Decision ID: 98f14801-d504-469d-a4ae-8e358605b1ae
Year: 2012
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

in Sachen
A._,
Beschwerdeführer,
vertreten durch Rechtsanwalt lic. iur. Franz Bischofberger, Engelgasse 7,
9050 Appenzell,
gegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 2/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-Stelle des Kantons St. Gallen, Postfach 368, 9016 St. Gallen,
Beschwerdegegnerin,
betreffend
Rente (Wiedererwägung)
Sachverhalt:
A.
A._ wurden in den Jahren 1983–1992 verschiedene Leistungen der
Invalidenversicherung infolge eines Dysgrammatismus und einer Dyslalie gewährt; in
den Jahren 1991–1995 wurden zudem Leistungen im Zusammenhang mit einem Hallux
valgus mit Digitus superductus erbracht (IV-act. 1 ff.).
B.
B.a Am 9. Juli 2001 meldete sich der Versicherte aufgrund seit Oktober 2000 be
stehender Schmerzen in der rechten Hand für Berufsberatung und Arbeitsvermittlung
bei der IV-Stelle des Kantons St. Gallen an (IV-act. 10).
B.b Am 4. September 2001 erstattete Dr. med. B._, Facharzt FMH für Allgemeine
Innere Medizin, einen Arztbericht. Er diagnostizierte einen Status nach Arthroskopie
und Raffnaht am 28. Februar 2001 wegen Läsion des radialen Discus ulnaris des
rechten Handgelenks, attestierte eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für die zuletzt
ausgeübte Tätigkeit als Mitarbeiter in einem Stahllager (vgl. IV-act. 15) für den Zeitraum
vom 25. Oktober 2000 bis zum 31. August 2001 und führte ergänzend aus, dem
Versicherten seien leichte Arbeiten ohne Belastung des rechten Handgelenks ganztags
zumutbar (IV-act. 16).
B.c Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. med. C._, Facharzt FMH für
Handchirurgie, am 15. Oktober 2002 ein fachärztliches Gutachten. Er diagnostizierte
chronische ulnare Handgelenksschmerzen bei Läsion des radialen Discus ulnaris
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 3/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rechts und Status nach Raffnaht und erachtete ebenfalls leichte Arbeiten ohne
Belastung des rechten Handgelenks für ganztags zumutbar (IV-act. 33).
B.d Vom 30. Juni bis 15. Juli 2003 erfolgte eine berufliche Abklärung. Im ent
sprechenden Schlussbericht vom 11. August 2003 wurde unter anderem festgehalten,
die äusserst geringen kognitiven Voraussetzungen verunmöglichten dem Versicherten
auch diejenigen Tätigkeiten, die ihm aufgrund der rein körperlichen Einschränkungen
noch möglich wären. Vor allem seine Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit über eine durch
schnittliche Zeitspanne bei einer Tätigkeit aufrecht zu erhalten, liesse auch die ein
fachsten seriellen Tätigkeiten bzw. Kontrolltätigkeiten nicht zu. Bei einfachsten Tätig
keiten mit guter Betreuung, wie sie nur in geschützten Werkstätten angeboten werden
könne, seien Tagesleistungen von etwa 30 % beobachtet worden. Der Versicherte
habe nach Ansicht der zuständigen Mitarbeiter der Beruflichen Abklärungsstelle
(BEFAS) Appisberg keine Chance auf eine Stelle in der freien Wirtschaft (IV-act. 46).
B.e Die zuständige Berufsberaterin der IV-Stelle erstattete am 18. September 2003
einen Schlussbericht, in welchem sie ausführte, es solle die Zusprache einer Rente
unter Berücksichtigung der Tatsache, dass nur noch Tätigkeiten im geschützten
Rahmen zumutbar seien, geprüft werden. In seiner zuvor ausgeübten Tätigkeit hätte
der Versicherte ein Jahreseinkommen von Fr. 57’200.-- erzielt, als Mitarbeiter im ge
schützten Rahmen würde er bei einem Pensum von 100 % lediglich noch ein solches
von Fr. 10’400.-- verdienen (IV-act. 48).
