschehnisse darstellen, sondern in der Beantwortung konkreter Fragen be-
stehen. Dies dürfte sich damit erklären lassen, dass zwischen den vorliegend interessierenden
Vertragsverhandlungen und den protokollierten Aussagen gut vier (Privatkläger) respektive
knapp sechs Jahre (Beschuldigter) vergangen sind. Jedenfalls kann allein gestützt auf eine
Würdigung der Aussagen nicht gesagt werden, eine der Schilderungen erscheine glaubhafter
als die andere.
Der Schlussfolgerung der Vorinstanz, wonach es nicht nachvollziehbar erschiene und «jegli-
cher Vernunft» entbehre, dass der Privatkläger gegen Bezahlung von Fr. 100'000.– ohne jeg-
liche Unternehmensbewertung lediglich einen Aktienanteil von 10 Prozent hätte erhalten sol-
len (vi-A-1 E. 2.4 in fine), ist zu widersprechen. Es erschliesst sich nicht, weshalb es unver-
nünftig sein soll, ohne Unternehmensbewertung mit Fr. 100'000.– 10 Prozent der Aktien der
D._ AG zu kaufen, hingegen glaubhaft und damit vernünftig – so implizit die Vorinstanz –
ohne Unternehmensbewertung Fr. 100'000.– für 30 Prozent der Aktien zu bezahlen. Überdies
geht die Vorinstanz von der Prämisse aus, der Privatkläger habe bei den relevanten Verhand-
lungen vernünftig gehandelt, was nach den im Strafverfahren gewonnenen Erkenntnissen
zweifelhaft erscheint. Es ist zudem notorisch, dass bei Unternehmenskäufen in der Regel mehr
bezahlt wird als der reine Substanzwert (Summe der Vermögenswerte plus stille Reserven
abzüglich Schulden), nämlich ein sogenannter «Goodwill» (Geschäftsmehrwert). Dieser
«Goodwill» ist zum Beispiel auf das Unternehmensimage, Standortvorteile, Forschungsergeb-
nisse oder das «Know-how» der Mitarbeiter zurückzuführen (https://www.weka.ch/themen/fi-
nanzen-controlling/finanzmanagement/unternehmensbewertung/article/goodwill-nach-ifrs-
swiss-gaap-fer-und-or/ und https://www.taxinfo.sv.fin.be.ch/taxinfo/display/taxinfo/Aktivie-
rung+von+Goodwill, zuletzt abgerufen am 3. Oktober 2022). Wenn der Privatkläger, beispiels-
weise aufgrund des «Know-how» des Ehepaares A._/B._ und den ihnen zugänglichen For-
schungsergebnissen davon ausging, die D._ AG habe ein erhebliches Entwicklungspotential,
kann es nicht von vornherein als völlig unvernünftig bezeichnet werden, für einen Aktienanteil
von 10 Prozent Fr. 100'000.– zu bezahlen, unabhängig vom Substanzwert dieses Unterneh-
mens.
Folglich erscheint sowohl die Schilderung des Beschuldigten als auch die Darstellung des Pri-
vatklägers als grundsätzlich plausibel. Allein aufgrund der Aussagen kann keine der beiden
Versionen als glaubhafter beurteilt werden.
15│24
3.8
Neben den Aussagen der Beteiligten sind die übrigen Beweismittel und Sachumstände in die
Beweiswürdigung einzubeziehen.
