Decision ID: 5e97ad0f-23c7-4d19-9608-c69e3299c282
Year: 2022
Language: de
Court: NW_OG
Chamber: NW_OG_001
Canton: NW
Region: Central_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt:
A.
B._ und C._, die Eltern des am _ 2020 geborenen A._ («Beschwerdeführer»/
«Versicherter»), stellten für ihren Sohn am 21. Juli 2020 (Posteingang: 30. Juli 2020) unter
Hinweis auf eine Hypospadie und Epispadie ein Gesuch um medizinische Massnahmen. Sie
beantragten eine Kostenübernahme für die operative Behandlung bei Prof. Dr. med. D._,
Kinderchirurgie E._-Klinik in Y._ (Deutschland [IV-act. 1]). Die IV-Stelle tätigte
entsprechende Abklärungen (IV-act. 7 ff.). Am 17. September 2020 teilte die IV-Stelle dem
Versicherten mit, dass die Kosten für eine Behandlung des Geburtsgebrechens Ziffer 352 vom
23. Januar 2020 bis zum 31. Dezember 2024 übernommen würden. Sie wies zudem darauf
hin, dass Eingliederungsmassnahmen grundsätzlich in der Schweiz gewährt würden und sie
erläuterte die Voraussetzungen für die Durchführung medizinischer Massnahmen im Ausland
(IV-act. 12). Auf entsprechende Nachfrage (E-Mail) hin teilte die IV-Stelle den Eltern am
23. September 2020 mit, der vom Beschwerdeführer benötigte Eingriff sei auch in der Schweiz
möglich, sodass die Operation in Deutschland nicht als einfach und zweckmässig angesehen
werden könne. Aus diesem Grunde werde die IV die Kosten für die Operation und die
Reisekosten nicht übernehmen (IV-act. 13). Mit Schreiben vom 12. Oktober 2020 ersuchte der
Versicherte um Klarstellung bzw. weitere Abklärungen (IV-act. 14). Die IV-Stelle informierte
sich bei der Kinderchirurgie des F._ (IV-act. 15 ff.) und teilte dem Beschwerdeführer am
30. Oktober 2020 mit, dass an der früheren Mitteilung festgehalten werde (IV-act. 18). Am
12. Januar 2021 reichte der nunmehr anwaltlich vertretene Versicherte eine Stellungnahme
ein und verlangte den Erlass einer Verfügung (IV-act. 22). In der Folge bestätigte die IV-Stelle
mit Verfügung vom 14. Januar 2021 die Abweisung des Leistungsbegehrens
(Kostengutsprache für medizinische Massnahmen im Ausland [IV-act. 23]).
B.
Dagegen erhob der Versicherte mit Eingabe vom 16. Februar 2021 Beschwerde beim
Verwaltungsgericht Nidwalden mit den Anträgen:
«1. Die Verfügung vom 14. Januar 2021 sei aufzuheben.
2. Die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, sämtliche Kosten im Zusammenhang mit
der medizinischen Behandlung des Geburtsgebrechens Ziffer 352 des
Beschwerdeführers im Ausland durch Herrn Prof. Dr. med. D._ vollumfänglich zu
übernehmen.
3│13
3. Eventualiter: Das angerufene Gericht habe weitere Abklärungen zum rechtserheblichen
Sachverhalt anzuordnen und im Anschluss daran über die Übernahme der
Behandlungskosten gemäss Antrag Ziff. 2 durch die Beschwerdegegnerin zu
entscheiden.
4. Subeventualiter: Die Sache sei an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen zwecks
Vornahme weiterer Abklärungen zum rechtserheblichen Sachverhalt und neuen
Entscheid in der Sache.
5. Unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zu Lasten der Beschwerdegegnerin.»
Der eingeforderte Kostenvorschuss im Betrag von Fr. 600.– wurde fristgerecht einbezahlt.
C.
