Decision ID: 62c7a0ec-9034-5f1f-b262-2a95c65dbf60
Year: 2018
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_003
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: social_law

Sachverhalt
A. A.1
Der am XX.XX.1957 geborene A_ meldete sich am 4. April 2015 bei der
Invalidenversicherung wegen Beschwerden in der Psyche und am Genick seit Anfang
Oktober 2014 zur Früherfassung an (IV-act. 1). Er ist ausgebildeter Sekundarlehrer, aber
seit 30 Jahren im Möbelhandel tätig und Geschäftsführer der im Dezember 2012
gegründeten Firma C_ AG (IV-act. 38/1).
A.2
Gemäss undatiertem Bericht der Orthopädie am Rosenberg war im linken Knie am
20. September 2013 zufolge Pangonarthrose eine Total-Endoprothese eingesetzt worden
(IV-act. 25/15). In einem Regressformular zuhanden der Invalidenversicherung meinte der
Versicherte, dass sich nach mehrmaligem Danebenstechen bei der Narkose die
Halsmuskeln kontrahiert hätten, weshalb seither der Kopf nur noch um 50% drehbar sei
(IV-act. 21/1). Am 28. Februar 2014 erfolgte gemäss Bericht der Orthopädie am Rosenberg
eine offene Revision des linken Kniegelenks zufolge zwischenzeitlicher Arthrofibrose (IV-
act. 25/13).
A.3
Nachdem nach Angaben von Allgemeinmediziner Dr. D_ vom 20. Juli 2015 (Bf. act. 2/12)
seit September 2014 grosse familiäre und berufliche Probleme bestanden, unterzog sich
der Versicherte laut Austrittsbericht der Klinik Bad Zurzach vom 31. Dezember 2014 (IV-
act. 41/2) vom 17. November bis zum 20. Dezember 2014 einer stationären Rehabilitation,
wobei u.a. ein chronisches zervikales Schmerzsyndrom und eine rezidivierende depressive
Seite 3
Störung, gegenwärtig mittelgradig, diagnostiziert wurden. Die Physiotherapie und die
psychotherapeutischen Gespräche, beide ambulant, seien fortzuführen. Mit Bericht vom
4. Juni 2015 (Bf. act. 2/11) sah Psychiater Dr. E_ den Versicherten als Geschäftsführer
zu 60% arbeitsfähig, steigerbar auf 100%, worauf die Behandlung durch letzteren im Juni
2015 beendet wurde (IV-act. 38; Bf. act. 2/27 S. 3 oben).
A.4
Trotzdem meldete sich der Versicherte am 16. Januar 2016 (IV-act. 10) bei der
Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an, da als Folge einer "verpfuschten" Narkose
sein Genick seit Oktober 2013 zu 50% steif sei beim Drehen und Nicken, nachdem die
Radiologie Nordost gemäss Bericht über eine MRI-Untersuchung vom 20. August 2015 (IV-
act. 25/10) eine mehrsegmentale Degeneration der Halswirbelsäule (HWS) gefunden und
ihm Hausarzt Dr. D_ mit Bericht vom 20. Juli 2015 (Bf. act. 2/12) als Geschäftsführer
eine 40%ige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt hatte, woran er in der Folge festhielt, wie
beispielsweise aus den Berichten vom 25. Januar 2016 (IV-act. 25/1) und vom 11. März
2016 (Bf. act. 2/16) hervorgeht.
A.5
Beim Assessmentgespräch mit der Berufsberatung der IV-Stelle vom 21. März 2016 (IV-
act. 35) verneinte der Versicherte die Notwendigkeit einer Unterstützung, da er als
Geschäftsführer bei der C_ AG mit einem Pensum von 60% seit Sommer 2015 optimal
eingegliedert sei.
A.6
Im Rahmen der Rentenprüfung machte Arbeitsmediziner Dr. F_ vom regionalärztlichen
Dienst der Invalidenversicherung Ostschweiz (RADO) mit Aktennotiz vom 12. Oktober 2016
(IV-act. 56) geltend, die Arbeitsfähigkeit werde allein durch die HWS-Beschwerden um
maximal 15% eingeschränkt, wobei jedoch noch kein austherapierter Endzustand vorliege.
