Decision ID: 75cd84fb-640a-562f-aa06-1c0065f12e89
Year: 2015
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
1.1
Der 2002 geborene
X._
leidet seit seiner Geburt an einer angebore
nen Herz- und Gefässmissbildung
.
Am 2
5.
Januar 2002 wurde er von seinen Eltern unter Hinweis auf das Geburtsgebrechen Ziffer 313
der Ver
ordnung über Geburtsgebrechen,
GgV
-Anhang
,
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug angemeldet (
Urk.
5/1). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte Abklärungen in medizinischer Hinsicht und leistete am 2
8.
Januar 2002 Kostengutsprache für medizinische Massnahmen, insbesondere für die Behandlungskosten der Geburtsgebrechen Ziffer 497 und 313
GgV
-Anhang
(
Urk.
5/7,
Urk.
5/8). Mit Mitte
i
lung vom 1
7.
Juni 2002 ver
neinte die IV-Stelle den Anspruch auf einen Hauspflegebeitrag (
Urk.
5/12).
1.2
Unter Hinweis auf ein Zahngeburtsgebrechen meldeten die Eltern
des Versicher
ten diesen
am 1
3.
September 2011 erneut zum Leistungsbezug an (
Urk.
5/18). Mit Mitteilung vom 1
1.
Oktober 2011 (
Urk.
5/23)
teilte die IV-Stelle den Eltern die Übernahme der Kosten für die Behandlung des Geburtsgebrechens Ziffer 206
GgV
-Anhang
sowie die ärztlich verordneten Behandlungsgeräte in einfacher und zweckmässiger Ausführung vom 1
6.
Juni 2011 bis 3
1.
Januar 2022 mit.
Mit Verfügung vom
4.
August 2015 hob die IV-Stelle die Mitteilung vom 1
1.
Oktober 2011 wiedererwägungsweise auf
(
Urk.
5/27 =
Urk.
2)
. Als Begrün
dung führte sie an,
die Mitteilung vom 1
1.
Oktober 2011 sei irrtümlich erfolgt und
das Geburtsgebrechen Ziffer 206
GgV
-Anhang sei
gemäss
neuen
Abklärun
gen nicht ausgewiesen.
2.
Gegen die Verfügung vom
4.
August
2015
erhob
X._
, gesetzlich vertreten durch seine Eltern, am
9.
August 2015 (
Urk.
1) Beschwerde, und bean
tragte die Übernahme der Kosten für die weitere
kieferorthopädische Behand
lung
, da diese allein im Vertrauen auf die Kostenübernahme durch die Invali
denversicherung erfolgt sei (S. 1).
Die IV-Stelle beantragte mit Beschwerdeantwort vom 2
7.
August 2015 (
Urk.
4), die Rückweisung der Sache an sie zur korrekten Durchführung des
Vorbescheid
verfahrens
.
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Nach Art. 49 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozial
versicherungsrechts (ATSG) hat der Versicherungsträger über Leistungen, For
derungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene Person nicht einverstanden ist, schriftlich Verfügungen zu erlassen. Gegen Verfügungen - ausgenommen gegen prozess- und verfahrensleitende - kann innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden (Art. 52 Abs. 1 ATSG).
1.2
Die IV-Stelle hat
gemäss
Art. 57a Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invaliden
versicherung (IVG) der versicherten Person den vorgesehenen Endentscheid über ein Leistungsbegehren oder den Entzug oder die Herabsetzung einer bisher gewährten Leistung mittels Vorbescheid mitzuteilen (Satz 1). Die Parteien kön
nen innerhalb einer Frist von 30 Tagen Einwände zum Vorbescheid vorbringen (Art. 73
ter
Abs. 1 der Verordnung über die Invalidenversicherung, IVV).
Gegenstand des Vorbescheids sind nach Art. 73
bis
Abs. 1 IVV (in der seit dem 1. Januar 2012 gültigen Fassung) Fragen, die in den Aufgabenbereich
gemäss
Art. 57 Abs. 1
lit
. c-f IVG der IV-Stellen fallen. Dazu zählen namentlich die Abklärung der
versicherungsmässigen
Voraussetzungen (Art. 57 Abs. 1
lit
. c IVG, Art. 69 Abs. 1 IVV). Nicht erfasst vom Gegenstand des
Vorbescheidver
fahrens
sind e
contrario
Fragen, die in den Aufgabenbereich
gemäss
Art. 57 Abs. 1
lit
. a, b, g, h und i IVG fallen, insbesondere die Verfügungen über die Leistungen der Invalidenversicherung (
lit
. g). Sinn und Zweck des
Vorbescheid
verfahrens
besteht darin, eine unkomplizierte Diskussion des Sachverhalts zu ermöglichen und dadurch die Akzeptanz des Entscheids bei den Versicherten zu verbessern (zu Art. 73
bis
Abs. 1 IVV in der bis Ende 2011 gültig gewesenen Fassung: BGE 134 V 97 E. 2.1 und E. 2.7).
