Decision ID: 4fd34253-9497-42eb-bd6b-0c15e88f59ce
Year: 2022
Language: de
Court: SG_VSG
Chamber: SG_VSG_001
Canton: SG
Region: Eastern_Switzerland
Law Area: 

Sachverhalt
A.
A._ meldete sich am 13. August 2018 (IV-act. 2) bei der
Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen zur Früherfassung an. Er
sei seit Oktober 2013 zu 80 % als _ _ tätig. Wegen Schlafstörungen, Stresses und
psychischer/physischer Schwäche sei er seit _. Februar 2018 zu 100 % arbeits
unfähig. - Dr. med. B._, Allgemeine Innere Medizin FMH, hatte der
Krankenversicherung am 19. April 2018 (IV-act. 3) geschrieben, der Versicherte habe
unter der gegenwärtigen Belastungssituation einen erhöhten Muskeltonus im Kiefer-/
Schläfen-Bereich mit entsprechend deletärer Wirkung auf das Gebiss und leide zudem
an der Refluxkrankheit. Es sei Kostengutsprache für eine Zahnbehandlung ([...]) zu
leisten. - In einem Schreiben an den Vertrauensarzt der Pensionskasse des
Versicherten vom 1. Juni 2018 (IV-act. 10) hatte Dr. B._ festgehalten, es bestünden
beim Versicherten eine Schlafstörung, Panikzustände, eine Angststörung bei erlebtem
Mobbing (gemäss Dr. C._), eine Hypertonie, z.T. krisenhaft, ein St. n. TVT sowie
Magenbrennen, intermittierend (PPI zur Kontrolle). - Dr. med. C._, Spezialarzt für
Psychiatrie und Psychotherapie, hatte Dr. B._ am 14. Juni 2018 (IV-act. 4) berichtet,
der sehr intelligente und pflichtbewusste Versicherte stehe seit dem 16. September
2016 - aufgrund einer seelischen Krise infolge einer schon lange dauernden
frustrierenden Situation am Arbeitsplatz - in seiner Behandlung. Zurzeit sei der
Versicherte als _ in einem _ angestellt. In diesem Betrieb seien erstmals
Schwierigkeiten entstanden. Nach einem Versuch, die Situation mit für ihn
verletzendem Verhalten eines Arbeitskollegen durch ein Gespräch zu verbessern, sei
dessen Verhalten noch provozierender geworden. Der Versicherte sei deswegen
A.a.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 3/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
zunehmend depressiv und innerlich angespannt geworden, habe starke Wut verspürt
und sei von negativen Zwangsgedanken geplagt worden, sich oder dem Kollegen
etwas anzutun. Seit Beginn des Jahres sei er stark depressiv und er habe sich sozial
ganz isoliert. Es habe eine starke Selbstwertproblematik vorgelegen und es seien
intensive Konzentrationsschwierigkeiten festzustellen gewesen. Der Zustand habe sich
nicht verbessert. Es liege eine Anpassungsstörung, Angst und depressive Reaktion
gemischt, vor. Der Versicherte könne sich nicht vorstellen, zur Arbeit zurückzugehen,
solange sein Kollege auch dort tätig sei. Bis auf weiteres sei er zu 100 %
arbeitsunfähig. - In einem Protokoll über ein Früherfassungsgespräch vom
6. September 2018 wurde (am 13. September 2018, IV-act. 16) festgehalten, es
bestünden beim Versicherten die Risiken einer Chronifizierung des
Gesundheitszustands und eines Arbeitsplatzverlustes. Er habe erklärt, das Arbeitsklima
habe sich vor etwa zwei Jahren zusehends verschlechtert. Mit dem direkten
Vorgesetzten habe er ein gutes Verhältnis, doch sei die Zusammenarbeit mit den
Arbeitskolleginnen und -kollegen nicht mehr zumutbar. Diese hätten ständig an seinen
Kompetenzen gezweifelt, und obwohl er seit mehr als zwanzig Jahren [...] als _ _
tätig sei, habe er sich immer beweisen und erklären müssen. Er würde gern bei der
gleichen Arbeitgeberin, aber in einer anderen Abteilung arbeiten. Er könne sich auch
eine Arbeit ausserhalb des bestehenden Arbeitsumfelds gut vorstellen, zudem eine
solche in der _ oder einer anderen berufsverwandten Tätigkeit. In den
Neunzigerjahren habe er mit seiner Ehepartnerin eine [... (Unternehmung)] geführt. Sein
Wunschpensum betrage 100 %. Ein Fahrzeug könne er derzeit nicht führen. Das
familiäre Umfeld und der Freundeskreis seien intakt. Seine Aktivitäten seien derzeit
sehr gering. Seine Ehefrau habe berichtet, sie wünsche sich wieder einen Ehemann
statt eines Patienten. Die IV-Eingliederungsberatung hielt fest, es sei dem Versicherten
eine IV-Anmeldung empfohlen worden. Nach einer Terminverschiebung habe der
Versicherte anfänglich einen verwirrten, angespannten und wütenden Eindruck
gemacht, sich aber im Lauf des Gesprächs beruhigt. Bei den Fragen zur
angestammten Tätigkeit habe er zeitweise hilflos, überfordert, wütend und entmutigt
gewirkt.
In der IV-Anmeldung vom 7./10. September 2018 (IV-act. 7; vgl. auch die IV-
Anmeldung vom 4./13. September 2018, IV-act. 13) gab der Versicherte an, 1986 das
A.b.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 4/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Diplom als _ erworben zu haben, Vater von zwei Kindern (199_ und 199_) zu sein und
199_ in die Schweiz gekommen zu sein (seit 201_ sei er verheiratet, IV-act. 7-2 und
13-2; bzw. seit 199_ gemäss Gutachten, IV-act. 78-9). - Beigelegt wurden u.a.
Übersetzungen eines Diploms über die Abschlussprüfung als _ _ von 1980 (IV-
act. 12-14 f.) und eines solchen nach dem Studienabschluss an der _ Fakultät von
198_ (IV-act. 12-12 f.), einer Bescheinigung über eine Tätigkeit von 1986 bis 1989 als
diplomierter _ (IV-act. 12-36) sowie einer Bescheinigung von 1999, wonach er von
1990 bis 1999 in einer _ (auch mit Warenverkehr von Medikamenten) gearbeitet habe
(IV-act. 12-35), ausserdem die schweizerische Anerkennung des Studienabschlusses
_ vom Dezember 200_ (IV-act. 12-11), die Anerkennung des Studienabschlusses _
im November 200_ (IV-act. 12-10), ein Referenzschreiben von 2006 (IV-act. 12-21),
Arbeitsbestätigungen und -zeugnisse von 2008 (IV-act. 12-19 und 20), 2009 (IV-
act. 12-29), 2010 (IV-act. 12-16 und 17 f.) und 2012 (IV-act. 12-30 und 31 f.), ein
Protokoll über die praktische Prüfung Betriebskontrolle _ _ von 2011 (IV-
act. 12-43 f.), diverse Kursbescheinigungen, ein Protokoll über die praktische Prüfung
Weiterbildungslehrgang _ _ von 2009 (IV-act. 12-47), die Approbation als _ in
D._ von Dezember 201_ (IV-act. 12-2) und das (schweizerische) Fähigkeitszeugnis als
_ _ von 2013 (IV-act. 12-3).
Dr. C._ erklärte in einem Arztbericht vom 24. September 2018 (IV-act. 23), der
Versicherte sei weiterhin voll arbeitsunfähig, doch sei eventuell zu erwarten, dass in
einigen Monaten eine Wiedereingliederung möglich werde.
A.c.
In der Arbeitgeberbescheinigung vom 8. Oktober 2018 (IV-act. 27) wurde
angegeben, der Versicherte sei seit _. _ 2013 zu 80 % als _ _ zu einem
Jahreslohn von Fr. 110'_._ angestellt. Der Druck im _ sei für den Versicherten
sehr gross gewesen. Seit _. Februar 2018 (IV-act. 27-29) sei er voll arbeitsunfähig. - In
einem Assessment- und Verlaufsprotokoll (IV-act. 28) wurde beim Abschluss vom
30. November 2018 festgehalten, das Case Management habe am _. Oktober 2018
mitgeteilt, die Arbeitgeberin hätte den Versicherten gern wieder zurück am Arbeitsplatz,
gehe aber davon aus, dass das nicht geschehen werde. Gegebenenfalls werde
voraussichtlich im März 2019 die Kündigung erfolgen. Mit einem Mitarbeiter, der den
Versicherten regelmässig beleidigt habe, werde im _ 2018 das Gespräch gesucht
und voraussichtlich werde eine Verwarnung ausgesprochen. Der IV-Eingliede
A.d.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 5/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
rungsverantwortliche bestätigte, der Gesundheitszustand des Versicherten habe sich
(wohl gemäss dem Gespräch vom _. _ 2018) seit dem Früherfassungsgespräch (vom
6. September 2018) merklich verschlechtert. Der Versicherte hatte berichtet, es sei eine
Verschlechterung eingetreten und erschwerend sei vor Kurzem eine operative Zahn-
und Oberkieferbehandlung hinzugekommen. Er werde ab _. Dezember 2018 in eine
Tagesklinik eintreten.