B.f Im Auftrag der IV-Stelle erstattete Dr. med. D._, Facharzt FMH für Psychiatrie
und Psychotherapie, am 11. März 2004 ein psychiatrisches Gutachten. Er
diagnostizierte – unter Berücksichtigung der Abklärungen durch die BEFAS Appisberg,
der übrigen Akten, einer eigenen Untersuchung, einer neuropsychologischen Testung
sowie fremdanamnestischer Angaben – eine einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeits
störung und attestierte „aktuell“ eine 100%ige Arbeitsunfähigkeit für Tätigkeiten, die
mit dem Aufrechterhalten der Konzentration auf die Ausübung derselben Tätigkeit über
täglich mehrere Stunden hintereinander verbunden sind; durch eine konsequente medi
kamentöse Behandlung könnte aber eine Besserung der gezeigten Aufmerksamkeits
störungen und damit auch der Arbeitsfähigkeit erreicht werden. „Im aktuellen Zustand“
könne der Versicherte Tätigkeiten ausüben, die er zwischendurch immer wieder durch
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 4/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Pausen unterbrechen könne. Das Umfeld sollte dabei möglichst ruhig beschaffen
sein und wenig Ablenkung bieten. Die Aufträge sollten klar verständlich und schriftlich
formuliert sein. Förderlich für ein möglichst langes Aufrechterhalten seiner
Konzentrationsfähigkeit wäre eine Tätigkeit, die den Interessen des Versicherten ent
spräche. Da er Schwierigkeiten mit dem Sprachverständnis habe und handwerkliche
Arbeiten wegen der somatischen Beeinträchtigung nicht mehr in Frage kämen, wäre zu
diskutieren, ob eine Tätigkeit im Büro, bei der der Versicherte hauptsächlich mit Zahlen
zu tun hätte, möglich wäre. Vorgängig sollte dafür allerdings eine IV-gestützte Berufs
abklärung und -beratung erfolgen. Für eine Tätigkeit – wie zuvor erwähnt – bestehe
aktuell eine Leistungsfähigkeit von ca. 50 % (IV-act. 58).
B.g Mit Verfügung vom 21. April 2004 sprach die IV-Stelle dem Versicherten mit
Wirkung ab dem 1. Oktober 2001 eine ganze Rente bei einem Invaliditätsgrad von
82 % (Valideneinkommen: Fr. 57’200.--; Invalideneinkommen: Fr. 10’400.--) zu (IV-
act. 66).
C.
C.a Im Rahmen einer Überprüfung des Rentenanspruchs von Amtes wegen erstattete
Dr. B._ am 30. April 2007 einen Verlaufsbericht, in welchem er im Wesentlichen einen
unveränderten Zustand beschrieb, aber eine eingehendere Überprüfung empfahl, da er
den Versicherten schon lange nicht mehr behandelt habe (IV-act. 73).
C.b Im Auftrag der IV-Stelle erstattete das Medizinische Gutachtenzentrum St. Gallen
(MGSG) am 25. März/25. April 2008 ein bidisziplinäres – orthopädisches und psychi
atrisches – Gutachten. Der Orthopäde, Dr. med. E._, Facharzt FMH für
Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, beurteilte den
Zustand als im Wesentlichen unverändert und attestierte eine volle Arbeitsfähigkeit für
leidensadaptierte Tätigkeiten (IV-act. 83). Der Psychiater, Dr. med. F._, beurteilte den
Zustand ebenfalls als im Wesentlichen unverändert, attestierte aber eine 60 %ige
Arbeitsfähigkeit in der angestammten Tätigkeit als Maschinenarbeiter und eine 75 %ige
Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten (rechte Hand nur als Hilfs- oder Halte
hand einzusetzen, IV-act. 82).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 5/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
C.c Am 16. Juni 2008 wurde dem Versicherten mitgeteilt, dass er weiterhin Anspruch
auf die bislang ausgerichtete ganze Invalidenrente habe (IV-act. 87).
