Decision ID: cf2d204a-6188-4b41-a0bb-89c62b7573c3
Year: 2019
Language: de
Court: SG_KGN
Chamber: SG_KGN_999
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich im Mai 2014 zum Bezug von Leistungen der
Invalidenversicherung an (IV-act. 15). Er gab an, er habe im Ausland eine dreijährige
Berufslehre zum Zimmermann absolviert. Zuletzt sei er als Kaminmonteur tätig
gewesen. Der Jahreslohn habe sich auf 13 × 5’400 Franken belaufen. Die Rehaklinik
Bellikon berichtete im Mai 2014 (IV-act. 18 und 25), der Versicherte sei im November
2013 von einer Leiter gestürzt. Da er dabei mit dem linken Knie hängen geblieben sei,
habe er sich eine Trimalleolarfraktur zugezogen. Im Februar 2014 hätten sich
konventionell-radiologisch eine Konsolidierung aller Frakturanteile in guter Stellung,
aber auch eine beginnende leichte Arthrose gezeigt. Beim Austritt aus der Rehaklinik
Bellikon am 21. Mai 2014 habe der Versicherte an bewegungs- und
belastungsabhängigen Dauerschmerzen im linken Fuss mit einer
Bewegungseinschränkung und einer ausgeprägten Schwellneigung, an einer
reduzierten Belastbarkeit des linken Fusses, an einer reduzierten Gehdauer bei einem
hinkenden Gangbild und einer reduzierten Abrollphase des linken oberen
Sprunggelenks, an Existenz- und Zukunftsängsten sowie zeitweise an einem
Druckgefühl in der linken Brust gelitten. Die zuletzt ausgeübte schwere, fussbelastende
Tätigkeit als Kaminmonteur sei nicht mehr zumutbar; für eine leichte, leidensadaptierte
Tätigkeit bestehe eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit. Vor diesem Hintergrund seien
berufliche Eingliederungsmassnahmen zu empfehlen. Mit einer Mitteilung vom 11.
September 2014 sprach die IV-Stelle dem Versicherten eine Arbeitsvermittlung zu (IV-
act. 36).
A.a.
Vom 1. September 2014 bis zum 26. September 2014 fand eine berufliche
Abklärung in der Rehaklinik Bellikon statt. Diese hielt in ihrem Bericht vom 24.
A.b.
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September 2014 fest (Fremdakten), der Versicherte habe während der beruflichen
Abklärung zusätzliche Pausen benötigt, die er konsequent zur Bewegung im Raum
benutzt habe. Seine Schmerzäusserungen hätten plausibel gewirkt. Die Aussichten auf
eine angepasste Tätigkeit seien mit der jetzigen Leistungsfähigkeit sehr gering, wobei
allerdings die beobachtete Arbeitsleistung nicht mit der medizinischen Zumutbarkeit
übereingestimmt habe. Es empfehle sich in einem ersten Schritt, medizinische
Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit zu prüfen. In einem zweiten Schritt
sollte eine vertiefte berufliche Abklärung durchgeführt werden. In einem dritten Schritt
sei eine private Stellenvermittlung beizuziehen. Die Eingliederungsverantwortliche der
IV-Stelle notierte im November 2014 (IV-act. 37), aktuell könne keine Arbeitsvermittlung
durchgeführt werden; zuerst sei die medizinische Situation zu klären. Im März 2015
notierte Dr. med. B._ vom IV-internen regionalen ärztlichen Dienst (RAD) nach einer
Durchsicht der zwischenzeitlich eingegangenen aktuellen medizinischen Berichte (IV-
act. 45), dem Versicherten sei das Osteosynthesematerial teilweise entfernt worden.
Zwar habe seither noch keine Verlaufskontrolle stattgefunden, aber es könne davon
ausgegangen werden, dass ab sofort wieder ein Eingliederungspotential bestehe. Da
die Unfallversicherung weitere medizinische Abklärungen tätigte, wurden von der IV-
Stelle vorerst keine beruflichen Eingliederungsmassnahmen durchgeführt (vgl. IV-act.