Der Beschwerdeführer legte mit Eingabe vom 24. Februar 2021 einen weiteren Beleg
(Bahntickets) auf. Mit Stellungnahme vom 6. April 2021 beantragte die IV-Stelle die
kostenfällige Abweisung der Beschwerde. Mit Eingabe vom 8. April 2021 legte der
Beschwerdeführer neue Belege auf. Mit Replik vom 21. April 2021 erneuerte er seine Anträge
und Ausführungen. Die IV-Stelle verzichtete auf die Einreichung einer Duplik.
D.
Die Sozialversicherungsabteilung des Verwaltungsgerichts Nidwalden hat die Streitsache
anlässlich der Sitzung vom 27. September 2021 in Abwesenheit der Parteien abschliessend
beraten und beurteilt. Auf die Ausführungen der Parteien in den Rechtsschriften und in den
Akten wird – soweit für die Entscheidfindung erforderlich – in den Erwägungen eingegangen.

Erwägungen:
1.
Die Beschwerde richtet sich gegen die Verfügung vom 14. Januar 2021 der IV-Stelle
Nidwalden. Zuständig für deren Beurteilung ist die Sozialversicherungsabteilung des
Verwaltungsgerichts Nidwalden, die in Dreierbesetzung entscheidet (Art. 69 IVG [SR 831.20]
i.V.m. Art. 57 ATSG und Art. 39 GerG i.V.m. Art. 33 Ziff. 2 GerG [NG 261.1]). Der
Beschwerdeführer ist durch die angefochtene Verfügung berührt und hat ein schutzwürdiges
Interesse an deren Aufhebung, weshalb er zur Beschwerde befugt ist (Art. 59 ATSG). Die
örtliche Zuständigkeit (Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG) ist gegeben und die Voraussetzungen über
Frist und Form (Art. 60 und Art. 61 ATSG) sind eingehalten, sodass auf die Beschwerde
4│13
einzutreten ist.
2.
Die IV-Stelle erwog, der Beschwerdeführer sei auf die rechtlichen Grundlagen für die
Übernahme von Kosten für medizinische Massnahmen im Ausland hingewiesen worden.
Gemäss Abklärungen beim F._ seien Hypospadiekorrekturen in der Schweiz durchführbar.
Die dortigen Ärzte würden solche Eingriffe routinemässig durchführen, sodass von auf diesem
Gebiet erfahrenen Operateuren ausgegangen werden dürfe. Das beim Versicherten
vorliegende Geburtsgebrechen sei keine besonders seltene Krankheit. Weder die Erfahrung
von Prof. Dr. med. D._ noch das von ihm angebotene Verfahren und die Möglichkeit einer
allenfalls vorhauterhaltenden/-rekonstruierenden Operation seien beachtliche Gründe. Die IV
habe nicht für die bestmöglichste, sondern nur für die im Einzelfall erforderliche und
genügende Versorgung aufzukommen. Da beim Versicherten keine Penisschaftverkrümmung
vorliege, bedürfe es auch keiner weiteren Abklärungen.
3.
3.1
Der Beschwerdeführer rügt zunächst eine Verletzung der Untersuchungsmaxime. Auf diese
formelle Rüge ist vorab einzugehen (BGE 132 V 387 E. 5.1).
3.2
Gemäss Art. 43 Abs. 1 Satz 1 ATSG prüft der Versicherungsträger die Begehren, nimmt die
notwendigen Abklärungen von Amtes wegen vor und holt die erforderlichen Auskünfte ein. Die
Verwaltung hat demnach den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen festzustellen.
