Decision ID: 0a033e7d-90aa-48cc-8192-0ffdebfd4656
Year: 2021
Language: de
Court: GR_VG
Chamber: GR_VG_003
Canton: GR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

I. Sachverhalt:
1. Mit Leistungsentscheid der Sozialen Dienste der Gemeinde B._
(nachfolgend: Soziale Dienste) vom 12. Februar 2019 wurde A._ für
den Zeitraum vom 1. Februar 2019 bis 31. Januar 2020 auf der Basis eines
Einpersonenhaushalts öffentliche Unterstützung zugesprochen. Weil
A._ eine Zweizimmerwohnung zu einem monatlichen Bruttomietzins
von CHF 1'154.-- bewohnt und dieser Betrag über der anrechenbaren
Maximalmiete von monatlich CHF 750.-- für einen Einpersonenhaushalt
gemäss den Richtlinien für Wohnungskosten der Sozialen Dienste vom 2.
Februar 2009 liegt, wurde in besagtem Entscheid festgehalten, dass die
Wohnkosten einzig bis zum nächsten Kündigungstermin, mithin bis zum
30. Juni 2019, übernommen würden und ab dem 1. Juli 2019 die
Mehrmiete von CHF 404.-- pro Monat vom Grundbedarf abgezogen
werde. Dieser Entscheid erwuchs unangefochten in Rechtskraft.
2. Mit Schreiben vom 23. Juli 2019 bewilligten die Sozialen Dienste im
Rahmen eines Härtefallgesuchs die Übernahme der Mehrmiete für weitere
sechs Monate bis zum 31. Dezember 2019. Zudem wurde A._
aufgefordert, nach einer günstigeren Wohnung zu suchen und die jeweils
monatlich getätigten Suchbemühungen nachzuweisen.
3. Am 31. März 2020 verlängerten die Sozialen Dienste die öffentliche
Unterstützung für A._ für den Zeitraum vom 1. Februar 2020 bis
31. Januar 2021, wiederum auf der Basis eines Einpersonenhaushalts.
Die Übernahme der Mehrmiete wurde erneut um weitere sechs Monate
bis zum 30. September 2020 gewährt, wobei A._ mittels Auflage
wiederum verpflichtet wurde, sich intensiv um eine günstigere und den
städtischen Richtlinien entsprechende Wohnung zu bemühen sowie
monatlich mindestens fünf Suchbemühungen einzureichen. Dabei wurde
sie darauf aufmerksam gemacht, dass ihr ab dem 1. Oktober 2020
lediglich noch der Maximalmietzins-Anteil von CHF 750.-- angerechnet
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werde, sofern sie nicht den Nachweis erbringen könne, dass sie innert der
ihr gesetzten Frist keine den Richtlinien entsprechende Wohnung
gefunden habe. Zudem könnten die Umzugskosten bei Bedarf finanziert
werden. Hingegen anerkannten die Sozialen Dienste die von ihr geltend
gemachten Anforderungen an eine Wohnung nicht. Die gegen den
Leistungsentscheid vom 31. März 2020 von A._ beim Gemeinderat
von B._ erhobene Beschwerde wies dieser mit Entscheid vom 2. Juni
2020 ab. Letzterer blieb unangefochten.
4. In der Folge verfügten die Sozialen Dienste am 17. September 2020 die
Reduktion der anrechenbaren Wohnkosten von A._ ab dem
1. Oktober 2020 auf CHF 750.--, da der Nachweis, sich intensiv und
konkret um eine günstigere Wohnmöglichkeit bemüht zu haben, nicht
erbracht worden sei. Dagegen gelangte A._ mit Eingabe vom 24.
September 2020 an den Gemeinderat, wobei sie namentlich geltend
machte, ihr sei vorgängig zum Entscheid vom 17. September 2020 das
rechtliche Gehör nicht gewährt worden. Daraufhin hoben die Sozialen
Dienste mit Verfügung vom 29. September 2020 diejenige vom 17.
September 2020 auf und räumten A._ das rechtliche Gehör ein. Auch
dagegen erhob A._ am 5. Oktober 2020 Beschwerde beim
Gemeinderat. Dieser vereinigte die beiden Beschwerdeverfahren und
erteilte ihnen die aufschiebende Wirkung.