57). Nach einer Durchsicht der aktuellsten medizinischen Berichte notierte die RAD-
Ärztin Dr. B._ im November 2015, dass weiterhin von einer uneingeschränkten
Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten auszugehen sei (IV-act. 62). Mit einer
Mitteilung vom 10. November 2015 wies die IV-Stelle das Begehren des Versicherten
um berufliche Eingliederungsmassnahmen mit der Begründung ab, angesichts einer
uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten und mangels
Einschränkungen bei der Stellensuche bestehe kein Anspruch auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung (IV-act. 64).
Am 5. Juni 2016 liess der nun anwaltlich vertretene Versicherte eine Umschulung
beantragen (IV-act. 74). Sein Rechtsvertreter führte zur Begründung aus, der
Versicherte sei ein ausgebildeter Zimmermann, weshalb er einen Anspruch auf eine
Umschulung habe. Die IV-Stelle antwortete am 30. Juni 2016 (IV-act. 75), die im
Ausland absolvierte Berufslehre sei in der Schweiz nicht anerkannt. Zudem habe der
Versicherte nicht als Zimmermann, sondern als Kaminmonteur gearbeitet. Er sei
A.c.
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folglich als Hilfsarbeiter zu qualifizieren. Angesichts seines zuletzt erzielten
Einkommens erleide er mit dem Wechsel in eine Hilfsarbeit keine Verdiensteinbusse.
Folglich bestehe kein Anspruch auf eine Umschulung. Die Mitteilung vom 10.
November 2015 sei inzwischen ohnehin rechtskräftig. Im November 2016 liess der
Versicherte einwenden (IV-act. 82), die Kaminmontage beinhalte hauptsächlich
Tätigkeiten, die ein Zimmermann verrichte. Das EU-Diplom des Versicherten werde
gerade im Rahmen des Anerkennungsverfahrens nostrifiziert. Damit gelte der
Versicherte als ein ausgebildeter Facharbeiter, der zuletzt auf seinem Beruf gearbeitet
habe. Mit einem Vorbescheid vom 16. Dezember 2016 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit (IV-act. 83), dass sie die Abweisung seines Begehrens um eine
Umschulung vorsehe. Zur Begründung führte sie an, eine Umschulung setze eine
Erwerbseinbusse von 20 Prozent voraus. Dieses Kriterium sei vorliegend nicht erfüllt.
Am 19. Dezember 2016 liess der Versicherte einwenden (IV-act. 85), seine
Leistungsfähigkeit sei trotz einer hohen Einsatzbereitschaft erheblich eingeschränkt.
Gemäss einem aktuellen Bericht des Hausarztes Dr. med. C._ könne er nicht mehr
als 60 Prozent arbeiten. Damit sei offensichtlich, dass er eine Erwerbseinbusse von
mehr als 20 Prozent erleide. Am 31. Januar 2017 liess der Versicherte eine
Niveaubestätigung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation
einreichen, laut der sein Lehrabschluss einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis
entsprach (IV-act. 86). Mit einer Verfügung vom 17. Februar 2017 wies die IV-Stelle das
Begehren des Versicherten um eine Umschulung ab (IV-act. 87). Das
Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen hiess eine gegen diese Verfügung
erhobene Beschwerde (IV-act. 91) teilweise gut; es hob die Verfügung vom 17. Februar
2017 auf und es wies die Sache zur weiteren Abklärung des Sachverhaltes
(insbesondere des medizinischen Sachverhaltes) und zur anschliessenden neuen
Verfügung an die IV-Stelle zurück (Entscheid IV 2017/125 des St. Galler
Versicherungsgerichtes vom 26. Juli 2017; vgl. IV-act. 100).