A.7
Mit Vorbescheid vom 7. November 2016 (IV-act. 57) kündigte die IV-Stelle daraufhin die
Abweisung des Leistungsbegehrens an. Nach einem Einwand des Versicherten gemäss
Aktennotiz der IV-Stelle vom 24. November 2016 (IV-act. 60) reichte dieser verschiedene
Unterlagen ein. Gemäss Bericht von Orthopäde Dr. G_ vom 14. Dezember 2016 (IV-act.
64/2) sei der Ursprung der Genickbeschwerden nicht ganz klar, und das Ausmass der
gezeigten Bewegungseinschränkung erscheine in Anbetracht der radiologisch erhobenen
Degeneration als ausserordentlich hoch. Dr. G_ hatte gemäss Bericht vom 19. Oktober
2016 (IV-act. 64/6) am 14. Oktober 2016 eine Infiltration der Facettengelenke C5/6 und
Seite 4
C6/7 bei Osteochondrose sowie Spondylarthrose vorgenommen. Nach Auffassung Dr.
G_ gemäss Bericht vom 15. Dezember 2016 (IV-act. 64/4) liege die Arbeitsunfähigkeit
wegen den Nackenschmerzen und den dadurch bedingten Konzentrationsproblemen bei
40%.
A.8
Am 3. März 2017 (IV-act. 73) erstattete Dr. F_ vom RADO Bericht über eine
arbeitsmedizinische Abklärung des Versicherten vom 8. Februar 2017. Demnach sei
aufgrund
einer chronifizierten Zervikozephalgie bei multiplen mehrsegmentalen Degenerationen und
psychosomatischer Überlagerung von einer 40%igen Arbeitsunfähigkeit in der
angestammten Tätigkeit als Geschäftsführer wegen der vielen nötigen Autofahrten
auszugehen, während in einer noch besser adaptierten Tätigkeit keine Einschränkung
vorliege.
A.9
Daraufhin erging seitens der IV-Stelle am 9. März 2017 ein weiterer Vorbescheid, wonach
bei voller Arbeitsfähigkeit in einer adaptierten Tätigkeit ein Invaliditätsgrad von 13%
resultiere (IV-act. 78).
A.10
Dagegen erhob der Versicherte am 13. März 2017 zunächst telefonisch (IV-act. 79) und
danach auch noch mit Schreiben vom 8. April 2017 (IV-act. 80) Einwand. In der Folge
erging seitens der IV-Stelle am 29. Mai 2017 eine Verfügung, mit der am Vorbescheid
festgehalten wurde (IV-act. 81). Demnach errechnete sich der IV-Grad aus einem
Valideneinkommen von Fr. 74'310.-- (Durchschnitt der Jahre 2009 bis 2013 gemäss IK-
Auszug) und einem Invalideneinkommen von Fr. 64'380.-- (LSE 2014 T17 Ziff. 9, Totalwert
Männer).
B. Gegen die erwähnte Verfügung (lit. A.10 hiervor) liess der Versicherte mit Schreiben vom
29. Juni 2017 Beschwerde mit den eingangs wiedergegebenen Anträgen erheben (act. 1).
Auf deren Begründung wird - wie auch beim weiteren Schriftenwechsel - in den
Erwägungen näher eingegangen, soweit entscheidrelevant. Mit Vernehmlassung vom
10. August 2017 (act. 6) beantragte die IV-Stelle Abweisung der Beschwerde, und mit
Replik vom 20. September 2017 (act. 12) sowie Duplik vom 5. Oktober 2017 (act. 15) und
einer weiteren Eingabe des Beschwerdeführers vom 9. Oktober 2017 (act. 17)
verdeutlichten beide Parteien ihren Standpunkt.
Seite 5

Erwägungen
1. Die von Amtes wegen vorzunehmende Prüfung der Prozessvoraussetzungen ergibt, dass
diese sowohl hinsichtlich der Beschwerdeberechtigung als auch hinsichtlich der Form- und
Fristerfordernisse erfüllt sind. Auf die Beschwerde ist deshalb einzutreten.