In einem Bericht vom 16. Januar 2019 (IV-act. 32, über eine Verlaufskontrolle vom
30. November 2018, nach einer Erstabklärung vom 13. Juni 2018) gab der
Vertrauensarzt der Pensionskasse an, es liege beim Versicherten seit Februar 2018
eine Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion bei Arbeitskonflikt vor.
Ohne Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit sei ein V.a. akzentuierte Persönlichkeitszüge
mit narzisstischen Anteilen. Es hätten sich keine klaren Hinweise auf einen relevanten
psychischen Gesundheitsschaden gezeigt, der eine langfristige Arbeitsunfähigkeit
rechtfertigen würde. Bis zum Ende der teilstationären Behandlung sei von einer vollen
Arbeitsunfähigkeit auszugehen. Eine Berufsunfähigkeit sei weder in der Vergangenheit
noch derzeit ausgewiesen. Der Versicherte habe erklärt, bevor er wieder arbeiten
könne, müsse er zuerst wieder gesund werden.
A.e.
In einem Austrittsbericht vom 6. März 2019 (IV-act. 34, über einen Aufenthalt des
Versicherten vom 16. Januar 2019 bis 7. Februar 2019) gab die Klinik E._ an, der
Versicherte sei vom Spital F._ zugewiesen worden. Er habe berichtet, an seinem
Arbeitsplatz jeweils nachts gearbeitet zu haben und in letzter Zeit psychisch stark
belastet zu sein. Seit einer Woche bestünden zunehmend Antriebslosigkeit, sozialer
Rückzug, Grübeln, Schlafstörungen und körperliche Erschöpfung. Er kenne diese
Symptome seit Februar 2018, als er zum ersten Mal Belästigung (Mobbing) am
Arbeitsplatz erlebt habe. Seit Oktober befinde er sich bei Dr. C._ in Behandlung (vgl.
IV-act. 34-1). Beim Übertritt von der Akut- auf die Balancestation habe er nochmals
erklärt, seit einem Jahr Schlafstörungen zu haben und seit drei Monaten eine
Verschlechterung mit starkem Gedankenkreisen und physischem Schwächegefühl zu
erleben. Ebenfalls vor drei Monaten habe er eine Zahnbehandlung im Ausland machen
lassen und habe nun eine provisorische Zahnprothese, derentwegen er nur noch wenig
essen wolle. Vor ebenfalls drei Monaten habe er auch einen schlimmen Alptraum
gehabt, der Ängste ausgelöst habe, unter denen er noch immer leide (vgl. IV-act. 34-2).
A.f.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 6/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Im Bericht wurde festgehalten, es liege eine schwere depressive Episode ohne
psychotische Symptome vor (daneben eine benigne essentielle Hypertonie). Nach drei
Wochen sei der Versicherte ausgetreten, um im Ausland seine Zahnprothese (nach
einem Provisorium drei Monate zuvor) machen zu lassen.
In einem IV-Arztbericht vom 1. Juli 2019 (IV-act. 39) hielt Dr. C._ fest, der
Versicherte sei (seit _. Februar 2018 und) immer noch nicht arbeitsfähig.
A.g.
Der Vertrauensarzt der Pensionskasse gab in einem Bericht vom 19. Januar 2020
(IV-act. 45) über eine Verlaufskontrolle (vom 9. Dezember 2019) bekannt, es liege (als
Hauptdiagnose) eine rezidivierende depressive Störung, aktuell mittelgradige Episode
mit somatischem Syndrom, vor. Der Versicherte habe berichtet, er werde seit einem
Monat und voraussichtlich noch zwei Wochen teilstationär in einer Tagesklinik
behandelt (dann sei ein IV-Eingliederungsprogramm geplant, es sei keine
Berufsunfähigkeit ausgewiesen, IV-act. 45-5; vgl. auch Bescheinigung für die
Arbeitgeberin, vorübergehende Arbeitsunfähigkeit bis Besserung, IV-act. 46-2). Sein
Zustand sei aus psychiatrischer Sicht unverändert. - Ein älterer Verlaufsbericht über
eine Untersuchung vom 5. Juni 2019 datierte vom 30. Juni 2019 (IV-act. 47).
A.h.
Die Case Managerin teilte - wie am 22. Januar 2020 (vgl. IV-act. 52) weiterberichtet
- mit, das Arbeitsverhältnis des Versicherten werde mit einer Arbeitsunfähigkeit von
100 % Ende _ 2020 enden.
A.i.
Die Tagesklinik der Psychiatrie G._ hielt in einem Austrittsbericht vom
24. Februar 2020 (IV-act. 53; über die Behandlung vom 18. November 2019 bis
20. Dezember 2019) an Dr. C._ fest, es bestünden beim Versicherten eine
mittelgradige depressive Episode und der V.a. psychische und Verhaltensstörungen
durch Sedativa oder Hypnotika: Abhängigkeitssyndrom. Der Versicherte habe von sich
aus wenig Motivation gezeigt. Auch die Psychopharmakotherapie sei immer wieder zu
thematisieren gewesen, um zu evaluieren, welche Medikation er wie einnehme. Es sei
aber schwierig gewesen, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln; immer wieder habe
die Compliance evaluiert werden müssen. Ein Paargespräch habe der Versicherte
abgelehnt. Der Versicherte sei ausgetreten, um den Jahreswechsel mit der Familie
verbringen zu können.
A.j.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 7/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Dr. C._ benannte in einem IV-Verlaufsbericht vom 27. März 2020 (IV-act. 55) als
Diagnosen eine rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige bis
schwere Depression, und eine paranoide Persönlichkeitsstörung. Der Versicherte sei
weiterhin nicht imstand, eine Tätigkeit auszuüben. Er sei beim letzten Gespräch u.a. im
Antrieb vermindert und misstrauisch gewesen, zeitweise wortkarg, ausserdem im
Denken eingeengt. Er habe über zeitweise vorhandenes Unbehagen in der ehelichen
Beziehung geklagt. Es sei eine starke Selbstwertproblematik vorhanden gewesen. Die
depressive Störung, die sich zum Teil chronifiziert und einen invalidisierenden Verlauf
genommen habe, bestehe auf dem Boden einer unflexiblen, zu paranoider Verarbeitung
neigenden Persönlichkeit. Die aktuelle Medikation umfasse Trittico (Wirkstoff
Trazodon), Brintellix (Wirkstoff Vortioxetin), Stilnox (Wirkstoff Zolpidem tartrat, ein
Hypnotikum) und Risperidon (Wirkstoff von Risperdal).
A.k.
In einem Verlaufsbericht vom 6. Mai 2020 (IV-act. 63, über eine Untersuchung vom
30. April 2020) gab der Vertrauensarzt der Pensionskasse an, aufgrund der mittlerweile
chronifizierten und trotz intensiver Behandlung im ambulanten, stationären und
teilstationären Setting kaum veränderten depressiven Symptomatik sei nicht mit einer
Rückkehr des Versicherten in den ersten Arbeitsmarkt zu rechnen. Der Versicherte sei
an einer IV-Rente interessiert und halte dafür, es gehe ihm zu schlecht, als dass er sich
vorstellen könnte, zu arbeiten.
A.l.
Am 12. Mai 2020 (IV-act. 67) teilte die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle des
Kantons St. Gallen dem Versicherten mit, berufliche Massnahmen seien zurzeit nicht
möglich.
A.m.
Am 16. Juli 2020 (IV-act. 68) richtete die Sozialversicherungsanstalt/IV-Stelle eine
Anfrage an Dr. C._. Der Regionale Ärztliche Dienst (RAD) der Invalidenversicherung
hatte am 7. April 2020 (IV-act. 61) vorgeschlagen, den Arzt schriftlich zu befragen, ob
Gründe gegen eine leitliniengerechte antidepressive Behandlung sprächen und ob
beim Versicherten eine Abhängigkeitserkrankung und/oder eine psychotische
Symptomatik vorlägen. Denn der Serumspiegel des verordneten Antidepressivums
Vortioxetin hatte im kaum nachweisbaren Bereich gelegen (jener von Trazodon
[Präparat Trittico] unter dem Referenzbereich, Risperidon offenbar im Rahmen; und es
A.n.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 8/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
waren Benzodiazepine nachgewiesen worden, vgl. IV-act. 58 ff.). - Trotz zwei
Nachfragen (IV-act. 70 f.) ging vorerst keine Antwort ein.