C.d Mit Verfügung vom 18. November 2008 wurde dem Versicherten mit Wirkung ab
dem 1. Oktober 2008 eine Kinderrente zu seiner Invalidenrente zugesprochen (IV-
act. 92).
D.
D.a Im Rahmen einer weiteren Überprüfung des Rentenanspruchs von Amtes wegen
teilte Dr. B._ mit Bericht vom 18. Mai 2009 mit, dass dem Versicherten eigentlich
jede Tätigkeit zumutbar sei, bei welcher die rechte Hand nur beschränkt oder gar nicht
eingesetzt werden müsse (IV-act. 96).
D.b Am 28. Mai 2009 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit, dass er weiterhin An
spruch auf die bislang ausgerichtete ganze Invalidenrente habe (IV-act. 99).
E.
E.a Am 11. September 2009 teilte die zuständige Sachbearbeiterin mit, im Rahmen
der Haushaltsabklärung betreffend die Ehefrau des Versicherten habe dieser in einem
kurzen Gespräch ausgeführt, er könnte sicherlich „ein paar Stündchen“ arbeiten und –
auf entsprechende Nachfrage hin – wäre an Arbeitsvermittlung durch die IV-Stelle
durchaus interessiert (IV-act. 100).
E.b Am 16. Februar 2010 fand eine Besprechung zwischen einer Eingliederungs
beraterin der IV-Stelle und dem Versicherten statt. Im entsprechenden Protokoll wurde
festgehalten, dass der Versicherte angegeben habe, er habe nie gesagt, er könne „ein
paar Stündchen“ arbeiten, und gefragt habe, weshalb dieses Gespräch stattfinde, da
sich an seiner Situation doch nichts geändert habe (IV-act. 108–2).
E.c Mit Schreiben vom 1. April 2010 forderte die IV-Stelle den Versicherten auf, bis
spätestens am 14. April 2010 schriftlich mitzuteilen, dass er bereit sei, im Rahmen
der medizinisch attestierten Arbeitsfähigkeit aktiv bei beruflichen Eingliederungsbe
mühungen mitzuwirken, und anzugeben, um welche konkreten Arbeitsstellen er sich
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 6/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
bemühe; sollte der Versicherte dieser Anordnung nicht nachkommen, werde aufgrund
der Akten verfügt, mithin bei der Festlegung des Invalideneinkommens eine Arbeits
fähigkeit von 75 % berücksichtigt, was zu einer Einstellung der Rentenleistungen
führen könne (IV-act. 111).
E.d Am 14. April 2010 liess der Versicherte dazu Stellung nehmen. Es liege nach wie
vor eine rechtskräftige Rentenverfügung im Recht, die Voraussetzungen für eine
Rentenanpassung seien nicht erfüllt, und er habe seine Mitarbeit bislang nie verweigert
(IV-act. 112).
E.e Mit Vorbescheid vom 7. Mai 2010 teilte die IV-Stelle mit, dass vorgesehen sei, die
rentenzusprechende Verfügung vom 21. April 2004 in Wiedererwägung zu ziehen
und rückwirkend aufzuheben, wobei gestützt auf das Gutachten von Dres. F._ und
E._ vom 25. April 2008 auf einen Invaliditätsgrad von 25 % abgestellt werde. Auf eine
Rückforderung der zu Unrecht bezogenen Rentenleistungen werde ausnahmsweise
verzichtet (IV-act. 116).
E.f Dagegen liess der Versicherte am 15. Juni 2010 Einwand erheben, insbesondere
die Bejahung der Voraussetzungen für eine Wiedererwägung beanstanden; eine allfällig
beabsichtigte Rentenrevision würde weitere Abklärungen erfordern und vor einer
Renteneinstellung wären ihm Wiedereingliederungsmassnahmen zu bewilligen (IV-
act. 117).
