Decision ID: 1420bda5-250e-4a17-bc79-c7e1d7d05d74
Year: 2020
Language: de
Court: CH_BSTG
Chamber: CH_BSTG_001
Canton: CH
Region: Federation
Law Area: penal_law

Sachverhalt:
A. Das Grenzwachtkorps nahm am 20. September 2019, 07.35 Uhr, im Post-
zentrum D. eine Sicherstellung im Postverkehr vor. Es handelte sich um eine
Briefpostsendung ohne Nummer aus den Niederlanden. Wie das Forensi-
sche Institut W. feststellte, enthielt sie einen Minigrip mit netto 0.08 Gramm
Betäubungsmittel. Die Sendung war adressiert an die [...] mit dem Empfän-
ger A. Abklärungen der Kantonspolizei X. ergaben, dass A. dort zur Zeit der
Bestellung [...] tätig war.
B. Die Kantonspolizei X. befragte A. am 19. Februar 2020. A. sagte aus, bis
31. Januar 2020 am [...] gearbeitet zu haben und ab 1. März 2020 in Z. tätig
zu sein. Die Wohnadresse in Y. bleibe gültig, bis sie einen Entscheid zur
Vermietung träfen.
A. erklärte, er habe das Betäubungsmittel bestellt, um es in seiner Forschung
[...] einzusetzen. Das Betäubungsmittel hätte als neuer Ansatz helfen kön-
nen [...]. Er habe nur eine kleine Menge bestellen wollen, um [...] zu testen,
ob es überhaupt funktioniere. Wieviel er habe einsetzen wollen, sei noch
nicht klar gewesen. Der Ansatz sei erst während der Studie aufgekommen,
weshalb er dies selbst entschieden habe. Als [...] sei er verantwortlich. Die
Bewilligung [...] laufe noch bis [...]. Das Betäubungsmittel habe er Mitte Sep-
tember 2019 über das Internet bestellt, mit der E-Mail seines Arbeitgebers
und vielleicht von seinem Büro aus. Er habe es mit seiner persönlichen Kre-
ditkarte bezahlt. Er habe gedacht, eine Rückzahlung in einer zweiten Phase
einzugeben. Im schlimmsten Fall seien es ja nur 30 Franken gewesen. Er
habe gedacht, der Import für die Forschung sei legal. Nach einer Rückfrage
habe er es schliesslich vergessen und sich nicht mehr darum gekümmert.
Die Kantonspolizei führte bei A. einen Drogenschnelltest durch, der negativ
auf sämtliche getesteten Substanzen ausfiel.
C. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern (nachfolgend «StA/BE») eröffnete
am 6. März 2020 ein Strafverfahren gegen A. wegen Widerhandlungen ge-
gen das Bundesgesetz vom 3. Oktober 1951 über die Betäubungsmittel und
die psychotropen Stoffe (Betäubungsmittelgesetz, BetmG; SR 812.121 so-
wie gegen das Tierschutzgesetz vom 16. Dezember 2005 (TSchG; SR 455).
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Die StA/BE kontaktierte am 16. April 2020 das Amt für Informatik und Orga-
nisation des Kantons Bern, da die StA/BE nicht auf die Internetseite [...] habe
zugreifen konnte, auf der A. die Bestellung aufgegeben hatte. Sie fragte an,
ob die Sperre auch für [...] gelte. Darüber konnte das Amt mit E-Mail vom
1. Mai 2020 keine Auskunft geben, da [...] nicht Teil der Kantonsverwaltung
ist und seine Netzwerkdienstleistungen daher nicht über das Amt bezieht.
Die StA/BE gelangte am 22. April 2020 an eine kantonale Fachstelle. Sie
erhielt am 7. Mai 2020 Auskunft auf ihre Fragen [...].
D. Die StA/BE erliess am 5. Juni 2020 einen Strafbefehl gegen A. wegen Wi-
derhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz (Art. 11, 19 Abs. 1 lit. b
und g, Art. 20 Abs. 1 lit. d BetmG) und versuchten Widerhandlungen gegen
das Tierschutzgesetz (Art. 28 Abs. 1 lit. e und Abs. 2 TSchG). Sie warf ihm
dabei vor:
(1) A. habe am 15. September 2019 über das Internet Betäubungsmittel bestellt und diese
am 20. September 2019 aus den Niederlanden in W. in die Schweiz eingeführt. Die Lieferfirma
sei auch für medizinisch indizierte Drogen kein zugelassener Lieferant und A. verfüge über
keine Einfuhrbewilligung.
(2) A. habe die eingeführten Betäubungsmittel im Rahmen [...] einsetzen wollen [...]. Er habe
dies getan, ohne dass die Anwendung dieser Drogen im Bewilligungsgesuch beantragt und
somit von der Bewilligung vom [...] auch nicht umfasst wurde.
A. liess am 19. Juni 2020 Einsprache gegen den Strafbefehl erheben. Er
verzichtete am 17. Juli 2020 auf eine staatsanwaltliche Einvernahme.