Am 9. Februar 2021 (IV-act. 78) erstattete die Begutachtungsstelle Interdisziplinäre
Medizinische Expertisen (IME; Prof. Dr. med. _ H._) ein psychiatrisches Gutachten.
Es bestünden beim Versicherten eine beginnend chronifizierte depressive Episode, im
Verlauf mittelgradig - mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit -, gegenwärtig leichtgradig -
ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit -, und eine Persönlichkeitsakzentuierung mit
narzisstischen Zügen - ebenfalls ohne Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (vgl. IV-
act. 78-27). Es habe sich eine im Verlauf mittelgradige und zurzeit noch leichtgradige
depressive Episode mit Chronifizierungstendenzen auf der Grundlage einer
narzisstischen Fehlverarbeitung des arbeitsbezogenen Konflikts objektivieren lassen.
Es müsse von einer anhaltenden Fehlverarbeitung dieser Belastungssituation mit hoher
Rigidität im Denken ausgegangen werden (vgl. IV-act. 78-29). Es sei dem Versicherten
bisher nicht gelungen, sich von seinen überkommenen soziokulturell geprägten
Wertevorstellungen zu lösen (vgl. IV-act. 78-30). Es wäre ihm zumutbar, seine
angestammte Tätigkeit an einem anderen Arbeitsplatz - oder eine adaptierte Tätigkeit -
im angestammten Pensum von 80 % wieder auszuüben (vgl. IV-act. 78-31). In der Zeit
von der Krankschreibung durch Dr. C._ ab _. (bzw. _.) Februar 2018 bis zur
Begutachtung sei der Versicherte aufgrund einer depressiven Episode für die
angestammte Tätigkeit an einer anderen Arbeitsstelle sowie für eine adaptierte
Tätigkeit zu 50 % arbeitsunfähig gewesen. Für die Tätigkeit am angestammten
Arbeitsplatz sei er wegen der Mobbingsituation voll arbeitsunfähig gewesen. Eine volle
Arbeitsunfähigkeit habe ausserdem definitionsgemäss während der teilstationären und
stationären Aufenthalte bestanden (vgl. IV-act. 78-31, -33). Zurzeit sei die Depression
noch als leichtgradig einzustufen und die Arbeitsfähigkeit werde nicht mehr nachhaltig
eingeschränkt (vgl. IV-act. 78-31). Ab der Begutachtung vom 4. Februar 2021 bestehe
eine volle Arbeitsfähigkeit in der zuletzt ausgeübten und in einer adaptierten Tätigkeit
(vgl. IV-act. 78-34). - Der RAD befürwortete am 11. März 2021 (IV-act. 79), auf das
Gutachten abzustellen.
A.o.
Mit Vorbescheid vom 15. März 2021 (IV-act. 81) stellte die Sozialversicherungs
anstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen dem Versicherten in Aussicht, seinen Anspruch
auf eine Invalidenrente abzulehnen. In der angestammten Tätigkeit sei er
A.p.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 9/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
vorübergehend arbeitsunfähig gewesen. Der Gesundheitsschaden begründe keine
Invalidität. Es seien medizinische Massnahmen und eine Begutachtung gefolgt. Aus
medizinischer Sicht verfüge der Versicherte wieder über eine Arbeitsfähigkeit von
100 %.
Am 4. Mai 2021 (IV-act. 87) erhob eine Rechtsvertreterin für den Versicherten
Einwand und beantragte Zusprache einer vollen (bzw. ganzen) Rente, eventualiter von
Eingliederungsmassnahmen an ihn. Der Versicherte habe Dr. C._ und den
Vertrauensarzt mit einer weiteren Beurteilung seines Gesundheitszustands beauftragt
und werde voraussichtlich einen weiteren Psychiater konsultieren, der ihn begutachten
werde. Es werde eine entsprechende Ergänzung folgen. Der IME-Gutachter habe
zahlreiche Indikatoren unrichtig festgestellt. Gemäss Mitteilung des Versicherten lägen
nebst den drei Hauptkriterien einer schweren Depression auch mindestens vier
Zusatzsymptome vor. Dass eine überwindbare Selbstlimitierung vorliege, werde
bestritten. Der Versicherte sei seit 2016 in psychiatrischer Behandlung, zweimal auch
über mehrere Wochen stationär. Trotz Therapien sei bisher keine Besserung erreicht
worden. Durch die verordneten Medikamente sei es ihm möglich, nachts zu schlafen
und seine Depression einigermassen unter Kontrolle zu haben. Es werde bestritten,
dass die Verordnung des Neuroleptikums als nicht leitliniengerecht zu betrachten sei.
Es handle sich um eine verselbständigte, chronifizierte Krankheit, die therapeutisch
nicht mehr angehbar sei. Die Arbeitsstelle sei auf den _. _ 2020 gekündigt worden.
Eingliederungsmassnahmen seien aufgrund des unverändert schlechten
Gesundheitszustands mit ungünstiger Prognose nicht zumutbar und sie wären auch
nicht erfolgversprechend. Zusätzlich zur Depression bestehe gemäss Dr. C._ eine
paranoide Persönlichkeitsstörung, die ebenfalls dazu beitrage, dass der Versicherte die
vorhandenen Ressourcen nicht abrufen könne. Die Persönlichkeitsdiagnostik sei mehr
als andere Indikatoren untersucherabhängig, weshalb gemäss dem vom Bundesamt für
Sozialversicherungen erlassenen Kreisschreiben über Invalidität und Hilflosigkeit in der
Invalidenversicherung (KSIH, Anhang VI) besonders hohe Begründungsanforderungen
bestünden. Es dürfe nicht allein der Begründung des Gutachters gefolgt werden. Der
Versicherte betreibe keine Hobbys oder Freizeitaktivitäten mehr. Die psychiatrischen
Störungen beträfen das private wie das berufliche Aktivitätsniveau. Er sei
eingeschränkt, weil er wenig belastbar sei, keine Ausdauer habe, häufige Erholungs
A.q.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 10/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
pausen benötige und sich beim Lesen von Fachliteratur äusserst stark anstrengen
müsse. Die Routine im Alltag helfe ihm, den Tag zu meistern. In ungewöhnlichen oder
unvorhergesehenen Situationen fühle er sich überfordert und hilflos.
Krankheitsimmanente Faktoren würden dem Versicherten verunmöglichen, seine
Symptome zu überwinden. Er habe alle zumutbaren medizinischen
Eingliederungsmassnahmen durchlaufen. Die Störungen seien therapieresistent. Selbst
wenn nicht eine schwere, sondern eine leichte bis mittelschwere Depression vorläge,
bestünden Leistungseinschränkungen, die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirkten und
Anspruch auf eine Rente gäben. Es handle sich um eine schwere Depression und um
eine dauerhafte Erwerbsunfähigkeit. Der Gutachter sei nicht imstand gewesen,
aufgrund einer einzigen Konsultation eine Arbeitsfähigkeit von 100 % anzunehmen,
während zwei Ärzte, bei denen regelmässige Konsultationen stattgefunden hätten, eine
dauerhafte Arbeitsunfähigkeit bescheinigten. Zudem hätten ihm keine aktuellen
Arztberichte vorgelegen. - Ergänzend legte die Rechtsvertreterin am 9. Juni 2021 (IV-
act. 91-1 f.) einen Arztbericht von Dr. C._ vom 7. Mai 2021 (IV-act. 91-3 f.) sowie eine
Stellungnahme (IV-act. 91-5 bis 7) und ein ausgefülltes ärztliches Beiblatt vom 31. Mai
2021 (IV-act. 91-8) ein. Der Vertrauensarzt sei zu einer Stellungnahme nicht bereit
gewesen. Und der Versicherte verzichte vorläufig darauf, ein zweites psychiatrisches
Gutachten erstellen zu lassen, behalte sich das aber für den Fall eines negativen
Entscheids vor. Dr. C._ könne die Beurteilung des Gutachters nicht nachvollziehen.