Zunächst sind die schriftlichen Indizien zu würdigen, welche Rückschlüsse auf die
Vereinbarung zwischen den Parteien zulassen. Auf der Quittung der Barzahlung vom
3. Oktober 2012 steht als Titel «Quittung für Anzahlung für Aktien-Anteilkauf der Firma D._
AG» (STA-act. 2.66). Auf den Bankquittungen der Zahlungen vom 16. November 2012,
3. Dezember 2012 und 14. Dezember 2012 ist unter «Mittelungen» respektive «Buchungstext»
entweder «Akonto Aktienkauf» oder «Aktienkauf B._» vermerkt (STA-act. 2.76 – 2.81). Die
Vermerke deuten auf einen reinen Aktienkauf hin, es lassen sich keine Hinweise auf eine
Aktienkapitalerhöhung entnehmen. Auch dem in den Akten befindlichen E-Mailverkehr
zwischen dem Privatkläger und dem Ehepaar A._/B._ lassen sich keine Hinweise dafür
entnehmen, dass eine Aktienkapitalerhöhung vereinbart war (STA-act. 2.91 ff., 12.114 ff.). In
einer E-Mail an den Privatkläger vom 11. November 2013 schreibt das Ehepaar A._/B._
Folgendes: «(...) abgemacht waren Fr. 100 Tausend – und diese Zahlung in einer genau
fixierten Zeit – gegen 10 % Anteil am gesamten Know How.» Aus den aktenkundigen
Unterlagen geht nicht hervor, dass der Privatkläger dieser Darstellung umgehend
widersprochen und seine Sicht der Dinge – nämlich die Vereinbarung einer
Aktienkapitalerhöhung – dargelegt hätte. Es liegt einzig eine E-Mail des Privatklägers vom
20. Mai 2014 an das Ehepaar A._/B._ vor, in welchem er schreibt, ich «kündige (...) mein
Darlehen von Fr. 65'000.– per 30.06.2014, welches ich an B._ bezahlt habe.» Auch wenn
diese Ausführungen nicht überbewertet werden dürfen, weil es sich um einen
durchschaubaren Versuch handeln dürfte, seine Rechtsposition vermeintlich zu verbessern,
vermindert der Privatkläger durch die Behauptung einer weiteren Version die Glaubhaftigkeit
seiner in den Einvernahmen geäusserten Positionen.
Weiter gilt es zu beachten, dass der Privatkläger seine Zahlungen an B._ gemacht hat,
entweder in bar (Fr. 20'000.–) oder auf ihr privates Bankkonto (Fr. 45'000.–). Auch dieser
Umstand deutet auf einen Aktienkauf hin, bei welchem die Aktien gegen Zahlung eines
Kaufpreises vom bisherigen Eigentümer (und nicht von der betroffenen Aktiengesellschaft)
gekauft werden. Bei einer Aktienkapitalerhöhung wäre die Einzahlung des Geldes auf ein
Kapitaleinzahlungskonto erforderlich (Art. 652c i.V.m. Art. 633 OR). Zudem bedarf es für eine
Aktienkapitalerhöhung eines Generalversammlungsbeschlusses (Ordentliche
Kapitalerhöhung, Art. 650 Abs. 1 OR) respektive eine Statutenänderung (Genehmigte
Kapitalerhöhung, Art. 651 OR). Weil es sich um ein komplexes und relativ aufwändiges
16│24
Geschäft handelt, erschiene eine schriftliche Vereinbarung naheliegender als bei einem
weniger komplexen Aktienkaufvertrag.
3.9
Nach erfolgter Beweiswürdigung lässt sich folgendes Fazit ziehen: Würdigt man einzig die
Aussagen der Beteiligten (sofern sie Aussagen gemacht haben), erscheinen diese
gleichermassen plausibel. Werden die übrigen Indizien berücksichtigt, sprechen diese dafür,
dass nicht eine Aktienkapitalerhöhung (Version Privatkläger), sondern ein Aktienkaufvertrag
(Version Beschuldigter) vereinbart war. Damit die Version «Aktienkapitalerhöhung» des
Privatklägers und damit der Anklagesachverhalt als erwiesen erachtet werden könnte, dürfte
das Gericht keine ernsthaften Zweifel an dieser Version haben. Davon kann vorliegend keine
Rede sein: Nicht nur bestehen Zweifel an der Version des Privatklägers, von der die Anklage
ausgeht, sondern die Version des Beschuldigten erscheint aufgrund der vorhandenen Indizien
sogar als wahrscheinlicher. Deshalb kann aufgrund der Unschuldsvermutung nicht auf den
Anklagesachverhalt abgestellt werden. Vielmehr ist von den für ihn günstigen Ausführungen
des Beschuldigten auszugehen, dass der Privatkläger und das Ehepaar A._/B._ einen
Aktienkaufvertrag geschlossen haben, wonach der Privatkläger gegen Bezahlung von
Fr. 100'000.– 10 % der Aktien der D._ AG erhalten hätte.