2. 2.1
Als Invalidität gilt gemäss Art. 4 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung vom
19. Juni 1959 (IVG; SR 831.20) in Verbindung mit Art. 8 des Bundesgesetzes über den
Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts vom 6. Oktober 2000 (ATSG; SR 830.1)
die durch einen körperlichen oder geistigen Gesundheitsschaden als Folge von
Geburtsgebrechen, Krankheit oder Unfall verursachte, voraussichtlich bleibende oder
längere Zeit andauernde Erwerbsunfähigkeit. Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG haben versicherte
Personen Anspruch auf eine ganze Rente, wenn sie mindestens zu siebzig Prozent, auf
eine Dreiviertelrente, wenn sie mindestens zu sechzig Prozent, auf eine halbe Rente, wenn
sie mindestens zu fünfzig Prozent und auf eine Viertelrente, wenn sie mindestens zu vierzig
Prozent invalid sind.
2.2
Bei der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit stützt sich die Verwaltung (und im Beschwerdefall
das Gericht) auf Unterlagen, welche von ärztlichen und gegebenenfalls auch anderen
medizinischen Fachleuten zur Verfügung zu stellen sind (Urteile des Bundesgerichts
9C_636/2013 vom 25. Februar 2014 E. 4.2.1 und 4.2.2, 9C_922/2013 vom 19. Mai 2014
E. 3.2.1, 9C_644/2015 vom 3. Mai 2016 E. 3.2). Aufgabe des Arztes oder der Ärztin ist es,
den Gesundheitszustand zu beurteilen und dazu Stellung zu nehmen, in welchem Umfang
und bezüglich welcher Tätigkeiten die versicherte Person arbeitsunfähig ist. Im Weiteren
sind die ärztlichen Auskünfte eine wichtige Grundlage für die Beurteilung der Frage, welche
Arbeitsleistungen der Person noch zugemutet werden können (BGE 132 V 93 E. 4,
140 V 193 E. 3.2).
Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist entscheidend, ob dieser für die
streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die
geklagten Beschwerden berücksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben
worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen
Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen begründet sind (BGE 125 V 351 E. 3a,
134 V 231 E. 5.1, 137 V 210 E. 6.1.2). Den im Rahmen des Verwaltungsverfahrens
eingeholten Berichten von externen Spezialärzten ist bei der Beweiswürdigung volle
Beweiskraft zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien dagegen sprechen. In Bezug
Seite 6
auf Berichte von Hausärzten bzw. behandelnden Ärzten darf und soll der Richter der
Erfahrungstatsache Rechnung tragen, dass deren Angaben mitunter im Hinblick auf ihre
auftragsrechtliche Vertrauensstellung in Zweifelsfällen eher zugunsten ihrer Patienten
ausfallen (BGE 125 V 351 E. 3, 135 V 465 E. 4.5; Urteile des Bundesgerichts 8C_641/2013
vom 23. Dezem-ber 2013 E. 5.4, 8C_637/2013 vom 11. März 2014 E. 2.2.2, 9C_203/2015
vom 14. April 2015 E. 3.2, 9C_395/2016 vom 25. August 2016 E. 4.1, 9C_646/2016 vom
16. März 2017 E. 4.2.1), was auch mit der unterschiedlichen Natur von Behandlungs- und
Begutachtungsauftrag zusammenhängen mag (Urteile des Bundesgerichts 8C_768/2012
vom 24. Januar 2013 E. 3, 8C_107/2013 vom 23. April 2013 E. 3, 8C_454/2016 vom
19. Dezember 2016 E. 4.2). Gleichwohl hat der Richter zu prüfen, ob eine von einer Partei
eingeholte ärztliche Stellungnahme in rechtserheblichen Fragen die Auffassungen und
Schlussfolgerungen des von der Verwaltung oder vom Gericht bestellten medizinischen
Sachverständigen derart zu erschüttern vermag, dass davon abzuweichen ist (Urteile des
Bundesgerichts 8C_62/2016 vom 7. Juli 2016 E. 4.1, 8C_452/2016 vom
27. September 2016 E. 3). Was die Beweiskraft versicherungsinterner Berichte anbelangt,
so lässt ein Anstellungsverhältnis zum Versicherungsträger alleine nicht schon auf
mangelnde Objektivität und Befangenheit schliessen. Soll ein Versicherungsfall jedoch
ohne Einholung eines externen Gutachtens entschieden werden, so sind an die
Beweiswürdigung strenge Anforderungen zu stellen. Bestehen auch nur geringe Zweifel an
der Zuverlässigkeit und Schlüssigkeit der versicherungsinternen ärztlichen Feststellungen,
so sind ergänzende Abklärungen vorzunehmen (BGE 122 V 157 E. 1d, 125 V 351 E. 3b/ee,