5. Mit Entscheid vom 17. November 2020 hiess der Gemeinderat in
Aufhebung der Verfügung vom 29. September 2020 die Beschwerde vom
5. Oktober 2020 gut (Dispositiv-Ziffer 1), zumal mit der
Rechtshängigmachung der Streitsache die Verfahrensherrschaft infolge
Devolutiveffekts auf den Gemeinderat übergegangen sei, weshalb es den
Sozialen Diensten nicht zugestanden habe, die (angefochtene) Verfügung
vom 17. September 2020 in Eigenregie materiell aufzuheben. Der
Gemeinderat wies hingegen die Beschwerde von A._ vom 24.
September 2020 gegen die Verfügung der Sozialen Dienste vom 17.
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September 2020 ab und befand, dass die Mehrmiete von CHF 404.-- pro
Monat ab dem 1. April 2021 vom Grundbedarf abzuziehen und die
anrechenbaren Wohnkosten auf CHF 750.-- pro Monat festzulegen seien
(Dispositiv-Ziffer 2).
6. Dagegen erhob A._ am 14. Januar 2021 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden (Verfahren U 21 5). Mit
prozessleitender Verfügung vom 10. März 2021 wurde der Beschwerde ab
dem 1. April 2021 die aufschiebende Wirkung zuerkannt.
7. Parallel dazu verlängerten die Sozialen Dienste am 18. Januar 2021 die
öffentliche Unterstützung für A._ für den Zeitraum vom 1. Februar
2021 bis 31. Januar 2022 auf der Basis eines Einpersonenhaushalts.
Dabei wurde gestützt auf den Entscheid des Gemeinderates vom 17.
November 2020 festgehalten, dass die Mehrmiete im Betrag von CHF
404.-- ab dem 1. April 2021 vom Grundbedarf in Abzug gebracht werde.
Die gegen den Leistungsentscheid vom 18. Januar 2021 von A._
beim Gemeinderat erhobene Beschwerde wies dieser mit Entscheid vom
9. März 2021 ab.
8. Mit dagegen beim Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden am
26. März 2021 erhobener Beschwerde beantragte A._ (nachfolgend:
Beschwerdeführerin) die Aufhebung des Entscheids des Gemeinderates
vom 9. März 2021, die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege
(Prozessführung und Rechtsverbeiständung) und die Ausrichtung einer
allfälligen Parteientschädigung. Sie begründete ihre Beschwerde im
Wesentlichen damit, dass sich der Abzug der Mehrmiete auf den am
Verwaltungsgericht angefochtenen Entscheid des Gemeinderates vom
17. November 2020 stütze und dieser somit litispendent sei. Um sich
widersprechende Anordnungen und Entscheide in der gleichen Sache zu
verhindern, ergebe sich aus der Litispendenz, dass während ihrer Dauer
die einmal anhängig gemachte Angelegenheit nicht gleichzeitig durch eine
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andere Instanz beurteilt werden könne. Die Frage der Litispendenz sei von
Amtes wegen zu prüfen.
9. In ihrer Vernehmlassung vom 27. April 2021 schloss die Gemeinde
B._ (nachfolgend: Beschwerdegegnerin) auf Abweisung der
Beschwerde, soweit darauf überhaupt eingetreten werden könne.
Begründend wurde im Wesentlichen vorgebracht, die Einrede der
Litispendenz sei unbegründet. Einerseits habe die verfügende Stelle am
18. Januar 2021 gar keine Kenntnis von der Beschwerde im Verfahren U
21 5 vom 14. Januar 2021 haben können und anderseits sei jener
Beschwerde die aufschiebende Wirkung erst am 10. März 2021 mit
Wirkung ab dem 1. April 2021 zuerkannt worden. Im Übrigen sei
unbestritten, dass die Mehrmiete von CHF 404.-- für die von der
Beschwerdeführerin bewohnte Wohnung ab dem 1. April 2021 vorläufig
(noch) nicht in Abzug gebracht werde, unabhängig davon, welche
Unterstützungsperiode davon betroffen sei. Schliesslich sei der
Beschwerdeführerin die unentgeltliche Rechtspflege nicht zu gewähren,
zumal die Beschwerde unnötig und aussichtslos sei.
