Decision ID: 9ca5b836-e063-525e-becf-dcfe9f054b05
Year: 2019
Language: de
Court: AR_OG
Chamber: AR_OG_002
Canton: AR
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A. Übersicht
a) Seit dem 1. Juni 2017 leben M_ und S_ getrennt (act. B. 18/2).
b) Am 28. März 2018 kam zwischen den Eheleuten eine Vereinbarung zustande (act.
B 18/2). Diese sieht im Wesentlichen vor, dass die gemeinsame Tochter Y_, geb.
22. April 2015, in der alternierenden elterlichen Obhut der Eltern lebt und der Wohn-
sitz sich bei der Mutter befindet (Ziffer 2). Dabei betreut die Mutter Y_ jeweils von
Sonntag, 9:00 Uhr, bis Donnerstag, 9:00 Uhr, und der Vater jeweils von Donnerstag,
9:00 Uhr, bis Sonntag, 9:00 Uhr (Ziffer 3).
c) Mit Entscheid vom 29. März 2018 genehmigte der Familienrichter des Kreisgerich-
tes Toggenburg die Vereinbarung von M_ und S_ vom 28. März 2018 und
ordnete für Y_ eine Beistandschaft nach Art. 308 Abs. 2 ZGB an. Sodann wurde
per 1. Juni 2017 die Gütertrennung festgelegt (act. B 18/1, S. 11). Die Einsetzung
des Besuchsrechtsbeistandes wurde damit begründet (act. B 18/1, S. 7), dass die
Verhältnisse zwischen den Kindeseltern sehr angespannt sind und eine Kom-
munikation nur per SMS möglich ist. Der Beistand wurde explizit aufgefordert, zwi-
schen den Eltern zu vermitteln und die Übergaben von Y_ zu regeln und zu
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koordinieren. Weiter ergibt sich aus dem Entscheid (act. B 18, S. 4 ff.), dass
lediglich die Obhut geregelt, die gemeinsame elterliche Sorge aber beibehalten wird.
d) Mit Beschluss der KESB Toggenburg vom 24. April 2018 wurde E_ als Beistand
eingesetzt (act. B 18/3).
e) Am 28. Mai 2018 ging bei der Staatsanwaltschaft Appenzell Ausserrhoden eine
Strafanzeige der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Toggenburg (nachfol-
gend KESB Toggenburg) ein. Diese brachte darin zur Kenntnis, dass M_ im
Kontext des familienrechtlichen Verfahrens und der Errichtung der Besuchs-
rechtsbeistandschaft den Verdacht äusserte, dass ihr getrennt lebender Ehemann,
S_, sexuelle Handlungen an der gemeinsamen, damals gerade drei Jahre alt
gewordenen Tochter, Y_, vorgenommen habe (act. B 2, S. 2 und B 33/1.1).
f) Mit Beschluss vom 26. Juni 2018 ordnete die KESB Toggenburg für Y_ eine
Beistandschaft nach Art. 306 Abs. 2 ZGB an und betraute damit RAin lic. iur A_
(act. B 33/1.5).
g) Im Rahmen des in der Folge eröffneten Strafverfahrens wurde in einem ersten
Schritt die Aussagetüchtigkeit von Y_ gutachterlich abgeklärt. Dr. rer. nat. B_
vom KJPD St. Gallen kam im Gutachten vom 9. Juli 2018 zum Schluss, dass die
damals 3 Jahre und 2 Monate alte Y_ aufgrund entwicklungspsychologischer
Aspekte, namentlich der sprachlichen Entwicklung und der Entwicklung des
Gedächtnisses nicht aussagetüchtig sei resp. keine für ein Strafverfahren zu
verwendenden Aussagen machen könne. Parallel dazu erfolgten Abklärungen beim
Hausarzt, Dr. med. K_, bezüglich der festgestellten Rötungen. Diese Ermittlungen
ergaben, dass Y_ am 24. April 2018 wegen einer Windeldermatitis in Behandlung
war, die jedoch nicht mit sexuellen Handlungen im Zusammenhange stand. Der
Kindsvater, S_, wies die ihm gegenüber erhobenen Anschuldigungen vehement
von sich (act. B 2, S. 2 f., act. B 33/A1.7, act. B 33/B2.2, S. 9).
h) Die Vollmacht von RA lic. iur. T_ datiert vom 31. Juli 2019. Darin wird er
ermächtigt, die Interessen von M_ und Y_ betreffend Einstellungsverfügung der
Staatsanwaltschaft vom 20. März 2019 betreffend sexuelle Handlungen mit Kindern
nach Recht und Billigkeit zu wahren (act. B 18/4).
i) Mit Verfügung vom 22. März 2019 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren
gegen S_ in Anwendung von Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO ein (U 18 516, act. B 2,
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Ziffer 1). Der Verteidiger des Beschuldigten, Fürsprecher L_, wurde mit CHF
1‘259.85 entschädigt (Ziffer 2), die Rechtsvertreterin der Privatklägerin RAin lic. iur.
A_, mit CHF 1‘571.40 (Ziffer 3). Die Untersuchungskosten wurden dem Staat
auferlegt (Ziffer 4).