135 V 465 E. 4.4, 142 V 551 E. 8.3.1.1).
3. 3.1
Der Beschwerdeführer macht geltend, in seinem Fall hätte zwingend ein Gutachten, das
sich zur Frage der Ressourcen ausspreche, eingeholt werden müssen, da entsprechende
Ausführungen in den Berichten des RADO fehlten. Entgegen Dr. F_, der
Arbeitsmediziner und nicht Neurologe sei, wirkten sich mit einer Zervikozephalgie
verbundene chronifizierte Kopfschmerzen in jeder Tätigkeit einschränkend aus. Ausserdem
sei er als Geschäftsführer mit einer Arbeitsfähigkeit von 60% optimal eingegliedert, und
eine anderweitige berufliche Wiedereingliederung erscheine aufgrund seines
fortgeschrittenen Alters als nicht realistisch.
Dem hält die IV-Stelle entgegen, aufgrund der umfassend abgeklärten Sachlage sei kein
(weiteres) Gutachten einzuholen, zumal der Beweiswert eines RAD-Berichtes mit jenem
eines Gutachtens vergleichbar sei.
Seite 7
3.2
Vorweg ist festzuhalten, dass die Arbeitsfähigkeit vorliegend einzig durch die
diagnostizierte Zervikozephalgie beeinträchtigt wird. Eine solche äussert sich in erster Linie
durch Nackenschmerzen mit Ausstrahlung in den Hinterkopf, aber auch durch
Kopfschmerzen. Entgegen der Auffassung des Beschwerdeführers geht aus dem
bundesgerichtlichen Leitentscheid BGE 141 V 281 betreffend Ersatz des bisherigen
Regel/Ausnahme-Modells durch einen strukturierten normativen Prüfungsraster und die
gestützt darauf ergangene Rechtsprechung nicht hervor, dass bei Schmerzstörungen
immer ein externes Gutachten eingeholt werden müsste. Vielmehr ist im Einzelfall zu
prüfen, ob die beigezogenen administrativen und/oder gerichtlichen
Sachverständigengutachten - gegebenenfalls im Kontext mit weiteren fachärztlichen
Berichten - eine schlüssige Beurteilung im Lichte der massgeblichen Indikatoren erlauben
oder nicht (BGE 141 V 281 E. 8, 141 V 574 E. 6.2).
Anders als vom Beschwerdeführer dargestellt, setzte sich Dr. F_ in seiner Beurteilung
vom 3. März 2017 sehr wohl mit dessen Ressourcen auseinander. So heisst es in Ziff. 1.4
etwa, der Versicherte kenne viele Ärzte und pflege soziale Kontakte vor allem im
Familienkreis, in Ziff. 1.5 u.a., er habe bei der C_ AG die Möglichkeit, weitgehend im
Büro zu Hause zu arbeiten, müsse allerdings regelmässig weite Reisen in Gebiete
unternehmen, die per Flugzeug oder Mietwagen nicht erreichbar seien und in Ziff. 7, dass
er von seiten seiner Persönlichkeit her über sehr gute persönliche Ressourcen verfüge, um
mit der gesundheitlichen Limitierung umzugehen. Ausserdem konnte er sich in drei
Fragebogen des RADO (IV-act. 73/10, 18 und 20) ausführlich zu seinen
Beeinträchtigungen und den von ihm in diesem Zusammenhang unternommenen
Bemühungen äussern. Zweifel am Beweiswert der Stellungnahme Dr. F_, der als
Arbeitsmediziner und mehrfach zertifizierter Gutachter für Angaben hinsichtlich der
funktionellen Auswirkungen gesundheitlicher Beschwerden - ausgehend von der Diagnose
sind diese sowohl bei somatischen als auch bei psychischen Beschwerden entscheidend
(BGE 142 V 106 E. 4.3 und 4.4) - bestens qualifiziert ist, sind unbegründet, weshalb eine
zusätzliche, allenfalls externe Abklärung entbehrlich war und ist.