10. In ihrer Replik vom 10. Mai 2021 wies die Beschwerdeführerin auf Art. 64
Abs. 1 VRG sowie Art. 62 Abs. 1 ZPO hin, wonach die Klage durch
Einreichung beim Verwaltungsgericht rechtshängig werde. Von der
Eingabe vom 14. Januar 2021 habe das Verwaltungsgericht spätestens
am 18. Januar 2021 Kenntnis genommen, weil es die
Beschwerdegegnerin mit Schreiben von diesem Datum zur
Vernehmlassung aufgefordert habe. Das Datum, ab wann der
Beschwerde im Verfahren U 21 5 die aufschiebende Wirkung zuerkannt
worden sei, spiele vorliegend keine Rolle.
11. Am 19. Mai 2021 verzichtete die Beschwerdegegnerin unter Festhalten an
ihren Anträgen und Begründungen auf die Einreichung einer Duplik.
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12. Am 26. Mai 2021 reichte der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin
seine Honorarnote im Betrag von CHF 1'015.60 (inkl. Auslagen) ein.
Auf die weiteren Ausführungen der Parteien in ihren Rechtsschriften und
auf den angefochtenen Entscheid vom 9. März 2021 wird, soweit
erforderlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.

II. Der Einzelrichter zieht in Erwägung:
1.1. Gemäss Art. 49 Abs. 1 lit. a des Gesetzes über die
Verwaltungsrechtspflege (VRG; BR 370.100) beurteilt das
Verwaltungsgericht Beschwerden gegen Entscheide von Gemeinden,
soweit diese nicht bei einer anderen Instanz angefochten werden können
oder nach kantonalem oder eidgenössischem Recht endgültig sind. Der
vorliegend angefochtene Entscheid der Beschwerdegegnerin vom 9. März
2021 ist weder endgültig noch kann er bei einer anderen Instanz
angefochten werden. Demzufolge stellt er ein taugliches
Anfechtungsobjekt für ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht des
Kantons Graubünden dar. Als formelle und materielle Adressatin des
angefochtenen Entscheids ist die Beschwerdeführerin davon überdies
berührt und sie weist ein schutzwürdiges Interesse an dessen Aufhebung
bzw. Änderung auf (Art. 50 Abs. 1 VRG). Auf die zudem frist- und
formgerecht eingereichte Beschwerde (Art. 38 Abs. 1 und 2 sowie Art. 52
Abs. 1 VRG) ist somit einzutreten.
1.2. Nach Art. 43 Abs. 3 lit. a VRG entscheidet das Verwaltungsgericht in
einzelrichterlicher Kompetenz, wenn der Streitwert CHF 5'000.-- nicht
überschreitet und keine Fünferbesetzung (vgl. Art. 43 Abs. 2 VRG)
vorgeschrieben ist. Da der Streitwert unter CHF 5'000.-- liegt und für die
vorliegende Angelegenheit keine Fünferbesetzung vorgeschrieben ist, ist
der Einzelrichter dafür zuständig.
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2.1. Die Frage der Litispendenz stellt sich im vorliegenden Fall nicht, weil sich
dieser Begriff auf das verwaltungsgerichtliche Klageverfahren bezieht; die
Beschwerdeführerin zitiert in ihrer Replik denn auch die entsprechenden
Normen im VRG und in der Schweizerischen Zivilprozessordnung
(Zivilprozessordnung, ZPO; SR 272) (vgl. Replik vom 10. Mai 2021).
Vorliegend handelt es sich aber um ein verwaltungsgerichtliches
Beschwerdeverfahren, welches das Institut der Litispendenz gar nicht
kennt (konnexe Verfahren können vereinigt werden, voneinander
abhängige Verfahren können sistiert werden etc.).
2.2. Die materielle Frage beschränkt sich somit darauf, ob die
Beschwerdegegnerin auf das Gesuch um Verlängerung der öffentlichen
Unterstützung hin diese wiederum auf der Basis eines
Einpersonenhaushalts berechnen und verfügen durfte oder nicht. Dies war
zweifellos zulässig, hat sich doch an der Ausgangslage, wie sie sich
bereits in den Jahren 2019 und 2020 präsentierte, nichts geändert. Mit
anderen Worten sind die Verfahren betreffend Festlegung der Höhe der
öffentlichen Unterstützung und Übernahme der Mehrmiete im Rahmen
einer Härtefallregelung zwei voneinander getrennte Vorgänge, sodass
diesbezüglich auch nicht die Gefahr von sich widersprechenden
Entscheiden entsteht.
2.3. Der Vollständigkeit halber ist schliesslich festzuhalten, dass in Bezug auf
die Übernahme der Mehrmiete die vom Verwaltungsgericht des Kantons
Graubünden im Rahmen des Verfahrens U 21 5 gemachten Ausführungen
bzw. getroffenen Anordnungen gelten.
