Decision ID: b7173baf-a89a-4c2e-8ad6-a8785e4f13b5
Year: 2017
Language: de
Court: ZH_SVG
Chamber: ZH_SVG_001
Canton: ZH
Region: Zürich
Law Area: social_law

Sachverhalt:
1.
Der
1974
geborene
X._
war zuletzt von
1.
Mai 2010
bis
3
1.
Juli
2012
(letzter effektiver Arbeitstag 1
8.
Oktober 2011)
als
Isoleur
bei der
Y._
angestellt
. Am
1
6.
April 2012
meldete er sich unter Hinweis auf
einen Unfall
bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an (Urk.
8/3 und
Urk.
8/11/1
). Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, tätigte medizinische und erwerbliche Abklärungen und
zog insbesondere die Unfallakten der
Suva bei.
Nach durchgeführtem Vorbescheidverfahren
(Urk.
8/
44
und
Urk.
8/
45 beziehungsweise
Urk.
8/48
)
sprach sie dem
Ver
sicher
ten mit Verfügung vom 22.
März 2
016
eine
vom
1.
Oktober 2012 bis 30.
April 2015
befristete
ganze Rente der Invalidenversicherung zu (U
rk. 2).
2.
Dagegen erhob der Versicherte
m
it undatierter Eingabe (Poststempel vom
27.
April 2016)
Beschwerde (Urk. 1) und beantragte, es sei
ihm eine unbefristete ganze Rente zuzusprechen. Eventualiter seien weitere Abklärungen zu tätigen. Subeventualiter sei die Sache an die Vorinstanz zur weiteren Abklärung zurück
zuweisen.
Zudem sei ihm die unentgeltliche Prozessführung unter Bestellung einer unentgeltlichen Rechtsvertretung zu bewilligen
(S. 2)
. Am
6.
Juni 2016
(Urk.
7
) beantragte die IV-Stelle die Abweisung der Beschwerde, was dem Be
schwerdeführer mit Verfügung vom
9.
Juni 2016
zur Kenntnis gebracht wurde (Urk.
10
).
Mit undatierter Eingabe (Poststempel vom
6.
Juni 2016) zog der Be
schwerdeführer das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wieder zurück (
Urk.
9).
Von Amtes wegen nahm das Gericht verschiedene Unterlagen aus dem Prozess UV.2017.00136 in Sachen des Beschwerdeführers gegen die Suva als
Urk.
11/1-11 zu den Akten.
3.
Die Suva
sprach dem Versicherten
mit Verfügung
vom
8.
Oktober 2015 (Urk. 8/39
) und Einspracheentscheid vom 2
7.
April 2017 eine Invalidenrente von 24 % zu
.
Die dagegen erhobene Beschwerde wurde mit Urteil des hiesigen Gerichts vom heutigen Datum abgewiesen (Prozess Nr. UV.201
7
.00
136
).
Das Gericht

zieht in Erwägung:
1.
1.1
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG). Sie kann Folge von Ge
burtsgebrechen, Krankheit oder Unfall sein (Art. 4 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung, IVG). Erwerbsunfähigkeit ist der durch Beein
trächtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verur
sachte und nach zumutbarer Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommen
den ausgeglichenen Arbeitsmarkt (Art. 7 Abs. 1 ATSG). Für die Beurteilung des Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der gesund
heitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG).
1.2
Anspruch auf eine Rente haben gemäss
Art.
28
Abs.
1 IVG Versicherte, die:
a.
ihre Erwerbsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich im Aufgabenbereich zu betäti
gen, nicht durch zumutbare Eingliederungsmassnahmen wieder herstellen, erhalten oder verbessern können;
b.
während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch durchschnittlich mindes
tens 40 % arbeitsunfähig (
Art.
6 ATSG) gewesen sind; und
c.
nach Ablauf dieses Jahres zu mindestens 40 % invalid (
Art.
8 ATSG) sind.
Bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 40 % besteht Anspruch auf eine Vier
telsrente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 % auf eine halbe Rente, bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 60 % auf eine Dreiviertels
rente und bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 70 % auf eine ganze Rente (
Art.
28
Abs.