Der Begründung der Einstellungsverfügung kann im Wesentlichen entnommen wer-
den, insgesamt habe sich der Verdacht auf sexuelle Handlungen nicht erhärtet bzw.
es lasse sich der Anzeigeverdacht nach den vorgenommenen Ermittlungen durch
das vorliegende Beweisergebnis nicht bestätigen. Fehlende Beweisergebnisse wür-
den damit eine andere Verfahrenserledigung verunmöglichen bzw. es erscheine
beim vorliegenden Beweisergebnis bei einer Anklageerhebung ein Freispruch deut-
lich wahrscheinlicher als eine Verurteilung. Das Verfahren sei deshalb mangels
Nachweis einer strafbaren Handlung gemäss Art. 319 Abs. 1 lit. a StPO einzustel-
len.
B. Prozessgeschichte
a) Gegen die Einstellungsverfügung liess M_ durch ihren Rechtsvertreter mit
Eingabe vom 1. April 2019 Beschwerde beim Obergericht erheben und die eingangs
erwähnten Anträge stellen (act. B 1). Am 9. April 2019 ging die Beschwerdeergän-
zung von RA lic. iur. T_ vom 5. April 2019 beim Obergericht ein (act. B 5).
b) Mit Verfügung der Verfahrensleitung vom 5. April 2019 wurde der Beschwerdeführe-
rin mitgeteilt, dass starke Zweifel an ihrer Rechtsmittellegitimation bestehen würden,
so dass ein Nichteintretensentscheid in Betracht gezogen werde (act. B 4). Dazu
nahm RA lic. iur. T_ innert mehrfach erstreckter Frist mit Eingabe vom 31. Juli
2019 Stellung und reichte eine Vollmacht betreffend die Interessenwahrung von
Y_ und M_ ein. Zudem stellte er sich auf den Standpunkt, dass M_ als
Mutter von Y_ die Befugnis zustehe, einen anwaltlichen Vertreter für die Tochter
einzusetzen. Eine Interessenkollision liege nicht vor, weil sowohl Y_ als auch ihre
Mutter ein schützenswertes Interesse daran hätten, dass das Strafverfahren
betreffend sexuellen Missbrauch von Y_ nicht eingestellt werde.
c) Die KESB Toggenburg äusserte in der Eingabe vom 8. April 2019 die Meinung, die
Kindsmutter sei nicht zur Beschwerde legitimiert und verwies auf die Einsetzung der
Prozessbeiständin (act. B 6).
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d) Am 9. August 2019 erklärte Fürsprecher L_ (act. B 20), der Beschwerdegegner
teile die Ansicht der KESB Toggenburg, dass auf diesem Weg keine Legitimation
erworben werden könne. Explizite Anträge würden nicht gestellt (act. B 20).
e) Die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft datiert vom 13. August 2019 (act. B 22).
f) Die Beschwerdeführerin liess sich am 24. September 2019 im Rahmen des Replik-
rechts nochmals vernehmen (act. B 30).
g) Mit Verfügung der Verfahrensleitung vom 26. September 2019 wurde den Parteien
die voraussichtliche Besetzung des Gerichts bekanntgegeben und mitgeteilt, dass
das Verfahren an der Sitzung vom 12. November 2019 aufgrund der Akten beraten
werde (act. B 31).
h) Am 26. August 2019 bzw. 12. November 2019 gingen die Kostennoten der Parteien
ein (act. B 27 und B 34).
Auf die Ausführungen in den vorstehend aufgeführten Eingaben kann verwiesen werden;
soweit für die Beurteilung der Beschwerde erforderlich, ist darauf im Rahmen der nachfol-
genden Erwägungen einzugehen.
C. Beschluss des Obergerichts
Das Obergericht führte seine Beratung am 12. November 2019 durch und eröffnete
seinen Beschluss anschliessend im Dispositiv (act. B 35).
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Erwägungen
1. Formelles
1.1 Nach Art. 26 des Justizgesetzes (JG, bGS 145.31) ist im Kanton Appenzell Ausserrhoden
das Obergericht Berufungs- und Beschwerdeinstanz in der allgemeinen Strafrechtspflege,
unter Vorbehalt der Befugnisse des Einzelrichters (letztere beschränken sich laut Art. 27
JG auf den Bereich des Zwangsmassnahmerechts). Zuständig ist vorliegend somit eine
Abteilung des Obergerichts bzw. ein Kollegialgericht. Das Gesamtgericht hat strafrechtli-
che Beschwerdefälle der 2. Abteilung zur Beurteilung zugewiesen (publiziert etwa im
Staatskalender Appenzell Ausserrhoden für das Amtsjahr 2018/2019, Stand 1. Juli 2018,
S. 83), weshalb diese zur Beurteilung der Beschwerde zuständig ist.
1.2 Gegen Verfügungen und Verfahrenshandlungen der Staatsanwaltschaft ist die
Beschwerde gegeben (Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO). Eine Einstellungsverfügung der
Staatsanwaltschaft stellt eine solche Verfahrenshandlung dar (Art. 393 Abs. 1 lit. a in Ver-
bindung mit Art. 322 Abs. 2 StPO; PATRICK GUIDON, Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl.