E.g Am 25. Juni 2010 verfügte die IV-Stelle gemäss Vorbescheid. Der Versicherte
habe keine relevanten Belege vorgebracht, die den Entscheid in Frage stellen würden
(IV-act. 118).
F.
F.a Mit am 27. August 2010 erhobener Beschwerde (irrtümlicherweise als Rekurs
bezeichnet) lässt der Beschwerdeführer die ersatzlose Aufhebung der Verfügung vom
25. Juni 2010 beantragen (act. G 1).
F.b Die Beschwerdegegnerin schliesst auf Abweisung der Beschwerde (Beschwerde
antwort vom 21. Oktober 2010; act. G 5).
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 7/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
F.c Mit Replik vom 15. November 2010 liess der Beschwerdeführer an seinem mit
Beschwerde vom 27. August 2010 gestellten Antrag festhalten (act. G 7).
F.d Die Beschwerdegegnerin verzichtete sinngemäss auf eine Duplik (act. G 9).

Erwägungen:
1.
Anfechtungsgegenstand der vorliegenden Beschwerde ist die Verfügung vom 25. Juni
2010, welche die wiedererwägungsweise Aufhebung der rentenzusprechenden Ver
fügung vom 21. April 2004 und die Abweisung des Rentengesuchs aufgrund eines
Invaliditätsgrads von 25 % zum Inhalt hat. Im dieser Verfügung vorangegangenen Ver
waltungsverfahren wurden zwar sowohl die Frage nach einer relevanten Veränderung
der tatsächlichen Verhältnisse als auch die Frage nach einer allenfalls zu sanktionieren
den Verletzung der Mitwirkungspflichten aufgeworfen; beides ist aber nicht
Gegenstand der angefochtenen Verfügung, weshalb nicht näher darauf einzugehen ist.
Zu beurteilen ist vielmehr, ob die Beschwerdegegnerin die rentenzusprechende
Verfügung vom 21. April 2004 wiedererwägungsweise aufheben durfte.
2.
2.1 Gemäss Art. 53 Abs. 2 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des
Sozialversicherungsrechts (ATSG; SR 830.1) können Sozialversicherungsträger auf
formell rechtskräftige Verfügungen zurückkommen, wenn diese zweifellos unrichtig
sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Die erhebliche
Bedeutung der Berichtigung ist betreffend Rentenverfügungen in aller Regel – so auch
im vorliegenden Fall – ohne Weiteres zu bejahen. Schwieriger ist die Beantwortung der
Frage, ob die allenfalls aufzuhebende Verfügung zweifellos unrichtig ist. Dies kann
begriffsnotwendig nur dann angenommen werden, wenn die Prüfung der betroffenen
Verfügung nur den Schluss zulässt, sie sei unrichtig. Erweist sich der in der betroffenen
Verfügung getroffene Entscheid dagegen als vertretbar, kann nicht von zweifelloser
Unrichtigkeit gesprochen werden. Mit dieser begrifflichen Logik korreliert aus
teleologischer Sicht der Umstand, dass Art. 53 Abs. 2 ATSG keine
Interessenabwägung vorsieht. Denn klarerweise befinden sich – wie in sämtlichen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 8/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fällen eines Zurückkommens auf eine formell rechtskräftige Verfügung betreffend
Dauerleistungen – das Interesse an der Durchsetzung des materiellen Rechts und die
Rechtssicherheit in Widerspruch zueinander, und wäre dieser Widerspruch an sich
mittels Abwägung der beiden Interessen im Einzelfall aufzulösen. Dass der
Gesetzgeber dessen ungeachtet keine Interessenabwägung vorgesehen hat, kann nur
bedeuten, dass er sie als durch die Ausgestaltung der Wiedererwägungsbestimmung
vorweggenommen qualifiziert hat. So gesehen ist davon auszugehen, dass der
Gesetzgeber annahm, mit der Voraussetzung einer zweifellosen Unrichtigkeit sei dem
Vertrauensschutz und der Rechtssicherheit bereits genügend Rechnung getragen. Das
rechtfertigt es aus teleologischer Sicht zusätzlich, eine zweifellose Unrichtigkeit nur
ausnahmsweise bzw. nur dann, wenn die betroffene Verfügung nicht vertretbar oder
zwingend unrichtig erscheint, zu bejahen.