2 IVG).
1.3
Das Gericht kann die Angelegenheit zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurückweisen,
besonders
wenn mit dem angefochtenen Entscheid nicht auf die Sache eingetreten oder der Sachverhalt ungenügend festgestellt wurde (§ 26 Abs. 1 des Gesetzes über das Sozialversicherungsgericht, GSVGer). Gemäss stän
diger Rechtsprechung ist in der Regel von der Rückweisung – da diese das Ver
fahren verlängert und verteuert – abzusehen, wenn die Rechtsmittelinstanz den Prozess ohne wesentliche Weiterungen erledigen kann. In erster Linie kommt eine Rückweisung in Frage, wenn der Versicherungsträger auf ein Begehren überhaupt nicht eingetreten ist oder es ohne materielle Prüfung abgelehnt hat, wenn schwierige Ermessensentscheide zu treffen sind, oder wenn der
ent
scheidrelevante
Sachverhalt ungenügend abgeklärt ist (vgl. Urteil des Bundes
gerichts U 209/02 vom 10. September 2003 E. 5.2).
2.
2.1
Die Beschwerdegegnerin begründete die angefochtene leistungsabweisende Verfü
gung vom
2
2.
März 2016
(Urk. 2) damit, dass
bei einer ausschliesslich unfallbedingten Gesundheitsproblematik die Unfall- und Invalidenversicherung die
Leistungszusprache
koordinieren würden. Ein anderer Einkommensvergleich könne sich dennoch ergeben, nachdem sie diesen anhand der LSE berechne und nicht auf die DAP abstellen könne (S. 6 und S. 8). Dem Beschwerdeführer sei zunächst weder die angestammte noch eine angepasste Tätigkeit zumutbar ge
wesen. Seit dem 1
9.
Januar 2015 habe sich sein Gesundheitszustand jedoch er
heblich verbessert. Seither sei er in einer angepassten Tätigkeit zu 100
%
ar
beitsfähig und es bestehe ein rentenausschliessender Invaliditätsgrad.
Er
habe folglich Anspruch auf eine vom
1.
Oktober 2012 bis 30. April 2015 befristete ganze Rente. Ein Leidensabzug von 25
%
könne
nicht nachvollzogen werden (S.
7 f.).
Mit Beschwerdeantwort vom
6.
Juni 2016 (
Urk.
7) ergänzte sie, eine psychische Beeinträchtigung sei aus den Akten nicht ersichtlich.
2.2
Der Beschwerdeführer stellte sich demgegenüber auf den Standpunkt (Urk. 1),
der Unfallversicherer habe einen Invaliditätsgrad von 24
%
berechnet und aus
drücklich festgehalten, dass die in den medizinischen Akten dokumentierten psychischen Krankheiten nicht in Zusam
menhang mit dem Unfall ständen und bei der Berechnung
des Invaliditätsgrades
nicht berücksichtigt seien. Obwohl die Beschwerdegegnerin unfallkausale und nicht unfallkausale Beeinträchtigun
gen der Arbeitsfähigkeit zu berücksichtigen habe, errechne sie einen Invalidi
tätsgrad von lediglich 19
%
. Dies könne nicht korrekt sein (S. 4). Ein Leidensab
zug von 25 % erscheine gerechtfertigt. Die von der Beschwerdegegnerin be
hauptete Verbesserung des Gesundheitszustandes sei ungenügend dokumentiert. Die notwendigen Abklärungen seien vom Gericht anzuordnen oder die Sache zur weiteren Abklärung an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen (S. 4 f.).
3.
3.
1
Suva-Kreisarzt
Dr.
med.
Z._
, Facharzt für Chirurgie FMH, hielt in seinem Bericht vom 2
8.
August 2014 zur kreisärztlichen Untersuchung (
Urk.
8/32/15-19
) fest, subjektiv sei der Beschwerdeführer in Ruhe und unbelastetem Zustand beschwerdefrei. Bei Belastung träten dagegen Beschwerden stechenden Charak
ters auf, weshalb er immer noch an einem Stock gehe. Stockfrei bestehe ein re
lativ flüssiger Barfussgang mit jedoch deutlich sichtbarem Hinken links. Der Fersen- und Zehengang sei nicht möglich.
Inspektorisch
würden Hinweise für
Dystrophiezeichen
fehlen.