Diese Untersuchungspflicht dauert so lange, bis über die für die Beurteilung des streitigen
Anspruchs erforderlichen Tatsachen hinreichende Klarheit besteht. Führen die im Rahmen
des Untersuchungsgrundsatzes von Amtes wegen vorzunehmenden Abklärungen den
Versicherungsträger bei umfassender, sorgfältiger, objektiver und inhaltsbezogener
Beweiswürdigung zur Überzeugung, ein bestimmter Sachverhalt sei als überwiegend
wahrscheinlich zu betrachten und es könnten weitere Beweismassnahmen an diesem
feststehenden Ergebnis nichts mehr ändern, so liegt im Verzicht auf die Abnahme weiterer
Beweise keine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör. Bleiben jedoch erhebliche
Zweifel an der Vollständigkeit und/oder Richtigkeit der bisher getroffenen
Tatsachenfeststellung bestehen, ist weiter zu ermitteln, soweit von zusätzlichen
5│13
Abklärungsmassnahmen noch neue wesentliche Erkenntnisse zu erwarten sind (ausführlich
und mit weiteren Hinweisen: Urteil des Bundesgerichts 8C_281/2018 vom 25. Juni 2018
E. 3.2.1).
3.3
Der Sachverhalt ist soweit zu ermitteln, dass über den Leistungsanspruch zumindest mit dem
Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit entschieden werden kann. Die vom
Beschwerdeführer monierten Tatsachenumstände (Möglichkeit und routinemässige
Durchführung von vorhauterhaltenden Hypospadie-Korrekturen in der Schweiz, Möglichkeit
der Korrektur einer Penisschaftsverkrümmung mit der TIP-Methode, Anzahl und Kosten von
Eingriffen nach der TIP-Methode im F._) waren für die Beurteilung der vorliegend strittigen
Frage nicht entscheidwesentlich. Eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes ist nicht
auszumachen.
4.
Unbestritten ist, dass der Beschwerdeführer an Hypospadie, einem
invalidenversicherungsrechtlich anerkannten Geburtsgebrechen (Ziff. 352 Anhang GgV) leidet
und deswegen am 1. August 2020 sowie am 6. Februar 2021 in Deutschland von Prof. Dr.
med. D._ nach der sog. Slit-like Mathieu Technik (SLAM) operiert wurde. Strittig ist indes, ob
die Voraussetzungen für eine Übernahme der Kosten dieses Eingriffs im Ausland (inklusive
der akzessorischen Reisekosten) erfüllt sind.
5.
Die medizinische relevante Aktenlage präsentiert sich wie folgt:
5.1
Der Kinderarzt Dr. med. G._ hielt im IV-Arztbericht vom 4. September 2020 als Diagnose
Hypospadia Coronaria fest. Diese sei bereits bei der Geburt festgestellt worden. Zur Behebung
des Leidens sei eine chirurgische Korrektur nach Mathieu notwendig. Nach operativer
Korrektur sei die Prognose sehr gut (IV-act. 9).
5.2
Dr. med. H._, Oberärztin der Kinderchirurgie des F._, hielt im Sprechstundenbericht vom
15. Mai 2020 fest, beim Versicherten sei postnatal eine Hypospadie festgestellt worden. Bei
6│13
der klinischen Untersuchung hätten sich beide Hoden im Skrotum gezeigt. Im nichterigierten
Zustand sei der Penis gerade, eine Erektion liege jedoch nicht vor. Die Eltern würden aber
berichten, dass der Penis bei Erektion gerade sei. Der Meatus liege coronar. Im Bereich der
Glans finde sich eine tiefe glanduläre Rinne. Die Vorhaut sei als dorsale Vorhautschürze
angelegt. Sie habe die Eltern ausführlich über mögliche Operationen aufgeklärt. Diese
wünschten definitiv eine Hypospadiekorrektur, seien aber noch unschlüssig, so sie diese
durchführen lassen möchten (IV-act. 10).
5.3
In seinem zuhanden des Versicherten erstellten Entlassungsbericht vom 6. August 2020 hielt
der Kinderchirurg Prof. Dr. med. D._ die Diagnose «Penile Hypospadie (Q54.1)» fest. Der
Versicherte habe sich vom 31. Juli bis 6. August 2020 stationär in der E._-Klinik, Y._ (D)
aufgehalten, wo er am 1. August 2020 operiert worden sei (Bougierung, Meatotomie,
Chordektomie, Erektionstest, Meatoglanduloplastik, Urethroplastik SLAM-Technik [mod.