Es sei nicht leicht, von einer Person mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung
anlässlich einer zeitlich begrenzten gutachterlichen Untersuchung Angaben über die
innere Situation zu bekommen. Zu dieser Diagnose sei Dr. C._ aufgrund des
Verhaltens des Versicherten in den letzten Jahren gelangt. Die Störung habe sich
fortlaufend bzw. zeitweise verstärkt. - Dr. C._ hatte am 7. Mai 2021 erklärt, der
Versicherte habe manchmal offen über die Konflikte bei der Arbeit gesprochen, sehr oft
habe er ihn aber auch zurückhaltend vorgefunden und der Versicherte habe in vielen
Momenten misstrauisch und dissimulierend gewirkt. Im Herbst 2019 habe er sich von
ihm noch mehr distanziert. Nach einem Traum, in dem eine Situation im
Zusammenhang mit der Beziehung zu seiner Frau vorgekommen sei, sei er noch
unsicherer und misstrauischer geworden. Er (der Arzt) habe eine psychotische
Verarbeitung vermutet und habe ihm nebst den Antidepressiva Risperidon, ein
Antipsychotikum, verordnet. Er habe ihn in die Tagesklinik überweisen wollen, doch er
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 11/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
habe dann in die Klinik überwiesen werden müssen. Im privaten Leben habe der
Versicherte eine weitere Tendenz zur sozialen Isolierung gezeigt, sei sehr
niedergeschlagen und ängstlich und habe starke Zukunftsängste. - In der
Stellungnahme vom 31. Mai 2021 hatte Dr. C._ dargelegt, er habe erlebt, dass der
Versicherte einen Traum paranoid verarbeitet habe. Zunächst habe er (der Arzt) die
psychische Störung des Versicherten als Reaktion auf den Arbeitskonflikt interpretiert
gehabt. Mit der Zeit sei die Vermutung aufgekommen, dass der Konflikt bei der Arbeit
wegen dessen Misstrauens in psychotischem Ausmass entstanden sei. Der Versicherte
sei das ganze Leben lang sehr zurückhaltend gewesen und habe kein Vertrauen zu den
Mitmenschen gehabt. Dass er nicht willens sei, dem Arbeitskollegen zu verzeihen, sei
ein Zeichen für seine Störung, denn bei solchen paranoiden Persönlichkeitsstörungen
könnten schon leichtere Verletzungen eine schwere Feindseligkeit hervorrufen. Er habe
ihm deswegen auch Antipsychotika verschrieben, und zwar Risperdal, danach
Olanzapin. Der Versicherte sei wegen starker seelischer Rigidität, kritischer Einstellung
gegenüber anderen und dadurch entstandener hoher Intoleranz sowie der Unfähigkeit,
Kritik an seiner Person zu akzeptieren, für eine Zusammenarbeit unfähig. Er meine, es
liege beim Versicherten keine Abhängigkeitserkrankung von Benzodiazepinen vor. - Im
ärztlichen Beiblatt hatte der Arzt angegeben, an Antidepressiva habe er dem
Versicherten zuerst Deanxit, dann Venlafaxin und schliesslich Fluoxetin abgegeben.
Eine Serumspiegelmessung habe er nicht veranlasst.
Der RAD hielt am 28. Juni 2021 (IV-act. 92) dafür, die von Dr. C._ angenommene
Unfähigkeit des Versicherten, über seine innere Situation in einer gutachterlichen
Untersuchung zu berichten, vermöge die Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung nicht
zu begründen. Dass der Versicherte schon immer sehr zurückhaltend und ohne
Vertrauen zu den Mitmenschen gewesen sei, stelle eine blosse Annahme des
behandelnden Psychiaters dar. Die Störung habe sich gemäss dem Gutachten in der
biographischen Entwicklung nicht nachvollziehbar darstellen lassen. Dass der
Versicherte aus der etwa dreiwöchigen stationären Behandlung mit einer schweren
depressiven Episode entlassen worden sein solle, erscheine angesichts des vorzeitigen
Austritts ebenfalls nicht ganz nachvollziehbar.
A.r.
Mit Verfügung vom 20. Juli 2021 (IV-act. 93 f.) lehnte die Sozialversicherungs
anstalt/IV-Stelle des Kantons St. Gallen das Gesuch des Versicherten vom
A.s.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 12/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
B.
Gegen diese Verfügung richtet sich die von Rechtsanwältin MLaw et lic. oec. Nathalie
Glaus für den Betroffenen am 9. September 2021 erhobene Beschwerde (act. G 1). Die
Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers beantragt, die angefochtene Verfügung sei
aufzuheben und die Beschwerdegegnerin sei zu verpflichten, dem Beschwerdeführer
die beantragte Invalidenrente auszurichten, eventualiter sei die Sache zur Abklärung
des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers an die Beschwerdegegnerin
zurückzuweisen, unter Kosten- und Entschädigungsfolgen zuzüglich MwSt. Für den
Gutachter sei es kaum möglich gewesen, den wahren Gesundheitszustand des
Beschwerdeführers festzustellen. Die Beschwerdegegnerin begründe mit keinem Wort,
weshalb dem Gutachten mehr Glaubwürdigkeit zukommen sollte als den Berichten der
beiden seit mehreren Jahren behandelnden Psychiater (Dr. C._ und Vertrauensarzt).
Die Beschwerdegegnerin verkenne, dass eine paranoide Persönlichkeitsstörung
gemäss ICD-10-WHO (Version 2019) nicht zwingend in der Kindheit, Jugend oder
beruflichen Entwicklung entstehen müsse. Sowohl Dr. C._ wie der Vertrauensarzt
hätten mehrfach von typischen Symptomen berichtet wie etwa, dass der
Beschwerdeführer sehr misstrauisch und zurückhaltend sei, er die erlebte Verletzung
durch seinen Arbeitskollegen nicht verzeihen könne, lediglich aufgrund eines Traums
der festen Überzeugung sei, dass seine Ehefrau ihm untreu sei usw. Es verstehe sich
von selbst, dass der Beschwerdeführer einer fremden Person wie dem Gutachter, den
er nie zuvor gesehen habe, nicht alles in einem einzigen Gespräch offenlege. Die
Vereinstätigkeit des Beschwerdeführers habe vor der psychischen Erkrankung
stattgefunden. Er ziehe sich schon seit einigen Jahren vom sozialen Leben zurück und
verbringe die meiste Zeit zuhause in der Wohnung. In einem von der
Beschwerdegegnerin zitierten Entscheid (I 649/06) habe das Bundesgericht klargestellt,
dass die von ihr gezogene Schlussfolgerung nicht absolut gelte. So könne eine
dysthyme Störung, wenn sie mit andern Befunden wie etwa einer ernsthaften
Persönlichkeitsstörung zusammen auftrete, die Arbeitsfähigkeit im Einzelfall erheblich
beeinträchtigen. Das treffe auch beim Beschwerdeführer zu. Der Schweregrad sei
10. September 2018 ab. Gesundheitliche Einschränkungen, die nicht schwer wögen,
wie eine leichte depressive Störung, eine Anpassungsstörung, Angst und depressive
Störung gemischt, oder akzentuierte Persönlichkeitszüge, und die medizinisch
angehbar und nur vorübergehend seien, würden keine psychiatrischen Erkrankungen
invalidisierenden Schweregrads darstellen. Zudem müssten psychosoziale und
soziokulturelle Belastungen, die direkt negative Folgen für die Befindlichkeit zeigten,
bei der Invaliditätsbemessung ausgeklammert bleiben.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 13/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
invalidisierend. Der Beschwerdeführer sei auch schwergradig depressiv und es sei ihm
ab Februar 2018 von zwei Ärzten, welche die Krankheit als chronifiziert und dauerhaft
beurteilten, eine volle Arbeitsunfähigkeit attestiert worden. Der gutachterliche Schluss
auf eine volle Arbeitsfähigkeit sei nicht nachvollziehbar. Anspruch auf eine Rente
bestünde, selbst wenn lediglich eine leichte bis mittelschwere Depression vorläge.
C.
In ihrer Beschwerdeantwort vom 8. Dezember 2021 (act. G 6) beantragt die
Beschwerdegegnerin die Abweisung der Beschwerde. Gutachten von externen
Spezialärzten, die nach Art. 44 ATSG eingeholt würden, sei praxisgemäss voller
Beweiswert zuzuerkennen, solange nicht konkrete Indizien gegen die Zuverlässigkeit
der Expertise sprächen. Beim IME-Gutachten handle es sich um eine detailliert
begründete und umfassende Expertise, welche die versicherungsmedizinischen
Anforderungen erfülle. Dr. C._ dagegen gebe keine kriterienbegründete Herleitung
seiner Diagnosen ab. Der Gutachter habe Diagnosen mit Auswirkung auf die
Arbeitsfähigkeit festgestellt, sei aber auch auf solche eingegangen, die keine
Auswirkungen darauf hätten. Der Schweregrad der Depression sei danach leicht und
diese schränke die Arbeitsfähigkeit nicht mehr nachhaltig ein. Der Beschwerdeführer
verfüge über gute Ressourcen. Weitere Abklärungen seien nicht nötig.
