Decision ID: d5c68e58-60e6-5561-b4a5-97efc1f15d91
Year: 2012
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Entscheid Versicherungsgericht, 04.07.2012 Art. 11 Abs. 1 lit. g ELG. Art. 14a ELV.Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens. Zumutbarkeit der Aufgabe einer selbständigen Erwerbstätigkeit. Beurteilung in Bezug auf den EL-Bezüger selbst und in Bezug auf die im Betrieb mitarbeitende Ehefrau (Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 04.07.2012, EL 2011/8).Präsidentin Karin Huber-Studerus, Versicherungsrichterinnen Miriam Lendfers undMarie-Theres Rüegg Haltinner; Gerichtsschreiber Tobias BoltEntscheid vom 4. Juli 2012in SachenA._, Beschwerdeführer,vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Rainer Niedermann, St. Leonhard-Strasse 20, Postfach, 9001 St. Gallen,gegenSozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen, Ausgleichskasse des Kantons St. Gallen, Brauerstrasse 54, Postfach, 9016 St. Gallen,Beschwerdegegnerin,betreffendErgänzungsleistung zur IVSachverhalt:
A.
A.a Der am 25. Mai 1948 geborene und seit 1983 als selbständiger Car-Chauffeur
tätige A._ meldete sich am 22. Juni 2009 zum Bezug von Ergänzungsleistungen (EL)
bei der Ausgleichskasse des Kantons St.Gallen als EL-Durchführungsstelle an (EL-
act. 62). Ihm war mit Verfügung vom 23. April 2009 rückwirkend ab dem 1. August
2004 (so genannte verspätete Anmeldung im August 2005) eine Rente der
Invalidenversicherung zugesprochen worden (IV-act. 174).
A.b Am 30. November 2009 liess der Versicherte der EL-Durchführungsstelle Kopien
der Steuerveranlagungsverfügungen der Jahre 2005–2007 zugehen, gemäss welchen
er im Jahr 2005 einen Verlust von Fr. 29’455.-- erlitten und im Jahr 2006 einen Gewinn
von Fr. 7’271.-- und im Jahr 2007 einen Gewinn von Fr. 28’602.-- erzielt hatte. Zudem
hatte er gemäss den Verfügungskopien „Renten/Pensionen“ von Fr. 4’596.-- (2005 und
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2006) bzw. von Fr. 5’820.-- (2007) und „Erwerbsausfallentschädigungen“ von
Fr. 24’070.-- (2005), von Fr. 24’203.-- (2006) bzw. von Fr. 6’467.-- (2007) erhalten,
sowie – im Jahr 2007 – Rentenleistungen der Invalidenversicherung von Fr. 5’604.--
(EL-act. 42).
A.c Auf Aufforderung der IV-Stelle hin teilte der Versicherte am 15. März 2010 mit,
dass seine Ehefrau gelernte Verkäuferin sei und seit 1. März 1983 zu 100 % im eigenen
Betrieb mitarbeite (EL-act. 32).
A.d Am 12. April 2010 bestätigte die AXA Winterthur, im Zeitraum vom 17. März 2005
bis 2. März 2007 Taggelder im Gesamtbetrag von Fr. 54’324.-- ausgerichtet zu haben
(EL-act. 30). Am 4. Juni 2010 bestätigte die AXA Leben AG, im Jahr 2005 eine
Erwerbsunfähigkeitsrente von Fr. 3’000.-- ausgerichtet zu haben, im Jahr 2006 eine
solche von Fr. 6’941.60, im Jahr 2007 eine solche von Fr. 5’820.--, im Jahr 2008 eine
solche von Fr. 5’280.-- und im Jahr 2009 eine solche von Fr. 7’710.-- (EL-act. 20).
A.e Mit Verfügung vom 10. Juni 2010 wies die EL-Durchführungsstelle das EL-Gesuch
ab (EL-act. 15 und 17).
B.