Am 26. Oktober 2017 beauftragte die IV-Stelle die SMAB AG mit der Anfertigung
eines polydisziplinären Gutachtens (IV-act. 113). Dieses Gutachten wurde am 26.
Februar 2018 erstellt (IV-act. 118). Die Sachverständigen hielten fest, der Versicherte
leide an einer mässigen posttraumatischen Arthrose des linken oberen Sprunggelenks,
an einer mässigen beidseitigen, rechtsbetonten Coxarthrose sowie – ohne Auswirkung
A.d.
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B.
auf die Arbeitsfähigkeit – an einer leichten depressiven Episode, an einem Senk-
Spreizfuss beidseits und (verdachtsweise) an einer Gastritis. Die bisherige, körperlich
sehr schwere Tätigkeit sei ihm nicht mehr zumutbar. Für eine leidensadaptierte
Tätigkeit bestehe dagegen eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit. Als leidensadaptiert
gälten körperlich leichte bis mittelschwere, wechselbelastende Tätigkeiten mit
vermehrtem Sitzen und ohne häufiges Hocken. Zu vermeiden seien
Nachtschichtbedingungen, ein aussergewöhnlicher Zeitdruck im Sinne einer
Akkordarbeit und ein besonderer Verantwortungsbereich beziehungsweise ein
ausserordentlich hoher Anspruch an die gedankliche Flexibilität. Die RAD-Ärztin Dr.
med. D._ qualifizierte das Gutachten als überzeugend (IV-act. 119). Mit einem
Vorbescheid vom 25. April 2018 teilte die IV-Stelle dem Versicherten mit (IV-act. 123),
dass sie die Abweisung seines Begehrens um berufliche Massnahmen vorsehe. Zur
Begründung führte sie aus, seit dem April 2015 bestehe eine uneingeschränkte
Arbeitsfähigkeit für leidensadaptierte Tätigkeiten. Für die Hilfe bei der Stellensuche sei
das regionale Arbeitsvermittlungszentrum zuständig. Dagegen liess der Versicherte am
29. Mai 2018 einwenden (IV-act. 126), „das Ganze“ sei „widersprüchlich und unsinnig“.
Zur Eingliederung sei „gar nichts Vernünftiges geschrieben“ worden. Der Versicherte
werde auf eine Vermittlung seines Rechtsvertreters hin stundenweise beschäftigt, denn
er sei sehr arbeitswillig, aber „die IV macht ja nichts“. Es habe sich gezeigt, dass er
voller Engagement etwa vier Stunden durchhalten könne. Der IV-Überwachungsdienst
könnte den Versicherten einen halben Tag bei der Arbeit und nochmals am Abend
filmen. Der Versicherte wäre damit einverstanden. Daraus würde man ersehen, dass er
sein Limit auch bei einer leichten Arbeit relativ rasch erreicht habe. Die
Sachverständigen der SMAB AG hätten sich nicht ausreichend mit dem Leitsymptom
Schmerz auseinandergesetzt, was das Gutachten unbrauchbar mache. Die RAD-Ärztin
Dr. D._ notierte am 18. Juni 2018, dass kein Zweifel an der Zuverlässigkeit des
Gutachtens der SMAB AG bestehe (IV-act. 127). Mit einer Verfügung vom 20. Juni 2018
wies die IV-Stelle das Begehren des Versicherten um berufliche Massnahmen ab (IV-
act. 129).
Am 22. August 2018 liess der Versicherte (nachfolgend: der Beschwerdeführer)
eine Beschwerde gegen die Verfügung vom 20. Juni 2018 erheben (act. G 1). Sein
B.a.
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Erwägungen
1.