D.
Die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers verzichtet mit Eingabe vom 21. Januar
2022 (act. G 8) unter Bestreitung der Ausführungen der Beschwerdegegnerin auf die
Erstattung einer Replik und macht eine Entschädigung von Fr. 7'200.-- geltend.

Erwägungen
1.
Im Streit liegt die Verfügung der Beschwerdegegnerin vom 20. Juli 2021, mit welcher
die Beschwerdegegnerin einen Anspruch des Beschwerdeführers auf eine Rente
ablehnte. Er lässt im Hauptstandpunkt die Zusprache sinngemäss einer ganzen Rente
beantragen. Streitgegenstand bildet demnach zunächst der allfällige Rentenanspruch. -
Berufliche Massnahmen hatte die Beschwerdegegnerin am 12. Mai 2020 abgelehnt,
weil sie zurzeit wegen des Gesundheitszustands des Beschwerdeführers nicht möglich
seien. Ergäbe sich, dass ohne Eingliederungsmassnahmen ein Rentenanspruch in
Frage stünde, so gehörte zum Streitgegenstand notwendigerweise auch die Frage, ob
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 14/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
die Beschwerdegegnerin den Grundsatz "Eingliederung vor Rente" beachtet und eine
allfällige Pflicht des Beschwerdeführers zu Massnahmen ausreichend in Anspruch
genommen habe.
2.
Nach Art. 28 Abs. 2 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG, SR
831.20; in der vorliegend anwendbaren, bis 31. Dezember 2021 in Kraft gewesenen
Fassung, vgl. BGE 132 V 215 E. 3.1.1) besteht der Anspruch auf eine ganze
Invalidenrente, wenn die versicherte Person mindestens zu 70 %, derjenige auf eine
Dreiviertelsrente, wenn sie mindestens zu 60 % invalid ist. Bei einem Invaliditätsgrad
von mindestens 50 % besteht Anspruch auf eine halbe Rente und bei einem
Invaliditätsgrad von mindestens 40 % Anspruch auf eine Viertelsrente.
2.1.
Invalidität ist die voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (Art. 8 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen
Teil des Sozialversicherungsrechts, ATSG, SR 830.1). - Für die Beurteilung des
Vorliegens einer Erwerbsunfähigkeit sind ausschliesslich die Folgen der
gesundheitlichen Beeinträchtigung zu berücksichtigen. Eine Erwerbsunfähigkeit liegt
zudem nur vor, wenn sie aus objektiver Sicht nicht überwindbar ist (Art. 7 Abs. 2 ATSG;
vgl. schon BGE 102 V 165). - Sämtliche psychischen Erkrankungen - darunter auch
Abhängigkeitssyndrome, vgl. BGE 145 V 215 E.6.2 - sind nach der bundesgerichtlichen
Rechtsprechung (vgl. BGE 143 V 418 E. 7.1 f.) grundsätzlich (bei Ausnahmen nach dem
jeweiligen Beweisbedarf) einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu
unterziehen. Die funktionellen Folgen der Gesundheitsschädigung sind danach
qualitativ zu erfassen und quantitativ einzuschätzen. Für die Beurteilung des
funktionellen Leistungsvermögens sind in der Regel diverse Standardindikatoren
beachtlich, die in zwei Kategorien systematisiert werden, nämlich einerseits in der
Kategorie des funktionellen Schweregrads und anderseits in jener der Konsistenz. Zum
funktionellen Schweregrad sind die Komplexe "Gesundheitsschädigung" (mit den
Aspekten der Ausprägung der diagnoserelevanten Befunde, des Behandlungs- und
Eingliederungserfolgs oder der entsprechenden Resistenz und der Komorbiditäten),
"Persönlichkeit" (mit Persönlichkeitsdiagnostik und persönlichen Ressourcen) und
"Sozialer Kontext" zu berücksichtigen. In der Kategorie der Konsistenz geht es um
Gesichtspunkte des Verhaltens, namentlich um eine gleichmässige Einschränkung des
Aktivitätenniveaus in allen vergleichbaren Lebensbereichen und um behandlungs- und
eingliederungsanamnestisch ausgewiesenen Leidensdruck (vgl. BGE 141 V 281
E. 4.1.3). Auf Ausschlusskriterien (vgl. BGE 131 V 49 E. 1.2 a.E., vgl. BGE 141 V 291
2.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 15/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
3.
4.
E. 2.2; wie Aggravation oder eine ähnliche Konstellation) hinweisende Umstände sind
zu bewerten (vgl. BGE 141 V 281 E. 4.3.1.1).
Der Beschwerdeführer ist im Februar 2021 bezüglich seines Gesundheitszustands
und der Arbeitsfähigkeit psychiatrisch begutachtet worden.
3.1.
Das IME-Gutachten basiert auf einer Befragung des Beschwerdeführers zur
Anamnese und den Leiden. Es wurde festgehalten, dieser habe berichtet, er sei in der
Schule im Klassenverband gut integriert gewesen. Danach habe er eine vierjährige
Ausbildung zum _ absolviert und dann das Studium der _ ebenfalls erfolgreich
abgeschlossen. Innert dreier Jahre habe er eine Dissertation erstellt. Die Promotion sei
in D._ anerkannt worden. Im Februar 2018 habe eine Mobbingsituation am
Arbeitsplatz begonnen. Ein _ Kollege habe seine Arbeit überwacht und ihn gefragt,
ob er überhaupt _ [Beruf] sei. Er sei vor den andern Kollegen schlechtgemacht
worden. Der Vorgesetzte habe mehrfach mit dem Kollegen gesprochen. Eine ohne
weiteres mögliche Versetzung am Arbeitsplatz sei jedoch nicht erfolgt, so dass er dem
mobbenden Verhalten des Kollegen ausgesetzt geblieben sei. Es habe sich an seiner
Situation nichts geändert. Er habe Erwartungsängste, dass er an einem neuen
Arbeitsplatz erneut gemobbt werden könnte. Vor allem aber müsse er wieder völlig
gesund werden, bevor er wieder arbeiten könne. Fühle er sich mental nicht genau so
wie vor der Mobbingsituation, so könne er unmöglich eine Arbeit antreten, auch nicht
vorübergehend teilzeitlich. Er fühle sich in seinem Stolz verletzt. Eine andere Arbeit als
die _ als _ käme nicht in Frage. Seine Ehe - seit 199_ bestehend - verlaufe stabil,
zu den Kindern gebe es ein einvernehmliches Verhältnis. Seine Familie sei seine beste
Ressource. Finanziell komme man zurecht. Er habe verschiedene Kontakte innerhalb
und ausserhalb der Familie, engagiere sich in einem Verein und fühle sich sozial gut
eingebunden. Er fahre gern Velo und lese gern.
3.2.
Der Experte der Psychiatrie erhob des Weiteren den Befund (vgl. IV-act. 78-15 ff.)
und er gab seine Beurteilung in Kenntnis der Vorakten ab. Insofern erscheint die
Begutachtung vollständig (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 13. August 2021,
9C_280/2021 E. 2.2, BGE 134 V 231 E. 5.1).
3.3.
Der Beschwerdeführer lässt diverse Einwände gegen die Stichhaltigkeit des
Gutachtens erheben.
4.1.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 16/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
So hält er dafür, es liege angesichts der entsprechenden Hauptkriterien und
Zusatzsymptome eine schwere Depression vor. - Der Gutachter hat allerdings wie
erwähnt den Befund erhoben und er hat daraufhin festgehalten, es seien keine zwei
depressiven Episoden von mindestens vierzehntägiger Dauer voneinander abgrenzbar.
Die Psychopathologie beim Untersuch habe knapp einer leichten depressiven Episode
entsprochen. Die Grundstimmung des Beschwerdeführers sei leicht herabgestimmt
und die Schwingungsfähigkeit sei verflacht gewesen. Die Freudfähigkeit und die
Interessen seien nicht wesentlich eingeschränkt vorgefunden worden. Die
Psychomotorik sei regelrecht gewesen, der Antrieb nicht wesentlich reduziert (vgl. IV-
act. 78-25). Dass der Experte bei der Befunderhebung nicht lege artis vorgegangen
wäre, darauf liegt kein Hinweis vor.
4.2.
Des Weiteren bringt der Beschwerdeführer vor, eine paranoide Persönlichkeits
störung trage dazu bei, dass er seine Ressourcen nicht abzurufen vermöge.
4.3.
Der IME-Gutachter hat dargelegt, der Beschwerdeführer habe narzisstische Züge
mit rigidem Rückzug in die Opferrolle gezeigt. Die Selbstwirksamkeitserwartung sei bei
"Alles-oder-nichts-Gesundheitsverständnis" als deutlich reduziert vorgefunden worden.