Mathieu-Technik n. D._], 2. und 3. protekt. Gewebsschicht aus präputialer Dartosfaszie,
schwierige Hautlappenlastiken zum spannungsfreien Hautverschluss, Urethralkatheter; IV-act.
22 S. 33).
5.4
Mit Arztbericht vom 25. Januar 2021 bestätigte Prof. D._, dass beim Versicherten eine
Penisschaftsverkrümmung vorgelegen habe (BF-Bel. 3). Das Vorliegen einer Chordee könne
nur intraoperativ nach Erektionstest festgestellt werden. Es sei nicht möglich, durch optisch
ambulante Untersuchung eine Chordee festzustellen.
Im Zeitraum vom 5. bis 9. Februar 2021 wurde der Versicherte wiederum stationär in der E._-
Klinik behandelt, wo ihn Prof. Dr. med. D._ am 6. Februar 2021 zum zweiten Mal operierte
(Bougierung, Meatoglanduloplastik, Penil- und Vorhautrekonstruktion, Urethralkatheter
[Austrittsbericht vom 9. Februar 2021; BF-Bel. 5]).
7│13
6.
6.1
Als Geburtsgebrechen gelten diejenigen Krankheiten, d.h. Beeinträchtigungen der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit, die nicht Folge eines Unfalles sind und
die eine medizinische Untersuchung oder Behandlung erfordern oder eine Arbeitsunfähigkeit
zur Folge haben, die bei vollendeter Geburt bestehen (Art. 3 Abs. 1 und 2 ATSG).
Versicherte haben bis zum vollendeten 20. Altersjahr Anspruch auf die zur Behandlung von
Geburtsgebrechen notwendigen medizinischen Massnahmen (Art. 13 Abs. 1 IVG). Als
medizinische Massnahmen, die für die Behandlung eines Geburtsgebrechens notwendig sind,
gelten sämtliche Vorkehren, die nach bewährter Erkenntnis der medizinischen Wissenschaft
angezeigt sind und den therapeutischen Erfolg in einfacher und zweckmässiger Weise
anstreben (Art. 2 Abs. 2 Verordnung über Geburtsgebrechen [GgV; SR 831.232.21]; Urteil des
Bundesgerichts 9C_648/2014 vom 3. März 2015 E. 2.1). Der Bundesrat bezeichnet die
Gebrechen, für welche diese Massnahmen gewährt werden (Art. 13 Abs. 2 Satz 1 IVG).
Darunter fällt namentlich die Hypospadie (Ziff. 352 Anhang GgV).
6.2
6.2.1
Medizinische Massnahmen werden in der Schweiz, ausnahmsweise auch im Ausland gewährt
(Art. 8 Abs. 3 lit. a IVG i.V.m. Art. 9 Abs. 1 IVG). Erweist sich die Durchführung einer
Eingliederungsmassnahme in der Schweiz als unmöglich, insbesondere, weil die
erforderlichen Institutionen oder Fachpersonen fehlen, so übernimmt die Versicherung die
Kosten einer einfachen und zweckmässigen Durchführung im Ausland (Art. 23bis Abs. 1 IVV
[SR 831.201]). Dies ist dann der Fall, wenn eine Massnahme objektiv wegen ihrer
Besonderheit und Seltenheit in der Schweiz nicht oder nicht vollzogen werden kann.
Vorausgesetzt ist, dass die Durchführung der Massnahme in der Schweiz praktisch unmöglich
ist (SILVIA BUCHER, Eingliederungsrecht der Invalidenversicherung, 2011, N 285). Wird eine
Eingliederungsmassnahme aus anderen beachtlichen Gründen im Ausland durchgeführt, so
vergütet die Versicherung die Kosten bis zu dem Umfang, in welchem solche Leistungen in
der Schweiz zu erbringen gewesen wären (dortiger Abs. 3). Obgleich Abs. 3 nicht eng
auszulegen ist, können beachtliche Gründe lediglich solche von erheblichem Gewicht sein.