4.
4.1
Es bleibt somit zu prüfen, ob dem Beschuldigten eine Veruntreuung der Fr. 65'000.– vorge-
worfen werden kann, wenn dieses Geld – wie zuvor ausgeführt – als (Teil-)Zahlung des Kauf-
preises im Rahmen eines Aktienkaufvertrags zu betrachten ist.
4.2
Eine Sachveruntreuung begeht, wer sich eine ihm anvertraute fremde bewegliche Sache an-
eignet, um sich oder einen andern damit unrechtmässig zu bereichern (Art. 138 Ziff. 1 Abs. 1
StGB). Wegen Wertveruntreuung macht sich strafbar, wer ihm anvertraute Vermögenswerte
unrechtmässig in seinem oder eines anderen Nutzen verwendet (Art. 138 Ziff. 1 Abs. 2 StGB).
Schon aus dem Gesetzestext erschliesst sich, dass bei beiden Tatbestandsvarianten, d.h. so-
wohl eine Sache als auch ein Vermögenswert, dem Täter «anvertraut» sein muss. Nach
17│24
ständiger Rechtsprechung des Bundesgericht gilt als «anvertraut, was jemand mit der Ver-
pflichtung empfängt, es in bestimmter Weise im Interesse eines andern zu verwenden, insbe-
sondere es zu verwahren, zu verwalten oder abzuliefern» (BGE 143 IV 297 E. 1.3 m.w.V.;
BGE 133 IV 21 E. 6.2 m.w.V.; Urteil des Bundesgerichts 5B_520/2020 vom 10. März 2021 E.
11.4). Gemäss einer anderen Umschreibung ist «anvertraut, was jemand mit der besonderen
Verpflichtung empfängt, es dem Treugeber zurückzugeben oder es für diesen einem Dritten
weiterzuleiten, wobei der Treugeber seine Verfügungsmacht über das Anvertraute aufgibt»
(BGE 143 IV 297 E. 1.3 m.w.V.). Im Begriff des Anvertrauens ist folglich die Pflicht des Treu-
händers zur Erhaltung des Eigentums bzw. zur Erhaltung des Wertes enthalten (MARCEL ALE-
XANDER NIGGLI/CHRISTOF RIEDO, in: Basler Kommentar Strafrecht, 4. Aufl. 2019, N. 47 zu
Art. 138 StGB unter Verweis auf die bundesgerichtliche Rechtsprechung). Nicht Objekt einer
Veruntreuung sein kann, was der «Täter» nicht für einen anderen, sondern für sich selbst
empfängt (NIGGLI/RIEDO, a.a.O., N. 49 zu Art. 138 StGB m.w.V.). Als für sich eingenommen
und damit nicht als anvertraut beurteilt hat das Bundesgericht die Entgegennahme eines Teils
der als Kaufpreis für eine Liegenschaft bezahlten Fondszertifikate als Provision durch ein Or-
gan der Fondsleitung eines Anlagefonds (BGE 103 IV 227; NIGGLI/RIEDO, a.a.O., N. 54 zu
Art. 138 StGB m.w.V.). Ebenso nicht als anvertraut gilt der Erlös aus dem Weiterverkauf von
Waren durch den Wiederverkäufer (sofern keine Zession der entsprechenden Kundengutha-
ben erfolgt und der Vertrag weder als Trödelvertrag noch als Agenturvertrag erscheint, NIG-
GLI/RIEDO, a.a.O., N. 59 zu Art. 138 StGB m.w.V.). Weiter hat das Bundesgericht festgehalten,
aus gegenseitigen Zuwendungen aus synallagmatischen Verträgen entstünden nur Ansprü-
che auf Gegenleistungen, nicht aber auf Werterhaltung (BGE 133 IV 21 E. 7.2). Das Ob und
Wann der Vertragserfüllung lasse keine Rückschlüsse auf das Verpflichtungsgeschäft, mithin
auf das Anvertrautsein eines Vermögenswerts zu. Die Frage der Vertragserfüllung sei primär
zivilrechtlicher Natur (Urteil des Bundesgerichts 6B_894/2018 vom 23. Oktober 2019 E. 1.3).