3.3
Was das Alter des Beschwerdeführers anbelangt, so ist die Frage der Verwertbarkeit der
(Rest-) Arbeitsfähigkeit (auch bei vorgerücktem Alter) bezogen auf einen ausgeglichenen
Arbeitsmarkt zu beurteilen (Art. 16 Abs. 1 ATSG), wobei an die Konkretisierung von
Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten keine übermässigen Anforderungen zu
stellen sind. Das fortgeschrittene Alter wird, obwohl an sich ein invaliditätsfremder Faktor, in
der Rechtsprechung als Kriterium anerkannt, das zusammen mit weiteren persönlichen und
Seite 8
beruflichen Gegebenheiten dazu führen kann, dass die einer versicherten Person
verbliebene Resterwerbsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt realistischerweise
nicht mehr nachgefragt wird, und dass ihr deren Verwertung auch gestützt auf die
Selbsteingliederungspflicht nicht mehr zumutbar ist. Fehlt es an einer wirtschaftlich
verwertbaren Resterwerbsfähigkeit, liegt eine vollständige Erwerbsunfähigkeit vor. Der
Einfluss des Lebensalters auf die Möglichkeit, das verbliebene Leistungsvermögen auf dem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten, lässt sich nicht nach einer allgemeinen Regel
bemessen, sondern hängt von den Umständen des Einzelfalles ab. In Frage kommen
beispielsweise Art und Beschaffenheit des Gesundheitsschadens und seiner Folgen, der
absehbare Umstellungs- und Einarbeitungsaufwand und in diesem Zusammenhang auch
Persönlichkeitsstruktur, vorhandene Begabungen und Fertigkeiten, Ausbildung, beruflicher
Werdegang oder Anwendbarkeit von Berufserfahrung aus dem angestammten Bereich
(BGE 138 V 457 E. 3.1; Urteil des Bundesgerichts 8C_678/2016 vom 1. März 2017 E. 2.1).
Die Möglichkeit, die verbliebene Arbeitsfähigkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu
verwerten, hängt nicht zuletzt auch davon ab, welcher Zeitraum der versicherten Person für
eine berufliche Tätigkeit und vor allem auch für einen allfälligen Berufswechsel noch zur
Verfügung steht (Urteil des Bundesgerichts 9C_734/2013 vom 13. März 2014 E. 2.2). Ganz
allgemein sind die Hürden für die Annahme einer Unverwertbarkeit der Restarbeitsfähigkeit
älterer Menschen relativ hoch (Urteil des Bundesgerichts 8C_280/2015 vom 28. August
2015). Massgeblicher Zeitpunkt, in welchem die eingangs aufgeworfene Frage zu
beantworten ist, ist das Feststehen der medizinischen Zumutbarkeit einer Erwerbstätigkeit,
wovon auszugehen ist, sobald die medizinischen Unterlagen diesbezüglich eine
zuverlässige Sachverhaltsfeststellung erlauben (BGE 138 V 457 E. 3.3; Urteil des
Bundesgerichts 8C_613/2017 vom 23. Januar 2018 E. 3.2.1).