2014, N. 10 zu Art. 393 StPO; ANDREAS J. KELLER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.],
Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 16 zu Art. 393
StPO). Ausschlussgründe nach Art. 394 StPO liegen keine vor.
1.3 Die Beschwerde gegen schriftlich oder mündlich eröffnete Entscheide ist innert 10 Tagen
schriftlich und begründet bei der Beschwerdeinstanz einzureichen (Art. 396 Abs. 1 StPO).
Vorliegend hat der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin die Einstellungsverfügung der
Staatsanwaltschaft gemäss seinen Angaben (act. B 1, S. 2) am 26. März 2019 von der
Prozessbeiständin von Y_ erhalten. Mit der Erhebung der Beschwerde am 1. April 2019
wurde die Beschwerdefrist gemäss Art. 396 Abs. 1 StPO gewahrt.
1.4. Mit der Beschwerde können Rechtsverletzungen, einschliesslich Überschreitung und
Missbrauch des Ermessens, Rechtsverweigerung und Rechtsverzögerung (lit. a); die
unvollständige oder unrichtige Feststellung des Sachverhalts (lit. b); Unangemessenheit
(lit. c) gerügt werden (Art. 393 Abs. 2 StPO). Die Beschwerde wird in einem schriftlichen
Verfahren behandelt (Art. 397 Abs. 1 StPO). Gegen Entscheide der kantonalen
Beschwerdeinstanz ist die Strafrechtsbeschwerde ans Bundesgericht gegeben
(SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar schweizerische Strafprozessordnung, 3. Aufl. 2018,
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N. 8 zu Art. 322 StPO; GRÄDEL/HEINIGER, Basler Kommentar, StPO, 2. Auf. 2014, N. 7 zu
Art. 322 StPO).
Grundsätzlich ist die Ergänzung einer Beschwerde nicht zulässig, da Lehre und Praxis
eine nachträgliche Ergänzung, Vervollständigung oder Korrektur als nicht zulässig erach-
ten (PATRICK GUIDON, a.a.O., N. 9e zu Art. 396 StPO mit weiteren Hinweisen; ANDREAS J.
KELLER, a.a.O., N. 15 zu Art. 396 StPO). Hier reichte RA lic. iur. T_ die
Beschwerdeergänzung vom 5. April 2019 (act. B 5) allerdings während der noch laufen-
den Rechtsmittelfrist ein, was nicht zu beanstanden ist.
1.5 In der Eingabe vom 24. September 2019 verlangt RA lic. iur. T_ sowohl für Y_ als
Opfer als auch für ihre Mutter als stark betroffene, nahe Angehörige je eine Genugtuung.
Die Entschädigungsforderung von Y_ wird auf CHF 50‘000.00 und diejenige für M_
auf CHF 15‘000.00 beziffert (act. B 30).
Nach der Lehre (PATRICK GUIDON, a.a.O., N. 9e zu Art. 396 StPO; ANDREAS J. KELLER,
a.a.O., N. 15 zu Art. 396 StPO) ist eine nachträgliche Ergänzung der Beschwerde nicht
möglich. Ebenso wenig kann diese auf Gegenstände ausgeweitet werden, welche in der
angefochtenen Verfügung nicht behandelt wurden (PATRICK GUIDON, a.a.O., N. 9b zu Art.
396 StPO mit weiteren Hinweisen).
Die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 20. März 2019 äussert sich sowohl
im Dispositiv als auch in den Erwägungen einzig zum Strafverfahren gegen S_, zu den
Entschädigungen an den Beschuldigten und die Privatklägerin sowie die
Untersuchungskosten (act. B 2). Von Genugtuungsforderungen war im Verfahren Nr. U 18
516 hingegen nie die Rede (solche wurden auch von RA lic. iur. T_ nicht gestellt). Nach
dem soeben Gesagten darf das beschliessende Gericht daher einzig die in der ange-
fochtenen Verfügung behandelten Punkte überprüfen und eine Ausweitung der
Beschwerde auf weitere Themen, wie zum Beispiel die Genugtuungsforderungen, ist nicht
zulässig. Diese Ansprüche, welche erst im Laufe des Beschwerdeverfahrens gestellt wur-
den (act. B 30), können somit nicht behandelt werden.
1.6 Speziell zu prüfen ist, ob M_ zur Einreichung einer Beschwerde für ihre Tochter Y_
befugt, d.h. legitimiert, ist.
1.6.1 RA lic. iur. T_ bringt vor (act. B 1), die betroffene Beschwerdeführerin sei als Mutter
und gesetzliche Vertreterin von Y_ zweifellos beschwerdelegitimiert. Dass Y_ auch
durch eine von der KESB eingesetzte Kinderanwältin vor der Staatsanwaltschaft vertreten
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worden sei, könne daran nichts ändern. Sowohl die Kinderanwältin als auch die Mutter
könnten unabhängig voneinander Y_ betreffende Angelegenheiten je mit Beschwerde
anfechten. Er sei gehörig bevollmächtigt; die Vollmacht dürfte sich in den Akten der
Beschwerdegegnerin befinden, weshalb deren Beizug beantragt werde.