2.2 Vorliegend könnte die Rechtmässigkeit der rentenzusprechenden Verfügung vom
21. April 2004 zunächst unter zwei Gesichtspunkten fragwürdig erscheinen: In seinem
Gutachten hatte Dr. D._ erstens im Hinblick auf in Frage kommende adaptierte Tätig
keiten (im Büro, bei welcher der Beschwerdeführer hauptsächlich mit Zahlen zu tun
hätte) eine IV-gestützte Berufsabklärung und –beratung empfohlen; dabei hatte der
Gutachter unter anderem darauf hingewiesen, dass der Beschwerdeführer seine erst
malige berufliche Ausbildung gesundheitsbedingt (Lese- und Schreibschwierigkeiten)
nicht habe abschliessen können (vgl. IV-act. 58–9). Die zuständige Sachbearbeiterin
leitete in der Folge aber keine weiteren beruflichen Abklärungen oder Eingliederungs
massnahmen ein, sondern stellte sich auf den Standpunkt, mit der – damals rund ein
Jahr zurückliegenden – Abklärung durch die BEFAS Appisberg sei dem Erfordernis der
beruflichen Abklärung und Eingliederung genügend Rechnung getragen worden. Ob
der Beschwerdeführer möglicherweise weiteren Anspruch auf
Eingliederungsunterstützung der Invalidenversicherung (auch im Sinn von Art. 16 des
Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, SR 831.20) gehabt hätte, hat die
Beschwerdegegnerin nicht geprüft. Indem sie dem Beschwerdeführer eine Rente
zusprach und namentlich keine weiteren beruflichen Abklärungen oder
Eingliederungsmassnahmen durchführte, verletzte sie den Grundsatz „Eingliederung
vor Rente“. Zweitens bestanden gewisse Diskrepanzen zwischen dem Gutachten von
Dr. D._ und dem Schlussbericht der BEFAS Appisberg: Dr. D._ gelangte zum
Schluss, dass der Beschwerdeführer nicht an einer Dyslalie oder einem
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 9/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dysgrammatismus litt, sondern vielmehr an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung;
entsprechend qualifizierte er den Schlussbericht der BEFAS Appisberg als in mehrerlei
Hinsicht nicht überzeugend. Schliesslich gab er eine andere Arbeitsfähigkeitsschätzung
ab als die BEFAS Appisberg. Diesen Diskrepanzen ging die Beschwerdegegnerin nicht
nach. Auch verifizierte sie nicht, ob die von Dr. D._ vorgenommene
Arbeitsfähigkeitsschätzung (50 % in einer von ihm umschriebenen adaptierten
Tätigkeit) vor oder nach Durchführung der empfohlenen beruflichen Massnahmen zu
gelten hätte, was aus dem ansonsten überzeugenden und nachvollziehbaren
Gutachten nicht eindeutig hervorgeht. Mit Blick auf diese Abklärungsmängel erweist
sich die rentenzusprechende Verfügung vom 21. April 2004 nicht ohne Weiteres als
korrekt.