E. Am 27. Juli 2020 liess A. die Zuständigkeit des Kantons Bern bestreiten. Zu-
ständig sei vielmehr der Kanton Waadt, eventuell der Kanton Zürich. Die
StA/BE begründete ihm am 30. Juli 2020, weshalb für sie der Gerichtsstand
im Kanton Bern liege. A. antwortete am 17. August 2020, die Ermittlung habe
nicht eruieren können, wo die Bestellung des 15. September 2019 stattfand.
Daher sei Art. 32 Abs. 1 StPO anzuwenden, was die Zuständigkeit der Be-
hörden seines Wohnsitzes [...] begründe.
F. Der Kanton Bern leitete am 5. Oktober 2020 den Meinungsaustausch mit
dem Kanton Waadt ein. Dieser hielt am 8. Oktober 2020 dafür, es sei der
Kanton Bern zuständig.
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G. Die StA/BE verfügte am 9. Oktober 2020, das Strafverfahren in seiner Kom-
petenz weiterzuführen. Einerseits die Lieferadresse, andererseits die ange-
gebene berufliche E-Mailadresse sprächen für einen Tatort am Arbeitsplatz.
Andererseits liege der beabsichtigte Erfolgsort [...].
H. Dagegen rief A. am 22. Oktober 2020 die Beschwerdekammer des Bun-
desstrafgerichts an. Er beantragt, das Verfahren sei vom Kanton Waadt,
eventuell Kanton Zürich, zu führen.
Das Gericht ersuchte die StA/BE am 23. Oktober 2020, die Verfahrensakten
einzureichen. Diese gingen am 27. Oktober 2020 ein.
Es wurde kein Schriftenwechsel durchgeführt (vgl. Art. 390 Abs. 2 StPO im
Umkehrschluss).
Auf die Ausführungen der Partei und die eingereichten Akten wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden rechtlichen Erwägungen Bezug genom-
men.

Die Beschwerdekammer zieht in Erwägung:
1. Verfügt eine Staatsanwaltschaft, dass sie zuständig sei, so kann diejenige
Partei sich innert zehn Tagen bei der Beschwerdekammer des Bundesstraf-
gerichts beschweren (Art. 41 Abs. 2 Satz 1 StPO i.V.m. Art. 40 Abs. 2 StPO
und Art. 37 Abs. 1 StBOG), die vorbringt, ihr ordentlicher Gerichtsstand
(Art. 31–37 StPO i.V.m. Art. 38 Abs. 1 und Art. 41 Abs. 1 StPO) werde miss-
achtet (Art. 41 Abs. 2 Satz 2 StPO).
Der Beschwerdeführer ist als Beschuldigter Partei des Strafverfahrens
(vgl. Art. 104 Abs. 1 lit. a StPO). Er ist damit zur Einreichung einer Be-
schwerde gegen eine Gerichtsstandsverfügung legitimiert (vgl. Art. 41 Abs. 2
StPO). Sie ist auch frist- und formgerecht erhoben. Auf die Beschwerde ist
einzutreten.
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2.
2.1 Hat eine beschuldigte Person mehrere Straftaten an verschiedenen Orten
verübt, so sind für die Verfolgung und Beurteilung sämtlicher Taten die Be-
hörden des Ortes zuständig, an dem die mit der schwersten Strafe bedrohte
Tat begangen worden ist (Art. 34 Abs. 1 StPO).
2.2 Vorsätzliche Widerhandlungen gegen die Tierschutzgesetzgebung werden
mit Busse bis zu Fr. 20'000.-- bestraft (Art. 28 Abs. 1 lit. a bis i TSchG). Ver-
such ist strafbar (Art. 28 Abs. 2 TSchG).
Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe wird bestraft, (lit. b) wer
Betäubungsmittel unbefugt lagert, versendet, befördert, einführt, ausführt
oder durchführt; (lit. g) wer zu einer Widerhandlung nach den Buchstaben a
bis f Anstalten trifft (Art. 19 Abs. 1 lit. b und g BetmG).
Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe wird bestraft, wer als
Medizinalperson Betäubungsmittel anders als nach Artikel 11 oder 13 ver-
wendet oder abgibt (Art. 20 Abs. 1 lit. d BetmG). Nach Art. 11 BetmG sind
Ärzte und Tierärzte verpflichtet, Betäubungsmittel nur in dem Umfange zu
verwenden, abzugeben und zu verordnen, wie dies nach den anerkannten
Regeln der medizinischen Wissenschaften notwendig ist (Art. 11 Abs. 1
BetmG). Ärzte und Tierärzte, die als Arzneimittel zugelassene Betäubungs-
mittel für eine andere als die zugelassenen Indikationen abgeben oder ver-
ordnen, müssen dies innerhalb von 30 Tagen den zuständigen kantonalen
Behörden melden. Sie haben auf Verlangen der zuständigen kantonalen Be-
hörden alle notwendigen Angaben über Art und Zweck der Behandlung zu
machen (Art. 11 Abs. 1bis BetmG).
2.3 Der Beschwerdeführer soll mit Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bedrohte Wi-
derhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz und mit Busse bedrohte
versuchte Widerhandlungen gegen das Tierschutzgesetz begangen haben.