Der Beschwerdeführer hat sich im Mai 2014 unspezifisch für Leistungen der
Invalidenversicherung angemeldet. Die Beschwerdegegnerin hat sich im Laufe des
Verwaltungsverfahrens folglich zu Recht mit den hauptsächlich in Frage kommenden
Rechtsvertreter beantragte die Aufhebung der angefochtenen Verfügung und die
Gewährung von beruflichen Massnahmen. Zur Begründung führte er aus, angesichts
einer vollständigen Arbeitsunfähigkeit im erlernten Beruf habe der Beschwerdeführer
einen Umschulungsanspruch. Der Umstand, dass er mittlerweile bald 60 Jahre alt sei,
dürfe nicht gegen den Anspruch auf berufliche Massnahmen angeführt werden, denn
der Beschwerdeführer habe von Beginn weg auf seinem Recht auf berufliche
Massnahmen bestanden; die IV-Stelle (nachfolgend: die Beschwerdegegnerin) habe
ihm diese aber verwehrt.
Die Beschwerdegegnerin beantragte am 1. Oktober 2018 die Abweisung der
Beschwerde (act. G 5). Zur Begründung führte sie an, dass für leidensadaptierte
Tätigkeiten eine uneingeschränkte Arbeitsfähigkeit bestehe, weshalb der
Beschwerdeführer weder einen Anspruch auf berufliche Massnahmen noch einen
Rentenanspruch haben könne.
B.b.
Der Beschwerdeführer liess am 12. November 2018 an seinen Anträgen festhalten
(act. G 7). Zur Begründung liess er auf ein Gutachten hinweisen, das im Auftrag der
Unfallversicherung erstellt worden war. In diesem sei eine Arbeitsfähigkeit von 50–75
Prozent für leidensadaptierte Tätigkeiten attestiert worden.
B.c.
Die Beschwerdegegnerin verzichtete auf eine Duplik (vgl. act. G 9).B.d.
Der Beschwerdeführer liess am 11. Februar 2019 darauf hinweisen, dass die
Unfallversicherung ihm eine Rente bei einem Invaliditätsgrad von 47 Prozent
zugesprochen habe (act. G 10).
B.e.
Die Beschwerdegegnerin machte am 25. Februar 2019 geltend, für das vorliegende
Verfahren müsse weiterhin das schlüssige Gutachten der SMAB AG massgebend sein
(act. G 12).
B.f.
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beruflichen Eingliederungsmassnahmen, nämlich mit einer Umschulung und – als Folge
der Verneinung eines Umschulungsanspruchs – mit einer Arbeitsvermittlung (für eine
adaptierte Hilfsarbeit), befasst. Mit einer Mitteilung vom 11. September 2014 hat sie
dem Beschwerdeführer eine Arbeitsvermittlung zugesprochen. Mit einer Mitteilung vom
10. November 2015 hat sie dann – unspezifisch – einen Anspruch auf berufliche
Eingliederungsmassnahmen verneint, was angesichts der damals bereits verbindlichen
Mitteilung vom 11. September 2014 wohl am ehesten als eine wiedererwägungsweise
Aufhebung der (noch vor dem Abschluss der medizinischen Behandlung)
zugesprochenen Arbeitsvermittlung und als eine Verweigerung aller weiteren Arten
beruflicher Eingliederungsmassnahmen interpretiert werden kann. Der
Beschwerdeführer hat in der Folge die Eröffnung einer anfechtbaren Verfügung
verlangt, allerdings hat sich seine Eingabe ausschliesslich auf einen allfälligen
Umschulungsanspruch beschränkt. Folgerichtig hat sich die Beschwerdegegnerin
ausschliesslich mit einem allfälligen Umschulungsanspruch befasst, was bedeutet,