Die Rechtsprechung hat im Fall eines knapp 64jährigen Versicherten, der in
feinmotorischen Tätigkeiten über keine beruflichen Erfahrungen und Fertigkeiten verfügte
und bei dem deshalb ein wesentlicher Teil der ihm noch zumutbaren leichten Arbeiten
ausser Betracht fiel, das fortgeschrittene Alter als nicht invaliditätsfremden Faktor und die
Verwertung der Restarbeitsfähigkeit als nicht mehr zumutbar bewertet (Urteil des
Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 401/01 vom 4. April 2002 E. 4d). Zum gleichen
Ergebnis gelangte es im Fall einer 61 Jahre und einen Monat alten Versicherten, die ohne
Ausbildung als Haushälterin sowie - nach einem (ersten) Unfall - als Hauswartin gearbeitet
hatte und der nur noch eine leidensadaptierte Tätigkeit mit vielen Restriktionen zumutbar
war (Urteil des Bundesgerichts 9C_437/2008 vom 19. März 2009 E. 4.3). Einen
invalidenversicherungsrechtlich erheblichen bzw. relevanten Zugang zum (ausgeglichenen)
Arbeitsmarkt verneinte das Bundesgericht auch im Fall eines 641⁄2-jährigen Versicherten,
bei dem ein wesentlicher Teil der noch in Frage kommenden leichten, in Wechselpositionen
Seite 9
ausführbaren Verweisungstätigkeiten ohne Heben schwerer Lasten aufgrund der fehlenden
feinmotorischen Fertigkeiten und Erfahrung nicht mehr in Frage kam, sodass auch bei noch
intakter subjektiver Bereitschaft zur Wiedereingliederung die Neuanstellungschancen auf
dem als ausgeglichen unterstellten Arbeitsmarkt mit überwiegender Wahrscheinlichkeit
nicht mehr gegeben waren, und dies selbst bei besseren Aussichten auf eine berufliche
Wiedereingliederung für den Fall einer nicht rechtsmissbräuchlichen verspäteten
Anmeldung bei der Invalidenversicherung (Urteil des Bundesgerichts 9C_979/2009 vom
10. Februar 2010 E. 4 und 5).
Demgegenüber wurde unter anderem mit Blick auf eine Aktivitätsdauer von immerhin noch
sieben Jahren auf eine erwerbliche Umsetzbarkeit der Leistungsfähigkeit bei einem
58-jährigen und, kaufmännisch ausgebildeten Versicherten, der aufgrund hochgradiger
Innenohrschwerhörigkeit auf einen besonderen Anforderungen genügenden Arbeitsplatz
angewiesen war, erkannt (Urteil des Eidgenössischen Versicherungsgerichts I 819/04 vom
27. Mai 2005 E. 2.2). Als arbeitsmarkttauglich angesehen wurde auch die
Restarbeitsfähigkeit eines 60-jährigen Versicherten mit einer unter anderem wegen
rheumatologischer und kardialer Probleme um 30 % eingeschränkten Leistungsfähigkeit
(Urteil des Bundesgerichts I 304/06 vom 22. Januar 2007 E. 4.2), Die Verwertung einer
leidensadaptierten Tätigkeit war ferner einem rund 63jährigen Versicherten zumutbar, da
die bisherige Tätigkeit als Bauleiter weiterhin zu 50% möglich sei und darin ein
Umstellungs- oder Einarbeitungsaufwand nicht zwingend anfallen würde, zumal
Bauleitungsarbeiten naturgemäss projektbezogen seien und deshalb auch kürzere
Anstellungen in Frage kämen (Urteil des Bundesgerichts 9C_471/2007 vom
21. Februar 2008 Erw. 5.2), sowie einem 58jährigen und ungelernten Versicherten trotz
funktioneller Einschränkungen (Urteil des Bundesgerichts 9C_1043/2008 vom 2. Juli 2009
E. 3.3).
In Anbetracht des Dargestellten erscheint vorliegend die Verwertung der vollständigen
Arbeitsfähigkeit in einer leidensadaptierten Tätigkeit gemäss Bericht des RADO vom
3. März 2017 - zu diesem Zeitpunkt war der Beschwerdeführer knapp 60jährig - als
zumutbar.