Andernfalls würde nicht nur Abs. 1 von Art. 23bis IVV bedeutungslos, sondern auch Art. 9 Abs.
1 IVG unterlaufen, wonach Eingliederungsmassnahmen (nur) ausnahmsweise im Ausland
gewährt werden. So führt beispielsweise bei Vornahme einer komplizierten Operation der
8│13
Umstand, dass eine spezialisierte Klinik im Ausland über mehr Erfahrung auf dem
betreffenden Gebiet verfügt, für sich allein noch nicht zu einer Anwendung von Art. 23bis Abs. 3
IVV. Zu bejahen ist diese Anspruchsgrundlage hingegen, wenn eine besonders seltene
Krankheit vorliegt, mit welcher ein in der Schweiz tätiger Spezialist noch kaum konfrontiert
wurde und deren Behandlung eine genaue Diagnose erfordert (Urteile des Bundesgerichts I
120/04 vom 16. Mai 2006 E. 4.1; 9C_723/2015 vom 6. April 2016 E. 3.3).
Rechtsprechungsgemäss stellt allein die Tatsache, dass ein im Ausland tätiger Spezialist eine
andere als in der Schweiz angebotene Behandlungsmethode verfolgt noch keinen
beachtlichen Grund im Sinne von Art. 23bis Abs. 3 IVV dar und rechtfertigt demzufolge noch
nicht dessen Anwendung (Urteil des Bundesgerichts I 155/95 vom 26. Januar 1996 E. 3c [so
zitiert im Urteil des Bundesgerichts 9C_723/2015 vom 6. April 2016 E. 3.3]; BUCHER, a.a.O.,
N 296). Ebenso wenig ist die Tatsache, dass die zur Diskussion stehende Therapie erfolgreich
war, ein beachtlicher Grund, da die Frage nach der Leistungsgewährung prognostisch und
nicht nach dem eingetretenen Erfolg zu beurteilen ist (BUCHER, a.a.O., N 299).
6.2.2
Reisekosten sind im Verhältnis zu den Eingliederungsmassnahmen akzessorische
Sachleistungen (Urteil des Bundesgerichts 9C_166/2018 vom 11. Dezember 2018 E. 4.2). Die
für die Durchführung von Eingliederungsmassnahmen notwendigen Reisekosten im Inland
werden dem Versicherten vergütet. Ausnahmsweise können Beiträge an die Reisekosten im
Ausland gewährt werden (Art. 51 Abs. 1 und Abs. 2 Satz 1 IVG). Auch wenn das Gesetz das
Erfordernis der Notwendigkeit – als Aspekt der Verhältnismässigkeit – nur bei den Reisekosten
im Inland (Art. 51 Abs. 1 IVG) explizit erwähnt, gilt es gleichermassen bei den Reisekosten im
Ausland: In beiden Fällen kommt der allgemein gültige Grundsatz zum Tragen, wonach die
versicherte Person in der Regel nur Anspruch auf die dem jeweiligen Eingliederungszweck
angemessenen, notwendigen Massnahmen hat, nicht aber auf die nach den gegebenen
Umständen bestmöglichen Vorkehren (Urteil des Bundesgerichts 9C_166/2018 vom
11. Dezember 2018 E. 6.2).
6.3
Die Invalidenversicherung ist keine umfassende Versicherung, welche sämtliche durch die
Invalidität verursachten Kosten abdecken will; das Gesetz will die Eingliederung lediglich
soweit sicherstellen, als diese im Einzelfall notwendig, aber auch genügend ist und zudem der
voraussichtliche Erfolg der Eingliederungsmassnahme in einem vernünftigen Verhältnis zu
9│13
ihren Kosten steht (allg. Anspruchsvoraussetzungen gemäss Art. 8 Abs. 1 IVG; BGE 134 I 105
E. 3; Urteil des Bundesgerichts 9C_166/2018 vom 11. Dezember 2018 E. 6.2).
7.