Mit Eingabe vom 31. Juli 2019 liess die Beschwerdeführerin ergänzen (act. B 17), kraft
ihrer elterlichen Sorge könnten Eltern stets für ihre Kinder prozessieren, selbst wenn sie
nicht obhutsberechtigt seien und auch wenn die Kinder zudem über eine staatlicherseits
eingesetzte Kindesvertretung nach Art. 314a bis
ZGB verfügten. Die Kindesvertretung nach
Art. 314a bis
ZGB solle eine zusätzliche Stärkung der Kinderposition gewährleisten und
nicht den Ausschluss des Kindesvertretungsrechts der Eltern. Einzig wenn die elterliche
Sorge für die Kinder rechtskräftig entzogen wäre, hätten die Eltern wohl nicht mehr das
Recht, für ihre Kinder kraft ihrer gesetzlichen Sorge zu prozessieren. Das verfassungs-
mässige (Art. 13 BV i.V.m. Art. 29 und 30 BV) und auch durch Art. 8 i.V.m Art. 6 Ziff. 1
EMRK geschützte Grundrecht, für sich und die eigenen minderjährigen Kinder zu prozes-
sieren, könne weder durch den andern Elternteil noch durch irgendeine Behörde
beschränkt werden (vgl. BGE 136 III 365). Die Eltern seien nämlich nicht nur berechtigt,
sondern verpflichtet, umfassend für das Wohl ihrer Kinder zu sorgen. Dazu gehöre, wenn
nötig, auch das Einlegen von Rechtsmitteln. Soweit das neue Kindesschutzrecht oder die
StPO versuchen sollten, dieses Grundrecht einzuschränken, sei ihm die Anwendung
gestützt auf die Art. 8 i.v.m. Art. 6 Ziff. 1 EMRK und 13 i.V.m Art. 29 und 30 BV zu ver-
sagen. Es bestehe ein grundrechtlicher Anspruch auf das materielle Behandeln der
Beschwerde und das Nichteintreten wegen fehlender Legitimation wäre demnach nichts
anderes als eine verfassungs- und völkerrechtlich verbotene Rechtsverweigerung.
Eine Interessenkollision liege lediglich zwischen S_ und Y_, nicht aber zwischen
M_ und Y_ vor (act. B 30). Aufgrund der offensichtlichen Interessenkollision
zwischen dem Kindsvater und Y_ sei die Prozessbeiständin A_ eingesetzt worden,
damit die Kindesinteressen - zusätzlich und unabhängig von der Kindsmutter - sicher
hinreichend vertreten würden. Die Vertretung durch RAin Angehrn schliesse die
Vertretung durch die Kindsmutter nicht aus. Dafür bestehe zum einen keine gesetzliche
Grundlage und zum andern auch kein Interessenkonflikt. M_ habe bei sexuellem
Missbrauch ihres Kindes einen eigenen Genugtuungsanspruch und deshalb komme ihr
auch selbst Parteistellung im Sinne von Art. 105 Abs. 2 StPO zu. Der angeblich
einschlägige Beschluss des Obergerichts (O2S 18 15) sei nicht in Rechtskraft erwachsen.
1.6.2 Gemäss dem Beschwerdegegner (act. B 20), der Staatsanwaltschaft (act. B 22) und der
KESB Toggenburg (act. B 6), ist die Beschwerdeführerin zur Beschwerdeführung nicht
legitimiert.
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1.6.3 Nach Art. 322 Abs. 2 und Art. 382 Abs. 1 StPO kann jede Partei, die ein rechtlich
geschütztes Interesse an der Aufhebung oder Änderung eines Entscheides hat, ein
Rechtsmittel ergreifen und somit auch eine Einstellungsverfügung anfechten. Der
Rechtsmittelkläger muss selbst und unmittelbar in seinen Interessen tangiert sein
(SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., N. 2 zu Art. 382 StPO). Partei im Strafverfahren ist nebst der
beschuldigten Person auch die Privatklägerschaft (Art. 104 Abs. 1 lit. b StPO). Als Privat-
klägerschaft gilt die geschädigte Person, die ausdrücklich erklärt, sich am Strafverfahren
als Straf- oder Zivilklägerin zu beteiligen (Art. 118 Abs. 1 StPO). Privatklägerschaft setzt
somit Geschädigteneigenschaft gemäss Art. 115 StPO voraus. Als geschädigte Person
gilt die Person, die durch die Straftat in ihren Rechten unmittelbar verletzt worden ist (Art.