Der Beschwerdeführer halte dafür, seine Ehre müsse erst wieder komplett hergestellt
werden, bevor er wieder eine Arbeit aufnehmen könne. Eine hohe Rigidität in den
Wertvorstellungen mit Unflexibilität im Denken und arbeitsbezogenen Handeln lasse
sich daher nachvollziehen (vgl. IV-act. 78-25 f.). Dass eine paranoide
Persönlichkeitsstörung vorliege, lasse sich hieraus jedoch nicht ableiten. Bei dieser
Diagnose sei erforderlich, dass sie sich während der Kindheit und Jugendzeit des
Betroffenen entwickelt habe. Im Aktenmaterial sei jedoch beim Beschwerdeführer eine
bis zum arbeitsbezogenen Konflikt psychiatrisch blande Krankengeschichte kolportiert.
Auch gemäss neurosenbiographischer Anamnese anlässlich der Begutachtung habe
der Beschwerdeführer eine unauffällige Kindheit verlebt, sei sein Werdegang von
beruflichem Erfolg geprägt und unauffällig gewesen. Auch eine Ausdehnung der
maladaptiven Verhaltensmuster auf andere Lebensbereiche sei gemäss den
vorhandenen Informationen nicht objektiviert (vgl. IV-act. 78-25 f.). Wie die
rezidivierende depressive Störung so sei auch die Persönlichkeitsstörung nachweislich
nicht gemäss der ICD-10 ableitbar (vgl. IV-act. 78-24). Die Schlussfolgerung erscheint
begründet.
4.3.1.
Wenn Dr. C._ in der Stellungnahme vom 31. Mai 2021 die Vermutung äussert,
dass der Konflikt des Beschwerdeführers bei der Arbeit wegen dessen Misstrauens in
psychotischem Ausmass entstanden sei, ist darauf hinzuweisen, dass der
4.3.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 17/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Beschwerdeführer nebst verschiedenen Arbeitsbestätigungen und -zeugnissen u.a.
Mitarbeiterbeurteilungen von 2016, von 2017 und von 2018 eingelegt hat. Daraus ist
zum einen ersichtlich, dass die Zuverlässigkeit des Beschwerdeführers geschätzt
wurde und dass 2016 auf seine Durchsetzungsfähigkeit hingewiesen wurde. Zum
andern berichtete das im Mai 2018 installierte (IV-act. 14 f.) Case Management, die
Arbeitgeberin ziehe die Verwarnung eines Mitarbeiters in Betracht, was auf einen
objektiven Anlass hindeutet.
In Bezug auf die gutachterlichen diagnostischen Feststellungen wendet der
Beschwerdeführer ein, eine Persönlichkeitsstörung (wie von ihm postuliert) müsse
gemäss ICD-10 nicht zwingend in der Kindheit, Jugend oder beruflichen Entwicklung
entstehen, sondern es seien verschiedene Einflüsse bei der Entwicklung beteiligt. Zum
einen spiele die genetische Veranlagung eine Rolle, zum andern trügen auch Erziehung
und weitere Umwelteinflüsse dazu bei. - Gemäss ICD-10-GM 2021 treten
Persönlichkeitsstörungen "meist" in der Kindheit oder in der Adoleszenz in
Erscheinung. Im Zusammenhang mit ihrer Unterscheidung von
Persönlichkeitsänderungen wird dazu im Weiteren festgehalten, diese Störungen
begännen in der Kindheit oder Adoleszenz und dauerten bis ins Erwachsenenalter an
(vgl. Dilling/Mombour/Schmidt [Hrsg.], Internationale Klassifikation psychischer
Störungen, ICD-10 Kapitel V [F], Klinisch-diagnostische Leitlinien, 10. A. 2015, Ziff.
F60-62, S. 274). Ausserdem wird dargelegt, bei Persönlichkeitsstörungen handle es
sich um Bedingungen der Persönlichkeitsentwicklung, die in der späten Kindheit oder
Adoleszenz begännen und bis in das Erwachsenenleben andauerten (vgl. Dilling/Frey
berger [Hrsg.], Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen, 9. A.,
Bern 2019, S. 231). Zu den spezifischen Persönlichkeitsstörungen wird auch
festgehalten, sie träten "häufig" erstmals in der Kindheit oder in der Adoleszenz auf und
manifestierten sich endgültig im Erwachsenenalter (vgl. a.a.O., S. 276). Diese Leitlinien
geben nicht Anlass, die konkrete Beurteilung des medizinischen Sachverhalts durch
den Experten der Psychiatrie in Frage zu stellen. Die gutachterlichen Ausführungen
zum aktuellen Zustand bei der Begutachtung basieren auf den Befunden und sind auf
die Aktenlage gestützt. Sie sind auch gut nachvollziehbar. Der Gutachter hielt im
Weiteren fest, es habe keine Hinweise auf nachhaltig belastete Ich-Strukturen gegeben.
Es habe sich beim Beschwerdeführer einzig eine akzentuierte, narzisstisch gestaltete
Persönlichkeitsstruktur gefunden, die jedoch bis zum arbeitsbezogenen Konflikt
klinisch inapparent gewesen sei. Im Rahmen des Konflikts sei es zu einer Störung der
Affektsteuerung und anfänglich auch der Impulskontrolle gekommen. Nun sei von einer
anhaltenden narzisstischen Fehlverarbeitung der Belastungssituation auszugehen (vgl.
4.3.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 18/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
IV-act. 78-29). Der Gutachter hat bei seiner Beurteilung auch nicht unberücksichtigt
gelassen, dass die Selbstwahrnehmung des Beschwerdeführers gekränkt und die
Fremdwahrnehmung leicht misstrauisch war (vgl. IV-act. 78-17).
Ferner lässt der Beschwerdeführer geltend machen, der Gutachter habe zahlreiche
Indikatoren unrichtig festgestellt. So stehe er seit 2016 in psychiatrischer Behandlung
und habe alle zumutbaren medizinischen Massnahmen durchlaufen. Zweimal sei er
über mehrere Wochen hinweg stationär behandelt worden. Trotzdem sei bisher keine
Besserung erreicht worden; die Störungen seien therapieresistent. - Der IME-Gutachter
hat festgehalten, die Standardindikatoren seien nicht erfüllt (vgl. IV-act. 78-30). Er hat
berücksichtigt, dass ambulante, teilstationäre und stationäre psychiatrische
Behandlungen stattgefunden haben und dass es dadurch zu keiner nachhaltigen
Verbesserung gekommen ist (vgl. IV-act. 78-29, vgl. auch IV-act. 78-28). Ein Grund zur
Beanstandung ist diesbezüglich nicht ersichtlich. - Es kann in diesem Zusammenhang
ergänzend darauf hingewiesen werden, dass der IME-Gutachter die Verordnung eines
Neuroleptikums (wie des als Antipsychotikum verschriebenen Olanzapin) als nicht
leitliniengerecht betrachtet hat (vgl. IV-act. 78-30), im Übrigen wie die Tagesklinik,
welche Risperdal wegen fehlender Indikation sistierte (und anriet, Stilnox dringend
ausschleichend zu sistieren, vgl. IV-act. 53-3).
4.4.
Weiter wird eingewendet, der Beschwerdeführer gehe keinen Hobbys oder
Freizeitaktivitäten mehr nach und ziehe sich seit einigen Jahren sozial zurück. - Im
Gutachten ist indessen wie erwähnt festgehalten worden, der Beschwerdeführer habe
von einem Engagement in einem Verein (mit monatlich zwei Treffen) und davon
berichtet, dass er sich sozial gut eingebunden fühle. Der IME-Experte erfragte
ausserdem, wie es für die Einschätzung der Standardindikatoren bedeutsam ist, auch
dessen Tagesablauf. Dabei sind diverse Aktivitäten geschildert worden (vgl. IV-
act. 78-12 f.). Der Gutachter betrachtete das Aktivitätsniveau des Beschwerdeführers
als nahezu unauffällig und die soziale Teilhabe als unauffällig (vgl. IV-act. 78-30) und er
hielt auch fest, ein deutlicher sozialer Rückzug sei nicht erkennbar geworden (vgl. IV-
act. 78-30). Die Freudfähigkeit, die Interessen und der Antrieb des Beschwerdeführers
seien nicht wesentlich eingeschränkt gewesen (vgl. IV-act. 78-25). Die gutachterliche
Einschätzung des Aktivitätsniveaus stützt sich auf die Angaben des
Beschwerdeführers. Dass dieser bei der Begutachtung - zum beschriebenen
Aktivitätsniveau divergierend - erklärte, zum Antreten einer beruflichen
Wiedereingliederung oder der Aufnahme einer adaptierten Tätigkeit, selbst teilweise,
wegen seiner gesundheitlichen Einschränkungen nicht bereit zu sein (vgl. IV-
act. 78-12), stellt eine Diskrepanz dar. Der Beschwerdeführer wies in diesem
4.5.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 19/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Zusammenhang im Übrigen als gesundheitliche Beeinträchtigung auf seine
Schlafstörungen hin (vgl. IV-act. 78-12 Mitte), während er auch einräumte, mit
entsprechender Medikation ungestörten Schlaf zu haben (vgl. IV-act. 78-12 unteres
Drittel). - Nach der Beurteilung des Experten der Psychiatrie liegen keine
krankheitsimmanenten Faktoren vor, welche es dem Beschwerdeführer
verunmöglichen würden, die Symptome zu überwinden. Die genannte Diskrepanz lässt
sich demnach nicht mit solchen Faktoren begründen (sondern geht auf eine deutliche
Selbstlimitierung zurück, vgl. IV-act. 78-30 f.). Der Gutachter bezog in seine Beurteilung
sowohl die Beeinträchtigungen als auch die Ressourcen des Beschwerdeführers mit
ein (vgl. IV-act. 78-12 und -32). Die gutachterliche Einschätzung erscheint insgesamt
nachvollziehbar begründet.