7.1
7.1.1
Der Beschwerdeführer macht geltend, bei ihm sei eine Hypospadie zweiten Grades, Epispadie
sowie eine Penisschaftsverkrümmung diagnostiziert worden. Daher habe er eine chirurgische
Korrektur nach Mathieu benötigt. Die in der Schweiz angewendete Tubalurized incised plate
(TIP) nach Snodgrass erlaube keine zufriedenstellende Korrektur der
Penisschaftverkrümmung, da eine dorsale Plikation durchgeführt werde, welche eine mögliche
Verkürzung des Penis zur Folge habe. Ausserdem gehe diese Operation häufig mit einer
Harnröhrenstenose (Verengung der Harnröhre) einher. In der Schweiz werde wegen des
erhöhten Komplikationsrisikos normalerweise nicht vorhauterhaltend operiert. Da eine
vorhauterhaltende Hypospadie-Korrektur inklusive Korrektur der Penisschaftsverkrümmung in
der Schweiz nicht möglich sei und entsprechende Fachkräfte fehlten, seien die
Voraussetzungen für die Kostengutsprache erfüllt.
7.1.2
Massgeblich für die Frage der Kostenübernahme im Sinne Art. 23bis Abs. 1 IVV ist, ob das
relevante Geburtsgebrechen in irgendeiner Weise medizinisch hinreichend versorgt bzw.
operativ behandelt werden kann. Irrelevant ist hingegen, ob eine spezifische, vom Betroffenen
präferierte Behandlungsmethode oder Operationstechnik in der Schweiz verfügbar ist. Die
Hypospadie ist gerichtsnotorisch ein vergleichsweise häufig auftretendes und ‒ laut
entsprechenden Auskünften ‒ in der Schweiz korrigierbares Geburtsgebrechen. So bestätigte
Dr. med. H._, Oberärztin der Kinderchirurgie des F._, ausdrücklich die (routinemässige)
Durchführung von Hypospadiekorrekturen mittels Tubalurized incised plate (TIP) nach
Snodgrass (IV-act. 17 S. 4). Auch die durch den Beschwerdeführer bei Dres. med. I._ (Spital
J._) und K._ (Spital L._) eingeholten Auskünfte lassen auf nichts Gegenteiliges schliessen
(BF-Bel. 15 und 16), sondern bestätigen implizit die Möglichkeit von Hypospadiekorrekturen
im Inland. Ob mit dieser Methodik gleichzeitig eine zufriedenstellende Korrektur der
Penisschaftsverkrümmung erreicht wird und/oder vorhauterhaltend operiert werden kann (vgl.
aber ohnehin die nachfolgende E. 7.2 zur fehlenden, vorgängigen Objektivierung der
Penisschaftsverkrümmung und der möglichen Beschneidung bei der SLAM-Methode), ist mit
10│13
Blick auf die Frage der Possibilität einer inländischen Behandlung des Geburtsgebrechens
irrelevant. In der Schweiz stehen für die Behandlung der Hypospadie sowohl entsprechende
Einrichtungen als auch Fachpersonen zur Verfügung. Hinweise darauf, dass eine
Notwendigkeit für die Behandlung in Deutschland bestanden hätte oder dass eine Behandlung
in der Schweiz unmöglich oder nicht ausführbar gewesen wäre, liegen demnach nicht vor. Eine
Kostengutsprache nach Art. 23bis Abs. 1 IVV scheidet damit von vornherein aus.
7.2
7.2.1
Der Beschwerdeführer macht sodann beachtliche Gründe geltend. Einerseits sei Prof. Dr.
med. D._ ein ausgesprochener Experte mit grosser Erfahrung, was das Risiko von
Komplikationen massgeblich mindere bzw. die Erfolgschancen steigere. Andererseits habe die
von ihm angewandte SLAM-Technik diverse Vorteile gegenüber der TIP-Technik: So sei die
Komplikationsrate geringer, die Vorhaut könne rekonstruiert sowie eine Beschneidung
vermieden werden. Ausserdem erfahre der grösstenteils kleine Penis eine optische Streckung,
die Operation könne bereits zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat durchgeführt werden und
es bedürfe keine Fixierung des Patienten. Auch sei in anderen Kantonen Kostengutsprache
für eine Hypospadiekorrektur im Ausland erteilt worden.