115 Abs. 1 StPO) oder die zur Stellung eines Strafantrags berechtigte Person (Art. 115
Abs. 2 StPO). Blosse Strafanzeiger, die selber durch die angezeigte Straftat in ihren
Rechten nicht unmittelbar verletzt wurden, haben keine Parteistellung und können nicht
Privatkläger im Sinne von Art. 118 Abs. 1 i.V.m. Art. 115 Abs. 1 StPO sein (Urteil des
Bundesgerichts 6B_1205/2016 vom 16. November 2016 E. 3). Indessen ist die Anzeige-
erstatterin gestützt auf Art. 105 Abs. 1 lit. b StPO Verfahrensbeteiligte. Wird eine Verfah-
rensbeteiligte in ihren Rechten unmittelbar betroffen, so stehen ihr die zur Wahrung ihrer
Interessen erforderlichen Verfahrensrechte einer Partei zu (Art. 105 Abs. 2 StPO). Die
Strafverfolgungsbehörde teilt der anzeigenden Person auf deren Anfrage mit, ob ein
Strafverfahren eingeleitet und wie es erledigt wird. Jedoch stehen der Anzeigeerstatterin,
die weder geschädigt noch Privatklägerin ist, keine weitergehenden Verfahrensrechte zu
(Art. 301 Abs. 2 und 3 StPO).
Sind die Eltern am Handeln verhindert oder haben sie in einer Angelegenheit Interessen,
die denen des Kindes widersprechen, so ernennt die Kindesschutzbehörde einen Bei-
stand oder regelt diese Angelegenheit selber (Art. 306 Abs. 2 ZGB). Bei Interessenkolli-
sionen entfallen von Gesetzes wegen alle Befugnisse der Eltern in der entsprechenden
Angelegenheit (Art. 306 Abs. 3 ZGB).
1.6.4 M_ lässt die Beschwerde zwar im Namen ihrer Tochter Y_ erheben (act. B 1), jedoch
lässt sich ihrer Eingabe vom 24. September 2019 (act. B 30) entnehmen, dass sie sich
durch die Einstellungsverfügung auch in ihren eigenen Interessen als unmittelbar verletzt
erachtet. Diese beiden Konstellationen gilt es im Folgenden auseinanderzuhalten.
Seite 10
Parteistellung von M_
Die geschädigte Person, die sich (noch) nicht als Privatklägerschaft konstituiert hat, nimmt
grundsätzlich keine Parteistellung ein, sondern gehört zu den andern Verfahrensbeteilig-
ten (Art. 105 Abs. 1 lit. a StPO). Welche Verfahrensrechte ihr als solche nach Art. 105
Abs. 2 StPO zustehen, entscheidet sich von Fall zu Fall, zum Beispiel bezüglich Akten-
einsicht (VIKTOR LIEBER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kommentar zur Schwei-
zerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 8 ff. zu Art. 115 StPO). In den Fällen von
Art. 187/188 StGB gilt als geschädigte Person - eine konkrete Gefährdung vorausgesetzt -
nur der Unmündige, nicht hingegen die Inhaber der elterlichen Sorge, der Vormund oder
die Vormundschaftsbehörde. Diese gelten aber als indirekte Opfer, sofern sie vom
Anwendungsbereich von Art. 116 Abs. 2 StPO erfasst werden und haben als solche das
selbständige Recht, sich als Privatklägerschaft zu konstituieren und eigene aus der
Straftat abgeleitete Zivilansprüche zu erheben. Machen die Angehörigen des Opfers
Zivilansprüche geltend, so stehen ihnen die gleichen Rechte zu wie dem Opfer (Art. 117
Abs. 3 StPO). Hierfür genügt es nicht, dass der Angehörige frei erfundene Zivilforderun-
gen ohne jede Grundlage einbringt. Die Zivilansprüche müssen mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit begründet sein. Ein strikter Nachweis ist nicht erforderlich, da dies
gerade Gegenstand des Prozesses ist (BGE 139 IV 89 E. 2.2; 137 IV 219 E. 2.4; OGer
ZH, III. Strafkammer, vom 15.2.2013 E. 3, UE120225-O/U/PRI; MAZZUCCHELLI/POSTIZZI,
Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 11 und 49 zu Art. 115 StPO und N. 6 zu Art.
117 StPO).
Im Strafverfahren standen sich Y_ als Privatklägerin, vertreten durch RAin lic. iur. A_,
und der Kindsvater S_ gegenüber. Bei sexuellen Handlungen gegenüber Kindern im
Sinne von Art. 187 StGB handelt es sich um ein Offizialdelikt. Als Anzeigerin hat die
Kindsmutter, M_, keine Parteistellung. Sie ist auch nicht Privatklägerin, da sie gemäss
den Akten des Untersuchungsverfahrens keine Zivil- oder Strafklage im Sinne von Art.
118 StPO erhoben hat (act. B 33). Dies hätte sie bis zum Abschluss der Voruntersuchung
tun müssen (Art. 118 Abs. 3 StPO). Erst RA lic. iur. T_ erhebt im vorliegenden
Beschwerdeverfahren gegen die Einstellungsverfügung im Namen von M_ eine
Genugtuungsforderung in Höhe von CHF 15‘000.00 (act. B 30, S. 3), ohne diese
allerdings in irgendeiner Art und Weise zu substantiieren. Inwiefern die Voraussetzungen
der geltend gemachten haftpflichtrechtlichen Normen erfüllt sind (vgl. Art. 47 und 49 OR),
wird mit keinem Wort dargetan. Weil die bundesgerichtliche Rechtsprechung
Genugtuungsansprüche von Angehörigen nur bei „ausserordentlich gravierenden“
Übergriffen auf ihre Nächsten bejaht (Urteil Bundesgericht 6B_588/2007 vom 11. April
2008 E. 1.2.4 mit Hinweisen), sind die Tatbestandsvoraussetzungen von Art. 117 Abs. 3
Seite 11
StPO nicht gegeben und M_ kommt keine Beschwerdelegitimation als
Opferangehörige nach Art. 117 Abs. 3 StPO zu.