4. 4.1
Im Hinblick auf die Bemessung der Invalidität, die als ganze oder teilweise
Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 ATSG) definiert wird, ist die Arbeitsunfähigkeit von der
Erwerbsunfähigkeit zu unterscheiden. Unter Letzterer ist der durch Beeinträchtigung der
körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit verursachte und nach zumutbarer
Behandlung und Eingliederung verbleibende ganze oder teilweise Verlust der
Seite 10
Erwerbsmöglichkeiten auf dem in Betracht kommenden ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu
verstehen (Art. 7 Abs. 1 ATSG), wobei für die Beurteilung, ob eine Erwerbsunfähigkeit
vorliegt, nach Art. 7 Abs. 2 ATSG ausschliesslich die Folgen der gesundheitlichen
Beeinträchtigung zu berücksichtigen sind.
Bei der Bemessung der Invalidität von erwerbstätigen Versicherten wird das
Erwerbseinkommen, das die versicherte Person nach Eintritt der Invalidität und
Durchführung der medizinischen Behandlung und allfälliger Eingliederungsmassnahmen
durch eine ihr zumutbare Tätigkeit bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielen könnte
(Invalideneinkommen), in Beziehung gesetzt zum Erwerbseinkommen, das sie erzielen
könnte, wenn sie nicht invalid geworden wäre (Valideneinkommen; Art. 16 ATSG; BGE 142
V 290 E. 4). Bei der Ermittlung des trotz Gesundheitsschädigung zumutbarerweise noch
realisierbaren Einkommens (Invalideneinkommen) ist primär von der beruflich-erwerblichen
Situation auszugehen, in welcher die versicherte Person steht. Ist - wie vorliegend - kein
solches tatsächlich erzieltes Erwerbseinkommen gegeben, namentlich weil nach Eintritt des
Gesundheitsschadens
keine oder jedenfalls keine an sich zumutbare neue Erwerbstätigkeit aufgenommen wurde,
können nach der Rechtsprechung Tabellenlöhne, beispielsweise die vom Bundesamt für
Statistik in zweijährlichem Abstand herausgegebene Lohnstrukturerhebung (LSE)
herangezogen werden (BGE 126 V 76 E. 3b/bb). Beim Einkommensvergleich unter
Verwendung statistischer Tabellenlöhne ist zu berücksichtigen, dass gesundheitlich
beeinträchtigte Versicherte, die selbst bei leichten Hilfsarbeitertätigkeiten behindert sind, im
Vergleich zu voll leistungsfähigen sowie entsprechend einsetzbaren Arbeitnehmern
lohnmässig benachteiligt sind und deshalb in der Regel mit unterdurchschnittlichen
Lohnansätzen rechnen müssen. Sodann ist dem Umstand Rechnung zu tragen, dass
weitere persönliche und berufliche Merkmale einer versicherten Person, wie Alter, Dauer
der Betriebszugehörigkeit, Nationalität oder Aufenthaltskategorie sowie Beschäftigungsgrad
Auswirkungen auf die Lohnhöhe haben können. Das Bundesgericht hat die bisherige
Praxis dahingehend präzisiert, dass die Frage, ob und in welchem Ausmass Tabellenlöhne
herabzusetzen sind, von sämtlichen persönlichen und beruflichen Umständen des
konkreten Einzelfalls (leidensbedingte Einschränkung, Alter, Dienstjahre,
Nationalität/Aufenthaltskategorie und Beschäftigungsgrad) abhängig ist. Der Einfluss
sämtlicher Merkmale auf das Invalideneinkommen ist nach pflichtgemässem Ermessen
gesamthaft zu schätzen, wobei der Abzug höchstens 25% betragen darf (Urteile des
Bundesgerichts 9C_765/2016 vom 27. Januar 2017 E. 4.1, 8C_114/2017 vom 11. Juli 2017