dass die Verweigerung aller übrigen in Frage kommenden beruflichen Massnahmen
verbindlich geworden ist. Das gilt insbesondere auch für die Arbeitsvermittlung,
weshalb offen bleiben kann, ob die Mitteilung vom 10. November 2015 diesbezüglich
als eine Wiedererwägung, als eine prozessuale Revision oder als eine Revision im
Sinne des Art. 17 Abs. 2 ATSG zu qualifizieren ist. Mit ihrer Verfügung vom 17. Februar
2017 hat die Beschwerdegegnerin später ausschliesslich das Begehren des
Beschwerdeführers um eine Umschulung abgewiesen; die übrigen beruflichen
Eingliederungsmassnahmen sind von dieser Verfügung nicht erfasst gewesen. Diese
Verfügung ist aber vom Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen aufgehoben
worden. Die Beschwerdegegnerin hat sich im anschliessend fortgesetzten
Verwaltungsverfahren neu wieder nicht nur mit dem allfälligen Anspruch des
Beschwerdeführers auf eine Umschulung, sondern auch mit einem allfälligen Anspruch
auf eine Arbeitsvermittlung befasst. Mit der angefochtenen Verfügung hat sie sowohl
einen Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Umschulung als auch einen solchen
auf eine Arbeitsvermittlung verneint, was bedeutet, dass diese beiden beruflichen
Eingliederungsmassnahmen, und nicht etwa nur die Umschulung, zum Gegenstand
dieses Beschwerdeverfahrens gehören. Angesichts der verbindlichen Aufhebung einer
früher zugesprochenen Arbeitsvermittlung am 10. November 2015 ist die Abweisung
des Begehrens um eine Arbeitsvermittlung in der angefochtenen Verfügung wie eine
Abweisung eines erstmaligen Begehrens um eine Arbeitsvermittlung zu behandeln.
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2.
Eine invalide oder von einer Invalidität bedrohte versicherte Person hat einen
Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen der Invalidenversicherung, wenn diese
notwendig und geeignet sind, die Erwerbsfähigkeit wieder herzustellen, zu erhalten
oder zu verbessern, und wenn die Voraussetzungen für den Anspruch auf die einzelnen
Massnahmen erfüllt sind (Art. 8 Abs. 1 IVG). Zu den Eingliederungsmassnahmen zählen
die medizinischen Massnahmen, die Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die
berufliche Eingliederung, die Massnahmen beruflicher Art und die Abgabe von
Hilfsmitteln (Art. 8 Abs. 3 IVG). Ein Anspruch auf eine Umschulung besteht laut dem
Art. 17 Abs. 1 IVG, wenn eine solche infolge einer Invalidität notwendig ist und wenn
dadurch die Erwerbsfähigkeit voraussichtlich erhalten oder verbessert werden kann.
Eine umschulungsspezifische Invalidität liegt vor, wenn der erlernte Beruf infolge einer
Gesundheitsbeeinträchtigung nicht mehr uneingeschränkt ausgeübt werden kann.
Gemäss der langjährigen konstanten Rechtsprechung des Bundesgerichtes setzt ein
Umschulungsanspruch eine Erwerbseinbusse im erlernten Beruf von etwa 20 Prozent
voraus (vgl. Ulrich Meyer/ Marco Reichmuth, Rechtsprechung des Bundesgerichtes
zum IVG, 3. Aufl. 2014, Art. 17 N 3 f., mit zahlreichen Hinweisen).
2.1.