Vertretung von Y_ durch M_
Grundsätzlich steht die Legitimation auch gesetzlichen Vertretern der Parteien zu
(SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., N. 4 zu Art. 382 StPO). Es bleibt deshalb zu prüfen, ob die
Beschwerdeführerin im vorliegenden Rechtsmittelverfahren allenfalls als gesetzliche Ver-
treterin ihrer Tochter beschwerdelegitimiert ist. Y_ ist gut 4 Jahre alt und daher nicht
handlungsfähig, weshalb sie im Strafverfahren grundsätzlich durch ihre gesetzliche Ver-
tretung vertreten wird (Art. 106 Abs. 2 StPO). Y_ steht unter der gemeinsamen Sorge
ihrer Eltern (Art. 296 Abs. 2 ZGB), wobei die elterliche Sorge dem Kindeswohl zu dienen
hat (Art. 296 Abs. 1 ZGB). Die Eltern haben von Gesetzes wegen die Vertretung des Kin-
des gegenüber Drittpersonen im Umfang der ihnen zustehenden elterlichen Sorge (Art.
304 Abs. 1 ZGB). Gemeinsame elterliche Sorge bedeutet nach dem ausdrücklich erklär-
ten Willen des Gesetzgebers, dass die Eltern alles, was das Kind betrifft, im Prinzip
gemeinsam regeln. Dies gilt insbesondere für wichtige rechtliche Vorkehren wie bspw. die
Anhebung oder die Führung eines Prozesses. Bei Interessenkollision entfallen von
Gesetzes wegen die Befugnisse der Eltern in der entsprechenden Angelegenheit (Art. 306
Abs. 3 ZGB). Haben die Eltern in einer Angelegenheit Interessen, die denen des Kindes
widersprechen, so ernennt die Kindesschutzbehörde einen Beistand oder regelt diese
Angelegenheit selber (Art. 306 Abs. 2 ZGB; Urteil des Kantonsgerichts Luzern 2N 17 118
vom 22. Dezember 2017 E. 2.3.1; Beschluss des Obergerichts des Kantons Zürich
UE120225-O/U/PRI vom 15. Februar 2013 E. II. 2).
Die Eltern haben, wie erwähnt, für Y_ das gemeinsame Sorgerecht inne. Die Kindsmut-
ter hat gegen den Kindsvater Anzeige wegen angeblicher sexueller Handlungen zum
Nachteil von Y_ eingereicht. In der Rechtsprechung (BGE 139 IV 89 E. 2.2; 137 IV 219
E. 2.4; OGer ZH vom 15.2.2013 E. 3, UE120225-O/U/PRI) wird davon ausgegangen,
dass bei strafrechtlichen Verfahren innerhalb der Familie (insbesondere bei einer
Anzeige/einem Strafantrag eines Elternteils gegen den andern betreffend sexuellen Über-
griffen oder Tätlichkeiten gegenüber einem gemeinsamen Kind) eine Interessenkollision
besteht. Bereits bei einer abstrakten Interessenkollsision entfallen von Gesetzes wegen
die Befugnisse der Eltern in der entsprechenden Angelegenheit (Art. 306 Abs. 3 ZGB).
Hier ist die Interessenkollision nicht nur abstrakt, sondern ganz konkret, da die Eltern von
Y_ eine sehr konfliktbeladene Beziehung haben: Im Strafverfahren sprach die Kinds-
mutter von tiefem Hass gegenüber dem Kindsvater (act. B 33/B2.1, S. 4) und die Betreu-
ungsregelung ist nach gegenseitigen Gefährdungsmeldungen (act. B 33/A1.1, Beilage 4
zu act. B 33/B1.1) nach wie vor umstritten (entgegen der zunächst einvernehmlichen Ver-
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einbarung, welche eine geteilte Obhut vorsah, wurde Y_ nach Eingang der
Strafanzeige gegen ihren Vater unter die alleinige Obhut der Mutter gestellt und diesem
ein begleitetes Besuchsrecht eingeräumt, act. B 33/B1.5). Seitens der
anzeigeerstattenden Mutter kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie mit Blick auf die
strittige Ausgestaltung des Besuchsrechts für den Vater eigene Interessen verfolgt. Und
der angezeigte Vater ist wohl kaum mit der Beschwerde seines Kindes gegen seine
eigene Person einverstanden. Diese Konstellation führt gestützt auf Art. 306 Abs. 3 ZGB
automatisch zum gesetzlichen Ausschluss der Vertretungsmacht der Eltern im
Strafverfahren gegen S_. Die zuständige Kindesschutzbehörde (KESB Toggenburg)
hat daher zu Recht im Sinne des Kindesschutzes RAin lic. iur. A_ als Rechtsvertreterin
für Y_ im Strafverfahren gegen ihren Vater eingesetzt. Y_ wird folglich in diesem
Verfahren ausschliesslich durch RAin lic. iur. A_ vertreten. Der Mutter kommt im
Beschwerdeverfahren keine Legitimation zur prozessualen Vertretung von Y_ zu,
weshalb sie hinzunehmen hat, dass RAin lic. iur. A_ auf die Ergreifung eines
Rechtsmittels gegen die Einstellungsverfügung verzichtet hat.