E. 3.1). Massgebender Zeitpunkt für den Einkommensvergleich ist der (frühestmögliche)
Rentenbeginn (BGE 129 V 223 E. 4.1; Urteil des Bundesgerichts 9C_887/2015 vom
12. April 2016 E. 3).
Seite 11
4.2
Die IV-Stelle verwendete als Valideneinkommen den Durchschnittswert der Jahre 2009 bis
2013 gemäss IK-Auszug vom 29. Januar 2016 (IV-act. 23), also 2009 von Fr. 86'409.--,
2010 von Fr. 85'787.--, 2011 von Fr. 60'996.--, 2012 von Fr. 68'334.-- und 2013 von
Fr. 70'027.--, woraus sich ein Durchschnittseinkommen von Fr. 74'310.60 errechnet, gegen
das der Beschwerdeführer nichts einzuwenden hatte und welches Vorgehen als vertretbar
erscheint. Dieser Wert ist auf den frühestmöglichen Rentenbeginn im Oktober 2015 - ein
Jahr nach Beginn der gesundheitlichen Beschwerden im Oktober 2014 (Art. 28 Abs. 1 IVG)
und sechs Monate nach der Anmeldung bei der IV-Stelle vom 4. April 2015 (Art. 29
Abs. 1 IVG) - zu indexieren und beträgt damit Fr. 76'193.20.
Beim Invalideneinkommen stellte die IV-Stelle auf einen Tabellenwert der
Lohnstrukturerhebung 2014 ab und ermittelte einen Wert von Fr. 64'380.-- (Ziff. 9
Hilfsarbeitskräfte, Totalwert bei Männern). Dieses Vorgehen ist dem vom Beschwerdeführer
vorgeschlagenen, auf das effektive Einkommen gemäss Vereinbarung mit der
Arbeitgeberin vom 10. Februar 2017 (IV-act. 85/67) abzustellen, vorzuziehen, da dieser
eine Arbeitsunfähigkeit von 40% zugrundegelegt wurde, der Versicherte jedoch - wie
bereits verschiedentlich erwähnt - in einer leidensadaptierten Tätigkeit vollständig
arbeitsfähig ist. Auf einen Abzug vom ersterwähnten Wert ist zu verzichten, da das Alter bei
Hilfsarbeiten keine Auswirkung auf die Lohnhöhe hat (Urteil des Bundesgerichts
9C_808/2015 vom 29. Februar 2016 E. 3.4.2), leichte Tätigkeiten im Tabellenlohn enthalten
sind (Urteil des Bundesgerichts 8C_97/2014 vom 16. Juli 2014 E. 4.2) und wie erwähnt in
einer Verweistätigkeit keine Teilzeitbeschäftigung vorliegt (vgl. Urteil des Bundesgerichts
9C_808/2015 vom 29. Februar 2016 E. 3.3.2). Der eingangs erwähnte Wert von
Fr. 64'380.-- ist noch auf das Jahr 2015 zu indexieren und an die in diesem Jahr über alle
Branchen hinweg betriebsübliche Arbeitszeit von 41.7 Wochenstunden anzupassen,
sodass das Invalideneinkommen dann Fr. 67'297.55 beträgt.
Aus letzterem Wert und dem Valideneinkommen von Fr. 76'193.20 errechnet sich ein
Invaliditätsgrad von 11.7% oder gerundet (BGE 130 V 121 Erw. 3.2, 142 V 178 Erw.
2.5.8.2) 12%, der nicht zum Bezug einer Invalidenrente berechtigt. Die Beschwerde ist
deshalb abzuweisen.
5. 5.1
Nach Art. 69 Abs. 1bis IVG sind Beschwerdeverfahren bei Streitigkeiten um die Bewilligung
oder Verweigerung von Leistungen der Invalidenversicherung kostenpflichtig; Die Kosten
Seite 12
werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom Streitwert in einem zwischen
Fr. 200.-- und Fr. 1'000.-- liegenden Rahmen festgesetzt. Vorliegend erscheint eine Gebühr
von Fr. 800.-- als angemessen, die mit dem vom Beschwerdeführer in gleicher Höhe
einbezahlten Kostenvorschuss zu verrechnen ist.
5.2
Es ist keine Parteientschädigung auszurichten, da der Beschwerdeführer unterliegt (Art. 61
lit. g ATSG e contrario) und da die obsiegende IV-Stelle eine staatliche Einrichtung ist (Ueli
Kieser, ATSG-Kommentar, 3. Auflage, Zürich 2015, Art. 61 N 200).