4.3
Nach dem vorliegend massgebenden Sachverhalt hatten das Ehepaar A._/B._ und der Pri-
vatkläger vereinbart, dass der Privatkläger für den Kaufpreis von Fr. 100'000.– 10 Prozent der
Aktien der D._ AG übertragen erhält. Die Zahlungen des Privatklägers im Gesamtbetrag von
Fr. 65'000.– stellten vor diesem Hintergrund eine (Teil-)Zahlung des Kaufpreises dar. Den Be-
schuldigten und B._ traf hinsichtlich dieser (Teil-)Zahlung des Kaufpreises keine Aufbewah-
rungspflicht. Sie haben diesen Betrag nicht für einen Dritten – und insbesondere nicht für den
Privatkläger – sondern für sich selbst entgegengenommen. Es bestand keine Pflicht zur
18│24
Eigentums- oder Werterhaltung. Somit war ihnen dieser Betrag nicht im Sinne von Art. 138
Ziff. 1 StGB anvertraut. Ob und worin eine zivilrechtliche (Gegen-)Leistungspflicht des Ehe-
paars A._/B._ bestand, ist im Zivilverfahren zu prüfen und im vorliegenden Strafverfahren
irrelevant. Die Voraussetzungen der Veruntreuung nach Art. 138 Ziff. 1 StGB sind vorliegend
nicht erfüllt. Der Beschuldigte ist folglich von diesem Vorwurf freizusprechen.
Ob das Vorgehen des Beschuldigten und B._ einen anderen Straftatbestand erfüllt, braucht
vorliegend nicht geprüft zu werden, da keine anderen Straftatbestände angeklagt sind. Ebenso
muss aufgrund der zuvor dargelegten Schlussfolgerung nicht weiter darauf eingegangen wer-
den, ob die Vorinstanz den Anklagegrundsatz verletzt hat.
5.
5.1
Der Beschuldigte beantragt für die erstandene Haft eine angemessene Entschädigung
(amtl. Bel. 2 Antrag 3).
5.2
Wird die beschuldigte Person ganz oder teilweise freigesprochen oder wird das Verfahren ge-
gen sie eingestellt, so hat sie Anspruch auf Genugtuung für besonders schwere Verletzungen
ihrer persönlichen Verhältnisse, insbesondere bei Freiheitsentzug (Art. 429 Abs. 1 lit. c StPO).
Die Genugtuung bezweckt den Ausgleich für erlittene immaterielle Unbill, indem das Wohlbe-
finden anderweitig gesteigert oder die Beeinträchtigung erträglicher gemacht wird Die Festle-
gung der Genugtuungssumme beruht auf der Würdigung sämtlicher Umstände und richterli-
chem Ermessen (Art. 4 ZGB) (Urteil des Bundesgerichts 6B_491/2020 vom 13. Juli 2020 E.