Der Vollständigkeit halber ist anzumerken, dass Grundlage für die Prozessbeistandschaft
von RAin lic. iur. A_ nicht Art. 314a bis
ZGB ist, wie RA lic. iur. T_ meint (act. B 17),
sondern Art. 306 Abs. 3 ZGB. Nach Art. 306 Abs. 3 ZGB gibt es keine parallele Vertretung
des Kindes durch einen Elternteil und einen Prozessbeistand, da die Vertretungsbefugnis
des Elternteils bei einer Interessenkollision von Gesetzes wegen entfällt (Urteil des
Kantonsgerichts Luzern, 1. Abteilung, vom 22. Dezember 2017 E. 2.3.1, 2N 17 118).
Gegenüber der spezialgesetzlichen Regelung in Art. 306 Abs. 3 ZGB haben die von RA
lic. iur. T_ angeführten allgemeinen Rechtsgrundsätze der BV und der EMRK sodann
keine Bedeutung.
1.6.5 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass M_ RA lic. iur. T_ keine Vollmacht zur
Vertretung ihrer Tochter erteilen konnte. Die KESB Toggenburg hat die Rechte von Y_
mit Einsetzung der Prozessbeiständin RAin lic. iur. A_ vorgängig bereits ausreichend
gewahrt. Diese hat im Strafverfahren denn auch Straf- und Zivilklage für Y_ erhoben
und deren Rechte als Opfer geltend gemacht (act. B 33/B3.1 und B 33/B3.2). Aus
eigenem Recht, d.h. als Angehörige eines Opfers, kommt M_ keine
Beschwerdelegitimation zu, da sie ihren angeblichen Anspruch auf eine Genugtuung in
keiner Weise substantiiert, d.h. plausibel gemacht, hat.
Auf die Beschwerde ist deshalb nicht einzutreten.
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2. Kosten
2.1 Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Rechtsverbeiständung
Mit der Erhebung der Beschwerde hat RA lic. iur. T_ für M_ die Gewährung der
unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung beantragt (Verfahren ERS 19 3).
Oben (E. 1.6.4) wurde dargelegt, dass M_ zur Erhebung einer Beschwerde gegen die
Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft vom 20. März 2019 nicht legitimiert ist. Das
Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und Rechtsverbeiständung ist
demzufolge wegen Aussichtslosigkeit abzuweisen (Art. 136 Abs. 1 lit. b StPO).
Die gänzliche oder teilweise Verweigerung der unentgeltlichen Rechtspflege durch die
letzte kantonale gerichtliche Instanz kann mit Beschwerde in Strafsachen beim Bundes-
gericht angefochten werden (MAZZUCCHELLI/POSTIZZI, a.a.O., N. 21 zu Art. 136 StPO;
VIKTOR LIEBER, a.a.O., N. 13 zu Art. 136 StPO).
2.2 Verfahrenskosten
Art. 428 StPO regelt die Kostentragungspflicht im Rechtsmittelverfahren. Gemäss dessen
Abs. 1 tragen die Parteien die Kosten des Rechtsmittelverfahrens nach Massgabe ihres
Obsiegens oder Unterliegens. Als unterliegend gilt auch die Partei, auf deren Rechtsmittel
nicht eingetreten wird. Sodann können auch die weiteren Verfahrensbeteiligten gemäss
Art. 105 StPO im Rechtsmittelverfahren kostenpflichtig werden. Im Hinblick auf Art. 428
Abs. 1 Satz 2 StPO können namentlich nicht legitimierte Rechtsmitteleinleger kosten-
pflichtig werden (THOMAS DOMEISEN, in: Basler Kommentar, StPO, 2. Aufl. 2014, N. 4 zu
Art. 428 StPO).
Auf die Beschwerde von M_ wird mangels Legitimation nicht eingetreten und sie
unterliegt somit vollumfänglich. Demzufolge sind ihr die Verfahrenskosten, bestehend aus
einer Gebühr von CHF 400.00 (Art. 29 Abs. 1 lit. a Gebührenordnung, bGS 233.3), auf-
zuerlegen.
2.3 Entschädigungen
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Art. 436 Abs. 1 StPO hält fest, dass sich Ansprüche auf Entschädigung und Genugtuung
im Rechtsmittelverfahren nach den Art. 429-434 StPO richten. Dazu ist festzuhalten, dass
den Art. 426-434 StPO keine Bestimmung im Sinne von Art. 428 Abs. 1 StPO zu entneh-
men ist, wonach sich der Anspruch auf Entschädigung nach Massgabe des Obsiegens
oder Unterliegens richtet, Das muss jedoch - wie bei der Kostenauflage - auch hier gelten
(SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., N. 1 zu Art. 436 StPO; WEHRENBERG/FRANK, Basler Kommen-
tar, StPO, 2. Auf. 2014, N. 6 zu Art. 436 StPO).