Palpatorisch
würden eindeutig Hinweise für einen neuropathischen Schmerz bestehen, gleichzeitig könne ein
arthrogener
Schmerz nicht ausgeschlossen werden
.
Die seit dem 18. Oktober 2011 persistierende Ar
beitsunfähigkeit werde weiterhin bestätigt (S. 3 f.).
3.
2
Der leitende Arzt Fusschirurgie
Dr.
med.
A._
von der
B._
hielt in seinem Bericht vom 1
4.
Januar 2015 (
Urk.
8
/
32/8 f.
) fest, dem Be
schwerdeführer sei zwischenzeitlich ein Innenschuh angepasst worden. Es finde sich noch eine kleine Druckstelle
calcaneär
lateral. Zusätzlich komme es zu ei
nem leichten Einschlafgefühl am
Vorfuss
links nach längerem Gehen aufgrund einer gewissen Enge des Innenschuhs. Grundsätzlich könne aber durch die Sta
bilisierung des Rückfusses bei Belastung eine deutliche Schmerzreduktion wahrgenommen werden (S. 1).
3.
3
Dr.
med.
C._
, Facharzt für Chirurgie, vom Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD)
führte in seiner Stellungnahme vom 1
7.
März 2015
(
Urk.
8/
42/3-4
) fol
gende Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit auf:
-
Calcaneusfraktur
links bei Unfall vom 1
8.
Oktober 2011
(Operation am 2. November 2011)
-
Posttraumatische
Subtalar
-Arthrose links mit
-
Status nach
subtalarer
Arthrodese
am 1
6.
August 2013
-
l
aterale
m
Impingement
durch
Interponat
links mit Status nach Arthrosko
pie linkes oberes Sprunggelenk
Dazu führte er aus, dass keine unfallfremden Faktoren
vorlägen,
weshalb mit der Suva koordiniert werden könne. Aus medizinisch-theoretischer Sicht be
stehe eine verminderte Belastbarkeit für regelmässiges mittelschweres und schweres Heben, Tragen und Transportieren von Lasten, für Arbeiten auf Leitern und Gerüsten, für ausschliesslich stehende Tätigkeiten, für häufiges Bücken so
wie für Tätigkeiten in körperlichen Zwangshaltungen wie Knien, Kriechen, Ho
cken, für Arbeiten mit erhöhten Anforderungen an die Stand- und Gangsicher
heit und für dauerhaftes Gehen und Stehen auf unebenem Grund. Als ange
passte Tätigkeit könne eine überwiegend sitzend ausgeübte Tätigkeit mit leichter Wechselbelastung, teils sitzend, teils ebenerdig gehend, auch mit gelegentlichem Heben und Tragen von Lasten bis 15 kg körpernah weiterhin zugemutet werden. Tätigkeiten in gehenden und stehenden Positionen sollten nicht länger als 15 Minuten dauern und insgesamt auch nicht mehr als ein Viertel bis ein Drittel der Arbeitszeit überschreiten. Der Beschwerdeführer sei seit 1
8.
Oktober 2011
bis auf weiteres in seiner angestammten Tätigkeit
zu 100
% arbeitsunfähig. Ab dem 1
9.
Januar 2015 sei er in einer angepasst
en Tätigkeit voll arbeitsfähig.
4.
4.1
Die Beschwerdegegnerin koordinierte das Verfahren mit demjenigen der Unfall
versicherung
. Sie
ging gestützt auf die Stellungnahme von RAD-Arzt
Dr.
C._
vom 1
7.
März 2015
von einer vollen Arbeitsunfähigkeit in jegli
cher Tätigkeit von
1
8.
Oktober 2011 bis
1
8.
Januar 2015
und ab diesem Zeit
punkt
von
einer 100%igen Arbeitsfähigkeit in einer angepassten Tätigkeit
aus.
Dr.
C._
stützte sich dabei auf den Kreisarztbericht vom 1
9.
Januar 2015 (
Urk.
8/32/5 f.). Dieser wiederum gin
g aufgrund des Berichts von Dr.
A._
von der
B._
vom 14. Januar 2015
(E. 3.2)
, gemäss welchem es dank der Anpassung eines Innenschuhs mit Stabilisierung des Rückfusses bei Belastung zu einer deutlichen Schmerzreduktion gekommen sei,
von einer vollen Arbeitsfähigkeit in einer den Beschwerden angepassten Tätig
keit aus.