2.4. Im Ergebnis erweist sich die Beschwerde als unbegründet und ist
abzuweisen.
3.1. Gemäss Art. 73 Abs. 1 VRG hat in der Regel die unterliegende Partei die
Kosten zu tragen. Da die Beschwerdegegnerin am 18. Januar 2021 die
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Verlängerung der öffentlichen Unterstützung auf der Basis eines
Einpersonenhaushalts verfügen durfte und zu diesem Zeitpunkt gar keine
Kenntnis von der Beschwerde im Verfahren U 21 5 vom 14. Januar 2021
haben konnte, kann ihr bezüglich des Erlasses des Leistungsentscheides
vom 18. Januar 2021 kein Vorwurf gemacht werden. Andererseits kann
aber auch die vorliegende Beschwerdeerhebung nachvollzogen werden,
zumal im besagten Leistungsentscheid betreffend Abzug der Mehrmiete
auf den im Verfahren U 21 5 angefochtenen Entscheid der
Beschwerdegegnerin vom 17. November 2020 hingewiesen wurde und die
Beschwerdeführerin nicht ohne Weiteres erkennen konnte, dass es sich
um zwei voneinander getrennte Vorgänge handelt (vgl. Erwägung 2.2
hiervor). Insofern rechtfertigt es sich, den Parteien die Gerichtskosten je
zur Hälfte aufzuerlegen. Der Einzelrichter erachtet eine Staatsgebühr von
CHF 500.-- (zzgl. Kanzleiauslagen) als angemessen (vgl. Art. 75 Abs. 2
VRG).
3.2. Der Beschwerdegegnerin ist keine Parteientschädigung zuzusprechen, da
sie in ihrem amtlichen Wirkungskreis obsiegt (Art. 78 Abs. 2 VRG).
4.1. Zu prüfen bleibt, ob der Beschwerdeführerin die beantragte unentgeltliche
Rechtspflege (Prozessführung und Rechtsverbeiständung) für das
vorliegende Verfahren U 21 28 zu gewähren ist. Nach Art. 29 Abs. 3 der
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV; SR 101)
hat jede Person, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, Anspruch
auf unentgeltliche Rechtspflege, wenn ihr Rechtsbegehren nicht
aussichtslos erscheint; ausserdem hat sie, soweit es zur Wahrung ihrer
Rechte notwendig ist, Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand.
Diese Regelung wird in Art. 76 VRG konkretisiert.
4.2. Die Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin ist infolge der ihr von der
Wohngemeinde gewährten sozialhilferechtlichen Unterstützung
ausgewiesen. Da die Beschwerdeerhebung darüber hinaus nicht als von
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vornherein aussichtslos bezeichnet werden kann, sind die der
Beschwerdeführerin auferlegten Gerichtskosten in Gewährung der
unentgeltlichen Prozessführung (vorläufig) von der Gerichtskasse zu
übernehmen.
4.3. Neben der Bedürftigkeit der Beschwerdeführerin und der fehlenden
Aussichtslosigkeit der Streitsache ist im vorliegenden Fall auch die
Notwendigkeit einer fachkundigen Rechtsvertretung zu bejahen, weshalb
die Beschwerdeführerin Anspruch auf einen unentgeltlichen
Rechtsbeistand hat. Der beschwerdeführerische Rechtsvertreter reichte
am 26. Mai 2021 eine Kostennote über CHF 1'015.60 ein (Honorar von
CHF 1'000.-- [= 5 Stunden à CHF 200.--] + Portospesen von CHF 10.60 +
Fotokopien und Telefonspesen von pauschal CHF 5.--). Der geltend
gemachte Aufwand von 5 Stunden erscheint angemessen und der
ausgewiesene Stundenansatz von CHF 200.-- entspricht dem für eine
unentgeltliche Rechtsverbeiständung zulässigen Honorar (vgl. Art. 5 Abs.
1 der Verordnung über die Bemessung des Honorars der
Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte [Honorarverordnung, HV; BR
310.250]). Ebenfalls nicht zu beanstanden sind die geltend gemachten
Auslagen. Die Anwaltskosten von CHF 1'015.60 (inkl. Auslagen) sind
somit in Gewährung der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung (vorläufig)
von der Gerichtskasse zu übernehmen.
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