B.a Dagegen liess der Versicherte am 17. August 2010 Einsprache erheben und
insbesondere die Berücksichtigung hypothetischer Erwerbseinkommen beanstanden
(EL-act. 11). In der Ergänzung zur Einsprache vom 7. Dezember 2010 wurde im
Wesentlichen ausgeführt, nachdem der Versicherte im Jahr 2008 das 60. Altersjahr
vollendet habe, sei ab diesem Zeitpunkt auf die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens zu verzichten; auch für die Jahre davor sei auf die Anrechnung
eines hypothetischen Erwerbseinkommens zu verzichten, da aufgrund der konkreten
Umstände nicht davon auszugehen sei, dass die medizinisch-theoretische
Restarbeitsfähigkeit in einem Anstellungsverhältnis besser verwertbar sei als im
eigenen Betrieb, und da die Betriebsaufgabe ohnehin unzumutbar sei. Auch bezüglich
der Ehefrau des Versicherten sei auf die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens zu verzichten, da der Versicherte seinen Betrieb aufgeben
müsste, wenn die Ehefrau nicht mehr mitarbeiten könnte, was unzumutbar sei. Der
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schlechte Geschäftsgang sei schliesslich Folge der gesundheitlichen Beschwerden
(EL-act. 3). Der Einsprache lag ein Abklärungsbericht der IV-Stelle betreffend die
selbständige Erwerbstätigkeit des Beschwerdeführers vom 2. September 2008 bei (EL-
act. 2).
B.b Mit Entscheid vom 1. März 2011 wurde die Einsprache teilweise gutgeheissen
und dem Versicherten eine jährliche Ergänzungsleistung von Fr. 526.-- pro Monat ab
1. Mai 2008, eine solche von Fr. 554.-- pro Monat ab 1. Januar 2009 und eine solche
von Fr. 612.-- pro Monat ab 1. Januar 2010 zugesprochen. Zur Begründung wurde im
Wesentlichen angeführt, auf die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens des Versicherten sei ab Vollendung des 60. Altersjahres zu
verzichten; im Jahr 2007 habe der Versicherte gemäss Steuerveranlagungsverfügung
ein Einkommen von Fr. 28’602.-- erzielt, weshalb der Einnahmenüberschuss bei
Anrechnung des effektiven Einkommens noch höher ausfallen würde als bei
Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens in der Höhe der Pauschale für
den Lebensbedarf von Fr. 18’140.--; der Ehefrau des Versicherten wäre es schliesslich
zuzumuten gewesen, die wenig rentable selbständige Erwerbstätigkeit zu Gunsten
einer lukrativeren unselbständigen Erwerbstätigkeit aufzugeben (act. G 1.1.1).
C.
C.a Dagegen richtet sich die am 1. April 2011 erhobene Beschwerde, mit der die
Zusprache der gesetzlichen Ergänzungsleistungen beantragt und zur Begründung im
Wesentlichen ausgeführt wird, der Geschäftsgang habe sich erst in Folge der
gesundheitlichen Beschwerden verschlechtert; auf die „eher niederen“
Einkommenswerte der Steuerveranlagungsverfügungen könne nicht unbesehen
abgestellt werden; die Ehefrau des Beschwerdeführers habe ihre Erwerbstätigkeit im
Betrieb des Beschwerdeführers im Rahmen des Zumutbaren ausgedehnt; auf dem
„konkreten“ Arbeitsmarkt würde sie keine Stelle mehr finden (act. G 1). Der
Beschwerde lag ein Vorbescheid der IV-Stelle vom 7. März 2011 bei, gemäss welchem
vorgesehen war, dem Beschwerdeführer ab 1. August 2010 eine Dreiviertelsrente
anstelle der zuvor ausgerichteten halben Rente auszurichten (act. G 1.2).
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C.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde. In ihrer Be
schwerdeantwort vom 19. Mai 2011 verwies sie zur Begründung auf die Erwägungen
im angefochtenen Einspracheentscheid (act. G 3).
C.c Am 3. Oktober 2011 teilte die Beschwerdegegnerin unter Hinweis auf eine
Verfügung der IV-Stelle vom 19. Juli 2011 mit, dass der Beschwerdeführer mit Wirkung
ab 1. August 2010 eine ganze Rente erhalte (act. G 5 und G 5.1).
C.d Der Beschwerdeführer verzichtete auf eine Stellungnahme dazu (act. G 7).
C.e Das Gericht zog in der Folge Akten der Invalidenversicherung bei. Die Parteien
liessen sich dazu nicht ergänzend vernehmen.

Erwägungen:
1.