Am
1.
Juni 2015 berichtete
Dr.
A._
jedoch (
Urk.
11/1), der Beschwerde
führer komme mit dem Innenschuh zunehmend nicht mehr zurecht.
Er stellte die Indikation für einen weiteren operativen Eingriff.
Suva-Kreisarzt
Dr.
Z._
hielt dazu fest, nach der Operation müsse mit einem Heilverlauf von vier bis sechs Monaten, bei protrahiertem
ossärem
Durchbau
auch länger, gerechnet werden (
Urk.
11/2). Die Operation wurde daraufhin
statt
wie ursprün
glich vor
gesehen im August 2015
erst am 2
5.
Februar 2016 durchgeführt (
Urk.
11/1 und
Urk.
11/3).
Die Suva richtete dem Beschwerdeführer
im Rahmen eines Rückfalls
Taggelder aus und schloss den Fall per
1.
November 2016
(erneut)
ab (vgl.
Urk.
11/11).
Die Beschwerdegegnerin erliess am
22. März 2016
die
angefochtene Verfügung (
Urk.
2), ohne dass sie
die Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers zwischen dem 1
9.
Januar 2015 und dem Verfügungszeitpunkt weiter abgeklärt oder die Sache nach dem 1
7.
März 2015
erneut
einem RAD-Arzt vorgelegt hätte.
Nachdem Kreisarzt
Dr.
Z._
von einer mindestens vier bis sechsmonatigen Heilungs
phase nach der Operation am 2
5.
Februar 2016 aus
gegangen war
, hätte
sie je
doch
prüfen müssen, ob es nicht zu einer zumindest vorübergehenden Ver
schlechterung des Gesundheitszustandes gekommen
ist
.
Der
entscheidrelevante
medizinische Sachverhalt erweist sich in dieser Hinsicht als nicht ausreichend
untersucht
und es sind ergänzende medizinische Abklärungen indiziert.
Die Beschwerde ist in diesem Sinne
gutzuheissen
, die angefochtene Verfügung vom
22. März 2016
(Urk. 2) aufzuheben und die Sache zur Ergänzung des Sachver
halts an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit sie, nach erfolgter Ab
klärung im Sinne der Erwägungen, über den Rentenanspruch des Beschwerde
führers neu verfüge.
4.2
Unbestritten und aufgrund der dargelegten medizinischen Aktenlage ausgewie
sen ist, dass der Beschwerdeführer nach dem Unfall bis im Januar 2015 in der angestammten wie auch in einer leidensangepassten Tätigkeit vollständig ar
beitsunfähig war (E. 4.1). Die befristet zugesprochene Rente ist daher nicht zu beanstanden und die angefochtene Verfügung insoweit zu bestätigen.
Die Rückweisung der Angelegenheit zur weiteren Abklärung beschlägt diesen Zeitraum nicht. Es fällt daher ausser Betracht, dass die vorzunehmenden Ab
klärungen diesen befristeten Rentenanspruch in Frage stellen werden. Unter diese
n
Umständen kann davon Umgang genommen werden, dem Beschwerde
führer vorgängig zur
Entscheidfassung
Gelegenheit zur Stellungnahme zur Rückweisung der Sache einzuräumen (vgl. dazu BGE 137 V 314).
5.
5.1
Nach ständiger Rechtsprechung gilt die Rückweisung der Sache an die Verwal
tung zur weiteren Abklärung und neuen Verfügung als vollständiges Obsiegen (BGE 137 V 57). Die Kosten des Verfahrens gemäss Art. 69 Abs. 1
bis
IVG sind ermessensweise auf Fr.
7
00.-- festzusetzen und entsprechend dem Ausgang des Verfahrens der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen.
5.2
Dem Beschwerdeführer steht
eine Prozessentschädigung zu, welche vom Gericht ohne Rücksicht auf den Streitwert nach der Bedeutung der Streitsache und nach der Schwierigkeit des Prozesses, dem Zeitaufwand und den Barauslagen festge
setzt wird (§ 34 Abs. 1 und 3
GSVGer). Entsprechend ist ih
m
eine Prozess
ent
schädigung von
Fr. 1‘
9
00.--
(inkl. Barauslagen und
MWSt
) auszurichten.