Die Betäubungsmitteldelikte sind somit die mit der schwersten Strafe be-
drohte Taten. Allerdings wurde das Betäubungsmittel zwar bestellt und ein-
geführt; der Beschwerdeführer kam jedoch als Medizinalperson (Art. 20
Abs. 1 lit. d BetmG) nicht dazu, es zu verwenden. Liegt insoweit allenfalls ein
Versuch vor, ist die Einfuhr das schwerste und damit nach Art. 34 Abs. 1
StPO gerichtsstandsbegründende Delikt (vgl. BAUMGARTNER, Die Zuständig-
keit im Strafverfahren, 2014, S. 235). Massgeblich ist damit, wo der Be-
schwerdeführer das Betäubungsmittel bestellt hat.
2.4 Der Beschwerdeführer bringt vor, [...] auch ausserhalb der Räumlichkeiten
[...] gearbeitet zu haben, namentlich an seinem Privatdomizil. Er habe sich
dort einen kleinen Raum ausgestattet, worin er regelmässig am Abend und
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am Wochenende gearbeitet habe. Das Betäubungsmittel für insgesamt
Fr. 30.-- sei wahrscheinlich in Y. bestellt und bezahlt worden. Dafür die be-
rufliche E-Mailadresse zu verwenden heisse nicht, es auch am Arbeitsort zu
bestellen. Auf die Frage, von welchem Ort aus die Bestellung abgegeben
worden sei, habe er geantwortet: «Das weiss ich nicht mehr, vielleicht in mei-
nem Büro» (Einvernahmeprotokoll, S. 4). Gemäss Anmerkung seines
Rechtsanwaltes habe er gesagt, nicht sicher gewesen zu sein, ob er sich im
Büro aufgehalten habe oder ob er zuhause gewesen sei, als er die Bestel-
lung tätigte (Einvernahmeprotokoll, S. 7). Mein Büro beziehe sich nicht auf
[...], sondern auf das Bürozimmer zuhause. Die Untersuchung habe den Tat-
ort nicht klären können. Bei den vorliegenden Tätigkeitsdelikten gebe es kei-
nen Erfolgsort. Der ungewisse Tatort führe dazu, dass nach Art. 32 StPO an
den Wohnsitz anzuknüpfen sei. Dieser sei nach wie vor im Kanton Waadt.
Eventualiter sei der Kanton Zürich zuständig, wo das Betäubungsmittel be-
schlagnahmt wurde (act. 1).
2.5 Dem Beschwerdeführer ist insofern beizupflichten, als Betäubungsmittelde-
likte Tätigkeitsdelikte sind und als solche keinen Erfolgsort kennen. Auf die
Frage «an welcher Örtlichkeit haben Sie sich aufgehalten, als Sie diese Be-
stellung tätigten» erwähnte der Beschwerdeführer das «Büro» als den mög-
lichen Bestellort. In diesem Zusammenhang liegt es näher, mit «Büro» den
Arbeitsort zu bezeichnen und für «zu Hause» oder «am Wohnort» entspre-
chende Worte zu verwenden. Für eine Bestellung am Arbeitsort sprechen
auch weitere Umstände: So war das Betäubungsmittel für den beruflichen
Einsatz bestimmt. In einer zweiten Phase sollte ihm [...] den Kaufpreis zu-
rückzahlen. Das Betäubungsmittel wurde an seinen Arbeitsplatz bestellt. Er
bestellte es mit seiner beruflichen E-Mail-Adresse. Gegen die Bestellung am
Arbeitsort könnte sprechen, dass der Bestelltag (15. September 2019) ein
Sonntag war. Indes arbeiten [...] zuweilen auch an Wochenenden. Dass er
sich zuhause ein Bürozimmer eingerichtet habe, heisst jedenfalls nicht, dass
das Betäubungsmittel auch dort bestellt wurde. Für die Beschwerdekammer
muss die Bestellung insgesamt mit ausreichender Wahrscheinlichkeit am Ar-
beitsort des Beschwerdeführers [...] erfolgt sein. Der Kanton Bern ist damit
für das vorliegende Strafverfahren zuständig. Gegenüber dem Bestellort tritt
vorliegend der Kanton Zürich als Ort (nur) der Grenzkontrolle und Sicherstel-
lung zurück.
2.6 Damit sind die Behörden des Kantons Bern berechtigt und verpflichtet, die
Vorwürfe gegen A. zu verfolgen und zu beurteilen, weshalb die Beschwerde
abzuweisen ist.
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3. Bei diesem Ausgang des Verfahrens hat der Beschwerdeführer die Gerichts-
kosten zu tragen (vgl. Art. 428 Abs. 1 StPO). Die Gerichtsgebühr ist auf
Fr. 2'000.-- festzusetzen (vgl. Art. 73 StBOG i.V.m. Art. 5 und 8 Abs. 1 des
Reglements des Bundesstrafgerichts vom 31. August 2010 über die Kosten,
Gebühren und Entschädigungen in Bundesstrafverfahren [BStKR;
SR 173.713.162]) und dem Beschwerdeführer aufzuerlegen.
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