Streitig und zu prüfen ist, ob und allenfalls in welcher Höhe der Beschwerdeführer
Anspruch auf eine jährliche Ergänzungsleistung zur Rente der Invalidenversicherung
hat. In zeitlicher Hinsicht ist dabei zu beachten, dass der allfällige Anspruch in
Anwendung der Regel von Art. 22 Abs. 1 der Verordnung über die
Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen und Invalidenversicherung (ELV;
SR 831.301) ab August 2005 beginnen würde, nachdem der Beschwerdeführer sich im
August 2005 zum Leistungsbezug bei der IV-Stelle angemeldet hat und ihm zufolge so
genannt verspäteter Anmeldung eine Rente rückwirkend ab August 2004 zugesprochen
wurde; so sind das massgebende Anmeldedatum bei der IV-Stelle und der allfällige EL-
Anspruchsbeginn im August 2005 unbestritten.
2.
2.1 Gemäss den im Recht liegenden Akten hat der Beschwerdeführer im Jahr 2005
kein Einkommen aus selbständiger Erwerbstätigkeit erzielt; vielmehr hatte er einen
Verlust von Fr. 29’455.-- hinzunehmen (vgl. EL-act. 42). Ihm wurden indessen im Jahr
2005 Taggelder von Fr. 24’070.-- (vgl. EL-act. 30 und 42) sowie Rentenleistungen von
Privat- und Sozialversicherungen ausgerichtet. Im Jahr 2006 erzielte der Beschwerde
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führer ein Einkommen von Fr. 7’271.-- (vgl. EL-act. 42), von dem gemäss Art. 11 Abs. 1
lit. a des Bundesgesetzes über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und
Invalidenversicherung (ELG; SR 831.30) ein Anteil von Fr. 3’847.-- (zwei Drittel von
Fr. 7’271.-- – Fr. 1’500.--) anzurechnen ist. Sodann erhielt er Taggelder von
Fr. 26’242.-- (vgl. EL-act. 30) und Rentenleistungen. Im Jahr 2007 erzielte der
Beschwerdeführer ein Einkommen von Fr. 28’602.-- (vgl. EL-act. 42), von dem gemäss
Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG ein Anteil von Fr. 18’068.-- anzurechnen ist. Sodann erhielt er
Taggelder von Fr. 4’012.-- (vgl. EL-act. 30) und Rentenleistungen.
2.2 Gemäss der in Art. 14a Abs. 2 lit. b ELV festgehaltenen, von der
höchstrichterlichen Rechtsprechung als (widerlegbare) Vermutung qualifizierten (BGE
115 V 88) Regel wäre für die Jahre 2005 und 2006 mindestens ein anteiliges
Erwerbseinkommen von Fr. 10’760.-- (zwei Drittel von Fr. 17’640.-- – Fr. 1’500.--) und
für das Jahr 2007 mindestens ein solches von Fr. 11’093.-- (zwei Drittel von
Fr. 18’140.-- – Fr. 1’500.--) anzurechnen gewesen. Demnach wäre dem
Beschwerdeführer für die Jahre 2005 und 2006 (im Jahr 2007 hat er ein höheres
Erwerbseinkommen erzielt) grundsätzlich anstatt des effektiven Erwerbseinkommens
ein hypothetisches Erwerbseinkommen gemäss Art. 14a Abs. 2 lit. b ELV anzurechnen.