Die Privatklägerschaft hat ihre Entschädigungsforderung bei der Strafbehörde zu beantra-
gen, zu beziffern und zu belegen. Kommt sie dieser Pflicht nicht nach, so tritt die Strafbe-
hörde auf den Antrag nicht ein (Art. 433 Abs. 2 StPO; SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., N. 9 f. zu
Art. 433 StPO; WEHRENBERG/FRANK, a.a.O., N. 22 zu Art. 433 StPO).
Der Rechtsvertreter der Beschwerdeführerin hat trotz Aufforderung durch das Obergericht
(act. B 23) (zunächst) keine Kostennote eingereicht. Diese hat er erst am 12. November
2019 um 15.00 Uhr persönlich überbracht (act. B 34), als das Obergericht das Verfahren
bereits beraten hatte. Ob die Einreichung der Kostennote am 12. November 2019 ver-
spätet war oder nicht, spielt allerdings keine Rolle, da der unterliegenden Beschwerdefüh-
rerin von Vorneherein keine Entschädigung zusteht (SCHMID/JOSITSCH, Praxiskommentar,
N. 4 zu Art. 433 StPO; YVONA GRIESSER, in: Donatsch/Hansjakob/Lieber [Hrsg.], Kom-
mentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 1 zu Art. 433 StPO).
Der Beschwerdegegner hat im Beschwerdeverfahren, in welchem ausschliesslich formelle
Fragen im Zusammenhang mit Offizialdelikten zu beurteilen waren, obsiegt, weshalb er
gestützt auf Art. 436 Abs. 1 i.V.m. Art. 429 Abs. 1 StPO Anspruch auf eine angemessene
Entschädigung hat. Fürsprecher L_ macht eine Entschädigung von CHF 538.50 geltend
(act. B 27). Diese ist tarifkonform (Art. 18 Abs. 1 lit. b Anwaltstarif, bGS 145.53).
Im Entscheid 141 IV 476 (= Pra. 105 [2016] Nr. 41 E. 1.2; vgl. auch forumpoenale 3/2016,
S. 160 ff.) hat das Bundesgericht in einem Fall, in dem der Privatkläger Beschwerde
gegen eine Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft erhoben hat, die Entschädigung
des Beschuldigten resp. Beschwerdegegners nicht dem Beschwerdeführer, sondern dem
Staat auferlegt. Dies mit der Begründung, dass der Fall nie einem erstinstanzlichen
Gericht unterbreitet worden sei und die Verantwortung für die Strafklage grundsätzlich
dem Staat obliege. Ausnahmen von diesem Grundsatz müssten restriktiv gehandhabt
werden und es rechtfertige sich nicht, sie auch auf den Fall der von der Privatklägerschaft
gegen eine Einstellungsverfügung erhobenen Beschwerde auszudehnen. Demgegenüber
hat das Obergericht des Kantons Thurgau am 26. Januar 2017 erwogen (publiziert in
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RBOG TG 2017 Nr. 32), vorliegend habe allein der Privatkläger Beschwerde gegen die
Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft erhoben; nach dem Verursacherprinzip
seien ihm bei Unterliegen die Parteikosten des Beschwerdegegners aufzuerlegen. Anders
zu entscheiden hiesse, den Privatkläger im Beschwerdeverfahren weitestgehend zu pri-
vilegieren, weil er für den Fall des Unterliegens (nur) im Rahmen der vergleichsweise
bescheidenen Verfahrensgebühr überhaupt ein Prozessrisiko trüge. Diese Sichtweise hat
das Bundesgericht mit Entscheid vom 17. März 2017 übernommen und die gegen den
Beschluss des Obergerichts erhobene Beschwerde in Strafsachen abgewiesen (Urteil
Bundesgericht 6B_273/2017 E. 2). Die in den Entscheiden vom 26. Januar 2017 resp.
17. März 2017 vertretene Auffassung, welche das Verursacherprinzip in den Vordergrund
stellt, überzeugt das beschliessende Gericht. Umso mehr als das spätere Urteil von drei
Bundesrichtern gefällt wurde, welche auch Einsitz im 5-er Gremium hatten, von dem der
frühere Entscheid stammt. Daraus kann geschlossen werden, dass sie ihre vormalige
Meinung revidiert haben.
Entsprechend ist die Beschwerdeführerin zu verpflichten, den Beschwerdegegner für die
Kosten seiner Vertretung im Beschwerdeverfahren mit CHF 538.50 (inkl. Barauslagen und
MWSt) zu entschädigen.
Der Staat resp. die Staatsanwaltschaft hat bei Obsiegen keinen Anspruch auf Entschädi-
gung (SCHMID/JOSITSCH, a.a.O., N. 2 zu Art. 423 StPO).
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