Angesichts der Diagnose einer leichtgradigen depressiven Episode, die einzig mit
einer Persönlichkeitsakzentuierung zusammenfällt, lässt sich auch nachvollziehen, dass
dem Beschwerdeführer im Gutachten (ab der Zeit der Begutachtung) eine volle
Arbeitsfähigkeit attestiert wird (vgl. IV-act. 78-34).
4.6.
Der Beschwerdeführer bestreitet den Beweiswert des Gutachtens schliesslich mit
den Beurteilungen zweier anderer Ärzte (einer dauerhaften Arbeitsunfähigkeit). Bei
ihnen hätten regelmässige Konsultationen stattgefunden, während es sich bei einer
Begutachtung um eine einmalige Abklärung seines Gesundheitszustands handle. -
Nach der Aktenlage steht der Beschwerdeführer seit 2016 (vgl. IV-act. 4-1) bzw. seit
Oktober 2018 (vgl. IV-act. 34-1) bei Dr. C._ in Behandlung, beim Vertrauensarzt der
Pensionskasse sind dagegen (nur, aber immerhin) mehrere vertrauensärztliche
Untersuchungen erfolgt. Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichtes ist
entscheidend, ob er in der Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der
medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen der Experten
begründet sind (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 13. August 2021, 9C_280/2021 E. 2.2,
BGE 134 V 231 E. 5.1). Wohl kann die einen längeren Zeitraum abdeckende und
umfassende Behandlung (einer versicherten Person durch einen Arzt) oft wertvolle
Erkenntnisse zeitigen (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 9. Februar 2017, 9C_630/2016
E. 4.2.1.1, vgl. auch den aus I 255/96 zitierten Hinweis im Bundesgerichtsurteil vom 21.
Dezember 2005, 4P.254/2005 E. 4.2). Indessen ist doch auch die unterschiedliche
Natur von Behandlungsauftrag des therapeutisch tätigen (Fach-) Arztes einerseits und
von Begutachtungsauftrag eines amtlich bestellten fachmedizinischen Experten
anderseits (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 29. März 2018, 8C_733/2017 E. 4.3.3) nicht
ausser Acht zu lassen. Ein Gutachter ist zudem in der Lage, durch die Kenntnis der
verschiedenen Vorakten eine umfassendere Sicht zu gewinnen, wie es auch vorliegend
4.7.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 20/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
5.
anzunehmen ist. Der IME-Experte hat sich zudem konkret mit den vorangegangenen
medizinischen Beurteilungen - namentlich auch mit den abweichenden Beurteilungen
des Vertrauensarztes der Pensionskasse - im Einzelnen auseinandergesetzt (vgl. IV-
act. 78-21 ff.; vgl. auch E. 5.2).
Da keine Aspekte ersichtlich sind, die bei der Begutachtung unerkannt oder
ungewürdigt geblieben wären (vgl. Bundesgerichtsurteil vom 1. Dezember 2021,
8C_338/2021 E. 3), und weil die Schlussfolgerung des IME-Gutachters, wonach der
Beschwerdeführer zurzeit der Begutachtung voll arbeitsfähig ist, wie erwähnt
begründet und überzeugend ist, kann auf dieses Ergebnis abgestellt werden.
4.8.
Was den medizinischen Sachverhalt in der zurückliegenden Zeit betrifft, hielt der
IME-Gutachter fest, durch psychosoziale Belastungsfaktoren sei es im Verlauf zu einem
Störungsbild von Krankheitswert gekommen, nämlich einer Störung der Affektkontrolle.
Zunächst habe eine Anpassungsstörung bestanden, im Verlauf dann eine depressive
Episode, die im Schweregrad durchschnittlich als mittelgradig einzustufen sei.
Aufgrund dieser psychiatrischen Störung hätten gemäss MINI-ICF im Verlauf eine
Belastbarkeitsminderung und eine mittelgradige Reduktion der Durchhaltefähigkeit
bestanden (vgl. IV-act. 78-31). Für die Zeit vom _. (bzw. _.) Februar 2018, ab
welchem der Beschwerdeführer durch Dr. C._ krankgeschrieben worden sei, bis zur
Begutachtung vom 4. Februar 2021 habe somit eine Arbeitsfähigkeit von 50 % für die
angestammte Tätigkeit (an einer anderen als der bisherigen Stelle) und für eine
adaptierte Tätigkeit bestanden, während er am angestammten Arbeitsplatz nicht mehr
arbeitsfähig gewesen sei. Ausserdem habe während der teilstationären und stationären
Aufenthalte definitionsgemäss eine volle Arbeitsunfähigkeit bestanden (vgl. IV-
act. 78-31 und -33 f.).
5.1.
Bei der Auseinandersetzung mit den einzelnen Vorberichten erklärte der Gutachter,
die von Dr. C._ am 14. Juni 2018/24. September 2018 gestellte Diagnose einer
Anpassungsstörung, Angst und depressive Reaktion gemischt, sei nachvollziehbar. Es
habe sich um eine Reaktion auf den Konflikt gehandelt (vgl. IV-act. 78-21). Der Bericht
des Vertrauensarztes der Pensionskasse vom 22. Juli 2018 sei vollumfänglich
nachvollziehbar (vgl. IV-act. 78-21), derjenige vom 16. Januar 2019 dagegen nicht, weil
bei unverändertem Status und unveränderter Diagnose unbegründet eine volle
Arbeitsunfähigkeit angenommen worden sei (vgl. IV-act. 78-22). Auch seinem Bericht
vom 30. Juni 2019 könne nicht gefolgt werden, weil sich u.a. nicht erschliesse, wie bei
einem unauffälligen Psychostatus eine mittelgradige Depression diagnostiziert werden
5.2.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 21/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
könne (vgl. IV-act. 78-22). Dasselbe gelte für den Bericht vom 19. Januar 2020 mit der
Diagnose einer mittelgradigen Depression, denn es sei im Psychostatus vermerkt
worden, dass der Beschwerdeführer bei guter Schwingungsfähigkeit affektiv
ausgeglichen gewirkt habe (vgl. IV-act. 78-23 f.). Der Bericht vom 13. April 2020
(gemeint die Untersuchung vom 30. April 2020 bzw. der Bericht darüber vom 6. Mai
2020) stehe im Kontrast zu den Vorbefunden und zum Laborbefund, der gemäss RAD
einen instabilen Gesundheitszustand anzeige (vgl. IV-act. 78-24 f. und IV-act. 78-14).
Die Berichte der Klinik E._ vom 6. März 2019 und von Dr. C._ vom 1. Juli 2019 mit
der Diagnose einer schweren depressiven Episode ohne psychotische Symptome
seien angesichts des jeweils beschriebenen Psychostatus und der Diagnosekriterien
nicht nachvollziehbar (vgl. IV-act. 78-22, -23). Allenfalls wäre bei dem Psychostatus
gemäss Austrittsbericht der Klinik eine mittelgradige depressive Episode verständlich
(vgl. IV-act. 78-22). Nachvollziehbar sei hingegen der Austrittsbericht der
tagesklinischen Behandlung vom 24. Februar 2020, wonach eine mittelgradige
depressive Episode und ein V.a. psychische und Verhaltensstörungen durch Sedativa
und Hypnotika: Abhängigkeitssyndrom, diagnostiziert worden seien (vgl. IV-act. 78-24).