2.3 Es war allerdings beim damaligen Stand der Akten vertretbar, davon auszugehen,
der Beschwerdeführer könne – zumindest einstweilen – seine Restarbeitsfähigkeit
lediglich noch im geschützten Rahmen verwerten. Zu diesem Schluss gelangten
jedenfalls die zuständigen Abklärungspersonen der BEFAS Appisberg; auch das
Gutachten von Dr. D._ kann dahingehend verstanden werden. Der RAD-Arzt
Dr. G._ vertrat ebenfalls diese Auffassung. Die entsprechende Schlussfolgerung der
Beschwerdegegnerin war daher nicht zweifellos unrichtig. Auch wäre es mit Blick auf
den Grundsatz „Eingliederung vor Rente“ zulässig gewesen, dem Beschwerdeführer
zunächst eine ganze Rente zuzusprechen und diese nach erfolgter beruflicher
Eingliederung allenfalls herabzusetzen oder einzustellen (vgl. hierzu etwa den Entscheid
IV 2010/109 des Versicherungsgerichts des Kantons St. Gallen vom 5. Juni 2012, E. 5,
mit Hinweisen). Wäre die Beschwerdegegnerin so verfahren, hätte sie also berufliche
Massnahmen prüfen und gegebenenfalls durchführen, aber einstweilen eine Rente
zusprechen wollen, hätte sie eine Verfügung erlassen, die der hier zur Diskussion
stehenden rentenzusprechenden Verfügung entsprochen hätte. Wie erwähnt, hätte
nach Abschluss der beruflichen Eingliederung gegebenenfalls eine Anpassung der
Verfügung erfolgen können, ohne dass auf diese Möglichkeit bereits in der
rentenzusprechenden Verfügung hätte hingewiesen werden müssen. Dass die
rentenzusprechende Verfügung vom 21. April 2004 keinen solchen Hinweis enthielt,
macht sie nicht zweifellos unrichtig. Mit anderen Worten: Im Unterlassen der
beruflichen Eingliederung kann vorliegend wohl eine Verletzung des Grundsatzes
„Eingliederung vor Rente“ erblickt werden, was jedoch nicht bedeutet, dass deswegen
© Kanton St.Gallen 2021 Seite 10/11
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
auch die rentenzusprechende Verfügung zweifellos unrichtig wäre. Die angefochtene
Verfügung vom 25. Juni 2010, mit welcher die Verfügung vom 21. April 2004 in
Wiedererwägung gezogen wurde, erweist sich deshalb als rechtswidrig, weshalb sie in
Gutheissung der Beschwerde ersatzlos aufzuheben ist.
3.
Im Sinn eines obiter dictum ist auf Folgendes hinzuweisen: Nach dem Gesagten hätte
der Beschwerdeführer bereits bei Rentenzusprache im Jahr 2004 Anspruch gehabt auf
Unterstützung der IV bei seiner beruflichen Eingliederung. Gemäss Gutachten von
Dr. D._ hätte auch von medizinischen Massnahmen eine Verbesserung der Er
werbsfähigkeit erwartet werden dürfen (IV-act. 58-26f.). Im Rahmen eines weiteren
Revisionsverfahrens wird die Beschwerdegegnerin daher – wohl erst nach einer um
fassenden medizinischen Neuabklärung - Eingliederungsmassnahmen zu prüfen und
gegebenenfalls durchzuführen haben. Im Anschluss daran könnte allenfalls Grund zur
Herabsetzung oder Aufhebung der zugesprochenen Invalidenrente bestehen.
4.
Zusammenfassend ist die angefochtene Verfügung in Gutheissung der Beschwerde
ersatzlos aufzuheben. Die gemäss Art. 69 Abs. 1 IVG zu erhebenden und angesichts
des durchschnittlichen Aufwands auf Fr. 600.-- festzusetzenden Gerichtskosten sind
daher vollumfänglich der Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Dem Beschwerdeführer
wird der von ihm geleistete Kostenvorschuss in gleicher Höhe zurückerstattet. Die Be
schwerdegegnerin hat den Beschwerdeführer sodann gemäss Art. 61 lit. g ATSG mit
einer praxisgemässen Pauschale von Fr. 3’500.-- (einschliesslich Barauslagen und
Mehrwertsteuer) zu entschädigen.
Demgemäss hat das Versicherungsgericht