2.3.1 m.w.V.). Zu einem Entschädigungsanspruch führt nicht erst die vom Zwangsmassnah-
mengericht angeordnete Untersuchungs- oder Sicherheitshaft, sondern jeder nicht geringfü-
gige Freiheitsentzug im Strafverfahren. Eine Anhaltung gefolgt von einer Festnahme, die sich
auf eine Gesamtdauer von mehr als drei Stunden erstreckt, stellt einen Eingriff in die Freiheit
dar, der zu einer Entschädigung Anlass geben kann. Nicht zu berücksichtigen ist die Dauer
einer allfälligen formellen Befragung im Verlaufe dieser Stunden. Im Falle einer ungerechtfer-
tigten Inhaftierung erachtet das Bundesgericht grundsätzlich einen Betrag von Fr. 200.– pro
Tag als angemessen, sofern nicht aussergewöhnliche Umstände vorliegen, die eine höhere
oder geringere Entschädigung rechtfertigen (Urteil des Bundesgerichts 6B_491/2020 vom 13.
Juli 2020 E. 2.3.2 m.w.V.).
19│24
Die Genugtuung ist ab dem Tag des schädigenden Ereignisses bis zur Zahlung mit 5 % zu
verzinsen. Werden für jeden Hafttag gleichbleibende Genugtuungssummen ausgesprochen,
kann der Zins ab einem mittleren Verfalltag zugesprochen werden (Urteil des Bundesgerichts
6B_1404/2016 vom 13. Juni 2017 E. 2.2).
5.3
Der Beschuldigte wurde am 27. August 2019 um 07:25 Uhr verhaftet (STA-act. 7.1.6) und am
28. August 2019 um 18:00 Uhr entlassen (STA-act. 7.1.21). Er war somit während rund 34 1⁄2
Stunden festgenommen. In dieser Zeit wurde mit ihm während rund drei Stunden eine Einver-
nahme durchgeführt (act. 8.1.2 ff.). Damit verbleibt eine zu entschädigende Dauer des Frei-
heitsentzuges von 31 1⁄2 Stunden. Im Sinne der dargelegten bundesgerichtlichen Rechtspre-
chung wird dem Beschuldigten eine Genugtuung für den erstandenen Freiheitsentzug von
Fr. 400.– zuzüglich 5 % Zins seit dem 27. August 2019 zugesprochen.
5.4
Der Privatkläger beantragte sowohl im erst- wie auch im zweitinstanzlichen Verfahren sinnge-
mäss, der Beschuldigte habe ihm eine Entschädigung für seine Anwaltskosten zu bezahlen
(vi-B-4; amtl. Bel. 23 f.). Eine solche Entschädigung ist ausgangsgemäss nicht geschuldet
(Art. 433 Abs. 1 StPO e contrario i.V.m. Art. 436 Abs. 1 StPO).
6.
6.1
Die Strafbehörde legt im Endentscheid die Kostenfolgen fest (Art. 421 Abs. 1 StPO). Die Ver-
fahrenskosten setzen sich zusammen aus den Gebühren zur Deckung des Aufwands und den
Auslagen im konkreten Straffall (Art. 422 Abs. 1 StPO). Auslagen sind namentlich auch die
Kosten für die amtliche Verteidigung und unentgeltliche Verbeiständung (Art. 422 Abs. 2
lit. a StPO).
6.2
Die Entscheidgebühr in Verfahren vor dem Obergericht als Berufungsinstanz beträgt Fr. 300.–
bis Fr. 6'000.– (Art. 11 Abs. 1 Ziff. 1 PKoG [NG 261.2]). Die Gebühren sind innerhalb des
vorgegebenen Rahmens festzusetzen und bemessen sich nach der persönlichen und wirt-
schaftlichen Bedeutung der Sache für die Partei, der Schwierigkeit der Sache, dem Umfang
20│24
der Prozesshandlungen und nach dem Zeitaufwand für die Verfahrenserledigung (Art. 2 Abs.
1 PKoG).
Die Gebühren dieses Rechtsmittelverfahrens werden auf Fr. 2'500.– festgesetzt.