Entgegen der Auffassung der Beschwerdegegnerin bemisst sich die
umschulungsspezifische – anders als die rentenspezifische – Invalidität nicht anhand
des Ergebnisses eines Einkommensvergleichs gemäss dem Art. 16 ATSG. Hinsichtlich
des Umschulungsanspruchs des Beschwerdeführers ist also nicht entscheidend, ob
dieser als Hilfsarbeiter in einer leidensadaptierten Tätigkeit ein ähnlich hohes
Erwerbseinkommen wie als gelernter Zimmermann erzielen könnte. Massgebend für
den Umschulungsanspruch ist nämlich nicht, ob die versicherte Person
rentenspezifisch invalid ist, sondern vielmehr, ob sie bei der Verrichtung des erlernten
Berufs gesundheitsbedingt in einem relevanten Ausmass („etwa 20 Prozent“)
eingeschränkt ist. Ansonsten könnten Berufsleute nur dann einen Anspruch auf eine
Umschulung haben, wenn sie nicht nur im erlernten Beruf, sondern auch als
Hilfsarbeiter eine Erwerbseinbusse von 20 Prozent erleiden würden. Bei einer
uneingeschränkten Arbeitsfähigkeit für eine ideal leidensadaptierte Hilfsarbeit wäre das
nur der Fall, wenn das Erwerbseinkommen im erlernten Beruf mindestens 20 Prozent
höher als der Zentralwert der Hilfsarbeiterlöhne wäre, was verwaltungs- und
gerichtsnotorisch für eine Vielzahl von Berufen nicht zutrifft. Dadurch wäre ein
erheblicher Teil der Versicherten, die ihren Beruf nicht mehr uneingeschränkt ausüben
können, generell vom Anspruch auf eine Umschulung ausgeschlossen. Das kann
offensichtlich nicht der Sinn des Art. 17 Abs. 1 IVG sein, zumal damit eine unerklärliche
2.2.
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Schlechterstellung respektive eine unzulässige Ungleichbehandlung jener Versicherten,
die einen Beruf mit einem tiefen Einkommensniveau erlernt haben, gegenüber jenen
Versicherten verbunden wäre, deren Beruf ein höheres Einkommensniveau liefert.
Vorliegend kann also hinsichtlich des Umschulungsanspruchs des Beschwerdeführers
nur entscheidend sein, in welchem Ausmass der Beschwerdeführer
gesundheitsbedingt bei der Ausübung des erlernten Berufs als Zimmermann
beeinträchtigt ist.
Angesichts der von sämtlichen behandelnden und begutachtenden Ärzten
einstimmig attestierten vollständigen Arbeitsunfähigkeit für den erlernten Beruf des
Zimmermanns ist der Beschwerdeführer ganz offensichtlich umschulungsspezifisch
invalid, was bedeutet, dass er grundsätzlich einen Anspruch auf eine Umschulung hat.
Allerdings gilt es, den Grundsatz der Verhältnismässigkeit zu beachten, was
insbesondere bedeutet, dass die gesamten Kosten für eine Umschulung (inkl.
Taggelder) und der Eingliederungserfolg der Umschulung in einem angemessenen
Verhältnis zueinander stehen müssen. Damit der Beschwerdeführer eine –
anspruchsvolle – Umschulung in einen Beruf mit einem deutlich höheren Lohnniveau
erfolgreich abschliessen könnte, müsste er vorgängig zwingend Intensiv-Deutsch-
Kurse und Vorbereitungskurse mit Blick auf den schulischen Teil einer anschliessenden
Umschulung absolvieren, denn gemäss den Akten bestehen Einschränkungen in Bezug
auf die schulischen Fähigkeiten und die mündliche Verständigung auf Deutsch;
schriftliche Deutschkenntnisse sind kaum vorhanden (vgl. IV-act. 40–1 f.). Die
eigentliche Umschulung würde mindestens drei Jahre dauern. Im hier allein
massgebenden Zeitpunkt der Eröffnung der angefochtenen Verfügung am 20. Juni
2018 ist der Beschwerdeführer 60 Jahre alt gewesen. Er hätte eine Umschulung
einschliesslich der notwendigen Vorbereitungen also aller Voraussicht nach nicht vor
dem Erreichen des ordentlichen Pensionierungsalters abschliessen können, weshalb es
unverhältnismässig gewesen wäre, eine Umschulung durchzuführen. Selbst wenn die
Beschwerdegegnerin sofort nach dem Unfall (rund fünf Jahre vor der Eröffnung der
angefochtenen Verfügung) begonnen hätte, eine Umschulung respektive die
erforderlichen Vorbereitungskurse in die Wege zu leiten, hätte der Beschwerdeführer
eine Umschulung erst wenige Jahre vor dem Erreichen des ordentlichen
Pensionierungsalters abschliessen können. Im denkbar besten (aber unrealistischen)
Fall wären ihm nach dem Abschluss der Umschulung noch fünf Jahre bis zur
ordentlichen Alterspensionierung verblieben. Der geringe Eingliederungserfolg stünde
in keinem Verhältnis zum hohen Kostenaufwand, den eine Umschulung zur Folge hätte.