7.2.2
Die in der Literatur angenommene Komplikationsrate bei der TIP-Technik beträgt nach Angabe
von Dr. med. H._ 10% (IV-act. 17). Prof. Dr. med. D._ behauptet, mit seiner SLAM-Technik
eine Komplikationswahrscheinlichkeit von 5% zu haben (IV-act. 22 S. 17). Die Aussage von
Prof. Dr. med. D._, wonach eine allfällige Komplikation im Rahmen des zweiten Eingriffs
korrigiert werden könne, suggeriert allerdings, dass sich die 5%ige Wahrscheinlichkeit bloss
auf den ersten der beiden Eingriffe bezieht. Wie es sich vorliegend verhält, kann indessen
offenbleiben. Die potentielle Differenz von 5% ist vernachlässigbar und kein beachtlicher
Grund i.S.v. Art. 23 Abs. 3 IVV. Ebenfalls kein beachtlicher Grund bildet der Umstand, dass
Prof. Dr. med. D._ eine Operationstechnik entwickelt hat und anwendet, mit der die Vorhaut
rekonstruiert und eine Beschneidung vermieden werden kann. Die Invalidenversicherung hat
nicht für die bestmögliche Versorgung aufzukommen, sondern nur für das was im Einzelfall
notwendig, aber auch genügend ist. Eine Rekonstruktion der Vorhaut (sowie die optische
Streckung) sind aus Sicht des Betroffenen allenfalls wünschenswert, indes für die Versorgung
des Geburtsgebrechens nicht notwendig. Im Übrigen wird der Erhalt der Vorhaut auch in
11│13
Deutschland nicht zugesichert (IV-act. 22 S. 17). Die übrigen vom Beschwerdeführer
angeführten Vorteile der SLAM-Methode im Vergleich zur TIP-Methode mögen zutreffen.
Allerdings ist auch festzuhalten, dass die SLAM-Methode von Prof. D._ zwei operative
Eingriffe und damit auch zwei Anästhesien bedingt. Das Anästhesieren von Kleinkindern sollte
im ersten Lebensjahr nach Möglichkeit vermieden werden (explizit: REINHARD LARSEN,
Kinderanästhesie, in: Derselbe [Hrsg.], Anästhesie und Intensivmedizin für die Fachpflege, 9.
A., 2016, S. 287), da dies erhebliche Auswirkungen auf die noch unreife Hirnsubstanz haben
kann.
7.2.3
Der Beschwerdeführer lässt sodann verschiedentlich vorbringen, dass ein massgeblicher
Vorteil der SLAM-Technik darin liege, dass die Penisschaftsverkrümmung in derselben
Behandlung habe korrigiert werden können. Eine solche war vorgängig aber nicht
diagnostiziert bzw. objektiviert worden (vgl. Arztberichte von Dr. med. Zindel [IV-act. 10] und
Kinderarzt Dr. med. G._ [IV-act.9]). Auch Prof. Dr. med. D._ hielt fest, dass das Vorliegen
einer Chordee erst intraoperativ nach Erektionstest feststellbar sei (BF-Bel. 3). Das Vorliegen
einer Penisschaftsverkrümmung kann bei der Frage, ob beachtliche Gründe bestanden haben,
demnach keine Rolle spielen. Ein erst während oder nach der Durchführung festgestellter
Vorteil der gewählten medizinischen Massnahme kann nicht nachträglich deren Notwendigkeit
begründen. Die Frage nach der Leistungsgewährung ist prognostischer Natur und kann nicht
von Umständen abhängig gemacht werden, die vor der Durchführung der medizinischen
Massnahme noch unbekannt waren. Der Beschwerdeführer geht im Übrigen auch fehl,
insoweit er sich auf behauptete – aber unbelegte – Kostenübernahmen anderer IV-Stellen in
vergleichbaren Fällen und den Anspruch auf Gleichbehandlung (Art. 8 BV) beruft. Dass
diesbezüglich eine einheitliche Verwaltungs- oder Gerichtspraxis bestehen würde, ist nicht
ersichtlich (vgl. im Gegenteil etwa das Urteil des Versicherungsgerichts Aargau vom 3. Mai
2016, AGVE 2016 S. 37 ff. [im Beschwerdeverfahren aufgelegtes IV-act. 26]).