Dies wäre jedoch aus zwei Gründen nicht korrekt: Zum einen würde – was zwar nicht
wesentlich ins Gewicht fallen dürfte – damit der Tatsache, dass der Beschwerdeführer
zumindest zeitweise Taggeldleistungen für eine nicht mit dem von der IV-Stelle
ermittelten Invaliditätsgrad korrelierende Arbeitsunfähigkeit erhalten hat, nicht
Rechnung getragen. So erhielt der Beschwerdeführer insbesondere in den Jahren 2005
und 2006 für 76 bzw. 34 Tage Taggeldleistungen entsprechend einer 100%igen
Arbeitsunfähigkeit (vgl. EL-act. 30), weshalb für diese Tage entweder die
Taggeldleistungen oder das hypothetische Erwerbseinkommen nicht berücksichtigt
werden dürfte. Dasselbe Problem könnte sich allenfalls auch in Bezug auf die von der
AXA Leben AG ausgerichteten Rentenleistungen ergeben. Zum andern würde diesfalls
den tatsächlichen Verhältnissen nicht genügend Rechnung getragen. Immerhin war es
dem Beschwerdeführer möglich, seinen Lebensunterhalt mit der selbständigen
Erwerbstätigkeit seit 1983 zu bestreiten und erzielte er auch im Jahr 2007 noch ein
relativ hohes Einkommen, vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass er
damals bereits in erheblichem Masse erwerbsunfähig war und entsprechende
Versicherungsleistungen erhielt. Im Jahr 2006 fiel der Gewinn zwar mit Fr. 7’271.--
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relativ niedrig aus, doch darf für die Beurteilung der Rentabilität des Betriebs nicht
allein auf das Betriebsergebnis abgestellt werden, erhielt der damals gesundheitlich
erheblich beeinträchtigte Beschwerdeführer doch relativ hohe Ersatzleistungen in Form
von Taggeld- und Rentenzahlungen. Daher rechtfertigt sich die Hypothese, der
Beschwerdeführer hätte ohne Gesundheitsbeeinträchtigung im Jahr 2006 mindestens
ein Einkommen im Betrage des effektiv erzielten Gewinns und der zugeflossenen Ver
sicherungsleistungen (die im Übrigen wohl nur 80 % des entgangenen Verdienstes
ersetzten) erzielt. Vor diesem Hintergrund erweist sich das schlechte Betriebsergebnis
im Jahr 2005 als einmalige Ausnahme. Damit rechtfertigt sich die Argumentation, der
Beschwerdeführer hätte seine selbständige Erwerbstätigkeit aufgeben müssen und in
einer unselbständigen Verweistätigkeit ein Einkommen gemäss Art. 14a Abs. 2 lit. b
ELV erzielen können, nicht. Auf die Anrechnung eines hypothetischen
Erwerbseinkommens ist zu verzichten. In Bezug auf den Beschwerdeführer ist daher
auch für die Jahre 2005–2007 auf die effektiven Einnahmen abzustellen. Für die Höhe
des Einkommens aus selbständiger Erwerbstätigkeit ist auf die Steuermeldungen
abzustellen. Für das Jahr 2005 ist mithin kein Einkommen anzurechnen (vgl. EL-
act. 28–18), für das Jahr 2006 ein Einkommen von Fr. 7’271.--, für das Jahr 2007 ein
solches von Fr. 28’602.-- und für das Jahr 2008 wiederum kein Einkommen (vgl. IV-
act. 199). Für die folgenden Jahre hat die Beschwerdegegnerin entsprechende
Auskünfte von den Steuerbehörden einzuholen.
2.3 Für die Anrechnung der effektiven Erwerbseinnahmen ist der Zeitpunkt der
Vollendung des 60. Altersjahres im Übrigen irrelevant, da Art. 14a ELV per se nicht zur
Anwendung gelangt und gemäss Art. 11 Abs. 1 lit. a ELG grundsätzlich sämtliche
effektiv erzielten Einkünfte anzurechnen sind, was logische Folge des Zwecks der
Ergänzungsleistungen (Art. 2 Abs. 1 ELG) ist.
3.
3.1 Die Ehefrau des Beschwerdeführers hat offenbar in erheblicher Weise zur
Aufrechterhaltung des von Beginn weg gemeinsam geführten Betriebs beigetragen und
unter anderem im Jahr 2003 eine entsprechende Fahrprüfung abgelegt (vgl. IV-act. 41–
4, 160–5 und 160–11 sowie EL-act. 32–2). Wie dargelegt, konnten trotz des Einsatzes
der Ehegatten zunehmend nurmehr bescheidene Erträge erwirtschaftet werden. In den
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Jahren 2005 und 2008 resultierten gar Verluste (vgl. IV-act. 199). Es stellt sich daher die
Frage, ob die Ehefrau des Beschwerdeführers aufgrund ihrer Pflicht, den Lebensbedarf
soweit möglich aus eigenen Mitteln zu bestreiten („Schadenminderungspflicht“), nicht
verpflichtet gewesen wäre, anstelle der Weiterführung des (nicht rentablen) Betriebs
eine unselbständige Erwerbstätigkeit aufzunehmen und ein entsprechendes, wohl
deutlich höheres Einkommen zu erzielen. Wäre eine solche Pflicht zu bejahen, müsste
ein entsprechendes hypothetisches Erwerbseinkommen im Sinne von Art. 11 Abs. 1
lit. g ELG angerechnet werden.