6.3
Die Entschädigung der amtlichen Verteidiger wird nach Massgabe des Anwaltstarifs des ver-
fahrensführenden Kantons durch das Gericht festgesetzt (Art. 135 Abs. 1 und 2 StPO) und
zunächst durch den Kanton ausbezahlt (Art. 426 Abs. 1 i.V.m. Art. 423 StPO; vgl. auch Art. 39
Abs. 1 PKoG). Die beschuldigte Person kann verpflichtet werden, die Entschädigung dem
Kanton zurückzubezahlen, wenn sie zu den Verfahrenskosten verurteilt wird (Art. 135 Abs. 4
StPO). Rechtsanwälte sind für amtliche Mandate von Verfassung wegen angemessen zu ho-
norieren, wobei eine Kürzung des Honorars im Vergleich zum ordentlichen Tarif zulässig bleibt
(BGE 139 IV 261 E. 2.2.1 S. 263). Nach Art. 39 Abs. 2 PKoG gilt für das Honorar der amtlichen
Verteidigung ein Stundenansatz von Fr. 220.–. Weiter zu entschädigen sind die Auslagen und
die Mehrwertsteuer (Art. 52 ff. PKoG).
Die amtliche Verteidigung macht für das Berufungsverfahren eine Entschädigung von
Fr. 3'475.60 (Honorar Fr. 3'061.50 [15.70 h à Fr. 195.00]; Auslagen Fr. 165.60; 7.7 % MWST
Fr. 248.50) geltend (amtl. Bel. 22). Das Honorar liegt im Honorarrahmen für das Berufungs-
verfahren von Fr. 600.– bis Fr. 6'000.– (vgl. Art. 45 Abs. 1 Ziff. 4 PKoG) und erscheint grund-
sätzlich angemessen. Allerdings wurde die Dauer der Berufungsverhandlung in der Kosten-
note auf vier Stunden geschätzt, diese dauerte aber nur eineinhalb Stunden, weshalb das
Honorar und die Mehrwertsteuer entsprechend anzupassen sind. Dem amtlichen Verteidiger
ist für das Berufungsverfahren eine Entschädigung von Fr. 2'950.55 (Honorar Fr. 2'574.–
[13.20 h à Fr. 195.00]; Auslagen Fr. 165.60; 7.7 % MWST Fr. 210.95) zu bezahlen. Aufgrund
des Obsiegens trifft den Beschuldigten keine Rück- und Nachzahlungspflicht im Sinne von
Art. 135 Abs. 4 StPO.
6.4
Die Kosten des Rechtsmittelverfahrens tragen die Parteien nach Massgabe ihres Obsiegens
oder Unterliegens (Art. 428 Abs. 1 StPO). Sind mehrere beteiligte Personen kostenpflichtig,
so werden die Kosten anteilsmässig auferlegt (Art. 418 Abs. 1 StPO). Das Bundesgericht hat
eine hälftige Kostenverteilung des Berufungsverfahrens zwischen der Staatsanwaltschaft und
21│24
der Privatklägerschaft geschützt (Urteil des Bundesgerichts 6B_370/2016 vom 16. März 2017
E. 1.2 m.w.V.).
Die Berufung des Beschuldigten wird vollumfänglich gutgeheissen. Sowohl die Staatsanwalt-
schaft wie auch der Privatkläger haben die vollumfängliche Abweisung der Berufung bean-
tragt, und unterliegen somit im Rechtsmittelverfahren. Folglich werden die Kosten des Rechts-
mittelverfahrens, d.h. die Entscheidgebühr und die Auslagen für die amtliche Verteidigung, zur
Hälfte auf die Staatskasse genommen und zur anderen Hälfte dem Privatkläger auferlegt. Der
Privatkläger wird angewiesen, seinen Anteil an den Verfahrenskosten des Berufungsverfah-
rens von Fr. 2'725.30 innert 30 Tagen seit Rechtskraft dieses Entscheids an die Gerichtskasse
Nidwalden zu überweisen.