7.3
Selbst wenn die Voraussetzungen für den ersten operativen Eingriff nicht erfüllt wären, hätte
die IV-Stelle nach Auffassung des Beschwerdeführers zumindest die zweite Operation und
alle damit verbundenen Kosten zu tragen. Als er am 23. September 2020 erfahren habe, dass
die IV-Stelle die Rückerstattung der Kosten verweigere, sei er bereits bei Prof. Dr. med. D._
in Behandlung gewesen. Weil die Eltern zu spät davon erfahren hätten und ein längeres
Zuwarten mit der Operation das Risiko von Komplikationen mit der Wundheilung sowie eines
12│13
möglichen psychologischen Traumatas erhöht hätte, sei die erste Operation bereits am 1.
August 2020 durchgeführt worden. Eine Fortsetzung sei nur beim gleichen Arzt und mit der
gleichen Methodik, d.h. im Ausland, möglich gewesen. Die zweite Operation hätte in der
Schweiz ohnehin nicht durchgeführt werden können.
Nach Gesagtem standen im Falle des Beschwerdeführers grundsätzlich zwei
Eingliederungsmassnahmen zur Auswahl: Einerseits ein Eingriff im Inland nach der TIP-
Methode, andererseits eine Behandlung im Ausland bei Prof. Dr. med. D._ nach der SLAM-
Methode. Die Frage der Kostenübernahme bestimmt sich für die (gewählte)
Eingliederungsmassnahme als Ganzes, unabhängig davon wie viele Behandlungsschritte die
mögliche Eingliederungsmassnahme umfasst. Solches gilt hier umso mehr, als dass die
Behandlung des Beschwerdeführers – ohne Rückfrage beim zuständigen
Sozialversicherungsträger – unmittelbar nach der Geltendmachung des Leistungsanspruchs
(Art. 29 Abs. 1 ATSG) begonnen wurde, ohne dass ein Leistungsbescheid der IV-Stelle (vgl.
Art. 49 ATSG) vorgelegen hätte. Nach Massgabe von Art. 23bis Abs. 1 und 3 IVV fällt damit
eine Leistungszusprache nur für die zweite Operation ebenfalls ausser Betracht.
8.
Zusammenfassend hat die IV-Stelle die Kostenübernahme für medizinische Massnahmen im
Ausland zu Recht verneint. Die Beschwerde erweist sich als unbegründet und ist
vollumfänglich abzuweisen.
9.
Abweichend von Art. 61 lit. a ATSG ist das Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die
Bewilligung oder die Verweigerung von IV-Leistungen vor dem kantonalen
Versicherungsgericht kostenpflichtig (Art. 69 Abs. 1bis IVG). Die Kosten werden nach dem
Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert im Rahmen von Fr. 200.‒ bis Fr. 1'000.‒
festgelegt.
Die Kosten für das vorliegende Verfahren werden auf Fr. 600.– festgesetzt und
ausgangsgemäss dem Beschwerdeführer auferlegt. Sie werden dem Kostenvorschuss des
Beschwerdeführers in gleicher Höhe entnommen und sind bezahlt.
Dem unterliegenden Beschwerdeführer ist keine Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 61
lit. g ATSG e contrario).
13│13