3.2 Bezüglich Schadenminderungspflicht ist zu differenzieren: Gewisse Pflichten sind
derart offensichtlich und naheliegend, dass von den Versicherten ohne Weiteres ein
entsprechendes Verhalten zu erwarten ist. Beispielsweise ist zu unterstellen, dass
grundsätzlich jede vernünftige Person, die ihre Arbeitsstelle verliert, sich auf andere
Stellen bewerben wird. Wer eine Arbeitslosenentschädigung bezieht, sich aber nicht
genügend um eine neue Stelle bemüht, wird deshalb gemäss Art. 30 Abs. 1 lit. c des
Bundesgesetzes über die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die
Insolvenzentschädigung (AVIG; SR 837.0) entsprechend in der Anspruchsberechtigung
eingestellt, wobei die Regeln von Art. 21 ATSG, auf die sogleich näher einzugehen ist,
nicht zur Anwendung gelangen (Art. 1 Abs. 2 AVIG). Andere
Schadenminderungspflichten sind nicht derart offensichtlich und naheliegend, so etwa
die Pflicht, unter Umständen eine selbständige Erwerbstätigkeit zugunsten einer
voraussichtlich rentableren unselbständigen Erwerbstätigkeit aufzugeben. Für solche
Pflichten sieht Art. 21 Abs. 4 ATSG das so genannte Mahn- und Bedenkzeitverfahren
vor: Die betroffene Person muss vor der Kürzung oder Verweigerung von Leistungen
aufgrund einer Verletzung der Schadenminderungspflicht schriftlich gemahnt und auf
die Rechtsfolgen hingewiesen werden; ihr ist eine angemessene Bedenkzeit
einzuräumen. Die Kürzung oder Verweigerung von Leistungen aufgrund der Verletzung
einer nicht offensichtlichen Schadenminderungspflicht soll die Betroffenen also nicht
„aus heiterem Himmel treffen“. Ihnen muss zuerst bewusst gemacht werden, dass sie
mit ihrem Verhalten eine Schadenminderungspflicht verletzen, und dass dies eine
Kürzung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen zur Folge haben kann.
3.3 Der Ehefrau des Beschwerdeführers ein hypothetisches Erwerbseinkommen
anzurechnen bedeutet damit, ihr zu unterstellen, sie habe ihre
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Schadenminderungspflicht verletzt, indem sie ihre Mitarbeit im Betrieb nicht zugunsten
einer (rentableren) unselbständigen Erwerbstätigkeit sistiert habe. Eine so geartete
Schadenminderungspflicht ist nicht als derart offensichtlich und naheliegend zu
qualifizieren, dass ihre Verletzung ohne Abmahnung seitens der Beschwerdegegnerin
hätte sanktioniert werden dürfen. Immerhin haben die Eheleute ihren Betrieb seit 1983
gemeinsam geführt und trotz – zumindest in den letzten Jahren – nicht sehr hohen
Einkünften ihren Lebensbedarf aus diesen Mitteln bestritten. Es liegt nahe, dass die
Ehefrau die zunehmende Unfähigkeit des Beschwerdeführers, die anfallenden Arbeiten
zu verrichten, zu kompensieren versucht hat. Dass die Ehefrau eine Fahrprüfung
abgelegt und ihre Tätigkeit im Betrieb allgemein ausgeweitet bzw. intensiviert hat, ist
als vernünftig und naheliegend zu qualifizieren. Retrospektiv wäre es zwar sinnvoller
gewesen, den Betrieb aufzugeben und eine unselbständige Erwerbstätigkeit zu suchen.
Im damaligen Zeitpunkt lag diese Möglichkeit aber weniger nahe als die Weiterführung
des Betriebs unter vermehrtem Einsatz der Ehefrau. Es schien, dass sie mit ihrem
Einsatz den Ausfall des Beschwerdeführers kompensieren könnte, die Auftragslage war
denn auch nicht allzu schlecht (vgl. IV-act. 160–6), die Aufnahme einer unselbständigen
Erwerbstätigkeit wäre dagegen mit erheblichen Unsicherheiten verbunden gewesen.