Eine Umschulung muss deshalb als unverhältnismässig qualifiziert werden, weshalb die
2.3.
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angefochtene Verfügung bezüglich des Begehrens des Beschwerdeführers um eine
Umschulung im Ergebnis als rechtmässig zu qualifizieren ist.
Gemäss dem Art. 18 Abs. 1 lit. a IVG hat eine arbeitsunfähige versicherte Person,
wenn sie eingliederungsfähig ist, einen Anspruch auf eine aktive Unterstützung der IV-
Stelle bei der Suche eines geeigneten Arbeitsplatzes. Laut der langjährigen, konstanten
bundesgerichtlichen Rechtsprechung setzt ein Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung –
entgegen dem klaren Wortlaut des Art. 18 Abs. 1 lit. a IVG – nicht nur eine
Arbeitsunfähigkeit und eine Eingliederungsfähigkeit, sondern auch eine erhebliche
Behinderung der versicherten Person bei der Arbeitssuche voraus (vgl. Meyer/
Reichmuth, Rechtsprechung des Bundesgerichtes zum IVG, 3. Aufl. 2014, Art. 18 N 4
und 6, mit Hinweisen). Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass der Art. 18 Abs. 1
IVG explizit auf die Arbeitsunfähigkeitsdefinition im Art. 6 ATSG verweist. Diese nimmt
notwendigerweise auf drei Kriterien Bezug, nämlich auf eine quantitative, auf eine
qualitative und auf eine zeitliche Komponente (so auch: Meyer/Reichmuth, a.a.O., Art.
18 N 4). Die Frage nach der Arbeitsfähigkeit einer versicherten Person kann deshalb
offensichtlich nicht nur mit einer Schätzung des Arbeitsfähigkeitsgrades beantwortet
werden, denn notwendigerweise muss vorab geklärt werden, auf welche Art von Arbeit
sich die Schätzung bezieht. Der Art. 6 ATSG erwähnt deshalb explizit (mehrfach) den
bisherigen Beruf. Dieser zeichnet sich durch ein bestimmtes Anforderungsprofil aus. Er
kann beispielsweise körperlich sehr belastend sein und häufiges Stehen und Gehen
erfordern. Die Schätzung des Arbeitsfähigkeitsgrades kann für eine solche Art von
Arbeit ein ganz anderes Ergebnis liefern als für eine körperlich leichte und
wechselbelastende Tätigkeit. Bevor der Arbeitsfähigkeitsgrad geschätzt werden kann,
muss deshalb vorab definiert werden, welche Art von Arbeiten respektive welche
beruflichen Anforderungsprofile überhaupt noch in Frage kommen. Wenn eine
versicherte Person – wie der Beschwerdeführer – vor dem Eintritt einer
Gesundheitsbeeinträchtigung in der Lage gewesen ist, selbst Tätigkeiten zu verrichten,
die als körperlich (sehr) schwer belastend zu qualifizieren sind, diese Person aber nach
dem Eintritt einer Gesundheitsbeeinträchtigung nur noch leichte und
wechselbelastende Tätigkeiten ausüben kann, liegt selbst dann eine erhebliche
Arbeitsunfähigkeit vor, wenn für ideal leidensadaptierte Tätigkeiten immer noch ein
Vollpensum zumutbar ist. Die Arbeitsfähigkeit der versicherten Person wird in einem
solchen Fall nicht „vertikal“ reduziert (z.B. von 100% auf 70%), sondern sie wird
„horizontal“ eingeschränkt: Vom gesamten Spektrum an in Frage kommenden Arten
von Arbeiten vor dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigungen ist nur noch ein ganz
kleiner Ausschnitt zumutbar; für eine Vielzahl von – vormals zumutbaren – Arbeiten
muss nach dem Eintritt der Gesundheitsbeeinträchtigung eine vollständige
2.4.