6.5
Tritt das Berufungsgericht auf die Berufung ein, so fällt es ein neues Urteil, welches das erst-
instanzliche Urteil ersetzt (Art. 408 StPO), namentlich auch hinsichtlich der erstinstanzlichen
Kosten- und Entschädigungsfolgen (Art. 428 Abs. 3 StPO und Art. 436 Abs. 1 StPO).
Die Vorinstanz hat die Ermittlungs- und Untersuchungskosten auf Fr. 950.– sowie die Gerichts-
gebühr auf Fr. 4'000.– veranschlagt und somit die Entscheidgebühr des vor- und erstinstanz-
lichen Verfahrens auf total Fr. 4'950.– festgesetzt.
Die Entschädigung des amtlichen Verteidigers für das erstinstanzliche Verfahren ab dem
1. März 2021 hat die Vorinstanz auf Fr. 2'472.10 (Honorar Fr. 2'106.– [10.8 Stunden à
Fr. 195.–], Auslagen Fr. 189.35 und Mehrwertsteuer Fr. 176.75) festgesetzt. Die Entscheidge-
bühren und die Entschädigung der amtlichen Verteidigung sind angemessen und werden be-
stätigt.
Nachdem der Beschuldigte zweitinstanzlich freigesprochen wird, sind sämtliche Verfahrens-
kosten (inklusive der Entschädigung für die amtliche Verteidigung) definitiv auf die Staatskasse
zu nehmen (Art. 423 Abs. 1 StPO und Art. 426 Abs. 1 StPO e contrario). Den Beschuldigten
trifft ausgangsgemäss keine Rück- und Nachzahlungspflicht der Entschädigung für die amtli-
che Verteidigung im Sinne von Art. 135 Abs. 4 StPO.
Rechtsanwalt Schenkel wurde erst mit Urteil vom 1. März 2021 als amtlicher Verteidiger des
Beschuldigten eingesetzt (vgl. vi-A-1 E. J). Zuvor hat er den Beschuldigten privat verteidigt.
Nachdem der Beschuldigte freigesprochen wird, hat er Anspruch auf eine angemessene Ent-
schädigung für die Ausübung seiner Verfahrensrechte, wobei die Strafbehörde diesen An-
spruch von Amtes wegen zu prüfen hat, die beschuldigte Person aber auffordern kann, ihre
22│24
Ansprüche zu beziffern und zu belegen (Art. 429 Abs. 1 lit. a und Abs. 2 StPO). Der Beschul-
digte hat Zwischenrechnungen vom 30. September 2019, 1. November 2019, 26. Mai 2020,
9. September 2020 und 24. März 2021 zu den Akten gegeben, womit er seine Anwaltskosten
vom 27. August 2019 bis 11. November 2020 beziffert (amtl. Bel. 21). Total macht er für die
Zeit vor dem 1. März 2021, bevor Rechtsanwalt Schenkel als sein amtlicher Verteidiger einge-
setzt worden ist, Anwaltskosten von Fr. 4'957.90 (Honorar Fr. 4'170.– (13.90 Stunden à
Fr. 300.–), Auslagen Fr. 433.40, 7.7 % Mehrwertsteuer 354.50) geltend. Der geltend gemachte
Aufwand erscheint angemessen, allerdings ist der Stundenansatz auf den Maximalsatz bei
Entschädigungen von Fr. 250.– zu kürzen (vgl. Art. 34 Abs. 2 PKoG). Dem Beschuldigten ist
folglich für die Ausübung seiner Verfahrensrechte im Vor- und erstinstanzlichen Verfahren eine
Entschädigung von Fr. 4'209.35 (Honorar Fr. 3'475.– [13.90 h à Fr. 250.00]; Auslagen
Fr. 433.40; 7.7 % MWST Fr. 300.95) aus der Gerichtskasse Nidwalden auszurichten.
23│24