Immerhin hatte die Ehefrau während Jahrzehnten nicht mehr in einem
Angestelltenverhältnis gearbeitet. Aufgrund dieser langen Absenz vom Arbeitsmarkt
wie auch ihres Alters hätte sich die Stellensuche wohl schwierig gestaltet. Ausserdem
hätte der Betrieb liquidiert werden müssen, was unter Umständen mit erheblichen
Verlusten einher gegangen wäre. Gesamthaft kann vor diesem Hintergrund nicht
unterstellt werden, dass der Ehefrau des Beschwerdeführers ohne entsprechende
Abmahnung hätte bewusst sein müssen, dass sie mit der Weiterführung des Betriebs
bzw. der Nichtaufnahme einer unselbständigen Erwerbstätigkeit eine
Schadenminderungspflicht verletzte. Sie hätte daher von der Beschwerdegegnerin
schriftlich darauf hingewiesen und gemahnt werden müssen, bevor ihr ein
hypothetisches Erwerbseinkommen hätte angerechnet werden dürfen. Da die
Beschwerdegegnerin kein Mahn- und Bedenkzeitverfahren durchgeführt hat, ist von
der Anrechnung eines hypothetischen Erwerbseinkommens für die Ehefrau des Be
schwerdeführers abzusehen.
3.4 Allerdings ist zu berücksichtigen, dass sich im Sommer 2010 abzeichnete, dass
der Beschwerdeführer aufgrund seiner Gesundheitsbeeinträchtigungen nicht mehr
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weiter im Betrieb arbeiten konnte. Die ganze Rente wurde ihm zwar erst Mitte 2011
(rückwirkend per August 2010) zugesprochen (IV-act. 230), doch verschlechterte sich
sein Zustand anerkannterweise im Sommer 2010 erheblich, weshalb für ihn und seine
Ehefrau bereits im damaligen Zeitpunkt klar sein musste, dass der Betrieb
realistischerweise nicht fortgeführt werden konnte. Hinzu kam, dass die
Beschwerdegegnerin mit Verfügung vom 10. Juni 2010, also im gleichen Zeitraum, das
EL-Gesuch abwies und dabei ein hypothetisches Erwerbseinkommen anrechnete. Ab
diesem Zeitpunkt war für den Beschwerdeführer und seine Ehefrau – sie waren damals
übrigens bereits anwaltlich vertreten – daher ersichtlich, dass die Weiterführung des
Betriebs bzw. die Nichtaufnahme einer unselbständigen Tätigkeit eine
Schadenminderungspflicht verletzen und die Sanktionierung mittels Anrechnung eines
hypothetischen Erwerbseinkommens zur Folge haben könnte. Die Eheleute hätten
daher die Auflösung des Betriebs in die Wege leiten bzw. die Ehefrau eine Arbeitsstelle
suchen müssen. Hierfür ist allerdings eine Übergangsfrist zu gewähren, wobei mit Blick
auf Art. 25 Abs. 4 ELV ein Zeitraum von sechs Monaten angemessen erscheint. Ab
dem 1. Januar 2011 ist daher ein hypothetisches Erwerbseinkommen für die Ehefrau
des Beschwerdeführers anzurechnen.
3.5 Die Beschwerdegegnerin hat die Höhe des hypothetischen Erwerbseinkommens
auf Fr. 35’041.-- festgesetzt (vgl. EL-act. 18–2), was nicht zu beanstanden ist.
4.
Zusammenfassend ist die Beschwerde insofern gutzuheissen, als der angefochtene
Einspracheentscheid aufzuheben und die Sache zu weiteren Abklärungen im Sinne der
Erwägungen, zur Neufestsetzung des EL-Anspruchs und zur anschliessenden
Neuverfügung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen ist. Gerichtskosten sind
gemäss Art. 61 lit. a keine zu erheben. Dem Beschwerdeführer steht gemäss Art. 61
lit. g ATSG eine Parteientschädigung zu, wobei die Rückweisung praxisgemäss als
vollständiges Obsiegen zu qualifizieren ist. Die Parteientschädigung ist praxisgemäss
auf pauschal Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer) festzulegen
Demgemäss hat das Versicherungsgericht