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3.
Bei genauer Betrachtung hat das vorliegende Beschwerdeverfahren zwei voneinander
unabhängige Streitgegenstände betroffen, nämlich die Umschulung und die
Arbeitsvermittlung. Die Beschwerdegegnerin hat zwar nicht zwei getrennte, sondern
nur eine Verfügung erlassen, die beide Arten beruflicher Eingliederungsmassnahmen
betroffen hat, aber das ändert nichts daran, dass es sich um zwei voneinander
unabhängige Entscheidgegenstände gehandelt hat. Diesem Umstand ist im
Urteilsdispositiv Rechnung zu tragen. Dem Beschwerdeführer steht es frei, dieses Urteil
beispielsweise nur bezüglich des einen Streitgegenstandes anzufechten und bezüglich
des anderen Streitgegenstandes unangefochten in formelle Rechtskraft erwachsen zu
lassen. Die angefochtene Verfügung betreffend die Verneinung eines Anspruchs auf
Arbeitsvermittlung ist in Gutheissung der dagegen gerichteten Beschwerde
aufzuheben. Es ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer einen Anspruch auf eine
Arbeitsvermittlung hat. Die Sache ist zur Ermittlung und Durchführung der notwendigen
Arbeitsvermittlungsmassnahmen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen. Die
Beschwerde betreffend die Verneinung eines Umschulungsanspruchs ist abzuweisen.
Dieser Verfahrensausgang ist hinsichtlich der Kosten- und Entschädigungsfolgen als
ein je hälftiges Obsiegen und Unterliegen der beiden Parteien zu werten. Beide
Parteien haben folglich die Hälfte der Gerichtskosten von 600 Franken, also je 300
Franken, zu bezahlen. Der Kostenanteil des Beschwerdeführers ist durch den
geleisteten Kostenvorschuss von 600 Franken gedeckt; der Restbetrag von 300
Franken wird dem Beschwerdeführer zurückerstattet. Die Beschwerdegegnerin hat
Arbeitsunfähigkeit attestiert werden. Es liegt auf der Hand, dass sich eine solche
„qualitative Arbeitsunfähigkeit“ massgeblich auf die Stellensuche auswirkt, denn wenn
einer versicherten Person aufgrund einer Gesundheitsbeeinträchtigung anstelle des
ganzen (vormaligen) Spektrums an Arbeiten nur noch ein kleiner Bruchteil davon
offensteht, sinken die Chancen, eine geeignete Arbeitsstelle zu finden, drastisch. Beim
Beschwerdeführer liegt nicht nur eine solche – erhebliche – qualitative Einschränkung,
sondern auch eine quantitative Einschränkung der Arbeitsfähigkeit vor. Da er
eingliederungsfähig und eingliederungswillig ist, hat er gemäss dem Art. 18 Abs. 1 lit. a
IVG einen Anspruch auf eine Arbeitsvermittlung. Diesbezüglich erweist sich die
angefochtene Verfügung als rechtswidrig, weshalb sie im entsprechenden Teil
aufzuheben ist. Die Sache ist zur Prüfung und Durchführung der in Frage kommenden
Arbeitsvermittlungsmassnahmen an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.
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dem Beschwerdeführer eine hälftige Parteientschädigung auszurichten. Angesichts des
durchschnittlichen Vertretungsaufwandes beläuft sich der entsprechende Anspruch
des Beschwerdeführers praxisgemäss auf die Hälfte von 3'500 Franken, also auf 1’750
Franken (einschliesslich Barauslagen und Mehrwertsteuer).