Nach Durchführung des
Vorbescheidverfahrens
entscheidet die IV-Stelle mittels Verfügung, wobei sie sich darin mit den relevanten Einwänden der Parteien auseinanderzusetzen hat (Art. 74 Abs. 1 und 2 IVV). Verfügungen der kantona
len IV-Stellen sind direkt beim Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle anfechtbar (Art. 69 Abs. 1
lit
. a IVG).
1.3
Die versicherte Person hat Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne von Art. 42 ATSG (Art. 57a Abs. 1 Satz 2 IVG), was unter anderem das Recht der versicher
ten Person umfasst, vor Erlass eines in ihre Rechtsstellung eingreifenden Ent
scheids sich zur Sache zu
äussern
, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheb
lichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher
Beweise mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu
äussern
, wenn darauf abgestellt werden soll (BGE
121 V 150 E. 4a mit Hinweisen).
Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des rechtli
chen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Es kommt mit anderen Worten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkre
ten Fall für den Ausgang der materi
el
len Streitentscheidung von Bedeutung ist, das heisst die Be
hörde zu einer Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (BGE 132 V 387 E. 5.1; 127 V 431 E. 3d/
aa
).
Nach der Rechtsprechung kann eine - nicht besonders schwerwiegende - Ver
letzung des rechtlichen Gehörs ausnahmsweise als geheilt gelten, wenn die betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechtslage frei überprüfen kann (BGE 127 V 431 E. 3d/
aa
). Von einer Rückweisung der Sache an die Verwaltung ist selbst bei einer schwerwiegenden Verletzung des rechtlichen Gehörs dann abzusehen, wenn und soweit die Rückweisung zu einem formalistischen Leer
lauf und damit zu unnötigen Verzögerungen führen würde, die mit dem (der Anhörung gleichgestellten) Interesse der betroffenen Partei an einer
beförder
lichen
Beurteilung der Sache nicht zu vereinbaren wären (BGE 132 V 387 E. 5.1 mit Hinweis).
2.
2.1
Ausweislich der Akten hat die Beschwerdegegnerin vor Erlass der angefochte
nen Verfügung
vom
4.
August 2015 (
Urk.
2)
in Verletzung von
Art.
57a
Abs.
1 IVG kein
Vorbescheidverfahren
durchgeführt und dem
vertretenen
Beschwer
deführer auch auf keine andere Weise das rechtliche Gehör gewährt.
Dies stellt eine schwerwiegende Verletzung des rechtlichen Gehörs dar, die einer Heilung grundsätzlich nicht zugänglich ist
(vgl. BGE 126 V 130 E. 2b mit Hinweisen; Urteile des Bundesgerichts I 184/00 vom
7.
August 200 und I 584/01 vom 2
4.
Juli 2002)
.
Der
Versicherte beziehungsweise seine Eltern
konnte
n
sich dem
nach nicht
zur wiedererwägungsweisen Aufhebung
der
Leistungszusprache
vom 1
1.
Oktober 2011
äussern
.
2.2
Die Beschwerde ist folglich – ungeachtet ihrer
materiellrechtlichen
Erfolgs
aus
sich
ten – in dem Sinne
gutzuheissen
, dass die angefochtene Verfügung vom
4.
August 2015
aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurück
zu
weisen ist, damit diese ein
Vorbescheidverfahren
durchführe und danach erneut über
die
w
iedererwägungsweise Aufhebung der Mitteilung vom
1
1.
Oktober 2011 respektive den Anspruch auf medizinische
Massnahmen
im Zusammenhang mit dem Geburtsgebrechen Ziffer 206
GgV
-Anhang
entscheide.
3.
Da der Streitgegenstand die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungs
leistungen betrifft, ist das Verfahren kostenpflichtig. Die Gerichtskosten sind nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert festzulegen (Art. 69 Abs. 1
bis
IVG), ermessensweise auf Fr. 200.-- anzusetzen und
ausgangs
gemäss
der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.