Beide Diagnosen des Berichts von Dr. C._ vom 30. März 2020 (Eingangsdatum des
Berichts vom 27. März 2020) - die Persönlichkeitsstörung und die rezidivierende
depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige bis schwere Episode - seien nicht
ableitbar (vgl. IV-act. 78-24).
Aus diesen retrospektiven Beurteilungen wird für den Ablauf des Sachverhalts
ersichtlich, dass zunächst ab Februar 2018 lediglich von einer Anpassungsstörung
auszugehen war, und zwar mit überwiegender Wahrscheinlichkeit bis November 2018.
Denn als der Beschwerdeführer im Januar 2019 in der Klinik E._ hospitalisiert wurde,
berichtete er zwar von einer Verschlechterung seit drei Monaten. Bei der
vertrauensärztlichen Untersuchung vom 30. November 2018 (Bericht vom 16. Januar
2019) hatten sich aber noch keine klaren Hinweise auf einen relevanten psychischen
Gesundheitsschaden gezeigt, der eine langfristige Arbeitsunfähigkeit rechtfertigen
würde. Eine Berufsunfähigkeit sei weder in der Vergangenheit noch derzeit
ausgewiesen (vgl. IV-act. 32-5). Der Gutachter erachtete eine mittelgradige depressive
Episode gemäss dem von der Klinik im Bericht vom 6. März 2019 beschriebenen
Psychostatus des Weiteren lediglich als allenfalls nachvollziehbar. Der dortige
Aufenthalt wurde zudem als Krisenintervention qualifiziert, da der Beschwerdeführer
bei im Übrigen leicht verbessertem Zustand (etwas ruhiger, ganz wenig besserer
Schlaf, wieder mehr Appetit [vorher geschmälert wegen provisorischer Prothese]) am
7. Februar 2019 austrat, um die Probleme mit der Zahnprothese behandeln zu lassen
(vgl. IV-act. 34-3). Nach der Aktenlage bestand hernach kein Bedarf für eine (für diesen
5.3.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 22/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
Fall angebotene) Wiederaufnahme (vgl. IV-act. 34-3). Im Bericht des Vertrauensarztes
vom 30. Juni 2019 war denn auch wieder von einem weitgehend unauffälligen
Psychostatus des Beschwerdeführers am 5. Juni 2019 die Rede gewesen (dieser habe
ruhiger gewirkt als beim vorangegangenen Gespräch, d.h. jenem vom 30. November
2018), während Dr. C._ (nur wenig später) am 1. Juli 2019 von einer schweren
depressiven Episode ohne psychotische Symptome berichtete. Letzteres hielt der IME-
Gutachter allerdings für nicht ausgewiesen. Im Bericht vom 19. Januar 2020 über eine
Verlaufskontrolle vom 9. Dezember 2019 gab der Vertrauensarzt dann an, der Zustand
des Beschwerdeführers sei unverändert (der Beschwerdeführer habe ruhiger und
entspannt gewirkt). Nach Auffassung des Gutachters ist für den damaligen Zustand wie
erwähnt wiederum nicht von einer mittelgradigen Depression auszugehen. Auf der
Grundlage des Befunds gemäss dem Bericht der Tagesklinik der Psychiatrie G._ vom
24. Februar 2020 (mit den Diagnosen einer mittelgradigen depressiven Episode und
des V.a. psychische und Verhaltensstörungen) ist hingegen nach der Beurteilung des
IME-Experten der Psychiatrie in der Folge eine Depression dieses Schweregrads
anzunehmen. Die Behandlung erfolgte vom 18. November 2019 bis 20. Dezember
2019, also über die Zeit hinweg, in welcher die erwähnte vertrauensärztliche Kontrolle
vom 9. Dezember 2019 erfolgt war, was gewisse Zweifel am Schweregrad begründet.
Für das Behandlungsende wurden im Übrigen vom Beschwerdeführer familiäre Gründe
angegeben. Beide Diagnosen des Berichts von Dr. C._ vom 27. März 2020 (darunter
die mittelgradige bis schwere Episode der rezidivierenden depressiven Störung)
erachtete der Gutachter in der Folge wiederum als nicht ableitbar. Bei der
Begutachtung vom 4. Februar 2021 schliesslich war wie oben dargelegt kein
psychiatrisches Leiden mit Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit (bei leichtgradiger
depressiver Episode) vorgefunden worden. Ein verselbständiges Leiden mit
Krankheitswert lag damals nicht vor. Zwischenzeitlich war aufgrund der Abklärung
Mitte April 2020 zudem anzunehmen, dass der Beschwerdeführer die Antidepressiva
(Trazodon und Vortioxetin) nicht in therapeutischer Weise eingenommen hat (vgl. IV-
act. 78-25 und IV-act. 60).
Zusammenfassend ergibt sich bei dieser Aktenlage, dass das Störungsbild von
Krankheitswert, zu dem es beim Beschwerdeführer gemäss dem Gutachten aufgrund
von psychosozialen Belastungsfaktoren im Verlauf gekommen ist, mit überwiegender
Wahrscheinlichkeit nicht im gesamten erwähnten Zeitraum von Februar 2018 bis
Februar 2021 durchschnittlich als mittelgradig ausgeprägt (mit
Belastbarkeitsminderung und mittelgradiger Reduktion der Durchhaltefähigkeit)
betrachtet werden kann, wie es der Gutachter zur Begründung seiner rückblickenden
Beurteilung einer Arbeitsunfähigkeit des Beschwerdeführers von 50 % während dieser
5.4.
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 23/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte
6.
7.
Zeit aber annahm (vgl. IV-act. 78-31). Vielmehr ist davon auszugehen, dass eine
depressive Episode mittelgradigen Ausmasses bei der konkreten Auseinandersetzung
des Gutachters mit den Arztberichten von ihm nur vereinzelt bestätigt wurde. Nach
dem Dargelegten kann nicht von einem anhaltenden solchen Gesundheitszustand
ausgegangen werden, der eine rentenbegründende Invalidität begründen könnte. Denn
dafür wäre einerseits während eines Jahres ohne wesentlichen Unterbruch eine
erhebliche Arbeitsunfähigkeit von mindestens 20 %, die im Durchschnitt mindestens
40 % ausmacht (vgl. Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG, Art. 29 IVV, Bundesgerichtsurteil vom
21. Februar 2019, 8C_718/2018 E. 2.2), erforderlich. Anderseits müsste daran eine
Invalidität, also eine voraussichtlich bleibende oder längere Zeit dauernde ganze oder
teilweise Erwerbsunfähigkeit (vgl. Art. 8 Abs. 1 ATSG) von 40 % anschliessen (vgl.
Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG).
ter
Die Berichte von Dr. C._ aus der Zeit nach der Begutachtung beinhalten keine
Hinweise auf eine relevante Sachverhaltsänderung innert der vorliegend massgeblichen
Zeit bis zum 20. Juli 2021 und sie erschüttern den Beweiswert des Gutachtens für den
Sachverhalt in der Zeit vom Februar 2021 nicht.
6.1.
Nach dem Dargelegten - namentlich in Anbetracht der gutachterlich attestierten
vollen Arbeitsfähigkeit des Beschwerdeführers selbst in der zuletzt ausgeübten (wie in
einer adaptierten) Tätigkeit - liegt keine rentenrelevante Invalidität vor, da auf einem
ausgeglichenen Arbeitsmarkt von einer Verwertbarkeit dieser vollen Arbeitsfähigkeit
des Beschwerdeführers, dem im Übrigen auch zur Begutachtungszeit noch immer gut
fünf Jahre bis zum Erreichen des AHV-Alters bevorstanden, auszugehen ist.
6.2.
Die Abweisung eines Rentenanspruchs erweist sich demnach als rechtmässig.6.3.
Im Sinn der vorstehenden Erwägungen ist die Beschwerde abzuweisen.7.1.
Nach Art. 69 Abs. 1 IVG (vgl. Art. 61 lit. f ATSG) ist das Beschwerdeverfahren
bei Streitigkeiten über IV-Leistungen vor dem kantonalen Versicherungsgericht
kostenpflichtig. Die Kosten werden nach dem Verfahrensaufwand und unabhängig vom
Streitwert im Rahmen von 200 bis 1000 Franken festgelegt. Als unterliegende Partei hat
der Beschwerdeführer die Gerichtskosten zu bezahlen (vgl. Art. 95 Abs. 1 des st.
gallischen Gesetzes über die Verwaltungsrechtspflege [VRP/SG; sGS 951.1]). Diese
7.2. bis bis
© Kanton St.Gallen 2023 Seite 24/24
Publikationsplattform
St.Galler Gerichte